8—————= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 2. Ednard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Büucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 3 2. Lesepreis. Bei Ruti gabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3 3.(aution. Unbekanme Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 9 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: füͤr ascheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: — —— Der Zweiter Theil. ————— Der Guerilla⸗Anfuͤhrer. * Aus dem Engliſchen der Miſtreß Emma Parker. Ueberſetzt von Henriette Schubart. Jn zwei Theilen. — Zweiter Theil. Leipzig und Altenburg: A. Brockhaus. Es war ganz dunkel und der Himmel mit Wolken bedeckt. Ein leiſer Sommerwind wehte traurig durch die Zweige, und obgleich ihn Honoria nicht kalt fand, ſo erregte er ihr doch Schauer. Weinend fuͤhrte ſie die zit⸗ ternde Ella laͤngs des Wegs nach der Land⸗ ſtraße. Sie ſah zuruͤck, und erblickte die Lich⸗ ter in der Huͤtte, und glaubte die Geſtalt ih⸗ rer Mutter durch das Zimmer gehen zu ſehen. 8 — Ihre Thraͤnen verdoppelten ſich, indem ſie die Hand ihrer Schweſter druͤckte. Vielleicht war es die Hand einer Witwe? Sie haͤtte zur Erde ſinken und Seufzer der Angſt aushan⸗ Gueriha⸗Anf. II. 1 --——— chen moͤgen; allein ſie unterdruͤckte ihre Be⸗ —-—————— wegung, ſich ihres Amtes, zu troͤſten, erin⸗ nernd. Ella ſprach nicht, weinte nicht; und nur das Zittern ihres ganzen Weſens verrieth ihre Empfindungen. Sie waren nur wenig Minu⸗ ten an dem beſtimmten Ort, als das munkre Horn, welches Kunde von allen Theilen ver Welt zu bringen ſchien, die Naͤhe ves Wa⸗ gens andeutete. Sobald Ella das Fuhrwerk erblickte, gab der heftige Wunſch, aufgenom⸗ men zu werden, ihr Worte, und ſie rief, an⸗ zuhalten, und fragte eifrig, ob zwei Plaͤtze bis Plymouth leer waͤren. Hoͤchſt erfreut fanden unfre Wandrer den Wagen ganz unbe⸗ ſetzt, und wurden ſchnell in ihm fortgefuͤhrt. Sie waren faſt drei Stunden gefahren, ohne auch nur Pferde zu wechſeln, als man endlich anhielt, und die Wagenthuͤr ward geoͤffnet, allein die Damen wollten nicht aus⸗ ſteigen; aber ſie hoͤrten, daß die Reiſenden jederzeit in dieſem Wirthshaus zu Nacht ſpeiſ'ten und einige Stunden hier ſchliefen, da der Wagen erſt mit Tages Anbruch weiterging. „Wie, iſt dieß nicht die Briefpoſt?“ fragte Honoria.—„Nein, es iſt die ſchwere Kutſche, die hier immer einige Stunden anhaͤlt.. „O, wie ungluͤcklich!“ rief Ella in Ver⸗ zweiflung;„doch koͤnnen wir nicht eine Chaiſe haben, die uns ſogleich weiter faͤhrt?“ „Wir ehalten keine Chaiſen in dieſem Hauſe. „Kann aber nicht der Fuhrmann bewogen werden, uns gegen einen guten Lohn weiter zu fahren?“ „Seine Pferde ſind ganz erſchoͤpft, die letzte Station war ſehr beſchwerlich, und wir haben keine friſchen Pferde, ſo müſſen ſie hier ausruhen.“ „Und iſt kein Ort in der Naͤhe, wo wir Fuhrwerk bekommen koͤnnten?"“ „Nein, Madam, die naͤchſte Stadt iſt mehrere Meilen entfernt.“ 4 Es blieb nichts uͤbrig, als ſich dieſen un⸗ vermeidlichen Aufſchub geduldig gefallen zu laſ⸗ ſen. Allein unter dieſen Verhaͤltniſſen ge⸗ duldig zu ertragen, war unmoͤglich; und nur die Verſicherung, daß die naͤchſte Stadt zu weit entfernt ſei, hielt Ella ab, einen Bo⸗ ten zu verlangen und zu Fuß hinzugehen; denn wie konnte ſie wiſſen, ob nicht die Zoͤgerung einer einzigen Stunde ſie verhinderte, die letz⸗ ten Seufzer ihres Gatten an ihrem Buſen aufzunehmen? Sie wurden in ein niedliches Zimmer ge⸗ fuͤhrt, und man ſagte, das Abendeſſen werde ſogleich fertig ſeyn; doch Honoria wußte, ihre Schweſter konnte nicht eſſen, und bat ſie, ein Glas Wein zu trinken, und dann, wo moͤg⸗ lich, etwas zu ruhen. Ela ſchuͤttelte nur das Haupt, und ging in ſprachloſer Angſt im Zimmer umher. Auf ihrer Schweſter Vorſtellungen, daß ſie der Er⸗ ſchoͤpfung erliegen, und unfaͤhig zur Vollzie⸗ hung jener Pflichten ſeyn wuͤrde, zu denen ſie duͤrfte, verſprach ſie, ſich etwas niederzulegen, und Honoria ging, ihre Zimmer in Augenſchein 5 bald wegen ihres Gatten aufgefordert werden zu nehmen. Allein ſie fand, daß wenn ſie beide zu Bett gehen wollten, ſie beſondere Zimmer einnehmen mußten, da das, wohin man ſie zuerſt fuͤhrte, nur eine Schlafſtelle be⸗ ſaß, und das andere war im zweiten Stock. Sie aͤußerte ihr Mißfallen daruͤber, doch das Dienſtmaͤdchen verſicherte, das ganze Haus ſei beſetzt, und jedermann zu Bett, welches ſich glauben ließ, da ein Uhr voruͤber war. Auf die Frage, nach dem Namen des Orts, hoͤrte ſte, es ſei nur ein einzelnes Wirthshaus an der Straße. Sie beſchloß, ihre Schweſter nicht zu verlaſſen, da ſie beide nicht ſchlafen wuͤrden, und ſich abwechſelnd auf kurze Zeit niederlegen konnten. Als ſie das Gemach ver⸗ ließ, fand ſie es auf einen großen Gang fuͤh⸗ rend, wo zu beiden Seiten Thuͤren waren, und indem ſie ein wenig weiter ging, fragte ſie von neuem, ob alle dieſe Zimmer einge⸗ 6. nommen waͤren; denn ſie vermuthete die be⸗ quemſten derſelben, als zu gut fuͤr Perſonen, die mit oͤffentlicher Gelegenheit fuhren, zu⸗ ruͤckbehalten. „Hierher, wenn's gefaͤllig iſt, dieß iſt nicht der Weg die Treppe hinab!“ rief ihre Begleiterin, mit anſcheinender Beſorgniß, ſie moͤchte in dieſer Richtung bleiben.„Auf mein Ehrenwort alle dieſe Zimmer ſind beſetzt.“ Durch die Aengſtlichkeit, womit ſie ihr Um⸗ kehren zu bewirken ſuchte, ward Honoria be⸗ ſtimmt, weiter zu gehen, waͤhrend ſie bemerk⸗ te, noch etwas mehr von dem Hauſe ſehen zu wollen, da es weit groͤßer ſei, wie ſie ge⸗ dacht habe. Sie hatten jetzt das Ende des Ganges erreicht, und ſie glaubte, zu bemerken, die Magd verſuche das Licht auszuloͤſchen. So⸗ gleich nahm ſie mit entſchloßnem Anſehn es ihr ab, und oͤffnete eine große doppelte Thuͤr, die angelehnt war, waͤhrend jene, voͤllig zit⸗ ternd, ſie bat, nicht hier hineinzugehen, weil — ——,—=— 7 einige Perſonen da ſchliefen.—, Laͤcherlich! rief Honoria,„dieß iſt eine zu große Thuͤr fuͤr ein Schlafzimmer.“ Sie war bereits hin⸗ durchgeſchritten, ein weiter Naum ſtellte ſich dar, und als ſie das Licht emporhielt, fand ſie ſich in einer weitlaͤuſigen Bildergaüerie. Mit aufrichtiger Beſtuͤrzung blickte ſie auf ihre Begleiterin, die augenſcheinlich in nicht gerin⸗ ger Unruhe war. „Gewiß, dieß kann kein Wirthshaus ſeyn!“ rief Honoria.—„Ja, ja, auf Wort und Ehre, es iſt eins; allein es war vor⸗ mals der Sitz eines Gentlemans und alle dieſe ſchoͤnen Sachen blieben zuruͤck.“ Honoria durchging die Gallerie, alles ge⸗ nau betrachtend. Die Sammlung enthielt viele Portraits und Bilder in Lebensgroͤße; und als der Schein des Lichts auf dieſelben ſiel, ver⸗ ſchwand ihre ganze Aufmerkſamkeit, die Farbe— entfloh ihren Wangen, und ſie zitterte ſo ſehr, daß ſie das Licht der Magd geben mußte. Ihre Blicke wanderten nicht laͤnger umher, ſondern in tiefes Nachdenken verſenkt ging ſie langſam weiter. Bei Erreichung einer großen Treppe blieb ſie ſtehen, als uͤberlege ſte, was zu thun ſei, dann fing ſie an hinabzuſteigen, da, wie ſte ſagte, wahrſcheinlich ein Weg zu dem un⸗ ten verlaßnen Zimmer fuͤhren werde. Ihre Gefaͤhrtin folgte ſchweigend, ſichtlich zu verle⸗ gen, um zu wiſſen, was ſie ſagen oder thun ſollte. Sie kamen in eine praͤchtige Halle hin⸗ ab, aber es erregte ihr kein ferneres Erſtau⸗ nen.— JFurcht und Beſtuͤrzung der peinlichſten Art erfuͤllten jetzt alle ihre Gedanken. Dieß Haus ſogleich wieder zu verlaſſen, war, wie ſie wußte, die einzig zu nehmende Maßregel; denn ſo unerklaͤrlich es auch ſcheinen mag, ſo war ſie doch vollkommen uͤberzeugt, ſich in Sir Franz Heathcote's Wohnung, und daher an dem letzten Ort in der Welt zu befinden, wo ſie und ihre Ehweſter gegenwaͤr⸗ tig ſeyn ſollten. Sein Bild hatte den ausgezeichnetſten Platz in der Gallerie eingenommen. Sie wußte, 9 er beſaß ein Gut in dieſer Gegend, und jeder andre Umſtand ward ihr beim Nachdenken gleich⸗ falls klar. Sie beſchloß, ihre Schweſter nicht durch eine ſolche Nachricht zu erſchrecken, ſon⸗ dern deren Beſorgniſſe nur zu erforderlichem Handeln aufzuregen. Sie hieß nun der Magd, ſie nach dem Zimmer zu fuͤhren, wo ſie die Dame verließen, und nachdem ſie durch einen langen Gang zu dem hintern Theil des Hau⸗ ſes gekommen waren, bemerkte ſie, daß ſie an der Ruͤckſeite der Wohnung ausſtiegen, da⸗ mit ihr Argwohn nicht durch die Schoͤnheit der vordern Seite erregt werde. Honoria nahte ſich ihrer Schweſter, welche das Geſicht mit den Haͤnden verhüllend, die Arme auf einen Tiſch geſtuͤtzt ſaß, und die Nothwendigkeit zu handeln, ihr in ihrem gegenwaͤrtigen Zuſtand fuͤr heiſam haltend, ſtoͤrte ſie dieſelbe unbe⸗ denklich durch Mittheilung der Entdeckung, daß ſie in keinem Wirthshaufe waͤren. Sie mußte es zweimal wiederholen, ehe Ella ſie verſtand, worauf ſie hinzufuͤgte: 9 „Ich will dir meine Vermuthung, oder vielmehr meine Ueberzeugung ſagen. Du weißt, die Wagen, welche viele Herren gegenwaͤrtig (1812) fahren, gleichen ſo genau einem Poſt⸗ wagen, daß man ſie kaum bei Tageslicht da⸗ von unterſcheiden kann, und nichts war leich⸗ ter als uns in der Dunkelheit zu ieren, in⸗ dem wie die Poſt erwarteten. Nun hat ſich ein Gentleman⸗Kutſcher auf unſre Keſteu luſtig gemacht, und den Scherz weiter getrie⸗ ben, als es bei ſolchen Gelegenheiten gewoͤhn⸗ lich iſt, da er uns wirklich in ſein Haus brach⸗ te. Dieß erklaͤrt unſer Anhalten, wo wir es ſo wenig erwarteten; doch das einzige, was wir thun koͤnnen, iſt, uns ſo ſchnell als moͤg⸗ lich zu entfernen, denn wir haben keinen Grund, dieſem Manne einen Charakter zuzutrauen, der einen laͤngern Aufenthalt in ſeinem Hauſe der Klugheit gemaͤß machte.“ „O, wenn wir nur fort koͤnnten,“ ſagte Ella,„alles andre kuͤmmert mich nicht! Ich glaube, du ierſt in deiner Vermuthung, I11 denn die Bedienten wuͤrden es verrathen ha⸗ ben; doch wenn wir nur reiſen koͤnnten! „Die Bedienten,“ bemerkte Honoriag, „ſind ohne Zweifel unterrichtet; auch haben wir nur zwei geſehen, und ich glaube, ſie ſind gewohnt, bei dergleichen Gelegenheiten zu hol⸗ fen. Wie du dich erinnern wirſt, blieben wir einige Zeit vor der Thuͤr im Wagen, welchees ihrem Herrn Zeit gab, ſeinen Plan zu befoͤr⸗ dern und ſeine Creaturen zu unterrichten— wir muͤſſen hinweg!“ „Und wie iſt dieß moͤglich? Koͤnnen eoir allein von hier wandern, im Dunkeln, ohne zu wiſſen wohin, und ſelbſt wo wir ſind? „Nein,“ ſagte Honoria,„dieß nuß unſre letzte Zuflucht ſeyn; aber wir muͤſſen die Wirkung entſchloßner Handelsweiſe ver⸗ ſuchen. Laß uns klingeln und dieſen Leuiten ſagen, daß wir den Betrug entdeckten und darauf beſtehen, ſogleich mit Mitteln zur Ab⸗ reiſe verſehen zu werden.4 „O, ich bin alles uuftieden, was ums 12 weiter bringen kann,“ ſagte Ella, die nur an den Gegenſtand ihrer Neiſe denken konnte. Die Klingel ward gezogen, und Honoria uͤber⸗ — nahm die Sprecherin zu ſeyn, ſich ein ent⸗ ſchiedenes Anſehn gebend und vorbereitet, auf dum, was ſie verlangte, zu beſtehen. Allein dar Ruf ward vergebens wiederholt. Es ſchien pllötzlich eine große Unruhe im Hauſe zu herr⸗ ſczen, man hoͤrte Leute vor der Thuͤr hin und wieder laufen, dennoch zeigte ſich niemand auf das Klingeln. Honoria fah endlich hinaus und rief einen voruͤbergehenden Bedienten; er ſtaunte ſie an und ſah uͤberraſcht aus. Es war nicht der, welchen ſie zuerſt trafen; dieſer kam in dieſem Augenblick den Gang herabgelaufen, ſtieß den andern etwas heftig bei der Thuͤr votzuͤber, trat ſelbſt ein, und fragte in athem⸗ loſzr Verwirrung, was die Damen wuͤnſchten. „Wenn wir ein Zeugniß deſſen beduͤrf⸗ terz, was wir bereits wiſſen,“ ſagte Hono⸗ ricr,„ſo wuͤrde ihr Ausſehn es beſtätigen. Verſchaffen ſie uns ſogleich eine Gelegenheit, dieß Haus zu verlaſſen, oder ihr Herr mag die Folgen dieſes unverantwortlichen Verfah⸗ rens auf ſich nehmen.“ Der Menſch ſchien beſtuͤrzt, erwiederte aber ſchnell:—„Ich— ich weiß nicht, was ſie meinen, Madam; gewiß liegt mein Herr ſchon ſeit mehrern Stunden im Bett und iſt unbekannt mit ihrem Hierſeyn. Wenn es ih⸗ nen aber nicht gefaͤllt, in dieſem Wirthshauſe zu ſchlafen, ſo iſt gluͤcklicher Weiſe eben eine Chaiſe mit Fremden angekommen, und ich will den Fuhrmann vermoͤgen, nach ihrem Gefallen ſte ſogleich wegzufahren. Honoria ſah den Menſchen geneigt, die Poſſe fortzuſetzen und zu thun, als verſtehe er ſie nicht; allein ſie war auch vollkommen uͤber⸗ zeugt, daß etwas beſonders vorgefallen war, welches ihrem Wirth ihre Entfernung wuͤnſchen ließ, ſonſt wuͤrde ihr Verlangen nicht ſo leicht erfuͤllt worden ſeyn. Sie ſagte ihm, ſie waͤren jeden Augen⸗ blick zur Abreiſe bereit, worauf er erwiederte, — ☛ 14 ſobald die Pferde ausgeruht haͤtten, ſich ent⸗ fernen zu koͤnnen. „Dieß iſt nicht genug, wir müſſen ſo⸗ gleich fahren,“ ſagte. Honoria, die es nur fuͤr einen Vorwand hielt, da ſie nicht zweifelte, ein Wagen des Baronets werde ſie auf die Straße bringen. Der Bediente verſicherte, in zehn Minuten ſolle die Chaiſe bereit ſeyn; dennoch verging faſt eine halbe Stunde und beide Schweſtern fuͤhlten ſich gleich beunruhigt und ungeduldig, als ſie endlich angekuͤndigt ward. Derſelbe Diener fuͤhrte ſie zur hintern Thuͤr, wo der Wagen hielt, und Honoria konnte beim Schein des Lichtes wahrnehmen, daß es wirklich eine Miethkutſche war.— Indem ſie einſtiegen, rief Ella voll Nachdruck: „Dem Himmel ſei Dank! es iſt noch im⸗ mer dunkel. Ich fuͤrchtete, das Tageslicht wuͤrde uns hier uͤberraſchen!“ „O, wenn es geſchehen waͤre!“ dachte Honoria, doch ſie konnte jetzt wieder frei ath⸗ men, da ſie ſich von der Furcht und pein⸗ 3 4 15 lichen Angſt erholte, die ſie in dieſen Mauern erduldet hatte. Daß ihre Schweſter ſich unter dem Dach, und anſcheinend in der Gewalt ei⸗ nes Wuͤſtlings befand, der ſie einſt ſo heftig liebre, und vor kurzem angeklagt ward, die heiligſten Bande verletzt zu haben, erregte ei⸗ nen Grad des Entſetzens in ihr, das nur erſt lange, nachdem ſie ſicher war, ihm entflohen zu ſeyn, endete. Das Ereigniß ſollte nie uͤber ihre Lippen kommen, und Ella war die letzte Perſon, der ſie es mittheilte, da es ihr, wie ſie wuß⸗ te, ſehr ernſtlichen Kummer, und die immer⸗ waͤhrende Furcht, bekannt zu werden, verur⸗ ſachen wuͤrde. Indeſſen glaubte Honoria, ſtets zu hoffen bereit, Sir Franz werde, um ſein ſelbſt willen, es verborgen halten, wegen der Folgen, wenn es die Ohren des Majors er⸗ reichte; und ſie hatte vor kurzem gehoͤrt, daß er kein Freund ſich zu ſchlagen ſei, da er eine Ausforderung des Mannes, den er am meiſten beleidigte, abgelehnt hatte. Auch hoffte ſie, den Dienern, die ſie ſahen, nicht bekannt zu 16 ſeyn; kurz, da ſie dem gefuͤrchteten Uebel ſo gluͤcklich entkommen waren, beſchloß ſie, die nachtheiligen Folgen deſſelben nicht zu erwaͤgen. Ella's Gemüͤthszuſtand eignete ſich wenig zum Nachforſchen; ſie konnte nur an einen Gegen⸗ 4. ſtand denken, und ihre Schweſter fand es nicht ſchwierig, vor ihr zu verbergen, was ſie nicht wiſſen zu laſſen wuͤnſchte. Waͤhrend unſre Reiſenden ſchweigend ihren. Weg fortſetzen, wollen wir kurze Zeit bei dem Baronet verweilen, obwohl begierig, von ei⸗ nem ſo unwuͤrdigen Gegenſtand Abſchied zu nehmen. Er hatte einige Tage bei Obriſt Skellers. zugebracht, nicht ohne Hoffnung, waͤhrend deſ⸗ ſen Mrs. Burlington zu ſehen, wozu er oft die Gelegenheit ſuchte, indem er ſeine Spa⸗ ziergaͤngge nach der Huͤtte richtete; denn er wußte, nur in ſeiner Geſellſchaft zu ſeyn, war, beſonders in Abweſenheit des Majors, eine Quelle des Unmuths fuͤr ſie, and um ſo pein⸗ licher fuͤr dieſen, wenn er es hoͤren ſollte. Der 17 Zufall war ihm indeſſen nicht guͤnſtig; und er mußte ſeinen Beſuch bei Skellers abkuͤrzen und ſich nach ſeiner eignen Wohnung begeben, wo er einen Gaſt erwartete, den er mit großer Muͤhe erlangt hatte. Es war eine alte Tante, von welcher er viel zu erben hoffte, und de⸗ ren ganze Gunſt er beſeſſen, durch ſeine neuer⸗ liche oͤffentliche Verletzung der Moralitaͤt aber verloren hatte. Endlich willgte ſie indeſſen ein, ſeine Vertheidigung zu hoͤren, und durch eine gaͤnzlich falſche Darſtellung der Umſtaͤnde und kuͤnſtliche Klagen uͤber ſeine Verirrung ließ er dieſelbe faſt verzeihlich erſcheinen. Dieß, nebſt einer geduldigen Aufmerkſamkeit auf die langen und wiederholten Vermahnungen der alten Dame, gewann ihm von neuem ihre Gnade und ſie verſprach, auf ihrem Weg nach Sidmouth einige Tage bei ihm zuzubringen. Zufaͤllig hatte Obriſt Skeller den Tag, wo Sir Franz abreiſen wollte, eine ſehr froͤhliche Geſellſchaft bei ſich, und nicht geneigt, ſie zu verlieren, beſchloß dieſer, ſpaͤt am Abend auf⸗ Guerilla⸗Anf. II. 2 18 zubrechen; und da ſein Aufenthalt nicht ſehr weit entfernt war, konnte er ihn zu ſeiner ge⸗ woͤhnlichen Schlafzeit erreichen. Dieſam gemaͤß ward ſein Wagen zwiſchen neun und zehn be⸗ ordert. Sir Franz fuhr, und ſein Bedienter blies zu feinem Vergnuͤgen das Horn. Eben hatte er die entfernten Fenſter der Huͤtte er⸗ blickt, als ſeine Aufmerkſamkeit durch die eif⸗ rige Frage nach einer Gelegenheit fuͤr Ply⸗ mouth erregt ward. Zwei Frauen in Be⸗ gleitung eines Dieners, ſo nahe bei der Huͤtte, war ſchon an ſich ein Vermuthung erregender Umſtand; allein die Stimme ließ keinen Zwei⸗ fel uͤbrig— es war Mrs. Burlington. Sir. Franz konnte dieſer beſondern Gelegenheit nicht widerſtehen; und obwohl noch ungewiß uͤber ſeinen Plan, gab er doch ſogleich dem Bedien⸗ ten ein Zeichen, der alsbald die Frage beant⸗ wortete, und herabſteigend die Damen ſchnell in den Wagen brachte. Waͤhrend des Wegs hatte der Baronet hinlaͤnglich Zeit, ſeinen Ent⸗ wurf zu beſtimmen. Er erwartete ſeine Tante —— — — 19 nicht vor dem naͤchſten Mittag, und wenn er daher ſeine ſchoͤnen Reiſenden(Mrs. Burling⸗ tons Begleiterin hielt er fuͤr eine weibliche Bedienung) nur in ſeinem Hauſe zu ſchlafen vermochte, ſo trafen ſie nicht mit der alten Dame zuſammen, da ſie lange vor ihrer An⸗ kunft wieder fort ſeyn konnten. Eine Nacht unter ſeinem Dach zugebracht, war fuͤr Ella's Ruf ſo nachtheilig, wie nur ſeine hoͤchſte Bos⸗ heit verlangen konnte, und ohne auf einen ſeiner fernern Vorſaͤtze„Rückſicht zu nehmen, war dieß zur Befriedigung ſeiner Nache voͤllig hinreichend. Indeſſen ließ es ſich nur dur h gaͤnzliche Taͤuſchung bewirken, und dieſe war nicht ſo ſchwer als es ſcheinen duͤrfte. Seine ganze Dienerſchaft hatte ſich wahrſcheinlich, ehe er nach Hauſe kam, niedergelegt; ſein Be⸗ dienter konnte eine der Frauen wecken, deren Zuverlaͤſſigkeit ihm bekannt war, und dieſe beiden reichten hin, den Plan auszufuͤhren, welchen er auf dem Wege ſeinem Gefaͤhrten mittheilte. 2* 20 Dieſer Menſch ſollte den Aufwaͤrter machen, und unternahm das Geſchaͤft auf wohlerfahrne Weiſe. Die Damen wurden im Wagen gelaſ⸗ ſen, bis das Noͤthige zu ihrem Empfang vor⸗ bereitet war, und Sir Franz begab ſich in einen andern Theil des Hauſes, erfreut uͤber das Gelingen ſeines Planes und deſſen voͤllige Ausfuͤhrung erwaͤgend. Indeſſen, wenn auch alles gelang, fuͤhlte er ſich doch ein wenig uͤber die Art verlegen, wie er ſein Opfer am Morgen entfernen ſollte. In einem ſeiner eig⸗ nen Wagen konnte er's nicht, da er nicht gern mehrern ſeiner Leute das Geheimniß an⸗ zuvertrauen wuͤnſchte, damit nicht durch ſie die Sache ſeiner Tante zu Ohren kaͤme; er ergriff daher ein anderes Mittel, und ſandte ſeinen Bedienten zu einem kleinen Wirthshaus in der Naͤhe, wo eine Chaiſe gehalten ward, die mit Tages Anbruch im Park ſeyn ſollte. Der Ba⸗ ronet ſchmeichelte ſich eben, jedem moͤglichen Unfall vorgebeugt zu haben, als die Dienſt⸗ magd eilig ins Zimmer trat, und mit großer 21 Unruhe ihre Vermuthung zußerte, daß eine der Damen entdeckt habe, in keinem Wirths⸗ hauſe zu ſeyn. Was ſie ſonſt noch geſagt haben wuͤrde, ward durch das Geraͤuſch eines Wa⸗ geus unterbrochen, der uͤber die Steine raſ⸗ ſelte, und als er hielt, hoͤrte man ein lautes Klingeln an der Vorhausthuͤr. Der Baronet dachte ſogleich an ſeine Tante; er wuͤrde lie⸗ ber das furchtbarſte Geſpenſt, das ſich denken laͤßt, geſehen haben. Sein Guͤnſtling kam in dieſem Augenblick von ſeiner Sendung nach dem Wagen zuruͤck, und hatte gerade Zeit genug, um die alte Dame in den Salon zu fuͤhren, von dem einzigen Licht erhellt, das er trug. Dorthin flog der zaͤrtliche Neffe, ſie zu be⸗ willkommen, es für den gluͤcklichſten Augenblick ſeines Lebens erklaͤrend, und fragend, welchem geſegneten Zufall er das Gluͤck verdanke, ſie ſo viel fruͤher als er erwartet, und zu ſo ungünſtiger Stunde fuͤr ſich ſelbſt zu ſehen, da ſte nichts zu einem behaglichen Empfang bereit finden werde. Ihre ploͤtzliche Erſcheinung ward 22 durch die Abneigung, in Wirthshaͤuſern zu ſchlafen, erklaͤrt, die ſie bewog, lieber den ganzen Haushalt herauszupochen, als ſich der Gefahr auszuſetzen, in einem dumpfigen Bett zu ſchlafen. Ihr außerordentlich erfreuter Neffe gab ihr vollkommen recht, und wollte eilig al⸗ les zu ihrer voͤlligen Bequemlichkeit anordnen laſſen, indem er aus dem Zimmer flog, um mit ſeinem Vertrauten zu ſprechen. „Ich wunſchte ſie an den Galgen, das alte Weib, Steffens!“ rief der zaͤrtliche Neffe, „was in aller Welt ſollen wir mit dem jun⸗ gen anfangen?“ „Ei, ſo ſchnell als maglich ſie los wer⸗ den, wenn's ihnen beliebt,“ erwiederte Stef⸗ fens;„ihre Klingel toͤnt ſchon ſeit zehn Mi⸗ nuten und ich habe noch nicht Zeit gehabt, darauf zu achten!“ℳ „Lauf, lauf deun! und ſieh, was ſie wol⸗ len, damit niemand von den Leuten der alten BVettel hingeht. Und— ich meine— ich glaube, wir muͤſſen ſie gehen laſſen, aus Furcht, ——— —— 23 ſie moͤchten von ihr entdeckt werden, und ſorge, daß ſie nicht erfahren, wem ſie dieſen Spaß zu danken haben; denn da ich nicht den Vor⸗ theil erhalten kann, will ich auch dem Ver⸗ druß ausweichen, welchen es einem machen duͤrfte. Sie muͤſſen in der Miethkutſche fah⸗ ren; daher ſchaffe ſie ſo ſchnell du kannſt, her⸗ bei, und laß ſie, wo moͤglich, dieß noch im⸗ mer fuͤr ein Wirthshaus halten.“ Mit dem herzlichen Wunſch, ſeine Tante ruhig in ihrer letzten Wohnung, und ſich ſelbſt im Beſitz ihres Vermoͤgens, und ohne irgend eine Hemmung ſeiner ſtrafbaren Laufbahn zu ſehen, kehrte der Baronet zuruͤck, ſeinem hoͤchſt unwillkommnen Gaſt ein laͤchelndes Willkommen zu wiederholen. Steffens flog auf das beinahe unaufhoͤrliche Klingeln hinab, und war nicht wenig betroffen, einen der kuͤrzlich angekomm⸗ nen Diener wirklich bei den Damen zu finden. Er noͤthigte ihn auf keine ſehr ſanfte Weiſe, weiterzugehen, und hatte auf Honoria's Ver⸗ langen nach einem Wagen ſogleich jenes 24 Vorgeben bereit, das er ſich auf dem Weg dahin ausdachte. Indeſſen war es noͤthig, wie⸗ der nach dem Wirthshauſe zu gehen, wo ſich die Chaiſe befand, und dieß verurſachte eine halbe Stunde Aufſchub. Den uͤbrigen Theil der Reiſe legten unſre Schweſtern in Poſtchaiſen zuruͤck. Honoria hatte insgeheim den Poſtillion gefragt, der ſie von des Baronets Wohnung brachte, und ſeine Antworten beſtaͤtigten all ihre Vermuthungen. Da ſie nie in einem Poſtwagen gereiſ't war, hatte ſie manches nicht befremdet, was andern ſehr ſeltſam vorgekommen ſeyn wuͤrde, und ob⸗ wohl ſie das Haus ſehr verſchieden von den. gewoͤhnlichen Wirthshaͤuſern fand, hegte ſie doch keine Vermuthung der Wahrheit, bis ſie die ausnehmende Unruhe der Magd bemerkte und ſich in der Bildergallerie ſah.— Zu die⸗ ſer Zeit im Jahr blieb es nicht lange dunkel, und bald reiſ'ten ſie unter Beguͤnſtigung des Tageslichts; aber mehr durch Unruhe des Ge⸗ muͤths als koͤrperliche Anſtrengung erſchoͤpft, 25 fühlten ſie ſich wenig geneigt, der aufgehenden Sonne Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, oder den belebenden Einfluß des jungen Tags an⸗ zuerkennen. Ella wußte kaum, ob Sonne oder Mond ſchien, ihr ganzer Sinn war auf das gerichtet, was ſie am Diel ihrer Reiſe zu thun hatte, und wie ſie ferner handeln wolle, wenn es ihr auf dieſem Weg nicht gelang. Hono⸗ ria fuͤhlte ſich wohl in etwas durch den Hauch des Morgens erfriſcht; doch obgleich muͤde und bewegt von naͤhern Veranlaſſungen, flogen ihre Gedanken doch unaufhaltſam dem Ehfern⸗ ten zu, und ſie weinte von Herzen. Um acht Uhr hielten ſie an und fruͤhſtuͤck⸗ ten, wegen der Pferde zu einem kurzen Ver⸗ zug genoͤthigt, den ſie ſonſt ſich nicht wuͤrden verſtattet haben, wiewohl Honoria die Notch⸗ wendigkeit, etwas zu genießen, empfand; allein Ella konnte nur wenig zu ſich nehmen, denn das Bild eines ſterbenden Gatten, und der lebhafte Wunſch weiterzureiſen, verdraͤngten je⸗ des Beduͤrfniß in ihr. 126 Endlich erreichten ſie den Ort ihrer Be⸗ ſtimmung, und da ſie den Platz kannten, fuh⸗ ren ſie nach dem Admiralshaus, wo ſie gewiß von dem Schiff, in welchem der Major zuruͤck⸗ gekommen ſeyn ſollte, Nachricht erhalten konn⸗ ten. Als der Wagen hielt, ſah Honoria ihre Schweſter erbleichen und ihr Blick deutete an, daß ſie unfaͤhig ſei, Nachforſchungen zu machen. Honoria beſchloß, ſogleich auszuſteigen; es war noch fruͤh am Tag, und nicht jenes Gedraͤnge von Seeofficieren zur Stelle, das ſpaͤter er⸗ wartet werden duͤrfte. Mit jenem Ausdruck vollkommnen Anſtandes, der Achtung erregt, und jener Aufmerkſamkeit gebietenden, ſittſa⸗ men, doch wuͤrdevollen Erſcheinung trat Ho⸗ noria ein, und fragte einen Herrn, der die Geſchaͤfte beſorgte, ob die Sirene wirklich im Haſen angekommen ſei? Als man ihr bejahend geantwortet und ſie hoͤflich, Platz zu nehmen, gebeten hatte, welches ſie ablehnte, ſetzte ſie hinzu:. „Vielleicht koͤnnen ſie mich mit der Nach⸗ * 27 richt verbinden, ob Reiſende darin kamen. Der Mann meiner Schweſter, Major Bur⸗ lington, ward erwartet und—“ ſie zoͤgerte und der Herr antwortete. „Ich habe die Liſte geſehen, und kann ihnen die Verſichrung geben, daß des Majors Name nicht darauf ſtand, allein ich glaube— Hier ward er durch einen Officier der Marine unterbrochen, welchen Honoria vorher nicht bemerkt hatte, und der, ihren Namen nen⸗ nend, ſein Vergnuͤgen uͤber ihren Anblick aus⸗ druͤckte. Dieß unzeitige Bekenntniß, in einem Augenblick, wo ſie eine wichtige Nachricht erwartete, war ihr hoͤchſt unangenehm. In⸗ deſſen ward ſie einigermaßen entſchaͤdigt, als ſie aufblickte und einen alten Bekannten ſah, deſſen Gegenwart ihr eine Art von Schutz ge⸗ waͤhren konnte. Es war ein alter Poſthaupt⸗ mann, der ihre Familie ſeit vielen Jahren kannte, und vormals Flaggencapitain ihres Oheims geweſen war. Nach den Complimen⸗ ten des Wiederſehns ſetzte er hinzu: * „Ich bin erfreut, ihnen befriedigende Nach⸗ richt von dem Major mittheilen zu koͤnnen.“ „O, können ſie es wirklich?“ rief Ho⸗ noria mit freudigem Ton und erheitertem Ge⸗ ſicht; und ſie reichte ihm die Hand, was ſie vorher nicht gethan hatte.„O, wo, wie, wann haben ſie ihn verlaſſen?“ „ Ich ſchiffte ihn in meinem eignen Boot geſtern Abend hier aus.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ hauchte Ho⸗ noria, durch dieſe ploͤtzliche Nachricht erſchuͤttert, jetzt auf ihren Sitz ſinkend.„Aber wie ſteht es mit ſeiner Wunde, und wo iſt er jetzt?“ „ Er genas wunderſam waͤhrend der Reiſe; denn ſte muͤſſen wiſſen, er kam mit mir nach Hauſe, da er durch ein Verſehn nicht in der Sirene reiſen konnte. Wir hatten eine lang⸗ weilige Zeit davon, allein es traf ſich gluͤck⸗ lich fuͤr ihn, da er um ſo vieles beſſer ward daß, als ich ihn geſtern Abend um fuͤnf Uhr verließ, er entſchloſſen zu ſeyn ſchien, obwohl 29 ich ihn dovon abzuhalten ſuchte, ſogleich nach ihrer Wohnung zu reiſen. „Doch vielleicht reiſ'te er nicht!“ rief Honoria, indem ſie ſchnell aufſtand, und mit einem Geſicht zu ihrer Schweſter eilte, das ſie vollkommen auf die mitzutheilende g ute Nach⸗ richt vorbereitete. Der Gedanke, dem Major waͤhrend des Wegs voruͤbergefahr en ſtehende Beſorgniß, theilig werden duͤrfte, h ſeyn, und die ent⸗ ie Reiſe ihm nach⸗ umte das Uebermaß der Freude, welches Ella empfunden haben wuͤrde; aber ſie konnte nur ihrer Schweſter Hand ergreifen und unvollkommene Ausdruͤcke des Danks aͤußern. Sobald ſie ſich ein wenig erholt hatte, bat Honoria den Capitain Har⸗ rowville, das Hotel zu bezeichnen, wo er den Major verließ, welches er that, und hinzu⸗ fuͤgte:„Ich wuͤrde ihnen meine Begleitung anbieten, aber ich weiß, wenn er noch hier ſeyn ſollte, werden ſie meine Gegenwart zur Vollendung ihrer Freude nicht noͤthig haben; 30 ich will daher in kurzem nachfragen, obh ich mit etwas dienen kann.“ Honoria aͤußerte lebhaft ihren Dank, und gern unter dieſen Verhaͤltniſſen ſeiner Beglei⸗ tung üͤberhoben, gebot ſie dem Poſtillion, ſchnell ⸗ fortzufahren. Im Fall der Erfuͤllung ihrer feurigſten Hoffnungen ſollte ſie den Major zuerſt ſehen und ihn auf den Aunblick ihrer Schweſter vorbereiten ſcheinung ihn vi zu heftig bewegen duͤrf⸗ te. Jeder Auge vermehrte Ella's Unruhe, Honoria athmete ſchwer; und als der Wagen hielt, fragte ſie begierig den herbeikommenden Aufwaͤrter, ob ein Herr hier ſei, Namens Burlington, Major Burlington, der geſtern von Portugal ankam. „Major Burlington!“ wiederholte der Menſch,„ich weiß es nicht, will aber ſogleich fragen.“ Was waren dieß fuͤr Augenblicke, ehe dieſe Nachricht erhalten werden konnte! Der Menſch erſchien von neuem.„ Major Burlington ver⸗ da deren ploͤtzliche Er⸗ —— 31 ließ unſer Haus geſtern Abend in einer Poſt⸗ chaiſe, Madam.“ Ella warf ſich in den Wagen zuruͤck. Honoria's Geſicht verlaͤngerte ſich, die Lebhaftigkeit ihrer Augen verſchwand, in wel⸗ chem Moment ein andrer Aufwaͤrter herausge⸗ laufen kam, und dem erſten zurief:„Es iſt ein Irrthum, Johann! Major Burlington iſt jetzt hier: Nummer zwei und zwanzig!“ Honoria konnte ni prechen, ſie ver⸗ ſuchte den Wagen ſell nen, der Auf⸗ waͤrter uͤberhob ſie de he; ſie ſprang her⸗ aus, und er lief ihr nach ins Haus, denn laufen mußte er um ſie einzuholen. „Zwei und zwanzig! zwei und zwanzig!“ wiederholte ſie nun immer, und als ſie die Treppen hinaufgekommen war, hielt ſie es fuͤr beſſer, dem Major von ihrer Naͤhe Nachricht zu geben, und ſandte daher den Aufwaͤrter, ihm zu ſagen, daß eine Dame, eine Verwandte, ihn zu ſehen komme. Dennoch folgte ſie dem Menſchen ſo dicht nach, daß ſie den Major beim Eroͤffnen Thuͤr an einem Tiſch ſitzen 32 ſah; ſein Haupt ruhte in der Hand, die das Geſicht verbarg. Der Diener ſprach:„ Eine Dame;“ allein Burlington ſah ſich nicht um, und ſie glaubte, er habe es nicht gehoͤrt; iher Unge⸗ duld ließ ſich nicht laͤnger zuruͤckhalten, und ſie trat ſchnell ein, wo das Geraͤuſch der zufallen⸗ den Thuͤr ihn erſchreckte und um ſich zu blicken veranlaßte. Er ſprang empor, ſtieß den Tiſch durch die Heftig um, vich einigt tte zuruͤck, und lehnte ſich, tief Athem h an den Fenſterrahm. Honoria nahte ſich nicht. Einmal, und nur einmal, hatte ſie zuvor eine Veraͤnderung der Zuͤge erblickt, wie die war, welche jetzt ihre plaͤtzliche Erſcheinung bewirkte, und das war in Spencer Burlingtons Geſicht bei ih⸗ rem unerwarteten Anblick in Edenthal! Ein Zeitpunkt, ein Eindruck, der nie vergeſſen wer⸗ den konnte! und nie hatte der Major ſeinem Bruder ſo aͤhnlich geſehen, wie in dieſem Au⸗ genblick. Sie haͤtte ihn faſt dafüͤr halten koͤn⸗ nur daß der Ausdruck nicht ſobald ein nen/ womit er ihn wegſchob, —— 33 milder Anſehn bekam. Dieſelbe bleiche Farbe, derſelbe Kampf der Zuͤge, daſſelbe Entſetzen im Blick, zeigte ſich mehrere Minuten lang, waͤhrend er vor Kummer und Schwaͤche in die Erde zu ſinken ſchien, und ſie wie den Geiſt eines verſtorbenen Freundes anſchaute. Sich ein wenig von der erſten furchtbaren Beſtuͤr⸗ zung erholend, nahte ſich Honoria einige Schrit⸗ te, indem ſie ausrief:„Edgar! guͤtiger Him⸗ mel, mein Bruder! was—, „Bruder!“ wiederholte er im Ton der bitterſten Angſt, und auf den Fenſterſitz ſin⸗ kend, ſtoͤhnte er laut; dann ſchuͤttelte er fort⸗ waͤhrend das Haupt, als kaͤmpfte ſein Ver⸗ ſtand mit der Verzweiflung, wobei er mehrere⸗ mal ihr ein Zeichen, ſich zu entfernen, machte. Sie glaubte in dieſem Augenblick wirklich, beide Bruͤder litten an Geiſtes Zerruͤttung, denn auf keine andre Weiſe konnte ſie ein ſo gaͤnzlich vorwandloſes Betragen erklaͤren. Die Art, wie er das Wort Brauder, ausſprach, ließ ſie ſchließen, daß der Majer vornehmlich gegen Guerilla⸗Anf. II. 3 34 ſte aufgebracht ſei, weil er ſich durch ſie eines ſo zaͤrtlich geliebten Weſens beraubt ſah. Sie fuͤhlte ſich erſchreckt, und fuͤrchtete zu nahen; allein die Beſorgniß, ihre Schweſter moͤchte erſcheinen, ehe dieſe heftige Aufregung vor⸗ uͤber, oder ſie auf deren Anblick vorbereitet waͤre, bewog ſie, ihre eignen Gefuͤhle zu be⸗ kaͤmpfen, wo moͤglich ihn milder zu ſtimmen. Sie war nicht ohne Furcht, er habe unguͤn⸗ ſtige Nachrichten von ſeinem Bruder erhalten, und nur der Gedanke an Ella's Lage machte ſie faͤhig, eine ſolche Vereinigung ſtoͤrender Einwirkungen zu ertragen. All ihren Muth zuſammennehmend, nahte ſie ihm auf die ver⸗ bindlichſte Weiſe von neuem, und ſagte mit zaͤrtlichem Ton:„Lieber Edgar! ich komme, ihnen die erfreuliche Nachricht zu bringen, Ella, ihre Ella! wartet nur auf— „Nennen ſie dieſelbe nicht! ſchrie er mit heftiger Stimme, indem er von uͤberna⸗ türlicher Kraft durchrungen ſchien; und ſchnell 35 aufſpringend ging er im Zimmer umher, und hielt mit beiden Haͤnden das Haupt. Honoria ſprach kein Wort mehr, beobach⸗ tete ihn aber mit zitternder Angſt. In dieſem ungluͤcklichen Augenblick trat Ella, die nicht zweifeln konnte, von einem liebenden Gatten mit Entzuͤcken empfangen zu werden, in das Zimmer, und wollte, mit aus⸗ gebreiteten Armen und freudeſtrahlenden Au⸗ gen, auf ihn zu eilen, die Unruhe, in der ſte ihn ſah, nur der Ungeduld nach ihrem An⸗ blick beilegend. Allein ſobald ſeine Augen auf ihr ruhten, ſchienen ſie von einer Art Wahn⸗ ſinn zu erglaͤnzen, und zu dem entfernteſten Theil des Zimmers eilend, bewegte er ſeine Arme, als wenn er ſie von ſich ſtieß. Mit aller Qual, die ein ſolcher Empfang erregen mußte, ſank Ella auf die Schulter ihrer Schwe⸗ ſter. Noch immer hielt ſie die Arme nach ihm ausgebreitet, obwohl ſie nicht ſprechen konnte. Allein er fand die Sprache wieder, und waͤh⸗ 3 rend das Zittern ſeiner Geſtalt ſich ſeinen Wor⸗ ten mitzutheilen ſchien, rief er: „Wohl kennſt du die Natur deines Op. fers,„ oder du wuͤrdeſt nie gewagt haben, vor dem beſchimpften, entwuͤrdigten Ungluͤcklichen zu erſcheinen, zu dem du mich machteſt. Ent⸗ ferne dich, ſo lang ich meiner ſelbſt noch maͤcha⸗ rig bin, und laß mir wenigſtens den Troſt, dich beſſer behandelt zu haben, als du ver⸗ dienſt.“¹ Ella eilte jetzt nöher, und ſich zu den Fuͤßen ihres Gatten werfend, umfaßte ſie ſeine Kniee mit aller Energie des Kummers und der Un⸗ ſchuld ,„ waͤhrend ihre Blicke mit dem ruͤhrend⸗ ſten Ausdruck der Bitte auf ſeinem Geſicht ruhten, aber umſonſt verſuchte ſie zu ſprechen. Honoria aͤußerte alles, was ihre Schweſter geſagt haben wuͤrde:„Edgar! Edgar!“ rief 4 ſie,„ſie ſind getaͤuſcht! ſie iſt die tugendhaf⸗ teſte, die unſchuldigſte, die zaͤrtlichſte der Frauen! richten ſie ihre Augen auf ſie, und zweifeln ſie an ihrer Treue, wenn es moͤg⸗ 3⁷ lich iſt.— Ihre hervordringenden Thraͤnen fielen auf die bittende Geſtalt der Schweſter. Edgar wendete das Geſicht ab, und verſuchte ſich loszumachen. Ella ſprang auf und wollte ihre Arme um ihn ſchlingen, aber er ſtieß ſie von ſich, und ſie ſank ohnmaͤchtig an die Bruſt ihrer Schweſter. Er hatte bereits die Thuͤr erreicht. „Barbar!“ rief Honoria,„ſie haben ſie getoͤdtet. Er naͤherte ſich von neuem, und ſah ſie einen Moment lang an. Sie be⸗ wegte ſich. „Honoria,“ ſprach Edgar mit Anſtren⸗ gung,„lieben ſie dieſelbe noch immer, damit ſte eine Schweſter und einen Gatten nicht zu⸗ gleich verliere!“ Thraͤnen brachen aus ſeinen Augen, und achtlos auf ihre Bemühung, ihn zuruͤckzuhal⸗ ten, eilte er aus dem Zimmer. Obgleich eine krampfhafte Devegung S Ella's Form erſchuͤttert hatte, blieb ſie doch immer noch ohne Bewußtſeyn. Honoria legte ſie ſanft 38 nieder, und hoffte durch etwas Waſſer, das ſich in der Naͤhe befand, ſie wiederherzuſtellen⸗ ohne fremden Beiſtand noͤthig zu haben. Mit ſtroͤmenden Augen beugte ſie ſich uͤber ihre Schweſter, waͤhrend ſie alle gewoͤhnliche Mit⸗ tel verſuchte, ſie wieder zu beleben; allein ver⸗ gebens; obwohl der Koͤrper leicht erſchuͤttert ward, zeigte ſich doch kein Merkmal wieder⸗ kehrender Beſinnung. Honoria fuͤhlte ſich aus⸗ nehmend beunruhigt, und ſtand nicht laͤnger an, zu klingeln und nach aͤrztlicher Huͤlfe zu ſchicken. In kurzem erſchien ein Chirurg, aber es verging eine Stunde, ehe ſich Ella vollkom⸗ men erinnern und uͤberzeugen konnte, daß das Vorgefallne mehr als ein bloßer furchtbarer Traum ſei. Als aber, ſich mit ihrer Schwe⸗ ſter allein befindend, die gaͤnzliche Gewißheit davon ſie durchdrang, ſchien jedes Kennzeichen von Schwaͤche verſchwunden, und ſie erklaͤrte in dem entſchiedenſten Ton, und mit einem Ausdruck von Verzweiflung, ihrem Gatten bis an das Ende der Welt zu folgen, ihn zu noͤ⸗ 39 thigen, gerecht gegen ſie zu ſeyn und ſie wie⸗ der in ſeine Neigung aufzunehmen, oder zu ſeinen Fuͤßen ſterben zu wollen. Honoria hielt ſie auf dem Weg zur Thuͤr zuruͤck, und nach vielen Vorſtellungen ward ſie bewogen, ſich in ihrem gegenwaͤrtigen aufgeregten Zuſtand nicht der Beobachtung gleichguͤltiger Perſonen aus⸗ zuſetzen, und zu bleiben, wo ſie war, wäh⸗ rend ſich ihre Schweſter entfernte, um Nach⸗ richt von Edgar zu erlangen. Sie fragte den Aufwaͤrter, ob Major Burlington das Haus verlaſſen habe? Es war derſelbe, welcher den Irrthum in Bezug auf ihn verbeſſert hatte, und er antwortete jetzt, daß der Herr ſich nach Portugal einſchiffte, wohin die Flotte eben abſegeln wolle. Honoria war der Sprache be⸗ raubt. Der Menſch bemerkte wahrſcheinlich an ihrem aͤngſtlichen Ausdruck, ihr Verlangen wei⸗ ter zu fragen, wenn ſie koͤnnte, und ſetzte hinzu:„Der Herr landete erſt geſtern, und reiſ'te ſogleich in einer Chaiſe ab, kam aber in der neun Uhr⸗Kutſche dieſen Morgen zu⸗ 40 ruͤck, und ſeine Sachen wurden wieder einge⸗ ſchifft, waͤhrend er hier herkam und Feder, Dinte und Papier verlangte. Ich ſah nichts weiter von ihm, bis er vor einer Stunde in der Hausthuͤr an mir voruͤber, und ſehr ſchnell dier Straße hinabging.“ Nachdem Honoria alles, was er wußte,⸗ von wihm gehört hatto, eilte ſie, es ihrer Schweſter mitzutheilen, die ſogleich ihrem Mann nach Portugal zu folgen beſchloß.„Und ſegelt die Flotte wirklich ab!“ rief ſie.„O, man wird uns zuruͤcklaſſen! Wie ſollen wir fortkommen? Laß uns ſogleich zum Admirals⸗ gehen!—“ Honoria gedachte an Capi⸗ tain ſcheinlich nuͤtzlich ſeyn koͤnnte; auf welche Weiſe ſie aber das Seltſame ihrer Lage erklaͤren ſoll⸗ te, machte ſie verlegen. Beſtimmt zu handeln war indeſſen jetzt nothwendig, und ſie hatte nur eine ſchwankende Vorſtellung von dem, was ſich thun ließ, als man einen Herrn an⸗ ſagte, der ſeinen Beſuch machen wollte und Harrowville, und wie er ihnen wahr⸗ —— 41 eine Karte heraufſchickte. Es war die Per⸗ ſon, die ſie zu ſehen wuͤnſchte, und ihre Schweſter mit der Verſicherung tröſtend, ge⸗ wiß durch den Capitain eine Ueherfahrt zu er⸗ halten, eilte ſie zu ihm. Der Ausdruck ihres Geſichts ließ ihn ſogleich ſchließen, daß ſie den Major nicht trafen, und er ſprach bei ih⸗ rem Eintritt:„Ich fuͤrchte, mein Freund iſt zu ſchnell geweſen. Haͤtte er meinem Rath ge⸗ folgt, und ruhig eine Nacht gewartet, ſo wuͤrde alles ſeyn, wie es ſollte.“ „Er hat in Wahrheit ſehr ſonderbar ge⸗ handelt,“ ſagte Honoria,„denn wir finden ihn bereits wieder eingeſchifft; wir koͤnnen nur daraus ſchließen, daß er ſich ſo viel beſſer fuͤhlte, um es fuͤr unrecht zu halten, von ſeiner Pflicht entfernt zu bleiben, und in ei⸗ nem Anfall von Heldenmuth zu ihr zuruͤckzu⸗ kehren beſchloß. Wahrſcheinlich ſchrieb er mei⸗ ner Schweſter, die er zu Hauſe vermuthet, eine Erklaͤrung.“ „Es iſt ſehr nutam!2 zagts der Capi⸗ 42 tain,„ſehr ſeltſam, in der That!“ doch bald ſetzte er hinzu:„Wenn ich's zum zweitenmal uͤberlege, bin ich nicht ſo ſehr erſtaunt, denn er beklagte auf der ganzen Reiſe ſein Unver⸗ moͤgen, bei der Armee zu bleiben, und erklaͤr⸗ te, nichts ſolle ihn entfernt davon halten, wenn er feine Pflicht thun koͤnne, ohne den Folgen zu erliegen.“ Honoria freute ſich, ihr Vorgeben ſowohl aufgenommen zu ſehen, da ſie den Major vor Tadel zu ſchuͤtzen wuͤnſchte, und zoͤgerte nicht, Ella's Entſchluß, ihrem Gatten zu folgen, be⸗ kannt zu machen, und wie ſie bereit fei, ſich ſogleich einzuſchiffen, wenn ſie nur Gelegen⸗ heit dazu faͤnde. „O, wenn es bloß daran fehlt!“ rief der Capitain,„ſo will ich ihr alsbald eine Ueberfahrt verſchaffen, wenn ich nicht ganz un⸗ glücklich bin. Mein beſondrer Freund, Capi⸗ tain G., befehligt den A., der beſtimmt iſt⸗ die Schiffe nach Portugal zu begleiten. Ich verließ ihn in dieſem Augenblick, von dem Ad⸗ 48 miral Abſchied nehmend, und ich ſtehe dafuͤr, wenn ich ihn erhaſchen kann, daß er ſie mit dem groͤßten Vergnuͤgen aufnehmen wird.“ Er eilte aus dem Zimmer, doch zuruͤck⸗ kehrend rief er:—„Aber wenn ich nur das Schiff ausfinden koͤnnte, in welchem der Ma⸗ jor iſt, ſo waͤr es die koͤſtlichſte Sache von der Welt fuͤr ſie, mit ihm an Bord gehen zu koͤn⸗ nen!“ Honoria ſprach ein zoͤgerndes ja, und bat ihn, nur keine Zeit zu verlieren, worauf er verſchwand, und ſie das Vorgefallne ihrer Schweſter mitzutheilen ging. Um ihre Gedan⸗ ken von dem Verweilen bei ihrem Kummer ab⸗ zulenken, erinnerte ſie dieſelbe, daß noch manches fuͤr ihre Garderobe noͤthig ſeyn werde, wenn ſie die Zeit haͤtten, es zu kaufen. Ella zeigre auf den Umfang ihres Koffers, der nicht zu den kleinen gehoͤrte, und ſagte:„Ich war, als ich vom Hauſe ging, eutſchloſſen, wenn ich Edgar hier nicht finden ſollte, ihn in Portu⸗ gal aufzuſuchen.“ Honoria fand, trotz ihrer ſchnellen Abreiſe, eine Menge Kleider einge⸗ 4 4 packt, die fuͤr ſie beide hinreichten. Sich von ihrer Schweſter zu trennen, war ihr nie ein⸗ gefallen. Was ihre Mutter empfinden wuͤrde, wenn ſie beide England verließen„ bekuͤmmerte ſte ſchmerzlich; allein ſie war uͤberzeugt, unter ſolchen Verhaͤltniſſen, zu gleicher Handelsweiſe von ihr den Rath erhalten zu haben, und be⸗ nutzte die Zeit von des Eapitains Abweſenheit, ihr zu ſchreiben. Sie meldete ihr bloß, daß ſie den Major nicht getroffen, obwohl einige guͤnſtige Nachricht von ſeiner Geſundheit er⸗ halten haͤtten, und da Ella entſchloſſen ſei, ihn in Portugal aufzuſuchen, ſo wuͤrde ſie mit ihr zuͤrnen, wenn ſie dieſelbe in ihrem gegen⸗ waͤrtigen Gemuͤthszuſtand verlaſſen koͤnnte. Ca⸗ pitain Harrowville, den ſie gluͤcklicher Weiſe gefunden, habe es unternommen, fuͤr ihre Reiſe zu ſorgen; ſie waͤren bereit einzuſchiffen, und wuͤrden naͤchſtens ausfuͤhrlicher ſchreiben. Auf dieſe Art hatte Honoria die Erwaͤh⸗ nung deſſen vermieden, was ihre Mutter voll⸗ kommen ungluͤcklich gemacht haben wuͤrde, und 45 ſie empfand jene innere Zufriedenheit, die in jeder Lage den beſten Troſt gewaͤhrt, und die fernern Bemuͤhungen anregte, denen ſie ſich mit all der Thaͤtigkeit eines lebhaften Gemuͤths unterzog. Capitain Hurrowyille ließ ſie nicht lange Ungewiflheit, ſondern kam ihnen zu zenen daß er erſtens Nachrichten von dem Major habe, doch ſolche, die es unmoͤglich machten, mit ihm zu ſchiffen, da er in einem Schnellſegler abreiſ'te, der bereits aus dem Geſicht ſei, und zweitens habe er das Ver⸗ gnuͤgen hinzuzuſetzen, ſeinen Freund gefunden, und durch zwei ſo ſchoͤne Reiſegefaͤhrtinnen ganz gluͤcklich gemacht zu haben. Er wuͤede ſekbſt gekommen ſeyn, wenn er es nicht fuͤr kluͤger und fuͤr eben ſo galant gehalten haͤtte, vor ihnen an Bord zu gehen und alles zu ihrem bequemen Empfang bereit zu machen. Waͤh⸗ rend der Zeit hatte er den Capitain abgeſchickt, die Damen zum Schiff zu begleiten. Als Honoria ſich neben ihrer Schweſter 46 im Boot befand, war es ihr, als ob ſie zum erſtenmal, ſeit ſie aus dem Wagen ſtieg, wie⸗ der frei athmen koͤnnte. Sie blickte um ſich her, und konnte kaum ihren Augen trauen, ſich wirklich nach Portugal einzuſchiffen. Rund umher ſah ſie Boote mit Soldaten erfuͤllt, zu derſelben Beſtimmung; einige ließen Toͤne des Jubels erſchallen, die durch Frohlocken vom Ufer erwiedert wurden, und ſie haͤtte in un⸗ befangner Stimmung uͤber die Freude und Hei⸗ terkeit dieſer armen Maͤnner reflectiren koͤnnen, die den Geſilden des Todes und Blutvergie⸗ ßens zugiugen. Sie wendete ihre Augen mit einem Seufzer von ihnen ab, indem ſie bei ſich ſelbſt an der Moͤglichkeit zu zweifeln ſchien, daß ſie uld ihre Schweſter ſich unter der Menge befanden, die zu dieſen Regionen der Zerſtoͤrung ſchifften. Die einzige Erklaͤrung, die ſie Edgars Be⸗ tragen geben konnte, war, daß er Nachricht von ihrem Aufenthalt in des Baronets Hauſe 47 erhalten haben muͤſſe, bei aller Unwahrſchein⸗ lichkeit, ſo ſchnell es erfahren zu haben. Sie uͤberlegte, ob ſie ihrer Schweſter die Wahr⸗ heit bekannt machen ſollte, hielt es indeſſen fuͤr beſſer, ihr vollkommene Macht zu laſſen, alle Kenntniß der Perſon, in deren Hauſe ſie geweſen war, zu laͤugnen. Ella bemuͤhte ſich, Capitain G— s artigen und gaſtfreundlichen Empfang am Bord des Schiffs gehoͤrig zu wuͤr⸗ digen, und nachdem ſie von Harrowville dank⸗ barlich Abſchied genommen hatte, ging ſie mit ihrer Schweſter in die Kajuͤte, die zu ihrem beſondern Gebrauch beſtimmt war, und die ſie unter dem Vorwand der Seekrankheit ſelten verließen. Honoria wuͤrde ſich bei des Majors Betragen ſo zornig als verletzt gefuͤhlt haben, haͤtte ſie ſich nicht erinnert, wie krank er aus⸗ ſah, und mit welcher Bewegung er, Thraͤnen vergießend, von ihnen eilte. Es bedurfte nicht der Erinnerung ſeines bleichen Ausſehns, um jeden Unwillen in Ella's Bruſt zu unter⸗ druͤcken. Vollkommen bekannt mit der ſanften, 48 nachgebenden Gemuͤthsart ihres Mannes, war ſie uͤberzeugt, daß nur die vermeintliche Ent⸗ ſcchiedenheit des hoͤchſten Vergehns ihn faͤhig gemacht hatte, jene ausnehmende Liebe und Zaͤrtlichkeit zu verdraͤngen, die er ſonſt gegen ſte empfand, und die nie ihren Thränen zu widerſtehen vermochte. Sie kannte den Schat⸗ ten von Eiferſucht, der ſeinen Charakter be⸗ zeichnete, doch nur im Bezug auf eine Per⸗ ſon; und ſo unerklaͤrlich ihr es auch war, mußte ſie doch ihr gegenwaͤrtiges Mißgeſchick aus dieſer Quelle herleiten. Vielleicht bewirk⸗ ten es die liſtigen Anſchlaͤge des Unwuͤrdigen, der ſo oft ihr Gluͤck unterbrochen hatte; den⸗ noch wie neuerlich mußten dieſe Wirkungen ſeyn, da Edgars letzter Brief ſo zaͤrtlich wie immer geweſen war! Indeſſen war ſie ent⸗ ſchloſſen, nicht zu ruhen, bis ſie ihren Mann von dem ihr zugefuͤgten Unrecht uͤberzeugt, und zu dem Bekenntniß genoͤthigt hatte, die Ver⸗ gebung nicht zu verdienen, die ſie ihm be⸗ reitwillig zugeſtande Allein mit erhöͤhter Angſt „ dachte ſie an die Wirkungen der Unruhe des Gemuͤchs auf ſeine Geſundheit. Das heiße Wetter noͤthigte ſie zuweilen, auf das Verdeck zu gehen, welches ſie aber ſtets ungern thaten, da Capitain G. allezeit zu ihnen kam, und ſie waͤren lieber ſeiner Hoͤf⸗ lichkeiten uͤberhoben geweſen. Er war ein wohl⸗ erzogner Mann, doch aͤußerſt platt; des letz⸗ tern Umſtands ſchien er ſich indeſſen nie zu er⸗ innern; im Gegentheil bezeichnete ſein Betra⸗ gen einen Plan auf das Herz jeder jungen Dame, die er ſprach, und kein Verzweifeln an dem Erfolg. Von ihm erfuhren ſie, daß der Cutter, in welchem Major Burlington ſegelte, wahrſcheinlich mehrere Tage vor ihnen den Ha⸗ fen erreichen werde, da er nicht auf die Flotte warte. 8 „Neue Verlegenheit!“ dachte Honoria. Ella ſeufzte in der Bitterkeit ihres Herzens, indem ſie erwog, daß ihr Mann wahrſcheinlich Liſſabon verlaſſen und zur Armee gegangen ſeyn wuͤrde, bevor ſie landeten; doch in die⸗ Guerilg Anf. II. 4 50 ſem Fall mußte ſeine Geſundheit die Reiſe ver⸗ ſtattet haben, und ſte konnte ihm mit nenbe⸗ lebtem Muth folgen, denn ihm zu folgen, war ſie entſchloſſen. 3. Honoria fuͤhlte ſich ſo geneigt, wie ihre Schweſter, allein zu ſeyn, da ſie gern Capi⸗ tain G. vermied, gegen den ſie eine Abnei⸗ gung empfand, vorzuͤglich weil er ſichtlich fuͤr angenehm von ihr wollte gehalten ſeyn, und wenn er bezaubernd auszuſehen gedachte, glichen ſeine ſchlecht uͤbereinſtimmenden Züge ſo ſehr einem grinzenden Pavian, und boten ſolch ei⸗ nen Contraſt mit dem ſuͤßen, hellen, bluͤhen⸗ den Geſicht dar, welches immer vor ihrer Seele ſchwebte, daß ſie ſich abwenden, und ſtets das Entzuͤcken denken mußte, ihren Blick von ei⸗ nem ſolchen Gegenſtand auf die glaͤnzenden Au⸗ gen und das einnehmende Laͤcheln Spencer Burlingtons richten zu koͤnnen.— Sie machte ſich Vorwuͤrfe, das Andenken eines Weſens aufzumuntern, welches nur die ſchmerzlichſten Gefuͤhle in ihr erregen konnte; allein die Er⸗ 51 innerung kehrte zuruͤck, ſie mochte ſie aufmun⸗ kern oder nicht; und wenn es nicht ſo beſon⸗ ders ungluͤckliche Verhaͤltniß geweſen waͤren, die ſie jetzt aus ihrem Vaterland entfernten, ſo wuͤrde e mit Freuden einen neuen Schau⸗ platz beſucht haben, der den Inhalt ſhrer Ge⸗ danken aͤndern, und ihren Gefuͤhlen eine andre Richtung geben konnte. Wir wollen die Schweſtern unter guͤnſti⸗ gem, doch maͤßigem Wind ihre Reiſe fortſetzen laſſen, indeſſen wir zu dem ungluͤcklichen Gat⸗ ten zuruͤckkehren, und die Gruͤnde erklaͤren, warum er es war. SttsAn feit. Major Burlingtons Geſundheit hate⸗ aus⸗ nehmend waͤhrend ſeines letzten Feldzugs ge⸗ litten. Schon durch das, was er vorher im Dienſt ſeines Vaterlandes erduldete, ſehr ange⸗ griffen, war ſein Koͤrper zu den erneuten An⸗ ſtrengungen, die beinahe die menſchliche Kraft hoͤchſter Vollſtaͤndigkeit uͤberſteigen, nicht ſtark genng. Die erſte Nacht, wo er wieder bei ſeinem Regiment bivonakirte, bewies ihm * 4* 52 ſeine Untauglichkeit zum Soldaten. Das Schmerzen der Glieder, die ſteifen Gelenke und der Schwindel, womit er ſich von ſeinem Erdlager erhob, zwangen ihn zu dem Selbſt⸗ geſtaͤndniß, daß er ferner nur zu einem ruhi⸗ gen Leben in Edenthal paſſe, gepflegt von ſeiner Gattin, von ihrem Lächeln erheitert, und von ihrer wachſamen Sorgfalt in leidlicher Geſundheit erhalten. Dennoch verſaͤumte er keine ſeiner Pflichten; noch wollte er je, bis ſein Uebelbefinden ſich nicht mehr verbergen ließ, zugeben, irgend eine Unbehaglichkeit zu empfinden; und nichts beleidigte ihn ſo ſehr, als wenn man ihm ſagte, er ſcheine angegriſ⸗ fen und ſehe krank aus. Wenn er jetzt bivouakiren nustey tag er an der Seite ſeines Lieblings Rinaldo, der ihn ſchon durch manches blutige Schlachtfeld getragen hatte, und ihm einen Theil ſeiner Waͤrme mittheilend, verminderte er einiger⸗ maßen die uͤbeln Wirkungen der Regenguͤſſe, die auf beide herabſtroͤmten. Zuweilen gab. 4 53 eine kurze Unterbrechung der Thaͤtigkeiten dem Major Zeit zur Staͤrkung ſeiner Kraͤfte, wor⸗ auf wieder Verſagungen, Beſchwerden und die aͤußerſten Anſtrengungen ihn von neuem in den bedenklichſten Zuſtand verſetzten— waͤhrend oͤftere Anfaͤlle vom kalten Fieber ſein Weſen untergruben, und ihn bei jeder Gelegenheit unfaͤhiger machten, die Muͤhſeligkeiten des Kriegs zu ertragen. Obgleich alle ſeine militaͤriſchen Freunde ihm ernſtlich riethen, Erlaubniß zu ſeiner Entfernung zu verlangen(die er alsbald bei Darſtellung ſeines Geſundheitszuſtands er⸗ halten haben wuͤrde), und nach England zu gehen, ſo konnte ihn doch nichts bewegen, ſein Regiment zu verlaſſen, waͤhrend es in Thaͤtigkeit war, bis er in einer beſondern Ac⸗ tion eine Wunde in die Seite erhielt, die, obwohl an ſich nicht bedeutend, einen Blut⸗ verluſt bewirkte, der bei ſeinem geſchwaͤchten Weſen leicht nachtheilig, und daher mit Recht gefaͤhrlich genannt werden konnte. Die Aerzte hielten einen laͤngern Aufenthalt in 54 Portugal entſchieden fuͤr toͤdtlich, und glaubten es weniger gefaͤhrlich ihn fortzubringen, als in einer Lage zu laſſen, wo er gaͤnzlich aller Dinge beraubt ſeyn mußte, die zu ſeiner Ge⸗ neſung erforderlich waren. Dieſem gemaͤß ward er nach Liſſabon gebracht, und da er in der Sirene zu reiſen verfehlte, benutzte er gern die naͤchſte Gelegenheit mit Capitain Har⸗ rowville. Ruhe und gaͤnzliche Unthaͤtigkeit wa⸗ ren die beſten Mittel, die augewendet werden konnten, und als er landete, vermochte er mit feſtem Schritte zu gehen und ein ſchwaches Roth faͤrbte ſeine Wangen. Er reiſ'te von Plymouth ab, wie ſchon erwaͤhnt ward; denn die Ungeduld, ſeine Ella⸗ zu ſehen, ließ ſich nicht zuruͤckhalten, und da er waͤhrend des Wegs fand, daß die Erwar⸗ tung des nahen Wiederſehns ſein ganzes We⸗ ſen erſchuͤtterte, ſuchte er ſeine Gedanken von dem Gegenſtand abzalenken, indem er ein Zei⸗ tungsblatt durchſah, das er im Wirthshauſe aufgenommen hatte. Er wußte nicht, was er — 8s las, bis der bekanute Name des Baronets ihm vor Augen kam, deſſen unter andern Leu⸗ ten nach der Mode erwaͤhnt ward, die Stadt verlaſſen zu haben, mit dem Zuſatz, daß er ſich nach Obriſt Skellers Sitz begeben haͤtte. Dieß reichte hin, den Major in eine duͤſtre Stimmung zu verſetzen. Was hatte er fuͤr ein Geſchaͤft in dieſer Gegend? Alle ſeine geahndeten Freuden verſchwanden bei dem Ge⸗ danken, daß dieſer Mann waͤhrend ſeiner Ab⸗ weſenheit in der Naͤhe ſeiner Gattin geweſen ſei, und die Erinnerung, wie feierlich ſie ihm verſprach, nie wieder mit ihm zu reden, konnte ſeine Unruhe nicht vernichten. In dieſer Ver⸗ ſtimmung hielt er gegen ein Uhr des Mor⸗ gens, um Pferde zu wechſeln; und als er vor der Thuͤr des Wiethshauſes darauf wartete, ſah er einen Mann zu Pferd heranſprengen, abſteigen und hineingehen. Nach wenig Mi⸗ nuten kam der Wirth heraus und befahl, die ſriſchen Pferde nicht an die Chaiſe zu ſpannen, da ſie ſchon verſprochen waͤren. Major Bur⸗ 56 lington machte ſehr lebhafte Einwendungen, worauf der Wirth erwiederte, daß Sir Fronz die Pferde brauche, um mit Tages Anbruch eine Dame von ſeinem Hauſe zu fahren, und er wolle um keinen Preis den Baronet belei⸗ digen; denn er habe ihm alles zu danken„ da eer vormals ſein Herr geweſen, und jetzt der ſeines Sohnes ſei. Der Major gerieth in eine Heftigkeit, die ihm ſehr ungewoͤhnlich war; ſchon der Name des Baronets in dieſem Augen⸗ blick reichte hin ſie zu erregen. Er ſprach im entſchiedenſten Ton mit dem Wirth— befahl die Pferde anzuſpannen— kurz, benahm ſich auf eine Art, die ſeinen Gegner beunruhigte, der es mit ſeinem Sohn zu uͤberlegen ver⸗ ſprach. Dieſer Sohn war des Baronets Be⸗ dienter, der im Hauſe wartete, um der Pferde gewiß zu ſeyn. Zwiſchen ihm und ſeinem Va⸗ ter fand ein gaͤnzliches Vertrauen Statt; und ihr Geſpraͤch ward von Burlington uͤberhoͤrt, indem er auf einer Bank unter dem offnen Fenſter ſaß. 57 „Was ſoll ich mit dieſem Gentleman an⸗ fangen?“ ſagte der Vater,„er macht einen ſolchen Laͤrm um die Pferde. Glaubſt du, der Baronet werde zuͤrnen, wenn du ſagteſt, die Pferde waͤren vor deiner Ankunft weg? Ich haͤtte das nicht verhindern koͤnnen.“ „Nein, nein, das geht nicht!“ erwie⸗ derte der Sohn;„unſer Plan gelang bis jetzt ſo gut, daß er am Ende nicht geſtoͤrt werden darf. Was denkt ihr, es iſt dieſelbe Dame, der mein Herr ſo lange nachgegangen iſt, und die er den Sommer, ehe ihr ihn verließt, hei⸗ rathen wollte, wenn ſie ihm nicht den Abſchied gab. Aber er hat ſie jetzt ſicher genug erhal⸗ ten. Wir nahmen ſie in der Naͤhe von ihrem Hauſe auf, als wir von Obriſt Skellers ka⸗ men, alles im Dunkeln; umd ſie hat einge⸗ willigt, die Nacht im Hauſe meines Herrn zu bleiben; aber wir müſſen ſie vor Tageslicht fortbringen, wegen der Folgen, und wir muͤſ⸗ ſen die Pferde haben, denn wir koͤnnen ſie nicht in unſerm Wagen fahren, da es Ge⸗ rede machen dürfte.“ „Wie!“ rief der Vater erſtaunt,„mei⸗ neſt du die ſchoͤne Miß Valeney, die in Wey⸗ month war? ſie, die den armen kranken Mann heirathete, der Sir Franz ausgeſtochen hatte?“ „Dieſelbe— jetzt Mrs. Burlingron,“ ſagte der Kammerdiener. Der Major hoͤrte nichts mehr; es brauſ'te ihm vor den Ohren, ſein Haupt fing an zu ſchwindeln, und er ſank bewußtlos auf die Bank zuruͤck. Als Vater und Sohn herauskamen, hielten ſie ihn fuͤr eingeſchlafen, obwohl verwundert uͤber die ploͤtz⸗ liche Verminderung ſeines Zorns. Die Pferde wurden in den Stall zuruͤckgefuͤhrt, der Be⸗ diente ritt fort, und der Wirth ging zu Bett, nachdem er dem Hausknecht, der die Poſt er⸗ wartete, befohlen hatte, auf den ſchlafenden Herrn zu achten, und wenn er wach werde, ihm zu ſagen, daß er hier ein Bett haben könne. Es verging eine geraume Zeit, ehe der 59 zerruͤttete Ehemann den voͤlligen Gebrauch ſei⸗ ner Kraͤfte wieder erhielt, und er zweifelte an dem Zeugniß ſeiner Sinne, bis das Geraͤuſch eines Wagens, der aus dem Hof fuhr, uͤber ſein Wachen ihm Gewißheit gab. Er hoͤrte jemand ſagen:„Fahr ſo ſchnell wie mͤglich zu Sir Franz!“ Dieß war Steffens, als er zum zweitenmal nach dem Wagen kam. Bur⸗ lington wußte nicht, wie lang er ohne Be⸗ wußtſeyn blieb, glaubte aber mehrere Stun⸗ den verfloſſen, und hielt dieß fuͤr den Wagen, der ſeine Frau von der Wohnung des Baro⸗ nets abholen ſollte. Und dennoch verwarf ſein Herz die Moͤglichkeit ihres Vergehns! Aber der Beweis war in ſeiner Macht. Er flog dem Wagen nach und ſprang hinten darauf; die Dunkelheit verbarg ihn, und ſo ward er zu dem Ort gebracht, der all ſeinen. Argwohn be⸗ ſtaͤtigte. Ehe der Wagen hielt, verließ er ſei⸗ nen Platz, und ſtand unbemerke einige Schritte von ſeiner Frau entfernt, indem ſie einſtieg. Das Eicht erhellte ihr Geſich cht; er ſah ſie; er 4 60 hoͤrte ſie ausrufen:„Dem Himmel ſei Dankl es iſt noch immer dunkel; ich fuͤrchtete, der Tag würde uns hier überraſchen!”"“ Warum war ihr die Dunkelheit lieb? Was hatte ſie von dem Tageslicht zu fuͤrchten, au⸗ ßer Entdeckung? Ihre Schuld konnte nicht länger bezweifelt werden! Sein erſter Antrieb war, in das Haus zu eilen und den Urheber ſeiner Schande zu vernichten; allein ſein Weſen konnte den Ge⸗ danken des Mords keinen zweiten Moment er⸗ tragen. Er entwich aus der Naͤhe des Elen⸗ den, der ihn zu ſo furchtbarem Vergehn ver⸗ anlaſſen konnte. Bis an das Ende der Welt zu fliehen, auf immer ſein beſchimpftes Haupt zu verbergen, und nie dem Auge eines menſch⸗ lichen Weſens wieder zu begegnen, war jetzt ſein einziger Wunſch. Wenn er von Sir Franz, den modernen Geſetzen der Ehre gemaͤß, Ge⸗ nugthuung fordern wollte, mußte er die Frau, K 61 deren Ruf ihm noch uͤber alles theuer war, der Schande ausſetzen, der ſie, wie er glaubte, bei vorſichtiger Geheimhaltung noch immer entgehen wuͤrde. Außer dieſer Erwaͤgung kannte er den Baronet gut genug, um zu wiſſen, er. werde einem Zweikampf ausweichen„ und wenn er ihn dazu noͤthigen wollte, mußte die Sache oͤffentlich werden. Nein, er wollte in das Land fliehen, das nach ſeiner Ueberzeugung unheil⸗ voll fuͤr ihn war, und alle ſeine Beleidigun⸗ gen wuͤrde bald das Grab verbergen. Wenig⸗ ſtens hatte er dann die Befriedigung, die Stimme der Nache unterdruͤckt, und alles ge⸗ than zu haben, die zu ſchonen, die ihn am meiſten beleidigte. Gegen ſie war ſein Unwille noch ſtaͤrker, als ſelbſt gegen ihren vermeint⸗ lichen Liebhaber. Bei der Neigung, die er ſelbſt fuͤr ſie empfand, nahm es ihn nicht Wunder, wie ein Mann ohne Grundſaͤtze alles fuͤr eine Leidenſchaft thun konnte, die ſie ein⸗ zufloͤßen ſo geeignet war; allein ſie hatte die heiligſten Geluͤbde gebrochen, die zaͤrtlichſten Bande verletzt, und war daher der Gegenſtand ſeines gerechteſten gornes. Bei Tages Anbruch fand er ſich auf der 3 Landſtraße, wo er eine Poſtkutſche traf, die nach Plymounth wollte, und ihn aufnahm. Hier konnte er nach und nach ſeine Gedanken ordnen, und er beſchloß, ſogleich wieder nach Portugal abzureiſen, ſich erinnernd, daß die Flotte am vorhergehenden Tag ſegelfertig war. Der Gefaͤhrtin ſeiner Frau gedachte er gar nicht, nur Augen fuͤr dieſe habend, eben ſo wenig wußte er, was fuͤr einen Weg ihr Wa⸗ gen nahm, an welchem er voruͤbergefahren ſeyn mußte, da die Kutſche eine Stunde früͤ⸗ her als die Chaiſe ihr Ziel erreichte. Ver⸗ zweiflung ſchien des Majors Weſen geſtaͤrkt, und mit uͤbernatuͤrlicher Kraft verſehen zu ha⸗ ben, wodurch er faͤhig ward, ſeinen Plan ſchnell und vollſtaͤndig auszufuͤhren. Er fand keine Schwierigkeit wegen der Ueberfahrt, und ging dann in das Hotel zuruͤck, um einige Zeilen an Ella zu ſchreiben, die ſeine Em⸗ 63 pfindung ausdruͤckten; allein er fand es gaͤnz⸗ lich unmoͤglich, und hatte eben den Verſuch aufgegeben, als Honoria's Eintritt Gefuͤhle in ihm erregte, die nun ooͤllig verſtanden werden koͤnnen, ſo wie die Leidenſchaftlichkeit bei El⸗ la's nachheriger Erſcheinung. Er konnte nur ſchließen, daß ſie unter Vorausſetzung, nie etwas von ihrer Untreue zu erfahren, ihn voͤl⸗ lig zu taͤuſchen gedenke, und zur Vollendung ihres Trugs ſelbſt nach Plymouth gekommen ſei. Honoria's Gegenwart wußte er ſich nicht zu erklaͤren, dachte aber wenig daruͤber nach, ganz mit der niederſchlagenden Ueberzeugung ſeines Ungluͤcks und ſeiner Schande erfuͤllt. Zehn Minuten nach ſeiner Entfernung von den ungluͤcklichen Schweſtern befand er ſich am Bord des Schiffs, wo ſein Koͤrper von neuem der großen Anſtrengung erlag, und ſein Geiſt zu der tiefſten Ebbe der der urf lung herabſank. Mes. Burlington und ihre Schweſter lan⸗ deten vierzehn Tage, nachdem ſie ſich einge⸗ 64 5 ſchifft hatten, in Liſſabon. Capitain G., der fruͤher als ſie an das Ufer gegangen war, be⸗ richtete, daß der Major drei Tage vorher an⸗ gekommen, und ſogleich zu ſeinem Regiment, welches mit der Armee in Spanien agirte, ab⸗ gegangen ſei. Ella war entſchloſſen, denſelben Weg zu nehmen, und auch bei dieſer Gelegen⸗ heit hatte ſie Urſache, ſich Capitain G. verbun⸗ den zu fuͤhlen, der alles zu ihrer Reiſe be⸗ ſorgte, ihnen Maulthiere, Wegweiſer, und was zu ihrer Bequemlichkeit noͤthig war, ver⸗ ſchaffte, und ſie nicht eher ans Land ſteigen laſſen wollte, bis jedes Erforderniß zu ihrer Abreiſe in Bereitſchaft ſtand. Er hatte ſelbſt Portugal nnd Spanien durchreiſ't, und ſein Rath konnte ihnen daher manche Unannehmlich⸗ keit erſparen, der ſie ſonſt ausgeſetzt geweſen ſeyn wuͤrden. Er begleitete die kleine Caval⸗ cade einige Meilen weit, und verließ ſie mit Bedauern und unter ihren herzlichen Ausdruͤcken der Dankbarkeitt. Ella hatte keine Aufmerkſamkeit fuͤr aͤußre 65 Gegenſtaͤnde, nie verließ ſie bei Ausfuͤhrung ihres Planes Muth und Kraft, allein ſte konnte nur an das Ziel deſſelben denken. Die Nen⸗ heit des Schauplatzes wuͤrde ihrer Schweſter Vergnuͤgen dargeboten haben„ wenn ihr Herz ruhiger geweſen waͤre, denn als ſie weiter reiſ'ten, erregte die umliegende Gegend ihre Bewundrung. Es war etwas romantiſches in ihrer gegenwaͤrtigen Lage, die Geſichter ihrer Fuͤhrer und Begleiter gewaͤhrten ein unterhal⸗ tendes Studium, ihre Geberde ergoͤtzte ihr Au⸗ ge, ihre Sprache ihr Ohr, obwohl ſie die⸗ ſelbe nur unvollkommen verſtand. Das Land, welches ſie durchreiſ'ten, hatte ſie ſo oft be⸗ ſchreiben hoͤren, daß es ihr faſt bekannt vor⸗ kam, und ſie ſchaute mit beſonderm Intereſſe nach jenen Gegenſtaͤnden umher, die der Beach⸗ tung ſo werth waren. Das Verlangen nach Belehrung war unzertrennlich von ihrem We⸗ ſen, und ſie wollte bieſe unerwartete Gelegen⸗ heit zu Vermehrung ihrer Kenntniſſe nicht ver⸗ faͤumen. Fuͤr die Nacht fanden ſie Zuflucht in Guerillg⸗Anf.. 5 66 dem Privathauſe eines faſt ganz verlaſſenen Dorfes, wo ſie, der Gewohnheit nach, um Aufnahme baten, und recht artig von Perſo⸗ nen behandelt wurden, die ohne Schwierigkeit einen verhaͤltnißmaͤßigen Lohn für ihre Gaſt⸗ freundlichkeit annahmen. Jetzt, da ſie weiter in das Land hinein⸗ kamen, wurden die Spuren der Zerſtoͤrung ſichtbar. An jeder Seite des Wegs ſchien die Geißel des Kriegs ihren entvölkernden Einfluß verbreitet zu haben, und wiederholt zeigte ſich der Schauplatz der Schlachten, gewonnen und verloren durch ſtreitende Armeen, die abwech⸗ ſelnd Sieger waren. Hier ſah man die reichen Getraidevorraͤthe in einen Haufen Aſche ver⸗ wandelt, und nahe dabei ſchwankte das halb eingeſunkene, dachloſe Haus. Dann kamen ſie durch ein voͤllig verlaßnes Dorf, und die Er⸗ hoͤhungen auf der Ebene bezeichneten den Ort, wo viele Helden im gemeinſchaftlichen Grabe ruhten. So traurig und bewegt auch unſre ſchoͤ⸗ 67 nen Reiſenden uͤber dergleichen Gegenſtaͤnde waren, fuͤhlten ſie ſich doch nie muthlos, oder ihren Vorſatz zu aͤndern geneigt; denn es iſt eine durch mannichfache Beiſpiele beſtaͤtigte That⸗ ſache, daß wenn Frauen etwas entſchloſſen, mit der Abſicht, es durchzuſetzen, unternehmen, weder Schwierigkeit noch Wagniß ſie von der Ausfuͤhrung deſſelben abhaͤlt, und daß ſie Ge⸗ fahren und Zufaͤlle ertragen und uͤberwinden, deren bloßer Gedanke ihnen unter andern „Verhaͤltniſſen Zittern erregt haben wuͤrde. Unſre Abenteuerinnen hatten nichts von dem Feind zu fuͤrchten, der, ſtets von den Siegern verfolgt, in das Innere von Spa⸗ nien zuruͤckgetrieben war, und man ſah in die⸗ ſer Gegend keinen Soldaten, außer dann und wann einige Nachzuͤgler, die in den Lazarethen zuruͤckgelaſſen nun wieder zu ihren Regimen⸗ tern gingen. Es hielt nicht ſchwer, jede Nacht ein ertraͤgliches Unterkommen zu finden„ denn ſelbſt der beßre Theil der Einwohner dieſer Siädts, die ſo oft verheert worden waren, 5* * 68 vefand ſich in einem Zuſtand der Armuth, der vpereitwillig zu Hoͤflichkeiten machte, fuͤr die man gut bezahlte. Es war nichts ungewoͤhnliches, die Frauen der Officiere auf dieſe Art ihren Maͤnnern folgen zu ſehen, und erregte daher keine Neugierde. Sie hatten nun bald die ſpaniſchen Graͤnzen erreicht, als ſie ſich eines Abends in einer romantiſchern Gegend befan⸗ den, als die, welche ſie bis jetzt durchreiſ'ten, und nachdem der Weg laͤngere Zeit, einen ſteilen Abhang umwindend, hinabgefuͤhrt hatte, kamen ſie ploͤtzlich an ein pittoreskes Gebaͤude, woelches den Verwuſtungen des Kriegs entflo⸗ hen zu ſeyn ſchien, und wie die Wohnung ei⸗ nes entgegengeſetzten Geiſtes ausſah. Es ſchien unmoͤglich, daß das kriegeriſche Horn je durch dieſe Kluͤfte toͤnte, oder die Trompete in die⸗ ſen Bergen wiederhallte. Mit forſchendem Blick betrachteten unſre Reiſenden dieſen angenehmen Aufenthalt, und gedachten des Gluͤcks, dieſe Nacht hier Einlaß finden zu koͤnnen. Sie hielten vor demſelben, —— — 69 in der Hoffnung, ein gaſtfreundlicher Bewohe⸗ ner werde erſcheinen, ihr Verlangen aufzu⸗ muntern. Allein die Einſamkeit hatte ihn zum Eigenthum erwaͤhlt, und von ihren Maulthie⸗ ren abgeſtiegen, den Fenſtern ſich nahend, be⸗ merkten ſie, daß die Hand der Verwuͤſtung auch hier verweilt hatte; denn das Innere war alles Anſcheins von Behaglichkeit beraubt; die Moͤbeln waren zerbrochen, die Vorhaͤnge herabgeriſſen, und die Waͤnde entſtellt. Trau⸗ rig wendeten ſie ſich weg, und gingen zu ih⸗ ren Maulthieren zuruͤck, als Honoria in einer kleinen, mit Geſtraͤuchen uͤberſchatteten Vorhalle etwas weißes erblickte. Bei Unterſuchung, was es war, fand ſie einen kleinen weißen Hund, in ein Gerippe verwandelt und vor Hunger zitternd, der ſich an die Thuͤr druͤckte und kaum noch die Macht zu winſeln beſaß. Sie fuͤhlte eine Art von Befriedigung, dem armen kleinen Thiere helfen zu koͤnnen und gab ihm etwas Nahrung, die er begierig verſchlang und ſogleich wieder belebt und ſchmeichelnd er⸗ 70 ſchien. Sie zweifelte nicht, daß er vormals ein Liebling geweſen war; vielleicht waren alle die, welche fuͤr ihn forgten und ihn als ein Mit⸗ glied der Familie betrachteten, durchs Schwert gefallen, doch er blieb noch uͤbrig und ſelbſt ihrer Wohnung getreu. Sie beſchloß, ihn auch kuͤnftig einen Liebling ſeyn zu laſſen, und nahm ihn mit auf das Maulthier, wo er ganz mit ſeiner Lage zufrieden ſchien, und ſeine Dankbarkeit ſo beredt wie moͤglich aus⸗ druͤckte. Der Hund war von ſehr kleiner Gat⸗ tung und konnte ohne Unbequemlichkeit fortge⸗ bracht werden, und außer ſeinem elenden Zu⸗ ſtand wuͤrde er ſehr ſchoͤn geweſen ſeyn; in⸗ deſſen wollte ihn Honoria nur behalten, bis ſte einen neuen Herrn fuͤr ihn fand, da ſie fuͤrchtete, wenn wichtigere Dinge ihre Auf⸗ merkſamkeit erregten, ihn wieder zu verlieren. Auf dem Halsband, das er trug, las ſie die Worte: Graf de l'Arevalo. In dieſer Nacht waren ſie nicht ſo glück⸗ lich wie zeither, da ihre Bewirthung in der —— —— 21 That ſehr laͤndlich war; doch zur Entſchaͤdigung hatten ſie einen ſehr geſpraͤchigen Wirth, der ihren lebhaften Fragen nach den Fortſchritten und der gegenwaͤrtigen Lage der Armee Genuͤge that. Er ſagte, noch vor wenig Tagen ſei dieſer Ort mit Truppen angefuͤllt geweſen, aber jetzt haͤtten ſie den Feind uͤber Salamanca getrieben, und die verbundene Armee ſtehe in der Naͤhe dieſes Orts, wo man taͤglich eine Hauptſchlacht erwarte, da Marmont ſich von neuem geſammelt habe, und einen verzweifel⸗ ten Verſuch machen werde, ſeinen Boden wie⸗ der zu gewinnen. Der Wirth rieth den Da⸗ men, auf keine Weiſe dem Kriegsſchauplatz naͤ⸗ her zu gehen, da ſie wenig Tage in die Mitte der Schlacht fuͤhren koͤnnten. Ella zitterte, doch nicht für ſich ſelbſt— ſondern bei dem Gedanken der Gefahr, der ihr Gatte ausgeſetzt feyn mußte. Sie achtete wenig auf den Rath des Mannes, noch immer entſchloſſen, ſich genugſam zu naͤhern, um vollſtaͤndige Nachricht von den Begebenheiten des Tags zu erhalten. 7² Sie wußte, zu welcher Brigade des Majors Regiment gehoͤrte/ und wenn es wirklich in Thaͤtigkeit war, wollte ſie alles 1han⸗ ſich mit ihm zu vereinigen. Honoria war ein wenig durch die Vorſtel⸗ lung betroffen, dem Feind ſo nahe zu kom⸗ men; dennoch waren die Alliirten noch immer dazwiſchen, und ſollten ſie zum Ruͤckzug ge⸗ noͤthigt werden, ſo wuͤrden ſie ihre Beſchuͤtzer feyn— wenigſtens glaubte ſie dieß. Sie ſuchte dem Wirth Gefallen an ihrem kleinen Hund beizubringen; allein er wollte ihn nicht annehmen; und ſie bedauerte es kaum, denn das arme kleine Thuͤr fuͤrchtete ſich ſo vor je⸗ derman, außer ihr, und ſchien durch ſtetes Verweilen an ihrer Seite ſo ihren Schutz auf⸗ zufordern, daß ſie ſich kaum haͤtte von ihm trennen koͤnnen, und nun beſchloß, ihn ſo lange als moͤglich zu behalten. Sie fragte den Wirth, ob er etwas von der Perſon wiſ⸗ ſe, deren Namen auf des Hundes Halsband ſtand. Nachdem er es angeſehen, ſagte er: 73 „i, gewiß! da iſt kein Anfuͤhrer in der Ar⸗ mee bekannter als der tapfere Graf! Haben ſie nichts von lArevalo's Guerilla's gehoͤrt?— Dann ſind ſie in der That fremd! Kein Corps hat ſich mehr ausgezeichnet, als dieſe brave Bande; aber ich fürchte, ihr muthiger Anfuͤhrer iſt gefallen, da ſie ſeinen Hund fanden."/ „Vielleicht auch nicht,“ erwiederte Ho⸗ noria;„er kann von ihm gelaufen ſeyn; aber ich haͤtte dieſen Hund nie fuͤr den Liebling ei⸗ nes Kriegshelden angeſehen.“ Der Wirth laͤchelte und bemerkte, er ſei wahrſcheinlich der Schoßhund einer Dame, die ihm denſelben geſchenkt habe. Honoria fragte, ob das, wo ſie den Hund fand, die Woh⸗ nung des Grafen ſei?— Der Wirth erwiederte: „Nein; der Graf iſt ein Spanier und ich hoͤrte nie, daß er Beſitzungen in Portugal hat.— Wer ihm den Hund zuruͤckgeben wollte, muͤßte ihn, gkaube ich, in die andere Welt ſchicken. Er iſt ſtets mitten in der Gefahr und da wird er ſicher fruͤher oder ſaͤter fallen; 24 denn ſie werden einer nach dem andern nieder⸗ gemacht. Kaum hoͤren wir einen nennen, ſo erfahren wir auch ſchon ſeinen Tod. „Gut, dann mußt du mit mir gehen, armer Chico!“ ſagte Honoria, ihn bei dem Namen nennend, welchen der Fuͤhrer ihm ge⸗ geben hatte. Sie verſchaffte ſich einen kleinen Korb fuͤr ihn, und fing an, ihn als ihr Eigenthum zu betrachten und folglich recht lieb zu ge winnen. Mit Tages Anbruch traten ſie ihre Reiſe wieder an, und ſetzten ſie die zwei folgenden Tage mit alle der zunehmenden Beſorgniß fort, die das Annaͤhern an einen Schauplatz von ſo ausnehmendem Intereſſe zu erregen berechnet war. Noch einmal hielten ſie fuͤr die Nacht an einem einſamliegenden Hauſe, nur von Bauern bewohnt, das aber vormals Perſonden hoͤhern Standes gehoͤrt hatte. 4 Die Damen wuünſchten ſich Gluͤck zu ⸗ rem Obdach, als ſie eine Anzahl Soldaten an die Thuͤr kommen, und gleichfalls Auf⸗ 25. nahme finden ſahen. Sie ſtiegen nun von ih⸗ ren Maulthieren und traten zoͤgernd ein, da ſte den Laͤrm und die Verwirrung fuͤrchteten, der ſie ausgeſetzt ſeyn wuͤrden; allein man fuͤhrte ſie zu einem entfernten Theil des Hau⸗ ſes, wo ihre Ruhe nicht geſtort ward. Mit einem jetzt ungewoͤhnlich heitern Ton ſagte Honovin zu ihrer Schweſter:„Haſt du dieſe Soldaten beſonders angeſehen? Es waren Dragoner zu Fuß.“ „Wirklich,“ rief Ella lebhaft;„laß uns fragen, zu welchem Regiment ſie gehoͤren.“ „Ich kann dir's ſagen, erwiederte Ho⸗ noria;„ich bemerkte, was auf ihren Bruſtplat⸗ ten ſtand, und es war gerade, was wir wuͤnſch⸗ ten. Es war ein Sergeant dabei und— „O laß uns mit ihm ſprechen!“ ſiel Ella ein, und ihre Bedienung ward nach ihm ge⸗ ſendet. 1eee Obgleich Ella nie beim Regiment ihres Gemahls geweſen war, fuͤhlte ſie ſich doch jedem, der dazu gehaͤrte, nahe, und machte An⸗ ſpruͤche auf deſſen Bereitwilligkeit, ihr zu die⸗ nen. Der Sergeant, ein achtbarer, verſtaͤn⸗ diger Mann, erſchien jetzt, ſagte aber bei der Frage nach dem Major, daß er ſeit mehrern Wochen nicht bei dem Regiment geweſen, ſon⸗ dern im Lazareth zuruͤckgelaſſen worden ſei, allein jetzt eile er, mit den Leuten unter ſei⸗ nem Befehl, ſich wieder mit demſelben zu ver⸗ einigen, und hoff' es am naͤchſten Tag zu er⸗ reichen, und wenn die Damen Briefe oder Auftraͤge an den Major haͤtten, ſo werde er ſich ſtolz fuͤhlen, ſie zu uͤberbringen. Ella zoͤ⸗ gerte, und blickte auf ihre Schweſter, die ihr zufluͤſterte:„Thäten wir nicht beſſer, uns der Fuͤhrung dieſes Mannes anzuvertrauen?— Sag ihm nur, wer du biſt, und du wirſt ſei⸗ ner Dienſte gewiß ſeyn.“ „Das iſt gerade, was ich erwog,“ er⸗ wiederte Ella;„denn wir werden dann gewiß ohne Schwierigkeit den Aufenthalt ſeines Re⸗ giments erreichen.“ e Dieß ſchien ein rathſamer Plan, und Ella 77 machte ſich daher als die Gattin des Majors bekannt, und aͤußerte ihren Wunſch, in ſeiner Begleitung zu deſſen Regiment zu gehen, da ſie ſehr um ihn beſorgt ſei. Der Sergeant druͤckte ſein Vergnuͤgen aus, den Damen auf irgend eine Art nuͤtzlich werden zu koͤnnen, und ſprach von dem Major in Ausdruͤcken, die Ella auf Lebenszeit zu ſeiner Freundin machten. Nach Berichtigung dieſer Angelegenheit war es den Schweſtern, als wenn plͤtzlich ihre Unruhe halb verſchwunden waͤre; und mit einem Gefuͤhl der Sicherheit legten ſie ſich auf die Matratzen, die zu ihren Reiſegefaͤhrten ge⸗ hoͤrten, um einige Erholung zu genießen. Al⸗ lein vergebens, denn noch in keiner Nacht waͤh⸗ rend ihrer Reiſe, waren ſie des Schlafes ſo gaͤnzlich beraubt geweſen; der Gedanke an den naͤchſten Tag enthielt zu viel Intereſſe, um ſie in Vergeſſenheit ſinken zu laſſen. Chico konnte jetzt ſo bellen, als Nah⸗ rung zu ſich nehmen, und vergnuͤgte ſich von Zeit zu Zeit, wenn ein zufälliges Geraͤuſch ſeine N 78 Wachſamkeit erregte, ſeine hellen Toͤne in ih⸗ ren Ohren wiedertoͤnen zu laſſen. Doch obwohl er ihre Nerven beruͤhrte, unterbrach er doch nicht ihren Schlummer; und ſobald der erſte rothe Schimmer, noch mit der ſchwarzen Farbe der Nacht vermiſcht, in Oſten erſchien, ſtan⸗ den ſie auf und bereiteten ſich zur Abreiſe. Der Morgen zeigte ſich truͤbe und ſtuͤr⸗ miſch, und erhielt ſie in immerwaͤhrender Be⸗ fuͤrchtung eines gewaltſamen Regenguſſes, der ihre Fortſchritte hemmen und ihre Ungeduld zuruͤckhalten werde. Doch ob auch duͤſtre Wol⸗ ken die Gipfel der Berge umhuͤllten und einen traurigen Schatten uͤber alles verbreiteten, ſie⸗ len die Stroͤme doch nicht herab, oder wenig⸗ ſtens nicht in ihrer Naͤhe; und ſie ſetzten mit ihrem vermehrten Gefolg, Soldaten, Weg⸗ weiſer, Bedienten u. ſ. w., eine bedeutende Partie ausmachend, ihre Reiſe fort. Gegen Mittag ſing der Himmel an ſich aufzukluͤren, und die Sonne ſchien hervorkom⸗ men zu wollen. Langſam zogen ſie einen Berg - 4 79 hinauf, als Ella ploͤtzlich ihr Maulthier an⸗ hielt und ausrief:„Was iſt das?“ Alle lauſchten. Ella richtete ihre Augen auf den Sergeant; Honoria ſagte:„Ich habe es ſchon einige Zeit gehoͤrt.“ „Und ſo auch ich,“ ſagte der Sergeant. „Es iſt der Schall der Kanonen; die Armeen ſind im Gefecht; man kann es beſtaͤndig hoͤren, wenn man darauf achtet. Es iſt gewiß eine Hauptſchlacht.— Sie brauchen nicht beunru⸗ higt zu ſeyn, meine Damen,“ fuhr er fort, als er ſte die Farbe wechſeln ſah.„Wir ſind noch nicht in der Naͤhe, man hoͤrt die Kano⸗ nen in großer Entfernung.“ Honoria empfand ein lebhaftes Entſetzen bei dem Gedanken, daß Tod und Zerſtoͤrung jeden dieſer Toͤne beglei⸗ tete; ſchon im Allgemeinen war dieß dem Ge⸗ muͤth peinlich, aber in wie weit hoͤherm Grad, wenn ſie ſich den, an welchem ſie ſo innigen Antheil nahm, ſo unmittelbar der Gefahr aus⸗ geſetzt denken mußte. Indeſſen fand ſie es nö⸗ chig, ihre Gefuͤhle zu unterdruͤcken, und ihren 80 Geiſt durch ſo niederſchlagende Erwaͤgung nicht herabzuſtimmen; denn die ſichtliche Unruhe ih⸗ rer Schweſter, deren Muth ſie zum erſtenmal, ſeitdem ſie die Reiſe antrat, jetzt ploͤtzlich ver⸗ ließ, erforderte ihre ganze Sorgfalt. . Honoria meinte, anzuhalten, indem die Alliirten zuruͤckgeſchlagen werden koͤnnten. „unmoͤglich! unmoͤglich!“ rief der Ser⸗ geant,„wir thun beſſer, ſo ſchnell wie moͤg⸗ lich vorwaͤrts zu eilen!“ „Ja, vorwaͤrts! vorwaͤrts!“ ſchrien mehrere der Soldaten, die Anhoͤhe hinauf lau⸗ fend;„wir werden wenigſtens zeitig genug kom⸗ men, den Ruͤcken der Franzoſen zu ſehen!“ „Ich wollte lieber zeitig genug da ſeyn, ſie ihn wendend zu machen,“ ſagte der Ser⸗ geant. Ella's Entſchloſſenheit wankte nur wenig Minuten, worauf ſie die Reiſe mit erneuter Kraft fortſetzte, obwohl ihr Honoria jetzt im⸗ mer die Nothwendigkeit vorſtellte, im erſten Hauſe, wo ſie Aufnahme faͤnden, zu verweilen. 81 Sie fing an ausnehmende Furcht zu em⸗ pfinden, indem ſie es nicht fuͤr unmoͤglich hielt, durch eine Wendung des Feindes in ſeine Haͤnde zu gerathen; und Ella, deren Farbe ſich im⸗ mer veraͤnderte, willigte endlich ein„ im naͤch⸗ ſten Dorf zu bleiben, bis ſie wuͤßten, wie weit ſie fuͤglich weitergehen, oder wohin ſie ſich am ſicherſten wenden koͤnnten. Aber jetzt, wo ihnen die Erſcheinung eines Dorfes oder ein⸗ zelnen Hauſes ſo erwuͤnſcht geweſen waͤre, konnte ihr Blick nicht eine einzige menſchliche Woh⸗ nung entdecken. Nachdem ſie eine andre Anhoͤhe erſtiegen hatten, hielten ſie einige Augenblicke zur Er⸗ friſchung ihrer Maulthiere an. Ein ploͤtzliches Jubelgeſchrei der Soldaten erſchuͤtterte die Da⸗ men. Sie richteten ihre Augen der Gegend zu, wohin die Krieger zeigten, und eine Ebene von mehrern Meilen lag vor ihnen aus⸗ . gebreitet; und faſt ſo weit das Auge reichte ſahen ſie in allen Richtungen Rauchſaͤulen em⸗ porſteigen. Zuweilen erhoben ſte ſich in aus⸗ Guerilla, Anf. II..6 32 gebreiteter Linie, und hatten kaum die Wolken erreicht, als andere folgten, einen ſo heftigen Dampf verbreitend, daß die Quelle deſſelben verſchwand. Dann brach er ploͤtzlich in beſtimm⸗ ten Entfernungen hervor, und zuſammenge⸗ draͤngter ſtieg in Saͤulen der Rauch zum Him⸗ mel auf; der Donner, der dieſe Ausbruͤche begleitete, und mannichfach wiederhallte, ehe er in das Ohr der zitternden Schweſtern zu bruͤl⸗ len ſchien, war ein Zeugniß, das nicht miß⸗ verſtanden werden konntte. „Die Ebenen von Salamanca!“ riefen die Wegweiſer.„Das Schlachtfeld!“ ſprach der Sergeant, worauf ſogleich ein drei⸗ maliges Huzza! der Soldaten ertoͤnte. Ella gleitete von ihrem Maulthier. Sie ſank auf die Kniee. Sie faltete und rang die Haͤnde, und rief den Himmel an, kaum wiſſend, was ſie ſagte. Dann erhob ſie ſich ſchnell, warf, nach der fernen Scene zeigend, einen ſchmerzlichen Blick auf ihre Schweſter, und beſtieg wieder das Maulthier; und das alles mit einer Eil 83 und einer Wildheit im Blick, die ſie als gaͤnz⸗ lich außer ſich ſelbſt darſtellten. Dieß war der merkwürdige zwei und zwan⸗ zigſte July achtzehn hundert und zwoͤlfe, ein Tag, der dem engliſchen Nationalruhm einen neuen Zuwachs ertheilte. Am Morgen dieſes Tages, der in Wolken und Ungewitter un⸗ ter Angſt und Erwartung ſo Vieler aufging, ſich aber in leuchtendem Sonnenſchimmer, je⸗ doch nicht ſtrahlender als der ihn begleitende Sieg endete, trafen die beiden Armeen auf dem Schlachtfeld zuſammen. Wellington, die Stadt Salamanca und den Weg nach Ciudad Rodrigo bedeckend, und Marmont ſich laͤngs eines Huͤgels und einer vor ihm liegenden Ebene ausbreitend. Das Schlachtfeld machte eine Art laͤngliches Viereck. Die noͤrdliche Seite war Salamanca. Die oͤſtliche und ſuͤdliche der Lauf des Fluſſes Tormes, und nach Weſten umſchloſſen es die Anhoͤhen der portugieſtſchen Graͤnzen— von wo unſere Reiſenden ſich nahten. 3 6* 84 Honoria glaubte, in nicht großer Entfer⸗ nung Formen von Menſchen und Pferden auf der Ebene liegend zu erblicken, als habe das Gefecht fruͤher an dieſem Ort gewuͤthet, und die Spuren des Ladens, die uͤber den entſtell⸗ ten Boden zerſtreut waren, ſo wie der Pul⸗ vergeruch, der noch immer, ſelbſt auf ihrem Weg Statt fand, beſtaͤtigten wirklich ihre Ver⸗ muthung. Sie ritt dicht an ihrer Schweſter Seite, und ſuchte ihr den Anblick jener ge⸗ fuͤrchteten Gegenſtaͤnde zu entziehen, in der Beſorgniß, ſie moͤchte unter den Gefallnen nach ihrem Mann umherſchauen wollen. Ho⸗ noria wuͤrde mit Zittern nur einem dieſer Pferde genaht ſeyn, aus Furcht, Rinaldo in ihm zu entdecken. Wie erfreut war ſie, einem Dorfe zuzueilen, welches ſie bald nachher erreichten. Allein es trug nicht jenen ruhigen, einſamen Anſchein, wie die meiſten, durch die ſie bisher kamen; im Gegentheil ſchien alles in Thaͤtig⸗ keit und Verwirrung zu ſeyn. Augenſcheinlich wurden eine Menge Verwundeter zu dieſem 85 Ort gebracht, und die Einwohner bemuͤhten ſich, ihnen allen nur moͤglichen Beiſtand zu leiſten, waͤhrend die Haͤuſer ſo angefuͤllt wa⸗ ren, daß viele dieſer Ungluͤcklichen auf Stroh vor den Thuͤren kagen, wo ihr Stoͤhnen und Schmerzensausruf das Ohr erreichten. Welch eine Scene! welche Toͤne fuͤr die, denen unbekannt war, ob ſich nicht der Ge⸗ genſtand ihrer hoͤchſten Theilnahme unter den Gequaͤlten befand! Faſt vor Entſetzen erſtarrt wurden ſie von ihren Maulthieren weitergetra⸗ gen, ohne es kaum gewahr zu werden, bis die Stimme des Sergeanten ſie aufregte, in⸗ dem er ſagte, daß er ſie nun verlaſſen und weitereilen muͤſſe; indeſſen machte er ſie auf ein geraͤumiges Gebaͤude aufmerkſam, das ſich ein wenig uͤber dem Dorf erhob, wo er nicht an ihrer Aufnahme zweifelte. Er verſprach treu⸗ lich, wenn er die Entſcheidung des Tags uͤber⸗ lebte, ihnen von allem, was ſie vorzuͤglich wuͤnſchten, Nachricht zu ertheilen. Ella hatte ihn vorher gewarnt, dem Major etwas von ihrer Naͤhe zu ſagen, wenn er ihn eher ſehen ſollte, als ſie ihm Nachricht davon gegeben habe, und verlangte nur, ſo bald als moͤglich deſſen Aufenthalt ihr zu wiſſen zu thun, da ſie ihn ſelbſt auf ihre Erſcheinung vorbereiten wolle. Einer der Maulthiertreiber war zu dem großen Hauſe hinaufgegangen, um zu wiſſen, ob ſie aufgenommen werden koͤnnten, und kehrte mit guͤnſtiger Antwort zuruͤck. Der Sergeant verſprach noch einmal, ſie nicht zu vergeſſen, und marſchirte mit ſeinen Leuten unerſchrocken und lebhaften Schritts vorwaͤrts. Unſre Reiſenden naͤherten ſich nun der Wohnung, die augenſcheinlich der Aufenthalt eines vornehmen Grands geweſen war, da je⸗ der Gegenſtand umher zerſtoͤrte Herrlichkeit und einige Ueberreſte von Geſchmack andeutete. Das große Portal ſtand offen, aber ſie ſahen niemand, an den ſie ſich wenden konnten. Von ihren Maulthieren herabgeſtiegen, traten ſie in einen Raum, der vormals ein Speiſe⸗ ſaal geweſen, doch jetzt ſichtbarlich zu dem 87 neuerlichen Gebrauch eines Stalls herabgewuͤr⸗ digt war. Der Fußboden lag mit Stroh be⸗ deckt, und die maſſiven Rahmen ungeheurer Spiegel, von denen das Glas laͤngſt zerſtoͤrt, waren herabgeriſſen und getheilt, um die Un⸗ terſchiede zwiſchen den Pferden zu machen, und die ſchoͤnen vergoldeten Kraͤnze blickten neben den einſtweilig errichteten Krippen hervor. Allein ſowohl die erſten, als die letzten Beſitzer waren jetzt verſchwunden. Einſamkeit und Zerſtoͤrung zeigten ſich nur; und die Da⸗ men befragten von neuem den Mann, der zu⸗ erſt nach dem Hauſe ging. Er ſagte, mit ei⸗ ner Frau geſprochen zu haben, die er ihnen jetzt am Ende des Gartens auf einer Erder⸗ hoͤhung zeigte, wo ſie durch ein Fernrohr zu blicken ſchien. Die Schweſtern eilten auf ſie zu; der Anblick einer anſtaͤndig erſcheinenden Frau hatte etwas troͤſtliches, aber noch mehr, als ſie dieſelbe in engliſcher Kleidung ſahen. Aus dieſer Hinſicht wendeten ſie ſich in ihrer 8 Mutterſprache an ſie, werauf ſie ſchnel, ſi umkehrend, ausrief: 98 „Arme, ungluͤckliche Ladies! was konnte ſie zu einer ſo furchtbaren Zeit hierher brin⸗ gen? Sind ihre Gatten mit auf dem entſetzli⸗ chen Schlachtfeld, nach welchem ich hinſchaute, bis mir die Augen weh thaten? O, mein Mann iſt auch dort,“ fuhr ſie in Thraͤnen ausbrechend fort;„mit dem beſten der Herrn; und ach! vielleicht ſind ſie beide jetzt getoͤdtet!“ „O, Sara! Sara!“ riefen jetzt beide Schweſtern, die Haͤnde der guten Frau ergrei⸗ fend, die niemand anders als das Weib von Major Burlingtons beſonderm Bedienten war. Sie hatte ihren Mann begleitet, und blieb, da ſie ohne Kinder war, immer in ſeiner Naͤhe. Sie diente vormals in der Huͤtte und verhei⸗ rathete ſich kurz nach Ella. Es laͤßt ſich ſchwer beſtimmen, ob ſie uͤber dieſe unerwartete Zu⸗ ſammenkunft mehr betruͤbt oder erfreut war, und Ueberraſchung und widerſtreitende Gefuͤhle machten ſie fuͤr einige Zeit unfaͤhig, beſtimmte 89 Nachricht von dem Major zu geben. Als ſie aber Ella vor Befuͤrchtung beinahe ohnmaͤchtig werden ſah, erhielt ſie den freien Gebrauch ihrer Geiſteskraͤfte wieder, und ertheilte den intereſſanten Bericht, oft nur durch den Aus⸗ ruf: Gott erhalte ſie! unterbrochen, wenn der Donner der Kanonen lauter in ihre Ohren drang. Sie ſagte ihnen zuerſt, daß ihr Mann dieſen Morgen den Major auf das Schlacht⸗ feld begleitet habe, um noͤthigen Falls ihm helfen und beiſtehen zu koͤnnen, doch ſei es gegen deſſen ausdruͤcklichen Befehl geſchehen, da er ihm die Gefahr erſparen wollte. Sie erzaͤhlte dann das vorher Vorgefallne. Das Dorf, worin ſie gegenwaͤrtig ſich be⸗ fanden, hatte mehrmals dem Regiment des Majors zum Hauptquartier gedient, welches der Fall war, als er zuletzt in ſein Vaterland zu reiſen genoͤthigt ward. Doch immer in der Hoffnung, bald zu ſeiner Pflicht zuruͤckkehren zu koͤnnen, beſchloß er, ſein Leibpferd, Ninal⸗ do, und ſeinen Bedienten zu deſſen gehoͤriger 990 Pflege beim Regiment zu laſſen. Er hatte ſelbſt in einem Zimmer des großen Schloſſes gewohnt, der untere Theil ward zu Staͤllen eingerichtet, und das uͤbrige von Soldaten ein⸗ genommen; und hier waren Sara, ihr Mann und Rinaldo waͤhrend des Majors Abweſen⸗ heit geblieben, ohne von den Bewegungen des Regiments abzuhaͤngen, und hier wurden ſie einige Tage vor der Schlacht von Salamanca, oder wie ſte zuweilen genannt wird, von Ara⸗ piles, durch ſeine unerwartete Ankunft uͤber⸗ raſcht.. Er ſah da faſt noch kraͤnker aus, als vor ſeiner Abreiſe, und ſein Gemüth ſchien ungleich beunruhigter. Er erklaͤrte auf keine Weiſe ſeine Ruͤckkehr, zog ſich, außer den Pflcchten ſei⸗ nes Berufs, gaͤnzlich zuruͤck, und ſprach nur das noͤthigſte. Zufaͤllig ward die Schwadron ſeines Regiments, bei welcher er ſtand, in ihre alten Quartiere gelegt. Bis zu dem Tag der großen Schlacht war ſeine Diviſion nicht in Thaͤtigkeit geweſen; und Sara, die ihn 91 waͤhrend ſeiner vorigen Krankheit bedient hatte, entdeckte bald, daß ſein Wechſelſieber wieder⸗ gekehrt war. Dennoch wollte er durchaus keine Sorge fuͤr ſich tragen, und ſie hielt wirklich ſeinen Verſtand in Verwirrung, als ſie ihn entſchloſſen fand, ſeine Schwadron auf das Schlachtfeld zu fuͤhren. Ihr Mann befuͤrchtete, er werde aus Krankheit und Erſchoͤpfung vom Pferde ſinken, ehe ein Schuß geſchehen ſei, und wollte ihn nicht aus den Augen laſſen. Allein es waren jetzt mehrere Stunden vergan⸗ gen, und man hatte weder von dem Major, noch von ſeinem Bedienten etwas gehoͤrt. Sara bezeichnete im Lauf ihrer Erzaͤhlung den Zuſtand ihres Herrn nicht ſo genau, wie hier geſchehen iſt, und Ella ward bewogen, ihn fuͤr beſſer zu halten, als ſie vorher zu hof⸗ fen wagte. Sie gingen nun zum Hauſe zuruͤck, und in das Zimmer, wo nur die vergangene Nacht der Major geruht hatte. Das Gemach war recht bequem durch Sara eingerichtet, und hier ſah Ella all jene Spuren der neuerlichen 9² Beſchaͤftigung ihres Gatten, ſo geeignet, in ihrer gegenwaͤrtigen Ungewißheit ihre Gefuͤhle aufzuregen. Sie ſetzte ſich an die Seite des Ruhbetts und uͤberließ ſich dem Ausbruch ihres Kummers. Auch Honoria's Thraͤnen floſſen, als ſie auf kurze Zeit ihre Schweſter verließ, um ihr volles Herz zu erleichtern. Sara fuͤhrte ſie in ein angraͤnzendes Zimmer, welches ſie und ihr Mann bewohnt hatten, jetzt aber den Damen beſtimmt war. Sie ergriff dieſe Ge⸗ legenheit, ihr den wahren Zuſtand des Majors bekannt zu machen, und ſie um Nath zu fra⸗ gen, was am beſten zu thun ſei. Allein Ho⸗ nooria antwortete ihr nicht. Sie ſtanden am Fenſter, und anſtatt etwas zu erwiedern, rief 3. ſie aus:„O ſieh, gute Sara! ſieh dieß Pferd ohne Reiter mit ſlatterndem Zuͤgel uͤber die Ebene fliehen!“ „O, barmherziger Himmel!“ rief Sara, „es ſieht aus wie Rinaldo!— Beide ver⸗ ließen das Zimmer und eilten hinab, denn das Thier ſchien dieſe Richtung zu nehmen, wo⸗ 93 durch ihre Vermuthung noch mehr beſtaͤtigt ward, und Honoria's Sorge um den Major den hoͤchſten Grad erreichte. Sie gelangten in den Schloßhof, als eben das Roß dem Ort zuflog, der zu ſeinem Stall beſtimmt war. Doch trotz ſeiner ſchnellen Bewegungen ſah Honoria aus deſſen Nacken einen Blutſtrom hervorquellen, der ſeinen Lauf bezeichnete. „Es iſt, es iſt Rinaldo!“ rief Ho⸗ noria todtenbleich, ſich an die Mauer anleh⸗ nend.„Er iſt verwundet! O Sara, was ſollen wir thun?“ 1 „Ich will zu dem alten Spanier laufen, der im Dorfe wohnt, er beſchlaͤgt Pferde, und verſteht vielleicht einiges davon.“ Sara verſchwand, und Honoria ſuchte die Schwaͤche zu unterdruͤcken, die ſie fuͤhlte, in⸗ dem ſie endlich Rinaldo's Aufenthalt zu nahen wagte; aber ſie fürchtete hineinzugehen, denn ſie hoͤrte ihn raſtlos umherlaufen, als erwarte er jemand, der ſeine Schmerzen lindere, waͤh⸗ 94. rend er auf furchtbare Weiſe ſchnaufte und wie⸗ herte. Sie erſtieg nun einen Haufen Steine vor dem Fenſter, durch welches ſie ihn ſehen konnte.„Rinaldo! Rinaldo!“ rief ſie,„lie⸗ ber ſchoͤner Rinaldo! mein armer, armer Ri⸗ naldo! O, daß ich dir helfen koͤnnte!“ Sobald er ihre Stimme hoͤrte, blieb er ſtehen; ſein ſchoͤner Hals bog ſich nach ihr hin, ſeine Ohren richteten ſich empor, und ſeine Augen blitzten ihr entgegen. Aber im naͤchſten Augenblick trabte er nach dem Fenſter und ſtand unter demſelben. Die Wildheit ſei⸗ nes Ausſehns ließ ploͤtzlich nach, und er hielt den Kopf empor, als ſollte man ihm ſtreicheln. Gewohnt, daß ſelbſt der weibliche Theil der Familie ihm ſchmeichelte und Kurzweil mit ihm trieb, hoͤrte er nicht ſobald die ſanfte Stimme, als er zahm ward. Honoria konnte gerade hin⸗ abreichen, ſeine Stirne zu klopfen, aber ſchnell zog ſie ihre Hand zuruͤck, indem auf einmal ſeine Augen zu rollen anfingen, und die Beine 95 unter ihm zu ſinken ſchienen. Mit ſchwerem Fall ſtuͤrzte er auf die Seite zu Boden. „Er iſt todt! er iſt todt!“ jammerte Honoria, von dem Steinhaufen herabſpringend, um zu laufen, ohne zu wiſſen wohin. Allein Sara und der ſpaniſche Schmid hemmten ihre Schritte, und der letzte zerſtreute eine ſo große Beſorgniß, wie ein vernunftloſes Geſchoͤpf er⸗ regen konnte, als er, nachdem er das edle Thier unterſucht hatte, es noch fuͤr lebend er⸗ klaͤrte; allein die Menge Blut, die er auf der Flucht verlor, hatte endlich ſeine Kraͤfte voͤllig erſchoͤpft. Eine Kugel war in ſeinen Hals eingedrungen, doch ſchien die Wunde nicht ge⸗ faͤhrlich zu ſeyn. Waͤhrend der Mann ihnen dieſe Verſich⸗ rung gab, fuͤhlte Honoria ſich von Sara an den Aermel gezupft, und als ſie dieſelbe an⸗ blickte, ſah ſie ihr Geſicht krampfhaft bewegt, die Lippen bleich und zitternd, und obwohl ſie zu ſprechen verſuchte, konnte ſie erſt nach 1 laͤngerer Zeit hervorſtammeln:„Mein Mann! O, Barnet, mein Mann!“ „Was geſchah mit ihm! iſt ihm etwas begegnet?“ rief Honoria. „O nein, nein! aber er kommt uͤber die Ebene und—„Und was?“—„O, er⸗ ſchrecken ſie nicht ſo ſehr, aber ich glaube, der Major iſt ohnmaͤchtig geworden, denn ich ſehe jemand herbeitragen!“ 3 Honoria ergriff Sara's Arm, aus Furcht zu Boden zu ſinken; dennoch wuͤnſchte ſie ihr zu ſagen, daß ſie ihnen entgegeneilen mochte, um das ſchlimmſte auf einmal zu erfahren. In dieſem Augenblick kam Barnet in den Hof gelaufen, ſeine Frau auf das, was zu erwarten war, vorzubereiten. Bei Honoria's Anblick wich er doͤchſt unangenehm uͤberraſcht zuruͤck. Im Ton der Verzweiflung rief ſie ihm jetzt zu, mit einmal zu ſagen— ob er todt ſei? „Nein, nein, nicht todt! Gott ſei Dank! „Alſo verwundet? toͤdtlich verwundet?“ 92 „Nein, gar nicht verwundet, nur gaͤnz⸗ lich erſchuͤpft.“ „Guͤtiger Himmel, ich danke dir!“ iief Honoria die Haͤnde faltend, indem ſie von Sara begleitet zum Hauſe zuruͤckeilte. „Wir muͤſſen die Lady aus dieſem Zim⸗ mer zu entfernen ſuchen,“ ſagte letztere. „Ja, Sara, allein mein Anblick wuͤrde ſie toͤdtlich erſchrecken; ich will in das andere Zimmer gehen, mich zu faſſen, und du ſag ihr, daß ich mit ihr zu ſprechen wuͤnſchte.“ Ella war bemuͤht, einigen Grad der Ruhe zu erhalten, als ſie Sara's Stimme hoͤrte, die ſie zu ihrer Schweſter rief. Sie trocknete ihre Thraͤnen und ging in das naͤchſte Zimmer. Honoria ſchloß ſie in die Arme und ſagte, daß kein neuer Grund zu Beſorgniſſen da ſei, und ſie hoffen duͤrften, alles werde noch⸗ gut gehen.„Wir haben erfahren,“ fuhr ſie fort, „daß er nicht verwundet iſt, ſondern das Atzaclas nur aus Erſchoͤpfung esläſen hat.7 Guerill Anf. II. 98 „O wo, wo iſt er? und wer hat dieß geſagt?“ rief Ella in hoͤchſter Bewegung. Nach und nach theilte ihr Honoria die wahren Verhaͤltniſſe mit, und fand mit Ver⸗ gnuͤgen, daß die Freude, ihn den Gefahren des Tags entgangen und ſich ſo nahe zu ſehen, jedes andere Gefuͤhl verdraͤngte. Sie rief wie⸗ derholt: ihn nur pflegen, an ſeiner Seite wachen und jedem ſeiner Wuͤnſche zuvorkommen zu koͤnnen, ſei alles, was ſie verlange! Den⸗ noch wußte ſie vollkommen, daß ihr Anblick im gegenwaͤrtigen Fall ſein Leben in Gefahr ſetzen wuͤrde, aber ſie ſann auf ein Mittel, bei ihm zu ſeyn, ohne daß er ſie kenne. Sie lauſchten aufmerkſam, allein die Waͤnde waren zu dick, um etwas von dem zu hoͤren, was im naͤchſten Zimmer vorging. Honoria furchtete jetzt mehr, als ihre Schweſter; denn Barnets Geſicht hatte ſie er⸗ ſchreckt; indeſſen wußte ſie zu ihrer Beruhigung, daß der Major aͤrztlichen Beiſtand haben konn⸗ te, da mehrere Aerzte wegen der Verwunde⸗ 1 99 ken im Dorf zuruͤckgeblieben waren. Sara kam jetzt zu ihnen, ſchien aber durch Ella's eifrige Fragen nach ihrem Mann ſehr geaͤngſtet zu werden; ſie ſtockte und ſtammelte, und be⸗ merkte endlich, der Major befinde ſich gewiß nicht ſehr wohl, hinzufuͤgend, da er aber ſo lange das Fieber gehabt habe, haͤtte ihn der heutige Tag ſehr erſchoͤpfen, und der Laͤrm be⸗ taͤuben muͤſſen, und er wiſſe kaum, wo er ſei. „„Aber was ſagt der Arzt? fragte Ho⸗ noria. 3 „Ei, er ſagt nicht viel, aber ich glau⸗ be, er denkt, der Major werde durch ſorg⸗ faͤltige Pflege mit der Zeit geneſen. Und ich habe das Zimmer dunkel gemacht, und alles um ihn her zu ſeiner Bequemlichkeit eingerich⸗ tet, und er ſcheint in einer Art Schlummer zu liegen, und Barnet iſt bei ihm, und ſie ſagen, Rinaldo wird beſſer. Die arme Sara wollte ſo viel Troſt ge⸗ waͤhren, als ſie konnte, war aber etwas be⸗ ſtuͤrzt, als Mrs. Burlington ausrief: 27 100 „Sara, ich muß ihn ſelbſt pflegen! wer iſt ſo geſchickt dazu? wem gehoͤrt dieß Geſchaͤft als mir? Ich muß und will Tag und Racht bei ihm wachen und— ℳ „Theure Lady, wenn er ſie ufämg er⸗ kennen ſollte, wuͤrde ihm die Ueberraſchung ſehr ſchaden!“ „Mich zufaͤllig erkennen,“/ wiederholte Ella mit aͤngſtlichem Blick.„Ach, Sara, du haſt verrathen, daß er nicht ſeine voͤllige Be⸗ ſinnung hat! Aber geh⸗ ünd hole einige deiner Kleider, und ich will mich genau wie du an⸗ ziehen. Gieb mir die große Haube, die du traͤgſt! Das Zimmer iſt dunkel, und wenn er ſpricht, kann ich ihm leiſe antworten; in ſeinem gegenwaͤrtigen Zuſtand wird er nicht auf ſeine Bedienung achten. Geh, Sara, ich bin ent⸗ ſchloſſen;z ich muß an meinem Platz ſeyn!— Fuͤrchte nicht,“ fuhr ſie zu ihrer Schweſter fort,„daß mein Betragen mich verrathen wird; ich kenne wohl die Folgen, die es ————— — 101 haͤtte. Ich kann alles ertragen, wenn ich nur in ſeiner Naͤhe bin. Als Sara ſie ſo entſchloſſen fand, ihre Stelle im Zimmer des Kranken einzunehmen, verſchwieg ſie nicht laͤnger ſeinen wahren Zu⸗ ſtand, und bekannte, daß er voch kein Zeichen von Beſinnung verrathen habe, ſondern in ei⸗ ner Art Betaͤubung liege, obwohl er frei athme. Ella konnte jetzt nicht niedergeſchlagen werden; ſie ſchien von neuer Kraft, neuem Muth beſeelt und ging ſtandhaft in des Ma⸗ jors Zimmer. Barnet ſaß am Bett und glaubte ſeine Frau ſei hereingekommen, da Ella ziem⸗ lich dieſelbe Groͤße hatte, und es nicht hell genug war, die Zuͤge zu erkennen. Ella ſetzte ſich auf einen Stuhl an der Thuͤr und blickte nach dem Bett; die Ueberreſte eines alten gruͤn damaſtnen Vorhangs verhinderten ſie, den darin Liegenden zu ſehen, und ſie fuͤrchtete zu nahen. „ Seine Augen ſind jetzt gaͤnzlich geſchloſ⸗ ſen, 71 ſagte Barnet leiſe,„und ich boff, er iſt eingeſchlafen.“ 10 Ella wagte nun, eine andere Stellung an⸗ zunehmen, die ihr den Anblick des ſo innig geliebten Mannes verſtattete; dennoch hinderte die Dunkelheit, ſein Geſicht zu unterſcheiden, und ſie wollte nicht naͤher gehen, weil ſie fuͤrchtete, Barnet einen Ausruf des Erſtaunens bei ihrem Anblick abzunoͤthigen; allein er ſtand jetzt leiſe auf, indem er ſagte, nach Rinaldo ſehen zu muͤſſen, und verließ das Zimmer. Ella naͤherte ſich zitternd, und erblickte von neuem jene geliebten Züge, die, obwohl bleich wie der Tod, ſtarr und unbelebt, ſie mit Entzuͤcken betrachtete. Dennoch fand ſie nichts erſchuͤtterndes in ihrem Ausdruck, und ſie fuͤhlte ſich erleichtert, als ſie ihn nur aus⸗ nehmend bleich und wie im Schlummer ſah. Sein Haupt war unbedeckt, die Arme lagen uͤber der Decke, und auf ſeiner Bruſt, deren Bekleidung ſich etwas geoͤffnet hatte, ruhte ihr Bild. Was haͤtte ſie in dieſem Augenblick darum gegeben, ſich ihren Gefuͤhlen uͤberlaſſen zu duͤrfen? ſich an die Bruſt ihres Mannes zu — werfen, ihn durch Liebkoſungen wieder zu be⸗ leben, und ihn von ihrer Unſchuld zu uͤber⸗ zeugen! Sie hielt ihr Tuch vor den Mund, um die Seufzer zu unterdruͤcken, und ſank am Fuß des Betts auf die Kniee, fuͤhlend, daß nur eine fromme Ergießung des Herzens ihre Empfindungen erleichtern oder beruhigen konn⸗ te. Gefaßter hob ſie ſich empor, und an dem Lager ihres Gatten ſitzend, üdl e ſ ſie ſich ver⸗ haͤltnißmaͤßig gluͤcklich. Sara, die ihren Mann aus dem Zimmer kommen ſah, erklaͤrte bald ſein ausnehmendes Seſtaunen hinweg, die zu erblicken, die er im Zimmer gelaſſen zu haben glaubte. Er erzaͤhlte dann auf Honoria's Verlangen die Ereig⸗ niſſe des Tages, und berichtete alle intereſſan⸗ ten Vorfälle deſſelben. Major Burlington be⸗ gab ſich dieſen Morgen zum Kampf, mit der völligen Ueberzeugung, nie wieder zuruͤckzukeh⸗ ren, und betrug ſich mit aller Verzweiflung eines Mannes, der ein Daſeyn zu enden 104 wuͤnſcht, das ihm zur Qual gereicht. Man fah ihn ſtets an den hoͤchſt ausgeſetzten Orten, und nur eine beſondere Vorſehung konnte ihn in den Gefahren erhalten haben, die ſo oft ihm drohten. Er that mehr, als die Natur in ſo geſchwaͤchtem Zuſtand faͤhig zu ſeyn ſchien/ allein Verzweiflung gab ihm Kraft und unter⸗ ſtuͤtzte ihn, bis zur Zeit, wo er gewoͤhnlich Fieberanfaͤlle bekam. Hier war er oft aus — Uebelbeſinden nahe daran, vom Pferde zu ſin⸗ ken, dennoch erholte er ſich wieder, bis Ri⸗ naldo's Satz, als ihn die Kugel traf, ſeinen entkraͤfteten Reiter aus dem Sattel hob und ohnmaͤchtig zur Erde warf. Das ſanfte Thier ſtand an der Seite ſei⸗ nes Herrn ,bis einige von denen, die zufaͤllig in der Naͤhe und ihm fremd waren, ſeinen Zuͤgel ergreifen wollten, wo er ſogleich davon ſprang, und nachdem er in mannichfachen Rich⸗ tungen uͤber die Ebene gerannt war, dem zu ſeinem Stall beſtimmten Ort zueilte. Barnet, obwohl zu Pferd, konnte nicht immer den 2 103 ſchnellen Bewegungen ſeines Herrn folgen und blieb im Nachtrab der Schwadron, war aber in wenig Angenblicken bei ihm. Er bemerkte bald, daß er ohnmaͤchtig, oder durch den Fall betaͤubt war, und brachte ihn mit Huͤlſe An⸗ drer vom Schlachtfeld, entdeckte aber noch im⸗ mer kein Zeichen von Bewußtſeyn an ihm, als ſie beinahe ihr Ziel erreicht hatten, wo er aus⸗ nehmend beunruhigt waͤrd. Honsria ſah ſich jetzt der Einſamkeit uͤber⸗ laſſen, die ſie unter gegenwaͤrtigen Verhaͤltniſ⸗ fen hoͤchſt angenehm fand; ſie beklagte nicht ihrer Schweſter Abweſenheit, die ſie endlich an ihrem rechten Platz zu ſeyn glaubte, und hoffte alles ihren Wuͤnſchen gemaͤß nach und nach er⸗ folgen zu ſehen. Dennoch blieben ſie noch drei Tage in der ſchmerzlichſten Unruhe, da waͤhrend dieſer Zeit des Majors Daſeyn in der hoͤchſten Gefahr ſchwebte. Sobald die Beraͤu⸗ bung nachließ, verrieth er alle Kennzeichen eines heftigen Fiebers; ſeine Sinne waren gaͤnzlich in Verwirrung, und er phantaſirte 106 immerwaͤhreud von dem Baronet und ſeiner Gattin, ſie faſt in einen Zuſtand aͤhnlicher Zer⸗ rüttung verſetzend; worauf die Krankheit ploͤtz⸗ lich eine günſtige Wendung nahm, und der Arzt ſeine endliche Geneſung fuͤr wahrſcheinlich erklaͤrte. Seine Schwaͤche hatte ſich in dieſem Fall als ſein beſter Freund erwieſen; da in voller Geſundheit das Fieber weit heftiger ge⸗ weſen, und ſeinem Leben ein Ende gemacht haben wuͤrde, wie bei vielen andern ſeiner Ge⸗ faͤhrten, die demſelben Uebel erlagen. Auf den Major wirkte es ſehr vortheilhaft, da deſſen uͤberlegene Kraft das vorhergehende kalte Wech⸗ ſelſteber vernichtet zu haben ſchien, und es kehrte auch bei ſeiner zunehmenden Geneſung nicht wieder zuruͤck. Sein Leben war nicht mehr in unmittelbarer Gefahr, und Ella ward bewogen, ſich auf eine Matratze neben ſeinem Bett niederzulegen. Ban Er war jetzt von neuem in einen Zuſtand gaͤnzlicher Erſchoͤpfung geſunken, ſchien aber den Gebrauch ſeiner Sinne wieder erhalten zu 107 haben. Honoria hatte lange uͤber das beſte Mittel nachgedacht, ſein Gemuͤth von der un⸗ ertraͤglichen Laſt befreien zu koͤnnen, und einen langen erklaͤrenden Brief geſchrieben, der je⸗ den Umſtand ihrer Reiſe und deren Unter⸗ brechung darſtellte, doch ohne die Perſon zu nennen, die ſie veranlaßte; denn wenn des Majors Eiferſucht nicht von dieſem beſondern Vorfall herkam(welches ſie nicht gewiß wuß⸗ te), ſo wollte ſie nicht zuerſt dieſes Gegen⸗ ſtands erwaͤhnen. Sie ſchilderte auf das ruͤh⸗ rendſte den Kummer ihrer Schweſter beim Empfang ſeines Briefs, und die Empfindun⸗ gen, die ſie bewogen, ihn in Plymouth auf⸗ zuſuchen; und endete mit dem lebhafteſten An⸗ griff auf ſein Gefuͤhl, nicht ohne Vorwuͤrfe wegen ſeines Betragens gegen ihre Schweſter, die tugendhaft, wie ein Engel, ſich nie von ihr getrennt habe. Der Brief war von Liſſa⸗ bon datirt und ſollte ihm, ſobald es fuͤglich geſchehen konnte, uͤbergeben werden, nebſt ei⸗ nem Schreiben von Ella, das den Zuſtand ih⸗ 1 108 8* res Gemuͤths ausdruͤckte. Durch dieſe Maßre⸗ gel ſollte der Major auf ihren Anblick vorbe⸗ reitet und alles erklaͤrt werden. Wie aͤngſt⸗ lich erwartete Ella Kennzeichen der Beſſerung, die den Empfang dieſes ſchriftlichen Heilmit⸗ tels geſtatteten, das ſie zu ſeiner Geneſung fur wirkſamer hielt, als alles andre. Seitdem die Fieberphantaſien ihn verlaſſen hatten, hoͤrte ſie nur einzelne leiſe Worte von ihm, er oͤff⸗ nete ſelten die Augen und tiefe Seufzer ent⸗ flohen oft ſeiner Bruſt. Wenn er Arznei oder Nahrung empfing„ begab ſich Ella hinter den Vorhang, und Sara kam hervor, da ihm oft lange zugeredet werden mußte, ehe er etwas nahm. 43e Ks Eines Morgens wuͤnſchte der Arzt ſeinem Kranken zu deſſen bedeutender Beßrung Gluͤck, da ſein Puls wiederkehrende Kraft anzeige; und rieth ihm auf alle Weiſe, kurze Zeit auf⸗ zuſtehen. Der Major ſchwieg, und der Arzt außerte ſein Bedauern, ihn ſo niedergeſchlagen zu ſehen, da er nicht an ſeiner Geneſung —— 109 zweiſle, die einige Uebung der Kraͤfte befoͤr⸗ dern wuͤrde. Der Major ſagte nur, er wuͤnſche nicht aufzuſtehen, und der Arzt bemerkte, ſich entfernend, daß ſeine Schwaͤche gewiß zuneh⸗ men werde, wenn er ſich ihr ſo gaͤnzlich uͤber⸗ laſſe.— Ella, die dieß Geſpraͤch mit anhoͤrte, war jetzt zweifelhaft, ob es nicht beſſer ſei, ihm die Briefe zu geben. Indeſſen fuͤrchtete ſie noch immer zu ſehr die Bewegung, die es erregen duͤrfte, um es zu wagen. Als ſie uͤber dieſen Gegenſtand nachdachte, hoͤrte ſie ihren Gatten leiſe, Sara! rufen. Sara war in dieſem Augenblick nicht im Zimmer, aber Ella ſaß neben dem Bett; ſie neigte ihr Ohr nach ihm hin, und er ſetzte hinzu:„Sind Brieſe fuͤr mich da?“ Denn er hielt es für moͤglich, ſeine Gattin koͤnnte durch dieſes Mit⸗ tel ihn zu beſaͤnftigen ſuchen. Ella konnte nicht antworken, ſtand aber ſogleich auf und eilte, die Briefe von dem Ort zu nehmen, wo ſie lagen, und zeigte ſi ſie, ehe ſie dem Bett nahte. 110 „Gieb ſie mir!“ rief Edgar ungeduldig and laut, zum erſtenmal, ſeitdem er ſein Bewußtſeyn wieder erhielt, wobei er ſich mit mehr Staͤrke aufrichtete, als Ella ihm zuge⸗ traut haͤtte. Sie legte ſchnell die Briefe vor ihn hin, fuͤrchtend, er moͤchte das Zittern ihrer Hand bemerken.„Zieh die Gardinen auf, Sa⸗ ra!“ ſagte er,„ich kann nicht ſehen; ſchnell, ſchnell!— O, Himmel!“ hoͤrte ſie ihn aus⸗ rufen, als er die Handſchrift erkannte, wor⸗ auf er einige Minunten das Geſicht verbarg. Ella eilte zu ihrem alten Platz, hinter den Vorhang zu Juͤßen, in welchem ſich man⸗ cher Riß befand, durch den ſie ihn vollkom⸗ men gut ſehen konnte. Er bemuͤhte ſich, das Siegel zu erbrechen, zitterte aber ſo ſehr, daß er es ohne Gefahr, die Schrift zu zerreißen, nicht bewirken konnte.„Sara! Sara!“ rief er,„oͤffne den Brief— ich werde ihn in Stuͤcken reißen!“ Ella wagte nicht zu erſchei⸗ nen, das vermehrte Licht wuͤrde ſie verrathen haben, und ihre Bewegung war ſo heftig als IIT die ſeine. Er ſuchte noch immer den Brief zu oͤffnen, waͤhrend er wieder, Sara! rief; doch es war ihm nun gelungen. Sein Geſicht uͤber⸗ zog ſich mit Roͤthe, indem er den Inhalt las, und oft ſank er auf die Kiſſen zuruͤck und legte die Hand an die Stirn. Doch bald richtete er ſeine Blicke wieder auf dieſe Zeilen, die ſo ganz das Gepraͤge der Unſchuld trugen. Sie athmeten den Ton und Charakter beleidig⸗ ter Tugend, und einer feurigen, obwohl ge⸗ kraͤnkten Zaͤrtlichkeit, und bewirkten, ſeinen eignen Sinnen zu Trotz, Ueberzeugung. Ella war in toͤdtlicher Angſt wegen der Bewegung, die er verrieth, und nur dieß, und die Furcht, vielleicht ſein Leben in Gefahr zu ſetzen, konnte ſie abhalten, in ſeine Arme zu eilen. Er glaubte ſich allein, und wiederholte einige Stellen laut, und Thraͤnen entſtuͤrzten ſeinen Augen. Ella's Thraͤnen floſſen ſchon lange, und ſie freute ſich uͤber dieſe Eyleich⸗ terung ſeiner Gefuͤhle. Als er ihren Entſchluß las, zu ihm zu kommen, ſchien er zwiſchen 112 Hoffnung und Furcht, Freude und Schmerz zu ſchwanken, und bei Wiederholung ihrer zaͤrt⸗ lichen Unterſchrift, druͤckte er das Papier, wie aus unwiderſtehlichem Antrieb, an ſeine Lippen. Er durchlas den Brief mehreremal, und ſchien den andern vergeſſen zu haben, welchen Ella ſo ſehr von ihm geleſen wuͤnſchte, da er erklaͤrender und ausfuͤhrlicher als der ihre war. Dennoch ließ er ihn unbeachtet, bis Sa⸗ ra's Eintritt ſeinen Gefuͤhlen Zwang auſtegte. Er erbrach hierauf den zweiten Brief, und las ihn mit der tiefſten Aufmerkſamkeit: er uͤber⸗ zeugte ihn von allem, was er zu glauben. wuͤnſchte, und je mehr er nachdachte, deſto deutlicher erſchien ihm die Wahrheit. Hono⸗ ria hatte ihre Schweſter nie verlaſſen! zund das war allein hunueichend, deren Schutxloſig⸗ keit zu beweiſen. u S 3 5 Bei Honoria's Anblick in Pipweur glaubte er, ſie ſei in der dortigen Gegend geweſen,⸗ wo ſte, wie er wußte, Bekannte hatten, und ohne etwas von dem Vorgefallnen zu wiſſen, 113 habe ſie ihre Schweſter da getroffen. Er er⸗ 3 innerte ſich nun, daß er in jenem Wirthshauſe zwiſchen ein und zwei Uhr des Nachts ankam, und es noch voͤllig dunkel war, nachdem er ſich wieder erholte, und den Wagen mit ſei⸗ ner Gattin fortfahren ſah. Da es aber zu dieſer Zeit im Jahr zwiſchen drei und vier Uhr Tag wird, ſo war dieß ein ſichrer Beweis, daß er nicht lange ohne Beſinnung geweſen ſeyn konnte, und ſie, wie Honoria in ihrem Brief angab, nicht uͤber eine Stunde im Hauſe jener Perſon geweſen waren. Wer es war, wußte der Major vollkommen, und ſein gan⸗ zer Zorn richtete ſich auf den Baronet, deſſen Abſichten er nicht bezweifelte. Die Art, mit welcher er wiederholt, von einem zum andern ſich wendend, die Briefe las, ſie dann einen Augenblick in ſeinem Bu⸗ ſen verwahrte, und mit munterm belebren Aus⸗ ſehn von neuem ſie durchſah, ließen ihr keinen Zweifel an der Erfüllung ihrer feurigſten Er⸗ wartungen uͤbrig. Nach kurzem rief er Sara's Guerilg⸗Anf. II. 8 114 Namen mit einem Ton der Heiterkeit, der dieſe in Erſtaunen ſetzte, da er ſo lange nur ganz leiſe geſprochen hatte. Er gebot ihr„ Barnet zu ihm zu ſenden, weil er ſogleich aufſtehen wolle, welches der Arzt ihm gerathen habe. Er verlangte hierauf den Spiegel aus ſeinem Reiſegeraͤth und ſchien uͤber ſeinen Anblick ganz beſtuͤrzt:„„Wie furchtbar ich ausſehe!“ rief er.„Barnet muß ſogleich mein Haar ver⸗ ſchneiden. O, welch einen ſchrecklichen Bart! es könnte eine Frau in Furcht ſetzen. Sara, ich wundre mich, wie du nicht vor mir davon laͤufſt!7 Sara war uͤber die Veraͤnderung ihres Herrn ſo erſtaunt, daß ſie einige Augenblicke nicht ſprechen konnte, und aͤußerte dann ihr Vergnuͤgen, ihn um ſo vieles beſſer zu ſehen, wobei ſie immer auf Ella hinblickte, und wenn der Major nicht ſo ganz mit ſeinen beſondern Gedanken beſchaͤftigt geweſen waͤre, ſo wuͤrde er an ihrem Betragen bemerkt haben, daß eine dritte, und ſehr an ihm Theil nehmende Per⸗ 115 ſon im Zimmer ſei. Die Thuͤr war Ella's Hinterhalt nahe, und ſie entfernte ſich mit Sara zugleich, um zu ihrer Schweſter zu ei⸗ len, ihr das Gelingen ihres Planes mitzu⸗ theilen und mit ihr zu berathen, wie ſie auf die beſte Weiſe ſich entdecken koͤnne, da ſie es fuͤr unmoͤglich hielt, laͤnger, ohne ſich zu zeigen, in der Naͤhe ihres Edgars zu bleiben. Honoria nahm auf das lebhafteſte an dem Entzuͤcken ihrer Schweſter Theil, rieth ihr aber, ſich nicht wieder in des Majors Zimmer zu wagen, bis ſie erfahren haͤtten, wie er ſich nach dem Aufſtehen befinde. Nachdem er eine Stunde außer dem Bett zugebracht, und von einem guten Mittagsmahl geſprochen hatte, ward er ſehr matt und ruhte gern den uͤbrigen Theil des Tags auf ſeinem Lager. Da Muth und Kraft ihn verließen, fing er an tauſend grundloſe Befürchtungen zu hegen, und hielt es fuͤr unmoͤglich, je das Gluͤck einer Wieder⸗ vereinigung mit ſeiner Gattin zu genießen; und ganz erſchoͤpft ſank er von neuem in einen 8 116 Zuſtand von Niedergeſchlagenheit, obwohl Gluͤck im Vergleich mit dem, was er vorher erdul⸗ dete. Als die Schweſtern genaue Nachricht von ſeiner Stimmung erhielten, beſchloſſen ſie, jede neue Bewegung zu vermeiden, und Ella wollte noch einmal ihren Platz auf der Ma⸗ tratze einnehmen, wo ſie ſo viele Naͤchte, ſelbſt 4 ohne ſich auszukleiden, zugebracht hatte. „Da er ſich jetzt wohl genug befand, um⸗ herzublicken, und auch die Fenſter nicht wie⸗ der verhuͤllen laſſen wollte, wagte ſich Ella nicht in ſein Zimmer, bis es dunkel war. Die Lampe ſtand entfernt und ſie ſah ihn in einem ruhigen und ſanften Schlummer, wofuͤr ſie dem Himmel dankte, und ihr niedres Bett einnahm. Der Grad von Ruhe, der in ihr Herz zuruͤckgekehrt war, machte ſie geneigt, eines Schlummers zu genießen, der ſo viele Naͤchte unterbrochen ward. Doch als ſie eben ruhen wollte, bewegte ſich Edgar, und auf ſie herabblickend, ſagte er im Ton der Ueberra⸗ 117 ſchung—„Sara! gutes Geſchoͤpf! es iſt im geringſten nicht noͤthig, jetzt bei mir zu wachen! Ich fuͤrchte, es iſt oft waͤhrend meiner Krank⸗ heit geſchehen; Barnet ſollte dieß Amt ver⸗ richtet haben.“ Ella konnte nur thun, als ob ſie ſchlafe. Der Major ward getaͤuſcht und ſprach keiſe:„Armes Geſchoͤpf! Deine Ge⸗ bieterin wird dich dafuͤr ſegnen.“ Er legte ſich wieder auf ſein Kiſſen. Allein Ella's Nei⸗ gung zum Schlaf war verſchwunden, und erſt nach laͤngerer Zeit konnte ſie das ſtuͤrmiſche Klopfen ihres Herzeus beruhigen und der Ver⸗ geſſenheit huldigen; und als ſie endlich eines kurzen Schlummers genoß, ſchreckte ſie unru⸗ hig daraus empor, waͤhnend, oder vielmehr traͤumend, ſie hoͤre ihren Edgar aͤchzen. Sie erhob ſich auf die Kniee, um ihn anzublicken, allein er lag vollkommen ruhig; dennoch be⸗ trachtete ſie ihn, bis, ganz von Schlaf bezwun⸗ gen, ihr Haupt auf das Bett ſank, und hier ruhte ſie, unbewußt, bis der Ruf, Sara! mit lauter und erſchrockner Stimme ſie er⸗ 118 weckte, waͤhrend ſie ihren Arm heftig ergriffen fuͤhlte. Wild emporblickend ſprang ſie auf: das Tageslicht erhellte das Zimmer. Sie nahm ihr Kopfzeug, das auf einem Stuhl am Bett lag, und ihr Geſicht hineinhuͤllend, wagte ſie keinen Blick auf ihren Mann. Er ſaß im Bett, umherſchauend, als wolle er ſich von ſeinem Wachen uͤberzeugen, dann heftig die Augen reibend, wiederholte er: Sara! Sara! ich phantaſire noch immer; mein armes Gehirn iſt verwirrt, und die Taͤuſchung ſo ſtark, daß ich ſie nicht vernichten kann. Ich glaubte deinen Kopf hler an der Seite des Betts ruhen zu ſehen; und als das Tageslicht dein Geſicht erhellte, haͤtte ich geſchworen, meine Gattin zu erblicken. Ich ſchaute wieder und wieder, und ſtets blieb dieſelbe Verblendung! Selbſt noch jetzt erfullt ſie mein Gemuͤth ſo ſehr, daß ich ſie noch immer zu ſehen glaube. Blick auf, Sara! laß mich deine Zuͤge betrachten! Es 119 erregt mir Entſetzen, mich noch fuͤr einen Raub der Taͤuſchung halten zu muͤſſen!“— Ella ſank von neuem auf die Kniee und verhuͤllte ihr Geſicht am Bett.„„ Armes Weib! ſie iſt noch immer voll Schlaf,“ dachte der Major, der jetzt ſeine Sinne wieder zu erhal⸗ ten glaubte, als eine weiche zitternde Hand ſich ſanft auf die ſeinige legte, und ein be⸗ wegter Seufzer dem Buſen der vermeintlichen Sara entfloh. Ein Ton der Freude begleitete die heftige Erſchuͤtterung, die ſein Weſen durch⸗ bebte. Er ſchloß die zitternde Hand zwiſchen ſeine beiden Haͤnde— er blickte ſie an— er druͤckte ſie an das Herz und an die Lippen, und zog maͤchtig den Gegenſtand an ſich, der dieß Gefuͤhl der Bewegung erregte. Ell warf die Verhuͤllung ihres Kopfs von ſich und ſchaute ihn einen Moment mit der hoͤchſten Zaͤrtlichkeit an, dann ſank ſie unter dem Ausruf: mein Gatte! an ſeinen Nacken und fand von neuem eine Heimath in dieſen Armen, die ſie rein und ſchuldlos an ein vor 120 unausſprechlichem Entzücken Aohjundes Herz druͤckten! Honoria war mit Ankleiden beſchaͤftigt, als ihre Schweſter ins Zimmer trat, um ihr eignes Gewand wiederzunehmen.— Ihr freu⸗ diges Geſicht verkündete die glückliche Ent⸗ deckung. Sie erzaͤhlte ſchnell das Vorgefallne, und was ihr Edgar mitgetheilt hatte, und ihr Entſetzen bei der Nachricht, in des Baronets Hauſe gewefen zu ſeyn, wuͤrde ihn uͤberzeugt haben, haͤtte er nur den geringſten Zweifel gehegt. Sobald Edgar aufgeſtanden war, aͤußerte er den Wunſch, ſeine Schwaͤgerin zu fehen, ſagte aber, er hoffe, nicht wie er verdient, von ihr behandelt zu werden. Ella wiederholte ihr ſeine Worte, mit der Bitte, nicht un⸗ freundlich gegen ihn zu ſeyn. Allein dieß war uͤberfluͤſſig; denn Honoria ging ſogleich in ſein Zimmer und nahte ſich ihm mit Blicken der Zuneigung und dargereichter Hand. „Koͤnnen ſie mir die Hand bieten?“ 121 ſagte er, indem er ſie lebhaft ergriff. Sie bot ihm die Wange dar, und ſie kuͤſſend, ſetzte er hinzu.„Theures Maͤdchen! ſie muͤſſen den Namen Burlington haſſen.“ Honoria wechſelte die Farbe, und er bereute es, darauf Hingee deutet zu haben. „Ich kann ihn nie haſſen, ſo lange ſe ihn tragen,“ erwiederte ſie. Er ſeufzte, aber Ella's Laͤcheln entfernte bald jede unangenehme Erinnerung, und alles nahm den froͤhlichſten Anſchein an, die natuͤrliche Folge nengebornar, Güittfeligkeie 66. * Mit Freuden konnte jett Honoria ihrer Mutter ſchreiben, der ſie die Nachricht gab, daß ſie ſich unter des Majors Schutz befänden, deſſen Geſundheit wieder etwas gelitten habe, doch würden ſie ſobald wie moͤglich nach Eng⸗ land zuruͤckkehren. Sie fuͤgte noch einige Schil⸗ derungen ihrer Reiſe hinzu, wodurch ſie die⸗ ſelbe zu unterhalten hoffte, waͤhrend ſie jede Vermuthung eines mißfaͤlligen Ereigniſſes von ihr entfernt hielt. 12²2 Honoria konnte nun auf die ſie umgeben⸗ den Gegenſtaͤnde einige Aufmerkſamkeit richten. Sie waren gegenwaͤrtig die einzigen Bewohner ihres geraͤumigen Aufenthalts, denn die Armee war weiterfortgeruͤckt, und in dieſem Dorf blie⸗ ben nur die, welche zur Reiſe unvermoͤgend waren. Ihre Kenntniß der Umgebungen be⸗ ſchraͤnkte ſich bloß auf einen großen gruͤnen Platz hinter dem Hauſe, wohin jetzt taͤglich Rinaldo gefuͤhrt ward, der in ſeiner Geneſung weit groͤßre Fortſchritte machte, als ſein Herr. Zu dieſem Ort begab ſich Honoria oft in Be⸗ gleitung ihres treuen Chico. Dennoch wuͤnſchte ſie bald, ihre Spaziergaͤnge ausdehnen zu koͤn⸗ nen; denn die Stunden ſingen an ihr eher langweilig zu werden, da ſie der Mittel be⸗ raubt war, ihre gewoͤhnlichen Beſchaͤftigungen zu verfolgen. Der Major fuͤhlte ſich vollkom⸗ men zufrieden, wenn er den ganzen Tag hin⸗ durch ſein Haupt an Ella's Schulter ruhen laſſen konnte; und da ſie ihre beſtändige Ge⸗ genwart nicht zur Vollendung ihres Gluͤcks fuͤr 123 noͤthig hielt, ſo brachte ſie wenig Zeit im Zim⸗ mer des Kranken zu, und wanderte immer von neuem uͤber dieſelben zerſtoͤrten Orte, bis ſie ihrer ganz muͤde ward. Es blieb ihr viel zu viel Zeit zum Nachdenken uͤbrig; denn je we⸗ niger ſie Beſchaͤftigung fuͤr ihren Geiſt halte, deſto oͤfter lenkte er ſich auf einen Gegen⸗ ſtand, welchen ſie auf immer zu vergeſſen wünſchte. iir a e Die ausnehmende Einfoͤrmigkeit ihrer Lage erkennend, wuͤnſchten ihre Schweſter und der Major, etwas fuͤr ihr Vergnuͤgen thun zu koͤn⸗ nen, und da Barnet gegen ſeinen Herrn be⸗ merkte, daß Rinaldo eine leichte Bewegung no⸗ thig habe, ſo ſchlug ihn Edgar zu Honoria's Gebrauch vor, und Barnet ward zum Ankauf eines Seitenſattels nach Salamanca geſchickt. Es gelang ihm, etwas dem aͤhnliches zu erhal⸗ ten, und Honoria fand keinen Fehler daran; denn der Gedanke, Rinaldo zu reiten, enr⸗ zuͤckte ſie, und ſie fuhlte ſich bei dieſer Gele⸗ genheit ganz triumphirend. Doch ſo lange ſie 124 ausblieb, dachte ſie nur des Tages, wo Ri⸗ naldo ſich ſo vortheilhaft im Park zu Eden⸗ thal gezeigt hatte. Gewiß iſt's, daß ſo in⸗ tereſſant das brave Thier auch an ſich ſelbſt war, es doch viele der Liebkofungen, die es erhielt, und den Werth, den man auf daſſelbe legte, ſeinem urſpruͤnglichen Herrn zu danken hatte. aer fn 8. Jeden Abend ritt nun Honoria kurze Zeit aus, aber immer an den Graͤnzen der Ebene; denn Barnet machte eine hoͤchſt abſchreckende Schilderung von der entgegengeſetzten Rich⸗ tung, wo ſich Gegenſtaͤnde der furchtbarſten und widrigſten Art darboten; man hatte die letzten Pflichten gegen die gefallnen Helden ſehr unvollkommen, und in manchen Faͤllen gar nicht vollzogen. Dieß hielt ſie ſtets ab, ſich Salamanca zu naͤhern, und ſie kehrte ge⸗ woͤhnlich bald zuruͤck. Ein Theil von des Majors Regiment war in Salamanca geblieben, und als man ſeinen Aufenthalt erfuhr, kamen zwei Officiere her⸗ 125 aus, ihn zu beſuchen. Den einen begleitete ſeine Gattin, die eben aus Liſſabon gekommen war. Der Major waͤre lieber ihrer Gegenwart uͤberhoben geweſen, denn er hatte alle Geſell⸗ ſchaft, die er verlangte; allein Honoria ſah nicht ungern einige neue Geſichter. Im Lauf des Geſpraͤchs aͤußerte ſie ihre Hoffnung, Sa⸗ lamanca zu beſuchen und die Merkwuͤrdigkeiten des Orts in Augenſchein zu nehmen. Am fol⸗ genden Tag erhielt ſie eine ſchriftliche Einladung von der Dame, auf kurze Zeit bei ihr zu ver⸗ weilen, um, nach ihrem Verlangen, die Stadt zu ſehen. Der Major und Ella riethen ihr, dieſelbe anzunehmen, und Honoria fuͤhlte ſich zur Befriedigung einer loͤblichen Neugierde ſehr geneigt dazu, und ihre Reiſe ward fuͤr den naͤchſten Abend feſtgeſetzt. Sie fragte nun Barnet, wie der widrigſte Theil der Ebene zu vermeiden ſei, und dieſer verſicherte, auf ei⸗ nem kleinen Umweg, der ihm vollkommen be⸗ kannt waͤre, ganz ruhig reiſen zu koͤnnen. Der Major beſtand darauf, daß ſie waͤhrend 126 ihrer Abweſenheit Rinaldo und ihren Begleiter bei ſich behalte, indem ſie ihr nuͤtzlich ſeyn, und zur freiern Beſtimmung der Nacetziſe die⸗ nen duͤrften. 1. Bald nach dem Miragseſfen am folgen⸗ den Tag(die heiße Witterung erlaubte ihnen nicht, ſich der Mittagsſonne auszuſetzen) ward Ninaldo herausgeführt, welchen Honoria be⸗ ſtieg und von Barnet, der ihren Mantelſack hinter ſich hatte, begleitet, die Reiſe nach Salamanca antrat. Sie waren nur eine halbe Stunde fortgeritten, als ſie Chico in ihrer Nähe demerkte. Da ſie nicht wunſchte, ihn bei ſich zu haben, hatte ſie ihn einzuſperren be⸗ fohlen, welches auch nach Barnets Verſichrung geſchehen war; er fand aber Gelegenheit zu entfliehen. Mit ihm zuruͤckzukohren, waren ſie indeſſen zu weit entfernt, und Honoria ließ ihn von Barnet auf das Pferd nehmen, da ſie ſich nicht nach ſeinem Schritt richten konn⸗ ten. Sie ritten einige Zeit an der Ebene hin, um ſie fern vom Schauplatz der Schlacht zu 127 durchkreuzen. Oft fragte Honoria ihren Be⸗ gleiter, ob es nicht Zeit ſei, eine andere Rich⸗ tung zu nehmen; allein ſeiner Kenntniß des Wegs vertrauend, verſicherte er, ſie wuͤrden noch immer in Gefahr ſeyn, jenen Gegenſtaͤn⸗ den zu begegnen, denen ſie auszuweichen wuͤnſchten; ſie ritten daher nach ſeiner Angabe weiter, bis Honoria den Abend ſehr duͤſter fand. Zufaͤllig war ihre Abreiſe etwas aufge⸗ halten worden, doch mit großer Ueberraſchung ſah ſie an ihrer Uhr, daß es eine Stunde ſpaͤter war, wie ſie vermuthete. Sie verlangte ſogleich von Barnet, den naͤchſten Weg nach der Stadt zu nehmen, damit ſie nicht in Gefahr waͤren, von der Nacht uͤberfallen zu werden. Sie nah⸗ men eine andere Richtung uͤber die Ebene, al⸗ lein eine Viertelſtunde war kaum vergangen, als ſie, zu Honoria's großem Schrecken, ſich faſt ploͤtzlich in Finſterniß gehuͤllt ſahen; denn in dieſem Lande iſt wenig Daͤmmerung, und die Nacht uͤberfaͤllt den Reiſenden, ehe er's ver⸗ muthet. Beunruhigt hielt Honoria ihr Pferd 128 an. Sie fand jetzt, daß ſie unrecht gethan hatte, auf Barnets Kenntniß des Landes ſich zu verlaſſen, und daß ſie die Zeit, in der ſie Salamanca erreichen konnten, welches einige Meilen entfernt war, mit einem Umweg zu⸗ gebracht hatten. Dennoch verſichente er immer, es ſei nichts zu fuͤrchten, da er der Lage der Stadt vollkommen gewiß waͤre, und wenn ſie ihn voran reiten laſſen, und dicht nachfolgen wollte, ſo wuͤrden ſie in kurzem ihre Beſtim⸗ mung erreichen. Allein Honoria's Vertrauen in ihren Begleiter war zerſtoͤrt, und ſie folgte ihm bloß, weil nichts anders zu thun uͤbrig blieb, ſehr an der Richtigkeit des Wegs zweifelnd. 1E I0 Nachdem ſie geraume Zeit fortgeritten wa⸗ ren, hielt ſie von neuem an, und rief ihm zu, daſſelbe zu thun, da ſie weder Licht noch andere Merkmale der Naͤhe einer Stadt be⸗ merkte, und uͤberzeugt war, in falſcher Rich⸗ tung zu ſeyn. Sie ermuͤdeten ihre Roſſe zu Tod, wenn ſie auf dieſe Weiſe fortritten, und 129 entfernten ſich vielleicht noch weiter von ihrem Ziel. Barnets Selbſtvertrauen ſchien jetzt ein wenig erſchuͤttert, dennoch behauptete er noch immer, dieſen Theil der Ebene zu kennen, ob⸗ wohl er ſichtlich in dieſem Augenblick nicht wußte, wohin er ſich wenden ſollte. Ihre Be⸗ fuͤrchtung vermehrte ſich. In der Mitte einer Flaͤche zu ſeyn, ohne irgend ein Kennzeichen des Weges, und in undurchdringliche Finſter⸗ niß gehuͤllt, denn es war eine dunkle wolkige Nacht, war eine ausnehmend bedenkliche Lage, und ſie mußten wahrſcheinlich die Nacht in fruchtloſem Umherirren zubringen, oder, wozu ſich Honoria auf keine Weiſe geneigt fuͤhlte, auf den Ebenen von Salamanca bi⸗ vouakiren. Sie hielt es jetzt fuͤr das beſte, da ſie ſo wenig weiter zu kommen wußten, den Ruͤck⸗ weg aufzuſuchen; allein Barnet bekannte auf einmal, ſein Unvermoͤgen, ihre Schritte heim⸗ waͤrts zu lenken, nicht wiſſend, welchen Weg er nehmen ſollte. Dieß war in der That ein Guerilla⸗Anf, II. 9 13⁰ Geſtändniß, daß er dn iseßauee aiche wußte, wo er ſich befand. 8 „Was iſt dann zu thun?“ rief Honoria mit einiger Ungeduld.„ Wenn wir langſam weiter reiten, werden wir, glaub ich, endlich die Stadt finden,“ ſagte Barnet mit nieder⸗ geſchlagnem Ton. Gemaͤchlich ritten ſie einige Zeit lang fort, als Honoria eine Veraͤnderung der Atmoſphaͤre bemerkte, die ſie uͤberzeugte, ſich nicht mehr in Mitte der Ebene zu befinden. Sie war erfreut, den Himmel ſich aufklaͤren und einige Sterne ſichtbar werden zu ſehen, und nicht lange darauf erſchien zu ihrem großen Vergnuͤ⸗ gen der aufgehende Mond und gewaͤhrte hin⸗ längliches Licht, die umgebenden Gegenſtaͤnde zu unterſcheiden, wo ſie ſich denn am Rand eines dichten Waldes erblickten. Barnet aͤußerte großes Erſtaunen, waͤh⸗ rend Honoria ihn fragte, ob er wiſſe, wo ſie waͤren? Höͤchſt verlegen wiederholte er:„ Ein Wald, ein Wald! ich erinnere mich keines 131 Waldes. Fuͤrwahr es iſt ſeltſam! Wo moͤgen wir ſeyn? Ich bitte ſie von Herzen um Ver⸗ zeihung; aber ich glaubte die Ebens ſo gut zu kennen, da ich uͤberall war, wo die Trüppen exercirten, doch es ſah da ſo anders aus. Allein hier ſcheint ein Weg durch den Wald gehauen; ſoll ich ein wenig weiter hinein, und ſehen, ob ich etwas aͤhnliches von einem Haus entdecke?“— 4 Honoria hatte die Zuͤgel auf Ninaldo's Nacken geworfen, und erlaubte ihm zu gra⸗ ſen; es gehoͤrte nicht zu ihren kleinſten Be⸗ ſorgniſſen, ihm durch dieſen Verzug zu ſcha⸗ den. Indeſſen wollte ſie Barnet nicht einen Schritt allein weiterzugehen verſtatten, ſon⸗ dern nachdem ſie lange genug gehalten, um den Pferden eine kurze Ruhe und duͤrftige Mahlzeit zu gewaͤhren, ritten ſie auf dem Weg im Walde fort, entſchloſſen, umzukehren, wenn er verworren, oder ungebahnt werden ſollte. Sie waren nicht weit geritten, als ſie die Schritte andrer Pferde zu hoͤren glaubten; 9*† 132 lauſchend hielten ſie ſtill, und waren erfreut, ſich nicht getaͤuſcht zu haben, da ſie Freunde zu finden hofften, die ihnen den rechten Weg zeigen, oder Schutz gewaͤhren konnten. Der Pfad oͤffnete ſich jetzt zu einem ge⸗ raͤumigen Platz ohne Baͤume, und indem ſie auf der einen Seite ſich nahten, ſahen ſie auf der andern einen Trupp Reiter herbeikommen; aber welch ein Wechſel in Honoria’s Gefuͤhl, als dieſelben ploͤtzlich auf ſie nbtengken und unter ſich franzoͤſich ſprachen.. Zum erſtenmal fiel ihr jetzt die mraglaben ein, mit einigen Feldwachen oder Fourageurs des Feindes zuſammenzutreffen, obgleich die Hauptarmee entfernt war. 15 Die Strahlen des Mondes machten jetzt alles hinlaͤnglich ſichtbar. Kaum hatte der Schrecken ihr Gemuͤth erfuͤllt, als ein franzö⸗ ſiſcher Officier herbeigeritten kam, und galant die Spitze ſeines Degens vor ihr neigend, ſie fuͤr ſeine Gefangene erklaͤrte. Barnet machts heftige Einwendungen, und gerieth voͤllig in 138 Zorn; aber Worte waren ſeine einzigen Waffen, und wenn er auch andere gehabt haͤtte, wuͤrde er doch gegen fuͤnf und zwanzig franzoͤſiſche Chaſſeurs nichts ausgerichtet haben. Seiner Ohnmacht ſich bewußt, bat er den Officier mit Thraͤnen in den Augen, aus Achtung fuͤr die Dame ſie in Freiheit zu ſetzen, da eine ſolche Eroberung ſeiner unwuͤrdig ſei. Der Officier bezeigte von neuem der bekuͤmmerten Honoria ſeine Ehrerbietung, indem er erwie⸗ derte, das nie zugeben zu koͤnnen. Die Sache war, zwei feine engliſche Pferde boten eine artige Beute fuͤr ſeine Leute dar, die ſeit einiger Zeit, regulaͤren Bandi⸗ ten aͤhnlich, Krieg geführt hatten; Raub und Diebſtahl waren ihr Abfehn, und jede Nacht vollzogen ſie ihre Naͤubereien, blieben aber den Tag uͤber verborgen. Eine junge und ſchoͤne Frau, die von hoͤherm Stand zu ſeyn ſchien, war noch überdieß eine Gefangne, die der Officier nicht außzugeben denken konnte. 134 Nachdem ſie ſich hinlaͤnglich von ihrer Be⸗ ſürzung erholt hatte, um Worte zu finden, hat ſie mit den dringendſten Vorſtellungen um ihre Freiheit, allein er blieb im Bezug auf ſie völlig nnerbittlich, obwohl er ihrem Die⸗ ner ſich zu entfernen geſtatten wollte; doch dieß war nicht, was Honoria wünſchte, auch wuͤrde Barnet auf keinen Fall ſie verlaſſen ha⸗ hen. Kaum konnte ſie dem Zeugniß ihrer Silhnne trauen, als ſie ſich von franzoͤſiſchen Reitern umringt fand, und die ermuͤdenden Galanterien ihres Anfuͤhrers ertragen mußte, der an ihrer Seite ritt; der aber, um ihm Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, ſeine Auf⸗ merkſamkeiten durch jene Achtung maͤßigte, die ihr Betragen unwiderſtehlich gebot. Auf ihre Frage, wohin ſie gefuͤhrt werde, ſagte er, daß ſie auf dem Weg zur Hauptarmee waͤren; da aber ſeine Partei zu ſchwach war, konnte er nicht wagen, bei Tag weiterzugehen, hoffte aber in der zweiten Nacht im Hauptquartier zu ſeyn, von wo aus ſie Mittel haben wuͤrde, 1 13⁵ ihren Freunden von iirass Lage Nachricht zu geben. 4 Honoria hielt ſich wenigſtens fuͤr gtäcklich, einen Mann gefunden zu haben, der gewiß hoͤflich erſcheinen wollte. Aber das Herz ward ihr ſchwer, wenn ſie uͤber ihre Lage nachdachte, und was wahrſcheinlich erfolgen duͤrfte— ein Zuſtand von Gefangenſchaft, und der Himmel wußte unter welchen Verhaͤltniſſen, oder welche Schwierigkeiten ihrer Befreiung entgegengeſetzt werden konnten. Und Rinaldo! ihr lieber Ri⸗ naldo, wurde ihr entriſſen und der Preis des Siegers werden! Und bei dem Gedanken an die laͤngere Entfernung von den geliebten Freun⸗ den und deren Angſt um ſie verließ ſie ihr Muth, der bei manchem Ereigniß ſie unter⸗ ſtutzt hatte, gaͤnzlich, und ſie konnte den truͤ⸗ ben Ahndungen hoͤchſt bekuͤmmernder Uebel nicht laͤnger widerſtehen. Die traurigen Er⸗ ſahrungen der letzten Zeit erwaͤgend, hielt ſie ſich zum Ungluͤck beſtimmt, und glaubte das Le ben ohne Seufzer aufgeben zu koͤnnen. 136 Nachdem ſie ihren Weg eine Zeit lang fortgeſetzt hatten, hielten ſie zur Erfriſchung der Pferde an und ſtiegen ab. Honoria ſetzte ſich auf den Stamm eines Baumes, Barnet dicht an ihrer Seite. Sie nahm Chico auf den Schooß und weinte uͤber ihn, als alles, was ſte noch beſaß. Rinaldo's Anblick konnte ſie nicht ertragen, ihn nicht laͤnger fuͤr ihr Eigen⸗ thum haltend; und gegen Barnet fuͤhlte ſie ſich ſehr unbehaglich, da er die Urſache ihres gegenwaͤrtigen Mißgeſchicks war. Ploͤtzlich fiel ihr ein Mittel ein, durch das ſie hoffte, ih⸗ ren Liebling nicht aufgeben zu muͤſſen, und ſie aͤußerte gegen den Officier, fuͤr die Erlaubniß, ihr Pferd zu behalten, ihm jede angemeßne Entſchaͤdigung zu verſprechen, ſobald ſie die MNiiteel beſaͤße, ſich an ihre Freunde zu wen⸗ den. Er that, als wolle er ſie deſſen nicht bperauben, allein ſeine Lobeserhebungen des ſchoͤnen Thiers, und die Art, wie er deſſen Bewegungen wahrgenommen hatte, uͤberzeug⸗ ten ſie, welch ein erwuͤnſchtes Streitroß fuͤr 137 ſich ſelbſt er in ihm ſah. Indeſen ſchien ſie kein Mißtraun in ihn zu ſetzen, fand aber zu ihrem großen Verdruß, daß fuͤr jede Nach⸗ ſicht, die ihr verſtattet werden duͤrfte, man eine angemeßne Erwiederung von ihr erwartete. Von neuem aufbrechend reiſ'ten ſie bis Tages Anbruch, wo ſie den dickſten Theil des Waldes, der den Pferden zugaͤnglich war, durchdrangen; und als ſie einen freien Platz erreicht hatten, legte ſich die Mannſchaft zu ſchlafen nieder, waͤhrend die Roſſe neben ihnen weideten. Der Officier benachrichtigte ſeine Gefangne, daß ſie erſt nach Sonnenuntergang wieder weiter gehen wuͤrden, und ſeinen Man⸗ tel in beträchtlicher Entfernung von den Sol⸗ daten ausbreitend, empfahl er ihr, ſich nie⸗ derzulegen, ſie ihrer vollkommnen Sicherheit verſichernd, da er ſie immerwaͤhrend bewachen werde. Sie bat um Erlanbniß, dieß abzu⸗ lehnen, indem ſie es weit bequemer finden wuͤrde, mit ihrem Diener von allen andern entfernt bleiben zu duͤrfen, und ihn nicht der 138 Ruhe berauben wolle, die er ſo noͤthig haͤtte. Mit empfindlichem Ausdruck und ſcharfem Ton ſagte er, daß ſie eine ſehr geringe Meinung von dem Werth haben müſſe, welchen ſie auf ihre Gefangnen ſetzten, wenn ſie daͤchte, ſie wuͤrden ſich alle zum Schlaf niederlegen, und ſie ruhig entfliehen laſſen. Honoria verſicherte, keinen Gedanken dieſer Art zu haben. Er er⸗ klaͤrte dann, Barnet bemerkend, der immer in ihrer Naͤhe blieb, es fuͤr eine Dame ſehr ungewoͤhnlich, beſtaͤndig ihren Bedienten bei ſich zu haben, und er müſſe es als eine Be⸗ leidigung fuͤr ſich ſelbſt anſehen, da er ihr nicht nahen koͤnne, ohne in Beruͤhrung mit ih⸗ rem Diener zu kommen, was er nicht laͤnger geſtatten werde. Honoria fuͤhlte ſich uͤber die Maßen beun⸗ ruhigt, hielt es aber fuͤr beſſer, ihm anſchei⸗ nend zu vertrauen, und ihn wo moͤglich zu verſoͤhnen. Er blieb waͤhrend des Tages aͤu⸗ ßerſt muͤrriſch und verſtimmt, nnd die Furcht vor Barnets Entfernung machte ihr die hoͤchſte 139 Unruhe. Kurz, das Unangenehme ihrer Lage ſchien ſich mit jedem Augenblick zu vermehren, und ſie verlebte den Tag, der ihr laͤnger als jeder andere vorkam, in einem Zuſtand hoff⸗ nungsloſen Elends. Man verſorgte ſie mit Nahrung, die gber von einer Art war, welche ihr nur das hoͤchſte Beduͤrfniß zu befriedigen geſtattete. Endlich ging die Sonne unter und ſie ſetzten ihren freudloſen Weg fort, waͤhrend Honoria alles Boͤſe aus dem entſchiedenen Schweigen des Lieutenants dentete, der ohne zu ſprechen ſeinen Platz an ihrer Seite wieder einnahm. Sie war ſehr erfreut, als der aufgehende Mond die Dunkelheit zerſtreute, in der ſie ei⸗ nige Zeit durch einen Landſtrich, mit Wald und Haide, Huͤgel und Thal abwechſelnd, fort⸗ geritten waren. Der volle Schimmer dieſes freundlichen Geſtirns zeigte jetzt ein ausgebrei⸗ tetes Gehöͤlz, wo ſtattliche Baͤume in beſtimm⸗ ter Entfernung ſich erhoben, mit ihren we⸗ henden Zweigen mannichfache Schatten geſtal⸗ 140 tend, die ein Tähigeres Gemuͤth, als Sonoris beſaß, angezogen haben wuͤrden. Alles zeigte ſich ſo ſtill, ſo heiter, ſo be⸗ wegungslos, daß es gleich einer Entweihung ſchien, die Einſamkeit des Waldes durch die Schritte des Streitroſſes und das Geraͤuſch der Waffen zu ſtoͤren. Sie ritten jetzt in vollem Trab, als ploͤtzlich der nahe Ton eines Horns ſogleich die Wirkung hatte, jeden Franzoſen herumzudrehen. Nicht um die Flucht zu er⸗ greifen, ſondern um ſich ſchnell an den gehoͤ⸗ rigen Platz zu ſtellen und die Befehle des Of⸗ ficiers zu erwarten, der vergebens nach einem Hinterhalt umherblickte.„Wenn es Feinde find,“ rief er—„ſo muͤßt ihr ſiegen, oder beſtegt werden, denn es iſt nicht auszuweichen!“ Der Schlachtruf ſchwieg, doch Echo hallt Geſchäftig ihn durch Flur und Wald! Honoria's Herz ſchlug, als ob es zer⸗ ſpringen wollte; neue Hoffnung belebte es, und begierig ſchaute ſie nach der Gegend, von wo der kriegeriſche Ton hergekommen war. 141 Sie ſah unter den Baͤumen mehrere Reiter her⸗ anſprengen, die, ihre Waffen im Mondſchein glaͤnzend, zwiſchen den Zweigen bald verſchwan⸗ den, bald ſichtbar wurden. Allen andern vor⸗ aus erſchien jetzt ein weißer Zelter, einen Krie⸗ ger tragend, der durch Geſtalt, Anſtand und Geberden, in dieſer hoͤchſt intereſſanten Be⸗ leuchtung unter den Baͤumen hervorlauſchend, alles darſtellte, was von den ritterlichen Hel⸗ den des Alterthums gedacht werden kann. „Es iſt de l'Arevalo! der Guerilla⸗An⸗ fuͤhrer!“ rief der galliſche Officier.„Fran⸗ zoſen, fechtet gleich Vhaan,a oder ihr werdet uͤberwunden!“ Kaum uͤberzeugte ſi 5 Honoria, daß ſte Befreiung hoffen konnte, und hoͤrte den Na⸗ men nennen, ſo beruͤhmt unter den Alliirten der Englaͤnder, als ſie den Entſchluß faßte, ſogleich dem Schutz dieſer braven Bande zuzu⸗ eilen. Sie brauchte nur Rinaldo den Zuͤgel zu laſſen, um ihn jedes Hinderniß aͤberfliegen zu ſehen; denn der Ton des Horns zeigte ihn 142 ganz als Schlachtroß, und er war bereit, ſich in die Mitte des Gefechts zu ſtuͤrzen. Waͤhrend die Franzofen auf den Anfuͤhrer eindrangen, welchen jetzt ſeine Leute unter⸗ ſtuͤtzten, ward Honoria zum Nachtrab der Guerillas getragen, in denen ſie nur eine ſehr kleine Partei fand, deren Anzahl, wie ſie fuͤrchtete, den Chaſſeurs nicht gleich kam. Sie waren jetzt im Gefecht. Sie ſah die Saͤbel ſchwingen, und hoͤrte den Schall der Piſtolen, die ſie auf einander feuerken.“ Sie ſah die Roſſe ſich baͤumen, und einige zuruͤck auf ihre Reiter fallen, waͤhrend andere mit unaufhalt⸗ ſamer Wuth vorwaͤrts drangen. Von der furchtbaren Stene entſernt zu bleiben, war ihr Beſtreben, allein Rinaldo ge⸗ horchte nicht laͤnger dem Zuͤgel; umſonſt ſuchte ſie ihn zu lenken oder zum Stehen zu bringen. Er fing an zu ſchnauben und zu ſchaͤumen, und die Erde zu ſtampfen; dann baͤumte er ſich empor und machte einen Satz, der ſeine Reiterin auf einmal aus dem Sattel hob; 143 gluͤcklicher Weiſe erhielt ſie indeß ihren Sitz darauf wieder, doch nur um ſelbſt herabzuglei⸗ ten, damit ſie ein gefaͤhrlicher Herunterkommen verhuͤte, worauf Ninaldo in die Mitte des Streits flog. Honoria wankte zu einem Baum, um ihr zitterndes Weſen zu unterſtuͤtzen, waͤh⸗ rend ſie bleich und voll Entſetzen umherblickte, und gern ruhten ihre Augen auf Barnet, den ſie in ihrer Naͤhe ſah. Bald darauf kamen zwei Guerillas auf ſie zu galloppirt, von denen der eine Officier war. Er redete ſie ſehr artig auf ſpaniſch an, ſa⸗ gend, er ſei von dem Befehlshaber abgeſen⸗ det, um ſie zu einem ſichern Ort zu geleiten. Sie antwortete ihm ſo gut ſie konnte in dieſer Cwuuge„ daß ſie von den Franzoſen zur Ge⸗ fangnen gemacht worden ſei; denn ſie fuͤrchte⸗ te, er moͤchte glauben, ſie gehoͤre zu ihnen. Der Officier verſicherte, ſie koͤnne ſich gluͤck⸗ lich ſchaͤtzen, in die Haͤnde des Grafen de l'A⸗ revalo gefallen zu ſeyn, der es weder an Ach⸗ tung noch Aufmerkſamkeit zur Erleichterung ih⸗ 143 rer Lage wuͤrde fehlen laſſen, und ſie gewiß bei erſter Gelegenheit wieder mit ihrem Gatten (ſie natuͤrlich fuͤr die Frau eines Hiſiiass hal⸗ tend) vereinen werde. „Aber ſind ſie ſiegreich?“ fragte Hono⸗ ria, die Guerillas noch im Gefecht erblickend⸗ und in Furcht, ſie uͤberwunden zu ſehen. „Wie koͤnnen wir anders ſeyn, wenn de PArevalo uns anfuͤhrt?“ antwortete der junge Krieger mit Enthuſiasmus;„er iſt des Sie⸗ ges ſo gewiß, daß er ſeine Mannſchaft ſchwaͤch⸗ te, indem er mich und noch einen andern ab⸗ ſandte, ſie zu unſerm, nicht weit von hier ent⸗ fernten Aufenthalt zu begleiten.“ Honoria konnte ihre Dankbarkeit tie aus⸗ deuͤcken, bezeigte ſie aber durch einen aͤngſt⸗ lichen Blick auf den Schauplatz der Handlung, und ein freudiger Ausruf entfloh ihr, als ſie die Chaſſeurs vor den Guerillas die Flucht ergreifen ſah, waͤhrend der weiße Zelter noch immer hinter dem weichenden Feind ſichtbar war. Rinaldo vermuthete ſie in ihrer Mitte, 145 und da ſie jetzt ſeiner beraubt war, machte ſie fuͤr den kurzen Weg von Barnets Pferd Ge⸗ brauch. 3 u. Bei der Nachricht, bald ihr Ziel erreicht zu haben, ſah Honoria weder Ebene noch Dorf, noch irgend ein Zeichen des geſchaͤftigen Trei⸗ bens der Menſchen; im Gegentheil kamen ſie durch einen wilden romantiſchen Landſtrich, den eine Kette von Bergen einſchloß. Sie wand⸗ ten ſich jetzt ploͤtzlich um den Fuß einer dieſer Anhoͤhen, wo ſie ein ungeheures Gebaͤude er⸗ blickte, welchem ſie in dem ungewiſſen Schein des Mondlichts keine beſtimmte Form geben konnte, von dem ſpaniſchen Officier aber er⸗ fuhr, ds es das Kloſter St. Fernando ſei, welches ſeit einiger Zeit das Hauptquartier von de l'Arevalo's Guerillas geweſen war. Der Graf hatte, wie es ſchien, ſeine ge⸗ woͤhnliche Runde gemacht, die geringern Poſten unter ſeinem Befehl beſuchend, nur von einem untergeordneten Officier, und einer kleinen Guerilla⸗Anf. II. 10 146 Anzahl begleitet, als er zufaͤllig mit den Chaſ⸗ ſeurs zuſammentraf. Zu einer andern Zeit wuͤrde Honoria den Anblick der hohen Mauern, die das Gebaͤude, dem ſie jetzt nahte, einſchloſſen, etwas furcht⸗ bar gefunden haben. Auf dem Gipfel derſel⸗ ben war ein plattes Dach errichtet, wo Schild⸗ wachen ſtanden, die unſrer kleinen Partie zu⸗ riefen; als aber der Officier den Wachen am Eingang das Gegenzeichen gegeben hatte, er⸗ toͤnte das Horn, worauf ein kleines pfoͤrtchen in dem ungeheuern Thor geoͤffnet ward, und Honoria vom Pferd ſteigend, ſchritt durch daſ⸗ ſelbe in einen geraͤumigen Hof von Kreuzgaͤngen umringt. Der Officier fuͤhrte ſie durch einen derſelben auf einem beſondern Weg in das Innere des Gebaͤudes, ſo den Theil vermei⸗ dend, der zum Gebrauch der Soldaten beſtimmt war. Der begleitende Guerilla hatte ein Licht aus der Wachſtube geholt und trug es vor ihnen her durch einen Gang zu einem gro⸗ ßen veroͤdeten Zimmer, das vormals der Spei 147 ſeſaal geweſen war. Eine Tafel ſtand noch immer in deſſen Mitte und einige zetbrachene Sitze waren umhergeſtellt. Der Officier entſchuldigte ſich, ſie hier zu laſſen, ſagte aber, wenn ſie einen Augenblick ausruhen wollte, ſogleich Befehle zu ihrer beſ⸗ ſern Bequemlichkeit zu ertheilen. Er hatte ſich kaum entfernt, als Barnet mit dem koͤſtlichſten Wein erſchien und andern Erfriſchungen, die ſie an einem ſo abgelegenen Ort nicht zu fin⸗ den erwartete, und die ihm der Guerilla auf Befehl des Officiers fuͤr ſie gegeben hatte. Sie waren auf keine Weiſe unannehmlich und „Honoria genoß ſie mit einiger Erquickung, als ſie ploͤtzlich auffuhr und nach Chico fragte. Barnet, der an der Thuͤr ſtand, erwiederte, ihn bei ihr vermuthet zu haben. „Bei mir, Barnet? gebot ich nicht be⸗ ſtimmt, ihn nicht aus den Armen zu laſſen?“ Barnet geſtand dieß zu, ſagte aber, als ſie ſich von den Franzoſen entfernt und er ihr nachgeeilt ſei, habe das kleine Thier bei Ri⸗ 10* 148 naldo's Flucht ſo fortzukommen geſtrebt, und ſein Pferd ſei auch ſo unruhig geweſen, daß er ihn habe loslaſſen muͤſſen, er haͤtte Saber geglaubt, ihn bei ihr zu finden. Honoria war ſehr unzufrieden mit Barnet; denn ob ſie gleich hoffte, Rinaldo wieder zu erhalten, wenn er die Gefahren des Streits uͤberſtand, ſo furch⸗ etete ſie doch, der arme Chico wuͤrde, indem er den Pferden folgte, umgekommen ſeyn. Sie hatte den Namen de l'Arevalo auf ſeinem Halsband nicht vergeſſen und geglaubt, ihn ſeinem Herrn wiedergeben zu koͤnnen. Nach einer Viertelſtunde kehrte der junge Officier zuruͤck, von einer Spanierin, der Frau eines Guerillas, begleitet, die er hatte aufwecken laſſen, und die ſich jetzt erbot, die Fremde in ein Schlafgemach zu fuͤhren. Sie ging vor⸗ aus eine Treppe binauf, die auf einen langen Gang führte. An dieſem befanden ſich die Zel⸗ len, welche vormals die Moͤnche bewohnten, zuerſt durch die Franzofen ihres ruhigen Au⸗ fenthalts beraubt, die aber ebenfalls ihre Be⸗ 149 auemlichkeit den Siegern uͤberlaſſen mußten. Aus dieſem Gang kam Honoria in ein Vor⸗ zimmer, neben welchem das Gemach ſich be⸗ fand, wo ſie ruhen ſollte, und deſſen ſaubre und bequeme Einrichtung ſie mit Erſtaunen er⸗ blickte. Sie entließ ſogleich ihre Begleiterin, halb todt vor Ermuͤdung, und hielt es in die⸗ ſem Augenblick fuͤr den groͤßten Genuß, ſich niederlegen und ungeſtoͤrt ſchlafen zu koͤnnen. Sie bemerkte zwei Thuͤren im Zimmer, war aber zu erſchoͤpft, um zu unterſuchen, wohin die andere fuͤhrte; es war ihr genug, an jeder einen ſchweren Riegel zu ſehen, von welchem ſie mit einiger Muͤhe Gebrauch machte; und im Gefuͤhl der Sicherheit uͤberließ ſie ſich, unter dankbaren Empfindungen wegen ihres gluͤcklichen Entkommens, einige Stunden dem erquickend⸗ ſten Schlummer.. Sie ward endlich durch ein heftiges Kratzen an der Thuͤr erweckt, und richtete ſich beun⸗ ruhigt empor. Das Keatzen verdoppelte ſich, von einem Gewinſel begleitet, das gelegentlich 136 in ein ſcharfes Bellen uͤberging.„Chico! Chico! rief Honoria, indem ſie freudig auf⸗ ſprang und ihn bald hereinließ; und waͤhrend er, an ſie emporſpringend, ſein Entzuͤcken aus⸗ druͤckte, redete ſie mit ihm, wie wir zuweilen mit unſern ſtummen Lieblingen zu thun pflegen, als wenn ſie uns verſtehen koͤnnten, und fragte/ wo er geweſen, und wo Rinaldo ſei u. d. g. Nachdem Chico's Freude ein wenig nach⸗ gelaſſen hatte, blickte ſie nach ihrer Uhr, und fand dieſelbe nicht aufgezogen. Die Sonne ſchien ins Zimmer, und aus ihrer Hoͤhe ſchloß ſte den Morgen ſchon mehrere Stunden fortge⸗ ruͤckt. Ihr Mantelſack verſchaffte ihr die Mit⸗ tel, ſich durch einen Wechſel des Anzugs zu erfriſchen, und kaum war ſie gekleidet, als die ſpaniſche Frau an die Thuͤr kam und ihre Dienſte anbot. Bei ihrem Eintritt ſagte ſie, ſchon einige Mal gelauſcht zu haben, ob die Signora wache, da ſie Botſchaft vom Grafen de l'Arevalo zu uͤberbringen habe, der ſie bit⸗ te, ihre Wuͤnſche bekannt zu machen. Mar⸗ 151 cella, wie ſich die Frau nannte, meldete ſo⸗ dann die Bereitſchaft des Fruͤhſtuͤcks im naͤch⸗ ſten Zimmer. Honoria aͤußerte ihren Dank fuͤr die Aufmerkſamkeit des Grafen und ihre Beſorgniß, ihn verdraͤngt zu haben. Marcella geſtand, daß dieß die Zimmer des Grafen waͤ⸗ ren, aber er ſei ſtolz darauf, ſie der Signora zu uͤberlaſſen, und habe Don Maleo deßhalb Befehle ertheilt, daher ſie in vorhergehender Nacht gerufen worden ſei, um alles, was dem Grafen angehoͤrte, daraus zu entfernen und es fuͤr die neue Beſitzerin einzurichten. Mar⸗ ꝛcella zeigte ſich ſehr zum ſprechen geneigt und Honoria hoffte durch ſie einige Nachricht von Rinaldo zu erhalten, nach welchem ſie fragte. Die Frau konnte ſie uͤber dieſen Punkt nicht befriedigen, verſprach ſich aber zu erkundigen, ob die Guerillas fremde Pferde zuruͤckgebracht haͤtten. Sie oͤffnete hierauf die andere Thuͤr, und Honoria's Vergnuͤgen und Erſtaunen ward vorzuͤglich durch den Anblick einer Fruͤhſtuͤcks⸗ Tafel erregt, die mit einem ſaubern Tuch be⸗ deckt war(eine große Seltenheit in Spanien), und wohlgeordnet eine Menge der koͤſtlich⸗ ſten Fruͤchte, nebſt Kaffe, Eiern und ſehr gutem Brot darbot. Dieß Zimmer war gleich jenem, in welchem ſie ſchlief, mit Tapeten be⸗ hangen, und ein anderwaͤrts herabgenommenes Stuͤck erſetzte ſehr gut die Stelle eines Fuß⸗ teppichs. Auf einem Marmortiſch lagen meh⸗ rere Buͤcher nebſt einer Floͤre, Noten, Mate⸗ rialien zum Zeichnen und Schreiben, kurz, mannichfache Spuren des kuͤrzlichen Aufenthalts einer Perſon nicht gemeiner Gattung. Eine Art Ruhbett ſtand an der Tafel, einer großen Glasthuͤr gegenuͤber, die auf einen Balcon fuͤhrte. Von dieſem leitete eine Treppe zu ei⸗ nem ausgebreiteten Garten und Gehoͤlz hinab, welches ein Fluß begraͤnzte, den Anblick einer wilden herrlichen Gegend gewaͤhrend. Beide Seiten umſchloſſen hohe, hinter Fruchtbaͤumen verſteckte, Mauern.„Dieß iſt jetzt des Gra⸗ fen beſondrer Garten, welchen er vor Zer⸗ ſtörung ſchuͤtzt,“ ſagte Marcella.„Er ge⸗ 153 hoͤrte vormals dem Abt, wie auch dieſe Zim⸗ mer; denn die guten Aebte lieben immer das behagliche; ſeitdem er aber vertrieben ward, ſind ſie jederzeit dem Befehlshaber zu Theil, und ſo erhalten worden. Seit zwei Monaten iſt das Kloſter das Hauptquartier unſrer Gue⸗ rillas, und wir halten uns hier gaͤnzlich fuͤr eingerichtet. Honoria naͤherte ſich nun einem Fenſter, in entgegengeſetzter Nichtung, von wo man in den vornehmſten Hof, durch welchen ſie her⸗ eingekommen war, hinabſah. Er war ganz mit Soldaten erfuͤllt und Marcella ſagte: 7 Es ſoll Muſtrung ſeyn, ſehen ſie, wie ſchoͤn unſre Guerillas ausſehen, wenn ſie in Reih' und Glied ſtehen! Verziehen ſie einen Augenblick, Signora, und ſie werden den Grafen erblicken. Das Horn wird toͤnen, wenn er kommt, und alle Officiere beugen das Schwert vor ihm.“ Miit vielem Intereſſe ſah Honoria der Erſcheinung eines Mannes entgegen, von dem 154 ſie ſo viel gehoͤrt hatte, und dem ſie ſich ſo ſehr verpflichtet fuͤhlte. „Iſt er das?“ fragte ſie, auf einen Ofſicier von majeſtaͤtiſchem und ſtattlichem Anſehn deutend, der allein auf dem Platz ſtand,„er entſpricht ganz dem Bilde, das ich mir von dem Grafen de l'Arevalo gemacht habe.“ „Nein,“ erwiederte Marcella,„das iſt unſer alter Major.— Horch!“ Das Horn ertoͤnte— die Schwerter neig⸗ ten ſich und Honoria erblickte die einnehmende Geſtalt des Guerilla⸗Anfuͤhrers, deſſen Reiz und wuͤrdevolle Erſcheinung durch alle Vortheile der Kleidung erhoben ward.— Sein beſtimm⸗ ter, doch leichter Schritt— die ungezwungne, doch pittoreske Stellung, in welcher er bei Erwiederung des Grußes ſich zeigte— alles ſtellte vereint ein Vorbild der Schoͤnheit und jugendlichen Kraft in der anziehendſten Form dar. Honoria betrachtete ihn einige Augenblicke mit lebhafter Bewundrung und einiger Ueber⸗ 155⁵ raſchung, und aͤußerte, durchaus keinen ſo jungen MNann in ihm vermuthet zu haben. Sie hatte ſich de l'Arevalo als einen Veteran, und wenigſtens in der Mitte des Lebens gedacht, und um ſo mehr Vertrauen zu ſeinem Schutz empfunden. Sie ver⸗ gaß ihr Fruͤhſtuͤck und konnte nicht widerſtehen, den reizenden Spanier, ſo lange er gegenwaͤrtig war, zu betrachten. Marcella ſchien nicht, ſich zu entfernen, geneigt, ſie nannte ihr die Namen aller Officiere, doch konnte keiner die Aufmerk⸗ ſamkeit von dem Anfuͤhrer ablenken, der jetzt mit dem Major auf⸗ und abging, und deſſen Geſicht ihr bei naͤherer Betrachtung ſeiner Ge⸗ ſtalt angemeſſen zu ſeyn dünkte, und ſie aͤu⸗ ßerte gegen Marcella, ihn fuͤr ſchoͤn halten zu koͤnnen, wenn er nicht durch den Zwickelbart ſo entſtellt wuͤrde. 1.) Marcella ſchien uͤber ihren Mangel an Ge⸗ ſchmack erſtaunt und erklaͤrte dieſen fuͤr eine große Schoͤnheit. Der Graf ging endlich in das Kloſte zu⸗ ruͤck, und Honoria ſetzte ſich zum Früͤhſtuͤck, 15⁵⁶6 wo Marcella ſie verließ, doch bald erſchien ſie von neuem mit einem Billet vom Grafen. Er ſchrieb darin, wie hoͤchlich er ſich geehrt fuͤhlen wuͤrde, wenn er die Auftraͤge der Dame, die er ſo gluͤcklich war zu befreien, perſoͤnlich er⸗ halten duͤrfte, daß er aber auf keine Weiſe ihre Einſamkeit ſtoͤren werde, im Fall ſie ihre Wuͤnſche ſchriftlich bekaunt zu machen vorziehe, und jede Nachricht an ihre Freunde ſobald wie moͤllich befoͤrdern laſſen wolle. Honoria fuͤhlte ſich beſonders durch die Feinheit und Anſtaͤndigkeit dieſer Zeilen befrie⸗ digt, die in ſpaniſcher Sprache geſchrieben wa⸗ ren, und vielleicht dadurch noch mehr Reiz er⸗ hielten. Sie glaubte natuͤrlich, der Graf xoͤnne ſich nicht in ibrer Sprache ausdruͤcken; da ſie aber nicht gelaͤufig ſpaniſch ſchreiben konnte, ward ſie zu einer muͤndlichen Antwort genoͤ⸗ thigt, die ſie auf die dankbarſte und artigſte Weiſe ertheilte, dabei aber zu verſtehen gab, der Ehre ſeines Beſuchs uͤberhoben zu ſeyn. Sie war fehr froh, in ihrer gegenwaͤrtigen 1⁵7⁷ Lage die Zuſammenkunft mit einem jungen Mann, wie Graf de l'Arevalo, zu vermeiden; denn ob ſie gleich an ſeiner hoͤchſten Achtung und Ehrerbietung nicht zweifelte, wollte ſie doch lieber allem Umgang mit einer Perſon aus⸗ weichen, die gewiß kein ſehr ehrwuͤrdiger Beſchuͤtzer fuͤr eine junge liebenswuͤrdige Frau war. ni 9 Barnet erſchien jetzt und erfreute ſie mit der Nachricht, daß Rinaldo unbeſchaͤdigt in letzter Nacht zuruͤckgebracht ward. Sich wie⸗ der allein befindend, begann ſie einen Brief an ihre Schweſter; dennoch waren ihre Ge⸗ danken ſo in Verwirrung, und der mitzuthei⸗ lenden Nachrichten ſo viele, daß es lange waͤhrte, ehe ſie ihnen eine geordnete Darſtellung zu geben vermochte. So oft ſie Pferde im Hof hoͤrte, ging ſie zum Fenſter, um zu ſehen, was vorging, obwohl ſie es tadeluswerth ſand, ein Geſchaͤft von ſo vielem Intereſſe wegen gleichguͤltigerer Dinge aufzugeben. Aber wa⸗ ren es gleichguͤltige Dinge? Sie wauͤrde ſich 158 wahrſcheinlich nicht ſo oft bemuͤht haben, auf⸗ zuſtehen, wenn es ihr nicht moͤglich geſchienen haͤtte, den Grafen de l'Arevalo ſeinen weißen Zelter beſteigen zu ſehen. Noch nie hatte ſie eine ſo ausgezeichnete, ſo anziehende Geſtalt erblickt, die, wie man bekennen muß, einen maͤchtigen Eindruck auf ihr Herz machte, und ihr immerwaͤhrend vor Augen ſchwebte. Allein ihr Gewiſſen warf ihr keine Unbeſtaͤndigkeit oder Verirrung der Phantaſie vor; denn war es nicht ihr erſter Wunſch, eine Leidenſchaft zu beſiegen, die ihr ſo lange als ſtrafbare Schwaͤche erſchien, und die ſie bewog, ihre zaͤrtlichſte Neigung an einen undankbaren Ge⸗ genſtand zu verſchwenden? In der Bewundrung des Grafen fand ſie nichts tadelnswerthes, weil ſie vielleicht den Umfang derſelben nicht gewahr ward; ſei dieß wie es wolle, ſie freute ſich des Augenblicks ihn wiederzuſehen, und glaubte ihn mit Gefuͤhlen zu betrachten, die denen glichen, womit man ein ſchoͤnes und intereſſan⸗ tes Gemaͤlde anſchaut. 159 Noch hatte ſie ihren Brief nicht halb voll⸗ endet, als ihr einfiel, vielleicht durch eine aͤhnliche Gelegenheit, wie zu deſſen Befoͤrdrung noͤthig, ſelbſt wieder zu ihren Freunden kom⸗ men zu koͤnnen, und es that ihr leid, dieß nicht gegen den Grafen erwaͤhnt zu haben. Indeſſen konnte ſie ihm leicht eine neue Bot⸗ ſchaft ſenden, und ſie ließ ihn durch Marcella fragen, ob es nicht ausfuͤhrbar ſei, unter ſicherm Geleit, faſt ſo ſchnell als ein Brief ſelbſt zu ihren Verwandten zu gelangen? Der Graf antwortete, uͤber die Mittel zur Erfuͤl⸗ lung ihrer Wuͤnſche nachdenken zu wollen, und wenn ſie ihm waͤhrend des Abends fuͤnf Minu⸗ ten Unterhaltung geſtatte, ſo werde er das Reſultat ſeiner Erwaͤgungen mittheilen, wel⸗ ches muͤndlich beſſer geſchehen koͤnne. Gegen dieſen Vorſchlag ließ ſich nichts einwenden, und ſie wuͤrde ſich ungern auf dieſe Art in die Nothwendigkeit verſetzt geſehen haben, ihn zu empfangen, haͤtte ſie es nicht fuͤr das Mittel 160 gehalten, ſich ohne Verzug wieder mit lhrer Schweſter zu vereinen. e Das Mittagseſſen, veces he der von ihr beſtimmten Stunde aufgetragen ward, war keineswegs unſchmackhaft; Chico theilte es noch immer, denn ſie hatte ihn noch nicht ſeinem Herrn zuruͤckgegeben, wollte es aber dieſen Abend ſöͤrmlich thun. Nicht lange, nachdem ſi e abgeſpeiſ't hatte, zog der Ruf des Horns, und das Getoͤſe der Pferde im Hof ſie von neuem au's Fenſter, wo ſie die Guerillas alle aufge⸗ ſeſſen und durch das Thor ſich entfernen ſah. Mit einiger Beſorgniß fragte ſie die ihr auf⸗ wartende Marrella, wo ſie hingingen? und hoͤr⸗ te, daß ſie nur auf den gruͤnen Platz vor den Mauern ritten, ſich ein wenig zu uͤben. Ei⸗ nige Minuten darauf erſchien der Anfuͤhrer, be⸗ ſtieg das Streitroß und ward von mehrern Of⸗ ſicieren begleitet. Unter dem Thor zeigte ſi ſich der Zelter widerſpaͤnſtig, baͤumte ſich, machte Saͤtze, und vollendete die Wirkung der reizen⸗ den Geſtalt, die er trug. Ungern verlor Ho⸗ 161 noria den Anblick derſelben, und ging auf den Balcon, vielleicht von da den Uebungsplatz uͤberſehen zu koͤnnen. Sie fand ſich hierin ge⸗ taͤuſcht, bemerkte aber am Ende eine Thuͤr, die unverſchloſſen war und auf die Plateforme der Mauer fuͤhrte, die einen Wall bildete und an mehrern Stellen mit Kanonen beſetzt war. Von da konnte ſie die Guerillas vollkommen ſehen; und kein Schauſpiel hatte ihr je ſo viel Ver⸗ gnuͤgen gemacht, als jetzt die Wahrnehmung ihrer Bewegungen, und die Behendigkeit, mir der ſich ihr Anfuͤhrer von einer Stellung zur andern begab. Doch bei aller Genugthuung, die ihr der Anblick gewaͤhrte, entfernte ſie ſich dennoch mit ungewoͤhnlicher Befangenheit des Geiſtes und kehrte bangen Herzens in ihr Zimmer zuruͤck. Der Abend nahte heran, als die Gueril⸗ las hereinkamen. Ihre NRuͤckkehr gab Hono⸗ ria's Gefuͤhlen eine andere Richtung, denn ſie betrachtete ſie als das Vorſpiel zu ihrer Un⸗ terredung mit dem reizenden Spanier, der ſie Guerilla⸗Anf. II. 11 162 3 mit einiger Aengſtlichkeit und Bewegung ent⸗ gegen ſah. Endlich trat Marcella eilig ins Zimmer und verkündete die Naͤhe des Grafen. Honoria warf ihren Schleier uͤber; ſie wuͤnſchte niccht zu gefallen, ſondern vielmehr ihre An⸗ prruͤche auf perſoͤnliche Reize unbemerkt zu laſ⸗ ſen. Von den Anſpruͤchen des Grafen auf maͤnnliche Schoͤnheit ward ſie jetzt vollkommen überzeugt: ſein Haupt war unbedeckt, in ſei⸗ nen ganzen Umriſſen ſichtbar, die voͤllig mit der Zierlichkeit ſeiner Geſtalt und dem reizen⸗ den Anſtand der Verbeugung beim Eintritt aͤbereinſtimmten. Honoria wuͤrde ihm entgegen⸗ gegangen ſeyn und ihn angemeſſen begruͤßt ha⸗ ben; allein ein Zittern ausnehmender Verwir⸗ rung ergriff ſie, ſie fuͤhlte ſich wie gelaͤhmt, und das heftige Klopfen ihres Herzens hemmte ihr den Athem. Sie ſank wieder auf den Sitz zuruͤck, welchen ſie verlaſſen hatte, und in höchſter Befangenheit ſich in ihren Schleier huͤl⸗ lend, war ſie unfaͤhig zu ſprechen, oder nur zu denken, bis der Graf, mit einer zweiten Ver⸗ 4 beugung naͤher kam, wo ſie ſich genugſam faßte, 163 um mit der Hand auf einen entfernten Sitz zu deuten, welchen er ſogleich einnahm. Sie in einem bekuͤmmerten Zuſtand glaubend, den er durch Bemerkung nur zu erhoͤhen fuͤrchtete⸗ zußerte er alsbald die Verſichrung, daß ſie ohne Zweifel in kurzem wieder bei ihrem Ge⸗ mahl ſeyn werde. Sie koͤnne uͤber jede ihm zu Gebot ſtehende Macht gebieten, um ſie bis zur naͤchſten, im Beſitz der Alliirten ſich befin⸗ denden Stadt zu begleiten, von wo ſie leicht ſichres Geleit ihrem Wunſch gemaͤß finden werde. „Allein,“ fuhr der Graf fort, indem er ſpaniſch redete, weil er das fuͤr ihre Mut⸗ terſprache hielt;„ich fuͤrchte mich in ihrer Sprache nicht genugſam ausdruͤcken zu koͤnnen, um ihnen verſtaͤndlich zu ſeyn.“ Denn Hono⸗ ria verrieth kein Zeichen, das zu verſtehen, was er ſprach, bis auf ſeine letzten Worte, die Hand an die Stirn legend, ſie Unpaͤßlichkeit zu empfinden ſchien, wo er ſogleich aufſtand, uͤber das von ihm Geſagte nachzudenken bat, 11* 164 und hoͤchlich bedauerte, zu einer ſolchen Zeit ſich eingedraͤngt zu haben. Er verließ dann nach einer Verbeugung das Zimmer, faſt ge⸗ neigt, ſeine ſchoͤne Gefangne fuͤr ſtumm zu halten, wenigſtens hatte ſie ihn nicht veran⸗ laßt, anders zu denken. Sobald er entfernt war, werf Honoria ihren Schleier von ſich und wankte auf den Balcon, ihr Geſicht der Abendluft ausſetzend und tief Athem holend„ indem ſie die Haͤnde zuſammenſchlug und bei ſich dachte: „9, gütiger Himmel! iſt es denn moͤg⸗ lich? Kann der Guerilla⸗Anfuͤhrer, der tapfre ſpaniſche Befehlshaber— Spencer Burlington ſeyn!!— und ich bin ſeine Gefangne?“ Sie brach in heftige Thraͤnen aus. Freu⸗ de, Jurcht, Hoffnung und Betruͤbniß hoben abwechſelnd ihre Bruſt, unbeſtegbare und un⸗ gemeine Verwirrung erregend. Wenn Hono⸗ ria uͤber die Art der Trennung von Burling⸗ ton, uͤber ſein unerklaͤrliches Betragen gegen ſte und ihre Familie, und ſelbſt gegen ſeinen 165 Bruder nachdachte, wie er mit veraͤndertem Namen zu freiwilliger Verbannung entfloh, konnte ſie dann irgend ein Vergnügen von ih⸗ rem Zuſammentreffen erwarten? Im Gegentheil fuͤhlte ſie ſich geneigt, es fuͤr den boshafteſten Streich des Schickſals zu erklaͤren, der ſie dem Schutz eines Mannes übergab, welchen ſie auf immer zu vergeſſen wuͤnſchte, und der ſich jetzt unter alle den glaͤnzenden Vorzügen des Ruhmes und Ranges dargeſtellt hatte. Als ſie den Grafen de l'Arevalo zuerſt aus dem Fen⸗ ſter ſah, fand ſie in dem Reiz ſeiner zierlichen Geſtalt Aehnlichkeit mit Spencer Burlington. Allein Gang, Bewegung, Geberden, erinner⸗ ten ſie noch maͤchtiger an ihn; aber erinner⸗ ten ſie bloß, denn ſie hegte nicht den entfern⸗ teſten Gedanken, er koͤnne es ſelbſt ſeyn, da ihr der Graf ſchlanker und eher groͤßer als Spencer vorkam— eine Taͤuſchung, die aus der Kleidung entſprang. Der Bart, nebſt Beſchattung der Kopfbedeckung, machten ſeine Zuͤge in dieſer Entfernung voͤllig unkenntlich; 166 kurz, ſie entdeckte nur eine Aehnlichkeit, die ſie fuͤr zufaͤllig hielt, die aber dem Grafen un⸗ ausſprechliches Intereſſe in ihren Augen er⸗ theilte. Sie konnte ſich das unendliche Ver⸗ gnuͤgen nicht verſagen, einen Mann zu betrach⸗ ten, der ihr jene Geſtalt darzuſtellen ſchien, die ſie fuͤr die vollendetſte der Schoͤpfung hielt, obwohl der lebhafteſte Kummer dadurch in ihr zuruͤckgerufen ward, und ſie entfernte ſich von ſeinem Anblick auf dem Wall unter ſo bittern Schmerzen, daß ſie nicht laͤnger Erinnerungen erneuern wollte, die ihr gaͤnzlich die Ruhe raubten. Sie machte ſich Vorwuͤrfe uͤber die Veraͤnderung des bis jetzt befolgten Planes, als der Graf ins Zimmer trat, und ſie wirk⸗ lich jenes Weſen erblickte, das all ihre Ge⸗ danken beſchaͤftigte. Mit hoͤchſter Anſtrengung konnte ſie nur eben ihre Verwirrung verbergen. Waͤr' ihr Sprache verſtattet geweſen, ſo wuͤrde ſie nicht geſprochen haben; denn da ſie glaub⸗ te, nicht von ihm erkannt zu ſeyn, fuͤrchtete ſie nichts mehr, als dieſe Entdeckung, indem 167 ſie nie vergeſſen hatte, wie er zuletzt durch ihre unerwartete Erſcheinung überraſcht ward. An⸗ deutungen von Unpaͤßlichkeit ſollten ſeine Ent⸗ fernung bewirken, und ihr Vorſatz gelang. Dem Anſchein nach hielt er ſie fuͤr eine ver⸗ heirathete Spanierin; indeſſen entſtand der kraͤnkende Verdacht in ihr, daß er dieß nur vorgebe, um der Verlegenheit einer Erkennung auszuweichen, und da er wiſſe, wer ſie ſei, zeige er ſich ſo bereitwillig, ſie ihren Freunden zuruͤckzugeben. Barnet war ihm nicht fremd, welchen er, wie ſie glaubte, wahrſcheinlich ge⸗ ſehen und von ihm den Namen ſeiner Gefang⸗ nen erfahren hatte. Auch mußte er Rinaldo, ſeinen alten Liebling, wieder erkennen, und natürlich bei ſeinem Anblick jemand in der Naͤhe vermuthen, der mit ſeinem Bruder in nahen Verhaͤltniſſen ſtand. Allein warum ſchlug er, wenn er ſie kannte, eine Zufammenkunft vor? Dagegen feel ihr wieder ein, daß er erſt bei einbrechender Daͤmmerung kam, wo er leicht, ſie nicht zu kennen, vorgeben koͤnnte, und waͤh⸗ 168 rend er ſich hoͤchſt aufmerkſam und hoͤflich ge⸗ gen eine Fremde erwies, vermied er die un⸗ angenehme Lage eines gegenſeitigen Erkennens. Dennoch war es wieder ſeltſam, ſich vor ihr zu zeigen, indem ſeine Verhaͤltniſſe und ſein neuer Name durch ſie jenen Perſonen entdeckt werden mußten, denen er ſo lange ſich zu ver⸗ bergen ſuchte. Dieß ſchien der Vermuthung, von ihm gekannt zu ſeyn, zu widerſprechen und ſie fing wieder an zu hoffen, bei ſeiner Bereitwilligkeit zu ihrer Abreiſe, ſich ihm gaͤnz⸗ lich fremd entfernen zu koͤnnen. Marcella's Eintritt mit Lichtern unterbrach ihre mannich⸗ fachen Erwaͤgungen. Sie wuͤnſchte mit Bar⸗ net zu ſprechen und fragte, warum er ſeit dem Morgen nicht erſchienen waͤre, wo ſie hoͤrte, daß er von Schwindel befallen worden ſei, und ſich habe niederlegen muͤſſen, doch allen noͤthigen Beiſtand erhalte. Marcella ſetzte hin⸗ zu, ſie habe ihn eben geſehen und er befinde ſich beſſer. Auf dieſe Verſichrung ſchrieb Hono⸗ ria ihm einige Zeilen, die Marcella uͤberbringen * 169 ſollte, worin ſie fragte, ob er den Grafen ge⸗ ſprochen, oder ob dieſer ihre Pferde geſehen habe. Barnets Antwort enthielt, daß er den Grafen noch gar nicht erblickt, daß der Stall ihrer Pferde ganz von den andern entfernt ſei, und daß der Geaf dieſelben, als er ſie verließ, noch nicht geſehen habe, welches aber fruͤh am Morgen geweſen ſei, da er ſeitdem nicht wieder hingehen konnte; indeſſen habe ein Guerilla verſprochen, beſondere Sorze fuͤr Rinaldo zu tragen. ⸗ Durch dieſe Antwort fuͤhlte ſich Honbrig ſehr befriedigt, weil ſie dadurch uͤberzeugt ward⸗ von Burlington nicht erkannt zu ſeyn, welches ihr den groͤßten Troſt gewaͤhrte; denn nichts bekuͤmmerte ſie mehr als der Gedanke, daß er mit ſo vollkommner Ruhe und ſo ſtraͤflicher Verſtellung vor ihr erſcheinen konnte. Es war ihr, als ob ſie ihm unrecht ge⸗ than haͤtte, und die Erleichterung, die ſie em⸗ pfand, erregte einen Strahl der Freude in ihr, der aber bald in Empfindungen der Trauer 170 überging, ihren Augen Thraͤnen entlockend. Um Marcella's Gegenwart zu vermeiden, zog ſie ſich in ihr Schlafzimmer zuruͤck, war aber noch nicht lange daſelbſt, als Marcella an die Thier klopfte. Honoria verſccherte, ihrer Dienſte fuͤr dieſe Nacht nicht mehr zu beduͤrfen; allein ſie bat, eher in muͤrriſchem Ton, wenn es nicht ganz unmoglich ſei, dennoch um Einlaß. Es ward ihr jetzt geoͤffnet. Sie ſchien ziemlich er⸗ regt, und durch das Zimmer eilend, ſagte ſie: „Gewiß ward ich in meinem Leben noch nicht ſo geſcholten, und um einer ſo thoͤrichen Sache willen dazu, und zum erſtenmal ſah ich den Grafen zornig, und nur weil ich ſolch eine Kleinigkeit vergaß.“ 1 Honoria konnte nicht widerſtehen, nach der Veranlaſſung zu fragen, waͤhrend deſſen Mar⸗ cella um das Bett herumging und etwas von der Wand nahm. „Ci, es iſt alles wegen dieſes albernen Bildes,“ erwiederte Marcella.„Der Graf war ſo boͤs, weil ich es vorige Nacht nicht *½ 171 wegnahm, und da ich es dieſen Morgen wie⸗ der vergaß, machte er einen ſolchen Laͤrm und gebot mir, es noch zu holen, da er nicht ſchlafen koͤnne, wenn es ſich nicht an ſeinem Lager be⸗ finde— jedermann wuͤrde ihn ſeiner Sinne nicht fuͤr maͤchtig gehalten haben.“ Waͤhrend dieſer Worte hatte ſich Honoris genaht, und erblickte ihre eigene Zeichnung, die ſie in Edenthal in ſein Zimmer hing, und die er nicht zuruͤckgeben wollte. Die Freude erhob ſich jetzt triumphirend in ihrer Bruſt, ſie ſchrieb dieſelbe dem ploͤtzlichen Anblick des theuern, vertrauten Gegenſtands zu, welchen die Zeichnung darſtellte; allein es war mehr eine Wirkung der Verhaͤltniſſe, unter denen ſie dieſelbe erblickte und des Werthes, der darauf gelegt ward. Das Bild war nicht von ihr bemerkt, oder wenigſtens nicht näher beachtet worden, und ſie hatte ihm eine weit ruhigere Nacht zu verdanken, als ſie ſonſt verlebt ha⸗ ben wuͤrde. Wie ſie aber mit ihrem Diener und ihrem Pferde dieſen Ort verlaſſen ſollte, 8 ohne von Burlington erkannt zu werden, war ein Unternehmen, das ſie durchaus nicht zu be⸗ werkſtelligen wußte. Honoria ſtand ſehr früh auf, war aber noch nicht lange wach, als ſie Pferde im Hof doͤrte. Sie ging ſogleich nach dem Fenſter, wiewohl ihr einſiel, den Guerilla⸗Anfuͤhrer nicht mehr beobachten zu wollen; doch nach augen⸗ blicklicher Ueberlegung hielt ſie es fuͤr unwahr⸗ ſcheinlich, daß er es ſei, und befriedigte ihre Neugierde. Allein ſie ſchaute zum zweiten und dritten Mal, ehe ſie von der Wahrheit deſſen, was ſie ſah, ſich uͤberzeugen konnte, indem ſie Rinaldo erblickte, ſeinem vormaligen Herrn folgend, der nicht laͤnger als ſpaniſcher Krieger geſchmuͤckt, ſondern in dem einfachen Anzuge eines engliſchen Gentlemans erſchien. Nach einigen Schritten wendete er ſich mit Liebkoſungen zu ſeinem alten Liebling, und ſie ſah ihn wiederholt die Narben in deſſen Nacken betrachten. Er beſtieg ihn hierauf mit trauri⸗ gem Ausdruck und ritt langſam durch die Thore, *½ 173 welche die Wachen ihm oͤffneten. Von neuem ſchlug ihr Herz voll Unruhe und getaͤuſchter Erwartung. Wie es ſich zeigte, war Rinaldo nicht allein von ſeinem vorigen Beſitzer er⸗ kannt, ſondern auch zuruͤckgenommen worden; und wie konnte dieß geſchehen, ohne mit den darauf Bezug habenden Umſtaͤnden be⸗ kannt zu ſeyn? Vorſicht war nun nicht laͤnger nöthig, und ſie beſchloß, ihn bei ſeiner Ruͤck⸗ kehr dringend erſuchen zu laſſen, noch heute abreiſen zu duͤrfen, und zweifelte nicht an ſei⸗ ner Genehmigung. Sie war ſo feuͤh aufge⸗ ſtanden, daß einige Stunden, einige unruhige Stunden voruͤbergingen, ehe Marcella mit dem Fruͤhſtuͤck erſchien; fruͤher glaubte ſie Ninaldo zuruͤckkommen zu hoͤren, ſie wollte aber nicht hinausſehen. Jetzt verſammelten ſich die Gue⸗ rillas, doch ſie war entſchloſſen, ſie nicht zu beobachten und genoß ihr freudenloſes Mahl mit Empfindungen, die alles in Galle ver⸗ wandelten. Marcella erregte ſie durch ein Billet vom 8 174 Grafen. Es war noch immer in ſpaniſcher Sprache und enthielt folgendes: Da unter den Pferden, die man den franzoͤſiſchen Chaſſeurs abgenommen habe, ſich eines befinde, das vor⸗ mals einem nahen und geliebten Verwandten gehoͤrte, ſo empfinde er die tieſſte Beſorgniß wegen ſeines Beſitzers, und wenn ſie waͤhrend ihrer Gefangenſchaft etwas hoͤrte, wie dieſes Roß(das ſich durch vorzuͤgliche Schoͤnheit und eine Narbe im Nacken auszeichne) in die Haͤnde des Feindes gerieth, moͤchte ſie es aus Mitleiden ihn ſogleich wiſſen laſſen. Von neuem fuͤhlte ſich Honoria aus ihrer Niedergeſchlagenheit erhoben, obwohl in gro⸗ ßer Verlegenheit; denn wie konnte ſie Nach⸗ richt von Rinaldo's Herrn ertheilen, ohne ſich ſelbſt zu verrathen? Dennoch Burlington in einem Zuſtand ſolcher Ungewißheit zu laſſen, war ihrem Herzen unmoͤglich, und ſie gebot der auf Antwort wartenden Marcella, ſchnell zum Grafen zu eilen, und ihm zu ſagen, daß ſie Grund zu glauben habe, der Beſitzer die⸗ 4 175 ſes ſchoͤnen Thiers ſei ohl— und— das Pferd ſei durch Zufall in die Haͤnde des Fein⸗ des gerathen.’ Marcella entfernte ſich, waͤhrend Honoria aufſtand und in großer Bewegung umherging. Die Thuͤr war nicht voͤllig geſchloſſen, und beim Umkehren glaubte ſie, den Grafen, jetzt in Uniform, zu erblicken. Allein ſie wendete ſogleich ihre Augen weg und drehte ſich herum, damit er ſie nicht bemerke. Gleich darauf hoͤrte ſie die Thuͤr auſtoßen und Sporenklirren ſich naͤhern. Vor Zittern und Furcht glaubte ſie vergehen zu muͤſſen; ſie wagte nicht, zuruͤckzublicken, denn ſie war ohne Schleier und konnte nicht weggehen, ohne dicht bei dem Gegenſtand vorbeizukommen, der ſo viel widerſtreitende Gefuͤhle in ihr erregte, und bei ſeinem Eintritt mit den ſchnellen Toͤ⸗ nen der Beſorgniß ihr zurief: „Verzeihen ſie dieß Eindringen, Signora! ich fuͤrchte, es iſt unverantwortlich; aber da ich ihre Thuͤr offen ſah, konnte ich der Gelegen⸗ G 176 heit nicht widerſtehen, ſie zu bitten, alles, was ſie von dem mir ſo theuern Beſitzer des Pfer⸗ des wiſſen, zu wiederholen.“ Honoria hielt den entſcheidenden Augen⸗ blick ihres Lebens fuͤr genaht; ſie konnte ſich nicht laͤnger verbergen, und es blieb ihr nur übrig, alles aufzubieten, um ihre wahren Ge⸗ fuͤhle zu verhuͤllen und ihn ſeinem Betragen gemaͤß zu empfangen. Voͤllig gefaßt auf einen neuen Ausdruck des Entſetzens und Schreckens, wendete ſie ſich um, entſchloſſen, ſich ſo wenig erfreut als er ſelbſt zu zeigen. Bleich und zitternd, mit der Bemuͤhung, ganz ruhig zu ſcheinen, blickte ſie nach ihm hin, waͤhrend ſie einiges von Bedauern und unangeneh⸗ men Verhaͤltniſſen ſagen wollte. Allein der Strahl ſeiner Augen, der den Ausdruck der Ueberraſchung begleitete, die Art wie er ſie immer von neuem wieder anſchaute, und die Aeußerung der Freude, ſobald er ſeinen Sinnen vollkommen glauben konnte, legten ihr auf einmal Schweigen auf. 177 Im hoͤchſten Entzuͤcken eines ſolchen Au⸗ genblicks war es unmoglich, ſich zu beherrſchen, er eilte naͤher und wuͤrde ſie an ſein Herz ge⸗ druͤckt haben, wenn ſie nicht zuruͤckgewichen waͤre, und ihm angedeutet haͤtte, ſich zu ent⸗ fernen. Sogleich ſank er auf das Knie, wo⸗ bei er leidenſchaftlich und wiederholt ihre Hand an die Lippen druͤckte und ſeine bittenden Blicke auf ihr Geſicht richtete, als wolle er ihre Vergebung anflehen; waͤhrend die Freude über ihren Anblick unverkennbar in den gemilderten Strahlen ſeiner laͤnzenden durchdringenden Augen leuchtete. Gaͤnzlich unvorbereitet auf einen ſ gichen Empfang, fuͤhlte ſich Honoria hoͤchſt befangen. Sie ſuchte ihm die Hand zu entziehen, die er feſt hielt, waͤhrend ſie das Geſicht abwaͤrts wandte, und nach mehrern Verſuchen, zu ſprechen, ſagte ſie endlich abgebrochen:„Ich bitte— ich beſchwoͤre ſie— ſtehen ſie auf— und erlauben ſie mir zu erklaͤren, die— die— „ Nein, nein!“ rief Spencer emporſprin⸗ II. 1² 178 gend;„es iſt keine Erklaͤrung noͤthig! Ich fehe ſie hier, und das iſt alles, was ich zu wiſſen verlange, oder begreifen kann.— O, welch ein ſtumpfes, fuͤhlloſes Weſen muß ich ſeyn, nichts empfunden zu haben, was mir auf einmal geſagt haͤtte, wer meine Ge⸗ fangne ſei.“ 1 „Gefangene!“ wiederholte Honoria mit einigem Stolz. 3 „O, verzeihen, verzeihen ſie!“ rief erz „das Entzuͤcken hat mich ſo verwirrt, daß ich nicht weiß, was ich ſage.“ Ihr ern⸗ ſter Ausdruck bewog ihn jetzt, ihre Hand los⸗ zulaſſen, er nahm in einiger Entfernung Platz, ſie noch immer mit Blicken betrachtend, als wenn er das Zeugniß ſeiner Augen bezweifle. „O, du widerſprechendes Weſen!“ dachte Honoria;„welch eine ſchwere Rolle haſt du mir auferlegt! Ich haͤtte den Spencer Bur⸗ lington, wie ich ihn in Edenthal ſah, nach Verdienſt behandeln koͤnnen; allein ich ſehe ihn jetzt nur, wie ich ihn in der Huͤtte erblickte⸗ 1AA 8 ½ 179 und bin bereit, alles zu vergeſſen, was ſich ſeitdem zutrug! Ihr kaltes Betragen machte keinen ſo ſtarken Eindruck auf ihn, wie ſie erwartete, die Freude ſchien ihn zu ſehr zu erfuͤllen, um ir⸗ gend einer untergeordneten Bewegung Raum zu geſtatten; und ſich ihr wieder naͤhernd, rief er:„O, welch ein entzuͤckender Zufall das war, der meine Guerillas zu ihrem Beiſtand herbeifuͤhrte. Honoria unterbrach ihn mit einiger Foͤrm⸗ lichkeit, und aͤußerte, wie ſehr ſie ihm fuͤr den Beiſtand und die Aufmerkſamkeit, die er ihr als einer Fremden erzeigte, verpflichtet ſei, und es werde ihre Dankbarkeit erhoͤhen, ſo bald als moͤglich ihre Abreiſe durch ihn befoͤr⸗ dert zu ſehen. So lange ſie ſprach, und einige Augen⸗ blicke nachher, betrachtete ſie Spencer aufmerk⸗ ſam und mit einem leichten Anſtrich von Ernſt, worauf er ſich ploͤtzlich des Inhalts ihrer Worte zu erinnern ſchien, und ſagte:„O, 8 12* 180 ſprechen ſie nicht eben jetzt davon! ſondern er⸗ zaͤhlen ſſe mir aus Mitleiden etwas von meinem armen Bruder, und Ella, und ihrer Mutter, und von wem ich ſonſt zu hoͤren wuͤuſche. Honoria blickte ihn mit unverhehltem Er⸗ ſtaunen an, ihn ploͤtzlich nach Nachrichten von Freunden begierig zu finden, die er ſo frei⸗ willig vernachlaͤfſigt hatte. Sie antwortete, ihn gern befriedigen zu wollen, ſo weit es in ihrer Macht ſtehe; und einen Stuhl an ihre Seite ziehend, hoͤrte er die verſprochene Mit⸗ theilung hoͤchſt aufmerkſam an. Sie war ſehr kurz, und oft durch Huſten und Pauſen unter⸗ brochen, und enthielt bloß, wo ſein Bruder ſich gegenwaͤrtig befand, daß Ella bei ihm war, die Honoria ins Ausland begleitete, und er⸗ waͤhnte mit wenig Worten des Zufalls auf den Ebenen von Salamanca und der Gefangenneh⸗ mung durch die Franzoſen. „O, herrliche Ebenen von Salamanca!“ rief Spencer,„ohne eure Wildniſſe und Ver⸗ * 181 wuͤſtungen wuͤrde dieſe reizende Begebenheit ſich nicht zugetragen haben! Und auch Barnet, hoͤchſt weiſer, erfinderiſcher Barnet! Er ſoll in Zukunft wegen ſeiner Leitung beruͤhmt ſeyn; denn wer, ohne gleichen Grad des Scharfſinnes zu beſitzen, haͤtte je durch die Hartnaͤckigkeit des Zufalls eine ſolche bezau⸗ bernde Wirkung hervorbringen koͤnnen?? Mit welcher Schwierigkeit konnte Hono⸗ ria ein Laͤcheln des Beifalls unterdruͤcken, wel⸗ che dieſe natuͤrlichen Ergießungen der Freude und Lebhaftigkeit faſt unwillkuͤrlich erregten, dennoch wuͤrde es jene entzuͤckten Aeußerungen aufgemuntert haben, die ſie durch ein hoͤchſt zuruͤckhaltendes Betragen zu hemmen fuͤr noͤ⸗ thig hielt. „und Rinaldo,“ fuhr Spencer fort, „hat ihn Barnet geritten?“ Honoria ant⸗ wortete einfach:„Nein, ich ritt ihn, ſo lang ers geſtatten wollte, als er aber ihr Horn er⸗ toͤnen hoͤrte, ward er unbaͤndig. Er war eben gutig genug, mich von dem Feind zu tragen, worauf ſeine Wildheit mich noͤthigte abzuſtei⸗ gen, und er unter die Kaͤmpfenden flog. „Und ſie ritten Rinaldo!“ wiederholte Spencer mit vergnuͤgtem Blick:„Ach! wie wenig dachte ich—“ er hielt ſich ploͤtzlich zu⸗ ruͤck, Honoria's ernſten Ausdruck bemerkend, und ſuchte dann in gleichguͤltigerm Ton hinzu⸗ zuſetzen:„Als ich mich den Franzoſen nahte, glaubte ich eine Dame unſerm Nachtrab zuflie⸗ hen zu ſehen, und ſobald ich nach dem erſten Angriff mich beſinnen konnte, und die Staͤrke des Feindes wußte, ſandte ich Don Maleo ab, um die ſchoͤne Fluͤchtige in Sicherheit bringen zu laſſen. Am andern Morgen, wo ich ihn erſt wiederſah, hoͤrte ich von ihm, daß es die Gattin eines Officiers ſei, die— doch, o, Himmel! vielleicht hatte er ſich nicht ge⸗ irrt!“ rief Spencer, mit Entſetzen empor⸗ ſpringend; es fiel ihm jetzt zuerſt ein, 2d56 Hanvris vermaͤhlt ſeyn koͤnne. Sie wußte nicht, wie ſie ausſehen, oder ihm antworten ſollte, endlich aͤußerte ſie, daß 1 183 es Don Maleo wahrſcheinlich geſchloſſen habe, weil ſie ihm nicht widerſprach. „Aber irrte er?“ rief Spencer mit athemloſer Eile. Honoria machte eine beja⸗ hende Bewegung, und fragte, um den Ge⸗ genſtand zu veraͤndern, warum er ſie fuͤr eine Spanierin gehalten habe? Spencer antwortete nicht, ſondern nahm wieder Platz, und es vergingen einige Minu⸗ ten, ehe er ſich erholen konnte, worauf er ſie bat, ihre Worte noch einmal zu ſagen, und er⸗ wiederte: „Ich hielt es fuͤr wahrſcheinlicher, daß eine ſpaniſche Frau in die Haͤnde der Franzo⸗ ſen gefallen ſei, als eine meiner Landsmaͤnnin⸗ nen, die wenig ſolchen Gefahren ausgeſetzt ſind, und ſie hatten ſpaniſch mit Don Maleo ge⸗ ſprochen, in großer Bewegung, die es kaum verſtaͤndlich machte, weßhalb ihr Accent ſie ihm nicht als Auslaͤnderin verrieth.— Haͤtte ich aber gewußt,„fuhr er mit erneuter Lebhaftig⸗ keit fort,„daß Rinaldo lhnen gehoͤrte, ſo 4½ wuͤrden meine Vermuthungen ſogleich erregt worden ſeyn; allein er ward unter andern er⸗ beuteten Pferden eingebracht, und ich achtete nicht darauf. Als ich indeſſen heut mit Tages Anbruch aufgeſtanden war(welches, ſeitdem ich Soldat bin, gewoͤhnlich geſchieht) und fuͤr ei⸗ nen engliſchen Reiſenden geltend, wie ich oft thue, incognito die Gegend beſuchen wollte, ging ich vorher uͤber einen entlegenen Gras⸗ platz, wo etwas hinter mir herkam und den Hut abſtieß. Mit einigem Erſtaunen blickte ich mich um, und ſah neben meinem Geſicht den Kopf eines Pferdes. Es gab nur ein Pferd in der Welt, das ſich eine ſolche Freiheit bei mir herauszunehmen anmaßen konnte. Er fing ſogleich an, um mich herumzutraben, und die Art, wie er wieherte und ausſchlug, ließ keinen Zweifel uͤbrig. Ich war ſo entzuͤckt, daß ich wirklich meine Arme um ſeinen Nacken ſchlang und ihn an mich druͤckte.“ „Aber wie kam Rinaldo dorthin?“ fragte Honoria. 83 4 185 „Ich will ihnen erzaͤhlen: meine Freude war, wie ſie denken können, nur von kurzer Dauer. Ich bemerkte die Narbe in ſeinem Nacken, und dieß, und die Art, wie er in unſere Haͤnde gerieth, erregte die traurigſten Beſorgniſſe. Ich ging in das zu ſeinem Stall beſtimmte nahe Gebaͤude und fragte einen mei⸗ ner Soldaten, ob er etwas in Bezug auf Rinaldo wiſſe, allein er ſagte bloß, daß er im Stall ſehr unruhg ſei, und da der Ort keine regelmaͤßigen Unterſchiede hatte, war man genoͤthigt, ihn auf den Platz herauszu⸗ laſſen, damit er die andern nicht ſchlage; denn es wiſſe nur ein Mann ihn zu behandeln, der, weil er krank geworden ſei, ihn jetzt nicht beſorgen koͤnne. Ich konnte nicht widerſtehen, Rinaldo zu beſteigen und waͤhrend ich aus war, fiel mir ein, ob ſie mir nicht einige Nachricht von ihm zu geben vermoͤchten. Ich war ſo begierig auf Antwort, daß ich im Vorzimmer wartete, und da ich noch mehr von ihnen er⸗ fahren zu koͤnnen glaubte, beſchloß ich, ſie zu 186 befragen, indem ich ſie im Zimmer umhergehen und von der geſtrigen Unpäßlichkeit wieder her⸗ geſteit ſah. 1.. „Honoria verlangte keine Hipdentung auf ihr Uebelbefinden, deſſen Grund, wie ſie fürch⸗ tete, nur zu ſichtbar war. Sie ſtand auf⸗ als halte ſie die Unterredung fuͤr geendet-— vih⸗ rend ſie ſagte: 19e „ Wann kann ich hoffen, abzureiſen?! Spencer nahm eine zweifelhafte Miene an, und ſagte nach einigem Zoͤgern.„Ich will es uͤberlegen. Es erfordert mehrere Maßre⸗ geln; wenn ſie mir aber erlauben, wieder mit lünen uͤber dieſen Gegenſtand zu ſprechen, fo onoria unterbrach ihn:„Ich glaubte, ſie ſprachen geſtern von angemeßnen Mitteln, mich meinen Freunden wiederzugeben. Ihre Unruhe, wenn ſie Pähen, daß ich nicht in Sa⸗ lamanca bin, wird— „ Gewiß, gewiß!“ rief Spencer,„es muͤſſen ſogleich Briefe abgeſchickt werden!“”“ * 187⁷ „Briefe!“ wiederholte Honoria,„ich kann ſie eben ſo ſchnell erreichen.“ „Unmöglich! ganz unmoͤglich! ein Courier kann Tag und Nacht reiſen und dem Feind durch Mittel ausweichen, die ſte nicht anwenden koͤnnen. Es muͤſſen ſogleich Briefe fortgeſendet werden, und ich will durch dieſelbe Gelegenheit an mei⸗ nen Bruder ſchreiben. Aber ſie treiben mich ſo hinweg,“ fuhr er fort, die Richtung ihrer Augen nach der Thuͤr bnattende„ich habe noch nicht halb erklaͤrt— „Halb erklaͤrt,“ Siederolte ſie bei ſich.„Nein, noch iſt nicht das Geringſte ſei⸗ nes unbegreiflichen Betragens erlaͤutert worden. Ich bin nur uͤberzeugt, daß er noch immer das Weſen iſt, gegen welches man mit groͤß⸗ ter Schwierigkeit ein gleichfoͤrmiges, entfern⸗ tes Anſehn behaupten kann.“ 3 Sie bat von neuem ernſt und dringend, alsbald mit den Mitteln zu ihrer Abreiſe ver⸗ ſehen zu werden, worauf er ſehr aufmerkſam zu achten ſchien, und ſie endlich mit der Bemer⸗ 3 188 kung verließ, daß es auf alle Faͤlle beſſer 6 an ihre Schweſter zu ſchreiben. Allein wie konnte Honoria ihrer Schwe⸗ ſter ſchreiben, waͤhrend ihr Gemuͤth ſo bewegt und ihr Herz von ſo unruhigen Gefuͤhlen er⸗ fuͤlt war? Sie hoffte, daß Ella bis jetzt keine Beſorgniß ihretwegen empfunden hatte, da ſie nicht von Salamanca aus ſchreiben wollte, wo ſie nur vier oder fuͤnf Tage zu bleiben gedach⸗ te; auf dieſe Weiſe konnten ihre Freunde voͤl⸗ lig unbekannt mit ihrem widrigen Begegniß ſeyn, bis ſie von ihrer Sicherheit durch die jetzt abzuſendenden Nachrichten uͤberzeugt wur⸗ en. Es verging laͤngere Zeit, ehe Honoria ihre Gedanken auf irgend einen Gegenſtand, außer einem, zu richten vermochte; endlich las ſie, was ſie zuvor an ihre Schweſter ſchrieb, wodurch ſie ſich ein wenig ſammelte; allein nach allem konnte ſie nur ſeltſame, unzuſam⸗ menhaͤngende Zeilen vollbringen, in denen, obwohl nicht ſehr deutlich, enthalten war, daß der Guerilla⸗Anfuͤhrer ſich in Spencer Bur⸗ 189 lington verwandelt habe und dieß unter ſo be⸗ ſondern mißfaͤlligen Verhaͤltniſſen, die es ihr aͤußerſt wuͤnſchenswerth machten, ſich ſeinem Schutz zu entziehen, ungeachtet er ihr bis jetzt nur wie in den fruͤhern Zeiten ihrer Bekannt⸗ ſchaft erſchienen ſei. Nach Vollendung dieſes Geſchaͤfts uͤberließ ſich Honoria dem Nachdenken uͤber ihre Lage. Sie war von beſonderer Zartheit und erfor⸗ derte das ſorgfaͤltigſte Betragen gegen den, der durch die lebhafteſte Freude bei ihrem Anblick Spuren jener zaͤrtlichen Neigung ver⸗ rieth, die er vormals fuͤr ſie zu empfinden ſchien; und ob es gleich ihrem Herzen unaus⸗ ſprechliches Vergnuͤgen gewaͤhrte, und jene traurigen und niederſchlagenden Gedanken ver⸗ bannte, die ſo lange ihr jede Stunde verbit⸗ tert hatten, ſo vermehrte es doch die Verle⸗ genheit des Augenblicks: denn ohne voͤllige Erklaͤrung und Entſchuldigung ſeines letztern Betragens konnte ſie ihn nie anders empfan⸗ 190 gen„ als ſeine Verbindung mit ihrer Familie noͤthig machte. Honoria dachte nicht eher an Chico, bis er, vom Duft des Mittagseſſens angezogen, jaͤhnend und ſich dehnend unter dem Ruhebett hervorkam, wo er den ganzen Morgen geſchla⸗ fen hatte. Barnet erſchien, bei Tafel aufzu⸗ warten; er war ganz wiederhergeſtellt, und ſte gebot ihm, zum Grafen zu gehen, der mit ihm zu ſprechen wüͤnſche. Die Ueberraſchung, die es Barnet verurſachen werde, hielt ſie fuͤr ein wirkſames Erregungsmittel, da ſeine Gei⸗ ſteskraͤfte in der letzten Zeit geſchlummert zu haben ſchienen. Doch um ihm Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, muͤſſen wir bemerken, daß er ſich nicht immer in einem ſo daͤmiſchen Zuſtand befand, die thaͤtige Aufmerkſamkeit für ſeinen Herrn bewies dieß. Er war ein erge⸗ bener und treuer Diener, hatte aber bei der letzten Gelegenheit zu viel auf ſeine eigne Kennt⸗ niß vertraut, und als er ſeinen Irrthum ein⸗ ſah, war er verlegen und durch das angerich⸗ 191 tete Unheil betroffen, und hatte ſich noch kaum von ſeiner Niedergeſchlagenheit erholt. Er kehrte nicht, wie ſie erwartete, nach ſeiner Unterredung mit dem Grafen zuruͤck, ſondern Marcella ward von letzterm mit der Bitte an ſte geſendet, wegen ihrer Entfernung mit ihr ſprechen zu duͤrfen. Honoria ſeufzte bei dem Gedanken, wie bereitwillig er ihr Verlangen erfuͤlle; denn ſie glaubte, Spencer habe alles zur Abreiſe am nächſten Morgen veranſtaltet, und dankte ihm bei ſeinem Eintritt, ſobald die Ausfuͤhrung ihres Vorſatzes befoͤrdert zu haben. Er ſah aus, was man bei andern ungeſchickt genannt haben würde, doch bei ihm nicht konnte, und indem er den Stuhl einnahm, welchen Marcella fuͤr ihn hingeſetzt hatte, ſagte er, daß er hoffe, der von ihm entworfene Plan werde ihren Beifall erhalten; es ſtehe aber bei ihr, ob er ausgefuͤhrt werden ſollte. Er hatte Bar⸗ net geſprochen, der ſich faͤhig und ſehr bereit⸗ willig zur Reiſe erklaͤrte, und ſchlug vor, ihn 192 ſogleich mit Briefen und zwei Begleitern auf dem naͤchſten und ſicherſten Wege abzuſenden. „Und was haͤlt mich ab, ihn zu beglei⸗ ten?“ fragte Honoria etwas lebhaft. „Tauſend Dinge,“ erwiederte Spencer. „Zuerſt habe ich heut geheime Nachricht von einer ſtarken Abtheilung des Feindes in dieſer Gegend erhalten, und ſie koͤnnen jetzt nicht mit Sicherheit reiſen, wenn ſie ſich nicht einer Wiederholung des letzten Vorfalls ausſetzen wollen. Barnet und ſeine Wegweiſer werden keine Aufmerkſamkeit erregen, ſelbſt nicht die des Feindes, oder ſie koͤnnen ſich an Orten verbergen, die ihnen nicht wohl zugaͤnglich ſind. Iſt es ihnen aber lieber, Barnet hier zu behalten, ſo will ich jemand anders ſen⸗ den; ich hielt ihn nur für geeigneter, die Fra⸗ gen meines Bruders nach dem Vorgefallnen zu befriedigen. Marcella iſt, wie ſie wiſſen/ gaͤnzlich zu ihren Dienſten und ſie koͤnnen ſie bei ſich haben, ſo oft es ihnen gefaͤllt. „Aber,“ ſagte Honoria, ein mißvergnug⸗ 193 tes Anſehn behauptend,„verſicherten ſie nicht geſtern Abend, mich durch einige ihrer Leute nach der naͤchſten Stadt im Beſitz der Alliirten begleiten laſſen zu wollen, von wo ich—"/7 „Ich wuͤrde es mit dem groͤßten Ver⸗ gnuͤgen,“ ſiel Spencer eifrig ein.„Sie ſoll⸗ ten mein ganzes Corps zu ihrer Bedeckung ha⸗ ben, wenn es von mir allein abhing! aber ich darf in einem ſolchen Angenblick meine Macht ſelbſt nicht um Wenige verringern. Ich weiß nicht, wie ſtark der Feind iſt, der uns umgiebt, oder wie bald wir zum Wider⸗ ſtand aufgefordert werden; und wenn ich ſie in einer ſo gefahrvollen Zeit reiſen ließ, wuͤrde ich die ſteten Verwuͤnſchungen derer verdienen, die den geringſten Antheil an ihnen nehmen. Ich haͤtte ſie eben ſo gut im Triumph von den Franzoſen koͤnnen hinwegfuͤhren laſſen, als wenn ich ihnen geſtattete, denſelben Uebeln entgegen⸗ zugehen, denen ſie eben erſt entflohen.“ Die Macht ſeiner Gruͤnde, oder die Menge ſeiner Worte, vernichteten jeden Ein⸗ Guerilla⸗Anf. II. 13 194 wand gegen ſeinen Plan, und als Honoria fragte, wann ſie denn aus einer ſo unange⸗ nehmen Lage befreit zu werden hoffen duͤrfte, bat er ſie, ſich ihren Aufenthalt hier ſo be⸗ quem wie moͤglich zu machen, und ſobald der gegenwaͤrtige Laͤrm voruͤber ſei, und er ſich fuͤglich entfernen koͤnne, werde er ſie zu ihrer Schweſter begleiten und bei dieſer Gelegenheit ſie und ſeinen Bruder wiederſehen.„Allein,“ ſetzte er mit traurigem Ton, den Blick fragend auf ſie gerichtet, binza⸗„ wie werden ſe nis empfangen?“ „Ihr Bruder liebt ſie zu zartlich,“ er⸗ wiederte Honoria,„als daß er ſie je anders als ihren Wuͤnſchen gemaͤß aufnehmen koͤnnte. Aber,“ fuhr ſie fort,„dieſer Plan iſt ſo ungewiß und ich kann ſo lange aufgehalten werden.. „Nein, nein!“ rief er;„ohne Zweifel wird der Feind ſich bald zuruͤckziehen, oder ſeine Macht ſonſt wo vereinen. Wahrſcheinlich geht er nur in der Naͤhe durch, und in wenig Ta⸗ 195 gen glaube ich abreiſen zu koͤnnen. Nun ſagen ſie, ob Barnet ſich entfernen ſoll?“ „ Ich glaube, er muß!“ erwiederte Ho⸗ noria mit anſcheinendem Widerſtreben, und zußerte dann, ihrem Brief noch einige Zeilen beifuͤgen zu wollen. In dieſem Augenblick kam Chico von dem Balcon herein und uiatang auf lheen Schooß. „ Welch ein ſchoͤner kleiner Hund!” rief Spencer. Honoria that ihn herab und ſagte erröthend, daß ſie ihn denſelben habe ſenden wollen„ doch ihn gaͤnzlich vergaß. „O, wie guͤtig!“ rief Spencer mit Freude zrzlonden Augen.„Ich wuͤrde mich hoͤchſt gluͤcklich gefuͤhlt haben, ihn zu empfangen.ℳ „Sie mißverſtehen mich ganz,“ ſagte Honoria ſehr verlegen;„der Hund gehoͤrt nicht mein; ich fand ihn in einem aͤußerſt elenden Zuſtand und nahm mich ſeiner aus Mitleiden an. Kennen ſie ihn nicht?“ „Nicht im geringſten,“ ſagte Spencer mit veraͤndertem Ton.„Ich hoͤrte von einem „ 13* 196 Hund, der mit heimgebracht ward, und glaub⸗ te, er gehoͤre ihnen.“ „Der Name auf dem Halsband bezeich⸗ net ihn als den ihrigen,“ ſagte Honoria. „Den meinigen! ich wuͤßte nicht, wie das ſeyn koͤnnte; doch wie guͤtig war es von ihnen, ſo viel Sorge fuͤr ihn zu tragen. „Ich wußte nicht, wem er gehoͤrte,“ er⸗ wiederte ſie geſchwind,„da mir der Name gaͤnzlich unbekannt war. Spencer ſah auf das Halsband, und ſchien ploͤtzlich der damit verbundenen Umſtaͤnde zu gedenken, ausrufend:„Ich erinnere mich die⸗ ſes armen kleinen Thiers, das ich aber nur einen Tag beſaß. Es ward mir von einer— einer Perſon gegeben, die es mit dieſem Hals⸗ band ſchmuͤckte; allein es war kein paſſender Hund fuͤr mich, und ich uͤbertrug jemand ſtatt meiner die Sorge dafuͤr.“ Das Horn ward gehoͤrt und Spencer ſprang auf, mit der Aeußerung, es noch nicht fuͤr ſo ſpaͤt gehalten zu haben. Honoria konnte 197 nicht unterlaſſen zu fragen, warum das Horn ertoͤne? Der Graf erwiederte, daß er die Vorpoſten beſuchen wolle und ſeine Leute bereit waͤren. Sie aͤußerte ihre Beſorgniß, der Feind moͤchte indeſſen das Kloſter angreifen. Spen⸗ cer ver ſicherte laͤchelnd, es ſei nichts zu fuͤrch⸗ ten, und er werde wahrſcheinlich zwiſchen ein und zwei Uhr des Morgens zuruͤck ſeyn, wenn ihre Nachbarn ihnen nicht eine kleine Unter⸗ haltung machten. Honoria ſchauderte, und um ihre Gefuͤhle nicht zu verrathen, denn ſie zitterte vor den Gefahren, denen er ausgeſetzt. ſeyn wuͤrde, bat ſie ihn, ſich nicht abhalten zu laſſen. Spencer zoͤgerte noch immer. „Aber wollen ſie den Hund behalten?“ ſagte er,„ſie haben das naͤchſte Recht dar⸗ auf; wollen ſie ihn ihren Hund ſeyn laſſen?“ „Er mag bei mir bleiben„ ſo lange ich hier bin, wenn ſie wollen,“ ſagte Honoria, und beim zweiten Ton des Horns eilte Are⸗ valo ſchnell hinweg. Vorſichtig ſchaute Honoria nun durch das 198 Fenſter; die Hoͤhe deſſelben und der Schatten, welchen die dicken Mauern verbreiteten, mach⸗ ten es wirklich ſchwer⸗ von unten bemerkt zu werden. Der weiße Zelter ſtand bereit und ſchien ungeduldig uͤber das ungewoͤhnliche Verweilen ſeines Herrn; allein im naͤchſten Augenblick trug er ſtolz den Anfuͤhrer durch das Portal. Ihm folgten mehr als noch einmal ſo viel Guerillas wie in der Nacht ſeines Gefechts mit den Chaſſeurs. Honoria's unbehagliche Empfndungen nahmen zu, indem ſie ſi ich von der Rorhwendigkeit dieſer vermehrten Anzahl iberzeugt fuͤhlte,. und als die ſchweren Thore hinter ihnen zuffelen und Dunkelheit ſchnell das Ganze verhuͤllte, empfand ſi ſie wirklich mit ban⸗ gem Herzen, daß ſie in den důſtern Maäutt eines Kloſters eingeſchloſſen war. Bis zu dieſem Augenblick hateer ſe e dies Gefuͤhl noch nicht erfahren, und es wuͤrde auch jetzt nicht der Fall geweſen ſeyn, wenn 199 der tapfre Anfuͤhrer zum Schutz ſeiner ſchäben Nonne zuruͤckgeblieben waͤre. Es war ihr nicht unangenehm, Marcella mit Lichtern erſcheinen zu ſehen. Ihr folgte Barnet, noch immer voll Wunder und Erſtau⸗ nen, das er nicht unterlaſſen konnte auszu⸗ ſprechen, und erklaͤrte es fuͤr einen ausneh⸗ mend gluͤcklichen Zufall, den rechten Weg ver⸗ fehlt zu haben, welches er fuͤr ein Verhaͤng⸗ niß halten muͤſſe, da es ſie in Burlingtons Haͤnde fallen ließ. Honoria unterbrach ſeine Geſpraͤchigkeit durch die Frage, ob er zur Ab⸗ reiſe bereit ſei? Er bejahte es, und hatte ſich durch einen ſpaniſchen Diener des Grafen in einem nahen Dorfe Maulthiere und Wegwei⸗ ſer dazu verſchafft. Nachdem ſich Honoria uͤberzeugt hatte, daß er dem Major einen Brief von ſeinem Bruder uͤberbrachte, ward er eilig von ihr entlaſſen. Indem ſie jetzt Chico liebkoſete, fiel ihr ein, wie zoͤgernd Spencer ſagte, ihn von einer Perſon bekommen zu haben. Sie glaubte, * 200 er habe, von einer Dame, ſagen wollen, ſich aber zuruͤckgehalten. Chico paßte wirklich nur für eine feine Dame, und ſie konnte kaum zweifeln, daß er als Eigenthum einer feinen Dame einem feinen Herrn uͤbergeben worden war— eine Folgerung, die ihr keine große Befriedigung gewaͤhrte. Doch dieſer Eindruck ward durch Erinnerung der Gleichguͤltigkeit ver⸗ mindert, die Spencer gegen den Hund gezeigt hatte, und ſeinen Wunſch, ihn als ihr Eigen⸗ thum zu ſehen. Sie hatte jetzt nichts zu thun, als die Buͤcher umher zu unterſuchen; allein ſie fand die meiſten militaͤriſchen Inhalts, ei⸗ nige wenige uͤber ſpaniſche Geſchichte und Ca⸗ moens im Original. Sie oͤffnete das letztere, verſtand aber die Sprache nicht genug, um ſich der Dichtung zu erfreuen, und konnte auch wirklich ihre Aufmerkſamkeit nicht darauf rich⸗ ten; denn ihr Gemuͤth war in einem Zuſtand großer Beſorgniß und zu ſehr von neuern Er⸗ eigniſſen erfuͤllt, als daß ſie es von ſo lebhaf⸗ ten Gegenſtaͤnden des Intereſſes haͤtte ablenken 121 koͤnnen. Ihre Blicke weilten mehr auf der er⸗ ſten Seite des Buchs, als auf einer der fol⸗ genden, denn hier las ſie die Werke Spen⸗ cer, Graf de l'Arevalo. s Waͤhrend ſie ſich mit dieſem Gegenſtand beſchaͤftigt, und der Wahrheit ſehr aͤhnlich kommende Vermuthungen hegt, wollen wir kuͤrzlich erklaͤren, warum er dieſen Namen fuͤhrte, der ihn uns fremd machte. 8 Als ſich Spencer Burlington in einem Land ſah, wo alles Krieg athmete, war ſein erſter Wunſch, thaͤtigen Antheil daran zu neh⸗ men; dennoch in einer untergeordneten Lage zu dienen, ſtimmte weder mit ſeiner Natur, noch ſeinen Neigungen überein. Er machte Bekanntſchaft mit dem gegenwaͤrtigen Major ſeines Corps, Don Manilla los Tores, ein Grand von großem Anſehn und ſtandhafter pa⸗ triotiſcher Geſinnung, der einen Trupp Gue⸗ rillas von hoͤherm Nang errichten wollte und es zum Theil ſchon bewirkt hatte: allein er war nicht reich, und ſein Vermoͤgen erſchoͤpft. 20²2 Sobald Spencer dieſen Umſtand bemerkte, und die Organiſation des Ganzen verzoͤgert ſah, unternahm er es, fuͤr jede erforderliche Summe zu ſtehen, wenn er den Platz zunaͤchſt unter Don Manilla erhalte. Doch dieſer großmuͤthige Spanier wollte dieß nicht geſtatten. Es war zu gerecht, daß der, welcher das Ganze un⸗ terhielt und freiwillig die großen Erforderniſſe deſſelben befriedigte, auch daruͤber befehligte. Don Manilla wuͤrde es, unter dieſen Verhaͤlt⸗ 24 ſſen, als Demuͤthigung empfunden haben, an der Spitze zu ſtehen; dennoch fuͤhlte er ſich gluͤcklich, dem jugendlichen Anfuͤhrer bei Be⸗ ginnung ſeiner kriegeriſchen Laufbahn ſo viel als moͤglich zu nuͤtzen. Indeſſen war Spencer kein ſolcher Neuling in den Grundſaͤtzen des Standes, als man glauben duͤrfte, da er fruͤ⸗ her ſchon ein Schuͤtzen⸗Corps commandirte, und nie zufrieden, etwas halb zu thun, machte er geraume Zeit ſein Regiment zu ſeiner Liebha⸗ berei, und ſtudirte wirklich die Kriegskunſt. Die damals erworbene Kenntniß durch 203 Manilla's Winke und den großen Eifer, mit dem er die Sache ergriff, jetzt unterſtuͤtzt, machte ihn bald zu einem geſchickten Befehlshaber; und Erfahrung lehrte ihn ſchnell, was er zu wiſſen noͤthig hatte. Er war da nur unter dem Namen Spencer bekannt, weil er dem Major ſeinen Aufenthalt verbergen und in dem damaligen Zuſtand ſeines Gemuͤths in keiner Verbindung mit ihm ſtehen wollte. Doch bald zog Spencers Tapferkeit, womit er die Fran⸗ zoſen von der Stadt Arevalo vertrieb, die Aufmerkſamkeit des ganzen Landes auf ihn und ſeine Guerillas, und er ward von der beſte⸗ henden Regierung mit dem Titel, Graf de l'Arevalo, belohnt. Ein Name, welchen ſein 1 nachfolgendes Betragen unſterblich machte.— Marcella brachte das Abendeſſen, aber Honoria bemerkte es nicht; und ob ſie gleich ſpat in ihr Schlafzimmer ging, fuͤhlte ſie doch eben ſo wenig Neigung zum Schlaf wie zum Eſſen. Ohne ſich auszukleiden, wandelte ſie im Zimmer auf und ab, uͤberzeugt, vor Ruͤck⸗ 204 kehr der Guerillas nicht ruhen zu koͤnnen. Sie lauſchte auf jeden Ruf der Wachen und hoͤrte ihren ſchwerfaͤlligen Tritt, wenn ſie zum Abloͤ⸗ ſen uͤber den Hof gingen; und nachdem ſie ihr Nachtlicht in das aͤußre Zimmer geſetzt hatte, trat ſie ans Fenſter. Dann und wann ſah ſie einen Guerilla mit angezuͤndeter Fackel aus dem Kloſter durch den Kreuzgang nach der Wachſtube gehen, die am Eingang war; doch alles blieb einige Zeit vollkommen ruhig; ſie ging zum Licht, an die Uhr zu ſehen. Es war Eins voruͤber. Von neuem nahm ſie ih⸗ ren Platz am Fenſter ein. Ueberall herrſchte einſames Dunkel, ſowohl innen als außen, und das Kloſter ſchien ſeinen urſpruͤnglichen Charakter wieder angenommen zu haben. Aengſt⸗ lich lauſchte ſie auf den Ton des Horns, die Ruͤckkehr der erwarteten Partie verkuͤndend, und ihre Augen waren dem großen Thor zu gerichtet. Endlich ward das Horn am Portal mit ſo grellem und ploͤtzlichem Ton geblaſen, daß ſie erſchrack und ſich begierig aus dem Fen⸗ 205 ſter bog. Die Wache kam ſchnell heraus, den Anfuͤhrer erwartend, ging aber faſt eben ſo eilig wieder hinein und Honoria ſah beim Schein einer Fackel, die ein Guerilla trug, der nur halb das Thor oͤffnete, einen einzigen Gue⸗ rilla hereinreiten, worauf der Eingang ſogleich wieder verſchloſſen ward. Im naͤchſten Augenblick zeigte ſich alles im Hof in Verwirrung. Der ſcharfe Ton des Horns ſchallte von den vier Seiten des Platzes, und ſchien jedes lebende Weſen in und außer dem Kloſter erweckt zu haben; denn ſie hoͤrte die Thuͤren der entfern⸗ ten Zellen zuſchlagen und den Laut von Stim⸗ men in mehrern Theilen des Gebaͤudes. 1 Honoria empfand alles, was Furcht und Entſetzen bewirken koͤnnen. Sie eilte nach dem Licht und dann ſo ſchnell, als es das Zittern ihres ganzen Weſens verſtattete, durch das Vor⸗ zimmer in den langen Gang, und begehrte zu wiſſen, was vorgehe. Allein jede Zelle war bereits leer: die Stimmen toͤnten jetzt nur von unten herauf, und auch da wurden ſie nicht 206 lange gehoͤrt. Schweigen und Einſamkeit herrſchten innerhalb. Sie ging durch den lan⸗ gen dunkeln Gang in ihr Zimmer zurück, in der Hoffnung, jemand aus dem Fenſter fragen zu koͤnnen. Das Getoͤſe der Pferde, die von allen Seiten herbeikamen, erreichte ihr Ohr, ehe ſie hinausblickte, wo ſie bereits den Hof mit aufgeſtiegenen Guerillas erfuͤllt ſah, die beim Schein der Fackeln, in allen Richtun⸗ gen umherſtrahlend, vollkommen ſichtbar wa⸗ ren. Die Reiterei machte es unmoͤglich, ihre zitternde Stimme zu vernehmen. Der Major gab Befehl zum Aufbruch und ritt den Gue⸗ rillas in halber Eile voraus, worauf das Thor wieder doppelt verwahrt ward und tiefe Stille im Innern herrſchte. Honoria faltete die Haͤn⸗ de; ſie ſank auf die Kniee, um fuͤr den zu beten, deſſen Gefahr nur allein ihre Gedanken erfuͤllte. Vielleicht war er uͤberwunden! Ge⸗ wiß war er angegriffen— maͤchtig ange⸗ griffen, oder er wuͤrde keine Verſtaͤrkung ver⸗ langt haben! Waͤhrend ſie alle das Elend em⸗ 207 pfand, was eine ſolch Ueberzeugung zu be⸗ wirken geeignet war, hoͤrte ſie ein leifes Klo⸗ pfen an der Thuͤr. Es war Marcella. Eifrig fragte Honoria, was vorgefallen ſei⸗/ und hoͤrte von ihr, daß der Graf nach mehr Leu⸗ ten geſendet habe, da er den Feind ni weit ſtaͤtker halten muͤſſe, als er vermuthete.— „ Aber ſind ſie laelne im Gefehe fragte Honorir1iruu „Ich konnte nur erfahren, Signora, daß ſie mit dem Vortrab zuſammenkamen, der be⸗ zwungen ward, und von m erhielten ſte ihre Nachricht.”"“ n „Doch vielleicht iſt ſie falſch,“ ſagte Honoria, immer zu hoffen bereit. „Es iſt moͤglich, aber ich hoffe nicht, 3 denn man hat nichts wegen des Grafen zu fuͤrchten. Solche Dinge tragen ſich zuweilen mehrere Mal die Woche zu, und es faͤllt uns nie ein, Angſt zu haben. Ich glaubte aber, da ſie nicht ſo daran gewoͤhnt ſind, moͤchte der Laͤrm ſte beunruhigen, und kam deßhalb ſobald 208 ich kounte zu ihnen. Sie ſehen ſo bleich und erſchrocken aus; es iſt fuͤrwahr kein Grund dazu da, denn der Graf ward gewiß nicht ge⸗ bare um, beſtegt zu werden.“. Honoria bemerkte jetzt, daß Marcella ihre Beſorgniſẽ der wahren Veranlaſſung zuſchrieb, woruͤber ſie zugleich beſtuͤrzt und bekuͤmmert war, und da ſie fuͤrchtete, dieſelbe habe aus ihren wiederholten Unterredungen mit dem jugend⸗ lichen Anfuͤhrer Folgerungen gezogen, die ſchmeichelhafter fuͤr ſeine Eitelkeit als ihre Klugheit waͤren, machte ſie alsbald die zwiſchen ihnen Statt findenden Verhaͤltniſſe bekannt. Marcella beſaß eine lebhafte Phautaſite, und hielt nichts fuͤr natuͤrlicher, als daß die ſchoͤne Gefangne ein lebhaftes Intereſſe fuͤr ihren tapfern Befreier empfand. Ihr Mann war nicht mit aus, und wegen des Grafens, ſagte ſte, hege ſie nie Beſorgniß, obwohl ſie ſo viel Antheil an ihm nehme, wie irgend je⸗ mand; aber St. Fernando habe ihn, ſeitdem er das Kloſter betrat, geſchuͤzt; denn er ſei nie⸗ 209 mals verwundet worden, und es koͤnne ihn gewiß nichts verletzen, ſo lange der Heilige uͤber ihm wache. Honoria erinnerte ſie, wieder zu Bett 36 gehen, allein Marcella bat, bei ihr bleiben zu duͤrfen, wenn ſie nicht ſchlafen wolle, welches ſie nicht Willens hatte. Marcella's Anweſen⸗ heit war ihr nicht unangenehm, da voͤllige Ein⸗ ſamkeit im gegenwaͤrtigen Fall ihre truͤbe Stim⸗ mung erhoͤhte; und obgleich Marcella bald auf ihrem Stuhl einſchlief, ſo wußte ſie doch je⸗ mand in ihrer Naͤhe, und das war alles, was ſie verlangte. Einige Stunden blieb ihr angſt⸗ volles Wachen ohne Stoͤrung, und mit dem Fortruͤcken der Zeit vermehrte ſich ihre Unruhe. Endlich entwich die Dunkelheit der Nacht; nur einige der hellſten Sterne waren noch nicht von dem zunehmenden Tageslicht uͤberſtrahlt; und eine milde, ruhige Klarheit der Luft, frei von dem entzuͤndenden Einfluß der Sonne, ſchien die ganze Natur zu erfriſchen. Ihren Schleier umwerfend ging Honoria Guerilla, Anf. II. 14 210 1 auf den Balcon und wagte ſich durch die Thuͤr auf die Waͤlle, in der Hoffnung, die Guerillas nahen zu ſehen; allein es way noch nicht hell genug, entfernte Gegenſtäaͤnde unterſcheiden zu koͤnnen, obwohl ſie mehrere Perſonen nicht fern auf dem gruͤnen Platz zu bemerken glaub⸗ te. Dennoch konnte ſie den Geſtalten keinen beſtimmten Charakter geben, und Marcella ward von ihr deßhalb gerufen. Dieſe rieb ſich die Augen und blickte ſtarr umher, dann, ſich er⸗ munternd, rief ſie, ihr folgend, aus:—„ 9O heilige Maria! ich traͤumte vom Grafen, und ſah ihn mit einer Wunde uͤber der Wange und dem Verluſt eines Beines zuruͤckkommen. Hei⸗ liger Fernando, beſchuͤtze ihn!“ Honoria hatte ihren Arm gefaßt, aber ſchaudernd ließ ſie ihn wieder los. Der Tag hatte bereits ſchnell zugenommen und in wenig Minuten war alles ſo hell wie am Mittag, und ſie ſahen deutlich zwei Guerillas uͤber einen dritten hingebeugt, der am Boden lag. Ein matter Laut entfloh Honoria's Lippen; ſie lehnte 211 ſich an ihre Begleiterin; ihr Entſetzen konnte der liegenden Geſtalt nur eine Form geben, und faſt bewegungslos rief ſie ploͤtzlich:„Sie koͤnnen weiblichen Beiſtand brauchen.*, Mar⸗ cella, geſchwind!“ Marcella eilte, aber Honoria mit ihr. Sie ſtiegen in den Hof hinab und erreichten bald den Eingang; doch hier wollte die Wache nicht oͤffnen, obgleich Marcella vorſtellte, daß ſich jemand, vielleicht der Graf ſelbſt, gefaͤhr⸗ lich verwundet oder ſterbend, nicht weit vom Kloſter befinde.. Der wachthabende Officier erſchien nun— Honoria zog ſich zuruͤck; ihr Schleier verbarg ihre Bewegung und Marcella fuͤhrte das Wort. Er ſagte, den beſtimmten Befehl zu haben, niemand durch das Thor gehen zu laſſen, und es nur zur Aufnahme ihrer eignen Leute zu oͤffnen. In dieſem Augenblick berichtete eine Schildwache von den Waͤllen, daß zwei ihrer Gefaͤhrten, einen dritten tragend, ſich naͤher⸗ ten. Honoria lehnte ſich an einen Pfeiler, . 14 21² entſchloſſen, das aͤrgſte zu wiſſen, ehe ſie ſich entfernte. Das Horn ertoͤnte, die Pforte ward geoͤffnet. Sie ſchlang ihren Arm um den Pfeiler, ſich feſtzuhalten. Langſam naͤherten ſich nun die beiden Guerillas, ein daruͤber ge⸗ worfner Reitermantel verbarg die Geſtalt, die ſie trugen. Marcella ſprang hinzu; fuͤr die Frage zu ungeduldig, erhob ſie die Verhuͤllung des Geſichts, und Honoria erblickte das tod⸗ tenbleiche, doch immer noch Unerſchrockenheit bezeichnende Antlitz eines alten Helden, der im Dienſt des Vaterlandes lebte und ſtarb. „Ach! unſer guter Garcias! unſer guter alter Camerad!“ ward von einem nach dem andern wiederholt, waͤhrend Honoria dankbar zum Himmel emporblickte und in ihr Zim⸗ mer eilte, wo ihr Gemüth bald wieder ruhi⸗ ger und fuͤr die Hoffnung empfaͤnglich ward. Die Nachrichten, welche Marcella im kurzen ihr mittheilte, ſtellten den Grafen noch immer als Sieger dar, obwohl die beiden Guerillas ihn zuletzt nicht geſehen hatten, indem ſie füͤr mehrere ihrer Gefaͤhrten ſorgen mußten, ver⸗ wundet im Gefecht mit einer Abtheilung der Feinde, die der Graf zerſtreute und jetzt ver⸗ folgte. Alle Verwundete waren bis zu beque⸗ mer Gelegenheit in nahliegende Huͤtten ge⸗ bracht, außer Garcias, der dringend nach dem Kloſter zuruͤckverlangte, aber waͤhrend des Wegs, in eben dem Augenblick, wo ihn Ho⸗ noria auf dem gruͤnen Platz entdeckte, ſtarb. Marcella verſuchte jetzt ihre Gebieterin durch den Anblick eines wohlbereiteten Fruͤh⸗ ſtuͤcks und jede Ueberredung, etwas zu genie⸗ ßen; allein Honoria's Luſt zum Eſſen war in dieſem Augenblick ſo ſchwach, wie ihr In⸗ tereſſe lebhaft war, und ihr lauſchandes Oür merkte auf jeden Ton. „Gewiß!“ rief ſie endlich,„das war ein entferntes Horn.“ Im Augenblick befand ſte ſich wieder auf dem Wall, Marcella folgte, und am aͤußerſten Rand der Ebene zeigte ſich ihnen jetzt der lange erwuͤnſchte Anblick. Die Guerillas nahten im vollen Trab, alle ihre 214 kriegeriſchen Inſtrumente einen wilden, friſchen, ſtegreichen Ton anſtimmend. Mehrere Schritte voraus ritt ihr Anfuͤhrer, eine Fahne tragend, die er mit eignen Haͤnden dem Feind entriſ⸗ ſen hatte.. Ddie großen Thore flogen auf. Frohlockend empfing die Wache den ſtegreichen Befehlsha⸗ ber mit ſeiner Krieger⸗Schaar. Auf ſeinen Befehl ward ein Kreis um ihn geſchloſſen; und Honoria bemerkte an der Lebhaftigkeit ſeiner Geberden, Blicke und Haltung, daß er ihrem Muth und tapfern Benehmen ſeinen Beifall ertheilte. Dieß ward ſogleich durch ein lautes Jubeln beantwortet— zuerſt fuͤr ihren Anfuͤh⸗ rer— dann wegen ihres Siegs— dann fuͤr Englands Koͤnig! worauf die Toͤne ſich in den rauſchenden Klaͤngen der Inſtrumente verloren, zu jenem ſchoͤnen Geſang ſich vereinend, der den Britten ſo theuer und berechnet iſt, den hoͤchſten Enthuſtasmus der Freude zu erregen. Es erforderte nicht die Laute dieſer bekannten Melodie, unter ſo eignen Verhaͤltniſſen von 215 Baterland und Freunden entfernt, um Hono⸗ ria's Empfindung zu erregen. Ihre Thraͤnen drangen hervor und floſſen unaufhaltſam, aber es waren Thraͤnen der Freude! Unwillkuͤrlich entbloͤßte der ſiegreiche Britte, auf feinem Zel⸗ ter ſitzend, bei dieſen Toͤnen das Haupt. Ach! er enthuͤllte den Preis ſeiner Lorbeern. Ein Tuch war um ſeine Stirn gewunden, und als er die Fahne in die linke Hand nahm, um die Rechte emporzuheben, ward es ſichtbar, daß er den Arm in einer Schlinge trug, obwohl er die Hand ihre Pflicht zu thun noͤthigte. Honoria fuͤhlte ſich von einer toͤdtlichen Schwaͤche durchdrungen— ſie wankte zum Ruhebett und wußte einige Augenblicke nicht wo ſie war. Als ſie wieder ans Fenſter trat, war der Hof leer. Marcella hatte ſich ent⸗ ſernt, die Sieger zu begruͤßen, und Honoria ſah gern ſich allein. Nachdem der erſte Schreck voruͤber war, konnte ſie natuͤrlich Spencers Wunden nicht für ſehr gefaͤhrlich halten, da ſeine Farbe, von 216 der Roͤthe des Sieges erhellt, weder Er⸗ ſchoͤpfung noch Uebelbefinden andeutete. Waͤh⸗ rend ſie erwog, mit welchen oren ſelhn Gluͤck wuͤnſchen laſſen wollte, hoͤrte ſie i Vorzimmer Schritte, die den Schlag hla Herzens ſehr beſchleunigten. Ein leiſes Klo⸗ pfen an der Thuͤr folgte darauf. Mit ſchwacher Stimme fragte Honoria, wer da ſei?„Ein armer ungluͤcklicher Krieger,“ war die Ant⸗ wort,„der die ganze Nacht ausgeweſen, und beinahe erſchoͤpft iſt, der aber nicht ruhen kann, bis er ſich uͤberzeugt hat, daß der Laͤrm in dieſer Nacht nicht unguͤnſtig auf ſte wirkte.“ „Ich hoffe, ſie haben nicht bedeutend gelitten,“ ſagte Honoria, indem ſie die Thuͤr oͤffnete.— „Darf ich hereinkommen?“ fragte Spen⸗ cer, vorwaͤrtsſchreitend, ohne auf eine Ein⸗ ladung zu warten.„Ich habe etwas fůr ſie erhalten!“ ſetzte er hinzu. Honoria ging in einiger Verwirrung nach ihrem Sitz zuruͤck, ihm zu ſeinem Sieg Gluͤck 217 wuͤnſchend, rieth ihm aber, ohne Verzug jener Ruhe zu genießen, die er ſo noͤthig haben werde. Er nahm keine Notiz von dem, was ſte ſagte, fondern ein Knie vor ihr beugend, legte er ſchweigend die Fahne, die er mitgebracht hat⸗ te, zu ihren Juͤßen. Sie fuͤhlte ſich aͤußerſt befangen, wuͤnſchte es aber fuͤr eine Haudlung der Galanterie aufzunehmen, die er auch jeder andern Dame erzeigt haͤtte. Mit ehrerbieti⸗ gem Ausdruck hob ſie die Fahne empor, und ſagte, ſie duͤrfe nicht ſo entweiht werden, da ſie ein Recht habe, die St. Pauls Kirche, oder den Tower zu ſchmuͤcken; ſo ſich bemuͤhend, den Eindruck zu verbergen, welchen ſie erregte. Spencer erwiederte, daß ſie dieſelbe mit ſich nehmen und in der Halle von Edenthal aufhaͤngen muͤſſe. Honoria hielt dieß fuͤr eine ſeltſame Art, ihr ein Geſchenk zu machen, doch der Schluß, der ſogleich folgte, diente nicht zur Verminderung ihrer Unruhe. Wahrſcheinlich dachte Spencer daſſelbe, denn er erroͤthete, ſo⸗ bald er geſprochen hatte, und ſich ſchnell nach 218 dem Tiſch wendend, äußerte er, ſeit geſtern Mittag nichts genoſſen zu haben. Honoria konnte nicht vermeiden, ihn zu dem, was er ſah, einzuladen. Er verlangte keine drin⸗ gende Auffordrung und ſetzte ſich ſogleich an die Tafel. Er hatte jetzt ein langes Pflaſter uͤber der Stirn. Sein Arm befand ſich noch immer in der Schlinge und der Aermel ſeines Kleides war aufgetrennt. Als Honoria ſich wegen ſeiner Wunden beſorgt zeigte, aͤußerte er nur den Wunſch, daß niemand mehr ge⸗ litten haben moͤge, da nur ein leichter Saͤbel⸗ hieb ihn am Kopf und ein Streifſchuß am Arm verletzt habe, welches beides ohne Bedeu⸗ tung ſei. S „Sie werden ein elend Fruͤhſtuͤck haben, denn der Kaffee iſt ganz kalt,“ ſagte ſie. „Ich trinke immer Milch, wenn ich ſie haben kann, daher trug ich Sorge, die erſten Kuͤhe, die ich in dieſer Gegend fand, in Beſchlag zu nehmen. Aber merken ſie wohl, ich war kein ſo aͤchter Guerilla, um ihre Eigenthuͤmer 219 nicht dafuͤr zu entſchaͤdigen; und da ich dieß immer thue, und meine Leute zu gleichem Ver⸗ fahren anhalte, ſo hoffe ich durch unſer Bei⸗ ſpiel dieſe Art Krieger zu erheben.“ Marcella erſchien bald mit etwas Milch und Spencer erklaͤrte, ſeitdem er bei Mrs. Valency fruͤhſtuͤckte, kein ſo ſchmackhaftes Mahl genoſſen zu haben. Er wagte nicht aufzublicken, indem dieſe Worte ihm entſchluͤpften, ſondern leerte ſeine Schale Milch, waͤhrend Honoria von dem Eindruck dieſer Rede ſich erholte. Sie wollte ihn hierauf zu einer Erzaͤhlung des letzten Vorfalls bewegen; er wich aber all ih⸗ ren Verſuchen deßhalb aus, indem er ſagte, er haſſe von dieſen Dingen zu ſprechen, wenn ſie voruͤber waͤren. Doch ſie ſah deutlich, daß ſeine Abneigung gegen dieß Thema aus der Unmoͤglichkeit entſtand, es zu beruͤhren, ohne ſich zum Helden der Geſchichte zu machen. Nur eine Sache war er ſehr bereitwillig mitzuthei⸗ len, naͤmlich, daß es die Stellung des Fein⸗ des unmoͤglich mache, ohne der groͤßten Ge⸗ fahr ausgeſetzt zu ſeyn, eine Reiſe zu unter⸗ nehmen. Nach geendetem Fruͤhſtuͤck ſicherte er ſich die Aufnahme fuͤr den Abend durch die Bitte, ihr den Major Don Manilla los Tores als einen Mann vorſtellen zu duͤrfen, deſſen Alter, Charakter und Unterhaltung ihn zu einer wuͤnſchenswerthen Bekanntſchaft machten. Honoria war erfreut uͤber dieſen Vorſchlag; er bewies Spencers Sorgfalt fur ihr Vergnuͤ⸗ gen und ſeine Achtung des Scheins, und ge⸗ waͤhrte ihm zugleich eine Zuſammenkunft, die er ohne Gefaͤhrten nicht erhalten haben duͤrfte. Die Schilderung, die er ihr von Don Ma⸗ nilla gab, machte ſie begierig, ihn zu kennen, und er theilte bei dieſer Gelegonheit die Ver⸗ haͤltniſſe, unter denen er ihn zuerſt ſah, und auf ihr Verlangen die daranſs folgenden Er⸗ eigniſſe mit. Sdis Durch alle Venhütungen ſeiner Erzaͤhlung konnte ſie leicht bemerken, daß Großmuth und Tapferkeit den jungen Krieger zum Ruhm ge⸗ leitet hatten. Wer liebt nicht einen Helden, 5 221 ſelbſt wenn er nichts als ſeinen Heroismus zur Empfehlung hat? Spencer Burlington bedurfte nur dieß, um das Intereſſe, welches er ein⸗ fioͤßte, vollſtaͤndig zu machen. Dennoch gab es Erinnerungen, die eine Entſchuldigung, ihn noch immer zu lieben, bei ihr noͤthig machten. Sie liebte ihn jetzt wegen der Gefahren, die er beſtanden hatte, und fuͤhlte ſich deßhalb ge⸗ rechtfertigt. Allein dieß war ein Gegenſtand, bei dem ſie nicht zu verweilen wagte, und nach ſeiner Entfernung beſchloß ſie, einige Beſchaͤf⸗ tigung fuͤr ihren Geiſt zu ſuchen, um ihre Ge⸗ danken von dieſem ſteten Ruhepunkt abzulenken. Sie fand unter den Buͤchern mehrere zur Erlernung der ſpaniſchen Sprache, und ſie nahm ſich vor, dieſelbe emſig zu ſtudiren, da ſte die Dauer dieſer ſehr unangenehmen Lage nicht wußte. Auch fiel ihr ein, die Ge⸗ wohnheit, vergangene Ereigniſſe aufzuzeichnen, unterlaſſen zu haben, und die der letztern Zeit waren der Aufzeichnung wohl werth. Dieß war ein leicht zu vollziehendes Geſchaͤft; ihre Gedanken floſſen ſchneller, als die Feder ſie niederſchreiben konnte, und der Morgen ging bald unter dieſen Beſchaͤftigungen voruͤber. Honoria ordnete ihren Anzug mit mehr als gewoͤhnlicher Sorgfalt, ſich des verſproche⸗ nen Beſuchs von Don Manilla erinnernd; und kaum war ihr Mittagseſſen voruͤber, als ſie auf die Uhr blickte und bei ſich zu wiſſen wünſchte, zu welcher Zeit er wohl ſpeiſe. Nicht lange darauf erſchien Spencer mit dem Major, deſſen Perſon ihr ſehr bekannt war, da ſie ihn ſo oft aus dem Fenſter geſehen hatte. Nach den erſten Hoͤflichkeitsbezeigungen ſchlug Spen⸗ cer vor, in den Garten zu gehen, und ſte ſtiegen vom Balcon zu der lieblichen Wild⸗ niß hinab, wo Honoria noch nicht geweſen war. Vernachlaͤſſigt herrſchte hier große Un⸗ ordnung, allein Fruͤchte und Blumen waren allenthalben im Ueberfluß und kleine Lauben und maleriſche Sitze nicht ſelten, obwohl ſehr an Zahl von einer Menge ſteinerner Bilder uͤbertroffen, die Heilige und andere Gegen⸗ 223 ſtaͤnde der Verehrung darſtellen ſollten. Don Manilla unterhielt ſich auf ſehr angenehme Weiſe, aber nur in ſpaniſcher und franzoͤſiſcher Sprache. Der letztern war Honoria vollkom⸗ men maͤchtig, dennoch bat ſie ihn, in ſeiner Mutterſprache zu reden, in welcher ſie ſich zu vervollkommnen wuͤnſchte. Sie verſtand wohl alles, konnte ſich aber nicht mit ſolcher Ge⸗ laͤufigkeit ausdruͤcken. Wenn ſie zoͤgerte, glaubte Spencer immer zu wiſſen, was ſie ſagen woll⸗ te, und hielt oft ganze Reden fuͤr ſie, von denen ihr nie ein Wort eingefallen waͤre. Sie dankte ihm, das Geſpraͤch ſtatt ihrer ſo ge⸗ ſchickt zu unterhalten, erinnerte aber Don Manilla, einiges auf die lebhafte Phantaſie ih⸗ res Dolmetſchers zu rechnen. Der Major war nicht abgeneigt, des Vorfalls der letzten Nacht zu erwaͤhnen, und von ihm erhielt ſie eine ſehr anziehende Schilderung, wie ſie un⸗ ter de l'Arevalo's Befehl eine Abtheilung des Feindes uͤberwunden, von der Hauptarmee ab⸗ geſchnitten und in eine Gegend getrieben hat⸗ 224 ten, wo o ſie unfehlbar in die Hände der Alliir⸗ ten fallen mußte. Bin iNiets K Waͤhrend dieſer Darſtellung blieb der Graf, in einiger Entfernung mit Chico ſpielend, zu⸗ ruͤck, und als er ſich wieder naͤherte, erregte der Hund des Majors Aufmerkſamkeit, und er bemerkte gegen Arevalo, wie ſehr er jenem ähulich ſei, welchen ihm Donna Clara gegeben habe. Spencer errothete und wandte ſich eine Blume zu pfluͤcken. Auch Honoria fuͤhlte das Blut in die Wangen ſteigen, ſagte aber ſogleich:— „Dieſer Hund gehoͤrt dem Grafen; er kam durch Zufall unter meinen Schutz.“ „Wirklich!“ erwiederte Don Manilla, der, weil Spencer ſchwieg, etwas unrechtes geſagt zu haben fuͤrchtete.—„Ich glaube der Graf trug wenig Sorge fuͤr ihn.“ „Verzeihen ſie,“ ſprach dieſer jetzt ernſt⸗ haft;„ich ſorgte ſo viel fuͤr ihn, als die Menſchlichkeit erfordert. Ich wuͤnſchte ihn nicht zu haben— wenigſtens war es kein paſſender Hund für mich, und ließ ihn bei einem alten 2²vb Diener, an welchen er gewoͤhnt war, und wo ich ihn vollkommen gut aufgehoben glaubte.“/ „Sie ſind ſehr undankbar!“ bemerkte der Major laͤchelnd. Spencer ſah noch immer mißmuͤthig aus, und Honoria, die ganz un⸗ befangen ſcheinen wollte, rief Chico unter dieb⸗ koſungen zu ſich und beſchrieb die maleriſche Wohnung„ wo ſie ihn gefunden hatte.„ Dieß muß der Aufenthalt geweſen ſeyn, von wel⸗ chem Donna Clara ſo oft zu ſprechen pflegte⸗“ aͤußerte Don Manilla.„Wie konnte aber der Hund ſo weit den Weg zurüͤckfinden? Sch glanbe„ ſie ließen ihn in Cadix? „Das that ich,“ ſagte Spencer,„al⸗ lein der Mann, der Sorge fuͤr ihn trug⸗ ging in jene Gegend, wo er geboren war. Ich dachte nachher oft daran, den Hund mit nach England zu nehmen, um ihn jemand dort zu geben.“ „Das können ſte noch immer,“ bemerkte Honoria⸗ lebhaft.„Ich will ihn Jedem uͤber⸗ Guerilla⸗Anf. I1. 15 226 bringen, dem ſie ein Geſchent damit zu machen wuͤnſchen.“ „Er gehoͤrt nicht laͤnger mein,“ ſagte Spencer auf engliſch, mit eruſtem und trau⸗ rigem Ausdruck.„Er hat ſeine Beſtimmung gefunden; und wenn er nicht annehmbar iſt, ſo muͤſſen ſie einen andern Herrn fuͤr ihn luchen, da ich ihn nie wieder zuruͤck will.⁰ „Ich wundre mich nicht, 2 ſagte Hono⸗ ria gleichguͤltig, n daß ſie ihn los zu ſeyn wuͤnſchen, weil er ihnen Beſchwerde machen wuͤrde. Ich werde ihn mit zu Ella nehmen, welche die Hunde ſehr; gern hat.“ 3 Sie erneuerte hierauf das Geſpraͤch mit Don Manilla, und machte einige Bemerkun⸗ gen uͤber die Vorliebe der Englaͤnder fuͤr Hunde und pferde. Der Major konnte leicht bemer⸗ ken, daß die gewoͤhnliche Heiterkeit des jungen Befehlshabers durch etwas geſtoͤrt war, und es erforderte weniger Scharfſinn, als er be⸗ ſaß/ den Grund zu errathen. De['Arevalo hatte üm die Familienverhaͤltniſſe zwiſchen ihm 81 0 227 und ſeiner Gefangnen bekannt gemacht; aber er fing jetzt an zu vermuthen, daß der Graf nichts dagegen haben wuͤrde, dieß Band un⸗ ter ihnen noch zu verſtaͤrken. Spencer ſchwieg wenigſtens eine Viertelſtunde lang gaͤnzlich, worauf er von neuem einige gelinde Vorwuͤrfe wegen Chico wagte. Honoria antwortete ihm auf ſpaniſch— lachend verſichernd, in keiner beſſern Sprache reden zu koͤnnen— daß ſein Wunſch, etwas einem andern zu geben, was er ſelbſt als Zeichen der Achtung erhalten ha⸗ be, ohne Beiſpiel ſei. 3 „Nein,“ ſagte Spencer,„ich empfing den Hund von jemand, dem ich ganz gleich⸗ guͤltig war, und kann ihn daher ohne Beden⸗ ken wieder weggeben.“* „Und warum ſoll ich ihn aus eben die⸗ ſem Grund nicht meiner Schweſter bringen?“ erwiederte Honoria ſchnell. Der arme Spencer ward durch den vollen Sinn dieſer Antwort, die er ſich ſelbſt zuge⸗ zogen hatte, ganz niedergeſchlagen, und ſprach 15* 228 kein Wort mehr uͤber den Gegenſtand. Don Manilla konnte kaum ein Laͤcheln unterdruͤcken; er hielt dieſen Zwiſt ganz fuͤr die Uneinigkeit zweier Liebenden, und da er durch Donna Clara's Erwaͤhnung alles veranlaßt zu haben glaubte, meinte er's am beſten wieder gut machen zu koͤnnen, wenn er die wahre Lage der Dame entdeckte. Er ſchlug daher zur En⸗ digung des Streites vor, den Hund Don Maleo zu ſenden, um ihn ſeiner Gattin, Donna Clara, zuruͤckzugeben.„Von ganzem Herzen,“ ſagte Honoria; und dieß Herz war auf einmal beruhigt, da ſie den Hund nur als ein Geſchenk der Hoͤflichkeit gegen den Befehls⸗ haber des Mannes der Donna anſah. Sie bereute nun die Schaͤrfe ihrer Antwort, die ſolche Wirkung auf Spencer gemacht hatte, der ſeine Verſtimmung nicht verbergen konnte und zu deren Entſchuldigung einige Unbehag⸗ lichkeit wegen ſeiner Wunden zu empfinden vor⸗ gab. Dieß war das erſtemal, daß er ihnen den geringſten Einfluß auf ſich zugeſtand. Ho 229 noria hielt es fuͤr ein Vorgeben, ihr Intereſſe zu erregenz dennoch blieb es nicht ohne Wir⸗ kung und ſie trug ſogleich darauf an, zuruͤck⸗ zugehen. Marcella hatte Kaffee fuͤr ſie berei⸗ tet, und waͤhrend ſie tranken, ſuchte Hono⸗ ria ein allgemeines Geſpraͤch zu befoͤrdern;3 al⸗ lein Spencer ließ ſich nicht bewegen, daran Theil zu nehmen; er war voͤllig niedergeſchla⸗ gen, verrieth aber kein Zeichen von uͤbler Laune; und wenn er gefragt ward, antwortete er mit verbindlichem, doch traurigem Ton. „„O, wenn er nur rauh und ungefaͤllig waͤre,“ dachte Honoria,„ich koͤnnte ihn mit Vergnuͤgen quaͤlen; aber dieſe unveraͤnderte Anmuth des Weſens uͤberwindet am Ende im⸗ mer.“ Sie ſprach mit Don Manilla uͤber die Guerillas, wußte aber kaum, was er antworte⸗ te, dis er ſagte, daß es dieſe Nacht an ihm ſei, die Vorpoſten zu beſuchen. Ohne beſondere Veranlaſſung ritt der Graf nur jede dritte oder vierte Nacht aus, und ſie war erfreut, es jetzt nicht noͤthig zu ſehen; allein Spencer 230 erklaͤrte, des Majors Stelle einnehmen zu wol⸗ len. Dieſer erinnerte ihn ſogleich an ſeine Wunden, die er nicht durch Bewegung ver⸗ ſchlimmern duͤrfe. Spencer antwortete, es werde hm mehr Vergnuͤgen machen, ſeine Pflicht zu thun, als vergebens Ruhe zu ſuchen.„Ueberdieß,“ fuͤgte er hinzu,„„wuͤrde mein Tod keine Thraͤne erregen, und ich ſetze gern ein Leben in Ge⸗ fahr, das ohne Werth und freudenlos iſt.“ Don Manilla wußte ſehr wohl, daß dieſe Worte nicht fuͤr ihn beſtimmt waren, Sie, fuͤr die ſie es waren, empfand von dem Au⸗ genblick an, wo Spencer von ſeiner Entfer⸗ nung ſprach, immer mehr Unruhe; ſie konnte nicht zweifeln, eine Stimmung veranlaßt zu haben, die ihn ein Leben auszuſetzen antrieb, das ſie gern mit dem ihrigen erkauft haben wuͤrde. In dieſem Augenblick verlangte ein Sergeant mit dem Major zu ſprechen und Ho⸗ noria ergriff dieſe Gelegenheit, dem Grafen zu ſagen:— „„Ich hoffe ſie ſprachen nicht im Einſtd da⸗ von, dieſe Nacht ſich zu entfernen? Nie⸗ mand iſt berechtigt, ſein Leben unnoͤthig der Gefahr preiszugeben. Jeder beſttzt irgend ein Weſen, das an ihm Theil nimmt; ſie ſchei⸗ nen ganz ihren Bruder vergeſſen zu haben!“ 4 „Nein!“ erwiederte Spencer, indem ein kleiner Ausdruck von Schlauheit den Ernſt ſei⸗ ner Zuͤge milderte.—„Ich vergaß weder meinen Bruder noch ſonſt jemand, der ſich je um mich bekuͤmmerte, oder nicht laͤnger be⸗ kuͤmmert; und ſie wünſchen mich bloß zuruͤck⸗ zuhalten, aus Furcht, ihr Gewiſſen moͤchte mit dem Unfall belaſtet werden, der mich be⸗ treffen koͤnnte.“ℳ 3 „Mein Gewiſſen!”“ wiederholte Hono⸗ ria ſehr„e enen⸗ ich habe nichts Hethan was— 2 „Ja, ſie haben,“ ſiel Spencer ein.— „Sie wollten Chico nicht annehmen und ſag⸗ ten ſo grauſame Dinge deßhalb.“ „Laͤcherlich!“ rief Honoria;„aber ich 23 freue mich, daß ſie die gauze Zait nur geſcherzt haben, und das Elnne nicht unheſchuns laſſen werden.— „Das werde 16 nichtz dennoch ſchetzte ich nie weniger und werde gewiß dieſe Nacht augreiten, wenn ſie mir es nicht beſtimmt ver⸗ bieten. „Berbieten, wiederholte fe,„ nie⸗ mand kann ihnen befehlen, da ſie hier der einzige Gebieter ſi ſind. „Ich wollte ich waͤr' es,“ Fee Spen⸗ cer, endlich laͤchelnd;„ich wuͤrde dann nicht ſolche Empoͤrung in meiner Garniſon geſtatten, ſolche offenbare Verſchwoͤrung und Geringſchaͤt⸗ zung meiner Perſon.. „o, entſetzlich!“ rief Honoria wne, „ haben ſich ihre Gefangnen empoͤrt? warum legen ſie ihnen keine Ketten an?“ „Weil ich längſt ſchon ihre Feſſeln tra⸗ ge,“ antwortete Spencer ſchnell mit ſeiner ge⸗ woͤhnlichen Lebhaftigkeit. Honoria war froh, den Major nahen zu hoͤren und erwiederte ei⸗ 23³ lig:—„Dann koͤnnen ſie dieſe Anht d das Kloſter nicht verlaſſen./) „Muß ich nicht? ℳ fragte er fanft. Mi⸗ abgewendetem Geſcht ſorach ſie ein halb wi⸗ derſtrebendes Nein; und Don Manilla fand ſeine Gefaͤhrten den uͤbrigen Theil des Abends weit unterhaltender; nicht war er überraſcht, als er den Vorſatz des Grafen, dieſe Nacht ſich mit den Guerillas zu entfernen, ahigegs ben fand. Honoria ſchlief ruhig, ja rguſgn ſie fuͤhlte ſich vollkommen ſicher„ vollkommen gluͤck⸗ lich. Sie ſuchte nicht den Grund zu erklaͤren⸗ waruin ſie in den traurigen Mauern eines Klo⸗ ſters, fern von Vaterland und Verwandten⸗ eine Heiterkeit und Freude empfand, die ihr lange fremd geweſen waren; ſie fuͤhlte ſich be⸗ ſeligt und ruhig, und genoß in dieſem Be⸗ wußtſeyn eines reinen und ungeſtoͤrten Saüläm, mers. Den naͤchſten Morgen brachte ſie allein . 4. Gyencer war mit militaͤriſchen Angelegen⸗ 234 heiten beſchäftigt, hatte aber nicht vernach⸗ laͤſſigt, ſich fruͤh nach ihr erkundigen zu laſſen. Sie glaubte kaum, daß er den Tag voruber⸗ gehen ließ, ohne einen Vorwand ſis zu ſehen, und erwog ernſtlich, ob ſte ihn aufnehmen dürfe, oder wie es fuͤglich zu vermeiden ſei; indeſſen war ſie zufrieden, die Spanierin in ihrer Naͤhe zu wiſſen, und ſo⸗ im Fall er ſich eindraͤngen ſollte, einem téte-à-téte aus⸗ zuweichen. Nicht lange nach dem Mittagseſſen hoͤrte ſte das erwartete Klopfen an der Thuͤr, und die wohlbekannte Stimme fragte, ob Marcella darin ſei. Marcella machte ſogleich auf, und Spencer trat mit der Entſchuldigung ein, ver⸗ gebens ſie geſucht zu haben, um durch ſie die Erlaubniß zu erbitten, einige Minuten ſeine Achtung bezeigen zu duͤrfen.—„Aber ich fuͤrchte zu ſtoͤren,“ ſetzte er hinzu, die Buͤcher umher bemerkend, mit denen Honoria beſchaͤftigt ſchien.„Nein,“ erwiederte ſie,„einige Minuten kann ich wohl abmuͤßigen.“ Er nahm 235 Platz; und Honoria fing an von der ſpaniſchen Sprache zu reden und ihrer Bemuͤhung, ſie zu lernen. Spencer verſicherte, viel Zeit darauf gewendet zu haben, ſeitdem er im Lande waͤ⸗ re, und ſie ziemlich genau zu kennen, und wenn ſie ihn zum Lehrer annehmen wolle, werde ſte gewiß weit ſchnellere Fortſchritte machen, als durch eigne beiſtandsloſe Muͤhe. Nach einiger Verlegenheit erwiederte ſie, daß die kurze Zeit ſeinem Unterricht wenig Erfolg geſtatten wer⸗ de. Er ſchuͤttelte laͤcelnd den Kopf, als wolle er ſagen, das iſt nur ein Vorwand; indeſſen ſprach er nicht weiter davon. Bald darauf ſagte er:„Ich kann es mir nicht vergeben, ſo lange eine Nachricht zuruͤckgehalten zu ha⸗ ben, die ihnen ſo erfreulich ſeyn muß. Ich erhielt naͤmlich nur drei Tage vor ihrer An⸗ kunft einen Brief aus ihrer Gegend, und als er geſchrieben ward, befand ſich Mrs. Valency vollkommen wohl.“ „Gott ſei Dank!“ rief Honoria lebhaft; aber warum ſagten ſie mir das nicht fruͤher? 236 Ich habe nichts von ihr gehoͤrt, ſeit ich im Ausland bin, und gaͤb' alles darum, einen Zug ihrer Hand zu ſehen.“ „Ich hielt es fuͤr ausgemacht, daß ſie von ihr gehoͤrt haben muͤßten, und vielleicht von einem ſpaͤtern Datum. Da ſie aber nie etwas davon gegen mich erwaͤhnt hatten; ſo beſchloß ich heut, ihnen meine Nachricht von dieſem intereſſanten Ort mitzutheilen.”“ „ Und hoͤrten ſte etwas von meinem ar⸗ men Oheim? 14 „O, ja! er iſt viel beſſer; Silhe da er habe ihm mehrmal den Arm durch den Garten gegeben.“ „ Wie erfreut ich bin! dieß iſt in Wahr⸗ heit eine herrliche Nachricht! Aber Wilhelm— welchen Wilhelm meinen ſie?“ „Wilhelm Irby, den beſten Mann von der Welt! meinen theuern Freund! „Wilhelm Irbyl“ wiederholte Ho⸗ noria mit einiger Ueberraſchung—„Ich 237 halte ihn für⸗ einen vortwefflichen iungen Manm. Hoͤrten ſie es von ihm?’""¹"4, 1 1 „Ja, er hat, ſeitdem ich aus Ssglam bin, Briefe mit mir gewechſelt. Ein unbegraͤnz⸗ tes Vertrauen findet zwiſchen uns Statt. Hat mein Bruder nicht oft durch ihn von mir ge⸗ hoͤrt? „Ein oder 1nal. glauße ich,““ fagtz Honoria gedankenvoll; denn ſie erwog das Seltſame dieſer Erklärung. Unbegraͤnztes Zu⸗ traun herrſchte zwiſchen ihm und Wilhelm, waͤhrend er gegen ſeinen Bruder unerklaͤlich geheimnißvoll war! Spencer fuhr fort 2—„Wenn ſie ihn wie⸗ derſehen, wird er ihnen meine Briefe zeigen, ſobald ſie dieſelben zu meiner Befriedigung leſen wollen; nicht, als ſchmeichle ich mir, durch den Inhalt einiges Intereſſe zu erregen, aber er wird ſie bewegen,, mich von Unbeſtaͤn⸗ digkeit freizuſprechen.“ Beide ſchwiegen einige Minuten, dann ſagte Honoria, doch ohne Strenge:„Sollte 238 ein ſolches Vorrecht nicht vielmehr ihrem ar⸗ men Bruder gebuͤhren, der ſo viel wegen ih⸗ res Mangels an Zutraun gelitten hat?“ „Ich fuͤhle vollkommen, wem es am meiſten gebuͤhrt,“ ſagte Spencer mit Nach⸗ druck.„Edgar muß mich freiſprechen„ ſobald er erfaͤhrt, daß mein Betragen gegen ihn nur aus Zuneigung entſprang. 2 Der Gegenſtand nahm jetzt nießr einen zu be⸗ ſtimmten Charakter an. Augenſcheinlich wollte Spencer bei dieſer Gelegenbei nicht ganz deut⸗ lich ſeyn, und Honoria konnte es auch unter ſo beſondern Verhaͤltniſſen nicht wuͤnſchen. Um dem Geſpraͤch eine andere Wendung zu geben, fragte ſie, ob Wilhelm ihrer Reiſe erwaͤhnte? „Er berichtet, ſie waͤren mit Ella nach Liſſabon zu meinem Bruder gegangen, und Mrs. Valency habe von ihnen kurz vor der Einſchiffung gehoͤrt. Wilhelm meldet mir— fuhr Speucer fort—„daß er daran iſt, ſeine Lage zu veraͤndern. Er hat etwas ſehr Wei⸗ — 239 ſes, aber wie ich glaube„ ſehr Schweres ge⸗ than— er hat zum zweiten Mal gewaͤhlt.“ „Wirklich! das thut mir leid; er ſchien Miß Melville ſo geneigt. Ich werde es ihm nie vergeben, ſobald gewechſelt zu haben.“ „Er wechſelte nicht in Bezug auf ſie; denn es iſt Miß Meloille, die er jetzt liebt, obwohl nicht ganz mit jener Schwaͤrmerei ei⸗ nes vorhergehenden Falls. Indeſſen hofft er ſehr gluͤcklich zu ſeyn, und ich glaube es, denn er hat ſich an ſie gewoͤhnt. Sie wiſſen, wie es immer ſein Loos war, ſie zu begleiten, wenn andere Leute mit ein⸗ ander beſchaͤftigt waren. Sie ſchienen die zwei einzigen Umherirrenden zu ſeyn und vereinten ſich daher Anfangs aus Nothwend igkeit. Als wir hierauf alle ungluͤcklich zerſtreut wurden, blieben dieſe beiden noch immer beiſammen, und ſo ſind ſie ſich endlich unentbehrlich ge⸗ worden. Und dieß iſt der Anfang, Fortgang und Erfolg einer digunge die ich nur 3u faͤllig nenne. ℳ. nne ere Arenn 24o Honoria laͤchelte uͤber die Wahrheit dieſer Darſelung/ wollte aber niemals etwas von Wilhelms vormaliger ſchwaͤrmeriſchen Neigung gehoͤrt haben. Sie redete wahr, denn er hatte nie ſeiner Liebe erwähnt, wenigſtens uicht ge⸗ gen ſie. „O pfui!“ rief Spencer, ‚lat lha ihr Gewiſſen nichts? „Nein,“ antwortete Honoria;„doch wenn ſie mich meinen, ſo irren ſie ſich gewiß⸗ Es war der liebenswuͤrdige Jonathan, der meinen Verehrer machte; ich kann nicht ſo leicht den Ruhm einer ſolchen Eosea aud geben.“? Marcella unterbrach eine ungenehme un⸗ terhaltung durch den Vorſchlag„ Kaffee zu brin⸗ gen, worauf Spencer ſeufzend aufſtand/ doch noch immer zoͤgerte. Er erblickte ſeine Flöte und eergriff ſte mit den Worten:„Dieſe muß einige meiner einſamen Stunden verkuͤrzen,“ dann nahm er ſis aus einander und unterſuchte jeden Theil immer wieder von neuem. Honoria er⸗ innerte ihn, die Materialien zum Zeichnen ent⸗ fernen zu laſſen.„Ich glaubte, ſie machten vielleicht Gebrauch davon,“ ſprach er,„ und mein Zimmer iſt ſo truͤbe und dunkel⸗“”“ Honoria aͤußerte ihr Bedauern uͤber die Unbequemlichkeit, die ſie ihm verurſache. Er war betroffen und geſtand aufrichtig, ſeines Zimmers nur als Eingang zu der Bitte er⸗ waͤhnt zu haben, eine halbe Stunde auf dem Balcon die Floͤte blaſen zu duͤrfen. Laͤchelnd gab ſie es zu, und als er ſeine Harmonien begann, kehrte ſie zu ihren Buͤchern zuruͤck, mit denen ſie eifrig beſchaͤftigt ſchien, obwohl eigentlich ihre ganze Aufmerkſamkeit auf jene bekannten Melodien gerichtet war, die er mit ſo ausgezeichnetem Geſchmack vortrug. Er waͤhlte alle ihre vormaligen Lieblingslieder, wo⸗ durch nothwendig manches Bild in ihr erweckt werden mußte. Sie ſtuͤtzte ſich auf die Hand, die ihr Geſicht beſchattete, als ſei ſie in ihre Buͤcher vertieft, aber das wahre Vergnuͤgen, welches ſie empfand, kam alles aus einer an⸗ 1 Guerilla⸗Anf. II. 1 16 242 dern Quelle. Der Kaffee ward kalt, und ſie vergaß, daß er vor ihr ſtand, bis Marcella fragte, 0b ſie dem Grafen welchen bringen ſolle. Sie bejahte es, hieß ihr aber, ihn erſt dieſe Arie vollenden zu laſſen. Als er ge⸗ ſchloſſen, aͤußerte er die Hoffnung, ſie nicht ün Leſen geſtoͤrt zu haben. „O nein!“ antwortete Honoria.„Ich bin ſehr erfreut; ich genieße alle Reize der Muſik und Poeſie zu gleicher Zeit.“ „Darf ich fragen, was ſie leſen?“ „Ich verſuche den Camdens zu verſtehen.“ „O, bezaubernder Camoens!“ rief Spen⸗ cer, und ſang ſogleich eine jener ſuͤßen Me⸗ lodien, die den Ruhm ſo vieler Lieder dieſes Dichters vermehrt haben. Spencers Stimme war nicht ſtark; ſie machte eine ſchoͤne Secon⸗ de, doch als Erſte empfahl ſie ſich nur durch Sanftheit und Ausdruck. Honoria glaubte, ſie habe einige vorzuͤgliche Toͤne gewonnen, machte aber keine Bemerkung uͤber den Geſang. Spen⸗ cer blies von neuem, bis Marcella Lichter ins 243 Zimmer brachte, wo er von dem Balcon her⸗ eintrat und ſich zoͤgernd entfernen wollte. „Sie haben ihre Vloie da gelaſſen, ſagte Honoria. „O, ich vergaß ſie,“ erwiederte er, machte aber keinen Verſuch ſie mitzunehmen. „Das geht nicht,“ dachte Honoria, als ſie zur Ruhe ging.„Muſik iſt die Nahrung der Liebe, und Poeſie eine ſehr zutraͤgliche Speiſe fuͤr ſie!“— Nach langer Erwaͤgung der Sache glaubte ſie indeſſen, ſich von Un⸗ klugheit frei ſprechen, und nicht anders han⸗ deln zu koͤnnen. Am naͤchſten Morgen ſtand ſie fruͤh auf und ging auf die Waͤlle, umherwandelnd, der Morgenluft zu genießen. Sie blickte in den Hof hinab und betrachtete ſein kloͤſterliches An⸗ ſehn, nebſt den umgebenden Gebaͤuden, wo ſie ein kleines Pfoͤrtchen entdeckte, welches als beſondrer Weg zu der Außenſeite fuͤhrte. In⸗ dem ſie ihre Augen noch darauf richtete, ward es von außen geoͤffnet und ſie ſah Burlington 16* 244 hereinkommen. Dieß enthielt nichts auffallen⸗ des, da er wahrſcheinlich ſeinen Morgenſpazier⸗ gang gemacht hatte; allein ihr Erſtaunen ward erregt, als ſie ihn von einer Dame begleitet ſah, fuͤr welche er die Thuͤr offen hielt, und die, nachdem er zugemacht hatte, vertraulich ſeinen Arm nahm. Sie trug einen Schleier, doch konnte Honoria an ihren Geberden und der Enthuͤllung von Spencers weißen Zaͤhnen bemerken, daß ſie lachten und ein ſehr froͤhli⸗ ches Geſpraͤch unterhielten. Sie ſchien uͤber den Hof gehen zu wollen; aber ihr Begleiter warf einen Blick nach Honoria's Fenſtern und fuͤhrte dann ſeine ſchoͤne Gefaͤhrtin einen andern Weg zum Innern des Gebaͤudes. Wenig Mi⸗ nuten brachten in Honoria's Gefuͤhlen eine gänzliche Veraͤnderung hervor. Wer war dieſe Frau, welche der Graf ſo geheim zu einer Zeit ins Kloſter fuͤhrte, wo er nicht von de⸗ nen bemerkt zu werden glaubte, deren Urtheil er fuͤrchten durfte? Augenſcheinlich war ſie be⸗ kannt und im Kloſter nicht fremd. Was beſaß 245 dieſer Mann fuͤr einen Charakter? und von welcher Art war die Neigung, die er fuͤr ſeine Gefangene verrieth, und die ihr ſo zart, ſo achtungsvoll erſchien? Wollte er ſich zum zwei⸗ tenmal nur auf ihre Koſten luſtig machen? Aber zum zweitenmall wer verdiente dann den meiſten Tadel? Honoria fuͤhlte ſich un⸗ gluͤcklich! Sie hielt ihr Betragen fuͤr unver⸗ zeihlich? ſie glaubte, daß ſie den Mann, durch deſſen Laune und Unbeſtaͤndigkeit ſie ſchon zu⸗ vor ſo viel gelitten hatte, immer mit einer ſtrengen und unveraͤnderten Foͤrmlichkeit haͤtte behandeln ſollen, wodurch die Ruͤckkehr ſo bitt⸗ rer Demuͤthigung unmoͤglich gemacht worden waͤre. Mit dieſen Gedanken erfuͤllt, ging ſie in ihr Zimmer zuruͤck, welches ſie in ſo ruhiger, gluͤcklicher Stimmung verlaſſen hatte und jetzt nie betreten zu haben wuͤnſchte. Sie beſchloß⸗ lieber alles zu wagen, als noch eine Nacht hier zu verweilen. Und das alles, weil ſie den Guerilla⸗Anfuͤhrer mit einer Dame am 246 Arm erblickte. Wer und was ſie war, oder woher ſie kam, waren Raͤthſel; allein Ho⸗ noria loͤßte ſie alle und empfand ſo vielen Kummer, als wenn ihre Vermuthungen voͤllig beſtaͤtigt gewefen waͤren. Marcella kam ſpaͤt mit dem Fruͤhſtuͤck, wel⸗ ches ſie bei dem erregten Zuſtand ihres Ge⸗ muͤths nicht bemerkte. Die Spanierin ſchien gleichfalls ſehr verſtimmt, entſchuldigte aber ihr langes Verweilen durch die mancherlei Ge⸗ ſchaͤfte, die ſie heut gehabt habe— da ſie doch niemand als die Signora zu bedienen brauche. Honoria vermuthete nach dieſen Worten, daß ſie der Fremden Dienſte erzeigte, ſie hatte keinen Vorwand zu fragen, indeſſen fuhr Mar⸗ cella ungefragt fort: „Don Maleo's Frau iſt dieſen Morgen eingetroffen— Albernes Weib! zu einer ſol⸗ chen Zeit zu kommen!“ „Wie, Donna Clara?“ ſiel Honoria ein,„wo kam ſie her? wie konnte ſie Ein⸗ gang finden?“ 247 „O, es iſt nichas das erſtemal, daß ſie hier iſt. „Aber wie kann ſie ohne Gefahr jetzt reiſen? „Auf eine Art, die gewiß keiner andern Frau gefiel. Sie waͤhlt die Tracht der ſie be⸗ gleitenden Maulthiertreiber und beſucht ihren Mann, ohne es vorher wiſſen zu laſſen, da er ſie ſonſt davon abzuhalten ſuchen wuͤrde. In einer nahen Hoͤhle wechſelt ſie die Kleidung und reiſ't immer des Nachts. Der Graf be⸗ gegnete ihr dieſen Morgen auf ſeinem Spa⸗ ziergang und fuͤhrte ſie herein, denn ich ſah ſie durch das kleine Pfoͤrtchen kommen.“ „Vielleicht erwartete er ſie und ging in entgegen,“ bemerkte Honoria. 3 „ Nein, das that er gewiß nicht!“ rief Marcella eifrig,„denn er iſt ihr nicht ſehr gewogen.“ „Iſt ſie lange verheirathet?“ „Nur zwei oder drei Monate. Sie iſt eine Portugieſin, war aber zufaͤllig mit eini⸗ 248 gen Freunden in Cadix, als ſie den Grafen auf einem Ball ſah und ſich hoſtig in ihn verliebee. und— 1 „Den Grafen!“ wiederholte Honoria ſie unterbrechend,„iſt ihr Mann Graf!“ „Nein, nicht ihr Mannl ich meine un⸗ ſern Grafen de l'Arevalo! Sie hatte ihn, oder ich muͤßte mich ſehr irren, weit lieber als je ihren Gemahl. Von ihr erhielt er die⸗ ſen Hund, er wollte aber den Wink nicht verſtehen, und ſo munterte ſie Don Maleo's Hoffnungen auf, um unſers Grafen Eifer⸗ ſucht zu erregen. Indeſſen wollte alles nichts helfen, obwohl ſie ſehr ſchoͤn iſt, fuͤr welches Don Maleo nicht ſo unempfindlich war, denn er verliebte ſich wirklich in ſie, und ſie hei⸗ rathete ihn.“ „Aber ohne Zweifel iſt ſie ihm jetzt ſehr geneigt, da ſie ſo oft ihn zu ſehen kommt.“ „Ich weiß es nicht! Ich halte ſie fuͤr eine recht thoͤrichte und widerwaͤrtige Frau. Sie ſtellte ſich, lauter Froͤhlichleit und guter 249 Laune zu ſeyn, waͤhrend der Graf ſie zu ih⸗ rem Mann fuͤhrte, doch ſobald er ſich entfernt hatte, gerieth ſie in Leidenſchaft, keinen ſo bequemen Aufenthalt zu haben, wie vorher in dieſem Zimmer, wo ſie den ganzen Tag zu⸗ brachte und den Grafen gaͤnzlich daraus ver⸗ trieb; es war nicht wie jetzt, denn er kam, außer mit Don Maleo, nie in daſſelbe.”“ Marcella hatte ſich ſchon als genaue Beob⸗ achterin gezeigt, und bemuͤhte ſich augenſchein⸗ lich die Gleichguͤltigkeit des Grafen gegen Donna Clara zu beweiſen, welchem Honoria ſich geneigt fuͤhlte, vollkommen Glauben beizu⸗ legen. Sie verwies es ſich ſtreng, einen ſo ungerechten Verdacht gegen den unterhalten zu haben, den ſte mit Entzuͤcken ihres waͤrm⸗ ſten Beifalls fuͤr werth achtete; indeſſen ſah ſie ſich dennoch in eine hoͤchſt unangenehme Lage verſetzt. Wenn Donna Clara fuͤglich zur Gefaͤhr⸗ tin aufgenommen werden konnte, ſo war ihre Ge⸗ genwart im Kloſter beſonders wuͤnſchenswerth; da ſie aber nicht gaͤnzlich von ihrer Achtungswuͤr⸗ 250 digkeit uͤberzeugt war und eine große Abnei⸗ gung gegen ihren Umgang empfand, erregte ihre Ankunft mehr Mißvergnuͤgen als Beoude in ihr. Die Guerillas waren den ganzen Morgen aus, in der Gegend umherſtreifend, und Ho⸗ noria wollte dieſe Gelegenheit zu einem Beſuch bei Rinaldo benutzen. Marcella fuͤhrte ſie zu dem gruͤnen Platz, wo er weidete, und wo ſie einige Zeit bei ihm verweilte. Als ſie, zuruͤckkehrend, durch einen Kreuzgang kamen, trafen ſie Donna Clara, die hier auf⸗ und ab⸗ wandelte. Ein hoͤchſt entzuͤcktes Wiederſehen fand zwiſchen Chico und ſeiner vorigen Herrin Statt, die er ſogleich erkannte. Das Ver⸗ gnuͤgen der Donna hatte keine Graͤnzen, und ſee erſchoͤpfte ſich in ſchmeichelnden Ausdruͤcken. Honoria ging ruhig weiter, ohne nach ihr zu blicken, da ſie die Haͤlfte dieſes Ent⸗ zuͤckens berechnet glaubte, ihre Aufmerkſamkeit zu erregen. „O, wie guͤtig der Graf iſt!“ härte ſi ſie 251 dieſelbe ihrer Begleiterin zurufen,„ſo viel Sorgfalt fuͤr meinen ſonſtigen Liebling zu tra⸗ gen und ihn ſo weit her zu ſich. bringen zu laſſen. Ich glaubte, daß er es wuͤrde, da ich ihn zuletzt wegen deſſen Entfernung Vor⸗ wuͤrfe machte. Liebes, kleines Geſchoͤpf! komm mit mir!— Komm mit mir!“ wiederholte ſie unwillig, als Chico, nachdem die erſte Freude vorüber war, ſeiner alten, oder vielmehr ſei⸗ ner neuen Gebieterin folgen wollte. Und als ſie ihn aufzunehmen ſuchte, wich er furchtſam aus. Dennoch ergriff ſte ihn und Marcella fagte, daß er nicht lange bei ihr bleiben wer⸗ de, da er die Dame, die ihn beſitze, wegen keines andern verließ. „Dame!“ viederholte ſie ſcharf— doch ploͤtzlich ſich zu beſinnen ſcheinend, fragte ſie mit freundlichem Ausdruck, ob Honoria die Beſitzerin des Hundes ſei? Dieſe erwiederte, das Halsband bezeichne den Eigenthuͤmer und ſie mache keine Anſpruͤche auf ihn. Die Art, wie ſie hierauf weiter ging, verhinderte eine 252. Fortſetzung des Geſpraͤchs und Donna Clara nahm den armen Chico, trotz beiese Straͤubens, mit ſich fort. Honoria fuͤhlte ſich durch dieſen Vorfaſ unangenehm beruͤhrt; mit Unwillen ſah ſie ih⸗ ren Liebling auf dieſe Weiſe ſich entzogen und ihre Abneigung gegen Donna Clara ward ſehr vermehrt. Nach dem Mittagseſſen kam Spencer mit Chico auf den Armen. „Haben ſie das arme tleine Thier von ſich geſtoßen?“ ſagte er. „Rein,“ erwiederte Honoria,„er fand ſeine vormalige Herrin. „So iſt er ihrer bald müde gehncnder, denn ich hoͤrte im Voruͤbergehn ihn winſeln, herauszukommen, wo ich zur Beguͤnſtigung ſei⸗ ner Flucht ein wenig aufmachte und ihn ſeiner Eigenthuͤmerin zuruͤckbringe.— Sie wiſſen al⸗ ſo,“ fuhr er fort,„daß eine neue Schweſter gekommen iſt, den Schleier zu nehmen, oder vielmehr ihr Probejahr anzutreten; allein da 253 fie die Aebtiſſin ſind, muͤſſen ſie entſcheiden, ob dieſelbe in ihre Gemeinſchaft aufgenommen werden ſoll.“ mMli 3 20KitsJ eSea „und unter welchem Vorwand kann ein zugendlicher Guerilla⸗Anfuͤhrer ſich Zutritt bei unſrer heiligen Schweſterſchaft zu verſchaffen ſuchen?“ fragte Honoria lachend. „O, ich bin nicht als Guerilla⸗Anfuͤhrer, ſondern als ehrwuͤrdiger Pater⸗Beichtvater zu betrachten, auf dieſe Art ſehen ſie ſich vor, was ſie fuͤr Suͤnden begehen, denn ſie muͤſſen mir alles bekennen und ich werde, wenn ſie nicht eifrigſt meine Gunſt zu erlangen ſuchen, die unbarmherzigſte Buße auflegen.“ „Wohl, wenn ſie Beichtvater ſind, wird ihnen dann ohne Zweifel das Herz der neuen Schweſter ganz enthuͤllt ſeyn, und ſie wiſſen daher am beſten, ob ſie in meine Gemeinſchaft aufgenommen zu werden geſchickt iſt.” Spencer erroͤthete, lachte aber ſeine Ver⸗ wirrung hiaweg, und ſetzte dann ernſter, und aufrichtig hinzu: 254 „Sie iſt keine Frau, deren Umgang ih⸗ nen Vergnügen machen kann! Sie werden keine halbe Stunde in ihrer Geſellſchaft ſeyn, ohne in ihr ein eitles, leichtſinniges, kleinliches Weſen zu entdecken, dem wir aus Menſchenliebe nichts boͤſes zutrauen wollen, an dem ſie aber, außer einem ſchoͤnen Geſicht, nichts Intereſſe erregendes finden werden.“ 3 „Ihre Schilderung macht mich nicht ſehr begierig nach ihrer naͤhern Bekanntſchaft.“ „Und dennoch hat ſie mich bereits gebe⸗ ten, ſie bei ihnen einzufuͤhren, und ich weiß nicht auszuweichen, wenn ſie nicht durchaus da⸗ gegen ſind. Ungeachtet der Harmloſigkeit, die ich ihr beilegte, iſt ſie doch faͤhig, die boshaf⸗ teſten Bemerkungen zu machen. Indeſſen hoͤrte ich nie etwas gegen ihren Ruf und ihr Mann ſcheint voͤlliges Vertraun in ſie zu ſetzen. Un⸗ ter welchem Vorwand koͤnnten ſte daher ihren Beſuch ablehnen.“ Mißmüthig erklaͤrte Honoria, es kaum ſelbſt zu wiſſen. Kurz, ſie kamen uͤberein, 255 daß Donna Clara's Beſuch angenommen wer⸗ den müſſe, obwohl alle naͤhere Bekanntſchaft mit ihr ausgeſchloſſen bleibe. Honoria war da⸗ her beſtimmt, ſie dieſen Abend zu empfangen; Don Maleo und Major los Tores vermehrten die Geſellſchaft, und der Graf war wie ge⸗ woͤhnlich die Seele davon. Aufgemuntert durch die Gegenwart mehrerer Perſonen, zeigte ſich ſeine Neigung weit zwangloſer, und immer verrieth ſich die Befliſſenheit eines Liebenden. Er war im Beſitz jener ergoͤtzlichen Miſchung von gewoͤhnlichem Sinn mit ungewoͤhnlichem Unſinn, ſo weſentlich zur Vollendung eines guten Geſellſchafters, und Honoria fuͤhlte oft in ſeiner Naͤhe das wahre von Cumberlands Bemerkung: Es iſt ermuͤdend, den Unſinn derer anzuhoͤren, die nichts anders ſprechen koͤnnen; aber der Unſinn von Perſonen, die Witz und Verſtand beſitzen, in der Stunde der Erholung iſt der feinſte Genuß und ein koͤſtlicher Schmaus fuͤr die, welche den Sinn haben, ihn zu ver⸗ ſtehen. 256 . Donna Clara's Vorſatz, ſich angenehm zu machen, ward gaͤnzlich gehemmt; denn wie⸗ wohl ſie nie des Grafen beſondere Aufmerkſam⸗ keit erregt hatte, konnte ſie dieſelbe doch nicht mit voͤlligem Gleichmuth auf eine andere ge⸗ richtet ſehen. Sie wollte auf keine Weiſe ih⸗ ren Mann beleidigen; allein mit der unter ih⸗ ren Landsmaͤnninnen gewoͤhnlichen Nachſicht glaubte ſie ihre Eitelkeit befriedigen zu koͤnnen, ohne deßhalb Tadel zu verdienen. Jedoch der Graf ſetzte nie ihre Klugheit auf die Probe, oder erweckte die Eiferſucht ihres Mannes. Honoria behandelte ſie mit ſtrenger Hoͤflichkeit, die nie in Vertraulichkeit uͤberging, da ſie kein Wohlwollen gegen ſie empfand, und ihr Beſuch ward mehr gedulder als empfangen. Donna Clara war ſehr geneigt, die ſchoͤne Englaͤnderin zu tadeln, und bewunderte nur, wie der Graf, ſelbſt ſo lebhaft und glaͤnzend, von einer Perſon be⸗ zaubert ſeyn konnte, die ſo zuruͤckhaltend, ſo kalt, ſo vollkommen Meiſter von Wort und Handlung erſchien. Die feurige Portugieſin 257 wußte nichts von Selbſtbeherrſchung, und waͤhn⸗ te, Honoria koͤnne nicht empfinden, weil nicht ein zwangloſes Betragen die Natur ihrer Ge⸗ fuͤhle verrieth. Sie wußte nicht, daß je leb⸗ hafter die Bewegungen eines geordneten Ge⸗ muͤths ſind, deſto weniger ſie ſich ſelbſt verrathen, da ihre Heftigkeit Mißtraun erregt und die Selbſtbeherrſchung in beſtaͤndiger Uebung erhaͤlt. Nit Erſtaunen ſah Honoria den Grafen nach ſeiner Uhr blicken, welches er aber ſo⸗ gleich erklaͤrte. 3 „Wir entfernen uns bald dieſe Nacht, und ich zaͤhlte die Minuten, die ich mir noch geſtatten duͤrfte.“ „Gehen ſie?“ fragte Honoria.„Ich glaubte, Don Manilla von ſeiner Entfernung ſprechen zu hoͤren.“ „Wir gehen beide dieſe Nacht.“ „Warum? iſt ein beſondrer Grund da⸗ zu da?“ 3 Spencer wich lachend der Frage aus, in⸗ dem er ſagte:„Ich bin zuweilen ploͤtzlichen Guerilla: Anf. II. 17 258 Zufaͤllen und Zittern unterworfen, wenn ich in die Naͤhe des Feindes komme, und nehme da⸗ her los Tores mit, mich, im Fall ich fortlau⸗ fen wollte, anzutreiben. Don Manilla hoͤrte ihn und ſprach— „Sagen ſte lieber, ſie abzuhalten, welches ich oft verſucht, doch nie bewirkt habe.“ „Sehr wahr; denn wenn ich bis zu ei⸗ nem gewiſſen Grad von Verzweiflung gebracht bin, ſtuͤrze ich vorwaͤrts, aus Furcht, die ent⸗ gegengeſetzte Richtung zu nehmen.“ Honoria gerieth jetzt in Beſorgniß; ſie glaubte gewiß, daß etwas ungewoͤhnliches zu fuͤrchten ſei und ward gedankenvoll und unruhig. Sie ſah es gern, als Donna Clara's Entfer⸗ nung die Geſellſchaft zerſtreute; und nachdem eine ſtarke Abtheilung der Guerillas mit ihrem Anfuͤhrer das Kloſter verlaſſen hatte, machte ſie ſich voͤlig wieder auf eine ſchlafloſe Nacht gefaßt.“ Die Nachrichten, welche Mareella ertheilte, dienten nicht zur Vermindrung ihrer Aengſtlich⸗ 259 keit. Wie ſie von ihrem Mann gehoͤrt habe, ſagte ſie, zoͤge eine bedeutende Anzahl der Feinde durch dieſe Gegend, und der Graf fuͤrchte einen Angriff auf die Vorpoſten. „Und warum nicht auf das Kloſter?“ fragte Honoria mit entſetztem Blick. Marcella erwiederte lachend—„Es blieben genug zu unſrer Vertheidigung in dieſem Fall, aber wir haben nichts deßhalb zu fuͤrchten; uͤber⸗ dieß ſind wir befeſtigt und koͤnnen eine tuchtige Belagrung aushalten.“. „Der Himmel wolle uns nicht auf die Probe ſetzen!“ rief Honoria. Sie empfand keine ſolche Zuverſicht uͤber dieſen Punkt, als Marcella, und dieſe Sorge vereinte ſich mit der Unruhe um die Entfernten. Waͤre nur der Graf in den Mauern geweſen, ſo wuͤrde ſie ſich ſichrer gefuͤhlt haben, als unter dem Schutz eines ganzen Heeres. Sie wandelte im Zimmer umher bis Mitternacht, wo ſie, ihre Furcht ſich verwei⸗ ſend, unausgekleidet zu ruhen verfuchen woll⸗ 17* 260 1 te. Ihr Fuß ſtand auf der Schwelle des Schlafzimmers, als der donnernde Laut einer Kanone auf dem Wall ſie entſetzt in die Mitte des Zimmers zuruͤckſchreckte. In ſolcher Naͤhe war der Schall faſt betaͤubend; und kaum hatte ſie ſich etwas von dem Schrecken wieder erholt, als ein zweiter Schuß jede Nerve durchbebte und einen kalten Schauer erregte. Eine Fortſetzung dieſer furchtbaren Toͤne er⸗ wartend, hielt ſie die Hand vor die Ohren, waͤhrend ſie ihre Gedanken zu ſammeln ſuchte. Zum drittenmal erſchuͤtterte der krachende Laut das Gebaͤude, worauf alles mehrere Mi⸗ nuten lang ſtill blieb. Honoria war hinlaͤng⸗ lich gefaßt, um Marcella aufſuchen zu wollen, als dieſe halb angekleidet herbeigelaufen kam, und ihr zurief, nicht beunruhigt zu ſeyn. „O, Signora!““ fuhr ſie fort,„erwaͤh⸗ nen ſie nichts gegen den Grafen! er wuͤrde mir es nie vergeben! Ich ſollte ihnen ſagen, nicht zu erſchrecken, wenn ſie die Kanonen 261 hoͤrten, von denen einige gereinigt werden, die ſie nicht Zeit hatten zu— „Um zwoͤlf Uhr des Nachts, Marcella!“ ſiel Honoria ein.„O, ich bin in toͤdtlicher Angſt. Gewiß geht etwas ungewoͤhnliches vor!“ „Es iſt gewiß nichts, als was ich ihnen ſagte. Donna Clara kam im groͤßten Schrecken zu mir gelaufen; nachdem ich ihr aber die Worte des Grafen berichtet hatte, war ſie zu⸗ frieden und ging wieder zu Bett. Sie koͤnnen mir glauben, doch ich vergaß gaͤnzlich des Gra⸗ fen Gebot, bis der Kanonenſchall mich auf⸗ weckte. „Ich kann mich nicht beruhigen, Mar⸗ cella; es iſt ſo unwahrſcheinlich, zu dieſer Zeit die Kanonen zu reinigen, oder daß er es er⸗ laubt haͤtte, da er weiß, wie es uns ſtoͤren muß. Und horch!— Die Wachen rufen ſich beſtäͤndig zu, und ihr Ruf iſt nicht der ge⸗ woͤhnliche; ſie ſagen etwas anders, was ich nicht verſtehen kann. Gewiß iſt jemand vor den Mauern, oder man fuͤrchtet einen Angriff.“ 262 Marcella erbot ſich, alle nur moͤgliche Nachricht einziehen zu wollen und kehrte bald mit Beſtaͤtigung ihrer Angabe zuruͤck. Dennoch fuͤhlte ſich Honsria keineswegs beruhigt, und obgleich Marcella von ihr aufgefordert ward, wieder zu Bett zu gehen, war ſie doch ſelbſt weniger als je zur Ruhe geneigt und achtete in hoͤchſter Erregung auf jeden Ton. Die erſte Veranlaſſung ihres Schreckens ward nicht wiederholt, und ſie ſuchte ſich zu uͤberreden, daß kein beſondrer Grund dazu da ſei. Oft ging ſie auf den Balcon, und wagte einmal die Thuͤr nach dem Wall zu oͤffnen. Alles ſchien hier wieder ruhig. Die Nacht war ſehr warm und der Himmel heiter und von Sternen erhellt. Sie ſaß einige Zeit auf dem Balcon, in den Garten hinabblickend: es hatte niemand Eingang in denſelben, da die Schluͤſ⸗ ſel dazu in ihrem Zimmer hingen. Halb ein Uhr war voruͤber und ſie hoffte die Ruͤckkehr der Guerillas erwarten zu koͤnnen. Ueber den Balcon hinabgebeugt, lauſchte ſie mit großer 263 Aufmerkſamkeit, ob ſie vielleicht den fernen Schritt der Pferde unterſcheide, als ihr ein⸗ fiel, einſt gehoͤrt zu haben, daß man die An⸗ naͤherung der Reiterei in beträchtlicher Entfer⸗ nung vernehmen koͤnne, wenn die Spitze ei⸗ nes Schwertes auf den Boden geſtellt und der Griff deſſelben an das Ohr gehalten werde. Sie wußte es nicht aus Erfahrung, wollte aber den Verſuch machen. Im Zimmer befand ſich ein praͤchtiges Schwert, das de l'Arevalo von ſeinem Corps zum Geſchenk bekommen hatte, aber zu glaͤnzend und zu reich verziert war, um gewoͤhnlich von ihm gebraucht zu werden. Sie wagte, es aus der ſchimmernden Huͤlle zu ziehen, und mit Ehrerbietung als das Zei⸗ chen von Spencers Heldenmuth es betrach⸗ tend, ging ſie damit in den Garten hinab. Am aͤußerſten Ende deſſelben, wo ſie weniger Hinderniſſe fuͤr den Laut vermuthete, nicht weit vom Ufer, machte ſie den Verſuch. Das Fluͤſtern der Wellen und das Rauſchen des Windes in den nahen Zweigen verwirrten ihr Gehoͤr; doch waͤhrend ſie lauſchte, unterſchied ſte deutlich ganz nahe das Plaͤtſchern der Ruder. Mit einiger Beſorgniß wendete ſie die Blicke auf den Strom, und ſah im naͤchſten Augen⸗ blick ein Boot darauf. Sie war beſtuͤrzt, glaubte aber ſogleich, es ſei nur ein Fiſcherkahn, der voruͤberfahren werde. Hinter einem Baum ſich verbergend, aus Furcht, ihre weiße Kleidung moͤchte ſie ver⸗ rathen, beobachtete ſie das Boot, und ſah es an einem kleinen Damm zu Ende des Gartens anlegen, wo ſogleich ein Mann, in einen langen dunkeln Mantel gehuͤllt, ans Ufer ſprang. In hoͤchſter Angſt wußte ſie nicht, ob ſie bleiben oder entfliehen ſollte. Gewiß war dieß ein Feind, der verkleidet ins Innere des Kloſters Zugang ſuchte. Vielleicht war es ein Moͤrder, den beruͤhmten Helden zu toͤdten, welchen er in dieſen Mauern zu finden hoffte. Nach augenblicklichem Nachdenken glaubte Honoria, wo moͤglich zur Warnung vor die⸗ 4 265 ſem Weſen das Gebaͤude erreichen zu muͤſſen, und ſchnell lief ſie einen entgegengeſetzten Weg, der, zum Theil⸗ mit Baͤumen beſchattet, ihr un⸗ bemerkt zu entfliehen geſtatten konnte. Im Forteilen blickte ſie angſtvoll zuruͤck, ob ſie verfolgt werde, und Entſetzen hemmte ihre Schritte, als ſie die Geſtalt bereits den Raum zwiſchen ihren Wegen durchſchreiten und ganz in ihrer Naͤhe ſah. Welch ein Schreckens⸗ ton entfloh ihren Lippen, als die Hand nach ihrer Kleidung ſich ausſtreckte, und der zuruͤck⸗ fallende Mantel eine kriegeriſche Tracht ſicht⸗ bar machte. Sie hielt ihren Untergang fuͤr gewiß und ihr Leben fuͤr aufgeopfert, um ihr Schweigen zu ſichern. Im Augenblick der Verzweiflung erhob ſie das Schwert in ihrer Hand und richtete es auf ihren Verfolger. Doch ſobald die menſchliche Form dem Stoß nachzugeben ſchien, ſtarrte das Blut in ihren Adern, und das Schwert entſiel der entnerv⸗ ten Hand, als die Geſtalt gegen einen Baum 266 wankte und mit traurigem, verweiſendem Ton: Honoria! ausrief. Ein neuer Laut des Entſetis entfloh ihr und ſie ſprang hinzu, den Wankenden zu un⸗ terſtuͤtzen. Allein ſie bedurfte des Beiſtands mehr ſelbſt, und von toͤdtlicher Schwaͤche durch⸗ drungen ſank ſie in die Arme, die ſich um ihre wankende Form ſchloſſen.„Zittern ſie nicht ſo, meine Honoria!“ ſagte Spencers ſanfte Stimme.„Ich bin nicht verletzt, und tau⸗ ſend, tauſend Mal durch dieſen theuern An⸗ theil entſchaͤdigt.“ Honoria konnte nicht ſorechen und verge⸗ bens ſuchte ſie nach Worten; endlich rief ſie: „Iſt es moͤglich, daß meine ruchloſe Hand ſich gegen ihr Leben erheben konnte!— Guͤtiger Himmel! ich habe ſie verwundet!“ Sie brach in heftige Throͤnen aus. Die zaͤrtlichſten Aeußerungen, durch den Anblick ihrer Unruhe erregt, und die Verſich⸗ rung, nur leicht an der Hand verletzt, und f bloß aus Ueberraſchung an den Baum gewankt 267 zu ſeyn, gaben ihr Beſinnung und Geiſtesge⸗ genwart wieder, wo ſie verlegen und mit wi⸗ derſtreitenden Gefuͤhlen erfuͤllt, nur weiter zu gehen verſuchte, nachdem ſie vorher ihr Tuch um ſeine Hand gewunden hatte. Spencer hielt ſie nicht zuruͤck, ſondern ſie noch immer unter⸗ ſtuͤtzend, eilte er mit ihr dem Gebaͤude zu, und mit jener Feinheit und Angemeſſenheit, die ihn nie verließ, ſuchte er ihre ausnehmende Unruhe zu verringern, indem er aufhoͤrte, ſie zu bemerken. Er wuͤnſchte ihr ſeine Erſchei⸗ nung im Garten zu erklaͤren, da er glaubte, ſie werde dieſelbe bei kaͤlterm Nachdenken ſelt⸗ ſam finden, und ſagte mit Eile: „Ich hoffe, die Kanonen, die das Sig⸗ nal zu meiner Rückkehr waren, haben ſie nicht beunruhigt. Ich wuͤnſchte insgeheim das Klo⸗ ſter zu erreichen, und wollte durch den Bal⸗ con auf die Waͤlle kommen. Sie duͤrfen nicht beſorgt ſeyn, wenn ſie mehr Kanonen hoͤren, glauben ſie, es iſt nichts zu fuͤrchten.“ „Warum kehrten ſie dann zuruͤck— und 268 ſo geheim?“ fragte die noch immer zitternde Honoria. „Ich will ihnen morgen alles erzaͤhlen,“ erwiederte Spencer, indem ſie den Balcon er⸗ reichten. Er ging nich mit in ihr Zimmer, ſondern ſobald er ſie darin ſah, verſchwand er ſchnell durch die Thuͤr auf den Wall. Honoria ſank auf das Ruhebett und uͤberließ ſich zwang⸗ los ihren Thraͤnen, die allein der Aufregung ihrer Gefuͤhle Erleichtrung gewaͤhren konnten. Sie floſſen unaufhaltſam, bis eine lebhafte Kanonade von den Waͤllen ihren Empfindungen eine andere Richtung gab, und ſie konnte aus dem Fenſter bemerken, daß ſowohl im Hof, als auf den Mauern alles in Bewegung und Aufruhr war. In kurzem erſchien Marcella, welche die wahre Lage der Sache ihr mittheilte, die man ſo lange als moͤglich verborgen hatte. Einen Angriff auf das Kloſter fuͤr unwahrſcheinlich haltend, wollte der Graf ſeine Pflicht, die ihn aufrief, nicht verſaͤumen, gab aber Befehl, b 269 wenn gegen ſeine Erwartung der Feind den Mauern ſich nahe, als Signal zur Ruͤckkehr drei Kanonen nach einander zu loͤſen. De l'A⸗ revalo war nicht weit mit ſeinen Guerillas entfernt, als der Ton ihn erreichte und er fuͤhrte ſie ſchnell zuruͤck, hielt aber in der Naͤ⸗ he, da ſich wirklich eine ſtarke Abtheilung des Feindes vor den Mauern befand. Die Anzahl war nicht genau zu beſtimmen, und um in das Kloſter zu gelangen, mußten die Guerillas ſich durchſchlagen. Der Graf hielt ſeine Gegenwart fuͤr noͤthig, die innern Bewegungen und das Geſchuͤtz zu leiten. Er theilte ſchnell ſeinen Plan Don Manilla mit, ſtieg vom Pferd, und aller Bemerkung zu entgehen, ſich in ſeinen Mantel huͤllend, fand er in einer nahen Fiſcher⸗ huͤtte die Mittel, auf dem Fluß die Hinterſeite des Gebaͤudes zu erreichen. Er landete, wie wir geſehen haben, um die innere Macht ge⸗ gen den Feind zu richten, welchen Don Ma⸗ nilla im Ruͤcken angreifen ſollte. Es gebrach ihm an Zeit, uͤber Honoria's ———— 270 ſeltſame Erſcheinung im Garten, mit ſeinem Schwert geruͤſtet, nachzudenken; denn alle Kraft des Geiſtes und Koͤrpers ward in ihm zur Thaͤtigkeit aufgeregt. Doch in der Hitze des Gefechts dachte er an ſie, und die Zaͤrtlichkeit, die ſie verrieth, erhoͤhte ſeinen Muth und gab der Tapferkeit, mit welcher er ein Leben in Gefahr ſetzte, das ſie ihm auf dieſe Art ſchaͤtzbar gemacht hatte, zehnfachen Werth. Waͤhrend aller Unruhe und Beſorgniß, die Honoria empfand, draͤngte ſich Donna Clara bei ihr ein, halb angekleidet und vor Ent⸗ 3 ſetzen außer ſich herbeieilend, und der Wider⸗ ſpruch ſelbſt in ihren Befuͤrchtungen machte ſie höchſt laͤtig. In einem Augenblick ſchrie ſie unter Kraͤmpfen und im naͤchſten lachte ſie wie⸗ der heftig uͤber Chico, der heulend und bellend woegen des Laͤrmes der Geſchutze zu ihren Fuͤßen kroch— dann rief ſie wieder in Verzweiflung immerwaͤhrend aus:—„O, wenn der Graf getoͤdtet wuͤrde! wenn der Graf getoͤdtet wuͤrde! waͤre das Kloſter ſogleich dahin!—“ Es 221 vergingen kaum fuͤnf Minuten, ohne Nachrich⸗ ten zur Verminderung ihrer Furcht; da aber Honoria dieß fuͤr den einzigen Zweck derſel⸗ ben hielt, ſetzte ſie wenig Vertrauen darauf. Ob der Feind die Waͤlle beſchoß, wußte ſie nicht, da das beſtaͤndige Getoͤſe der innern Ar⸗ tillerie keinen Unterſchied des Tones verſtattete, und ſie blieb ungewiß, ob dieſe Laute oder ein Angriff von außen das Gebaͤude erſchuͤt⸗ terte, bis eine Kanonenkugel durch die Wand flog, Kalk und Steine nach allen Seiten zer⸗ ſtreuend. Es erfolgte ein allgemeines Geſchrei, waͤhrend die Kugel, durch die Kraft, mit der ſie die erſte Mauer durchbrach, erſchlafft an der entgegengeſetzten abprallte, und zum gaͤnzlichen Schrecken der Frauen, die nach allen Richtun⸗ gen flohen, an dem Boden des Zimmers wie⸗ der aufſprang. Hondria hatte die Schranken des Balcons gefaßt, Marcella verkroch ſich hin⸗ ter ein Ruhebert und Donna Clara war auf einen Tiſch geſprungen und ſchrie ohne Aufho⸗ ren, waͤhrend Chico ſo laut bellte als er 2⁷² konnte. Gluͤcklicher Weiſe ward niemand beim Eindringen der Kugel beſchaͤdigt, da ſie am entgegengeſetzten Ende ſaßen. Als Honoria ſich etwas wieder erholt, und zur Vermei⸗ dung aͤhnlicher Gefahr einen ſichern Aufenthalt ſuchen wollte, ſah ſie die Thuͤr nach den Waͤl⸗ len offen. Das Feuern hatte ſeit einigen Mi⸗ nuten auf dieſer Seite aufgehoͤrt, und ſie ver⸗ nahm jetzt ein heftiges Geraͤuſch unter den Mauern, als wenn Viele dieſem Ort zueilten, und den Ruf:„Eine Breſche! eine Breſche! Sie haben eine Breſche gemacht!“ „Und wer ſich ihr naht,“ rief die Stimme des Grafen,„ ſoll eher uͤber de l'A⸗ revalo's Leiche gehen, als dieſe Mauern er⸗ ſteigen!“ Ihr ſchwindelte, ſie hielt ſich feſter an das Gelaͤnder des Balcons, ein krampfhafter Seufzer entfloh ihr; es fehlte ihr an Athem zu einem Laut, und die Aufregung war zu hef⸗ tig, um die Beſinnung verlieren zu koͤnnen. In einem Augenblick ſchien ſich ein un⸗ 273 gewoͤhnlicher Aufruhr durch die Guerillas zu verbreiten. Es erhob ſich ein Klaggeſchrei, unter dem man die Worte unterſchied:„Er iſt gefallen! de l'Arevalo iſt gefallen! wir wollen ſeinen Tod mit unſerm letzten Dluts⸗ tropfen raͤchen!“ Honoria hoͤrte nichts mehr. Ihr Ende ſchien mit dem Tod desjenigen entſchieden, wel⸗ chem ihr Leben geweiht war. Sie hatte nichts mehr zu fuͤrchten, alle Beſorgniß war geen⸗ det, das Aergſte hatte ſich zugetragen, und beſinnungslos ſank ſie zu Boden.— Als ſie wieder auflebte, fand ſie ſich in den Armen eines Mannes, der ſie ſchnell hin⸗ wegtrug. Sie ſtrebte ſich zu befreien, heftig ausrufend: Was iſt vorgefallen? Wo iſt Spen⸗ cer? Wer ſind ſie? Sie ſtand wieder auf den FJuͤßen, doch die Arme ihres Beiſtands unterſtuͤtzten ſie noch immer. Sie blickte empor und de l'Arevalo's Augen glaͤnzten ihr liebend entgegen, und ſie hoͤrte jetzt ſeine Stimme zaͤrtlich bemuͤht, ſie zu Guerilla⸗Anf. II. 18 beruhigen. Einen Augenblick laug betrachtete ſte ihn mit Ungewißheit, worauf Thraͤnen aus ih⸗ ren Augen drangen und wieder auf ſeine Schul⸗ ter ſinkend, fuͤſterte ſi ſie—„Ich glaubte— ich traͤumte— O gewiß, meine Siune waren verworren. 14 Er druͤckte ſie an die Bruſt, und erhob ſte von neuem zum Forttragen. „Wohin bringen ſie mich?“ rief ſte.— „Zu einem Ort der Sicherheit, meine Ge⸗ liebte!“ erwiederte Spencer, gaͤnzlich ohne Ruͤckhalt in einem ſolchen Augenblick.„Ich kann gehen,“ ſagte ſie. Donna Clara und Marcella, die folgten, baten ſte, den Grafen nicht aufzuhalten. Alein Honoria wollte ge⸗ hen, und von feinem Arm unterſtuͤtzt, wankte ſie fort, und bei vollkommner Beſinnung aͤu⸗ ßerte ſie, gehoͤrt zu haben, er ſei gefallen. „Man glaubte es, indem ich dem ein⸗ dringenden Feind mich entgegenſetzte. Ich ward fuͤr bezwungen und todt gehalten; allein bald zeigte ſich der Irrthum. Die Breſche iſt jetzt durch 275 einen Vierundzwanzigpfuͤnder und eine Anzahl verborgener Schuͤtzen ausgefuͤllt. Sobald dieß angeordnet war, eilte ich zu ihnen, um ſie an einen ſichern Ort zu bringen. Ich fand ſie leblos auf dem Boden und gerieth faſt in glei⸗ chen Zuſtand; denn ich glaubte ſie von einer Kugel getroffen.— Doch hier, fuhr er fort, indem ſie in ein kleines viereckiges Behaͤlt⸗ niß unter der Erde traten, das vormals zum Gefaͤngniß gedient hatte,„hier kann ſie nichts beſchaͤdigen, wenn ſie kurze Zeit da verweilen wollen.“ Donna Clara ergriff ſeinen Arm, ihn bit⸗ tend, ſie nicht an dieſem einſamen Ort zu verlaſſen, wo niemand von ihnen wiſſe, und vielleicht die Ruinen des Kloſters ſie begraben koͤnnten; das Feuern auf den Waͤllen habe auf⸗ gehoͤrt und die Guerillas waͤren wahrſcheinlich uͤberwunden. Auch Marcella ſprang jetzt hinzu, den Grafen aufzuhalten bereit. „Ich bitte, hindern ſie mich nicht zu ge⸗ ** 18 276 hen!“ rief er, obwohl Honoria noch immer an ſeinem Arm war. Wir ſind auf dem Punkt, einen Ausfall zu thun, der den Feind ſogleich entfernen wird. Er iſt bereits von Don Ma⸗ nilla angegriffen, weßhalb wir nicht mehr feuern, um nicht unſre eignen Leute zu toͤdten.“ „Gehen ſie dann,“ ſagte Honoria, uͤber die Schwaͤche beſchaͤmt, womit ſie ihn alle zu⸗ ruͤckzuhalten ſuchten. Er befreite ſich von Donna Clara, die ihn noch immer gefaßt hatte, und eilte ohne Verzug hinweg. Marcella brachte Sitze, denn das Gemach war voͤllig leer und ſehr feucht und unannehmlich. So⸗ bald die Thuͤr geſchloſſen war, ſing Donna Clara an zu ſchreien; doch da Honoria weder Troſt noch Beiſtand in dieſer ſteten Uebung ihrer Lunge finden konnte, ſo ſchwieg ſie gaͤnzlich, insgeheim fuͤr den betend, der ihr theurer als je war. Sie begann zu hoffen, daß die Feinde den Angriff aufgegeben hatten, da man den Laut der Geſchuͤtze weit ſeltuer hoͤrte und das Gebaͤude nicht laͤnger davon erſchuͤttert ward. † —— Mit welchem Entzuͤcken uͤberzeugte ſie ſich durch die Entfernung der Toͤne von ihrem wirklichen Abzug, und ſie konnte nicht laͤnger zweifeln, daß die unerſchrockenen Guerillas ſie verfolgten. Sie hielt das Verweilen an die⸗ ſem mißfaͤlligen Ort nicht mehr fuͤr noͤthig, und als ſie ihn verließen, fanden ſie, daß es heller Tag war. Honoria rieth Donna Clara, in ihr Schlafzimmer zu gehen; denn da ihr Mann unter der Beſatzung war, konnte ſie außer Sorgen fuͤr ihn ſeyn. Doch ungeachtet ſei⸗ ner Sicherheit ſchien deſſen ſchoͤne Gattin doch ſehr uͤbler Laune, und Honoria war herzlich froh, ſie los zu werden, wo ſie nach ihrem Zimmer zuruͤckging. Allein ihr gewoͤhnlicher Aufenthalt bot einen Schauplatz voͤlliger Zer⸗ ſoͤrung dar, und ſie begab ſich in ihr Schlaf⸗ zimmer, welches gluͤcklicher Weiſe verſchont blieb. Chico war noch immer ihr Gefaͤhrte; die Furcht, welche der Laͤrm erregte, bewog ihn, bei ihrer ſchnellen Entfernung ſtets ihren Schritten zu folgen. Honoria wuͤnſchte von den Waͤllen in die Ebene zu ſchauen, man war aber bereits be⸗ ſchaͤftigt, die Mauern wieder herzuſtellen und ſie konnte ſich nicht hinauswagen. Ihre Unruhe ſollte indeſſen nicht von langer Dauer ſeyn, da der Graf fruͤh am Tag ſeine Leute zuruͤck⸗ brachte, und von neuem als Sieger empfan⸗ gen ward. Der Feind hatte das Kloſter an⸗ zugreifen beſchloſſen, weil er den Grafen und die meiſten der Guerillas abweſend wußte, und es daher für eine leichte Eroberung hielt. Einige ſeiner ausgeſendeten Kundſchafter beun⸗ ruhigten die Wachen zuerſt, wo die Kanonen geloͤſ't wurden, ehe der Angriff begann. Die Guerillas zerſtreuten ihre Gegner mit bedeu⸗ tendem Verluſt, obgleich mehrere von ihnen blieben und einige Dfeiere verwundet worden waren. Wie ſollte Honoria den Sieger empfan⸗ gen? So lange er ſich in Gefahr befand, hatte ſte keinen Wunſch, keine Furcht, als ihn in 279 Sicherheit zu ſehen. Doch jetzt, da ihre Be⸗ ſorgniſſe verſchwunden waren, konnte ſie uͤber die letzten Vorfaͤlle nachdenken und ſich die Veranlaſſungen zuruͤckrufen, die ſie wiederholt den lebhaften Antheil an ihm zu verrathen be⸗ wogen. Und ob ihr gleich jene feurige Zaͤrt⸗ lichkeit in Augenblicken, die alle Verſtellung ausſchloſſen, zum Troſt gereichen konnte: ſo fuͤhlte ſie ſich doch verlegen und befangen bei dem Gedanken, das Geheimniß ihrer Bruſt einer Perſon enthuͤllt zu haben, der ſie es freiwillig am letzten mitgetheilt haben wuͤrde. Die Verwuͤſtung ihres Zimmers bot einen Vor⸗ wand zur Vermeidung einer Zuſammenkunft dar, und die Stoͤrung der letzten Nacht konnte wohl hinlaͤnglich zur Entſchuldigung dienen. Sie hoͤrte des Grafen Stimme im Vorzimmer, und er ließ beſorgt durch Marcella nach ihrem Befinden fragen. Sie wußte, er erwarke, daß ſie herauskommen und ihm Gluͤck wuͤnſchen werde, allein ſie wagte es nicht, und ließ ſich mit Unpaͤßlichkeit entſchuldigen. Zoͤgernd uͤber⸗ brachte Marcella die Botſchaft, and noch zoͤ⸗ gernder verließ Spencer das Zimmer. Honoria brachte den Tag auf dem Bett ruhend zu, und war bemuͤht, ſich zu faſſen. Sie konnte nicht ſo unfreundlich, nicht ſo un⸗ dankbar ſeyn, um ihrem Beſchuͤtzer das Ver⸗ gnuͤgen ihres Anblicks lange zu entziehen; und ſie ſtrebte nach Feſtigkeit, damit ſie mit voll⸗ kommenem Anſtand, ſo entfernt von kindiſcher Coquetterie als ſtrenger Sproͤdigkeit, ſich gegen ihn betragen moͤchte. Am Abend ging ſie in den Garten, und war noch nicht lange da, als ſie Donna Clara, die ihren Weg durch die Ruinen gefunden hat⸗ te, vom Balcon herabkommen ſah. Die Spa⸗ nierin nahte ſich ihr, und bat mit hoͤhnender Foͤrmlichkeit um Erlaubniß, im Garten zu wan⸗ deln, da ſie hoffe, ihre Plane nicht zu ſtoͤren. Honoria bemerkte, daß ſie nur unartig gegen ſie ſeyn wollte und hielt es fürs beſte, ihre Bosheit anſcheinend nicht zu beachten. Die Donna machte mehrere Anſpielungen auf den 281 Grafen und als ſie ihn von den Waͤllen herab⸗ kommen ſahb, aͤußerte ſie, nur zur Qual ihrer Gefaͤhrtin hier bleiben zu wollen. Der Graf war zu nahe, um dieſe Unart ahnden zu koͤnnen, auch wenn Honoria es ge⸗ wollt haͤtte, und ſie ſuchte ihren Unmuth dar⸗ uͤber zu verbergen. Indeſſen war ihr Clara's Gegenwart in dieſem Augenblick nicht unange⸗ nehm, da ihre Befangenheit bei Spencers Er⸗ ſcheinung dadurch gemildert ward; als aber die geziemenden Gluͤckwuͤnſche wegen des letzten Vorfalls voruͤber waren, und ſie beſorgt nach der Verletzung ſeiner Hand gefragt hatte, ward ſie ernſt und gedankenvoll, ſprach wenig, und befand ſich in ſichtlicher Unruhe. Spencer ſuchte die Veranlaſſung dazu vorzuͤglich in Claa ra's Gegenwart, die unfaͤhig, ihre uͤble Laune zu verbergen, mürriſch neben ihnen herging, und nicht zu ſprechen wagte, aus Jurcht, ſich zu verrathen. Marcella kam jetzt mit einem Auftrag von Don Maleo, der uͤber etwas wichtiges ſogleich mit ihr zu ſprechen wuͤnſchte. 282 Ihre Neugierde beſiegte ihre Bosheit, und ſie begab ſich zu Spencers großer Freude hin⸗ weg. Er aͤußerte nach ihrer Entfernung die Beſorgniß, Honoria ſei durch einige ihrer An⸗ deutungen verſtimmt worden. Ohne auf dieſe Bemerkung zu achten, rief ſie: „Iſt keine Hoffnung fuͤr mich, das Klo⸗ ſter zu verlaſſen? Iſt der Feind gewiß noch in der Gegend, durch die ich reiſen muß? „Ich glaube unbillig zu ſeyn,“ ſagte Spencer,„allein ich fuͤhle mich verletzt, wenn ſie ſolche Ungeduld zeigen, ſich zu entfernen— es enthaͤlt einen ſtillen Vorwurf fuͤr mich!“ „Nein, in Wahrheit nicht!“ rief Ho⸗ noria mit Nachdruck.„Sie thun uns beiden Unrecht mit dieſem Gedanken. Es unterblieb nichts, meine Lage angenehm zu machen. Nie⸗ mand wuͤrde ſonſt ſo viel gethan haben— we⸗ nigſtens wuͤrde niemand ſo— ſo—. Sie wußte nicht recht zu enden, was ſie ſagen wollte; doch nach einer kleinen Pauſe ſetzte ſie hinzu.—„Ich fuͤhle, daß ich ihnen mehr ſchuldig bin, als ich je vergelten kann!“ „O nein, das ſind ſie nicht!“ rief Spen⸗ cer feurig,„ſie koͤnnen leicht alles unguͤltig machen— doch;“ er hielt ſich zuruͤck— „ich darf davon jetzt nicht ſprechen, oder ich wuͤrde es ſelbſt unguͤltig machen!— Und zu ihrer Befriedigung will ich ihnen ſagen, daß die Hauptmacht der Feinde uͤber Madrid getrie⸗ ben iſt, und die, welche in dieſer Gegend zauderten, eilen denſelben Weg; und ohne Zweifel werde ich in einigen Tagen meinen Entſchluß auf die Probe geſetzt, und mich ge⸗ noͤthigt ſehen, ſie ſicher abreiſen zu laſſen.“ Er legte ſeinen Gefuͤhlen Zwang auf, um ihre Befangenheit zu zerſtreuen, und ſprach lebhaft uͤber die letzten Vorfaͤlle und ihre Er⸗ ſcheinung im Garten, uͤber die er ſich Erklaͤ⸗ rung ausbat. Unter dieſen Geſpraͤchen wan⸗ delte ſie weit läͤnger, als es ihr Vorſatz war; obwohl ſie ſtets hineinzugehen gedachte, ſetzte ſie doch, Spencers Ueberredungen nachgebend⸗ 8 den Weg immer wieder von neuem fort. Als ſie ſich endlich entfernte, rieth er ihr auf alle Weiſe, fuͤr die kurze Zeit ihres Hierſeyns eine der Lauben zu ihrem Aufenthalt zu wäͤh⸗ len und ſich in ihr Schlafzimmer einzuſchließen. Sie verſtand vollkommen ſeine Abſicht und ſchuͤttelte das Haupt, ohne Erklaͤrung der Gruͤnde, warum ſie ſeinen Vorſchlag nicht annahm. Am folgenden Tag boten die Verabredun⸗ gen zur Reiſe einen guten Vorwand dar, ihn zu ſehen. Er ſchlug Marcella's Begleitung vor, und ſie war erfreut, dieß zu hoͤren, da er ihren Wuͤnſchen deßhalb zuvorkam. Honoria hoffte, den zweiten Tag bei ihrer Schweſter zu ſeyn— allein ſie ſeufzte in der Mitte ihrer Freude, wenn ſie gedachte, daß dieſer Wiedervereinigung eine ſchmerzliche Tren⸗ nung folgen wuͤrde. Dennoch konnte ſie kaum zweifeln, daß Spencer vor ſeiner Entfernung ſich voͤllig erklaͤren werde, und ſie nur unter dem Schutz ihrer Schweſter ſehen wollte, um 285 von dieſem Gegenſtand zu ſprechen. Indeſſen verurſachte ihr der von ihm erwaͤhlte Stand, ſo unvertraͤglich mit haͤuslichem Gluͤck, bei je⸗ der Erwaͤgung das ſchmerzlichſte Gefuͤhl, und ſie glaubte, wenn jedes andere Hinderniß einer Vereinigung mit dem Gegenſtand ihrer Wahl entfernt waͤre, ſo wuͤrde dieß allein den Ge⸗ nuß jenes Gluͤcks ſtoͤren, welches ihre Phan⸗ taſie zuweilen bezauberte. Mit Tages Anbruch war am naͤchſten Mor⸗ gen die Cavalcade zur Abreiſe bereit. Hono⸗ ria ſah ſich von neuem als Rinaldo's Reiterin, Marcella ritt ein Maulthier und hatte die Auf⸗ ſicht uͤber Chico; gluͤcklicher Weiſe war Donna Clara noch nicht aufgeſtanden, um Zeuge ſei⸗ ner Entfernung zu ſeyn. Auch vergaß Ho⸗ noria nicht ihre Fahne, die ein Guerilla der Zahlreichen Begleitung trug, waͤhrend der An⸗ fuͤhrer an ihrer Seite ritt. Auf dieſe Weiſe verließen ſie das merkwuͤrdige Kloſter, St. Fernando, und indem Honoria ihre Blicke darauf zuruͤckwandte, dachte ſie, wie erſchuͤtternd 286 und beunruhigend auch die mannichfachen Ge⸗ fuͤhle waren, die ſie in dieſen Mauern em⸗ pfunden hatte, ſo beſaßen ſie doch alle ein nnausſprechliches Inkereſſe, eine tiefe lebhafte Erregung, die ihr dieſen Schauplatz der wich⸗ tigſten Ereigniſſe ihres Lebens immer werth machen mußten. 6 22 Ernſt und gedankenvoll ſetzten ſte einige Zeit ihre Reiſe fort; denn Spencer und Ho⸗ noria waren beide mit dem Gedanken ihrer na⸗ hen Trennung erfüllt, und nicht geneigt, ſelbſt mit einander zu ſprechen. Waͤhrend der waͤrm⸗ ſten Tageszeit hielten ſte mehrere Stunden zur Erfriſchung der Pferde an, und verweilten un⸗ ter dem Schatten der Kaſtanien und Maul⸗ lich genießend, und indem Spencer Erlaͤute⸗ rungen uͤber verſchiedene Gewaͤchſe gab, erhielt er ſeinen gewoͤhnlichen Gleichmuth und ſein Beſtreben zu unterhalten wieder. Waͤhrend ſie die Erfriſchungen genoſſen, beerbaͤume, von den Fruͤchten der letzten reich⸗ die ſie mit ſich fuͤhrten, fand er nach und nach 287 Gelegenheit, von ſeinen kuͤnftigen Planen zu ſprechen, was er ſehr zu wuͤnſchen ſchien, ob⸗ wohl beſorgt, die ſich vorgeſetzten Graͤnzen, ſo lange eer der einzige Beſchuͤtzer ſeiner ſcho⸗ nen Begkeiterin war, nicht zu uͤberſchreiten. Er ſprach von ihrer Heimath und ſeinem Ma⸗ rino, welches er ſogleich vollendet haben woll⸗ te, da er den groͤßten Theil des Sommers dort zu wohnen gedenke. 5 Honoria unterdruͤckte einen Seufzer, in⸗ dem es ihr zweifelhaft vorkam, wie der Gue⸗ rilla⸗Anfuͤhrer je dieſen Aufenthalt waͤhlen koͤn⸗ ne; auch vermochte ſie nicht, die Aeußerung zu unterdruͤcken, daß ſein Stand, und vorzuͤglich dieſe Art des Dienſtes, ihn wenig von den Freuden der Heimath zu genießen verſtatten wuͤrde. Eine ſolche Bemerkung war genau, was Spencer hervorbringen wollte, indem er da⸗ durch Gelegenheit erhielt, ſeine Vorſaͤtze fuͤr die Zukunft ferner zu erklaͤren. 1 „Der Himmel verhuͤte!“ rief er,„daß ich genothigt ſeyn ſollte, meine küͤnftigen Tage 288 in einer Lage zu verleben, die ſo der Ruhe beraubt, ſo unvereinbar mit jenen Freuden der Heimath iſt, denen ich als dem groͤßten Gluͤck des Lebens entgegen ſehe. Wenn ich in meiner Hoffnung getaͤuſcht bin— dann werde ich in der That mein elendes Daſeyn einem Stande widmen, den ich Anfangs zu⸗ folge eines Irrthums waͤhlte, der mich zu glauben verleitete, ich koͤnnte nie— das heißt— ich— Spencer hatte mit Bewegung geſprochen und ſchien ſehr verlegen; doch das, was er ſagen wollte, unterdruͤckend, ſprach er ferner mit vieler Waͤrme von den naͤhern Pflichten in ſeinem Vaterland und dem Entſchluß, ſobald der Sommerfeldzug geendet ſei, das Com⸗ mando Don Manilla zu uͤbergeben, welches ohne Nachtheil fuͤr den Dienſt oder ſeinen Ruhm geſchehen koͤnne.—„Ich brauche mir keine Vorwürfe zu machen, daß ich England zuvor verließ. Ich war damals in einer Ge⸗ muͤthsſtimmung, die mir nur über einen Ge⸗ 289 genſtand nachzudenken geſtattete. Aber Je⸗ dermann mit mir zu verſoͤhnen,““ ſetzte er mit geſenktem Blick hinzu,„muß das Beſtreben meines kuͤnftigen Lebens ſeyn, und velches Vergnügen wird es gewaͤhren!“ „Iſt es nicht Zeit, weiter zu gehen?“ fragte Honoria, und in wenig Minuten waren ſte wieder auf dem Wege. Aber wie fuͤhlte ſich ihr Herz erleichtert! Sie glich einer halb erſtarrten Pflanze, die ploͤtzlich von den Strah⸗ len einer glaͤnzenden Sonne belebt wird. Jetzt wagte ſie der Hoffnung Eingang zu verſtatten und den Blick auf die ſich ihr oͤffnende Aus⸗ ſicht zu richten, ohne durch moͤgliche Uebel und Taͤuſchungen beunruhigt zu werden, die ihre lebhafte Phantaſte von dem Bilde aus⸗ ſchloß. Auch Spencer war wieder er ſelbſt und verkuͤrzte jeden Schritt durch die Reize ſeiner Unterhaltung. Die Guerillas folgten in einiger Entfernung, doch Marcella und die Wegweiſer waren beim Vortrab. Gegen Abend ſenkten ſich die Wolken tiefer herunter und 4 Guerilla⸗Anf. II. 3 19 290 drohten mit einem Regenſtrom, gegen welchen ſte bald die dickſten Baͤume nicht mehr geſchüͤtzt haben wuͤrden. Die Gegend, die ſte durchzogen, war wild romantiſch; hervorragende Felſen mit herabwehenden Blaͤttergewinden ſchwebten uͤber ihrem Haupt und trafen an manchen Stellen, wo der Pfad enger ward, beinahe zuſammen. Dennoch war es ein gebahnter Weg, der ih⸗ nen geſtattete, dem Rath der Fuͤhrer gemaͤß, einer geraͤumigen Hoͤhle zuzueilen, die, nicht weit entfernt, ihnen Schutz vor dem Regen gewaͤh⸗ ren konnte. Ihre Roſſe antreibend erreichten Honoria und der Graf bald den Eingang der Kluft, indem große Tropfen herabzufallen an⸗ fingen; und nachdem Spencer ſeine Gefaͤhrtin vom Pferd gehoben hatte, wollte ſie ſchnell hineingehen, doch Stimmen darin hoͤrend, ſchreckte ſie ploͤtzlich zuruͤck. Aengſtlich ergriff ſte ſeinen Arm und aͤußerte beſorgt, daß Feinde hier im Hinterhalt ſeyn moͤchten. Er laͤchelte uͤber ihre Furcht und nahte unerſchrocken dem Eingang, wo er eine Dame und einen Herrn 291 auf einem Stein ſitzen ſah. Sie erſchraken ſo ſehr uͤber ſeine Erſcheinung, als vorher Ho⸗ noria uͤber ihre Stimmen erſchrocken war. Spencer naͤherte ſich auf verbindliche Weiſe mit der Bitte, ihren Zufluchtsort theilen zu duͤrfen. Der Fremde ſprang auf—„Spen⸗ cer! mein Bruder!“ rief er im Ton des Ent⸗ zuͤckens, indem er ſich an ſeinen Nacken warf. Honoria fand ſich zu gleicher Zeit in den Ar⸗ men ihrer Schweſter, welche die Dunkelheit 4 des Orts ſie anfangs zu erkennen verhinderte. Einige Minuten vergingen unter ſtuͤrmi⸗ ſcher Freude und keines konnte vernehmbar ſprechen, bis das Erſcheinen der Guerillas vor dem Eingang das erſte Entzuͤcken unter⸗ 1 brach und die Macht des Nachdenkens zuruͤck.— fuͤhrte. 2 Nach Aeußerung der Wegweiſer war die Hoͤhle, welche ſie gemeint hatten, von weit groͤßerm Umfang, nur ein wenig weiter; und dort befand ſich die Begleitung des Majors, wohin ſich nun auch die Soldaten und die andern 19* 29² begaben, den Bruͤdern und Schweſtern den freien Gebrauch des gewaͤhlten Ortes uͤberlaſ⸗ ſend. Der Major war ausnehmend bewegt uͤber den Anblick ſeines Bruders, welchen er zu einer Zeit nie wiederzuſehen glaubte, und der ihm auf immer entfremdet ſchien; und es dauerte lange, ehe ihre Aufregung ihnen zu ſprechen geſtattete. Ella vergoß Thraͤnen der Freude und Zaͤrtlichkeit an dem Buſen ihrer Schweſter, die mit aͤhnlichen Gefuͤhlen noch jene Unruhe und Verwirrung empfand, die in ihr erregt werden mußten, als ſie jetzt in Spencers Begleitung vor denen erſchien, die ſo viel um ſeinetwillen gelitten hatten und ſie nun mit beſondrer Aufmerkſamkeit beobachteten. Spencer ward von Ella mit der entſchiede⸗ nen Freude einer zaͤrtlichen Schweſter empfangen; aber Honoria fuͤrchtete, daß wenn ſie Zeit zum Nachdenken habe, ihr folgendes Betragen nicht mit ihrem Empfang uͤbereinſtimmen duͤrfte. In⸗ deſſen war dieß keine Zeit zu Zweifeln oder Mißtrauen, und die entzuͤckendſte Harmonie herrſchte unter ihnen, nachdem die Aufregung der Freude dem ſichern Gefuͤhl des Gluͤcks ge⸗ wichen war. Barnet hatte die erſte Nachricht von Ho⸗ noria's Ereigniſſen uͤberbracht. Man glaubte ſie in der Stadt in Sicherheit und ſeine Er⸗ ſcheinung erregte nur die Vermuthung einen laͤngern Dauer ihres Beſuchs, bis er nach und nach das Vorgefallne erruzli⸗ und die Briefe übergab. Der Major konnte nur init dem lebhafte⸗ ſten Vergnuͤgen in dem tapfern Anfuͤhrer der Guerillas ſeinen Bruder entdecken; und der Ton ſeines Briefes zeigte ihn noch ganz als jenes ſanfte, zaͤrtliche, ausgezeichnete Weſen, fuͤr welches er ihn immer hielt, und obwohl er nicht alles aufklaͤrte, verſprach er doch bei ihrem Wiederſehen volles Vertraun. Edgar fuͤhlte daher keine Stoͤrung ſeines Entzückens und nur Freude, daß ſich Honoria unter deſſen Schutz befand, da er ſein unbegraͤnztes Zu⸗ traun beſaß.. 294 Ella's Gefuͤhle unterſchieden ſich ſehr von denen ihres Mannes. Der Gedanke, ihre Schweſter in Spencers Naͤhe zu wiſſen, machte ſte unruhig, bekuͤmmert, ungluͤcklich! Das Un⸗ zuſammenhaͤngende und Bewegte in Honoria's Brief und ihre Verſichrung, ihn nur als den Burlington, wie ſie ihn in der Huͤtte kannte, geſehen zu haben, vermehrte ihre Beſorgniß; und ob ſie gleich keinen Zweifel gegen ihre Klugheit hegte, konnte ſie dennoch den erneu⸗ ten Umgang mit einem ſo einnehmenden Mann, dem ihr Herz lange ergeben war, nur fuͤr den Weg zur gaͤnzlichen Zerſtoͤrung ihres Gluͤcks anſehen. Auf das, was Spencer ſchrieb, legte ſie wenig Gewicht; ſie wußte, er ſchrieb wie er ſprach, da ſie oft Briefe von ihm ſah; und wie er auch handeln mochte, war ihr doch nicht entgangen, daß er nie etwas ſprach oder ſchrieb, wodurch ein unangenehmes Ge⸗ fuͤhl haͤtte erregt werden koͤnnen, und ſeinen Brief hielt ſie nur auf ihre Beruhigung be⸗ rechnet. Sie ſah in ihm ein ſeltſames, ſchwaͤr⸗ 295 meriſches, unbeſtaͤndiges Weſen, mit mehr Anſchein fuͤr ſich, als irgend jemand von ihrer Bekanntſchaft, und ſie glaubte ungluͤcklich zu ſeyn, bis ihre Schweſter wieder zu ihr kam. Umſonſt erinnerte ſie Edgar an die Gefahr und Unannehmlichkeit, von denen ſie Spencer be⸗ freit hatte. Ella fuͤhlte ſich geneigt zu glau⸗ ben, daß ſie weniger die Gefangne des Fran⸗ zoſen geweſen ſeyn wuͤrde, als Spencers, und war zweifelhaft, ob ihr kuͤnftiges Schickſal nicht einen dunklern Anſtrich von dieſem Um⸗ ſtand erhalten duͤrfte, als wenn ſie Jahre lang in der Gefangenſchaft eines erklaͤrten Feindes geweſen waͤre. Sobald der Major binlaͤnglich geneſen war, um reiſen zu koͤnnen, ſchlug ſie vor, ihre Schweſter aufzuſuchen, die ſie umſonſt mit je⸗ dem Tag erwartet hatte. Die Entfernung der Feinde aus dieſer Gegend machte ihn bereit⸗ willig zur Erfuͤllung ihres Wunſches, da er gleiches Verlangen nach dem Anblick ſeines Bruders empfand. Der drohende Regen be⸗ 296 wog ſie, Schutz in der Hoͤhle zu ſuchen, wo Spencer und Honoria ſie uͤberraſchten. Als Ella ſie zuſammen erblickte, vergaß ſie auf ei⸗ nige Zeit ihre Zweifel und war bereit, alles zu glauben, was ſie wuͤnſchte, waͤhrend Spen⸗ cers zaͤrtliches und zwangloſes Benagen ihee Meinung beſtaͤtigte. Der Regen fiel jetzt in Stroͤmen herab, und durch die den Eingang umrankenden Ge⸗ ſtraͤuche rauſchend, bewirkte der beruhigende Ton, welchen er hervorbrachte, dem aufgereg⸗ ten Gemuͤth ſo beſonders angenehm, ein Ge⸗ fuͤhl der Freude und Sicherheit, ſich mit den Liebſten vor dem Sturm geſchuͤtzt zu ſehen. Nichts konnte reichhaltiger ſeyn, als die Em⸗ pfindungen unſrer liebenswuͤrdigen Vereinten; die Hoͤhle ſchien alle ihre Wuͤnſche zu umfaſſen, und im Eindruck des Augenblicks haͤtten ſie waͤhnen koͤnnen, ohne Bedauern ihr Leben hier zuzubringen. Sie bemerkten nicht den Verlauf der Zeit, bis die Fuͤhrer ihnen das Aufhoͤren des Regens berichteten; und da ſie nicht lange 297 mehr Tag hattken, durften ſie nicht weilen. Ein Dorf in geringer Entfernung ſollte ihnen fuͤr die Nacht zum Aufenthalt dienen. Barnet und Sara waren unter den Leu⸗ ten in der zweiten Hoͤhle, und Honoria fand, daß der Major gerade nach Liſſabon reiſen wollte, um ſich fuͤr England einzuſchiffen. Spencer, der ſich vorgenommen hatte, einen Tag mit ſeinem Bruder zu verleben, war nicht geneigt, dieß abzuaͤndern, obwohl ſie nicht an einem Ort verweilten, und wollte ſie den fol⸗ genden Tag auf ihrer Reiſe begleiten. Sie fanden wenig Bequemlichkeiten fuͤr die Nacht, und nur ein Zimmer zum Empfang der Damen geſchickt. Die Bruͤder blieben zuſammen auf; ſie hatten ſich zu viel zu ſagen, um ſchlafen zu koͤnnen, und die lang verzoͤgerte Erklaͤrung fand endlich Statt. Ella war nur kurze Zeit mit ihrer Schwe⸗ ſter allein, als ſie zu erfahren ſuchte, ob ir⸗ gend etwas uͤber Spencers ſeltſames Betragen mehr Licht verbreitet habe, um ſo mehr er⸗ 298 ſtaunte ſie, es noch immer dunkel zu finden, da der freundſchaftliche und zutrauliche Fuß⸗ auf welchem ſie zu ſtehen ſchienen, die Dauer des Geheimniſſes nur noch unverzeihlicher machte. Bei Fortſetzung der Reiſe bemerkte man leicht, daß die vollkommenſte Harmonie zwiſchen den Bruͤdern herrſchte und das vormalige un⸗ begränzte Vertrauen wieder hergeſtellt war. Sie ritten bisweilen zuſammen voraus, und wenn ſie von den Andern nicht gehoͤrt werden konnten, bewies die Lebhaftigkeit ihres Aus⸗ drucks das Iutereſſe des Geſpraͤchs. Spencer fand keine Gelegenheit, mit Honoria allein zu ſprechen, wenn er es wuͤnſchte, denn ſie ritt immer ihrer Schweſter zur Seite, voll Trauer bei dem Gedanken, wie ſchnell die Stunden entflohen, in denen ſie einer Geſellſchaft genoß, die nach ihrer Meinung alle Freude umfaßte. Sie fuͤrchtete, er moͤchte ihre Niedergeſchla⸗ genheit bemerken, und vermied ſo viel wie moͤg⸗ lich ſeinen durchdringenden Blick. Einige freund⸗ —— 299 lich von ihr geſprochnen Worte ließen ihn am naͤchſten Morgen mit mehr Standhaftigkeit von den geliebten Freunden Abſchied nehmen, als er ſonſt faͤhig geweſen waͤre. Honoria mußte ſich ihren Thraͤnen uͤber⸗ laſſen, und mehrere Stunden nach ſeiner Ent⸗ fernung blieb ſie in ihren Schleier verhüllt. Sie konnte ſich nicht von dem bittern Schmerz erholen, womit ſie die Guerillas und ihren tapfern, bewunderten, geliebten Anfuͤhrer, den entgegengeſetzten Weg nehmen ſah; und ſie wuͤnſchte faſt die Zeit zuruͤckrufen, und noch einmal die Ereigniſſe nach ihrer Befreiung durchleben zu koͤnnen. Marcella entfernte ſich nicht ohne reichlichen Lohn fuͤr ihre Aufmmett ſamkeit. Waͤhrend ihrer fernern Reiſe, wo der Major den Schweſtern die ganze Mittheilung ſeines Bruders bekannt machte, werden wir zu einem fruͤhern Punkt unſrer Geſchichte zuruͤck⸗ kehren, um jeden anſcheinenden Widerſpruch im Betragen unſers Helden vollkommen auf⸗ zuloͤſen. Spencer Burlington hatte in dem weit⸗ laͤufigen Cirkel ſeiner Bekannten, ohne großen Scharfſinn anzuwenden, eine Menge ſchlecht üͤbereinſtimmender Paare entdeckt, die beſtimmt waren, mit entgegengeſetztem Geſchmack und Gefuͤhl, nur durch das Band der Ehe vereint, ihr Leben hinzubringen. Bequemlichkeit, Ei⸗ gennutz, oder die voruͤbergehende Phantaſie des Augenblicks ſchloſſen die meiſten dieſer Verbindungen, die ſo viel Gluͤck gewaͤhrten, als ſich fuͤglich davon erwarten ließ. Er hatte immer den Stand der Ehe als den genuß⸗ reichſten betrachtet, doch um ihn dazu zu machen, mußte, nach ſeiner Ueberzeugung„Vorſicht und Erwaͤgung geduldig angewendet werden. Nie⸗ mand konnte unabhaͤngiger ſeyn, als er, und ohne auf weltliche Ruͤckſichten zu achten, war er entſchloſſen, ſeine Wahl nur von Eigen⸗ ſchaften beſtimmen zu laſſen, die am meiſten zur Befoͤrderung des haͤuslichen Gluͤcks geeig⸗ net waren. Was ihn beſonders unruhig machte, und zur Vorſi cht aufforderte, war die ungluͤckliche Ehe ſeines genauſten Freundes, Lord Brook⸗ land, der ſich mit einer Lady verband, die er nur zwei Monate kannte, und die kurz darauf Zeichen von Geiſteszerruͤttung verrieth, und wie es ſich in der Folge ergab, ſchon fruͤher an dieſem Uebel gelitten hatte. Es fehlte Burlington nicht an oͤfterer Gelegenheit, ein Zeuge des Ungluͤcks ſeines Freundes zu ſeyn, welches einen maͤchtigen und bleibenden Ein⸗ druck auf ihn machte, und noch tiefer ward ſein Gemuͤth bekuͤmmert, indem er fand, daß das Kind dieſer ungluͤcklichen Verbindung die Krankheit der Mutter erbte. Als der Major ihm ſeine Neigung fuͤr Miß Valency bekannt machte, verwies er ihm eher ſeine Eilfertigkeit, da er ihn aber ent⸗ ſchloſſen ſah, die Verbindung zu ſuchen, wen⸗ dete er nichts ein. Bei der Bekanntſchaft mit 302 Gehzahen ihrer perſon erregte ſeine waͤrmſte Beivundrung, und er glaubte, alles in ihr zu finden, Wwas er lieben und achten konnte. Die vorgeſetzte Vereinigung ſeines Bruders mit der Familie gab ihm ſogleich Gelegenheit, ſie naͤher kennen zu lernen. Es war fuͤr einen Mann von Burlingtons Gemüthsart die ſchwerſte Sache von der Welt, die Lebhaftig⸗ keit ſeines Weſens zu hemmen, oder ſich in den Schranken eines bloß freundſchaftlichen Um⸗ gangs zu erhalten, er wich unaufhoͤrlich davon ab; und obwohl er nicht jener anzuwendenden Vorſicht vergeſſen hatte, hielt er ſie dennoch fuͤr unnoͤthig, ſobald er ſich unter dem Ein⸗ fluß der Leidenſchaft befand. Indeſſen bezwang er ſeinen Ungeſtuͤm, der ihn geleitet haben wuͤrde, ſogleich ein Anerbieten ſeiner Hand zu machen, in ſo weit, daß er beſchloß, erſt nach einigen Monaten laͤngern Umgangs ſich offen zu erklaͤren. Bei der Veranlaſſung, nach Bath zu reiſen, war er jedoch ſo vollkommen ent⸗ 303 ſchieden, die Zeit ſeiner Ruͤckkehr alle Unent⸗ ſchloſſenheit enden zu laſſen, daß er kein Be⸗ denken trug, ſeinen Vorſatz dem Major mit⸗ zutheilen. Nur wiederholte Auftritte des Ent⸗ ſetzens folgten ſeiner Ankunft in Bath; er war immerwaͤhrend Zeuge der Leiden ſeines Freun⸗ des, und zuweilen der Anfaͤlle ſeiner Gattin, wenn er ihn dem erſchuͤtternden Anblick entzie⸗ hen wollte, und aus dieſem Grund war er zu⸗ faͤllig bei den letzten Augenblicken dieſer un⸗ gluͤcklichen Lady gegenwaͤrtig, die, wie bereits erwaͤhnt ward, in ſeinen Armen ſtarb. Der Eindruck, welchen ein ſolcher Vor⸗ fall zu machen geeignet war, laͤßt ſich denken. Am folgenden Tag ging Spencer aus, um die Trauer ſeines Gemuͤths zu zerſtreuen, wo er Wilhelm traf, und im Geſpraͤch mit ihm er⸗ hielt er ſeine gewoͤhnliche Lebhaftigkeit wieder, die durch den Gedanken an die Geliebte von neuem aufgeregt ward. Von ihr zu ſprechen wollte er den naͤchſten Tag Wilhelm Irby zu einem Spazierritt auffordern, fand ihn aber „ 3⁰4 nicht zu Hauſe, obwohl die uͤbrige Familie ge⸗ genwaͤrtig war und ihn empfing. Da Lady Brooklands Krankheit kein Geheimniß, und Mrs. Irby ohne ſehr feines Gefuͤhl war, ſuchte ſie dieſelbe zum Gegenſtand des Geſpraͤchs zu machen, in der Hoffnung, zur Befriedigung ihrer Neugierde von Burlington manches ge⸗ nauer zu erfahren; allein ſie ward getaͤuſcht, indem er nicht davon zu ſprechen wuͤnſchte, und die Unterhaltung auf etwas anders zu lenken ſuchte. Dieß ließ ſich nicht ſo leicht bewirken, und Mrs. Irby aͤußerte mit Bedauern, daß ſo viele ihrer Nebenmenſchen an dieſem furchtbaren Uebel litten, welches in manchen Familien, wie ſie wiſſe, erblich ſei.—„Da ſi ſind die Valencys,“ fuhr ſie fort,„unſre alten Nach⸗ barn, hoͤchſt liebenswuͤrdige Leute, wo es von Geſchlecht zu Geſchlecht in der Familie gewe⸗ ſen iſt.“ Spencer erſchrak und wechſelte die gart e. Er wußte nichts von Mes. Irby's all⸗ gemei Charakter, oder dem ſeltſamen Hang, ihre machenden Traͤume fuͤr virtih zu halten, 8 . 305 und als Thatſache anzufͤhren; eer hatte ſte nur einigemal geſehen und hielt ſie fuͤr eine gutar⸗ tige, wohlmeinende Frau und alte Bekannte der Valency's. Sie bemerkte die Veraͤnderung ſeines Ausſehns, und ſich beſinnend— denn ſie ſprach, bis ſie nicht mehr wußte, mit wem— rief ſie ſehr beſtürzt:—„O, ich birte tau⸗ ſendmal um Vergebung! es entfiel mir gaͤnz⸗ lich, daß ihr Bruder in dieſe Familie gehei⸗ rathet hat, und da das Mißgeſchick, deſſen ich erwähnte, kein Geheimniß, ſondern in der ganzen Gegend bekannt iſt, ſo gedachte ich es nie zu verbergen. Indeſſen kann ich ihnen zum Troſt ſagen, nie gehoͤrt zu haben, daß Miß Valency, das heißt, Mrs. Burlington, ein Zeichen davon verrieth, eben ſo wenig Mrs. Valency. Es ſtammt vom Vater; er, der arme Mann, ſtarb in Raſerei. Sie werden gewiß nie Mrs. Valency von ſeinem Tod ha⸗ ben ſprechen hoͤren, deſſen ſie niemals erwaͤhnt. Die arme Honoria iſt das einzige Kind, wel⸗ ches daran leidet. Vor ungefaͤhr zwei Jahren Guerilla⸗Anf. 1I. 20 war ſie mehrere Wochen eingeſperrt. Die Magd, die ihr aufwartete, kam nachher in meine Dienſte und machte uns eine Schilde⸗ rung ihrer Geiſtesabweſenheiten, die uns ganz erſchuͤtterte. Wir wurden dadurch wirklich alle ſehr in unſern Hoffnungen getaͤuſcht; denn wenn dieß nicht geweſen waͤre, glaubte ich unſre Familien vereinigt zu ſehen, da ihr Jo⸗ nathan recht geneigt war.“. „Geneigt,“ wiederholte Jonathan er⸗ regt; doch ſich zurückhaltend ſetzte er hinzu: „Ich kann es vielleicht zu einer Zeit ein we⸗ nig geweſen ſeyn, allein neuerlich fuͤrchtete ich mich immer vor ihr, ſie ſah ſo ſtarr mit den Augen.“ Harriet Irby ſchuͤttelte den Kopf und ſagte, es ſei ſehr erſchuͤtternd. Unter dem zoͤgernden Einfluß der Hoffnung hatte Spen⸗ cer noch einigen Zweifel an Mrs. Irby's Wahr⸗ heit gehegt, bis Sohn und Tochter ihr Zeug⸗ niß beſtaͤtigten, und daß drei Perſonen, ohne eine ihm bemerkbare Abſicht, in ſo entſetzlicher 3⁰⁷ Verleumdung uͤbereinſtimmen ſollten, war gäͤnz⸗ lich unwahrſcheinlich. Er befand ſich witklich in einem Zuſtand der Verzweiflung, indem Mrs. Irby weiter ſprach:„Honoria ſcheint, dieß ausgenommen, in der That dem Ge⸗ ſchmack meiner Familie recht zu entſprechen, denn Wilhelm iſt deſſen ungeachtet in ſie ver⸗ liebt und ſehr ungluͤcklich deßhalb geweſenz doch ſteht es jetzt, hoff ich, beſſer mit ihm. Der arme alte Admiral iſt gegenwaͤrtig in Lon⸗ don eingeſperrt, und es vergeht kaum ein Jahr uͤber ſeinem Haupt, wo er nicht einige Wochen in einem Zuſtand iſt, in welchem er niemand ſehen kann. 2 Aus den Briefen ſeines Bruders wußte Spencer, daß ſich der Admiral in der Stadt krank befand, aber das Uebel war nicht ge⸗ nannt worden. Auf dieſe Weiſe beſtaͤtigte ſich Mres. Irby's Glaubwuͤrdigkeit, und noch mehr durch die Hindeutung auf Mrs. Valency's Ab⸗ neigung, vom Tod ihres Gatten zu ſprechen, wovon Spencer ein das geringſte hoͤrte. Mrs. 20 3⁰⁸ Valeney hatte ihren Mann zu ſehr geliebt, um von ſeinen letzten Augenblicken reden, oder nur ſich darauf beziehen zu koͤnnen. Dieß war fuͤr Mrs. Irby, die ihre Gefuͤhle nicht ver⸗ ſtehen konnte, und immer viel von dem armen lieben Irby zu ſprechen hatte, voͤllig hinrei⸗ chend, Verdacht zu erwecken, und jene Fol⸗ gerung hervorzubringen, die ſie laͤngſt auf Wahrheit gegruͤndet hielt. Der Umſtand, daß Honoria ein heftiges Fieber gehabt hatte, worin ſie gelegentlich phantaſirte, war mehr als hinreichend, die Krankheit des Vaters auf ſie fortgeerbt zu glauben. Sie wußte, die Be⸗ ſchwerde des Admirals ward als das Podagra angegeben, allein es gefiel ihr nicht, es wirk⸗ lich dafuͤr zu halten. Warum Sohn und Toch⸗ ter ihr bei dieſer Gelegenheit beiſtimmten, duͤrfte noch ſeltſamer erſcheinen; aber man muß ſich erinnern, daß Harriet lange einen An⸗ griff auf Burlingtons Herz vorhatte und Ho⸗ noria fuͤr eine gefaͤhrliche Rebenbuhlerin hielt, und ſie pflichtete durch ihr Benehmen der Be⸗ 3⁰9 hauptung ihrer Mutter bei, ohne ſich die Muͤhe zu geben, ſie genauer zu unterſuchen. Was Jonathan betrifft, ſo machte ſein Haß gegen Honoria ihn faſt zu allem faͤhig; und da er ſie Burlington geneigt glaubte, konnte er ſich nicht wirkſamer an ihr raͤchen, als wenn er etwas beſtaͤtigte, was jeden vernuͤnftigen Mann abhalten mußte, an ſie zu denken. Es war ihnen vereint gelungen, kaum ei⸗ nen Strahl der Hoffnung in Burlington uͤbrig zu laſſen; doch obwohl er ſie von Bosheit freiſprach, glaubte er dennoch, da keines aus⸗ gezeichneten Verſtand beſaß, ſie moͤchten ſich gewiſſermaßen getaͤuſcht, oder der Uebertrei⸗ bung ſchuldig gemacht haben; allein auf den juͤngern Bruder konnte er ſich verlaſſen. Wil⸗ helm war ſeiner Neigung nicht fremd und mit Zutraun vermochte er ſich an ihn zu wenden. Nachdem er ſich hinlaͤnglich erholt hatte, um der Sprache zu gebieten, fragte er Mrs. Irby, wo ihr Sohn zu finden ſei. Sie nannte ein gewiſſes Leſezimmer in der Naͤhe, wo er ſich 310 ohne Zweifel aufhalten, oder ehe er nach Hauſe ging, gewiß hinkommen werde. Burlington entfernte ſich, und Mrs. Irby ſetzte jene Ge⸗ ſchichte von ihm und Lady Brookland zuſam⸗ men, alle Bewegung, die er verrieth, ſeinem Gefuͤhl fuͤr dieſe Lady beilegend. Der arme Spencer begab ſich nach dem Leſezimmer. Wil⸗ helm war nicht da— doch in der Hoffnung, er werde kommen, nahm er Platz. In ſeiner Naͤhe befanden ſich zwei alte Herren, zwiſchen denen folgendes Geſpraͤch Statt fand. „So, ſie ſind eben aus der Hauptſtadt gekommen! was bringen ſie neues mit?“ „O, nichts beſonders; ich ſah und hoͤrte einiges von unſern alten Bekannten, Valen⸗ cy, der arme alte Admiral iſt unter ihrer „Zahl. Er leidet wieder an ſeinem alten Uebel. Ich fragte nach ihm an ſeiner Thuͤr, den Tag vor meiner Abreiſe, und Dr. Willis, der eben herauskam, ſagte mir— er ſei voͤllig raſend.“ „Seine Familie iſt ſeit Jahrhunderten ein Maͤrtyrer davon geweſen; ſein Neffe, Ge⸗ 311 neral Valency, ſtarb daran in fruͤhem Al⸗ ter. cnn.— Spencer wollte nichts mehr hoͤren, es blieb kein Zweifel laͤnger uͤbrig, und er eilte, ſich vor jedem menſchlichen Auge zu verbergen. Was er gehoͤrt hatte, geſtattete bei dem Ein⸗ druck, der ihn bewegte, nur eine Deutung. Die Herren hatten bloß vom Podagra ge⸗ ſprochen, denn daß der Admiral unter deſſen Wirkungen zu raſen faͤhig war, hat ſich be⸗ reits gezeigt. Indeſſen konnte Spencer keine ſtaͤrkere Beſtaͤtigung ſeiner aͤrgſten Befuͤrchtun⸗ gen verlangen, und er ſchauderte mit Ent⸗ ſetzen bei dem Gedanken, kaum einem Schicka ſal, wie ſeinen Freund Brookland traf, ent⸗ ronnen zu ſeyn. Aber es iſt voͤllig unmoͤglich, die Leiden zu ſchildern, die er wegen der Ge⸗ liebten und aus der Beſorgniß empfand, daß ihre Schweſter gleiches Mißgeſchick erdulden moͤchte. Einige Wochen brachte er verzweif⸗ lungsvoll in gaͤnzlicher Einſamkeit zu, ohne entſcheiden zu koͤnnen, was er zur Mildrung 312 ſeines Schickſals thun, oder beſchließen ſollte; doch er waͤre lieber kauſendmal geſtorben, als daß er Zeuge ihrer Eeden⸗ oder in ſteter Hurcht davor haͤtte ſeyn wollen.. Es war ihm zweifelhaft erſchienen, ob ſie einen ſo hohen Grad der Neigung fuͤr ihn em⸗ pfinde, wie er wuͤnſchte, denn das Bewußt⸗ ſeyn ihrer Parteilichkeit machte ſie zuruͤckhal⸗ tend. Jetzt uͤberließ er ſich dieſem Zweifel, als ſeinem einzigen Troſt; doch am meiſten fuͤrchtete er, ſie moͤchte die wahre Urſache ſei⸗ ner Entfremdung muthmaßen, und dieſe konnte er felbſt ſeinem Bruder nicht bekannt machen; nein, er war die letzte Perſon, die es von ihm erfuhr, obwohl er beſorgte, da nach Mrs. Irby's Angabe die Verhaͤltniſſe kein Geheimniß waren, daß er nicht lange unbekannt damit bleiben konnte. Er hatte daher keine andere Wahl, als ſein Betragen unerklaͤrt zu laſſen, und geduldig Schmach und Tadel zu ertragen. Er beſchloß endlich, ſogleich das Koͤnigreich zu verlaſſen, und hoffte aufrichtig, nie zuruͤck⸗ 313 zukehren. Er ſah ſich in ſeinen liebſten Hoff⸗ nungen auf die ſchrecklichſte Art getaͤuſcht, und ſich nie zu verbinden, war ſein beſtimmter Vor⸗ ſatz. Da ihm das Schickſal eine Vereinigung mit der verſagte, die er ſchon als ſeine kuͤnf⸗ tige Gattin betrachtet hatte, ſollte ſie ihn doch nie mit einer andern verbunden ſehen. Die Anordnungen ſeiner Angelegenheiten, ehe er vielleicht ſein Vaterland auf immer ver⸗ ließ, machte ſeine Ruͤckkehr nach Edenthal nothwendig; haͤtte er aber Honoria's Gegen⸗ wart dort erwarten koͤnnen, ſo wuͤrde ihn nichts auf der Welt verleitet haben, ſeine Hei⸗ math zu beſuchen. Sein Bruder hatte ihm ge⸗ ſagt, daß Mrs. Valency wiederholt ihre Ein⸗ ladung abgelehnt habe. Dieſen Bruder glaubte er, einigermaßen auf die Schritte vorbereiten zu muͤſſen, die er thun wollte, obwohl er de⸗ ren Veranlaſſung nicht erklaͤren konnte. Seine Beſtuͤrzung bei Honoria's Anblick in Edenthal kann nun kein Erſtaunen erregen; und das Beſtreben, in ihrer Naͤhe nur einigen Anſchein 314 von Faſſung zu behaupten, waͤhrend er anders erſcheinen mußte, um ſte nicht ferner zu taͤu⸗ ſchen, war an dieſem Tag eine Prüfung der haͤrteſten Art fuͤr ihn. Stets gewohnt, durch das Laͤcheln des Beifalls aufgemuntert, und mit jener Nachſicht behandelt zu werden, die ſeine muthwillige Laune immerwaͤhrend auffor⸗ derte, verurſachte ihm das kalte und erregte Betragen der Schweſtern die heftigſte Qual und Demuͤthigung. Honoria's Entfernung aus ſeinem Hauſe bewog ihn, da er ungewoͤhnlich viel Wein getrunken hatte, zu unbezwingbarer Heftigkeit aufgeregt, zu einer Unterredung mit ihr, wo er ſich gewiß auf eine Art be⸗ trug, die ihm bei dem vollen Beſitz ſeiner Sinne fremd geweſen waͤre. Als er aber ihre heftige Bewegung bemerkte, erfuͤllte ihn der plotzliche Gedanke, vielleicht einen Anfall ih⸗ res Uebels zu veranlaſſen, mit einem Entſetzen, das ihn ſogleich nuͤchtern machte und die Zu⸗ ſammenkunft ſchnell endigen ließ. Das Betra⸗ gen ſeines Bruders und Ella's, und ihr Ent⸗ 315 ſchluß ſich zu entfernen, verwundete ſein Herz. Mit Geringſchaͤtzung, und ſo als ſei er der Ach⸗ tung unwerth, behandelt zu werden, war ihm ſo neu, als niederſchlagend; und er fuͤhlte ſich beleidigt, da er glaubte, ſein Bruder haͤtte ihn beſſer kennen ſollen, um ihm nicht einen voͤllig hinreichenden Grund zu ſeinen Handlun⸗ gen zuzutrauen, auch wenn er ihn nicht er⸗ klaͤren durfte. Er beſchloß, in keiner Verbin⸗ dung mit ihm zu ſtehen, ſo lange er ſich nicht rechtfertigen konnte, und fuͤrchtete, daß ihm nur zu bald die Veranlaſſung ſeines Betragens bekannt werden duͤrfte. Ohne die Beſtimmung des Schiffs zu wiſſen, worin er einen Platz nahm, ging er zur See, ſo wenig kuͤm⸗ merte es ihn, was aus ihm ward. Als er das Schiff nach Cadix beſtimmt fand, entſchied Fer ſich ſogleich, zur Armee zu gehen und thaͤti⸗ gen Antheil an dem Kampf zu nehmen. Sein Zweck war ganz erreicht, als er ſich an der Spitze eines Corps ſah, das wie Guerillas wirken, aber gleich regulaͤren Truppen geklei⸗ det und organiſirt ſeyn ſollte, alle Vortheile verbindend, die es als Gemeinſchaft achtbar, und in dem beſondern Dienſt, zu dem es be⸗ ſtimmt war, thaͤtig machen konnte. Dieſe Beſchaͤftigung gab Burlington neues Leben, und er widmete ſich ihr ganz, wodurch er mancher ungluͤcklichen Stunde entging, ob⸗ wohl noch manche zuruͤckblieb. Nachdem er ei⸗ nige Wochen im Ausland geweſen war, und ruhiger uͤber das Vergangene nachzudenken ver⸗ mochte, ward er ſich bewußt, daß ſein Bru⸗ der um ſeinetwillen große Unruhe empfinden muͤſſe, obwohl er in der Zeit ihrer Trennung ihn ſo ganz durch Ella von ihm abgewendet glaubte, und ſo durch ſein Betragen ſich ver⸗ letzt fuͤhlte, daß er nie wieder von ihm zu hoͤren wuͤnſchte. Allein jetzt machte er ſich Vorwuͤrfe, ihm eine Beſorgniß zu verurſachen, die er entfernen konnte; und ob er es gleich unmoͤglich fand, ſich an ihn zu wenden, waͤh⸗ rend das Zutraun ſo gaͤnzlich verbannt ſeyn mußte, ſo wollte er doch an Wilhelm Irby 4 317 ſchreiben, ihm alle ſeine Gefühle mittheilen, und durch ihn genaue Nachricht von denen, die er liebte, erhalten. Sein Brief war indeſſen fuͤr Wilhelm ein voͤlliges Raͤthſel; denn unbe⸗ kannt mit der Geſchichte, die ſeine Mutter ver⸗ breitet hatte, konnte er keine der Anſpielun⸗ gen verſtehen, und blieb gaͤnzlich im Dunkeln uͤber die Beweggruͤnde ſeines Freundes, wie⸗ wohl er an der Art des Schreibens merkte, daß er ihn fuͤr bekannt damit hielt. Indeſſen, den Major von ſeinem Wohlbeſinden Nachricht zu geben, war verſtaͤndlich, und Wilhelm that es, auch wenn er ihn den Brief nicht zeigen konnte. 4 Spencer war uͤber zwei Monate in Spa⸗ nien geweſen, als er Wilhelms Antwort er⸗ hielt. Es war bloß ein freundſchaftlicher Brief, voll Aeußerungen der Theilnahme an ſeinem Ungluͤck, woher es auch entſpringen möchte, und ſeines Bedauerns ihn durch ir⸗ gend etwas von ſeinem Bruder entfremdet zu ſehen. Der Inhalt dieſes Briefs uͤherraſchte 318 ihn, nach einigem Nachdenken glaubte er aber, Wilhelm habe aus zarter Ruͤckſicht den Grund ſeiner Leiden nicht erwaͤhnt. Er ſchrieb ihm von neuem, denn es gewaͤhrte ihm eine Art von Troſt, ſeinen Schmerz einem theilnehmen⸗ den Weſen bekannt zu machen. Er ſprach Dann in deutlichen Ausdruͤcken von ſeinem Miß⸗ geſchick, auf immer alle Gedanken an eine angebetete Frau aufgeben zu muͤſſen, die noch zur Vermehrung deſſelben dem ſchrecklichſten Uebel, welches die menſchliche Natur treffen koͤnne, unterworfen waͤre. Dieſer Brief ging verloren, und da bei⸗ nahe drei Monate vergangen waren, ohne daß Spencer etwas von Wilhelm gehoͤrt hatte, ſchrieb er ihm von neuem zu demſelben Zweck, worauf in ſechs Wochen eine Antwort ankam. Wilhelm zeigte ſich hoͤchſt erſtaunt uͤber den Inhalt des verlornen Briefs und verſicherte ihn aufrichtig, obwohl mit ſeinem Zutraun be⸗ ehrt, dennoch gaͤnzlich unbekannt mit der Quelle ſeines Ungluͤcks zu ſeyn, und durchaus nicht 819 zu wiſſen, was er unter dem ſchrecklichſten Uebel, das ihn von der Geliebten trenne, verſtehe. Und obgleich ihre voͤllige Gleichguͤl⸗ tigkeit ihn ſelbſt aller Hoffnung beraubt und feine Neigung fuͤr ſie gemildert habe, ſo halte er dennoch den Mann, der ſein Schickſal mit ihr zu theilen beſtimmt ſei, fuͤr den beneidens⸗ wuͤrdigſten Sterblichen. 1 Spencer gerieth durch den Inhalt dieſes Briefs in die aͤußerſte Verwirrung. Er wußte nicht, was er denken, glauben oder thun ſoll⸗ te. Alle die furchtbaren Nachrichten, die er von Wilhelms Familie erhalten hatte, ſchienen durch ihn widerſprochen. Allein das Geſpraͤch im Leſezimmer und mehrere andere Umſtaͤnde, in ſein Gedaͤchtniß zuruͤckkehrend, verbannten die Hoffnung, und er konnte nur glauben, daß Wilhelm aus Ruͤckſicht fuͤr Honoria bewogen ward, das Bekanntſeyn mit dieſem traurigen Vorfall zu verleugnen. Voll Unruhe und Ver⸗ wirrung hielt ihn nur die uͤbernommene Pflicht und die Unmoͤglichkeit, ſich zu einer ſolchen ,320 Zeit zu entfernen, ab, ſogleich nach England 3 zu reiſen, und Wilhelm aufzuſuchen, um von ſeinen Lippen eine Erklaͤrung der Ungewißheit zu erhalten, die ihn zerſtoͤrte. Da er ſich aber nicht durch dieſes Mittel beſriedigen konnte, machte er ihn ſchrifelich mit allem auf das ge⸗ nauſte bekannt, was zu ſeiner Taͤuſchung bei⸗ trug, und bat ihn, ſobald als moͤglich zu er⸗ klaͤren, warum der Inhalt ſeines letzten Briefs ſo wenig mit jenen nnglücklichen Nach⸗ richten uͤbereinſtimmte, die er zu glauben ge⸗ noͤthigt ward. In dem peinlichſten Zuſtand der Ungewißheit verlebte er die Zeit nach Abſen⸗ dung dieſes Briefs, bis er drei Tage vor Ho⸗ noria's Erſcheinung eine Antwort von Wilhelm Irby erhielt, der ein Schreiben von deſſen Mutter beigefuͤgt war. Mit der groͤßten Trauer uͤber die Leiden, welche Spencer durch ſeine Familie erduldete, machte ihn Wilhelm mit der wahren Lage der Sachen bekannt, und ii: dem er ſeine Mutter anklagen mußte, einem unſeligen Hange zu viel nachgegeben zu haben, 321 fuͤhlte er ſich aufs ſchmerzlichſte bewegt, und bat ſeinen Freund in den ruͤhrendſten Aus⸗ druͤcken um Vergebung, und wo moͤglich um Fortſetzung ſeiner Freundſchaft. Er erklaͤrte die ganze Angabe fuͤr die boͤslichſte, grundlofeſte Falſchheit, die aus den Folgerungen und Ver⸗ muthungen ſeiner Mutter entſtand, wie bereits angedeutet ward. Nachdem er hierauf einiges aus Mrs. Valency's Familie und ſeinen Vor⸗ ſatz, ſich mit Miß Melville zu verbinden, mitgetheilt hatte, ſchrieb er ferner:„Ich fuͤhle keine Furcht wegen der Zukunft, als in Bezug auf Sie! Sollte das Ungluͤck, welches meine Familie Ihnen bereitete, bleibende Fol⸗ gen nach ſich ziehen, ſo kann ich nie ruhig ſeyn. Welche qualvolle Zeit muͤſſen Sie durch⸗ lebt haben! noch waren Sie, wie ich weiß, die einzige Perſon, welche duldete. Vergebens war die Bemuͤhung, es zu verbergen: Stolz und Liebe kaͤmpften in jenem Herzen, das ich faſt von dem erſten Augenblick der Bekannt⸗ ſchaft an Ihnen fuͤr ergeben hielt. Um ihret⸗ Guerilla⸗Anf. II. 21 322 willen hoffe ich, daß die Liebe geſiegt hat, und daß Sie fuͤr das Ungemach entſchädigt wer⸗ den, welches Ihnen jene geſaͤhrliche, gottloſe und unverzeihliche Neigung bewirkte, deren uͤble Folgen nicht berechnet werden koͤnnen.—“ Mrs. Irby's Brief enthielt bloß ein de⸗ muͤthiges Bekenntniß ihres Irrthums, wie ſie es nannte, und glich ſehr jenem, welchen ſie an Major Burlington ſchrieb in Bezug der Geſchichte, die ſie von Spencer und Lady Brookland zuſammengeſetzt hatte. Mehrere Stunden nach Empfang dieſer Briefe konnte ſich Spencer keinem andern Ge⸗ fuͤhl uͤberlaſſen, als der Freude; kein Zwei⸗ fel, keine Furcht fand Raum in ſeinem Her⸗ zen: er war vor Entzuͤcken faſt außer ſich. Tauſend Plane erfuͤllten ſeine Phantaſie, aber es fehlte ihm an Ruhe, ſich fuͤr einen zu be⸗ ſtimmen. Honoria war auf dem feſten Lande mit ihm, Honoria konnte ſeine Gattin wer⸗ den! Wilhelm glaubte ihn von ihr geliebt! und das enthielt der Freude genug, auf ein⸗ 323 mal zu faſſen. Als er zu ruhigerm Nachdenken gelangte, haͤtte er alles darum gegeben, nicht an der Spitze der Guerillas zu ſtehen, um zu ſeinem Bruder zu eilen, wo er auch war, oder ihn allenthalben aufzuſuchen; da ſich aber dieß nicht ausfuͤhren ließ, ſo beſchloß er, einen rei⸗ tenden Boten abzuſenden, der dem Aufent⸗ halt des Majors nachforſchen ſollte. Allein die zwei folgenden Tage und Naͤchte wurden die Guerillas immerwaͤhrend in Thaͤtigkeit erhalten, und de l'Arevalo hatte keinen Augenblick fuͤr den Gegenſtand, der ſein Gemuͤth erfuͤllte. Dieß war die Lage der Sachen, als Honoria durch ihn von dem Feind befreit und ſeinem Schutz anvertraut ward, ohne ſie zu kennen. Und als endlich dieſe Entdeckung Statt fand, war es dann zu bewundern, wenn die unwiderſteh⸗ lichſte Freude ſich in ſeinem ganzen Weſen zeigte, und er bei ihrem unerwarteten Anblick kaum die Herrſchaft über ſich ſelbſt zu behaup⸗ ten vermochte? Nach einem ſo entſchiedenen gluͤcklichen Zufall konnte er keiner Beſorgniß 21* 324 mehr Einfluß auf ſich geſtatten. Es war na⸗ tuͤrlich, daß Honoria zuruͤckhaltend ſeyn, daß ſie ſein vergangenes Betragen ahnden mußte. Dennoch war die Veranlaſſung ſeines Handelns von ſo beſonderer Art, daß er es unmoͤglich fuͤhlte, mit ihr davon zu reden. So lange das Vergangene in Dunkel gehuͤllt war, konnte er ſeinen Bewerbungen keine Aufnahme bei ihr verſprechen. Es blieb ihm daher nichts uͤbrig, als das Erbieten einer vollſtaͤndigen Erklaͤrung, und dieſe wollte er ſeinem Bruder machen, mit der Bitte, ſie ſo viel als moͤglich bei der Mittheilung zu mildern. Allein er konnte es nicht ertragen, daß Honoria, waͤhrend er ge⸗ genwaͤrtig war, damit bekannt ward, und hoffte, ehe er ſie wieder ſah, werde jeder un⸗ angenehme Eindruck verſchwunden ſeyn. Er ſchmeichelte ſich, einen maͤchtigen Fuͤrſprecher in ihrem Herzen zu beſitzen; denn die Beſorg⸗ niß, die ſie waͤhrend ihres Aufenthalts in St. Fernando wiederholt fuͤr ihn verrieth, erregte die aufmunterndſten Hoffnungen. 325 In der Unterredung mit ſeinem Bruder ließ er keinen Gedanken unberuͤhrt, kein Ge⸗ fuͤhl unenthuͤlt; und wie war dieſer Bruder bewegt, und wie ſchmerzlich empfand er, was er ihm ſchuldig war, und wie grauſam er ihm die zaͤrtlichſte Sorge fuͤr ſein Gluͤck vergolten hatte, die ſeine Lippen verſchloß und ihn be⸗ wog, ſeine Handlungen lieber der unguͤnſtig⸗ ſten Deutung auszuſetzen, als etwas zu ent⸗ huͤllen, wodurch, wie er glaubte, ſein Glück in der Grundfeſte erſchuͤttert ſeyn wuͤrde! Er konnte ſich alles denken, was Spencer unter dieſem traurigen Irrthum fuͤhlte, und verſprach die genauſte Befolgung der unzaͤhligen Vor⸗ ſchriften, die er ihm im Bezug der Mittheilung gab, die Honoria von ihm erhalten ſollte. Um dieſe zu erleichtern, ſtellte er ihm Wilhelms Briefe zu, und uͤberließ ſeinem Urtheil, die beſte Zeit zur Uebergabe eines Briefs von Spencer ſelbſt zu waͤhlen, der mehr als alles berechnet war, jeden unangenehmen Eindruck zu vernichten und die voͤlligſte Ueberzeugung 326 der lebhaften Gefuͤhle, die ſie einfloͤßte, zu be⸗ wirken. Zur Erwiederung dieſes vollkommenen Vertrauens machte Edgar ſeinen Bruder mit allem bekannt, was er wegen Sir Franz er⸗ duldete und wodurch ſein Betragen gegen das Weib ſeiner Leibe veranlaßt ward, welches ihm hoͤchſt tadelnswerth erſcheinen mußte. Beide Bruͤder ſtimmten uͤberein, daß ſie ihr kuͤnftiges Leben den liebenswuͤrdigen Frauen zu weihen ſchul⸗ dig waren, die ſo viel durch ſie gelitten hatten. Die Unannehmlichkeiten der Reiſe und Ueberfahrt wurden fuͤr Honoria ſehr durch das maͤchtige Intereſſe vermindert, welches ihr Gemuͤth erfuͤllte. Mit der groͤßten Feinheit, Empfindung und Genauigkeit hatte der Major das ihm von ſeinem Bruder aufgetragene Ge⸗ ſchaͤft vollzogen; aber ein ſeltſamer, unbehag⸗ licher Eindruck blieb einige Zeit in ihrem Her⸗ zen zuruͤck. Spencers Brief war indeſſen die Panace, welche nach und nach jedes unange⸗ nehme Gefuͤhl entfernte, der Wahrheit der Empfindung weichend, die er athmete. Mit 8 — 3²⁷ einer Art von Eutſetzen hatte ſie Anfangs der Gedanke erfuͤllt, daß eine Verbindung mit Spencer, nachdem er einmal ſo unſelige Ueber⸗ zeugung gehegt, nie gluͤcklich ſeyn koͤnnte; doch dieß, gleich allen andern ungegruͤndeten Mei⸗ nungen, in der erſten Erregung des Gefuͤhls entſtanden, verringerte ſich allmaͤhlig, kehrte ſelten zuruͤck und ward bald gaͤnzlich unbeach⸗ tet. Ella war jetzt Spencers Vertheidigerin und unterſtuͤtzte ſeine Sache, waͤhrend Hono⸗ ria anſcheinend die entgegengeſetzte Partei nahm. Ella fuͤhlte ſich nicht ganz frei von Unruhe we⸗ gen eines andern Gegenſtandes; ſie fuͤrchtete, daß bei ihrer Nuͤckkehr nach England ein un⸗ guͤnſtiger Zufall Sir Franz in ihres Edgars Naͤhe bringen moͤchte, und ſein Unwillen, wenn es zu Erklaͤrungen mit dem Baronet kommen ſollte, werde ſich nicht zuruͤckhalten laſſen. Denn nicht ſelten mußte ſie alle Beredſamkeit der Liebe und Zaͤrtlichkeit, nicht unvermiſcht mit ſanften Vorwuͤrfen, anwenden, um ihn zu aͤberzeugen, daß er nicht noͤthig habe, den un⸗ wuͤrdigen Urheber ſeines vergangenen Mißge⸗ ſchicks aufzuſuchen und zu beſtrafen. Allein dieſer werthloſe Mann war nicht laͤnger ein Gegenſtand, der Rache erregen konnte. Der 1 Gatle, welchen er beleidigte, wuͤrde den Schimpf in ſeinem Blut abgewaſchen haben, wenn der Varonet dem Kampf nicht auf eine Art ausgewichen waͤre, die ihm die Mißbilli⸗ gung aller derer zuzog, welche den Mord als die Tilgung eines geringern Vergehens be⸗ trachten, und er verlor daher in der Meinung der Welt. Seine Bekannten verließen ihn nach und nach; ſo oft er erſchien ward er ver⸗ mieden und kalt behaudelt, und die, welche ihn, als der Verrath gegen ſeinen Freund oͤffentlich bekannt ward, mit dargereichter Hand empfangen hatten, wendeten ihm jetzt den Ruͤcken, weil er nicht auch deſſen Leben in Ge⸗ fahr ſetzte. Haͤtte er den Kampf aus edeln Beweggruͤnden, oder wahrer Ehre vermieden, ſo wuͤrde er unerſchrocken dem Unwillen der Menge begegnet ſeyn und ihn gegen die Vor⸗ 329 wuͤrfe des Gewiſſens gering geachtet haben. Doch dieſes wuͤnſchte Sir Franz nicht zu be⸗ fragen, vorzuͤglich bei dieſer Gelegenheit, da es ſein Benehmen laut der Feigheit zuſchrieb. Als er indeſſen fand, was es ihm koſtete, hielt er ſeine Sicherheit fuͤr theuer erkauft und wuͤnſchte beinahe eine neue Veranlaſſung, wo er entweder ſeinen Ruf von dem darauf haf⸗ tenden Flecken befreien, oder ein Daſeyn en⸗ digen konnte, welches ihm durch Beraubung der gewohnten Achtung und Ruͤckſicht verhaßt war. hetei: Die Gelegenheit fand ſich bald. Der Bru⸗ der ſeines Opfers kam vom Ausland, mit gluͤhender Rache gegen ihn erfuͤllt, zuruͤck, und erklaͤrte oͤffentlich, ihn zum Kampf zwingen, oder von der Erde geißeln zu wollen. Er ward nicht zum letztern genoͤthigt. Sir Franz befand ſich in einem Zuſtand der Verzweiflung. Er ſah den Weg geoͤffnet, durch welchen er wie⸗ der in die Geſellſchaft gelangen konnte und be⸗ ſchloß, ſie wieder zu gewinnen, oder in dem 330 Verſuch zu ſterben. Das letztere Schickſal er⸗ wartete ihn. Die Kugel ſeines Gegners ging ihm durch die Bruſt, und er buͤßte in ſo fern fuͤr ſeine Vergehungen in dieſer Welt. Dieſes war eine der erſten Nachrichten, welche unſre Reiſenden bei ihrer gluͤcklichen An⸗ kunft in England erhielten. Obgleich Mrs. Valency nicht genau von der Zeit unterrichtet war, wo ſie ihre Kinder erwarten konnte, hielt ſie es doch, nach Ho⸗ noria's Brief, auf keine Weiſe fuͤr unwahr⸗ ſcheinlich, ſie ohne fernere Anzeige zu ſehen, und hoffte daher taͤglich auf ihre Erſcheinung. Sie war jetzt ohne Gefaͤhrtin, da Miß Mel⸗ ville's Verbindung mit Wilhelm Irby vor ei⸗ nigen Tagen Statt fand und die jungen Ehe⸗ leute eine Reiſe machten. Der Admiral hatte ſich ebenfalls zu einem modiſchen Waſſerplatz begeben und Mrs. Valency fuͤhlte ſich ganz verlaſſen. Zwar im Beſitz mehrerer Huͤlfsquel⸗ len, wie die meiſten Perſonen, und empfaͤng⸗ lich fuͤr alle jene Vergnuͤgungen der Thaͤtigkeit, 331 die den meiſten Genuß in der Einſamkeit ge⸗ waͤhren, erſchien ihr das Leben doch freuden⸗ los ohne die Geſellſchaft ihrer Toͤchter, der ſie nie zuvor beraubt geweſen war. Jeden Abend richtete ſie ihre Schritte nach der Gegend, wo ſie herkommen mußten, und ging, bis Muͤdigkeit ſie umzukehren noͤthigte, oft den Pfad mit ihren Thraͤnen benetzend. Sie fuͤrchtete einen Ruͤckfall des Majors, und daß ihre Kinder erſt ſpaͤt und vielleicht unter den traurigſten Verhaͤltniſſen zuruͤckkehren moͤch⸗ ten. So oft ſie getaͤuſcht nach Hauſe ging, erhoͤhten ſich dieſe Beſorgniſſe, bis ſie keine ihrer gewoͤhnlichen Verrichtungen mehr vollzie⸗ hen konnte, ſondern den groͤßten Theil des Tages im Garten zubrachte, ſich mit Gaͤrtne⸗ rei beſchaͤftigend; oͤfterer ſaß ſie aber traurig⸗ auf einer Bank und betrachtete das Element, welches ſie, nach ihrer Meinung, von ihren Kindern trennte. Der angenehmſte Theil des Jahres war jetzt voruͤber, und alle, die dem Schauplatz umher Reiz ertheilen konnten, wa⸗ ren fern und weit zerſtreut. Welch ein Con⸗ traſt mit einigen Monaten vorher, wo die Felſen von Froͤhlichkeit wiederhallten und allent⸗ halben ein laͤchelndes jugendliches Geſicht, als Sinnbild der Freude und Ruhe, ſich ihr dar⸗ ſtellte. Die Hauptquelle des Frohſinns, ihren Liebling, Spencer, welchen ſie nie fuͤr ſo ſtraf⸗ bar halten konnte, als er erſchien, hoffte ſie kaum je wieder zu ſehen; ſie konnte es nicht wuͤnſchen und hielt ihn nur fuͤr eine reizende Erſcheinung, deren Anblick ſie immer beklagen mußte, da er durch ſeine Ueberlegenheit allen andern ſeines Geſchlechts das Intereſſe raubte. Sich ihrem traurigen Nachdenken uͤberlaſ⸗ ſend, ging ſie unwillkuͤrlich den Weg nach dem Marino, in jener duͤſtern Stimmung, die gern Gegenſtaͤnde zu ihrer Rahrung aufſucht. Sie wollte die ſtillen, oͤden Mauern des unvollen⸗ deten Gebaͤudes betrachten, welches ſie einſt zum Aufenthalt des vollkommenſten Gluͤcks be⸗ ſtimmt glaubte. Allein mit welchem Erſtaunen ſah ſie die Gegend umher voller Werkleute, 1 die an Gaͤngen, Anpflanzungen u. dergl. ar⸗ beiteten, und als ſie näher kam, hoͤrte ſie Hammer und Saͤge in muntrer Thaͤtigkeit. Sie glaubte ſogleich, daß der Platz verkauft ſei, und deſſen Vollendung von dem neuen Beſitzer beeilt werde. Neugierde trieb ſie an, naͤher zu gehen, und ſie fragte einen rechtli⸗ chen an der Thuͤr ſtehenden Mann, den ſie ſchon oft vorher geſehen hatte und als Bur⸗ lingtons Aufſeher uͤber den Bau kannte, ob das Landgut verkauft waͤre? „Verkauft!“ wiederholte der Mann, als ſei er zweifelhaft, was ſie meine.„Das Grundſtuͤck ward, wie ſie ſich erinnern, an Mr. Burlington verkauft, lehn und— es iſt ein Frei⸗ „Ja, ja,“ ſiel Mrs. Valency etwas verlegen ein;„aber ich glaubte, er habe es wieder weggegeben.“ „O nein! er hat den Ort außerordent⸗ lich gern und befohlen, ihn ſo bald als moͤg⸗ 334 lich zu vollenden. Ich erhielt deßhalb nur vor zwei Tagen einen Brief von ihm.“ „ Wo iſt er denn?“ fragte Mes. Va⸗ lency begierig. Der Mann ſah uͤberraſcht. Da er wußte, in wie genauer Bekanntſchaft Burlington mit den Damen geſtanden hatte, die faſt taͤglich mit ihm die Fortſchritte des Baues zu beobachten kamen, fand er es ſehr ſeltſam, daß ſie mit ſeinem Aufenthalt unbe⸗ kannt ſeyn ſollten.„Mr. Burlington iſt ge⸗ genwaͤrtig in Spanien,“ antwortete er.„Sein Brief enthaͤlt, daß er im Herbſt in England zu feyn hoffe und den beſten Theil der Som⸗ merzeit hier zuzubringen gedenke. Auch weiſ't er mich an,“ fuhr der Mann mit einigem Zoͤgern fort,„bei irgend einem zweifelhaften Fall im Bezug des Baues in ihre Woh⸗ nung zu gehen, und mich nach der Entſchei⸗ dung der Damen dort zu richten.“ Mrs. Valency war ganz voll Erſtaunen und konnte kaum ihrer Erſcheinung gebieten; doch ſich faſſend, ſagte ſie ſchnell: O, recht 335 gut, recht gut! und eilte fort, damit der Auf⸗ ſeher ihre Erregung nicht bemerke. Ihr Ge⸗ muͤth fuͤhlte ſich ploͤtzlich erhoben, und es war ihr, als ob ſie die erfreulichſte Nachricht er⸗ halten haͤtte, die ihr mitgetheilet werden konnte. Spencer war in Spanien! und hatte wahr⸗ ſcheinlich ſeinen Bruder und ſelbſt die Gefaͤhr⸗ tinnen deſſelben getroffen. Sie konnte ſein Betrragen nicht erklaͤren, war aber von deſſen genugthuender Rechtfertigung uͤberzeugt und genoß bereits die Erfuͤllung ihrer liebſten Wuͤn⸗ ſche im voraus. Sie war beim Thee, als man ihr die Nachricht von der Naͤhe ihrer Kinder brachte. Einige der laͤngſten Minuten, die ſie je erlebt hatte, vergingen, worauf ſie von neuem ihre Toͤchter an ihr Herz druͤckte, und e. alles Entzuͤcken muͤtterlicher Liebe und kindlicher Zaͤrtlichkeit ward von den Wiedervereinten in hoͤchſter Vollendung empfunden. Selbſt den Major bemerkte die gluͤckliche Mutter erſt nach einiger Zeit, und ſeinen Nacken umſchlingend, wuͤnſchte ſie ihm mit Thraͤnen zu ſeiner Beſ⸗ —— 33⁶ ſerung Gluͤck. Auch Edgars Augen wurden feucht bei dem Gedanken, daß ſie ihn nicht ſo zaͤrtlich empfangen haben wuͤrde, wenn ſie gewußt haͤtte, welchen Schmerz er ihrer Toch⸗ ter verurſachte. Doch alles, außer der Freu⸗ de, war jetzt vergeſſen, und nach und nach fand ein regelmaͤßiges Geſpraͤch Statt, obwohl oft alle zugleich redeten, ein Theil ſo begierig zu fragen, als der andere bereit zu antworten. Die wahre Veranlaſſung zu der ſchnellen Reiſe der Schweſtern ins Ausland ward in des Majors Gegenwart nicht erwaͤhnt, ſondern man ſuchte dieſem Gegenſtand auszuweichen. Er bat mit angenommener Foͤrmlichkeit, Chico vorzuſtellen, der lange Aufmerkſamkeit zu er⸗ regen verſucht hatte. „Dieß, Madam,“ ſagte Edgar,„iſt ein Schuͤtzling meiner Schwaͤgerin, welchen ſie ausnehmend guͤnſtig ward, als ſie entdeckte, daß er einem jungen, reizenden, tapfern Gue⸗ rilla⸗Anfuͤhrer gehoͤre, von dem ſie ihn als Geſchenk annahm und der ſich daher ſchmeicheln 337 muß in einiger Gunſt zu ſtehen. Auf dieſe Weiſe haben ſie gute Ausſicht, einen Spanier zum Schwiegerſohn zu bekommen. Die Verwirrung, welche Honoria bei die⸗ ſer Gelegenheit verrieth, waͤhrend ſie mit un⸗ terdrucktem Laͤcheln einen verweiſenden Blick auf Edgar warf, machte Mrs. Valency halb geneigt, ſie fuͤr unbeſtaͤndig zu halten. „Aber wer iſt er?“ fragte ſie,„ich glaubte, meine Liebe, du berichteteſt mir, den kleinen Hund gefunden zu haben.“ „So war es! und ich wußte nicht, wem er gehoͤrte, das heißt, ſein Halsband nannte zwar den Namen ſeines Herrn, aber ich wußte nichts mehr.“ Mrs. Valency blickte auf das Halsband:; „Graf de l'Arevalo! Gut, und was fuͤr eine Art von Mann iſt dieſer Graf?"’"/) „O!“ rief Edgar,„er iſt der hoͤchſt— „Ich will keine Beſchreibung von ihnen haben,“ fiel Mrs. Valency ein.„Honoria Guerilla⸗Anf. II. 22 338 ſoll mir erzaͤhlen, gewiß iſt es irgend ein al⸗ ter haͤßlicher Geſelle; nun, iſt es nicht ſo?“ Honoria, an welche dieſe Frage gerichtet war, erroͤthete tief, antwortete aber nicht, waͤhrend der Major mit großer Luſt die Haͤnde zuſammenſchlug, auf alle Weiſe bittend, daß ſie den Grafen beſchreiben moͤge. Ihre Ver⸗ legenheit bemerkend, glaubte Mrs. Valency ihr beiſtehn zu muͤſſen, indem ſie ihre Gedan⸗ ken auf etwas anders richtete, und fragte den Major, ob er Nachricht von ſeinem Bruder habe. Laͤchelnd bejahte er es, und aufſtehend, aͤußerte er, ſich von der Reiſe faſt ganz er⸗ ſchoͤpft zu fuͤhlen, daher zu Bett gehen zu wollen und ſie von Familienangelegenheiten ſprechen zu laſſen. Die Schweſtern verſtanden dieß Zeichen zur Beginnung der noͤthigen Er⸗ klaͤrung und ein großer Theil der Nacht ward dazu angewendet. Mrs. Valency's Gefuͤhle waren mannichfach bewegt und man koͤnnte ſa⸗ gen, daß ſie im Fortgang der Erzaͤhlung alles empfand, was ihre Toͤchter in den verſchiede⸗ 339 nen Lagen, die ſie darſtellten, empfunden hat⸗ ten. Sie zuͤrnte mehr mit Edgar, als mit ſeinem Bruder. Sie konnte ſich nicht die Moͤg⸗ lichkeit denken, ihr Kind fuͤr ſchuldig zu hal⸗ ten, geſtand aber zu, daß Spencer zu ſei⸗ nem Betragen hinlaͤnglichen Grund gehabt habe, und jedes unangenehme Gefuͤhl ſchien vernichtet, als ſie ſeinen Brief las. In die⸗ ſem Brief ward Honoria gebeten, wenn auch nur durch wenige Zeilen, zu antworten, um ihn wegen der wichtigen Angelegenheit, wor⸗ auf er ſich bezog, zu beruhigen. Sie hatte lange daruͤber nachgedacht und in ihrem Gemuͤth das Weſentliche von dem erwogen, was ſie ihm ſagen wollte, welches ſie am naͤchſten Tag zu Papier brachte, und es der Einſicht ihrer Mutter uͤbergab. Es ward von ihr gebilligt und ſie hielt es auf keine Weiſe fuͤr berechnet, Verzweiflung zu er⸗ regen, was ſie auch nicht wuͤnſchte, da Spen⸗ cer, ihr vormaliger Liebling, von neuem, und mit einer Art von Enthuſtasmus, ihn in den 3 22 7 340 glaͤnzenden Farben des Helden erblickend, ihre ausgezeichnete Gunſt beſaß. Gegen den Major verrieth Mrs. Valency keinen Unwillen, obwohl ſie anfangs etwas aͤhnliches empfand; und als er ihr nach er⸗ folgter Mittheilung ſchuͤchtern nahte und frag⸗ te, ob ſie ihm vergeben koͤnne! kuͤßte ſie ſeine bleiche Wange und ſagte, daß er ge⸗ nug gelitten habe. — Der Monat September ging ohne einen beſondern Vorfall voruͤber. Zu Anfang Octo⸗ bers beſuchte der Admiral von neuem die Huͤtte, wohler als ſeit vielen Monaten. Er empfing ſeine jungen Nichten mit großer Zuneigung, und ward mit aufrichtigen Gluͤckwuͤnſchen von ihnen begruͤßt. Mrs. Valency kannte ſeine Gemuͤthsart zu gut, um es zu wagen, den wahren Grund zu der Reiſe ihrer Toͤchter ihm mitzutheilen, da es gewiß ſeinen hoͤchſten Unwillen gegen den Ma⸗ jor erregt haben wuͤrde; indeſſen wußte ſie, wie lebhaft er vormals eine Verbindung zwi⸗ ſchen Spencer und Honoria gewuͤnſcht hatte, 2 341 und glaubte, er werde mit großem Vergnuͤgen die Wahrſcheinlichkeit vernehmen, die ſich noch dafür zeige. Er war ſo aͤußerſt aufgebracht ge⸗ gen Burliugton geweſen, daß es noͤthig war, ihn zu entſchuldigen, und es blieb ihr nichts uͤbrig, als die wahren Verhaͤltniſſe der Sache zu erzaͤhlen, welches ſie ohne Bedenken that, uͤberzeugt, daß aller Tadel auf Mrs. Irby fallen mußte. Haͤtte der Admiral an Kraͤm⸗ pfen gelitten, ſo wuͤrde ſein Geſicht nicht we⸗ niger entſtellt geweſen ſeyn, als waͤhrend er dieſe Nachricht hoͤrte; und ſeinem Anſehn zu Folge haͤtte man gewiß Mrs. Irby's Vorge⸗ ben nicht ganz fuͤr ungegruͤndet halten duͤrfen. Er ſprach kein Wort, als aber Mrs. Valen⸗ cy, nach Erklaͤrung alles noͤthigen, ihm zur Beſtaͤtigung ihrer Worte die Briefe uͤbergab, warf er ſie, ohne ſie eines Blickes zu wuͤrdi⸗ gen, auf den Tiſch, waͤhrend er auffuhr und mit ungleichen Schritten durch das Zimmer ging, faſt ſchaͤumend vor Wuth, obwohl er ſchwieg. Mrs. Valency war jetzt auf einen 342 Sturm vorbereitet, der endlich ausbrach, und vor ihr ſtehend, verzog er das Geſicht auf die furchtbarſte Weiſe, ehe er ausrufen konnte: „Wie iſt es moͤglich, daß ſte je mit Ruhe an einen Mann denken koͤnnen, der den Fluch unſrer ganzen Familie verdient? Wie konnte er einer ſo ſchaͤndlichen Verleumdung Glauben beilegen? Nur ein Thor, ein ent⸗ ſchiedener Dummkopf haͤtte es fuͤr wahr halten koͤnnen! und er glaubte es nie! Es iſt nur eine Entſchuldigung ſeines unverantwortlichen Betragens! Und als der Zufall ihre ungluͤck⸗ liche Tochter wieder in ſeine Naͤhe brachte, erfand ſeine unverbeſſerliche Eitelkeit dieſe al⸗ berne Geſchichte, damit er wieder auf die vo⸗ rige Weiſe handeln, und ſich fuͤr dieſe Zeit auf ihre Koſten luſtig machen konnte.“ Mrs. Valency unterbrach ihn etwas un⸗ willig.—„Burlington iſt einer ſolchen Hand⸗ lung ſo unfaͤhig, als Honoria ſie zu geſtatten. Wenn es ihnen gefaͤllt, dieſe Briefe von Wil⸗ helm Irby und auch einen von ihm ſelbſt zu 343 leſen, ſo werden ſie nicht laͤnger ſolche Be⸗ ſchuldigungen gegen dieſen wuͤrdigen jungen Mann ausſprechen.“— „Würdigen! Beim Himmel! ich glaube er hat die ganze Familie behext; denn ſie war gewiß nicht mehr dieſelbe, ſeitdem er darin eingefuͤhrt ward.“ „Sagen ſie lieber, ſeitdem er ſie ve rließl“ „Nein, Madam, ich will ſagen, ſeitdem er hineinkam; oder vielmehr, ſeitdem er mit ihr bekannt ward, denn hineinkommen ſoll er mit meiner Einwilligung nie; doch wahrſchein⸗ lich wird das nicht verlangt werden, und ich will ihnen etwas ſagen, was ich noch nicht be⸗ kannt machte, obwohl ſie es vielleicht vermu⸗ theten. Es war mein Vorſatz, ſie und ihre Kinder bei meinem Tod mein Vermoͤgen thei⸗ len zu laſſen; aber Honoria ſoll nicht einen Kreuzer haben, wenn ſie den Mann heirathet/ welchen ich vor allen andern haſſe! der, wenn er ſich nicht durch ſeine Reiſe ins Ausland ſchuͤtz⸗ te, mir es haͤtte verantworten ſollen, daß er 344 in meiner Familie Narrenspoſſen zu treiben wagte.— Je hoͤher er vormals in meiner Meinung ſtand, deſto tiefer iſt er jetzt geſun⸗ ken— Dech ich werde zu Mrs. Irby gehen, und es wird gewiß nicht ſchwer feyn, dieſes Vorgeben zu widerlegen. 2 „Was ſie jetzt ſagen wird, duͤrfte wahr⸗ ſcheinlich wenig mit ihren vorigen Aeußerun⸗ gen uͤbereinſtimmen; doch das, was ſie unter ihres Sohnes Augen ſchrie b, kann geglaubt werden. Ich habe laͤngſt allen Umgang mit ihr aufgegeben, wegen der aͤrgerlichen Ge⸗ ſchichte die ſie von Burlington verbreitete.“ „Ich glaube es war die Wahrheit, und werde ſie bitten, es zu wiederholen.“ Mrs. Valency ſah, wie unnuͤt es jetzt war, mit ihm vernuͤnftig zu ſprechen, und entfernte ſich daher, nicht zweifelnd, er werde in ihrer Abweſenheit die Briefe zu leſen geruhen; und ſobald ſie verſchwunden war, ergriff er ſie mit großer Heftigkeit, nahm ſie mit auf ſein Zimmer und durchlas ſie in leidenſchaftlicher Ungeduld. 345 Er ward uͤberzeugt, daß Mrs. Irby wirk⸗ lich die Unwahrheit verbreitet hatte, die man ihr beilegte; und daß ſie die Behauptung wagte, er ſei zu dieſer Zeit wegen des Uebels, das in der Familie erblich ſeyn ſollte, ein⸗ geſperrt, lenkte ſeinen ganzen Zorn gegen ſte, und er begab ſich in einem Anfall von Wuth auf den Weg nach ihrem Hauſe. Den⸗ noch war er nicht weit gegangen, als er zu erwaͤgen anfing, was er wohl zu einer Frau ſagen koͤnne, und daß Mrs. Irby bereits alle erforderlichen Geſtaͤndniſſe gemacht habe. Er blieb einige Minuten ſtehen, und kehrte dann langſam zuruͤck, behauptete aber den ganzen Tag hindurch ein muͤrriſches Schweigen. Ho⸗ noria war nicht unbekannt mit deſſen Veran⸗ laſſung, die ihre Mutter ihr mitgetheilt hatte, und ſie ſcheute ſich, einen Augenblick mit ihm allein gelaſſen zu werden, aus Furcht, er moͤchte von dieſem Gegenſtand ſprechen. Seine Empfindungen daruͤber thaten ihr hoͤchſt leid, denn obwohl ſie gewiß ihr Gluͤck nicht ſeinem 346 Eigenſinn auch zu opfern gedachte, wollte ſie doch gern, aus ſchuldiger Achtung, mit ſeiner Genehmigung heirathen. Die Theilnahme an ſeinem Vermoͤgen war, wie ſie wußte, fur Burlington kein Gegenſtand, noch als ſeine Gattin fuͤr ſie. Als Mrs. Valency von neuem Gelegen⸗ heit hatte, den Admiral zu befragen, fand ſie ihn noch immer nicht geneigt, eine Veraͤndrung ſeiner Geſinnungen zuzugeben, und er tadelte fortwaͤhrend Burlington, Mrs. Irby's Erzaͤh⸗ lung geglaubt zu haben, obgleich er deren Wahrſcheinlichkeit zugeſtand. Das Regiment des Majors, oder viel⸗ mehr der Ueberreſt davon, war jetzt nach Eng⸗ 1 land zuruͤckgekehrt, welches ihn freute, da er wegen ſeiner ſchwankenden Geſundheit zu⸗ friedner war, auf halben Sold ſich geſetzt zu ſehen, als wenn es noch in Thätigkeit geblie⸗ ben waͤre. Durch Honoria's Antwort auf Spencers Brief ward der Briefwechſel mit ihm nicht ge. endet, und es fehlte nicht an Vorwand, ihr von neuem zu ſchreiben, und Einwendungen gegen ihre Erklaͤrung zu machen, die ſie zu neuen Außerungen aufforderten.. Man wußte nicht genau, in wie fern ſich die Stimmung des Admirals gegen Bur⸗ lington geaͤndert hatte; als ihm aber Mrs. Valency ſagte, daß er wahrſcheinlich vor Weih⸗ nacht bei ihnen ſeyn werde, erklaͤrte er ent⸗ ſchieden, daß die Ankunft dieſes Gentlemans das Signal zu ſeiner Abreiſe waͤre, indeſſen zweifle er ſo ſehr an ſeiner Erſcheinung, daß er ſich nicht bemuͤhen wolle, ſeine Plane deß⸗ halb zu aͤndern, bis er wirklich da ſei. Mrs. Valency aͤußerte ihre tiefe Betrüb⸗ niß uͤber die Staͤrke ſeines Vorurtheils gegen Burlington, welchen ſie unter keinem Vorwand von ihrem Hauſe ausſchließen konnte; im Ge⸗ gentheil gab ihm die Familienverbindung ein Recht auf ihren Empfang, und das Gluͤck ihrer Honoria hing unſtreitig von ihm ab. Der Admiral ſagte bloß, daß ſie thun koͤnne, 3⁴48 was ihr geſiel und er werde thun, was ihm ge⸗ falle. Honoria betrachtete jetzt unter Liebko⸗ ſungen alle die Kleinigkeiten, welche Spencer zuruͤckgelaſſen hatte; ſie nahm ſie unter eigene Aufſicht und ihre geliebte Fahne ward ſorgfaͤl⸗ tig verwahrt, bis zur Zeit, wo ſie ihr ſelbſt einen Platz in Edenthal anzuweiſen hoffte. Aleein es verging kaum ein Tag, wo ſie die⸗ ſelbe nicht enthuͤllte und mit Entzuͤcken ihre Angen darauf richtete; und ihre Mutter ſah ſte mit nicht viel weniger Achtung und mit all jener lebhaften Empſindung, die Heldenmuth und Tapferkeit an einem geliebten Gegenſtand immer erregen muͤſſen. Chico durfte nie ein anderes Halsband tragen, als das mit dem Na⸗ men de l'Arevalo; was Rinaldo betrifft, ſo wollte ihn der Major nicht laͤnger für ſein Ei⸗ genthum halten und fuuͤſterte ſeiner Schwaͤge⸗ rin zu, ihr, mit Erlaubniß ſeines Bruders, das Leibroß als ein Hochzeitgeſchenk zu über⸗ geben. 1 Endlich erhielt Edgar durch einige Zeilen —— dieſes Bruders die Nachricht, daß er auf dem Punkt ſtehe, die Guerillas zu verlaſſen, und bald nach dem Empfange dieſes Briefs in Eng⸗ land zu ſeyn hoffe, und die Freude, mit wel⸗ 1 cher ihn dieſer Gedanke erfuͤlle, mache ihn un⸗ faͤhig, an ſonſt jemand zu ſchreiben. Sonſt Jemand ſaß bei der Schweſter, als Edgar mit dem offnen Brief in der Hand ins Zimmer trat und mit angenommener Ernſt⸗ haftigkeit ſagte: „„Traurige Nachrichten!“—„Was fuͤr welche?“ riefen beide in einem Athem.„Die Guerillas haben ihren Anfuͤhrer verloren!“— „Er kommt nach Hauſe!“ rief Ella, aber Honoria konnte nicht ſprechen. Waͤhrend der darauf folgenden Tage be⸗ fand ſich ihr Gemuͤth fortwaͤhrend in jenem Zu⸗ ſtand der Erregung, die jede Geſellſchaft laͤſtig macht, und ihr nur Ruhe auf einer Anhoͤhe geſtattete, wo man einen Ueberblick der Straße hatte. Endlich erblickte ſie einen Reiſewagen, der ſich von der Landſtraße ab, der Huͤtte zu 0 wendete, und im naͤchſten Augenblick wehte ein weißes Tuch aus dem Fenſter deſſelben. Ho⸗ noria flog in die Ebene hinab, war aber ſo von Freude und erfuͤllter Hoffnung durchdrun⸗ gen, daß ſie an einen Baum ſich anlehnen mußte, bis Thraͤnen des Entzuͤckens ihr Er⸗ leichterung gewaͤhrten. Eilig ſuchte ſie das Haus vor dem Wagen zu erreichen, als ſie ploͤtzlich ſtehen blieb, es unmoͤglich fühlend, Burlington vor ſo vielen Zeugen zu empfan⸗ gen. Sie eilte eben ſo ſchnell zuruͤck, kaum wiſſend, was ſie that. Der Wagen ward nicht laͤnger von ihr gehoͤrt und ſte ſchloß daraus auf ſeine Ankunft und lief einen kleinen Raum auf und ab, unentſchieden, was ſie beginnen ſollte, voll Verlangen, den Geliebten zu be⸗ gruͤßen, und dennoch ſo von Schuͤchternheit, Unruhe und Verwirrung bezwungen, daß ſie nicht vor ihm zu erſcheinen wagte. Nach we⸗ nig Minuten erholte ſie ſich indeſſen etwas, und beſchloß, in das Haus zu gehen und ſich wie ein vernuͤnftiges Weſen zu betragen. In 513 dieſem Augenblick ſah ſie ihre Mutter, die Burlington zu ihr fuͤhrte. Sobald er ſie er⸗ blickte, ſflog er auf ſie zu. Sie vermied nicht ſeine ausgebreiteten Arme und ward an ſein zaͤrtliches Herz gedruͤckt, und nur daraus ent⸗ laſſen, um mit unbezwingbarem Entzuͤcken von neuem umarmt zu werden. Endlich rief er zu Mrs. Valency gewendet: „Geben ſie mir ihre Tochter? O, meine beſte Freundin! ſagen ſie in dieſem Augenblick, daß ſie fuͤr immer mein ſeyn ſoll!“ „Sie muß ſich ſelbſt geben,“ erwiederte Mrs. Valency, mit einem Laͤcheln der Hei⸗ terkeit, welches ihre vollkommne Befriedigung andeutete.„Ich verſpreche ihre Wahl zu bil⸗ ligen, ja, ich will ſagen, ge koͤnnte keine beſſere treffen!“ „Hat ihre Mutter recht, Geliebte? ſa⸗ gen ſie nur dieß!“ rief Spencer. „Natuͤrlich muß ſie immer recht haben,“ 352 erwiederte Honoria mit geſenktem Blick. Spen⸗ cer konnte nichts mehr verlangen! 1 Mrs. Valency hatte voͤllig erwartet, den Admiral in Vorbereitungen zur Abreiſe anzu⸗ treffen, allein ſie fand ihn nur davon ſprechend. Waͤhrend der allgemeinen Freude bei Spen⸗ cers Empfang hatte er ſich unbemerkt ent⸗ fernt, und Burlington gedachte des alten Herrn nicht eher, bis Honoria, im Geſpraͤch, bevor er wieder ins Haus kam, zu verſtehen gab, wie ihr Oheim gegen ihn geſtimmt ſei. Je⸗ doch dieß machte ihn nicht einen Augenblick unruhig, er lachte nur daruͤber, und verſicher⸗ te, ihn aufs laͤngſte in drei Tagen in gute Laune zu verſetzen. Als er das Zimmer betrat, wo er ſaß, eilte er mit dargereichter Hand, und ſo augenſcheinlicher Zuverſicht, als alter Freund und Liebling von ihm empfangen zu werden, auf ihn zu, daß der Admiral, ganz⸗ 3⁵³ lich unvorbereitet auf eine ſolche Begruͤßung, kaum wußte, was er thun ſollte, waͤhrend deſſen ihm Spencer herzlich die Hand geſchuͤt⸗ telt und ſein Vergnuͤgen geaͤußert hatte, ihn ſo voͤllig wieder hergeſtellt und beſſer als je ausſehend zu erblicken— obgleich der alte Herr in dieſem Augenblick ſolche ſchreckliche Ge⸗ ſichter machte und ſich ſo ſeltſam zuruͤckzog, daß Spencer kaum ſeiner Neigung zum Lachen wi⸗ derſtehen konnte. Dennoch ſchien er nichts be⸗ ſonders in dem Betragen des Admirals wahr⸗ zunehmen, ſondern zeigte ſich ganz zufrieden damit, und das Schweigen, in welchem der⸗ ſelbe den Abend verharrte, ſtoͤrte auf keine Weiſe die Harmonie der Andern. Er gab ſich, wie gewoͤhnlich, den Anſchein zu leſen, und ließ zufaͤllig ſein Brillenfuteral fallen; Spen⸗ eer eilte herbei, es aufzuheben und das Laͤcheln, womit er es ihm darbot, machte einen hoͤchſt komiſchen Contraſt mit den Grimaſſen des Ad⸗ mirals bei deſſen Empfang, waͤhrend er ge⸗ noͤthigt war, mit dem Kopf zu nicken. Guerilla⸗Anf. II.. 23 35⁴ Irby's in der Welt giebt, und ſo manche Im Bezug auf ſich ſelbſt war es Bur⸗ lington gleichguͤltig, ob der Admiral ſeine Verbindung billige oder nicht; allein da er wußte, daß Honoria und deren Familie da⸗ durch beruhigter ſeyn wuͤrden, beſchloß er, ſie zu erlangen, und beſiegte den Unmuth deſſel⸗ ben durch einen Reiz, welchen er nie ohne Wirkung fand, den einer beſtaͤndig guten Laune und Verbindlichkeit. Fuͤr dieß, gleich⸗ wie für alle die Tugenden, Talente und Bil⸗ dung, die ihm ſo reichlich zu Theil wurden, erhielt er einen gerechten Lohn in dem Beſitz des lieblichen und liebenswuͤrdigen Gegenſtan⸗ des, der ſein Gluͤck zu machen ſo geeig⸗ net war. Thorheit hatte den Trug erſonnen, der ſte beinahe fuͤr immer trennte! Bosheit und Nache hatten ihn unterſtuͤtzt! Alles ward auf gleiche Weiſe durch Beſtaͤndigkeit und Freund⸗ ſchaft vereitelt! Da es aber ſo manche Mrs. 355⁵ Harriets und Jonathans bereit ſind, jede bos⸗ hafte Nachricht zu beſtaͤrken; ſo erfordert es faſt eben ſo viel Vorſicht zu entſcheiden, was wir wagen koͤnnen zu glauben, als was uns geſtattet ſeyn duͤrfte, zu verbreiten. Auswahl einiger Verlagsbuͤcher von A. F. Brockhaus. Baggesen, Jens, Parthenais oder die Alpen! reise. Ein idyllisches Epos in 12 Gesängen. Mit a Rupfern. 12. 1812. Velinp. 2 Thlr. Druckp. 1 Thlr. 4 Gr. ——— Heideblumen. Mit dem Portrait des Verfaſſers. 8. 1808. 2 Thlr. Bibliothek neuer engliſcher Romane. Erſter Band, enthaltend: die Denkwürdigkeiren d des Gra⸗ fen von Glenthorn, von Miß Edgeworth, uͤberſetzt von Caroline von Woltmann. 8. 13814. 1 Thlr. 8 Gr. ——— 2r Band, enthaltend: Schleichkuͤnſte von derſelben Verfaſſerin dnd Ueberſet⸗ zerin. 8. 1814. 1 Thlr. 8 G ——— 3r Band, enthaltend: Darſbellungen aus dem wirklichen Leben, von Mrs. Opie. 1. Thl. in zwei Erzaͤhlungen: 1I. Der Schein iſt gegen ſie. 2. Auguſtin und ſein Weib. Bearbeitet von Henrjetke Schu⸗ bart. 8. 1816. 1 Thlr. 8 G ——— ar Band, enthaltend: Zarſterkungen aus dem wirklichen Leben, von Mrs. Opie. 2r Thl. in zwei Erzaͤhlungen: 1. Die geheimnißvolle Fremde. 2. Lady Anne und Lady Johanne. Weurheitat von Hen⸗ riette Schubart. 8. 1816. 1 Thlr. 3 Gr. Blumenleſe aus dem Stannhuche der deutſchen mimiſchen Kuͤnſtlerin, Frauen Henriette Hen⸗ del⸗Schuͤtz, geb. Schuͤler. Mit einem Ku⸗ pfer. 12. 1815. 1 Thlr. 8 Gr. 358 Dante Alighieri, die göttliche Comödie. ir Thl. Die Hölle. Ilerausgegeben von L. Rannegiesser. 8. 19114. 1 Thlr. 16 Gr. ——— ar Thl. Das Fegfeuer. Herausge- geben von L. Rannegiesser. 8. 1814. 1 Thlr. 16 Gr. —— 30 Uuriſſe zur Hoͤlle nach Flaxman von Hummel. In Huerfolio. 5 Thlr. Ersch, J. 8., Literatur der schönen RKünste. Seit der Mitre des vorigen Jahrhunderts bis auf die neueste Zeit. gr. 8. 1814. 1 Thlr. 12 Gr. Falk, Johannes, roͤmiſches Theater der Englaͤnder und Franzoſen. In freien Bearbeitungen, nebſt Entwickelung der Charaktere und Zuruͤckfuͤhrung derſelben zu ihren Quellen bei den Alten. Ir Band, Shakſpeare's Coriolanenthaltend. 8. 1811. 1 Thlr. 16 Gr.. Frohberg, Regina, das Opfer. Ein Roman. 8. 1812. 1 Thlr. 12 Gr. Gerning,I J. J. von, die Heilquellen am Taunus. Ein didaktisches Gedicht in vier Gesängen. Mit Erläuterungen, sieben Rupfern und einer Rarte. 4. 1814. 5 Thlr. Daſſelbe, ohne die Kupfer, aber mit Karte. 12. 1814. 1 Thlr. 8 Gr. 3 v 4gen⸗ F. H. von der, Heldenbuch. 8. 1816. 2 Thlr. Handzeichnungen. 3. 1815. 1 Thlr. Hellwig, Amalie v., geborne von Imboff, die Schweſtern von Corcyra. Dramatiſche Idylle in 2 Abtheilungen. Mit Kupfern und Muſik. 12. 1812. 1 Thlr. 8 Gr. ——— die Tageszeiten. Ein Cyklus griechiſcher Zeit und Sitte. In vier Idyllen. 12. 1812. 1 Thlr. 8, Gr. 3 Klingemann, Dr. Aug., Fauſt, ein Trauer⸗ ſpiel in fuͤnf Akten. 8. 18 Gr.. ——— Hamlet, ein Trauerſpiel in ſechs Aufzugen von William Shakſpeare. Nach Gothes Andeutungen in Wilhelm Meiſter und A. W. 359 Schlegels Ueberſetzung fuͤr die Buͤhne bearbei⸗ tet. 8. 18 Gr.. 5 Klingemann, Don OQuiyxote und Sancho Panſa oder die Hochzeit des Camacho. Dramatiſches Spiel mit 3. 18 Gr. Geſang in fuͤnf Aufzuͤgen. 1 Leidenſchaften, die. Eine Reihe dramatiſcher Gemaͤlde nach dem Engl. der Joh. Baillie, von C. F. Cramer. 3 Bde. 8. 1807. 5 Thlr. Lembert, dramatiſche Spiele. Enthaltend: 1. Prof. Hackler. der Ehemann in der Klemme. 2. 3. Die Verwandten des Großveziers. 4. Der Ge⸗ 5. Die verbuͤndeten Truppen. mahl von ungefaͤhr. 12. 1816. 20 Gr. Lobgeſang auf den heiligen Anno in der alt⸗ deutſchen Grundſprache und mit einer Einleitung, Ueberſetzung und Anmerkungen herausgegeben von Dr. G. A. F. Goldmann, 8. 1816. 20 Gr. Mappe, die graue. Medſchnoun und Lei des Dſchami, von A. 8. 1807. Nibelungen, das Lied deutſche Mundart uͤbert 1 Thlr. 16 G 4 Thle. 8. 1816. 5 Thlr. la, ein perſiſcher Roman Th. Hartmann. 2 Thl. r. der. Metriſch in die j etzige ragen von J. Guſt. Buͤ⸗ Buͤ⸗ ſching. gr. 8. 1815. 1 Thlr. 8 Gr. Auf Schreibp. 1 Thlr. 16 Gr. 3 3 Oehlenſchlaͤger, Adam, Aladdin oder die Wunderlampe. Ein dramatiſches Gedicht in zwei Spielen. 8. 1808. 2 Thlr. 12 Gr. Geglaͤttet Schweizer⸗Velinp. 4 Thlr. Simonde Sismondi, die Literatur des ſuͤdli⸗ chen Europa. Deutſch bearbeitet von L. Hain. In 2 Baͤnden. Erſter Band gr. 8. 3.Thlr. Urania, Taſchenbuch fuͤr 1810, mit 7 Kupfern nach Gerhard von Kuͤgelgen, Ferdinand Hartmann, Heinrich Naͤke und andern. 16. X Thlr 12 Gr. ——— Taſchenbuch fuͤr D mit 12 Kupfern, darſtelle amen auf das Jahr 1812, aus Gothe's vantomimiſche Attituͤ⸗ 2 Thlr. nd Scenen aus Wahlverwandtſchaften und den der Mad. Hendel⸗Sch utz. 16. Urania, Taſchenbuch fuͤr Damen auf das Jahr 1815, mit 9 Kupfern, darſtellend Scenen aus Göthe's Fauſt, Egmont und Taſſo. 12. 2 Thlr. ——— LTaſchenbuch fur Damen auf das Jahr 1817. Mit 10 Kupfern, darſtellend Ganymed's Entruͤckung, nach Kuͤgelgen und 9 Blaͤtter zu Goͤthe's Iphigenia, Goͤtz und Clavigo nach Nake und Daͤhling. 12. 2. Thlr. 1 Wagner, Adolvh, Theater. Enthaltend: 1. Um⸗ wege. 2. Liebesnetze. 3. Ein Augenblick. 4. Hin⸗ terliſt. 12. 1816. 20 Gr. Werner, Friedr. Ludw. Zach., Cunegunde die Heilige, roͤmiſch deutſche Kaiſerin. Ein roman⸗ tiſches Schauſpiel in 5 Akten. 8. 1815. 1 Thlr. Gr. 4— der vier und zwanzigſte Februar. Sine Tragodie in einem Akt. 8. 1815. 18 Gr. Wetzel, Dr. F. G., aus dem Kriegs⸗ und Sieges⸗ jahre Achtzehnhundert und Dreizehn. Vierzig Lie⸗ der nebſt Anhang. 8. 1815. 12. Gr. ——— Prolog zum großen Magen.(Hum eiſti⸗ ſche Satire auf die Nuͤtzlichkeits⸗ Tendenzen un⸗ ſerer Zeit.) 8. 1815. 3 Gr. ———— — Tſinnſfſſinſſinſſſſſſinſſnſſnſnſſnnſſ 8 9 10 11 12 13 14 15