4 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6 von.. 4 1 Ednuard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 8 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurü gabe von mir zurückerſtattet wird 3 p 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und feträgt: 4 3 3 4 z fuͤr wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. —„ 3„.„——„— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil inee ilheren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, 83 8 das Weiterverleihen* hͤ der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 4 „ Der Guerilla⸗Anfuͤhrer. Erſter Theil. Der Guerilla⸗ Anfuͤhrer. Aus dem Engliſchen der Miſtreß Emma Parker. Ueberſetzt von Henriette Schubart. In zwei Theilen. Erſter Theil. Leipzig und Altenburg: F. A. Brockhaus. 1 8 1 7. * ——— 1 „Sonderbar! daß die bloße Wiederholung deſ⸗ ſen, was uns erſt ſo angenehm erſchien, hin⸗ reichend iſt, den Reiz davon zu entfernen. Gewiß, Einerlei und Vergnügen ſind unver⸗ einbar!. Dreimal war Mrs. Valency's Wagen Weymouths Sandbaͤnke durchfahren, und ihre Toͤchter klagten uͤber das Langweilige, taͤglich an denſelben Ort wiederzukehren, als ſie. 4 ihnen mit obiger Bemerkung antwortete.— Doch“ fuhr ſie fort,„ihr muͤßt jetzt geſte⸗ hen, daß es dieſem Schauplatz nicht an Man⸗ nichfaltigkeit fehlt; denn ſeht! da iſt ein Boot Guerilla⸗Anf. I. 14 2 2 voller Soldaten; es hat eben die Fregatte verlaſſen, und ich koͤnnte ſie fuͤr einige un⸗ gluͤckliche verwundete Helden halten, die aus Portugal kommen; einer von ihnen ſcheint ſich auf den Arm eines andern zu ſtuͤtzen, und ich glaube eine Perſon am Boden des Fahrzeugs liegen zu ſehen.“ 3 Dieſe Worte dienten ſogleich, das Intereſſe der jungen Damen zu erregen, und folglich den umgebenden Gegenſtaͤnden Leben zu erthei⸗ len. Ihre Augen hefteten ſich auf das Boot; waͤhrend Mrs. Valency, mit der einem lebhaf⸗ ten Charakter eigenthuͤmlichen Erregung ihrem Kutſcher befahl, ſchnell nach dem Ort zu fah⸗ ren, wo nach ihrer Vermuthung die Maͤnner landen wuͤrden. Auch hatte ſie ſich nicht ge⸗ irrt, und in ihrem Wagen ſtehend, der jetzt nahe am Waſſer hielt, ſchaute ſie aufmerkſam, Neugierde und Theilnahme im Blick, nach dem Ufer. Ihre Toͤchter fingen an, ſich in Ver⸗ legenheit zu fuͤhlen, und Honoria, die juͤngſte, aͤußerte, daß wenn ſich Offziere unter den Landenden befaͤnden„es ihre Bemerkungen er⸗ 3 regen wuͤrde, einen Wagen mit Damen gleichſam ihnen entgegeneilen zu ſehen. Ihre Schweſter ſetzte mit unruhigem Ausdruck hin⸗ zu:„Ich bitte, laſſen ſie uns fortfahren, Mutter!“ „Macht euch keine Unrshe, liebe Maͤd⸗ chen!“ erwiederte die Mutter;„dieſe armen Maͤnner ſind halb todt, und zu ſehr mit ih⸗ rem eigenen Leiden beſchaͤftigt, als daß ſe an uns denken ſollten.“ 1 Es war etwas richtiges in dieſer Bemer⸗ kung ſowohl als in der Vermuthung, daß das Boot unvermoͤgende Soldaten enthalte— denn als ſolche zeigten ſie ſich; und die Be⸗ muͤhung, ſich ſelbſt fortzuhelfen, oder Andern Beiſtand zu leiſten, geſtattete ihnen nicht, nur einen Blick auf den Wagen zu werfen. Sol⸗ che Gegenſtaͤnde mußten die tiefſte Theilnahme in der Bruſt der Frauen erregen, die mit ſchmerzlichem Antheil Maͤnner erblickten, wel⸗ che ſo viel im Dienſt ihres Vaterlandes auf⸗ 1* geopfert hatten. Geſundheit, Schoͤnheit und Thaͤtigkeit waren verloren! Gelaͤhmt und ent⸗ ſtellt konnte jener Ungluͤckliche(eines Armes be⸗ raubt, mit verbundenem Haupt und die blei⸗ che Farbe der Krankheit auf den hohlen Wan⸗ gen) kaum die noch uͤbrig gebliebene Hand zum ſchwachen Beiſtand ſeines huͤlfloſen Ge⸗ faͤhrten ausſtrecken— der, noch nicht mit Kruͤk⸗ ken verſehen, beim Verluſt eines Beins ſo abhaͤngig wie ein Kind war. Dort unterſtuͤtzte der kuͤhne Schiffer einen Leidenden, deſſen ſchwindelndes Haupt ihm nicht allein zu ge⸗ hen verſtattete; dann folgte eine Reihe hin⸗ kender bleichſehender Geſtalten, bei denen je⸗ der Schritt einen Krampf zu erregen ſchien. Noch immer blieb einer am Boden des Fahr⸗ zeugs, auf eine Matratze hingeſtreckt, mit ver⸗ huͤlltem Geſicht; einer, der zu nahe am Rande der Ewigkeit zu ſein ſchien, um von dem, was vorging, das geringſte zu wiſſen. Da er nur durch die Huͤlfe Anderer fortgebracht werden konnte, ſo beſchloſſen die Schiffer, ſich, nach * ☛ ————,— — ihrem Ausdruck, auch dieſer Ladung zu ent⸗ ledigen. Mrs. Valencyys Gefuͤhle waren indeſſen in immerwaͤhrender Bewegung, ſo oft ein neuer Gegenſtand erſchien, ſie aufzuregen, und hatten jetzt einen Grad erreicht, der keine Ein⸗ wendungen geſtattete. Sie rief haſtig ihren Bedienten, den Tritt herabzulaſſen, ſtieg ſchnell aus, und gebot ihren Toͤchtern zu fol⸗ gen: dann verlangte ſie, daß der auf dem Bo⸗ den liegende Dulder in den Wagen gebracht werden moͤchte; und aͤberließ die In⸗ und Au⸗ ßenſeite deſſelben ſo vielen der Verſtuͤmmelten, als fuͤglich darauf konnten. „Jetzt,“ ſagte ſie zu ihrem Kutſcher, „fuͤhrt die Pferde langſam, wohin dieſe armen Maͤnner gebracht ſein wollen, und vermeidet die Steine und die rauhen Stellen ſo viel als moͤglich. Es zeigte ſich, daß die Soldaten noch dem Hoſpital gingen; doch einer der Schif⸗ fer ſagte, er vermuthe, der, welcher der J33 ſchlimmſte ſei(die Perſon auf der Ma⸗ tratze meinend), muͤſſe in ein Hotel gebracht werden. „In ein Hotel!“ wiederholte Mrs. Valency,„dieſer arme ſterbende Mann in ein Hotel! um durch den Laͤrm von Sinnen zu kommen, und aus Mangel an Aufmerkſamkeit aus der Welt getrieben zu werden; wie ſchreck⸗ lich!“ „Ich glaube nicht, Mylady, daß es ihm gefallen wuͤrde, in einem gemeinen Hoſpital zu ſterben,“ bemerkte der Schiffer. Mrs. Valency ſann nach— dann ſich an eine ih⸗ rer Toͤchter wendend, ſagte ſie—„Es iſt eine Wohnung neben unſerm Hauſe, bei recht ar⸗ tigen Leuten, und wir kaufen in dem Laden, vielleicht— Hier, Robert,“ fuhr ſie zu ih⸗ rem Bedienten fort,„lauf ſo ſchnell als moͤg⸗ lich, und ſieh, ob die Krämerin neben unſerm Hauſe dieſen armen Mann aufnehmen will; ſag' ihr, daß ſie mir dadurch eine beſondere Verbindlichkeit auflegen werde.“ —— 2 Robert war ſchuell aus dem Geſicht, der Wagen folgte ihm langſam nach, und Mrs. Valency eilte mit ihren Toͤchtern weiter, nach⸗ dem ſie den Schiffern geſagt hatte, zu folgen, bis ſie ihren Kranken abgegeben haͤtten.„„Ja, Mylady,“ erwiederte einer von ihnen,„„ wir wollen den Major herausheben, wo ſie wol⸗ len. Die Damen glaubten ins geſammt, ihren Wagen noch nie zu einem ſo guten Zweck an⸗ gewendet geſehen zu haben, und gingen ſchnell nach Hauſe, ſich an dem Gedanken erfreuend, den braven Invaliden die Erleichterung einer neuen Beſchwerde verſchafft zu haben. Zu ih⸗ rer Zufriedenheit fanden ſie die Kraͤmerin be⸗ reitwillig, ihre Wuͤnſche im Bezug des leiden⸗ den Fremden zu erfuͤllen; und da ſie ein theil⸗ nehmendes Herz beſaß, ſo war ſie bemuͤht, ihm jede Aufmerkſamkeit zu zeigen, die ſein zweifelhafter Zuſtand erforderte. Man verlor keine Zeit, aͤrztlichen Rath zu erhalten, und die ſorgfaͤltige Pflege, die er lange entbehrt hatte, ward jetzt aufs aͤmſigſte angewandt. Mrs. Valency war die Wittwe eines Ge⸗ nerals, ihr Einkommen belief ſich jaͤhrlich, au⸗ ßer ihrer Penſion, nicht uͤber ſiebenhundert Pfund; allein durch die Einrichtung, zehn Mo⸗ nate vom Jahr in haͤuslicher Zuruͤckgezogenheit auf dem Lande zu leben, konnte ſie die noch übrigen zwei in einer Art modiſcher Eleganz, wo es ihr gefiel, zubringen; und jeden Som⸗ mer machte ſie mit ihren zwei einzigen Kindern eine Reiſe, oder begab ſich zu irgend einem Waſſerplatz. Ihren Wagen behielt ſie im⸗ mer bei, und hatte fuͤr die Zeit, in der ſie auswaͤrts war, Miethpferde; doch ſobald ſie in ihre Huͤtte zurückkehrte, nahm ſie ihre gewohnte einfache, obwohl bequeme Lebens⸗ weiſe wieder an. Kummer uͤber die Trennung von einem buntern Schauplatz hatte ſich nie eingeſchlichen, ihre haͤusliche Behaglichkeit zu ſtoͤren; denn nach den beſten Grundſaͤtzen gei⸗ ſtiger Bildung erzogen, konnten ſie unzaͤhligen — 09 Huͤlfsmitteln gebieten; und da ſie viel Zeit zum Nachdenken hatten, ſo ſahen ſie die Ge⸗ genſtaͤnde aus dem gehoͤrigen Geſichtspunkte an, und entdeckten laͤngſt die wahre Quelle des aͤchten und bleibenden Vergnuͤgens. Den⸗ noch erfreuten ſie ſich, mit jenen der Tugend angemeſſenen Gefuͤhlen, der Ausſicht auf ihre Sommer⸗Excurſionen, mehr zu Folge einer na⸗ tuͤrlichen Neigung, das Vergnuͤgen in der Erwar⸗ tung zu genießen, als aus einem Ueberdruß ihrer gewohnten Beſchaͤftigungen; und um zu verhuͤ⸗ ten, daß ſie dieſelben nie ermuͤdend finden moͤchten, wie auch aus dem Verlangen, dann und wann einen Blick in die Welt zu werfen, und ſich in neue Scenen zu miſchen, um die alten deſto beſſer zu genießen, behielt Mrs. Valency dieſen Plan bei. Was wir hier geſagt haben, laͤßt ſich im Allgemeinen ſowohl auf die Mutter als die Toͤchter anwenden; die Verſchiedenheit ih⸗ rer beſondern Charaktere werden wir ſich ſelbſt zeigen laſſen, da ihre Handlungen und ihr Be⸗ 10 tragen ein richtigeres Bild von ihnen darſtellen duͤrfte, als irgend eine Beſchreibung bewir⸗ ken koͤnnte. Was ihr Aeußeres betrifft, ſo war Mrs. Valency noch immer angenehm, thaͤtig und lebhaft— ihre Toͤchter erſchienen lieblich von Geſicht und Geſtalt; die aͤlteſte war gegen drei und zwanzig, Honoria zwei Jahr juͤnger. Ihre laͤndliche Wohnung lag in der Naͤhe eines Dorfs, an der Kuſte von Devonſhire, kaum eine Viertelmeile vom Ufer. Es war eine moverne Huͤtte, das heißt, die Außenſeite al⸗ lein gab ihr einen Anſpruch auf dieſe Benen⸗ nung, da das Innere alle Bequemlichkeit und Annehmlichkeit eines geraͤumigen Hauſes dar⸗ bot; die Zimmer waren groß genug, um auch bei geſchloſſenen Fenſtern und Thuͤren die Ge⸗ fahr der Erſtickung zu verhuͤten. Ein Raſen⸗ platz, Gehoͤlz, Gaͤrten enthielten alles, was man vernuͤnftiger Weiſe wuͤnſchen kann. Mrs. Valeney hatte einen Oheim, der viel von ſeiner Zeit bei ihr zubrachte. Er war 11 ein zur Ruhe geſetzter Admiral, und kannte keine andern geſelligen Bande, als die an ihre Fa⸗ milie. Er begleitete ſie immer, wenn ſie ſich zu einem Waſſerplatz begab, und war dieſes Jahr von der Parthie nach Weimuth: ſie be⸗ wohnten daſſelbe Haus. Im naͤchſten wohnte eine Mrs. Irby, mit ihrer Tochter und zwei Soͤhnen, die ebenfalls in Devonſhire Mrs. Vo⸗ lency's Nachbarn waren, und auf vertrauten Fuß mit ihr lebten.— Die Lady unterhielt den Admiral mit einer Erzaͤhlung ihres Mor⸗ genabentheuers, als ſie durch Wilhelms Eintritt unterbrochen ward. Er war der juͤngſte von Mrs. Irby's Soͤhnen, ungefaͤhr ein und zwan⸗ zig Jahr alt, und fuͤr die Kirche beſtimmt. „Fahren ſie fort, fahren ſie fort, Mrs. Valency, ich bitte!“ rief er—„Ich bin ganz begierig, eine genaue Nachricht dieſer ſeltſamen Begebenheit zu hoͤren; es iſt die Leiſpielloſeſte Sache, die ich je vernahm! „Was meinen ſie?“ fragte Mrs. Va⸗ lency mit uͤberraſchtem Anſehen. 13 „ Ei, daß man ſich ihres Wagens unrecht⸗ maͤßiger Weiſe zur Bequemlichkeit kranker Sol⸗ daten bemaͤchtigte, und ſie gezwungen waren, nach Hauſe zu gehen. „Was traͤumen ſie, junger Mann? ſagte der Admiral,„ſicher iſt ihre Einbildungs⸗ kraft, wie gewoͤhnlich, in Thaͤtigkeit geweſen.“ „Nein, in Wahrheit, Sir! aber ich glaube die meiner Mutter; denn ſie ſagte mir, daß ſie Mrs. Valency's Wagen am Hauſe gegen⸗ auͤber halten geſehen; daß er mit kranken Solda⸗ ten beladen geweſen, und die Damen bald nachher zu Fuß gekommen waͤren. Sie ſagte mir fer⸗ ner, daß Mrs. Valeney am Ufer ſpazieren ge⸗ fahren ſei, als dieſe Maͤnner landeten, und da ihr Wagen der naͤchſte in dieſem Augen⸗ blick war, habe man ihn auf Befehl der Obrig⸗ keit in Beſitz genommen, um die verwundeten Soldaten zu transportiren. Wer ihr dieſe Nachricht gab, hat ſie mir nicht geſagt; doch hier kommt ſie ſelbſt, ſich zu verantworten.“ Die Geſellſchaft ward jetzt durch Mrs. Irby's und ihrer Tochter Ankunft vermehrt; die beiden Miß Valenchie⸗ traten maebnſalhe in's Zimmer. „Ich bitten“ ſagte Wilhelm zu ſeiner Mutter, ſobald ſie erſchien,„was haben ſie mir von dem Wagen dieſer Dame geſagt?“ Ohne auf ſeine Frage zu achten, wendete ſich dieſe an Mrs. Valency und ſagte, daß ſie gekommen ſei, die beſondern Umſtaͤnde ihrer heurigen Begebenheit von ihr zu hoͤren. „Ei, der Nachricht ihres Sohnes gemaͤß, ſind ſie bereits vollkommen damit bekannt,“ erwiederte Mrs. Valency lachend. Wilhelm ſah ein wenig boͤſe aus, und ſprach etwas ungeduldig zu ſeiner Mutter: „Sagten ſie mir nicht, der Wagen ſei auf Be⸗ fehl der Obrigkeit in Veſchlas genommen wor⸗ den? „Nein, mein Lieber, ich ſagte nur, daß ich vermuthete, es ſei geſchehen, da ich oft von Wagen hoͤrte, die man zur Bequem⸗ lichkeit der Soldaten wegenommen, wenn ſie auf 14 forcirten Maͤrſchen oder etwas der Art waren; und ich konnte mir nicht erklaͤren, warum der Wagen ſo ſeltſam beſetzt war, und die Damen ſelbſt einen andern Weg gingen; aber ich ſagte nicht beſtimmt, daß es wirklich der Sali gewe⸗ ſen, mein Lieber.” ien „„Gewiß, ich verſtand ſie ſo,““ ſagte Wil⸗ helm mürriſch. Mrs. Valency erzahlte nun einfach den Vorgang der Sache; worauf Mrs. Irby fragte, ob ſie etwas naͤheres von dem Fremden wiſſe? 7 „ Nein,“ entgegnete Mrs. Valency;— „doch ich glaube einer der Schiffer nannte ihn Hauptmann." „Major, Mutter!“ rief eine ihrer Toͤchter. „O, Major, war es? Sehr moͤglich— ich weiß es wirklich nicht mehr.“ „Ja— Major!“ ſagte Mrs. Irby, „und ich kann ihnen noch etwas mehr von ihm erzaͤhlen.“ — 13 „Wirklich!— iſt er ſchoͤn?“ ſiel ihre 3 Tochter ein, ſich an Mrs. Valency wendend. „Ich kann es nicht gewiß ſagen,“ ant⸗ wortete dieſe;„denn erſtens war ſein Geſicht verhuͤllt, und zunaͤchſt wuͤrde er, auch wenn er vormals ſo ſchoͤn wie Adonis geweſen waͤre, in ſeinem gegenwaͤrtigen elenden Zuſtand wohl keine Aehnlichkeit behalten haben.“ „O, ich kann aber verſichern, daß er ſehr gut ausſieht,“ rief Mrs. Irby,„wenig⸗ ſtens ſagte Doctor B—, der mir, als er von ihm kam, einen freundſchaftlichen Beſuch mach⸗ te, er habe ſehr feine Zuͤge, nur ſieht er na⸗ tuͤrlich ſehr bleich aus. Allein er iſt nicht ver⸗ wundet; außerordentliche Anſtrengung erregte nur ein tobendes Fieber, welches drei Mo⸗ nate gedauert hat.“ „Ein tobendes Fieber, welches drei Mo⸗ nate dauert,“ bemerkte Wilhelm trocken. „Es hat ihn an die Pforte des Todes gebracht,“ fuhr Mrs. Irby fort,„ſein Na⸗ me iſt, wie ich vernahm, Brompton. 16 „Kein ſehr mnsenehmer, e ſatis heiß Irby. „Aber ein ſehr ſectelicher, Eliſe: er r it, als Beweis davon, der jüngere Sohn einer vornehmen Familie; er hat mehrere Bruͤder und Schweſtern, daher ſein Einkommen ſehr beſchraͤnkt ſein muß. Doctor B— will an ſeine Verwandten ſchreiben, um ihnen Nach⸗ richt von ſeiner Lage zu geben, und ohne Zweifel werden einige davon hierher kommen, und wir werden dann ſehen, was für eine Art Leute ſie ſind.“ „Wo iſt ihr alteſter Sohn heute?“ fragte Mrs. Valency, ermuͤdet von dem Ge⸗ ſpraͤch uͤber den Kranken. „Er verließ uns bald nach dem Fruͤh⸗ ſtuͤck,“ antwortete Mrs. Irby,„ſagend, er habe eine Beſtellung mit Sir Franz Heath⸗ cole's Kutſcher; ich glaube, er will einigen Un⸗ terricht im Fahren nehmen. Haben ſie Sir Franz dieſen Morgen geſehen?—„Nein.“— „Das wundert mich,“ ſagte Mrs. Irby, ei⸗ 17 nen ſchlauen Blick auf Miß Valency werfend, um die er ſich ſeit einiger Zeit ernſtlich bewor⸗ ben hatte. „Er wird in kurzem hier ſein, dafuͤr ſteh' ich,“ ſagte der Admiral, ohne von dem Zeitungsblatt aufzuſehen, welches er bei Mrs. Irby's Eintritt ergriffen hatte.— In dieſem Augenblick erſchien Sir Franz, worauf Mes. Irby und ihre Tochter Abſchied nahmen; Wil⸗ helm blieb noch da. MNit dem beſeelten Ausdruck eines gluͤck⸗ lich Liebenden trat Sir Franz ins Zimmer. Seine Geſtalt war gebietend, ſein Geſicht ein⸗ nehmend, und ſeine ganze Erſcheinung die ei⸗ nes eleganten Mannes nach der Mode. Er hatte ſein dreißigſtes Jahr vollendet, allein ſeine Macht zu gefallen, war in ihrem hoͤchſten Glanz. Seit laͤngerer Zeit hatte er Miß Va⸗ lency mit Augen der Bewunderung betrachtet, und mehrere vorhergehende Sommer geſucht, ſich ihr zu naͤhern und ſeine Neigung zu be⸗ zeigen; doch aus Furcht, nur eine voruͤberge⸗ Guerilla Anf. I. 2 18 hende Unterhaltung ſei es, was er ſuche, ver⸗ mied ſie ihn vielmehr, bis er ſich, bei dem Zu⸗ ſammentreffen mit ihr in Weymouth, offen gegen ihren Oheim erklaͤrte. Er war jetzt im Hauſe als ihr beſtimmter Gatte aufgenommen, waͤh⸗ rend Vorbereitungen zur Verbindung gemacht wurden, die bei ihrer Nuͤckkehr nach Hauſe Statt finden ſollte. Sir Franz aͤußerte ein lebhaftes Intereſſe fuͤr den Kranken, und ſagte, ſobald der Arzt ihm jemand zu ſehen erlaube, werde er ihn beſuchen. Wilhelm Irby bemerkte, daß er den Major nicht fuͤr ſo krank halte, als er ſich einbilde. „Aus welchen Gruͤnden?“ fragte Sir Franz. 8 „Ei nun, weil er am Bord des Schiffs eingeſperrt war, wo er nur an ſeine Krankheit zu denken, und keine Verſuchung hatte, ſeine Kraͤfte zu uͤben. „Gut, aber beim Landen,“ ſagte Miß Valency,„fand er hinlaͤnglichen Antrieb zur 19 Thaͤtigkeit; und augenſcheinlich war er unfaͤhig, ſich nur im geringſten fortzuhelfen.“ „Sie kennen das nicht: haͤtte man ihn im Boot gelaſſen, und jedermann ſich entfernt, ſo wuͤrde er gewiß bald genug im Stande ge⸗ weſen ſein, herauszukriechen, obwohl er es wahrſcheinlich in dieſem Augenblick fuͤr unmoͤg⸗ lich hielt.“ „Wie ſeltſam ſie ſprechen,“ ſagte Ho⸗ noria,„gewiß wollten ſte nicht ein leidendes Weſen faſt im hoͤchſten Grad der Schwaͤche noͤthigen— 3, „O nein, nein,“¹ unterbrach ſie Wil⸗ helm,„ich meine das nicht, ich denke nur, die Leute halten ſich gewoͤhnlich fuͤr ſchlimmer als ſie wirklich ſind. Iche. er are mich ſtets der Geſchichte jener alten Frau, die zehn Jahre lang im Bette zugebracht hatte, als aber das Haus in Flammen ſtand, die erſte war, welche davon lief, und da ſie ihre Beine gefunden hatte, ſehr gut nachher gehen konnte.“ „Dieſe alte Frau ſcheint der Maaßſtab 3 3 20 aller ihrer Vergleichungen zu ſein,“ ſagte Sir Franz lachend.„Als ich mir den Fuß vertre⸗ ten hatte, konnte ſie den Tag nachher nichts uͤberreden, daß ich darauf gehen koͤnnte, wenn ich wollte; wie ſie aber uͤber Zahnweh klag⸗ ten, und ich ihnen rieth, ſo derb wie moͤg⸗ lich zu beißen, hießen ſie mich grauſam.“ „O ſprechen ſie nicht davon,“ rief Wil⸗ helm,„der bloße Gedanke ſetzt alle meine Zaͤhne in Alarm.“ „Kein Wunder,“ ſagte Honoria,, wenn ſie die Einbildungskraft ſo weit fuͤhrt, daß ſie ihren Wirkungen ſolche Gewalt beilegen. „Ci nun, ſo iſt es in der That. Ich finde die Phantaſie ſo immerwaͤhrend beſchaͤf⸗ tigt, mich zu taͤuſchen„ daß ich mir ſtets An⸗ dere eben ſo unter ihrer Herrſchaft denke. Jetzt zum Beiſpiel glaubte meine Mutter ſo ge⸗ wiß, was ſie mir von ihrem Wagen ſagte, als wenn ſie es wirklich fuͤr Thatſache ge⸗ hoͤrt haͤtte, und dieß bloß wegen der Macht ihrer eignen Folgerungen. So verhaͤlt es ſich K 21 mit manchen aͤhnlichen Mißverſtaͤndniſſen, in die ſte geraͤth. Sie wuͤrde ihnen ſo wenig eine Unwahrheit ſagen, als ihnen ihre Boͤrſe rau⸗ ben; dennoch ſtellt ſie unaufhoͤrlich die Gegen⸗ ſtaͤnde in einem falſchen Lichte dar, entweder weil ſie das nicht ganz verſteht, was man ihr erzaͤhlt, oder wegen der Macht ihrer beſon⸗ dern Vorſtellungen, die allem, was ſie berich⸗ tet, ihren eignen Anſtrich geben.“ℳ Sir Franz laͤchelte uͤber die Genauigkeit einer Charakterſchilderung, die er fuͤr wahr er⸗ kannte, die Damen wuͤrden ſie lieber von je⸗ mand anders gehoͤrt haben; allein Wilhelm hegte noch immer einigen Unwillen gegen ſeine Mutter, weil ſie ſeine Behauptungen zweifel⸗ haft erſcheinen ließ, und konnte ſich nicht ent⸗ halten, ihre herrſchende Schwachheit zu be⸗ ruͤhren, um ſeine eigne Wahrhaftigkeit frei zu ſprechen. Der Kranke erholte ſich ſchnell von jener Fuüͤlfloſigkeit, in die er verſetzt war, blieb aber * wegen außerordentlicher Schwaͤche noch immer — 22 in einem zweifelhaften Zuſtand. Sir Franz zoͤ⸗ gerte nicht, ihm den vorgeſetzten Beſuch zu machen, und war hoͤchlich uͤberraſcht, in ihm einen alten Bekannten zu finden; auch erſtaunte Mrs. Valency's Familie nicht weniger, als ſie von dem Baronet folgende genaue Nachricht ſeines Beſuchs erhielt. „Sie koͤnnen ſich meine Befremdung den⸗ ken,“ ſagte er,„als ich mich in der Gegen⸗ wart meines alten Freundes„ des Major Bur⸗ lington's, ſah, der auf einem Sopha ruhte, und den ich, obwohl gewiß kaum der Schat⸗ ten ſeines vormaligen Weſens, ſogleich er⸗ kannte. „Burlington!“ wiederholte Miß Valency, „ich glaubte, Mrs. Irby nannte ihn Bromp⸗ ton. „So that ſie,“ erwiederte Sir Franz, „und ihr Verſtaͤndniß war in dieſem Fall ſo genau, wie bei den andern Nachrichten, die ſte uns von dem Major gab, welchen ich noch als Knabe kannte. Er iſt ſo wenig das Mit⸗ 23 glied einer zahlreichen Familie, daß ich ihn nur eines einzigen Bruders] erwaͤhnen hoͤrte, den er beſitzt. Dieſem Bruder iſt er ſchwaͤr⸗ meriſch ergeben; ſie ſind nicht viel uͤber ein Jahr im Alter verſchieden; der Major iſt der juͤngſte, und muß jetzt— laſſen ſie ſehen— er muß jetzt gegen fuͤnf oder ſechs und zwanzig ſein. Aus Furcht, dieſen Bruder zu beunruhigen, wollte er dem Doctor B— nicht geſtatten, ihm ſchrift⸗ lich von ſeiner Lage Nachricht zu geben, ob⸗ wohl Mrs. Irby, wie ſie wiſſen, das Gegen⸗ theil ſagte, und dieſes dreimonatliche Fie⸗ ber, welches ihn, nach ihrer Angabe, in ſeinen gegenwaͤrtigen Zuſtand verſetzte, iſt gleichfalls ein Geſchoͤpf ihrer Einbildungskraft. Sein lin⸗ ker Arm iſt jetzt unbrauchbar, weil eine Kugel darin haftete, und der Blutverluſt bei die⸗ ſer Gelegenheit, nebſt mehrern geringern Wun⸗ den, veranlaßte ſeine gegenwaͤrtige Schwaͤche.“ „Die arme Irby! ſie iſt gewiß recht un⸗ gluͤcklich,“ ſagte Mrs. Valency laͤchelnd, „denn ſie kann nie eine richtige Nachricht 24 von einer Begebenheit erhalten, ſo unbedeu⸗ tend ſie auch ſein mag: es muß gewiß ein Fehler ihres Verſtandes ſein, denn ſie 4 uͤbri⸗ gens eine recht gute Frau.“ Alle warfen einen Blick des Beifalls auf Mrs. Valency, weil ſie die wohlmeinenden Beweggruͤnde kannten, welche ſie immer Ent⸗ ſchuldigungen fuͤr die finden ließen, die ta⸗ delnswerth erſchienen; denn ſo wenig wir auch geneigt fein duͤrften, einem ſolchen Beiſpiel zu folgen, ſo koͤnnen wir ihm doch unſre Ah⸗ tung nicht verſagen. 1 „Gut,“ ſagte Honoria,„hoffentlich ha⸗ ben ſie den Irrthum der armen Mrs. Irby in jedem Fall erwieſen, außer in einem; ich bitte, hat dieſer Gentleman ein Recht auf die Schoͤnheit der Zuͤge, die ſie ihm beilegt?“ „Ich kann nur ſagen,“ entgegnete Sir Franz,„daß ich mich nie erinnere, er habe Anſpruͤche auf gutes Ausſehen machen koͤnnen, und jetzt erſcheint er mir durchaus platt. Sein Bruder wied fuͤr ſchoͤn gehalten, doch habe ich 4 1 25 ihn niemals dafuͤr angeſehen. Was indeſſen den Major betrifft, ſo koͤnnen ſie in einigen Tagen ſelbſt urtheilen, da er heruͤber zu wan⸗ ken gedenkt, ſobald er hinaus kann, um ihnen fuͤr ihre Aufmerkſamkeit zu danken.“ Nach Verlauf einer Woche fuͤhrte Major Burlington ſeinen Vorſatz aus, Mrs. Valency fuͤr ihre ungemeine Guͤte ſeinen Dank zu be⸗ zeigen; denn ſie war unermuͤdet geweſen, ihm jede kleine Erfriſchung zu ſenden, die ſie ei⸗ nem Kranken fuͤr zutraͤglich hielt; und dieß hatte ſie aus natuͤrlichem Wohlwollen ihres Herzens gethan; einem gewoͤhnlichen Soldaten in derſelben Lage wuͤrde ſie ſich eben ſo ge⸗ neigt bewieſen haben. Miß Valency war allein, als der Major angeſagt ward. Sie erblickte ihn mit einiger Ueberraſchung; denn nach dem, was Sir Franz geaͤußert hatte, erwartete ſie eine ganz andere Perſon zu ſehen.. Major Burlington war eher uͤber mittler Groͤße, ſeine Geſtalt regelmaͤßig; ſeine Zuͤge 26 waren fein, und ſein Geſicht erhielt nicht we⸗ niger Intereſſe durch die blaſſe Farbe, als den milden, verbindlichen und einnehmenden Aus⸗ druck. Der angenehme Ton ſeiner Stimme harmonirte vollkommen mit dem zierlichen An⸗ ſtand ſeiner Bewegungen, und dem ausdrucks⸗ voellen Glanz ſeiner Augen. Er trug den Arm noch immer in einer Binde, und bedurfte zum Gehen den Beiſtand eines Stockes. Mit einem Seufzer der Er⸗ ſchoͤpfung nahm er Platz, und es ſchien ihm an Athem zu fehlen, zum Dank fuͤr die erwie⸗ ſene Freundlichkeit, dennoch bezeigte er ſeinen tiefen Sinn dafuͤr mit vieler Bewegung. Nach wenig Minuten hatte er ſich hinlaͤnglich zur uUnterhaltung erholt; und als er ſeines Bru⸗ ders erwaͤhnte, aͤußerte Miß Valency, wie leid es dieſem Bruder thun muͤſſe, zu einer ſolchen Zeit nicht bei ihm geweſen zu ſeyn. „Ja,““ erwiederte der Major,„ich weiß⸗ er wird mir zuͤrnen, wenn er hoͤrt, wie lange ich in England bin; dennoch wollte ich auf 27 keine Weiſe ſein Vergnuͤgen ſtoͤren, und ihn an eine Krankenſtube feſſeln, wo es im ge⸗ ringſten nicht noͤthig iſt. Ich kenne ſeine Ge⸗ ſinnung ſo gut, daß ich uͤberzeugt bin, wenn er meinen Zuſtand wuͤßte, wuͤrde er zu mir eilen, und nicht von meiner Seite kommen, bis ich mich wieder ſo wohl als je fuͤhlte. Ich werde, ſobald ich kann, zu ihm gehen, und mich an dem Gedanken erfreuen, ihm dieſe Unruhe erſpart zu haben.4 Miß Valency machte einige Bemerkungen uͤber die Liebenswuͤrdigkeit der Gruͤnde, die ihn zu dieſen Ruͤckſichten beſtimmten, worauf er mit vieler Lebhaftigkeit fortfuhr.—„Wir ſind uns gegenſeitig Alles, wir verloren unſere Eltern in unſerer Kindheit, und haben keinen lebenden Verwandten, der auf unſre Neigung Anſpruͤche machen koͤnnte. Die Verſchiedenheit unſers Alters iſt ſo gering, daß wir Kinder und Maͤnner zugleich waren; wir wurden in denſelben Anſtalten erzogen, und trennten uns nie, bis die Vorliebe fuͤr ein militaͤriſches Leben mich 28 die Armee zu meinem Beruf erwaͤhlen ließ. Bald nachher nahm mein Bruder von ſeinem erblichen Eigenthum Beſitz, das zu betraͤchtlich iſt, um irgend ein Geſchaͤft ihm zur Sache der Nothwendigkeit zu machen. Er war zwei oder drei Jahr im Ausland; doch die Er⸗ neuerung der Feindſeligkeiten noͤthigte ihn zur Ruͤckkehr.“ 3 Miß Valency ſah wohl, daß der Major abſichtlich bei ſeinen Verhaͤltniſſen verweilte, um ſie zu uͤberzeugen, daß die ihm erwieſene Hoͤflichkeit nicht an eine Perſon verſchwendet ward,“ die nicht fuͤglich als Bekannter aufge⸗ nommen werden konnte. Zum Beweis, welch gutes Zeugniß ſie von hoher Autoritaͤt fuͤr ihn erhalten hatte, ſprach ſie von des Baronels Vergnuͤgen, in ihm einen alten vertrauten Freund gefunden zu haben. Der Major er⸗ wiederte mit gleichguͤltigem Ausdruck, daß er mehrere Jahre mit Sir Franz bekannt ge⸗ weſen ſei, ſich aber gegenwaͤrtig gewiß keiner Vertraulichkeit mit ihm ruͤhmen koͤnne. 29 Miß Valency fuͤhlte ſich uͤberraſcht und etwas verletzt; und die Beſorgniß, die ſich auf ihrem Geſicht ausdruͤckte, nebſt dem forſchenden Blick, den ſie auf ihn richtete, uͤberzeugte den Ma⸗ jor, daß ſie eine Erklaͤrung ſeiner Aeußerung erwarte, und er ſagte: „Meine Bekanntſchaft mit Sir Franz ent⸗ ſtand unter Verhaͤltniſſen, die einen unaus⸗ loͤſchlichen Eindruck auf mein damals junges Gemuͤth machten.“— Er hielt hier ein, wo Miß Valency, mit erhoͤhter Unruhe im Blick, ihn fragte, ob ſie von einer Art waͤren, die deren Bekanntmachung ihm verbiete? „Nein,“ antwortete er ruhig,„ich fuͤhle mich aus keiner Ruͤckſicht fuͤr Sir Franz gebun⸗ den, den Verlauf einer Begebenheit zu ver⸗ ſchweigen, deren er ſich laͤngſt nicht mehr, wie er ſollte, erinnert. Ich war achtzehn Jahr alt, als ich mit meinem Bruder die Ferien im Haus unſers Vormunds zubringen wollte, in deſſen Naͤhe eine achtungswuͤrdige Wittwe mit ihrer einzigen Tochter lebte. Wir waren 30 gewohnt, in dieſem Hauſe Beſuche zu machen, und wollten uns wie gewoͤhnlich dahin bege⸗ ben, als wir hoͤrten, die junge Dame(deren Namen zu verſchweigen ſie mir erlauben wer⸗ den) ſei ſo gefaͤhrlich krank, daß keine Ge⸗ ſellſchaft angenommen werden koͤnnte. Sie hatte einige Zeit gekraͤnkelt und man glaubte ſie jetzt in einer voͤlligen Verzehrung. Sie war ſo⸗ wohl ein ſchoͤnes als höchſt liebenswuͤrdiges Maͤdchen; und wir ſprachen mit tiefem Be⸗ dauern uͤber dieſen Gegenſtand, als ihre Mut⸗ ter ploͤtzlich in das Zimmer trat, wo wir mit unſerm Vormund ſaßen. Ihre Erſcheinung drückte die heftigſte Unruhe und Betruͤbniß aus; und in meiner und meines Bruders Ge⸗ genwart entdeckte ſie die ganze Quelle ihres Ungluͤcks unſerm Vormund, deſſen Rath ſie zu erbitten kam.„Mein Kind ſtirbt!“ rief ſie, „und Sir Franz iſt ihr Moͤrder!“ Miß Valency ward bleich; doch ohne es anſcheinend zu bemerken. fuhr der Major fort: „Aus dem, was die ungluͤckliche Mutter er⸗ 3 1 zaͤhlte, erfuhren wir, daß ſich Sir Franz vor einem Jahr ihrer Tochter auf einem Ball vor⸗ ſtellen ließ, ihr von dieſer Zeit an die ent⸗ ſchiedenſte Aufmerkſamkeit bezeigte, und daß von ihrer nahen Verbindung bald allgemein ge⸗ ſprochen ward. Dennoch zoͤgerte er noch im⸗ mer, ſich gegen Mutter oder Tochter zu erkläͤ⸗ ren, noch konnten dieſe den Entſchluß faſſen, ihm den Zutritt zu verweigern, weil er uͤber die Natur ſeiner Anſpruͤche ſtill blieb. Endlich verminderte er ſeine Beſuche, entfernte ſich aus dem Ort, und ſie ſahen und hoͤrten meh⸗ rere Monate nichts von ihm. Die ungluͤckliche junge Lady, die alle Hoffnung des Gluͤcks auf eine Verbindung mit dieſem treuloſen Mann geſetzt hatte, der den Glauben in ihr zu er⸗ regen wußte, daß er ſie heftig liebe, und nur aus ihr unbekannten Gruͤnden abgehalten wer⸗ de, ſich zu erklaͤren, erlag unter dem Gewicht fehlgeſchlagner Erwartung, und da ſich ihre Geſundheit taͤglich verſchlimmerte, ſo gerieth ſie endlich in den beunruhigendſten Zuſtand. 8 3² Sie hatte ſich eben von einer Ohnmacht er⸗ holt, als ihre Mutter in voller Angſt der Verzweiflung zu unſerm Oheim flog, und ihn als einen alten Freund beſchwor, an Sir Franz zu ſchreiben, und ihn von ihrer Tochter Lage zu unterrichten. In der Erregung und Be⸗ ſtuͤrzung des Augenblicks vergaß ſie alles, au⸗ ßer dem einzigen, was ſie fuͤr das Mittel hielt, das Leben ihres Kindes zu verlaͤngern. Mein Vormund erfuͤllte ihr Verlangen, und ſein Brief enthielt eine Darſtellung die nur einen vollkommnen Wilden ungeruͤhrt laſſen konnte. Es hatte die erwartete Wirkung: Sir Franz kam ſo bald als moͤglich an. Er fuͤrch⸗ tete ſo ſehr, die junge Lady todt oder ſter⸗ bend zu finden, daß er nicht in ihr Haus zu gehen wagte, und ich ſah ihn zuerſt bei mei⸗ mem Vormund. Sein Geſicht drückte Entſetzen aus, und ſeine ganze Erſcheinung bezeichnete Angſt und Neue. Mein Vormund erleichterte ihn durch die Nachricht, daß ſie beſſer, und ihn zu ſehen bereit ſei, worauf er, da die Zu⸗ 33 ſammenkunft nicht laͤnger aufgeſchoben werden konnte, aus dem Hauſe eilte. Die ſtufenweiſe Geneſung der Lady war die Folge ſeiner Ruͤck⸗ kehr, und ſo lange ſie in einem unentſchiede⸗ nen Zuſtand blieb, war ſeine Aufmerkſamkeit unermüdet, und ihre Mutter ſagte uns, daß er ſich zu ihrer voͤlligen Zufriedenheit erklaͤrt habe, fuͤr jetzt aber ſeine Angelegenheiten zu verwickelt waͤren, um eine Verbindung zu ge⸗ ſtatten; doch ſo bald es moͤglich ſei, werde ihre Tochter ſeine Gattin werden. Mittlerweile wurden ſie foͤrmlich verſprochen, mein Vor⸗ mund miſchte ſich nicht weiter darein; Sir Franz ward fuͤr reich gehalten, wie er wußte, und was er auch argwohnte, behielt er fuͤr ſich; denn Mutter und Tochter waren wieder ſo vollſtaͤndig bethoͤrt, daß ſie nicht darauf geachtet haben wuͤrden. Es iſt jetzt ſechs Jahr, ſeit dieſe Sache ſich zutrug, und ſeine woͤrt⸗ lichen Verpflichtungen beſtanden bis den letz⸗ ten Winter. Die Lady hatte mehrere Ruͤck⸗ faͤlle von Krankheit, wo Sir Franz nicht ver⸗ Guerilla⸗Anf. I. 3 34 8 fehlte, zu ihr zu eilen. In den Zwiſchenzei⸗ ten hielt er ſich bekanntlich nie an einem Ort auf, ohne ſich fuͤr eine junge Dame von Schoͤn⸗ heit oder Auszeichnung zu intereſſiren; doch wenn man eine ernſtliche Erklaͤrung zu erwar⸗ ten ſchien, bot der Vorwand ſeines Verhaͤlt⸗ niſſes eine fuͤgliche Entſchuldigung dar. Dieß kann indeſſen nun nicht laͤnger Statt ſinden, denn ich freue mich zu ſagen, daß endlich die Vernunft der jungen Dame uͤber ihré übel an⸗ gebrachte Leidenſchaft triumphirte, und ſie den Entſchluß faßte, die Verbindung abzubrechen; eine Maßregel, die Sir Franz durch Gleichgüͤl⸗ tigkeit und Vernachlaͤſſigung ihr abnoͤthigte, da⸗ mit er dem Vorwurf entgehen moͤchte, ſie ver⸗ laſſen zu haben, und wenn es ungluͤckliche Folgen haben ſollte, frei von Tadel bliebe.) — Der Major machte eine Pauſe, in der Miß Valency mit unterdruͤckter Stimme fragte, ob er etwas weiteres von der Lady gehoͤrt habe! worauf er erwiederte, ſeit einiger Zeit keine Nachricht von ihr erhalten zu haben, 35 und hinzufügte:„„Ich ſah ſie vor einem Jahr, als ich eben England verlaſſen wollte; ſie war da nur der Schatten ihres vormaligen Ichs, ob ſie gleich noch immer jung iſt; denn wie Sir Franz ſie kennen lernte, war ſie nur ſie⸗ benzehn Jahr alt; allein ihre Schoͤnheit iſt ſo verſchwunden, daß ſie bedeutend aͤlter erſcheint als ſie iſt.“ Major Burlington ſchwieg von neuem, Miß Valency's Aeußerungen erwartend, da ſie aber zu ſchweigen fortfuhr, ſprach er weiter. „Nach dem, was ich erzaͤhlt habe, laͤßt ſich nicht vermuthen, daß ich einen hohen Grad von Achtung fuͤr Sir Franz hege, noch ihn unter meine Freunde zu rechnen wuͤnſche; wir haben uns ſeit unſerm erſten Zuſammentreffen oft geſehen, und immer als Bekannte, und im Herzen geſall' ich ihm nicht mehr, als er mir gefäͤllt, und ob er mich gleich mit dem Namen ſeines alten Freundes beehrt, bin ich doch vollkommen uͤberzeugt, daß er ſich nie mich 6 36 aufzuſuchen bemuͤht haben wuͤrde, wenn es nicht ein Irrthum des Namens veranlaßt haͤtte.“ Miß Valency laͤchelte ein wenig, ſprach aber nicht. Der Eintritt ihrer Mukter und Schweſter gereichte ihr zur hoͤchſt gelegenen Er⸗ leichterung, und ſie fand bald bei dem Ge⸗ ſpraͤch von gleichguͤltigen Dingen einen Vor⸗ wand, das Zimmer zu verlaſſen. Ihre Empfin⸗ dungen nach dieſer Unterredung mit dem Major Burlington waren von der ſchmerzlichſten Art: nicht als wenn ſie an den Geſinnungen ihres Verlobten in Bezug auf ſich ſelbſt gezweifelt haͤtte, denn er war in ſeinen Erklaͤrungen ge⸗ gen den Admiral vollkommen freimuͤthig gewe⸗ ſen, und wollte den naͤchſten Tag nach London reiſen, um die Anordnungen zu beſchleunigen; allein der Mangel an Grundſatzen, Ehre und 1 Gefuͤhl, welchen ſein Betragen verrathen hatte, ließ ſie fuͤr das Gluͤck ihrer Zukunft in einer Verbindung mit ihm zittern. Wenn ſie ſich noch uͤberdieß den Kummer dachte, der daraus fur die ungluͤckliche Lady, die er ſo grauſam 37 behandelte, und vielleicht mehrere Andere, von denen ſie nichts wußte, hervorgehen duͤrfte— fuͤhlte ſie ſich geneigt, alle Gedanken an ein Verhaͤltniß aufzugeben, das auf Andrer Un⸗ gluͤck gegruͤndet werden mußte. Die Mitthei⸗ lung des Majors hatte einen Anſchein der Wahrheit, der nicht beſtritten werden konnte, und zu deſſen Verſtaͤrkung mußte ſie ſich erin⸗ nern, an verſchiedenen Orten, wo ſie den Baronet traf, von ſeiner Aufmerkſamkeit für dieſe oder jene Dame gehoͤrt zu haben. Dieß war es, was ſie Anfangs ſo zuruͤckhaltend ge⸗ gen ihn machte, und ihn zu vermeiden bewog. Doch nachdem er ſich ſo offen fuͤr ihren Lieb⸗ haber erklaͤrt, und ihr Herz fuͤr ihn geſprochen hatte, uͤberredete ſie ſich, daß ſeine gelegentli⸗ chen Auszeichnungen nur vorgeblich geweſen waͤ⸗ ren, um ihre Eiferſucht zu erregen, und ſie zum Verrathen einer Parteilichkeit fuͤr ihn auf⸗ zufordern, die er, wie es ſich jetzt zeigte, ſchon zu einer Zeit zu bewirken ſuchte, wo er mit einer Andern in Verbindung ſtand. 38 Nur eine Vorſtellung zeigte ſich zur Be⸗ ruhigung ihrer Gefühle, und die war, daß ſie gewiß dem Baronet eine maͤchtige Neigung ein⸗ gefloͤßt haben muͤſſe, ehe er ſich entſchließen konnte, jene Freiheit aufzugeben, die er bis jetzt ſo geliebt hatte. 2 „Dennoch,“ dachte ſie,„wenn meine Neigung mit weniger Schwierigkeit haͤtte er⸗ langt werden koͤnnen, ſo wuͤrde ich ohne Zwei⸗ fel die Zahl ſeiner Opfer vermehrt haben; al⸗ lein Widerſtand erhoͤhte ſeine Leidenſchaft, bis ſie ſelbſt uͤber ſeine Eitelkeit den Sieg erhielt.“ Dieß war gewiſſermaßen der Fall; doch des Baronets Eitelkeit fing an, mit der Menge Opfer die er ihr darbrachte, geſaͤttigt zu wer⸗ den, und im Alter von fuͤnf und dreißig hielt er es fuͤr Zeit, ernſtlich an die Ehe zu denkenz und da Eigenliebe der erſte Gegenſtand ſeiner Beachtung war, ſo erwog er, daß ein oͤdes einſames Alter keine anlockende Ausſicht ſei, ſondern daß im Gegentheil eine junge ſchoͤne Gattin, und aufbluͤhende Nachkommenſchaft/ 39 ein weit angenehmer Bild darbieten. Dieſen Erwaͤgungen gemaͤß beſchloß er, ſich mit Miß Valency zu verbinden, in welcher er alles ver⸗ eint ſah, was dem haͤuslichen Leben Reiz er⸗ theilen kann. Auf Vermoͤgen nahm er keine Ruͤckſicht, und ihre Verbindungen waren an⸗ genehm und hoͤchlich zu achten. Miß Valency hatte ſo lange gezoͤgert, ihr Herz den Bewerbungen des Baronets zu erge⸗ ben, daß es endlich nicht mit jener gaͤnzlichen Hingebung geſchah, mit der ſie es einem Mann geweiht haben wuͤrde, der ihr nie Mißtrauen einfloͤßte. Sie empfand keine ſchwaͤrmeriſche Liebe, aber eine aufrichtige Achtung fuͤr ihn, oder vielmehr fuͤr die Perſon, fuͤr die ſie ihn hielt. Sie dachte ſich mit Vergnügen, ſeine Gattin zu werden, und kannte niemand, mit dem ſie ſo gluͤcklich ſeyn zu koͤnnen glaubte. Er war ſehr angenehm, ſchoͤn von Perſon, unterhaltend im Geſpraͤch, und der amſigſte Liebhaber in der Welt; dieß ſo ſehr, daß je⸗ 40 der, der ſich mit ihm in Geſellſchaft befand, ſeine Vorliebe entdecken mußte. Die Sache war, daß ſich Sir Franz in der Naͤhe von Frauen ſo daran gewoͤhnt hat⸗ te, irgend einen ſchoͤnen Gegenſtand auszu⸗ zeichnen und ihm beſondere Aufmerkſamkeit zu erweiſen, daß es ihm ganz zur Natur ward; und er wuͤrde ſich nicht befriedigt gefühlt ha⸗ ben wenn er nicht haͤtte glauben koͤnnen, von allen anweſenden Herren wegen des Vorzugs der liebenswuͤrdigſten Frau im Zimmer benei⸗ det zu werden. Major Burlington kannte den Hang des Baronets ſo vollkommen, daß er, ſobald er von ihm ſeinen genauen Umgang mit Miß Valency's Familie hoͤrte, uͤberzeugt war, eine der jungen Damen ſei der anziehende Gegen⸗ ſtand; welche Folgerung durch Nachrichten deſ⸗ ſelben Inhalts von den Leuten, wo er wohnte, beſtaͤtigt ward. Er glaubte, die ihm erzeigte Guͤte nicht beſſer erwiedern zu koͤnnen, als wenn er ſeine Freunde, denn als ſolche 41 hatten ſie ſich erwieſen, von dem Charakter des Mannes benachrichtigte, den ſie zum vertrauten Bekannten aufgenommen hatten. Sir Franz hatte nichts von ſeiner nahen Verbindung ge⸗ gen ihn erwaͤhnt, ſonſt wuͤrde er uͤber deſſen vergangenes Betragen geſchwiegen haben; al⸗ lein er zweifelte nicht, daß der Baronet nur Nahrung fuͤr ſeine Eitelkeit ſuchte, und wuͤnſchte mit Ungeduld eine Gelegenheit, die Familie zu warnen; daher er den guͤnſtigen Anlaß bei ſeinem erſten Beſuch ſogleich zu benutzen beſchloß. Miß Valency's Bewegung verrieth ihm, daß ſie es war, der ſich Sir Franz geweiht hatte, und daß ihm gelang, ein Intereſſe in ihrem Herzen zu erregen; und dieß bewog ihn, genauere Nachrichten zu ertheilen, als er ſonſt gethan haben wuͤrde. Er empfand tief den Schmerz, den er zu verurſachen fuͤrchtete, doch troͤſtete er ſich mit dem Gedanken, durch die⸗ ſes Mittel kuͤnftiges und laͤngeres Leiden zu verhuͤten.. 8 Indem Miß Valency uͤber den Urheber 42 ihres gegenwaͤrtigen Ungluͤcks(wofuͤr ſie den Major in dieſem Augenblick hielt) nachdachte, fuͤhlte ſie eine Art Zorn gegen ihn, weil er ihren angenehmen Ausſichten eine Unterbrechung dargeboten hatte; allein dieſe Empfindungen waren von kurzer Dauer, und ſie glaubte, ihm verbunden ſeyn zu muͤſſen, da ſein Beweg⸗ grund augenſcheinlich war. Doch ploͤtzlich ſiel ihr ein, ob er nicht vielleicht eine beſondre Ur⸗ ſache zur Feindſchaft gegen Sir Franz haben koͤnne, und durch aͤbertriebene Darſtellung den Verhaͤltniſſen eine ſo grelle Farbe ertheilte. Sie erinnerte ſich, was er von des Barons Mißfallen an ihm erwaͤhnt hatte, doch dann gedachte ſie auch des Urtheils, welches Sir Franz von der Perſon des Majors faͤllte; und mit Schmerzen geſtand ſie, daß es ungerecht ſei, und entweder Neid oder Abneigung verrathe. Sie war froh uͤber ſeine Reiſe nach Lon⸗ don am naͤchſten Tag; denn mit dem Eindruck, der jetzt ihr Gemuͤth bewegte, fuͤhlte ſie, ſich nicht wie gewoͤhnlich gegen ihn betragen zu 3 3 43 koͤnnen. Waͤhrend ſeiner Abweſenheit konnte ſie mit Muße uͤber das Gehoͤrte nachdenken, ihre Freunde um Rath fragen, und ihre Han⸗ delsweiſe beſtimmen. Sie beſchloß, nichts von dem Vorgefallnen zu erwaͤhnen, bis er ſich entfernt hatte, und ſo weit es in ihrer Macht ſtehe, zu verbergen, daß ſie etwas beunruhigte; denn ſie fuͤrchtete, der Baronet(der von des Majors Beſuch hoͤren wuͤrde) moͤchte die Wahr⸗ heit vermuthen. Angetrieben durch dieſe Er⸗ wägungen ſuchte ſie allen Anſchein der Unruhe zu vermeiden, auch bemerkte Sir Franz in ihrem Betragen waͤhrend des Abends nichts, was ſeinen Verdacht erregen konnte. Er frag⸗ te, wie ihr der Major gefalle? Sie erwie⸗ derte, daß ſie ſich nicht anmaßen koͤnne, in einer Unterredung ein Urtheil uͤber jemand zu faͤllen, doch ſchiene er ſanft und liebens⸗ wuͤrdig. Sir Franz widerſprach mit ſeinen Blicken, ſchwieg aber ſtill. Honoria rief: „Allein wie haben ſie ſagen koͤnnen, daß er nicht gut ausſieht? Er iſt der intereſſanteſte 44 Mann, den ich in langer Zeit geſehen habe, wirklich, ich halte ihn gaͤnzlich fuͤr ſchoͤn.“ „Schoͤn!“ wiederholte Sir Franz im Ton des Erſtaunens—„Dieſer arme, bleiche elend ausſehende Menſch!— Nein! der arme Burlington hat gewiß keine Anſpruͤche zu— ℳ „Sie muͤſſen uns die Entſcheidung hieruͤber erlauben,“ ſiel Honoria ein;„wir wollen ihnen geſtatten, der Richter uͤber weib⸗ liche Schoͤnheit zu ſeyn, doch ich bin ganz aͤberzeugt, es giebt wenig Frauen, die Major Burlingkon nicht fuͤr ſchoͤn erklaͤren wuͤrden.“ „Das kann ſeyn,“ ſagte der Baronet mit einiger Schaͤrfe,„allein ich kann nicht in al⸗ len Faͤllen den weiblichen Geſchmack fuͤr richtig erklaͤren. Da iſt zum Exempel Spencer Burlington, des Majors Bruder. Er iſt in meinen Augen nicht viel weniger, als geradezu haͤßlich, und der unertraͤglichſte Geck, der Odem holt; dennoch wird ſolch ein Laͤrm von ihm gemacht, alle Frauen ihm nachlaufend, bis ſein Kopf gaͤnzlich verdreht iſt. Es iſt aͤrger⸗ 45 lich, ſolche junge Laffen aufgemuntert zu ſe⸗ hen, Thoren aus ſich zu machen. Ich glaube wieklich, die Frauen thun es bloß zu ihrem Vergnuͤgen, ich kann mir es nicht anders er⸗ klaͤren.“— „Iſt er ſeinem Bruder aͤhnlich?“ fragte Honoria;„in dieſem Fall wird es hinlaͤnglich erklaͤrt ſeyn.“ „Nein, ganz und gar nicht; er iſt ein tanzender, läͤchelnder, Capriolen ſchneidender Herr Luſtigmacher, der immer ausſteht, als wenn er die Leute uͤberzeugen wollte, wie wenig er ſich aus ihnen macht, und wie vollkommen er mit ſich ſelbſe zufrieden iſt: kurz er iſt genau, was er als Knabe zu werden verſprach; alle jene widrige Selbſtzufriedenheit ausdruͤckend, die eine vermeintliche Ueberlegenheit verraͤth. 11 „Wo wurden ſie mit ihm bekannt,“ fragte Miß Valency mit klopfendem Herzen, doch gleichguͤltigem Ton. Sie Franz ſchien fuͤr einen Augenblick in Verlegenheit; er ſtockte, und ſagte dann, er 46 habe es wirklich vergeſſen; doch ploͤtzlich ſchien er ſich zu beſinnen, und ſetzte hinzu: „Sd0! ich erinnere mich jetzt. Ich war mit einem Vormund der Burlingtons bekannt, in deſſen Hauſe ich beide traf; und dem alten Herrn zu gefallen nahm ich Notiz von ihnen. Seitdem kam ich oft mit ihnen zuſammen; doch Spencer Burlington iſt mir ſo außerordentlich unangenehm, daß ich ihn nie ſehe, wenn ich es vermeiden kann; obwohl er ſich gewoͤhnlich in jeder Geſellſchaft, wo er iſt, Aufmerkſamkeit zu erregen bemuͤht. Sein Bruder iſt weniger anſtoͤßig, weil er weniger Anſpruͤche macht; aber ich glaube, Spencer Burlington haͤlt jede Frau, mit der er ſpricht, fͤr verliebt in ſich; auf jeden Fall wuͤnſcht er es zu bewirken. „Zwei von einem Handwerk ſtimmen nie nfantnen“ ſagte der Admiral, ein periodi⸗ ſches Werk aus der Hand legend, in welchem er, ohne auf die Unterhaltung zu achten, ein ſtrenges Urtheil uͤber eine andere Schrift ge⸗ leſen hatte. Waͤhrend Honoria uͤber das An⸗ 47 wendbare ſeiner Bemerkung auf ihr Geſpraͤch heimlich lachte, fuhr der Admiral, von ſeinem Gegenſtand erfuͤllt, fort. „Es iſt zum Erſtaunen, wie dieſe Schrift⸗ ſteller ſich freuen, einer den andern zuſammen⸗ zuhauen! Kaum iſt jemand gedruckt erſchienen, gleichviel in wie unbedeutender Form, ſo haͤlt er ſich fuͤr berechtigt, ohne Barmherzigkeit al⸗ les, was ihm vor Augen kommt, zu beurthei⸗ len.“ „Daß ein Schriftſteller„I' bemerkte Mrs. Valency,„mit dem Auge der Kritik lieſ't, halte ich nicht allein fuͤr natuͤrlich, ſondern auch fuͤr angemeſſen, zur Vermeidung der Fehler, die er in den Schriften Anderer wahrnimmt. „Gewiß; warum muß er aber die Fruͤchte ſeines Scharfſinns der Welt bekannt machen?“ „Einfach zu beweiſen, daß er Scharfſinn hat.”“ „Dann wuͤrde er mir weit beſſer gefallen, wenn er ihn zu der Entdeckung anwendete, daß die Zaͤnkereien der Autoren dem Leſer im 48 Allgemeinen ſehr unintereſſant ſind; und daß je weniger Fehler ſie an Andern finden, deſtomehr wird man Nachſicht mit ihnen haben. Was meinen ſie zu dieſem Werk, Sir Franz?“ fuhr der Admiral fort— allein Sir Franz hatte Miß Valency ſo viel zuzufluͤſtern, daß er ihn nicht hörte; und der alte Herrjergriff laͤ⸗ chelnd das Buch von neuem, welches er ſich ſelten wegzulegen aufgefordert fuͤhlte, ſo lange der Baronet der einzige Beſuch war. Miß Valency brachte eine ſchlafloſe Nacht zu; die Art, wie Sir Franz von den Bur⸗ lingtons geſprochen hatte, zeigte deutlich ſeine Geſinnung gegen ſie, und ſchien die Angabe des Majors zu beſtaͤtigen; jene Liebloſigkeit der Meinung verrathend, welche ſich die Men⸗ ſchen nur zu geneigt fuͤhlen, gegen die zu un⸗ terhalten, die mit ihren Schwaͤchen bekannt ſind. und Schweſter das Weſentliche der Nachrichten des Majors mitzutheilen. Beide ſtimmten aufs Sie zoͤgerte nicht laͤnger, ihrer Mutter — 49 innigſte mit ihrer Unruhe uͤberein, noch konnten ſie das Gerechte ihres Entſchluſſes beſtreiten, als ſie erklaͤrte, die Verbindung augenblicklich aufzugeben, ſobald ſie uͤberzeugt ſei, daß die bewußte junge Lady, ungeachtet ihrer Bemuͤ⸗ hungen, noch immer Sir Franz ſich geneigt fuͤhle. Doch wie konnte dieß entdeckt werden?! Major Burlington hatte weder ihren Namen, noch den ſeines Vormunds genannt. Ploͤtzlich erinnerte ſich Miß Valency einiger Briefe, die ihr der Baronet einmal als Vorbilder in Styl und Handſchrift gezeigt hatte. Auf ſein Verlangen las ſie dieſelben, wobei ſie nicht zweifeln konnte, daß es die Ergießungen einer reinen und feurigen Leidenſchaft fuͤr ihn waren. Etwas aufgeregt uͤber die Eitelkeit, die ihn bewog, ſie ihr zu zeigen, bemerkte ſie kalt bei deren Zuruͤckgabe, daß die ſchoͤne Schreiberin derſelben damit gewiß vor keinen andern Augen als den ſeinigen zu erſcheinen gewuͤnſcht habe, und ſie nicht als Mittel dachte, eine andre ihres Geſchlechts abzuhalten, j je einen Briefwechſel mit Guerilla⸗Anf. I. 4 50 ihm zu wagen. Sir Franz ſah ſehr mißmu⸗ thig aus, verſicherte ihr aber, wenn die Hand, die ſie ſchrieb, nicht im Staube ruhe, wuͤrde ihn nichts zu ihrer Mittheilung bewogen ha⸗ ben. Miß Valency glaubte ihm damals, fing aber jetzt ſeine Aufrichtigkeit zu bezweifeln an. Die Unterſchrift war, wie ſie ſich erinnerte, Eliſabeth Melville, und ſie vermuthete in ihr dieſelbe Perſon, auf die ſich der Major bezog. Sich uͤber dieſen Punkt Gewißheit zu verſchaf⸗ fen, hielt ſie nicht fuͤr ſchwer; und ſollten ihre Vermuthungen gegruͤndet ſeyn, ſo glaubte ſie durch irgend ein Mittel die wahre Lage der jungen Lady entdecken zu koͤnnen. Sie theilte alle ihre Gedanken ihrer Mutter und Schweſter mit, und erſtere hielt es fuͤr angemeſſen, den Ad⸗ miral zu Rathe zu ziehen, welches ihre Toch⸗ ter bereitwillig einging. Dieſem gemaͤß ward ihm die ganze Sache vorgetragen, allein ſie fanden ſeine Meinung aͤber dieſen Gegenſtand ſehr von der ihrigen verſchieden. Er war hoͤchſt zornig auf den 51 Major wegen ſeiner dienſtfertigen Einmiſchung (wie er es nannte) und ſprach mit großer Waͤrme:— „Was gehen dich des Baronets vormalige Liebſchaften an? Er zieht dich jetzt allen An⸗ dern vor, und iſt das nicht genug? Willſt du eine ſo gute Partie aufs Spiel ſetzen wegen des unſinnigen Gedankens an ein liebekrankes Maͤdchen, das, wenn's dazu kommt, ſich ver⸗ muthlich nichts mehr aus ihm macht, und ihn wahr⸗ ſcheinlich verließ, weil ihr ein Anderer beſſer geſiel? Es iſt das laͤcherlichſte Ding, das ich je hoͤrte; man wuͤrde glauben, dir fehlte ein Vorwand, ihn aufzugeben, oder mit andern Worten, ihn bei der Naſe herumzufuͤhren!“ „Es thut mir leid, daß es ihnen laͤcher⸗ lich vorkommt,“ erwiederte Miß Valency, „denn mir erſcheint es von der erſten Wich⸗ tigkeit, und ich wollte mich weit lieber nie verbinden, als das Ungluͤck eines Andern ver⸗ urſachen; ja, ich bin uͤberzeugt, durch ein Verhaͤltniß unter ſolchen Umſtaͤnden nur mein 4 32 eignes zu befoͤrdern; und ohne irgend auf dieſe ungluͤckliche junge Lady Ruͤckſicht zu nehmen, beging ich vielleicht eine hoͤchſt unbeſonnene Handlung, wenn ich einen Mann waͤhlte, dem man ein ſolches Betragen zur Laſt legt; und ſobald ich dieſe Nachricht nicht uͤbertrieben fin⸗ de, bin ich entſchloſſen, ihn aufzugeben.“ „Du reizeſt mich auſ's aͤußerſte! frie der Admiral, gewaltig entruͤſtet.„Ich kann nicht begreifen, wie du nur einen Augenblick ſolch einen Argwohn gegen den Mann unter⸗ halten kannſt, den du zu lieben vorgiebſt. Es wuͤrde mich weit weniger wundern, deinen Zorn gegen einen Fremden entzuͤndet zu ſehen, der ihn zu verleumden wagte.“ Mrs Valency ſprach jetzt:—„Ich ſehe keinen Grund, warum der Major den Baronet haͤtte verleumden ſollen; in der That lege ich ihm vielmehr die freundſchaftlichſte Ab⸗ ſicht bei. Es verurſachte mir gewiß den leb⸗ hafteſten Kummer, eine Verbindung aufzuloͤ⸗ ſen, die ich fuͤr ſo vortheilhaft hielt; und wenn — des Baronets vorige Neigungen ſich nur auf Leichtſinn beſchraͤnkt haͤtten, ſo wuͤrde ich we⸗ nig darauf geachtet haben; wenn aber das Le⸗ ben eines liebenswuͤrdigen Maͤdchens durch ſeine Laune und Vernachlaͤſſigung in Gefahr geſetzt ward, veraͤndert ſich die Sache gaͤnz⸗ lich, und es wuͤrde mir ſchmerzlich ſeyn, mein Kind mit einem Manne verbunden zu ſehen, dem es ſo an Gefuͤhl und Grundſaͤtzen fehlt.“ „ Pah!— alls Geſchwaͤtz und romanhaf⸗ ter Unſinn: ſie haben nur einen Theil der Geſchichte gehoͤrt; und was Ella betrifft, ſo bin ich genoͤthigt, die Staͤrke ihrer Neigung zu bezweifeln, wenn ich ſie ſo bereitwillig ſehe, ihren Geliebten aufzugeben. „Ich bin bereit, ihn aufzugeben,“ er⸗ wiederte Miß Valency, mit Muͤhe ihre Thraͤnen zuruͤckhaltend,„obwohl ich geſtehe, daß es mir die ſchmerzlichſte Anſtrengung koſtete; dennoch bin ich bereit, und will ihn aufgeben, ſo⸗ bald mein Verdacht gegraͤndet iſt.“. Es ward noch einige Zeit uͤber dieſen Ge⸗ 5 54 fuhr. genſtand geſprochen, wobei der Admiral auf das ernſtlichſte den Baronet zu vertheidigen fort⸗ Sein Herz hing an dieſer Verbindung, und er rechnete es ſich etwas zum Ruhm, ihn (wie er meinte) durch ein kleines geſchicktes Manoͤver zur Sache gebracht, und deſſen frei⸗ muͤthige Erklaͤrung bewirkt zu haben. Sein Ziel war, den Toͤchtern ſeiner Nichte, die er wie feine Kinder liebte, reiche Maͤnner von Rang zu verſchaffen, und er glaubte das wirkſamſte Mittel zu ihrem Gluͤck erwaͤhlt zu haben. Er wuͤrde vor dem Gedanken erſchrocken ſeyn, ſie mit einem Manne verbunden zu ſehen, deſſen Charakter einer jener Maͤngel befleckte, welche die Welt fuͤr unausloͤſchlich erklaͤrt; allein Un⸗ beſtaͤndigkeit hielt er in ſeinem eignen Geſchlecht fuͤr einen leicht zu vergebenden Feh⸗ ler, obwohl er ſie einer Frau zum unverzeih⸗ lichſten Vergehen anrechnete. Er hatte in ſei⸗ ner Jugend viel durch die Unbeſtimmtheit ei⸗ ner ausgezeichneten Schoͤnheit gelitten, die, nachdem ſie ihn einige Zeit in Zweifel gelaſſen⸗ 55 es fuͤr gut hielt, ſeinen Nebenbuhler vorzuzie⸗ hen. Von dieſer Zeit an entſagte er der Zaͤrtlichkeit, und machte den Ehrgeiz zu ſeinem Abgott, und er empfand immer ein Gefuͤhl der Freude, wenn er von einem Beiſpiel ge⸗ kraͤnkter Zaͤrtlichkeit hoͤrte, wo die Frau der leidende Theil war. Nicht als waͤre er von einer grauſamen und rachſuͤchtigen Natur gewe⸗ ſen, allein ſeine Gemuͤthsart neigte ſich zum muͤrriſchen, und er konnte nie an eine erlit⸗ tene Ungerechtigkeit mit jener vollkommenen Milde denken, die aus einer gaͤnzlichen Ver⸗ zeihung entſteht, ob er gleich keinen Groll zu hegen vorgab. Er widmete ſich ſeinem Stand als dem Weg zu Ruhm und Geld, und er⸗ langte beides auf Koſten ſeiner guten Laune und Erſcheinung; die letztere war in ſeinem Alter von weniger Bedeutung, aber die erſtere wuͤrde eine Quelle immerwaͤhrenden Troſtes fuͤr ihn geweſen ſeyn. Allein das beſtimmte und herri⸗ ſche Regiment uͤber ein Schiſſsvolk hatte ſei⸗ nem Weſen eine Richtung gegeben, die ſo wenig veraͤndert werden konnte, als der Ein⸗ fluß, welchen Klima und Jahrszeiten auf ſeine hervorſtechenden Zuͤge gehabt hatten. Seine Geſtalt, von rieſenhafter Höhe, war durch die ſtarke Neigung ſeines Koͤrpers zu gewoͤhnlicher Manneslaͤnge herabgebogen; in andrer Hinſicht verrieth er, obwohl beinahe ſiebenzig, wenig Schwaͤchen des Alters. Sein Anzug war be⸗ ſonders und unveraͤndert. Er trug auf einer braunen Stutzperuͤcke einen voͤllig dreiecki⸗ gen Hut mit weißem Rand und einem vorn in eine große Schleife gebundenen breiten, ſchwarzen Bande; hierzu ein ſehr duͤnnes Hals⸗ tuch, uͤber welchem ſein langer Hals einige Zoll hervorragte; einen hellgruͤnen Ueberrock mit niederm Kragen und einer Reihe goldner Knoͤpfe, der bis auf ein Paar ungeheuer weite Stiefeln herabging;z er war immer mit ei⸗ nem Strauß geſchmuͤckt, und wenn er nichts beſſeres bekommen konnte, pflegte er ein Stuͤck Thymian oder Rosmarin in das Knopfloch zu ſtecken. So gekleidet wanderte 57 er oft Meilen weit durch das Land, in der Hoffnung ſeinen alten Feind entfernt zu halten, das Podagra, welches oft ſeine Streifereien unterbrach und ihn auf mehrere Monate niederwarf. Seine auffallende Erſchei⸗ nung erregte die Neugierde Aller, die ihn ſa⸗ henz; allein dieß befriedigte ihn eher, denn er war ſtolz auf ſeinen Rang, und hatte es gern, wenn die Leute nach ihm fragten; und aus dieſer Ruͤckſicht verharrte er wahrſcheinlich in ſeiner eigenen Art ſich zu kleiden. Nachdem wir ſo viel von dem Admiral geſagt haben, duͤrfen wir uns nicht von ihm trennen, ohne zu bemerken, daß er ſeine angenehmen An⸗ faͤlle hatte, und ſo lange ihm jedermann nachgab und ihn zu ſeinem Orakel machte, war er oft außerordentlich kurzweilig; wenn er aber durch Widerſtand gereizt ward, wiewohl er nicht immer ſeinen Unwillen ausſprach, blieb er Stunden und zuweilen Tage lang ſtill und muͤrriſch. Allein es konnte auf ihn gewirkt werden, denn er war nicht ohne Gefuͤhl; ſeine Neigung ruhte gaͤnzlich auf Mrs. Valency und ihren Toͤchtern, mit denen er mehr uͤberein⸗ ſtimmte, als er haͤtte erwarten koͤnnen; denn ihr Weſen war liebenswuͤrdig, obgleich wir ihnen auf keine Weiſe jene ſanfte, nach⸗ giebige und duldende Stimmung beilegen wol⸗ len, von der wir ſo oft geleſen, die wir aber ungluͤcklicher Weiſe noch nie angetroffen be ben.. Miß Valency war begierig, wieder in Me jor Burlingtons Geſellſchaft zu ſein, in der Hoffnung, gelegentlich zu entdecken, ob Mel⸗ 4 ville der Name der von ihm erwaͤhnten Lady waͤre. Sie wußte, daß er ihn auszuſprechen vermeiden wuͤrde, ſobald er ihre Abſicht ge⸗ wahr werde, dennoch glaubte ſie mit ein we⸗ nig Feinheit ſeine Vorſicht zu taͤuſchen. Mit allen ihren Gefuͤhlen uͤbereinſtimmend, lud ihre Mutter den Major zu einer Abendgeſellſchaft ein, und da er ſich nun ſchnell beſſerte, benutzte er gern ihre Gaſtfreundlichkeit. Ein Brief, welchen Miß Valency dieſen Morgen von Sir Franz em⸗ 59 pfing, mit den zaͤrtlichſten Ausdruͤcken vertrau⸗ ender Liebe erfuͤllt, machte ſie noch begieriger nach einer Nachricht, die, wie ſie wußte, der Major ihr ertheilen konnte. Mrs. Irby's Fa⸗ milie, und einige andere waren verſammelt ihn zu ſehen, und Ella bekam dadurch eine bequemere Gelegenheit, mit ihm zu ſprechen, als wenn nur wenige da geweſen waͤren, wo die Unterhaltung haͤtte allgemein ſeyn muͤſſen. Es war leicht, ſich ohne anſcheinende Abſicht neben ihn zu ſetzen; und da ſich die Geſellſchaft in in Trios und Couplets theilte, blieb es dieſen zweien uͤberlaſſen, ſich zu unterhalten. Denen e fand es Ella nicht ſo leicht, als ſie geglaubt hatte, das Geſpraͤch auf den gewuͤnſch⸗ ten Gegenſtand zu leiten, der ſie ſo ſehr er⸗ fuͤllte, daß ſie zerſtreut und unaufmerkſam bei allem war, was der Major ſagte. Endlich fragte ſie ihn ploͤtzlich, ob er mit Lord Mel⸗ ville bekannt ſei?. „Nein,“ erwiederte der Major;„iſt er in Weymouth?“ 5* 60 „9 nein, ich glaube nicht, ſagte„ Ella. „Iſt ſeine Herrlichkeit ein beſonderer Freund von ihnen?“ fragte der Major, da er iegend einen Grund zu dieſer ploͤtzlichen Erwaͤh⸗ nung des Lords vermuthete. „Nein,“ erwiederte ſie leicht erithende „ich kenne keine Perſon dieſes Namens, iſt er nicht eher ungewoͤhnlich?“„ „Nein, ich glaube nicht, ich habe ihn vlt angetroffen.“ „Bei Frauen? war Nauf Ella's Lippen, doch Vorſicht hielt ſie zuruͤck, und der Mazor fuhr fort:„Er iſt auf keine Weiſe eöſelten in der Armee.“ Dieß ſchien auf eine militaͤriſche Bekannt⸗ ſchaft zu deuten, und Ella war ſo ſehr im Dunkeln wie je. Man ſchlug einen Spazier⸗ gang auf die Esplanade vor, welches von dem groͤßten Theil der Geſellſchaft angenommen ward. Mrs. Valency naͤherte ſich dem Ma⸗ jor und ſagte, ſie hoffte, er werde ſich dieſer 8 61 Ermuͤdung nicht ausſetzen, ſondern bei der haͤuslichen Anzahl verweilen; allein er wollte nicht hinter dem juͤngern Theil zuruͤckbleiben, und aͤußerte, einige Mal auf und ab wuͤrden ihm zutraͤglich ſeyn. Von neuem fand er ſich neben Miß Valency, ohne gewahr zu werden, daß er die Ehre eines Platzes an ihrer Seite etwas anderm als dem Zufall zu danken habe. Er war unfaͤhig, mit den Uebrigen gleichen Schritt zu halten, die bald voraus waren, und entſchuldigte ſich gegen Ella; allein ſie ſagte, daß ſie lieber langſam gehe, und wollte ihm nicht geſtatten, ſich zu beeilen, da ihre Freun⸗ de beim Umkehren wieder zu ihnen kommen wuͤrden. Major Burlington konnte ihr Betragen keinem Beweggrund beilegen, der ſeiner Eitel⸗ keit ſchmeichelte, da ihr zerſtreutes Weſen und ihre unbeſtimmte Antworten ihn überzeugten, wie wenig er ihre Aufmerkſamkeit erregte; und er glaubte nur Mitleiden allein bewege ſie, ihre Schritte nach den ſeinigen zu richten. Noch 62 immer ſann ſie verlegen nach, auf welche Weiſe ſie ihren Vorſatz ausfüͤhren wollte, als ein Ausruf der Freude und Ueberraſchung ihres Gefaͤhrten ſie aufregte und er mit dargebote⸗ ner Hand einem aͤltlichen Herrn zueilte, der ſich mit zwei Damen naͤherte. Man außerte gegenſeitiges Verznügen uͤber ein unerwartetes Zuſammentreffen, auch die Damen reichten dem Major die Hand, und ſchienen gleich erfreut uͤber dieß Begegnen. Ela hielt dem Anſchein nach die aͤltere Frau und den Herrn fuͤr die Eltern der juͤngern Dame, die ein angenehmes Geſicht hatte, de⸗ ren Ausſehn aber uͤble Geſundheit andeutete. Ihr Laͤcheln war matt und ſie ſprach mit lei⸗ ſem gepreßten Ton, obwohl ſichtlich uͤber des Majors Anblick erfreut. Dieſer befand ſich eher in einer verlegnen Lage; er fuͤhlte ſich hoͤchſt ungeneigt, ſeine alten Freunde, faſt in dem Augenblick, wo er ſie wiederſah, zu ver⸗ laſſen, und wuͤnſchte auf kurze Zeit bei ihnen zu verweilen, um ihnen alles zu ſagen, was 63 ſich beim Anblick der Freunde nach langer Ent⸗ fernung hervorzudraͤngen ſcheint. Dennoch Miß Valency allein zu laſſen(da ihre Geſell⸗ ſchaft ſich am fernſten Ende der Esplanade be⸗ fand,) war unmoͤglich; um daher die Sache zu vermitteln, bat er um Erlaubniß, ſie mit einem ſeiner aͤlteſten Freunde bekannt zu machen, indem er Mr. Geantly vorſtellte; dann ſich zu den Damen wendend, ſetzte er hinzu:„Mrs. und Miß Melville. Ella fuͤhlte das Blut ſich zu ihrem Her⸗ zen draͤngen, waͤhrend ſie ihre Bewegung bei dem Gedanken zu unterdruͤcken ſich bemuͤhte, daß dieſer Mr. Geantly der von dem Major er⸗ waͤhnte Vormund, und dieß die beiden Frauen waͤren, deren erlittene Beleidigung ihn gegen den Baronet ſo aufgebracht hatte. Sie konnte mehrere Minuten lang an dem Geſpraͤch kei⸗ nen Theil nehmen, aber jedes Wort, das ge⸗ ſprochen ward, beſtaͤtigte ihre Vermuthung. Mes. Meloille, eine gutartige, geſpraͤchi⸗ ge, doch auf keine Weiſe feinfuͤhlende Frau, 64 berichtete dem Major, daß der zweifelhafte Geſundheitszuſtand ihrer Tochter ſie veranlaßt habe, nach Weymouth zu kommen, um die Wirkung des See⸗Bades zu verſuchen, und Mr. Geantly ſei ſo guͤtig geweſen, ſie als Freiwilliger zu begleiten, und habe verſpochen, waͤhrend ihres Hierſeyns ihren Galan zu machen. „Eliſabeth, glaub ich, iſt bereits beſſer,“ fuhr ſie fort,„ ihr Huſten iſt weniger heftig, und ſeitdem wir abgereiſ't ſind, hat ſie nicht uͤber ihren ſonſtigen Schmerz in der Seite geklagt.“ „Eliſabeth!“ wiederholte Ella bei ſich: „Eliſabeth Melville. Guter Himmel! de iſt kein Raum mehr fuͤr Zweifel uͤbrig. Un⸗ gluͤckliches intereſſantes Weſen! Lieber wollt' ich ſterben, als dieſem Herzen, das ſchon ſo viel gelitten hat, einen neuen Schmerz ver⸗ urſachen.“ Miß Melville ſagte mit mattem Laͤcheln, daß ſte ſ ſich wirklich bedeutend beſſer fuͤhle, und ohne Zweifel bald ganz wohl ſeyn wuͤrde.— Sie unterdruͤckte bei Endigung dieſer Worte 9 65 einen Seufzer. Ella konnte ſie nicht anblicken; ſie wußte, daß ſie dann in Thraͤnen ausbrechen wuͤrde; ſie wuͤnſchte ſogar ihre Ohren vor ei⸗ ner Stimme verſchließen zu koͤnnen, die ihr wie die leiſen Klagen eines gebrochnen Her⸗ zens toͤnte, und Sir Franz ſanft, doch feier⸗ lich, als ihren Moͤrder anklagte. Mit Ver⸗ gnuͤgen ſah ſie ihre Geſellſchaft ſich nahen, zu welcher ſie, ſchnell von den Fremden Abſchied nehmend, eilte, ſowohl dieſe als den Major in der Meinung laſſend, daß ihr die Be⸗ kanntſchaft nicht gefalle, und Stolz ihr Schwei⸗ gen und ihre Zuruͤckhaltung veranlaße. Major Burlington ſagte bei ihrer Entfer⸗ nung, daß er bald zu Mrs. Valency zuruͤck⸗ kehren werde, welches er nach einer kurzen Unterhaltung mit ſeinen Freunden auch that. Die wandelnde Partie war wieder eingetreten, allein Miß Valency hatte ſich unter dem Vor⸗ wand einer leichten Unpaͤßlich keit entfernt. Ihre Mutter und Schweſter vermutheten zum Theil den Grund, und als Honoria ihr folgte, Guerilla⸗Anf. I. 53 66 ſagte Ella, daß all' ihre Muthmaßungen be⸗ ſtaͤtigt waͤren, in ihrer gegenwaͤrtigen Stim⸗ mung aber ſie allein zu ſeyn wuͤnſchte, doch bei naͤchſter Gelegenheit Alles mittheilen wuͤrde. Mit ſchwerem Herzen ging Honoria zur Geſellſchaft zuruͤck. Man ſchlug Muſik vor. Sowohl Miß Irby als Hondria waren mu ſi⸗ kaliſch, und ſangen auch zuſammen; doch wenn es nicht wegen der großen Aufmerkſamkeit ge⸗ weſen waͤre, die der Major und Wilhelm Irby ihren Harmonien weihten, und wegen des Vergnügens, das ſie dadurch zu erhalten ſchienen, ſo wuͤrden die jungen Damen bald ihre Bemuͤhungen geendet haben, denn Mrs. Irby und ihr aͤlteſter Sohn thaten ihr Aeu⸗ ßerſtes, um mit einigen Perſonen am andern Ende des Zimmers, das, was ſie Converſation nannten, zu unterhalten. Aus Hoͤflichkeit konnte ihnen Mrs. Valency nicht Stillſchweigen auf⸗ erlegen, oder ſie auf etwas zu achten noͤthi⸗ gen, woran ſie ſichtlich kein Vergnuͤgen fanden. Was den Admiral betraf, ſo litt er an dem 67 Ungemach eines Anfalls von uͤbler Laune. Er war uͤber die Einladung des Majors hoͤchſt un⸗ zufrieden; und obwohl es ihm nicht geſiel, et⸗ was deßhalb zu aͤußern, ſo waren doch ſeine Em⸗ pfindungen fuͤr die, welche deren Wirkungen kannten, ſehr verſtaͤndlich. Er hatte ſich in die aͤußerſte Ecke des Zimmers zuruͤckgezogen und gab vor, zu leſen, ob er gleich wahr⸗ ſcheinlich nur uͤber den Grund ſeines Unmuths nachdachte. Sein Alter gewaͤhrte Entſchuldigung fuͤr die Seltſamkeit ſeines Betragens, und niemand hielt das fuͤr beleidigend, was bei ei⸗ ner jungen Perſon eine Geringſchaͤtzung der Ge⸗ ſellſchaft angedeutet haͤtte. 1 Jonathan Irby's einfoͤrmiges und un⸗ aufhoͤrliches Geſchwaͤtz war weit verdruͤßlicher als des Admirals gaͤnzliches Schweigen. Jo⸗ nathan ward es nie muͤde, ſeine eigne Stimme zu hoͤren, und er war die einzige Perſon in der Welt, die ſeine Mutter niederreden konnte. Er bemuͤhte ſich, ein Mann von Ton zu ſeyn, und ſuchte daher das Betragen ſeines Stall⸗ 5* 68 knechts ſo genau wie moͤglich nachzuahmen. Al⸗ lein auch dieſer demuͤthige Verſuch gelang ihm nicht, denn er gehoͤrte zu jenen ungluͤcklichen Perſonen, die nie etwas lernen koͤnnen; und ob er gleich nicht verfehlte, alle Merkmale eines wahren Gentlemans abzulegen, ſo hatte er doch nicht jenen aͤchten ſchulgerechten modiſchen Anſtrich erhalten koͤnnen, nach wel⸗ chem er beſtaͤndig ſtrebte. Er machte ſich eben ſo ſehr zum Gegenſtand des Spotts bei denen, welchen er nachzuahmen ſuchte, als bei jenen, die mit Mißfallen den Einſtuß einer Mode er⸗ blicken, die taͤglich uͤberhand nehmen muß, weil weder Verſtand, noch Sitten, oder Erziehung werden nie verfehlen, Anhaͤnger zu finden; denn Mr. Irby war einer ihrer bereitwilligſten Scla⸗ ven. Er beſaß ein betraͤchtliches Vermoͤgen, und war von fruͤher Jugend an ganz ſein eig⸗ ner Herr geweſen. Ehe ihn die Wuth, ein dazu noͤthig ſind. Gemeinheit und Thorheit ſie erfordern nur Gehorſam ihrer Gebote⸗ Mann nach der Mode zu werden, ergriff, hatte ——— 69 er ſich eingebildet, heftig in Honoria verliebt zu ſeyn, und ihr ein Anerbieten ſeiner Hand gemacht, welches ſie ohne Anſtand zu nehmen ablehnte. Dieß vergab er ihr nie, und ver⸗ ſaͤumte keine Gelegenheit, wo er ihr etwas unangenehmes ſagen konnte: allein er war in ihren Augen ein ſo voͤllig unbedeutender Ge⸗ genſtand, daß ſeine Bemuͤhungen, ſich wichtig zu machen, gewoͤhnlich bei ihr verloren gin⸗ gen, oder nur ihr Lachen erregten. Sein Bru⸗ der ſtellte eine ſehr von ihm verſchiedene Per⸗ ſon darz er war angenehm, und insgemein unterhaltend, unablaͤſſig geneigt zu verbinden, und an Herz und Grundſaͤtzen geſund. Er war ſchwaͤrmeriſch und verſuchte zu poetiſiren, liebte aber mehr Fremdes anzufuͤhren; und es ſtanden ihm Stellen aus Gedichten zu Gebot, die er oft bequem und paſſend anzubringen wußte. Er fuͤhlte ſich ſo geneigt wie ſein Bru⸗ der, Honoria's Macht anzuerkennen; doch ihre gaͤnzliche Gleichgültigkeit, und der Spott, mit welchem ſie die leiſeſte Andeutung ſeiner Ge⸗ fuͤhle behandelte, ließen dieſe nicht eine Staͤrke erhalten, die ihn ungluͤcklich machte. Miß Irby war eine Alltags⸗Miß, un⸗ ter zwanzig, die eben anfing, ſich nach einer Partie umzuſehen, mehr angenehm, und eine unermuͤdliche Verfertigerin von Kaͤſtchen, Schir⸗ men u. ſ. w., wozu ſie den groͤßten Theil ih⸗ rer Zeit verwendete. Sie hatte ſich uüber Miß Valency's Alleinbeſitz des Majors waͤhrend der erſten Stunden des Abends mehr mißver⸗ gnuͤgt und ſehr erſtaunt gefuͤhlt; als er ihr aber nachher einige Complimente uͤber ihren Geſang machte, beim Abendeſſen neben ihr ſaß⸗ und nicht einmal nach der Urſache von Ella's Abweſenheit fragte, ſo vergab ſie der letztern, und erklaͤrte den Major fuͤr einen ſehr ange⸗ nehmen Mann. Auch wollte ſie bei ihrer Zu⸗ hauſekunft ihrer Mutter keinen Glauben beile⸗ gen, als dieſe behauptete, Miß Valency und Major Burlington haͤtten einen Streit gehabt, weßhalb dieſe die Geſellſchaft auf ſo ſonder⸗ bare Weiſe verließ, und ohne Zweifel wuͤnſche 71 der Major, den Baronet aufgegeben und ſich als Liebhaber zu ſehen, wovon ſie, nach den Bemerkungen, die ſie gemacht habe, uͤber⸗ zeugt ſei. Den Baronet aufzugeben, war jetzt in der That Miß Valency's erſter Wunſch, und die Stunden, die ſie in der Einſamkeit zubrachte, waren den Ueberlegungen geweiht, wie ſie am beſten einen Schritt thun koͤnne, zu welchem ſie entſchloſſen war. Sie mußte ihm den wah⸗ ren Grund der Aenderung ihrer Geſinnung be⸗ kannt machen, und fuͤrchtete ſeinen Verdacht gegen den Major zu erregen, von dem er viel⸗ leicht Erklaͤrung fordern duͤrfte. Wenn ſie ihm aber ſagte, daß Miß Melville in Weymouth ſei, wo ſie dieſelbe kennen lernte, und ihn an den Namen erinnerte, den er ihr gezeigt hat⸗ te, ſo konnte er glauben, hinlaͤnglich durch ihre eignen Folgerungen von der Wahrheit un⸗ terrichtet zu ſeyn. Nachdem ſie einige Zeit über dieſen Ge⸗ genſtand nachgedacht hatte, begann ſie einen 7². Brief an Sir Franz, doch nur die erſte Seite war vollendet, als ihre Mutter und Schweſter zu ihr kamen; letztere ſchlief mit ihr in dem⸗ ſelben Zimmer, und Mrs. Valency kam in großer Beſorgniß, die Veranlaſſung zur Ver⸗ mehrung ihrer Unruhe zu hoͤren. Dieſe ward ihr bald mitgetheilt, und ſie war vollkommen der Meinung, daß nichts uͤbrig bleibe, als die Verbindung mit Sir Franz aufzuloͤſen; denn Ella glaubte beſtimmt, ſeine Vermaͤhlung mit einer andern werde Miß Melville's Tod beſchleunigen, und nichts haͤtte ſie bewegen koͤnnen, die Gattin eines Mannes zu werden, von welchem ſie ein ſeinem Leichtſinn darge⸗ brachtes Opfer in ſo anziehender Geſtalt er⸗ lickt hatte. Mrs. Valeney war begierig, ſelbſt ihre Be⸗ merkungen uͤber Miß Melville's Erſcheinung zu machen; es hielt nicht ſchwer, eine Bekannt⸗ ſchaft mit ihrer Mutter anzuknuͤpfen; ſie wa⸗ ren Fremde in Weymouth, und fanden wahr⸗ ſcheinlich gern jemand, der ihnen Aufmerkſamkeit ——— ——— 73 zu zeigen bereit war. Sie wollte am naͤchſten Tag den Major fragen, ob er ihre Geſellſchaft ſeinen Freunden fuͤr angenehm halte, und ſe vermuthete, von ihm zu deren Wohnung beglei⸗ tet zu werden. Ihrer Tochter rieth ſie, den Brief erſt am folgenden Tag zu endigen; Sir Franz konnte, nach dem Beſuch bei Mrs. Mel⸗ ville, von einem Umgang mit dieſer Dame unterrichtet, und dadurch abgehalten werden, nach Weymouth zuruͤckzueilen, welches nach Erhaltung eines ſo gaͤnzlich unerwarteten Briefs zu fuͤrchten war. Ihn unter dieſen Verhaͤlt⸗ niſſen zu ſehen, wuͤnſchte Ella beſonders zu vermeiden: ſie konnte an den Mann, den ſie als ihren kuͤnftigen Gatten betrachtet hatte, 5 nicht ohne großen Schmerz denken; ſie em⸗ pfand, indem ſie ihn aufgab, eine peinliche Leere in ihrem Herzen; und ob ſie gleich in ihrer Pflicht nicht zweiſelhaft war, ſo fuͤhlte ſie doch, daß ſie ungluͤcklich ſeyn werde, bis Ver⸗ nunft und Nachdenken ſie mit dem, was ſie fuͤr recht hielt, verſoͤhnt haben wuͤrden. Am naͤchſten Morgen beim Fruͤhſtuͤck machte Mrs. Valency den Admiral mit allem Vorge⸗ fallnen bekannt, und bewog ihn, etwas mehr als einſylbig zu antworten, wie er, ſeit dem er von der Einladung des Majors hoͤrte, hart⸗ naͤckig gethan hatte. Er aͤußerte ſich jetzt von neuem in heftigen Ausdruͤcken gegen Burling⸗ ton, als den Urheber der gegenwaͤrtigen Ver⸗ legenheit. Er erklaͤrte es fuͤr die groͤßte Al⸗ bernheit, als Thatſache anzunehmen, daß Miß Melville wegen Sir Franz ſterbe, weil ſie zu⸗ faͤllig krank, und deßhalb nach Weymouth ge⸗ kommen ſei; und um eines ſo unbedeutenden Vorwands willen mit ihm zu brechen, werde ſein ſtrengſtes und bleibendes Mißfallen erregen. Als man ihn an des Baronets Falſchheit erinnerte, indem er die Lady, deren Briefe er Ella zeigte, fuͤr todt ausgab, ſagte der Admiral, daß er nicht daran zweiſle, und dieß eine andere Miß Melville ſei. Indeſſen hatte er nichts gegen den Beſuch, ſondern billigte ihn im Gegentheil, und aͤußerte ſeinen Ent⸗ ſchluß, ſelbſt dabei zu ſeyn, und ſich auf ſeine eignen Bemerkungen zu verlaſſen.. Dieſem gemäß begab er ſich mit Mrs. Valency und Honoria, vom Major Burlington begleitet, nach Mrs. Melville's Wohnung. Sie befand ſich zu Hauſe, und ihre Tothter war gleichfalls ſichtbar; auch ſchien letztere der Unterhaltung nicht abgeneigt, ſondern zeigte ſich ſehr artig gegen ihre Gaͤſte, und erhoͤhte durch ihr ſanftes einnehmendes Betragen die vor⸗ theilhafte Meinung, welche ihre intereſſante, ob⸗ wohl nicht laͤnger reizende Erſcheinung einfloͤßte. Mrs. Melville war bloß das Echo ihrer Toch⸗ ter, ſie berief ſich bei allen Gelegenheiten auf ſie, ſah mit ihren Augen, hoͤrte mit ihren Ohren, und faßte mit ihrem Verſtand, und war ſo vollkommen von ihr erfuͤllt, daß ſie in ihrer Abweſenheit von nichts anderm ſprechen konnte. Mit Vergnuͤgen fand Mrs. Valency im Aeußern der jungen Lady weniger Ungluͤck andeutendes als Ella geſchildert hatte, obwohl ſte gewiß ſehr krank ausſah; denn ihre Wan⸗ 76 gen waren farblos und ihre Augen einge⸗ ſunken. Der Admiral beobachtete ſie mit forſchen⸗ den Blicken; er konnte nicht leugnen, daß ſie nicht wohl erſchien, und zuweilen einen Seuf⸗ zer unterdruͤckte, dennoch hielt er ihre uͤbrige Stimmung fuͤr ziemlich gut. Er beſchloß in⸗ deſſen, durch einen maͤchtigen Verſuch ihre wah⸗ ren Gefuͤhle zu entdecken; und als von unbe⸗ deutenden Gegenſtaͤnden, den Ort und der⸗ gleichen betreffend, geſprochen ward, aͤußerte er ploͤtzlich, daß die Damen durch die Abwe⸗ fenheit von Sir Franz Heathcoln ihren vor⸗ nehmlichſten Stutzer verloren haͤtten, daß er aber bald wiederkommen werde. Eine Todtenſtille folgte dieſen Worten, ſie dauerte nur wenig Minuten; denn Major Bur⸗ lington ſuchte durch einige gewoͤhnliche Bemer⸗ kungen die Verlegenheit zu mildern, die Alle zu ergreifen ſchien, und ihren Urſprung in dem Ausdruck von Mrs. Meloille's Geſicht hat⸗ te, die buchſtaͤblich entſetzt war, indem ſie 77 ihre Blicke auf ihre Tochter richtete und die Gegenwart der Andern zu vergeſſen ſchien. Miß Melville's Zuͤge verriethen nicht ſogleich eine beſondre Bewegung, und der Admiral er⸗ wartete vergebens, ſie erroͤthen zu ſehen. Allein ihre ganze Geſtalt zeigte ſich in dieſem Augen⸗ blick wie voͤllig blutlos; ihr Mund oͤffnete ſich ein wenig, und ſie athmete eine Minute lang mit Anſtrengung, worauf ein allgemeines Zit⸗ tern ſie ergriff, und ſchnell aufſtehend, wankte ſte aus dem Zimmer, mit den leiſen Wor⸗ ten:—„Ein wenig Schwindel— verzeihen ſie mir— oft ſo.“ Ohne ſich mit Entſchul⸗ digungen aufzuhalten, eilte ihre Mutter ihr nach. Mrs. Valency ſtand ſogleich auf, und mit etwas ſtrengem Ton ſagte ſie zu dem Ad⸗ miral— „Jetzt, glaube ich, ſind ſie doch bereit zu gehen?“ Er erwiederte nichts, ſondern folgte ihr aus dem Hauſe; und waͤhrend des Wegs nach ihrer Wohnung blieb er mit dem Major zu⸗ 78 ruͤck, den er nun mit vieler Herzlichkeit be⸗ handelte. Als ſie nicht gehoͤrt werden konnten, ſagte Mrs. Valency zu ihrer Tochter:„Das arme Maͤdchen!— wie ſie eben ſo heiter ſprach, und ſich bemuͤhte, ihre Gefuͤhle zu unter⸗ drücken— ſo ploͤtzlich, und ſo ſchmerzlich be⸗ ruͤhrt zu werden— zu erfahren, daß der un⸗ wuͤrdige Mann, deſſen Rame ſte ohne Zweifel mit Entſetzen erfuͤllte, bald in ihre Naͤhe kom⸗ men wuͤrde.— O! es war grauſam! ich kann es dem Admiral nicht vergeben!“ Honoria be⸗ deckte ihre Augen ſchnell mit der Hand, ſprach aber nicht, denn ſie fuͤhlte ſich ſo durch den Gedanken an die Leiden der ungluͤcklichen jun⸗ gen Lady bewegt, daß ihr das Herz ganz voll war. Der Major wuͤnſchte ihnen an der Thuͤr ihres Hauſes guten Morgen, und ſchweigend — gingen ſie alle in das Zimmer, wo Ella ſich befand, aͤngſtlich ihre Nittths⸗ doch kaum ſo bald erwartend. Ihr erſter Anblick uͤberzeugte ſie, daß et⸗ was beſonderes vorgefallen war, und ſie fragte 79 durch Blicke, obwohl ſie nicht ſprach. Den⸗ noch ſchien niemand geneigt, ihr zu antworten, ſo gut ſie auch verſtanden ward, und man ſetzte ſich, den Admiral ausgenommen, in tie⸗ fem Schweigen mit einer Art von Bangigkeit nieder. Mrs. Valency konnte in dieſem Augen⸗ blick ihren Unwillen gegen den Admiral nicht ſo weit uͤberwinden, um das Vorgefallne auf eine ihm angenehme Weiſe erzaͤhlen zu koͤnnen; daher hielt ſie in ſeiner Gegenwart ihre Zunge im Zaum. Er ſchien ihre Selbſtbeherrſchung auf die Probe ſetzen zu wollen, denn er zeigte keine Neigung, das Zimmer zu verlaſſen, wel⸗ ches er mit ſchnellen Schritten durchging. Er machte dabei die furchtbarſten Geſichter, durch die er allezeit die Bewegung ſeines Gemuͤths andeutete ſowohl als durch ſein ſchnelles Umwen⸗ den, ehe er das Ende des Zimmers erreicht hatte, als wenn er ſich auf die Graͤnzen ei⸗ nes Oberlofs beſchraͤnkt glaubte, wo einige Hin⸗ derniſſe ſeinen Gang uͤber einen gewiſſen Raum unterbrachen. Honoria, welche dieſe Scene 80 nicht ſobald für geendet hielt, gab ihrer Schwe⸗ ſter ein Zeichen, ſich mit ihr zu entfernen, um ihrer Ungewißheit ein Ziel zu ſetzen; allein in dieſem Augenblick blieb der Admiral vor Ella ſtehen, und nach mannichfachen ſchrecklichen Ver⸗ drehungen ſeiner Zuͤge ſagte er mit einem Ton, welchem lange Unterdruͤckung eine Art von Staͤrke ertheilt zu haben ſchien: „Sir Franz Heathcoln iſt ein Nichtswuͤr⸗ diger geh', endige deinen Brief an ihn, und laß es den letzten ſeyn, den du an einen Mann ſchreibſt, d der eine Schande ſeines Geſchlechts iſt.“ Die Damen verließen das Zimmer gemein⸗ ſchaftlich, und der Admiral hielt ein Selbſtge⸗ ſpraͤch, das einer Leichenrede ſeiner Freund⸗ ſchaft fuͤr den Baronet ſehr aͤhnlich war. Sein Herz konnte dem Anblick des Eindrucks nicht widerſtehen, welchen die Erwaͤhnung des Ba⸗ ronets ſo deutlich auf Miß Melville gemacht hatte; der alte Herr fuͤhlte ſich aufrichtig uͤber die Folgen ſeiner Worte beunruhigt, und machte ſich ſtrenge Vorwuͤrfe, ſo leichtſinnig — 81 das bekuͤmmerte Herz verwundet zu haben, das nun außer Zweifel Sir Franz geweiht war. Mit einmal gaͤnzlich erregtem Gefuͤhl ward er fuͤr die Ueberzeugung offen, und legte al⸗ lem, was der Major erzaͤhlt hatte, vollen Glauben bei; er zuͤrnte mit ſich ſelbſt, und fuͤhlte, daß etwas zur Suͤhnung gethan wer⸗ den muͤſſe, und ergriff daher zuerſt die Gele⸗ genheit, den Major zu verſoͤhnen, gegen den ſeine Hoͤflichkeit ſehr ruͤckſtaͤndig war. Nach⸗ dem er ihn dringend zum Mittagseſſen eingela⸗ den hatte, fuͤhlte er ſich etwas zufriedener mit ſich ſelbſt, und uͤberlegte mit einiger Verlegen⸗ heit, wie er auf einmal den gaͤnzlichen Wechſel ſei⸗ ner Empfindungen gegen Sir Franz bekennen ſoll⸗ te; und nach heftigem Kampf zwiſchen dem Widerſtreben, anzudeuten, daß er ſich geirrt habe, und einem Verlangen, zu geſtehen, daß er ſich der Ueberzengung unterworfen, aͤußerte er endlich ſeine Meinung in jenen heftigen Worten gegen Ella. GuerillaAnf. I. 4 6 Sie ward bald mit der unangenehmen Veranlaſſung, die ſo ſchnell den Beſuch bei Mrs. Meloille endete, bekannt. Außer den Wirkungen, die es auf Miß Melville hat⸗ te, beſorgte Ella, die Furcht vor des Baronets Ruͤckkehr werde ſie zur eiligen Entfernung von Weymouth bewegen, und ſie des Vortheils be⸗ rauben, den ſie vielleicht von einem dortigen Auf⸗ enthalt gehabt haͤtte; waͤhrend nach allem Sir Franz wahrſcheinlich nicht wieder zuruͤckkommen wuͤrde. Ella's erſter Wunſch war jetzt, ſie zu troͤſten und zu beruhigen, und ſie glaubte, wenn ihr dieß gelang, dadurch am wirkſamſten den Ein⸗ druck ihrer eignen getaͤuſchten Erwartungen zu vernichten. Doch es war ſchwierig die Schei⸗ dewand zu entfernen, welche Vorſicht und Zu⸗ ruͤckhaltung zwiſchen neuen Bekanntſchaften her⸗ vorbringen, oder auf einmal jenen Grad ver⸗ trauten Umgangs zu bewirken, durch welchen Miß Melville allein Vergnuͤgen von ihrer Ge⸗ ſellſchaft erhalten konnte. Mrs. Valency ſchilderte die Mutter als —— 83 eine Perſon von leichter Umgaͤnglichkeit, und ſte beſchloß mit Ella, noch dieſen Abend an ih⸗ rer Thuͤr nach dem Befinden der Tochter zu fragen, wo vielleicht, wenn ſie Zutritt erhiel⸗ ten, der lebhafte Antheil an Miß Melville eine ſchnelle Bekanntſchaft unter ihnen bewir⸗ ken koͤnnte. Waͤhrend der Zeit vollendete Ella folgenden Brief an Sir Franz, ohne ihn mit ihren Thraͤnen benetzt zu haben, obwohl manch tiefer Seufzer ihre Bruſt hob, und der duͤſtre Ausdruck getaͤuſchter Hoffnung ihre Zuͤge um⸗ huͤllte. „Mich auf die Art an Sie zu wenden, zu der ich mich genoͤthigt ſehe, iſt meinen Gefuͤh⸗ len wahrhaft widerſtreitend, um ſo mehr, da ich weiß, daß der gaͤnzlich unerwartete Inhalt mmeines Briefs jedem Ausdruck mehr Schaͤrfe ertheilen muß. Taͤuſchung zu einer Zeit zu erfah⸗ ren, wo Hoffnung und Vorgenuß ihre Hoͤhe erreichten, iſt ſchon an ſich eine der haͤrteſten Strafen, die auferlegt werden koͤnnen. Ich bekenne offen, wenn es Ihnen zum Troſt ge⸗ 6* 84 reichen kann, daß ich mit dieſen Gefuͤhlen uͤber⸗ einſtimmez aber, Dank ſei es dem Himmel! ohne durch das Bewußtſeyn, ſie verdient zu haben, zu ihrer Vermehrung beizutragen. Ich will Sie nicht laͤnger in Ungewißheit laſſen; ſondern da ich Sie einigermaßen auf das fol⸗ gende vorbereitet zu haben glaube, es ohne weiteres erwaͤhnen. Vielleicht brauche ich nur zu ſagen, daß wir Bekanntſchaft mit Mrs. und Miß Melville gemacht haben(die den Tag nach Ihrer Abreiſe ankamen), um bei Ihnen eine Vermuthung alles deſſen zu erregen, was ich ſagen wollte! Der Name Eliſabeth Mel⸗ ville, welchen ich mir vollkommen als Un⸗ terſchrift einiger mir von Ihnen gezeigten Briefe erinnerte, ſiel mir ſogleich auf, und die Bewegung, die ſie bei Nennung Ihres Na⸗ mens verrieth, bewies nur zu deutlich, daß ſie nicht von Ihnen dachte, wie ſie ſollte. Ich will nicht bei dieſem delicaten Gegenſtand verweilen; es wird hinreichend ſeyn zu ſagen, daß mir Miß Melville in einem ſterbenden Zuſtand er⸗ 85 ſcheint. Ich kann mich irren; allein ich wollte lieber ſelbſt ſterben, als an irgend einer Hand⸗ lung Theil nehmen, die ihren Tod beſchleu⸗ nigte.] Indeſſen bin ich hierin auf keine Weiſe uneigennuͤtzig; denn ich wuͤrde alles Un⸗ gemach, was ohne Zweifel erfolgte, fuͤr wohl verdient halten, wenn ich mich verſucht fuͤh⸗ len koͤnnte, meine Ruhe einem Manne anzu⸗ vertrauen, der fuͤr das auf ihm beruhende Gluͤck ſo gaͤnzlich unbekuͤmmert war. Ich habe kein Bedenken getragen, Ihnen oft zu geſtehen, daß ich in den erſten Zeiten unſerer Bekanntſchaft keine ſehr guͤnſtige MMeinung von Ihnen hegte, wegen des Charakters der Eitelkeit und Un⸗ beſtaͤndigkeit, den man Ihnen beilegte. Jedoch Ihr unzweideutiges Betragen in Bezug der Verbindung, die Sie mit meiner Familie ſuchten, bewog mich, die Geruͤchte zu Ihrem Nachtheil nicht zu achten, und in der Unvorſichtigkeit, oder in dem Leichtſinn einiger Perſonen mei⸗ nes eignen Geſchlechts eine Entſchuldigung fuͤr die Befriedigung Ihrer Eitelkeit auf deren 86 Unkoſten zu ſuchen. Wie verſchieden wuͤrde ich dieſen Gegenſtand betrachtet— wie ver⸗ ſchieden gehandelt haben, haͤtte ich Sie nur auf Augenblicke fuͤr einen jener ſelbſtſuͤchtigen, fuͤhl⸗ loſen Maͤnner ohne Grundſaͤtze halten koͤnnen, die ich immer ſo beſonders verabſcheute: welche die Neigung der Jugend und Uunerfahrenheit nur ſuchen, um ihrer zu ſpotten⸗ und die zaͤrt⸗ lichen Gefuͤhle des Herzens nur zu erregen ſtreben, um ſie ihrer Eitelkeit zum Opfer zu bringen. Ich weiß dieſe Schilderung nicht zu mildern, damit ich Sie mit Nachſicht betrach⸗ ten koͤnnte, denn es giebt, nach meiner Anſicht, ſehr wenig Vergehungen einer ſchwaͤrzern Art, als die, worauf ich hindeute; ja, es werden viele, den Geſetzen nach, mit Verbannung, Schande und ſelbſt dem Tode beſtraft, die we⸗ niger uͤble Folgen, und weit verzeihlichere Be⸗ weggruͤnde haben. Meine Worte koͤnnen hart ſcheinen, aber ſie druͤcken nur meine Gefuͤhle aus. Was verdient der Mann, welcher ab⸗ ſichtlich durch eine Reihe Bemuͤhungen ſich 87 Liebe zu erwerben ſucht, um die Schmerzen der Taͤuſchung zu verurſachen? Herzensangelegen⸗ heiten werden in der Sprache der Welt leicht behandelt, verlacht, und gewoͤhnlich als von wenig Folgen und ooruͤbergehender Wirkung angeſehen; allein man frage Perſonen in ihrem Alter, die in ihrer Jugend eine unglüͤckliche Liebe erfuhren, ob ſie je in einer folgenden Periode, unter allen Zufaͤllen ihres Lebens, ei⸗ nen Schmerz erduldeten, der ſo bitter, ſo hef⸗ tig, ſo hoffnungslos als jener war, welchen ihnen getaͤuſchte Zaͤrtlichkeit verurſachte. Sie würden mit Grauen von einem Tyrannen re⸗ den, der koͤrperliche Qualen auferlegte, die verhaͤltnißmaͤßig kurz, und bald mit dem Leben geendet ſind; dennoch konnten Sie— ja Sie Monate und Jahre fortgeſetzter Leiden be⸗ wirken, ſowohl koͤrperliche als geiſtige, einen langſamen Tod, und zunehmende Jerſtoͤrung des Weſens herbeifuͤhrend, das einen ſolchen Kampf nicht mehr auszuhalten vermochte.“ „Moͤge der Himmel Miß M— ihre Ge⸗ 88 ſundheit wiedergeben, und Ihnen die Reue er⸗ ſparen, die ihr Tod Ihnen verurſachen muͤßte; ſie ſoll in Zukunft meine erwaͤhlte Freundin, und wenn ich ſie bewegen kann, meine oͤftere Gefaͤhrtin ſeyn. Nach dem, was ich Ihnen jetzt geſagt habe, und wovon ich, in frommer Hoff⸗ nung, einigen Einfluß auf Ihr Betragen gegen mein Geſchlecht erwarte, iſt es unnoͤthig, ei⸗ nen Entſchluß zu wiederholen, der unwider⸗ ruflich iſt— wir ſehen uns nur als entfernte Bekannte wieder. Unternehmen Sie nicht, mich aufzuſuchen, denn ich will mich nicht dem Kum⸗ mer einer Unterhaltung ausſetzen; Ihre Gegen⸗ wart und Ihre Vorſtellungen werden nie mei⸗ nen Vorſatz aͤndern; und alles, was ich von Ih⸗ nen begehre, iſt, mich mit jedem Anliegen zu verſchonen, da ich aufrichtig wuͤnſche, nie wie⸗ der etwas von Ihnen zu ſehen oder zu hoͤren. Beſchuldigen Sie mich nicht der Grauſamkeit, oder eines Mangels an Gefuͤhl, ſondern jeder Schmerz, den Sie bei dieſer Gelegenheit em⸗ pfinden duͤrften, erinnere Sie an die weit groͤ 89 ßern Leiden, die Sie vielleicht vielen Perſo⸗ nen und einer davon ſelbſt bis zum Tod verurſach⸗ ten. Ich habe nur noch hinzuzuſetzen, daß meine Freunde gaͤnzlich den Schritt, den ich Lerhan habe, billigen.“ Ella fuͤhlte ihr Herz von einer Laſt be⸗ freit, als ſie dieſen Brief geendet hatte, ob⸗ wohl dieß Herz nichts weniger als leicht war; und wenn ſie dem Drange ihrer Gefuͤhle nach⸗ gegeben haͤtte, ſo wuͤrde ſie ſich der Trauer und dem Schmerze uͤberlaſſen haben. Allein jede Stimme ihres Innern unterdruͤckte ſie durch die Erwaͤgung, daß in Wahrheit nichts bei dem Verluſt eines Mannes, wie der Ba⸗ ronet, zu beklagen ſei; und konnte ſie ſich nur zu einer wahren Anſicht der Dinge bewegen, ſo ge⸗ waͤhrte die Aufloͤſung einer ſolchen Verbindung nur einen Grund ſich zu erfreuen. Es war ihr nicht unangenehm, daß Ma⸗ jor Burlington zum Mittagseſſen kam, da die Gegenwart eines Gaſtes den Truͤbſinn, der die Familie unter dieſen Verhaͤltniſſen wahr⸗ 90 ſcheinlich beherrſchte, zu zerſtreuen diente; und ſie fuͤhlte, ſich beſonders angeregt, jeden An⸗ ſchein von Niedergeſchlagenheit zu uͤberwinden, deſſen Veranlaſſung der Major ohne Zweifel dem Baronet beigelegt haben wuͤrde. Ella er⸗ ſchien mit ruhigem, obwohl nicht laͤchelndem Ausdruck. Anſtatt durch irgend ein Zeichen der Theilnahme den wohlgekannten Schmerz, den ſie empfinden mußte, zu naͤhren, boten Mutter und Schweſter alles auf, ein heiteres Anſehen zu behaupten, und unterſtuͤtzten ſie dadurch ſehr in der Ausfuͤhrung ihres Vor⸗ habens. Auch der Admiral ſchien begierig, den Major zu uͤberzeugen, daß er verbindlich ſeyn koͤnne, und war eben ſo bemuͤht, den heim⸗ lichen Groll zu entfernen, den er in Mrs. Va⸗ lency's Betragen gegen ſich entdeckte. Major Burlington war gewoͤhn lich angenehm, und bedurfte keiner Bemuͤhung, ſein Betragen der Stimmung der Geſellſchaft anzupaſſen. In⸗ dem er auf ihre Guͤte waͤhrend ſeiner Krank⸗ heit deutete, ſagte er, daß er jetzt faſt ge⸗ 91 neigt ſei, mit ihnen zu zuͤrnen, ihn ſobald geſund gemacht zu haben, da er nun keinen längern Vorwand zu dem Aufenthalt in Wey⸗ mouth haͤtte, welches er mit dem groͤßten Be⸗ dauern verlaſſen werde. Mrs. Valency rieth ihm, noch nicht ſobald an die Abreiſe zu den⸗ ken, worauf er erwiederte, daß er noch einige Tage zu bleiben gedenke, ſie muͤßte ihn denn aus ihrem Hauſe verbannen, wo er ſich ohne Zweifel ſtark genug finden duͤrfte, um ſogleich abzureiſen. Der Admiral erklaͤrte es fuͤr weiſe, wenn ſie dieſe Maßregel ergriffen, da ſie ih⸗ ren Verluſt weniger empfinden wuͤrden, als wenn der Major, nachdem er laͤngere Zeit ein Mitglied ihrer Geſellſchaft geweſen waͤre, ſich entfernte. Dieſe gegenſeitige Hoͤflichkeit erregte gegenſeitiges Wohlwollen, welches die Par⸗ teien mit jedem Augenblick zufriedner mit ein⸗ ander machte. Die Damen entfernten ſich un⸗ gern, aber der Admiral freute ſich, als ihre Abweſenheit ihm Gelegenheit gab, uͤber einen 92 Gegenſtand zu ſprechen, den er ſo gern be⸗ ruͤhren wollte. Er hegte ſehr die Beſorgniß⸗ der Major moͤchte glauben, Sir Franz habe mit einer ſeiner Nichten(wie er ſich ausdruͤck⸗ te) Narrenspoſſen getrieben. Dieß warf nach ſeiner Meinung einen großen Schimpf auf ihn, da er ſich als ihren Beſchuͤtzer betrachte⸗ te; und ſo alt er war, wuͤrde er nicht ange⸗ ſtanden haben, jeden, der ſich unziemlich gegen ſie betragen haͤtte, mit ſeinem Leben dafuͤr verantwortlich zu machen. Auch befuͤrchtete er⸗ die Welt werde im Allgemeinen zu Anmerkun⸗ gen uͤber ihn geneigt ſeyn, wenn man die Ver⸗ bindung ſo ploͤtzlich abgebrochen fand, und es, nach des Baronets bekanntem Charakter, der Unbeſtaͤndigkeit ſeiner Laune beilegen. Er be⸗ ſchloß daher, aus den Verhaͤltniſſen der Sache kein Geheimniß zu machen. Gegen den Ma⸗ jor fuͤhlte er ſich um ſo mehr dazu aufge⸗ fordert, ohne Ruͤckhalt zu ſprechen, da durch ihn des Baronets wahrer Charakter ihnen ent⸗ huͤllt ward. Er begann das Geſpraͤch uͤber die⸗ 93 ſen Gegenſtand faſt abgebrochen mitl einem Lob auf Miß Valency, indem er aͤußerte, daß ſie eine Großmuth und eine Selbſtbeherrſchung gezeigt habe, die ſie ihm theurer als je mache. Er ſprach hierauf von des Baronets Neigung zu ihr, verweilte bei der offnen und ehrenvol⸗ len Art ſeiner Erklaͤrung, und ſotzte hinzu, daß die Verbindung ſogleich nach ihrer Ruͤckkehr haͤtte vollzogen werden ſollen; und dennoch habe Miß Valency, mit einer Entſchloſſenheit, die ihr zur hoͤchſten Ehre gereiche, ſobald ſie des Baronets wahren Charakter kennen lernte, auf einmal den Vorſatz gefaßt, das Verhaͤlt⸗ niß abzubrechen, und bereits einen Brief deß⸗ halb geſchrieben. „Und was vorzuͤglich das Opfer erhoͤht,“ fuhr er fort,„iſt die aufrichtige Neigung, die meine Nichte fuͤr den Baronet empfand; auf andere Weiſe wuͤrde ich nie eingewilligt haben, ſich mit ihm zu verbinden; und die Standhaf⸗ tigkeit, mit der ſie ihre getaͤuſchte Hoffnung ertraͤgt, iſt wahrhaft bewundrungswuͤrdig. 2 Der Major verharrte einige Minuten in gedankenvollem Schweigen; er erwog, daß er ſehr angeſtanden haben würde, ſich uͤber dieſen Gegenſtand zu erklaͤren, wenn er mit den wirk⸗ lich ernſten Abſichten des Baronets bekannt geweſen waͤre: dennoch fuͤhlte er ſich bald mit dem was er gethan hatte zufrieden, und ſagte: „Ich kann es nicht bereuen, Miß Va⸗ lency mit dem wahren Charakter des Barons bekannt gemacht zu haben: denn obgleich ſie keinen Grund uͤber ſeine Unbeſtaͤndigkeit zu kla⸗ gen hat, ſo halte ich ihn doch in anderer Ruͤck⸗ ſicht, nicht fuͤr den Mann, der eine ſolche Frau gluͤcklich machen koͤnnte.“ „Ich glaube,“ entgegnete der Admiral, „ſie iſt ihnen fuͤr immer verpflichtet. Ich habe genug geſehen, um mich zu uͤberzeugen, daß er ein Mann ohne Gefuͤhl, Ehre oder Grund⸗ ſaͤtze iſt. Ich bin nicht ſtreng in Liebesangele⸗ genheiten, die gewoͤhnlich nur auf eine Ver⸗ einigung von Unſinn hinauslaufen, Coquetterie — —— 95 auf der einen und Leichtglaͤnbigkeit auf der andern Seite; wenn ſie aber das Gluͤck und vielleicht das Leben der Perſonen in Gefahr ſetzen, dann verdienen ſie in einem ſehr ernſten Licht betrachtet zu werden.“ 1 „Ich bekenne aufrichtig,“ ſagte der Ma⸗ jor,„daß mir Sir Franz unter allen Maͤn⸗ nern am wenigſten gefaͤllt; da aber nie ein Streit zwiſchen uns Statt fand, der den Vor⸗ wand zu einem offenbaren Bruch dargeboten haͤtte, blieb ich immer auf dem Fuße eines Be⸗ kannten mit ihm, weil ich ihn nicht beleidigen wollte. Aber mein Bruder, deſſen hoher un⸗ abhaͤngiger Geiſt ſich nicht den Zwang anthun will, gegen einen Mann, den er verachtet, auch nur hoͤflich zu ſcheinen, ſucht nie zu verbergen, was ier von dem Baronet denkt, obgleich dieſer vorgeblich gut mit ihm zu ſte⸗ hen wuͤnſcht; und wenn ſich ihre Augen zu⸗ faͤlig begegnen, hat er immer eine Verbeu⸗ gung fuͤr ihn bereit.— Allein es iſt etwas in Spencers Erſcheinung, was Achtung und. 96 Ehrerbietung, ſelbſt in ſeinem aͤrgſten Feind erregt, und jeder ehrliebende Mann wunſch ihn zum Freund zu beſitzen. 2 „Sie ſind dieſem Bruder ganz und gar nicht geneigt,“ ſagte der Admiral lachend. „Spencer Burlington iſt der erſte Mann in der Welt in ſeines Bruders Achtung,“ entgegnete der Major im Tone des Enthuſtas⸗ mus aus der Waͤrme natürlicher Zuneigung entſpringend. Waͤhrend dieß Geſpraͤch zwiſchen den Her⸗ ren gefuͤhrt ward, begab ſich Mrs. Valency mit Ella nach Melville's Wohnung. Bei ihrer Ankunft daſelbſt ſandten ſie eine Erkundigung nach Miß Melville hinauf, worauf die Mut⸗ ter die Treppen hinabgelaufen kam, ſie herein⸗ zukommen nöthigte, und ihren Dank fuͤr die Theilnahme an ihrer Tochter aͤußerte, die, wie ſie verſicherte, beſſer ſei. Die arme Mrs. Melpoille befand ſie jetzt in jenem Zuſtande, wo wir am begierigſten ſind, unſer Herz irgend einem mitleidigen Ohr zu enthuͤllen, und wo 97 der Anblick eines theilnehmenden Geſichts hoͤchſt willkommen iſt. Sie war ſeit dem Mor⸗ gen in das Zimmer ihrer Tochter eingeſchloſ⸗ ſen, und die ganze Zeit mit dem Geſpraͤch uͤber die unangenehmſten Gegenſtaͤnde beſchaͤf⸗ tigt geweſen; denn ſprechen mußte ſie, wo ſie auch war; nicht konnte ſie in ihrer gewohn⸗ ten Geſpraͤchigkeit etwas lange auf dem Her⸗ zen behalten. Sie war die unpaſſendſte Perſon in der Welt, ihre Tochter in der Bemuͤhung zu unterſtuͤtzen, ihre Gefuͤhle zu uͤberwinden, und das zu bezwin⸗ gen, was ihre reifere Vernunft ihr als Schwaͤ⸗ che darſtellte. Allein durch eine unverſtaͤndige „Uebereinſtimmung mit Empfindungen, die ſie in ihrer Lage fuͤr natuͤrlich hielt, erneuerte die beſtaͤndige Erwaͤhnung von Scenen, die man zu vergeſſen wuͤnſchte, die Erinnerung des Vergan⸗ genen, und erweckte jedes damit verbundene Gefuͤhl, waͤhrend ſie nur in alle Gedanken ih⸗ rer Tochter uͤber dieſen Gegenſtand einzugehen glaubte. Miß Melville hatte ſie ſehr ernſtlich Guerilla⸗Anf. I. 7. 98 gebeten, dieſen Tag den Baronet nicht mehr zum Inhalt des Geſpraͤchs zu machen, welches ſie bereitwillig einging; auch handelte ſie nicht ſo leicht dagegen, wenn ſie es einmal ihrer Toch⸗ ter fuͤr mißfaͤllig hielt. Allein kaum hatte ſie mit Mrs. Valency und Ella Platz genommen, als ſie ihr Bedauern zu erkennen gab, die Zeit ihres Aufenthalts in Weymouth nicht ſo weit ausdehnen zu koͤnnen, wie ſie Anfangs wollten; wirklich glaube ſie in einigen Tagen abzureiſen, denn— denn— Sie wuͤnſchte zu erzaͤhlen, gedachte aber, daß ſie das verſchweigen ſollte, was ſie zu ſagen verlangte, und Mrs. Valency außer⸗ te, wie leid ihr die Wahrſcheinlichkeit ihrer Abreiſe ſei, hinzuſetzend:„Alles verlaͤßt Wey⸗ mouth; ich glaube Sir Franz, eine angenehme Bekanntſchaft von uns, reiſ'te nur vor ein Paar Tagen, und ich zweiſle ſehr an ſeiner Rückkehr.“ „In der That!“ rief Mrs. Melville leb⸗ haft,„dann, wirklich das verändert die Sache. Ich wünſchte gewiß Weymouth auf 99 keine Weiſe zu verlaſſen, wenn wir's vermei⸗ den koͤnnenz doch die Wahrheit iſt, liebe Ma⸗ dame, Sir Franz hat ſich vormals um meine Tochter beworben, wo ſie ihn ausſchlug, und ſeitdem ſind ihre Gefuͤhle uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand ſo zart, daß ſie den Gedanken, ihm zu begegnen, nicht ertragen kann, da es natuͤr⸗ lich fuͤr ihn ſehr demuͤthigend feyn wuͤrde, und es daher auf alle Faͤlle beſſer iſt, ihn zu ver⸗ meiden.“ „Unſtreitig, und vielleicht fuͤhlte ſich Sir Franz ſehr unbehaglich dabei“— „Ol es waͤre ſicher das letzte, was er in der Welt verlangte,“— ſiel Mrs. Mel⸗ ville ein,—„wenn er nur unſer Hierſeyn wuͤßte, ſo wuͤrde ich nicht die kleinſte Furcht wegen ſeiner Ruͤckkehr hegen. „Dann glaube ich, koͤnnen ſte vollkommen ruhig ſeyn; denn ich weiß eine Perſon, die an Sir Franz ſchreibt und ihm bereits geſagt hat, daß ſie hier ſind.“ 1 „Eil ich bin ſehr erfreut; ganz entzuͤckt; 2* 100 und Eliſabeth, und der gute Mr. Geantly werden ſich freuen, daß wir hier in Ruhe bleiben koͤnnen.“ Da Mes. Valency nun alles von dem Ba⸗ ronet geſagt hatte, was ſie wuͤnſchte, und die geſpraͤchige Dame nicht zu Mittheilungen auf⸗ muntern wollte, die ſie vielleicht nachher be⸗ reut haͤtte, ſo ſtand ſie auf, ſich zu entfernen; allein Mrs. Melville bat ſie zu bleiben, bis ſie ihrer Tochter geſagt, wer da ſei, hinzufuͤgend⸗ daß die Nachricht, die ſie ihr zu geben habe, ſie gewiß um vieles beſſer machen werde; denn allein der Gedanke, ſogleich wieder fortzueilen, habe ſie ganz niedergedruͤckt. Ella ſchien geneigt zu bleiben, und Mrs. Valency gab den lauten Bitten der guten Lady nach, und obgleich nur wenig Mi⸗ nuten vergingen, ehe ſie wieder erſchien, ſo hatte ſie doch in dieſer Zeit ihrer Tochter al⸗ les, was ſie von Mrs. Valency hoͤrte, mitge⸗ cheikt. Es war für Eliſabeth eine wahre Quelle des Troſtes, die nun beſchloß, keine Gelegen⸗ —ę—ÿ—ͦ—‧—Y—P—P2.:—:·— 101 heit zu Bekaͤmpfung ihrer Gefuͤhle zu verfaͤu⸗ men, und Ella ſah ſie mit Erſtaunen und Freude ins Zimmer treten. Miß Valency folgte nur den Eingebungen ihres Herzens, als ſie. ſich den Augen der trauernden Eliſabeth hoͤchſt liebenswuͤrdig zeigte, die ganz entzückt von ihr war, und nie eine Perſon geſehen zu ha⸗ ben glaubte, der ſie ihr Vertrauen ſo bereit⸗ willig geſtatten koͤnne. Sie tadelte ſich wegen der unguͤnſtigen Meinung, die ſie von ihr beim erſten Zuſammentreffen zu faſſen geneigt war, und vielleicht ward nie in einem Beſuch ein groͤßrer Fortſchritt zu kuͤnftiger Vertraulichkeit gemacht, als bei dieſer Gelegenheit. Ella fuͤhlte ſich weit weniger ungluͤcklich, nachdem ſie Miß Melville geſehen hatte; denn ſie hielt dieſelbe nicht fuͤr ſo kraftlos, als ihr 4 Ausſehn andeutete, und ſie hatte recht. Im⸗ merwaͤhrende Unruhe, und die oͤftern Ruͤckfaͤlle von Krankheit hatten Eliſabeths Farbe ge⸗ bleicht, und ihrer Geſtalt die Fuͤlle der Ju⸗ gend geraubt; allein ihr Weſen widerſtand noch und nachdem ſie einmal die harte Pruͤfung in dem Entſchluß, den Baronet aufzugeben, uͤber⸗ ſtanden hatte, erhielt ſie nach und nach mehr Staͤrke. Die Hoffnung war verſchwunden, jede Ungewißheit geendet, und ſie hatte jetzt nur ruhig zu ertragen; und dieß glaubte ſie nur fuͤr einige Zeit; denn da Vernunft einmal die Herrſchaft erhalten hatte, ſo verringerte ſich ihr Kummer mit jedem Verſuch, ihn zu beſiegen. Bereitwillig nahm ſie den Vorſchlag ihrer Mut⸗ ter, nach Weymouth zu gehen, an, die Veraͤnderung der Luft und Gegenſtände wirkte hoͤchſt guͤnſtig auf ihren Geiſt, und ſie war eben wieder für den Genuß empfaͤnglich, als die ungluͤckliche Nachricht von des Baronets Ruͤckkehr nach Weymouth ihr Weſen mit ei⸗ nem kalten Schauer durchdrang, und ſie ver⸗ gebens, ſich zu erholen, oder ihr Schrecken zu verbergen ſuchte. Dennoch wuͤrde es ihr nicht ſo gaͤnzlich mißlungen ſeyn, wenn nicht ihre Mutter ſo entſetzt ausgeſehen haͤtte, wel⸗ immer den wiederholten Angriffen auf daſſelbe, 103 ches ſie von allen Anweſenden bemerkt glaubte, und dieſer Gedanke vollendete ihre Unruhe. Sobald ſie allein waren, ſchlug ihre Mutter vor, Weymouth ungeſäumt wieder zu verlaſſen. Eliſabeth fuͤhlte, daß ſie ſich noch nicht in je⸗ ner Stimmung des Gemuͤths befand, wo ſie den gelegentlichen Anblick des Baronets ertra⸗ gen zu koͤnnen glaubte, und auf einige Stun⸗ den kehrte all ihr Ungluͤck bei dem Gedanken zuruͤck, daß dieſer unwuͤrdige Mann beſtimmt ſei, wie ein boͤſer Geiſt, immer ihren Weg zu durchkreuzen, und alle ihre Plane der Ruhe zu unterbrechen. Ihre zweite Zuſammenkunft mit der Familie Valency uͤberzeugte ſie indeſ⸗ ſen von der Grundloſigkeit ihrer Befuͤrchtun⸗ gen, da ſich Sir Franz, ihrer Ueberzeugung nach, nicht der Gefahr ausſetzen werde, ſie zu ſehen; denn ſie wußte von keiner beſondern Veranlaſſung, die ihn zur Ruͤckkehr nach Wey⸗ mouth auffordern konnte. Von neuem uͤberließ ſie ſich nun dem Vor⸗ genuß der Ruhe, und ſchmeichelte ſich mit der 103 Hoffnung, in dem Umgang mit Mrs. Valeney und ihren Toͤchtern viel Vergnuͤgen zu finden. Dieſe Erwartung beſtaͤtigte ſich um ſo mehr, da ſie am folgenden Tag zu einer Spazierfahrt von ihnen abgeholt ward; und ſo lange ſie bei ihnen war, thaten ſie alles fuͤr ihre Unterhal⸗ tung, nicht allein durch ein lebhaftes Geſpraͤch, ſondern auch, indem ſie mit ihr von Ort zu Ort fuhren, um alles zu zeigen, was ihr Ver⸗ gnuͤgen machen konnte. Ein Laͤcheln des Bei⸗ falls, das um ihren Mund ſpielte, und eine ſchwache Noͤthe auf ihren Wagen belohnten ſie reichlich. Sie ward mit ihrer Mutter ein⸗ geladen, den naͤchſten Tag bei Mrs. Valency zuzubringen, und der Admiral, der Mr. Geantly einen Beſuch gemacht hatte, bat dieſen, ſie zu begleiten. Major Burlington und die beiden Irby's waren gleichfalls von der Partie. Ella fand in einer naͤhern Bekanntſchaft mit Miß Melville allen Troſt, den ſie erwartet harte, und wenn in ihrer Bruſt ein uneuhiges Gefuͤhl ſich erhob, dachte ſie an Eliſabeths 105 Kummer, und der ihrige erſchien ihr dagegen gering. Und bei Erwaͤgung deſſen, was ſie gethan hatte, erhlelt bald Zufriedenheit mie ſich ſelbſt uͤber jede andere Empfindung die Oberhand, und neigte ſie zur Freude. Die zuruͤckkehrende Poſt brachte keinen Brief vom Baronet, und ſie ſchmeichelte ſich, daß er ihrem Verlangen gehorchen, und ſie nichts mehr von ihm hoͤren wuͤrde, und da ſie— das Schwere ihrer Pruͤfung voruͤber glaubte, ſo bereitete ſie ſich zu der Mittagsgeſellſchaft an dieſem Tag mit ziemlich guter Stimmung. Waͤhrend der Mahlzeit trug ſich nichts be⸗ ſonderes zu, wenn nicht, gleich andern außer⸗ ordentlichen Erſcheinungen, die ungeheure Maſſe von Speiſen erwaͤhnt zu werden verdient, die Jonathan zu ſich nahm. Er war ſowohl ein Gourmand als ein Schwelger, und ſo lecker in der Qualitaͤt als unmaͤßig in der Quantitäͤt ſeiner Mahlzeiten. Er glaubte, es ſei etwas weſentliches fuͤr den Charakter, den er zu be⸗ haupten wünſchte, einige Kenntniſſe in der 106 Kochkunſt vorzugeben, da er mehrere junge Maͤnner ihre Beredſamkeit uͤber dieſen belieb⸗ teſten Gegenſtand zeigen, und ſich als Kenner beweiſen hoͤrte; und Jonathan ſtrebte ſo ſehr, ihrem glaͤnzenden Beiſpiel zu folgen, daß er ſich oft geruͤhmt hatte, das Kochbuch ſei das einzige, welches er jemals geoͤffnet habe. So delicat auch ſeine Koſt bereitet war, fand er doch gewiß, gleichviel, an welcher Tafel er ſpeiſ'te, noch etwas daran auszuſetzen, und konnte ſehr feierlich die Abweſenheit des einzi⸗ gen beklagen 3 was er vermißte. Nachdem die Damen ſich entfernt hatten, fragte Mrs. Melville, wer der Herr ſei, der ſo bewundernswuͤrdigen Appetit habe. Mes. Valency befriedigte ſie uͤber dieſen Punkt, und ſetzte hinzu:„Mrs. Irby iſt unſere naͤchſte Nachbarin auf dem Lande, und wir ſtanden immer auf ſehr freundſchaftlichem Fuß. Ihr juͤngſter Sohn iſt ein ſehr gefaͤliger junger Mann, und ihre Tochter ziemlich gebildet; und um ihrer willen muͤſſen wir zuweilen die 107 Geſellſchaft des Bruders ertragen, der zu ei⸗ ner Gattung von Perſonen gehoͤrt, die ich nie in meinem Hauſe zu ſehen wuͤnſchte; denn er ſucht etwas darin, gemein zu ſeyn, und ich habe ihn noch niemals unterhaltend gefunden; dennoch traue ich ihm ein ſehr gutes Herz zu.“ „Ol natuͤrlich muͤſſen wir das von ihm glauben,“ ſagte Honoria,„dennoch beſitze ich nicht Guͤte genug, um gegen ſeine Geſell⸗ ſchaft duldſam zu ſeyn. „Gluͤcklicher Weiſe haben wir nicht viel davon,“ ſagte Ella;„denn wenn er ganz unertraͤglich wird, ſo giebt ihm der Oheim einen ſtrengen Verweis, welches ihn auf ein⸗ mal zum Schweigen bringt, und er bleibt zu⸗ weilen mehrere Monate lang weg.“ „ Ja, aber er kommt ſicher wieder, ohne auf die Ceremonie einer Einladung zu warten. Es iſt nicht ſo leicht, ſich von der Bekanntſchaft eines ſolchen Mannes zu befreien: ich wuͤnſchte er zoͤg' eine Lehre aus dem milden, artigen Betragen des Majors.“ 10 Honoria hatte des Majors erväͤhnt, und alle ſchienen bereit, in ſein Lob einzuſtimmen; doch Mrs. und Miß Meloille erklaͤrten ſeinen Bruder bei weitem fuͤr ſchoͤner. „Dennoch,“ fuhr Mrs. Melville fort, „hat er nichts von Eigenduͤnkel, nichts von einem Laffen; und wir koͤnnen dieß nicht von Spencer Burlington ſagen.“ „Ich weiß das nicht,“ ſagte ihre Toch⸗ ter;„wir haben, ſeitdem er erwachſen iſt, wenig von ihm geſehen; er hat uns laͤngere Zeit nicht beſucht, und obgleich ſein Gut in unſrer Naͤhe liegt, iſt er doch wenig da ge⸗ weſen.“ „Und wenn er da iſt,“ entgegnete Mrs. Melville,„beſchwert er uns nicht ſehr mit ſeiner Geſellſchaft; und du weißt, wir haben genug gehoͤrt von dem Anſehen, das er ſich giebt. 3 Ja, aber Mr. Geantly will die Wahr⸗ heit dieſer Beſchuldigung nicht zugeben; ob es mich gleich nicht wunderte, wenn er eitel oder 109 eingebildet waͤre; denn alle Damen in der Gegend machen ſo viel Weſens aus ihm.“ Ella konnte leicht errathen, wer zu Bur⸗ lingtons Nachtheil geſprochen hatte, und in ſeiner Abneigung, den Baronet zu treffen, fand ſie den Grund der unterlaßnen Beſuche bei Mrs. Mel⸗ ville. Als dieſe den Ort ihres Aufenthalts nann⸗ te, zeigte es ſich, daß er nur zwei Stationen von Mrs. Valenty's Wohnung entſernt lag. Nachdem die Herren wieder zur Geſellſchaft gekommen und der Thee voruͤber war, ſetzten ſich der Admiral, Mrs. Melville, Mrs. Va⸗ lency und Mr. Geantly zu einer Partie Whiſt. Der Major und Wilhelm Irby wuͤnſchten Mu⸗ ſik, und die jungen Damen waren ſehr bereit dazu; doch Jonathan wollte ein gemeinſchaft⸗ lich Spiel und ſetzte hinzu:„Schade dafuͤr! ich ſehe keinen Zeitvertreib in Widel dum und Widel dei, den ganzen Abend. „Wohl denn, ¹ ſagte Miß Valency,„wie waͤr's, wenn wir zuerſt ein wenig Muſik haͤtten, und dann ſpielten?“ 110 „Recht gut,“ ſagte Jonathan;„ aber ich bitte, laſſen ſie uns etwas beßres hoͤren; als Wang! Wang!“ ſetzte er gegen Honoria hinzu, die ihre Harfe ſtimmte. Die Muſik begann, doch Jonathan ſprach ſo nahe bei den Spielenden, daß man nichts beſtimmt hoͤren konnte, als ſeinen Unſinn. Vergebens baten die Herren ihn zu ſchweigen, worauf ſeine Blicke zuſaͤllig auf ein Riechflaͤſch⸗ chen ſielen, um welches Honoria vorher we⸗ gen der Hitze des Zimmers von ihm gebeten ward, das ſie ihm aber verweigert, und Miß Meloille gegeben hatte, die es achtlos auf das Inſtrument legte. Er ſchoß darauf zu, ergriff es mit ſeinen großen Fäuſten, und trug es im Triumph empor haltend, mit Springen wie ein Karrn⸗Gaul hinweg. Sein Geſchrei: Ich habe es! ich habe es! war ſo laut, daß es die Muſik unterbrach, und ſelbſt die Whiſt⸗ ſpieler, die im Nebenzimmer bei geoͤffneten Thuͤren ſaßen, ſtorte. Honoria fagte kein Wort bei Erblickung ihres Eigenthums in ſeinen Haͤn⸗ 11¹1 den, denn ſie wußte, es werde deſſen Schick⸗ ſal nur beſchleunigen; noch war ſie im gering⸗ ſten uͤberraſcht, als er das Flaͤſchchen am Ka⸗ min fallen ließ und es auf dem Marmor in unzaͤhlige Stuͤcken zerſprang. „Ei der tauſend! da habe ich es entzwei gebrochen⸗7 rief er, ein trauriges Ausſehn an⸗ nehmend. Der Major konnte nicht widerſtehen, ſeinen Unwillen zu aͤußern, auch Wilhelm rich⸗ tete an ihn einige zornige Worte. Honoria machte nicht die geringſte Bemerkung uͤber die⸗ ſen vorgeblichen Zufall, ſondern ſagte aufſte⸗ hend zu ihrer Schweſter:„Wir thun beſſer, Karte zu ſpielen, denn von Harmonie ſcheint nicht die Rede zu ſeyn.“ Sie ſetzten ſich nun zu einem gemeinſchaft⸗ lichen Spiel, und der Major und Wilhelm thaten alles zur Befoͤrderung der Froͤhlichkeit, den Eindruck von Jonathans Betragen zu ver⸗ draͤngen. Er war jetzt weniger beſchwerlich, da ſeine außerordentliche Begierde auf das Spiel ihn von andern Dingen ſchweigen ließ, 112 und ſeine Ausrufungen beſchraͤnkten ſich meiſtentheils auf Selbſtgeſpraͤche uͤber das Ge⸗ rade und Ungerade der oder jener Karte. Sie hatten kurze Zeit geſpielt, als ein Bedienter herein kam, und Miß Valency mit leiſer Stimme ſagte, daß ſie jemand unten zu ſprechen wuͤnſche. Sie ſtand ſogleich auf, und hatte die Thuͤr erreicht, ohne etwas beſonders in dieſem Umſtand zu finden, als ſie ploͤtzlich, an Sir Franz denkend ‚ ſtehen blieb, und der beſorgte Blick, den ſie auf Miß Melville warf, die ſich ruhig dem Spiel uͤberließ, bezeichnete ihre Gefuͤhle. Honoria faßte ſie ſchnell; denn ſie hatte die ihr geſagten Worte gehoͤrt, und war von aͤhnlichen Befuͤrchtungen erfuͤllt. Sie folgte ihrer Schweſter aus dem Zimmer, und ſchlug vor, den Bedienten zu fragen; allein er war die Treppen linabgelaufen, und Ella fuͤrchtete ihm zu folgen, damit ſie nicht den treffen moͤchte, den fir am meiſten zu vermei⸗ den wuͤnſchte. „Ich will gehen,“ ſagte Honoria,„ kehre N zur Geſellſchaft zuruͤck, und laß dir nichts da⸗ von merken. Guter Himmel! wenn Miß Mel⸗ ville im geringſten daͤchte, daß—. 3 „O, ich zittre bei dem Gedanken!“ rief Ella.—— 3 „Beunruhige dich nicht ſo: gewiß wird er nicht heraufzukommen verſuchen, ſelbſt wenn er es wirklich ſeyn ſollte— ſuche dich zu faſſen; ich glaube, unſre Befuͤrchtungen ſind grundlos.“ Honoria ging die Treppen hinab, waͤhrend ihre Schweſter wieder in's Zimmer trat. Die Thuͤr des Sprachſaals ſtand offen, und gewiß war Honoria bei des Baronets Anblick nicht uͤberraſcht, obwohl ſehr bekuͤmmert. Er ging in großer Bewegung auf und ab; bei ihrem Eintritt wandte er ſich ſchnell, und war ſicht⸗ lich in ſeiner Erwartung getaͤuſcht, als er ſie erblickte. Im Ton uͤbel unterdruͤckten Unmuths ſagte er—„Ich verlangte mit ihrer Schwe⸗ ſter zu ſprechen. „Sie iſt jetzt beſchaͤftigt,“ ſagte Honoria Guerilla⸗Anf. I.. 8 114 mit einiger Unentſchloſſenheit; denn ſie fuͤhlte ſich nicht verpflichtet/ im entſchiedenen Tone mie ihm zu ſprechen, oder es auf ſich zu nehmen, alles das zu ſagen, was ihre Schweſter geziemend bei dieſer Gelegenheit haͤtte aͤußern koͤnnen. „O gewiß,“ entgegnete der Baronet mit bittendem Tone;„ſie ſind nicht ſo gaͤnzlich ohne Theilnahme; ſie koͤnnen mein Elend nicht mit Gleichguͤltigkeit anſehen. Sie werden es nicht ablehnen, bei ihrer Schweſter fuͤr mich zu ſprechen! Ich muß und will ſie ſehen; denn nicht eine Nacht mehr will ich die Qualen er⸗ dulden, die mir ihre Ungerechtigkeit, ihre Grauſamkeit, verurſacht hat.— Sie kann es nicht verweigern, meine Vertheidigung zu hoͤ⸗ ren; gehen ſie, Honoria, ſagen ſie ihr herab⸗ zukommen. Honoria ſchuttelte das Haupt. „Nun,“ fuhr er mit zornblitzenden Au⸗ gen fort, indem er ſich der Thuͤre naͤherte, „ſo will ich mich in ihre Gegenwart draͤngen! Ich kuͤmmere mich nicht, wer Zeuge meines . 4 1 115 Elends iſt.— Ich will ſie ärhigen⸗ gerecht gegen mich zu ſeyn.“ Hoͤchſt beunruhigt, ergriff Honri⸗ ſeinen Arm, und hielt ihn zuruͤck.„Bleiben ſie, bleiben ſie!“ rief ſie mit dem Ausdruck des Schreckens;„ich bitte, faſſen ſie ſich! Sie wiſſen nicht, wer droben iſt,— wir haben Ge⸗ ſellſchaft; und— und— warten ſie hier ei⸗ nige Minuten, ich will ſehen, was ſich thun laͤßt. 4 Sir Franz wußte vollkommen gut, wer oben war; denn er hatte den Bedienten ge⸗ fragt, und Mrs. und Miß Melville's Anwe⸗ ſenheit erfahren. Er hoffte jetzt, daß die Furcht⸗ dͤer moͤchte vor dieſen erſcheinen, Miß Valency zu einer Unterredung mit ihm bewegen wuͤrde, mit der er ſie zu uͤberraſchen gedachte, indem zer den Dienern ihn zu nennen verbot; und dieſer, der die Verhaͤltniſſe, in welchen Sir Franz mit der Familie ſtand, oder vielmehr geſtanden hatte, vermuthete, glaubte eine unerwartete Freude fuͤr ſeine junge Lady ſei 8* 116 im Werke. Der Plan des Baronets, durch ſeinen Vorſatz hinaufzugehen, zu erſchrocken, ſchien gelungen zu ſeyn; und aus dem, was Honoria ſagte, ſchloß er, daß ſie ihre Schwe⸗ ſter herabzukommen beſtimmen wuͤrde; allein Honoria war weit entfernt, ſie einer ſo unan⸗ genehmen Scene auszuſetzen. Sie wußte voll⸗ kommen, was fuͤglich bei dieſer Gelegenheit zu thun ſei, und durch das Zimmer gehend, warf ſie Ella einen aufmunternden Blick zu, und begab ſich zu ihrem Oheim an den Whiſt⸗ tiſch. Ungluͤcklicher Weiſe gab er eben Karte, und ſie wagte es nicht, ſich waͤhrend deſſen an ihn zu wenden, da ſie wußte, daß es ihn nur boͤs machen, und er auf keines ihrer Worte hoͤren wuͤrde; allein ſobald er gegeben hatte, fluͤſterte ſie ihm in's Ohr, daß ein Herr un⸗ ten ſei, der ſich nicht eher entfernen wollte, bis er ihn geſehen habe. Sie wagte es nicht, ſeinen Namen zu nennen, da ſie, weil der Ad⸗ miral etwas taub war, ſo laut ſprechen mußte um von ſeiner Nachbarin, Mrs. Melville, ver⸗ —— 117 ſtanden zu werden; dennoch glaubte ſie, er werde vermuthen, wen ſie meine; allein er ordnete bedachtſam ſeine Karten, die ſeine ganze Aufmerkſamkeit zu beſchaͤftigen ſchienen, und nach zweimaliger Wiederholung ihrer Worte er⸗ hielt ſie nur zur Antwort:„Fluͤſtre mir nicht ſo in's Ohr, Kind, es kitzelt mich.“ Honoria wagte das Geſagte etwas lauter zu wiederholen. Der Admiral ſpielte eben um den Trick, und mit auf die Karte gerichteten Augen ſagte er:„Und wenn alle Koͤnige der Erde auf mich warteten, wollt' ich nicht auf⸗ ſtehen, bis das Spiel entſchieden iſt; ſie ſtan⸗ den acht zu neun. Honorig war uͤber die Ma⸗ ßen bekuͤmmert, und mit hoͤchſter Unruhe ſchaute ſie auf das Ausſpielen jeder Karte, wo manche eine lange Zeit zuruͤckgehalten ward, ehe der vorſichtige Spieler ſie auszuſpielen wagte. Al⸗ lein Mrs. Valency gehoͤrte nicht dazu: ſie ſah an Honoria's Geſicht, daß etwas ungewoͤhn⸗ liches vorgefallen war, und konnte keinen Ge⸗ danken mehr auf das Spiel richten. Sie ſtach 118 ihres Freundes beſte Karten, machte, daß der Gegner ſich renoncirte, und endete mit Ver⸗ laͤugnen. Der Admiral war in voͤlliger Wuth, und hielt ſeine Worte, waͤhrend einer langen Herrechnung aller Fehler, die ſie gemacht hatte, mit der äußerſten Muͤhe in den Schranken der Hoͤflichkeit. Die arme Honoria fuͤhlte ſich faſt im Fie⸗ ber aus Ungeduld; es war gaͤnzlich umſonſt, ſich in dieſem Augenblick an ihn zu wenden; ſie konnte nicht auf derſelben Stelle bleiben, und ging in das andere Zimmer, wo ſie in der Naͤhe der Thuͤre verweilte, Ella's hoͤchſte Beſorgniß erregend, welche die Wachſamkeit ihrer Blicke bemerkte, und nicht laͤnger an des Baronets Gegenwart zweifeln konnte. Der Fußtritt eines Mannes ward auf der Treppe gehoͤrt— Honoria holte tief Athem; doch die Hand an das Schloß der Thuͤr legend, ſchloß— ſte zu, waͤhrend ſie zu oͤffnen bemuͤht ſchien. Man verſuchte von außen hereinzukommen. 4 119 „ Wer iſt da?“ rief Honoria;„es iſt etwas mit der Klinke, ich kann nicht aufma⸗ chen.“ ee— „Ich bin es nur,“ erwiederte die Stim⸗ me des Bedienten;„hier iſt eine Note fuͤr ſie.“³ Major Burlington und Wilhelm waren beide aufgeſprungen, um ihr zu helfen, doch jetzt oͤffnete ſie die Thuͤr ſelbſt, und empfing die Note. Es war nur ein zuſammengelegtes Stuͤck Papier, worauf die Worte ſtanden: Ich werde ihnen ſogleich folgen, wenn ihre Schwe⸗ ſter nicht herabkommt. Honoria legte von neuem ihre zitternde Hand an das Schloß, als ob ſie entdecken wollte, was damit ſei, und es ſchnell wieder verſchließend eilte ſie zu ih⸗ rem Oheim zuruͤck. Mit erhoͤhtem Verdruß ſah ſie das Spiel weiter von ſeiner Beendi⸗ gung entfernt, als vorher, da der Verluſt von drei Tricks dem Admiral wieder Wahrſchein⸗ lichkeit zum Gewinnen ertheilt, und Mrs. Va⸗ lency ſich ebon vergeben hatte. Honoria er⸗ 8 120 geiff dieſen Augenblick, und bat ihren Oheim, das Papier anzuſehen, indem ſie ihm die Zei⸗ len des Baronets vorhielt, die, da er die Handſchrift erkannte, ihm genugſam das Ganze erklaͤrten. 5 „Welcher Unſinn!“ rief er.„Ich habe mein Glas nicht, wie kannſt du mir etwas zu leſen in dieſem Augenblick bringen— ſehen ſite, Madam,“ fuhr er zu Mrs. Melville fort, „ſie haͤtten faſt auch ihr Geben verloren; hier ſind zwei Karten— ach! eine Honneur!“ Honoria ſtand indeſſen voͤllig zitternd, als zu ihrer unendlichen Erleichterung Mrs. Melville und ihr Freund Honneurs zeig⸗ ten, und das Spiel entſchieden war; dennoch wollte der Admiral daruͤber zu ſprechen an⸗ fangen, als Mrs. Valency, indem ſie ihre Karten weglegte, ihn bat, auf ihre Tochter zu hoͤren, die ihm etwas beſonders zu ſagen habe. „Gut, Kind,“ ſagte er, indem er auf⸗ ſtand, und ſich von ihr bei Seite fuͤhren ließ. „Was haſt du mich die ganze Zeit uͤber ge⸗ 121 plage? Ich glaube wirklich, du warſt Schuld, daß wir das Spiel verloren. 2 „O! ich bin in toͤdtlicher Angſt. Sir Franz iſt unten, und droht heraufzukommen.“ Drei ungeheure Schritte brachten den Ad⸗ miral an die Thuͤr, und in drei Secunden befand er ſich bei dem Baronet, der ein wenig uͤber die gigantiſche Form und das verzogene Geſicht des Erſcheinenden betroffen war, ſo ſehr von jener Geſtalt verſchieden, die er zu ſehen erwartete. Der Admiral machte wieder⸗ holte Verſuche zu ſprechen, ehe es ihm gelang; denn die heſtige Erregung ſeiner Geſichts⸗ muskeln ſchien auf ſeine Stimme zu wirken. Sir Franz ergriff dieſe Gelegenheit, zuerſt zu reden, und ſagte mit großer Bewegung— „Ich komme hierher, Admiral Valency, um Gerechtigkeit zu fordern. Ich verlange nur gehoͤrt zu werden, und ohne Bezug auf ihre vormalige Freundſchaft, oder die Ver⸗ haͤltniſſe, in denen ich mit dieſer Famile ſtand, halte ich mich fuͤr berechtigt, zu meiner Ver⸗ 122 theidigung gehoͤrt zu werden, und in der Ge⸗ genwart von ihr, die mich anklagte, die boͤ⸗ ſen Verleumdungen zu widerlegen, die zu mei⸗ ner Schande verbreitet worden ſind.“ „Sir Franz— Sir— Sir Franz, er⸗ lauben ſie, erlauben ſie mir zu ſprechen! Ich habe nichts— wir haben nichts— keiner von uns hat ihnen etwas in Bezug ihres Betra⸗ gens gegen Miß Valency vorzuwerfen.— Nein, gegen meine Nichte haben ſie ſich mit der ſtrengſten Rechtlichkeit betragen. Waͤre es anders der Fall, ſo wuͤrde ich zu tadeln ge⸗ weſen ſeyn; nicht als wenn ich mir irgend ein Verdienſt in dieſer Angelegenheit beilegen wollte! Die offne und ehrenvolle Art ihrer An⸗ träge erforderte keine Vermittelung von meiner Seite.ℳ „Sie geben das zu, Sir, und dennoch ge⸗ ſtatten ſie, mich ſo grauſam zu behandeln ſo—“ 3 „Erlauben ſie, erlauben ſie, Sir Franz, mir zu ſagen, was ich ſagen wollte; haben ſie 123 die Guͤte, mich nicht zu unterbrechen— ich wuͤnſche ihnen in jeder Hinſicht Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen. Es geſchah nicht auf mein Verlangen, daß ſich meine Nichte an⸗ fangs zu dem Schritt entſchloß, den ſie ge⸗ thau hat;— allein die Gruͤnde, die ſie dafuͤr angab, konnten von mir nicht widerlegt wer⸗ den. Ich wuͤnſche nicht, uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand zu ſprechen, noch mich uͤberhaupt einzu⸗ miſchen. Miß Valency kann am beſten beur⸗ theilen, was zu ihrem Gluͤck dienlich iſt, ich werde ſie auf keine Weiſe zu beſtimmen ſuchen; alles, was mir zu thun übrig bleibt, wird ſeyn, ſte vor Verfolgung zu ſchuͤtzen. Ich bin be⸗ ßorgt, ſie mit moͤglichſter Hoͤflichkeit zu behan⸗ deln, Sir Franz, und werde immer anzuer⸗ kennen bereit ſeyn, daß ſie ſich gegen mich und die Meinigen wie ein Mann von Ehre betra⸗ gen, und ich hoffe von ihnen, nie zur Ruͤck⸗ nahme meiner Worte genoͤthigt zu werden.“ „Ich habe nun alles gehoͤrt, was ſie ſa⸗ gen wollten, Sir! nun erlauben ſte mir, ein⸗ 124 fach anzugeben, was ich verlange. Laſſen ſie Miß Valency meine Vertheidigung von meinen eigenen Lippen hoͤren! Es ſei mir verſtattet/ ihr zu erklaͤren, was ſo groͤblich entſtellt wor⸗ den iſt. Laſſen ſie mich, wie ich gewiß werde, jede Anklage jenes ſchrecklichen Briefs widerle⸗ gen, und dann kann ſie, wenn es ihr gefaͤllt, mich fuͤr immer verbannen; ich werde ihrem Willen nicht laͤnger entgegen ſeyn. Bis ich aber mein Urtheil von ihr ſelbſt gehoͤrt habe, will ich nicht aufhoͤren, ſie zu verfolgen, und die Gelegenheit zu ſuchen, die mir verſagt wird. O Admiral Valency! iſt mein Verlangen un⸗ billig? Der aͤrgſte Verbrecher wird nicht unge⸗ hoͤrt verdammt! Soll ich haͤrter behandelt wer⸗ den, als der ſchlimmſte derſelben? Sie fühlen fuͤr mich; ſie koͤnnen nicht leugnen, daß ich mit beiſpielloſer Strenge behandelt ward. Wenn ſie je liebten, denken ſie ſich meinen Schmerz, als ich auf dem Gipfel ſvertrauender Hoffnung, ja, verbuͤrgter Gluͤckſeligkeit, jene unſelige Schrift las, die bewies, daß das We⸗ 4 ſen, von dem ich mich zaͤrtlich geliebt waͤhnte, freiwillig und ohne Bedenken mich zum Elend verurtheilen konnte. 8 Sir Franz verhuͤllte ſein Geſicht. Der Admiral fuͤhlte ſich ſchmerzlich bewegt. Das groͤßte Leiden ſeines Lebens kehrte in ſeine Er⸗ innerung zuruͤck; er theilte aufs ſchaͤrfſte des Baronets Empfindungen, und glaubte, er habe Urſache ſich zu beklagen. Nach der Pauſe ei⸗ niger Minuten geſtand der Admiral zu, daß in dem, was er vorgebracht habe, etwas rich⸗ tiges ſei. Sir Franz ſah ihn erweicht, und verdoppelte ſeine Bitten, ihn zu dem Verſpre⸗ chen zu bewegen, am naͤchſten Morgen eine Unterredung mit Miß Valency zu erhalten. Er erklaͤrte endlich, nur Gewalt ſollte ihn aus dem Hauſe entfernen, bis er dieſe Verſicherung empfangen habe, und der Admiral, der mit jedem Augenblick fuͤrchtete, ein Zufall koͤnnte Miß Melville des Baronets Anweſenheit ent⸗ decken, gab ſein Wort, daß ſeine Nichte ihn am folgenden Tage ruhig anhoͤren ſolle; doch 126 mit der Bedingung, ſich ohne Erlaubniß nie wieder in ihre Gegenwart zu draͤngen... Honoria wartete oben an der Treppe, um ſogleich der Entfernung des Baronets 5 gewiß zu ſeyn, die ſie ihrer Schweſter bald mittheil⸗ te. Wie genußleer war fuͤr Ella die Zeit, die ſie noch in Geſellſchaft zubringen mußte! wirklich fuͤhlte ſich jedes Mngie der Sauſ fevßs als der Beſuch aufbrach. Sobald ſie aleine waren, machte der Admiral den Inhalt des Geſpraͤchs mit Sir Franz bekannt, und Ella war gewiß ſehr be⸗ kuͤmmert, als ſie ſein gegebenes Wort fuͤr ihre Er⸗ ſcheinung am naͤchſten Tag erfuhr; allein es war vergebens, uͤber dieſen Gegenſtand zu ſpre⸗ ſchen, das, was er gethan hatte, unterſtuͤtzte er durch maͤchtige Gruͤnde; und da es nun nicht geaͤndert werden konnte, ſo ſchien Ella ſie anzuerkonnen. In dem peinlichſten Gemuͤths⸗ zuſtand verlebte ſte die Nacht; denn obgleich ihr Entſchluß nicht wankte, ſo ſtellte ſie doch de ſen Behauptung gegen den Angriff, den ſte. 6 12⁷ voraus ſah, auf die haͤrteſte Probe. Sie bat ihre Mutter gegenwaͤrtig zu ſeyn, damit der Baronet die Heftigkeit ſeiner Gefuͤhle etwas maͤßigen moͤchte, was in einem téte; à-tète nicht zu erwarten war.. Nachdem ſie gefeähſtäͤckt hatten, mache ten der Admiral und Honoria einen langen Spaziergang; denn beide wuͤnſchten des Ba⸗ ronets Anblick in einem Gemuͤthszuſtand zu vermeiden, welchem ſie ihre Theilnahme nicht verſagen konnten. Ella's Gefuͤhle, indem ſe e ſene Ankunft erwartete, glichen denen eines Kranken, wel⸗ cher der augenblicklichen Erſcheinung des Arztes entgegenſieht, um eine ſchmerzliche Operation zu erleiden: ſie fuͤhrte dieſe Aehnlichkeit noch weiter fort; denn ſobald das erwartete Klopfen an der Thuͤr ihr Ohr erreichte, uͤberſiel ſie ein ploͤtzliches Uebelbefinden; doch ſuchte ſie es zu bekaͤmpfen, und beim Eintritt des Ba⸗ ronets verrieth ſie kein ſehr heftiges Zeichen der Bewegung. Sein Geſccht gluͤhte in tiefer Ro⸗ 128 the, und ſein Ausdruck war der des Zorns uͤber unverdiente Beleidigung. Er machte bloß eine Verbeugung, und nahm ohne ein Wort zu ſagen, den Stuhl, welchen der Be⸗ diente fuͤr ihn hinſetzte. Es folgte auf einige Minuten ein hoͤchſt verlegenes Schweigen, wel⸗ ches Sir Franz ſichtlich zu unterbrechen wuͤnſch⸗ te, vor großer Bewegung aber nicht vermochte. Mes. Valency fuhr fort, mit vieler Aemſig⸗ keit zu ſtricken, und Ella rief allen ihren Muth zuſammen, um die Rede zu halten, die ſie ſich vorher ausgedacht hatte, und war auf den Punkt, damit zu beginnen, als er endlich mit berechneter Feierlichkeit zu ihr ſagte:„Ich glaubte, es ſollte mir geſtattet ſeyn, ſie al⸗ lein zu ſprechen, Madame.“ Ella war auf dieſen Vorwurf gefaßt, und erwiederte: „Sie koͤnnen dieß dafuͤr anſehen. Ich habe keine Geheimniſſe vor meiner Mutter, und auf mein Verlangen iſt ſie ſo guͤtig, bei dieſer unangenehmen Scene gegenwaͤrtig zu ſeyn— 129 einer Scene, die nur das uͤbereilte Verſprechen meines Oheims mir abnoͤthigte.“ „Fahren ſie fort,“ ſagte Sir Franz, als ſte einhielt,„fahren ſie fort, ich bitte! Die⸗ ſer hohe Ton, dieſes gefüͤhlloſe Betragen iſt genau, was ich nach dem Inhalt jenes koͤſtli⸗ chen Briefs erwarten konnte, den ſie ſo zaͤrt⸗ lich an mich richteten.“ „Dieſer Ton der Ironie iſt uͤbel fuͤr die gegenwaͤrtige Veranlaſſung berechnet und von meiner Seite ganz unverdient. Ich wollte weder einen hohen Ton, noch ein fuͤhlloſes Betragen gegen Sie annehmen, ſondern ſſte bloß uͤberzeugen, daß der Entſchluß, deſſen Gruͤnde ich ihnen ſchrieb, unabaͤnderlich iſt, und daher jede Art des Umgangs zwiſchen uns nur gegenſeitigen Kummer verurſachen kann.“ „Gegenſeitigen Kummer!“ wieder⸗ holte er, indem ſeine Stimme die Heftigkeit des Zorns mit dem Pathos des Schmerzes wechſelte.„Nein! was ich auch erdulde, koͤnnen ſie nie empfinden.“ Er naͤherte ſich Gueril⸗Anf. I. 9 130 hr bei dieſen Worten, und vor ihr ſtehend, von Mrs. Valency abgewendet, richtete er auf ſie einen Blick unausſprechlicher Zaͤrtlichkeit, und rief leidenſchaftlich:„Ella! hat mein Be⸗ tragen gegen ſie eine ſolche Erwiederung ver⸗ dient?“ „ Nein,“ antwortete ſie mit zitternder Stimme, indem ſie ihre Augen zur Erde rich⸗ tete;„ich habe ihnen meinetwegen ſelbſtz nichts vorzuwerfen; allein ich bin nicht ſo ſelbſtſüch⸗ tig, um einer Neigung fuͤr ſie nachzuſehen, bloß weil ſie mich auszeichneten, waͤhrend ich ihr Betragen gegen Andere für unverzeihlich erklaͤren mußte.“ „Wer es ihnen auch in dieſem Lichte dar⸗ ſtellte, machte ſich der aͤrgſten Unwahrheit ſchuldig! Wenn ſie mir den, der meinen Cha⸗ rakter zu verleumden, oder zu behaupten wag⸗ te, daß mein Betragen gegen Miß Melpoille, oder eine andere Dame, die mich auszuzeich⸗ nen beehrte, je anders als mit der ſtrengſten Rechtlichkeit übereinſtimmend war— ſagen ſie 131 mir, wer der ſich einmiſchende Verraͤther iſt, der ihnen berichtete, ich kenne Miß Mel⸗ ville.“ 3 „Es wird mir leicht, ſie uͤber dieſen Punkt zu befriedigen— ſie waren es ſelb ſt.“ „Ich!“ rief der Baronet beſtuͤrzt, ſich in dieſem Augenblick nicht erinnernd, auf was ſie hindeutete. „Ja ſie, Sir Franz: ſie zeigten mir den unleugbaren Beweis ihrer Bekanntſchaft mit Miß Melville, und das Licht, in dem ſie von ihr erblickt wurden, mit ihrem eignen Na⸗ men unterſchrieben, und gegen die Wahrheit verſicherten ſie, daß ſie nicht mehr ſei.“ Sir Franz ſah voͤllig verlegen aus, und verwuͤnſchte bei ſich ſeine Eitelkeit; doch ſich bald erholend ſagte er: „Sie ſollten mich am letzten wegen ei⸗ nes Vorgebens tadeln, zu welchem mich meine Neigung fuͤr ſie verleitete. Ich war damals ſchwach genug, mich mit ſchwaͤrmeriſcher Zaͤrt⸗ lichkeit geliebt zu glauben, und füchtete Un⸗ 9 ruhe zu erregen, wenn ich geſtand, daß mich ein Weib liebe, welches ich einſt vorgezogen hatte.“ 1 Ella benutzte dieß Geſtaͤndniß zur Verſtaͤr⸗ kung deſſen, was ſie ihm Schuld gab, und ſagte ſogleich:„Sie haben jetzt durch ihr ei⸗ genes Bekenntniß das Gerechte meiner Haupt⸗ anklage beſtäͤtigt! Sie geben zu, Miß Mel⸗ ville einſt vorgezogen zu haben. „Ich thue es; allein ſie kann nicht mit Wahrheit eine einzige Klage gegen mich vor⸗ bringen. Ich bot ihr wiederholt meine Hand; ihr Geſundheitszuſtand erlaubte ihr nicht, meine Vorſchlaͤge anzunehmen, und ſie löſ'te endlich freiwillig alle Verbindung mit mir auf, ohne mich einer Erklaͤrung ihrer Gruͤnde zu wuͤrdigen Und kann ich fuͤr ihre Caprice verantwortlich gemacht, und der Graufamkeit und Fuͤhlloſig⸗ keit angeklagt werden, w weil es ihr beliebte, grillenhaft zu ſeyn? oder weil ſie eine ſchwaͤch⸗ liche Geſundheit, und eine klagende weinerliche Gemuͤthsart beſaß? Nichts kann thoͤrichter oder ungerechter ſeyn, als wenn ſie mein Betragen 133 gegen dieſelbe(das durchaus ehrenvoll war) zum Vorwand nehmen, ſich ploͤtzlich der hei⸗ ligſten Verpflichtung zu entziehen, die alles, nur nicht unaufloͤslich war; ja die von keinem Theil mit Ehre aufgehoben werden konnte.ℳ Verzeihen ſie, Sir Franz, ich glaube, es kann nie zu ſpaͤt ſeyn, ſich auch mit Ehre von einem Verhaͤltniß dieſer Art zuruͤckzuziehen, wenn man ſich in der Perſon, der man ſein Gluͤck anvertrauen wollte, geirrt zu haben ent⸗ deckt; und der Schimpf würde auf dem ruhen, der die Taͤuſchung bewirkte.“ „Sie beziehen das nicht auß dem gegen⸗ waͤrtigen Fall, vermuthe ich.“ „Nicht genau; ſie betrachten dieſe Fehler als erlaßlich, die ich fuͤr unverzeihlich halte.“ „Wenn ſie eine allgemeine Aufmerkſam⸗ keit fuͤr ihr Geſchlecht und einen Wunſch zu gefallen fuͤr unverzeihlich anſehen, ſo bekenne ich mich ſogleich fuͤr ſchuldig. 14 „Nein, nein, wegen einer allgemei⸗ nen Aufmerkſamkeit wuͤrde ich ſie nie verdam⸗ 13⁴ men, doch eine beſondere Aufmerkſamkeit, wenn ein Mann feierlich an eine ndere ge⸗ bunden iſt, muß ich ſtets mißbilligen. 47). „Gewiß koͤnnen ſie mich nicht beſchuldi⸗ gen, ſo lange ſie mich wuͤrdigten, meine Be⸗ werbungen anzunehmen, einen einzigen Blick auf eine Andere geworfen zu haben.“ „Sie verſtehen vollkommen, was ich mei⸗ ne. Mein naͤherer Umgang mit ihnen iſt ſehr kurz geweſen; dennoch nannte man mir lange zuvor mehr denn eine Frau als den Gegen⸗ ſtand ihrer beſondern Aufmerkſamkeit, zu ei⸗ ner Zeit, wo ihre Hand nicht mehr frei war. Doch dieß iſt bloße Wiederholung meines Briefs. Ich ſehe keinen Grund, meine Mei⸗ nung, und den darauf gegruͤndeten Entſchluß zu aͤndern, und ſie muͤſſen mir verzeihen, wenn ich eine Unterredung zu endigen munſche die keinen Zweck haben kann.“ Als Ella eine Bewegung machte, ic zu entfernen, verrieth Sir Franz die leidenſchaft⸗ lichſte Erregung: er machte ihr die bitterſten — 135 Vorwuͤrfe uͤber die kalte Gleichmuͤthigkeit ihres Betragens, und beſchuldigte ſie, eine Neigung fuür ihn vorgegeben zu haben, die ſie nie em⸗ pfand; dann aͤußerte er wieder die Vermuthung, ihr ſchwaches, unbeſtaͤndiges Weſen habe ihre Liebe auf einen neuen Gegenſtand gerichtet, den ſie ſpäter kennen lernte.— „Ich bin nicht verlegen,“ fuhr er in faſt athemloſer Entruͤſtung fort,„den liſtigen, weinerlichen Heuchler zu errathen, der meinen Charakter verleumdet und ſich in ihre Gunſt eingeſchlichen hat. Ella war erſchreckt; doch beſorgt, ihre Ge⸗ fühle zu verbergen, ſagte ſie mit anſcheinender Gleichguͤltigkeit— „Ihre Worte beunruhigen mich nicht, weil ich uͤberzeugt bin, was ſie auch ſagen moͤgen, daß ihr Herz keinen ſolchen Argwohn gegen mich hegt. Sir Franz hielt ſie fuͤr erweicht, und aͤn⸗ derte ſogleich ſeinen Ideengang; und ohne auf Mrs. Valency's Gegenwart zu achten, ver⸗ 136. theidigte er ſeine Augelegenheit mit dem feu⸗ rigſten Ungeſtuͤm und zaͤrtlicher Klage. Ella fuͤhlte, daß dieß der haͤrteſte Augenblick ihrer Pruͤfung war, denn ſie konnte nicht ungeruͤhrt die leidenſchaftliche Sprache eines Mannes an⸗ hoͤren, den ſie ſich als ihren kuͤnftigen Gatten gedacht hatte, und der ihr ſo ergeben ſchien. Thraͤnen ſchwammen in Mrs, Valency's Augen; doch ſie trocknete ſie ſchnell hinweg⸗ damit ihre Tochter ſie nicht bemerken und ſo ſehr erweicht werden moͤchte, um ihrer beſſern Einſicht entgegen zu handeln. Allein Ella wi⸗ derſtand den Gruͤnden des Baronets mit Feſtig⸗ keit, obwohl nicht mit Strenge; doch um dieß zu koͤnnen, mußte ſie ſich immerwaͤhrend zu⸗ ruͤckrufen, daß Sir Franz wiederholt Andern die Schmerzen bereitet hatte, die er jetzt em⸗ pfand, und ſie nur ihr Geſchlecht raͤchte. Jedem ihrer Verſuche, ſich zu entfernen, verhinderte er auf die heftigſte Weiſe, bis ſich endlich Mrs. Valency einmiſchte(welches ſie vorher mit keinem Wort gethan hatte) und ihn bat, ihre Tochter nicht zur Verlaͤngerung einer Unterhaltung zu nothigen, die allen Theilen ſo quaͤlend ſei. Ohne auf ſie zu achten, ging er in hoͤchſter Erregung im Zimmer umher, unzu⸗ ſammenhaͤngende Reden ausſprechend, doch im⸗ mer blieb er in der Naͤhe der Thuͤr, um Ella's Entfernung zu verhuͤten. Mrs. Valency folgte ihn, und indem ſie bedeutend ihre Hand auf ſeinen Arm legte, um ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln, verließ Ella, der ſie vorher einen Wink gege⸗ ben hatte, ſchnell durch eine Nebenthuͤr das Zimmer, ehe er ihren Vorſatz wahrnahm. Um⸗ ſonſt verſuchte Mrs. Valency den darauf fol⸗ genden Sturm zu beſaͤnftigen; und nachdem er ſich wie ein Wahnſinniger betragen hatte, eilte er voll Wuth und getaͤuſchter Hoffnung aus dem Hauſe., Sir Franz war ſogleich nach dem Empfang von Ella's Brief nach Weymouth gereiſ't, denn er ſchmeichelte ſich, ſo ſehr ſie der Feſtigkeit ihres Entſchluſſes ſich ruͤhme, werde ſie doch nicht lange der Macht ſeiner Gegenwart, ſei⸗ 138 nen Bitten und Vorſtellungen widerſtehen koͤn⸗ nen, und einer Erklaͤrung, die er leicht wahr⸗ ſweinlich machen konnte, ein williges Ohr lei⸗ hen. Obwohl er ſie der Unbeſtaͤndigkeit be⸗ ſchuldigte, und auf den Major als ſeinen Ne⸗ benbuhler deutete, in der Hoffnung, ſie zu Bezeugung ihrer Neigung fuͤr ihn aufzuregen, beſaß er doch eine zu hohe Meinung von ſich ſelbſt, um wirklich einen Verdacht dieſer Art zu un⸗ terhalten. Er glaubte, daß der Major ihr einiges in Bezug auf Miß Melville mitgetheilt habe; da aber dieß, wie er uͤberzeugt war, nur die Wahrheit ſeyn konnte, ſo fuͤhlte er ſich nicht geneigt, auf Gefahr ſeines eignen Lebens Rechenſchaft von ihm zu fordern. Die haupt⸗ ſächlichſte Nachricht glaubte er indeß habe Ella von Mrs. Melville empfangen, die, wie er wußte, alle Geheimniſſe der Familie jedem kuͤnſtlich Fragenden leicht zu verrathen geleitet werden konnte. Der Baronet liebte Ella in Wahrheit mehr, als irgend eine Frau, die er vorher gekannt hatte, und ſein künftiges Gluͤck 139 ſchien von einer Verbindung mit ihr abzuhaͤn⸗ gen; und wo er nur die Neigung einer Dame zu beachten hatte, fuͤrchtete er nie ſeinen Zweck zu verfehlen. Eine Frau zu finden, die nur aus einem Grundſatz der Rechtlichkeit, und indem ſie ihr Urtheil ihrer Liebe entgegenſetzte, allen ſeinen Vorſtellungen widerſtehen konnte, war ſo demuͤthigend fuͤr ſeine Eitelkeit, als bekuͤmmernd fuͤr ſein Herz. Die Heftigkeit ſei⸗ nes Zornes hielt anfangs ſeinen Geiſt empor, und er verließ Weymouth ſogleich nach ſeinem Geſpraͤch mit Ella, Rache gegen das ganze Geſchlecht bei ſich gelobend, und den einzigen Troſt gewaͤhrte ihm nur die Erinnerung an jene, deren Glück er ſeiner Eitelkeit geopfert hatte. 4 Es vergingen einige Tage, ehe ſich Ella von den Wirkungen des uͤber ſich genommenen Kampſs erholen, oder einen Anſchein von Hei⸗ terkeit annehmen konnte; waͤhrend deſſen hatte- der Major Weymouth verlaſſen. Die zu Mrs. Valency's Abreiſe beſtimmte Zeit nahte ſich, 140 und Miß Melville's lebhaftes Bedauern, als ſie davon hoͤrte, und der Einfluß, den es auf ihre Stimmung hatte, erregten den Gedan⸗ ken, ſie zu einem Aufenthalt fuͤr einige Zeit bei ihnen einzuladen. Der Vorſchlag ward mit BVuaͤrme und Aufrichtigkeit gethan, und mit ſichtlichem Vergnügen angenommen; und Miß Melville verließ Weymouth mit Mrs. Valeney's Familie, waͤhrend ihre Mutter und Mr. Geantly gleichfalls nach Hauſe reiſ'ten. Der Admiral wollte einen Monat auf dem Sitz ei⸗ nes ſeiner Freunde zubringen, und die Jrby's blieben noch in Weymouth. Dieſe Reiſe erwies ſich außerordentlich angenehm fuͤr Miß Melville, da ſie mit der zarteſten Aufmerkſamkeit behandelt ward, auch konnte ſie ſich nicht anders als heiter und zufrie⸗ den in der Geſellſchaft von drei liebenswuͤrdigen Frauen fuͤhlen, die ſich vereint zu bemuͤhen ſchienen, ſie jeden geheimen Grund zur Un⸗ ruhe vergeſſen zu machen. Den Uebrigen war die Reiſe gewiß nicht ganz ſo kroͤhlich, als ſie 141 geweſen ſeyn wuͤrde, wenn ſie zu Ella's Ver⸗ mäͤhlungsfeier heimwaͤrts gekehrt waͤren; auch mußte dieſe ſelbſt gedenken, wie verſchieden ſie dieſelbe zu vollbringen erwartet hatte. Al⸗ lein ſie ſah die wiederauflebende Farbe von Eliſabeths Wangen, und begegnete ihrem hei⸗ tern und dankbaren Lächeln, das einen uͤber⸗ einſtimmenden Blick ſuchte, und jede Klage unterdruͤckend erfreute ſie ſich des dargebrach⸗ ten Opfers. 2il Selr. In der Fruͤhe des folgenden Tages ver⸗ kuͤndete ein froͤhlicher Ausruf den erſten Anblick einer umſchirmten Wohnung, kaum ſichtbar vor dem Weinlaub und Epheu, das die Ruͤckfeite bedeckte, und bis zu den Schorſteinen hinauf ging, waͤhrend die vordere Seite einen Bo⸗ gengang zeigte, von Pyrocontha, Phylirea und der Paſſtons⸗Blume uͤberrankt; die letz⸗ tere war in voller Bluͤthe. Durch die Bogen ſah man die großen franzoͤſiſchen Fenſter, eine ſich abwaͤrts neigende Ebene ward von einer Anpflanzung auslaͤndiſcher Geſtraͤuche und an⸗ 8 .142 dern Immergruͤns begraͤnzt, die einén fort⸗ waͤhrenden Blaͤtterſchmuck darboten. Ein Pfad fuͤhrte durch dieſe zu einer einfachen⸗ Pforte, nach welcher einige Stufen, in den Fels ge⸗ hauen, gerade an das Ufer der See leiteten. Die Thuͤr des Eingangs war am Ende der Huͤtte, von einem kleinen Dach beſchirmt, um deſſen rauhe Pfeiler Cobra und Convolvulus major ihre Gewinde bis zu ihm hinaufrank⸗ ten. Es fehlte Eliſabeth an Worten, ihre Be⸗ wundrung auszudruͤcken, als ſie in die Naͤhe dieſer maleriſchen Wohnung kam, und ſie fuͤhlte ſich nicht weniger aͤberraſcht als erfreut, nach⸗ dem ſie durch einen kleinen Vorplatz gegangen war(wo in einer Niſche eine fein ausgefuͤhrte kleine Bildſaͤule der Ceres ſtand) in ein geraͤumiges Gemach gefuͤhrt zu werden, das einen weit groͤßern Umfang beſaß, als ſte nach dem Aeußern der Hütte erwartet hatte; es ging laͤngs der ganzen Vorderſeite. Hinter demſelben war ein verhaͤltnißmaͤßiges Speiſe⸗ und ein kleines Studirzimmer. Miß Melville fand niemand, 8 8 143 der auf die Ausdruͤcke ihres Entzückens achten konnte; denn Mrs. Valency und ihre Toch⸗ tter ſchienen abwechſelnd der Raub eines großen newfoundlaͤndiſchen Hundes zu ſeyn, der von einer zur andern, und an ihnen hinaufſprangz während eine ſchoͤne Katze auf die Gefahr, durch Neptuns ungeſtüme Begruͤßung nieder⸗ geworfen zu werden, an ihnen hinſtrich, ſchnur⸗ rend, und mit krummem Ruͤcken Liebkoſungen begehrend, die ſie reichlich ihrem atlen Liebling ertheilten. Doch nichts konnte die Geſpraͤchig⸗ keit einer betagten Frau unterdruͤcken, die von allem Nachricht ertheilte, was waͤhrend der Abweſenheit der Familie vorgeſallen war, und ihre Freude uͤber deren Ruͤckkehr faſt ſo ge⸗ räͤuſchvoll zu erkennen gab, wie Neptun. Honoria entfloh endlich dieſen vereinten Angriffen, und voll Ungeduld, jeden Theil einer Wohnung zu beſuchen, der ſie ſo geneigt war, eilte ſte mit Eliſabeth durch das ganze Haus, ließ ſie dann in dem ihr beſtimmten Gemach, und kehrte in das gemeinſchaftliche 144 Zimmer zuruͤck, wo ſie ihrer Schweſter eifrig beiſtand, alle jene kleinen Verzierungen wieder „ an die vorige Stelle zu thun, mit denen ihren eigene Geſchicklichkeit das Zimmer geſchmuͤckt hatte⸗ die aber waͤhxe d. awweſenheit ſorg⸗ ſam entfernt geweſen waren. auf in den Garten und kehr! belaſtet zuruͤck, die ſie auf ma nich fache Art in Zimmer und Vorplatz ordneten; und ihre Un⸗— geduld, alles wieder nach der gewohnten Weiſe einzurichten, ließ es ihnen bald gelingen. Ihr Fleiß ward durch die Bewunderung vergolten, welche Eliſabeth jedem neuerſcheinenden Gegen⸗ ſtand widmete. Es war nicht die Groͤße des Zimmers, noch die Schoͤnheit der Ausſich 1 welche die Fenſter darboten, was at ihren Venen erwarb, ſondern die außerordentliche Bequemlichkeit und einfache Zierlichkeit des In⸗ nern, und die Menge ſowohl nuͤtzlicher als angenehmer Gegenſtäͤnde, die ſich allenthalben darſtellten. Hier befanden ſich Naͤhtiſche, Ar⸗ beitskörbchen und ſchoͤne kleine Spinnraͤder 34 145 wie fuͤr den Gebrauch von Feen gemacht; dort war der Leſe⸗Platz, und in jeder Ecke ſah man kleine Bretter mit Pihan erfüllt; denn wir wiſſen alle, daß in dieſen aufgeklärten Ta⸗ gen die Buͤcher nicht au das Studierzimmer beſch 7 gegenuͤber ſtand ein des Zimmers ein großes P 2 ubei eine Harfe; ein Tambourin, eine löi⸗ „Bihtiothek oder —— End. Dem Fen⸗ „ am Ende oforte, und nahe und eine Querpfeife lagen auf dem Inſtru nent, und unter demſelben zeigte ſich das Serterf einer Violine. Nicht als ob dieß andeutete/ daß die jungen Damen ihre Lungen zu dieſen Windinſtrumenten angewendet, oder ihre Ame die Geig⸗ gekratzt haͤtten, obwohl ſie se ohne Vorgaͤngerinnen geweſen ſeyn druͤften, ſondern ſie beſaßen ſie bloß zum Gebrauch ih⸗ rer maͤnnlichen Bekanntſchaften. Die Floͤte . und Violine gehoͤrten Wilhelm Irby, doch er ließ ſe immer da fuͤr's allgemeine Beſte. Das Schach⸗ und Trictrac⸗Spiel, Kupferſtiche, und Caricaturen, kurz, der ganze Inhalt dieſer Guering⸗Anf. I. 10. 8 † 1 46 vergnuͤglichen Sammlung war berechnet, den Muͤßigang zu entfernen und die Langeweile zu verbannen. Eliſabeth erklaͤrte, noch nie einen Aufent⸗ halt geſehen zu haben, ſo geeignet, behagliche Eindruͤcke zu er 1. Der Mittagsſonne un⸗ umwoͤlkter S ef einen glaͤnzenden Schim⸗ mer auf die umgebende Gegend, und die Land⸗ ſchaft, von dem Ozean begraͤnzt, blickte zau⸗ beriſch durch die Bogen des von rankenden Ge⸗ wachſen uͤberſchatteten Gitterwerks.. Die Lebensweiſe ihrer Freunde war fuͤr Eliſabeth ſo angenehm als ihre Geſellſchaft: mit wenig Abaͤnderung ward die regelmaͤßige Anwendung der Zeit zu ihren mannichfachen Arbeiten und Beſchaͤftigungen beibehalten. Im Sommer fruͤhſtuͤckten ſie nie ſpaͤter als acht Uhr, und die jungen Damen ſtanden oft zwei Stunden fruͤher auf. Das taͤgliche Blatt er⸗ ſchien immer beim Fruͤhſtuͤck, und nachdem dieß geendet, ward das Studierzimmer der Sam⸗ melplatz, und Schweigen herrſchte auf einige 147 Stunden, waͤhrend man ſich mit Buͤchern ern⸗ ſtern Inhalts, und andern Studien und Be⸗ lehrungen beſchäftigte, welche Gedankenuͤbung und genaue Aufmerkfamkeit verlangten. Hier⸗ auf waͤhlte man den Garten zum Schauplatz der Erholung, und Luft und köoͤrperliche Be⸗ wegung verhinderten die nachtheiligen Folgen einer ſitzenden Lebensart. Die Uebung leichte⸗ rer Beſchaͤftigungen erfuͤllte die Zeit bis eine halbe Stunde vor dem Mittagseſſen, das um fuͤnf Uhr aufgetragen ward; worauf die Unter⸗ haltung mit all' jener Lebhaftigkeit Statt fand, die nakuͤrlich von Perſonen, die ſich den Tag uͤber nicht erſchoͤpft haben, erwartet werden kann. Muſtk, Spaziergaͤnge und Vorleſen theilten den Ueberreſt des Abends, und ſie gingen ſelten vor Mitternacht zu Bett; Mrs. Valency war der Meinung, daß im Allgemei⸗ nen zu viele Stunden der Ruhe geweiht wer⸗ den, und daß die, welche nicht mit koͤrperli⸗ chen Leiden beſchwert ſind, oder ſich ungewoͤhn⸗ lich anſtrengen muͤſſen, viel weniger Schlaf 10* 148 beduͤrften, als ſie ſich verſtatten, und dadurch der Zeit ihres Daſeyns alle jene Stunden ent⸗ ziehen, die ſie in Unempfindlichkeit zubringen. Auf die beſchriebene Weiſe entfloh der gleiche Inhalt ihrer Tage; alle ihre laͤndlichen Bekanntſchaften waren zu dieſer Zeit von ih⸗ ren Sitzen entfernt an verſchiedenen Waſſer⸗ plaͤtzen; und außer dem gelegentlichen Beſuche des Geiſtlichen des Kirchſpiels, eines aͤltlichen fleißigen Mannes, der ſich immer ungern vom Hauſe entfernte, ſahen ſie waͤhrend eines Mo⸗ nats niemand in der Geſtalt eines Gefaͤhrten. Sie wuͤrden es wegen Miß Melville bedauert ha⸗ ben, wenn dieſe weniger zufrieden als ſie ſelbſt geſchienen haͤtte, allein ſie billigte alle ihre Anſichten, ging in alle ihre Gefuͤhle ein, und cheilte ihre Beſchaͤftigungen. Die Art der Anwendung ihrer Zeit hatte fuͤr ſie wenigſtens den Reiz der Neuheit; ſie war nie ewohnt geweſen, Perſonen zu ſehen, die ſich ſo regel⸗ maͤßig beſchaͤftigten, oder ſo viel Vergnuͤgen aus innern Huͤlfsquellen ſchoͤpften. Sie hatte jene Erziehung erhalten, die eine oͤffentliche An⸗ ſtalt gewaͤhrt; und als ſie nach Hauſe kam, hatte man ſie nie gelehrt, Vergnuͤgen in ſich felbſt zu ſuchen. ſondern wenn ſie ein wenig zeichnete, ein wenig ſpielte, und die Naͤhna⸗ del in den Fingern hatte, obgleich die Arbeit auf dem Schooß ruhte, ward ſie fuͤr ſehr flei⸗ ßig gehalten. Der Augenblick, wo Geſellſchaft angeſagt ward(und ihrer Mutter Haus war dem Beſuch zu jeder Stunde offen), legte man alles einer Arbeit aͤhnliche bei Seite. Eli⸗ fabeth beſaß ein dieſen kleinlichen Beſchaͤfti⸗ gungen uͤberlegnes Gemuͤth; ihre Phantaſie er⸗ forderte angewendet zu werden, ihre Gedanken wollten geuͤbt ſeyn, und daher hatte die Leiden⸗ ſchaft fuͤr Sir Franz einen ſo hohen Grad er⸗ reicht. Sie konnte ihr nichts entgegenſetzen, und ſie nahm die Stelle aller jener beſſern An⸗ ſichten und Faͤhigkeiten ein, denen es an ei⸗ nem Antrieb zur Uebung fehlte. Jahre und Ueberlegung hatten einige jener Vortheile mit ſich gebracht, die eine gehoͤrige Bildung ihres 150 Geiſtes lange vorher bewirkt haben wuͤrde, und machte ſie endlich faͤhig, feſt und angemeſſen zu handeln; doch ſobald ſie Mrs. Valency's Fa⸗ milie kennen lernte, endete ihr Kampf. Das geſunde Urtheil, das in jeder Geſinnung, die ſie ausſprechen hoͤrte, athmete, war die Stuͤtze ihrer ſchwankenden und die Befeſtigung ihrer richtigen Anſichten; ihr Exempel beſtaͤtigte die eigenthuͤmliche Neigung ihres Gemuͤths, und zeigte ihr den Pfad der Heiterkeit und Ruhe, und es ſtand nicht laͤnger in der Gewalt des Baronets, oder eines andern menſchlichen We⸗ ſens, ſie anhaltend ungluͤcklich zu machen. Sie ward Miß Valency's Schuͤlerin, und durch lie⸗ benswuͤrdige Folgſamkeit ihr taͤglich lieber, und erfreut uͤber die Verbeſſerung ihrer Geſundheit, die nicht laͤnger zweifelhaft genannt werden konnte, wuͤrde es Ella fuͤr gottlos gehalten haben, die Veranlaſſung zu beklagen, die ſie zum Werkzeug ihres Gluͤcks machte. Eines Morgens ward ihr Fruͤhſtuͤck durch die Ankunft eines Briefes von Miß Irby be⸗ . 151 lebt. Er war an Ella gerichtet, die mehr Duldſamkeit fuͤr ihre Thorheiten hatte, als Honoria, und daher mit dem ganzen Gewicht ihrer Freundſchaft belaſtet ward. Zum allge⸗ meinen Vergnuͤgen las ſie den Brief laut:— „Liebes Maͤdchen! „Es war die ungluͤcklichſte Sache von der Welt, Weymouth an dem Tag zu ver⸗ laſſen, wo Du es thateſt, denn am naͤch⸗ ſten Abend war ein Ball, wie Du weißt; und ich bin uͤberzeugt, Du wuͤrdeſt dazu hier geblieben ſeyn, wenn Du nur die geringſte Idee gehabt haͤtteſt, wer da ſeyn würde. Denke Dir nur, liebes Maͤdchen! gewiß wirſt Du kaum Deiner zaͤrtlichen Freundin glauben, wenn ſie Dir ſagt, daß Major Burlington den Tag nach Deiner Entfernung von Wey⸗ mouth zuruͤckkam, und ihn begleitete— Him⸗ mel! wie werd' ich Worte finden, ein ange⸗ meßnes Bild von dem bezaubernden, Liebe ein⸗ floͤßenden, blendenden Spencer Burlington zu geben! O! meine theure Freundin, welch ein 4 Namte! und dennoch dachte ich nichts dabei, bis ich dieſen Mann ſah; und nun enthaͤlt er nach chön— er! was wuͤrdeſt Du dann von ſei⸗ nem Bruder urtheilen. Der Major iſt in ſei⸗ ner Gegenwart nicht werth, daß man mit ihm Dame im Zimmer ſehnte ſich, mit ihm zu tan⸗ zen. Doch deuke Dir, theures Weſen, mein und, meine Liebe! Spencer Burlington iſt fo von denen tanzen wollte, die ſich fuͤr Schoͤn⸗ heiten halten, obwohl ſie ſich alle Muͤhe um ihn gaben. Aber ſeine Unterhaltung, ich kann Dir keine Vorſtellung davon geben! er iſt ſo ſcherzhaft, ich glaubte bei jedem Wort, was ein Kontraſt mit dem armen Major, er wollte nicht tanzen, und er hoͤrte den ganzen Abend nicht auf, die Eurfer enung Doiner Familie von meinen Gedanken alles, was auserlefen und er⸗ oͤtzlich iſt. Du hielteſt Major Burlington fuͤr ſpricht, ihn anſteht, oder an ihn denkt. Jede Gluͤck, ich tanzte ein Paar Taͤnze mit ihm; bezaubernd fantaſtiſch, daß er mit keiner 2 er ſagte, vor Lachen ſterben zu muͤſſen. Solch 153 Weymouth zu beklagen; er ſagte, er haͤtte keinen Gedanken an eure ſo baldige Abreiſe gehabt. Allein Spencer Burlington hat den entzuͤckendſten Wagen gekauft, und fo anmuthige Pferde! Mama ſagte mir, er habe ſie nes, weil er ſich mit einer reichen Erbin in ſeiner Naͤhe verbinden wolle; aber ich bin uͤberzeugt, es iſt nicht wahr. Wilhelm quaͤlt uns beſtaͤndig, Weymouth zu verlaſſen, deſſen er, wie er ſagt, gaͤnzlich uͤberdruͤßig ſei. Mr. Speneer Burlington war den naͤchſten Morgen bei dem oͤffentlichen Fruͤhſtuͤck; aber es war ſo ein entſetzliches Gedraͤnge, daß er ſich mir nicht nahen konnte: bedaure mein Un⸗ glüͤck, liebe Freundin! Ach! es war vollkom⸗ men, als ich ſeine Abreiſe den folgenden Tag erfuhr. „Ich kann mir nicht denken, warum ſie nur auf fo kurze Zeit kamen. Glaube mir, liebes Maͤdchen, ich vermiſſe Dich außeror⸗ dentlich; wir waren vergangenen Abend im Schauſpiel; Spencer Burlington kaunte alle vornehme Leute unter den Fremden hier. Ich fange an mich zu ſehnen, bei Dir zu ſeyn; Spencer Burlington iſt jetzt auf ſeinem Gut, es iſt nicht ſehr weit von uns. Der Himmel bewahre Dich, liebe Freundin! ich verlange Dich zu umarmen. Ich glaube Miß Melville kann Dir alles von Spencer Burlington erzaͤh⸗ len.— Adieu!““ „Halte mich fuͤr Deine unveraͤnderliche und aufrichtig ergebene 4 Harriet.“ „Verſichre Deinen liebenswuͤrdigen Gefaͤhr⸗ tinnen meine Zuneigung! Mr. Spencer Bur⸗ lingtons Reieknechte trugen hellblaue Livreen mit ſilbernen Borden. Wir werden Weymouth zu Ende der Woche verlaſſen.— 5 Fuͤr immer die Deinige.“ „In der That,“ ſagte Ella lachend, indem ſie dieß unſiunige Geſchreibſel wieder zu⸗ ſammenlegte,„dieſer Spencer Burling⸗ ton ſollte das Poſtgeld fuͤr dieſen Brief be⸗ . 155 zahlen, denn er hat gewiß mehr Antheil daran als irgend jemand.“ „Deine unveraͤnderliche und aufrichtig er⸗ gebene Freundin hat ihm einen ſehr geringen Dienſt erzeigt,“ bemerkte Honoria,„denn ſie ſagt gerade genug, um mir einen Wider⸗ willen gegen ihn einzufloͤßen. Ich halte ihn fuͤr einen leeren Gecken, gegen den man nicht höͤflich zu ſeyn wagt, damit er ſich nicht ein⸗ bilde, man ſei in ihn verliebt. Und alle dieß Lob dazu auf Unkoſten unſers armen liehen Majors, der uns allen ſo gefaͤllt. Ich be⸗ daure, daß er nicht zeitig genng nach Wey⸗ mouth kam, um uns vor unſrer Abreiſe noch zu ſehen. Miß Melpoille theilte nun den Inhalt ei⸗ nes Briefes von ihrer Mutter mit, die ihr von einem Balle Nachricht gab, der an einem beſtimmten Tag in ihrer Naͤhe Statt ſinden ſollte, und Mrs. Valency und ihre Toͤchter erhielten die dringendſte Einladung, eine Woche in ihrem Hauſe zuzubringen und daran Theil 15⁵6⁶ — zu nehmen. Die Entfernung war nur zwei Stationen, und Mrs. Melpville verſprach ih⸗ nen, in Mr. Geantly's Namen, deſſen Wa⸗ gen auf halbem Wege zu treffen. Als Eliſabeth ihrer Mutter Einladung mit Waͤrme unterſtuͤtzte, ſchuͤttelte Mrs. Valency den Kopf, und ſagte, fuͤr ſich waͤre es ihr lieher, ruhig zu Hauſe zu bleiben; wenn aber ihre Toͤchter den Ball zu beſuchen wünſchten, ſo werde ſie nichts dagegen einwenden. Ella zußerte ſogleich den Wunſch, bei ihrer Mutter zu bleiben; doch Honoria erklaͤrte mit eben der Aufrichtigkeit, daß ſie ſehr gern reiſen wuͤrde, wenn es ohne große Unkoſten geſchehen koͤnne; denn man muß ſich des gewiſſen oͤkonomiſchen Planes erinnern, der bei ihrem laͤndlichen Au⸗ fenthalt beobachtet ward, und die Wagenpferde waren nur die Begleiter ihrer Sommer⸗Ex⸗ eurſionen. „Indeſſen,“ fuhr Honoria fort, erfinde⸗ riſch in Mitteln zur Befoͤrderung ihres Wun⸗ ſches,—„da Mr. Geantly uns guͤtig ſeinen 157 Wagen entgegenſenden will, ſo haben wir bloß die Haͤlfte zu fahren, und gewiß wird unſer guter Prediger uns ſeinen Gaul leihen, den er nicht einmal in einem Monat braucht, und John kann Miß Melville und mich hinuͤber⸗ fahren. ers. Valency machte keine Einwendungen gegen dieſen Plan, als aber Eliſabeth ſich entfernt hatte, erklaͤrte Honoria, nicht eine ganze Woche bei Mrs. Melville bleiben zu wollen, da ſie ſich ſicher dort toͤdtlich langwei⸗ len werde, ſondern den Tag vor dem Ball hin, und den Tag darauf wieder zuruͤckzufah⸗ ren. Ihre Mutter bemerkte, daß ſie den Tag vor dem Ball nicht hinuͤber koͤnne, da er am Montag Statt finden ſolle, und von der Reiſe am Sonntag in einem ſolchen Fall ſei nicht die Rede. Ihre Entfernung ward daher fuͤr den Sonnabend beſtimmt; und Miß Melville ſollte wieder mit zuruͤckkehren. Es war jetzt im Monat September, und ſie tranken ihren Thee bei Licht, als ein zwei⸗ 158 7 maliges Klopfen an der Hausthuͤr, als etwas ungewoͤhnliches zu dieſer Seande, ſte faſt er⸗ ſchreckte. „Wer kann das ſeyn?“ rief Ella; und Honoria, die Erſcheinung eines angenehmen Gaſtes wuͤnſchend, und daher das Gegentheil fuͤrchtend, ſagte mehr in einem hoffnungs⸗ loſen Ton: „Gewiß iſt es nur ein alter Taxenein⸗ nehmer oder Kirchenvorſteher, der wegen Steuern oder Abgaben kommt.“ „Es iſt eine ungewoͤhnliche Stunde fuͤr Geſchaͤfte dieſer Art,“ bemerkte Mrs. Valency. Aller Blicke waren auf die Thuͤr gerichtet, die ſich nun oͤffnete, und ihnen Major Burling⸗ ton darſtellte. Ein allgemeiner Ausruf des Vergnuͤgens bezeichnete ihr Gefuͤhl, und jedes war begie⸗ rig, ihm eine Hand des Willkommens darzurei⸗ chen. Er hatte eher mehr Farbe als gewöhn⸗ lich, indem er ſeinen Beſuch entſchuldigte; doch fuͤgte er hinzu, da er in der Nachbar⸗ 159 ſchaft ſei, habe er ſich nicht das Vergnuͤgen verſagen koͤnnen, ſich nach ihnen zu erkundigen. Er erklaͤrte nicht, warum er zu dieſer Stunde kam, ſondern ſchien verlegen, ſo lange er von der Veranlaſſung ſeines Beſuchs ſprach, und auf Mrs. Valench's wiederholte Verſichrung, daß ſie ſich außerordentlich gluͤcklich fuͤhle, ihn zu ſehen, gab er bereitwillig dieſen Gegenſtand auf. Sie fragte nach ſeinem Bruder: denn wenn wir ſo viel von einer Perſon gehoͤrt ha⸗ ben, fangen wir an, uns einzubilden, ſie zu kennen, und nehmen Theil an ihrem Wohl. Der Major ſagte, er habe ſich erſt dieſen Mor⸗ gen von ihm getrennt, und ihn in einem Hauſe mit Freunden erfuͤllt verlaſſen, wo er dieſe Gelegenheit ergriſſen, um ſeinem Vorſatz gemaͤß den Damen ſeine Achtung zu bezeigen. Hier verrieth der Major, daß er bloß zu dieſem Zweck heruͤber kam, und indem er es that, kehrte ſeine Verlegenheit zurück, und er ſuchte voon neuem ſeinen Beſuch zu entſchuldigen, wel⸗ ches ganz unnoͤthig war, da nichts außeror⸗ 160 dentliches darin lag, eine ihm angenehme Be⸗ kanntſchaft zu erneuern, und zu beweiſen, daß er die empfangene Guͤte nicht vergeſſen hatte. Die Damen waren nicht geneigt, ſich uͤber ſeine Erſcheinung zu wundern, oder eine Erklaͤ⸗ rung deßhalb fuͤr noͤthig zu halten, bis des Majors Betragen dieſe Gedanken erregte, und ſie fingen an, uͤber den Grund ſeines Beſuchs nachzuſinnen, warum er zu ihnen komme, und wer ihn anziehe, und die jungen Freun⸗ dinnen hielten ſich gegenſeitig fuͤr des Majors Magnet. Obwohl er ſich ſo um ihre Geſellſchaft be⸗ muͤht hatte, war er doch zuruͤckhaltender und ſtiller als gewoͤhnlich, und es dauerte lange, ehe er ſeine gewohnte Weiſe wieder annehmen konnte. Indeſſen gelang ihm dieß endlich durch den Beiſtand von Muſik und Geſang, und er ſchien dann gluͤcklicher und belebter als ſie ihn je geſehen hatten. Er ſtand ſpaͤt auf, ſich zu entfernen, und ſagte ihnen dann, daß er ſich ein Bett in dem kleinen Wirthshauſe, wo er 161 ſeine Pferde gelaſſen, beſtellt habe, und ſich das Vergnuͤgen machen wuͤrde, ſie am naͤch⸗ ſten Morgen wieder zu ſehen. Ella und Honoria lachten ein gut Theil wegen des Majors, als ſie ſich allein befan⸗ den, und jede wollte die andere uͤberreden, daß er ſie mit beſonderm Wohlgefallen betrach⸗ te. Ella behauptete, ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit ſei nur ihrer Schweſter geweiht geweſen, und von ihr habe er kaum einige Notiz ge⸗ nommen; doch Honoria verſicherte, ſie habe oft ſeine Augen auf Ella gerichtet geſehen, und Blicke druͤckten mehr aus, als Worte. End⸗ lich kamen beide darin uͤberein, daß Miß Mel⸗ ville's anſpruchloſe Reize ein uͤbereinſtimmen⸗ des Gemuͤth angezogen haͤtten. Dieſe Mei⸗ nung beſtaͤtigte ſſch um ſo mehr, als ſie am folgenden Morgen in das Gehoͤlz kamen, und Eliſabeth mit dem Major in ſehr lebhaftem Geſpraͤch antrafen. Beide errötheten und hoͤr⸗ ten⸗/ wie die beiden Shehe ſich ploͤtzlich ihnen nahten, ſogleich zu ſprechen auf. Guerilla⸗Anf. J. 11 16² Honoria hüpfte zu einer kleinen Felſen⸗ hoͤhle, wo ſie eine Grotte anlegen wollte, und rief ihrer Schweſter, mit ihr an das Ufer der See zu gehen, um noch mehr Muſcheln zu holen. Ella folgte ihr ſchweigend, allein der Ma⸗ jor eilte ihnen nach, und bat, ſie begleiten zu duͤrfen.— Eliſabeth wollte nicht zuruͤckblei⸗ ben, und ſie gingen alle an das Ufer hinab. Mrs. Valency kam bald zu ihnen, und man ſprach vom Ball, wo ſie erwaͤhnte, daß Miß Melville und Honoria dazu hinreiſen wuͤr⸗ den.* „Ich hoͤrte etwas von einem Ball,“ ſagte der Major,„da ich aber gegenwaͤrtig kein Taͤnzer bin, ſo fuͤhle ich kein Intereſſe fuͤr dergleichen Gegenſtaͤnde. Ich werde mich freuen, waͤhrend er vor ſich geht, abweſend zu ſeyn. Wollen ſie mir erlauben, Mrs. Va⸗ lency, in ihrer Naͤhe zu bleiben, bis die Froͤh⸗ lichkeit voruͤber iſt, und ihre Toͤchter zuruͤckge⸗ kehrt ſind?“ — Mrs. Valench fuͤhlte ſich uͤberraſcht, und war ein wenig verlegen, was ſie antworten ſollte, waͤhrend Honoria einen ſchalkhaften Blick auf ihre Schweſter warf, die zu ſagen ſchien: ich glaube wenn's dazu kommt, iſt es Mama, die der Major am meiſten bewun⸗ dert. 3 Der Frage des Majors ausweichend, er⸗ wiederte ihre Mutter:„Ella reiſt nicht zum Ball; ſie wird bei mir beiben, und— „ Reiſ't Miß Valency nicht?—“ unter⸗ brach ſie der Major im Ton des Erſtaunens. Nan antwortete ihm verneinendnd es ward von etwas anderm geſprochen: dennoch bemerkte Honoria zu ihrer fernern Beluſtigung, daß er ſich waͤhrend des Wegs zu ihrer Mutter ge⸗ ſellte, wo die Unterhaltung zwiſchen beiden von ſonſt niemand gehoͤrt werden konnte. Am naͤchſten Morgen, wie eben John mit des Pfarrers Einſpaͤnner vor die Thuͤr gefahren kam, erſchien der Major, und uͤber⸗ 11* 16 3 gab Miß Meloille einen Brief an ſeinen Bru⸗ der. 3 „Alſo geht er beſtimmt nicht, fluͤſterte Honoria ihrer Schweſter zu,„ſo kann es nie⸗ mand anders, als du oder Mama ſeyn.“ Ella erroͤthete, und ſah unruhig aus; und nachdem ihre Schweſter und Eliſabeth fortge⸗ fahren waren, kehrte ſie mit ſinnendem Aus⸗ druck ins Haus zuruͤck, indeſſen ihre Mutter und der Major vor der Thuͤr auf⸗ und ab⸗ gingen.— Des Predigers Gaul war traͤg aus Man⸗ gel an Uebung, und die jungen Damen be⸗ gannen vor ihrer Ankunft in 8—, ſeines ſchwe⸗ ren Trabes muͤde zu werden, obwohl John immer die Peitſche erhob, denn Honoria rief die⸗ ſem zu, nicht zu ſchlagen, da er nicht gewohne 3 ſei, beeilt zu werden, ſondern ihn ſeinem eig⸗ nen Gang zu uͤberlaſſen. So erreichten ſie mit ſeinem eignen Gang 2—, nachdem Mr. Geantly vor zwei Stunden daſelbſt an⸗ gekommen war. Er erwartete ſie mit Unge⸗ 1 1 163 duld, und begleitete ſie in ein Wirthshaus, wo Erfriſchungen fuͤr ſie bereitet waren. Nachdem ſie ſich wieder auf dem Wege befanden, ſagte Mr. Geantly zu Honoria: „Wer, glauben ſie wohl, der geſtern ankam, und einen Umweg machte, um auf den Ball zu gehen?— ihre alten Freunde, die Ir⸗ by's.“. „O der entſetzliche Jonathan wird auf dem Ball ſeyn!“ rief Honoria mit einem Aus⸗ druck von Niedergeſchlagenheit, der ihre Ge⸗ faͤhrten ſehr beluſtigte.„₰ „Ich verſichre ihnen,“ ſagte Mr. Geant⸗ ly,„der entſetzliche Jonathan wird ſehr geſchaͤtzt werden, was ſie auch von ihm halten; denn es iſt ein großer Mangel an Herren bei unſern Geſellſchaften in der Provinz, und ich wollte ihnen als Freund rathen, ſich ſeiner bald nndbeacher zu verſichern, da ihre aͤltere Bekanntſchaft aͤhnen ein Recht auf ihn giebt.“ „Sprechen ſie nicht von ihm,“ rief Ho⸗ noria,„lieber wollte ich mit einem Baͤren 7 166 tanzen, wenn ihm der Maulkorb angelegt waͤ⸗ re. Indeſſen wird ſein Bruder da ſeyn, und dieß gewaͤhrt einigen Erſatz; denn da die Maͤn⸗ ner rar ſind, werden wir ihn nicht verſchmaͤ⸗ hen, wie du weißt, Eliſabeth.“ Honorig's erſter Gedanke beim Eintritt in Mrs. Melville's Haus war, ſich, Gluͤck zu wuͤnſchen, daß ſie nicht eine ganze Woche hier bleiben wuͤrde, und ſie mußte ſich wieder⸗ holt an die Veranlaſſung des Balls erinnern, ehe ſie ſich uͤberreden konnte, eine Reiſe zu machen. Dennoch war es ein gutes Haus in der guten Straße einer guten Stadt; allein es war in einer Straße und in einer Stadt⸗ und mehr bedurfte es nach Honoria's Meinung nicht, um gegen die leichten, luftigen Vergnuͤ⸗ gungen des Landes unangenehm zu erſcheinen. Die hohen gegenuͤberſtehenden Gebaͤude gaben dem Zimmer, in das ſie trat, ein duͤſteres An⸗ ſehen, noch dunkler durch die Gardinen ge⸗ macht, die faſt ganz herabgelaſſen waren, um deſſen Verzierung vor der Sonne zu ſchuͤtzen. 167 Es war ſchoͤn und in ſolcher Ordnung, daß niemand ſeiner Erſcheinung nach es je fuͤr gebraucht gehalten haben wuͤrde. Kein Stuhl war von ſeiner Stelle gerückt, und nicht das geringſte lag umher, wodurch es als bewohnt angedeutet worden waͤre. Eine ſehr verzierte, doch unaufgezogene Uhr ſtand auf dem Ka⸗ min, der Weiſer zeigte auf Mitternacht, gar wohl uͤbereinſtimmend mit einem Schauplatz der Einſamkeit, Stille und Dunkelheit. „ Ich bin dem Laͤrm von Kindern nicht ſehr geneigt,“ dachte Honoria,„dennoch wollte ich lieber ein halbes Dutzend im Hauſe auf⸗ und niederjagen hoͤren, als dieſes oͤde Schweigen ertragen.“ Mrs. Melville war entzuͤckt, ihre Toch⸗ ter zu ſehen, und uͤberhaͤufte Honoria mit Aufmerkſamkeit, und wollte ihr durchaus ein Glas Wein aufnoͤthigen„ wobei ſie verſicherte, das Mittagseſſen werde ſogleich fertig ſeyn, doch ein Glas Wein ſei nach einer Reiſe be⸗ ſtimmt nothwendig. Honoria vertheidigte ſich 168 indeſſen ſo gut ſie konnte gegen Flaſche und Glas, mit welcher geruͤſtet Mrs. Melville ſte durch das ganze Zimmer verfolgte, und entfloh aus demſelben, um noch vor dem Mit⸗ tagseſſen ihren Anzug zu wechſeln. Mrs. Mel⸗ ville rief ihr nach, daß ſie fuͤr den Abend Ge⸗ ſellſchaft gebeten habe, wo ſie einige alte Bekannte ſehen werde. Honoria muthmaßte auf die Irby's, und wuͤrde ſich, ohne den Gedanken an Jonathan, gefreut haben, ſie zu treffen. Das Speiſezimmer gewaͤhrte einen weit geſelligern Schauplatz, als der Geſell⸗ ſchaftsſaal, zu welchem ſie das vorige aus⸗ ſchließend beſtimmt fand, da Mrs. Melville's gewoͤhnlicher Verſammlungsort ein hinteres Zimmer war. Faͤtte Honoria den vierten Theil von dem genoſſen, was Mrs. Melville auf ihren Teller zu haͤufen verſuchte, ſo wuͤrde ſie wahr⸗ ſcheinlich in dieſer fruͤhen Periode ihrer Ge⸗ ſchichte an einer Indigeſtion geſtorben ſeyn, und wir haͤtten einen Schleier uͤber die End⸗ 169 ſcene ihres Daſeyns werfen muſſen; gluͤcklicher befriedigte ſie ſich indeſſen mit der Stillung eines guten Appetits, und weder die Vorſtel⸗ lungen, noch die Verſicherung ihrer Wirthin, daß ſie nichts gegeſſen habe, konnten ſie be⸗ ſtimmen mehr zu thun. Sie hoͤrte die Namen aller Perſonen nen⸗ nen, die man dieſen Abend erwartete; doch außer Mr. Geantly und Mes. Irby's Fa⸗ milie waren ſie ihr unbekannt. Ungefaͤhr eine Stunde vor ihrer Ankunft ſchlug Mrs. Melville vor, in das zuvor erwaͤhnte Beſuch⸗ zimmer zu gehen, welches jetzt durch eine gute Erleuchtung ziemlich belebt war; und hier ſetzte ſich die gute Frau zu dem Empfang ih⸗ rer Gaͤſte. Honoria bemerkte leicht, daß vor Ankunft derſelben kein Stuhl von ſeiner Stelle geruͤckt werden wuͤrde/ und ſie wuͤnſchte ſich wegen der milden Witterung Gluͤck, da ohne Zweifel ſonſt auch dieſelbe gute Ordnung beob⸗ achtet worden waͤre. Hier ſaßen ſie, die Haͤnde in den Schooß gelegt, uͤber eine Stunde: es . 170 war die laͤngſte, die Honoria je verlebte, und freudig begruͤßte ſie das erſte Pochen an der Thuͤr, das, obgleich lange aͤngſtlich erwartet, fuͤr Mrs. Melville ein electriſcher Schlag zu ſeyn ſchien. Sie flog ſogleich zur Klingel, und das heftige Gelaͤute, das erfolgte, glich einer Freudensbezeigung uͤber die Ankunft der Gäͤſte. Nachdem vier oder fuͤnf foͤrmliche Leute an den Waͤnden des Zimmers umher Platz genommen hatten, erfolgte eine magere Gattung kurzer Geſpraͤche, und Honoria fing an, ſich nach der Erſcheinung der Irby's zu ſehnen, und fuͤhlte ſich ſo daͤmiſch, wie irgend einer der Anweſenden. Geiſtloſigkeit iſt gewiß anſteckend, denn oft zeigen ſich Perſonen, die uͤberlegene Talente, Witz und Verſtand beſitzen, wie von allem entbloͤßt, in Geſellſchaft be⸗ ſchraͤnkter Leute, deren Schwerfaͤlligkeit jede Bemuͤhung fuͤr die Unterhaltung zu unterdrüͤ⸗ cken, und jeden Funken der Belebung zu ver⸗ nichten ſcheint. Wahrſcheinlich empfand Hono⸗ 121 ria auf dieſe Weiſe, als ſie ſtill und abgezogen ſaß, unfaͤhig ſich auf etwas zu beſinnen, was in Bezug auf die Geſellſchaft und Gelegenheit geſagt haͤtte werden koͤnnen. Endlich gab der Eintritt von Mrs. Irby's Familie, ohne Jonathan, dem es nicht gefiel zu kommen, ihren Gedanken eine angenehme Wendung. Wilhelm erſchien ihr unterhaltender, wie ge⸗ woͤhnlich, indem er ihr von allem Nachricht gab, was nach ihrer Entfernung von Wey⸗ mouth vorgefallen war, und eine neue Samm⸗ lung auserwaͤhlter Stellen anfuͤhrte. Doch Harriet, die mehrere Verſuche gemacht hatte, Honoria allein zu ſprechen, zog ſie endlich bei Seite, und fragte ſie mit dem Anſchein der groͤßten Aengſtlichkeit, ob wohl die ganze Ge⸗ ſellſchaft verſammelt ſei. Honoria ſagte, ſie glaube es. „Aber weißt du es ganz gewiß! wied niemand mehr erwartet?“ Honoria ſagte, ſie koͤnne es nicht beſtimmt verſichern, doch leicht Mrs. Melville fragen. 3 172 „O nein, nicht um die Welt;— aber ich glaubte wirklich— ich weiß nicht, wie es mir in den Kopf kam— allein ich erwar⸗ tete—“ 1 Harriet ſenkte die Augen, als wenn ſie erroͤ⸗ then wollte, es zeigte ſich aber keine Veraͤn⸗ derung ihrer Farbe; und nach ein wenig mehr Stocken und Stammeln bekannte ſie, daß ſie Spencer Burlington hier erwartet ha⸗ be. Da dieß Thema einmal angefangen war, ſo verfolgte ſie daſſelbe mit einer Geſpraͤchig⸗ keit, die es ihrer Zuhoͤrerin unmoͤglich machte, nur einen Ton zu erwiedern. Seine Wagen, Pferde, Livreen, Blicke, Zuͤge, Reden, Ma⸗ nieren, Kleidungen wurden weitlaͤuftig be⸗ ſchrieben, und das ganze Verzeichniß endete ſie mit den Worten:„Ich werde gewiß mor⸗ gen in die Kirche gehen.“. „In die Kirche!“ wiederholte Honoria etwas uͤberraſcht, ſie nach diefer ſeltſamen Rede ſo ploͤtzlich erwaͤhnt zu hoͤren.„Ich hoffe, wir gehen alle morgen in die Kirche.“ . 1 173 „Auf alle Faͤlle bin ich entſchloſſen zu gehen;— ich bliebe um keinen Preis hin⸗ weg. „Ich muß deinen Eifer loben,“ ſagte Honoria, wir werden hoffentlich einen guten Prediger haben.“ 8 „O ich weiß nichts von dem Prediger,“ erwiederte Harriet,„aber ich ging dieſen Mor⸗ gen, um die Kirche zu beſehen; es waren viele Monumente und dergleichen Dinge darin.“ „Sind ſie von großem Alterthum?“ fragte Honoria. „Ich kann es richt ſagen; allein ich un⸗ terſuchte die Kiechenſtühle ſehr genan und am obern Ende des mittlern Ganges, gerade ei⸗ nem Fenſter mit gruͤn ſei idenem Vorhang ge⸗ genuͤber, iſt ein ſehr großer Sitz, der Mr. Spencer Burlington gehört; es iſt eine erzne Platte mit ſeinem Wappen, und dem Namen ſeines Gutes Edenthal an der Thuͤre. Wie ich hoͤrte, verſaͤumt er nie, die Kirche zu beſu⸗ chen, wenn er in der Nachbarſchs aft iſt, und r2n nichts kann nach meiner Meinung anſtaͤndiger ſeyn. Ich werde gewiß morgen in die Kirche gehen.“ Honoria konnte nicht unterlaſſen zu laͤ⸗ cheln. Sie entzog ſich der Naͤhe dieſer eifri⸗ gen Frommen, ſobald es ohne Unhoͤflichkeit geſchehen konnte, und uͤberließ ſie der gedan⸗ kenvollen Stimmung, die ſie den uͤbrigen Theil des Abends anzunehmen fuͤr gut hielt; ſie ſchien ſelten zu hoͤren, was geſprochen ward, ſeufzte ft⸗ und ſah ſehr ungluͤcklich; waͤhrend ihre Mutter die lange Geſchichte einer beſon⸗ dern Veranlaſſung erzaͤhlte, wo ſich nache ihrer Meinung Harriet ſehr erkältet habe; welches, wie ſie fuͤrchte, auf ihre Lebensgeiſter gefallen ſei. Mit der Zeit und den Umſtaͤnden, wor⸗ auf ſte ſich bezog, war Harriet ſelbſt gaͤnzlich unbekannt, da⸗ ſie jetzt zum erſten Mal davon. hoͤrte. Mrs. Melville, Elkfaberh und Rona gingen fruͤhzeitig zur Kirche; ſie hatten ſich aber noch nicht lange geſetzt, als Mrs. Irby 175 mit ihrer Tochter und ihrem jüngſten Sohn in denſelben Stuhl kamen. Harriets beſon⸗ deres Gebet war ungewoͤhnlich kurz, und noch ehe ſie ihren Platz neben Honoria eingenom⸗ men hatte, rief ſie in großer Bewegung mit leiſem Ton— 4 „O guter Himmel? er iſt ſchon da?“ Die Heftigkeit ihres Ausrufs veranlaßte Honoria zu fragen: „Ei, ſiehſt du nicht,“ ſagte Harrtet, ihre Blicke auf die Perſon richtend, die ſie meinte—„haſt du keine Augen?“ Augen hatte Honoria, und ſie waren ihr nicht unnuͤtz geweſen, da ſie dieſelben zu⸗ faͤllig auf den Gegenſtand warf, den Harriet jetzt bezeichnete, an welchem ſte aber nichts bemerkt hatte, was beſondere Aufmerkſamkeit erregte. Harriet fuhr fort,„„ſieh, ſieh, Ho⸗ noria, begreiſſt du nicht? das iſ Spencer Burlington!“ „Das Spencer Burlington!“! ſagte Ho⸗ noria mit unverſtellter Ueberraſchung; doch 176 des Zwecks gedenkend, warum ſie ſich an die⸗ ſem heiligen Ort befand, brach ſie ab, und tadelte ſich, fremden Gedanken den Zutritt ge⸗ ſtattet zu haben. Aber es war ihr Anfangs wirklich unmoͤglich geweſen, ihr Erſtaunen zu unterdruͤcken, als ſie hoͤrte, daß die Perſon, die ſie mit der groͤßten Gleichguͤltigkeit erblickt hatte, und die ihr bei einem zweiten Anſchauen wahrhaft unbedeutend und ſogar von unange⸗ nehmem Ausſehn erſchien, der Mann ſei, den ſie als ein Vorbild maͤnnlicher Schoͤnheit zu denken geleitet ward, und den ſie wenigſtens im Beſitz einer auffallenden Perſoͤnlichkeit zu feyn glaubte. Honoria war beſſer beſchaͤftigt, um zu bemerken, ob Harriet beſondere Andacht zeigte oder nicht; doch ſobald das Ganze geendet, ſtand dieſe ſchnell auf, und richtete ihre Augen auf Mr. Burlingtons Sitz. Dieſer Gentle⸗ man ſchien von alle der Aufmerkſamkeit, die er eTbegte, nichts⸗ zu bemerken, ſondern ſobald die Gemeinde ſich zu entfernen anſing⸗ verließ 5 177 er ſeinen Skand, und ging, ohne weder rechts noch links zu blicken, durch eine kleine Sei⸗ tenthuͤr in ſeiner Naͤhe aus der Kirche. Harriet konnte ihren Verdruß nicht ver⸗ bergen, deſſen Veranlaſſung Honoria nicht eher bemerkte, bis ſie beim Umherblicken Bur⸗ lingtons Entfernung wahrnahm. Sie mußte uͤber die Entruͤſtung lachen, in die Harriet ge⸗ rieth, als ſie auf ihre Frage, was ſie von dem bewußten Herrn denke, frei bekannte, daß er in ihren Augen keine Anſpruͤche auf koͤrper⸗ liche Schoͤnheit zu machen habe. Waͤhrend des ganzen Wegs nach Hauſe mußte ſie den Vorwurf hoͤren, etwas geaͤußert zu haben, was unter keiner Verſtcherung fuͤr ihre wahre Meinung gelten koͤnne. In einem Brief, welchen Honoria nach ihrer Ruͤckkehr aus der Kirche an ihre Schweſter ſchrieb, aͤußerte ſie uͤber Major Burlingtons Bruder folgendes: „Ich habe ihn geſehen, dieſen bezau⸗ bernden, Liebe einfloͤßenden, unwi⸗ derſtehlichen Spencer Burlington! und bin „ Guerilla⸗Anf. I. 13 178 1. mehr als je uͤber die Thorheit und Ungereimt⸗ heit meines Geſchlechts entruͤſtet, welches ſol⸗ che Huldigung einem Mann darbringen kann, der gewiß nach allen den Lobeserhebungen, die wir von ihm gehoͤrt haben, durchaus nichts empfehlendes in ſeinem Aeußern hat. Nie ſah ich mich in der Erſcheinung eines Gegenſtan⸗ des ſo getaͤuſcht; er kann keine Vergleichung mit unſerm intereſſanten Major aushalten, wel⸗ chem wir ihn untergeordnet glauben ſollten. Denke Dir ſelbſt ein Geſicht von ungeſunder Farbe, unausgezeichnet durch hervorſtechende Zuͤge, und welches unbemerkt bleiben wuͤrde ohne ein gewiſſes Zucken, welches dem ganzen Ausdruck etwas Zuruͤckſtoßendes giebt, und das Urtheil beſtätigt, das wir ſonſt aus chriſt⸗ licher Liebe zuruͤckhalten duͤrften, ihn fuͤr voͤlig haͤßlich zu erklaͤren. O Reichthum und Rang! welchen Zauber beſitzt ihr, wenn ihr euern Lieblingen jeden Reiz ertheilen koͤnnt, wodurch ſie der Mehrheit der Menſchen ſich empfehlen!“ 179 Honoria verſprach ſich wenig Vergnuͤgen von dem Ball, da man ihr von dem Mangel an Taͤnzern geſagt hatte, und ſie fuͤrchtete ſehr, von Jonathan aufgefordert zu werden; eben ſo wenig geſiel ihr der Gedanke, mit Burlington zu tanzen, der, wie ſie vermu⸗ thete, ſich ihr werde vorſtellen laſſen, um ſeinen Dank fuͤr die Guͤte ihrer Familie gegen ſeinen Bruder zu aͤußern; und ſie hatte eine Ark von Widerwillen gegen ihn gefaßt, der ſte abgeneigt machte, ihn kennen zu lernen. Honoria ſchmuͤckte ſich mehr mit einem trau⸗ rigen Gefuͤhle, halb die Muͤhe bedauernd, die ſie ſich fuͤr die Zierde ihrer Perſon gab, und auch unangenehm durch den Gedanken beruͤhrt, ohne ihre Mutter und Schweſter zu einem Ball zu gehen. Auf dieſe Art waren ihre Empfindungen nichts weniger als vergnuͤglich, bis ſie in das Ballzimmer trat, wo die Froͤh⸗ lichkeit dis Schauplatzes die naruͤrliche Wir⸗ kung auf ihr Gemuͤth hervorbrachte. Wilhelm Irby forderte ſie zu dem erſten 12* 180 G 2 Satz auf(zwei Taͤnze, die in England ge⸗ woͤhnlich ein Herr mit derſelben Dame hinter einander tanzt) und Jonathan naͤherte ſich nur, ihr zu ſagen, daß ſie nichts zu fuͤrchten habe, da er ihr nicht die Ehre erzeigen werde, ſie zum Tanz aufzufordern, weil er zum Aerger der Damen zuſehen wolle. Eliſabeth lehnte Anfangs den Tanz ab, da ſie wußte, nicht viel vertragen zu koͤnnen, und wollte erſt ſpaͤter antreten. Honoria hatte ihren Platz eingenom⸗ men, als Mr. Geantly zu ihr kam und ſagte, daß Burlington ſehr begierig waͤre, ihr vor⸗ geſtellt zu werden;„und,“ fuhr er lachend fort,„ſie werden, glaube ich, keine große Ein⸗ wendung dagegen machen, einen Mann kennen zu lernen, der ein ſo verdienſtvoller Liebling ihres Geſchlechts iſt.“ „O nein, ich habe keine Einwendung,“ erwiederte Honora,„allein ich hoffe, durch ſein Betragen und Geſpraͤch nicht ſo ſehr in mei⸗ ner Erwartung getaͤuſcht zu werden, wie durch ſeine Perſon; er iſt gewiß ein hoͤchſt unbedeu⸗ 181 tender junger Mann.— Aber ſagen ſie mir“ — fuhr ſie fort, Mr. Geantly's Blicke auf den Anfang der Colonne richtend,„wer iſt dieſer ſehr ſchoͤne Mann, der jetzt am obern Ende des Zimmers ſteht, und mit einer kleinen verwachſenen Dame ſpricht, die er, wie ich glaube, zum Tanz fuͤhren will. Er hat die weißeſten Zaͤhne, die ich je ſah, und ſolch eine Verſchiedenheit des Ausdrucks, ich konnte nicht unterlaſſen, ihn zu beobachten; er iſt das Le⸗ ben ſelbſt.“ Mr. Geantly brach in ein heftiges Lachen aus, woruͤber Honoria ſehr in Erſtaunen ge⸗ rieth; ſobald er wieder ſprechen konnte, ſagte er:„Haben ſie dieſen Herrn nie zuvor ge⸗ ſehen?“ Honoria betrachtete den Fremden, der zu ſprechen aufgehoͤrt hatte, von neuem.„Er hat jetzt, da er ſchweigt und ſeine Zuͤge ruhig ſind, eine große Aehnlichkeit mit jemand, den ich zuvor ſah,“ ſagte ſie;—„doch, ol es kann nicht ſeyn!— es iſt unmoͤglich!“ fuhr 182 ſte zweifelnd fort, die Augen noch immer auf den Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit gerichtet. Mr. Geantly rief—„Er iſt gewiß ein hoͤchſt unbedeutender junger Mann! Ich bemerke, ſie haben ſich ſehr in ſeiner Erſcheinung betrogen. O! er iſt ein entſetzlicher, haͤßlicher, unangenehmer Menſch.“ „Gewiß,“ rief Honoria,„das kann nicht Mr. Burlington ſeyn!“ „Es iſt eben dieſe furchtbar ausſehende Perſonage,“ erwiederte Mr. Geantly, hoͤch⸗ lich durch Honoria's Erſtaunen ergoͤtzt, das wirklich faſt an Beſtuͤrzung grenzte, und ſie wiederholte: „Aber es kann nicht— gewiß, es kann nicht dieſelbe Perſon ſeyn, die ich geſtern in der Kirche ſah. Er ſchien da ſo bleich, und von ſo mißfaͤlligen Geſichtszuͤgen.“ „Das kann ich leicht erklaͤren,“ ſagte Mr. Geantly.„Ich bemerkte ihn geſtern in der Kirche, und dachte mir, ſein erſter Ein⸗ druck auf ſie werde nicht guͤnſtig feyn; denn 183 niemand, der ihn hier zuerſt ſieht, wird ihn fuͤr einen ſchoͤnen Mann halten. Ich ſagte ihm oft, er ſolle nicht dem grünen Vorhang gerade gegenuͤber ſitzen, er wirft eine leichen- artige Farbe uͤber ſeine Zuͤge, und dennoch iſt er nicht dicht genug, um die Sonnenſtrah⸗ len abzuhalten, die das Auge blenden, und Geſichter zu machen veranlaſſen. Doch außer dieſem gebe ich ihnen zu, daß es nie ein An⸗ geſicht gab, in welchem die Belebung der Rede eine groͤßere Veraͤnderung bewirkte, als in dem ſeinigen. Sehen ſie ihn ernſthaft und ruhig, oder lachend und plaudernd, und ſie werden ihn kaum fuͤr dieſelbe Perſon halten koͤnnen; und nun denke ich, ſind ſie geneigt, in das allgemeine Urtheil einzuſtimmen.“ Lachend erwiederte Honoria:„Es waͤre zu ſpaͤt zu widerſprechen, nachdem es meine Worte verrathen haben.““ Sie verwies ſich nun ſelbſt ihr voreiliges Urtheil uͤber Bur⸗ lingtons Erſcheinung, und die Eile, mit der ſite ausgeſprochen hatte, was ſich nur auf we⸗ nig fluͤchtige Blicke gruͤndete. Auch hatte ſie ſich vielleicht geneigt gefuͤhlt, von der allge⸗ meinen Stimmung abzuweichen, die ſie zu 1 ſchmeichelhaft fuͤr einen Mann hielt, und ver⸗ ſagte ihm gern jenes Lob, welches die uͤbrigen ihres Geſchlechts ihm zu bereitwillig ertheil⸗ ten. Es iſt wahr, Spencer Burlington be⸗ ſaß keine hervorſtechenden Zuͤge; wenn man aber ihren vereinten Ausdruck ſah, ſo ſchien es unmoͤglich, ſie beſfor. zuſammenſtellen zu koͤnnen. Um ſeine Aüſen zu beleben, mußte er ſprechen; erhaͤltniß, wie dann .. 2 d jener muntre, durchdringende und leuchtende Geiſt, der ihn beſeelte, erwachte, ſah man gleichſam Lichtfunken aus ihnen hervorgehen. Seine Geſtalt beſaß ein feines Ebenmaaß, und genau jene Groͤße, die dem Reiz am guͤnſtig⸗ ſten iſt; ſein Gang war voll Anſtand, doch leicht und ungezwungen, und ſein Betragen immer eben ſo entfernt von geraͤuſchvoller Ge⸗ ſchwaͤtzigkeit, als cyniſcher Foͤrmlichkeit. 5 Hono ria ſah ihn ſeine kleine Taͤnzerin mit 185⁵ jenem Ausdruck der Froͤhlichkeit herableiten, welcher andeutete, daß er Vergnuͤgen daran fand; und mit aufmunterndem Laͤcheln wies er ſie ſchnell zurecht, wenn ſie, was der Wunſch, es beſſer als gewoͤhnlich zu machen und die Aufregung der Freude oft bewirkte, in den Touren irrte. Honoria wunderte ſich, warum er eine ſolche Taͤnzerin waͤhlte, und noch im⸗ mer abgeneigt, ihm Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, weil ſie glaubte, es werde zu viel aus ihm gemacht, ſuchte ſie in dieſer Wahl einen Plan, die Wirkungen ſeiner eignen Ele⸗ ganz durch den Contraſt zu erheben. Mr. Geantly ſtand noch immer an ihrer Seite und ſte ſagte zu ihm:— „Vermuthlich iſt die Dame, mit der Mr. Burlington tanzt, eine Perſon von Rang?“ „Nein,“ erwiederte er,„weder von Rang noch Vermoͤgen; und wahrſcheinlich wuͤrde ſie, wenn ſie Spencer nicht aufgefordert haͤtte, den ganzen Abend geſeſſen haben; und dieß, kann ich behaupten, war ſein einziger Grund, mit 186 ihr zu tanzen, und ohne Zweifel fuͤhlt er ſich gluͤcklicher im Bewußtſeyn des Vergnuͤgens, das ſie empfindet, als wenn er mit der bun ſten Frau im Zimmer tanzte.. „Ich hoffe, dieß mag ſein einziger Be⸗ weggrund ſeyn,“ dachte Honoria,„aber ich bin geneigter zu glauben, daß er dadurch ir⸗ gend eine Schoͤnheit, die von ihm aufgefordert zu werden erwartete, kraͤnken wollte.“ Burlington war noch um ein Paar von ihr entfernt, als ſie bemerkte, wie Mr. Geantly ihm en-— passant etwas zufluͤſterte; ſogleich waren ſeine Augen auf ſie gerichtet, und achtlos auf das, was um ihn hervorging, ſtieß er bei einer ſchnellen Wendung ſeine kleine Taͤnzerin, die ihm wie gewoͤhnlich auf der un⸗ rechten Seite im Tanz begegnete, beinahe zu Beden. Bei dieſer Gelegenheit erblickte Ho⸗ noria ſein Geſicht zum groͤßten Vortheil, indem er vor Beſtuͤrzung gluͤhend ſeine wankende Taͤn⸗ zerin halb mit den Armen auffing, und ſeine Enrſchuldigungen mit ſo viel Lebhaftigkeit vor⸗ 18⁷ brachte, und ſo aufrichtig uͤber den Vorfall be⸗ kuͤmmert ſchien, daß das Vorurtheil ſelbſt dem Eindruck nicht widerſtehen konnte. „Er iſt ſchoͤn,“ dachte Honoria,„und mehr die Schoͤnheit der Seele als der Zuͤge ſcheint ſein Geſicht zu verklaͤren! Harriet iſt nicht ganz ſo tadeluswerth, wie ich glaubte.“ Die arme Harriet ſaß noch immer, und mit ſo ſichtlicher Unzufriedenheit und Niederge⸗ ſchlagenheit auf dem Geſicht, daß es jeder, der ſie ſah, bemerken mußte. Sobald Burlington das Ende der Colonne erreichte, entſchuldigte er ſich bei ſeiner Taͤnzerin, ſie auf einige Au⸗ genblicke zu verlaſſen, waͤhrend ſie ſich nieder⸗ ſetzte, um auszuruhen; er eilte zu Mr. Geantly, der ihn ſoglich Honoria vorſtellte. Burlingtons lachende Augen mußten einen uͤbereinſtimmenden Ausdruck erregen, indem er ſagte:„Miß Valency, ich glaube bereits meine Begierde nach dieſer Ehre bewieſen zu haben; denn ich erfuhr nicht ſobald, daß ich mich ei⸗ nem Mitglied jener Familie naͤherte, der ich 188 ſo viel wegen meines Bruders zu danken habe, als ich durchdrungen von dem, was ich ſagen wollte, und was ich wirklich empfand, und von meiner Bewegung verblendet, meine Taͤn⸗ zerin faſt umgerannt haͤtte, nur Augen fuͤr Ei⸗ nen Gegenſtand habend.“ Die Munterkeit dieſer Anrede, mit dem lebendigſten Ausdruck vorgebracht, diente gar wohl, die Foͤrmlichkeit einer erſten Bekannt⸗ machung zu verdraͤngen. Honoria konnte nicht umhin zu lachen, obwohl ſie ſich ein wenig verlegen fuͤhlte. Burlington fuhr fort:„Und nun, nach⸗ dem ich ihnen freimüthig alle meine Ungeſchick⸗ lichkeit bekannt habe, wollen ſie mir erlauben, nach Mrs. Valency und ihrer Schweſter, als nach Perſonen zu fragen, mit denen ich ſehr genau be⸗ kannt zu ſeyn glaube; ja, mit denen ich wirk⸗ lich ſehr genau bekannt bin; denn ihr Be⸗ tragen gegen meinen Bruder hat mir einen vollſtaͤndigern Blick in ihre Herzen verſchafft, wie ein Jahr langer Umgang haͤtte bewirken 189 koͤnnen.— Ich hoffe, ſie ſind voͤllig wohl? Honoria antwortete bejahend und fuͤgte natuͤr⸗ lich einige Aeußerungen ihres Vergnuͤgens hin⸗ zu, daß ſie im Stande geweſen waren, dem Major etwas angenehmes zu erzeigen. „ Ich fuͤrchte, ſie werden Urſache es zu bereuen haben,“ ſagte Spencer,„denn in einem Brief, den ich durch Miß Melville's Guͤte erhielt, und der mich von dem bevorſtehenden Vergnuͤgen benachrichtigte(ſeine Verbeugung und ſein ſprechender Blick geſtatteten nicht, ſeine Worte mißzuverſtehen) finde ich, daß er ſich ſehr nahe bei ihrer Familie einquartierte; und er hat mich in die groͤßte Beſorgniß verſetzt, ſie moͤchten den Entſchluß faſſen, ihn hinaus⸗ zuſtoßen, und keinen ſeiner Verwandten den Zutritt zu verſtatten, auch wenn ſie die Anmaßung haben ſollten, vor ihrer Thür zu erſcheinen.“”“ Unmoͤglich konnte Honoria, ſo aufgefor⸗ dert, weniger thun, als den Verwandten des Majors ein Willkommen zu verſprechen, und mußte laͤcheln, wie geſchickt ihr Burling⸗ 190 ton dieſe Verſichrung abgenoͤthigt hatte. Das zftere Hinblicken nach ſeiner Taͤnzerin verrieth, daß er noͤthig glaubte, wieder zu ihr zu ge⸗ hen; indeſſen noch immer zoͤgernd, und abge⸗ neigt ſich zu entfernen ſagte er:— „Waͤr' ich jetzt ein weiſer Mann, ſo 1 wuͤrde ich von ihnen fliehen, ohne noch ein Wort auszuſprechen; und anſtatt des heftigen Verlangens, das ich fuͤr die Fortſetzung ihrer Bekanntſchaft empfinde, wurde ich ihnen ewige Feindſchaft wegen der Bosheit ſchwoͤren, die ſie gegen mich gezeigt haben. „Bosheit!“ wiederholte Honoria.—„Ja Bosheit der ausgeſuchteſten Art. Nie ward der erſte Anblick einer Perſon von ungluͤckli⸗ chern Vorbedeutungen begleitet, als der, worin meine verblendeten Augen ſie zuerſt ſahen. Anfangs machten ſie mich eines Vegehns ſchul⸗ dig, das in den Annalen des Ballzimmers ohne Gleichen iſt, meine Taͤnzerin faſt umzurennen, und nun haben ſie eine Art von Vernach⸗ laͤfſigung zu verantworten, die ſie vielleicht nicht 191 fuͤr weniger unverzeihlich haͤlt, nehmlich ſie einſam und allein zu laſſen.“ 85 „O, ich bitte, gehen ſie ſogleich zu ihr; ich hatte gewiß nicht die geringſte Abſicht, ſie zu halten,“ ſagte Honoria, ſich wieder an ihren Platz ſtellend. e Nt t. „Ich weiß dieß nur zu wohl, ich wuͤnſchte anders denken zu koͤnnen!“ rief Spencer, immer noch verweilend;„aber ſind ſie gaͤnz⸗ lich entſchloſſen, mir nicht mehr zu antworten, wenn ich noch bleibe? Iſt keine Hoffnung mehr, ihre Aufmerkſamkeit zu erregen?“ Honoria ſchuͤttelte den Kopf, und Spen⸗ cer fiog laͤchelnd hinweg. Wilhelm Irby kam jetzt von ſeinem Platz heruͤber, und ſagte mit keinem ſehr liebenswuͤrdigen Ausdruck:— „Ich glaube, Miß Honoria, ſie wiſſen gar nicht, daß fuͤnf Paar hinabtanzten, ohne von ihnen einer Beachtüng gewuͤrdigt zu werden.. „Wahrſcheinlich,“ erwlederte ſie,„hiel⸗ ten ſie mich, da ich außer dem Tanz ſtand, 19²2 nicht fuͤr dazu gehoͤrig, und ſo hat es nichts auf ſich.“ „ Nein, es hat nichts auf ſich, glaub' ich, daß ich allein figuriren mußte, waͤhrend ſie dieſem Mann zuhoͤrten, der wie eine Elſter ſchwatzt. t „Er iſt einer Elſter nicht halb ſo aͤhnlich wie ſie, indem ſie ein ſam vorwaͤrtshuͤpften, gleich dem Vogel von uͤbler Vorbedeutung, und nun ihren Unmuth hervorkraͤchzen.“ Obwohl halb zornig, konnte Wilhelm bei dieſem fuͤglichen Gleichniß doch ſeine Ernſthaf⸗ tigkeit nicht behaupten, wenn auch der Scherz gegen ihn gerichtet war, und er kehrte mit erneutem Vergnügen auf ſeinen Platz zuruͤck, eine anwendbare Stelle zitirend. Jonathans Unterhaltung beſtand bis jett darin, mit zwei andern Geſchoͤpfen dieſer Art im Zimmer umherzuſtreifen, und ſo oft als möglich dem Ceremonienmeiſter in den Weg zu kommen. Begierig, einer Menge Damen, die noch immer ſaßen, Taͤnzer zu verſchaffen, for⸗ 193 derte er alle junge Maͤnner, die er muͤßig fand, auf, ihn durch Tanzen zu verbinden; und die Ergöͤtzlichkeit dieſes witzigen Trio's war, es immer unter ungereimtem Vorwand abzu⸗ ſchlagen, und ſich nach ihrér Meinung ſehr wichtig zu machen. Mrs. Irby ſammelte von Mrs. Meloille die Geſchichte der meiſten an⸗ weſenden Perſonen, und das Weſentliche der Mittheilung in ihrem Gemuͤth erwaͤgend, ver⸗ beſſerte und vermehrte ſie es durch No⸗ ten und Zuſaͤtze, auf Folgerungen, Muth⸗ maßungen und Schluͤſſe gegruͤndet. Harriet und Eliſabeth ſaßen beiſammen; doch erſtere befand ſich in zu uͤbler Laune, um zu ſprechen, und Eliſabeth war zu ſchweigen genoͤthigt. Als die Taͤnze geendet waren, kam Honoria zu ihnen; ſie hatte fuͤr die folgenden keinen Taͤnzer und fuͤhlte, wie man bekennen muß, einige Unruhe deßhalb. Harriet fand jetzt Worte, und ſagte mit Schaͤrfe: „Ich glaube, du haͤltſt Mr. Spencer Bur⸗ lington nach dem Vergnuͤgen, welches dir Gueriha⸗Anf. 1. 13 ſeine Unterhaltung zu machen ſchien, nun nicht fuͤr ſo ganz erſchrecklich.“ „Ich hielt ihn nie fuͤr ganz erſchreck⸗ lich, dennoch bekenne ich bereitwillig, mich in meinem erſten Urtheil uͤber ſeine Perſon voͤllig geirrt zu haben.“ „O ja, ich glaube es; doch wenn er mich anſtatt deiner artig behandelt haͤtte, ſo wuͤrde er ohne Zweifel noch immer garſtig ſeyn.“ Honoria antwortete ihr nicht, denn ſie ſah ſie in einem quaͤlenden Zuſtand uͤbler Lau⸗ ne, der ſich ſelbſt beſtrafte. Burlington naͤ⸗ herte ſich ihnen jetzt. Harriet befand ſich in der höchſten Unruhe, aus Furcht, er werde ſie nicht, und aus Furcht er werde Honoria zum Tanz auffordern. Sie feſſelte ſogleich ſeine Aufmerkſamkeit, indem ſie ihn anredete und ihn abhielt, ſich an ihre Nachbarin zu wenden, wie er wollte. „O!l welch einen langweiligen Tanz ha⸗ ben ſie gehabt, ich glaubte, er wuͤrde nie en⸗ digen; es iſt ſo ermuͤdend zuzufehen.“ Burlington laͤchelte bloß, und fragte Ho⸗ noria, ob ſie engagirt ſei. Sie antwortete verneinend, worauf er hinzuſetzte:—„ Obriſt Harrel, ein beſonderer Freund von mir, iſt ſehr begierig, mit ihnen zu tanzen.“ Honoria machte nur eine Verbeugung; ein unwilliges Gefuͤhl regte ſich in ihrer Bruſt, doch ſie unterdruͤckte es und empfing Burling⸗ tons Freund mit gefaͤlligem Laͤcheln, und ſtand bald mit ihm in der Reihe. Sie hatte kaum ihren Platz eingenommen, als jemand mit ei⸗ nem bedeutenden Druck ihren Arm ergriff, und beim Umſehen erblickte ſie Harriet Irby, mit Freude und Frohlocken ausdruͤckendem Geſicht. Sie hatte Burlingtons Arm genommen und ſagte mit ſanftem Ton:„Willſt du mich neben dir ſtehen laſſen, liebe Honoria?“ „Gewiß,“ antwortete Honoria, ſchien aber Burlington nicht zu bemerken. Miß Mel⸗ ville, die mit Wilhelm Irby kanzte, ſtand an der andern Seite, und mit ihr fing ſie ein lebhaftes Geſpraͤch an, in das ſich Wilhelm 13* 195 gelegentlich miſchte; die Touren des Tanzes verſtatteten nicht viel Gemeinſchaft zwiſchen den Gegenuͤberſtehenden. Honoria freute ſich dar⸗ uͤber, denn ſie fuͤhlte ſich nicht geneigt, mit ihrem Taͤnzer zu ſprechen. Er hatte ein vöͤllig Gentleman gleiches Ausſehn, aber ſehr ſtarre Augen, und ſchien zu bereitwillig, verbind⸗ liche Reden vorzubringen, um ſeiner Taͤnzerin angenehm zu ſeyn. Harriet fuͤſterte ihr zu⸗ weilen einigen Unſinn von Burlington zu, von der beſondern Art und Stimme, womit er ſie aufforderte, aber Honoria hoͤrte nicht die Haͤlfte von dem, was ſie ſagte. Wie ſie zu Anfang der Colonne ſtand, bemerkte ſie, daß Burlington heruͤberkam, als wenn er mit ihr zu ſprechen wuͤnſche, allein ſie fuhr fort, ſich mit Eliſabeth zu unterhalten, und wollte, obgleich ſie kaum wußte, warum, ihm nicht die Gelegenheit geſtatten, die er zu ſuchen ſchien; doch als Miß Melville zu tanzen anfing, ſagte er zu ihr: „Wiſſen ſie, Miß Valency, daß ich ganz ungluͤcklich bin?“ „In der That, wie ruͤhrend!ℳ „Ach! jetzt ſehe ich,“ ſagte er mit einem kleinen Anſtrich von Ernſt,„daß ſie uͤber mich lachen! So wenig es ſie aber auch be⸗ kuͤmmert, will ich ihnen ſagen, warum ich ungluͤcklich bin. Ich fuͤrchte, mein Betragen er⸗ ſcheint ihnen zu vertraulich fuͤr eine erſte Zu⸗ ſammenkunft. Dennoch kann ich ſie nicht als eine neue Bekanntſchaft betrachten; und ich hoffe, wenn ſie mich beſſer kennen lernen, wer⸗ den ſie eine mildere Meinung von mir faſſen, wie die, zu der ſie jetzt geneigt ſind.“ Honoria war uͤberraſcht und ein wenig ver⸗ legen durch den unerwarteten Inhalt dieſer Worte, der deutlich bewies, daß etwas in ihrem Betragen eine Unzufriedenheit mit ihm verrieth. Sie verſicherte ihn, er ſei im Jer⸗ thum, doch er ging mit einem halb verwei⸗ ſenden Laͤcheln, den Kopf ſchuͤttelnd, an ſei⸗ nen Platz zuruͤck, ſie bereitwillig zuruͤcklaſſend, alles anzuerkennen, was man von ihm geſagt hatte. Nichts konnte angenehmer ſeyn, als 198 die Stunde beim Theetiſch zugebracht, wo ihre Geſellſchaft, um einen Seitentiſch verſammelt, durch Obriſt Harrel und Burlington vermehrt ward. Der letztere ſchien nur begierig, jjeder⸗ mann gluͤcklich und mit ſich zufrieden zu machen; und durch das Beſtreben, dieß zu erreichen, ward er ſelbſt allen angenehm. Er widmete keinem Gegenſtand ſeine beſondere Aufmerkſamkeit, aber alle wurden auf gewiſſe Weiſe, wenn nicht ganz, durch ſeinen lebhaften Witz erheitert; und Freude und Leben ſchien von ſeinem Ge⸗ ſicht auf jede Perſon in ſeiner Naͤhe wiederzu⸗ ſtrahlen. 1. Honoria war von neuem ohne Taͤnzer, als ſte wieder in das Ballzimmer trat.„Miß Va⸗ lency!“ rief eine Stimme; ſie ſah ſich um— „Sir Philipp Staines,“ ſagte Burlington, einen Herrn an ſeinem Arm vorſtellend. Sir philipp bat ſogleich um die Ehre, mit Miß Ba⸗ lency zu tanzen, und ſie gewaͤhrte es in an⸗ ſcheinend guter Laune; aber es kam nicht aus dem Herzen, und alle ihre Bemuͤhungen konnten 8 199 nicht den Unwillen und Mißmuth zerſtreuen, den ſie empfand. Es erſchien ihr ſo ſeltſam, ſo unverantwortlich, daß ein Mann, der aufs lebhafteſte die Freundſchaft mit ihrer Familie zu unterhalten wuͤnſchte, und ſich derſelben verpflichtet zu ſeyn bekannte, die gewoͤhnliche Aufmerkſamkeit, mit ihr zu tanzen, unterließ, und ihr Perſonen vorzog, die ſie, ohne Eitel⸗ keit, ſich an Macht zu gefallen untergeordnet betrachten mußte. Er tanzte jetzt mit Eliſa⸗ beth, die er vor mehrern Jahren nur entfernt gekannt hatte. Was ſie noch mehr aufregte, war ſeine Bemuͤhung, ſie mit Taͤnzern zu ver⸗ ſorgen; alles dieß ſah ſo geſucht aus, daß ihre alte Abneigung zuruͤckzukehren drohte; und waͤhrend ſie ſich ihre wahren Gefühle zu ver⸗ bergen bemühte, ſchwebte, ſo oft ihr Auge uͤber ihn hingleitete, das Wort, Thor! auf ih⸗ ren Lippen, und ſie wuͤnſchte nur von ihm auf⸗ gefordert zu werden, um ihn auszuſchlagen. Der Gentleman, der ihr jetzt gegenuͤber ſtand(Sir Philipp Staines), war ein ſehr jun⸗ 200 ger Mann, und mehr gut ausſehend, aber ſo außerordentlich affectirt, daß er kaum drei verſtaͤndliche Worte ausſprechen konnte. Er ſtand mit emporgerichtetem Kinn und halb ge⸗ ſchloſſenen Augen, zu ſehr mit dem Gedanken an ſich ſelbſt beſchaͤftigt, um immer auf den Tanz Achtung zu geben. Nachdem Honoria ſich wieder geſett hat⸗ te, beſchloß ſie, nicht mehr zu tanzen, und ſchlug vor, nach Hauſe zu gehen, welches aber nie⸗ mand von ihrer Geſellſchaft unterſtuͤtzte. Der Tanz begann von neuem, wo Burlington mit dem Ausdruck des Perguügens ſich ihr naͤher⸗ te, ausrufend: „Nun darf es mir erlaubt ſeyn, ſie zu bitten, mit mir zu tanzen!“ 1 „und mir muß erlaubt ſeyn, es abzu⸗ lehnen,“ erwiederte Honoria, mit einem An⸗ ſehn von Froͤhlichkeit und nbefangenheit „Ich bin ganz ermuͤdet.“ Burlington ward ploͤtzlich ernſt, und ſagte mit etwas traurigem Ton:„Ich habe den ganzen Abend fuͤr das Vergnuͤgen Andrer ge⸗ tanzt, und nun verſagt man mir die Beguͤn⸗ ſtigung, die ich mir am Ende der Nacht ver⸗ ſprach, obwohl ich nicht darum zu bitten wag⸗ te, waͤhrend ſo viele mich fuͤr ſie zu verwen⸗ den aufforderten; aber ich erwartete nicht, daß Miß Valency abſichtlich es ausſchlagen wuͤr⸗ de, mit Major Burlingtons Bruder zu tanzen.“ Honoria wußte kaum, wie ſie ausſehen, oder was ſie ſagen ſollte; er behandelte ihr Verneinen ernſter als ſie erwartet hatte; und ob ihr gleich ſein anſcheinendes Verletztſeyn nicht leid that, ſo wuͤnſchte ſie ihn doch nicht zu beleidigen, und nach kurzem Schweigen ſagte ſie:„Wenn ſie mich vorher aufgefordert haͤtten, wuͤrde ich ſehr gern mit ihnen getanzt haben, daher irren ſie, wenn ſie 1 glauben, ich ſchlage es ihnen abſichtlich ab,— aber ich bin wirklich gaͤnzlich ermuͤdet.“ „Was fuͤr ein ſchlechter Phyſtognom ich bin; ich hielt ihr Geſicht fuͤr das Abbild der Wahrheit und Aufrichtigkeit.“ 202 „und welchen Grund haben ſie, an mei⸗ ner Wahrhaftigkeit zu zweifeln?“ ſagte Ho⸗ noria erroͤthend, indem ſie zu lachen verſuchte. „Nun, koͤnnen ſie jetzt auf ihr Gewiſ⸗ ſen verſichern, daß ſie zu ermuͤdet ſind, um die Anſtrengung noch eines Tanzes zu ertra⸗ gen? Er richtete ſeine Augen mit einem Aus⸗ druck auf ſie, der ihr nicht ſich zu verſtellen geſtattete, und ſie antwortete mit geſenktem Blick—„aber wenn ich es nun vorzoͤge zu ſitzen?“ „Dann habe ich in der That nichts mehr zu ſagen!“ Burlington ſprach dieſe Worte mehr mit traurigem als entruͤſtetem Ton, ſeine Zuͤge druͤck⸗ ten Niedergeſchlagenheit aus, und er ſetzte ſich ſchweigend an ihre Seite. Es war etwas ſehr gezwungenes in ihrer ploͤtzlichen Wortloſigkeit, und um ſie zu unterbrechen, ſagte Honoria: „Ich bitte, laſſen ſie ſich nicht vom Tanzen abhalten! Sie ſehen, wie viele Damen noch 203 immer ſitzen, und da ſie ſich dem Vergnuͤgen Andrer widmen, ſo gedenken ſie gewiß nicht, unthaͤtig zu bleiben.“ „Ich wuͤrde niemands Vergnuͤgen in mei⸗ ner gegenwaͤrtigen Stimmung befoͤrdern. Wenn ſie nicht mit mir tanzen wollen, werd' ich ſitzen bleiben. Wie erſtaunt wird mein Bru⸗ der ſeyn; wenn ich ihm den Verlauf alles des mir von ihm verſprochnen Vergnuͤgens berichte, und ihm ſage, daß ſi ſie entſchieden ausſchlugen, mit mir zu tanzen.“ „Das iſt wirklich zu laͤcherlich,“ ſagte Ho⸗ noria;„da ſie aber eine ſo ernſte Sache dar⸗ aus machen, muß ich mich vermuthlich der Gefahr ausſetzen, vor Ermuͤdung zu ſterben.“ Sie ſagte dieß mit Lachen; Spencer ſprang empor, ergriff ihre Hand, und eilte mit ihr zum Tanz, indem er ausrief: „O Beharrlichkeit! wie daſ du mich be⸗ freundet!"? „Sagen ſtie lieber, Harenaigtet,⸗ ſprach Honoria. „ Nennen ſie es wie ſie wollen, es diente meiner Abſicht, und nun laſſen ſie mich ihnen alles ſagen—“ Die Naͤhe eines tanzenden Paars unter⸗ brach ſeine Rede, und trieb ihn ſchnell an ſeinen Platz; doch in der naͤchſten Minute war er wieder zuruͤck und fuhr ſort:—„Aber ich muß ihnen erzaͤhlen, wie artig Edgar mit mir herumſprang. Als ich zuerſt meine Freude aͤußerte, ihn ſo unerwartet zu ſehen, und tau⸗ ſend Fragen an ihn that, wie, wann und wo er verwundet ward, und warum er mir nichts davon bekannt machte, phantaſirte er nur von einer gewiſſen ſeltſamen, ungewoͤhn⸗ lichen Art von Leuten, die ſich die Muͤhe ga⸗ ben, ihn durch allerhand gute Sachen zu pfle⸗ gen, bis ſie ihn wieder zum Leben brachten. Was ich auch ſagte, bewog ihn nicht, von an⸗ dern Dingen zu reden. Bei Tiſche fand er ge⸗ biß etwas nicht ſo gut, wie er es bei Mrs. Valency genoſſen hatte; wenn ich eine Arie traͤllerte, ach! wie ſuͤß ſang dieß Miß Valency.“ „Tanzen ſie oder tanzen ſie nicht, Mr. Burlington? ¹¹ unterbrach ihn hier eine gellende Stimme mit etwas Anmaßung. „Ich bitte zehn tauſendmal um Verge⸗ bung!“ rief er, indem er ſich mit Harriet Irby drehte, die ihn nicht undemerkt voruͤber⸗ gehen wollte; doch ſogleich nahm er den Faden des Geſpraͤchs wieder auf.—„Kurz, der arme Edgar wiederholte ſo oft die Beſchreibung je⸗ ner geiſtloſen unangenehmen Leute, die er in Weymonth verlaſſen hatte, daß ich— aus bloßer Neugierde, außerordentlich begierig ward, ſie zu ſehen. Sobald ich dieſen Wunſch zu erkennen gab, ſchlug er die Mittel vor, ihn zu befriedigen, und wir reiſ'ten ſchleunigſt nach Weymouth. Denken ſie ſich unſern Verdruß⸗ als wir fanden, daß wir uns alle dieſe Muͤhe nur gegeben hatten, um hoͤchſt unangenehm in unſrer Erwartung getaͤuſcht zu werden. Edgar wollte ſogleich wieder abreiſen, mich verſichernd, Weymouth ſei der langweiligſte Ort von der Welt; doch ich, der es nie unter gluͤcklichern 206 Verhaͤltniſſen erblickt hatte, waͤre gern einige Tage geblieben, um mich umzuſehen; aber er hoͤrte nicht auf, mich zu quaͤlen, bis wir uns wieder auf den Weg machten, und in dieſe Gegend zuruͤckkehrten, wo ich mir einiges Ver⸗ gnuͤgen von ſeinem Umgang verſprach; jedoch nein, er war immerfort unzufrieden— nichts machte ihm Vergnuͤgen, bis er mich nach Ver⸗ lauf eines Monats faſt aus bloßer Sympathie in einen Zuſtand von Schwermuth verſetzt hat⸗ te, und ich rieth ihm, auf alle Weiſe zu gehen und ſein Gluͤck bei denen zu ſuchen, die es ihm geraubt hatten.“ 4 Honoria fuͤhlte ſich zu ſehr bei dieſer ge⸗ nauen Darſtellung intereſſirt, um nicht eifriſt zuzuhoͤren; und durch ihre Aufmerkſamkeit und ihr beifälliges Laͤcheln munterte ſie Burling⸗ tons Geſpraͤchigkeit auf. Bei Endigung der Taͤnze fuhlte ſie ſich fuͤr den kleinen Unmuth, den ſie vorher em⸗ pfunden hatte, mehr als entſchaͤdigt. Als ihre Geſellſchaft ſich zu entfernen bereitete, bat ſie 7 207 Mr. Geantly, ſeinen Wagen am naͤchſten Morgen bald bei Mrs. Melville ſeyn zu laſſen. „Sie koͤnnen morgen nicht wohl abrei⸗ ſen, da den Abend Theater ſeyn did) ant⸗ wortete er. „Sie vergeſſen, theurer Sir,“ ſagte Burlington, mit angenommenem Ernſt,„„daß ſich ihre Pferde in einem Zuſtand beſinden, der ihnen den Tod zuziehen wuͤrde, wenn ſie den Stall verließen.“ „9 wahr, wahr; ja, ich verſñäxt⸗ es iſt der Fall.“ „Es iſt ſehr feltſam,““ ſagte Honoria lachend—„daß ſie alle ſeit vorgeſtern krank geworden ſind. Spencer nannte ſogleich mehrere Krank⸗ heiten, die ſie haͤtten, man lachte uͤber die kuͤhne Behauptung, und Honoria fand es ver⸗ gebens, morgen abreiſen zu wollen; ſie wußte, ihre Mutter werde ſie kaum noch erwarten, und legte gewiß ihren Gefuͤhlen keinen großen 208 Zwang auf, wenn ſie den Bitten ihrer Freunde nachgab. 8 Am naͤchſten Morgen hatte Mrs. Melville die Ehre, von Burlington einen Beſuch zu er⸗ halten, den ſie ganz ihrer jungen Freundin und dem Verlangen, ihr jede moͤgliche Aufmerk⸗ ſamkeit zu beweiſen, zuſchrieb; allein ſie irrte ſich, ſeine Artigkeit gaͤnzlich dieſem Grund beizulegen. Er verlangte, es wieder gut zu machen, Mrs. und Miß Melville ſo lange vernachlaͤſſigt zu haben, welches nur aus ſei⸗ ner Abneigung, Sir Franz zu treffen, und dem Widerwillen, mit Perſonen ſeines naͤhern Umgangs bekannt zu ſeyn, entſtanden war; doch ſeitdem er hoͤrte, daß das Verhaͤltniß ſich aufgeloͤſ't hatte, wuͤnſchte er eine Gelegen⸗ heit, die Bekanntſchaft mit Eliſabeth zu er⸗ neuern, die ihm immer ſehr liebenswuͤrdig, und jetzt durch ihre Bemuͤhung, Sir Franz aufzu⸗ geben, noch angenehmer erſchien. Dieß Ge⸗ fuͤhl bewog ihn, am vorhergehenden Abend mit ihr zu tanzen. Gutmuͤthigkeit allein machte 209 ihn zu Harriet's Taͤnzer; denn da alle feine maͤnnlichen Bekannten bei Honoria eingefuͤhrt zu werden verlangten, wollten ſie mit nie⸗ mand anders tanzen. Wenn ſich Spencer in Geſellſchaft zeigte, war es immer mit der Ab⸗ ſicht, ſowohl das Vergnuͤgen Anderer, als ſein eignes zu befoͤrdern, und je groͤßer die Anzahl war, die er gluͤcklich machen konnte, deſto gluͤcklicher fuͤhlte er ſich ſelbſt. „Ich werde morgen meinen Bruder ab⸗ holen,“ ſagte Burlington zu Mr. Geantly, „und es wuͤrde ſehr unbillig von ihnen ſeyn, wenn ſie beide Damen fuͤr ſich allein behalten, und den Platz in meinem Wagen leer laſſen wollten. Wollen ſie gefuͤhllos ſeyn, und mich allein zu reiſen verdammen?“ „Die Damen muͤſſen uͤber dieſen Punkt entſcheiden,“ fagte Mr. Geantly. Beide er⸗ 4 klaͤrten, ihn nicht verlaſſen zu wollen, und Bur⸗ lington beſchuldigte ihn eines Geiſtes des Al⸗ leinbeſitzes. „Ich achte nicht auf ihre Laͤſterung,“ Guerillg⸗Anf. I. 2 14 210 ſagte Mr. Geantly ſcherzhaft,„und ſeitdem ſie dazu kommen, wuͤrde es unverzeilich ſeyn, eine meiner Gefaͤhrtinnen der Leitung eines ſo leidenſchaftlichen Geſellen anzuvertrauen, der, wenn er ſich durch etwas aufgeregt fuͤhlte, ſie in einen Graben werfen koͤnnte, und was wuͤrde dann Mrs. Valency ſagen?“ „O, ich weiß genau, was Mrs. Va⸗ lency ſagen wuͤrde; ſie moͤgen lachen,“ fuhr er zu Honoria fort, die er laͤcheln ſah; „allein ich kenne Mrs. Valency vollkommen gut, und ihr Bild iſt ſo lebhaft in meinem Gemuͤth, daß ich ſie gewiß erkennen wuͤrde, wenn ſie mir auf der Straße begegnete; und da ſie vermoͤge meines Bruders uͤber mich ur⸗ theilt, ſo wuͤrde ſie ſagen, daß einem ſo fanf⸗ ten, ſtillen jungen Mann jede Perſon anver⸗ traut werden koͤnne. Ich will ihr erzaͤhlen, wie ſie mich behandelt haben, und ſie wird meine Partie nehmen. Doch wenn ich keine Gefaͤhrtin erhalte, will ich nicht fahren, ſon⸗ dern zu Pferde reiſen.“ 211 „Aber ihr Bruder wird mit ihnen zurͤck kehren,“ ſagte Honoria. „O nein, ich werde win gewiß nicht hin⸗ wegbringen koͤnnen.— Den folgenden Tag in der Fruͤhe deipren die beiden Freundinnen ab; Mr. Geantly begleitete ſie den ganzen Weg, da er eine Familie in ihrer Naͤhe beſuchen wollte. Als ſie aus der Stadt fuhren, erkundigten ſie ſich nach Harriet Irby, die ſich auf dem Ball eine ſehr heftige Erkaͤltung zugezogen hatte, und fanden ſie noch immer nicht wohl genug, um abreiſen zu koͤnnen. Von Burlington war dieſen Morgen nichts zu ſehen oder zu hoͤren, und nachdem Honoria einige Meilen den Weg beobachtet, und ihre Augen in verſchiedenen Richtungen angeſtrengt hatte, fing ſie an, ihn fuͤr ſehr langweilig zu halten, und jene Er⸗ müdung und Abſpannung zu empfinden, die wir oft nach einem vorzuͤglichen Vergnuͤgen er⸗ fahren. Die Zeit, die auf der erſten Station zum Ausruhen der Pferde noͤthig war, ſchien 4. 14* 212 ihr endlos zu ſeyn, und ſie lebte nicht eher wieder auf, bis ſie die Huͤtte erblickte, wo ihre Augen zu glaͤnzen anfingen; eifrig ſchaute ſie nach ihrer Mutter und Schweſter, die, wie ſie glaubte, ſie erwarten wuͤrden. Auch ward ſie nicht getaͤuſcht; ſie ſtanden mit Ma⸗ jor Burlington am Thor. Nach der Freude bei dieſem Wiederſehen haͤtte man glauben koͤn⸗ nen, ſie waͤren vier Jahre anſtatt vier Tage getrennt geweſen. Mr. Geantly mußte Mrs. Valency's dringende Einladung zum Mittags⸗ eſſen ablehnen, und als ſein Wagen wegiuhe gingen die Uebrigen ins Haus. Der Major fragte Honoria, wie ſie er nen Bruder verlaſſen, und ob ſie einen Brief von ihm habe. Sie wollte ihm beim Eintritt ins Zimmer antworten, wich aber beſtuͤrzt zuruͤck, als ſie einen Herrn erblickte, der mit einem Buch in der Hand auf dem Sopha ruh⸗ te. Ihrem Ausruf:„Mr. Burlington!“ folgte ein allgemeines Lachen, waͤhrend er auf ſie zuſtog, ihre Hand ſchuͤttelnd ſie willkommen 213 hieß, und bat, ſich's ſ beauem wie zu Hauſe zu machen. Es laͤßt ſich vielleicht nicht ſchree d die Ge⸗ ſinnung einer Perſon gegen eine andere erfah⸗ ren, als durch den gaͤnzlich unerwarteten An⸗ blick derſelben; denn der Ausdruckz des! Ge⸗ ſichts wird unſtreitig die wahren Gefuͤhle ver⸗ rathen, die bei dieſer Gelegenheit erregt werden. Gewiß mußte ſich Burlington durch die ſichtbare Freude in Honoria's Zuͤgen befrie⸗ digt fuͤhlen; indem er ſie zu einem Sitz fuͤhrte⸗ ſprach er weiter—„Man noͤthigte mich ſtill zu ſitzen, um ſie zu aͤberraſchen, und dieß mit Erfolg zu thun, hieltz ich's] fuͤr gut, mit gehoͤriger Ruhe ein Buch in die Hand zu nehmen, als wenn ich ein 1 Bewohner des Hau⸗ ſes waͤre. 1 Burlington hatte ſich fruͤh am Morgen auf's Pferd geſetzt, und war einige Zeit lang⸗ ſam geritten, in Erwartung, von Mr. Geant⸗ ly's Wagen eingeholt zu werden; als er aber ſeine Geduld erſchoͤpft fuͤhlte, beſchloß er, ih⸗ 214—* nen zuvorzukommen. Der Anweſenheit ſeines Bruders in der Hutte ſo ziemlich gewiß, wagte er daſelbſt nach ihm zu fragen, worauf ihn der Major zu Mrs. Valency fuͤhrte, der ſich Spencer als den avant coureur der Damen ankuͤndigte. Nach dem, was ſich bereits gezeigt hat, iſt es vielleicht ganz unnoͤthig zu berichten, daß es Ella war, die auf Major Burlingtons zaͤrtliches Herz einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Ihr heldenmuͤthiger Entſchluß, Sir Franz aufzugeben, erregte zuerſt ſein Erſtau⸗ nen und ſeine Bewunderung, die bald durch ein lebhaftes Gefuͤhl erhoͤht wurden; obwohl um dem Major Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, bemerkt werden muß, daß er bei dem Entſchluß, des Baronets Charakter zu enthuͤl⸗ len, noch ungewiß war, um welche der beiden Schweſtern er ſich bewerbe, auch kannte er den Zuſtand ſeines Herzeus nicht eher, als bis er Weymonth verlaſſen hatte; und in der Entfernung lernte er die Reize ihres Umgangs 215 ſchaͤtzen. Seinem Bruder entdeckte er alles, und dieſer troͤſtete ihn mit der Vorſtellung, wiewohl Miß Valency es unmoͤglich finden duͤrfte, ſo bald einen neuen Gegenſtand in ihre Gunſt aufzunehmen, koͤnne es ihm doch durch eine Reihe namenloſer Bemuͤhungen geling n, ihre Liebe zu erwerben. Der Major gab jetzt nicht gern zu, daß Ella je fuͤr den Baronet Neigung empfand, ſondern ſuchte ſich zu uͤber⸗ reden, nur auf Antrieb ihrer Freunde habe ſie ihn beguͤnſtigt, und dieſe Verbindung wuͤrde mehr aus Ruͤckſicht als aus Liebe geſchloſſen worden ſeyn. Seine große Ungeduld indeß zu wiſſen, in wiefern es ihm gelingen duͤrfte, bewog ihn zur Ruͤckkehr nach Weymouth, und zu dem darauf folgenden Beſuch in der Huͤtte. Er bemerkte bald, daß es einige Befremdung erregte, bloß um ihrer Geſellſchaft willen in der Naͤhe zu bleiben, und Mrs. Valency's Be⸗ tragen zeigte einen Grad der Vorſicht, der, um gerecht gegen ſich ſelbſt zu ſeyn, ihn zu einer offenen Erklaͤrung aufforderte. 216 An jenem Morgen, wo Ella und Hono⸗ ria ihn in ſo aufmerkſamem Geſpraͤch mit Eli⸗ ſabeth uͤberraſchten, war Ella's Lob deſſen In⸗ halt; als er an demſelben Tag mit Mes. Valency allein ging, bezeichnete er die Natur ſeiner Gefuͤhle; und nach Honoria's und Eli⸗ ſabeths Entfernung hatte er alle ſeine Hoff⸗ nungen, Wuͤnſche und Plane bekannt gemacht. Er ſagte Mrs. Valency, daß fünfhundert Pf. jaͤhrlicher Einkuͤnfte alles waren, was er als ein juͤngrer Sohn erbte, allein ſobald ſein Bruder muͤndig ward, hatte er ſie bis tauſend vermehrt, und ihm auch ein Geſchenk mit der Majorsſtelle gemacht. Burlingtons Hoffnun⸗ gen wurden von Mrs. Valency weder belebt noch unterdruͤckt, ſondern ſie wies ihn gaͤnzlich an ihre Tochter, obwohl ſie ſeinen Stand in ihren Augen fuͤr einen ſehr wichtigen Ein⸗ wand erklaͤrte; wenn aber Ella nach Erwaͤ⸗ gung und einer laͤngern Bekanntſchaft ihr Gluͤck durch eine Verbindung mit ihm zu befoͤrdern glaubte, wollte ſie nicht dagegen ſeyn. Er 217 erwartete von ihrer Tochter keine unmittelbare Entſcheidung einer ſo wichtigen Angelegen⸗ heit, und bat nur um Erlaubniß, als genauer Bekannter ſeine Beſuche fortſetzen zu duͤrfen, damit er ſich ihre Gunſt zu erwerben bemuͤhen koͤnne. Dieß ward von Mrs. Valency geneh⸗ migt, und ſie beſchloß, bei der erſten Gelegen⸗ heit mit Ella uͤber dieſen Gegenſtand zu ſpre⸗ chen; da einige Verlegenheit ihres Betragens, und ein hoͤherer Grad von Ernſt als gewoͤhn⸗ lich ein Intereſſe fuͤr den Major und ihr Zuͤrnen mit ſich ſelbſt daruͤber zu verrathen ſchien. 3 Bei der Erklaͤrung des Majors, nicht auf den Ball zu gehen, ward eine Vermuthung der Wahrheit, die, wie man bekennen muß, ſchon vorher erregt war, in Ella's Gemuͤth ſehr vermehrt, und ſie fuͤhlte ſich hoͤchſt unzu⸗ frieden mit ſich ſelbſt uͤber das Vergnuͤgen, welches ſie dabei empfand. Gewiß iſt in man⸗ chen Faͤllen das Herz nie empfaͤnglicher füͤr ei⸗ nen neuen Eindruck, als gerade in einer Zeit⸗ „ 218 8 wo es eine vormalige Neigung zu uͤberwinden ſucht. Unter gegenwaͤrtigen Verhaͤltniſſen war ihr Herz und ihr Wille im Streit, denn ob⸗ wohl voͤllig geneigt, den liebenswuͤrdigen Cha⸗ rakter und das intereſſante Betragen des Ma⸗ jors anzuerkennen, entſetzte ſie ſich doch vor dem entfernteſten Gedanken, ſo bald ein neues Verhaͤltniß zu ſchließen. Als ihre Mutter mit Laͤcheln bemerkte, daß die Freundſchaft des Majors zu ihrer Familie eine ſchnellere Ent⸗ ſtehung gehabt habe, als ihr je vorgekommen ſei— erwiederte ſie, die Neigungen einiger Perſonen waͤren lebhafter, als die der an⸗ dern, und ſie koͤnnten eine ganze Familie in dieſelben aufnehmen, waͤhrend ein Anderer nur die Vorzuͤge Einzelner betrachte. Mrs. Va⸗ lency ſagte ferner, daß ſie glaube, die Vor⸗ zuͤge eines Mitglieds habe des Majors Freundſchaft fuͤr die ganze Familie bewirkt. Ella konnte ſie nicht mißverſtehen, obwohl ſie es vorgab, waͤhrend ihre Verwirrung ſie ver⸗ rieth. 219 „Haſt du etwas gegen die Beſuche des Majors als Freund fuͤr jetzt einzuwenden?“ fragte Mrs. Valency. G „Gewiß nicht als Freund,“ erwie⸗ derte Ella mit einem viel zu ernſten Aus. druck, um fuͤr Gleichguͤltigkeit zu gelten,„und gewiß, liebe Mutter, koͤnnen ſie nicht ſo un⸗ gerecht gegen mich ſeyn, und glauben, daß ich ihn in meinem gegenwaͤrtigen Gemuͤthszu⸗ ſtand in einem andern Lichte anſehen koͤnnte.“ Mrs. Valency ſchloß viel zum Vortheil des Majors aus dieſer erſten Verſtellung, die ſie an ihrer Tochter bemerkte, und bei ihrem Laͤ⸗ cheln fuͤhlte ſich dieſe nicht zufrieden. Der Major ſchien vollkommen die Art des Angriffs durch verſteckte Mittel zu ver⸗ ſtehen; ſein Bruder duͤrfte beſſer durch einen coup-de-main den Sieg erhalten haben; allein der Major machte durch unmerkliche, doch ſichre Schritte einen bedeutenden Fort⸗ gang in ſeinem Plan. Nichts konnte unterhaltender als die jetzt ſie ſich ſpaͤt mit ihrer Schweſter zur Ruhe be⸗ 220 verſammelte Geſellſchaft, oder angenehmer als der Anblick der vollkommenen Harmonie der beiden Bruͤder ſeyn, obwohl ſo verſchieden in der Darſtellung ihres Charakters. Der Eine war der ſanfte ſchmeichelnde Ton, der den Geiſt beruhigt und das Gehoͤr ergoͤtzt; der Andre jene reißende Melodie, die alle Har⸗ monie in einem wunderſamen Verſuch der Aus⸗ fuͤhrung vereint, und die Sinne zugleich er⸗ freut und in Erſtaunen ſetzt. Ella konnte nicht widerſtehen, heimlich ge⸗ gen ihre Schweſter zu bemerken, nach der Beſchreibung ihres Briefs Spencer Burling⸗ ton nie erkannt zu haben. Honoria ſah ein wenig albern aus; doch ſich bald ſammelnd, antwortete ſie lachend, daß ſie vergeſſen ge⸗ habt habe, ihre Gläſer mit in die Kirche zu nehmen. Sie empfand nun nicht laͤnger die Wirkungen ihrer letzten Zerſtreuung, ſondern hatte ſich im Gegentheil nie gluͤcklicher ge⸗ fuͤhlt, noch war ſie im gerinſten ermuͤdet, als geben wollte. Dieſe ſchien nicht ſo eifrig wie gewoͤhnlich, von allem, was waͤhrend Hono⸗ ria's Abweſenheit vorgefallen war, Nachricht zu erhalten, oder eine gleiche Mittheilung ge⸗ ben zu wollen. Der Admiral ward am naͤch⸗ ſten Tag erwartet, um einige Wochen da zu bleiben, ehe er nach London reiſ'te, wo er gewoͤhnlich den Winter zubrachte: nicht den londoner Winter, das heißt, May, Juny, July, ſondern jene altmodiſche rauhe und duͤ⸗ ſtre Jahreszeit, December, Januar und Fe⸗ bruar, wo es unſre Vorältern am angemeſſen⸗ ſten hielten, Waͤrme, Troſt und Geſellſchaft in dem Bezirk einer volkreichen Stadt zu ſu⸗ chen. 4 1 Honoria fand ihre Schweſter geneigt, ſie wegen Burlington und der falſchen Darſtellung ſeiner aͤußern Erſcheinung zu necken, bald aber brachte ſie dieſelbe zum Schweigen, und feſ⸗ ſelte ihre Aufmerkſamkeit durch die Wiederho⸗ lung alles deſſen, was er von ſeinem Bruder in Bezug der Reiſe nach Weymouth u. f. w. 222 erzaͤhlt hatte. Ella ward ſogleich ernſthaft, und als Honoria ohne Ruͤckhalt von des Majors Neigung ſprach, ward ſie unruhig, und brach endlich in Thraͤnen aus. Sie beſchuldigte ihre Schweſter der Grauſamkeit, von einer ſolchen Angelegenheit zu ſprechen, da ſie wiſſe, wie viel ſie neuerlich geduldet, ihr Herz von dem Ge⸗ genſtand ihrer erſten Liebe zu entwoͤhnen. Ho⸗ noria war beſtuͤrzt: zum erſten Mal hoͤrte ſie dieſelbe in ſo feierlichen Ausdruͤcken der Nei⸗ gung zu Sir Franz erwaͤhnen, und ob ſie gleich in der Zeit ihrer Trennung von ihm traurig und ungluͤcklich erſchien, ſo ſah man ſie doch nie weinen; und ſie zeigte ſich bei keiner „Gelegenheit, wo man ihn in der Folge er⸗ waͤhnte, bewegt, außer jetzt. Ihre Schweſter. entſchuldigte zaͤrtlich, was ſie geſagt hatte, und weniger in der Kenntniß des Herzens ge⸗ uͤbt, als ihre Mutter, fing ſie wirklich an zu befuͤrchten, daß die Neigung der armen Ella zu dem Baronet einen bleibenden Schatten 2 4 223 uͤber ihr Gluͤck verbreiten, und ſie antreiben werde, ein einſames Leben zu fuͤhren. Rn Um Weitlaͤuſtigkeiten zu vermeiden, oder um nicht bei Kennzeichen ſtehen zu beiben, de⸗ ren Erfolg man leicht vorherſehen kann, wol⸗ len wir drei Monate uͤbergehen, und zu Ende dieſer Zeit wahrnehmen, welchen Grund Ho⸗ noria zu den Befurchtungen fuͤr das Gluͤck ih⸗ rer Schweſter hatte. Dieſe Schweſter ſtand wieder im Begriff, ſich zu verbinden! eine Folge der ruhigen Angriffsweiſe des Majors, obwohl zugegeben werden muß, daß er an dem Admiral einen maͤchtigen Bundesgenoſſen har⸗ te, der ſich ſeiner Sache mit großer Waͤrme annahm, und nicht ohne Hoffnung war, eine doppelte Verbindung in der Familie Statt fin⸗ den zu ſehen; denn Spencer brachte mehr Zeit in der Naͤhe der Huͤtte, als in Edenthal zu. Er hatte nicht weit vom Ufer der See, und in geringer Entfernung von Mrs. Valency's Wohnung ein Stuͤck Land gekauft, wo er eine kleine Villa errichten ließ, die er ſein Marino 224 nannte; und die Aufmerkſamkeit fuͤr dieſen Ge⸗ genſtand bot ſeinem Aufenthalt in der Gegend einen immerwaͤhrenden Vorwand dar. Er ſchien entzuͤckt uͤber die Ausſſicht von ſeines Bruders Vermaͤhlung, und aus ſeinem Betragen haͤtte man ſchließen koͤnnen, daß er auch gern Braͤu⸗ tigam geweſen waͤre; denn obwohl er ſich zu⸗ weilen zuruͤckhielt, zeichnete er doch Hoſioria oͤfters durch eine Art unvillkuͤrlicher Aemſig⸗ keit aus, die aͤcht aus dem Herzen zu kommen ſchien, und das Daſeyn einer Neigung ver⸗ rieth, die ſich deſſen ungeachtet noch nicht durch Worte ausgedruͤckt hatte. Honoria ſah oft Maͤnner, die ſie lieben zu koͤnnen geglaubt haͤtte, wenn nicht ein gewiſſes Etwas geweſen waͤre, das ſie gewiß, ehe ſie drei Mal in ih⸗ 41 rer Geſellſchaft war, entdeckte. Worin es be⸗ 4 ſtand, war ſie ſelten beredt zu erklaͤren, aber ſie hatte jetzt drei Monate in Spencer Bur⸗ lingtons Naͤhe verlebt, ohne etwas Mißfaͤlli⸗ ges an ihm finden zu koͤnnen; im Gegentheil zeigte er immer irgend einen liebenswuͤrdigen, 225 oder erhabenen Charakterzug, der ihn ihr taͤg⸗ lich werther machte, und ſie konnte nicht wi⸗ derſtehen, ihn mit all dem Feuer eines Ge⸗ muͤths zu lieben, das mit Begeiſterung der Vollkommenheit lebt.. Ell hatte einige Zeit ihrer Neigung zu dem Major widerſtanden, die ſelbſt in ihrer fruͤheſten Periode mehr achte Liebe in ſich faß⸗ te, als das lebhafteſte Gefuͤhl, welches Sir Franz je in ihrem Herzen erregen konnte, und welches ſie, da ſie damals nie mehr empfun⸗ den hatte, irrig fuͤr das hielt, wovon es nur 3 eine leichte Aehnlichkeit beſaß. Ihr naͤherer Umgang mit Burlington war nur wenige Wo⸗ chen alt, als ſie fuͤhlte, daß wenn Pflicht oder unguͤnſtige Verhaͤltniſſe ſie noͤthigten, ihm zu entfagen, ihre Gefuͤhle weit von denen ver⸗ ſchieden ſeyn wuͤrden. die ſie faͤhig machten, ſo heroiſch den Baronet aufzugeben. Die ern⸗ ſten Vorſtellungen des Majors bewogen ſie, die Vermaͤhlung fruͤher Statt ſinden zu laſſen, als ſie es gewuͤnſcht haͤtte. Es war ungewiß, Guerillg⸗Anf. I. 15 226 wie lange er noch fuͤglich von ſeiner militaͤri⸗ ſchen Pflicht entfernt ſeyn konnte, da ſeine Geſundheit zwar der vorgebliche, doch nicht laͤnger der wirkliche Grund ſeines Hierſeyns war, und wie unslücklich mußte er ſich fuͤhlen, wenn er nach Portugal ging, ohne mit ihr verbunden zu ſeyn. Die Truppen ruhten jetzt unthaͤtig in den Winterquartieren, und er konnte vollkommen gerechtfertigt ſich nach den großen Anſtrengungen des letzten Feldzugs einige Erholung geſtatten. Miß Melville, die ſich ſeit einigen Wo⸗ chen bei ihrer Mutter befand, ſollte zu der nahen freudigen Veranlaſſung zur Huͤtte zu⸗ ruͤckkehren. Die arme Harriet Irby hatte ſich noch immer nicht von den Folgen des Balls erholt, ſo daß man fuͤrchtete, ihre Lunge ſei angegriffen und es war eben beſtimmt worden, ſie in kleinen Tagereiſen nach Clifton zu brin⸗ gen. Ihre Bruͤder wollten folgen, denn ſie fühlten ſich nicht geneigt, die Heſtlichkeiten in der Huͤtte bei Miß Valench's Verbindung zu 22 2 entbehren, die mit denen der muntern Weih⸗ nachtszeit vereinigt ſeyn ſollten. Wie froͤhlich waren die Geſichter, wie voll Luſt die Herzen, die am Weihnachtstag Mr. Valency's Tafel umringten! Der Geiſt vormaliger Gaſtfreundlichkeit ſchien in ihrer Huͤtte Schutz geſucht zu haben, und gezuͤgelter Scherz unterſtuͤtzte den alten Gefaͤhrten. Kein Zucken ward jetzt in des Admirals Antlitz bemerkt, alles war heitere Froͤhlichkeit. Selbſt Jona⸗ than Irby ſah zufrieden aus, und gab zu, daß das Mittagseſſen gut bereitet ſei. Auch fragte er nicht nach irgend einer Sache, die er nicht erhalten konnte. Spencer Burling⸗ kon war die Seele der Freude, ſeine Liebens⸗ wuͤrdigkeit hatte laͤngſt Wilhelm Irby's Vor⸗ urtheil gegen ihn vernichtet, und ſie waren jetzt die beſten Freunde. Withelms Leiden⸗ ſchaft fuͤr Honoria hatte ſich durch eine Art natärlicher Zuruͤckziehung verhaͤltnißmaͤßig ver⸗ ringert, ſo wie er Burlington ſchnen ihre Gunſt gewinnen ſah, wo ſeine ſchwachen Hoff⸗ 15* 228 nungen endlich gaͤnzlich verſchwanden, und er geſellte ſich gewoͤhnlich zu Miß Melville: an⸗ faͤnglich weil keine der andern jungen Damen ihn anhoͤren wollte; aber bald fand er das in Eliſabeth, was um ihrer ſelbſt willen Auſ merkſamkeit verdiente. Der Tag nach dem Weihnachtsfeſt machte den Major durch den Beſitz ſeiner lieblichen Braut gluͤcklich, mit welcher er ſogleich nach Edenthal abreiſ'te. Alles war hier bereit, ſie als die Gebieter des Hauſes in Abweſenheit des wirklichen Herrn zu empfangen, der ih⸗ nen jede moͤgliche Hoͤflichkeit erzeigte, außer der, ſie zu begleiten. Er beſtand darauf, Edenthal als ihre Heimath zu betrachten, bis ſie eine eigene beſaͤßen, an die er ſeinen Bru⸗ der, ſo lange er bei der Armee ſei, nicht zu denken uͤberredete. Mrs. Valency glaubte, Spencer laſſe das Marino zum Geſchenk fuͤr ſeinen Bruder errichten, allein ſie fand, nach ſeinen Aeußerungen, daß er es ſelbſt zu be⸗ ſitzen, und einen großen Theil ſeiner Zeit da 229 zuzubringen gedachte. Die Folgerungen dar⸗ aus waren ſehr natuͤrlich, und von einer Art, die ihr Burlingtons Vertraulichkeit mit ihrer Familie erfreulich machte, da ſie ſich oft deß⸗ halb bekuͤmmert gefuͤhlt hatte, aus Beſorgniß, daß er keine ernſten Abſichten haben moͤge, waͤhrend die Ruhe ihrer Tochter in Gefahr ge⸗ rieth. Allein das Verhaͤltniß mit ſeinem Bru⸗ der machte einen Unterſchied zwiſchen ihnen ſchwierig, und Spencers Art und Weiſe zur Unmoͤglichkeit. Spencer hatte keinen Bekannten, denn wer ihn kennen lernte, ward ſein Freund. Unter dem Vorwand, den Bau ſeines Ma⸗ rino zu leiten, hatte er eine Wohnung in ei⸗ nem Pachterhauſe gemiethet, und richtete re⸗ gelmaͤßig alle Morgen ſeinen Gang nach der Huͤtte. Der Admiral war noch immer da, und gab ihm ſtets einen ſchmeichelhaften Empfang. Es war eine ſo einnehmende Vertraulichkeit in Spencers Betragen, der man nicht wider⸗ ſtehen konnte; Mrs. Valency fuͤhlte wirklich 1 die Zäͤrtlichkeit einer Mutter fuür ihn, und ſchalt ſich oft ſelbſt wegen ihrer Nachſicht, die ſie dennoch nicht aͤndern konnte. Was Hono⸗ ria betrifft, ſo verſuchte ſie, doch gaͤnzlich ohne Erfolg, die Freude zu verbergen, die ſie immer bei ſeinem Anblick empfand, das Ver⸗ gnuͤgen, welches ſeine Geſellſchaft ihr erregte, und das plöͤtzliche Verſchwinden ihrer Heiter⸗ keit/ ſo wie er ſich entfernte. 1 Spencer wuͤrde mehr als Menſch geweſen ſeyn, wenn ihn ſein Einfluß in der Huͤtte nicht ein wenig anmaßend haͤtte machen ſollen; er konnte fruͤh zur Huͤtte kommen, wenn alle be⸗ ſchaͤftigt waren, und indem er ihre Arbeit um⸗ herſtreute, damit er ſich einen Platz bei Ho⸗ noria verſchaffte, ausrufen:— „O, welche entzuͤckende Verwirrung! ſie ſehen alle ſo befriedigt aus; Buͤcher, Naͤherei, Zeichnen, ſolch eine Arbeit; nicht ein einziger Raum, wo ſich die bangeweile einſihleichen koͤnnte.“ 1 Honoria haͤtte ihm ſagen koͤnnen, daß die 231 Langeweile nur auf ſeinen Platz warte, und ſobald er ſich entferne, herbeikommen und ihr ſo nah ſeyn werde, wie er ſelbſt. So ſehr er indeſſen ihren Fleiß bewunderte, war er doch nie zufrieden, bis er ſie endlich beſtimmt hatte, ihre Arbeit wegzulegen, und ihm ihre ganze Aufmerkſamkeit zu weihen. Sie mußte entweder etwas dramatiſches mit ihm leſen, ein Duett mit ihm ſingen, oder er bewog ſie alle, mit ihm zu ſeinem Marino zu gehen. Die jungen Damen mußten dann gewoͤhnlich ſeinen Arm annehmen, waͤhrend der Admiral mit Mrs. Valency vorausging. Zuweilen lehnte ihn Honoria ab, denn ſie hatte jetzt ihre Momente ernſter Unruhe, die von einem ſo lebhaften Intereſſe unzertrennlich ſind. Warum erklaͤrte ſich Spencer nicht voͤllig? Warum waren ſeine Worte weniger deutlich, als ſeine Blicke und ſein Betragen? Dieſe Gedanken bewogen ſie bisweilen zu einem Verſuch, ſeinen Aufmerkſam⸗ keiten auszuweichen, allein ſie war immer ſicher es zu bereuen. Spencer bot ihr den Arm nie 232 zum zweitenmal, ſondern wenn ſie ihn aus⸗ ſchlug, ſah er aus, als haͤtte ſie ihm ein un⸗ erſetzliches Unrecht gethan. Sein Geſicht ver⸗ lor alle Belebung, und er ſprach nur, wenn er gefragt ward, wo er zwar mit jener Ver⸗ bindlichkeit, die ihn nie verließ, aber mit traurigem Ton und einem unverſtellten Ausdruck der Niedergeſchlagenheit antwortete. Ein ſo maͤchtiger Contraſt mit ſeiner gewoͤhnlichen Er⸗ ſcheinung ward gewiß von Allen bemerkt, und Honoria freute ſich, wenn ein Huͤgel oder eine rauhe Stelle einen Vorwand darbot, unaufge⸗ fordert ſeinen Beiſtand anzunehmen; und ſein Laͤcheln wiederherzuſtellen. Auf dieſe Weiſe bekam ſeine Macht uͤber ſie mit jedem Tage mehr Staͤrke; denn ſte konnte es nicht ertra⸗ gen, ihn traurig zu ſehen, oder ſich der Reize ſeiner lebhaften Unterhaltung zu berauben. Er fragte ſie unaufhoͤrlich um ihre Meinung beim Bau des Marino, und blieb gewiß immer bei ihrer Entſcheidung, waͤhrend er ſich auf deſſen Vollendung freute. Er befoͤrderte und belebte 233 alle Partien und Feſtlichkeiten der Jahreszeit: nichts konnte ohne Spencer Burlington voll⸗ bracht worden, und faſt allgemein behauptete man ſeine nahe Verbihndung mit Honoria. So war die Lage der Sachen, als Bur⸗ lington eines Morgens mit bleichem Ausſehn in der Huͤtte erſchien, und den Bewohnern derſelben bekannt machte, daß er eben einen Brief von ſeinem genauſten Freund, Lord Brookland, erhalten habe, den ſie ihn oft hat⸗ ten erwaͤhnen hoͤren und der ſich jetzt zu Bath im tieſſten Kummer befand. Die Veranlaſſung deſſelben erklaͤrte er nicht, ſagte aber, von ihm gebeten worden zu ſeyn, zu ihm zu kom⸗ men; und er koͤnne nicht einen Augenblick an⸗ ſtehen, ſein Verlangen zu erfuͤllen, und ihm je⸗ den Troſt der Freundſchaft darzubieten. Bur⸗ lington ſchien ſehr niedergeſchlagen und ſeine Verſtimmung theilte ſich bald allen andern mit. Das Geſicht des Admirals fing an ſich zuſam⸗ menzuziehn, und, indem er ſich bemuͤhte, die leichte Zuckung, die ſeine Zuͤge bewegte, zu 234 unterdruͤcken, ſchienen ſie ſich unter einander anzuſtecken, je mehr der Gedanke in ihm herr⸗ ſchend ward, daß Burlington ſich ohne Er⸗ klaͤrung entfernte, und ſie uͤber ſeine kuͤnftigen Abſichten voͤllig im Dunkeln ließ. Er erwaͤhnte keiner beſtimmten Zeit ſeiner Ruͤckkehr; in Bath konnte er irgend eine ſchoͤne Erbin fin⸗ den, die ihm Honorien aus dem Sinn brach⸗ te, und dieſe duͤrfte nie als Liebhaber wieder etwas von ihm hoͤren. Der Admiral ward gaͤnzlich ſtumm, es war unmoͤglich, ihm eine Antwort abzugewinnen; er hoͤrte entweder nicht, oder war vorgeblich taub zu allem, was man ihm ſagte, waͤhrend er das ergriffene Buch (ſeine alte Zuflucht) muͤrriſch durchblaͤtterte, und ausſah, als ob er uͤber deſſen Inhalt das Geſicht verziehe. Mrs. Valency fuͤhlte ſich ſehr traurig; nicht als ob ihr Gemuͤth etwas zu Burling⸗ tons Nachtheil hegen konnte, da ſie die hoͤchſte Meinung von ihm unterhielt, und einer Er⸗ klaͤrung ſeiner Gruͤnde, warum er nicht deut⸗ 235 licher war, gewiß zu ſeyn glaußte, aber ſie fuͤhlte ſich ungluͤcklich wegen der gegenwaͤrtigen Empfindungen ihrer Tochter und der Unruhe, die ſie natuͤrlich in ſeiner Abweſenheit ertragen mußte. Sie hatte dieſelbe nie um den Zuſtand ihres Herzens befragt, denn es war ganz uͤber⸗ fluͤſſig, und beide vermieden einſimmig dieſen Gegenſtand. Honoria beſtrebte ſich jetzt, vollkommen hei⸗ ter und gefaßt zu ſcheinen, allein niemand un⸗ terſtuͤtzte ihren Vorſatz. Burlington war ſtill und gedankenvoll, und ſah uͤberraſcht und ver⸗ letzt aus, wenn ſie zu lachen verſuchte, als ob er ſich wundere, wie ſie ſo verſchieden mit ihm empfinden koͤnne. Er hatte ſeine Pferde in ei⸗ ner halben Stunde zur Huͤtte beſtellt, von wo er nach Edenthal gehen wollte, die Nacht da zu ſchlafen, und dann am naͤchſten Tag ſeine Reiſe nach Bath fortzuſetzen. Honoria war be⸗ ſchaͤftigt, einige kleine Schriften, Buͤcher und Muſtkalien, die ihm gehoͤrten, zuſammenzu ⸗ ſuchen, als er ſich ihr nahte, und ſie fragte 236 ihn, ob ſein Bedienter r dieße Sachen mitneh⸗ men koͤnne? „O, laſſen ſie dieſelben hier bleiben, bis ich wiederkomme!“ ſagte er,„warum eilen ſte ſo, jede Spur von mir zu vertilgen?“ Bis ich wiederkomme! welche ſuͤße Worte fuͤr ſie! Der darauf folgenden Frage wich ſie aus, und er fuhr fort: „ Laſſen ſie es nur hier bleiben, und ich will es ſelbſt abholen: waͤhrend der Zeit wird es ſie zuweilen an mich erinnern; doch ſte wer⸗ den ſich nicht freuen, mich wiederzuſehen, ſie kuͤnmern ſich ſo wenig um meine Entfernung, daß ich halb zu glauben geneigt bin, es iſt ihnen gleichguͤltig, ob ich je zuruͤckkomme. Ich wuͤrde mein Marino in den Grund des Mee⸗ res wuͤnſchen, wenn ich bei meiner Ruͤckkehr nicht freundlich von ihnen empfangen werden ſollte.“ „Sie denken nichts von dergleicher, ſagte Honoria,„ daher brauche ich mich nicht zu bemuͤhen, ihnen Verſi zeruagen deßhalb zu. machen.“ „„Alſo wollen ſte ſich freuen, mihs zu ſehen, und wollen mich nicht kalt und zuruͤck⸗ haltend empfangen, und ausſehen, als haͤtten ſie vergeſſen, wer ich war, oder ſo gleichguͤl⸗ tig erſcheinen, wie eben jetzt, da ich von mei⸗ ner Entfernung rede?“ O⸗ ich werde nichts Lergrechent aber ich denke vielmehr, ſie hegen keine großen Be⸗ fuͤrchtungen uͤber dieſen Punkt.”“ „Wenn ich es thaͤte, wuͤrde ich der ungläck lichſte der Menſchen ſeyn!“ ſagte Burlington mit ernſtem Nachdruck. In dieſem Augenblick wurden ſeine Pferde angeſagt, und nachdem er darauf beſtanden, als Vorrecht der Ver⸗ wandtſchaft die Damen beim Abſchied zu um⸗ armen, und Honoriaà mit einem feurigen: Gott ſegne ſie! an die Bruſt gedruͤckt hatte, eilte er hinweg, und war ſchnell ihren ihm folgen⸗ den Blicken entſchwunden. Honoria war die erſte, die in's Haus zu⸗ * 238 8 ruͤckkehrte; ſie empfand ein erſtickendes Gefuͤhl, als ſie das Zimmer wieder betrat, das ſie mit Burlington verlaſſen hatte. Hier waren die Buͤcher, die Muſikalien; allein wo war ihr Beſitzer? Sie brach in Thraͤnen aus, und eilte hinweg, eine Schwaͤche zu verbergen, uͤber die ſie beſchaͤmt war, die ſte aber uht zu un⸗ terdruͤcken vermochte.. Am naͤchſten Tag reiſ'te der Admiral nach London ab, und da er, ſeit Burlington ſeine Entfernung bekannt machte, nicht über zehn Worte geſprochen hatte, ſo vermehrte ſeine Ab⸗ weſenheit nicht ſehr die Stille, welche nun herrſchte. Miß Melville hatte ſich einige Tage vorher nach Hauſe begeben, und Mrs. Va⸗ lency und Honoria blieben ſich zur gegenſeiti⸗ gen Unterhaltung. Jetzt fuͤhlten ſie den Ver⸗ luſt von Ella's Geſellſchaft, nicht konnte Ho⸗ noria ihrer Mutter dieſen Mangel erſetzen, wie es ſonſt geſchehen ſeyn würde; denn ihr Geiſt war niedergeſchlagen, und die Unruhe ihres Gemuͤths ließ ſich nicht verbergen. Waͤre 239 Spencer deutlicher geweſen, ſo würde ſis ſeine Entfernung mit verhaͤltnißmaͤßiger Nuhe er⸗ tragen haben; allein es war ihr jetzt, als wenn ſie alles zu fuͤrchten und wenig Grund zu hoffen haͤtte. Er aͤußerte nicht, daß er ſchrei⸗ ben wollte, dennoch glaubte ſie, er werde ei⸗ nen Briefwechſel mit ihrer Mutter anfangen, und wartete begierig auf jede Poſt. Alles, was ſie indeſſen von ihm hoͤrten, war durch Ella, die in ihren Briefen erwaͤhnte, daß er von Bath aus an ſeinen Bruder geſchrieben, von allen ſehr zaͤrtlich geſprochen und bedauert ha⸗ be, durch den Ruf der Freundſchaft ihrem gluͤcklichen und geliebten Kreis auf einige Zeit entriſſen zu ſeyn. Ella fuͤgte eine dringende Einladung an ihre Mutter und Schweſter zu einem kurzen Aufenthalt in Edenthal hinzu. Der Inhalt dieſes Briefes war fuͤr beide ſehr befriedigend; dennoch fuͤhlte ſich Mes. Va⸗ lency abgeneigt, mit ihrer Tochter nach Eden⸗ thal zu reiſen, da Burlington unerwartet zu⸗ ruͤckkommen, und es zu ſehr ſcheinen duͤrfte, 240 als ob ſie ihn aufſuche. Sie aͤußerte ihre Bedenklichkeiten in einer Antwort an Ella. Honoria konnte nun wieder zu dem Marino gehen, und deſſen Fortſchritte mit Vergnuͤgen bemerken: denn in den letzten Tagen hatte ſie es nicht beſucht, weil ſie ſich zornig gegen Spencer fuͤhlte, und nichts thun wollte, von *dem ſie glaubte, daß es ihm angenehm ſeyn wuͤrde. Doch jetzt vermuthete ſie, er werde bald zuruͤckkehren, und halte es daher fuͤr uͤber⸗ fluͤſſig, an ihre Mutter zu ſchreiben, die durch Ella Nachricht von ihm bekam. Sie war nicht ganz mit dieſer Erklaͤrung zufrieden, dennoch fand ſie gern eine Entſchuldigung fuͤr ihn. In kurzer Zeit hoͤrten ſie wieder von Ella. Sie verſicherte, Spencer werde nicht ſobald von Bath zuruͤckkommen, da er nicht fuͤglich ſeinen Freund verlaſſen koͤnne, der ſich wegen des Zuſtands ſeiner ſterbenden Gattin in der tief⸗ ſten Betruͤbniß befand. Ella bat von neuem ihre Mutter, ſie zu beſuchen; ſte war noch nie von ihr und ihrer Schweſter getrennt geweſen, 241 und begierig, ſie an dem Vergnuͤgen, das ihre praͤchtige Wohnung gewaͤhrte, Theil nehmen zu laſſen, und beg zu Zeugen ihres Gluͤcks zu machen. Mrs. Valency machte nicht kinger Ein⸗ wendungen; ſie glaubte es wagen zu koͤnnen, eine oder anderthalb Wochen in Edenthal zuzu⸗ bringen, ohne ſich der Gefahr auszuſetzen, von Burlington uͤberraſcht zu werden; ihre Reiſe ward daher beſchloſſen, und am naͤchſten Mor⸗ gen angetreten, wo ſich Honoria ſowohl aufgeregt durch den Gedanken fuͤhlte, ihre Schweſter zu ſehen, als auch eine Wohnung zu beſuchen, in welcher jeder Gegenſtand in ihren Augen ein beſonderes Intereſſe haben mußte. Sie erreichten Edenthal noch vor Ende des Tages, und Honoria erſchoͤpfte ſich faſt mit Ausrufungen der Bewundrung, ehe der Wagen anhielt. Sobald die erſte Freude des Wiederſehns voruͤber war, blickten ihre Augen in dem koͤſtlichen Zimmer umher, und verweil⸗ ten dann auf den eleganten Verzierungen, Guerllla⸗Anf. 1. 16 woaͤhrend ſie dem Geſchmack, der ſie waͤhlte, volle Gerechligkeit wiederfahren ließ. Nichts konnte fuͤr Mrs. Valency befriedigender ſeyn, als der Anblick des Gluͤcks, deſſen Ella in der Ver⸗ einigung mit dem Major ſich verſichert zu ha⸗ ben ſchien. Er war der zaͤrtlichſte Gatte, und ſie ihm mit nicht weniger Liebe ergeben; ſie beſtrebten ſich gegenſeitig, eines des andern Wohl zu befoͤrdern, und ſchienen ihr eignes in dem Bewußtſeyn zu finden, es zu verlei⸗ hen. Ella fuͤhlte ſich in dem kleinen Kreis, der ſie jetzt umgab, vollkommen gluͤcklich, und wuͤnſchte nur, um ihrer Schweſter willen, Spencers Gegenwart. Vor dem Fruͤhſtuͤck am naͤchſten Morgen wanderte Honoria durch mehrere der vorzuͤg⸗ lichſten Gemaͤcher, ihr Verlangen nicht zu un⸗ terdruͤcken faͤhig, bis ihre Schweſter, ihrem Verſprechen gemaͤß, ſie begleiten konnte. Sie fand ſich endlich in einer geraͤumigen Bibliothek, die Waͤnde waren ganz mit Buͤchern beſetzt, und in der Mitte ſtand eine große Tafel 243 mit chemiſchem Apparat, mathematiſchen In⸗ ſtrumenten u. ſ. w. Von da kam ſie in ein kleineres Zimmer, mehr fuͤr die Behaglichkeit als Pracht eingerichtet, und augenſcheinlich zu einem Boudoir oder Studirzimmer beſtimmt; hier waren mehrere Glasgehaͤuſe mit Natur⸗ ſeltenheiten, ein kleines Muſeum bildend. Naͤchſt dieſem war ein großes, helles, luftiges Schlaf⸗ und Ankleidezimmer, nicht ſehr von den andern verſchieden, die ſie geſehen hatte; nirgend aber konnte ſie etwas entdecken, ihre beſondre Aufmerkſamkeit zu erregen, außer einem kleinen Kupferſtich, der uͤber dem Ankleidetiſch hing, und ſichtlich aus einem Taſchenbuch herausge⸗ ſchnitten war. Bei naͤherer Betrachtung fand ſie in ihm eine Anſicht ihrer Huͤtte, die wegen ihrer maleriſchen Erſcheinung oft zur Zierde literariſcher Sammlungen aufgenommen ward. Sie fuͤhlte nicht die geringſte Neigung, die⸗ ſeibe zu entwenden, ſondern war im Gegen⸗ theil vollkommen zufrieden, ihr den gegenwaͤr⸗ tigen Platz zu laſſen. Als ſie hierauf zu dem 16* 24⁴ Feuͤhſtuͤck hinabeilte, und fand, daß ſie ſpaͤt kam, bekannte ſie, womit ſie beſchaͤftigt ge⸗ weſen ſei, und fragte, wem das Zimmer ge⸗ hoͤre, wo ſie die kleine Abbildung der Huͤtte geſehen hatte. Der Major warf einen ſchlauen Blick auf ſie, und neckte ſie, vor allen andern in Spencers Zimmer geweſen zu ſeyn, da dieß und die daran graͤnzenden zu ſeinem beſondern Gebrauch beſtimmt waͤren.— Honoria erroͤthete und ſagte zu ihrer Schweſter, daß es nicht recht von ihr ſei, ihrem Schwager eine ſo kleine, geringe Anſicht der Huͤtte zu laſſen, und nicht ſelbſt eine Zeichnung davon fuͤr ihn zu entwer⸗ fen. Ella fand ſogleich darin eine herrliche Beſchaͤftigung fuͤr ſie waͤhrend ihres Hier⸗ ſeyns; doch ſie wollte nichts mit der Zeich⸗ nung zu thun haben, wenn ihre Schweſter nicht den Anſchein davon übernäͤhuns. „Ich werde gewiß nichts deßhalb erzaͤh⸗ len,“ ſagte Ella. „Gut dann, ſo will ic ie für dich machen,“ erwiederte Honoria,„und du kannſt damit thun, was dir gefaͤllt.“ Nach dem Fruͤhſtuͤck unternahmen ſie einen Spaziergang durch die Anlagen, hatten ſich aber kaum von dem Hauſe entfernt, als ein ſchoͤnes Pferd von einem entfernten Theil des Parks auf ſie zu gallopirte. Es nahm die gerade Richtung auf den Ort, wo ſie ſtanden, und baͤumte ſich und ſprang um ſie her, zu Honoria's großem Schrecken, die mit einem Ausruf der Beſorgniß hinter dem Major Schutz ſuchte.. „Fuͤrchte nichts,“ rief Ella,„Rinaldo iſt das ſanfteſte Geſchoͤpf von der Welt, er freut ſich nur, uns zu ſehen; ich hatt' ihn ganz vergeſſen,— ich bring' ihm gewoͤhnlich ein Stuͤck Brot.“ Der Major eilte ogleic darnach zuruͤck, waͤhrend Ella das zierliche Thier ſtreichelte, das ploͤtzlich vollkommen zahm geworden war. Mes. Valency aͤußerte einige Befuͤrchtungen, ſie ſo vertraut mit ihm zu ſehen, worauf Ella ihr 246 ſagte, daß Spencer das feine Geſchoͤpf fuͤr ſei⸗ nen Bruder ins Feld erzogen, und ihm jetzt auf dem Weg nach Bath geſchenkt habe. Je⸗ den ſchoͤnen Tag, ſelbſt im Winter, ward Ri⸗ naldo herausgelaſſen und durfte frei durch den 3 Park laufen. Spencer hatte ihn gewoͤhnt, ſo oft er erſchien, ein Stuͤck Brot zu erwarten, und lockte ihn zuweilen bis an die Fenſter, es zu ſuchen. Der Major und Ella hatten durch daſſelbe Mittel Bekanntſchaft mit Rinaldo ge⸗ macht. Honoria wagte es jetzt, ſeine Stirne zu ſtreicheln, doch ſobald er den Major, die Haͤnde mit Brot erfuͤllt, erblickte, ſing er an zu wiehern und umherzutraben nahm aber das Brot ſo vorſichtig, daß keine der Damen ſich fuͤrchtete ihn zu fuͤttern. „Sie werden nicht uͤber ſeine Folgſamkeit erſtaunt ſeyn, wenn ich ihnen ſage, daß Spen⸗ cer ihm alle dieſe artigen Gebraͤuche lehrte, und außerdem noch manche luſtige Streiche, die er ihn wuͤrde zeigen laſſen, wenn er hier waͤre. in 247 „O ſchoͤner, kluger Rinaldo!“ rief Ho⸗ noria, indem ſie ihm ſchmeichelte. „Nein, armer Rinaldo! ſagte der Major, ſeinen Nacken mit einiger Heftigkeit klopfend,„dein alter Herr wird ſich nicht freuen/ dich weggehen zu ſehen, dannit nach dir geſchoſſen wird. „Ol ſprich nicht davon,“ rief Ella bewegt, indem ſie enger ihres Gatten Arm umſchlang, als fuͤrchte ſie, ihn in dieſem Augenblick zu ver⸗ lieren; und ſie konnte ſich noch einige Zeit nicht von dem Gedanken erholen, was ſeine Gefahr ſeyn wuͤrde, wenn Rinaldo ſo ausgeſetzt waͤre. Ihre Mutter und Schweſter theilten ihre Ge⸗ fuͤhte, und haͤtten ſie ſich der Empfindung uͤberlaſſen, die ſie bewegte, ſo wuͤrden ſie bei Rinaldo's Anblick geweint haben, der jetzt wie⸗ der durch den Park flog. Honoria kehrte nicht bald genug zuruͤck um ihre Zeichnung fuͤr dieſen Tag zu begin⸗ nen, am naͤchſten Morgen aber fing ſie die⸗ ſelbe an. Mrs. und Miß Melville und Mr. 248.. Gezntly machten oft Beſuche in Edenthal, ſo wie 1 mehrere andere Perſonen, deren beſondere Er⸗ waͤhnung unnoͤthig iſt. Eine Woche ging ſchnell voruͤber; die Zeichnung war in groͤßern 3 Verhaͤltniſſen vollendet, und hatte die Stelle des kleinen Bildes eingenommen; und Ho⸗ noria war ſehr vertraut mit Rinaldo gewor⸗ den, welchem ſie nicht unterließ, jeden Tag ihr Compliment zu machen. Er war ſo lange Spencers Liebling geweſen, und nußste daher der d ihrige ſeyn. Die Nachbarſchaft umher anthütkte ſiez denn jede Huͤtte, in die ſie kam, ertoͤnte von Burlingtons Lob, und dieſer Gegenſtand ge⸗ waͤhrte ihr Freude. Er war jetzt einen Monat entfernt geweſen. Ganz neuerlich hatte er nicht an ſeinen Bruder geſchrieben; allein ſein letz⸗ ter Brief enthielt die Nachricht von Lady Brook⸗ lands Tod. Er hatte ſeiner Ruͤckkehr nicht erwaͤhnt, noch uͤberhaupt außer dieſem trau⸗ rigen Ereigniß irgend etwas beruͤhrt, und ſeine Freunde hielten es nicht fuͤr wahrſcheinlich, 249 daß er Lord Brookland in einer ſolchen Zeit verlaſſen wuͤrde. „Honoria ſtand vor dem zu ihrer Abreife beſtimmten Morgen am Fenſter, als ſie einen Reiter durch den Park auf das Haus zuſpren⸗ gen ſah. Sie zeigte ihn dem Major, der, wie er naͤher kam, mit einiger Ueberraſchung„ nicht ohne Unruhe ausrief;„Er ſieht wie meines Bruders Bedienter, Sterling!— er iſt es gewiß!— 14 „Ich bin uͤberzeugt, er iſt es!“ rief Honoria, die den Bedienten kannte; und ſie harrte in großer Bewegung, waͤhrend der Ma⸗ jor den Diener zu befragen ging. „Ich hoffe, Mr. Burlington iſt nicht auf der Ruͤckreiſe,“ ſagte Mrs. Valency beſorg⸗ lich,„es wuͤrde mir leid thun, wenn er an⸗ kaͤme, ſo lange wir Bewohner ſeines Hauſes ſind. „Warum ſollte es ihnen leid thun?“ ſagte Ella;„da wir ihn nicht erwarten, ſo kann er ihren Beſuch nicht ſchmeichelhaft fuͤr ſich 230 auslegen; und ich bin uͤberzengt, er wird ent⸗ zuͤckt ſeyn uͤber ihre Gegenwart, er hat ſo oft ſeinen Wunſch geaͤußert, ſie zu einem Be⸗ ſuch in Edenthal bewegen zu koͤnnen.“ Honoria wußte kaum, ob ſie Burling⸗ tons Nahen mehr hoffte oder fuͤrchtete. Alle Ungewißheit uͤber dieſen Gegenſtand ward durch die Ruͤckkehr des Majors geendet, wel⸗ cher ſagte:„Mein Bruder iſt nicht mehr fern; er ſandte Sterling mit der Nachricht, daß er in einer Stunde hier ſeyn werde. „Wie ungluͤcklich!“ rief Mrs. Valency beunruhigt. „Ungluͤcklich!“ wiederholte der Major, deſſen ſeoͤhliches Geſicht ſeine Empfindungen andeutete;„ungluͤcklich! gewiß wollten ſie die erſte Sylbe weglaſſen! Er wird voller Freude ſeyn, ſie hier zu finden.— Honoria,“ fuhr er fort, ſich ihr naͤhernd, und ſcherzhaft ihre Wange ſtreichelnd,„wo kaufen ſie ihr Roth? es iſt die feinſte Farbe, die ich je ſah. Ella 251 muß ſich auch welches von isſain Oit ver⸗ ſchaffen. 2t n 6 usar 1 „Ich that es, ehe ich verheirathet war,“ rief Ella;„die Herren Burlington verleihen das beſte Roth im Koͤnigreich.“ Dieſe Worte zogen ſogleich den Major an Ella's Seite, von welcher er nie lange entfernt war, und nachdem er ihr etwas zu⸗ gefluͤſtert hatte, das bewies, Ella habe noch nicht ganz das Burlington⸗Roth verloren, er⸗ neuerte er ſeinen Angriff gegen ihre Ghuee ſter— 3 „Sieh, wie ſich Honoria bemuͤht, ernſt⸗ haft zu ſcheinen! wir duͤrfen ſie nicht erzuͤr⸗ nen, Ella! denn ich erwarte, ſie wird uns in kurzem ohne Umſtaͤnde aus Edenthal hertrei⸗ ben; ſo muͤſſen wir ſie, um unſer ſelbſt willen, bei guter Laune erhalten.“ „Ich denke vielmehr, die erſte Perſon, die ich hinanstreſbe, ſelbſt zu ſeyn,“ ſagte Honoria. Und ich kann dafür ſtehen, erwiederte der Major,„daß das die letzte Perſon iſt, die ſie hinaustreiben duͤrfen, wenn der Herr des Hauſes erſcheint, welchem wir, wie ſie wiſ⸗ ſen, alle gehorchen muͤſſen.“ Honoria war froh, auf ihr Zimmer zu entfliehen; denn ſie fuͤrchtete, bei Spencers Ankunft gegenwaͤrtig zu ſeyn, da er nichts von ihrer Anweſenheit wußte; doch waͤhrend ſie unthaͤtig den Verlauf jeder Minute beobach⸗ 1 tete, ſchien er ihr unertraͤglich langweilig, und ſie ging nach der Bibliothek, um unter den vielen Gegenſtaͤnden, die Aufmerkſamkeit erregten, ihre Gedanken zu zerſtreuen. Auf dem Wege dahin begegnete ſie dem Major, der ſie von neuem neckte, indem er ſie er⸗ mahnte, nicht ungeduldig zu ſeyn, da die Stunde noch nicht voruͤber waͤre. Jedoch wenig Minuten endeten nun ihre Ungewißheit; das Geraͤuſch eines Wagens zog ſie an's Fen⸗ ſter, von wo ſie, unbemerkt, Burlington aus ſeiner Reiſe⸗Chaiſe ſteigen, und zaͤrtlich ſeinen Bruder und Ella umarmen ſah, die an den 25³3 Stufen ihn empfingen. Sie betraten das Haus zuſammen, und Honoria ergriff ein Buch, ſetzte ſich dicht ans Feuer und ſchien aufmerk⸗ ſam zu leſen. Sie zweifelte nicht, der Ma⸗ jor, da er wußte, wo ſie war, werde ſeinen Bruder zu ihr bringen; und bald hoͤrte ſie ihre Stimmen, indem ſie ſich laͤngs der Gal⸗ lerie naͤherten. Als der Major ſeine Hand an das Schloß legte, ſagte er: „Du ſiehſt nicht wohl aus, Spencer; aber ich will dir eine Panacee fuͤr alle deine Be⸗ ſchwerden geben.“ Er oͤffnete die Thuͤr, und Honoria erhob ſich mit klopfendem Herzen, Burlington zu be⸗ willkommen, der, wie ſie glaubte, auf ihren Anblick vorbereitet war; allein ſie bemerkte ſo⸗ gleich, daß ihn der Major uͤberraſchen wollte — und er war uͤberraſcht!l ſein Ausdruck zeigte es hinlaͤnglich— aber gewiß nicht an⸗ genehm. Wir haben bereits bemerkt, daß die un⸗ erwartete Erſcheinung vor Jemand ein vor⸗ 234 trefflicher Weg iſt, die Gefuͤhle zu enthuͤllen. Die hoͤchſte Bemuͤhung der Selbſttaͤuſchung haͤtte Honoria bei dieſer Gelegenheit nicht uͤber⸗ reden koͤnnen, daß ſich Burlington uͤber ihren Anblick erfreue. Er bebte wahrhaft entſetzt zuruͤck, ward außerordentlich bleich, und konnte auf kleine Weiſe ſein Geſicht beherrſchen; den⸗ noch faßte er ſich ſchnell, eilte mit dargebote⸗ ner Hand auf ſie zu, aͤußerte ſeine Freude ſie zu ſehen, und daß ihn nichts hätte gluͤckli⸗ cher machen koͤnnen, als die Ehre ihrer Ge⸗ genwart in Edenthal. Waͤhrend er ſprach⸗ kehrte ſeine Farbe im Uebermaß zuruͤck, und er dankte ſeinem Bruder fuͤr eine ſo reizende Ueberraſchung. Der Major, der ſich auf einen Augenblick hoͤchſt unruhig gefuͤhlt hatte, glaubte nun wirklich, daß Erſtaunen die Züge ſeines Bruders anfänglich bewegte, und er in der That ſo erfreut ſei, wie er vorgab. Honoria reichte Burlington die Hand, und nahm ſchweigend ihren Platz wieder ein; denn ſie konnte in Wahrheit nicht ſprechen, ſo 255 beſtuͤrzt, ſo bekuͤmmert, ſo getaͤuſcht fuͤhlte ſie ſich! Ella war kaum weniger verletzt, und be⸗ reute ſehr, ihre Mutter zu einem Beſuch in Edenthal beredet zu haben. Sie hegte die vollkommene Ueberzeugung, daß Burlingtons Schrecken wirklich, und ſeine nachherige Freude nur angenommen war. Er richtete ei⸗ nige Worte an ſie, allein ſie ſchien es nicht zu hoͤren; denn ſie konnte ihm nicht mit ge⸗ wöhnlicher Hoͤflichkeit autworten, waͤhrend ſie die ſichtliche Verwirrung ihrer Schweſter be⸗ merkte. Sie verſchaffte ihr ſogleich einen Vorwand, ſich zu entfernen, durch die Bemer⸗ kung, ihre Mutter werde ſie brauchen. Honoria verließ alsbald das Zimmer, und es folgte eine Todtenſtille. Der Major dachte nie wieder eine angenehme Ueberraſchung bereiten zu wollen; Ella ſtrebte, ihr Gefuͤhl zu bezwingen, um das, was ſie zu ſagen wuͤnſch⸗ te, mit Ruhe zu aͤußern; und Burlington ſtand mit hoͤchſt bewegtem Anſehen, den Ruͤ⸗ cken nach dem Feuer gekehrt, waͤhrend er die 256 Bllaͤtter eines ergriffenen Buchs mit Haſtigkeit umwendete. Endlich ſagte Ella mit einigem Zittern und erhoͤhter Farbe:„Ich bedaure, nicht von ihrer Ankunft unterrichtet geweſen zu ſeyn, da meine Mutter und Schweſter meinen wiederholten Bitten, zu mir zu kommen, nur auf die Verſicherung nachgaben, daß ſie einige Zeit abweſend zu bleiben gedachten, und—“ ſie war hier unentſchloſſen— wie ſie das Ge⸗ ſagte fortſetzen ſollte, als Spencer mit hoͤchſt niedergeſchlagenem Ausſehn erwiederte: „Ich war ſo im Irrthum, mir einzubil⸗ den, immer willkommen zu ſeyn, und hielt es daher nicht fuͤr noͤthig, ſie von meiner Abſicht zu benachrichtigen.“ „Willkommen!“ wiederholte Ella, „gewiß willkommenz ſie koͤnnen nicht an⸗ ders in ihrem eignen Hauſe ſeyn; aber die, welche darin ſind, muͤſſen Sorge tragen, nie⸗ mand aufzunehmen, der ihnen nicht willkom⸗ men iſt.“ 1 „Liebe Mrs. Burlington! liebe Schwe⸗ ſter!“ rief Speucer ſich ihr naͤhernd,„wie ſie meine Gefuͤhle mißverſtehen! keine Perſo⸗ nen auf der Welt koͤnnten mir unter meinem Dach nur halb ſo willkommen ſeyn, wie ihre Mutter und Schweſter. Habe ich ſie nicht wie⸗ derholt und dringend nach Edenthal eingela⸗ den? und nichts konnte mich ſo gluͤcklich ma⸗ chen, als ſie zu empfangen und zu bewirthen: wie falſch deuten ſte mein Betragen.“ Der Major, der waͤhrend dieſes Geſpraͤchs hoͤchſt unruhig ausgeſehen hatte, ſagte jetzt zaͤrtlich, Ella's Hand ergreifend:„Du khuſt meinem Bruder unrecht, liebſte Ella; ich kenne ſein Herz in ſeiner Tiefe, und kann dafuͤr ſte⸗ hen, daß du ungerecht gegen ihn biſt.“ Ella konnte muͤhſam ihre Thraͤnen zuruͤck⸗ halten; ſie biß ſich auf die Lippen, wagte aber nicht zu ſprechen, und der Eintritt ihrer Mutter gewaͤhrte ihr einige Erleichterung; denn unmoͤglich konnte jemand ſchmeichelhafter empfangen werden, als ſie von Spencer. Er begruͤßte ſie mit der Zaͤrtlichkeit eines Sohnes, Guerilla⸗Anf. I. 4 17 womit ſein ganzes Betragen gegen ſie uͤber⸗ einſtimmte. Augenſcheinlich hatte ſie Honoria nicht geſehen und erwartete keinen andern Em⸗ pfang. Ella bemuͤhte ſich daher zu verbergen, daß etwas unangenehmes vorgefallen war, und ſuchte ihr aufgeregtes Gefuͤhl gegen Spencer zu unterdruͤcken; dennoch wendete ſie ſich ſo wenig wie moͤglich an ihnny. f 8b Waͤhrend der Zeit waren die Srüchts der Qualen, welche Honoria in ihrem Zimmer empfand, ein Entſchluß, die hoͤchſte Kraft der Selbſtbeherrſchung aufzubieten, um ihren bit⸗ tern Schmerz, ihre tiefe Demuͤthigung zu ver⸗ bergen. Es wuͤrde ſie an jedem Ort in der Seele verletzt haben, von Burlington auf die Art wie heute empfangen worden zu ſeyn; allein in ſeinem eignen Hauſe, wohin, wie er vielleicht waͤhnen konnte, ſie abſichtlich kam, um ſich ihm in den Weg zu werſen, mit dieſem kalten, bleichen Ausdruck mißfaͤlligen Erſchreckens auf⸗ genommen zu werden; o, es war ſo bitter, ſo herabwuͤrdigend!„Er ſah abſchreckend 259 aus,“ dachte ſie,„eben ſo, wie ich ihn zu⸗ erſt in der Kirche ſah; und nach allem war ohne Zweifel die Meinung, die ich damals von ihm zu faſſen geneigt war, die richtigſte; doch ſeine ausnehmende Eitelkeit ſoll nicht durch den Anblick meiner Thorheit befriedigt werden. Morgen werden wir abreiſen, und fuͤr heute, und wenn ich deßhalb ſterben ſollte, will ich unbefangen ſcheinen.“ Der hohe Grad von Entruͤſtung, der ſie jetzt aufregte, machte ſie faͤhig, ihren Vorſatz ausfuͤhren, und Ella ſah voll Staunen, doch ſehr erfreut, ſie mit einem heitern Geſichte wieder in's Zimmer treten; und ob ſie gleich wußte, es ſei nur angenom⸗ men, ſo war doch das den Andern nicht gleich ſichtbar. Honoria konnte an ihrer Mutter bemer⸗ ken, daß ſie keine Urſache uͤber Burlingtons Empfang ſich zu beklagen hatte, da ihr Be⸗ tragen gegen ihn wie immer, und ſie ſehr be⸗ ſorgt um ſeine Geſundheit war, die ihr gelit⸗ ten zu haben ſchien. Er bekannte, daß er nicht wohl geweſen ſei, und eine große Nie⸗ 17* te, Bath. habe ihm nicht zugeſagt. Gewiß unterließ ſie darzubieten; er war ſanft und aufmerkſam gegen alle Andere, und bemuͤhte 260 dergeſchlagenheit des Geiſtes fuͤhle, und glaub⸗ ſchienen ſeine Lebensgeiſter ſehr angegriffen, denn ſeine hoͤchſte Bemuͤhung tonnte nicht je⸗ nen Ton der Freude, oder nur etwas dem aͤhnliches, hervorbringen, mit welchem er ſonſt die Geſellſchaft ſo ergoͤtzlich zu beleben gewohnt war, und der Kontraſt fiel bei ihm doppelt in die Augen. Honoria ward nicht veranlaßt, ſeine Verbindlichkeiten abzulehnen, denn er ſich auch, ſo gegen ſie zu ſeyn; allein augen⸗ ſcheinlich wollte er jede Auszeichnung vermei⸗ den, und ſein Betragen gegen ſie war zuruͤckhal⸗ b rend, berechnet, und ſogar druͤckend für ihn ſelbt. Um der Scene eine andere Wendung zu geben, ſchlug der Major vor, Rinaldo zu be⸗ ſuchen, und daß ihn Spencer zum Vergnügen der Damen ſich zeigen laſſen ſollte. Sein Bruder wandte nichts dagegen ein, mit jedem Vorwand zufrieden, der ihn von der Laſt der 4. 261 Unterhaltung befreite. Sie gingen alle in den Park hinab, und Rinaldo ward herausgebracht. Es wuͤrde ſchwer zu entſcheiden ſeyn, ob das Pferd oder der Reiter in der darauf folgenden Uebung ſich am vortheilhafteſten zeigte; denn Schoͤnheit, Anmuth und Behendigkeit waren an beiden gleich zu bewundern. Rinaldo ſchien ſtolz auf ſeine Laſt, und man haͤtte glauben koͤnnen, das ſchoͤne Thier wende alle ſeine Kraͤfte zu Ehren dieſer Gelegenheit an. „Er ſieht jetzt nicht abſchreckend aus— dachte Honoria, als Spencer, nachdem er alle Geſchicklichkeiten Rinaldo's gezeigt hatte, auf ſie zuprengte—„er ſieht gewiß nicht abſchreckend jetzt. O, haͤtte er nie anders ge⸗ ſehen!“ Er war ohne Hut; die Bewegung hatte ſeinem Geſicht eine herrliche Roͤthe er⸗ theilt, und ſeine ſchoͤnen Zaͤhne waren ſichtbar, indem er laͤchelnd Rinaldo's Lob ausſprach. Ein ſchaͤrferer Schmerz als je durchzuckte Ho⸗ noria's Herz. Sie ging ſchnell in das Haus zuruͤck, und das Geſchaͤft der Toilette ge⸗ 8 waͤhrte eine Entſchuldigung, ſich bis zum Mit⸗ tagseſſen zu entfernen. Bei ihrem Eintritt in's Speiſezimmer hatte man bloß auf ſie ge⸗ warket, um Platz zu nehmen. Der Major ſaß am Ende der Taſel, da Spencer ſich dieſe Stelle nicht wollte abtreten laſſen, weil er die⸗ ſen Tag als Gaſt angeſehen werden muͤſſe; doch augenſcheinlich wuͤnſchte er den Ceremo⸗ nien auszuweichen, die ihm als Herrn des Hauſes zugekommen waͤren. Honoria ſaß neben ihrer Schweſter, die ſich oben an der Tafel befand, und Spencer nahm ſeinen Platz neben Mrs. Valency an der andern Seite. Ella wußte recht gut, was ihre Schweſter empfin⸗ den mußte, und ſuchte es auf alle Weiſe der Bemerkung der Andern zu entziehen; ihre ganze Aufmerkſamkeit war auf ihre Mutter und Schweſter gerichtet; und ſo ſehr ſie ſich ge⸗ woͤhnlich durch die Angemeſſenheit und Zierlich⸗ keit, mit der ſie einer Tafel vorſtand, auszeich⸗ nete, ſo verrieth ſie doch heute viel Nachlaͤf⸗ ſigkeit, und fragte Burlington nie, was er nehmen wollte, bis der Major ſagte: „Du bemerkſt nicht, Ella, daß der Tel⸗ ler meines Bruders immer leer iſt,— er wird etwas Bruͤhe nehmen.“ „Ich bitte ihn um Verzeihung, ich wußte nicht, daß er welche wuͤnſchte,“ erwiederte Ella, als wenn ſie ſich beſinne. Der Major ſah mißmuthiger aus, als ſein Bruder, der mehr ungluͤcklich als unwillig ſchien, und mit unterdruͤcktem, niedergeſchlagenem, doch herz⸗ lichem Ton auf alles antwortete, was man ihn fragte. Mrs. Valency konnte nicht laͤn⸗ ger blind fuͤr die unbehagliche Stimmung der Anweſenden ſeyn. Sie hatte Ella beſonders gefragt, wie Honoria von Spencer empfangen ward; doch aus Beſorgniß, ihre Mutter durch eine genaue Schilderung ſeines Betragens zu bekümmern, antwortete ſie bloß: Nicht ganz ſo entzuͤckt, wie ſie erwartete. Mrs. Valency legte daher das Betragen ihrer Tochter die⸗ ſem Umſtand bei, welchen ſie fuͤr zu ſichtlich 264 geahndet hielt, und Ella wegen ihrer Unauf⸗ merkſamkeit gegen Burlington tadelte. Sie hegte eine ſo hohe Meinung von ihm, daß ſie ſeine Handlungen nur fuͤr die Reſultate der Ehre, des Gefuͤhls und der Ueberlegung hal⸗ ten konnte. Sie glaubte, ſein Betragen bei dieſer Gelegenheit gaͤnzlich durch Honoria's Darſtellung veranlaßt. Sie hatte ihre vorgeb⸗ liche Unachtſamkeit bemerkt, wie er ſie mit Rinaldo zu unterhalten bemuͤht war, und ver⸗ muthete, daß ſie ihre Macht gebrauche, Spen⸗ cer zu quaͤlen, um die eingebildete Kaͤlte ſei⸗ nes Empfangs zu raͤchen. Denn da er Mrs. Valeney ſo ſchmeichelnd empfangen hatte, mußte ſie natuͤrlich zu ſeinem Vortheil ſchließen; doch ihre groͤßte Beſorgniß war, daß ein haͤuslicher Zwiſt unter Ella und ihrem Gatten durch das Betragen der erſtern veranlaßt werden moͤchte. Sie hoͤrte nicht auf, ihre Einwilligung zu einem Beſuch in Edenthal zu bereuen, war aber ent⸗ ſchloſſen, morgen abzureiſen, und waͤhrend der 1 Zeit alles anzuwenden, die Parteien zu verſoͤhnen. 265 4 Ella verweilte nicht lange, nachdem das Tiſchtuch weggenommen war, und entfernte ſich mit ihrer Mutter und Schweſter, wobei ſie letz⸗ tere um den Wagen bat, damit ſie bei Mrs. Melville Thee trinken koͤnne. Mit ihrem Grund bekannt, war Ella vollkommen damit zufrieden, und zog ſogleich die Klingel, den Wagen vor⸗ fahren zu laſſen. Auch Mrs. Valency hielt ihre Entfernung für beſſer. Es war eine ſchoͤne mondlichte Nacht, und ſie befand ſich bald auf dem Wege. Als ſie allein waren, forderte Mrs. Valency ihre Tochter zu einer Erklaͤrung ihres aufgeregten Betragens gegen Burlington auf, worauf Ella zu ihrer Selbſtvertheidigung die Sache einfach darſtellte, wie ſie war. Sie erklaͤrte Burlingtons Ausdruck bei Honoria's unerwartetem Anblick für unzweideutig; ſie ſagte, die Unterlaſſung jener Aufmerkſamkeiten, die er ihr ſonſt ſo offen zu zeigen gewohnt war, ſei durch keine Handlung ihrer Schweſter ver⸗ anlaßt worden, und auch in dieſem Fall ge⸗ hoͤre er nicht zu denen, die uͤber eine Be⸗ ſchwerde lange nachdenken, oder ſie, ohne Er⸗ klarung zu fordern, ahnden; kurz, Ella hielt ſein Benehmen fuͤr unverantwortlich, und fuͤr das einer maͤnnlichen Coquette— einer Art Geſchoͤpfe, gegen die ſie hinlaͤnglich ihre Ab⸗ neigung im Verhaͤltniß mit dem Baronet be⸗ wieſen hatte. Mrs. Valeney fuͤrchtete jetzt, Burlington moͤchte nicht frei von der herrſchen⸗ den Thorheit ſeines Geſchlechts ſeyn, und da er ihre Tochter in ſeinem Hauſe fand, ſich eingebildet haben, ſie ſollte, der eingefuͤhrten modernen Art, Verheirathungen zu befoͤrdern, gemaͤß, ihm aufgedrungen werden, er moͤge wollen oder nicht. Gewiß war eine ſolche Vor⸗ ausſetzung einem richtigen Verſtand nicht ange⸗ meſſen; allein ſehr kluge Leute haben ihre verwundbaren Stellen, und dieß konnte die von Burlington ſeyn. Seine Perfſoͤnlichkeit, ſein Vermoͤgen, ſeine Verbindungen konnten ihn verleiten, ſich fuͤr einen Gegenſtand der Ver⸗ folgung des andern Geſchlechts zu halten; ja, Erfahrung hatte es ihm wahrſcheinlich be⸗ 262 ſtätigt. Dennoch war Mrs. Valency, zufolge der günſtigen Meinung von ihm, noch immer geneigt zu glauben, daß ſich ſein Bekragen genugthuend erklaͤren, und mit ſeiner jetzigen augenſcheinlichen Niedergeſchlagenheit zuſammen⸗ haͤngend erweiſen wuͤrde; ſte beſchloß indeſſen, noch vor dem Fruͤhſtuͤck am naͤchſten Morgen ſein Haus zu verlaſſen. Ella konnte nichts ge⸗ gen ihre Abreiſe einwenden, da ſie aber der ſo ſchunellen Beraubung ihrer Geſellſchaft ſich nicht unterwerfen wollte, verſprach ſie, in kur⸗ zem einen Beſuch in der Huͤtte zu machen. Der Major war nicht ſobald mit ſeinem Bruder allein, als er, eingedenk des gaͤnz⸗ lichen Vertranens, das immer unter ihnen Statt fand, ihn bat, den Grund ſeines ſicht⸗ lichen Kummers und des veraͤnderten Betra⸗ gens gegen Honoria mitzutheilen(denn wie Spencer immer von ihr geſprochen hatte, glaubte er ihn heftig in ſie verliebt, und Willens, ihr ſeine Hand anzubieten). Spencers Ton ſtimmte 8 ganz und gar nicht mit dem des Majors uͤber⸗ 268 ein: die Aufrichtigkeit, die ihn auszuzeichnen pflegte, war verſchwunden; er ſprach leicht uͤber einen Gegenſtand, welchem ſein Bruder ſo viel Gewicht beilegte, und meinte, keine gsroße Veraͤnderung in ſeinem Betragen gewahr zu werden; Miß Valency ſei ſelbſt zuruͤckhaltender als gewoͤhnlich; und ſein Gemuͤth ſei ſehr bewegt durch Lady Brooklands Tod, und den Schmerz ihres Gemahls, der die Leiche nach dem Familienbegraͤbniß begleitete, bei welcher Gelegenheit er ſeinen Freund verlaſſen habe. Ueber das Gehoͤrte nachdenkend, bemerkte der Major:„Sagteſt du nicht, den Lord verlaſ⸗ ſen zu haben, als er mit der Leiche ſeiner Gattin abreiſ'te? wie iſt das? Es ſind vier⸗ zehn Tage, wo du mir ihren Tod meldeteſt. „Ja,““ erwiederte Spencer,„Naber ich blieb noch einige Zeit nach ſeiner Entfernung in Bath.“ Der Major ward immer ungewiſſer. Er ſah deutlich, daß ſein Bruder nicht offen ſeyn wollte; es war ein Geheimniß, welches ihm nicht zu enthuͤllen gefiel, und der Major neigte 269 ſich zu der Vermuthung, irgend ein neuer Ge⸗ genſtand habe ſeine Neigung fuͤr Honoria ver⸗ mindert, und fühlte ſich ſo zornig gegen ihn, als es ſeiner Natur gegen ein ſo geliebtes Weſen moͤglich war. Er bereute es inſonder⸗ heit, ihre Vorliebe für ſeinen Bruder durch Neckereien aufgemuntert, und dieſen Gegen⸗ ſtand immer als des Erfolgs gewiß behandelt zu haben. Nichts der Unterhaltung oͤhnliches konnte zwiſchen den beiden Bruͤdern Statt fin⸗ den, da das Vertrauen ſo gaͤnzlich verbannt war; ſie fuͤhlten ſich fremder als je gegen ein⸗ ander, und ſaßen ohne zu ſprechen in das Feuer blickend; noch ſtimmte Spencer ſeines Bruders Vorſchlag, zu den Damen zu gehen, bei, bis man ihnen die Bereitſchaft des Thees meldere. Er trank eher mehr Wein als gewohnlich, und ging in das Geſellſchaftszimmer vorberei⸗ tet, den unguͤnſtigen Eindruck zu vernichten, den ſein voriges Betragen zu verurſachen ge⸗ eignet war. Der Wein hatte ihn fuͤr den Au⸗ genblick aufgeregt, denn er trank Glas auf Glas, ohne zu wiſſen, was er that; und wie⸗ wohl es nicht die Macht hatte, ſeine Sinne zu verwirren, ſo gab es ſeiner Erſcheinung doch einige Aehnlichkeit der natuͤrlichen Weiſe. Als der Major ſeinen gewohnten Platz neben Ella einnahm, bemerkte er, daß er Ge⸗ ſellſchoft zu finden erwartet habe, da er einen Wagen gehoͤrt. Ella ſagte, Honoria ſei darin zum Thee zu Mrs. Melville gefahren. „War ſie vorher verſprochen?“ fragte der Major. 3 „ Nein,“ erwiederte Ela,„da aber die Mutter morgen abreiſen will, ſo wuͤnſchte ſi ſie von Eliſabeth Abſchied zu nehmen.“ „Honoria verließ Edenthal!“ rief Spencer, zu ſehr uͤberraſcht, um ſeine Gefuͤhle beherr⸗ ſchen zu koͤnnen,„und Mrs. Valency reiſ't morgen!“ Ella war beſtuͤrzt, und ſagte, der Wagen werde ihre Schweſter um zehn Uhr ob⸗ holen.„Allein ſie werden gewiß morgen nicht abreiſen!“ fuhr Spencer, ſich neben Mrs. Valency ſetzend, fort;„wie unfreundlich! zu 271 gehen, da ich eben zuruͤckgekehrt bin— ich glaubte nicht von ihnen ſo behandelt zu werden.“ „Ich gedachte nie llaͤnger zu bleiben, erwiederte ſi de,„und ſie ſe muͤſſen verzeihen, wenn ich meinen erſten Vorſatz nicht aͤndere.“ Er ſagte noch viel, ſie zu einem laͤngern Aufenthalt zu bewegen, und ſchien ausnehmend beunruhigt, gls ſie unerbi ittlich blicb; worauf er ſie verließ und am andern Ende des Zim⸗ mers in ſichtlicher Bew vegung auf und abging. Er ſchlug den Thee aus, und kaum war die⸗ ſer weggenemmen, als er fragte, ob es nicht Zeit ſei, den Wagen zu ſenden? Der Major zog die Klingel, obwohl er es noch fuͤr zu fruͤh hielt; allein in dieſem Augenblick brachte ein Bedienter ein Billet an Mas. Burlington. Es war von ihrer Schweſter, um ihr zu ſagen, daß ſie bei Mrs. Melpville ſchlafen wuͤrde, und ihre Mutter zu bitten, ſie morgen im Vorbei⸗ fahren da abzuholen. Sie fügte ein zaͤrtliches Lebewohl fuͤr Ella und den Major hinzu. Ella machte den Inhalt bekannt, und Spencer rief: 1 „Dann will ſie nicht wieder nach Eden⸗ thal zuruͤckkehren! und—“ Er erndete ſeine Worte nicht, ſondern ging von wenen in gro⸗ ßer Unruhe im Zimmer umher. „Laß aber den Wagen dennoch fahren,“ ſagte der Major,„vielleicht bewegt es ſte zuruͤckzukehren./ „Du kannſt ihn ſenden, wenn es dir ge⸗ faͤllt, allein ſte wird gewiß nicht kommen,“ erwiederte Ella, und Spencer rief mit Hef⸗ tigkeit:„Gut, gut! aber laſſen ſie ihn den⸗ noch fahren?“ Er entfernte ſich bald nachher, und ſie ſahen ihn den Abend nicht wieder. Der Wagen ward geſendet, kehrte aber leer, nur mit einer muͤndlichen Botſchaft, dem Inhalt des Billets gemaͤß, zuruͤck. Das Verlangen, welches Honoria em⸗ pfand, Edenthal zu verlaſſen, wo jeder Au⸗ genblick ihre Demuͤthigung vermehrte, bewog ſie zu dem Beſuch bei Mes. Melville; und ſie entfernte ſi ich aus der Wohnung, die ſie ſo freudig betreten hatte, mit dem Entſchluß⸗ nicht zu ihr zuruͤckzukehren. Sie war in einer 273 unglücklichen Stimmung, gleichguͤltige Geſell⸗ ſchaft zu ertragen, dennoch war alles der vor⸗ zuziehen, die ſie unter gegenwaͤrtigen Verhaͤlt⸗ niſſen verlaſſen hatte. Es war ihr lieb, Mrs. Melville nicht zu Hauſe anzutreffen. Eliſa⸗ beth empfing ſie um ſo freudiger, da ſie ihr unerwartet kam. Honoria erwaͤhnte nicht Burlingtons An⸗ kunft, und hatte nicht lange Platz genommen, als ſie uͤber Uebelbefinden klagte, wodurch die Unruhe ihres Ausſehns und ihr ungewoͤhnliches Betragen erklaͤrt ward. Eliſabeth ſchlug ſo⸗ gleich vor, in ihrem Hauſe zu ſchlafen, wo⸗ gegen ſie nichts einwendete, ſobald jemand mit der Nachricht davon nach Edenthal ge⸗ ſchickt wuͤrde. Nachdem der Thee voruͤber und das Billet abgeſendet war, haͤtte ſie ſich gern in das fuͤr ſie beſtimmte Schlafzimmer bege⸗ ben, allein es war noch nicht ganz zu ihrem Empfang bereitet, und ſie bat Eliſabeth, et⸗ was vorzuleſen, um dem Geſpraͤch uͤberhoben zu ſeyn. Auf dieſe Art konnte ſie ihren Ge⸗ Guerillg⸗Anf. I. 18 8 274 danken Fluͤgel geben, aber ſie flogen alle nur bis nach Edenthal. Sie fuͤhlte ſich mit ihrer beſtimmten Handlungsweiſe zufrieden, und hielt ſie fuͤr geeignet, einigen Eindruck auf Burlington zu machen, der es wenigſtens empfinden werde, daß ſie ſein Haus mit ſo wenig Ceremonie, und ſo offenbar wegen ſeiner Ruͤckkehr verlaſſen ha⸗ be. Als ſie aber laͤnger daruͤber nachdachte, konnte ſie nur wenig Zufriedenheit aus dieſer Quelle herleiten, und ihr Unwille ſchien ſich in der Anſtrengung erſchoͤpft zu haben, waͤh⸗ rend ihr Gefuͤhl des Elends ſich mit jedem Augenblick vermehrte. Spencer ſah ungluͤcklich 4 aus! Haͤtte ſie nicht vielmehr eine Gelegen⸗ heit ſuchen ſollen, ihn als Freundin um Er⸗ klaͤrung ſeines veraͤnderten Betragens zu bit⸗ ten, und ſich zu verſichern, ob es mit irgend einem Mißverſtändniß im Bezug auf ſie zuſammenhing? „Doch nein,“ dachte Honoria,„als Freundin haͤtte ich wohl dieſe Erklaͤrung mit Ruhe fordern koͤnnen, allein bei dem, was ich empfinde, würde es unmoͤglich geweſen ſeyn. 3„ 225 Auch kounte ich mich nicht der Demuͤthigung ausſetzen, die mich unvermeidlich treffen muß⸗ te, wenn ſein Betragen nur die Folge der Eitelkeit und Laune waͤre. O, oͤnnte ich nur davon uͤberzeugt werden, ſo wuͤrde ich bald mein Herz von der Herrſchaft eines Gegen⸗ ſtandes befreien, welchen ſo haͤßliche Fehler entſtellen!“— Ploͤtzlich erinnerte ſie ſich der ſcherzhaften Weiſe, mit der er ſich einmal be⸗ klagt, daß ſie ihn fuͤr einen Thoren halte, und die Lebhaftigkeit, womit er dieſe Beſchul⸗ digung abgelehnt hatte; und er zeigte ſich ihr wieder in ſeiner bezauberndſten Geſtalt. Sie ſeufzte ſo tief, daß Eliſabeth alsbald zu le⸗ ſen aufhoͤrte, und einen beſorgten Blick auf ſte warf. In dieſem Augenblick erregte ein Klopfen an der Hausthuͤr ihre Aufmerkſamkeit und bald darauf trat ein Bedienter herein mit der Nachricht, daß jemand Miß Valency ſogleich zu ſprechen verlange. Honoria folgte in ein andres Zimmer, in Erwartung, ihr eigen Maͤdchen zu finden, die 18* ſich kuͤr noͤthig gehalten, oder vielleicht eine Botſchaft zu uͤberbringen habe. Bei ihrem Ein⸗ tritt ergriff man ihre Hand, und ſie fuͤhlte ſich fortgezogen, waͤhrend die Thuͤr heftig zu⸗ geworfen ward; doch von wem konnte ſie al⸗ lein muthmaßen, da nur ein truͤbes Licht auf einem entfernten Tiſch braunte. „Warum haben ſie Edenthal verlaſſen, Honoria?“ rief jetzt Burlingtons Stimme.— „Warum haben ſte mein Haus auf eine ſo verachtende, beleidigende Art verlaſſen?“ Sie konnte ſich kaum erhalten, und ihr klopfendes Herz ſchien zerſpringen zu wollen. Die Ueber⸗ raſchung ward von dem Entſetzen uͤber die Hef⸗ tigkeit ſeines Betragens und von der Furcht, ihre Gefuͤhle zu verrathen, verdraͤngt. Sie hatte ihn oft beunruhigt, aber nie aufgebracht ge⸗ ſehen, und ſeine gegenwaͤrtige Erſcheinung wich ganz von ſeinem natuͤrlichen Charakter ab, der zwar erregbar, aber nicht zum Zorn geneigt war. Indeſſen konnte es für ſie befriedigender ſeyn, ihn in einem Aufall von Wuth zu er⸗ 277 blicken, als wenn er ihr Betragen, ohne es zu empfinden, haͤtte voruͤbergehen laſſen. Den⸗ nach hielt ſie dieß nur fuͤr die Wirkung belei⸗ digter Eitelkeit, und nicht eines verwundeten Gefuͤhls. Sie befand ſich in zu heftiger Be⸗ wegung, um ihrer Stimme zu gebieten, und er fuhr fort:„War es eine zu große Nach⸗ ſicht, mit mir eine Nacht unter demſelben Dach zu verweilen?“ Honoria zwang ſich zu ſprechen, indem ſie ihre Hand ihm zu entzie⸗ hen ſuchte, und ſagte mit Waͤrme:„Ich kann ihnen nicht irgend ein Recht zugeſtehen, ſo herriſch Rechenſchaft von meinen Handlungen zu fordern, waͤhrend ihr eigen Betragen ſo widerſprechend und unbillig iſt! Es muß mir daher erlaubt ſeyn, zu thun, wie ich fuͤr ſchicklich oder angenehm halte, ohne eine Er⸗ klaͤrung meiner Gruͤnde erwarten zu laſſen.“ „Sie ſollen nicht thun, was ihnen ge⸗ faͤllt!“ rief er leidenſchaftlich, ihre beiden Haͤnde ergreifend, und ſie nach der Thuͤr zie⸗ hend.„Sie ſollen mit mir nach Edenthal zu⸗ 278 rücktehren, der Wagen iſt gekommen, und ich will ſie begleiten.“ „ Mr. Burlington! ſind ſie von Sinnen? Laſſen ſie mich ſogleich frei, ich beſtehe darauf, gewiß, ſie koͤnnen nicht bei ſich ſelbſt ſeyn!“ Ihr zorniges Weſen ſchien ihn zur Be⸗ ſinnung zu bringen; er geſtattete ihr, ſich zu be⸗ freien und warf ſich in einen Stuhl, die Haͤnde vor die Stirn druͤckend, indem er ſich wie⸗ derholte:—„Toll! von Sinnen! kein Wun⸗ der, wenn ich's waͤre!“ Es wuͤrde Grauſamkeit geweſen ſeyn, ihn in dieſem Augenblick zu verlaſſen; Honoria konnte es nicht; und ob ſie ſich gleich et⸗ was von ihm entfernt hatte, ſo verweilten doch ihre Blicke auf ſeiner bewegten Geſtalt. Nach dem Schweigen einiger Minuten ſchien die Heftigkeit ſeines Betragens ſich vermindert zu haben, und er ſprach und handelte mehr ſich ſelbſt gemaͤß. Er ſtand auf, und naͤherte ſich ihr wieder, ſie vermied ihn nicht; denn das Verſtoͤrte ſeines Anfehns hatte ſich durch einen 229 Grad von Feierlichkeit gemildert. Er ſank auf ein Knie, indem er ihre Hand an ſeine bren⸗ nende Stirn druͤckte, und bat um ihre Ver⸗ gebung fuͤr alles, was ihr an ſeiner Erſchei⸗ nung tadelnswerth vorkommen moͤchte. „Halten ſie mich fuͤr wahnfinnig,“ fuhr er fort;„vielleicht bin ich es; aber wenn ſie in Zukunft ſich geneigt fuͤhlen, mich zu ta⸗ deln, ſo erwaͤgen ſie, daß ich der ungluͤck⸗ lichſte der Menſchen bin, und ſie fuͤr die lie⸗ benswuͤrdigſte der Frauen halte! Ich will nicht in ſie dringen, nach Edenthal zuruͤckzukehren; nein, es iſt beſſer, ſie thun es nicht.— Gott ſegne ſie, Honoria!“ ſetzte er hinzu, nach Athem ringend, und feurig ihre Hand an ſeine Lippen druͤckend; dann ſprang er auf und ver⸗ ließ ſchnell das Zimmer. — Das Geraͤuſch des wegfahrenden Wagens weckte Honoria aus ihrer augenblicklichen Be⸗ taͤubung, und ſie eilte nun zu ihrem jetzt be⸗ reiteten Schlafzimmer, wo ſie ſich einige Zeit den Gefuͤhlen uͤborließ, die ſie bezwangen. X 280 So unerklaͤrlich auch Burlingtons Betragen in andrer Ruͤckſicht erſchien, ſo war es doch voͤl⸗ lig klar, daß er ſich nicht ferner um ihre Gunſt zu bewerben gedenke, und aus allem mußte ſie auf ein anderes Verhaͤltniß, in welchem er ſtand, ſchließen. Aber warum hatte dieß ſein Betra⸗ gen nicht vor ſeiner Reiſe nach Bath be⸗ ſtimmt? Der Zeitraum eines einzigen Monats, nein, noch einer weit kurzern Periode, hatte dieſe ungemeine Veraͤnderung bewirkt, und ſelbſt jetzt ſchien ſeine Neigung fuͤr ſie noch zu beſtehen. Jedoch der Gedanke, daß er ſie noch liebe und ungluͤcklich ſei, erweichte ihr Gefuͤhl zu dem bemitleidenswuͤrdigſten Grad; und ſie ſuchte ſich lieber zu uͤberreden, daß ſein ganzes Betragen die Folge der Eitelkeit ſei, denn in dieſer Vorausſetzung fand ſie Nahrung fuͤr ihren Unwillen, welchem ſie am wirkſam⸗ ſten der druͤckenden Schwaͤche dieſes Augen⸗ blicks entgegenſetzen konnte. Sie begab ſich zu Bett, um Miß Melville nicht zu ſehen, die an die Thuͤr ihres Zimmers kam, doch als ſie 281 dieſelbe zur Ruh gegangen fand, ſie nicht wei⸗ ter ſtoͤrte. Von dem Bedienten hatte Eliſabeth erfah⸗ ren, daß es Vurlington war, der ihre Freun⸗ din zu ſprechen begehrte, mit dem Verbot, zu ſagen, wer es ſei, und aus dem, was ſie ſchließen konnte, mußte ſie etwas unangeneh⸗ mes zwiſchen ihnen vorgefallen glauben. Burlington kehrte nicht in dem Wagen nach Edenthal zuruͤck, obwohl er in demſelben von da wegfuhr. Ehe er Mrs. Melville's Woh⸗ nung erreichte, war er ausgeſtiegen, da er einige Liſt fuͤr noͤthig hielt, um Honoria al⸗ lein zu ſehen. Als er ſie verließ, befahl er, den Wagen nach Hauſe zu fahren, waͤhrend er den Weg durch die Felder fortſetzte, ohne auf den jetzt herabſtroͤmenden Regen und die tiefe Dunkelheit zu achten. Am naͤchſten Morgen um acht Uhr verließ Mrs. Valency Edenthal. Ella und der Major begleiteten ſie bis zu Mrs. Melville, wo ſie zu frühſtuͤcken gedachten. Man ſah nichts von 282 Burlington, welchem Mrs. Valency ihre Em⸗ pfehlung hinterließ, indem ſie nicht vermeiden konnte, ein wenig mit Ella's unwilligem Gefühl uͤbereinzuſtimmen. Er hatte ſich den groͤßten Theil des vergangnen Abends entfernt, ohne ſeine Aufmerkſamkeit zu entſchuldigen, und nie⸗ mand ſchien zu wiſſen, wo er war, bis ſein Bedienter zur Zeit des Abendeſſens ſagte, daß er zu Bette ſei. Er wußte die Stunde ihrer Abreiſe, und erſchien nicht, um Abſchied zu nehmen, obwohl er gewoͤhnlich weit fruͤ⸗ her aufſtand; kurz, ſie verließ ſein Haus mit Empfindungen der unangenehmſten Art und dem Vorſatz, es nie wieder zu betreten. Welcher Kummer erfuͤllte Ella's Herz, als ſie von ihrer Mutter und Schweſter Abſchied nahm, und dieſelben von Mrs. Melville wegfah⸗ ren ſah. Honoria's bleiche Wangen und geroͤ⸗ thete Augen waren eine zu deutliche Sprache, obwohl ſie mit der Vermehrung ihrer Unruhe, durch Burlingtons Erſcheinung veranlaßt, un⸗ bekannt war; aber Honoria fuͤhlte ſich unfaͤhig, 283 von dieſem Gegenſtand zu ſprechen oder auf irgend eine Art darauf hinzudeuten. Ella und der Major fuhren ſchweigend und in duͤſtrer Stimmung ihres Wegs. End⸗ lich ſagte Ella:„Ich kann es nicht ertragen, nach Edenthal zuruͤckzukehren;“ ihr Gatte fragte nicht, warum, ſondern fuhr fort zu ſchweigen. Sie ſprach weiter:—„ Nichts kann mir unangenehmer als der Aufenthalt in Bur⸗ lingtons Hauſe ſeyn, nach deſſen unverant⸗ wortlichem Betragen gegen meine Mutter und Schweſter.“ „Sage nicht unverantwortlich, liebe Ella; wenn du meinen Bruder ſo genau wie ich kennteſt, ſo wuͤrdeſt du überzeugt ſeyn, daß er nie etwas thun wird, was er nicht vollkommen rechtfertigen koͤnnte, wenn er die Freiheit dazu haͤtte.”“. „Es wuͤrde mir leid thun, dich gegen ihn einzunehmen, er hat gewiß mehr als die Pflichten der Verwandtſchaft gegen dich er⸗ faͤlt; und ihn liebend wie du, kannſt du am 284 beſten von meinen Gefuͤhlen urtheilen, wenn ich die, die ich eben ſo zaͤrtlich liebe, ſo un⸗ wuͤrdig behandelt ſehe. Was wuͤrdeſt du em⸗ pfinden, wenn ſie in unſerm eignen Hauſe ſich ſo gegen ihn betragen haͤtten, wie er gegen ſie?“ „Wir koͤnnen nicht entſcheiden, in wie fern er zu tadeln iſt, meine Liebe, bis wir eine Erklaͤrung ſeines Betragens gehoͤrt haben.“ „Er vermag es nicht zu erklaͤren! Glaube mir, er wird ſich nie zu dem Charakter beken⸗ nen, den er ſo oft und ſo heftig getadelt hat. Niemand konnte ſich beredter gegen die ſeines Geſchlechts aͤußern, die mit der Zuneigung der Frauen nur zum voruͤbergehenden Vergnuͤgen ſpielen! Niemand ſchien mehr zu verachten und—ℳ 2 „Gewiß,“ fiel hier der Major mit ploͤtz⸗ licher Waͤrme ein; 4 du willſt ihm nicht zuͤr⸗ nen wegen der Meinung, die er von Sir Franz hegte, und daß er ihn behandelte, wie er verdiente.“ 3 285 .„, Lieber Edgar,“ ſagte Ella zaͤrtlich ſeine Hand ergreifend„„ich glaubte, wir haͤtten be⸗ ſchloſſen, dieſen unwuͤrdigen Mann nie zum Gegenſtand unſrer Unterhaltung zu machen.“ Es muß hier bemerkt werden, daß der Major uͤber dieſen ungluͤcklichen Punkt allein je eine Erregbarkeit verrieth; aber er konnke nie des Baronets Namen, oder nur eine Hin⸗ deutung auf ihn hoͤren, ohne Unruhe zu zei⸗ gen. Ella hatte ihm wiederholt erklaͤrt, nie ein Gefuͤhl gegen ihn empfunden zu haben, das ihres Edgars Eiferſucht zu erregen werth geweſen waͤre; dennoch erwaͤhnte er dieſer Verhaͤltniſſe oft mit etwas Vorwurf aͤhnlichem, welches Ella ausnehmend verletzt, ſo daß er ihr verſprochen hatte, nie wieder dergleichen zu aͤußern; indeſſen erwiederte er jetzt auf das, was ſie geſagt hatte:: „Iſt er zu zarr, um beruͤhrt zu wer⸗ deu?⸗ 1 Ella brach ſogleich in Thraͤnen aus, in⸗ 6 dem ſie fragte: ob er auch ſo unfreundlich wie ſein Bruder ſeyn wolle? Nichts war dem Major genug, was er nun thun oder ſagen ſollte, um es wieder gut zu machen, ihre Thraͤnen erregt zu haben. Er machte ſich die bitterſten Vorwuͤrfe, und es gab keinen zaͤrtlichen Namen, womit er ſie nicht um Vergebung bat, und bemuͤht war, ſie von der unbegraͤnzten Gewalt uͤber ihn zu uͤberzeugen. Er geſtattete, daß ſein Bruder ſehr zu tadeln ſei, und erklaͤrte keine ſtaͤrkere Neigung fuͤr Mrs. Valency und Honoria em⸗ pfinden zu köͤnnen, wenn ſie durch die Bande des Bluts mit ihm verwandt waͤren. Das Betragen ſeines Bruders wußte er durchaus nicht zu deuten, da er ihm bekannt hatte, daß er Honorien ſeine Hand bieten wolle, und nur damit zoͤgre, bis ihre Bekanntſchaft etwas aͤl⸗ ter ſei, weil er die hoͤchſte Vorſicht bei Schließung einer ehelichen Verbindung fuͤr noͤ⸗ thig hielt. Er aͤußerte auch gegen den Ma⸗ jor auf ſeiner Reiſe nach Bath, nur deßhalb 287 Mrs. Valency um keinen Briefwechſel gebeten zu haben, weil er gewiß nicht drei Zeilen wuͤrde haben ſchreiben koͤnnen, ohne den Zu⸗ ſtand ſeines Herzens zu bekennen. „Ich lachte uͤber ſeine Vorſicht, 44 fagee der Major, nachdem er dieß erwaͤhnt hatte, „wo er erklaͤrte, ſie wuͤrde ihn gaͤnzlich ver⸗ laſſen haben, wenn er noch laͤnger in der Huͤtte geblieben waͤre, und es ſei gut, daß er nach Bath gehen muͤſſe, dennoch wuͤrde er nicht gluͤcklich ſeyn, bis er wieder zuruͤckkom⸗ me.— Iſt es nach dieſem zu bewundern, wenn ich deine Schweſter neckte, als werde ſie in kurzem meines Bruders Gattin ſeyn? Sobald ich ihn geſtern ſah, entdeckte ich etwas ungewoͤhnliches in ſeinem Betragen, ich glaubte, der Gedanke, nach der Huͤtte zu reiſen, be⸗ ſchaͤftige ihn, und freute mich ſeines Entzuͤ⸗ ckens bei ihrem unerwarteten Anblick. Ich werde die Beſtuͤrzung nie vergeſſen, wie ic mich getaͤuſcht ſah. „Ich glaubte niederzuſinken,“ ſagte 288 Ella;„doch wir ſind im Park, und ich habe dir noch nicht geſagt, was ich wollte. Du wirſt hoffentlich nichts dagegen haben, einige Zeit bei meiner Mutter zuzubringen; denn un⸗ ter den gegenwaͤrtigen Verhaͤltniſſen kann ich mich hier nicht ruhig fuͤhlen, oder mich gegen deinen Bruder betragen, wie ich es um deinetwillen wuͤnſchte.“ „ Ich glaube, er denkt nicht lange hier zu bleiben, und es wuͤrde ihn kraͤnken, wenn du ſein Haus ſo ſchnell verlaſſen wollteſt. Noch immer muß ich glauben, eine voͤllige Er⸗ klaͤrung von ihm zu erhalten, da ich ihn von neuem um ſein Vertrauen bitten will; im ent⸗ gegengeſetzten Fall werde ich dich nicht zuruͤck⸗ zuhalten ſuchen. 3 „Wenn er dir ſein Herz eroͤffnet, und du ihn fuͤr gerechtfertigt haͤltſt,“ erwiederte Ella,„bin ich vollkommen zufrieden; ich verlange nicht, mit etwas bekannt gemacht zu werden, was er nur dem Bruder alleip zu vertrauen wuͤnſchen duͤrfte.“ Burlington war noch nicht erſchienen, als ſte zuruͤckkamen; er hatte in ſeinem Stu⸗ dierzimme geſruͤhſtuͤckt, und dort ſuchte ihn der Major auf. Er ruhte auf dem So⸗ pha, mit einem Zeitungsblatt in der Hand; das Theezeug ſtand noch vor ihm, er klingelte beim Eintritt ſeines Bruders, es hinwegzuneh⸗ men. Der Major aͤußerte die Vermuthung, er befinde ſich nicht wohl, da er nicht bei Mrs. Valency's Abreiſe gegenwaͤrtig geweſen ſei. Spencer antwortete, daß er es verſchla⸗ fen, ſonſt wuͤrde er gewiß nicht gefehlt haben. „Es thut mir leid, daß du nicht von ihr Abſchied nahmſt,“ ſagte der Major,„da ſie ſich gewiß dadurch noch mehr vernachlaͤſ⸗ ſigt fuͤhlte.“ „Wie, ich ſagte ſicher alles, was ich konnte, ſie zu einem laͤngern Aufenthalt zu bewegen.“ 3 „Zugegeben, lieber Spencer, aber du thateſt nichts.“ „Ei, was haͤtte ich thun ſollen?“ Guerilla⸗Anf. I. 19 * 290 „O, ich bitte, laß dieſen ſeltſamen, un⸗ gewoͤhnlichen Ruͤckhalt von unſerm Umgang entfernt ſeyn! Ich kenne dein Herz zu gut, als daß ich einen Augenblick an der tadelloſen Quelle deiner Handlungen zweifeln ſollte, und warum willſt du nicht aufrichtig den Grund deiner Entfremdung von Honorien bekennen, die vor ſo kurzer Zeit als deine kuͤnftige Gattin von dir betrachtet ward?“ Spencers Farbe erhoͤhte ſich, aber nach dem Schweigen kiniger Minuten erwiederte er:„Wir koͤnnen nicht immer von den Ver⸗ anderungen unſrer Gefuͤhle Rechenſchaft geben! Wenn ich es uͤberlege, glaube ich, weder Gluͤck noch Zufriedenheit von der Ehe erhalten zu koͤnnen, und daher iſt's wohl weiſer, meine Freiheit zu behaupten. Mein Weſen iſt zu froͤhlich und fluͤchtig; ich duͤrfte gewiß den Schritt bereuen, wenn ich ihn zu thun ver⸗ ſucht wuͤrde.“ Edgar ſtaunte ihn mit unverſtellter Be⸗ ſuͤrzung an— er konnte kaum ſeinen Ohren 291 trauen, und eben ſo wohl haͤtte er das Zeug⸗ niß ſeiner Augen bezweifeln koͤnnen, indem er das traurige Geſicht anſchaute, mit welchem ſein Bruder von der Froͤhlichkeit ſeines We⸗ ſens ſprach. Offenheit war immer einer der ſtarkſten Zuͤge in Spencers Charakter geweſen. Welches Wunder verbreitete denn dieſen un⸗ durchdringlichen Schleier uͤber ſeine Beweg⸗ gründe, von denen ſich nichts zeigte, als der Wunſch der Verbergung? „Was habe ich gethan,“ rief Edgar mit Nachdruck,„was kann ich gethan haben, wo⸗ durch ich dein Zutrauen verlor? Sonſt war ich der Verwahrungsort aller deiner Gedanken, und jetzt haͤlt man mich nicht fuͤr wuͤrdig, mir eine Sache anzuvertrauen, die augenſcheinlich tiefen Bezug auf dein Gluͤck hat.“ Spencer ergriff, wie. aus unwiderſtehli⸗ chem Antrieb, ſeines Bruders Haͤnde, und drückte ſie zwiſchen die ſeinigen, waͤhrend dem Blick der Trauer, den er auf ihn warf, etwas dem Mitleid aͤhnliches zugeſelt war; aber er ver⸗ 4 19 29² harrte zu ſchweigen, obwohl. er ſprechen zu wollen ſchien. Sein Bruder fuhr mit erhoͤh⸗ tem Ernſt fort— „Ich habe kein Recht, und der Himmel weiß, auch keine Neigung, dich zu tadeln— daher ſage mir, ob ich mit Geund dein Be⸗ tragen dem Einfluß eines neuen Gegenſtan⸗ des auf dein Herz beilege?“ „O, hier,“ rief Spencer,„kann ich kuͤhn behaupten, daß du mir unrecht thuſt! Unbeſtaͤndigkeit gehoͤrt wenigſtens nicht unter meine Fehler— das heißt,“ ſetzte er, wie das Geſagte bereuend hinzu,„die Liebe zum Wechſel hat nichts zu thun mit— Er ſtockte. „Dann,“ entgegnete ſein Bruder,„haſt du ein Verhaͤltniß, woran dein Herz keinen Theil hat.“ „Nein, nein, ich bin frei wie die Luft!“ rief Spencer in heftiger Bewegung empor⸗ ſpringend, jedoch mit einem mißlungenen Ver⸗ ſuch, ſorgenlos zu erſcheinen.„Frei, frei⸗ 298 wie die Luft!“ wiederholte er,„und nie werde ich meine Freiheit aufgeben, Edgar;“ fuhr er fort, indem er ploͤtzlich ſtehen blieb, und ſeine Hand bedeutend auf ſeines Bruders Arm leg⸗ te.„Ich werde nie, nie heirathen! verlaß dich auf dieſe Verſicherung. Deine Kinder ſollen die meinigen, mein Vermoͤgen das deine und mein Haus deine Heimath ſeyn.“ „ Und glaubſt du, durch eine ſolche Er⸗ klaͤrung meine Zufriedenheit zu befoͤrdern? O, nein! ſie betruͤbt, ſie macht mich ungluͤck⸗ lich!— Ich brauche nicht zu bezeichnen, wem du ein Anerbieten deiner Hand ſchuldig biſt, da du dich erinnern wirſt, was du mir uͤber dieſen Gegenſtand bekannteſt. Du mußt wiſſen, welch einen tiefen Eindruck du auf ein zaͤrtliches, vertrauendes Herz gemacht haſt, das ſich ohne Widerſtand ergab, voll des Glau⸗ bens, daß das, was ſo eifrig geſucht ward⸗ nie verſchmaͤht werden konnte. 2 Spoencer hatte ſeinen Platz wieder einge⸗ nommen, und richtete waͤhrend der Worte ſei⸗ nes Brudes unbeweglich ſeine Augen auf das Feuer. Der Ausdruck ſeines Geſichts glich vollkommen jenem einer Perſon, die einen furchtbaren Schmerz ohne Seufzer zu ertra⸗ gen beſchloſſen hat. Edgar fuhr ſort:„Du haſt ein zu feines Ehrgefuͤhl, um dieſen Ge⸗ genſtand nicht in ſeinem wahren Licht zu er⸗ blicken. Ich habe dich oft ſo beredt uͤber aͤhn⸗ liche Faͤlle ſprechen hoͤren, daß alles, was ich ſagen koͤnnte, nur eine Widerholung deiner eig⸗ nen Worte ſeyn wuͤrde. 2 Sppencer legte die Arme uͤber das Sopha, und verbarg ſein Geſicht, waͤhrend ſein Bru⸗ der weiter ſprach.„Alles, was ich dich bitte, was ich begehre, iſt, mir dein Herz zu oͤff⸗ nen! Ich ſetze ſolch Vertrauen in deine Ehre und Aufrichtigkeit, um uͤberzeugt zu ſeyn, nichts ſtrafbogis zu ſinden.“ G 4 Noch immer verharrte Spencer in hart⸗ naͤckigem Schweigen, es nicht einmal verſu⸗ chend, ſich ſelbſt zu vertheidigen, als aber ſein Bruder hinzufuͤgte, daß ihm nur die Ver⸗ 295 muthung uͤbrig bleibe, etwas zu Honoria's Nachtheil gehoͤrt zu haben, rief er leidenſchaft⸗ lich—. „Nein, nein, ich halte ſie fuͤr das voll⸗ kommenſte Weſen! aber— aber—“ er ſtock⸗ te; dann ſetzte er ploͤtzlich hinzu—„O, ich bitte, von dieſem Gegenſtand abzubrechen, der fuͤr uns beide gleich bekuͤmmernd ſeyn muß. Ich habe dir bereits alle Erklaͤrung gegeben, die mein Betragen geſtattet.“ „Wie, lieber Bruder! ich habe keine ge⸗ hoͤrt?“ „um Vergebung, ich ſagte dir, daß ich nicht von den Veraͤnderungen meiner Gefuͤhle Rechenſchaft ablegen kann. Die ernſte Scene eines Sterbebettes, von der ich kuͤrzlich Zeuge war, hat meinen Gedanken einen Truͤbſinn er⸗ theilt, den ſie nicht uͤberwinden koͤnnen. Sie widerſtehen dem truͤgeriſchen Einfluß von Luſt, Liebe und Gluͤck, die alle ſo traurig enden muͤſſen: mein Gemuͤth iſt nur auf das gerich⸗ 296 ret, was allen meinen irdiſchen Sorgen ein Ziel ſetzt.“. 3 „O mein Bruder! wie haſt du dich ge⸗ aͤndert! Gewiß kann der Eindruck eines Ster⸗ bebettes, ſo furchtbar er auch ſeyn mag, auf ein Weſen, wie das deinige, nicht dieſe Wir⸗ kung hervorbringen.— Niein, ich kann nicht glauben, daß du ein Raub der Melancholie oder ein Hypochondriſt geworden ſeiſt! O, daß du dein Herz beſſer gekannt haͤtteſt, ehe die Ruhe der unſchuldigen Honoria ein Opfer dei⸗ ner entſchiedenen Auszeichnung ward!“ „Ach, hier war ich in der That ſtraf⸗ bar! rief Spencer aufſpringend und im Zim⸗ mer umhergehend, worauf er mit ſeiner gewoͤhn⸗ lichen Lebhaftigkeit und feinen Empfindung hin⸗ zuſetzte:„O, es zerruͤttet mein Gehirn, wenn ich denke, dieß gethan zu haben, wodurch ich abgehalten werde, mit ganzer Seele zu ſagen, daß ich vollkommen tadellos und unge⸗ recht verdammt bin!“ 3 Er bat hierauf ſeinen Bruder, ihn zu ver⸗ 297 laſſen, und dieſen Gegenſtand nie mehr zum Inhalt ihres Geſpraͤchs zu machen. Der Ma⸗ jor fand es vergebens, das Geheimniß durch⸗ dringen zu wollen, in welches die Handlungen ſeines Bruders gehuͤllt waren, die er nicht ei⸗ nen Augenblick den von ihm angegebenen Gruͤnden beilegen konnte. Seine Vertheidi⸗ gung war in der That ſo widerſprechend, daß ſie durch ſich ſelbſt aufgeloͤſ't ward. Kurz Spen⸗ cer wollte augenſcheinlich nicht mittheilend ſeyn, und ſein Bruder konnte ihn nicht freiſprechen⸗ da er ſich keinen Grund zu denken vermochte, warum er ein Geheimniß vor ihm verbarg, das ihm heilig geweſen ſeyn wuͤrde. Er fuͤhlte ſich ausnehmend verletzt uͤber dieſen Mangel an Zutrauen, und noch weit ſchmerzlicher war ihm die nunmehrige Gewißheit, daß Spencer alle Anſpruͤche auf ſeine Schwaͤgerin gaͤnzlich aufgegeben hatte; und er begab ſich zu ſeiner Gattin, ſehr geneigt, mit ihren Gefuͤhlen ge⸗ gen ihn uͤbereinzuſtimmen. Als ſie den unbe⸗ friedigenden Erfolg der Unterhaltung erfuhr, beſchloß ſie, Edenthal den naͤchſten Tag zu ver⸗ laſſen, und der Major machte keine Einwen⸗ dungen. Honoria hatte ihre Schweſter ins geheim gebeten, jene Zeichnung aus Burlingtons Zim⸗ mer zu nehmen, und nicht zu verrathen, wer ſte machte. Ella trug jetzt dem Major deren Entfernung auf, wenn ſein Bruder nicht ge⸗ genwaͤrtig ſei. Sie ſah Burlington nicht eher⸗ als eben vor dem Mittagseſſen; er machte ſo⸗ gleich Entſchuldigungen, nicht bei Mrs. Va⸗ lench's Abreiſe erſchienen zu ſeyn. Ella erwie⸗ derte: daß gewiß ihre Mutter ihm ſehr gern jede bloße Hoͤflichkeit erlaſſen wuͤrde; ſie habe nicht erwartet, ihn zu ſehen, da er faſt den ganzen vorhergehenden Abend entſernt geweſen ſei.— Ella wuͤrde nicht ſo geſprochen haben, in Ge⸗ genwart ihres Mannes; allein ſie ergriff gern die Gelegenheit, Burlington wiſſen zu laſſen, welchen Eindruck ſein Betragen auf ſie ge⸗ macht hatte. Die Art ihres Angriffs ſchien ihn ſehr zu ſchmerzen, und er ſagte, durch 299 Mrs. Valency's beſtimmte Verweigerung, ihren Beſuch zu verlaͤngern, als er ſie geſtern darum bat, ſo verſtimmt geweſen zu ſeyn, daß er ſich fuͤr die Geſellſchaft ganz untauglich gefuͤhlt habe. Ella entgegnete, wie leid es ihr thue, daß dieſelbe ihm aufgedrungen worden waͤre. Sie ſprach mehr mit bedauerndem als ſchar⸗ fem Ton, da ihre Meinung hinlaͤnglich deut⸗ lich war; dennoch bewirkte es keine Antwort von Spencer, der ungluͤcklich, aber nicht zornig ausſah. Er ſchien gaͤnzlich ungeneigt, in irgend eine Eroͤrterung einzugehen; doch Ella em⸗ pfand ſo lebhaft die Vernachlaͤſſtgung gegen ihre Mutter und Schweſter, daß ſie ihre Ge⸗ fuͤhle bei ſeinem Aublick nicht beherrſchen, noch anders als im Ton der Mißbilligung oder indirecten Tadels mit ihm ſprechen konnte. Nach einer kurzen Paufe ſprach ſie:„Wahr⸗ ſcheinlich hat ihnen Edgar geſagt, daß wir einige Zeit bei meiner Mutter zubringen wollen.“ „Nein,“ erwiederte er,„doch nicht ſo⸗ gleich?“ „Morgen!“—„Um meinetwillen brauche ich es nicht zu bedauern,“ ſagte Burlington, da ich nur wenig Tage hier ſeyn werde; aber ſie ſind der Heimath bald überdruͤſſig. ²" „Nein, ich wuͤnſche zu ihr zuruͤckzukeh⸗ ren. „Dann iſt vermuthlich das Haus ihres Gatten nicht die ihrige. Edenthal iſt die Hei⸗ math meines Bruders, und als ſolche muͤſ⸗ ſen ſie es anſehen. Sie irren, wenn ſie mich hier als den ausſchließenden Herrn betrach⸗ ten, oder ſich fuͤr meinen Gaſt halten. Ed⸗ gar weiß meine Geſinnung uͤber dieſen Punkt, und als ich ihn bat, dieß Haus zu ſeinem Aufenthalt zu machen, geſchah es mit der ausdruͤcklichſten Bedingung, daß ſeine Gattin ihm als Gebieterin vorſtehen ſollte. Ella konnte die Empfindungen nicht aus⸗ druͤcken, welche dieſe Worte in ihr erregten; ſte fuͤhlte ſich uͤberwunden, und vermochte kaum die Thraͤnen zuruͤckzuhalten. Es that ihr leid, ſo rauh gegen Spencer geweſen zu ſeyn, aber 3891 plöͤtzlich erinnerte ſie ſich, wer nach ihrer Meinung die Gebieterin von Edenthal ſeyn ſollte, und ihr Unwille kehrte zuruͤck. Das Mittagsmahl ging in jener Art ern⸗ ſten Schweigens voruͤber, welches die Unzu⸗ friedenheit der Parteien mit einander andeutet, wo daun und wann eine gewoͤhnliche Bemer⸗ kung gewagt wird, der eine lange Pauſe folgt, ohne nur mit einem beifälligen Blick beantwortet zu werden. Dieſe Scene ſchien ſehr wahrſcheinlich den ganzen Ahend fortzu⸗ dauern; doch nach dem Thee erbot ſich der Mazor, zu ihrer Zerſtreuung etwas vorzuleſen. Ella nahm ihre Arbeit, und Spencer, das Haupt an den kalten Marmor des Kamins lehnend, zeigte bald durch ſein Ausſehn die gaͤnzliche Abgezogenheit ſeiner Gedanken. Der Major fand die Bemuͤhung, Ella zu unterhal⸗ ten, von eben ſo wenig Erfolg; denn als er uͤber das Geleſene ſprach, ſchien ſie nichts da⸗ von gehoͤrt zu haben. Nachdem ſich Spencer entfernt hatte, fragte Ella den Major nach der 3˙2 Zeichnung, worauf er antwortete, daß er ſie geſucht, aber nicht mehr gefunden habe. „Wie unangenehm!“ rief Ella; Honoria 4 wird ſo verdruͤßlich ſeyn, wenn ich ſie ihr nicht bringe; kannſt du morgen deinen Bruder nicht darnach fragen? „Frage ihn ſelbſt, meine Liebe; er wird ſie dir ohne Zweifel ſogleich geben.“ „O, ich glaube, er wird es nicht wuͤn⸗ ſchen, ſie zu behalten! Ich werde ihn gewiß deßhalb fragen, denn ſie hat in meinen Au⸗ gen großen Werth, und ſie ſoll in unſerm Zim⸗ mer haͤngen, Edgar; du wirſt nichts dagegen haben, an die Huͤtte erinnert zu werden?“ Der zaͤrtliche Gatte kuͤßte die in ihrem Auge zitternde Thraͤne hinweg und erklaͤrte, ſein Bruder verdiene alles, was er zu dulden ſchien, weil er dieſe koͤſtlichen Augen mit Thraͤ⸗ nen des Kummers erfullt habe. „Ach, ich wuͤrde es nicht ſo ſehr empfin⸗ den,“ rief Ella,„wenn ich ihn nicht fuͤr ein ſo vorzügliches Weſen gehalten haͤtte!“ 3⁰03 Burlington fruͤhſtuͤckte mit ihnen am naͤch⸗ ſten Morgen, wo Ella eine Gelegenheit er⸗ griff, ihn zu fragen, ob er etwas von einer Zeichnung geſehen habe, die ſein Bruder in ſeinem Zimmer ließ. Spencer antwortete be⸗ jahend, und fragte, ob es ihre Arbeit ſei? Ella ſagte, ſie wolle eine Copie davon nehmen. Daß ſie der Frage answich, war Burlington genug, da er den Grund leicht errathen konn⸗ te; allein er nahm keine Ruͤckſicht auf ihr Ver⸗ langen, und ſie ſetzte hinzu: „Sie werden mich verbinden, wenn ſie dieſelbe durch ihren Bedienten holen laſſen.“ „Er kann ſie nicht finden; ich nahm ſie herab, um ſie vor dem Staube zu ſchuͤtzen!“ „Ich werde es ihnen Dank wiſſen, ſie noch vor meiner Abreiſe zu erhalten.“ Spencer machte nur eine Verbeugung; allein der Wagen ward angeſagt, und er hatte noch keinen Vorſatz verrathen, ihr Begehren zu erfuͤllen, welches ſie dann wiederholte. Er ſagte bloß mit eiligem Ton:„ Sie muͤſſen mir 304 verzeihen,“ und ging vor ihr her aus dem Hauſe, an den Stufen wartend, um ihr in den Wagen zu helfen. Als ſie zu ihm kam, machte ſie noch einen Verſuch, ihre Zeichnung zu erhalten, und fuͤgte hinzu:„Es kann kei⸗ nen Werth fuͤr ſie haben.“ „Ueber das kann ich am beſten urthei⸗ len,“ erwiederte er, indem er ſie in den Wa⸗ gen hob; und der Major ſagte:„Laß ihn dieſelbe behalten, Ella; er wird gewiß Sorge dafuͤr tragen.“ 1 Spencer ergriff beide Haͤnde ſeines Bru⸗ ders; er ſchien unfaͤhig zu ſprechen, und als er ihn frei ließ, eilte er in das Haus zuruͤck, ohne zu warten, bis der Wagen fortfuhr. Es wuͤrde ſchwer ſeyn, zu ſagen, ob ſich Honoria uͤber den Anblick ihrer Schweſter freute oder betruͤbte! Sie bedurfte in Wahrheit der Theilnahme und Geſellſchaft aller ihrer theuer⸗ ſten Freunde, ſie bei dem traurigen Geſchick der Zerſtoͤrung ihrer lebhafteſten Hoffnungen zu unterſtuͤtzen; dennoch bezeichnete Ella's ploͤtz⸗ Z0s liche Ankunft deutlich die Geſuhle, mit denen ſte Edenchal perlaſſen hatte, und war das Signal der voͤlligen Aufloͤfung ihres Umgangs mit Hpencer Burlington. Ihre Schweſter machte ihr den ganzen Inhalt ſeines Geſpraͤchs mit dem Major bekannt, und ſie ſagte ihr da⸗ gegen von ſeinem Beſuch bei Mrs. Melville; doch Allen blieb ſein Betragen gleich unerklaͤr⸗ lich, und ſie konnten die einzige moͤgliche Auf⸗ loͤſung deſſelben nur in ſeiner Eitelkeit ſuchen. Honoxia fuͤhlte ſich gewiß befriedigt, als ſie ihre Zeichnung von ihm zuruͤckbehalten ſand; allein ſie wollte ſich bemuͤhen, ſein Bild aus ihrem Herzen zu verbannen, und ſich nicht der Gewalt eines Geſuhls hingeben, welchem ſie unterliegen mußte. Aber ihre Ruhe war ent⸗ flohen; Vorgenuß, Hoſſnung und Freude wa⸗ ren todt in ihrer Bruſt, und die kalten Ueber⸗ reſte davon lagen ſchwer auf ihrem Herzen. Alles, was Spencer in der Huͤtte ge⸗ laſſen hatte, bat ſie ihre Schweſter, dem Ma⸗ jor zu uͤbergeben, um es mit nach Edenthal Guerilla⸗Anf. I. 20 3⁰6 zu nehmen, wenn er zuruͤckkehrte; denn zu⸗ ruͤckzukehren, und ſehr bald, hatte er be⸗ ſchloſſen, ehe er noch zwei Tage in der Huͤtte war; doch nur um ſeinen Bruder auf einige Stunden zu ſ ehen, da er ſich nicht gern laͤn⸗ ger von ſeiner Ella entfernt haͤtte. Er fuͤhlte ſich ganz ungluͤcklich, mit ſeinem Bruder auf dem gegenwaͤrtigen Fuß zu ſtehen; er hatte ihm Al⸗ les zu verdanken, er liebte ihn ſo zaͤrtlich, und konnte den Gedanken nicht ertragen, mit dem Eindruck gegenſeitiger Unzufriedenheit von ihm geſchieden zu ſeyn, uͤberdieß noch ungewiß,⸗ wenn er ihn wiederſah. Spencer hatte geſagt, Edenthal vor Ende der Woche nicht verlaſſen zu wollen, und der Major beſchloß, ihn vor ſeiner Entfernung noch zu ſehen; doch am Mor⸗ gen, als er reiſen wollte, erhielt er folgenden Brief von ihm. 1 Theurer Edgar! Die Eile, mit der Du Edenthal verließeſ, und die vorhergehenden Ereigniſſe beunruhig⸗ ten meine Phantaſie, ich kann ſagen, zerruͤt⸗ 307 teten meinen Geiſt ſo ſehr, daß ich unfähig war, mit Feſtigkeit oder Uebereinſtimmung zu handeln. Ich kam in der Abſicht zuruͤck, ei⸗ nige Papiere von Wichtigkeit zu unterzeichnen, und eine beſtimmte Anordnung meiner Angele⸗ genheiten vor Ausfuͤhrung eines Planes zu machen, welchen ich Dir mittheilen wollte; allein unſere Geſpraͤche waren von ſo beſonderer Art, daß ich nicht wußte, wie ich dieſen Gegenſtand ein⸗ fuͤhren ſollte. Ich finde, mein Gemuͤth bedarf einer Veraͤnderung des Schauplatzes und Ab⸗ wechslung, um ſeinen nakuͤrlichen Ton wieder zu erhalten, und ich bin daher entſchloſſen, einige Jahre in jenen Laͤndern zuzubringen, die mir die politiſchen Verhaͤltniſſe erlauben. Ich weiß noch ſelbſt nicht, wohin ich zuerſt meinen Weg rrichte, allein ich werde England ſogleich verlaſſen. Nach den unzweideutigen Zeichen der Mißbilligung— nein, Verdammung, die ſich waͤhrend der kurzen Zeit unſrer Naͤhe in Blick, Wort und Geberden ausſprachen, kann ich nicht einen Augenblick denken, daß Deiner * 205* 308 Gattin oder Dir ſelbſt an Nachrichten von mir gelegen ſeyn duͤrfte; und ich glaube auf⸗ richtig, ihr wünſcht die Erinnerung eines Mannes zu verbannen, deſſen man nur als eines Gegenſtandes des ſtrengſten Tadels ge⸗ denken kann. Wenn ſich die Bitterkeit eurer Gefuͤhle gegen mich durch die Zeit gemildert hat, wird unſer Vechaͤltniß vielleicht erneuert werden, doch bis dieß der Fall iſt, kann kein genugthuender Briefwechſel zwiſchen uns Statt ſinden. Ich werde Maßregeln ergreifen, Dich alles wiſſen zu laſſen, was mir Beſonderes be⸗ gegnen duͤrfte; und im Fall meines Todes wirſt Du Dich, mit Ausnahme einiger kleinen Le⸗ gate, als den genannten ſowohl als geſetz⸗ lichen Erben meines ſäͤmmtlichen Eigenthums finden. Die Dienerſchaft iſt hier vorbereitet, Dich als ihren Herrn zu betrachten, und ſich in dieſer Eigenſchaft in allen Faͤllen an Dich zu wenden. Ich werde keine Muͤnſche fuͤr Dich, und das Gluͤck der Familie, deren Mit⸗ glied Du geworden biſt, hinzufuͤgen, da ihre 309 Aufrichtigkeit mit ſcheinbarem Recht bezwei⸗ felt werden köͤnnte; Er allein, dem mein Herz offen iſt, weiß, weſfen Gluͤck mir das theuerſte iſt. Ich kann nicht unterlaſſen, D dich zu verſichern, daß ich gaͤnzlich Deinen Eifer fuͤr die billige, mit denen Du jetzt verbunden biſt; und Mrs. Valency erkaube mir zu aͤu⸗ ßern, wie tief ich mich ihr verpflichtet fuͤhle. Sie war unter allen Verhaͤltniſſen trotz al⸗ lem Anſchein, unveraͤndert die guͤtige, nach⸗ ſichtige, vertrauende Freundin, deren freund⸗ licher Ausdruck andeutete, keinen Verdacht zu meinem Nachtheil unterhalten zu können. Lebe wohl! 1 Deein zaͤrtlicher Bruder Spencer Burlington. Wir wollen nicht bei den ſchmerzlichen Empfindungen verweilen, welche der Inhalt dieſes Briefs denen erregte, fuͤr die er ein ſo tiefes Intereſſe hatte, und denen er es wahrſcheinlich machte, den Gegenſtand nicht wiederzuſehen, der ihnen einſt ſo theuer, und noch immer ſo ſehr geliebt war. Edgar gab ſich den Auſchein, weniger zu fühlen/ als. er wirk⸗ lich that. Denn die wahre Angſt ſeines Her⸗ zens zu verrathen, wuͤrde ein ſtilſchweigender Vorwurf fuͤr ſeine Gattin und ihre Familie geweſen ſeyn, ihn eines Bruders beraubt zu haben; und dieſer Bruder ward bereits die Veraulaſung ſo vieles Ungluͤcks fuͤr ſie, daß er nig genug thun zu koͤnnen glaubte, 1m es wieder gut zu machen.„.— Honoria hatte es einige Zeit nicht über ſ 16 gewinnen koͤnnen, in die Naͤhe des Marino zu gehen; doch entſchloſſen, jede Schwaͤche dieſer Art zu überwinden, ging ſie eines Tageg mit ihrer Mutter und Schweſter den Weg dahin. Sehr verſchieden zeigte ſich die Scene gegen vormals, wo ſo viel Arheiter wie moͤglich an⸗ geſtellt waren; jetzt hoͤrte man keinen Ham⸗ merſchlag„ noch ward irgend ein lebendes We⸗ ſen da geſehen. Ein wenig weiter begegnets ihnen ein Landmann, von dem ſie erfuhren, der Bauherr habe ploͤtzlich befohlen, vor kom⸗ — 311 mendem Sommer nicht weiter daran zu arbei⸗ ten, da es bereits unter Dach, und er mit der Beendung nicht ſo eilig waͤre. Die Damen bereuten heimlich, dieſen Weg gegangen zu ſeyn. Honoria wußte nichts von Unterbrechung des Baus, und der noch zer⸗ ſtoͤrte Anblick deſſelben, nebſt dem duͤſtern Ton, welchen ein truͤber Wintertag uͤber das Ganze verbreitete, gewaͤhrten einen ſolchen Contraſt mit dem, was es ſonſt war, und eine ſolche Uebereinſtimmung mit ihren Gefuͤhlen, daß ſie ſchmerzlich bewegt ward; allein nach dem Kampf einiger Minuten konnte ſie, hinlaͤnglich gefaßt/ den Vorſchlag ihrer Mutter, zu Mrs. Irby zu gehen, annehmen. Harriet war jetzt voll⸗ kommen wiederhergeſtellt, und mit ihrer Fa⸗ milie vor einigen Tagen in die Gegend zuruͤck⸗ gekehrt. Kaum hatten ſie Platz genommen, als Harriet ausrief; 4 „Wir ſahen ihren Freund, Spencer Bur⸗ lington, in Bath, ſchoͤner als je! Doch erſt ſollte ich ihnen geſagt haben, daß wir bei 312 meiner Geuefung zu unſerm Vergulgen nach Bath reiſ'ten.“ „Ja,“ ſagte Mrs. Irby,„die ganze Stadt ertoͤnte von ihm; er war gemiß viel⸗ mehr berüchtigt da. „ Jetzt,“ dachte Honoria,„wird das Ge⸗ heimniß enthuͤllt werden;“ und ſte lauſchte mit aihemlofer Aufmerkſamkeit. 7 Beruͤchtigt!“ nhederholke Mis Va⸗ lency zweifelhaft. „O, ich meine nur, er machte großen Laͤrm, und es ward viel von ihm geſprochen. Doch haben ſie die Geſchichte nicht gehoͤrt?“ „ Nein, ich weiß nicht, nii was ſie hin⸗ deuten. 1. „Gut, wahrſcheinlich würden ſte es in den offentlichen Blaͤttetn geleſen haben, wenn die arme Lady Brookland gelebt haͤtte. Sie wiſſen bekanntlich, daß Mr. Burlington und Lord Brookland feit ihren Knabenjahren die genauſten Freunde waren, und nachdem der Lord ſich verheirathete, war erſterer, wie ge⸗ 313 woͤhnlich, ſehr oft im Hauſe, und die Lady ſtimmte ſo vollkommen mit ihrem Gemahl uͤber⸗ ein, daß ſie gleichfalls Mr. Burlingkon fuͤr das antnuthigſe Weſen in der Welt hielt; und, kurz, wie es oft bei ſolchen Gelegenheiten der Fall iſt, des Mannes Freund ward der Lieb⸗ haber der Fran— wenigſtens war er es in der That, obwohl niemand es vermuthete.“ Mlrs. Valench konnte ſich nicht laͤnger zu⸗ ruͤckhalten, ſie zu unterbrechen, und ſagte: „Gewiß, ſie muͤſſen ſich irren! ſie erwaͤgen nicht, daß ſite Mr. Burlington als einen Wat. ling ohne Grundſaͤtze darſtellen.“ „ Gut, liebe Freundin, hoͤren ſi ſie nur das Folgende, und ſie werden gewiß meine Zuver⸗ laͤſſigkeit nicht bezweifeln. Dieſer Umgang ward einige Zeit fortgeſetzt, bis, wie ich glau⸗ be, Burlington des Verhaͤltniſſes muͤde ward, und vergangenen Sommer entfernte er ſich laͤnger als gewoͤhnlich, und erregte die Eifer⸗ ſucht der Lady, denn ſie hoͤrte von einer an dern Bekanntſchaft, die er gemacht hatte. Wirk⸗ „ 314. lich war er ſehr aufmerkſam gegen meine Toch⸗ ter in Weymouth„ doch wie es die Lady er⸗ fuhr, weiß der Himmel! Indeſſen machte es einen ſo heftigen Eindruck auf ſie, daß ſie ganz zerruͤttet ward„ und in einem ihrer Anfaͤlle be⸗ kannte ſie alles ihrem Gemahl. Da ward der Gatte aufgebracht! allein der furchtbare Zu⸗ ſtand, in welchem die Lady blieb, ließ ihn keinen Schritt, ſich zu raͤchen, thun; und da er ein ſehr gutartiger Mann war, wollte er ſie nicht verlaſſen, noch ihr ungluͤckliches Kind, das, wie ich hoͤre, Burlingtons Ebenbild iſt; allein das arme Weſen iſt bloͤdſinnig. Der Lord reiſ'te mit beiden nach Bath, wo ſeine Gemahlin beſſer ward, und er eine foͤrmliche Klage gegen Burlington anfangen und ſich ſcheiden laſſen wollte. Allein bei der Andeu⸗ tung deſſelben kam ſie gaͤnzlich von Sinnen; ſie befand ſich ſchlimmer als je, und ward bald von den Aerzten aufgegeben. In ihren hellen Zwiſchenzeiten bat ſie ihren Gemahl, Burlington von ihrem Zuſtand zu benachrichti⸗ 315 gen, und ihn vor ihrem Tod noch einmal ſe⸗ hen zu duͤrfen. Der arme Lord, der faſt auch ſeines Verſtandes beraubt war, und ſich ſelbſt einige Vorwuͤrfe machen mußte, da er ſeine Gattin unausgeſetzt in der Naͤhe eines ſo be⸗ zaubernden Gegenſtandes verweilen ließ konnte ihr in dieſem Augenblick nichts verſagen. Man ſendete einen Expreſſen an Burlington, der ſich damals wegen ſeines Baues hier be⸗ fand, und er kam ſo ſchnell als moͤglich an. Die ungluͤckliche Lady ſchmachtete noch zehn Tage hin, und ſtarb dann in ſeinen Ar⸗ men, waͤhrend ihr Mann bewußtlos wegge⸗ bracht ward. Ja, ſie koͤnnen wohl entſetzt ausſehen! Sie ſtarb wirklich in ſeinen Ar⸗ men! Ich hoͤrte es von der Waͤrterin, die ſie bediente.”“ Honoria fuͤhlte eine tödtliche Schwaͤche, ihr ſchwindelte, und ſie hatte nur noch ſo viel Macht, aufzuſtehen und ein Fenſter zu öoͤffnen, neben welchem ſie ſaß. Die kalte Luft belebte ſie wieder, und ſie vermochte das Ende der 81½ 316 Ezaßlung zu faſſen, welches enthielt, daß Lord eBrookland aus fortdauernder Anhaͤnglichkeit fuͤr ſeine unwürdige Gattin ihr Andenken nicht vurch Bekanntmachung i ihrés Vergehens be⸗ Klecken wollte; auf dieſe Art blieb die Sache verborgen und Burlington hatte ſeine Reiſen angetreten, in der Hoffnung, den Vorwuͤrfen ſeines Gewiſſens zu entgehen. Haͤtte Mrs. Irby dieſe Geſchichte von irgend jemand außer Burlington erzaͤhlt,„ ſo wuͤrde ſie keiner ihrer Zuhoͤrer geglaubt ha⸗ ben; allein ſie ſtiminte ſo ſehr mit deſſen ſonſt unerklaͤrlichem Betragen uͤberein, daß ſie nicht gaͤnzlich daran zweifeln konnten, ſo ſehr auch die M oglichkeit derſelben ſie entſetzte. Keiner von Mrs. Irby's Soͤhnen war gegenwaͤrtig, ihre Nachrichten zu beſtaͤtigen, oder zu wi⸗ derlegen. aber die beiſtimmenden Blicke ihrer Tochter druͤckten daſſelbe aus. Ella beſchloß, je⸗ des Wort dem Major mitzutheilen, der, wie ſie wußte, alles aufbieten werde, die Wahr⸗ heit dieſer ſchrecklichen Nachricht zu erfahren, 312 oder ſie als nacſuiß Alaanduid Su be weiſen. Mit Erſtaunen hürt⸗ Major Durligten Ella's Mittheilung an, doch ohne eines jener Gefuͤhle, die er empfinden mußte, wenn er das geringſte von dem Gehoͤrten geglaubt haͤtte. Als ſie geendet, ſprach er:„Ich bin beluͤm⸗ mert, meine Liebe, dich nur auf einen Au⸗ genblick geneigt zu ſinden, eine ſo ſchmaͤhliche Unwahrheit glauben zu wollen. Welch ein ge⸗ faͤhrliches Weib iſt dieſe Mrs. Irby! aber ſte ſoll zurücknehmen, was ſie gefagt hat, und ſich als das beweiſen, was ſie wirflich iſt— ich brauche es nicht zu nennen. Gluͤcklicher Weiſe ſteht es in meiner Macht, ihre boshafte Laͤſterung gaͤnzlich zu widerlegen. Spencer hatte, wie ich gewiß weiß, vor ſeiner letzten Reiſe nach Bath Lady Brookland nie geſehen. Dieß wird dir ſeltſam vorkommen, da er ſo viele Jahre mit ihrem Gatten vertraut, und dieſer fuͤnf bis ſechs Jahr verheirathet war; aber das laͤßt ſich leicht erklaͤren. Lord Brook⸗ 388 land hakte ſich nur wenig Monate vermaͤhlt, als ſeine Frau Anzeichen von Zerruͤttung des Geiſtes verrieth, die bald eine ſehr entſchie⸗ dene Richtung nahmen, und wie man weiß, iſt das Uebel in der Familie. Von dieſer Zeit an ward ſie nach und nach ſchlimmer, und konnte nie vor Fremden erſcheinen.“ „ Spencer brachte oft Monate hinter ein⸗ ander bei ſeinem Freund zu, bemuͤht ihn in ſei⸗ nem bittern Schmerz zu troͤſten, ſah aber aus erwaͤhnten Gruͤnden die Lady nie.“ „Das Kind, jetzt vier oder fuͤnf Jahr alt, verrieth niemals einen Grad von Geiſtes⸗ klarheit; dieſer neue Kummer, nebſt der er⸗ hoͤhten Krankheit ſeiner Gattin, war mehr, als ein menſchliches Weſen ohne den Beiſtand der Freundſchaft ertragen konnte. Lord Brook⸗ land ſandte nach Spencer, der, wie du weißt, ſogleich abreiſ'te, und in dem Brief, worin er mir den Tod der Lady meldete, ſchrieb er, daß er wegen des verſtoͤrten Zuſtandes ihres Gemahls, der ihr Zimmer nicht verlaſſen woll⸗ 819 te, zuweilen bewogen ward, ihm dahin zu fol⸗ gen, damit er ihn entferne; er hatte da Lady Brookland zuerſt und in einer Lage geſehen, mit deren Schilderung er mich nicht bekuͤm⸗ mern wollte. Die letzte Scene verſetzte den Gatten in einen Zuſtand der Unempfindlichkeit; und in der Verwirrung, ihn zu entfernen, fuͤhlte ſich Spencer aufgefordert, die ſterbende Dulderin zu unterſtuͤtzen, deren letzter Kampf in ſeinen Armen endete, da ſte an ſeiner Bruſt verſchied.“ „Dieſe traurigen Darſtellungen,“ fuhr der Major fort,„unterließ ich, dir mitzuthei⸗ len, meine Liebe, da ich wußte, ſie wuͤrden dich erſchuͤttern, und du mußt immer eine Art von Ruͤckhalt beim Erwaͤhnen von Lady Brooklands Krankheit bemerkt haben, da Delicateſſe und Gefuͤhl von dergleichen Sachen zu ſprechen verbieten.“ „Gewiß iſt dieſe Erklaͤrung vollkommen befriedigend,“ ſagte Ella.„Es ſchmerzt mich, deinen armen Bruder, der in dieſem Falle ſe muſterhaft handelte, ſo verleumdet zu ſehen; aber dieß huͤllt ſein Betragen Vi dir in vol⸗ kommene Dunkelheit. „Dank ſei dem Himmel, daße es nicht auf dieſe Weiſe erklaͤrt iſt! und ich will Sorge tragen, jedes zu ſeinem Nachtheil ge⸗ ſprochene Wort zuruͤcknehmen zu laſſen. Aber ich muß dir nun ſagen, was meines lieben Spencers Betragen noch raͤthſelhafter macht. Wilhelm Irby kam in deiner Abweſenheit und erzaͤhlte mir, daß er zwei Tage nach, bemerke nach Lady Brooklands Tod ihn geſehen habe, wo er, ſobald er nicht mehr von dem trauri⸗ gen Vorfall ſprach, ſo belebt und unterhaltend wie immer erſchien. Er aͤußerte ſeine Unge⸗ duld, zu den theuren Freunden in der Huͤtte d 5 1 5 zuruͤckzukehren, die ihm alles Traurige aus dem Sinn bringen wuͤrden, und wartete nur, bis ſein armer Freund von Bath abreiſ'te, welches in einigen Tagen geſchah, um ſo ſchnell, als ihn vier Pferde ziehen konnten, nach De⸗ vonſhire zu eilen.“ 321 „Wie hoͤchſt ſeltſam,“ ſagte Ella,„doch er kann Bath nicht ſobald verlaſſen haben, wie er meinte, da er faſt vierzehn Tage nach die⸗ ſer Periode noch dort blieb. „Ja, allein Wilhelm ſah ihn nachher nicht wieder, und glaubte, er ſei abgereiſ't.“ Da der Major zu jenen Maͤnnern gehoͤr⸗ te, die ihren Mund nie zum Vorwurf gegen eine Frau oͤffnen koͤnnen, und er durchaus nicht gewußt haben wuͤrde, wie er ſie zur Rede ſtellen ſollte, ſo beſchloß er, ſich an Wilhelm Irby zu wenden, und durch ißn von deſſen Mutter eine Erklaͤrung ihrer ſchmaͤhlichen Be⸗ hauptungen, der Gruͤnde dafuͤr, und eine Zu⸗ rücknahme derſelben zu fordern. Kurz, der Major war nicht verlegen, wie er ſich an eine Perfon ſeines Geſchlechts bei dergleichen Ge⸗ legenheiten zu wenden hatte, und er verlor keine Zeit ihn aufzuſuchen. Wilhelm war aus⸗ nehmend bekuͤmmert, als er hoͤrte, wie weit die Macht der Einbildungskraft ſeine Mutter verleitet hatte, und er mußte die ganze Guerilla⸗Anf. I. 21 3²² Erzäͤhlung nur auf die Staͤrke ihrer eignen Folgrungen gegruͤndet glauben, indem er nie etwas von einem ſolchen Geruͤcht in Bath gehoͤrt hatte. Burlington war ſo mit ſeinem Freund beſchaͤftigt geweſen, daß er ſelten oͤf⸗ fentlich erſchien, und daher wenig Aufmerkſam⸗ keit erregen, oder Stoff zum Geſpraͤch dar⸗ bieten konnte. Wilhelm geſtand zu, mehrere ſeltſame Aeußerungen ſeiner Mutter gehoͤrt zu haben, die durch Nachrichten von Lady Brook⸗ lands Krankenwaͤrterin erregt waren; doch glaubte er, ſie nicht weiter verbreitet. Indeſ⸗ ſen ſollte der Major beſtimmt alle moͤgliche Er⸗ klaͤrung erhalten. Mit dieſer Verſicherung kehrte Burlington zur Huͤtte zuruͤck, und war gluͤcklich, jedes Geſicht im haͤuslichen Cirkel heiterer zu erblicken. Honoria empfand kaum mehr Freude, als ihre Mutter und Schweſter, uͤber das Ungegruͤndete dieſer furchtbaren Nach⸗ richt. Wie begierig und mit welchem unend⸗ lichen Vergnuͤgen ſprach ihn dieſes Herz frei, das ihn als das Muſter moraliſcher Vollkom⸗ 323 menheit zu betrachten gewohnt war. Wenn auch der tiefſte Schatten des Geheimniſſes ſeine Handlungen in Dunkel huͤllte, war es doch weit befriedigender, ſie nie, als durch ſeine Herabwuͤrdigung aufgeklaͤrt zu ſehen. Am naͤchſten Tage brachte Wilhelm einen Brief, vier Folioſeiten lang, von ſeiner Mutter an den Major. Er war mit Entſchul⸗ digungen, Vertheidigungen und Wiederholun⸗ gen erfuͤllt, ſollte erklaͤren, was nicht erklaͤrt werden konnte, und enthielt nichts verſtaͤndli⸗ ches, als daß ſie alle ihre Behauptungen auf die Nachricht von Lady Brooklands Tod in Bur⸗ lingtons Armen gegruͤndet hatte. Wilhelm verſicherte den Major, ſeine Mutter habe mit der erſten Poſt an die zwei einzigen Perſonen geſchrieben, denen ſie etwas von ihren Vermuthungen mittheilte, und ſie voͤllig widerlegt. Was Harriet betrifft, ſo hatte ſie die Folgerungen ihrer Mutter ſo lange angehoͤrt, bis ſie denſelben Wahr⸗ ſ cheinlichkeit, wenn nicht offenbare Wahr⸗ 21* 324 heit zugeſtand, und wollte es nicht uͤber ſich nehmen, ihnen zu widerſprechen, beſonders da ſte nicht ganz mit Burlington zufrieden war, welchem ſie es nie vergeben hatte, ſich nicht in ſie verliebt zu haben. 3 Der Major fuͤhlte ſich zufrieden im Be⸗ wußtſeyn, daß er alles that, um den Ruf ſeines Bruders frei zu ſprechen. Die Bemü⸗ hungen deßhalb unterbrachen nicht ſeine Freund⸗ ſchaft mit Wilhelm Irby: im Gegentheil er⸗ hoͤhte es vielmehr ihre gegenſeitige Achtung, und Wilhelm beſüchte fortwaͤhrend die Huͤtte, obwohl einige Kaͤlte zwiſchen deren Bewohnern und Mrs. Irby erfolgte, in der ſie ihrer ſchwachen Seite zufolge eine zu gefaͤhrliche Geſellſchafterin fuͤr einen vertrauten Umgang fanden, wenn ſie ihr gleich keine boshafte Ab⸗ ſicht beilegten.. Einige Wochen vergingen, ohne einen be⸗ ſondern Vorfall Honoria lehnte es nie ab, die Andern bei den Beſuchen in der Nachbar⸗ ſchaft zu begleiten; und dhbeus ihr auch 325 der Schauplatz erſchien, klagte ſie doch nicht daruͤber, denn ſie wußte, daß es der Zuſtand ihres Gemuͤths war, der ihn langweilig und unſchmackhaft machte. In ihrer Wohnung be⸗ ſchaͤftigte ſie ſich unaufhoͤrlich, und ließ ſich nicht Zeit, uͤber ihr Mißgeſchick nachzudenken; und obgleich es mit allem, was ſie that, ver⸗ webt zu ſeyn ſchien, ſuchte ſie doch gewiß auf's moͤglichſte, ſeinem Einfluß zu widerſte⸗ hen. Eines Tages waren ſie zum Mittags⸗ eſſen, und fuͤr den Abend in das Haus eines Obriſten Skeller eingeladen, der kuͤrzlich ein Gut in dieſer Gegend gekauft hatte. Bei ihrer Ankunft fanden ſie die meiſten Gaͤſte verſammelt, und unter den erſten er⸗ ſchien Sir Franz Heatheole!— Kaum ge⸗ ſtattete er Mrs. Valency, der Dame vom Hauſe ihr Compliment zu machen, als er mit großer Lebhaftigkeit auf ſie zukam, ſein Ver⸗ gnuͤgen aͤußerte, ſie zu ſehen, und ihr und Honoria die Hand darbot, die ſie nicht aus⸗ 326 ſchlagen konnten. Wenig Dinge haͤtten fuͤr Ella unangenehmer ſeyn koͤnnen, als dieſes Zuſammentreffen. Nicht als ob ihr Herz bei ſeinem Anblick im geringſten bewegt geweſen waͤre, aber ſie fuͤrchtete, ihr Mann werde einige Unruhe empfinden, da augenſcheinlich der Baronet nicht als Fremder behandelt ſeyn wollte. Sie hatte keinen Vorwand fuͤr die Unhoͤf⸗ lichkeit, ſich abzuwenden, wenn er mit ihr ſprach, welches er ohne die geringſte Verwirrung that, und ihr zu ihrer Verbindung Gluͤck wuͤnſchte. Dieſelbe Ceremonie beobachtete er gegen den Major, der ſich mit ſtattlicher Foͤrmlichkeit ver⸗ beugte, erſtaunt uͤber das, was er Unverſchaͤmt⸗ heit nannte, und weit mehr wie der Mann aus⸗ fah, der aufgegeben und verdraͤngt ward, als Sir Franz. Auch Ella war ein wenig uͤber die vollkommene Ruhe betroffen, mit welcher er mit ihr ſprach, und noch mehr durch ſeine Verbindlichkeit gegen ihren Mann. Er ſank noch tiefer in ihrer Achtung, indem ſte ſein Betragen fuͤr die Folge der geſuchte⸗ 3²2⁷ ſten Verſtellung halten mußte. Er war den Abend vorher mit dem Vorſatz angekommen, einige Tage auf der Reiſe nach ſeinem Gut in einer benachbarten Provinz, bei Obriſt Skeller zuzubringen. Er hatte ſich ſehr genau nach Mrs. Valency's Familie erkundigt, und Obriſt Skeller, der nichts von ſeinem Verhaͤlt⸗ niß mit Ella wußte, ſagte ihm von ihrer Theilnahme an der Geſellſchaft. Auf dieſe Art war Sir Franz auf ihren Anblick vorbereitet, und konnte ſeine Hand⸗ lungsweiſe beſtimmen. Nach ſeiner letzten Unterredung mit ihr und ſeiner Flucht aus Weymouth hatte er alle die zerſtoͤrenden Kaͤmpfe einer heftigen Leidenſchaft und gekraͤnk⸗ ten Eitelkeit empfunden; endlich beſchloß er indeſſen, die erſtere zu beſiegen, in unbegraͤnz⸗ ter Befriedigung der letztern ſich zu bemuͤhen⸗ alle Erinnerung daran zu verlieren, und die Beleidigung einer Frau an allen ihres Ge⸗ ſchlechts zu raͤchen, auf die er Einfluß erhielt. Die Freuden des haͤuslichen Lebens wa⸗ 3²28 ren ihm verſagt, daher ward ihm das eheliche Gluͤck Andrer eine ſeines lebhaften Strebens werthe Beute. Die Nachricht von Ella's Ver⸗ bindung, die er aus den oͤffentlichen Blaͤttern erhielt, machte keinen ſo heftigen Eindruck auf ihn, wie man erwarten ſollte, obwohl er die bitterſten Verwuͤnſchungen gegen ihren Mann ausſprach, deſſen Einfluß er gaͤnzlich ſeinen getaͤuſchten Erwartungen beilegte. Allein ge⸗ rade zu dieſer Zeit war ſeine Aufmerkſamkeit 4 auf einen neuen Gegenſtand gerichtet, der ihn be⸗ herrſchte, und der Natur ſeiner Abſichten ge⸗ maͤß, ſein ausſchließendes Intereſſe beſaß. Erſt vier Monate nachher traf er die Familie bei Skellers. Er kannte Ella zu gut, um einen Plan, der ſie herabwuͤrdigte, unterhalten zu koͤnnen; auch konnte er ſich nicht verhehlen, daß ſie ihn nie mit jener Leidenſchaft geliebt hatte, die einen Fuͤrſprecher fuͤr ihn in ihrer Bruſt hoffen ließ. Jedoch nach ſeiner Ueber⸗ zeugung konnte ihr oder ihrem Mann nichts mehr Verdruß machen, als wenn er ſie mit der „ 329 Vertraulichkeit eines alten Freundes behandel⸗ te; und wiewohl es nicht in ſeiner Macht ſtand, dem Major gegruͤndete Urſache zur Ei⸗ ferſucht zu geben, ſo konnte er doch dieſe Lei⸗ denſchaft eben ſo vollſtaͤndig erregen, mit glei⸗ chem traurigen Einfluß auf ihre haͤusliche Ru⸗ he, als wenn ſie gerechten Grund haͤtte. Das Gluͤck zu unterbrechen oder zu vernichten, wel⸗ ches auf ſeine Zuruͤckſetzung und ſein voruͤber⸗ gehendes Ungluͤck gegruͤndet war, wuͤrde ihm die hoͤchſte Befriedigung gewaͤhrt haben. Er wußte, Ella nicht gefallen zu koͤnnen, und das Vergnuͤgen, ſie zu quaͤlen, war zunaͤchſt das groͤßte; ſeine vormalige Liebe hatte ſich nun, wie es in verdorbenen Gemuͤthern gewoͤhnlich der Fall iſt, in Haß, oder etwas dem ſehr aͤhnliches verwandelt. Ella war noch am Arm ihres Gemahls, und ging weiter mit ihm, nachdem ſie die lebhafte Anrede des Baronets ohne Verwirrung er⸗ wiedert hatte. Dennoch ſah ſie ſich gern ent⸗ fernt von ihm, bekuüͤmmert uͤber das beunru⸗ 330 higte Ausſehn des Majors; bald aber ward es ihr leichter, da ſich ſeine Zuͤge erheiterten und 1 er nach und nach das naturlichſte Betragen fuͤr— ſeine Lage annahm, des ſich bewußten Triumphes und vertrauender Freude. Ella war entzuͤckt, ihre Froͤhlichkeit erregte die ſeinige, und ſie unterhielten mit den Perſonen in ihrer Naͤhe ein lebhaftes Geſpraͤch, bis die Tiſchglocke ge⸗ höͤrt ward, wo Obriſt Skeller Mrs. Valency den Arm bot, und Sir Franz aufforderte, Mrs. Burlington zu begleiten. Er flog fo⸗ gleich hinzu, doch Ella nahm augenblicklich ih⸗ res Gatten Arm, und ſagte laͤchelnd, ſie waͤre nach der alten Mode, und wollte den Baronet den unverheiratheten Damen uͤberlaſſen. Dieſe Verletzung der Etiquette, beſonders bei jemand, der mit den Gebraͤuchen der guten Erziehung bekannt war, erregte wahrſcheinlich Verwunde⸗ rung, allein es ward nichts daruͤber geaͤußert, und Ella wuͤnſchte ſich Gluͤck uͤber die Schnel⸗ ligkeit, mit der ſie etwas unangenehmes von ſich abgewendet hatte. Indeſſen brachte die⸗ 33T ſelbe Ruͤckſicht des Ranges, die den Baronet zu ihrem Begleiter erkohr, ihn auch bei Tafel an ihre Seite, und ſie wuͤnſchte ſich herzlich nach Hauſe. Ungluͤcklicher Weiſe war ihr an⸗ drer Nachbar Jonathan Irby; und ſo lange etwas auf dem Tiſch ſtand war es unmoͤglich, ein Wort der Unterhaltung gleich von ihm zu erlangen. Dennoch aͤrgerte ihn Ella nicht wenig durch mehrere Bemerkungen, die ſte an ihn richtete, waͤhrend er ſeinen Mund fuͤllte, oder vielmehr ſtopfte, und ſie konnte nur ein Nicken dagegen von ihm erhalten, wo⸗ bei er die Augen nicht von dem Teller er⸗ hob. Auf der andern Seite verſaͤumte Sir Franz keine Gelegenheit, mit ihr zu ſprechen, und obwohl das, was er ſagte, nur gleichgül⸗ tige Dinge waren, ſo aͤußerte er es dennoch mit leiſem Ton und auf ſo beſondre Weiſe, daß es ohne Ella's laute Antworten, die deſſen Inhalt bezeichneten, von der größten Wichtig⸗ keit geſchienen haben wuͤrde. Ihre Augen ſuch⸗ ten immer die ihres Gatten, der ihr faſt ge⸗ 332 genuͤber ſaß, und ſie freute ſich, ſcheinhar nicht von ihm beobachtet zu werden, ob ſie gleich wußte, daß er es that, aber ſeine Blicke waren nur fuͤr die bemerkbar, die den Grund davon vermutheten. Recht froh war Ella, von der Tafel zu entfliehen, worauf ſie ihre Mutter und Schweſter bei Seire zog, um ſich mit ihnen wegen ei⸗ nes ſchicklichen Vorwands zu berathen, das Abendeſſen zu vermeiden, welches ſie nur fuͤr eine Wiederholung der Mittagsſcene hielt. Dennoch wüͤnſchte ſie eifrigſt, den Baronet nicht auf die Vermuthung zu bringen, als entfernte ſie ſich um ſeinetwillen, und es ward beſchloſſen, daß Mrs. Valency eine leichte Unpaͤßlichkeit vorgeben ſollte, und daß ſie, da es zu weit war, um den Wagen zwei Mal kommen zu laſſen, zuſammen ſich entfernen wollten.—. Die Damen machten einige Spieltiſche, ehe die Herren erſchienen, und Ella war ſehr bereit zu einer Partie Whiſt, da es ihre Auf⸗ 4 333 merkſamkeit von der Geſellſchaft abwendete. Das Spiel ward auf einige Minuten ünter⸗ brochen, waͤhrend Thee und Kaffe herumgege⸗ ben wurden, und die Herren aus dem Speiſe⸗ zimmer kamen. Der Major trat zuerſt her⸗ ein; Ella's Augen folgten ihm, allein er nahte ſich ihr nicht, ſondern ſetzte ſich in die Naͤhe eines andern Spieltiſches, und ſchien aufmerk⸗ ſam dem Spiel zuzuſehen. Ella fuͤhlte ſich verletzt, nichts konnte vorſichtiger oder anſtaͤn⸗ diger geweſen ſeyn, als ihr Betragen, und daß er nicht kam und ihr etwas ſagte, wie er immer zu thun pflegte, wenn er nur eine Stunde abweſend war, ſchmerzte ſie ſehr. Sie nahm ihre Karten von neuem, ob⸗ wohl gaͤnzlich zerſtreut, bis Mrs. Skeller, die ihr gegenuͤber ſaß, die Gelegenheit zwiſchen dem Geben ergriff, und den Baronet, der jetzt hinter ihrem Stuhl ſtand, bat, ihre Karten zu nehmen, und den Rubber zu endigen, da ſte noch einige andere Partien zu ordnen habe. Mit der groͤßten Bereitwilligkeit erfuͤllte er ihr 334 Begehren. Ella war ausnehmend erregt, und ſchien gaͤnzlich mit ihren Karten beſchaͤftigt, war es in der That aber weniger als je. Nicht als haͤtte Sir Franz auf ihre Einbil⸗ dungskraft wirken koͤnnen, aber ſie ſah die Blicke ihres Mannes mit Erſtaunen und Miß⸗ muth auf ihren Tiſch gerichtet, wiewohl er entfernt blieb: und Ella war ſehr froh, daß er nicht des Baronets Geſicht ſehen konnte: denn was ſie beſonders entruͤſtete, war deſſen Faſt unaufhoͤrliches Anblicken. Es blieb ihr nur übrig, ſich den Anſchein zu geben, als ob ſie es nicht bemerke; ſie war außerſt ernſthaft und ſprach allein in Bezug auf das Spiel. Doch Sir Franz machte ſich wiederholt der auffallendſten Fehler ſchuldig; waͤhrend er eine ungewoͤhnliche Zerſtreuung affectirte, die nur auf die Bewunderung, mit welcher er fort⸗ dauerd Mrs. Burlington anblickte, gerechnet werden konnte.— So oft ſie einen Fehler beging, trug er Sorge, ihn nicht unbemerkt zu laſſen, indeſſen er ihn mit großer Nachſicht zu uͤberſehen vorgab, und auf eine Art daruͤber laͤchelte, die ſie faſt aufbrachte. Er wollte ſie durch dieß Betragen, nach ihrer Ueberzeugung nur beunruhigen, und ſeine tiefen Seufzer und zaͤrtlichen Blicke hatten nur den Zweck, ſie auf die beleidigendſte Art zu quaͤlen; und deunoch auf eine Weiſe, die ſie nicht oͤffentlich ahnden konnte. Sie wuͤrde ihre Karten niedergelegt, und lieber ohne irgend eine Ruͤckſicht den Tiſch verlaſſen, als dieſe Beleidigung ertragen ha⸗ ben, wenn nicht die Gegenwart ihres Mannes ſie genoͤthigt haͤtte, es zu dulden, damit es nicht von ihm geargwohnt werde. Alle Perſo⸗ nen, die nicht ſpielten, waren in das Muſik⸗ zimmer gegangen, außer dem Major, daher konnte ſie nur ihn bitten, ihren Platz einzuneh⸗ men, und ſie wagte es nicht, ihn in ſo na⸗ her Beruͤhrung mit dem Baronet zu bringen. Ihr nachlaͤſſiges Spiel endigte indeſſen bald die Partie und ließ den Gegner gewinnen, worauf ſie ſogleich aufſtand, zu dem Major ging und ihm ſagend, daß ihre Mutter vor 33⁶ dem Nachteſſen wegfahren wollte, vorſchlug, dieſelbe im Muſikzimmer aufzuſuchen. Er be⸗ willigte es durch ſeine Handlungen, denn er ſtand auf und bot ihr den Arm, doch ohne et⸗ was zu ſprechen. Sie begegneten Mrs. Va⸗ lency, die mit ihrer Tochter wieder in's Zim⸗ mer trat, letztere klagte, der Verabredung ge⸗ maͤß, uͤber Unpaͤßlichkeit, und nach vielem hoͤfli⸗ chen Bedauern der Wirthin ward der Wagen beordert, und die Familie durfte ſich entfer⸗ nen. rne 1 Sir Franz hatte nun Ella hinlaͤnglichen Vorwand gegeben, ihn zu behandeln, wie er verdiente, und ſie beſchloß, nie wieder mit ihm zu ſprechen, oder nur ihn anzufehen. Der Major verharrte auf dem Weg nach Hauſe in ſeinem Schweigen, und Ella war eben ſo we⸗ nig zu ſprechen geneigt. Honoria hatte ihren ganzen kleinen Vorrath erzwungener Heiter⸗ keit erſchoͤpft, und ruhte in der Ecke des Wa⸗ gens, unbewußt der Seufzer, die ihrer Bruſt entflohen, und mit Thraͤnen des Entfernten 337 gedenkend, obwohl ſelbſt des Troſtes beraubt, den Ort zu wiſſen, wo er weilte. Mrs. Valency's Gedanken waren faſt eben ſo truͤbe wie die ihrer Gefaͤhrten. Sie dachte, ob es nicht gluͤcklicher fuͤr ihre Toͤchter gewe⸗ ſen ſeyn wuͤrde, wenn ſie nicht zufaͤllig bei Major Burlingtons Landung am Ufer waren. Er verrieth Kennzeichen einer Gemuͤthsſtim⸗ mung, die vor allen andern ſein haͤusliches Gluͤck unterbrechen konnte, wiewohl ſie den Grad derſelben noch zu erfahren hatte; allein ſie brauchte nicht zu erfahren, daß die Ruhe ihrer juͤngſten Tochter ein Opfer der Reize des Bruders ward, welchen der Major bei ihr eingefuͤhrt hatte, und ſie fuͤhlte ſich in dieſem Augenblick zu dem Wunſch geneigt, ihre Kin⸗ der moͤchten die Burlingtons nie geſehen ha⸗ ben. Indeſſen irrte ſie, dem Major einen allgemeinen Hang zur Eiferſucht beizule⸗ gen, denn er wuͤrde ohne Grund auf nie⸗ mand eiferſuͤchtig geweſen ſeyn, den Ba⸗ ronet ausgenommen; und die beſondern Ver⸗ Gnerilla⸗Anf. I. 22 33⁸ haͤltniſſe diefes Falles, nebſt der Kenntniß ſei⸗ nes Charakters, machten es auf keine Weiſe unnatuͤrlich, daß er ihn mit Augen des Arg⸗ wohns betrachtete, und hoͤchſt ungern ſeine Gattin in deſſen Geſellſchaft erblickte. Sobald Ena mit ihm allein war, fragte ſie, ob ir⸗ gend etwas in ihrem Betragen ihm mißfallen habe. Er erwiederte ſogleich:„Du haͤtteſt gar nicht mit dem Baronet ſprechen ſollen.“ „ Wie konnt' ich dieß vermeiden, bei der Art, wie er ſich an mich wendete? Ich hatte keinen Vorwand, ihn ſo veraͤchtlich zu be⸗ handeln. 4 „ Keinen Vorwand! jede Frau, und jeder Mann dazu iſt berechtigt, ihn als den veraͤcht⸗ lichſten Menſchen zu behandeln; ich wundre mich, wie Mrs. Skeller ihn in ihr Haus aufe nehmen konnte. Haͤtte ich nur den entfernte⸗ ſten Gedanken gehabt, ihn dort zu ſehen, ſo wuͤrde mich nichts vermocht haben, hinzu⸗ gehen.“ Se e „Noch mich; aber wir muͤſſen erwaͤgen, „* —— 339 daß nicht Alle ſein Betragen in dem Licht er⸗ blicken wie wir, und es daher fuͤr keinen hin⸗ laͤnglichen Grund halten, ihn aus ihrer Naͤhe zu verbannen, und— ℳ „Keine Frau ſollte mit ihm ſprechen,“ ſiel der Major mit Waͤrme ein.„Ein Mann, deſſen in dieſem Augenblick die öffentlichen Blätter als des Ungeheuers erwaͤhnen, das einen Gatten ſeiner Gattin und deſſen Kin⸗ der ihrer Mutter beraubt hat.“ „Wie!“ rief Ella beſtuͤrzt;„welches neuen Vergehens hat er ſich ſchuldig gemacht?% „Nur erſt geſtern las ich den Verlauf der gerichtlichen Unrerſuchung, nach welcher er verurtheilt iſt, zwanzigtauſend Pfund zu bezahlen, weil es ihm durch hoͤlliſche Kuͤnſte gelang, die liebenswuͤrdige Mrs. A. zu verlei⸗ ten, die bis jetzt für ein Muſter der Tugend und Anſtaͤndigkeit gehalten ward. Ich zoͤgerte, dir eine ſo mißfaͤllige Sache mitzutheilen.“ „0O, haͤtte ich dieß gewußt, nichts wuͤrde mich mit ihm zu ſprechen bewogen haben. Wie 22* 340 danke ich dem Himmel, der mir meinen Ed⸗ gar als Schutzengel ſandte, mich von einer ſo verhaßten Verbindung zu befreien, und mir ein ſo gluͤckliches Loos zu ſichern!”“ Sdgar antwortete nicht wie gewoͤhnlich auf ihre zaͤrtlichen Aeußerungen, und ſah noch im⸗ mer ſehr ungluͤcklich aus. „ Zuͤrneſt du mit mir?“ fuhr ſie fortz „ſei verſichert, daß ich zum letztenmal mit Sir Franz geſprochen habe. O, warum, lieber Edgar, laͤßt du einen ſolchen Mann unſre Ein⸗ tracht ſtoͤren?“ „„Ich kann es nicht ertragen, Ela, für einen argwoͤhniſchen, muͤrriſchen Ehemann zu gelten, der mehr zu fuͤrchten als zu lieben iſt. Warum ſuchten deine Augen beſtaͤndig ſo die meinen, wie Sir Franz mit dir ſprach? Warum ſahſt du aus, als fuͤrchteteſt du von mir beob⸗ achtet zu werden? Und wie ward er dein Gegner im Spiel? Das letzte erklaͤrte Ella mit wenig Wor⸗ ten; auf ſeine vorige Frage, erwiederte ſie: 341 „Gewiß wirſt du es bei Erwaͤgung nicht un⸗ gewoͤhnlich finden, meine Blicke die deinen ſuchen zu ſehen; und wenn du es an dieſem Tage mehr als gewoͤhnlich bemerkteſt, ſo ge⸗ ſchah es, weil du entfernt von mir warſt. Du biſt mir immer ſo nahe, daß meine Au⸗ gen dich nicht zu ſuchen brauchen; doch an dieſem Abend wollteſt du ſie wandernd erhalten, denn du kameſt nie in meine Naͤhe.“ „Ich konnte nicht; ich war ſo beun⸗ ruhigt,“ ſagte Edgar, mit erhoͤhter Traurig⸗ keit im Blick.—„O, woenn ich weiß, in kurzer Zeit dich verlaſſen zu muͤſſen, und daß dieſer Elende hier in der Gegend bleibt und du ſeinen Verfolgungen ausgeſetzt ſeyn kannſt! Ach, mein Bruder! mein lieber, lieber Spen⸗ cer! mit wie vermehrter Bitterkeit fuͤhle ich deine Entfernung! Deinem Schutz haͤtte ich ruhig mein Theuerſtes anvertraut! Mit jedem Tage empfinde ich es immer mehr; keine Zeit, keine Erwaͤgung kann mich mit deinem Ver⸗ 34⁴² luſt verſoͤhnen; in jedem neuen Ungemach fuͤhle ich doppelt deinen Verluſt! „Du thateſt recht,“ ſagte Ella, indem ihre Thraͤnen floſſen,„in einem ſolchen Au⸗ genblick deines Bruders zu erwaͤhnen, und von der Zeit zu ſprechen⸗ wo du mich ver⸗ lune 9 5 der e Maſpr. konnte nicht laͤnger widerſtehen, ſie an ſein Herz zu druͤcken, zu verſuchen ſie zu troͤſten; aber ſie fuhr fort:„Ja, meiner Familie verdankſt du all dein Ungluͤck! ſie hat dich deines Bruders beraubt, und gab dir ein Weib, welchem du mißtrauen kannſt!" „Nein, nein, meine Liebe! meine theuerſte Ella! mißtrauen? nein, unmoͤglich!“ „Ich bedarf keines Schutzes in deiner Abweſenheit; meine eigene Vorſicht wird mich beſchüͤtzen, wenn ich zuruͤckbleiben muß, wozu mich aber nur unerlaßliche Nothwendigkeit be⸗ ſtimmen ſoll. und wenn ich auch gehe, wer wird meine theure Mutter, meine arme bekuͤm⸗ Ihre Seufzer erſtickten ihre Worke, und 343 merte Honoria troͤſten? OQ, Edgar, wenn du ihre bleiche Farbe erblickſt, ihre Bemuͤhung, die hervordringende Thraͤne zu verbergen bei Erwaͤhnung deines Bruders— wie kannſt du uns wegen ſeines Verluſtes tadeln?“ Auf dieſe Weiſe, wie es gewoͤhnlich ge⸗ ſchieht, wenn eine neue Quelle des Kummers entſteht, lebt all der vergangene Schmerz wie⸗ der auf, und wird erwogen, und hemmt oft durch Vergleichung den neuern. Die verhaßte Unterhaltung von dem Baronet ward auf⸗ gegeben, waͤhrend ſie von Spencer ſprachen, bis ihre Herzen voͤllig erweicht waren, und jedes das andere zu troͤſten, und die Innigkeit ſeiner Zaͤrtlichkeit zu beweiſen ſuchte. Zu den peinlichſten Verhaͤltniſſen in Be⸗ zug auf Burlingtons Entfernung gehoͤrte die gaͤnzliche Unwiſſenheit, in der ſich ſeine Freunde uͤber deſſen Schickſal befanden. Sie wuͤrden verhaͤltnißmaͤßig ruhig geweſen ſeyn, hätten ſie nur die Ueberzeugung gehabt, daß er wohl und ſicher ſei, und nicht durch Unwillen gegen ſie oögehalten würde, ihnen Nachrichten zu er⸗ theilen. Dennoch ſah dieß ſeinem Charakter ſo unaͤhnlich, und hatte den Anſchein, als ob er ſte immer ungluͤcklich wuͤnſchte. Ungefaͤhr ſechs Wochen nach ſeiner Abreiſe kam eines Morgens Wilhelm Irby, und ſagte, den Major bei Seite ziehend, mit einiger Verwirrung, daß er das Vergnuͤgen habe, ihm Nachricht von dem Wohlbefinden ſeines Bruders zu bringen. Obgleich entzuͤckt, etwas von ihm zu hoͤren, wunderte ſich der Major doch ſehr uͤber die Quelle davon. Er hatte außer ſeiner Familie gegen niemand erwaͤhnt, daß er nicht im beſten Verhaͤltniß mit ſeinem Bruder ſtand, oder kei⸗ nen Briefwechſel mit ihm unterhielt; indeſſen ſchien Wilhelm die Ueberraſchung ſeines Freun⸗ des zu vermuthen, und ſich wegen der Mit⸗ theilung verlegen zu fuͤhlen. Der Major be⸗ merkte natuͤrlich: „Dann muß ich annehmen, daß mein Bruder groͤßer Vertrauen in ſie ſetzt/ als in mich.“ 8 345 Wilhelm ſah bekuͤmmert aus, ſchwieg; aber der Major fuhr mit niedergeſchlagnem Ausdruck fort:„Darf ich fragen/ wo mein Beuder jetzt iſt?“ 2 „Ich weiß es in der That nicht.“ „Wie? iſt ſein Brief nicht datirt, und kein Poſtzeichen darauf?“ 5 „Er hat das londoner Poſtzeichen„ kann aber an jemand eingeſchloſſen geweſen ſeyn, der ihn auf die Poſt gab. Er iſt ohne Datum.“ „uUnd, ich bitte, begehrte er gegen mich erwaͤhnt zu werden?“ „Er ſchrieb ausdruͤcklich fuͤr dieſen Zweck, da der Brief wenig mehr enthaͤlt, als das Verlangen ihnen zu ſagen, daß er in guter Geſundheit, und ihr Gluͤck immer ſeinem Herzen am theuerſten ſei.”"”“. „ Lieber, lieber Menſch!“ rief der Ma⸗ jor faſt bis zu Thraͤnen geruͤhrt;„und darf ich den Brief nicht ſehen? Wilhelm ſah peinlich verlegen aus, und ſagte nach einigem Zoͤgern.„Ich glaube, 346 nicht berechtigt zu ſeyn, den Brief mitzuthei⸗ len, wenigſtens war er nicht beſtimmt zu— 2 Sagen ſie nichts mehr,“ ſiel der Ma⸗ jor ein,„„ich wollt' es um keinen Preis ver⸗ langen; aber ich hoffe, ſie werden mir dieſe Frage beantworten: beſitzen ſie meines Bru⸗ ders Vertrauen?“ 8 „Nein, auf meine Ehre nicht! Sein Be⸗ tragen iſt mir ſo rithſelbaſt, als es ihnen nur immer ſeyn kann. zu „Guter Himger, wie ſeltſam! Was k konnte ihn dann bewogen haben, ihnen zu ſchrei⸗ ben?— Wilhelm ſchwieg.—„Und warum konnte er ſich nicht eben ſo gut an mich wen⸗ den, wenn er fuͤr mein Gluͤck beſorgt iſt/ und keinen Groll gegen mich hegt? „ Von dieſem koͤnnen ſie uͤberzeugt ſeyn,“ ſagte Wilhelm, indem er nach der Thuͤr ging; Edgar hielt ihn noch immer zuruͤck, empfing aber nur eine Wiederholung⸗ des ſchon Geſag⸗ ten, und begierig, dieſe, ſo weit ſie ging, angenehme Nachricht denen mitzutheilen, die 347 ſo viel Intereſſe an Spencer nahmen, als er ſelbſt, eilte er zu ihnen, ſobald ſah Wilhelm entfernt hatte. Das Gehoͤrte machte den unſigken Ein⸗ druck auf den ganzen Cirkel; jedes glaubte, ſein Herz von einer ſchweren Laſt befreit zu fuͤh⸗ len, waͤhrend man hoffte, durch denſelben Weg mehrere Nachrichten von ihm zu erhalten. Honoria empfand bei dieſer Gelegenheit eine Aufregung des Gefuͤhls, die nur zu deutlich bewies, wie wenig Fortſchritte ſie noch in ih⸗ ren ſo lebhaften Vorſaͤtzen gemacht hatte. Spen⸗ cers Bild ließ ſich nicht ſo leicht aus einem Herzen verbannen, wo es ſolche Macht beſaß⸗ es war kein gewoͤhnlicher Gegenſtand, und konnte nicht durch gewoͤhnliche Mittel verdraͤngt, oder im Lauf der Zeit einem hoͤhern Reiz un⸗ tergeordnet werden; denn wer beſaß hoͤhern Reiz als Spencer Burlington? Es war eine ſolche geniale Eigenthuͤmlichkeit in allem, was er ſprach, ſo etwas Charakteriſtiſches in der beſondern Art ſeiner Darſtellung, daß man ver⸗ 348 gebens jemand mit ihm zu vergleichen ſuchte, und wer ihn einmal liebte, mußte ihn immer lieben, wenn nicht eine Herabſetzung des Ge⸗ ſchmacks einem n ergeolyneten Gegefennd zu becgen ihm verſtattete. Der Feuglang naßken heran, n und Ella's Mtgan Geſundheit verringerten ſich zugleich; denn ihr Gemahl konnte nicht fuͤglich laͤnger von der Armee entfernt bleiben, die wieder in Bewegung war, und ſie befand ſich in ei⸗ nem Zuſtand, der ſio jeden Gedanken, ihn zu begleiten, aufzugeben noͤthigte. Die Gewiß⸗ heit, mehrere Monate von ihm entfernt blei⸗ ben, und alle die Angſt ertragen zu muͤſſen, die ſeine gefahrvolle Lage norhwendig erregte, 4 durchdrang ihr ganzes Weſen mit der dilehmor⸗ lichſten Empfindung. ün2 mi oon Wir werden nicht bei der betruͤbten Scene des Abſchieds verweilen, die unter dieſen Ver⸗ haͤltniſſen ſo beſonders qualvoll war, widerſtrebend wuͤrden wir eine genaue Darſtellung jener trauri⸗ gen Gefuͤhle unternehmen, die ſo viele em⸗ 3⁴49 pfanden, und dadurch der Leiden Trennung erneuern. Der ſchoͤne Rinaldo ward mit einem ſorg fältigen Begleiter ſeinem Herrn zu dem Ort des Einſchiffens vorausgeſchickt, und empfing deſſen Liebkoſungen als der einzige Gegenſtand, den er mit ſich nehmen konnte, welcher ein Recht auf ſeine Zuneigung hatte. Der Cirkel in der Huͤtte war nun in der That zu einer traurigen kleinen Anzahl ver⸗ ringert. Mrs. Valency und Honoria mußten alles aufbieten„ um Ella bei einem Schmerz zu unterſtuͤtzen, der ſich ſogar noch ſtaͤrker zeigte, als die Gelegenheit mit ſich zu bringen ſchien. Allein ihre Geſundheit verſchlimmerte ſich ſo ſchnell, daß ſie kaum der eignen Ueberredung widerſtehen konnte, ihren Gatten nie wieder⸗ zuſehen, und es nie zu erleben, Mutter zu werden. Dennoch ſuchte ſie dieſe Vorſtellungen ſo viel als moͤglich zu verdraͤngen, da ſie den maͤchtigen Einfluß der Einbildungskraft in ſol⸗ chen Faͤllen kannte; und durch Beſchaͤftigung 35⁵⁸ „ 4 2 2 ihres Geiſtes minderte ſie einigermaßen deren Wirkung. Die zwei folgenden Monate erneuer⸗ ten nun mit jedem Tag ihre Beſorgniß, und die Ankunft jeder Poſt begleitete ein Kampf der Hoffnung und Furcht, die heftigſte Unruhe erregend. Ob ſie gleich bis jetzt nur guͤn⸗ ſtige Nachrichten von ihrem Gatten erhalten hatte, ſo waren doch die Beaͤngſtigungen, die ſie empfand, fuͤr ihre Lage zu ſtark, und eine zu fruͤhe Niederkunft war die Folge davon. Von vieſer Periode an begann ſie indeſſen ſchneller zu geneſen, als man haͤtte erwarten koͤnnen, denn der Gedanke, ihrem Edgar, ſobald ſie hinlaͤnglich wiederhergeſtellt war, zu folgen, bewies ſich als das beſte Heilmittel. Miß Melville befand ſich ſeit einiger Zeit in der Huͤtte, den Kummer, wie vorher das Ver⸗ gnuͤgen, ihrer Freunde theilend, und war die ſorgſaltigſte Pflegerin geweſen; doch jetzt ver⸗ kangte ein Kranker von weniger Folgfamkeit ihre Theilnahme aund übte ihre Geduld. Der Admiral, der mehrere Monate in Lon⸗ * — 351 don am Podagra krank lag, hatte beſchloſſen, ſobald er reiſen koͤnne, die Wirkungen einer Veraͤnderung der Luft zu verſuchen; aber kaum war er bei Mrs. Valency angekommen, als er heftiger, denn je, von ſeinem herkoͤmmlichen, Uebel ergriffen ward, und alle Bewohner des Hauſes wurden in Bewegung geſetzt, zu ſei⸗ ner Erleichterung beizutragen. Er war in der That nichts weniger als ein geduldiger Pa⸗ tient, und erforderte mehr Bedienung, als drei kranke Perſonen von nur gemaͤßigtem Ei⸗ genſinn. In ſeinen Briefen an Mrs. Valency hatte er ſehr genau in Bezug auf Spencer Burlington gefragt, doch ihre Antworten wa⸗ ren immer unbeſtimmt geweſen; allein jetzt, da ſie ihn ſah, konnte ſie nicht laͤnger einer ein⸗ fachen Darſtellung ſeines ſeltſamen Betragens ausweichen. Der Unwille des Admirals war graͤnzenlos, und wenn der Schmerz in ihm tobte, ſprach er Fluͤche uͤber ihn aus, und aͤu⸗ ßerte den hoͤchſt frommen Wunſch, daß er alles empfinden moͤge, was er erdulde. ieenn 352 Honoria hoͤrte nicht ſelten dieſe chriſtli⸗ chen Ausrufungen, und ihre Wuͤnſche waren ſehr verſchieden davon, denn ſie betete fuͤr das Gluͤck, deſſen der das ihrige zerſtoͤrt hatte. Alle Beforgniſſe fuͤr Ella waren jetzt gluͤck⸗ lich verſchwunden, und zu Ende eines Mo⸗ nats war ſie ſo vollkommen wiederhergeſtellt, daß ſie nur auf einen Brief des Majors war⸗ tete, mit naͤhern Beſtimmungen„ um den Tag ihrer Abreiſe feſtzuſetzen. Laͤnger als gewoͤhn⸗ lich hatte ſie jetzt nichts von Edgar gehoͤrt, und all jene Befuͤrchtungen, die ſich verringert, weil ſie ſo oft ungegruͤndet erſchienen, lebten wieder auf. Der Diener, welcher taͤglich zum naͤchſten Poſtamt geſchickt ward, kehrte eines Morgens nicht zur gewohnten Stunde zuruͤck, und Ella's Unruhe vermehrte ſich, je laͤnger ſie in Ungewißheit blieb. Der Admiral be⸗ fand ſich noch uͤberdieß an dieſem Tag ſchlim⸗ mer als je; er konnte ſich ohne den Beiſtand zweier Maͤnner nicht regen, und Mes. Va⸗ fency fing gan, einen übeln Ausgang ſeiner Krank⸗ 3 zu befuͤrchten. Die Seunde des Mittagseſſens kam herbei, dennoch kehrte der Bote nicht zuruͤck; und ob⸗ gleich ſein Außenbleiben keinen gerechten Grund darbot, auf unguͤnſtige Nachrichten von dem Major zu ſchließen, ſo konnte Ella doch inicht den Gedanken verbannen, daß es irgend einen Bezug darauf habe. Der Diener hatte viel⸗ leicht ein ſchreckliches Ereigniß aus den offent⸗ lichen Blaͤttern erfahren, und fuͤrchtete mit der boͤfen Neuigkeie zuruͤckzukehren. Kurz, ſte erhoͤhte ihre Unruhe zu einem ſolchen Grad, daß ſie nicht fuͤnf Minuten auf einer Stelle bleiben konnte, und immer den Weg nach der Straße zu auf⸗ und abging, bis ſie aus Er⸗ muͤdung eine kurze Ruhe ſuchen mußte. Als der Abend hereinbrach, bemerkten ſie einen kleinen Karren auf die Huͤtte zu kommen, und wie er ſich naͤherte, ſahen ſie den Fuhrmann das Pferd leiten, nelches K Bedienter in die Stadt geritten hatte. 71 Gnerilla⸗Anf. 1. 23 Ueberzeugt, daß etwas vorgefallen war, eilten ſte hinzu, und fanden ſehr beſtuͤrzt den armen Robert in anſcheinend ſprachloſem Zu⸗ ſtand auf dem Karren liegen. Auf ſeinem Ruͤckweg war das Pferd vor etwas ſcheu ge⸗ worden, und hatte ihn abgeworfen. Ein Bauer hob ihn. auf, und hielt auch das Pferd an. Robert war indeſſen einige Stunden lang un⸗ faͤhig geweſen, Nachricht von ſich ſelbſt zu ge⸗ ben, hatte aber endlich verlangt, nach der Huͤtte gebracht zu werden. Der Arzt, welcher den Admiral behandelte, war glüuͤcklicher Weiſe im Hauſe, und leiſtete dem armen Robert ſchnel⸗ len Beiſtand. Ella konnte in einem ſolchen Augenblick nicht in den Leidenden dringen, ihre Unruhe zu befriedigen; ſobald aber ſein Blick ihren Augen begegnete, legte er die Hand an das Brieffutteral, das um ihn geſchlungen war; es ward ihm ſogleich abgenommen, und Ella empfing einen Brief, und Zeitungen, die ſie allein zu leſen eilte. Sie erblickte die Hand⸗ ſchrift ihres Mannes, und erbrach mit ehnem 355 Ausruf des Danks vertrauungsvoll das Sie⸗ gel. Honoria war auf das thaͤtigſte beſchaͤf⸗ tigt, dem treuen Diener alle moͤgliche Huͤlfs⸗ leiſtung zu verſchaffen; wirklich fand ſich ſo viel fuͤr Alle zu thun, daß ihre Bemuͤhungen noͤthig waren, die ſte immer gern darbot. Sobald ſie dieſe Pflicht erfuͤllt hatte, eilte ſie, begierig Nachrichten von dem Major zu erhalten, zu ihrer Schweſter. Sie fand ſie in Thraͤnen mit einem offnen Brief in der zitternden Hand. Aeußerſt beunruhigt fragte ſie nach der Urſache ihres Kummers, da der Brief gewiß von dem Major geſchrieben ſei. „Er iſt es!“ ſeufzte Ella,„aber ach, ſieh wie entſtellt durch den Schmerz, mit dem er geſchrieben ward!“ Honoria ſah folgende kaum lesbare Zeilen: „Vielleicht bin ich bei meiner geliebten Ella, noch ehe dieß Gekritzel ſie auf meine Ankunft vorbereitet; aber ich ſende es mit den Staatsberichten, die wahrſcheinlich vor der Sirene, in der ich reiſe, England erreichen 23* 356 werden. Ich evhielt eine unbedentende Wun⸗ de, die mir auf kurze Zeit unthaͤtig zu bleiben erlaubt, und die ausnehmende Freude ver⸗ ſchafft, einige Wochen bei meiner Geliebten zuzubringen! Ich ſchiffe mich ſogleich ein, und kann nichts hinzufuͤgen, als die Verſicherung meiner feurigen, und ſtets ſich mehrenden Liebe.“ * E.. „„ und weint meine liebe Ella, als wenn ihr Herz brechen wollte, weil ihr Edgar zu⸗ ruͤckkommt, und ſie ihn mit jedem Augenblick 7 erwarten kann?“ rief Honoria, indem ſie ihre Schweſter von der Beſorgniß ablenken wollte, die ſich ihrer Phantaſte bei der Nachricht von des Majors Verwundung bemaͤchtigt hat⸗ te; denn Ella war uͤberzeugt, keine geringe Veranlaſſung konnte den Major bewegen, ſeine militaͤriſche Pflicht zu verlaſſen, und nach Eng⸗ land zu kommen. Die Schwierigkeit, mit wel⸗ cher er zur Verringerung ihrer Jurcht ſchrieb, war zu ſichtbar, und ſelbſt der Gedanke, ihn, 7 355 ehe eine Stunde verging, ſehen zu koͤnnen, war nicht vermoͤgend, ihren Befuͤrchtungen ent⸗ gegenzuwirken. Ihre Mutter und Schwe⸗ ſter fuͤhrten alles an, was zu ihrer Beruhi⸗ gung dienen konnte; allein je laͤuger ſie uͤber den Gegenſtand nachdachte, deſto trauriger er⸗ ſchien er ihr: der Major konnte verlaſſen oder vernachlaͤſſigt auf der Reiſe ſterben; oder nur das Land erreichen, um ſein Grab zu finden. Sie durchſah voller Angſt das Zeitungsblatt, ob die Affaire, bei welcher er litt, erwaͤhnt war; doch hier fand ſie nur Stoff zu erhoͤhter Angſt. Major Laurlington ward als gefaͤhr⸗ lich verwundet angegeben. Honoria ſah uun eifrigſt nach den Schiffsnachrichten— denn ihre Schweſter konnte nicht weirer leſen— wegen der Sirene, wo ſie froͤhlich ausrief: „Sie iſt in Plymouth angekommen! und er wird ohne Zweifel heute hier ſeyn.“ Als ſie ¹ aber nach dem Datum dieſer Nachricht ſah, fand ſich's, daß das Schiff bereits vor drei Tagen ankam. 358 „ Drei Tage!“ rief Ella in Verzweiflung, „ und wir haben noch nichts von ihm gehoͤrt, obgleich es nur eine Tagereiſe iſt.“ Sie fuͤhlte ſich nun uͤberzeugt, daß ihr Mann todt oder ſterbend in Plymouth ſei, und beſchloß ſogleich, dahin abzureiſen, und ſich Ge⸗ wißheit ſeines Schickſals zu verſchaffen, wel⸗ 8 ches ſie durch den Capitain der Sirene als⸗ bald zu bewirken hoffte. Vergebens ſuchte man ſie von ihrem Vorſatz abzubringen; ſie war feſt entſchloſſen, und in jenem Gemuͤthszuſtand, der es zur Grauſamkeit machte, ihr zu wider⸗ ſprechen. Sie wollte ſogar nicht warten, bis Pferde aus der naͤchſten Stadt geholt werden konnten. Nein, die Briefpoſt nach Plymouth kam im Verlauf einer halben Stunde in nicht großer Entfernung vom Hauſe vorbei, und in dieſer beſchloß ſie zu reiſen, wo ſie dann am naͤchſten Morgen in Plymouth war, und weder Gründe noch Vorſtellungen konnten ſie bewegen, ſo lange zu warten, bis ſie auf an⸗ dre Art zu reiſen vermochte. — G 358 Das ganze Haus war jetzt in einem Zu⸗ ſtand der hoͤchſten Unruhe und Verwirrung; es war einer jener Zeitpunkte, die jeder zu⸗ weilen erfahren hat, wo alles ungluͤcklich zu gehen ſcheint, und man glauben moͤchte, ir⸗ gend ein feindlicher Genins bemuͤhe ſich, auf alle Weiſe die Menſchen zu quaͤlen und zu beunruhigen. In einer ſo ungluͤcklichen Lage, und mit der Ausſicht erhoͤhten Elends, die traurige Gattin allein reiſen zu laſſen, ohne Jemand, der ihre Sorgen theilen und ihren Geiſt unterſtuͤtzen konnte, war unmoͤglich, und Honoria beſchloß ſogleich, ſie zu be⸗ gleiten. hielt den Admiral wirklich fuͤr ſterbend, und konnte ihn daher nicht verlaſſen, auch war es unmoͤglich, jemand von der Dienerſchaft zur Begleitung der jungen Damen zu entbehren; denn Roberts Unfall beraubte ſie nicht allein ſeiner Dienſte, ſondern machte auch noch eine — Miß Melville war da, die Beſchwerlich⸗ keiten Mrs. Valency's zu theilen. Letztexe Pperſon zu ſeiner Pflege noͤthig. Mes. Va⸗ ney konnte den Gedanken nicht ertragen, ihre Toͤchter auf eine ihnen ſo ganz ungewohnte Art reiſen zu ſehen, allein Ella blieb feſt bei ihrem Eneſchluß, obwohl ſie nicht daruͤber zu ſpre⸗ chen vermochte, und Honoria ſuchte ihre Mut⸗ terr durch die Vorſtellung zu beruhigen, daß die Reiſe nur kurz ſei, und ſie vor ihrer An⸗ kunft in Plymouth nicht aus dem Wagen ſeei⸗ gen wuͤrden. Ihre Vorbereitungen waren ſchnell ge⸗ macht, und man verſtattete den Admiral, nach ſeinem Bedienten zu toben, waͤhrend dieſer die Reiſegeraͤthſchaft zu dem Ort trug, wo die Poſ voruͤberfuhr, und die Damen lnſtei⸗ ₰ 5 Hin h 1I 1272 1 1 Hfii n MenFnſnanſſſfſſſfnſiſſſſnnſinſſiſſinfſfſſſſſſnſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18