1 Leihbibliot 3 3 Seih- und Jeſebedingungen. . Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe jedem Tag 5 Pf. bezahlt. den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 be eines geliehenen Buches wirv von Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wpehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 11 82 Paris oder das Buch der Hundert und Ein. Aus dem Franzoͤſiſchen uͤberſetzt von Theodor Hell. Sechster Band. ——C— Potsdam, 1833. Verlag von Ferdinand Riegel. Der ſchwarze Napoleon. — Die gegenwaͤrtige Generation muß erwarten, von Soͤh⸗ nen Napoleons, mit falſchen Dauphins um die Wette, uͤberſchuͤttet zu werden, da uns jede gefallene Dynaſtie ihre glorreichen Baſtarde und ihre Falſarien hinterlaͤßt. Nicht, daß die neuern Zweige ſich wegen dieſer apokry⸗ phiſchen Praͤtendenten ſonderlich beunruhigten— dazu giebt es tauſend Gruͤnde: Zuerſt ſchließt die Zahl die Wahrſcheinlichkeit aus, und in dem Contingente praͤ⸗ ſumtiver Erben ſchaden die Dummkoͤpfe den Schel⸗ men zu viel. Aber der Volks⸗Aberglaube naͤhrt ſich an dieſer zweideutigen Quelle, und wenn Naſe oder Mund nur etwas Aehnlichkeit mit der Maske des Ex⸗ Souverains bieten, thut der Hut das Uebrige. Der Volksglaube iſt robuſter Natur. Man hat acht und knnſm falſche Neronen, zwei und dreißig falſche Karls V. 4. 1 gegangen. Hiernach moͤge man beurtheilen, ob der Diebſtahl der Kindſchaft dem geringſten Tadel unter⸗ liegt, wenn die Vaͤter in einem ſo erſchrecklichen Ver⸗ haͤltniſſe ſtehen. 1 Dieſer Eingang verraͤth im Voraus die wenige Luſt, die ich habe, des Leſers Leichtglaͤubigkeit zu verfuͤhren, und wie gleichguͤltig es mir iſt, ob er meine Ueberzen⸗ gung theilt. Ich begehre nur, ihm durch die Einfach⸗ heit dieſes Berichts und die Autoritaͤt der Zeit, der Thatſachen und Namen, auf die ich mich berufe, einiges Vertrauen auf meine Zweifel einzufloͤßen. Nichts iſt weniger bewieſen, als Napoleons ſtoiſche Kaͤlte gegen die Frauen. Die, welche den Sieger von Wagram damit ausſtatten wollen, hahen von Napoleon nur die Buͤſte beurtheilt, ſie habete in zu einer Frau gemacht, welche ihre Memoiren ſchreibst. Er ſelbſt wuͤrde herzlich daruͤblegelacht haben, wenn die Schmei⸗ chelei vor ihm ſo weik gegangen waͤre. Corſe, Italie⸗ ner ſeinem ganzen Blute nach, von einer feurigen Con⸗ ſtitution, immer von Ideen entzuͤndet, leidenſchaftlich in Allem,— haͤtte er nur Kaͤlte fuͤr das gefunden, wel⸗ ſtolze Bekuͤmmerniß nicht zu brechen⸗ wagt; von der andern Seite ſetzt man ſich aus, daß man wieder jene en ſieht, welche gezählt, die Zahl fmlſcher ondwigs NVII. iſ verloren 2 ₰ ſchon den Preis ihrer Spekulation in den Memoiren erlangt haben.. Ich behaupte deshalb nicht, zu Gunſten meiner Erzaͤhlung, daß Napoleon ſo viel Kinder gehabt, als Schlachten gewonnen und Laͤnder erobert; im Gegentheil, ich bin uͤberſchwenglich der Meinung des Dichters Bour⸗ ſault, daß Leute von Geiſt, ſehr ſchaͤtzbare ſonſt, wenig Talent haben, Ihresgleichen zu ſchaffen. Ich nehme hier, zu Gunſten der Helden und geiſtreicher Leute nur das Benefiz der Moͤglichkeit in Auſpruch. Napoleon hat Kinder haben koͤnnen. Wollte ich indirekt die Wahrſcheinlichkeit der That⸗ ſache, die ich berichte, feſtſtellen, ſo wuͤrde ich hinzu⸗ fuͤgen, daß zur Zeit der aͤgyptiſchen Expedition Napo⸗ leon in der ganzen Gluth ſeines Temperaments und Alters war— bis zu jener Zeit muß ich zuruͤckgehen. In den Mußeſtunden der tanſend Wunder, welche aus dieſem Feldzuge ein Gedicht, ein Feenmaͤhrchen gemacht, ließ Napoleon, der ſich damals nur Buona⸗ parte nannte, ſeine Laune auf die farbige Liebe der aͤgyptiſchen Frauen fallen. Schoͤn, demuͤthig, nackt auf Sand oder auf Divans gebettet, begeiſtert durch den Anblick eines Mannes, der ſeinen Schatten von Kairo bis Ober⸗Aegypten warf, wie eine Pyramide, iſt es nicht zu verwundern, daß dieſe Frauen aus Enthu⸗ ſtasmus begehrt und aus Erkenntlichkeit erhalten, was gewoͤhnliche Menſchen ſonſt nur aus Liebe erlangen. 4 1* So iſt der Charakter des Helden gerettet, obſchon im Grunde Ninon's Bemerkung wahr bleibt: Es kommt am Ende immer darauf hinaus, wie bei den Bauern. Ich bin mit aller Welt einverſtanden, daß es ein Wunder geweſen, die Englaͤnder und Mamelucken, die Peſt, die Augenentzuͤndung, den Durſt und die Wuͤſte zu uͤberwinden; gebt mir zu, daß es viel weniger iſt, einen Nachkommen zu haben. Ich geſtehe ench das Wunderbare zu, laßt mir nur die Moͤglichkeit durch⸗ gehen, daß Napoleon einen Sohn in Aegypten gehabt und daß dieſer Sohn ein kleiner Mulatte geweſen, wie ſein Vater geſtaltet, gefaͤrbt wie ſeine Mutter. Ich kannte in Marſeille, als ich 1824 aus dem Collegio trat, einen jungen Aegypter von ſechs und zwanzig Jahren, Namens Napoleon Tard.. Eine gewiſſe Uebereinſtimmung politiſcher Anſichten und ein gleicher Geſchmack an Abſonderung hatte uns bald eng an einander geknuͤpft. Ich ſtand bei dieſer Verbindung bedeutend im Vortheil: ich ſchoͤpfte aus ſeiner Unter⸗ haltung, welche von den ſchoͤnſten Studien in griechi⸗ ſcher und arabiſcher Sprache, von tauſend Reiſe⸗Er⸗ innerungen aus Nubien, Aethiopien und uͤber den Jor⸗ dan belebt war, neue Kenntniſſe, iene Einſichten, welche die Buͤcher nicht geben, weil die Buͤcher, ſtumm und todt, um zur Seele zu gelangen, weder die Lebhaftig⸗ keit der Gebehrde, noch den Blitz des Auges, weder die Muſik der Stimme, noch das Spiel der Muskeln 5 beſitzen. Sein Gedaͤchtniß, das er klagte vorloren zu haben, war eine Eneyklopaͤdie; wenn ihr ein Wort von ihm verlangtet, gab es euch einen Band. Ich hoͤrte ihm nicht zu, ich las ihn. Aber ſobald dieſe Spring⸗ ſluth von Poeſie, Wiſſenſchaft, Gedankenfuͤlle und En⸗ thuſiasmus verſiegte, ſiel Tard... in den dumpfſten Truͤbſinn. Nichts konnte ihn erwecken. Nur ein fort⸗ waͤhrendes ſanftes Laͤcheln zeugte noch von der Regung des Lebens in ihm. In dieſer lethargiſchen Ruhe war es, daß man uͤber das Maͤchtige erſtaunte, welches in dem gedrungenen Guſſe ſeines Koͤrpers, in den ſinnig gebogenen, nach der Antike gebildeten Schultern lag. Er war klein, kaum konnte er fuͤnf Fuß erreichen— aber bei ſolchen Menſchen iſt der Kopf Alles. Der ſei⸗ nige ſtand in einem ſchrecklichen Mißverhaͤltniſſe mit dem, wenn gleich ſehr ſtarken, Leibe und mit den duͤn⸗ nen nervigen Beinen, wie ſie ohne Ausnahme die Mor⸗ genlaͤnder haben, welche am Nande der Wuͤſte wohnen. Er bot das Zuſammentreſfen der weiteſten Schaͤdel⸗ Entwickelung eines Europaͤers und der ſchoͤnſten Cha⸗ rakterwahl eines Afrikaners. Die kraͤftige Adlernaſe vog ſich uͤber mehr natuͤrlich als fein gebildete Lippen, man ſah, daß ſein Gedanke gewoͤhnlich mehr aus den Augen hervorging als aus dem Munde, welcher we⸗ der von Zorn entſtellt, noch von Verachtung aufge⸗ worfen war. Nur das Kinn, zart und ſchmeichelnd, kruͤmmte ſich etwas zu ſehr nach dem Munde zuruͤck, 6 was dem untern Theile ſeines Geſichts einen entnerv⸗ ten, etwas moͤnchiſchen Ausdruck gab. Aber es war unmoͤglich, bei dieſem Fehler zu verweilen, wenn man vor ſich hatte, was in ihm den rechtmaͤßigſten Anſpruch auf die Aehnlichkeit charakteriſirte, auf die er ſtolz war. Von einem leuchtenden Blau, malten ſeine Augen das Uebergewicht der Seele, welches Gott von Jahrhun⸗ dert zu Jahrhundert in die Bruſt gewiſſer Menſchen wirft, um den Gleichmachern aller Zeiten die Luͤge der Gleichheit zu beweiſen. Die Verfolgung ſeines Blicks riß euch in den Kreis ſeines Wollens; dort mußte man bleiben, um den Sturm ſeiner Bewegungen, das Erd⸗ beben ſeiner nervigen Maſſe zu theilen. Aus ſeinen Augen, die man nie geſehen haben moͤchte, und die zu vergeſſen unmoͤglich war, ſpruͤhte Feuer, und chen Preis Gott das Genie ausſtroͤmt, und welche fort⸗ waͤhrenden Leiden er in dem Herzen entzuͤndet, welche die Altaͤre deſſelben geworden ſind. Bei dieſer Zeich⸗ nung, der es die ungeſchickte Ausfuͤhrung an Genauig⸗ keit mangeln laͤßt, wird der Leſer in ſeinem Gedaͤcht⸗ niſſe Napoleons große Geſtalt wiederfinden, welche zur Ewigkeit uͤbergehen wird, wie Voltaire's: es ſind die Familien⸗Gemaͤlde der Menſchheit. Man wuͤrde nur eine unvollkommene Vorſtellung von Tard. s Figur haben, wenn man vergaͤße, daß er —— 7 Mulatte war. Ueber den dicken harten Schaͤdel ſpannte ſich eine lohfarbene, immer feuchte Haut. Die ſchlich⸗ ten Haare des Corſen flutheten uͤber zwei lange, kaum gefaltete, urmenſchliche Ohren. Es war Napoleons Bau unter Seſoſtris Haut. Moͤgen die, welche Napoleons Sendung auf die Erde begreifen, welche wiſſen, was fuͤr einen kraͤftigen Schwung er von dem corſiſch⸗genueſiſch⸗florentiniſchen Blute entlehnt, das in ihm ſloß,— moͤgen ſie, wenn ſie es wagen, die Unordnung ermeſſen, welche derſelbe Mann in den geſellſchaftlichen Haushalt geworfen ha⸗ ben wuͤrde, wenn er in Afrika geboren waͤre, von ſchwarzem Blute durchwallt, nackt auf nacktem Pferde galloppirend, den aufſtehenden Voͤlkern mit der Spitze ſeines Saͤbels das Abendland gezeigt haͤtte, wie ein Stuͤck friſches Fleiſch dem Loͤwen; und dieſer Mann die Menſchen nicht durch Gedanken der Unabhaͤngigkeit und Worte des Ruhms bewegend, Symbole, welche nur bei gealterten Voͤlkern und abgelebter Civiliſation einen Sinn haben, ſondern durch Wunder der Thaten; die Wuͤſte ſo weit ausdehnend als ſein Tritt reicht; des Reiches Einheit durch den Tod, den allgemeinen Frie⸗ den durch Grabesſtille verwirklichend, in jeder Stadt als Siegesfahne die Flamme und als Beſatzung die Feuersbrunſt zuruͤcklaſſend!. Das Bewußtſein ſeiner hohen Geburt und ſeines doppelten Urſprungs ließ Tard... nie ohne duͤſtre Be⸗ 8 fangenheit. Sobald unſre Freundſchaft jedes Vertrauen wagen konnte, verfehlte er nicht, mit mir von ſeinen tollen, auf den Orient gerichteten Hoffnungen zu ſpre⸗ chen.—„Der Orient iſt mein,“ ſagte er zu mir,„wie der Occident meinem Vater Napoleon gehoͤrte. Ich werde mein Blut, meinen Namen, meine Plaͤne offen⸗ baren, ich werde mich an die Spitze, nicht der Tuͤrken, ſondern der Araber, ſetzen; mit den Tuͤrken iſt es aus. Bei den Arabern werde ich die Civiliſation der Ptole⸗ maͤer wieder hervorrufen. Ich ſpreche ihre Sprache, ich bin von ihrem Stamm, von ihrem Fleiſch und Bein; ſie werden auf mich hoͤren. Ich werde jede Stadt, jedes Dorf, jeden Mann, jedes Kind bei Namen rufen. Alles wird mir zuſtroͤmen, und der Nil und der Sand und die Stuͤrme werden uͤber Kairo und Alerandria einbrechen wie die Krieger des Kambyſes. Das koph⸗ tiſche Kreuz und die drei Fahnen werden neue Wunder bewirken. Ich werde fuͤr Aegypten thun, was mein Vater zu bewirken nicht ſo großmuͤthig geweſen iſt. Er beſtimmte es zu einer Heerſtraße nach Oſtindien, ſtatt es unabhaͤngig zu machen. Es wird mit mir ſein und durch mich frei: frei durch mein Schwert, durch das Kreuz und die drei Farben. Keine Beys mehr, noch Paſchas und Sklaven! Die Befreiung wie zur Zeit der Kalifen. Sehen Sie dieſen Helm? Ich werde ihn auf die Thurmſpitze von Mekka ſetzen, und die Auf⸗ klaͤrung wird um ihn her entſprießen. Erſt dann werde —— 9 ich ihn ablegen. Wir werden die heiligen Bibliotheken wieder oͤffnen, wir werden die Wiſſenſchaft, die Sklavin in Europa, zu uns berufen. Aus Deutſchland, Italien und Spanien werden wir ſie rufen; die Kanzeln er⸗ droͤhnen, das Arabiſch der Kalifen, Plato's Griechiſch und des Tacitus Latein laͤuft durch Alexandria's Stra⸗ ßen. Das Licht kommt wieder vom Oſten, die Pro⸗ phezeihung wird wahr.“ Und ich habe ihn voll dieſer wunderlichen Ideen und Eroberungsplaͤne halb nackt zu Pferde am Meeres⸗ ufer uͤber den Sand jagen ſehen, wie er mit ſeiner ſtarken Stimme alle die Voͤlkerſchaften rief, welche den Nil und die Wuͤſte begrenzend in Staffeln zu den aͤthio⸗ piſchen Gebirgen hinauf wohnen, wie er die Hand in die Winde hinausſtreckte, als ſchwaͤnge ſie den gekruͤmm⸗ ten Saͤbel, wie er fort und fort auf arabiſch ſchrie: „Heran! Voͤlker, Voͤlker hier Kebir's Sohn!“ Dann hielt er ploͤtzlich inne und das ſanfte ſtehende Laͤcheln trat wieder hervor, waͤhrend der Obertheil ſei⸗ nes Geſichts die tiefſte Unbeweglichkeit feſthielt. All⸗ maͤhlig erloſch die freudige Farbe und ging in der Traurigkeit unter, welche von der Stirn herniederſtieg, und es war wiederum Napolcons unſterblicher Schmerz, ſo bewundernswerth auf dem Bilde der Schlacht von Eylau dargeſtellt. Zu einer Zeit, wo kleinbuͤrgerliche Eitelkeit die Lieblingsſtellung des Kaiſers noch nicht entehrt hatte, 10 7. wo Schneider und Hutmacher uns noch nicht, in Er⸗ mangelung ſeines Genies, den Ueberrock und Dreimaſter von Marengo gaben, ſah ich oft Tard.. aus erb⸗ licher Angewohnheit, die Arme uͤber der Bruſt kreuzen, den Kopf feſthalten wie auf einem Piedeſtal und ſich mit ſeinen Gedanken in die Fernen des Raums ver⸗ lieren. Setzen wir einen Augenblick, unter dem Privile⸗ gium der Poeſie, daß Napoleons rechtmaͤßiger Sohn, der Herzog von Reichſtadt, einige der erhabenen Hoff⸗ nungen verwirklicht haͤtte, welche die Anbeter von ſei⸗ nes Vaters Namen traͤumen, die Enthuſiaſten, welche dieſen Namen wie ein Mirakel verehren und ihn doch unuͤberlegt beleidigen, indem ſie an die Leichtigkeit glauben, er koͤnne zweimal hinter einander, des Ge⸗ ſchlechts wegen, verherrlicht werden; ſetzen wir, daß die Bande der Politik, welche ſo gut und geſchickt um das Daſein des Herzogs von Reichſtadt geſchlungen waren, von ſelbſt gefallen waͤren, daß Napoleons Sohn als Soldat zu Saint⸗Roch, als Kanonier bei Toulon, als General in Italien verdient haͤtte, unſere Heere auf Aegyptens Kuͤſten zu werfen, wo wir zum zweiten⸗ mal das geſucht haͤtten, was ſein Vater ſuchte, eine Sonne, heiß genug, um die Blutflecken einer andern Revolution aufzutrocknen(denn nach buͤrgerlichem Mor⸗ den braucht man Ruhm; die Wahl ſteht zwiſchen aus⸗ waͤrtigem Kriege oder den Henkern im Innern): wer „ — 11 weiß, ob alsdann die Vorſicht nicht zwei Prinzipe eines Urſprungs, wie Ormuzd und Ahriman, einander gegen⸗ uͤbergeſtellt und fuͤr uns unglaͤubige Voͤlker jene My⸗ then erneuert haͤtte, welche anfangs unter wirklicher Geſtalt die Menſchen heerdenweis zur Wiedergeburt in Feuer und Blut fuͤhrten, und ſpaͤter, wenn ſie ver⸗ ſchwunden, moraliſche Wahrheiten blieben wie Typhon, Iſis und Oſiris? Warum haͤtte dieſer, der rechtmaͤßige Napoleon, nicht in ſich den ewigen Hang Europa's zuſammengefaßt, ſich Aegyptens zu bemaͤchtigen, um nach Indien, der Wiege von Allem, zuruͤckzuſteigen? Und Jener, der Baſtard Napoleon, warum haͤtte er nicht das ſchon unter den Mamelucken und den Paſchas gefuͤhlte Beduͤrfniß von Afrika dargeſtellt, ſich der ſtumpfſinnigen Vormundſchaft der Sultane zu entzie⸗ hen? Es waͤre ein wunderbarer Anblick fuͤr die ganze Erde geweſen, dieſe beiden Maͤnner zu ſehen, aus demſelben Blute entſproſſen, aber bleich der Eine wie Europa, der Andre wie Afrika gebraͤunt, wie ſie gegen einander gezogen waͤren, die Klingen gekreuzt und ſich um ihre Namen gefragt haͤtten!„Napoleon!“ Und die Antwort des Gegners:„Napoleon!“ Ja, ich glaube an die wunderbar goͤttliche Kraft im Zuſammentreffen gewiſſer Namen und Silben; ich glaube, ohne hier alle geheimnißreichen Schaͤtze der Kabbala zu entrollen, daß dieſe beiden Namen aus ſtei⸗ „ nernem Schlafe Alexandria geweckt haͤtten mit ſeinem 12 Pharus und ſeinen Straßen, die alle aufs Meer ſchauen; die Bazars, die Arſenale, die Thuͤrme und neunmal⸗ hunderttauſend Seelen; ich glaube, daß der gewaltige Hauch dieſer Doppelerſcheinung den feinen Sand, der ſo viel Granit zernagt, emporgehoben haͤtte mit all' den Pilaſtern, Kapitaͤlern, Dattelverſteinerungen und der Bevoͤlkerung von Statuen, Aegyptens natuͤrlichen Er⸗ zeugniſſen. Aegyptens Boden bringt nur Statuen hervor, die aus ſeinem Sande gemacht werden, und Sand, der aus ſeinen Statuen entſteht. Vernichtung und Form kommen und gehen: heut eine Pyramide, morgen ein. paar Sandhuͤgel. Die große Wuͤſte iſt nur ein Hau⸗ fen zermalmter Staͤdte. Aber verlaſſen wir das Feld der Vorausſetzungen, und kehren zur Wirklichkeit meiner Geſchichte zuruͤck. Tard.. verband mit ſeinem ſo energiſchen Cha⸗ rakter ſehr einfache Neigungen, und ſeine Zerſtreuungen waren immer unſchuldig: er liebte leidenſchaftlich die Blumen; ein Sonnenuntergang auf unſerm Mittelmeere ſetzte ihn in Erſtaſe; das orientaliſche Leben behielt ſtets die Oberhand uͤber ſeine europaͤiſchen Gewohnheiten: er uͤbertrieb es mit Baͤdern und Wohlgeruͤchen, und wenn die Hitze gluͤhend war, gab ein matter Schleier ſeinen Augen den ſchmachtenden Ausdruck, den die Frauen des Morgenlandes ſo gut wie die Loͤwen und Tiger haben. Ehe ich weiter gehe, muß ich vorher ſagen, daß 13 Tard.. toll war, aber ſeine Tollheit beſtand nur in einer philoſophiſchen Monomanie; ſie war ſo ſeltſam, daß es kindiſch waͤre, ſie zu berichten, wenn ſie nicht den Ausgang ſeines Lebens erklaͤrte, wenn ſie nicht voͤllig den verhaͤngnißvollen Umſtand rechtfertigte, der ihn herbeifuͤhrte. Er glaubte weder an die Sterblich⸗ keit der Seele, noch an die Sterblichkeit des Leibes. Der Tod, ſo viel er ſich daruͤber ausſprechen konnte, war nur eine Veraͤnderung des Landes, eine gezwungene Reiſe. Der ermordete oder fuͤr todt gehaltene Menſch in Paris fand ſich in Berlin oder London wieder; ein voͤlliges Verſchwinden leugnete er durchaus. So ſagte er mir, daß er irgendwo zuſammen luſtwandelnd Rouſſeau und Naynal, Buffon und Linné getroſſen; nach ihm waren die Todtengraͤber Sinecuriſten, die Kirchhoͤfe Spaß. Mit einem ſolchen Glauben und der dienſtwilligen Huͤlfe der Logik war der Mord nur eine Entfuͤhrung, das Todesurtheil nur ein viſirter Paß fuͤr das Aus⸗ land. Ich glaube, daß dieſe unheilvolle Verwirrtheit aus einem im Grunde ſehr erklaͤrlichen Zufalle ent⸗ ſprungen: in ſeiner Kindheit, vielleicht bei einem ver⸗ ſuchten Aufſtande zu Gunſten ſeines Rechts auf den Thron der Pharaonen, hatte er in Kairo einen Kameel⸗ treiber erdolcht; einige Jahre nach dieſem Mord oder Zweikampf hatte er demſelben Menſchen in Aleppo be⸗ gegnet oder zu begegnen geglaubt. War nun der Ka⸗ meeltreiber ein Opfer der Anwendung ſeines Syſtems 14 geweſen oder die Grundidee ſeines Irrthums? Das habe ich niemals erfahren koͤnnen. Wie dem auch ſei⸗ er leugnete die Sterblichkeit des Leibes. Er war nun zu dem Lebensalter gelangt, wo der Kontraſt einer unſichern Stellung mit den unendlichen Wuͤnſchen fuͤr die Zukunft aufhoͤrt, im Gleichgewichte zu ſtehen. Die Poeſie verſchwand.„Es hat gar nichts Schmerzliches,“ verſicherte er mir eines Tages,„ſeinen Vater nicht zu kennen; man weint uͤber das Loos der Findlinge, dies Mitleid iſt aber Vorurtheil. Nennen Sie mir eine Familie, eine einzige, vom Großvater bis 3 zum Enkel gerechnet, welche nicht in ihrem Schooße eine ſittenloſe Tochter, einen ausſchweifenden Sohn, kurz ein Mitglied hat, welches den Namen verunehrt, den es traͤgt! Ich ſpreche nicht von den Schmerzen, die man theilen muß beim Tode ſeiner Verwandten; man hat immer funfzig Todesfaͤlle zu betrauern vor dem Ende der eignen Laufbahn. Der Findling iſt alles ſolchen Kummers enthoben. Ueberdem hat er, bis das Gegentheil bewieſen iſt, das Recht, ſich fuͤr den Sohn eines Herzogs, eines Prinzen, ſelbſt eines Koͤnigs zu halten. Wenn ich nicht der Sohn des Kaiſers waͤre, moͤchte ich wohl ein Findling ſein; aber was des Her⸗ zens ewige Verzweiflung erregt, iſt, zu wiſſen, wer man iſt, und die unermeßliche Kluft zu ſehen, welche das, was man iſt, von dem, was man ſein koͤnnte, ſcheidet; durch welches Zeichen, durch welchen Namen ſoll man —— †—— 15 ſich bei der Menge zu erkennen geben und legitimiren, die mir eher glauben wuͤrde, wenn ich ihr ankuͤndigte, ich ſei, ſtatt Napoleons Sohn, der Sohn Gottes?“ Dieſe bittern Betrachtungen ließen den Entſchluß ahnen, den Tard... nehmen wuͤrde. Ermuͤdet von den Hinderniſſen, welche zwei achtbare Onkels, ſchaͤtzens⸗ werthe Handelsleute, deren einer ſchon mehrmals mit Erfolg zur Nationalrepraͤſentation vorgeſchlagen worden, ſeiner Reiſe in den Weg legten, beklagte ſich Tard... uͤber ihre Knauſerei; er begriff nicht, daß ſie ihm das noͤthige Gold verweigerten, um die Krone der Kalifen in Beſitz zu nehmen. Die ehrlichen Handelsleute, ohne die erhabene Geburt ihres Neffen zu leugnen, haͤtten es doch vorgezogen, ihre Familie mit einem guten Buch⸗ halter zu vermehren als mit einem Pharao, einem Harun oder Abaſſiden. Das Geld zur Expedition wurde alſo abgeſchlagen. Eines Tages, als ich mit ihm am Hafen von Mar⸗ ſeille ſpazieren ging, ſpielte er mit einem kleinen Meſſer von zwei Zoll Laͤnge; auf einmal bat er mich, ihn zu erwarten. Er kam nach einiger Zeit zuruͤck, ließ ſein Meſſer zuſammenſchnappen und ſagte ganz kalt:„Ich habe ſo eben meine beiden Onkel nach Amerika ge⸗ ſchickt; in eurer Sprache: ich habe ſie getoͤdtet.“* Zu gleicher Zeit vollendeten zwei Gensd'armen der *) Einer von Beiden iſt am Leben geblieben. 16 Marine meine Beſtuͤrzung, indem ſie den foͤrderſamer Neffen mit den Worten verhafteten: Im Namen des Geſetzes: Napoleon Tard.„ Sie ſind unſer Gefan⸗ gener, Sie haben Ihre beiden Onkel ermordet. Vor die Aſſiſen von Aix gefuͤhrt, verleugnete Na⸗ poleon Tard.. ſeinen Charakter nicht. Die meta⸗ phyſiſche Tollheit uͤber den Tod konnte ihn nicht retten. Was war gemein zwiſchen zehn bis zwoͤlf Geſchwornen aus der Provinz und dieſem excentriſchen Weſen, das ſie nicht einmal wuͤrdigte, ihnen die moraliſche Seite ſeiner Handlung zu erklaͤren? Marſeiller Handelsleute entſchieden ernſthaft daruͤber, ob man ihm den Hals abſchneiden oder die Schulter brennen ſollte. An dieſem Tage mußten die achtbaren Patentverſehenen ihre Boͤrſe verſaͤumen. Ich will damit nicht ſagen, daß dieſe Ruͤckſicht einen großen Einfluß auf die Strenge ihres Urtheils gehabt, und daß, weil ſie wenigſtens den Ver⸗ kauf von zwoͤlf Sack Cochenille verfehlt, Tard... zum Tode verurtheilt wurde. Er ging ohne Furcht, ohne Klage zum Richtplatz⸗ geſtaͤrkt durch die Idee, daß er nicht ſterben wuͤrde. Nur das halb truͤbe, halb goͤttliche Laͤcheln, das man an ihm kannte, gab Zeugniß von ſeinem Innern. Er mußte ſogar recht zufrieden ſein, ſo viel Blu⸗ men und Fruͤchte an dem Orte zu ſehen, wohin man ihn fuͤhrte. 7 Der Richtplatz wird zwei Mal in der Woche von 17 allen Wundern provencaliſcher Vegetation durchduftet. Die Provence iſt unſer Delta, der Ril iſt nicht frei⸗ gebiger als die Rhone und die Durance. Er glaubte, ſie waͤren fuͤr ihn, dieſe Wohlgeruͤche! Mit offenem Halſe, ohne Binde, mit hellem, lachendem Auge ſchritt er durch die Menge, wie er ſonſt durch die Fluren ſtrich. Haͤtte man ihm nur erlauben wollen, eine Nelke im Knopfloch und ein Roͤhrchen in der Hand zu haben. Es war auf dem Marktplatz in Air an einem Markttage. Das iſt der Gebrauch ſo: in Aix guillotinirt man an Markttagen, damit die Bauern, welche in ihre Berge zuruͤckkehren, etwas von der Aufklaͤrung der Staͤdte zu erzaͤhlen haben. Sie duͤrfen nicht mit leeren Haͤnden heim kommen. In Aix ſteht die Guillotine zwiſchen Aepfelpyra⸗ miden, Koͤrben mit Weintrauben und Blumengewinden. Man iſt ſehr poetiſch im Suͤden. Zuletzt wird man noch ein Schaͤferhuͤtchen am Gipfel der Guillotine an⸗ bringen. Und was fuͤr eine Guillotine! Eine Guillo⸗ tine der Provinz, alt und ſchmutzig wie ein Richter im Parlamente. Im ſchoͤnſten provengaliſchen Sonnenſchein ſiel das kaiſerliche Haupt unter dem Meſſer der Gutllotine; Napoleons Blut ſpritzte auf das Steinpflaſter. Eines Tages, als der Scharfrichter nach Marſeille 1**½. 3 18 gekommen war, um ſich eine beſſere Klinge und zwei ſolidere Schienen zu kaufen, erhielt ein junger Menſch — man erlaube mir, ihn nicht zu nennen— von Sei⸗ ten Tard..'s einen Helm. Es war derſelbe, der den Minaret zu Mekka kroͤ⸗ nen und die Civiliſation des Orients um ſich verſam⸗ meln ſollte. Leo Gozlan. Ein Pariſer Fränlein im Jahr 1832. Kleiner, ſehr hiſtoriſcher Roman. — Erſtes Kapitel. Wie huͤbſch ſie iſt!— Ihr kennt ſie, davon bin ich uͤberzeugt. Gewiß mehr als einmal iſt es euch begegnet, daß ihr euch an einem ſchoͤnen Juli⸗ oder Auguſttage unter die elegante Menge miſchtet, welche die Mode zu den weiten Alleen der koͤniglichen Wohnung ruft und welche die Kuͤhlung der ſchoͤnen Laubmaſſen dort feſthaͤlt. Oder auch, an einem milden Abende, unter dem ſchoͤnen, tiefblauen Nachthimmel, haben eure Schritte, beſchwert durch die Laſt des Tages, aufgehalten und beſchraͤnkt durch einen Schwarm von Schoͤnheiten, dreißig Mal in einer Stunde den Raum zwiſchen der Straße Lafitte und der Straße Taitbout durchmeſſen, 20 mitten durch eine Doppelreihe blendender Frauen und ſtrahlender Gaslampen und den Tabaksqualm unſrer modernen Elegants; kurz, ohne Metapher, ihr ſeid des Morgens in den Tuilerien oder des Abends in Coblenz geluſtwandelt. Nun wohll in einem oder dem andern dieſer lachen⸗ den Blumenſtuͤcke von jungen Fraͤulein in weißem Schmucke, von huͤbſchen koketten Frauen und koͤſtlichen Muͤttern, wenn euer geuͤbtes Beobachter⸗Auge, neugie⸗ rig auf friſche Geſichter und niedliche Taillen, dieſen bunten Farbenſchmelz, dieſe Gruppen von geſchmuͤckten ſchoͤnen Frauen durchſpaͤhte, ſo habt ihr ſie geſehen. — Wen? — Das Fraͤulein von Paris; und vor dieſer friſchen, leichten Geſtalt, halb Grazie, halb Sylphide, deren Formen ſo kernig und doch ſo fein ſind, deren zarte Zuͤge von Geiſt ſtrahlen, deren Laͤcheln ſo ſinnreich, deren Blick ſo reizend iſt, vor ihr verweilte euer Fuß, und von dem Zauber ergriffen, der ſich eurer euch ſelbſt unbewußt bemaͤchtigt, rieft ihr unwillkuͤhrlich: Wie huͤbſch ſie iſt! Dies Wort iſt immer verſtaͤndlich.— Sie erroͤthete vor Vergnuͤgen. Ihre ſchoͤne Mutter laͤchelte, und die gute Tante im Hinterhalt, klug, aber behutſam, zog uͤber die ſchoͤnen Schultern des jungen Leichtſinns den fluͤchtig entſchwebenden Barege, unter dem der Zeyhyr taͤndelte. 21 Es iſt ein Engel, eine Elfe, eine Amorette— Alles zuſammen, dies Fraͤulein! Wie ſieht man unter den langen Wimpern, auf den feinen Lippen Geiſt, Schalk⸗ heit und Anmuth ſtrahlen! Sie hat ſiebenzehn Jahre mit all' ihren Reizen.— Ihr koͤnnt euch nichts Huͤb⸗ ſcheres denken und— wenn ihr verſprecht, verſchwie⸗ gen zu ſein, will ich euch ihren Namen ſagen— ver⸗ rathet mich nicht! Sie heißt Amande! Zweites Kapitel. Sie iſt heirathsfaͤhig! 4 Da ſeid ihr nun ſchon im Begriff, zu den Fuͤßen ihrer reizenden Mutter zu fliegen und die Protektion der Tante zu erflehen!— So wartet doch! Ihr habt ja kaum die Haͤlfte ihrer Reize bewundert, ihr kennt noch nichts als ihre zierliche Geſtalt, ihren geiſtreichen Blick und huͤbſchen Putz. O, das iſt noch lange nicht Alles! Ein Fraͤulein von Paris hat noch ganz andre Vorzuͤge! Amande iſt ein geſchnittener Diamant, abgeſchliffen und fagonnirt durch die ausgeſuchteſte Erziehung des Tages und der ſchoͤnen Welt. In der beruͤhmten Pen⸗ ſion, deren Stolz und ſchoͤnſte Blume ſie war, hat ſie alle Kronen geerntet, alle Preiſe davongetragen in der Grazie, im Geſang und Tanz, in der Dichtkunſt, in 22 der Beredſamkeit, in der Kunſt, mit den Augen und dem Geſichte zu ſprechen wie mit der Zunge; denn in jeder Penſton von hohem Ruf ſpielt man Komoͤdie. Um mit einem Worte Alles zu ſagen, Amande iſt ein Tageswunder. Sie kennt den ganzen Walter Scott, Byron, Cooper, Hugo, Sainte⸗Beuve und Lamartine, ihr Geiſt hat ſich vor dem Hauche der Romantik er⸗ ſchloſſen. Sie hat Racine wenig geleſen, Fenelon gar nicht und ihre perlenumkraͤnzte Stirn erroͤthet und wendet ſich ab bei der derben Sprache des eingebildeten Kranken. Aber Amande, genaͤhrt mit dem fruchtbaren Manna unſerer modernen Meiſterwerke, hat ein geuͤbtes Ohr bei Marion Delorme's ungezwungenen Reden und ein probefeſtes Auge fuͤr Antoni's keuſche Liebe. Fuͤget zu allen dieſen Eigenſchaften eines glaͤnzenden und wohlkultivirten Geiſtes, daß das liebenswuͤrdige Kind, wie jedes huͤbſche Maͤdchen, vor Allem das goͤtt⸗ liche Geheimniß beſitzt, ihrer Schoͤnheit das Salz des Schmuckes und die Schminke der Koketterie beizu⸗ geſellen,— und wenn ihr nicht eingeſteht, daß ſie mit ſo viel Reiz, Anmuth, Geiſt und Gefuͤhl das voll⸗ kommenſte aller heirathsfaͤhigen Maͤdchen iſt, ſo ver⸗ dient ihr nicht, daß ihr reizendes Laͤcheln, ihr Zauber⸗ blick, indem er den Schwarm ihrer Anbeter durchlaͤuft, aus Zufall, Gluͤck, Zerſtreuung oder Laune euer Herz trifft.—— Aber laßt euch nicht fangen!— Ich warne euch. 23 Drittes Kapitel. Amande wird heirathen.— — Gott! Was? O Himmel! — Uebereilt euch doch nicht mit der Verzweiflung! Ein kleiner Couſin kommt ſie zu freien. 1 — Er kommt deshalb ganz friſch aus ſeiner Provinz. — Eh!— G. — Die ordinaire Poſt bringt ihn. — O! o! Aus Goneſſe oder Pontoiſe? — Beinah': aus Avallon.— — Gluͤcklicher kleiner Couſin! auserkorener Couſin! — Ei was! Sie glauben wohl einen Dumolet zu ſehen? Giebt es deren noch?— Eben ſo wenig bitte ich, ſich, aus Analogie wegen der Verwandtſchaft, einen Helden neuer Fabrik vorzuſtellen, einen jungen, ſtolzen duͤſtern Mann, etwas bleich und fahl, der bei St. Chriſtoph und Notre⸗Dame ſchwoͤrt, zu euch nur durch das Fenſter, nie durch die Thuͤre kommt, der, das Rap⸗ pier in der Fauſt, ohne Fuͤhrer und Leuchte, beim Mondſchein zwiſchen Schickſal und Verhaͤngniß ein unerhoͤrtes Weſen ſucht, einen Stern, ein Nichts, einen Nügrund ein Weib!! Zum Verbrauch ein Menſchen⸗ eben. So iſt nicht im Allgemeinen der Buͤrger von Aval⸗ lon, noch im Beſondern Amanda's Kuͤnftiger. Der 24 Couſin aus der Provinz hat nicht ein Jagdhorn uͤver der Schulter, wie Hernani, er hat auch kein gutes Meſſer in der Taſche, wie Antoni, er iſt ſogar, wenn ich Alles ſagen ſoll(verzeiht mir das Wort, da die Sache in guter Geſellſchaft paſſirt), weder Baſtard, noch Vagabond. Es iſt ein einfacher junger Menſch, arglos, ehrlich, hoͤflich, der den Herrn Vater gekannt und die Frau Mutter geliebt hat, der mit wenig Geiſt, aber viel geſundem Menſchen⸗Verſtande begabt iſt, eine volle, heitre Figur, bis zu den Ohren raſirt; erzogen wie man in einem Winkel der Provinz ſein kann, klaſ⸗ ſiſch unterrichtet bis zur Rhetorik, Boileau hoͤchlich verehrend, vor Corneille's großem Namen aus Achtung ſich neigend, Andromache ſchoͤn findend und Stellen herſagend, ohne zu bemerken, daß man uͤber ſeine Ein⸗ falt lacht; kurz, ein ſo ſimpler Junge, daß er ſeinen. Hut ſelbſt vor einer Frau abnimmt, daß er glaubt, die Liebe fuͤhre noch dieſelbe Sprache, wie zur Zeit von Tibulls und Ovids Liebenden, naͤmlich durch zaghafte Noͤthe, ſchuͤchterne Blicke und zarte Achtung.— Er war recht zuruͤck im jetzigen Jahrhundert, Amande's Vetter. Aber man muß bedenken, daß das Fortſchrei⸗ ten der Sitten in einer Provinzialſtadt nicht mit dem raſchen Aufſchwunge von Paris gleiche Schnelligkeit halten kann.— So iſt er beſchaffen. Uebrigens, zum Troſte, daß er wenig romantiſch, und zur Entſchuldigung, daß er ein ehelich Geborener iſt, bringt 4 —— —— 25 bringt der kleine Couſin Praͤtendent auf der Poſt, wie ſein gerichtliches Taufzeugniß, das er ſeiner ſchoͤnen Couſine zu Fuͤßen legen will, beweiſt, zwanzigtauſend Thaler guter Einkuͤnfte, vollkommen klaſſiſch, als ſchoͤ⸗ nes Vater⸗Erbtheil mit, ein unerfahrenes Herz und ſeine erſte Liebe. In Betracht des erſten Punkts wurde er wie ein Prinz aufgenommen, d. h. wie ein Prinz, den man gut aufnimmt. Viertes Kapitel. Wie huͤbſch ſie iſt!. Das war gleich zuerſt, ſobald er angekommen war, des kleinen Vetters Ausruf, und den ganzen erſten Tag brachte er auf beiden Knieen vor der entzuͤckenden Amanda zu, indem er ſtotterte: Ich liebe Sie! und in ſeiner treuherzigen Erſtaſe, ganz verblendet, tauſendmal rief: Gott! wie ſchoͤn ſind die Fraͤulein von Paris! ſelbſt im Vergleich mit den Fraͤulein von Avallon. Gewiß, das Kind ſprach Wahrheit. Man fetirte den Zukuͤnftigen, das iſt Gebrauch. Man machte ihm die Honneurs wegen des heirathsfa⸗ higen Fraͤuleins, das iſt Regel— und bis zur Guten Nacht dieſes gluͤcklichen Tages war Alles bezaubernd fuͤr den kleinen Vetter. VI. 2 26 Andern Tages zeigte das Fraͤulein alle ſeine Ta⸗ lente. Keine Grasmuͤcke hat leichter gezwitſchert, keine Nachtigall prachtvoller gefloͤtet, als Amanda. Es war der Zephyr ſelbſt, der mit ihren Fingern uͤber die elfen⸗ beinernen Taſten ſchwebte. Noblet und Taglioni haben weniger Anmuth in ihren Spruͤngen, weniger Wolluſt in ihren Pas.— Kein kraͤftiger Crayon, kein zarter Pinſel, geſchicktern und weiſern Haͤnden gehorſam, hat die Geheimniſſe der Natur beſſer aufzufaſſen und dem Velinpapier anzuvertrauen gewußt. Es gab gleichwohl einige von dieſen Geheimniſſen der Natur, welche der ſittſame Couſin beſſer unter einem keuſchen Schleier, als unter den Augen eines Maͤdchens an ihrem Orte ge⸗ funden haͤtte.— Aber man ſagte ihm, daß man in Paris gar nicht darauf achte, daß es Gegenſtaͤnde der Kunſt, Sachen des Studiums ſeien, die alle Welt ſaͤhe — Gewohnheit iſt Geſetz; moͤgen die Kunſtgegenſtaͤnde, die Sachen des Studiums ſein: der Vetter blieb in der Trunkenheit. Vom Codetr des Hausweſens war dieſen Tag nicht die Rede. Den folgenden Tag lockte das Wetter ins Hoͤlzchen. Man rollte im offenen Wagen dahin. Gaze und Barege, vom Winde und der Fahrt um Amanda's Stirn aufgeſchwellt, bildeten ihr, wie der Guͤrtel der Iris, eine purpurſilberne Glorie. Das junge Maͤdchen war eine Goͤttin. 27 Dreißig Reiter, jung, kuͤhn, gewandt, mit ſtraͤu⸗ bendem Haar auf der Lippe und galliſchem Barte, feſt und markig im Buͤgel, flogen leicht und wechſelnd vor⸗ uͤber, oder galoppirten und ſchwaͤrmten um den Schlag der Kaleſche; ſie kamen, wie Paladine, vor den Damen ihre Reiterkuͤnſte zu zeigen, ein Wort zu wechſeln oder ihnen einen Strauß zuzuwerfen, dann nahmen ſie durch Wind und Staub einen Gruß, einen Blick oder ein Laͤcheln von Amanda mit, deren ſtrahlendes Auge die muthigen Noſſe in der Karriere und ihre unerſchrocke⸗ nen Reiter verfolgte.— — Mama, dort iſt der junge Herzog.— Gruͤße doch den Chevalier.— Guten Tag, Arthur!— Sieh doch, ſieh, wie Alfred ſchoͤn ſitzt!— Ach Mama, da iſt der huͤbſche Modeſaͤnger, bitte ihn doch zu Tiſche! — Apropos, Iſidor, haben Sie noch Ihren Fuchs?— Antworten Sie doch, Tante, der Bardn gruͤßt uns.— Ach Himmel! Halt, halt! Verzeihung, Mama!— Al⸗ bert, mein Faͤcher iſt heruntergefallen.— Kein ſchoͤner Reiter, der nicht einen Gruß von Amanda bekommen haͤtte. Ei! eil dachte der Vetter, es ſcheint mir, daß meine Couſine viel ſchoͤne Herren kennt!— Das iſt gewiß wieder eine Pariſer Sitte.— Wir ſind zu ſcheu in der Provinz.— Und uͤberdem, wenn man ſo ſchoͤn iſt, kann man unbemerkt bleiben? 2* 28 Inzwiſchen wurde der Vetter ein wenig nach⸗ denklich; aber er liebte noch immer: ſie war ja ſo huͤbſch! Fuͤnft es K apitel. Den folgenden Tag war Ball. Ein Ball in Paris! Als die Saͤle erleuchtet und gefuͤllt waren, glaubte ſich der Vetter aus Avallon im Schooße des Olymp, er meinte den Hof der Venus zu ſehen.— Zwar, die ganz ſchwarzen Herren ohne Weiß⸗ waͤſche, wenn ſonſt auch ſehr wohl gebildet, ſtoͤrten in etwas ſeine mythologiſche Illuſion, und fuͤr dieſe Ge⸗ legenheit fand er ſie zu leidtragend gekleidet.— Aber Amanda! o Amanda! Es war Flora, Aglaja, Ter⸗ pſichore, alle Muſen, alle Grazien, alle Nymphen unter den Zuͤgen einer Sylphide, einer Elfe, einer Amorette— es war ein Fraͤulein auf dem Balle. Alle eleganten Reiter aus dem Waͤldchen und noch viele Andere hatten ſchon lange ihre Engagements zum Contretanz und ihre Reihefolge notiren laſſen. Der kleine Couſin kam etwas ſpaͤt, er forderte ſie auf⸗ — Den ſiebzehnten.— Gott!— Alle andern ſind ſchon verſagt. Nur einmal mit ihr tanzen! Den ſiebzehnten!— Aber ſah er ſie nicht chaſſiren, balanciren, Moulinet machen mit den ſchoͤnſten Taͤnzern von Paris? Wie 29 war ſie leicht und reizend und huͤbſch! Man haͤtte nach ihrem zauberiſchen Laͤcheln, nach ihren koketten Blicken glauben koͤnnen, ſie haͤtte ſich vorgenommen, die Erobe⸗ rung aller dieſer Cavaliere zu machen.— — Walzer, meine Herren! — Himmel! ein Walzer! wiederholte der Couſin; man walzt alſo in Paris? Ach ich bitte Sie, Fraͤulein Couſine, wenigſtens mit mir allein! — Unmoͤglich, Couſin, ich habe meinen Herrn zum Walzer fuͤr den ganzen Winter, Herrn Amedee: es iſt der beſte in Paris.: Das Zeichen wird gegeben, der Violinbogen laͤßt ſich hoͤren, ein enger Kreis oͤffnet ſich muͤhſam, und zwanzig reizende Paare, zu Zweien mit Grazie, Schmieg⸗ ſamkeit und Wolluſt verſchlungen, walzen hervor, uͤber⸗ holen, kreuzen und fordern ſich heraus auf dem glatten Fußboden.— Des Vetters Blick folgt nur einem ein⸗ zigen, dem huͤbſcheſten, wildeſten— und er betrachtet mit Muße, wie gut man in Paris walzt. Bald hoͤren die andern Paare auf, Amanda und ihr ſchoͤner Tanzer bleiben allein auf dem Plan, der ſich fuͤr ſie erweitert. Jetzt muß man ſie ſehen, voll Leben, unermuͤdlich, immer leichter; ſie tanzen nicht mehr, ſie wirbeln, ſie fliegen: der Takt iſt verdreifacht. Man bewundert/ ermuthigt ſie.— Eng verbunden, an einander gepreßt, Fuͤße zwiſchen den Fuͤßen, die Knie ſich ſtreifend, ſcheinen ſie nur ein einzig Weſen zu bil⸗ 8 30 den, nur von einem Hauch, von einem Schwunge beſeelt zu ſein, ſo gleichfoͤrmig iſt ihre raſche Bewegung, ſo uͤbereinſtimmend ſind ihre Spruͤnge, ſo folgſam ge⸗ horcht die ſchmiegſame Taille der leichten Amanda dem nervigen Arme, der ſie umſchließt und fortreißt, der Hand, welche ſie druͤckt und leitet— bis zu dem Au⸗ genblick, wo die unbeſonnene Taͤnzerin athemlos und berauſcht, mit brennenden Wangen und fliegendem Bu⸗ ſen, lachend und ausgelaſſen dem Taͤnzer in die Arme aͤllt, der ſiegſtolz ſie zur Mutter fuͤhrt, welche von dem Bravoruf ganz bezaubert iſt. Das war reizend, goͤttlich, blendend mit anzuſehen! Auch ſchien der Vet⸗ ter wirklich ganz verblendet; er ſagte ſehr ernſthaft: Peſt! Was walzen die Pariſer Fraͤulein! O er hatte noch gar Nichts geſehen; er war noch nicht zu Ende, der Vetter aus Avallon!— — Galopp, meine Herren! 3 Der Vetter ſprang hoch empor auf ſeinem Sitze— er lief, er flog zur Mama, ſie war umringt von einem Schmeichlerkreiſe. — Madame, iſt es ein Irrthum? Habe ich recht verſtanden? Was! Wirklich Galopp? 4 — Galopp! Ganz gewiß, lieber kleiner Couſin! Das iſt Amanda's Triumph, ſie excellirt, ſie uͤbertrifft ſich ſelbſt darin, auch iſt kein Ball comme il faut, wo ich nicht gebeten wuͤrde, wo meine Tochter ihn nicht tanzte; er macht dieſen Winter Furore.— Sie werden —— . 31 ſehen.— Ah! Man tritt ſchon an! Dort iſt ihr Cava⸗ lier, der Modetaͤnzer, der Einzige, deſſen Force der Galopp iſt.— Sehen Sie, ſehen Sie! Man applaudirt ſchon im voraus.— Da gehen ſie hin! man klatſcht! O das iſt reizend, reizend!— Aber applaudiren Sie doch meiner Tochter, kleiner Couſin! Der Couſin ſagte kein Wort, ſteckte die Haͤnde in die Taſchen und ſah nach der Decke— man haͤtte ge⸗ glaubt, daß Etwas ſein Auge verwunde, ſein Geſicht in Verlegenheit ſetze. Ich weiß wahrhaftig nicht, was es ſein konnte, denn das galoppirende Paar— galop⸗ pirte zum Entzuͤcken. Der Braͤutigam aus Avallon haͤtte es vorgezogen, wenn ſeine Verlobte die Menuet von Exraudet tanzte— ein wenig entfernter von ihrem Herrn.— Wie laͤcherlich man in der Provinz iſt! Nahm er ſich nicht heraus, in ſeinem Winkel(ganz leiſe) zu brummen: Die Polizei unterſagt in den Schaͤn⸗ ken einen gewiſſen Tanz— den die Scham bis auf den Namen verwirft; iſt denn die Sittſamkeit, die man vom Volke fordert, aus den Salons verbannt? Der boshafte Hieb des kleinen Pedanten ſchmeckte etwas nach der Provinz. Doch ſetzte er mit Gutmuͤ⸗ thigkeit hinzu: Uebrigens, wenn es Pariſer Sitte iſt— wenn die Mode einmal verlangt, zu galoppiren— nun dann— in der That— und die Pariſer Fraͤulein ga⸗ loppiren ſo huͤbſch! Inzwiſchen— Man ging erſt am hellen Tage zu Bett, und Amanda's 3² Couſin fand auf ſeinem Kopfkiſſen keine roſenfarbenen Traͤume. Aber er liebte noch.— Und am folgenden Morgen war ſie vor ihrem Pianoforte ſo reizend, in der Purpurſchuͤrze auf dem ſchneeigen Kleide! O ihr Fraͤulein von Paris! wie ſeid ihr huͤbſch! Morgens wie Abends, und Abends wie Morgens! Sechstes Kapitel. Um ſich vom Ball zu erholen, ging man des Abends ins Theater. Die Vergnuͤgungen folgten ſich in progreſſiver Ordnung. Gut! dachte der Vetter, bis hierher habe ich von meiner ſchoͤnen Couſine nur die Grazie, das Talent und den etwas koketten Geiſt ge⸗ ſehen. Die Eigenſchaften der Seele ſind das Weſent⸗ liche.— Das Schauſpiel, hat man mir auf dem Collegio geſagt, iſt die Schule der Sitten und der Spiegel des Herzens.— Wir werden ein Drama ſehen!— O Gott, gieb doch dieſen Abend, daß das reizende Geſicht mei⸗ ner lebhaften Couſine der Spiegel ihrer Seele ſei! Der Abend kam, man ſpeiſte kaum, die Ungeduld brach ſchon lange auf Amanda's Stirn aus. Sie betet das Schauſpiel an. Die Stunde ſchlaͤgt.— Gehen wir, Mama!— Man huͤllt ſich ein, wirft Shawls in den Wagen und fiiegt von dannen. Thaliens Tempel iſt erreicht, der letzte Bogenſtrich laͤßt den Vorhang 33 ſteigen unter einem langen Gemurmel der Erwartung und des Antheils. Es war ein neues Stuͤck von dem Modeſchriftſtel⸗ ler und der Gegenſtand des Gedichts eins der Meiſter⸗ ſtuͤcke der Zeit: man erwartete Wunder. Im erſten Akt zeigte ſich das Drama duͤrftig, nur ein kleiner Ehebruch, noch in der Perſpective; das war fuͤr die Zeit mager, das gab wenig Hoffnung.— Es iſt froſtig, ſagte Amanda; der Dichter macht es gewoͤhn⸗ lich beſſer.— Warte doch, meine Tochter, warte. Laß ihn nur anfangen, er iſt ſo reich an Intereſſe! Im zweiten Akt: eine Blutſchande.— Das laͤßt man ſich gefallen! man vermuthete es.— Das Intereſſe wird kommen, Couſin! Im dritten Akt: zwei Ehebruͤche.— Man fing an zu weinen, die Flacons wurden geoͤffnet.— Sie ſind nicht geruͤhrt, Couſin? Im vierten Akt: dreifache Blutſchande.— Die Lo⸗ gen ſchwammen in Thraͤnen, das Pochen des Parterre miſchte ſich mit dem Bravo der Galerien, die flutende Bewegung der Huͤte und Federn verrieth die Ruͤh⸗ rung der Damen; drei huͤbſche Frauen wurden ohn⸗ maͤchtig; Amanda ſchluchzte.— Sie bewundern nicht, Couſin? Im fuͤnften Akt: General⸗Confuſion, ein unauf⸗ loͤsliches Gewirr von Ehebruch und Blutſchande; Vaͤ⸗ ter, Muͤtter, Gatten, Frauen, Toͤchter, Schwiegerſoͤhne, — 34 Kinder/ Freunde, Nachbarn, Gevattern, Bedienten, Alles durcheinander, ich glaube ſogar der Souffleur. Das Ge⸗ woͤlbe drohte unter dem donnernden Beifall einzubrechen. Der mißgeſtaltete Wahnſinn dieſer tollen Leidenſchaften, dieſer ſcheußlichen Orgien der Ausſchweifung, war von den geſchminkten Schauſpielern auf die Zuſchauerinnen uͤbergegangen, auf die krampfhaft zuckenden Zuͤge der Frauen jedes Alters, junger Maͤdchen und Muͤtter, Gattinnen und Braͤute,— die Haͤlfte des Saales war trunken— die andere betaͤubt. Man ſah die Nerven beben um Amanda's Mund, der, ach! noch mit kind⸗ lichem Reize prangte; ihr jungfraͤuliches Auge, das ih⸗ res Alters reiner Glanz ſo ſchoͤn belebte, ſchwamm in Thraͤnen, und ihr iugendlich friſcher Buſen, den eine unſchuldige Liebe vielleicht nicht einmal geſchwellt haben wuͤrde, ſtuͤrmte unter dem gluͤhenden Eindrucke des Laſters, das nackt auf die Buͤhne geworfen wurde. Der kleine Vetter war purpurroth, und ſeine Scham, als junger Liebhaber in Gegenwart ſeiner Verlobten dergleichen zu ſehen, trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Man trocknete ſeine Augen, legte die Shawls um und druͤckte ſeine Bewegung aus. — Ach! Mamal welches Intereſſe! Welche Wahr⸗ heit! Welche Frauenliebe! Wie ſo ganz Natur!— Sieh nur, wie ich geweint habe! — Sie ſehen, kleiner Couſin, wie meine Tochter 35 gefuͤhlvoll iſt, welche empfindliche Nerven ſte hat. Die arme Amanda! Sie verſteht das Alles. Nicht wahr, Kind? — Ach, Mama! welch' entzuͤckender Abend! Wir muͤſſen das Stuͤck noch einmal ſehen. Am folgenden Morgen erſchien der kleine Vetter nicht zum Fruͤhſtuͤck. — Er ſchlaͤft noch.— Geh' hinauf, Joſeph, und rufe ihn! 3 — Madame, das Zimmer des Herrn iſt offen, dies Billet lag auf dem Tiſche. — Und er?—. Das Billet gab Antwort. Der kleine Vetter war auf dem Wege nach Avallon. — Der Flegel! — Ereifre Dich doch nicht, Mama! Es iſt ein klei⸗ ner Narr! Hahe keine Furcht, daß ich ohne Mann bleibe! Ich glaube es gern, wahrhaftig! Sie iſt ja ſo huͤbſch, die Amanda!— 1 An demſelben Abende fuͤhrte ſie ihre liebenswuͤrdige Mutter, um noch einen zu ſehen. Viector Ducange. Das Hotel Carnavaltet. Der Sechste, der noch nicht geſprochen hatte, ſtand auf und erzählte auch ſeine Geſchichte. Candide. Tief im Marais, zwei Schritte vom Koͤnigsplatz, iſt noch das Haus, welches ſo lange von Frau von Se⸗ vigné bewohnt wurde. Man bemerkt es an der Ecke der Straße Culture⸗Sainte⸗Catherine oder der Culture⸗ de⸗Sainte⸗Catherine, wie man ſonſt ſagte. Dieſe Kul⸗ tur oder kultivirte Strecke gehoͤrte den Geiſtlichen zu Sanct⸗Katharina, was die Buhlerinnen nicht verhin⸗ derte, hier zu wohnen; denn an derſelben Straßenecke logirte zur Zeit Karls VI. die ſchoͤne Juͤdin, von der ſein Bruder, der Herzog von Orleans, ſo eingenom⸗ men war und an deren Thuͤr der Connetable von Cliſſan erſchlagen wurde, ein beruͤhmter Mord, den unſre Hiſto⸗ riker ſo lebendig erzaͤhlen, daß man dabei zu ſein glaubt. . 37 Man ſieht den großen Connetable in duͤſtrer Nacht, nur mit einem kleinen Huͤftmeſſer bewaffnet, auf ſeinem gu⸗ ten Roß durch die enge oͤde Straße traben. Man iſt mit den Moͤrdern unter dem Schirmdache des Baͤckers verſteckt, wo ſie ihn erwarteten; man hoͤrt den dumpf⸗ krachenden Sturz des Pferdes, das von drei gewaltigen Klingenſtoͤßen durchbohrt iſt, den Fall des Connetable, deſſen Kopf gegen eine Thuͤr ſchlaͤgt, die davon auf⸗ ſpringt, ſeinen Schmerzruf, ſein Aechzen, die Schritte der fliehenden Moͤrder, dann tiefes Schweigen. Hierauf das Geſchrei der Buͤrger, welche mit Fackeln herbei⸗ laufen, barfuß und ohne Kappen, und den Koͤnig, den man geweckt hat, als er ſich eben zu Bette begeben, um ihm den Tod ſeines guten Connetable zu verkuͤn⸗ den, und der, ſtatt den Vorhang wieder zuzuziehen und weiter zu ſchlafen, wie es der Erzbiſchof von Cha⸗ lons gethan, als er Tuͤrenne's Tod vernommen, ſich in einen Mantel huͤllte, die Schuhe anlegen ließ und nach dem Orte eilte, wo, wie man ihm ſagte, ſein guter Connetable eben erſchlagen worden ſei. Zwei Thuͤren weiter, zwei Jahrhunderte ſpaͤter, oͤffnete ſich beim grauenden Tage das Haus einer an⸗ dern Buhlerin, und ein Mann trat heraus, den Man⸗ tel uͤber dem Geſicht, und ſchluͤpfte laͤngs den Mauern von dannen. Das Haus war wohlbekannt: es war das der ſchoͤnen Romaine, des beruͤhmteſten Freuden⸗ maͤdchens zu Heinrichs II. Zeit; der Mann war auch 38 wohlbekannt, er nannte ſich Karl von Lothringen, Herzog von Guiſe, Cardinal, Erzbiſchof, der kuͤhnſte, beredſamſte, laſterhafteſte Mann ſeiner Zeit. Seine Leibwache, die ihn nie verließ, ſelbſt nicht am Altar, wo ſie den Pulver⸗ und Luntengeruch in die Duͤfte des Weihrauchs miſchte, war nur davon entbunden, ihn an aͤhnliche Orte zu geleiten. Ihm war dabei nicht wohl, denn er konnte das Schickſal des Connetable erleiden und ſeine geheiligte Huͤlle in dieſer gefaͤhrlichen Straße laſſen, wo er die groͤßte Muͤhe hatte, den lauernden Feinden zu entgehen und ſein ſchoͤnes Hotel von Cluny, das dreihundert Hellebarden ſchirmten, zu erreichen. Zur ſelben Zeit, vielleicht den Abend vorher, ſtand in derſelben Straße ein gewiſſer Jean Goujon auf einem Geruͤſte, und war damit beſchaͤftigt, die Vorder⸗ ſeite eines neugebauten Hauſes auf ſeine Weiſe mit ar⸗ tigen Figuren zu zieren. Es war am Hotel Carnavalet, wo der gute Bildhauer arbeitete. Jean Goujon ſtarb, wie zu ſeiner Zeit und vor ihm faſt Jeder ſtarb, wie die Connetables, die Cardinaͤle, die beruͤhmten Maͤnner und die, welche ſpaͤt durch die Straße Culture⸗de⸗ Sainte⸗Catherine zogen ſtarben. Er bekam ſeinen Hakenſchuß bei der Bluthochzeit ſo gut wie die vielen andern Ketzer. Den Morgen nach der großen Nacht ging Jean Goujon, wie gewoͤhnlich, zu ſeinem Geruͤſt am alten Louvre, wo er eben ſeinen ſchoͤnen Karyati⸗ den⸗Sagal vollendet; der Kuͤnſtler nahm ſeinen Meißel 39 und begann friedlich am aͤußern Fronton zu arbeiten, zwei Schritt vom Fenſter des guten Koͤnigs Karls IX., zwei Schritt von dem Fluſſe, der ganz roth gefaͤrbt war mit dem Blute der Proteſtanten. Er bildete auf den noch von geſtern feucht geroͤtheten Mauern ſeine lachenden leichten Nymphen, ſeine anmuthigen Kinder und Sylphen⸗Figuren, ohne ſich von den Piſtolen⸗ und Hakenſchuͤſſen, noch von dem Geſchrei und Geheul ſtoͤren zu laſſen, das uͤberall auf den Wegen der Moͤr⸗ der erſcholl: denn er glaubte, die Kunſt muͤſſe die Glaubensmeinung ſchirmen, und er, der als Proteſtant nicht angeſtanden, aus Liebe zu dieſer theuren Kunſt, den Triumph des Allerheiligſten uͤber das Kreuz der unſchuldigen darzuſtellen, er koͤnne vom Schwerte der Katholiſchen Nichts zu fuͤrchten haben. Dem armen Bildhauer war es unbewußt, daß die Beredſamkeit Namus nicht in ſeinem Kollegio von Presles geſchirmt hatte, als der Fanatismus die Thuͤren erbrach, daß Ambroſius Paré ſeine Rettung nicht der Wiſeenſchaft, ſondern nur der ſchaͤndlichen Krankheit Karls IX. ver⸗ dankte. Wie alle großen Kuͤnſtler, verſtand Jean Gou⸗ jon Nichts von den Angelegenheiten ſeines Jahrhun⸗ derts; eine Kugel aus einer Hakenbuͤchſe, welche ihm die Nieren zerriß, belehrte ihn, daß er es falſch erkannt hatte. Der franzoͤſiſche Phidias ſtel von ſeinem Geruͤſte, vielleicht als Opfer irgend einer verabſchenungswerthen Eiferſucht; vielleicht fuͤhrte ein obſcurer neidiſcher Bild⸗ 4⁰ hauer den Arm des Moͤrders, wie Jaeques Charpentier die Meuchler des Lateinerlandes zu Ramus Strohlager gefuͤhrt. Gleichviel! Er ſtarb vor ſeinem Werke und ſeinem Ruhme, und die Koͤnigin mit ihren Frauen ponnten auch ſeinen Leichnam mit unverſchaͤmter Neu⸗ gier unterſuchen, und ſich uͤberzeugen, ob Jean Goujon, der alle Kraft des Genies beſeſſen, auch als Mann hochbegabt geweſen war. Damit iſt Alles geſagt; ſeine geliebten Freunde und Schuͤler, Germain Pilon, Pierre Lescot, Bullant, vergoſſen im Voruͤbergehen einige Thraͤnen bei dem Leichnam ihres Meiſters; aber ihnen fehlte der Muth, einen Marmor fuͤr ihn auszuhauen. Der Wiederherſteller der Bildhauerkunſt in Frank⸗ reich fand nicht Einen befreundeten Meißel, um ſei⸗ nen großen Namen in einen Stein zu graben, und ſein Epitaphium ſtand nur auf dem Regiſter der Stadtunkoſten, mit dem der zwoͤlfhundert Opfer, welche man aus dem Fluſſe gezogen, und mit zwanzig Tha⸗ lern in das Buch geſchrieben, die man den Todten⸗ graͤbern fuͤr ihr Verſcharren gezahlt hatte.— Gluͤck⸗ licherweiſe hatte Jean Goujon die Frieſen des Hotels Carnavalet vollendet; Diana von Poitiers durch ſeine wundervolle Seulptur im Schloß Anet verherrlicht, die Tribune des Schweizerſaals und das Thor Saint⸗ Antoine mit Basreliefs uͤberzogen und den Spring⸗ brunnen der Unſchuldigen mit ſeinen fuͤnf naiven koͤſt⸗ lichen Najaden geziert. Fraget nicht, was aus dem 41 Hotel C Carnavalet nach Jean Goujons Tode geworden! Das Hotel Carnavalet weckt in mir nur zwei Ideen die Erinnerung an Jean Goujon und an Frau von Sevigné, das Erwachen der Kuͤnſte unter Heinrichs II. Regierung und den geiſtreich feinen Geſchmack am Hofe Ludwigs XIV. Wenn ihr einen Tag einmal Richts zu thun habt, ſo lenket eure Schritte nach den großen oͤden Boule⸗ vards des Viertels Saint⸗Antvine, dort verfolgt die Straße der Minimes, und ihr werdet vor dem Kloſter jener Kapuziner voruͤber kommen, welche ſich Minimi nannten, die Kleinſten von Allen. Dies Kloſter, ſonſt ſo beruͤhmt durch feine Meſſe, den Zuſammenfluß des Schwert⸗ und buͤrgerlichen Adels, des ganzen Luxus und Stolzes jener Zeit, iſt eine Kaſerne geworden. Ein Municipalgardiſt ſchlaͤft und raucht an der Stelle, wo Frau von Sevignè ſich taͤglich auf die Knie warf, und koͤſtlich fuͤr ihre Tochter betete, mit lauter Stimme, damit man es hoͤren konnte. Alles iſt entweiht an dieſem Orte, gehet voruͤber; ſchon an der Ecke der naͤchſten Straße werdet ihr unwillkuͤhrlich durch Jean Goujons Figuren gefeſſelt werden. Ueber der hoch gewoͤlbten Pforte iſt ein leichtes weibliches Weſen mit flatterndem durchſichtigen Ge⸗ wande wie Jcan Gouijons Najaden, zierlich, lachend und ſchlank wie alle ſeine Figuren, auf einem einzigen Fuße ſtehend, und dieſer Fuß auf eine huͤbſche Maske 2 ½* 42³ geſtuͤtzt. Unter der Maske, welche, wie ich annehme, einen Theil des redenden Wappens der Carnavalets aus⸗ machte, iſt ein vom Hammer zerſtoͤrter Schild, wo ſich gewiß das ſchwarz und weiße Wappen der Sevignés unnd die vier Kreuze der Rabutins befanden, auf die der Graf von Buſſy ſo ſtolz und eiferſuͤchtig war. Loͤwen, Victorien, roͤmiſche Schilde und Fama's dehnen ſich in langen Basreliefs zu jeder Seite der Thuͤre, welche ein Kuͤnſtler von ſchlechtem Geſchmack zu Lud⸗ wigs XIV. Zeit in Muſchelwerk gearbeitet hat, in wurmfoͤrmigen Quadern, wie der architektoniſche Ausdruck beſagt, der nicht minder barbariſch iſt als die Sache. Eine ſchoͤne Zier! Sie macht einen wun⸗ dervollen Effekt uͤber dem Thore Saint⸗Martin, wo Desiardins ſeine Steinvermikel rings um Ludwig XIV. geworfen, der Herkules Saͤule und Kaſſanders Perruͤcke traͤgt; auch iſt ſie an ihrem Platze auf dem Triumph⸗ bogen, der von den Sicambrern errichtet ſcheint, zu Ehren des großen Attila bei der Ruͤckkehr von der Ver⸗ heerung einer edlen roͤmiſchen Stadt; aber neben Jean Goujons Sculptur, ſo ſinnreich ſie auch ſein moͤge, bleibt ſie ein Sacrilegium. Es liegt etwas ſo Mildes, Ruhiges, Sanftes in den Zuͤgen der Bewohner dieſes Theils vom Marais, daß ſie nicht zu der Generation dieſes Jahrhunderts zu gehdren ſcheinen. Indem ich eine der beiden kleinen Pforten des Hotels Carnavalet uͤberſchritt, befand ich mich in der Gegenwart einer ſolchen Geſtalt, des Pfoͤrt⸗ ners. Alles kam der Illuſion zu Huͤlfe; das Haus, welches jetzt, wie der Anſchlag beſagt, eine von der Univerſitaͤt autoriſirte Penſion iſt, war leer und oͤde. Es war die Zeit der Ferien; Lehrer, Schuͤler, Diener, Alles war entflohen, feierliche Stille herrſchte in dem weitlaͤufigen Gebaͤude, und nur die langen weißen Vor⸗ haͤnge, welche in der Sonne wehten, zeigten an, daß es nicht unbewohnt war. Einen Augenblick war ich verſucht, dieſe gute Geſtalt aus der alten Zeit, welche mich an der Thuͤr empfing, zu fragen, ob Frau von Sevigné zu Hauſe ſei, oder in Grignan, auf ihrem Gute des Rochers oder in Bourbilly? Aber bald ſtoͤrte mich Etwas in meiner Illuſion: das war die Stimme eines ungluͤcklichen Schulfuchſes, der zwei bis drei noch ungluͤcklichern Kindern den Quintus Curtius erklaͤrte. Ich erinnere mich, daß ich fruͤher auf dem Collegio ſehr ſelten die Ferien uͤber verreiſte, und daß es grade dieſer fatale Quintus Curtius war, den ich waͤhrend jener Tage der Ruhe und Erheiterung uͤberſetzen mußte. Die innere Bewegung, welche ich in dieſem Hauſe ſuchte, wurde durch eine andre lebhaftere, aber ich kann nicht ſagen angenehmere, verdraͤngt. Ich erwartete nicht, meinen perſoͤnlichen Feind, den Quintus Cur⸗ tius, im Kloſet der Frau von Sevigné zu finden. Der Hof iſt ſchoͤn, das Haus groß, von Außen ganz mit Jean Goujons ſchoͤnen Figuren geziert, welche die 44 Kuͤnſtler des großen Jahrhunderts uͤberall verdorben haben. Ein grazidſes Fronton erhebt ſich im Hofe hin⸗ ter der Pforte, es iſt uͤberragt von einer Galerie, welche ſonſt eine Terraſſe kroͤnte; aber auf dieſer Terraſſe hat man Boͤden mit Bedachung erbaut, wie man auf die Frieſen des großen Bildhauers Heinrichs II. plumpe Figuren von den Monaten, unter den Zeichen des Thierkreiſes, geworfen. Iin Innern iſt Alles verſchwunden, Vergoldung, Fachwerk, Getaͤfel, Nichts geblieben. Ach! wie jetzt das Haus iſt, wuͤrde ſich Boileau ſehr wohl darin befinden. Nicht das kleinſte Feſton, nicht das geringſte Simswerk! Man ſteigt eine große Treppe hinauf, welche nicht einmal ihr gothiſches Gelaͤnder mehr beſitzt und laͤuft durch unabſehbare weiße Schlafſaͤle, mit Kalk uͤber⸗ ſtrichen, der auch das kleinſte Andenken vertilgt hat. Endlich, nachdem ich dieſe langen moͤnchiſchen Anſtal⸗ ten durchſtreift, welche nicht erlaubten, ein beſonderes Zimmer oder einen Saal zu erkennen, in dem Augen⸗ blicke, wo ich mich, ſehr verdruͤßlich uͤber meinen Be⸗ ſuch, entfernen wollte, ſagte der gute Paͤdagog, der ſeinen Quintus Curtius und ſeine Bengel verlaſſen, um mich zu fuͤhren, ganz nachlaͤſſig auf der Schwelle des Vorzimmers:„Auf dieſer Seite iſt noch ein kleines Kabinet. Wuͤnſchen Sie es zu ſehen?“— Ich ging nach dem Kabinet. Stellt euch meine Freude vor! In dieſem Kabinet fand ich Frau von Sevigné ganz und gar wieder. Zuerſt iſt das Kabinet klein und quadratiſch, es hat 45 zwei eingefugte Doppelfenſter, gut erhalten, mit plum⸗ pen Eiſenbalkons, welche mit jenen guten Verzierungen uͤberladen ſind, die einen ganzen Zeitraum ausſprechen. Gemaͤlde, Schnitzwerk, Karnieße fehlen, wie uͤberall; aber ein kleines altes Marmorkamin hat ſich unange⸗ taſtet erhalten, und ſobald man ans Fenſter tritt, ſcheint es, als ſaͤhe man das ganze Treiben und hoͤrte das ganze Geſchwaͤtz jener Zeit. Aus dem einen Fenſter taucht euer Blick in den großen Garten des Hotels Lamoignon, mit ſeinen Truͤmmern von Statuen und Vaſen und ſeinen Cascadenreſten. An dem Fenſter eines unter Heinrich II. erbauten Hauſes betrachtet ihr nach Gefallen ein unter Franz I. erbautes Hotel, das man, wie das Haus, wo ihr ſeid, unter Ludwig XIV., obſchon vergeblich, zu vollenden getrachtet. Das muß ich euch noch ſagen, das Hotel Carnavalet iſt unvollen⸗ det, außerdem, daß es wegen ſeines zwiefachen Stils unfoͤrmlich iſt. Man ſieht wohl, daß man von Zeit zu Zeit verſucht hat, das große Gebaͤude weiter zu foͤrdern. Ein aufmerkſames Auge koͤnnte die Jahrzahlen daran erkennen.— Hier iſt ein Fluͤgel, den Frau von Se⸗ vigné mit dem Nachlaß des guten Abts von Conlanges erbaut, dort ein andrer, mit dem des Biſchofs von Chalons angefangen; aber es mußte bald inne gehalten werden, das Lanzknecht und die Ausſtattung der Frau von Grignan verhinderten, dieſe Fagade hoͤher aufzufuͤhren; dann kamen die Verſchwendungen und Campagnen des 46 jungen Barons; die Champmelé hat Alles verzehrt, was an dieſem erſten Stockwerk fehlt, und das zweite iſt zur Equipage des ſchoͤnen Faͤhnrichs verwendet woͤrden, als er ging, ſeinen Muth auf Candia zu zeigen. Ein echter wahrhafter Edelmann, dieſer Baron von Se⸗ vigné, der nur noble Paſſionen hatte, den Ruhm, das Spiel und die Maͤdchen! Gewiß war es kein dergleichen Geſchmack vorneh⸗ mer Familien, der der Vollendung des Hotels Lamoignon Hinderniſſe in den Weg legte. Flechier hat die Familie der Lamoignons mit einem Fluſſe verglichen, der, in zahl⸗ loſe Arme getheilt, ſich ein neues Bett graͤbt und ſich uͤber alle Fluren verbreitet, ohne von ſeinem Ueberfluß und der Reinheit ſeiner Wellen etwas zu verlieren; ein ſo wahrer Vergleich, als er edel und ſchoͤn iſt. In dieſem alterthuͤmlichen Hauſe koͤniglicher Richter truͤbte keine Unruhe, keine Verwirrung, keine Verlegenheit die Heiterkeit der Tage und den Schlaf der Naͤchte. Man vererbte von Vater auf Sohn ein ehrenvolles, arbeitſames, ruhiges Leben. Der Praͤſident von La⸗ moignon folgte dem Praͤſidenten von Lamoignon, wie der Koͤnig dem Koͤnige; dieſer große Name, dieſer ge⸗ lehrte ernſte Mann ſaß immer uͤber den Lilien der erſten Kammer, unter Heinrich II. wie unter Heinrich IV. und Ludwig XIV. Zu jeder Stunde konntet ihr in ſeine alte Wohnung gelangen; Nichts wechſelte darin, nicht einmal der Herr. Jederzeit brauchte der Klaͤger nur 47 an die große Pforte mit den majeſtaͤtiſchen Ringen zu klopfen, vom Anbruch des Tages an war ſie denen offen, welche Gerechtigkeit verlangten, und, wie ein großer Red⸗ ner am Grabe des Praͤſidenten Guillaume geſagt, man kam nie zur boͤſen Stunde. Wuͤrdevolle, gut gekleidete La⸗ kaien, aber fern von Unverſchaͤmtheit und Prunk, wa⸗ ren ſchon auf und wachten an der Thuͤre des geraͤumi⸗ gen Kabinets, wo ihr Herr beim Schein einer Lampe, deren ſterbendes Licht mit dem erſten Tagesſchimmer rang, Prozeſſe und Rechtsſachen ſtudirte und ſich mit aller Kraft ſeiner Einſicht, ſeines Gewiſſens und ſeines Verſtandes vorbereitete, getreulich Recht zu ſprechen. Wenn dann der Tag gekommen war, ſetzte, der Zeit und Sitte gemaͤß, das ſtrenge Familienoberhaupt den Fuß in den Buͤgel ſeines Maulthiers, oder er ſtieg in ſeine Karoſſe, von ſeiner grauen Livree begleitet, um ſich nach dem Tribunal zu begeben und dort alle ſeine Zeit fuͤr die Ruhe der Buͤrger, fuͤr die Erhaltung ihrer Ehre und ihres Vermoͤgens zu opfern. Nur in den Tagen der hohen Feſte, zur Zeit der Gerichtsferien, war das Hotel Lamoignon, das Hotel Dagueſſeau ver⸗ ſchloſſen und leer; die Oberpraͤſidenten gingen nach ihren ſchoͤnen Ruheſitzen Baville und Fresnes, um ſich der Laſt ihrer Wuͤrde zu entledigen, in der Mitte der Ihrigen munter und froh zu ſein, ſich ohne Zwang den laͤndlichen Vergnuͤgungen zu uͤberlaſſen und zur Zerſtreuung die Zwiſte der Bauern zu ſchlichten, nach⸗ 48 dem ſie Streitigkeiten der Fuͤrſten und Herren und der großen Familien beigelegt hatten. Welche Hinterlaſſen⸗ ſchaft auch von Groͤße und Reichthum, von Wohlſein und Gluͤck! So groß, daß ſie noch inmitten der Rui⸗ nen ihrer Wohnungen hervorglaͤnzt, daß aus all' den verfallenen Steinen Zeugniſſe eines unerhoͤrten Ver⸗ moͤgens entſpringen, eines Glanzes, der ſich Jahrhun⸗ derte lang nicht einen Moment vermindert hat! Aus dem Fenſter des Kabinets der Frau von Se⸗ vigné bemerkt ihr die großen Baͤume, die eine kunſt⸗ reiche Hand ferner nicht mehr in Schranken haͤlt und ausputzt, und die aus Uebermaß der Lebenstriebe und Saͤfte verkommen, die, wie unſre Generation, ab⸗ ſterben aus Mangel an Regeln und Stuͤtzen in ihrer Freiheit. Ihr ſeht breite Mauerwaͤnde, hohe Fenſter, ungeheure Pavillons, eine ſtumme zerbrochene Uhr, einen leeren zerſchlagenen Wappenſchild, und wie aus bitterm Hohne der Zeit, welche dieſes lange gluͤckliche Geſchlecht herauszufordern geſchienen, iſt nur hier und da an der Fagade eine moderne Verzierung geblieben, durch irgend einen ſpaßhaften Bildhauer erdacht. Ein Kuͤnſtler aus Ludwigs XIV. Zeit, wie ſein Stil ihn be⸗ kundet, von den Lamoignons beauftragt, das Haus zu verſchoͤnern, hat es mit wunderlichen Fratzen decorirt, die von plumpen Rathsherrlein gebildet werden, deren Kragen und Maͤntel ſich als Fledermausfluͤgel uͤber ihre Koͤpfe hinausdehnen, und von Gewuͤrzduͤten, welche, ſinn⸗ — 49 ſinnreich angebracht, dieſe wie zwei lange Hoͤrner uͤber⸗ ragen. Die Kuͤnſtler haben ſolchergeſtalt oft ihrer ſati⸗ riſchen Ader gegen die, welche ſie in Arbeit ſetzen, freien Lauf gelaſſen— ſo ſteht man in den Glasſcheiben der Kapelle zu Corvey in Weſtphalen die obſeoͤnſten und unzweideutigſten Beleidigungen gegen die Großwuͤrden⸗ traͤger der Kirche. Ich habe geſagt, das Kabinet hat zwei Fenſter. Das zweite ſchaut auf einen Garten des Hotels Car⸗ navalet. Der Garten iſt gegenwaͤrtig ein Hof, wo die Schuͤler mit dem Kreiſel und Ball ſpielen, wo ſich die hoffnungsvolle Jugend ſchimpft und pruͤgelt. Es ſtehen nur noch zwei große Sycomorebaͤume, welche von Frau von Sevigné gepflanzt ſind, hat man mir geſagt. Ihre breiten, dunkelglaͤnzenden, zackigen Blaͤtter ragen in die benachbarte Straße und bilden ein ſchattiges Schirm⸗ dach uͤber dem Pfoͤrtlein des Gartens. Dies letztere iſt verſchloſſen, die Riegel und Angeln ſind eingeroſtet; ſie oͤffnet ſich niemals, die unnuͤtze Thuͤre, der Schluͤſſel dazu iſt vielleicht in dem letzten Leibrocke des Barons von Sevignè ſtecken geblieben, und ſeitdem hat Niemand daran gedacht, ihn zu fordern oder zu gebrauchen. Wie viel Mal mag der Baron von Sevigne, wenn er die Straße der Tournelles verließ und ſich aus Ninons Hauſe ſtahl, um heimlich in das ſeinige zu ſchluͤpfen, dem Praͤſidenten von Lamoignon an dieſer kleinen Thuͤre behegidt ſein! Der ausgelaſſen froͤhliche Gendarme⸗ 4.’. 3 50 Dauphin, bleich nun, abgeſpannt und verſtoͤrt, durch Liebe und Spiel ruinirt, mit verwilderter Peruͤcke und zerknitterten Baͤndern, waͤhrend der ernſte Praͤſtdent auf ſeinen Zuͤgen die ganze Heiterkeit einer ruhigen Nacht trug und mit hellem friſchen Auge, das Sammet⸗ kleid wohl zugeknoͤpft, zur Morgenaudienz um ſieben uhr ging. In Wahrheit, die Unveraͤnderlichkeit des Hotels Lamoignon hatte etwas Aehnliches mit dem Zauber in der Straße der Tournelles, wo auch Nichts zu Ende ging, wo die Generationen voruͤber wandelten, ohne dem Fraͤulein von Lenclos einen Reiz zu rauben, ohne ihr eine Runzel zuruͤckzulaſſen! Als fuͤnfundzwan⸗ zig Jahre fruͤher die junge Marie von Rabutin, ſtolz auf ihre Schoͤnheit und Friſche, aus der Provinz kam, um ſich in die Vergnuͤgungen und Beſorgniſſe der Fronde zu ſtuͤrzen, ſah ſie ihren Gemahl den Weg nach jenem verhaͤngnißvollen Hauſe nehmen und ſein Leben und ſeine Zukunft zu Ninons Fuͤßen vergeuden. — Wie gefaͤhrlich iſt dieſe Ninon! rief ſie fuͤnfund⸗ zwanzig Jahre ſpaͤter, als ſich das huͤbſche Maͤdchen in eine geiſtreiche Frau, die junge, auf ihren Gemahl eiferſuͤchtige Frau in eine um ihren Sohn beſorgte Mutter verwandelt hatte. Auch ihr Sohn hat den Weg nach der Straße der Tournelles gefunden, er bringt dort Tag und Nacht zu; auf dem Kiſſen, wo ſein Vater kniete, liegt auch er auf Knieen zu Rinons Fuͤßen, auch ſeine Lippen heften ſich auf ihre immer noch weichen, „ 51 weißen Haͤnde, und er hat von dem Bette der ſchoͤnen Lenelos Beſitz genommen, wie von ſeinem Erbtheile. — Wie gefaͤhrlich iſt dieſe Ninon! haͤtte wiederum fuͤnf⸗ undzwanzig Jahr ſpaͤter Frau von Sevigné rufen koͤn⸗ nen, denn jetzt hatte der Enkel die Stelle des Vaters und Großvaters eingenommen; Haus, Boudoir und Bett in der Straße der Tournelles oͤffneten ſich noch⸗ mals einem Sevigné, und die ewige Ninon, immer wolluͤſtig, immer anziehend und angebetet, ſchien dies zu Ende gehende Geſchlecht zu verſpotten und ſich zu beklagen, daß ſie nicht eine vierte Generation in ihre Feſſeln werfen konnte.. Wenn die arme Frau von Sevigné wenigſtens den vertrauten Mittheilungen haͤtte entgehen koͤnnen! Aber wenn ſie die Nacht zugebracht hatte, ſich zu betruͤben und zu berechnen, wie viele ſie von ihren ſchoͤnen Eichen und großen Kaſtanienbaͤumen in der Bretagne ſchlagen muͤßte, um den Verluſt zu decken, den ihr Sohn eben im Baſſetſpiel erlitt, ſo kam der Baron, ſie in dieſem Kabinet aufzuſpuͤren, und erzaͤhlte ihr ohne Erbarmen ſeine ſpaßhaften Liebesabenteuer und naͤcht⸗ lichen Geſchichten.—„Er erzaͤhlt mir alle dieſe Thor⸗ heiten,“ ſchrieb die Mutter;„ich ſchelte ihn und mache mir Skrupel, daß ich ſie anhoͤre, und doch hoͤre ich ſie an.— Sie vernahm wirklich ſonderbare Worte fuͤr ein Mutterohr! Auch konnte ſie ſich nicht halten, ſie ſchrieb Alles an ihre Tochter. Die Briefe ſind oft 3 ½ 5² recht kurios:„Dein Bruder iſt in einer großen Verle⸗ genheit,“ meldet ſie ihr;„die Krankheit ſeiner Seele hat ſich auf den Koͤrper geworfen und ſeine Geliebten ſind der Art, daß ſie eine ſolche Ungelegenheit nicht mit Ge⸗ duld ertragen— nun, Gott lenkt Alles zum Beſten.“ — Die fromme Intention dieſer Ruͤckkehr zu Gott, iſt ſie nicht bewundernswerth von Seiten der guten Mut⸗ ter? Sie faͤhrt fort, ihren Sohn anzuhoͤren:„Der Ba⸗ ron iſt ſpaßhaft, er ſagt, er will ſich in einem Keſſel mit feinen Kraͤutern kochen laſſen, um wieder etwas zu Kraͤften zu kommen. Noch obenein hat er eine kleine Schauſpielerin und alle Despréaux und Nacines, und bezahlt alle Soupers, kurz, es iſt eine wahre Teufelei.“ Der Baron von Sevigné ſah gewiß recht ſchlechte Geſellſchaft, die Champmelé, Ninon, Molisère, Boileau und Racine; galante Frauen und Maͤnner von Genie, zwei Arten, denen die große Welt nie verzeihen konnte und die ſie ſtets in ihrer Verachtung zuſammenwarf. Jene Frauen ſtehen noch etwas in Beruͤhrung mit dem Geſchmack und den Ideen der Geſellſchaft, auch, was die Schauſpielerin und Ninon betrifft, ſo beklagt ſich Frau von Sevigné immer nur ſcherzhaft uͤber ſie; ſie fuͤhlt unwillkuͤhrlich einen Schatz an Nachſicht fuͤr jene Laſter und Vergehungen in ſich, mit deren Drange ſie die Natur verſchont hat. Oeffnet noch einen ihrer Briefe an ihre Tochter:„Der Baron iſt noch nicht von jenem Uebel geheilt, das ſeine werthen Geliebten 53 an ſeiner Leidenſchaft zweifeln laͤßt. Er ſagte mir ge⸗ ſtern Abend, daß er waͤhrend der Charwoche ſo ſchreck⸗ lich ſchamlos geweſen, daß er einen wahrhaften Ekel vor Allem bekommen haͤtte, wobei ihm ſonſt das Herz ſprang. Er wagte gar nicht daran zu denken, ſo haͤtte er Luſt zum Speien. Immer ſchiene es ihm, als ſaͤhe er um ſich her ganze Koͤrbe voll Kuͤſſe und anderm Zeuge in ſolchem Ueberfluſſe, daß er gar keine Frau anſehen koͤnne.— Er zeigte mir Briefe, die er der Schauſpielerin wieder weggenommen: ich habe nie ſo gluͤhend leidenſchaftliche geſehen, er weinte, er verging darin.— Wenn er ſchreibt, glaubt er das Alles, und einen Moment nachher moquirt er ſich daruͤber; ich ſage Dir, er iſt Gold werth.“— Aber, wenn es ſich um Racine, Boileau, die kleinen litterariſchen Soupers, die unſchuldigen Auteuilſchen Schmaͤuſe handelt, ſo giebt es nicht ſtarke Ausdruͤcke, nicht laute Klagen genug, um dieſe Ausſchweifungen zu beiammern. Die Sache iſt ſehr einfach und leicht zu begreifen: bei Ninon und der Schauſpielerin gefaͤhrdete er nur ſeine Perſon, ſei⸗ nen Koͤrper und ſeine Geſundheit; in dieſer Affaire wagte er nur ſich ſelbſt, waͤhrend er im Umgange mit Racine und Boileau, im Streit uͤber eine Ariſtoteliſche Regel oder einen Horaziſchen Vers ſeinen Rang und Adel aufs Spiel ſetzte und von ſeinem Stande als Edel⸗ mann herabſtieg. Das Alles bedurfte gar keiner Erklaͤ⸗ rung zur Zeit der Frau von Sevigné. 54 Das ganze Zeitalter Ludwigs XIV. ändet ſich im Geiſt und Charakter, ſelbſt in den Zuͤgen dieſer Frau wieder; das große Zeitalter, welches, wie ſie, unter den Faͤndeln der Fronde beginnt, dieſes Krieges mit Schmutz und Nachttoͤpfen, mit Hungersnoth, Epigrammen, Boudoir⸗Intriguen inmitten der Feldlager und einem noch laͤcherlichern, kleinlichern Ende, als der Anfang war. Ludwig XIV., der ſpaͤter mit ſeinen Jagdſtiefeln den Sammetteppich des Parlaments betrat und mit den Sporen zerriß, floh damals auf einem magern Pferde vor der Macht dieſer Schwarzroͤcke und rannte bis Saint⸗Germain, von Buſſy's Reitern und dem Spotte ſeiner ſchoͤnen Couſine verfolgt, welche uͤber ſein durch⸗ loͤchertes Wamms und ſein Elend lachten, ohne vor⸗ herzuſehen, daß einſt Indien nicht Diamanten genug haben wuͤrde, um das Gewand dieſes Prinzen ohne Titel, ohne Schloß, noch Zuflucht zu zieren, daß er ihn einſt in klaͤglicher Verbannung wuͤrde ſchmachten laſſen, daß er nur eine Menuet mit ihr zu tanzen brauchte, um ſie außer ſich vor Bewunderung zu ſeinen Fuͤßen zu werfen. Der Koͤnig erwuchs, er wurde ſchoͤn, feurig/ leiden⸗ ſchaftlich; Alles reihte ſich um ihn, Alles gehorchte. Buſſy muß ſeine Satire in dunkler Verbannung buͤßen und Frau von Sevigné, welche Menage, ihr Lehrer, aus Verachtung und Eis zuſammengeſetzt gefunden, deren Gemahl nothgedrungen zu Ninon gegangen war, 55 um ſich von dem Froſte ſeines Torus zu erwaͤrmen, welche Buſſy, ihr Vetter, ſo unempfindlich gefunden, welche der Graf von Ludre nicht vermocht, durch ſeine Courtoiſie zu ruͤhren, vor welcher Turenne ſeine zarte Scheu weichen ſehen, wird von der lebhafteſten Leiden⸗ ſchaft fuͤr Ludwig XIV. ergriffen! Wenig fehlt, daß ſie nicht laut das Geſchick der Frau von Monteſpan be⸗ neidet, mindeſtens nimmt ſie ganz den Ton des Zeit⸗ alters an. Die Lacher ſind verſchwunden, aber nicht die Freiheit der Zunge. Die Herzogin von Mazarin, welche man mit ihrem Gemahl vereinigen wollte, ſchrie aus vollem Halſe in Verſailles, wie zur Zeit der Fronde: Kein Mazarin! Kein Mazarin! Wenn ein ziemlich ver⸗ rufenes Ehrenfraͤulein Henriettens von England vor⸗ uͤberging, ſcheute ſich die pruͤde Frau von Lafayette nicht, laut zu rufen, daß ſie friſches Fleiſch roͤche. Frau von Sevigné, ſonſt ſo ſtreng, fand Alles vortrefflich am ſchoͤnſten der Hoͤfe: ſie that ihrem froſtigen Tempera⸗ ment Gewalt an, um nicht zu geſchraubt in dieſer Welt des Genuſſes und der Liebe zu erſcheinen, und ich glaube, daß Buſſy⸗Rabutin bei ihr zum Ziel gelangt waͤre, wenn er ihr die Cour gemacht haͤtte, wie er es zehn Jahre fruͤher ziemlich linkiſch gethan; diesmal haͤtte ſie ihn vielleicht erhoͤrt, um ſich dem guten Ton anzupaſſen; ſie haͤtte ſich ergeben, aus Furcht, gegen den Anſtand zu verſtoßen.. Verſailles veraͤndert ſich. Madame Scarron, mit 56 ihrem ſchwarzen Kopfzeuge und ihrem Wittenmantel, laͤßt ſich auf den Fauteuil nieder, wo die ſtrahlende Monteſpan ihre Roben Gold auf Gold, mit Gold ge⸗ ſtickt und Gold durchwirkt, welche ihr Langlee gab, gusbreitete. Der Koͤnig wird ſchwerfaͤllig, ſkrupulos, froͤmmelnd und ſtreng. Frau von Sevigné, ohne es zu wollen, wird durch den Einfluß, den der Hof ſtets unbewußt auf ſie ausuͤbt, ebenfalls ſtreng, ſkrupuloͤs und froͤmmelnd. Sie verbringt ihr Leben bei den Mi⸗ nimi und den Predigten des Pater Bourdaloue. Die Bewunderung, welche ſie fuͤr die Augen, fuͤr die Beine des Koͤnigs hatte, uͤbertraͤgt ſie ganz und gar auf den Pater Bourdaloue. Sie hat nie etwas Schoͤneres ge⸗ hoͤrt, ſagt ſie, nie etwas Edleres, Erſtaunlicheres, als den Pater Bourdaloue! Sie predigt ihrem Sohn und ihrer Tochter die Froͤmmigkeit, ſie will weder von der Ninon, noch von der Champmelz reden hoͤren, und dieſe Frau, welche taͤglich drei Couriere aus gefuͤhlvoller Zaͤrtlichkeit ermuͤdete, welche Bruſtweh nach Frau von Grignan hatte, welche uͤber die Kolik ihrer Huͤndin Marfiſa weinte, ſie wird begeiſtert durch den Widerruf des Edikts von Nantes, zeigt eine Inquiſitorfreude beim Auto da fe und beklatſcht die Dragonnaden. Gleichwohl war es dieſelbe Frau, welche ihren Freunden, den Janſeniſten, im Ungluͤck eine edle Treue bewahrte, welche den erſten Stein einer Huͤlfskirche zu Port⸗Royal legte, an dem Tage, wo Frau von Main⸗ — — 57 tenon Ludwig XIV. die Zerſtoͤrung von Port⸗Royal hat unterzeichnen laſſen! Schon hatte ſich dieſe Frau allein, mit dem unſchuldigen Lafontaine, an das boͤſe Schick⸗ ſal Fouquets geknuͤpft; ſie hatte ganze Tage, das Ge⸗ ſicht mit der Maske bedeckt, auf einem Dache nahe am Arſenal zugebracht, um den Ober⸗Intendanten, bewacht von funfzig Mousquetairs, voruͤberſchreiten zu ſehen und als ſie von ihrem armen Freunde ein Zeichen der Hand und ein trauriges Laͤcheln erhalten, wankten ihre Knie und das Herz ſchlug ihr ſo ſtuͤrmiſch, daß ſie ihm kaum antworten konnte. Hiernach ſtreitet euch und ſchreibt Baͤnde, ob Frau von Sevigné ihre Tochter ge⸗ liebt oder nicht geliebt— als ob es moͤglich waͤre, zu wiſſen, was in dem Herzen einer Frau vorgeht— zumal einer geiſtreichen Frau! Frau von Sevigné hatte geſagt, indem ſie von Frau von Coulanges ſprach, daß der Geiſt in Frank⸗ reich eine Wuͤrde ſey; man kann daſſelbe von ihrer Zaͤrtlichkeit fuͤr ihre Tochter ſagen. Es iſt eine Stel⸗ lung, welche ſie eingenommen hatte, welche ihr die Ehrenbezeigungen und Auszeichnungen der erſten Stel⸗. len eintrug. Welche Oeffentlichkeit auch in dieſer muͤt⸗ terlichen Zaͤrtlichkeit! Am Hofe, in der Stadt, traͤgt man ſich die Briefe der Frau von Sevigné an ihre Tochter, wie die Zeitungen, zu. Ihre Tochter vermaͤhlt ſich. Sie wirft ſich vor ihrem Eidam auf die Knie: „Herr Graf! um des Himmels Willen, ſchonen Sie 58 meine Tochter! Sie ſtehen mir mit Ihrem Kopfe fuͤr meine Tochter, Herr Graf!“ Ihre Tochter reiſt nach Lyon. Sie faͤllt dem Fuhrmann um den Hals:„Herr Buſch, um des Himmels Willen, werfen Sie meine Tochter nicht um; Sie ſtehen mir mit Ihrem Seelen⸗ heil fuͤr meine Tochter, Herr Buſch!“ Als ihre Toch⸗ ter abgereiſt iſt, fordert ſie ſie von ihrem Eidam, von der Gouvernante, von den Staͤnden der Provence, von der Koͤnigin und der ganzen Welt zuruͤck, und wenn ſie wiederkommt, zanken ſie ſich, quaͤlen ſich, aͤrgern ſich zu Tode; ſie koͤnnen nicht zuſammen leben. Fern ſei der Gedanke von mir, das Herz einer Mutter in Arg⸗ wohn zu ziehen. O ich zweifle nicht, Frau von Se⸗ vigné hatte große Luſt, Frau von Grignan zu lieben; ſie hatte ihr Leben dazu eingerichtet, es mit dieſer lan⸗ gen Zaͤrtlichkeit auszufuͤllen, es iſt nicht ihr Fehler, der liebenswuͤrdigen Frau, wenn ſie in dem Gegenſtande ihrer Anbetung eines Morgens ein ſteifes, ſelbſtfuͤchti⸗ ges, pedantiſches Geſchoͤpf ſindet, das oft die Mutter vergißt, um ſich mit Vater Descartes Carteſius zu be⸗ ſchaͤftigen, das ſich von ihr entfernt, um ſich Pelagius und Sanct⸗Auguſtin zu naͤhern, Parthei fuͤr Herrn von Cambrai und Herrn von Meaux gegen Claude und Arnaud nimmt und ſich ſo heftig uͤber die fuͤnf himm⸗ liſchen Liehen in Spitzfindigkeiten ergießt, daß ihr in⸗ mitten all' dieſer Controverſen keine Muße zur kind⸗ lichen Liebe bleibt. Frau von Sevigné that nun, was 7 59 jede andre geiſtreiche Frau an ihrer Stelle gethan ha⸗ ben wuͤrde; ſie fuhr fort, ihre Tochter mit Heftigkeit zu lieben, um nicht ihre Gewohnheiten zu wechſeln, und ihre muͤtterliche Zaͤrtlichkeit ging im Salon des Hotels Carnavalet, im Hotel von Sens und in Verſailles ihren Zug fort. 3 Aber bei verſchloſſenen Thuͤren kam ſie, denk ich, auf ſeltſame Weiſe zu ſich ſelbſt und das kleine Kabi⸗ net, wo ich mich geſtern befand, mag oft Ausrufungen vernommen und von Zeichen der Ungeduld ertoͤnt ha⸗ ben, welche die ſchoͤnen Seelen, welche im vollen Ver⸗ trauen die hier geſchriebenen ſechs dicken Baͤnde Briefe leſen, bedeutend in Erſtaunen ſetzen wuͤrden. Was mich betrifft, ſo zeige ich wahrlich eine eben ſo große gut⸗ muͤthige Einfalt, indem ich dieſe gewichtige Frage be⸗ ruͤhre, welche das Entzuͤcken und die Qual der Littera⸗ toren des Kaiſerreichs ausmachte. Wenn ſie ſich vor dem ſechszehnten Jahrhundert gezeigt haͤtte, vortrefflich! Zur Zeit, wo Pater Kirchmann ſeinen plumpen Traktat uͤber die Ringe, Balduinus uͤber das Schuhwerk ſchrieb, waͤre ein Gelehrter alsbald in ſein Dachkaͤmmerlein ge⸗ ſtiegen, haͤtte ſich ſchnell die Feder geſchnitten und nach zwei Jahren der Einſamkeit und Arbeit waͤre er herab⸗ geſtiegen, eine furchtbare oͤlbefleckte Theſis in der Hand, durch welche er bewieſen haͤtte, daß Frau von Sevigné ihre Tochter ſehr geliebt und daß dieſe Tochter Frau von Grignan geheißen. Aber uns, die ernſten Maͤn⸗ ner mit kaltem Kopfe, was kuͤmmert es uns? 60 Indem ich mir ſo die unnuͤtzen Dinge ſagte, mit denen ich dieſe Seiten gefuͤllt, ging ich die großen Zimmer des Hotels Carnavalet durch, welche voll eiſer⸗ ner Bettſtellen ſind, und auch das Schlafgemach, wel⸗ ches ein Prokurator des Chatelet zu Ludwigs XV. Zeit in Grau gemalt, um nicht durch Gemaͤlde von Hyazinth Rigaud und Lebrun in ſeinen Prokurator⸗Traͤumen ge⸗ ſtoͤrt zu werden. Alles, was mir gefehlt, indem ich dies Gebaͤude be⸗ trat, tauchte jetzt in meinen Gedanken auf, mit friſchem, glaͤnzendem Colorit. Ich ſah die ganze alte Geſellſchaft wieder, nach der ſich ſaͤmmtliche Hoͤfe und Geſellſchaf⸗ ten von Europa gebildet haben, ich erſtaunte, daß ich beim Eintritt nicht gleich die ſchweren Vergoldungen, die majeſtaͤtiſchen Gemaͤlde bemerkt, die Tapeten, die geraͤumigen Fauteuils, die Armleuchter und das ganze großartig prunkende Geraͤth, mit dem dieſe Mauern uͤberladen ſiad. In dem Nebenzimmer glaubte ich das geiſtreich freie, ausgelaſſene Geplauder der Frau von Coulanges, der Saint⸗Aignan zu hoͤren, das Stottern der Herzogin von Ludre, das helle Lachen des Abbé und des Herzogs von Larochefoucauld ernſte, feine Rede. Die Fluͤgelthuͤren oͤffneten ſich. Es iſt der Kardinal von Retz, der Groß⸗Coadjutor, Arm in Arm mit dem Kanzler Seguier, mit Pierrot, wie man ihn an dieſem Ort der guten Laune nennt; Parlament und Kirche haben unter dieſem abſoluten Koͤnigthume nichts weiter — — —-— — 61. zu thun, als zuſammen zu promeniren und zu plaudern. Wer kommt außer ſich vor Lachen durch das mit La⸗ kaien angefuͤllte Vorzimmer? Es iſt der Marquis von Pomenars, der nur noch zwei kleine Prozeſſe hat, einen wegen gewaltſamer Entfuͤhrung, den andern wegen Faſchmuͤnzerei. Geſtern ſoupirte und ſchlief er bei dem Richter, der ihn vorgeſtern als Giftmiſcher verurtheilt. Er will den Baron abholen, um die Nacht bei Schau⸗ ſpielerinnen zuzubringen, er iſt vergoldet, geſtickt, par⸗ fuͤmirt, mit Spitzen und Baͤndern bedeckt; morgen wird er bei Bourdaloue beichten, da wird er ſeine blonde Peruͤcke abnehmen und ſich mit Aſche beſtreuen. Wel⸗ ches Geraͤuſch im Hofe! Welche Bewegung! Wie viel Fackeln und Karoſſen! Platz fuͤr den Herrn Prinzen! Platz fuͤr Herrn von Turenne! Platz hauptſaͤchlich fuͤr Seine Eminenz den Herrn von Marſeille, denn man hat ihn den Hagel genannt; er iſt grob und wird boͤſe. Der gute Corbinelli empfaͤngt alle Welt an der Thuͤre, und Frau von Sevigné, auf ihrem Sopha, mit ihrem Hofe, umgeben von Brancas, Latrouſſe und Thianges, glaͤnzend, geſchmuͤckt, den entbloͤßten Buſen mit einer langen Blumenguirlande garnirt, wie ſie Petitot ge⸗ zeichnet, ſpendet Grazie und Geiſt und ſammelt alle Geſchichten, alle Neuigkeiten des Tages, um ſie ihrer Tochter zu melden. Eben wollte ich durch ein Schluͤſ⸗ ſelloch eine jener Converſationen belauſchen, welche mit den letzten Jahren des Zeitalters Ludwigs XIV. ver⸗ 62 ſchwunden ſind, ich wollte mich in das Geheimniß die⸗ ſer edlen ernſten Gedanken ſchleichen, welche mit Tri⸗ vialitaͤt und Frechheit gemiſcht waren, in dieſe Fami⸗ lien⸗Nuͤckſichten, dieſe unſchuldigen Perſoͤnlichkeiten, dieſe grazidſe Unwiſſenheit, welche Menſchen⸗ und Welt⸗ kenntniß faſt dem Wiſſen aͤhnlich machten: Alles Dinge, welche Frau von Sevigné mit ins Grab genommen, als mich Jemand leiſe am Aermel zupfte. Es war mein guter Paͤdagog, der ſeine Schuͤler mit Alerander dem Großen an den ufern des Granikus gelaſſen und Eile hatte, wieder zu ſeinem Quintus Curtius zuruͤck zu kommen.* Der fatale Quintus Curtius! A. Loͤwe⸗Weimars. —— Eilpoſtliebe. — Es war eine Frau, wie man deren viele in Paris, aber auch nur in Paris findet, elegant, ſchoͤn, jung mit dreißig Jahren und reich mit zehntauſend Franken Ein⸗ kuͤnften. Gewoͤhnlich ſind dieſe Frauen reelle Wittwen und haben einen Sohn von ſieben bis acht Jahren in einem der beiden großen Collegien. Zuweilen hat ſie die Heirath zu Baroninnen gemacht, aber ſie ſchoͤpfen daraus keinen Duͤnkel, ſie zaͤhlen zu ſehr auf ſich ſelbſt, um ſich mit einem Worte zu ſchmuͤcken. Sie haben blondes Haar, einen Seidenhut, weiße Naͤgel, einen ſchmaͤchtigen Koͤrper, ſanfte Geſichtszuͤge, Struͤmpfe von ſchottiſchem Garn, Kleider aus der beſten Schneiderin Haͤnde, Battiſtſchnupftuͤcher und ſchwediſche Handſchuh. Ihre ganze Perſon iſt von ausgeſuchter Zartheit, und ſie laſſen einen faſt unmerklichen Duft von tauſend koͤſtlichen Wohlgeruͤchen hinter ſich. Sie bewohnen an 64 1 der Chauſſee d'Antin ein huͤbſches Haus, mit Auswahl moͤblirt, immer mit Blumen geſchmuͤckt, in welchem man einen aufmerkſamen Bedienten, eine gleichguͤltige Koͤchin und eine treuergebene Kammerfrau findet. Sie bringen gewoͤhnlich den Sommer auf dem Lande zu, empfangen Niemand vor Mittag, luſtwandeln zuweilen auf den Boulevards und niemals in den Tuilerien. Sie haben Sonntags einen Platz in Saint⸗Roch und Freitags eine Loge in der Oper. Ehrfurchtsvoll von den Alten begruͤßt, courtoiſirt von den jungen Leuten, viel angeſehen von den jungen Frauen, gehen ſie in die beſten Zirkel, wo ſie als Muſter der guten Geſell⸗ ſchaft ſtudirt werden. Da ſie im hoͤchſten Grade be⸗ ſitzen, was man guten Geſchmack nennt, ſo verachten ſie Louis Philippe's Salons tief, und wenn ſie Herz genug haͤtten, eine politiſche Meinung zu faſſen, wuͤr⸗ den ſie Republikanerinnen ſein. Uebrigens ſind ſie ſehr unwiſſend, leſen wenig, haben eine Kraͤhenſchrift, welche ſie euch bei jeder Gelegenheit auf Bathpapier zuſenden, und wiſſen nur die Orthographie der gebraͤuchlichſten Woͤrter. Ihre Unterhaltung iſt im Allgemeinen nich⸗ tig, aber es liegt in ihrer Sprache etwas Feines, in ihrer Geſellſchaft etwas Duftendes, welches bezaubert und einnimmt. Alles zuſammengefaßt, ſind es Gegen⸗ ſtaͤnde von ziemlich geringem reellen Werthe; man kann ſie als eine Muͤnze betrachten, welche außerhalb des Seine⸗Departements nicht gilt; es iſt endlich ein echt 65 Pariſer Phantaſiegebilde, das jeder Menſch, der ſeinen Gebrauch nicht kennt oder an ſeinen Anblick nicht ge⸗ woͤhnt iſt, trotz ſeiner verfuͤhreriſchen Geſtalt fuͤr unnuͤtz oder verwerflich halten wuͤrde. Wenn ihr einer von dieſen Frauen begegnet, wo es auch ſei, unterweges oder in einem Salon, im Theater oder auf der Straße, ſeid auf eurer Hut, ſonſt werdet ihr acht Tage an ſie zu denken haben; denn ſie erroͤthen nicht mehr, das iſt wahr, aber ſie haben ſuͤße Stim⸗ men wie Engel, Mienen und Blicke, um die ſtoiſchſte Seele zu bewegen! Nun, die, von welcher ich euch am Anfang dieſer Geſchichte geſagt, ſtieg eines Morgens in das Coup der Eilpoſt, wo ich mich befand, um wer weiß wohin zu reiſen; gleichviel. Wir waren allein, die Pferde lie⸗ fen raſch, und der Weg war, ſo viel ich mich erinnern kann, wenig beſucht. Sobald ſie ſich geſetzt hatte, zog ſie grazios ihren Handſchuh ab und ließ ihre Finger zierlich durch ihr Haar gleiten; das wollte mir ſagen, daß ſie ſchoͤnes blondes Haar, lange wohlgebildete Fin⸗ ger und einen großen, nach neueſtem Geſchmack gear⸗ beiteten Ring hatte, nicht mit den haͤßlichen Hunden, welche ungeſchickt hinter haͤßlichen Haſen herlaufen, ſondern mit dem ſchoͤnen herrlich verſchlungenen Laub⸗ werk, wie es die Englaͤnder zu machen verſtehen. Als ich das ſah, fuͤrchtete ich mich gewaltig und begann daruͤber nachzudenken, was mir begegnen koͤnnte. 3 3** 66 Ein paar Minuten ſpaͤter roch ſie an einem Fla⸗ con, ich fragte ſie: ob ihr unwohl ſey, ſie antwortete kalt:„Nein, mein Herr.“ Meine Frage war dumm genug, um einer ſolchen Kaͤlte werth zu ſein. Ich beobachtete wenigſtens eine Viertelſtunde lang Still⸗ ſchweigen. Die Dame war ruhig und warf waͤhrend dieſes Zeitraums nur einen ziemlich gleichguͤltigen Blick auf mich. Es war ein Blick der Beobachtung; ſie wollte wiſſen, mit wem ſie zu thun hatte. Dieſe Frauen be⸗ urtheilen einen Mann ſehr gut nach ſeinem Ueberrocke und ſeiner Halsbinde. Unterdeſſen ſiel mir ein, daß mir meine Mutter vor der Abreiſe eine Schachtel mit Chokoladenplaͤtzchen in die Taſche geſteckt. Ich aß eins und praͤſentirte die Schachtel; man ließ mir ein kleines, ganz huldreiches Laͤcheln zukommen, aber man dankte. Ich hatte Nichts weiter zu thun, als ins Feld hin⸗ aus zu ſehen und fing an, piquirt zu werden. Die Eil⸗ poſt ſpannte um und ich war froh, doch einmal andre Pferde betrachten zu koͤnnen. So verging wenigſtens eine gute halbe Stunde! Da fragte ſie mich um den Namen einer Stadt, durch welche wir fuhren, und weil dieſe Stadt durch große Kunſtſchoͤnheiten und Alterthuͤmer beruͤhmt iſt⸗ von denen ich hatte reden hoͤren, ſo fing ich an, davon zu plaudern, und die Unterhaltung war angeſponnen. So ganz im Schwatzen machte ich ihr die Cour, ohne 67 zu wiſſen, wohin das fuͤhren wuͤrde, ohne einen be⸗ ſtimmten Zweck. Unſre Geſellſchaft iſt ſo eingerichtet, daß ihr, bei Strafe, fuͤr einen ſchlecht erzogenen Men⸗ ſchen zu gelten, ſtets in die Dame verliebt ſein muͤßt, die ihr zum Erſtenmal Tete à Tete ſeht. Wie konnt' ich das aͤndern? Meine Gefaͤhrtin beſaß uͤbrigens zu viel Weltkenntniß, um ſich uͤber meine Artigkeiten zu wundern; vielleicht auch hielt ſie dieſelben nur fuͤr ein Mittel, den Tag ohne Langeweile hinzubringen. Kalt und abgeſtumpft, glaubte ſie ungeſtraft dies Spiel ſpie⸗ len zu koͤnnen. Sie hatte Unrecht. Freilich war ſie nicht ſo unverſchaͤmt, ſich an die zaͤrtlichen Reden des Erſten Beſten zu halten; aber ſie war ſchlecht genug, einen ſtets entehrenden Kampf zu ſuchen, weil ſie des Sieges gewiß zu ſein glaubte. Nichts war Anfangs in unſern Koketterien per⸗ ſoͤnlich, alle die Liebesſachen aͤußerten ſich indirekt, wi⸗ es mit dergleichen unter aͤhnlichen Umſtaͤnden zu 9 ſchehen pflegt. O, wir verſtanden Beide unſer Ho'⸗ werk; doch war es augenſcheinlich, daß meine Gte⸗ rin viel Luſt hatte, ſich uͤber mich zu moquiren dieſe Abſicht ſchien wider Willen durch, und von Zeitzu Zeit fühlte ich mich durch ironiſche Zuͤge getroffen welche mir keinen Zweifel uͤber ihre Abſicht ließen. 3 ungluͤcklicherweiſe geſchah es, wie es immer bei mir zu geſchehen pflegt: ich hatte im Scherz angefan⸗ gen, faſt aus geſellſchaftlicher Pflicht und Schuldigkeit: 68 ich hatte der Dame in der Eilpoſt die Cour gemacht, wie ich ſie in einem Salon begruͤßt haben wuͤrde; aber ich kann die Liebe nur ernſthaft nehmen, mein Herz, auf zauͤrtliche Gefuͤhle begierig, ſtroͤmt trunken uͤber, ſobald es bewegt iſt, und ich kann nicht mehr taͤuſchen; ich werde ernſt, von Ueberzeugung durchdrungen, feurig und bin ganz aufrichtig. Als die ſchoͤne Dame mich ſo ſah, wurde ſie ebenfalls ernſthaft; vergebens wollte ſie ſich durch Spott und Leichtfertigkeit herausreißen, ſte war nicht mehr Herrin uͤber ſich ſelbſt, und ſei es Zug des Herzens oder welches Gefuͤhl ihr ſonſt unter⸗ gelegt werden mag, nach einigen Stunden ſah ſie mit Zaͤrtlichkeit auf mich, der zu ihren Fuͤßen lag, und wenn ich ihr ſagte:„Lina, ich liebe Sie,“ ſo wieder⸗ holte ſie mir:„Jwan, ich liebe Sie.“ Auf welche Weiſe wir ſo weit gebracht worden, das iſt mir, wie man leicht begreifen wird, unmoͤglich zu ſagen. Es aar eine Menge von Nuͤancen, auf deren Analyſe man vezichten muß, ein Austauſch kleiner Koketterien und leidnſchaftlicher Bewegungen, die ſich, wie ſie lebhaf⸗ ter mrden, immer mehr laͤuterten. Es gab Zorn, Erinneungen, vertraute Mittheilungen, Eiferſucht und tauſend vmanhafte Plaͤne. Einm, als ich auf einer Station vom Wagen geſtiegen, um mich etwas zu erholen und Luft zu ſchoͤpfen, fand ich ſie beim Wiedereinſteigen traurig und ſinnend. Sie hatte nur einer Minute Ueberlegung be⸗ 1 1 69 durft, ſagte ſie, um ſich vor dem, was ſie gethan, zu entſetzen; ich muͤſſe eine Frau verachten, fuͤgte ſie hin⸗ zu, welche ihr Herz in ſo wenigen Stunden hingegeben hatte. Das war nur eine Komoͤdie. Da ſie einen Au⸗ genblick allein geblieben, hatte ſie ſchon wieder ihre Gedanken aus der Welt aufgefaßt; aber ich, ich hatte zu viel Intereſſe, ich fand zu viel Befriedigung darin, ihre Exaltation aufrecht zu erhalten, um ſie gewaͤhren zu laſſen; auch gebrauchte ich gar zaͤrtliche Worte, um dieſe alten Ideen zu verjagen, um ſie uͤber unſre enge geſellſchaftliche Convenienz hinweg zu ſetzen, und ihr zu beweiſen, daß die Liebe nur nach Tagen in einer verdorbenen Geſellſchaft, wie die unſrige, rechnet, welche, um ihre Laſter vor ihren eignen Augen zu verkleiden, Alles geregelt und mit Etiketten verſehen hat, ſelbſt die innigſten Gefuͤhle. Solche Grundſaͤtze gefielen ihr, das Feuer, mit dem ich ſie behauptete, erregte ihre Neu⸗ gier, ſie hoͤrte mir aufmerkſam zu, und am Ende er⸗ ſchien wieder die Heiterkeit auf ihrem ſchoͤnen Geſichte. Sie laͤchelte mich dankbar an, ich wiegte meinen Kopf in ihren weißen Haͤnden, ihre Lippen beruͤhrten ſanft meine Stirn, die duftenden Locken ihres, mehr ⸗ Seide, weichen Haars umwallten mein Antlitz, un⸗ ich ſpiegelte mich in ihren feuchten Augen. De Weg wurde fortan zu einer langen Liebkoſung voy keuſcher Wolluſt, wir fuͤhlten das Beduͤrfniß, rein und lauter gegenſeitig zu erſcheinen, uns dieſer raſchen Leidenſchaft, 70 die wie ein Himmelsſtrahl uͤber uns gekommen, wuͤrdig zu zeigen, und ohne uns Rechenſchaft abzulegen, ſuch⸗ ten wir uns uͤber uns ſelbſt zu taͤuſchen; denn die Liebe der Kindheit, die Liebe ohne Reue und ohne ſchmerz⸗ liche Nuͤckblicke, dieſe lebhaft ſuͤße Liebe hat in ihrer jungfraͤulichen Unſchuld ſo viel Reize, daß man immer darauf zuruͤckkommen moͤchte, ſelbſt wenn man ſchon den Rauſch der Erde gekoſtet hat. Was mich betrifft, ſo geſtehe ich, daß ich einen wahrhaften Kummer fuͤhlte, als wir die Mauern der Stadt ſahen, wo wir uns trennen ſollten, als ſie mit dem Tone des Bedauerns rief: Schon! Ich war ſelig in dem kuͤnſtlichen Gluͤcke, das ich mir geſchaffen; da ich meine neue Geliebte nicht kannte, ſo lieh ich ihr alle meine Lieblings⸗Eigenſchaf⸗ ten, und ſie hatte ſie; ich machte ſie zart, mild, melan⸗ choliſch, ſchuͤchtern, ſchalkhaft, und ſie war das Alles; aber ich begriff wohl, daß, einmal von dieſem Wagen geſtiegen, wir in das wirkliche Leben zuruͤcktreten wuͤr⸗ den, um die Untugenden und Zweifel, die wir eben vergeſſen, wieder anzunehmen; ich begriff wohl, daß die Geſellſchaft mit ihrer ganzen proſaiſchen Toͤlpelei wiſchen ſie und mich fallen wuͤrde, und ich war traurig. Vielleicht hatte ſie denſelben Gedanken, denn ſie ar zach traurig! nuach mußte man ſich beſcheiden; unſer Lebe⸗ wohl geſchas lange vorher; wir verſprachen uns zwan⸗ igmal, uns nach unſerer Ruͤckkehr in Paris wieder zu ——— 71 4 ſehen, uns jeden Morgen zu ſchreiben; wir ſtimmten darin uͤberein, daß Gott gllein in ſo kurzer Zeit aus zwei Gleichguͤltigen zwei Treuliebende machen koͤnnen, und daß ſie ſich nichts vorzuwerfen habe. Die Eilpoſt hielt an; man erwartete mich; ich ſtieg aus, nachdem ich ihr die Hand gedruͤckt hatte, dann gruͤßte ich ſie achtungsvoll vor der Welt, und ſie verfolgte ihre Reiſe Ich weiß nicht, ob ich mich irre, aber mir ſcheint, daß es keinen innigen Genuß giebt gleich dem, vor der Welt eine ſchoͤne wohlgekleidete Frau achtungsvoll zu gruͤßen, wenn man ihre Hand faſſen, ſie Du nennen darf, ſobald die Welt nicht mehr zuhoͤrt und zuſieht. Koͤnnt ihr euch wirklich eine wahrhaftere Freude den⸗ ken, als eine Frau prangend und ſtolz in ein Theater treten zu ſehen, euch unter der Menge zu befinden, welche uͤber ihren Anblick in laute Bewunderung aus⸗ bricht, und aus ihrem zaͤrtlich gluͤhenden Blicke die Verſicherung zu leſen:„Fuͤr Dich dieſer Triumph, mein Geliebter, Alles fuͤr Dich!“? Giebt es ein unausſprech⸗ licheres Gluͤck, als ſo allein Beide auf der Welt zu ſtehen? Die Liebe iſt im Grunde ein einfacher ruhiger Antrieb, deſſen regelmaͤßiger Verlauf nur Vergnuͤgen erzeugen kann. Jener ehrliche Pachter fuͤhlt wahrhafte Liebe, und doch liebt er nicht anders, als er ſich mit gutem Appetit zu Tiſche ſetzt, um eine gute Mahlzeit einzunehmen; aber es giebt Maͤnner, welche, ich weiß nicht wie, dahin gekommen ſind, ganz anders zu fuͤh⸗ 72 len, als jener brabe Pachter; ihre Reizbarkeit wird nur durch die Quinteſſenz wirklicher oder eingebildeter Voll⸗ kommenheiten erregt, und wenn ſie ſich verlieben, was ihnen ſehr oft begegnet, ſteigt ihre Ei bildungskraft zu ſolcher Hoͤhe, daß ſie mit Nichts mehr uͤbereinſtimmt; daher Begeiſterung, Entzuͤcken, Himelsfreude, aber bald nachher Mißyerhaͤltniſſe und En uſchung, denn es iſt faſt unmoͤglich, daß dieſe Leute Frauen toll ge⸗ nug finden, um ihren Wahnſinn durch rinen gleichen zu erwiedern.* 25 Mir war das Alles nicht unbewußt, ich verhehlte mir nicht, daß Lina die jugendliche Gedankenfriſche verloren hatte, welche der Idealitaͤt unſerer Vereini⸗ gung, die ich bewahrt wiſſen wollte, nothig war, und gleichwohl ſchrieb ich ihr vom folgenden Tage an; aber ich war bald gendthigt, allen meinen Illuſionen zu ent⸗ ſagen; ihre Briefe waren eben ſo viel Muſter von Selbſt⸗ ſucht, Gemeinplaͤtzen und Einſeitigkeit; nichts Natuͤr⸗ liches, nichts Wahres in dieſer Korreſpondenz, und es war ein Jammer, die Kaͤlte und Unempfindlichkeit darin wachſen zu ſehen, nach Maßgabe, wie die Zeit ver⸗ ſtrich und die Erinnerungen der Reiſe erloſchen. Der erſte Brief war traurig, man ſah im Style Lina's halb geſchloſſene Augen, und ſie ſagte am Schluß: Ich druͤcke Sie an mein Herz; im zweiten ſchrieb ſie ruhi⸗ ger: Ganz die Ihrige! Im dritten: Ich druͤcke Ihre Hand; in einem folgenden: Tauſend zaͤrtliche Kompli⸗ mente; mente; ein letzter ſchloß faſt aus Hoͤflichkeit: Mit auf⸗ richtiger Freundſchaft u. ſ. w. Einige Auszuͤge dieſer Epiſteln werden vielleicht unſre pſychologiſchen Philoſophen ergoͤtzen. Ich uͤber⸗ gebe ſie ihnen, ohne die Verantwortlichkeit des Styls uͤber mich zu nehnen; ich will nicht einmal die Fehler corrigiren, um 5* ganzen Geſchichte den Stempel der Wahrheit beſſer zu erhalten. In der erſten fand man noch etwas Gefuͤhl, ſie ſtand noch unter dem Ein⸗ fluſſe des Coupes in der Eilpoſt.„Ihr Brief iſt mei⸗ nen Augen recht ſuͤß geweſen,“ ſchrieb Lina;„denn er hat mir geſagt, daß Sie mich noch lieben. Ich lebte in wahrhafter Beſorgniß, denn ich bin ſo ſtrafbar! Aber ich nehme Ihre Nachſicht in Anſpruch, ich kann Ihnen ſchriftlich nicht ſagen, was ich Ihnen gern vertrauen moͤchte, die Zeit wird mir einſt dieſe Genugthuung er⸗ lauben. „Sagen Sie mir, was Sie machen und treiben. Wenn ich es Ihnen ſagen ſoll, mein guter Iwan, ſo ſcheinen Sie mir etwas naͤrriſch, aber das iſt egal. Ich will Freud' und Leid mit Ihnen theilen. Adieu, mein Freund, Ihre liebenswuͤrdigen Zeilen werden mit Ver⸗ gnuͤgen empfangen; ich habe das Noͤthige geſagt, da⸗ mit man ſich nicht wundert, daß ich ſie empfange. Nochmals Adieu! Ich druͤcke Sie an mein Herz.“ Im zweiten Briefe war ſchon mehr Ruhe und weniger Innigkeit. d VI. 4 74 „FIch wollte geſtern Ihr huͤbſches Billet beantwor⸗ ten, aber unmoͤglich. Ich bin mit Viſiten uͤberhaͤuft von Leuten, die ich nicht kenne, und welche direkt zu mir kommen, um Nachrichten von mir zu haben; Nichts amuͤſirt mich ſo, wie dieſer Gebrauch. Ich habe ſchon zwanzig Einladungen zum Diner erhalten. Man ſagt, daß es eine Ehre iſt, die man meiner Familie anthun muß. „Ihr Brief hat nicht dazu gedient, mir meinen Froh⸗ ſinn wieder zu geben. Ich bin in einer duͤſtern Laune, um zu fuͤrchten zu machen. Ich kenne mein ganzes Unrecht, und was Sie auch ſagen, Ihr Urtheil uͤber mich muß ſehr unguͤnſtig ſein. Ich verlaſſe Sie, denn ich bin wenig aufgelegt, heut liebenswuͤrdig zu ſein, und ich glaube, daß ich ſchon zehn Mal bei meinem Briefe geſtoͤrt worden bin. Um mich fuͤr die Unge⸗ legenheiten, die ich erdulde, zu entſchaͤdigen, da ich Ihnen nicht in Ruhe ſchreiben kann, druͤcke ich herzlich Ihre Hand.“ Hier iſt der vorletzte. Er iſt recht kurz. Vierzehn lange Trennungstage waren indeſſen voruͤbergegangen. „Ich habe nur die Zeit, Ihnen zu ſagen, daß ich morgen abreiſe. Sie koͤnnen nicht bezweifeln, wie ſehr ich bedaure, Sie nicht hier geſehen zu haben; aber ich hoffe das Vergnuͤgen zu haben, Sie nach Ihrer Nuͤck⸗ kehr in Paris bei mir zu ſehen. Ich ſchreibe unter allem Gepaͤck, ich kann nicht mehr ſagen, und ſchaͤme — — —— — —— 75 mich ordentlich, Ihnen ein ſolches Gekritzel zu ſchicken. Tauſend zaͤrtliche Komplimente.”“ Der letzte iſt nicht minder ſeltſam; ich empfing ihn, nachdem ich ſie bei meiner Ankunft in Paris beſuchen wollen. „Der Zufall hat gewollt, daß ich geſtern Abend abweſend war; ich hoffe, daß es Ihnen moͤglich ſein wird, morgen vor eilf Uhr wieder zu kommen, als zu welcher Stunde ich auf das Land, nach Schloß Leach, reiſe. Mit aufrichtiger Freundſchaft u. ſ. w.“ Ich brauche nicht zu ſagen, daß ich ſeit langer Zeit dies Abenteue, nur als einen Gegenſtand der Betrach⸗ tung anſah; ich nahm ein Intereſſe daran, die Phaſen dieſer ſchnellen Abnahme zu ſtudiren, und obgleich ich wohl die ſchlechte Qualitaͤt der Materie kannte, welche ich gebraucht, um meinen Abgott zu bilden, ſo geſtehe ich, daß ich mich doch wunderte, ihn ſo ſchnell ſich auf⸗ loͤſen und in Staub zerfallen zu ſehen. Auch verfehlte ich nicht, puͤnktlich zum Rendez⸗vous bei Lina zu ſein; das Ding war der Muͤhe werth. Ich fand ſie ſtrah⸗ lend, auf ein reiches Sopha hingelehnt, entzuͤckend an⸗ zuſchauen. Nie habe ich eine Zimmerbekleidung geſe⸗ hen, welche beſſer zu einem Frauenkopfe geſtanden haͤtte, nie ein Daͤmmerlicht, das einer ſchmachtenden Figur vortheilhafter geweſen waͤre. Ich weiß nicht, ob man viel Geiſt in ihrer Korreſpondenz finden wird, aber in ihrem Kabinet gab es deſſen enorm viel. Sie empfing 4*† 76 mich mit einer Anmuth, um mir den Kopf zu verdre⸗ hen, und ich glaube, ich waͤre wieder in ihre Zauber⸗ ſchlingen gefallen, wenn ich weniger im Voraus dage⸗ gen eingenommen geweſen waͤre; aber ich kam kalt und blieb kalt. Sie ihrerſeits war wieder die koquette Frau geworden, die Pariſerin, wie ich ſie beſchrieben, ſchoͤn, zart, verfuͤhreriſch, aber verkuͤhlt, eingebildet, voll Lug, mit leidenſchaftloſer, verdorrter Seele. Sie ſpielte die große Dame, ſchien ſich der Eilpoſt⸗Erinnerungen zu ſchaͤmen und wollte eine Intrigue nach allen Regeln anfangen; ſie verſtand die Rolle nicht, die ich ihr zu⸗ gedacht, aber ſie ſpielte die ihrige mit unausſprechlichem Reize. Das Alles ſchien mir ſehr erbaͤrmlich, und nach Verlauf einer Stunde ſtand ich voll Ueberdruß auf, um Abſchied zu nehmen. Ich ſah wohl, daß ſie begriff, was in mir vorging. Aber ſie wollte es nicht zu be⸗ merken ſcheinen, und fuͤhrte mich mit der ausgeſuchte⸗ ſten Hoͤflichkeit bis an die Thuͤre des Salons. Seit⸗ dem habe ich keinen Fuß mehr uͤber ihre Schwelle ge⸗ ſetzt, und wenn wir uns im Theater oder auf der Pro⸗ menade begegnen, ſcheint ſie nicht im Geringſten in Verlegenheit zu ſein. Wir gruͤßen uns gar nicht. Wenn eine Frau ihre Blicke auf euch heftet und euch ſuͤße Worte hoͤren laͤßt, ſo lauſcht, aber zweifelt; und wenn ſie dann folgenden Tages verſchwunden iſt, ſo waͤlzt euch nicht in der Aſche, rauft euch nicht das Haupthaar, flieht nicht in die Wuͤſte. — 77 Das war meine Geſchichte. Sie wird vielleicht ziemlich nichtig erſcheinen, zumal in einer Zeit, wo man ſich ernſthaft mit ernſten Dingen beſchaͤftigt; ich habe es jedoch fuͤr gut gehalten, ſie zur Belehrung fuͤr unſre heißherzigen jungen Bruͤder niederzuſchreiben, welche in unſerm Lande Frankreich mit der Eilpoſt reiſen. V. Schoͤlcher. Der Hnundehändler. ◻☛. Ihr habt ohne Zweiſel Lord Byrons Memoiren ge⸗ leſen; ein Ding, welches mich in dieſen erſtaunlichen Memoiren am meiſten in Erſtaunen ſetzt, iſt die Leich⸗ tigkeit, mit der der edle Lord ſeine Bullenbeißer und Windhunde nach Belieben erſetzt.— Schickt mir, ſchreibt er, einen ſchottiſchen Bullenbeißer; die venetiani⸗ niſchen Bullenbeißer haben nicht ſcharfes Gebiß genug. Schickt mir auch einen ſchoͤnen Neufoundlaͤnder Hund, um ihn in den Lagunen ſchwimmen zu laſſen. Er ſchreibt, er giebt ſeinem Intendanten Befehle, wie ein Andrer nach Paris ſchreiben wuͤrde: Schickt mit Oran⸗ genbluͤthenwaſſer oder Handſchuhe. Wenn Lord Byron ſeinen Correſpondenten in Pa⸗ ris gehabt haͤtte, wuͤrde dieſer Correſpondent ſehr in Verlegenheit geweſen ſein, den Wuͤnſchen ſeines Herrn —— — 79 zu genuͤgen; er haͤtte in ganz Paris gut ſuchen ge⸗ habt nach einem Bullenbeißer, Windhund oder Neu⸗ foundlaͤnder, um ihn zu kaufen; ich bin uͤberzeugt, daß es ihm große Muͤhe gemacht haͤtte, etwas Befriedigen⸗ des fuͤr Lord Byron, der ſich darauf verſtand, anzu⸗ treffen. In dieſem Paris, wo aller Handel im Großen geht, ſelbſt der Lumpen⸗ und Beſenhandel zu funfzehn Sous, giebt es nicht eine einzige Anſtalt, wo man fuͤr ſein Geld einen Hund haben kann, wie man will. An Hundehaͤndlern beſitzen wir, das iſt wahr, Einige, welche⸗ ſehr erfahren in der Wiſſenſchaft, Hunde zu dreſſiren, ihre Thiere in Kaͤfigen auf der Bruſtwehr des Pont⸗ Neuf ausſtellen; aber das iſt auch Alles. Geht nur hin zu dieſen Geſellen, einen Brief von Lord Byron in der Hand, und begehrt einen Bullenbeißer, einen Wind⸗ hund oder Neufoundlaͤnder zu kaufen! Ihr ſeht alſo, ohne daß ich es euch ſage, wie es mir bei allem guten Willen unmoglich iſt⸗ euch hier eine gelehrte Abhandlung uͤber dieſen Handelszweig zu liefern, der nicht exiſtirt und doch ſehr bluͤhend ſein koͤnnte. Nach dem Menſchengeſchlechte das, was der Pariſer am meiſten vernachlaͤſſigt, iſt das Hundege⸗ ſchlecht; es iſt unmoͤglich, ſich weniger Muͤhe um uns und das andere zu geben, unmoͤglich, die Miſchung der Racen ſorgloſer der Laune des dummen Zufalls zu uͤber⸗ laſſen,— darum haben wir auch abſcheuliche Menſchen und abſcheuliche Hunde.. Kommt doch mit mir, wenn ihr die Pariſer Hunde ſehen wollt; kommt auf den Pont⸗Neuf, links von der Straße Dauphine aus; wenn ihr bei Heinrichs IV. Bild⸗ ſaͤule vorbei ſeid, werdet ihr fuͤnf bis ſechs Fußbeklei⸗ dungskuͤnſtler finden, jeden von fuͤnf bis ſechs Spitzen umgeben, welche verſchnitten und zugeſtutzt ſind, wie der Buchsbaum in den Verſailler Gaͤrten. Der eine traͤgt einen Schnurbart, der andre iſt rautenfoͤrmig ge⸗ zeichnet, dieſer iſt weiß, jener ſchwarz, dieſer iſt mit einem Pinſcher gekreuzt, jener mit einem Wachtelhund. In einem einzigen Hunde vereinigen ſich oft zehn Racen. Schickt nur dieſe Hunde an Lord Byron, und ſeht, was er ſagen wird.. Das macht, weil dem Pariſer Hundehaͤndler einen Hund zu erziehen und zu verkaufen keine Speculation, ſondern ein Vergnuͤgen, ein Gluͤck iſt. Der Pariſer Hundehaͤndler iſt erſt Laſttraͤger, Stiefelputzer, Familien⸗ vater und dann Hundehaͤndler. Er iſt Laſttraͤger, um zu leben, er verkauft Hunde zu ſeinem Vergnuͤgen, es iſt ein Geſchmack, der ihm eingekommen iſt, als ſein Vater Portier war. Der Haus⸗Eigenthuͤmer hatte ſeinem Vater ſo ſehr verboten, einen Hund zu halten, daß der Sohn ſich drei anſchaffte, ſobald er muͤndig geworden war. Um ſeiner Hunde willen hat er die Thuͤre und die Gewogenheit von ſeines Vaters Haus⸗ herrn verloren. Zemire, welche ihr dort in der Sonne ausgeſtreckt ſeht, hat die Heirath ihres Herrn mit einer 81 Koͤchin verhindert, der ſie, meiner Treu! die ganze Speiſekammer ausgeleert; dann, nachdem Zemire auf der Straße zu Falle gekommen, hat ſie im Bette ihres Herrn abgelegt; ihr Herr, als er die armen Kleinen leiden ſah, hat ſie eigenhaͤndig mit Milch aufgezogen, und nachdem er ſie einmal aufgezogen, hat er ſie auf dem Pont⸗Neuf verkauft, oder vielmehr, er hat ſie auf's Beſte untergebracht, da er mehr auf das Wohl ſeiner Hunde, als auf ſeinen Vortheil ſieht. Alle Pariſer Hundehaͤndler haben kleine Abkoͤmm⸗ linge von Zemire und Azor; betrachtet alle Hunde, die voruͤber laufen, das ſind Zemirens Ohren, das iſt Azors Schwanz, das iſt Azors weiße Pfote; dieſe Hunde ſind dumm, faul, gefraͤßig, kraͤnkelnd, ſehr haͤßlich und ſehr ſchmutzig. Uebrigens die beſten Hunde von der Welt. Ich bilde mir ein, daß man, ſtatt nach ihren Ge⸗ ſichts⸗ und Schriftzuͤgen, weit beſſer thun wuͤrde, die Menſchen nach ihren Hunden zu beurtheilen. Der Hund iſt der Gefaͤhrte und Freund des Menſchen; der Hund iſt ſeine Freude, wenn er allein iſt, ſeine Familie, wenn er keine hat. Der Hund dient euch als Kind, als Vater, als Waͤchter; ſein Auge iſt eine Beweglichkeit zum Ent⸗ zuͤcken; er iſt anmaßend, eiferſuͤchtig, despotiſch; er hat alle Eigenſchaften eines geſelligen Thieres; er giebt euch ſehr oft Gelegenheit, euch jede kleinen Entbehrungen aufzulegen, welche wenig koſten und Vergnuͤgen machen, weil ſte beweiſen, daß ihr ein Herz habt. So iſt der beſte Platz am Kamine fuͤr den Hund, der beſte Lehn⸗ ſtuhl des Zimmers fuͤr den Hund. Man geht oft im ſchlechten Wetter aus, um ſeinen Hund ſpazieren zu fuͤhren, man freut ſich mit ihm, man weint in ſeinen Armen, man pflegt ihn, wenn er krank iſt, man iſt ihm in ſeinen Liebesangelegenheiten behuͤlflich; er iſt ein unerſchoͤpflicher Gegenſtand der Unterhaltung mit Nachbarn und Nachbarinnen; er iſt auch ein herrlicher Gegenſtand zum Streiten. Fuͤr den Hageſtolz, fuͤr den armen Poeten, fuͤr jeden Menſchen, der einſam iſt, fuͤr die alte Frau, die Niemand mehr zu lieben hat, ſelbſt in der Hoffnung, giebt es nur eine einzige Huͤlfe, einen einzigen Freund und Kameraden, ein einziges Kind den Hund! Man kann alſo ganz ſicher den Menſchen nach dem Hunde beurtheilen, der hinter ihm her laͤuft. Wenn dem ſo iſt, werdet ihr eine ſehr traurige Idee von dem Pa⸗ riſer Buͤrger bekommen, indem ihr die Hunde ſeht, die er kauft. Um ſolche Hunde zu lieben, muß man jede Idee von Zierlichkeit, jedes Gefuͤhl, jeden Geruch, zedes Beduͤrfniß der Schoͤnheit und Form verloren haben. Der Spitz vom Pont⸗Neuf iſt, nach meinem Gefuͤhl, eine Art Schande fuͤr ein Volk, das einige kuͤnſtleriſche Anſpruͤche hat. Der Spitz iſt wirklich der Grund⸗Inbegriff aller Pariſer Hunde. Ich meine den Spitzbaſtard, ein Thier, aus dem man macht, was man will; einen Bedienten vorerſt⸗ 83³ und der Pariſer bedarf des Bedienten ſo ſehr, daß, wenn er ihn nicht aus den Petites Affiches nehmen kann, er ihn auf dem Pont⸗Neuf fuͤr einen Thaler kauft. Er geht alſo um die Mittagsſtunde nach dem Pont⸗Neuf, beſieht einen Hund, ſtudirt ſeinen Blick, handelt, ſpricht hin und her, geht fort und kommt wieder.— Wie viel der Hund?— Der Hund, den er kauft, iſt gewoͤhnlich drei Monat alt; waͤhrend er han⸗ delt, verſammeln ſich alle Kenner um ihn, und jeder giebt ſeinen Rath. Endlich wird man uͤber den Preis einig; der gewoͤhnliche Preis eines mehr oder mindern Baſtardſpitzes ſchwebt zwiſchen einem Thaler bis zu ſie⸗ ben Franken. Einige werden gar zu zehn Franken ver⸗ kauft; aber dann muß der Kaͤufer ein Fechtmeiſter, ein Beamter vom Mont⸗de⸗Piété oder mindeſtens ein Polizei⸗Commiſſair ſein. Kaum hat er ſeinen Hund gekauft, ſo ſteigt der Pariſer Buͤrger ganz verklaͤrt in ſein viertes Stock zuruͤck. Vor der Thuͤre angekommen, fehlt ihm jeder Entſchluß; ſeine Frau hat geſchworen, nie wieder einen Hund zu halten; wie ſoll er ſie bewegen, den neuen Hund anzunehmen? Endlich faßt er ſich ein Herz, oͤffnet die Thuͤre und tritt ein.— Da, liebe Frau, ſieh einmal den huͤbſchen kleinen Spitz! Die Frau will erſt nicht; dann giebt ſie nach; denn wie ſoll man nicht mehr lieben, wenn man einmal geliebt hat, ſelbſt einen Spitz! Und da beſchaͤftigt ſich denn unſer gluͤckliches Paar mit dem reizenden Thiere; man waͤſcht es, putzt es, maͤſtet es, lehrt ihm alle Morgen auf die Straße hinunter zu gehen. Die guten Eheleute, die ſich zu⸗ ſammen langweilten und nichts mehr zu reden und zu thun hatten, befinden ſich jetzt, Dank ihrem Spitze, ſehr beſchaͤftigt/ ſehr gluͤcklich. Wer ſoll euch die ganze Erziehung eines Spitzes ſchildern? Was lehrt man nicht einem Spitze? Man lehrt ihm erſt zu apportiren, dann die Thuͤre zuzumachen, auf zwei Pfoten zu gehen, den Todten zu ſpielen; man lehrt ihm, euch den Hut abzunehmen, wenn ihr eintretet. Das iſt ein ſehr an⸗ genehmer Spaß. Der Spyitz ſpringt euch mit allen Vieren an und reißt euch mit den Zaͤhnen euren Hut fort, was ſehr verdruͤßlich iſt, wenn ihr einen neuen Hut habt. Es giebt Spitze, welche exerciren, Holz ſaͤgen, Taͤubchen fliegel ſpielen und ihr Mittageſſen beim Fleiſcher holen. Ich habe einen gekannt, der ſehr an⸗ genehm eine Pfeife rauchte. Der Spitz iſt die Freude des Hausweſens, er verurſacht eine ziemlich betraͤchtliche Ausgabe des Jahres; man muß ihn alle zwei Monate ſcheeren laſſen, muß faſt alle Jahre ſeine Wohnung veraͤndern, muß ſich mit allen Nachbarn, die keine Hunde haben, uͤberwerfen, wenn man einen nur etwas erträͤglichen Spitz hat. Das ſind ohne Zweifel große Opfer; aber wie wird man auch dafuͤr entſchaͤdigt! Welches Vergnuͤgen, wenn man auf der Straße geht, das Thier die Pferde an⸗ 85 bellen zu hoͤren, andrer Leuten Pferde entgelten laſſend, daß man ſelbſt keine hat. Welches Gluͤck, ſeinen Spitz im Waͤldchen von Romainville galoppiren zu ſehen! oder auch ihn in der Seine ſchwimmen oder einem Stocke nachlaufen zu ſehen, den man weit fort gewor⸗ fen, zur großen Bewunderung der Liebhaber! Der Spitz gehoͤrt jeder Zeit, jedem Alter, jedem Geſchlecht an. Es iſt der Hund des Rentiers, der Hund des Eigenthuͤmers, vor Allem der Hund des Portiers, dieſes amphibiſchen Weſens, das zugleich Eigenthuͤmer, Miethsmann und Bedienter iſt. Der Spitz iſt der Hund des Mannes und der Frau von fuͤnf und dreißig bis zu fuͤnf und vierzig Jahren. Mit funfzig Jahren wechſelt der Geſchmack. Der⸗ jenige, der ſich ſonſt zum Hunde eines hitzigen, herz⸗ haften, ungeſtuͤmen Spitzes gemacht, iſt nicht boͤſe, wenn er ihn los wird, nun er ihm nicht mehr im Laufe folgen kann; der Hund ſtirbt, dann erſetzt man ihn durch ein Thier von ſanfterer, minder feuriger Gat⸗ tung. Vor den Funfzigern war es der Mann, der die Wahl des Hundes in der Ehe beſtimmte; nach den Funf⸗ zigern iſt es die Frau, welche daruͤber entſcheidet; das macht, weil die Frau alsdann den Hund nicht mehr um des Mannes willen, ſondern um ihrer ſelbſt willen liebt, und eben deshalb nimmt ſie einen Hund von fro⸗ ſtig ruhiger Natur, der ſie nicht varlaͤßt, einen lang⸗ ſamen Schritt hat und die kurzathmigen Promenaden gut gut folgt und die großen Daͤnen von ehedem erſetzt 86 liebt; ſie will vor Allem keinen Luͤſtling und Herum⸗ treiber; dazu giebt es in Frankreich mehrere Sorten von Hunden, den ſchwarzen mit feuerfarbenen Flecken und den feuerfarbigen mit ſchwarzen Flecken. Waͤh⸗ rend des Kaiſerreichs hatten die alten Frauen eine be⸗ wundernswuͤrdige Art Hunde gefunden, die ihnen voll⸗ kommen zuſagte: das Windſpiel. Das Windſpiel, uͤbel⸗ riechend und langweilig, immer ſchreiend, eigenwillig, verzaͤrtelt, iſt ſeit dem Kaiſerreiche voͤllig aus unſern Sitten verſchwunden; es iſt erſetzt worden durch den Pinſcher, alſo ein Fortſchritt. Uebrigens iſt es nicht das Erſtemal, daß Frankreich Hunderacen verliert. Das kleine Marquiſenhuͤndchen, ganz weiß und ſeiden⸗ artig, dem das roſa Halsband ſo ſchoͤn ſtand, hat ſich faſt gaͤnzlich unter uns verloren. Die ſchoͤnen Wind⸗ hunde aus der Zeit Franz's I. ſind ganz oder doch bei⸗ nahe verſchwunden. Nur der Spitz iſt unverlierbar. Mehrere Gewerke in Paris unterſcheiden ſich durch die Wahl ihrer Hunde, welche ihnen ausſchließlich ge⸗ hoͤren. So laͤßt der Fleiſcher gewoͤhnlich eine haͤßliche dumme Art Bullenbeißer hinter ſich her laufen, der ganz nackt iſt, immer zu ſchlafen ſcheint und den wir nicht ein einzig Mal im Zorne geſehen haben, wenn er nicht gerade geaͤrgert worden. Der Kutſcher aus gutem Hauſe verſchafft ſich, wie er kann und wenn er kann, einen ganz kleinen engliſchen Pinſcher, der den Pferden ſehr 87 hat, aus J. J. Rouſſeau's Zeit, der von dem daͤniſchen Hunde umgerannt wurde, wie ihr wißt. Sonſt, als die kleinen Wagen erlaubt waren, gab es in Paris große Hunde, große Doggen, welche wie Pferde angeſpannt wurden und mit unvergleichlichem Eifer ihr Gemuͤſe zum Markte ſchafften. Dies ſind faſt die einzigen Hunderacen, welche in dieſer großen Hauptſtadt der civiliſirten Welt gebraͤuch⸗ lich ſind; ihr ſeht, es iſt unmoͤglich, aͤrmer an Hunden zu ſein, als wir. Die Juli⸗Revolution, welche die koͤniglichen Jag⸗ den zerſtoͤrte, hat den Jagdhunden einen toͤdtlichen Streich beigebracht; die Hunde Carls X. ſind um einen Spottpreis verkauft worden, und die des Herzogs von Bourbon ſah man auf den Straßen um den Tod ihres edlen Herrn heulen, wie der Hund Montargis. Ich will jedoch nicht, wenn ich unſere traurige Sorgloſigkeit beklage, einen ziemlich merkwuͤrdigen Hundemarkt mit Stillſchweigen uͤbergehen, auf dem der Zuſammenfluß groß genug iſt, um zu beweiſen, daß, wenn man die ſchoͤne Haͤlfte des Menſchen, den Hund, veredeln wollte, man damit leicht zum Ziele kommen wuͤrde. In der Vorſtadt Saint⸗Germain, gegenuͤber dem Markte gleiches Namens, iſt ein ziemlich beſchraͤnkter Platz, auf den man alle Sonntage Hunde von weit hoͤherer Natur, als die Hunde vom Pont⸗Reuf, bringt. Es ſind Hunde von allen Sorten, die einen von Paͤch⸗ 8 88 tern zur Jagd auferzogen, die andern von Forſtwaͤrtern zu Hofhunden dreſſirt. Die groͤßte Zahl iſt in den Straßen von Paris gefunden und zu mediciniſchen Ex⸗ perimenten beſtimmt. Ich habe mehrfache Forſchungen angeſtellt, um zu wiſſen, welche Klaſſe die meiſten Hunde in Paris aufzieht, und bin nicht ohne Erſtaunen dahin⸗ ter gekommen, daß die Kathedral⸗Sakriſtane die mei⸗ ſten Hunde zu Markte ſchicken. Frage, wenn's beliebt: warum? Außer dem Markt in der Vorſtadt Saint⸗Germain findet ihr noch einige Hundehaͤndler auf dem Boule⸗ vard der Kapuziner, gegenuͤber den auswaͤrtigen Ange⸗ legenheiten. Hier kauft man die beſten Solofaͤnger und Dachshunde, ganz ohne politiſche Anſpielung geſagt. Dieſe Induſtrie, ſo vernachlaͤſſigt ſie iſt, unterhaͤlt mehrere Anſtalten hundiſcher Arzneipflege, in welchen alle Kranken mit ſo viel Kunſt und Sorgfalt behan⸗ delt werden, als dies in einem Hoſpital geſchehen wuͤrde. Der Arzt iſt, wie alle uͤbrigen, von Morgens acht bis zwei Uhr ſichtbar; dann macht er Beſuche, mit dem ein⸗ zigen Unterſchiede, daß der er einzige Arzt iſt, den der Arme bezahlt. Wenn er dann Abends wieder nach Hauſe kommt, erholt er ſich von den Muͤhen des Tages, indem er einige ſeiner Kranken ausſtopft. Die Zahl ſchoͤner Hunde in Paris iſt ſehr be⸗ ſchraͤnkt. Man rechnet hoͤchſtens zwei bis drei ſchoͤne Neufoundlaͤnder, fuͤnf bis ſechs Bullenheißer von ſtar⸗ 89 ker Race. Die huͤbſcheſten Hunde, welche in Frank⸗ reich zur Zeit leben, ſind von unſerm großen Dichter, Herrn von Lamartine, aus Griechenland gebracht. An ſie hat Herr von Lamartine, als er Frankreich fuͤr den Orient verließ, ſeine letzten Verſe gerichtet. Ich, der ich mit euch rede, habe drei Jahre um einen guͤnſtigen Blick des Dichters gebuhlt; endlich hat er mir einen ſeiner Hunde gegeben: das war das ſchoͤnſte Geſchenk, was er mir nach ſeinen Gedichten machen konnte, und darum erhaltet ihr auch ſtatt eines Genrebildes, das ich angefangen, nur einen didaktiſchen Artikel. Ich begreife wirklich nicht, wie man leichtfertig von dieſer ſtuͤndlichen, taͤglichen Freundſchaft, von dieſer Hinge⸗ bung fuͤr das ganze Leben, von dieſer Familie, von die⸗ ſem ganzen haͤuslichen Gluͤcke reden kann, das man Hund nennt. 3 Julius Janin. 4** Die nene Stadt oder das Paris der Saint-Simoniſten. Menilmontant, den 6. Oktober 1832. Sie erhalten, mein lieber Ladvocat, ein Kapitel, wel⸗ ches zur Ueberſchrift haben ſoll: Die neue Stadt). Die Wahrheit zu geſtehen, weiß ich nicht recht, ob die Fremdartigkeit der Ideen und des Styls Sie nicht abhalten wird, dieſen Aufſatz in Ihr ſchaͤtzens⸗ werthes und achtbares Buch der Hundert und Ein auf⸗ *) Ein religiöſes Syſtem iſt zu ernſthaft, als daß es erlaubt ſei, daſſelbe mit Leichtfertigkeit zu würdigen. Da einer⸗ unſrer Freunde, Herr Carl Duveyrier, Apoſtel der Saint⸗Simoniſtiſchen Religion, uns einen Aufſatz:„Die neue Stadt“ betitelt, zugeſchickt hat, geben wir ihn ohne Reflexion und Commentar, nur ſetzen wir als nöthigen Vorbericht, zu mehrerer Klarheit, den begleitenden Brief voran. Anmerk. des Herausgebers. 91 zunehmen. Wenn ich alle die Beruͤhmtheiten nach tb⸗ rem Gewicht waͤge, deren Namen ſich auf dem Um⸗ ſchlage Ihrer Sammlung draͤngen, ſo kann ich mich nicht uͤber das geringe Intereſſe taͤuſchen, das ein neuer Name erregen wuͤrde, der Name eines Apoſtels, wel⸗ cher Adel noch kein Wappenſchild von der litterariſchen Heraldik bekommen. Ein junger Mann, wird Ihre ſchoͤne Welt ſagen, der gewiſſenhaft ehelos lebt, und einen weiblichen Meſſias erwartet, das verraͤth zu viel Einfalt, um etwas recht Piquantes zu verſprechen. Uebrigens, was ſoll das heißen, in einem Aufzuge durch die Straßen zu rennen, der die Trunkenbolde um ſich verſammelt und ſelbſt den Frauen der Halle und den Ladenmaͤdchen zu reden giebt? Das ſchmeckt nach uͤbler Geſellſchaft, und Herr Delapalme hat ſehr richtig be⸗ merkt: In welcher Geſellſchaft haben denn dieſe Herren gelebt? Ueberdem muß ich fuͤrchten, daß das fragliche Stuͤck ohne Karten, Plaͤne und Kupferſtiche ſchwer zu ver⸗ ſtehen iſt. Wir leben in einer Verwirrung von Haͤuſern, Tem⸗ veln und Gebaͤuden aller Art, welche eine Idee von den Saturnalien der Alten oder dem Chaos der Urwelt geben kann; ein ſchamlos ſchreiendes Gemiſch aller Gegenſaͤtze, ein Durcheinander von Orgien, ein wah⸗ rer Hexen⸗Sabbath. Die Jugend des Marsfeldes hat gegenuͤber das blutige Schlachthaus von Grenelle, die 1 92 Fnvaliden reichen eine Hand den Deputirten, die an⸗ dere den Bleicherinnen des Gros⸗Caillou. Hier ſprin⸗ gen die Findlinge mit ihren Waͤrterinnen, dicht neben den Aſtronomen des Obſervatorii, den Woͤchnerinnen und Veneriſchen. Dort iſt eine große Runde der Schuljungen, der Pairs von Frankreich, der Starken der Halle⸗au⸗Vin, der Alten aus der Salpetriere; das Alles dreht ſich um die Gelehrten des Lateiner⸗ viertels und die heutigen Thiere des Pflanzengartens. Die Akademie weilt bei der Muͤnze, das Hotel⸗Dieu mit den Metropolitan⸗Canonicis; das Hoſpital des hei⸗ ligen Ludwig ſeufzt und weint bei dem Freudenge⸗ geſchrei und dem Fluchen der Schaͤnken, das Palais⸗ Royal mit ſeinen Spielern und Dirnen iſt auf daſſelbe Bett gelagert, wie der Pallaſt des Koͤnigs, und inmit⸗ ten dieſes großen ſataniſchen Tanzes draͤngen ſich Maͤn⸗ ner und Frauen bunt gemiſcht, wie die Ameiſen, waten im Schmutz, athmen verpeſtete Luft und durchkreuzen alle Irrgaͤnge ihrer Straßen und Plaͤtze, eingekeilt zwi⸗ ſchen den Reihen hoher, ſchwarzer oder verblichener Haͤuſer, ohne etwas Beſſeres zu hoffen oder zu er⸗ ſehnen.. Wie ſoll man alſo dem Volke, das dieſe in Ver⸗ wirrung gerathene Stadt bewohnt, begreiflich machen, was wir von der Zukunft„ur Paris als Ordnung, Schicklichkeit und Schoͤnheit ahnen? Wie ſoll man das bewirken, ohne eine andere Gewalt, als die des 93 nackten Wortes? Ich fuͤrchte ſehr, daß der fragliche Aufſatz ungenuͤgend ſein wird. Die Idee unſers Vaters iſt, daß jede Stadt und vorzuͤglich jede Hauptſtadt, in ihrem Bau, in der Anordnung und Verſchiedenheit ihrer Monumente, das Bild der Sitten und Gebraͤuche und der Kultur des Volks, das ſie bewohnt, darſtellen ſoll. Wir haben der erſten Stadt die menſchliche Ge⸗ ſtalt geben wollen, aus Inſpiration unſers Glaubens, nach dem gegenwaͤrtigen Zuſtande des Fortſchreitens— und zwar die menſchliche Mannsgeſtalt; denn die Ge⸗ ſellſchaft hat bis jetzt nur eine Mannsgeſtalt. Das Weib, als geſellſchaftliches Weſen, iſt noch nicht aus den Rippen des Mannes hervorgegangen, trotz der Worte der Schrift. Betrachtet alle geſellſchaftlichen Inſtitutio⸗ nen, die Akademie, die Bank, die Univerſitaͤt, die bei⸗ den Kammern, den Staatsrath, die Adminiſtrationen, den Magiſtrat, den Gerichtsſaal und alle Fakultaͤten: ihr ſeht nichts als runde Huͤte und Fracks oder vier⸗ eckige Muͤtzen und ſchwarze Roben, und die oͤffentliche Meinung iſt feſt eingewurzelt in der Bewunderung eines ſolchen Syſtems; es giebt keinen noch ſo win⸗ zigen Ladenburſchen, der nicht frech den Kopf aufwuͤrfe bei dem Gedanken, daß es anders ſein koͤnnte, und nicht in ſeinem Maͤnnerſtolze alle Gruͤnde wiederholte, welche unfehlbar aus dem Weibe ein unfaͤhiges, be⸗ ſchraͤnktes, ſchwaches Weſen machen, einen Epheu, der 94 ohne die Eiche zu Boden fallen wuͤrde, einen Mond, der ſich nur als Trabant um die Erde drehen ſoll. Die Geſellſchaft iſt maͤnnlich, ſie giebt ihren Kindern glei⸗ chen Zuſchnitt durch die Conſeription, ſie legt ihnen eine Gerechtigkeit auf, die nur zu ſtrafen weiß, ſie for⸗ dert Verbeſſerungen durch Flintenſchuͤſſe und verwirft ſie durch Kanonenkugeln. Die Geſellſchaft iſt maͤnnlich. Aber ſie kann wuͤnſchen, es nicht ausſchließlich zu ſein, ſie muß es ſogar wuͤnſchen. Waͤre es nicht ein Gluͤck, wenn Alles, was es im Frauenherzen Zartes, Mildes und Gutes giebt, ſich durch die unaufloͤslichen Verwickelungen der Politik und Regierung Luft machte, wenn weiße Haͤnde und huͤbſche Finger verſuchten, die Knoten zu loͤſen, welche ſo viel große Saͤbel nicht zer⸗ hauen konnten? Das iſt die Hoffnung der Saint⸗Simoniſten, das iſt ihre ganze Religion; denn ſo hat der Vater ſelbſt geſagt, er iſt der Verkuͤndiger, der Johannes eines neuen Meſſias, eines weiblich en Heilands. Man begreift, wie wir dem Tempel, dem Gebaͤude, wo die Religion des Menſchen, Hoffnung, am hoͤchſten begeiſtern ſoll, die Form des Weibes geben mußten. — Ich ſchließe dieſen, ſchon etwas langen Brief mit der Bitte, allen Ihren Einfluß bei Ihren Leſern auf⸗ zubieten, um in ihnen die heut ſo ſeltene Tugend des Muths und der Hoffnung anzufachen, waͤre es auch nur fuͤr kurze Zeit, fuͤr die Zeit, dieſe wenigen Seiten 95⁵ zu leſen. Denn im Fall ſie unverſtaͤndlich blieben, koͤnn⸗ ten ſie wohl als ein Traum, als eine phantaſtiſche Vi⸗ ſion erſcheinen, wenn Ihre ſchoͤne Welt hartnaͤckig in der leichtglaͤubigen Stimmung verharrt, in dem Glau⸗ ben, der oft bis zum Aberglauben getrieben wird, und darin beſteht, die Verwirklichung aller großen, treff⸗ lichen, hochherzigen Ideen zur Verbeſſerung des Voͤl⸗ kerſchickſals fuͤr unmoͤglich zu halten? Iſt es nicht wahrlich jetzt eine allgemein bekannte Sache, daß unſre Vaͤter durch ihre Arbeit den Erd⸗ kreis ſo geſtaltet haben, wie wir ihn jetzt ſehen, trotz der Hinderniſſe, welche ſie umringten und von denen ſie uns befreit haben? Mit Allem, was ſie an Macht in unſere Haͤnde gegeben, waͤre es nicht eine Feigheit, auf ſo ſchoͤnem Wege ſtehen zu bleiben, und uns der Laͤnge nach zu Boden zu ſtrecken, jung, wie wir ſind, und vor der Arbeit zu ſagen: Ich kann nicht mehr! Was! Nichts thun am Beginnen des Lebens? Ihr Maͤnner und Frauen! nichts Edles, Gutes, Freu⸗ diges, Weithallendes thun? Kommt, kommt! ruft euch Derjenige zu, der Voͤlker und Welten bewegt, der alle Sprachen durch alle Jahrhunderte ſpricht; kommt! meine Stimme iſt nicht erloſchen, mein Scepter nicht zer⸗ brochen, noch erſtarrt der Schlag meines Herzens. Ich bin immerdar fuͤr euch, immerdar mit euch. Ich bin's, der ewige Werkmeiſter, uͤberall ich! Wenn man ſagt, 7 96 wir unter euch, ich ſage: Ich! Wandelt mit mir, denn bei mir iſt kein Ding unmoͤglich! Ich habe Wunder gezeigt! 1. Mein Hauch hat die Stuͤrme beſiegt, welche den Boden verheerten, wie unheilbringende Geſtirne. Ich habe die Bruͤſte der Berge gedruͤckt, daß ihre feurige Milch hernieder floß! 1 Ich habe gelaͤchelt, als die Abgruͤnde klafften, wie Schlangenkiefer, als ſie ihre Fluthen in den endloſen Raum ſpieen, und uͤber dieſe Fluthen habe ich bewaff⸗ nete Staͤdte gleiten laſſen, ſo ſicher, wie Schlittſchuh⸗ laͤufer uͤber das Eis. In die Eingeweide des Feſtlandes habe ich den Menſchen wie einen Taucher hernieder fahren, ich habe ihn, als wahrhaften Geier, zu Wolkenhoͤhen empor fliegen laſſen.. Ich habe Pallaͤſte und Tempel gebaut, Hauptſtaͤdte zu Tauſenden, Bruͤcken, laͤnger denn Heerwege und große gegoſſene Thiere mit ehernen Muskeln und einer Seele von Dampf, welche allein laufen. Ich habe un⸗ zaͤhlige Heere von Staͤmmen und Horden zuſammen gebracht, welche ſich nicht verſtanden. Ich habe die Weisheit der Welt in einem einzigen Manne ausge⸗ goſſen und der leiſen Stimme ſeiner zerſtreuten Apoſtel mehr Kraft gegeben, als den Rhetoren, den Kriegern und Kaufleuten, welche in dichtgedraͤngter Maſſe laut ſprachen. Muth, 97 Muth, ihr Kinder! Hoffet auf mich! Ich habe große Dinge gethan! Als die Wilden, welche Attila wie Buͤffel vor ſich her trieb, in der Erde feſtwurzelten vor dem Antlitze 6 eines Prieſters, war es etwas Großes! Als Chriſtoph, mein Seeheld, unter der goldenen Sonne die purpurnen Ufer meiner neuen Welt gruͤßte, war es etwas Großes! Als Napoleons Rieſenſchritt mit ſeinen Kanonen Europa durchmaß und Stroͤme wie Baͤchlein uͤber⸗ ſetzte, war es etwas Großes! Aber glaubt mir, nichts ſo Großes iſt je auf der Erde erſchienen, als ich euch an dieſem Tage zeigen werde.. Die neue Stadt 5 oder das Paris der Saint-Simoniſten. Der gute Gott ſpricht durch den Mund des Men⸗ ſchen, den er geſandt that: Ich will inmitten meines auserwaͤhlten Volks ein Bildniß der neuen Schoͤpfung aufrichten, ſo ich aus dem Herzen des Menſchen und den Eingeweiden der Welt nehmen will. VI. 5 98 Ich will eine Stadt bauen, die ein Zeugniß mei⸗ ner uͤberſchwenglichen Gnade ſei. Die Fremden wer⸗ den von fernher kommen auf den Ruf ihrer Erſchei⸗ nung. Die Bewohner der Staͤdte und des Landes werden in Menge herzuſtroͤmen, und wenn ſie ſolches geſchaut haben, werden ſie an mich glauben. Paris! du Stadt, welche tobend ſiedet, gleichwie ein Keſſel in gluͤhender Aſche, du Stadt, aͤhnlich dei⸗ nem Volke, bleich und entſtellt, gleich ihm! Du liegſt an den ufern deines Fluſſes, mit deinen ſchwarzen Monumenten und verwitterten Haͤuſern, wie ein Hau⸗ fen von Felsbloͤcken und Steingeroͤll, den die Zeit im Thalgrunde zuſammen gebracht, und ein Gemurmel toͤnt einförmig hervor, wie von einem Waſſer, das unter den Steinen eingeſperrt iſt, oder von einem verborge⸗ nen Feuer, das ſie zu ſprengen droht. Paris! Paris! an den Ufern deines Fluſſes gleich⸗ wohl und in deinem Umkreiſe werde ich meine neuen Wohlthaten offenbaren und den erſten Verlobungsring des Menſchen und der Welt beſiegeln! Deine Koͤnige und Voͤlker haben meinen ewigen Willen befolgt, obſchon ſie ihn nicht kannten, als ſie ſich mit ihren Pallaͤſten und Haͤuſern von Suͤden nach Norden in Bewegung ſetzten, nach dem Meere zu, das dich von dem großen Bazar der Welt, von dem Lande der Briten, trennt. 4 Sie ſind mit der Langſamkeit der Jahrhunderte — O— 99 7 fortgeſchritten und auf einer herrlichen Stelle halten geblieben. Dort wird das Haupt meiner Apoſtel⸗Stadt ruhen, meiner Stadt der Hoffnung und des Verlangens, die ich wie einen Menſchen an das ufer deines Fluſſes lagern werde. 8 Die Pallaͤſte deiner Koͤnige werden ihre Stirn bil⸗ den und die blumigen Raſenſtuͤcke ihr Antlitz. Ich werde die hohen Kaſtanienbaͤume als ihren Bart ſtehen laſſen und das vergoldete Gitter, das ſie wie ein Hals⸗ band umgiebt. Aber von der Scheitel dieſes Haupts; werde ich den alten abgenutzten Chriſtentempel und ſein zerlumptes Kloſterhaus reißen und auf dieſem ſaubern Platze einen Haarwuchs von Baͤumen anlegen, welcher in Locken von Alleen auf die beiden Fronten der langen Galerien zuruͤckfallen wird, und dies gruͤne Haupthaar werde ich mit einer heiligen Binde von weißen Pallaͤ⸗ ſten umziehen, Ruheſtaͤtten voll Ehre und Glanz fuͤr die Invaliden der Werkſtuben und Bauplaͤtze. Aus den Terraſſen, welche auf den großen Platz vorſpringen, wie die Muskeln eines kraͤftigen Halſes und einer ſtarken Kehle, werde ich die harmoniſchen Geſaͤnge des Koloſſes erſchallen laſſen. Muſik⸗Choͤre und Saͤnger werden jeden Abend einſtimmig die Sere⸗ nade lauttoͤnend anheben. Ich werde die Graͤben dieſes Platzes ausfuͤllen und daraus eine breite Bruſt bilden, die ſich gewoͤlbt und 5 * 10⁰⁰ unverhüllt ausdehnen wird, von Stolz geſchwellt, wenn ſie an Tagen friedlicher Luſt auf ihrer Oberflaͤche, wie buntfarbiges Edelgeſtein, Frauen glaͤnzen ſieht, ge⸗ ſchmuͤckter und ſchoͤner als die Damen der Liebeshoͤfe und Turniere, und Maͤnner, ſtrahlender und kraftvoller als die Ritter im vergoldeten Harniſch und Napoleons alte Grenadiere. neber der Bruſt meiner Stadt, in dem ſympathe⸗ tiſchen Heerde, wo alle Leidenſchaften aus⸗ und ein⸗ ſtroͤmen, wo Freud' und Leid ſich regt, werde ich mei⸗ nen Tempel bauen, den Heerd des Lebens, den Plexus ſolaris des Koloſſes. Die Huͤgel du Roule und Chaillot werden ſeine Seiten bilden. Dorthin ſetze ich die Bank und die Univerſitaͤt, die Hallen und die Druckereien. um den Bogen des Sterns, von der Ebene von Monceau bis zum Park der Stummen, werde ich im Halbkreiſe die Gebaͤude zu Ball⸗Vergnuͤgungen, Schau⸗ ſpielen und Concerten verſtreuen, die Kaffeehaͤuſer, die Reſtaurationen mit ihren Labyrinthen, ihren Kiosks und ihren Raſenteppichen mit Blumen eingefaßt. Ich werde den linken Arm des Koloſſes am Ufer der Seine ausſtrecken, er wird gebogen ſein, entgegen⸗ geſetzt der Kruͤmmung von Paſſy. Das Ingenieur⸗ Corps und die großen Werkſtaͤtten der Erfindungen wer⸗ den den obern Theil ausmachen, der ſich gegen Vaugi⸗ rard ausdehnt, und den Unterarm werde ich aus der 101 Vereinigung aller Special⸗Schulen der Naturwiſſen⸗ ſchaften und der Anwendung dieſer Wiſſenſchaften auf induſtrielle Arbeiten bilden. In dem Zwiſchenraum, den das Gros⸗Caillou, das Marsfeld und Grenelle um⸗ faͤngt, werde ich alle Lyceen gruppiren,/ die meine Stadt an ihre linke Bruſt druͤcken wird, wo die Univerſitaͤt liegt; das wird ſein wie ein Korb voll Blumen und Fruͤchte mit lieblichen Formen und zarten Farben, da⸗ zwiſchen wie Blaͤtter breite Raſenpläͤtze, welche von Kindern wimmeln wie von Bienenſchwaͤrmen. Ich werde den rechten Arm des Koloſſes, als Zei⸗ chen der Kraft, bis zum Einbug Saint⸗Ouen ausdeh⸗ nen, und aus ſeiner gewaltigen Hand werde ich eine geraͤumige Niederlage machen, wo der Fluß reichliche Nahrung ausſtroͤmt, um Hunger und Durſt zu ſtillen. Dieſen Arm werde ich mit Werkſtaͤtten der Klein⸗In⸗ duſtrie, mit Durchgaͤngen, Galerien und Bazars fuͤl⸗ len, welche die Wunder menſchlicher Arbeit vervoll⸗ kommnen und vor den verblendeten Augen ausbreiten. Ich werde die Madeleine dem induſtriellen Ruhme wei⸗ hen, ſie ſoll ein Ehren⸗Epaulet auf der rechten Schul⸗ ter meines Koloſſes vorſtellen. Den rechten Schenkel und das Bein werde ich aus allen groben Fabriken bil⸗ den und der rechte Fuß wird auf Neuilly ruhen. Der linke Schenkel wird den Fremden lange Reihen von Gaſthaͤuſern bieten. Das linke Bein ſoll bis in die Mitte des Boulogner Waͤldchens die Gebaͤude fuͤhren⸗ welche den Alten und Gebrechlichen geweiht ſind, und ſie werden mit ihren Vorvplaͤtzen und Baͤchen friſcher und leuchtender ſein, als die Pallaͤſte der Lords und Fuͤrſten.. Meine Stadt iſt in der Haltung eines Menſchen, der eben fortſchreiten will; ihre Fuͤße ſind von Erz, ſie ſtuͤtzen ſich auf eine doppelte Straße von Stein und Eiſen. Hier werden die Rollwagen und Verbindungs⸗ mittel gefertigt und verbeſſert: hier ringen die Fuhr⸗ werke um den Preis der Schnelligkeit. Dieſe Straßen verlaͤngert die Bruͤcke von Neuilly durch einen Bogen gegen das Antlitz meiner Stadt, und bildet ſo ihren Haupt⸗Eingang. Zwiſchen den Knieen iſt eine elliptiſche Reithahn, zwiſchen den Beinen ein ungeheurer Rennplatz. Solches iſt mein Koloß, deſſen umriß mein Finger auf dem Erdboden eingraben wird. Die Glieder, welche ihn ausmachen, ſind, ge⸗ theilt und vermiſcht, eine unfoͤrmliche, lebloſe, todte Maſſe. Sie ſind, was des Menſchen Fleiſch, Knochen, Nerven, Gehirn und Eingeweide waren, ehe der Hauch meines Willens dieſe unbegreifliche ſchreckbare Maſſe in ein harmoniſch lebendes Weſen verwandelt, ehe die Knochen ſich in einander gefuͤgt, ehe die Nerven, die Adern, das Fleiſch ſich uͤber die Knochen gelegt, ehe ſich das Hirn in den Schaͤdel ergoſſen, ehe der Kopf auf den Schultern, Herz und Leber unter den Rippen, 103 die Eingeweide in der Hoͤhle des Beckens Platz genom⸗ men hatten, und der Menſch ſtolz und ſtrahlend er⸗ ſchien, wunderbar eingerichtet, wie ein herrliches Gebaͤude. So werde ich die Glieder und Organe meiner Stadt aus ihrem grauſen Chaos hervorgehen laſſen. Ich werde ſie laut mit Menſchenſtimmen und toͤnenden Inſtrumenten rufen, und ſie werden alle, mit Bewe⸗ gung begabt, ihren Platz einnehmen. Man wird die Manuſcripte, Buͤcher, Karten, Zeichnungs⸗ und Bilderrollen der Bibliothek, wie ein unzaͤhlig Heer nach der Galerie des Louvre, ſo von der Hand meines letzten Feldherrn gebaut, wandern ſehen, auf dem Nuͤcken der Soldaten getragen. Regi⸗ menter werden zu dieſem Mandver eingeuͤbt werden; die Offiziere werden ſie auf ihre Faͤcher und in ihre Behaͤltniſſe ordnen, und das Gehirn meiner Stadt wird ſich bilden. Man wird all' die beruͤhmten Greiſe der Wiſſenſchaft und Kunſt, deren Leben auch eine Arbeit iſt, aber eine Arbeit in Beobachtung und Urtheil, ſchaa⸗ renweiſe die Hauptfront und die Fluͤgel des Pallaſtes beziehen ſehen, und meine Stadt wird Augen und Ohren haben. Herabſteigen ſollen von den Hoͤhen Sainte⸗Gene⸗ viève und der Vorſtadt Saint⸗Germain alle Gelehr⸗ ten mit ihren Kanzeln, ihren Hoͤrſaͤlen und Experi⸗ mental⸗Inſtrumenten, und die Thiere, die Pflanzen 104 und Baͤume des koͤniglichen Gartens und die Schaͤtze der Naturwiſſenſchaften, welche in ſeinem Kabinette vergraben ſind. Herabſteigen ſollen die Laboratorien, das Obſervatorium mit ſeinen Maſchinen und Glaͤſern, die polytechniſche Schule, die Schule der Kuͤnſtler und Handwerker und alle Kollegien. Das wird eine lange Prozeſſion werden. Im Centrum die Univerſitaͤt und die Akademien, voran die ſchwarzen Druckereien; an der Spitze die Alten, Kranken und Gebrechlichen; die ungeheuren Hoſpitaͤler der Salpetrisre, des heiligen Ludwig und Hotel⸗ Dieu mit ihren Fluͤgeln und Facga⸗ den, mit ihren zahlloſen Betten werden ſich aufmachen und das Beiſpiel zum Marſch geben. Dann kommt das Bataillon der Gaſtwirthe, Hotel⸗Beſitzer und ihrer Diener. Dieſe Karavane wird lang ſein und im lang⸗ ſamen Schritte der Wiſſenſchaft, Geduld und des Al⸗ ters einherziehen mit ihren Wohnungen, und ſich ſtill an die Ufer des Fluſſes lagern, vom Palais⸗Bourbon nach Paſſy und von Paſſy nach Vaugirard, von der Mitte der Champs⸗Elyſées uͤber Chaillot, den Bogen des Sterns und die Stumme bis in die Mitte des Waͤldchens, und wird ſolchergeſtalt die Knochen, die Nerven und das Fleiſch der ganzen linken Koͤrperhaͤlfte meines Koloſſes bilden. Zu gleicher Zeit werden alle Niederlagen von Wein und Getraide, die Hallen, die Maͤrkte und Schlacht⸗ haͤuſer, die Meſſingwerke, Schmelzhuͤtten und Maſchi⸗ 105 nen⸗Werkhaͤuſer mit ihrem Raͤder⸗Getriebe/ ihren Keſ⸗ ſeln und Cylindern, ihren Amboßen, Haͤmmern, Blaſe⸗ baͤlgen und Walzen, Zimmerleute und Schmiede an der Spitze, aufſtehen. Es werden auch die Werkſtaͤtten auf⸗ ſtehen, welche die Menſchenhand mehr als Maſchinen⸗ kraft glaͤnzen laſſen; die Kunſttiſchler, Moͤbelverfer⸗ tiger, Schneider, Mode⸗Arbeiter, Hutmacher, Juwe⸗ liere und Uhrmacher; die Magazine und Laͤden der Viertel Saint⸗Denis, Saint⸗Antoine und Saint⸗ Martin; der unermeßliche Bazar des Palais⸗Royal und der Durchgaͤnge, wo die reichen Gold⸗ und Sil⸗ ber⸗Arbeiten, die Juwelen, die Kryſtalle und emaillir⸗ ten Kleinodien, die Federn und Gewebe von Indien und Afrika, die leuchtenden Stoffe mit friſchen glaͤn⸗ zenden Figuren, die Moͤbel von farbigem, wohlriechen⸗ dem Holze, die Teppiche, die Kandelaber mit ihren Globen von eingelegter Arbeit, kunſtreich und faͤcher⸗ artig aufgeſtellt ſind. Dies große kunſtfleißige Heer, Maͤnner und Frauen mit ihren Waaren, ihren Werk⸗ zeugen und Haͤuſern, rings um die Bank und ihrer Verwaltung, den Schatz, das Stempelgebaͤude und die Muͤnze; dies ganze thaͤtige, laͤrmende, beſeelte Heer wird ſich raſchen Schritts, die Luft mit ſeinem Freuden⸗ geſchrei und Geſtikuliren zerreißend, den Staub wie eine Weihrauchswolke um ſich her aufruͤhrend, in Be⸗ wegung ſetzen und ſich uͤber die Kirchen, die Quais und die zoͤgernden Viertel herwaͤlzen, und wird von der 106 Madeleine zum Einbug Saint⸗Ouen und vom Elyſee⸗ Bourbon uͤber Monceau und die Sablons bis Neuilly kommen, um die markigen feſten Glieder der Rechten meines Koloſſes zu bilden. 5 Ich werde auf den Boulevards die Opern und alle Theater entwurzeln mit ihrem Material von Inſtru⸗ menten, Koſtuͤmen und Dekorationen und ihren Trup⸗ pen; die Tanz⸗ und Concertſaͤle, die Gaͤrten mit den Schnee⸗ und Eisfruͤchten und den Getraͤnken, wie Me⸗ talle funkelnd, und alle Gebaͤude, welche geiſtigem Hoch⸗ genuſſe und ſinnlichem Freudenrauſche gewidmet ſind. Sie werden entſchweben wie ein Reigen von Taͤnzern und Taͤnzerinnen, deren Schwung den Leib meines Koloſſes mit Wonne durchzittert, und eng verſchlungen⸗ um ſich ſelbſt wirbelnd, werden ſie ſich um den Stern gruppiren. Alſo wird durch meinen Willen und meiner Kinder Arme meine lebendige Stadt gebaut werden, wie ein einzig Haus. Und Niemand wird mein Wille Aerger⸗ niß oder Knechtſchaft bringen, denn von all dieſen Maͤnnern und Frauen, dieſen Greiſen und Kindern, dieſen Gebaͤuden und Magazinen und Werkſtaͤtten wird ſich nicht ein Nagel, nicht ein Haar kruͤmmen, als durch eignen Antrieb und freien Willen. Es werden aber Viele hiernieden das Gefuͤhl ihrer Beſtimmung nicht haben. Sie werden in ihrem Chaos unſaubern Pflaſters und wankender Mauern verbleiben. Die alte — 107 Stadt wird auf den Schultern der neuen ruhen. Eine leichte Laſt auf ihren ſtarken Schultern, eine geheiligte Buͤrde; denn der Koloß, dergeſtalt mit ſeinem alten Vater belaſtet, ſein Kind unter dem Arme, wird, wie Aeneas, das Symbol der Religion der Menſchen ſein, der aus dem Kriege kommt und das Weib ruft. Eilet doch herbei! eilet alle herbei, ihr Voͤlker aus Norden und Mittag, ihr Preußen, Englaͤnder, Ruſſen, Sachſen! Ihr kamet zu meinem vielgeliebten Volke, um euch an ſeinen Trauben und Frauen zu berauſchen und eure Roſſe mit den Straͤuchern ſeiner Gaͤrten zu naͤh⸗ ren, weil dies Volk in ſeiner Wuth, wie ein Stachel⸗ ſchwein geſtraͤubt, durch eure Felder lief, und mit der Spitze ſeiner Stacheln die Mauern eurer feſten Plaͤtze, ganze Stadtviertel hinwegriß und eure Ernten zu Bo⸗ den trat. Kommt alle! Eilet herbei zu dieſer Stunde! Dies Volk iſt endlich werkthaͤtig und hehr geworden; das erſte, im Namen ſeiner Bruͤder, hat es die Hand in meinen Schatz gethan. Kommt! Hier ſchwillt die Erde vor Verlangen, das Leben des Menſchen zu leben, hier giebt ſich die Erde dem Menſchen hin, wie ein Weib ihrem Geliebten. Die Stadt, welche dies Volk bewohnt, iſt lebendig, reich geſchmuͤckt, wohlklingend; ſie denkt, ſie arbeitet, ſie liebt, ſie lacht, ſie tanzt. und es werden die Voͤlker herzulaufen, und ſie werden wiſſen, daß ſie in ſich ſelbſt die Form und den 108 Plan meiner Stadt tragen, und ſie werden ſelbige er⸗ kennen, und werden ſich in Begeiſterung neigen vor dem Antlitze und den Gliedern des Rieſen. Meine Stadt iſt weitlaͤufig und von hohem Wuchs; doch Keiner fuͤrchte, ſich darin zu verlieren. Moͤget ihr von Norden oder Suͤden kommen, von Deutſchlands Sandbaͤnken oder Englands Werften; mag der Geiſt oder das Fleiſch euer Stolz ſein, euer Leben, Geheim⸗ niß oder Bewegung, ſo werdet ihr ſichern Fußes in meinem Koloſſe nach dem Orte zuſchreiten, den euer Herz begehrt, durch die ſchattigen Plaͤtze, uͤber die Ka⸗ naͤle mit klarem Gewaͤſſer und an den ſprudelnden Springbrunnen voruͤber, von Gebaͤuden umringt, deren Form den Namen ausſpricht. 1 An den Gegenden, welche die Maͤnner der Wiſſen⸗ ſchaft, Beſchaulichkeit, Erfahrung bewohnen, dieienigen, welche Ordnung und Regel der Stadt ſind, herrſcht geheimnißreiches Schweigen; die regelmaͤßig gepflanz⸗ ten Baͤume auf den Plaͤtzen verlaͤngern die ſchattige Friſche der Nacht bis in den Mittag hinein. Die Ge⸗ baͤude erheben ſich mit flachen Daͤchern, die Mauern fallen ſenkrecht, ſchneiden ſich in rechten Winkeln und treten in gebrochenen Vorſpruͤngen heraus, ſo daß der Tag nur ein Echo ſeines Lichts unter die Pilaſter ſchim⸗ mern laͤßt. Es ſind Parallelreihen mit hohem Portikus und platter Bedeckung, Thuͤrme und Spitzen im Ueber⸗ 109 fluß und prismatiſche Eckenverzierungen und rauten⸗ föͤrmiges Gitterwerk und hohe ſpitze Kreuzbogen. Die Wunder meines vielgeliebten Landes ſind ver⸗ einigt in dem Garten eines Pallaſtes, der rieſige Thiere unter einem aͤgyptiſchen Portal, mit ſymboliſchen Fres⸗ ken bedeckt, ſehen laͤßt. Der Chemiker wird angeruſen durch die niedrigen Formen ſeines Laboratoriums mit druidiſchen Pilaſtern im abgeſtumpften Dreieck, und be⸗ kraͤnzte Terraſſen mit Thuͤrmen und Warten heben den Aſtronomen und ſein Teleskop bis uͤher die Wolken empor. Schweigend fließt die Seine dahin, und die Farbe . ihrer Gewaͤſſer paßt zu den Inkruſtationen, zu der Makerei Grau in Grau an den Gebaͤuden, und dieſe Farben und Formen finden ſich harmoniſch vereinigt in der ungeheuren Univerſitaͤt, welche das violette Kleid des Biſchofs Chriſti traͤgt und deren Centrum ſich zu einer wunderbaren Hoͤhe aufſchwingt, mit einer drei⸗ 1 eckigen Maſſe weißer zackiger Thuͤrme, die einer Pyra⸗ mide flammender Kerzen gleicht, wenn der Abendſchein ihre Silberſpitzen umſpielt. In den Vierteln, welche die Menſchen voll Kraft und Thaͤtigkeit bewohnen, dort, wo die Werkſtaͤtten gro⸗ ber und feiner Arbeit liegen, dort, wo Kupfer und Eiſen geformt und gemodelt wird wie Wachs, wo Baum⸗ ſtaͤmme, die in den lauen Fluthen des Gambia oder Amazonenfluſſes gehaͤrtet ſind, in Scheiben geſchnitten 11⁰ werden, wie das Fleiſch ſaftiger Fruͤchte, dort, wo Erz und Kryſtall verarbeitet wird und Flachs und Seide feiner gewebt als Inſektengeſpinnſt, auf der ganzen rech⸗ ten Seite meines Koloſſes erheben ſich die Gebaͤude in gerundet hervortretenden Formen, wie die gewoͤlbten Muskeln eines kraftvollen Mannes. Die Straßen ſind gewunden, wie verſchlungene Ringe. Die Mauern ſtehen feſt auf der Erde, geſchwellt wie eines Paſcha's Turban, oder ſie ragen leicht und durchſichtig in die Luft, wie Halmgezweige. Saͤulengaͤnge und Gewoͤlbe erheben ſich, welche Feldern mit uͤppigen Pflanzen gleichen, deren breite Blaͤtter ſich zu maſſiven Bogen vereinigen, oder Waͤl⸗ dern von kleinen Bambus, auf deren Spitzen Glocken ruhen, wie Blumen auf ihren Stielen. Die kreisfoͤrmigen Plaͤtze ſind nicht im regelmaͤßig geſchloſſenen Quincunt bepflanzt, Baumgruppen erhe⸗ ben ſich hier und da, wie Kraͤuterbuͤſchel im Felde; denn Licht und Schall iſt hier ungehemmt und unge⸗ ſchwaͤcht. Aus der Mitte dieſer Plaͤtze ſieht man die parabo⸗ liſchen Kuppeln der Schmelzen und Schmieden ragen, die geſchwaͤrzten Kegel der Hochoͤfen, die eylindriſchen Nauchfaͤnge mit dem offenen Flammenſchlunde wie auf⸗ gebaͤumte Schlangen, die Thuͤrme der Bleiſchmelzwerke und die Zauberhuͤte uͤber den Heheln und dem gewal⸗ tigen Raͤdergetriebe. 111 ungeheure Maſchinen bewegen ſich in den Luͤften, welche die Zeit im Raume anzeigen; Funken ſpruͤhen und Dampfwolken ſteigen zum Himmel, deſſen Ge⸗ woͤlbe von den Hammer⸗ und Beilſchlaͤgen, von dem Kreiſchen der Saͤgen und Schrauben, vom Drehen der Walzen, von den gemeſſenen Stoͤßen der Pumpen und dem Geſange der Arbeiter wiederhallt. Ueberall prangen ſtolze brennende Farben, vom Scharlach, dem Symbole der Geſundheit, bis zum blen⸗ denden Gelb der Sonnenſtrahlen, dem Symbole des Reichthums. Tauſende von Kandelabern, in Guirlan⸗ den um die Plaͤtze gruppirt oder auf Dreifuͤßen von Karyatiden in Luͤften gehalten, verbreiten Tageshelle um Mitternacht. Auf der rechten Bruſt meines Koloſſes breitet ſich die Bank aus; hier findet ſich die ganze Herrlichkeit der Kraft und des Reichthums in einem einzigen Ge⸗ baͤude entwickelt; es iſt eine Verſammlung von Welt⸗ koͤrpern. Es iſt das Weltall mit ſeinen auf einander gehaͤuften Sphaͤren, ſie glaͤnzen im Feuer der Sonnen⸗ 1 gluth, im matten Silberſcheine des Mondes, im Braun der Erde, im Gruͤn des Meeres, und auf einer letzten Reihe leuchtender Globen von Perlmutter japaniſcher 4 Auſtern erhebt ſich ſanftgewoͤlbt ein Azurdom mit fun- kelndem Golde geſtirnt. Rieſige Pflanzenſaͤulen, Frucht⸗ und Blumenſtuͤcke treten aus den Zwiſchenraͤumen her⸗ ³⁴ 112 vor, und eine weite umfaſſung, zackig und reichverziert, leuchtet im Purpurgewande der Caͤſaren. und im Mittelpunkte meiner Stadt, zwiſchen den weitgedehnten Kuppeln der Bank und den unermeßlich hohen Kerzen der Akademie, hoͤher als dieſe Kerzen, aus⸗ gedehnter als jene Kuppeln, iſt mein Tempel. So viele Namen ich mir auch im Angeſicht der Erde gegeben, hier iſt ein Tempel feſtgewurzelt im Bo⸗ den, hochgethuͤrmt in die Raͤume, dem ich meinen wah⸗ ren Namen eingraben kann. Mein Tempel iſt meine Sonne der Gerechtigkeit, mein Band der Vereinigung unter den Menſchen, meine Blume der Gnade und der Reinheit, mein Laͤcheln der Liebe und Fruchtbarkeit; mein Tempel iſt die Hoffnung der Welt. Mein Tempel iſt meine lebendige Liebe, die Freude meines Herzens, die Schoͤnheit meines Angeſichts⸗ meine Hand der Milde und Freundlichkeit. Das Haupt empor! alter Tempel der Juden! Rui⸗ nen von Theben und Palmyra! Parthenon! Alham⸗ bra! Das Haupt empor, das im Staube liegt! Sanct⸗ Peters Dom und Sanct⸗Pauls! Thuͤrme des Kremlin! Moſcheen der Araber! Pagoden Indiens und Japans! Pallaſt meiner Koͤnige! Tempel meiner Chriſten! Ihr Lebendigen und Todten! das Haupt empor und beugt die Knie! 4. Mein Tempel iſt ein Weih. 113 Um ſeinen maͤchtigen Leib bis zum Guͤrtel ſteigen ſpiralfoͤrmig zwiſchen den Fenſtern Galerien empor, in Staffeln wie die Guirlanden eines Ballkleides. Von der Hoͤhe dieſer Galerien ſieht man uͤber die Glasdaͤcher der Druckereien, uͤber die Kiosks und bunten Zelte der Hallen, uͤber die Theater, Kaffeehaͤuſer und Concert⸗ ſaͤle hinweg, die ſich wie Spielzeug um den Stern lagern; man ſieht den großen Circus, der ein Kelch ſcheint mit ſeinem Wieſenrande und ſeiner getriebenen Arbeit von hohen Platanen, und ſeinen Staͤllen, wie zwei Henkel an beiden Enden. Und die Rennpferde, wenn ihr Bauch die Erde ſtreift, ſcheinen Ameiſen, welche kaum von der Stelle kommen. Ruͤckwaͤrts faͤllt das Kleid auf den großen Parade⸗ platz herab und bildet aus den Falten ſeiner Schleppe ein ungeheures Amphitheater, wo man das Schauſpiel friedlicher Beluſtigungen genießt und friſche Luft un⸗ ter Orangenbaͤumen ſchoͤpft. Der rechte Arm der Vielgeliebten meiner Stadt iſt gegen die Domkuppeln des Kunſtfleißes gekehrt, und ihre Hand ruht auf einer Sphaͤre mit kryſtallenem Gipfel, deren Oberflaͤche gemalt iſt mit dem zarten Gruͤn des jungen Raſens, dem bleichen Golde reifer Aehren und all' den lebhaften Farbenſpielen, welche die ſchoͤne Flur beim erſten Morgenkuſſe beut. Dieſe Sphaͤre bildet im Innern des Tempels die Stelle meines heiligen Theaters, deſſen Dekorationen Panoramen ſind. . 5** 114 In die linke Hand der Braut meines Koloſſes habe ich ein azur⸗ſilbernes Scepter gegeben, das ahwaͤrts ge⸗ geneigt, ſich in den Luͤften mit den graden Silberſpitzen der Akademie und ihrem Umfange von violetten Pilaſtern verbindet. Von der breitern Spitze des Scepters ſteigt eine Flamme pyramidenfoͤrmig empor, ein ungeheurer Pharus, deſſen Licht fernhin ſtrahlt und das Laͤcheln ihres Antlitzes ſelbſt in tiefer Nacht ſichtbar macht. Die Seitentreppen der Kunſtfleißigen und der Ge⸗ lehrten bilden ihre Fußbekleidung, die breite Treppe für Prieſter und Volk ſteigt durch die Falten ihres offe⸗ nen, von Spangen gehaltenen Gewandes empor. Bei dem Glanze der Bogenfenſter, welche ſich laͤngs der Galerien um ihren Leib ſchlaͤngeln und an den Einſetzroſen ihrer Bruſt ſtrahlen, moͤchte man glauben, daß ſich das Edelgeſtein aller fuͤnf Erdtheile in ihrem Gewand und Mieder zuſammengefunden habe. Ich habe ihre Arme mit reichen Spangen verſehen, welche als Terraſſen mit eingelegter, durchbrochener Arbeit hervortreten. Ich habe ihren Guͤrtel aus Me⸗ tallplatten gewebt, die ſich ruͤhren und klingen. Dort ruht die neue Orgel mit der Kupfer⸗, Erz⸗ und Sil⸗ berſtimme, deren melodiſche Harmonien, wie ein Waſſer⸗ fall in den Tempel hinabrauſchend, aus Mund, Ohr und Auge ſpruͤhen, aus den Zwiſchenraͤumen, welche die Perlen des Halſes und die Locken des Haupthaars trennen, und von den Zinnen des prachtvollen Diadems, 115 der Samen des Lebens, den meine Vielgeliehte uͤber die Stadt und uͤber die Welt verſtreut. Solches iſt mein Tempel! Mein Tempel iſt meine lebendige Liebe, die Freude meines Herzens, die Schoͤnheit meines Angeſichts, meine Hand der Milde und Freundlichkeit! Solches iſt mein Tempel! Solches iſt meine Stadt! Kommt denn, eilet herbei von allen Theilen der Erde, ihr Menſchen! Die Geburt meiner Stadt wird eine Zeit unerdenklicher Freude ſein! Ich werde uͤber ihre Glieder von Erz und Stein, uͤber ihr Blumen⸗ Antlitz, ihr Haupt⸗ und Barthaar von hochſtrebenden dichtbelaubten Baͤumen, eine ſuͤßklingende Muſik ertoͤnen laſſen, ſtark wie der Orkan, der Berge verſetzt, und mild zugleich wie das Luͤftchen, das ſich lind auf blauen Meereswogen ſchaukelt. Ihren ganzen Leib werde ich in neuem Tanze huͤpfen laſſen, und wenn der Abend kommt, werde ich ſie ſchlafen legen in einem Kleide von funkelnden Lichtern. Dann werdet ihr in Menge hervorgehen und wer⸗ det hinaufſteigen zu den Huͤgeln von Sevres und Meu⸗ don, zum Park von Saint⸗Cloud, zum Calvarienberge, Montmartre, Menilmontant und zu den Hoͤhen von Chaumont; ihr werdet euch ſchaaren, wie an den Schranken eines ungeheuren Cireus, um die neue Schoͤpfung in ihrem ganzen Glanze zu betrachten, um den feurigen Rieſen auf ſeinem ſchwarzen Bette ge⸗ lagert ſchlafen zu ſehen. Ballons werden euch ab⸗ wechſelnd in die Luͤfte tragen, um ihn ſeinem Ganzen und all' ſeinen Theilen nach ſehen zu koͤnnen. Sein Haupt⸗ und Barthaar iſt erhellt von einem Meteor mit bleichem Lichte, das die Mauern fluͤchtig umſpielt. Seine Augen ſind zwei rollende Sonnen, blendend, wie meine Sonne ſein wuͤrde, wenn ich in ihr alle Strahlen zuruͤckhielte, die ſie in den Raum ver⸗ ſendet, und wenn ich ſie nur bei Nacht zeigen wollte. Aus ſeinem Munde ſtroͤmt ein Schwall von Flammen und Funken, die durch die Luͤfte ſteigen, wie eine neu⸗ geſchaffene Sternwelt, ſo meine Erde in meinen Him⸗ mel ſchickt. Sein rechtes Bein und ſein rechter Arm und die rechte Seite ſeines Leibes funkeln in rothem Feuer. Es iſt ein eng anſchließendes Purpurgewand, das jede Muskel hervortreten laͤßt. Ueber ſeine linke Schulter und die ganze linke Seite ſeines Leibes iſt ſein flammender Mantel geworfen, der violett leuchtet, wie das Weltmeer der indiſchen Inſeln. Der Tempel ſtrahlt in doppelter Weiße von Perlen und Diamanten. Die Pallaſtbinde, welche das Haar umgiebt, iſt eine Krone von gigantiſchen Edelſteinen, gruͤn, gelb, roſenroth und azurblau. Und der Koloß, in ſolchem Brande vielfar⸗ bigen Feuers, wird fernhin die Fluren erleuchten, und den Menſchen einen Tag zeigen, den ſie noch nicht ge⸗ ſehen haben. 117 † Solches iſt, ſpricht der gute Gott, der freigebig iſt den Menſchen, ſolches iſt das Kleinod, das ich hervor⸗ ziehen werde aus dem Schrein meiner uͤberſchwenglichen Gnade! Das iſt der Grundſtein zu meinem Gebaͤude! Ich will das Antlitz und die Eingeweide meiner Erde erneuen. Ich will, daß die Menſchen die Meere ver⸗ treiben und neue Erdtheile aufſteigen laſſen; ich will, daß ſie meine Erde in ihre Hand nehmen und ſie ſchnei⸗ den und ſchleifen, wie einen neuen Diamanten meiner unermeßlichen Krone. Ueberſchwemmen werde ich Dich, o Erde, mit dem Lichtregen meiner Sonne, und mein Wille wird Dich fuͤhren durch den himmliſchen Reigen vor die verblen⸗ deten Augen aller Welten. Carl Duveyrier. 4 Uapoleon im Staatsrathr. — Wenn der Fremde, der ſich in die engen Corridors des Hotels Mols verirrt, in der Tiefe einer dunkeln Halle ein paar Leute mit geſtickten Kleidern bemerkt, die ſich zum Erſticken an einander draͤngen und eben üͤber die Verurtheilung eines Feldhuͤters abgeſtimmt haben, ſo fragt er ſich, ob das der Staatsrath iſt deſſen Name in Europa wiederhallte und deſſen unſterblicher Coder noch jetzt mehrere von Frankreich losgeriſſene Laͤnder regiert. Nein, der gegenwaͤrtige Staatsrath in ſeiner nie⸗ dern Gerichtsbarkeit und beſtrittenen Kompetenz, ein Sitz der Sinecuren, ein Inſtitut ohne Form und Ge⸗ ſetzlichkeit, iſt jener maͤchtige Koͤrper nicht mehr, der unter Napoleon die Decrete vorbereitete, die Provinzen verwaltete, Aufſicht uͤber die Miniſter fuͤhrte, die er⸗ 119 oberten Laͤnder organiſirte, die Geſetze auslegte und das Reich regierte. In dem großen Saale der Tuilerien, der an die Kapelle ſtoͤßt, war es, wo unſer Coder ausgearbeitet wurde, deſſen Plan ſo großartig, deſſen Anordnung ſo einfach, deſſen Genauigkeit ſo ſtreng iſt, daß er die prunkende Glorie des Kaiſerreichs uͤberlebt hat und dauerhafter ſein wird, als Erz. Dort war es, wo die kraͤftige Verwaltung des Innern hervorging, an deren Raͤderwerk ſich noch heut unſre kleinen Staatsmaͤnner, aus Furcht zu fallen, anklammern. Der Staatsrath war der Sitz der Regierung und die Seele des Kaiſers. Seine Beiſitzer, unter dem Na⸗ men Intendanten, machten die unterjochten Laͤnder zu⸗ gelrecht. Seine Staatsminiſter, unter dem Namen Sectionspraͤſidenten, controllirten die Handlungen der Portefeuilleminiſter. Seine Naͤthe, im gewoͤhnlichen Dienſte unter dem Namen Regierungsredner, fuͤhrten die Geſetzdiscuſſionen im Tribunal, im Senat, im ge⸗ ſetzgebenden Koͤrper. Im außerordentlichen Dienſte un⸗ ter dem Namen Generaldirektoren, verwalteten ſie die Zoͤlle, Domainen, Bruͤcken und Chauſſeen, die Schul⸗ dentilgung, den Schatz und die Forſten; erhoben Ab⸗ gaben in den Provinzen Illyrien, Holland und Spa⸗ nien, ſchrieben unſer Geſetzbuch in Turin, Rom und Neapel vor und richteten Fuͤrſtenthuͤmer und Koͤnig⸗ reiche franzoͤſiſch ein. 120 Zu allen großen Epochen geſchieht es, daß das Genie, welches beftehlt und anordnet, das gehorſam dienende Genie erraͤth, anzieht und befruchtet. Es ſcheint, daß ſie ſich aus einer Art ſympathetiſchen Inſtinkts naͤhern, um ſich zu vermiſchen. Die unruhigen Tribunen, jene Maͤnner, deren Or⸗ gane durch die Stuͤrme der Revolution abgeſtumpft waren, gaben des Kaiſers Anziehungskraft murrend nach. Napoleon hatte ſie durch ſeine Siege verblendet, ſie waren gleichſam in ſeiner Kraft untergegangen. Die Geiſter, muͤde der ohnmaͤchtigen Freiheit, trachteten nur nach Abſpannung in einer Ruhe voll Glanz und Groͤße. Der Staatsrath brachte in ihren Augen mit ſeinen ernſten Sitzungen, wo die Dehatte nicht ohne Bewe⸗ gung, das Wort nicht ohne Gewalt war, die belebten Kaͤmpfe der Tribuͤne wieder hervor. Hier war es, wo auf Napoleons Ruf ſich alle buͤrgerlichen und militaͤri⸗ ſchen Beruͤhmtheiten der Revolution zuſammengefun⸗ den zu haben ſchienen. Hier glaͤnzte Cambacérès, der didaktiſchſte der Ge⸗ ſetzgeber und der geſchickteſte Praͤſident, Tronchet, der groͤßte Richter unſerer Zeit, Merlin, der gelehrteſte Rechtsanwalt in Europa, Treilhard, der ſtaͤrkſte Dialek⸗ tiker des Raths, Portalis, beruͤhmt durch ſeine Bered⸗ ſamkeit, Segur durch die Anmuth ſeines Geiſtes, Zan⸗ giacomi durch die treffende Schaͤrfe ſeines Worts, Al⸗ lent durch die Tiefe ſeiner Kenntniſſe, Dudon durch ſeine ſeine adminiſtrative Gelehrſamkeit, Chauvelin mit ſeinem funkelnden Witze, Cuvier, der ſtarke Univerſalkopf, der fließende Pasquier, der ſcharfſinnige Boulay, der kurz und eindringlich ſprechende, geiſtreiche Berenger, der tiefe reiche Berlier, Degerando, ſo gewiegt in der Wiſ⸗ ſenſchaft vom Verwaltungsrecht, Adreoſſy in Kuͤnſten des Genius und Saint⸗Cyr in militaͤriſcher Strategie, Regnault de Saint⸗ Jean⸗d'Angely, der glaͤnzende Redner, der erfahrene Publieiſt, der unermuͤdliche Ar⸗ beiter, Bernadotte, der jetzige Koͤnig von Schweden und Jourdan, der Sieger von Fleurus. Kaum hatte Napoleon, aus ſeinen großen Schlach⸗ ten heimkehrend, die Sporen abgeſchnallt, ſo hoͤrte man an der Thuͤre des Raths ein Geklirr von Gewehren; dreimal wirbelte die Trommel, die Thuͤren flogen auf⸗ und der Kaiſer trat raſch ein, gruͤßte und nahm Platz. Ich war damals noch ſehr jung, und geſtehe, daß ich nicht ohne Bewegung die konnte, auf welche von der Hoͤhe des Plafonds die Glorie von Auſterlitz zuruͤckzuſtrahlen ſchien, deren Bil⸗ der Gerards Pinſel am Gewoͤlbe des Saals angebracht. Ich war bei der beruͤhmten Sitzung, welche auf ſeine Ruͤckkehr aus der Schlacht von Hanau folgte. Noch erſchoͤpft von den Muͤhſeligkeiten der Neiſe, bleich und ſorgenvoll, ließ uns der Kaiſer in ſein Ka⸗ binet treten. Hier, ſtehend und ohne Vorbereitung, zog er Tibhait Herrn Jaubert, den Direktor der franzoͤſiſchen . 6 hohe Stirn betrachten 122 Bank, zur Verantwortung, der, wie er ſagte, die Un⸗ klugheit begangen hatte, mit zu viel Uebereilung die Bankzettel zu verkuͤrzen. Napoleon entwickelte die Sta⸗ tuten der Bank, er erklaͤrte ihre Zuſammenſetzung mit der Klarheit eines Cenſors. Es war fuͤr mich ſehr uͤber⸗ raſchend, einen Krieger uͤber die Einrichtung der Ban⸗ ken und die Theorie des Abſchlags reden zu hoͤren. Herr Jaubert, ein ſanfter, ſchuͤchterner Mann, ſtotterte einige Entſchuldigungen, die wir nicht verſtanden. Man oͤffnete wieder die Thuͤren des großen Saals, Jeder nahm Platz und die Rathsſitzung wurde gehalten. Anfangs machte der Kaiſer eine lange Pauſe. Man ſah, daß er in ſeine Gedanken vertieft war, ſein Kopf ſank unwillkuͤhrlich immer wieder auf ſeine Bruſt herab. Mechaniſch zerſchnitt er mit ſeinem Federmeſſer Teppich, Papier und Federn. Endlich, wie aus einem Traume erwachend rief er: „Die Baiern, die Baiern! Ich bin uͤber ihre Leichname geſchritten, Wrede iſt todt*). Die Invaſion naht, die Zeit draͤngt. Wohlan, meine Herren, was werden Sie thun? Was haben Sie mir zu ſagen?“— „Sire, erwiederte Regnault de Saint⸗ Jean⸗d'Angely, kechnen Sie auf die Tapferkeit der Hollaͤnder.“ —„Die Hollaͤnder! Sie glauben, daß ich auf dieſe rechne? Es iſt kein Blut, ſondern rothes Waſſer, das *) Er glaubte es 123 in ihren Adern fließt.—„Aber, Sire, ſchon laufen von allen Seiten Adreſſen ein, alle Korporationen des Reichs betheuren ihre Treue und Ergebenheit.“—„Was reden Sie doch, Herr Regnault? Weiß ich etwa nicht, wie dergleichen Adreſſen fabrieirt werden? Was haben ſie zu bedeuten? Glaube ich etwa daran? Geld und Menſchen brauche ich, aber keine Phraſen; und Sie, meine Herren, Sie ſind die erſten Buͤrger, die Familien⸗ vaͤter, die Vaͤter des Staats. Ihnen kommt es zu, durch Ihre Ermahnungen den Gemeingeiſt zu beſeelen. Verhuͤten Sie die Schmach und das Unheil der Inva⸗ ſion, welche das Reich bedroht.“ Zu ſpaͤt! Das Reich ging ſtuͤndlich ſeinem Unter⸗ gange entgegen, und wenn die Zeit gemeſſen iſt, ſo hilft kein Genie, keine Macht; Regierungen und Voͤlker ſin⸗ ken ins Grab als Beute des Verhaͤngniſſes, das gleich⸗ Daß Napoleon ſo voͤllig untergegangen, kommt daher, weil er allein ſeinen Ruf, ſeine Dynaſtie, ſein Reich ausmachte. Wer haͤtte ſich nicht vor einem ſo natuͤrlichen Uebergewichte gebeugt? Wer hat nicht in horſam, weil er freiwillig war; man war hingeriſſen fuͤr den Menſchen, oft bis zur Leidenſchaft. Man konnte nicht muͤde werden, dieſe hohe denkende Stirn zu be⸗ trachten, welche das Geſchick der Zukunft in ſich ſchloß. 6* 124 Man konnte nimmer den unwiderſtehlichen Blick ertra⸗ gen, der die Gedanken bis in die Tiefen der Seele er⸗ ſpaͤhte. Alle andere Menſchen, Kaiſer, Koͤnige, Feld⸗ herren, Miniſter, erſchienen vor ihm wie Weſen einer gemeinen niedrigern Gattung. In ſeiner Stimme lag Befehl, und doch zuweilen eine Milde, eine Sanftheit des Organs, eine Art italieniſchen Einſchmeichelns, das die innerſten Fibern bewegte. Durch dies unbegreifliche Gemiſch von Anmuth und Kraft, von Einfachheit und Glanz, von Gutmuͤthigkeit und hoher Wuͤrde, von Feinheit und auffahrendem Weſen, baͤndigte er die wi⸗ derſpenſtigſten Geiſter und feſſelte die gegen ihn Einge⸗ nommenſten. Man kann ſagen, daß er ein Eroberer mit der Zunge ſo gut wie mit den Waffen geweſen. In ſeinem Genie lag orientaliſcher Pomp und ma⸗ thematiſche Beſtimmtheit. Seine Redekunſt, welche bei ihm nicht eine Blume des Studiums, ſondern ein Mittel zum Befehlen war, paßte ſich allen Zeiten, allen Umſtaͤnden an. Er ſprach mit den Soldaten, welche zum niedern Volke gehoͤren, die Sprache des Volks, das große Figuren, Erinnerun⸗ gen und Bewegungen liebt; er hielt Abhandlungen mit den Gelehrten, berichtigte mit den Rechnungsbe⸗ amten ſtatiſtiſche Zifferntableaus, und im Rathe entwarf er Geſetze mit Treilhard, Merlin, Berenger und Por⸗ talis. 3 Er geſiel ſich, die Staatsraͤthe mit einander in 125 Fehde zu bringen, er hetzte ſie gewiſſermaßen, daß ſie ſich ſtritten, ſei es, daß dieſe Polemik ihm das Bild des Krieges gab, oder daß er aus der Discuſſion die Wahrheit ergruͤnden wollte. Er ſelbſt kaͤmpfte zuweilen mit Treilhard, einem hartnaͤckigen Logiker und uner⸗ ſchrockenen Athleten, der ſeinen kaiſerlichen Gegner nicht los ließ, und er pflegte zu ſagen, daß ein Sieg uͤber Treilhard ihm mehr Muͤhe koſte, als eine gewon⸗ nene Schlacht. Seine Schlußfolge war lebhaft, raſch, anziehend, ohne Verbindung und ohne Methode, aber voll Natuͤr⸗ lichkeit, voll Schwung und Witz. Er ſpruͤhete Flam⸗ men und Nauch, wie ein Vulkan. Er hatte die Ge⸗ ſetze nicht ſtudirt, aber er errieth ſie, und die Rechts⸗ gelehrten waren oft verwundert uͤber die Tiefe ſeines Urtheils und den klugen Scharfſinn ſeiner Andeutungen. Mit einer unglaublichen Gewalt uͤber ſeine Auf⸗ merkſamkeit begabt, ging er, ohne die mindeſte Anſtren⸗ gung, von der hohen Discuſſion buͤrgerlicher und poli⸗ tiſcher Geſetze zu den kleinlichſten Details einer Klei⸗ der⸗Ordnung fuͤr die Marine oder eines Reglements fuͤr die Baͤckereien uͤber. Zeit und Materie, Nichts konnte genuͤgen, die raſtloſe Thaͤtigkeit ſeines Genies zu ſaͤttigen. Vom Verwaltungsrathe ging er in den Staatsrath, um wieder zum Comité der oͤffentlichen Arbeiter zuruͤckzukehren. Waͤhrend ſich die ſchwer er⸗ muͤdeten Staatsraͤthe vom Schlafe beſiegen ließen, fand 126 er ein boshaftes Vergnuͤgen darin, die Sitzung bis in die Nacht zu verlaͤngern. Er fuͤhlte weder Hunger, noch Beduͤrfniſſe, noch Muͤdigkeit, es war, als be⸗ herrſchte der unbeugſame Wille ſeine Konſtitution, wie alles Uebrige. Groͤßer als Alexander, als Karl der Große, Peter der Erſte und Friedrich, hat er, wie ſie, ſeinem Jahr⸗ hunderte ſeinen Namen gegeben; wie ſie, war er Ge⸗ ſetzgeber, wie ſie, gruͤndete er ein Reich. Sein Welt⸗ gedaͤchtniß lebt im Zelte des Arabers und ſetzt mit den Kanots die Wilden uͤber die Fluͤſſe Auſtraliens. Frank⸗ reichs Volk, das ſo ſchnell vergißt, hat von einer Re⸗ volution, die die Welt umſtuͤrzte, nur dieſen Namen behalten. Die Soldaten, in ihren Bivouaks⸗Unterhal⸗ tungen, ſprechen von keinem andern Feldherrn, und wenn ſie durch Staͤdte marſchiren, heften ſie ihr Auge auf kein anderes Bild, Als das Volk die Julirevolution unternahm, war die ſtaubbedeckte Fahne, welche die Handwerkerſoldaten, die Inſurrektionsfuͤhrer aus dem Stegreif, erhoben, mit dem franzoͤſiſchen Adler gekroͤnt; es war die Fahne von Auſterlitz, Jena und Wagram eher, als die Fahne von Jemappes und Fleurus; es war die Fahne, welche auf die Thuͤrme von Liſſabon, Wien, Berlin, Rom und Moskau gepflanzt wurde, ſtatt der, welche bei der Fo⸗ deration des Marsfeldes wehete; es war die kugeldurch⸗ loͤcherte Fahne von Waterloo; es war die Fahne, welche der Kaiſer in Fontainebleau umfangen hielt, als er ſeiner alten Garde Lebewohl ſagte; es war die Fahne, welche auf Sanct Helena die Stirn des ſterbenden Helden beſchattete; es war, um mit Einem Worte Alles zu ſagen, Napoleons Fahne. Dieſer Mann, er hat die Volks⸗Illuſion zerſtoͤrt, welche Macht und Herrſchaft und Majeſtaͤt fuͤr unzer⸗ trennlich vom koͤniglichen Blute hielt. Er hat das Volk in ſeiner eigenen Achtung gehoben, indem er ihm die Koͤnige, aus koͤniglichem Stamme, zu den Fuͤßen eines Koͤnigs, der dem Volke entſproſſen, zeigte; er hat ſie ſo durch ſeine Groͤße niedergedruͤckt, durch ſeinen Vergleich beeintraͤchtigt, daß jeder dieſer Koͤnige und Kaiſer in der Naͤhe des Koloſſes kaum bemerkt wird, ſo klein und obſkuͤr ſind ſie alle. Halten wir ein! denn ich hoͤre ſchon eine ſtrengere Stimme murren, und fuͤrchte, daß die Geſchichte wie⸗ derum ſchwere Klage gegen den, fuͤr den die Nachwelt eben beginnt, erheben, und ſprechen wird: Er entthronte die Souverainetaͤt des Volks, er war Kaiſer der fran⸗ zoͤſiſchen Republik und machte ſich zum Despoten, er warf das Gewicht ſeines Degens in die Wagſchale des Geſetzes. Er kerkerte die individuelle Freiheit in ſeine Staatsgefaͤngniſſe ein, er erſtickte die Preßfreiheit unter dem Maulkorbe der Cenſur, er that der Freiheit der Jury Gewalt an, er hielt in erniedrigender Knechtſchaft die Tribunale, den geſetzgebenden Koͤrper und den Se⸗ 128 nat unter ſeinen Fuͤßen. Er entyolkerte die Werkſtaͤt⸗ ten und Felder. Er impfte auf die Soldateska einen neuen Adel, welcher bald verhaßter geworden waͤre, als der fruͤhere, weil er nicht das gleiche Alter und den Zauber des Vorurtheils fuͤr ſich hatte. Er erhob will⸗ kuͤhrliche Abgaben, er wollte, daß im ganzen Reiche nur eine Stimme ſei, die ſeinige, nur ein Wille, der des Herrſchers, nur ein Geſetz, ſeine Dekrete. Unſre Hauptſtadt, unſre Staͤdte, Heere, Flotten, Pallaͤſte, Muſeen, Behoͤrden und Buͤrger wurden ſeine Haupt⸗ ſtadt, ſeine Staͤdte, Heere, Flotten, Pallaͤſte, Muſeen, Behoͤrden und Unterthanen. Er ſchleppte die Nation auf Schlachtfelder, wo wir kein andres Andenken hinter⸗ laſſen, als den Uebermuth unſrer Siege, unſrer Leichen und unſer Gold. Endlich, nachdem er die Forts von Cadir belagert, nachdem er die Schluͤſſel von Liſſabon und Ma⸗ drid, von Wien und Berlin, von Neapel und Rom in Haͤnden gehabt, nachdem er das Steinpflaſter von Mos⸗ kau durch das Geraſſel ſeiner Kanonen erſchuͤttert, hat er Frankreich kleiner hinterlaſſen, als er es uͤbernom⸗ men, blutend an ſeinen Wunden, offen und wehrlos, verarmt und gedemuͤthigt.* Ach! wenn ich vielleicht zu ſehr den außerordent⸗ lichen Mann bewundert, der meinem Lande ſo viel Gu⸗ tes und Boͤſes erzeigte, deſſen Gedaͤchtniß in Werkſtaͤt⸗ ten und Huͤtten auf ewige Zeiten verherrlicht werden wird, deſſen volksthuͤmlicher Name ſich in meinem Sinn 129 mit allen Segenshoffnungen fuͤr mein Vaterland ver⸗ miſchte, wenn der Stolz ſeiner Siege meinem Herzen zu ſehr geſchmeichelt, wenn die Strahlen ſeines Ruhms meine jugendlichen Blicke zu ſehr bezaubert, ſo bin ich doch von dem Moment an, wo ich dich, o Freiheit, er⸗ kannte, von dem Moment an, wo ſich dein reiner Glanz in meiner Seele Bahn gebrochen, nur dir gefolgt, o Freiheit, einzige Leidenſchaft großer Herzen, einzig be⸗ gehrenswerther Schatz! Du, welche du den vergaͤnglichen Menſchen die unwandelbaren Grundſaͤtze vorziehſt, der rohen thieriſchen Kraft den edlern Sieg der Intelligenz, du, die Mutter der Ordnung, welche deine Verleum⸗ der mit der rothen Muͤtze der Anarchie bekleiden woll⸗ ten, du, die du alle Buͤrger fuͤr gleich, alle Menſchen fuͤr Bruͤder haͤltſt, keine geſetzliche Obergewalt aner⸗ kennſt, als verantwortliche Behoͤrden, kein moraliſches Uebergewicht, als die Tugend, die du den ſtuͤrmiſchen Drang erblicher Reiche voruͤberfliehen ſiehſt, wie Wolken/ die einen Augenblick die Klarheit des reinen Himmels verdunkeln, du, die du durch die Gitter des Staats⸗ gefangenen leuchteſt, der der Weiſe nachdenkt, die der Sklave ruft und die Graͤber erſeufzen, du wirſt, wie ein Weltumſegler, durch Staͤdte und Laͤnder wandeln und ſie durch die Kraft und Anmuth deiner Rede in Bewegung ſetzen; vor deinem Triumphzuge werden die Schlagbaͤume der Zoͤlle, die geheimen Tribunale, die Staatsgefaͤngniſſe, die Todesſtrafen des Hochgerichts, 13⁰ die Ariſtokratie, die ſtehenden Heere, die Cenſur und die Monopole fallen; du wirſt in einer heiligen Allianz die Voͤlker verſchiedener Zungen und Sitten verbinden, im gleichen Intereſſe fuͤr ihre Unabhaͤngigkeit, fuͤr ihre Wuͤrde, ihre Kultur, ihre Ruhe und ihr Gluͤck! Du verachteſt die falſche Groͤße der Eroberung, und biſt nicht vom Himmel zur Erde herabgeſtiegen, um ſie zu unterdruͤcken, ſondern um ſie zu befreien und zu ver⸗ ſchoͤnern; du befruchteſt den Handel und begeiſterſt die ſchoͤnen Kuͤnſte; dir kann man nur uneigennuͤtzige Dienſte, nur hochentzuͤckte Liebe weihen! Du befeuerſt den erſten Herzſchlag des Juͤnglings, dich ruft der Greis an, er⸗ habene Freiheit! und du wirſt einſt die letzten Sklaven, wenn du ihre Ketten zerbrochen haſt, mit Siegeshym⸗ nen und Palmenzweige tragend, zum letzten Begraͤb⸗ niſſe des Depotismus fuͤhren. Cormenin. Das Wäldchen von Joulogne. — Habt ihr zuweilen auf euren Streifereien inmitten der langen Allee von ſtaubigen Baͤumen verweilt, die vom Platze Ludwigs XVI. nach dem Triumphbogen des Sterns fuͤhrt? Ihr kennt dieſen ewigen Triumphbogen, den die Herrſcher an den Eingang der großen Stadt ge⸗ ſtellt haben, um zu bezeugen, wie klein der Menſch iſt und wie kurz die Dauer der Throne. Wenn ihr dort verweiltet, an einem Sonntage zum Beiſpiel, und euer Geiſt frei war von Sorgen und Geſchaͤften, und es euch einkam, Alles zu betrachten, was ſich vor euch an Wagen und Pferden, an Frauen und Wappen, an großen Herren und Lakaien bewegte,— ſagt mir einmal: was habt ihr euch bei dem Allen gedacht? Sagtet ihr euch nicht ſelbſt, es ſei ein Traum, ein Gaukelbild, ein morgenlaͤndiſches Maͤhrchen? Bliebt ihr nicht ganz erſtaunt und betaͤubt, ihr, als demuͤthige Fußgaͤnger⸗ 132 bei all dem Lerm von Menſchen und Pferden? Habt ihr nicht große Augen gemacht? Seid ihr eurem Nach⸗ bar nicht auf den Fuß getreten, blind und taub, wie ihr waret? Kam euch kein Schwindel in den Kopf und dann in die Beine? Seht nur! Alles fliegt, Alles fliehet, Alles toſet. Leichte Kaleſchen mit ihren vier Pferden, die Maͤhnen im Winde faatternd, weit aufge⸗ riſſen die Nuͤſtern, und in den Kaleſchen ſchlanke, duf⸗ tende Frauen, ſo roſig und weiß, daß man ſie im raſchen Voruͤberfliegen fuͤr wohlriechende Blumen in ihren Koͤr⸗ ben halten koͤnnte; Tilburys mit ihren Wechslern auf doppelten Sitzen ſchwankend: ſo gern fallen die Wechsler hoch! Engliſche Stuten, franzoͤſiſche und arabiſche Roſſe, alle ſtolz und haͤumend, alle den Kopf hoch, eine Roſe am Ohr, einen Gecken im Sattel; Lerm und Staub, Hof⸗ fahrt und Gelaͤchter, Bewunderung der Frauen und Stutzer, Liebesblicke im Voruͤberfliegen gewechſelt, we⸗ hende Federn, Geſpanne, die ſich kreuzen, Koketterie, Rivalitaͤt, Goldes⸗ und Sonnenglanz, Alles— Alles, ach! nur kein Gluͤck. Fuͤr uns Buͤrger, die wir die ganze Woche unſre Tagesbeſchaͤftigungen haben, unſre Arbeiten als Kuͤnſt⸗ ler oder Handelsleute, unſre angeſtrengten Nachtwachen als Gelehrte oder Dichter, fuͤr uns iſt dieſe endloſe Promenade der Champs⸗Elyſées ein wahrhaft ergoͤtz⸗ liches Schauſpiel. Auch laufen wir, wenn der Sonn⸗ 133 tag gekommen, in unſern zierlichſten Kleidern nach dem Sammelplatze, um die Reichen zu ſehen, welche vor⸗ uͤberfahren und reiten, und ihren Staub einzuſchlucken. Was wollt ihr? Das iſt ein Vergnuͤgen, wie ein an⸗ deres, und wenn uns Gott nur ein Geringes an Phi⸗ loſophie zukommen laſſen, ſo iſt hier ſattſamer Stoff zu allerhand frohen und ſpaßhaften Betrachtungen. Gleichwohl ſind es nicht die Champs⸗Elyſées, wo man dieſe paradirende Moſchuswelt ſehen muß; die Champs⸗ Elyſées ſind nur ein Vorgeſchmack, ein Uebergang. Wenn alſo Gott, neben einiger Philoſophie in eure Seele, ſechs Sous in eure Taſche gelegt hat, ſo nehmt an der Barriere eine Caroline— eine Orleanaiſe wollt' ich ſagen— was thun die Namen dabei, welche geſtern nicht waren und vielleicht morgen nicht mehr ſein wer⸗ den!— nehmt eine Orleanaiſe, und laßt euch, nun auch einmal zu Wagen, nach dem Waͤldchen von Boulogne bringen. 1 3 Das Waͤldchen von Boulogne iſt noch Paris. Es iſt das Paris der Feſte und Promenaden, das Paris der gruͤnen Baͤume und laͤndlichen Vergnuͤgungen, das Paris der Duelle und Liebesabenteuer. Des Morgens ſchlaͤgt man ſich hier und fruͤhſtuͤckt, um zwei Uhr luſt⸗ wandelt und langweilt man ſich hier, des Abends dinirt man hier und betruͤgt Jemand. Es giebt Leute, welche in Paris leben, welche in Paris ihre Wohnung haben und ihre Abgaben bezahlen, und deren ganzes Daſein 134 im Waͤldchen von Boulogne dahin fließt. Es ſind junge Leute, Thoren, welche kein anderes Verdienſt in der Welt beſitzen, als einen Vater oder Onkel gehabt zu haben. Der Vater oder Onkel war ſparſam und iſt nun todt. Abends haben dieſe uͤbermuͤthigen Juͤnglinge um ein Wort, um ein Lachen, um eine Frau, die ſie verachtet, eine Ohrfeige ausgetheilt oder bekommen. Andern Morgens beginnt ihr Tagewerk mit einem Duell im Waͤldchen von Boulogne. Man kommt, man gruͤßt ſich, man ſpricht Viel und thut Nichts, man ſtellt ſich an— da findet ſich Einer, der meint, die beiden Gegner haͤtten der Ehre genug gethan; Beide ſchießen in die Luft, und man geht, die erhaltene Ohrfeige bei Gillot durch ein bruͤderliches Fruͤhſtuͤck und einige Fla⸗ ſchen Champagner abzuwaſchen. Spaͤter kommt eine Wette uͤber den Galopp eines Pferdes; man wirft ſich Gold an den Kopf; man hoͤrt ſchaͤndliche Spoͤttereien uͤber eine Salontugend oder eine Morgenklatſcherei. Abends fuͤhrt man die Frau eines Andern lachend ins Verderben. Man hat glaͤnzende Equipagen, reiche Livreen; man ſchmeichelt, verblendet, bringt zum Wan⸗ ken, und beſchließt ſein Tagewerk durch ein Verbrechen. Ein erbaͤrmliches Daſein! Das Waͤldchen von Boulogne iſt vielleicht der ein⸗ zige Ort in Paris, wo keine Geſchaͤfte gemacht wer⸗ den. Man arrangirt Deieuners dort, Luſtparthien und Schauſpiele; aber man vergißt die Boͤrſe, die Tribuͤne 135 und faſt die Politik.(Unglaublich!) Man gehoͤrt ganz und gar dem Vergnuͤgen, der Toilette, den Frauen. Im Boulogner Waͤldchen macht man ſich artig und dienſteifrig, man tummelt ſein Pferd mit Grazie, man laͤchelt angenehm und bietet zart die Hand, um vom Wagen zu helfen. Es iſt noch die Stadt, und man denkt nicht mehr an die Stadt. Es ſcheint, daß die Luft und die Sonne hier eine andre, das Leben ein verſchiedenes iſt. Die Narren haben hier beinah Geiſt, denn ſie befinden ſich in ihrer Atmoſphaͤre: hier koͤnnen ſie von der Jagd, von Pferden, Hunden und Frauen ſprechen— vier Dinge, fuͤr welche es ganz fertige ſte⸗ hende Redensarten giebt. Das Volk iſt nicht mehr da, hier giebt es nur gute Geſellſchaft, Maͤkler, Journa⸗ liſten, Pferdehaͤndler, Alles Leute, die euch den genaue⸗ ſten Preis ſagen koͤnnen, wie hoch die Renten ſtehen, was ein Gewiſſen und ein Hengſt gilt. Es iſt ein char⸗ manter Ort, das Boulogner Waͤldchen! Und wollt ihr die Welt und den Staub fliehen und das ganze Getoͤſe von Wagen und Pferden ver⸗ meiden, ſo findet ihr auch Kuͤhlung und Schatten im Waͤldchen von Boulogne! Es giebt auch Einſamkeit dort; es giebt heimlich verſteckte Plaͤtzchen, wo ihr euch nach Belieben ins Gras ſtrecken und uͤber eure Verſe und eure Liebe traͤumen koͤnnt, wenn ihr Verſe macht oder verliebt ſeid,— was ich euch nicht wuͤnſche! Ihr koͤnnt ſogar euren Spaziergang bis zu den ſchweigenden 136 Raͤumen der Stummen und Bagatelle ausdehnen, dem vergoldeten Spielzeuge eines Kindes, das, zum Koͤnige geboren, doch nicht Koͤnig ſein wird. Ihr koͤnnt euch bis zu den ſtillen zauberiſchen Ufern der Seine mit ih⸗ ren Eilanden gruͤner Baͤume verirren. Ihr koͤnnt alle dieſe Gefilde, dieſe Baumgaͤnge und Raſenſtuͤcke durch⸗ ſtreifen, und endlich in der Mare dAuteuil ausruhen, dem Schauplatze der Diners auf dem Graſe fuͤr die Schuͤler in den Ferien, und auch der Eſelparthien mit ihrem ſchallenden Gelaͤchter, ihren froͤhlichen Kataſtro⸗ phen und ausgelaſſenen jungen Maͤdchen, die abgeſat⸗ telt ins Gras fallen, Beine in der Luft, Kopf unten, wie ein Engel, der zur Hoͤlle hinabſtuͤrzt. Lauft nicht ſo, ihr Herren Thoren! uͤbertreibt eure Geſpanne nicht ſo, ihr Kutſcher! Laßt etwas verſchnau⸗ fen: junge Leute und Pferde beduͤrfen deſſen. Ihr habt genug Staub, genug Sonne, genug Ermuͤdung gehabt. Machet in einer der koͤſtlichen Seiten⸗Alleen, die in eure einzige Promenade einmuͤnden, Halt, und erlaubet mir, euch ein paar Worte uͤher euer liebes Boulogner Waͤldchen zu ſagen. Zur Zeit der erſten Koͤnige in Frankreich(das iſt ſchon einige Jahre her) war der ganze Raum zwiſchen Paris und Saint⸗Clond von einem großen Walde be⸗ deckt, der zuerſt Roveritum, dann Rouyret, endlich Rouvray hieß. Dieſer Name blieb, bis einige Pil⸗ grimme, die von Boulogne am Meer zuruͤckkehrten, 137 1319 die Erlaubniß bekamen, im Dorfe Menus⸗les⸗ Saint⸗Cloud, am ufer der Seine, eine Kirche zu bauen, nach der von Boulogne am Meer. Dieſe Kirche wurde unter dem Namen Notre⸗Dame de Boulogne⸗ſuͤr⸗ Seine eingeweiht, und das Dorf ſelbſt verwandelte bald ſeine erſte Benennung Menus⸗les⸗Saint⸗Cloud in Boulogne, welche ihm auch geblieben iſt. Was das Wort Rouvray betrifft, ſo habe ich irgendwo geleſen, daß es vom Worte rouvre(lateiniſch robur) herkaͤme, einer Art Eiche, welche, wie es ſcheint, im Boulogner Walde in großem Ueberfluſſe war. Begnuͤget euch mit dieſer Etymologie, wenn ihr koͤnnt, ſie iſt ſo gut wie eine andre. Die Jagd iſt zu allen Zeiten ein koͤnigliches Ver⸗ gnuͤgen geweſen. Auch haben ſich die Koͤnige von Frank⸗ reich ſtets als große Jagdliebhaber gezeigt, bis zum Monat Juli 1830 incluſive. Zu jener Zeit war es ein ſchoͤnes, merkwuͤrdiges Ding um unſre koͤniglichen For⸗ ſten mit ihrem Hirſch⸗ und Dammwild, mit ihren Re⸗ ben und Faſanen, den armen unſchuldigen Opfern, die zu Tauſenden fielen, wenn es eines Morgens Einem, den man Sire nannte, einſtel, zu ſeinem Hofe zu ſagen Ihr Herren, heut jagen wir! Gott ſchenke den Hirſch⸗ und Koͤnigsſeelen ſeinen Frieden! uUm wieder auf unſern Wald von Rouvray zu kom⸗ men, ſo pflegten hier die Koͤnige von Frankreich ziem⸗ lich haͤufig zu jagen. Es ſcheint, doß zu jener Zeit .. 6** 138 der Wald von Boulogne anderes Wild beſeſſen, als Staarmaͤtze und Gaͤnſe; denn die Chroniken berichten viel von den Beluſtigungen und dem Gemetzel, ſo hier Fuͤrſten und ihre Damen angeſtellt. Ihr wißt, daß ehedem ein Koͤnig ſein Herzliebchen mit auf die Jagd nahm, und daß die Damen ſich kein Arges daraus machten, uͤber Hecken und Straͤucher zu ſetzen, um einen Hirſch oder ein Dammwild verenden zu laſſen. Wenn dann die Jagd gut geweſen war, und man recht viel Hunde, Pferde und zuweilen auch Menſchen todt gemacht, um einem Koͤnige und ſeiner Geliebten einiges Vergnuͤgen zu verſchaffen, ſo begab ſich der Koͤnig mit ſeiner Geliebten und ſeinem Gefolge in Proceſſion nach der Kirche von Boulogne, und man dankte Gott fuͤr den guten Erfolg des Tages. Es waͤre nicht mehr ge⸗ ſchehen um den Gewinn einer großen Feldſchlacht. Die Kirche von Boulogne wurde allmaͤhlig be⸗ ruͤhmt. In derſelben Kirche war es, wo man am 25. April 1429, unter der Regierung Karls VII., den beruͤhmten Franciskaner, Bruder Richard, predigen hoͤrte. Er kam von Jeruſolem, noch ganz voll von den unausſprechlichen Wundern des heiligen Landes, und ſeine erſten Predigten hatten in Paris einen Eindruck hervorgebracht, der ſchwer zu beſchreiben ſein wuͤrde. Es war damals gute Zeit! Inſaſſen und große Herren, Fuͤrſten und zierliche Damen, Alles beſuchte die Meſſe; man lief in die Predigt mit demſelben Eifer, wie wir 139 heutzutage in ein neues Stuͤck laufen. So verderbt und irreligios ſind wir geworden! Es war alſo ein großer Zuſammenfluß, um den Bruder Richard zu hoͤren. Der Tert ſeiner Predigt war, glaube ich, die Eitelkeit. Va- nitas vanitatum, omnia vanitas. Es ſcheint, daß der Moͤnch ſo viel und ſo gut geſprochen, und ſo ſchreck⸗ liche Dinge geſagt, daß alle Zuhoͤrer bis zu Thraͤnen, nach Andern bis zur Furcht und Zerknirſchung, geruͤhrt wurden, dergeſtalt, daß am Ende der Predigt Maͤnner und Frauen, Maͤdchen und Kinder, zu Gott bekehrt und, ihre vorigen Suͤnden bereuend, all' ihre Schaͤtze und Kleinodien, ihr Spielzeug, ihre prachtvollen Klei⸗ der und Koſtbarkeiten auf den oͤffentlichen Platz brach⸗ ten und daraus ein ungeheures Freudenfeuer anzuͤnde⸗ ten, uͤber das ſich Satan, der Großteufel der Hoͤlle, gewiß nicht gefreut haben wird. Gluͤcklicher Bruder Richard, daß du nicht 1832 gekommen biſt! Seit dieſer Zeit verlor die Kirche von Boulogne ihre Beruͤhmtheit, aber der Forſt bewahrte die ſeinige. Mehrere Theile davon wurden abgeſchlagen, in der Um⸗ gegend entſtanden einige Doͤrfer; endlich ließen ſich die Koͤnige im Gehoͤlze ſelbſt Luſthaͤuſer bauen. Das aͤlteſte war Madrid, zubenannt das Schloß von Faenza, und lag am Ufer der Seine. Franz I. ließ das Schloß bauen, als er aus Spanien kam, wo er bei Karl V. eine ſtrenge Lektion in der Politik genommen. Nach Franz I. wurde Madrid von Heinrich II. bewohnt und 140 der ſchoͤnen Diang von Poitiers; nach Heinrich II. von Karl IX. und dem Fraͤulein du Rouet, ſeiner Geliebten, der Tochter Louis de la Beraudiere. Fraͤulein du Rouet hatte einen Sohn von Karl IX., und der Baſtard der Courtiſane wurde zum Erzbiſchof von Rouen ernannt. Heinrich III. machte aus dem Schloſſe eine Menaggerie, und anſtatt, wie die anderen Koͤnige, ſeine Geliebten hierher zu fuͤhren, erzog er Loͤwen und Baͤren darin, ſeine gewoͤhnlichere Geſellſchaft als Koͤnig von Frank⸗ reich! Ludwig XVI endlich(Ludwig XVII) ließ Ma⸗ drid abtragen und befahl deſſen Verkauf. Ich moͤchte wohl wiſſen, wer es gewagt hat, die Truͤmmer dieſes Schloſſes an ſich zu bringen, wo ſo viele Koͤnige von Frankreich ſich ſo vielen Concubinen preis gegeben! Freilich theilen faſt alle unſre koͤniglichen Wohnungen dieſe ſchmaͤhliche Ehre mit Madrid: ſo rein und flecken⸗ los iſt Frankreichs Krone immer geweſen! Etwas, das am meiſten dazu beitrug, die Beruͤhmt⸗ heit des Boulogner Waldes zu erhalten und, ſelbſt zu jener fruͤhen Zeit, Alles hinzuziehen, was Paris nur Reiches und Zierliches beſaß, war ein armes Frauen⸗ kloſter in einem armen Doͤrflein, Longchamps genannt. Longchamps! Nun, ihr Modeherren, wiehern nicht alle eure Pferde bei dem Namen? Nichtet ihr euch nicht in den Steigbuͤgeln auf? Beſtellt ihr nicht eine neue Livree fuͤr eure Lakaien, und auch eine neue Livree fuͤr euch, die ihr euch zu Sklayen der Eitelkeit ſſſſͤſͤſͤſͤſ—“ * 141 gemacht habt? Ringet doch um den Preis, wer die groͤßten Tollheiten machen, das ſchoͤnſte Geſpann haben, den meiſten Frauen den Kopf verdrehen wird: hier kommt etwas von Longchamps, eurem Feſtorte! Und ich, waͤhrend ihr durch den Galopp eures Pferdes den Staub und die Bewunderung der Stutzerinnen aufruͤhrt, ich will euch die Geſchichte der Schweſtern 142 bella. Das Kloſter von Longchamps wurde plotzlich be⸗ ruͤhmt. Man unternahm Wallfahrten dorthin, die Kran⸗ ken ließen ſich hintragen, Fuͤrſtinnen ſchloſſen ſich darin ein, Koͤnige beſuchten es. Es war eine ordentliche Wuth. Aber dieſer gewaltige Ruf, ſtatt zur Verherrlichung des Allerhoͤchſten zu dienen, war, wie ich mir einbilde, nur eine Liſt und Tuͤcke des Erbfeindes. Die Nonnen waren jung und huͤbſch: das war hinreichend, die Aufmerk⸗ ſamkeit der Jungfernknechte und alten Gecken des Hofes anzuziehen. Da gab es denn auch Wallfahrten von Jung und Alt, Feuerblicke durch die Gitter, Liebes⸗ brieflein unter die Thuͤrſchwellen und naͤchtliche Be⸗ ſuche uͤber die Mauern. Bald war das Gotteshaus nur noch ein Ort der Luͤderlichkeit und der Schande, die Zellen der Nonnen oͤffneten ſich den Liebhabern, und Heinrich IV., unſer Vorfahr Auſtigen Andenkens, hofirte darin dem Fraͤulein Katharina von Verdun, deren Bru⸗ der er zum Praͤſidenten des Parlaments zu Paris er⸗ nannte, waͤhrend er ihr die Abtei Saint⸗Louis de Vernon uͤbertrug. O der ſpaßhafte Zeitraum, wo man Frauen⸗Liebkoſungen durch eine Aebtiſſinſtelle und die Schande der Schweſter durch ein Parlaments⸗Praͤſi⸗ dium fuͤr den Bruder vergalt! Inzwiſchen wurde die Mode der Wallfahrten nach dem Kloſter von Longchamps uͤberdruͤßig, und Paris hatte faſt den Weg dorthin vergeſſen, als man mit großem Lobe von den geiſtlichen Concerten zu reden an⸗ 8 143 fing, welche dort Mittwoch, Donnerſtag und Freitag in der Charwoche gegeben wurden. Melodiſch friſche Stimmen ſangen die heiligen Hymnen; es war Nacht, die Kirche funkelte von Lichtern und duftete von Blu⸗ men und Weihrauch, und der Altar entzog die jungen Maͤdchen, welche Gottes Lob verherrlichten, allen Blik⸗ ken. Die Illuſion war vollſtaͤndig, und wenn man ſo viele ſuͤße harmoniſche Stimmen hoͤrte, welche von oben zu kommen ſchienen, ſo konnte man an Engel⸗Erſchei⸗ nungen und himmliſche Choͤre glauben. Die Menge kam wieder, und mit der Menge die Zuͤgelloſigkeit. Diesmal fand der Skandal nicht in den Zellen der Nonnen, ſondern in der Kirche ſelbſt ſtatt. Das ſchien dem Biſchofe bedenklich, und die Concerte wurden un⸗ terdruͤckt, aber nicht die Beſuche. Man verließ den Tempel, aber man fuhr fort, die Straße zu ziehen, Unſrer Frauen fuͤhrte. Da gab es Aufſehen, Neben⸗ buhlerei, Stolz gegen Stolz und Ringen nach dem Hoͤchſten; da ſah man Frauen in blendendem Schmucke, vergoldete Wagen, Pferde mit Federputz in zwanzig Farben, es war Paris in ſeinem Edelſten und Reich⸗ ſten vorgeſtellt. Auch England wollte beim Feſte ſein; es uͤherſchritt die Meerenge, Geſpanne und Jokeys wur⸗ 2* 144 den eingeſchifft. Das war Feuerlerm fuͤr die Kutſchen⸗ macher und Pferdehaͤndler. Nichts war glaͤnzend, nichts originell, nichts auffallend genug. Zwei Voͤlker ſtan⸗ den ſich gegenuͤber, und wetteiferten in Geckenhaftigkeit und Albernheit. Man ſah Pferde mit Silber beſchla⸗ gen, Naͤder mit Silber ausgelegt, Lakaien mit Silber auf allen Naͤhten. Es war ganz unglaublich! Die Beſatzung von Paris, zu Pferde und den Saͤbel in der Fauſt, reichte nicht hin, die tobende, glaͤnzend ge⸗ ſchmuͤckte Menge in Ordnung zu halten. Longchamps erſtreckte ſich bis auf die Heerſtraße, Longchamps haͤtte ſich noch fuͤnf Meilen weit erſtrecken koͤnnen, ſo waͤre kein Platz fuͤr alle Welt geweſen.. Und nach einigen Jahren— fraget dies leichtfertige Volk, was ſeine Freuden, ſeine Luſtfahrten, ſeine welt⸗ lichen Pilgerſchaften geworden ſind? Die Revolution donnert, die blutige, ungezuͤgelte Revolution! Saget doch, wo ſind nun die Wappen? wo ſind die vergolde⸗ ten Ehrenſchilde? Wo ſind die langen Luſtgaͤnge Long⸗ champs? Todt, todt! Alles verſchwunden, Alles zer⸗ brochen, Alles verwirrt und befleckt. Die Luſtgaͤnge ſind oͤde, die Nonnen geaͤchtet, der Tempel iſt geſtuͤrzt, und an der Staͤtte des prunkenden Kloſters ließ man nur einige Ruinen, auf welche eine Hand ſchrieb⸗ Hier iſt das freie Volk voruͤbergeſchritten! Jetzt ſind auch dieſe verſchwunden.. Ich verzeihe euch alle Revolutionen, welche ſeit dem 145 dem Direktorium, dem Konſulat, dem Kaiſerreiche, das Waͤldchen von Boulogne umgeſtuͤrzt, nachdem ſie, gch! unſerm Frankreich ein Gleiches gethan. Das ſind Be⸗ gebenheiten, um die wir uns ſehr wenig kuͤmmern, und wenn nur unſre Wege gut mit Kies beſtreut ſind, der Himmel rein, das Laubwerk ſchattig iſt, ſo laſſen wir die politiſchen Stuͤrme weit hinter uns; denn wir Welt⸗ leute aͤndern nicht gern etwas in unſern Vergnuͤgun⸗ gen. Das Waͤldchen von Boulogne iſt noch der Sam⸗ melplatz der guten Geſellſchaft, aber wir haben unſre Traditionen von Luxus und Glanz verloren, wir ſind klein und aͤrmlich geworden. Wenn es noch Auswahl giebt, ſo iſt es nicht in unſrer Kleidung, welche an⸗ faͤngt, laͤcherlich zu werden. Nur die Frauen haben noch etwas von ihrem guten Geſchmack und ihrer An⸗ muth bewahrt; man ſieht im Boulogner Waͤldchen huͤb⸗ ſche friſche Frauenanzuͤge, das ſind gluͤckliche Ausnah⸗ men. Uebrigens Wagen, Pferde, Livreen, das alles iſt armſelig und buͤrgerlich. Wir haben keine große Herren mehr(und ich beklage das nicht!), aber wir haben auch keine glaͤnzenden prachtvollen Vergnuͤgungen mehr, welche den Augen imponiren und uns, dem Volke, Er⸗ holung von unſrer Arbeit verſchaffen. Das Waͤldchen von Boulogne hat jetzt von Allem: Banquiers und Handelsleute, Deputirte und Advokaten, unterhaltene Frauen und Maͤdchen. VI.. 7 146 Bei den Maͤdchen will ich euch eine Geſchichte er⸗ zaͤhlen, welche mich recht zum Weinen gebracht hat. Es war ein junges Maͤdchen, das die Mutter oft ins Boulogner Waͤldchen ſpazieren fuͤhrte. Noch ein Kind, wenn ihr Kind nennt, was ſanft und ſchuͤch⸗ tern, roſtg und friſch, jung und froͤhlich iſt, aber ſchon eine Jungfrau, wie man in unſrer Welt die Jungfrauen macht, ernſthaft und ſteif und ſo eingepreßt in ihrem Leibchen, die armen Geſchoͤpfe, daß ſie ſich gehindert fuͤhlen, Athem zu holen und zu laͤcheln. Ihren Na⸗ men ſage ich euch nicht, denn vielleicht habt ihr ſie ge⸗ kannt, vielleicht habt ihr ſie an einem ſtillen Sommer⸗ abende geſehen, in einem eleganten Coupé neben ihrer Mutter ſitzend und die ſchoͤnen Alleen des Boulogner Waͤldchens raſch durchfliegend. Ach! Ihr werdet ſie nicht mehr ſehen, ſie, die ſo weiß und lachend war! Fuͤr ſie giebt es keine Luſtfahrten, keine Freuden, keine Hoffnungen der Zukunft mehr.— Ich muß euch ſagen, wie das gekommen iſt. Eines Tages zerbrach den beiden edlen Damen der Wagen; es war des Morgens, wenig Geſellſchaft da, und es fand ſich weder ein glaͤnzender Dandy, noch ein Pariſer mit gelben Handſchuhen, um ihnen zu helfen. Nur ein junger Mann, der ſich ſchuͤchtern nahte, bot den beiden Damen ſeine Hand und half ihnen aus den Truͤmmern ihrer Equipage hervor. Es war Niemand beſchaͤdigt. Als der junge Unbekannte einige Entſchul⸗ — 147 digungen geſtottert und einigen Dank empfangen, bot er ſeinen Arm bis zum Eingang des Boulogner Waͤld⸗ chens, wo man ein Fuhrwerk fand, dann gruͤßte er er⸗ roͤthend, entfernte ſich und verſchwand. Auch er war ein Kind, aber ſo einfach, ſo gar nicht gewaͤhlt, ſo we⸗ nig modiſch angezogen, daß er einem Stammgaſte des Boulevards von Gent dreiviertel Stunden Witzſtoff gegeben haͤtte. Nicht alſo urtheilte das junge Maͤdchen uͤber ihn. Sie ſah nur ſeine ſchoͤnen blonden Haare, welche ſo nachlaͤſſig herabfielen; ſie ſah nur ſeine großen ſchwarzen Feueraugen und den Mund, der ſo einfach ſchoͤne Worte ſprach. O ich ſchwoͤre euch, ſie dachte nicht daran, den Schnitt ſeines Kleides und die Form ſeines Huts zu betrachten. Es lag ſo etwas Anmuthi⸗ ges in ſeiner Rede, ſo viel Adel in ſeinem Blicke, ſo viel Beſcheidenheit in ſeinem Erroͤthen, ſeine Hand zit⸗ terte ſo ſtark, als er eine Frauenhand beruͤhrte! Was ſoll ich euch ſagen? Es war ein wonnetrunkenes Ent⸗ zuͤcken, ein Fieber, ein Gedanke, der ſie uberall ver⸗ folgte, die Ungluͤckliche; ein Traum, dem ſie auf dem Balle, im Schauſpiele, auf der Promonade, zu Hauſe, Tag und Nacht nachhing, denn ſie durchſchlief ſchon ihre Naͤchte nicht mehr— Sie liebte! Auch er liebte, auch er kam jeden Tag wieder auf die Stelle, wo er ſie zum erſtenmale geſehen, ganze Tage, ganze Naͤchte verbringend, um jenen Traum in feiner Seele wieder zu traͤumen. Und wenn ein Wa⸗ 1 148 gen kam, außen ganz gruͤn, innen ganz weiß, mit Rap⸗ pen beſpannt, da ſtand er ſtarr und unbeweglich an der Straße, und der Wagen war ſchon weit, ehe er daran dachte, den Erkennungsgruß, den ihm die Dame im Voruͤberfahren zuwarf, zu erwiedern. Der junge Mann bewohnte das Dorf Boulogne mit ſeinem Vater, einem alten Militair, der von ſeiner Penſion lebte, das heißt alſo ſehr maͤßig. Der alte Invalide wußte nicht, was er denken ſollte, als er ſah, wie ſein geliebter Sohn ſeine ſchoͤnen Farben von zwan⸗ zig Jahren verlor, wie er ſich abzehrte, wie er weder Appetit noch Schlaf hatte, und ſeine Tage und Naͤchte mit Weinen zubrachte. Und er weinte auch, der alte Soldat! Das junge Maͤdchen wohnte in Paris mit ihrer Mutter, einer edlen Graͤfin, glaub' ich, die ſehr reich und ſehr ſtolz war. Und ſie ſchalt ihre Tochter ſehr, daß ſie ſich ſo elend werden ließ, und nannte ſie eine Naͤrrin, weil ſie weinte. Sie aber weinte nicht, die Graͤfin! Eines Abends hatte das junge Maͤdchen den Kopf verloren. Sie kam aus der Oper, wohin man ſie wider ihren Willen gefuͤhrt hatte. Sie ging in ihre Kam⸗ mer, wartete, bis die Mutter eingeſchlafen war, oͤffnete das Fenſter, band ein Betttuch daran und ließ ſich her⸗ ab. Saget nicht, ich bitte euch, daß dies ein Roman ſei; es iſt eine ſchreckliche wahre Geſchichte. 149 Sie ging lange Zeit, einſam, nicht wiſſend wohin, aber ſtaͤrker und muthiger, als man haͤtte glauben ſol⸗ len, mit ihren huͤbſchen kleinen Atlasſchuhen und mit bloßem Kopfe, ach! in einer kalten Herbſtnacht. Als der Morgen aufſtieg, fuͤhlte ſie ſich erſchoͤpft, ihre Fuͤße waren blutig, aber ſie ging immer weiter. Auf einmal ſtand ſie ſtill, ſetzte ſich auf den ganz feuchten Rand eines Grabens und fing an, bitterlich zu weinen. Sie war im Boulogner Waͤldchen an der Stelle, wo ſie taͤglich ihren jungen Retter wieder ſah, wenn ſie mit ihrer Mutter vorbeifuhr. So gut hatte ſie den Weg auswendig gelernt, der nach dieſer Gegend fuͤhrte! Zum Gluͤck ging Niemand voruͤber, der ſie bemit⸗ leiden konnte, und ſie geſiel ſich in ihrem Schmerze. Endlich kam er, truͤb' und ſinnend, und als er den ge⸗ woͤhnlich leeren Platz aufſuchte— da erblickte er ſie! Welches Erſtaunen, welche Freudenthraͤnen, welches Entzuͤcken, welche Wonnetrunkenheit es da gab, das iſt unmoͤglich zu ſagen! Halb ſinnlos und ſelig lag er auf ſeinen Knieen und umarmte ihre Fuͤße und kuͤßte den Saum ihres Gewandes, und wollte gar nicht glau⸗ ben, was ihm begegnet war. Dann, nachdem ſie lange geplaudert und ſich lange dieſelben Dinge wieder geſagt, ging er, fuͤr ſie etwas Brod und Milch zu holen. Sie aßen das Brod und die Milch zuſammen, dicht neben einander ſitzend, und waren ſo unſchuldig und ver⸗ wauensvoll in ihrer Jugend, daß ſie die ganze Welt 130 vergaßen, nicht mehr von Leid und Kummer ſprachen und anfingen, ſich fuͤr gluͤcklich zu halten. Es war ein Gluͤck, das den ganzen Tag waͤhrte! 3 Als nun der Abend kam, war es etwas anders. Man mußte die Nacht irgendwo zubringen; ſie war ſo bleich, ſo erſchoͤpft, ſo angegriffen vom Wege; der Abendwind wehte ſo kalt! Was nun? wohin?— Sie gingen Beide nach der Wohnung des Juͤnglings, ſie wollten ſich zu den Fuͤßen ſeines Vaters werfen, die beiden Kinder zu den Fuͤßen ihres Vaters, und ihn um ſeine Verzeihung bitten. Der Vater war ausge⸗ gangen, um ſeinen Sohn zu ſuchen. Der Juͤngling ließ das junge Maͤdchen in ſeine Kammer treten und empfahl ihr, wenn Jemand kaͤme, ſich zu verſtecken, 8 gleichviel wo, nur ſich zu verſtecken. Es kam Niemand. Der Juͤngling ſchloß die Thuͤre hinter ihr ab, ſetzte ſich auf die Schwelle und bewachte ſie von außen. Als der Vater nach Hauſe kam, trat ihm der Sohn auf die Treppe entgegen; er machte dieſem einige Vorwuͤrfe und verzieh am Ende. Dann legte ſich der alte Soldat zu Bett und ſchlief ein. Fruͤh Morgens um vier Uhr weckte man ihn. Ein Wagen fuhr eben auf den Hof; es war die Graͤfin. Nach einem ganzen Tage und einer Nacht vergeblichen Suchens hatte ſie an ihren Retter aus dem Boulogner Waͤldchen gedacht. Oft ſchon hatte ſie ſeine gluͤhenden Blicke, ſein ſtarres Antlitz, ſein ſchnelles Erroͤthen be⸗ 151 merkt, wenn ſie mit ihrer Tochter an ihm voruͤber fuhr. Es bedurfte nur einer Minute, um die ganze Geſchichte zu errathen, wie ein Blitz ein ganzes Gewoͤlk zerreißt. Die Graͤfin flog nach Boulogne, trat bei dem Greiſe ein, ohne ſich anmelden zu laſſen, und forderte ihre Tochter von ihm zuruͤck. Ihre Worte waren ſcharf und hochmuͤthig, ihre Drohungen furchtbar. Ach! das junge Maͤdchen hoͤrte in der Kammer, wo ſie weilte, wie ihre Mutter ihr fluchte! Der Greis ſchwur, daß das junge Maͤdchen nicht bei ihm ſei—(er ſchwur es!) Hierauf zog ſich die Graͤfin zuruͤck, aber nicht ohne Worte voll Zorn und Verachtung auszuſtoßen.— O! eine Mutter Zorn und Verachtung fuͤr die Tochter, die ſte verloren hat! Wenn ſie mindeſtens wartete, bis ſie ihr Kind wiedergefunden haͤtte! Das war eine ſchreckliche Scene. Der alte Sol⸗ dat hatte ſie nicht ertragen koͤnnen, und um ſich zu faſſen, war er ausgegangen, der Unbeſonnene! Raſch trat der Juͤngling in das Zimmer, wo das Maͤdchen war,— ſie ſchlang, ſchluchzend und außer ſich, ihre bei⸗ den Arme um ſeinen Hals und rief: Sterben! Die Mutter hatte ihr das Herz gebrochen. O wie wohl verſtanden ſich Beide, welche furchtbare Sprache war dies Schweigen, das nur von Schluchzen und Kuͤſſen unterbrochen wurde! Er ging zu ſeinem Vater, er wollte ihn noch einmal ſehen. Der Greis war nicht 152 da! O der ungluͤckliche Sohn, der nicht einmal ſeinen Vater umarmen kann, eh' er zum Tode geht! Er zog ein Schubfach aus, nahm zwei Piſtolen, unterſuchte kalt, ob ſie geladen, und ging wieder zu der Jungfrau. Sie ſchmiegte ſich heftig an ihn, ſie fuͤrchtete, daß man ſie ſehen und verhindern moͤchte, zu ſterben. Kaum graute der Tag, das Dorf Boulogne lag noch in tiefer Ruhe. Sie ſchluͤpften unbemerkt laͤngs den Mauern hin, eilig und leiſe, und erreichten nun das heimlichſte Dickicht des Waldes— Oh! Es war ein koͤſtlicher Herbſtmorgen, an dem ſich das begab. Der Wind war noch kuͤhl, das Gras feucht vom Thau, balſamiſche Duͤfte entrangen ſich den ſchwei⸗ genden Baͤumen, die aufgehende Sonne ſpielte mit ihren zauberiſchen Lichtern im Gezweige; ſo ſchoͤn und har⸗ moniſch war die Natur, noch halb im Schlummer! O meine Damen, Sie kennen das nicht, Sie, die zur Stunde, wo die Welt neu auflebt, noch ſchlafen, ganz erſchoͤpft vom naͤchtlichen Schwaͤrmen. Fuͤr Sie iſt das Boulogner Waͤldchen nur Mittagſonne, Staub, Bewegung und lautes Geraͤuſch. Meinen beiden ju⸗ gendlichen Freunden, die zum Tode gingen, war das Boulogner Waͤldchen mild und duftend, mit friſchem Raſen und gruͤnen ſchattigen Lichtungen; und die Sonne war auch da, aber die reine Sonne des Lebens, die zur Seele dringt und ſie erſchließt, waͤhrend der Hauch der Morgenluft die Thraͤnen der Wange trocknet. 153 Die Ungluͤcklichen gingen lange mit einander, ſpra⸗ chen von dieſem und jenem, verweilten beim Geſange eines Vogels, pfluͤckten Blumen, die ſie entblaͤtterten— wie ihr Leben, ehe es verwelkt ſein wuͤrde! Die Jung⸗ frau war ſchoͤn an dieſem Morgen, ihre Stimme ruhig und klar ihr Auge, feurig und hoffnungsvoll. Sie ſtuͤtzte ſich nachlaͤſſig und ſinnend auf den Arm des Juͤnglings und ihr Haar floß in das ſeinige uͤber, wie ihre Seele in die ſeinige gefloſſen war. Rein und hei⸗ lig blieb der Wonnetraum ihres Herzens; ihre keuſchen Geſpraͤche betrafen das Jenſeits. Schon hatten ſie keine irdiſche Erinnerung mehr, die Welt war ihren Blicken entſchwunden, kein Wort voll Leid und Klage ließen ſie hoͤren. Das Auge nach oben gerichtet, ver⸗ ſchmolzen ſich ihre Gedanken im heißen Gebete zu Gott. Der Juͤngling betete fuͤr ſeinen Vater, die Jungfrau fuͤr ihre Mutter. Hoͤrt ihr? ſie betete fuͤr ihre Mutter! — Dann neigten ſie ihr Haupt eines zum andern, und ſo gingen ſie mit verſchlungenen Armen, ruhig laͤchelnd, hinuͤber, und ihre Seele(ſie hatten nur eine) ſtieg ſtrahlend zum Himmel empor. Man hatte im Boulogner Waͤldchen zwei Piſtolen⸗ ſchuͤſſe zugleich gehoͤrt. Ein Vogel erſchrak und flat⸗ terte vom Zweige auf, wo er geſeſſen. Das war Alles. Tiefes Schweigen herrſchte wieder, und Niemand auf der weiten Erde kuͤmmerte ſich um das Geraͤuſch. Es war herrliches Wetter an dieſem Tage, und die ſchoͤne 154 Welt war wie toll auf der Promenade. Da bemerkte man die gruͤne und weiße Kaleſche mit den Rappen; aber es ſaß nur noch eine Dame darin: es war die Graͤfin. Der alte Militair fand den Leichnam ſeines Sohns; beide Kinder erhielten eine Bahre, ein Grab. Die Beſtattung war traurig, der alte Soldat der Einzige, der folgte. Er grub auf den Gedaͤchtnißſtein: Sie 1 war nur ſechszehn Jahr, Er zwanzig alt! Ihr Vater von ſieben und ſechszig Jahren ſchrieb dies ſelbſt auf ihr Grab. 1832. Verzeihung, daß ich euch ſo lange vom Waͤldchen von Boulogne geſprochen habe! Amadeus Gratiot. —— Keine Dampkboote. Eine Viſion.*) Funfzig Jahrhunderte ſind verfloſſen, und die edelſten Abſichten der Vorſehung bleiben dem menſchlichen Ver⸗ *) Das Kapitel, welches man hier leſen wird, iſt nicht aus dem Engliſchen überſetzt, wie der Name Cooper glau⸗ ben machen könnte. Der Verfaſſer hat es ſelbſt franzöſiſch geſchrieben; dieſer Umſtand, der das Intereſſe und den Reiz im Leſen dieſes glänzenden Stücks noch erhöhen muß, dient auch dazu, den Gebrauch mancher wenig idioma⸗ tiſchen Redensarten zu erklären, um mich des ſo glücklich⸗ erfundenen Ausdrucks des Verfaſſers zu bedienen. Dieſe Viſion, vom Anſang bis zu Ende mit Sar⸗ kasmus und Ironie getränkt, hat, wie es uns ſcheint, zum Zweck, die häuſigen Angriffe zurückzuweiſen, denen die Re⸗ gierung der Vereinigten Staaten, in neuerer Zeit, von Seiten verſchiedener franzöſiſchen und ſremden Publiciſten 156 ſtande verhuͤllt. Die Schoͤpfung andert ihre For⸗ men— die Zeit verzehrt die Welt— es zittern die Grundveſten der Erde und ein ganzes Geſchlecht ver⸗ ſchwindet vor der Suͤndfluth. Der Bewohner der Ab⸗ gruͤnde des Oceans wird gus ſeinen Hoͤhlen gezogen und im Schooße undurchdringlicher Felſen hermetiſch verſchloſſen. Neue Geſchlechter entſtehen, werden wie⸗ derum Staub und ſind vergeſſen. Neiche bilden ſich und verfallen und laſſen nur Erinnerungen zuruͤck. Cyrus und Alexander, die Ptolomaͤer und Salomo, Griechen und Roͤmer, Confucius und Zoroaſter ſpielen ihre Rollen und verlaſſen die Buͤhne. Aber der letzte und erhabenſte aller Akte des Stuͤcks iſt noch nicht fertig!.. Die Erdbeben verſchlingen Koͤnigreiche, die Vul⸗ cane begraben Pallaͤſte, Thuͤrme und Staͤdte, Afri⸗ ka's Fruchtbarkeit welkt unter der Hitze ſeiner gluͤhen⸗ ausgeſetzt geweſen iſt. Die allegoriſchen Perſonen, unter dem Collectivnamen der Herren von Drei⸗Ideen bezeich⸗ net, ſtellen die Anhänger und Verfechter der in Europa an⸗ genommenen conſtitutionellen Formen dar, und die Mehr⸗ zahl der burlesken Argumente, welche der Verfaſſer dieſen Herren in den Mund legt, iſt nur die Kritik gewiſſer Ein⸗ würfe, die man gegen das amerikaniſche Syſtem vorge⸗ bracht, welches, nach Herrn Cooper, das einzige wahrhaft repräſentative Spſtem iſt, nach der vollſtändigen und buchſtäblichen Bedeutung des Worts.— . Anm, des Herausgebers. 157 den Sonne. Huͤgel entſtehen, wo ſonſt Seen waren, die Ebenen ſind mit Bergtruͤmmern uͤberhaͤuft, die Fluͤſſe verlieren ſich im brennenden Sande; die Thiere empfinden den Einfluß der Zeit. Man kennt den Mam⸗ muth nur noch durch ſeine Knochen, die Wildheit des Wolfs geht in der Gelehrigkeit des Hundes unter, das ſpringende Zebra verwandelt ſich in den Eſel. Und 1 der Schleier bleibt vor den Augen des Menſchen! 4 Die Kuͤnſte und Wiſſenſchaften und die Macht ge⸗ hen von Oſten nach Weſten. Duͤrre Wuͤſten ſind jetzt die Staͤtten, die einſt verehrten Sitze der Wiſſenſchaft, der Tiger hauſt in der Schule des Philoſophen, Eidech⸗ ſen ſpielen auf den edelſten Denkmaͤlern der Kunſt, und 4* die Schlange laͤßt ihren Geifer in den Koͤnigshallen. Der Augenblick iſt gekommen, das Signal gegeben⸗ Columbus tritt auf und der Oſten erkennt das Daſein des Abendlandes!— Allgemein iſt die Freude von den Saͤulen des Her⸗ kules bis zum Nordmeer! Der Himmel giebt Europa einen reichen Zinspflichtigen. Das Oberhaupt der Kirche vertheilt die neue Welt mit freigebiger Hand, die Aus⸗ erwaͤhlten der Erde freuen ſich ihrer Erwerbung, Ame⸗ rika iſt ein unerſchoͤpflicher Schatz. Man ruft den Chriſten aus allen Nationen herbei. Er kommt mit dem Schwerte, dem Spuͤrhunde und dem Kreuze. Da ſteigt die Sonne der Aufklaͤrung uͤber der andern Hemiſphaͤre empor. Montezuma wird auf ſein Roſen⸗ — 158 hett geſtreckt und der Boden geduͤngt mit dem Blute der Ynka's. Das Gold von Merxiko und Peru fließt wie Waſſer und Brafilien liefert ſein Edelgeſtein. All⸗ gemein iſt die Freude von den Saͤulen des Herkules bis zu Norwegens Geſtaden! Gottes Geheimniſſe ſind unergruͤndlich. Ein duͤſtres Gewoͤlk bedeckt das Land der Powhattans und Meta⸗ coms. Kein Prinz, kein Graf, kein Baron, nicht ein⸗ mal ein Freiherr von Coucy will dort die Lanze ſchwin⸗ gen. Hier glaͤnzt kein Gold. Eine Barke, Chriſti Banner entfaltend, durchdringt das Gewoͤlk und ver⸗ liert ſich aus dem Geſichte. Anderhalb Jahrhunderte verſtreichen und Europa vergißt das Daſein dieſer einfachen frommen Pilgrimme. Der Lauf der Zeit iſt ewig unauf⸗ haltſam, Mexiko's Eingeweide werden unfruchtbar, Peru liefert nur Blut. Da oͤffnet Europa die Augen und ſchaut um ſich her. Der Same, der auf jenes Land geworfen, hat Wurzel gefaßt, der Strauch iſt zum Baume geworden. Und es findet ſich eine Nation vor, ſtark durch ihre Lage, durch ihre Arbeiten, durch ihre Grundſaͤtze. Man geraͤth in Bewegung, man diskutirt, man beunruhigt ſich und——————— Ein dumpfes Geraͤuſch erſchallt in der Straße Dominique. Der Laͤrm naht und bleibt vor einem 159 Thorwege ſtehen. Ein duͤſtres Halbdunkel herrſcht in dem kleinen Kabinet des Hotels Villermont; das Feuer brennt in einem echt pariſer Kamine, die rothen Tape⸗ ten, die Vergoldungen in Ludwigs XV. Geſchmacke, die lachenden Kupido's, die lebenden Bilder erſcheinen in myſtiſcher Beleuchtung. Die Violine des wuͤrdigen Herrn Alerme von der großen Oper liegt auf einem Tiſche. Jetzt oͤffnete ſich die Thuͤre, und Frangois Emery/ der treue Schweizer, erſchien. Er ſprach: —„Die Herren von Drei⸗Ideen⸗Europa's wuͤn⸗ ſchen aufzuwarten.“ 4 —„und dieſer ganze Laͤrm iſt von einer Idee ver⸗ urſacht?“ G —„Der Herr irren ſich— es ſind deren drei.“ —„Ahal ſie zanken ſich; verſteht ſich von ſelbſt. Was fuͤr eine Art Leute ſind die Herren?“ —„Das kann ich meiner Treu nicht ſagen. Ihre Bedienten nennen ſie Abſtractionen.“ —„Ha, Bedienten haben ſie? Sie kommen alſo zu Wagen?“ —„Obgleich der Herr viel gereiſt ſind, glaube ich doch, daß Sie nie eine ſo naͤrriſche Equipage geſehen haben! Es iſt ein ungeheures Rad, das durch eine große Menge Leute zu Fuß geſtoßen wird, die, was ſie koͤn⸗ nen, durch Dick und Duͤnn laufen, waͤhrend die drei Herren das Rad lenkend rittlings auf der Deichſel ſitzen.“ 68 160 —„Und das geht gut?“ —„Nun ſo ſo. Ich habe es ſchon beſſer und ſchlimmer geſehen.“ —„Wie alt ſind dieſe Ideen?“ —„Sie ſehen aus, wie etwas abgelebte Herren mit neuen Peruͤcken aufgeſtutzt.“ —„und ihre Namen?“ Francois Emery ſetzt ſein Wiſſen gern in das ge⸗ hoͤrige Licht. Indem er aufmerkſam die Karten betrach⸗ tet, die er in der Hand haͤlt, antwortet er: —„Der eine nennt ſich Herr von Portefeuille, der andre Herr von Erblichkeit, der dritte Herr Blouſe. Dieſer Letzte ſpricht am gelaͤufigſten und meiſten; es iſt ein langweiliger Menſch!“ —„Sie moͤgen eintreten;— aber wenn ſie auf ſolche Art gekommen ſind, muͤſſen ſie wohl ſchmutzige Fuͤße haben?“ —„Fuͤrchten Sie Nichts fuͤr den Teppich, mein Herr. Sie befinden ſich wohl auf ihrer Deichſel; mit ihren Haͤnden moͤchte es vielleicht ein anderes Ding ſein.“ —„Nun, auf allen Vieren werden ſie doch nicht laufen. Sie moͤgen ſich nur heraufbemuͤhen.“ Die Fremden treten ein, man gruͤßt ſich. Beim erſten Blicke bemerkt man eine auffallende Familien⸗ aͤhnlichkeit zwiſchen den Herren von Drei⸗Ideen. Aber in ihrem Anzuge beſteht eine ziemlich beſtimmte Ver⸗ ſchiedenheit. Alle drei tragen Kleider, welche ihre wah⸗ 4 161 ren Verhaͤltniſſe verſtecken. Der Eine hat den Kopf tief in ein Portefeuille vergraben, das er wie einen drei⸗ eckigen Hut traͤgt; der Zweite hat den Kopf mit einer wohlgepuderten Peruͤcke verſehen und weiter nichts; der Dritte macht Anſpruͤche auf ein Kasket. Dieſer Letzte iſt uͤberdem in der Blouſe; aber ich bemerke, daß er darunter ſeidene Struͤmpfe und feine Waͤſche traͤgt. —„Meine Herren, es freut mich, Sie zu ſehen. Ich bedaure, daß mein Kabinet nicht wuͤrdiger iſt, ſolche Gaͤſte zu empfangen. Aber da Sie ſehr liirt zu ſein ſcheinen, ſo hoffe ich, Platz genug zu haben, daß Sie es ſich bequem machen koͤnnen“ Die Herren von Drei⸗Ideen neigten ſich wie Seil⸗ taͤnzer, mit unendlicher Grazie. —„Herr Cooper, ſprach Herr Blouſe, wir ſind nicht Leute, uns in irgend einer Lage zu geniren. Sie ſehen, wie wir uns in einander ſchicken, wir ſind wie Fluida, welche ſich immer ins Gleichgewicht ſetzen. Der Zweck unſers Beſuchs iſt edel, groß, unendlich, wahrhaft ideal, um Alles mit einem Worte zu ſagen— und ich bitte um Erlaubniß, mich deutlicher auszu⸗ druͤcken. —„Je deutlicher, je beſſer, mein Herr.“ Herr Blouſe ſetzte ſich nun drei Stuüͤhle zurecht, dergeſtalt, daß er ſich eine Tribuͤne daraus machte. Dieſe beſtieg er, und indem er zufaͤllig den Kopf des Herrn von Erblichkeit leicht mit dem Finger beruͤhrte, 7v 16² glaubte man eine Klingel zu hoͤren. Der Redner ſtreckte den Arm à la Cicero aus und begann: —„Herr Cooper, wir ſind die Herrn von Drei⸗ DJdeen Europa's. Das Studium der großen menſch⸗ lichen Intereſſen bildet unſre Beſchaͤftigung, ihre Be⸗ foͤrderung unſre Pflicht, wie unſer Vergnuͤgen; wir ſind wahrhafte Philanthropen, dem allgemeinen Inter⸗ eſſe gewidmet. Wir ſind nicht, wie ihr Amerikaner, die ihr nur an euch ſelbſt denkt, o nein, wir ſtehen aller Welt zu Dienſten, wenn wir unſre eignen Ange⸗ legenheiten gebuͤhrend wahrgenommen haben. Wir ſind auf den Grund aller Fragen gegangen, wir haben alle Thatſachen enthuͤllt und alle richtigen und tiefen Schluͤſſe daraus gezogen, welche die Logik, Philoſophie, Gram⸗ matik, Geographie, mit Einem Worte, alle ſieben Wiſ⸗ ſenſchaften und Kuͤnſte, die der Politik inbegriffen, und alle menſchlichen Kenntniſſe nur irgend erlangen koͤn⸗ nen. Aber, Herr Cooper, welch ſchreckliches Bild ha⸗ ben uns unſre philanthropiſchen Unterſuchungen von Ihrem Lande entworfen! Dort ſieht man das Volk im Beſitz von Faͤhigkeiten, die natuͤrlich nur den Er⸗ waͤhlten gehoͤren; die Folgen ſind ſchrecklich, die Ver⸗ derbniß geht aufrecht einher, der Egoismus herrſcht, ein geſellſchaftliches Chaos miſcht alle Klaſſen unter einander, der Chriſt iſt ein Wilder, der Wilde ein Chriſt; die Neger ſind weiß, die Weißen Mulatten, und ſelbſt das Waſſer iſt in Rum verwandelt.“ 163 Hier überließ ſich Herr Blouſe der Ruhrung, die ihn uͤberkam, und weinte. Herr von Erblichkeit hielt die Augen zu und machte eine Beileidsbezeugung; Herr vom Portefeuille verſchwand einen Augenblick aus der Thuͤre, ich erfuhr ſpaͤter, daß er nur ſo lange abweſend war, um Couriere an die verſchiedenen Hoͤfe abzuferti⸗ gen, mit der Nachricht von dem tiefen Eindruck, den dieſer erſte redneriſche Schlag hervorgebracht. Die Ord⸗ nung wurde wieder hergeſtellt. 5 —„Herr Cooper, fuhr der Redner fort, indem er die Hand auf das Herz legte, wie Einer, der von der Wahrheit ſeiner Worte tief uberzeugt iſt: wir ſind nicht gewoͤhnliche Menſchen, wir haben ſchon die Meinung, daß Amerika unſerm Europa von Natur untergeordnet ſei, aufgegeben; in dieſer Beziehung ſind wir mehr als Philoſophen— wir ſind gerecht.“ —„Sie halten uns alſo nicht fuͤr Neger?“ —„Wir thun ſogar noch mehr; um den diploma⸗ tiſchen Ruͤckhalt zu vermeiden, erklaͤren wir hier im An⸗ geſicht des Weltalls, daß die alten europaͤiſchen Schrift⸗ ſteller Unrecht hatten, daß die Menſchen in Amerika wirklich Baͤrte beſitzen, die Fiſche Schuppen, die Affen Schwaͤnze, die Tiger Krallen. Nein, man muß in je⸗ dem Falle gerecht ſein; wenn es einigen Unterſchied giebt zwiſchen dieſen Vorzuͤgen und denen, welche ſich in un⸗ ſerm alten Europa antreffen laſſen, ſo iſt es nur der natuͤrliche Unterſchied, der zwiſchen den Produkten einer 164 neuen Hemiſphaͤre und denen einer andern, ſchon aus⸗ gebildeten, beſteht. Nein, da muß man gerecht ſein! Amerika gereicht in dieſer Hinſicht nur die Jugend zum Vorwurf. Die Zeit wird ſeinen Beſchwerden abhelfen.“ —„Herr Blouſe, die unerwartete Freigebigkeit dieſes Zugeſtaͤndniſſes uͤberzeugt mich, daß ich mit auf⸗ geklaͤrten Maͤnnern zu thun habe.“ —„Nein, man muß auch gerecht ſein— die ame⸗ rikaniſchen Affen haben wahrhaftig Schwaͤnze! Dieſe Unpartheilichkeit zeigt, in welchem Geiſte wir alle unſre uͤbrigen Unterſuchungen verfolgt haben. Aber, Herr Cooper, mein theuerſter, hochgeſchaͤtzteſter, uͤberaus ge⸗ liebter Freund, wir ſind bis ins Innerſte geruͤhrt von der Gefahr eines Volks, das nur Eine Idee beſitzt, eine ſo egoiſtiſche Idee, daß eine ganze Nation in ihr unter⸗ geht. Wir ſehen eure moraliſchen, geſellſchaftlichen und pecuniaͤren Gefahren; entſchloſſen, euch nicht eurem eignen Treiben zu uͤberlaſſen, ohne einen einzigen Ver⸗ ſuch, euch die Augen uͤber den Abgrund zu oͤffnen, in den ihr ſtuͤrzen werdet, haben wir unſern verſchiedenen Geſchaͤftstraͤgern in Amerika befohlen, uns ſofort die noͤthigen Dokumente zu einer vollſtaͤndigen Darſtellung des traurigen Zuſtandes Ihres theuren beklagenswerthen Vaterlandes zuzufertigen. Jetzt koͤnnen wir mit Auto⸗ ritaͤt ſprechen, wir haben ſo eben eine Menge dieſer Dokumente aus New⸗York erhalten, mit dem letzten Dampfhoote, das im Havre angekommen.“ 165 —„Herr Blouſe, ich athme wieder auf! Da es kein Dampfboot giebt, das zwiſchen Europa und Ame⸗ rika den Ocean beſchifft, ſo iſt es moͤglich, daß Sie ſich auch in Hinſicht andrer, fuͤr mein Land wichtigerer Thatſachen irren.“ —„Kein Dampfboot!“ rief Herr von Erblichkeit, dem eine Idee kam. 3 Herr Blouſe betrachtete mich mit einem ſchmerz⸗ lichen Mitleid. —„Herr Cooper, Ihr Patriotismus beruhigt ſich zu leicht. Ich habe nicht die Abſicht, die mindeſte un⸗ paſſende Anſpielung zu machen, obgleich die Dampf⸗ boot⸗Unternehmungen ſo uͤberaus republikaniſch ſind. Wenn Sie einen Augenblick nachdenken, werden Sie die Unmoͤglichkeit einſehen, eine Thatſache, die in ganz Europa, vom mittellaͤndiſchen bis zum weißen Meere, anerkannt iſt, zu leugnen.“ —„Grade deswegen, weil die in die Augen ſprin⸗ gende Falſchheit deſſen, was Sie eine Thatſache nennen, die Haͤlfte der Zeit, ſo zu ſagen, in Ihren Haͤfen liegt, grade deswegen bin ich geneigt, zu hoffen, daß Sie bei minder einleuchtenden Dingen Unrecht haben koͤnnten.“ —„Herr Cooper, Sie ſind Seemann!“ —„Genug, um den Unterſchied zwiſchen einem Dampfbote und einem Segelfahrzeuge zu erkennen. Sein Sie uͤberzeugt, Herr Blouſe, daß die Packetboote zwiſchen Europa und Amerika keine Dampfboote ſind!“ 166 —„Keine Dampfboote!“ —„Herr von Erblichkeit, derangiren Sie Ihre Ideen nicht, wegen eine Ableugnung, die von patrio⸗ tiſcher Exaltation herruͤhrt. Aber gleichviel, hier ſind Dokumente, Herr Cooper, welche Ihr Land betreffen, moͤgen ſie uns zugegangen ſein, auf welche Art ſie wollen.(Hier entledigten die Herren von Drei⸗Ideen ihre Taſchen einer Anzahl von Buͤchern, Broſchuͤren und Journalen. Ich bemerkte die Namen der Herrn Buf⸗ fon, Balbi, Baſil Hall, Saulnier, Jouffroi, die Revue britannique, das Quarterly Review und das Werk der Miſtreß Trollop unter hundert andern.) Hier finden ſich unumſtoͤßlich ſchmerzliche Beweiſe gegen Ihr be⸗ klagenswerthes Land. Der groͤßte Theil dieſer Doku⸗ mente kommt ſogar aus den Vereinigten Staaten von Nord⸗Amerika ſelbſt.“ —„Herr Blouſe, es giebt kein Land, das ſich die Vereinigten Staaten von Nord⸗Amerika nennt.“ —„Sie ſtoßen Thatſachen um, welche ſo zu ſagen in den europaͤiſchen Ideen geheiligt ſind, und halten es fuͤr moͤglich, auf dieſe unerhoͤrte Art zu raͤſonniren!“ —„Es ſcheint mir, daß das ganze Verdienſt unſrer Discuſſion auf Thatſachen beruhen wird. Sie bringen ſchwere Beſchuldigungen gegen mein Vaterland vor, und ich halte es fuͤr wichtig, Ihnen zu beweiſen, daß Sie in dem, was einen ziemlich bekannten Gegenſtand 167 betrifft, ſchlecht unterrichtet ſind und nicht einmal ſei⸗ nen Namen wiſſen.“ —„Mein Herr, Sie legen eine unerhoͤrte Wich⸗ tigkeit auf Thatſachen, und ſollten doch zu ſehr Freund einer weiſen Freiheit ſein, um die Logik dergeſtalt zu beſchraͤnken. Uebrigens ſind wir nicht Leute, uns durch Dogmen aus unſrer Poſition werfen zu laſſen. Wo iſt denn unſer letztes europaͤiſches Werk uͤber jenes Land?— Ah hier! Sie ſehen, mein Herr, hier iſt kein Irrthum, es iſt die Ausgabe von 1832.— Von 1832, Theuerſter! Hͤren Sie die Worte des Verfaſſers, wo er von Ihrem beklagenswerthen Lande ſpricht: So findet man dieſe Confoͤderation bezeichnet mit dem vierfachen Namen: Anglo⸗Amerikaniſche Confoͤderation, der uns der paſſendſte ſcheint, weil er keinem andern Foderativſtaat gehoͤren kann; Ver⸗ einigte Staaten von Nord⸗Amerika; Union vorzugsweiſe und Vereinigte Staaten(United States) insbeſondere; dieſer letzte iſt der officielle Name und wird in den politiſchen Verhandlungen ge⸗ braucht.“ 4 —„Ich ſehe mich genͤthigt, alle dieſe vier Namen zu leugnen, wie ich eben die Eriſtenz der Dampfboote geleugnet. Es iſt wahr, daß wir uns oft die Vereinig⸗ ten Staaten nennen, aus Abkuͤrzung, aber nicht ins⸗ beſondere. Was die Anglo⸗Amerikaniſche Confö⸗ deration und die Vereinigten Staaten von Nord⸗Ame⸗ 168 rika betrifft, ſo ſind dieſe Benennungen im Lande ganz unbekannt. Union ſagen wir, wie man in Europa Koͤ⸗ nigreich ſagt.“ —„Aber, Herr Cooper, Sie vergeſſen unſre hohe Autoritaͤt.”“ —„Das iſt ſchlimm. Ich ſehe mich in der Noth⸗ wendigkeit, Ihnen die Stirn zu bieten mit einer min⸗ deſtens eben ſo guͤltigen Autoritaͤt bewaffnet, oder Ihnen das Feld zu raͤumen.“ Hierauf ſteckte ich die Hand in meine Hoſentaſche und zog die Conſtitution meines Vaterlandes heraus, deren erſte Klauſel ich mit der Feſtigkeit eines Mannes las, der halb ſeiner Sache gewiß iſt:„Der Titel die⸗ ſer Confoͤderation wird ſein: Vereinigte Staaten von Amerika.“ —„Ach gehen Sie doch! Das iſt unbegreiflich!— Die Conſtitution hat Unrecht. Mehrere achtbare Ame⸗ rikaner haben uns verſichert, daß die Conſtitution von dergleichen Albernheiten wimmelt.“ 3 —„Kein Dampfboot!“ —„Der Herr ſcheint ſich viel mit dem kleinen Mißverſtaͤndniß uͤber das Boot zu beſchaͤftigen.“ —„Laſſen Sie ihn; die Ideen, welche in grader Linie, Mann auf Mann, in der Erbfolge herabſteigen, ſind oft ſo.— Es iſt klar, die Conſtitution hat ganz gewaltig Unrecht!“ —„Wie Sie wollen, mein Herr!“ *—„Da 169 —„Da wir nun uͤber das Vorlaͤuftge durchaus einig ſind, laſſen Sie uns zum Weſentlichen uͤbergehen. Es iſt ausgemacht, nach den intereſſanten Dokumenten, die wir mit dem letzten Dampfboote aus den Vereinig⸗ ten Staaten von Nord⸗Amerika erhalten: daß Ihr Vaterland auf einem Vulkane ſchlaͤft und daß Sie ge⸗ nau 36 Franken 96 Centimen, auf den Kopf, Abgaben bezahlen.“ 3 —„Die Vulkane ſind Naturerſcheinungen, und was unſre Abgaben betrifft, da ſie von uns ſelbſt kom⸗ men, ſo iſt es nicht wahrſcheinlich, daß wir mehr be⸗ zahlen, als wir brauchen und tragen koͤnnen.“ —„Das iſt ein ungluͤcklicher Irrthum! Die Ten⸗ denz jeder Volksbewegung iſt zum Aeußerſten, und wenn man der Volksmaſſe das Recht zugeſteht, ſich zu taxi⸗ ren, ſo ſtiehlt ſich das Volk den letzten Sou. Iſt es moͤglich, beſter Herr Cooper, daß Sie nicht geleſen ha⸗ ben, was wir eben uͤber dieſe intereſſante Entwickelung eines ſich ſelbſt uͤberlaſſenen Finanzgeiſtes herausgegeben?“ —„Mein Herr, ich habe dieſem ſinnreichen Auf⸗ ſatze einige Aufmerkſamkeit geſchenkt.“ —„Gut. Ich zweifle nicht, daß ein Mann von Ihrer Einſicht ihn eben ſo gut verſteht, wie der, wel⸗ cher ihn geſchrieben hat. Aber ich habe die Ehre, Ih⸗ nen vorzuſchlagen, Ihre Studien uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand noch weiter zu treiben. Heut zu Tage und im Sen des Fortſchreitens giebt es nur zwei große Sy⸗ ... 8 170 ſteme der Regierung, das eine, welches auf der beſchraͤnk⸗ ten und ſchwankenden Gruͤndung einer ganzen Nation beruht, und das andre, das von drei conſequenten, wohl erwogenen Ideen ausgeht. Es wird mir ſchwer, zu glauben, daß Sie nicht den gewaltigen Unterſchied zwi⸗ ſchen dieſen beiden Kategorien einſehen.“ —„Es ſcheint mir derſelbe Unterſchied, wie zwi⸗ ſchen Einem, der auf den Fuͤßen, und Einem, der auf dem Kopfe ſteht.“ —„Kein Nord⸗Amerika!“ —„Mein beſter Herr von Erblichkeit, alle dieſe Fragen ſind ſchon zu unſern Gunſten entſchieden; gehen wir zu Thatſachen uͤber. Hier, Herr Cooper, iſt eine wahrhafte Volks⸗Unterdruͤckung! Welche Tyrannei! Welche ſchreckliche Wirkung der Suprematie einer Na⸗ tion uͤber ſich ſelbſt! Ihr ſperrt die Straßen des Sonn⸗ tags, und das in einem Lande, das ſich ſelbſt frei nennt! Ihr armen Straßen, wie ungluͤcklich ſeid ihr! War⸗ um ſeid ihr nicht europaͤiſche Straßen, die ſo reinlich, breit, trocken, mit Trottoir verſehen, und vorzuͤglich frei ſind! Ihr armen amerikaniſchen Straßen, wie wahr⸗ haft unterdruͤckt ſeid ihr!“ Hier weinte Herr Blouſe von Neuem, und Thraͤ⸗ nen entfloſſen auch dem einen Auge des Herrn von Por⸗ tefeuille, da dieſer Letzte jede menſchliche Regung nur immer zur Haͤlfte ſehen laͤßt. —„Trocknen Sie Ihre Zaͤhren, meine Herren! das 1 Leid iſt nicht ſchwer. Wir ſind Proteſtanten und unſer Gottesdienſt erfordert Stille: zu gewiſſen Zeiten des Jahres laͤßt man des Klima's wegen die Kirchenfenſter offen, und um das Wagengeraſſel zu vermeiden, zieht man eine Kette uͤber die Straße, in der Gegend, wo der Laͤrm ſtoͤren koͤnnte. Die Fußgaͤnger koͤnnen jedoch nach Belieben hindurch und ſelbſt die Wagen gelangen ohne Ausnahme zu allen Thoren. Ueberdem iſt dieſer Gebrauch eher proteſtantiſch als amerikaniſch, und fin⸗ det ſich ſogar in den Laͤndern, die von den Drei Ideen am beguͤnſtigtſten ſind. Ihr ſperrt auch ſehr oft eure Straßen mit Saͤbeln und Bayonnetten, damit die Hoͤf⸗ linge leichter zur Cour bei den Fuͤrſten gelangen,— und was wir thun, iſt nur, um den Frommen Ruhe zu verſchaffen, daß ſie Gott anbeten koͤnnen. Unſre Ketten eſſen nicht, und ſo gewinnen wir mindeſtens in Hinſicht der Sparſamkeit.“ —„Es bedurfte eines Volksaufſtandes, um eure Dampfbote Sonntags abgehen zu laſſen. Ihr armen unterdruͤckten Boote! Ihr armen geknebelten Straßen!“ —„Herr Blouſe, Ihre liebenswuͤrdige Weichher⸗ zigkeit fuͤr lebloſe Dinge reißt Sie hin. Da die Re⸗ gierung der Vereinigten Staaten eine wahrhafte Re⸗ praͤſentation iſt—(Ich verlange das Wort! unter⸗ brach mich Herr von Portefeuille hitzig)— ſo ſind die Geſetze nur das Abbild der oͤffentlichen Meinung, und ein Volksaufſtand iſt gar nicht noͤthig, um ſie zu ver⸗ 17² aͤndern. Es iſt wahr, daß wegen des Gebrauchs der Dampfboote an Sonntagen Streit geweſen, und ich entſinne mich einer Karrikatur, welche ein ſolches Boot darſtellte, das von Prieſtern und Eiferern an Stricken zuruͤckgehalten wurde, waͤhrend das Volk es von der andern Seite ſtieß. Vielleicht, mein Herr, haben Sie dieſen kleinen Kupferſtich fuͤr eine wohlbegruͤndete That⸗ ſache angenommen. Wollen Sie die Gefaͤlligkeit haben, Ihre Dokumente nachzuſehen? vielleicht ſinden Siedieſe Karrikatur unter den uͤbrigen.“ —„Kein Sonntag in den Vereinigten Staaten von Nord⸗Amerika!”“ Herr von Portefeuille nahm das Wort: —„Meine Herren, man hat unſre Prineipien an⸗ gegriffen. Man hat ſagen wollen, daß wir nicht re⸗ praͤſentative, ſondern poſitive Ideen ſeien. Ich werde die ganze Theorie unſrer Ideen in einem Protokoll, Nr. 7896, niederlegen, und erhebe unterdeſſen hier, vor Gott und Menſchen, eine feierliche Proteſtation gegen die Beſchuldigung.“* —„Meine Herren, es iſt ſchwer fuͤr einen Men⸗ ſchen, ſeinen Satz zu behaupten, wenn jedes Faktum, das er anfuͤhrt, zu einer Beſchuldigung ſeiner Gegner wird. Ich bin hier auf der Defenſive, und wenn die Auseinanderſetzung der Principien und Gebraͤuche mei⸗ nes Landes irgend ein Syſtem verletzt, ſo kann ich wahrhaftig nicht dafuͤr.“ 173 Darauf verließ Herr von Portefeuille ſeine Tri⸗ buͤne von drei Lehnſtuͤhlen, und Herr Blouſe beſtieg ſie wieder und ſprach: —„Betrachten Sie dies Bild; Sie werden daraus ſehen, bis zu welchem Grade der Erniedrigung die all⸗ gemeine Stimmfaͤhigkeit ſelbſt das zweite Geſchlecht bei euch gebracht hat.“ Herr Blouſe zeigte mir einen Kupferſtich. Darauf ſah ich eine ſehr haͤßliche Frau, einen Spiegel und auf einem Stuhle Kleidungsſtuͤcke, welche fuͤr den Au⸗ genblick unnuͤtz waren. —„Herr Blouſe, das ſchmeckt nach dem Palais⸗ Royal.“ —„Keineswegs— es kommt vom Beobachtungs⸗ genie einer zarten, geiſtreichen, von den drei Ideen tief durchdrungenen Frau. Sie hat kuͤrzlich eine Reiſe in Ihr Land gemacht, und da haben Sie, was ſie uns mitbringt! Das iſt noch nicht Alles; ſie erzaͤhlt, daß eure Frauen ihre Abende verbringen, indem ſie mit jungen ſchoͤnen Miſſionaͤren Thee trinken, waͤhrend ihre Eſel von Maͤnnern in den Leſekabinetten uͤber den Journalen ſitzen; und wenn ſie ſich mit Thee recht be⸗ rauſcht haben, gehen ſie bis Mitternacht, Hemden fuͤr die Armen zu naͤhen, in die Dorcasgeſellſchaften. Welche Unmoralitaͤt, dieſe Dorcasgeſellſchaft!“ —„und alle dieſe philoſophiſchen Thatſachen kom⸗ men von ijener Dame?“ 174 —„Tauſend aͤhnliche. Man hat ſie, ſogar ins Geſicht, eine alte Frau genannt!“ —„Vielleicht iſt dieſe Schmach die Urſache, war⸗ um ſie meine ſchoͤnen Landsmaͤnninnen auf ſolche Weiſe dargeſtellt hat.“ —„ungerechter Argwohn! Ihre Unpartheilichkeit iſt uͤber jeden Vorwurf erhaben. Hier ſind ihre eignen Worte: Die amerikaniſchen Frauen ſind die ſchoͤnſten, aber auch die unintereſſanteſten von der Welt.“ —„Da zwiſchen dem Bilde und den Worten die⸗ ſer trefflichen conſequenten Beobachterin ein auffallen⸗ der Widerſpruch liegt und Sie mir die ganze Men⸗ ſchenwuͤrde hinſichtlich des Bartes zugeſtanden, ſo ſcheint es mir, wir thaͤten wohl daran, dieſen Theil der Pole⸗ mik bei dem offenen Contraſte zwiſchen dem Buche und ſeiner Zier zu verlaſſen.“ —„Welche graͤßliche Infamie, ſolche Hemdenge⸗ ſellſchaft à la Dorcas!“ —„Ich bitte Sie, Herr von Erblichkeit, unterbre⸗ chen Sie mich nicht mehr!“ —„Sein Sie duldſam, Herr Blouſe. Wenn man vor leeren Gewoͤlben ſpricht, giebt es immer eine Antwort kraft der akuſtiſchen Geſetze, und eine Idee, wie Sie, ſollte wiſſen, daß die Echo's immer einen gewiſſen Theil von dem verlieren, was man ihnen ſagt.“ —„Gleichviel! Ein Wort mehr oder minder! Sie ſchleudern noch manche Beſchuldigung gegen Ihr 175 Land, dieſe braven Schriftſteller. Zum Beiſpiel, das falſche Zartgefuͤhl Ihrer Damen geht ſo weit, daß ſie ſich weigern, einander in den Quadrillen den Ruͤcken zuzukehren; hier ſehen ſie das Faktum feierlichſt dar⸗ gethan durch einen ſehr geiſtreichen Englaͤnder, der in Bezug auf Sie nur gemaͤßigt iſt.“ —„Ich verlange das Wort fuͤr eine perſoͤnliche Thatſache!“ rief die Violine des wuͤrdigen Herrn Alerme von der großen Oper. Herr Blouſe verließ die Tribuͤne und die Violine beſtieg ſie. Man hoͤrte einige Accorde, und die Letztere ſprach in wohlklingenden Toͤnen:. —„Meine Herren, es iſt eine nichtswuͤrdige Dumm⸗ heit, welche der Herr Englaͤnder da aͤußert. Dieſer Reiſende kennt die Sitten der Salons nicht. Die Mode dos à dos zu tanzen, iſt ſchon altfraͤnkiſch, da ſie ſechs Wochen vor der Abreiſe jenes Vandalen nach Amerika außer Gebrauch gekommen.“ Hierauf ſpielte die Violine ein Finale im beſten Geſchmack und verließ den Lehnſtuhl. Herr Blouſe nahm ſeinen Platz wieder ein. 1 —„Hier, Herr Cooper, iſt ein toͤdtliches Faktum. Zwei Mitglieder des amerikaniſchen Congreſſes haben ſich auf Piſtolen und Degen zu Pferde im Saale der Kammer geſchlagen. Man ſagt ſogar, daß Batterien durch die reſpektiven Freunde der beiden Kaͤmpfer auf⸗ geſchirrt worden, und daß drei Kanonen und ein Pul⸗ verkarrn eben im Vorzimmer angekommen waren, als es dem Sprecher gelungen, die Ordnung wieder herzu⸗ ſtellen.“ —„Die Thatſache iſt etwas uͤbertrieben. Es iſt wahr, daß ein Menſch, der nicht Mitglied des Congreſ⸗ ſes iſt, gegen ein ſolches unweit des Kapitols in freier Luft einen Angriff mit ſeinem Rohr gemacht. Es iſt gleichfalls wahr, daß der Angreifer, als er ſich in der Gewalt ſeines beleidigten Gegners ſah, einen Piſtolen⸗ ſchuß gethan hat. Aber die Juſtiz iſt ſofort ins Mittel getreten. Alles, was man von zwei Congreß⸗Mitglie⸗ dern, von Piſtolen, Kavallerie⸗Angriffen, Geſchuͤtzen und Pulverkarrn geſagt, alles das iſt nur eins jener unbeſtimmten Geruͤchte, welche ſtets große Kaͤmpfe be⸗ gleiten.“ —„Der Kampf auf Tod und Leben zweier Mit⸗ glieder des Congreſſes iſt eine Thatſache, welche ſchon in allen europaͤiſchen Geiſtern als Wahrheit geheiligt iſt!“⸗ —„Was wollen Sie, mein Herr? Die europaͤi⸗ ſchen Geiſter ſind ſo frei, wenn es ſich um uns han⸗ delt! Wir haben die außerordentliche Manier gehoͤrt, mit welcher Ihr Kollege, der ehrenwerthe Herr von Erb⸗ lichkeit, Ihre eignen Worte uber dieſen Gegenſtand verdreht.“ —„Auf jeden Fall gab es einen Piſtolenſchuß, und gegen ein wirkliches Congreß⸗Mitglied. Das iſt viel 3 177. —„ungluͤcklicherweiſe iſt es nur zu wahr, und das iſt viel. Indeſſen fallen dergleichen Begebenheiten auch unter dem Einfluſſe der Drei⸗Ideen Europa's vor. In. England, dem nach Ihrem Syſtem idealiſirteſten Lande, hat man zweimal auf Koͤnig Georg III. ſchießen ſehen. — Herr Perceval, der erſte Miniſter dieſes Landes, iſt in dem Gange zur Kammer getoͤdtet worden.— Ko⸗ nig Wilhelm IV. hat kuͤrzlich einen Steinwurf gegen die Stirn bekommen.— Herr Calemard de Lafayette iſt ein Opfer des Mordes gefallen, vor drei Jahren, als er aus der Kammer kam, auf dem Platze Lud⸗ wigs XV."— 1 —„Kommen Sie gefaͤlligſt zu Athem, ich beſchwoͤre Sie, mein beſter Herr Cooper! vergeſſen wir den un⸗ gluͤcklichen Piſtolenſchuß! Wir beſitzen eine Maſſe von Thatſachen, die Ihrem traurigen Lande zur Laſt fallen. Man verſichert uns, daß euch gaͤnzlich der Geſchmack fehlt; ihr habt, in wahrhaft anarchiſchem Geiſte, ver⸗ nachlaͤſſigt, edle Schloͤſſer und ſchoͤne Parks an den zauberiſchen Ufern des Fluſſes Columbia anlegen zu laſſen. Welche koͤſtliche Gegenden ſind die Opfer eures niedern Egvismus!“ —„Die Zeit wird dem abhelfen.“ —„Ihr ſeid nicht Leute comme il faut.“ —„Das wird mit den Schloͤſſern kommen.“ —„Ihr kennt durchaus nicht den Anſtand.“ —„Wir werden ihn ſpaͤterhin lernen.“ 178 —„Ihr ſeid verfault, ehe ihr reif waret.“ —„Das iſt die Fruͤhzeitigkeit einer reichen Natur.“ —„Eure Vorfahren ſind nur europaͤiſche Straͤf⸗ linge geweſen.“ —„Schade, daß es keine ſolche mehr giebt.“ —„Eure Handelsleute ſind Betruͤger!“ —„Was wollen Sie!“ —„Großherzigkeit, Wahrheit, alle hohen Eigen⸗ ſchaften fehlen euch.“ —„Das ſind, ohne Zweifel, ideale Monopole.“ —„Ihr ſeid auffallend niedrig und gemein.“ —„eiht uns etwas von eurem groben bon ton.“ —„Maͤre es nicht um die glaͤnzenden Tugenden der Einfalt, ſo wuͤrde euer geſellſchaftlicher Pakt mor⸗ gen zerfallen.“ —„Unſre Tugenden leiſten uns gute Dienſte.“ —„Ihr ſeid eine ewige Propaganda.“ —„Die Wahrheit iſt es immer.“ —„Unſre Geſchaͤftstraͤger, bis auf die von 18 Jah⸗ ren, die ſo uͤberaus faͤhig ſind, die Frage zu ergruͤnden, melden uns aus Waſhington, daß eure Union naͤch⸗ ſten Montag Nachmittag, drei Viertel auf drei Uhr, aufgeloͤſt ſein wird.“ —„Sie wird bis Montag uͤber acht Tage dauern.“ —„Man ſagt auch, daß eure Regierung nur ein Kompromiß ſei.“ —„Jede Regierung iſt das oder noch etwas Schlim⸗ meres.“ 179 —„Eure Inſtitutionen ſind ideal.“. —„Das iſt ja Etwas nach Ihrem Geſchmack.“"“ —„Ihr liebt den General Lafayette.“ —„Aus Gruͤnden.“ —„Ihr ſeid jung.“ —„Deſto beſſer.“ —„Ihr werdet nie alt werden.“ —„Deſto ſchlimmer.“ —„Ihr habt nur eine Idee ſtatt drei.“ —„Aber, dieſe Idee!“ —„Ihr ſeid nicht geſchliffene Leute, wie wir.“ —„Gott ſei Dank.“ —„Man moguirt ſich uͤber euch in der guten Ge⸗ ſellſchaft.“ —„Ja wahrhaftig.“ 4 —„Man haͤlt euch fuͤr Freiſprecher.“ —„Das macht Furcht.“ —„Ihr raiſonnirt ohne Phraſen.“ —„Das iſt unſre Art.“ —„Man liebt euch nicht.“ —„Thut mir leid.“ —„Ihr weigert euch hartnaͤckig, und gegen alle Regel in dergleichen Faͤllen, den liebenswuͤrdigen Ge⸗ neral Jackſon, der euch ſo viel Dienſte erwieſen, zum Kaiſer zu machen, und verharrt, außerdem, von Gene⸗ ration zu Generation bei denſelben Inſtitutionen.“ —„Das bewirkt unſre Originalitaͤt.“ 180 —„Mein Herr, ihr ſeid eine“— hier ſammelte Herr Blouſe alle ſeine Kraͤfte, um das Wort auszu⸗ ſarttien—„Republik!“ —„und jedes Mittel, ſie herabzuſetzen, iſt gut.“ Es gab eine Pauſe. Die Kollegen des Redners be⸗ eiferten ſich, ihm Gluͤck zu wuͤnſchen, und machten ihm ihre Komplimente mit thraͤnenden Augen.. Ich ſtand mit gekreuzten Armen wie ein Deputir⸗ ter im Feuer des Hohngeſchreies. Hierauf trank Herr Blouſe mit vieler Wuͤrde Zuk⸗ kerwaſſer, und ſuchte von Neuem unter ſeinen Doku⸗ menten; dann fuhr er mit groͤßerer Gelaſſenheit fort: —„Nach meiner ſchoͤnen Rede, lieber Herr Cooper, meiner wahrhaft pathetiſchen, philanthropiſchen Rede, die einen Menſchen, wie Sie, der in einer ſo rohen Geſellſchaft geboren und erzogen iſt, in Erſtaunen ſetzen muß, erheiſcht die Gerechtigkeit, daß ich die Belege eini⸗ ger meiner Behauptungen, welche vielleicht noch nicht Flar genug dargethan ſind, vorbringe. Erzeigen Sie mir das Vergnuͤgen, dies Dokument zu betrachten, und ich erwarte von Ihrer Aufrichtigkeit, daß Sie es fuͤr wahrhaft abſtoßend erklaͤren.“ Ich beſah, was mir Herr Blouſe bot. Es war das Probeblatt eines Journals, daß ſich den New-York- American nennt, vom Juni 1832. Meine Blicke ſielen auf eine Kritik des Brayo, eines Romans, deſſen Schande ich tragen muß. Die Beleuchtung iſt noth⸗ 181 wendig engliſch geſchrieben, und der, welcher die Feder fuͤhrt, ſpricht vorzugsweiſe als Amerikaner; hier ſind einige von ſeinen Worten:„Wenn Herr Cooper die Verachtung von Seinesgleichen vermeiden will, ſo moͤge er nie mehr ein Werk ſchreiben, wie der Bravo.— Wenn dies Buch gefaͤllt, werde ich fuͤr mein Vater⸗ land erroͤthen.“ Ich fuͤhlte mich verloren! welcher Schauder, die Urſache der Schmach von zwoͤlf Millio⸗ nen unſchuldigen Seelen zu ſein, ja vierzehn, die Skla⸗ ven mitgerechnet! Doch faßte ich mich ein wenig und gewann den Muth, wieder den Artikel zu beſchauen. Bald ſpuͤrte ich das akademiſche Raͤſonnement, ich fand auch gewiſſe fremde Idiome, ziemlich ſchlecht in unſrer Sprache wiedergegeben, weiterhin engliſche, ganz ge⸗ woͤhnliche, vollkommen idiomatiſche Worte, als Ci⸗ tationen bezeichnet, obwohl es ſchwer ſein wuͤrde, zu ſagen, welchem Schriftſteller ſie entnommen. Alles ſchmeckte nach einer ziemlich ungeſchickten Ueberſetzung. Ich ſuchte den Paragraphen, wo ſich gewoͤhnlich der Titel des Werks, das unter das Skalpirmeſſer des Kri⸗ tikers kommt, der Name des Buchhaͤndlers u. ſ. w. be⸗ ſindet. Da ſtieß ich denn auf Folgendes:„Le bravo, histoire vénétienne, 1 volume in 8. par J. Fenimore Cooper. Baudry, Rue Coq Saint-Honoré, Paris.“ Ohne Zweifel kam dieſer kleine Mißgriff von der Un⸗ wiſſenheit her, daß man in den Vereinigten Staaten 182 4 von Nord⸗Amerika engliſch drucken koͤnne. Ich gab das Journal Herrn Blouſe zuruͤck. —„Mein Herr, hier iſt ein kleiner Irrthum. Eins Ihrer Argumente uͤber den Finanzſtreit hat ſich viel⸗ leicht zufaͤllig unter dieſe juͤngſt angekommenen Doku⸗ mente verloren.“ Da bewegten ſich die Herren von Drei⸗Ideen der⸗ geſtalt, daß ſie die Violine glauben machten, ſie be⸗ gehrten zu tanzen, und das liebe gefaͤllige Inſtrument begann ſofort, eine Weiſe uͤber das Thema: Bon voyage, cher Dumolet! zu ſpielen. Meine Gaͤſte verſchwanden mit einem Betͤſe, das ihrer hohen Sendung ganz wuͤr⸗ dig war.——————————-——— Die Violine ſchwieg, die Gegenwart entſchwand, es nahte die Zukunft. Allmaͤhlig zerſtreute ſich das duͤſtre Gewoͤlk, welches ſo lange das Land der Pow⸗ hattans und der Metacoms bedeckte, und man ſah hel⸗ ler. Die Zeit der Wunder war voruͤber, der Menſch war da mit ſeinen Schwaͤchen, ſeinen Leidenſchaften, ia ſelbſt ſeinen Laſtern; aber des Menſchen beſte Eigen⸗ ſchaften ſind in Thaͤtigkeit. Die Principien verbreiten ſich mit der Kraft, die Ideen kehren von ihrer langen Pilgerfahrt gen Weſten heim, einfach und gelaͤutert, ſo ohne Exaltation, wie ohne Niedrigkeit. Da beginnt die Herrſchaft einer Idee, und dieſe Idee iſt fuͤr das —— 8 Gluͤck Aller. Man erwartet nicht mehr, was unmoͤg⸗ lich iſt, man leugnet nicht mehr, daß die Sonne am Himmel glaͤnzt. Und man beginnt ſich zu verſtehen, ——,—————————————— —-——————————— Ich ſtreckte die Hand aus, um mich der Dokumente der Herren von Drei⸗Ideen, wie koͤſtlicher Ueberbleibſel, zu bemaͤchtigen. Sie ſind verſchwunden, ſpurlos.—— ————————————————— —-——————-———— —„Frangois Emery!“ —„Mein Herr!“— —„Kleider und Stiefeln!“ —„Reiſen wir ab nach Amerika?“ —„Bald, mein Freund.“ —„Gedenken Sie mit der Poſt oder dem Dampf⸗ boote zu reiſen?“ — /WDie Relais ſind zu lang bei der erſten— das zweite giebt es nicht.“.— —„Sie ſcherzen wohl?“ —„Ganz klar. Es giebt keine.“ —„Das waͤre doch naͤrriſch!— Keine Dampf⸗ boote!“ J. Fenimore Cooper. ——— 5 Eine Sitzung in einem Leſekabinet. Ein Reviewer, ein litterariſcher An⸗ thropophag. Byron. Vorbericht. Lord Feelings Abenteuer in einem Leſekabinette fanden ſich, von der Hand des Helden ſelbſt, auf der Ruͤck⸗ ſeite einer Beilage des Sthenographen der Kammer ge⸗ ſchrieben, die dazu gedient hatte, einen Savoyer Kuchen einzuwickeln. 5 Man hat geglaubt, den Leſern der Hundert und Ein dieſen kleinen hiſtoriſch⸗vertrauten Roman geben zu muͤſſen, gewiſſenhaft ſo, wie ihn der Verfaſſer er⸗ ſonnen und gusgefuͤhrt hat. 7 8 185 Erſtes Kapitek. Mißmuth. Es war der Abend eines der traurigſten Noyem⸗ bertage. Die Uhr des koͤniglichen Stempelgebaͤudes ſchlug mit hallender Stimme die ſiebente Stunde, als ich uͤber den Boulevard der Kapuziner ſchritt, großartig und weit beſſer, als in einen Mantel, in die Falten eines dicken Nebels gehuͤllt, der mich bis in die innerſten Tiefen der Seele zu Eis erſtarrt hatte. Erſt ſieben Uhr! rief ich in Verzweiflung. Guter Gott, was ſoll von ſteben Uhr bis Mitternacht werden? Du wirſt dieſen Nothruf verſtehen, theurer Leſer, wenn Du erfaͤhrſt, daß derjenige, der ihn ausſtieß, ſeit fruͤh Morgens in Paris umherirrte, wie eine verur⸗ theilte Seele, fuͤrchterlich belaͤſtigt durch das Gewicht eines bleiernen Himmels und in ſeiner Nervenreizbar⸗ keit einem jener grimmigen Anfaͤlle von Spleen hinge⸗ geben, welche machen, daß man ſich auf die Bruſt⸗ wehr der Koͤnigsbruͤcke ſtuͤtzt und gierig in den Fluß hinabſchaut, oder daß man mit luͤſternem Auge nach dem Doppel⸗Abzuge eines mit Kugeln geladenen Pi⸗ ſools ſchielt. Begreiſſt Du nun, daß ich in ſolcher Stimmung nicht daran dachte, meinen Abend im Schauſpiel oder mit Viſiten zu verbringen, und daß eine Zukunft von 8** 186 mindeſtens noch fuͤnf Stunden zu toͤdten, mich mit NRecht erſchrecken konnte? Noch toͤnte der Nachhall des ſiebenten Hammerſchla⸗ ges der Uhr in meinen Ohren, als ich mich in der neuen Sanct⸗Auguſtin⸗Straße an der Thuͤre des litterari⸗ ſchen Salons der Fremden befand. Ich war maſchinenmaͤßig, aus Inſtinet dorthin ge⸗ kommen. Meine Fuͤße hatten mich in dieſe Gegend gefuͤhrt, weil ſie mich gewoͤhnlich zu derſelben Stunde dahin fuͤhrten, um die Abendblaͤtter zu leſen. Das unerwartete Aſyl, welches mir die Vorſicht eröffnet, benutzend, eilte ich, zum Leſekabinet hinauf zu ſteigen, und ſetzte mich dort in einem Winkel feſt. Da es beim Ofen war und ſeine Thuͤre offen ſtand, ſteckte ich meine Fuͤße hinein, indem ich zugleich meine Stirn gegen eine ſeiner Roͤhren lehnte. Ich weiß nicht, wie viel Minuten ich in dieſem Zuſtande ſtumpfſinnigen Bruͤtens geſeſſen, als ich durch eine Art Gemurmel im Saale wieder zu mir ſelbſt ge⸗ rufen wurde. Hier brennt Etwas! ſagten zu gleicher Zeit mehrere Stimmen, welche von der großen Tafel der Journale herkamen. 1 „Es iſt dieſer Gentleman,“ aͤußerte ganz ernſthaft ein ſtarker Herr, der Galignani's Meſſenger am kleinen runden Tiſche nah am Ofen las. Zugleich verließ er aufſtehend ſeinen Platz, als ob er im Bewußtſein der 187 eigenen Combuſtibilitaͤt gefuͤrchtet haͤtte, daß ſich das Feuer ſeiner Perſon mittheilte. Auf jeden Fall war die Bemerkung des ſtarken Herrn richtig und gegruͤndet. Ich war das Etw as, das brannte. Aber da mir Niemand zu Huͤlfe kam, loͤſchte ich meine Feuersbrunſt ſelbſt, und ſetzte mich an den kleinen Tiſch, deſſen alleinigen Beſitz mir die Flucht meines Nachbars geſichert hatte. Das tiefe Schweigen, welches einzig durch dieſe Begebenheit unterbrochen worden war, fing bald wie⸗ der an, im ganzen Saale zu herrſchen. Zweiles Kapitel. Ricoſchet⸗Vergleiche. Iſt es Dir, geliebter Leſer, wohl jemals begegnet, daß in einer kalten Winternacht ſich eine huͤbſche kleine Katze, die heimathlos auf den Treppen umherirrte, in Deine Wohnung, ja bis in Dein Schlafzimmer ge⸗ ſchlichen, wo Du noch halb wachend, halb ſchlafend in Deiner Bergere am Kamin ſaßeſt? Das arme, ganz erſtarrte Thier dachte anfangs nur daran, ſich dem Feuer zu nahen, und wenn Du es gewaͤhren ließeſt, ſo ſtreckte es ſich in die Aſche, auf die Gefahr, ſich Bart und Pelz zu verſengen. Aber ſobald das Feuer die ſteifen Glieder von Reuem belebt hatte, gaͤhnte es 188 zuerſt, dann dehnte es die Pfoten, kruͤmmte den Schweif⸗ machte den hohen Ruͤcken, das huͤbſche Thier, und ſeine vorigen Leiden vergeſſend, fing es an mit Deinen Fuͤßen, Deinen Pantoffeln, Deinem Schlafrocke und Teppich zu ſpielen. 1— Gerade ſo ging es mir im Leſekabinette. Kaum hatte das Feuer des Ofens meinen Leib erwaͤrmt und meine Seele neu belebt, kaum hatte das blendende Gas⸗ licht die Finſterniſſe zerſtreut, welche den ganzen Tag meine Gedanken verdunkelt, als mein Geiſt auf einmal wieder munter und froͤhlich wurde, und ebenfalls ſorg⸗ los mit den Gegenſtaͤnden und Figuren, die mich um⸗ gaben, zu ſpielen anfing.. Obwohl ich den Schatz aller Journale und aller neuen Buͤcher der Welt unter den Haͤnden hatte, ſo kam es mir doch nicht in den Sinn, ein einziges nur mit der Fingerſpitze zu beruͤhren, oder eine einzige Zeile zu leſen. Nein. Mein Vergnuͤgen beſtand in Folgendem: Ich machte einen Vergleich— oder vielmehr, ich machte eine unendliche Menge von Vergleichen, wie ich am Ufer eines Fluſſes oder Teiches Ricoſchets gemacht haben wuͤrde. Und wahrhaftig, es war etwas Aehn⸗ liches. Denn ich nahm einen Vergleich und warf ihn auf die große Tafel der Journale, und ich ſah ihn ſpringen wie einen Stein auf der Waſſerflaͤche. Das freute mich ſehr. 189 Ich muß Dir, geliebter Leſer, einige dieſer Rico⸗ ſchet⸗Vergleiche erzaͤhlen. Der erſte— der Mutter⸗ Vergleich— war der: Die lange gruͤne Tafel, um welche ſo viel heiß⸗ hungrige Leſer ſaßen, bot mir den Anblick einer unge⸗ heuren Table d'Hôte. Es war wirklich eine wahre Table d'Höte, welche ſtuͤndlich allem politiſchen und litterariſchen Geſchmack offen ſtand. Eine immerwaͤhrende Mahlzeit war hier aufge⸗ tragen. Da fanden ſich zu gleicher Zeit beiſammen Suppe, Hors d'oeuvres, Braten, Entrées, Zwiſchen⸗ gerichte und Deſſerts, die großen und kleinen Morgen⸗ und Abend⸗Journale, die monatlichen und vierteljaͤh⸗ rigen Ueberſichten, die Athenaͤums und Magazine, das Brod und die taͤglichen Blaͤtter, Zuckerſpeiſen und widerhaltende Speiſen, Sammlungen aller Sprachen, aller Voͤlker, aller Kuͤchen. Fuͤr die unerſaͤttlichen Magen, denen dieſe reich⸗ liche periodiſche und halbperiodiſche Nahrung nicht ge⸗ nuͤgte, war noch ein ſupplementariſches Buͤffet unter dem Leſeſalon im Erdgeſchoß eroͤffnet. Dort hatte man in einer weiten Bibliothek alle Proſa, alle Verſe der beiden Welten, alle Geſchichten und alle Romane, alle Meiſterwerke und alle vollſtaͤndigen Schriften des Jahr⸗ hunderts aufgehaͤuft, und zu dieſer intellectuellen Speiſe⸗ kammer konnte Jeder ſchoͤpfen gehen, wie es ſein Hunger und Durſt und ſein Geſchmack erheiſchte. 190 Was die Gaͤſte betrifft, welche ihren Antheil an dieſem Bankett, das jederzeit im Leſeſaal bereit ſtand, nahmen, ſo bemerkte ich, daß ſie die Gewohnheit mit⸗ brachten, analog denen, welche man bei den Conſu⸗ menten unſrer materiellen Mahlzeiten wahrnehmen kann. So las der Eine mit gelaſſener Maͤßigung, indem er blos einige Journale voll hinreichenden Salzes ko⸗ ſtete, und ſich kluͤglich der Blaͤtter mit gewuͤrzten Saucen oder der Sammlungen feſten Teiges enthielt, wie einer unverdaulichen ungeſunden Speiſe. Der Andre im Gegentheil verſchlang Journal auf Journal, Magazin auf Magazin, ohne Unterſchied, in⸗ dem er ſich gezwungen glaubte, Alles zu leſen, wie jene Vieleſſer, die ſich einbilden, ihr Geld verloren zu haben, wenn ſie bei einem abonnirten Diner nicht von allen Schuͤſſeln genommen haben. Dieſer, ein ſelbſtſuͤchtiger Gourmand, erhaſchte ein neues ſaftreiches Blatt, das man eben auf die Tafel gebracht, und verſchlang es ganz allein, ohne irgend Jemand zu erlauben, auch nur den Duft einzuathmen. Jener las unreinlich, indem er alle Blaͤtter, die er ſich vorlegte, mit Tabak bewarf oder benieſte. Ich machte dieſe ſinnreichen Zuſammenſtellungen und viele andre, die es nicht minder waren, als ein bedenkliches Ereigniß mich von dieſer harmloſen ergoͤtz⸗ lichen Beſchaͤftigung abzog. — 191¹ Drittes Kapitel. Ein Reviewer. Es hatte ſich Jemand, von ſeltſam boshaftem An⸗ ſehen, dicht neben mich, an den kleinen Tiſch geſetzt. Es war ein wahrhaftes Skelett von ungefaͤhr fuͤnf Fuß, das einen ſchwarzen Rock trug, alte Hoſen von Drap de Soie, bunt gewirkte Struͤmpfe, und Stiefeln, die, auf die Knoͤchel herniederſinkend, wenn nicht der Spitzenbeſatz gefehlt haͤtte, wie Halbſtiefeln à la Lud⸗ wig XIV. geweſen waͤren. Sein ſchmales, gelbes Ge⸗ ſicht war mit einer rothen Peruͤcke und rothen Augen⸗ brauen geziert, unter denen, tief eingeſenkt, zwei Katzenaugen lagen, zwei runde Augen, zwei gruͤne blitzende Augen. Der kleine Mann zog aus ſeiner Hoſentaſche eine ungeheure ſilberne Brille, die er auf ſeine Naſe pflanzte, und aus dem Rocke eine Art Manuſkript, beſtehend aus vielen langen Papierblaͤttern, die mit Buchſtaben und Ziffern bedeckt waren. Dies Manuſkript legte er vor ſich auf den Tiſch. Durch eine unbezwingliche, wahrhaft verhaͤngniß⸗ volle Neugier angetrieben, hatte ich mich uͤber die Schul⸗ ter meines ſeltſamen Nachbars gebeugt, und bemuͤhte mich, ein paar Zeilen ſeines Gekritzels zu entziffern, als er ſich ploͤtzlich zu mir wendete und mich ſo in flagranter Unbeſcheidenheit uͤberraſchte. 19² —„Mein Herr,“ ſagte hierauf der kleine Mann mit leiſer Stimme, indem er mich durch die Brille mit einem ſo anmuthigen Laͤcheln betrachtete, wie es ſich mit der Phyſiognomie, auf der es entſtand, vertrug; „mein Herr, ich ſehe, daß Sie die Arbeit, welche ich in Haͤnden habe, kennen zu lernen wuͤnſchen. Ich will Sie gern befriedigen. Es iſt der detaillirte Plan einer induſtriellen ſtatiſtiſchen Ueberſicht, den ich ſo eben be⸗ gruͤnde. Ich bin gluͤcklich, daß Sie mich berechtigen, Ihnen die Baſis davon auseinander zu ſetzen.“ Bei dieſen Worten fuͤhlte ich entſetzliche Schauer uͤber meinen ganzen Leib rieſeln. Ich gewahrte, daß ich in die Klauen eines Reviewers gefallen war. —„Mein Herr!“ ſchrie ich mit dem Ausdruck der tiefſten Ueberzeugung,„ich betheuere Ihnen, daß ich mich gar nicht fuͤr die Begruͤndung einer induſtriellen ſtatiſtiſchen Ueberſicht intereſſire.“ —„Wohlan, mein Herr!“ fuhr er fort, ohne ſich im Mindeeſten ſtoͤren zu laſſen,„wenn ich Ihnen den Geiſt der meinigen entwickelt habe, werden Sie ſich gewiß dafuͤr intereſſiren.“ Ich wollte Etwas erwiedern. Der unbarmherzige Reviewer erlaubte es mir nicht. Der Geier hielt mich mit Schna bel und Krallen im einſamſten Winkel des Saales feſt.— Ich war in ſeiner Gewalt. Allen Vortheil benutzend, um nicht einen Augenblick zu ver⸗ lieren, ſchob er ſeinen Stuhl dicht an den meinigen, und 7 — 193 und fing damit an, mir die unerlaͤßliche Nothwendig⸗ keit einer induſtriellen ſtatiſtiſchen Ueberſicht zu demon⸗ ſtriren. 4 Der kleine Mann ſprach langſam und ſehr leiſe, aber ganz nahe zu mir. Ich fuͤhlte ſeine Worte ein⸗ zeln in mein Ohr fallen, wie Tropfen eiſigen Waſſers. Es war eine der Qualen, welche in der Sammlung derjenigen noch fehlen, die Dante ſeinen Verdammten auferlegt. Die eiſige Einfoͤrmigkeit dieſer Pein verfehlte je⸗ doch nicht, mich bald in eine voͤllige Lethargie zu ver⸗ ſenken. Ich hörte nichts mehr, als ein dumpfes unver⸗ nehmliches Brummen. Ich entſchlief. Viertes Kapitel. A l p. Ich entſchlief, aber nicht eines friedlichen Schlum⸗ mers. Kaum hatte ich die Augen geſchloſſen, als ein furchtbarer Alp uͤber mich kam. Im Traume begegnete mir Folgendes: Ich befand mich allein in einem Leſekabinette. Der Reviewer trat ploͤtzlich ein, gefolgt von den vier Clerks des literariſchen Salons und der Bibliothek. VI. 3 9 194 Sobald ſie mir mir nahe waren, ſprach er, indem er mit dem Manuſcript, das er zuſammen gerollt in der Hand hielt, auf mich zeigte:„Hier iſt der G entle⸗ man, der noch nicht gehoͤrig die Ueberſichten verdauen kann. Um ihm den Magen zu ſtaͤrken, werdet ihr mit ihm die Operation vornehmen, die ich verordnet habe. Da nahmen mich die vier Clerks, ohne ein einzig Wort zu erwiedern, in ihre Arme und ſtreckten mich ruͤcklings auf den Tiſch. Ich aber, ich ſagte meine Gebete her und befahl Gott meine Seele. — Gut, ſagte der Reviewer. Jetzt, John, holt alle Ueberſichten und alle Magazine, welche Ihr bei der Hand habt. Und John brachte die Quarterly review, West- minster review, Edinburgh review, Blackwood's ma- gazine und funfzig andre, kurz Alles, was im Saale war, und man haͤufte mir all' dieſe Ueberſichten und Magazine mit ihren Brettern auf die Bruſt. Ich fuͤhlte mich außerordentlich beaͤngſtigt; doch athmete ich noch, obwohl mit großer Schwierigkeit. — Er iſt ſtaͤrker, als ich glaubte, ſagte der Re⸗ viewer mit ſchrecklichem Laͤcheln. John, fuͤgt das An⸗ nual register hinzu, den Almanach royal, den Handels⸗ Almanach, den Almanach der 25,000 Adreſſen und noch einige Woͤrterbuͤcher. und John fuͤgte das Alles hinzu. 195 Ich fing an zu erſticken; doch hielt ich mich gut. — O!ol ſchrie der Revlewer, das iſt ja ein Her⸗ kules, den wir hier haben; der Burſch hat Muskeln, die probefeſt gegen alle Ueberſichten und Almanachs der Welt ſind. Gleichwohl muͤſſen wir noch mehr ver⸗ ſuchen. John, nehmt alle die Herren mit, und holt mir unten in der Bibliothek die ſtatiſtiſchen Traktate des Herrn Baron Karl Dupin, die Philippide und die Epiſteln des Herrn Viennet, und die vollſtaͤndigen Werke von Jouy und Arnault. Das Gewicht dieſer bloßen Drohung war mir un⸗ ertraͤglicher, als das der ungeheuern Maſſe, die mich ſchon zermalmte. Ich erſtickte. Ich konnte es nicht mehr aushalten. Indem ich eine verzweifelte Anſtrengung machte, mich zu erheben, ſtieß ich die ganze Pyramide von Woͤrter⸗ buͤchern und Magazinen um, welche uͤber mir aufge⸗ thuͤrmt war.— Sie ſtuͤrzte mit einem furchtbaren Getoͤſe zuſammen. Ich erwachte. 1 Fuͤnftes Kapitel. Flucht und erſte Feindſeligkeiten. Indem ich erwachte, fand ich mich genau auf der⸗ ſelben Stelle wieder, wo ich eingeſchlafen war; aber 96 196 mein Nachbar, der Reviewer, lag mir zu Fuͤßen unter ſeinem Stuhle, lang auf die Erde geſtreckt.. Ich begriff gleich, daß ich im Traume bei der An⸗ ſtrengung, die Laſt fortzuſtoßen, die mich druͤckte, den kleinen Mann unfeblbar umgeworfen hatte. Vielleicht haͤtte ich dieſen unerwarteten Umſtand, der ihn in meine Gewalt gab, benutzen ſollen, um mich zu raͤchen, in⸗ dem ich ihn entweder wie einen Wurm zertrat, oder doch mindeſtens mich durch die Flucht ſeiner Macht zu entziehen. Ich weiß nicht, welche Herzhaftigkeit und Großmuth mich ſo zur unrechten Zeit beſeelten; aber ich litt geduldig, daß mein Unterdruͤcker wieder auf⸗ ſtand und ſeinen Platz neben mir einnahm. Der elende Reviewer vergalt den Edelmuth meines Verfahrens auf eine ſehr unwuͤrdige Art; denn ſobald er ſein Gleichgewicht auf dem Stuhle und das der Brille auf ſeiner Naſe hergeſtellt, fing er wieder an, mich zu quaͤlen; er nagelte mich von Neuem an den Tiſch und zwickte mich mit ſeinem Manuſcripte— er fuhr fort, mir die Auseinanderſetzung ſeiner induſtriellen ſtatiſtiſchen Lehre in die Adern zu traͤufeln. Das waͤhrte ſchon zehn lange Minuten. Gleichwie eine arme Maus unter der Pfote der Katze, die noch nicht alle Hoffnung verloren hat, ſpielte ich den Todten, indem ich jedoch mit dem Augenwinkel umher ſpaͤhte, ob ich nicht in meiner Naͤhe ein retten⸗ 197 des Loch bemerkte, in das ich ploͤtzlich ſchluͤpfen und mich dem Nachen meines Feindes entziehen koͤnnte. Da, wie ich nach dem Ende der großen benach⸗ barten Tafel ſchielte, ſah ich einen der zahlreichen eifri⸗ gen Leſer, welche ſie umringten, aufſtehen und einen leeren Platz zuruͤcklaſſen. Das war mir eine Pforte des Heils. Ich ſtuͤrzte hin. Raſch aufſtehend, warf ich mich mit einem Satze auf den freien Stuhl, und ergriff das erſte Journal, das ſich bot(es war die Morning Chronicle); ohne die Augen aufzuſchlagen, ohne abzuſetzen, auf die Ge⸗ fahr, daran zu verenden, verſchlang ich mit Wuth die fuͤnf enggedruckten Spalten der erſten Seite. Nach einem ſolchen Exceß, nach einer ſo uͤber⸗ maͤßigen, gar nicht mit meiner Gelaſſenheit uͤberein⸗ ſtimmenden Lektuͤre, fuͤhlte ich mich unwohl; ich em⸗ pfand ein heftiges Beduͤrfniß, mich zu erholen. In⸗ dem ich alſo das Journal vor mir niederlegte, wagte ich die Augen auf meine beiden Nachbarn rechts und links zu werfen. Natuͤrlich wollte ich auch unterſuchen, ob ich von ihnen Vertheidigung und Schutz hoffen duͤrfe, in dem Falle, daß ich mich einem neuen An⸗ griffe meines Feindes ausgeſetzt ſaͤhe. Mein Nachbar zur Linken ſtellte mich ſehr zufrie⸗ den. Es war eine kraͤftige Geſtalt, und nach ſeinem langen ſchwarzen Schnurbarte zu urtheilen, gewiß ein Militair. Seine maͤchtige Hand, die wahrſcheinlich / 198 den Saͤbelgriff mit großer Sicherheit gefuͤhrt, hielt ſehr linkiſch das Bret eines Abendblattes(Messager), in welchem er eben ſo ungeſchickt nach Kriegsneuigkeiten zu ſuchen ſchien. — Gut, ſagte ich bei mir, meine linke Flanke iſt gedeckt. Dieſer brave Offizier, der, ich ſehe es an der Ungelegenheit, die ſie ihm verurſachen, die Journale und Alle, welche dergleichen machen, herzlich verab⸗ ſcheuen muß— dieſer treffliche Militair wird mich ge⸗ wiß nicht unter ſeinen Augen von einem Reviewer er⸗ wuͤrgen laſſen.. Nachdem ich dies troͤſtliche Raͤſonnement beſchloſ⸗ ſen, wandte ich mich zu meinem Nachbar zur Rechten. Ich blieb verſteinert! Es war der Reviewer ſelbſt. Wie war er dahin gekomen? Wahrſcheinlich hatte ihm ein Leſer Platz gemacht, waͤhrend ich mit ſolcher Gier meine fuͤnf Spalten der Morning Chronicle ver⸗ ſchlang. Wie dem auch ſei, die tiefe Betaͤubung, welche mich anfangs ergriffen, wich bald einem heftigen Un⸗ willen. Erbittert, wuͤthend, meiner ſelbſt nicht mehr maͤchtig, ergriff ich mit beiden Haͤnden den Bretgriff der Morning Chronicle, und ſchickte mich an, damit einen furchtbaren Hieb nach dem Kopfe des verſluchten Reviewers zu fuͤhren.——— Da glitt hinter mir ein leichter Tritt uͤber den Teypich, ich hoͤrte das Raſcheln eines ſeidenen Kleides, 199 fuhr zuſammen und drehte mich raſch um. Es war eine junge blonde Dame, welche dicht an mir voruͤber nach der Tiefe des Saales ſchritt.— Und ich ſah ihren ſuͤßen Blick ſchuͤchtern und flehend dem meinigen be⸗ gegnen.— O dieſe Erſcheinung war wie des Engels, der her⸗ nieder kam, um den Stahl Abrahams abzuwenden, als er Iſaak treffen wollte. Mein Zorn war auf einmal entwaffnet. Der Arm, der ſich raͤchend und unver⸗ ſoͤhnlich erhoben, ſiel harmlos und ſchonend hernieder, und legte die Morning Chronicle friedlich wieder auf den Tiſch.. Sechstes Kapitel. Der Krieg entſpinnt ſich. Der Abend ruͤckte vor. Es hatte zehn Uhr ge⸗ ſchlagen. Im Leſekabinette blieb nur eine geringe Zahl von Perſonen. Das waren meiſt die unerſaͤttlichen Leſer, welche eine Ueberſicht bis auf den Grund, bis auf die Anzeigen, bis auf die Hefen ausſchluͤrfen, welche ſich auf ein Journal verbeißen, und es bis auf die Knochen abnagen, Jedem die Zaͤhne zeigend, der ſich ihnen naͤ⸗ hert. Es waren auch die Gaſtronomen, die ſich zu ſehr das Hirn beſchwert, zu viel geleſen haben und bei 200 Tafel einſchlafen, die man wecken muß, wenn man das Gas ausloͤſcht und den Saal ſchließt, indem man ihnen bemerklich macht, daß ſich ihre Verdauung weit beſſer im Bette wird beendigen laſſen. Auch die junge Blondine war noch da. Sie trug ein Kleid von ſchwarzem Atlas, einen großen ſchwarzen Caſhemir, einen kleinen Hut von ſchwarzem Sammt. Alles war ſchwarz in ihrem An⸗ zuge, bis auf den breiten Kragen von geſtickten Battiſt, deſſen Weiße nicht minder blendend war, als die des anmuthigen Halſes, um den er herabfiel. . Aber, guter Gott, wer hatte doch dies entzuͤckende Weſen in ein Leſekabinet gefuͤhrt? Wer hatte dieſen Engel doch ſo irre geleitet? O! das konnte nur ein britiſcher Gemahl ſein! Und ſo war es auch wirklich. Ohne ſich weiter um ſie zu kuͤmmern, hatte ſich dieſer Gemahl comfortabel auf eine Bank am Eingange des Saales geſtreckt, und las die letzten Journale, welche Abends von London gekommen. Die arme huͤbſche Frau ſchien ſehr ungeduldig zu erwarten, daß er geendigt haͤtte. Sie hatte ſich nicht einmal geſetzt, ſondern ſtand mit gekreuzten Armen nah' am Ofen, drehte oft den Kopf nach der Seite ihres unſtoͤrbaren Gemahls, und kniff jedesmal un⸗ merklich die Lippen, waͤhrend ſie die Augen zur Decke hob und leicht mit den anmuthigen Schultern zuckte. Um die Zeit zu verbringen, hatte ſie nichts Beſſe⸗ 201 res zu thun gefunden, als abwechſelnd ihre kleinen Fuͤße an der Ofenthuͤre zu waͤrmen. Sobald ich das Alles beobachtet, verſpuͤrte ich gleichfalls große Kaͤlte, und es war natuͤrlich, daß ich gedachte, nach dem Ofen zu gehen, um mich auch zu waͤrmen. Ich ſtand alſo ploͤtzlich auf. Aber, ach! der Re⸗ viewer, an den ich nicht mehr dachte, und der gleich⸗ wohl meine Rechte nicht einen Augenblick verlaſſen, der Reviewer ſtand mit mir zu gleicher Zeit auf, und, mir den Weg vertretend, ſprach er mit ſuͤßlicher Stimme: —„Mein Herr, Sie gehen vielleicht fort. Wenn Sie es fuͤr gut finden, werde ich Sie bis an Ihre Thuͤre begleiten und unterweges Ihnen den Plan des Werks, von dem ich Ihnen ſchon geſagt, vollends aus⸗ einanderſetzen.“. — Nein, mein Herr, antwortete ich ſehr trocken, ich gehe nicht fort. Was Ihr Werk betrifft, ſo ſcheint es mir, Sie haben davon ſchon zur Genuͤge geſprochen. —„Verzeihen Sie, mein Herr!“ erwiederte der Reviewer;„Sie werden ſagen, daß mir noch viel zu ſagen uͤbrig bleibt. Ich freue mich daher, daß Sie nicht fortgehen. Wir werden hier unſere Unterhaltung bequemer fortſetzen.“ Ich geſtehe, daß ich in dieſem Augenblick nahe daran war, von Neuem die Geduld zu verlieren. Zum 202 zweitenmale fuͤhlte ich mich ausnehmend verſucht, Ge⸗ walt zu brauchen. Schon ſtreckte ſich meine Hand aus, um den Reviewer beim Kragen zu faſſen; ich wollte ihn zu Boden werfen und uͤber ſeinen Leih hinweg zum Ofen dringen. Aber in dem Augenblick, als ich uͤber den Kopf meines Feindes ſah, begegnete ich von Neuem dem ſuͤß⸗ laͤchelnden Blicke der jungen Blondine. Fartes mitleidiges Weſen! Diesmal war ich es vielleicht eben ſo ſehr, als der Reviewer, fuͤr den ſie Bedauern zu hegen ſchien. Ihr Blick ſagte mir: Komm, Dich bei mir zu waͤrmen, aber ſchone den Mann! O! ſie wußte nicht, welchen erbitterten Krieg der Elende ſeit zwei langen Stunden mit mir fuͤhrte! Sie wußte nicht, wie abſcheulich er mich den ganzen Abend gereizt hatte! Gleichviel! Nicht durch einen Sieg, den ſie ver⸗ warf, war es mir erlaubt, mir einen Weg zu ihr zu bahnen. O nein! 1 Was thun jedoch? Als geſchickter Taktiker, ſtatt das Hinderniß zu forciren, beſchloß ich, es zu umgehen. —— 203 Siebentes Kapitel. Es wird Blut fließen. Obwohl mir noch ein Ausweg nach der Thuͤre frei ſtand, konnte ich doch nicht daran denken, zu entflie⸗ hen, was mir auch uͤbrigens nur eine mittelmaͤßige Ausſicht geboten haͤtte, weil mir der Reviewer gedroht hatte, mich bis zu meiner Wohnung zu begleiten, der⸗ geſtalt, daß ſomit nur der Kriegsſchauplatz veraͤndert und auf die Straße verſetzt worden waͤre. Und dann, wenn mich mein Feind auch nicht verfolgte, durfte ich ihm feig meinen Mantel uͤberlaſſen, der auf einem Stuhle am Ofen lag? Sollten dem Reviewer dieſe Spolia opima bleiben, waͤhrend ich zaͤhnklappernd und erſtarrt nach Hauſe ging? Vor Allem, ſollte ich flie⸗ hen, ohne einigen Gefahren getrotzt zu haben, um der armen huͤbſchen Blondine, welche ihr unwuͤrdiger Ge⸗ mahl ſo im Leſekabinette verließ, ein wenig Troſt zu bringen? Nein, das ging nicht. Es kam alſo darauf an, um jeden Preis zum Ofen zu gelangen.. 3 Der kuͤrzeſte Weg war mir verſperrt; ich ſchlug, ohne mich zu beſinnen, den laͤngſten ein, und, ſofort aufbrechend, ging ich in foreirten Maͤrſchen, faſt lau⸗ fend, um die große Tafel. Waͤhrend dieſer Bewegung wandte ich meinen Kopf / 204 nicht ein einziges Mal; denn ich zweifelte nicht, daß mein Gegner mir folgte, in der Furcht, daß ich ſuchen moͤchte, durch die Thuͤre zu entkommen. Da ich nun einige Schritte Vorſprung hatte, ſo rechnete ich darauf, ſobald ich am kleinen Tiſche ſein wuͤrde, mich raſch in den Ofenwinkel zu ſtuͤrzen und dort mit Stuͤhlen zu befeſtigen— und wenn ich dann mit Sturm genommen wuͤrde, wenn der Feind meine Verſchanzung uͤberwaͤl⸗ tigte, mich zu den Fuͤßen der Frau zu werfen, ihre Knie zu umfaſſen und ihre Allianz und Intervention nachzuſuchen. Leute vom Handwerk werden mir Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen: dieſe militairiſchen Dispoſitionen waren trefflich und ihre Ausfuͤhrung war es nicht minder; aber ſie ſcheiterten gaͤnzlich an der verhaͤngnißvollen Scharfſichtigkeit meines Feindes. Wie ich ganz athemlos die Spitze der großen Tafel umging, wie ich auf den Deypich debouchirte, der zum Ofen fuͤhrt, da trat mir der Reviewer, der nicht vom Platze gewichen, zwiſchen den beiden Tiſchen entgegen und indem er mir ſein Manuſcript vorhielt, verſperrte er mir von Neuem den Weg. 205 Achtes Kapitel. Waffenſtillſtand. Die Sachen waren nun auf eine ſolche Spitze ge⸗ trieben, daß ein entſcheidendes Treffen unvermeidlich ſchien. 1 Da mir der Reviewer ſein Manuſcript frech an die Kehle geſetzt, hatte ich meinerſeits den Conſtitutionnel ergriffen, der auf dem Rande der großen Tafel lag, und ſchickte mich an, ihm damit zu Leibe zu gehen. Der ſuͤße Blick der jungen Blondine, den der mei⸗ nige noch befragt hatte, wehrte mir nicht einmal die RNache mehr. Sie fuͤhlte endlich, welche Zuͤchtigung dieſer ſchreckliche Reviewer verdiente, der mich ſchon ſo viele und ſo lange Momente von ihr ſchied! Dieſer Blick, der mir mein Opfer uͤbergab, be⸗ zeigte gleichwohl noch etwas Mitleid fuͤr daſſelbe. Es war ein Blick voll lebhafter, zarter Beſorgniß. Er ſagte mir: Wohlan, ja! Triff den Unſeligen, weil er hartnaͤckig bleibt, dich fern von mir zu halten! Aber, Gott, was werde ich leiden waͤhrend des Gefechts! Ich begriff Alles, was Chriſtliches und Nuͤhrendes in dieſer Furcht lag, zu gut, um nicht noch einmal zu verſuchen, Urſache und Wirkung zu vernichten. Ehe ich die Feindſeligkeiten begann, wollte ich noch einen neuen und letzten friedfertigen Verſuch machen. Mit der linken Hand zog ich mein Schnupftuch 206 aus der Taſche und bewegte es in der Luft, waͤhrend meine Rechte den Conſtitutionnel ſenkte. Der Reviewer, als er ſah, daß ich zu parlamen⸗ tiren verlangte, ſenkte gleichfalls ſein Manuſcript. —„Mein Herr!“ ſagte ich hierauf mit Sanft⸗ muth und Wuͤrde:„ich verweigere keinesweges, mich Ihren ſtatiſtiſchen Entwickelungen zu unterwerfen. Aber der Froſt hat mich ergriffen, waͤhrend ich Ihnen zu⸗ hoͤrte. Geſtatten Sie deshalb nur, daß ich mich ein paar Augenblicke am Ofen waͤrme und in meinen Man⸗ tel huͤlle. Dann werde ich ganz der Ihrige ſein und Sie wenigſtens behaglich anhoͤren koͤnnen.“ — Mein Herr, nichts iſt gerechter und vernuͤnf⸗ tiger als Ihr Vorſchlag, antwortete der Reviewer faſt bewegt. G Und er ſchien ſogar dergeſtalt befriedigt von der Maͤßigkeit meines Geſuchs, daß er auf dem Punkte ſtand, mir die Paſſage ohne Bedingungen zu geſtatten. Aber ich weiß nicht, welches Mißtrauen ihn ploͤtzlich uͤber⸗ kam, und er verlangte, daß wir vorlaͤuſig die Klau⸗ ſeln eines Waffenſtillſtandes feſtſetzen moͤchten. Sofort zogen wir uns an den kleinen Tiſch zuruͤck, und nach einigen Diseuſſionen, die, ihrer Wichtigkeit und ihrem Intexreſſe nach, paſſender Weiſe nur mit denen der ſeligen Londoner Konferenz verglichen wer⸗ den koͤnnen, wurden wir uͤber folgende Artikel einig, welche mit Bleiſtift auf eins der weißen Blaͤtter einer 207 Sammlung neuer Poeſien geſchrieben wurden, die uns eben in die Haͤnde fiel.. Erſter Artikel. Zwiſchen den kriegfuͤhrenden Partheien wird ein Waffenſtillſtand von zehn Minuten Statt finden. Zweiter Artikel. Waͤhrend dieſer zehn Minuten kann die kriegfuͤh⸗ rende Parthei, welche erklaͤrt, daß ſie friert, ſich mit ihrem Mantel bedecken und am Ofen nach Belieben waͤrmen, ohne auf irgend eine Weiſe von der andern kriegfuͤhrenden Parthei, welche ſich mit ihrem Manu⸗ ſcript in einer Entfernung von mindeſtens zwoͤlf Schritt vom Ofen halten ſoll, beunruhigt zu werden. Dritter und letzter Artikel. Sobald dieſe zehn Minuten verfloſſen ſind, oder, um groͤßerer Beſtimmtheit willen, ſobald die Pendule eilf Uhr geſchlagen hat, iſt der Waffenſtillſtand abge⸗ laufen, und die Feindſeligkeiten werden wieder anfan⸗ gen, das heißt: Die kriegfuͤhrende Parthei, welche mit einem Manuſcript kaͤmpft, wird das Recht haben, die andre kriegfuͤhrende Parthei anzugreifen und zu ver⸗ folgen, wo es dieſer nur irgend belieben wird, ſich zu vertheidigen oder hinzufluͤchten. Folgen Datum und Unterſchriften. 208 Neuntes Kapitel. Zehn Minuten. Einige in Sachen der Taktik tief eingedrungene Caſuiſten haben gemeint, daß ich mich, in meinen Un⸗ terhandlungen mit dem Rewiewer, durch ſeine diplo⸗ matiſchen Kniffe habe groͤblich taͤuſchen laſſen, und daß es ſtatt eines Waffenſtillſtandes, ganz einfach eine ehren⸗ volle Kapitulation geweſen, die er mich habe unter⸗ ſchreiben laſſen; deshalb habe ich geglaubt, im vorigen Kapitel den vollſtaͤndigen Inhalt dieſes wichtigen Akten⸗ ſtuͤcks geben zu muͤſſen. Ich kann daher keineswegs dafuͤr, wenn es einſt die Geſchichte nicht gewiſſenhaft wuͤrdigt und ſeinen wahren Charakter nicht feſtzuſtel⸗ len weiß. Ueberdem muß ich bekennen, die Bedingungen haͤt⸗ ten noch ſo hart und druͤckend ſein moͤgen, ſo wuͤrde ich eingewilligt, haben, um die zehn Minuten Freiheit zu erlangen, in denen es mir, laut meines Venlit erlaubt war, am Ofen zu verweilen. Aber man verlange von mir keine Rechenſchaft uͤber dieſe zehn koſtbaren Minuten, die ſo voll, ſo lang waren— und zugleich ſo kurz, ſo fluͤchtig. Wenn ihr wißt,/ wie in zehn Minuten Alleinſeins zwi⸗ ſchen einer ſanften jungen Blondine und einem ſanften,/ ge⸗ 209 fuͤhlvollen Juͤngling ein Blick, der gluͤhend und ſcharf in einen feuchten mitleidigen Blick taucht, zum Herzen dringen kann,— wenn ihr wißt, wie viel Gelegenheit ſich zu begegnen und zu druͤcken, Haͤnde haben, die ſich zehn Minuten lang auf dem beſchraͤnkten heißen Mar⸗ mor eines Ofens kreuzen,— wenn ihr wißt, daß nicht in zehn Minuten, ſondern in weniger als einer Sekunde ſich der elektriſche Funke erzeugt, der zwei Seelen zu⸗ gleich entzuͤndet und ſie mit demſelben Hauch in Brand ſetzt,— wenn ihr das wißt, ſo iſt es gut, und ich habe euch Nichts weiter zu ſagen. Aber wenn ihr das Alles nicht wißt,— nun dann, ſo werde ich es euch auch nicht lehren! Zehntes Kapitel. Kataſtrophe und Beſchluß. Es hatte ſchon vor fuͤnf Minuten die Penduͤle des Leſekabinets eilf Uhr geſchlagen... Die Blondine war mit ihrem Gemahl, der ſich endlich der Journalwonne entriſſen, um ſie abzuholen, fortgegangen.— Sie war fort! Unſre Blicke hatten ſich Lebewohl geſagt,— doch unſre Herzen wenig⸗ ſtens noch nicht!—— Man hatte die Schlaͤfer geweckt und nach und nach 9** 2 210 alle Gasroͤhren ausgeloͤſcht. Das Leſekabinet ſollte ge⸗ ſchloſſen werden. Inmitten der Einſamkeit und Finſterniß des Saals war ich allein geblieben, den Elnbogen auf den Mar⸗ mor des Ofens, den Kopf in die Hand geſtuͤtzt. Da nahte mir Jemand und zupfte mich leiſe am Mantelkragen. Ich erſchrak und ſchlug die Augen auf. Es war— der Reviewer, der, mit ſeinem Manuſeript be⸗ waffnet, neben mir ſtand. Ich ſah Alles ein.— Ich durfte mich nicht bekla⸗ gen. Er hatte ſich großmuͤthig gezeigt. Er hatte mir fuͤnf Minuten uͤber die Convention gewaͤhrt. Ich ſetzte ihm keinen Widerſtand entgegen,— ich folgte ihm, mehr wie ein Gefangener, als wie ein Mann, der ſich zu vertheidigen ſucht. Wir ſtiegen zuſammen hinab, und ſchon auf der Treppe hatte er ſich meiner wieder bemaͤchtigt, und die Auseinanderſetzung ſeiner induſtriellen Lehre ab ovo an⸗ gefangen. Wir waren aus dem Hauſe getreten, wir befanden uns auf der Straße und es regnete ſehr ſtark; aber das ſtoͤrte den Reviewer durchaus nicht. Er ließ um der Kleinigkeit willen ſeine Beute nicht fahren/ und des Sturms ungeachtet, obwohl ich ſehr raſch ging, hielt er mit mir gleichen Schritt und bedraͤngte mich ganz noch mit ſeinen Entwickelungen. 211 Ich hatte meine Parthie ergriffen und empfing mit gleicher Reſignation den Regen des Himmels und die Statiſtik des Reviewers. Als wir inzwiſchen auf den Platz Gaillon gekommen, ſchien mein Mann ſich aaf — einmal beſonders uͤber eine Trottoir⸗ und Pflaſter⸗An⸗ gelegenheit zu erhitzen. Im Eifer des Geſpraͤchs, und 1 gewiß nur, um durch eine energiſche Geberde den Aus⸗ druck ſeines Gedankens zu vervollſtaͤndigen, ſtreckte mir der Reviewer ploͤtzlich ſeine, immer noch mit dem Ma⸗ nuſcript bewaffnete Hand unter die Naſe. Von Schreck erfaßt, fuhr ich unwillkuͤrlich mit der meinigen in der Hoͤhe, als ob ich einen Hieb pariren wollte. O gluͤckliches Verhaͤngniß! Ich traf das ſiatiſti⸗ ſche Manuſeript mit einer ſo kraͤftigen Terz, daß es in 4 den Strom fiel, der eben die neue Sanct⸗Auguſtin⸗ ſtraße tief, breit und bruͤllend herabrauſchte. Der Re⸗ viewer ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und warf ſich ſchwimmend hinein, um die koͤſtlichen Blaͤtter zu erhaſchen, die der unbarmherzige Strom nach dem Ab⸗ zuge der Hannoverſtraße hinwegriß. Und was wurde aus dem Reviewer und ſeinem Werke? Ich weiß es wahrhaftig nicht. Ich war, Dank dem Zufall und meinem guten Sterne, ſiegreich. Ich entriß mich großmuͤthig dem Anblicke der Noth ineines beſiegten Feindes, und viel⸗ leicht auch aus Furcht, daß es ihm gelingen moͤchte, die fluͤchtigen Blaͤtter ſeines Mauuſcripts zu ſammeln 21² und verzweifelnd wieder gegen mich anzuruͤcken, warf ich mich in ein voruͤberfahrendes Cabriolet, das mich, wenn auch nicht friſch und geſund, doch noch ſehr froh heim brachte, in all' den langen Gefechten dieſes Abends nur Eine Wunde davongetragen zu haben— eine tiefe, ſuͤße Wunde im Herzen. 7 A. Fontaney. Behn Stunden in Schloss Ham. — Die Erkenntlichkeit ließ mich die Eremiten Jouy und Jay beſuchen, als ſie in Sainte⸗Pelagie gefangen ſaßen, die Herren Beranger und Cauchois⸗Lemaire in la Force, Herrn von Genoude und meinen Freund Marraſt in der politiſchen Haft, Herrn von Chateaubriand in der Polizeipraͤfektur; daſſelbe Gefuͤhl hat mich nach Schloß Ham gefuͤhrt. Der Herr Graf von Peyronnet hat aus ſeinem Ge⸗ faͤngniſſe mehr als einmal das Buch der Hundert und Ein mit ſeinem Namen und ſeinem Talent unterſtuͤtzt. Ich war ungeduldig, ihm zu erkennen zu geben, wie tief ich eine ſolche Guͤte fuͤhlte; aber dazu mußte man erſt bis zu ihm gelangen, und die feſten Schloͤſſer ſind weniger zugaͤnglich, als die Pallaͤſte. Ich bedurfte dazu der Erlaubniß des Miniſters des 214 Innern und des Kriegsminiſters. Freilich bekommt man dieſe etwas raſcher, als einen Paß auf der Polizeipraͤfektur. Mit dieſen beiden unerlaͤßlichen Papieren verſehen, kam ich ohne Hinderniß bis zum Abſteigen aus der Eilpoſt, wo ich einen Gendarmen fand, der mich nach meinem Paſſe fragte. Nachdem er ihn unterſucht hatte, bezeichnete er mir die Straße Tournoyante, wo Frau von Per⸗ pigna, die Schweſter des Herrn von Peyronnet, wohnt, zu der ich, nach ſeinen Inſtruktionen, gehen mußte. Ich fand dieſe Dame, welche ſonſt die Honneurs in den Salons des Canzellariats machte, in ein kleines, rein⸗ liches, beſcheidenes, picardiſches Haus verbannt, wo ſie faſt eben ſo gefangen wie ihr Bruder lebt, aber wo das Ungluͤck ihr weder die Lebhaftigkeit einer vortheilhaften geiſtreichen Phyſiognomie, noch den Reiz eines ſanften Frohſinns geraubt hat, welche faͤhig ſind, ſelbſt ein le⸗ benslaͤngliches Gefaͤngniß ertraͤglich zu machen! Ich hatte noch nicht allen Formalitaͤten genuͤgt; ich mußte mich bei dem Polizei⸗Kommiſſarius melden, der mich ſehr zuvorkommend empfing, und den ich er⸗ kannte, in Paris geſehen zu haben; er viſitirte meine Erlaubniß, und ich begab mich auf den Weg nach dem Schloſſe. Indem ich uͤber einen Platz ſchritt, zeigte man mir das Zimmer, welches Frau von Guernon⸗ Ranville bewohnt. Ich kam bald auf die Esplanade, wo ich eine ſchoͤne Familie ſah, die gleich mir nach dem 215 Schloſſe ging: es war die Fuͤrſtin von Polignae mit ihren Kindern. Wenn man zwei Enceinten und zwei Zugbruͤcken paſſirt hat, ſo gelangt man an ein ſchweres Gatterthor, deſſen Schluͤſſel eine Schildwacht immer in Haͤnden hat. Man ſagte mir: Laſſen Sie Sich vom Schloßvogt re⸗ cognosciren. Herr Renard, der ein alter, ſchon ſeit mehr denn zwanzig Jahren dekorirter Unteroffizier if. diente mir als Fuͤhrer zum Kommandanten, Herrn Delpire. Dieſer Offizier, der mit allen Vorſichtsmaßregeln, die ihm die ſtrenge Pflicht auferlegt, die Ruͤckſichten, welche man dem Ungluͤck ſchuldig iſt, zu vereinigen weiß, beſchaͤftigte ſich mit der Malerei in einem Kabi⸗ nette, das eher dem Atelier eines unſrer Kuͤnſtler, als dem Zimmer eines Artillerie⸗Offiziers glich; unter einer Menge von Genregemaͤlden bemerkte ich vorzuͤglich das, welches eben auf ſeiner Staffelei ſtand. Es ſtellte das Schloß Montferrand, die Beſitzung des Herrn von Nachdem unſere Erlaubnißſcheine viſſitirt waren, ſuchten wir Herrn Renard wieder auf, der uns in das . 216 Gefaͤngniß fuͤhrte. Eine große Thuͤre wurde uns durch einen Schließer, der das Innere bewohnt, geoͤffnet, und wir uͤbergaben unſre Scheine einem Aufſeher, der ſie bis zu unſerer Zuruͤckkunft behielt. Ich geſtehe, nicht ohne Bewegung hoͤrte ich die dritte Thuͤre, welche mich von außen ſchied, hinter mir zuſchließen. Es blieb nur noch eine zu oͤffnen, die des Herrn von Peyronnet. Ich ſollte eins der groͤßten Opfer des Ungluͤcks unſrer Zeit ſehen. Der Gefangene empfing mich mit Wohlwollen und Guͤte. Ich fand ihn unter ſeinen Arbeiten allein mit ſeinem liebenswuͤrdigen geiſtreichen Freunde, Herrn Julius von Reſſeguier, der, um die Verlegenheit einer erſten Zuſammenkunft abzukuͤrzen, mir mit dem lieb⸗ reichen Wohlwollen entgegen ging, das er mir als Lit⸗ terat bezeigt hatte. Herr von Peyronnet ſagte:„Wir kennen uns ſchon lange, mein Herr, ohne uns jemals geſehen zu haben; aber im Canzellariat mußten Sie mich beſuchen, nicht hier.“ 4 Das waren ſeine erſten Worte, die ich gewiß bin, nicht zu aͤndern. Es duͤrfte freilich nicht ſo mit ſeiner weitern Unterhaltung ſein, die von der anmuthigſten Feinheit, von der glaͤnzendſten Geiſtesfriſche belebt war. Nichts ſiel mir jedoch mehr auf, als der Ausdruck einer milden wohlwollenden Philoſophie, die nicht ohne Froh⸗ ſinn war. 4 Das Arbeitskabinet, wo ich Herrn von Peyronnet fand,⸗ 1 fand, iſt mit vier kleinen Bibliotheken geziert, welche alle franzoͤſiſchen Hiſtoriker, viele Buͤcher uͤber Juris⸗ prudenz und andre zu ernſten Studien geeignete Werke enthalten. In ſeinem Schlafzimmer befinden ſich nur Froiſſard's Chronik und die Memoiren uͤber Frankreichs Geſchichte. Das Kabinet, auf welches ich zuruͤckkomme, iſt ſehr einfach moͤblirt. Ein breiter Tiſch mit einem gruͤnen Teppich bedeckt und ein großer Lehnſtuhl à la Voltaire ſind die vorzuͤglichſten Moͤbel im Zimmer. Eine Penduͤle und ein Spiegel zieren den Kamin, uͤber dem man von der Hand des Herrn von Peyronnet fol⸗ gende, in der Lage eines ungluͤcklichen Gefangenen ſo charakteriſtiſche Deviſe lieſt: Moult me tarde. Die Fen⸗ ſter ſind mit Blumentͤpfen beſetzt, ohne Zweifel, um die Gitter zu verſtecken. Vier Familienportraits haͤngen vor dem einſamen Bewohner dieſes Aufenthalts, die Portraits ſeiner Kin⸗ der; der Vicomte von Peyronnet, der vor fuͤnf Jahren als General⸗Anwalt beim koͤniglichen Gerichtshofe zu Paris geſtorben, die Frau Marquiſe Dalon, welche ich erkannte, mit ihr eine Saiſon im Bade geweſen zu ſein und mehrmals mit ihr getanzt zu haben; ferner Frau von Lavilleon und Herr Julius von Peyronnet, welche mindeſtens die Andern uͤberlebt haben, um die Trauer und das Ungluͤck ihres Vaters zu lindern, und welche, wie Herr von Peyronnet ſo ruͤhrend ſagt, das ſind, was ihm von ſeinen Kindern geblieben. 5- VI. 1 218 Ich hatte Herrn von Peyronnet Sonntag den 25. Juli 1830 begegnet, als er nach Saint⸗Cloud ging. Ich fand ihn weniger veraͤndert, als ich nach dem grau⸗ ſamen Mißgeſchick, das ihn ſeitdem betroffen, geglaubt haͤtte. Seine Gewohnheiten ſind ſehr regelmaͤßig: er ſteht bei guter Zeit auf, raſirt ſich alle Morgen, lieſt ſeine Journale und arbeitet bis Mittag, dann empfaͤngt er Beſuche bis fuͤnf Uhr. Seine abnehmende Sehkraft erlaubt ihm nicht, Abends zu arbeiten. Herr von Pey⸗ ronnet iſt immer mit außerordentlicher Sauberkeit an⸗ gezogen, elegant chauſſirt und traͤgt gewoͤhnlich um den Leib uͤber die Pantalons einen Guͤrtel, den ihm ſein Sohn Julius aus Algier mitgebracht hat. Sein Fruͤh⸗ ſtuͤck beſteht aus einer einfachen Taſſe Kaffee, die er ſelbſt bereitet, er ſpeiſet jeden Tag um halb ſechs Uhr — ohne Appetit, ſagte er mir. Einſamkeit und Un⸗ thaͤtigkeit koͤnnen auch keinen erzeugen. Man wird gewiß von mir einige Nachrichten von der Lage der andern Gefangenen fordern. Die Herren von Chantelauze und von Guernon⸗Ranville nehmen das Erdgeſchoß, die Herren von Polignac und Peyron⸗ net den erſten Stock ein. Die Anlage aller dieſer Woh⸗ nungen iſt dieſelbe. Parallel gebaut, jede aus einem Arbeitskabinet und einer Schlafſtube beſtehend, ſind ſie durch einen Corridor getrennt, deſſen Thuͤre, waͤhrend des Tages offen, den Gefangenen Zutritt in den Speiſe⸗ ſaal und auf die Plateform des Schloſſes geſtattet. 219 Abends wird dieſe Thuͤre geſchloſſen und ſo jede Com⸗ munication mit einem andern Theile des Hauptgebaͤu⸗ des bis zum naͤchſten Morgen aufgehoben. Die vier gefangenen Miniſter unterſcheiden ſich ſehr in ihren Gewohnheiten. Herr von Chantelauze ſcheint der Nie⸗ dergeſchlagenſte zu ſein. Es iſt wahr, daß er vielleicht am meiſten zu beklagen iſt, denn er befindet ſich neun Monate des Jahrs ganz allein. Er ſieht nur drei Mo⸗ nate lang einen großmuͤthigen Bruder, der die Sorge fuͤr ſein eignes Wohl, ſein Vermoͤgen und ſeine Familie der Pflicht opfert, ihm einen Freundestroſt zu bringen. Waͤhrend der uͤbrigen Zeit ſcheint Herr von Chante⸗ lauze aller irdiſchen Gedanken entbunden und einer tie⸗ fen Betrachtung hingegeben, in welcher er ſehr oft ſo⸗ gar die Muͤhe, ſich anzukleiden, vergißt. Der poſitivere Herr von Guernon, den die Reminiſcenz einiger fruͤhern Studien faͤhiger macht, dieſe traurige Lebensart, in der ſich der Weiſe eine eigne Welt bilden kann, zu ertragen, theilt ſeine Zeit zwiſchen den phyſikaliſchen und mathematiſchen Wiſſenſchaften. Er bringt alle Stunden, die er nicht ge⸗ braucht, algebraiſche Fragen zu loͤſen, bei der Luftpumpe zu, und wenn man ihn vor der ſchwarzen, mit Kreideftguren bedeckten Tafel ſtehen ſieht, die Kleider in Unordnung, das Geſicht halb vom dicken Barte bedeckt, an den ſeit ſeinem Eintritt in das Gefaͤngniß kein Meſſer gekom⸗ men, ſo iſt es leicht, ihn nach ſeinem Koſtuͤm und ſeiner 10*. 4. 22²0 Beſchaͤftigung fuͤr Galilei zu halten, der die Aufloͤſung ſeines Problems ſucht. Herr von Polignac dagegen hat ſich in Nichts ver⸗ aͤndert. Hier, wie in Paris, iſt es der Mann mit den zierlichen Sitten und dem faſhionablen Leben. Er iſt ruhig, reſignirt, faſt ſorglos, aus Philoſophie oder aus Froͤmmigkeit und Philoſophie; ſich nicht mehr lang⸗ weilend, als in einer Buͤhnenſcene der Oper; hoͤflich, laͤchelnd, liebenswuͤrdig und vor Allem der große Herr; aber er kann wenigſtens ſeine Frau und ſeine Kinder ſehen, fuͤr welche er nicht todt iſt, wie fuͤr die Geſell⸗ ſchaft. Aus ſeiner Familie hat er ſich wieder ein Va⸗ terland geſchaffen, wie aus ſeinem ewigen Gefaͤngniſſe ein Schloß. Seine Beſchaͤftigung iſt Zeichnen und Muſik. Herr von Polignac kleidet ſich immer mit aͤußer⸗ ſter Sorgfalt, und wenn er auf der gemeinſchaftlichen Promenade, einer Plateform von achtzig Fuß Laͤnge und nur fuͤnf Fuß Breite, die friſche Luft genießt, koͤnnt ihr ihn, gekleidet wie er iſt, fuͤr einen der ausge⸗ ſuchteſten Londoner Dandys halten, der ſich damit be⸗ luſtigt, eine Feſtung zu beſuchen, ehe er in Geſellſchaft geht. Das Wetter mag ſein, wie es will, ſo geht er um ſieben Uhr Morgens aus, und ſei es, um ſeine Ge⸗ ſundheit durch eine heftige Leibesuͤbung zu erhalten, ſei es, um boshafterweiſe die ſtrenge Aufmerkſamkeit ſeiner Huͤter zu vereiteln, ſo macht er aus dieſem ſelt⸗ 221 ſamen Spaziergange ein Rennen, um den Athem zu verlieren, wo ihm Niemand folgen kann; ein unſchul⸗ diger Scherz, wenn es einer iſt, der an Heinrich IV. und Mayenne erinnert und nicht geſchmacklos iſt. Herr von Guernon geht ſpaͤter aus; Herr von Chantelauze nicht; Herr von Peyronnet nie. In zwei und zwanzig Monaten hat Herr von Peyronnet nicht das Zimmer verlaſſen. Er will gern ſpazieren gehen, ſagt er, aber er will nicht ſpazieren gefuͤhrt werden. Er behauptet, daß man in Bezug auf ihn das Geſetz vom vorigen Jahre verletzt habe, welches den Staats⸗ gefangenen eine Feſtung zum Kerker giebt, aber nicht die beſtaͤndige Gegenwart eines laͤſtigen Zeugen aufer⸗ legt und ihm von der Freiheit der Bewegung nur das raubt, was der Urtheilsſpruch verordnet. Er behauptet, daß man eben ſo wenig das Recht habe, den Verhaf⸗ teten auf ſeinem Spaziergange zu begleiten, als ſich an ſeinen Heerd zu ſetzen oder in ſein Bett zu legen. Er behauptet vorzuͤglich, daß es Unſinn ſei, ihm Stunden zu beſtimmen und zu ſagen: Jetzt geh' aus, obgleich es regnet und du arbeiteſt; ſpaͤter, wenn es ſchoͤn Wet⸗ ter iſt und du Nichts zu thun haſt, wirſt du nicht aus⸗ gehen. Die Gefangenen fruͤhſtuͤcken jeder fuͤr ſich, aber ſie ſpeiſen zuſammen, bis auf Herrn von Peyronnet, dem man aus der Straße Tournoyante zu eſſen bringt. Herr von Polignac, den eine fruͤhere Gefangen⸗ 222 ſchaft vor eilf Jahren, in Folge eines Spruchs, der ihn zu zweijaͤhriger Haft verurtheilte, ſchon von Alters her an die Lebensart des Gefaͤngniſſes gewoͤhnte, hat ſich ihr ohne Ueberwindung gefuͤgt. Aus Demuth oder Geſchmack laͤßt er ſeinen Koch, denſelben, den er ſchon im Palaſt der auswaͤrtigen Angelegenheiten hatte, muͤßig, und lebt, wie man in Schloß Ham lebt. Die Tafel des Herrn von Peyronnet iſt nicht mehr, nicht minder einfach. Sie unterſcheidet ſich von den andern nur durch ihre ganz abſolute Einſamkeit. Der Speiſeſaal der Miniſter verwandelt ſich jeden Sonntag in eine Kapelle, wo alle Vier eine Meſſe hoͤ⸗ ren, zu welcher nur der Kommandant Delpire und der dienende Knabe zugelaſſen werden. Das Schloß iſt von zwei Kompagnien Elite und einer Artillerie⸗Kompagnie beſetzt, welche in Allem un⸗ gefaͤhr vierhundert Mann ausmachen. Die Bruͤcken werden nach acht Uhr Abends aufgezogen. Uebrigens ſesr die Feſtung auf demſelben Fuß, wie alle Kriegs⸗ plaͤtze. Herr von Peyronnet ſcheint ſich die Verpflichtung aufgelegt zu haben, Nichts zu fordern. Er iſt vergan⸗ genes Jahr vier und einen halben Monat an einem Huͤftweh krank geweſen, das ihm nur durch einen Weg, den er ſich von Stuͤhlen gebildet, erlaubte, von ſeinem Lehnſtuhle zum Bette zu gehen. Er hat damals nicht einmal den Beiſtand eines Arztes in Anſpruch genom⸗ 223 men. Ich weiß von ihm, daß der ſchrecklichſte Schmerz ſeiner Gefangenſchaft geweſen iſt, ſeine arme Schwie⸗ germutter, die ſeit dreißig Jahren gutes und boͤſes Ge⸗ ſchick mit ihm theilte, krank zu wiſſen. Sie ſtarb zu Ham, ohne daß er ihr letztes Lebewohl empfangen konnte, und er ſpricht nur mit der herzzerreißendſten Bewe⸗ gung davon. b Dieſe erſte Unterhaltung betraf ausſchließlich ſeine Arbeiten und die Abtheilung des Buchs, mit der er be⸗ ſchaͤftigt iſt. Da ich unter ſeinen Manuſkripten ein Heft bemerkte, deſſen Schrift und Papier mir aͤlter ſchienen, ſo ſagte er mir, daß es eine Abhandlung uͤber die To⸗ desſtrafen ſei, die er ſchon zu Vincennes verfaßt. Als ich glaubte, daß mein Beſuch zu Ende gehen muͤſſe, machte ich eine Bewegung, aufzuſtehen. Herr von Peyronnet hielt mich mit den herzlichſten Aus⸗ druͤcken zuruͤck:„Sie haben noch eine Viertelſtunde! ſagte er. Fuͤr Sie iſt das wenig, fuͤr mich viel.“ Es ſchlug fuͤnf Uhr; ich reichte ihm die Hand:—„Nein, nein, rief er, Herr Ladvokat! im Gefaͤngniß umarmt man ſich.“ Ich umarmte ihn, indem ich mir wohl verſprach, andern Tages zur beſtimmten Stunde, wo ich Zutritt erhalten koͤnnte, wieder bei ihm zu ſein. Die kleine Stadt Ham, welche ich Gelegenheit hatte, am folgenden Tage zu beſuchen, als ich zum Po⸗ lizei⸗Kommiſſarius ging, meinen Erlaubnißſchein von Neuem viſiren zu laſſen, iſt von Graͤben und tieflie⸗ 224 gendem Terrain umgeben. In ihrer Eigenſchaft als Kriegsplatz hat ſie 1846 dem braven Marſchall Moncey zum Gefaͤngniß gedient, weil er ſich weigerte, uͤber den Marſchall Ney zu richten. Sie hat nur drei Thore: das Thor Noyon, das Thor von Saint⸗Quentin und das Thor von La Fere. Ich beeilte mich, in das Schloß zu kommen, das ich neugierig war zu ſehen, ehe ich mich zu dem beruͤhmten Gefangenen begab; auch mußte ich zum zweitenmale meine Erlaubniß vom Komman⸗ danten Delpire viſiren laſſen, der mir ſagte:„Sie glaub⸗ ten mich gewiß in Unterſuchung, mein Herr, ehe Sie von Paris abreiſten, wo alle Ihre Journale von der Entweichung des Fuͤrſten von Polignac voll ſind?“— Ich antwortete ihm, daß, wenn ich die Sache in Paris auch fuͤr wahrſcheinlich gehalten, ſo ſchien ſie mir doch in Ham unmdoͤglich. Der Kommandant iſt gefangener, als ſeine Gefan⸗ genen ſelbſt. Da er in ſeiner Militairſtation bleiben muß, ſo war er ſo guͤtig, mir einen Fuͤhrer zu geben, der mir das Schloß und den Thurm des Connetable von Saint⸗Pol zeigte. Herr Renard begleitete mich mit zwei Laternen auf dieſer Unterſuchungsreiſe, und ich erkannte mit Vergnuͤgen, daß Herrn von Peyron⸗ nets Beſchreibung des Thurms, den er nicht geſehen hat, die groͤßte Wahrheit enthaͤlt. Auf der Spitze an⸗ gekommen, ſah ich, daß man ſich mit großen Arbeiten an den Feſtungswerken des Schloſſes beſchaͤftigte, und 225 uͤberzeugte mich, daß die Plateform, welche den Ge⸗ fangenen zur Promenade dient, mehr als ſechszig Fuß uͤber dem Boden erhaben iſt. Herr Renard zeigte mir die Wohnung des Herrn von Chaumarais, Kapitain's der Fregatte Meduſa, der in dieſem Gefaͤngniſſe das Ungluͤck buͤßte, ſein Fahrzeug mit einem Theil der Equi⸗ page verloren zu haben. Man bemerkt von dort ein Wachthaus, das neuerdings auf dem andern ufer des Kanals der Pieardie errichtet iſt, und deſſen Poſten un⸗ ſtreitig den Zweck hat, die Promenaden der Gefange⸗ nen zu beobachten. Es war kaum Mittag. Ich verlor keinen Augen⸗ blick, um in das Gefaͤngniß zu kommen. Als ich bei Herrn von Peyronnet eintrat, fand ich ihn etwas an⸗ gegriffen von einem Schnupfen, der ihn ſeit geſtern be⸗ fallen hatte. Ich wunderte mich uͤber einen Zufall, der wirklich bei einer ſolchen Lebensart ſeltſam erſcheinen kann.—„Was wollen Sier ſagte er. Ich gehe ſel⸗ ten aus, wie Sie wiſſen, aber ich wollte die neue Oper ſehen, und bin etwas ſpaͤter nach Hauſe gekommen, als gewoͤhnlich.— Ach, Herr Graf, wo nehmen Sie den Muth her, uͤber ein ſolches Ungluͤck zu ſcherzen?— Ich geſtehe, daß ich, in der Hoffnung, die Mate⸗ rialien, welche ich ſchon lange uͤber die Zeitgeſchichte ſammle, zu vervollſtaͤndigen, ſehr lebhaft zu wiſſen wuͤnſchte, durch welchen Umſtand Herr von Peyron⸗ net wieder in das Miniſterium getreten. Seitdem ich 226 ihn wuͤrdigen konnte, wurde mir die Erklaͤrung dieſes verhaͤngnißvollen Schickſals immer nothwendiger. Es war mir Beduͤrfniß, die Verbindung eines ſo erleuch⸗ teten Verſtandes mit jener ungluͤcklichen Kurzſichtigkeit zu begreifen. Die Erlaͤuterungen, welche ich aus ſei⸗ nem Munde geſammelt, und die er keinen Grund mehr hat, zu verhehlen(denn man kann wohl denken, daß ſie ſich ſonſt nicht hier vorfinden wuͤrden), werden des Reizes entkleidet ſein, den ihnen dereinſt ſeine Sprache leihen wird. Es ſind die Notizen, welche ich mich be⸗ eilte in mein Tagebuch zu werfen, nachdem ich ihn ver⸗ laſſen hatte, und ich bringe ſie hier in ihrer ganzen urſpruͤnglichen Schmuckloſigkeit zum Vorſchein. Ich haͤtte, wenn ich die Erzaͤhlung des Herrn von Peyron⸗ net kopirte, fuͤrchten muͤſſen, die Treue zu verletzen, und dann, wenn man ihn gehoͤrt hat, muß man von ziemlich robuſter Eitelkeit beſeſſen ſein, um zu wagen, ihn redend einzufuͤhren. Es war der Marquis von D..., der ſeit mehrern Tagen wegen ſeiner Ruͤckkehr zu den Geſchaͤften unter⸗ handelte. Dies war ſchon ziemlich weit gediehen, als eines Morgens Herr von Polignac offener hervortrat, als es bis dahin geſchehen, und ihm Combinationen ankuͤndigte, von denen fruͤher gar nicht die Rede ge⸗ weſen war. Der Fuͤrſt konnte von ihm kein anderes Verſprechen erhalten, als ſeinem Miniſterium nicht feind⸗ lich zu ſein, dem beizutreten ſich Herr von Peyronnet 5———— 227 ganz beſtimmt weigerte. Er nahm Abſchied vom Fuͤr⸗ ſten, indem er ihm ſagte, daß ſein Gepaͤck in Ordnung ſei, und daß er ſich vorgenommen habe, die Zeit bis zur Seſſion in Montferrand zuzubringen, wohin er ſich morgen mit ſeiner Tochter begeben wolle. Der Fuͤrſt erwiederte hierauf: Ich vergaß Ihnen zu ſagen, Herr Graf, daß der Koͤnig Sie um fuͤnf Uhr erwartet.— Es iſt mir unmoͤglich, den Befehlen des Koͤnigs nach⸗ zukommen, antwortete Herr von Peyronnet, weil die Stunde ſchon vorbei iſt, und Sie ſehen gewiß ein, daß ich keiner andern Entſchuldigung bedarf.— Zwei Stun⸗ den darauf erhielt Herr von Peyronnet ein Billet vom Fuͤrſten, welches das poſitive Aufgeben der projektirten Combinationen ausdruͤckte, und Abends ein Schreiben vom Koͤnige, das ihn ſogleich nach Saint⸗Cloud rief; er gehorchte— ſein Loos war entſchieden. Der Lauf dieſer Unterhaltung fuͤhrte uns zu den Julibegebenheiten. Herr von Peyronnet erzaͤhlte mir, daß er am 30ſten von Trianon mit einem Kammerherrn in einem Hofwagen abgereiſt ſei, um ſich nach Ram⸗ bouillet zu begeben, daß er, dort angekommen, ſich gar nicht ins Schloß gewagt, ſondern ſeinen Weg allein in Schuhen und ſeidnen Struͤmpfen fortgeſetzt habe, in der Abſicht, nach Chartres zu gehen, um den Koͤnig zu erwarten, der ſich nach dem allgemeinen Geruͤcht dorthin begeben ſollte.„Begreifen Sie, ſagte er zu mir, welche Qualen mich beſtuͤrmen mußten, als ich 228 um Mitternacht allein unter einem Baume ſaß, den bitterſten Betrachtungen hingegeben?“— Gewiß, ich begriff die peinlichen Gefuͤhle, welche den naͤchtlichen Wanderer am Stabe niederbeugen mußten, ihn, der fuͤnf Jahre vorher der beſte Miniſter eines der maͤchtigſten Koͤnige geweſen war.—„Das iſt es nicht allein, ſagte er, meine Gedanken mit einem leichten Laͤcheln be⸗ antwortend; etwas zerſtreut, wie Sie wohl glauben werden, hatte ich mich im Wege geirrt, und nach zwei und einer halben Stunde unnuͤtzen Laufens befand ich mich bei Tagesanbruch auf der Hoͤhe von Maintenon, wo ich die Nothwendigkeit fuͤhlte, einen Augenblick aus⸗ zuruhen, bis ich Nachrichten von der Armee erhalten koͤnnte. In Folge langen Wartens, war es Taͤuſchung oder Traum, glaubte ich zuweilen ein fernes Geraͤuſch von Fanfaren zu vernehmen, das wechſelnd erſtarb und wieder klang, was ich den Unebenheiten des Weges zu⸗ ſchrieb; aber bald entſchwand dieſes Geraͤ⸗ ganz und gar, mit der Avantgarde, die es mir ekuͤndigt hatte. Ich ſetzte hierauf meinen Stab weiter, um bei guter Zeit in der Praͤfektur von Chartres anzukommen.“ Der Praͤfekt war fort, ein Aufruhr hatte die weiße Fahne niedergeworfen. Karl's X. Monarchie war todt in Chartres, wie in Paris. Bis dahin hatte ihn die Hoffnung aufrecht erhal⸗ ten.„Einen Schritt, nur einen Schritt noch, wieder⸗ holte er mir, und ich waͤre hingeſunken.“ Herr von 1 — 1 229 Peyronnet wandte ſich an den Erſten Beſten in dem faſt veroͤdeten Hauſe, wo er ſich geſchmeichelt hatte, einen Freund zu finden.—„Ich kam in der Hoffnung, ſagte er, daß der Praͤfekt, den ich ſehr gut kenne, noch hier ſein wuͤrde, und ich hoͤre, daß er abgereiſt iſt; gebt mir aus Gnade Brod, Waſſer und eine Schlafſtaͤtte, denn ich ſterbe vor Hunger und Muͤdigkeit.“ Drei Glaͤſer Eiswaſſer waren alles, was er in zwei Tagen genoſſen hatte. Man half ihm, ohne ihn zu kennen; man brachte ihm Brod, Erdbeeren, etwas Wein. Man wuſch ſeine blutigen Fuͤße; man legte ihn zu Bett. Dieſer Mann, den wenig Monden fruͤher ein Koͤnig um ſeinen Beiſtand angefleht, iſt der Mildthaͤtigkeit eines unbekannten Domeſtiken unterworfen. O, es iſt ein erhabenes, furchtbares Ding um die Geſchichte! Er ſchlief kaum drei Stunden, als man ihm einen Offizier meldete. Großer Gott! ein Offizier, der nach dem Fluͤchtling fragte, in einer Stadt, wo die weiße Fahne nicht mehr weht! Man muß ſelbſt vor der Par⸗ theienwuth geflohen ſein, um dies Erwachen zu begrei⸗ fen! Der Offizier hatte von dem Ungluͤck eines Men⸗ ſchen reden hoͤren, der eine Zuflucht ſuchte, das war Alles. Er kam, ihm ſeinen Rath und vielleicht einige Huͤlfe anzubieten; er wußte von Herrn von Peyronnet nur, daß er ungluͤcklich war. Herr von Peyronnet hoͤrte ihn an:„Sie muͤſſen mich erſt kennen, ehe Sie Ihre ganze Exiſtenz durch 23⁰0 eine Handlung reiner Wohlthaͤtigkeit gefaͤhrden. Ich bin nicht gewohnt, an der Ehre eines Mannes, der einen Degen traͤgt, zu zweifeln, und mein Geheimniß ruht ſicher im Herzen eines franzoͤſiſchen Offiziers; aber Ihre Großmuth duͤrfte nicht gefahrlos fuͤr Sie ſein. Ich heiße Peyronnet.“ Der Offizier druͤckte Herrn von Peyronnet's Haͤnde und erwiederte:„Es iſt gut, die Zeit draͤngt, ich will Sie retten.“ Eine wuͤrdige Dame wurde in das Vertrauen ge⸗ zogen. Sie bereitete eigenhaͤndig die Mahlzeit, deren Herr von Peyronnet ſo ſehr bedurfte. Abends erhielt er ein Fuhrwerk, und noch eine Gunſt der Vorſehung verſchaffte ihm einen Paß, den er ſelbſt ausfuͤllte, nach⸗ dem er die Signatur des Namens, den er ſich gab, ſorgfaͤltig ſtudirt, auf ein Stuͤckchen Papier uͤbertragen und in ſeiner geheimſten Taſche verborgen hatte; wahr⸗ ſcheinlich lachend bei dem Gedanken, daß ein Falſum unſchuldig ſein koͤnnte, ſelbſt unter der Feder eines ehe⸗ maligen Großſiegelbewahrers. Abends neun Uhr fuͤhrten ihn der Offizier und die Dame, welche den Tag uͤber alle Muͤhen ſeinetwegen getheilt hatten, aus der Stadt. Ein Zufall haͤtte faſt die Ausfuͤhrung ihres Plans ver⸗ eitelt. Der Schluͤſſel zur Remiſe, welche das von Herrn von Peyronnet gekaufte. Fuhrwerk enthielt, konnte die Thuͤre nicht oͤffnen, welche noch durch ein ſehr ſtarkes Vorlegeſchloß geſperrt war, und nicht ohne Furcht, ent⸗ — —,— 231 deckt zu werden, ſprengte man es, um den Wagen her⸗ aus zu bekommen. Eine Viertelſtunde nachher nahm Herr von Peyronnet mit thraͤnenden Augen von ſeinen Rettern Abſchied, und mit thraͤnenden Augen erzaͤhlte er uns dieſen Zug der Großmuth. Wir kamen auch auf ſeine Verhaftung, welche das Reſultat einer Handlung der Guͤte geweſen. Kaum eine Stunde hatte Herr von Peyronnet zuruͤckgelegt, als ein Menſch auf einem ſtaͤtiſchen Pferde vor ihm hielt, der ihn bat, ihm einen Platz bis zur naͤchſten Station in ſeinem Cabriolet zu gewaͤhren. Es war ein armer verſpaͤteter Handlungscourier, der ſich fuͤr ver⸗ loren anſah, wenn er nicht zur beſtimmten Stunde in Bordeaux ankam. Von ſeiner Lage geruͤhrt, bewilligte Herr von Peyronnet ſein Verlangen, und beſtand dar⸗ auf, ihn auf der Station, wo ſich der Reiſende, ſeinem Verſprechen gemaͤß, von ihm trennen wollte, nicht von ſich zu laſſen. So fuhr er mit ſeinem Gefaͤhrten ohne Hinderniß bis auf den Gipfel der Hoͤhe von Tours, wo er einen großen Zuſammenlauf in der langen Straße ſah, welche ſich von dort bis an den Fuß des entge⸗ gengeſetzten Berges erſtreckt. Er hielt es fuͤr klug, die Menge zu Fuß zu durchſchreiten, um weniger Aufſehen zu erregen, und ſtieg unter dem ſehr natuͤrlichen Vor⸗ wande ab, ſich etwas vom Fahren zu erholen. Herr von Peyronnet ging alſo mit Zuverſicht durch die Menge, welche von den Pariſer Begehenheiten bewegt 232 war; er hatte ſogar mit mehreren Schildwachen ge⸗ ſprochen, und erreichte außerhalb der Stadt den Ort, wo er wieder in ſein Cabriolet ſteigen wollte, als er hinter ſich Reiter von der Nationalgarde hoͤrte, die ihm zuſchrieen, zu halten. Obgleich ſie ihm nahe waren, ſo ging er weder ſchneller noch langſamer, ſondern mit der Sorgloſigkeit eines Spaziergaͤngers, und ſchien gar nicht anzunehmen, daß es ihm galt. Man erreichte ihn ohne Muͤhe. Der Gefaͤhrte des Herrn von Peyronnet, durch die Menge angehalten, hatte nicht verhehlt, daß er nicht allein ſei. Herr von Peyronnet war gerettet, wenn ſein Reiſegeſellſchafter an dieſe unſchuldige Luͤge gedacht haͤtte, welche ſeine Papiere und ſein Stand ſo gut erklaͤrten, und er wuͤrde es unſtreitig gethan haben, wenn er um das Geheimniß, das ihm ein Uebermaß von Vorſicht verborgen, gewußt hatte. Die unruhige Neugier des Volks war nun auf den anweſenden Rei⸗ ſenden gerichtet, und die reitende Nationalgarde fand ihn und fuͤhrte ihn auf das Rathhaus, wo dreißig Mann, auf ſeine geringſten Bewegungen aufmerkſam, ihn bewachten. Es war bald nur ein Geſchrei in den Mauern und der Umgebung. Der geheimnißvolle Mann, der vom Cabriolet ſtieg, um durch eine Stadt voll empoͤr⸗ ten Volks zu gehen, es war Peyronnet, es war Poli⸗ gnac. Doch die Zuverſicht, welche der Gefangene in ſeinen Worten zeigte, das unerſchuͤtterlich kalte Blut, ——— 233 das er nicht einen Augenblick verlor, die ſtete Ruhe ſeines ernſten, milden Antlitzes, die ſcheinbare Guͤltig⸗ keit ſeines Paſſes, das Alles trug dazu bei, den form⸗ loſen Verdacht zu zerſtreuen; es war die Rede davon, den Fremden los zu laſſen; man richtete ſchon einige Entſchuldigungen an ihn. Zehn Perſonen, welche vor⸗ gaben, die Miniſter gut zu kennen, hatten ihn nicht erkannt, und Herr von Peyronnet glaubt gern, daß ſie ihn nicht haben erkennen wollen. Endlich erwartete man nur den Moment, wo die Menge ſich ein wenig zerſtreut haben wuͤrde, um ihm die Freiheit zu geben, ſeinen Weg fortzuſetzen, als ploͤtzlich ein Menſch ihn zu ſehen verlangte. Er trat ein, ſtellte ſich vor den Unbekannten, und ſich zu dem Offizier wendend, ſprach er:„Herr von Polignac, nein! aber Herr von Pey⸗ ronnet, ja!“ Die Frage war entſchieden. Man begreift, daß ein Mann vom Charakter des Herrn von Peyronnet unter dieſen Umſtaͤnden, die ihm nur die Wuͤrde des Ungluͤcks ließen, keinen Ruͤckhalt mehr brauchte. Er ſtand lebhaft auf.„Genug, meine Herren! ſprach er; ich will mich nicht laͤnger verſtellen, ich bin es nicht gewohnt. Ich bin der Graf von Pey⸗ ronnet, Miniſter des Koͤnigs von Frankreich.“ Und ſich alsbald zu ſeinem Angeber wendend, ſagte er:„Ich verzeihe Ihnen, mein Herr; moͤgen Sie gluͤcklicher ſein, als ich!“. Dieſe wenigen Worte ruͤhrten die Wachen tief, . 10** 234 denn es giebt zwiſchen edlen Herzen eine unaufloͤsliche Sympathie, vor welcher alle Vorurtheile der Partheien verſchwinden. Die zahlreichen Zeugen dieſer Scene ſchworen freiwillig auf ihre Ehre, das Geheimniß uͤber den Namen des Gefangenen zu bewahren; denn noch drohte der Aufruhr, und Herr von Peyronnet ſtarb auf dem Vorplatze, wenn ſein Name bekannt wurde. Das Geheimniß, durch ſo viel Menſchen bewahrt, die in ihm einen Feind ſahen, wurde nicht verletzt, und vier und zwanzig Stunden vergingen und die Gaͤhrung beruhigte ſich, als man kaum ahnte, daß der auf der Heerſtraße verhaftete Reiſende Herr von Peyronnet ſei.*) *.) Herr d'Hauſſez war glücklicher. In Trianon tritt ihn ein Menſch an, der ihn zu retten vorſchlägt.— Ich kenne Sie nicht, erwiedert der Miniſter.— Das glaube ich, aber Sie haben mir ſo viel Dienſte erwieſen, daß ich Sie wohl erkenne. Ich habe 6000 Franken in der Taſche und ein angeſpanntes Cabriolet zu ihrer Dispoſition. Ver⸗ lieren Sie keine Zeit. . Herr d'Hauffez, durch den Ausdruck einer ebrlichen offenen Phyſiognomie gewonnen, ſchenkt dem Unbekannten ſein Vertrauen und ſteigt mit ihm in den Wagen. Sie nehmen die Richtung auf Rouen, deſſen Bürger⸗Armee, die ſchon Paris zu Hülfe flog, ſte bei Magny begegnen. Beim Anblick des flüchtigen Cabriolets ſchreit man: Es lebe die Charte! Nieder mit den Tyrannen! Die Reiſen⸗ den glaubten ſich verloren; aber der Führer des Herrn d'Hauſſez neigt ſich mit Sympathie zu den vorüberziehen⸗ den Truppen und antwortet ihr durch den befreundeten 4 — 235 Die Journale der Zeit haben erzaͤhlt, indem ſie die Arretirung des Herrn von Peyronnet ankuͤndigten, daß das Individuum, das ihn erkannt, ein von ihm abge⸗ ſetzter Beamter geweſen ſei. Es iſt zweifelhaft, ob ein ſolches Motiv die Handlung entſchuldigen koͤnne, aber ungluͤcklicherweiſe fehlte dem Angeber auch dieſer Vor⸗ wand. Von Heern von Serres nach ſieben und zwan⸗ zigjaͤhrigem Dienſt abgeſetzt, wurde er von Herrn von Peyronnet bis zum Ablauf der dreißig Jahre, welche ein Recht auf Penſion geben, auf paſſende Weiſe be⸗ ſchaͤftigt. Als die Zeit gekommen war, ließ Herr von Peyronnct dieſe Penſton auf das Marximum liquidiren. Der Menſch hatte alſo Herrn von Peyronnet wirklich geſehen. Er konnte ſagen: Er iſt es! „Nicht nach aͤhnlichen Handlungen, fuhr Herr von Peyronnet fort, darf man, Gott ſei Dank! die Men⸗ ſchen im Allgemeinen beurtheilen. Der, von dem ich Ruf: Es lebe die Nationalgarde von Rouen! Es leben die guten Patrioten! Es leben unſre Retter! Die Rei⸗ ſenden ziehen ihres Weges, durcheilen Rouen, Dieppe, du nche⸗ und Herr d'Hauſſez gelangt in den ſichern Hafen.. Ich habe dieſe Thatſache vom Herrn Marſchall, Her⸗ zog von Raguſa, als ich ihn auf meiner letzten Reiſe nach Amſterdam im Oktober 1830 beſuchte. Er hatte ſie einen be vorher in London von Herrn d'Haufſez ſelbft gehört. 236 rede, hatte einen Sekretair, der einen Augenblick der meinige war, und dem ich ſpaͤter eine Gerichtsſchreiber⸗ ſtelle gab; ein redliches, großmuͤthiges Herz, das ſich an mich, meines Ungluͤcks wegen, anzuſchließen ſchien, und mir Alles bot, was es beſaß, als ich auf Leben und Tod in Unterſuchung war! Dies Anerbieten wieder⸗ holte er in meiner letzten Krankheit, als er beſorgte, die Truͤmmer meines Vermoͤgens moͤchten nicht fuͤr die Beduͤrfniſſe hinreichen, die meine zerruͤttete Geſundheit erheiſchte. Solche Freundſchaft, das geben Sie zu, wiegt vielen Undank auf!“ und ich ſuche nicht die Bewegung zu ſchildern, die in ſeinen Zuͤgen und in ſeiner Stimme lag.— Ja, ia, ich begriff dieſen Erſatz, ich haͤtte faſt geſagt, dies Gluͤck; denn in einer zehnſtuͤndigen Unterhaltung, die ich mit ihm gehabt, hatte er ſich nur einmal beklagt, unnd das ohne Haͤrte, ohne Bitterkeit; vielleicht war ich es, der in meinem Innern, mir ſelbſt unbewußt, die Geſellſchaft anklagte, waͤhrend er ſich bemuͤhte, ſie in gewiſſer Art zu vertheidigen, er, der Gefangene auf Lebenszeit!— Es ſchlug fuͤnf uhr. Herr Julius von Reſſeguier, den ich wieder bei Herrn von Peyronnet gefunden, nahm, wie ich, Abſchied von ihm, als er uns bis an die Thuͤre begleitend und uns umarmend ſagte:„Geſtehen Sie, daß ich ſeit zwei Tagen kein Gefangener geweſen bin.“ Das iſt, was ſich waͤhrend meines Beſuchs aus ——— * 237 Erkenntlichkeit bei einem Gefangenen zu Ham zuge⸗ tragen. Ich konnte dem Verlangen nicht widerſtehen, die Thatſachen, die man eben geleſen, und die mir als Zeitgeſchichte von hohem Intereſſe geſchienen, dem Pu⸗ blikum vor Augen zu legen. Koͤnnen es die Leſer des Buchs der Hundert und Ein mißbilligen, daß ich, nach⸗ dem ich beſtaͤndig dem Mißgeſchick treu geblieben, einen Augenblick der Hoͤfling des Ungluͤcks geweſen bin? Der Herausgeber des Buchs der Hundert und Ein. Die Inli-Revolntion 1830. Kraft und Raſchheit des Handelns, die ungeheuerſten Reſultate machen die Juli⸗Begebenheiten zu einer der groͤßten hiſtoriſchen Thatſachen, deren Andenken auf die Nachwelt uͤbertragen werden kann. Wenige Tage reichten hin, um der Welt dies er⸗ ſtaunliche Schauſpiel zu geben. Die Geſetze verhoͤhnt durch eine Regierung, welche geſchworen hatte, ſie zu vertheidigen; Gewaltthat und Mord gebraucht, um die⸗ ſen Aufruhr der Macht gegen die geſetzlich einge⸗ fuͤhrte Ordnung zu unterſtuͤtzen; ein Buͤrgervolk im unvorbereiteten Widerſtande gegen einen ungerechten Angriff zu den Waffen eilend, um ſeine Rechte zu ver⸗ theidigen; der buͤrgerliche Muth, ſich dem militairiſchen gleich zeigend; Staatsmaͤnner den Sieg regelnd und fuͤr die Sicherung der Freiheit mit demſelben gluͤhen⸗ den Eifer arbeitend, den man angewendet, ſie zu er⸗ ringen; ein Prinz, deſſen Privattugenden die oͤffent⸗ 239 * lichen verriethen, deſſen Familie, nach ihm, ein Unter⸗ pfand fuͤr eine lange Zukunft iſt, ein Solcher aufge⸗ rufen, ſich an die Spitze ſeiner Mitbuͤrger zu ſtellen, freudig unter ſie tretend mit den Nationalfarben ge⸗ ſchmuͤckt, die er in ſeiner Jugend getragen und die zum zweitenmal das Symbol der Befreiung eines gro⸗ ßen Volks wurden; die Geſetze wieder hergeſtellt, die oͤffentliche Ordnung neu erſtehend auf ſeinen Ruf, der Kredit erhalten, der Frieden bewahrt; Europa's aͤlteſte Dynaſtie durch den unwiderruflichen Verluſt der ſchoͤn⸗ ſten Krone beſtraft; eine National⸗Regierung auf der ſoliden Grundlage eines frei gebotenen, offen ange⸗ nommenen Paets; ſo viel glorreiche Begebenheiten in dem kurzen Zeitraume eines halben Monats zu Ende gebracht, ohne Gewaltthaͤtigkeiten Einzelner, ohne Reaction; ohne daß es einem einzigen wehrloſen Men⸗ ſchen das Leben gekoſtet haͤtte! Welches Schauſpiel! Welcher Gegenſtand des Nachdenkens fuͤr die Voͤlker! Welche Lehre fuͤr die Koͤnige! Welch großartiger Gegen⸗ ſtand fuͤr einen Geſchichtſchreiber! Es iſt nicht meine Abſicht, alle Vorfaͤlle zu erzaͤh⸗ len, welche ſich an dieſe große Begebenheit knuͤpften; Andre werden ſich dieſer Aufgabe bemeiſtern und ſie beſſer ansfuͤhren, als ich. Aber es ſchien mir, als ob eine gedraͤngte Darſtellung der verſchiedenen Akte, welche dieſe glorreiche Revolution ausmachten, wenn auch nicht den Neiz einer kunſtreich geſchriebenen Geſchichte mit 240 dem dramatiſchen Intereſſe ausgeſtattet, das ſich ſtets an die Erzuaͤhlung der Thatſachen knuͤpft, doch ſeinen Nutzen haben koͤnnte, wenn ſie mit Genauigkeit den wahren Charakter feſtſtellte, den geſetzmaͤßigen Cha⸗ rakter des neuen, im Juli gegruͤndeten, Staatsgehaͤudes. 1. Kaum war das Miniſterium vom 8. Auguſt er⸗ nannt, als ein plotzlicher Inſtinkt der Nation die Ge⸗ fahr enthuͤllte, von der ſie bedroht war. Die Preſſe ſchlug Allarm! Prozeſſe wurden eingeleitet; das Jour⸗ nal des Debats hielt den erſten Angriff aus; vor ſeinen erſten Richtern erlag es; aber es wurde nach der Appel⸗ 1 lation von dem koͤniglichen Gerichtshofe zu Paris, unter dem Vorſitz des Herrn Seguier, frei geſprochen, und dieſer erſte Akt des Widerſtandes mit ſeiner Freiſpre⸗ chung bewies, daß man nicht verzweifeln muͤſſe. Ehre dem Urtheilsſpruch, der zuerſt dem Strome, welcher alle unſre Freiheiten hinweg reißen ſollte, einen Damm entgegenſetzte! 1 Ddiie Sitzung von 1830 wurde erdffnet. Die Thron⸗ rede druͤckte die Idee der Regierung aus: ſie war dro⸗ hend. Die Deputirtenkammer fuͤhlte das Beduͤrfniß⸗ darauf zu antworten. Sie machte ihre Adreſſe, in wel⸗ cher ſie dem Konige erklaͤrte, daß zwiſchen den politi⸗ ſchen Anſichten der Miniſter und den Wuͤnſchen des Landes durchaus keine Uebereinſtimmung beſtaͤnde. 4. Die —— 241 Die Kammer wird aufgeldſt, ganz Frankreich wie⸗ derholt: Ehre den 221! Es leben die 221! Eine Proklamation des Koͤnigs wird perſoͤnlich gegen dieſe muthigen Sachwalter der Nation gerichtet! Man will ſie als unfaͤhig verwerfen; die Journale der Gegen⸗ Revolution ſchreien um die Wette, daß man ſie nicht wieder waͤhlen kann und darf, wenn man nicht Staats⸗ ſtreiche herbeiziehen will. Die Praͤſidenten der Wahl⸗ Kollegien fuͤhren dieſelbe Sprache; ſie bedrohen die Waͤhler, wenn ſie hartnaͤckig darauf beſtehen ſollten, dieſelben Deputirten wieder zu waͤhlen!— Und gleich⸗ wohl werden ſie wieder gewaͤhlt! Sie werden es faſt Alle mit einer ſtaͤrkern Majoritaͤt als das erſte Mal! Von da an ſcheint der Krieg erklaͤrt zwiſchen dem Miniſterium und der Kammer; es herrſcht zwiſchen ih⸗ nen eine unbedingte Zerwuͤrfniß. Die aus der Adreſſe hervorgangene Majoritaͤt gehoͤrt dem Volke; ſie iſt durch neue Wahlen verſtaͤrkt.— Was wird das Mi⸗ niſterium thun? Es haͤtte ſich zuruͤckziehen ſollen; aber es bleibt; eine gebicteriſche Stimme haͤlt es zuruͤck; es iſt der perſoͤnliche Wille Karls X., eines Koͤnigs, der ſich unumſchraͤnkt machen will! Die Ankuͤndigung der verſprochenen Staatsſtreiche findet mehr und mehr Glau⸗ ben; man beruft ſich auf den 14ten Artikel der Charte in einem der conſtitutionellen Ordnung ganz entgegen⸗ geſetzten Sinne.. VEhen Augenblick zwar ſchien die Regierung auf . 11 242 weiſere Gedanken zuruͤckgebracht zu ſein. Die Depu⸗ tirten, welche man anfangs gar nicht zu verſammeln im Sinne gehabt, werden zum 3. Auguſt berufen. Jeder Deputirte erhaͤlt das Berufungsſchreiben den 25ſten, wahrſcheinlich, um ſie recht ſicher zu machen! und den 26ſten(wer haͤtte es glauben koͤnnen!) erſcheinen drei Ordonnanzen, ſchon ſeit mehreren Tagen berathſchlagt, denſelben Datum vom 25ſten tragend, und bezeugen den Meineid und die Treuloſigkeit! Die erſte hebt die Preß⸗ freiheit auf, die zweite erklaͤrt die Wahlen fuͤr nichtig, die dritte verfuͤgt ein neues Wahlſyſtem.. Das Miniſterium legt ſo wenig Maͤßigung hinein, daß es in dem Vorbericht der Ordonnanzen offen er⸗ klaͤrt: es habe ſich außerhalb der geſetzlichen Ordnung geſtellt; zugleich kuͤndigt es an, daß es Gewalt brauchen werde, um den Erfolg ſeiner Maß⸗ regeln zu ſichern.. Bei der Erſcheinung des Moniteurs ſind alle Gei⸗ ſter voll ſtarren Schreckens und bald voll Unwillens. Indeſſen iſt das Publikum, aus einer ganz vernuͤnf⸗ tigen Regung, welche dazu dienen muß, dieſen Zeit⸗ punkt zu charakteriſiren, nur von einem einzigen Ein⸗ druck empoͤrt, von der Verletzung der Geſetze! Es denkt nur an ein einziges Mittel: die Gerechtigkeit und die Geſetze anzurufen, einen legalen Widerſtand ent⸗ gegen zu ſetzen! Den 26ſten, eilf uhr Morgens, werden Rechtsge⸗ — 243 lehrte befragt*); ihre Antwort iſt: Die Ordonnanzen ſind ungeſetzlich; man muß ihnen Gehorſam verwei⸗ gern, und jedes Journal, das ſo feig iſt, ſich zu unter⸗ werfen, verdient nicht einen einzigen Abonnenten zu haben! 3 3 Sofort wird von den muthigen Redacteurs der pe⸗ riodiſchen Blaͤtter ein gemeinſamer Beſchluß gefaßt; im Buͤreau des National verſammelt, proteſtiren ſie, und geloben, auf allen rechtlichen Wegen ſich zu wi⸗ derſetzen. Die erſten Angriffe gegen ihre Preſſen fuͤhren eine darauf bezuͤgliche Ordonnanz herbei, welche vier und zwanzig Stunden Friſt verſpricht. Bald wird ein kraͤf⸗ tigerer Spruch die Sache gruͤndlich erledigen. Aber eine andre Art von Kampf bereitete ſich vor: Die Regierung hatte vorhergeſehen, daß eine ſo hef⸗ tige Verachtung der Nationalrechte nicht ohne Wider⸗ ſtand aufgenommen werden wuͤrde. Sie hatte ſchon im voraus alle Mittel angeordnet, welche ſie geeignet glaubte, jenen zu uͤberwinden. Die koͤnigliche Garde und die Schweizer waren unter den Waffen, andere Truppencorps hatte man zuſammengezogen. Dieſe Ent⸗ wickelung der Militairgewalt rief den bewaffneten Wi⸗ *) Merilhou, Barthe, Odilon⸗Varrot, bei Dupin dem Aelteren, damals Vorſteher der Advokaten. Siehe den Temps vom 15. Auguſt 1830 und den Conſtitutionnel. 11* 244 derſtand der Buͤrger auf, und der Kampf entſpann ſich am Abende und in der Nacht des Montags. Dienſtag, den 27ſten, wurden die in Paris anwe⸗ ſenden Deputirten zuſammen berufen, und ſie vereinig⸗ ten ſich bei ihrem Kollegen, Caſimir Périer, in der Straße Neuve⸗du⸗Luxembourg. Sie begaben ſich dort⸗ hin, waͤhrend man ſich an beiden Enden ſchlug, in der Straße Saint⸗Honoré und am Hotel Polignac, un⸗ weit des Boulevards. Wie Jeder von ihnen ſich zeigte, reihte ſich die Menge ehrfuchtsvoll, und ſchrie: Es leben unſre Deputirten! 3 Sie waren nur ſieben und dreißig*). Da wurde eine ruhige Berathung ſchier oͤffentlich gehalten, denn die Fenſter ſtanden offen, und die neugierigen Blicke der Bewohner des Canzellariats drangen bis in den Salon, wo die Verſammlung gehalten wurde*). Die Meinungen ſprachen ſich aus, Einige ſchlugen vor, daß man ſich nach dem Beiſpiel der Regierung ſofort ganzlich außerhalb der Geſetzmaͤßigkeit ſtellen ſolle; Andre wollten, wegen der Moralitaͤt der Handlung, daß *) Lafayette, Laſitte, Salverte, B. Conſtant, Dupont de l'Eure waren noch nicht in Paris angekommen. Sie eilten auf die erſte Nachricht herbei. 3 *⸗) Caſimir Peérier zeigte ſchon ſeine ganze Energie. Meine Herren, ſprach er, die Bewegung, welche entſteht, iſt zu ſchön, als daß wir ſie nicht mit all' unſrer Macht unterſtützen ſollten. 4 1 * —— 245 man ſo viel als moͤglich die Verhaͤltniſſe bewahre, in denen man bis dahin mit der Regierung geſtanden; Alle ſtimmten darin uͤberein, gegen die Ordon⸗ nanzen zu proteſtiren, und das Recht, zu handeln, welches ſie, wenn auch nicht als Kammer, in Abſicht ihrer geringen Anzahl, doch mindeſtens individuell als guͤltig erwaͤhlte Deputirte hatten, anzuerkennen. In dieſem Geiſte beſchloß man, daß drei Mitglie⸗ der einen Vorſchlag zur Proteſtation oder Adreſſe(man behielt ſich vor, ihm einen Namen zu geben) entwer⸗ fen ſollten, und vertagte ſich auf morgen. 2 Dieſe Proteſtation, von Herrn Guizot ausgearbei⸗ tet, wurde Mittwoch Abend bei Herrn Berard geneh⸗ migt und in mehrern Journalen abgedruckt, mit den Namen derjenigen, welche beigetragen oder zugeſtimmt hatten... Unterdeſſen begab ſich eine Deputation, beſtehend aus den Herren Gérard, Lobau, Lafitte, C. Périer und Mauguin, mitten durch das Gewehrfeuer nach den Tuilerien, um dem Marſchall Marmont(der die Be⸗ lagerung befehligte) den traurigen Zuſtand der Haupt⸗ ſtadt vorzuſtellen, und ihn zu erſuchen, das Feuer auf⸗ doren zu laſſen. Der Marſchall fuͤhrte an, daß„die militairiſche Ehre der Gehorſam ſei.“— Und die buͤr⸗ gerliche Ehre? verſetzte Herr Laſitte.— Aber, meine Herren, ſagte der Marſchall, welches ſind die Bedin⸗ gungen, welche Sie vorſchlagen?— Ohne unſern Ein⸗ 246 fluß zu uͤbertreiben, ſprachen die Deputirten, glauben wir dafuͤr ſtehen zu koͤnnen, daß Alles in die Ordnung zuruͤckkehrt auf folgende Bedingungen: Die Zuruͤck⸗ nahme der ungeſetzlichen Ordonnanzen vom 25. Juli, die Abdankung der Miniſter und die Berufung der Kam⸗ mern zum 3. Auguſt. Dieſe Vorſchlaͤge wurden nicht angenommen, aber ſie beſtaͤtigten wenigſtens die Verwarnung, welche man der Macht gegeben, und wenn der Schritt unnuͤtz ge⸗ weſen, ſo bleibt er darum nicht minder eine Handlung des Muths, ein Ehrenanſpruch fuͤr diejenigen, welche ſich bei dieſer Gelegenheit fuͤr das allgemeine Beſte hingaben. 3 Waͤhrend der Marſchall ſeine Proben militaͤri⸗ ſchen Gehorſams ablegte, gab das Handelstribunal ein großes Beiſpiel buͤrgerlichen Muthes und jener Tugend, welche eine wahrhafte Obrigkeit auszeichnen ſoll. Beim Krachen des Gewehrfeuers, das von allen Seiten wiederhallte, ſprach Herr Ganneron, nach einem ruhig feſten Vortrage des unerſchuͤtterlichen Merilhou, das merkwuͤrdige Urtheil:„Da die Ordonnanz vom 25. Juli gegen die Charte iſt, ſo legt ſie denjenigen Buͤrgern, deren Rechte ſie beeintraͤchtigt, keine Ver⸗ bindlichkeit auf.“ Die Nacht vom Mittwoch wurde dazu benutzt, die Vorbereitungen eines neuen Angriffs zu verdoppeln; die Pariſer, ihrerſeits, fuhren fort, ihre Vertheidigungs⸗ mittel anzuordnen, und Donnerſtag fruͤh, den 29ſten, ließ ſich das Gewehr⸗ und Kanonenfeuer auf allen Punkten hoͤren, mit dem wiederholten Schlachtruf aller Buͤrger: Es lebe die Charte und die Freiheit! Indeſſen ſing die Nationalgarde an, ſich in Uni⸗ form zu zeigen und zu formiren; ſie verlangte einen Chef und hatte keinen— der General Pajol, der ſich Mittwoch angeboten, erwartete Donnerſtag fruͤh nur eine, von einigen Pariſer Deputirten unterzeichnete, Ordre, um ſich an die Spitze zu ſtellen. Dieſe Ordre, um ſechs Uhr Morgens beim Herzog von Choiſeul von Aler. Laborde, Deputirten von Paris, unter dem Dietat des aͤltern Dupin geſchrieben, wurde dem Oberſtlieute⸗ nant Degouſer uͤbergeben, der ſie ſchnell unterzeichnen ließ und dann dem General Pajol zuſtellte. Die Sachen nahmen bald eine entſcheidendere Wen⸗ dung. Um neun Uhr trafen ſich der General(nach⸗ herige Marſchall) Gerard und der aͤltere Dupin bei Lafitte, den eine Verletzung am Fuße zu Hauſe feſt⸗ hielt. Die anderen Deputirten wurden erwartet. um eilf Uhr waren es ungefaͤhr vierzig. Man diskutirte uͤber die Nothwendigkeit, bei dem Mangel aller geſetz⸗ lichen Gewalten, auf dem Rathhauſe eine Kommiſſion niederzuſetzen, welche uͤber die Erhaltung der öffentlichen Ordnung wachen koͤnne; es wurde ſorgfaͤltig erklaͤrt, daß man nicht darunter verſtehe, Frankreich eine Re⸗ gierung, ſondern nur der Hauptſtadt in der Lage, 8 248 wo ſie ſich befand, eine Central⸗Adminiſtration zu geben. Auch wurde dieſe Kommiſſion nur unter dem Titel Municipal⸗Kommiſſion eingeſetzt. Dies abgemacht, ſchritt man zum Scrutinium, und waͤhlte einſtimmig die Herren Lafitte, C. Périer, Gé⸗ kard, Lobau, Odier. Man ließ ihnen die Befugniß, ſich andre Mitglieder beizugeſellen, wenn ſie es fuͤr noͤthig erachteten. Waͤhrend dieſer Verhandlungen(gegen ein Uhr Rachmittags) kam Herr von Lafayette mit mehrern Briefen in der Hand; er verlangte das Wort, und ſagte mit der edlen Kaltbluͤtigkeit, die ihn immer bei großen Gelegenheiten ausgezeichnet:„daß eine bedeutende Zahl guter Buͤrger, in Erinnerung, daß er einſt die Pa⸗ riſer Nationalgarde befehligt, ihm geſchrieben haͤtten, um ihn zu erſuchen, ſich nochmals an ihre Spitze zu ſetzen, und daß er entſchloſſen ſei, ihrem Wunſche nach⸗ zugeben.“ Man ſchenkte dieſem Wunſche Beifall. Schon hatte der General Gérard das Kommando der Linientruppen uͤbernommen, und zwei Regimenter waren unter ſeine Befehle getreten. Dieſer Beweg⸗ grund verhinderte ihn, die Funktion als Mitglied der Kommiſſion anzunehmen, als welches ihm ſofort Herr von Schonen ſubſtituirt wurde. Nachdem die Rollen ſolchergeſtalt vertheilt waren, begab ſich Jeder auf ſeinen Platz; die Mitglieder der Kommiſſion und der General Lafayette eilten auf das . 249 Nathhaus, und der General Gärard ging, die Linien⸗ truppen, welche uͤbergehen wuͤrden, zu ſammeln, und der Bewegung der koͤniglichen Truppen zu folgen, welche ſich auf Saint⸗Cloud zuruͤckzogen. Man konnte fuͤr die Nacht oder den folgenden Tag einen Angriff fuͤrchten; denn es war nicht wahrſchein⸗ lich, daß eine Regierung, welche die Sache ſo auf's Aeußerſte getrieben, darauf Verzicht leiſten ſollte, noch eine letzte Anſtrengung zu verſuchen. Man bereitete ſich auf jeden Fall vor; die Barrikaden, von den Ge⸗ neralen und mehrern Deputirten beſichtigt, wurden ſorg⸗ faͤltig unterhalten und bewacht. Freitag, den 30ſten, um zehn Uhr Morgens, fuͤhl⸗ ten die abermals bei Herrn Laſitte verſammelten Depu⸗ tirten die Nothwendigkeit, einen Entſchluß zu faſſen, um der Anarchie vorzubeugen, und ſie entſchieden ſich dahin, die Stelle als General⸗Lieutenant des Koͤnig⸗ reichs dem Herzoge von Orleans zu uͤbertragen. Um dieſen Entſchluß in gehoͤrige Form zu bringen, wurde zu ein Uhr deſſelben Tages eine Sitzung im Palaſte der Kammer angeordnet. In der Zwiſchenzeit begaben ſich mehrere Depu⸗ tirte und einige hohe Offiziere nach Neuilly, um den Herzog von Orleans davon zu benachrichtigen und ihn zu erſuchen, dem Wunſche, der ihm erdͤffnet werden wuͤrde, nachzugeben.— Zur beſtimmten Stunde kamen die Deputirten in 250 die Sitzung; Herr Lafitte nahm den Fauteuil ein, und f man bildete ein geheimes Comité. Faſt gleichzeitig meldete man den Grafen von Suſſy, Pair von Frankreich; er wurde eingefuͤhrt. Er brachte drei Ordonnanzen Karls X.; die eine enthielt den Wi⸗ derruf derer vom 25. Juli; die zweite berief die Kam⸗ mern zum 3. Auguſt; die dritte ſetzte ein nenes Mini⸗ ſterium ein, an dem die Herren von Mortemart, Gé⸗* rard und Caſimir Peérier Theil zu nehmen aufgefordert wurden.— Aber es war zu ſpaͤt! Gerard und Porier huͤteten ſich, die Ernennung anzunehmen, und die Kam⸗ mer ſelbſt, da ſie eine Macht, die ſie ſchon als zerfal⸗ len anſah, nicht mehr anerkennen wollte, weigerte ſich, dieſe Aktenſtuͤcke verleſen zu hoͤren, und wollte nicht einmal befehlen, daß ſie in ihr Archiv niedergelegt 3 werden ſollten. 1 Herr von Mortemart ſchlug ſeine Unterhandlung vor; er hatte ſich zu dieſem Behuf in eins der Buͤreaus der Kammer begeben; mehrere Deputirte(unter andern der General***) waren der Meinung, ihn zu hoͤren; man zog vor, eine Kommiſſion zu ernennen; ſie wurde aus den Herren C. Périer, Lafitte, Sebaſtiani, B. De⸗ leſſert gebildet. Nachdem dieſe Kommiſſion mit den Abgeordneten der Pairskammer conferirt, machte ſie ihren Rapport, und die Deputirtenkammer formte den Beſchluß, wel⸗ 251 cher den Herzog von Orleans berief, die Funktion als General⸗Lieutenant des Koͤnigreichs auszuuͤben. Dies Aktenſtuͤck wurde unterzeichnet waͤhrend der Sitzung von den gegenwaͤrtigen Mitgliedern, und man beſchloß, daß es ſofort durch eine Deputation dem Herzoge von Orleans uͤberbracht werden ſollte. Es war Abends acht Uhr; die Deputation begab ſich nach dem Palais⸗Royal. Der Herzog von Or⸗, leans war noch nicht da; die Deputation ſchrieb an ihn und bat ihn, nach Paris zu kommen. Der Prinz langte denſelben Abend um eilf(in der Nacht vom 30ſten zum 31ſten) im Palais⸗Royal an. Den 31. Juli, Morgens ſechs Uhr, ließ er Dupin den Aeltern rufen, und diktirte ihm in Gegenwart des Generals Sebaſtiani die Proklamation, welche mit den feierlichen Worten ſchließt: Die Charte wird hin⸗ fort eine Wahrheit ſein! Die Kommiſſarien der Kammer wurden eingefuͤhrt, und uͤbergaben dem Herzoge von Orleans den Beſchluß des vorigen Tages.„Wir ſind bei dem Herzoge vor⸗ gelaſſen worden(ſagt der General Sebaſtiani in ſeinem Bericht an die Kammer); die Worte, welche wir aus ſeinem Munde vernommen, athmeten Liebe der Ord⸗ nung und der Geſetze, den gluͤhenden Wunſch, Frank⸗ reich die Graͤuel des innern und aͤußern Krieges zu er⸗ ſparen; den feſten Entſchluß, die Freiheiten des Landes zu ſichern, und, wie Seine Hoheit in einer ſo frei⸗ 252 muͤthig klaren Proklamation ſelbſt geſagt, den Willen, endlich eine Wahrheit aus dieſer Charte zu machen, nachdem ſie zu lange nur eine Luͤge geweſen.“ Die Kammer ihrerſeits erachtete es fuͤr noͤthig, eine Proklamation an das franzoͤſiſche Volk zu richten, um dem Lande von demjenigen Rechenſchaft abzulegen, was ſie im allgemeinen Intereſſe thun zu „muͤſſen geglaubt, und die Garantien zu verkuͤndigen, welche ſie von der neuen Regierung zu fordern beab⸗ ſichtigte, um die Freiheit ſtark und dauerhaft zu machen. Dieſer Beſchluß wurde redigirt, indivi⸗ duell unterzeichnet waͤhrend der Sitzung, und es wurde feſtgeſetzt, daß er gedruckt, mit den Namen der Unter⸗ zeichner publicirt und augenblicklich zum Prinzen Ge⸗ neral⸗Lieutenant gebracht werden ſollte. Sogleich begab ſich die Verſammlung im Corps, voraus ihre Huiſſiers, mit den Nationalfarben geziert, ihre drei erſten Vice⸗Praͤſidenten(Laſitte, B⸗ Deleſ⸗ ſert und der aͤltere Dupin) an der Spitze, nach dem Palais⸗Royal unter dem Zuruf aller Buͤrger. Nach der Antwort des Herzogs von Orleans be⸗ ſchloß man, ſich unverzuͤglich nach dem Rathhauſe zu verfuͤgen. Der Prinz General⸗Lieutenant ſtieg zu Pferde, und ritt allein, ohne Wachen, ohne Escorte, ohne einen einzigen Adjutanten zur Seite, voll Vertrauen, zwan⸗ zig Schritt vor der Kolonne der Deputirten, welche 253 ihm zu Fuß folgten*). Dies wahrhaft populaͤre Gefolge ſchritt durch die Engpaͤſſe der Barrikaden, inmitten einer ungeheuern Volksmenge, die alsbald mit ihren nervigen Armen eine Bahn brach, um den Fortgang des Zuges zu erleichtern. So kam der Herzog von Or⸗ leans zum Rathhauſe, von Vivats empfangen, deren Gewalt mit jedem Augenblicke wuchs. Man durchſchritt nicht ohne Muͤhe den Zuſammen⸗ lauf, der den Rathhausplatz erfuͤllte, und der Prinz wurde in den großen Saal mehr getragen als er ging. Hier, nachdem der General Lafayette und die Mitglie⸗ der der Municipal⸗Kommiſſion ſich im Kreiſe um den General⸗Lieutenant mit den drei Vice⸗Praͤ⸗ ſidenten der Kammer geordnet, verlas Herr Viennet nochmals mit ſtarker volltoͤnender Stimme die Prokla⸗ mation der Deputirtenkammer, welche mit Bravo's und Beifallsbezeugungen uͤberhaͤuft wurde. Das war das wahre Programm des Rathhauſes! Der Enthuſiasmus wurde auf's Hoͤchſte geſteigert, als man den Herzog von Orleans, mit dem General Lafayette zur Rechten, an einem Fenſter erſcheinen, „und, die dreifarbige Fahne in der Hand, das Volk gruͤßen ſah. 2.*) Lafitte, lahm, und B. Conſtant, krank, wurden in Sänften getragen. 3 254 Wieder im Palais⸗Royal angekommen, mußte man ſich mit der Regierung beſchaͤftigen. Die Kommiſſion des Rathhauſes, nur ihren Eifer befragend, hatte ihre Befugniſſe etwas ausgedehnt. Anſtatt einfach Municipal⸗Kommiſſion zu bleiben, unter welchem Titel ſie eingeſetzt worden war, hatte ſie den Titel Regierungs⸗Kommiſſion angenom⸗ men. Sie hatte ſogar uͤber ſich genommen, am 30. Juli ein folgendermaßen zuſammengeſetztes Miniſterium zu ernennen: General Gérard fur den Krieg; Bignon fuͤr die auswaͤrtigen Angelegenheiten; Baron Louis fuͤr die Fi⸗ nanzen; Dupin der Aeltere fuͤr die Siegel; Herzog von Broglie fuͤr das Innere; Guizot fuͤr den oͤffentlichen Unterricht; Vice⸗Admiral Truguet fuͤr die Marine. Die Kommiſſion hatte noch Herrn Bavoux zum Polizei⸗ Praͤfekten, Chardel zum Poſt⸗Direktor, Alex. Laborde zum Praͤfekten der Seine ernannt. Der Beſchluß, welcher dieſe Ernennungen enthielt, wurde der Kammer zugeſchickt und dort verleſen. Da der aͤltere Dupin ſich weigerte, die Siegel anzunehmen, weil er der Municipal⸗Kommiſſion das Recht, Miniſter zu ernennen, nicht zugeſtand, ſo wurde Du⸗ pont de l'Eure an ſeiner Stelle ernannt. Das Alles mußte natuͤrlich vor den Befugniſſen, welche die Kammer dem General⸗Lieutenant uͤbertragen, verſchwinden; dieſe Ernennungen wenigſtens konnten — nur in ſo weit beſtehen, als er ſie beſtaͤtigen wuͤrde; die Regierung war hinfort nicht mehr auf dem Rath⸗ hauſe, ſondern im Palais⸗Royal. Karl X. fuͤhlte dies ſo gut, daß er am Abende des 1. Auguſt gedachte, dem Herzoge von Orleans ſeiner⸗ ſeits den Titel General⸗Lieutenant des Koͤnigreichs zu uͤbertragen, indem er ihm ſeine und des Dauphins Ab⸗ dankung zuſandte, damit der Prinz, von ihm mit die⸗ ſer Wuͤrde bekleidet, die Macht nur in ſeiner Bewil⸗ ligung und, ſo zu ſagen, in ſeiner Autoritaͤt aus⸗ uͤben ſollte. 4 Dieſe Botſchaft kam in der Nacht vom 1. zum 2. Auguſt um ein Uhr Morgens in das Palais⸗Royal. Der Herzog von Orleans ſchlief noch nicht; er war allein mit Mer*r, und entwarf die Grundlagen ſeiner Rede zur Eroͤffnung der Kammern. Er unterbrach dieſe Arbeit, und ſchrieb eigenhaͤndig dem Koͤnige Karl X. einen Brief, in welchem er den Empfang der beiden Abdankungen beſcheinigte, aber worin er auch darthat: „daß er General⸗Lieutenant durch die Wahl der De⸗ putirtenkammer ſei.“ Dies Schreiben wurde in derſel⸗ ben Nacht durch den dienſtthuenden Adjutanten(Herrn von Berthois) nach Rambouillet gebracht. Den Tag vorher, das heißt den 1. Auguſt, hatte der Prinz General⸗Lieutenant ſein Miniſterium zuſam⸗ mengeſetzt, indem er faſt alle Kandidaten der Municipal⸗ Kommiſſion beibehielt; er ernannte ſie direkt durch Or⸗ 256 donnanz, unter dem Titel: Kommiſſarius im De⸗ partement des— Einige Tage ſpaͤter wurde das Miniſterium auf erweiterter Baſis organiſirt. Man er⸗ richtete zwei Klaſſen von Miniſtern; die erſte mit dem Portefeuille; die zweite mit dem bloßen Titel, ohne Gehalt und Funktion, die man nicht einmal Miniſter ad honores nennen konnte! Eine ſeltſame Zuſammen⸗ ſtellung, welche kein Ganzes, keine Einheit der Macht, kein Geheimniß der Rathsbeſchluͤſſe verſprach. Dieſe erſte Zuſammenſetzung bot noch eine Sonderbarkeit, daß naͤmlich C. Périer zuerſt und nach ihm Lafitte zugleich Mittglieder des Kabinets und Praͤſidenten der Depu⸗ tirtenkammer waren. Wie dem auch ſei, das Miniſte⸗ rium war folgendermaßen zuſammengeſetzt: Herr Dupont de l'Eure, Großſiegelbewahrer, Mi⸗ niſter Staatsſecretair im Departement der Juſtiz; Herr Graf Gerard, General⸗Lieutenant, Miniſter Staatsſecretair im Departement des Krieges; Herr Graf Molé, Miniſter Staatsſecretair im De⸗ partement der auswaͤrtigen Angelegenheiten; Herr Graf Sebaſtiani, Miniſter Staatsſecretair im Departement der Marine; 3 Herr Herzog von Broglie, Miniſter Staatsſecretair im Departement des oͤffentlichen Unterrichts und des Kultus, Praͤſident des Staatsraths; Herr Baron Louis, Miniſter Staatsſeeretair im Departement der Finanzen; 257 Herr Guizot, Miniſter Staatsſecretatr im Depar⸗ tement des Innern; Herr Jacques Lafitte, Herr Caſimir Périer, Mitglieder der Depu⸗ Herr Dupin der Ater, tirtenkammer. Herr Baron Bignon, Der erſte Akt der neuen Regierung war, zu erklaͤ⸗ ren, daß, da die franzoͤſiſche Nation ihre Farben wie⸗ der angenommen habe, keine andere Kokarde getragen werden ſolle, als die breifarbige.(Ordonnanz vom 1. Auguſt.) Im Rathe des 2. Auguſt theilte der Prinz General⸗ Lieutenant ſeinen Miniſtern die Ahdankung des Koͤnigs Karl X. und des Dauphins mit: man war der Mei⸗ nung, ſelbige nicht geheim zu halten, ſondern beſchloß, daß ſie den beiden Kammern zugeſchickt und durch den Moniteur bekannt gemacht werden ſolle. Sie iſt ſeit⸗ dem in das Buͤlletin der Geſetze eingeruͤckt worden. Eine Ordonnanz vom 3. Auguſt ſchreibt vor,„daß in Zukunft alle Verordnungen, Urtheile, Juſtiz⸗Man⸗ date, Kontrakte und alle andern Aktenſtuͤcke betitelt werden ſollen: Im Namen Ludwig Philipps von Orleans, Herzogs von Orleans, General⸗ Lieutenants des Koͤnigreichs.“ Es war das heſte Mittel, den Schwachkoͤpfen, trotz der Einfluͤſterungen der Legitimiſten, zu beweiſen, daß der General⸗Lieute⸗ nant die mit dieſem Titel verbundene Gewalt kraft der 11 X 258 Verleihung von Seiten der Deputirtenkammer, ausuͤbte, und nicht zum Vortheil eines legitimen Koͤnigs, von dem gar keine Rede geweſen..- Aber in demſelben Moment entſchied ſich Karls X. Schickſal durch eine deutlichere Handlungsweiſe. Kom⸗ miſſarien der Deputirtenkammer waren den 2. Auguſt an ihn geſchickt worden, um ihm anzubieten, ſeine und ſeiner Familie Abreiſe aus dem Koͤnigreiche zu beſchir⸗ men; er hatte ihre Vermittelung abgelehnt. Aber das Volk, welches nicht wollte, daß die Frage lange un⸗ entſchieden bliebe, machte den 3. Auguſt, was man ſpaͤ⸗ ter die Bewegung auf Ramboulllet genannt hat. Da entſchloß ſich Karl X., nach Cherbourg zu gehen, wo er ſich nach England einſchiffte.— Derſelbe 3. Auguſt war der zur Eroͤffnung der Seſ⸗ ſton beſtimmte Tag. Er war von Karl X. in einer der drei, dem Herrn von Suſſy anvertrauten, Ordonnan⸗ zen feſtgeſetzt worden. Aber da die Kammern die Guͤl⸗ tigkeit einer ſolchen Berufung nicht anerkennen konn⸗ ten, ſo beſtaͤtigte ſie eine Ordonnanz des General⸗ Lieutenants. Dieſe Ceremonie fand im Palaſte der Deputirten⸗ kammer Statt. Die Pairs erſchienen in geringer Zahl; Keiner von ihnen war im großen Koſtuͤm; Einige trugen noch Aufſchlag und Kragen mit Lilien; die Mehrzahl war, wie die Deputirten, in buͤrgerlicher Kleidung. Alle Welt trug die drei Farben im Knopfloch oder am Hute. 259 Der Prinz General⸗Lieutenant bezeichnete in ſeiner Rede die vorzuͤglichſten nothwendigen Verbeſſerungen, „um auf immer die Macht dieſer Charte zu ſichern, deren Name waͤhrend des Gefechts angerufen wurde, wie er es auch nach dem Siege noch wird!— In der Ausfuͤhrung dieſes edlen Strebens kommt es den Kam⸗ mern zu, mich zu leiten. Alle Rechte ſollen dauerhaft garantirt werden; alle zu ihrer vollen, freien Ausuͤbung noͤthigen Inſtitutionen ſollen die Entwickelungen er⸗ halten, deren ſie beduͤrfen. Aus herzlicher Ueberzeu⸗ gung den Grundſaͤtzen einer freien Regierung zugethan, genehmige ich im voraus all' ihre Folgen.“— Die Kammer ſchritt den 5. Auguſt zur Formation ihrer Buͤreaus; ſie ernannte zu Kandidaten fuͤr das Praͤſidium die Herren C. Périer, J. Lafitte, B. Deleſ⸗ ſert, Dupin den Aeltern und Royer⸗Collard. Der Prinz General⸗Lieutenant waͤhlte Herrn C. Perier, die vier anderen Kandidaten blieben nach dem Reglement der Kammer Vice⸗Praͤſidenten. Waͤhrend dieſer Praͤliminarien bereitete man die Reviſion der Charte vor. Die Verbeſſerungen oder Veraͤnderungen waren leicht anzugeben. Funfzehn Jahre Mißtrauen in die Ausfuͤhrung dieſer Charte, welche durch eine funfzehn⸗ jaͤhrige einſichtsvolle muthige Oppoſition kontrollirt worden war, hatten alle Artikel bloßgeſtellt, welche einer Berichtigung bedurften. wendet, zu der Jeder den Tribut ſeiner Erfahrung 260 Der 4. und 5. Auguſt wurden zu dieſer Arbeit ver⸗ brachte, und den öten legte ſie Herr Berard der Kam⸗ mer vor, indem er den Vorſchlag hinzufuͤgte, den Herzog von Orleans zum Throne der Fran⸗ zoſen zu berufen.. An demſelben Tage erhielt die Nationalgarde zur Deviſe die Worte: Freiheit, oͤffentliche Ord⸗ nung. 2.4 Eine Kommiſſion war ſchon ernannt, um die Ant⸗ wort⸗Adreſſe auf die Rede des Prinzen General⸗Lieu⸗ tenants abzufaſſen; eine zweite wurde gewaͤhlt, um den doppelten Vorſchlag des Herrn Berard zu pruͤfen; die Kammer wollte, daß ſich beide Kommiſſionen zu Einer verbaͤnden, um einen einzigen Bericht zu machen. Beide † Kommiſſſonen beſtanden aus folgenden Mitgliedern: Erſte Kommiſſion, die Herren Berard, Perier (Auguſtin), Humann, B. Deleſſert, Graf Sade, Graf Sebaſtiani, Bertin de Vaur, de Bondy, de Tracy. Zweite Kommiſſion. Die Herren Villemain, Paver de Vandoeuvre, Humblot⸗Condé, Kératry, Dupin der Aeltere, Mathien Dumas, Beniamin Conſtant, J. Le⸗ febvre, Etienne. 4 Die Kammer ſetzte fuͤr denſelben Tag eine Nach⸗ mittagsſitzung um acht Uhr an, um den Bericht der Kommiſſion zu hoͤren. Beide Kommiſſionen traten unverzuͤglich zuſammen: 261 Das Projekt wurde Artikel fuͤr Artikel diskutirt, und um ſieben Uhr Abends wurde der aͤltere Dupin ge⸗ waͤhlt, um den Bericht abzufaſſen, der zwei Stunden ſpaͤter der Kammer vorgelegt werden ſollte. Um neun Uhr hoͤrte ihn die Kommiſſion verleſen, und nachdem er einſtimmig gebilligt worden, begab man ſich in die Sitzung. Nachdem der Bericht angehoͤrt worden war, ſollte ſofort daruͤber diskutirt werden; aber mehrere Mitglie⸗ der thaten Einſpruch. Herr Mauguin ſagte mit Recht: „Es giebt eine richtige Mitte zwiſchen Uebereilung und zu großer Langſamkeit.“ Demnach verordnete die Kammer, daß der Bericht gedruckt und vertheilt wer⸗ den ſollte, um in der morgenden Sitzung erwogen zu werden, welche zu dieſem Ende fruͤh zehn Uhr ange⸗ ſetzt wurde. In der denkwuͤrdigen Sitzung vom 7ten wurde nun die Charte revidirt und von allen Ausdruͤcken gereinigt, welche unter der vorigen Regierung Mißbrauch oder . Zweideutigkeit nach ſich gezogen; endlich wurde ſie durch einen Artikel, der die Nationalfarben in die Conſtitu⸗ tion ſetzt, und durch die uͤbernommene Verpflichtung vervollſtaͤndigt, verſchiedene vorganiſche Geſetze vor⸗ zubringen, welche ihren Gang und ihre Entwickelung ſichern ſollten. Die Kammer erklaͤrte,„daß der Thron de facto und de jure erledigt, und es daher unum⸗ gaͤnglich noͤthig ſei, ihn zu beſetzen.“ Darauf nahm 262 ſte einen Beſchluß an, der dahin lautete:„Mittelſt Annahme der Charte, ſo wie ſie jetzt abge⸗ aͤndert iſt und, nachdem er deren Beobach⸗ tung in Gegenwart der Kammern beſchwo⸗ ren, wird Ludwig Philipp von Orleans zum Throne berufen werden, unter dem Titel: Koͤnig der Franzoſen. Die Kammer verordnete, daß dieſer Beſchluß Sr. Koͤniglichen Hoheit durch alle Mitglieder der Ver⸗ ſammlung uͤberbracht werden ſollte. Sogleich begaben ſich alle Deputirte, von der Nationalgarde geleitet, nach dem Palais⸗Royal, unter dem Zuruf aller Buͤr⸗ ger(denn Nichts geſchah damals ohne Zuruf, ſo leb⸗ haft und allgemein war die Beiſtimmung). Herr C. Pé⸗ rier, der wegen ſeines leidenden Zuſtandes nicht praͤ⸗ ſidiren konnte, wurde durch Herrn Lafitte erſetzt, der ſich mit den beiden andern Vice⸗Praͤſidenten an die Spitze des Zuges ſtellte. Es war fuͤnf Uhr Abends. Das Palais⸗Royal, einſt Zeuge ſo großer hiſtori⸗ ſcher Scenen, war es auch von dieſer. Herr Lafitte las dem Herzoge von Orleans die Erklaͤrung der Kammer vor. Der Prinz antwortete ihm wohlwollend, umarmte ihn und druͤckte mehrern Deputirten herzlich die Hand. Um halb zwoͤlf Uhr uͤberbrachte der Baron Pas⸗ quier, an der Spitze einer Deputation von Pairs, die Beiſtimmung der andern Kammer: Auch er empfing die Anwort des General⸗Lieutenants. —— 263 Den zten beſchaͤftigte man ſich im Palais⸗Royal, fuͤr den folgenden Tag Alles vorzubereiten. In der Diskuſſion, welche ſich daruͤber entſpann, wurde ſehr beſtimmt geſagt, daß das Haus Orleans berufen ſei, eine neue Dynaſtie zu bilden und nicht die Fort⸗ ſetzung der alten zu werden; man muͤſſe ſich darin nicht taͤuſchen! Der Herzog von Orleans ſei berufen, nicht weil er ein Bourbon, ſondern obgleich er ein Bourbon ſei, und mit dem Auftrage, ſeinen aͤltern Ver⸗ wandten nicht zu gleichen, ſondern ſich ſehr weſentlich von ihnen zu unterſcheiden. Dem zufolge mußte er den Namen Ludwig Philipp I. annehmen, nicht Phi⸗ lipp VII., wie Einige wollten. Man ſtrich aus der ko⸗ niglichen Titulatur die Formel: Von Gottes Gna⸗ den, weil das Princip der neuen Monarchie fortan nicht auf der abſoluten Ableitung des goͤttlichen Rechts, ſondern auf einem poſitiv konventionel⸗ len Rechte beruhen ſollte. Aus demſelben Grunde ſtrich man den Ausdruck: Jahr der Gnade und die abſolutiſtiſche Formel:„Denn ſolches iſt unſer Wohlgefallen.“ Im Begrif, die erſten Gnaden⸗ briefe zu unterzeichnen, nahm der Koͤnig ein Radirmeſ⸗ ſer und vertilgte eigenhaͤndig aus dem alten Protokoll die Worte: Aus Unſrer vollen Macht; das alte Wappen von Frankreich(die Lilien) hoͤrten auf, das Staatsſiegel zu bilden, und das Wappen von Orleans blieb nur als Privatwappen der Prinzen dieſes Hauſes. 264 Endlich wurde(nach ausdrücklicher Berathung) das Wort Unterthan in der Ausfertigung, welche den Beamten der ausuͤbenden Gewalt und den Tribunalen zuging, geſtrichen, keineswegs, um im Geringſten das unerlaͤßliche Band des Gehorſams, welches das Weſen aller Regierung bildet, zu loͤſen, ſondern um, von Sei⸗ ten der Regierung ſelbſt, anzuzeigen, daß dieſer Ge⸗ horſam fortan ganz geſetzlich und conſtitutionell, nicht mehr wie ſonſt als Vaſallendienſt, Unterwuͤrſigkeit und Knechtſchaft gefordert werden ſolle. Die Annahme des Koͤnigs und die Formel ſeines Eides wurden von einem Rechtsgelehrten abgefaßt, der in gewiſſer Art der No⸗ tar dieſer großen politiſchen Umgeſtaltung geweſen, und auch der Verbalprozeß der Ceremonie, welche folgen⸗ den Tages ſtatt ſinden ſollte, wurde im voraus aufge⸗ ſetzt, damit Alles in gehoͤrigen Rechtsausdruͤcken abgefaßt ſein ſollte. Das iſt fuͤrwahr eine Reihe von Beſchluͤſſen, denen der Juligeiſt ſtark aufgepraͤgt iſt. Den 9. Auguſt begab ſich der Herzog von Orleans, General⸗Lieutenant des Koͤnigsreichs, mit ſeiner Familie in den Palaſt der Deputirtenkammer, wo ſich die Pairs eingefunden hatten. C. Périer, der ſeinen Namen an dieſe Feierlichkeit knuͤpfen wollte, wohnte der Sitzung als Titular⸗Praͤſident bei, und verlas zuerſt die Er⸗ klaͤrung der Kammer. e des Der Baron Pasquier verlas hierauf die Bei⸗ ſtimmung der Pairskammer. Dann 265 Dann antwortete der Herzog von Orleans: „Meine Herren Pairs, meine Herren Deputirten! Ich habe mit großer Aufmerkſamkeit die Erklaͤrung der Deputirtenkammer und die Beiſtimmungs⸗Akte der Kammer der Pairs geleſen. Ich habe den ganzen In⸗ halt wohl erwogen und bedacht. Ich nehme ohne Ruͤckhalt, noch Beſchraͤnkung, die Klauſeln und Verbindlichkeiten an, welche dieſe Erklaͤrung in ſich faßt— und auch den Titel: Koͤnig der Franzoſen, den ſie mir uͤbertraͤgt, und ich bin bereit, ihre Beobach⸗ tung zu beſchwoͤren.“ Se. koͤnigliche Hoheit ſtand nun auf, und leiſtete, entbloͤßten Hauptes, folgenden Eid: „Ich ſchwoͤre vor Gott, die conſtitutionelle Charte mit den in der Erklaͤrung ausgedruͤckten Modiſikatio⸗ nen treulich zu beobachten, nur durch die Geſetze und nach den Geſetzen zu regieren, Jedermann nach ſeinem Rechte gute und genaue Gerechtigkeit zukommen zu laſſen, und in allen Dingen nur in der alleinigen Ruͤckſicht auf das Intereſſe, das Gluͤck und den Ruhm des franzoͤſiſchen Volkes zu handeln.“ Der Prinz war mit dem Ruf: es lebe der Herzog von Orleans! empfangen worden; er entfernte ſich un⸗ ter dem Ruf: es lebe der Koͤnig! Er war vom Volke geleitet zur Kammer gekommen, das Volk fuͤhrte ihn bis an ſeinen Palaſt zuruͤck. In dem einſtimmigen Vivat ließ ſich kein anders geſinnter Ruf vernehmen, VI. 12 . 266 und daran waren wahrlich nicht die Sbirren und Tra⸗ banten Schuld, welche gewoͤhnlich die Koͤnige umrin⸗ gen, zumal bei ihrer Thronbeſteigung! Nie hat man groͤßere Freiheit genoſſen! Der neue Koͤnig zeigte ſich oͤfters allein inmitten der Volksmenge. In jener erſten Zeit hatte er nur die Nationalgarde, uniformirt und nicht, uniformirt, zur Wache; ſpaͤter ſah man an den Thoren des Palaſtes die Nationalgarden und Linien⸗ truppen ohne Unterſchied der Regimenter, und jeder franzoͤſiſche Soldat konnte ſagen: Ich bin von der Leibwache des Koͤnigs! Bald kamen aus allen Theilen des Koͤnigreichs Deputationen aller Städte, Municipal⸗ Raͤthe, Nationalgarden, welche um die Wette in den kraͤftigſten Ausdruͤcken die vollſte, lebhafteſte Beiſtim⸗ mung zu der eben begruͤndeten Ordnung der Dinge zu erkennen gaben. 2. Welches iſt nun der Charakter dieſer Regierung? Um uͤber dieſen Punkt eine feſte Meinung zu faſ⸗ ſen, genuͤgt es nicht, dieſe fluͤchtige Auseinanderſetzung der Thatſachen geleſen zu haben: man muß alle Akten⸗ ſtuͤcke, welche die Regierung ſelbſt eingeſetzt haben, ihrem Inhalte nach ſtudiren und all' ihre Ausdruͤcke wohl erwaͤgen, um ſich eine richtige Idee von dem Gebaͤude zu machen, das ſie zu gruͤnden bezweckten. Zuerſt muß man dabei ſtehen bleiben: die Julire⸗ — 267 volution iſt außerordentlich moraliſch geweſen. Sie war nicht das Reſultat einer Verſchwoͤrung, eines ehr⸗ geizigen Angriffs gegen die beſtehende Gewalt; der Her⸗ zog von Orleans war des Verraths unfaͤhig, er hat nicht conſpirirt, keiner ſeiner Freunde hat fuͤr ihn con⸗ ſpicirt; der aͤltere Zweig iſt durch ſich ſelbſt zu Grunde gegangen. Karl X. war es, der ſich gegen die Geſetze em⸗ poͤrte; er hat die Warnungen der Preſſe verachtet, er hat die Stimme der Volksvertreter nicht hoͤren wollen, er hat ſchwache, ehrgeizige oder fanatiſche Miniſter, geneigt, ihm zu gehorchen und ſeinen Abſichten uͤberall zu dienen, geſucht und gefunden! Er hat den Funda⸗ mentalpakt mit Fuͤßen getreten; er hat die Geſetze und die oͤffentliche Freiheit vernichtet: er iſt meineidig ge⸗ worden. Indem er allen ſeinen Verbindlichkeiten als Koͤnig nicht genuͤgte, hat er ſeine Unterthanen des Gehorſams gegen ſich entbunden; er hat ſie gewaltthaͤtig durch ſeine Soͤldlinge, durch Schweizer, durch Fremde an⸗ greifen laſſen; er hat ſie in die Nothwendigkeit einer geſetzlichen Vertheidigung gebracht; beſiegt haͤtte er ſie in Sklavenketten geſchlagen; als Sieger haben ſie Vergeltung geuͤbt: ſie wollten Freiheit, und er gab ihnen das Recht, uͤber die Krone zu verfuͤgen, an dem Tage, wo er ſie durch ſeinen Angriff in die Lage ſetzte, ſie ihm zu entreißen. 12 268 Dieſe Revolution iſt noch bemerkenswerth vor Allem durch die Maͤßigung, welche ihren vorzuͤglichſten Cha⸗ rakter bildet; keine kaltbluͤtige Rache, keine Pluͤnderung, kein Mord, keine Reaktion! Der Sieg iſt grauſam, wenn er von Wenigen uͤber Wenige davon getragen wird: im Juli war es die Nation, welche triumphirte; ſie fuͤhlte ihre Kraft und ſchonte ihrer Feinde. Karl X. und die Seinigen ſind friedlich an die Grenze gefuͤhrt worden, ohne Beſchimpfung, mit vielen Ruͤckſichten und ohne eine andre Demuͤthigung, als Niemand zu begegnen, der ſich fuͤr ſie zu erklaͤren wagte!—*) Der Herzog von Orleans iſt nicht aus dem koͤnig⸗ lichen Hauſe gewaͤhlt worden, als Nachfolger ſeiner aͤltern Verwandten, noch als berufen kraft eines ihm eigenthuͤmlichen Rechts. Es ſei den Quaſi⸗Legitimiſten erlaubt, ſich das ſo zu uͤberreden; von welcher Seite und unter welchem Titel auch die Beiſtimmung ein⸗ laufe, ſo darf ſie nicht abgewieſen werden. Aber in der Wahrheit der Thatſachen und Grundſaͤtze, fuͤr die Na⸗ tionalparthei, fuͤr die Julimaͤnner, fuͤr alle Patrioten, welche damals den Herzog von Orleans gewuͤnſcht und *) Man erinnert ſich noch an den Kupferſtich, unter dem man die Worte las: Meine Herren, können Sie mir nicht ſagen, was aus den Royaliſten während der unſterb⸗ lichen Tage des 27., 28., 29. Juli geworden iſt?— Man hat ſie ſpäter hinter den Meutereien, in den Clubbs und der Redaction einiger Journale wiedergeſunden. 29 proklamirt haben, iſt ſeine Geburt, wenn ſie auch fuͤr ihn ein gluͤcklicher Zufall geweſen, doch nimmermehr die Quelle eines Rechts; er iſt gewaͤhlt worden, und das hat man ihm in paſſenden Ausdruͤcken geſagt, nicht weil er ein Bourbon iſt, ſondern obgleich er ein Bourbon iſt. Als Bourbon haͤtte er nur unguͤnſtige Vorurtheile getroffen, man haͤtte gefuͤrchtet, alle Fehler und Miß⸗ braͤuche, die man dem aͤltern Zweige ſeines Geſchlechts vorwirft, wieder zu finden. Aber er war gewaͤhlt wor⸗ den, obgleich ein Bourbon, weil man wußte, daß er die franzoͤſiſche Revolution geliebt, ihre Farben getra⸗ gen, in ihren Schaaren gefochten hatte, weil er die Feinde dieſer Revolution zu geſchwornen Feinden hatte; es war alſo gerecht, daß er in allen denen Freunde fand, die gleich ihm das Mißtrauen und die Ungnade der gefallenen Bourbons erlitten. Auch hat er nicht das ſogenannte franzoſiſche Wap⸗ pen angenommen, als ob er es geerbt; er hat ſich nicht Philipp VII. genannt, als ob er die Fortſetzung der andern Dynaſtie ſei. In ihm hat Alles neu begonnen. Er iſt frei gewaͤhlt, frei angenommen durch den Na⸗ tionalwunſch; das iſt ſeine Legitimitaͤt, nicht quasi*), ſondern voll und ganz, die reinſte, ehrenvollſte, ) Wenn es, etwas Abfolutes in der Welt giebt, ſo iſt es die Legitimität. Sie beſteht oder ſie beſteht nicht; 270 wahrſte, von Uſurpation entfernteſte; ſeine Legitimitaͤt iſt ganz populaͤr, ſie hat ihm den ſchoͤnen Titel des Buͤrgerkoͤnigs verſchafft. Dieſer Charakter der Thronbeſteigung Ludwig Phi⸗ lipp's iſt nicht ideal, phantaſtiſch; er iſt wirklich unver⸗ kennbar, er iſt buchſtaͤblich in den Akten niedergeſchrie⸗ ben, welche die Erhebung der neuen Dynaſtie geheiligt haben. Dieſe Akten, alle in Rechtsausdruͤcken abge⸗ faßt, haben einen ſtreng beſtimmten Sinn, der nicht erlaubt, ihre Bedeutung zu verdrehen und ihre Wir⸗ kung zu verkennen.. 6 So ſagt in dem am 7. Auguſt der Kammer abge⸗ ſtatteten Berichte der Rechtsgelehrte, deſſen Werk er iſt, indem er von dem Projekt ſpricht, den Herzog von aber eine Quaſt⸗Legitimität iſt der größte Unſinn. Wenn der ältere Zweig nicht gültig abgeſetzt iſt, wenn er noch einiges Recht hat, ſo iſt der jüngere Zweig, wie nah' er auch dem Throne ſtehen mag, darum nicht minder uſur⸗ patoriſch in den Augen der Logiker der Legitimität. Es liegt zwiſchen Beiden, wie Boſſuet zum Dauphin in Be⸗ zug auf den König ſagte, die ganze Stärke eines Königs⸗ reichs. Noch mehr, der Herzog von Orleans, des abge⸗ ſetzten Königs Verwandter, iſt in den Augen der Legiti⸗ miſten gehäſſiger, als ein Fremder. Nur Ludwig Philipp's Feinde, oder ſolche Freunde, welche ſeine politiſche Stel⸗ lung wenig begreiſen, können für ihn einen andern An⸗ drch, eine andre Legitimität ſuchen, als den Rational⸗ willen. 271 Orleans zum Throne zu berufen: Dieſer Vorſchlag bezweckt, ein neues Gebaͤude zu gruͤnden und aufzurich⸗ ten, neu, was die berufene Perſon und vorzuͤglich die Art der Berufung betrifft. Hier iſt das conſtitutionelle Geſetz nicht eine Verguͤnſtigung der Macht,— ſondern die Nation im vollen Beſitz ihrer Rechte ſagt mit glei⸗ cher Wuͤrde und Unabhaͤngigkeit zu dem edlen Prinzen, dem die Krone uͤbertragen werden ſoll: Wollen Sie uns, auf dieſe im Geſetz vorgeſchriebenen Bedingungen, beherrſchen? Die Kammer legt dieſe Idee ihrem Beſchluß zum Grunde; denn nachdem ſie den Thron fuͤr erledigt er⸗ klaͤrt und die Bedingungen des conſtitutionellen Pakts feſtgeſetzt, druͤckt ſie ſich folgendermaßen aus: Mit⸗ telſt der Annahme dieſer Vorſchlaͤge und Verordnun⸗ gen erklaͤrt die Deputirtenkammer, daß das allgemeine und dringende Intereſſe des franzoͤſiſchen Volks Se. koͤnigl. Hoheit Ludwig Philipp von Orleans zum Throne beruft. Demzufolge wird Ludwig Philipp von Orleans aufgefordert werden, die oben erwaͤhnten Klauſeln und Verbindlichkeiten, ſo wie die Beobachtung der conſtitu⸗ tionellen Charte mit beſagten Modifikationen anzuneh⸗ men und zu beſchwoͤren, und nachdem er das vor den verſammelten Kammern gethan, den Titel: Koͤnig der Franzoſen zu fuͤhren. 4 Wahrlich, Nichts hat die Kammer in der Aufſtellung dieſer Bedingungen beſchraͤnkt, keine Garde duͤ Corps, 2723 keine Schweizer, keine alliirten Truppen, welche nur im Geringſten auf die Freiheit der Berathungen Ein⸗ fluß gehabt haͤtten. Es gab damals nichts Bewaffne⸗ tes in Paris, als das Pariſer Volk. Wiederum iſt Nichts ſo frei geweſen, als der Ent⸗ ſchluß des Herzogs von Orleans; er iſt wohl mit Allem bekannt geweſen; die Krone war zu nehmen oder zu laſſen; Koͤnig der Franzoſen unter den gebotenen Be⸗ dingungen; wo nicht, nein! Dieſe Lage iſt in dem Berichte an die Deputirten⸗ kammer auf Berard's Vorſchlag ſehr genau bezeichnet. „Meine Herren, ſagt der Berichterſtatter, vor Allem iſt der Herzog von Orleans ein rechtlicher Mann; er hat unter uns den glaͤnzendſten Ruf als ſolcher; wenn er ſagt, daß er annimmt, wenn durch dieſe Annahme der Kontrakt einmal abgeſchloſſen iſt, wenn er deſſen Be⸗ obachtung in Gegenwart der Kammern, im Angeſichte der Nation beſchwoͤrt, ſo koͤnnen wir auf ſein Wort rechnen; er hat geſagt, die Charte, wie er ſie ange⸗ nommen, wird hinfort eine Wahrheit ſein.“ Der Herzog von Orleans nimmt ſich Zeit, daruͤber. nachzudenken; er empfaͤngt bei ſich die Erklaͤrung, ſie wird ihm in Gegenwart Aller, welche ſie berathſchlagt haben, von dem Praͤſidenten der Kammer vorgeleſen und uͤbergeben; er pruͤft ſie, nimmt den Rath ſeines Conſeils, erwaͤgt reiflich ſeinen Entſchluß, und den 9. Auguſt, in Gegenwart beider Kammern, ſpricht er 2 1 die feierliche Annahme aus, die wir ſchon berichtet ha⸗ ben, und leiſtet ſeinen Eid. So hat ſich die Juliregierung gebildet. Es iſt we⸗ der eine uſurpirte, noch aufgedrungene, ſondern eine Regierung aus Uebereinkunft; ſie beruht auf einem de⸗ battirten Pakt, auf einem Kontrakt freier Einwilligung, welcher dem Koͤnigthume Rechte giebt und Pflichten auferlegt, einem Kontrakte von gleicher Verbindlichkeit fuͤr den Koͤnig und die Buͤrger, der dieſe veranlaßt, die Praͤrogativen zu achten, ohne welche die Regierung des Koͤnigs nicht ihre Autoritaͤt aufrecht erhalten koͤnnte, und wiederum den Koͤnig verbindet, die Rechte und Freiheiten zu achten, welche er berufen iſt, mit aller ſeiner Macht zu beſchuͤtzen; denn er herrſcht um unſers Nutzens willens, und nicht zu ſeinem Vergnuͤgen oder Wohlgefallen. Mit den Radikalen, wie es noch alle Tage die Ga⸗ zette und Quotidienne thut, behaupten, daß dieſer Kontrakt, um guͤltig zu ſein, der individuellen Annahme jedes Franzoſen haͤtte vorgelegt werden muͤſſen, iſt eine Laͤcherlichkeit. In der Zeit unſrer aͤlteſten National⸗ Verſammlungen, ut de capitulis populus interrogetur, verlangte man nicht die Unterſchrift von Jedem, ſon⸗ dern die Beſtimmung des Volks, wie das Volk ſie giebt, das heißt, durch Zuruf, vox populi, nicht scriptura po- puli. Von dreißig Millionen Franzoſen, wie Wenige Foͤnnen, ſelbſt heut zu Tage, ſchreiben! Aber Alle koͤn⸗ nen rufen: Es lebe der Koͤnig! Nun, man kann nicht ſagen, daß die Thronbeſteigung Ludwig Philipp's nicht uͤberall von dem lebhafteſten Zuruf begruͤßt worden waͤre, und daß die von allen Seiten zugeſchickten oder uͤber⸗ brachten Beiſtimmungen nicht die klarſte, vollſtaͤndigſte Ratifikation zu ſeinen Gunſten ausgeſprochen haͤtten. Ohne Zweifel hat ſich die Volksſouverainetaͤt bei dieſer Erhebung des neuen Koͤnigs auf den Juliſchild glaͤnzend bekundet, aber nicht glaͤnzender, als die Un⸗ abhaͤngigkeit des Koͤnigs ſelbſt in ſeiner Annahme. So gut nun die Annahme des Koͤnigs, frei gegeben, ihn verbunden hat und noch verbindet, ſein Verſprechen treulich zu halten, eben ſo gut iſt das Volk gehalten, dem Koͤnige Treue zu bewahren. Ein ehrlicher Mann, ſagt man, hat nur ſein Wort; ſo auch die Voͤlker, und wenn ein Volk, dem man Urſache giebt, in Maſſe auf⸗ zuſtehen, um ſich einer offenbaren Unterdruͤckung zu widerſetzen, an einem Tage des Zorns Alles zerſchmet⸗ tern kann, ſo folgt daraus nicht, daß es ſich alle Tage zu ſeinem eigenen Schaden und ohne geſetzliche Ur⸗ ſache wider die Regierung ſeiner Wahl auflehnen, eigenhaͤndig ſein Werk zerbrechen, einzig darum, weil es ſein Werk iſt, und fortwaͤhrend neue Revolutionen erregen ſoll zum Vortheil der Partheiſuͤchtigen, welche unaufhoͤrlich ſeine Souverainetaͤt, das heißt ſeine Kraft aufrufen, nur um es zum Mißbrauch derſelben zu reizen. Der Koͤnig iſt treu, die Nation ſoll es ſein: das 275 iſt die Vorſchrift aller Kontrakte. Ehe man ſie einge⸗ gangen, iſt man noch freier Herr, ſpaͤterhin aber ge⸗ bunden. Wenn Ludwig Philipp die Annahme verweigert oder aufgehoben haͤtte, ſo wuͤrde der ſchwierig gewor⸗ dene, blutige, zweifelhafte Ausgang der Angelegenheit, indem er ſein Einſchreiten noͤthiger machte, den unge⸗ heuern Dienſt, den er erwieſen, indem er die Julirevo⸗ lution kroͤnte und ſofort dem oͤffentlichen Wunſche nach⸗ gab, mehr hervorgehoben zu haben.*) Aber die Ver⸗ bindlichkeit, weil ſie auf der Stelle und aus gutem Willen uͤbernommen worden, iſt darum nicht minder heilig und guͤltig fuͤr beide Theile. Wird man noch von dem beruͤhmten ſogenannten Programm des Rathhauſes ſprechen, das Niemand geſehen oder geleſen hat, und aus dem gleichwohl eine Parthei Frankreichs wahre Conſtitution machen will, eine Monarchieunterrepublikaniſchen Inſtitutio⸗ **) Man muß ſich erinnern, es war in Gegenwart Karl's X., der noch mit ſeiner Garde vor den Thoren von Paris, im Beſitze des Platzes Vincennes und ſeines unermeßlichen Materials, ſtand, in Gegenwart von 85 De⸗ partements, deren Geſinnungen man nicht kannte; in Ge⸗ genwart der Vendee und einer fremden Invaſton, die uns damals bedrohte und unvorbereitet getroffen hätte, als der Herzog von Orleans am 30. Juli die General⸗Lieutenant⸗ ſchaft des Königreichs annahm, und zehn Tage ſpäter die Königswürde. nen! ein eben ſolcher Unſinn, als eine Republik unter monarchiſchen Inſtitutionen, weil im erſten Fall die vorgebliche Monarchie in Wirklichkeit nur eine Republik, wie im zweiten die Republik im Grunde eine Monarchie waͤre, alſo ein Widerſpruch im Ausdrucke, der nur Verwirrung herbeifuͤhrt. Ein beruͤhmter General, auf deſſen Namen man ſich bei dieſer Gelegenheit oft berufen hat— iſt er nicht bemuͤht geweſen, die Guͤltigkeit deſſen, was von der Deputirtenkammer geſchehen, feſtzuſtellen, indem er de⸗ nen antwortete, welche die Competenz dieſer Kammer unter dem Vorwande, daß ſie ſich nicht de facto zur conſtituirenden Verſammlung habe aufwerfen koͤnnen: „Meine Herren, ſagte der General Lafayette in der Sitzung vom 6. Oktober 1831, die Kommiſſion hat uns aufgefordert, unſre Meinung uͤber die Frage der Com⸗ petenz zu ſagen. Ich werde davon ſprechen, wie ein geſchworner Zeuge vor einem Gerichtshofe ſprechen koͤnnte, indem ich Ihnen die Thatſachen zuruͤckrufe. Aber zuvor, meine Herren, muß ich auf einen Angriff antworten, den ein achtbarer Redner(Herr Royer⸗ Collard), deſſen Stimme wir mit Freuden auf dieſer Tribuͤne gehoͤrt haben, kuͤrzlich auf das Dogma der „Volksſouverainetaͤt gemacht, dies unvorſchreibliche Recht der Voͤlker, dies Lebensprincip unſrer geſellſchaftlichen Exriſtenz. Seine hohe Einſicht, in der vorgefaßten Mei⸗ nung der engliſchen Ideen von parlamentariſcher All⸗ 277 macht, ich werde nicht ſagen wie er: hat nicht ge⸗ konnt, ſondern hat nicht gewollt die conſtituirende Gewalt begreifen. „Eine lange Gewohnheit von mehr als einem hal⸗ ben Jahrhunderte hat mich mit dieſer Idee vertraut gemacht, ſo daß ſie mir ſehr begreiflich geworden iſt. „Ich gebe zu, meine Herren, und denke mit unſerm ehrenwerthen Kollegen,„daß es nichts Vernuͤnftiges giebt, als die Vernunft, und nichts Gerechtes, als die Gerechtigkeit,“ und deswegen glaubt man in der Schule, zu welcher ich gehoͤre, den Conſtitutionen einfache Er⸗ klaͤrungen der Rechte der Menſchheit und Geſellſchaft vorauszuſchicken zu muͤſſen, der Rechte, welche eine ganze Nation nicht einem einzigen Buͤrger rauben kann. „Aber zugleich hat man gemeint, daß es, anſtatt ſich zur Anwendung dieſer Wahrheiten auf Conſtitu⸗ tionen zu berufen, welche nur ſekundaͤre Combinationen ſind, anſtatt ſich auf ein einzelnes Individuum, ſei es Plato, oder gar auf eine Geſellſchaft von Philoſophen zu berufen, beſſer ſei, dazu einige Deputirte ausdruͤck⸗ lich zu waͤhlen. „Meine Herren, ich gebe zu, daß unſer Gang nicht ſo regelmaͤßig geweſen iſt; aber ich bin weit entfernt, zu ſagen, daß das Geſchehene ein Ergehniß der Gewalt war. „Nach unſern glorreichen und fruchtbringenden Juli⸗ tagen blieb Nichts aufrecht, als die Nationalſouveraine⸗ taͤt und das ſiegreiche Volk; in ihrem Namen bewaff⸗ nete ſich die ganze Nation, ernannte ihre Offiziere und that der koͤniglichen Familie kund, daß ſie aufgehoͤrt habe, zu regieren, noch ehe die Abſetzung foͤrmlich aus⸗ geſprochen war.) „In ihrem Namen glaubten die in Paris verſam⸗ melten Deputirten, bei dem Drange der Umſtaͤnde, ſich, um des allgemeinen Beſten willen, der conſtituirenden Gewalt bemaͤchtigen zu muͤſſen, dergeſtalt, daß ſie die Abſetzung beſtaͤtigten, einen volksthuͤmlichen Thron er⸗ richteten, und zu dieſem Throne, trotz ſeiner verwandt⸗ ſchaftlichen Beziehungen zu der abgeſetzten Familie, aus dem Gefuͤhle des Vertrauens und der perſoͤnlichen Achtung denienigen unſrer Mitbuͤrger beriefen, den ſie ſchon zum General⸗Lieutenant des Koͤnigreichs er⸗ nannt hatten. „Vielleicht, meine Herren, haͤtte man damals eine conſtituirende Verſammlung berufen ſollen; ich ge⸗ ſtehe ſelbſt, daß es mein erſter Gedanke war. *) Die aus dem Juli hervorgegangene Regierung hat zum Urſprung und zur Baſis die Volksſouverainetät. Es iſt das Volk, das Karln X. beſtegt hat; es iſt das Volk, das ihn entthront, aus ſeinem Palaſte vertrieben, nach Ramvouillet verſolgt, aus Frankreich geführt und in Cher⸗ bourg eingeſchifft hat, um ihm ein ewig Lebewohl zu ſagen! (Dritter Brief einer Magiſtratsperſon über die Pairie, ein⸗ gerückt in die Gazette des Tribunaux, vom Oktober 1831.) 279 „Aber die Nothwendigkeit, die Geiſter zu vereinigen, eine Menge von Umſtaͤnden, die man bequemer nach den Begebenheiten beurtheilt, die Ueberzeugung, daß das ſiegreiche Volk das Recht und die Pfiicht hatte, zu fordern, und daß es freimuͤthig empfing: alle dieſe Beweggruͤnde vereinigten uns Alle fuͤr die Ordnung der Dinge, welche angenommen worden iſt. „Und ich darf hinzufuͤgen, daß uns aus allen Thei⸗ len Frankreichs(Niemand iſt mehr im Stande gewe⸗ ſen, das zu beurtheilen) die einſtimmigſten, befriedi⸗ gendſten Zeugniſſe voͤlliger Genehmigung deſſen, was wir gethan, des Throns, den wir errichtet, des Monar⸗ chen, den wir gewaͤhlt, zugingen. Dieſe Genehmigung war eine wahrhafte Sanktion der Meinung von faſt ganz Frankreich. „Das macht, weil Ludwig Philipp's Koͤnigthum, wenn gleich nicht republikaniſch, doch populaͤr iſt. Die Krone iſt ihm weder durch die Emigration, noch durch die Prieſterparthei, noch durch das, was man noch zuweilen Ariſtokratie nennt, uͤbertragen worden, ſondern durch das Volk, das heißt, durch die Maſſe der Buͤrger. Er liebt ſein Land, deſſen Rechte und Freiheiten; er iſt Feind der Privilegien, Freund des gemeinſamen Rechts, und ſo verdient er Buͤrger⸗ koͤnig zu heißen. Aber das bedeutet nicht: ein klein⸗ muͤthiger, ſchwacher, ohnmaͤchtiger Koͤnig; im Gegen⸗ theil, das heißt in meinem Sinne: ein feſter, ſtarker 280 Koͤnig, well er zum Grunde ſeines Anſpruchs auf die Krone den Wunſch des Landes und das innige Gefuͤhl ſeiner Nationglitaͤt hat. „Eine conſtitutionelle Monarchie und repraͤſentative Regierung, mit einem erwaͤhlten Koͤnige, der nicht die Popu⸗ laritaͤt ſeines Urſprungs vergeſſen kann; zwei geſetzgebende Kammern, um die Tyrannei einer einzigen zu vermeiden; ein verantwortliches, und deshalb unabhaͤngiges Miniſterium; 1 eine feſtſtehende Obrigkeit und die Jury; Preßfreiheit, um Mißbraͤuche zu enthuͤllen und die Verbeſſerungen in Anſpruch zu nehmen, welche der Zeitlauf und der natuͤrliche Fortgang der Ideen mit ſich bringen koͤnnen,— fuͤrwahr, eine ſolche Regierung, das muß man ge⸗ ſtehen, ſagt dem gegenwaͤrtigen Zuſtande unſrer Sitten und einem großen Lande, wie Frankreich, beſſer zu, als die beſte der Republiken.“ 3. Franzoſen, lernet doch nur einmal, euch an Etwas halten und euch endlich feſtſetzen. Ihr habt an eurer Spitze eine treffliche, nach ihren Sitten und Neigungen echt franzoͤſiſche Familie, eine 281 Familie, der keine Selbſtliebe den Befehl beneiden oder ſtreitig machen kann. Einen Koͤnig mit fuͤnf Prinzen, welche ſeinem Hauſe die Fortdauer der Macht ſichern, gegen die Un⸗ gluͤcksfaͤlle gepanzert, welche nur zu oft das Aus⸗ ſterben koͤniglicher Haͤuſer, die Erledigung der hoͤchſten Gewalt und die Erbfolgekriege den Voͤlkern zuziehen. Ihr habt Inſtitutionen, welche euch von jetzt an alle, bei civiliſirten Voͤlkern bekannten, Freiheiten ge⸗ nießen laſſen.. Alles iſt noch nicht vollſtaͤndig geregelt und voll⸗ endet; aber die Conſtitution bietet alle Mittel, das zu vervollkommnen, was wir haben, und das zu erlangen, was uns fehlt. Anſtatt unaufhoͤrlich neue Wechſelfaͤlle herbeizufuͤhren und immer niederzureißen, ohne zu wiſ⸗ ſen, was wieder aufzubauen,— trachten wir danach, unſre Zwiſtigkeiten etwas zu vergeſſen, die Geiſter zu vereinigen, den Kraftaufwand unſrer Faͤhigkeiten auf das oͤffentliche Wohl zu lenken und Frankreich das Heil zu ſichern, von dem ſo viel Schriftſteller und Redner ſprechen, das aber nicht in der Beweglichkeit der Gei⸗ ſter und dem ſteten Unbeſtande der Beſchluͤſſe gedeihen kann. Bei dem jetzigen Stande unſerer Civiliſation macht die Klaſſe, welche man die mittlere nennt, die Kraft der Nation aus; ſie iſt die arbeitſamſte, erleuchtetſte, mannhafteſte; ſie iſt heldenmuͤthig im Kampfe, intelli⸗ 12** 282 gent in der Kunſt, in Handel und Induſtrie; ſie kann nicht die Knechtſchaft ertragen; ſie liebt leidenſchaftlich ihr Vaterland, den Ruhm und die Freiheit! Aber ich ſage es mit Schmerz, ſie verſteht ſchlecht zu bewahren, was ſie errungen hat. Der Adel weiß ſehr wohl, was er zu beklagen hat und gern wieder haben moͤchte; die Prieſterparthei, d. h. dieienigen, welche die Religion zu Erfolgen ganz weltlichen Ehrgeizes benutzen, wiſſen es gleichfalls; Legitimiſten und Ultramontaner wiſſen in mehr als einer Art perſoͤnliche Opfer fuͤr das In⸗ tereſſe ihrer Ideen, ihrer Kaſte und Parthei zu bringen. Aber wir Volksmenſchen, die man ſonſt den Tiers⸗etat nannte, wir wiſſen nur, was wir nicht wollen. Nach einer umgeſtuͤrzten Sache kommt eine andre, und dann noch eine andre, und immer wieder eine andre. Der Neid toͤdtet, die Eiferſucht verzehrt uns; zu zahlreich, um Alle zu Etwas zu gelangen, verzeihen wir es Nie⸗ mand, daß er allein oder zunaͤchſt dazu kommt; und nur zu oft, nach erhabenen Anſtrengungen, um die Macht zu erringen, bieten wir unſern natuͤrlichen Geg⸗ nern tauſend Gelegenheiten, ſie wieder an ſich zu reißen und ſich ihrer zu bemaͤchtigen.— Das entmuthigt die guten Buͤrger und macht die Raͤnkeſtifter kuͤhn. Ich wiederhole es: Laßt uns lernen uns feſtzuſetzen. Dupin der Aeltere. ———— 1 hDie Uonlette. Wie glüͤcklich i ein Spieler! ſein Beutel iſt ein chatz; Zum Gold in ſeinen Händen wird auch der Kupferſatz. Regnard, der Spieler. Ich dreiſe dich, o Schickſal, um deiner Schlaͤge wild; Ich kann Nichts mehr verlieren, dein Wunſch iũ nun erfüllt. Ebendaſ. — De Rouletten!— Das Wort iſt unedel, poͤbelhaft! Er ſchließt mit ſeinen acht Buchſtaben tauſend ſchimpfliche, ſchreckliche Begriffe ein. Betruͤgereien! Gemeinheiten! ſchmutzige Bekan nt⸗ ſchaften! Ruin! Hungersnoth! Verzweiflung! gew It⸗ ſamer Tod! Und auch Gefängniß! Galeere! Schaffot! 284 Ihr guten Rentiers aus der Provinz mit euren gleichfoͤrmigen Gewohnheiten, ihr ſanften, einfachen Hausfrauen, ihr Juͤnglinge, die ihr aus der Schule tretet, ihr ſchuͤchternen, jungen Maͤdchen mit zierlicher Kleidung und anmuthigem Gange, die ihr von Gluͤck und Liebe traͤumt: nicht wahr, dies Wort erlehrectt euch mit ſeinem graͤßlichen Gefolge? Es erſchreckte mich auch, aber nur unklar. Bab! ſagte ich eines Tages zu mir ſelbſt, ich muß das ſehen! Das war die Neugier. Wenn man einen unbekannten, geheimnißvollen Ort betritt, ſo fuͤhlt man bekanntlich immer eine gewiſſe Bewegung; aber hier war es eine ſeltſame Beklemmung des Herzens, ein Grauen! Am Eingange, in einem langen, ſchwach erleuch⸗ teten Zimmer, das gleichſam mit einer unendlichen Menge von Huͤten gemauert iſt, deren Herren dort bei der Roulette ſind,— empfangen euch Geſtalten, welche nicht laͤcheln, Spaͤhergeſtalten, welche eine ſtrenge Pruͤ⸗ fung eurer ganzen Perſon, vorzuͤglich eures Geſichts, vornehmen, und ſonſt waren hinter dieſen Geſtalten Gendarmen, wie Doggen, bereit, draufzufahren und zu beißen. Dieſer Anfang iſt froſtig, unheildrohend. Ideen von Uebelthaͤtern, Schelmen und Boͤſewichtern, von Gefaͤngniß und Verhoͤr befielen mich ploͤtzlich; dieſe mißtrauiſchen, pruͤfenden Blicke verrathen die unſicht⸗ 28⁵ bar gegenwaͤrtige Polizei.— Ja, es iſt klar, von dem Augenblicke, daß man hier eingetreten, iſt der Pakt ab⸗ geſchloſſen: Sage mir, wo du verkehrſt, und ich will dir ſagen, wer du biſt. Ich begreife, daß dieſe Leute keinen Unterſchied machen. Ich dachte an meine Mutter, an meine Freunde, an meine kleine liebe Braut, und mein Herz war ge⸗ ruͤhrt. 7 Feſt entſchloſſen bin ich, nicht einen Heller zu wa⸗ gen, nur ſehen will ich;— ſieh', da laͤßt man mich ein! O, das verdient Beſchreibung!. Eine gewaltige, ſchwaͤrzliche, laͤngliche Maſſe iſt ſo zu ſagen unbeweglich inmitten eines weiten Saals, deſſen ganzen Raum ſie einnimmt. Im Mittelpunkte dieſer Menſchenmaſſe ſteht eine große ovale Tafel, be⸗ deckt mit einem wohl ausgeſpannten Tuche von ſchoͤnem, dem Auge wohlthuendem Gruͤn; auf dieſem Teppich ſind in Goldgelb erſtens zwei Nullen, deren eine dop⸗ pelt iſt, und dann in drei Reihen die Zahlen von 1 bis 36 zu ſehen. Jede Nummer hat ihren kleinen Rahmen, wo ſie recht geſchloſſen, wohl von ihren Gefaͤhrten unterſchie⸗ den, ſteht, und dem Auge, das ſie betrachtet, zu ſagen ſcheint: Ich eher als jene! Um dieſe Nummern ſind die Worte einander gegen⸗ uͤber geſchrieben: manque, die Abtheilung von 1 bis 18 bezeichnend, passe, die von 19 bis 36, pair, impair. 286 Auf jeder Seite iſt auch ein Viereck, eins roth, das andre dem Schwarzen aͤhnlich. In der Mitte der Ta⸗ fel erſcheint nun das Hoͤllen⸗Inſtrument, die Roulette! Auf einem leuchtend polirten Acajoubecken von zwei Fuß Durchmeſſer dreht ſich ein Cylinder, auf welchem im Kreiſe abwechſelnd roth und ſchwarz die Nummern des Teppichs gezeichnet ſind; jede Nummer iſt mit einer kleinen Hoͤhlung verſehen. Vier Perſonen mit ernſten, unveraͤnderlichen Ge⸗ ſichtern ſitzen rechts und links in Einſchnitten der Ta⸗ fel; vor ihnen ſind Gold⸗ und Silberrollen ſymmetriſch aufgepflanzt. Drei von ihnen halten einen langen Rechen, das Symbol ihrer fuͤrchterlichen Macht; der Vierte faßt mit einer Hand die Kupferhenkel, mittelſt deren man den Cylinder in Bewegung ſetzt, und giebt ihm einen lebhaften Anſtoß, waͤhrend er mit der andern, der Dre⸗ hung des Cylinders entgegenſetzt, eine Elfenbeinkugel mit Kraft in das Acajoubecken ſchleudert. Tiefes Schweigen! Alle Augen ſind aͤngſtlich auf dieſe Kugel geheftet, den Richter ohne Appellation, der ſeinen Urtheilsſpruch donnern wird. Sie macht geſchwind acht bis zehn Umlaͤnfe laͤngs der glaͤnzenden Raͤnder des Beckens, dann, ihre Kraft verlierend, neigt ſie ſich zum Mittelpunkte, und kleinen, abſichtlich in ihren Weg geſtellten Hinderniſſen begegnend, iſt ſie gezwungen, in eine der numerirten Hoͤhlungen 3 287 des Cylinders zu ſpringen. Die Nummer, welche ſie bezeichnet hat, wird mit lauter Stimme ausgerufen, und der ruhige Banquier zieht erbarmenslos die Saͤtze ein, oder wirft den gluͤcklichen Spielern mit Oſtenta⸗ tion einen Goldregen zu. Dieſer Anblick iſt nicht truͤbſelig, keine Figur von Verzweiflung entſtellt; ein helles Licht faͤllt vollwirkend auf den friſchen, gruͤnen Teppich, wo das neugepraͤgte Geld wie Diamanten funkelt; eine milde Waͤrme durch⸗ wogt den Saal und giebt meinen Gliedern die Spann⸗ kraft wieder, die ihnen der Dezemberfroſt geraubt hatte. — So verwiſcht ſich nach und nach die Regung von Furcht und Schmach, die ich anfangs gefuͤhlt hatte. Da bin ich denn eingewohnt. Ich begann hierauf alle dieſe Spieler neugierig zu beobachten; ſie gehoͤren die Haͤlfte zur Mittelklaſſe, ein Viertel zu der duͤrftigen, echt Pariſer Klaſſe, deren Kleidung, ohne unreinlich zu ſein, doch von zu langen Dienſten zeugt, Leute mit abgezehrter, verhungerter Geſtalt,— und das letzte Viertel zur Klaſſe der Hand⸗ werker. Außer dem Kindesalter ſieht man hier alle Lebens⸗ zeiten vereinigt. Es giebt ſogar hier und da kahle und weiße Koͤpfe, welche auffallen und anzuzeigen ſcheinen, daß man hier, wie uͤberall ſonſt, alt wird. Auf der Straße waͤre mir keine dieſer Geſtalten aufgefallen, ſelbſt hier haben ſie nichts, was die Auf⸗ merkſamkeit beſonders anzieht; ſo wie alle Blicke nur Ein gemeinſames Ziel haben, den gruͤnen Teppich, ſo malt ſich auch ein allgemeiner, gleichfoͤrmiger Ausdruck auf allen Geſichtern, der der Habgier, aber der ruhi⸗ gen Habgier. Eine kurze Erfahrung hat mich belehrt, daß nur von Zeit zu Zeit ſich unterdruͤckte Bewegun⸗ gen offenbaren, durch bedeutungsvolles Erbleichen und den hohlaͤugig ſtieren Blick, der dem letzten Geldſtuͤcke folgt, das dahin geht, Elend und Verzweiflung zu er⸗ kaufen. Ich dachte auch, daß die Spieler einen gruͤnen Teppich mit Gold und Papiergeld uͤberdeckten, daß in einem Abende manches Vermoͤgen geſchaffen und ver⸗ nichtet wuͤrde, und das war meiner Einbildungskraft ſo fuͤrchterlich! Aber nein, einige Zwei⸗ oder Fuͤnffran⸗ kenſtuͤcke ſind der Einſatz fuͤr jeden Wurf; die Roulette iſt nicht das Rieſenungeheuer, deſſen graͤßlicher: Hunger Alles in einem Augenblicke verſchlingt; es iſt ein Schnee⸗ ball, der fortrollend langſam waͤchſt, aber ſicher, aber beſtaͤndig! Einige Hinderniſſe, einige Felszacken, die er unterwegs antrifft, neißen Stuͤcke von ihm ab; aber er rollt unaufhaltſam weiter, der Schaden erſetzt ſich und die Maſſe waͤchſt fort⸗und fort. Doch war mir damals die Richtigkeit des letzten Vergleichs noch nicht erwieſen. Aus Neugier ſtudirte ich den ziemlich complicirten Gang der Maſchine; ich bemerkte beim Auszahlen der . Ge⸗ 289 Gewinnſtnummern, daß die Bank viele Wahrſcheinlich⸗ keiten zu ihrem Vortheil habe; doch erſchienen ſie mir nicht in einem uͤbertriebenen Verhaͤltniſſe, weil ich in der Schnelligkeit die truͤgeriſche Berechnung machte, daß, da der Zufall dem Geſetze des Gleichgewichts un⸗ terworfen, der zeitgemaͤße Satz des Spielers, waͤhrend die Wahrſcheinlichkeit augenblicklich zu ſeinen Gunſten iſt, eine Macht ſei, welche den Vortheil des Banquiers uͤberwiegend aufhoͤbe. Ach dieſe unſelige Idee iſt es, welche den Geiſt der Spieler beherrſcht!(denn man taͤuſche ſich nicht, es giebt mehr Berechner dabei, als Leidenſchaftliche) ſie iſt die Baſis aller ihrer ſinnreichen, aber irrigen Sy⸗ ſteme, ein wahres chroniſches Uebel, das die Quellen des Reichthums und ſelbſt des Lebens untergraͤbt und verzehrt. Eine unuͤberſteigliche Schranke ſpottet aller Ver⸗ ſuche, es iſt die dem Gewinn vorgeſchriebene Grenze! Da ich mich alſo ſelbſt unter dem Einfluſſe dieſer Idee befand, ſo ſpielte ich in Gedanken, nachdem ich ein Zuſammentreffen von Umſtaͤnden abgewartet, das nach meiner Meinung hinreichende Wahrſcheinlichkeit zu meinen Gunſten bot; ich ſpielte lange Zeit, und immer gluͤcklich; mein Kopf wurde warm, und eine unwiderſtehliche Luſt ergriff mich, nun auch einmal die Wirklichkeit zu verſuchen. v39 that es, indem ich ſehr wenig daran ſetzte; I. 13 290 das iſt wahr, das Gluͤck ward nicht müde, mir zu laͤ⸗ cheln; in dem Augenblicke, wo mein kleines ſyſtemati⸗ ſches Geruͤſt zuſammenſtuͤrzen wollte, ſah ich es ploͤtz⸗ lich wieder aufgerichtet und feſtbegruͤndet. Es bedurfte nicht ſo viel, um mich ganz zu entflammen. Ich kam nach Hauſe als Beſitzer eines kleinen Gewinnes, der im Verhaͤltniß zu dem, was ich daran geſetzt, er⸗ muthigend zu nennen war, und da ich nahe daran ge⸗ weſen, meinen Einſatz gaͤnzlich zu verlieren, ſo ſchien mir dieſe Erfahrung gut zu benutzen. Ich brachte den Reſt der Nacht mit der Feder in der Hand zu, ein er⸗ weitertes und regelmaͤßigeres Syſtem zu bauen, das in allmaͤhliger Stufenfolge ein Ergebniß von fuͤnfhundert Franken bot. Ich verblendete mich nicht, ich hielt dieſe Berech⸗ nung keineswegs fuͤr untruͤglich, ich ſah die Moͤglich⸗ keit, zu ſcheitern, aber ſie ſchien mir entfernt, un⸗ wahrſcheinlich und ſo, daß ſie eintretend mich immer durch fruͤhere Gewinne gedeckt faͤnde. Ich war nicht ohne Aufregung, doch beruhigte ich mich durch die ge⸗ woͤhnliche Betrachtung: Nun, wenn ich verliere, ſo werde ich nicht davon ſterben, und dann ſpiele ich nicht mehr. Wer wird glauben, daß ich ſieben und zwanzig Abende hindurch, in Sitzungen von drei bis vier Stun⸗ den, beſtaͤndig gewann! Da dieſer Gewinn der außer⸗ ordentlichen Vorſicht angemeſſen war, mit der ich meine 291 Saͤtze immer ſo niedrig als moͤglich hielt, ſo machte er kein Vermoͤgen aus, doch belief er ſich immer auf drei⸗ tauſend ſechshundert Franken. Man muͤßte die Schwaͤche der armen Menſchheit wenig kennen, wenn man glauben wollte, daß ein fran⸗ zoͤſiſcher Kopf dieſem beſtaͤndigen, durch ſeine Kraft ge⸗ feſſelten Gluͤcke widerſtehen wuͤrde. Dem war nicht ſo. Ich hatte das Geheimniß gefunden, um deſſen Be⸗ ſitz ſich ſo viele bleiche Alchymiſten am Ofen abgequaͤlt, von dem ſo viele vorgebliche Weiſe getraͤumt hatten. Ich ſah im Hintergrunde alle die ausgeſuchteſten Ge⸗ nuͤſſe des Lurus und Reichthums, und meine Betho⸗ rung ging ſo weit, daß mich die Furcht ernſthaft quaͤlte, eine Ordonnanz der Regierung moͤge ploͤtzlich die of⸗ fentlichen Spielhaͤufer ſchließen! Den acht und zwanzigſten Tag, denn ich zaͤhlte ſie ſorgfaͤltig, da ich mir einen Monat zur Probe ge⸗ geben, um die Guͤte meines Syſtems vollſtaͤndig zu be⸗ urtheilen, den acht und zwanzigſten Tag, ſage ich, ſetzte ich mich munter, wie gewoͤhnlich, an dieſen Teppich, der uͤberreichen Quelle, wo ich das Gluͤck, welches das Gold giebt, ſchoͤpfen ſollte. Ich ſah mit boshafter Freude und einer Art von Triumph, daß die Banquiers verſtohlen die Augen auf die beiden vor mir liegenden Taͤfelchen warfen, und zu errathen ſuchten, welches das anziehende Syſtem ſein konnte, das ſo ungeſtraft Theile ihres Schatzes fortriß. Endlich kam der Mo⸗ 13* 292 ment, wo das lange verzoͤgerte Herauskommen mehre⸗ rer Nummern die Wahrſcheinlichkeit zu meinen Gunſten fuͤgt, und mir ein Geſetz daraus macht, mein Spiel anzufangen.. Ich kam mit einer leichten Unruhe zum Drittel— zur Haͤlfte— zu drei Vierteln meiner Berechnung; noch einige Wuͤrfe, immer Nichts!— Jetzt kommt der letzte Wurf, deſſen Verluſt den von fuͤnfhundert Fran⸗ ken nach ſich ziehen muß! Ich lauſche aͤngſtlich; das Schickſal ſpricht es aus⸗ fuͤnfhundert Franken ſind verloren. 4 Dieſer Schlag erſchuͤtterte mich; ich mußte einige⸗ mal umhergehen, und zu dem ſchlechten Biere, das gratis ausgetheilt wird, meine Zuflucht nehmen.. Als mich ein paar Minuten in etwas an den Ge⸗ danken meines Verluſtes gewoͤhnt hatten, den zu erſetzen ich in fuͤnf bis ſechs Tage bedurfte, naͤhrte ich mich dem verhaͤngnißvollen Schlachtfelde nicht mehr mit gleicher Zuverſicht. Um kurz zu ſein, ſo verlor ich, mit un⸗ glaublichem Ungluͤck und ohne einen Moment von den Regeln abzuweichen, die ich mir vorgeſchrieben, noch zweimal den Totalbetrag des Satzes. Es war Alles, was ich mitgebracht, funfzehnhundert Franken; Ein Abend ſah ſie verſchwinden. War ich raſch entbrannt, ſo wurde ich noch ſchnel⸗ ler entmuthigt. Ich mußte alſo von der Hoͤhe, die ich verwegen erklimmt, herabſteigen oder vielmehr fallen! 293 Ja, ich hatte gut nachdenken, es war klar, das, was mir heut begegnet iſt, kann mir morgen wieder begeg⸗ nen, kann mir oft begegnen und mich am Ende zer⸗ malmen. 1 Ich waͤre klug geweſen, wenn ich mich an dieſe Lehre gehalten haͤtte; aber eine treuloſe Hoffnung blitzte von Neuem in meinen Augen, und um den Leſer nicht mit der Wiederholung derſelben Scenen zu ermuͤden, ſei es ihm genug, zu wiſſen, daß ich in kurzer Zeit nicht allein die gewonnene Summe wieder verlor, ſondern daß ich auch, nach wiederum einigem unbedeutenden Gewinn, zweitauſend Franken, mein fruͤheres Eigen⸗ thum, ſchmelzen und ſich mit der Hauptmaſſe vereini⸗ gen ſah. Man kann ſich keinen Begriff machen, wie ſeltſam phantaſtiſch, waͤhrend der letzten Tage, daß ich jenen Ort beſuchte, in meinen Augen die Dinge und Perſo⸗ nen erſchienen. Es war nicht mehr ein Leben, ſondern ein Alpdruͤcken; mein erhitzter Kopf war von immer⸗ waͤhrender Anſpannung faſt wahnſinnig. Ich ſah uͤber⸗ all Nummern und rollende Elfenbeinkugeln, die in Hoͤh⸗ lungen ſprangen. Mein Ohr, von den eintoͤnigen For⸗ meln aus dem Munde der Banquiers betaͤubt, vernahm unaufhoͤrlich dies unertraͤgliche Getoͤn. In der Nacht war es faſt nicht auszuhalten. Fort und fort wieder⸗ holte ſich das Gaukelſpiel mit ſtechendem Glanze, und wenn das Licht des Tages und der Vernunft zuruͤck⸗ 294 kehrte, ſo machte ich die grauſam richtige Bemerkung, daß ich, bei der Ungewißheit des Beſitzes, poſitiv un⸗ gluͤcklich ſei. Und doch konnte ich nicht zu dem Ent⸗ ſchluſſe kommen, davon zu bleiben; ein unbegreiflicher Inſtinkt trieb mich wie einen Straͤfling zum gaͤnzlichen Verluſte meines Geldes. Endlich, es uͤberſteigt alle Begriffe, wuͤnſchte ich dieſen Moment ſogar herbei, um nur aus der ſchreck⸗ lichen Angſt zu kommen. Indem ich durchaus jede Me⸗ thode aufgab, dauerte es auch nicht lange, bis ich ſo weit war. Hundert Franken ſollte mir meine Stiefſchweſter zuſtellen; auch ſie mußte ihren Tribut zahlen, ein Tropfen Waſſers in das ungeheure Weltmeer. Ich eilte zu ihr, und waͤhrend ſie ihren Sekretair oͤffnete und das Geld ſuchte, betrachtete ich das friedliche Feuer, an dem ſie ſich waͤrmt; dies nette, wohlgeordnete Zimmer, in dem ſie ſich gefaͤllt, das aufgeſchlagene Buch, das bei der haͤuslichen Lampe liegt, und ich fuͤhlte mich hier wie ein Weſen aus einer andern Welt, wie etwas Scheußliches! Dieſe Genuͤſſe ſind nicht mehr die meinigen; die Seelenruhe, welche in ihrem Antlitz athmet und ſich gleichſam der ganzen Atmoſphaͤre des Gemachs mit⸗ theilt, iſt von mir ſehr weit entflohen. Wie fuͤhlt' ich es bitter! Wie empfing ich mit bewegter Hand dies Geld, das verſchleudert werden ſollte! Die arme Frau, ſie gab 295 es mir in fuͤnf neugepraͤgten Goldſtücken, und machte mich darauf aufmerkſam. Das waͤre huͤbſcher zum Aufheben! ſagte ſie. Trotz der Ruͤhrung, die mich uͤbermannte, lief ich wieder in das Spielhaus, und gleichwohl warnte mich ein geheimes Vorgefuͤhl, daß ich dieſen letzten Ruͤck⸗ halt unfehlbar auch verlieren wuͤrde; aber Nichts hielt mich auf, ich wollte mit mir ſelbſt zu Ende kommen; auch wollte ich den Erfolg nicht lange erwarten, ein einziger Wurf ſollte entſcheiden. Kaum eingetreten, warf ich meine fuͤnf Stuͤcke auf den Teppich:— verloren! Nun gleichviel, ob es gewoͤhnlichen Seelen den Anſchein eines Maͤhrchens hat— ich ſchwoͤre, daß ſich eine duͤſtre Befriedigung meines Herzens bemaͤchtigte. Dieſe vollſtaͤndige Strafe meiner Thorheit war verdient, ſie ſetzte ihr ein Ziel, und ich trat wieder in das Leben, in das gluͤckliche Leben andrer Menſchen; ich ſollte mich wieder an dem Glanz und der Friſche eines ſchoͤnen Morgens erfreuen, am dem laͤchelnden Geſicht meiner Freunde und den ſuͤßen Blicken meiner Geliebten; ich ging aus einer Krankheit hervor, die mich den Preis der Geſundheit fuͤhlen ließ. Da war ich denn außerhalb des verfluchten Han⸗ ſes, feſt entſchloſſen, es niemals wieder zu betreten, als ein ziemlich anſtaͤndig gekleideter Menſch, der am Ein⸗ gange der Allee in der Straße Valois ſtand und mich 296 mit faſt lachendem Geſicht herauskommen ſah, demuͤthig nahte, und mich bat, mit ſeinem Elend Erbarmen zu haben. Ich war nicht in einer Geiſtesſtimmung, ihn abzuweiſen, und durchſuchte unwillkuͤhrlich meine Taſchen. w O anverhofftes Gluͤck! Im Winkel meiner We⸗ ſtentaſche treffen meine Finger ein kleines Stuͤck. Es iſt wirklich Geld! Es iſt ein Franc! Dal ſagte ich, indem ich es ihm ſtark in die Hand druͤckte! Es lag etwas in dieſem Da! was nach Freude und Triumph ſchmeckte, ſo daß ſich der Elende, der auf die Großmuth gluͤcklicher Spieler ſpekulirte, gewiß einge⸗ bildet hatte, ich kaͤme mit goldgefuͤllter Taſche heraus. Dieſer Menſch war wohl auch ein Opfer des Spiels, und ſeine Gegenwart an dieſer Thuͤre eine ſo große Lehre, wie die, welche ich empfangen hatte. Beide haben mir ihre Fruͤchte getragen; moͤchten ſie es auch dem Spieler thun, dem der Zufall dies Ka⸗ pitel unter Augen fuͤhren koͤnnte. J. d'Hervilly. Der Königsplatz. „Ach, das ſchöne Billet hat nun La Chatre!“ E⸗ war wohl ein Jahr, daß wir uns nicht geſehen hatten, ich weiß nicht, aus welchen Urſachen. Das verteufelte Paris iſt ſo groß, daß man Jahrhunderte verbringt, ohne ſeine beſten Freunde zu ſehen, und dann rennt man einen ſchoͤnen Tag an der Straßenecke gegen einen Fußgaͤnger mit ſtarkem romantiſchen Bart und hinlaͤnglich martialiſchem Anſehen, dem man Entſchul⸗ digungen zukommen zu laſſen ſich beeilt, in der Hoff⸗ uung, daß er ſie annehmen wird, und man ſieht einen Menſchen vor ſich, der einem laut ins Geſicht lacht und ſpricht: Ich bin Der und Der! — Ei, wer Deufel ſoll darauf fallen, Dich mit dieſem Rahmen von Haaren zu erkennen?— Nun Par⸗ bleu! Ich habe Dich doch gleich errathen, trotz Deines furchtbaren Schnurbartes. 298 Es war ungefaͤhr auf dieſe Art, daß ich Eugen D. C. wiederfand, der nicht will, daß ich ihn hier mit allen Buchſtaben ausſchreibe. Gleichwohl, wie man ſehen wird, kaͤme es mir eher zu, mich nicht zu nennen, denn ich ſelbſt jeden Falls ſpiele hier die einfaͤl⸗ tigſte Rolle, waͤhrend die ſeinige mindeſtens paſſabel iſt, und ich mehr als Einen kenne, der ſie geſpielt haben moͤchte. Wenn man ſich einmal in dieſem Gewirr, in dieſer Confuſion wieder hat, ſo laͤßt man ſich in einem Mo⸗ nat nicht los; ſo ungefaͤhr ging es mir mit Eugen. Nach einem Jahre der Trennung hat man ſich ſo viel zu ſagen, denn man hat ſo viel gethan: man hat Bildhauerei, Muſik, Malerei getrieben, man iſt in England, Schott⸗ land, der Schweiz und Italien gereiſt, wenn man nicht in Algier oder Sainte⸗Pelagie geweſen; man hat drei, vier Dramen gemacht, wie man ſie heut zu Tage macht ſchlecht. Ich mußte alle dieſe Lebensveraͤnderungen mit mei⸗ nem trefflichen Freunde durchgehen, und er hatte waͤh⸗ rend dieſes Jahres von all' dem Genannten Etwas ge⸗ habt, uͤberdem noch viel Gluͤck andrer Art, von deſſen Aufzaͤhlung ich mich entbinden werde. Zuerſt glaube ich wohl, daß man kuͤhn die Haͤlfte davon ſtreichen kann. Eugen iſt ein koſtbarer Freund, ergeben, daß er fuͤr einen ins Feuer geht, edel, groß⸗ muͤthig, guter Geſellſchafter, geiſtreich und froh; aber er iſt zu Auch geboren und daher ein Gascogner. Das iſt ein Ungluͤck, aber er kann nicht dafuͤr. 299 Dann ſind auch all' dieſe Abenteuer junger Lente, unter ſich erzaͤhlt, oft recht ergotzlich, doch fuͤr Fremde immer langweilig. Eure Ohren werden wohl genug haben, wenn ſie eins hoͤren, zum Beiſpiel ein ungluͤck⸗ licherweiſe recht wahrhaftiges, und ich ſchreibe es mit vielem Widerwillen nieder. Dieſer Widerwille entſteht nicht aus der Furcht, euch zu langweilen; das geht mich jetzt Nichts an. Deswegen, bitte ich, ſich an Herrn Ladvocat zu halten, der ſich bei dieſer Gelegenheit ge⸗ gen mich mit ſehr wenig Großmuth und vieler In⸗ delikateſſe benommen, indem er mich zwingt, eine Sache zu verbreiten, die ich auch den vertrauten Auserwaͤhl⸗ ten, welche ſich Abends mit mir am Punſch erfreuen, verſchwiegen haben wuͤrde.— Wie er zu dem Rechte gekommen, mich zu zwingen, niederzuſchreiben, was ich nicht will, das brauche ich euch keineswegs zu ſagen. Kurz, er hat mich gezwungen, und wenn ihr zu Ende ſeid— Gott gebe, daß ihr dahin gelanget!— ſo werdet ihr einſehen, daß er das mußte, indem man nicht aus Herzensluſt aufs Dach ſteigt und ſolche Geſchichten der ganzen Stadt ausſchreit, Gott! und der Provinz auch. Nun, wenn es ſein muß, da habt ihr es. Eugen iſt es, der ſpricht, er ſitzt an meiner Kamin⸗ ecke und raucht ein Papelito, und auf der andern Seite bin ich im langen Schlafrock, was etwas gemein iſt, und Pantoffeln von Juchten: Wollet glauben, daß ich keine griechiſche Muͤtze habe. 300 Nun horet ihn, ich bitt' euch, den Gecken! „Ich war vor einigen Monaten auf den Boule⸗ vards. Es war im Monat Auguſt, ſo viel ich mich erinnern kann— gleichviel! Ich ſtrich wie gewoͤhnlich umher, indem ich nicht recht wußte, wie ich den Tag von Mittag his ſechs Uhr dahinſchleppen ſollte, als eine reizende Frau an mir voruͤberging, koͤſtlich chauſ⸗ ſirt und mit einem Cottagehut, der ihr zum Entzuͤcken ſtand. Ob er von Herbault, Thomas oder Simon war, habe ich nicht zu entſcheiden gewußt. Ich folgte ihr, und Du wirſt ſehen, ob ſie mich ſpazieren fuͤhrte. Von Tortoni ging ſie den Boulevard entlang, bis zur Straße Montmartre, wo ſie einbog und in ein Magazin von Weißzeug ging, nah bei der Straße Feydeau. Ich er⸗ wartete ſie, vor dem Laden eines Kupferſchmieds ſte⸗ hend, wo ich ſchoͤne Formen zu Torten und Mandel⸗ kuchen dumm betrachtete. Eine halbe Stunde war ver⸗ gangen, und ich fing an, auf meiner langen Schild⸗ wacht ungeduldig zu werden, als ſie herauskam, ihren Weg zuruͤck machte und die Boulevards entlang ging— rathe einmal, bis wohin? Bis zur Straße du Pas- de-la-Mule!— Ach! bis zur Straße du Pas-de-la- Mule! Und wie war die Frau? Groß, klein?—„Warte ein wenig und laß mich reden. „Sie ſchlug die Straße du Pas-de-la-Mule ein, und trat in die Thuͤre eines der Haͤuſer am Koͤnigs⸗ platze, eine maͤchtige Eichenthuͤre, mit eiſernen Barren 2A 3⁰¹ und großkoͤpftgen Naͤgeln beſchlagen und mit einem ungeheuern Schloſſe bewahrt. Einen Augenblick darauf fragte ich den Portier, ob die Dame, welche eben hin⸗ eingegangen, aus dem Hauſe ſei. „Ich hatte ein Vorgefuͤhl, daß ſie nur zum Beſuch hier war; ich weiß nicht, warum ich ihren Anzug nicht mit dem Viertel in Einklang bringen konnte, ich be⸗ griff dieſen kleinen Hut à l'anglaise und dies herrliche Chaliskleid nicht auf dem Koͤnigsplatze. Gluͤcklicher⸗ weiſe verwirklichten ſich meine Beſorgniſſe nicht, denn mein Muth war zu Ende, und obgleich ich unverzagt gefolgt, beſaß doch meine Seele nicht Standhaftigkeit genug, um zu warten, bis es ihr gefiel, Ripp' an Rippe mit einer Bonne in der Cornette oder einem Invaliden wieder herauszukommen. Die Invaliden kommen hier⸗ her, um ſich Appetit zu holen, glaub' ich; denn wenn ſie hier Zerſtreuung ſuchen, muß man bei ihnen ſehr tiefe Kopfwunden vorausſetzen. Zum Gluͤck, ſag' ich Dir, gab mir der Portier den Namen meiner ſchoͤnen Frau gegen ein Fuͤnffranken⸗ ſtuͤck— meine Reiſe war nicht umſonſt geweſen, und welche Reiſe! Ich war wie geraͤdert, halb todt. Ich warf mich in ein Cabriolet, das ſehr zu gelegner Zeit voruͤberfuhr; denn gewiß haͤtte ich, um eins zu ſuchen, ſo viel Hin⸗ und Herwege in dieſen unbekannten Straßen gemacht, als ich zum Nachhauſegehen ge⸗ braucht haͤtte. 302 „Den andern Morgen ſchrieb ich einen Brief, worin ich an Geiſt das Einkommen eines Vierteljahrs ver⸗ ſchwendete, und ließ ihn durch Amadeus Groom hin⸗ tragen. Klappſtiefeln und Livree befoͤrdern ſolche An⸗ gelegenheiten wuͤthend,— inzwiſchen, die Wahrheit zu geſtehen, hatte ich keine gute Idee davon: das Viertel iſt ſo truͤbſelig, ſo iſolirt, ſo provinzartig, daß es mir ſchien, nur die Tugend koͤnne ſich dort begraben laſſen. Auch war ich nur ſehr mittelmaͤßig uͤberraſcht, als Tom mir die Antwort brachte, daß er keine habe. „Meiner Treu! ich dachte nicht mehr an die kleine Frau vom Marais, als ich eines Morgens mit meinem Journal einen Liebesbrief erhielt, mit Iris durchduftet.“ — O das wird einfaͤltig! ſolche Geſchichten haſt Du mir ſchon funfzig erzaͤhlt. Wenn man erfindet, muß man wenigſtens Gedaͤchtniß haben.— Aendern wir den Gegenſtand, denn ich weiß Alles, was Du mir ſagen willſt. Du biſt bei ihr geweſen, huldreich empfangen worden, und ſie hat Dir eine Locke von ihren Haaren gegeben, nicht wahr? Wenn ich alle die Locken haͤtte, die Du vorgiebſt, bekommen zu haben, ſo ließ' ich mir eine Peruͤcke daraus machen.—„Ach was! Willſt Du mir das Vergnuͤgen goͤnnen, auszureden? Ich erhielt einen Liebesbrief mit Pachouli durchduftet.“— Teufel! eine Variante!—„deſſen Inhalt, von der gewoͤhnlichen Zierde dieſer Billets, den orthographiſchen Fehlern, entkleidet, ziemlich befriedigend ausſiel. Er war auf 4 303 kokett ſchalkhafte Weiſe abgefaßt, und ſagte genau Alles, deſſen der Leſer bedarf, um nicht vor Freude oder vor Schmerz zu ſterben. Er war voll des Reizes der Un⸗ gewißheit und jenes himmliſchen Etwas, das die Phantaſie in ſo ſchoͤne Traͤume verſenkt; ich kleidete mich an und eilte nach dem Koͤnigsplatze.“— Gut! Geſtern Abend haſt Du mir bhuchſtaͤblich dieſelbe Redensart um die ſchoͤne Englaͤnderin in der Straße Anjou vorgebracht. Du biſt ein ſchamloſer Schwaͤtzer. —„O Du machſt mich am Ende ungeduldig! Ich wette mit Dir um ein Diner bei Lointier, daß mein Aben⸗ teuer wahr iſt.— Welche Beweiſe ſollen die Wette ent⸗ ſcheiden?—„Beweiſe! Wenn ich keine apodiktiſchen bei⸗ bringe, ſo habe ich verloren. Das iſt meine Sache. Gilt es?“— Abgemacht.—„Wohlan! Zuerſt glaube ich meinem Portefeuille— ja— nein— ja, da iſt er! Lies dieſen Brief, den ſie mir vorige Woche geſchrieben; warte einen Augenblick, ich will nicht, daß Du die ganze Unterſchrift ſiehſt; der Vorname bleibt— da, jetzt kannſt Du leſen.“—— Sagen Sie einmal, mein beſter Herr Ladvocat, waͤre es Ihnen nicht gleich, wenn ich etwas Anderes machte? Das, was Sie mich haben anfangen laſſen, hat wirklich Nichts zu bedeuten. Bedenken Sie, wie lang⸗ weilig zum Sterben das ſein wird; laſſen Sie mich den vortrefflichen Leſern in Paris und in den Departements irgend eine alte Chronik aus meinem guten Holland 304 vortragen, laſſen Sie mich einen rohen Volksaufſtand aus Rotterdam, Utrecht oder Antwerpen erzaͤhlen. Ant⸗ werpen! Was haͤtte ich da zu ſagen! Aber Nichts da⸗ von! ich wuͤrde hollaͤndiſch ſprechen, und bin in Frank⸗ reich, und mein Vater hat ſeine große Naturaliſation mit Siegel auf gruͤnem Wachs vom ſeligen Koͤnige Ludwig XVIII.ſ Vielleicht wuͤrden ſie ſich an einer recht wunder⸗ baren Geſchichte vergnuͤgen, wie die außerordentliche Niederkunft der Graͤfin Mathilde, welche am Palm⸗ ſonntage des Jahres 1276 dreihundert fuͤnf und ſechszig Kinder, halb Maͤnnlein und halb Fraͤulein, zu Tage foͤrderte. Wenigſtens muß man annehmen, wie Deſi⸗ derius Erasmus ganz beſonders bemerkt, daß entweder ein Knabe oder ein Maͤgdlein auf irgend einer Seite mehr geweſen. und ſeht ihr den Grafen Hermann von Henneberg, wie er die gluͤckliche Entbindung ſeiner Gemahlin erfaͤhrt? Seht ihr ihn mit großen Schritten umhergehen, die Faͤuſte vor Wuth ballen und aus voller Seele fluchen? Ha, teufliſche Hete! Ich werde dich an den hoͤchſten Aſt meines hoͤchſten Baumes haͤngen laſſen! tobte er. Aber erſt mußte er ſie finden, um ſie haͤngen zu laſſen, die arme Kreatur, der die junge Graͤfin das Almoſen verweigert und ſie hartherzig fortgeiagt mit den Worten, daß die ſchoͤnen Zwillinge, welche ſie auf den Armen trug, wohl auch nicht von einem Manne waͤren.— Gott ſegne Euch, ſchoͤne Graͤfin! und gebe 305 Euch ſo viel Kinder als Tage im Jahre ſind.— Und damit war ſie fortgegangen. Genug! Genug! Das geht gar nicht.— Ha! Par⸗ bleu! ein treffliches Thema: Broek!— Broek, das ein⸗ zige Dorf ſeiner Art in der Welt; wie viele Leute kennen Broek nicht! Bei Gott! bei den großen derben Thuͤr⸗ men von Notre⸗Dame, von denen ihr euch niemals weit genug entfernt, um ſie aus dem Geſichte zu ver⸗ lieren, ſollt ihr wiſſen, meine ſehr verehrten Pariſer Gaffer, daß Broek ein Dorf iſt, ſtill und todt wie die Katakomben; daß es ein Wunder iſt, wenn der Be⸗ ſucher eine lebende Seele auf der Straße trifft, wo man ſeine Tritte auf ſchoͤn behauenen, glatten, gelben Werkſteinen, welche gewiß reinlicher ſind als der Fuß⸗ boden eurer Speiſeſaͤle, wo man ſeinen eigenen Athem⸗ zug hoͤrt. Ihr wuͤrdet uͤber dieſe praͤtentioͤſe Gleich⸗ foͤrmigkeit der Haͤuſer lachen, alle mit gruͤnen Fenſter⸗ laden und von der Straße durch Gaͤrten geſchieden, in denen alle Baͤume auf chineſiſche Manier verſchnit⸗ ten und gemodelt ſind, in Form von Hunden, Pferden, Hammeln, Affen u. ſ. w. Treten wir in das Innere einer dieſer Wohnungen. O da kommt die Wirthin, die uns ſehr hoͤflich erſucht, unſre Stiefeln abzulegen und durch Pantoffeln zu erſetzen, welche uns ihre Magd, bediende van het huis, eine ſtarke, wie ein Bild von Nubens gefaͤrbte Dirne, bringt. Aber wie? Wenn mein Gedaͤchtniß gut iſ⸗ ſo war 13 X 306 es in Broek, wo ich Sie das erſtemal ſah, Herr Lad⸗ vocat; erinnern Sie ſich? Wir hatten zuſammen eins dieſer Haͤuſer von Kopf zu Fuß unterſucht und anato⸗ mirt, ein wahrhaftes Kinderſpielzeug, eine Art Pa⸗ tienceſpiel, das Stuͤck fuͤr Stuͤck aufzuſetzen und abzu⸗ tragen iſt. Nicht wahr, wie lebhaft uͤberraſcht dieſe Pforte, die ſich nur bei der Geburt und beim Tode oöͤffnet, dieſe furchtbar myſtiſche Pforte? Es iſt etwas Großes und Feierliches inmitten dieſer albernen Kin⸗ derei von Einrichtung und Reinlichkeit, inmitten der Waſchkannen und dem leuchtenden Kupfergeſchirr und dem Porcellain, das kuͤhn aufgebaut iſt wie ein Karten⸗ haus! Wie wenig erklaͤrt man ſich bei Menſchen, welche ſo ausſchließlich, ſo unaufhoͤrlich mit Kleinlich⸗ keiten, mit den geringfuͤgigſten Angelegenheiten des Le⸗ bens beſchaͤftigt ſind, dieſe hohe Anſicht von der Ewig⸗ keit ünd der unſterblichen Seele, welche aus dieſer Welt eine Buͤhne macht, wo nur Eine Couliſſe zum Ein⸗ und Ausgang iſt; einen Warteſaal, wenn ich ſo ſagen darf,⸗ ein Caravanſeraj, wo der Menſch einen Augenblick Raſt und Obdach findet: der Menſch, der verſchwen⸗ deriſche Sohn, der ſeine Schranken zerbricht und ent⸗ flieht, alle Freuden erſchoͤpft, alles Elend ertraͤgt, und traurig, leidend und nackt zuruͤckkehrt und ſich an den Buſen des Vaters wirft, deſſen Milde verzeiht, ſegnet und aufrichtet.— Halten Sie ein! Da, trinken Sie dies Glas Zuckerwaſſer! die Periphraſe war lang. Trin⸗ 307 ken Sie, kommen Sie wieder zu Athem und nach Paris zuruͤck.— Es giebt alſo entſchieden kein Mittel, Ihren Ent⸗ ſchluß zu aͤndern? Sie ſind ein grauſamer Mann, gehen Sie! Weil nun Herr Ladvocat darauf beſteht und jeden Vorſchlag verwirft, ſehe ich mich genoͤthigt, meine Herren, Ihnen die Geſchichte, welche ich angefangen, zu Ende zu erzaͤhlen. O mein Gott! es iſt ſehr wenig, eine Kleinigkeit, eine Kinderei, eine taͤglich, ſtuͤndlich, jede Minute vorfallende Begebenheit; Alles, was man ſich nur ganz Gewoͤhnliches vorſtellen kann. Es begab ſich folgendermaßen: Sie erinnern ſich: mein Freund Eugen kleidete ſich an und eilte nach dem Koͤnigsplatze.— Armer alter Platz! Wie wenig gleichſt du dir noch, wie biſt du verfallen! Du biſt wie die Frauen, welche die Galane verlaſſen, wenn die Runzeln kommen: du biſt einſam und veroͤdet! Sie ſind voruͤber, die Tage, wo ſich zu dir Herzoge, Marquis und Grafen draͤngten, pomadirt und ambraduftend, gefaͤllig wie ihre Spitzenjabots, mit geſtickten Kleidern, anmuthig und unverſchaͤmt ſtutzernd, den Federhut unter dem Arm, den Degen an der Huͤfte. uUnd kleine Frauendiener⸗Abbés mit kurzem Kleid und Ueberſchlag und blonder Peruͤcke, wohlriechend wie Rauchpfaͤnnchen. Und herrliche Damen mit wohl ent⸗ bloͤßtem Buſen, mit Reifroͤcken, deren lange Seiden⸗ 308 ſchleppe die Promenade fegte, das Antlitz mit der Sammetmaske verhuͤllt, in der Hand einen zierlichen Spiegel. Sie ſind voruͤber, die Tage, wo ſich hier Leute von Stande in weichen, zartgefaͤrbten, mit Wappen ver⸗ zierten Chaiſen, mit beſchmutztem Pariſer Geſindel kreuzten. Wo Rinon, das treffliche Maͤdchen, hier Hof hielt, Ninon, deren freier adliger Gang die Wittwe Scarron, den koͤniglichen Zieraffen, in ſo hohem Grade verletzte, deren Unfroͤmmigkeit die ſtrenge Sevigné ſo ſehr em⸗ poͤrte. Ach, Frau von Sevigné, Sie ſchonen ſie nicht, die gute Lenclos. Sollte es deswegen ſein, weil ſie Ihren Sohn eine Rindfleiſchſeele, einen Koͤrper von durchnaͤßtem Papier und ein Herz von Kuͤrbis in Schnee aufgeweicht nennt, daß Sie dieſelbe mit ſo wenig Dul⸗ dung behandeln, und nicht aus Liebe zur Religion? denn Sie ſelbſt haben oft genug unter der Predigt ge⸗ lacht und geplaudert.— Mein Freund, werfen Sie ſich doch nicht immer rechts und links wie ein wider⸗ ſpenſtiges Pferd: verfolgen Sie geradeaus Ihren Weg, und beendigen Ihre Erzaͤhlung, wenn es gefaͤllig iſt.— Aber quaͤlen Sie mich doch nicht ſo, ich bitte Sie; ich werde wieder darauf zuruͤckkommen. Chi va piano, va — lontano.— Aber vielleicht iſt Ihnen wohl am we⸗ nigſten daran gelegen, daß ich lontano gehe? Wie ſollt' ich denn nicht von dem traurigen Schickſale dieſes 3⁰9 ungluͤcklichen Koͤnigsplatzes erweicht werden, der ſeine Freuden und Feſte, ſeine Mouchen, ſeine Schminke und ſeine Reifroͤcke verloren hat! Wahrhaftig, Sie koͤnnen gar nicht glauben, wie weh es mir thut, ihn zu ſehen, wie er iſt, und daran zu denken, was er geweſen. Der gute Alte! Er be⸗ ſchaut ſich, wie ein Patient ſeine Glieder betrachtet, welche die Krankheit abgezehrt, das Meſſer und die Lanzette zerſchnitten und zerfetzt hat; er fuͤrchtet ſich vor ſich ſelbſt, ſo unkenntlich iſt er geworden. Ueberall Uebertuͤnchung und Plackwerk, das heißt Herabwuͤrdi⸗ gung und Entſtellung. Wohin man ſich auch wendet, Barbareien. Hier illuminirt ein gemeiner Weinhaͤndler drei bis vier Arkaden mit ſeiner allegoriſchen Farbe; dort ſitzt eine Waͤſche⸗Verkaͤuferin mit Tuͤchern und alten ſchmutzigen Lumpen; rechts eine Inſchrift mit großen Buchſtaben, welche lautet: Oeffentliches Schreiber⸗ Buͤreau, Verſorgung von Dienſtboten und andern Per⸗ ſonen; links ein Schuhflicker mit ſeiner Ausſtellung von Stiefeln und Pantoffeln, und uͤber den Arkaden gelbe und ſchwarze Aushaͤngeſchilder. Germain Brice, der im vorigen Jahrhunderte ſchrieb, hatte wohl Necht. Er ſagt: „Man traͤgt ſo wenig Sorge fuͤr die oͤffentlichen Verſchoͤnerungen von Paris, daß man gar keine Schwie⸗ rigkeit macht, eine Ausſicht oder einen ganzen Platz 310 um das geringe Intereſſe eines Einzelnen zu verderben, wenn er nur bei denen Kredit hat, welche mit der Er⸗ haltung der Monumente beauftragt ſind.“ Wenn ihr hierher kommt, den Kopf ganz voll von großen Namen, von großen Dingen, wie ſchmerzlich werdet ihr uͤberraſcht, zu ſchauen, was ihr ſchaut. Da, wo ihr das ſchoͤne Tournier traͤumtet, welches Maria von Medicis gegeben, und die glaͤnzenden Carouſſels Ludwigs XIV., bewundert aus allen Fenſtern, die, mit ſchoͤnen Damen geziert, einen Blumenkranz um den Platz bildeten, und unten die Menge, und in der Menge, wie eine Roſe im Graſe, die zarte La Vallière; das Alles die Großthaten der Griechen und Roͤmer, der Afrikaner und Perſer beklatſchend,— findet ihr nur einige Kinder, die ſich mit Steinwuͤrfen bekriegen, zum großen Aerger⸗ niß des alten Waͤchters, der nicht mit ihnen fertig wer⸗ den kann; denn ſie laufen davon, indem ſie ihm Schnipp⸗ chen ſchlagen, und da er nicht flink auf den Fuͤßen iſt, muß er ſich darein finden, ihre Beleidigungen von wei⸗ tem hinzunehmen. Der arme Teufel! Zwanzig Jahre verſieht er dieſen Poſten, und man hat nicht daran gedacht, ſein maͤßiges Gehalt von fuͤnfhundert Frau⸗ ken jaͤhrlich zu erhoͤhen. Das iſt miſerabel! Uebrigens weiß er ſehr gut, der liebe Mann, die Geſchichte von Marion Delorme und Cing⸗Mars. „Sie hat, mir nichts dir nichts, den Guͤnſtling von 311 5 dem da geheirathet,“ ſagte er uns, indem er mit ſei⸗ nem Rohre auf die Statue zeigte. Werk der Zeit und der Menſchen! Die Koͤnige ſind lange aus der Mode gekommen, und ihre Feſte auch und ihre ſchoͤnen Namen auch! Die Revolution hat uͤber die großen Familien hin⸗ gehaucht und ihre Wappenſchilder beſpritzt. Sie iſt ge⸗ kommen, die Revolution, welche Alles zerſtoͤrend, Men⸗ ſchen und Dinge, einher rannte; ſie iſt wuͤthend und unſinnig gekommen und hat den edlen Platz mit Art⸗ hieben verſtuͤmmelt. Nieder die Hoſpitaliter! Nieder die reiche Kirche der Minimi! Nieder die Reiterſtatue Ludwigs XIII. Nicht, daß es mir ſehr um den Koͤnig leid thaͤte, das ſchlechte Machwerk des Bildhauers Briard; aber das Pferd! Das Pferd, das nicht fuͤr ihn war, und auf das er ſich geſchwungen, wie auf einem Schlachtfelde ein unberitten gemachter Reiter ein herrnloſes Pferd faͤngt und beſteigt. Die Koͤnigin Katharina von Medicis, ſagt Felibien, hatte nach dem traurigen Tode Heinrichs II. den Sieur Strozzi nach Italien geſchickt, und ihn beauftragt, mit Michel Angelo zu reden, um ein Monument zum Ge⸗ daͤchtniß des ſeligen Koͤnigs, ihres Gemahls, zu errich⸗ ten, und weil Michel Angelo nicht mehr im Stande war, große Arbeiten zu unternehmen, ſo unterhandelten ſie mit Daniel Ricciarelli von Volterra um eine Rei⸗ terſtatue des Koͤnigs. Doch fertigte er nicht ſein ganzes 31² Werk; denn unmittelbar, nachdem er das Pferd voll⸗ endet, ſtarb er, ſieben und funfzig Jahr alt, im Jahre 1566.“ Auf dies Pferd warf Richelieu Ludwig XIII. 1639. O wie ſchoͤn mußte das Pferd Daniels von Volterra ſein! Wie ſchoͤn mußte es ſein! ſagt man bei ſich ſelbſt, wenn man vor der modernen Statue ſteht. Ja, die Revolution hat das Werk begonnen; ſie hat zerſchlagen und umgeſtuͤrzt; aus den Minimi hat ſie Gendarmen gemacht und aus dem Platz einen Ar⸗ tilleriepark. Seitdem hat man wuͤrdig fortgefa ren. Man hat nicht zerſtoͤrt; aber man hat gemacht und machen laſſen. Man hat gemacht: Erſtens ein Baſſin mit einem Strahl als Garbe: dann die ſchlechte Statue, und endlich die vier Baſſins, welche ſo dumm daſtehen, wie Windmuͤhlen ohne Fluͤgel; ſie haben nie Waſſer. Dann hat man machen laſſen: Jeden, was er gewollt hat, in voller Freiheit des Koſtuͤms fuͤr die Haͤuſer wie fuͤr die Individuen. Und die hat man benutzt. Was thut das unse hieß es. Bekleidet ſie, wie ihr wollt, das iſt eure Sache. 8 ch hat man von der Erlaubniß— ſeht nur hin!— l⸗ lem Maße Gebrauch gemacht; ihr findet hier alle Freben der Palette. Das wird ſo fortgehen, bis man ihn ganz und gar umwirft, den Alten von zweihundert und zwanzig Jah⸗ ren. Das wird der Fußtritt des Eſels ſein— wie man, deſſen 313 deſſen ſeid gewiß,— Saint⸗Germain⸗l'Auxerrois ver⸗ nichten wird, aus dem man die Frechheit gehabt, Gott zu verjagen, um einen Maire einzuſetzen, und den Thurm Saint⸗Jacques, um der Straße Ludwig Philipps Platz zu machen. Unterdeſſen erhoͤht ſich der Boden, der ſchon mehrere Fuß verzehrt, und ſpeiſt jedes Jahr ein Stuͤck vom Platze. Wenn er durch ein Wunder noch zweihundert Jahre lebt, wird das erſte Stock zum Erd⸗ geſchoß werden. Troͤſte dich, Alter! einſt wird der Vendomeplatz, den du beneideſt, der geraͤuſchvolle, lebhafte Vendome⸗ platz mit ſeinen Phaetons, ſeinen Tilburys und eng⸗ liſch gebauten Kaleſchen, mit ſeinen Reitern auf ſchoͤ⸗ nen Racepferden und den Jokey's auf ſoliden Kleppern, die nach dem Waͤldchen ziehen, mit ſeinen Spaziergaͤn⸗ gern, den ausgeſuchten Faſhionables von Staub, Wirth, Reblet oder Tobin bekleidet, das Rohr mit dem Gold⸗ knopf in der einen, das Lorgnon in der andern Hand, und ſeinen Spaziergaͤngerinnen, den Frauen von Ton, und galanten Damen, von Kopf zu Fuͤßen in Stoffe von Delille gehuͤllt, die ſich nach den Tuilerien ſchlep⸗ pen,— einſt wird er ſtill und todt ſein, wie du, die Zu⸗ flucht des Philoſophen und Dichters, die den Laͤrm und die Ueberlaͤſtigen fliehen,— der große Platz, wo der Kaiſer ſein Piedeſtal aufgerichtet hat! Einſt wird der Voruͤbergehende, und aus maͤchti⸗ gein Gruͤnden, die hohe Saͤule beklagen, wie ich das . 14 314 Bronzepferd Daniels von Volterra beklage, das man durch eine ungeſchickte Statue erſetzt hat, wo Ludwig XIII. auf einem Pferde, und dieſes wiederum auf einem Baumſtamm reitet. Wenn man das zwiſchen den vier ſpaßhaften waſſerloſen Baſſins ſieht, ſo haͤlt man es fuͤr eine Wetterfahne mit den vier Kardinalpunkten, und erwartet, daß der Wind das Vieh— ich meine das Pferd— auf ſeinem Stuͤtzbalken umdrehen wird. Der Voruͤbergehende— ſei deſſen uͤberzeugt, mein uralter Marquis— wird einſt in der Straße Caſtiglione uͤber das altfraͤnkiſche Koſtuͤm eines Buͤrgers dieſer Ein⸗ oͤde lachen, wie man ſich jetzt uͤber den Anzug des wuͤr⸗ digen Bewohners ausſchuͤtten will, der unter deinen zertruͤmmerten Arkaden dahin ſchreitet, mit ſeinen Tau⸗ benfluͤgeln, den Hut in der Hand— einen dreieckigen, wenn's beliebt— wie das Geſpenſt des achtzehnten Jahrhunderts, das zuruͤckkommt, um zu ſehen, ob noch Alles iſt, wie es daſſelbe verlaſſen hat, ein reſpektables Weſes, das mit Herrn Arouet de Voltaire geſprochen hat, und deſſen Karoſſe gewiß eine Portechaiſe iſt, ein⸗ gefugt und angepaßt dem Geſtell von einem abgeleb⸗ ten Wagen Ludwigs XV. Fort! Alles iſt Ruin! Der Fuß des Menſchen wandelt auf Graͤbern! Stehſt du nicht auf dem Hotel des Tournelles? — Es iſt grauſam, zu altern, ja, und ſeinen Ruhm zu uͤberleben! Es iſt grauſam, zu altern und doch die Erinnerung zu bewahren, die Augen zu ſchließen und, ſich jung machend, mit ſich ſelbſt zu plaudern und ganz leiſe vor ſich hin zu ſagen: La Tremouille Lavardin, de Grignau, Dange Fontanges, d'Eſtrees, Condé, Lau⸗ zun, Racine, Ninon, Benſerade, Monteſpan. Ha! Fackeln, Traͤger, Lakaien, Karoſſen! Alle ſchoͤnen Leute auf der Straße! Iſt heut Abend Con⸗ cert in der Straße des Parks; wird man tanzen im Hotel Carnavalet? Oder gehen ſie zur Vorſtellung von Georges Dandin, der Poſſe des Schauſpielers Mo⸗ liere? Iſt das nicht der Herr von la Rochefoucauld in der Kutſche mit ſeinem Freunde Marſillac? Seht! da kommt Herr von Pomponne, der zur Frau von Sevigné eilt; Sie gehen umſonſt, denn ſie iſt eben mit Frau von Chaulnes im Hotel Sully, um la Voiſin nach dem Greveplatze vorbeigehen zu ſehen. — Und tauſend andre Dinge. O, wenn er dann die Augen oͤffnet und um ſich ſchaut, dann weint er! Er wird unwillig, daß im Ho⸗ ztel Richelieu, dem man eine kleine, in Bronze gemalte Thuͤre aufgeheftet, wie einen ſchwarzen Tuchflicken auf eine Nankinghoſe, Herr Paſton, Profeſſor der Guitarre, den bewundernswerthen, goldſtrahlenden, chineſiſchen Saal— das erhaltenſte Stuͤck des ganzen Platzes— von den magern Accorden ſeines Inſtruments ertoͤnen laͤßt; er wird unwillig, daß ſich die Mairie des achten Bezirks mit ihrer Fahne auf dem Hotel Villedeuil 14* 316 blaͤht, unwillig, das Hotel d'Aligre als maison garnie, das Hotel Rohan faſt leer zu ſehen, und an einem ſei⸗ ner Winkel zwei ſeltſame Pfoͤrtlein zu erblicken, daß jeder Voruͤbergehende gleich ſagt: Maͤnnerſeite, Frauen⸗ ſeite!— und das iſt ein Eingang zum großen Hotel Sully! Und ganz dicht dabei einen Schuppen, der ſeine Arkaden beſchwert, die Wohnung eines Kuͤnſtlers, der zugleich oͤffentlicher Schreiber und Schuhflicker iſt, der Liebesbriefe ſchreibt und Stiefeln beſohlt, Kuͤchenrech⸗ nungen aufſetzt und Vorſchuhe macht, Petitionen an die Miniſter entwirft und aufgetrennte Pantoffeln ausbeſ⸗ ſert,— und an der Stelle des Hoſpitaliter Herrn Tho⸗ mas, Weinhaͤndler en gros. Er haßt, glaube ich, von ganzer Seele Herrn Soupot, der eine Zuckerſiederei im Hotel Breteuil angelegt, wo Le Brun eine Decke gemalt hat; Herrn Beſſon, Herrn Moreau, den Cen⸗ ſor an der Bank, Herrn Duval, dem das Hotel Ro⸗ trou gehoͤrt, Herrn Bellangé und Madam Lecuyer. O, wenn er koͤnnte, wuͤrde er alle dieſe Namen ohne Per⸗ gamente, ohne Folioperuͤcken, ohne Neifroͤcke erwuͤr⸗ gen; kaum drei oder vier große Namen faͤnden Gnade vor ihm, wie Herr von Chezelles, der Graf Portalis und Victor Hugo, der ſich ihm gegenuͤber mit ſeinen reichen Erinnerungen in das Hotel Guemenee geſetzt. — Warum hat auch das dumme Pariſer Volk nicht Herrn Duquesnoi gewaͤhren laſſen! dann wuͤrdeſt du nicht deine gefallene Groͤße beweinen, o Koͤnigsplatz! 317 Aber es iſt ſo buͤrgerlich, ſo antipoetiſch! Es hat Alles verdorben mit ſeinen beſchraͤnkten kleinlichen Ideen. Wahrhaftig! es war ein bewundernswuͤrdiger Gedanke, obgleich eine ſchwache Kopie der Feuersbrunſt zu Rom, es war eine edle wuͤrdige Art, eine tuͤchtige Faſt⸗ nachtsorgie zu kroͤnen, wenn man am Koͤnigsplatze Feuer anlegte. Armes Volk! das du ſo die Schauſpiele liebſt, du weißt nicht, was du durch dein Ungeſchick verloren haſt. Ach ja! das waͤre ein ſchoͤnes Schauſpiel gewe⸗ ſen! Seht alle die Haͤuſer mit ihren hohen Bedachun⸗ gen furchtbar krachend zuſammenſtuͤrzen; hoͤret all' das Toben, das unheimliche Krachen, das furchtbare Ge⸗ heul, das erſtickte Geſchrei der zuſammengedraͤngten, halbverzehrten, ſterbenden Leute und das Praſſeln des Feuers, das ſich in langen Pyramiden durch die Dunkel⸗ heit der Nacht fortwaͤlzt, und die Sturmglocke, die ſpringt, wie ein Toller in ſeinem Kaͤfig! Seht, ſeht die Flamme vom Nachtwinde gejagt, zuͤgellos durch dicke Rauch⸗ wirbel uͤber Balken und Truͤmmer, Leichen und gluͤ⸗ hende Mauern rennen, und in ihrem Lauf eine betaͤubte Menge verzehren. Und dort unten Maͤnner und Frauen, vor Schwelgerei und Trunkenheit zitternd, wahre In⸗ cuben und Succuben, ſie ſingen, tanzen, winden ſich vor Wolluſt und... wohin gedenken Sie auf dieſe Weiſe zu kommen? machen Sie ein Ende, ich beſchwoͤre Sie!— Ich hoffte Sie einzuſchlaͤfern, und war dann 318. G natuͤrlich des Reſtes uͤberhoben; aber Nichts gelingt mir. Wohlan, guten Muth im Ungluͤck! Ich eile.— In den erſten Tagen des vergangenen Auguſt war ich in meinem Salon des Koͤnigsplatzes; ein koͤſtlicher Salon, der euch ungefaͤhr denſelben Ein⸗ druck gemacht haͤtte, wie ein Mann, den ihr im Kleide à la Louis XIV. und der Peruͤcke, mit einem moder⸗ nen Hute, eng anſchließenden Pantalons, ſchwarzſeide⸗ nen Struͤmpfen und gewichſten Schuhen ſaͤhet. In den Ecken des Plafonds gruppirten ſich— und gruppen ſich ohne Zweifel noch grauſame Liebesgoͤtter mit roͤmiſchen Panzern bedeckt, welche ihr ſiegendes Geſchoß boshafter Weiſe gegen eine junge Dame rich⸗ ten, die im Mittelpunkte vor einer Toilette ſaß und ſich mit Ziererei eine einfache Roſe in ihren gepuderten Chignon ſteckte; aus dieſem Chignon ragte der Ring hervor, an dem der Kronleuchter hing. Auf vier Fel⸗ dern von grauem Holz, mit vergoldeten Leiſten, wieder⸗ . um Genien, welche die Aſtronomie, Bildhauerkunſt, Geometrie und Malerei vorſtellten. Es war unmoͤg⸗ 8 lich, ſich darin zu irren. Der eine hatte das ganze Geſicht in die Muͤndung eines langen, gen Himmel gerichteten Fernrohrs geſteckt; ein andrer zeichnete Tri⸗ angel von allen Arten in den Sand, rechtwinklige, gleichſeitige, gleichſchenklige u. ſ. w., waͤhrend ſein Nach⸗ bar mit Meißel und Hammer einen Marmorblock ver⸗ ſtuͤmmelte. Aber der galanteſte war der Genius der 7 319 Malerei, genan Deecamps Maleraffe, den ihr kennt— und dann, zu dem Allen recht paſſend: ein reicher Tep⸗ pich von Mocade, mit tuͤrkiſchem Muſter, Moͤbel von Leſage und Vervelle, Gueridon in Lack, großer acht⸗ eckiger Acajoutiſch, eine Chaiſe⸗longue in Palivandre⸗ holz, Pianoforte von Pleyel, und Conſoles mit engli⸗ ſchen und chineſiſchen Geſchirren beſetzt. Ich druͤckte eine junge Frau in meine Arme, ſie war troſtlos, ich mußte fort, und nahm Abſchied; da gab es Thraͤnen, Bitten, Betheurungen der Liebe und Schwuͤre der Treue. 6 Ihr haͤttet geglaubt, ſie muͤßte eben In einer Stunde den Geiſt aufgeben! Doch blieb ſie am Leben! und ich erhielt ruͤhrende Briefe von ihr, ich ſchwoͤre es euch, ſehr zaͤrtliche, lei⸗ denſchaftliche Briefe; die trauernde Geliebte langweilte ſich ſo ſehr, von mir entfernt, ſie zaͤhlte die Tage mit Ungeduld, und brachte ſie in Kummer und Einſamkeit zu. So haͤtte Penelope an ihren theuren Ulyſſes ge⸗ ſchrieben, wenn ſie an ihn haͤtte koͤnnen poste restante Briefe richten. Ich las ſie gluͤcklich und ſtolz,⸗ ruͤckte mir vor dem Spiegel die Halsbinde zurecht, und ſprach bei mir ſelbſt: Ich begreife, daß ſie mich liebt, die theure Eliſa! Theure Eliſa! Kurz nach meiner Abreiſe hatte die Schaͤndliche das mit Fris parfuͤmirte Billet geſchrieben, von dem ihr wißt, daß es Eugen erhalten. 320 Ich muß freilich zu ihrem Lobe ſagen, daß ſie funf⸗ zehn Tage widerſtanden; aber ach! die Sonne ſtand meinetwegen nicht ſtill, wie fuͤr Joſua, ſie ſank, nach ihrer alten Gewohnheit, friedlich in die Wellen, und das Morgenroth des ſechszehnten Tages erglomm rein und leuchtend. Der Himmel verdunkelte ſich nicht im Geringſten, es rollte kein Donner, man hoͤrte kein Wehgeheul in den Luͤften; der Tag war wunderſchoͤn, koͤſtlich. Es war ein Sonntag. Ganz Paris war außer⸗ halb, bis auf— meines Wiſſens— Eugen und Eliſa. Sie hatten die Hitze und den Staub geſcheut, und ver⸗ kehrten auf einer Ottomane, hinter einem weißtaftenen Vorhange gegen die Sonnengluth, welcher nur eine mildbleiche Helle in das Gemach einließ. An demſelben Sonntag um drei Uhr hatten die Frommen aus Honfleur, welche nach der huͤbſchen Ka⸗ pelle Notre⸗Dame de Grace beten gehen, Gelegenheit, mich am Fuße des großen, die Kuͤſte beherrſchenden, Krucifixes, vor dem kein Seefahrer das Kreuz vergißt, ſitzen zu ſehen; und ihr, meine Leſer, ſeht mich aus eurem Kabinet. Ihr ſeht mich auf dem Gipfel des maleriſchen Huͤgels ſitzen und raſch einen eben erhalte⸗ nen Brief durchfliegen, einen Brief, klagend und liebe⸗ voll, wie die andern, und Mr. Strom, ein junger, mir befreundeter Englaͤnder, dem ich ihm in meinem Stolze zeigte, ſagte, von dem Erdwall aufſtehend, wo wir ge⸗ 321 legen: By God! you are an happy fellow! Weiß Gott! er irrte ſich nicht, denn zu derſelben Stunde— Und das findet nun Herr Ladvoeat, ein vernuͤnfti⸗ ger Mann, deſſen Haare ſchon grau werden, ſo ſpaß⸗ haft! das bringt ihn zum Lachen, daß er Thraͤnen ver⸗ gießt; hat er denn ſonſt keine Gelegenheit zu weinen? Zu derſelben Stunde ſaß Eliſa, die Augen zum Plafond gerichtet, in Extaſe von den kleinen niedlichen Liebesgoͤttern, welche ſich ſo anmuthig darſtellen, und ſagte mit gedaͤmpfter Stimme, wie eine Traͤumende, ich weiß nicht warum: Ach! das ſchoͤne Billet hat nun— Arnold d'A⸗Coſta. Das Medaillenkabinet. — Ein Diebſtahl, den ich mich nicht ſcheue, ein Saeri⸗ legium zu nennen, hat alle Augen auf das Medaillen⸗ kabinet der koͤniglichen Bibliothek gerichtet. Das Publi⸗ kum hat Reichthuͤmer beklagt, die es nicht kannte, die wenig Perſonen zu wuͤrdigen faͤhig ſind; aber ein pa⸗ triotiſcher Inſtinkt, eine Liebe zum Nationaleigenthum hat Jedermann glauben gemacht, daß er einen indivi⸗ duellen Verluſt erlitten, und der allgemeine Unwille hat ſich gegen die Entwender dieſes Schatzes erhoben. Schon 1804 iſt ein ſolcher Diebſtahl vorgefallen, die koſt⸗ baren Gegenſtaͤnde ſind wiedergefunden, die Thaͤter be⸗ ſtraft worden, doch hat dieſe Lehre die neuen Uebel⸗ thaͤter nicht abgeſchreckt. Die ſtrengſten und verſtaͤn⸗ digſten Vorſichtsmaßregeln ſichern gegenwaͤrtig das Medaillenkabinet gegen jeden Verſuch dieſer Art. — 323 6 Es wird vielleicht nicht unnuͤtz ſein, das Publikum zu belehren, daß der Verluſt, den man erlitten hat, ſo groß er auch ſein mag, es doch nicht in dem Maße iſt, als man wohl glauben konnte, daß er nicht uner⸗ ſetzlich iſt, daß er keine Luͤcke in den Erforderniſſen der Kunſt und Wiſeeſchaft laͤßt, und daß endlich, was das Medaillenkabinet verloren hat, nicht der hundertſte Theil von dem iſt, was es noch beſitzt. In der That ſind zweitauſend antike Medaillen durch den Schmelz⸗ tiegel wieder zu Metall geworden; aber dieſe Stuͤcke, gezeichnet, geſtochen, erklaͤrt, in mehrern Werken publi⸗ eirt, koͤnnen denen, welche ſie befragen wollen, noch alle Belege geben, deren ihre Unterſuchungen beduͤrfen. Ueberdem erxiſtiren ſie auch noch materiell in mehrern offentlichen und Privat⸗Sammlungen, und mit der Zeit kann Alles, bis auf die ſeltenſten Stuͤcke, wieder erſetzt werden und die Tafeln des Medaillenſchatzes von Frank⸗ reich fuͤllen. Die modernen Stuͤcke darf man nur we⸗ gen des Metallwerthes beklagen, weil alle Stempel noch in der Medaillenmuͤnze vorhanden ſind. Was die antiken betrifft, ſo gehoͤrten faſt alle die geſtohlenen zu der Sammlung der roͤmiſchen Kaiſer. Dieſe Goldmedaillen zeigten die Koͤpfe der Caͤſaren und Kaiſerinnen von Pompeius bis zum letzten orientaliſchen Kaiſer. Es waren dreitauſend Goldſtuͤcke; die Samm⸗ lung iſt bis auf ein Drittel zuruͤckgebracht; aher es be⸗ ſteht noch dieſelbe Folge in Silber, dann in Groß⸗ ———— 4 324 Bronze, in Mittel⸗Bronze und noch in Klein⸗Bronze. Es iſt noch eine andre Folge vorhanden, deren unge⸗ meines Intereſſe bei weitem den Metallwerth uͤberſteigt: das iſt die der Voͤlker, Staͤdte und Koͤnige der ganzen, den Alten bekannten Welt, eine Folge von noch an ſechszigtauſend Stuͤcken aus jedem Metall. Das Me⸗ daillenkabinet umfaßt noch funfzigtauſend Stuͤcke aus der neuen Geſchichte aller Voͤlker; die Geſchichte von Frankreich nimmt darin einen wichtigen Platz ein. Vielleicht mag dieſer Artikel den Leſern dieſer Sammlung, wo ſo viel geiſtreich ſpottende Seiten glaͤnzen, uͤber Dinge, welche allen Geiſtern naͤher liegen, recht froſtig erſcheinen; aber dies Buch iſt nicht verdammt, rein frivol zu ſein, und einige belehrende Zeilen werden nicht alle Abonnenten verſcheuchen. Frankreich befindet ſich noch nicht auf dem Punkte, wo alles Weiſe und Nuͤtzliche aus ſeiner Litteratur verhannt iſt.. Das Medaillenkabinet kann einen Augenblick die Aufmerkſamkeit der neugierigen Leſer feſſeln, wie es die aller Reiſenden anzieht, welche unſere große Stadt beſuchen. 1 Unter den Gegenſtaͤnden, von denen man Samm⸗ lungen anlegt, als: Buͤcher, Manuſeripte, Kupferſtiche, Gemaͤlde, geſchnittene Steine, Bronzen, Vaſen, Con⸗ chylien, Mineralien, Inſekten, Voͤgel und dergl., muß man auch den Medaillen einen Platz anweiſen. Sie 325 ſind merkwuͤrdig, weil ſie den Geſchmack fuͤr Belehrung und auch den fuͤr die Kunſt befriedigen und zugleich den Augen und dem Geiſte wohlgefaͤllig ſind.— Es giebt keinen Herrſcher, der nicht ein Medaillen⸗ kabinet beſaͤße, und viele reiche Privatleute benutzen die Muße ihrer Studien, eins zu bilden, und widmen ihm Summen, welche Andere in leichtfertigen Ausgaben und zierlichen Nutzloſigkeiten verſchwenden. Der Geſchmack an Medaillen iſt nicht neu in Frankreich; der Erſte, der eine Sammlung der Art anlegte, iſt der gelehrte Budé, bekannt durch ſeine Ab⸗ handlung uͤber das As und ſeine Theile, welche 1514 herauskam. Jean Grollier, ſein Freund, Schatzmeiſter der fran⸗ zoͤſiſchen Heere in Italien, hatte denſelben Geſchmack, und bildete auch eine zahlreiche Sammlung, welche nach ſeinem Tode mit der des Koͤnigs Karl IX. ver⸗ einigt wurde. Dieſer Fuͤrſt, der in ſeiner Jugend den Studien obgelegen und ſich als Liebhaber des Alter⸗ thums gezeigt hatte, ſammelte antike Medaillen, welche er mit den verſchiedenartigen Denkmaͤlern vereinigte, die Franz I. und Heinreich II. zuſammengebracht hatten. Bis auf dieſen Zeitraum muß man alſo den Urſprung des Medaillenkabinets zuruͤckſetzen, das ſeitdem von ſo viel Herrſchern bereichert, von ſo viel gelehrten Maͤn⸗ nern verherrlicht worden iſt. Das Wort Medaillen bezeichnet Muͤnzen, welche 326 ſeit dem Urſprunge der Muͤnzkunſt geſchlagen worden ſind, das heißt, ſeit 2726 Jahren, nach der Marmor⸗ chronik der Inſel Paros. Die aͤlteſten dieſer Muͤnzen, nachdem ſie zum Han⸗ del und zu den Beduͤrfniſſen des Lebens gedient, haben zerſtreut, verloren, von Geizigen verſcharrt, mit Tod⸗ ten begraben, ſieben und zwanzig Jahrhunderte uͤber⸗ dauert, und wir ſind gewiß, einige Stuͤcke zu beſitzen, welche ſich vom Urſprunge der Muͤnzkunſt ſelbſt her⸗ ſchreiben. Die antiken Medaillen ſind der Reichthum der Voͤlker und Herrſcher geweſen; ihr Conventions⸗ werth exiſtirt nicht mehr, aber die Merkwuͤrdigkeit, das hiſtoriſche Intereſſe, die Schoͤnheit der Arbeit geben ihnen einen andern Werth in den Augen des Kuͤnſtlers, des Gelehrten und des Weltmenſchen: denn man iſt geneigt, dem, was Jahrhunderte uͤberlebt, eine Ver⸗ ehrung zu weihen; Truͤmmer intereſſiren, wenn ſie das Gepraͤge ehrwuͤrdigen Alterthums tragen; man beruͤhrt „mit Ehrfurcht eine Muͤnze, welche vielleicht durch die Haͤnde von Sokrates oder Perikles gegangen iſt, man betrachtet andaͤchtig die Zuͤge Alexanders, Caͤſar's, Ana⸗ kreons, Hippokrates, welche durch die Zeitgenoſſen jener beruͤhmten Maͤnner gebildet und uns durch alle Jahr⸗ hunderte vererbt worden ſind, trotz der verheerenden Landplagen, der Kriege, der ſtuͤrzenden Reiche und der umwaͤlzungen des Erdballs. Das Medaillenkabinet ver⸗ einigt und klaſſifteirt methodiſch alle dieſe Bildniſſe in 327 den Faͤchern ſeiner Schraͤnke. Hier ſind alle die Koͤnige und großen Maͤnner, welche Aufſehen in der Welt ge⸗ macht haben, nach der Schnur der Gleichheit gereiht wie im Grabe. Ihr Platz iſt ihnen durch die Chrono⸗ logie angewieſen, und die Stille ihres Aufenthalts wird nur durch den Forſcher geſtoͤrt, der die Tafel vor ſich hinlegt, wo ſo viel Fuͤrſten ruhen, deren Muͤnzen nur noch unter den Liebhabern der Numismatik in Cours ſind. Unſre neue Geſchichte iſt auch da in einigen Faͤ⸗ chern, welche nach der großen Regierung Ludwigs XIV. und der noch reichen Ludwigs XV. uns die kurze koͤnig⸗ liche Laufbahn Ludwigs XVI. zeigen, das blutige Inter⸗ regnum der Revolution, die glaͤnzende Periode Napo⸗ leons und des franzoͤſiſchen Kaiſerreichs, dann die Ruͤck⸗ kehr Ludwigs XVIII. und die Thronbeſteigung Karls X. Eine Medaille mit einer Julikugel geſchlagen, endigt dieſe kurze Regierung und macht den Uebergang zu der Ludwig Philipps, in welche ein Liebhaber die verſtoh⸗ len ausgeſtreuten Stuͤcke des Praͤtendenten Heinrichs V. als eine Epiſode des gegenwaͤrtigen Dramas einſchal⸗ ten kann. Mehr als hundert zwanzigtauſend Stuͤcke in Gold, Silber und Bronze machen den Reichthum des Me⸗ daillenkabinets aus. 4 Eine methodiſche Klaſſification bildet aus dieſer ungeheuern Sammlung eine Art Buch, in dem man 328 die verfloſſenen Jahehunderte nachleſen kann; ein Mu⸗ ſeum, wo man die Geſtalten der Goͤtter, der Helden und beruͤhmten Maͤnner ſehen kann; eine gewaltige Landkarte, wo ſich die den Alten bekannten Gegenden aufrollen; ein Rituale der Apotheoſen, der Opfer, der Spiele, der Feſte, der Ceremonien des Kultus aller Re⸗ ligionen; eine chronologiſche Tabelle der verſchiedenen Zeitrechnungen aller Voͤlker, geeignet, die Irrthuͤmer der Geſchichtſchreiber zu berichtigen; ein ſynoptiſches Bild, wo die Geburt der Kunſt, ihr ſtufenweiſer Gang, ihre Fortſchritte, ihr Verfall und ihre Wiedergeburt unſern erſtaunten Blicken auffallen; ein Woͤrterbuch, wo alle Sprachen der Welt eingeſchrieben, alle Schrift⸗ zeichen eingegraben ſind. Beſchaͤftigt man ſich mit der Geſchichte der Reli⸗ gionen,— ſo ſieht man auf den Medaillen die verſchie⸗ denen Gottheiten mit ihren beſondern Attributen und Beinamen, die Geraͤthe und Ceremonien ihres Kultus, die Tracht der Prieſter, kurz Alles, was ſich auf die Re⸗ ligionsgebraͤuche bezieht. Fuͤr die buͤrgerliche und Kriegsgeſchichte findet man wirkliche oder allegoriſche Darſtellungen der Begeben⸗ heiten; ſie beſtimmen ihre Epoche auf eine ſichere Art. Sie liefern die Namen und Titel der Fuͤrſten und Obrig⸗ keiten, und zeigen ihre treuen Bildniſſe. Fuͤr die Geographie zeigen die Medaillen die Na⸗ 329 men von Provinzen, Staͤdten und Gemeinweſen an, deren Daſein man ſonſt nicht kennen wuͤrde. Fuͤr die Kunſtgeſchichte findet man Darſtellungen von beruͤhmten Monumenten, welche theils noch vorhan⸗ den, theils durch die Zeit zerſtoͤrt ſind. Man kann ſich daraus eine Idee von dem verſchiedenen Styl verſchie⸗ dener Zeitraͤume entnehmen, den Gang der Kunſt bei den gebildetſten Voͤlkern verfolgen und ſie bei den Bar⸗ baren ſtehen bleiben ſehen. Wenn die alten Autoren die Denknaͤler erlaͤutern⸗ ſo erlaͤutern wiederum die Denkmaͤler die alten Auto⸗ ren. Die erſten erzaͤhlen das Faktum, die andern geben davon ein Bild. Die ganze Mythologie lebt und athmet in der Nu⸗ mismatik. Die Gotter erſcheinen uns auf dem Metall, das ihnen geheiligt war, jede Gegend hat uns den ſei⸗ nigen bewahrt. Athen zeigt uns ſeine Minerva, wie ſie Phidias geformt; Kreta, Jupiters Wiege, bietet ſei⸗ nen Gott unſrer Huldigung; Apollo haͤlt noch ſeine Lyra in jenem Delphi, das er mit ſeinen Orakelſpruͤ⸗ chen fuͤllte, und der Tempel zu Epheſus hat aus ſeinen Ruinen die Diana entrinnen ſehen, welche die Medail⸗ len auf uns uͤbertragen. In dem Schranke, der dieſe Produkte des antiken Praͤgſtocks umſchließt, finden ſich die großen Gotter des Olymp noch vereinigt, wie zur Zeit Homer's, und die zahlreichen Gottheiten, mit denen die lachende Ein⸗ 14* 330 bildungskraft der Griechen die Welt bevoͤlkert, leben wieder auf vor den Augen des Alterthuͤmlers, der im Schooße ſeiner poetiſchen Studien eine Art Goͤtzendienſt treibt, der nicht reizlos iſt.— Dieſe kurze Ueberſicht kann eine Idee geben, was ein Medalllenkabinet iſt. Seine Klaſſifikation gehoͤrt in ein ſpecielles Werk; wir ſprechen hier nur zu der oberflaͤchlichen Neugier, welche raſch fragt, und will, daß man ihr eben ſo antworte, wenn ſie die Antwort anhoͤren ſoll. ttE i4 Noch ſei bemerkt, daß große Genies und Schoͤn⸗ geiſter die Medaillen geliebt und geſammelt, daß die Mediceer in Italien, Franz I., Heinrich IV. in Frank⸗ reich daraus einen Gegenſtand leidenſchaftlicher Nach⸗ forſchungen gemacht haben, daß Ludwig XIV. der Be⸗ reicherung des Kabinets von Frankreich betraͤcht⸗ liche Summen geweiht, indem er beruͤhmt gewordene Reiſende in alle Welt ſchickte, unter die man Nointel, Paul Lucas, Vaillant und viele Andere zaͤhlt. Einer der erſten Medaillenſammler iſt jener Petrarea⸗ der ſo beruͤhmt durch ſeine Liebespoeſie geworden. Einer der beruͤhmteſten Aufſeher des Medaillenka⸗ binets iſt jener Abbé Barthelemy, der anmuthige Schrift⸗ ſteller, deſſen Reiſe des jungen Anacharſis alle Welt geleſen hat. Ich werde nicht mehr von zweihundert Namen ſa⸗ gen, deren Nomenklatur nur uns Numismatiker inter⸗ 331 eſſtren kann. Wenn ich in dieſe hiſtoriſchen Detnils einginge, ſo koͤnnte ich euch den Sieur de Bagarris anfuͤhren, der unter dem Titel: Cimeliarch, zur Zeit Heinrich's IV. der erſte Aufſeher des Medaillenka⸗ binets war; ich wuͤrde euch den Abbé Bruneau nen⸗ nen, der im Louvre 1664 bei dieſem koſtbaren Schatze ermordet worden iſt; ich wuͤrde euch Colbert zeigen, wie er das Kabinet auf der Arkade und in der Straße bauen laͤßt, die heut ſeinen Namen traͤgt; ich wuͤrde die Nachfolger Barthelemy's anfuͤhren, unter denen man den fleißigen Millin bemerken muß. Ich wuͤrde aber bei den lebenden Namen ſtehen bleiben; es kommt mir nicht zu, von meinen Mitarbeitern zu ſprechen, die Freundſchaft wuͤrde mein Lob verdaͤchtig machen. Jedenfalls aber wird mir erlaubt ſein, indem ich von einem Studium ſpreche, das ſieben und dreißig Jahre meines Lebens beſchaͤftigt hat, zu verſichern, daß Nie⸗ mand vollkommen litterariſch gebildet ſein kann, der nicht einen kleinen Begriff von dieſer Wiſſenſchaft hat, welche die Schweſter von allen denen iſt, die dem Geiſte zur Zierde gereichen, und ſo angenehme Stunden in Betrachtung der vergangenen Zeiten, in wohlthuender Erinnerung vergehen laͤßt. Was Cicero vom Studium der Wiſeenſchaften ſagt, in ſeiner Rede fuͤr Archias, kann trefflich auf das Stu⸗ dium der Numismatik angewandt werden:„Es bildet die Jugend, erfreut das Alter, traͤgt zum Gluͤcke bei⸗ iſt eine Zuflucht und ein Troſt in Widerwaͤrtigkeiten, entzuͤckt uns in unſerm Hauſe, ſtoͤrt uns nicht außer⸗ halb, beſchaͤftigt unſre Nachtwachen und folgt uns auf Reiſen und zum laͤndlichen Aufenthalt.“. Ich ſchließe dieſe Ueberſicht mit ein paar Verſen von Pope, aus ſeiner Epiſtel an Addiſon, die ich zu uͤberſetzen verſucht habe. Er ſagt von den Medaillen: Es hat der Nachruhm ſie zu Boten uns geſandt Aus laͤngſtverfloſſ'ner Zeit, von unbekanntem Strand. Ihr kurzgefaßtes Bild giebt uns zugleich zu ſehn, Wer weiſ' und heldenſtark, wer Hensſcheradn und n. Dumerſan. Das ehemalige Kapnzinerkloſter in Paris. — Erinnerungen aus dem Atelier eines Malers. Er nahm ſeine Handſchuh und ſeinen Hut ſo eilig, daß er ſchon weit entfernt war, als eine elegante duf⸗ tende Dame eintrat, lachend wie eine Unſinnige, den Staub und Kalk abſchuͤttelnd, mit dem ihre huͤbſchen Lilaſchuh bedeckt waren, und ſich zu dieſem Zweck auf die Schulter des Herrn Barbier ſtuͤtzend, der in ſeiner Quaglitaͤt als Buckliger ſeine Schulter genau in der Hoͤhe des weißen runden Elnbogens trug, welchen ein langer, weicher, glatter Handſchuh bis auf den halben Arm dieſer kleinen Modegdttin unbedeckt ließ.—„Der gute Herr Barbier, wie liebenswuͤrdig er iſt! ſagte ſie, mit ihrem ganzen Koͤrper auf dem kleinen ſchwanken⸗ den Manne laſtend, der unter der froͤhlichen Egoiſtin laͤchelte. Ich bete die Menſchen ſeiner Taille an; das ——— —— iſt eine Bequemlichkeit! Vielen Dank, guter Herr Barbier!“ fuhr ſie fort, indem ſie das leichte geſtickte Schnupftuch, mit dem ſie ſich den Staub von den Fuͤ⸗ ßen ſchlug, bis in ſein Geſicht fliegen ließ. — Es iſt ein Schmetterling! ſagte Herr Barbier, ſeinen Schulterſchmerz verbeißend. Der Maler ſah ihnen zu; ſeine Nichte, einen Pinſel in der Hand, dachte insgeheim an das raſche Fortgehen des jungen Mannes. — Ach! Herr Leonard! wie muß man Sie lie⸗ ben, rief die junge Dame, um dieſe Fluth von zerbro⸗ chenen Mauerſteinen zu durchſchwimmen! Ich habe geglaubt mich todt zu lachen unter den drohenden Rui⸗ nen, wo Herr Barbier beinahe unterging und verſchwand, um mir einen Weg zu bahnen. Ich erkannte ihn gar nicht mehr; bald hielt ich ihn fuͤr einen Schutthaufen, bald wieder eine eingefallene Mauer fuͤr ihn. Gott! welches gefahrvolle Abenteuer! es iſt wie ein Melo⸗ drama.“ und nachdem ſie laut uͤber dieſe Gefahr ge⸗ lacht, fuͤgte ſie hinzu:„Herr Leonard, wann verlaſ⸗ ſen Sie dieſe Schreckniß?“. — Sobald man daraus die ſchoͤnſte Straße von Paris gemacht haben wird, Madame. Bis dahin werde ich meine Zelle behalten, wie Girodet, betonte er mit etwas Stolz. —„Ja wohl Zelle! verſetzte Madame Germeau; 33⁵ es iſt eine Thebais hier, und der kleine ernſthafte En⸗ gel muß tiefen Betrachtungen nachhaͤngen! — Die huͤbſchen Blumen! ſagte das junge Maͤd⸗ chen, ſich ihrer Zerſtreutheit ſchaͤmend, indem ſie aus den Haͤnden der Madame Germeau den koͤſtlichen, mit Blonden garnirten Hut empfing, den ſie eben aufge⸗ bunden.. — Sie ſehen, Madame, ſie macht alle Betrachtun⸗ gen ihres Alters und Geſchlechts, bemerkte der Maler. Ja, ja! ſagte Herr Barbier fein, ihres Geſchlechts! Man muß immer wieder auf das Lied zuruͤckkommen: Ohne Hund—„und Schaͤferſtab; nicht wahr, guter Herr Barbierk rief Madame Germeau lebhaft, weil ſie fuͤrchtete, er moͤchte ſingen. Um Alles in der Welt, kommen Sie zu Athem, armer Freund! Sie ſind nicht bei Stimme, und koͤnnen uns das aufſparen, um unſre Sitzungen zu erheitern; denn ich komme, mich malen zu laſſen, Herr Leonard, fuhr ſie zu dieſem gewendet fort; ſehen Sie! und ſie ſetzte ſich zurecht mit dem grazidſen Bewußtſein des ausgezeichnetſten Anzuges neueſter Schoͤpfung. Gefaͤllt Ihnen dieſe Stellung, Herr Leonard?“ — Sie iſt vielleicht zu gut, erwiederte der Maler, denn ſie iſt etwas beſſer, als Natur, und ohne Sie im voraus zu derangiren, werden wir etwas ſinden, das Sie weniger ermuͤden wird!—„Es iſt aber meine Lieb⸗ lingsattituͤde, Herr Leonard, und eine gewohnte Hal⸗ 336— tung iſt ein Zug der Aehnlichkeit und Phyſiognomie, nicht wahr? Man muß ſagen, noch ehe man das Ge⸗ ſicht geſehen hat: Ah! wie iſt ſie das ſelbſt! wie ich geſagt habe, als ich meine Couſine Irma in Roſa ge⸗ kleidet erblickte, immer in Roſa, meine Couſine Irma.“ — Wir wollen es verſuchen, antwortete der Maler munter, denn es waͤre recht Schade, wenn man Sie nicht erkennte. Was meinſt Du, Kleine?— Ganz gewiß, Onkel, ſagte die Nichte, auf gut Gluͤck— ſie zaͤhlte ergriffen im Wiederhalle des langen Corridors Schritte, welche ſie zu erkennen glaubte. Wirklich klopfte man faſt zu gleicher Zeit, und er war es, der, als ſie die Thuͤre oͤffnete, ehrfurchtsvoll vor ihr ſtehen blieb, ohne einzutreten. — Ein Wort mit Herrn Leonard, wenn er es hd⸗ ren kann, Mademoiſelle?— Treten Sie nicht naͤher? fragte ſie ſchuͤchtern.— Er verbeugte ſich und wartete. — Man will zu Ihnen, Onkel!— Sie wußte nicht, was ſie von einem Traͤger denken ſollte, der unter der Laſt einer Statue gekruͤmmt, Jorick's Befehle zu er⸗ warten ſchien. 5* — Ich begehre von Ihnen ein Aſyl fuͤr dieſe kleine Diana, ſagte er zu dem Maler, der erſtaunt vor ihm ſtand. 1 — Aſyl fuͤr Sie und Ihre Freunde, mein Herr, er⸗ wiederte er endlich. Sie wiſſen, wie wir hier Platz machen, wenn es zu eng zugeht— Sie muß einen un⸗ an⸗ 337 antaſtbaren Platz erhalten, verſetzte der Juͤngling. Denn ſie wird ſich hier zu wohl befinden, um Sie jemals zu verlaſſen, und Sie werden mir erlauben, ihr einen Saͤu⸗ lenſchaft, ihr Piedeſtal, wieder zu geben, um ſie aufzu⸗ richten und zu ſtuͤtzen; es hat mit ihr die Reiſe von Rom gemacht.— Erklaͤren Sie mir?— Ich will ſie unter Ihrer Leitung ſtudiren; Herr Leonard, und Ma⸗ demoiſelle wird ſehen, daß dieſe Haͤnde ohne Ringe ſchoͤn ſind, wie die ihrigen. Madame Germeau ſuchte aͤngſtlich, wo die Spie⸗ gel ſteckten, deren Abweſenheit ſie zu beunruhigen anfing. — Madame, Sie ſuchen Etwas, ſagte die junge Kuͤnſtlerin. —„Einen Freund, liebes Kind, der mich anſieht, und mir antwortet, einen Spiegel, wenn ich bitten darf. Leben Sie denn ohne Spiegel, arme Kleine? Ich kann ihn niemals entbehren, ſelbſt um mich ſchlafen zu ſehen, und nun denken Sie, wenn ich ein neues Kleid habe, und von dem Geſchmack, wie dieſes hier. Meine Cou⸗ ſine Irma hat es mir ausgeſucht, ſie waͤhlt beſſer fuͤr Andre, die liebenswuͤrdige Couſine; auch habe ich ſie lieb, ſie lieſt ſo gut in meinem Herzen!“— Ja, es iſt ſehr ſchoͤn, ſagte die kleine Flamaͤnderin ernſthaft.— „Recht neu und recht originell, nicht wahr? Aber das kann man mir immer ſagen es macht mir doch Nie⸗ inafn ein ſolches Kompliment daruͤber, als ein Spiegel. 45 338 Herr Leonard, Sie werden mich ſchelten, finden Sie mich nicht blaß?“— Nein, gewiß nicht, Madame. —„Doch! ich muß es ſein; aber ich bin ſelbſt Schuld: fruͤh um zwei Uhr wachte ich auf, und fand mich ganz angekleidet vor meinem Spiegel. Ich hatte mich nicht von mir ſelbſt, trennen koͤnnen, und ich will mein Bild in dieſem Kleide haben, Herr Leonard! das von vorigem Jahre iſt mir nicht mehr aͤhnlich. Die Taille iſt abſcheulich kurz und das Ponceau iſt dies Fruͤhiahr ein Graͤuel. Mein Mann ſoll mich zeitlebens ſehen, wie ich da bin; es kommt mir vor, als wuͤrde er mich lieber haben.— Einen Spiegel, kleine Freundin, einen Spiegel!“ rief ſie, mit dem Fuße ſtampfend, wie ein eigenwilliges Kind. Herrn Leonard's Nichte trug muthig in ihren Ar⸗ men den Spiegel mit gothiſchem Rande herbei, der ihr jeden Abend dazu diente, ihre langen Haare zu flechten, ihr einziger alltaͤglicher Schmuck.—„Iſt das Ihr Freund, meine Schoͤne? ſagte Madame Germeau mit komiſcher Trauer.— Ach, mein Gott! das iſt ein Geizhals oder einer von denen, die Jemand betrachten, ohne ihn zu ſehen,“ fuͤgte ſie hinzu, mit einem raſchen lebhaften Blick auf Jorik, deſſen mit etwas Anderm beſchaͤftigtes Auge wirklich keine Bewunderung fuͤr ſie ausſprach. —„Guter Herr Leonard, machen Sie heut nur das Kleid, ich bitte Sie; denn ich bin ſchrecklich, ſo viel ich hierin urtheilen kann, wo ich mich wie in einem Eimer truͤben Waſſers ſehe.“ 4 4 „ 339 Undine hoͤrte nicht von ihrem Spiegel ſchlecht ſpre⸗ chen. Gegen ihre Staffelei zuruͤckgezogen, ertrug ſie mit zitternder Reſignation den ernſtlichen Pergleich, den Jorick zwiſchen den beiden jungen Frauen zu machen ſchien, indem er ſie abwechſelnd, doch ungezwungen, betrachtete. Es war das erſtemal in ihrem Leben, daß ſich Undine mit weiblicher Furcht fragte: Bin ich haͤß⸗ lich? und ihre zu Boden geſenkten Augen bezeugten, daß ſie ſich nichts Ermuthigendes geantwortet hatte. Sie wußte nicht, daß ein feiner natuͤrlicher Wuchs, ein reines Oval des Kopfs, und Haare, welche ihre ganze ſchuͤchterne Geſtalt umſchleiern konnten, nicht eben eine große Haͤßlichkeit bedingten. Aber dies goͤttliche Kleid! dieſe Gewebe, dieſe wogende Schaͤrpe, dieſe Baͤnder, dieſe Blumen! Dieſe bald ſchmachtende, bald ſtolze Miene, dieſe pruͤfenden oder zerſtreuten Augen, das Alles bildete einen Zauberanblick, einen vielſeitig blen⸗ denden Traum. Die arme kleine Flamaͤnderin hatte bis dahin niemals an die mehr oder minder neue Form ihres blauen Mouſſelinkleides gedacht, deſſen Reinlich⸗ keit ſein einziger Putz war. Madame Germeau ahnte die Bewegung nicht, welche ſie erzeugte. Ein junges Maͤdchen, in ein altes zerſtoͤrtes Kloſter gefluͤchtet, den ganzen Tag beſchaͤftigt, ihre Crayons zu ſchneiden, als kleine Penſionairin ge⸗ kleidet, und ernſt in ihrer Haltung, gehoͤrte nach ihren Gedanken gar nicht zu den Frauen, welche leben und 15* 34⁴0 in Betracht kommen. Es war ein einfaches Moͤbel im Atelier, das wohl zu dem mit feuchtem Gewoͤlk bedeck⸗ ten Spiegel paßte, in dem ſie ſich von Zeit zu Zeit be⸗ ſah, weil ſie nachſichtig, nicht moquant, und kein andrer da war, wie ſie ſich des Herrn Barbier bediente, wenn er eben in der Hoͤhe ihres Ellnbogens ſtand, um ſich auf ihn zu ſtuͤtzen. — und Ihre Frau Mutter? Die gute einfache Dames fragte Herr Leonard mit Antheil, indem er eine Skizze von all den huͤbſchen Nichtigkeiten ent⸗ warf, welche Madame Germeau ſo theuer, ſo we⸗ ſentlich waren.—„Immer zum Sterben, Herr Leo⸗ nard, erwiederte ſie. Ach Gott! ſprechen Sie mir doch nicht davon, waͤhrend Sie mich malen, guter Herr Leonard, denn mein ganzes Geſicht wird ja entſtellt.“ Und ſie verwiſchte ſchnell eine Falte, die ſich auf ihrer Stirne gebildet, wie ſie in dem wenig ſchmeichelnden Spiegel des guten Malers wahrnahm. .— FIch bin nicht beim Kopfe, Madame, verſetzte Herr Leonard ſanft. Ich darf alſo meinen Kummer uͤber den, welchen Sie ſo ſorgfaͤltig verbergen, aus⸗ ſprechen. Da ich von Herrn Barbier wußte, daß Sie auf's Land gereiſt waren, ſo hatte ich gehofft, Ihre Frau Mutter ſei beſſer.—„O, der Arzt hatte fuͤr ſie bis zu meiner Ruͤckkehr gut geſagt, antwortete ſie leb⸗ haft, ſonſt haͤtte ich den ſchoͤnen Roſenmonat fuͤr meine Mutter geopfert. Ich liebe die Mutter ſo ſehr! Ich 341 liebe nur die Mutter!— Nicht wahr, Herr Barbier?“ — Ohne Zweifel, erwiederte Herr Barbier, ſtatt der Madame Germeau ſeufzend, welche bei dem Maler ſaß. Aber man muß vernuͤnftig ſein, fuhr er langſam fort, denn er holte ſchwer Athem und hielt oft mitten in der Rede inne. Man weiß einmal den Lauf der Natur; Gott ſelbſt hat geſagt: Du ſollſt Vater und Mutter verlaſſen.—„Gut! unterbrach ſie ihn, mit reizender Autoritaͤt; genug davon! Man ſpricht nicht von der⸗ gleichen mit Jemand, der in großer Betruͤbniß iſt, und ſich malen laͤßt; man nimmt ſeine Zeit wahr, Herr Barbier. Aber er liebt die Citationen, und das iſt per⸗ fide. Das iſt eine ſeiner ungluͤcklichen Paſſionen, wie das Singen. Schnell, mein Herr, reden Sie etwas Anderes, oder ich ſchmolle mit Ihnen und gehe ohne Sie fort.“— Sie iſt aufgeraͤumt, ſelbſt im Schmerze, ſagte Herr Barbier halblaut, es iſt ein Reiz ihres Cha⸗ rakters und eine Wohlthat des Himmels, die unſre ein⸗ zige Hoffnung ausmacht bei dem Schlage, der ſie bald treffen wird. Er ſchwieg, und nach einer anſtaͤndigen Weile fing er ſchuͤchtern an zu traͤllern, um etwas Frohſinn und Laͤcheln in die Phyſiognomie des Modells zuruͤckzufuͤh⸗ ren. Jorick neigte ſich tief und verſchwand. —„Wer iſt der Wolf?“ fragte Madame Germeau, nachdem ſie ihn neugierig mit den Augen verfolgt.— Ein Deutſcher, Madame, der von Rom kommt, wo 34² ſein Geſchmack fuͤr die Kunſt—„Genug, Herr Leo⸗ nard, ich weiß ſchon Alles auswendig. Ein Deutſcher! das iſt Alles geſagt; dieſer Name iſt ein Portrait, fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ein kleines ausdrucksvolles Gaͤhnen unterdruͤckte, das der jungen Kuͤnſtlerin durchaus nicht geſtel. Er ſcheint wirklich Statuen zu lieben. Dieſe hier iſt kalt, wie Eis; finden Sie nicht auch? Es kommt mir vor, ſie wuͤrde nicht die geringſte Tournuͤre haben, wenn ſie angekleidet waͤre, wie wir.“— Es iſt nicht dieſelbe Art von Schoͤnheit, antwortete Herr Leo⸗ nard, aber die Griechen waren ſehr fuͤr dieſe eingenom⸗ men.—„Weil ſie unſre Moden nicht kannten, die gu⸗ ten Griechen.“— Sie ſtand auf, uͤberdruͤßig, ſich im⸗ mer ſo truͤb' im Spiegel zu ſehen, und kehrte ihm den Ruͤcken; aber ſie ſtieß ein Freudengeſchrei aus, als ſie die Skizze ihres Kleides ſah, der Liebe ihres Herzens, des Traumes ihrer Naͤchte. Dann ſagte ſie feierlich: Herr Leonard! Sie haben nichts gemacht, wie dies! Wahrhaftig! das iſt aͤtheriſch! phantaſtiſch! das Por⸗ trait meiner Couſine Irma, mit ihrer Harfe und ihrem Kaſchemir, iſt zweitauſendmal ſchwerfaͤlliger. Wenn mein Gemahl mir nach einem ſolchen Geſchenke Etwas ahſchlaͤgt, ſo hat er gar keine Seele— als Gatte we⸗ nigſtens, denn eine Seele wie alle Welt hat er, das gebe ich zu.“ — Ich haͤtte gedacht, Madame, er beſaͤße die andre auch, und ſchluͤge Ihnen nie Etwas ab, verſetzte Herr 343 Leonard.—„Doch, Herr Leonard! entgegnete Madame Germeau ernſthaft, indem ſie gleichſam widerſtrebend das Unrecht geſtand, das einzige, deſſen ſie ihren Ge⸗ mahl beſchuldigen konnte. Er hat mir geſtern einen Hut abgeſchlagen, nicht theuer— hundert Franken, der weit beſſer zu dieſem Kleide gepaßt haͤtte.“— Was Teufel! ſagte Herr Leonard, indem er den andern huͤb⸗ ſchen Hut betrachtete, den er von heute geglaubt.— „Aber ich muß geſtehen, fuͤgte ſie hinzu mit dem Eifer eines klatſchhaften Kindes, das einigen Skrupel bei einer wichtigen Eroͤffnung hegt— ich muß ſagen, daß ich mich ohne Widerrede in ſeine kluge Einſicht gefuͤgt habe. Ich muß in ſo kurzer Zeit Trauer anlegen,— arme Mutter!— daß ich den huͤbſchen Hut, den er mir abgeſchlagen, kaum zweimal aufgeſetzt haͤtte, und die Vernunft, Herr Leonard, iſt ein langweiliges Ding, aber doch gut, manchmal zu befragen; ich hoͤre ſtets auf ſie nach meinen erſten Thraͤnen.“—— Wie ſoll nun Ihr Gemahl Sie nicht vergoͤttern? ſagte der gute Herr Barbier ganz geruͤhrt. Es iſt eine kleine Zauberin, mein Herr! Sie hat mehr Vernunft, als wir, die Alten! 4— „Kommt, mein Page! rief ſie ausgelaſſen. Sie wiſ⸗ ſen, Herr Leonard, in der Zeit des Mittelalters hatte eine Burgfrau einen Pagen, ganz klein, ganz klein, einen wirklichen— Sie hielt inne, maß Herrn Bar⸗ vier von Kopf zu Fuͤßen, und auf ihren lachenden Lip⸗ 3⁴⁴ pen malte ſich lebendig das Wort Zwerg, das ſie gleichwohl unterdruͤckte. 3 Nachdem fuͤr den folgenden Tag die Stunde zu einer neuen Sitzung beſtimmt war, verſchwand dieſe gaukelnde Erſcheinung aus dem einfoͤrmigen Atelier, und die gewohnte Ordnung herrſchte wieder in dieſem friedlichen Winkel des alten Kapuzinerkloſters. Das Schwalbenneſt. Sie blieb allein und ſinnend zuruͤck, nachdem ihr Onkel ausgegangen, um den Verkauf ſeiner Landſchaft zu verſuchen. Lange Zeit ſtehend an denſelben Platz gebannt, kehrten ſich ihre Augen mehrmals auf die ge⸗ heimnißreiche Leinwand, und dann entfernte ſie ſich langſam und ſaͤuberte ihre Skizze von geſtern, um ihren Onkel zu uͤberraſchen und zufrieden zu ſehen. Was ſie mit der meiſten Liebe behandelte, und ihr auch am beſten gelang in dem Schmucke jenes getreu⸗ lich wiedergegebenen Todtenkopfes, das war ein Strauß von ſpaniſchem Flieder, der ſich wie eine Krone auf dem ſtarren Elfenbein der Stirn wiegte. Dieſe ſeelen⸗ loſe Truͤmmer unter den bluͤhenden Blumen ſchien in Duft und Leben zu ſchwimmen. Es war ein großer Feſttag, denn ſie arbeitete beim einfoͤrmigen Getoͤn aller Glocken von Paris. Sie ar⸗ 1 84⁴5 beitete an Feſttagen, nach dem Beiſpiele des Meiſters, denn ſie kannte und ehrte die Urſache dieſer ſcheinbaren Irreligioſitaͤt; es war die Anbetung, welche ihr Onkel Rafael weihte.. Er dachte ſich ihn dann im Vatican der frommen Roma; die Glocken nehmen einen ſo großen Platz in dem religidſen Gepraͤnge zu Rom ein! Rafael hatte daher oft beim maͤchtigen Schall der Glocken gemalt; ihre begeiſternden Klaͤnge, wie gewaltige Stimmen be⸗ tend zwiſchen Himmel und Erde, hatten ihn dem nie⸗ dern Geraͤuſch der Welt entfuͤhrt. In ſolchen Augen⸗ blicken ſchuf Rafael gewiß ſeine Engel, und gab ihnen die milden Formen, in goͤttlichen Traͤumen geſchaut in der vom Vorgefuͤhl des andern Lebens tief er⸗ leuchteten Seele. Wenn die Glocken Herrn Leonard fehlten, ſo ſang er, denn er hatte eine ſchoͤne, metallreiche Stimme; ſeine Schuͤlerin lauſchte ihm aufmerkſam, bis die Nacht auf ihre Gemaͤlde ſank und dem Zauber der Malerei ein Ende machte. Oft, wenn ſie ihm Farben rieb und auf die Leinwand uͤbertrug, wandte ſich die Jungfrau ab, um ihre Augen zu trocknen, denn Herr Leonard hatte die Stimme ihres Vaters. Er wußte nicht, welche traurig⸗fromme Erinnerung er in ihr weckte. Er wußte nicht, daß fruͤher, wenn ſie auf ihres Vaters Knie ſaß⸗ wo man ſie eingeſchlafen glaubte, ihr kleines Herz ſchmolz, und Thraͤnen uͤber ihre Wangen rollten, wenn —— — —⅛⅓⅛ 346 die gefuͤhlvolle klangreiche Stimme in ihre Ohren zitterte. So wird Gottes Stimme ſein! dachte das Kind, und ſchmiegte ſich an die maͤchtige Bruſt ſeines Vaters, als ob es ſagen wollte: Vater, bete fuͤr mich! So rief die Stimme ihres Onkels alle die friſchen Eindruͤcke des erſten Alters in ihr wach. Sie ſah wie⸗ der eine flamaͤndiſche, ruhige, ſchweigende Straße, welche nur im Sommer durch Familiengeſang belebt war, wenn man Abends vor der demuͤthigen gruͤnen Thuͤr auf dem friſchen Raſen ſaß. Dann kam der truͤbe An⸗ blick eines Kirchhofs zuruͤck, der zur Rechten des laͤnd⸗ lichen Hauſes lag. Erinnerungen des Friedens, des ſchuldloſen Vereins einer damals ganzen, jetzt zerſtoͤr⸗ ten, umherirrenden Familie! Ihr, die ihr ſie ſtets dar⸗ an mahntet, daß ſie eine Waiſe war, daß das Leben fuͤr ſie die Abgeſchiedenheit, das Studium, das einſame Treiben der Kunſt ſei, und ein ſolches Leben begann mit vierzehn Jahren: wird es ihr immer genuͤgen?— „„Ja, ja! antwortete ſie ſich an dieſem Tage beſtimm⸗ ter, ich werde ſo fortwandeln, ohne die Augen aufzu⸗ ſchlagen; ich werde die Fernſicht nur fuͤr meine Ge⸗ maͤlde lernen; ich werde in Selbſtvergeſſenheit durch die Welt gehen, von der ich einige lautre Scenen von fern malen werde; ſie ſollen fuͤr meine Schweſter ſein! fuͤr meinen Onkel, und— fuͤr meinen Onkel und meine Schweſter, ich kenne nur ſie, Niemand als ſie! Ich werde Kinder malen. Kinder ſind ſo ſchoͤn! Ich werde 347 die meiner Schweſter malen, wie ſie auf ihren Knieen eingeſchlafen ſind. O, ich habe viel Gluͤck vor Augen! dachte ſie, indem ſie dieſelben von dem Todtenkopf ab⸗ wandte, und unaufhoͤrlich wieder darauf richtete. Ja, ja! Mein Leben wird dahin fließen, wie ein ſtilles Waſſer unter Baͤumen. Ich liebe das Waſſer, ich werde Landſchaften malen. Man ſagt, daß Nichts ſo die Schlafloſigkeit heilt, als ſich allein inmitten einer gruͤ⸗ nen Flur zu denken, welche durch viele Gerieſel klaren Waſſers benetzt wird. Man ſieht ihnen nach, man hoͤrt ſie im langen Graſe rauſchen, eine Kuͤhlung, eingebil⸗ det zuerſt, dann wirklich, weht uͤber die Stirn und er⸗ quickt das Herz. Ich habe das empfunden, ich habe dies harmloſe Opium genommen, wenn ich Kummer hatte.— O, was habe ich fuͤr Kummer gehabt! Aber ich werde keinen mehr haben— ich werde gluͤcklich ſein zu malen, und malen, um gluͤcklich zu ſein!“— Ein tiefer Seufzer unterbrach ſie, ihr Auge ſah auf das truͤbe Bild vor ihr, das ſie wieder anzuſtarren ſchien; da verſagte ihr der Pinſel den Dienſt; ſie verhuͤllte ihr Antlitz mit den Haͤnden, und brach in Thraͤnen aus. Ich muß meiner Schweſter ſchreiben! rief ſie, und ſprang auf, als wollte ſie ihrem Phantom entfliehen. Doch ſetzte ſie ſich wieder zu ihm, aber ſie ſah es nicht mehr an, indem ſie ſchrieb: „Erinnerſt Du Dich, meine Schweſter, unter dem großen Dache unſers Hofes, erinnerſt Du Dich dort 348 eines Schwalbenneſtes? Nach der Meinung des Vaters brachte es⸗unſerm Hauſe noch Gluͤck, da ſein Frieden ſchon unter Stuͤrmen zu wanken begann, deren Urſache zu ergruͤnden ich nie gewagt habe. Selbſt hier iſt es, als ſpraͤche ich Dir heimlich ins Ohr, ſo viel Furcht habe ich, irgend Etwas aufzuſtoͤren, das mich daruͤber zu deutlich belehren koͤnnte. Aber das Schwalbenneſt, das arme Neſt, kann ich Dir zuruͤckrufen als eins der Bilder, deren Erinnerung mir aus jener Zeit am hell⸗ ſten geblieben iſt, aus einer truͤb' verſchwimmenden Zeit, die mir alle Eure geliebten Geſtalten zeigt, wie Bilder, die ich im Grunde eines Schubfachs wieder faͤnde. „Ich kam einmal aus der Schule, freudetrunken in ſpringender Luſt, als haͤtte ich Fluͤgel an den Fuͤßen; erinnerſt Du Dich deſſen noch, meine Schweſter? Es war noch nicht finſter, aber der Tag hatte keine Kraft mehr in unſerm großen, ſo reinlichen Hofe, wo Gras wuchs. Ich glaube mich zu erinnern, daß auf einen „heißen ſonnenhellen Tag ein gewitterdrohender Abend gefolgt war, denn durch dieſe Faͤrbung ſeh' ich das noch, was uns damals in ein beſtuͤrztes Staunen ſetzte. „Du ſaßeſt auf der grauen Steintreppe, welche in den Hof fuͤhrte; Du ſaͤumteſt eine Florhaube zum fol⸗ genden Tage, einem Feiertage. Ehe ich Dich noch er⸗ reicht, rief ich athemlos: Ah guten Tag! Biſt Du's? — Du antworteteſt mir beſchaͤftigt und zufrieden: Gu⸗ ten Abend! Da, meine huͤbſche Haube! Kommſt Du? 349 — Ja. Wo iſt Mutter? Wo iſt der Bruder und Va⸗ ter, und Alle?. „Da, da und da, ſagteſt Du, indem Du nach dem Speiſeſaal, dem Pavillon voll Blumen uͤber der brei⸗ ten Treppe und nach der großen offenen Hausthuͤre zeigteſt. Ich hob den Kopf nach der kleinen Terraſſe, und ſah die Mutter herniedergebeugt, um uns zuzuſehen. Ich ſtreckte die Arme liebend hinauf: O, liebe Mut⸗ ter! Guten Abend! Da bin ich!— Sie laͤchelte mit ihren reizenden Augen, den lieben blauen, und der Him⸗ mel bedeckte ſich immer mehr und mehr. —„Aber wir befanden uns wohl! Alle zuſammen! Unter demſelben Dache! Dort mein Vater auf der Schwelle— dort oben die Mutter, welche ich kommen und gehen ſah mit einer Fluth von Waͤſche, weiß wie Gaͤnſebluͤmchen, ſagte ſie in ihrem Stolz als gute Wir⸗ thin, und ſie druͤckte ſie in Koͤrbe, um ſie wieder in ihre leuchtenden Schraͤnke zu verſchließen. Du, meine Schwe⸗ ſter, ſanft und gluͤcklich, hatteſt Deine maͤdchenhafte Arbeit vor; ich, das Kind, kam aus der Schule in mein vielgeliebtes Haus zuruͤck. Wir befanden uns wohl! trotz des Gewoͤlks, das uͤber der Straße hing und die Haͤuſer raͤucherig faͤrbte, trotz des Geſchreies, das erſt ſelten und klagend, dann gellender, dringender aus dem Schwalbenneſt erſcholl, dem zitternden Palladium, wie ich meinen Vater oft ſagen hoͤrte, auf das ſich aber alle unſre aberglaͤubiſchen Gluͤckshoffnungen ſtuͤtzten 350 4 Erinnerſt Du Dich, daß dies Geſchrei bald ſo wild und durchdringend wurde, daß es nach einander Alles, was es von lebendigen Weſen in unſerm Hauſe gab, hinzog, und daß Jedes der neugierige Zuſchauer eines ſeltſamen Streits wurde, der ſich zwiſchen den Be⸗ wohnern des Neſtes entſpann, deſſen Wirthſchaft ſeit einigen Tagen minder eintraͤchtig und oft zankſuͤchtig geworden war? 8 „Das Weibchen war auf ein benachbartes Dach ge⸗ flohen, das, ich ſehe es noch, ſich zu einer wunder⸗ baren Hhe fuͤr meine ſiebenjaͤhrigen Augen erhob. Das Maͤnnchen behielt ſeinen Platz im Neſte, und be⸗ deckte ſeine Kleinen trauris mit den ausgebreiteten Fluͤ⸗ geln, indem es haͤufige Blicke voll Zorn nach dem Dache warf, von wo die Fluͤchtige es auch anſah, doch ohne ſich zu ruͤhren. Es ſchwang ſich ein paar Mal bis zu ihr hinauf, umkreiſte ſie, als wollte es ſie um⸗ ſchlingen, ſetzte ſich einen Augenblick, um zu reden, haͤtte man nach dem Schlagen mit den Fluͤgeln und der heftigen Bewegung des Koͤpfchens meinen koͤnnen; dann flog es wieder im hohen Schwunge auf, gleich⸗ ſam als wollte es ſeine Gefaͤhrtin zum Neſte zuruͤck⸗ fuͤhren, wo es ſich wieder mit klopfendem Herzen und zorngluͤhenden, angſthaften Augen ſetzte, aber allein! immer allein! Fuͤnf bis ſechs Ausfluͤchte wiederholten ſich ver⸗ gehens, voll flehender Bitten, voll fruchtloſer Dro⸗ 351 hungen! Und indem er ſie mit verzweifelndem Auge anſtierte, ſchien ſich die Wuth ſeiner zu bemeiſtern und ſeine Fluͤgel wie ſeinen ganzen Koͤrper zu erſchuͤttern, den er muͤhſam auf dem Rande des verlaſſenen Neſtes erhielt; er riß ſich Federn aus der Bruſt, welche lange im Hofe umher wirbelten, dann ſtieß er ein Geſchrei voll unbeſchreiblichen Weh's aus, das eine ſolche Angſt unter ſeinen Kindern zu verbreiten ſchien, daß ſie eben⸗ falls, blind, wie ſie noch waren, zu ſchreien anfingen, und ſich bewegten, als wollten ſie ſich vor einer gro⸗ ßen Gefahr retten, die ſie nur ahnten. Ihre Mutter, unbeweglich und theilnahmlos,— mein Gott! erinnere Dich doch deſſen, Schweſter!— betrachtete kalt dies er⸗ greifende Treiben, und blieb fern, ihre Fluͤgel dicht an den Leib geklemmt, den ſie unter ſich zuſammen⸗ draͤngte, als wollte ſie feſten Fuß auf den Schiefer⸗ ſteinen faſſen, die von ſchweren Regentropfen ſchon ſchluͤpfrig geworden waren. Alle unſre Koͤpfe waren aufwaͤrts gekehrt, unſre Blicke hafteten begierig auf dieſer unerwarteten Scene, und mein Vater, aufmerk⸗ ſam, ernſter als gewoͤhnlich, ſagte von Zeit zu Zeit: Seltſam! Traurig! Sonderbar! Siehſt Du, Frau? fuhr er fort, indem er zu meiner Mutter aufſah, welche ihre Haͤnde in troſtloſer Verwunderung faltete. War es das Gewitter, daß ſie ſo bleich und truͤb' ausſah, die ſonſt ſo ſchoͤn, ſo herrlich war, ſo roſig, Schweſter, unter dem Walde blonder Haare, deren Fuͤlle oft unter ſſſſſ 353 den feinen Spitzen hervorquoll, welche ſie ſchmuͤckten? Wie liebte ich meine Mutter? Ich fuͤhle mich auf den Knieen vor ihrem Angedenken.— Welche Folge und Verbindung in einander ſchmelzender Ideen hat nur ſeitdem ihr Bild in dieſe Scene der Schwalben und des Gewitters eingefuͤgt? Mich uͤberlaͤuft es kalt— und Du, Schweſter?— vorzuͤglich, wenn ich an den Vater denke, der ſie mit ſo tiefer ernſtlicher Leidenſchaft liebte! Und wieder an das Neſt, wo das verlaſſene Maͤnnchen ſich ploͤtzlich einem ſo wahnſinnigen Schmerz uͤberließ, daß es, nachdem es mit regelloſem Fluge in unheimlich drohendem Schweigen mehrere Kreiſe be⸗ ſchrieben, ſich in das Neſt auf ſeine armen Jungen ſtuͤrzte und ſie mit unerbittlich zerfleiſchendem Schnabel packte. Hierauf viermal gen Himmel ſteigend, als wollte es ihren Fall ſicherer und toͤdtender machen, ſtuͤrzte es die Neugebornen von der ganzen Hoͤhe ſeines Auf⸗ ſchwungs auf das Pflaſter unſers Hofes, wo ſie alle zu meiner Verzweiflung zerſchmettert wurden. Und ihr Alle, ihr fingt an zu ſchreien, und lieft hinzu, als ob ihr etwas dabei thun koͤnntet. Die zaͤrtliche Mutter ruͤhrte ſich nicht, und das triumphirende Maͤnnchen ſtieg, ſtraͤubend und an allen Federn ſchaudernd, zu empor, die vor Entſetzen ſtarr ſaß, aber ploͤtzli nuͤ⸗ thend in die dunkle, blitzdurchzuckte Luft fuhr ihn mit wunderbarer Schnelligkeit verfolgte, inden ie mit ſeinem ſchrecklichen Siegesgeſchrei ihre muͤtterlichen Verwuͤnſchungen miſchte, daß ihr die Kehle zu ſprin⸗ gen drohte; ich hoͤre und ſehe das noch, wie ſie pfei⸗ fend ſich umkreiſten, daß uns ſchwindlig wurde, und wie ſie verſchwanden und es donnerte! „Andern Tages ſah man Blut und Federn und ein zerſtoͤrtes Neſt auf den Steinen. Kurz darauf ſchiffte ich mit meiner Mutter— nur meiner Mutter!— nach Amerika, wo uns Niemand erwartete. Sie war ſtumm, die liebe Mutter, ſie war fern von Euch Allen. Wir ſahen uns mit Grauen an, als ob wir uns nicht mehr erkennten. Sie druͤckte mir den Arm und preßte mich an ſich bei jeder Schwankung des beweglichen unbe⸗ kannten Hauſes, wo ſie krank zum Tode wurde. Und dann, Schweſter, nach wieder drei Monaten, kam ich allein und ſchwarz gekleidet zuruͤck, und wagte mich nicht in die Welt, wo der Tod kreiſt, wie jene wuͤ⸗ thende Schwalbe— Und jetzt bin ich, ganz Waiſe, bei dem Onkel, der glaubt, daß ich eine Malerin, daß ich gluͤcklich ſein werde!“ Sie hoͤrte auf zu ſchreiben. Ihr Onkel, der nach mehrern Stunden wiederkam, fand ſie auf derſelben Stelle, den Kopf auf ihre Arbeit geneigt, ſanft und feſt entſchlummert. Er las das Papier, das noch offen auf ihren Knien lag, ſah ſie traurig an, hob die Hand uͤber ihren Kopf, vielleicht um ſie zu ſegnen, und warf ein Goldſtuͤck in ihre Schuͤrze. Sie oͤffnete die Augen, nahm das glaͤnzende Stuͤck, ſah ihren Onkel ſchlaf⸗ 4 15** 354 trunken an, und ſagte, ihre kleinen Haͤnde ausſtreckend, Die Andern!— Die Andern! Was denken Sie, Made⸗ moifelle? Glauben Sie denn, daß das Gute ſo im Schlaf kommt? Ach, mein armes Kind! das iſt Alles, was das Schickſal fuͤr uns thun kann: zwanzig Fran⸗ ken auf Abſchlag auf die Zukunft und das Talent Dei⸗ nes Onkels, und das Uebrige— in Ungewißheit.— Nur das auf Abſchlag, Onkel! Was! auf ein ſchoͤnes, friſches, reines Bild, wo die Baͤume ſo herrlich aus dem luftigen Hintergrunde hervortreten! Nur das auf Aufſchlag! Wie Schade! ſagte ſie, ganz ermuntert; es kommt doch niemals, wie man ſich⸗eine Sache denkt!— Und das ſage ich noch gegenwaͤrtig, da ich nicht mehr das junge Maͤdchen bin, dem ſein guter Onkel prophezeihte: Es wuͤrde Malerin und gluͤcklich werden! Marceline Valmore. Glücksritter. Das iſt ein Stand, wie Klempner, Schneider, Kunſt⸗ haͤndler, Pferdemaͤkler oder Litterat. In den Tag hinein leben, gleichviel wie, iſt eine unter uns ſo verbreitete Maxime, daß, wenn ich aus meinem großen Fenſter einen Blick auf die Straße werfe, ich mitleidig laͤchelnd die Achſeln zucke bei dem Anblick dieſes wohlwollenden Hutruͤckens, dieſer tiefen Knire, dieſes eifrigen Haͤndedruͤckens, mit denen ſich die Kommenden und Gehenden anſprechen und wieder verlaſſen.. Ich habe von Knixen geſprochen, nicht wahr? Das macht, weil es auch, ſagt man in der Welt, weib⸗ liche Gluͤcksritter giebt, fuͤr die man noch keinen Kunſt⸗ Ausdruck geſchaffen, ſo bevorrechtet ſind die Frauen in Allem; oder vielmehr, da das Woͤrterbuch unſerer Sprache Eigenthum und Werk der Maͤnner iſt, ſo hat es dieſen ungalant geſchienen, das ſchwache Weſen, dem 3⁵6 wir nach der Religion und Moral, diesmal im Ein⸗ klange, Schutz und Beiſtand ſchuldig ſind, mit einem ſo gehaͤſſigen Laſter zu verunſtalten. So, mag es Egoismus oder Hoͤflichkeit ſein, wollen wir nicht, daß es unter den alten Muͤttern oder jungen Maͤdchen Gluͤcksritter giebt. Warum ſollte ich ſtrenger ſein, als das Woͤrterbuch von Boiſte oder das Woͤrter⸗ buch der Akademie? Und uͤbrigens, bin ich jemals das Opfer eines Gluͤcksritters in der Cornette, dem Buſen⸗ tuch und S Spitzenkleide geweſen? Und Alles wohl er⸗ wogen, waͤre meine erſte Behauptung nicht eine Ver⸗ leumdung gegen ein Geſchlecht, das ſchon zu ſehr der Gewalt der Maͤnner unterworfen iſt?— Ihr armen Frauen, noch ein Feind zu bekaͤmpfen! noch eine ſchmaͤh⸗ liche Beſchuldigung zu entkraͤften!— Verzeihung, meine Damen! ich ſchrieb eben unter einem boͤſen Einfluß! ich klage mich an und bitte um Gnade, und bekenne mit Ihnen, daß derijenige ſich kein leichtes Vergehen vorzuwerfen hat, der bei Ihrer Schilderung in Ihrem einfoͤrmig bewegten, regelmaͤßigen Thraͤnenleben etwas Anderes ſieht, als eine Standhaftigkeit im Ungluͤck, die wir nicht zu wuͤrdigen wiſſen, einen Muth in Wider⸗ waͤrtigkeiten, den wir nicht begreifen koͤnnen. Laſſen Sie ſehen; bin ich begnadigt? Muß ich mich auf beide Knie werfen vor der ſchlagdrohenden Hand, vor dem vernichtenden Blicke? Hier bin ich. Sind Sie be⸗ friedigt? 3⁵5⁷ Es giebt alſo Gluͤcksritter nur unter den Maͤn⸗ nern. Aber vielartig, wie das Geſchlecht der hartfluͤge⸗ ligeligen Inſekten, trifft man dieſe unaufhoͤrlich be⸗ wegte Klaſſe von Individuen uͤberall, in den hohen Salons, in der Wohnung des Ungluͤcks, in dem Atelier des Malers, in dem Kabinet des Literaten. Ihr ſeht deren in Federhuͤten(ich bitte, zu bemerken, daß die Frauen nicht allein Federn auf dem Hute tragen), ihr findet deren mit dem Degen an der Seite, mit dem Aktenſtoß unter dem Arm, im abgetragenen Ueber⸗ rocke, im Kleide des Faſhionable, in der Volksiacke, mit dem Korbe des Laſttraͤgers und dem Haken der Lumpenſammlers. Der Gluͤcksritter iſt nicht allein ele⸗ ganter Spieler an einer Roulettetafel, oder Schoͤn⸗ redner im Waͤrmeſaal des Theaters, oder anmuthig kuͤhner Reiter auf einem engliſchen Fuchs oder anda⸗ luſiſchen Schwarzbraunen; er iſt auch Raufbold und Haͤndelmacher auf dem Quai de la Greve, oder uͤber⸗ laͤſtiger Schwaͤtzer, indem er euch eine Contremarke zum Theater verkauft, oder ein gemeiner Trunkenbold, wenn ſein Almoſen⸗Tagewerk gut vollbracht geweſen iſt.— Vefour und das Pariſer Kaffeehaus ſind nicht reicher an Gluͤcksrittern, als der Weinhaͤndler in der Straße Quincampoix(denn es muß wenigſtens einen in dieſer ſtinkenden Straße geben) oder die eingeraͤu⸗ chertſte Kneipe in der Cité. Auf Koſten der Troͤpfe zu leben, iſt die erſte Idee deſſen, der keine andre Indu⸗ 358 ſtrie hat. Die auf dieſen Erwerbszweig eingeuͤbten Ritter, fern davon, zu erroͤthen, erzaͤhlen des Abends unter ſich ihre Großthaten des Tages, und geſchickte Proteus, um den Geſetzen zu entgehen, variiren ſie ihre Uebungen ins Unendliche, wie jene gewandten Schauſpiel⸗Direktoren, welche, um die Neugierigen an⸗ zuziehen, Spaß und Moral, Drama und Poſſe bunt durch einander geben. Bei Jenen nimmt wenigſtens das Drama einen weitern Raum ein, und der Arm der Gerechtigkeit, lange ungewiß⸗ faͤllt endlich doch ſchwer auf die Elenden, die ihr getrotzt haben, waͤhrend ſie, ihrem Coder getreu, ſelbſt unter dem Riegel der Ge⸗ faͤngniſſe die Huͤlfsmittel vorbereiten, durch welche ſie ſpaͤter der Knotenpeitſche des Galeerenſklaven⸗Huͤters in Toulon oder Rochefort entgehen wollen. Zwiſchen dem Gluͤcksritter und Raͤuber iſt gerade derſelbe Unter⸗ ſchied, wie zwiſchen dem Gefaͤngniß Bicetre und dem Kerker zu Breſt. Von einem zum andern iſt ein Schritt, eine Minute, ein Blick, ein Wunſch⸗ Ich kam eine Nacht ſehr ſpaͤt aus dem Obſerva⸗ torium. Faſt gegenuͤber der niedrigen glatten Mauer, wo der Marſchall Ney eine momentane Verirrung und fuͤnf und zwanzigjaͤhrigen Ruhm erloͤſchen ſah, trat ein ziemlich gut gekleideter Menſch hinter einem Baume hervor, und ſprach mit ungewiſſer Stimme: Mein Herr, eine Kleinigkeit, bitte ich! Ich verdoppelte meinen Schritt. 359 —„MNein Herr, ſagte er mit hellklingender Stimme, ich weiß nicht, wo ich zur Nacht unterkommen ſoll; geben Sie mir Etwas!“ — Ich habe Nichts! Und ich ging eilends weiter! Da ſtuͤrzte der Menſch auf mich zu, packte mich beim Kragen und ſchrie mit droͤhnender Stimme:„Herr, geben Sie mir ein Almoſen!“ — Es iſt ſehr ſpaͤt zum Betteln!. — Ja, aber es iſt auch ſehr ſpaͤt zum Abſchlagen! Ich gab ihm ein Geldſtuͤck, und er ſtuͤrzte, ohne mir zu danken, nach dem Boulevard Mont⸗Parnaſſe. Bei dem flackernden Lichte der Reverberen hatte ich die Zuͤge dieſes Menſchen unterſcheiden können. Sie waren niedergeſchlagen, aber nicht gebrandmarkt; ſein Blick hatte einen Ausdruck von Bosheit, der mir nicht natuͤrlich erſchien, als wollte er ſich anſtrengen, recht ſchrecklich auszuſehen, wie Einer, der ſeine Stimme gegen ein widerſpenſtiges Kind erhebt, das durch Furcht gebeſſert werden ſoll. Seine Rede war kurz, raſch, ſchuͤlermaͤßig; ſie machte mir keinen Eindruck, ich hatte faſt Luſt, nach dem erſten Moment der Ueberraſchung, meinen Bettler Arm in Arm bis zum Obſervatorium zu begleiten. Er ließ mir nicht Zeit dazu, und ich hatte ihm das Almoſen zuerſt ohne Mitleid gegeben, dann bereute ich ganz ganz, als ich ihn ſo raſch fort⸗ gehen ſah. Am Morgen erzaͤhlte ich meine Moͤrderbegebenheit 360 meinen Bruͤdern; ſie riethen mir zu mehr Vorſicht und in Zukunft einen andern Weg einzuſchlagen. Deern folgenden Tag kam ich um Mitternacht, allein, zu Fuß durch die duͤſtern Baumgaͤnge der prachtvollen Allee, welche ſo majeſtaͤtiſch das Obſervatorium mit dem Luxembourg verbindet und von dem elenden Napoleon Bonaparte angelegt iſt, dem wir faſt Alles verdanken, was es Schoͤnes in Paris giebt.— Ich wurde dieſe Nacht durch Niemand angetreten, auch nicht die folgenden Naͤchte. Aber zwei Monate nach dem Tage jenes kleinen Ereigniſſes befand ich mich eines Abends im Schatten an den Graͤben der Baſtille—(Auch ein großes An⸗ denken an Bonaparte!)„Mein Herr, ein Almoſen!“ Scogleich erkannte ich die Stimme vom Obſerva⸗ torium und lachte dem Räuber gerade ins Geſicht. Er zitterte ſchon. — Ich erkenne Sie; Sie haben mich vor zwei Monaten um Mitternacht in einer Allee, nah am Boule⸗ vard Mont⸗Parnaſſe angehalten; ich halte Sie nun auch meinerſeits an! —„Was wollen Sie mit mir machenoa — Was man mit Raͤubern und Moͤrdern macht; und doch bin ich uͤberzeugt, daß Sie weder das Eine noch das Andere ſind. Folgen Sie mir!— Ich hatte laut geſprochen. Und der Raͤuber folgte mir, ohne ein Wort zu ſagen, 361 ſagen, ohne einen Blick auf mich zu werfen. Er konnte mir entrinnen, denn ich war zwei Schritt vor ihm. Ich wandte mich um. — Ich wette, Sie haben weder einen Stockdegen, noch ein Piſtol, noch einen Dolch bei ſich. —„Nicht ein Federmeſſer; was ſollte ich damit? Sie haben es geſagt: ich bin weder ein Raͤuber noch ein Moͤrder; ich lebe, ſeit mehr als ſechs Monaten, von dieſem Erwerbszweig in der ſteten Erwartung, daß mich Jemand vor die Obrigkeit fuͤhre, die dann fuͤr meine Bekoͤſtigung und Wohnung Sorge tragen wird.— Vielen Dank, fuhr er mit bewegter Stimme fort, daß Sie mir neue, peinliche Unternehmungen erſparen.“ Was ſollte ich thun? Moral predigen? Guter Gott, er haͤtte mich nicht verſtanden! — Wozu wuͤrden Sie dieſe beiden Hundertſous⸗ ſtuͤcke benutzen, wenn ich ſie Ihnen gaͤbe? —„Um zu leben.“ — Um ſich zu betrinken. —„Ich habe mich nur zweimal betrunken, mein Herr. Das erſte Mal, als ich meine Erwerbsart an⸗ fing; das zweite Mal, als ich eines Abeuds ein Brod fuͤr meinen Sohn ſtehlen wollte.“ — Was macht Ihr Sohn jetzt? —„Er erwartet mich und ſchreit Erbarmen.“ — Wo? VI. 3 16 * 362 —„Zu Hauſe, bei mir.“ — Ihre Wohnung? —„neberall und nirgends. Ich eſſe auf der Straße, ich ſchlafe auf der Straße, neben meinem Kinde, das ich erwaͤrme. Geſtern wollte ich mich erſaͤufen, und verzweifelt, wie ich war, ſtreckte ich einem Voruͤber⸗ fahrenden die Hand hin.— Arbeite! ſagte er mir mit Nohheit.— Geben Sie mir Arbeit! erwiederte ich.— Komm! Ich folgte dem Reichen; er befahl mir, einen großen Korb mit feinen Weinen nach ſeiner Wohnung in der Sanct Georgenſtraße zu tragen. Ich machte zu Fuß, ohne Schuhe, eine Lieue hinter ſeinem Cabriolet, und kam athemlos an. Da, ſagte der reiche Mann, Deine Bezahlung! Und ich bekam zwoͤlf Sous. Der reiche Mann hatte mich wenigſtens um zwoͤlf Sous gebracht. Mein Sohn aß, wir waren fuͤr eine Nacht geborgen, und ich verſchob meinen Entſchluß, mich zu erſaͤufen, auf morgen. Das iſt heute.“ Der ſonderbare Bettler wollte mir entrinnen; ich hielt ihn feſt.— Hier ſind zehn Franken.—„Ach, mein Herr, damit und zuweilen zwoͤlf Sous von ſo reichen Leuten, wie der in der Sanct Georgenſtraße, werde ich einen Monat leben und mein Sohn wird Brod eſſen.“ Er war wirklich auf einige Tage geborgen, der Bettler— Moͤrder— Gluͤcksritter; vielleicht konnte er auch an einem heißen Kamin die kleinen rothen er⸗ ſtarrten Haͤndchen ſeines Kindes waͤrmen;— ich wuͤnſchte 363 ihm eine beſſere Zukunft, und ging froh nach Hauſe, wo ich ſuͤß und ruhig ſchlief. Wer unter euch wirft den erſten Stein auf meinen Schuͤtzling? Willſt Du mir folgen, der Du gern beobachteſt, und mit mir in weite Kirche treten, wo ſo viel fromme Leute knieen? Sieh Jenen dort, dicht an der Kanzel. Welche Andacht! welche inbruͤnſtigen Blicke gen Himmel! Der verſteht doch zu beten; es kuͤmmert ihn wenig, daß man ihn hoͤrt und ſieht und beobachtet! Er ſieht nur den Altar, wo das Opfer vollbracht wird; er hoͤrt nur die Schritte des Laien, der mit gellender Stimme Etwas fuͤr die Seelen im Fegfeuer, fuͤr die Armen der Parochie und die Koſten des Gottesdienſtes begehrt. Unſer An⸗ daͤchtiger laͤßt einige Geldſtuͤcke in ſeiner Taſche klingen und ſtreckt ſeine Hand blindlings in das Becken oder die geſtickte Boͤrſe des Sammlers. Er will nicht, daß ſeine Gabe Laͤrm mache; er legt ſie ſtill und leiſe hin⸗ ein, und dann wechſelt er die Kapelle, um einer neuen Meſſe und neuen Einſammlungen beizuwohnen.— Ahmet ſeine Tugenden nach und lebet wie er in Begeiſterung und Almoſen! Ihr armen Thoren! Soll ich euch ſagen, daß das ein Gluͤcksritter mit glatt gekaͤmmtem Haar, grobem Rock, geſtreiften Struͤmpfen und Kupferſchnallen auf den großen Schuhen iſt? Der Mann, deſſen religidſen Eifer ihr bewundert, wird erſt fruͤhſtuͤcken, nachdem er 16* 364 mindeſtens fuͤnf bis ſechs Meſſen gehoͤrt hat. Seine Mildthaͤtigkeit bringt ihm Etwas ein. Sobald ihm der Beutel vorgehalten wird, legt er recht ſichtlich ein klei⸗ nes Geldſtuͤck hinein und zieht ein groͤßeres heraus. Seine Finger haben Augen; er weiß am Gefuͤhl, wel⸗ ches er nehmen muß; in einer Sekunde hat er eine Portion ſeines Fruͤhſtuͤcks gewonnen; wenn Mittag ge⸗ ſchlagen hat, iſt er gewiß, fuͤr ein Billiges zu ſpeiſen, und der Heuchler antwortet mit einem wohlwollenden Blicke auf das: Gott vergelt' es! des Sakriſtans⸗ der an ihm voruͤber eilt. Jede Kirche ſieht periodiſch abwechſelnd den frommen Mann. Iſt euch nun da nicht mein Moͤrder⸗Gluͤcksritter lieber? Ich wiederhole es alſo nochmals: Alle Klaſſen der Geſellſchaft haben ihre Erfahrenen, welche die Wohl⸗ thaͤtigkeit in dem Herzen des Freigebigen zu Eis ver⸗ wandeln, welche Treu' und Glauben in denen toͤdten, welche ſchon einmal von Schelmen und Betruͤgern he⸗ thoͤrt worden ſind. Vor ein paar Jahren war ich Zeuge einer wirklich merkwuͤrdigen Scene. Ich erzaͤhle gern; hoͤrt nur zu, ich will euch das zu ſeiner Zeit vergelten. O ich kann auch zuhdren. Faſt gegenuͤber dem Café des Variétés, dem ge⸗ woͤhnlichen Sammelplatz einer Menge Literaten, welche ſich hier des Morgens ihren Erfolg oder ihre Nieder⸗ 363 lage von geſtern ſagen, und zwar mit einer Beſcheiden⸗ heit, welche man nur hier— und uͤberall trifft, be⸗ taͤubte ein armer Blinder die Voruͤbergehenden mit ſei⸗ nem falſchen ſchreienden Geſange. Einige Dummkoͤpfe hielten ihn fuͤr einen Erkunſtler des Theaters, vor dem er ſeine Litanei ableierte, und gaben ihm Etwas; das Geldſtuͤck fiel dann in die Buͤchſe am Halſe des Hun⸗ des, den er an einem Bindfaden hielt. Bei jeder Gabe ſagte der arme Blinde, wie der Sakriſtan von vorhin, Gott vergelt' es! Aber bald nannte der ungluͤck⸗ liche Beliſar die mitleidige Griſette: Capitain, bald ein kleines Maͤdchen, dem die Großmutter das Almoſen⸗ geben lehrte: Madame, bald einen Sergeant⸗Major mit buſchigem Schnauzbart und Dienſt⸗Auszeichnungen auf dem Arme: Mademoiſelle. Einſt kam ein Kind von ſieben bis acht Jahren (und in dieſem Alter iſt man ſo voll Malice, wenn man in einem Pariſer Collegio erzogen iſt), ein kleiner Eulenſpiegel, der eine Scheere gekauft hatte; er ſtand vor dem rothen Antlitz des Bettlers ſtill, und kam auf die Idee, die Guͤte ſeines Einkaufs auf Koſten des Blinden verſuchen. Ein Schnitt! Der Faden iſt ent⸗ zwei. Sofort ſprang der Bettler auf; ohne die Menge zu beachten, die ihn umgab, verfolgte er den Muth⸗ willigen auf dem Boulevard, holte ihn nach tauſend umwegen ein, applieirte ihm eine Ohrfeige und einen derben Tritt vor den Hintern, haſchte ſeinen Hund und * 366 knuͤpfte den Faden wieder, und ſchrie von Neuem: „Mitleidige Seelen, fuͤr den armen Blinden! wenn Sie die Guͤte haben wollen!“ Der Tag war nicht recht ergiebig, und ijetzt ver⸗ folgt unſer Blinder an der Barriere du Trone die Vor⸗ uͤbergehenden mit ſeiner heiſern Stimme— ein Gluͤcks⸗ ritter in Lumpen!— Aber wechſeln wir die Scene.* Da ſind reiche Teppiche, Bronzen von Ravrio, Seide und Stickereien, Diamanten auf nackten Bruͤ⸗ ſten, rothe Baͤnder auf Kleidern von Staub oder Can⸗ der! Welche zierliche Cavaliere! welche Damen zum Raſendwerden! Hoͤrt zu. Demouſtiers haͤtte nicht beſſer ein Madrigal zu drehen gewußt, der Herzog von Ri⸗ chelieu waͤre nicht ſorgſam hoͤflicher geweſen. Iſt es eine einzige Familie?— Man ſollte es glauben, nach der liebreichen Sprache, die ins Ohr faͤllt. Sind es Bruͤder, welche Bruͤder wiederſehen? Man ſollte es meinen, nach ihren ruͤhrenden Liebkoſungen. Welchen koͤſtlichen Abend werde ich verleben! Das Spiel, mehr um zu ſpielen, als zu gewinnen; den Tanz, mehr um zu tanzen, als eine Verfuͤhrung zu Stande zu bringen. O, ich liebe das Leben, und begreife jetzt das Gluͤck reicher Menſchen. Alle Dienſtage verſammelt man ſich hier; ich werde alle Dienſtage einer der Erſten auf dem Platze ſein. Die Freude der Andern macht meine Freude; man 367 iſt ſo gluͤcklich, wenn man es in Geſellſchaft iſt! Eilen wir alſo, von Allem zu genießen; denn das Leben iſt kurz, wenn es in ſolcher Trunkenheit dahinfließt. Was iſt das, großer Gott! Welch' ſonderbarer Laͤrm! Man zerbricht Moͤbel, die Damen fliehen er⸗ ſchrocken, man hoͤrt Schimpfreden, die oft das Echo der Hallen wecken. Zwei Maͤnner meſſen ſich mit dro⸗ henden Blicken, ſie wechſeln ihre Adreſſen und verlaſſen ſich.— Ich verfolgte den Beleidigtſten, der am meiſten bei der geraͤuſchvollen Scene zu leiden ſchien, und wollte ihn troͤſten. Er arrangirte ſich, ohne auf mich zu hoͤren, den Knoten ſeiner Halsbinde und beſah ſich im Spiegel des Vorzimmers. Herr Julius von Rembrun trat ihn an. — Nun, mein Freund, wie viel haſt Du ge⸗ wonnen? 4 — Nur hundert und funfzig Louisd'ors. — Ungeſchickter! Das Rendez⸗vous, zu welcher Stunde? — Um acht Uhr. — Wo? — Im Waͤldchen von Boulogne. — Ich habe mich mit Ernſt verſtaͤndigt, der ihm als Zeuge dienen wird. Auf dem Platze werde ich Streit an ihm ſuchen; Du weißt, ich habe eine ge⸗ wandte Fauſt; er muß mit mir anfangen, und dann— 368 — Ich verſtehe. Hier ſind fuͤnf und zwanzig Louisd'ors.* — und fuͤr Ernſt? 12— — Nichtig, gieb ihm die gleiche Summe. Auf morgen alſo! 5 — Auf morgen.. Der Zeuge ging wieder hinein. Ich habe eben mit Ihrem Gegner geſprochen, ſagte er leiſe zu dem, den man beſtohlen hatte. Um acht Uhr! Sein Sie puͤnktlich! — Wir wollen ſehen, mein Herr. Alſo drei Gluͤckritter gegen einen ehrlichen Mann! Wo ſoll er ihnen da entgehen! Der Geiſt hat ſeine Sympathien wie das Herz; ich fuͤhlte nach einer ſo ſkandaldſen Scene das Beduͤrfniß, meine neuen Betrachtungen in einen Buſen auszugie⸗ ßen, der mich verſtehen konnte. Ein junger Menſch, mit ſanfter einnehmender Geſichtsbildung, der inmitten des Tumults faſt unbeweglich geblieben war, ſchien mir am geeignetſten, meine Fragen zu beantworten. Ich hatte ihn, ein paar Augenblicke vorher, einen mei⸗ ner Nachbarn in mindeſtens ſonderbaren Ausdruͤcken nach meinem Namen fragen hoͤren.„Wer iſt der Herr mit der ſchwarzbraunen Farbe, mit dem Kometenblick, dem gerundeten Munde und der raſchen Gebehrde? Wir haben ihn noch nie hier geſehen. Von wo kommt er? Wer hat ihn eingefuͤhrt? Er hat eben eine Dame zum Tanz aufgefordert, und ſie hat es zitternd ange⸗ — 369 nommen; man koͤnnte ihn fuͤr einen Mephiſtopheles halten.“— Ich kenne ihn nicht, war die Antwort, die er erhielt. 4 58 Eine Viertelſtunde nachher naͤherte ich mich dem Neugierigen.—„Verzeihung, mein Herr⸗ daß ich Sie in Ihren Betrachtungen unterbreche; aber ich wende mich lieber an einen jungen Mann, als an einen Greis, um einige Aufklaͤrung zu erhalten. Juͤnglingsaugen ſehen beſſer, als Augen mit Brillen, und da ich Sie nach einem unanſtaͤndigen Tumult ſo ruhig ſinde, ſo denke ich, Sie werden mir die Urſache eines Streits erklaͤren, von dem es unbegreiflich iſt, daß man ihn nicht verhindert hat.“ — Ihr Name? —„Arago.“ — Arago? Sind Sie der Bruder des Beruͤhmten? —„SIch ſelbſt bin der Beruͤhmte.“ — Ohne Scherz, ſind Sie es, der ſo viel gereiſt iſt? —„Ohne Scherz, ich bin es.“ 5 2 — Welches iſt das merkwuͤrdigſte Land der Erde? —„Seinen Einwohnern nach, Frankreich. Ich habe hier beim Eintritte nur wohlwollende Geſichter geſehen, nur liebreiche Worte gehoͤrt, und eine Stunde iſt kaum verfloſſen, als man ſich ſchon ſtreitet/ ſchlaͤgt und die ſchmaͤhlichſten Schimpfreden an den Hals wirft.“ — Man ſieht wohl, daß Sie von den Antipoden kommen. Nicht der Streit darf Sie hier am meiſten 370 in Erſtaunen ſetzen, ſondern der Frohſinn und die Ruhe der Damen, welche Zeuginnen davon geweſen ſind. Sehen Sie, wie ſie tanzen und plaudern; vergeſſen Sie nicht die junge Dame, welche Ihre Aufforderung angenommen hat; huͤpfen Sie mit ihr, denn ſie ſucht Sie mit den Augen, trotz der Furcht, welche Ihre wilde Geſtalt ihr einfloͤßt, und kommen Sie wieder zu mir; wir plaudern dann weiter. —„Ich mache Ihnen alſo keine Furcht?“ — Ich glaube nicht. —„Deſto beſſer; denn, auf das Wort eines ehr⸗ lichen Mannes, ich habe noch weder einen kleinen Jun⸗ gen, noch ein kleines Maͤdchen gefreſſen.“ — Dafuͤr kann man nicht ſtehen.— Der Contretanz war ausgelaſſen munter; ohne Stolz, Mademoiſelle D' bezeugte mir einiges Bedauern, daß ſie zu ſtreng gegen mich geweſen war, und ich, ganz glorioͤs, wuͤnſchte mir heimlich Gluͤck, alle wilde Frauen in den amerikaniſchen Steppen und den Inſel⸗ gruppen der Suͤdſee gelaſſen zu haben. Mein junger Blondin erwartete mich laͤchelnd. — Kommen Sio, ſagte er, Sie fuͤgen ſich ſehr gut in unſre Gebraͤuche. Ich wette, daß Sie eben die Scene ganz vergeſſen hatten, welche Sie ſo in Bewegung ſetzte. Ich ſehe mit Vergnuͤgen, daß Sie umgaͤnglicher ſind, als Ihre ſtrengen Zuͤge vermuthen ließen, und jetzt, da Sie mir als ein Landsmann und Zeitgenoß erſchei⸗ 371 nen, kann ich Ihnen, wenn Sie mich hoͤren wollen, einige Belege liefern, welche Sie ſpaͤter ganz nach Be⸗ lieben benutzen koͤnnen. Ich nahm es an. 1 Euch, die ihr die Salons der großen Geſellſchaft beſuchet, darf ich nicht erſt die allgemeine Farbe des weiten Panoram's beſchreiben, das vor meinen Augen aufgerollt wurde. Der junge Elegant, deſſen geſchmack⸗ vollen Anzug ich bewunderte, verdankte ſein ganzes Verdienſt einem Schneider, zu dem er im Cabriolet ge⸗ fahren war, um Kredit zu finden, und das Cabriolet war von einem Verleiher genommen, durch einen Livree⸗ bedienten, welcher der Freund und nicht der Diener des Herrn war, der ſeinerſeits in einem andern Vier⸗ tel die Livree anzieht, um der Geckenhaftigkeit ſeiner Spießgeſellen zu froͤhnen.— Es ſollte mich nicht wun⸗ dern, fuhr mein junger Blondin fort, wenn der, von dem ich rede, ſich mit dem Betruͤger, den man fortge⸗ jagt, verſtaͤndigt haͤtte; er hat viel verloren, und da ihn ſein Frohſinn nicht verlaſſen, ſo wuͤrde ich die Wette gewinnen, daß er mindeſtens mit einem Drittel in den ſchaͤndlichen Spekulationen ſteckt, welche ſo viel treu⸗ herzige Provinzbewohner ruiniren. 4 —„Dann iſt es Ihre Pflicht, die Schoͤne zu war⸗ nen, an die er eben ſchmeichelnde Worte richtet. Es iſt ein Dienſt, den Sie ihrer Mutter erweiſen; eilen Sie!“ — Kehren Sie in Ihr Polyneſien zuruͤck, Reiſen⸗ 372 der, und laſſen Sie mich ausſprechen. Die junge Frau, an der Sie ſo lebhaften Antheil nehmen, iſt die Wittwe eines Kapitains, der als Junggeſell bei der Bela⸗ gerung von Taragona geblieben. Sie begleitete ihren Mann auf ſeinen gefaͤhrlichen Feldzuͤgen; im Regimente nannte ſie Jeder Mademoiſelle, ohne daß es den Gemahl verdroß, und wie Sie wiſſen, wenn Sie uͤber⸗ haupt Etwas wiſſen, ſind die Archive aller ſpaniſchen Staͤdte bei unſerm erſten Einfall verbrannt worden, alſo iſt auch der Ehekontrakt dieſer werthen Demoiſelle vernichtet. Ihre Zukunft iſt dadurch etwas getruͤbt; aber die Hoffnung iſt lebendig in dem Herzen eines huͤbſchen Maͤdchens; dieſe erwartet heitre Tage, und mit Huͤlfe ihrer Figur und ſtrengen Grundſaͤtze iſt ſie auf gutem Wege.. —„Was Sie mir da ſagen, iſt etwas dunkel.“ — Etwas Anderes habe ich Ihnen nicht ſagen wol⸗ len. Fragen Sie Ihren Bruder, ob Sie mit der Fin⸗ ſterniß Licht machen koͤnnen. Ich kann nicht mehr, als die Phyſik, und bin wahr geweſen, wie ſie. —„Nun, moͤgen ſie mit einander zurecht kommen!“ — Gut, mein Freund! Sie civiliſiren ſich. Mi⸗ ſchen Sie ſich nie in die Angelegenheiten der Gluͤcks⸗ ritter, wenn Sie ſich nicht in verdruͤßliche Haͤndel ver⸗ wickeln wollen, aus denen Sie nur mit Schmutzflecken hervorgehen. Haben die Gewuͤrzkraͤmer nicht immer einen Geruch von Zimmt und Nelken an hſ ch? Man 373 erraͤth einen Friſeur auf ſechs Schritt Diſtance, und ein etwas feiner Geruch weiß ſchon am Fuß der Saͤule, daß ein prachtvolles Parfuͤmerie⸗Magazin in der Mitte der Straße de la Paix iſt. —„Nach Ihrer Rechnung laͤuft man alſo einige Gefahr, oft in dieſe ſchoͤnen Salons zu kommen?“ — Nein, wenn man gewarnt und vorſichtig iſt. Sie gewinnen hier, beobachtend, etwas Feinheit, ge⸗ nug, um die Gefahr zu vermeiden, aber nicht genug, um Ihren Ruf zu gefaͤhrden. Die Welt verachtet die Schelme, und lacht uͤber die Dummkoͤpfe und Betro⸗ genen. Trachten Sie danach, daß nie uͤber Sie gelacht wird. Die Verachtung kann Sie nicht beruͤhren. Noch Eins: ſehen Sie den großen Herrn mit der breiten Stirnwunde? Das iſt ein Gluͤcksritter. Sein Band verdankt er einem Mißverſtaͤndniß des Kriegs⸗ miniſters. Er heißt Durand, iſt 32 Jahr alt, und lebte in Barcellona mit kleinen Quincaillerieſachen handelnd. Eines Tages in ſeinem Laden fallend, riß ihm die Ecke eines Schloſſes die Stirn auf. Geheilt, und Beſitzer von einigen Piaſtern, die ſein Gewerbfleiß errungen, kehrte er nach unſerm ungluͤcklichen ſpaniſchen Feldzuge in ſeine Heimat zuruͤck. Kaum eingerichtet, kommt ein großes Paket von Paris an ihn. „Mein Herr, ich beeifre mich, Ihnen das Kreuz der Ehrenlegion zu uͤberſenden, das Se. Majeſtaͤt Ih⸗ nen fuͤr Ihr ſchoͤnes Benehmen vor Figueras bewilligt.“ Gezeichnet: Der Miniſter u. ſ. w. 374 Das Patent wurde angenommen, die Dekoration funkelte in ſeinem Knopfloche, und der tapfre Durand, aus des Kaufmanns Geburtsſtadt, der auf dem Ruͤck⸗ zuge in Perpignan geſtorben, dem die Belohnung zu⸗ gedacht war, konnte nicht gegen den falſchen auftreten. Wollen Sie hingehen, und den Miniſter enttaͤuſchen? Was kuͤmmert es Sie, daß ſich dies Individuum das Erbtheil eines Todten angemaßt hat? Laſſen Sie ihn ſich mit ſeinem Bande und ſeinem Sterne bruͤſten. Guter Gott! das Leben iſt nur fuͤr den wahrhaft ſuͤß, der ſich um die Andern gar nicht kuͤmmert. Bei uns, mein Herr, iſt der ehrlichſte Mann der, welcher es am meiſten verbirgt, daß er es nicht iſt.— Runzeln Sie nicht ſo die Stirn, ich bitte Sie, einige Ausnahmen beſtaͤtigen die allgemeine Regel, und ich bin auf's Hoͤchſte erſtaunt, daß Sie, deſſen abenteuerliches Leben und gluͤ⸗ hende Leidenſchaften(denn ich kenne Sie dem Rufe nach) alle Zonen geſchaut, daß Sie noch nicht wiſſen, daß das Land der Chimaͤren das einzig bewohnenswerthe iſt. Koͤnnen Sie mir nicht einige Details uͤber die Buͤrger von Calcutta geben, der Stadt der Palaͤſte, wie ſie die Englaͤnder nennen? Wollen Sie mir nicht gewiſſe Belege liefern uͤber die Sitten und Gebraͤuche der Malayen und Chineſen, welche einen Theil der In⸗ ſelgruppen der Suͤdſee bevoͤlkern? Was haben Sie uns in Ihrem Berichte von den Bewohnern der Marianen erzäͤhlt, die Sie Raͤuber nennen, und von den Negern —— 4 875 in Afrika, und von den Neuhollaͤndern, und von den Bewohnern der Freundſchaftsinſeln, und von den lie⸗ benswuͤrdigen Inſulanern auf Neuſeeland, wo man die Europaͤer verſpeiſt, ohne ſich die Muͤhe zu geben, ſie mit irgend einer Sauce zuzubereiten? Laſſen Sie ſehen, Kosmopolit, welches Land moͤchten Sie bewohnen auf dieſer Erde von 5400 Meilen Umfang? Verlangen Sie, daß man fuͤr Sie ganz erpreß einen ewig azur⸗ blauen Himmel, ewig huͤbſche und liebenswuͤrdige Frauen verfertigte daß man Ihnen, Moraliſt, ein Herz giebt, immer eingangsfaͤhig den zarten Gefuͤhlen, immer jung in ſanften Regungen der Seele? Haben Sie das El⸗ dorado auf Ihren fernen Streifzuͤgen gefunden? Warum haben Sie es wieder verlaſſen? Unſer altes Europa wird Ihnen nicht behagen, wir eſſen noch nicht Men⸗ ſchenfleiſch; aber mit der Civiliſation wird das kommen. — Kehren Sie zu Ihren Antipoden zuruͤck. Ich war betaͤubt von dieſem Wortſchwall, der doch ſo viel Wahrheit durchblicken ließ. Wenn das Leben, fuhr mein junger Optimiſt fort, mehr im Menſchen ſelbſt liegt, als in denen, welche ihn umgeben, ſo laßt uns trachten, es ehrenwerth nach Geſetz und Sitte zu machen, daß wir nie ernſtlich mit unſerm Gewiſſen zerfallen ſind, dann koͤnnen wir uͤber die Verkehrtheiten der Welt lachen. Sie zu beſſern ſuchen, heißt ſich Sorgen ſchaffen.— Da ſind Sie nun im Klaren uͤber die Art, Menſchen und Dinge 8 16 †* 376 aufzufaſſen; jetzt beobachten Sie allein, und die Lektion wird nicht verloren ſein.— Adieu, ich ſehe hier gewiſſe Bewegungen, die mich geniren, die mir im Wege ſind. Ich bedarf Ruhe, laſſen Sie mich!— Kaum hatte ich ihn verlaſſen, als mich der große Quincailleriehaͤndler anſtreifte, und ſich entſchuldigte. Die Unterhaltung war angeknuͤpft. —„Sie ſprachen ſo eben mit einem jungen Mann, der Ihnen nüͤtzliche Rathſchlaͤge geben kann, wenn er anders ſpricht, als er handelt.“— Sie ſetzen mich in Erſtaunen.—„Er kommt aus Sainte⸗Pelagie, wo er ſeit drei Jahren geſeſſen.“— Wer hat ihn losgemacht? —„FEiner ſeiner Freunde, derſelbe, deſſen gehaͤſſige Auf⸗ fuͤhrung Sie vor einer Stunde ſo emporte; jener Gluͤcks⸗ ritter, den man ſo ſchimpflich hinausgeiagt hat; das Näaͤhere waͤre zu lang, zu erzaͤhlen; aber beobachten Sie ihn, ſtudiren Sie ſeine Bewegungen. Bis er zur erſten Rolle gelangt, iſt er gegenwaͤrtig Gevatter; er „macht einem Gegenuͤberſtehenden, gegen den er wettet, um ſein Spiel zu maskiren, unmerkliche Zeichen, und da ſein Handwerk iſt, ſich fuͤr ihn und alle Andere zu ſchlagen, ſo wagen es Wenige, ihm ihre Meinung zu ſagen.“— Ich aber werde es thun. unſre Erklaͤrung war kurz. Der junge Moraliſt fah mich laͤchelnd an, und ſagte, indem er den Salon verließ: Sie haͤtten beſſer gethan, zu ſchweigen; ich 377 gehe, weil man mich anderswo erwartet. Fliehen Sie nicht dieſe glaͤnzenden Vereine; glauben Sie mir, man kann ſich hier gefallen und ergoͤtzen. Die ſchoͤnſten Salons von Paris haben ihre Gluͤcksritter, welche dort nicht mehr, nicht minder angeſehen ſind, als die empfeh⸗ lenswertheſten Leute. Mehr als Zehntauſend dieſer Un⸗ beſonnenen leben groß in Paris, ohne irgend ein Ver⸗ moͤgen zu beſitzen. Sie haben Cabriolets, Pferde, Li⸗ vreebediente und Geliebten; woher ſollen ſie die Huͤlfs⸗ quellen ſchoͤpfen, mittelſt deren ſie einen Nang in der Geſellſchaft behaupten, wenn es nicht in den Hotels der Banquiers und Miniſter iſt? Unter ſich waͤre das Reſultat Null; inmitten der moraliſchen Welt aber arbeiten ſie mit mehr Sicherheit und Nutzen; ich habe mehr als funfzig bei einem großen, von Herrn Chateaubriand befohlenen Feſte geſehen, und wenn Sie morgen zu Rothſchild kommen, will ich Ihnen Zwan⸗ zig der Angeſehenſten zeigen. Adieu!— Ich hatte die letzten Worte des jungen Unverſchaͤm⸗ ten kaum gehoͤrt; er ging, indem er mir einen mitlei⸗ digen Blick zuwarf, und zwei oder drei Damen mit liebenswuͤrdigem Laͤcheln gruͤßte, welche ſein Lebewohl auf die huldreichſte Weiſe erwiederten.— Ohne Zweifel iſt das geſellige Laſter, das ich brand⸗ marken will, nicht uͤberall ſo im Ueberfluß verbreitet, wie in den Salons, welche ich mit euch durchſtreift; .* 378 aber unſre Zeit iſt gewaltig fruchtbar an Menſchen, welche auf Koſten der Leichtglaͤubigkeit und des guten Zutrauens leben. Was iſt in der Wirklichkeit ein Gluͤcks⸗ ritter? Derienige, der das Gluͤck Andrer zu ſeinem Vortheil und Gebrauch benutzt. Die Fehler der Re⸗ gierungen erzeugen die Fehler der Einzelnen. Wenn ihr hoch ſteiget, und in den erhabenen Zonen die Ver⸗ kehrtheiten ſindet, die ich bezeichne, ſo werdet ihr ſie ins Unendliche vervielfacht antreffen, nach Maßgabe, wie ihr tiefer kommt. Inmitten der politiſchen Bege⸗ benheiten, deren Spielzeug wir geweſen ſind, iſt es ſchwer, genau zu wiſſen, auf welchem Wege Dieſer oder Jener, der uns beherrſcht, dahin gelangt iſt. Kann er nicht alle Schritte ſeiner Laufbahn eingeſtehen, ſo verfolgt ihn die Abneigung, und erreicht ihn auch. Den Menſchen, die ihm nachſtellen oder ihn demuͤthigen, verhaßt, ſucht er das Gefuͤhl, das er einfloͤßt, zu recht⸗ fertigen, und er kommt leicht zu ſeinem Zwecke. Stra⸗ ßenraͤuber wagt er nicht zu werden, weil die Geſetze gegen gewiſſe Verbrechen thaͤtig ſind; ſo ſchmuͤckt er die Schande, in die er ſich ſtuͤrzt, mit einem glaͤnzenden Firniß, und lebt friedlich unter uns. Der Gluͤcksritter iſt alſo ein feiger Raͤuber, der um ſo mehr zu fuͤrch⸗ ten iſt, da er, ſtatt zu ſchreien: Geld oder Blut! euch laͤchelnd pluͤndert, und ſich waͤhrend dem gar das An⸗ ſehen giebt, als beſchuͤtzte er euch. 4 379 und wollte ich mich zu hoͤhern Betrachtungen el⸗ heben; wollte ich euch die gluͤhenden Thraͤnen herzaͤh⸗ len, welche dies Proteusgeſchlecht hat vergießen laſſen, die Gefaͤngniſſe, worin es ſeine tauſend Opfer begraͤbt, die blutigen Kataſtrophen, welche es herbeigefuͤhrt! Wollte ich noch eine Stacfel hoͤher gehen, und euch die Gluͤcksritter zeigen, welche ſich der hoͤchſten Aemter bemaͤchtigen, Ehren und Waͤrden und Titel an ſich reißen, und oft die Fuͤrſten und den Staat nach Ge⸗ fallen regieren,— 0, dann wuͤrde Bitterkeit in meinen Bericht fließen, beißende Schaͤrfe in meine Feder; denn hier hat das Uebel ganz andre Folgen, als die Reue kines Juͤnglings, oder einige Thraͤnen eines Familien⸗ vaters, oder einen Straͤfling mehr im Bagno zu Tou⸗ lon und Rochefort.—— Ich begnadige euch, die ich brandmarken koͤnnte, und auch euch, die ihr verurtheilt ſeid, mich zu leſen. So macht ſich alſo der Ausſatz der Gluͤcksritter in allen Klaſſen der Gefellſchaft fuͤhlbar, von dem kleinen Bettler, der weint, ſobald er Jemand kommen ſieht, und ſich nachher uͤber das Mitleid, das er einfloͤßt, luſtig macht, bis zu den Gewaltigen des Tages, welche ihren Einfluß zum Vortheil der Mittelmaͤßigkeit und Schlechtigkeit gebrauchen.— Der Gluͤcksritter hat jede Tracht, er zeigt ſich un⸗ ter allen Geſtalten. Bald iſt ſeine Rede hoch und kurz, 380 ofter jedoch demuͤthig und ſchmeichelnd. An welchem Zeichen ihn erkennen? Durch welches Mittel ihm ent⸗ fliehen?— Hier iſt es. Lebet fuͤr euch allein, ohne Freund, ohne Schmeich⸗ ler, ohne Frau, ohne Bedienten.— Seid der Ungluͤck⸗ lichſte der Menſchen. Jacques Arago. Berlin, gedruckt bei A. W. Hayn. * Qenſnfſnſnſſſſſe 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18