1 eih- und LCeſebedingungen. ¹ 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3— 8 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ſ l den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet J. wird.. 5. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ⸗ eträgt: für Sichentlich 2 ⁄ Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .—————— auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr. Pf.„ „ 3* 2„=„ 3„=„ 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. din beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Paris oder das Buch der Hundert und Ein. Aus dem Franzoͤſiſchen uͤberſetzt von Theodor Hell. Fünkter Zand. ———⏑—— 2.nͤ— 8 Potsdam, 1833. Verlag von Ferdinand Riegel. —x—uE— H a m.) — Drai neue Generationen waren zu den alten hinzu⸗ gekommen. Das Jahrhundert, das die Fahne Frank⸗ reichs in Moskau und an den Pyramiden ſah, das Jahr⸗ hundert des militairiſchen Koͤnigthums, des parlamen⸗ tariſchen Koͤnigthums und der koͤniglichen Demokratie war zu Ende. Es hatte die verhaͤngnißvollen Thore uͤberſchritten, die ſich uͤber dem Abgrunde der Ewigkeit oͤfnen und uͤber welche ſelbſt die Zeit nicht mehr zu⸗ ruͤck kann. 3 Am oͤſtlichen Ufer eines ſchlammigen und doch rei⸗ ßenden Fluſſes, einige Stunden vom Meere entfernt “) Die Einwohner ſprechen Han; ſo ſchrieben es auch Philipp von Comines(Buch V. Kap. 13), Palma Cayet (Neue Chronik, Buch VII.), P. de(Etoile(Jahr 1595) und. endlich Thuanus(Buch CXII.). 1 und ganz nahe bei einer reichen und volkreichen Stadt, erhob ſich eine ziemlich beſcheidene Wohnung/ ein an⸗ muthiges und faſt modernes Gebaͤude, welches dichte Pfeile uͤberragten deſſen Giebel und ſicherten es vor den dort haͤufigen Donnerſchlaͤgen. Aber an dieſen Pfeilen glaͤnzten und kreiſchten zugleich leichte Wetterfahnen von vergoldetem Kupfer. Die Frontons ſchmuͤckten breite Schilde mit Namens⸗Chiffern ſtatt der Wappen, die Familie bezeichnend, deren altes Erbtheil hier war.. Es war eine zugleich lachende und doch ernſte Woh⸗ nung, welche die Naͤhe des Fluſſes, das bewegte Trei⸗ ben einer ununterbrochenen Schifffahrt, die Mannichfal⸗ tigkeit der Anſichten, die gluͤckliche Beſchaffenheit des Bodens und die Kraft einer friſchen und unerſchoͤpflichen Vegetation zu einem Aufenthalte ganz eigenthuͤmlicher Art, zu einer Einſamkeit ohne Abſonderung und Ein⸗ foͤrmigkeit machen. 1 Zahlreiche Gaͤſte bewohnten in dieſem Augenblick das Schloß, doch war ihm keiner fremd. Es war der alte Graf Richard(anders nannte man ihn in der ganzen Gegend nicht) und mit ihm ſeine Kinder und wieder deren Kinder. Der Greis hatte ſchon eine ſehr lange Laufbahn durchſchritten, aber ſeine einfachen und milden Sitten, 3 die gewoͤhnliche Ruhe ſeines Gemuͤths und Geiſtes, und die Kraft eines von Natur geſunden und durch keine Exceſſe jemals geſtoͤrten Temperaments ſchoben fuͤr ihn den Zeitpunkt jener traurigen und unvermeid⸗ lichen Schwaͤche, den unſeligen Anfang des Todes noch im Schooße des Lebens, weit hinaus. Jeden Abend, wenn der letzte Schimmer des Tages verſchwunden war, verſammelte ſich die ganze Familie im Saale des Schloſſes um den alten Grafen. Es war dies ein ziemlich großes, mit einfacher grauer Boiſerie und einer vom Plafond ſich herabſenkenden Lampe von Bronze geſchmuͤcktes Zimmer. An der Seite eines weiß⸗ marmornen Kamins ſtand ein ungeheurer Lehnſtuhl von gruͤnem Maroquin, ein alter verbrauchter, lahmer, wurm⸗ ſtichiger Sitz, auf dem der Herr des Hauſes fleißig zu ſitzen pflegte, und fuͤr den er eine wahrhaft fromme Vorliebe hatte, denn ſchon ſein Großvater hatte ſich deſſen bedient. Auf der andern Seite hing ein großes Gemaͤlde, eine auffallende, obgleich incorrecte Arbeit eines beruͤhm⸗ ten Malers. Die Geſtalt, welche in der Mitte deſſel⸗ ben zu ſehen war und deſſen Haupt⸗Gegenſtand aus⸗ machte, war in ein weites violettes Gewand mit her⸗ abhaͤngenden Aermeln gekleidet. Nahe dabei auf einem ſchwarzſammetnen Tabouret ſtand ein trefflich gearbei⸗ tetes goldenes Kaͤſtchen. Naͤher noch ein eleganter und reicher Tiſch, auf dem ein halbentrolltes Pergament . 1* lag, wo man den Titel: Amneſtie, leſen konnte. Auch die Jahrzahl zeigte ſich; es war 1825. Unten erblickte man die koͤnigliche Signatur, Karl's Signatur, und unter ihr die des damaligen Groß⸗Siegelbewahrers. Dies Portrait ward im Schloſſe gar ſehr verehrt. Es rief dieſer Familie theure Erinnerungen zuruͤck, und der alte Graf Richard ſprach bei ſeinen Unterhaltungen mit ſeinen Enkeln oft davon, damit deſſen Tradition nicht verloren gehe. Er war alt genug, um bei jedem Gluͤckswechſel, der ſeinen Großvater betroffen hatte, mit zugegen ge⸗ weſen zu ſein. Beim Anfange von deſſen erſtem Mi⸗ niſterio, als ihm noch Alles lachte und gluͤckte, war er geboren worden. Dann hatte er mit angeſehen, wie er gegen die Parteien ankaͤmpfte, dann wie er vor ih⸗ nen ſich zuruͤckzog, und dann wie er zu der Zeit, wo die aͤußerſten Gefahren den Fuͤrſten und den Staat be⸗ drohten, als ein ergebenes Opfer zuruͤckkehrte. Sein fruͤh reifer und durch die zaͤrtlichſte Vorſorge gepflegter Verſtand war ſchon zu der Zeit, wo furcht⸗ bare Ungluͤcksfaͤlle die Ahnungen des treuen Dieners gerechtfertigt, das gebrechliche Gebaͤude ſeines Gluͤcks umgeſtuͤrzt, und ihn als Verbannten und Gefangenen mit unter die Truͤmmer des befleckten und zerſtoͤrten Thrones geworfen hatten, lebendig und entwickelt ge⸗ weſen. 1 Er war in Vincennes, in's Luxemburg, in das Schloß 8* 5 von Ham eingedrungen. Er hatte großes Elend geſe⸗ hen; er war Zeuge der tiefen Erregungen geweſen, die es einfloͤßte; er hatte im oberſten Zimmer des Thur⸗ mes, auf den Knieen des Verbannten, geſpielt. Deſſen Geſpraͤche, ſeine Ermahnungen, ſeine ſeelenvolle Phy⸗ ſiognomie, Alles war noch ſeiner Erinnerung tief ein⸗ gepraͤgt. Die ſiebenzig Jahre, welche ſeit dieſer Ka⸗ taſtrophe verfloſſen waren, hatten noch nichts davon verldͤſcht. Er ſprach wenig von ſich ſelbſt— erzaͤhlte oftmals der Greis— aber viel und immer von Frankreich. Ohne Unterlaß ſchaͤrfte er uns ein, gefaßt zu ſein, und unſer Ungluͤck nicht durch unwuͤrdige Klagen zu entehren. Sein ganzer Schmerz war nur ſeinen Wohlthaͤtern auf⸗ geſpart. Wenn deren Name auf ſeine Lippen trat, ſo ward ſeine Stimme weich, ſeine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤ⸗ nen, ſein Ausdruck ward durchdringender und erhoͤhter. Dann hatte der Schmerz Zutritt zu ſeinem Herzen. Schande, Schande! mein Sohn!— rief er aus— man hat ſich an Nichts mehr erinnert! Alte Rechte, alte Anſpruͤche, altes Ungluͤck, Ruhm und Wohlthaten der gegenwaͤrtigen und der vergangenen Zeit/ an Nichts hat man ſich erinnert! Aber wenn der Himmel der Erde wichtige und hohe Lehren geben will, muß er wohl großen Verdien⸗ ſten großes Ungluͤck ſenden. 6 Was hilft es, daß das Ungluͤck dem Verbrechen folgt? Das iſt ſein gewoͤhnlicher Weg, den Jedermann kennt. Was kuͤmmert uns dieſe taͤgliche und unfrucht⸗ bare Lehre, die nicht mehr in Staunen ſetzt, Nichts mehr lehrt? Fleckenloſer Gegenſtaͤnde bedarf es fuͤr jene großen Suͤhnopfer, fuͤr die großen Verirrungen der Sterblichen. Ich erinnere mich— fuhr er fort— dieſes verlaſ⸗ ſenen Hofes, dieſes aufgegebenen Koͤnigthums recht wohl. Alles war ihm Vorausverkuͤndigung, Ahnung. Ihr haͤt⸗ tet ihn fuͤr jene armen Eremiten halten koͤnnen, denen man bei jeder Begegnung zuruft:„Bruder, denk an den Tod!“ Ja, das Uebel war allerdings tief gewurzelt, alt, vielleicht unheilbar. Waren jene Verſuche des Aeußer⸗ ſten rechtlich, ſo waren ſie es damals. 1 Nur haͤtte man noch warten ſollen.... Wer weiß?... Wer weiß, ob der Feind, wenn man ihn nicht angriff, auch Alles dann gewagt haͤtte, oder, wenn er Alles wagte, ob nicht ſeine Verwegenheit zu ſeiner unordnung und Niederlage beigetragen haͤtte? Geheimniſſe, die jetzt unnuͤtz ſind, und welche die Zeit, die den Schluͤſſel dazu hatte, uns nun nicht mehr kundgeben kann. Edler Koͤnigsſtamm, verlaſſe Dich ſelbſt nicht! Die Zukunft liebt es, die Anſicht der Welt zu erneuen; laß den Sturm der Widerwaͤrtigkeit voruͤber gehen! Der alte Graf hatte beſonders vom Schloſſe Ham zahlreiche und lebendige Erinnerungen bewahrt, weil er erſt weit ſpaͤter dahin gekommen war. Von dieſem Schloſſe erzaͤhlte er alte Geſchichten, die er den juͤng⸗ ſten ſeiner Enkel oft wiederholen mußte. Manchmal machte er ihnen eine Beſchreibung da⸗ von. Es war ein mittelmaͤßig befeſtigtes Schloß— ſagte er.— Der Connetable von Saint Paul hatte es in der letzten Haͤlfte des funfzehnten Jahrhunderts auf den Truͤmmern einer alten Burg erbauen laſſen. Es war im Viereck aufgefuͤhrt und an den Ecken hatte es vier runde Thuͤrme, die durch ſehr enge Waͤlle mit einander verbunden waren. Ein viereckiger Thurm ſchuͤtzte gegen Nordweſt den einzigen Eingang in die Feſtung; ein anderer, ganz aͤhnlicher Thurm erhob ſich auf der entgegengeſetzten Seite gegen Suͤdoſt. Zwei Halbmonde gegen Morgen und Abend bildeten die ein⸗ zigen Außenwerke. Laͤngs der Waͤlle gegen Mittag und Morgen floß der Kanal des Herzogs von Angouleme. Ganz nahe ſtroͤmte auch die Somme, an welcher die Stadt lag, voruͤber. Im Innern des Hofes dienten zwei mittelmaͤßige Gebaͤude, von Backſteinen gufge⸗ fuͤhrt, zu Kaſernen. Das Staats⸗Gefaͤngniß lag an dem aͤußerſten Ende eines dieſer Gebaͤude. Da, in einer oͤden und kleinen Kammer, habe ich Euern Ur⸗ vater oft und lange geſehen, ruhig und geduldig, von Niemand etwas verlangend, ſich uͤber Riemand bekla⸗ 8 gend, von den Leiden Frankreichs nur dieienigen ver⸗ geſſend, die ihn ſelbſt betroffen hatten. Bloß uͤber ſeine Kammer hatte er die naive und myſteridſe Deviſe Phi⸗ lipp's des Kuͤhnen eingegraben:„Mir waͤhrt vieles zu lange.“ Eins doch war bemerkenswerth an dem Schloſſe, naͤmlich der oͤſtliche Thurm, der den Namen des Con⸗ netable behalten hat. Es war eine ſchwere und un⸗ foͤrmliche Steinmaſſe, hundert Fuß hoch und hundert Fuß ebenfalls im Durchſchnitt, mit Mauern von zwei und dreißig Fuß Dicke. Drei Stockwerke, die in dem Grunde aufgewoͤlbten Gefaͤngniſſe nicht mitgerechnet, theilten innerlich dieſes ungeſtaltete Bauwerk ab, aber Alles unbearbeitet, ohne eine Spur von Kunſt oder Ge⸗ ſchmack. Nur der Eingang hatte einige Verzierungen und eine Inſchrift: in einander verſchlungene Seile, von denen zwei Eicheln, wie auf den Wappen der Bi⸗ ſchoͤfe herabhingen, und daruͤber die beiden Worte: „Mein Beſtes“, eitler Ausdruck eines Vertrauens, das das Gluͤck trog. Unter der ehemaligen Monarchie diente dieſes Schloß lange Zeit zum Staats⸗Gefaͤngniſſe. Ludwig XVI., der die Staats⸗Gefaͤngniſſe eingehen ließ, aͤnderte deſſen Beſtimmung ab, aber waͤhrend der Republik gab man ſie ihm wieder. Ludwig XVIII. nahm ſie ihm von neuem, als er den Thron beſtieg.*) Als Karl X. von *) Ordonnanz vom Mai 1814. 9 ihm herabſtieg, oͤffneten ſich die Staats⸗Gefaͤngniſſe wieder und das Schloß kehrte zu ſeiner fruͤheren Be⸗ ſtimmung zuruͤck. Am aͤußerſten Ende des Hofes befand ſich eine große Linde. Es war der einzige Baum, den die Gefangenen ſahen, und auch ihn nur von weitem. Seht dieſen Baum— ſagte einſt mein Großvater zu mir—, ein beruͤchtigter Mann hat ihn gepflanzt, ein Mann, den man Bourdon nannte, einer der Begruͤnder der fran⸗ zoͤſiſchen Republik, und den die Republik dafuͤr zum Lohne in dieſes Gefaͤngniß warf. Er wollte ſelbſt noch als Gefangener ſeinem Glaubensbekenntniſſe ſtandhaft anhaͤngen und pflanzte daher an dieſe Stelle einen jun⸗ gen Baum, den er nach der tollen Sitte jener Zeit der Freiheit weihte. Die Natur dagegen wollte, daß, als eine harte und tiefſchneidende Verhoͤhnung, dieſer Baum der Freiheit, der ſchon ganz abgeſtorben war, in einem Gefaͤngniſſe gedeihe und bluͤhe. Und er bluͤht noch da, mein Sohn, aber die Freiheit, wann wird dieſe bluͤhen? Ihr werdet mich fragen— fuhr er fort—, was ein Freiheitsbaum ſey? Es war ein Symbol, mein Sohn, ein ohnmaͤchtiges und unwirkſames Symbol, das keine Erinnerung erweckte, keine Erregung des Gemuͤths hervorrief und an ſich nichts beſaß, um En⸗ thuſiasmus einzufloͤßen. Dieſer Baum hat den des Kreuzes nicht in Vergeſſenheit gebracht. Denn dieſer iſt das wahre Symbol der Freiheit auf der Erde. 10 Ein anderes Mal wiederholte der alte Graf als Auswahl unter den Geſpraͤchen, denen er beigewohnt, ſeinen Enkeln einige der Maximen und Belehrungen ihres Ahnherrn. Wenn man mit ihm von denen ſprach— erzaͤhlte er ihnen—, die ihm ſo viel Uebles zugefuͤgt hatten, un⸗ terbrach er und ſagte: Man muß ſie beklagen, liebe Kin⸗ der, nicht aber ſie haſſen. Waren ſie ihre eigenen Her⸗ ren? Ihr ſaht meine Gefahren, ſaht Ihr die ihren? Die Revolutionen ſind undankbar gegen die, welche ih⸗ nen dienen. Sie machen harte Anforderungen an ſie. Glaubt Ihr denn, ſie haͤtten mir aus Haß gegen mich das angethan, was ſie mir angethan haben? Glaubt das nicht; ſie dachten mehr an ihren Vortheil als an meinen Schaden. Sie opferten mich den Irrthuͤmern Anderer auf, indem ſie glaubten, dieſe dadurch von ſich ſelbſt abzuwenden und ſie zu beſchwichtigen. Man muß die niedrigen Leidenſchaften des gemei⸗ nen Lebens nicht in die Politik uͤbertragen. Mancher, der Euch zu ſchaden ſuchte, hat Euch vielleicht gehol⸗ fen, Mancher Euch geſchadet, der Euch doch eigentlich helfen wollte. Oft denkt man, indem man einen Men⸗ ſchen angreift, ganz und gar nicht an dieſen. Man verfolgt in ſeiner Perſon ein idealiſches Weſen, das eine große Menge anderer Menſchen in ſich faßt. Man vertheidigt ſich gegen ihn als ein Prinzip, als eine Theorie, als eine Gewalt, deren Bild und Ausdruck 11 er geworden iſt. Man wuͤrde ihn vielleicht lieben, wenn er nur er ſelbſt waͤre, aber nun verfolgt man in ihm Alles, in was er ſich verwandelt hat. Seine Feinde ſind nicht die ſeinigen, ſie ſind die Feinde derer, deren Freund er iſt. Erhebt, erhebt doch Eure Gedanken und Gefuͤhle. Ich habe mich uͤber Nichts zu beklagen, alſo hegt auch keinen Verdruß, keine Rache. Bezieht Alles nur auf Euer Vaterland. Die Zukunft iſt tief und undurch⸗ dringlich; ſie wird vielleicht Euch beguͤnſtigen, wie mich die Gegenwart betrog. Sollte Euch irgend eine Ge⸗ walt einmal zu Theil werden, ſo erinnert Euch nur deshalb meiner Leiden, damit Ihr nicht aͤhnliche auf Andere haͤuft. Es hieße mich verrathen, wenn Ihr Euch raͤchen wolltet. 4 Die Nache iſt oft eine Ungerechtigkeit, ofter noch ein Fehler. Wie viele andere Feinde zieht man ſich nicht zu, indem man ſich von dem einen befreit? Die Großmuth entwaffnet nie, das gebe ich zu, aber die Strenge reizt und empoͤrt, und dieſe Aufreizung iſt an⸗ ſteckend. Nur weil man ſchwach iſt, raͤcht man ſich; nur weil man ein ſtarres Herz, einen beſchraͤnkten Geiſt be⸗ ſitzt, verzeiht man nicht. Die Voͤlker haben einen be⸗ wundernswuͤrdigen Inſtinkt, dieſe Schwaͤchen zu durch⸗ ſchauen. Die verabſcheuenswerthe Stimme, welche aus⸗ ſprach, daß nur die Todten nicht wiederkehren, hat bloß 12 einen ſchmaͤhlichen Irrthum vernehmen laſſen. Die ge⸗ faͤhrlichſten Feinde, die man haben kann, ſind die, die man getoͤdtet. Die Alten machten ſich aus der Rache ein goͤtt⸗ liches Vergnuͤgen. Ein verworfenes Vergnuͤgen im Ge⸗ gentheil. Eine edle Freude iſt es, ſich raͤchen zu koͤn⸗ nen und es doch nicht gethan zu haben. Eines Tages, als man ihm, ich weiß nicht, wel⸗ chen Plan zur Flucht vorgeſchlagen hatte, ſagte er zu uns: Ich wuͤrde ihn vielleicht annehmen, wenn der Ur⸗ theilsſpruch gegen mich legal und gerecht waͤre. Aber ſo, wie er iſ, gefaͤllt er mir zu ſehr, und ich will ihm alſo Nichts entziehen. Wer mag ſich denn uͤber die Un⸗ billigkeit einer Sentenz beunruhigen, wenn ſie nicht vollzogen worden? Ich wuͤrde jene durch meine Flucht losſprechen; ich wuͤrde ihre Ungerechtigkeit faſt verloͤ⸗ ſchen, wenn ich deren Wirkungen aufhoͤbe. Ich muß bleiben, um jeden Tag Zeugniß dieſer Gewaltthaͤtigkei⸗ ten abzulegen. Es iſt mir nuͤtzlich, daß ſie ſich verlaͤn⸗ gern und in meinem Leben eine tiefe, dauernde Spur zuruͤcklaſſen. An denen, auf welchen ſie laſten, iſt es, ſich meiner zu entledigen, wenn ſie es koͤnnen. Ich will ihnen die Sorge dafuͤr nicht erſparen. Und dann, liebe Kinder, bedenkt doch, ſolche Plane fuͤhrt man nicht aus, ohne diejenigen einige Gefahr laufen zu laſſen, welche ſie befoͤrdern. Gott behuͤte mich, je darein zu willigen, daß irgend Jemand ſich ——— 13 um meinetwillen einer ſolchen Gefahr ausſetze. Was mir noch vom Leben uͤbrig, iſt nicht werth, daß man 3 dieſen Werth darauf ſetzt. Der groͤßte Philoſoph des Alterthums ſchlug es ſogar ab, ihn dem Tode zu entziehen. Eine ſo edle That wuͤrde unſere heutige Schwaͤche in Erſtaunen ſetzen. Kaum begreift man ſie noch; wer aber ſollte nur noch glauben, daß man ſie nachahmen koͤnnte? Aber ohne ſich zu einer ſo außerordentlichen Seelen⸗ ſtaͤrke erheben zu wollen, was Niemand weniger als mir gegeben ſein duͤrfte, iſt es doch auch nicht verbo⸗ ten, aus dieſem Beiſpiele das herauszunehmen, was ſich einem beſcheidenen Leben und einem gewoͤhnlichen Muthe anpaſſen laͤßt. Noch andere Male wiederholte ihnen Graf Richard die Geſchichte dieſes Ortes, ſo wie ſie ihm ſein Gubß⸗ vater gewoͤhnlich erzaͤhlte. Dieſe Stadt— ſagte er— beſaßen in alten Zei⸗ ten maͤchtige und beruͤhmte Gebieter. Eudes von Ham nahm unter Philipp Auguſt's Regierung das Kreuz aus den Haͤnden jenes Foulques de Neuilly,„der, wie der Chroniken⸗Schreiber*) ſagt, ein tapferer Mann war, der viele Wunder that, und gar fromm von Gott ſprach, durch Frankreich und die andern an⸗ grenzenden Laͤnder.“ und der wackere Ritter kaͤmpfte *) Ville⸗Hardouin. 14— muthig in den beiden Beſtuͤrmungen Konſtantinopels, an dem Tage, wo Lascaris, Ducas und Marzulph, ſich um den blutigen Nachlaß des jungen Alexis ſtrei⸗ tend, ſtatt ihn zu vertheidigen, die Krone der griechi⸗ ſchen Kaiſer auf das Haupt eines Grafen von Flan⸗ dern fallen ließen.— Drei Jahre nachher„werrichtete Hues von Ham, welcher Herr war eines Schloſſes, das man Ham im Vermandois nannte, große und viele Waffenthaten“”“ bei jener ungluͤcklichen Schlacht von Adrianopel, wo der heldenmuͤthige Graf von Blois ſiel und der Kaiſer Balduin in die Gewalt des Koͤnigs der Bulgaren gerieth. Ein anderer Herr von Ham ward in der Schlacht von Montlhéry in dem Augenblicke getoͤdtet, wo die Leibwacht Ludwig's Xl. den linken Fluͤgel des Grafen von Charollais in die Flucht ſchlug. Gedenkt auch— aber nur um ihn zu verwuͤnſchen — des verſchlagenen und hinterliſtigen Heribert*), die⸗ ſes abtruͤnnigen Herrn von Ham und Vermandois, der ſeinen Fuͤrſten beraubte, ohne auch nur den Muth zu beſitzen, den Raub an ſich zu nehmen, und ihn feig in Peronne ſterben ließ, nachdem er ihn ſechs Jahre als Gefangenen zuruͤckbehalten hatte; glucklich noch der mitleidwerthe Prinz durch den Muth ſeiner Gattin *) So nennen ihn Frodoart und Raoul Glaber. 15 Hedwig*), dieſer beruͤhmten und gewandten Koͤnigin, die ihren Sohn, ein zartes Kind, den Verfolgungen des Uſurpators zu entziehen wußte, und nachdem ſie ihm die Ruͤckkehr zum Throne vorbereitet hatte, tapfer an der Spitze ihrer Armee kaͤmpfte, um ihn darauf zu erhalten.**) Vergeßt ferner jenen andern Strafbaren nicht, der es noch immer ſehr, obgleich doch minder war, dieſen Connetable von Saint⸗Paul, einen dreimaligen Ver⸗ raͤther, dreimaligen Lehnsbruͤchigen, der zugleich den Herzog von Burgund, den Koͤnig von England und den Koͤnig von Frankreich verrieth, und es nur zu ſehr verdiente, wieder als Opfer eines Verraths zu fallen. Auch— fuhr er fort— hat der Krieg hier ge⸗ wuͤthet. Im Jahre 932 hatte Hebrard, Sohn jenes Grafen Helgaud, den die Normannen bei der Ueber⸗ rumpelung des Lagers von Arras toͤdteten, ſich zum Herrn des Schloſſes Ham gemacht. Der Graf Heri⸗ bert eilte hinzu, erſtuͤrmte es und nahm Hebrard ge⸗ fangen. Kurze Zeit darauf belagerten es der Koͤnig Raoul und Hugo der Große. Man ſtritt lange, endlich aber *) Dieſen Ramen giebt ihr Frodoart(Andere nennen ſie Ogine, noch andere Theagine). ) Mäézeray. 16 wurden Heribert's Getreue gendthigt, dem Koͤnige Geißeln zu ſtellen. Vor dieſer Stadt begann Johann von Burgund 1411 den verhaßten und blutigen Krieg, der ſein Haus und das von Orleans ſo lange trennte. Die flam⸗ laͤndiſchen Truppen, die er dort hingefuͤhrt, uͤberwan⸗ den nur mit Muͤhe den Widerſtand der Einwohner. Doch mußten dieſe endlich nachgeben. Die ungluͤck⸗ liche Stadt ward gepluͤndert„und alle Kirchen und Haͤuſer derſelben verbrannt und zerſtoͤrt. Selbſt die dabei gelegene Abtei, aus der bloß ſechs bis ſieben Geiſtliche entkamen.“*) . Sie erhob ſich jedoch wieder aus ihren Ruinen, aber ſchon 1414 nahm Johann von Luxemburg ſie wieder und pluͤnderte ſie abermal. Zwanzig Jahre nachher ward ſie von Lahire wieder eingenommen. Diesmal aber war ſie von Seiten des Konigs aufgefordert worden. Die Einwohner widerſetzten ſich ihrem Fuͤrſten nicht im mindeſten und Karl's Trup⸗ pen begingen nicht die kleinſte Gewaltthaͤtigkeit. Seht nun— fuhr er weiter fort und zeigte auf den Eingang der Feſtung— hier, ganz nahe bei dieſer Thuͤre, ward 1595 der brave Humidres, der tapfere Krie⸗ ger, getoͤdtet, deſſen Tod Heinrich IV. heweinte.*) *) Monſtrelet. 2⸗) Thuanus, CXII. Buch. 17 Gomeron, der fuͤr den Herzog von Aumale hier befeh⸗ ligte, hatte die Schwachheit gehabt, 1500 Spanier in die Stadt aufzunehmen, und war vor Kummer daruͤber geſtorben.*) Sein Sohn, der ihm nachfolgte und das Schloß beſetzt hielt, beging ſeinerſeits wieder eine an⸗ dere Thorheit; er willigte naͤmlich, der Himmel weiß in welcher Hoffnung, ein, ſich mit zwei ſeiner Bruͤder nach Bruͤſſel zum ſpaniſchen Generale zu begehen. Als ihn dieſer in ſeiner Gewalt hatte, wollte er dies be⸗ nutzen, um ſich die Feſtung uͤbergeben zu laſſen, und drohte daher der Mutter Gomeron's, die darin geblie⸗ ben war, im Weigerungfalle ihr die Koͤpfe ihrer drei Soͤhne auf einer Schuͤſſel zu ſenden. Dorvilliers, der Schwager Gomeron's, war indeß an ſeine Stelle ge⸗ kommen, ſchauderte vor dem Verrathe, den man ihm vorſchlug und rief den braven d'Humières herbei. D'Humidres kam, griff entſchloſſen die in der Stadt verſchanzten Spanier an, ward zwei Mal zu⸗ ruͤckgeworfen, und ſtarb an einem Flintenſchuſſe von einem Kirchthurme herab. Seine Soldaten raͤchten ihn jedoch; die Stadt ward genommen und von den 1500 Spaniern, die ſie vertheidigt hatten, retteten ſich nur ſehr wenige. Ihr General belagerte damals Catelet. Aufge⸗ bracht uͤber dieſen Verluſt und ihre Niederlage zog er ²) Mäzeray. 1 FN . 18 vor Ham, forderte das Schloß auf, ward, wie billig, mit Kanonenſchuͤſſen empfangen und raͤchte auf der Stelle ſeine Schmach, indem er unter den Augen ſeiner Mutter den ungluͤcklichen Gomeron aufhaͤngen ließ. Man zeigte noch vor wenigen Jahren einen Baum, der deſſen Namen fuͤhrte; es war der, an welchem ihn der Henker aufgeknuͤpft hatte. Zweihundert und zwanzig Jahre ſpaͤter zogen die Fremden wieder vor Ham. Zehn Artilleriſten und 87 Veteraneu machten damals die ganze Beſatzung des Schloſſes aus. Das Armee⸗Corps, das ſie belagerte, beſtand aus nicht weniger als 30,000 Mann. Und doch war der Widerſtand lang' andauernd und geſchickt, und ſein Lohn die ehrenvollſte Capitulation. Man bewahrt in den Archiven der Feſtung dieſen edlen und koſt⸗ baren Anſpruch unſerer alten Krieger auf Muth noch heilig auf. Ham— ſagte er auch noch— war einer von den an der Somme gelegenen Plaͤtzen, die durch den Vertrag von Arras an den Herzog von Burgund, Philipp den Guten, verpfaͤndet wurden, und die dieſer, ſo rechtlich man ihn uns auch ſchildert, doch keine Luſt hatte, wieder herauszugeben, obgleich man ihm ſeine 400,000 Goldguͤlden wieder zuruͤckzahlte. Dies war ein Hauptgegenſtand der Zwiſtigkeiten und gegen⸗ ſeitigen Widerwillens zwiſchen ihm und Ludwig XI. Ludwig XI.! Welch ein Koͤnig, meine Kinder! Welche 19 ſonderbare und unbeſchreibliche Geſtalt von einem Kö⸗ nige! Ein gepxrieſener, ein verſchrieener, ein gefuͤrch⸗ teter, ein verachteter Fuͤrſt, Alles auf einmal, der ſich nach Sitte damaliger Zeit von dem Joche befreite, das ihm die Großen aufzulegen ſtrebten; der ſich des Volks bediente, ohne ſich ihm zu unterwerfen, und der Reli⸗ gion, ohne ihr ein einziges ſeiner Verbrechen aufzu⸗ opfern; politiſch, obſchon aberglaͤubiſch, oder vielmehr aberglaͤubiſch, weil er politiſch war; von dem man ſagte, daß es ihm an Muth gebreche, ohne zu beden⸗ ken, wie tapfer er vor Luͤttich und zu Montlhéry kaͤmpfte; dem man die Fallſtricke vorwarf, in welche er Karl den Kuͤhnen lockte, ohne ſich weder an die verbrecheriſche Ligue des gemeinen Beſtens, noch an den Giftmiſcher Hardy*) zu erinnern, den ſein Vaſall ihm verraͤtheriſcher Weiſe zugeſchickt hatte; dem man auf das verdaͤchtige Zeugniß Brantome's hin den Tod ſeines Bruders**) unbeſonnen ſchuldgegeben hat, in⸗ dem man vergaß, daß dieſer erſt ſieben Monate nach der angenommenen Vergiftung ſtarb***), und daß, als *) Chronik von Jean de Troyes. 2a) Petitol, Noie zu dem 9. Kapitel des III. Buchs der Memoiren von Philippe de Comines. „6ss) Mézeray erzählt, daß der Abt von Saint Jean d'Angely der Dame von Montſoreau eine Pfirſiche über⸗ reicht habe, welche dieſe mit dem Herzoge von Guyenne, deſſen Geliebte ſie war, theilte. 20 er in ſeinen letzten Lebenstagen ſein Teſtament machte, er Ludwig XI. ſelbſt, obgleich dieſer anweſend war, zu ſeinem Erben einſetzte; ein geiziger, grauſamer, unver⸗ ſoͤhnlicher Fuͤrſt, der es doch ein Mal hedauerte, nicht verziehen zu haben*); der ein ſchlechter Sohn war und ein ſchlechter Vater; der ſich durch den Tod von Agnes an der Oberherrſchaft raͤchte, die derſelben ihre Schoͤnheit uͤber ihn gab, und das noch unbewieſene Verbrechen von Nemours durch einen furchtbaren Tod beſtrafte; Koͤnig ſeinem Volke und ſeinem Jahrhunderte gemaͤß; geſchickter noch bei Widerwaͤrtigkeiten als im Gluͤck; der eine Menge Fallen ſtellte, dem man ſte aber auch ſelbſt wieder legte; der ſich nur zu Peronne taͤuſchte, der den Einfaͤllen der Englaͤnder Einhalt that, die Provence erwarb, Burgund wieder erlangte, Anjon und Maine anſchloß, Guyenne und die Nor⸗ mandie in ſeine Haͤnde bekam und die Verbindung mit der Bretagne vorbereitete, welche ſeine Nachfolger be⸗ endigten; groß durch ſeine großen Thaten, ſtrafbar durch die ſtrafbaren Mittel, die er dazu anwen⸗ dete.— Dieſem fuͤgte er noch Erzuaͤhlungen anderer Art hinzu. Vadé iſt hier geboren— ſagte er—, dieſer freiſinnige, anmuthige Saͤnger; er ward zu einer Zeit beruͤhmt, wo der Geſang uͤberhaupt nur heiter und *) Philippe de Comines, Buch VI. Kap. 12. 21 artig war. Béranger hatte ihn noch nicht ernſt und ſchoͤn gemacht. Aber noch ein weit hoͤherer Anſpruch: der General Foy iſt hier geboren worden. Ich habe ihn gekannt, liebe Kinder! habe ihn in der Naͤhe geſehen, habe lange Unterredungen mit ihm gehabt, weit entfernt vom Tu⸗ multe der oͤffentlichen Verſammlungen. Ich weiß nicht, ob er mir jetzt dieſelbe Gerechtig⸗ keit wiederfahren laſſen wuͤrde, wie damals; ich aber werde nie aufhoͤren, ihm die zukommen zu laſſen, die er verdient. Er war ein aufrichtiger und geſchickter Mann, der nur von weitem denen folgte, die ihn mit ſich fortriſſen; der einzige vielleicht unter ſo vielen an⸗ dern Rednern derſelben Partei, der nicht geringer war als der Ruf, welchen ihm dieſe bereitet hatte. Nun kamen die naͤheren Nachrichten an die Reihe, welche der gute Richard uͤber die Gefangenen in dieſem Schloſſe ſich verſchafft hatte. Man zaͤhlt wenige Be⸗ merkenswerthe darunter— ſagte ſein Großvater.— Die Regierungen zogen fuͤr dieſe Vincennes und die Baſtille vor, welche naͤher und ſicherer waren. Doch ward ein Koͤnig hier feſtgehalten, ein ver⸗ rathener, ein beraubter, ein legitimer Koͤnig Frank⸗ reichs. Als der Graf von Vermandois, der treuloſe Vaſall, ſich des allzuvertrauensvollen Karl's III. bemaͤch⸗ tigt hatte, brachte er ihn, wie der Chroniſt erzaͤhlt, zuerſt in eine ihm gehoͤrende Feſtung unweit Saint⸗ Quentin*), an der Somme“, und ließ ihn dann in eine andere bringen, welche Chateau⸗Thierry hieß. Dieſe Feſtung an der Somme war die, in welcher Ihr jetzt mich ſelbſt neun Jahrhunderte ſpaͤter ſeht, mich, den Miniſter eines andern, ebenfalls beraubten Koͤ⸗ nigs Karl. Auch ein Graf von Orford, ein treuer und muthi⸗ ger Diener des Hauſes Lancaſtre, iſt eilf Jahre im Schloſſe Ham eingeſperrt geweſen, und zuletzt nebſt dem Gouverneuer deſſelben, Walter Blouet, den zu verfuͤhren ihm gelungen war, daraus entwiſcht. Dieſer brave Graf von Orford war derſelbe, der an den furchtbaren Tage von Barnet ſo tapfer fuͤr Heinrich und Margarethe ſtritt und gewiß die Schlacht gewon⸗ nen haͤtte, wenn ſie nicht durch einen ungluͤckſeligen Mißgriff des Grafen von Warwick verloren gegangen waͤre. Das Schloß aber, wo er fuͤr ſeine Treue ſo ſchwer buͤßte, war nicht, wie man geglaubt hat, das an dem Ufer der Somme. Der Geſchichtſchreiber hat ſich getrogen. Eine Volksſage hier iſt 8, daß ein ungluͤcklicher Kapuziner, deſſen Verbrechen ſtets unbekannt geblieben, hier lange Jahre in einem engen Loche in dem Thurme gelebt habe und im Geruche der Heiligkeit geſtorben ſey. Man betete an dem Steine, der dem armen ²) Frodoart's Chronik, Jahr 923. 23 Moͤnche zum Kopfkiſſen gedient haben ſollte. Die Frauen ſtrichen ihre Kleider daran. Es war eine ein⸗ fache Huldigung, die man dem Ungluͤck weihte, und ſie ſchrieben dieſer Beruͤhrung nicht ohne Grund eine bewundernswerthe Kraft zu. Voch erzaͤhlt man auch eine neuere und minder un⸗ gewiſſe Sage. Ein junger Mann, Namens Lautrec, ſchoͤn, feurig, zu allem Außerordentlichen geboren, eben ſo fuͤr das Hoͤchſte in der Tugend als bei'm Laſter, hatte ein eben ſo ſchoͤnes, eben ſo anmuthiges und leidenſchaft⸗ liches, aber keuſches, frommes, unſchuldiges und be⸗ ſcheidenes Maͤdchen kennen gelernt. Lautrec liebte es, wie er lieben mußte, wuͤthend und ungeregelt. Auch das junge Maͤdchen ließ ſich von der Liebe hinreißen. Sie liebte Lautree, liebte ihn zaͤrtlich und ſchuldlos. Aber ſie war von niederer Abkunft und beſaß kein Vermoͤgen, um dies gut zu machen. Er bildete ſich eine Zeitlang ein, daß die Liebe ſtaͤrker bei ihr ſein werde als die Tugend. Aber er taͤuſchte ſich. Das arme, ſtaunende und gedemuͤthigte Maͤdchen fand in ihrer Reinheit unerſchoͤpfliche Huͤlfe. Sie haͤtte gern aufgehoͤrt zu lieben, wenn der Wille genuͤgend gewe⸗ ſen waͤre.. Lautrec konnte nicht hoffen, den Stolz ſeines Va⸗ ters zu beugen, und ſo verſuchte er es nicht einmal. Die fruchtloſe Leidenſchaft, die ihn verzehrte, ward zu einer hartnaͤckigen und ſchweren Krankheit. Er ward 24 bleich, ſeine Blicke verloren ihre Lebendigkeit. Er zog ſich zuruͤck, ward finſter/ muͤrriſch, verſchloſſen. Kaum hoͤrte er mehr und antwortete nur durch Seufzer. Lautrec hatte noch einen jugendlichen Onkel, der zu hohen Ehrenſtellen in dem Klerus gelangt war und ihm ſtets ſehr viele Zuneigung bezeigt hatte. Dieſer Onkel bemerkte die Veraͤnderung Lautrec's und betruͤbte ſich daruͤber. Mehr als einmal drang er mit Fragen in ihn, der junge Mann aber wich aus und verheim⸗ lichte. Der Onkel ließ ſich nicht abſchrecken und be⸗ harrte. Endlich gab Lautrec ſeinen Zudringlichkeiten und Liebkoſungen nach und ließ ſich ſein Geheiunniß entreißen. Es war zu einer Zeit leichtfertiger und wenig be⸗ denklicher Sittlichkeit. Man pflegte damals die Liebe nicht ſo ernſthaft zu behandeln. Der Onkel uͤbernahm es, ſeinen Neffen zu enttaͤuſchen und freizumachen. Er ſah das junge Maͤdchen und erſchoͤpfte ſich in Kunſt⸗ griffen und Verfuͤhrungsmitteln. Bald beſchwor er ſie, aus Liebe ihrer Liebe ſelbſt zu entſagen, damit der, den ſie liebte, von einer Verbindung frei werde, die ihn ungluͤcklich mache. Ein anderes Mal bot er ihr an, wenn ſie ſich nicht mit der Liebe begnuͤgte, zur Ent⸗ ſchaͤdigung fuͤr das Opfer, um das er bat, ſie mit Neichthuͤmern zu uͤberhaͤufen. Ja, er wagte es endlich ſogar, da er ihre Zuneigung als ſo tief gewurzelt er⸗ kannte, und wie ihr der Muth fehle, dieſe aufs ehan⸗ un 25 und ſtammelte Nathſchlaͤge anderer Art, indem er dem jungen Maͤdchen zu verſtehen gab, daß, da jede Hoff⸗ nung auf eine eheliche Verbindung vergebens ſey, ihr, wenn ſie ihre Liebe erhalten wolle, nichts uͤbrig bleibe, als ihr nachzugeben. Die Tugend des armen Maͤdchens war jedoch nicht minder tief eingewurzelt als ihre Leidenſchaft. Die un⸗ beugſame Einfalt ihres jugendlichen Sinnes machte jede Liſt zu Schanden. Das Herz des Onkels ward ſelbſt dadurch erregt, und eine verkehrte, abſcheuliche, unſelige Idee bemaͤchtigte ſich ſeiner. Er hatte ſich vorgenommen, ihm eine unwiderſtehliche Bewunderung ein. Der Un⸗ des Schreckens und Entſetzens war die einzige Ant⸗ wort des jungen Maͤdchens. Beſtuͤrzt und beſchaͤmt In demſelben Augenblicke kam Lautrec. Das Maͤd⸗ chen weinte, ſchluchzte und zeigte die heftigſte Verzweif⸗ lung. Dies ergriff den jungen Mann nicht minder, und er fragte, woher eine ſo große Erſchuͤtterung, ein ſo Seine Stimme war zugleich flehend und gebietend. Er hat. und forderte, er weinte und verlangte. Was ſollte .*. 2 ſeines Lebens geſtoͤrt haͤtte. 26 1 das arme Maͤdchen thun?— Durch ihre eigene Er⸗ regung und Lautrec's Außerſichſein beſtegt, in ihrem Schrecken und Unwillen unfaͤhig, abzumeſſen und vor⸗ herzuſehen, entſchluͤpften ihr unuͤberlegte Worte. Lau⸗ trec erfuhr den Verrath oder errieth ihn. Vernichtet, mit wirrem Sinne, blieb ihm nur noch ein ſchwacher Schimmer von Vernunft. Er ſtuͤrzte fort, holte ſeine Waffen, folgte den Fußtritten ſeines Onkels, erreichte ihn am Fuße des Altars, und ſtieß ihm, der mit den Zeichen ſeiner Wuͤrde dort functionirte, den Stahl in die Bruſt.. Ham's Gefaͤngniſſe wurden darauf der Aufenthalt ſeines Verbrechens oder ſeines Irrſeins. Er hatte 40 Jahre lang dort zugebracht, als die Revolution von 12889 erfolgte. Da entließ man ihn. Aber vergeſſen, fuͤr todt gehalten, von den Seinigen nicht anerkannt, hatte er nun weder Brod noch Wohnung. Die Stadt Ham erbarmte ſich ſein und uͤbergab ihn einer armen Frau, um ihn zu pflegen. Er genoß es nicht lange, denn nach drei Monaten ſtarh er. Vielleicht haͤtte er laͤnger gelebt, wenn die Freiheit, dieſe ihm unbekannte Fremde, nicht ſo unerwartet die traurige Gewohnheit ⸗ Entfuͤhrte aber die Revolution dem Schloſſe Ham einige Gaͤſte, ſo bevoͤlkerte ſie es dafuͤr bald wieder mit 27 neuen. Die Zeit kam, wo der Convent ihr fleißiger Mitarbeiter, bei dem eigenen Verſuche ſeiner harten und ungeſtalteten Gerechtigkeitspflege, ſich an einem Tage von Barrere, Billaud⸗Varennes und Collot⸗ d'Herbois befreite, die er deportiren ließ, und von Bourdon, Hugues, Chales, Fauſſedoiſe, Duhem und Choudien, die er in das Schloß Ham verbannte. Bald darauf kamen,— fuhr der alte Richard fort— Gaͤſte andern Charakters und andern Ranges dahin; einige auf die franzoͤſiſche Kuͤſte durch Sturm zuruͤckgeworfene Emigranten, ein Vibraye, ein Choi⸗ ſeul, ein Montmorency, Opfer geſelligen Zwieſpalts vor uns, die, zum Tode wegen Verbrechens des Schiffbruchs verurtheilt, doch dem Untergange entrannen, deren ab⸗ geaͤnderte Strafe jedoch nur die Unbilligkeit und Schande der Regierung aͤnderte, welche ſie ihnen auf⸗ zuerlegen wagte. Zur ſelben Zeit auch jenes andere Opfer, derſelbe Polignac, den ſein Geſchick jetzt dahin zuruͤckgefuͤhrt hat; der beweinenswerthe Fuͤrſt, den ein unerbittliches Fatum verfolgt und bedraͤngt; damals in die Kata⸗ ſeine Gefangenſchaft wieder am Ausgange ſeines Le⸗ bens anfaͤngt. 2* 28, Der alte Graf ward nicht muͤde. Die Erinnerun⸗ gen an Ham machten ihm Vergnuͤgen und er war nachſichtig und unerſchoͤpflich in Bezug auf ſie. Einen Punkt gab es jedoch, wegen deſſen man keine Frage an ihn zu richten wagte. Hundertmal hatte er die Erzaͤhlung der Thaten ſeines ungluͤcklichen Großvaters angefangen, und jedesmal, wo er es unternommen, hatten ſeine Thraͤnen ihn an der Beendigung gehindert. Man fuͤrchtete fuͤr ihn eine ſo ſchmerzliche Erregung, daß ſein Alter ſie nicht mehr ertragen koͤnne. Eines Tages aber, als der juͤngſte ſeiner Enkel unſchuldiger⸗ weiſe ein paar Worte in Bezug darauf geſagt hatte, entgegnete er: Die Geſchichte Eures Ahnherrn? Ach! ich denke daran; ich kann ſie Euch erzchlen..... wozu bedarf es ſo vieler Worte? Sie iſt niedergeſchrie⸗ ben, mein Sohn, dieſe Geſchichte. Ich habe es gethan, ich habe ſie niedergeſchrieben. Sie ſteht auf dem Steine, der die Ueberbleibſel dieſes ſo thoͤrichterweiſe verwuͤnſch⸗ ten und verfolgten Mannes enthaͤlt. Dahin muͤßt Ihr gehen, liebe Kinder, zu jenem alten und beſcheidenen Steine. Das ſind fromme Pilgerfahrten, die fuͤr Kin⸗ der ſich ziemen und ihnen Gluͤck bringen. Knieet nie⸗ der und ſammelt Euch, wenn Ihr dort ſeid. Thut das, was ich ſo oft that; reißt das Moos heraus, das den Stein deckt, und wenn gotteslaͤſterliche Haͤnde nicht die Verſtuͤmmelungen wiederholt haben, von denen ich ſonſt nur allzuviele Beiſpiele ſah, ſo werdet 29 Ihr, was Ihr ſucht, dort finden; Ihr werdet in einer kurzen Grabſchrift die ganze Geſchichte des Ahnherrn Eurer Familie leſen: Verbannt, weil er treu geweſen war, und verurtheilt, als waͤr' er dies nichtgeweſen. von Peyronnet Ein Morgen bei den Invaliden. Man fühlt, daß eine Nation, welche ſolche Palläſte für das Alter ihrer Armeen. baut, die Macht des Schwerts, wie die Weihe der Künſte erhalten hat. Chateaubriand. Ungefäͤhr vor einem Monate, am 20. Februar, meinem Geburtstage, ging ich ganz fruͤhmorgens aus, obgleich ich erſt ſehr ſpaͤt von einem jener glaͤnzenden, feenhaft prangenden Baͤlle gekommen, welche der Carneval von 1832 in Menge zwiſchen Revolution und Peſt geworfen, gleichſam um die Furcht in Vergeſſenheit zu bringen. Von drei Stunden, die ich hoͤchſtens im Bette ver⸗ bracht, hatte ich wahrhaftig nicht drei Minuten ein Auge zugethan— ich hatte, wie man ſagt, eine nuit blanche verlebt, ich kann aber verſichern, daß es nichts Schwaͤrzeres giebt. Solches begegnet mir regelmaͤßig 31 iede Nacht vom 19. zum 20. Februar. In dieſen Naͤch⸗ ten, da traͤume ich wachend, ich traͤume von dieſem Leben, in das ich von denen geworfen bin, die es mir gegeben haben, und denen es Gott ſo bald entzog!— Ich traͤume von reicher, feſtlicher Kindheit, von arbeit⸗ ſamer Jugend, von zerſtreuter Familie und verſchwun⸗ denen Gluͤcksguͤtern; dann auch von ſchallender Luſt, von langem Freundesgefolge, von ſpaniſchen Serena⸗ den, leidenſchaftlicher Poeſie und poetiſcher Leidenſchaft, und noch vom Frieden des heimathlichen Heerdes, von ſeinen ſtillen Freuden, von dem Kummer, den man Weſen verurſacht, die uns nur Gluͤck bereiten; dann von Liebesverrath, und endlich von nie beendigter Ar⸗ beit, von kaum erſprießendem Ruhme und noch von der fluͤchtigen Zeit, dem nahenden Alter, vom Tode, der es vielleicht noch uͤberholt und von der unſichtbaren Welt und der Ewigkeit droben— oder drunten!— Alles Dinge, um hinter den Vorhaͤngen zu heulen, wie ein wildes Thier, oder vielmehr, um ſich die Decke uͤber das Antlitz zu ziehen, wie ein Leichentuch, und ſich nicht zu regen, wenn euch nicht euer guter Engel aus dieſem Grabe reißt und mit ſeinen Fittichen hinaus in die kuͤhle Morgenluft ſoͤßt, damit ihr fuͤhlt, daß ihr noch kein Geſpenſt ſeid. Und deswegen ſahen mich am 20. Februar(meinem Geburtstage wie geſagt) die Milchweiber des Viertels vor Sonnenaufgang ange⸗ kleidet auf meiner Thuͤrſchwelle, wie ich anbetend und 3² dankend Aug' und Hand zu Jemand erhob, der eben entſchwebt war!— Und ich, der arme Sterbliche, ſetzte mich in Marſch, wie auf Befehl eines Herrn, ein Ende der Straße de la Ville-Evéque, dann der Straße Aniou, der Straße Sureſue und faſt der ganzen Magdalenenſtraße folgend — es iſt uͤbrigens ein Weg, den meine Fuͤße vier oder fuͤnf Mal jeden Tag machen, durch einen maſchinen⸗ maͤßigen Trieb, in den ſich mein Wille nicht im Ge⸗ ringſten miſcht. Und ſo wandelnd, entſchlug ich mich der hoͤlliſchen Viſtonen meiner Nacht, die Qualen mei⸗ ner Seele ließen in ihrer Grauſamkeit nach, und ich gelangte, Schritt fuͤr Schritt, in jenen Zuſtand von Melancholie, der gleichſam das Geneſen der Verzweif⸗ lung iſt. Es iſt noch Schmerz, aber nicht mehr Wuth; dem Zaͤhneknirſchen und Geſchrei ſind verhaltene Thraͤ⸗ nen gefolgt und erſtickende Seufzer. Das iſt ſchon eine merkliche Verbeſſerung. Da kam es mir denn ein, uͤber das Loos des Dichters zu ſeufzen und zu weinen, und mein Verdruß nahm allmaͤhlig unvermerkt die Geſtalt eines akademiſchen Lehnſtuhls an, der bockt und mit ſeinen vier Fuͤßen ausſchlaͤgt, um alles zu zerſtreuen, was Dichter iſt. Und ich ſprach bei mir: Macht doch Revolutionen zu Gunſten der Faͤhigkeiten; werft die alten Ariſtokratien nieder, um die der Intelligenz zu erheben, und wahrhaftig, jede Intelligenz, jede Faͤhig⸗ keit, litterariſch oder nicht, wuͤrde ihre Rechnung dabei 1 33 finden, ausgenommen der Dichter. Seht vielmehr. Nicht zufrieden, ihn bei politiſchen Ehren, bei der großen Vertheilung der Aemter zu verwerfen, entreißen ſie ihm noch, dem Dichter, dem Manne der Kunſt und Redlichkeit, ſeine beſcheidenen Sinecuren, ſeine Bank im Heiligthume, ſeinen guten alten Lehnſtuhl: ſie meſſen dem Adler ſeinen Platz in der Sonne zu.— Ach! wie hat Schiller einen herrlichen Apolog gemacht: Jupiter vertheilt die Welt und ihre Schaͤtze unter die Sterb⸗ lichen, welche ſich begierig auf den reichen Abfall ſtuͤr⸗ zen: der Dichter, vertrauend und rein, kommt zuletzt, als die Erde ſchon ganz vergeben iſt und der Koͤnig der Himmel hat ihm Nichts mehr anzubieten, als einen Platz an ſeiner Seite im Olymp!— Der Dichter iſt goͤtt⸗ licher Natur, ſein Reich iſt nicht von dieſer Welt— und dieſe Welt iſt gar ſchlimm fuͤr ihn, wiederholte ich mir, indem ich meinen Weg und meine Gedanken fort⸗ ſetzte: Homer umherirrend, Ovid verbannt, Dante ge⸗ aͤchtet, Taſſo in Ketten, Camoens bettelnd, Milton zermalmt im Raͤdergetriebe der Politik und ſo viel An⸗ dere!— Es iſt wahr, daß in unſern Tagen der Dichter nicht mehr verfolgt, gejagt und gehetzt wird, wie ein ſchaͤdliches Thier; aber man verachtet und vergißt ihn: eine abſcheuliche Marter, welche ſelbſt Dante nicht ge⸗ wagt hat, in die Kreiſe ſeiner Hoͤlle einzufuͤhren. Von Ideen zu Ideen dieſer Art war ich ganz na⸗ türlich an den Fluß gekommen, als ich aus meinem 34 Somnambulismus durch das Begegnen eines Mannes geriſſen wurde, der mich aufmerkſam betrachtete und endlich ſprach: Ich glaube, Sie ſind es wirklich, Herr Emil; guten Tag, Herr Emil!— Ei, guten Tag, mein armer Maurice! erwiederte ich nach langem Sinnen und wollte ihn an beiden Haͤnden faſſen. Er gab mir nur eine, und ich bemerkte unter dem großen Kragen, der ihm als Mantel diente, einen Invalidenrock mit einem leeren flatternden Aermel. Kalter Schweiß bedeckte meine Stirn. Es war mein Stellvertreter im Heere, Maurice, von dem ich ſeit zwoͤlf Jahren Nichts gehoͤrt und der, weil ich damals etwas Geld hatte, jetzt einen Arm weniger beſitzt. Die Kugel, welche ihm unter die Schulter gedrungen, das ſchmerzhaft hervorſtroͤmende Blut, den kalten Biß des Stahls, der ihm Fleiſch und Knochen zerſchnitten, um den uͤbrigen Koͤrper zu retten — ich dachte, fuͤhlte, durchlebte das alles, wie er es ſelbſt durchlebt haben mochte. Maurice ſah ich nicht mehr; wir waren eins; er war ich; der abgeſchnittene Arm war der meinige, ſo eben amputirt; ich hatte keinen linken Arm mehr und litt fuͤrchterlich, und Gewiſſens⸗ biſſe, ich weiß nicht wie, vergifteten mein Uebel und eherne Krallen fuhren uͤber die friſche Wunde— mein Herz verging, ich ſiel in Ohnmacht. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem kleinen Saal mit der Ausſicht auf kleine Gaͤrten, von großen Kanonen beſchirmt. Ich war bei dem Auf⸗ 2* 35 ſeher des Invalidenhauſes und der gute Maurice reichte mir ein Glas gebranntes Waſſer, das ich ihn bat zu meiner Staͤrkung zu trinken.— Meiner Treu, lieber Herr! ſagte er zu mir; ich haͤtte Sie nimmermehr hier⸗ her tragen koͤnnen ohne einen guten Jungen von Boots⸗ mann, einen alten Kerl mit zwei Armen, der Seemann auf dem Meere geweſen, ſehen Sie und der allein ſtaͤr⸗ ker und dienſtfaͤhiger iſt, als eine ganze Kaſerne voll Conſeribirter. Ich habe ihn auf dem Admiralſchiffe ge⸗ kannt, wo auch der General Bourmont und der Vice⸗ Admiral Duperré waren, zwei beruͤhmte Siegeshelden, gleich viel!— und er hat mich ausgeſchifft in dem Kriege von Algier, wo der alte Dey nach Paris ge⸗ kommen iſt, um die Oper zu ſehen; der alte Hans⸗ wurſt, mag er! Dort unten habe ich meinen Arm ge⸗ laſſen, im ganz heißen Sande; aber, um wieder auf den Seemann zu kommen, ſo hat er ſeinen Abſchied, iſt zufrieden und ich fand ihn neulich am Ufer der Seine, wo er ſich damit beluſtigt, Ertrunkene zu retten und junge Maͤdchen mit ihren Liebhabern in ſeinem Kahne ſpazieren zu fahren. Des Morgens erzaͤhlen wir uns immer unſere Campagnen und allerhand Geſchichten, und heute— aber verzeihen Sie, entſchuldigen Sie, ich wollte nur, daß Sie feſten Fußes meinen fehlenden Arm betrachteten. Denn, ich habe wohl geſehen, daß es die Empfindlichkeit war, die Sie betaͤubte. Sehen Sie, ich lache; ſein Sie nicht traurig. Es giebt groͤßeres 36 Ungluͤck, als das. Ich bin jung und dann koͤnnen Sie nicht dafuͤr; Sie haben mich gut bezahlt, und Vater und Mutter, die Armen, ſind Gott ſei Dank ſtolz und ſelig geweſen, als ſie geſehen, daß ich mich ſo theuer verkauft habe, und als ich ihnen ſagte: Da iſt Euer Schatz! Ach! weil ſie mich ſo ſehr lieb haben!— Nun, Sie beſinden ſich beſſer; gut! deswegen brauchen wir uns nicht ſo zu trennen. Wollen Sie das Haus ſehen? Ich habe eine Karte, Alles zu ſehen, es ſind uͤberall viel Veraͤnderungen— vielleicht ſind Sie lange nicht hier geweſen? Nun habe ich Paris ſeit funfzehn Jahren nicht verlaſſen, und doch weder die Invaliden, noch viel andere ſehr merkwuͤrdige Dinge beſucht, wenn ſchon wenig Tage vergingen, wo ich nicht beim Anblick des Doms der Invaliden laut gerufen haͤtte: Ludwig XIV. war ein großer Koͤnig! Ich huͤtete mich wohl, meine Unbekanntſchaft Maurice zu geſtehen, der ſie nicht be⸗ griffen haben wuͤrde, und nahm die Karte an, die er mir mit der wiederholten Verſicherung gab, daß ich damit uͤberall eingelaſſen wuͤrde. Er entſchuldigte ſich, mich nicht zu begleiten, aber es waͤre Fruͤhſtuͤcksſtunde; ich wuͤrde uͤberdem Fuͤhrer ſinden, die mir Alles erklaͤr⸗ ten, und ehe ich fortginge, wuͤrde er mich ſchon aufzu⸗ finden wiſſen. Ich ſagte Maurice und den Leuten, die mich auf⸗ genommen hatten, meinen Dank und entfernte mich 37 mit dem Wunſche, die vom Zufall gebotene Gelegenheit recht zu benutzen, zugleich aber auch mit dem feierlichen Entſchluſſe, die Erudition keines Cicerone in Anſpruch zu nehmen. Das ſind Leute, die ich faſt ſo ſcheue, wie Commentatoren eines großen Schriftſtellers oder Heraus⸗ geber gewaͤhlter Werke. Ich will ſelbſt ſehen, aber nicht Alles gezeigt und demonſtrirt haben. Meine Abſicht iſt keineswegs, hier eine genaue Be⸗ ſchreibung des Invalidenhauſes zu geben und den Weg⸗ weiſer fuͤr Reiſende oder den Cicerone der Leſer zu machen, nachdem ich mich ſo frei uͤber dieſe Herren ausgeſprochen. Es iſt weder eine Topographie, noch eine Statiſtik, noch ein Inventarium, das ich biete, ſondern die einfache Geſchichte meiner Gefuͤhle als Kuͤnſtler, meiner Regungen als Philoſoph waͤhrend meiner Reiſe durch das ungeheure Gebaͤude. Ich bin in die Kuͤchen hinabgeſtiegen, bin zu den Schlafſaͤlen und Leinwandkammern hinaufgegangen und habe mich uͤberzeugt, daß die Waͤſche wundervoll ge⸗ halten wird, daß die Betten alle Tage gemacht werden und daß die Kaſſerols rein und glaͤnzend ſind, wie die Cymbeln, die einer Bayadere zum Spiegel dienen. Es giebt wahrſcheinlich Inſpectoren, welche bezahlt ſind, um auf das Alles zu ſehen. Ich berufe mich auf ſie. Ich habe nicht einmal die Suppe gekoſtet, weil ich keinen Hunger hatte und nicht Koͤnig bin, und zu dem großen Keſſel, fabelhaften Andenkens, wo ganze Heerden gekocht 4 38 werden ſollen und welcher, umgeſtuͤrzt, ſagt man, der Zwillingsſchweſter des Doms gleicht, wollte ich mich gar nicht wagen. Vielleicht iſt etwas Uebertreibung in dieſen Weiberberichten, denen ich bisher volles Vertrauen geſchenkt, und ich fuͤrchtete, in meiner letzten Illuſion entzaubert zu werden und das Wunderbare ſelbſt vom Keſſel der Invaliden entfliehen zu ſehen. Im Refecto⸗ rium angekommen, durchlief mein Blick die Unermeß⸗ lichkeit dieſer Tafeln, wo hier und dort ein paar Ge⸗ richte erſchienen: rari nantes in gurgite vasto; und die ſchmale Laͤnge dieſer Baͤnke, wo ſo viel Blauroͤcke ernſt⸗ haft vor ihren runden Bechern ſitzen— ich dachte ploͤtz⸗ lich an die Mittageſſen des Lycaͤums und— laufe noch. Es iſt uͤbrigens ein ruͤhrendes Schauſpiel, dieſe alten Kommißgaͤſte, durch Wunden oder ein ruhmwuͤrdiges Alter berechtigt, im Ueberfluß und in der Reinlichkeit einer buͤrgerlichen Tafel zu ſehen. In Wahrheit, in Wahrheit, Ludwig XIV. war ein großer Koͤnig! Mit meiner Karte bewehrt, wie Robert der Teufel mit ſeinem Zweige, ſprengte ich alle Thuͤren. Ich durch⸗ ſtrich nach und nach die Offizier⸗Wohnungen, die Ge⸗ maͤcher des Generalſtabes und des Gouverneurs. Alles iſt einfach, paſſend und edel, das große Jahrhundert bis in die kleinſten Details. Ich verlangte die Biblio⸗ thek des Hauſes zu ſehen. Als ich eintrat, wurde meine Seele ſtill. Eine Bibliothek iſt fuͤr mich ein geheiligter Ort, wie ein Gottesacker. Sind nicht hier in der That 39 die unſterblichen Gedanken der Menſchen beigeſetzt, waͤhrend die Kirchhoͤfe nur die vergaͤngliche Huͤlle em⸗ pfangen? Die Bibliothek der Invaliden beſteht faſt nur aus Kriegs⸗ und andern wiſſenſchaftlichen Buͤchern, aus Reiſebeſchreibungen und Andachtswerken. Das ſind die ſchoͤnen Erinnerungen des Soldaten und ſeine fromme Hoffnung. Ich fand zur Stunde nur zwei Perſonen in einer Fenſterniſche, und wurde naͤherſchreitend bis zu Thraͤnen geruͤhrt. Es war ein alter blinder Capi⸗ tain und ein junger Sergeant, der keine Arme hatte. Der Capitain hielt ein offenes Buch auf den Knieen, und der Sergeant, neben ihm ſitzend, las ihm laut vor, indem er ihm fagte, wenn er das Blatt umwenden ſollte. Dieſe Beſchaͤftigung hielt ſie ſo angenehm feſt, daß mich der Alte nicht hoͤrte und der Junge nicht ſah, als ich voruͤberſchritt, obgleich ich ihnen nahe ge⸗ nug gekommen, um zu bemerken, daß ſie die Geſchichte des großen Condé laſen. Dieſe beiden Maͤnner, welche ihre Gebrechlichkeiten in der Vereinigung vergaßen und ſich gleichſam einander ergaͤnzten, ſchienen mir eine le⸗ bendige Verkuͤndigung der ſchoͤnen Worte unſers Herrn: Traget und helfet Euch unter einander. Das Herz voll ernſter frommer Gedanken, wandte ich mich nach der Kranken⸗Anſtalt, wo ſo viel verſtuͤm⸗ melte Tapfere zu ſterben aufhoͤren. Nichts gleicht dem Eifer der Aerzte, der Sorgfalt der Krankenwaͤrter, wenn es nicht die Heiterkeit der Leidenden iſt. Da giebt es 40 nichts Zuſammengezogenes, nichts Krampfhaftes in den Zuͤgen, ſelbſt Sterbender. Iſt es, weil ſie, durch zwan⸗ zig Bluttaufen gelaͤutert, dieſe Welt mit der Gewißheit auf die andre, welche ſie erwartet, verlaſſen? Ich war Zeuge der letzten Augenblicke eines alten, faſt hundert⸗ jaͤhrigen Offiziers, der alle Campagnen ohne die geringſte Bleſſur mitgemacht. Nur das Alter hatte ihn langſam in das Invalidenhaus gefuͤhrt. Da liegt er nun, den man den Unverwundbaren nannte, beſiegt, nieder⸗ geworfen durch den Todes⸗Engel! Seine Familie kniet in Thraͤnen um ſein Bett. Der Arzt iſt fort, er hat zum Prieſter geſagt: Dieſer Mann gehoͤrt Dir, und der Prieſter betet und troͤſtet, auch ein Greis, der morgen ſelbſt Gebet und Troſt noͤthig haben wird. Als man den betagten Leib des Sterbenden aufhob und der Beichtiger, gekruͤmmt unter der Laſt der Jahre, ſich noch hernieder beugte, von zwei Kindern unterſtuͤtzt, um dem ſtummen Munde, der ihn mit letzter Zuckung darum beſchwor, das heilige Viaticum zu reichen— glaubte ich, die erhabene Communion des h. Hierony⸗ mus, Dominichino's Meiſterſtuͤck, verwirklicht zu ſehen, in welchem ſich Ideal und Natur, Seligkeit und To⸗ desqual, Seele und Leib verſchmelzen und zu unaus⸗ ſprechlicher Harmonie vereinigen. Ich neigte mich mit den Andern, und als ich die Augen wieder aufſchlug, glaͤnzten die des Sterbenden in ſo heitrem Lichte, Stirn und Wangen färbte ein ſo reiner Schein, uͤber ſeine 41 Lippen glitt ein ſo ſanftes Laͤcheln, daß ich noch ein⸗ mal das letzte Lebewohl meines Vaters zu empfangen glaubte! Ich hoͤrte, daß dieſer alte Offtzier ſeit funf⸗ zehn Monaten krank und bettlaͤgerig geweſen, daß er ſich, waͤhrend dieſer funfzehn Monate, Organ fuͤr Or⸗ gan, Glied fuͤr Glied, ſterben geſehen, ohne eine er⸗ traͤgliche Lage zu finden und, wie die Aerzte ſagen, mit unausſprechlichen Schmerzen.— Und das nennt man einen ſchoͤnen Tod ſterben!— Was iſt dann ein ſchrecklicher Tod?— Eines ſchoͤnen Todes ſterben! Grimmige Ironie.— Wenn ein Dachziegel oder ein Schlagfluß Euch ohne Schmerz, ohne Todesangſt nie⸗ derwerfen kann! So ſagt man, und mit Recht, wenn man die Sachen aus menſchlichem Geſichtspunkte betrachtet. Doch Alles veraͤndert den Anblick, wenn man ſich auf den hoͤhern uͤberirdiſchen Stand begiebt. Da entdeckt man mit dem geiſtigen Auge die Geheimniſſe, welche uns die Materie verhuͤllte. Man erkennt, daß die ganze Wiſſenſchaft des Lebens darin beſteht, gut ſterben zu lernen, daß die Laͤnge und Heftigkeit des Kampfes zur Glorie des Triumphs beitragen; daß es eine unendliche Guͤte des Schoͤpfers iſt, ſeine Kreatur durch eine große Krankheit zu warnen, um ihr das Beduͤrfniß einzu⸗ floͤßen und die Zeit zu goͤnnen, ihre Fehler zu bereuen, ihren Feinden zu vergeben, und die Weſen, die ihr theuer ſind, zu troͤſten und zu ſegnen!— Ja, eines — 2** 42.. 1 ſchoͤnen Todes ſterben! Das Sprichwort hat ſelten un⸗ recht. Der ſchlimme Tod, das iſt der Tod ohne Lei⸗ den, aber auch ohne Vorbereitung. Das Volk irrt ſich darin nicht; ein ploͤtzlicher Tod erſchreckt es, wie ein Mord. Und wenn man nur an irgend Etwas glaubt oder ſelbſt zweifelt, wie kann man das Jenſeit des Gra⸗ bes fuͤr das Diesſeit aufs Spiel ſetzen? Wir leben ſo wenig Tage und werden ſo lange todt ſein!— Dieſe heilſame Betrachtung verfolgte mich von Saal zu Saal in der Kranken⸗Anſtalt, und nicht ein einziges Mal draͤngte ſich mir der Wunſch auf, daß eins dieſer lei⸗ denden oder ſterbenden Haͤupter von einer Kanonenkugel zerſchmettert worden waͤre, ſo natuͤrlich und liebreich auch der Wunſch geweſen ſein moͤchte. Ein Aufſeher kam, mir zu ſagen, wenn ich die Relief⸗Modelle der franzoͤſiſchen Feſtungen ſehen wollte, ſei nicht ein Augenblick zu verlieren. Ich folgte ihm. Es ging eine ſehr breite und vorzuͤglich ſehr ſteile Treppe in die Hoͤhe, ſo daß mein Fuͤhrer auf jedem Abſatze ſang: Die Frau ſtieg hoch auf ihren Thurm, Viel hoͤher, als ſie konnte.— 5 und ich, an dem Refrain ſeines Liedes etwas veraͤn⸗ dernd, pſalmodirte traurig: 3 Ein Todter kommt nimmermehr wieder! Dies dialogiſirte Duett wurde von Stufe zu Stufe langſamer und ſchwaͤcher. Ich erinnerte mich, daß ich da ſei, um zu ſehen, und ſo ſing ich an, die Treppe voon oben bis unten zu betrachten, die erbärmlich ge⸗ pflaſterten Stufen, die grob in Holz gehauenen Gelaͤn⸗ der, die Windungen oder vielmehr rechtwinkligen Bruͤche in jedem Stockwerk, und wie der Bau ſich in ſeiner ganzen Hoͤhe auf einen großen Balken ſtuͤtzte, wie ein Invalide auf ſeine Kruͤcke. Ich zog daraus den Schluß, 8 daß die Treppen, heut ſo kuͤhn, ſo zierlich und ſchlank, die partie honteuse von Ludwigs XIV. Architektur ſeien. und doch fehlte es nicht an antiken oder gothiſchen Vorbildern. War es Mangel an Studium, Mangel an Geſchmack oder Phantaſie von Seiten der Architekten des ſiebzehnten Jahrhunderts? In jedem Fall war es ein großer Fehler, der mich auf der zweihundert ein und zwanzigſten Stufe ganz ohne Nachſicht fand. End⸗ lich oͤffnete man mir die Feſtungen. Ich waͤre nicht erſchoͤpfter geweſen, wenn ich ſie mit Sturm genommen haͤtte. Die Reliefs haben mich uͤbrigens viel mehr in⸗ tereſſirt, als ich geglaubt hatte, und trotz Allem, was man ſeitdem in dieſer Art geſehen, verdienen ſie noch immer aufmerkſam betrachtet zu werden, wegen der Genauigkeit ihrer Proportionen, der Richtigkeit in den kleinſten Details und der allgemeinen Idee, welche ſie von der Kriegsbaukunſt und ihren fortwaͤhrenden Ver⸗ aͤnderungen geben. Aber indem ich die großen Reihen feſter Plaͤtze durchlief, mit denen der unſterbliche Vau⸗ ban Frankreichs Stirn gegen Norden gekroͤnt, wie mit einer dreifachen Binde von Erz, konnte ich mich nicht des Gedankens erwehren: Wie viel Genie, wie viel Geld vergeudet! Sind nicht zweimal die feindlichen Heere veraͤchtlich mitten durch alle unſere Feſtungen in Frank⸗ reichs Herz gedrungen, ohne ſich um das entfernte Zuͤrnen von Maubeuge oder Pfalzburg zu kuͤmmern? Das macht, weil in unſern Tagen die Kriegskunſt, wie die andern Kuͤnſte, ihre Methoden und Grenzen verloren hat; Alles iſt Invaſion. Eine Armee im Felde hat weder Zuͤgel, noch Geduld, wie unſere ſtudirende Schuljugend, Beide gehen, wohin ſie der Sturm des Jahrhunderts treibt, und laſſen hinter ſich Citadellen und Großmuͤtter ſchelten. Daher kam es, daß ich beim Herausgehen von den Feſtungen gegen die Zahl prote⸗ ſtirte, welche ſie im Budget verzehren. Ich war noch nicht am Fuße der Treppe, als ich von fern einen ernſten Geſang vernahm, der vom Suͤd⸗ Ende des Gebaͤudes kam. Es war die Vesper, die zu Ende ging. Ich begab mich nach der Kirche. Funf⸗ zehnhundert alte Krieger, deren Jugend ein Triumph geweſen war, fuͤllten das Schifff Ein herrlich weites Heiligthum, Wo dieſe einfach biedern Krieger In Demuth beugten ihren Ruhm Am Altar vor dem einz'gen Sieger. Ich ſtuͤtzte mich auf etwas Kaltes— es war Tuͤ⸗ renne's Grab!— Ruhe ſanft, hochberuͤhmter Feldherr, großer Mann, wahrhafter Held! Ruhe in Frieden im 45 Hauſe des Gottes der Heerſchaaren, eingewiegt durch die heiligen Geſaͤnge, umduftet von Wolken des Weih⸗ rauchs, den man ſelbſt vom Altar nimmt, um ihn auf Deinem Grabe zu verbrennen!— und Ihr, tapfre Krieger einer andern Zeit, Schlacht⸗Gefaͤhrten, die er nicht gekannt, die er nicht anfuͤhren koͤnnen(der ein⸗ zige Ruhm, der ihm fehlt), haltet treue Wache um ſeine kriegeriſchen Reliquien, damit man nicht den Einfall bekommt, ſie nach irgend einem Pantheon zu ſchleppen, einem Tempel ohne Prieſter und Gottesdienſt, zweimal gefuͤllt, zweimal geleert, wo die Unſterblichkeit ſo ver⸗ gaͤnglich iſt, und Halbgoͤtter nur eine Zeitlang Ruhm genießen, von Aufſehern erklaͤrt und abgeſtaͤubt. Die Kirche der Invaliden iſt ein langes Viereck von großer Einfachheit. Wenig Sculptur⸗Verzierungen, wenig Gemaͤlde ſchmuͤcken die nackten Mauern. Eine. edle Zuverſicht hatte gewiß im Voraus auf den Muth unſerer Krieger und das Gluͤck unſerer Heere vertraut, daß ſie die impoſanteſte Decoration, die prachtvollſte Zier hinzufuͤgen wuͤrden: Frankreichs Feinden entriſſene Fahnen! Nur bis zur erſten Schlacht durfte das Mauer⸗ werk der Gewoͤlbe und Pfeiler fuͤrchten, nackt zu blei⸗ ben.— Einmal konnte zwar das verbundene Europa dieſe glorreichen Tapeten zum Theil zerreißen und die Reihen unſerer Trophaͤen lichten; aber die Breſchen des franzoͤſiſchen Ruhmes werden ſchnell hergeſtellt: uno avulso— Nicht doch, da ſtoͤßt mir wieder Klaſſiſches — 46 auf! Ich halte zu rechter Zeit ein und laſſe unſern Aedilen die Sorge, auf den Springbrunnen von Paris 5 lateiniſche Inſchriften zum Nutzen und Vergnuͤgen der Waſſertraͤger anzuheften. ⸗ Aber wenn die Kirche, d. h. der Raum zwiſchen der Pforte und dem Hochaltar, beſcheiden und ſtreng iſt, wie die, welche dort beten ſollen— ſo gehet nur ein paar Schritte weiter, tretet unter den Dom, da iſt Alles reich, glaͤnzend und großartig, wie die Regierung jenes Zeitraums. Porphyrſaͤulen, Moſaik, goldne Ba⸗ luſtraden, Gemaͤlde, Bildſaͤulen, Fresco, alle Erforder⸗ niſſe des Luxus, aller Lurus der Kunſt! Dieſe maͤchtige hohe Kuppel, ganz mit Gemaͤlden uͤberladen, die vier prachtvoll geſchmuͤckten Seiten⸗Kapellen, die großen . tiefen Bogenfenſter, der glaͤnzende Farbenwechſel des Marmors, den der Fuß kaum zu betreten wagt— und nicht ein Stuhl, nicht eine Bank, um die Harmonie zu ſtoͤren!— Wo iſt man, wenn nicht in einer Ecke des Sanct Peter zu Rom? Der Contraſt einer ſolchen Pracht mit einer ſolchen Einfachheit ſpricht zu der Seele, wie zu den Augen. Ludwig XIV., der die Woh⸗ nung ſeiner verſtuͤmmelten Krieger beſuchte, hat dort ein ſtrahlendes Zeichen ſeiner koͤniglichen Macht laſſen wollen; es iſt das Paradies mit ſeiner Pracht und ſei⸗ nen Wundern am Ziele eines muͤhvollen unſcheinbaren Pfades.— Dieſelben Anklaͤnge, dieſelben Eindruͤcke bringt auch das Aeußere hervor. Der Dom der Invaliden, hoch uͤber die duͤſtern Daͤcher des uͤbrigen Gebaͤudes hinausragend, wie eine goldne Tiare uͤber zur Erde gebeugte Stirnen, macht ganz allein das Ideal des Monuments aus. Nehmt den Dom fort, und das Invalidenhaus iſt nur eine Ka⸗ ſerne, ein Kloſter, ein Hospiz. Der Dom macht es zu einem Pallaſte, zu einem Tempel, zu etwas noch Beſſe⸗ rem. Wenn es jetzt Leute giebt, welche nicht gut be⸗ greifen koͤnnen, wozu, fuͤr das Geld, was er gekoſtet hat, der Dom der Invaliden iſt— ſo moͤgen ſie die alten Maͤrtyrer der Schlachten fragen, welchen er wie eine lichte Strahlenkrone winkt, und ſie werden mit Stolz antworten: Er dient zur Schoͤnheit. Man ſchlug mir vor, ihn bis ganz oben zur La⸗ terne zu erſteigen; ich wollte nicht. Ich fuͤrchtete, meine Zeitgenoſſen zu klein zu ſehen. Schon zu ebener Erde finde ich ſie nicht ſehr groß. Nach beendigtem Gottesdienſte nahm ich den guten Maurice, der mich ausgeſpaͤhet, unter den Arm und wir ſetzten uns auf dem großen innern Hofe unter die Ar⸗ kaden, welche dem Porticus eines italieniſchen Kloſters gleichen. Dort, waͤhrend die Munterſten der Invali⸗ den umherliefen, rauchten und pfiffen, mit dem, was ihnen an Arm und Bein, an Geſicht und Athem ge⸗ blieben war, erzaͤhlten wir uns von unſern Kaͤmpfen und Wunden, er von Krieg und ſeinen Muͤhen, ich von der Geſellſchaft und ihren Leiden. Das Daſein, wenn 48 auch von ſehr verſchiedenem Anblick, gleicht ſich im Grunde uͤberall; den Zug der Aehnlichkeit bildet das Ungluͤck. Aeußere Begebenheiten ſind nur die Schale des Geſchicks. Das Geheimniß liegt im Herzen. Der Pfirſich iſt ſammtweich und fuß, doch hart und bitter ſein Kern. Unerklaͤrlich iſt die Beziehung, das Gefuͤhl, die Verwandtſchaft, wie die Natur des Bandes, das Jemand mit ſeinem Stellvertreter im Heere vereint. Obgleich Berechnung und Eigennutz dieſen Knoten geſchlungen haben, ſo iſt doch der Stellvertreter Euer Bruder, wie die Amme Eure Mutter iſt. Er hat Euch ſein Blut gegeben, wie dieſe ihre Milch. Dieſe erhaͤlt Euch das Leben, jener verhuͤtet Euern Tod. Was thut dabei der Preis? Milch und Blut werden nimmermehr Kauf⸗ waaren. Indeſſen, trotz der nahen und ruͤhrenden Be⸗ ziehung, war Maurice, nachdem unſer Doppelbericht geſchloſſen, ſehr gedruͤckt mit mir und ich amuͤſirte mich hoͤchſtens mit ihm. Das macht, weil, fuͤr die Unter⸗ haltung wenigſtens, die Verbruͤderungen, Verhaͤltniſſe, ſelbſt die Neigungen nur traurige Huͤlfsquellen ſind, ohne gleiche Erziehung und uͤbereinſtimmende Ideen. Was mich betrifft, ſo finde ich bald gar nichts mehr zu ſagen, wenn man mich nicht ganz verſteht, und ich koͤnnte noch ſo viel Geiſt haben, ſo wuͤrde ich doch ſtets viel duͤmmer werden, als der Dumme, mit dem ich rede. Wir 49 Wir hoben die Sitzung, ohne uns verabredet zu haben, nach gemeinſchaftlicher Uebereinſtimmung auf dere ſpielten Flageolet oder ſangen auf eine Weiſe, daß man haͤtte an der Tonkunſt in Frankreich verzweifeln die ſchreiend lauten Vorwuͤrfe ihrer Frauen, welche erpreß hergekommen waren, um ſie Taugenichtſe, Herumtreiber, Libertins, was weiß ich, alles? zu ſchimpfen, und dieſe Schmaͤhfluth ſiel grotesker Weiſe auf hoͤlzerne Beine, glaͤſerne Augen, ſilberne Kinne. Die armen Invaliden mußten ſehr ſtrafbar ſein, weil ſie ſo ſanft waren. Wenn es aber von mir abhinge, ſo wuͤrde ich dieſe Scenen der Eiferſucht und die haͤus⸗ lichen Zwiſtigkeiten in der Anſtalt unterdruͤcken.„Wenn man von ſeinem Weibe ſelbſt bis in der letzten Ver⸗ ſchanzung harcelirt werden ſoll, ſo will ich lieber gar nichts; was Teufel! entweder iſt man Invalide oder 50 Maurice bezeichnete und nannte mir im Voruͤber⸗ gehen die beruͤhmteſten ſeiner Kameraden: Der hier war noch ein Kind, ein Tambour glaub' ich, als er im erſten italieniſchen Feldzuge ſechs ungariſche Grenadiere von fuͤnf Fuß acht Zoll und verhaͤltnißmaͤßiger Staͤrke gefangen in's Hauptquartier einbrachte.— Jener, ehedem Sergeant der 32ſten Halbbrigade, in Aegypten mit der Peſt behaftet, entwich heimlich aus dem Lazareth und folgte auf einem Eſel der Armee durch die große Wuͤſte nach Saint Jean d'Acre; ſeine einzige Furcht war, als verpeſtet erkannt zu werden, ehe er ſich konnte toͤdten laſſen. Sein Gluͤck wollte, daß er der Erſte beim Sturme war, daß er mit dem unterminirten Baſtion in die Luft fiog, daß ihn dieſe mehr als außergewoͤhn⸗ liche Erſchuͤtterung von der Peſt heilte und daß er herabfallend eine Ehrenflinte aus den Haͤnden des Ober⸗ Generals erhielt.— Dieſer große Braune, ich weiß nicht, in welcher Affaire in Deutſchland, als er eine Kugel grade auf den Kaiſer zufliegen ſah, warf ihn kurz und grob vom Pferde und verlor ſelbſt ſeine bei⸗ den Schenkel. Der Kaiſer verzieh ihm.— Jener alte Major von 90 Jahren, deſſen drei Haare immer noch einen Zopf im Genick und zwei Locken uͤber den Ohren bilden, war Kavallerie⸗Lieutenant im Kriege gegen den großen Friedrich, und eine Kugel riß ihm den Arm fort.„Mein Ning! mein Ring!“ ſchrie er einem Trom⸗ peter zu;„holen Sie mir meinen Ring!“ Eine Dame 51 vom Verſailler Hofe hatte ihm den Ring geſchenkt. Man ſteckte ihn an die andre Hand und nach einem eilig angelegten erſten Verbande trieb er ſein Pferd ins Gedraͤnge mit dem Rufe: Es lebe der Koͤnig! Vier Jahre ſpaͤter erhielt er das Ludwigskreuz und den Grad als Capitain und ſchaͤtzte ſich ſehr gluͤcklich. So viel Anmuth und Kaltbluͤtigkeit, Galanterie und Uner⸗ ſchrockenheit paßten vollkommen zu der offenen Phy⸗ ſiognomie und den Manieren comme il faut dieſes Ve⸗ teranen des ancien régime, und ich gruͤßte ihn wie ein noch aufrecht ſtehendes Monument einer verſchwunde⸗ nen Civiliſation. Wer wuͤrde jetzt die jungen glaͤnzenden Sieger Amerika's, Italiens, Aegyptens, Deutſchlands, Portu⸗ gals u. ſ. w. erkennen? Wer den Schatten der großen Armee? Wie mit dieſen unfoͤrmlichen Huͤten, den wei⸗ ten abgetragenen Roͤcken mit ſchlechtaufgehefteten Auf⸗ ſchlaͤgen— wie mit all' dieſen Invaliden in Gedanken wieder einen Dragoner von der kaiſerlichen Garde zu⸗ ſammenſetzen, einen flinken Huſaren, einen zierlichen Lancier oder einen herkuliſchen Carabinier mit dem Scharlachpelz, den Halbſtiefeln, dem roͤmiſchen Helm, den polniſchen Federn und dem vergoldeten Kuͤraß? Nun, von dieſen Invaliden konnte Mancher der Ge⸗ mahl einer Prinzeſſin werden, und zog es vor, der Guͤnſtling der Victoria zu bleiben: ſo ſchoͤn war ſie zur Zeit der Republik und des Kaiſerreiches!— Wie Viele . 3* 52 mag ich hier ſehen, die, aus den Guiden des Kaiſers hervorgegangen, 1806 das Pflaſter von Weimar und Dresden mit ihren krummen Saͤbeln geſchleift! Und die deutſchen Maͤdchen, wenn ſie die Spitzen der roth und gruͤnen Federbuͤſche voruͤberſchwanken ſahen, war⸗ fen ſchnell die Arbeit weg und oͤffneten alle Fenſter, und die Franzoſen wandten ſich um, den Bart mit den Fin⸗ gern aufrollend und Abends kam der Walzer und dann die Liebe bis zum Abmarſch. Denn die Deutſchen wa⸗ ren ſanft und gut, und wenn ſie nicht das gluͤhende Auge, den wolluͤſtigen Wuchs und die anbetungswuͤr⸗ digen Fuͤße der goͤttlichen Andaluſierinnen hatten, ſo beſaßen ſie Friſche, Engelslaͤcheln und Engelsſtimmen, und ihr Guͤrtel harg nicht den Dolch fuͤr den franzd⸗ ſiſchen Liebhaber. Ach! ſagte ich und ging eilig an einer Gruppe voruͤber, aus Furcht, die Sieger der Pyramiden und des Kremlins unter ſich erzaͤhlen zu hoͤren, welcher Kneipenwirth des Gros⸗Caillou den meiſten Schnaps fuͤr zehn Centimes giebt/ oder einen ernſthaften Streit uͤber die vorzuͤglichſte von drei abſcheulichen Sorten Tabak. Denn unſre Ideen wechſeln mit unſern Ge⸗ wohnheiten; wenig Leute ſprechen ihrem Standpunkte gemaͤß und Wenige,/ Fuͤrſten wie Soldaten, fuͤhlen, was ſie ſind und erkennen die Poeſie ihrer Rolle. Der Dich⸗ ter weiß das Alles fuͤr ſie. 1 Aber ich koͤnnte nicht muͤde werden, die cordiale 53 Bruͤderſchaft zu bewundern, welche unter dieſen Maͤn⸗ nern von ſo entgegengeſetzten Fahnen, von ſo verſchie⸗ denem Alter und feindlichen Partheien herrſcht. Die alte Monarchie, die Republik, die Vendée, das Kaiſer⸗ reich, die Reſtauration— Alles iſt ihnen Frankreich. Adler, Hahn, Lilie ſind in ihren Augen nur die Sym⸗ bole, welche es Frankreich gefallen hat anzunehmen; ſo viele Kokarden ſind ihnen nur die Baͤnder, welche die eitle Geliebte nach und nach an ihre Haube geſteckt, wie die Mode gewechſelt hat, und da ſie in allen dieſen BVeraͤnderungen nur Frankreich geſehen, ſo theilen ſie ſich nicht in Sieger und Beſiegte, um ſich zu haſſen und zu unterdruͤcken, ſondern Jeder behaͤlt und aͤußert ganz frei ſeine Neigungen, ſelbſt ſeinen Widerwillen, vielleicht auch ſeine Hoffnungen, ohne die ſeiner Bruͤ⸗ der zu verdammen oder gar anzuzeigen, und ſie reichen ſich die Hand, wenn ſie eine haben.— Moͤchten doch die Helden und Verwundeten der Politik von denen des Krieges Lehren annehmen! Moͤchten wir doch Alle, Buͤrger oder Unterthanen, lernen, daß in dieſem Jahr⸗ hundert der Umwaͤlzungen ohne Zahl, wie ohne Bei⸗ ſpiel, die verſchiedenen auf einander folgenden Regie⸗ rungsformen nur verſchiedene Arten des Kultus derſel⸗ ben Gottheit ſind: des Vaterlandes! Und laßt uns einſehen, daß unter ſo viel Meinungen, Intereſſen, Seecten und Factionen, welche Benennungen man ihnen auch geben mag, doch wirklich nur zwei Partheien ſind: ehrliche Leute und Naͤnkeſchmieder, ausgezeichnete Maͤn⸗ ner und gemeine Seelen; mit einem Worte: Gute und Schlechte.—. —„Ein Wink fuͤr die Waͤhler und die Miniſter zur Beſetzung der Deputirtenſtellen und ſonſtigen Aem⸗ ter“ ſiel Maurice ein, meine Stimme und Gebehrde parodirend; denn ich hatte, ohne es zu bemerken, mei⸗ nen politiſchen Monolog ſehr vernehmlich gehalten.— Ich beharre bei meinem Beſchluß/ indem ich das Amen⸗ dement des Invaliden annehme. Der Tag ſank indeſſen und mein Stellvertreter ge⸗ leitete mich ſehr hoͤflich bis an das Hauptportal. Als ich ihm mit der Bitte, mich zu beſuchen, Lebewohl ſagte, ſielen ihm zwei alte Leute um den Hals. Es waren ſeine Mutter und ſein Vater.— Ich ſah rings umher, ob mir nicht auch ein Gleiches— armer Thor! — Maurice, ſagte ich, ſeinen leeren Aermel ſchuͤt⸗ telnd, Sie hatten Recht; es giebt groͤßeres Ungluͤck als das! und ich ging, ohne mein Haupt zu wenden. Emil Deschamps. Von dieſer Zeit Barbarei. 1 8 32. Beobachten, zergliedern, was ſchoͤn iſt, dann es ver⸗ achten, endlich in Truͤmmer fallen laſſen und ſelbſt nach Beduͤrfniß zerſtoͤren, unter dem Vorwande, die Bruchſtuͤcke zu etwas Nuͤtzlichem zu verwenden— das iſt der bleibendſte Hang gewiſſer Geiſter dieſer Zeit und die Urſache der Barbarei, welche daraus ent⸗ ſpringt. Die Barbarei, wie Alles hienieden, hat ihre regel⸗ maͤßige Wechſelfolge. Jung iſt ſie ungeſtuͤm, phanta⸗ ſtiſch und roh. Sie wirft ſich mitten durch Ausſchwei⸗ fungen und Grauſamkeiten, durch Boͤs und Haͤßlich, von einem unbewußten Triebe gedraͤngt, auf das Gute und Schoͤne. Wenn aber die Barbarei alt, bedaͤchtig, klug, hoͤhniſch und verdruͤßlich wird, wenn ſie aus Ab⸗ ſcheu und Schlechtigkeit das Boͤſe dem Guten, das 56 Haͤßliche dem Schoͤnen vorzieht, dann iſt ſie ekelhaft und ſcheußlich. Ein junger verliebter Menſch, durch ſeine Leidenſchaft verblendet, mag ein Verbrechen bege⸗ hen: ſo kann man ihn noch beklagen; aber ein Greis, der ſeine Ausſchweifungen kaltbluͤtig berechnet, iſt die Schande des Menſchengeſchlechts! Es iſt eine Barbarei der Sitten, das Schlechte und Haͤßliche mit wahrer Luſt in die Gebilde der Phantaſie einzufuͤhren; das heißt die Barbarei in das Gebiet der Kuͤnſte und Wiſ⸗ ſenſchaften ziehen. Und das geſchieht jetzt in Frank⸗ reich. Wo liegt die Quelle dieſes Rebels? Man muß es offen ſagen: zuerſt in der Eitelkeit, dann im perſoͤnlichen Intereſſe und in der Habſucht, die gewoͤhnlich unter dem falſchen Namen der Liebe zum Nuͤtzlichen ver⸗ huͤllt iſt. Nach den ſehr weſentlichen Beſchraͤnkungen, die man jetzt mit dem Begriffe nuͤtzlich vornimmt, iſt z. B. jedes Denkmal der Baukunſt, das nicht durch Ver⸗ pachtung oder Gebrauch die Intereſſen des Geldes, was es gekoſtet hat, wieder einbringt, fuͤr unnuͤtz erklaͤrt, ſo daß man, außer Theatern, Boͤrſen, Niederlagen und einigen Gebaͤuden dieſer Art, worauf die Regierung oder Particuliers eintraͤgliche Spekulationen machen koͤnnen, Dank der ſtets wachſenden Vollkommenheit der Budgets und der Wuth auf das Nuͤtzliche, kein reli⸗ gibſes Monument, keinen Gedaͤchtniß⸗ oder Triumph⸗ ſtein mehr errichten wird. — — 57 Was die Lurusgebaͤude betriff, wie Pallaͤſte, Schloͤf⸗ ſer, Gaͤrten, ſo wird nicht allein kein Menſch mehr auf den Gedanken kommen, neue anzulegen und zu bauen, ſondern man kann, ohne fuͤr einen Truͤbſeher zu gelten, darauf rechnen, daß binnen einigen Jahren alle großen Beſitzungen dieſer Art, welche noch exiſtiren, aus Man⸗ gel an Unterhaltung und erforderlicher Reparatur ver⸗ fallen werden. Zum Ueberfluß lachen die heutigen Bar⸗ baren, welche gern gleich mit Brecheiſen und Karren uͤber Verſailles und Fontainebleau herſielen, ins Faͤuſt⸗ chen, denn ſie beſchneiden und ſchmaͤlern die Budgets immer mehr, um die natuͤrliche Zerſtoͤrung aller dieſer Gebaͤude ſchneller und ſicherer zu bewirken. Vergebens ſagt man ihnen:„Alle dieſe Schloͤſſer ſind merkwuͤrdig durch ihr Alter und den Werth ihrer Architektur; ihre Mauern ſind von innen mit Skulpturen und Gemaͤlden bedeckt, welche darthun und beweiſen, daß die Kuͤnſte auf eine wuͤrdige Art in Frankreich kultivirt und auf⸗ gemuntert worden ſind; die Prachtgebaͤude und Ver⸗ gnuͤgungs⸗Oerter auf verſchiedenen Punkten unſers Landes verſchaffen den benachbarten Einwohnern eine angenehme Erholung. Die Beſuche, welche Grund⸗ Eigenthuͤmer dort machen, haben noch den Vortheil, daß ſie oft Ideen zur Verbeſſerung eines kleinen Beſitz⸗ thums verbreiten und zum Bau bequemer und zierlicher Wohnhaͤuſer. Wie viel Grundſtuͤcke waͤren immerdar ſchlecht gehaltene Kuͤchengaͤrten geblieben, wenn ihre 58 Eigner nicht Veranlaſſung gefunden haͤtten, indem ſie Alleen zogen und Scheunen und Wohnhaus regelmaͤßig einrichteten, zu ſagen: Das wird mein kleines Verſailles oder mein kleines Fontainebleau!“ Auf Alles das ant⸗ worten Euch die eingefleiſchten Oekonomiſten, die Lob⸗ redner des Nuͤtzlichen, kurz die Barbaren unſrer Tage, trocken und unerbittlich, wie ein Additions⸗Exempel: daß man beim Demoliren der Schloͤſſer und dem Ur⸗ barmachen der Parks, außer den Reparatur⸗ und Er⸗ haltungskoſten, noch den Werth des Materials und der Grundſtuͤcke gewinnen wuͤrde, der erhoͤhten Guͤte des Bodens gar nicht zu gedenken. Das iſt die Meinung der Cincinnati unſrer Tage, welche Alles ſehr wohl zu machen glauben, wenn ſie dem Koͤnige der Franzoſen 500,000 Franken bewilligen, weil der Praͤſident der ver⸗ einigten Staaten nur 150,000 hat. Gemaͤßigtere Liebhaber des Nuͤtzlichen wuͤrden ſich damit begnuͤgen, in Fontainebleau und Rambouillet Krippen fuͤr Hornvieh aller Art aufzuſchlagen und in der großen Gallerie von Verſailles eine Baumwollen⸗ ſpinnerei anzulegen. Summa: die herrſchende Idee Beider iſt, den Luxus zu vernichten und folglich auch die Kuͤnſte, als etwas Ueberfluͤſſiges, um die nuͤtzlichen Handthierungen ausſchließlich in Flor zu bringen. Aber wo ſich die Barbarei dieſer Zeit in ihrer gan⸗ zen Bloͤße zeigt, das iſt in einer gewiſſen Ungeduld, welche viele Leute zeigen, unter andern die Kirche 59 Saint⸗Germain⸗!'Auxerrois demoliren zu ſehen. Ver⸗ gebens macht man noch ihren unerſetzlichen Gebrauch als Pfarrkirche geltend, ihr Alter, ihre hiſtoriſche Wich⸗ tigkeit und den Werth ihrer ſo zierlichen als originellen Architektur; man will ſie einmal zerſtoͤren, ſie muß ab⸗ geriſſen werden, und warum? weil die Dummkoͤpfe, von denen ſie vor ſechshundert Jahren erbaut iſt, nicht daran gedacht haben, ihre Facade parallel der Colon⸗ nade des Louvre zu machen, weil das Alignement der Nebenſtraßen durch ihre Erhaltung leiden wuͤrde, end⸗ lich, weil es nuͤtzlich iſt, weil man aus dem Verkaufe des Materials eine betraͤchtliche Summe loͤſen wuͤrde,— ein Fundamental⸗Argument, aus den Statuten der ſchwarzen Bande gezogen. Dieſe Verachtung oder vielmehr dieſe allgemeine Gleichguͤltigkeit fuͤr antike und alterthuͤmliche Denk⸗ maͤler, deren wohl erhaltener Charakter den jungen Kuͤnſtlern, welche ernſtlich die Baukunſt ſtudiren wol⸗ len, als Ausgangspunkt dienen kann; dieſe Verachtung wirkt bis auf die Schulen zuruͤck. In der der ſchoͤnen Kuͤnſte zu Paris kann man ſehen, wenn die monatlichen und ſelbſt jaͤhrlichen Concurrenz⸗Arbeiten ausgeſtellt werden, bis zu welcher Hirn⸗ und Geſchmackloſigkeit ein Zoͤgling gerathen kann, der, einzig auf ſein Genie vertrauend, des Studiums der Meiſter, die ſich vor ihm ausgezeichnet haben, uͤberhoben zu ſein glaubt. Der Uebermuth gewiſſer junger Architekten in dieſer Hin⸗ 60 ſicht wuͤrde ſehr laͤcherlich ſein, wenn es nicht ein Schritt zu der bedachtſam verhoͤhnenden Barbarei waͤre, die uns bedroht und die wir bekaͤmpfen. Dieſe Verachtung alter Werke, verbunden mit der kaͤrglichen Ausſtattung aller Anſtalten, die nicht fuͤr nuͤtzlich befunden werden, ſchadet ſonderbarer Weiſe Nauch der Tonkunſt. Die Schule des Herrn Choron, der einzige Ort in Europa, wo man noch alte Meiſter⸗ werke auffuͤhren hoͤrte, welche der Gebrauch und vor⸗ zuͤglich der menſchliche Leichtſinn in Vergeſſenheit kom⸗ men laͤßt, die Schule des Herrn Choron iſt geſchloſſen, ſeit man dem geſchickten Profeſſor die ſchwachen Huͤlfs⸗ mittel entzogen hat, mit denen er ſeine koſtſpielige An⸗ ſtalt erhielt. Aber man ſang dort nichts als alte Muſik, Kirchenmuſtk! Wozu iſt das? Das hat keinen Nutzen! ſagte man. Denn in jetzigen Zeitlaͤufen, was man nicht eſſen kann, was ſich nicht meſſen, wiegen riechen und verkaufen laͤßt, das wird nicht fuͤr nuͤtzlich erachtet. Indem man gewiſſe Huͤlfsgelder fuͤr das Theater ſtreicht oder ſelbſt nur vermindert, wird man vielleicht auf immer die Kenner um mehrere Meiſterwerke dra⸗ matiſcher Muſik bringen, deren Gang und Stil zwar, etwas veraltet, ihnen keinen allgemeinen Erfolg ſichern, die zu kennen und zu ſtudiren aber doch gut iſt; werden wir noch den Orpheus, die beiden Iphigenien und Glucks Alceſte hoͤren? Das iſt ſehr die Frage; 61 nur ein gaͤnzliches Vergeſſen dieſer Meiſterwerke iſt ge⸗ wiß ein Ungluͤck fuͤr die Kunſt und ein wahrhafter Ver⸗ luſt fuͤr die Liebhaber. Alte Werke zu ſehen, zu hoͤren und zu ſtudiren, auch wenn man keinesweges geneigt iſt, ihre Weiſe und ihren Zuſchnitt nachzuahmen, hat das Gute, daß es Geiſt und Geſchmack eines Zeitalters wenigſtens auf der Hoͤhe erhaͤlt, bis wohin man ſchon vor ihm ge⸗ kommen. Es iſt ein Ruhepunkt, der, wenn man nicht vorſchreitet, doch mindeſtens das Zuruͤckgehen verhin⸗ dert. Noch iſt auch das ein Zufall, der zur Barbarei fuͤhrt: dies Selbſtvertrauen einer ganzen Generation, die ſich einbildet, daß die Kunſtprodukte, welche ſie ſich entfalten ſieht, die ſtaͤrkſten und ſchoͤnſten ſind und nur deshalb, weil ſie zuletzt gekommen. Die Malerei iſt, wie die andern Kuͤnſte, dem Ein⸗ fluſſe der neuen Barbarei unterworfen, und man kann, ohne von der zuͤgelloſen Ungeduld, Fortuͤne zu machen, dieſem edlen Drange nach Nuͤtzlichem, zu reden, deſſen kleinſter Uebelſtand iſt, die Kuͤnſtler zu einer troſtlos leichten Behandlung ihrer Gemaͤlde zu verfuͤhren, be⸗ merken, daß grade die Fluth der Maler, deren Werke die Augen des Publikums ſeit zehn Jahren ermuͤden und oft verwunden, am wenigſten geneigt iſt, das Ver⸗ dienſt der Werke des Alterthums und der Kuͤnſtler des löten und 16ten Jahrhunderts anzuerkennen. Aber von allen außerordentlichen Erfindungen, ins Werk geſetzt, um die Barbarei herbeizufuͤhren, und eine Mode gleichſam, iſt die Idee, die Malerkunſt in Frank⸗ reich durch die engliſche Schule zu veredeln, gewiß die allerſpaßhafteſte. Man kommt jetzt wieder davon zuruͤck; denn vor drei Jahren haͤtte man nicht gewagt, das auszuſprechen, was wir niederſchreiben, aus Furcht, ge⸗ ſteinigt zu werden. Wie dem auch ſei, ſo giebt es ſelbſt Leute von Geiſt und Talent, welche einmal in ihrem Leben geglaubt haben, daß Reynolds, Hogarth, Wilſon, Lawrence und M. Wilkie beſſere Fuͤhrer waͤren, als Michel Angelo, Rafael, Tizian, Dominichino, Pouſſin, Claude Lorrain, Le Sueur und Alle, welche mehr oder minder gluͤcklich in die Fußtapfen dieſer großen Maͤn⸗ ner getreten ſind. Aber dieſem erſten Verſuch der Barbarei iſt natuͤr⸗ lich ein zweiter gefolgt. Die engliſch⸗franzoͤſiſche Schule hat entſchieden, daß die Werke des Alterthums, wenn auch merkwuͤrdig und gut an ſich, doch fuͤr das Stu⸗ dium keine Huͤlfsmittel ſein koͤnnten, und um conſequent zu bleiben, hat man Italien fuͤr ein abgenutztes ein⸗ foͤrmiges Land erklaͤrt. Nach dieſen Grundſaͤtzen ſind die Kuͤnſtler aus geweſen, die Galerien, Routs und Rebel von London zu bewundern, ſtatt ihr Talent unter dem reinen Himmel, in den ſchweigenden Mauern Rom's zur Reife zu bilden. Auch ſind die Ateliers der Pa⸗ riſer Maler, wo man erwartet, die Waͤnde mit den . 8 „ beſten Werken des Alterthums und der großen Meiſter geziert zu ſehen, der Mehrzahl nach mit ritterlichem Eiſenzeug, mit chineſiſchen Schirmen, wunderlichen Trachten und Geraͤthen uͤberladen, nebſt einem Paar Vignetten aus dem diesjaͤhren Keepſake. Zu dieſen Urſachen der Barbarei muß man noch die Menge widerſprechender Lehrmeinungen und endlich die unausſprechliche Zahl von Kuͤnſtlern ohne Beruf rechnen, welche ſich in dieſe Laufbahn geworfen haben, um ihr Gluͤck zu machen. So wird man ſich leicht erklaͤren, wie ſich der Widerwille gegen Malerei ſelbſt des Publikums bemaͤchtigt hat. Dies ernſtliche Uebel, der Widerwille, hat ſich im verfloſſenen Jahre waͤhrend der Ausſtellung gezeigt, wo ſich mehrere Werke erſten RNanges unter einer Suͤndfluth von Gemaͤlden, vom Mittelmaͤßigen bis zum Abſcheulichen, fanden. Man haͤtte ſie der Beachtung wuͤrdigen ſollen; die große Maſſe der ziemlich unaufmerkſamen Neugierigen hatte ſich aber darauf geſetzt, den Salon von 1831 fuͤr ſchwach zu erklaͤren, waͤhrend es doch leicht war, ſich durch Vergleichung zu uͤberzeugen, daß bei keiner fruͤhern Ausſtellung die Zahl bemerkenswerther Bilder ſo groß geweſen, als im vorigen Jahre. Aber wie geſagt, die Abneigung gegen die Kuͤnſte, dieſer Uebergang zur Barbarei, entſteht durch die uͤbertriebene Zahl hoͤchſt ſchwacher Kuͤnſtler. Nichts Langweiligeres, nichts Er⸗ muͤdenderes fuͤr das Publikum, als vergleichsweiſe uͤber 64 das Verdienſt mehrerer, nur in verſchiedener Art, mit⸗ telmaͤßiger Werke zu entſcheiden. Beſonders jetzt, wo die Kuͤnſtler die ſonderbare Anmaßung beſitzen, jeder ein Talent fuͤr ſich, ein ſcharf bezeichnetes, hoͤchſt ori⸗ ginelles zu haben, fuͤhlt man ſich oft in Geiſtesnoͤthen, um die Migraͤne zu bekommen, wenn man aufs Ge⸗ wiſſen entſcheiden muß, welches von drei Erzeugniſſen, die man vor Augen hat, das abſcheulichſte iſt. Die Verſchiedenheit wunderlicher Lehrbegriffe, woraus na⸗ tuͤrlich eine unzuſammenhaͤngende, ühertriebene Ausfuͤh⸗ rung entſteht, iſt eine unmittelbare Urſache der Gleich⸗ guͤltigkeit, der Abſpannung und des Ueberdruſſes in Betreff der Kuͤnſte, welche ſich ſeit mehreren Jahren faſt aller Klaſſen der Geſellſchaft in Frankreich bemaͤch⸗ tigt haben. Nun aber iſt zu bemerken, daß dem Wider⸗ willen der lebenden Kuͤnſtler gegen das Wahre und Schoͤne und gegen wirkliche Meiſterſtuͤcke allemal der Widerwille des Publikums gegen alle neue Produktio⸗ nen folgt, ſo daß die Barbarei ploͤtzlich auf dem Throne ſitzt, von denen, die ſchaffen und von denen, die hoͤren und ſehen, zugleich empor gehoben. Denn Alles das gilt von den Wiſſenſchaften ſo gut wie von den Kuͤn⸗ ſten, daruͤber darf man ſich nicht taͤuſchen. Hier muͤſſen wir einem ſcheinbaren Einwurfe be⸗ gegnen, der gemacht werden koͤnnte. Es hat vielleicht nie ſo viel gewaltige/ verſchiedenartige Talente in Frank⸗ reich gegeben, als in dieſem Augenblicke. Warum denn, 65 wird man fragen, bedroht ihr uns alſo mit Barbarei? Dieſe talentvollen Maͤnner, Dichter, Litteraten, Bau⸗ meiſter, Tonkuͤnſtler, Maler und Bildhauer, wider⸗ ſetzen ſie ſich nicht ganz natuͤrlich, durch die Zahl ihrer Werke, dem traurigen Einfluſſe des Unheils, das ihr verkuͤndet? 1 Gewiß: wenn das Publikum, das ſeit drei Jahren ausſchließlich mit politiſchen und Privat⸗ Intereſſen be⸗ ſchaͤftigt iſt, eine wahrhafte Aufmerkſamkeit auf die Kunſtſchoͤpfungen richten koͤnnte, die ihm geboten wer⸗ den, ſo unterliegt es keinem Zweifel, daß wir uns nicht uͤber das Einbrechen der Barbarei zu beklagen haben wuͤrden. Aber man vergeſſe nicht, die Barbarei von 1832 kommt von Gleichguͤltigkeit und Ueberdruß her; das iſt, was ſie charakteriſirt. So iſt, wie geſagt, die Gemaͤldeausſtellung von 1831 nach dem Urtheile aller Kenner diejenige geweſen, wo man die meiſten guten Werke geſehen. Gleichwohl und trotz der Anſtrengun⸗ 3 gen einiger Tagesblaͤtter, die Wahrheit dieſer That⸗ ſache zu verbreiten, hat die große Mehrheit des Publi⸗ kums in Frankreich nicht daran geglaubt, und ſelbſt in Paris hat ſich eine große Zahl der Gleichguͤltigen, die man Barbaren nennen kann, nicht einmal die Muhe geben wollen, es naͤher zu unterſuchen. Die Bluͤthe der Kunſt in einem Lande beruht auf zwei Elementen: auf guten Werken, welche daſelbſt entſtehen, und auf dem Intereſſe, welches die Nation an ihnen nimmt. . 3** 1 66 Nun iſt aber in dieſem Augenblicke das franzoͤſiſche Publikum taub und blind fuͤr Muſik und bildende Kuͤnſte; es iſt in Apathie verſunken gegen Alles, was ſich auf Wiſſenſchaft bezieht. Kann man ſich wundern, wenn die hochbegabteſten Kuͤnſtler und Schriftſteller das Ohr mit dem rohſten Orcheſterlaͤrm zerreißen, wenn ſie die lebhafteſten ſchreiendſten Farben auftragen, um die Augen auf ihre Gemaͤlde zu ziehen, wenn ſie auf der Buͤhne und in ihren Romanen die unſittlichſten Sce⸗ nen, die ſchaͤndlichſten Raͤnke, die graͤßlichſten Gefuͤhle darſtellen? Man muß mit den Woͤlfen heulen! Und wenn ſich eine ganze Nation, wie die franzoͤſiſche, nach Herzensluſt zur Barbarin macht, ſo muͤſſen ſchon die talentvollen Maͤnner, welche ſie erzeugt, ſich wider Willen dieſem Krankheitszuſtand anpaſſen und barba⸗ riſche Sachen ſingen, malen und ſchreiben, damit ſie verſtanden werden. So kann man ſich wenigſtens das ſeltſame Phaͤnomen einer Nation erklaͤren, die, in voͤlli⸗ ger Barbarei begriffen, doch in ihrer Mitte eine Gruppe von Gelehrten, Litteraten und Kuͤnſtlern beſitzt, deren Verdienſt nicht beſtritten werden kann. Alle die genannten Urſachen, welche die ſchoͤnen Kuͤnſte zur Barbarei fuͤhren, bringen dieſelbe Wirkung in den Wiſſenſchaften hervor. Doch hat die Schreib⸗ kunſt, deren Urquell tiefer, deren Herrſchaft ausgedehn⸗ ter iſt, auch ihre eigenthuͤmlichen Anlaͤſſe zum Verfall; — von ihnen wollen wir ſprechen. 67 Wenn man die Kunſte als Profeſſionen betrachtet, ſo iſt die Litteratur im Allgemeinen diejenige, welche, mit geringen Ausnahmen, am wenigſten einbringt; man kann wohl ſagen, daß das Gluͤck der Schriftſteller in keinem richtigen Verhaͤltniſſe zu ihrem Verdienſte ſtehe. Wer einen wahrhaften Beruf dazu hat, der opfert der Vervollkommnung ſeiner Werke zu viel, als daß er nicht bald den pecuniaͤren Vortheilen entſagen ſollte, die ihm daraus erſprießen koͤnnten. Sonſt boten die Kloͤſter allen Schriftſtellern zweiten Ranges eine Zu⸗ flucht, und man ſah in der Welt nur Beſoldete, die ein großes Ganzes bildeten, in welchem der reiche Voltaire z. B. das Alpha und der ungluͤckliche Gilbert das Omega war. Dieſe litterariſche Republik bekuͤmmerte ſich gar nicht um Geld und dachte ſehr wenig an das Nuͤtzliche. So ging es fort bis zur Revolutions⸗Epoche von 1789, wo ſich das Beduͤrfniß der Journale und Jour⸗ naliſten gebieteriſch fuͤhlbar machte. Das war ein neu gekbotener Huͤlfsquell fuͤr die Litteraten; es bildeten ſich deren bald fuͤr die Journale, denn das war ein Hand⸗ werk geworden, zuweilen ein recht eintraͤgliches. Napoleon, in der Idee, den Wiſſenſchaften einen Glanz zu geben und zugleich das Talent derer, die ſie uͤbten, fuͤr ſich nuͤtzlich zu machen, ſtellte jeden Dichter, der ſich durch ſeine Werke ausgezeichnet hatte, hoͤchſt vortheilhaft an. Selbſt die Senatorwuͤrde uͤbertrug er * 68 Maͤnnern, die ſich durch eine Reihe wiſſenſchaftlicher, litterariſcher oder kuͤnſtleriſcher Arbeiten im Volke be⸗ ruͤhmt gemacht hatten. Seitdem wurden Kunſt und Wiſſeenſchaft viel eifriger betrieben, in der Hoffnung, dadurch zu Rang und Wuͤrden, zu Gluͤcksguͤtern und Ehrenſtellen zu gelangen; mit einem Worte: man zielte auf das Nuͤtzliche. Als die conſtitutionnelle Regierung in Frankreich angenommen worden, erweiterte die Polemik der Journale und der Tribuͤne die litterariſche Laufbahn noch mehr, welche ſich bald von tauſend und aber tauſend Neben⸗ buhlern uͤberfuͤllt ſah. Doch muß man nie die Schrift⸗ ſteller von Beruf mit denen verwechſeln, die nur um des Nuͤtzlichen willen ſchreiben und die Litteratur ver⸗ laſſen, ſobald ſie eine Stelle bekommen, wie ein Fraͤu⸗ lein von gutem Hauſe ihr Pianoforte aufgiebt, wenn ſie einen Mann gefunden hat. Die Erſteren, wenig an der Zahl, ſind beſondere Maͤnner, die man ſelbſt in ihren Irrthuͤmern achten muß, weil es, wie geſagt, ein eedler Inſtinkt iſt, der ſie manchmal zum obigen Heulen treibt, und weil ihre Fehler gewoͤhnlich unerlaͤßliche Vorkehrungen ſind, um ihre Werke den harthoͤrigen Ohren, dem ſtumpfen Verſtaͤndniß der Barbaren, fuͤr welche ſie arbeiten, eindringlich zu machen.— Aber zu den Schriftſtellern, welche die Barbarei in Frankreich vorbereiten, einſchwaͤrzen und naͤhren, muß man alle dieienigen rechnen, die unter dem Vor⸗ 69 wande, ihr Talent auf das Nuͤtzliche zu richten, vor Allem nach Geldgewinn und Anſtellungen trachten; ferner die Schriftſteller, welche in ihren Journalen, Broſchuͤren und Buͤchern, nur um die Leidenſchaften aufzuregen, ſo lebhafte wunderliche Bilder oder ſophi⸗ ſtiſche Raiſonnements gebrauchen, daß der Leſer, uͤber⸗ reizt und verblendet, nicht Muße hat, zu bemerken, ob man die regelmaͤßigen Sprachformen und die Geſetze des guten Geſchmacks beibehalten hat. Noch gehoͤrt in dieſe Kategorie eine gute Zahl Romanzendichter, Melo⸗ dram⸗ und Vandevillemacher, deren graͤßliche, freche Zuſammenſtellungen nur truͤbſelige Anſchlaͤge ſind, einem Schwarm iener gleichguͤltigen Barbaren, deren gbge⸗ nutzte Seelen nur durch das Gemaͤlde von Verbrechen und Ausſchweifungen noch etwas aufgemuntert werden koͤnnen, Geld aus der Taſche zu locken. Und in dieſer Beziehung glauben wir, daß das Theater, welches ge⸗ genwaͤrtig die einzige Gelegenheit bietet, litterariſche Anſichten und Kenntniſſe im Geiſte der Menge zu unter⸗ halten, von allen aufgeklaͤrten Maͤnnern der Regie⸗ rung einer beſondern Aufmerkſamkeit gewuͤrdigt wer⸗ den wird.* Zu bemerken iſt, daß auf unſern Theatern die Bar⸗ barei des Geſchmacks der der Sitten vorangegangen iſt. Vor zehn Jahren kamen engliſche Schauſpieler nach Paris, um Shakeſpeare's Dramen aufzufuͤhren; man warf ihnen Aepfel an den Kopf. Das war, in allen moͤglichen Beziehungen des Worts, eine wahrhafte Barbarei. 3 Fuͤnf Jahre nachher zeigte ſich eine ganz entgegen⸗ geſetzte Manie in Paris. Man war nahe daran, Cor⸗ neille's, Racine's und Voltaire's Bildſaͤulen umzuſtuͤrzen, um Shakeſpeare eine zu errichten. Dieſe Barbarei, welche der erſten das Gleichgewicht hielt, iſt die Urſache zum Verfall des Theatre frangais geweſen. Man findet heute kaum noch zwei Schauſpieler, welche im Stande ſind, ein Stuͤck von einem unſerer drei großen Tragi⸗ ker nur leidlich aufzufuͤhren. Wenn die Shakeſpeareſchen Dichtungen, welche man uns gegeben hat, mindeſtens in ihrer Art ein Verdienſt, analog dem der Meiſter⸗ werke haͤtten, welche ſie fuͤr den Augenblick erſetzt haben, ſo haͤtte das Publikum doch Gelegenheit gefunden, litte⸗ rariſche Vergleichungen zur vortheilhaften Bildung ſei⸗ nes Geſchmacks anzuſtellen. Aber Alles iſt verſchwun⸗ den, und die Barbaren, welche den Verfall des Theatre frangais wollten, ſind gluͤcklicher geweſen, als die, welche noch immer auf das Niederreißen von Saint⸗ Germain⸗l'Auxerrois warten. Daß es Theater giebt, wo man volle Freiheit hat, dramatiſche Verſuche, fuͤr den Tag berechnet, zu machen, kann nicht beſſer ſein; aber warum nicht auch ein Theatre frangais, um die alten Meiſterwerke unſerer Dichter auf⸗ zufuͤhren, ſei es auch nur wie ein Luxus, um der Merk⸗ wuͤrdigkeit wegen? Man giebt der Anſtalt in Ram⸗ 1 bouillet ſo viel Fonds, um Merinoboͤcke zu erziehen; wuͤrde es denn etwas ſchaden, wenn man, mittelſt einer Geldhuͤlfe, zuweilen Nicomedes und Athalia auffuͤhren ließe? Die Barbarei derer, welche die Vorſtellungen des alten Theatre frangais aufhoͤren ließen, war eine unſchuldige kindiſche Handlung; man muß es glauben, aber es iſt doch immer eine Barbarei, deren traurige Folgen wir fuͤhlen, und Alle, welche Frankreichs litte⸗ rariſchen Ruhm lieben, wuͤrden unfehlbar mit Ver⸗ gnuͤgen das alte Theatre frangais wieder aufrichten ſehen, dieſe Art von Galerie oder litterariſchem Mu⸗ ſeum, deſſen eigenthuͤmlicher Werth dem Glanze neuer Dichtunoen, wenn ſie gut ſind, keinen Eintrag thun wird.. Architekten, Tonkuͤnſtler und Maler ſind weniger argwoͤhniſch und unduldſam, als die dramatiſchen Schrift⸗ ſteller.— Die Einen verlangen ſtets die Eroͤffnung der Muſeen fuͤr antike und moderne Werke, die Andern wollen nicht einmal, daß man Corneille's und Racine's Dichtungen lieſt. Ob vielleicht im Hintergrunde dieſer Achtserklaͤrung ein Gedanke liegt, der ſich an die Liebe zum Ruͤtzlichen knuͤpft, wollen wir fuͤr jetzt nicht tiefer unterſuchen. Wir begnuͤgen uns, Alles zuſammen⸗ faſſend, zu ſagen: daß wir bedroht ſind, in voͤllige Barbarei zu verſinken; daß dieſe Barbarei mit ziem⸗ lich uͤberlegter Berechnung eingefuͤhrt und unterhalten wird; daß ſie bei der großen Maſſe ſo allgemein feſt⸗ gewurzelt iſt, daß Maͤnner von Talent, mit Aufopfe⸗ rung ihres Geſchmacks, gendthigt ſind, ihr zu huldi⸗ gen; daß die ausſchließlich politiſche Richtung ſie merk⸗ wuͤrdig beguͤnſtiat; daß endlich die Liebe zum Gelde oder zum Nuͤtzlichen alle Herzen, alle Geiſter den Eindruͤcken des Wahren, Schoͤnen und Großen ver⸗ ſchließt, und daß der Ueberdruß, die Hinneigung zum Thieriſchen, welche daraus folgt, die Menſchen taͤglich weniger zart in der Wahl ihrer Vergnuͤgungen macht. Man kann die Mehrzahl der Romane und der dramatiſchen Werke, welche ſeit der Revolution von 1830 auf unſeren Theatern gegeben worden, als ſchmach⸗ volle Spekulationen auf den Parteigeiſt und auf das Haͤßlichſte and Niedrigſte in Geiſt und Herzen des Men⸗ ſchen bezeichnen, als Hohn des guten Geſchmacks und der guten Sitten, welche mit Vorbedacht verletzt wer⸗ den, und das iſt eine noch weit verdammlichere Bar⸗ barei als die erſte. Zum Ueherfluß noch eine letzte Bemerkung, welche die Wahrheit ans Licht foͤrdern kann, wenn etwa Je⸗ mand noch an dem Barbareizuſtande, in dem wir uns befinden, zweifeln ſollte. Was die Thiere charakteriſirt, iſt, daß ſie der ge⸗ genwaͤrtige Augenblick und das grobe Beduͤrfniß, wel⸗ ches ſich daran knuͤpft, unaufhoͤrlich und ausſchließlich beſchaͤftigt. Der Menſch, im Gegentheil, zeichnet ſich dadurch aus, daß er von der Gegenwart, wohin er wie . auf . 73 auf eine Hoͤhe geſtellt iſt, ſeine Blicke fort und fort auf die Vergangenheit und Zukunft richtet. Das wahre Leben des menſchlichen Geiſtes bewegt ſich in Erinne⸗ rung und Hoffnung; zwiſchen beiden Unendlichkeiten iſt die Gegenwart nur ein Punkt fuͤr erhabene Seelen. Jeder Menſch alſo, der, was war und ſein wird, ver⸗ achtet und ſich beſtaͤndig nur um das, was iſt und was deer braucht, kuͤmmert, der naͤhert ſich der thieriſchen Natur. Er wird zum B arbaren, er hat keinen an⸗ dern Gedanken, keinen andern Geſchmack, als fuͤr das, was ihm materiell nuͤtzlich iſt. Deleeluze. Der Herr von Paris. — Der Kirchenfuͤrſt und der Scharfrichter, der Mann des Himmels mit dem Worte des Evangeliums, und der Mann der Erde mit ſeinem Berufe voll Schmerz und Blut; der fuͤr die Seele betet und der den Koͤrper zer⸗ ſtoͤrt; der ſeinen Blick zum Hoͤchſten erhebt und der ge⸗ zwungen iſt/ ihn auf das Niedrigſte zu werfen: Beide, durch einen ſeltſamen Mißbrauch des Worts, durch einen Umſturz aller Idee, aller Namen genannt: Boſſuet, Herr von Meaur, Sanſon, Herr von Paris! Der Biſchof und der Henker; das Hochgericht und die Kirche!. Der Vollſtrecker der Gerechtigkeit gehoͤrt, mehr als jeder Andere, zur Zahl der Menſchen, die nie ſo gewuͤrdigt werden/ als ſie es ſein ſollten, deren Stel⸗ lung ſie verdammt, ewig unter der Laſt der Vorurtheile zu ſeufzen.’ Bei ſeinem Namen ſeht ihr eine ganze Ver⸗ ſammlung ſchaudern, ihr ſeht die Anweſenden ſich dich⸗ ter zuſammendraͤngen, als ob ſie eine Geſpenſtergeſchichte im Ritterſaale eines gothiſchen Schloſſes erzaͤhlen hoͤr⸗ ten, oder wie Kinder, welche die Amme mit dem be⸗ ruͤchtigten Knecht Ruprecht bedroht. Und der ploͤtzliche Schreck laͤßt ſich erklaͤren. Der Name des Scharfrichters deutet auf toͤdtlichen Beruf,⸗ er weckt in der Seele ſchauderhafte Erinnerungen, vor den Augen ſchwebt ein blutiges Wahnbild: ihr ſeht das Schaffot mit der ſchwarzrothen Planke, deren Farbe ein neuer Blutguß auffriſchen wird, ihr ſeht den bleier⸗ nen Koffer, in den ein Haupt ſtuͤrzt, weit ab vom Rumpfe geſchnellt— ihr ſeht die Vernichtung vor der Zeit in ein Leben greifen, das noch lange Tage ſchauen konnte! Darf man hiernach erſtaunen, daß die Gewaltigen, Hoͤherbegabten das Anathema uͤber das lebendige Werk⸗ zeug irdiſcher Juſtiz verhaͤngt, ohne welches Gott al⸗ lein das Recht bleiben wuͤrde, den unſchuldigen zu raͤchen, indem er den Strafbaren trifft?. Es giebt zwei Menſchen in dieſem Manne: das ge⸗ ſchaffene Weſen, allen Uebrigen vor Gott und dem Ge⸗ ſetze gleich, und das beſondere Weſen, den fuͤrchterlichen Mittler zwiſchen Verbrechen und Strafe, der nur im Intereſſe der Geſellſchaft handelt, die ihn ausſtoͤßt, und 8. 4* von ihm fuͤr die Verachtung ſeine peinlichen Dienſt⸗ leiſtungen erhaͤlt. Es iſt ſehr ſchwer, ſi ch eine richtige und vernuͤnf⸗ tige Vorſtellung von ihm zu machen; ſein Amt ſpricht zu ſehr zum innern Gefuͤhl, das aus dem Gemuͤth ent⸗ ſpringt, als daß man bei dem Urtheil uͤber ihn dem Verſtande den Vorſitz laſſen koͤnnte. Man vermag nicht immer, ſich eine Meinung zwiſchen der des beruͤhmten Verfaſſers der Soireen von St. Petersburg und der des Saͤngers der Julie zu bilden. Wenn man nicht grade, wie Herr von Maiſtre, in der Familie des Scharfrichters nur ein Weibchen mit Jungen zu ſehen braucht, ſo muß man doch auch Jean Jacques ſophiſtiſcher Philoſophie nicht zu viel trauen und, ſelbſt ohne Koͤnig zu ſein, fuͤr ſeinen Sohn an eine andre Gattin denken, als die Tochter des Henkers. Das Amt des Scharfrichters war nicht immer dem Zuſtande der Erniedrigung unterworfen, in welchem wir es heut ſehen. Bei den Iſraeliten wurden die Todesurtheile durch das ganze Volk, oder durch die Anklaͤger des Verur⸗ theilten, oder durch die Verwandten des Moͤrders, wenn er um Todſchlag verdammt war, oder nach Umſtaͤnden durch Andre vollſtreckt. Der Herrſcher gab oft ſeiner Umgebung, beſonders jungen Leuten, den Auftrag, Jemanden zu Tode zu bringen; davon findet man viele Beiſpiele in der Schrift⸗ 77 und weit entfernt, eine Schande darin zu ſuchen, rech⸗ nete es ſich Jeder zur Ehre, an ſolchen Hinrichtungen Theil zu nehmen. Bei den Griechen war das Amt des Henkers nicht verachtet. Ariſtoteles, in ſeinen Politicis, ſetzt den Scharfrichter unter die Zahl der Beamten. Er ſagt ſogar, daß man ihn, ſeiner Nothwendigkeit wegen, zu den vorzuͤglichſten rechnen ſolle. In Rom bediente man ſich, außer den Lictoren, der Krieger zur Hinrichtung von Verbrechern, nicht allein beim Heere, ſondern ſelbſt in der Stadt, ohne daß ſie dadurch auf irgend eine Art entehrt wurden. Bei den alten Deutſchen wurde das Nachrichter⸗ amt durch die Prieſter ausgeuͤbt, weil dieſe Voͤlker das Blut der Verbrecher und Feinde als das herrlichſte Opfer fuͤr die Goͤtter ihres Landes anſahen. Vor Al⸗ ters thaten die Nichter zuweilen ſelbſt die Verurtheil⸗ ten ab; die Kirchen⸗ und weltliche Geſchichte liefert mehrere Beiſpiele der Art. In Deutſchland, ehe dies Geſchaͤft zu einem ordentlichen Amte umgeſchaffen, war der Juͤngſte aus der Gemeinde oder der Buͤrgerſchaft damit beauftragt, in Franken der Juͤngſtvermaͤhlte, in Reutlingen, einer ſchwaͤbiſchen Reichsſtadt, der zuletzt erwaͤhlte Rathsherr, und in Stade der Einwohner, der ſich zuletzt in der Stadt niedergelaſſen hatte. In Rußland giebt es gar kein ſolches Amt. Die Vollſtreckung des Strafurtheils wird jedesmal einem 78 Gefangenen uͤbertragen, der dafuͤr vollſtaͤndige Begna⸗ digung erhaͤlt. In Frankreich hatte ſonſt der Scharfrichter, wie der Koͤnig und die Herren, das droit de prise, d. h. er konnte von Einem oder dem Andern, an dem Orte, wo er grade war, die Vorraͤthe, deren er eben bedurfte, entnehmen, wenn er ſie nur in der Friſt, die fuͤr ſolche gezwungene Anleihen feſtgeſetzt war, bezahlte. Die Urkunde Karl's VI. vom 5. Maͤrz 1398, welche die Einwohner von Chailly und Lay bei Paris von dem droit de prise frei ſpricht, verbietet allen koͤniglichen Haushofmeiſtern, Fourieren, Stallmeiſtern(chevau- cheurs), dem Scharfrichter und allen unſern uͤbrigen Officianten ſowohl, als auch denen der Koͤnigin, der Prinzen von Gebluͤt und anderer Herren, welche ſonſt gewohnt geweſen, ſich obigen Rechts zu bedienen, es hinfuͤhro bei den beſagten Einwohnern in Ausuͤbung zu bringen. Der Nachrichter befindet ſich hier, wie man ſieht/ in ziemlich guter Geſellſchaft. Spaͤterhin ſank das Handwerk zur tiefſten Schmach und Verachtung herab. Es wurde erſt 1790 wieder etwas gehoben, zur Zeit, als die Nationalverſammlung auf Matons de la Va⸗ renne's Vorſchlag, von Mirabeau unterſtuͤtzt, decretirte, daß ſie die Scharfrichter in die Zahl der Buͤrger be⸗ griffen haben wollte. Schon lange war ich neugierig, dieſe verborgene 79 Macht kennen zu lernen, welche gleichſam das erſte Glied der geſellſchaftlichen Kette bildet; ich wollte den Mann, von dem ſich die Welt eine ſo wunderbare Vor⸗ ſtellung macht, in ſeiner Haͤuslichkeit, umgeben von ſeiner Familie, ſehen— ich wollte ihn von ſeinem fuͤrchterlichen Berufe ſprechen hoͤren, menſchliche Worte aus ſeinem Munde vernehmen. Da ich Niemand kannte, der mich ihm haͤtte vor⸗ ſtellen koͤnnen, ſo beſchloß ich, mich ſelbſt einzufuͤhren, und wandte mich eines Morgens, nicht ohne einige Be⸗ wegung, nach der Straße des Marais du temple. Vor No. 31 bis angekommen, bemerkte ich ein kleines Haus, durch ein Eiſengitter verwahrt, deſſen hoͤlzerne Zwiſchen⸗ raͤume dem Blicke nicht geſtatteten, in das Innere zu dringen. Dies Gitter iſt nicht zu oͤffnen, man tritt in das Heiligthum durch eine kleine Thuͤre, die daran ſtoͤßt und zur Rechten mit einer Klingel verſehen iſt. In der Mitte der Thuͤre iſt eine eiſerne Buͤchſe, ganz aͤhnlich den Briefſammlungen; hier werden die Schrei⸗ ben des General⸗Prokurators niedergelegt, die er an den Scharfrichter ſchickt, um ihn zu benachrichtigen, daß man den Beiſtand ſeines Arms in Anſpruch neh⸗ men wird. 4 Ich zog leiſe den Glockenring, die Thuͤr oͤffnete ſich, und ein Mann in den Dreißigen, groß und ſtark, fragte mich ſehr hoͤflich, was ich wuͤnſchte.„Herrn Henri Sanſon“, erwiederte ich mit zitternder Stimme. —„Treten Sie ein, mein Herr!“ ſagte der Fuͤhrer. Es war einer von des Scharfrichters Gehuͤlfen. Ich konnte mich, von dieſem Augenblick an, uͤber⸗ zeugen, welche falſche Idee ſich die Welt von Dingen macht, die ſie nicht kennt, und wie wenig Grund manche Sprichwoͤrter des Volks haben. Die Henkers⸗ knechte ſind nicht unverſchaͤmt, dafuͤr kann ich ſtehen. Zu den aberglaͤubiſchen Meinungen uͤber die Ob⸗ liegenheiten des Scharfrichters gehoͤrt eine, die allge⸗ mein verbreitet iſt; ich ſpreche von der Verpflichtung des Sohns, dem Vater zu folgen, von der Erblichkeit des Amts in der Familie. Nichts Falſcheres. Man kann einen Menſchen, der Nichts verbrochen hat, zu einer Zeit, wo der geringſte Buͤrger ſich ſeines politiſchen Rechts bewußt iſt, nicht zwingen, ein Handwerk wider ſeinen Willen zu ergreifen. Deshalb muß die Urſache des Herkommens, daß immer der Sohn des Henkers das blutige Erbtheil ſeines Va⸗ ters uͤbernimmt, anderswo geſucht werden. Der Scharfrichter lebt außerhalb der Welt, ſeine einzige Geſellſchaft, außer der Familie, ſind Henker; ſeine Verbindungen, er muß ſie unter Henkern ſuchen. Kann er dafuͤr, daß ihr ihn ſo abgeſondert und ausge⸗ ſchloſſen habt? Werdet ihr ihm eure Tochter geben? die Hand ſeines Sohnes annehmen? ihn in eurem Salon empfangen? Sein Erſcheinen an dem Ort, wo ihr ſeid, wuͤrde euch einen langen Schauder durch die 81 Adern jagen, als ob man euch ſagte, daß der Loͤwe des Pflanzengartens eben ſeinen Kaͤfig durchbrochen haͤtte. Und er iſt doch ein Menſch wie ihr, er hat das Be⸗ duͤrfniß der Freundſchaft, der Liebe, er kann es nur von gleichgeſchaffenen Seelen verlangen, und muß wie eine Chandalasfamilie inmitten der Braminenkaſte leben. und dann glaube man nicht, daß das Henkeramt jemals der Bewerber ermangeln koͤnnte. Vor einigen Jahren, als der Herr von Verſailles ſtarb, ohne einen natuͤrlichen Nachfolger zu hinterlaſſen, verlangten 187 Bittſchriften ſeine Stelle. Die Bewerber waren meiſtens alte Soldaten und vorzuͤglich Fleiſcher. Das iſt ein ſchauderhafter Gedanke. Waͤre es moͤglich, daß alle Menſchen ſich zu Henkern eigneten, und nur die Gewohnheit des Bluts ihnen abginge?— Ich komme wieder auf meinen Beſuch zuruͤck. Man fuͤhrte mich in ein kleines Gemach, wo ich einen Mann von ſcheinbar ſechszig Jahren, mit einer Geſtalt voll Offenheit und Sanftmuth, vor dem Piano⸗ fhin⸗ erblickte, dem er nicht unmelodiſche Toͤne ent⸗ ockte. Das war er.— In demſelben Zimmer war auch ſein Sohn, ein junger Mann von ungefaͤhr vier und dreißig Jahren, blond, von ſchuͤchternem, ſanftem An⸗ ſehen; er hielt ein kleines Maͤdchen von zehn bis zwoͤlf Jahren auf dem Knie, huͤbſch wie ein Engel, mit der lebhafteſten und ausgezeichnetſten Phyſiognomie. Es 82 war die ſeinige.— Dies Familiengemaͤlde machte mich betroffen; Herr Sanſon ſchien es zu bemerken. Die Sache war, daß ich mir, ohne die unuͤberlegte Mei⸗ nung des großen Haufens zu theilen, doch eine ganz andre Vorſtellung von dem Schauſpiel gemacht hatte, das mir jetzt in die Augen fiel. Das kleine Maͤdchen vorzuͤglich!— ſie verwirrte all' meine Gedanken, ich haͤtte nicht etwas ſo Friſches hier treffen moͤgen, es war wie ein Sonnenhlick durch Gewitterwolken, wie eine Roſe, die zwiſchen Grabgeſtein emporſprießt. Schon ſeit mehreren Jahren verſieht der Sohn des Herrn Sanſon das Amt ſeines Vaters. Aus den eben angefuͤhrten Urſachen zu ſeiner Nachfolge berufen, macht er unter den Augen des Titulars ſeine Lehriahre des Bluts durch. Der Letztere wohnt jedoch allen Hinrich⸗ tungen bei, die Obrigkeit hat nur mit ihm zu thun, und er iſt ihr allein fuͤr alle vorkommenden Verſehen verantwortlich. Herr Sanſon empfing mich wie ein Mann von Weltkenntniß, ohne Verlegenheit wie ohne gekuͤnſteltes Weſen, und forſchte nach dem Beweggrunde meines Beſuchs. Meine Fabel war ſchon fertig: ich ſagte ihm, daß ich mit einem Werke uͤber die Todesſtrafen der ver⸗ ſchiedenen Epochen unſerer Geſetzgebung beſchaͤftigt und, auf ſeine Gefaͤlligkeit rechnend, gekommen ſei, ihn um einige Nachweiſungen zu bitten. Der liebenswuͤrdige Ton, in welchem er mir ant⸗ — —OO—ÿ—ꝛ—x—— 83 wortete, daß er ganz zu Dienſten ſtehe, machte mich ſofort voͤllig unbefangen; ich hielt mich nicht eben an die Fragen, welche der vorgeſchuͤtzte Grund meines Beſuchs mit ſich fuͤhren mußte, und in einer Unter⸗ haltung von faſt zwei Stunden konnte ich die richtige Urtheilskraft und die lautern Anſichten des Herrn von Paris bemerken. Herr Sanſon verhehlt ſich das Druͤckende der Lage, in welche ihn das Schickſal geſetzt hat, keinesweges; er ertraͤgt ſie, nicht wie ein Mann, der ihre Folgen ver⸗ achtet, ſondern wie ein Weiſer, der ſeinen Werth fuͤhlt, der begreift, daß wir uns immer durch Willenskraft uͤber den Stand, den uns die Geburt angewieſen, erheben koͤnnen, und daß uns, trotz der Richtung, der wir ge⸗ zwungen folgen muͤſſen, die Gefuͤhle des Herzens, die Rathſchlaͤge der Vernunft unſre Stellung in der Welt geben. 3 Dies Bewußtſein, das ihn in ſeinen eignen Augen erhebt, laͤßt ihn doch nie die Kluft vergeſſen, welche die Geſellſchaft zwiſchen ſich und ihn geſprengt hat, und wenn man ſie auch einen Augenblick aus dem Geſicht verlieren koͤnnte, ſo wuͤrde ſich Herr Sanſon ſelbſt be⸗ muͤhen, ſie in's Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen. Etwas fiel mir auf: er hatte oft vor mir ſeine Tabaksdoſe geoͤffnet, ohne ſie mir anzubieten. Dies Abweichen von dem Gebrauche der Schnupfer, von der Hoͤflichkeit, die keine mehr iſt, wenn ſie zur Gewohn⸗ 1* 84 heit geworden, ſetzte mich in Erſtaunen, ohne daß ich es mir erklaͤren konnte. Ploͤtzlich, inmitten einer Unter⸗ haltung, die meinen Bewegungen die Seele raubte, maſchinenmaͤßig, ganz ohne Abſicht, bot ich ihm Tabak an. Er hob abwehrend ſeine Hand, mit einem Ausdruck der Phyſiognomie, den wiederzugeben unmoglich iſt, der mich erſtarren machte. Der Ungluͤckliche!— eine Erinne⸗ rung von geſtern hatte ihm die Finger mit Blut benetzt! Herr Sanſon plandert gern, vielleicht, weil er viel und mit Nutzen geleſen hat. Er beſitzt wirklich eine zahlreiche und ausgeſuchte Bibliothek, die bei ihm kein Gegenſtand des Luxus iſt. Seine Buͤcher ſind ſeine einzige Geſellſchaft: durch ſie kann er ſich, dem Zwange und der Demuͤthigung entgehend, mit den Menſchen unterhalten, von ihnen kann er Zerſtreuung von ſeinen furchtbaren Pflichten fordern, Troſt gegen die Verach⸗ tung ſeines Jahrhunderts, Ruhe fuͤr ſeine Tage, Schlaf fuͤr ſeine Naͤchte. Der Paria der Civiliſation, ausgeſchloſſen von der Geſellſchaft der Lebenden, findet er in der todten Ge⸗ meinſchaft unſerer großen Maͤnner Erſatz, und dieſe kann er ohne Schaudern betrachten: ſie ſind nicht von ſeiner Hand geſtorben!— Unter den Werken, aus denen die Bibliothek des Scharfrichters beſteht, ſind zwei, welche ich hier nicht geſucht haͤtte: die Schriften des Herrn von Maiſtre und der letzte Tag eines Verurtheilten. 85⁵ Die Unterſuchung der Buͤcher des Herrn Sanſon gab mir einen Gegenſtand des Geſpraͤchs, deſſen Auf⸗ ſinden mich ſehr erfreute. Bis dahin hatte ſich die Unterhaltung nur fortgeſchleppt; ich wagte nicht, ihn mit Fragen zu beſtuͤrmen, und er ſelbſt vermied, mit dem Takte, der ihm eigen iſt, von Etwas zu reden, was ſich an ſeinen Beruf knuͤpfen konnte. Aber ſobald ich ihn auf das Kapitel der Litteratur gebracht, ließ er ſich ganz gehen; der Zwang, den er ſich bis dahin auferlegt hatte, verſchwand mit einem Male; er aͤußerte Grundſätze, beſtritt meine Anſichten, wie ein Mann, der ſich ſelbſt Rechenſchaft abgelegt hat, und, einige Ketzereien abgerechnet, die vom Mangel des erſten Unterrichts herruͤhren, brachte er Urtheile vor, die einem Mitgliede der Akademie der Inſchriften und ſchoͤnen Kuͤnſte zur Ehre gereichen wuͤrden. Dieſer kleine litterariſche Kurſus ließ ſchnell Alles verſchwinden, was unſer Tete⸗à⸗Tete bis dahin Ge⸗ druͤcktes und Geſchraubtes gehabt; es war, als ob wir unns zehn Jahre kennten. Herr Sanſon zeigte ſich ganz offen und unyerhuͤllt, ich konnte ihn nach Gefallen be⸗ trachten. 2. Es moͤchte ſcheinen, daß die Natur ſeines Berufs, die Art Leute, mit denen ſie ihn unaufhoͤrlich in Ver⸗ bindung bringt, alles menſchliche Gefuͤhl in ihm er⸗ ſtickt haben muͤßte— weit davon entfernt, hat ſich da⸗ durch ſeine Seele hoͤchſt gefuͤhlvoll entwickelt. * 86 Derſelbe Mann, der mit kaltem Blute alle Vor⸗ bereitungen zur Todesſtrafe beaufſichtigt, der, Stuͤck fuͤr Stuͤck, die graͤßliche Maſchine der Vernichtung zuſam⸗ menſetzt, die Stricke einſchmieren laͤßt, mit dem Dau⸗ men die Schaͤrfe des Beils pruͤft und mit feſtem Griff den Hals loͤſt, welcher der Erde giebt, was der Himmel geſchaffen,— derſelbe Mann kann die Thraͤnen nicht zuruͤckhalten, wenn man ihn an eine Hinrichtung erin⸗ nert. Ihr hoͤrt ihn, mit jugendlicher Energie, ſich wider die Todesſtrafe auflehnen, mit Lebhaftigkeit alle Mittel entwickeln, durch welche ſie wirkſam erſetzt wer⸗ den koͤnnte; ihr ſeht ihn, am Tage des Greveplatzes, bleich und verſtoͤrt, alle Nahrung verſchmaͤhend, als haͤtte er die Rolle vertauſcht und der Andere waͤre der Henker! Das iſt es, was man nicht weiß, das iſt es, was ich ſelbſt nicht geglaubt haben wuͤrde, wenn ich es nicht geſehen haͤtte, was diejenigen haͤtten ſehen ſollen, welche ſich mit dem ganzen Anſehen ihres Talents auf das Werkzeug der Gerechtigkeit geworfen, wenn ſie ſich ſchon ehrfurchtsvoll vor der Hand beugen, die es in Thaͤtigkeit ſetzt. 4 3 Er erzaͤhlte mir eine Menge beſonderer Umſtaͤnde von den letzten Augenblicken einiger beruͤhmter Verur⸗ theilter, doch werde ich ſie hier nicht wiederholen. Oft ruͤhrend, zuweilen ſpaßhaft⸗ haben all' dieſe Geſchichten etwas Peinliches und Gezwungenes— wie das Lachen eines Gehaͤngten! 87 Das Einzige, was ich erzaͤhlen werde, iſt, welchem umſtande man es verdankt, daß jetzt das Schaffot, gleich nach der Exekution, abgeriſſen und an ſeinen Ort ge⸗ ſchafft wird. Sonſt blieb es noch mehrere Stunden ſtehen; das war eine zarte Aufmerkſamkeit gegen die Zuſchauer: das Trauerſpiel iſt kurz und man wollte ſie nooch den Anblick der Dekoration genießen laſſen. Nur ein Vorlegeſchloß hielt das ſchraͤge Inſtru⸗ ment oben feſt. 4 Nach einer Hinrichtung im Jahre 1797 war der Henker mit ſeinen Gehuͤlfen in das erſte Stock der Trinkſtube an der Ecke des Greveplatzes und des Quais Pelletier gegangen. Sie plauderten, tranken und lach⸗ ten vielleicht. 1 Man klopft an die Thuͤre des Kabinets. Ein Menſch, eine Art Handwerker, iſt es, der Herrn San⸗ ſon bittet, ihm den Schluͤſſel anzuvertrauen, der das Beil auf dem Schaffot loͤſt. Ein Peruͤckenmachergeſell iſt ergriffen worden in dem Augenblicke, als er unter der Menge, die ſich nach der Hinrichtung verlief, eine Uhr geſtohlen.— Das Volk, in ſeiner erpeditiven Juſtiz, hatte den Schuldigen gepackt, zum Schaffot aufgezogen, auf das Brett geworfen, unter das Meſſer gewaͤlzt, und ſein Kopf waͤre gefallen, ohne die Vorſicht, die man allemal, gewiß aus Inſtinkt, gebrauchte. Der Scharf⸗ richter, welcher dem Kerl die Thuͤre ſelbſt geoͤffnet hatte, erwiederte auf das freche, wunderliche Verlangen, daß 88 Herr Sanſon, der allein den Schluͤſſel habe, fortgegan⸗ gen ſei, und erſt in zwei bis drei Stunden zuruͤckkeh⸗ ren werde. Man mußte ſich alſo beſcheiden, die Menge verlief ſich nach und nach, nur das geduldige Schlacht⸗ opfer des Todes befand ſich noch immer in ſeiner ſchreck⸗ lichen Lage. Endlich, nach einer Zeit, deren Laͤnge man nur ermeſſen kann, wenn man ſich in die Stelle des armen Teufels denkt, kam man, ihn zu befreien. Es iſt nicht zu ſagen, in welchem Zuſtande er war und was er in der langen Todesqual hatte leiden muͤſſen. Und wenn man bedenkt, daß ſich dieſer Vorfall einige Jahre nach der Revolution zugetragen hat— zwei Jahre lang war das Blut unaufhoͤrlich gefloſſen, die Hinrichtungen waren auf regelmaͤßige Weiſe betrieben worden, und noch war das Volk nicht des Blutes, der Richt⸗Scenen ſatt! Weniger aus Neugier, als um Herrn Sanſon den Zweck meines Beſuchs zuruͤckzurufen, bat ich ihn, mir die Kammer zu zeigen, wo er die Werkzeuge fuͤr die verſchiedenen Todesarten fruͤherer Zeit verſchloſſen haͤlt. Der Anblick dieſss Muſeums erfuͤllte mich mit eiſigem Entſetzen. Eine einzige Sache in dieſer Blutkammer verdient, daß man davon ſpricht: das iſt das Schwert, mit dem der Herr Marquis von Lally enthauptet worden. Es wurde ganz beſonders dazu gemacht und mußte dreimal umgeſchmolzen werden, ehe man es paſſend fand. 1 — 89 Zu jener Zeit, wenn eine merkwuͤrdige Hinrichtung Statt fand, ſtiegen die jungen vornehmen Herren auf die Plateform des Schaffots, wie ſie ſich des Abends auf die Buͤhne der Comedie francaiſe draͤngten. An dem Tage, wo Herr von Lally ſein urtheil erlitt, war die Menge betraͤchtlicher, als gewoͤhnlich— einer der Eifrigſten bei dem ſchauderhaften Feſte ſtieß den Scharf⸗ richter an den Arm, als er eben die moͤrderiſche Waffe uͤber das Haupt des Verurtheilten ſchwang. Der Stoß ließ das Schwert fehlſchlagen, ſo daß es, ſtatt das Ge⸗ nick zu treffen, in den Hinterkopf bis zum Kinnbacken fuhr, ohne den Kopf ganz zu zerſpalten. Die Klinge bekam eine Scharte durch einen Zahn, den ſie traf, und ein Gehuͤlfe des Henkers mußte, mit einem Huͤftmeſſer, ein Ende machen!——— Ich habe die verhaͤngnißvolle Waffe in der Hand gehabt; ein Zahn wuͤrde ganz gut in die Luͤcke paſſen, welche ausgeſprungen iſt.— Eine Anekdote wird hier vollkommen ihre Stelle finden. Um das Jahr 1750 gingen mitten in der Nacht drei junge Leute durch die Vorſtadt Saint⸗Martin. Sie gehoͤrten zum Hochadel, der das Monopol hatte, Fenſter einzuſchlagen, Voruͤbergehende zu beleidigen und Waͤchter zu pruͤgeln; es waren Solche, die nach einem zu langen Zwiſchenraume die ſo muntern, ſo unver⸗ ſchaͤmt ariſtokratiſchen Sitten der Regentſchaft wieder aufleben ließen.— 4 XN 90 1 Die drei jungen Leute hatten in einem kleinen Hauſe ein koͤſtliches Souper eingenommen; denn damals ſoupirte man noch, eine retroactive Civiliſation hatte noch das gute Naturell der alten Zeit verdorben, wo man das Couvert zur Schlafenszeit auflegte, um es zur Stunde, wo man ſonſt aufſteht, erſt wieder abzu⸗ nehmen. Sie hatten ſoupirt, die drei jungen Leute. Herrlich und in Freuden, das kann ich Euch zuſchwoͤren; ein Souper, das einer unſrer Freunde Euch auf eine ſo koͤſtliche Art erzaͤhlen wuͤrde, daß Ihr betrunken wuͤr⸗ det, wie von Champagner. ch, der ich nicht erzaͤhlen kann, ſage gan einfach, daß die Herren nach dem Souper zwiſchen zwei und drei Uhr des Nachts, durch die Vorſtadt Saint⸗Martin ſchritten, lachend, tollend und in jenem vergnuͤglichen Geplauder verkehrend, wo man nicht weiß, was man ſagen will und was man geſagt hat. Sie wollten nicht vor Tage nach Hauſe gehen, und nirgend war es noch offen. Als ſie vor die Straße Saint Nicolas kamen, hoͤr⸗ ten ſie Inſtrumente klingen, eine froͤhliche heitre Muſik, welche verkuͤndete, daß man dort ausgelaſſen, natuͤrlich, abſcheulich, buͤrgerlich tanzte. Welcher Fund! Sie werden die Nacht verbringen koͤnnen. Einer klopft an, ein Mann oͤffnet: hoͤflich, einfach, wohlgekleidet. . 91 Der junge Herr, der angeklopft hat, beeilt ſich, den Grund des ungeſtuͤmen Beſuchs zu erklaͤren:„Wir ſuchen die Freude, unſre Nacht hat eben, koͤſtlich und toll, begonnen; wir wußten nicht wohin, als Ihr froͤh⸗ liches Feſt uns ploͤtzlich anzog. Wo man lacht, ſind wir willkommen; erlauben Sie, daß wir uns unter Ihre Gaͤſte miſchen.“ — Ich kann es nicht, meine Herren, erwiederte der Hauswirth mit kalter Hoͤflichkeit. Es iſt ein Familien⸗ feſt, wo kein Fremder zugelaſſen werden darf. —„Sie haben Unrecht. Beſſere Geſellſchaft hat vielleicht nie Ihr Haus beehrt.“ — Wie geſagt, meine Herren, ich kann Sie nicht aufnehmen. —„Bah! Wahrhaftig!— Sie wiſſen nicht, wen Sie abweiſen.“— — Es thut mir leid, ich verſichere es Ihnen. —„Geben Sie Acht, guter Mann! Wir gehͤren zum Hofe, wir haben eben in unſerm kleinen Hauſe ſoupirt, und es iſt eine große Ehre, die wir Ihnen er⸗ zeigen, indem wir unſre Nacht bei Ihnen verbringen wollen.“ — Noch einmal, meine Herren, ich bin gezwun⸗ gen, Sie abzuweiſen— und wenn Sie wuͤßten, wer ich bin, wuͤrden Sie nicht darauf beſtehen, Sie wuͤr⸗ den ſo eilig von hinnen gehen, als Sie ſich jetzt eifrig um Einlaß bemuͤhen. 9² —„Charmant! Auf Ehre!“ ſagte der Dringendſte, der Tollſte von ihnen.„Glauben Sie denn, daß es ſo leicht iſt, uns einzuſchuͤchtern?. — Meine Herren, beſtehen Sie nicht darauf, ich hitte Sie, meine Herren! —„Nun mein Gott, wer ſind Sie denn?“ — Ich bin der Scharfrichter von Paris!— —„Koͤſtlich! Hahaha! Was? Sie ſind es, der die Köpfe abſchneidet, die Glieder zerreißt, die Knochen zermalmt, der die armen Teufel ſo angenehm foltert?“ — Nun, nun, mein Herr, das ſind freilich die Pflichten meines Amts, aber ich uͤberlaſſe ſie meinen Knechten.— Nur wenn ein Mann von Rang, ein Vornehmer, wie Sie, meine Herren, das Ungluͤck hat, die Strenge des Geſetzes zu verwirken, ſo uͤberlaſſe ich die Sorge, ihn zu beſtrafen, keinem Andern, ich mache mir eine Ehre daraus, ihn mit eigener Hand abzuthun. Der mit dem Henker ſprach, war der Herr Mar⸗ quis von Lally. Zwanzig Jahr ſpaͤter ſtarb der Herr Marquis von Lally durch die Hand deſſelben Mannes, uͤber deſſen Beruf er damals ſo tolle Spoͤttereien getrieben.— Als ich den Henker verließ, war meine Bruſt fuͤrch⸗ terlich beklommen. Die Luft erweiterte meine Lungen nach und nach wiede Von allen Eindruͤcken, die ſich in ſo kurzer Zeit 93 meiner Seele aufgedraͤngt, blieb mir nur eine tiefe Ver⸗ achtung unſrer Civiliſation, von allen Gedanken nur der Wunſch, unſer peinliches Geſetzbuch revidirt zu ſehen. Eine letzte Bemerkung wird das Gemaͤlde dieſes Mannes vollenden.. Als ich ihn nach dem langen Beſuche, der mir aus den Augen entruͤckt, bei wem ich geweſen, verließ, reichte ich ihm, von dem natuͤrlichen Gefuͤhl getrieben, das uns zu Leuten zieht, die uns gefallen, die Hand; er trat einen Schritt zuruͤck und ſah mich mit erſtaun⸗ ter, faſt beſtuͤrzter, verwirrter Miene an. Die Tabaksdoſe kam mir wieder in den Sinn und ich errieth ſeine ganzen Gedanken— die Hand, welche jeden Tag in Beruͤhrung mit dem Verbrechen kommen muß, wagte nicht, die eines ehrlichen Mannes zu druͤcken. James Rouſſeau. Paris vor tanſend Jahren. — 6. In meine Studien des Mittelalters, wie in eine Ein⸗ ſamkeit, zuruͤckgezogen, kenne ich das heutige Paris kaum. Ich kenne das fruͤhere Paris weit beſſer. Hier iſt denn ein Bericht von der Belagerung unſerer Stadt im Jahre 885, nebſt der Geſchichte der vor faſt tauſend Jahren auf dem Pont⸗au⸗Change, dem Platz du Cha⸗ telet, dem Petit⸗Pont und der Straße de la Huchette beſtandenen Kaͤmpfe. Ich weiß nicht, ob dieſe alten Geſchichten fuͤr irgend Jemand einige Merkwuͤrdigkeiten haben werden, doch glaube ich ſie vortheilhaft am Platz in dieſer glaͤn⸗ zenden Ausſtellung der Produkte unſrer Litteratur, waͤr' es auch nur, um Contraſte hervorzubringen. Sollte es aber einige Pariſer geben, die ſich gern in unſrer alten Stadt ergehen, wie ich, die ſich gern in Gedanken den —z— 95 4 Zuſtand derſelben vor faſt zehn Jahrhunderten vorſtellen, ſo wuͤrde ich ſehr gluͤcklich ſein, ihrer Einbildungskraft einige Zuͤge zu liefern. Es war in den letzten Tagen des November 885, als die Normannen zur Belagerung von Paris ſchritten. Die Seine war mit Barken bedeckt bis Saint⸗Cloud. Der Fluß, ſagt der poetiſche Hiſtoriker Abbon, ſchien in irgend einem Schlunde verſchwunden zu ſein, der ihn allen Blicken verbarg und erſt zwei Meilen weiter ans Tageslicht zuruͤck foͤrderte. Ein Wort von Topographie zum Verſtaͤndniß des Folgenden. Im Norden der Inſel der Cité, welche damals ganz Paris war, befand ſich eine Holzbruͤcke mit einem Thurm an ihrem Ende; dieſe Bruͤcke iſt unſer Pont⸗ au⸗Change geworden, der Thurm wurde das Grand⸗ Chatelet, jetzt iſt es der Platz Chatelet. Gegen Mittag ebenfalls eine Holzbruͤcke mit einem Thurm am Ende— das iſt unſer Petit⸗Pont und war ſonſt das Petit⸗Chatelet. An den Ufern der Seine lachende Fluren, hier und dort, mit Kloͤſtern und Kirchen beſaͤet. Gegen Mittag das große Kloſter Saint⸗Germain⸗ des⸗Pres— das iſt, was wir noch heut die Abtei nennen. Im Norden die Kirche Saint⸗Germain⸗le⸗Rond, heut Saint⸗Germain⸗'Auxerrois, auf einem kleinen 96 Huͤgel erbaut, der heut nur noch durch die Verſchie⸗ denheit des Niveaus zwiſchen den Haͤuſern in der Straße der Pretres⸗Saint⸗Germain und denen des Quai de l'Ecole angedeutet wird. 1b Der Haͤuptling der Normannen, Siegfried, ſuchte den Biſchof Goslin von Paris auf.„Wir verlangen nur“, ſprach er,„die freie Durchfuhr unter die Bruͤcken der Stadt; wenn Du ſie gewaͤhrſt, ſo werden wir Pa⸗ ris nimmer ein Leid zufuͤgen, und weder Deine Lehen, noch die des Grafen Odo pluͤndern.“ Der Biſchof antwortete:„Der Koͤnig Karl hat, naͤchſt Gott, unſrer Hut dieſe Stadt anvertraut. Nicht ſoll das Reich durch ſie mit Verderben und Noth heimgeſucht werden, ſon⸗ dern ſie ſoll ihm ein Schirm ſein.“—„Wohlan!“ ſprach Siegfried:„Morgen greife ich die Thuͤrme Dei⸗ ner Stadt an, bereite Dich auf den Sturm vor; am Tage wirſt Du unſre Pfeile abzuwehren, des Abends die Verwundeten zu verbinden haben und am Tiſche die Hungersnoth, und das werden wir alle Jahr thun, bis ich Dir den Kopf mit meinem Schwerte abgehauen habe, den ich den Hunden vorwerfen will.“ Am folgenden Morgen ſahen die Wachen des Thurms (Grand⸗Chatelet) die Normannen aus ihren Barken ſteigen. Man zog die Glocken, die Trompeten der Ge⸗ harniſchten ſchmetterten, Alles lief auf den Thurm und die Waͤlle. Da war Odo, ſein Bruder Robert, der Graf Rainer und der tapfre Abt von Saint⸗Germain, Ebles. — . 97 Ebles. Auch der Biſchof Goslin wappnete ſich. Die Prieſter griffen damals oft zu den Waffen. Als die Kloͤſter und Kirchen von den Normannen gexluͤndert wurden, und die weltlichen Herren ſich nicht darum kuͤmmerten, ſie zu vertheidigen, hatten die Prieſter und Moͤnche den Entſchluß gefaßt, ſich ſelbſt zu wehren. Die zweite Haͤlfte des neunten Jahrhunderts iſt die Zeit der kriegeriſchen Aebte und Praͤlaten. Ein guter Theil des Klerus ahmte dem Biſchof nach und lief zu den Waͤllen. Da gab es einen jungen Menſchen, der Friedrich hieß und ein Vaſall der Kirche war. Als er hoͤrte, daß die Heiden Paris angreifen wuͤrden, lief er nach der Kathedrale, vor St. Germains Leichnam, den die nach Paris gefluͤchteten Moͤnche von Saint⸗Germain⸗des⸗Pres dort beigeſetzt, zu beten, dann waffnete er ſich, und lief nach dem Thurme der großen Bruͤcke. Er ſtellte ſich neben den Biſchof und kaͤmpfte mit ihm den ganzen Tag. Als das Gefecht nachließ, ſtimmte er mit dem Biſchof und dem Klerus die Pſal⸗ men an. Gegen Abend empfing er eine Wunde und füel. Auch der Biſchof wurde durch einen Pfeilſchuß leicht verwundet. Zwei Moͤnche von St. Germain tru⸗ gen Friedrich hinweg und zeigten ihn dem Volke als einen Maͤrtyrer. Der Biſchof, auf einen ſeiner Prieſter geſtuͤtzt, ging vor dem Juͤnglinge her und nannte ihn gleichfalls einen Maͤrtyrer, dem alle ſeine Fehler ver⸗ zichen waͤren und der ins Paradies eingehen wuͤrde, . 5 ————n—nÿõ— „ 98 wenn er an ſeiner Wunde ſtuͤrbe. In der Kathedrale angekommen, verſchied Friedrich, und die Moͤnche ver⸗ ſicherten mit Mehreren aus dem Volke, daß ſie in dem⸗ ſelben Augenblicke eine weiße Taube geſehen, die zum Himmel aufgeſchwebt waͤre, ohne daß man gewußt, von wannen ſie gekommen, wonach es alſo bewieſen war, daß es die Seele des Juͤnglings geweſen. 3 Der Thurm an der großen Bruͤcke, vor Alters von Roͤmern erbaut, war halb verfallen; waͤhrend der Nacht erhoͤhten ihn die Pariſer mit Zimmerwerk, und am Morgen ſahen die Daͤnen einen neuen Thurm, der den alten uͤberragte. Sie erneuten den Sturm: der Abt Ebles hatte große Kuͤbel mit ſiedendem Pech bereiten laſſen. Als die Normannen am Fuße des Thurmes waren, goſſen die Belagerten die Kuͤbel uͤber ſie aus. Da wurden Viele lebendig verbrannt, die Andern rann⸗ ten in großer Haſt heulend und ſchreiend nach der Seine und ihre langen Haare ſtanden in Flammen. Die Belagerten aber ſtießen ein ſchallendes Gelaͤchter aus und ſchrieen:„Nach der Seine! Nach der Seine! Wir haben Euch den Haarputz verwirrt, Ihr braucht Waſſer, um ihn wieder zu ordnen! Nach der Seine!“ Ebles toͤdtete ſieben Feinde mit ſeinem Bogen, und zu⸗ eich hoͤrte er nicht auf, den Moͤnchen, die das Pech ſchmolzen, zuzurufen:„Beſorgt Eure Kuͤche, Bruͤder!“ Viele Normannen, obgleich es noch nicht Zeit zum Abendeſſen war, kehrten in ihre Barken zuruͤck, Einige ——— — 799 erſchoͤpft, Andre verwundet, Manche ſterbend; aber ihre Weiber empfingen ſie mit Schmaͤhungen, behandelten ſie als Feiglinge und rauften ſich das Haar vor Ver⸗ zweiflung, ſolche Maͤnner zu haben.„Was willſt Du machen? Warum verlaͤßt Du den Thurm? Ihr Teu⸗ felskinder! Ihr nehmt ihn nicht, Ihr Feiglinge! Hab' ich Dir nicht ſchon zu eſſen gegeben? Haſt Du nicht Brod und geſalznes Schweinefleiſch und Wein gehabt? Warum kommſt Du ſo bald zu den Felten zuruͤck? Vielfraß! Kommen die Andern auch? Und wenn ſie kommen, ſoll es ihnen eben ſo ergehen!“ Erſchoͤpft von zwei Tagen unnuͤtzen Stuͤrmens, ſetzten die Normannen ihre Angriffe aus und ſchlugen ihr Lager bei Saint⸗Germain⸗le⸗Rond(Saint⸗Ger⸗ main⸗l'Auxerrois) auf, von wo ſie ſich uͤber das Feld verbreiteten. Auf dem linken ufer verwuͤſteten ſie von Neuem das Kloſter Saint⸗Germain⸗des⸗Prés. Der Leib des Heiligen war nach Paris geſchafft, aber das Grab blieb. Die Normannen entheiligten es auf alle Weiſe, ſie machten aus der Kirche einen Stall. Von den Waͤllen in Paris ſah man ſie das Heiligthum pluͤn⸗ dern, aber man ſah auch die Wunder, durch welche der Heilige ſein theures Kloſter raͤchte. Graf Odo ver⸗ ſicherte, daß er auf der Mauer in Paris geſehen, wie ein Normann von der Hoͤhe des Thurms zu Saint⸗ Germain durch eine Hand geſtuͤrzt wurde, die ploͤtzlich in den Wolken verſchwand. Einen Normann, der mit 5* 100 einer Axt in der Hand, wahrſcheinlich um die Altar⸗ zierden zu zerſtoͤren, in die Kirche gegangen war, ſah man heraustragen; die Art hatte ſich gegen ihn gekehrt und ihm den Kopf zerſpalten. Ein Andrer wurde blind, als er das Grab des Heiligen ſehen wollte. Endlich ſtarb alles Vieh, das die Heiden in die Kirche geſperrt, und das Fleiſch war vor uͤblem Geruch nicht zu eſſen. Inzwiſchen waren die Monate December und Ja⸗ nuar verronnen. Den 2. Februar, am Tage von Mariaͤ Reinigung, wuchs der Fluß ploͤtzlich in der Nacht und riß die kleine Bruͤcke fort. Der Thurm, der am Ein⸗ gange unſrer Straße Saint⸗Jaques erbaut war, befand ſich auf dieſe Weiſe von Paris getrennt, und wehrlos den Normannen hingegeben. Es war ein wichtiger Poſten. Um die vierte Stunde der Nacht(Abends zehn Uhr) ließ der Biſchof den Muthigſten der Kathedral⸗ Kirchen⸗Vaſallen, mit Namen Herward, rufen und be⸗ fragte ihn um die Namen ſeiner eilf tapferſten Ge⸗ faͤhrten. Herward nannte ſie. Da ſprach der Biſchof⸗ „Nimm ſie mit Dir und nachdem ihr Gott Seel' und Leib empfohlen, ſo beſetzt den Thurm der kleinen Bruͤcke, vertheidigt ihn, wenn die Normannen angreifen, bis wir die Bruͤcke, welche das Waſſer fortgeriſſen, wieder her⸗ geſtellt haben koͤnnen.“ Herward ging, die eilf Vaſallen zu wecken, die er dem Biſchof genannt hatte. Es war Hermanfried, Herland, Ottocar, Erwich, Arnold, Solius, Gosbert, 191 Uvido, Ardrad, Hemard, Goſſin. Die Tapfern ruͤſteten ſich geraͤuſchlos, und nachdem ſie ſich unter Herwards Anfuͤhrung vereinigt, zogen ſie nach der Spitze der In⸗ ſel, die gen Oſten ſchaut(heut der erzbiſchoͤfliche Gar⸗ ten); hier fanden ſie den Biſchof, der ſie einſegnete und zu dem Boote geleitete, das ſie mitten in der Nacht, trotz des Ungeſtuͤms der empoͤrten Wogen, auf das linke Ufer ſetzte. Von da gelangten ſie ſtill an den Thurm, gaben ſich den Waͤchtern zu erkennen und wurden ein⸗ gelaſſen. Es war Zeit. Eine Stunde nachher berann⸗ ten die Normannen, von dem Sturz der Bruͤcke be⸗ nachrichtigt, den Thurm. Als der Tag erſchien, machte ſich der Biſchof mit dem Volke und den Kriegern ans Werk, die Bruͤcke wieder herzuſtellen. Die Normannen griffen ihrerſeits die Arbeiter an und ſuchten zu gleicher Zeit den Thurm wegzunehmen. Herward und ſeine Gefaͤhrten wieſen die Angriffe tapfer ab; ſie ſahen von der Hoͤhe des Thurms die Arbeit ihrer Freunde, welche Balken und Bretter zuſammentrugen, um die Bruͤcke wieder herzu⸗ ſtellen. Zwei Bogentruͤmmer, die an den Thurm ſtie⸗ ßen, waren ſtehen geblieben; die andern Bogen hatte der Strom fortgeriſſen. um die beiden halbzerſtoͤrten Bogen bildeten die Waſſer einen wilden Strudel, wel⸗ ches die Barken der Normannen verhinderte, von dieſer Seite bis an den Fuß des Thurms zu gelangen. Von der Landſeite war der Thurm durch die Ueberſchwem⸗ mung zwar auch mit Waſſer umgeben, aber dies war nicht tief. Einige Normannen ſtießen bis an den Fuß des Thurmes einen ungeheuern Wagen mit Heu, den ſie alsdann in Brand ſetzten. Dichte Rauchwolken und bald auch lodernde Flammenwirbel umhuͤllten den Thurm. Herward und die Pariſer konnten ſich nicht mehr ſehen, aber ſie verkehrten noch durch ihr Geſchrei. Der Thurm der kleinen Bruͤcke, wie der auf der großen, war uͤber einem alten ſteinernen, gemauerten Röͤmerthurme, der halb verfallen war, von Holz er⸗ baut. So lange die Flamme an den Steinen leckte, trotzten Herward und ſeine Gefaͤhrten der Feuersbrunſt; aber bald ſtieg die Gluth in gefraͤßiger Lohe bis zum Holze des obern Thurms. Sie ließen gleichwohl den Muth nicht ſinken, ſondern verſuchten, den Brand zu loͤſchen. Es gab mehrere Eimer im Thurme, welche mit Huͤlfe langer Stricke dazu dienten, fuͤr die Waͤch⸗ ter aus der Seine Waſſer zu ſchoͤpfen. Die Haͤlfte der Vertheidiger des Thurms begann dies zu thun, waͤh⸗ rend die andern die vollen Eimer auf den Brand goß. So verzoͤgerten ſie die Fortſchritte des Feuers. Eine Zeit lang hinderte der Rauch die Normannen, das Be⸗ ginnen der Belagerten zu ſehen. Sie gewahrten es endlich, aber da ſie wegen des Waſeerſtrudels nicht wagten, bis an den Fuß des Bogens zu fahren, ſo konnten ſie ihre Feinde am Schoͤpfen nicht hindern; ſie ſchleuderten daher Pfeile und Steine nach den Eimern, 103 um ſie zu zertruͤmmern, und es gelang ihnen bald, einen zu zerbrechen. Waͤhrend der Zeit begann das Feuer den Thurm zu erfaſſen; die Hitze ward unertraͤglich. Herward hoͤrte das Gebaͤlk in Flammen krachen. Es galt, Waſſer zu haben oder umzukommen. Nicht mehr von den Waffen hing das Schickſal der Belagerten ab, ſondern von den Eimern, die unaufhoͤrlich ſanken und ſtiegen. Ein Eimer war ſchon zerbrochen. Es blieben noch drei, das war die ganze Hoffnung Herwards und ſeiner Gefaͤhrten. Ueber den Rand des Thurmes gebeugt, verfolgte ihr Blick mit unausſprechlicher Angſt den Eimer, wie er herabſank, ſich fullte und wieder aufſtieg mitten durch die Wuͤrfe der Normannen; an dem ge⸗ brechlichen Stricke hingen alle Augen, den in der Luft ſchwebenden Eimer betrachtete Freund und Feind, die⸗ ſer mit Zorn, jener mit Hoffnung. Das Feuer praſ⸗ ſelte, der Gipfel des Thurms war in Rauchwolken verhuͤllt.„Waſſer!“ ſchrie Herward,„Waſſer! Das Feuer erreicht uns In dieſem Augenblicke wurde der zweite Eimer durch einen großen Stein zertruͤmmert, der aus einer Barke, die ſich dem Bogen genaht, kraft⸗ voll geſchleudert worden, und der Strick des dritten, von Pfeilen zerfetzt, riß beim Aufſteigen. Der Eimer ſank unter dem Jauchzen der Normannen. Es blieb nur noch ein einziger— das Waſſer, das er anſchleppte, konnte kaum das Umſichgreifen des Feuers verzoͤgern 104 „Auf die Knie, meine Bruͤder!“ ſchrie der Biſchof, der von den Waͤllen der Stadt die Todesnoth ſeiner tapfern Vaſallen ſah.„Auf die Knie! Betet zu Gott und den Heiligen um Rettung fuͤr unſre Gefaͤhrten!“ Und mit ſtarker Stimme, welche das Praſſeln des Feuers, das Geſchrei der Normannen uͤbertoͤnte, begann er das Kyrie Eleiſon! Volk und Krieger ſtimmten lant ein und knirſchten, daß ſie ihren Bruͤdern nicht helfen konnten. Kyrie Eleiſon! antworteten matte gebrochene Stimmen von der Hoͤhe des Thurms aus dem Wolken⸗ ſchleier, den ſchon einige raſchzuͤngelnde Feuergarben zu zerreißen begannen. In dieſem Augenblick entſank der letzte Eimer den Haͤnden Hermanfrieds, der vom Rauch erſtickt wurde. Der Biſchof ſah ihn fallen und 3 rief mit ſtaͤrkerer Stimme denn zuvor:„Der Segen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Gei⸗ ſtes ſei mit Euch, Ihr Maͤrtyrer der Kirche!“ Die lang' zuruͤckgehaltene Flamme erhob ſich ploͤtz⸗ lich, ein furchtbares Krachen ließ ſich vernehmen. Bren⸗ nende Balken und Bretter fielen in die Seine und auf die Barken der Normannen, die ſich nicht ſchnell genug entfernen konnten. Es war der Einſturz des hoͤlzernen Thurms. Freund und Feind verlor die Vertheidiger aus dem Geſicht und glaubte ſie vom Feuer verſchlun⸗ gen. Als aber die Flamme ſich gelaͤutert hatte, ſah man ſie, beim Lichte der Feuersbrunſt auf die Truͤm⸗ mer des Bogens gefluͤchtet, der an den Thurm ſtieß. 105 Ihre Haare, ihre Kleider waren halb verbrannt, ihre Geſichter vom Dampfe geſchwaͤrzt. Auf dem halb zer⸗ truͤmmerten Bogen, der ſie kaum faſſen konnte, zu⸗ ſammengedraͤngt, ſtreckten ſie die Haͤnde nach den Pa⸗ riſern aus, die in Verzweiflung uͤber ihre Ohnmacht waren. Raſch nahten die Normannen auf ihren Bar⸗ ken.„Ergebt Euch!“ ſchrieen ſie;„Ergebt Euch!“ Herward wandte ſich, wie fragend, nach dem Biſchofe. Der rief ihnen zu, ihr Leben um jeden Preis zu retten. Sie ergaben ſich. 5 Die Normannen verdienten ihren Sieg nicht. Sie hieben alle die Tapfern ſchaͤndlich nieder und verſchon⸗ ten nur Herward; weil er ſchoͤn und hohen Wuchſes war, hielten ſie ihn fuͤr einen Grafen und boten ihm an, ſich loszukaufen.„Toͤdtet mich!“ ſagte er,„wie Ihr es ſchaͤndlich mit meinen Gefaͤhrten gemacht; ich habe kein Geld, um mein Leben zu erkaufen!“ Und ſie erſchlugen Herward auf der Stelle.. Der Untergang dieſer Tapfern entmuthigte die Pa⸗ riſer nicht. Sie widerſtanden noch ein Jahr. Endlich im Monat December 886, ſah man eines Morgens auf dem Berge Montmartre die kaiſerlichen Feldzeichen wehen. Es war Karl der Dicke, der mit einem maͤch⸗ tigen Heere kam, Paris zu befreien. Abends zogen die Normannen ab. Aber Paris erfuhr zu gleicher Zeit, daß der Kaiſer den Frieden erkauft hatte, ſtatt ihn mit der Schaͤrfe des Schwerts zu gewinnen. Er hatte den 106 Normannen mehrere tauſend Pfund Silbers und Bur⸗ gund zur Verheerung gegeben. 3 8 Indem ich dieſen Bericht aus den Chroniken jener 1 Zeit, vorzuͤglich des Dichters Abbon, gezogen, wollte ich einige Erinnerungen an das Schickſal unſrer Vaͤter ans Licht foͤrdern, und dem Platze du Chatelet, dem Abhang des Petit⸗Pont zwiſchen der Straße de la Huchette und der Straße la Calandre etwas geſchichtlich romanhaftes Intereſſe geben.— Saint Mare Girardin. —— ——:—::—F—⅓—⅓—⁊——yõUyͤͤ Die Baotier von Paris. Moraliſche Skizze. (Zweite Sammlung.) 85 In unſerer erſten Reiſe um die geiſtige Welt hatten wir das ganze Pariſer Boͤotien durchſtrichen, dies Step⸗ penland, welches der Cretinismus bewohnt. Wir ſind an den Grenzen von Attika ſtehen geblieben, in der Hoffnung, ſie heut zu uͤberſchreiten; aber waͤhrend die⸗ ſer Raſt haben wir zuruͤckgeſchaut, und ach! neue Voͤl⸗ kermaſſen Stumpfſinniger haben ſich uns gezeigt, ſo zahlreich, ſo bemerkenswerth, ſo wunderlich verſchieden, daß wir ſie wohl auch nothgedrungen ſchildern muͤſſen. Es iſt gleichwohl die grobe, undurchſichtige umm⸗ heit nicht mehr, die unſre erſten Vorbilder auszeichnete. Hier empfindet man ſchon etwas die Nachbarſchaft von Athen; man denkt hier ſchon oder doch beinahe; man . 108 denkt— aber ach! ſehr oft mangelhaft, zuweilen uͤber⸗ trieben und immer mit Unvernunft. Das werden wir uͤbrigens gleich ſehen. Zuerſt giebt es Menſchen, die zu ſpaͤt denken; das iſt eine der verſchiedenartigen Klaſſen. Man kann ſich um eine Stunde, um einen Tag, um ein Jahr verſpaͤ⸗ ten. So zum Beiſpiel, die Einen begreifen Euch erſt nach zwanzig Minuten. Beſonders der Sarkasmus iſt ihnen, Dank der Schale Ironie, welche ihn umhuͤllt und verbirgt, ſchwer zu knacken. Er iſt eine bittere Mandel, die ſie lange im Munde umherwaͤlzen, ehe ſie den Kern herausbekommen und ſeine ganze Schaͤrfe ſchmecken. Habt Ihr ihn gegen ſie gerichtet, ſo em⸗ pfangen ſie ihn gefuͤhllos. Der Stich kommt unter⸗ deſſen durch, er ſchmerzt ſie mit der Laͤnge der Zeit, dann werden ſie Euch auf die Schulter ſchlagen und zu lachen anfangen.„Haha!“ werden ſie ſagen:„Sie boͤ⸗ ſer Spaßvogel! Sie haben wohl geglaubt, man wuͤrde Sie nicht verſtehen? O, wir ſind nicht ganz ſo ein⸗ faͤltig!“ —„Was iſt's denn?“ —„Was iſt's? Ja, ja, ppielen Sie nur den Un⸗ wiſſenden! O, wir haben ein gutes Gedaͤchtniß! Zum Beweis: haben Sie nicht vor kaum einer Viertelſtunde das und das geſagt?— Ein ander Mal werden ſie Euch erſt am folgenden Tage ihre Betrachtungen mittheilen:„Apropos, Sie 109 ſagten geſtern Abend— Wahrhaftig, da haben Sie ganz Recht!/ Oft gar nach Verlauf eines Monats von ein und dreißig Tagen:„Erinnern Sie ſie ch, das und das, an dem und dem Tage, vor den und den Leuten geſagt zu haben? Sehen Sie, da bin ich nun gar nicht Ihrer Meinung!“ Endlich ſprechen ſie wohl auch erſt nach einem vollen Jahre:„Da faͤllt mir ein, daß Sie an jenem Tage die und die Meinung geaͤußert haben. He! he! Es iſt viel fuͤr und viel gegen darin!“— Dann kommt der geiſtige Troͤdler, ein Vetter der Vorhergehenden. Dieſer verſteht Alles gleich, aber er denkt nur an Laͤngſtvergangenes, er hat nur alte Ideen. Paris wimmelt von dieſen Leuten; es ſind kleine Schiffs⸗ Uhren, welche zu langſam gehen, und acht, neun, zehn oder eilf Uhr zeigen, wenn der große Weiſer des Jahr⸗ hunderts auf Mittag ſteht! Beſonders an Sonn⸗ und Feſttagen ſpeien die Ver⸗ waltungs⸗ und beſondern Buͤreaus, die Wechſelhaͤuſer, die Magazine, die Comptoirs und was weiß ich? alle die Oerter, wo man ſich dumm rechnet, ſolch abgetra⸗ genes Zeug von Denkern in das muͤßige Treiben der Welt, auf die Schaubuͤhne des Lebens. Es iſt ein wahrer Kartaͤtſchenhagel! Daher kommt es, daß fuͤr den Mann, der hoͤren will, um zu verſtehen, und ſprechen, um verſtanden zu werden, der Sonntag ein: Nette ſich, 1¹1¹⁰ wer kann! iſt. Beim Abſchreiben und mit der Elle Meſſen wird nur die Fauſt geuͤbt, das Bischen Geiſt roſtet ein und kommt nothwendig mit den Tages⸗ begebenheiten in keine Beruͤhrung, deswegen uͤber⸗ ſchuͤtten euch dieſe Hoͤhlenbewohner mit Erkundigungen, ſo oft ſie euch anſprechen. Mit ihnen muß man alle Dinge ſeit dem letzten Sonntage wieder durchnehmen, man muß ſie gleichſam durch die ganze Woche bugſiren. —„Wie weit iſt das Budget?“ Es iſt grade acht Tage her, daß es abgeſtimmt worden iſt. —„Ach! Und die Belgier, was wird aus ihnen? Ach! Und Polen? Ich hoͤre gar nicht mehr davon reden.— Ach! Und die Reform? Weiß man etwas davon? Man iſt verſucht, ihnen ſtatt aller Antwort die Erſtuͤrmung der Baſtille zu verkuͤnden. Einen Kerb tiefer iſt es noch ſchlimmer, noch hundertmal ſchlimmer. Dort bringt es nicht mehr der Stand, ſondern der Inſtinkt, der Geſchmack mit ſich, daß man in einer hundertmal aͤltern Vergangenheit ſtecken bleibt. Dieſe Art Menſch iſt einem Frachtwagen vergleichbar: er ſchleppt ſeinen Verſtand nur auf der Heerſtraße einher, im wohlgebahnten, vielbefahrenen Gleiſe: dort ſchleicht er langſam, ſchwerfaͤllig und allein, er laͤßt ſich von Allen uͤberholen und kommt niemals in die Herberge, als bis Alle ſie ſchon wieder verlaſſen haben.. 111 Ich beſitze einen Solchen in meinem Viertel, von der langſamſten Art. Es iſt ein geweſener Kleinhaͤndler, er hat nur Bekannte, lebt fuͤr ſich und kocht ſich ſelbſt.— Unbekuͤmmert um die Tagesbegebenheiten ſteht er in dieſem Augenblick beim Jahr der Gnade Achtzehn⸗ hundert ſechs und zwanzig. Hoͤchſtens hat er, glaube ich, bei den Juli⸗Kanonen geſagt:„Was iſt das?“ Die beruͤhmteſten Namen, welche ſich von ſieben Jah⸗ ren her datiren, ſind Hebraͤiſch fuͤr ihn. Sei es Ar⸗ muth oder Geiz, er lieſt Nichts, das etwas koſtet. Was er liebt und ſucht, das iſt die Gratis⸗Litteratur, das Vergnuͤgen, ohne Rechnungen zu bezahlen. Es hagelt Buͤcher! Es regnet Dinte! Der Unempfindliche, Un⸗ verwundbare! Er deckt ſich mit ſeiner Gleichguͤltigkeit, das ſchirmt ihn vor allem Beſpritzen der Gegenwart. Seine Politik iſt hoͤchſt originell. Die einzigen Journale, die er ſich erlaubt, werden ihm als Um⸗ ſchlaͤge von ſeinem Butterweibe geliefert oder als kleine Duͤten von ſeinem Tabakshaͤndler. So trifft er deren von allen Jahrzahlen. Da er mich amuͤſirt, ſo bildet er ſich ein, mich zu belehren, und kommt alle Augenblick, mir eine große Neuigkeit zu verkuͤndigen: heut zum Beiſpiel, den Fall des Herrn de Cazes, morgen, den Verkauf von Don Miguels Epiſtel, uͤbermorgen die Einnahme des Tro⸗ cadero; was weiß ich? Zur Stunde, wo ich ſpreche, 112 ändet er es ſehr übel, daß Herr von Villele die Ren⸗ ten umſetzt, und intereſſirt ſich lebhaft fuͤr den moͤg⸗ lichen Ausgang des Krieges der Ruſſen gegen den Groß⸗Sultan und, zu ſeiner Ehre geſagt, fuͤr den Kampf der Griechen gegen ihre wilden Unterdruͤcker. Aber vorzuͤglich durch das Studium alter Pamphlets klaͤrt er ſeine Meinung auf; der Gewuͤrzhaͤndler leiht ihm ganze Berge davon. So hat mein Nachbar auf dieſem Wege alle Vons geleſen, die vom Jahre 1815 bis zum Jahre 1826 ineluſive erſchienen ſind: Von Frankreichs Zuſtand, Von Frankreichs Lage, Von Frank⸗ reichs Zukunft u. ſ. w. Herr de Pradt iſt ſein Entzuͤcken. Noch geſtern, den 25. April, fuͤhlte ich mich auf der Treppe feſtge⸗ halten:—„Aha, Nachbar!“ ſagte er zu mir mit triumphirender Miene,„Sie wollen immer nicht leſen, was ich Ihnen anbiete; aber leſen Sie, leſen Sie mir dies neue Opusculum des Erzbiſchofs von Mecheln!“ —„Wie? Herr von Mecheln waͤre wieder in die Carriere eingetreten?“ —„Hal das iſt nicht Schade, wenn er ſich hinein miſcht! Er ſchmettert ſie nieder, das ſag' ich Ihnen vorher, er beweiſt ihnen, klar wie der Tag, daß in ihrem Projekt kein geſunder Menſchenverſtand iſt.— —„Sehr moͤglich!“ —„Daß ihr Geſetz grauſam und blutig iſt, ein wahrer Ruͤckſchritt.— 4 5 . 113 —„Ei! Verſtaͤndigen wir uns! Welches Geſetz, wenn ich fragen darf?“ „RNun, Parbleu! ihr Geſetz vom Sacrilegium!“— Den Leuten, welche zu ſpaͤt denken, geben wir zum Gegenſtuͤck die, welche zu fruͤh denken. Man trifft wirklich ſolche Menſchen voll Ungeduld, verfehlte Aſtrologen, deren Geiſt immer darauf aus iſt, in die Zukunft zu ſchnuͤffeln, die aus Gewohnheit ſagen: „Gott!“ ich wollte, es waͤre Morgen, naͤchſte Woche, uͤber's Jahr um dieſe Zeit! Gott! ich moͤchte wohl wiſſen, wie das ablaufen wird!— Gott! ich wuͤrde viel darum geben, wenn ich wuͤßte, wie die Welt im Jahre 1840 ausſehen wirb!“— Es giebt Andre, welche die Gefaͤlligkeit haben, fuͤr euch zu denken und all' eure Reden zu vollenden. Sprecht:„Ich habe Robert den Teufel geſehen, und bin ſehr zufrieden geweſen—„Ach! Ja! Mit Nourrit? Ich auch!“—„Man verſichert, daß Herr von Cha⸗ teaubriand—,„Ach! Ja! Eine neue Broſchuͤre be⸗ arbeitet.“ 1 Noch Andre, ſo bald ihr zu reden anfangt, ſpringen euch an die Kehle und beantworten im Voraus Alles, was ihr gar nicht habt ſagen wollen. Zum Beiſpiel: —„Man verſichert, daß Ludwig Philipp—„O, das iſt nicht wahr!"—„Wie? Nicht wahr?“—„Ganz gewiß nicht. Jemand, der ſehr wohl unterrichtet iſt, verſichert mir das Gegentheil.⁰—„Wovon denn?/— . 3. 5** 114 „Daß er ſeine Reiſe aufgeſchoben hat.“—„Nun, daſ⸗ ſelbe wollte ich Ihnen eben auch ſagen.“ 4 Dieſe Geiſteshaſt beſitzt gleichwohl ihre loͤbliche Seite. Ehre denen, die fruͤh denken, aber auch gut! den ſchnellreifen Maͤnnern, welche leuchtenden Ver⸗ ſtandes der Geſellſchaft voranſchreiten, wie die Feuer⸗ ſaͤule, welche Iſrael nach dem Lande der Verheißung fuͤhrte. Ehre ihnen, aber auch Mitleid! Es iſt ein ſchwerer Stand, fruͤhzeitig Recht zu haben, ein wahres Apoſtelamt. Ich koͤnnte einen der Verwegenſten anfuͤh⸗ ren, der vielleicht zuerſt Lamartine verſtanden, der fuͤr Walter Scott verwundet wurde, der ſich fuͤr Lord Byron beſchimpfen und fuͤr Hugo faſt in den Bann thun ließ, dem Weber zwei Rippen koſtet, Gericault zehn Freunde, Paul Courier mehrere Zaͤhne, Roſſini, ich weiß nicht wie viel Haare, und die Republik ſchon fruͤher ein Erbtheil. Das Leben dieſer Menſchen iſt nur ein langer Selbſtmord.— Hundertmal beſſer, die letzte Stufe unter den un⸗ vollſtaͤndigen Denkern einzunehmen. Da ſieht man auf⸗ treten: Dreiviertelsdenker, Halb⸗, Drittels⸗, Viertels⸗ denker, Quarterons und endlich: die Denker, welche wollen, aber nicht koͤnnen. Die Einen fangen wundervoll an und laſſen auch etwas Gutes erwarten. Dann kommt die Verlegen⸗ heit und endlich die Dummheit. Es iſt ein Gewehr, das verſagt, nur das Zuͤndkraut blitzt auf. — 115 „Mein Herr, werden Andre nach tauſend ohnmaͤch⸗ tigen Anſtrengungen ſagen, ich ſelbſt kann Ihnen das nicht ſo auseinanderſetzen; aber warten Sie nur, das erſte Mal, das wir mit dem und dem zuſammenkom⸗ men, will ich ihn auf die Kapitel bringen. Sie ſollen ſehen, Sie ſollen ſehen!“ — Mein Herr“, werden die Dritten ſagen,„Ihre Meinung iſt nicht ganz richtig, denn— Eh! Mein Gott, was wollt' ich doch ſagen? Warten Sie— ich hab' es beinahe, doch nein— Zum Teufel, zum Teufel, zum Teufel! wie iſt das unangenehm, und doch hatte es mir geſchienen—“ Ganz gewiß! Das iſt der Wille ohne die That. „Mein Herr“, werden die Vierten mit abnehmen⸗ der Emphaſis ſagen:„der Gang der Regierung hat das ſehr Gute—(Paufe.) daß in den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden—(Neue Pauſe.) man gekonnt haͤtte—(Piano.) ja ich ſage—(Orgelzug.) Man haͤtte gekonnt—(Nichts.).“ Die Uhr iſt ſtehen geblieben. 4 Aus Hoͤflichkeit giebt man dieſen Herren den ſchoͤ⸗ nen Namen Zerſtreute; aber die Zerſtreutheit im eigent⸗ lichen Sinne bietet einen ganz andern Charakter. Wie dem auch ſei, ſucht einmal dieſe Hand voll Worte zu drehen und damit Etwas auszudruͤcken!— 2 Nach den Denkern mit Ideenſtuͤckwerk kommen die Denker mit einer ganzen, aber alleinigen Idee. Die Wiederherſtellung der Nationalgarde hat die 8 116 Zahl der Letztern ſehr vergroͤßert. Ich kenne einen Solchen, einen dicken Pausbackenhelden, deſſen Faͤhig⸗ keiten ſaͤmmtlich in ſeinem Berufe als Buͤrgerſoldat untergegangen ſind. Er denkt nur die Capote, ſpricht nur von der Patrontaſche und traͤumt von Gewehr⸗ beſchlaͤgen. und in ſeiner Dienſtmuͤtze ſchlaͤft er.— Jedesmal, wenn er euch begegnet, heißt es:„Nun! welchen Tag kommen Sie auf Wache? Ich komme heut uͤber vierzehn Tage auf Wache. Haben Sie ſchon unſere Offiziere ernannt? Wie viel koſten Ihre Epau⸗ lettes? Sind Sie von der Mobilen? Exerciren Sie ſchon im Feuer? Wir exereiren ſchon im Feuer!“ uUnd man muß hoͤren, mit welchem eaͤſariſchen Tone er das: im Feuer erereiren, ausſpricht. Selbſt in buͤrgerlichen Kleidern zeigt er ſich nur mit rothgeſtreiften Pantalons, wo die Streifen ſo breit ſind, daß man fragen koͤnnte, ob die Beinkleider roth oder blau ſein ſollen. und dann gruͤßt er nie anders, als indem er die verkehrte Hand an die Stirn legt. 3 Und dann hat er ſeinen Jungen von 2 Jahren als Artilleriſt behoſet. Unter den Naſenloͤchern aber kultivirt er mit kosmetiſchen Mitteln zwei Straͤhne rother Haare, die, parallel in die Hoͤhe gezogen, ihm das Geſicht wie zwei Ausrufungszeichen interpunktiren!! Dieſe Einſeitigkeit des Verſtandes hat auch der — 117 Saint⸗Simonismus hervorgebracht und das Syſtem Jacotot und noch fruͤher das Syſtem des Doctor Gall. Man erinnert ſich, daß zur Zeit, wo der Vater der Schaͤdellehre ſich unter uns zeigte mit ſeinem Gefolge von Skeletten und Gypsſchaͤdeln, ein Volk von Cra⸗ nomanie⸗Befallenen auftrat, das die Unterhaltung mit DOrganen, Hoͤckern und Auftreibungen uͤber⸗ ſchwemmte. Von der Theorie gingen ſie bald zur Praris uͤber und man war nirgends mehr ſicher. In dem Augenblick, wo ihr am wenigſten daran dachtet, fuͤhltet ihr etwas uͤber eure Haare gleiten; ihr wandtet euch um— es war eine Hand, die Hand eines Lehr⸗ lings, der an euch die Ausſpruͤche des großen Meiſters erprobte. Wenn ihr euch nun gutmuͤthigerweiſe dieſen Unterſuchungen hingabt, wenn ihr dieſen Seelen⸗ Geographen erlaubtet, die Hoͤhen und Thaͤler eures Kopfes zu unterſuchen, die Laͤnge und Breite eurer Fehler und Vorzuͤge zu beſtimmen und die Polhoͤhe eures Verſtandes, ſo ſagten ſie euch manchmal mit aka⸗ demiſcher Naivetaͤt:„Mein Herr, Sie haben das Or⸗ gan des Mords. Sie haben denſelben Hoͤcker, wie der Luchs, der Tiger, das Rhinoceros, mit einem Wort: wie alle reißende Thiere.“ Oder auch:—„Madame, Sie haben einen außer⸗ ordentlich entwickelten Hinterkopf.“ —„und was bedeutet dieſe Entwickelung meines Hinterkopfs?“ 118 —„Madame, der Hinterkopf iſt der Sitz der phy⸗ ſiſchen Liebe bei allen Thieren.“ 4 So war es der Fall mit dem Magnetismus, mit dem Galvanismus, mit dem Somnambulismus, ſo mit den Theorieen gewiſſer Oekonomiſten, welche ſo viel improductive Productoren hervorbrachten, ſo mit den romanhaften Berechnungen eines beruͤhmten Statiſtikers, ſo mit dem transcendentalen Spiritualismus eines nam⸗ haften Philoſophen: alles Schulen, welche ihre Mono⸗ manen erzeugt haben; ſo war es ſelbſt mit dem cistèm ortografiq de Mocieu Marle, di n'a pa lécé qe de piqé viveman la curiozité, 6 a manqué aquaparé la vog: ſo war es endlich der Fall mit jedem Syſtem, gut oder ſchlecht, das bei ſeiner Entſtehung verblendete und in Erſtaunen ſetzte. Die geiſtigen Maulaffen erhaſchen im Fluge ein Paar von den hervorſtechendſten Aus⸗ druͤcken und bilden ſich aus dieſen Brocken eine fixe Idee, eine grobe handgreifliche Idee, welche aͤber⸗ ſchwenglich alle Kammern ihres Hirns ausfuͤllt. Die Politik iſt vorzuͤglich geeignet, den Verſtand einzuſaugen, wie der Schwamm das Waſſer. Nichts Gewoͤhnlicheres giebt es jetzt, als dieſe lebendigen Moͤbel der Leſekabinette, dieſe Ogers fuͤr Stempel⸗ papier, welche faͤhig ſind, taͤglich dreißig Journale zu verſchlucken, ohne eine Krankheit zu befahren!— Dennoch findet man unter den Rentiers noch zahl⸗ reicher dieſe menſchlichen Vegetabilien, welche nur eine — 119 1 Idee zur Bluͤthe bringen. Das macht, weil eine Zeit kommt, wo man ſich gemeinhin von den Gedanken zu gleicher Zeit, wie von den Geſchaͤften zuruͤckzieht: wenn man der einen ſo gut, wie der andern muͤde iſt. Die Ruhe, ſeht ihr, das iſt das Gluͤck. Nach dem Leben in Schweiß und Arbeit, in Geiſtesanſtrengung und Sinnetrunkenheit bedarf man des ruhigen, gluͤcklichen Lehens, des Lebens an feſter Stelle. Auf den Miß⸗ brauch aller Dinge, koͤrperlich nicht minder als geiſtig, folgt allgemeine Diaͤt, vollſtaͤndige Enthaltung von ſtarken Getraͤnken und raſchen Ideen. Keine Indi⸗ geſtion mehr, weder des Magens, noch des Herzens, noch des Kopfs. Der Koͤrper bekommt verduͤnnten Wein, Fleiſch von Gefluͤgel und Kraͤuter⸗Bouillon; die Seele einen Gedanken, einen einzigen, der lau, aber feſtſtehend und nuͤchtern ſein muß; das Herz endlich einen bruͤtenden Kanarienvogel und einen Ro⸗ ſenſtock am Fenſter. Ach ja! Manche Nentiers gleichen Drehorgeln, welche nur eine Melodie ſpielen; ihr habt gut drehen am Griffe, es iſt immer dieſelbe, bis die Zeit ſie mit einer neuen Walze verſieht. Das macht ſich in mehr oder minder entfernten Zeitraͤumen. Ihr Geiſt mauſert ſich, ſo zu ſagen, und wirft ſeine alte Haut fuͤr eine neuere ab.—. Da iſt Einer, Herr Bargeot, der in den zwoͤlf Jahren, daß er ſich unnuͤtz gemacht, ſchon funfzehn 120 Mal gemauſert hat. Er iſt jetzt bei ſeiner ſechszehnten Haut, bei ſeiner ſechszehnten Idee. Sechszehn in zwoͤlf Jahren! das iſt einer von den Hautverſchwendern! So iſt er geflattert, der Schmetterling, von Celievre zu Caſtaings, von Caſtaings zur Tochter Cornier, und von Vidocg zu Papavoine. So hat er nach einander an Ouvrards Einkaͤufe Schaldloshaltung, Gas, Bolivar, Dampfboote, Omnibus, Silo's, ſeidne Huͤte, Polignac, Hometen und Baumwolle gedacht. Warum Baumwolle? Er hoͤrte neulich unter ſeinen Fenſtern rufen:„Suͤperbe Schnupftuͤcher von ſuͤperber Baumwolle!— Zu wie viel? Zu fuͤnf und einen halben Sou!“ Dieſe Ankuͤndigung verwandelte ihn urploͤtzlich— ſeit dem Augenblick wurde Pflanzung, Kultur, Einlaufen, Weben, kurz die ganze Eriſtenz der beſcheidenen Wolle gleichſam ſeine eigne. Es war fuͤr ihn ein weiter Horizont nicht ge⸗ kannter Wahrnehmungen, eine neue Welt, ein Ganzes, das Weltall der Baumwolle. Sprecht ihm von der Wahrſcheinlichkeit des Krieges: „Teufel!“ wird er ſagen,„wenn wir Krieg haben, wird die Baumwolle ſehr bald theuer werden. Aber glauben Sie wohl, mein Herr, daß man jetzt ganz ſuͤperbe Schnupftuͤcher fuͤr fäm und einen halben Son bekommt?“ Sprecht ihm von Endbeung.— Ach!“ wird er entgegnen,„das wundert mich nicht. Der Arbeiter 4 leidet, ———᷑—᷑—ZOCOUOLBñ-A-—— ——— 121 leidet, er leidet, der Arbeiter. Glauben Se wohl, mein Herr, daß man jetzt ganz ſuͤperbe— Sprecht ihm von der Erblichkeit: Sauau⸗ wird er boshaft ſagen, das beſte Ding waͤhrt nur eine Zeit. Glauben Sie wohl, mein Herr— Wie geſagt, Herr Bargeot kaͤut die Idee der Baum⸗ wolle wieder, wie die Ochſen das Heu. Bis wann wird ſie ſeinem Bedarfe genuͤgen? Ich weiß es nicht, aber er wuͤrde von ſeiner ſterbenden Frau ſagen:„Ach, mein Herr, als ſie das Uebel ergriff, war ſie noch mit mir beſchaͤftigt, ſie ſaͤumte mir Foulards. Glauben Sie wohl, mein Herr, daß man jetzt— Nun beurtheile man nach dieſer hartnaͤckigen Be⸗ harrlichkeit, wie eine allgemeine Unterhaltung beſchaf⸗ fen ſein muß, wo nur ein halbes Dutzend ſolcher Wie⸗ derkaͤuer figuriren! Das Luxembourg, der Pflanzengarten, der Koͤnigs⸗ platz, die Champs⸗Elyſées, alle Oerter beſonders, wo Luft, Windſtille und Sonne iſt, ſind von eilf bis fuͤnf Uhr, zwiſchen dem Milchkaffee des Morgens und dem Rindfleiſch des Abends von dieſem Denkerpoͤbel uͤber⸗ ſchwemmt. Ihr fndet ſie hier und dort auf den Baͤn⸗ ken zerſtreut, zuweilen unbeweglich wie das Bildſaͤulen⸗ volk, das ſie umgiebt, zuweilen aber auch in kleinen Gruppen durch die unbelebteſten, ſchutzreichſten Alleen wandelnd, wenn man uͤberhaupt eine Art einfoͤrmig lanpſanen Umherbewegens Wandeln nennen kann, da es oft durch lange Stationen ſtehenden Fußes unter⸗ brochen und ſo unmerklich iſt, wie des Fortruͤcken eines uUhrzeigers. Sind es ſechs? ſo koͤnnt Ihr ſagen: Da ſchleppen ſechs Boͤotier ihre Kugel, da waͤrmen ſich ſechs Ideen in der Sonne.“ Wirklich, hoͤrt nur zu: inmitten kurzer Variationen uͤber Hitze und Kaͤlte, ih⸗ ren Appetit und Schlaf, wird jeder ſein Lieblings⸗Thema herbeifuͤhren. Das bildet einen Miſchmaſch von Ideen, ein Charivari von Worten, daß man es ſich gar nicht wunderlich genug vorſtellen kann. Es iſt Jean⸗Jacques beruͤhmte Kakophonie. Nun! dies geiſtige Glockenſpiel, das die Menſchen dieſer Art vereint, in Form einer gemeinſchaftlichen Beiſteuer, hervorbringen, wird in einer andern Klaſſe von Boͤotiern durch jedes einzelne Individuum ganz allein in Bewegung geſetzt. Das ind die Leute, welche zu viel denken, deren Geiſt ſo veraͤnderlich iſt, wie das Spiel eines Kaleidoſkops. Dies Laſter iſt, ſo zu ſagen, endemiſch in gewiſſen Klaſſen der Pariſer Geſellſchaft: an der Boͤrſe, im Theater, im Gerichtsſaal; bei den Spekulanten vorzuͤg⸗ lich, den Projektmachern, den großen Vervollkomm⸗ nungsſuͤchtigen, welche immer einen Kanal zu graben, einen Berg abzutragen, eine Stadt zu bauen haben und ſelbſt eine Revolution einzufuͤhren in der Art und Weiſe, wie man das Licht putzt oder den Topf an's Feuer ſchiebt. Auch bei den Geſchaͤftigen, den ewigen Juden un⸗ 7 123 ſerer Zeit, welche gehen, kommen und voruͤberſchreiten, ohne ſich je zu verweilen, deren Tageslauf nur ein un⸗ geheurer Zickzack iſt. und noch bei dem vertrauten Publikum der Maͤn⸗ ner von Talent, bei jenen Spuͤrhunden des Rufs, die ſich alle Morgen, nachdem ſie raſirt ſind, des Ruhms wegen an unſern Beruͤhmtheiten reiben. Und dann denken ſie in kleinen Spruͤngen, wie die Heuſchrecken ſetzen, reden Alles durch einander und urtheilen ein Chaos zuſammen. Es iſt eine Scala auf einem verſtimmten Klaviere. Uebrigens findet man dieſe Schamloſigkeit bei Eini⸗ gen nur momentan, waͤhrend ſie bei Andern fortwaͤh⸗ rend anzutreffen iſt. Die Erſtern huͤllen ſich oft in ein duͤſteres Schweigen. Ihr glaubt, ſie ſpinnen Verrath? Keineswegs. Es ſind dann Gewehre, die ſich laden, Flinten à la Perkins, die ſich mit Geſchoſſen fuͤllen. Laßt nur eine Gelegenheit kommen, welche den Abzug trifft— dann Vorgeſehen! Sie ſind im Stande, funf⸗ zehn hundert Ideen in der Minute loszufeuern. Es war in der Oper.„Gott!“ hieß es,„was iſt die Taglioni fuͤr ein raſend ſchoͤnes Weib! Welche Poeſte, welches— wie ſoll ich ſagen!— welches Drama in ihrer ganzen Geſtalt! Ich habe das von Alexrander Duͤmas geleſen. Wahrhaftig, ſchoͤn! Das Manuſcript iſt zu einem tollen Preiſe verkauft worden.— Es ſcheint, der Buchhandel hebt ſich nicher etwas— 124 Ach! und der Spekulant, der jetzt Brod aus Saͤge⸗ ſpaͤnen macht! Es iſt erſtaunlich, dieſe Spekulanten! erſtaunlich, erſtaunlich!— Nun, wer weiß? Als, unter Bonaparte, die Rede von Runkelruͤbenzucker war, lachte man daruͤber, und gleichwohl— Aber, ſagen Sie ein⸗ mal, man ſpricht ja gar nicht mehr von ſeiner Aſche— Sollte das beruͤhmte Projekt, ſie unter die Saͤule—2 nebrigens iſt es klar, daß ſie mit ihrem Syſtem des Friedens um jeden Preis— doch ſagt man, daß das Miniſterium— Kennen Sie Sebaſtiani?— Seinen Bruder kenne ich. Ach! ſehen Sie, da iſt er in der Loge— Doch nein, es iſt der General Lamargue— Lamarque, Lamarque, Lamarque!— Ich moͤchte ihn lieber in der Vendée wiſſen!— Steht immer noch in Flammen! Man ermordet ſich dort am hellen lichten Tage!— Apropos, die Gazette des Tribunaux berich⸗ tete dieſen Morgen einen ſehr ſpaßhaften Mord— Jal Parbleu! abſolut wie mit dem armen Capo d'Iſtrias— Wiſſen Sie, man ſpricht von einem baieriſchen Prinzen fuͤr den Thron von Griechenland— Wahrlich, die Welt geht recht drunter und druͤber! Ich war geſtern in der Kammer. Da habe ich ſo viel gelacht— Auch in den Varietés— Das neue Stuͤck muͤſſen Sie ſehen— Man ſprach viel von dem Keßnerſchen Deficit— Er ſoll in Belgien ſein— Auch ein naͤrriſches Ding damit— —„Womit?“ unterbrach ich ihn ungeduldig.„Mit dem Wechsler? 2 125 —„J, nein“, erklaͤrte er,„ich rede vom belgiſchen Staate.“— — Es giebt Einige, deren nicht minder übereilte, zer⸗ ſtuͤckelte und verſtreute Gedanken unter andern die An⸗ nehmlichkeit der Form haben, daß ſie als Fragezeichen geſtaltet ſind. Ihr ſchickt euch an, ihnen zu genuͤgen: unnoͤthige Artigkeit! Eins von beiden: entweder hoͤren ſie euch gar nicht an, oder waͤhrend ihr Athem ſchoͤpft, richten ſie zwanzig andre Fragen an euch. Dazu ommt, daß ſie in den meiſten Faͤllen Frage und Antwort ſelbſt machen:„Ei, guten Tag!“ rufen ſie,„wie befinden Sie ſich? Ich ſehe etwas ſchlimm aus, nicht wahr? Aber was treiben Sie denn? Haben Sie Balzac lange nicht geſehen? Was macht er? Arbeitet er? Und wie ſteht's mit den Vergnuͤgungen? Ach, beim Teufel! Das haͤtt' ich faſt vergeſſen— Ich ſagte doch immer bei mir ſelbſt: Mein Gott, habe ich ihm denn gar nichts zu ſagen? Wahrhaftig, die originellſte Geſchichte von der Welt! — Vor Allem, Sie werden ſie doch nicht weiter er⸗ zaͤhlen! Hoͤren Sie: Kennen Sie Madame—? Ent⸗ ſchuldigen Sie, wer iſt der Herr, der dort geht? Der und der, nicht wahr? Adieu, ich habe ihm ein paar Worte zu ſagen—(und im Abgehen.) Apropos, die Fonds? Wie ſtehen ſie? Sie wiſſen's nichte Neine Guten Abend! Wann ſieht man Sie? Werden Sie mich beſuchen? Wenden wir uns zu Andern. Hier denkt man zu tief, dort nicht genug. Die Erſteren dringen ſo weit, ſo gruͤndlich in alle Fragen ein, das ſie ſich und euch darin erſaͤufen. Die Letz⸗ teren dagegen ſchwimmen auf der Oberflaͤche, wie ein Kork auf dem Waſſer. Die Einen werden zu euch ſagen:„Napoleon, mein Herr(und wenn ich ſage, Napoleon, ſollt' ich Bonaparte ſagen, denn fuͤr mich iſt Bonaparte der Mann), Bonaparte konnte ſich nicht von dem ſpani⸗ ſchen Kriege losſprechen, denn es war Schickſal, und ich ſehe es fuͤr ausgemacht an, daß, wenn er es ge⸗ than haͤtte, Bonaparte nicht mehr Er ſelbſt geblieben waͤre.“ Verſtehe es, wer kann!— 1 Wirr begegnen hierauf den ungeſchickten Denkern, welche ihre Ideen, Einige diesſeit der Wahrheit, An⸗ dere jenſeit, Dieſe daneben, Jene ſelbſt druͤben ſchoͤpfen, doch ſo, daß ſie faſt immer das Ziel umſtoßen. Fragt ſie:„Was denken Sie von Delavigne?“ ſo werden die Erſten antworten:„Es iſt nur ein Verſemacher; die Zweiten:„Es iſt unſer erſter Dichter“, und die Drit⸗ ten:„Ich ziehe Lamartine vor.“ Sagt zu den Vierten⸗ Jene Frau mag wohl ihre fuͤnf und dreißig Jahre ha⸗ ben!“ ſo werden ſie mit Kopfſchuͤtteln und nachdenk⸗ licher Miene antworten:„Oho! Fuͤnf und dreißig Jahr! Sie hat ganz gewiß ſechs und dreißig!“ Oder: „Es iſt halb neun Uhr!“„Hehe! ¹ werden ſie ſagen, 127 ich glaube, Sie irren ſich, es fehlen noch fuͤnf Mt. nuten!“— Es iſt auch eine ungeſchicklichkeit, zur Unzeit zu denken. Es giebt ſolche Staarmaͤtze, die von ehelichem Mißgeſchick vor einem ungluͤcklichen Ehemanne reden, von Haͤßlichkeit vor einem Unhold, von Hoͤckern vor Buckligen, die gegen euch uͤber euern Stand her⸗ ziehen, die in eurer Gegenwart von euren Freunden und Verwandten, von euch ſelbſt vielleicht, lieblos reden, welche endlich, nicht minder kindiſch an Ma⸗ nieren, ſtets auf euren Fuͤßen herumtreten, euch ſtoßen und anrennen, und ſelten einen Gegenſtand von Werth beruͤhren, ohne ihm einigen Schaden zuzufuͤgen. Gott bewahre euch vor ſolchen Leuten, wie vor halbblinden Kegelſchiebern!— Außerordentliches Gedaͤchtniß iſt ein Seelen⸗Ge⸗ brechen, das zuweilen recht laͤſtig werden kann. Man trifft wirklich ſolche geiſtige Regiſtraturen, wo Alles hinein⸗, aber Nichts herausgeht, wo Alles, was man dort niederlegt, auf immerdar verſiegelt wird. Hier Jahreszahlen und Localitaͤten, dort Begebenheiten, Worte und Eigennamen. Aber gewoͤhnlich findet man auch weiter Nichts darin. Die Phantaſie erſtickt unter dieſer ungeheuern Laſt von Wichtigkeiten. Ich hatte zum Mitſchuͤler einen vollkommenen Bdo⸗ tier mit niedriger Stirn und großen Augen, der ſeinen ganzen gradus ad Parnassum auswendig wußte, und 128 den der Tod beim Buchſtaben Th ſeines franzoͤſich⸗la⸗ teiniſchen Noel uͤberſiel. Der Arzt behauptete, er ſei an Unverdaulichkeit geſtorben. Das iſt moͤglich, aber an einer Woͤrterbuchs⸗Unverdaulichkeit. Man ſtirbt von weniger!— Biographieen, wie die folgende, habt ihr gewiß ſchon hoͤren muͤſſen.—„Was? Ich? Ob ich Herrn Pitrat kenne? Ach, das will ich meinen!— Das heißt, nicht gerade ihn, aber ſeine Familie, vorzuͤglich ſeine Frau Mutter— das war eine Demoiſell Labal, die als Waͤſcherin in erſter Ehe eine Perſon von Wichtig⸗ keit heirathete, einen gewiſſen Staatsrath Dublonzet, einen ſehr ſchoͤnen Mann, deſſen einaͤugiger Bruder, beilaͤufig geſagt, ein wahres durchloͤchertes Sieb war, ein herzloſer Vielfraß, der ſein ganzes Vermoͤgen in Pferden durchbrachte und das ſeiner Frau mit, das er ſich hatte verſchreiben laſſen. Ach! das war das in⸗ tereſſanteſte, engelhafteſte Geſchoͤpf!— Richt wie ihre Schweſter Madeleine, die Lange, Trockene, Magere mit den hochblonden Haaren, die ſich bei ihren Leb⸗ zeiten nicht eben zu gut aufgefuͤhrt hat. Sie konnte ſich ruͤhmen— aber was geſchehen iſt, das iſt geſche⸗ hen und geht uns weiter nichts an. Sie hatte meh⸗ rere Kinder, man wußte nicht recht woher; der Ael⸗ teſte, ein ſehr angenehmer Menſch, hatte das Gluͤck, in eine der erſten Familien der Normandie zu kommen. Es war viel zu erſchnappen in dieſem Hauſe, wegen — 129 der Erbſchaft des Großvaters, der in Amerika eine ſehr vortheilhafte Heirath mit der Tochter des reichſten Pflan⸗ zers ſeiner Gegend geſchloſſen hatte— einer Demoi⸗ ſelle Pernotte, Pernitte, Pernette, ich weiß nicht ein⸗ mal. Doch, doch! Pernotte hieß ſie; ihr Onkel von Mutterſeite, Herr Papelard, war ja Schoͤppe in der Stadt Rouen. Ich habe des braven Mannes Bild ge⸗ ſehen, das mir einen Eindruck wie ein wahrer Pa⸗ triarch gemacht hat. Er pflegte immer lachend zu ſei⸗ nen Kindern, Enkeln und Urenkeln zu ſagen:„Meine Kinder, hehe! Ihr werdet nicht immer jung ſein! „Hehe! Ihr werdet auch einmal alt werden, hehe!“ Es war ein Mann von ſo viel Gaben! Und auch ſein Vetter, der Capitain von den Chevaurlegers, freilich etwas luͤderlich; aber Ludwig XV. machte ſein Gluͤck, indem er ihn mit einer ſeiner Concubinen verheirathete, einer jungen, ſehr wohlerzogenen Perſon, deren Familie durch die Auberſons mit den Durochers verwandt war, welche Letztere, ſagt man, durch die Frauen von den Grafen von Corcelles abſtammen, den naͤchſten Ver⸗ wandten des beruͤhmten Freiherrn von Traquenade, deren Erſter am zweiten Kreuzzuge Theil nahm und bei der Ruͤckkehr aus Palaͤſtina eine Heirath mit— Kurz, ich kenne die Familie Pitrat, als ob ich ſie ge⸗ macht haͤtte.“ Man muß geſtehen, daß Gedaͤchtniſſe von ſolcher Tuͤchtigkeit die ſtaͤrkſten Beweisgruͤnde ſind, welche man der Seelenwanderung entgegenſtellen kann. Denn fäͤt de eine ſolche wirklich Statt, ſo wuͤrden ſich dieſe Leute ganz gewiß erinnern, ob ſie Mohrruͤhe, Großlama, Krokodill oder Gurke geweſen.— Von dieſen lebendigen Repertorien iſt es ſehr weit zu den undurchdringlichen Geiſtern, an denen Alles ab⸗ gleitet, Unterhaltung, Lectuͤre, Bemerkungen— wie Waſſer an der Wachsleinwand. Tragt ihnen etwas Wichtiges auf: es ſind eitle Worte, auf Wellen ge⸗ ſchrieben, ſofort verwiſcht, gleich hinter dem Griffel. Hoͤrt ihre Geſpraͤche mit an: ſie ſind in allen Rich⸗ tungen mit den Worten Dings und Geſchichte durchſchoſſen.—„Ich war in der erſten Vorſtellung von Ludwig Xl. von Dings!— Was ſagen Sie zu dem Miniſterium— Dings?— Haben Sie, Demoi⸗ ſell— Dings tanzen geſehen?— Wann bhekomm ich von Ihnen die neue— Geſchichte? Kann ich Ihnen aufwarten mit dieſer— Geſchichte? Wahr⸗ haftig, wer haͤtte geglaubt, daß wir 1830 eine ſolche— Geſchichte haben wuͤrden?“ Ich kann Herrn Bertrand anfuͤhren, der alle ſeine großen Taſchen mit Gedanken vollſtopft. Roͤcke, Weſten, Beinkleider, Alles ſtrotzt davon, ſowohl die er auszieht und an den Nagel haͤngt, als die er anlegt. Ihr be⸗ gegnet ihm.„Ha! daß ich daran denke— Was Teu⸗ fel hatte ich Ihnen doch zu ſagen? Wiſſen Sie es nicht? Wahrhaftig, ich hatte Ihnen Etwas zu ſagen— 13¹ Es iſt ſchon laͤnger als acht Tage her— Laſſen Sie ſehen, ich werde einmal in dieſer Taſche nachſuchen— Nichts fuͤr Sie— In der andern— Auch nichts— Einmal in der hier— Aha! hier iſt was!— Das heißt, nein— das betrifft Herrn— Herrn Dings, Sie wiſſen ja!— Laſſen Sie uns in dieſe ſchauen— Vielleicht doch am Ende— O diesmal, glaube ich, haben wir's— Nein, noch nicht— das iſt zum An⸗ kauf einer Geſchichte— Sie wiſſen jg! Sehen wir wo anders nach— Nirgend etwas— nicht hier— nicht dort, weder auf dieſer, noch auf jener Seite— Na, wir wollen es vor der Hand aufgeben, ich habe Ihre Geſchichte gewiß in der Hintertaſche meines blauen Ueberrocks gelaſſen oder vielleicht in meinen grauen Hoſen— wenigſtens auf jeden Fall— Aber ſein Sie nur ruhig, ich verſpreche Ihnen, nachzuſehen, denn es i*ſt ſehr intereſſant fuͤr Sie— Halten Sie— haben Sie Papier?— Mein Gott, faſt gar keins— Sie haben keins? Teufel, Teufel, was machen?— Ich hab's,— das kleine Stuͤckchen Holz iſt genug— ich lege es in meine Uhr— das wird mich heut' Abend erinnern, daß ich an Etwas denken wollte.“ Derſelbe Herr Bertrand ſagt euch jede Minute:— „Apropos, erinnern Sie mich doch daran, ja?“ Und er traͤgt ſeinen Namen, Vornamen, ſein Alter, ſeine Eigenſchaften und Wohnung im Hutdeckel. Ob er 13²3 wegen ſeiner Vergeßlichkeit oder blos als Eigenthuͤmer dieſe Vorſicht gebraucht? Ich weiß es nicht.— Und dann, der Mann von Wachs, der ſo weiche Denker, daß ſeine Gedanken oval, viereckig, dreieckig— . was weiß ich Alles?— werden, nach der Hand, die eben Eindruck darauf gemacht.—„Es iſt eine ſchoͤne Sache,“ ruft er aus,„den Manen großer Maͤnner einen Tempel zu weihen!“ Er hat den Courrier frangais geleſen. Einen Augenblick nachher:„Meiner Treu! es iſt ſehr laͤcherlich, große Maͤnner durch Sitzen und Stehen zu machen!“ Er hat ſeitdem die Debat⸗ ten geleſen.— Aber ich habe neulich noch etwas Beſſeres geſehen. Zwei Schwaͤtzer bekehrten ſich gegenſeitig durch ihre Beredſamkeit. Es war ein gelehrtes Lanzenbrechen, wo die beiden Kaͤmpfer, von den entgegengeſetzten En⸗ den im gleichen Schritt ausgehend, mit dem Beweis in der Hand, ſich trafen, umherſtritten und kreuzten, ſo daß ſie am Ende voͤllig die Plaͤtze gewechſelt hatten. Nur eine Sekunde waren ſie einerlei Meinung geweſen, in dem Augenblicke, als ſich ihre Wege kreuzten.— Wir kommen jetzt zu der großen Familie der Zor⸗ nigen. Ich moͤchte lieber eine Stunde in der Hoͤlle zubringen, als mit einem zornigen Menſchen von Ge⸗ burt. Und das wegen des dummen Vorurtheils, das den Zornigen uͤberredet, euer Puls, die ihr ruhig ſeid, ginge denſelben Schlag wie der ſeinige. Beſonders an oͤffentlichen Orten iſt dieſe Qual ganz 133 entſetzlich. Begegnet ihr auf der Straße einem Men⸗ ſchen in großem Zorne, ſei er auch ſonſt von der mil⸗ deſten Laune, und ihr fragt ihn: Was haben Sie?— „Was ich habe?“ wird es heißen;„ach! ſprechen Sie mir nicht davon! Ich bin wuͤthend! Eine furchtbare Scene habe ich eben gehabt, mit dem Schlingel von Michel. Ja, es iſt ein Schlingel, ich ſag' es unver⸗ hohlen! Stellen Sie ſich vor, daß ich ihm hundert Thaler leihe— es iſt ſchon laͤnger als ein Jahr her— geſtern ſollte er bezahlen; er hatte ſein Ehrenwort dar⸗ auf gegeben. O ja! Trauen Sie nur der Ehre eines ſolchen Schlingels! Ich warte und warte, Ihr Die⸗ ner! So wenig ein Michel, als der Großtuͤrk!“ und, dies ſagend, erhitzt ſich euer liebenswuͤrdiger Sprecher immer mehr und mehr, wie ein Schauſpieler auf der Buͤhne; er erhebt die Stimme, er ſchreiet, er bruͤllt, er zerdruͤckt euch den Arm, er faßt euch beim Kragen, er ſchuͤttelt euch, zerrt euch, ihr moͤgt wol⸗ len oder nicht, rechts und links, vor und zuruͤck. Dann ſeht ihr die Voruͤbergehenden ſtill ſtehen und euern Schritten hohnlaͤchelnd folgen. „Will man, um einen ſolchen Menſchen zu beru⸗ higen, ihm bemerklich machen, daß er ein Schauſpiel giebt:„Ach was!“ wird er antworten,„ich lache die ganze Welt aus. Ja, Herr, Sie haben ſich wie ein Straßenjunge betragen; ich weiß, was ich rede! Es iſt nicht um die hundert Thaler; nein, Herr, die koͤn⸗ 134 nen Sie behalten, ich mag ſie gar nicht haben; aber die Art und Weiſe, zum Donnerwetter! ſo kann ſich nur ein Straßenjunge betragen; ja Herr, ein Straßen⸗ junge; erlauben Sie mir, Ihnen das zu ſagen, zum Donnerwetter!“ Und was entſteht daraus? Das Publikum, wenn es ſo Etwas hoͤrt, nimmt ihn fuͤr den Glaͤubiger und euch fuͤr den Schuldner! Das iſt ſehr angenehm!— Zu den geraͤuſchvoll lebhaften Organiſationen rech⸗ nen wir ferner die weitſchweifigen Menſchen, wahre Kruͤckenſchleicher, die ſich nur mit zwei Synonymen forthelfen koͤnnen.—„Es iſt nicht warm, es iſt kuͤhl— die Nacht iſt dunkel und finſter— der Himmel iſt hell und rein— ich liebe das Theater, das Schauſpiel— dieſe Taͤnzerin iſt munter und lebhaft— der Mann iſt traurig und melancholiſch.“— Aber noch beſſer kann man ihre Liebe zum Ueberladen an dem Schluſſe ihrer Reden beobachten. Das Endwort ſchlaͤgt noch mehr⸗ mals auf, wie eine Kugel von der Erde.—„Ich be⸗ ſinde mich wohl, recht wohl, wohl, wohl! Wenn ich auf die Jagd gehe, ſchieße ich oft einen Haſen, o ja⸗ recht oft, oft, oft! Madame Dorval iſt ſehr ſchoͤn in dieſer Rolle, wahrhaftig, ſehr ſchoͤn, ſchoͤn, ſchoͤn!“ — Dahin rechnen wir endlich die Telegraphen⸗Men⸗ ſchen mit langen, breiten, langſamen, unvermeidlichen Geberden, welche Alles materiell darſtellen, den Fuß aufheben, wenn davon die Rede iſt, Miene zum Trinken „ machen, wenn von einem Toaſt geſprochen wird, und 3 ſelbſt den mimiſchen Ausdruck ſo weit treiben, euch einen Fauſtſchlag zu geben, wenn ſie von irgend einer Balgerei ſprechen.—. Es gieht drei Quellen der verſchiedenen geiſtigen Naturen; die erſte ſprudelt lebendig und heiß, die an⸗ dere fließt ſchaal und lau, die dritte langſam und kalt. Die Denker des erſten Grades kommen mir immer vor wie galvaniſche Froͤſche. Ihre Abneigung, wie ihr Enthuſiasmus, hat etwas Heftiges, Zuckendes, Kuͤnſt⸗ liches. Ihnen gilt Nichts eben fuͤr gut, ſondern Alles iſt vortrefflich— Nichts fuͤr ſchlecht, ſondern Alles fuͤr das Schlimmſte; es iſt nicht einmal mehr ein Schritt vom Erhabenen zum Laͤcherlichen.„Goͤttlich! Abſcheu⸗ lich! Wundervoll! Stockgemein! Herrlich! Schrecklich! Entzuͤckend! Scheußlich! Zum Raſendwerden! uUm in Ohnmacht zu fallen!“ Das iſt der Haupt⸗Inhalt ihres Woͤrterbuchs. Sie dutzen euch oft, nach einer nterhaltung von einer Stunde, was die peinlichſte Verlegenheit erzeugt. Ihr Feuer iſt uͤbrigens ein Schwefelholz⸗Flaͤmmchen, es flackert, aber erliſcht bald. O mein theurer Freund! und in fuͤnf Minuten vergeſſen ſie, euch zu gruͤßen. Das Buch, das ſie geſtern berauſchend gefunden, erſcheint ihnen heut in der empoͤrendſten Nichtigkeit, und kann, dem unbeſchadet, morgen wieder bezaubernd werden. Es iſt nicht ſelten, daß ſie zwanzigmal ihre Gefuͤhle taͤg⸗ 136 lich, ſtändlich mit der Converſation wechſeln— wie die Hoͤrner mit Einſetzſtuͤcken, welche im Laufe einer Symphonie nach und nach in die verſchiedenſten Ton⸗ arten uͤbergehen.. Die Lauen dagegen gefallen ſich in einer richtigen Mitte, unbeweglich wie ſtehendes Waſſer. Ohne En⸗ thuſiasmus fuͤr das Gute ermangeln ſie auch des hei⸗ ligen Zorns, den man gegen das Boͤſe haben ſoll:— „Nun, es iſt nicht ſo uͤbel— ei, das iſt recht merk⸗ wuͤrdig— die Frau iſt ziemlich nach meinem Ge⸗ ſchmack— er hat ſie an der Boͤrſe ruinirt, aber was wollen Sie? er hat es recht wohl zu machen geglaubt.“ Die gefrorenen Denker gleichen geſchlagenem Cham⸗ pagner: erhitzt ſie, ruͤttelt ſie, wenn Ihr wollt, daß ſie ſchaͤumen ſollen, und ſie werden ſchaͤnmen. Denker dieſer Art ermangeln nicht des Feuerſtoffs, aber man muß ihn entwickeln. Sie koͤnnen ſich ſelbſt mit Reden und Erorterungen erwaͤrmen, wie ſichtne Bretter durch langes Reiben in Brand geſetzt werden koͤnnen. Zwei Menſchen luſtwandeln zuſammen:„ Apropos, haben Sie dies Buch geleſen?— Hm! Ich glaube, ja.— Was halten Sie davon?— Nun ich— Was? Sie?— Ich— Herr, hm!— Putt, putt!— Es iſt nicht ſo uͤbel, als ich geglaubt habe.— In der That, man ſindet hier und da Sachen, die gar nicht ſchlecht ſind.— Das gebe ich zu. Manches iſt ſogar recht huͤbſch.— Entſinnen Sie ſich der Stelle—?— uUnd 9 0 137 Sie eners— Wiſſen Sie wohl, daß im Allgemei⸗ nen—?— Ja, ja! Von Anfang bis zu Ende— Ein recht merkwuͤrdiges Buch— Sehr merkwuͤrdig— Aeußerſt merkwuͤrdig.— Und dann, der Stil!— Gott! welcher Stil!— Und die Beobachtung!— O welche Beobachtung!— Und am Ende, welche Kenntniß des menſchlichen Herzens!— Welche Hoͤhe der Anſichten!— Welche Erudition!— Welche Ge⸗ dankenfriſche!— Es iſt ſehr gut!— Es iſt ſchoͤn!— Bewundernswerth!— Entzuͤckend!— Erſtaunlich! Ein Meiſterſtuͤck!— Ach, mein Freund! wie freue ich mich, Sie dieſer Meinung zu finden!— Gleichfalls, gleichfalls!— Ach!— O!— Ach!— Haben Sie ſchon dinirt?— Noch nicht.— Diniren wir zuſammen?— Getroffen! Wir beſprechen es uͤber Tiſch weiter.— Gewiß!— Welche Luſt, mit Leuten von Geſchmack zu verkehren!— Und die lebhaft fuͤhlen!“ Wie ihr ſeht, haben die beiden Bretter Feuer ge⸗ fangen, und wenig fehlt, ſo haͤtten ſie in der Hitze geweint, wie das gruͤne Holz zu ſchwitzen anfaͤngt, wenn es in Brand geraͤth. Das große Publikum aber hat etwas vom gruͤnen Holze. Um es alſo bis zu dem gehoͤrigen Grade zu erhitzen, ſetzt man mitten in die Parterres jene Feuerſtaͤtten der Bewunderung, jene lebendigen Kohlenbecken— im gewoͤhnlichen Leben be⸗ kannter unter dem Namen Claqueurs!— 6* 138 In die große Familie des lebhaften Verſtandes ſetzen wir noch die folgenden Boͤotier. Der Widerſprechende, ein wahrhafter Naufbold, der keine andere Sorge hat, als ſeine Meinung mit der eurigen zu kreuzen. Denkt: weiß, ſo wird er ſchwarz denken; ſagt: ſchwarz! ſo ſpricht er: weiß! Setzt euch hin, wo ihr wollt, ſo koͤnnt ihr im Voraus gewiß ſein, daß er ſich zu eurem Antipoden machen wird. Der zweikoͤpfige Denker, im Gerichtsſaal ſo haͤuftg, der zugleich fuͤr und gegen denkt. Er ſpricht:„Ich habe ſeit geſtern das Fieber und große Kopfſchmerzen. Uebrigens dank ich ſehr, und befinde mich ganz wohl.“ Er wird auch ſagen:„Sprechen Sie mir nicht von dem! das iſt ein unzuverlaͤſſiger Menſch, ein Geizhals, ein Schuft; uͤbrigens ein trefflicher Menſch, der unfaͤhig iſt, ein Kind zu kraͤnken, ein außerordentliches Haus macht und den ich unendlich achte!— Der Guitarren⸗Menſch iſt ein Superlativ, deſſen Seele von falſchen Ideen— Accorden wiederhallt. Seine Ideen vereinigen ſich, verſchlingen und verwir⸗ ren ſich in der That und bilden in ſeinem Kopfe etwas Unaufloͤsliches, wie ein verwickeltes Knaͤuel. Daher kommt es, daß er oft hier ſpricht und anderswo denkt, daß er ein Wort fuͤr das andere ſetzt, daß er ganz das Gegentheil ſagt von dem, was er ſagen wollte, daß er einen Seufzer mit ſpoͤttiſchem Laͤcheln endigt und einen Freuden⸗Ausbruch mit tiefem Stoͤhnen. Seine 139 Figur iſt ein wahres Theater, wo die Dekorationen ſichtlich wechſeln. Aber ſeine Lieblingstrope iſt die Pa⸗ rentheſe, und das macht langſam, ſchleppend und er⸗ regt Ungeduld, wie ein vorbrennendes Gewehr.— „Ich muß Ihnen doch erzaͤhlen, was ich im heutigen Journal geleſen habe. Es iſt eine Geſchichte von einem National⸗Gardiſten, der nach Hauſe kommt. Sehr intereſſant! Stellen Sie ſich vor—(Aber vor allen Dingen, Marie, mach' die Thuͤr zu! es kommt ein fuͤrchterlicher Wind herein!) Stellen Sie ſich vor, daß ein National⸗Gardiſt—(Aber um Gotteswillen, Marie, tritt doch leiſer auf! Wer wird denn ſo ſtam⸗ pfen!), der ſich unwohl fuͤhlt, von ſeinem Chef— (Still! Ich kann das Raiſonniren nicht leiden!) von dem Chef des Poſtens verlangt—(Gieb uns ein⸗Scheit Holz, und mach' ein Ende; das Feuer geht aus!) von dem Chef des Poſtens—(den Blaſebalg auch!) von ſeinem Chef die Erlaubniß verlangt—(Danke!) die Erlaubniß, nach Hauſe zu gehen und ſich ſchlafen zu legen. Er kommt alſo an, zieht ſich aus—(Kann ich Ihnen eine Priſe anbieten?)— zieht ſich im Dun⸗ keln aus—(FIſt nicht ſchlecht, mein Tabak, nicht wahr?) und legt ſich nieder.(Es iſt Contrebande. Ich kann Ihnen auch welchen verſchaffen. Er koſtet mir nur— Was beliebt? Die Fortſetzung meiner Ge⸗ ſchichte? welcher Geſchichte? Ach ja, ia! Wo war ich doch? Aha!) Ich ſagte alſo, daß ein National⸗ 7140 Gardiſt, der ſich unwohl fuͤhlte—(O ich war ja ſchon weiter. Ich war beim Niederlegen.) Mein Gardiſt legt ſich nieder. Es war, glaub' ich, ein Sergeant⸗Major.(Bei dem Sergeanten— wiſſen Sie, ob Bolene wieder ernannt werden wird? Ich fuͤr mein Theil glaube es nicht, weil—) Nun, wie mein Kerl ernannt iſt, ausgeſtreckt, wollte ich ſagen, fuͤhlt er neben ſich—(Warten Sie, ich muß erſt das Licht putzen, daß wir dabei ſehen koͤnnen) fuͤhlt er einen Koͤrper neben ſich—(Da! Ich Ungeſchickter! Da hab' ich's ausgeputzt! Ich mache es allemal ſo!) Fuͤhlt er einen eiſigen Koͤrper—(Marie, gieb uns die Lichtſcheere— Nein, nein, was Teufel ſag' ich! Nicht die Licht⸗ ſcheere— Du weißt ſchon, was ich will— Gieb nur her— die Schwefelhoͤlzer, wollt ich ſagen— wir koͤn⸗ nen doch nicht im Finſtern ſitzen!) Nun endlich, nun wieder auf beſagten Hammel zu kommen, der eiskalte Koͤrper war—(Mein Gott! was riecht denn ſo bran⸗ ſtig! Riechen Sie den Brand⸗Geruch?— Sieh' doch unter Deine Noͤcke, liebes Kind! Vielleicht biſt Du's! Nicht? Nun, ich kann mich getaͤuſcht haben!) Es war der Liebhaber ſeiner Frau—(Ach, das iſt der Schwefel geweſen, jetzt rieche ich's ganz deutlich.) Sie aber—(Ruhig, Medor!) die Ungluͤckliche—(Ver⸗ fluchter Klaͤffer!) wurde andern Tages in der Morgue gefunden— Das iſt nun ſehr klaͤfferig, traurig wollt' ich ſagen) und doch— wenn man ſich die Verlegenheit 2— 141 des Ehemannes denkt, welche Figur er geſpielt haben mag, als er ſah— Hahahal das iſt ganz erſtaunlich laͤcherlich!“ Wenn man eine ſolche Erzaͤhlung hoͤrt, ſo glaubt man einen Friſeur vor ſich zu ſehen, der mehrere Zoͤpfe durch einander ſchlingt und zu einer großen Flechte vereinigt.— Hier aber, ihr, die ihr ſo viel Geduld gehabt, mir zu folgen, geſtattet mir einen zweiten Ruhepunkt. Wir ſind wieder an die Grenzen von Attika gekommen; laßt uns etwas raſten, um ſie bald zu uͤberſchreiten. Fuͤrchtet uͤbrigens nicht, ſodann von ausſchließlicher Bewunderung ergriffen zu werden, wenn wir die Den⸗ ker beſuchen. Die Race der Boͤotier iſt wie die Race der Juden, die ganze Erde iſt damit uͤberſchwemmt. Es iſt eine Schmarotzerpflanze, welche ſelbſt auf dem ſchonen Boden, wo der Gedanke bluͤht, in dicken fri⸗ ſchen Trieben aufſchießt, Feldmohn bei Korn⸗Aehren. Ludwig Desnoyers. —— Die Catacomben von Paris. Hiſtoriſche Einleitung. — Man glaubt im Allgemeinen, daß die Mehrzahl der Catacomben in Italien und Sieilien⸗ wie die zu Rom, Neapel, Syrakus und andern großen Staͤdten, ihren Urſprung nur den Steinbruͤchen, den Aushoͤhlungen in Tufſtein und Pußzolan, dem Graben nach Erde und Sand verdankt. Dieſe unterirdiſchen Gewoͤlbe dienten ſpaͤter zu verſchiedenen Zwecken. Man machte Gefaͤng⸗ niſſe und Gruͤfte daraus. In der Unverletzlichkeit die⸗ ſer Graͤber ſuchten die verfolgten Chriſten eine Zuflucht. Aber man findet dort undeutliche Spuren von allen Arten der Gottesverehrung. Die Catacomben von Paris, welche auch nichts waren als Steinbruͤche, unter den Vorſtaͤdten Saint⸗ Germain und Saint⸗Jacques gelegen, haben in unſern Tagen eine religidſe Beſtimmung erhalten. Man hat * 143 daſelbſt unzaͤhlige Haufen von Knochen aus allen innern Kirchhoͤfen der ungeheuern Hauptſtadt zuſammen ge⸗ bracht und dieſe von der Zeit gebleichten Mauern bil⸗ den eine unterirdiſche Stadt, deren Symmetrie das blinde Wuͤthen des Todes regeln zu wollen ſcheint. Ein ſchwarzer Strich, in der Mitte des Gewoͤlbes ge⸗ zogen, dient zum Fuͤhrer in den geheimnißvollen Gaͤn⸗ gen. Wolltet ihr ihn nicht befragen, ſo wuͤrdet ihr euch bald in den verſchiedenen Hoͤhlen verirrt haben, welche ſich weit uͤber die lebendige Stadt hinaus er⸗ ſtrecken, unter der ihr geht, deren eitles Treiben uͤber eurem Haupte verhallt; ihr wuͤrdet mit Entſetzen in der dunkeln Erde umherſpaͤhen, deren durch des Men⸗ ſchen Fleiß zerriſſener Schooß ihn mit all' ſeinen Wer⸗ ken zu verſchlingen droht.. Drei Treppen fuͤhren zu den Catacomben. Die an der Hoͤllen⸗Barriere bietet eine merkwuͤrdige Analogie des Namens. Einige Etymologiſten, ſagt Saint⸗Foig, behaupten, daß die Straße Saint⸗Jacques vor Alters via superior geheißen, und die Hoͤllenſtraße via inkerior oder inkera. Rechts und links von der erſten Galerie der Catacomben trifft man einige andre, die ſich unter der Ebene des Montrouge hinſtrecken. Von Zeit zu Zeit ſtoͤßt man auf Felſen. Man verweilt beim Anblick einer furchtbar pittoresken Ruine. Auch Stalactiten bemerkt man, Alabaſterkruſten, vom tropfenden Waſſer erzeugt. Wenn man die Galerie des Boulevard Saint⸗ Jacgues verfolgt, ſo ſieht man die großen Arbeiten des Aquaducts Arcueil, aus Ludwigs XIII. Regierung, und die Vorkehrungen, beſtimmt, den unterirdiſchen Schleich⸗ handel zu verhindern. Im Suͤdweſten korreſpondirt der Weg des Doppelſteinbruchs mit der alten Straße von Orleans, genannt der Hohlweg, wenn man unter dem Aquaduct des Kaiſers Julian durchgeht. Faſt uͤberall finden ſich die Spuren des großen Volks wieder— in alle Ideen von Glanz und Vergaͤnglichkeit miſchen ſich einige Erinnerungen an Rom. . In derſelben Richtung, durch mehrere Kruͤmmun⸗ gen, ſteigt man in die Galerie Port⸗Mahon nieder, nach dem Reliefplane des Forts dieſer Stadt benannt, wel⸗ chen ein invalider Krieger, Decure, in den Stein ge⸗ hauen; er hatte unter dem Marſchall Richelieu gedient, und wurde hier bei den Arbeiten gebraucht; ein Stein⸗ ſturz raubte ihm das Leben, als er noch den Meißel in der Hand hielt, der ihm ſeine alten Feldzuͤge zuruͤckrief. Ein Brunnen, fuͤr die Arbeiter, iſt in dieſen Sou⸗ terrains gegraben worden. Das Waſſer, das aus der dunkeln Umfaſſung uͤberſickert, verliert ſich mit leiſem Geraͤuſch, Tropfen auf Tropfen, wie eine Generation nach der andern. Zuerſt nannte man den Brunnen die Lethequelle und dann die Samariterin, nach einer Stelle des Evan⸗ geliums, die ihm paſſender, als eine mythologiſche An⸗ ſpielung, zur Inſchrift dient. Fiſche/ 145 Fiſche, die man in das Becken geworfen, konnten ſich nicht fortpflanzen— es fehlt die Sonne, das Leben zu befruchten.. Auf einem Piedeſtal, in antik geformter Vaſe, wird Feuer unterhalten, um die Luft zu reinigen; es iſt die Lampe, welche bei den Todten wacht, ohne ihre Aſche zu erwaͤrmen. Eine Mineralien⸗Sammlung bietet der Neugier alle Proben der Erd⸗ und Steinlagen, aus denen der Boden dieſer Gewoͤlbe beſteht. Eh' man bis zu dem Beinhauſe vordringt, kann man auch ein pathologiſches Muſeum beſuchen— traurige Muͤhe, wo das menſchliche Wiſſen nichts lernt, als daß es eitel iſt! Die Vorhalle der Catacomben iſt achtwinklig. Zwei Pfeiler mit einer dichteriſchen Inſchrift bilden die Pforte. Es zeigen ſich noch eine Menge anderer in allen Spra⸗ chen, nach Maßgabe, wie ihr durch die ſchweigende Stadt ſchreitet, deren Straßen und Plaͤtze durch dicke Mauern von Knochen gebildet werden, wo nur Altaͤre und Obelisken von menſchlicher Sprache Zeugniß geben. Leſet die ſo ruͤhrenden, ſalbungsreichen Verſe eines beruͤhmten Satirikers, von dem jener Sarkophag den Namen Gilberts Grab entlehnte. Das Hoſpital vernahm mehr als einmal den Geſang des Schwans: Am Gaſtmahl des Lebens, des Ungluͤcks Gaſt, VEFſchäen ich.— Ein Tagl und ich ſterbe! . 7 Hiier iſt der Pfeiler des Memento, der in zwei Worten das ganze Schickſal des Menſchen darſtellt: Pulvis est! Weiterhin der, welcher den Namen der Clemen⸗ tiniſchen Naͤchte traͤgt, wegen der Inſchriften aus dieſem Gedichte auf den Tod des Papſtes Clemens XIV., dem Voltaire ſeinen Mahomed gewidmet: Sprecht, grauſe Reſte! was iſt nun geblieben Von den geruͤhmten Ehren eures Standes? Der Menſchen ungleichheit, iſt ſie nicht Wahnſinn? Dort auch Suͤhndenkmaͤler: Hos, dum crudelis Discordia sceptra tenebat, Hortatrix scelerum, contemptaque jura jacebant, Saeva caede cohors furiis incensa peremit.. Moͤge die Erde unſern Augen allen Sauerteig der Zwietracht verbergen! Die Geſchichte reicht hin, wenn man ſie zu benutzen weiß. Friede ſei mit den Todten! Eintracht und Vergeſſen mit den Lebenden! An dieſer Staͤtte ſchweben mindeſtens nicht die Erinnerungen des Stolzes uͤber dem Staube, wie auf dem ungleichen Kirchhofe des Pater Lachaiſe, wo die Ariſtokratie der Graͤber herrſcht. Das gaͤnzliche Ver⸗ ſchwinden aller Namen zeichnet die Catacomben von allen andern Raͤumen des Todes aus. Voͤllige Gleichheit! Man unternahm 1777 die Gewoͤlbe der Steinbruͤche zu unterſtuͤtzen, deren Aufſicht viel zu lange vernach⸗ laͤſſigt worden war. Mehrere Haͤuſer waren in ver⸗ — 147 ſchiedenen Erdſtuͤrzen verſchlungen worden. Jetzt cor⸗ reſpondirt jede Straße unten mit einer andern Straße oben, in derſelben Anzahl von Nummern, um ſogleich jeder bedrohten Stelle ſchleunige Huͤlfe zu leiſten. Man ſchuf eine allgemeine Verwaltung, eine Com⸗ pagnie Ingenieure wurde beſonders mit dem Bau der Hoͤhlen beauftragt. Mauern und Gegenmauern ſicher⸗ ten die Dauerhaftigkeit derſelben, welche durch die Ver⸗ groͤßerung unſrer Hauptſtadt nach und nach gefaͤhrdet worden war— das Bild aller Menſchengroͤße, die ſich auf wandelbarem Grunde aufbaut. Andrerſeits hatten die ungeheuern Niederlagen des Todes, welche im Schooße der Stadt nur Hauptherde der Faͤulniß waren, die Einwohner beunruhigt und haͤu⸗ fige Beſchwerden verurſacht. Der Kirchhof der un⸗ ſchuldigen, der Jahrhunderte lang der einzige geweſen, und ſchon 1554 Beſorgniſſe erregte, hatte ſeinen Boden ſchon um acht Fuß gegen den der anliegenden Straßen und Wohnungen erhoͤht. Endlich verordnete 1785 ein Befehl des Staatsraths die Aufhebung dieſes Kirchhofs und ſeine Verwandlung in einen oͤffentlichen Platz. Den 7. April 1786 wurde der Raum der Catacomben mit allem Pomp kirchlicher Feierlichkeiten eingeweiht. So boten dieſelben Steinbruͤche, aus denen Paris ſeine Grundmauern gezogen, der Bevoͤlkerung von mehreren Jahrhunderten eine letzte Wohnung. Dem Kirchhofe der Unſchuldigen folgten bald der 7* 148 von Saint⸗Euſtache und Saint⸗Etienne⸗des⸗Grés. Alle menſchlichen Ueberreſte, in dem weiten Beinhauſe aufgehaͤuft, empfingen dort zum zweitenmale die Ehren des Begraͤbniſſes. Aber hald ſollte die Revolution ihre Opfer hier aufthuͤrmen, die der verſchiedenen Gefechte, im Schooße von Paris 1788 und 1789 geliefert und in den Tuilerien den 10. Auguſt 1792, und die in den Gefaͤngniſſen Niedergemetzelten am 2. und 3. Septem⸗ ber. In demſelben Jahre dekretirte der Convent das Aufhoͤren aller Kirchhoͤfe innerhalb Paris. Mehr als je bedurfte der Tod neuer Schluͤnde! Das lebende Ge⸗ ſchlecht und die ausgeſcharrten Generationen— ſcheuß⸗ licher Anblick!— beeilten ſich gemeinſchaftlich in toller Verwirrung, die einen, zum Grabe zu kommen, die an⸗ dern, wieder hinein zu gelangen. Von 1792 bis 1808 empfingen die Catacomben die Ausbeute von zwoͤlf Kirchhoͤfen; von 1808 bis 1811 alle Knochen, die man durch neue Umgrabungen, zur Waſ⸗ ſerleitung des Canal de l'Ourcg, in dem geweſenen Kirchhofe der Unſchuldigen gefunden hatte; ſpaͤter die des Kirchhofs der Inſel Saint⸗Louis, der Kirche Saint⸗ Benoit; endlich die des Hoſpitals der Dreifaltigkeit, 1813. Man hatte auch alle Grabes⸗Denkmaͤler hinge⸗ ſchafft und in Ordnung mit ihren Inſchriften um den Haupt⸗Eingang der Catacomben aufgeſtellt, welcher das Grab Iſoire oder Iſouard heißt, von einem heruͤch⸗ 149 tigten Naͤuber, der an dieſer Stelle getoͤdtet und ver⸗ ſcharrt ſein ſoll..— An derſelben Stelle hatte man auch einen gemauer⸗ ten Brunnen angebracht, um die Knochen hinein zu werfen. Aber alle dieſe Gegenſtaͤnde frommer Vereh⸗ rung wurden 1793 zerſtoͤrt. Das Grab Iſoire, welches die Stadt Paris an ſich gebracht, wurde als National⸗ gut verkauft und nachdem es zehnmal in zwanzig Jah⸗ ren ſeine Eigenthuͤmer gewechſelt, wurde eine Schaͤnk⸗ ſtube daraus, wie aus dem Kirchhofe Saint⸗Sulpice ein Tanzſaal geworden, wo man uͤber der frommen Inſchrift: Has ultra metas requiescunt, beatam spem expectantes. las: 1 3. Zeybhyrball! Die Catacomben von Paris b 1 1. Meain Fuß drang unter die beruͤhmten Bogen, Die einſt Paris zur Grabesſtatt ließ weihen, Wo abgeſchied'ner Todten ſtille Reihen Den frommen Grund mit Truͤmmern uͤberzogen. Ihr bleiches Licht muß mir die Fackel leihen, Das fluͤchtig vor mir theilt des Dunkels Wogen und am Gewoͤlb' ein Strich, auf g'rader Bahn Der maͤcht'gen Sonne ihren Lauf zeigt an. Der droh'nden Felſenmaſſe Ueberhaͤnge, Formlos zerſtoͤrt, erfuͤllten mich mit Schauern, Und die Natur in ernſter Schoͤnheit Trauern Erhoͤhte dieſer Raͤume duͤſtre Strenge; Das Waſſer, Tropf' um Tropfen aus den Mauern Den Durchgang ſuchend, weckt allein die Klaͤnge Der Echo in der tiefgewoͤlbten Gruft. Und Alabaſter deckt die Felſenkluft. 151 In dieſes Labyrinthes weiten Hallen Bewundert man in wechſelndem Vereine Der alten Roͤmer Spuren an dem Steine Und unſers Frankreichs Arbeit mit Gefallen; Auch Manches beut ſich dar, das nach dem Scheine Der neuern Zeit gehoͤrt, im Fuͤrderwallen— Denn kunſtreich ausgefuͤhrt von Kriegerhand, Erſcheint Port⸗Mahon an der Felſenwand. 2 Halt an! Hier iſt der Catacomben Schwelle! Ich will des Grabesraͤthſels Loͤſung finden, Des Staubes Sphinr im duͤſtern Reich ergruͤnden, — Ein kalter Schreck erſtarrt des Blutes Welle! Voran! Was fuͤrchteſt Du in dieſen Schluͤnden? Droht Dir Gefahr an ſolcher heil'gen Stelle? Der Menſch, der einſt bei ihnen ſein wird muͤſſen, Soll unter Todten auch zu lehen wiſſen. 2 Genug, o Stolz! Erbaͤrmlich, truͤg'riſch Weſen! Koloß, Du biſt nur eines Wahnbilds Schimmer— Die Wahrheit ſteigt auf dieſe Menſchentruͤmmer Wo Alles gleich, wo Rang und Stand geweſen Der bodenloſe Schlund entfuͤhrt auf immer Den Strom der Sterblichen, und nicht zu leſen Iſt auf verſchwund'ner Wogen oͤder Flur So des Jahrhunderts, wie des Tages Spur. 152 Und wag' ich dieſes Grabgewoͤlb' zu fragen: Was beut Gewiſſes deine dunkle Kunde? Den Tod!— Wie! Und ſein Tempel in der Runde Muß dieſe Stadt, die herrlich ſchoͤne, tragen, Den Zauberſpiegel, wechſelnd jede Stunde? O der Contraſt! Paris! Dort oben jagen Die Menſchen raſtlos ſich, wie Ebb' und Fluth— Und unten ew'gen Schlafs die Vorwelt ruht. 3. Paris, das ſtolze Monumente decken, Sein erſter Grund iſt dieſer Hoͤhl' entſprungen. Beſcheiden, rings vom Arm der Sein' umſchlungen, Kaum Herrin ein'ger weit verſtreuten Flecken, Hat es gemach ihr Feld und Moor errungen; Das Louvre waͤchſt, anſtatt der Waldesſtrecken und, folgend ſolcher Arbeit hehrem Lauf, Strahlt unſer Glanz wohl uͤber'm Abgrund auf. Doch, als der hohle Schooß der tiefen Erde Den Vaͤtern einſt ihr Eintagshaus entrichtet, Traͤumt ihnen nicht, daß ſpaͤter dort errichtet Ein Mauſoleum ihrer Aſche werde. Die Leichen, ſeit Jahrhunderten geſchichtet, Mit ihrem Gifthauch weckten die Beſchwerde; Gefuͤllt, doch nicht geſaͤttigt war das Grab— Die Erde nun viel weit're Gruͤfte gab.: 153 und ſchon das Schrecken, ſeine Fackeln ſchwingend, Mit einem blutig grauſen Morgenrothe Die ſchoͤne Flur der Heimath uns bedrohte. Noch mehr Gebein, den Gruͤften ſich entringend/ Stroͤmt dort hinein. Lebendige und Todte, In wirrer Fluth zum off'nen Schlunde dringend, Beeilen ſich, Die: wieder einzugeh'n, und Jene: dort die ew'ge Ruh' zu ſeh'n. 4. Wie rings um euch die Waͤlle ſich erheben, Die Saͤulen von getrockneten Gebeinen, Die grauſen Schaͤdel hoch darauf erſcheinen, Der Doriſchen Pilaſter Stuͤtzen geben Die Zeit Ruine mit des Todes Steinen,— Altaͤre, Trauerzeichen euch umgeben—! Der Welle Flieh'n, des duͤſtern Feuers Licht, Das Alles vom Geſchick des Menſchen ſpricht. und, großer Gott! wie ſuͤndlich kuͤhn beeilen Sie die verhaͤngnißvolle droh'nde Stunde! In blinder Wuth befoͤrdern ſie die Runde Der fluͤchtig kurzen Jahre, die nicht weilen!— Sogar der Tod erſchrak im grauſen Schlunde Vor allen Opfern, blutend unter Beilen, Als, heil'ge Freiheit! deinen Namen gellt Ein blutiges Geſpenſt der bangen Welt. 154 Der Thron verſinkt, man ſieht Schaffotte ragen, Den Scepter der Bourbons vom Schwert zerſchneiden; Der Koͤnig faͤllt, ihn zeiht ſein ſchweres Leiden Der Schwachheit, doch verdient er unſ're Klagen— Konnt' er des Hofes Frechheit nicht vermeiden, Konnt' er nicht herrſchen— lernt' er doch ertragen, Das Bitterſte großmuͤthig zu verzeih'n Und ſtarken Muthes ſich dem Tode weih'n. Im Grab' entgingen doch den Naͤuberhaͤnden Die niedern Opfer— und man kann mit Grauen Die Henkerluſt an Koͤnigsmanen ſchauen, Wie neue Frevel ihre Aſche ſchaͤnden! Seht dort vom Altar blut'ge Tropfen thauen, Ich muß mich ſchaudernd von der Inſchrift wenden: Der zweite des Septembers!— Blut ge Zahl! Wie mahnſt du mich an Tage grimmer Qual! Der Menſch befleckte ſtets durch Grauſamkeiten Die ſchoͤnſte Sache; blut'ge Maͤrtyrtaufen, Sie mußten Freiheit, Religion erkaufen. Ihr ſtillen Graͤber, bergt auf alle Zeiten Die truͤbe Kunde; aus den Truͤmmerhaufen Erwaͤchſt die Freiheit: moͤge ſie verbreiten Die Eintracht unter uns, auf daß fortan Erkalten mag der rauchende Vulkan! E p i 1 g. 1 Lev wohl, o Stadt, die nur die Todten fuͤllen, Du ſtumme Sammlerin erhab'ner Lehren! Mir konnte Wahn und Traͤume nur gewaͤhren Die Welt der Lebenden und wider Willen, Des bittern Irrthums Spielzeug, mußt⸗ ich kehren Mich fragend an den Himmel; doch verhuͤllen Fuͤr uns des Schickſals Buͤcher fort und fort Des Lebens und des Todes ernſtes Wort. O, wie der Welt Geſchrei, der Erde Wehen, Der Heeresſturm, der Sturz der alten Thronen, Die allverheer'nden Revolutionen, Die Siegeswagen— hier ſo ſchwach verwehen! Ich lieb' es, in dem Abgrund tief zu wohnen, Wie auf des oͤden Felſens Wolkenhoͤhen! Fern von der Welt! Da hoͤrts ſich maͤchtig an: „Hiernieden ſchon beginnt die Himmelsbahn!“ 156 1 O, heilt doch eure kind'ſchen Liebeswunden, Den Kummer und Verdruß von wenig Tagen, Lernt Undank nur in Mitleid zu ertragen, Verachtet, die als Neider ſich bekunden, Zerbrecht die Ketten, die am Leben nagen; Der Ehrgeiz wiegt euch ein fuͤr wenig Stunden, Ein eiſern Joch vergoldend; doch hier faͤllt Die Maske und ſein Flug ihn nicht mehr haͤlt. Und Menſchen traͤumen Zukunft, Gluͤck und Ehre!— Gleichwie ein Fluß, der allzueng umſchloſſen, Sich zuͤrnend und verheerend ausgegoſſen, Raſch, ohne Namen, untergeht im Meere— Sind Voͤlker und Geſchlechter ſo verfloſſen, In Gruͤften aufgehaͤuft zur letzten Ehre— Jahrhunderten ein Augenblick geweiht: Hinab zur Ewigkeit ruft Gott die Zeit. Reſtor von Lamarque. Der Pariſer zur See. Pariſer. S. m. Die größte Beleidigung, das gröbſte Schimpfwort für einen Matroſen; ⸗ auf den Schiſſen die Bezeichnung für einen elen⸗ den Kerl und manchmal für einen ſchlechten Kerl. Villaumez, Marinewörterbuch 438. 1. Mathieu Guichard war der Sohn Jean Guichards, des Schloſſers in der Straße Saint⸗Benoit. Mathieu Guichard war ungefaͤhr ſiebzehn Jahr, von mittlerm Wuchs, mager, nervig und blaß; er hatte graue Augen und kaſtanienbraunes, duͤnnes, ſeidenweiches Haar; ſeine Geſtalt verkuͤndigte ein ſeltſames Gemiſch von Liſt und Einfalt, von Lebhaftigkeit und Traͤgſinn; ſein bleigraues, fahles Geſicht hatte die ſchwindſuͤchtige, krankhafte, abgelebte Farhe, welche den Pariſer Kindern 158 aus den niedern arbeitenden Klaſſen eigen iſt. So viel von Mathieu Guichards Phyſiſchem. Was das Moraliſche betrifft, wenn Mathieu uͤber⸗ haupt noch etwas Moraliſches hatte, ſo war Mathieu frech, hoͤhniſch, trotzig, unzuͤchtig, faul und gefraͤßig, tuͤckiſch und hinterliſtig, weil ihm die koͤrperliche Kraft abging; weder unglaͤubig, noch fromm, noch ſkeptiſch, ſondern verteufelt gleichguͤltig in Religionsſachen, und den Namen Gottes rief er nur auf eine ſo abſcheuliche Weiſe an, daß es beſſer geweſen waͤre, ihn gar nicht anzurufen. Aber deswegen muß man wahrhaftig Nichts auf das arme Kind haben; die erſten Worte, welche ihn ſein Vater Guichard, ein alter Kanonier, ſtammeln ge⸗ lehrt, waren die ſchrecklichſten Schwuͤre, welche man ſich nur denken kann. Das war die Erholung, die Freude des alten Soldaten; Abends nach vollbrachtem Tagewerk fand er ein Hauptvergnuͤgen darin, ſich neben die ausgeloͤſchte Schmiede zu ſetzen und Mathieu auf ſeine harte Lederſchuͤrze zu nehmen, wo er ſich dann wie ein Seliger ergoͤtzte, wahre Renegatenlaͤſterungen aus dem Munde des Kindes zu hoͤren, und ſeiner Frau, welche zuweilen vom Beten und der heiligen Jungfrau und dem Kindlein Jeſu zu reden wagte, antwortete: „Ich bin weder getauft, noch eingeſegnet, noch ſonſt etwas; ich habe Dich nur durch einen Civilakt gehei⸗ rathet, und will nicht, daß mein Sohn ein Pfaff oder Jeſuit werden ſoll!“ . 159 Nun, Mathieu taͤuſchte die Wuͤnſche ſeines vor⸗ trefflichen Vaters nicht; er wurde kein Jeſuit, das liebe Kind! 8. Mit zehn Jahren ſtieß er ſeine Mutter mit Fuͤßen, beleidigte alte Leute, ſtahl Naͤgel, um ſie zu verkaufen, that Nichts in der Werkſtatt, empfing glorreiche Puͤffe von ſeinem Herrn Vater und brachte ganze Tage außer dem Hauſe zu. Mit zwoͤlf Jahren hatte Mathieu ſchon, wie man ſagt, die Liebe gekannt, Fenſter eingeſchlagen, Waͤchter gepruͤgelt und war einer der Koryphaͤen des Amphi⸗ theaters im Ambigu und den Funambulen geworden. Solche Abſcheulichkeiten nahmen immer mehr zu, und der Strom ſeiner Ausſchweifungen wurde ſo, daß er Ruf, Ehr' und Habe Jean Guichards zu verſchlingen drohte, der beſagtem Strome vergebens als Damm eine bedeutende Menge ulm⸗ und Eſchenſtoͤcke entgegenge⸗ ſetzt hatte; ſie waren auf Mathieu's Ruͤcken ſaͤmmtlich in Stuͤcke zerſprungen, ohne die geringſte Aenderung in ſeinen Straͤflingsgewohnheiten zu bewirken. Aber gluͤcklicherweiſe entſann ſich Jean Guichard einer naiven Volkstradition, in Frankreich und vorzuͤglich in Paris ſehr gewoͤhnlich, welche darin beſteht, die Marine als eine Art Bagno oder Abzugsgoſſe zu betrachten, in welche man allen geſellſchaftlichen Unrath werfen kann. So, wenn ein Sohn von Familie einen jener entzuͤckenden Streiche begangen hat, die man ungluͤcklicherweiſe nur 160 im Morgenrothe des Lebens unternimmt, ſo verſammeln ſich die hohen Verwandten und beſchließen feierlich, den Don Juan einzuſchiffen und nach den Inſeln zu ſenden, damit er Gott den Herrn erkennen lerne! Wenn ein Straßenjunge das Schrecken des Viertels geworden und kein Ende ſeiner Zuͤgelloſigkeit abzuſehen iſt, bedroht man ihn mit dem Commiſſarius, mit Ge⸗ . faͤngniß, mit Galeeren, und endigt das furchtbare Crescendo damit:„Es bleibt nichts uͤbrig als ihn zum Schiffsiungen zu machen.“ Das verfehlt nicht zu beweiſen, wie hoch man im Allgemeinen dieſen ruͤhmlichen Stand haͤlt. Alſo, eines Morgens trat Vater Guichard in das Bodenkaͤmmerlein ſeines Sohns, der, ich weiß nicht durch welchen Zufall oder welche Unregelmaͤßigkeit der Auffuͤhrung, ſich grade unter dem elterlichen Dache und zwar im Bette befand. Indem er die Augen aufſchlug, entſetzte ſi ſi ch Ma⸗ thieu unwillkuͤhrlich, denn er ſah, daß ſein Vater kei⸗ nen Stock bei ſich hatte. — Er wird mich erdroſſeln! dachte der Elende. —„Hͤre, Mathieu,“ ſagte der Vater ruhig,„Du biſt funfzehn Jahr alt und der nichtswuͤrdigſte Hallunke, den ich kenne; Pruͤgel ſchlagen nicht an, Du wirſt es bis zur Guillotine bringen. Ich bin Soldat geweſen und bin ein ehrlicher Mann, alſo kann das nicht ſo fort⸗ gehen. Du wirſt mit mir nach dem Havre reiſen.“ 161 —„Wann das?“ —„Gleich; zieh' Dich an.“ Mathieu ſagte kein Wort, kleidete ſich an, warf einen verſtohlenen Blick nach der Thuͤre, ging zwei Schritt, und mit Einem Satze war er auf der erſten Treppenſtufe. Doch der Urheber ſeiner Tage hatte ſeine Bewegungen belauſcht, und Mathieu fuͤhlte ſich gepackt von den gewaktigen Faͤuſten des Sehloſſers. —„Nicht ſo raſch, Burſche!“ ſagte dieſer und ging ſeinem Sohne voran in die Werkſtatt. Von dort ſchickte er ſeine ſchluchzende Frau, ein Cabriolet zu holen, und ſtieg mit ſeinem Sohne Mathieu hinein, der eine Thraͤne in ſeinem Auge fuͤhlte, als er ſeine Mutter neben der Schmiede knieen ſah und weinen— nein, weinen, um die Seele zu zerreißen! —„Kutſcher, nach der Schnellpoſt⸗ Etpebicinnt⸗ ſagte Jean Guichard. Aus dem Cabriolet ſtieg Mathieu in die Diligence, von ſeinem Vater begleitet, der ihn nicht einen W Nnati blick verließ. Andern Tages war man in Havre. Es giebt in jedem Handelshafen Gaſtwirthe, welche brodloſe Matroſen auf Credit bekoͤſtigen und beherbergen. Wenn ſie Anſtellung finden, bezahlen ſie, was ſie dem Wirthe ſchuldig ſind, und wenn ſie von der Seefahrt wiederkommen, verzehren ſie bei ihm, was ſie auf ihrem Feldzuge erbeutet haben; dann folgt dem Baaren wieder 7** der Credit, und das beginnt immer von Neuem, bis eine Klinge vom Kap Horn oder ein Windſtoß unter den Wendekreiſen dieſem Wechſel von guten und boͤſen Tagen ein Ziel ſetzt. In ſolche Wirthshaͤuſer kommen nun die Offiziere der Handelsmarine, um ihre Mannſchaft zu rekrutiren. Der Conducteur der Schnellpoſt, dem Jean Gui⸗ chard ſein Vorhaben mitgetheilt, wies ihn demzufolge an den Gaſtwirth zum Tau ohne Ende und gab ihm einige Inſtruktionen. Man ſperrte Mathieu vorlaͤufig in eine kleine, ge⸗ hoͤrig verriegelte Kammer, welche erſt andern Morgens gegen 9 Uhr geoͤffnet wurde. —„Da iſt das gute Subiekt,“ ſagte Jean Gui⸗ chard im Eintreten zu einem ziemlich ſtarken, unter⸗ ſetzten, braunen, tiefgefaͤrbten Manne, indem er ihm ſeinen Sohn zeigte. —„Es iſt nur,“ ſagte der ſtarke Mann,„dieſer Taugenichts wird nicht einmal gut genug ſein, um meinem Schiffsjungen die Pfeife anzuzuͤnden, wenn mein Schiffsiunge rauchte— —, Sie haben mir aber doch verſprochen, Capitain—“ —„Was ich verſprochen habe, werde ich halten; der Wind iſt guͤnſtig, ich fahre um eilf Uhr ab, jetzt iſt es neun; Allons— Pariſer, der Name paßt fuͤr Dich, aber ich werde Dich umtaufen, in zwei Tagen ſollſt Du der Lendenlahme heißen.“ 163 Mathien Guichard begriff vollkommen, was ihm beſchieden war. Er ſuchte mit bewundernswuͤrdiger Schnelligkeit alle Moͤglichkeiten durch, zu fliehen oder dem Willen ſeines Vaters ſich zu widerſetzen, und da er keine fand, ſo ergab er ſich drein. „Nun, Mathieu!“ ſagte Jean Guichard zu ihm, beſſere Dich, umarme mich, werde ein ordentlicher Menſch, dann ſollſt Du uns wiederſehen— —„Niemals,“ antwortete Matthieu, indem er ſich der letzten Umarmung ſeines Vaters entzog, und die Melodie:„Du kriegſt meine Roſe nicht“ pfeifend, folgte er dem Capitain auf den Ferſen. —„Aber wenn er nicht wieder zuruͤckkaͤme!“ dachte der Schloſſer.„Bah!“ rief er endlich.„Er iſt gut zu Neſte gewoͤhnt.“ Gleichwohl war Jean Guichard lange Zeit traurig. 2. Die Charmante⸗Louiſe, Brigg von 189 Tonnen, fuͤr Fernambuco beladen, war ſeit fuͤnf Tagen von Havre abgereiſt, den einzigen Erben der Familie Gui⸗ chard mit hinwegfuͤhrend. Denn Mathieu Guichard war wohl und gebuͤhrend eingeſchifft und befand ſich als Schiffsiunge an Bord. Dieſer Typus und Prototypus der Pariſer Volks⸗ maſſe, die man, ich weiß nicht warum, Maulaffen und Bewunderungsſuͤchtige genannt, wunderte ſich uͤber gar 164 nichts, weil er uͤberall Analogien fand; als ein Ma⸗ troſe ihm den Hauptmaſt der Brigg zeigte und ſprach: „Da wuͤrdeſt Du Dich wohl nicht aufhiſſen koͤnnen, Pariſer!“ antwortete Mathieu mit veraͤchtlicher Miene: „Schon bekannt! Ich habe zwanzig Mal eine Klet⸗ terſtange, ganz mit Seife beſchmiert, erſtiegen, und das iſt ein wenig anders, als hier auf all' den Stricken bequem hinaufgehen.“ Da man ſeine Geſchicklichkeit in Zweifel zu ziehen ſchien, war der Pariſer mit der Behendigkeit eines Eichhoͤrnchens auf der Spitze des Hauptmaſtes, ohne das Katzenloch zu benutzen und ließ ſich, ſtolz wie ein Seiltaͤnzer, am Stag des Haupt⸗ maſtes nieder.— —„Was hat mir denn ſein Thier von Vater vor⸗ geplaͤrrt? fragte ſich der Capitain, als er Mathieu's Geſchicklichkeit ſah.„Er hat wahrhaftig kein ſo uͤbles Anſehen, der Herr Sohn— Der Wind war friſch und der Wellenſchlag ziemlich ſtark; die Matroſen erwarteten den Pariſer ſeine Hem⸗ den zaͤhlen zu ſehen; keineswegs: der Pariſer hatte nicht den kleinſten Anfall von Seekrankheit, nagte ſeinen Zwieback, zerriß ſein Rindfleiſch mit eiſernen Zaͤhnen, trank zwei Portionen Wein, weil er eine einem andern Ma⸗ troſen geſtohlen, und ging nach dem Vordertheil, ſeine Pfeife zu rauchen. —„Das Rollen thut Dir alſo Nichts, Wildfang?“ ſprach ein Seemann zu ihm ſehr piquirt; denn er rech⸗ 165 nete nicht allein darauf, des Anblicks der Zuckungen des Pariſers zu genießen, ſondern auch ſeinen Wein zu trinken, waͤhrend er durch die Seekrankheit abgeſpannt ſein wuͤrde. G —„Schon bekannt!“ erwiederte Mathieu kalt, zwiſchen zwei Rauchſtoͤßen;„ich habe zu oft in den Champs⸗Elyſées Wippen geſpielt und in der ruſſtſchen Schaukel geſeſſen, als daß mir dergleichen etwas thun koͤnnte— G Und dieſe Antwort war von ungeheuern Dampf⸗ wirbeln begleitet, welche den Pariſer einen Moment vor Aller Augen verbargen. 3 Aus dem Rauche, der ſich zertheilte, tauchte die laͤchelnde Geſtalt des Capitains hervor; er hatte Alles gehoͤrt und bei ſich geſagt:„Der Vater iſt entſchieden ein alter Eſel und ſein Sohn mehr werth als er.“ Sogleich auch ſprach er zu Mathieu: —„Von heut an, mein Sohn, biſt Du nicht mehr Schiffsiunge, ſondern Noviz.“ —„Wie Sie wollen,“ ſagte Mathieu gleichguͤltig. Am folgenden Tage, als der Capitain, der Alles ſah, nur die fuͤnf Matroſen von der Wache auf dem Verdeck bemerkte, ſtieg er in das Afterverdeck hinab, und blieb ſtehen, als er dem Bug nahte, denn er hoͤrte einen großen Laͤrm von durcheinander ſchreienden Stimmen. Es war abermals der Pariſer. 3 —„Der Lump iſt ohne Weiteres Noviz gewor⸗ 166 den; das iſt eine Ungerechtigkeit, er muß gekielholt werden!“ —„Das koͤnnt Ihr thun, wenn Ihr wollt,“ ſagte der Pariſer mit graͤßlichen Fluͤchen und Laͤſterungen; „aber ich werde mich raͤchen; ich bin allein, aber das iſt ganz egal— kommt mir nicht nah'!“ —„Was, Du Schuft?“ ſchrie ein Redner;„wie kannſt Du Dich unterſtehen, nicht die Seekrankheit zu kriegen? Und Dich ſo ſchnell zur Maſtſpitze aufzuhiſſen als wir? Hes das iſt ein Kniff, um den Vorgeſetzten zu ſchmeicheln—“ „Ja, ja!“ ſchrieen die Andern im Chor.„Er thut es mit Willen!“ —„Hoͤrt,“ ſagte der Pariſer,„wenn Einer von Euch, ein Einzelner, etwas mit mir zu thun haben will, ſo nehmen wir Jeder eins von dieſen ſpitzigen eiſernen Dingern(er zeigte Splitzeiſen) und machen die Sache wie brave Jungen ab.“ —„Geht an!“ ſagte der Redner. 1 Es iſt entſchieden der Vater, der gekielholt zu wer⸗ den verdient! dachte der Capitain; der Sohn iſt ein treffliches Subjekt. Und der Chef trat mit ſeinem Anſehen ins Mittel, der Streit hoͤrte auf; aber des Abends fand der Kampf Statt und ſchlug zum Vortheil des Pariſers aus. Nachdem er ſich ſo gut aus dieſen wiederholten Pruͤfungen gezogen, wurde der Pariſer fortan nicht 167 mehr an Bord beunruhigt und genoß der Achtung ſeiner Vorgeſetzten und der Freundſchaft ſeiner Kameraden. 3. 892 Wenn Mathieu Guichards Capitain mit etwas analytiſcher Faͤhigkeit begabt geweſen waͤre, ſo haͤtte er gewiß ein Mittel gefunden, ſie zu uͤben, indem er den Charakter ſeines Matroſen ſtudirte; aber der treff⸗ liche Capitain analyſirte wenig oder vielmehr gar nicht: er begnuͤgte ſich, Mathieu zu ſchlagen oder mit Gunſt⸗ bezeugungen zu uͤberhaͤufen, je nachdem Mathieu Gutes oder Uebles von ihm verdient hatte. Ohne von der Wirkung zur Urſache zuruͤckzugehen, betrachtete er nur das Reſultat, und wenn er ſeine Rechnung machte, fand er allemal als Facit einen Fauſtſchlag oder ein Glas Grog.. Es waͤre uͤbrigens ſehr ſchwer geweſen, ſeit den zwei Jahren, daß Mathieu auf der Charmante⸗Louiſe diente, ganz genau anzugeben, ob die Balance zu Gunſten des Fauſtſchlags oder des Grogs ſtand; denn der Teufelskerl hatte dabei weder gewonnen noch ver⸗ loren, und eine Seele, welche jung in die austrocknende Luft von Paris getaucht worden, laͤuft an und bleibt ewig wie ſie iſt.. 1 Daher hatte auch Mathieu dieſe ſorgloſe Faulheit, gepaart mit augenblicklicher kraftvoller Thaͤtigkeit be⸗ wahrt, welche ſeine Race charakteriſirt, dieſe fieberiſche 168 Exaltation, welche einen ungeheuren Graben uͤber⸗ ſpringen laͤßt, aber nicht die geduldig anhaltende Kraft, welche dazu gehoͤrt, einen Berg zu erklimmen. Handelte es ſich um ein muͤhevolles Mandver bei ſchoͤnem Wetter, o! da war der Pariſer ſchlaff, un⸗ thaͤtig, ſchweigſam; aber wenn der Wind in die Segel pfiff und der Donner grollte, war es, als ob das Ge⸗ witter, auf ſeine reizbare Organiſation zuruͤckwirkend, ſeine Kraft und Energie verhundertfachte: dann war der Pariſer auf allen Nagen, denn es galt nicht, eine Laſt aufzuheben oder muͤhſam ein Ruder zu handhaben, ſondern nur ein Tau zu kappen. Freilich ging es ums Leben, aber es war nicht fatigant, und der Pariſer zeigte ſich ſo kalt und ruhig wie ein alter Matroſe. Kam wieder ſchoͤnes Wetter, ſo wurde der Pariſer, was er geweſen, was er iſt und ſein wird: faul, frech, ſpöttiſch; denn er hatte den lebendig pittoresken Geiſt unſrer Straßen, liſtig, weil er ſchwach war, obgleich er ſchon ein beſondres Uebergewicht uͤber die Mannſchaft und ſelbſt den Capitain gewonnen hatte. Auch konnte man den verdammten Pariſer immer⸗ hin in Ketten und Taue legen oder mit Schlaͤgen faſt raͤdern— er verlor dadurch nicht einen Witz, nicht einen Biſſen, nicht eine Stunde Schlaf. Der Schlingel aͤffte Jederman nach; wollt ihr den Capitain ſehen? da iſt der Capitain mit ſeiner heiſern Stimme, ſeinem Pulggeſchloſſenen Auge und ſeinem 3 Lieb⸗ — 9 169 Lieblingsfluch; gebt dem Pariſer den grauen Ueberrock und den gewichsten Hut des Capitains, und das Abbild waͤre frappant.— Wollt ihr den Meiſter Koch ſehen? da iſt der Meiſter Koch, er iſt es, das iſt ſein ſchiefes Bein, ſein albernes Stottern!— 3 Und die Trinklieder! die Romanzen! und die Brok⸗ Fen von Scenen aus Komoͤdien, Melodramen, komiſchen Opern, welche der Pariſer entzuͤckend herſagte, indem er Ton, Stimme und Gebehrde der Schauſpieler nach⸗ ahmte! 4 Auch lachten Matroſen und Capitain bis zu Thraͤ⸗ nen und hatten nur noch Kraft zu ſagen: Sackerm— Pariſer, geh! 8 Es war nicht zum Aushalten: man vergaß das Mandver, der Steuermann lenkte ganz verkehrt, man ſchlief nicht mehr an Bord, wenn der Pariſer erzaͤhlte, die Hangematten wurden leer und man mußte die na⸗ tuͤrlichen guten Geſtalten der Matroſen ſehen, die, um ihn her gedraͤngt, mit aufmerkſamer Miene und unge⸗ ſtoͤrter Ernſthaftigkeit die Geſchichten und Luͤgen des Pariſers anhoͤrten. Und dann fuhr der Pariſer fort ſich uͤber Nichts zu wundern. Die Matroſen hatten auf die Kolonieen gewartet; ſie rechneten auf die Wirkung der Neger, der Palmen, der Cocosbaͤume, des Zuckerrohrs— keines⸗ wegs! das ewige: Schon bekannt: ſtuͤrzte alle weiſen Varatſiahten uͤber den Haufen. Der Pariſer hatte . 8 170 Neger bei Robinſon, Palmen im Pflanzengarten geſehen, fuͤr zwei Sous Zuckerrohr auf dem Pontneuf gekauft und eine Cocos ausgehoͤhlt, um ſeiner Geliebten eine Taſſe zu machen. Was ſollte man mit einer ſo ency⸗ klopaͤdiſchen Organiſation anfangen? Schweigend be⸗ wundern. Das that denn auch die Schiffsmannſchaft. 4. Es war ein Sonntag. Die Charmante⸗Louiſe, welche ſich gewoͤhnlich auf Reiſen nach den Antillen beſchraͤnkte, war nach einer ziemlich guten Seefahrt fuͤr Cadix ausgeruͤſtet worden. Sie brachte Bordeaux⸗ Weine und ſollte Ferez⸗Weine zuruͤckbringen. Der Pariſer, gegen die Kolonieen, die Negerinnen und Mulattinnen ganz abgeſtumpft, war nicht boͤſe, ſich ein wenig zu veraͤndern, wie er ſagte, und kaum war die Brigg, Bord am Quai, nah am Seethore befeſtigt, als mein verdammter Mathieu, dreißig Fran⸗ ken reich, mit Einem Satze ans Land ſprang. Er war haͤuptlings mit einem kleinen Strohhut von ſchmalem Rande und niedriger Form geziert, ſonſt aber mit weißen Pantalons und einer blauen Jacke mit Anker⸗ knoͤpfen angethan, und eine große Koralle, das Liebes⸗ zeichen einer Dame des Forts Royal auf Martinique, hielt ſeinen Hemdkragen. Es iſt unmoͤglich, zu leugnen, daß der Pariſer mit einer wunderbaren philologiſchen Faͤhigkeit begabt 171 1 geweſen war. Sein Verfahren, ganz einfach, ſetzte ihn in Stand, alle Schwierigkeiten der Sprachen und Mundarten ohne Ausnahme zu loͤſen. 3 Seine Methode war folgende: Hatte er einen Eng⸗ laͤnder nach dem Wege zu fragen, ſo ahmte der Pariſer ſo gut wie moͤglich das laͤcherliche Patois nach, das man den Inſelbewohnern in all' unſern Poſſen unter⸗ legt. Wandte er ſich an einen Deutſchen, ſo erlitt ſein Aeccent eine leichte Modification, bei einem Italiener, Amerikaner, daſſelbe. Man muß freilich auch ſagen, daß die Methode zuweilen unvollkommen blieb, daß oft Fremde, welche ihn vielleicht verſtanden haͤtten, wenn er klares Franzoͤſiſch geſprochen, bei ſeinem unverſtaͤnd⸗ lichen Geſchwaͤtz taub ſchienen. Dann uͤberredete ſich der Pariſer, daß es boͤſer Wille, ſchlechte Erziehung oder Nationaleiferſucht ſei. Jedenfalls iſt ausgemacht, daß Mathieu die ſchuͤchterne Verlegenheit nie empfand, welche der Fremde immer in einem Lande fuͤhlt, deſſen Sprache er nicht kennt. Auch ſchritt der Pariſer ſo feſt und dreiſt durch das Seethor in Cadix ein, als ob er ſieben Jahr in Bada⸗ joz oder Toledo uͤber der Grammatik von Rodriguez y Berna blaß geworden waͤre.. Mathieu gelangte auf den Fiſchmarkt, und der An⸗ blick geſtel ihm, dieſe belebte Menge, die maleriſchen Trachten, die Maͤnner in kleinen Huͤten und langen braunen Maͤnteln, die Frauen aus dem Volke in Atlas . 8* 172² und Seide beſchuht, die kleinen Fuͤße, die kurzen Roͤcke, die eng an die Huͤften ſich anſchließenden Basquinas, die natuͤrlichen Blumen, geſchmackvoll im reichen ſchwarzen Haare verſtreut, endlich, was ſoll ich ſagen? der Tritt, die Gangart, kurz das Salero, Alles das erregte hoͤchlichſt die Aufmerkſamkeit des Pariſers, der in Gedanken dieſe andaluſiſchen Schoͤnheiten mit den farbigen Toͤchtern der Antillen verglich und ſich nicht beeilte, ſeine Parallele zu ſchließen, weil ihm die wirk⸗ lichen Thatſachen fehlten. Als er unter einer Treppe voruͤberging, welche auf den Wall fuͤhrt, erhob er die Augen und ſah auf der Haͤlfte dieſer Scala eine Spanierin, welche ſehr raſch die letzten Stufen erſtieg; ihr ſchnelles Heraufgehen erlaubte dem Pariſer, eine gedrechſelte Wade und einen andaluſiſchen Fuß zu ſehen; er lief die Treppe eben ſo ſchnell hinauf, und wie er uͤberhaupt mehr Dreiſtigkeit als Schuͤchternheit beſaß, naͤherte er ſich dem jungen Maͤdchen ſehr vertraut— denn es war ein junges huͤbſches Maͤdchen—, ſah dem huͤbſchen Maͤdchen grade ins Geſicht, und da er nicht wußte, auf welche Weiſe er ſeine Sprache entſtellen ſollte, um daraus ein ſpaniſches Kauderwelſch zu bilden, begnuͤgte ſich mit einem Inſinitiv und ſprach:„Spa⸗ nierin, Ihr ſehr ſchoͤnes Weib ſein!“ Das junge Maͤd⸗ chen erroͤthete, fing an zu laͤcheln und verdoppelte ſeine Schritte, indem es die Mantilla niederließ. —„Wo Teufel haͤtte ich mein Spaniſch gelernt?“ fragte ſich der Pariſer, in der feſten Ueberzeugung, ver⸗ ſtanden zu ſein, und verfolgte ſeine neue Eroberung mit großen Schritten. Sie ſtieg dem Zollgebaͤude gegenuͤber hinab, wandte ihr Koͤpfchen, ſah den Pariſer an, und ſchritt uͤber den kleinen Platz de la Torra, nahe dem Eingange der Straße Tideo. Der Pariſer, feurig aufgeregt, enthuſtasmirt, ent⸗ zuͤckt, will folgen.— Eben biegt er in die Straße, da laſſen ſich Kirchengeſaͤnge hoͤren und ein langer Zug blauer Poͤnitenten wallt aus einer nahen Gaſſe hervor. An der Spitze des Geleits erſchienen lange Kerzen und Panniere, dann kamen Reliquien mit ihren koͤſtlichen Behaͤltern, und Blumen und das Allerheiligſte und der Gobernador. Kurz, es war eine feierliche Prozeſſion, um vom Himmel ein wenig Waſſer zu erflehen; denn die Duͤrre war ſchrecklich im Jahr der Gnade 1829. Der Pariſer, ſtatt ſich zu der frommen Menge zu geſellen, ſtieß eine ſchauderhafte Laͤſterung aus, denn die Prozeſſion verſperrte ihm den Weg, und er fuͤrchtete, ſeine Andaluſierin mit den ſchwarzen Wunderaugen aus dem Geſichte zu verlieren. Die Volksmenge entbloͤßte die Haͤupter beim erſten Schnurren der Klapper eines weißen Moͤnchs, der den Zug eroͤffnete. Der Pariſer behielt den Hut auf, hob ſich auf den Fußſpitzen, ſtreckte den Hals aus, hielt die Hand zum 174 8 Schirm uͤber die Augen, und ſah Nichts, weder die ſchwarze Mantilla, noch die blau und weiße Blume an der Seite des uͤppigen, ebenholzſchwarzen Haarneſtes. Es kam ein zweiter Moͤnch, aber ein grauer, der trug eine Laterne, auf deren Glasſcheiben menſchliche Figu⸗ ren mitten in Flammen gemalt waren. Er zeigte ſie in einer Hand und reichte mit der andern eine Spar⸗ buͤchſe umher fuͤr die Seelen im Fegefeuer. Die Umſtehenden warfen ſich auf die Kniee, Einige gaben Etwas, aber Viele fluͤſterten und zeigten ſich den Pariſer, der ſich an den Ruͤcken des Laternen⸗ mannes ſtemmte, um ſich groͤßer zu machen und zu ſehen, ob er nicht ſeine Andaluſierin bemerken koͤnnte. In dieſem Augenblick erregte ein koſthares, von Edelſteinen funkelndes, Goldkaͤſtchen, welches den Arm des heiligen Sereno enthielt, die allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit und Andacht. Nur der Pariſer blieb aufrecht ſtehen und unterbrach die fromme Stille durch einen, der Pariſer Volksmenge eigenthuͤmlichen, Schrei, den man zuweilen in den Theatern der Boulevards gel⸗ len hoͤrt. Es war, weil der Pariſer die ſchwarze Mantilla nebſt der blau und weißen Blume bemerkt zu haben glaubte, und er lockte auf ſeine Weiſe. Dieſer wilde, ungewohnte Kehlton, die Entweihung der Andacht, riß alle Haͤupter zugleich empor. Da ſah man denn, daß der Pariſer allein aufrecht und bedeckt vor Sanct Sereno's Arm geblieben, und es ent⸗ ſtand ein Gemurmel des Unwillens, anfangs dumpf und leiſe, bald aber furchtbar, als das Volk bemerkte, daß der Pariſer eine freche, unverſchaͤmte Miene an⸗ nahm. Das Alleerheiligſte nahte, ſchon ſah man die goldnen Frangen in der Sonne blitzen, die Federn wallen; der Weihrauch fuͤllte die Luft mit Aromen, und fernher toͤnte Muſik, und die klangreichen Stimmen der Moͤnche de la Merced ſangen die ſchoͤnen bibliſchen Hymnen. 4 Die Zeit draͤngte, der aufgeregte Pariſer hielt Stand, ſchlug ſeinen Hut feſt auf den Kopf, ſtemmte beide Haͤnde in die Seiten und ſchwur mit fuͤrchter⸗ lichen Gotteslaͤſterungen, daß man nicht das Recht habe, ihn niederknieen zu heißen. Das Allerheiligſte war ganz nah'; ein Andaluſier von gewaltiger Statur rang mit dem Pariſer; der ſprang einen Schritt zuruͤck, ſiel zu den Fuͤßen des Erzbiſchofs und ſtieß ihn heftig an. Da ſchrie man: Sacrilegium! Ketzer! Franzoſen! Der Tumult wurde fuͤrchterlich, und trotz des wehrenden Prieſters nahm der Streit den Charakter der Wuth an, die Meſſer blitzten und— um den Pariſer war es geſchehen. unſer Konſul ließ die Sache unterſuchen; es wurde bewieſen, daß die Veranlaſſung von Seiten des Pari⸗ ſers gekommen, und der Capitain konnte keine Genug⸗ thuung erhalten. 176 Im ſchlechten Wetter, bei heftigen Stuͤrmen, ver⸗ mißte man den Pariſer nicht ſonderlich. Aber wenn das Meer ſtill war und die Charmante⸗ Louiſe ganz ruhig ihre ſechs Knoten bei gutem Winde zuruͤcklegte, da merkte man noch lange nachher, daß Etwas an Bord fehlte, und die Matroſen zeigten ſich mit bedauernder Miene einen Huͤhnerkaͤfig auf dem Vordertheil, denn auf dieſen Kaͤfig ſetzte ſich der Pa⸗ riſer gern, um zu erzaͤhlen. 4 Seit ſeinem Tode ehrten die Matroſen den Kaͤfig; der Kuͤnſtler am Bord hatte zwei Anker unter einem Tabaksbeutel darauf geſchnitzt, und der Abſchnitt des ſinnbildlichen Wappenſchildes trug die Inſchrift: S— Pariſer! wie haſt Du uns zu lachen gemacht! Als Vater Guichard den Tod ſeines Sohnes er⸗ fuhr, weinte er ſehr; aber was ihn einigermaßen troͤſtete, war, daß Mathieu, der nach ſeinen Grundſaͤtzen das Gluͤck gehabt, weder getauft, noch eingeſegnet, noch ſonſt etwas zu ſein, wie er ſagte, auch nicht als Jeſuit geſtorben war. Eugen Sue. —xx; —— Der Plat——. — Ibam forte via sacra. Horat. Wie ſoll man ihn nennen? Bei all' ſeinen Namen iſt er doch namenlos, wie jenes Piedeſtal ohne Bild⸗ ſaͤule, jener Triumphbogen ohne Widmung, ohne Hel⸗ den, jener Tempel ohne Gott! Unter all' ſeinen Namen, welchen annehmen?— Ludwigs des Funfzehnten? Man verwirft ihn, und gewiß, ich haͤnge auch nicht daran: er war nur gut, anzudeuten, daß dort die Monarchie untergegangen iſt, daß ſie ſich durch das Maͤrtyrthum aus ihrer Schmach wieder emporgehoben und in ihrem reinſten Blute die ſchimpflichen Flecken abgewaſchen hat.— Den der Revolution? Man graͤbt ihn in der That wieder aus: waͤre es, weil die ganze Revolution in dem Blute geweſen, das auf dem Pflaſter, wo wir 178 ſtehen, vergoſſen worden, und daß es ihr Ruhmes⸗ anſpruch iſt, Muͤnzen durch Henkershand hier geſchla⸗ gen zu haben?— Den der Eintracht endlich? Ha, nur keinen Hohn an ſolcher Staͤtte! Eintracht? O betrachtet doch das Schauſpiel, das euch umgiebt! Seht doch, oh unſer Frankreich ſich uͤber ein Gefuͤhl, uber einen Willen, uͤber eine Einweihung einigen kann. Warum, von allen Seiten, dieſe Ruinen? Ruinen von geſtern, Ruinen von Denkmaͤlern, welche zerſtoͤrt ſcheinen, ohne je vollendet geweſen zu ſein! Woher all' dieſe Stein⸗ haufen, die zu unſern Fuͤßen zerſtreut liegene Was wollen alle dieſe geſchwaͤrzten Geruͤſte ſagen, welche jede Regierung, welche voruͤber geht, Sorge traͤgt, um ein Stockwerk zu erweitern, damit die Steinſchich⸗ ten verruͤckt werden, welche die vorhergehende ſo muͤh⸗ ſam aufgethuͤrmt? Es iſt das Bild der letztverfloſſenen vierzig Jahre, es iſt unſre Geſchichte, aufgepraͤgt unſern eingeſtellten Arbeiten, unſern wechſelnden Schoͤpfungen. Auf dieſem verhaͤngnißvollen Platze hat es nichts Feſt⸗ ſtehendes gegeben, als die Schaffotte. Sie allein ſind funfzehn Monate hindurch hoch aufgerichtet geblieben. Zuerſt war die Reiterſtatue Ludwigs XV. Man hatte den Einfall, ſie auf vier Tugenden zu ſtuͤtzen, welche als Karyatiden gebogen und wie Sklaven oder Beſiegte des Alterthums gebuͤckt waren. In der That mußten ſie unter dem Gewichte ſo vieler Laſter und Ausſchweifungen einſinken. Lange Zeit ſchien das 1 1 vollendete Denkmal das Licht zu ſcheuen, ein ſcham⸗ hafter Schleier verbarg es allen Augen. Ludwig XVI. ließ es endlich einweihen. Er war das Opfer, das dem⸗ jenigen Ehre erzeigte, fuͤr den es buͤßen ſollte. Aber das ſchimpfliche Bild hatte keine lange Dauer. Der Herr⸗ ſcher, welcher, die Monarchie in Frankreich bis ins innerſte Mark verderbend, nur Einen Wunſch hatte: daß ſie ſo lange leben moͤchte wie er, konnte nicht er⸗ warten, daß ſein Ehrendenkmal ſie uͤberleben wuͤrde. Auf Ludwig XV. folgte— nach einer geheimnißvollen Ge⸗ rechtigkeit— die Freiheit, die Freiheit von damals, die Freiheit mit der phrygiſchen Muͤtze und dem ehernen Beile, die Freiheit, welche den Tod auf alle Staͤnde ſchleuderte, wie Ludwig XV. die Schande,— die dema⸗ gogiſche Freiheit, der himmliſchen Strafen fuͤrchterliche Vollſtreckerin. Das unheimliche Bild uͤberragte das Schaffot, das an ſeinem Piedeſtal aufgerichtet, es war die Gottheit, auf ihrem Altare ſtrahlend. Endlich fiel der blutige Opferheerd. Es kam der Mann, der im Schooße der Revolution geboren war, um ſeine Mutter zu haſſen, zu bekaͤmpfen und in Feſſeln zu ſchlagen. Er ſturzte die Freiheit, ohne daß man ſagen konnte, ob er die Ausſchweifungen, welche ſie geheiligt, oder ihren Namen und ihre Rechte mehr verabſcheute. An die Stelle des niedergeworfenen Idols kuͤndigte er, ich weiß nicht welche Saͤule an, von der die Pariſer ein nichtiges Modell bewunderten, ohne daß ſie jemals . 180 errichtet worden waͤre. Spaͤter verordnete die Reſtau⸗ ration ein Monument, dem daſſelbe Schickſal beſchieden war. Sie hat nur den Anſchlag, die Beſtellung, die Geld⸗Anweiſungen und die Bretter⸗Umzaͤunung gelie⸗ fert, die treue Zier aller unſrer oͤffentlichen Plaͤtze, das Grabtuch, mit dem wir prophetiſchen Geiſtes alle unſre Schoͤpfungen umhuͤllen. Von fern ſeht ihr das veroͤdete Piedeſtal ragen, das auf ſeiner Marmorplatte den Na⸗ men der Charte mit Kohle geſchrieben zeigt und eine dreifarbige Fahne auf ſeinem weißen Sockel traͤgt. Es war wohl der Muͤhe werth, daß Karl X., den Tag nach der ſpaniſchen Expedition, an der Spitze der hoͤch⸗ ſten Staats⸗Behoͤrden, mit allem Pomp der Religion und des Sieges, den erſten Stein eines Suͤhndenkmals fuͤr die Manen des koͤniglichen Maͤrtyrers legte! Die⸗ ſer Pomp, das Geluͤbde, der Koͤnig und ſeine Monar⸗ chie, das Alles iſt verſchwunden. An ſeiner Stelle weht die dreifarbige Fahne. Beſſer berathen, ſcheinen wir gegenwaͤrtig noch zu keinem Entſchluſſe gekommen zu ſein, ob wir Ludwig XV., Ludwig XVI. oder die Frei⸗ heit wiederherſtellen ſollen. Dieſe harrenden Steine, die Planken, die halb zugehauenen Bloͤcke, kurz dieſe Ruine— das Alles hat Ausſicht, lange ſtehen zu bleiben. Die Wandelbarkeit des Orts hat ſich ſogar auf die Gebaͤnde ausgedehnt, deren Anſicht den Platz ziert. Nirxends koͤnnen die Blicke zu etwas Vollendetem ihre Zuflucht nehmen. Vor uns entfaltet ſich die alte Ko⸗ ¹ ¹ 181 nigswohnung, allein unveraͤnderlich, weil ſie nicht aus unſrer Zeit iſt. Die Tuilerien bilden die Grenze zwi⸗ ſchen dem antiken und modernen Paris, zwiſchen den alten und neuen Sitten, die Grenze zweier Welten. In dem getreulichen Karavanſerai der Macht haben nach und nach alle Regierungen die Gaſtfreundſchaft genoſſen, der Convent, das Kaiſerreich, das alte Koͤnig⸗ thum wie das neue, ohne daß die von Jahrhunderten geſchwaͤrzten Mauern den Eindruck der Revolutionen angenommen haͤtten, welche ſie beherbergten. Die Spur einer Kugel vom Juli 1830, in eine der Saͤulen tief eingeriſſen, hat Reparaturen noͤthig gemacht; der uralte Pallaſt mußte eine Wunde aus unſern Kaͤmpfen haben. Zur Rechten iſt der Pallaſt der Deputirten im Bau begriffen. Inmitten der Wohnung der Condé's erhebt ſich die Tribuͤne. Die Revolution baut auf den erſten Grundſtein, den Herr de la Bourdonnaie gelegt hat. Hier iſt eine Monarchie niedergeworfen, eine andere aufgerichtet worden. Der alte Saal hat ſich dieſen Moment zum Einſturz erſehen. Der Quai und alle ſeine Zugaͤnge ſind mit Truͤmmern und Schutt bedeckt, und'Hopital, d'Agueſſegu, Montesquien, welche wir vor wenig Jahren haben einweihen ſehen, zeigen ſchon eine altersgruͤne Stirn, als ob, ſelbſt fuͤr ſteinerne Weiſe, Jahre wie die unſrigen, ſo ſchwer ins Gewicht fielen wie lange Jahrhunderte! Weiterhin der Triumphbogen des Sterns! Weiß er * 18² noch, welche Triumphe er der Nachwelt zu verkuͤnden beauftragt worden iſt? Zuerſt war es Wagram, ſpaͤter wurde es el Trocadero. Heute muß man ſich, ſtatt an den Ruhm, an die Statiſtik wenden, wenn es ſich um dergleichen handelt. Ein Bericht, den ich im Moni⸗ teur geleſen, ſpricht davon, das koloſſale Denkmal mit den Statuen unſrer vier und achtzig Hauptſtaͤdte zu be⸗ laden. Das wird fuͤr unſre Kinder ein ſehr theurer Geographie⸗Unterricht werden. Bis jetzt dienten die Triumphbogen der Geſchichte, der fruchtbaren Mutter großer Lehren und großer Thaten. In Wahrheit, ihr letztes Wort iſt noch nicht geſprochen. All' dieſe ein⸗ foͤrmigen Cybelen, die man projektirt, werden ſich hof⸗ fentlich noch in beruͤhmte Krieger oder Geſetzgeber ver⸗ wandeln. Der Marmor hat in unſern Tagen ſehr oft Beruf und Beſtimmung wechſeln muͤſſen. Wer koͤnnte ſagen, wie viele Mutius Scaevola, wie viele Horatius Coeles nachher Caͤſaren geworden ſind, die, ſich bei reiferen Jahren bekehrend, im Begriff waren, in Hei⸗ lige und Apoſtel verwandelt, zu kirchlicher Erbauung zu dienen, als die Revolution von 1830 vor ihrem neu⸗ erwachten Ehrgeize neue Laufbahnen eroͤffnete. Seht links die Madeleine! Zuerſt ſind es die Bau⸗ meiſter, welche ihre Grund⸗Einrichtung fort und fort umkehren, dann ſind es die Regierenden. Einen Tag der Religion zugethan, den andern der Victoria, bald Hirngeſpinnſten, bald Erinnerungen, koͤnnen ſie einer 183 einfachen Kirche ſo wenig Halt geben, als unſern Ge⸗ ſetzen. Heut iſt die Reihe wieder an den Tempel des Ruhms gekommen. Eitler, thoͤrichter Ehrgeiz! Man wird Rom und Griechenland nach zweitauſend Jahren nicht wieder herſtellen. Der alte Olymp war eine gluͤckliche Idee als Beſtreben der Menſchheit, zum Throne der Vorſicht zu gelangen; man bevoͤlkerte das univerſum mit dem Gotte, den man nicht kannte. Wir dagegen! Um ihn aus dem Univerſum zu verbannen und die ungeheure Leere zu fuͤllen, erfinden wir Alle⸗ gorien ohne Enthuſiasmus, Traumbilder ohne Glauben, Apotheoſen ohne Zauberei. Aber mit Reichs⸗Dekreten macht man noch keine Mythologie, auch nicht einmal mit den kaiſerlichen Trophaͤen. Unſer Tempel des Ruhms, wenn er zu Stande kaͤme, wuͤrde leer bleiben. Weder Volk, noch Prieſter, noch Goͤtter wuͤrde er haben. Der ungeheure Platz, deſſen Ausſicht ſich auf alle dieſe Bauwerke, die Zeugen der Groͤße und auch der Gebrechlichkeit unſrer Entwuͤrfe, erſtreckt, koͤnnte die großartigſte Perſpeetive der Welt ſein. Wie geraͤumig iſt die Flaͤche! wie regelmaͤßig und edel ſind die Verhaͤlt⸗ niſſe! Dazu der koͤnigliche Garten von Lenotre, die Champs Elyſées, wuͤrdig ihres Namens, der Fluß mit den ſtolzen Kruͤmmungen, die zierlichen Bruͤcken, die nahen Pallaͤſte, die fernen Dome! Wo findet man mehr Glanz und Schoͤnheiten? Aber nein: dieſer verfallene Platz, mit den halb verſunkenen, unnuͤtzen Markſteinen, 184 die ihn verengen, mit den Geruͤſten rings umher, wuͤrde jeden Voruͤbergehenden traurig anſprechen, wenn er auch nicht wuͤßte, daß jeder Stein, auf den er tritt, ihm erzäͤhlen koͤnnte vom Fall eines Koͤnigs, einer Koͤ⸗ nigin, verehrter Fuͤrſtinnen, glaͤnzender Frauen, junger Maͤdchen, am Hochgerichte vermaͤhlt, beruͤhmter Feld⸗ herren und Buͤrger und der Edelſten eines großen Volks. Und wie kann man es nicht wiſſen? Dem merkwuͤrdi⸗ gen Boden iſt gleichſam das Siegel aller unſrer Leiden aufgedruͤckt. Im Sommer verzehrt euch die gluͤhende Sonne: dann iſt es die Wuͤſte, eine Anſicht von Theben oder Palmyra. Wem hat ſich die Wuͤſte nicht tauſend⸗ mal mit allen Opfern bevoͤlkert, welche hier von der erbarmenloſen Sichel niedergemaͤht worden ſind? Im Winter herrſcht der Zugwind ohne Hinderniß, man wandert mitten im Sturme. Wie kann man da nicht der andern Stuͤrme gedenken, welche ſo viel Verhee⸗ rungen angerichtet haben? Ich fuͤr mein Theil habe nie den Schauplatz jener Schauerſcenen betreten, ohne von Neuem dem furchtbaren Drama beizuwohnen, das ich gleichwohl nicht gekannt, das um mehrere Jahre meiner Wiege vorangegangen, das aber meine Vernunft und meine Seele als Franzoſe belaſtet, als ob wir Alle Theil an jenen Vatermorden haͤtten, oder als ob ich, der Eroͤrterung vaterlaͤndiſcher Intereſſen mich weihend, mehr als ein anderer Buͤrger die Verpflichtung einge⸗ gangen waͤre, die franzoͤſiſche Freiheit gegen alle Schwie⸗ —. 185 rigkeiten und Gefahren zu vertheidigen, welche jener ſtrafbare, jener graͤßliche Anfang uͤber ſie gehaͤuft. Hier hat ſie im Voruͤberziehen eine lange Spur von leben⸗ digem, unausloͤſchlichem Blute zuruͤckgelaſſen, welche Blick und Gedanken zugleich ergreift. Hier iſt die ſchrecklichſte und groͤßte Hekatombe von Menſchen dar⸗ gebracht worden, mit der ſich je die Geſchichte civili⸗ ſirter Nationen befleckt— ein furchtbares Beiſpiel von der Bahn, in welche ſich ein Volk ſtuͤrzt, das den gro⸗ ßen Namen der Freiheit mißverſteht und ihrem After⸗ bilde in Revolution, Republik und Volksmacht nach⸗ jagt, ſtatt ſie ſelbſt in dem Fortſchreiten der Zeit, im Geſetz und in der Ordnung zu ſuchen. Hier hat eine ſiegreiche Demokratie, eben dadurch unfaͤhig, gegen ihre entfeſſelten Leidenſchaften zu kaͤmpfen, unfaͤhig, ſich ſelbſt zu beruhigen, zu lenken und zu regieren, des Erbtheils wegen die Koͤpfe abgeſchlagen, Fluthen auf Fluthen ge⸗ waͤlzt und im Abgrunde, wie ein unnuͤtzes Ding, die ganze alte Geſellſchaft ertraͤnkt, mit ihr im gleichen Schiffbruch, im gleichen Verderben, die Urheber, die Haͤuptlinge, Freunde und Stuͤtzen der Revolution ſelbſt vermiſchend. Hier haben unſre Vaͤter die alte Magiſtratur, das verſammelte Parlament, die Molè, d'Esprémenil, Gil⸗ bert des Voiſins, Hocquart, Pasquier an der Spitze, ganz und gar vor dem Gerichtstage der Demagogie verſchwinden ſehen. Hierher ſind die Adminiſtrationen, 8** 186 das Finanzweſen, die Geiſtlichkeit, der Adel gekommen,. um auf Karren zu Sechszigen ihr Todes⸗Contingent zu bringen. Hier ſind mit blutigen Lettern alle großen Namen Frankreichs eingeſchrieben, die Montmorency, die Villeroy, die Bethune, Mirepoir, Noailles, Beau⸗ villiers, Crequy, Tonnerre, Cruſſol, Broglie, Thiars, Boufflers, Talaru, Soyecourt, d'Eſtaing, Saint⸗Prieſt, was weiß ich? die ganze Elite der alten Monarchie, deren langes Reich gewiß nicht ohne Vorwurf geweſen war und viel Frevel zu vielen Arbeiten, Fortſchritten und Eroberungen gefuͤgt hat, das gleichwohl im Buche der Geſchichte durch viel Verderbtheit, aber durch noch weit mehr Ruhm hervorſtechen wird.— Hier hatte auch der dritte Stand ſeine Blutſchuld zu bezahlen: Alles, was ſich unter der Menge durch Reichthum oder Ver⸗ dienſt auszeichnete, wurde in des Volks Prokruſtesbett geliefert. Wer weiß es nicht, welche Maſſe von Ban⸗ quiers, Rechtsgelehrten, Notarien und Schreibern ſich auf die Liſte der hier Geopferten draͤngte? Die Wiſſen⸗ ſchaft fordert von dieſem ſtummen Steinpflaſter: Che⸗ nier, Roucher, Linguet, Thouret, Lavoiſier, bei Lebzei⸗ ten getrennt, im Tode vereint. Tugend und Talent wurden hier niedergeſchlagen in Malesherbes und Ver⸗ oniaux, Lachalotais und Genſonné, Magon⸗Labalur und Briſſot. Der Siegesruhm ward nicht mehr geach⸗ tet als die Tugend. Hier ſah das Heer ſeine Fuͤhrer verſchiedenen Ranges fallen. Cuſtine und Houchard, ——y— 487 Weſtermann und Biron, Dillon und Ronfin, Lamor⸗ liere und Beauharnais, La Valette und Luckner, den Tod! nur Einen Gegner: den Henker! Hier ſuͤhnte Charlotte Corday ihr heroiſches Verbrechen, Madame Eliſabeth ihre koͤniglichen, ihre engelgleichen Tugenden, die ungluͤckliche Dubarry ihre ſchaͤndlichen Freuden und Ehren. Hier traf der ganze Hof, die Herzoginnen du Chatelet, de Grammont, d⸗Ayen, die Marſchallinnen Biron, Noailles, Levy mit der jungen Camille Des⸗ moulins, mit der Wittwe d Hebert und der ſtarken Frau der Republik, Madame Roland, zuſammen, in dem Ge⸗ werden, ohn erſchuͤttert.„. Vielleicht noch ein groͤßerer Frevel geſchah hier. Der Koͤnig, im Grunde, iſt ein Menſch. Wenn er ge⸗ boren wird, weiß er, daß er von Menſchenhand ſterben kann. Das Schwert der Schlachten kann ihn treffen. Haß und Empdrung haben tauſend Wege gebahnt, ihm 188 ans Leben zu kommen. In dem Spiele der Menſchen⸗ looſe ſetzt er ſeine Tage auf die Karte, worauf das Schickſal ein Koͤnigreich geſetzt. Aber Frauen! Aber die Koͤnigin! Aber Marie Antoinette, die Fuͤrſtin, welche unter ſolchen Huldigungen in Frankreichs Schooß kam, welche Anfangs mit ſo viel Liebe umringt, welche ge⸗ macht war, durch den Zauber der Anmuth und Schoͤn⸗ heit mehr als durch die Majeſtaͤt des hoͤchſten Ranges zu herrſchen! Und auf dem Boden ritterlicher Ehre fand ſie, ſtatt der liebreichen, glaͤnzenden Gaſtlichkeit des Throns, nur Verleumdungen, Beſchimpfungen, wach⸗ ſende Gefahren, endlich Kerker und Ketten und dann den Tod, den graͤßlichen Tod der Verbrecher, auf dem ehrloſen Karrn und dem Schaffot, im Angeſicht des Koͤnigs⸗Pallaſtes, die erhabene Wohnung vor Augen, wo ſie herrſchte, wo ihre Kinder aufwuchſen, um einſt auch zu herrſchen, die Staͤtte, wo ſie lange vom Zau⸗ ber der Macht, von den Traumbildern der Jugend, von rankreichs großen Verheißungen umſchwebt worden, deſſen Aufnahme ihr Gluͤck und Ruhm zu ſichern ſchien! Alles iſt nun verſchwunden, der Talisman zerſtoͤrt. Es bleibt nur das ſtumme Gemaͤuer und eine wuthent⸗ brannte Volksmenge und ein Hochgericht! Wer koͤnnte ſagen, was Alles in dieſer hohen und doch ſo zarten Seele vorgegangen! Welche Fluth von Verachtung mag ihr uͤber das unſinnige Volk entſtroͤmt ſein, das alles dies Freiheit nennt, das vor unwuͤrdig niedrigen Ty⸗ 189 rannen kriecht und ſich troͤſtet, den Henker zum Herrn zu haben, weil ſelbſt die erlauchteſten Haͤupter unter das eherne Gleichgewicht gebeugt ſind! Endlich haͤlt der Karrn. Marie Antoinette wirft einen letzten Blick um ſich her. Dort, der Thron und hier— o Koͤnigin! auch das iſt der Thron. Du biſt groͤßer als Deine Moͤrder. Steige nur die Stufen hinan mit Deiner ru⸗ hig ſtolzen Majeſtaͤt. Sie, ſie werden nicht Deinen Muth haben, ſie werden vor Gott zittern, vor den Menſchen erroͤthen.— Hal im aͤußerſten Moment er⸗ ſcheint ihr urploͤtzlich eine Hoffnung, nicht die himm⸗ liſche, welche ſie bis jetzt aufrecht gehalten, ſondern die irdiſche Hoffnung.— Ein Raͤcherarm wird ſich zeigen, ein Ruf aus der Menge Rettung bringen. Von den Maͤnnern, welche ſie einſt bewunderten, welche zu ihren Fuͤßen lagen, welche ihres Lebens Stolz und Seligkeit in ein Laͤcheln von ihr geſetzt haben wuͤrden, Einer wird doch hervorſtuͤrzen! Wo ſind ſie denn Alle? Was! in unſerm Frankreich kein Mann, der ſein Leben fuͤr die Koͤnigin, fuͤr Marie Antoinette, die Edelſte, Schoͤnſte der Frauen, wagt? Nicht Einer! Alles ſchweigt. Ha! ich irre mich: ein donnerndes Geſchrei ſchallt auf, Triumph und Freude.— Sie iſt nicht mehr! Ungluͤck⸗ lich Volk! Sie wird geraͤcht werden und mit ihr die Tauſende von unſchuldigen Haͤuptern, welche hier vor Deiner unſeligen Wuth gefallen ſind. In wenig Ta⸗ gen komm wieder, ein neues Opfer mit anzuſehen, das 190 der Gironde, welche faſt ganz hergeſchleppt wird, ſtraf⸗ bar, wie Du, die Republik gewollt zu haben, die un⸗. ſern Sitten nicht zuſagt, wie Du den Koͤnigsmord, gegen den ihr Gewiſſen ſchrie. Spaͤter wird es der 4 Berg ſelbſt ſein, der ſeinen verſtuͤmmelten Rumpf hier⸗ V her ſchleppt, Du wirſt in ſtumpfer Betaͤubung den Convent ſich ſelber richten, den Clubbs zu Gefallen ſich ſelbſt decimiren, in regelmaͤßigen Zuſchnitten ganze Banden ſeiner moͤrderiſchen Geſetzgeber hierherſchicken ſehen, einen Tag Anacharſis Cloots und Chabot, den andern Chaumette und Danton, bis endlich die Unge⸗ heuer, welche der Vorſicht zum Werkzeug gedient, um alle dieſe Ungeheuer, von unbekannter Macht getrieben, zu zuͤchtigen, ihre verfehmten Haͤupter ebenfalls hierher⸗ tragen, und Couthon, Saint⸗Juſt und Henriot, welche“ Robespierre uͤberlebt, den langen Reihen ihrer Opfer in eigner Perſon ſchließen. Aber, ungluͤcklich Volk! Deine Tyrannen fallen, doch nicht die Tyrannei. Du gehſt von Knechtſchaft zu Knechtſchaft uͤber, und auf dieſem ſelben Platze erwartet Dich in Zukunft ein andres Schauſpiel. Hier, wiederum hier, wird ſich ein Altar aufbauen, um welchen ſich alle Koͤnige des verſchwore⸗ nen Europa an der Svitze ihrer ſiegreichen Schaaren verſammeln werden, Gott zu danken, daß ſie Dich be⸗ zwungen und gezuͤchtigt haben. Und dennoch werden ſich in Deinem Schooße Stimmen bereit finden, den Sieg der Fremden zu verherrlichen. Die Monarchen, — 3 191 deren Raͤcherarm die dler zerbrochen, das Reich ent⸗ voͤlkert, die Trophaͤen zerſtoͤrt hat, werden ſich laut von franzoͤſiſchen Stimmen danken und preiſen hoͤren, von Politikern, lorbeergekroͤnt damals, lorbeergekroͤnt jetzt — wegen ihres europaͤiſchen Patriotismus. Nach der Knechtſchaft ſchickt uns Gott die Schmach, nach dem Rathſchluſſe der Gerechtigkeit, welche die Angele⸗ genheiten der Menſchheit regiert. Die Demagogie und ihre nothwendigen Verbrechen haben uns, wie eine vor ſich ſelbſt erſchrockene Heerde, unter die Zuchtruthe des Despotismus getrieben,— der Despotismus, gendthigt, um Nachfolger zu haben, uns von Triumph zu Triumph bis ans Ende der Welt zu fuͤhren, hat die Fluth aller Nationen, wie aller Fuͤrſten, wider ſich aufgeregt und uns, durch ſeinen zerſchmetternden Fall, der Eroberung zur Beute gelaſſen.. So fand die Revolution die kaudiniſchen Paͤſſe an ihrer Wiege. Von hier hat ſie ihren Lauf begonnen, hier am Pont⸗Tournant haben ſich die Blitzſchlaͤge des 14. Juli entzuͤndet, und ſchaut, ihr Wagen iſt vom er⸗ — das Schrecken ſeine Opfer. Und an derſelben Staͤtte wird daſſelbe Volk die Religion ſeiner Vaͤter, die ſie beſchimpft, das Koͤnigthum, ihren ſuͤhnenden Pomp entfalten und raͤchende Denk⸗ maͤler einweihen ſehen! 4 Die Reſtauration haͤtte ohne Zweifel beſſer gethan, ſich die Geſchichte dieſes feierlichen Orts und unſrer Wuthausbruͤche nicht zuruͤckzurufen. Sie haͤtte beſſer gethan, keine Genugthuung in Marmor und Erz haben zu wollen. Sie hatte Unrecht, ſich an dieſen Erinne⸗ rungen zu reiben, unſre Wunden zu befaſſen, und unſre Verbrechen, welche zwiſchen ihr und uns ſtanden, wieder aufzuruͤhren.. Aber ich habe es immer bewundert, daß die Oppo⸗ ſition, als ſie ſich gegen dieſen Gedanken auflehnte, den Grund angab: die Volksfeſte könnten dadurch ge⸗ ſoͤrt werden. Feſte! daß unſre Redner und Publieiſten den Muth beſitzen, hier Feſte haben zu wollen, daß ſie fuͤr die Volksfreude den Anblick eines Denkmals der Trauer und Reue fuͤrchten, ich kann es nicht begreifen. „Mit oder ohne Marmor giebt es Erinnerungen, welche ewig auf dem Gedaͤchtniſſe der Nationen laſten, welche die Zeit nicht lindert, welche das ſuͤndliche Vergeſſen nie erreichen kann. Es liegt etwas Wahres in all' den Wundern, welche das Volk von Blutſpuren erzaͤhlt, die ewig an dem Boden kleben, wo der Stahl ein großes Daſein zerſchnitt. Es giebt Opfer, deren Blut nimmer verloͤſcht. Die Roͤmer nannten die Straße via sacra, wo die fuͤrchterliche Tullia ihren ruchloſen Wagen uͤber Ser⸗ vius Leiche getrieben, der wie Ludwig unter den Mauern ſeines Pallaſtes geopfert worden: Ipse — — 5 konnte Gott bitten, daß 193 Ipse, sub Aesqguiliis, ubi er, Concidit dura sanguinolentus humo. Nach mehr als zweitauſend Jahren lebt noch der ehrfurchtgebietende Name und ſein Andenken. Obgleich keine Statue dem Wanderer von dem Vatermorde des Alterthums ſpricht, ſo weiß doch der Roͤmer und der Fremde: Hier war es! Eine Art frommer Scheu hat, im Laufe von drei und zwanzig Jahrhunderten, den Stein geheiligt, wo der koͤnigliche Geſetzgeber fiel! Und gleichwohl hat ihn eine einzelne Hand erſchlagen und er ſiel allein. Ludwig traf nicht allein die Schrecken des geſetzlichen Meuchelmordes. Es iſt keine franzoͤſiſche Familie, die nicht ihren blutigen Tribut hier entrichtet haͤtte. Alles Große ſeiner Zeit hat ihm Geleit gege⸗ ben. Inmitten eines Hofes, inmitten eines Volkes von Opfern iſt er einhergeſchritten zum unerſaͤttlichen Schaf⸗ fot, wie ein Koͤnig, der ſeine Getreuen in den Kampf fuͤhrt. Die ganze Nation, durch die Geduld, mit der ſie zuſah, ſchien die Mitſchuldige ſeiner Moͤrder. Er ſein Blut nicht uͤber Frank⸗ reich kommen moͤge, und er bat vergebens. Ach! laßt uns auch unſre Via sacra haben! Laßt uns fuͤrchten, durch die Ausgelaſſenheit unſrer Volksſpiele die Maje⸗ ſtaͤt ſo feierlicher Erinnerungen zu entheiligen! Huͤten wir uns, ſo viel aufgethuͤrmte Manen zu beleidigen! Ein freies Volk, das auf ſolchen Graͤbern tanzte, waͤre fehig, deren neue auszuhoͤhlen. *⁴ 9 at sua regia, eaesus 7 3 8 194 Ich weiß, daß alle Gewalten, welche in unſern vierzig Jahren uͤber Frankreich geherrſcht haben, auf dieſen weiten beweglichen Schauplatz gekommen ſind, ihren glaͤnzenden Pomp, ihre Trophaͤen, die Freuden⸗ feſte ihrer Zeit zu entfalten. Aber ich weiß auch, daß es Freuden, Triumphe, Großthaten waren, die nur einen Tag lebten. Was hat die falſche Freude des . Volks den Regierungen geholfen, welche ſie aufgerufen 4 haben? Die rothe Muͤtze, der kaiſerliche Adler, ſelbſt die weiße Fahne haben abwechſelnd die Volkstrunken⸗ heit hier vereinigt. Hier iſt Ruggieri's Kunſt verſchwen⸗ det worden, um alle unſere buͤrgerlichen Bewegungen wie die ſchnell erloͤſchenden Lichtraketen und Feuerraͤder. Hier haben wir alle Siege der großen Armee gefeiert, und im Grunde, wozu haben ſie gefuͤhrt? Hier haben unſre Vaͤter Robespierre's Stimme das hoͤchſte Weſen an der Spitze des Convents ausrufen hoͤren, und das hoͤchſte Weſen hat keine Dauer gehabt, der Convent iſt als Zeuge dagegen aufgetreten. Hier lud uns die Re⸗ publik zu allen ihren griechiſchen und roͤmiſchen Para⸗ den ein, und die Republik macht uns Schauder! Hier draͤngte ſich daſſelbe Volk, das ſo viel erlauchte gehei⸗ ligte Haͤupter fallen ſehen, um dem Dauphin von Frankreich zuzujauchzen, als er gluͤcklich und ſtolz an V der Spitze der franzoͤſiſchen Phalangen heimkehrte, welche . von der Bidaſſog nach Cadit gezogen waren, um die zu ehren, und ſie haben ſo dauernde Fruͤchte getragen, 195 ſpaniſche Revolution, die ſchwaͤchliche Nachahmerin der. unſrigen, zu unterdruͤcken. Es war das erſte Mal, daß ein Bourbon die Staͤtte truͤben Andenkens betrat. Der Koͤnig, die Prinzen, Ludwigs XVI. Tochter, hatten bis dahin immer Umwege gemacht, um die Raͤder ihres Wagens nicht auf Stellen zu bringen, welche der ruch⸗ loſe Karren beruͤhrt. Seit dieſem Triumphzuge war ihre Bedenklichkeit gehoben; wahrſcheinlich dachten ſie, daß der Sieg Alles abwaͤſcht, daß die Macht, welche die Zukunft giebt, alle Vergangenheit deckt. Und die Zu⸗ kunft iſt verſchwunden, und nur die Vergangenheit blieb. Ich erinnere mich, daß ich ſehr jung ſchoͤn die Feſte auf dieſem merkwuͤrdigen Boden, der immer zu beben ſcheint, nicht begreifen konnte. Noch heut bin ich oft nahe daran, zu erſtaunen, daß es nicht eine Art oͤffentlichen Aberglaubens giebt, der die Idee des Ver⸗ hängnißvollen mit all' den Freudenfeſten verbindet, deren Schaubuͤhne dieſer Platz iſt. Er hat den Prunk bei der Vermaͤhlung der erlauchten Antoinette geſchaut. wie es dabei zuging am Ein⸗ gange der Koͤnigsſtraße, wie Schrecken und Tod hinein⸗ griffen wie warnende Vorzeichen? Wahrlich, nie wur⸗ den Vorzeichen ſo fuͤrchterlich wahr. Es war nicht genug, daß das junge koͤnigliche Paar ſo bald wieder 196 5 Erben hinterlaſſen. Die Waiſe des Tempels iſt durch Gefangenſchaft, Gram und Leiden und durch den Ein⸗ fluß ſeines Sterns geſtorben, der ihn fuͤr Frankreichs Thron geboren werden ließ. Seine Schweſter, die An⸗ tigone neuerer Zeit, iſt leben geblieben, weil es ein groͤßeres Ungluͤck giebt, als mit funfzehn Jahren in Ketten zu ſterben: naͤmlich zu leben, um Elend auf. „Elend zu haͤufen, um unaufhoͤrlich den Thron aufſtei⸗ gen und zuſammenbrechen zu ſehen, um fort und fort, wie durch eine unheilsvolle Laſt, auf das harte Lager der Verbannung zuruͤckzuſinken. Dieſer Platz hat noch andere Feſte und eine zweite Vermaͤhlungsfeier geſehen, deren wir uns Alle erinnern. Sie war glaͤnzend und kein drohendes Vorzeichen truͤbte ihre Luſt. Wer kann die Wunder der kaiſerlichen Pracht vergeſſen, den Prunk an Lichtern, Fanfaren und Gold, die fremden Koͤnige, die funkelnden Waffen, den Jubel⸗ rauſch des Volks, die Aufregung, die Erwartung von ganz Frankreich, das endlich ſein ſchwankendes Geſchick durch das Wiederaufleben der adelig unumſchraͤnkten Monarchie Ludwigs XIV. befeſtigen und auf immer vor dem Ungeheuer der Anarchie, dieſem kuͤnftigen Schreck⸗ bild aller Geiſter, geborgen ſah? Mit welchem Auge betrachtete es das ſtolze Gefolge, alle dieſe Fuͤrſten, die Oberherren von zehn Voͤlkern, alle dieſe Krieger, die Bezwinger der Welt, endlich Marie Antoinettens Nichte, die junge Kaiſerin und ihren gluͤcklichen Gemahl, den 197 Rieſen, den Halbgott, den Imperator! Die Sonne er⸗ leuchtete gehorſam mit all' ihren Feuern die Scene. Welche Glorie ſtrahlte um den Vermaͤhlungswagen! Welches Geſchick ſchien unter ihm zu erſprießen! Die Victoria hatte verſchwenderiſch die Rechte der kaiſer⸗ lichen Legitimitaͤt vermehrt, und Napoleon, nicht zu⸗ frieden mit ſeinen funfzig Feldſchlachten, gab ſeinem Geſchlechte eine neue Stuͤtze, die alt⸗heiliger Erinne⸗ rung, eine neue Majeſtaͤt, die der Jahrhunderte. Eine Tochter der Caͤſaren ſaß ihm zur Seite, und dadurch ſchien er uns vollkommen Koͤnig zu ſein. Mit beweg⸗ ter Seele bewunderten wir dieſe Verbindung von Allem, was beſtimmt iſt, uͤber die Menſchen zu herrſchen. Mußte nicht die Zukunft fuͤr den Sohn des Gluͤcks er⸗ rungen ſcheinen, da er ſogar die Vergangenheit erobert hatte? Erinnert euch des Tages, wo der Kanonendonner uͤber den Staͤdten dem Kaiſerreiche einen Erben ver⸗ kuͤndigte. Wie hallte das feierliche Droͤhnen von einem Ende Frankreichs zum andern wieder! Der Royaliſt dachte, daß Gott augenſcheinlich uͤber das capetingiſche Geſchlecht abgeſprochen habe, und daß eine vierte Dy⸗ naſtie unwiderruflich uͤber Frankreich geſetzt ſei. Die Republikaner— ich vergeſſe, daß es keine mehr gab. Sie waren Grafen und Herzoge. Das erlauchte Kind wurde mit der Krone auf dem Haupte geboren. Es war Koͤnig der zweiten Stadt des Reichs: die zweite Stadt 198 des Reichs war Rom! und zur Stunde, wo ich ſchreibe, ſtirbt es wie die Waiſe des Tempels. Es ſtirbt auch an ſeinem Mißgeſchick, an ſeinem Exil inmitten fremder Herrlichkeit, an ſeiner kaiſerlichen Haft, an der Todes⸗ marter eines verfehlten, enterbten Daſeins: ein junger aufgeſchoſſener Baum, der fern von Luft und Sonne im niedrigen Raume eingeſperrt, verwelkt und abſtirbt, ob er auch zu Himmelshoͤhen erwachſen und die Welt mit gewaltiger Krone beſchatten koͤnnte. Napoleons ganze Groͤße hat der Koloß nur zwei⸗ ſtatt einmal vom Thron geſtuͤrzt, 1814 durch den Sieg des vereinigten Europa, 1815 durch eine Motion des Herrn von La⸗ fayette. Das große Drama ſeines Lebens endigt in Schoͤnbrunn. Der Sohn erliſcht in dem Pallaſte, aus welchem der Vater ſeine Schlachtberichte datirte. Doch wo haͤtte er ſterben ſollen, daß er nicht einen Schauplatz des Ruhmes, der die ganze Welt erfuͤllte, getroffen haͤtte? So endigt ein großartig⸗ſchmerzliches Helden⸗ gedicht. Seine gewaltigen Staͤmme laſſen nur ſchwache Sproͤßlinge zuruͤck. Armer junger Menſch, den die Welt in ſeinen erſten Tagen ſchmeichelnd in den Schlaf wiegte und der mit zwanzig Jahren unter der Laſt die⸗ ſer gegen ihn verſchworenen Welt erliegt! Dein Tod enthuͤllt die ungekannten Qualen Deiner Seele, die innere Gefangenſchaft, haͤrter als die andre, den Un⸗ willen gegen das Joch voll falſchen Schimmers, das Gefuͤhl eines verheerten Daſeins, den Strahl des Ruhms, 199 der ſich auf Deine Stirn und in Dein Herz verirrte, ein ſchreckliches Feuer, das entweder verklaͤrt oder ver⸗ nichtet, befruchtet oder toͤdtet. An dem befreundeten und doch fremden Hofe trauerteſt Du, ohne es zu ſa⸗ gen, um einen Thron, um ein Vaterland, um eine Ge⸗ ſchichte. Aber ſelbſt dort hat Dich Frankreich nicht ganz verlaſſen. Die Sonne von Auſterlitz leuchtete uͤber Dir. Von dieſen Truͤmmern der Dynaſtien und Menſchen kommen wir auf unſre Stein⸗ und Marmortruͤmmer zuruͤck, auf das Schlachtfeld unſrer buͤrgerlichen Zer⸗ wuͤrfniß, auf den Tummelplatz unſrer Leidenſchaften und Taͤuſchungen, zu den unvollendeten oder zerſtoͤrten Monumenten, von denen man, wie der Dichter, ſa⸗ gen kann: Coeptae haud as urgunt turres — Pendant operas interrupta, minaeque Murorum ingentes, aequataque machina coelo. Man kann wohl erwarten, daß ich von der ſiegreichen Revolution nicht verlangen werde, zu thun, was ich als einen Fehler der Reſtauration erkenne. Ich weiß nur zu gut, daß man mich nicht verſtehen wuͤrde. Und doch waͤre es von dem unabhaͤngigen Frankreich ein frommer und weiſer Akt geweſen, dies leere Piedeſtal zu fuͤllen, den Gebrauch aller Nationen nachzuahmen, welche fluchbeladene Staͤtten durch heilige Monumente weihen, um ſo unſer Nachdenken zu erwecken und unſre Bahn zu erhellen, wie man einen Pharus auf einer . 2⁰0 Klippe anzuͤndet, welche durch ſchreckliche Schiffbruͤche ausgezeichnet iſt. Napoleon haͤtte es gethan. England hat es 1688 gethan. Es fuhr fort, ſich vor Karls I. Bildſaͤule zu neigen, und iſt groß geweſen in der Ach⸗ tung der Nationen. Die Revolution von 1830, welche im Namen des Geſetzes vollfuͤhrt worden, hatte eine ſichere Manier in Haͤnden, ihre Trennung von der ſchrecklichen aͤltern Schweſter zu bezeichnen. Es war die, zur Ausfuͤhrung jener Aufgabe zu ſchreiten und Meißel und Kelle zur Hand zu nehmen. Sie haͤtte ſo den juͤngern, unter uns jaͤhrenden Geſchlechtern ge⸗ zeigt, daß vierzig Jahre voll furchtbarer Lehren nicht vergebens uͤber unſre Haͤupter hingerollt ſind, daß wir endlich wiſſen, daß Rache, Blut, Frevel und . Volksherrſchaft fern ſind davon, die Voͤlker zur Frei⸗ heit zu fuͤhren. Dann haͤtten wahrſcheinlich, an jenem 5. Juni, die Unbeſonnenen, Wahnwitzigen je⸗ des Alters und Standes, welche von Demokratie und Republik traͤumten, den Sammelplatz ihres Heeres nicht unter wer weiß welchem Vorwande einer grauſen Em⸗ poͤrung an den Fuß des Marmors verlegt, der ihnen ſagen kann, welche Verbrechen unwillkuͤrlich die Ver⸗ meſſenen erwarten, welche, um ihren Leidenſchaften oder Theorien zu froͤhnen, ſich nicht ſcheuen, die Sitten, die Neigungen, die Wuͤnſche eines Volks zu verletzen. Oder, wenn ſie nicht vor der Gefahr zuruͤckgebebt waͤren, ſo ſchrecklich fortgeriſſen zu werden, haͤtten ſie mindeſtens 201 vor der Gewißheit einer nahen Zuͤchtigung geſtutzt. Ein ſolches Zeugniß von der oͤffentlichen Weisheit, Gewiſſen⸗ haftigkeit und Feſtigkeit haͤtte ihrem unſeligen Muthe imponirt. Das Geſchuͤtz vom Kloſter Saint⸗Mery haͤtte nicht noͤthig gehabt, uͤber unſern Mauern zu zuͤrnen. Es heißt zu allen Thorheiten und Freveln ermuntern, wenn man keinen Widerruf, keine Genugthuung zu geben wagt. Aber, was man auch thue, ſo ſchaffe man wenig⸗ ſtens um Gotteswillen alle dieſe Truͤmmer fort, und befreie den ſchoͤnſten der oͤffentlichen Plaͤtze von all' dem Elend, das ihn verengt und beſchraͤnkt. Man vollende ihn, wenn es uns gegeben iſt, Etwas zu vollenden, wenn nicht Flammen aus der gewitterſchwangern Erde her⸗ vorbrechen, wie aus dem verurtheilten Jeruſalem, als die Kaiſer verſuchten, den Tempel Salomonis wieder⸗ herzuſtellen. Paris moͤge nicht mehr den Blicken des Fremdlings ein ſolches Zeugniß unſerer Wandelbarkeit und Zwietracht geben. Der Fuͤrſt, der in ſeiner buͤr⸗ gerlichen Muße das Palais Royal vollendete, ſollte ſeine Ehre darin ſetzen, jetzt in ſeiner koͤniglichen Muße unſre Denkmaͤler zu vollenden, wenn es in der Zeit, wo wir ſind, eine koͤnigliche Muße giebt. Ich wollte, daß die unnuͤtzen Graͤben endlich einmal zugeworfen waͤren, welche das Nationalgenie der Ohnmacht an⸗ klagen, den Raum anders als durch neue Leere auszu⸗ fuͤllen. Ich wollte, daß die zwoͤlf großen Maͤnner der alten Monarchie, welche auf der engen Bruſtwehr der 20² Bruͤcke Ludwigs XVI erſticken, von ihren rieſigen ge⸗ fahrvollen Piedeſtals herabſtiegen, wo ſie jeden Augen⸗ blick ein Wind⸗ oder Volksſtoß in den Fluß verſenken kann. Wir haben nicht genug dergleichen Kunſtſchaͤtze, um ſie auf ſolche Weiſe auszuſetzen, ſo wenig, als zu⸗ ſammenzudraͤngen. Man kann ſie nirgends von vorn ſehen und von der Seite verwirren ſich Alle. Von weitem, man mag vom Quai kommen oder gehen, gruppirt ſie die Perſpektive immer zu zweien wie die aſiatiſchen Zwillinge, welche ſo ungluͤcklich aneinander gewachſen ſind. Geht man vom Fuß der Madeleine nach der Bruͤcke, ſo iſt der Pallaſt unſerer neuen Ge⸗ ſetzgeber ganz von den Rieſen der Vorzeit erdruͤckt, daß man an ein Bildſaͤulen⸗Epigramm denken koͤnnte. Von allen Seiten betrachtet, bleibt es der fehlerhafteſte, duͤrf⸗ tigſte Einfall, auf den man je gekommen iſt. Ich wollte, man vertheilte ſie— unbeſchadet an⸗ derm Ruhme, um das Ganze zu vervollſtaͤndigen— rings um den ungeheuern Platz. Ihre koloſſalen Ver⸗ haͤltniſſe wuͤrden zu dem Grandioſen des Orts und ſeiner praͤchtigen Umgebung paſſen. Es muͤßte ein Vaergnuͤ⸗ gen ſein, unſre Geſchichte ſo lebendig verſammelt zu ſehen. Es wuͤrde wie ein Senat aller großen Maͤnner der fruͤhern Jahrhunderte ausfallen, und des Vaterlandes Vergangenheit waͤre auf edle Weiſe geraͤcht wegen ſo furchtbarer hier erlittener Schmach! Vielleicht koͤnnte man ſie zum Gipfel eines dyppelten Portieus, kreis⸗ 203 foͤrmig im umgekehrten Sinne der Kolonnaden von Regent⸗Street erheben, oder viereckig, um mit den Garde⸗Meubles zu harmoniren, eine zierliche Con⸗ ſtruktion, welche vom Fuße der Champs⸗Elyſees einer⸗ ſeits und laͤngs der erhoͤhten Terraſſen des Pont⸗Tour⸗ nant andererſeits herrſchen wuͤrde, zugleich den Unan⸗ naehmlichkeiten des Sommers und den Stuͤrmen des Winters wehrend.. Vielleicht auch— weil ich einmal im Zuge bin, zu conſtruiren— vielleicht, trotz meiner Achtung vor der Heiligkeit unſchaͤdlicher Vermaͤchtniſſe der Vorzeit, wuͤrde ich hierher als Zeichen der Verſoͤhnung und des Frie⸗ dens die Bildſaͤule des großen, guten Koͤnigs bringen, von dem alle Bourbons ſtolz ſind, abzuſtammen. Hein⸗ rich IV. wuͤrde den Vorſitz in der Verſammlung der ['Hopital, Suger, Tuͤrenne, Conde, Suffren nach der⸗ ſelben Idee fuͤhren, welche ihn ſchon der Ehrenlegion zum Vorbild und Symbol gegeben, und einem kaiſer⸗ lichen Projekte folgend, wuͤrde ich auf den Wall des Pontneuf, wo eine Reiterſtatue ganz Paris den Ruͤcken zukehrt, waͤhrend eine Spitzſaͤule auf prachtvolle Weiſe dies Vorgebirge der Stadt kroͤnen wuͤrde, den Obelis⸗ ken von Luxor aufſtellen: Moͤgen dieſe Anſichten befolgt werden oder nicht, ſo wuͤrde ich auf Ludwigs XV. Schatten alle die Plan⸗ ken am Rondel der Champs⸗Elyſées werfen, welche man aufgeſchlagen, um Jenem mit aller Gewalt eine Bildſaͤule zu errichten oder doch mindeſtens zu verſpre⸗ 204 chen, wie ich dagegen die des weiſen Cardinal Fleury in meinem hiſtoriſchen Prytaneum auf dem benachbar⸗ ten Platze aufſtellen wuͤrde. Ich wuͤrde den Triumphbogen des Sterns vollen⸗ den, indem ich ihn der Verherrlichung unſrer Jetztzeit widmete, wie den Platz unſerm alten Ruhme, und die Departements, denk' ich, wuͤrden hier anſtatt der alle⸗ goriſchen Bilder ihrer Hauptſtaͤdte lieber die wirklichen Bilder ihrer groͤßten Buͤrger ſehen. Ich wuͤrde hier Alles aufſtellen, was uns uͤber die Verbrechen im In⸗ nern getroͤſtet hat, und ſie in den Augen Europa's, wie in denen der Geſchichte aufwiegt. Mitten auf dem Tummelplatze jener Verbrechen wuͤrden unſre Blicke doch irgendwo mit Stolz verweilen koͤnnen. Endlich wuͤrde ich Gott die Kirche la Madeleine wiedergeben, denn zuruͤckſchreiten, um zuruͤckzuſchreiten—. Da ſcheint es mir doch viel beſſer, beim Chriſtenthum ſtehen zu bleiben, als wieder bis zur alten Mythologie aufzuſtei⸗ gen. Ich wuͤrde glauben, daß ein feſterer Tempel des Ruhms im Herzen der Franzoſen errichtet waͤre, indem man den hohen Glauben und die erhabenen Erinnerun⸗ gen des Vaterlandes zugleich ehrt. Dann wuͤrde Aug' und Sinn alle Pracht dieſer Anſicht genießen. An den vier Enden des weiten Raums wuͤrde dem Blicke das Heiligthum alles Großen und Schirmenden der Erde erſcheinen. Hier die Religion, grade vor das Geſetz, und ſein Thron, die Tribuͤne. —— 205 Von einer Seite das Koͤnigthum, von der andern die BVictoria, uͤberall Erhebendes, Beruhigendes, Troͤſten⸗ des! Dann wuͤrde es offenkundig ſein, daß die Lehren unſerer truͤben Annalen fuͤr Frankreich nicht unfrucht⸗ bar geweſen, daß es durch ſeine langen Leiden die Noth⸗ wendigkeit eingeſehen hat, den freien Inſtitutionen die Stuͤtze moraliſcher Kraft zu geben, und daß ſie als deren erſte die Achtung vor Gott, vor der Zeit und ihren Werken betrachtet. Die edlen Schatten der Tau⸗ ſende von Franzoſen, auf dem Altare des Schreckens aufgehaͤuft, wuͤrden fuͤhlen, daß ihr blutiges Opfer fuͤr die Nachwelt nicht verloren iſt, und ſie wuͤrden ge⸗ troͤſtet in ihre Gruft wieder zuruͤckkehren. Die bittern Erinnerungen, die ſchmerzlichen Bewegungen wuͤrden ſich zugleich mildern. Die Welt wuͤrde an die uner⸗ ſchuͤtterliche Groͤße eines Volks glauben, das ſeinen Werken ſo viel Verſtand und Majeſtaͤt aufgepraͤgt. Frankreich wuͤrde ſelbſt in ſein Geſchick und ſeine Frei⸗ heit Vertrauen ſetzen. Vergangenheit und Gegenwart, ſo edel begriffen, wuͤrden endlich den Glauben an die Zukunft geſtatten. Um ihrer ganz gewiß zu ſein, moͤcht' ich hier und da noch einige Veraͤnderungen hinzufuͤ⸗ gen... zum Beiſpiel, im Innern der Deputirten⸗ kammer.— R. A. von Salvandy. 4 Die Kirche der Petits⸗Peres zu Paris. Ich war dort, das ſtieß mir zu. Lafontaine. An einem Sommertage 1812 ging ich mit meinem Gemahl uͤber den Siegesplatz, welcher damals mit der koloſſalen Bildſaͤule Deſait's geziert war, und trotz ihrer Fehler bewunderten wir eine Weile die Schoͤn⸗ heit im Ausdruck und die edle Gebehrde, welche ſo wohl die denkwuͤrdigen Worte zu verſinnlichen ſchien: „Sagt dem erſten Conſul, daß ich ſterbend beklage, nicht genug fuͤr das Vaterland und die Nachwelt ge⸗ than zu haben.“ Die Hitze war unertraͤglich, und indem wir vor einer Kirche zwiſchen der Straße Notre⸗Dame⸗des⸗ Victoires und was man den Durchgang der Petits⸗ Peres nennt, voruͤberſchritten, ſchlug mir mein Ge⸗ mahl vor, hinein zu gehen und einige Gemaͤlde von Bon de Boulogne, Carle Vanloo u. ſ. w. zu betrachten, welche den Chor zieren. Ich war neugierig, die Kirche zu beſuchen, wohin ſich, nach Saint⸗Foirx, vor Zeiten arme Moͤnche ge⸗ fluͤchtet, nachdem Margarethe von Valois, Heinrichs IV. erſte Frau, ſie aus dem Kloſter gejagt, welches ſie ih⸗ nen mit großen Koſten in der Vorſtadt Saint⸗Ger⸗ main erbaut hatte. Die gute, fromme, aber etwas wunderliche Fuͤrſtin hatte jene Moͤnche aus Italien kommen laſſen, um ihr das Hochamt nach Melodien ihrer Wahl, welche ihr eigener Tonkuͤnſtler componirt haben mußte, vorzuſingen. Die armen Leute, welche nur Pſalmen ſingen konnten, und vielleicht die franzd⸗ ſiſche Muſik viel barbariſcher fanden, als italieniſchen Kirchengeſang, entſprachen Margarethens Abſichten ſchlecht; ſie uͤberwarf ſich bald mit ihnen, und zwang ſie, eine andere Zuflucht zu ſuchen. Miit der Zeit, nach vielen Wechſelfaͤllen, vereinig⸗ ten ſich die guten Vaͤter mit andern Moͤnchen ihres Ordens, und kauften ein Grundſtuͤck nah' am Mall, um ſich ein Haus und eine Kapelle zu bauen. Einer von ihnen, Namens Bruder Fiacre, ſagte Annen von Oeſterreich die Geburt eines Sohnes vorher, und als die Ludwigs XIV. ſolches wahr gemacht, brachte dies Ereigniß die Petits⸗Peres— ſo nannte man ſie— am Hofe ſehr in Kredit. Die Koͤnigin baute ihr Kloſter. 2⁴ 208 Ludwig XIII. legte den erſten Stein zu ihrer Kirche, und wollte, daß ſie den Namen Notre⸗Dame⸗des Victoires fuͤhre— zum Gedaͤchtniß, ſagt der Hiſtoriker von Paris, der gelehrte Dulaure, jener traurigen Siege, welche er uͤber franzoͤſiſche Proteſtanten davon ge⸗ tragen.“„ Es war 2 Uhr, als wir in die Kirche traten; ſie war leer, aber ſehr geſchmuͤckt, und ihr Ganzes bot nicht jene kleinliche Sparſamkeit, welche in unſeren Tagen den heiligen Staͤtten ihre ganze Majeſtaͤt ge⸗ raubt hat. Die hohen Kandelaber von feuervergoͤldetem Silber, die goldnen Englein des Tabernakels und der Seiten des Hochaltars waren nicht unbildlich mit den laͤcherlichen Stoffen verkappt, welche die Armuth der Kirchen, den geringen Eifer der Beſucher, und vor⸗ zuͤglich die Nothwendigkeit darthun, Dinge zu ſchonen, welche man wahrſcheinlich nicht ſo leicht wieder her⸗ ſtellen koͤnnte.— Ein ſolcher Anblick erinnert mich immer an gewiſſe Salons in der Provinz, wo die Seſ⸗ ſel, die Armleuchter, die altmodigen Zierrathen mit Ueberzuͤgen bedeckt ſind und ſich nur an guten Tagen zeigen, wenn Geſellſchaft da iſt. Weit entfernt alſo, einen ſo troſtloſen Anblick zu bieten, hatte die reine, helle Kirche ihren Hochaltar und die Kapellen ganz mit natuͤrlichen Blumen ge⸗ ſchmuͤckt, und der Duft derſelben, mit dem des Weih⸗ rauchs und des Wachſes vermiſcht, verbreitete ſich durch —.————— 209 die Atmoſphaͤre in ſuͤßen, milden Wohlgeruͤchen, deren geheimnißreicher Einfluß die Seele mehr, als man es glaubt, zu frommer Andacht ſtimmt. Der Chor war mit hohen Stuͤhlen von ſchwarzem, reichgeſchnitztem Holze beſetzt und ſchoͤne koͤſtliche Gemaͤlde bedeckten die ganze Umfaſſung. Um ſie im rechten Lichte beſſer be⸗ trachten zu koͤnnen, gingen wir durch die Thuͤre zur Rechten, welche in die Sakriſtei fuͤhrt, und von dort gelangten wir in den geheiligten Raum. Waͤhrend mein Gemahl, ein Liebhaber der Kuͤnſte und vorzuͤg⸗ lich der Malerei, mich die Wirkung eines Bildes be⸗ wundern ließ, das, glaube ich, die Bekehrung des hei⸗ ligen Auguſtin vorſtellt, hoͤrte ich hinter mir ein leich⸗ tes Geraͤuſch. Ich wandte meinen Kopf zuruͤck und ſah in geringer Entfernung einen ſchoͤnen Greis mit weißen Haaren, der uns aufmerkſam zu beobachten ſchien. Er gruͤßte uns hoͤflich, und da er die Augen meines Mannes am Gemaͤlde der Mitte haͤngen ſah, ſprach er:„Der Herr iſt ein Maler?“ Und ſeine Frage hatte den eigenthuͤmlichen Ausdruck, den gewoͤhnlich der Lieb⸗ haber annimmt, wenn er ſich an Jemand wendet, den er gleichfalls in die Geheimniſſe der Kunſt einge⸗ weiht glaubt. Nicht ganz, erwiederte mein Mann, aber ich liebe die Malerei leidenſchaftlich und ihre Werke laſſen mich ſelten kalt. Ich bewundere hier einen Carle Vanloo 3 9** 210 von ſchoͤner Faͤrbung und von einem Effekt, der dieſem Maler nicht gewoͤhnlich iſt.“— Ach, mein Herr! verſetzte der Pfarrer— er war es— mit einem tiefen Seufzer: vor der Revolution hatten wir noch ganz andere Schaͤtze.— Außer dieſen Gemaͤlden beſaß das Kloſter, deſſen Prior zu ſein ich damals die Ehre hatte, Gegenſtaͤnde von großem Werth, unſer Refektorium war mit den Werken von La Foſſe und Rigand geziert; wir hatten eine reiche Bibliothek, eine Alterthuͤmer⸗Sammlung, eine ſchoͤne Gemaͤlde⸗Gallerie der groͤßten Meiſter, einen Guercino, einen Andrea del Sarto, Herr! einen Jacob Stella! Valenties, Pannini, Wouvermanns— das Alles ge⸗ pluͤndert, verkauft, zerſtreut.— Ach! mein Herr, die Revolution hat uns viel Schaden zugefuͤgt, und unſere Kirche wird ihren Verluſt in langer Zeit nicht erſetzen konnen. 4 In der Stimme des Greiſes, als er ſein Leid aus⸗ ſprach, lag ſo viel Kummer und Niedergeſchlagenheit, daß ich mich bewegt fuͤhlte. „Ich glaube,“ ſagte ich, um ſeine Gedanken von den truͤben Ruͤckerinnerungen abzuziehen,„ich glaube, mein Herr, daß Sie Liebhaber ſind, und jene Schätze mehr als Maler denn als Eigenthuͤmer beklagen?— „Das iſt auch wahr!“ verſetzte er laͤchelnd;„ich liebe die Malerei, und geſtehe, daß ich nach unſerer heiligen Religion, welche uns die Leiden gut ertragen 211 lehrt, der Uebung jener Kunſt die ſuͤßeſten Troͤftungen meines Lebens verdanke. Ich habe ſogar das Gluͤck gehabt, mir einige ſchoͤne Stuͤcke zu ſammeln, deren Anblick mich uͤber den Verluſt der andern troͤſtet— und weil Sie Liebhaber ſind— fuhr er fort, als er ſah, daß wir ihm mit Antheil zuhoͤrten— muͤſſen Sie begierig ſein, ſchoͤne Sachen zu ſehen.— Wenn die junge Dame nicht fuͤrchtet, muͤde zu werden, wenn ſie etwas hoch ſteigt, wollte ich Ihnen Beiden vorſchlagen, meine kleine Sammlung in Augenſchein zu nehmen— ich habe einige ſeltene und koſtbare Gemaͤlde, welche ich Ihnen mit wahrem Vergnuͤgen zeigen wuͤrde.“ So ſprechend hatte uns der Pfarrer allmaͤhlig aus dem Chor gefuͤhrt. Ich eilte, ihn des Vergnuͤgens zu verſichern, das mir ſein Vorſchlag machte, und erklärte mich bereit, ſo hoch zu ſteigen als er wollte, moͤchte es auch bis in den Himmel ſein.—„O, noch nicht!“ erwiederte der Pfarrer mit mildem Scherz,„obſchon es mir wahrlich ſehr angenehm waͤre, Sie dort hinzu⸗ fuͤhren.“ Dies nicht ſehr weltliche Kompliment wurde mit ſo viel Gutmuͤthigkeit gemacht, daß es mich nicht verletzte, und ich nahm es mehr als Ausdruck eines frommen Wunſches, der im Munde eines Prieſters nicht an fal⸗ ſcher Stelle war. Er hatte eine Thuͤre geoͤffnet, und wir befanden 212 uns im Kreuzgange des ehemaligen Kloſters. Wir ſchrit⸗ ten durch weite, ganz zerſtoͤrte Saͤle, dann ſtiegen wir von Stockwerk zu Stockwerk durch mancherlei Kruͤm⸗ men des Labyrinths gerader und ſchiefer Gaͤnge, welche bald zum Ziele zu fuͤhren, bald wieder in ſich ſelbſt zuruͤck zu kommen ſchienen. Indem wir unſerm Weg fortſetzten, uͤber deſſen Laͤnge ich unſerm Fuͤhrer mein Erſtaunen bezeigte, ſagte er keuchend:„O ich wohnte ſonſt beſſer!— Aber ſeit der Revolution!— Noch ſehr gluͤcklich, Madame, in dem Hauſe, wo ich meine Ju⸗ gend und den groͤßten Theil meines Lebens zugebracht, ein Plaͤtzchen gefunden zu haben!— Ich habe minde⸗ ſtens die Hoffnung, hier zu ſterben, und das iſt ein Troſt, den ich mir viele Jahre hindurch verſagt glaubte.— .Sie ſchlugen mir wohl vor, mich zum Canonicus in Saint Denis zu machen; aber ich will den Tauben⸗ ſchlag nicht verlaſſen, wo ich Ruhe gefunden.“ So ſprechend, gelangten wir endlich unter das Dach, die Treppe hoͤrte auf; hier war das Gemach des wuͤrdigen Mannes. Er oͤffete haſtig und fuͤhrte uns in ein Vorzimmer, wo ausgeſpannte Leinwand, Staffe⸗ leien, alte Gemaͤlde und vorzuͤglich ſtarke Geruͤche von Oel und Firniß die Beſchaͤftigung und den Geſchmack des Hausherrn verriethen. Wir ſchritten durch fuͤnf⸗ ſechs Zimmer, alle mit Malereien geziert oder mit merk⸗ wuͤrdigen Sachen uͤberhaͤuft, als Moͤbel von ſeltſamer Form aus geſchnitztem Holz; alte Vergoldungen aller 213 Art, alte Meß⸗ und andere Buͤcher aus Pergament mit reichen Schildereien. Doch gab dieſer Anblick mehr eine Vorſtellung von der Manie als dem guten Ge⸗ ſchmacke des Beſitzers; denn unter den zahlreichen Ge⸗ maͤlden, welche die Mauern bekleideten, fand ſich ſelten ein gutes Stuͤck. Indeſſen zeigte uns der Pfarrer mit allen kleinlichen Vorkehrungen eines wahren Kuͤnſtlers einen ſchoͤnen Schalken, deſſen pikante Wirkung durch einen rothſeidenen Vorhang erhoͤht wurde, der einen hellen Lichtſtrahl auf die erleuchtete Parthie des Ge⸗ maͤldes fallen ließ; es ſtellte ein junges Maͤdchen vor, das eine Fackel traͤgt. Es war wirklich etwas ſehr Schoͤnes. Wir ſahen auch eine heilige Familie von Guercino, eine ſchoͤne Madonna von Jacob Stella, welche vielleicht aus der ehemaligen Kloſter⸗Gallerie herruͤhrte; doch ſagte uns der Pfarrer nichts davon, obgleich er, wie alle Liebhaber, die Manier hatte, zu erzaͤhlen, wann dies oder jenes Gemaͤlde in ſeinen Beſitz gekommen, welches er dafuͤr umgetauſcht, kurz alle die kleinen Einzelheiten, welche fuͤr Sammler ſo viel In⸗ tereſſe haben. Indem er von dem koſtbarſten Stuͤcke ſeiner Sammlung ſprach, traf der gute Pfarrer alle in ſolchem Falle gebraͤuchlichen Vorkehrungen, und nach⸗ dem er einen Fenſterladen geſchloſſen, und das Gemaͤlde, das auf der Staffelei ſtand, geheimnißvoll mit einem Vorhange von gruͤnem Tafft bedeckt, in das rechte Licht und die wirkſamſte Neigung gebracht, ſagte er, vorzugs⸗ 214 weiſe an meinen Mann ſich wendend:„Hier habe ich eine Perle, mein Herr! einen wahren Diamanten, einen Schatz, um den mich das Muſeum Napoleon beneiden wuͤrde, wenn es ſein Daſein ahnte, von dem ich mich aber nicht trennen will— es iſt ein unſchaͤtzbares Ju⸗ weel, mit einem Wort, das Original der Madonna im Linnen, ein Raphael!“ Nachdem der Pfarrer mit vorgeneigtem Leibe dieſe Worte faſt leiſe geſprochen hatte, zog er ploͤtzlich mit beiden Haͤnden den Vorhang hinweg, und ließ uns wirklich die reizende Compoſition ſehen, wo der Maler⸗ fuͤrſt die Jungfrau im azurblauen Kopfſchmucke darge⸗ ſtellt, wie ſie ein durchſichtiges Linnen aufhebt, das ihren ſchlafenden Gottſohn bedeckt. Mein Mann, vertrauter mit den Werken der gro⸗ ßen Meiſter, betrachtete das Gemaͤlde ſehr aufmerkſam, und aͤußerte einige Zweifel uͤber die Echtheit eines Stuͤcks, das ſich auch im Muſeum Napoleon befaud und immer fuͤr das Original gegolten hatte. Der Kunſt⸗ freund hoͤrte mit einer gewiſſen Freude dieſe Einwuͤrfe, als ob ſie nur dazu dienen koͤnnten, die Beweisfuͤhrung, welche nachfolgen ſollte, zu vervollſtaͤndigen. Als mein Mann die Geſchichte dieſes Gemaͤldes durchgegangen, welches Raphael ſelbſt dem Kardinal Adrian von Gouffier, dem Legaten in Frankreich, zum Andenken an die guten Dienſte geſchenkt, welche ihm dieſer bei Franz I. erwieſen hatte, nebſt anderen, gleich 1 bekannten Details, kehrte der Pfarrer, ohne ein Wort zu ſagen, das Gemaͤlde um, und zeigte uns auf dem ſchwarzen Holze alte rothe Wachsſtempel mit Raphaels Siegel und in den Rahmen geſchnitten die Jahrzahl 1519, zu welcher Zeit wirklich die Reiſe des Legaten Statt gefunden hatte. 3 Ich wuͤrde vergebens trachten, den funkelnden Blick, die entzuͤckte triumphirende Miene des kunſtbe⸗ fliſſenen Pfarrers mit Worten zu ſchildern, als er uns die ſtummen und, nach ihm, unverwerflichen Beweiſe des reinen alten Urſprungs von dem, was er ſeinen Schatz nannte, vor Augen hielt.„Hem! hem!“ ſagte er nach langem Schweigen, und dieſer beredte Ausruf bedeutete: Giebt es viel Echtheiten gleich dieſer? Man mußte ſich der Evidenz ergeben oder doch ſo thun, gleich⸗ wohl ſchien ſie mir nicht vollſtaͤndig.„Warum,“ ſagte ich, das Gemaͤlde von Neuem betrachtend,„warum ſcheint dies ſchoͤne Bild, das ſo herrlich Raphaels an⸗ muthigen Pinſel wieder giebt, nicht eben verblichen, aber doch abgenutzt? Es hat ja Stellen, wo die Farbe faſt ganz abgerieben iſt.“ „„Ach, Madame!“ erwiederte der Greis mit dem Stoͤhnen, das ihm ſtets dieſer Gedanke auspreßte; „auch eine Wirkung der Revolution! Es hat wenig ge⸗ fehlt, daß dies koſtbare Bild, auf die unwuͤrdigſte Art benutzt, wie ein ſchlechtes Stuͤck Holz im Feuer um⸗ kam. Es iſt eine ſehr merkwuͤrdige Geſchichte, wie ich 2¹6 3 dieſen Fund gemacht habe.“— Hier iſt die Anekdote, welche er uns erzaͤhlte: Waͤhrend der Schreckenszeit wohnte der Pfarrer, den man damals Buͤrger Fontaine nannte, in der Straße Clery, wo er heimlich Meſſe las und eine kleine Knabenſchule hielt, deren geringer Ertrag ihm geſtat⸗ tete, im Verborgenen zu leben und den Drangſalen zu entgehen, welche damals die verſteckten Prieſter ver⸗ folgten. Eines Abends ging er zu einem Eiſenhaͤndler, ich weiß nicht in welcher Straße, und handelte um 3 einen kleinen Ofen von Gußeiſen, den er in ſeine Stube wollte ſetzen laſſen,— es war im Herbſt und die Tage fingen an ſehr abzunehmen. ¹ Waͤhrend er noch mit der Frau des Eiſenhaͤndlers um den Preis des Ofens handelte, zog ein Laͤrm von zankenden Kindern in der Hinterſtube ſeine Aufmerkſam⸗ keit, wie die der Mutter, auf ſich, welche letztere, mit⸗ ten im Geſpraͤch mit dem Fremden, in das Zimmer ſprang, wo der Unfug geſchah, rechts und links einige Klapſe vertheilte und den Laͤrmenden eine hoͤlzerne Ta⸗ fel, den Gegenſtand des Streits, aus den Haͤnden riß, indem ſie rief: Das wird euch wohl einig machen! Es ſoll's gar keiner Friegen! Und morgen zuͤnde ich mein Feuer damit an. Da ging es an ein betaͤubendes Heu⸗ len und Schreien.—„Was betruͤbt denn die Kinder?“ 4 fragte der Pfarrer. Gott, lieber Herr! antwortete die Frau, da haben ſie im Magazin ein Bret gefunden, 1 wo 217 wo etwas Gemaltes darauf iſt; ſie wollen ſich eine kleine Bank davon machen, und zanken ſich alle Augenblick, wer es haben ſoll.— 3 Bei dem Worte Gemaltes ſpitzte der Pfarrer die Ohren; er nahm die fragliche Tafel; beim Schein des Kamins, der ſchon angezuͤndet war, erkannte er wirk⸗ lich Malerei, aber ganz bedeckt von Staub und Schmutz; die Tafel war von Nußbaumholz, ſtark und wohlge⸗ fuͤgt; er dachte, ſie koͤnnte ihm zum Malen dienen, und kaufte ſie fuͤr drei Afſignaten zu zehn Franken, die*. er den Kindern gab, um ſie uͤber den Verluſt ihres. Spielzeugs zu troͤſten.„— Zu Hauſe angekommen, fing er an, ſeinen Kauf vorſichtig zu reinigen, und wenig fehlte, ſagte er uns ſelbſt, daß er vor Freude wahnſinnig geworden, als er die lieblichen Zuͤge der Mutter Gottes entdeckte, und auf der Ruͤckſeite den authentiſchen Beweis, daß der Zufall oder vielmehr die goͤttliche Vorſicht einen der ſchoͤnſten Raphaels, die man kennt, in ſeine Haͤnde fallen laſſen. d „So habe ich“, fuͤgte der Pfarrer mit einer Art Stolz hinzu,„das Meiſterwerk von ſeinem Untergange gerettet, ſo hat mein Geſchmack fuͤr die Malerei mich oft auf den Bruͤcken und Quais koſtbare Sachen ent⸗ decken laſſen, die ohne mich verloren geweſen waͤren, und denen ich gluͤcklich genug war, ein Aſyl zu ge⸗ wagren— denn“, ſprach er, indem er einen wohlge⸗ .— 10 218 faͤlligen Blick um ſich her warf,„ſie ſind gut unter⸗ gehracht, das geben Sie zu?“ Nie habe ich die Macht der Kunſt ſo wohl begrif⸗ fen, als da ich das ſtrahlende Antlitz des Greiſes ſah, wie er bei ſeinem Berichte den Blick voll Freude um ſich her ſchweifen ließ. Dieſer Mann, ſonſt der Erſte im Hauſe, das beruͤhmt war wegen des bequemen und genußreichen Lebens, das man hier fuͤhrte; lange ſturm⸗ volle Jahre aus der Wohnung verbannt, wo er einſt befahl, wo ſein Leben unter den leichten Pflichten ſei⸗ Amts und den Genuͤſſen des Studiums dahin floß: dieſer Mann war gluͤcklich und ſtolz, hier den Dach⸗ boden zu bewohnen, umringt von den theuern Gegen⸗ ſtaͤnden ſeiner Verehrung, die er den Verheerungen der Unwiſſenheit und noch truͤberem Verderben entriſſen!— Mir ſiel wieder ein, was mir der Pfarrer in der Kirche von ſeiner Vorliebe fuͤr die Ausuͤbung der Kunſt geſagt, und ich ſuchte unter der Maſſe großer und klei⸗ ner Bilder die Werke des Kunſtfreundes ſelbſt;— da ich nichts fand, was mir dafuͤr galt, ſo fragte ich ihn darum. „O!“ ſagte er, etwas verlegen, mit einer Beſchei⸗ denheit, die nichts Gekuͤnſteltes hatte:„Sie begreifen wohl, Madame, daß ich mich huͤte, meine Kleckſereien unter dieſen Meiſterwerken zur Schau zu ſtellen! Ich liebe die Malerei, aber mein ſchwaches Talent beſchraͤnkt ſich darauf, einige Koͤpfe zu kopiren.“— 219 Wir baten ihn dringend, uns Etwas von ſeiner Arbeit zu zeigen, und der redliche Mann oͤffnete mit ſichtlichem Widerwillen ein kleines Zimmer, das er ſein Attelier nannte: da ſtand auf einer Staffelei ein ange⸗ fangener Madonnenkopf. Der gute Pfarrer hatte Recht, ſein Talent war in der That nur das eines Kunſtlieb⸗ habers, ſonſt war es nicht ganz von Sinn und Ge⸗ ſchmack entbloͤßt, die Zeichnung ſtellte ſich ziemlich rein dar, nur die Faͤrbung ließ viel zu wuͤnſchen uͤbrig. Wir waren ſchon beinah eine Stunde in dieſem be⸗ ſcheidenen Muſeum, und trotz des Vergnuͤgens, das mir die Bemerkungen und Anekdoten des Pfarrers mach⸗ ten, fuͤrchtete ich, nicht ſeine Gefaͤlligkeit zu mißbrau⸗ chen, welche außerordentlich war, aber ihn um ſeine Zeit zu bringen, und ich ſchickte mich an, von ihm Abſchied zu nehmen, als er etwas zoͤgernd ſagte:„Ich haͤtte Ihnen wohl noch Etwas zu zeigen, aber—“ Hier hielt er inne und ſchien zwei entgegengeſetzte Gefuͤhle in Einklang bringen zu wollen. Ich glaubte Anfangs, es waͤre der Wunſch, uns zuruͤck zu halten und die Furcht, uns zu ermuͤden, und beeilte mich, ihm zu verſichern, daß wir die Zeit mit ihm auf eine zu ange⸗ nehme Weiſe zugebracht, um nicht zu wuͤnſchen, die unterhaltung zu verlaͤngern, wenn wir ſonſt nicht fuͤrch⸗ teten, durch laͤngeres Bleiben ihm laͤſtig zu fallen; waͤhrend ich dieſen Wunſch nach beſten Kraͤften aus⸗ druͤckte, ſah mich der Greis mit einem Ausdruck an, 3 10* 220. den ich mir nicht zu erklaͤren wußte. Dann kehrten ſich ſeine Augen mit derſelben Unſchluͤſſigkeit auf mei⸗ nen Gemahl. Endlich zog er dieſen beiſeite, fuͤhrte ihn an's Fenſter und ſprach mit ihm einige Augen⸗ blicke leiſe. „Wahrhaftig nicht!“ ſagte ploͤtzlich mein Mann; der Pfarrer fuͤgte noch Etwas hinzu, worauf mein Mann antwortete:„O es fehlt ihr nicht an Muth.— Liebes Kind!“ fuhr er fort, zu mir zuruͤckkommend,„der Herr will uns einen Gegenſtand ſchrecklichen Anblicks zeigen, und er fragte mich mit vaͤterlicher Guͤte, ob Du ihn auch ertragen koͤnnteſt— Ich habe ihn in dieſer Hin⸗ ſicht beruhigt, und ihm verſichert, daß Dein Muth Deiner Neugier gleich.“„Ich bin eine Frau!“ ver⸗ ſetzte ich lachend;„damit wiſſen Sie, mein Herr, daß ich ſehr froh ſein wuͤrde, dem Lieblingsfehler meines Geſchlechts zu froͤhnen. Wovon iſt die Rede?“ „Wenn das iſt, werthe Dame,“ ſprach der Pfar⸗ rer,„ſo ſollen Sie befriedigt werden, und da Sie nicht allein Bilder, ſondern auch Geſchichten lieben, ſo hoͤren Sie eine ſo wunderbare, wie das Meiſterwerk, das mit ihr zuſammenhaͤngt.— Setzen Sie ſich, denn meine Erzaͤhlung wird etwas lang werden.“ Ich gehorchte; dieſer Eingang erregte auf ſeltſame Weiſe mein Intereſſe und meine Neugier. Waͤhrend dem ſtellte der Pfarrer in gehoͤriger Ent⸗ fernung zwei große Kiſten vor uns auf/ von denen ich 4 .* 8 vermuthete, daß ſie Gemaͤlde von Werth enthielten, welche man gewoͤhnlich ſorgſam verſchloſſen haͤlt. Er oͤfnnete ſie, und ich erblickte zwei ſchoͤne Portraits in Lebensgroͤße als Bruſtbilder, mit reicher, geſchmackvoller Umgebung.- 1 Das erſte ſtellte einen jungen wohlgebauten Mann mit angenehmen Geſichtszuͤgen dar; ſein braunes Locken⸗ haar umwallte eine edle Stirn, er war mit einem rei⸗ chen Wamms von Sammet und Atlas, mit Gold und Perlen geſtickt, bekleidet, das große Halsband des Or⸗ dens vom goldnen Vließ funkelte auf ſeiner breiten Bruſt, und eine Spange von Edelſteinen hielt auf der Schulter den kurzen ſpaniſchen Mantel feſt, das Haupt⸗ Erforderniß der Tracht des ſechszehnten Jahrhunderts. Ein Krone mit Rubinblumen umgab ſein Baret, wel⸗ ches, mit einer weißen Feder geziert, auf dem Tiſche neben ihm lag. Seine Miene war ehrfurchtgebietend und ſanft, etwas Stolzes und Gluͤckliches ſchien aus ſeiner ganzen Geſtalt zu athmen; man haͤtte ihn fuͤr einen jungen Koͤnig halten koͤnnen, in dem Moment, wo er den Thron ſeiner Vorfahren in Beſitz nimmt. Das zweite Bildniß war das einer jungen Schoͤn⸗ heit, weiß und zart, mit lichthellem Blondhaar und blauen Augen voll Innigkeit und fanfter Schwermuth; klein und laͤchelnd war der Mund, aber in die An⸗ muth dieſes Laͤchelns miſchte ſich Trauer und ihr leicht geneigtes Haupt gab dem Ganzen etwas unendlich Lieb⸗ 222 liches und Ruͤhrendes. Die praͤchtige, aber ſteife Klei⸗ dung der Mediceer war bei ihr anmuthig und entſtellte nicht ihre jungen ſchlanken Formen. Viel Gold, Ru⸗ binen und Perlen prangten auf ihrem Gewande, aber ihr ſchoͤnes Haar war mit natuͤrlichen Roſen geſchmuͤckt. Andre Blumen zwiſchen goldnen Ketten und Juwelen lagen neben ihr auf einem Tiſche unter einem breiten Spiegel, und zeigten, daß die junge reizende Frau ihre Toilette vollendete, und man konnte aus dem zaͤrt⸗ lichen Ausdruck ihres Blicks errathen, daß ſie ſich fuͤr einen geliebten Gegenſtand geſchmuͤckt hatte. Waͤhrend ich beſchaͤftigt war, ſuͤße Beziehungen zwiſchen den beiden liebenswuͤrdigen, reizenden Weſen zu ſuchen, rief mein Gemahl, empfaͤnglicher fuͤr den Kunſtwerth als fuͤr das Intereſſe der Compoſition:„Das iſt Tizians Schule!— Vielleicht ein Pordenone oder Tintoretto—“ Der Pfarrer, welcher ſich an unſrer Bewunderung zu weiden ſchien, begann ſeine wunder⸗ bare Erzaͤhlung, wie er verſprochen hatte. Ich ſtehe nicht fuͤr ihre hiſtoriſche Genauigkeit, ſondern gebe ſie wieder, wie ich ſie bekommen habe.. „Als Karl der Fuͤnfte noch Erzherzog war, machte er eine Vergnuͤgungsreiſe nach Italien, und verliebte ſich in eine ſchoͤne Frau, deren Namen, wie die der Mehr⸗ zahl ſeiner Geliebten, unbekannt geblieben iſt; man weiß nur, daß ſie von hohem Range war und daß der Fuͤrſt verſprochen hatte, wenn ſie einen Sohn bekaͤme, ihn 223 anzuerkennen. Sie ſtarb, indem ſie einer Tochter das Leben gab, welche Karl, der Kaiſer geworden, zaͤrtlich liebte und mit vieler Sorgfalt erziehen ließ. Als die Jungfrau funfzehn Jahr alt war, erſchien ſie an dem Hofe des Herzogs Francesco Sforza, den Karl der Fuͤnfte wieder in Mailand eingeſetzt. Hier zog ihre Schoͤnheit und Anmuth ihr eine Menge Hul⸗ digungen zu, unter andern die eines Juͤnglings aus dem Hauſe Medici, ſchoͤn, liebenswerth, aber arm und ohne Guͤter. Sein Geſchlecht war durch die Partheien aus Florenz vertrieben worden und er hatte ſich dem kaiſerlichen Kriegsdienſte gewidmet. Seine armſelige Lage erlaubte ihm nicht, nach der Hand eines ſo rei⸗ zenden Weſens zu ſtreben, und doch konnte er ſich nicht enthalten, ihr ſeine Verehrung bei allen Gelegenheiten zu bezeigen, welche ihm die glaͤnzenden Feſte und Mas⸗ kenzuͤge, damals in Italien gebraͤuchlich, boten. Das iunge Fraͤulein ihrerſeits, welche das Geheimniß ihrer Geburt kannte, wagte nicht, wenn ſchon ſie den ſchoͤ⸗ nen Eigenſchaften ihres Anbeters volle Gerechtigkeit an⸗ gedeihen ließ, die Liebe zu ermuthigen, welche ſie ein⸗ gefloͤßt hatte, und bemuͤhte ſich, durch ein ſittig zuruͤck⸗ haltendes Betragen ihre heimliche Neigung mit dem, was ſie ihrem hohen Range ſchuldig war, in Einklang zu bringen. Nichts konnte dem Paare die Hoffnung eines gluͤck⸗ lichen Ausgangs ihrer Liebe gewaͤhren. Damals ver 224 heerte der Krieg ganz Italien. Rom war von den Kai⸗ ſerlichen gepluͤndert worden, um des Bundes willen, den der Papſt gegen ſie mit Frankreich, England und den italieniſchen Fuͤrſten geſchloſſen. Der junge Medici, gezwungen, dem Geſchicke ſeines Verwandten, Cle⸗ mens VII. zu folgen, nahm Abſchied von der, welche ihm ſo theuer war, und verließ Mailand, die Verzweif⸗ lung im Herzen. Er begab ſich zum Papſt, der zur Zeit in der Engelsburg gefangen gehalten wurde. Zur Schande der ganzen Chriſtenheit dauerte die Haft des Oberhaupts der Kirche laͤnger denn ſechs Monate! Endlich willigte Clemens, um Frieden und Freiheit zu erlangen, in die Bedingungen, welche ihm Karl der Fuͤnfte vorſchrieb, er waͤhlte ſeinen jungen Verwandten, um dem Kaiſer ſeine Unterwerfung zu uͤberbringen, und zwei Jahre ſpaͤter beauftragte er ihn, den Allianz⸗ Traktat zu unterhandeln, den er mit Karl ſchließen wollte, um bei dem allgemeinen Frieden, der im Werke war, beſſere Bedingungen zu erhalten. Der junge Medici reiſte nach Barcellona ab, wo⸗ hin der Kaiſer auch ſeine Tochter berufen hatte. Hier ſahen ſich die Liebenden wieder. Nach ſo langer Ab⸗ weſenheit waren ſich Beide noch treu, und das Fraͤu⸗ lein wußte das Herz ihres erhabenen Vaters ſo guͤnſtig fuͤr den, den ſie liebte, zu ſtimmen, daß Karl der Fuͤnfte, ſei es aus Nachgiebigkeit, die vielleicht von der außer⸗ ordentlichen Liebe, die er zu ihrer Mutter getragen, 1 herruͤhrte, ſei es aus irgend einem politiſchen Grunde, der nie recht bekannt geworden, einwilligte, ihr den jungen Abgeſandten zum Gemahl zu geben. Er uͤber⸗ trug auf dieſen den Herzogstitel, ſetzte ihn wieder in das Erbtheil ſeiner Vaͤter, indem er ihn an die Spitze der Regierung von Florenz ſtellte, und dieſe Heirath wurde ſogar eine der Urſachen des Friedens, welcher den moͤr⸗ deriſchen Kriegen folgte und Italien nach ſo viel un⸗ heil wieder etwas aufathmen ließ.. Ein ſo großes, ſo unvermuthetes Gluͤck war etwas Betaͤubendes fuͤr die liebenswuͤrdigen jungen Leute, deren Bildniſſe Sie hier ſehen. Selbſt indem ſie es genoſſen, konnten ſie nicht daran glauben; ihre Freude, wie, ach! bei den armen Sterblichen jede zu vollkom⸗ mene Freude, uͤbertraf die Faͤhigkeit, welche ihnen ge⸗ geben war, ſie zu genießen.— In das Gefuͤhl ihres Gluͤcks vertieft, vergaßen ſie die Erde, und doch ſchien eine gewiſſe Traurigkeit ihnen zu ſagen, daß es nicht von Dauer ſein koͤnne— ein ſchlagendes Bild der fal⸗ ſchen Seligkeiten dieſer Welt und der wahnſinnigen Eitelkeit unſerer Wuͤnſche! Wenn wir in dieſem oder jenem Zuſammentreffen von Umſtaͤnden einem vollkom⸗ menen Gluͤcke zu begegnen glauben, ſo ſindet es ſich, daß, wenn wir es durch guͤnſtigen Zufall wirklich er⸗ langt haben, unſre Seele der Kraft ermangelt, es zu ertragen, und dieſe Ohnmacht ſcheint uns zu verkuͤn⸗ den, daß es andrer Organe, als der irdiſchen, be⸗ 226 darf, um das zu genießen, was nur der Ewigkeit angehoͤrt!—. Fortwaͤhrend mit einander beſchaͤftigt und immer mit der Leidenſchaft, welche ſie zugleich entzuͤckte und quaͤlte, waren die armen jungen Leute nicht gluͤcklich, wenigſtens nicht in dem Sinne, wie man dies Wort gewoͤhnlich nimmt. Die Regierungsſorgen hielten den jungen Herzog taͤglich mehrere Stunden von ſeiner Gemahlin fern, welche darob einen toͤdtlichen kindiſchen Verdruß fuͤhlte. Sie betruͤbte ſich uͤber dieſe Nothwen⸗ digkeit wie uͤber ein großes Ungluͤck; ſie war immer unruhig, immer bewegt, das kleinſte Geraͤuſch erſchreckte ſie, und da die Angelegenheiten der Republik zuweilen ſchwierig zu leiten waren und die beſiegte Parthei nur mit Widerwillen den Neffen des Papſtes zum Herrn angenommen hatte, ſo glaubte die junge Frau fortwaͤh⸗ rend den Dolch eines Verſchworenen ihres Gatten Herz bedrohen zu ſehen, und dieſer Gedanke nahm ſie mit ſolcher Gewalt ein, daß man ſie oft ſchaudern ſah und im jaͤhen Schreck aufſchreien hoͤrte, je nachdem ihre zu lebhafte Einbildungskraft ihr ein duͤſteres Bild zeigte. Das ging ſo weit, daß eines Tages, als ſich in den Straßen von Florenz, ich weiß nicht bei welcher Ge⸗ legenheit, ein großer Laͤrm hoͤren ließ, die ungluͤckliche junge Frau das wuͤthende Geſchrei: Carne, carne! Sangue! sangue! welches gewoͤhnlich den Volks⸗Auf⸗ ruhr begleitete, zu unterſcheiden glaubte; außer ſich bei 227 dem Gedanken, daß man ihren Gemahl erwuͤrge, wollte ſie hinab ſtuͤrzen, aber die Heftigkeit ihrer Bewegung raubte ihr alle Kraft, ſie that ein paar Schritte und ſank beſinnungslos in die Arme ihrer Frauen. Man lief, den Herzog zu benachrichtigen, der eben aus dem Rathe kam. Tief geruͤhrt von ſo zarter Liebe, aber auch die unſelige Gewalt beklagend, welche ſie auf das theure Weib ausuͤbte, eilte der junge Mann zu ihr. Als er in ihr Gemach trat, wurde er vom hef⸗ tigſten Schreck erfaßt. Er ſah die Frauen in Thraͤnen, die Aerzte ſtumm und beſtuͤrzt, und ſeine reizende Ge⸗ mahlin auf ihrem Lager ausgeſtreckt, bleich und reglos, mit allen Anzeichen des Todes! Seinem fragenden Blicke antworten nur die haͤuftgern Thraͤnen der Um⸗ ſtehenden; er ſtuͤrzt nach dem Bette, beruͤhrt die Haͤnde, das kalte Antlitz ſeiner Angebeteten, ruft ſie mit den ſuͤßeſten, ruͤhrendſten Ramen— ſie bleibt unempfind⸗ lich! Ihr Mund iſt ſtarr, die Bruſt unbeweglich, ihr Herz hat aufgehoͤrt zu ſchlagen! Der junge Gatte ſtoͤßt einen klaͤglichen Schrei aus und ſinkt leblos uͤber den entſeelten Leib des Weſens, das er ſo innig geliebt hat. Man ſucht ihn ins Leben zuruͤckzurufen, lange Zeit ſind alle Bemuͤhungen umſonſt. Auf einmal kommt eine Frau der Herzogin darauf, ihr ins Ohr zu rufen, daß es auch der junge Herzog hoͤren kann: Frau Herzogin! Frau Herzogin! kommt dem Herzog zu Huͤlfe! der Her⸗ zog ſtirbt! Frau Herzogin, der Herzog ſtirbt! 228 Der Ruf, die fuͤrchterlichen Worte, riſſen die junge Frau mit unerwarteter Gewalt aus dem Starrkrampf, der ihre Sinne gefangen hielt; ſie oͤffnete die Augen, ihr Antlitz faͤrbte ſich wieder, ihre Geiſter lebten auf, ihre Seele, welche der heftige Stoß gleichſam zerſchmet⸗ tert, gewann bei dem wiederholten Aufrufe wieder Spannkraft; die Herzogin ſtand auf und naͤherte ſich, noch ganz ſchwankend, ihrem Gemahle, der ſich eben erholte. Ihre Stimme, ihre Liebkoſungen riefen ihn vollends ins Leben zuruͤck. Die um ſie ausbrechende Freude verbreitete ſich durch den ganzen Pallaſt, aber ihr eigenes Geſuͤhl war zu lebhaft, um ſich in ge⸗ raͤuſchvollem Entzuͤcken zu aͤußern; Beide erhoben ſich und gingen Arm in Arm nach der Kapelle, um dem Himmel zu danken, daß er ihnen das Leben auf eine ſo wunderbare Weiſe wieder geſchenkt, welche ſie als ein Mirakel zu betrachten geneigt waren. Gleichwohl trug dies Ereigniß, indem ſie ſich gegenſeitig noch theu⸗ rer wurden, nur dazu bei, die melancholiſche Stim⸗ mung ihres Geiſtes zu vermehren. Sie hatten Beide eine Art Vorgefuͤhl eines nahen Endes, und die junge Frau ſprach eines Morgens zu ihrem Gemahl: Wenn Ihr mir Glauben ſchenkt, mein theuerſter Gemahl, ſo laßt uns unſre Angelegenheiten ordnen und uns chriſtlich auf einen Tod bereiten, der nicht mehr fern ſein kann.— Mein Gluͤck iſt ſo reich, ſo vollſtaͤndig, daß ich nicht aufhoͤren werde, fuͤr ſeinen 229 Verluſt zu zittern, als bis wir es mit uns hinuber ge⸗ nommen und in Sicherheit gebracht in der andern Welt.— Unſre Guͤter moͤgen den Armen verbleiben! Legt die Staatsſorgen nieder, uͤbergebt ſie den Alten der Republik, und laßt uns hinfort, frei von aller Noth, in Ewigkeit uns ſelbſt leben, mein theurer Gemahl, bis uns Gott von hier abruft, und wenn es ſeiner Guͤte gefaͤllt, moͤge es bald ſein; denn ſieh, Geliebter, wir ſind zu gluͤcklich, um auf Erden zu bleiben! Ein Gluͤck, wie das unſrige, gehoͤrt in den Himmel! Damit aber unſer kurzes Leben nicht ganz ohne Frucht bleibe, laſfen wir der Welt ein großes Zeugniß von der Eitelkeit deſſen, was man Gluͤck nennt, auf daß ſie lerne, wie die Wuͤnſche des Menſchen, wenn ſie ſchon in dieſem Leben erhoͤrt werden, ihn ungluͤcklich machen, da Ju⸗ gend, Schoͤnheit, Reichthum, Macht und Liebe, ſo vier vereinte Gaben, uns nicht verhindern konnten, den Tod zu wuͤnſchen! Laßt uns einen trefflichen Maler ſuchen, der uns Beide darſtelle in den Tagen unſerer Schoͤn⸗ heit, umgeben von allem Glanze unſeres Ranges. Ich beſtimme hundert tauſend Thaler fuͤr dieſe beiden Ge⸗ maͤlde, unter der Bedingung, daß derſelbe Maler ſechs Wochen nach unſerm Tode von Neuem unſer Bild ent⸗ werfe— aber ſo, wie wir dann ſein werden— wie uns der Tod gemacht haben wird;— biſt Du damit einver⸗ ſtanden, mein Geliebter? Der junge Herzog theilte die truͤben Anſichten ſei⸗ 230 ner Gemahlin zu gut, um irgend eine Einwendung gegen dies ſeltſame Vorhaben zu aͤußern, welches die Ueberſpanntheit jenes Jahrhunderts ſehr wohl ſchildert. Er bemuͤhte ſich, einen Maler zu finden, der geſchickt und auch muthig genug waͤre, die Abſichten der Her⸗ zogin aufs Strengſte zu erfuͤllen. Nach vielem Be⸗ muͤhen um einen ſolchen Kuͤnſtler, ſiel ſeine Wahl auf Giacomo Robuſti, genannt de Tintoretto. Dieſer be⸗ ruͤhmte Maler nahm den ſonderbaren Vorſchlag an, und beſchwur auf das Evangelium, Alles getreulich zu erfuͤllen. Die lieblich reizende Herzogin, welche ſeit ihrem Entſchluſſe allem Prunk entſagt hatte, bekleidete ſich noch einmal mit ihren hochzeitlichem Gewaͤndern. Sie ſchmuͤckte ſich mit Gold, Perlen und Blumen, ſie ver⸗ langte, daß auch ihr Gemahl mit allen Zeichen ſeiner Wuͤrden geziert ſei, auf daß ſie Dintoretto male, wie Sie das Paar hier ſehen.. Die beiden ſchoͤnen Bilder waren kaum fertig, und die Verfuͤgungen, welche das Ehepaar wuͤnſchte, ge⸗ troffen, als die Geſundheit der jungen Frau, bis dahin ſchwankend, ſich ploͤtzlich auf eine ſo ernſte Weiſe ver⸗ aͤnderte, daß ihr Gemahl fuͤrchten mußte, ſeine trau⸗ rigen Ahnungen bald erfuͤllt zu ſehen. In der That, ſei es, daß ihr Zuſtand das Reſultat eines organiſchen Uebels war, das man zu jener Zeit ſchlecht erkannte, oder daß Gott das Ende eines ſo ſchoͤnen Lehens be⸗ 231 ſtimmen wollte— ſtarb die Herzogin faſt plotzlich. Ehe ſie verſchied, als ſie ſchon nicht mehr ſprechen konnte, heftete ſie einen langen zaͤrtlichen Blick auf ihren Ge⸗ mahl, ſtreckte die ſterbende Hand nach ihm aus, und ihr ſchon halb im Tode erſtarrter Finger ſchien ihm geheimnißvoll zu winken!—— Der untroͤſtliche Gemahl uberlebte ſie nur ſo lange, um ihr die letzte Ehre zu erweiſen und ihres letzten Willens Vollſtreckung zu ſichern. Er ließ den Maler kommen und ſein Verſprechen erneuern— und der Tin⸗ toretto hat es fromm gehalten!“ Indem er dieſe letzten Worte mit dumpfer, halb erſtickter Stimme ſprach, kehrte der Pfarrer beide Ge⸗ maͤlde um— welcher Anblick! Der junge Mann, die junge Frau, zwei Leichen! Die blitzenden Augen voll Luſt und Leben und Liebe— erloſchen, verſunken, in graͤßlicher Zerſtoͤrung untergegangen! Die zarte Naſe— vernichtet! Nur der nackte ragende Knochen! Der Mund ohne Lippen, die weißen Zaͤhne ſcheußlich grin⸗ ſend! Vom Schaͤdel loͤſen ſich die langen blonden Flechten und nehmen die verwelkten Roſen mit hin⸗ weg und die Perlen, welche ſie einſt ſchmuͤckten! Der anmuthige Hals! der weiße wunderſchoͤne Buſen! Ach! das blaͤulich ſich aufloͤſende Fleiſch zerfaͤllt— le⸗ bendige Grabeswuͤrmer kriechen daraus wimmelnd her⸗ vor— und der Spiegel? dieſer Spiegel! der in blei⸗ 232 chern, graͤßlichern, abſtoßendern Farben die grauſe Viſton zuruͤckwirft! Das iſt Tod, mehr als Tod! Genug, genug! Den Vorhang daruͤber! Sie transit gloria mundi! rief der Pheſt mit ſtren⸗ ger Stimme. Eliſe Vocart. Eine Scene des Magnetismus. Dies einzig iſt der Zauber, den ich brauchte! Shakeſpeare. Der Herausgeber des Buchs der Hundert und Ein iſt ſo guͤtig, von mir einen neuen Artikel zu fordern; das iſt ohne Zweifel ſehr verbindlich, doch verlangt er durch⸗ aus, ich ſoll darin vom Magnetismus reden, und das bringt mich ſehr in Verlegenheit. Zuerſt iſt es keinesweges angenehm, in der Welt dafuͤr zu gelten, daß man ſich mit Magnetismus be⸗ ſchaͤftigt. Viele unſrer beſten Freunde betrachten uns dann mit einer Art mitleidiger Beſorgniß, gleich der, welche uns Leute einfloͤßen, bei denen es im Kopfe nicht ganz richtig iſt. Ich finde das ſehr natuͤrlich; vor eini⸗ gen Jahren trieb ich es wie die Andern, und jetzt, aus demſelben Grunde, ſchaͤme ich mich faſt, als ein Adept 10** 234 von Mesmer, Puyſegur oder vom guten Herrn Deleuze bezeichnet zu werden. Seht ihr nicht alle Unannehmlichkeiten eines ſolchen 3 Rufs? In der Politik klaſſificirt er euch unfehlbar un⸗ ter die ſchwachen Geiſter, in der Philoſophie unter die Hohlkoͤpfe, in der Litteratur unter die Einfaͤltigen. So zum Beiſpiel, wenn ich jemals hinreichendes Selbſt⸗ vertrauen faͤnde, um aus meinen alten Papieren Stoff zu einem oder zwei Octavbaͤnden herauszuklauben, und es mir nachher wie jedem Andern einſtele, mich in die Reihen der Aſpiranten zur Akademie frangaiſe zu ſtellen: glaubt ihr, daß eine ſolche Note mich betreffend bei den Herrn Neun und Dreißigen eine recht gute Empfehlung abgeben wuͤrde? Denkt euch einen Kandidaten zur De⸗ putirtenſtelle, der dringend des Magnetismus verdaͤchtig waͤre— wie wuͤrden ihn die Waͤhler mit einem ſolchen Vorlaͤufer emyfangen? Ich hoͤre ſchon alle die Spoͤtte⸗ reien: Er will die Kammer magnetiſiren, Europa in Schlaf verſetzen, kurz den Hagel von Streichen, der einen Kandihaten in der Kreishauptſtadt zu Boden ſtreckt. Es iſt wahrhaftig eine recht ſonderbare Sache. Zu einer Zeit, wo der Magnetismus noch gar nicht oͤffent⸗ lich erwieſen war, wo ſich die Charlatanerie großen⸗ theils ſeiner bemaͤchtigte und das Geheimniß ſein Wun⸗ derbares noch erhoͤhte, da gehoͤrte es zum guten Tone, ſich damit zu befaſſen, und man konnte ganz nach Be⸗ lieben daran glauben, ohne ſeinen Ruf zu gefaͤhrden. 235 8 Man glaubte daran, wie an viele andere Dinge. Ich erinnere mich an einen alten braven Mann, ehemaligen Dragoner⸗Capitain, der bei der Heimkehr von der Emi⸗ ration wie eine Art Bagage aus dem aucien régime den Magnetismus, die Wuͤnſchelruthe und eine Zahl Aneldoten vom Herrn Grafen von Caglioſtro aufbe⸗ wahrt hatte, nebſt Citationen aus Voltaire und eine Menge von Alteweibermitteln, dem Journal von Ver⸗ dun entlehnt. Der gute Onkel! Er kannte kein groͤße⸗ res Gluͤck, als ſeine Recepte zu geben und ſeine Haus⸗ mittel anzuwenden, an deren Wirkſamkcit er ſo feſt glaubte, als er uͤberzeugt war, daß ohne Necker die franzoͤſiſche Revolution gar nicht ſtattgefunden haͤtte.— Verzeihung dem Abſchweife. Ich ſagte alſo, daß vor der Revolution es keine Unannehmlichkeit hatte, an den Magnetismus zu glau⸗ ben, der uͤbrigens nichts weniger als erwieſen war, und heut, wo eine Menge Erfahrungen in Gegenwart der beruͤhmteſten Fakultaͤten von Europa feierlichſt gemacht worden, wo zahlreiche Kuren zu Paris im Angeſicht aller Aerzte, Studenten und Neugierigen, welche Zeu⸗ gen ſein wollten, geſchehen ſind; heut, wo eine ad hoc ernannte Commiſſion fuͤr das Daſein der Phaͤnomena des thieriſchen Magnetismus und Somnambulismus entſchieden hat; heut, wo ihr uͤberall Lenten begegnet, die irgend eine Wirkung dieſes wunderbaren phyſtſchen Agens geſehen haben, die dadurch geheilt worden ſind, 236 oder mindeſtens doch ihre Freunde— woher kommt es, daß es etwas Laͤcherliches an ſich hat, fuͤr Einen, der Magnetismus ſtudirt, oder auch nur daran glaubt, zu gelten?. So ſteht jetzt die Frage. Es iſt eine der wunder⸗ lichen Inconſequenzen der menſchlichen Natur. Die Einen glauben, weil ſie geſehen oder erfahren haben, die Andern glauben nicht, weil ihnen keine Beweiſe geworden ſind, und Alle bleiben hierbei ſtehen. Die, welche nicht uͤberzeugt ſind, ziehen es vor, nicht daran zu glauben, ſtatt hinzugehen und zu ſehen, und es iſt ihnen bequemer, die zu verſpotten, welche gemeint haben, daß die Sache der Muͤhe verlohnte, genauer gepruͤft zu werden. Suchen wir zu erfahren, warum. Wenn eine Entdeckung in der Naturwiſſenſchaft gemacht wird und ſie hinlaͤnglich durch das Zeugniß der gelehrten Welt erwieſen iſt, ſo nimmt ſich Niemand die Muͤhe, ſie in Zweifel zu ziehen; man iſt viel ſchnel⸗ ler damit fertig, ſie auf Treu und Glauben der tuͤch⸗ tigen Maͤnner als wahr hinzunehmen, welche gleichſam die Procuratur des Menſchengeſchlechts haben, um neue Wahrheiten aufzufaſſen und in Umlauf zu bringen. Als ich das erſte Mal von der außerordentlichen Wirkung des Galvanismus auf das Nervenſyſtem ſelbſt nach dem Tode reden hoͤrte, war ich ohne Zweifel ſehr verwun⸗ dert; aber da die Thatſache von Niemand beſtritten wurde, ſtand ich nicht einen Moment an, ſie als wahr 237 anzunehmen. Waͤre ſie beſtritten worden, ſo haͤtte ich gedacht, daß ſie wohl verdiente ins Klare zu kommen, und ich haͤtte Nichts verſaͤumt, um vollkommen zu wiſſen, woran ich mich dabei zu halten haͤtte. So habe ich es mit dem Magnetismus gemacht, und die Welt ſollte es auch ſo machen, wie mir ſcheint, oder ich weiß nicht mehr, was der Neugier werth iſt, in einer Zeit vorzuͤglich, wo ſo viel Leute ſich abmuͤhen, etwas Poe⸗ tiſches zu finden. Aber ſeht, es giebt Etwas, das dem Magnetismus ſchadet, das iſt: er enthuͤllt eine Seite der phyſiſchen Welt, die uns bisher ganz unbekannt war; die Wiſſen⸗ ſchaft aber hat nach ihrer Gewohnheit die Geſetze der bekannten Welt unwiderruflich feſtgeſtellt, und betrachtet als unmoͤglich, was von dieſen Geſetzen abzuweichen ſcheint, und was das Volk, minder bedenklich, ganz treuherzig als wunderbar annimmt. Dieſe Art zu ſchließen iſt wirklich ſehr plauſibel; indem Alles, waͤs den Anſchein des Wunderbaren hat, fuͤr unmoͤglich er⸗ klaͤrt wird, iſt damit zugleich entſchieden, daß es nicht der Muͤhe verlohnt, ſich damit zu beſchaͤftigen. Aber wie viel andre, jetzt anerkannte Thatſachen haben der⸗ einſt fuͤr wunderbar gegolten, weil ſie den angenomme⸗ nen Ideen zu widerſprechen und die natuͤrliche Ordnung der Dinge zu uͤberſchreiten ſchienen? Die Erſcheinun⸗ gen der Elektricitaͤt, des Galvanismus, des minerali⸗ ſchen Magnetismus u. ſ. w,, ſchienen ſie nicht anfangs wunderbar, und erklaͤrt man ſie heut nicht ganz gut? Nun, die des thieriſchen Magnetismus gehoͤren in das Gebiet des Phyſiſchen, obgleich man ſie nicht erklaͤrt, und ſie muͤſſen auch ihr Geſetz haben, das vieleeicht dereinſt bekannt werden und ſie erklaͤren wird. O, Verzeihung! Da laſſ' ich mich gehen, die wiſſen⸗ ſchaftliche Frage abzuhandeln, und habe es mir doch ſo feſt gelobt, Nichts der Art zu thun. Ich will mich nur auf den moraliſchen, poetiſchen, philoſophiſchen und wenn ihr wollt, pittoresken Standpunkt ſtellen. Hier ſollt ihr weder ein kliniſches Protokoll, von drei Aerz⸗ ten unterzeichnet, noch eine Theorie des Magnetismus, noch eine Diskuſſion fuͤr oder gegen erhalten. Das Alles waͤre hier ſehr unpaſſend. Indeſſen muß ich ernſtliche Vorſichtsmaßregeln mit dem Leſer treffen. Laßt mich alſo, ich bitte ſehr, ein paar Worte hinzufuͤgen. Ich verſichere euch denn, daß ich an den Magnetismus und ſelbſt an den Somnam⸗ bulismus glaube, dem beſſer ein anderer Name ge⸗ geben wuͤrde*). Ich glaube daran, weil ich viele ²) Der magnetiſche Somnambulismus iſt die Entwicke⸗ lung eines ſechsten Siunes, des Sinnes, der ſich zuweilen in Ahnungen, Sympathien und ſo viel andern Erſcheinun⸗ gen des gewöhnlichen Lebens kund giebt; es iſt, wenn man will, der natürliche Inſtinkt, bis zu einem ſolchen Grade gereizt, daß er Wahrnehmungen hat, die uns unſre Sinne im Zuſtande des Wachens verſagen. Wir wiſſen nicht, ——— 239 Somnambulen gepruͤft habe, zuerſt mit dem anguͤnſtig⸗ ſten Vorurtheil und dann mit der unpartheiiſchſten Auf⸗ merkſamkeit. Noch will ich ſagen, daß der Nervenbau vorzüglich bei der magnetiſchen Handlung im Spiel iſt, und daß alſo, je weniger Empfindlichkeit der Nerven vorhanden, deſto weniger der Magnetismus wirkt. Man begreift hiernach, warum die Frauen leichter zu magnetiſiren ſind als die Maͤnner.. Ich glaube auch, daß ſich die Charlatanerie oft dieſer Entdeckung, welche uns ohne Zweifel von den Alten uͤberkommen, bemeiſtert und der Enthuſiasmus ſie uͤbertrieben hat; aber ſagt mir doch, welche Ent⸗ deckung in der Medizin hat nicht ihre Enthuſiaſten, ihre Schelmen und Betrogene gehabt? Die phyſiſch⸗moraliſche Panacee, das Mittel, zum Abſoluten, zur Univerſalwahrheit zu gelangen,— es giebt Leute, welche das und noch viel andre Dinge im warum, noch wie ſich dieſe Fähigkeit ſo entwickelt, die Somnambulen können uns keine Rechenſchaft geben von der Art ihrer Wahrnehmungen und Viſionen. Aber we⸗ nigſtens können die Leute, welche ſich die Mühe geben, die Thatſache zu beobachten, ſelbige nicht leugnen. Ich habe viel andre beim Doctor Chapelain, dieſem eifrigen magnetiſchen Experimentator, geſehen, der ſeine ganze me⸗ diziniſche Laufbahn dem Fortſchreiten der Wiſſenſchaft ge⸗ opfert bat, und auf ſeinem neu eingeſchlagenen Wege ganz erſtaunliche Kuren bewirkt. 4 240 Maznetismus ſehen. Was die betrifft, die weder Dog⸗ matiker noch Illuminaten ſind, ſondern die Thatſachen mit Huͤlfe der Erfahrung und der Vernunft betrachten, ſo moͤgen ſie ſich darauf beſchraͤnken, die magnetiſchen Facta ſo viel als moͤglich mit aller Vorſicht des Zwei⸗ fels zu ſtudiren. Aber ſie moͤgen ſich auch huͤten, ihrer⸗ ſeits eine Theorie zu bilden, welche andre Thatſachen bald umſtuͤrzen wuͤrden. Zu jeder Zeit hat man ge⸗ glaubt, daß die Epoche der Syntheſis gekommen ſei, und wie viele Syſteme ſind uͤber dieſen Planeten ge⸗ wandelt wie Generationen, Denkmaͤler und Neiche! In zweitauſend Jahren wird man noch deren neue gruͤnden, die wiederum von andern erſetzt werden. Ich meines Theils liebe die Syſteme, aber nur als Metho⸗ den. Genug davon.— Um damit zu Ende zu kommen, iſt hier ein Brief in dem ſich wie in einem Rahm die intereſſe anteſten, aber nicht die wunderbarſten Erſcheinungen des Magne⸗ tismus zuſammengeſtellt vorfinden. Er iſt von einem Freunde an mich gerichtet, zu dem ich ſo viel Vertrauen wie zu mir ſelbſt habe, und ich theile ihn mit, ohne jedoch ſeinethalb eine Verantwortlichkeit zu uͤbernehmen. — Ganz entſchieden, mein Theuerſter, gehen wir nicht ins Bad. Die Saiſon beginnt weit vorgeruͤckt zu ſein. Die Seebaͤder ſchlagen nicht an, und was ſchlimmer iſt, ſie ſi nd dies Jahr nicht en vogue, man geht 241 X geht nicht mehr hin. Die Neiſe nach Schottland iſt auf naͤchſtes Jahr verſchoben, und ſo wird der ganze Sommer in Chateauverger zugebracht. Waͤre das nicht um vor Langerweile zu ſterben, ohne die Huͤlfsquellen Deines Freundes? Aber wie ſchwer iſt es, eine huͤbſche Frau zu amuͤſiren, welche ſtets in der Welt Effekt ge⸗ macht hat und dadurch verwoͤhnt iſt! Die reizende Couſine klagt immer noch uͤber ihre Nerven. Sie ſeufzt, daß ihr Mann gezwungen iſt, an der Spitze ſeines Regiments zu ſein. Ihr erſter Eifer fuͤr Romantik iſt verraucht, die Romane von Walter Scott und nach Walter Scott intereſſiren ſie nicht mehr. Wir leſen noch manchmal ein paar Verſe von Words⸗ worth und Byron, aber mit einer ſehr matten Auf⸗ merkſamkeit. Sie iſt von der Malerei degoutirt, weil die Talente zu gemein geworden ſind und die kleinen Maͤdchen in den Kloͤſtern ſchon Genrebilder entwerfen und nach Modellen zeichnen. Roſſini? Sie hat ſo viel geſungen, was man von ihm in den Salons ſingt. Sie begreift nicht mehr, daß man ein Liebhaber⸗Concert arrangiren koͤnne, ohne einen ganzen Akt mit Choͤren und Orcheſter aufzufuͤhren. Was alſo machen? Ich fand die Gelegenheit guͤnſtiger als je, um mein Anerbieten des Magnetismus wieder vorzubrin⸗ gen. Man lachte, man verwarf es, wie Thorheit und Chimaͤre. Andern Tags, unertraͤgliche Migraine. Das war ein herrlicher Beweggrund. Ich brachte die Rede V. 11 242 wieder darauf, ich ſetzte meine Theorie auseinander, fuͤhrte meine wunderbaren Kuren an und ruͤhmte meine Somnambulen. Die Neugier ſchien aufgeregt.„Aber iſt es moͤglich? Iſt es keine Taͤuſchung?“— Verſuchen wir's. Sie ſollen ſehen.—„Man wird ſich uͤber uns moquiren.“— Was thut's?—„Ich werde davon kraͤn⸗ ker werden.“— Im Gegentheil, ich ſtehe dafuͤr, Sie zu heilen.—„Langeweile werde ich dabei haben.“— Dazu laſſe ich Ihnen gar keine Zeit.—„Wird es lange dauern?— Hoͤchſtens zehn Minuten.—„Und dann, ſind Sie nicht etwas jung, oder auch ich?“— O ich bin ja Ihr Couſin.—„Im Grunde, das iſt wahr. Wohlan— Wenigſtens Albertine kann dabei bleiben, nicht wahr?— O freilich, ganz gewiß!— Frei geſtanden, ſtarb ſie vor Luſt, und die ſchoͤne Albertine war nicht minder neugierig darauf als ſie. Soll ich Dir's geſtehen? Vorzuͤglich ihretwegen wuͤnſchte ich ſo gluͤhend das Experiment. Mit ihren ſchoͤnen, ſchwarzen, blitzenden Augen, ihrem reichen glaͤnzenden Haar, das wie ein Diadem von Gagat ihre Stirn um⸗ zieht, dem ruͤhrenden Ausdruck ihrer bleichen Zuͤge, dem leichten Anflug ſpaniſcher Faͤrbung, kurz mit dem unendlichen Reiz, der uͤber ihre ganze Geſtalt verbreitet iſt— welche Somnambule mußte Albertine ſein! doch wagte ich gar nicht, daran zu denken, und gleichwohl ſprach ich bei mir: dann wuͤßteſt du ihr Geheimniß.— Frau von B. hat mehr Geiſt als das junge Muͤndel 243 1 ihres Gemahls, und bei ihrer Weltkenntniß, ſechs bis acht Jahr aͤlter, begreift ſich das. Aber welche Seele, Albertinens! Und dann, im achtzehnten Jahre, der Zeit bleicher Farben—— braucht ſie einen Mann. Nun aber, in dem Jahrhundert, in der Welt, wo ſie lebte, was fuͤr einen Mann ſollte ſie finden? Das arme Kind, es hat Nichts! Hoͤchſtens funfzig tauſend Thaler! Es iſt wahr, das iſt ſchon etwas, aber bei dieſer Hoͤhe des Luxus, vorzuͤglich im Gymnaſe! Du wirſt ungeduldig, ich komme ſchon. Das rei⸗ zende Bild, welches ich vor Augen hatte, muß ich gleichwohl noch verweilend betrachten. Ich habe es immer fuͤr einen der koͤſtlichſten Kontraſte gehalten, welche uns die Natur bieten kann, wenn ſich eine Gruppe von einer Bruͤnette und Blondine bildet, welche ihre huͤbſchen Koͤpfchen aneinander lehnen, daß ihr Haar ſich vermiſcht, ſo ungleich wie ihr Teint, ihre Augen, ihre Haltung und der Ausdruck ihrer Phyſiognomie. Hier, wie es ſich oft trotz des widerſprechenden Vor⸗ urtheils zutraͤgt, iſt die Bruͤnette die Zarte, Ernſte, Me⸗ lancholiſche, und die Blondine die Lebhafte, Muntre, Piquante. Frau von B. iſt im Grunde viel gefuͤhl⸗ voller, als ſie ſcheinen will. Sie hat das Anſehen, ſich fuͤr Nichts zu intereſſiren und alle Dinge pirouettirend zu behandeln. Aber trotz ihres Maͤnnerhirns, das Alles begreift, hat ſie ein lebhaft fuͤhlendes Frauenherz, ein 3 115 244 Herz, das eines Abgotts bedarf— ob fuͤr lange? Ich bezweifle es. Albertine dagegen— ihr oft auf die Bruſt ſinken⸗ des Haupt, ihre etwas truͤben Augen, ihr oft ſtarrer, feuchter und doch gluͤhender Blick, Alles verkuͤndigt in ihr eine Praͤdeſtination zu tiefer Leidenſchaft, das heißt, zu der hoͤchſten Wonnetrunkenheit des Gluͤcks und zu den brennendſten Schmerzen. Und dieſe Leidenſchaft auf ewig? Ich glaube. Endlich ſitzt nun Frau von B. auf einem Divan, ich vor ihr auf einem Stuhle, ihre Kniee leicht zwiſchen den meinigen druͤckend. Ich ſage ihr, den Kopf auf ein Kiſſen zu lehnen und ſich willig dem Schlafe zu uͤber⸗ laſſen, ohne Verſuch, meinem Einfluſſe zu widerſtehen; denn wozu das Experiment laͤnger und muͤhſamer fuͤr uns Beide machen? Was wuͤrde das beweiſen? Ich nehme eine ihrer Haͤnde(ſehr ſchoͤn wie Du weißt, aber ich denke jetzt nicht daran, wie billig) und laſſe die andre von Albertinen, welche auch auf dem Sopha ſitzt, in die ihrigen nehmen. Das iſt zwar gegen das Prin⸗ zip, welches Abſonderung vorſchreibt; aber glaubſt Du, ich wolle mich von Albertinen abſondern? Nach drei Minuten Sammelns oder Concentration, waͤhrend welcher ich meine magnetiſche Kraft, um ſie zu ſchonen, ſehr ſchwach wirken laſſe, erhebe ich ſanft meine Hand gegen die Stirn, dann ſenke ich ſie ſehr langſam die Figur entlang und verweile nach einander 245 auf dem Claviculum, Sternum, den Plexrus ſolaribus und dem Epigaſtrium, das ich etwas druͤcke. O herr⸗ liche anatomiſche Sprache! du machſt nicht die Pruͤ⸗ derie ſcheu, auch verfehle ich nicht, mich deiner zu bedienen. Das Alles iſt nur im Ganzen das Werk von fuͤnf Minuten geweſen, und ſchon wird das Athem⸗ holen raſcher, die Haͤnde werden waͤrmer und etwas feucht, die Blicke ungewiß, die Augenlider halb ge⸗ ſchloſſen und der Buſen hebt ſich. Ich fahre fort, des Erfolges verſichert.— Aber waͤhrend dem hatte ich ſchon einen andern gehabt. Ich wandte den Kopf nach Alber⸗ tinen, ſie war feſt entſchlummert. Ihr zarter empfaͤng⸗ licher Organismus hatte das Fluidum abſorbirt, wie wir Magnetiſeurs ſagen. Frau von B. bemerkte mein Erſtaunen und ſah auch gleich die Urſache. Noch zwiſchen Schlaf und Wachen war ſie nicht ganz in meiner Gewalt. „Ich will nicht mehr magnetiſirt ſein,“ ſagte ſie ploͤtzlich aufſtehend. — Mein Gott, warum denn? was iſt denn?— „Im Ernſt, wahrhaftig! Sehen Sie doch das Kind.“ — Sie ſchlaͤft feſt, das iſt Alles.—„Mir kam es eben vor, als ob ich nicht mehr mir ſelbſt gehoͤrte. Ich fuͤhlte mein Ich gleichſam entfliehen.“— Das geſchieht im⸗ mer ſo.—„Aber ich ſage Ihnen(etwas laͤchelnd), das iſt ſehr gefaͤhrlich.“— Iſt das eine Idee! Bei mir Ge⸗ fahr!—„Ich geſtehe, daß ich nur von dem Manne, 246 den ich am liebſten auf der Welt habe, magnetiſirt werden moͤchte, und das ſind Sie nicht.“— Bedenken Sie doch, daß im Zuſtande des Wachens die gewohnten Neigungen wieder in ihr Recht treten und der Einfluß des Magnetiſeurs faſt ganz aufhoͤrt.—„Ich will es glauben, aber Sie muͤſſen doch wenigſtens zugeben, daß im magnetiſchen Zuſtande dieſe Neigungen momentan von andern verdraͤngt werden koͤnnen.“— Zuweilen, das iſt wahr. Nun! das große Ungluͤck! Es iſt wie eine Untreue im Traume, wie eine Leidenſchaft fuͤr ein Phantaſiegebilde, das man in einem Romane getroffen. Ein wahrhafter Thor, wer uͤber dergleichen eiferſuͤchtig werden koͤnnte! Albertine ſchien in dieſem Augenblicke unruhig, ohne Zweifel, weil ich ſelbſt etwas aufgeregt war, ſo innig beſtand der magnetiſche Rapport ſchon zwiſchen uns. Ich ſtillte die leichten Nervenzuckungen durch einige ſanfte Striche von weitem und mich zu Frau von B. wendend, ſagte ich: Sehen Sie, nur Sie ſind die tſache, daß ſie leidet. Die Nerven ſind in dieſem Zuſtande ſo reizbar, daß unſer kleiner Zwiſt hinreichte, ſie zu beunruhigen. Es waͤre weit beſſer, Sie machten ein Ende und ließen ſich einſchlaͤfern.—„Wozu? Meine Migraͤne iſt vor⸗ uͤber.“— Das kann nicht ſein. Im Gegentheil, ich ſehe, Ihr Kopf iſt ſchwer.—„Ja, ich bin ganz wuͤſt im Kopf.“— Sie muͤſſen etwas ſchlafen, damit Sie 247 ruhig werden, ehe ich Sie des Fluidums entledige, ſonſt wuͤrden Sie den ganzen Tag unwohl ſein.—„Werden Sie das junge Maͤdchen weiter ſchlafen laſſen?“— Einige Zeit noch, aus demſelben Grunde.—„Alſo wollen Sie mit zwei ſchlafenden Frauen allein bleiben? Wiſſen Sie, daß es ſonderbar erſcheinen wuͤrde? Und meine Pflichten als Vormuͤnderin?“— Ach gehen Sie doch! Laſſen wir die Kindereien. Und ſagten Sie nicht, Sie waͤren neugierig, zu ſehen, was Ihr Gemahl eben jetzt macht?—„O, das vergaß ich— ja, wenn ich das gewiß wuͤßte— Wohlan!“ Sie ſetzte ſich wieder und ich ſchlaͤferte ſie ein, ohne mich jedoch mit zu vielem Intereſſe mit ihr zu beſchaͤftigen, denn ich fuͤrchtete Albertinens Nerven⸗ zuckungen zu erneuern. Ich wußte, daß die Eiferſucht bei den Somnambulen ſich bis zu einem erſtaunlichen Grade entwickelt. Ich war nicht gewiß, ob ſich Alber⸗ tine in dem Falle befand, denn ich hatte noch nicht mit ihr geſprochen; aber ich vermuthete es ſicher. Trotz aller meiner Achtſamkeit gab das reizende Muͤndel Zeichen von Unruhe, als Frau von B. zum letzten Mal gaͤhnte und, ſich einem unwiderſtehlichen Schlummer uͤberlaſſend, ihre Glieder ausſtreckte und den Kopf mit jener Anmuth zuruͤcklehnte, welche die Frauen nie ver⸗ läͤtzt, ſelbſt wenn ſie nicht mehr daran denken, daß man ſie beobachtet. Stelle Dir, wenn Du kannſt, das entzuͤckende Bild 248 vor, und die unausſyrechliche Bewegung, welche durch meine Seele zitterte, nach dieſem kleinen, ſo leicht er⸗ rungenen, magnetiſchen Siege.. Ich habe es zwanzig Mal geſagt: man kennt noch nicht all' das Poetiſche, Erhabene, Aetheriſche im Weibe, wenn man es nicht im Zuſtande des Somnambulismus geſehen hat. Selbſt ein ſolches, das im gewoͤhnlichen Zuſtande kaum den Blick anzieht, beſitzt dann eigen⸗ thuͤmliche Reize. Die Carnation wird durchſichtiger, friſcher, die Haut angeſpannter, das Antlitz bekommt einen anmuthigern oder nach Gelegenheit energiſchern Ausdruck, obgleich die Zuͤge wie im Schlummer ruhen; die Lage iſt faſt immer gluͤcklich und die Geſten auch, und die⸗Stimme wird fuͤßer, eindringlicher. Einmal ließ ich eine Somnambule ſingen, und man vergoß Thraͤnen, ſie zu hoͤren; wachend bat ich ſie um daſſelbe Lied, von dem ſie nicht ahnte, daß ſie es einen Augen⸗ blick vorher geſungen habe, und es war weder die Stimme, noch der ſeelenvolle Vortrag von fruͤher. Ich wollte anfangs mit der reizenden Albertine ſprechen, aber, die Wahrheit zu geſtehen, ich wagte es nicht. Ich zitterte, daß ſie nicht ganz im Somnambu⸗ lismus ſein und aufwachen moͤchte, wenn ſie mich hoͤrte. Ich nahm alſo nur ganz leiſe ihre Hand, ſie war voͤllig unempfindlich, wie es in dieſer Art Starr⸗ ſucht zu geſchehen pflegt. Aber ich wollte, daß ſie die meinige fuͤhlte und ein Zeichen der Erkennung gaͤbe— 1 249 da ſchien es mir denn, als faͤnde ich die Hand etwas responsive, wie man ſo huͤbſch im Engliſchen ſagt. Albertine ſchlief fort und hatte meinen Gedanken verſtanden; der Rapport war alſo vollſtaͤndig. Nach einem langen Liebesblicke voll Verlangen und Hoffnung, der wonnig uͤber ihre ganze Geſtalt glitt, wandte ich mich wieder zu Frau von B., und verſuchte ihr ein paar leiſe Worte zuzufluͤſtern, als:„Befinden Sie ſich wohl?“ Sie antwortete ſchwach:„Ja!“ und ſchlief weiter. Augenſcheinlich war ſie im Somnambu⸗ lismus. Dieſer Erfolg entzuͤckte und ermuthigte mich, ſo daß ich mich lebhafter fuͤr ſie intereſſirte. Ich brachte eine Hand vor ihre Stirn, die andere gegen das Herz, indem ich ſie mit etwas mehr Intenſitaͤt magnetiſirte; in weniger als einer Minute gab ſie Zeichen von der Wirkung meiner Thaͤtigkeit und be⸗ gann freiwillig zu ſprechen, um mir den ſonderbaren Zuſtand, in welchem ſie ſich befand, zu ſchildern. „Ich weiß nicht mehr, wo ich bin,“ ſagte ſie; „aber ich fuͤhle, daß Sie bei mir ſind und auch Alber⸗ tine, doch ſehe ich dieſe durch Sie. Eine neue Welt entwickelt ſich in mir, aber es iſt noch Chaos, Alles formlos und unbeſtimmt. Spaͤter werde ich beſſer ſehen. O mein Gott! wie wunderbar!“ Die ausſchließliche Aufmerkſamkeit, welche ich ibr in dieſem Momente widmete, ſchien Albertinen weh zu thunz ſie fuͤhlte, daß ich mich nicht mehr mit ihr be⸗ 250 ſchaͤftigte, die Schlaͤge ihres Herzens waren heftig und raſch, ich hoͤrte wie einen ſchmerzlichen Seufzer, ihre Glieder wurden ſchon ſtarr; ſogleich begann ich, ſie zu beruhigen. „Sie magnetiſiren Albertinen,“ ſagte Frau von B. „O wie lieben Sie das Kind! Sie koͤnnen es mir nicht mehr verhehlen, ich leſe in Ihrem Herzen.“ „Ich begehre Ihnen auch Nichts zu verhehlen. Aber Sie?“ „Ich weiß nicht— Wecken Sie uns auf. Wahr⸗ haftig, es iſt ſehr gefaͤhrlich; Sie werden bald alle unſre Geheimniſſe haben.“ Albertinens Geſicht hatte ſich unterdeſſen etwas ge⸗ faͤrbt, eine leichte Transpiration erfriſchte ihren ganzen Koͤrper, um ihre Lippen ſpielte ein unſchuldig gluͤck⸗ liches Laͤcheln, ihre Phyſiognomie ſprach eine ſuͤße Si⸗ cherheit, eine Art Seligkeit aus. Ich wagte nun, in Gedanken, ohne den Mund zu oͤfnen, die Frage an ſie zu richten:„Verſtehen Sie mich?“—„Ja!“ antwortete ſie mit verlegener Stimme. (Immer in Gedanken.) Erkennen Sie jetzt, was in meinem Herzen iſt? Die Antwort ſchien ihr Ueberwindung zu koſten: „Vielleicht!“ Ich fuͤgte in Gedanken hinzu: MLieben Sie mich wieder? Ihr Antlitz bedeckte ſich mit gluͤhender Roͤthe; ſie 7 251 antwortete Nichts, aber ich fuͤhlte, daß ſie mir kaum merklich die Hand druͤckte. Ich brauche Dir nicht zu ſagen, ob dieſe Antwort mir tauſend Mal mehr geſiel. „Sie glauben wohl, ich verſtehe Sie nicht?“ ſagte Frau von B. mit uͤbler Laune:„es iſt, als ob Sie ganz laut ſpraͤchen. Geniren Sie ſich nicht.“ Albertine hatte ſie vielleicht nicht verſtanden; gleich⸗ wohl ſchien ſie in dieſem Augenblicke zu leiden. „Ich erſticke,“ ſagte ſie, die Hand auf das Herz legend.. Ich magnetiſirte ſi ie an dieſer Stelle, brachte mei⸗ men Mund ganz nah, und da ich die gluͤcklichen Wir⸗ kungen der Inſufflation kannte, hauchte ich meinen ganzen Athem darauf aus, welches ihr ſogleich Linde⸗ rung zu bringen und ſelbſt ein lebhaftes Gefuͤhl von Vergnuͤgen zu verurſachen ſchien. „O wie thut mir das wohl! Das Blut drang zu ſehr nach dem Herzen.“ Ich fragte ſie laut:„Warum das? Was ſehen Sie in ſich ſelbſt?“ „Ich ſehe, daß ich eine Anlage zur Pulsaderge⸗ ſchwulſt habe.“ Das ſcheint Ihnen beunruhigend?—„O mein Gott! Ich werde daran ſterben, wenn ich einmal einen ſchmerzlichen Kummer habe.“— Setzen Sie ſich nicht ſolche Ideen in den Kopf.—„Ich kann Nichts dafuͤr.“ — Sie werden geheilt werden. Ich hoffe es, ich weiß 252 es gewiß. Ich will, daß Sie ein gleiches Vertrauen haben. Glauben Sie, daß ich Sie heilen wuͤrde, wenn ich Sie magnetiſirte? (Lebhaft.)„Ganz gewiß!“(Langſam.)„Vielleicht, wollte ich ſagen!— Aber ich mag nicht mehr; es iſt genug, es iſt zu viel!“ „Wier Sie wollten mir nicht die Geſundheit ver⸗ danken, theure Albertine?“ Sie antwortete nur durch Schluchzen, das bald durch reichliche Thraͤnen geſtillt wurde, die aus ihren geſchloſſenen Augenlidern drangen. „Weinen Sie nicht, meine zarte Freundin! nein, fuͤrchten Sie keinen Kummer, am wenigſten von mir. Ich werde Sie heilen, Sie werden gluͤcklich ſein, wenn es von Ihrem beſten Freunde abhaͤngt.— Aber Frau *von B. leidet, ich muß mich mit ihr beſchaͤftigen. Stillen Sie Ihre Thraͤnen, damit keine Spur von ihnen bleibt, wenn Sie erwachen. Ich will jetzt, daß Sie in einen tiefen Schlummer ſinken.“ Sie ſagte mir, daß ſie großen Durſt haͤtte. Ich fuͤllte ein Glas mit Waſſer und magnetiſirte es mit dem feſten Willen, daß es den Geſchmack von Limonade ha⸗ ben ſollte. Sie trank begierig und ſprach:„Was iſt das? Limonade, glaube ich. O, wie erquickt mich das jetzt!“ Zu gleicher Zeit brachte ich eine Hand vor das Epigaſtrium, die andre vor die Stirn, mit der feſten Abſicht, ſie ſchlafen zu laſſen, bis ſie von ſelbſt erwachen 253 wuͤrde. Ich wollte zugleich, daß ſie ſich ruhiger, gluͤck⸗ licher fuͤhlen und von ihrem Schlummer eine angenehme Erinnerung behalten ſollte, ohne ſich davon Rechenſchaft geben zu koͤnnen. Alles das wird viele Leute die Ach⸗ ſeln zucken machen; aber Du, der Du dieſe Erfahrung kennſt, bedarfſt keiner Commentare. Nach zwei Minuten war Albertine ſchon ganz feſt entſchlummert. Ich ruͤckte einen Stuhl zur Frau von B. und linderte ſie mit einigen großen Strichen; ſie beruhigte ſich ein wenig und ſprach: „Wahrhaftig, ich glaube, Sie haͤtten mich ſterben laſſen, ohne mich der Beachtung zu wuͤrdigen, ſo ganz und gar gehoͤrten Sie der Kleinen.“ „Sie beurtheilen Ihren Couſin zu ſtreng. Fuͤhlten Sie ſich ſehr unwohl?“ „Ja, die Migraine war wiedergekommen, meine Nerven waren gereizt, ich litt am Magen.“— Das iſt nicht von Bedeutung und jetzt?—„bin ich beſſer; aber muß man nicht dem Tode nahe ſein, um Sie zu er⸗ weichen?“— Kommen Sie, ſchoͤne Couſine, keinen Zorn mehr, ich liege zu Ihren Fuͤßen.— Was ſagen Sie von der Maͤßigung eines gewaltigen Magus, der die verzauberte Schoͤnheit um Verzeihung bittet und ſich demuͤthigt, wo er befehlen koͤnnte?—„Was Sie mir da ſagen, iſt wirklich wahr! Es ſcheint mir, als waͤre meine Seele der Ihrigen unterworfen, lebte nur in ihr und daͤchte durch ſie, Sie lenken alle meine Gedanken.“ Ich kuͤßte ihr die Hand, es iſt wahr, aus reiner Galanterie, aber mit dem feſten Willen, daß ſie es fuͤhlen ſollte.—„O, das iſt nicht aufrichtig, ich fuͤhle, daß Sie dieſen Augenblick nicht an mich denken.“— und Sie? Ich glaube Sie auch mit etwas Anderem eſchaͤftigt. Sie runzeln die Stirn, woran denken Sie? —„Ach, ich weiß nicht. Ich denke an meinen Mann; ich frage mich, ob es ihm lieb ſein wuͤrde, daß ich ſo— Guter Gott! Was kuͤmmert es ihn? Iſt denn etwas Uebles dabei?—„Das iſt auch nicht Alles, ich moͤchte ihn gern ſehen, wiſſen, was er grade jetzt macht und denkt, ob er ſich mit mir beſchaͤftigt.“— Verſuchen wir's ein wenig.—„Nun ja, ich will.— Ach, ich fange an, ihn undeutlich zu erkennen, aber noch ſo von Nebeln umringt; ich glaube, durch Anſtrengung und wenn Ihr Wille mich unterſtuͤtzte, wuͤrde ich mit der Zeit zum Ziele kommen.“— Ich richte meine ganze Denkkraft dorthin.—„Das fuͤhle ich wohl.“ Zugleich naͤherte ich meine Stirn der ihrigen und brachte ſie in Beruͤhrung. „Gut!“ ſagte ſie,„ich ſehe beſſer. O, was giebt das meinem Hirn fuͤr Kraft! Aber ich wuͤrde gleich zum Zweck gelangen, wenn ich irgend Etwas in Haͤnden hielte, das mich direkt in Rapport mit ihm ſetzte, ir⸗ gend Etwas, das er kuͤrzlich beruͤhrt hat.“— Ganz recht, was nehmen wir dazu?—„Ahl warten Sie, 255 das iſt es, was wir brauchen; geben Sie mir ſeinen letzten Brief, er liegt dort auf der Chiffoniere.“ Ich gab ihn hin, ſie befuͤhlte ihn ſorgfaͤltig, legte ihn auf ihr Herz, auf ihre Bruſt, auf ihre Stirn, wo ſie ihn lange feſthielt, dann rief ſie mit Entzuͤcken: „Ja, ich ſehe ihn ſehr, ſehr deutlich, nicht grade jetzt, aber doch wenigſtens in dem Augenblicke, wo er den Brief ſchrieb. O, er dachte wohl an mich! Wie er mich liebt, der theure Guſtav! Doch wie? Es tritt Jemand in ſein Zimmer.— Wer iſt das? Gott! ein Weib! Er ſteht auf— Ha!“ Ein lauter Schrei rang ſich aus der Tiefe ihrer Bruſt empor. Sie waͤre ohnmaͤchtig niedergeſunken, wenn ſie nicht mein Wille aufrecht gehalten haͤtte, ohne ſie aus ihrem ſomnambulen Zuſtande zu erwecken. Doch ſprang ſie ploͤtzlich auf und ſtuͤrzte zum Fenſter, als ob ſie eine That der Verzweiflung begehen wollte. Ich hielt ſie zuruͤck und mußte zu gleicher Zeit meine Auf⸗ merkſamkeit auf Albertine richten, welche die Ruͤckwir⸗ kung der Bewegung, in der ich war, zu empfinden ſchien. Denke Dir ein wenig meine Verlegenheit waͤhrend eines ſolchen Auftritts. Endlich, durch ſtarke Willenskraft, laſſe ich Frau von B. in reſignirter Haltung niederſitzen, dann beru⸗ hige ich ſie mit Strichen, mit dem Hauch von weitem und vorzuͤglich durch mein feſtes Wollen, ihr jede Er⸗ innerung der betruͤbenden Viſion zu rauben. 256 „Soll ich Sie bald erwecken?“ „O, ich bin noch ſehr bewegt. War es Wirklich⸗ keit oder Taͤuſchung? Ich habe doch ſo klar geſehen, als ob ich dabei geweſen waͤre.(Hier legte ich meine Hand auf ihre Stirn.) Nicht doch, ich glaubte nur zu ſehen. Ja, es war reine Taͤuſchung. Gerechtigkeit des Himmels! Waͤr' es moͤglich, er, der beim Abſchiede von mir— doch hab ich— O, das iſt nicht wahr, nur— koͤnnt' ich mich vielleicht raͤchen. Guſtav in ſolchem Grade untreu! O ich Ungluͤckliche! Nein, nein, es kann nicht ſein, es iſt nicht!“— „Schlafen Sie, ich beſchwoͤre Sie darum. Kraft meines Zaubers fordere ich es von Ihnen.“ „O, keinen Scherz mehr! Es ſteht nicht in Ihrer Macht, mich jetzt in Schlaf zu bringen. Ich will auf⸗ wachen und mich erinnern.“— „Was das Letztere betrifft, nein!“ ſagte ich mit Kraft; „ich will, daß ſich das Alles aus Ihrem Geiſte verwiſche, wie ein eitler Traum; und weil Sie es wuͤnſchen, ſo erwachen Sie!“ So ſprechend, machte ich die gewoͤhnliche Ge⸗ behrde, das heißt, ich trennte lebhaft meine beiden Haͤnde vor dem Geſichte der Somnambulen und hob mehrmals meine Daumen uͤber ihren Augen in die Hoͤhe, ihr gleichſam befehlend, ſie zu oͤffnen, welches ſie auch bald, dieſelben reihend, that, denn ſie fuͤhlte ein leichtes Brennen daran. Dies verbannte ich, indem ich 257 meine Daumen ſanft uͤber ihre Augenlider gleiten ließ. Der Sehnerv war noch gelaͤhmt. Nun, Madame, wie geht's?—„Sind wir im Dunkeln? Ach, ich fange an, zu ſehen. Mir iſt, als ob man mich trunken gemacht haͤtte. Ich fuͤhle Schwin⸗ del. Wahrhaftig, ich koͤnnte nicht gehen.— O, mein Gott, welche Schwaͤche habe ich in den Beinen! Be⸗ greifen Sie das?“. „Nichts natuͤrlicher, das iſt immer ſo. Sie ſind von meinem Fluidum geſaͤttigt, ich muß Sie deſſen entledigen/⸗ 4 „O ia,“ ſagte ſie lachend,„entledigen Sie mich Ihres Fluidums, denn ich fuͤhle mich dadurch ſehr un⸗ behaglich. Setzen Sie mich in den fruͤhern Zuſtand, daß ich wieder Ich ſelbſt bin.“ „Das iſt ſehr leicht. Halten Sie ſich aufrecht.“ Dann machte ich mit beiden Haͤnden Striche vom Kopf zu den Fuͤßen, vor ihr, auf den Seiten und uͤber's Nuͤckgrat. Sie war vollkommen entladen. 4 Wie befinden Sie ſich jetzt?—„Gut.“— Nur das?—„Ich fuͤrchte Ihnen zu viel Eitelkeit einzu⸗ floͤßen; doch muß ich geſtehen, auf Ehre, ich fuͤhle mich viel wohler als vorher. Und demungeachtet kommt es mir vor, als haͤtte ich einen haͤßlichen Traum gehabt; ich moͤchte glauben, der Alp haͤtte mich gedruͤckt.“— Es bringt manchmal eine ſolche Wirkung hervor— und die Migraine?—„Verſchwunden, aber ich fuͤhle mei⸗ 4 11* 258 nen Kopf etwas exaltirt, ich weiß nicht warum. Habe ich lange geſchlafen?“— Sehen Sie nach der Uhr⸗ dreiviertel Stunden.—„Habe ich gar nicht geſpro⸗ chen?— Sie haben geſchlafen, ſage ich Ihnen.— „Wie kommt der Brief auf den Divan?“(Ich hatte vergeſſen, ihn wieder an ſeinen Ort zu tragen, und be⸗ reute es ſchmerzlich. Schon zitterte ich.)— Ich habe ihn in Ihre Haͤnde gegeben, um zu ſehen—„Wahr⸗ haftig! Und mein Mann, was haben Sie von ihm ge⸗ hoͤrt?“— Nun. ſo viel ich habe erkennen moͤgen, befindet er ſich recht wohl.—„Sie lachen? Waͤr' es moͤglich? Sie haͤtten Nichts geſehen?“— In ſolcher Entfernung! Dazu gehoͤrte in der That ein beſſer be⸗ gruͤndeter Rapport.—„Aber wie?(ſich im Spiegel betrachtend.) In welcher Unordnung bin ich? Was haben Sie denn mit mir gemacht?“— Sie waren etwas aufgeregt und da habe ich Sie beruhigt. Das iſt Alles.—„Ich muß glauben, was Sie mir ſagen. Aber ſehen Sie doch, ich, die in Ihren Gedanken leſen ſollte, ich erinnere mich gar Nichts mehr. Was habe ich alſo davon? Uebrigens iſt es eine wunderbare Sache. Ich entſinne mich noch des Moments, wo ich einſchlief und meines Erwachens. Wie das junge Maͤdchen herz⸗ haft ſchlaͤft! Werden Sie es von ſelbſt erwachen laſſen? Wird ſie es koͤnnen? Ich glaube, der Magnetismus iſt ihr gut.“— Ja, ganz gewiß! und Ihnen?—„O, — mir? Rein— ich weiß nicht.“ —— 259 Albertine erwachte zwei Stunden ſpaͤter mit reizen⸗ den Farben, und hatte auch nicht den Schatten einer Erinnerung ihres Schlummers; gleichwohl betrachtete ſie mich mit furchtſamern oder beredtern Blicken, denn das iſt daſſelbe. Ich habe ſie auch, nach den Vorſchrif⸗ ten der magnetiſchen Klugheit, in Unwiſſenheit uͤber ihren Somnamhulismus gelaſſen. Indiscretionen in ſolchem Falle ſind faſt immer gefaͤhrlich. Sie geben den Somnambulen Beſorgniß uͤber das, was ſie ge⸗ ſagt haben koͤnnen, ſtoͤren ihr Gehirn, ſchaden ihrer Iſolirung, indem ſie das Daſein des wachenden Zuſtan⸗ des in das ganz abgeſonderte Daſein des magnetiſchen Schlafs miſchen; endlich ſchwaͤchen ſie ihre Hellſehkraft und zerſtoͤren ſie oftmals. Albertine weiß nicht, daß ſie ihr Geheimniß in mein Herz entſchluͤpfen laſſen, und mir iſt noch Alles gegenwaͤrtig, ich weiß noch Alles. Welchen Vortheil habe ich uͤber ſie! Fuͤrchte jedoch Nichts, reizendes Maͤdchen! Ich werde ihn nicht mißbrauchen, und wenn Dein Gluͤck von mir abhaͤngt, wirſt Du gluͤcklich ſein! Und nun, Theuerſter, was ſagſt Du jetzt von mir? Beſcheidenheit bei Seite, iſt das nicht Tugend? Denn man muß die Dinge beim rechten Ramen nennen. Wie viel Maͤnner kennſt Du, welche das Geheimniß eines huͤbſchen Maͤdchens erhaſchen und eine huͤbſche Frau das Wort Rache ausſprechen hoͤren koͤnnen, und es ſo be⸗ nutzen werden wie ich? Und dann, ſprich, ob ich Dir 260 nicht in natuͤrlichem, doch zuwellen pretentidſem Stile eine Art phyſiologiſch⸗dramatiſch⸗moraliſchen Ge⸗ ſchichtleins geliefert? Ja, gewiß moraliſch, wenigſtens eben ſo viel wie die, mit denen Herr von Marmontel das achtzehnte Jahrhundert erbaute.“— Ich wiederhole, daß ich dieſen Brief nicht unter meiner Garantie mittheile. Es finden ſich darin ge⸗ wiſſe Allegationen, welche die Unglaͤubigen empren werden. Nun! moͤgen die Unglaͤubigen auch erperimen⸗ tiren! Es liegt mir nicht ob, ſie zu uͤberzeugen. Wenn ich Alles beſtaͤtigte, wuͤrde man mir gar Nichts glau⸗ ben. Ich muß mir einen Ausweg zu einem ehrenvollen Nuͤckzuge offen halten. Das iſt mindeſtens die poetiſche Seite des Magne⸗ tismus. Wenn ihr von da zu gewiſſen Somnambulen von Profeſſion niederſteigt, welche fuͤr alle Welt zu feſten Preiſen ſchlafen, welche jeden Tag eine gewiſſe Anzahl von Ausſpruͤchen von ſich geben, oft denſelben fuͤr alle Krankheiten, und eine ſolche Gewohnheit ma⸗ gnetiſchen Schlafs erlangt haben, daß man ihn ihrem Sopha anklebend nennen koͤnnte, dann moͤgt ihr viel⸗ leicht auf der Grenze der Charlatanerie angelangt ſein. Felit Bodin. Die Parthei der Gelangweilten. — Die furchtbarſte, grauſamſte, gefaͤhrlichſte, gewaltthaͤ⸗ tigſte aller Partheien, welche ſich auf der Oberflaͤche der Pariſer Geſellſchaft bewegen! Lacht nicht, es iſt Nichts zum Lachen dabei, das verſichere ich euch. 4 Ihr werdet euch mit allen politiſchen Factionen vertragen, wenn ihr dem Ehrgeize entſagt, Laͤnder zu regieren, wenn ihr euch verurtheilt, die Rechte, die Kraft, die Abſichten und Verdienſte der Partheien nicht zu discutiren, wenn ihr gut eure Abgaben zahlt, wel⸗ ches Syſtem ſie auch einfordern moͤge. Da ihr Nie⸗ mand im Wege ſeid, wird euch Niemand angreifen, ihr gleitet zwiſchen der amerikaniſchen Republik, der er⸗ neuerten Republik von 1791, dem Napoleonismus, dem Henriquinquismus, der Oppoſition, der Doctrine, dem 262 Koͤnigthume der Tuilerien, dem Programme des Stadt⸗ hauſes hindurch, ihr werdet euch mitten unter dem Allem einherbewegen, ohne eine Meinung anzuſtoßen oder eine Idee umzurennen, weil ihr euch kluͤglich ſehr ſchmal⸗ ſehr klein, ſehr flink und gewandt gemacht. Ihr werdet in Frieden mit allen religioͤſen Par⸗ theien leben, wenn ihr hinlaͤnglich geſunden Menſchen⸗ verſtand habt, daß ihr euch aller Controverſe gegen Principien enthaltet, welche die Sektirer nicht mehr ver⸗ ſtehen, als ihr, uͤber Symbole und Mythen nicht ſtrei⸗ tet, welche wohl die Muͤhe verlohnen, gepruͤft zu wer⸗ den, aber gewiß nicht, daß man ſich eine Viertelſtunde daruͤber quaͤlt und erzuͤrnt, daß man ſich ein Haar vom Kopf oder einen Tropfen Bluts aus den Adern reißt. Wenn ihr nicht zu eingenommen(und ein weiſer Mann ſoll nicht fuͤr eine kuͤnſtleriſche Idee eingenom⸗ men ſein), wenn, ſage ich, ihr nicht zu ſehr eingenom⸗ maen fuͤr Racine oder Goͤthe ſeid, ſo werdet ihr gut oder mindeſtens volitiſch mit allen Factionen der Litte⸗ ratur leben. Die Klaſſiker werden euch eure Neigung zur Romantik hingehen laſſen, unter der Bedingung, daß ihr anerkennt, die Vollkommenheit ſei auch oftmals bei Corneille und Racine zu treffen; die Romantiker werden euch Britannicus, die Horatier und Phaͤdra verzeihen, wenn ihr ihnen nur die Haͤlfte von Shakſpeare und die ſchoͤnen Parthien von Hugo, de Vigny und Dumas zugeſteht. 263 Die Anhaͤnger von Ingres vergleichen ſich nicht, Delacroix's Nachahmer geben eben ſo wenig ihre Grund⸗ ſaͤtze auf; aber doch koͤnnt ihr mit dieſen beiden aͤußer⸗ ſten Partheien der Malerei in Frieden bleiben, wenn ihr den Nachkoͤmmlingen von Rafaels Nachkoͤmmling begreiflich macht, daß ihr in den Werken des Pinſels Farbe, Energie, Gluth, Originalitaͤt und leidenſchaft⸗ liches Leben liebt, ohne doch die Zeichnung zu verach⸗ ten und wenn ihr ihnen zum Beweiſe gebt, daß ihr die ſchoͤnen Improviſationen liebt, welche Eugen Delacroitx's freie Feder mit ſo viel Gluͤck des Abends bei Freundes⸗ Geplauder auf ein Brief⸗Couvert, auf das Marktbuch eurer Koͤchin, auf eine Viſitenkarte wirft; wenn ihr ih⸗ nen ſagt, daß ihr das eben liebt, weil ihr Michel An⸗ gelo liebt, weil ihr den ſchoͤnen Stil, den Adel, die Großartigkeit in Rafaels Zeichnung liebt. Die Ingri⸗ ſten werden euch am Ende Farben und Effekt geſtatten, wenn ihr euch die Muͤhe nehmt, ihnen zu beweiſen, daß ihr nicht blind fuͤr die Schoͤnheiten der Meiſter ſeid, welche mehr gezeichnet als colorirt haben. Von dieſer Seite alſo bin ich noch ziemlich ruhig. Auch fuͤrchte ich mich nicht ſehr vor den Philoſo⸗ phen, obgleich, die Wahrheit zu reden, dieſe Freunde der Weisheit ſehr unumgaͤngliche Leute ſind, Chicaneurs uͤber Nichts und Alles, welche den Menſchen vom Gipfel ihrer Groͤße herab meſſen und ihn mit ſittſam unhoͤflicher Verachtung behandeln. Doch im ſchlimm⸗ 264 4 ſten Falle ſind mit ihnen Vertraͤge moͤglich, wenn man ihrer Chimaͤre ſchmeichelt, ihre Selbſtliebe ſchont und, ohne grade ihrem Syſteme voͤllig beizuſtimmen, doch die Lehren ihrer Gegner oder Nebenbuhler bitterlich kritiſirt. Ihr koͤnnt euch alſo vertragen mit den muſikali⸗ ſchen Factionen; Mit den medieiniſchen Factionen; Mit den Factionen, welche ſich das Gesie der Viſſeenſchaften ſtreitig machen; Mit den philoſophiſchen Coterien; Mit den Partheien, welche die Kuͤnſte und die Litteratur bewegen, und ſich viel zanken, wo ſie uns, ſtatt deſſen, ihre Meiſterſtuͤcke geben ſollen;- Mit den religioͤſen Sekten; Mit den politiſchen Factionen.— Aber mit der Faction der Gelangweilten— niemals! uUnd warum niemals mit dieſer, da man ſich mit ſo vielen andern vergleichen kann? Warum? Hier kommt es. Der Gelangweilte iſt der groͤßte Tyrann, den ich kenne. Er findet Nichts gut, und wenn ihr euch zu⸗ faͤllig an einem Thenterſtuͤck, einem Buche, einem Ge⸗ maͤlde, einem Journal⸗Artikel ergoͤtzt, ſo ſetzt er ſich neben euch, aͤrgert ſich uͤber euer momentanes Vergnuͤ⸗ gen, macht ſich eine Freude daraus, es zu ſtoͤren 8 agt 1 265 ſagt ganz laut gaͤhnend: Gott! wie iſt das ſchlecht! wie dumml wie unertraͤglich! Und glaubt nicht etwa, daß er dann fortgehen wird, wie es ſehr einfach ſcheint, weil er ſich langweilt; nein, er wird da bleiben, an euch ge⸗ feſſelt, wie ein laͤſtiges Inſekt, gaͤhnend, damit ihr wie⸗ der gaͤhnt, um die Kinnbacken zu verrenken und einen fuͤrchterlichen Magenkrampf zu bekommen; er wird hlei⸗ ben, um die Arie auszupfeifen, die man ſingt, um ſich uͤber die Proſa oder die Verſe zu moquiren, welche der Schauſpieler herſagt, um eine flache Kritik uͤber den Roman, das Gemaͤlde, oder die Geſinnungen des Jour⸗ naliſten zu liefern; er wird bleiben, bis er euch gezwun⸗ gen hat, ihm das Feld zu raͤumen, denn wohin ſoll er gehen, um ſich beſſer zu amuͤfiren? 1u Gluͤcklich noch, und gratulirt euch darob, wenn er euch nur mit ſeinen breiten Hiatus oder veräͤchtlichen Interjectionen, mit halber Stimme ausgeſtoßen, ver⸗ folgt! Denn wenn er euch mit ſeiner Diskuſſion an⸗ tritt, ſeid ihr verloren. Seine Intoleranz iſt unertraͤg⸗ lich! Man muß denken wie er, das heißt, nur dieſen einzigen Gedanken haben: Alles, was geſchieht, was ge⸗ ſprochen, gezeigt und verkauft wird, iſt ſchlecht und langweilig. Wenn ihr ihm dieſe Wahrheit beſtreitet, wird er hitzig werden und mit ſeinem Stock auf die Erde ſtoßen. 4 Denn er traͤgt einen Stock⸗ der Gelangweilte, einen Piten Stock. Er hat den kleinen Roͤhrchen, den Ba⸗ . 12 dinen der Incroyables, ſeiner Vorgaͤnger und Meiſter, entſagt, er bedarf, um ſeinen nachlaͤſſigen Koͤrper zu tragen, eines ſtarken, ſoliden Stockes, wie der Greis oder der abgelebte Wuͤſtling einer Kruͤcke bedarf, um ſeine Schwaͤche zu unterſtuͤtzen. Wenn ihr euch ereifert, ſo wird er ſich ſchlagen, weil das Etwas iſt, was man nicht alle Tage thut, das die abgeſtumpften Sinne wieder aufweckt und ein wenig ſcharf macht, weil es Geiſt, Herz und Arm fuͤr eine Stunde oder zwei wieder Spannkraft giebt. Der Gelangweilte ſchlaͤgt ſich alſo gern, er liebt das Duell, in ſo fern er uͤberhaupt Etwas lieben kann, wie er die Revolutionen und Gewaltthaten des Aufruhrs liebt. Mag das Volk ſich zuſammenrotten, moͤgen Kriegs⸗ lieder und Geſchrei nach Blut erſchallen, der Gelang⸗ weilte wird an ſein Fenſter treten, das Drama wird ihn anfangs intereſſiren und ergoͤtzen. Er wird ſich hinein miſchen, nicht um die Rolle des Aufwieglers zu ſpielen, die Energie verlangt, oder die des Freundes der Ordnung, die Ausdauer fordert, ſondern, um ſich eine Aufregung zu verſchaffen. Verwundete, Todte, Schrecken der Volksmenge, geſchloſſene Laͤden, lebhafte Diskuſſio⸗ nen in den Kaffeehaͤuſern uͤber die Begebenheiten des Morgens, Buͤlletins, Reklamationen und vorzuͤglich Deklamationen in den Journalen des folgenden Tages, das Alles ſagt ihm auf wunderbare Weiſe zu. Aber wenn ein zweiter Tag der Unruhe und Bewegung dem 267 erſten folgt, wenn das Gewehrfeuer ſich laͤnger als vier und zwanzig Stunden hoͤren laͤßt— o dann wird er wie⸗ der in ſeinen Charakter zuruͤckfallen; das langweilt ihn und er wird uͤberall ſchreien: „Gott! wenn doch die Leute ein Ende machten! es iſt immer dieſelbe Geſchichte! Was macht denn die Polizei? Warum leidet ſie ſo lange Demonſtrationen, die alle Welt ennuyiren? Einen Tag, das iſt gut, aber zwei!“ Was wird er gar am dritten ſagen? Nichts. Er wird die Achſeln zucken, auf ſeinem Sopha ausgeſtreckt eine ſpaniſche Cigarre rauchen und Thuͤren und Fenſter ſorgfaͤltig verſchließen laſſen, damit er ſo wenig als moͤglich hoͤrt, was vorgeht und Niemand empfangen muß, der kommen tunnte, um mit ihm davon zu ſprechen. Eine der Freuden des Gelangweilten iſt die Ver⸗ breitung einer ſchlimmen Nachricht. Sobald er etwas Verdruͤßliches erfaͤhrt(und er iſt ſtets auf der Faͤhrte nach ſolchen ausgeſuchten Genuͤſſen), wird er uͤberall umherſtreichen, um es wieder zu ſagen. Ihr werdet ihn in allen Salons finden, er wird das Pferd ſeines Til⸗ bury zu Tode jagen, um zuerſt zu kommen, damit er die Angelegenheit an dem Orte erzaͤhlen kann, wo ſie den lebhafteſten, grauſamſten Eindruck hervorbringen muß. Das iſt nicht Bosheit, das iſt Beduͤrfniß, ſich zu zerſtreuen, weiter Nichts. Die Thuanen, welche das 2 268 verhaͤngnißvolle Ereigniß, das er zu verkuͤnden gexqur⸗ men, auspreßt, werden ihm nicht wegen des Kummers,⸗ den ſie ausſprechen, gefallen, ſondern nur wegen des Eindrucks, den ſie bei ihm hervorbringen. Peinlich oder angenehm, das kuͤmmert ihn ueyig, wenn 6s nur ein Eindruck iſt! B Alles, was ihm das Gefuhl ſeinss Daſeins giebt, iſt eine Wohlthat fuͤr ihn. Er laͤuft nach einem Be⸗ gebniß, das ihm ein paar Stunden Fieber, einige Mo⸗ mente Todesangſt geben kann, das ihm den Herzſchlag verdoppelt, das waͤhrend eines halben Tages mit Hef⸗ tigkeit auf ſein Gehirn wirkt, wie ihr laufen wuͤrdet, um euch davor zu hewahren. Das iſt ſo ſein ſperieller Muth. Der Erſte, der einen ruſſiſchen Berg verſuchte, war einer der Gelangweilten, von denen ich rede. Ich habe einen Solchen Madame Blanchard bitten und quaͤlen ſehen, ihn in das Schifflein ihres Ballons auf⸗ zunehmen, an demſelben Tage, wo die arme Frau vom Himmel herab ſtuͤrzte, um an der Ecke der Straße von Provence auf dem Hoffmannſchen Hauſe zu ſterben. Wenn es ein Pferderennen auf dem Marsfelde giebt, ſo geht der Gelangweilte hin, nicht um es zu ſehen, denn er hat fuͤr dieſe Art Schauſpiel ſo wenig Geſchmack wir fuͤr eine andre. Wenn es in gehoͤriger Ordnung abgeht, ſo wird er troſtlos ſein, daß er hingegangen iſt; aber wenn ein Pferd ſtuͤrzt und den Jockey, der es reitet, verwundet, wenn dieſer Jockey ein zerbrochenes 269 4 Bein hat, daß man ihn in eins der Zelte tragen muß, welche fuͤr die Concurrenten aufgeſchlagen ſind, und ein Chirurgus augenblicklich einen erſten Verband anlegt: das iſt Bewegung, Verwirrung, Schmerz und Klage, etwas Außergewoͤhnliches— ſo Etwas bedarf er. Er wird ſich amuͤſirt haben und euch des Abends in der Buffa oder Oper vielleicht nicht wie gewoͤhnlich belaͤ⸗ ſtigen— er wird laͤcheln, wenn er an das Ungluͤck des Grooms denkt und es Allen erzaͤhlen, die es hoͤren wollen, ſelbſt denen, welche ſich nicht im geringſten darum kuͤmmern. Aber Pferdeſtuͤrze und Verwundun⸗ gen des Reiters ſind Zufaͤlle, mit denen der Himmel geizt; der Gelangreeilte muß ſich daher anderswo ſchad⸗ los halten. Einer ſeiner Freunde laͤßt laufen, ohne auf den Preis Anſpruch zu machen, ſondern nur, um ſeine Stute zu zeigen, ihr die Beine loſe zu machen und ſeinen Namen in allen Journalen unter dem Artikel⸗ Rennen auf dem Marsfelde zu finden. Der d Gelangen weilte geht zu ihm⸗* „Wer reitet Deine Sylphide?“ 1 „John Parker, einer von Lord Seymours Pianeurs⸗ 6 „Verſpricht er Dir, den Preis zu gewinnen „Nein, gewiß nicht! Es ſind drei ſtaͤrkere Pferde dabei, als mein Thier; aber die Sylphide wird nicht die letzte ſein, und das iſt Alles, was ich will.“ 8 „Und wie viel giebſt Du John? 2 „Drei Louisd'ors, wenn er der vierte iſt; fuͤnf 270 wenn er ſich zwiſchen dem zweiten und dritten haͤlt; zehn, wenn er gewinnt.“ 1 „Gieb ihm zwei Louisd'ors, damit er nicht laͤuft; ich reite Deine Stute, und verſpreche Dir Ehre zu machen. Willſt Dus es wuͤrde mich ungeheuer amuͤſi⸗ ren! Ich bin krank und der Arzt hat mir verordnet, ein wenig zu ſchwitzen. Du beſinnſt Dich?“ „Nein! wie Du willſt.“ Unſer Mann iſt entzuͤckt aufs Hoͤchſte. John war ſchon angekleidet, geſtiefelt, geſchmuͤckt, das noͤthige Blei im Gurt. 1 „John, zich' Dich aus; ich werde mit der Syl⸗ phide rennen. Der Herr giebt Dir zwei Louisd'ors und ich einen. Leih' mir Deine Jacke und Dein Kasket.“ Der Jokey hat augenblicklich ſein Koſtuͤm abge⸗ worfen und der Gelangweilte behaͤngt ſich damit. Bald ſitzt er zu Pferde, in die kurzen Buͤgel geſtemmt, das Kinn in dem Sturmbande der violetten Sammetmuͤtze mit ſchwarzem Lederſchirm, den Oberleib frei in einer Jacke von gelbbrauner Seide, die Taille eng eingeſchnuͤrt durch einen buͤffelledernen Gurt mit kupfernem Schloß, aͤhnlich dem, welcher Crispins unſchuldigen Degen traͤgt. Die Sylphide iſt ungeduldig, abzulaufen, aber nicht mehr als ihr Reiter, der ſich ſchon nicht mehr uͤber ſeine Verkleidung und Kameradſchaft oder Nebenbuhle⸗ rei mit fuͤnf Reitknechten amuͤſirt. Unterdeß praͤludirt 271 er durch einige Tempo's im kurzen Galopp vor den Logen, wo funfzig ſeiner Bekannten ſind, welche ſich uͤber ihn moquiren; er gruͤßt ſie wie ein albern einge⸗ bildetes Kind, das ſich freut, wenn man es Soldat ſpie⸗ len ſieht. Nach einigen Minuten werden die Concur⸗ renten in Linie auf der Rennbahn aufgeſtellt und das Zeichen zum Ablaufen erfolgt. Bei der erſten Tour haͤlt ſich der Gelangweilte ziemlich gut, die Sylphide iſt lange die dritte, ihr Jokey giebt ihr zu rechter Zeit ein Paar Sporen und Zuͤgelfreiheit und ſie uͤberholt mit einem Syrunge die beiden erſten Pferde; das macht: in dieſen erſten Minuten hat ſich der Gelangweilte zer⸗ ſtreut, er hat gelebt, er hat Korperkraft und Geiſtes⸗ thaͤtigkeit gefunden. Aber dieſe Spannfedern erſchlaffen bei ihm ſchnell: in der zweiten Tour iſt Alles todt. Die Sylphide laͤuft allein, das edle Thier! ſie fuͤhrt ihren Reiter fort und wird von ihm nicht mehr unterſtuͤtzt. Mit richtigen Huͤlfen wuͤrde ſie vielleicht den Preis da⸗ von tragen, weil ſie ein edler Eifer entflammt; verlaſ⸗ ſen, laͤuft ſie wohl noch, aber ſie laͤßt nach. Eine Se⸗ kunde ſolcher Erſchlaffung hat Alles verloren! Der gelbbraune Jokey denkt nicht mehr an das Rennen, er ennuyirt ſich, auch wird die Sylphide von all' ihren Mitbewerbern uͤberholt; ſie bleibt allein, weit, ſehr weit dahinter, beſchaͤmt, fliehend, um ſich zu verſtecken, aus⸗ gepfiffen, verhoͤhnt, angeſpuckt. Als ſie vor den Logen ankommt, empfaͤngt ein lautſchallendes Gelaͤchter den Groom aus Liebhaberei, der ſehr viel darum geben wuͤrde, nicht das Kleid mit ſchreienden Farben anzu⸗ haben, auf das Jedermann lachend mit Fingern zeigt. Zuerſt von den Jockeys beneidet, wird er bei ſeiner Ruͤckkehr von ihnen ausgelacht und muß geduldig dieſe Spöttereien ertragen! Dann uͤberſchuͤtten ihn noch ſei⸗ nes Freundes Vorwuͤrfe, welcher die Niederlage der Sylphide beklagt. „Wie haſt Du es nur gemacht, bei der zweiten Tour ſo nachzulaſſen? Warſt Du muͤde?“ „Nein." „Wollte die Stute nicht mehr laufen?“ „Ich glaube, doch!“ „Weißt Du, daß Du mich um ſechstauſend Fran⸗ ken gebracht haſt?"“ „Was willſt Du? Ich ennuyirte mich.“ Darauf laͤßt ſich Nichts antworten. Aber dieſer Menſch, der ſo heftiger Anſtoͤße bedarf, weil es fuͤr ihn ſonſt keine Bewegung giebt— ihr wer⸗ det glauben, es ſei ein von langen Vergnuͤgungen ent⸗ nervter Koͤrper, eine vom Mißbrauch lebhafter Genuͤſſe abgeſtumpfte Einbildungskraft, ein abgeſtorbenes Herz, kurz ein Greis: keineswegs. Der Gelangweilte iſt ſechszehn bis fuͤnf und zwanzig Jahr alt, es iſt eine mißwachſene, verwelkte Pflanze, deren Wurzel ein Wurm zernagt hat. Die Abgeſchmacktheit hat ſich dies Opfer ſchon auf dem Collegium erſehen. Es iſt ein ſchlechter 4 Schuͤler, der, um ſeine Rullität zu verbergen, die Rolle des Melancholiſchen, des Menſchenfeindes, des Schwie⸗ rigen ergriffen hat; er verlaͤßt die Klaſſe vor der Zeit, vor dem Alter, wo wir ſonſt mit Ausdauer und Liebe arbeiteten, um in die polytechniſche Schule, nach Saint⸗ Germain, Saint⸗Cyr oder in die Marineſchule zu ge⸗ langen, um nach Paris zu gehen und dort das ernſt⸗ liche Studium der Mediein oder des Rechts zu treiben; ohne Etwas gelernt zu haben, hat er die Klaſſe verlaſ⸗ ſen und dennoch hat er ſich zum Richter aufgeworfen, der Alles verſchwaͤrzt, was hervorgebracht wird, eine Art Schmeißfliege oder Ennuch, unertraͤglicher noch als die beiden elenden Weſen, mit denen ich ihn vergleiche. Das Beduͤrfniß, tuͤchtig zu erſcheinen, hat ihn in Thorheiten geworfen, die man einem aͤltern Manne nicht verzeiht, an einem Juͤngling aber unertraͤglich findet. Er iſt des Lebens uͤberdruͤßig, in das er kaum getreten; er ſpricht wenigſtens einmal taͤglich von ſeinen Plaͤnen des Selbſtmordes; er hat keinen Glauben, keine Ueberzeugung, Alles erſcheint ihm gleich wahr oder gleich fälſch; er begreift nicht die Hingebung fuͤr eine Sache; wenn er leugnet oder zweifelt, ſo iſt es nicht aus Weisheit, ſondern weil Glauben und Discutiren eine Arbeit iſt, und weil uͤberdem der Zweifel, das ab⸗ ſolute Leugnen zum guten Ton gehoͤrt; man hat wirk⸗ lich in einem Salon weit mehr Anſehen, wenn man nicht der allgemeinen Meinung iſt, und ſich, um zu widerſprechen, in ſeiner perſoͤnlichen Ueberlegenheit allen Einwendungen entzieht, als ſtolzes Argument hinwer⸗ fend:„Das iſt nicht ſo, weil ich es ſage; uͤberdem iſt es ſchlecht, erzſchlecht, langweilig zum Sterben 11 Das Leben dieſer Gelangweilten iſt fuͤr mich unbe⸗ greiflich. Ich kenne Zwanzig, die nicht fuͤnf Sous im Vermoͤgen haben und wie Millionairs auftreten. Sie haben Maitreſſen, Dienerſchaft, Equipagen, Handpferde, ſchoͤne Kleider, Prachtzimmer, jaͤhrliches Abonnement in drei, vier Theatern— wie machen ſie es? Ich weiß nicht. Wenn das Alles ſie noch ein wenig amuͤſirte, ſo wollte ich daruͤber froh ſein, weil wir ſie dann los waͤren! Ach! Nichts amuͤſirt ſie, zum Ungluͤck fuͤr uns! Sie erwachen um eilf Uhr, durchfliegen im Bette zwei bis drei Journale, die ſie ennuyiren— ich verzeihe ih⸗ nen das— leſen die Briefe ihrer Geliebten, welche ſie gaͤhnen machen, ſtehen um Mittag auf, bleiben bis ein Uhr unter den Haͤnden ihrer Kammerdiener, was ſie zur Ungeduld bringt(die Diener noch mehr als die Herren, will ich ſagen), dann gehen ſie fruͤhſtuͤcken nach einem der großen Kaffeehaͤuſer auf den Boulevards. Was ſoll man eſſen?— Die Karte hat gar keine Abwechſe⸗ lung.— Es iſt ſchauderhaft.— Wir werden am Ende von Ihnen abgehen, meine liebe Madam*er, wenn Sie nicht jeden Tag etwas Neues haben, um unſeru Magen zu reizen.— Das Getraͤnk iſt kochend, Gar⸗ von! wiſſen Sie nicht, daß ich es abgekuͤhlt haben will? K 275 — Gott: Iſt das ennuyant! Es giebt nicht Einen Ort in Paris, wo man paſſabel fruͤhſtuͤckt!— Wahrlich! Das Leben iſt ein albernes Ding! Gluͤcklich ſind die Todten!— Wenn man wenigſtens noch gute Verdauung haͤtte!— Ich weiß nicht, ob ſie ſchlechte Verdauung haben, aber ſie endigten immer damit, gut zu eſſen, wenn ſie auch Alles miſerabel finden und ihren Refrain von Langerweile wiederholen. 8 Sie verlaſſen die Tafel um drei Uhr, dann kommt die Cigarre ins Spiel. Sie gehen rauchend die Bou⸗ levards entlang, die ſie verpeſten, und verjagen die Frauen. Rauchen langweilt ſie wie alles Uebrige, aber man muß rauchen, das iſt eine von den hundert kleinen Beſchaͤftigungen der Leute comme il faut, das heißt, der Leute, die Nichts zu thun haben; es iſt eins der zahlreichen erkuͤnſtelten Beduͤrfniſſe, die man ſich ſchafft, wenn man ſeinen Geſchmack und ſeinen Magen verdor⸗ ben hat. Fuͤr den Seemann und Soldaten iſt Rauchen eine Zerſtreuung, eine Erholung, die ich begreife; ſie haben ſo viel Qual und Muͤhſeligkeiten, ſo viel wirk⸗ liche Langeweile, daß, wenn ſie dies bei der leichten Rauchſaͤule, welche aus der Pfeife quillt, vergeſſen koͤn⸗ nen, man unrecht haͤtte, ſie zu tadeln; fuͤr den Bauer iſt es eben ſo, wie fuͤr den Matroſen und Soldaten. Der Deutſche, der ſich gern in ſeine Traͤumereien ver⸗ liert, der Italiener, Spanier, Grieche, Tuͤrke, deren Gehirn immer mit erhabenen Gedanken oder toller 276 Poeſie arbeitet, ſie rauchen den ganzen Tag, und ich begreife es, das Neizmittel ſagt ihnen zu, wie Kaffee, Betel und Opium; aber unſere Gelangweilten, welche ſich nicht mit Poeſie befaſſen, welche niemals denken und ein rein materielles Leben fuͤhren! Nach der Promenade eine zweite Toilette. Dieſe waͤhrt laͤnger als die erſte; es giebt keine kokette Frau, welche ſo vieler Schoͤnheitsmittel bedarf, ſo viel kleine Buͤrſten braucht, mehr Eſſenzen und Odeurs in ihr Haar verbreitet und ungeduldiger uͤber das Derange⸗ ment einer Falte in irgend einem Theile ihres Anzugs wird. Unſre Gelangweilten werden einige Viſiten machen. Das iſt die Stunde ihrer Tyrannei, die Stunde, wo ſie erbarmenlos ſind. Wehe dem, der ſie empfangen wird! Sie bemaͤchtigen ſich der Stadt, wie fruͤher beim Anbruch der Nacht die Ritter vom kurzen Schwert: kein Menſch wird verſchont. etnt Der hier ſetzt ſich in das Atelier eines Malers. Der Maler iſt ſehr preſſirt, die Zeit der Ausſtellung naht, ſeine Compoſition iſt noch nicht ganz beſtimmt, oder er hat ein Modell; ihn um eine Viertelſtunde bringen, heißt ihm großen Schaden thun, er hat noͤ⸗ thig, allein zu ſein, damit ihm von der Natur, die er kopirt, Nichts entgehe; der Fuͤrchterliche wird es nicht bemerken. Er wird ſeinen Stuhl neben des Kuͤnſtlers Fußtritt ſchieben, Tabak in ein kleines ſpaniſches Papier rollen, den Cigarrito anzuͤnden und eine unendliche, 277 nur won langem Gaͤhnen unterbrochene Converſation beginnen. Wenn er einſchlafen koͤnnte! aber nein, der Grauſame wacht, um dem Maler den Gedanken ſeines Werks, das Verdienſt der Zuſammenſtellung ſeiner Fi⸗ guren zu verekeln, um die Form zu tadeln, die Hand⸗ lung zu kritiſiren, und mehr Feſtigkeit, mehr Effekt, mehr Glanz in der Farbe zu verlangen; er wacht, um Alles zu tadeln, was er loben koͤnnte und umgekehrt, und wenn ey fortgeht, um Berzeihung ſeiner Bemer⸗ kungen zu erlangen, verfehlt er nicht zu ſage: „Hebrigens achten Sie nicht auf das, was ich Ihnen da geſagt habe; ich kann mich ſehr gut irren, denn Nichts ennuyirt mich ſo wie die Malerei!’’? Victor Hugo arbeitet, er dichtet, er ſchreibt eine Scene. Seine Thuͤre iſt nicht verſchloſſen, er hat nicht auf den Gelangweilten gerechnet. Seine Freunde moͤ⸗ gen ihn beſuchen in der Straße Jean Goujon, welche er allein bewohnt, nicht weit von dem reizenden kleinen Hauſe Franz des Erſten, der Ruine, die man herge⸗ ſtellt hat, um eine Ruine daraus zu machen: das iſt ganz einfach; er erwartet ſie, die Thuͤre ſeines Kabi⸗ nets ſteht ihnen immer offen; aber konnte er vorher⸗ zſehen, daß ein Gelangweilter ſich wie eine Schnecke laͤngs des Boulevards und der Champs⸗Elyſées hin⸗ ſchleypen wuͤrde, um ſich eine ganze Stunde lang an ihn anzuklammern? Der Dichter iſt alſo gefangen; der Gelangweilte tritt gradezu ein, den Bedienten beiſeit 278 ſtoßend, Madame Hugo, welche ihn erſtaunt voruͤber gehen ſieht, lorgnirend und kaum gruͤßend und eins ihrer ſchoͤnen Kinder, welche im Salon ſpielen, fenzen. „Wo iſt denn der liebe Victor?"“ Der kleine naive Knabe, der die Gefahr nicht ahmt, antwortet ſogleich: Da iſt Papa! und er mag wollen oder nicht, Hugo muß aufſtehen, den Ansä nahlähe u lä⸗ chelnd gruͤßen und ihm die Hand reichen. „Nun, mein Beſter, arbeiten wir?“ „Ich arbeitete, ja mein Herr, als Sie kamen.“ a. „Und was machen wir? Verſe oder Proſase „Verſe, mein Herr.“— „Sie machen recht gute Verſe, wenn Sie wollen, beſter Freund; aber ich ziehe Ihre Proſa vor.“ „Sie ſind ſehr guͤtig.“ „Nein, es iſt die Wahrheit. Ich kenne Nichts Beſſeres als Ihre Notre⸗Dame zu Paris nach Faublas. Es iſt dem Einſiedler weit vorzuziehen, obgleich Arlincourt's Einſiedler ein ſehr gutes Werk iſt.“ „Sie ſchmeicheln mir, mein Herr, und werden ungerecht aus Gefaͤlligkeit.“ „Wenn ich es nicht daͤchte, wuͤrde ich es nicht ſagen; verlaſſen Sie ſich darauf!! Ein Werk muß gut ſein, um mich nicht zu ennuyiren; nun habe ich Arlin⸗ court's ganzes Buch geleſen und bin gewiß, nicht hun⸗ dert Seiten von dem Ihrigen uͤberſprungen zu haben. Uebrigens, wen ich allen Perſonen vorziehe, das iſt der Capitain Phoͤbus. Von allen Charakteren iſt es der⸗ jenige— „— den Sie am beſten verſtehen.“ „Zum Beiſpiel, ich bin uͤber Alles, was Sie von Paris und ſeiner Kathedrale erzaͤhlen, leicht hinweg⸗ geglitten. Es iſt nicht grade ſchlecht, aber die Archi⸗ tektur ennuyirt mich zum Sterben. Ich bin ſchwer zu amuͤſiren, ſehen Sie!“ „und ich bin ſo ungluͤcklich geweſen, auf einen Gegenſtand zu fallen, wo die Architektur eine noth⸗ wendige Rolle ſpielt!“ „Es iſt vielleicht nicht Ihre Schuld, mein armer Victor, es iſt die meinige.— Ah La, die Verſe, welche Sie machen, ſind fuͤrs Theater oder nur zum Leſen? „Fuͤr das Theater, mein Herr.“ „Die Dramen, welche man jetzt macht, ſind wuͤ⸗ thend langweilig, nur die Ihrigen kann man noch ſehen. Ich habe den ganzen erſten Akt von Hernani geſehen und die beiden letzten von Marion Delorme.“ „Sie uͤberhaͤufen mich mit Guͤte.“ „Ach, da wir eben von Marion Delorme ſprechen: ſagen Sie einmal, war dies Maͤdchen verwandt mit Joſeph Delorme, deſſen Verſe vor einigen Jahren ge⸗ druckt erſchienen ſind? Kennen Sie die Verſe?“ „Ich kenne und liebe ſie, mein Herr.“ „Da ſind Sie ſehr guͤtig. Ich, zum Beiſpiel, habe 280 * 1 einmal ſechs geleſen, zur Zeit als ich des Abends oder vielmehr des Nachts vom Ball kam, wo ich tauſend Franken verloren hatte; ich habe Nichts davon ver⸗ ſtanden, es hat mich ennuyirt und ich habe geſchworen, Nichts mehr von ſolchen alten Schriftſtellern zu leſen.“ „Aber der Verfaſſer iſt unſer Zeitgenoß/ einer unſrer ausgezeichnetſten Dichter und Kritiker.“ b „MParbleu, das iſt erſtaunlich, und ich kenne ihn nicht, ich, der Alles kennt, was es von Litteraten und Kuͤnſtlern in Paris giebt. Dieſer Herr Delorme kommt wohl niemals in die Oper oder in den Waͤrmſaal der Gaité an Tagen erſter Vorſtellungen?“ „Sehr ſelten, denk ich.“ „Das iſt es! Wenn Sie ihn kennen, ſagen Sie ihm doch, in ſeinem Intereſſe, daß wir ein Hundert junger Leute ſind, welche den Ruf begruͤnden und man folglich, wenn man reuſſiren will, fuͤr uns arbeiten muß. Nur im Kapitel der Langweiligkeit ſind wir ſehr ſtoͤrrig— „Das ſeh ich, mein Herr. 1 „Wir haben ſo viel geſehen, ſo viel geleſen, daß wir ſehr difficil ſind; man ennuyirt uns ſehr ſchnell. Gluͤcklich der Schriftſteller, den wir loben, er ſteigt zu den Wolken! Delorme iſt truͤbe, wir brauchen etwas Muntres; nicht zu munter, denn das iſt auch wieder langweilig, aber etwas raiſonmnbel⸗ Muntres, verſtehen Sie mich.“ 1 . 281 und der Gelangweilte wird dies Geſpraͤch fort⸗ ſetzen, trotz des ironiſchen Laͤchelns oder der augenſchein⸗ lichen Ungeduld des Dichters, den er auf die Tortur bringt Hugo wagt es nicht, an ſeinen Tiſch zu treten, aus Furcht, ſein abgeſchmackter Beſuch moͤge ihn zwin⸗ gen, das Stuͤck vorzuleſen, deſſen Entwurf er geſtoͤrt hat; er ſteht alſo auf, betrachtet das Zifferblatt der Uhr, ſchneidet ſeine Feder, geht im Kabinet auf und ab, in⸗ dem er Davids Bronzen, Boulangers Zeichnungen und Deveria's Skizzen anſieht, welche die Waͤnde zieren; der Andre verſteht die Pantomine nicht, er bleibt wie angenagelt auf dem gothiſchen Seſſel, wo er ſich wie ein Narr ausgeſtreckt hat, und wenn er geht, ſo iſt er bis zu dem Grade von Langerweile gekommen, welche alle menſchlichen Ruͤckſichten verletzt und die Unterhal⸗ haltung, zur großen Freude beider Sprechenden, ploͤtz⸗ lich abbricht. Habt ihr dringende Geſchaͤfte, Familienangelegen⸗ heiten zu ordnen, ſo bewahre euch Gott vor der Ge⸗ genwart eines dieſer Widerwaͤrtigen, welche, wenn ſie ſich auch nicht direkt in die Sachen miſchen, die ihr abhandelt, doch darum nicht minder laͤſtig werden! Sie ſagen kein Wort, horchen, ohne doch zu viel zu hoͤren; aber ſie bleiben, und erſt, wenn ihr ihnen verſtaͤndlich macht, daß es ſich um Dinge handelt, die geheim ge⸗ halten werden ſollen, dann erſt werden ſie Abſchied nehmen. 12** 282 „Ich ſehe/ Sie ſind beſchaͤftigt, ich gehe, aus Furcht, indiskret zu erſcheinen. Uebrigens fuͤrchten Sie Nichts, ich bin nicht im geringſten neugierig und dergleichen Dinge ennuyiren mich auch ſchrecklich.“. 3 Eine Viertelſtunde auf der Boͤrſe, um den Cours der Fonds zu wiſſen, zwanzig Minuten Umhertreibens vor Tortoni's Thuͤre, um Neuigkeiten zu hoͤren, eine halbe Stunde bei ſeiner Geliebten, um ihr eine Prome⸗ nade oder ein Schauſpiel vorzuſchlagen: ſo iſt die Zeit⸗ verwendung des Gelangweilten von vier Uhr bis halb ſechs. Dann das Diner wie das Deieuner, muͤrriſch, verdruͤßlich, kraͤftig und theuer. Ein Napeleond'or, nachlaͤſſig auf das Tiſchtuch geworfen, tilgt die Schuld; der Gargon bringt ſchlauer Weiſe einen Franc in Kupfer⸗ muͤnze wieder, den der Gaſt mit der zerriſſenen Karte zuruͤckweiſt, weil er keine Sous in ſeine Weſte ſtecken moͤchte; das klingt ſchlecht, iſt ſchwer, treibt die Taſche unangenehm auf, das genirt und iſt ennuyant! Schnell jetzt eine Tour nach dem Hoͤlzchen! War⸗ um nicht wo anders hin? Weil alle Welt dorthin geht, weil gute Geſellſchaft da iſt und man ſeine Geliebte und ſeinen Tilbury anderswo nicht praͤſentiren koͤnnte. Immer dieſelbe Allee, derſelbe Staub, dieſelben Men⸗ ſchen, dieſelben Pferde; der Gelangweilte fehlt aber doch nicht, obgleich er ſich hier, mehr als anderwaͤrts, en⸗ nuyirt. Waͤhrend der ganzen Fahrt, welche das Pferd im geſtreckten Trabe zuruͤcklegt, ſpricht er kein Wort zu 283 der Dame, die er neben ſich hat; er pfeift, er verſucht Paſſagen einer neuen Arie, und wenn man ihn fragt, wenn man von Liebe und Zaͤrtlichkeit und Genuͤſſen ſpricht, ſo ſagt er:„Ja— nein— vielleicht— das wuͤrde mich ennuyiren!“ Ein ſchoͤner Liebhaber, nicht wahr? Um neun Uhr, allgemeiner Ueberfall der Schau⸗ ſpiele durch unſre Gelangweilten. Verſteckt euch wohl! zieht euch in die dunkeln Ecken der Galerien oder des Orcheſters zuruͤck; ſchließt ſorgfaͤltig die Thuͤren eurer Logen; bezahlt die Schließerin reichlich, damit ſie euch den Beſuch erſpare eines jener Laffen mit weißen Hand⸗ ſchuhen, langen Platinaketten in drei Schnuͤren uͤber die Weſte haͤngend, mit doppeltem Jabot, weit offenem Rocke, der ein breites Bruſtſtuͤck von weißem Piquẽ oder ſilberdurchwirktem Sammet ſehen laͤßt; mit ſpitzi⸗ gem Hut, wie Heinrichs III. Lieblinge aufs rechte Ohr gedruͤckt; mit ſchwarzem Stock, deſſen großer Knopf von matt gearbeitetem Golde, und dem Lorgnon, à banglaise zwiſchen Augenhoͤhle und Backenknochen ge⸗ klemmt. Wenn ihr ihnen aber nicht entgehen koͤnnt, ſo nehmt die Impertinenz ihrer Manieren, ihre frechen Blicke und albernen Ausſpruͤche in Geſchmacksſachen geduldig hin. Sie haben das anerkannte Recht, alle Welt zu belaͤſtigen, ſich uͤberall aufzudraͤngen, uͤber Alles abzuſprechen und unvernuͤnftig zu reden, die beſten Stellen eines Stuͤcks auszupfeifen, zu ſpaͤt auf ihre Plaͤtze zu kommen, wo ſie dann funfzig Yerſonen 284 aufſtehen laſſen, ohne eine einzige wegen der Stoͤrung, die ſie verurſachen, um Verzeihung zu bitten, ohne zu gruͤßen noch den Hut abzunehmen, obgleich der Vor⸗ hang aufgezogen iſt;— ſie haben das Privilegium, welches La Fontaine der Fliege zugeſtanden, zuerſt von dem Rinde zu koſten, das Jupiter geopfert worden, und ſich auf das Haupt des Koͤnigs und auf Eſelskoͤpfe zu ſetzen. 4 Huͤtet euch vor der Nachbarſchaft dieſer Unnuͤtzen! Beſſer waͤre es fuͤr euch, den Kopf voran, in eine Wes⸗ penrepublik zu fallen, als zwiſchen zwei Gelangweilte. Ihr werdet nicht einen Augenblick Ruhe haben, nicht eine Minute Schweigen, ihre Worte werden ſich vor euch kreuzen, ihr werdet kein Wort, keine Note von dem Stuͤck hoͤren koͤnnen, das man ſpielt, ſie werden ſich von Sachen unterhalten, welche der Darſtellung am fernſten liegen, und wenn ihr ihnen hoͤflich bemerkbar macht, daß wohlerzogene Leute ſich kein Vergnuͤgen daraus machen, ihre Nachbarn zu geniren, daß ihr be⸗ zahlt habt, um das Schauſpiel zu genießen und daß euch die Oper oder das Luſtſpiel amuͤſirt:„Parbleu!“ wird Einer antworten:„Sie ſind recht gluͤcklich, ſich uͤber Etwas zu amuͤſiren! Ich gaͤbe zehn Louisd'or darum, wenn ich Bon⸗Homme genug waͤre, um die Albernheiten, die man da herſagt, gut zu finden. Sie ſind nicht diffteil, das macht Ihrem guten Naturell Ehre!—„O! wird der Andre ſchreien,„das Zeug 285 iſt hoͤchſtens fuͤr Gewuͤrzkraͤmer gut. Iſt oder war der Herr in einem Gewuͤrzladen?“ Ein ſchallendes Ge⸗ laͤchter wird der ungeſchliffenen Rede folgen, das Schau⸗ ſpiel unterbrechen, euch erzuͤrnen; ihr erhitzt euch, man erhitzt ſich wieder, das Parterre ſchreit: Stille! Schmeißt ihn heraus! Der Polizeikommiſſarius kommt und wird euch bitten, ihm zu folgen, weil zwanzig Stimmen egen euch ausſagen. Wie finden ſich denn ſo viel fallche Zeugen zufaͤllig gegen einen ruhigen Menſchen verbunden? Das macht, alle Gelangweilten ſind beim erſten Laͤrm herbeigeeilt, um den Ihrigen Huͤlfe zu leiſten, wie in einer Waldecke alle irrenden Ritter der Heerſtraße zuſammenlaufen, wenn ſie ein gellender Pfiff zu einer wichtigen Expedition beruft. Was mich anbelangt, der ich dieſe Gelangweilten kenne, ſeit zehn Jahren ſtudire und ſchon von weitem errathe, der ich mich beſtrebe, ſie euch ſattſam zu be⸗ zeichnen, damit ihr das unheilvolle Begegnen derſel⸗ ben vermeiden koͤnnt, ſo werdet ihr mich nie im Thea⸗ ter neben ihnen ſitzen ſehen. Ich will lieber den gan⸗ zen Abend in einem Gange, an den Thuͤrpfoſten ge⸗ lehnt, ſtehen, auf die Gefahr, von der Zugluft ein Rheuma zu bekommen, als daß ich fuͤnf Minuten die Pein ihrer Nachbarſchaft litte; ich fliehe ſie, wie die Anſteckung, wie einen verpeſteten Geruch, wie ein Vipern⸗ neſt, wie die Beruͤhrung einer Schlange, wie eine oͤde Straße um zwei Uhr Morgens, wie ein Tete⸗à⸗Tete 286 mit einer alten Frau, die bei funfzig Jahren noch lei⸗ denſchaftlich wird, wie man in den Waͤrmſaͤlen des Feydeau und der Oper Mazuel und ſeine liebenswuͤr⸗ digen Freunde von der Pariſer Gemeine floh, wenn ſie 1793 kamen, den großen Schleppſaͤbel an der Seite, die dicke rothe Binde um den Hals, die breiten Ohr⸗ ringe unter den glatten fettigen Haaren, ſo richtig Hundskoͤpfe genannt, und den hoch beſiederten Hut auf dem Kopfe; Madame Saint⸗Huberti oder Madame Dugazon unter das Kinn griffen, und mit der Anmuth, welche ihnen eigenthuͤmlich war, zu den Schauſpielern ſagten:„Wir nehmen euch die Frauen, ſaufen euren Wein und ſchlafen in euren Betten, und wenn ihr nicht zufrieden ſeid, ſchicken wir euch nach der Guil⸗ lotine*). 8 3 Vorzuͤglich nach der Auffuͤhrung eines neuen Stuͤcks hege ich die wunderbarſte Sorgfalt, mich von der Gruppe dieſer grauſamen Malcontenten entfernt zu halten. Gott *) Das trug ſich im Wärmſaal der Opera⸗comique zu. Mazuel hatte die Frechheit, dieſe Reden vor einem der Schauſpieler zu führen(Ellevion oder Philipp, ich weiß nicht mehr, welchem.) Der Kiünſtler warf den unver⸗ ſchämten Terroriſten ſtracks zu Boden, ſchleppte ſeinen Kopf bis in die heiße Aſche des Kamins und ließ ihn nicht eher los, bis er wegen ſeiner Reden um Verzeihung ge⸗ beten hatte. Mazuel wagte nicht, den Schauſpieler vor das Revolutions⸗Tribunal zu ziehen. 287 bewahre euch, von ihr eingeſchloſſen zu werden! Ihr ſeid durch das Werk befriedigt; ihr habt in der Muſik ſchoͤne Parthien bemerkt; ihr habt der dramatiſchen Combination dieſes Akts und jener Scene Beifall ge⸗ zollt; die Kuͤnſtler ſcheinen ench gut geſpielt, gut ge⸗ ſungen und gut getanzt zu haben; ihr ſeid gluͤcklich uͤber euren Abend, und werdet euch mit dieſem guten Eindrucke, der immer eine ruhige Nacht bereitet, ſchla⸗ fen legen;— aber ihr habt euch vorwitzig unter den Aufſtand der Gelangweilten gewagt, durch ihren Laͤrm herbeigezogen, und gute Nacht, Vergnuͤgen! gute Nacht, ſuͤßer Eindruck, der euren Schlaf begleiten ſollte! gute Nacht, Zuverſicht des Urtheils, die euch inwohnte und das neue Werk euch gefaͤrbt hatte! Ein fuͤrchterlich entzaubernder Zweifel wird in eurem Geiſte der harm⸗ loſen Freude folgen, die ihr fuͤhltet; ihr werdet in der ganz natuͤrlichen Selbſtliebe des Kritikers verwundet, deſſen Ausſpruch man beſtreitet; ihr befandet euch eben noch wohl, eure Bruſt hob ſich frei, eure Seele war ruhig und regelmaͤßig euer Pulsſchlag; die Gelang⸗ weilten werden dieſen angenehmen Zuſtand ſtoͤren, ſie werden euch erzuͤrnen, euch Fieber verurſachen, ihr wer⸗ det ihren Kreis mit Migraine verlaſſen, mit einem noch groͤßern Uebel als das, dem Zweifel uͤber euren eignen Geſchmack, uͤber die Sicherheit eures Urtheils.— Es iſt Nichts daran.— Es iſt abſurd.— Elende Muſik.— Voll Reminiſcenzen.— Aubert wiederholt ſich.— Roſ⸗ 288 ſini altert entſchieden.— In Summa, ganz abſcheu⸗ lich, todtgeboren, langweilig. Das wird ſich nicht vier⸗ zehn Tage halten. So habe ich ſie von Graf Ory und Robert dem Teufel reden hoͤren. Den Lie⸗ * bestrank, dieſe übhe⸗ anmuthig geiſtreiche, komi⸗ ſche Oper von Aubert, haben ſie noch ganz anders be⸗ handelt, als den koͤſtlichen Grafen Ory von Roſſini und den herrlichen Robert, Meyer⸗Beers Meiſterſtuͤck.— Das exiſtirt gar nicht! ſagten ſie.— Rein unmoͤglich!— Fragt ſie, was ſie mit dieſen wunderlichen Worten ſagen wollen, denn nur ſie allein koͤnnen die Ausdruͤcke ihres Rothwelſch erklaͤren! Das Publikum kaſſirt alle Aus⸗ ſpruͤche dieſer Richter; aber die Faktion empoͤrt ſich, pro⸗ teſtirt und widerſtreitet; waͤhrend man ſich in Menge zu Graf Ory, zum Liebestrank und Robert dem Teufel draͤngt, waͤhrend man aufs Heftigſte die gluͤcklichen Melodien des italieniſchen, franzoͤſiſchen und deutſchen Componiſten beklatſcht, werden die Gelangweilten ſchreien und gaͤhnen.. So ſeht ihr ſie im Theater, ſo ſind ſie im Salon des Lonvre. Dahin gehen ſie Freitags und Sonnabends⸗ den Tagen du beau monde, den Rendez⸗vous⸗Tagen, wo die Kunſtliebhaber ſich ſehen laſſen und ſich ſehr wenig um die Malerei kuͤmmern. Doch wuͤrdigen ſie dies oder jenes Bild eines Blicks.„— Nicht uͤbel, dieſe Sch nitter von Robert; aber Italien und immer Ita⸗ lien mit ſeinem blauen Himmel und ſeinen ſchwarzen 3 Frauen, ——— Frauen, das iſt ſehr ennuyant!“—„Delaroche ſollte auch ſeine Gegenſtaͤnde anderwaͤrts ſuchen, als in der Geſchichte Englands! Da iſt Cromwell nach Ed⸗ wards Kindern, nach Miß Macdonald— Im⸗ mer dieſelbe Geſchichte!“ —„Aber hier iſt Richelieu und Mazarin zur Abwechſelung!“ —„Ja, etwas Ludwig XIII., Maͤntel, Federn, Sammet und Stickereien; das ennuyirt mich. Uebri⸗ gens ziemlich gut ausgefuͤhrt.“ —„Sehen Sie doch das Portrait der Graͤfin von B. Es iſt von Kinſon, folglich das Beſte, was er nur giebt; das iſt reizend, fein, leuchtend, weiß, roſa, hellblau— das iſt nicht matt und gelb, wie natuͤr⸗ liches Fleiſch, ſondern lockend und koͤſtlich; es giebt hier nur dies eine Bild, das mich nicht zu ſehr en⸗ nuyirt. —„O das iſt zu viel geſagt.— Hier ſind Portraits von Frau von Mirbel, welche ziemlich ſchaͤzenswerth zu nennen.“ —„Parbleu! das große Wunder! Das gleicht ja Alles der Natur, um fehl zu greifen. Die Kunſt ſoll eine Luͤge ſein, und es verlohnt nicht der Muͤhe, zu malen, wenn man einen Kopf ſchlichtweg nachbildet, wie er iſt. Ich komme nicht zum Louvre, um Koͤpfe zu ſehen, welche ich in den Salons, in den Tuilerien, auf. den Boulevards treffe, ich komme her, um Ma⸗ V. 13 290 lerei zu ſehen; die Natur finde ich uͤberall, ſie ennuyirt mich hier.“ —„Hier iſt doch eine Natur, die mir gefaͤllt, die des Herrn Dubuffe. Bei meiner Ehre! Das iſt huͤbſch! Dieſe nackten Frauen zu ſehen, amuͤſirt mich. Da iſt eine mit einem Mantel von violettem Atlas auf einem Bette an der freien Luft; das iſt ſehr ſinnreich. Fin⸗ deſt Du nicht, das ihr Buſen mit dem der kleinen Virginie, Alfreds Geliebten, viel Aehnlichkeit hat? —„Ja, und deswegen ennuyirt er mich gerade. Wir haben die Virginie ſatt; muß ſie uns zum Teufel bis hierher verfolgen?“ 1 —„Genug fuͤr heute. Dieſe ganze Malerei macht mir Kraͤmpfe, wenn ich noch eine Viertelſtunde hier bleibe. Laß uns gehen.“ Sie gehen wirklich, neue Opfer zu ſuchen. Und alle ihre Tage verfließen ſo, alle endigen auf gleiche Weiſe: ſie gehen, ihr Gluͤck auf einer Karte zu ver⸗ ſuchen, nach Frascatt oder in eins der anſtaͤndigen Haͤu⸗ ſer, welche rechtſchaffene Frauen den jungen Leuten er⸗ oͤffnen, die das Beduͤrfniß haben, ihre Sinne durch thieriſche Leidenſchaften zu reizen, die jeder Arbeit un⸗ faͤhig ſind, die viel Geld verthun, obgleich es ihnen gaͤnzlich an Vermoͤgen fehlt, jede Nacht in Ausſchwei⸗ fung verbringen und am Morgen von Selbſtmord traͤu⸗ men, eine entartete Race, die glauben machen will, daß ſie Etwas iſt, und eine tyranniſche, ohnmaͤchtige, 291 aufgeblaſene, unverſchaͤmte Faction bildet, in der ein Klaſſiker die Aehnlichkeit mit der ſcheußlichen Brut der Harpyen finden wuͤrde, die ich aber mit dem gelinden Namen Gelangweilte bezeichne. Dieſe Hyder, welche jeden Tag einen Kopf treibt, wann werden wir von ihr befreit werden? Wenn die Parthei der Gelangweilten nur laͤcherlich waͤre, wie die der Incroyables, der Raffinés, der Importanten, wenn ſie geiſtreich waͤre, wie die der Frondeurs, wuͤrde ich mich nicht um ſie kuͤmmern, oder einige Achtung vor ihr haben. Aber ſie verunglimpft Alles, entheiligt und verachtet Alles; ſie entmuthigt alle Kuͤnſtlerherzen und ſtrebt nach der Obergewalt in der Geſellſchaft, als ob das Prinzip des Guten und Schoͤnen gaͤnzlich ver⸗ loren waͤre, als ob das boͤſe Prinzip herrſchen ſollte;— ich verabſcheue ſie! Dieſe Faction iſt eine der Urſachen unſerer Unfaͤlle, durch ihre Verbindung mit der der politiſchen Roués. Sie beide wuͤrden Frankreich ins Verderben bringen, wenn man ſie frei gewaͤhren ließe. Paris aͤngſtigt ſich vor den Klubbs; es weiß nicht, was es zu fuͤrchten hat von der Parthei der Gelangweilten. A. Jal. 13* — pie Poſtſtraſse. Der Provinzbewohner oder Fremde, kuͤrzlich nach Paris gekommen, koͤnnte glauben, wenn er dies Kapitel lieſt, daß ich ihm von der Straße reden will, wo taͤg⸗ lich Tauſende von Armen, einer dem andern ſich vor⸗ draͤngend und ſich kreuzend, Tauſende von Briefen in eine weite tiefe Oeffnung fallen laſſen, eine Art Schlund, der periodiſch wieder ausſpeit, was man ihm zuwirft, deſſen Maul, mit eiſernen Zaͤhnen bewaffnet, den gaͤh⸗ nenden Rachen der Waͤchter des Taͤnarus gleicht, ſtets bereit, zu erſchnappen, zu verſchlingen. Es iſt Virgils vasla voragihe gurges, inhians tria Cerberis ora. Man koͤnnte auch glauben, daß es ſich um die Straße handelt, wo Legionen von Reiſenden den Ren⸗ ner, der ſie aus Paris fuͤhrt, oder den Poſtillon, der ſie dahin gebracht, abwechſelnd aufſuchen oder entlaſſen; eine Art Geſtuͤt von Menſchen und Pferden, welche zu⸗ 293 ſammen wohnen, eſſen, ſchlafen und reiſen, ſtaubige Poſtillons mit betreßtem Lederhut und rothbeſetzter Jacke, Stall⸗Centauren, halb Pferde, halb Menſchen; abge⸗ triebene, alte, magere, herzſchlaͤchtige Schindmaͤhren, welche allein das Recht haben, euch wohl oder uͤbel aus den Barrieren zu fahren. Es iſt weder die eine noch die andre dieſer Straßen, von der ich rede; es giebt ſo wenig eine Poſt in der Poſtſtraße, als es in der Schaͤferſtraße Schaͤfer giebt, und es hat, glaube ich, auch niemals eine dort gege⸗ ben, denn ſie iſt fuͤr einen ſolchen Zweck immer zu fern und zu hoch gelegen. Der letzte Grund, freilich, moͤchte aufhoͤren, einer zu ſein, ſeitdem ſich die koͤnigliche Poſt eine Lieue vom Mittelpunkte von Paris auf einem Berge niedergelaſſen, zur großen Bequemlichkeit der Poſtbeamten und Reiſenden. Aber ſo iſt Paris beſchaffen; es iſt ein ungeheurer Erd⸗Aufwurf mit tauſend und achtzig Straßen, und ich weiß nicht wie viel Plaͤtzen und Gaͤßlein, wo ſich Alles verwirrt und miſcht, wo Alles im Ueberfluß iſt und Alles fehlt; es iſt Alles da, aber Nichts in Ord⸗ nung— ein ungeheures Babel, wo die Sprachen ſich kreuzen, wo die Worte den Dingen nicht genuͤgen und dieſe wiederum den Worten nicht entſprechen. Auch waͤre derjenige ein betrogener Thor, der ſich, das mo⸗ derne Ninive nicht kennend, auf ſeine Straßen verließe und ihre Namen benutzte, um ſich den Faden zu ſpin⸗ 294. nen, der ihn durch das Labyrinth leiten ſoll; die Stra⸗ ßen von Paris luͤgen, wie jene Gefaͤße, deren Fluͤſſig⸗ keit ſchon tauſendmal gewechſelt hat, waͤhrend die Eti⸗ ketten dieſelben geblieben ſind. Die Karmeliterſtraße hat keine Karmeliter mehr, der Auguſtiner⸗Quai keine andern Auguſtiner, als Tauben und Buchhaͤndler, die Kapuzinerſtraße keine andern Kupuziner, als die unſrer auswaͤrtigen Angelegenheiten. Was meine Poſtſtraße be⸗ trifft, ſo„hieß ſie vor Alters, ſagt Souval, die Straße des Pots(Toͤpferſtraße), wegen der Menge Toͤpfer, welche ſich anfangs dort niedergelaſſen und irdene Ge⸗ ſchirre verfertiget haben.“ Hiernach haͤtte ſich alſo ihr gegenwaͤrtiger Name, Poſtſtraße, aus der Verfaͤlſchung. ihres alten Namens Potſtraße gebildet. 3 So wechſelt und verwandelt ſich Alles auf der Erde, ſogar die Namen der Straßen. Heut zu Tage hat meine Straße weder Toͤpfe noch Geſchirr, ſie hat nur noch Kloͤſter, Penſionen, Semi⸗ nare und Kollegien. Sie iſt weiſe, ſie iſt fromm ge⸗ worden, ſie iſt die Straße der Moͤnche und Nonnen, der Froͤmmlerinnen und Prieſter. 1 Zuweilen iſt es euch wohl begegnet, daß ihr, die lebhaften Viertel und Bazars jenſeit der Seine verlaſ⸗ ſend, die engen ſchmutzigen Paͤſſe der alten Straße Saint⸗Jacques erklimmtet, bis zur Kirche Sainte⸗ Genenieve, revolutionaͤr das Pantheon geheißen. Da iſt die Poſtſtraße ganz nahe. Gehet zwei Schritt 295 uͤber das Pantheon hinaus, durchkreuzet die Straße! Eſtra⸗ pade, wo Diderot wohnte, Diderot, deſſen eneyklopaͤdi⸗ ſcher Kopf wie eine Niederlage alles menſchlichen Wiſ⸗ ſens war; kommt auf den Platz, der ſeinen Namen der alten Todesſtrafe, Eſtrapade genannt, verdankt, einer Strafe, welche darin beſtand, daß man dem Verur⸗ theilten die Haͤnde zuſammenknebelte, und ihn daran mittelſt eines Galgens in die Hoͤhe zog, von wo man ihn bis auf zwei Fuß von der Erde herab fallen ließz eine fuͤrchterliche Erſchuͤtterung, deren Ruck die kra⸗ chenden Knochen zerbrach und verrenkte, die knirſchen⸗ den Muskeln zerriß und durch den Gegenſtoß dem Stricke eine Vibration der Todesangſt mittheilte, deren bloßer Gedanke Schauder durch alle Glieder jagt!— Wohlan, ſtellt euch dorthin, auf dieſelbe Stelle, wenn ihr wollt, wo der Galgen ragte, und ſchaut gerade vor euch. Die lange ſchmale Straße, welche duͤſter und eng zur Vorſtadt Saint⸗Marceau hinab fuͤhrt, das iſt ſie, das iſt die Poſtſtraße. Vergebens durchlaufen und verfolgen ſie eure Augen, ihr habt gut ſehen und ſuchen nach allen Seiten, ihr erblickt Nichts, nichts als verſchloſſene Thuͤren, nichts als verwahrte Fenſter. Hier und da geſtatten kleine Oeffnungen, in Form von Schieß⸗ ſcharten, dem Tageslichte einen kargen Eingang; man glaubt, vor einem feſten Platze zu ſtehen. Weiter hin ſtarren eiſerne Gitter, welche ſich in allen Richtungen kreuzen und mit den tauſend Knoten ihrer Windungen 3 296 dem Lichte nur einen Punkt offen zu laſſen ſcheinen; man haͤlt es fuͤr ein Gefaͤngniß. Die Fenſter der Man⸗ ſarden, auf den hoͤchſten Giebeln des Gebaͤudes, ſind mit Schraͤglaͤden verſehen! Das Anathem iſt uͤber die Straße ausgeſprochen, der Tag liegt im Bann, das Licht iſt verfehmt! Es ſcheint, wenn man durch dieſe. Wuͤſten ſchreitet, als ſei man unter einem Volke von Uhu's, Nacht⸗Eulen und Kaͤuzlein; man ſieht und hoͤrt nichts. Das Schweigen der Straße liegt euch wie Blei auf dem Herzen; ihr fuͤhlt, daß es Weſen nahe bei euch giebt, welche nur muͤhſam athmen koͤnnen und aus Mangel an Luft erſticken muͤſſen; dieſe hohen, ſchwar⸗ zen, ſtummen und duͤſtern Haͤuſer machen euch Furcht. Inſt es euch zuweilen, wenn ihr von den alten, mit Feuer und Schwert verheerten Staͤdte traͤumtet, iſt es euch dann vorgekommen, als wandeltet ihr allein in einer öͤden, weiten Stadt, einem Staͤdte⸗Leichnam, deſſen Blut geronnen, deſſen Leben erloſchen iſt? Dann ſchau⸗ tet ihr rings um euch her und ſahet Niemand, ihr oͤff⸗ netet den Mund und wagtet nicht zu rufen, denn kein Echo wuͤrde euch geantwortet haben, und das Schwei⸗ gen, das euch umgab, erregte euch Grauſen. Nun wohl! Das iſt der Eindruck, den die Poſtſtraße oft auf mich gemacht hat, wenn ich des Abends oder in einer lan⸗ gen Winternacht durch dieſe Naͤume ging, wo ſich kein Geraͤuſch regte, nicht einmal ein fernrollender Fiaker oder der Tritt eines Fußgaͤngers. Am Tage ſtoͤrt zu⸗ 297 weilen die eintoͤnig mißlautende Stimme eines Bett⸗ lers, der mit ſeinem heulenden Hunde um die Wette bellt, das Schweigen der Straße. Von Zeit zu Zeit wirft eine Fromme, in Mantel und Capuchon verhuͤllt, oder ein Prieſter mit zuruͤckhaltendem Blick und ſchwar⸗ zem Rock, im Voruͤberſchreiten ein paar Sous in den Hut des Bettlers, der ſich unterbricht, um: Danke! zu murmeln, waͤhrend ſein Hund den Kopf hebt, als wollte er den Wohlthaͤter ſeines Herrn betrachten; dann ſetzen Hund und Bettler ihre Wanderſchaft und Me⸗ lodie auf das Schoͤnſte fort. Beſonders an Sonntagen kann man das ſehen, denn dieſen Tag iſt die Poſtſtraße lebhaft; ſie iſt aus dem Grabe geſtiegen, es iſt ihr gro⸗ ßer, ihr Auferſtehungstag. Aus allen benachbarten Gaſ⸗ ſen ſtroͤmen Prozeſſionen von alten Weibern herbei, welche ſingen wollen und Meſſe oder Vesper hoͤren in den Kloͤſtern, denn die Poſtſtraße iſt die heilige, die gebenedeite Straße. Es iſt wie ein Stapelplatz von Sakriſteien und Kapellen, hinreichend fuͤr das ganze Viertel; ſie wuͤrden fuͤr eine Welt hinreichen. Da iſt das Kloſter der Frauen Sanct Auguſtins, der Frauen Sanct Thomas, der Urſulinerinnen, der Frauen zur Heimſuchung, zur fortwaͤhrenden Anbetung des Aller⸗ heiligſten, der Toͤchter der makelloſen Empfaͤngniß, der heiligen Vorſicht, des heiligen Herzens Jeſu und der Gutwilligen(Spaß bei Seite, ohne alle Kirburr und unwuͤrdige Anſpielung!). 298 Alles das hat ſeine Kapelle, ſeinen Sakriſtan und ſeinen Abt mit ſeinen gewohnten Beſuchern, und es kommt darauf an, wer die meiſten hat; denn Rivalitaͤt und Concurrenz herrſcht in geiſtlichen Dingen wie in weltlichen, und die Auguſtinerinnen ſind auf die Fraͤu⸗ lein zur Heimſuchung eiferſuͤchtig, wie die Gaieté auf die Porte⸗Saint⸗Martin und das Ambigu. Jedes hat ſeine Accidenzien, ſeine Klientele, das iſt nur billig. In dieſer Straße befindet ſich auch das beruͤhmte Kollegium der Irlaͤnder, neben der Straße des lauten Brunnens. Die Straße des lauten Brunnens! Der Name hat oft meine Reugier gereizt, und mehr als einmal habe ich fuͤr mich uͤber ſeinen Urſprung ge⸗ traͤumt und etymologiſirt. Victor Hugo, in ſeiner Notre⸗Dame zu Paris, ſagt, daß es dort, wie auf dem Greveplatz, ein Rattenloch gab.— Ihr entſinnt euch der Bitte Paquerettens von Chante Fleurie, welche ihre Tochter zuruͤckfordert, ihre huͤbſche kleine Esme⸗ ralda, die man toͤdten will, trotz ihrer ſchlanken Ge⸗ ſtalt, ihrer Kindes⸗Anmuth, ihres huͤbſchen kleinen Schuhes und der kleinen Ziege Dſchali. Ihr erinnert euch ihrer Thraͤnen, ihrer Todesangſt, ihrer Bitte, der bewundernswuͤrdigen Mutterbitte, der ſchoͤnſten, lieb⸗ lichſten Stelle, die ich kenne. Ich denke immer an das Alles, wenn ich durch die Straße des lauten Brun⸗ nens gehe. Aber andre Chroniker ſagen, daß ſie ihren Namen ganz einfach einem Brunnen verdankt, der ein 4 299 Echo beſaß. Deſto ſchlimmer! denn ſolcher Brunnen wiegt mein Rattenloch nicht auf; es iſt ein einfacher, natuͤrlich proſaiſcher Brunnen, wie eine Ciſterne, der mir weder meinen kleinen Schuh, noch meine Bitte zuruͤckruft. Deſto ſchlimmer! Endlich war ſonſt in der Poſtſtraße die Normal⸗ ſchule, vom Konvent gegruͤndet und beſtimmt, die Wiege der Kunſt und Wiſſenſchaft zu werden. Es war etwas Großes in dieſem Inſtitut, wo die Elemente ge⸗ meinſchaftlichen Wiſſens fuͤr ein ganzes Volk gedeihen und reifen ſollten, ein weiter Heerd, deſſen Strahlen, nach allen Seiten ſpruͤhend, Licht und Glanz uͤber Frankreich verbreitet haben wuͤrden. Er hatte große Ideen, der Konvent, Ideen, welchen der Stempel des Genies aufgepraͤgt war, welche hoch ſtiegen, wenn ſie nicht an Galgen und Cadaver anſtießen. In Allem, was er beſchloſſen und gethan hat, liegt etwas Erha⸗ benes; denn ein zuͤrnender Vulkan iſt ſtets impoſant! Die Normalſchule, von der Freiheit gegruͤndet, ſtieg und verſiel mit ihr, bis 1822, wo die Jeſuiten ſie aus der Poſtſtraße vertrieben und die Vaͤter des Glaubens ein Seminar daraus machten. Es iſt vielleicht kein Denkmal, das nicht, wie die Normalſchule, ihre Wech⸗ ſelfaͤle und Verwandlungen gehabt haͤtte, bald geiſt⸗ lich, bald weltlich; gottlos mit der Republik, heilig. mit der Reſtauration, glorreich mit dem Kaiſerthume. Seht die Sainte⸗Genevieve⸗Pantheon und das Pan⸗ 300 theon⸗Sainte⸗Genevieve und tauſend andre. Seht den Tempel des Ruhms, den Napoleon traͤumte, der nach der Reſtauration wieder la Madeleine wird. Darin liegt der ganze Inhalt eines Zeitraums mit Charakter und Farbe, und es giebt kein Gebaͤude, kein etwas altes gefunden. Dicht bei der alten Schule, in der Reihe der Kloͤſter, von denen die Poſtſtraße wimmelt, wie ein Ameiſenhaufen von Ameiſen, iſt eins, von dem ich ein paar Worte ſagen werde, weil ſie zugleich ein Gemaͤlde Es war 1831. Einer meiner Freunde ſchlug mir vor, ihn nach dem Kloſter Sanct— zu begleiten, wo er ſeine Schweſter beſuchen wollte.—„Iſt Deine Schweſter huͤbſch?“ fragte ich ihn.„Sie geht an; aber ein Paar junge Nonnen dort ſind viel huͤbſcher als ſie.“ Er log, der Bruder, denn er ſprach gleich⸗ guͤltig und blind von ſeiner Schweſter, was ſehr ein⸗ fach iſt, denn ich kenne Niemand der unbekuͤmmerter, barbariſcher, groͤber, baͤrenhafter gegen ein junges Maͤdchen waͤre, als ein Bruder, wenn ich etwa einen Gemahl ausnehme. Wie dem auch ſei, ſo ging ich nach dem Kloſter, eben ſo ſehr von den verſchleierten Geſichtchen der Zellenbewohnerinnen angelockt und ver⸗ 301 fuͤhrt, als von dem Wunſche, das Innere eines Kloſters zu ſehen. 4* An der Pforte angekommen, zogen wir eine Klin⸗ gel, deren Wiederhall ſich durch die Luft ſchwang, wie eine Ente, welche ſchreit und die Fluͤgel ſchlaͤgt. Wir prallten zehn Schritt zuruͤck, in der Furcht, die Nach⸗ barſchaft in Allarm geſetzt zu haben; denn wir hatten eine Klingel erwartet und waren auf eine Glocke ge⸗ ſtoßen. Bei dem Laͤrm, den ſie machte, oͤffnete ein altes Weib mit einer Brille und gekruͤmmtem Ruͤcken lang⸗ ſam ein kleines vergittertes Loch, welches wie ein Auge in die Mitte der Thuͤre geſchnitten und von den Deut⸗ ſchen: Was iſt das? genannt worden iſt. Die alte Pfoͤrtnerin ſteckte ihre Naſe hindurch, wie ein alter Affe aus ſeinem Kaͤfig und rief wirklich in Mißtoͤnen: Was iſt das? Was wollen Sie? Zu meiner Schweſter! ant⸗ wortete mein Begleiter, und es oͤffneten ſich die Pfor⸗ ten des Kloſters vor ihm und bald nachher trat ſeine Schweſter in das Sprachzimmer. Es war ein junges Maͤdchen von funfzehn Jahren, lebhaft und munter, wie ihr Alter, mit muthwilliger Miene und reizendem Laͤcheln. Ihre ſchmale ſchlanke Taille ſchien mit zwei Fingern zu umſpannen, wenn ſie euch nicht in ihrer gewandten Lebendigkeit entſchluͤpfen wuͤrde. Es war ein kleiner Kobold mit durchdringendem Blick und blon⸗ dem Haar, ein Kind, das eben zur Jungfrau uͤbergeht. So weit, als ſie uns ſah⸗ lief ſie uns ſpringend 302 entgegen, umarmte ihren Bruder und ſtutzte, nicht recht wiſſend, ob ſie mich auch umarmen ſollte. Ich war bereit, ihr auf dem halben Wege entgegen zu kom⸗ men, um das arme Kind aus der Verlegenheit zu ziehen, als ihr Bruder mich vorſtellend ſagte: Der Herr iſt mein Freund. Sein Freund, ſein Freund! o hol⸗Dich der Teufel! Das junge Maͤdchen tritt zuruͤck und um⸗ armt mich nicht. Gott! welcher Toͤlpel von Bruder! Sein Freund! der Moͤrder! Das Wort hat mich er⸗ dolcht— ich trage es ihm nach. Das junge Maͤdchen hieß Nina.„Da der Herr Dein Freund iſt,“ ſprach ſie zu ihrem Bruder,„ſo mußt Du ihn mit zu den Damen bringen; Frau von B. empfaͤngt Sonnabends Geſellſchaft und wird ſich ſehr freuen, Dich zu ſehen.“ Der Bruder verſprach, wieder zu kommen und ich verſprach, ihn zu begleiten; denn ſie war reizend, die kleine Schweſter, reizend, um wohl die Luſt zu erwecken, ſie wieder zu ſehen. Auch druͤckte ich beim Herausgehen die Haͤnde ihres Bruders, nannte ihn meinen Freund, meinen wahrhaften Freund — aller Groll war vergeſſen. Sonnabend Abend vor 7 Uhr waren wir im Kloſter. Zwei Geſellſchaften, zwei Tafeln, zwei Salons theilten ſich darin. An der Spitze der einen ſtand Frau von B., eine alte, intolerante, bigotte Wittib, welche ihre Welt, ihre Pferde und Wagen fuͤr ſich hatte. Als Vendeerin hat ſie manchen Schuß gethan, das Seitengewehr ge⸗ 303 tragen, im Geſtraͤuch bivonakirt. Auch hat ſie zwei Bleſſureu empfangen, zwei theure Bleſſuren, von denen ſie unaufhoͤrlich ſpricht. Meine Bleſſur! Sie iſt ſtolz darauf, wie ein alter Soldat auf ſeine Dienſtauszeich⸗ nung am Aermel. Wenn man ſie ihre Campagnen er⸗ zaͤhlen hoͤrt, ihren Schnurbart und Gang ſieht, ſo konnte man ſie fuͤr einen alten Knaſter von der Garde oder einen Dragoner von Latour halten.— Sie em⸗ pfing bei ſich den Abt, den Sakriſtan, den Kirchenvor⸗ ſteher zu Saint⸗Etienne und die Bauherren der Ge⸗ meinde. Sie affektirte vornehme Manieren, ſagte: meine Dienerſchaft und meine Leute, ſprach von Po⸗ pulace und Canaille, von der Ketzerei der Zeit und der Ruchloſigkeit des Jahrhunderts. Sie nannte Voltaire einen Boͤſewicht, Rouſſeau einen Nichtsnutzigen, Be⸗ ranger einen Elenden, Lafayette einen Sansculotten, den Abt Chatel ein Scheuſal und die Saint⸗Simoni⸗ ſten Ungeheuer. Der Abt Chatel und die Saint⸗Si⸗ moniſten erregten vorzuͤglich den Unwillen und die Galle dieſer Damen in ihrer ganzen Tiefe. Sie hatten nicht genug Verwuͤnſchungen und Anathemata gegen dieſe Renegaten und Haͤreſiarchen des Jahrhunderts. Es war ihr Fechtbruſtlatz, ihre Scheibe, ihr Suͤnden⸗ bock, ihr Todesopfer, es galt, wer es am meiſten zer⸗ fetzen und zerfleiſchen koͤnnte. Armer Abt Chatel! arme Saint⸗Simoniſten! ich beklagte euch von ganzer Seele. — Eines Tages ſagte die Superiorin:„Ich habe doch 304 nicht geglaubt, daß der heilige Simon ein Atheiſt ge⸗ weſen waͤre, denn die Schrift—“„Ach, um Jeſus Willen!“ rief der junge Abt;„theure Schweſter, ſehen Sie ſich vor! Sie werden blasphemiren!“— Die Su⸗ periorin, ganz bleich geworden, bekreuzte ſich dreimal. „Es iſt nicht der heilige Simon,“ fuhr der Abt fort, „den dieſe Ruchloſen als ihren Gott verehren, ſondern ein gewiſſer Marquis, eine Art Philoſoph, der auf einem Boden geſtorben iſt.“„Auf einem Boden!“ rief alle Welt;„ein Gott, und ſtirbt an ſolchem Orte! Pfui der Schande!“—„Aber der Heiland, meine Damen, iſt in einem Stalle geboren.“—„Ja, aber am Kreuze ge⸗ ſtorben.“—„Sie haben Necht.“ Ein andermal kam der Kirchenvorſteher zu Saint⸗ Etienne und rieb ſich verſtohlen laͤchelnd die Haͤnde, rndem er der Geſellſchaft leiſe verkuͤndigte, daß die Preußen mit zwoͤlfmalhunderttauſend Mann ſo eben in Frankreich eingeruͤckt waͤren, von funfzehnhunderttau⸗ ſend Oeſterreichern und achtzehnhunderttauſend Ruſſen gedeckt.—„Gott! die gute Nachricht! Wo haben Sie das gehoͤrt, Herr Kirchenvorſteher?“—„Ich habe es in meinem Journale geleſen.“—„Dann ſind wir ge⸗ borgen, das iſt gewiß.“— Die andre Geſellſchaft hatte an ihrer Spitze Ma⸗ dam L., ein altes Muͤtterchen, welches ſonſt in Amiens gewohnt hatte und nur der Tochter ins Kloſter gefolgt war, der einzigen Tochter von achtzehn Jahren, ſchoͤn 305 wie die Liebe, welche Prieſter unterrichtet und zu dem Entſchluſſe gebracht hatten, den Schleier zu nehmen und ſich in ein Kloſter begraben zu laſſen. Eine Vampyr⸗In⸗ ſpiration, welche einem Kinde den Selbſtmord, einer Jung⸗ frau den Todtſchlag einhaucht, ein barbariſcher Vanda⸗ lismus, der eine Blume vom Stamme reißt, ſie dem Him⸗ mel, der Sonne, dem Thau entfuͤhrt und in einen Kerker ſperrt, damit ſie dort im Schatten perwelke und ſterbe! Vergebens wollte die Mutter, die ſie liebte, ſie aufklaͤren, vergebens umfing ſie flehentlich ihre Kniee und vergoß bittre Thraͤnen. Ihre Tochter blieb taub; eine einzige Idee hielt ſie gefeſſelt, und dieſe Idee uͤber⸗ wog in ihrem Herzen ſelbſt die Thraͤnen einer Mutter. Und doch war die Jungfrau ſo ſchoͤn! Es lag ſo etwas Mildes in ihrem weiten, hehren Blicke, der ſich zum Himmel erhob mit dem Ausdrucke eines Erzengels! Die dichten ſchwarzen Brauen zeichneten ſich ſo an⸗ muthig auf der bleichen Stirn ab! In ihrer Geſtalt lag Beredſamkeit, Poeſte, etwas Erhabenes und From⸗ mes! Es war das ſchoͤnſte Bild, das ich mir von der heiligen Jungfrau machen koͤnnte, der ſchoͤnſte Kopf, den Rembrandt oder Rafael je gemalt! Ich wuͤrde zum Fanatiker werden, wenn ich ein ſolches Idol haͤtte, an das ich mein Gebet richten koͤnnte. Denn ein Weib wie dieſe, ſeht ihr, muß ganz Liebe und Leidenſchaft ſein. Wenn ihr verirrtes Herz, das ſich zum Himmel gewendet, wie gluͤhende Seelen, denen hiernieden das Feuer fehlt, es 13** 3⁰⁶ im Weltraume ſuchen, wenn dies Herz beim erſten Schlage ſeines Erwachens ein Herz auf der Erde gefunden haͤtte, das es begriff, deſſen Puls mit dem ſeinigen harmonirte — ſo wuͤrde in dieſem Weibe das Gluͤck eines Men⸗ ſchenlebens gelegen haben. Denn es ſind nicht die ge⸗ ringſten Seelen, welche der Himmel ſo der Erde ſtiehlt. Eines Tages, als man von ihren ſchoͤnen Haaren ſprach, fragte ich ſie:„Was werden Sie mit dieſem Schmuck beginnen, der Sie allein inmitten der Welt zum Gegenſtande des Neides machen wuͤrde?“—„Was ich damit beginnen werde? meine Hand wird ihn ab⸗ ſchneiden, um ihn meinem Gotte darzubringen.“— „Geh, Du haſt Unrecht!“ ſagte ploͤtzlich die kleine Nina, indem ſie auf ihr huͤbſches blondes Haar zeigte;„ſieh her, meins iſt auch ſchoͤn, aber ich werde es nicht ab⸗ ſchneiden, es bleibt fuͤr meinen Mann.“—„Hat ſie nicht Recht?“ fragte ich die junge Novize.—„Nein!“ antwortete ſie.„Nina iſt ein Kind, und weiß nicht, daß es fuͤr uns einen andern Braͤutigam giebt als den irdiſchen, eine andre Liebe als die der Erde. Und der Gott, den ich liebe, iſt der ewige Braͤutigam, den meine Seele ganz umfaſſen kann, und er wird mir nie fehlen!“ Sie hatte Recht, einen Gott zu lieben; ein Maenſchenherz wuͤrde ihr nicht genuͤgt haben! Um wieder auf ihre Mutter zu kommen, ſo war ſie ein gutes, nicht ſonderlich frommes, ein wenig un⸗ glaͤubiges Mamachen. Ohne viele Umſtaͤnde und Ruͤck⸗ 8 307 ſichten wußte ſie immer etwas Luſtiges zu ſagen, woran die Eifrigen im Kloſter einen ſehr ſtarken Anſtoß nah⸗ men. Aber das Muͤtterchen fuhr darum nicht minder in ihren Scherzen fort; zuweilen ging ſie gar bis zum Sarkasmus, zur bittern Ironie— wenn ſie an ihre DTochter dachte und an die, welche ſie ihr geſtohlen hatten! Auch ſuchte ſie jedesmal eine kleine Poſtulan⸗ tin, welche noch unentſchieden war, ob ſie ihren Schmuck der Schoͤnheit und des Lebens gegen ein Bahrtuch voll Elend und Tod vertauſchen ſollte, beiſeit zu nehmen und ihr leiſe zu ſagen:„Thun Sie es doch nicht, meine Tochter! thun Sie es nicht, Kind! Sie wollen Sie dazu bringen; aber Muth! hoͤren Sie? Sagen Sie: Nein!“ Dann rieb ſie ſich die Haͤnde und lachte, die arme Mutter. Das war ihre kleine Rache. Sy nahm ſie Repreſſalien. Hiernach koͤnnt ihr wohl denken, daß offener Krieg zwiſchen Frau von B. und Madame L. war. Gleich⸗ ſam zwei entgegengeſetzte Feldlager hatten unter ihren Bannern ſich in das Kloſter getheilt. Der Abt, der Sakriſtan, der Gloͤckner und der Frohn, die alten Wei⸗ ber und Froͤmmlerinnen waren fuͤr Frau von B., die jungen Maͤdchen und die Gutmuͤthigen fuͤr Madame L.— Im Paradieſe herrſchte die Zwietracht, die Hei⸗ ligen waren im Kriege, es gab Rivalitaͤt, es kam zum Schisma. Ich meines Theils gehoͤrte zu Nina's Partei; es war fuͤr mich als Eingedrungenen die munterſte und kluͤgſte. 308 Aben der Weihnachtstag nahte, und das war fuͤr das Kloſter ein großer Tag. Es handelte ſich darum, die Geburt des Herrn wuͤrdig zu feiern, es handelte ſich vorzuͤglich um eine Kripye und ein Jeſuskind, reicher und ſchoͤner als alle in der Nachbarſchaft. Das war der große Zweck, die Hauptangelegenheit! Auch ging man vierzehn Tage vorher nach allen Richtungen aus, um Stickereien, Flittern, Rauſchgold und Schmuck auf⸗ zuſpuͤren. Das Kloſter ſchien eine Putzhandlung ge⸗ worden zu ſein, die Nonnen Modearbeiterinnen und Naͤhtermaͤdchen. Man heaͤtte den heiligen Ort fuͤr einen Laden der Straße Vivienne halten koͤnnen. Alles arbeitete an der Krippe, man machte ein neues Chor⸗ hemd fuͤr den Vicarius, einen friſchen Behang fuͤr die Kapelle. Ich ſchlug, um das Jeſuskind vorzuſtellen, eine kleine Wachspuppe vor, welche einer meiner Freunde, ein Student der Mediein, ſeit zwei Jahren in ſeiner Stube hat, und man ſprang vor Freude und Hoffnung, denn gewiß werden die Frauen der Heimſuchung nichts Aehnliches haben. O Nonnenkoketterie! Als der große Tag oder vielmehr die große Nacht gekommen war, trug man ein Pianoforte in die Ka⸗ pelle und hielt uns dort feſt, um einen Chor zu ſingen. Ich, der weder Chorknabe noch Kirchenſerpentiſt ge⸗ weſen, ließ meinen Freund den Geſang hinunterwuͤrgen, hielt mir die Sbhren zu und ging hinaus. Seit einem 309 Augenblicke hatte ich bemerkt, daß Nina, die huͤbſche kleine Nina, verſchwunden war. Ich ging in den Garten. Es war faſt ein Uhr und der Mond warf ein bleiches zitterndes Licht uͤber das Kloſter. Die Strahlen brachen ſich an den ent⸗ blaͤtterten Aeſten der Baͤume im Garten und ſpielten in wunderlichen Formen auf dem Sande, ſo daß die vielen ſeltſamen Schatten wie ungeheure Skelette an⸗ zuſchauen waren, welche Arme und Beine nach allen Richtungen in die Nacht hinaus dehnten. An der Bie⸗ gung des Baumganges glaubte ich durch jenes ſchat⸗ tende Gaukelſpiel ein weibliches Weſen zu erblicken. Ich horchte, und bald ſchlug das leichte Geraͤuſch fluͤſtern⸗ der Blaͤtter und eines ſtreifenden Kleides an mein Ohr; ich ging raſcher, und erkannte vor mir ein junges Maͤd⸗ chen, nachdenklich, allein, langſam einherwandelnd. Sie ſchien zu leiden, ihr Schritt war muͤhſam, und das ent⸗ faͤrbte Antlitz ſenkte ſich zu Boden wie eine ſterbende Lilie. Da ich ihren Ruͤckzug nicht ſtoͤren wollte, hielt ich an und wich zur Seite, um ihren Augen zu ent⸗ gehen; aber ſie erblickte mich und rief mit ſchwacher Stimme:„Eduard!“ Eduard, das war ich nicht, und ich ſetzte meinen Weg fort, um das junge Maͤdchen zu enttaͤuſchen. Kaum hatte ich ſie bleich und leidend ver⸗ laſſen, als ich Nina erſcheinen ſah, raſch, behend und lebendig. Sie lief durch die Allee mit der Fluͤchtigkeit eines Rehs und glitt die Baͤume entlang wie jene duf⸗ 310 tigen Sylphiden, die man mit den Abendſchatten am Fuße eines Gemaͤuers heimlich voruͤber ſchweben zu ſehen glaubt. Ich wollte ſie umarmen, aber ſie ent⸗ ſchluͤpfte mir und war in der Kapelle, daß ihr mein Auge kaum folgen konnte. Nina! Es haͤtte Fluͤgel bedurft, um dieſen Schmetterling zu erhaſchen. Wenn ich wenigſtens irgend eine kleine Nonne ge⸗ funden haͤtte, mit der ich ein Viertelſtuͤndchen haͤtte plaudern koͤnnen; des Abends, allein, im Dunkeln, iſt das ſo huͤbſch! Ich ſpuͤrte und ſuchte im Garten um⸗ her wie ein Wolf in der Huͤrde. Ich dachte an Nina, ich dachte an die ſchoͤne Novize, welche ſich einkleiden laſſen wollte, an das junge Maͤdchen, das: Eduard! zu mir geſagt hatte, und ſtrich laͤngs der Gartenmauer hin nach dem oͤdeſten Theile; da ſah ich Etwas an der Mauer „haͤngen, das ſich im Schatten bewegte. Ich trat naͤher und befuͤhlte das Ding, es waren Schnuͤre, kuͤnſtlich verbunden und geknuͤpft, mit einem Worte, es war eine Strickleiter. Ich zog daran, ſie war oben an der Mauer befeſtigt. Ach! ſagte ich bei mir, das vereinfacht den Sturm und macht ihn aller Welt zugaͤnglich. Sollte es hier zufaͤllig Marodeurs geben? Wetter, das muß ich wiſſen und werde es auch. Und ich druͤckte mich, die Meſſe und die Kapelle vergeſſend, an die Mauer, wie der Vaͤchter, der des Nachts, in Hecken verſteckt, dem Wilddieb auflauert. Lange ſchon war die Meſſe zu Ende, das Kloſter 311 lag im Schlaf und Alles war ſtill, als ich Jemand kommen ſah; ich blickte ſcharf hin, es war ein junger Mann wie ich, ſchwarz gekleidet wie ich, aber er weinte, und das war nicht wie ich. Meine Augen verließen ihn keinen Moment. Er ſetzte den Fuß auf die Strick⸗ leiter, ſtieg daran in die Hoͤhe, zog den Strick nach ſich, dann warf er noch einen letzten thraͤnennaſſen Blick auf das Kloſter und verſchwand von der andern Seite. Das fing an mich zu intereſſiren. Die Mauer war mit Spalieren verſehen; ich beſann mich nicht lange, das Spalier diente zur Leiter, ich folgte dem Unbekannten; mit einem Satz hatte ich ihn eingeholt. Er ſtieß einen Schrei des Schreckens aus.„Haben Sie keine Furcht!“ ſagte ich zu ihm:„wenn Sie kein Naͤuber ſind, beſor⸗ gen Sie Nichts von mir. Sie haben hier ein Aben⸗ teuer; ſchenken Sie mir Ihr Vertrauen, vielleicht kann ich Ihnen helfen. Nehmen Sie meinen Arm!“ Bei dieſer bruͤderlichen Anrede erholte ſich der junge Mann etwas von dem Schrecken, in den ihn mein ploͤtzliches Erſcheinen geworfen hatte, und ſo gingen wir denn Arm in Arm die Straße l'Eſtrapade hinunter und er⸗ reichten das Pantheon. Die Morgenluft war friſch, durchdringend und ſcharf, ein dicker Nebel durchnaͤßte unſre Kleider, daß ſie feucht und ſchlaff ſich an den Leib preßten und uͤber uns zu weinen ſchienen.„Kom⸗ men Sie mit zu mir!“ ſagte ich zu meinem Gefaͤhrten, und ein hellſpruͤhendes, kniſterndes Feuer im Kamin er⸗ . 312. waͤrmte uns bald wieder. Da erzaͤhlte mir denn mein Unbekannter, immer noch traurig, ſeine Geſchichte. Sie war kurz und ruͤhrend. Er liebte ein Fraͤulein von Familie und wurde wieder gelieht. Sie war reich, er war arm, und als er um ihre Hand anhielt, wurde er veraͤchtlich abgewieſen. Sein Herz empoͤrte ſich, denn er hatte ein Herz, deſſen Schlag adelig und ſtark war, und halb außer ſich ſprach er zum Vater ſeiner Gelieb⸗ ten:„Ihre Tochter gehoͤrt mir, ſie iſt mein!“ Das war voͤllig wahr, und das junge Maͤdchen geſtand es ihrem Vater, indem ſie um Gnade flehte. Ihr Vater that ſie ins Kloſter, als ob das Herz ein Stoff waͤre, den man abſperren, die Seele ein Ding, das man ein⸗ ſchließen koͤnnte! In dieſer Nacht hatte der Juͤngling das Maͤdchen entfuͤhren wollen, denn das Maͤdchen— fuͤhlte ſich Mutter! Aber ſie hatte ſich geweigert. Ich will lieber ſterben!“ hatte ſie geſagt, und er war ge⸗ noͤthigt geweſen, ſie allein und in Ohnmacht zu ver⸗ laſſen.— Ihr armen Kinder! Er hieß Eduard. Eduard! Bei dieſem Namen ent⸗ ſann ich mich ploͤtzlich des jungen Maͤdchens im duͤſtern Baumgange, und ich rief: Ich habe ſie geſehen, ich kenne ſie.— Waͤr es moͤglich?— Jal wir wollen ſie wiederſehen und zum Entſchluß bringen; ich verſpreche es Ihnen, wir werden ſie ſehen.— O wann? wann? — Morgen.— Morgen! Und er ſprang mir an den Hals und umarmte mich. Er ſchien toll geworden, rannte 313. — 4 1 rannte im Zimmer umher, huͤpfte und ſprang, kehrte die Moͤbel um, zerbrach und zerſchlug Alles. Ich war froh uͤber ſeine Freude, ſelig uͤber ſein Gluͤck. SPoolgenden Tags, um ſieben Uhr, als eben die Dun⸗ kelheit eingebrochen war, gingen wir nach dem Kloſter, und ich verlangte Madame L. zu ſprechen. Ihr wollt' ich Alles ſagen, denn ich kannte ihr Herz und ihren muͤtterlichen Groll gegen die Kloͤſter.„Sie koͤnnen ſie nicht ſehen, meine Herren,“ ſagte die Pfortnerin, „wenigſtens muͤſſen Sie warten, Madame iſt in der Kirche, es giebt eine Beerdigung.“—„Dann wollen wir warten.“— Kaum waren wir in den Garten ge⸗ treten als ſich eine Glocke hoͤren ließ; es war das Todtengloͤcklein. Die dumpf wimmernden Klaͤnge hall⸗ ten langſam durch die Luft wie ein unheilverkuͤndendes Sturmgelaͤut; mein Herz ſchlug unwillkuͤhrlich, Eduard hielt meine Hand und druͤckte ſie mit Kraft. Auf ein⸗ mal kam ein Zug von Frauen aus der Kapelle, der, mit langſamen Schritten nahend, durch das Dunkel wallte. Sie trugen Fackeln, deren rothes Licht die Nacht unheimlich erhellte. Dann kamen junge Maͤdchen in Weiß gekleidet, in ihrer Mitte wurde eine Bahre getragen, mit einem gleichfalls weißen Tuche bedeckt, und auf der Bahre lag eine funkelnde Jungfrauen⸗ krone.— Das Geleit begann die Todtenhymne, und die Stimmen der Jungfrauen verloren ſich im Raume wie Stimmen von Erzengeln. V. 14 314 Wir waren zuruͤckgeblieben, ſchwiegend und un⸗ beweglich. Bei den Toͤnen der Grabgeſaͤnge hatte ſich uns die Pfoͤrtnerin mit andern Frauen genaͤhert.„Ar⸗ mes junges Maͤdchen!“ ſagte die Pfoͤrtnerin;„armes Fraͤulein Fanny— kaum zwanzig Jahr!“— Fanny! Bei dieſem Namen ſtieß Eduard einen fuͤrchterlichen Schrei aus. Fanny!— Er wankte, erblich und ſiel mir in den Arm mit den Worten:„Sie iſt's!“ O das iſt eine Erinnerung, die nie aus meinem Gedaͤchtniſſe kommen wird. Ich hob meinen Freund auf und trug ihn ſterbend hinweg, und als ich mit dem lebloſen Eduard die Schwelle des Kloſters uͤberſchritt, ließ ſich ein letzter Geſang hoͤren. Es war das Lebe⸗ wohl der Jungfrauen an ſeine Geliebte. Friedrich Gaillardet. —— Ein Mode-Magazin. Geſchichte einer Capote. — Was ſchön und ſterblich iſt, das muß vergehen. 1 Petrarca. 1. O, es war wohl der huͤbſcheſte Hut von der Welt, der eleganteſte, anmuthigſte, koketeſte.— Es war eine Capote von lila Gaze, mit paille Schnuͤren um den Kopf, und dann ein Bouquet von Feldmohn, Aehren und Kornblumen zwiſchen Bandſchleifen, etwas rechts heruͤber geneigt.— 1 Es war auch wohl die fluͤchtigſte Liebe, die flachſte, welche man finden konnte! Das leichte Gefuͤhl einer leichten Frau, ein Gefuͤhl der Laune, mit grillenhaften Gunſtbezeugungen und erkuͤnſtelter Zaͤrtlichkeit. Nun hoͤrt, was ſich mit dieſer Capote von Gaze und dieſem Gefuͤhl der Laune begeben. 14* 316 4 —* * 1 2., 8* Am ſiebenten des Monats Juni 18. hatte ich bei Frau von Saint⸗Clair geſpeiſt, welche mich ſeit drei Tagen mit ihrer Huld und ihrem Tete⸗à⸗Tete beehrte. Dieſe Offenbarung koſtet mich viel. Doch war ſie un⸗ erlaͤßlich zum Verſtaͤndniß meiner Erzaͤhlung.— Man wird uͤberdem in der Folge ſehen, ob etwas Geckenhaf⸗ tes in meiner Indiseretion liegt. Wie dem auch ſei, ſo bewohnt dieſe Dame(ich muß es gleichfalls verrathen) das Halbgeſchoß eines Hauſes in der Straße Vivienne. In dem Halbgeſchoſſe des grade gegenuͤber liegenden Hauſes befindet ſich das Atelier einer Modehaͤndlerin. Hier ſind in den Arbeit⸗ ſtunden die Demoiſells um einen langen Tiſch verſam⸗ melt, hier werden die Huͤte erſonnen und fabricirt. Sobald ſie fertig ſind, traͤgt man ſie in das untere Magazin, das einen Laden auf der Straße bildet; hier ſtellt man ſie hinter die Spiegelſcheiben der Schaukaͤſt⸗ chen, auf die Spitzen langer Acajouſtaͤbe, welche, ſo coiffirt, nicht uͤbel gewiſſen Englaͤnderinnen aus unſern Grakfſchaften gleichen, die uns in Paris gegen den Mo⸗ nat Oktober zukommen. An jenem Abende ſollte ich mit Frau von Saint⸗ Clair ausgehen. Nach dem Diner begab ſie ſich in ihr Schlafgemach, um ſich anzukleiden, und ließ mich im Salon allein. Man muß der Frau von Saint⸗Clair volle Ge⸗ 317 rechtigkeit widerfahren laſſen; unter andern ſoliden Ei⸗ genſchaften, welche ſie beſitzt, hat ſie vorzuͤglich das eminente Verdienſt, bei ihrer Toilette ſehr raſch fertig zu werden. Aber jede Toilette erfordert Zeit. Dieſe, welche um ſieben Uhr begann, konnte gewiſſenhaft nicht vor acht Uhr beendigt ſein. Es kam mir alſo darauf an, ſechszig Minuten, eine nach der andern, auf ſinn⸗ reiche Weiſe todtzuſchlagen. Ihr werdet ſehen, daß es mir ein Leichtes war. 3. Ich hatte mich in einem guten Lehnſtuhl eingerich⸗ tet, nah am Fenſter des Salons, das dem Atelier des Mode⸗Magazins grade gegenuͤber lag. So konnte ich, ohne ſelbſt geſehen zu werden, Alles bemerken, was in dieſem Atelier vorging, indem ich nur einen der klein⸗ ſten Mouſſelin⸗Vorhaͤnge meines Fenſters leicht an der Ecke verſchob— weil das der Modiſten groß und weit offen ſtand. Die Arbeitsſtube dieſer Damen bot in dem Augen⸗ blick, als ich aus meinem bequemen Obſervatorium die Lorgnette darauf richtete, folgenden allgemeinen Anblick: Acht huͤbſche junge Maͤdchen waren verſammelt; Einige ſaßen nachlaͤſſig und ſchienen wie im Schlaf⸗ Andere ſtanden, mit beſeeltem Teint und lebhaften Au⸗ gen; ſie lachten aus voller Kehle, ſangen und plauder⸗ ten in ausgelaſſener Froͤhlichkeit. ⸗ 318 Um die Stoffe, von denen der Tiſch bedeckt war, kuͤmmerte man ſich nicht im Mindeſten, man ſchien gar nicht baran zu denken. Die Demoiſells kamen wahrſcheinlich vom Mittageſſen; das iſt fuͤr dieſe gro⸗ ßen Kinder die Stunde der Erholung und Ruhe, wie fuͤr die kleinen Penſi ongirinnen im Kloſter nach dem Fruͤhſtuͤck. Doch gab es unter dieſen reizenden, ſo ſorglos froͤhlichen Maͤdchen Eine, welche ernſthaft und in ſich gekehrt war. An dem Platze, den ſie einnahm, nahe beim Fenſter am obern Ende der Tafel, und noch mehr an ihrer Miene voll Wuͤrde und Anſehen erkannte man ſie leicht fuͤr die erſte Demoiſel. 4. Hier duͤrften einige Betrachtungen Platz finden, die man ſich huͤten muß, fuͤr ein hors d'oeuvre zu hal⸗ ten, weil ſie im Gegentheil recht eigentlich zu unſerm Gegenſtande gehoͤren. Zuerſt iſt das ein Axiom: Es giebt uͤberall Modehaͤndlerinnen. — Aber nur in Paris giebt es Modiſtinnen. Eine wahrhafte Modiſtin, ſeht, das iſt keine Arbei⸗ terin, welche Leibchen naͤht oder Stickereien tagweiſe verfertigt, ſondern eine Kuͤnſtlerin, die nur in Muße⸗ ſtunden arbeitet.— Eine Modiſtin iſt eine Dichterin. Ein Hut iſt nicht, wie ein Fichu oder ein Kleid, 319 das Werk der Berechnung und Geduld, ſondern das Werk der Kunſt und Einbildungskraft: es iſt Poeſie. Doch iſt es wichtig, hier einen Unterſchied zu machen. Es giebt Huͤte und Huͤte. Zuerſt giebt es den Hut auf Beſtellung, der fuͤr die Kunden gearbeitet wird. Ein ſolcher Hut erfordert ohne Zweifel Talent und Geſchicklichkeit. Um ihn gut auszufuͤhren, hat eine Modiſtin jedoch nur Beobach⸗ tungsgabe und Geiſt noͤthig. Es kommt in der That nur darauf an, ihn dem Charakter und den phyſiogno⸗ miſchen Eigenheiten der Frau, die ihn tragen ſoll, ge⸗ hoͤrig anzupaſſen. Das iſt nicht der wahre poetiſche Hut. Aber es giebt den improviſirten Hut, den die Phan⸗ taſie vorzeichnet, der nur einen Kopf ſchmuͤcken ſoll und kann, welchen die Kuͤnſtlerin nie geſehen, aber wohl ge⸗ traͤumt hat. O, ein ſolcher Hut, das iſt der Hut aus Inſpira⸗ tion, der lyriſche Hut! 5. Und einer von dieſen Huͤten war es, den die erſte Demoiſell unſers Mode⸗Magazins bedachte. Ein Arm, auf den Tiſch geſtuͤtzt, trug ihr geſenk⸗ tes Haupt, der andre ruhte auf der Ruͤckenlehne des Stuhls. Sie hatte faſt die Attituͤde der Corinna auf dem miſeniſchen Vorgebirge. 320 und wirklich handelte es ſich auch bei ihr um eine Improviſation. Aber es ſollte ganz gewiß keine melan⸗ choliſche Improviſation werden. Im Gegentheil.. Wenn man die ausdrucksvollen Zuͤge der ſchoͤnen Modiſtin recht beobachtete, ſo las man darin alle Vor⸗ zeichen einer poetiſchen Schoͤpfung. Und dieſe nahe Schoͤpfung mußte elegant und gracios werden, denn ſicherlich waren in dieſem Augenblicke alle Ideen des jungen Maͤdchens lachend! Die Freundlichkeit aller ih⸗ rer Zuͤge verrieth eine ſo innige Freude! O ja! irgend ein ſuͤßes Vorhaben winkte ihr gluͤckverheißend am Ende des Tages. Die Idee, welche in ihr unter dem Ein⸗ fluß ſo koͤſtlicher Inſpiration entſtand, mußte, von ihrem Schindmar vergoldet, lichtſtrahlend ins Leben treten! Dies Nachſinnen dauerte wohl einige Minuten. Endlich wandte ſich die Modiſtin auf einmal nach dem Tiſche und ergriff mit Lebhaftigkeit ein großes Stuͤck lila Gaze, das vor ihr lag. Sie maß es ver⸗ ſchiedentlich nach ihrer Armslaͤnge von Zeigefinger und Daumen bis zur Schulter, pruͤfte es auf beiden Seiten, kehrte es um, bog und kniff es in mehrere Formen, und nachdem ſie die Dimenſionen berechnet hatte, legte ſie es auf ihre Knice, erfaßte ploͤtzlich die Scheere und ſchnitt kuͤhn in die Gaze hinein. 1 Es war geſchehen. Sie ſprach⸗ das ſoll eine Capote werden,— und es wurde eine Capote. 321 6. Damit aber das Werk vor Nacht beendet wuͤrde, mußte man ſich beeilen. Es war nur noch auf eine Stunde vom Tage zu rechnen. 1 Im Augenblick, von der Stimme der erſten De⸗ moiſell zur Ordnung gerufen, ſetzten ſich die jungen Maͤdchen folgſam an die Arbeit, jedes ſich eifrig mit der Aufgabe beſchaͤftigend, welche ihm zugetheilt wor⸗ den war. Die Eine erhielt den Rand, die Andre den Kopf, Dieſe die Puffen, Jene die Roͤllchen, eine Fuͤnfte den Aufputz, eine Sechste die Blumen. Es war ſchoͤn zu ſehen, wie die flinken Arbeiterin⸗ nen um die Wette ihr Werk foͤrderten und mit ihren langen Nadeln und Scheeren fochten. Denn— das iſt auch nicht uͤberfluͤſſig im Vorbeigehen zu bemerken— wie die Kavallerie von der Infanterie durch groͤßere Saͤbel, ſo unterſcheiden ſich die Modiſtinnen von den gewoͤhnlichen Naͤhterinnen durch Scheeren und Nadeln von bewundernswuͤrdiger Laͤnge. Nach einer Viertelſtunde waren die Haupt⸗Arbeiten der Capote vollendet. In der Conſtruction eines Damenhuts— ſo ſchwaͤch⸗ lich Ihnen, meine Herren, auch das leichte Gebaͤude er⸗ ſcheinen mag— giebt es mehr ſolide Elemente, als Sie ſich wohl denken. Der ſtarke Linon, der dreifach appre⸗ tirte Tuͤll, die Pappe, die Rundſchnuͤre, das Blech, . 322 welche das Geruͤſt und den Rumpf bilden— ſind ſie nicht wie Zimmer⸗ und Schloſſerwerk? Wie dem auch ſei, die verſchiedenen Vorarbeiten wurden nach einander vor die erſte Demoiſell nieder⸗ gelegt. Sie war die Baumeiſterin, die wahre Kuͤnſt⸗ lerin; ihr kam es allein zu, ſie zu einem Ganzen zu verbinden. Sie allein, welche dieſe Capote erſonnen, konnte ihr den Hauch des Lebens einfloͤßen und ihren Gedanken durch ſie verwirklichen. Ueber einen Kopf von Pappe, den ſie zwiſchen ihren Knien hielt, hatte die geſchickte Modiſtin bald mit Na⸗ deln die Form des Huts zuſammengeſteckt. Einige Stiche der großen Naͤhnadel vereinigten die beiden Haupttheile unaufloͤslich. Dann umſchloß und ver⸗ huͤllte die Gaze in wenig Minuten unter den leichten Fingern der Kuͤnſtlerin das belebte Skelett der Capote und drappirte ſich uͤber ihm in anmuthigen Falten. Paille Torſaden à jour wurden um Schirm und Kopf geſetzt und ein huͤbſches Bavolet kam hinten uͤber die Couliſſe. Alles das war mit unglaublicher Schnelligkeit, ja mit Begeiſterung vollbracht.. Die Demoiſells, deren jede ihre Detail⸗Aufgabe vollendet, folgten mit neugierig gufmerkſamen Blicken dieſer intereſſanten Arbeit, welche die ihrigen erſt in Zuſammenhang brachte. 323 Die Modiſtin, ganz in ihre Schoͤpfung vertieft, laͤchelte ſanft bei ihren Fortſchritten. Bald hob ſie die Capote auf einer ihrer Haͤnde in die Luft, drehte ſie leicht umher, betrachtete ſie von allen Seiten, den Kopf bald rechts, bald links neigend und von Zeit zu Zeit mit der andern Hand den Rand des Schirms an verſchiedenen Stellen biegend oder einige Falten der Gaze berichtigend, wodurch ſie dem Ganzen mehr Harmonie und Vollkommenheit gab. 7. Das war jedoch noch nicht Alles. Das Schwerſte und Wichtigſte blieb noch zu thun. Es kam jetzt da⸗ rauf an, das Bouguet zu placiren. Wer weiß nicht, daß dies der entſcheidende Augenblick iſt, und daß von der Anlage der Knoten, der Blumen oder der Federn das ganze Schickſal eines Huts abhaͤngt, wenn er bis dahin auch noch ſo gut gelungen iſt? Das tiefſte Schweigen herrſchte in dem Atelier. Eine lebhafte Beſorgniß malte ſich in den Blicken der jungen Maͤdchen, welche die Capote, die ſich ihrer Voll⸗ endung nahte, bewunderten. 7 Aber die Inſpiration hatte unſre Kuͤnſtkerin nicht verlaſſen. Unter ihrer Hand miſchten ſich die Aehren und Kornblumen mit dem Feldmohn und den Gaze⸗ Puffen und gruppirten ſich auf entzuͤckende Art rechts an der Form, goͤttlich auf den Schirm niederwinkend. 324 Nachdem die letzte Puffe angebracht war, ſetzte die Modiſtin den zarten Kopfputz vorſichtig auf den Tiſch und lehnte ſich mit gekreuzten Armen in ihren Stuhl zuruͤck. Eine unausſprechliche Befriedigung war in den Zuͤgen des jungen Maͤdchens zu leſen; ganz gewiß ſprach ſie bei ſich ſelbſt: Ich bin zufrieden! das iſt mein Gedanke, ins Leben getreten. 3 Dieſe Betrachtung waͤhrte jedoch nicht lange. Nach⸗ dem ſie aufgeſtanden und’ an den Spiegel getreten war, rief ſie eine der Demoiſells. Es nahte ſich das muthwilligſte, ſchelmiſchſte, lleine Maͤdchengeſicht, das jemals in der Grande⸗Chaumiere oder in Tivoli gefunden worden. Die Capote wurde auf ihr huͤbſches Koͤpfchen geſetzt. Das war die letzte Probe. Sie konnte nicht beſſer ausfallen. Es war nur Ein Schrei des Enthuſtasmus im ganzen Atelier. Die Capote hatte den allgemeinſten Beifall. Sie ſtand dem reizenden Kinde wirklich allerliebſt. Auch gefiel ſich die Ausgelaſſene ſo in dieſem Kopfputze, daß ſie ihn gar nicht wieder abnehmen wollte und mit den Fingern ihn an die Wangen druͤckend, vor Freuden ſprang, als ſie ſich im Spiegel beſah. Sie mußte gleichwohl die theure Capote am Ende abnehmen! Sobald man die Kinnbaͤnder befeſtigt, trug man ſie hinab in das Magazin, wo ſie unmittelbar in 325 das Schaukaͤſtchen auf ein Geſtell von Acajou in die erſte Reihe geſetzt wurde. Unſre ſchoͤne Modiſtin hatte ſich damit beſchaͤftigt, ein wenig die Unordnung zu beſeitigen, welche die Ar⸗ beit in ihrer Toilette hervorgebracht. Sie hatte ihr Haar ſorgfaͤltig wieder friſirt, dann nahm ſie Shawl und Hut und ging. Ich verfolgte ſie mit den Augen bis zur Straße Colbert. Dort hielt ſich ein junger Mann von ſehr gutem Anſehen, der Sporen und Schnurbart trug, als Schildwacht auf der Lauer. Sie nahm vertraulich ſei⸗ nen Arm und Beide entfernten ſich. Hatte ich es nicht richtig vorhergeſagt, daß ſie am Ende des Tages auf ein Gluͤck rechnete? Da ſie ihr Werk vollendet hat, laſſen wir ſte, zu⸗ frieden mit ſich ſelbſt, in Begleitung des Freundes, der ſo treu das Stelldichein hielt, hingehen, wohin es ihm belieben wird. Sicherlich hat ſie ihre Promenade und ihr Gluͤck heut wohl verdient.. Aber, was wird jetzt aus unſrer Capote werden? 8. Frau von Saint⸗Clair verſpaͤtete ſich Etwas. Es hatte acht Uhr geſchlagen und ſie war noch nicht mit Ankleiden fertig. Noch war es hell. Die Modiſtinnen hatten das Fenſter des Atteliers zugemacht. Ich oͤffnete das mei⸗ nige und ſchaute in die Straße hinab. — 326 Da ſah ich von der Seite des Palais⸗Royal ein Paar kommen, das ich ſogleich in der Menge der Vor⸗ uͤbergehenden unterſchied und das ſehr ſchnell meine ganze Aufmerkſamkeit anzog. Es war augenſcheinlich ein Ehepaar und zwar eins, das ſeit ungefaͤhr zwoͤlf Monden verheirathet war, den mit einbegriffen, der ohne Zweifel fuͤr ſie voll Honig geweſen. Der Mann, dem Anſcheine nach eine ziemlich unliebenswuͤrdige, plumpe Figur, mußte ein Bureau⸗ menſch ſein. Nachdem er wahrſcheinlich den ganzen Tag uͤber Aktenſtoͤßen und Regiſtern gekruͤmmt zuge⸗ bracht, hatte er Eile, zum Boulevard zu gelangen, um friſche Luft zu ſchoͤpfen und ſich ein wenig zu erholen. Er trieb alſo nach beſten Kraͤften zum Vorwaͤrtsgehen; das war fuͤr ihn gleichwohl keine leichte Sache. Seine Frau, ein reizendes Geſchoͤpf, wohlgebaut und gutge⸗ kleidet, aber gewiß das unbeſonnenſte, neugierigſte von der Welt, machte ihm ſein Vorhaben wahrhaft muͤhſe⸗ lig und ſchwer; denn ihr Koͤpfchen drehte ſich unauf⸗ hoͤrlich rechts und links, wie eine Wetterfahne. Ge⸗ wahrte ſie einen Laden von Weißzeug oder Neuigkeiten, ſo mußte ſie unbedingt naͤher treten und ſtehen bleiben. Doch waren es vorzugsweiſe nur die Mode⸗ Magazine, vor denen ſie verweilte. Deren giebt es nun, wie Jeder⸗ mann weiß, in der Straße Vivienne unendlich viel, und jedes wurde zum Calvarienberge, wo der arme Mann ſchmerzlich ſein Kreuz trug. 327 Auf dieſe Weiſe ſchritten ſie nur langſam vorwaͤrts⸗ er, aus allen Kraͤften ziehend, wie ein braver muthiger Karrngaul ſie, nur widerſtrebenden Koͤrpers ſich ziehen laſſend, jeden Fußbreit Terrain ſtandhaft vertheidigend. Es war ein ordentlicher Wettkampf und zwar von der hartnaͤckigſten Art. So waren ſie bis unter mein Fenſter gekommen, dem Mode⸗Magazin grade uͤber. 9. Hier muß ich erklaͤren: Ich mache wahrhaftig kei⸗ nen Anſpruch darauf, mir mehr Scharfſinn beizumeſſen, als mir beſchieden worden iſt; aber kaum hatte ich dieſe bewegliche, eigenthuͤmliche Geſtalt von einer jungen Frau geſehen, als ich im erſten Augenblicke die geheimen Be⸗ ziehungen, die Wahlverwandtſchaft entdeckte, welche zwiſchen ihr und unſerm lila Gazehut beſtand. Es war wirklich dieſelbe Koketterie, dieſelbe Leichtfertig⸗ keit, dieſelbe Laune.— Wahrhaftig! dachte ich ſogleich, das iſt der wunderbare Kopf, der unſrer Modiſtin vor⸗ geſchwebt hat, als ſie ihre wunderbare Capote erdachte! — Und Sie, Madam! Sie ſuchen ihren Kopfput, nicht wahr? ſagte ich; o kommen Sie ſchnell, er iſt fertig, er erwartet Sie. Alles begab ſich, wie ich es vorhergeſehen hatte. Trotz der Gegenbemuͤhungen ihres Gemahls war die junge Frau vor dem Mode⸗Magazin ſtehen geblieben 14* 4 328.. und hatte ploͤtzlich unter allen Huͤten im Schaukaͤſtchen den erkannt, der ihr beſtimmt, der fuͤr ſie geſchaffen worden war. Jetzt entſpann ſich an der Thuͤre des Ladens ein Streit zwiſchen den beiden Gatten, der ein weit ernſt⸗ hafteres Anſehen bekam, als die kleinen Feindſeligkeiten, welche ihm vorangegangen waren. Die junge Frau begnuͤgte ſich diesmal nicht mit Blicken voll Bewun⸗ derung und Luͤſternheit; ſie wollte eintreten in das Ma⸗ gazin, ſie wollte den Hut aufprobiren und erhandeln. Seinerſeits, da er die drohende Gefahr ſah und als ver⸗ ſtaͤndiger Mann bedachte, daß, wenn die Schwelle jener Thuͤr einmal uͤberſchritten ſei, der vermaledeite Hut nicht allein aufprobirt, ſondern jedenfalls gekauft wer⸗ den wuͤrde, vielleicht auf Koſten der ganzen monatlichen Erſparniß, ſeinerſeits hielt ſich der Mann gut und ver⸗ theidigte ſeine Boͤrſe wie ein Verzweifelter. Zum Ungluͤck hatten zwei Modiſtinnen, welche ſich eben im Laden befanden, den Conflikt mit angeſehen und ſeine Urſache leicht errathen. Auch kamen die ma⸗ licidſen Geſchoͤpfe, ohne das Recht der Nicht⸗Inter⸗ vention zu achten, der jungen Frau zu Huͤlfe, indem ſie die Thuͤr oͤffneten, deren Klinke ſie gefaßt hatte und zu drehen verſuchte. Die Parthie ſtand nicht mehr gleich. Wenn man nicht einen Skandal auf der Straße verurſachen wollte, mußte man eintreten.— Der Mann beſchied ſich. Wie er die ſtaͤrkſte Urſache gehabt, zu 329 fuͤrchten, ſo war der Handel in wenig Augenblicken ge⸗ macht und die Capote mit ſieben ſchoͤnen Fuͤnffranken⸗ ſtuͤcken bezahlt— ganz neuen, ich ſah ſie durch das Glas⸗ fenſter der Ladenthuͤr blitzen und konnte ſie zaͤhlen, als ſie der Ungluͤckliche einer der Mode⸗Haͤndlerinnen klaͤg⸗ lich in die Hand legte. Was ihn, glaube ich, etwas troͤſtete und ihm zum Entſchluſſe verhalf, war, daß er ſah, wie ſchwach die Hoff⸗ nung auf Erfolg geweſen waͤre, wenn er ſich unterfan⸗ gen haͤtte, laͤnger dem Willen ſeiner Frau zu wider⸗ ſtreben. Sie ſelbſt hatte einem gewaltig unwiderſteh⸗ lichen Drange nachgegeben; denn es war ihr nicht genug, die Capote gekauft zu haben, ſie mußte ſie auch auf ihrem Kopfe gleich mitnehmen, damit der Genuß fuͤr ſie im ſelben Augenblicke begoͤnne. Indem ſie alſo den glatten Strohhut, den ſie beim Kommen gehabt und der, obgleich einfach und beſcheiden, gewiß nicht ſo viel Verachtung verdiente, im Magazine zuruͤckließ, trat ſie mit dem neuen, ganz ſtrahlend und ſiegesſtolz heraus. Und ſie hatte wirklich Urſache, ſtolz zu ſein, denn ſie nahm ſich entzuͤckend ſchoͤn aus. Selbſt ihr Mann— es war augenſcheinlich, ſo groß auch ſeine Beſchwerden uͤber ſie ſein mochten— konnte der Verfuͤhrung dieſes zauberiſchen Kopfputzes nicht widerſtehen, denn waͤhrend er ſeinen Weg durch die Straße Vivienne nach dem Boͤrſenplatze verfolgte, mit ſeiner huͤbſchen Frau am Arm, ſah ich ihn ziemlich oft 330 verſchiedentliche Blicke, liebreich und verſoͤhnt, nach ihr werfen. Doch ſtehe ich nicht dafuͤr, daß inmitten der Enttaͤuſchungen des Schlafkabinets, am Abend oder kuͤnftigen Morgen, in ihm eine Reaction dieſer guten Geſinnung ſtattfinden wiro. Das geht uns uͤbrigens nichts an! Wir ſchreiben die Geſchichte einer Capote, nicht einer Ehe. . Der zarte Kopfputz, den wir ſo eben Faden fuͤr Faden, Band fuͤr Band, Blume fuͤr Blume entſtehen ſahen,— da iſt er nun in die Welt geworfen auf einem reizenden Kopfe, der aber wahrhaftig nicht mehr Ge⸗ hirn hat, als die Haubenkoͤpfe der Modiſtinnen. Wolle Gott, daß mit einer ſolchen Unbeſonnenen dem anmu⸗ thigen Kinde der Inſpiration kein Ungluͤck begegne! Laſſen wir es jedoch ohne uns im Schutze des Himmels nach dem Boulevard eilen! So gewitterdrohend er auch ſeit einigen Minuten ausſieht, wird er doch Mitleid mit ihm haben. 1 10. Es war faſt Nacht. Da ich meine Beobachtungen außerhalb nur noch mit großer Schwierigkeit machen konnte, ſo verließ ich das Fenſter und ging im Salon auf und ab. Die Pendule ſchlug halb neun Uhr. Frau von Saint⸗Clair vergißt uns, dachte ich, oder die Toilette iſt heut Abend ſehr muͤhſam. 331 In dieſem Moment oͤffnete ſich eine der Thuͤren des Salons und Mademoiſelle Liſa erſchien mit einem Handleuchter. Mademoiſelle Liſa, damit es Jeder weiß, iſt die umſichtige, treue Kammerfrau der Frau von Saint⸗ Clair. Das Maͤdchen, ſonſt ihrer Natur nach ſehr widerwaͤrtig und muͤrriſch, hatte in dieſem Augenblicke ein freundliches ſchalkhaftes Anſehen, das mich zittern machte,— ich dachte gleich, daß ſie kam, um mir einen unangenehmen, verdruͤßlichen Auftrag auszurichten. —„Madame wird nicht ausgehen und hat ſich eben mit einer heftigen Migraine niedergelegt; ſie bittet den Herrn, nicht laͤnger auf ſie zu warten!“ ſagte Mademoiſelle Liſa, ein boshaftes Laͤcheln uͤbel ver⸗ hehlend. Ich, der ich der beſte Menſch von der Welt bin, nahm die traurige Nachricht, welche mir Mademoiſelle Liſa brachte, im vollſten Ernſt. —„Das iſt ja ein ſehr unverſchaͤmter Kopf⸗ ſchmerz,“ ſagte ich,„der ſich einfallen laͤßt, bei den Damen, waͤhrend ſie ſich ankleiden, einzudringen. Liſa, ich bitte, der Frau von Saint⸗Clair zu ſagen, wie ich voll Verzweiflung bin, ſie in den Armen dieſes unangenehmen Beſuchers zu laſſen.“ Darauf nahm ich meinen Hut, und ging, um dem liebreichen Maͤdchen nicht lange das Vergnuͤgen zu 2 332 goͤnnen, auf meinem Antlitze den Eindruck ihrer Bot⸗ ſchaft zu ſtudiren. Indem ich ſo die Straße Vivienne nach dem Bou⸗ levard hinſchlenderte, legte ich mir das unverhoffte Kopfweh der Frau von Saint⸗Clair auf verſchiedene Weiſe aus. Ich meinte zuerſt, daß ſie, in einem An⸗ falle gerechten Unwillens gegen ihre Naͤhterin, das Kleid, welches ſie den Abend anziehen ſollte, mit Fuͤßen getreten und in Stuͤcke zerriſſen haͤtte, was wohl hin⸗ reichte, ihr eine ganz gehoͤrige Migraine zuzuziehen. ber Jedermann weiß, daß Frau von Saint⸗Clair ein Engel von Geduld und Sanftmuth iſt. Man mußte alſo zu andern Vermuthungen ſeine Zuflucht nehmen. — Doch geſtehe ich frei, daß ich keine aufkommen laſſen wollte, die nur im Mindeſten der gerechten Conſidera⸗ tion Eintrag thun konnte, welche dieſe Dame in den beſtberufenſten und empfehlungswuͤrdigſten Zirkeln der Grammont⸗ und Sanct⸗Annen⸗Straße genießt. . 11. Dank dem ziemlich reichen Schatz an Philoſophie, den ich beſitze, aus dem ich nach Beduͤrfniß Muth ge⸗ gen die Wechſelfaͤlle des Lebens und Troſt im Leiden ſchoͤpfe, hatte mich uͤbrigens die ſonderbare Unpaͤßlich⸗ keit der Frau von Saint⸗Clair weder lange Zeit, noch uͤbermaͤßig angegriffen; ich dachte nur noch an die Mit⸗ tel, ohne ſie den Reſt des Abends ſo gut wie moͤglich 333 zu verbringen, als neue Begebenheiten eintraten, welche fuͤr mich bemuͤht waren, ihn zu fuͤllen. 4 Ich befand mich kaum am Ende der Straße Vi⸗ vienne, die Uhr des Boͤrſen⸗Pallaſtes ſchlug die neunte Stunde, da brach endlich das Gewitter entſchieden los, mit dem der Himmel den ganzen Abend ſchwanger ge⸗ gangen.— Als ich auf den Boͤrſenplatz trat, empfing mich ein fuͤrchterlicher Windſtoß, der ſich in der Straße Vi⸗ vienne verfing, den Staub in dichten Wirbeln aufruͤhrte und die Reverberen tanzen ließ, wie ſchwankende Schau⸗ keln. Blitze flammten, haͤufige Donnerſchlaͤge rollten and große Regentropfen begannen niederzufallen. Ich kehrte wieder um und verſuchte, bis zur Ga⸗ lerie Vivienne zu laufen. Aber die Heftigkeit des Platz⸗ regens ließ mir nicht Zeit, und ich war gendthigt, mich unter den erſten Thorweg zu fluͤchten, den ich offen fand.— Der Zufall wollte, daß es der unſers Mode⸗ Magazins war und folglich grade gegenuͤber von den Fenſtern des Zimmers der Frau von Saint⸗Clair. Hier hatten ſchon einige Fußgaͤnger, wie ich von dem Gewitter uͤberraſcht, eine Zuflucht gefunden; waͤh⸗ rend der Regen in Stroͤmen herniederſiel und die Mauern peitſchte, kam deren noch eine große Zahl, arme Krea⸗ turen, welche gar keinem Geſchlechte mehr anzugehd⸗ ren ſchienen, ſeltſame, halb ertraͤnkte Erſcheinungen, welche ſchwimmend ankamen, die Koͤpfe wunderlich in 3314 Shawls und Schnupftuͤcher verhuͤllt, Roͤcke und Pan⸗ talons ziemlich unanſtaͤndig aufgeſchuͤrzt, eine Figur immer klaͤglicher und verſtoͤrter, als die andere,— ich wuͤrde hier ein beſchreibendes Inventarium von ihnen liefern, wenn dies epiſche hors d'oeuvre nicht den Gang unſrer Geſchichte zu ſehr aufhielte. 12. Deer Orkan hatte ſich unterdeſſen ziemlich ſchnell beruhigt. Die Mehrzahl unſrer Schiffbruͤchigen hatte ſchon, im Vertrauen auf die Sterne, gewagt, ſeinen Weg fortzuſetzen. Auch ich wollte gehen, als vor mir zwei Opfer des Gewitters eintraten, noch grauſamer gemißhandelt als Alle, die zu bemitleiden ich ſo viel Zeit gehabt hatte. Erſt koſtete es mir einige Muͤhe, ſte zu erkennen; — doch hatte ich mich nicht getaͤuſcht:— das war Sie! das war Er! O! ja, er war es! es war unſer trefllicher, un⸗ gluͤcklicher Ehemann, durch und durch naß, bis auf die Haut. Sie war es, unſre reizende Unbeſonnene, ganz trie⸗ fend, als ob ſie ins Waſſer gefallen waͤre! Was ihre Capote betrifft, ach! ich erkannte ſie nicht. Wohl hatte ſie noch auf dem Kopfe ein Paar Gaze⸗ fetzen, ein Paar triefende Blumen, ein Paar zerzauſte Baͤnder; aber Alles das hatte weder Form noch Na⸗ . men, 335 men! Es war nicht mehr eine Capote— es war gar Nichts mehr! Armes niedliches Weibchen! armes durchnaͤßtes Voͤge⸗ lein! zitternder Haͤnfling! o warum war es mir in dieſem Augenblicke nicht geſtattet, Dich an meinen Buſen zu druͤcken, um Dich an meinem Herzen zu erwaͤrmen, Dich in meinen Armen zu trocknen, Deine Augen und Kleider! Und dann, wir bedurften Beide ſo ſehr des Troſtes. Wir haͤtten lange, und nicht ohne einige Zaͤhren, von dem allzufruͤhzeitigen Ende jener Capote geſprochen, die, kaum geboren, ſtarb, und die wir Beide allein gekannt und zu wuͤrdigen verſtanden hatten.. 13.— Aber ein Unfall, der mich ganz perſoͤnlich betraf, lenkte mich von dieſem edlen, uneigennuͤtzigen Mitleide ab und verlangte ſeinen Antheil an meiner Bekuͤmmer⸗ niß und meinem Gefuͤhl. Die junge Frau war in das Magazin gegangen, ohne Zweifel, um ihren glatten Strohhut wiederzuho⸗ len, noch gluͤcklich, daß ihr mindeſtens dieſer geblieben war, um ihr Haupt bis nach Hauſe zu ſchirmen! Ein Fiaker, der mich von Kopf zu Fuͤßen mit Koth beſpritzte, hielt vor dem Laden. Waͤhrend ich in Ge⸗ danken die bei ſolchen Faͤllen gebraͤuchlichen Segens⸗ wuͤnſche an diejenigen richtete, denen ich dieſe Weihbe⸗ V. 15 336 ſprengung verdankte, ſah ich aus dem Ungluͤckswagen ſteigen und leicht in das Magazin huͤpfen— rathet ihr, wen?— Die ſchoͤne Modiſtin, welche von Gott weiß wo zuruͤckkam. Ich hatte wahrlich nicht Muße, lange daruͤber nachzudenken, noch minder uͤber das traurige Schau⸗ ſpiel, das ſich ihr im Laden bieten wird und uͤber die ſchmerzliche Bewegung, welche ihr modiſtiſches Mut⸗ terherz durchdringen muß, wenn ſie ſehen wird, welche klaͤgliche Ruine das Gewitter aus dieſer Capote gemacht, der anmuthigſten unſtreitig aller Toͤchter, welche jemals ihre dichteriſche Einbildungskraft geboren hat. Der Fiaker, dem Anſchein nach voraus bezahlt, war wieder auf ſeinen Sitz geſtiegen und ſchickte ſich an, fort zu fahren, als er aus einem Fenſter des Zim⸗ mers der Frau von Saint⸗Clair durch eine ſcharfe gellende Stimme gerufen wurde, welche ich augenblick⸗ lich fuͤr die der Mademoiſelle Liſa erkannte. Das ſchien mir ſonderbar. 5 Der Kutſcher kehrte mit ſeinem Wagen um und hielt vor der Hausthuͤre der Frau von Saint⸗Clair. Ich lief eilends uͤber die Straße und druͤckte mich an die Mauer, wenige Schritte hinter dem Wagen. Koͤnnt ihr euch mein Erſtaunen vorſtellen, als nach wenigen Minuten Wartens aus dem offenen Thorwege, von Mademoiſelle Liſa geleuchtet und von einem ſehr ſchoͤnen polniſchen Offizier begleitet, Frau von Saint⸗ 337 Clair trat, huͤbſch wie eine Amorette, angethan wie ein Engel, in einem roſa Kreppkleide, mit Blumen und Baͤndern in den Haaren. Frau von Saint⸗Clair, ſich auf die Hand ihres artigen Ritters ſtuͤtzend, ſchwang ſich in den Fiaker mit jener vollkommenen Grazie, welche ſie ihren geringſten, einfachſten Bewegungen zu geben weiß. Der polniſche Offizier folgte ihr und ſetzte ſich neben ſie.„Nach der Oper!“ Und der Fiaker flog von dannen, indem er mich zum zweitenmale von oben bis unten mit Koth beſpritzte. 14. Da galt gar kein Zweifel mehr— ich war aufge⸗ opfert. Frau von Saint⸗Clair hatte mich drei Tage ge⸗ liebt. Die Capote von Gaze hatte drei Stunden ge⸗ lebt! Ich ging langſam nach Hauſe, ſehr traurig und ſehr durchnaͤßt, und ſtellte ernſte und tiefe Betrachtun⸗ gen an uͤber die Vergaͤnglichkeit der Weiber⸗Neigungen und⸗Huͤte. 4 15 338 Als Lord Feeling, der Autor und einer der Helden vorſtehender Hiſtorie, ſie uns engliſch geſchrieben brachte und uns bat, ſie fuͤr das Buch des Herrn Ladvocat zu uͤberſetzen, glaubten wir, nachdem wir ſie geleſen, mit aller moͤglichen Schonung dem fremden Schriftſteller einige Einwuͤrfe uͤber mehrere Stellen ſeines Werks vorlegen zu muͤſſen. Zuerſt haben wir ihm bemerklich gemacht, daß er einem Mode⸗Magazin in der Straße Vivienne vielleicht zu viel Wichtigkeit beigelegt hat und daß Frauen, die ſich anzuziehen wiſſen, dort nicht mehr ihre Huͤte holen. Dann haben wir ihm geſagt, daß die Bezeichnung: leichte Frau, fuͤr Frau von Saint⸗Clair uns nicht ganz richtig erſcheine, und daß wir in unſerer Sprache viel treffendere, kraͤftigere Ausdruͤcke haben, um die zahlreiche ehrenwerthe Klaſſe zu bezeichnen, zu welcher dieſe Dame zu gehoͤren ſcheint. Endlich haben wir ihm erklaͤrt, daß er ſich, nach unſerer Meinung, noch ſtaͤrker geirrt, wenn er auf ſei⸗ ner Capote eine Couliſſe unter das Bavolet ſetzt, indem man ſchon ſeit langer Zeit gar keine Couliſſen mehr an Damenhuͤten anbringt.—. Auf dieſe verſchiedenen Bemerkungen hat Lord Fee⸗ ling in einer Weiſe geantwortet, die, wenn auch nicht ſehr triftig, doch ziemlich unhoͤflich war, und in Aus⸗ druͤcken, welche eine große Reizbarkeit der Selbſtliebe und eine echt⸗ britiſche Hartnaͤckigkeit bewieſen. 339 Dies ſehend, haben wir uns, ohne weiter auf den Einwuͤrfen zu beſtehen, welche wir dem edlen Lord ein⸗ zig im Intereſſe ſeines Werks vorgelegt, darauf be⸗ ſchraͤnkt, es woͤrtlich, mit gewiſſenhafter Treue zu uͤberſetzen. — A. Fontaney. Napsleon l.. Paris, am 4. und 5. Auguſt 4832. 1. ◻ Jahr achtzehnhundert eilf!— O Zeit, wo Voͤlker⸗ — ſchaaren, Knieend vor finſt'rer Wolk', in bangem Harren waren, Bis Jal ein Gott verlieh; Wo Staaten bebten, die mit Ehr' und Ruhm ergrauten, Und nach dem Louyre jetzt, dem Blitz umringten, ſchauten, Wie nach Berg Singi! 1 Tief wie ein Roß gebeugt, das einem Herrn erkoren, NRaunten ſie ſich in's Ohr: Ein Großer wird geboren! Das unermeſſ'’e Reich harr't eines Erben heut'. Was hat der Ewige dem Manne wohl erleſen, Der mehr als Caͤfar, mehr als Rom jemals geweſen, Dem Menſchenſchickſal Norm in ſeinem eignen beut? —— 341 Als ſie ſo ſprachen, borſt die Wolk' in Licht gekleidet, Und uͤber’n Erdkreis ſah den Mann man ausgebreitet, Dem Alle dienſtbar ſind, Und ſchweigen konnten nur die Voͤlker, ſtaunend beben, Als ſeine Arme hoch vor Aller Blick' erheben Ein neugebornes Kind! Bei'm Athmen dieſes Kind's, o Dom der Invaliden, Da rauſchten Fahnen Dir, Kriegsbeute fuͤr den Frieden, Wie Halme raͤuſchen, wenn der Wind ſie jagt, Und ſein Geſchrei, das ſanft die Amme hald nun ſtillte, War laut genug, daß Dir der freud'ge Donner bruͤllte Aus ehernem Geſchoß, das Deine Thuͤr umragt. Und Er!— von Stolz geſchwellt die maͤcht'gen Nuͤ⸗ ſtern, ließen Die Arme endlich nach, ſich auf der Bruſt zu ſchließen, Und oͤffneten ſich nun, Und ließen drauf das Kind, von Blitzen uͤbergoſſen, Die aus der lichten Gluth des braunen Auges ſchoſſen, Hell wiederſtrahlend ruh'n. Als er nun ſo gezeigt den Erben ſeiner Throne Jedwedem alten Volk wie jeder alten Krone, Rief er voll Jubel, dem die ganze Welt zu klein,. Dem Adler gleich, der nun den hoͤchſten Kulm erreichte, Mit feſtem Blick auf das, was koͤniglich ihm daͤuchte: Die Zukunft! Zukunft! ja, die Zukunft iſt nun mein! 342 II. Die Zukunft! ſie gehoͤret Keinem! 1 Nur Gott gehoͤrt die Zukunft, Sire! So wie die Stunde ausgeſchlagen, Sagt Alles Lebewohl uns hier. Die Zukunft! Zukunft! o Geheimniß! Was auf der Erde ſich erringt, Ruhm, Kriegergluͤck, der Reif der Krone, Der ſich um Koͤnigsſtirnen ſchlingt, Der Sieg mit flammenlohen Fluͤgeln, Der Ehrgeiz, das erlangte Gut, Sie ruh'n nur ſo⸗ auf uns, wie fluͤchtig Auf unſerm Dach ein Vogel ruht. Nein! wie man maͤchtig ſei, man lache oder weine, Niichts bringt zur Sprache Dich, nichts oͤffnet fruͤher Deine Verſchloſſene kalte Hand,— O ſchweigendes Phantom, Du Schatten, Gaſt von Allen, Verhuͤlletes Geſpenſt, dem wir zur Seite wallen, Das morgen ward genannt! O morgen! das, das iſt's ja eben! Was iſt's, das morgen nun begann? Der Menſch ſtreut aus die Urſach' heute, und morgen reift die Wirkung dann. 343 Der Blitz iſt's, der den Schleier ſpaltet, 4 Die Wolke, bergend einen Stern, Ein ſich enthuͤllender Verraͤther, Der Mauerbrecher ſtark und fern, Das Sternbild, das die Zone aͤndert, Paris, das folgt auf Babylon; Das hoͤlzerne Geſtell iſt Morgen, Heut iſt der Samm't an einem Thron! Das Morgen iſt das Noß, das ſchaumbedeckt ſich bau = 8 met, Das Moskau iſt's, wie Du's, Erob'rer, nicht ge⸗ traͤumet, Die Nacht, die Fackeln gab, Die alte Garde, auf der Eb'ne hingeſtrecket, Iſt Waterloo, wird ſchon als Helena entdecket, Das Morgen iſt das Grab! In Staͤdte kannſt Du muthig dringen Mit Deines Roſſes raſchem Schritt, Dich auf Dein ſcharfes Schwert verlaſſen, Das Buͤrgerkriege raſch durchſchnitt: Kannſt jene ſtolze Themſe ſperren, Die in noch freien Wogen rauſcht, und zweifelhaft den Sieg ſelbſt machen, Der gern auf Deine Zinken lauſcht; 15** 344 Kannſt alle Pforten maͤchtig ſprengen, Dir bahnen jeden ſteilen Pfad, Und als Geſtirn den Heeren geben Des eignen Sporens blankes Rad! Gott wahrt die Dauer ſich, den Raum nur Dir be⸗ 1229 laſſend; Du kannſt auf Erden ihn beſitzen allumfaſſend, So groß ſein als ein Haupt hier unter'm Himmelslicht/ Brauchſt Deiner Phantaſie den Zuͤgel nicht zu laͤhmen, Kannſt Aſien Mahomed, kannſt Karl Europa nehmen— Das Morgen doch nimmſt Du dem Ew'gen nicht! III. 4 O Ungluͤck! lehre Du!— Als Roma's alte Krone Als Spielwerk dargereicht man dieſes Mannes Sohne, Als einen Namen ihm man eilte zu verleih'n, Als ſeine Koͤnigsſtirn, die zarte, man gezeiget Dem Volke, das erſtaunt und beim Gedanken ſchweiget, So groß und auch ſo klein zu ſein! Als hundert Schlachten ihm ſein Vater nun gewonnen, Und mit lebend'gen Mauern feſt und dicht umſponnen Den Neugebor'nen, der in ſeiner Wiege lacht, Als dieſer Werkmann, der wohl weiß, wie man muß bauen, Mit ſeiner Axt nun ungefaͤhr die Welt behauen, Wie ſich ſein Traum ſie ausgedacht,— — Als Vaterhaͤnde nun bereitet Alles hatten, Das arme Kind fortan mit ew'gem Glanz zu gatten, Als jeder Lebensſchritt ſich feſt begruͤnden muß, Als man zur Wohnung einſt fuͤr dieſen Erbgebieter Tief eingewurzelt in der Erde alte Glieder Der marmornen Palaͤſte Fuß,— Als man fuͤr ſeinen Durſt vor Frankreich hingeſetzet Des Hoffnungweins Gefaͤß, damit ſich's daran letzet:— Eh's noch gekoſtet von dem Goldgetraͤnke dort, Eh' ſeine Lippe noch den Becher nur beruͤhret, Kommt ploͤtzlich ein Koſak und nimmt das Kind, und fuͤhret Es ganz erſchrocken mit ſich fort. IV. Es ſchwang ſich eines Tags der Aar auf Wolken⸗Huͤgel, Da kam ein Windſtoß, brach ihm ſeine beiden Fluͤgel, Und niederſtuͤrzt er in der tiefen Furche Gluth: Da fielen alle auf ſein Neſt mit voller Freude, Und Jeder nahm, der Kraft der Zaͤhne nach, die Beute, Britannien den Aar und Oeſtreich deſſen Brut. Ihr wißt, was man gethan mit dieſem Heldenrieſen; Weit hinter Afrika ſechs Jahre lang verwieſen, Von weiſen Koͤnigen beeni. 346 — Verweiſet Niemand! nein! gottlos iſt ſolche Hand⸗ lung— Sahn wir im Kaͤfig ihn⸗ in ſchmaͤhlicher Verwandlung, Die Kniee an den Mund gedraͤngt. 4. Haͤtt' der Verbannte noch geliebt nichts mehr mit Schmerzen!— Doch Loͤwenherzen ſind die aͤchten Vaterherzen.— Sein Sohn war ſeines Herzens Reich! Zwei Dinge ließ ihm noch im Kaͤfige der Harte, Das Bildniß eines Kinds, und dieſer Erde Karte, Sein Herz und ſein Genie zugleich. Des Abends, wenn ſein Blick in ſeiner Kammer irrte, Was dann in dieſem kahl geword'nen Haupte flirrte, Was im Vergang'nen tief ſein Auge dann geſucht, Indeß die Schergen, die man bei ihm hingeſtellet, Zu ſehn, was Tag und Nacht des Geiſtes Licht er⸗ hellet, Auf ſeiner Stirne ſahn der Schatten Wechſelflucht: Das war nicht immer, Sire, das epiſche Gedichte, Das Du geſchrieben haſt mit Deines Schwerts Gewichte, Arcole oder Auſterlitz;. Noch die Erſcheinung dort der alten Pyramiden, Noch jener Paſcha mit den Roſſen der Numiden, Die beißend flogen wie der Blitz: 7 347— Das war der Laͤrmen nicht der Moͤrſer und Haubitzen, Den zwanzig Jahre mit weit donnernden Geſchuͤtzen Die Schlacht zu ihm emporgeraucht, Wenn auf dies wilde Meer ſein Hauch die Fahnen wehte, Die gleich den Maſten das Gedraͤng' der Woge maͤhte, Die nieder⸗ bald, bald aufgetaucht:— Das war der Pharus, nicht Madrid, die Stadt der Zaven, Diana nicht ſchon fruͤh beim Klange der Fanfaren, Der Bivouak, im Schlaf von Sternenlicht erhellt, Nicht der Dragoner Schweif, der Grenadiere Wehren, Die rothen Lanzenreiter wimmelnd unter Speeren, So wie der Purpurmohn im reichen Aehrenfeld. Nein, was ihn an ſich zieht, iſt dieſer roſ'ge Schatten Des ſchoͤnen Kind's, das ſchlaͤft im lieblichen Ermatten Anmuthig wie der Orient, Indeß die Amme ſich mit Liebe zu ihm neiget, Ihm laͤchelnd an der Bruſt noch einen Tropfen zeiget, Und es mit Schmeichelnamen nennt! Dann ſtuͤtzte auf den Stuhl der Vater ſeine Arme, Und ſchluchzend niederfloß aus voller Bruſt die warme, Die gluͤhe Liebesthraͤne ſchon.— Geſegnet ſei, o Kind! jetzt mit den kalten Haͤnden, Du einz'ges Weſen, das ſein Sinnen konnte wenden Von dem verlornen Weltenthron. V. 16 1 8 — V und Beide todt!— O Herr! Furchtbar iſt Deine 4 Rechte! 2 Begonnen haſt Du mit dem Sieger im Gefechte, Dem Werber jedes Throns;. Dann haſt den Urnen Du den Inhalt ganz gegeben: Zehn Jahre reichten hin, das Leichentuch zu weben Des Vaters und des Sohns! Ruhm! Jugend! Stolz! das Grab entfuͤhrt die Guͤter alle!. Gern ließ zuruͤck der Menſch noch Etwas vor der Halle, Allein der Tod gebeutt. Jed' Element, ruͤckkehrt's dahin, wo Alles ſchwindet. Die Luft den Nauch, den Staub die Erde wieder findet, Den Namen die Vergeſſfenheit. . VI. Umwaͤlzungen, das Aug' geneiget Auf euer ungeheures Bild, Weiß ich nicht, was die Gottheit wirket In euren Fluthen hoch und wild. Die Menge haßt euch unter Spotte, Allein wer weiß es, wie Gott ſchafft? Ver weiß es, ob der Fluthen Toben, Der Abgrund, der wie Hoͤlle klafft, 349 Der Samum, der die Wuͤſte peitſchet, Der Donner, der bei Blitzen kracht, Nicht Dir, o Herr! nothwendig dienen Im Meere zu der Perle Pracht? Doch Fuͤrſten wie den Nationen Iſt dieſer Sturm ein herber Ton; Ein blindes, taubes Meer iſt immer Ein Volk in Revolution! Was hilft Dir Dein Geſang, o Dichter? Das Lied, das Dein Genie erzeugt, Verweht vor jener wilden Menge, Die nie ein hoͤrend Ohr geneigt! Der Nebel macht die Stimme heiſer, Der Sturm verweht die Feder faſt: Arm Voͤglein! ſingend in der Brandung Auf des zerſchellten Schiffes Maſt! Du lange Nacht! endloſe Qualen! Am Himmel nicht ein Punkt Azur! Wild untermiſcht rollt Menſch und Sache In einen finſtern Abgrund nur. Es ſinket Alles in die Fluthen, Des Koͤnigs Wieg', des Kaiſers Thron, Das kahle Haupt, die blonde Locke— Napoleon ſo wie ſein Sohn! 350 Es loͤſt ſich Alles und verldſchet, Die Woge treibt die Woge ſchon, Und in Vergeſſen ſtuͤrzt die letzte, Leyiathan ſo wie Alcyon! Vietor Hugo. —-— Berlin, gedruckt bei A. W. Hayn. ſſſfſſ 3 14 15 enanamm Fſſinſinſnſnſſnſſnfin 12 1 16 17 18 19 8 9 10 11