7 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih⸗ und Teſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Mülivther ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. e 3 orgene 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 auf 1 Monat: 1 M.— Pf. 1 Nr. 50 Pf. 2 Mk. Ff. „..„=„ 9 1 ¹.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentkich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 44 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 das Buch Paris oder der Hundert und Ein. Paris oder das Buch der Hundert und Ein. Aus dem Franzdſiſchen uͤberſetzt von Theodor Hell. —— Pierter Band. —-——X—X—⅓—B—½ Potsdam, 1832. Verlag von Ferdinand Riegel. Ber Verleger an das Publikum. Von Dank, wie billig, fuͤr die beruͤhmten Schrift⸗ ſteller durchdrungen, die mir den ehrenvollen Bei⸗ ſtand ihrer Feder und ihres Talentes gewidmet haben, theile ich hier, mit einer Art von meiner Seits ſehr begruͤndetem Stolze, den Brief mit, welchen dieſe Herren mir in einem ſehr ungluͤcklichen Augenblicke zuſendeten, und welchen bereits die Zeitſchriften aller Farben zu veroͤffentlichen ſich beeilten. Er lautet ſo*): ³) Die Unterzeichner auf das Werk der Hundert und Ein werden im 5ten Bande das Fac simile dieſes Briefs und aller Unterſchriften erhalten. *A VI „Mein Herr! In der Mittheilung neuer Un⸗ gluͤcksfaͤlle, welche Sie betrafen, erkannten wir Ihr Zartgefuͤhl. Alles, was in Frankreich am Fortſchrei⸗ ten der Literatur Theil nimmt, wird dadurch eben ſo betroffen ſein, wie wir. Es ſtand nicht in unſrer Macht, Sie vor dieſen Unfaͤllen zu ſchuͤtzen, und wenn die Verhaͤltniſſe, in welchen ſich jetzt der Han⸗ del befindet, entſcheidender waren, als Ihre guten Abſichten, koͤnnen Sie dies wenigſtens nicht der Un⸗ dankbarkeit der Gelehrten anrechnen, deren Achtung und Freundſchaft Ihnen ſtets bleiben wird.“ „Es liegt uns aber daran, mein Herr, oͤffentlich zu erklaͤren, daß wir bloß um Ihretwillen und lediglich in der Abſicht, Ihren Geſchaͤften foͤrderlich zu ſein, uns beeilt hatten, zu der Herausgabe des Werks beizutragen, welches Sie in der peinlichen Lage, in welche Ihr Mißgeſchick Sie verſetzt hatte, fuͤr ein Rettungsmittel hielten, und daß wir auch fortan nur um Ihretwillen und mit der Abſicht, VII Ihnen dadurch nuͤtzlich zu werden, daß wir zur Ver⸗ beſſerung Ihrer Umſtaͤnde nach allen Kraͤften bei⸗ tragen, fortfahren werden, das Unternehmen zu unterſtuͤtzen, das Sie unter der Gewaͤhr unſerer Mitwirkung begonnen haben.“ „Bietet das Verſprechen, das wir Ihnen vor einigen Monaten gaben, Ihnen noch einigen perſoͤnlichen Vortheil dar, ſo erneuern wir hiermit die Zuſage, es aufs Sorgfaͤltigſte zu erfuͤllen, und nie hat es uns bindender geſchienen, als jetzt, wo Sie ungluͤcklich ſind.“ „Wir verharren, mein Herr, mit Hochachtung und Theilnahme die unterzeichneten Gelehrten, Mit⸗ arbeiter an dem Buche der Hundert und Ein.“ Ich will hier die Unterſchriften nicht ſaͤmmtlich mittheilen, welche dieſen Zeilen folgten, weil ich dadurch nur alle die Namen wiederholen wuͤrde, welche ſchon in der Liſte der Mitarbeiter ſtanden, welche dem erſten Bande dieſes Werks beigefuͤgt V VII war, ſondern bloß die neu hinzugekommenen Namen, welche ſich edelmuͤthig an die ſchon bekannten ange⸗ ſchloſſen haben, hierher ſetzen, naͤmlich: Die Herren Jacques Arago; Berryer d. Sohn; Fortuné de Brack; Alphonſe de Cailleux; Fenimore Cooper; der Vicomte de Cormenin; der Graf Armand Dallon⸗ ville; der Vicomte D'Arlincourt; Darmaing; de Genoude; der Herzog von Fitz⸗ James; de Lamothe Langon; E. J. Deléeluze; der Graf Jules de Keitegutere de Saint⸗ Ange; Dupin der Aeltere; Louis Marie Fontan; Fontaney; der General La Fayette; der Vi⸗ comte de Martignac; Maurice Aloy; Ed⸗ mond Ménéchet; L. M dontigny; Paulmier, Lehrer der Taubſtummen; der Graf de Peyronnet; Regnier Destourbet; Rey Duſſeuil; der Graf de Ségur von der Academie Française; IX Madame de Souza; Wollis; der Graf H. de Vieil⸗Caſtel; Madame Eliſe Volart. Ich erlaube mir keine Betrachtung uͤber ſo aus⸗ gezeichnete, eben mitgetheilte Namen. Man wird von ſelbſt darunter auch den des großen Buͤrgers bemerken, der ſich in die Reihe der Gelehrten mit ſtellte, um mir durch den Schutz ſeines Namens und ſeiner Volksthuͤmlichkeit Beiſtand zu gewaͤhren, ſo wie den Namen eines beruͤhmten Fremden, Ame⸗ rike's Ehre, und den Mitbuͤrger aller unſerer ge⸗ nialen Maͤnner. 6 Jetzt ſei es mir nur noch erlaubt, den Ausdruck meiner innigſten Dankbarkeit zwei beruͤhmten Akade⸗ demikern darzubringen, die, da ſie nicht in Paris zugegen waren und ihre Namen folglich nicht mit unter den Brief zeichnen konnten, den man eben geleſen hat, mir in zu ſchmeichelhaften Ausdruͤcken ſchrieben, als daß ich nicht einige Stellen als Be⸗ weiſe ihres mich ſo hoch ehrenden, edlen Andenkens 4 72 X hier wieder abdrucken laſſen ſollte. Herr de La⸗ martine druͤckte ſich aber ſo aus: „Lieber Ladvocat, ich melde Ihnen miit Vergnuͤ⸗ gen, daß ich Ihnen mein Verſprechen gehalten und in dieſen Tagen eine, die Revolutionen be⸗ titelte Harmonie in Bezug auf Sie geſchrieben habe. Sagen Sie mir, wann und wie ich ſie Ihnen zu⸗ ſenden ſoll?“ 86 „Weberzeugen Sie ſich, wie gluͤcklich ich mich fuͤhle, einem Manne angenehm und nuͤtzlich ſein zu koͤnnen, der den Dank Aller verdient, die nur eine Feder fuͤhren koͤnnen, ſo wie von meinen Ge⸗ fuͤhlen alter Freundſchaft.“ Auch Herr von Barante, franzoͤſiſcher Geſandter in Turin, hat mir einen neuen Beweis ſeiner Theil⸗ nahme an mir durch einen Brief vom abgewichnen 13. Februar geben wollen, in dem er mir mit aus⸗ gezeichneter Zartheit die Anſtrengungen ins Gedaͤcht⸗ niß zuruͤckruft, die wir in gluͤcklichern Zeiten fuͤr die XI. Literatur zu machen verſuchten. Dies ſeine eigenen Ausdruͤcke:. „Mit Bedauern, mein Herr, habe ich erfahren, daß Ihr muthiges Streben, daß die Standhaftig⸗ keit, mit welcher Sie ſeit 18 Monaten gegen Ver⸗ haͤltniſſe zaͤmpfen, die von Ihren Bemuͤhungen, wie Ihrer Vorausſicht unabhaͤngig ſind, Sie nicht vor einer traurigen Kriſis haben ſchuͤtzen koͤnnen. Wer Sie nur kennt, wer nur jemals mit Ihnen in Ver⸗ bindungen geſtanden hat, wird Ihr Ungluͤck aufs Schmerzlichſte mitempfinden. Ich ſelbſt weiß beſſer als viele Andre, welche Rechtlichkeit, welche Un⸗ eigennuͤtzigkeit in allen Ihren Geſchaͤftsbeziehungen vorwaltet. Sie lieben die Wiſſenſchaften um dieſer ſelbſt willen weit mehr, als in commercieller Hin⸗ ſicht. Ihre Thaͤtigkeit hat zum guͤnſtigen Erfolg der Werke, deren Verleger Sie waren, viel beige⸗ tragen, und Sie ſchienen in den mannigfachen Un⸗ ternehmungen, die man Ihnen verdankt, einen Eifer XII zu zeigen, der ſich mehr auf deren Verfaſſer, als auf Ihren eigenen Vortheil bezog. Ich wuͤrde mich ſelbſt der Undankbarkeit zeihen muͤſſen, wenn ich mich nicht beeilte, Ihnen zu ſagen, daß ich mir es als Pflicht anrechnen werde, Ihnen in irgend Etwas nuͤtzlich zu werden und, wenn ich's vermoͤchte, dazu beizutragen, Ihre Verlegenheit zu mindern.“ Noch bleibt mir die letzte Pflicht uͤbrig, naͤmlich die, dem Publiko meinen Dank fuͤr die Theilnahme auszuſprechen, die es mir ſeit 15 Jahren bei allen meinen Unternehmungen gezeigt hat, und es zu⸗ bitten, das feierliche Verſprechen anzunehmen, daß ich mich beſtreben werde, durch neue Anſtrengungen deſſen Fortdauer zu verdienen. Paris, am 15. Maͤrz 1832. C. Ladvocat. — 7 Nincennegs. — Jch hatte mich unterbrochen. Nur zu lange hatte ich geleſen: meine Augen waren muͤde geworden und die Augenlider ſanken herab. Mein halb zugemachtes Buch entſchluͤpfte unbemerkt meiner Hand. Aufmerkſam ver⸗ folgte ich truͤbe Gedanken von Herabwuͤrdigung, Armuth und Tod. Ich war vom Studium zum Nachdenken, vom Nachdenken zum Traͤumen uͤbergegangen. Es war eine kalte Decembernacht. Dichtes Schnee⸗ geſtoͤber ſtuͤrmte in die weiten Hoͤfe, auf die hohen Waͤlle, in die Tiefe der Graͤben herab, die nicht fuͤr das Verbrechen ausgeworfen worden waren, auf das winkelige Dach der Kapelle, wo das Grab des Herzogs von Enghien iſt, und warf im Voruͤbergehen eine weiße und reine Kante auf die Auszackungen des lieblichen Portals von Franz I. Der Wind pfiff ſcharf durch die ſchlecht verwahrten Schießloͤcher meines Thurmes. Die IV. 1 2 2 Raben, freie Mitgenoſſen des Donjon, hatten ihr Kraͤch⸗ zen eingeſtellt.. Dieſes traurige Behaͤltniß, dieſe nackten, ſchmutzigen Mauern, dieſes ſtaubige, eiſige Pflaſter, dieſes zerriſſene Bettlaken, dieſer eiſerne, halb zerbrochene Leuchter, aus dem mit dampfendem Rauche ein uͤbelriechendes, mattes Licht ragte, die knarrenden Riegel, die ſcharf zugeſpitz⸗ ten Gitter, dieſe ganze Umgebung des Elends und der Gefangenſchaft war fuͤr mich verſchwunden. Die lange Anſtrengung meines Geiſtes hatte ihn von der Gegen⸗ wart abgezogen und getrennt. Die Betrachtung meines Ungluͤcks hatte deſſen Spuren verwiſcht. Und doch wohnten hier ehedem Koͤnige! Philipp Auguſt, der hei⸗ lige Ludwig, Karl der Weiſe, Ludwig, der Vater ſeines Volks, Franz, der Vater der Wiſſenſchaften, Heinrich der Gute, Ludwig der Gerechte und Ludwig der Große. Hier wohnten Iſabelle von Hennegau, Blanka von Caſtilien, Maria von Brabant, Blanka von Navarra, Anna von Oeſterreich und die reizende Agnes, Dame der Schoͤnheit, und die La Fayette, welche Buͤßerin ward, ohne gefallen zu ſein, und die La Valliere, welche gefallen war, und doch Buͤßerin ward. „Wie oft, ſagt die alte Chronik, geſchah es nicht, daß man hier den heiligen Mann, den Koͤnig, ſah, wie er, nachdem er die Meſſe gehoͤrt, ſich im Walde erging, im kamelotnen Rocke, einen halb leinenen Ueberwurf ohne Aermel daruͤber, mit einem Mantel von ſchwarzem 3 Zeuge, und Teppiche dahin breiten ließ, um mit den Seinen darauf zu ſitzen, und Alle, die mit ihm zu ver⸗ handeln hatten, kamen dahin und ſprachen mit ihm, ohne daß ein Diener ſie daran gehindert haͤtte, und er ſaß da ſeinem Volke eifrigſt zu Recht.“ 8 Dorthin wurden auch vor 452 Jahren nach dem Siege von Rosbec die eiſernen Ketten gebracht, welche das aufruͤhreriſche Volk in Paris auch zu Barrikaden vorgerichtet hatte. Hier war es, wo ſich bei der Belagerung von Paris durch die Burgunder Karl der Kuͤhne und Ludwig XII. fanden, um den zu Conſtanz abgeſchloſſenen Frieden zu unterzeichnen. Hier beſchwor der Connetable Saint⸗Paul ſein Amt: ein ſo ſchlecht gehaltener Schwur, ein ſo ſchonungslos beſtrafter Meineid! 8 Hier ſtarben Ludwig der Zaͤnker, Karl der Schoͤne, Karl IX.; hier ſtarb Iſabeau von Baiern, die verruchte Mutter, Gattin und Koͤnigin, und Mazarin, der Mann von Gluͤck und Geſchick. Hier ſtarb auch ein engliſcher Koͤnig, der ſich zum Koͤnige von Frankreich hatte machen wollen, in jener elenden Zeit, von welcher die Chronik ſagt:„Als die Pariſer mehr als zuvor ſich einander anſchloſſen und ſich gegenſeitig verſprachen, mit allen ihren Kraͤften und aller ihrer Macht gegen den Koͤnig Karl Widerpart zu halten, weil ſie, ſchlecht berathen, glaubten, er wolle ſie ganz vernichten, da ſie 3 1* 4 ihn aus der Stadt getrieben und ein gut Theil ſeiner Diener getoͤdtet hatten.“ Aber der Ruhm der alten Veſte iſt dahin. Nur der Glanz großer Ungluͤcksfaͤlle iſt ihr noch geblieben. Wie viele herabgeſtuͤrzte Menſchen ſind hier voruͤbergangen, geſtern allmaͤchtig, heut verbannt und gefangen! Ven⸗ dome, Ornano, Gonzaga, Johann von Wert, Johann Caſimir, Puylaurens, Beaufort, Chavigny, Retz, Lon⸗ gueville, Conti, Fouquet, der Letzte der Stuarts, der große Condé!.... und noch ein anderer Condé, fuͤr den der Tag der Befreiung nie angebrochen iſt! Wie haben ſich dieſe edlen Wohnungen veraͤndert! Was habt ihr aus dem Sitze der Koͤnige, Mazarin's, Richelieu's, Napoleon's gemacht? Zwei Freunde— denn es ſind mir deren noch geblie⸗ ben— hatten mich fruͤh beſucht. Es war das erſtemal. Ihre Ausdauer hatte endlich alle Hinderniſſe beſiegt. Sie hatten die enge Zugbruͤcke der Veſte uͤberſchritten, waren nicht ohne Ermuͤdung die 180 ſchmalen und ſtei⸗ len Stufen der hohen Wendeltreppe heraufgeſtiegen. Es waren Ludwig von V*** und Julius von Rrrr. Jener ein geſetzterer, aͤlterer, ernſterer Mann, uͤberlegen⸗ den Geiſtes, der den Streit nicht haßt, eine gerade, ge⸗ ſunde Seele, die es nicht ungern hat, wenn einige naͤ⸗ here Betrachtung ſeine erſten Eindruͤcke erklaͤrt und be⸗ richtigt, ein Mann, wie man deren nicht mehr findet, der in der That beſſer iſt, als er ſelbſt ſein will, und 5 der das, was ſeine Herzensguͤte ihm ſtets einfloͤßt, nur der Ueberlegung zu verdanken glaubt. Dieſer, juͤnger, raſcher, belebter, liebenswuͤrdig auf eine andere Art, aber in dieſer Art excentriſch, geiſtreich, mit einer an⸗ dern Weiſe von Geiſt, aber wieder in dieſer Weiſe geiſt⸗ reicher als irgend Jemand; anmuthig, glaͤnzend und doch natuͤrlich, Schriftſteller, Dichter, Weltmann, uͤber⸗ all uͤberwiegend. Alle Beide alte Freunde, wahre Freunde, gepruͤfte Freunde; alle Beide zitternd, wie man nie fuͤr ſich ſelbſt zittert, weinend, weinend vorzuͤglich, weil ſie mich nicht weinen ſahen. Meine Kinder— was mir von meinen Kindern noch uͤbrig— waren auch an dieſen traurigen Ort gedrun⸗ gen. Tief betruͤbt hielten ſie ſich mit groͤßter Aufmerk⸗ ſamkeit ſelbſt zuruͤck, thaten ſich Zwang an. Aber ihre ſchmerzliche Theilnahme verrieth ſich wider ihren Wil⸗ len, und dieſer gewaltſame, unnatuͤrliche Zwang zeigte nur um ſo mehr ihren zerknirſchenden Schmerz. Bei ihrem Anblicke war mein, ſich gewoͤhnlich ſelbſt beherrſchendes, Gemuͤth bewegt worden. So viele Freude und Schmerz auf einmal, ſo viel Gluͤck und ſo viel Verzweiflung hatten mich erſchuͤttert. Ich war ſchwach geworden bei dieſem ſuͤßen und grauſamen Beweiſe von Liebe und Zuneigung. Ich las nicht mehr und konnte mich doch von dem, was ich geleſen hatte, nicht losreißen. Alle meine Ge⸗ danken behielten noch den Eindruck davon. Das Buch, das meinen Geiſt ſo maͤchtig ergriffen hatte, war keins der neueſten Zeit: es war ein ernſtes, altes Buch; vor⸗ malige Tage, vormalige Sitten, vormalige Chroniken. Die Stelle, bei der ich verweilt hatte, lautete ſo: „Herr de la Rivisre, hatte man ihm geſagt, rettet Euer Leben; denn die Neidiſchen haben jetzt Gewalt uͤber Euch. Dieſen Worten hatte er Folgendes geantwortet: Hier, ſo wie anderswo, bin ich in der Hand Gottes; ich fuͤhle mich rein und unſtraͤflich. Gott hat mir das gegeben, was ich habe, und er kann es mir wieder neh⸗ men, wenn es ihm gefaͤllt. Der Wille des Herrn ge⸗ ſchehe. Meine Dienſte ſind von den Koͤnigen, denen ich gedient habe, wohl erkannt worden, und ſie haben ſie mir reichlich vergolten. Ich wage es daher, wegen deſ⸗ ſen, was ich gethan, und auf ihren Befehl zum Beſten des Koͤnigreichs Frankreich gedient und gearbeitet habe, das Urtheil der Kammer des Parlaments von Paris zu erwarten.“ Dieſes Loos, ganz dem meinen gleich, dieſe Gefuͤhle, die auch ich ſo ganz empfunden, waren es, die mir die tiefe und maͤchtige Erregung verurſacht, welche meine Sinne wie gefeſſelt hielt. Nur mein Geiſt, obſchon ebenfalls geſtoͤrt, wirkte und lebte noch in mir. Meiner⸗ ſeits in denſelben Abgrund geſchleudert, maß und pruͤfte ich nun ſeine Tiefe. Ich berechnete die Moͤglichkeiten und Zweifel, ich bemuͤhte mich, vorauszuſehen, zu wus 7 fuͤr Leiden ich mich unter ſo viel moͤglichen vorbereiten muͤſſe. Ich ſtudirte mein Schickſal, um mich gegen daſſelbe zu ſtaͤrken. Je mehr ſich dieſer Zuſtand des Iſolirens und der Abſtraktion verlaͤngerte, je vollſtaͤndi⸗ ger ward das Vergeſſen gewoͤhnlicher Dinge und Ent⸗ behrungen. Ich wußte nicht mehr, was ich gegenwaͤrtig litt, noch wo ich es litt. Die Zukunft, an welche ich dachte, war doch, ſo nahe ſie auch ſein mochte, von der Art, daß ihre Banden mit der Gegenwart riſſen. Da kam ein Augenblick, wo, als dieſes ſonderbare Eingenommenſein ſich verdoppelte und immer hoͤher ſtieg, ein unerwartetes Geraͤuſch, eine ploͤtzliche wunderbare Bewegung meine wirre Einbildungskraft traf und ab⸗ wendete. Erſt zweifelte ich; dann zweifelte ich minder; endlich zweifelte ich nicht mehr. Ich ſah. Mehrere lebende Weſen waren da. Menſchen, deren Kleider fremd und deren Zuͤge mir unbekannt waren. Perſonen aus einem andern Jahrhunderte, und— was weiß ich's— vielleicht aus einem andern Lande. Der Erſte, der vor mir ſtehen blieb, hatte eine ſchwache und unſichere Haltung. Man ſah wohl, daß er gelitten hatte, aber man konnte zweifeln, ob er feſt beſtanden. Er war alt, und doch fehlte ihm etwas von jener vertrauenden und ruhigen Wuͤrde, welche dem Alter ſo großes Anſehen verleiht. Ich fragte ihn, wer biſt Du?— Ein Ungluͤcklicher, antwortete er.— Was war Dein Leiden?— Das, wel⸗ 8 ches Du jetzt duldeſt.— Du warſt maͤchtig?— Ich war es.— Du wurdeſt geſtuͤrzt?— Ich ward es.— Du warſt Gefangener?— Ich war es.— Kannſt Du mich nicht lehren, wie man dieſe ſchwere Ungnade er⸗ traͤgt?— Er ſchwieg.— Ich erneute meine Bitte. Von Thraͤnen ſtroͤmten ſeine Augen uͤber.— Dein Name, fragte ich nun, Dein Name?— Le Mercier, antwortete er.— Miniſter Karls VI.! rief ich aus.—„Ach! erwiederte er, man ſagte taͤglich in Paris, daß man uns den Kopf abſchla⸗ gen werde, und Viele, wenn auch nicht Alle, verbreiteten, um uns noch haͤrter zu belaſten, die Nachricht und das Ge⸗ ruͤcht, daß wir Verraͤther waͤren an der Krone Frankreichs.“ „Unſere Neider und Haſſer verurtheilten uns zum Tode, und wir liefen große Gefahr. Diejenigen aber, die uns zu richten hatten und vernuͤnftig daruͤber ur⸗. theilten, konnten ihrem Gewiſſen nach keine Urſache finden, weshalb wir ſterben ſollten. Aber alle Tage wurden wir angefallen und erſchreckt, indem man uns zurief: Denkt an Eure Seelen, Eure Leiber ſind ver⸗ loren; Ihr ſeid zum Tode verurtheilt.“ „Vieles Volk, namentlich im Koͤnigreiche Frankreich und ſonſt, entſchuldigte uns wegen aller dieſer Anklagen, und wir hofften, daß dieſes Etwas helfe; aber vergebens, denn Keiner, wer er auch war und wie deutlich er auch in die Sache ſah, wagte davon zu ſprechen, oder auch nur den Mund zu oͤffnen, ausgenommen bloß die mu⸗ thige junge Dame, Madame Johanna, Herzogin von 9 Berry, und iſt kein Zweifel daran, daß, wenn die gute Dame nicht geweſen waͤre, und wenn man ſie nicht ge⸗ hoͤrt, wir gewißlich haͤtten ſterben muͤſſen.“ Ich weiß, weiß es, entgegnete nun ich. Du biſt der, von dem die Chroniken Deiner Zeit ſchrieben:„daß Du in dem Gefaͤngniſſe, in welchem Du Dich befandeſt, dem Caſtell Saint⸗Antoine, immerfort weinteſt, ſo hef⸗ tig und mit ſolcher Betruͤbniß, daß Dein Augenlicht dadurch ſo getruͤbt und geſchwaͤcht ward, daß Du im Begriff ſtandeſt, ganz zu erblinden; und war es ein wahrer Jammer, Dich zu ſehen und klagen zu hoͤren.“ Ein tiefer ſchmerzlicher Seufzer entſtroͤmte ſeiner Bruſt, und ich ſagte zu ihm: Geh' voruͤber, Greis, geh' voruͤber; Du wirſt mich Nichts zu lehren haben. Dein Beiſpiel iſt nicht gut fuͤr mich. Mit Gottes Huͤlfe werde ich mich davor huͤten. 1 In dieſem Augenblicke erſcholl von draußen ein lan⸗ ger, ſchwertoͤnender und gewaltiger Laͤrm. Man haͤtte glauben ſollen, die aͤußeren Thore des Schloſſes wuͤrden erſchuttert und ſtuͤrzten vor dem gewaltſamen Andringen einer wuͤthenden Menge ein. Die Trommel toͤnte, die Soldaten griffen zu den Waffen; man hoͤrte in den Hoͤfen zahlreiche, eilige Schritte; die Schildwachen ruf⸗ ten ſich laͤngs der Waͤlle zu und antworteten. Mitten aus dem Tumulte klangen wilde, tobende Stimmen, ohne Unterlaß ſchreiend:„Zum Tode mit ihnen! Zum Tode mit ihnen!“ 10 Mein Ohr hatte Zeit gehabt, ſich an dieſes Geſchrei zu gewoͤhnen. Ich beklagte die traurige Verirrung derer, die man dazu aufregte; ſie wußten nicht, was ſie thaten. So vergingen einige Augenblicke und ich ver⸗ ſank wieder in meine Traͤume.. Eine zweite Geſtalt erſchien. Dieſe trug eine reiche Ruͤſtung und hatte ein großes Schwert in der Rechten,⸗ deſſen Scheide von violettem Sammet mit goldnen Lilien beſaͤt war. Eine tiefe Schmarre, die ihr uͤber das Auge ging, zeigte, daß die Feinde des Koͤnigs ſie in der Naͤhe geſehen hatten und man mit Recht das Schwert des Connetable in ihre Hand gelegt hatte. Und auch Du, rief ich ihm zu, Olivier? denn er war es, es war Cliſſon, ich konnte mich nicht irren.— Und auch ich, antwortete er mir, ich komme, Dich zu beſuchen und zu troͤſten. Auf! Mit Gott, habe friſchen Muth!— Ich will mir Muͤhe geben, Olivier, ich will's.— Wohlgethan und geſagt, erwiederte er. „Sieh nur, wie das Gluͤck es zu halten pflegt, und wie ſeine Guͤter wenig feſt und beſtaͤndig ſind, da auch ich, wohl ein tapferer Mann und braver Ritter, der wohl viel gearbeitet fuͤr die Ehre des trefflichen Koͤnig⸗ reichs Frankreich, auf ſolche Art mißhandelt und ſchmaͤh⸗ licher Weiſe um Wuͤrde und Ehre gebracht worden bin.“ „Und doch hatte ich mich gar raͤthlich des Staates und der Regierung des Reiches angenommen, und war ihm damals kein ſo großes Unheil widerfahren.“ 11 „Aber wohl gab man mir den Rath, aus Paris zu entweichen, und Niemand war froher als ich, daß ich nicht zu ihren Ordonnanzen und Vertagungen kam; denn waͤre ich da geweſen, war Alles ſchon ordonnirt, und ſie haͤtten mir ſchmaͤhlicher Weiſe das Leben ge⸗ nommen.“ Sie ſchonten aber doch Deiner, braver Cliſſon.— „Keinesweges, keinesweges! Erinnerſt Du Dich denn nicht mehr daran? Sie faßten einen gar grauſamen Spruch gegen mich ab, und ward ich aus dem Reiche, als falſch, ſchlecht und ein Verraͤther an der Krone Frankreich, verbannt.“ — Verbannt, Olivier, verbannt! O wehe mir, wenn auch mir dieſes unſelige Loos beſchieden waͤre! Ich kenne nur Frankreich, weiß nur von dieſem. Ihm habe ich nur gedient, fuͤr Frankreich nur habe ich gelebt. Moͤgen ſie mit mir machen, was ſie wollen, aber ſterben ſollen ſie mich dort laſſen! Pfui uͤber das Leben, wenn man es um den Preis alles deſſen erkaufen muß, war⸗ um man es liebt! Frankreichs Erde birgt die Gebeine meines Vaters und meiner Kinder; waͤre ich denn ſo ganz elend, daß es die meinigen von ſich ſtoßen ſollte?! Wo bin ich das Wenige, was ich bin, wenn es nicht in Frankreich iſt? Außerhalb Frankreich wuͤrde ich nichts von mir ſelbſt wieder finden. Allem fremd, wuͤrde auch mir Alles fremd bleiben. Alt und verlebt, wie ich bin, . 12 iſt es denn da noch Zeit genug fuͤr mich, das Leben wieder anzufangen und ein Land aufzuſuchen, das mich fuͤr ſeinen Sohn anerkenne? Gott iſt mein Zeuge, wenn ich es auch koͤnnte, ich moͤchte es nicht! Bewundernswerthe Wohlthat, die darin beſtehen wuͤrde, mir Alles zu rauben, ſelbſt den Himmel, den ich ſeit meiner Kindheit geſehen, ſelbſt die Luft, die ich ſeitdem eingeathmet habe, und mir bloß das zu laſ⸗ ſen, was mich eben nur noch den Schmerz uͤber das Verlorene empfinden laͤßt! Verbannt! Das iſt mehr als Tod! Der wahre Tod vertilgt wenigſtens das ſehnſuͤchtige Vermiſſen: dies iſt einer, der es ſchaͤrft, es unterhaͤlt! — Sei ruhig und faſſe Dich, ſagte Cliſſon; weißt Du denn, in welcher Art Gott uͤber Dich und ſelbſt uͤber die, welche gegen Dich aufgeſtanden ſind, beſtim⸗ men wird? Er iſt ihr Herr, wie der Deine, und ent⸗ huͤllt nicht alle ſeine Abſichten in Einem Tage. Geh⸗, geh'! das Ungluͤck iſt fuͤr den noch ungluͤcklicher, der es nicht edelmuͤthig ertraͤgt. Merke Dir noch das wohl:„Mein Herr, der Herzog von Burgund, der ein weiſer Herr war und in ſeinen Angelegenheiten weit hinaus ſah, ob er gleich gegen mich nicht fein gehandelt hatte, ſagte eines Tages, als Einige mehr als billig in ihn drangen: Ei, ei, die Ruthe iſt vielleicht ſchon gebunden, womit ſie gezuͤchtigt und gebeſſert werden: es giebt kein Alter, das nicht zahlen 13 muͤſſe, kein Gluͤck, das ſich nicht drehe, kein betruͤbtes Herz, das ſich nicht freuen koͤnne, und kein erfreutes, das nicht ſeine Zeit der Truͤbſale habe. Daher werdet ihr auch in Kurzem ſehen und hoͤren; aber wartet und duldet nur noch ein Weilchen.“ Als Olivier geendet, ging eine neue Geſtalt langſam an mir voruͤber. Ihre Blicke, in welchen ein unbe⸗ ſchreiblicher Ausdruck von Schmerz lag, ſchienen zu⸗ gleich die meinigen zu ſuchen und zu fuͤrchten. Ich ſelbſt, fuͤr den ihr Anblick weder etwas Mißfaͤlliges noch Gleichguͤltiges hatte, und der ſehr ungeduldig war, ſie zu hoͤren, mußte zugleich mit einer Art von Inſtinkt käͤmpfen, der mich von ihr zuruͤckſchreckte. Ihr Hut, ihr flatterndes Gewand, ihr langer Guͤrtel mit goldnen Eicheln, eine gewiſſe Strenge, die nicht die des Alters war, eine Wuͤrde, ohne Beimiſchung von Stolz und Hochmuth, Alles belehrte mich, daß ich in ihr einen jener kraͤftigen und gelehrten Maͤnner erblickte, welche den Ruhm und das Anſehn unſerer Gerichtsſtuͤhle gruͤn⸗ deten, lange, ſehr lange vor jenem Zeitraume, wo ich zu der ausgezeichneten, aber gefaͤhrlichen Ehre erkoren ward, ſie zu leiten. Ich rufte ihn an; er blieb ungern ſtehen.— Was willſt Du, mein Sohn? fragte er: Troſt? den mußt Du in Dir ſelbſt ſuchen. Da oder nirgends iſt er zu finden. Iſt Dein Ungluͤck groß? Erhebe Dich bis zu ihm. Biſt Du in Gefahr? Mache Dich mit der Gefahr vertraut, damit Du nicht an dem Tage, wo ſie zur Wirklichkeit wird, ſchwach erfunden werdeſt. Waffne Dich mit Kraft gegen das ungluͤcklichſte Schickſal. Trifft es Dich min⸗ der hart, um ſo beſſer und um ſo leichter wirſt Du es ertragen. 1 Meine Neugier war lebhaft erregt. Ich unterbrach ihn.— Dein Name? fragte ich ihn.— Was verſchlaͤgt er Dir?— Dein Schickſal?— Zu Nichts wuͤrde es dienen, es zu ſagen... Mein Schickſal, fuhr er zoͤgernd fort, iſt von dem Deinen minder verſchieden, als Du glaubſt. Ich vertrat das Volk bei dem allmaͤchtigen Koͤnigthume. Das Koͤnigthum hielt mich fuͤr einen Feind. Du vertratſt bei dem maͤchtig gewordenen Volke das ſchwache und bedrohte Koͤnigthum, und das Volk hielt Dich nun ſeinerſeits fuͤr einen Feind. Laß uns Beide dieſen Irrthum verzeihen. So grob er auch ſein mochte, er war natuͤrlich und unvermeidlich. Iſt das Volk Koͤnig, ſo iſt es dies nicht unter beſ⸗ ſern Verhaͤltniſſen als die uͤbrigen. Es kennt von der Wahrheit nur das, was ſeine Hoͤflinge es erblicken laſ⸗ ſen. Neidiſche glaubten dabei zu gewinnen, wenn ſie Dich verſchrieen; ſie dichteten Dir einen Charakter, ja ſelbſt einen Verſtand an, nach dem Bilde und der Aehn⸗ lichkeit des ihrigen geformt. Das Volk glaubte ihnen. Was konnte es auch thun? Es ſah, es hoͤrte Dich nicht. 15 Derjenigen, welche Dir ſich naheten, waren nur we⸗ nige; ihre Stimmen gingen verloren. Ich ſage Dir nicht, daß Du nicht ſterben wirſt; denn was weiß ich's? Noch weniger ſage ich Dir, daß man nicht das Recht hat, Dir den Tod zuzuerkennen; denn was hilft dem das Recht, der die Gewalt nicht hat? Die Revolutionen, welche das Volk macht, ſind volksgemaͤß; und das Volk verſteht dieſe Spitzfindigkeiten nicht. Wie kannſt Du begehren, daß, wenn Gott dem Menſchen die traurige Faͤhigkeit gelaſſen hat, andere Menſchen zu toͤdten, das Volk daran denken ſolle, zu unterſuchen, ob er ihm nicht das Recht dazu unterſagt hat? Es fuͤhlt, daß es kann, und dies iſt ihm genug. Ach, mein Sohn, fuhr er fort, der Tod iſt der trau⸗ rige und ſtete Verbuͤndete des Lebens; er unterhaͤlt und beſchuͤtzt das Leben des Menſchen und das Leben der Geſellſchaften. Er iſt ein Beduͤrfniß, er iſt ein Recht. Demuͤthigen wir uns und beten wir Gottes Rath⸗ ſchlaͤge an. Was Du am meiſten zu fuͤrchten haſt, das iſt die Hoffnung. Indem ſie dem Herzen ſchmeichelt, verweich⸗ licht ſie es. Betrachte vielmehr feſt jenen ſchrecklichen Augenblick. Du mußt doch endlich einmal dahin ge⸗ langen. Iſt man dabei, was verſchlaͤgt's dann, obs fruͤ⸗ her oder ſpaͤter war? In Niemandes Macht ſteht es, 16 Dich zweimal ſterben zu laſſen, noch Dich zu hindern, es einmal zu thun. Drum ſchaue ihm kuͤhn ins Ant⸗ litz, dem Tode. Er iſt nicht ſo haͤßlich, wie feige Leute glauben. Wer gut gelebt hat, hat genug gelebt. Der Tod, der nicht vermieden werden kann, kann wenigſtens minder bitter gemacht werden. Laß uns da⸗ hin gelangen, daß er ehrenvoll ſei, und wir haben ihm ſchon einen großen Theil ſeiner Beaͤngſtigungen und Schmerzen genommen. Nun ehren aber die Menſchen nie den Tod derer, die ihm feig unterlagen. — So iſt's denn alſo geſchehen um mich! rief ich aus.— Nein! entgegnete er; aber, mein Sohn, wenn es nun waͤre? Dein Leben iſt nicht ſo gluͤcklich geweſen, daß Du große Urſache haͤtteſt, es zu bedauern, noch ſo uͤbel angewendet, daß Du fuͤrchten muͤßteſt, es werde kein Andenken davon bleiben. Was braucht man denn mehr, um in Frieden zu ſterben? Greis, antwortete ich, Deine Worte durchdringen mich mit Ehrfurcht und Bewunderung. Aber ſie ſind ſtreng und hart. Du haſt es ſo gewollt, entgegnete er; Du haͤtteſt mich nicht rufen ſollen. Huͤte Dich vor Taͤuſchungen. Das Nothwendigſte fuͤr Dich iſt jetzt, in Dir ſelbſt ein richtiges Gefuͤhl fuͤr das Elend und die Eitelkeit des menſchlichen Lebens zu hegen. Ich habe Dir das ge⸗ ſagt, was ich fuͤr am geeignetſten hielt, dies Dir einzu⸗ 17 floßen. Glaube meinem Nathe: ich verſichere Dir, daß er gut iſt; ich habe ſelbſt den Verſuch gemacht. — Du rief ich aus.— Ja, mein Sohn, und moͤge das Gluͤck, das Dich eben ſo hinterging, wie mich das meine, Dich wenigſtens mitader letzten Probe verſcho⸗ nen, die es mir nicht ſchenkte.— Ol fragte ich ihn 8 neuem; ich bitte Dich, ſage mir, wer Du biſt? Ich bin uͤberzeugt, daß das Gewicht Deines Namens d0 Deiner Worte kraͤftigen und heiligen wird.— Des⸗ marets, antwortete er.— Ich ſtuͤrzte zu ſeinen Fuͤßen. Bewundernswerther Mann! rief ich aus, Du biſt es? Du, der, als man Dich bat:„Meiſter Johann, ſchreit zum Koͤnige um Gnade, damit er Euch verzeihe! auf dem Schafot ſelbſt die erhabenen Worte vernehmen ließ: Ich habe dem Koͤnige Philipp, ſeinem Urgroß⸗ vater, und dem Koͤnige Johann, ſeinem Großvater, und dem Koͤnige Karl, ſeinem Vater, brav und redlich gedient, und keiner dieſer drei Koͤnige, ſeiner Vor⸗ fahren, hat mich wegen Etwas geſcholten. Und ſo wuͤrde es auch dieſer nicht thun, wenn er ſeiner ſelbſt maͤchtig, und mag er ſich wohl huͤten, daß er nicht ſelbſt ſtraffaͤllig durch dieſes mein Urtheil wird. Da⸗ her es denn an ihm iſt, um Gnade zu rufen, nicht aber an Andern. Nur zu meinem Gotte aber will ich um Gnade flehen.“ Thu' denn ſo wie ich! erwiederte er.— Ja, Des⸗ marets, das will ich auch.——— 1** 18 Wer Du nun auch ſeiſt, der Du dieſen Be⸗ richt gehoͤrt haſt, huͤte Dich, Freund, ihn ſcherz⸗ haft oder veraͤchtlich aufzunehmen. Ich habe Dir die Gedanken und ſelbſt das Leben der traurigen Gäſi des Gefaͤngniſſes von Vincennes erzaͤhlt. von Peyronnet. Die Schauspiel⸗Wochner vom Theatre Français bei dem Miniſter des Innern. (Dieſe Scene aus einem Luſtſpiel: das Kabinet eines Miniſters, iſt ſchon vor mehrern Jahren gedichtet.) Ein Thuͤrſteher(neldet). Die Herren Schauſpiel⸗Woͤchner vom Theatre Francais! Erſter Schauſpieler. Verzeihung, Exeellenz, daß wir ſo ſtoͤrend kommen, Daß Ihr Wohlwollen hier in Anſpruch wird genommen! Zweiter Schauſpieler. Erleuchtet edler Hort der Wiſſenſchaft und Kunſt, Sie wuͤrdigen auch uns wohl eines Blicks der Gunſt! — 20 Erſter. Die Comedie Frangaiſe in uns empfiehlt ſich Ihnen. Zweiter. Gewaͤhren Sie den Schutz, weshalb wir hier erſchienen. Miniſter. Das iſt nur meine Pflicht— kein Zweifel, meine Herr'n, Wenn ich's im Stande bin, ſo dien' ich Ihnen gern. Iſt dies Theater doch, das ſich die Huldigungen Von ganz Europa ſtets durch Meiſterwerk' errungen, Von unſern Koͤnigen zweihundert Jahr geſchuͤtzt; Sein Recht auf ihre Huld es immer noch beſitzt, Zu Frankreichs Ehrenkranz pflegt man es ja zu zaͤhlen. Erſter.. Sehr ſchmeichelhaft! Fuͤrwahr, das konnte uns nicht fehlen, Als Freund der ſchoͤnen Kunſt man uͤberall Sie nennt. Zweiter. Ja wohl! und Ihr Geſchmack, beruͤhmt, wie Ihr Talent, Iſt Ihrer Kenntniß gleich; aus der Geſellſchaft Mitte Sind wir deshalb erſehn, um Sie= Miniſter. Ihr Herr'n, ich bitte⸗ Mit Komplimenten ſtill! Ich liehe ſie nicht ſehr. 21 Erſter. Monſeigneur! 8 Miniſter. Welcher Grund fuͤhrt Ihre Schritte her? Iſt Ihr Geſchaͤft bei mir nur ein Beſuch vom Tage, Wie? oder— Zweiter. Doch!— Miniſter. Nun, was? Zweiter. Ich muß geſteh'n, ich zage— Miniſter. So ſprecht, Ihr Herr'n! Zweiter. . Nun wohl, wir ſind hierher gekommen, Um Ihren Schutz zu fleh'n, zu unſerm Heil und Frommen 4 Miniſter. Bedrohet Sie Gefahr? Was iſt der Gegenſtand? . Zweiter. Gefahr? des Publikums unſel'ger Unbeſtand! Ja, Monſeigneur, es gilt, die Wahrheit jetzt zu ſagen, Es iſt nun endlich Zeit, Aufrichtigkeit zu wagen; 23 Vergebens leugnen wir's, es zeigt ſich uͤberall: Die Comedie Francaiſe iſt nahe dem Verfall. Dies Publikum, das ſonſt man jeden Abend ſah So eifrig im Parterre, in Logen fern und nah', Die Menge, zum Buͤreau bei guter Zeit ſich draͤngend, Mit einem langen Schweif die Straße ganz verengend, Zuſchauer, dichtgepreßt im uͤberfuͤllten Saal, Die uns den Lohn beſcheert fuͤr unſre Muͤh' und Qual, Das Alles iſt entfloh'n!— Jetzt Oede immerdar! Kein Segen am Buͤreau, noch Logen auf ein Jahr! Auf ſo viel Eifer, ach! iſt das Vergeſſen ploͤtzlich, Gleichguͤltigkeit gefolgt— Verachtung faſt— entſetzlich! So leer iſt unſer Saal, wie unſre Kaſſen immer, Einnahme mindert ſich, die Koſten werden ſchlimmer, und unſer Antheil reicht jetzt nicht mehr aus zum Leben. Umſonſt verdoppeln wir die Sorgfalt— unſer Streben; Der Ruhm, wie der Gewinn, entſchwand uns, wie ein Traum. Wenn jetzt der Vorhang ſteigt, zeigt jeden Abend kaum Dem Blicke das Parterre, zu unſerm Schmerz und Schrecken, Wie ein Paar Muͤßige ſich auf den Baͤnken ſtrecken, Die, kalt und ungeruͤhrt von Phaͤdra und Thyeſten, Nur hergekommen ſind, zu halten die Sieſten. Fuͤr unſer Inſtitut entfloh'n die ſchoͤnen Tage. 23 Miniſter. Sehr traurig, wie ich weiß, iſt des Theaters Lage; Der Zauber iſt geloͤſt, Ihr Ruhm verſchwindet nun. Sie dauern mich, indeß— was ſoll ich dazu thun⸗ Umſonſt waͤr' mein Bemuͤhn, da leider ich die Gabe, Die Flucht des Publikums zu hindern, ja nicht habe. Durch doppelt regen Fleiß iſt es zuruͤckzubringen. Erſter. Sie koͤnnten ſeine Treu' fuͤr uns aufs Neu⸗ erzwingen! Miniſter. Ich? wodurch ſollte man die Buͤrger wohl bewegen, Zu Ihnen hinzugehn? wir wollen's uͤberlegen. Wie ſoll man, ſagen Sie, denn ihren Starrſinn hindern⸗ Erſter. Doch! der Theater Zahl darf man ja nur vermindern, Vollſtaͤndigen Triumph ein ſolcher Schritt uns giebt. Miniſter. Ei ſachte, meine Herr'n, nur ſachte, wenn's beliebt! Sie gehn ein wenig raſch. Es waͤr Euch ſehr kommode, Man ſchloͤſſe jedes Haus, das eben in der Mode. Ihr wollt dem Publikum Vergnuͤgen auferlegen, Und nebenbuhlerfrei und muͤhlos Euern Segen! Gar ſchlau berechnet, doch— vergebens hoffen Sie, Der Ungerechtigkeit theilhaftig werd' ich nie. 24 Erſter. Ich bitte, Monſeigneur! Vergoͤnnen Sie einmal: Zu groß iſt fuͤr Paris der Schauſpielhaͤuſer Zahl, Das iſt gewiß; indeß ſie moͤgen's noch genießen, Am Schluſſe des Kontrakts erſt muͤßte man ſie ſchließen. Bis dahin wuͤrde nur die Rede davon ſein, Uns eine groͤß're Huͤlf' an Gelde zu verleih'n. Miniſter. Ihr Herr'n, damit wir frei zuſammen ſprechen koͤnnen, Die Urſach' Eurer Noth, erlaubt ſie mir zu nennen: In Andrer gutem Gluͤck, da ſucht Ihr ſie zu finden, Und doch nur in Euch ſelbſt, da koͤnnt Ihr ſie ergruͤnden. Zweiter. Miniſter. Ihr klagt, daß jetzt, vor dem Theater giehend, Dem es den Vorzug gab, das es vergottert gluͤhend, Das arge Publikum, undankbar, unbewegt Sein Bravo anderwaͤrts und ach! ſein Geld hintraͤgt? Ich will nicht gegen Euch hier ſprechen in Satyren; Doch, ſagt nur, welcher Reiz koͤnnt' uns zu Euch noch fuͤhren? Sonſt war doch Einklang da, manch ſeltenes Talent, In jeder Rolle gab's Subiekte excellent; Den großen Dichtern war ein wuͤrd'ger Mund geweiht— Heut, richtet ſelbſt und ſeht, was Ihr geworden ſeid! Rur In uns? 25 Nur Menſchen mittellos, unwiſſend, kalt, gemein; Kaum giebt's noch einige im ganzen Kunſtverein, Die treue Schuͤler ſind, an Kraͤften und Verſtande, Der großen Kuͤnſtler, die man einſt als Muſter nannte. Der Reſt, das werden mir die Herr'n wohl eingeſtehn, Die groͤßte Haͤlfte dort, ein Jammer iſt's zu ſeh'n. Bei Euch giebt's Leute ja von ſo geringen Gaben, Daß, morgen engagirt in der Provinz, ſo haben An Jahrgehalte ſie nicht tauſend Thaler mehr. Gleich mir ſind uͤberzeugt auch Sie davon wohl ſehr. Das iſt der ganze Grund von Ihrer truͤben Lage. Erſter. Ja, Monſeigneur hat Recht. Doch Mancher, daß ich's ſage, Der auf der Buͤhne ſich gar ſchwach als Kuͤnſtler zeigt, Iſt gut auf ſeinem Platz im Comité vielleicht. Miniſter. Fragt denn das Publikum, was dort er wohl verdiene? Befriedigt muß es ſein vor Allem auf der Buͤhne.. Seid Kuͤnſtler, meine Herr'n, denn Eure Hoͤrer zahlen Vicht, daß ſie ſehn, wie gut ihr trefft Verwalterwahlen; Doch rekrutirt Ihr Euch auf eine Art mitunter— Zweiter. Die Comedie, ſie ſeufzt, ſie leidet ſelbſt darunter. Ja, unſre Wahlen ſind ſehr oft gar duͤrftig zwar, Dolh darf man uns die Schuld nicht geben ganz und gar,⸗ V. 3 2 26 Die Menſchenſchwachheit auch, ſie muß ihr Theil erhalten, Intriguen um uns her unwiderſtehlich walten: Schutz eines großen Herrn, die Furcht vor dem Journal, Der Einfluß ſchoͤner Frau'n auf unſer Tribunal, Des Kuͤnſtlers Eitelkeit, ſein Vortheil, wie bekannt— Dann iſt zuweilen auch gebunden uns die Hand, Und manch' Subiekt daher empfingen wir nicht gern— 3 Miniſter. Wie denn? So ſeid Ihr nicht in Euerm Haus die Herr'n? Zweiter. Mit mancher Wohlthat noch, um frei zu ſein und wahr, Gab die Behoͤrde uns auch einen Commiſſar—*) Miniſter. Zweiter. Das iſt, Monſeigneur, ein Mann von viel Talent! Nun? *) Ich ſetze voraus, daß Herr Taylor, für den ich übrigens eine vollkommene Achtung hege, nicht durch mei⸗ nen Scherz verwundet wird. Ich glaube, daß er einen Fehlgriff gethan in der Richtung, die er dem Theatre Frangais gegeben, und tadle ſein Syſtem, ohne ſeine Ab⸗ ſicht anzugreifen. Durch den Weg, den er ſeit mehrern Jahren verfolgt, hat er meines Erachtens die Schauſpieler in eine ſonderbare Lage geſetzt: ſie werden bald kein Luſt⸗ ſpiel mehr aufführen können, und das Melodrama verſtehen ſie noch nicht zu ſpielen. 27 Miniſter. Er maßte ſich— Erſter. Die Welt ihn als vortrefflich kennt. Miniſter. Mißbraucht er— Zweiter. O+O wir ſehn ihn alle an als Vater. Erſter. Der Tag, wo er erſchien, war gluͤcklich fuͤr's Theater. Zweiter. Sein Nath und ſeine Muͤh' hat uns wie neu geboren, Den alten Schlendrian, den haben wir verloren. Erſter. Und das Theater reift zu ſeinem kuͤnft'gen Glanz; Darum verdient er auch den Litteratorkranz. Zweiter. Autoren, wie Acteurs, ſie ſegnen ſein Beſtreben. Erſter. Ihm danken wir es jetzt, daß wir mit Pracht umgeben, Dekoration, Coſtuͤm, wie Alles, magniftque! : Zweiter. Ein Schnipychen ſchlagen wir dem Ambigu⸗Comique . 2* 28 Miniſter. Sehr hoch iſt ſein Verdienſt— ein Fortgang ſo im Großen Ziemt Ihrem Namen ja: Theater der Franzoſen! Doch tadeln Sie die Macht, die er ſich anmaßt, nicht? Erſter. Ganz unerſchoͤpflich iſt, was ihm zum Lobe ſpricht: Zulage giebt er uns, der Edle, unvergleichlich, Bewilligt Urlaub oft und Unterſtuͤtzung reichlich. Miniſter. Dann iſt ja auch der Mann vollkommen achtungswerth! Zweiter. Aufrichtig Jeder ihn und wahrhaft liebt und ehrt. Miniſter. Genug davon, Ihr Herr'n! Nicht bergen kann ich Ihnen, Daß manchen Vorwurf noch Sie außerdem verdienen; Zum Beiſpiel, warum ſind bereits ſeit mehrern Jahren, Entgegen dem, wozu Sie doch verpflichtet waren, Von Ihrer Buͤhne ſtets verbannt die groͤßten Lichter Aus zwei Jahrhunderten, verachtet unſre Dichter? Fiel, daß es brache liegt, das Erbtheil jener Geiſter Auf Ihren Antheil denn? Der Kunſt erhab'ne Meiſter Sind unſern Dichtern doch als Vorbild noch ſehr noͤthig! 29 Erſter. 1 Auch fuͤhren wir ſie auf— wir ſind dazu erboͤtig— Von Zeit zu Zeit,— allein wahrhaftig, Monſeigneur⸗ Es will das Publikum die Alten gar nicht mehr, Und fruchtlos iſt die Muͤh, es durch ſie feſtzuhalten. . Miniſter. Will nicht mehr, ſagen Sie? das Publikum, die Alten? Was? Voltaire und Racine und Corneille und Molière, Die Hochbewunderten, die Frankreichs Stolz bisher, Verkannt, verachtet jetzt? ſie floͤßen Widerwillen Und Langeweile ein, wenn ſie die Buͤhne fuͤllen?— O wenn dies wirklich wahr, ſo faͤllt auf Sie die Schmach! Den Meiſterwerken geht das Publikum nicht nach?! Es will ſie gar nicht mehr?! Ein einzig Wort dagegen Spielt ſie nur gut, ſo wird das Publikum ſie moͤgen. Allein ſo lang' die Herr'n und Damen Die und Die Uns die Unſterblichen entweihn zur Traveſtie, So lange manch Subiekt, dem Schwung und Feuer n fehlt/ 2 Verſtuͤmmelt jeden Vers, wie der Souffleur ſich quaͤlt; So lang' die Regiſſeurs all' ihren Eifer wenden Der neuen Schule zu, ihr nur die Kraͤfte ſpenden, Fuͤr dieſe Gattung nur den waͤrmſten Antheil fuͤhlen, Und laſſen Molière dem, der ihn will eben ſpielen:— Ja, meine Herrn, da iſt es leichtlich einzuſehn, Daß Euch das Publikum die Alten wird verſchmaͤhn. 30 Die Dichter, die fuͤr uns als Schatz ſtets anzuſehn, Kann man, wenn man ſie lieſt, allein nur noch verſtehn. Der Schande Einhalt thun, iſt endlich noth, fuͤrwahr! 3 3 Zweiter.. Wir wollten es ſehr gern; doch unſer Commiſſar— 3 3 Erſter. Sie ſind ſo ſtreng— Miniſter. Noch mehr! da wir einmal dabei, So fuͤhren wir es durch und reden frank und frei. Thatſachen, die man hoͤrt, erſpar⸗ ich Ihnen gern; Doch iſts nicht eine Schmach, geſtehn Sie, meine Herr'n, Was Ihr Theater ſich fuͤr Mittel jetzt erlaubt, und ſcheinbar den Erfolg ſo zu erhaſchen glaubt!⸗ Es wagt, um Ehr' und Preis ganz ſicher zu erringen, Gemeines Volk, bezahlt, als Klatſcher ſich zu dingen. Wie ſoll ein neues Werk ſonach beurtheilt werden? Indeß das Publikum, das zahlt, noch mit Beſchwerden Dort an der Kaſſe ringt, indeß gedraͤngt die Armen Noch leiden im Gewuͤhl die Stoͤße der Gensd'armen, Fuͤhrt man ein Klaͤfferheer, entfernt von dem Gedraͤnge, (Juſt aus der Schaͤnke kommt's) durch die geheimen e Gaͤnge Im Dunkeln ungeſtoͤrt nach Ihrem Buͤhnenſaal, Beſoldetem Triumph bereitend zum Skandal; 31 Orcheſter und Parterre und Sperrſitz und ſo weiter Sind Augenblicks beſetzt durch dieſe ſaubern Streiter, Den ſchmutz'gen Haufen ſieht man alle Baͤnke zieren, Das Schauſpielhaus iſt voll, eh' offen noch die Thuͤren. Die Stimme hemmt Ihr ſo dem wahren Publikum, Erſchachert Beifall Euch; verbannt ſind auch darum Geſchmack und Freiheit dort, ſie duͤrfen ſich nicht 1 zeigen, Man muß, um klug zu ſein, nur klatſchen oder ſchweigen, und wagt es gar ein Mann, zu zeigen fuͤr ſein Geld, Daß trotz des Bravorufs nicht Alles ihm gefaͤllt, Alsbald wird er Tumult furchtbar heraufbeſchwoͤren, und Schmaͤh'n und wildes Droh'n auf ſich einſtuͤrzen hoͤren. Die unverſchaͤmte Wuth beſtochnen Packs bei Euch Hat aufgerichtet ſo gleichſam ein Schreckensreich; Die Meinung, ſie verſtummt, von ihr iſt keine Spur: Ihr drei und neunzig hat auch die Litteratur. Zweiter. Ach ja, das Publikum ſieht ſich die Freiheit rauben; Man trotzt ihm, unterdruͤckt'’s— doch koͤnnen Sie mir glauben, Daß mehr als Einer ſtets des Mißbrauchs Gegner war⸗ Wir ſchaͤmen uns deshalb; doch unſer Commiſſar— Erſter. Wenn ich den Einwurf hier beſcheiden duͤrfte wagen— 3 Miniſter. Bei mir kann Jedermann, mein Herr, die Meinung 4 ſagen, O hier ſind Sie ja nicht in Ihrem Schauſpielhaus; So ſprechen Sie nur frei und ohne Furcht heraus. Erſter. Ich will nicht leugnen, ja, wir moͤgen wirklich fehlen, Und irrten wohl uns oft, das laͤßt ſich nicht verhehlen; In dringender Gefahr ſcheint Alles ja geſetzlich. Doch wenn, um zu entgehn dem Schickſal, das entſetzlich Uns droht, wir wenig Acht auf unſre Wuͤrde gaben— Mehr Schuld daran, als wir, auch unſre Dichter haben. Miniſter. Erſter. Monſeigneur, mit Schmerz muß ich es laut erklaͤren, Daß einzig ſie die Kunſt, die Buͤhne ſie entehren. Durch ſie veranlaßt nur, wir unſre Zuflucht nehmen Zu Mitteln fuͤr Erfolg, ach! deren wir uns ſchaͤmen— Ein Handelszweig durch ſie ward die Litteratur: Schriftſteller jetzt zu ſein, das iſt ein Handwerk nur; Gar wenig kuͤmmert man ſich um Geſchmack und Sinn, Der Nachruhm gilt Nichts mehr und Alles der Gewinn. Nur Raͤnke ſieht man noch, Intriguen durchzufuͤhren, Und das Theater muß naturlich ſich verlieren. Wie? 33 um jeden Preis gekauft ſucht man das Neue jetzt, Das Wunderbare hat das Schoͤne ganz erſetzt, und man ertraͤgt das Schmaͤh'n des Publikums mit 2 Freuden; Iſt nur die Kaſſe voll, kann man das immer leiden. Zweiter. Mein Kamerad zu ſehr den Dichtern Unrecht thut: Denn die Acteurs ſind Schuld, das weiß man nur zu gut. Erſter. Und ich, ich ſeh' nicht ein, warum mein Kamerad In dieſem Augenblick mit ſolchem Ausfall naht. Zweiter. Weil ſeit geraumer Zeit die Dichter alle Tage. Von uns Verdruß empfahn und Urſach' bitt'rer Klage. Wenn es Gewiſſe giebt, begehrlich, intrigant,. Die ſich bezahlen ſelbſt mit ſchamlos frecher Hand: Wenn es Gewiſſe giebt, die neuer Schule Wuſt Bei uns auch eingefuͤhrt mit frevelhafter Luſt, So ſind's gerade ſie, die— offen es zu ſagen— Vor Allen man beguͤnſtigt, ſtatt ſie zu verjagen; Ja, Nuͤckſicht, Eifer, Gunſt, hegt man allein fuͤr ſie, Bewilligt ihnen ſtets, was man den Andern nie. Man laͤuft entgegen, fleht, beſchwoͤrt ſte um die Dramen, Die noch in Arbeit ſind mit unbekanntem Namen, Und um ſich im Beſitz von ihnen feſt zu wiſſen, Wird die Verbindlichkeit mit Andern gleich zerriſſen. 34 Schriftſteller, die(jedoch die Mehrzahl) ſich zu ſchaͤnden Vermeinen, wollten ſie ſich zu Kabalen wenden, Die nach dem Ruhme nur als Preis der Arbeit trachten, Der Nebenbuhler Recht, wie billig, immer achten, Sie alle ſind der Furcht, dem Eigenſtnn zu Beute und nicht Gerechtigkeit noch Form wird ihnen heute. Sie moͤgen immer ſchrei'n, Recht haben ſie doch nie; Je mehr in Achtung hoch, ſo minder ſcheut man ſie. Erſter.— Waͤr' Alles dieſes wahr, ſo ſollten Siess verſchweigen. Zweiter. Warum? Erſter. Des Ganzen Schuld traͤgt Jeder ja als eigen. Zweiter. O nein, der Tadel trifft, wo ich verdient ihn ſeh' Erſter.. Und wen denn, wenn's beliebt? Zweiter. Ei nun, das Comité. — rſter. Ach lieber Kamerad! Zweiter. Ja, lieber Kamerad, Es ruinirt uns All“, entehrt uns in der That: 35 Es liegt ihm wenig d'ran, nach Redlichkeit zu trachten, Es jagt die Dichter fort, die wir doch Alle achten, Stuͤrzt Alles wieder um, was klug zuvor erwogen; Durch der Coſtuͤme Glanz, der Allem vorgezogen, Durch Prunk der Ausſtattung, Statiſten unbedingt Es eine Schuldenlaſt uns zu erheben zwingt. Erſter. Der Vorwurf— Zweiter. Iſt gerecht, ich kann nicht laͤnger ſchweigen. Des lieben Comités geheimnißvoller Reigen Bekuͤmmert ſich nicht viel, wenn er zu Rath geſeſſen, Um Luſt des Publikums, um unſre Intereſſen; Ein jedes Mitglied muß dem andern helfen, dienen, Die Gnade, wie die Gunſt, gehoͤrt ausſchließlich ihnen. Erſter. Gunſt? Laſſen Sie doch ſehn, die Stelle fordert Licht. 1 Zweiter. Ei nun, zum Beiſpiel Sie, empfangen Sie denn nicht, Wo Alles unter uns ſoll gehn nach gleicher Norm, Ein Mehrgehalt, weiß Gott, es iſt ja ganz enorm! Erſter. Enorm? 4 Zweiter. Ja wohl! Sie ſind eins der erwaͤhlten Kinder. 36 1 Erſter. Sie ſagen da enorm? Mir wird nicht mehr, noch minder, Als meiner Opfer Lohn, den mein Talent mir traͤgt. Wenn die Behoͤrde nun, die alle Dienſte waͤgt Und nach Gebuͤhr das Recht in des Verdienſtes Schranken, Schon manchem Dichter giebt bis zu zwoͤlfhundert Franken, 1 So kann ich wohl fuͤr mich die dreißigtauſend loͤſen. Zweiter. 1 Mit ſolcher Summe, ach! wie waͤr' es leicht geweſen, Gar Viele unter uns unendlich zu begluͤcken! . Erſter.. Die Großmuth will ſich nur bei Hochbegabten ſchicken. Zweiter. Wohl Andre dann, als Sie— 8 Erſter. Wohl gar Sie ſelbſt—? Zweiter. Des Publikums Empfang— Erſter.— Was koſtet dieſer Ihnen? Zweiter. 3 Weit mehr beklatſcht, als Sie, mag mein Erfolg b beweiſen— 3 Zu dienen; 37 Erſter. Erkaufter Bravoruf, was iſt daran zu preiſen? Miniſter. Ei, meine Herr'n! Zweiter. Mein Gott!— Verzeihn Sie guͤtigſt nur, Die Liebe riß mich hin fuͤr die Litteratur— Miniſter. Nichts von Erklaͤrung mehr! Wenn Sie ſich koͤnnen hier Vergeſſen, meine Herr'n, auf ſolche Art vor mir, Wie mag's bei Ihnen ſein? Es muͤſſen Ihre Hallen Von wunderbarem Streit zu Zeiten wohl erſchallen. Erſter. O glauben Sie— ⸗ Miniſter. Genug! Ein Wort noch zum Beſchluſſe: Was Ihr Theater druͤckt, gereicht mir zum Verdruſſe, Doch legt ſich Ihrem Wunſch gar Vieles in den Weg. „Kein Haus faͤllt aus der Zahl der Stadttheater weg, Und auch Ihr Huͤlfsetat kann nicht geſteigert werden. Es thut mir leid! Jedoch ſind wahrlich die Beſchwerden In Ihrer Lage ſo, daß Huͤlfe ſie erfordern; Wo ſich ein Mittel beut, ich werd' es gleich beordern, Und wenn's mir nicht gelingt, ſo werden wir ja ſehen— 38 Zweiter. Ach Monſeigneur! Miniſter. Gewiß, Sie koͤnnen ruhig gehen, uUnd trachten unter ſich vorerſt nach Harmonie. Adieu! — Erſter(beiſeit im Abgehen). Der gute Mann iſt wahrlich kein Genie! . A. de la Ville. Ein Haus in der Cité. — Dem entgeht ein wahrhafter Seelengenuß, der nicht manchmal das Paris der erſten Dynaſtie durchſtrichen hat, die Wiege des wundervollen Paris unſrer Tage. Ein Enthuſiaſt wuͤrde ſagen: Solcher Menſch iſt kalt, egoiſtiſch, zum Materialismus geneigt, er kennt nur die Gegenwart und denkt gleichguͤltig in Religionsſa⸗ chen; denn die Erinnerung iſt auch eine Religion, ein Cultus, wie die Verehrung der Graͤber und Vorfahren. Als Menſch erfreut es ihn nicht, ſich wieder in ſeine Kindheit zu vertiefen, wie ſollt's ihn als Buͤrger freuen/ die erſten Schritte der aufkeimenden Stadt zu betrach⸗ ten? Veraͤchtlich die Tage vergeſſend, wo er gehen lernte, ſchwankend und ſtrauchelnd in den Leitbaͤndern, welche ihn kaum halten konnten, vermag er nicht zu begreifen, wie man die krummen, verſtrickten, gewun⸗ denen Straßen liehen koͤnne, von Haͤuſern gebildet, die 40 ſich draͤngten und ſtießen, um nur ihrer Mutter am naͤchſten zu ſein, der Kathedrale. und ich, wohl hundertmal bin ich die alten Stra⸗ ßen durchirrt, mit Fleiß mich aller Gedanken entſchla⸗ gend an die wohlgeregelten Viertel von Neu⸗Athen, Rivoli, Saint⸗Lazare. Nicht mit einem neuen Plane der Stadt in der Hand habe ich dieſe Reiſe gemacht, ſondern mit dem Dictionaire der Straßen von Paris, welches Guillot gegen Ende des dreizehnten Jahrhun⸗ derts geſcheieben. Unter der Leitung dieſes einfachen und ungekuͤnſtelten Fuͤhrers, der mir die meiſten Stra⸗ ßen mit dem Namen bezeichnete, welchen ſie noch heu⸗ tigen Tages tragen, glaubte ich ſelbſt Einer aus dem dreizehnten Jahrhundert zu ſein, und ſuchte ein Haus, deſſen Annalen ich ſammeln und erzaͤhlen koͤnnte. Zwei große Gebaͤude, deren Geſchichte zuruͤckzuru⸗ fen wohl unndͤthig waͤre, begrenzen die Cité gegen Oſten und Weſten. Gegen Weſten iſt es der Koͤnigspallaſt, ge⸗ gen Oſten die Kirche. Seit langer Zeit haben die Koͤ⸗ nige den Pallaſt verlaſſen, aber Gott verließ die Kirche noch nicht. Dort im Weſten handhabt die Obrigkeit im Namen des Koͤnigs das Recht, und um es allem Volk ſichtbar zu machen, iſt der Pallaſtplatz da und der Gre⸗ veplatz. Hier im Oſten uͤben Prieſter die Gerechtigkeit im Namen Gottes, und ſie wirkt nur in einem gehei⸗ men, unzugaͤnglichen Orte, dem Gewiſſen— im Lande der Inquiſition iſt es der Scheiterhaufen. 41 Ich drang in die Cité durch die Straße La Calau⸗ dre, um ein recht altes Haus zu entdecken, und dieſe Straße enthaͤlt deren genug, ſeltſam anzuſchauen mit ihren Giebeln, von Rankengewaͤchſen gekroͤnt, welche die engen Fenſter mit einer reichen Vegetation umziehen. Fuͤrwahr, der arme Handwerker oder das Freudenmaͤd⸗ chen(vielmehr Schmerzenmaͤdchen), welche in einem Kaͤmmerlein wohnen, das dieſer gruͤne Vorhang verhuͤllt, muͤſſen ſich beim Erwachen, wo das Auge noch nicht ganz von dieſer Welt iſt, in einem Walde glauben, durchblitzt vom Strahl der Morgenſonne. Einige Natur⸗ freunds wahrſcheinlich, in den Schmutz der Cité ver⸗ bannt, haben, von einer Seite der Straße zur andern, Faden von Fenſter zu Fenſter gezogen, an welchen die. geſchmeidigen Ranken der indianiſchen Kreſſe und der Waldrebe hinlaufen und ſich hinuͤber und heruͤber ſchlin⸗ gen, ſo daß man die alten Haͤuſer, deren Gipfel, mit Gruͤn beladen, zur Laube geſtaltet ſind, den Eichen der Urzeit vergleichen moͤchte, welche trotz ihrer grauen ver⸗ witterten Staͤmme in der Krone noch ein Paar leben⸗ dige Zweige treiben, die jeder Fruͤhling friſch belaubt. Aber ſteigt nur hernieder: da giebt es nichts als ſchwarze Boutiquen, ſo ſchwarz, daß man nur muͤhſam das Handwerk des Beſitzers erkennen kann. Dort Schaͤnk⸗ laden und Garkuͤchen, hier ſchmale finſtre Gaͤnge, wo ſich im Hintergrund im Schatten etwas wie eine Treppe zeigt. Aus dieſen hoͤhlenartigen Engpaͤſſen hoͤrt ihr das 2** Schlangengeziſch, deſſen ſich die handfeſten Syrenen, welche hier von fruͤh bis Abends im Hinterhalt liegen, ſtatt Geſanges bedienen. An eine dieſer Hoͤhlen knuͤpft ſich eine altehrwuͤrdige und heilige Tradition. Das fuͤnfte Haus von der Juͤden⸗Straße ſoll die Wiege des heiligen Marcelius geweſen ſein, des neunten Biſchofs von Paris. So verfaͤllt Alles im Alter; der reine Juͤng⸗ ling traͤgt oft den Keim in ſich, ein verworfener Greis zu werden, die Wohnung eines Heiligen wird zur Staͤtte des Laſters und der Schande. Aber es kommt der Er⸗ innerung zu, Alles zu ſichten, zu reinigen, neu zu be⸗ leben. So ſah ich im Geiſt, ſtatt des unſaubern Pflaſters, die Straße La Calandre bedeckt mit Blumen und Fen⸗ chel und duftendem Heu. Es waren die verraͤucherten geborſtenen Mauern der Hauſer nicht mehr, ſondern weiße Behaͤnge mit Blumen geſchmuͤckt, und Roſenblaͤt⸗ ter regneten auf die Menge hernieder, nicht auf Lum⸗ penſammler, Maurergeſellen, trunkne Soldaten und lie⸗ derliches Weibsvolk, ſondern auf den ganzen Hofſtaat Ludwig des Neunten, nach der heiligen Kapelle ziehend⸗ Jene Proceſſion war die große Gemeinſchaft von No⸗ tre⸗Dame. Die Koͤnigin Blanka hatte ſich darin, gleich allen ihren Frauen, in der Magdalenenkirche aufnehmen laſſen, und die ganze Gemeinſchaft, Herren, Frauen und Buͤrger, geleitete ſie nun zuruͤck zum Pallaſt. Als ich in die Juͤden⸗Straße kam, ließ mich mein 43 Zuruͤcktreten in die Vergangenheit mindeſtens hier die Gegenwart ſegnen. Ich ſah nicht mehr, wie ſie Guil⸗ lot von Paris, mein Fuͤhrer, angetroffen haben mußte, Juden mit demuͤthiger Haltung, die Bruſt in gelben Stoff gehuͤllt, oder, nach Philipp des Schoͤnen Befehl, mit Hoͤrnern auf dem Hute. Jetzt ſchreiten Juden, Proteſtanten, Katholiken, Alle beim Gotteshauſe aufge⸗ richteten Hauytes voruͤber, im ſchoͤnen Kleide, wie in Lumpen. Ich hatte beſchloſſen, mich nur bei einem Hauſe des Kloſters aufzuhalten 7 und ſchlug alſo die lange Straße der Marmouſets ein. Man haͤtte mir, darauf wett ich, die Stelle gezeigt, wo das Haus des furchtba⸗ ren Barbiers geſtanden und ſeines Nachbars, des Paſte⸗ tenbaͤckers. Im Jahr 1507 ſah Duͤbreuil hier eine Py⸗ ramide zum Gedaͤchtniß des großen Verbrechens, und vor Duͤbreuil war dieſer Ort lange Zeit unbewohnt und oͤde, als ob die Erde, von unſchuldigem Blute be⸗ fleckt, immerdar erbeben muͤßte, als ob ſie nicht mehr den Grundſtein menſchlicher Wohnungen empfangen koͤnnte! „In dieſe Straße muͤndet ſich das enge Gaͤßlein Gla⸗ tigny, wo nach Gutllot Maiguent dames au corps gent (Damen mit reizendem Koͤrper wohnen). Es gab alſo in dieſem Gaͤßlein, erbaut, wo Lute⸗ tias Gefängniſſe ſtanden, nahe dem Kerker, welcher den 44 heiligen Dionys in Galliens erſter Chriſtenzeit umſchloß⸗ — in dieſem Gaͤßlein gab es alſo im dreizehnten Jahr⸗ hundert Damen au corps gent,„die in ihren Koͤrper verliebt ſind.“— Deren giebt es hier noch, im Ja⸗ nuar 1832. Und ſeht, wie ſich Traditionen, gut und ſchlecht, fortpflanzen, ſchlechte beſonders! Ludwig der Heilige fuͤhlte die Nothwendigkeit, der Ausſchweifung ihre Stelle zu bezeichnen, wie man es dem Feuer thut und der Peſt. Mit fuͤnf oder ſechs andern wurde das Gaͤßlein Glatigny zum val-d'amour(Liebesthal). Der heilige Ludwig iſt todt, viele Geſchlechter ſind voruͤber⸗ gegangen— das val-d'amour beſteht noch. O wie iſt unſre Sprache doch ſo arm! die erhabenſte Leidenſchaft, die reinſte, geweihteſte— der niedrigſte, ausſchweifendſte, verworfenſte Sinnenrauſch, das Alles heißt mit demſelben Namen: Liebe! Keine Nuance, kein Unterſchied! Sprecht ihr von der Frau, die euch zuerſt den Herzſchlag befluͤgelt, die hohe Gedanken in euch erregt, die euch zum Maler, zum Tonkuͤnſtler, zum Dichter gemacht, ſo ſagt ihr: ich liebe ſie! Und fragt man euch nach einem Gericht Eſſen, nach der geringſten Leckerei: ich liebe es ſehr! ſagt ihr gleichfalls. Derſelbe Ausdruck fuͤr Seele und Leib! O duͤrftige Sprache! Weiter im Text. Eine ziemlich ſonderbare Hiſtorie muͤßte die eines Hauſes im Gaͤßlein Glatigny geben, wie die verliebten Daͤmchen, welche im dreizehnten Jahrhundert ohne Zweifel das waren, was in unſern 45 Tagen die Eleganten vom Boulevart des Ilaliens, wie ſie herabgeſunken ſind zu der Niedrigkeit, in welcher ſie jetzt zu ſchauen. Das wuͤrde Annalen der Cité aus ei⸗ nem andern Geſichtspunkte geben, eine Chronik, welche in ihrer Sphaͤre ſo gut, wie andre, das Bild des Ver⸗ falls unſerer Stadt zeigte. Aber, um bis zur Quelle aufzuſteigen, welcher Sumpf waͤre zu durchwaten! Beſ⸗ ſer, ich gehe nach dem Kloſter. Wie kann man aber da voruͤberſchreiten, wo Saint⸗ Landry geſtanden, ohne die Haͤuſer zu bemerken, welche dieſe Kirche erſetzt haben! Ich habe ſie abtragen ſehen. Und doch wurde von hier der Leichnam der Koͤnigin Iſabeau des Nachts durch einen einzigen Schiffer abge⸗ holt, der ihn ſchnoͤderweiſe nach Saint⸗Denis brachte. Da faͤllt eine Erinnerung in den Staub! ſagt' ich damals, und die Kirche Sanct Benedicts fiel mir ein, welche man in eine Halle fuͤr Vaudevilles und Melodramen ver⸗ wandelt. Nun wird man trillern, man wird klatſchen und ziſchen, man wird gemeine Couliſſenraͤnke ſchmieden, wo man ſonſt das Kindlein hintrug, dem die Religion nach und nach das geweihte Oel, die Hoſtie, den Trauring gab und endlich die Grabeserde. An der Pforte von Saint⸗Landry erhob ſich auch eine der beiden Gerichts⸗ ſtaffeln der Herren von Notre⸗Dame. Prieſter hatten eine Galgenleiter/ ein Hochgericht! Prieſter waren Ober⸗ gerichtsherren! Prieſter pfuſchten dem Henker ins Hand⸗ werk! In dieſer Zuſammenſtellung liegt die ganze Ge⸗ 46 ſchichte des Falles ihrer Religion— moͤgen ſie nun darum trauern! In ſolches Sinnen vertieft, ſchaute ich zur Rechten, und meine Betrachtungen ſpannen ſich nicht minder bitter fort, als ich die Kirche Saint-Pierre- aux-Boeufs ſah, welche zum Speicher fuͤr Lumpenballen geworden, fuͤr alte Bretter, abgenutzte Wagen und Truͤmmer aller Art. Durch den dichten Staub, der daraus aufſtieg, zog die Sonne einen lichten Streif, wie ihn die Maler bil⸗ den, um das Nahen eines Engels zu verkuͤnden, und die duͤſtre, unſaubre Kapelle war ganz davon erleuchtet. Seltſam iſt es zu bemerken, daß im dreizehnten Jahr⸗ hundert Guillot in der Straße Saint-Pierre-aux-Boeufs geſehen Durch eines Kaſtens Gitter Die Voͤgelein mit kurzem Fuß, Am Meeresſtrand gefangen. So war damals dieſe Straße lebhaft und volkreich genug und hinlaͤnglich in der Mode, um dort eine Cu⸗ rioſitaͤt auszuſtellen, welche vom Meeresſtrand kam, wie man es in unſern Tagen im Palais⸗Royal thun wuͤrde oder auf dem Böoͤrſenplatz; und heut iſt die Straße Saint-Pierre-aux-Boeufs nur darum noch ein wenig beſucht, weil ſie Diejenigen aus der Stadt nach der Ka⸗ thedrale fuͤhrt, welche uͤber die Bruͤcke von Arcole gehen. 1 47 Neben der Straße Cocatrix, wo Geoffrey Cocatrir, Mundſchenk Philipp des Schoͤnen, wohnte, iſt ein Pfoͤrt⸗ lein, welches gewoͤlbt auf einen Hof fuͤhrt, der ganz mit Schimmel und Moos bezogen. Ihr glaubt, es muͤſſe ein Richter auf ſeinem Maulthier daraus hervorgehen oder eine Edelfrau auf dem Tragſeſſel, um ſich zum Parlament oder zum Hochamt zu begeben. und luſtwandelt nur in der Cité an einem hohen Feſttage, wenn die Orgel der Kathedrale und die Glocken zugleich droͤhnen und klingen, da wird euch die Erinne⸗ rung noch lebendiger werden. Dieſe Haͤuſer, ſo alt, daß ihre verſunkenen Mauern uͤber die Thuͤren heruͤber biegen, gleichwie ein Greis, unter der Laſt gebeugt, ſich auf ſeine Kniee ſtuͤtzt, welche nach vorn wanken,— dieſe Haͤuſer haben ſeit manchem Jahrhundert den Glocken⸗ hall von zwanzig Thuͤrmen vernommen, denn neunzehn Kapellen und Pfarrkirchen draͤngten ſich um Notre⸗Dame, und wenn all' dieſe ehernen Stimmen zu den Wolken ſtiegen in ernſter Melodie und herniederſanken uͤber die Daͤcher in die engen Straßen, wo ſie ſich draͤngten und entfalteten, wie in einem Orgelwerke, bald hell, bald dumpf erſchallend, ſo bildeten die Klaͤnge, welche An⸗ fangs verwirrt ſchienen, die vollkommenſte Harmonie. So entſteht aus dem Blick und dem Laͤcheln, aus der Sprache und der Leibes⸗ und Seelen⸗Anmuth ein wun⸗ derherrliches Ganze, die Schoͤnheit. Aller Blumen ver⸗ einter Duft bildet das koſtlichſte Arom. 48 1 Mit mir ſelbſt alſo verkehrend, war ich in die Straße Chanojneſſe gekommen. Hier faͤngt man an, ſich in ei⸗ nem andern Lande zu fuͤhlen. Man iſt in dem alten Kloſter Notre⸗Dame, und es herrſcht hier wahrlich auch der Frieden und die Stille des Kloſters. In allen Be⸗ zirken, die ich eben geſehen, regt ſich noch die Stadt und ihr Getdoͤſe; aber je mehr man ſich der Kirche naͤ⸗ hert, deſto mehr beruhigt ſich Alles. Wem ſollte es in der Straße Chanoineſſe oder Maſſillon einfallen, daß die Empoͤrung um die Deputirtenkammer und auf den Bou⸗ lewards gaͤhrt, wenn nicht der Apell waͤre; und noch ſchlagt man ihn in dieſen oͤden Straßen, aus denen man Sonntags nur alte Chorherren kommen ſieht, wel⸗ che gekruͤmmt, mit zitternden Haͤuptern nach ihren Chor⸗ Stuͤhlen ſchleichen? Ich blieb in dieſer Straße ſtehen, um einer herrli⸗ chen Stimme zuzuhoͤren; vor Zeiten waͤre es die Stimme eines Chorknaben geweſen, aus der Singſchule hervor⸗ toͤnend: geſtern war es eine melodiſch reine, friſche Stimme, leicht aufſteigend von Note zu Note, mit glei⸗ cher Anmuth niedergleitend die Stufen der Tonleiter und wieder hinauf, hinunter, wie eine Nachtigall oder Mademoiſelle Sontag. Da zeigt ſich recht, ſprach ich bei mir ſelbſt, der Unterſchied beider Epochen. Vor ei⸗ nem Paar Jahrhunderten uͤbte man hier im Kloſter den Geſang nur fuͤr die Kirche, fuͤr Gott; heut aber gilt es dem Theater, dem Publikum. Ja, es war ein junges 5 Maͤd⸗ 49 Maͤdchen, ſchoͤn, groß, wohlgebaut; ich ſah das Alles beim Zuhoͤren. Sie will zur Oper oder zu den Italie⸗ nern; dort wird ihr Debuͤt beklaſcht werden, und die Kunſtliebhaber moͤchten wohl nicht denken, daß dieſe ſuͤße, klangreiche Stimme in der Straße der Marmou⸗ ſets, an der Ecke der Straße der Chantres, ſich ſo ge⸗ ſchmeidig und ſammtweich gusgebildet habe. Die Straße der Chantres iſt die letzte des alten Klo⸗ ſters, welche ſtehen geblieben. Dort ſchritt ich einſam, und ſuchte immer noch mein Haus, welches ich ſchil⸗ dern wollte. Da las ich an der Ecke der Rue Basse- des-Ursins und des Quais uͤber einer Thuͤr die folgen⸗ den zwei Dutzend Sylben, welche man vor Zeiten Verſe nannte: Hier wohnten Abeilard dereinſt und Helois; Wo iſt ein Liebespaar, ſo treu und hold wie dies?! 1118. 11181 Heloiſe, Abeilard! dieſe Jahrzahl, dieſe Na⸗ men, mußten ſie mich nicht, frng' ich, tief in die Ver⸗ gangenheit zuruͤckwerfen? Ich beſchloß, das Haus zu beſehen und die dunkle Treppe mit der breiten Balu⸗ ſtrade von Eichenholz hinaufzuſteigen; ich ging in mehrere Gemaͤcher, natuͤrlich auch in das, wo Abeilard gewohnt, wie man mir ſagte; ich glaubte es gern. Zum Ungluͤck fuͤr die Illuſion war das alte Haus friſch uͤberkalkt, und das Steinmedaillon, welches die beiden Liebenden vor⸗ IV. 3 50 ſtellte, durch einen ſchnoͤden gruͤnen Grund beſchimpft. Doch was thut's! Kalk und Moͤrtel und Faͤrbung, das Alles verſchwindet dem Auge der Phantaſie; uͤberdem wird man mindeſtens durch eine niedre Pforte mit Kreuzbogen wirklich in das Mittelalter gefuͤhrt. Dieſe Pforte ging zum Hauſe des Kanonikus Fulbert, und Abei⸗ lard durchſchritt ſie jeden Tag, wenn er in den Schu⸗ len von Paris Vortrag gehalten. Glaubt ihr ihn nicht noch zu ſehen, wie er dort naht, von ſeinen Schuͤlern begleitet? Morgens eilf Uhr kam er nach Hauſe zum Eſſen, dann ging er in Heloiſens Kloſet, um ihr die Schrift und die Kirchenvaͤter zu erklaͤren. Ich wette, in jenem Thuͤrmchen, das wie ein Neſt in den Hof hinaushaͤngt, hat Heloiſe den Unterricht von Abeilard empfangen, oft auch des Nachts, wie am Tage. Um ſich ihre gaͤnzliche Abgeſchiedenheit recht vorzuſtellen, ſo denke man ſich nur eine Nacht des zwoͤlften Jahr⸗ hunderts, wo ſich Jedermann ſeit acht Uhr niedergelegt hat, wo kein Wagengeraſſel zu hoͤren iſt und der Kano⸗ nikus Fulbert mit all' ſeinen Dienern feſt ſchlaͤft. In jenem leichten Thuͤrmchen ſaßen ſie dann beim Licht einer ſchwachen Lampe und ſprachen uͤber Theologie und Scholaſtik; oft aber ſtanden ſie auf und bewunderten die Schoͤnheit des Sternhimmels, den Mond, der ſo ſtill uͤber die ſchlafende Stadt hinzog, und wenn ſie wieder zur Arbeit zuruͤckkehrten, war es mit dem Gefuͤhl, daß ſie ſo allein waͤren, daß ſie Nichts ſtoͤren wuͤrde, daß ſie 51 mit Luſt die Wiſſenſchaft umfaſſen koͤnnten; aber— ein ſchoͤner, wohlgebauter Mann von neununddreißig Jah⸗ ren, in ſtiller Nacht neben einem jungen reizenden Maͤd⸗ chen von ſiebenzehen, mag wohl eine ungewoͤhnlich ſanft⸗ ſchmeichelnde Stimme haben, ſelbſt wenn er von Scho⸗ laſtik und Theologie ſpricht. Liebe zu Gott bleibt immer Liebe, und Heloiſens Herz ſchlug hoͤher, wenn ſie die Erlaͤuterungen vernahm, die erſt nur gelehrt waren und dann zaͤrtlich wurden. „Wir ſchlugen unſre Buͤcher auf,“ ſchrieb Abei⸗ lard an ſeinen Freund,„aber wir hatten mehr WortederLiebe, als wir ſie laſen, mehr Kuͤſſe denn Lehrſaͤtze.“ Dante erinnerte ſich dieſer anzie⸗ henden Umſtaͤnde, als er den letzten Kuß der Francesca von Rimini ſchilderte, den Kuß, bei dem das verfuͤhreri⸗ ſche Buch herabſiel, und ſelbſt dieſes Buch, wovon Dante ſpricht, erzaͤhlte die vrofane Liebe des Lancelot und der ſchoͤnen Ginevra;— aber dort im kleinen Thuͤrmchen ſchlich ihnen die Liebe ins Herz durch fromme Spitzfin⸗ digkeiten und myſtiſche Fragen: mußte dieſe kloſterge⸗ borne Liebe nicht tief ſein, wie die gluͤhendſte Andacht? Welche Wolluſt in dieſen Studien! Der junge Lehrer war doch ſehr anmaßend, ſich ſtark genug zu duͤnken, ein kalter Rhetor zu bleiben, wenn er⸗ um Mitternacht neben dem leidenſchaftlichen Maͤdchen ſaß, dem die Seele ganz in hoͤchſter Andacht zerfloß. Ich begreife den Muth des Kriegers, der vor hundert Kanonen nicht 3* 5² erbleicht, auch den Muth des Richters, der ſtreng aller Beſtechung widerſteht; aber den Muth des uͤbergluͤck⸗ lichen Robert d'Arbriſſel, den koͤnnte ich an Abeilard's Stelle nur nach Fulbert's Rache begreifen. Bis dahin war ich in meinen Traͤumen, meinen Ruͤckerinnerungen gekommen, als ich uͤber der Thuͤr las: Inſtitut fuͤr junge Fraͤulein. Dies ſonderbare Zu⸗ ſammentreffen fuͤhrte mich ploͤtzlich in unſre Tage zuruͤck⸗ und ich bedachte, daß ich manche Heloiſe aus der Pen⸗ ſion kenne, die nach einem gluͤcklichen Abeilard ſeufzt. Und als dies Haus des Kanonikus Fulbert zum Beſten der Kirche eingezogen wurde, was geſchah mit ihm? Die Kirche ſetzte den Groß⸗Poͤnitentiarius hinein; ohne Zweifel wollte ſie durch die Gegenwart des ſtren⸗ gen Mannes, der die eingefleiſchte Buße vorſtellte, die⸗ ſen Ort reinigen, weil er entweiht worden durch irdiſche Liebe und ſpaͤter gar befleckt durch Verbrechen. Dann kam ein Laie, der wegen ſeines heiligen Lebenswandels das Recht erhielt, im Kloſter zu wohnen. Er war von der frommen Gemeinſchaft der Matutiner, confratria surgentium ad matutinas. Sobald Mitter⸗ nacht geſchlagen, ſah man im Thuͤrmchen ſich eine Lampe entzuͤnden. Dann ſtieg Jener, mit ſeiner Leuchte in der Hand, zur Kirche nieder, die Nacht mochte noch ſo finſter, noch ſo eiſig ſein. Endlich ſtarb er in einer Nacht auf dem Chor, und, wie man ſich wohl denken kann, im Geruche der Heiligkeit. 53 Nach ihm folgte ein Matutiner Schreiber von Notredame, hierauf ein reicher Buͤrger, der die Wall⸗ fahrt nach Jeruſalem gemacht; er war es, der, als er eines Tages ſah, wie die armen Schuͤler vom Collegio der Achtzehen die Leichname der Abgeſchiedenen an der Pforte des Hötel⸗Dieu mit Weihwaſſer begoſſen, davon geruͤhrt, dem Collegio, welches von Almoſen lebte, fuͤnf und zwanzig Livres Einkuͤnfte ſchenkte. Dieſer gottſelige Mann beherbergte in zwei Kammern des Oberſtocks Thomas Quentin und Adrian Duval, Beides Reiter von der Schaarwache, fromme Maͤnner von vernuͤnftigem Wandel, was ſelten iſt unter ihres Gleichen. Sie wur⸗ den Beide in der Straße de la Vieille-Draperie von jungen Edelleuten im Rauſch erſchlagen, und der an⸗ daͤchtige Pilgrim ſtiftete ihretwegen das„Kirchengebet fuͤr die Schaarwache,“ welches man jeden Abend zu Saint⸗Barthelemy abſang. 3 „ Endlich 1330 wohnte in dem kleinen Thuͤrmchen der Unterkantor und uͤber ihm ein junges Maͤdchen, das ſich aͤber den Verluſt des verlobten Freundes troͤſtete, indem es ſich Dem hingab, den man ewig lieben kann, ohne Furcht, ihn je zu verlieren. Alle Morgen ging ſie zur Kathedrale, mit ihrem Schemel in der Hand, um waͤh⸗ rend des Gottesdienſtes ſitzen zu koͤnnen, und dort blieb ſie bis zum Abend. Sie faſtete genau und ſogar mit ausnehmender Strenge. Da ſie keinen Beichtvater hatte, der ſie zuͤchtigte, war ſie in die Gemeinſchaft der Fla⸗ 54 gellanten getreten, welche in der heiligen Kreuzkirche gegruͤndet,„wo man oft mit Hieben Blut laͤßt,“ ſagt Guillot von Paris. Sie ſtand an der Spitze der jungen Maͤdchen, welche in der grimmigſten Kaͤlte eines ſtrengen Winters eine große Proceſſion von Flagellanten bildeten. Um des Himmels Gnade zu erflehen, ſchritten Juͤnglinge und Maͤdchen nackt einher, eine Kerze in der einen Hand, in der andern eine Geißel, womit ſie ſich nach Herzens⸗ luſt zerſchlugen. Unſre Fromme wurde mit den furcht⸗ barſten Geißelhieben bedient von des Unterkantors Nef⸗ fen, der mit ihr in einem Hauſe wohnte und im Ver⸗ dacht zaͤrtlicher Gefuͤhle fuͤr ſie ſtand. Drei Jahre hatte ſie ſo ſtreng in ſteter Trauer um ihren Verlobten zugebracht, als ſie eines Tags nieder⸗ kam. Ja, nicht anders! Man trug das Kind nach la Couche, der Wiege der Findlinge, in der Straße der Bateaux, nahe dem For-IEvéèque. Des Unterkantors Neffe, der Flagellant, wurde beſchuldigt, er leugnete nicht; das geiſtliche Gericht verurtheilte ihn, die Fromme zu heirathen, und die Trauung geſchah/ nach gerichtli⸗ chem Erkenntniß, mit einem Strohringe, den ihnen der Pfarrer von Sainte⸗Marine an die Finger ſteckte. Armes Kirchlein Sainte⸗Marine! Es iſt gegenwaͤrtig die Werkſtatt eines Faͤrbers. Was iſt aus den Gebeinen Jean Hurault's geworden, des Praͤſidenten des Oberſteuer⸗ Collegii, der hier 1505 mit ſeiner Ehefrau, Guuillette 55 von Gueteville beerdigt ward? Wo iſt die Aſche Frauz Miron's, des Unterrichters? Man wird ſie in alle Winde geſtreut haben. Dieſe frommen Gemeindeglieder, welche auch im Tode ihrer Kirche treu bleiben wollten, daß ihre Huͤlle im Duft deſſelben Weihrauchs laͤge, den ſie lebend geathmet, man wird ſie weggeſetzt haben, um den großen Farbekuͤbeln Platz zu machen, die nun dick und ſtinkend dampfen, wo ſich ſonſt der milde Weih⸗ rauch leicht woͤlkte. In Folge des beſagten Skandals, der ſich 1334 im Kloſter zutrug, verordnete das Kapitel von Notre⸗Dame, daß hinfuͤhro kein Frauenzimmer daſelbſt wohnen duͤrfe, es moͤge alt ſein oder jung, Herrin, Schaffnerin oder Verwandte, dieweil das Kloſter ein heiliger, Gott geweihter Ort ſei. Solchergeſtalt wurde der Schoͤpfung Meiſterſtuͤck, das Weib, aus einem Gott geweihten Orte verbannt, und gleichwohl iſt in einem Weibe der Zauber, die Anmuth, die Seele unſrer Religion vereinigt; im Himmel thront ein Weib, und viele Chriſten ſind es nur durch Maria's Herrſchermilde. 4 Weshalb ſollte ich nun fortfahren? Ich koͤnnte hoͤch⸗ ſtens hinzuſetzen, daß ein Bilderausmaler gelebt hat, wo jetzt ein Kupferdrucker wohnt. Hier verſtrichen ihm die Tage, indem ſein feiner Pinſel, mit Gold getraͤnkt und Karmin und dem unausloͤſchlichen Azur des vierzehnten Jahrhunderts, Blumenzierrathen um das Pergament der 56 Meßbuͤcher verzweigte, wie der Glasmaler die hohen Bogenfenſter mit ſeinen Schildereien aus buntem Glaſe gleichſam ſtickte. Beide Kuͤnſte ſind verloren gegangen. Die Buchdruckerkunſt hat die eine vernichtet, die andre, glaube ich, iſt geſunken mit dem religioͤſen Gefuͤhl. In den Tagen, wo man, ſich dem Glauben hingebend, nur tiefe Zuruͤckgezogenheit begehrte, um ſeine Gedanken zu ſammeln, da liebte man das Dunkel der Bogenfenſter, ihr erhabenes Halblicht; aber ſeit man die Myſterien zu erklaͤren getrachtet, die Dogmen zu kommentiren und uͤberhaupt in der Kirche hellzuſehn, ſeitdem laͤßt das weiße Glas Lichtſtroͤme in das Schiff, wie zu den Sei⸗ tenaltaͤren, und die altersgrauen Waͤnde hat man gar uͤberkalkt. Kurz, das Zimmer, welches Abeilard beſeſſen haben ſoll, iſt jetzt eine Niederlage von alter Leinwand und den Fellen der Kaninchen, welche ihre luſtigen Berges⸗ gehege verlaſſen, um in Paris geſpeiſt zu werden. Einige Steinmetzer ſchlafen hart in dem Zimmer, wo ſich ſonſt reiche Domherren in die Daunen verſcukten. Das Fen⸗ ſter, wo Heloiſe nach der Ruͤckkehr ihres Lehrers ſpaͤhte, iſt mit einem Reifen geziert, wo die Hemden und Klei⸗ der haͤngen, wie ſie aus der Hand der Bleicherin ge⸗ kommen. Das Gemach, in welchem das ungluͤckliche Liebespaar den Wiſſenſchaſten obgelegen, gehoͤrt, ach! zu einer Klaſſe junger Maͤdchen.— Unweit Heloiſens Hauſe iſt einem Manne durch eine Kugel vom Greve⸗ 57 platz im Juli 1830 das Bein zerſchmettert worden.— So iſt es denn ſonach voͤllig modern. Ihr aber, denen dieſer Bericht die Luſt erweckt, unſre Cité zu ſehen, beeilt Euch! Sie verſchwindet von Tag zu Tag mehr. Die krummen Gaſſen werden bald breiten, geraden Straßen weichen, und man muß es ſo⸗ gar wuͤnſchen, wenn man weiß, wie viel anſteckende Krankheiten, Peſt und hitzige Fieber, die alte Stadt ent⸗ voͤlkert haben, wenn man ſchaudernd bedenkt, mit wel⸗ cher Leichtigkeit in dieſer dumpfig ſchweren Luft die Cholera ihren ungeheuern ſchwarzen Fittig ausſtrecken und regen wuͤrde. Ernſt Fouinet. Die Sühndenumäaler. — Es war unlaͤngſt. Ich wandelte planlos, wie ich zu thun pflege, mit hochwichtigen Fragen uͤber das Trei⸗ ben des Lebens beſchaͤftigt, als: das wunderbare Ge⸗ heimniß, zu wiſſen, wie ſich eine gruͤne und gelbe Raupe in einen rothen und blauen Schmetterling verwandelt, oder: durch welchen noch zeitgemaͤßern Kunſtgriff der geſtiefelte Kater mit dem Oger haͤtte fertig werden koͤn⸗ nen. Noch war ich nicht weiter als gewoͤhnlich mit dieſen ſchwer zu loͤſenden Fragen, bei denen ich dummer Weiſe alt geworden, wie Ariſtoteles, Bacon, Leibnitz und wer weiß, was ſonſt noch fuͤr Traͤumer, als ich durch ein unerwartetes Begegniß aus meinen Betrach⸗ tungen gezogen wurde. Nicht daß der Menſch, der mich ſtoͤrte, gerade auf mich zu gekommen waͤre, wie ſo mancher uͤberlaͤſtige Bekannte, dem unmoͤglich auszu⸗ weichen, wenn man nicht an den Kreis, deſſen Durch⸗ 59 meſſer er daherſchreitet, unartiger Weiſe eine Tangente legt und rittlings auf ihr davongeht, ohne ſich umzu⸗ ſehen. Im Gegentheil, er kehrte mir grades Wegs den NRuͤcken zu und ſchien gar nicht geneigt, ſich der Unbe⸗ weglichkeit zu entreißen, in der ich ihn uͤberraſchte, ſo daß er von weitem mit ſeinem Linealwuchs einer lan⸗ gen Trauerſaͤule glich auf einem Grabeshuͤgel. Dieſe Aehnlichkeit, die man wahrſcheinlich etwas gezwungen finden wird, waͤre jedoch der proſaiſchſten Seele auf⸗ gefallen, die man ſich nur denken kann,— einem Mit⸗ arbeiter des Muſenalmanachs, einem Gelegenheitsdichter, einem Tragiker des Inſtituts— wenn er beſagten Men⸗ ſchen in der ſeltſamen Stellung bemerkt haͤtte, wie er meinem Vergleichsſinn aufftel. Er weilte in gleicher Entfernung von zwei Suͤhndenkmaͤlern, deren eins man eben zerſtoͤrt, das andre eben begonnen hatte, und wenn ihr euch ſeine ſchmale, ſenkrechte Projection gegen das Zenith vergegenwaͤrtigt(was unfehlbar iſt, wenn ihr ihn auch nur einmal geſehen), ſo wißt ihr, daß Nichts mehr dazu geeignet iſt, die Phantaſie an eine kleine gothiſche Saͤule zu erinnern. Ich trat zu ihm, ohne bemerkt zu werden, und ihn, leicht mit dem Unterarm umſchlingend, indem ich die Hand uͤber ſeine Schulter herniedergleiten ließ, deren jaͤher Abfall kaum den Gedanken an einen gerundeten Vorſprung zulaͤßt, ſagte ich freundlich(denn ſeine wun⸗ derliche Geiſtesrichtung, faſt ſo parador, wie ſein Kor⸗ 60 perbau, hat mich nie gehindert, ihn ein wenig zu lie⸗ ben):„Nun, theuerſter Marime ſagt' ich,„das ſind doch wohl Arbeiten, deren Gegenſtand Ihrer empffnd⸗ ſam traͤumenden Menſchenliebe gefallen muß. Ehre den Geſellſchaften, welche die Vergangenheit durch feierliche Denkmaͤler verſoͤhnen! denn ſie fangen an, die ungus⸗ bleiblichen Folgen polttiſcher Gewaltthaͤtigkeit zu begrei⸗ fen— und wenn es in der Logik eine ſehr vernuͤnftige Induktion giebt, ſo iſt es die, daß man hoffen darf: von Suͤhne zu Suͤhne werden endlich die Voͤlker da⸗ hin kommen, der Suͤhne gar nicht mehr noͤthig zu haben.“ Maxime wandte ſich zu mir, ſammelte ſich einen Augenblick und ließ ſich auf einen Stein nieder(ich weiß nicht, gehoͤrte er dem zerſtoͤrten oder begonnenen Werke, es war ziemlich ſchwer zu unterſcheiden). Ich ſetzte mich gleichfalls ihm zur Seite, denn ich wußte, wenn er anfing zu reden, ſprach er ſehr lange, beſon⸗ ders wenn ihn der Zufall auf ſeine liebſte Redefigur brachte, das Herzaͤhlen von Dingen, was auch, unter uns, die bequemſte Art iſt, ein Buch zu dehnen. Nun hat aber der arme Maxime auch Buͤcher gemacht, wie alle Welt, aber er ruͤhmt ſich ihrer nicht. Sobald ſich Marime geſetzt, begann er:„Wenn es in dem, was uns von unſrer alten geſellſchaftlichen Or⸗ ganiſation geblieben iſt, zwei intereſſante Gegenſtaͤnde der Betrachtung giebt, ſo ſind es die Monumente und 61 die Suͤhnungen. Monumente ſind der letzte Ruhm der Voͤlker, die Suͤhnung ihre letzte Tugend. Ei, mein Gott, ich tadle es nicht, daß ihr in Paris zwei, drei, zehn Denkmaͤler zur Suͤhne errichtet. Alle Blutstropfen, die ihr damit zuruͤckzukaufen trachtet, haben ſchwer auf meinem Herzen gelegen.— Hoͤrt mich aber nur an, wenn ihr meiner Aufrichtigkeit traut! Schonet der Suͤhndenkmaͤler, welche vorhanden ſind, weil es Monumente bleiben, und kein Schaden dabei iſt, daß der Geſchichte auch die Buße einige Denk⸗ male unter denen der Schmeichelei und des Sklaven⸗ ſinnes uͤbrig laſſe, damit ſich darin zeige, wie auch ſelbſt in den verworfenſten Zeiten die Gerechtigkeit ein Heilig⸗ thum im Menſchenherzen behalten habe. Der moraliſche Inſtinkt, der euch belebt, hat euch gluͤcklicher Weiſe waͤhrend der erſten Tage der jetzigen Revolution in dieſer Hinſicht geleitet, und Nichts konnte euern Sieg mehr verherrlichen. In euerm Zorn habt ihr das Denkmal auf dem Magdalenenkirchhof geachtet, das von ſo hohem koͤniglichen Mißgeſchick Zeugniß giebt, auch das Denkmal auf dem Opferplatz und das auf jenem andern Platze, wo Louvel's Dolch ein letztes Opfer dahin raffte. Ihr fuͤhltet, die Suͤhne ſei eine Gottes⸗ handlung, durch die Unverletzlichkeit des Gewiſſens be⸗ ſchuͤtzt, und ihr hieltet inne vor ihr mit der frommen Furcht, wie ſie von heiligen Dingen eingefloͤßt wird. Das war gut, ich wiederhole es, und jene Monumente werden davon ein Zeugniß mehr auf die Nachwelt brin⸗ gen. Sie werden beweiſen, daß auch 1830 im Aufbrau⸗ ſen der ungezuͤgeltſten Leidenſchaften noch einiges Ge⸗ fuͤhl des Mitleids mit dem Ungluͤck, der Ehrfurcht fuͤr die Todten geblieben. Aber vollendet auch kein Suͤhndenkmal und kuͤmmert euch nicht um die Truͤmmer derer, die ihr unvollendet gelaſſen. Sie werden, aus eurer Revolutionszeit ſtam⸗ mend, lauter zur Zukunft reden, als alle Monumente. Verzichtet auf eure Buße und auf eure Suͤhn⸗ denkmaͤler, und baut keine mehr; ihr haͤttet zu viel zu thun. Die Suͤhne, ſeht ihr, war die Pflicht einer neuen Generation gegen die vorangegangene, in einer Nation, die noch jung und rein war: denn keine Generation iſt ohne Verbrechen uͤber die Erde gewandelt ſeit Adam. Bei einer civiliſirten Nation, um mich eurer ſtattlichen Redensarten zu bedienen, wuͤrde alle Jahr eine Suͤhne noͤthig ſein, alle Monat, alle Tage, nach dem Grade ihrer Vervollkommnung.— Bei euch iſt die Suͤhne ein abſcheuwerther Hohn, eine That der Heuchelei oder der Dummheit, uͤber die man ſich die Bruſt zerfleiſchen moͤchte vor Scham und Verzweiflung. Wißt ihr eine Uhr, deren Zeiger die Minuten ſo langſam angiebt, daß ihr Zeit haͤttet, all euren grau⸗ ſen Jahrstagen eine Feier zu weihen? Wißt ihr einen unerſchoͤpflichen Steinbruch, der 63 euch die Grabmonumente liefern koͤnnte fuͤr Alle, welche durch eure Verirrung, durch euern Unſinn, durch eure Leidenſchaften geſtorben? Und wer verlangt Suͤhne, ich bitt' euch? Suͤhne von euch? die ihr eine lebendige Suͤhne ſeid, lehrreicher als Marmor, ſprechender als jede Inſchrift? Suͤhne in Paris? Und ihr tretet auf kein Sand⸗ korn, das nicht eine Suͤhne zu fordern haͤtte, wenn es ſchreien koͤnnte! Ihr athmet kein Atom, das nicht gelebt und gedacht haͤtte, als Theil eines beſeelten Leibes, den die Ungerechtigkeit eurer Blutgeſetze ver⸗ ſtuͤmmelt, zermalmt, vernichtet! Wenn der Schmutz eurer Sohlen auf einen Stein des Pariſer Pflaſters trifft, ſo befleckt er edles Blut. Wenn ihr einen Block dahin⸗ wollt zu eines Halbgotts Suͤhndenkmal, huͤtet euch! ihr zermalmt vollends das Haupt des Opfers! Nicht eine curer Suͤhnen, welche nicht irgend einer Aſche Entwei⸗ hung braͤchte! und dann: altern wohl die ernſthafteſten Gedanken ſattſam in eurem Kinder⸗Enthuſiasmns, daß ſie euch Muße ließen, etwas zu ſuͤhnen? Ich habe euch geſehen, verzeih' mir's Gott! wie ihr die Buße des vorigen Tages wieder abgebuͤßt. Ich habe euch geſehen als gefuͤhlloſe Zeugen und ohnmaͤchtige Vergelter aller Verbrechen, wie ihr in leeren Formen alles Unheil geſuͤhnt, das ihr ohne Murren geduldet, wie ihr Leichenſteine errichtet habt auf allen Graͤbern, die ihr ſelbſt mit ausgehoͤhlt.. 64 Nur eine Schmach kenne ich jedoch, die euch noch nicht eingefallen iſt, oͤffentlich zur Belehrung kuͤnftiger Geſchlechter zu ſuͤhnen: das iſt die, welche eure politiſche Moral ſeit ſo langer Zeit der Vernunft und der Menſch⸗ heit zugefuͤgt. Schoͤn anzuſehen muͤßt' es wahrhaftig ſein, wenn im alten Paris uͤberall ein Suͤhndenkmal ſtaͤnde, wo dem ſchuldlos Ermordeten eine Suͤhne gebuͤhrte. Wolltet ihr aber den Todten dieſe gerechte Vergeltung zukommen laſſen, Pariſer: wo wuͤrdet ihr, frag' ich, die Lebenden beherbergen? Jedem Verbrechen eine Suͤhne! Ich fordre euch heraus dazu! Wenn man ſeit Jahrhunderten Namen, Mauern und Einwohnerſchaft von Paris den Boden be⸗ laſten laͤßt, ſo muß man ſich beſcheiden, der Nemeſis gegenuͤber, Bankerott zu machen. Man muß inſolvent ſterben. Denkt doch einen Augenblick nach. Schließt eure Rechnung ab, verguͤtigt euer Wuͤthen, bringt die Bi⸗ lanz von Gewaltthat und Suͤhne in Ordnung. Laßt ſehen, was ſich fuͤr Blut mit Bauplaͤnen, mit dem Tagewerke der Maurer bezahlen laͤßt. Ein Suͤhndenkmal im Louyre fuͤr die Bluthochzeit! Ein Suͤhndenkmal in den Tuilerieen fuͤr den 10. Auguſt! Ein Suͤhndenkmal im Luxemburg fuͤr den 7. December! Ein Suͤhndenkmal auf dem Vorplatz von Notre⸗Dame fuͤr ſo viel frevelhafte Buße, der Unſchuld auferlegt! 65 Ein Suͤhndenkmal in der Kirche Saint⸗Germmin⸗ [Auxerrois fuͤr ihre moͤrderiſche Sturmglocke! Ein zweites zu Saint⸗Germain⸗Auxerrois fuͤr die Entweihung ihres Allerheiligſten. Ein Suͤhndenkmal an der Stelle, wo die Thuͤrme des Tempels ragten! Ein Suͤhndenkmal an den Thuͤrmen der Conciergerie! Suͤhndenkmaͤler vor der Abtei, vor dem Chatelet, vor la Force, vor der Salpetrisre, vor Bicétre, vor allen Gefaͤngniſſen von Paris, fuͤr die nie zu ſuͤhnenden Fre⸗ vel des Septembers! Jedem Leichnam ein Suͤhndenkmal! Reißt nieder ringsum! Vergroͤßert das Weichbild! Schafft Raum! Ein Suͤhndenkmal an der Bauſtelle der Reitbahn, wo die Proſkription von einer Million Franzoſen aus⸗ geſprochen wurde! Ein Suͤhndenkmal bei den Jacobinern, wo Marat zum Gotrt gemacht wurde! Ein Suͤhndenkmal an des Stadthauſes Schwelle fuͤr Foulon und Berthier! Ein Suͤhndenkmal im Opernhauſe fuͤr den groß⸗ herzigen Berry, deſſen Tod von mehr Tugend ſtrahlte, als alle Apotheoſen des Alterthums! Ein Suͤhndenkmal am Wall des Pont⸗neuf fuͤr Jacob von Molay! Eiinn Suͤhndenkmal hinter dem alten Collegio Sauct Antonii fuͤr den Scheiterhaufen der Tempelherren! 3 v* 66 Ein Süundenkeuml am Galgen von Montfaucon fur Enguerrand von Marigny! Ein Suͤhndenkmal fuͤr Jaeob von Armagnac, das Haupt der Ligue fuͤr das oͤffentliche Wohl, mitten auf dem Platze der Hallen, wo er ſeine armen Kinder in ihren weißlinnenen Gewaͤndern mit ſeinem Blut uͤberſtroͤmte! Ein Suühndenkmal in der Straße Culture-Sainte Catherine, wo unter Moͤrderſtreichen der tapfre Olivier von Cliſſon erlag, euer Schild gegen England! Ein Suͤhndenkmal in der Straße Barbette fuͤr den Herzog von Orleans, die Bruſtwehr eures verfallenen Reiches und des Koͤnigskindes gegen Burgundͤs wilden Ehrgeiz! 1 Ein Suͤhndenkmal unter dem Fenſter der Schule von Presles fuͤr den großen Ramus, den Wiederherſteller eurer grammatiſchen Wiſſenſchaften und eurer philo⸗ ſophiſchen Doktrinen! Ein Suͤhndenkmal in der Straße Botiſy in jenem Hauſe links von der Muͤnzſtraße, aus dem der erſchla⸗ gene Coligny unter das Volk wie eine Beute geworfen wurde durch den Boͤhmen Dianowitz und den Sienneſer Petrucci. Ein Suͤhndenkmal, wenn's euch beliebt, in der Straße de la Feronnerie fuͤr einen Bearner Krieger, der ſich Heinrich der Vierte nannte! Ein Suͤhndenkmal im Pallaſt fuͤr den Praͤſidenten Briſſon! Noch eins im Pallaſt, ein heiliges, ein gluͤcklicher Weiſe noch unentweihtes fuͤr Malesherbes! Ein Suͤhndenkmal auf dem Marsfelde fuͤr die Peti⸗ tionair⸗Empoͤrung, welche dort das Kriegsgeſetz nieder⸗ ſchmetterte! Ein Suͤhndenkmal fuͤr Bailly, der den hohen Muth hatte, daſſelbe im Intereſſe des Vaterlandes durchzu⸗ ſetzen— denn die Vertheilung der Denkmaͤler muß auf beiden Seiten unpartheiiſch ſein, um der Geſchichte wuͤrdig zu werden! Ein Suͤhndenkmal in der Ebene von Grenelle fuͤr die Vertheidiger der Monarchie und fuͤr die der Freiheit, welche aufrichtig glaubten, eine und dieſelbe Sache zu verfechten! Ein Suͤhndenkmal auf dem Greveplatz fuͤr alle Un⸗ gluͤcklichen, welche dort als unſchuldige Opfer getaͤuſch⸗ ter Juſtiz gefallen, wie Leſurque, oder als fromme Zeu⸗ gen fuͤr Glauben und Gefuͤhl, ſeit Anna Dubourg und Geoffroy Vallée bis zu den Patrioten von 1815 und den Sergeanten von La Rochelle!. Ein Suͤhndenkmal auf dem Platz Ludwig XV. Die Praͤfektur der Seine hat ihm Verzierungen verſprochen. Wir koͤnnten ſie vermehren, wie die Steine von Carnac, und Nichts wuͤrde uns hindern, einige derſelben bis zur Hoͤhe der großen Pyramide zu treiben, wenn das Budget 68 einmal hinreichte, den Tribut der Nation abzutragen, alle Suͤhne von ganz Paris! Ein Suͤhndenkmal an der Barrière du Tröne, auf dem Rundtheil, wo das Schaffot fuͤr die heilige Eliſa⸗ beth Capet ſtand, welche gern vor Gott eure Suͤhne auf ſich laden wuͤrde! Ein Suͤhndenkmal am Thor von Nole! Ein Suͤhn⸗ denkmal am Kreuz von Trahoir! Ein Suͤhndenkmal in den Graͤben der Baſtille! Ein Suͤhndenkmal am Pallaſt⸗ gitter! Ein Suͤhndenkmal uͤberall, wo ungerechtes Blut ge⸗ floſſen nach Belieben der legitimen Koͤnige, wie der Koͤnige des Volks! Ein Suͤhndenkmal uͤberall, wo der Gerichtskarren hinrollte mit den geduldigen Schlachtopfern des Fana⸗ tismus und der Partheienwuth! Und das iſt noch nicht Alles! Ein Suͤhndenkmal unter der Manſarde in der Straße Platrière, wo Jean Jacques Rouſſeau, von ſeinen Zeit⸗ genoſſen verachtet, Noten abſchrieb, um ſein Leben zn friſten! Ein Suͤhndenkmal in dem Hospitale, wo Gilbert geſtorben! Ein Suͤhndenkmal an dem Eckſtein, wo Malfilaͤtre gebettelt! Ein Suͤhndenkmal uͤberall, wo das Genie, verkannt⸗ verſtoßen, verfehmt, eine Thraͤne des Unwillens und 69 des Grams zur Erde fallen ließ, welche Rache gegen euch ruft! Ein Suͤhndenkmal in allen Straßen! vor allen Thoren! Ein Suͤhndenkmal alle Monat' alle Wochen, alle Tage! Suͤhndenkmaͤler dem Koͤnigthume, der Republik, dem Conſulate, dem Kaiſerreich und der Reſtauration! Suͤhn⸗ denkmaͤler den Katholiken, den Proteſtanten, den Philo⸗ ſophen, den Schwaͤrmern, den Politikern, den Liguiſten, den Ariſtokraten, den Patrioten, den Foͤderaliſten, den Jacobinern, den Emigranten, den Chouans, den Bona⸗ partiſten, den Carbonari und Jedem, der mit ſeinem Blute, euern Geluͤſten und Leidenſchaften nach, das hei⸗ lige Recht erkaufte, zu denken, zu reden, zu ſchreiben! Suͤhndenkmaͤler fuͤr euer Blut! Suͤhndenkmaͤler fuͤr das unſrige! War das unſrige Waſſer? Und dann werdet ihr ſein, was ihr uͤber ein Kleines ſein ſollt: die Stadt der Suͤhnung! Und ihr habt nicht noth, ſo viel Aufwand zu machen, um dies Geſchick zu erfuͤllen, denn der Name, nach dem ihr ſtrebt, ein unſichtbarer Finger wird ihn bald auf eure Truͤmmer ſchreiben. Und man wird erkennen, wenn euer Urtheil ganz vollzogen, warum ihr gerade vorzugsweiſe beſtimmt ſeid zum ewigen Sinnbild der Suͤhnungsfeier; denn nicht das Forum, nicht das Kapitol und der tarpejiſche Fels haben je ſo von Blute getrieft, wie eure oͤffentlichen 70 Plaͤtze an den zahlreichen Tagen eurer Geſchichte, welche mit ihren Schandthaten Rom freigeſprochen und Babylon! Schicket euch nur an zu einer allgemeinen Suͤhnung, in der ſich die einzelnen alle verſchmelzen, und ſo ihr keinen Glauben mehr habt an den Gott eurer Vaͤter, ſo bedenkt euch nicht, den Altar der Roͤmiſchen Eintracht zu errichten. Dort umfaßt euch, wenn euch noch ſo viel Menſchengefuͤhl geblieben, euch einer gegenſeitigen Ver⸗ zeihung wuͤrdig zu finden, und vernichtet auf ewig am Steine der Reinigung den Galgenſtrang und das Beil der Guillotine. Nur um dieſen Preis moͤgt ihr etwa fuͤhnen in den Augen der Nachwelt!“ Maxime ſtand auf, als er dieſe Worte geſprochen, und entfernte ſich, ohne ſich viel um mich zu kuͤmmern. Auch ich ſtand auf. Die Sonne war im Untergehen, ich eilte alſo, mein Kaͤmmerlein zu erreichen, und als ich ankam, ſchrieb ich ſorgfaͤltig nieder, was mir Jener geſagt, ehe ich mir noch Zeit genommen, zu bedenken, ob es ſich auch der Muͤhe verlohnte. Gott weiß, ob man es nicht gar drucken wird! Carl Nodier. Kirche, Gotteshaus und Spnagoge. — Was kümmern Namen denn, wie wir zu ihm uns kehren? Jed' Opfer nimmt er an, doch keines kann ihn ehren. Voltaire. Ich glaube nicht, daß es in Paris eine liebenswuͤrdigere, innigere, gluͤcklichere Familie giebt, als die Familie von Arcis. Dieſe an ſich ſelbſt ſo einfache Thatſache bedarf nur der unwiderleglichen Beweiſe, die ich davon geben werde, um ganz unglaublich zu ſcheinen. Der Graf von Arcis vollendete eben ſein vierzehntes Luſtrum, das Alter hat ſeine hohe Geſtalt noch nicht im Mindeſten gebeugt; ſeine hufeiſenfoͤrmige Haartracht, ſein gruͤnes Kleid, mit einer ſchmalen Goldtreſſe beſetzt und von Oben bis Unten zugeknoͤpft, ſein kleiner drei⸗ eckiger Hut und die Reitſtiefeln, das Alles giebt ſeiner ganzen Perſon ein gewiſſes fremdartiges Anſehen, wel⸗ 72² ches ihn von all' den noch lebenden Truͤmmern des ancien regime unterſcheidet. Was aber noch weit ſonderbarer zu nennen, als ſein Ausſehen, das iſt ſein Charakter, eine unerklaͤrliche Mi⸗ ſchung der ſchroffſten Gegenſaͤtze. Zu gleicher Zeit ein guter Katholik und Philoſoph, ein echter Edelmann und aufrichtiger Freund der Gleichheit, beſitzt er den wahren Glauben ſeiner ſo verſchiedenen Meinungen ohne deren Vorurtheile.— Das Alles laͤßt ſich mit einem Wort er⸗ klaͤren: Herr von Arcis iſt ein Mann von Gewiſſen; er ſetzt voraus, daß ein Jeder das ſeinige hat, und weil er glaubt, daß jede Ueberzeugung, ehe ſie ſich im Geiſte feſtſetzt, durch das Herz gehen muß, ſo iſt er ſelbſt uͤber⸗ zeugt, ohne deshalb zu ſtaunen, daß er die Andern nicht uͤberzeugen kann.. Waͤhrend der Emigration hatte Herr von Areis eine Englaͤnderin geheirathet, die ihn zum Vater einer ein⸗ zigen Tochter machte, durch deren Geburt die beſte Gattin und Mutter das Leben verlor. Als Kind einer proteſtantiſchen Mutter wurde Louiſe in derſelben Religion erzogen. Dieſe Duldung von Seiten eines eifrig katholiſchen Vaters kam auch nur von der Treue her, mit welcher Herr von Arcis einen Artikel ſeines Ehekontrakts hielt: aber noch eine hoͤhere Philoſophie bekundet die Einwilligung, welche er in die Heirath ſeiner einzigen Tochter mit einem juͤdiſchen Handelsmanne, Namens Samuel Levi, gegeben hat. Ich 73 Ich entſinne mich noch, welche Wirkung vor zwoͤlf Jahren dieſe Heirathsankuͤndigung hervorbrachte, welche Entruͤſtung am Hofe und in der Stadt! Der Graf von Arcis, der die Turnierprobe machen konnte, vermaͤhlt ſeine einzige minderjaͤhrige Tochter mit einem Juden! Ein edelgebornes Maͤdchen, ſchoͤn und reizend, Erbin eines großen Vermoͤgens, deren Hand ſich die Vornehmſten des Hofes ſtreitig machten! Wenn nur der Gegenſtand eines ſolchen Vorzugs noch Einer von den Schooßkindern des Gluͤcks geweſen waͤre, denen die Koͤnige ſelbſt Vaſallendienſt leiſten! Ein Samuel Bernard zum Beiſpiel; aber ein Samuel Levi!— Ohne weitern Titel, als den eines Fabrikherrn, ohne weitere Empfehlung, als die einer Art Rechtlichkeit im Handel, welche man ihm nur als Tugend anrechnete, weil ſie ſeinem Stamme ſonſt fremd iſt. Auf dies Alles antwortet der Herr von Areis, daß ſein erwaͤhlter Eidam ein ehrlicher Mann ſei, jung und wohl unterrichtet, daß er Louiſen liebe und wieder ge⸗ liebt werde, und daß er im hoͤchſten Grade alle die Eigen⸗ ſchaften, alle die Tugenden beſitze, welche ſeine Tochter gluͤcklich machen koͤnnten. 8 Wenig Frauen verdienten mehr als Louiſe ein ſolches Gluͤck, wie dieſe es in einer Verbindung genießt, gegen welche ſich alle geſellſchaftlichen Vorurtheile mit voller Heftigkeit erhoben. Die junge Frau, begabt mit einer reizenden Geſtalt, mit vollendeter Anmuth und einem IV. 4 74 gebildeten Geiſte, iſt ein Vorbild fuͤr Toͤchter ſowohl, als fuͤr Frauen und Muͤtter, und ſie beſitzt noch das Geheimniß, wahrhaft bezaubernd die Honneurs der glaͤn⸗ zenden Geſellſchaft zu machen, welche ſie um ihren alten Vater verſammelt. Louiſe hat zwei Kinder, Gabriel und Victorine, welche ſie bis zu dem eben erreichten eilften Jahre ganz allein erzogen hat. — Was Herrn Samuel Levi betrifft, ſo verbirgt ſeine außerordentliche Beſcheidenheit die ſeltenen Eigenſchaften, welche er beſitzt, ſo ſorgfaͤltig, daß ſie Allen ein Ge⸗ heimniß bleiben, welche keinen genauen Verkehr mit ihm haben. Ich glaube nicht, daß ihm eine menſch⸗ liche Wiſſenſchaft ganz fremd ſei; mehrere giebt es ſo⸗ gar, wie Philoſophie, Geſchichte, Mathematik und Han⸗ delswiſſenſchaften, in denen er es mit den groͤßten Mei⸗ ſtern aufnimmt. Seine umfaſſende Bildung laͤßt ſich den unbekannten Laͤndern vergleichen, wo der Wandrer bei jedem Schritte eine neue Entdeckung macht. In Sachen der Religion, Moral und Politik genuͤgt ein einziger Grundſatz, an den er ſich haͤlt, zur Erfuͤl⸗ lung aller ſeiner Pflichten. Voltaire lieh ihm dafuͤr den Ausdruck: „Thu' Gut', halt' das Geſetz und fuͤrchte Gott allein!“ uUm einigermaßen den Geſchmack ihres Vaters mit den neuen Gebraͤuchen zu verſoͤhnen, welche die Revo⸗ lution in die Geſellſchaft eingefuͤhrt, hat Louiſe fuͤr 75 einen Tag in der Woche die Abendmahlzeit wieder her⸗ geſtellt, deren Abſchaffung in den Augen des Grafen von Arcis ein Hauptverbrechen der Revolution von Neun und Achtzig iſt. Des Sonntags wird bei ihm zu Abend geſpeiſt. Ich bin ſo gluͤcklich, zu der kleinen Zahl von Gaͤſten zu gehoͤren, welche bei dieſem Familienmahl zu⸗ gelaſſen werden. Es herrſcht dort ein freimuͤthiger, ſehr lebhafter Frohſinn; das wird man kaum glauben, wenn ich ſage, daß ſich unſre Tiſchgeſpraͤche gewoͤhnlich um die ernſthafteſten Dinge drehen, denen die naiven Fra⸗ gen der beiden Kinder zuweilen eine ganz pikante Wen⸗ dung geben. Ich weiß nicht, wie das Geſpraͤch am letzten Sonn⸗ tag ſich wendete, aber es veranlaßte mich, Herrn von Arcis zu fragen, welche Religion ſeine beiden Enkel, Gabriel und Victorine, haͤtten. Noch gar keine! gab er mir zur Antwort. Wir er⸗ warten das Alter, wo ſie ſelbſt in einer ſo wichtigen Sache entſcheiden koͤnnen; der Augenblick iſt gekommen, und naͤchſten Monat an ihrem Geburtstage werden ſie waͤhlen zwiſchen Kirche, Gotteshaus und Synagoge. Bis jetzt haben wir uns begnuͤgt, ihnen das Daſein eines Allerhoͤchſten zu beweiſen, der die Welt regierk, und, wenn ich ſo ſagen darf, ihrem Geiſt und Herzen ein religioͤſes Gefuͤhl einzuimpfen, das ganz unabhaͤngig iſt von dem aͤußerlichen Kultus, dem ſie einſt den Vor⸗ zug gehen werden. 88 4 † 76 Louiſe. Ich habe meinen Kindern auf vielerlei Weiſe geſagt, daß Nichts im Laufe des Lebens gluͤcklicher macht, als ein Gefuͤhl, das ſich von Liebe und Hoff⸗ nung naͤhrt, das dem Tugendhaften fuͤr die Zukunft Pnſterblichkeit verheißt, und ihn den Lebensabend als Morgenroth eines ewigen Tages anſehen laͤßt. Samuel. Ich ging von dem zu oft angefeindeten Grundſatze aus, daß die Selbſtliebe die Triebfeder unſers ganzen Handelns ſei, und habe ihnen begreiflich zu machen geſucht, daß Gott das Ich des Weltalls vor⸗ ſtelle, daß er handle nach Vorſchrift einer Allgerechtig⸗ keit, deren untruͤglicher Dollmetſcher uns ſelbſt als Ge⸗ wiſſen eingepflanzt ſei. Exemit. Ich ſehe wohl, daß Sie dem jungen Ver⸗ ſtande den Begriff eines allmaͤchtigen, allgerechten und allweiſen Gottes eingepraͤgt; auch kann ich mir denken, welche den Kindern faßliche Gruͤnde Sie gebraucht, da⸗ mit ſie ihn fuͤrchten gelernt;— aber ich begreife nicht eben ſo klar, wie ſie bewogen wurden, ihn zu lieben. Samuel. Sag' einmal, Gabriel, warum liebſt Du Gott von ganzem Herzen! Gabriel. Ich liebe ihn, weil er mich liebt, weil er fuͤr alle meine Beduͤrfniſſe wacht, weil er meine Schwachheit beſchirmt und weil fuͤr ihn in meinem Herzensgrunde daſſelbe Gefuͤhl des Dankes und der Liebe lebt, wie fuͤr meine Eltern. Eremit. Nun aber frage ich Sie ſelbſt, Herr Sa⸗ 77 muel, ob es wohl recht erwieſen ſcheint, daß Gott die Menſchen liebe, oder ob man nicht wenigſtens, logiſch geſprochen, eben ſo viele Proben ſeines Haſſes als ſeiner Liebe gegen das Menſchengeſchlecht auffinden kann. Louiſe. Auch das ſoll Ihnen ein Kind beantwor⸗ ten, wenn wir nur den Einwurf in einfachere Form bringen. Sage mir, Victorine, Du liebſt Gott fuͤr das Gute, welches er Dir verleiht; aber fuͤhlſt Du Dich nicht verſucht, ihn fuͤr das Boͤſe, welches er uͤber Dich verhaͤngt, zu haſſen? Victorine. Nein, Mama. Da Gott allguͤtig iſt, ſo werde ich nie glauben, daß er der Urheber des Boͤſen iſt, welches mir zuſtoͤßt;— als ob ich glauben koͤnnte, daß Du, die mir ſo viel Gutes erzeigt, die Urſache meines Verdruſſes oder meiner Krankheit waͤrſt. Herr von Arcis. Sie ſehen, wir ſind alle Drei gleich uͤberzeugt von dem Daſein eines Allerhoͤchſten, der die Tugend belohnt und das Laſter beſtraft, darum haben auch wir daſſelbe religiöſe Gefuͤhl in das Herz der Kin⸗ der gepraͤgt; aber da wir auch alle Drei uͤber die aͤußer⸗ liche Verehrung, welche dem Ewigen zu weihen, ver⸗ ſchiedener Meinung ſind, ſo haben wir ihrem eigenen Scharfſinn die Wahl uͤberlaſſen, und uns nie geſcheut, ſie zu Zeugen der Eroͤrterungen, ſelbſt des Streites zu machen, den oft jene Frage zwiſchen uns erregt. Eremit Gu H. v. Arcis). Wiſſen Sie denn aber nicht, daß der fromme Glaube, der in Angelegenheiten der 78 Religion ſo wuͤnſchenswerth iſt, bei derjenigen, welche Sie fuͤr die einzig wahre anerkennen, immer vorausge⸗ ſetzt wird? Herr von Areis. Der Vorzug, den ich dem katholiſchen Kultus gebe, gruͤndet ſich auf den Vortheil, den nur er allein genießt, daß er zu gleicher Zeit zum Herzen ſpricht durch die zarten Erinnerungen, die er heiligt, zur Einbildungskraft durch die Wunder, die er beſtaͤtigt, und zu den Augen durch die ſichtlichen Gegen⸗ ſtaͤnde, die er den Glaͤubigen zur Verehrung beut. Louiſe. Ich habe nur Eins zu Gunſten des pro⸗ teſtantiſchen Kultus zu ſagen: er ſcheint mir der Moral und dem Worte des goͤttlichen Stifters unſerer Religion angemeſſener zu ſein.. Samuel. Die zͤdiſche Religion hat ein unantaſt⸗ bares Uebergewicht uͤber alle andern, indem ihr Urſprung ſich in die Nacht der Zeiten verliert. Mutter zweier Religionen, der ehriſtlichen und muhamedaniſchen, welche ſich gegenwaͤrtig in die Welt theilen, iſt ſie die einzige, welche die ganze Geſchichte des Volks, das ſie bekennt, zum Zeugniß ihrer Wahrheit aufrufen kann. Wie ſoll man, ohne Gottes Dazwiſchenkunft, die Zerſtreuung der Juden uͤber alle Punkte der bewohnten Erde erklaͤren? Wie erklaͤren ihre unbeſiegbare Anhaͤnglichkeit an das moſaiſche Geſetz in allen Verfolgungen, in allen Blut⸗ baͤdern, welche ſie ſeit 2000 Jahren erduldet, ohne weder an Nationglitaͤt, noch an Zahl zu verlieren? In der Geſchichte des hebraͤiſchen Volks iſt Alles Wunder, und leicht waͤre es fuͤr mich der hoͤchſte Verſuch der Philo⸗ ſophie, die goͤttliche Sendung unſers Geſetzgebers Moſes in Zweifel zu ziehen. Herr von Arcis. Die Sendung Jeſu iſt beſſer bewieſen, und doch lehrt er ſelbſt Duldung in Dingen der Gottesverehrung. Als die Samariterin den Sohn des Menſchen fragte, ob man auf dem Berge Zion opfern muͤßte, ſprach er: Ihr koͤnnt Opfer bringen uͤber⸗ all, dafern ihr nur lebendigen Glaubens ſeid und rei⸗ nes Herzens. Eremit. Welches Unheil haͤtte der Welt die allge⸗ meine Annahme dieſes Grundſatzes erſpart! Wiſſen Sie wohl, daß nach Juſtus Lipſius Bericht in Rom ſechs⸗ hundert verſchiedene Religionen waren? Und ſo viel ich weiß, haben ſie keinen einzigen Religionskrieg erzeugt. Samuel. Aus Ruͤckſicht fuͤr meinen Schwieger⸗ vater bitte ich: halten wir uns nicht beim Kapitel von der Duldung auf; wir haͤtten zu leichtes Spiel gegen die Katholiken. Gott weiß, wie viel Argumente uns ſchon der Krieg gegen die Albigenſer liefern wuͤrde, die Bluthochzeit, die Ligue, die Dragonnaden, die Blut⸗ baͤder von Merindol, von Cabrières, ohne einmal zu⸗ ruͤckzugehen zu dem blutigen Streite der Bilderſtuͤrmer und Bilderdiener, ohne von den Religionsverfolgungen der Ketzer zu reden, in Frankreich wie in England, ſeit 8⁰ Leo X. bis Clemens X. et caetera und hundert Sei⸗ ten voll Eteaͤtera. 1 Herr von Arcis. Wenn wir uns auf dieſem Grund und Boden einließen, glauben Sie mir, mein Sohn, ſo duͤrfte man nur das Zeugniß Ihrer hebraͤiſchen Buͤcher aufrufen, und ihr uͤbertraͤft noch alle Voͤlker zuſammengenommen an Krieg und Gemetzel und Reli⸗ gionsſchlaͤchtereien, und Alles im Namen des Herrn, zur Verherrlichung des Allerheiligſten. Aber ich bin ganz damit einverſtanden: hoͤren wir auf mit dieſen gegen⸗ ſeitigen Beſchuldigungen, und, damit wir unſern Vaͤ⸗ tern in Iſrael naͤher kommen, laßt uns ein Beiſpiel nehmen an unſerm heiligen Vater, dem Papſt. Welchen Beweis der Duldung hat er nicht ſo eben der Welt ab⸗ gelegt, indem er ohne den mindeſten Skrupel eine An⸗ leihe von mehreren Millionen mit Herrn von Rothſchild negociirt, dem erſten juͤdiſchen Baron, dem Erzſchatz⸗ meiſter der chriſtlichen Kronen.. Eremit. Ja wohl! Allgemeine Duldung, das iſt der Wunſch meines Geiſtes und meines Herzens. Geben wir dieſem neuen Protokoll einer wahrhaft heiligen Allianz als Schlußſatz die philoſophiſche Wahrheit:„Die Goͤtter,(oder wenn Sie lieber wollen) die Formen der Gottesverehrung verſchwinden, wie die Menſchen und die Geſetze, im Abgrunde der Vergangenheit; aber das Gefuͤhl der Gottheit, das Einzige, was die fortgeſetzte Zerſtoͤrung der Weſen und Dinge uͤberlebt, das bildet 81 jentes inſtinktartige Gewiſſen, deſſen Stimme alle Voͤlker vereinigt.“ Vielleicht wird uns dieſer angeborne Begriff von Gottes Einheit auch einmal zur Einheit des Kultus fuͤhren; aber bis zu dieſer großen Umwaͤlzung des menſch⸗ lichen Geiſtes, das begreife ich, uͤberlaͤßt man den Voͤl⸗ kern, und ſelbſt einzelnen Menſchen, die Wahl ihres Glaubensbekenntniſſes. 3 Herr von Arcis. Dieſem Grundſatze gemaͤß wurde zwiſchen uns das Familienband geſchlungen, das eine Proteſtantin ſo eng mit einem juͤdiſchen Gemahl, unter dem Schutze eines katholiſchen Vaters, vereinigt. Samuel. Bemerken Sie aber, daß meine Frau, ſo eine eifrige Proteſtantin ſie auch iſt, doch nicht zu denen gehoͤrt, welche, wie Leblanc ſagt, ſich eher zehn Liebhaber auf die Seele laden, als eine Meſſe. Herr von Arcis. Was mich betrifft, ſo geſteh' ich in aller Demuth, daß ich lieber mit Viret zugeben wuͤrde, der heilige Petrus habe nie den Fuß nach Rom geſetzt, als daß ich den Maͤrtyrertod litte, um das Gegen⸗ theil zu verfechten, ſo ſehr es auch im Geiſte der Kirche laͤge, an der ich darum jedoch nicht minder treu hange. Dieſe kleine Abhandlung fuͤhrte das Geſpraͤch natuͤr⸗ lich wieder auf die Wahl, welche Gabriel und Victorine in einigen Tagen treffen ſollten. Als letzte Pruͤfung wurde feſtgeſetzt, daß die ganze Familie, zu der man ſo guͤtig war, mich zu geſellen, in der laufenden Woche 82²2 einer Feierlichkeit von allen drei Religionen, der katho⸗ liſchen, juͤdiſchen und proteſtantiſchen, beiwohnen ſolle. Demnach gaben wir uns, ehe wir ſchieden, das Ver⸗ ſprechen, uns kommenden Freitag in der Synagoge der Straße Unſerer lieben Frauen von Nazareth um vier Uhr Nachmittags zu treffen, wo die Sabbathfeier be⸗ ginnt, den Sonnabend in dem proteſtantiſchen Gottes⸗ hauſe in der Straße Saint⸗Honoré, wo wir einer Trau⸗ ung beiwohnen wollten, und Sonntag beim Hochamt in Sanct Rochus. Ich kam an dem beſtimmten Tage zur Synagoge und zwar eine Stunde fruͤher als meine Geſellſchaft, um mir Zeit zu goͤnnen, dies Haus des Herrn, in wel⸗ chem ich noch nicht geweſen, genau zu betrachten. Vor Allem bewunderte ich die edle Einfachheit des Gebaͤudes. Das Innere iſt durch zwei Reihen doriſcher Saͤulen in drei Theile geſchieden; das Schiff hat doppelt ſo viel Breite, als jede der beiden Seitenhallen. Ueber dem Altar, im Hintergrunde des Allerheiligſten, ſind die Ge⸗ ſetztafeln in einem Schrank von Cedernholz verſchloſſen, den vor dem Gottesdienſt ein goldgeſtickter Sammetvor⸗ hang bedeckt. Nur zwei Inſchriften ſind im Innern der Synagoge zu leſen. Ueber der Pforte des Eingangs: Du trittſt hier ein mit Gott, Du geheſt aus mit Gott! Am andern Ende, auf dem gewoͤlbten Karnies, welcher das Chor vom Allerheiligſten ſcheidet: 4 83 Gedenke daran, weshalb Du herkommſt! Mitten im Schiff erhebt ſich auf einer Eſtrade ein ge⸗ raͤumiges Pult, von einem ſechsarmigen Leuchter erhellt. Ich zeichnete meine Bemerkungen auf, als Einer der Tempelhuͤter zu mir trat, und mich erſuchte, meinen Hut aufzuſetzen, weil der Gott der Juden vor entbloͤßten Haͤup⸗ tern Abſcheu trage. Ich ließ mich um ſo weniger bitten, als der entgegengeſetzte Gebrauch in den Chriſtentempeln mir immer nachtheilig fuͤr die Kraͤnklichen, wie ich, ge⸗ ſchienen hatte. Ohne gerade zu glauben, daß der Gott Iſraels auf dieſes Ceremoniell ſo vielen Werth lege, wie der Huͤter des Tempels, fand ich es doch weit paſſender und bequemer, als den Gebrauch in den Moſcheen und Pagoden, wo man nur barfuß eintreten darf; Alles Dinge, die uͤbrigens der Gottheit ſehr gleichguͤltig ſind, ſo viel ich glaube. Jetzt kam die erwartete Familie; Herr von Areis⸗ ſein Eidam und Enkel ſetzten ſich auf Herrn Levi's Bank, nah' am Pult. Ich geſellte mich zu ihnen. Madame Levi und Mademoiſelle Victorine ſtiegen auf die obere Gallerie fuͤr die Frauen, nach dem Gebot des fuͤnften Buchs Moſis, welches ausdruͤcklich die Tren⸗ nung beider Geſchlechter im Bethauſe vorſchreibt. Nach der ausnehmenden Einfachheit der Kleidung zu urtheilen, gehoͤren die Juden, welche dieſe Synagoge ge⸗ woͤhnlich heimſuchen, nicht zu der reichern Klaſſe ihres Volkes. Herr Samuel, dem ich dieſe Bemerkung machte, 84 gab mir zu, daß ſeine reichen Glaubensgenoſſen(mit Ausnahme von drei Familienhaͤuptern, zu denen er ge⸗ hoͤrte) nur zweimal des Jahres dem Gottesdienſte bei⸗ wohnten und auch nur eine ſehr kleine Summe zu den Koſten ſteuerten,— wenigſtens in der deutſchen Syna⸗ goge, wo wir uns befanden, obgleich dieſe Koſten jaͤhr⸗ lich mindeſtens auf 25⸗ bis 30,000 Franken anſtiegen. Nichts Einfacheres, als der Gottesdienſt in der Syna⸗ goge; er beſteht im Gebet, im Leſen des alten Teſta⸗ ments und im Singen einiger Pſalmen. Das Gebet der Juden iſt in ihrem Formulare ent⸗ halten; der Rabbiner, welcher den Dienſt verſieht, lieſt es feierlich vor, und am Ende jedes Verſes antworten die Zuhoͤrer: Amen. Das Leſen des alten Teſtaments umfaßt einige Verſe des vierten und fuͤnften Buches Moſis, welche abwechſelnd vom Rabbiner und der Ver⸗ ſammlung hergeſagt werden.. Der Gottesdienſt ſchließt mit Pſalmen im Kontra⸗ punkt von ſeltener Harmonie. Die herrliche Stimme und das ausgezeichnete Talent des Vorſaͤngers lockten vor mehreren Jahren die glaͤnzendſte Geſellſchaft von Paris nach der deutſchen Synagoge. Man kennt die Herrſchaft der Tagesmode und die Gewalt der Muſik auf die Phantaſie der Frauen in der großen Welt, und wohl ließ ſich einen Augenblick fuͤrchten, daß der Enthu⸗ ſtasmus, welchen der hebraͤiſche Saͤnger mit ſeinen jun⸗ gen Akolythen einfloͤßte, der Opera bufla großen Ein⸗ 8⁵ trag thun und die Synagoge von Nazareth, zum Nach⸗ theil der Kirche Sanct Rochus, bevoͤlkern koͤnnte. Am folgenden Tage wohnten wir alleſammt der Ver⸗ maͤhlung einer Enkelnichte des Herrn von Areis bei, welche im proteſtantiſchen Gotteshauſe in der Straße Saint⸗Honoré gefeiert wurde. Dort ſpricht Nichts zu den Augen, Nichts bezaubert das Ohr, Nichts erregt die Phantaſie; Alles wendet ſich an den Verſtand des Men⸗ ſchen, an ſein religioͤſes Urgefuͤhl. In dieſem Gottes⸗ hauſe zerſtreut kein Gemaͤlde, kein Sinnbild, keine In⸗ ſchrift die Gedanken, welche ſich in tiefe Beſchauung verlieren. Auch hier, wie in der Synagoge, beſchraͤnkt ſich der Gottesdienſt auf Bibelleſen, auf das Gebet uͤber den Tert des Tagesevangelii, auf die Predigt und das ge⸗ meſſene Herſagen einiger Pſalmen. Die Trauceremonie hatte im Konferenzſaal durch eine Art buͤrgerlicher Verhandlung begonnen und endete am Fuße des Altars. Nach dem Segen richtete der Diener des heiligen Worts von der Kanzel herab eine Rede an die Neuver⸗ maͤhlten, in welcher das Gluͤck, die Leiden und Freuden des Ehebundes ſo reizend, ſo lebendig geſchildert waren, daß die Verſammlung bis zu Thraͤnen geruͤhrt wurde. Ich glaubte indeß zu bemerken, daß die Strenge des proteſtantiſchen Gottesdienſtes, der Mangel an Prunk, das Vermeiden von jeder Art Reiz und Lockung, welches 86 denſelben in den Augen der Philoſophie empfiehlt, min⸗ der lebhaft auf Herz und Geiſt der beiden Kinder wirkte — In ſolchem Alter iſt man leichter uͤberzeugt als uͤberredet, und hoͤrt mehr mit den Augen, als mit den Ohren. 3 Ich wage nicht, zu behaupten, daß Herr von Arcis nicht ein wenig Partheilichkeit fuͤr den katholiſchen Gottesdienſt zeigte, indem er ſeine Familie nach Sanct Rochus fuͤhrte, wo wir Sonntags dem Hochamte bei⸗ wohnten. Alles ſchien berechnet zu ſein, um auf die junge Einbildungskraft Gabriels und Victorinens zu wirken. Die Letztere gab uns einen genauen Maaßſtab hinſichtlich des Eindrucks, den es auf ſie gemacht, in⸗ dem ihr erſtes Wort zu Hauſe war, ſie habe ſich weit beſſer amuͤſirt, als in der Oper, wo ſie vergangene Woche mit ihrer Mutter zum Erſtenmale geweſen.— Etwas Wahres lag allerdings in dieſem profanen Vergleiche. Die Wagenreihe, am Portal von Sanct Rochus geordnet, der Schmuck der Frauen, welche die Kirche fuͤllten, der Preis der Sitze, verdreifacht wie im Theater bei außerordentlichen Stuͤcken, der Reiz einer Meſſe, in Muſik geſetzt von Cherubini, ausgefuͤhrt von den erſten Tonkuͤnſtlern der Koͤnigl. Akademie, die Or⸗ gel, auf welcher eine Meiſterhand Arien aus Moſes und Othello ſpielte,— alle dieſe glaͤnzenden Beſtand⸗ theile bildeten ein prachtvolles Schauſpiel⸗ das auch den Religidſeſten einen Augenblick zweifelhaft machen konnte, 87 ob er einer kirchlichen Feierlichkeit oder einer Vorſtellung im Theater beiwohne. Die Predigt(welche man, dieſer Idee weiter fol⸗ gend, als einen Zwiſchenakt des Hochamts anſehen kann) war nicht geeignet, die Illuſion zu ſtͤren. Der Pfarrer hatte zum Tert ſeiner Belehrung die Schilderung der Hoͤlle gewaͤhlt und die ewigen Strafen, welche der Vater der Menſchen, der Allguͤtige, Allliebende, uͤber ſeine ſchul⸗ digen Kinder verhaͤngt. Es war leicht zu erkennen, daß der Prediger Dantess goͤttliche Komoͤdie in Contribution geſetzt, um ſein ſchauerlich⸗romantiſches Gemaͤlde zu ſchaffen, mit welchem er ſein liebenswuͤrdiges Auditorium entſetzte. Nie hatte die Scene eines Melodrams, nie eine Geiſtergeſchichte ſo furchtbar die Nerven unſerer eleganten Pariſerinnen erſchuͤttert; mehrere wuͤrden uͤbel geworden ſein, ohne das Flacon mit Andachtsaͤther, welches ſie ſorgſam zu ſich geſteckt. Wenn von allen Mitteln, um dieſe Darſtellung recht intereſſant zu machen, eine junge huͤbſche Sammlerin nicht die meiſte Wirkung hervorbrachte, ſo lag dies nur darin, daß das ganze Auditorium nur aus Frauen und Kindern beſtand. Auch glaube ich bemerkt zu haben, daß drei andere Kollekten, fuͤr den Bedarf der Kirche, fuͤr die Beleuchtung, fuͤr verſchaͤmte Arme, die Ein⸗ nahme nicht ſonderlich vermehrten. In einer Familien⸗Verſammlung/ ganz beſonders zu 88 dieſem Zwecke berufen, waͤhlten endlich Gabriel und Victorine die Religion, der ſie angehoͤren wollten. Ich bedaure, daß der Ernſt des Gegenſtandes mir nicht erlaubt, in einige Details uͤber Vorfaͤlle einzuge⸗ hen, welche dieſe haͤusliche Scene etwas zu ſehr erhei⸗ terten. Nur das Reſultat noch. Victorine entſchied ſich fuͤr den Proteſtantismus, aus dem einzigen Grunde, weil es ihr tioͤricht ſchien, zu Gott in einer Sprache zu beten, die man nicht verſteht. Gabriel war im Begriff, ſich zur Religion ſeines Vaters zu ſchlagen, als ein Paar Worte ſeines Groß⸗ vaters zu einer kleinen Eroͤrterung uͤber die Taufe der Juden fuͤhrten, wodurch urploͤtzlich ſein Entſchluß ge⸗ aͤndert wurde. So entſchied er ſich zum Katholiken, als er den Urſprung der Feier erfahren, welche dieſe Kirche am Neujahrstage begeht. Der Eremit von der Chauſſee d'Antin. Die öttentlichen Feste in Paris. 1— Nach den Neujahrs⸗Viſiten, Staats Diners, Corpora⸗ tions⸗Mahlzeiten und Liebhaber⸗Concerten, nach einer Sonate, welche das Fraͤulein vom Hauſe vortraͤgt, nach einem Vereine, wo man ſich uͤbt, Charaden und Raͤth⸗ ſel zu loͤſen, nach den Reden gewiſſer Deputirten, nach einer Finanz Diskuſſion, einer Lehrſtunde in der Rechts⸗ ſchule, einer Sitzung der polytechniſchen Geſellſchaft; endlich nach Korrektur⸗Bogen und nach den unverbeſſer⸗ lichen Leuten kenne ich in der Welt nichts Langweilige⸗ res, als ein oͤffentliches Feſt.. 5 . Oeffentliches Feſt! ſprecht mir Nichts davon!— ich fuͤhle jedesmal vierzehn Tage lang die tiefſte Traurigkeit, Menſchenhaß, Ekel vor dem Daſein, wenn man eine jener großen Feierlichkeiten begeht, wo man gezwungen wird, ſich zu ergoͤtzen, wo man von Polizeiwegen ver⸗ 4 vN 90 gnuͤgt ſein muß, wo man euch bei Geldſtrafe freiwil⸗ lige Illumination vorſchreibt. Ich kann nicht dafuͤr, aber ich habe dieſe Freuden⸗ feſte— periodiſche oder nicht— nie leiden koͤnnen, dieſe Jahrestage, Gedaͤchtnißfeier und Thronfolgen, Kroͤnun⸗ gen, Hymnen, Geburtsfeſte, Tedeums, Banketts, wo man Toaſts ausbringt, alle dieſe Feſtlichkeiten und Cere⸗ monien, deren Programm einen Monat vorher ausge⸗ geben wird, damit man huͤbſch Zeit habe, das freiwillige Aufbrauſen der Volksfreude vorzubereiten. Ein Fuͤrſt beſteigt den Thron, zu unſerm Ungluͤck vielleicht: ſchadet nichts, Man muß ſich freuen, wohl oder uͤbel! Ein zweifelhafter Sieg iſt errungen, der Stroͤme von Blut gekoſtet und Trauer uͤber alle Fami⸗ lien gebracht hat: ſchadet auch nichts, Man muß in Gallakleidern mit großem Geleite nach der Kathedrale gehen und dem Himmel danken, ganz ſo, als haͤtten die Buͤlletins wahr geſprochen. Das iſt nun einmal der Welt Lauf, Alles Hohn, Komoͤdie, Spiegelfechterei! Aber ein traurges Ding iſt es doch wahrhaftig um dieſen Enthuſiasmus, von Amtswegen befohlen, um dieſe er⸗ heuchelte Freude, dies erlogene Gluͤck, wie es auf dem Buͤreau der Praͤfektur kaltbluͤtig angeordnet wird. Sobald der große Zeitpunkt naht, nimmt die Regie⸗ rung ihre Maaßregeln. Seid ohne Sorgen, Alles iſt vorbereitet, damit die allgemeine Froͤhlichkeit zu beſtimm⸗ ter Zeit und Stunde ausbricht. 49 91 Das Loſungswort iſt ausgegeben, die Rollen ſind ver⸗ theilt, die Belohnungen feſtgeſetzt. Man hat einen Ueber⸗ ſchlag gemacht, und weiß aufs Genauſte, wie viel der Stadt Paris zwei oder drei Tage des Gluͤckes koſten werden. Man bezeichnet den Saͤngern, den Muſikern, den Luſtigmachern ihre Plaͤtze; alle dieſe Leute, denen es ganz beſonders obliegt, die allgemeine Zufriedenheit vor⸗ zuſtellen, laſſen ſich als Agenten des oͤffentlichen Gluͤcks einſchreiben. So viel erhalten die Dichter, welche die Feſtgeſaͤnge machen; ſo viel iſt fuͤr den Zuruf, welcher ſich auf dem Wege des Herrſchers und ſeiner Familie erhe⸗ ben wird, u. ſ. w. u. ſ. w. Das wird erwogen wie ein Budget, und abgeſchloſſen wie ein Handels⸗Traktat. Fuͤrchtet nicht, daß die Haupt⸗ ſtadt ein truͤbes Ausſehen habe, wenn ſie froͤhlich ſein ſoll. Und waͤre ſie in tiefſter Trauer, entvoͤlkert durch Krieg und Peſtilenz, waͤre ſie halb todt vor Hunger und Elend, ſo wuͤßte man ihr doch eine angemeſſene Freude zu bereiten, wuͤßte ſie zu zwingen, vergnuͤgt zu ſein. Das iſt eins von den Geheimniſſen der Regierung, einer von den tauſend und ein Kunſtgriffen der Politik. Man muß ſogar zugeben, daß dieſes Luſtſpiel bei ſolcher Gelegenheit viel beſſer auf der Straße ſpielt, als bei Hofe. Gott bewahre euch vor den Reden, womit die verſchiedenen Staats⸗Behoͤrden, die Großwuͤrdentraͤ⸗ ger des Reichs ihre Treue und Ergebenheit in Ehrfurcht zu den Fuͤßen des Thrones legen! Obſchon die Hofleute 92— ſich eine Ehre daraus machen, gute Schauſpieler zu ſein, und gerade das Gegentheil von dem, was ſie denken, recht fertig ſagen zu koͤnnen, ſo giebt es im Allgemeinen doch nichts Traurigers, als dieſe Lobreden, dieſe Compli⸗ mente, dieſe Gluͤckwuͤnſche, dieſe Betheuerungen des Eifers und der Liebe, welche ſie an die Fuͤrſten richten, die wieder ihrerſeits kein Wort davon glauben, und daran ſehr wohl thun. Es giebt einen Ton, der vom Herzen kommt und ſich nicht nachahmen laͤßt, obgleich man kein Studium ſcheut, um ihn nachahmen zu lernen. Ehe man ſich noch gegenuͤber ſteht, hat man ſchon beiderſeits Alles ge⸗ than, um ſich zu taͤuſchen; man hat ſein Jubiliren, ſei⸗ nen Empfang vorbedacht, man hat berechnet, wie man dann hingeriſſen erſcheint und Blick und Laͤcheln wieder⸗ holentlich probirt. Vergebliche Muͤhe! durch dieſe ein⸗ gequaͤlte Heuchelei wird Niemand betrogen. Man hoͤrt ſchon an den abgedroſchenen Phraſen, an dem kriechen⸗ den, ſchwuͤlſtigen, geſchraubten Style der Redner, daß ſie gekommen ſind, ſich eines Frohndienſtes zu entledigen, und daß ihre Ergebenheit ſo unecht iſt, wie ihre Rede⸗ kunſt. Es iſt ein Grabes⸗Enthuſiasmus, eine Freude, die wie ein Requiem ausſieht, ein Gluͤck, das ſich aͤußert wie ein De profundis und Begeiſterung, wie von Leichen⸗ prunks⸗Unternehmern erregt. Verlaſſen wir den Hof und kehren zum Volke zuruͤck. Es iſt leichter zu narren, das arme Volk, und nicht uͤbel 93 ſcheint's, daß man ihm auf vier und zwanzig Stunden einredet, es ſei vergnuͤgt und gluͤcklich. So lange ich auf der Welt bin, habe ich immer ge⸗ ſehen, daß die Eliſaͤiſchen Felder zum Hauptſchauplatze der oͤffentlichen Freudenfeſte dienen mußten. Guter Gott! wenn ich bedenke, wie viel man ſich da gefreut hat waͤhrend des Kaiſerreichs und ſeit der Reſtauration, und wie viel man ſich da noch freuen wird, wenn der Himmel ſo guͤtig iſt, uns nur funfzig Jahre des Da⸗ ſeins zu bewilligen! Bei alle dem iſt ſo ein Feſt in den Eliſaͤiſchen Fel⸗ dern doch etwas Sehenswerthes, waͤr's auch nur, um daruͤber herzuziehen. Die Vorbereitungen beginnen ſchon ſehr lange vorher, und der Pariſer freut ſich faſt eben ſo ſehr uͤber die Anſtalten, als uͤber das Feſt ſelbſt. Man errichtet Theater, baut Orcheſter, pflanzt Taxus, haͤngt Laubgewinde auf und nagelt Leiſten an alle Baͤume, um die Lampen zu tragen. Jeder iſt wohl benachrich⸗ tigt, daß man ſich an dem und dem Tage freuen wird, und ſo fehlt auch Niemand auf dem Sammelplatze. Vorgeſehn! Vorgeſehn! Vorgeſehn! Die Rieſenſtadt ſetzt ſich in Bewegung. Rette ſich, wer kann! Der Eis⸗ gang beginnt, die Schleuſe iſt aufgezogen, der Cataraect fertig. Aus allen Zugaͤngen wogt die Menge nach den Eliſaͤiſchen Feldern, wie Fluͤſſe, welche ſchaͤumend ins Meer ſtuͤrzen. Der Heerbann und die Landwehr der Gaffer iſt auf den Beinen, Alles ſtroͤmt auf einem Punkte 94 zuſammen, es iſt wie die Kluft der Ewigkeit, Alles geht ein und Niemand aus. Selbſt das Weichbild entvoͤlkert ſich, um dieſen Menſchen⸗Occan zu vergroͤßern, der to⸗ ſend uͤber jene Felder rollt.. Heut iſt der Haupttag fuͤr die Fußgaͤnger, ſie ſchrei⸗ ten mit Sicherheit einher, ſind ruhig und ſtolz: ſie ſind die Koͤnige. Die Wagen duͤrfen nicht durch die Menge fahren. Wenigſtens Etwas! Der Sonntags⸗Buͤrger, mit ſeiner Frau und den lieben Kleinen dahertrollend, zeigt eine halb zufriedene, halb gelangweilte Phyſiognomie. Der kuͤrzlich nach Paris gekommene Soldat bewundert mit verduzter Miene. Der Feuerwaͤchter, aufgethauter und pfiffiger, naht ſich maieſtaͤtiſch mit ſeiner hochge⸗ putzten Schoͤnen, welche ſtolz eine Toilette zur Schau traͤgt, wo das Roth vorherrſcht unter den lebhaften, ſchreienden Farben. Reben ihnen geht mit ſardoniſchem Laͤcheln die an⸗ maßende Mode⸗Haͤndlerin voruͤber, auf den Arm eines großen jungen Mannes geſtüͤtzt, der in Civil aufs Hoͤchſte civil iſt, trotz ſeines militairiſchen Anſehns. Die Eliſaͤiſchen Felder ſind zum ungeheuern Markte geworden, wo vorzuͤglich Eßwaaren im Ueberfluß; denn ſoll ein Feſt gut ſein, ſo muß man ſchlampampen. Schaut her! Heut iſt der Tag zum Schmauſen, wir ſind auf Gamacho's Hochzeit. Fluͤſſiges und Feſtes iſt hier in Maſſen. Alle umherſtreichenden Kleinhaͤndler ſind herzugelaufen mit ungeheuren Vorraͤthen. Welche Lebens⸗ 95 mittel aller Art! Was fuͤr Backwerk und Zuckerwaaren! Welche Haufen von Pfannkuchen, Waffeln und Bretzeln, von Windbeuteln und Gerſtenzucker! Seht nur den Kuchen dort! habt ihr jemals einen Kuchen ſo rauchen ſehen? Das geht folgendermaßen zu: Es iſt naͤmlich ein Kniff, der ziemlich allgemein ange⸗ wendet wird, obgleich er, wie mich duͤnkt, nicht ſchwer zu entdecken iſt. Man hat einen Korb mit Fuͤßen, auf welchen man die Bleche mit den kleinen Broͤdchen und Backwaaren legt. Zwiſchen zweien laͤßt man mit Fleiß einen Zwiſchenraum und unter den Korb ſtellt man einen Topf heißen Waſſers auf ein Kohlenbecken. Nun dampft das Waſſer fortwaͤhrend Wolken aus, welche dem ober⸗ flaͤchlichen Beobachter von fern, aus den Kuchen ſelbſt zu kommen ſcheinen. Sie beſtaͤtigen ſprechend den Ruf des Hoͤkers: Ganz warm, meine Herren und Damen, friſch aus dem Ofen! Und gleichwohl iſt es ſehr klar, daß kein Backwerk, ſelbſt eben aus dem Ofen kommend, ſo rauchen kann; aber der Liebhaber achtet nicht darauf, daß der Dampf ſtets von einer Stelle kommt, und wun⸗ dert ſich bedeutend, wenn dr dann ganz kalten, vor acht Tagen gebackenen Kuchen ißt, der eben noch wie der Veſuv geraucht hat. Das heißt Induſtrie, Handels⸗ Genie! Ich koͤnnte wohl zwanzig gleich ſinnreiche Kunſt⸗ griffe anfuͤhren. 5 Wenn man von fern dieſe aufgeſchlagenen Zelte ſieht, ſollte man da nicht glauben, mitten in einem Heereslager zu ſein? Das Alles ſind improviſirte Reſtau⸗ rationen. Ueberall ſchwelgt man. Die Schaͤnkmaͤdchen laſſen Wein und Branntwein fließen. Heran mit den Oefen, wo die Nierenſtuͤcklein brodeln! Heran mit den Knoblauchswuͤrſten! Heran mit den Karren voller Krebſe und gekochter Seekrabben! und die Faͤſſer voll Bier und Cyder! Auf, ihr Herren Praſſer, ſtopft euch voll, hier giebt es Etwas! und, was meint ihr? iſt es nicht angenehm, ſeiner Liebſten einen Stengel Gerſtenzucker anzubieten, der noch von Niemand als vom Kraͤmer angeſaugt worden, oder einen Poͤckling, oder ein Glaͤschen Rum oder ſonſt eine Erfriſchung? Wollt ihr ſie noch galanter bedienen? Auch das! Dort ſchießt man mit der Armbruſt nach der Scheibe und der Preis iſt ein Haſe, ein Kaninchen oder eine magre Gans. Laßt ſehen, legt eine Probe eurer Geſchicklichkeit ab, trefft ins Weiße, und euch faͤllt ein lebendiges Stuͤck Wild oder Gefluͤgel zu, welches ihr wie ein Bouguet eurer Schoͤnen in den Schooß wer⸗ fen koͤnnt. Im Magen liegt der eigentliche Grund aller menſch⸗ lichen Freuden. Durch ihn nimmt man die Gunſt der Kleinen, wie der Großen in Anſpruch. Auch ließ die Regierung ſonſt Speiſe und Trank vertheilen. Waͤhrend des Kaiſerreichs und lange nach der Reſtauration ſteinigte man zu gewiſſen Zeiten das Volk in den Eliſaͤiſchen Feldern mit Auswerfen von Eßwaaren. Herrlicher Ge⸗ brauch, 97 brauch, auf mein Wort! Schade, daß man ihn abgeſchafft hat! In gewiſſer Entfernung errichtete man Buͤffets, hier fuͤr den Wein, dort fuͤr Fleiſch und Brod. O Civi⸗ liſation, ſind das deine Wohlthaten? Wie verſtehſt du dich dann ſo gut darauf, die Menſchen zu entwuͤrdigen! Leute, denen man Stuͤcke Brod und Fleiſch hinwarf, wie dem Vieh, und welche daruͤber herſtuͤrzten, wie die Hunde uͤber den Abfall des Wildes! Iſt das nicht genug Verworfenheit, genug Schande? Konnte man ein Volk mehr herabſetzen, mehr demuͤthigen, welches doch immer einen großen, einen edlen Namen traͤgt? Und man that dem Despotismus nicht den Schimpf an, ſeine ſchmach⸗ volle Freigebigkeit zu verſchmaͤhen? Ach nein! man raffte ſte auf, man ſtritt ſich darum. Hieß es nicht, das In⸗ tereſſe unſerer Selbſtliebe genau kennen, daß man uns den Fremden als eine verhungerte Horde ſchilderte, als elende Sklaven, welche die Bettelbrocken erwarten, die der Herr ihnen zuzuwerfen geruht, und ſich darum zan⸗ ken mit widrig⸗komiſcher Gier? Ein Volk mag hungern — das kommt vor— aber muß man denn ſelbſt noch mit dem Hunger des Armen ſeinen Spaß treiben? Auf ein Signal begann die Vertheilung. An jedem Buͤffet befanden ſich zwei tuͤchtige Gensd'armen, zwei oder drei Mann, um die Eßwaaren auszuwerfen, und ein Commiſſrius mit der Schaͤrpe, als Gewaͤhr fuͤr das Volk,⸗ daß Alles loyal zugehen werde. Und ploͤtzlich flogen nach rechts und links, nach vorn und hinten die Pfund⸗ . 3 5 98 brodte and die Paſteten zu funfzehn Sous. Lavinen aus der Garkuͤche ſielen von oben auf die ſchnappende Menge, und alle Koͤpfe, eine Sekunde vorher unbeweglich, wog⸗ ten nun wie ein ſtuͤrmiſches Meer. Da ſah man Hun⸗ derte von Haͤnden in die Luft fahren, um ſich die Beute zu entreißen, manch' ungeheurer Schlund klaffte ſchon im Voraus weit auf und kaute, obſchon er noch leer war; denn wie geſagt, die gebratenen Tauben fielen vom Him⸗ mel. Eine wirklich ſinnreiche Idee! meint ihr nicht auch? Brod⸗Kugeln und Paſteten⸗Bomben und Huͤhner⸗ Kartaͤtſchen, war das nicht charmant? Und ſeht nur den Undank! Das Volk hat ſeitdem auch einmal austheilen wollen, und fuͤr die Eßwaaren, die man ihm ſo oft ge⸗ ſpendet, hat es Kugeln zuruͤckgeſchickt und ausgeriſſene Pflaſterſteine. Es kommt entſchieden Nichts dabei heraus, honett mit ihm zu verfahren. Und wie huͤbſch waren doch jene Indigeſtions⸗Spen⸗ den! Welche hoͤchſt laͤcherlichen Vorfaͤlle, welche tragi⸗ komiſchen Epiſoden zur Veraͤnderung bei dieſem Schau⸗ ſpiel! Die Angeſtellten, welche den Dienſt bei den Kata⸗ pulten verſahen, lachten, daß ihnen die Thraͤnen uͤber⸗ floſſen, und wuͤrzten mit tauſend tollen Streichen die Ausuͤbung ihrer Pflicht. Bald rikochettirte ein Brod auf den dicht gedraͤngten Schaͤdeln, wie eine Granate auf dem Erdboden oder wie ein Scherben auf dem Waſſer, bald karambolirte ein Schinken mit einigen Naſen. Und ich uͤberlaſſe euch, die Beulen und Quetſchungen zu be⸗ 1 99 urtheilen, die zerſchlagenen Koͤpfe und die blau unter⸗ laufenen Augen, die es gab, um ſo mehr, da heftige Zwiſtigkeiten unter den Liebhabern entſtanden. Alle Geluͤſte waren handgemein und kein Stuͤck blieb ganz in denſelben Fingern. Niemand war im Stande, einen guten Biſſen davonzutragen; man zerriß die Gunſt des Herrſchers, gleichſam um die unendliche Theilbarkeit der Materie zu beweiſen. Da war ein Lump, der am Ende etwas zu eſſen erwiſcht hatte: im ſelben Augenblick ſchlug ihm ein Wurf die letzten Zaͤhne ein; und nun frag' ich euch: ob es wohl etwas Verdrießlicheres giebt, als eine Speiſe⸗Vertheilung, wo man euch vorher die Kinnladen verrenkt? Das Alles ergoͤtzte die unbetheilten Zuſchauer nicht wenig, die gute Geſellſchaft naͤmlich, welche ſich in eini⸗ ger Entfernung außer dem Wirkungskreiſe der Verthei⸗ ler hielt. Unter dieſen letztern gab es inzwiſchen manch⸗ mal verteufelt malizioͤſe Geſellen, welche ſich damit be⸗ luſtigten, ihre Kraͤfte zu uͤben. Da kam denn ganz ur⸗ ploͤtzlich ein Brod oder ſonſt Etwas, kraftvoll geſchleudert, uͤber den gewoͤhnlichen Bereich hinaus, und traf gegen alle Wahrſcheinlichkeit den Neugierigen, der ſich ganz her waͤhnte, und zerſchlug ihm den Arm oder gar den opf. O der Schande! Von einer Bombe oder einem Gra⸗ natſtuͤck verwundet, getoͤdtet zu werden: charmant! aber beſchaͤdigt von einer Bratwurſt, zu Boden geſtreckt von . 2 5* 10⁰⁰ einem gefuͤllten Darme: das iſt um gleich zu vergehen vor Scham und Aerger. Ganz anders ſtanden die Sachen an den Wein⸗ Schaͤnktiſchen. Ich weiß nicht, ob ihr je uͤber die wun⸗ derbare Liebe des Volkes zum Weine nachgedacht habt. Fuͤr mich iſt es ein unerklaͤrliches phyſiologiſches Phaͤ⸗ nomen, ein Phaͤnomen, welches der Gegenſtand meines ſtarren Erſtaunens iſt, dieſer allgemeine, immerwaͤhrende, nie zu ſtillende Durſt, dieſe Trinkwuth, dieſer Wahnſinn, ſeinen Leib zur Tonne fuͤr gegohrenen Beerenſaft zu machen. Wiel man ſollte kein Mittel finden, die arbei⸗ tende Klaſſe von dieſem zuͤgelloſen Hange zum Trunk und zur Vöoͤllerei zu heilen? Es muß im Geſchmacke ſelbſt des ſchlechtſten Weins irgend eine unwiderſtehliche Wolluſt liegen, die ſich mit der Zeit enthuͤllt, oder wenn das nicht des Raͤthſels Loͤſung iſt, ſo muß das Volk ſehr elend ſein, um fortwaͤhrend noͤthig zu haben, im Rauſche das Vergeſſen ſeiner Lage zu ſuchen. Seht nach, welche Laͤden am beſuchteſten ſind: immer die Schaͤnken. Die Weinhaͤndler, das ſteht zu erweiſen, ſind faſt ſo zahlreich wie alle andere Kaufleute zuſammen, und doch findet man ſtets Kunden an ihren Tiſchen. Das macht, ohne Trinken geſchieht Nichts beim Volke, Trinken iſt fuͤr daſſelbe Anfang, Fortgang und Ende von Allem. Das Erſte, was das Volk beim Fruͤhaufſtehn thut, iſt Trin⸗ ken, das Letzte beim Schlafengehn, wieder Trinken. Alle Lebensthaͤtigkeit, jedes Begegnen, Wiederſehen, jede 101 Verſoͤhnung, jeder Verkauf und Vertrag und jedes Ver⸗ ſprechen wird verfeſtigt, beſiegelt, eingeweiht und gekit⸗ tet durch das unvermeidliche Glas Wein. Es giebt ſo⸗ gar Tage, Sonntag und Montag zum Beiſpiel, welche ganz beſonders zur Luͤderlichkeit beſtimmt ſind, an denen man es ſich zur Pflicht macht, zu ſaufen. An ſolchen Tagen muß man ſich nothwendig einen Haarbeutel trin⸗ ken, man muß ſich beſaufen: das iſt Pflicht und Schul⸗ digkeit. O ihr ewigen Zechbruͤder! Wenn ſich zwei Freunde begegnen, hoͤrt ihr alsbald: Haͤltſt Du mich frei? Trinkſt Du einen Schoppen? Wenn ſich Zwei um Etwas ſtreiten, ſo kommt unfehlbar: Ich wette einen Schoppen oder ein Maaß, oder ein Paar Flaſchen, daß es nicht wahr iſt!— Immer und ewig Vater Roah's Fluͤſſigkeit! Ungluͤckliche Frauen ſind gezwun⸗ gen, ihre Maͤnner in der Schaͤnke zu ſuchen und ſie mit Gewalt fortzuſchleppen, damit nicht das ganze Wirth⸗ ſchaftsgeld drauf geht. Man hat keinen Begriff von ſolcher Monomanie. Wer nur irgend fuͤr euch arbeitet, einen Auftrag beſorgt, ein Paket traͤgt oder einen Brief⸗ verfehlt nie, euch ein Trinkgeld abzufordern. Eſſen? nein, das kann man entbehren; aber Trinken: o das iſt unerlaͤßlich! 4 Die Regierung faßte alſo das Volk bei der empfind⸗ lichſten Seite, als ſie ehedem in den Elyſaͤiſchen Fel⸗ dern Wein fließen ließ.. Seit Tagesanbruch ſah man Banden von Trinkern, wahrhafte Coalitionen von Säͤufern, ſich⸗ nach jener Seite wenden; denn alle dieſe Leute kannten ſo gut wie Herr Say die Vortheile der Geſelligkeit. Jeder Trupp kam mit Banner und Trommelſchlag, tuͤchtigem Ge⸗ ſchrei, tuͤchtigen Kruͤgen, tuͤchtigen Armen, tuͤchtigen Eimern und einer großen Tonne, die im Triumph ge⸗ tragen wurde, obſchon ſie noch leer war. Auf dem Schlachtfelde angelangt, ſetzte man die Tonne an einen beſtimmten Platz, mit dem Pannier daneben, um die Freunde zu ſammeln, und ſtellte ein paar Schildwachen aus, das Gemeingut zu bewachen. Hierauf reihten ſich die Verbuͤndeten in Maſſe vor einem einzigen Schaͤnk⸗ tiſch, um ſich gegenſeitig zu unterſtuͤtzen. Jeder, der einen Eimer oder ein ſonſtiges Gefaͤß hatte, ſtieg auf die Schulter eines Gefaͤhrten, und dieſe Art Doppelmen⸗ ſchen oder Centauren erwartete ungeduldig das Signal zum Angriff⸗ Endlich kam der erſehnte Augenblick. Der Bohrer ſpielte ſeine Rolle, die Faͤſſer waren durch. Eine Zeit lang ließ man hoͤflich genug den Erſten am guten Platz beim Zapfen ſeinen Henkelkrug mit dem roͤthlichen Saft fuͤllen, aber bald wurde man des Harrens muͤde und das Stoßen begann. Zwei verſchiedene Zuͤnfte, die Koͤhler z. B. und die Waſſertraͤger, machten ſich die enge Oeffnung ſtreitig. Man faßte ſich am Kragen, man ſchimpfte, Puͤffe wurden ausgetheilt und empfangen, man ſuchte ſich gegenſeitig vom Ehrenplatz zu verdraͤngen, derſelbe 103 Eimer ging und kam zehn Mal. Von Zeit zu Zeit ge⸗ lang es einem eiſernen Arme, ein paar Minuten ſein ſiegreiches Gefaͤß unter den kargen Sprudel zu halten; aber ploͤtzlich zwang ihn ein heftiger Stoß zum Weichen. In dieſer Ebbe und Fluth konnte es nicht fehlen, daß eben ſo viel Getraͤnk auf die Erde floß wie in die Kan⸗ nen, um ſo mehr, da manchmal ein Kampfesheld, wenn er, zu fruͤh fortgejagt, mit Schmerz ſehen mußte, wie ſein Nachfolger eine ordentliche Portion des köͤſtlichen Gebraͤues erwiſcht, den Rand von deſſen Eimer faßte and in ſeinem Groll den ganzen Inhalt ausgoß, als ob er ſagen wollte: Ich habe Nichts, aber Du ſollſt auch Nichts haben. Da mußte man denn die Koͤpfe ſehen, wie ſie weidlich trieften von der Weintaufe, und das Geſchrei und Fluchen bemerken, das entſtand, und die Fauſtſchlaͤge, und wie die Kruͤge auf den Geſichtern zerſchmettert wurden! Indeſſen trug Jeder, der in dieſem Gewuͤhl etwas Anderes erlangte als Puͤffe, die Frucht ſeiner Bemuͤhun⸗ gen in die Gemeindetonne, welche manchmal auf drei⸗ viertel gefuͤllt wurde, je nachdem die Bande zahlreich und kriegsgewohnt war. Wenn das abgemacht, ging es wieder zum Sturm, waͤhrend andre Kameraden ſich mit den Eßwaaren beſchaͤftigten. Aber kein Brunnen iſt unerſchoͤpflich. Wenn die Tonnen der Regierung end⸗ lich leer ſtanden, ſo war die Beſtuͤrzung der Liebhaber unermeßlich, und man verfehlte nie, die Wahrheit dieſer 104 Ankuͤndigung in Zweifel zu ziehen. Das Volk iſt miß⸗ trauiſch und glaubt immer, man will es verkuͤrzen. Da gab es einige ſtarkknochige Luͤmmel und Queerkdpfe, die behaupteten, man betroͤge ſie, und, ſie wollten ſich ſelbſt Gewißheit verſchaffen, ob die Faͤſſer wirklich leer oder ob die Vertheiler eins vergeſſen, um ſich eigenhaͤndig bezahlt zu machen. Alsbald entſtand ein hitziges Hin⸗ und Herreden. Die groͤßten Tollkoͤpfe verſuchten die Buͤffets zu erklettern, ſie klammerten ſich an die Bretter, und die Gensdearmen zerſchlugen ihnen die Haͤnde mit den Gewehrkolben, um ſie abzuhalten. Und das Ende war doch, daß man auf Wein verzich⸗ ten mußte, weil keiner mehr da war. Jeder kehrte zu ſeiner Fahne zuruͤck, und um die Schaͤnktiſche blieben die Scherben, die zerſchlagenen Gefaͤße, die Fetzen von Klei⸗ dern liegen, und ein zerſtampfter Moraſt von Blut und Wein verpeſtete die Atmoſphaͤre mit Stickluft und ekel⸗ haften Duͤnſten. Die Verbuͤndeten aber ſetzten ſich in Marſch nach ihren Vorſtaͤdten zuruͤck, indem ſie, Beſeſ⸗ ſenen gleich, Sauflieder im Chor anſtimmten und der ganzen Stadt das Schauſpiel ihrer unſaubern Froͤhlich⸗ keit und ihrer Sanskuͤlotten⸗Voͤlllerei gaben. Und wenn nur noch Alle nach Hauſe gegangen waͤren Aber da gab es ſtets Viele, die unfaͤhig waren, ſich fort⸗ zumachen; ſie blieben da, im hoͤchſten Grade der viehi⸗ ſchen Herabwuͤrdigung, mit blutigem Geſicht, entſtellt und zerlumpt, und ſchrieen die Voruͤbergehenden an und 105 erſchoͤpften gegen ſie den Reichthum ihres unſaubern Witzes. Einige waren nun nur noch Kranke, eben zum Hospital und den Pflaſtern reif. Manchmal ſetzte ein alter Mann mit rothem Geſicht und Silenusbauch ſeine Trankopfer im Kreiſe der Neugierigen fort, trank den Eimer vollends aus, und fiel endlich, gleich den Heloten in Lacedaͤmon, die man betrunken machte, um den jun⸗ gen Spartanern einen Abſcheu vor dieſem Laſter beizu⸗ bringen, zur Erde, waͤlzte ſich im Koth, wie ein Ferkel, und ſchlief feſt ein, um ſeinen Rauſch bis zum andern Tage zu verwinden. Das Alles war im hoͤchſten Grade ſcheußlich und wahrhaft unanſtaͤndig. Uebrigens konnte man dieſen Vertheilungen auch noch den Vorwurf machen, daß da⸗ bei eine gewiſſe Sparſamkeit, ein aͤrmlich filziges Weſen, eine Knickerei herrſchte, welche der Selbſtliebe hoͤchſt an⸗ ſtoͤßig war. Ich geſtehe meine Schwachheit: ich liebe die Pracht, ſelbſt im Schlechten. Ich begreife vollkommen jenen Kaiſer von China, deſſen die alte Tradition erwaͤhnt, wie er einen See graben ließ, den er mit Wein, gleich einem Kelch, fuͤllte, um dort ſchwelgeriſche Feſte zu geben:— dabei iſt doch etwas Großartiges, etwas Erhabenes in der Ausſchweifung. Aber bei ſolcher Gelegenheit kleinlich und genau ver⸗ fahren und ſich karg und knauſerig zeigen, die Faͤſſer mit einem Zwickbohrer durchloͤchern, damit es das An⸗ ſehen habe, als ſollte der Springbrunn ewig ſpielen, 106 ſich unterfangen, den Volksdurſt, deſſen Grenzen noch Niemand kennt, mit einem paar Tropfen Wein zu loͤſchen, und, die Uhr in der Hand, aͤngſtlich berechnen, wie viele Zeit jedes Faß zum Auslaufen braucht:— das ver⸗ lohnt ſich doch wahrlich nicht der Muͤhe. Endlich— dem Himmel ſei Dank und Herrn von Belleyme, glaub' ich— haben dieſe Wein⸗ und Speiſe⸗ vertheilungen in den Elyſaͤſchen Feldern aufgehoͤrt. Noch eine Reform, die man in Anrechnung bringen muß, iſt die, daß man nicht mehr bei den oͤffentlichen Feſten Gensd'armen mit nacktem Saͤbel ſieht: man hat ſchon genug an ihnen ſelbſt, nicht wahr? Wenn euch vor einigen Jahren die Regierung irgend wohin einlud, damit ihr euch freuen ſolltet, verfehlte ſie auch nie, um euch zu empfangen, eine zahlreiche Wache aufzuſtellen, welche mit gezuͤcktem Saͤbel bereit war, die Leute zuſammenzuhauen, ganz als ob man den Feind erwartete. Inmitten der Feſtesfreude war es ein ſonderkares Ding, wie die verteufelt langen Klingen ſo wankten und drohten und in der Sonne blitzten, wie ich ſie oft blitzen geſehen auf dem Greveplatz an Exeku⸗ tionstagen unter dem Hochgericht. Jetzt giebt es alſo weder Saͤbel noch Wein gratis. Was noch bleibt, iſt wirklich die beſte Seite von den oͤfeentlichen Feſten. Vor Allem iſt's das Carré Marigny, das ewige Carré Marigny mit ſeinen Schaubuden, Seil⸗ taͤnzern, Orcheſtern⸗ und Kletterſtangen. 107 Wer kennt nicht das Carré Marigny! Wer von uns aus der großen Stadt iſt nicht in muͤßigen Stunden mehr als einmal nach dem geraͤumigen Orte gegangen, der ſeit Menſchengedenken der Sammelplatz der Ballon⸗ ſchlaͤger, der Ballſpieler und Kegelſchieber iſt? Auch thut es mir wahrhaft leid, wenn ich bedenke, wie an den oͤfentlichen Feſten alle dieſe achtbaren Buͤr⸗ ger in ihren liebſten Gewohnheiten und Freuden geſtoͤrt werden. Da iſt von keinem Ballon⸗, Ball⸗ noch Kegel⸗ ſpiel mehr die Rede. Symphonien laſſen ſich von ver⸗ ſchiedenen Orten hoͤren, beſoldete Minſtreels werfen von ihrem Geruͤſte kleine Paͤckchen gedruckter Gedichte her⸗ ab, und ein Regen von Verſen zum Lobe des Herrſchers, der ſeinem Volke ſo ſchoͤne Feſte giebt, faͤllt auf die Haͤupter der Umſtehenden, und alle dieſe kleinen weißen Zettel flattern hierhin und dorthin, wie Schneeflocken. und doch bilden ſich, trotz der gluͤhenden Sonne, die Quadrillen beim Klange der Violine, der ſich in den Luͤften und im Lermen der Menge verliert, und die Contretaͤnze gehen ihren Gang. Neiner Proſit fuͤr die Stammgaͤſte der Tanzboͤden! denn heut' bezahlt auch der Herr Nichts. Nur heran! ihr werdet euch ergoͤtzen; denn bei ſolcher Gelegenheit giebt's immer einen Burſchen, der den Spaßmacher der Geſellſchaft vorſtellt, und durch ſeine artigen Scherze den Ball erheitert. Waͤhrend man hier auf Gottes Erdboden tanzt, geht es auch dort auf den Seilen los. Die akrobatiſche Ge⸗ 108 ſellſchaft der Madame Saqui giebt eine Vorſtellung in freier Luft. Demoiſells, welche man nur beim Kerzen⸗ ſchein zu ſehen gewohnt iſt, treten bei hellem lichten Tage auf mit ihrer geſchminkten gelben Haut und ihrem verblichenen Flitterſtaate. Pagliaſſo ſtreicht ihnen Kreide unter die Sohlen, ſie erfaſſen die Balancirſtange, und dort geht's hin auf dem elaſtiſchen Tau, mit kleinen Schritten ſpringend, zephyrgleich ſchwebend, aufſetzend und wieder emporgeſchnellt, wie ein Federball auf der Nakete, waͤhrend Pagliaſſo ſein ſpitzes Huͤtlein unter⸗ haͤlt, um ſie aufzufangen, wenn ſie etwa herabſielen. Stellt ihr euch denn recht vor, in welcher Lage ein zunges Maͤdchen mit einem uͤbermaͤßig kurzen Rocke iſt, das ſo dreißig Fuß uͤber dem Boden als Lufttaͤnzerin, wie ein Vogel uͤber dem See von Menſchenkoͤpfen ſchwebt⸗ Zwei⸗ bis dreitauſend Augenpaare beſehen ſie von oben bis unten, und doch muß ſie alle Stellungen annehmen, ſie muß ſich ſetzen, muß wieder aufſtehen, das Bein ausſtrecken—— 8 Es iſt wahr, dieſe Bajaderen tragen Pantalons; aber demungeachtet muß ein junges Maͤdchen, glaub ich, von Kindheit auf an dergleichen gewoͤhnt ſein, um ſich, ohne zu erroͤthen, ſo den Blicken preiszugeben. Wenn Seiltaͤnzer von allen Grdͤßen erſchienen ſind, vom kleinſten Kinde, das kaum gehen kann, bis zu Pagliaſſo, welcher, der Keckſte von allen, ſtets ohne Balancirſtange tanzt, wird das Seil abgeſpannt, das 109 Geruͤſt aufgerichtet, und Jeder, immer wieder nach der Groͤße, muß den Anlauf nehmen und, bei dem elaſti⸗ ſchen Schwungbrette aufſetzend, den Salto mortale ma⸗ chen. Pagliaſſo, ſtaͤrker als die Andern, macht ihn durch mehrere mit Papier uͤberzogene Reifen, die er im Ueber⸗ ſchlagen zerſprengt. Machen wir jetzt eine halbe Wendung. Da ſtehen wir im Angeſicht eines Theaters, wo man ſeit fruͤh die⸗ ſelbe Pantomime zwanzig Mal wiederholt. Auf dieſem Theater ſah ich alle Großthaten der Reſtauration auf⸗ fuͤhren. Da uͤberzog ein franzoͤſiſches Heer von zehn Veteranen ein Koͤnigreich Spanien von zehn Quadrat⸗ fuß und ſtuͤrmte einen Trocadero von Pappe; da wurde die Schlacht von Navarin zwiſchen zwei Kaͤhnen gelie⸗ fert und eine griechiſche Bevoͤlkerung von vier Maͤnnern, drei Frauen und zwei Kindern dankte mit gen Himmel gehobenen Haͤnden der Befreiungsarmee, abermals aus den zehn Veteranen beſtehend; endlich beſchoß eine Flotte von einem einzigen Schiffe eine Stadt mit einem ein⸗ zigen Hauſe, welches Algier vorſtellte, und die ewig wie⸗ derkehrenden Veteranen bewirkten mit Gluͤck ihre Lan⸗ dung, trotz der vier oder fuͤnf Beduinen, deren jeder an dieſem Tage mindeſtens ſechszig Mal getoͤdtet wurde. Weit dramatiſcher, als alle dieſe Dramen, iſt eine Kletterſtange. Wir haben deren vier um uns. Sie ha⸗ ben an ihrem Fuße ungefaͤhr achtzehn Zoll Durchmeſſer, und ſind natuͤrlich ſehr glatt; noch dazu beſtreicht man 110 ſie jedesmal, wenn man ſie braucht, von oben bis unten mit einer dicken Lage von ſchwarzer Seife, Schmalz, Talg, altem Oel und Theer, ſo fett und unreinlich man es ſich nur denken kann. Das iſt ſehr einladend, ſeht ihr! Aber iſt es nicht offenbar eben ſo mit dem Wege, der zur Groͤße fuͤhrt? und wenn man den Gipfel zu erreichen hofft, kehrt man ſich dann wohl an einige Flecken, die man unterweges auf ſich ladet? Wenn die Stangen wohl eingeſchmiert ſind, ſo wer⸗ den ſie aufgerichtet. Sie ſind mit einer Fahne verſehen, der Wimpel, welcher den erſten Preis vorſtellt, flattert ſchon auf dem Gipfel, aber die Krone iſt noch unten. Dieſe Krone, muß ich euch ſagen, iſt ein Reifen mit Laub bedeckt, an welchem die Preiſe befeſtigt ſind; ſie beſtehen aus Silberzeug, zwei Beſtecks, einem dickbaͤu⸗ chigen Becher und einem abſcheulichen Bratenwender von Uhr. Wenn nun Alles ordentlich feſtgemacht iſt, ſo wird die Krone mittelſt eines Flaſchenzugs, deſſen Strick in einem Falze laͤuft, aufgehißt. Das Silberzeug, wel⸗ ches in der Sonne blitzt, dient dazu, die Liebhaber an⸗ zulocken; man macht ſie luͤſtern durch das Auge. Am Fuße des Maſtes iſt eine Art von Graben, eine Circumvallation, wo man die Gensd'armen aufſtellt, daß Alles mit Ordnung zugehe. Aus dieſem mit einer Barriere umgebenen Graben ſeht ihr die Bewerber nach einander hervorkommen. 111 Das iſt kein gewoͤhnliches Volk, o nein! nicht der Hand⸗ werker, dem ihr, wie ich, gewohnt ſeid zu begegnen. Es ſind Geſtalten, die man nur an einem ſolchen Tage ſieht, unheimliche Galgenphyſiognomieen, wahr⸗ haft wie Banditen in ihrem Weſen, wie Kerls von der Zuchtpolizei, oder Solche, die ſich grade vor die Guillo⸗ tine ſtellen, wenn Einem der Kopf abgeſchnitten wird; ein Geſindel, gegen das die Lumpenſammler und Stie⸗ felputzer als eine Hoch⸗Ariſtokratie gelten koͤnnen. Man fuͤhlt ſich halb gluͤcklich in ſeiner Lage, wenn man dieſe Art Wilden ſieht, wie ſie ſich den Blicken der Menge, in einem Zuſtande faſt gaͤnzlicher Nacktheit, ausſetzen, die Beinkleider hochmoͤglichſt aufgeſchuͤrzt bis auf die Dicke der ſchwarzen, ſchmutzigen, eyniſchen Schenkel. Die Erſten, welche das Aufſteigen verſuchen, hoffen auf Nichts, wie ihr wohl denken koͤnnt; es iſt nur, um die Sache in Gang zu bringen, um die Straße zu bah⸗ nen und zu ſaͤubern. Sie reiben das Fett mit ihrem Leibe ab, ſie kratzen das Fett mit den Haͤnden herunter, und werfen ganze Faͤuſte voll auf die Erde. In allen Dingen ſind die erſten Schritte die ſchwerſten, obſchon die minder glorreichſten. Faſt nie erntet der des Unter⸗ nehmens Fruͤchte, der es angefangen hat; es traͤgt ihm nur Unannehmlichkeiten ein. Der Maſt iſt unten viel dicker, als hoͤher hinauf, daher iſt es viel ſchwerer, ihn zu umfaſſen und daran aufzuklimmen; aber das iſt dem Publikum gleich viel: die erſten Anſtrengungen, was 112 auch ihr Verdienſt ſein moͤge, bleiben dunkel und un⸗ bekannt. Das Publikum nimmt an ihnen keinen An⸗ theil. Aber nach und nach kommt man hoͤher. Die Er⸗ fahrnen miſchen ſich hinein, die Helden der Rotte, die⸗ jenigen, welche ſchon in dieſer Art einen alten Ruhm haben, an deren Großthaten man ſich erinnert, und die gewohnt ſind, ſeit langen Jahren dieſe Preiſe davon zu tragen, wie die beruͤhmten Athleten des Alterthums;— dieſe gebrauchen ihre Kraft nicht gleich beim erſten An⸗ lauf, ſie ſchonen ſich, ſie ſteigen langſam, aber ſie kom⸗ men weiter als die Andern; ſie erſchoͤpfen ſich nicht, aͤrgern ſich nicht und ruhen ſich weislich aus von Zeit zu Zeit. Alle(das wird verſtattet) tragen am Guͤrtel Saͤckchen mit Aſche, um das Fett damit zu beſtreuen und minder ſchluͤpfrig zu machen. Demungeachtet ſieht man noch lange Zeit nichts als eitle Beſtrebungen; bis zu einer gewiſſen Hoͤhe ge⸗ kommen, gleiten die Bewerber raſch wieder abwaͤrts. Es ſcheint dort ein verhaͤngnißvoller Punkt zu ſein, den man nicht uͤberſchreiten kann, der das Maaß menſch⸗ licher Kraft bildet. Auch giebt es gar einige Toͤlpel, welche nicht halb ſo hoch kommen, und, wenn ſis ſich kaum uͤber die Menge hinausgehaspelt, plump wieder zuruͤckfallen, unter allgemeinem Gelaͤchter. Glaubt man da nicht einen jener Ehrſuͤchtigen ohne gerechten An⸗ ſpruch, jener abgewieſenen Poſtulanten zu ſehen, die nur 113 dahin gelangen, ſich einen Augenblick zu zeigen, um gleich darauf in ihr natuͤrliches Dunkel zuruͤckzufallen, mit Koth und Schmach und Hohn bedeckt? Endlich iſt der Zauber gebrochen; ein ſtarker Geſell hat den Punkt uͤberſchritten, wo man bis dahin ſtutzte; nun wird ihn alle Welt uͤberſchreiten. So ſind die Menſchen, ſie beduͤrfen nur des Beiſpiels: ſobald eine Sache als moͤglich erwieſen, iſt ſie fortan fuͤr Niemand ſchwer. Unſer Mann ſteigt indeſſen immer hoͤher, er hat eine gute Strecke zuruͤckgelegt, aber er iſt muͤde und wird matt. Man ermuntert ihn, er hat nur noch ein paar Fuß zu uͤberwinden— wird er des Gluͤckes Gunſt im Stich laſſen? Er ſtrengt ſich an, aber er gewinnt keinen Schritt, verliert aber auch keinen; er haͤlt an und ruht ſich aus. Von allen Seiten hoͤrt man das Rufen: Er kommt hin! Er kommt nicht hin! Fort, armer Tantalus! Nach drei Minuten einer Raſt, welche an und fuͤr ſich ſchon ermuͤdet, beginnt er wieder klettern zu wollen, aber vergebens; er erſchoͤpft ſich und kommt nicht vor⸗ waͤrts. Er ſcheint ſogar zuruͤckzuweichen; ja, ein paar Zoll iſt er wirklich herabgeglitten. Hartnaͤckig klammert er ſich an, er ermannt ſich, es gelingt ihm, wieder zu gewinnen, was er verloren hat.(Beifallsbezeugungen.) Aber dieſe uͤbernatuͤrliche Anſtrengung hat ihm den Reſt gegeben. Was! bis dahin gekommen ſein und den klei⸗ nen noch uͤbrigen Zwiſchenraum nicht zuruͤcklegen koͤn⸗ . 8 5**ν 114 nen? Grauſame Lage! Unausſprechliche Qual! Ein Gemurmel erhebt ſich nun auf einmal, halb Mitleid, halb Spott, und der arme Teufel gleitet am Maſt viel ſchneller herunter, als er hinaufgeſtiegen. Das heißt ſeiner Arbeit Lohn verdienen! Er gleicht einem Hofmanne, der ſeit der zarteſten Jugend nach der Stelle eines erſten Miniſters geſchielt, viel Qual erlit⸗ ten, um dies Ziel ſeiner Wuͤnſche zu erreichen, von Staf⸗ fel zu Staffel auf der Leiter der Wuͤrden geſtiegen, nun an den Gipfel hinauflangt und ſchon alle Hinderniſſe uͤberſprungen zu haben glaubt— da verliert er ploͤtzlich das Gleichgewicht, ſtrauchelt, ſtuͤrzt aus Himmelshoͤhen in den Koth hernieder, und entzuͤckt alle Neider ſeines Gluͤcks durch das Schauſpiel ſeines Falles. O welch ein Sinnbild iſt ſolch eine Kletterſtange! welch unerſchoͤpf⸗ licher Gegenſtand moraliſcher Betrachtungen! Welche hohe Lehren, welche erhabenen Gleichniſſe in dieſem Schauſpiel, das nur denen unbedeutend ſcheint, die es nicht zu begreifen vermoͤgen! O wenn wir einen Philo⸗ ſophen hier haͤtten, was fuͤr ſchoͤne Dinge wuͤrde er uns ſagen uͤber die Eitelkeit des menſchlichen Hoffens, uͤber die grauſamen Taͤuſchungen der Ehrſucht, uͤber die Schwierigkeit, auf dem ſchluͤpfrigen Wege zu Gluͤck und Ehrenſtellen emporzukommen! Aber das Beiſpiel des Armen, der von ſo hoch ge⸗ fallen, hat bewieſen, daß man bis dahin kommen kann: Andre, minder verdienſtvoll, werden mehr Gluͤck haben. 115 Da klettert ſchon Einer, ein Andrer folgt ihm, dann kommt ein Dritter, Vierter, Fuͤnfter. Seht die Indu⸗ ſtrien Sie dienen Einer dem Andern zum Fußſchemel. Der Erſte ſetzt ſeinen Fuß auf die Schultern des Zwei⸗ ten, der Zweite auf die des Dritten und ſo fort. Wenn ſich der Haͤuptling der Rotte gut ausgeruht hat, macht er ſich wieder auf den Weg. Wird er hinkommen? Ja. Es iſt Amerigo Vespucci, der dem Columbus den Preis ſeiner Muͤh' und Arbeit raubt. Er ſtreckt den Arm aus, noch iſt er nicht nah' genug. Er klettert noch ein wenig hoͤher und ſtreckt wieder den Arm aus. Dies Mal geht es, er faßt die Krone, erklimmt endlich die Spitze des Maſtes, reißt den Wimpel ab, als erſten Preis, laͤßt einen ſtolzen Blick uͤber die Menge ſchweifen, und ſteigt mit ſeiner Beute herab. Es iſt geſchehen; der Maſt iſt ſeiner ganzen Laͤnge nach abgerieben, die ſilbernen Ge⸗ ſchmeide werden abgenommen, aber Einer darf nur immer einen Gegenſtand erhalten. Nicht immer kommen ſie muͤhlos zum Ziele. Die vier Maſten werden nicht zu gleicher Zeit beraubt; doch iſt es, glaub' ich, unerhoͤrt, daß einer als unerſteiglich uͤbrig geblieben waͤre. Inzwiſchen iſt die Sonne hinter den Baͤumen ver⸗ ſchwunden, man geht zum Eſſen und kommt zum Feuer⸗ werk wieder. Die Illumination beginnt. Die von der Regierung mit Patenten verſehenen Kaufleute haͤngen Fahnen uͤber ihte Thuͤren und Transparents mit ſchoͤnen Deviſen. 116 Ueberall Tarus mit Lampen behaͤngt und Guirlanden von bunten Glaͤſern, und in der Ferne das Pantheon mit ſeinen Feuerbaͤndern und ſeiner Kuppel, die zum Himmel aufragt. 2 Die Menge bleibt ſich immer gleich in den Elyſaͤi⸗ ſchen Feldern, ungeachtet der halb todten, trunkenen Leute, welche man unter ſeinen Fuͤßen findet, ungeach⸗ tet des Talgs, das auf die Koͤpfe trieft. Das Feuerwerk wird fruͤhzeitig abgebrannt; es geſchieht auf dem Platze Ludwigs XV. Alle Umgebungen, alle Quais, die Koͤnigs⸗ ſtraße, die Terraſſe der Tuilerien ſind mit einer dicht⸗ gepreßten Volksmenge bedeckt. Die Pariſer ſind uner⸗ ſattlich beim Feuerwerk. Obgleich es immer dieſelbe Geſchichte iſt, ſo fehlten ſie doch nicht, um alles Gold der Erde, bei einem einzigen, wenn ſie es auch ſchon funfzig Mal geſehen haben. Stunden lang wartend, ſind ſie auf den Fuͤßen, um ein ſchales Vergnuͤgen von wenigen Minuten zu erkaufen. Und Gott weiß, was waͤhrend dem fuͤr Schnupftuͤcher, Doſen, Uhren und Böorſen geſtohlen werden! Das iſt aber noch nicht Alles; noch eine andere uUnannehmlichkeit erwartet die Frauen in ſolchem Gewuͤhle. Gewiſſe Tolldreiſte draͤngen ſich nur hinein, um ſich ſonderbare Freiheiten zu erlauben. Durch das Gedraͤnge und die Finſterniß beguͤnſtigt, kommt manche Suͤnde, manche unſtatthafte Beruͤhrung vor, wuͤrdig, das em⸗ pfindliche Genie des Pater Sanchez in Thaͤtigkeit zu ſetzen. Was iſt das fuͤr ein Flegel, fuͤr ein Luͤmmel, fuͤr ein Schlingel?!— Von wem reden Sie, Madam? — Sie ſind unverſchaͤmt, laſſen Sie mich zufrieden!— Das hoͤrt man unausbleiblich rings um ſich her. Aber ploͤtzlich wird das Zeichen gegeben. Herr Rug⸗ gieri, der Stadtfeuerwerker, laͤßt ſeine pyrotechniſchen Meiſterſchoͤpfungen in Brand ſetzen. Die Feuertoͤpfe beginnen zu arbeiten. Bomben, Sterne, roͤmiſche Lichter, Raketen, Brillantſchwaͤrmer, Sonnen, Garben, bengaliſche Feuer, Nichts fehlt. Geruͤſte, wie große Skelette anzuſchauen, entzuͤnden ſich und ſpeien Flammen. Kaskaden von Salpeter und Schwefel durch⸗ kreuzen ziſchend ihren Funkenſchaum. Und dann kom⸗ men die Unfaͤlle, ohne die es kein vollſtaͤndiges Feſt giebt. Die Naketenſtaͤbe, ſenkrecht aus einer Hoͤhe von dreihundert Fuß herabfallend, zerſchlagen die Huͤte ſammt den Koͤpfen, und zu des Gluͤckes Vollendung donnern zwanzig Moͤrſer auf einmal. Eine Schlacht kann nicht moͤrderiſcher ſein; wenig⸗ ſtens muͤßt ihr mir zugeben, daß es fuͤr einen Men⸗ ſchen, der zu ſeinem Vergnuͤgen hergekommen, ſehr un⸗ angenehm iſt, wenn er Arm oder Bein ſuchen muß. Die Furcht gewinnt immer mehr Raum, man bricht auf, man bereitet ſich zur Flucht, als urploͤtzlich eine blendende Helle den Dunſtkreis roͤthet: es iſt das Bou⸗ quet, nach dem man Alles beurtheilt, welches entſchei⸗ det, wie man uͤber den ganzen Tag denken ſoll, weil der 118 letzte Eindruck immer der herrſchendſte bleibt. Es iſt wie ein ungeheurer Bund von Blitzen und Donnerkei⸗ len, deſſen Halt reißt, ſo daß ſie ſich in alle Fernen des Raums zerſtreuen; Hunderte von Raketen, von Mil⸗ lionen Schwaͤrmern begleitet, ſchwingen ſich auf einmal mit furchtbarem Geziſch empor, wie flammende Drachen; ſie rennen und uͤberholen ſich, feurige Furchen durch den Himmel ziehend; man ſieht ſie uͤber ſeinem Haupte: ſie fallen, ſie fallen! O dann, dann iſt es ein Schrecken, eine Verwir⸗ rung, eine Aufloͤſung, die ſich nicht ſchildern laͤßt; man ſtößt ſich, erdruͤckt ſich, alle Ausgaͤnge ſind zu ſchmal. Waͤhrend der Zeit erdroͤhnen die Schuͤſſe, Feuerregen faͤllt von allen Seiten. Endlich ſteigen die drei Schluß⸗ Bomben majeſtaͤtiſch auf, ſie platzen und verſchwinden als weiße Sterne, und Alles verſinkt wieder in Nacht und Dunkel. 1 Sogleich ſetzt ſich die Volksmenge in Bewegung, und Alles ſchwatzt uͤber die Vergnuͤgungen des Tages. Un⸗ geheure Kolonnen wenden ſich nach den entlegenen Vor⸗ ſtaͤdten, es hoͤrt ſich an wie der Tritt eines unzaͤhlbaren Heeres. Die Vaͤter ſtreiten ſich, indem ſie mit ihren Frauen die ſchlafenden Kinder fortſchleppen. Die Einen (es giebt der Art Leute, Optimiſten und Admiromanen, die Alles ſuͤperb finden, und die Wuth haben, ſtets be⸗ friedigt zu ſein) vertheidigen das Feſt, als wahre Buͤr⸗ ger der Stadt Paris, und weil es etwas iſt, das ihre 119 Selbſtliebe perſoͤnlich angeht; Andre im Gegentheil(Op⸗ ponenten und Tadler von Natur) leugnen nicht, daß ſie unzufrieden ſind, und verſchwaͤrzen Alles, womit man ſie regalirt hat. Das Bouquet war mager! das iſt doch gar nichts gegen die Feuerwerke zur Zeit des Kaiſers! Ja, das war ſchoͤn! Bei der Vermaͤhlung und bei der Geburt des Koͤnigs von Rom! Etwas Aehnliches wird man aber auch nie wieder ſehen! So ſprechend, kommt man nach Hauſe, mitten durch die Feuerfroͤſche, welche von Spaßvoͤgeln unter die Fuͤße geworfen werden, und durch die lauernde Polizei. Die Thuͤrſteher und Thuͤrſteherinnen, welche, an ihren Poſten gefeſſelt, verſucht haben, von weitem die ſteigenden Ra⸗ keten zu ſehen, fragen mit verſchaͤmter Miene nach Neuig⸗ keiten vom Feſte,— dann legt ſich Jeder zerſchlagen und abgemattet, halb todt zu Bett, aber doch bereit, wieder anzufangen, wenn man es wieder wird haben wollen, und feſt uͤberzeugt, daß er ſich ganz wundervoll diver⸗ tirt habe. Amadeus Pommier. Ber Kirchhor des Pater Ka Chaise. 1 Ein frommer Ruf, deß ſich Natur erfreut als Gabe, Er ſagt Euch: Betet, weint auf dieſem ſtillen Grabe! Die Aeltern ſchlummern hier, im Tod' noch ungetrennt, Der Trauer nnd der Lieb' ehrwürd'ges Monument... Wo die vergang'ne Zeit harrt auf die Folgezeit, Wo jedes Körnchen Staub dem Leben einſt geweiht. Delille. Gegen Ende des vergangenen Sommers ergriff mich ein Anfall jener tiefen Schwermuth, jenes Inſtinkts einer geheimen Abneigung gegen Menſchen, das bit⸗ tere Andenken einer unklaren Vergangenheit und ein Muͤdeſein von den Angelegenheiten des Augenblickes. Dieſer Stimmung hingegeben, moͤchte man gern aus dem Bezirke der Stadt entweichen, hinter ſich laſſen die allzu ausgeſprochenen Formen des geſelligen Le⸗ bens, ſich entfernen von dem, was falſch, kuͤnſtlich, im Mißlaut mit der Ratur iſt, kurz, ſeines Gleichen flie⸗ hen. 121 hen..— Und wenn ihr denn nun, noch erfuͤllt mit dieſer duͤſtern Laune, aber mit ſchon ſanfterer Trauer, einen Huͤgel erſteigt, von deſſen Gipfel aus ihr die große, volkreiche Stadt, das weite Paris, uͤberſchauen koͤnnt, ſo laͤßt euere Traͤumerei ſich zu der philoſophi⸗ ſchen Richtung verleiten, in der auch Volney uͤber ſeine Ruinen nachdachte! Ihr bewundert die Macht der Zeit, der Induſtrie, der Civiliſation in dieſem ſtaunenswer⸗ then Gewimmel von Haͤuſern, die unter ihren Maſſen euch den Anblick der Ebene, die Ufer eines Fluſſes und zahlreicher Huͤgel rauben, jener Haͤuſer, welche, eins nach dem andern, Tag vor Tag, jedes neben dem an⸗ dern, ſechszehn Jahrhunderte mit ſich gebracht habe Ihr leſet die Zuͤge der Geſchichte auf den Giebelfeldern der koͤniglichen Gebaͤude wie auf der ſchwarz gewordenen Toga der Denkmaͤler; ihr befragt die Moral und das menſchliche Elend, Religion und Politik in dieſem Ge⸗ menge von Domen und gothiſchen Thuͤrmen, Tempeln und Kirchen, Palaͤſten und Hoſpitaͤlern, das mit Einem Mal ſtehen geblieben zu ſein ſcheint. Alles naͤhrt euere Betrachtungen, ſowohl dieſer Kontraſt der Unbeweglich⸗ keit der Gebaͤude gegen die Bewegung des menſchlichen Ameiſenhaufens, der ihnen innewohnt, als das gleich⸗ foͤrmige Getoͤſe, das ſo vieles verſchiedene Geſchrei her⸗ vorbringt, gleich dem Summen eines unermeßlichen Bie⸗ nenſtockes, das man hoͤrt, ohne deſſen Einwohner zu ſehen⸗ ſo wie jener Nehelyorhang, der uͤber der Mitte . 3 6 der Stadt ruht, ohne ſich jemals ganz zu heben... ja Alles, bis auf dieſen launenvollen Rauch, der hier in ſchwarzen, dicken Wolken aufſteigt und dort in leich⸗ ten Wellen dahin fliegt, ſeine Beweglichkeit auf dem Azur des Himmels abzeichnend und in durchſichtigem Dufte entſchwindend..— Ich ging daher nach dem Montmartre zu, dem einzigen Orte, wo Fremde und Pariſer zu ihren Fuͤßen das Gemaͤlde der Hauptſtadt ſich aufrollen ſehen, als ich mich erinnerte, daß ich auf einem oſtlichen Huͤgel daſſelbe Schauſpiel bei noch male⸗ riſcherem Anblicke haben koͤnnte. Auf der Stelle rich⸗ tete ich meine Schritte nach dem Kirchhofe des Pater La Chaiſe. 5 Traͤumeriſch hinſchlendernd, vergaß ich die Entfer⸗ nung, die ſich, ohne daß ich's bemerkte, abkuͤrzte. Ich brauchte nur noch durch eine lange Allee des Bouleward zu gehen. Eine Frau und ein Knabe eilten mir ent⸗ gegen, und boten mir Kraͤnze an, die ſie in großer Menge auf Stoͤcken trugen. Es gab deren ganz weiße, ganz gelbe, ganz gruͤne, ſo wie vielfarbige, und ſie waren ſaͤmmtlich von Immortellen gewunden. Der An⸗ blick dieſer Kraͤnze erweckte lachende Ideen des Alter⸗ thums in mir. Wie viel mußten deren damals an den Zugaͤngen der Tempel verkauft werden, als man noch ſo viele Goͤttinnen zu verehren hatte! Doch erinnerten mich einige ganz ſchwarze Kraͤnze an ihre Beſtimmung. Ich ſah das junge Maͤdchen an, das ſie mir darbot/ 123 dann die Mauer des Kirchhofes, die laͤngs des Boule⸗ ward hingeht, und ein ſpoͤttiſches Laͤcheln trat auf meine Lippen...... Ich bemerkte ſchnell, wie ſehr die Zahl dieſer Straͤußermaͤdchen ſich vermehrt habe, als Anzei⸗ chen eines anderen Anwuchſes, auf welchen meine Ideen ſich noch nicht gerichtet hatten. Die Umgebungen des Pater La Chaiſe ſind von dieſen Blumenverkaͤuferinnen, von Schaͤnkhaͤuſern und Werkſtaͤtten fuͤr Grabdenkmaͤler bevoͤlkert. Mehr vielleicht als jeder andere Umſtand bezeugt die Anzahl dieſer Marmorarbeiter den furchtbaren Anwuchs, von dem ich ſprechen will. Eine ganze Straße, welche an die Barriere von Aulnay ſtoͤßt, iſt von beiden Sei⸗ ten nur allein mit ihren Magazinen beſetzt. Die Grab⸗ ſteine, die Gitter, die Kreuze von allen Formen und Preiſen ſind in derſelben Ordnung und mit eben ſo viel Putzſucht dort aufgeſtellt, wie die Aeaioumeubles in unſeren Bazars oder den Laͤden der Vorſtadt Saint An⸗ toine. Reihen von großen, kleinen und mittleren Urnen faſſen die Trottoirs ein, und im Kleinen ausgefuͤhrte Grabmaͤler bilden gleichſam Sammlungen von Miniatu⸗ ren, wie die Uhren der Bijouterie⸗Haͤndler. Nichts iſt vernachlaͤſſigt worden, um den Ankuͤndigungen von Grab und Begraͤbniß einen Reiz zu verleihen. Selbſt in den Aushaͤngeſchildern hat man zu verfuͤhren geſucht. Hier wendet man ſich an Lafontaine's Grab, dort an das Grab Heloiſens und Abeilard's, weiter hin 6* 124 an das des Generals Foy. Die Unternehmer haben gehofft, daß der Sohn, der mit geſenkten Augen hinter dem beweinten Sarge einhergeht, doch einmal wenig⸗ ſtens dieſe aufſchlagen und eine Erinnerung mitnehmen könne. Es hat ſelbſt eines Polizeibefehls bedurft, um der Induſtrie die Erlaubniß zu verſagen, ſich in die Leichenbegleitung zu draͤngen und innerhalb des Kirch⸗ hofes ihre Anerbietungen zu machen. So ſteht ſie denn jetzt bloß an den Thuͤren der Mairieen und ſpuͤrt den Todesanzeigen nach. Fuͤr dieſe Klaſſe von Menſchen iſt das Leben nur eine Schmarotzerpflanze des Todes. Die Menge der Todesfaͤlle taͤuſcht manchmal die Spekulationen dieſer Marmorarbeiter. Ich betrachtete ihre Ateliers mit einer Art von Neugierde. Einen von ihnen hoͤrte ich ſich uͤber das beklagen, was er die todte Jahreszeit nannte.„Gluͤcklicherweiſe, fuͤgte er hinzu⸗ werden die Blaͤtter bald fallen, der Herbſt ruͤckt an, und da werden uns ſchon ein paar derbe Leichen zuwachſen.“ Der Eintritt in dieſen direkten Zugang zum Pater La Chaiſe wuͤrde der Seele den erſten Eindruck einer Trauer verleihen, die bei der Annaͤherung zu einem ſol⸗ chen Aufenthalte ſo natuͤrlich iſt⸗ waͤre man auch nicht vorher ſchon auf dem Wege durch einige oͤde Gaſſen dazu vorbereitet worden, und ſchnuͤrte ſich nicht vor dem Anblicke eines großen, ganz neuen und noch nicht voͤllig ausgebauten Gefaͤngniſſes mit ſeinen hohen Mauern, zahlreichen Fenſtern mit Eiſengittern, dicken Thuͤrmen 125 und furchtbarem Baſtillen⸗Anſehen das Herz zuſammen. Ein Gefaͤngniß auf dem Wege zu einem Kirchhofe! Welche grauſame Unvorſichtigkeit! Wird man denn auf die moraliſche Seite ſolcher Einrichtungen nie Ruͤckſicht nehmen? Ein anderes Gefaͤngniß ſteigt zugleich unweit des Raumes empor, wo die Feſte und Spiele des neuen Tivoli ſich entfalten. Welcher Kontraſt! Und in wel⸗ chem von dieſen beiden Gefangenenhaͤuſern ſoll man nun die Idee des Geſetzgebers ſuchen? Iſt ſie hier Hohn⸗ gelaͤchter? Iſt ſie dort Unmenſchlichkeit?— Nein, keins von Beiden, ſondern Unuͤberlegtheit und Unbeſonnen⸗ heit uͤberall. Die Thore der beiden Staͤdte, naͤmlich des todten Paris und des lebendigen Paris, ſind ganz nahe bei einander. Die Vaͤchter des einen und des andern koͤn⸗ nen ſich ſehr leicht hoͤren, ſich antworten und verbruͤ⸗ dern. Nur die Breite der Chauſſée und der Nebenalleen des Bouleward trennt die Barriere von Aulnay von dem Eingange in den Kirchhof.. Vor der Fagade dieſes Einganges, der ſich im Halb⸗ mond einſenkt, grandids wie nur ein Eingang zum Park von Verſailles ſein koͤnnte, hielten Fiacres, Chai⸗ ſen und glaͤnzende Equipagen. Alle Augenblicke kom⸗ men neue. So kommt denn Jeder eines Tages hierher, um nicht wieder zuruͤckzukehren; was verſchlaͤgts, in welchem Wagen es immerhin ſei? Die Gleichheit be⸗ ginnt mit der andern Seite der Schwelle. Dahinein 126 kam Niemand als zu Fuß. Die vornehmen Beſucher ſchienen mir die beſcheidenſten Fußgaͤnger mit weniger Hochmuth anzuſehen: denn hier druͤckt ſich das Gefuͤhl der grauſamſten Wirklichkeit der Seele ein und erweicht ihren Stolz. Unſtreitig wird es an dem verhaͤngniß⸗ vollen Tage immer noch einen unterſchied in der Klei⸗ dung geben, Kiefer und Weide werden auf Sackleinwand und grobes Tuch folgen, eine doppelte Einrahmung von Cederholz und Blei wird die Stelle der feinſten Seide und des Cachemire vertreten; aber wen wird man ſo in ein ſchlechtes oder koſtbares Holz kleiden?... Die Grabeswuͤrmer, fuͤr die man von allen Seiten in dieſem Bezirke den Marmor und die Bronze baut, ſind die wahren Bewohner dieſer Todten⸗Palaͤſte. Ich bemerkte, daß Jeder, ſo wie ich, jenes ploͤtzliche Gefuͤhl empfand, durch welches man leiſ' und ernſt zu ſprechen beginnt, wodurch der Ausdruch geheimnißvoll und zuruͤckhaltend ſich bildet, ſobald man nur in dieſen weiten Bezirk tritt, gleich als ob man in die Kammer eines Kranken gelangte, deſſen Schlaf man nicht gern ſtoͤren moͤchte. Man gehorcht einer Art von Schrecken und Nuͤckkehr in ſich ſelbſt. Es ſcheint, als lauſchten unter der Erde Ohren, die uns hoͤrten. Ach! unter ſo vielen Worten, welche Menſchenlippen entſtroͤmen, wie wenige wuͤrde man entſchluͤpfen laſſen, wenn man ge⸗ wiß wuͤßte, daß ein unſichtbarer Zeuge ſie hoͤrte! Der Menſch ſpricht zu viel von einem Gott und glaubt 127 nicht genug an ſeine Allgegenwart. Er nennt ihn uͤber⸗ all und erinnert ſich ſeiner nirgends.. Ich hielt mehrere Kraͤnze in der Hand. Welchem Grabe ſollte ich ſie weihen? Acht Jahre ſind ſeit dem Tage verfloſſen, wo ich der Vermaͤhlung eines meiner Freunde beiwohnte, einer Verbindung auf dem Sterbe⸗ bette, dem letzten Troſte einer Hinſcheidenden!... Es giebt eine Krankheit, welche die grauſamſte von allen iſt, denn ſie wuͤthet mit der groͤßten Staͤrke gegen die Ju⸗ gend und verzehrt die Organe des Athemholens. Er⸗ kennt ſie der Arzt, ſo wendet er ſich mit Trauer ab, ohne Huͤlfsmittel gegen ihre Gewalt. Nun denn, in dem Buſen der Neuvermaͤhlten lag der zerſtoͤrende Keim bereits im hoͤchſten Grade ſeiner Entwickelung. Der junge Mann, den ſie liebte, und der ihr gleiche Liebe weihte, hatte nicht Egoiſt genug ſein koͤnnen, um ſich dieſem eitlen Trugbilde einer Vermaͤhlung zu entziehn. Wie viel mußte er dabei leiden! Die Neuvermaͤhlte ver⸗ ſtattete nicht, daß man auch nur einen der dabei uͤbli⸗ chen Gebraͤuche weglaſſe oder abkuͤrze, mochten ſie auch in einer ſehr kalten Kirche das Fortſchreiten der Krank⸗ heit beſchleunigen.. Wie ich ſagte, es war der letzte Troſt einer Sterbenden. Wir fuͤhrten ſie in das Haus ihres Gatten. Ich nahm die junge Kranke unter den Arm, ich half ihr die Treppe heraufzuſteigen. Es ge⸗ ſchah mit vieler Muͤhe. Ach! welcher Gedanke beſchaͤf⸗ tigte mich dabei! der Gedanke, daß die Ungluͤckliche ſie 9” G 128 nie lebend wieder herabſteigen werde. Als ſie nun in das hochzeitliche Gemach eintrat, verbreitete ſich ein Strahl von Gluͤck uͤber ihre bleichen Wangen, und glaͤnzte darauf wie eine Hoffnung der Geneſung; aber im Augenblicke darauf keine Spur des Schimmers mehr! Sie legte ſich nieder, ließ ihren Strauß aufhaͤngen, ihre Hochzeitkleider ſich zu den Fuͤßen ausbreiten. Zwan⸗ zig Tage lang ſah ſie ſie laͤchelnd an; am einundzwan⸗ zigſten hoͤrte ſie auf, ſie zu ſehn.... Ich hatte ſie an den Altar geleitet, ich mußte es auch zu ihrer Ruheſtaͤtte thun. Man begrub ſie auf der Hoͤhe, der alten großen Eingangsthuͤr gegenuͤber. Eine Thraͤne floß, als ich ſchied, aus meinen Augen, ich wandte mich, und ſah deutlich den Ort, wo die jungfraͤuliche Gattin ruhte, und weihte ihr einen letzten Gruß. Seitdem war ich gluͤcklich genug, Niemand, der mir theuer war, an dieſen Ort geleiten zu muͤſſen. Immer bin ich auf meinem Lebenswege fortgewandelt, ohne an alles das zu denken, was die Sichel des Todes unter⸗ wegs abmaͤhete. Stellte ſich das Andenken an den Pater La Chaiſe einmal fluͤchtig meinem Geiſte dar, ſo ſah ich ihn ſo, wie ich ihn damals geſehen hatte, mit ſeinen ſchon zahlreichen, aber zerſtreueten Graͤbern und zwiſchen ihnen leere und unbenutzte Stellen. So wendete ich denn auch jetzt beim Hineintreten meine Blicke nach der Seite, wo ich meine Kraͤnze hin⸗ legen wollte. Wie albern war ich doch, und wie groß 129 war mein Erſtaunen, ja faſt moͤchte ich ſagen, mein Schreck! So ungefaͤhr mußte wohl vor funfzehn Jah⸗ ren das Staunen des Ausgewanderten ſein, der dreißig Jahre fern von ſeinem Vaterlande gelebt hatte, wenn er in Paris die geraͤumigen Gaͤrten, die unbebauten Strecken, die gruͤnlichen Moraͤſte ſuchte, die er bei ſei⸗ nem Fortgehn zuruͤckgelaſſen, und jetzt dort Maſſen von Gebaͤuden, prachtvolle Stadtviertel erblickte, die ſich mit dem Glanze und dem geraͤuſchvollen Anſtrich der moder⸗ nen Civiliſation erhoben hatten. Mein Staunen war kein minderes bei dem Anblicke dieſes Waldes von Taxus⸗ baͤumen und Grabdenkmaͤlern, welche ſeit ſo wenigen Jahren auf dem Kirchhofe des Pater La Chaiſe ſich ge⸗ draͤngt, geſchichtet, gehaͤuft hatten. Welche Baͤume und Straͤucher! Welche Bronze, Marmor, Granit, Stein⸗ werk aller Art! Welche Gitter von allen Maſſen, Saͤu⸗ len, Pyramiden, Statuen, Mauſoleen und Grabformen! Welche Inſchriften, Eigennamen, Titel und Wappen! Welche Kreuze, Feſtons und Attribute! Welche Maͤnner, Weiber und Kinder, alle leblos, alle ſonſt am Leben! Welche Eroberungen, welche Reichthuͤmer, welch Kaiſer⸗ thum!„Nein!“ rief ich aus:„das iſt nicht mehr das einfache Feld der Ruhe, das iſt die prachtvolle Stadt einer Bevoͤlkerung von Leichnamen!“ Aber wie? die Lebenden nehmen den Todten den Platz dort weg und ſtreiten ſich mit ihnen uͤber ihr letz⸗ tes Aſyl? Fromme Reiſende, ich ſehe euch knieend vor 130 dieſen Grabmaͤlern, auf denen die ſymboliſchen Attribute des Verſcheidens ausgehauen ſind, wo eure Leichtglaͤu⸗ bigkeit ſterbliche Ueberreſte ehren will, wo ein Name aͤber der Pforte eingeſchrieben ſteht. Steht auf, ſchaut ſchaͤrfer, es iſt ein leeres Mauſoleum! Der Eigenthuͤ⸗ mer dieſes Denkmals, noch in der Bluͤthe ſeiner Jahre, ſchwimmt mitten in Genuͤſſen. Wißt ihr denn nicht, daß es mit zum Reichthume der Hauptſtadt gehoͤrt, ſein Hotel in Paris, ſein Landhaus zu Saint⸗Cloud, eine Loge im italieniſchen Theater und ein Grab beim Pater La Chaiſe zu haben? Dieſes ſind Gewoͤlbe fuͤr eine Wohnung, die der Beſitzer beziehen wird, wenn die Zeit dazu gekommen iſt. Im voraus waͤhlt er hei den Strahlen der Sonne, welche ſeine Aſche nicht wieder erwaͤrmen wird, diejenige Lage, die ihm am beſten ge⸗ faͤllt, auf einer Anhoͤhe oder tief unten, in einer Nach⸗ barſchaft nach ſeinem Geſchmacke, die Einſamkeit oder die große Welt und das glaͤnzendſte Viertel; der Pater La Chaiſe hat auch ſeine Grabſtein⸗Ariſtokratie und ſeine Vorſtaͤdte. Jedenfalls aber beneidet mir den Reichen nicht, von dem ich eben ſprach. Als er mit ſo vielem Luxus baute, war er weit davon entfernt, vorauszuſehen, daß im Jahre 1830 eine Revolution ſein Haupt mit denen ſo vieler andern beugen werde. Seitdem habe ich ſein Hotel beſucht: in dem Hofe fand ich nicht mehr ſeine Livrée; ſein Landhaus: im Park ſpielten nicht mehr ſeine Kinder; ſeine Loge: ſeine Gemahlin ſaß nicht mehr 131 auf der erſten Bank. Ueberall ein neuer Herr! Sein Grab nur bleibt ihm uͤbrig: das wird ihm nicht ent⸗ ehn. 3 Man ſchreibt die großen Namen der vorigen Regie⸗ rung nicht mehr auf die Fagade der Hotels, wie die Larochefoucault, Crillon, Talleyrand, Choiſeul, Gontaut⸗ Biron, die man noch erblickt. Dieſen Gebrauch hat die Mode fuͤr alle Klaſſen, in denen Wohlſtand herrſcht, auf den Kirchhof des Pater La Chaiſe uͤbergetragen. Ueber⸗ all giebt es Familienbegraͤbniſſe. Schon im vor⸗ aus tragen da die Einen ihre dunkle Abkunft, die Andern ihren Stolz, Alle ihr Nichts zur Schau. Doch giebt es auch dort Grabdenkmaͤler, welche die innigſte Zunei⸗ gung heiligte. Da giebt man ſich ein Stelldichein nach dem Ableben. Es iſt ſo ſuͤß, zu wiſſen, daß man ſich dort wiederfinden wird. Auch die Philoſophie iſt dieſem Gedanken eines Zuvorkommens gegen den Tod nicht abgeneigt. Jedenfalls iſt der Entſchluß, freiwillig das Ziel zu bezeichnen, wohin uns eine unerbittliche Noth⸗ wendigket fuͤhren muß, uͤber ſich ſelbſt ſo nachzuden⸗ ken und ſeinen Sarg zu verſuchen, Etwas, das nicht ohne Einfluß auf Lebensſittlichkeit bleiben kann. 5 Allein muß man alſo am Abende eines ſchwermuͤthi⸗ gen Tages ſeine Stelle bezeichnen. Ich ſage: allein, an einem traurigen Tage, oder, nach dem Impuls des franzoͤſiſchen Charakters, gemein ſam mit ſeinen Freun⸗ den, an einem Tage des Frohſinns. Man berathet ſich 13² dann mit ihnen uͤber den Ort, den Plan und die Aus⸗ dehnung des Gebaͤudes. Dann wird es, wenn es be⸗ endet iſt, eine Art neuen Beſitzthums, deſſen Eigenthuͤ⸗ mer gern die Honneurs davon macht. Man ſpricht bei feſtlichen Gelagen daruͤber, wo ſtatt der abſchreckenden Hirnſchaͤdel des alten Aegyptens nur Bilder von geglaͤt⸗ tetem Marmor, Raſen und Blumen erſcheinen. Dieſes vertraute Bekanntwerden mit dem Felde der Ruhe ſcheint den Uebergang vom Leben zum Tode zu verſuͤßen, und Eins an das Andere mit tauſend neuen Banden zu knuͤ⸗ pfen; es macht den Verluſt eines geliebten Gegenſtandes minder ſchmerzlich, und ſeine Abweſenheit weniger voll⸗ ſtaͤndig und erſatzlos. Man taͤuſcht ſich leichter uͤber ſeinen tiefen Schlaf, wenn man oft an ſeinem Ruhe⸗ bette weilt. So vergroͤßert ſich denn mit jedem Tage dieſe neue Stadt, dieſe Niederlage von Aſche und Gebeinen. Bald wird man die Graͤber numeriren, die Straßenecken be⸗ zeichnen und die Gaſſen benennen muͤſſen. Auch da vielleicht wird man, wie in unſern lebenden Staͤdten, um des Vermoͤgens und Luxus willen, das Genie und den Ruf hintanſetzen. Aber warum zoͤgert man noch? Es ſind kaum fuͤnf⸗ undzwanzig Jahre her, daß man zu dem Tode ſagte: „Wir wollen Deine Fortſchritte vergewiſſern, baue Deine Stadt wie wir die unſere, dann wollen wir vergleichen.“ Nun denn, die neue Stadt neben den 30,000 Haͤuſern 133 der alten Lutetia bietet ſchon ihre 31,000 Grabdenk⸗ maͤler dar*).. 4 Schon iſt eine vollſtaͤndige Polizeiverwaltung dort noͤthig geworden. Man ſieht daſelbſt die volle Thaͤtig⸗ keit der Induſtrie. Die großen Zugaͤnge wimmeln ſtets von Architekten, Zimmerleuten, Schloſſern, Maurern und einer Menge anderer Arbeiter. Es iſt allerdings der Bau einer Stadt. Das Ideal verſchwindet vor dem Anblicke der Geruͤſte, Raͤder und Werkzeuge; denn die Graͤber, die anfangs demuͤthig und beſchraͤnkt waren, werden geraͤnmig an ihrer Baſis, wachſen in die Hoͤhe, und ſind unſtreitig jetzt noch nicht auf den hoͤchſten Punkt gelangt. Man hatte vorher ſchon eine Menge kleiner Pyramiden gebaut, ehe man ſo viele Jahre Arme und Steine daran wendete, das Rieſendenkmal des Cheops zu errichten. Hier und da erheben ſich die Spitzen der Pyramiden, welche man beim Pater La Chaiſe findet, uͤber die an⸗ ehnt ndes iſt die fortſchreitende Zahl der Grabſteine au ſeit man legte deren. 1804— 113. 1810— 76. 1805— 14. 1811— 956. 1806— 19. 1812— 130. 1807— 26. 1813— 242. 1808— 51. 1814— 509. 1809— 66. 1815— 635. 4 In allem 1827. Und 1830 zählte man deren ſchon 31,000. 134 dern Graͤber. Wenig fehlte, ſo beurkundete ein Obelisk von karariſchem Marmor, durch eine Hoͤhe von 40 Fuß, die reiche Eitelkeit eines koniglichen Tapeziers. Eine Inſchrift wuͤrde dann angezeigt haben, daß Herr Bou⸗ lard ſelbſt nach Genua reiſte, um den reinſten Marmor dazu auszuſuchen. Man hatte ſchon einen Grund von 40 Fuß Tiefe gegraben, und nach dem Wunſche des Ver⸗ ſtorbenen ſollten 400/,000 Franken auf dieſes Denkmal gewendet werden. Seine Erben hielten jedoch dafuͤr, daß ſeine ſterbliche Huͤlle nirgend wuͤrdiger ruhen koͤnne, als in der Kapelle des Hoſpitals von Saint⸗Mandé, das mit einer Million, die er fuͤr dieſes menſchenfreund⸗ liche Werk beſtimmt hatte, aufgebaut worden war. Der zu jenem Leuchtthurme des Reichthumes der Induſtrie beſtimmte Platz iſt aber nicht leer geblieben. Vorn am Ende der großen noͤrdlichen Anfahrt erhebt ſich jetzt eine Grab⸗Pyramide fuͤr eine reiche portugie⸗ ſiſche Familie, Namens Dios Santos. An ihre Baſis gelangt man auf zwei Seitentrevpen von 15 3.20 Stu⸗ fen, und eine dritte in der Mitte fuͤhrt zu Sem Ge⸗ woͤlbe, uͤber dem ſie ſteht/ und das ſich bloß zun Haͤlfte uͤber dem Boden erhebt. Wie gothiſch erſcheinen ſchon, mit ſolchen koſtſpieligen Bauten verglichen, die ein⸗ fachen mit einer bronzenen Thuͤre verſchloſſenen Ge⸗ woͤlbe, die immer noch prunkvoll gegen die fruͤheren Sarkophage ſich ausnehmen! Heut zu Tage baut man Kapellen, und die meiſten der an die Huͤgel angelehnten 135 Denkmaͤler haben nicht weniger als zwei Stockwerke, ein Parterre auf dem untern Wege, und eine hoͤhere Etage fuͤr den obern. Auch fragte ein unſtreitig von dem umfange dieſer Gebaͤude getaͤuſchtes Kind, mit eben ſo vieler Wahrheit als Naivetaͤt, indem es vor einem derſelben ſtehen blieb:„Wer wohnt denn hier?““ Die Fortſchritte der Prunkſucht bei den Graͤbern ſind ſo groß, daß ſie ſchon zum Gedeihen einer beſon⸗ dern Unternehmung fuͤr Grabdenkmale hinreichen. Durch die Sorgfalt dieſer Unternehmung iſt ſelbſt das Grab des Gatten nicht mehr verlaſſen. Man hat nehmlich bemerkt, daß dies dasjenige iſt, was die meiſte Vernachlaͤſſigung zeigt. Dieſe Bemerkung ſcheint ge⸗ gruͤndet. Ein Mann kann einer erſten Frau durch die Andacht der Erinnerung angehoͤren, und doch auch einer zweiten durch eine ſuͤße Gemeinſchaft des Daſeins. Eine Frau dagegen ſcheint nicht zu ſolcher Theilung geboren. Wenn ſie ſich wieder verheirathet— und es giebt we⸗ nige, die nicht zu einer zweiten Verbindung ſchreiten— ſo nimmt der Ring der erſten Ehe, den ſie von ſich legt, auch die letzten Spuren derſelben mit hinweg; es iſt der Ring der Dido, an den ſich das Andenken des Sichaͤus knuͤpfte.— Fragt man aber, welche Graͤber am meiſten eine Liebe kund geben, welche die Trennung uͤberlebt, ſo wie das Gefuͤhl einer Seele zeigen, die ſtets mit dem Gegenſtande, den ſie verlor, verbunden bleibt, ſo ſind es die, worin Kinder ſchlummern. Leicht erkennt 136 man, wo die Trauer einer Mutter weilte! eine Trauer, die Nichts verloͤſcht! Durch ſie vorzuͤglich ruͤhrt uns die Stimme des Marmors. Wer die Inſchriften des muͤtterlichen Schmerzes nicht geleſen hat, kennt noch nicht Alles, was das Herz Beredtes und Erhabenes in wenigen Worten zu ſagen verſteht. Ich beobachtete die Bewegungen einer jungen Frau zwiſchen den Gebuͤſchen, wohin ſich die Sammlung fluͤch⸗ tet, welche die Zerſtreuung aus den Haupt⸗Alleen ver⸗ bannt. Dieſe Frau hatte auch ein kleines Kind verloren. Mit welcher Sorgfalt ſah ich ſie die ſo leicht verwel⸗ kenden Blumen durch friſche erſetzen, einen Fuß auf den Huͤgel leicht aufſtellen, den ſie zu tief einzudruͤcken fuͤrchtete, aus einer kleinen, hinter einem Taxus ſtehen⸗ den Gießkanne Waſſer ſpritzen, und laͤcheln bei dem erſten Keimen des jungen Gruͤns; o nein, laͤcheln viel⸗ mehr bei dem Antlitz ihres Sohnes, immer laͤchelnd fuͤr ſie! Drei Fuß Erde ſcheinen ihr nicht ſeinen Anblick zu rauben: ſie iſt nicht mehr neben ſeinem Grabe, ſondern neben ſeiner Wiege, er ſchlaͤft.... liebende Mutter! ſie laͤchelt ihm zu, aber ſie fuͤrchtet, ihn zu erwecken. Allem fremd, was nicht zu dieſer ſuͤßen Beſchaͤftigung gehoͤrte⸗ ward ſie durch das Gedraͤnge um ſie, welches ein eben ankommender Leichenzug hervorbrachte, nicht von dieſer abgezogen. Jedermann eilte dieſem Zuge entgegen; Jeder klet⸗ terte, um eine Menge Umwege zu vermeiden, auf die 137 Grabhuͤgel, beſchmutzte mit unreinem Fuße die Leichen⸗ ſteine und erſchuͤtterte die ſchwarzen Gitter, jene ſchwa⸗ chen Waͤlle der Graͤberwohnungen. Selbſt diejenigen Perſonen, die einen Augenblick zuvor mit frommer Sorg⸗ falt das letzte Aſyl eines Verwandten oder Freundes ge⸗ ſchmuͤckt hatten, traten auf die neugehaͤufte Erde, welche die kindliche Liebe noch nicht den Muth gehabt hatte, mit einer Vermachung zu umgeben, oder ſtreiften im Voruͤbergehen einige weiße Kraͤnze herab, die leichteſte der Gaben fuͤr die Hinuͤbergeſchiedenen. So vollkom⸗ men wahr iſt es, daß ſelbſt die Cypreſſe des Grabes nur fuͤr Den ein Heiligthum iſt, der ſie gepflanzt hat! Dieſe unbeſonnene Entweihung wiederholt ſich jedesmal, ſo oft ein Leichenzug einen Sarg begleitet. Uebrigens braucht man nur in der Zeit zwiſchen dem Aufgange der Sonne und ihrem Untergange einen ein⸗ zigen Tag lang hier zu verweilen, um die einander ſo entgegengeſetzten Ertreme kennen zu lernen, welche die Hauptſtadt enthaͤlt. So wie in den Waͤldern am Aus⸗ gange des Herbſtes jeden Augenblick Blaͤtter von allen Baͤumen herabfallen, ſo raubt der Tod in Paris auch taͤglich ſeine Beute aus allen Klaſſen der Geſellſchaft. Dieſe Bevoͤlkerung von einer Million Seelen wirft ſtets eine Menge ihrer eigenen Truͤmmer aus ihrem Schooße hinaus. Sie ſelbſt in Maſſe hoͤrt nicht auf, ſich zu den drei zu ihrer Verſchlingung privilegirten Raͤumen zu begeben, ſuͤdlich zum Mont⸗Parnaſſe, noͤrdlich zum ehe⸗ 6**ꝙ 138 maligen Marshuͤgel, und öſtlich an die Abhaͤnge des Menil⸗Montant. Die Zeit druͤckt ihrem großen Pendel keine einzige Bewegung auf, die jene nicht in dieſen drei Richtungen fortſtoße. Und um dieſer Wege willen, die zu einem ſolchen Ziele fuͤhren, erſchallen vom Mor⸗ gen bis zum Abend das Freudengeſchrei des Volks, der Laͤrm einer ſtets belebten Muſik, die Geſaͤnge und das Hochzeitgetoͤſe der Vorſtadt! Der Leichenwagen und die Hochzeitkutſche gehen zu denſelben Barrieren hinaus, begegnen ſich oft, und nicht ſelten iſt die Begleitung beider ſogar gendthigt, ſich unter einander zu miſchen. Seltſame Naͤherung der beiden Seiten des Daſeins! Noch war ich mit dieſen Kontraſten beſchaͤftigt, als ich mich ſchon mitten in der vornehmen Abtheilung des Kirchhofes befand, wo die beruͤhmten Großen des Kaiſer⸗ reichs ſich vereint haben, und die man das Viertel der Marſchaͤlle nennen koͤnnte. Ploͤtzlich klangen die Leichenwirbel einer Trommel an mein Ohr. Eine Salve von Mnsketenfeuer wiederhallte in langen Echos. Ich glaubte, die gefeierten Schatten, mit denen ich umgeben war, aufbeben und einem Waffenbruder entgegeneilen zu ſehen, um ihn nach dem Namen ſeines letzten Schlacht⸗ feldes zu fragen. Vorwaͤrts eilte auch ich, gleichſam ihnen nach, und ſah faſt im Augenblicke nun das Pelo⸗ ton der Nationalgarde, das einem Sergeanten der Kom⸗ pagnie die letzte militairiſche Ehre erwieſen hatte. Nie waren noch Klaͤnge von Schießgewehr auf dem dſtlichen 139 Kirchhofe ſo haͤuftg. Es vergeht kein Tag, wo man nicht mit demſelben Laͤrm irgend einen friedlichen Buͤr⸗ ger begruͤbe. Zwei andere Leichenzuͤge waren zu gleicher Zeit uͤber die Schwelle getreten, und mehrere andere folgten in kurzen Zwiſchenraͤumen. Obgleich die Pforten des Kirchhofes des Pater La Chaiſe zu allen Stunden des Tages offen ſtehen, ſo ſind doch des Morgens die Beerdigungen vorzuͤglich haͤufig. In der Nacht, zu einer ſtets unheilvollen Stunde, die mit dem Augenblicke beginnt, wenn die Sterne ihren Zenith uͤberſchritten haben und nach Weſten ſich herab⸗ ſenken, hat der Tod ſeine Runde gemacht, und pflanzt dort und hier ſeine ſchwarzen Fahnen auf die verſchie⸗ denen Wohnungen. Dann, wenn Paris aus dem Schlafe erwacht iſt, und ſchwerfaͤllige Karren durch die Straßen gefahren ſind, um ſie von den auf dem Fahrwege auf⸗ gehaͤuften Unreinigkeiten zu befreien, ziehen Trauerwagen uf denſelben Wegen vorwaͤrts, um die zwoͤlf Viertel ebenfalls von denen auf den Schwellen der Haͤuſer aus⸗ geſtellten Leichnamen zu entlaſten. Der groͤßte Theil derſelben wendet ſich dann nach dem oͤſtlichen Kirchhofe. Jeden Augenblick ſieht man den Leichenkutſcher die Schwelle uͤberſchreiten; nie betroffen, mit vollkommen gleichen Geſichtszuͤgen, mag er hinein oder wieder zu⸗ ruͤck fahren, haͤlt er maſchinenmaͤßig die Zuͤgel, und ſein Geſicht, das nur das Gepraͤge der Gewohnheit traͤgt, ſteht ſo unbedeutend aus, daß nicht einmal Langweile darauf zu entdecken iſt. Man koͤnnte faſt daſſelbe auch von ſeinem Geſpanne ſagen. Von den zahlreichen Gaͤ⸗ ſten, die er bringt, folgt dem einen ein langer Zug, deſſen luͤgenhafte Huldigungen ihm der Anſtand zum letzten Mal gewaͤhrt, und er nimmt auf einem mit ſil⸗ bernen Thraͤnen beſaͤeten Wagen, den einzigen, die man oft bei ſolchen vornehmen Beerdigungen erblickt, ſeinen Platz rechts in der Chauſſée d'Antin des Pater La Chaiſe ein. Ein Anderer zieht links einen einſamern Weg. Dieſer letztere Ankoͤmmling kam allein; die Lebenden haben ihn verlaſſen, ſobald ihn das Leben verließ... Vergebens ſuche ich hinter dieſem Sarge ſeinen einzigen Freund. Der Thuͤrſteher hat den Hund abgewehrt, nicht in den Kirchhof zu treten, und ihn fortgeiagt. Das arme Thier bezeigt ſeinen Schmerz durch ſein Geheul, es kehrt zuruͤck, bleibt ſtehen, kommt wieder, laͤuft um die Mauern, irrt im Felde umher, und weiß, gleich einem Weſen, das keinen Freund und keinen Zufluchts⸗ ort auf der Erde mehr hat, nicht, wohin es ſich wen⸗ den, wem es ſich nun anſchließen ſoll. Indeß hat ſein Herr, hinabgeſenkt in eine Gruft, zu welcher man auf vielen Stufen herabſteigt, an der Seite deſſen, der ihm vorausging, Platz genommen. Da werden die Leichname, ohne Unterſchied der Ge⸗ ſchlechter oder Alter, reihenweiſe aufgeſtellt, ſo daß ſie kaum einen Fuß weit von einander entfernt ſind. Dieſe 141 allgemeine Gruft, welche der Tod nur nach ziem⸗ lich langer Zeit wild ausfuͤllen koͤnnen, ſteht immer offen. Man betrachtet ſie nicht ohne Schauder. An ihrem Rande knieend betet ein junges, in ſchwarze Wolle gekleidetes Maͤdchen mit geſenktem Koͤpfchen und gefal⸗ teten Haͤnden aufs Innigſte. Das arme Kind hat Naͤchte durchwacht, und Alles, was es verdiente, daran gewen⸗ det, ehe es fuͤr ſeine Mutter zu dem Zufluchtsorte der Charité ſich entſchloß. Sie betet, und fragt ſich mit trauernder Unentſchiedenheit ſelbſt, wohin ſie nun ver⸗ trauend ihre Blicke richten ſoll. Hinter ihr— denn ich betrachtete ſie bis zu dem Augenblicke, wo ſie ſich wieder entfernte— ſah ich einen Mann mit feſtem Schritte, aber geruͤhrter Miene daher kommen. Es war ein Militair. Seine lange Gefangenſchaft fern von ſei⸗ nem Vaterlande hatte ſeine junge Gattin genoͤthigt, unter dem Dache des frommen Mitleids zu ſterben. Der Ungluͤckliche ſah aus, als ob er ſie ſuche, als ob er ſie ſehen koͤnne. Er hatte Thraͤnen zu vergießen, und wußte doch nicht, welche Stelle er damit benetzen ſollte! Unter dieſem Gemenge von Leichnamen iſt auch der ſeiner ge⸗ liebten Gattin! Kein Schluchzen ließ ſich hoͤren, als die Schaufel des Todtengraͤbers ſie unſichtbar machte, und keine Stimme hat ihre kalte Huͤlle geſegnet.— Bei den Begraͤbniſſen der Armen iſt kein Prieſter zugegen. Ich fragte dieſen Krieger, ob unſere letzte Revolution beim Pater La Chaiſe durch einige Monumente bezeich⸗ 142 net ſei. Er fuͤhrte mich nach der ehemaligen Eingangs⸗ thuͤre, und zeigte mir da von weitem die wehenden drei Farben. Ich nahte mich mit entbloͤßtem Haupte. Ein einfaches Weidengitter, zwei parallel laufende rechte Win⸗ kel mit einer Einfaſſung von Buchsbaum, eine einzige Fahne und zwei hoͤlzerne Kreuze; auf dem einen die Worte: Dem Andenken von Pierre Robin, 67 Jahre alt, eines der Schlachtopfer des 28. Jul. 1830. De Profundis. Auf dem andern: Hier ruht ein unbekanntes Schlachtopfer des 28. Jul. 1830. De profundis. Wie ruͤhrten mich dieſe Worte! Ein unbekanntes Schlachtopfer, und es ſchlaͤft in bruͤderlicher Einbezirkung! Die naͤmliche Pflege ehrt die beiden Graͤber! O, unſtreitig fand man ſie, entfernt von allen uͤbrigen, todt in irgend einer abge⸗ legenen Straße. Vielleicht hatten ſie ſich vorher nie geſehen, vielleicht hatten ſie das, was man ſich an die⸗ ſem moͤrderiſchen Tage lieh, Pulver und Kugeln, mit einander getheilt. Der Kampf machte ſie zu Bruͤdern. Sie ſchoſſen vielleicht lange ſchon, ehe man ſie gewahrte⸗ und vielleicht ſtreckte in demſelben Augenblicke das koͤnig⸗ liche Blei Beide nieder! Ehre denen Verwandten des Einen, die es zugleich mit fuͤr den Andern ſein wollten! Es war ein edler Gedanke, eine patriotiſche That, ſie nicht von einander zu trennen. Aber wer war dieſes unbekannte Schlachtopfer? Vielleicht ein Vater, den ſeine Kinder vergebens erwarteten, ein Sohn, den ſein 143 Vater ſuchte, ohne ihn ſinden zu koͤnnen; Wie Viele gab es ſo, welche die Jhrigen nie wieder ſehen ſollten!... „Dooch Friede den Freunden und Feinden in dieſem Aſyle, wo ſie vereint ruhen, wo der beruͤhmte Ney und ſchon mehr als einhundert und dreißig der Richter, die ihn verurtheilten, denſelben Schlaf ſchlummern wuͤrden, wenn die Familie dieſes Kriegers nicht ſeine ſterblichen Reſte dem Sturme der Revolutionen durch ein Grab auf ihren eigenen Guͤtern entzogen haͤtte; wo die am laͤngſten getrennten Voͤlker Europa's ihre Repraͤſentan⸗ ten haben; wo herumirrende Soͤhne aller Nationen ein gaſtfreundliches Grab fanden. Mitten in dem Vereine unſerer großen Feldherren und Redner kann ich nicht ohne tiefe Ruͤhrung auf dem Marmordenkmal eines grie⸗ chiſchen Patrioten eine in der Sprache Homers und denſelben Schriftzuͤgen eingehauene Inſchrift leſen, wor⸗ in vor 2200 Jahren das erhabenſte aller Epitaphien 8 niedergeſchrieben ward:„Wanderer, ſage in Sparta, daß wir hier ruhen, weil wir ſeinen heiligen Geſetzen ge⸗ horchten.“ Habt ihr nicht auch, gleich mir, geſehen, wie der Fremde den Namen eines Landsmannes erkennt, nach⸗ denkend ſtehen bleibt, und durch den Gedanken geruͤhrt wird, daß hier ein Reiſender, durch einen unerwarteten Tod ergriffen, weit von jenem letzten Aufenthalte ent⸗ fernt ruhe, den er ſich vielleicht ſchon im voraus in vaterlaͤndiſcher Erde bereitet hatte? Ach! Dieſer, der auf fremdem Boden hier ſchlaͤft, 144 hat keinen Theil an den Thraͤnen, an dem Schluchzen, an den tauſend Gaben des Tages nach Allerheiligen. Das iſt das Feſt der Todten, es iſt ein oͤffentliches Feſt. An dieſem Tage muß man die Bevoͤlkerung von allen Altern und Geſchlechtern zum Pater La Chaiſe wandern ſehen! Hier eine faſt vollſtaͤndige Familie, da eine Waiſe ganz allein; dort ein Bruder und eine Schweſter, ſchon ernſt geworden noch vor den Jahren reifern Ver⸗ ſtandes, auch Waiſen Beide, und ſtuͤtzend einander gegen⸗ ſeitig in dieſer klippenvollen Welt. Scheint es doch, als ob waͤhrend des ganzen Jahres der Schmerz ſich anhaͤufe fuͤr dieſen feierlichen Tag. Dann giebt es kei⸗ nen noch ſo entfernten Winkel des Kirchhofes, der nicht zum Echo deſſelben wuͤrde; keinen Punkt des Bodens, wo jede knieende Perſon nicht auf einem ſtummen We⸗ ſen ruhe, das vor ihm auch hierher gekommen war, um einem Menſchenſtaube ſeine Theilnahme zu bringen, an deſſen Stelle nun der ſeine getreten iſt. Schmerz und Ruͤhrung ſchweben uͤber dieſem weiten Raume, und zei⸗ gen, wie reich im Allgemeinen die Natur den Menſchen mit Guͤte beſchenkt hat. Erblickt man ein ſo be⸗ wegtes Bild, eine ſo in dieſen Raum gedraͤngte Menge, ſo ſollte man glauben, der oberſte Richter habe Maſſil⸗ lon's Worte ausgeſprochen:„Steht auf, ihr Tod⸗ ten!“ und die Graͤber haͤtten ſich geoͤffnet, um ihr an⸗ vertrautes Pfund ans Licht und Leben zu ſenden. Dieſer unermeßliche Zudrang wuͤrde ſich nicht alle Jahre 145 Jahre erneuern, wenn die Erde nicht in langen Zwi⸗ ſchenraͤumen das geheiligte Unterpfand jener Maͤnner zu empfangen haͤtte, welche eine ganze Nation zur Fa⸗ milie haben, und beim Abſcheiden eine ganze Bevoͤlke⸗ rung als Geleit. So wurden Foy, Manuel und Ben⸗ jamin Conſtant beerdiget. Mitten unter allem Leichenpomp draͤngt ſich zuerſt die Jugend zu dieſen drei Graͤbern. In Foy, Manuel und Beniamin Conſtant ward die Beredſamkeit der Seele, die Beredſamkeit der Vernunft, die Beredſamkeit des Geiſtes perſonificirt. Der erſte dieſer Redner ſcheint auf⸗ recht ſtehend auf ſeinem breiten Fußgeſtell zu erwarten, daß Alles um ihn her erwache, um von neuem von ſei⸗ ner maͤchtigen Begeiſterung ſich hinreißen zu laſſen. Das einſtimmige Aufſtehen Frankreichs, um ſeiner Wittwe ein Witthum, ſeinen Kindern ein Erbe zu bereiten, wird gewiß eine auf die Nachwelt uͤbergehende Thatſache blei⸗ ben. Die Nation trug dieſe Schuld durch das Dar⸗ bringen von mehr als einer Million ab, aber ſie breitete nicht uͤber den Katafalk des republikaniſchen Kriegers den letzten Mantel der erblichen Pairie. Wie hat ſich dieſe Million der Dankbarbeit in einen Pfennig fuͤr Manuel verwandeln koͤnnen? Und auch der Pfennig wuͤrde gefehlt haben, wenn der arme Lieder⸗ ſaͤnger nicht gebettelt haͤtte, und doch „War Arm, und Kopf, und Herz, war Alles Volk 5 an ihm!“ IV. 7 146 Einfache Steine bedecken ſeine Ueberbleibſel, ſo wie die von Benjamin Conſtant bis zum Tage des Pantheons. Ohne den Glanz jener drei beruͤhmten Maͤnner wuͤrde unſere Zeit beim Pater La Chaiſe keine denkwuͤrdigen Spuren zuruͤcklaſſen. Man wuͤrde dort immer noch glauben, unter dem Kaiſerreiche ſich zu befinden, ſo löͤſcht das Pfeilgebind des Ruhms durch den Verein der Großwuͤrdentraͤger der kaiſerlichen Krone auf einer und derſelben Anhoͤhe allen andern Schimmer aus, ſo ſehr bezeugt die Pracht ihrer Mauſoleen die Wahrheit jenes Worts Napoleons, welches die Armee und das Volk be⸗ ſtaͤtigte:„Ich habe meine Marſchaͤlle zu reich ge⸗ macht!“ Rechts am Fuße der großen aufſteigenden Anfahrt, welche den oͤſtlichen Theil des Kirchhofs umgiebt, er⸗ blickt man ziemlich weit von jener Hauptgruppe die ſchon verwuͤſteten und umgeſtuͤrzten ſchwarz⸗marmornen Grab⸗ denkmale des Marſchalls ean und ſeiner Gattin. Kellermann! Dieſer Name ruft Valmy ins Gedaͤchtniß zuruͤck. Dort ruht ſein Herz. Valmy erinnert an Je⸗ mappes. Dies waren beinahe zwei Zwillingsſiege, Siege der Volksſoldaten, der barfuͤßigen Republikaner! Wer haͤtte gedacht, daß ſie einſt die Karyatiden eines neuen Thrones werden ſollten? Steigt man hoͤher, ſo bewundert man bald das Grab⸗ mal der Familie des Fuͤrſten von Eckmuͤhl, bald das der Familie des Herzogs von Tarent und das Mauſoleum 147 jenes unerſchrockenen Herzogs Decrès, der ein ſo ſon⸗ derbares und beklagenswerthes Schickſal hatte, naͤmlich dies, die Exploſion ſeines Schiffes Wilhelm Tell zu uͤberleben, mit dem er in die Luft geſprengt worden war, und doch als Opfer einer Mine zu ſterben, die man in ſeinem eigenen Bette angebracht, wo ein Bube mehrere Pfund Pulver verborgen hatte, an die er Feuer anlegte. Weiterhin kommt die Stelle, wo der Stein ſtand, der die Inſchrift trug: „Hier ruht der Marſchall Ney, Herzog von Elchingen, Fuͤrſt von der Moskwa. Ge⸗ ſtorben! den 7. December 1815.“ Faſt in gleicher Entfernung von dem Aelteſten der Marſchaͤlle, dem braven Serrurier, erheben ſich majeſtaͤ⸗ tiſch die beiden Pyramiden von weißem Marmor, welche ſeine Mitgefaͤhrten Suchet und Maſſena decken. We⸗ nige Denkmaͤler ſind ſo prachtvoll wie dieſe. Das erſte verziert die ſchoͤnſte Bildhallerarbeit, und ſein groͤßter Schmuck iſt der Name des Herzogs von Albufera, mit den Namen der in allen Gegenden Europa's gelieferten Schlachten. Auf dem zweiten ſtehen die beredten Namen: Rivoli, Zuͤrich, Genua, Eßlingen! Unweit des Lieblingſohnes des Siegs erblickt man den Marſchall Lefebvre. Er ſelbſt hatte dieſen Platz bei einem Beſuche auf dieſem Friedhofe ausgewaͤhlt. „Merkt es euch⸗“ hatte er geſagt,„„daß ich nach meinem 7*A 148 Tode hier, nahe bei Maſſena, begraben ſein will. Wir lebten zuſammen in den Lagern und Schlachten, unſere beiderſeitige Aſche ſoll auch daſſelbe Aſyl finden.“ Der Katafalk iſt prachtvoll. Zwei gefluͤgelte Victorien halten eine Krone uͤber des Marſchalls vollkommen aͤhnlichem Haupt. Eine Schlange, Unterpfand der unſterblichkeit, windet ſich um ſein Schwert. Auf dem Fronton lieſt man den Namen Lefebvre, ohne weitere Bezeichnung, und dahinter ſtehen Trophaͤen mit den Inſchriften⸗ Soldat, Marſchall, Herzog von Danzig, Pair von Frankreich. Fleurus, Vorhut. Uebergang uͤber den Rhein. Altenkirchen. 4 Danzig. Montmirail. Dies iſt der ſprechende Beweis des Schmerzes einer Gattin, welche von da an des glaͤnzendſten Beiwerks eines Frauenſchmucks entbehren zu koͤnnen glaubte, und hierzu den Erlds ihrer verkauften Diamonten verwendete. Die große Welt hat ſich oft mit Witzreden beſchaͤftigt, die ihrer Sprache nicht angemeſſen ſind: es wird gut thun, auch in dieſer vornehmen Welt von einem ſolchen Zuge 149 zu ſprechen, der ihren Gewohnheiten nicht minder fremd iſt. Doch die Menge bleibt vor einem großen Grabdenk⸗ male in Form einer Kapelle ſtehen. Cambacérès Aſche ruht darin. In dieſem Namen liegt die Erinnerung an zwei große Epochen. Anſpruͤche an die Dankbarkeit ſeiner Mitbuͤrger fehlen ihm nicht, aber der ſchoͤnſte derſelben iſt ohne Zweifel der, daß man Napoleon's Geſetzbuch nicht mit Unrecht Cambacérss Geſetzbuch haͤtte nennen koͤnnen. Nahe bei dieſem beruͤhmten Todten ſuchte ich einen andern, der doch entfernt davon liegt. Ich ging wieder zuruͤck, ich durchſtrich die andern beiden rund herum gehenden Wege, wovon der eine uͤber dem an⸗ dern angebracht iſt, und ein wenig tiefer, in einer Gegend, wohin letzterer allein nur fuͤhrt, fand ich mich einem koͤſtlichen Mauſoleo gegenuͤber. Es iſt nicht von Marmor, noch Granit, noch Porphyr, man hat es aus einem graulichen Steine bereitet, der ſich ganz fuͤr ein Grabdenkmal eignet. Ich kenne den Steinbruch nicht, woraus man ihn gewonnen, aber der Nationalſtolz des Herrn von Chabrol de Volvic auf die franzoͤſiſchen Mi⸗ neralien iſt bekannt, und dieſes Monument ſoll das Grabmal ſeiner Familie werden. Ueber einem weiten Gewoͤlbe, deſſen Oeffnung den obern Theil eines Bogens bildet, ruhet zehn Fuß uͤber dem Boden ein Sarkophag, mit Geſtalten im Basrelief geziert und einer von Saͤu⸗ len getragenen Decke uͤberbaut. In dieſem Sarkophage 150 befendet ſich die ſterbliche Huͤlle des Schwiegervaters des vormaligen Praͤfekten von Paris, Lebruͤn's, des Erzkanz⸗ lers. Cambaeérès und Lebruͤn! Die taͤuſchende Naͤhe⸗ rung dieſer beiden Namen ließ mich noch einen dritten aufſuchen. Hier alſo, ſagte ich zu mir ſelbſt, ruhen der zweite und dritte der Conſuln der franzoͤſiſchen Repu⸗ blik: der erſte Conſul aber, wo ruht er?!!— Das Uni⸗ verſum weiß es. Welche Blaͤtter der Geſchichte, auf dieſem Kirchhofe vereint! Da erloͤſchten ſeit 25 Jahren unſere Revolu⸗ tionen und machten den Boden gluͤhend. Nirgend dort wuͤßte ich voͤllig erkaltete Aſche aufzufinden. Schon ſind 15 Monate ſeit der Einſchiffung in Cherbourg verſtrichen, und ich leſe in einer lateiniſchen, durch Vorſorge der Munizipalitaͤt von Paris dort eingegrabenen Inſchrift: „Dem Buͤrger, der ſich um das Vaterland wohl verdient machte, weil er zuerſt unter ſeinen Mitbuͤrgern das Verlangen weckte, die legitime Monarchie wieder hergeſtellt zu ſehen.“ Faſt am Ende eines der beiden Zugaͤnge, welche den Kirchhof ſeiner Breite nach durchſchneiden, weit von dem Orte entfernt, wo der Marſchall Rey ruht, muß man das Grabmal des Herrn Bellart ſuchen, auf wel⸗ chem dieſe Zeilen ſtehen. Warum denn auf der andern Seite der Allee, auf 151 dem hohen Grabſteine des Grafen Deſeze⸗ die kleinliche Anfuͤhrung aller ſeiner Aemter? Ich wuͤrde bloß ſeinen Namen ſtehen laſſen und die Thuͤrme des Tempels, die man mit eingehauen hat. Nur nichts Ueberfluͤſſiges, nichts Trockenes, vorzuͤglich wenn ein Wort, eine Be⸗ ziehung, ein Bild, welches es auch ſei, die Idee aus⸗ druͤcken, aus welcher das Gefuͤhl entſpringen ſoll. Mir gefallen dieſe beiden Haͤnde von Bronze, die ſich zwi⸗ ſchen zwei Grabmaͤlern vereinen, und von denen der eine einem weiblichen Weſen angehoͤren muß, weil eine Armſprange, das anmuthige Emblem des Schmuckes, aͤber dem Handgelenke ſich zeigt. Mir gefallen auch jene drei an der Baſis und den Capitellen verbundenen Saͤu⸗ len auf der Mitte des Huͤgels, wo der brave patriotiſche Alexander von Lameth ſeine Bruͤder erwartet. So naͤhert man ſich denn, an Tagen, wo vieler An⸗ drang iſt, in zahlreichen Gruppen den merkwuͤrdigen Graͤbern, und erzaͤhlt ſich die Geſchichte der beruͤhmten Maͤnner, welche alle Wege des Nuhmes, wie verſchieden ſie auch waren, doch endlich alle zu demſelben Ziele fuͤhrten. 3 Ich habe die wohlhabendſte Parthie des Kirchhofes des Paters La Chaiſe, das heißt: diejenige durchſtrichen, die man das Viertel der Marſchaͤlle nennen koͤnnte; ſollte ich aber nicht mit ſanfteren, wohlthuenderen Gefuͤhlen in Mitte jener Gebuͤſche verweilen, deren Mittelpunkt Delilles Grabmal geworden iſt, und die ich gern mit 152 dem Namen des Fruchtkorbes der Kuͤnſte bezeich⸗ nen moͤchte? Nicht der Zufall nur war es, der hier die Graͤber von Delille, Gretry, Bernardin de Saint Pierre, Charles, Madame Dufresnoy, Madame Dugazon, Ma⸗ demoiſelle Raucourt, Fourcroy, Hauy, Thouin, Breguet, Parny, Joſeph Chenier, Bellangé, Brogniart(ſelbſt Baumeiſter beim Pater La Chaiſe), Mercier, Ginguené, Gaveaux, Talma, Gericault, Madame Blanchard, Ber⸗ wick, Mehul, Perſuis, Nicolo und eine Menge andere zuſammenſtellte. Wahl und Sympathie haben dieſes Ver⸗ einen von Namen geleitet, von denen keiner dem Geiſte voruͤber geht, ohne eine Fiber des Herzens in Bewegung zu ſetzen oder die Phantaſie zu erregen. Es ſind deren auch mehrere in den uͤbrigen Theilen des Kirchhofes zerſtreut. Freundſchaft und Dankbarkeit werden nicht Monge, den Abbé Sicard, Madame Cottin, Beelard, Percy, Chauſſier, Girodet, Picard, Desaugiers und ſo viele Andere, die ich hier uͤbergehen muß, vergeſſen! Aber die zahlreichen Adepten einer neuen Sekte fragen mich nach dem Grabmale ihres Meiſters. Hier iſt es. Ich nahe mich ihm nicht. Ich muͤßte fuͤrchten, einen Gott mit Fuͤßen zu treten!... Auf einem der Graͤber dieſes Kirchhofes ſteht ein Saint⸗Simoniſtiſches Glau⸗ bensbekenntniß. Eine Frau, Madame Simon, iſt in dieſem Glauben geſtorben. Gluͤcklich iſt ſie zu preiſen, wenn die Formel dieſes Lehrgebaͤudes ihr ein kuͤnftiges Leben enthuͤllte und ſie beim Verſcheiden troͤſtete:„Gott 153 iſt Alles, was iſt, Alles iſt in ihm, Alles iſt durch ihn, Nichts iſt außer ihm“ Ihre Mitglaͤu⸗ bigen riefen ihr, als ſie ſchied, das letzte Wort zu: Hoffnungl und ließen es auf ihr Grab eingraben. Ein ruͤhrender Reiz iſt ſtets mit denen Graͤbern ver⸗ bunden, die kein beruͤhmter Name empfiehlt; es iſt der RNeiz der Inſchriften. Je prachtvoller die Denkmaͤler werden, um ſo ſeltener werden auch dieſe Ergießungen des Schmerzes. Die Pracht ſcheint fuͤr das Andenken des Verſtorbenen eine hinreichende Huldigung, und eine Inſchrift wuͤrde den Geiſt von der Bewunderung des Denkmals ſelbſt abwenden. Auch ſuchte ich ausdrucks⸗ volle in jenem Umkreiſe nicht, der die Form einer Lyra hat und wohin Mode und Eitelkeit die mehrſten der neuen Grabmonumente ſtellte. Naͤhern wir uns lieber dem Viertel der Armen, dem gemeinen Grabe, den temporaͤren Bewilligungen. Die andern ſind fuͤr die Ewigkeit gemacht; von dieſen aber muß man aus⸗ gehen, um den Fortſchritten des Beerdigungs⸗Lurus zu folgen. Hier finde ich einen feuchten Boden, ein dich⸗ teres Gezweig, verſchlungenere Alleen, verwitterte Steine, auf der Erde liegende Urnen, zerbrochene Kreuze, Moos und Sand auf den Inſchriften, doch auch hier und da einige Spuren der Kultur und der frommen Erinnerung. Man bemerkt gleich, daß dieſer ganze Umkreis der Ver⸗ geſſenheit uͤbergeben iſt. Die Leichname finden da nur gaſt⸗ freundliche Aufnahme auf 6 Jahre. Doch hatten die Ver⸗ 154 groͤßerungen⸗ welche nach und nach zum Pater La Chaiſe hinzugekommen waren, bisher noch nicht die Nothwen⸗ digkeit herbeigefuͤhrt, wieder aufzuwecken: das iſt der Kunſtausdruck des Kirchhofes. Jetzt iſt aber dieſe Zeit gekommen: denn obgleich die Haͤuſer die Nachbar⸗ ſchaft des Todtenbezirks fliehen, ſo wiſſen doch die Eigen⸗ thuͤmer der anſtoßenden Laͤndereien aus den Umſtaͤn⸗ den, wenn ſie ſich darbieten, Vortheil zu ziehen, und der erſchoͤpfte Stadtſaͤckel kann in dieſem Augenblicke den Forderungen eines Gaͤrtners nicht genuͤgen, der dort drei Acker Landes beſitzt*). Ich durchſtrich alſo dieſe Gegend, die niedrigſte des Kirchhofes, mit dem Intereſſe, das ſich an Guͤter knuͤpft⸗ welche bald verſchwinden werden. Der Eindruck der ruͤh⸗ renden Worte, welche man daſelbſt findet, vermiſchte ſich mit dem, den ich dort anderwaͤrts empfunden hatte, und ich vergaß daher die Plaͤtze der ergreifendſten Inſchriften. Fuͤr mich gab es nicht bloß Eine Mutter, welche ihre *) Dieſer Gärtner fordert, wie man ſagt, 60,000 Franks dafür. Allerdings zieht die Stadt aus dieſem Boden auch großen Vortheil. Gruft⸗Bewilligungen für immer werden mit 125 Franks das Motre bezahlt. Ein Grab muß für eine Perſon über 7 Jahre wenigſtens 2 Motre Oberfläche, das heißt: 2 Moͤtre Länge auf einen Breite haben, und wenigſtens 1 Metre Sberfläche für ein Kind unter 7 Jah⸗ ren. Was die temporären Bewilligungen betrifft, ſo iſt der Preis 50 Franks für jede. Sie können alle 6 Jahre erneuert werden.. 155 Klagen aushauchte, weil alle Muͤtter derſelbe Sinn zu beleben ſcheint, nicht mehr bloß Ein Kind, das dem Tobe hingegeben worden, weil alle Kinder denſelben Werth fuͤr ein Mutterherz haben und ihr Tod es auf gleiche Art zerreißt. Unter Roſen, Thuya's und anderen Geſtraͤuchen und Blumen, welche dicht auf einem kleinen Huͤgel ſtehen, findet Ihr dieſes Kind unter dem Namen Louiſe An⸗ geline, und werdet ein ruͤhrendes Geheimniß belau⸗ ſchen; ach! laßt die Zweige hinter Euch wieder zufallen; ein einfaches Kreuz von Tannenholz ſagt Euch: Moͤg' dieſer Zweige Nacht hier unter ſo viel Saͤrgen Dem Aug' der Sterblichen der Mutter Schatz ver⸗ bergen. Armes Kind! wenn Du lange genug gelebt haſt, um jene erſten Worte zu ſtammeln, welche zu unausloͤſchlichen werden, Du warſt die Tochter der Frau von Montic. O, warte doch! Geneigt zur Mutter mit dem Laͤcheln, Das Liebe nur verleiht, ſprachſt Du dies Wort: Das einz'ge war es, das Du ſprechen konnteſt; Die Mutter laͤchelt Dir jetzt zu und ſpricht nun immer⸗ fort; O, warte doch! Schonl.. Caͤcilie Philibert, nach einem Tage von 14 Monaten eine Nacht ohne Ende! Im ſuͤßen Schlaf, wie nur die Unſchuld leiht die Zuͤge, Schlaͤfſt Du, mein theures Kind, in dieſer duͤſtern Wiege. Hoͤr' doch! die Mutter ruft! Du, der mein Herz geweiht, Erwache doch! noch nie ſchliefſt Du ſo lange Zeit. (Geſtorben den 3. December 1823.) und Du, Alexandrine Juillet, wie grauſam iſt Deine erſte Luͤge, in Deinem vierten Jahre! Wie herzzereißend das letzte Wort Deiner Mutter: „Dem Tode nahe, ſagte ſie zu uns: Weine nicht, Papa, weine nicht, Mama; ich fuͤhle mich beſ⸗ ſer... Und ſie ſtarb!“ (Hinübergegangen am 13. März 1829.) Warte doch noch, Pauline Bertereau, warte doch noch, ehe Du ſtirbſt, bis Du mit den erſten Bluͤ⸗ then des Mai's haſt ſpielen koͤnnen: Engel! deſſen fluͤcht'ges Leben Wie ein leichter Hauch verſchwand, Habe Mitleid beim Entſchweben Mit dem Schmerz, den ich empfand; 157 Und wenn Gott doch wollte ſenden Einer Mutter ſolches Leid, Magſt Du Dich dort zu ihm wenden, Daß er Lind'rung ihm verleiht. (Geſtorben im Gten Lebensjahre am 15. Mai 1824.) Die Lenze mehren ſich fuͤr Joſeph Alfons von Guile, aber doch zaͤhlt er den dreizehnten nicht: Geh', da der Himmel ſeine Scharen zaͤhlt, Geh', mein Alfons, zu Gott, dem noch ein Engel fehlt. (Geſtorben am 3. December 1826.) Werther, ſuͤßer Name, Georgine Mars! konnteſt Du denn gegen des Todes Sichel, in der Bluͤthe von 19 Jahren, nicht die beſchuͤtzen, die dich trug? Moͤge der Grabſtein, der neben dem ſteht, wo Georgine ruht, noch recht lange warten! Hier ruhen Tugend, Anmuth und Talent! O Ihr, die Ihr dies holde Weſen kennt, Und Blumen ihm und Thraͤnen wollt gewaͤhren, Verſparet fuͤr die Mutter Eure Zaͤhren. (Geſtorben am 29. Juni 1828.) uUnd doch ſagte dieſe Mutter, gleich de, die ſich nicht genannt hat: 158 Schlaf', Camilla, ſchlaf' in Frieden, Weil dies Allen iſt beſchieden! Laͤchelt das Erwachen Dir, Biſt Du wieder ja bei mir. Auf zwei Obelisken von weißem geaderten Marmor, die ſehr ſchoͤn gearbeitet ſind, ſtanden bloß die Worte; „Lebe wohl, Helene! Lebe wohl, Clementine!“ Laßt uns ſuchen... hier... irgendwo... ol es iſt ein zartes Vertrauen.. da ſteht in einer Hoͤhlung, die der ungleiche Boden bildet, ein Fußgeſtell von ſchwar⸗ zem Marmor mit einer kleinen Urne von weißem darauf. Nicht ohne Muͤhe finden wir es, ſo ſehr verſteckt es ſich hinter das dichte Gezweig der Akazien und des Flieders, ſo geheimnißvoll war die Liebe, die die Worte dort ein⸗ grub: Der Erſte beim Stelldichein. Eine Gattin ſtarb im 34ſten Jahre: Auf Erden war die Heimath nicht, Gott rief ſie ab: Die Seele ſchwelgt im Himmelslicht, Hier iſt des Koͤrpers Grab. (Mad. Bourgain, ſtarb am 12. Oktober 1827.) Eine Tochter ſchrieb die ruͤhrenden Worte: „Hier ruhet meine beſte Freundin: es war meine Mutter.“ Louiſe Dugazon, 1821. . 159 Und ein Sohn: „Wanderer! ſchenke meiner Mutter eine Thraͤne, in⸗ dem Du glaubſt, es ſei die Deine.“ Kinder und Gatte haben vielleicht ihre Gefuͤhle in den Zeilen vereint, die auf dem Grabe der Frau von Montmenard zu leſen ſind: Schlaf, in des Himmels Ruh' geborgen, Du, die uns treu am Herzen lag! Wart' auf uns heute oder morgen— Es iſt ja nur ein Tag. Auf den Grabſtein Auguſtins Despréaur, der im 64ſten Jahre ſtarb, ſchrieb Freundſchaft die kurze und doch vollſtaͤndige Leichenrede: 4 In Frieden ruh' in Deiner duͤſtern Kammer, Es draͤngt kein Vorwurf druͤckend ſich dazu; In Frieden ruh', Dir folgt der Freunde Thraͤne, In Frieden ruh', nur Gutes thateſt Du. (Geſtorben am 19. Juni 1824.) und auf dem Grabe der Frau von Lamark, natuͤr⸗ lichen Schweſter des jetzigen Koͤnigs von Preußen: Wer ſie kannte, beweint ſie.“ Auf dem beſcheidenen hoͤlzernen Kreuze der allgemei⸗ 160 nen Begraͤbniſſe die ſo einfache Lebensgeſchichte eines Weibes, der Madame Vériot: „Sie lebte, liebte, ſtarb gleich gut.“ uUnd endlich laͤchelt ganz auf der Hoͤhe oder ganz in der Tiefe der Lebensleiter, eine Frau von 81 Jahren uns zu, indem ſie das ausſpricht, was es am Tode Furchtbarſtes, aber auch Wahrſtes giebt, der ſelbſt die furchtbarſte aller Wahrheiten iſt: „Eines Tages wird man von mir auch ſagen, was man von Andern geſagt hat: Marie Anne Pallet iſt geſtorben, und dann nicht weiter von ihr ſprechen.“ (Geſtorben im Jahre 1823.) unter dieſen Ausklaͤngen der Seele findet man keine, die aus dem Herzen einer Gattin kaͤmen, ſo ſehr ſchei⸗ nen ſich dieſe zu ſcheuen, wenn ſie vom erſten Schwur entfeſſelt ſind, einen zweiten auf dem Grabſtein einzu⸗ graben. Vergeſſen wir aber doch nicht jene von Schmerz durchdrungene Gattin, die die Arme nach ihrem Kinde ausſtreckt und ausruft:„Nur die Liebe zu meinem Sohne hat mich am Leben erhalten koͤnnen.“ Wir erblicken dies auf dem Grahmale von Labedoydre. Im Voruͤbergehen begruͤßen wir auch einen Proſkribirten derſelben Zeit, Regnault Saint Jean d'Angely, der nicht von ſeinem Vaterlande getrennt leben konnte, Erlaubniß 161 erhielt, es wieder zu ſehen, den 10. Maͤrz 1819, Abends um 6 Uhr in Paris ankam und ſechs Stunden nachher ſtarb. Herr Lucian Arnault hat dieſen traurigen Vorfall in vier Zeilen gebracht, und man lieſt ſie auf deſſen Leichenſteine: Den letzten Hauch, Franzos mit Geiſt und Herz, Hat er dem Vaterland gegeben⸗ Deerſelbe Tag beendete zugleich Sein Leiden, ſein Exil, ſein Leben. Aber noch ein Lebewohl bei den temporqren Bewwil⸗ ligungen fuͤr jenen ſo einfachen, ſo wenig uͤber den Boden ragenden Stein, ohne Einfaſſung, ohne Pflege umher, der jeden Tag, um dann ganz zu verſchwinden, nur das Nahen des Todtengraͤbers erwartet; wir leſen darauf: „ Arme Marie! Mit 29 Jahren! War ſie ſchoͤn? vielleicht.. War ſie gut? ohne Zweifel... Und wer war ſie? Nicht Schweſter, nicht Gattin, nicht Mutter?.. eher Waiſe. Wer brachte ſie hierher? Ein Beſchuͤtzer, ein Freund, ein gefuͤhlvoller Menſch? Ach, ihre ganze Geſchichte liegt in der Phan⸗ taſie, in dem Herzen, in der Seele des Voruͤbergehen⸗ den! Wie Viele ſind hier ſtehen geblieben, haben ge⸗ traͤumt, und dann wiederholt: arme Marie! mit 29 Jahren! „ 7** 16² Sobald einmal der Geiſt ſich ſo vertraut mit dem Tode gemacht hat, faͤllt es ſchwer, ſich dieſen Graͤbern zu entreißen. Vermeide man deren hundert, hundert andere halten uns zuruͤck. uUnwillkuͤrlich beugt man ſich uͤber eine Urne, uͤber einen Denkſtein, uͤber ein Kreuz, uͤber eine Blume! Alle Todten werden Euch auf dieſem Wege zu Voruͤbergehenden, an die ihr eine Frage zu richten habt, waͤr' es auch nur die nach ihren Namen. So ward ich von Station zu Station bis zu einem be⸗ ſcheidenen Monumente gefuͤhrt, vor dem ſtehen zu blei⸗ ben, mir die Pflicht gebot; ich las mit Ruͤhrung fol⸗ gende Zeilen: „Fuͤr Lallemant, geſtorben am 13. Juni 1820. Die Schule der Rechte, die Schule der Medizin, des Handels und der ſchoͤnen Kuͤnſte.“ Allerdings war es am 12. Juni 1820, als ich dieſen ungluͤcklichen jungen Mann aufhob, der von hinten zu von der Kugel eines koͤniglichen Gardiſten getroffen wor⸗ den war, und den wir unſerer Zehn bis Zwoͤlf zu ſeiner Mutter fuͤhrten, die ihn nicht ſobald zuruͤck erwartete.. Dieſer Zeitpunkt und dieſer Name rufen mir die Tage der Gefangenſchaft zuruͤck. Meine Feder war jedoch weit hinter meinem innern Grimme geblieben. Doch hatte ich ihm wenigſtens geſagt: 3 163 Du, deſſen Aſche hier begraben, 3 In Frieden, Lallemant, ruh', bei der Hoffnung Wehn, Daß die, die Dir ſich angeſchloſſen haben, Als Sieger einſt an Deinem Grnhe ſtehn! Und dieſe Tage ſind gekommen.... Drei Julitage haben die Verſe gerechtfertigt, nelhe ich an die Fre⸗ heit richtete: „Heute Ketten— Kronen morgen!”“ So irrte ich denn ſeit einigen Stunden in dieſem Elyſio umher. Ich konnte mehr als einmal bemerken, daß, wenn die Beſucher ſich zu großen Leichenbegaͤng⸗ niſſen draͤngten, ſie auch, in Ermangelung dieſer, nicht minder zu der beſcheidenſten Beerdigung heebei eilten. Beſonders ſehen ſie mit lebhafter Neugier den Sarg in ſeinen engen Raum verſenken, und entfernen ſich erſt dann, wenn der wieder gleich gemachte Boden nichts mehr von dem Schatze zu verrathen ſcheint, der ihm an⸗ vertraut worden... So begierig ſind wir zu erfahren, wie die Erde ſich ihrer Beute bemaͤchtigt!... Und ich, dachte ich bei mir ſelbſt, auch ich werde eben ſo aus den Augen der Lebenden verſchwinden, und ſo auch Alles, was um mich lebt; dieſer Prieſter, der am Rande dieſes Grabes mit ſo vieler Zuverſicht Worte der Vorſprache an einen Gott richtet, der ſeinen Gedanken fremd iſt, dieſer Todtengraͤber, den der lange Abſchied ungeduldig macht, dieſe beiden Cicerone, deren Vorrecht an den Ein⸗ 164 gangsthuͤren angeſchlagen iſt, um die Gaͤrtner zu ver⸗ hindern, dieſen ihren Vortheilen Eintrag zu thun, dieſe Waͤchter, die allein, mitten in der Nacht, dem Schwei⸗ gen und der Dunkelheit, die Windungen dieſes trau⸗ rigen Labyrinthes durcheilen, dieſer Aufſeher, der den Hund des Armen zuruͤckgewieſen hat, ſeine Tochter, auf⸗ geſchoſſen wie die juͤngſte der Cypreſſen, die ſich unter den Graͤbern erhebt und noch nach dem Untergange der Sonne zwiſchen dem Taxus ſpielt.. In dieſem Augen⸗ blicke ſtieg ich die Stufen der Kapelle hinan, die man neuerdings auf der groͤßten Hoͤhe erbaut hat. An die Thuͤr derſelben gelehnt, ſah ich Paris ganz vor mir liegen und das Pantheon mir gegenuͤber.„Und Du auch“, rief ich aus:„ſtolze Stadt, Du auch liegſt am Fuße dieſes Huͤgels, um nach und nach herauf zu klimmen.... Ganz und vollſtaͤndig mit Deinen Zwillingsthuͤrmen, von ſo vielen Jahrhunderten gekroͤnt, mit Deinem wieder hergeſtellten Tempel, in welchen das dankbare Vaterland vier Todte ruft, die bald dahin wandern werden, wirſt auch Du eines Tages dieſen Bezirk vergroͤßern, und das Leben wird weit von Deinen Barrieren hinweg geflohen ſein....“ Meine Gedanken ſchwangen ſich auf! Mit maͤchtiger Phantaſie hob ich die große Stadt und den Huͤgel empor, um ſie aufzurichten; ich ſah an ihr ein ungeheueres und unermeßliches Weſen; Millionen Fuͤße, die ſich unter einem Todtenkopfe bewegten. Nein, vielleicht hat in der ganzen⸗Welt keine an⸗ 165 dere Todtenkapelle eine ſo erhabene Lage als die auf die⸗ ſem Huͤgel! Die Thuͤren oͤffnen ſich, und vom Altare her tritt der Prieſter vor. Auf der Schwelle verweilend, beherrſcht ſein Blick die Koͤnigin der Staͤdte, ſo weit er nach allen Richtungen ſchaut. Es iſt eine der groͤßten geſelligen Zuſammenſtroͤmungen, es iſt die Hauptſtadt der civiliſirten Welt am Fuße des Calvarienberges, am Fuße des Marterholzes. Stellt nicht dieſer Prieſter, das Zeichen des Erloͤſers vor ſich tragend, fuͤr eine dem Glauben ſeines Bekenntniſſes hingegebene Seele das Chriſtenthum ſelbſt dar, das ſeit zwanzig Jahrhunderten alle Menſchen durch die troͤſtende Hoffnung eines zwei⸗ ten, ewigen Lebens zum Tode ruft?... Aber in unſern jetzigen Zeiten ſprechen die nackten und ſtrengen Wahr⸗ heiten lauter, als die ſuͤßen Taͤuſchungen der geheiligten Glaubenslehren. Ich verließ den Kirchhof des Pater La Chaiſe. Meine Geodanken hatte ein unbeſchreiblicher Eindruck gefeſſelt. Sie ſchweiften unablaͤſſig in dieſen großen My⸗ ſterien der Natur umher: das Nichts, das unſere Weis⸗ heit Luͤgen ſtraft, die Schoͤpfung, deren Grundſtoff es iſt, und die Ewigkeit, welche uͤberall geſchrieben ſteht.... Dann, als ich mich dem Aufenthalte der Menſchen naͤ⸗ herte, ſtieg ich wieder hinab zu den kleinlichen Leiden⸗ ſchaften derſelben. Ich ſtellte mir in ſchnellſter Aufein⸗ anderfolge Alles vor, was ſich in unſern geſelligen Ver⸗ bindungen vermiſcht, den Schrei der Freude und der 1 166 Verzweiflung, das Geheul der Wuth, das Ziſchen der Verleumdung und der Nache, die Hymnen des Ehrgeizes, die Geſaͤnge des laſterhaften Triumphes, das Zujauchzen der Knechtſchaft und das ſo vielfaͤltige Lachen der Thor⸗ heit... Elendes Menſchengeſchlecht, erinnere Dich doch manchmal, daß Du bloß auf dieſer Erde deshalb unter⸗ weges biſt, um zu einem gemeinſchaftlichen Abgrunde zu gelangen! „uns birgt derſelben Urne Geheimnißvoller Schooß; Ob ſpaͤter oder fruͤher, Heraus kommt doch das Loos“ Eugen Roch. Die Kogenschliesserin. 3. 44 Das iſt doch ein theatraliſcher Gegenſtand, woruͤber man unmoͤglich etwas Gelehrtes ſagen kann. Roͤmer und Griechen, die man ſtets bei allen Kunſtſachen citirt, und die auch ſtets Bewunderung verdienen, wenn von der Kunſt an ſich ſelbſt die Rede iſt, hatten keinen Be⸗ griff von einer Logenſchließerin. Wie haͤtten ſie auch dieſe kleinliche Erfindung unſerer ſilbernen Zeitalter begreifen koͤnnen, ſie, deren großartige und einſichtige Prachtliebe 29,000 Zuſchauern einen Cirkus erdffnete, und ein ganzes Volk, das ohne Unterſchiede auf den weiten Steinplatten ihrer Rieſentheater ſaß, Ariſtophanes oder Terenz beklatſchen ließ! Wo ſollte man in jenen Spielen kraͤftiger Menſchen, wo die Arena mit Tigern bruͤllte, von den Schwertern der Gladiatoren blitzte und ſich dann in einen unermeßlichen See verwandelte, auf 168 welchem Schiffe ſich bekriegten, Raum fuͤr ſolche klein⸗ liche fiskaliſche Beſchraͤnkungen, fuͤr jenes Privilegium finden, das uns ſtets auf die Ferſen tritt, und ſich mit ſolcher Allgewalt in unſern Saͤlen von vergoldeter Pappe geltend macht? Ach, je aͤlter die Welt wird, je geglaͤt⸗ teter und kleinlicher wird ſie. Die Alten hatten eiſerne Gitter in ihrem Cirkus und ſtatt Waͤchter einen Thier⸗ huͤter mit ſtruppigen Haaren und blutbeſpritzten Armen; wir aber haben geſchmackvolle und hoͤfliche Schließerinnen, die Blumenſtraͤuße in den Haͤnden tragen und ihre Schluͤſſel an einem Bande. In der Provinz, wo noch einige entſtellte Spuren des Alterthums uͤbrig geblieben ſind, hat eine Logen⸗ ſchließerin wenig Einfluß. Der Zuſchauer zahlt an der Thuͤr und ſetzt ſich ſo gut er kann auf vier Reihen von Baͤnken. Die Geld⸗Ariſtokratie, die einzige, welche im Theater gilt, hat ihre in Lehn gegebenen Logen, von denen ſie den Schluͤſſel in der Taſche behaͤlt, und der volksthuͤmliche Koͤnig aller dieſer dramatiſchen Unter⸗ thanen entſcheidet ſelbſt in den ſeltenen Zwiſtigkeiten, die ſich etwa vorfinden koͤnnten. Aber in Paris! In der theatraliſchen Stadt, wo Jedermann ſchon beim Aufſtehn aus dem Bette ſich in Poſitur ſtellt, wo das Kabinet eines Theater⸗Direktors ſeine Thuͤrſteher hat, die euch wie bei einem Miniſſter zuruͤckſtoßen, und Perſonen, die Audienz ſuchen auf Karten vom Sekretariat unterzeich⸗ net, da giebt es eine ganze Welt von Commis, von Ange⸗ ſtellten, 1 169 ſtellten, von Unter⸗Officianten, zwiſchen dem Publikum und dem Unternehmer ſeiner Genuͤſſe nach der Hof⸗ ordnung gereiht. Alles geht vortrefflich und die Centra⸗ liſation iſt nicht ein bloßes Wort. Wer wollte ſich des⸗ halb beklagen? Die Centraliſation iſt eine ſchoͤne Frau voll Fehler, welche ihre Anbeter ihr verzeihn, indem ſie ſie bewundern. Fuͤr Euch alſo, Leutchen in der Pro⸗ vinz, das Schauſpiel zum wohlfeilen Preiſe, die Frei⸗ heit, in Euern leeren Saͤlen Euch herum zu treiben, fuͤr uns die Logen zu ſechs Perſonen, wo drei Menſchen vor Enge und Hitze erſticken, fuͤr uns die Autoren⸗ Billets, fuͤr welche man noch keinen Platz erfunden hat, füͤr uns die kleinen Baͤnke, die Sitze von ſechs Zoll und die Logenſchließerinnen. Wenn ich jemals die moraliſche Statiſtik einer großen Stadt zu ſchreiben haͤtte, wuͤrde ich als den ausgezeich⸗ netſten Standpunkt dazu die Theater erwaͤhlen, und wenn ich dieſe Theater nach der Ordnung ihrer Civili⸗ ſation zu klaſſiftciren bekaͤme, wuͤrde ich mich, um es kurz zu machen, der Beobachtung der Logenſchließerin⸗ nen hingeben. Eine Logenſchließerin ſieht am meiſten und muß daher am beſten urtheilen koͤnnen. Sie iſt ein abſtraktes, vielfaches, verſchiedenartiges Weſen, das zu gleicher Zeit die wirkliche und die Buͤhnenwelt betrach⸗ tet, und vom Vorhang das vergoldete, glaͤnzende, er⸗ leuchtete, offtzielle Vordertheil, ſo wie das Hintertheil vor ſehmnuhigem Grau, durchloͤchert, geflickt, verwirrt IV. 8 170 und in Papilloten kennt. Sie iſt ein Beobachter von Allem und Jedem in derſelben Minute, und dabei mit der beweglichſten Organiſation begabt, die in den Va⸗ rietés lacht, in der Oper tanzen hoͤrt, im italieniſchen Theater eine Cadenz beurtheilt, im Vandeville einen neuen Refrain wiederholt, im Odeon gaͤhnt, in der Gaité ſchaudert und mit den letzten Strahlen des Theatre Francais erliſcht. Und alles dieſes ordnungslos, unter⸗ brochen, ruckweiſe, wie in einem Traume; aufſtehend vor der Peripetie, die Expoſition verfehlend, nie eine Ouvertuͤre hoͤrend, hundertmal in einem Ballet dreißig linke Beine und nie ein rechtes ſehend, je nachdem ihr nun ihr Platz an dieſer Thuͤre oder hinter jenem Guck⸗ loche angewieſen iſt. Welche Unordnung in einem ſolchen Kopfe! welche Luͤcken in einer ſolchen Anſicht! In das Knarren eines Schloſſes miſcht ſich ein Fetzen einer ſuͤßen Melodie; hinter einem Glasfenſterchen, zwiſchen den wehenden Federn eines Barrets hindurch ein Pas der Taglioni, ein Entrechat von Monteſſu; mitten unter dem Laͤrmen der Schritte im Gange das kraͤftige Mur⸗ ren, das den Schlachtopfern eines langen Diners das Wort entreißt: Kein Platz mehr! Ein koͤſtlicher Spaß von Odry, durch ein ſchallendes Gelaͤchter halb durch⸗ geſchnitten. Die ungluͤckſeligſte von allen iſt die Schließe⸗ rin im Gymnaſe, die recht mit Ruhe ſieben Zeilen eines Couplets mit anhoͤrt; wenn nun die achte die Pointe bringen und die uͤbrigen ertraͤglich machen ſoll, geht eine Thuͤr auf und dann Nichts mehr! Seid ihr manchmal im Sommer, wenn ihr unter den Baͤumen des Boulevard friſche Luft ſchoͤpftet, im Geiſte jener Linie von Theatern nach gegangen, die ſich von der Oper bis zu dem Petit⸗Lazari erſtreckt? Habt ihr an dieſe beiden Endpunkte der dramatiſchen Civiliſation, an dieſe beiden Pole des Elends und des Luxus, an dieſe beiden Bretboͤden gedacht, wovon der eine den Neid aller Hauptſtaͤdte Europa's erregen wuͤrde und der andere das Gelaͤchter einer Unterpraͤfektur? Ihr kennt es, dieſes ſo verſchiedenartige, in Allem ſo außerordentliche Paris, und habt ihr dennoch je ge⸗ glaubt, noch in derſelben Stadt zu ſein, wenn ihr im Marais dieſe Menſchenmenge in Lumpen gehuͤllt, mit ſchallendem Lachen und ſchwarzen Haͤnden ſaht, wie ſie ſich an den Eingang irgend einer Lehmbude draͤngte, die man mit dem Namen eines Theaters beehrte, und da⸗ gegen wieder auf dem italieniſchen Boulevard dieſe vor⸗ nehmen Jaͤger mit Epauletten, dieſe muthigen Pferde, dieſe ſammtenen Wagentritte ſich draͤngen, baͤumen, ent⸗ falten, und irgend ein ſchwaͤchliches, wohlduftendes Daͤmchen, irgend einen feiſten, verdrießlichen Herrn die Kiſſen eines Landau mit den Kiſſen einer Loge vertau⸗ ſchen ſaht? Nun denn! dieſer Kontraſt iſt Nichts im Vergleich zu dem Kontraſt der Schließerinnen. Beoh⸗ achtet und urtheilt. . 8* 172 Wenn ihr in die Funambules geht— und ich rathe euch nicht, wie zu einem Spaͤßchen dahin zu gehen, mit dem Entſchluſſe, Alles abſcheulich zu finden, und Alles den Tag darauf zu loben, in der Abſicht, Andere anzufuͤhren,— wenn ihr alſo Debureau ſehen wollt, nicht auf Treu und Glauben irgend eines Zeitungsar⸗ tikels, ſondern um den groͤßten Schauſpieler von Paris wirklich zu bewundern, ſo empfehle ich euch die Logen⸗ ſchließerin im erſten Range rechts. Dieſe Seite koſtet 3 Sous weniger als die linke, weil dort mehr Platz iſt, weil ihr die Buͤhne beſſer ſehen koͤnnt, und Gefahr lauft, unmittelbar mit dem Poͤbel in Beruͤhrung zu kommen. Was mich betrifft, ſo gehe ich nirgends an⸗ ders als dahin. Ihr werdet eine Dame von verſtaͤndigem Alter ſinden, die ſich Madame Galard nennt. Setzt euch neben ſie, denn ihr Platz iſt im Saale ſelbſt. Bie⸗ tet ihr Tabak an, und verſucht es, mit ihr eine Unter⸗ haltung anzuknuͤpfen, his zu Pierrots Eintritt. Habt ihr nur das mindeſte aufgeblaſene, ſelbſtgefaͤllige, ſpoͤt⸗ tiſche Anſehn, ſo ſage ich es euch im Voraus, ſie wird euch mit einem einzigen Blicke weg haben, euch hoͤflich und kalt euern Platz anweiſen und eure Zuvorkommen⸗ heit kurz abſchneiden. Macht ihr aber ein treuherziges und neugieriges Geſicht, wie es der Ort erfordert, und beſitzt ihr beſonders jene Gemuͤthlichkeit eines taͤglichen Beſuchers, die man nicht auf einmal erwirbt, ſo wird ſie euch, wie man eine Hand umdreht, mit tauſend merk⸗ 7 173 wuͤrdigen Dingen bekannt machen. Sie wird euch Namen, Wohnung, Stand und Art und Weiſe der Di⸗ rektoren, Schriftſteller, Deeorateurs, Maſchiniſten, Mu⸗ ſiker und Balletmeiſter angeben. Ihr werdet die ge⸗ heime Geſchichte der Couliſſen und die Intriguen der Liebe oder Selbſtliebe erfahren; warum Mademoiſelle Charlotte ihrer Schweſter im Vaudeville eine Rolle in Mannskleidern abgetreten hat; warum Herr Debureau — denn die arme Frau ſetzt noch dieſem hochberuͤhmten Kuͤnſtler den proſaiſchen Namen„Herr“ vor— ſeiner alten, ewigen Gewohnheit treu iſt; warum er die ver⸗ fuͤhreriſchen Vorſchlaͤge anderer Unternehmungen ausge⸗ ſchlagen hat; warum er nie eine Sprechrolle uͤbernimmt, da er, der große Mann, wohl weiß, daß er, der in: einer ſelbſt erfundenen Perſoͤnlichkeit ein ſo ausgezeich⸗ neter Darſteller iſt, unter den gewoͤhnlichen Bedin⸗ gungen des Drama's hoͤchſtens nur ein mittelmaͤßiges Talent ſein wuͤrde. Sie wird euch die Wohlthaten der Juli⸗Revolution erzaͤhlen, die den Seiltaͤnzern bloß einen erlogenen Titel lies, und den beiden X des ge⸗ ſpannten Seils, den von den Negern der Vorſtadt ge⸗ tragenen Leuchtern, die den koͤniglichen Theatern vorbe⸗ haltene Pracht, die Oper, das Ballet, das Luſtſpiel, wohl bald auch das hiſtoriſche Schauſpiel unterſchob.⸗ Ihr werdet dann erfahren, wie Debureau's Ruf in einigen Jahren gewachſen iſt, wie ſeit 6 Jahren ihn. die Weaſſ empor gehoben hat, und die Schließerin wird 174 mit euch, indem ſie die vermehrten Einnahmen ſegnet, veraͤchtlich uͤber jene vornehmen Spottvoͤgel lachen, die mit ihrem falſchen Geſchmacke albernerweiſe auf die ſchoͤne und naive Freude eines ganzen Volkes losziehn. Hierbei werdet ihr nun eine wichtige Bemerkung machen koͤnnen. Madame Galard ſagt wir, wenn ſie vom Theater der Seiltaͤnzerkuͤnſte ſpricht. Sie trennt ihr Schickſal nicht von dem der Unternehmung. Sie wird daher ſagen:„Wir haben dieſen Monat Gluͤck gehabt. Faſt alle Abende ein volles Haus, und Sonn⸗ tags zwiſchen unſern beiden Vorſtellungen mehr als 600 Franks.— Wir ſtudiren den wilden Mann wie⸗ der ein. Ein ſchoͤnes Stuͤck! einer der Triumphe des Herrn Debureau.— Was haben wir nicht mit Ozella fuͤr Geld gemacht! Wir hatten es aher auch bei einem Herrn von den Nouveautés beſtellt!— Unſeren tollen Ochſen werden wir jetzt nicht mehr geben. Es iſt zwar ein ſchoͤnes Stuͤck, dagegen laͤßt ſich Nichts ſagen, aber, ſehen Sie, er iſt doch gar zu bekannt. Ganz Paris kann ihn auswendig”’“ Welcher himmelweite Unterſchied zwiſchen dieſem We⸗ ſen, das mit dem Theater, an welchem es angeſtellt, eins iſt, eins nur mit deſſen Verwaltung, Hand in Hand mit dem Ober⸗Regiſſeur, vertraut redet mit dem Schau⸗ ſpieler, der Einnahmen macht, und der erſten Liebhaberin guten Rath ertheilt, und jenem Lohn⸗ und Einzel⸗ Leben einer Schließerin der großen Oper, die Herrn 175 Veron nie in der Naͤhe geſehen hat, und ſich ſehr wenig um das ungeheure Gluͤck von Robert dem Deufel bekuͤmmern wuͤrde, wenn das Andraͤngen der Menge nicht auch fuͤr ſie jeden Abend Etwas eintruͤge. Die, ſeid deſſen uͤberzeugt, wird gewiß, wenn ſie von Herrn Meyer⸗ beer ſpricht, nicht wir ſagen, wie Madame Galard von Herrn Laurent, dem Pantomimen⸗Dichter.— Unſtreitig habt ihr von einer Dienſtmagd gehoͤrt, die die Beicht⸗ der ihres Herrn mit den Worten abwies:„Heute ſitzen wir nicht Beichte“— aber das begreift ihr wohl, daß der Kammerdiener eines Erzbiſchofs Welt genug be⸗ ſitzt, um dem Vorſtand eines Inſtituts nicht zu ant⸗ worten: Morgen kommen wir nicht zu Ihnen, um zu firmelnl. Macht nun ohne Weiteres vom Boulevart du Temple einen Sprung zum italieniſchen Theater. Da werdet ihr die Schließerin auf einer wohl gepolſterten Bank ſitzen und ſie in einer mild erwaͤrmten, von fluͤchtigen Geruͤchen, welche die ſeltenſten Blumen aushauchen, ganz durchdufteten Atmoſphaͤre leben ſehen. Sie ſteht in dem bewunderungswuͤrdigſten Einklange mit der Ge⸗ ſellſchaft, die ſie umgiebt. Ihre Art und Weiſe hat etwas merkwuͤrdig Anſtaͤndiges und Wuͤrdevolles. Sie ruft euch ſogleich jene Bedienten aus großen Haͤuſern ins Gedaͤchtniß, die gegen Alle, welche ihren Herren gleich⸗ ſehen, ſo artig ſind, und fuͤr die Andern den Ton und die Weiſe der Protektion aufſparen. 176 Die Schließerin im Favart iſt ein Opfer der Juli⸗ Revolution. Nichts in der Welt kann ihr jenen ariſto⸗ kratiſchen Parfum, jenen pergamentnen Wohlgeruch und jenes ſchoͤne Benehmen von druͤben her wieder geben, das aus dieſem Theater einen Muſikſaal fuͤr die honet⸗ ten Leute machte. Dies iſt ihr eigener Ausdruck dafuͤr. Heut zu Tage hat ſie den Geſchmack, die Poeſie ihres Standes, verloren, und beweint, in ihre Erinnerungen ſich verſenkend, bitter die ehemalige Zeit. Sie iſt der treueſte Typus der Hingebung an die Legitimitaͤt. Ver⸗ letztes Intereſſe hat ſie in die Oppoſition geſtuͤrzt. Noͤ⸗ thigenfalls ſchriebe ſie mit an der Mode, und Herr von Genoude iſt ihr Prophet. Vor allen Dingen wirft ſie einen ſchmerzlichen Blick auf den ſchoͤnen rothen Teppich, den Herr Robert fuͤr das beſchmuzte Juli⸗Volk aufſparte, und den in drei Monaten grobe Stiefeln und ſtaubige Socken mehr mitgenommen haben, als es in zehn Jahren der kleine Schuh und der ſeidene Strumpf der Reſtauration haͤtten thun koͤnnen. Sie ſeufzt, wenn ſie den melodiſchen Brummhaß von Lablache, die in⸗ ſtrumentgleiche Stimme Rubini's hoͤrt, und es ſchmerzt ſie, daß ſo ſchoͤne Sachen an ſolche Kenner weg gewor⸗ fen werden. Bei den Eguipagen vor der Thuͤr laͤchelt ſie, wenn ſie die Wagenſchlaͤge mit einem aͤrmlichen Ramenszuge bezeichnet ſieht, und denkt an die ſchoͤnen Wappen, deren Geheimniß mit jedem Tage mehr ver⸗ ſchwindet. Ihr ganzer Troſt beruht noch auf dem Foyer⸗ 177 wohin die Damen nicht mehr kommen und ſich jeden Abend die Auswahl der reinen Maͤnner aus den beiden Kammern verſammelt. Im Fluge haſcht ſie da die treff⸗ lichen Sachen auf, die man dort herauslangt, die herr⸗ lichen Grundſaͤtze, die ſich zwiſchen die Ankuͤndigung eines Debuͤts und die gelehrte Wuͤrdigung einer Caba- letta von Roſſini draͤngen. Sie bewundert es, mit wel⸗ cher ſtaunenswerthen Leichtigkeit dieſe thraͤnenreichen Maͤrtyrer der Barrikaden, wenn ſie des Nachmittags uͤber das Ungluͤck Koͤnig Karls und die Verbannung des armen Kindes geſeufzt haben, ſich des Abends zu troͤſten wiſſen, nach dem Rathe des Evangeliums ihr trauriges Geſicht waſchen, ihre Halsbinden vor den Spiegeln zu⸗ recht knuͤpfen und unter einander von Baͤllen, Muſik und leckern Abendeſſen koſen. Die Schließerin iſt nach ſolchem erbaulichen Unterricht begierig, und ihre Klienten warten auf ſie ein Viertelſtuͤndchen im Logengange. Da ſtehen wir nun alſo bei der Monographie der Gattung Schließerin. Bis jetzt haben wir bloß die her⸗ vorragenden Punkte betrachtet, welche eben wegen ihrer ausnahmsweiſen Beſchaffenheit der Analyſe ſich entziehn. Der vorherrſchende Charakter bei der Schließerin iſt der Scharfſinn. Herr von Spurzheim und Lavater, Er⸗ ſterer beim Schaͤdelbefuͤhlen, Letzterer beim Beobachten der Geſichtszuͤge, haben den Menſchen nicht beſſer be⸗ griffen, noch ſeine guten oder boͤſen Neigungen mit groͤßerem Scharfſinn aufgefaßt. Ein einziger Blick ge⸗ 178 nuͤgt der Schließerin, um euch zu klaſſiſteiren, entweder in eurer buͤrgerlichen Rangordnung als Bankier, Kuͤnſt⸗ ler, Advokat, Arzt, Gewuͤrzkraͤmer, Saint⸗Simoniſt, oder in euern Familien⸗Verhaͤltniſſen, als Vater, Gatte, Bruder, Geliebter oder Couſin Selten trifft ſich's, daß dieſe ſo fluͤchtigen Auffaſſungen nicht vollkommen genau ſind, und wollt ihr ein wenig nachdenken, ſo werdet ihr leicht einſehen, daß das ganze Handwerk einer Schließerin ohne die Anwendung dieſes zweiten Geſichts,/ das ſich bloß bei Gasbeleuchtung entwickelt⸗ nicht moͤg⸗ lich waͤre. Denn ich muß euch hier ſagen, daß am Tage die Schließerin ein ganz gewoͤhnliches Weſen iſt, das naß wird, wenn es regnet, ſich in die Hand haucht, wenn es friert, und an die ihr hundertmal anſtoßt, ohne daß auch nur das kleinſte Zeichen euch verriethe, ihr ginget eben bei einem ſo beruͤhmten Weſen voruͤber. Aber der Abend kommt und mit ihm das Reich der Frauen. Die Geſchaͤfte, welche den ganzen Tag uͤber die Stirn des Mannes runzelten, ſind bis auf morgen verſchoben. Man denkt uͤber die Verwendung ſeines Abends nach, und was kann's dann da Beſſeres geben, um die langwierigen Stunden des Rebels und der Kaͤlte hinzubringen, als das Theater, das einzige Vergnuͤgen, deſſen Beifall ſich von 4000 Jahren herſchreibt, ohne daß Gefahr ihm droht, ſchwaͤcher zu werden. Ich ſpreche hier gegen die Anſicht der Direktoren und Zeitungs⸗ ſchreiber, aber ich habe nicht dieſelben Gruͤnde, wie 179 dieſe Herren, um an den Untergang der dramatiſchen Kunſt zu glauben, da ich eben ſo wenig Kapitale anzu⸗ legen als durchgefallene Dramen zu beweinen habe. Ihr geht alſo ins Theater, und da ſeid ihr kaum den bellenden Hoͤllenhunden am Eingange entronnen, als euer Schickſal nun in den Haͤnden der Schließerin ruht. Vier Stunden lang gehoͤrt ihr dieſer an. Rehmt euch in Acht! Eure Miene, eure Haltung, eure Art ſich auszudruͤcken, indem ihr euer Recht mit dem Billet in der Hand geltend macht, entſcheiden mehr oder we⸗ niger uͤber euer naͤchſtes Wohlbefinden. Eine Bewegung, ein Blick verurtheilen euch dazu, die Buͤhne nur von der Seite, hinter einer doppelten Reihe von Huͤten mit ungeheuern Dahlias aufgeſteckt zu ſehen, oder bringen euch den Vortheil zwiſchen einer gegenuͤber der Buͤhne liegenden Loge, einer philoſophiſchen Einſamkeit, wo ihr nach Luſt nachdenken koͤnnt, und der Geſellſchaft zweier jungen Frauen zu waͤhlen, die euch mit Vergnuͤgen Platz machen. Eure Eigenliebe wird ſchon dieſe Aufnahme 59 benutzen verſtehn. Die Feinheit des Blicks einer Schließerin geht noch weiter, als bloß auf eure Geſichtszuͤge zu ſehn; ſie durch⸗ wuͤhlt keck eure Taſchen, durchdringt die Maſchen eurer Boͤrſe und muſtert ihren Inhalt; vorzuͤglich verſteht ſie ſich darauf, es zu wuͤrdigen, mit welcher Leichtigkeit ihr letztern herausſchluͤpfen laſſet, oder ob ihre Baͤnder ſo feſt angezogen ſind, daß er durchaus nicht heraus kann. 180 Zuerſt pruͤft ſte euch durch eine abſchlaͤgliche Antwort: „Alle ihre Plaͤtze ſind verſagt, alle ihre Logen voll”“, und noͤthigenfalls dient ihr ein beſchriebenes Blatt, eine Inſchrift uͤber jeder Thuͤre zum Beweiſe. Verſucht aber nur die Kunſt der Verfuͤhrung, und nach einem Augen⸗ blicke weiſe berechneter Ueberlegung giebt es doch noch ein kleines Winkelchen, bleibt noch eine Loge leer, die ſie vergeſſen hatte, dem Herrn vorzuſchlagen. Dann kommt es zu dem Fußbaͤnkchen, das mit einer tiefen Kenntniß des menſchlichen Gemuͤths angeboten wird⸗ Fuͤrchtet euch nicht etwa davor, daß ſie euch frage: „Befehlen Sie ein Baͤnkchen?“ Nein, ſondern ſie wen⸗ det ſich an Madam, und ſagt ihr mit ganz einfachen Tone:„Madame befehlen unſtreitig ein Baͤnkchen?“ Das ſieht gar nicht aus wie ein Dienſtanerbieten, ſon⸗ dern iſt bloß ein Wunſch, den man nothwendigerweiſe ausdruͤcken mußte, und welchem zuvor gekommen zu ſein, ſie nur das Verdienſt hat. Jetzt ſteht es euch frei, lieber 10 Sous im Beutel zu behalten, oder ein ſo zartes Be⸗ nehmen anzuerkennen. Schlagt ihr es aber ab, ſo iſt eine kalte und hoͤfliche Miene eure erſte Strafe, bis ſich eine beſſere Gelegenheit findet, und wenn ihr einmal wieder in daſſelbe Theater kommt, koͤnnt ihr, wie ein gewiſſer Miniſter aus der Zeit der Reſtauration, deſſen Name mir entfallen iſt, den ungeheuern Abſtand er⸗ meſſen, der vom Rechte bis zur Gefaͤlligkeit iſt. Run kommt die lange Reihe der anſcheinend freiwil⸗ 181 ligen, in der That aber gezwungenen Abgaben. Da giebt es einen Blumenſtraus, den eure Begleiterin noth⸗ wendig riechen und folglich— behalten muß; da iſt euer Mantel, von dem man euch mit groͤßter Schnel⸗ ligkeit befreit; da iſt der Shawl und Hut von Madame; da iſt euer Parapluie, den man ſo ſorgſaͤltig neben eure Kaloſchen ſetzt, die euch ja druͤcken wuͤrden; da iſt der Komdoͤdienzettel; da iſt das Erleichterungsmittel, das man euch anbietet, um unter keiner Bedingung das Haus verlaſſen zu duͤrfen. Alles das koſtet Geld, und doch iſt alles dieſes der Willkuͤhr uͤberlaſſen, damit euer Charakter Muße gewinne, ſich freundlich oder unfreund⸗ lich zu entfalten. Die Erfahrung iſt eine ſehr eintraͤg⸗ liche Sache, wenn man ſich auf die Phyſiognomieen zu beſinnen verſteht. Uebrigens muͤßt ihr aber auch wiſſen, daß der Unternehmer den Schließerinnen gar nichts ge⸗ waͤhrt, als die Ausſicht auf dieſe ungewiſſen kleinen Vortheile, und doch werden, ungeachtet des Mangels aller beſtimmten Beſoldung, dieſe Stellen reißend ge⸗ ſucht. In einigen Theatern hat die Kaͤuflichkeit derſelben ſogar das Jahr 1789 uͤberlebt. Dies erklaͤrt es auch, weshalb, wenn ihr euch wegen des Eintritts in eine Loge an eine Schließerin wendet, in deren Reihe ſie nicht ge⸗ hoͤrt, dieſe euch bittet, die Ruͤckkehr ihrer Kollegin ab⸗ zuwarten, und ſich wohl huͤten wird, dieſer etwas von ihren Rechten zu entziehn. Die Feinheit hindert nicht an der Rechtlichkeit. 1 182 Eine Schließerin verabſcheut einen Zeitungsſchreiber aus Inſtinkt und in tiefſter Seele. Fuͤrs Erſte iſt der Zeitungsſchreiber unverheirathet; er hat keine Frau, der man etwas anbieten koͤnnte; denn ſeine Geliebte fuͤhrt er niemals in ihr Theater. Dann weiß ich wirklich nicht, ob der Schließerin nicht das Recht, auf jeden Platz im Theater zu gehen, ohne etwas am Eingange zu bezahlen, ein Mißbrauc ſcheint, ob ſie gleich die bos⸗ hafte Geſchicklichkeit beſitzt, ihn in ſeiner Ausuͤbung zu beſchraͤnken. Sollte ihr auch nicht uͤberdieſes noch das Urtheil dieſer ſtolzen Kritiker, wie ſie Beaumarchais nennt, üͤber die Stuͤcke, zu deren Beurtheilung auch ſie ſich fuͤr berufen haͤlt, eine gewiſſe Antipathie gegen deſſen zu viel oder zu wenig nachſichtige Urheber einfloͤßen? Was mich betrifft, ſo geſtehe ich, daß, wenn ich zwiſchen dieſen beiden gleich achtbaren Autoritaͤten waͤhlen ſollte, ich vielleicht der Schließerin die Palme der Kritik reichen wuͤrde. Sie verſteht es, woran ſie ſich bei dem maͤch⸗ tigen und großartigen Stücke, bei dem das Ge⸗ woͤhnliche uͤberſchreitende Drama, das vier Ein⸗ nahmen zu hundert Thalern gemacht hat, und„bei den ganz leidlichen Stuͤckchen, die das Spiel der Schauſpieler hob“, und die bei der hundertſten Vorſtellung noch die Kaſſe fuͤllen, zu halten hat. O ihr Herren ſo und ſo! O ihr beruͤhmten Dramatiker! ⸗O ihr dem Roman⸗ tiſchen feindſeligen Akademiker! O ihr jungen Menſchen, die ihr Racine und Corneille zu den Verſteinerungen 183 zaͤhlt! Welches Gluͤck fuͤr euch Alle, daß die Schließe⸗ rinnen nicht an den Journalen mit arbeiten, die Schließe⸗ rinnen, welche nicht zu ſchließen haben, wenn euer Name auf den Zetteln ſteht! Hoͤflichkeit, Benehmen und Gefäͤligkeit ſind bei den Schließerinnen nach jedem Theater und in verſchiedenen Graden verſchieden. Ich habe ſorgſam die Verhaͤltniſſe derſelben auf eine Formel zuruͤckgebracht, und kann als den Hoͤhepunkt dieſer Eigenſchaften die Gaͤnge des Feydeau und als umgekehrte Summe die Logenthuͤren des Gym⸗ naſe angeben. In dieſem vor allen andern ariſtokratiſchen und wegen ſeiner Langweile privilegirten Theater ſticht die Schließerin aufs Merkwuͤrdigſte durch ihre trockene, verdruͤßliche und oft ſogar unhoͤfliche Art und Weiſe gegen das wohlriechende Repertoir, die gezuckerten Dar⸗ ſteller und die eingemachten Zuſchauer ab. Nun kommen wir aber zu dem zarteſten Verhaͤltniſſe dieſes Gegenſtandes. Wir muͤſſen naͤmlich die offentlichen Sitten und Gebraͤuche, in Bezug auf die verſchloſſenen Logen betrachten. Man koͤnnte wohl Wahrheit ſagen, ohne irgend mit Jemand ſich deshalb zu veruneinigen; aber es plagt mich eine Erinnerung, ein Andenken, wie das boͤſe Gewiſſen eines unredlichen Menſchen. Herr von Jouy, der Eremit auf Reiſen in der Provinz, ward, weil er im Jahre 1818, von einem Billetdoux, das eine Schließerin des Theaters zu Bordeaux einer Dame heim⸗ lich zugeſteckt, geſprochen hatte, durch das Schlachtopfer 184 jener Beobachtungen vor der kompetenten Obrigkeit recht⸗ lich belangt. Da es nun in Paris mehr als 18 Theater und in jedem ungefaͤhr 10 Schließerinnen giebt, die Richter von 1832 aber, durch die aufruͤhreriſchen Schrift⸗ ſteller nur zu ſehr beſchaͤftigt, viel zu viel zu thun haben, um ſich in großer Eil mit ſolchen Lumpereien zu be⸗ faſſen, ſo habe ich gar keine Luſt, einige Monate lang unter der Laſt eines Prozeſſes wegen Verleumdung zu ſeufzen, und ſehe mich daher genoͤthigt, in dieſer Be⸗ ziehung ſehr vorſichtig zu ſein. Uebrigens iſt es auch gut, wenn man noch etwas zu rathen uͤbrig laͤßt. Eine Schließerin ſteckt keine Liebesbriefchen zu, erſt⸗ lich, weil es keine Liebesbriefchen giebt, und dann, um nicht zwei Aemter zugleich zu verwalten. Warum ſolltet ihr denn aber auch eine Dame um ein Toôte à Tôte von einem Viertelſtuͤndchen bitten, wenn ihr euch einen gan⸗- en Abend an ſie draͤngen, ihren Athem hoͤren, ihre Em⸗ pfindungen theilen Kͤnnt? Iſt denn eine Loge nicht etwa ein recht bequemes Boudoir, um zu ſeufzen? Koͤnnte denn ein geſcheiter Bedienter oder eine pfiffige Kammerfrau jenen engen Raum, wo ihr mit Augen oder Pantomimen ſprechen koͤnnt, beſſer eingerichtet ha⸗ ben? Seht nur, wie mit Kunſt alle dieſe Stuͤhle geſtellt ſind, wie die Entfernung dieſer Baͤnke zugleich nach⸗ ſichtig und zweckmaͤßig iſt! Kein Nachbar, der euch ge⸗ nirte, kein verdruͤßlicher Bedienter, der zwiſchen einer halboffenen Thuͤr lehnt und euch zu uͤberraſchen ſucht. 185 Ihr ſeid zu Hauſe und noch ſicherer als da. Die Schließe⸗ rin ſieht nicht auf euch, will nicht auf euch ſehen: ſie hat zwanzig Logen unter ihrer Aufſicht. Ich weiß zwar wohl, daß Niemand beſſer plaeirt iſt, als ſie, und daß, wenn die Gewoͤhnung ihr nicht das Salz ſolcher zufaͤl⸗ ligen Entdeckungen voͤllig unſchmackhaft gemacht haͤtte, ſie gewiß Stoff genug zum Erzaͤhlen haben wuͤrde. Es giebt ein allerliebſtes Gedicht vom Herrn Scribe, das im Manuſcripte uͤberall geleſen worden iſt, das ich euch aber nicht nennen werde. Wenn die ſchoͤnen Damen im Gymnaſe, die es kennen, wuͤßten, daß der Verfaſſer des Dipylomaten, unſtreitig nach einem Gargonfruͤh⸗ ſtuͤck, es gedichtet habe, ſo wuͤrden ſie ſich genoͤthigt ſehen, deshalb boͤſe auf ihn zu ſein. Nun denn! die ganz beſondere Stellung des Helden dieſer tollen Poſſe iſt genau dieſelbe, welche ſeden Abend die Schließerin in groͤßerem Maßſtabe einnimmt. Fuͤr ſie aber iſt es eine Aalpaſtete, unſchmackhaft, weil ſie ihr zu oft vor⸗ gekommen. Es iſt ſchon ſpaͤt bei euerem Eintritte ins Theater und Jedermann ſchon da. Ihr findet eine Schließerin, die euch auswendig kennt und euch ganz nach euerem Wohlgefallen plaeiren wird. Ihr habt ihr Wohlwollen euch erworben, und die Schließerin beſitzt in hohem Grade das Gedaͤchtniß des Herzens. Ohne daß ihr ihr ein Wort ſagt, hat ſie eure Gedanken errathen. Eine der Logen iſt leer geblieben. Da wuͤrdet ihr den erſten 6 4 8»v 186 Platz bekommen, wuͤrdet ganz bequem ſein, und doch iſt es dieſe Thuͤre nicht, die ſie euch dffnet. Weiterhin, in einer ſogenannten Baignoire(Wanne) ſitzen zwei Da⸗ men allein, oder eine junge Frau mit ihrem Manne, der ſchlaͤft, oder ein alter Buͤrgersmann mit ſeinen beiden Toͤchtern an ven Seiten: dahin fuͤhrt euch die Schließe⸗ rin. Sie weiß, daß euch im Theater weniger daran liegt, das Stuͤck zu hoͤren, als in Geſellſchaft zu ſein; uͤbrigens kennt ihr auch als ein taͤglicher Gaſt das Re⸗ pertoir auswendig, und ſeid zufrieden, wenn ihr nur ſo halbwegs ſeht. Dieſe hohe Gunſt wird nur ſehr we⸗ nigen Perſonen verſtattet. Es gehoͤrt lange Zeit, viele Aufmerkſamkeiten gehoͤren dazu, um dahin zu gelangen! Um die zu vertrauten, zu ausſchließlich gefaͤlligen Verhaͤltniſſe der Schließerin mit dem Publikum zu ver⸗ meiden, ſo wie um die kleinen Vortheile der obern Raͤume mit dem großen Gewinne der Logen des erſten Rangs auszugleichen, laͤßt die Verwaltung von Monat zu Monat dieſe Damen vom Paradies ins Orcheſter, und umge⸗ kehrt, reiſen. Dies hindert aber nicht, daß, wenn die Liſte nur wieder herum iſt, dieſer regelmaͤßige Wechſel nach Art der koͤniglichen Gerichtsbehoͤrden, nicht den Vertrauten die alten Bekannten wieder zufuͤhrte, von denen ſie ſo guten Vortheil zu ziehen verſtehen. Nur die vier Schließerinnen zum Balkon der großen Oper haben das Vorrecht, immer auf ihrem Poſten zu bleiben. Auch iſt dies noch ein Mißbrauch der vormaligen Di⸗ 187 rektion, wechen Herr Veron abzuſchaffen gedenkt. Es waͤre dies auch das Mittel, jene ariſtokratiſchen Unter⸗ ſchiede, welche bereits die Schließerin der großen Oper abhalten, mit der Schließerin des Vaudeville umzugehen, gefetzlich zu begruͤnden. Wenigſtens untey ſolchen Ver⸗ haͤltniſſen ſollte doch die Gleichheit herrſchen. Bei allen Gegenſtaͤnden, ſelbſt hei, den leichtſinnig⸗ ſten, giebt es eine ernſthafte Seite, vorzuͤglich wenn ge⸗ ſellige Verhaͤltniſſe, wie die unſrigen, aus Mangel an Sittlichkeit, Religion und Vertrauen in die Zukunft ſich außoͤſen. Ungluͤcklicherweiſe waͤre in Beziehungen dieſer Art der Uebergang von einigen ſchuldloſen Scherzen auf Gemaͤlde einer weit kraͤftigern Rohheit allzu verletzend. Ich überlaſſe daher der Einbildungskraft eines Jeden das Geſchaͤft, das weite Reich der Muthmaßungen nach Ge⸗ fallen zu durchſtreifen, oder vielmehr der Beobachtung eines Jeden, eine erzwungene Luͤcke auszufuͤllen, die ich mir ſelbſt hier auflege. Wenigſtens wird das Reſultat dieſer leichten Arbeit uͤber die Sitten und Gebraͤuche unſeres Zeitalters als ein ſehr unerwartetes erſcheinen. erſuche man nur die begonnene Anſicht einer Logen⸗ ſchließerin bis zum Ende zu verfolgen, und man wird bei allem Geſchrei tugendhaften Unwillens gegen unſere Voraͤltern darin eine Minderung finden. Denn in dem ernſten Studio der gegenwaͤrtigen Sitten muß man die Wahrheit derjenigen Gemaͤlde aufſuchen, die man uns jetzt von der Geſchichte einer ſeit hundert Jahren ver⸗ 188 floſſenen Zeit entwirft. Man haͤuft jetzt Memoiren auf,⸗ in welchen man auf die unſittlichkeit der letzteren Jahr⸗ hunderte ſchimpft, und verthut gegen das Laſter mit ge⸗ puderter Peruͤcke ſo vielen Unwillen, daß man keinen mehr gegen das Laſter uͤbrig hat, das in Staub⸗An⸗ zuͤgen einhergeht. 1 Verſucht es alſo und belauſcht die Schließerin auf der That, weniger bei ihrem anerkannten Geſchaͤfte, als bei einzelnen Gefaͤlligkeiten; ſehet Alles; erklaͤrt euch dieſen ganzen verſtaͤndigen Mechanismus der Einrich⸗ tungen und Plaͤtze, dieſen ganzen Handel gegenſeitiger Stellungen, und ſagt mir dann, ob wir viel dabei ge⸗ wonnen haben, unſere oͤffentlichen Laſter und geheimen Ausſchweifungen mit einem Schleier zu verhuͤllen. Ich wollte euch recht gern dabei vorausgehn oder folgen; aber noch einmal: ich ſage Nichts, aus Furcht, zu Viel zu ſagen. .. o gethan; beſitzen, deklamiren und ſind tugendhaft; die aber, welche 189 nur Leidenſchaften und Fehler haben, waͤlzen ſich in dem großen Sumpfe, ungeachtet aller Predigten. Rouſſeau, der Dichter, hat euch ungefaͤhr daſſelbe geſagt. Ihr wißt ſein ſchoͤnes Epigramm auswendig. Was er euch aber zu ſagen vergaß, war dies, daß es in dieſem Theater voll Unordnung auch Logenſchließerinnen giebt. Dies ſind diejenigen, welche die Menſchen verachten, die deren Leidenſchaften ſchmeicheln, um ſie auszuforſchen, und ihre eigenen Geſchaͤftchen dabei machen, indem ſie ſich nur um die der Andern bekuͤmmern. Es ſind, wenn ihr ſo wollt, die Heirathsmaͤkler, die von kuͤnftigen Ehe⸗ bruͤchen ihren Gewinnſt haben, die Pfeffer⸗ und Zimmt⸗ maͤkler, welche Vortheil aus den ungluͤcklichen Speku⸗ lationen ihrer Klienten ziehen, die Wechſel⸗Agenten, welche ſich Schloͤſſer kaufen, indem ſie den von ihnen Betrogenen Paͤſſe nach Belgien unterzeichnen, und end⸗ lich die Revolutionenmaͤkler, die von denen ſo koͤſtlich leben, die ſie nicht machen. Paul David. Ein Narrenhaus. (Anſtalt des Doktor Blanche.) „ — Zwel ſchoͤne, zwei merkwuͤrdige Sachen giebt es in un⸗ ſerem alten Europa zu ſehen und zu ſtudiren: einen Koͤnigspallaſt und ein Narrenhaus. Welche von dieſen beiden Wohnungen wuͤrdet ihr am liebſten die eure nennen? Die Wahnſinnigen, welche bei den Monarchen leben, ſind methodiſch, zu monoton; die, welche man nach Charenton oder zum Doctor Blanche verbannt, ſcheinen mir weniger zu beklagen. Man hat Mitleid mit ihrem Zuſtande; ſie eſſen nach Belieben, ſtehend oder ſitzend; ſie gruͤßen, ohne ſich bis auf den Fußboden zu buͤcken; es iſt ihnen erlaubt, manchmal einen Willen zu haben, ihn kund zu geben und zu behaupten. Sie reden laut; ſie halten ſich uͤber das Benehmen ihres Vorgeſetzten auf; ſie widerſtehen 191 den Drohungen und weichen nur der Gewalt... Sie ſind faſt Menſchen. Erzaͤhlt mir die Lebensverhaͤltniſſe der Narren, die in den Pallaͤſten der Koͤnige geboren werden und ſterben, und ich will euch dagegen die der Weſen erzaͤhlen, die ſich in den Narrenzellen herumtreiben. Es wird vielleicht ſogar einige Moral in meiner Erzaͤhlung liegen. An⸗ fangs ſah ich ſie mit Schaudern an, dann mit Theil⸗ nahme, ſpaͤter mit einem Gefuͤhle des Mitleids, das nicht ohne Suͤßigkeit war. Die Vernunft iſt uns oft da⸗ durch nachtheilig, daß ſie uns uͤber unſere Uebel belehrt, ohne die Kraft zu beſitzen, uns davon zu heilen. Jene Perſonen ſind daher nicht ſo ſehr zu beklagen, weil ſie nicht immer das Gefuͤhl ihres Ungluͤcks beſitzen. Wer keinen Gleichen hat, hat auch keinen Freund; dieſer Lehrſatz iſt nur fuͤr diejenigen wahr, welche tiefe Blicke in das menſchliche Herz werfen. Ein Freund, der mir mit einem Protektionslaͤcheln zunickte, wuͤrde mir das Herz zuſchnuͤren, ich wuͤrde ihn nicht mehr lieben. Um ſo ſchlimmer fuͤr mich, wenn ich nun ein⸗ mal ſo organiſirt bin. Liebe, Freundſchaft, darin be⸗ ſteht mein Leben. Die Geſchichts⸗Erzaͤhlung eines Narrenhauſes, von einem Narren niedergeſchrieben, iſt fuͤrwahr etwas Selt⸗ ſames. Ich war ein Narr, als ich dieſe Blaͤtter ſchrieb.. dinchdem meine Vernunft zuruͤckgekehrt war, las ich ſie ie wieder.... Alles darin iſt wahr, genau. Ich habe es 19² fuͤr zweckmaͤßig gehalten, Richts daran zu aͤndern. Sie ſind ein Portrait, das ich verderben wuͤrde, indem ich es verbeſſern wollte; ich uͤberlaſſe es euch. Herr Blanche iſt 35 Jahr alt. Er iſt von mittlerem Wuchſe. Seine Staͤrke bezeugt einen kraͤftigen Koͤrper. Seine Art, ſich auszudruͤcken, iſt kurz, raſch⸗ ſcharf. Ein vollkommen geſunder Menſch wuͤrde ſich ſtets ver⸗ anlaßt finden, ihn uͤber das Herbe gewiſſer Ausdruͤcke, deren er ſich gewoͤhnlich bedient, zur Rede zu ſetzen; ein Narr fuͤrchtet ſie und ſchweigt vor ihren Drohungen. Sein Blick erhielt durch eine ſtarke Verwundung am rechten Auge etwas Zweideutiges, ſo daß man ſagen moͤchte, er denke nach, er ſtudire, wenn er doch bloß ſieht. Er machte auf mich einen widerwaͤrtigen Ein⸗ druck. Das ſollte ſo ſein. Ich fuͤhlte mich unter ſeiner eiſernen Ruthe, ich, der ich nie gehorchen gelernt hatte,— als dem Willen einer Frau allein.. Sie iſt groß, voll, blond, ein wenig blaß. Ihr Blick iſt voll Guͤte; er fiͤßt Vertrauen ein. Der Ton ihrer Stimme troͤſtet; es liegt etwas Dichteriſches in ihrer Art zu ſprechen. Sie hat ſo viel Elend geſehen, ſo viele Seufzer gehoͤrt! Sie verſteht es, mitzufuͤhlen. Sie iſt keine zaͤrtliche Mutter; ihr Alter verhindert dieſe ſuͤße Taͤuſchung; ſie iſt nicht bloß eine Freundin; ihr empfindet fuͤr ſie mehr als Freundſchaft, weniger als Liebe..Sprechen wir nicht von Liebe! Ich habe laͤnger als zwei Monate in dem Hauſe des Doktor Blanche ge⸗ . wohnt, 193 wohnt, naͤrriſch und verſtaͤndig, und habe alſo die Eigenſchaften der beſcheidenen, und edeln Frau, von welcher ich jetzt ſpreche, wuͤrdigen gelernt. Dieſe Frau iſt die Gattin des Doktors. Ihr ſeht, daß man auch aus einem Narrenhauſe ein geliebtes Andenken mitneh⸗ men kann. Ich ward Abends um 6 Uhr in der Straße Gram⸗ mont von zwei handfeſten Schergen feſtgenommen, die ſich meiner von hinten bemaͤchtigten und mich mit ihren kraͤftigen Armen faßten. Ich wollte verſuchen, mich zu vertheidigen. Vergebens! Ich war krank, ſehr leidend, dem Tode nahe. Im Namen des Koͤnigs! Muß man wahnſinnig ſein, um dieſem Befehle ſich zu wider⸗ ſetzen? Ich war nicht wahnſinnig, und widerſetzte mich doch; aber mit zwei Stoͤßen ward ich in einen bereit ſtehenden Wagen geworfen. Alles war gut berechnet, wohl vorausgeſehen. Die Fahrt war lang. Die Haltunsfeſte ſchwatzten von der Schoͤnheit der Stadt, von der Kuͤhle der Nacht, und wenn ich ſeufzte, redeten ſie mir zu, Muth zu haben, mich als Mann zu zeigen. Aufforderungen zum Muth, von einem Polizeiſpion ertheilt! Wer kann daran glau⸗ ben? Weiß ein Polizeiſpion, was ein Menſch iſt, außer, daß er einen ſolchen von hinten feſthalten kann? So viel ich mich zu erinnern weiß, ſagte ich ihnen aber doch, daß ich gegen ſie keine Art von Verachtung fuͤhle... Man hatte recht daran, mich als Narren feſtzunehmen. IV. 9 194 Wir kamen langſam vorwaͤrts, denn wir fuhren ſteile Straßen hinauf, und ſchon war in mein durch eine hef⸗ tige Leidenſchaft furchtbar gepeinigtes Herz ein anderes Gefuͤhl gedrungen, das des verachtenden Unwillens. Von einem Polizeiſpione beim Kragen genommen zu ſein! Welche Beleidigung! An den Tagen der Auf⸗ laͤufe hatte ich eine aͤhnliche Kraͤnkung erfahren. Ohne ein ſittliches Daſein iſt der Polizeiſpion der Menſch der Gewalt; ein Feigling, iſt er der Menſch der Kraft. Doch ich irre mich: der Polizeiſpion iſt der muthigſte Menſch in der Welt, weil er das verſpottet, was die andern am meiſten fuͤrchten, die oͤffentliche Ver⸗ achtung. So gelangten wir endlich an die Thuͤr des Kranken⸗ hauſes. Ich erinnere mich noch an die kleinſten Um⸗ ſtaͤnde dieſer ſchleichenden Stunden, die mich ſo furcht⸗ bar marterten. Wir haben ſo viele Nerven fuͤr den Schmerz! Ich glaubte zu einem Unterſuchungsrichter einzutreten, zu einem koͤniglichen Prokurator. Man hatte mir es unterwegs zwanzigmal geſagt, indem man mir von Dolchen, Brandſtiften und Mordthaten vorredete. Ich hoͤrte meinen Waͤchtern wie Jemand zu, der es be⸗ auert, nicht genug gethan zu haben, um die Strenge zu rechtfertigen, die man gegen ihn anwendet, und wenn ich meine wirren Erinnerungen befragte, ſo war ich faſt wuͤthend daruͤber, Vernunft genug beſeſſen zu haben, um nicht alle Bande zu zerreißen, die mich an —— 195 die buͤrgerliche Geſellſchaft knuͤpften. Die Verzweiflung hat ihre Stufen wie der Schmerz. Nachdem ich durch einen kleinen, von Baͤumen mit duͤſterem und fahlen Laube beſchatteten Hof gekommen war, trat ich in einen weiten Saal, den ein hufeiſen⸗ foͤrmiger Tiſch faſt ganz einnahm. Auf den erſten An⸗ blick glaubte ich, dies ſei der Marterſaal, und ſuchte ſchon mit neugierigen und feſten Blicken die Werkzeuge der Tortur... Man bat mich hoͤflich, weiter zu gehen. Welcher Anblick!... Geſichter voll Leidenszuͤge, abge⸗ ſtumpfte Geſichter, laͤchelnde Geſichter, laͤchelnde Ge⸗ ſichter, aber freudenlos, weinende, aber ohne Thraͤnen, und nur Ein Geſicht voll Mitleid, das der Madame Blanche, und alles dies in einem Raume von zehn Quadratfuß, ſo zu ſagen, aufeinander gehaͤuft... Mein Kopf drehte ſich wirr, ich glaubte zu traͤumen. Ich wollte wiſſen, und fuͤrchtete, zu erfahren. Ihr ſeht, daß ich noch ein wenig Vernunft beſaß. Ich hatte Zeit zum Beobachten. Die Schwaͤche mei⸗ nes Koͤrpers verlieh, wie es ſchien, meiner Seele Staͤrke. Ein kleiner, runder, rother, finniger, auf einen Seſſel ausgeſtreckter Mann ſah mich mit dummen Augen an und lachte uͤber meine Leichenblaͤſſe. Warum lachte er denn? Ich hatte mich ſchon zweimal von dieſem albern ſpoͤttiſchen, unedel ſatyriſchen Geſichte abgewendet, und immer lorgnettirte mich der Menſch mit laͤchelnder Miene. Ich hielt es fuͤr ein feiges Herausfordern, und ae 196 ſchon ſchwebte meine eiſerne Hand uͤber ſelner Wange, als eine ſanfte, mitleidsvolle Stimme mich bat, mich zu ſetzen. Nur eine Frauenſtimme konnte Gewalt uͤber mich haben; ich gehorchte, mein Zorn erloſch, ich hoͤrte ziemlich ruhig das Ende einer Sonate mit an, welche eine Penſionairin von etwa 20 Jahren auf einem Piano ſpielte. Madame Bel...· war geiſtesirr, wenn ſie nicht auf dem Klaviere ſpielte. Das erfuhr ich ſpaͤter. Aber wo befand ich mich denn?... Der koͤnigliche Prokurator kam nicht, und in dem Nebenzimmer, in welchem ich, meinen Gedanken nach, ſtrengen Pruͤfungen unterworfen werden ſollte, war Alles ſtill. Fuͤhrt den Herrn auf ſein Zimmer, ſagte die wohl⸗ wollende Fee zu einem Bedienten, der mich ſtets beglei⸗ tet hatte. Ich folgte als Automat, und nachdem wir durch einige Vorſaͤle gegangen und einige Treppen hin⸗ auf geſtiegen waren, ſtieß man mich gewaltſam in ein mit Eiſenſtaͤben und Drahtgeflecht vor dem Fenſter ver⸗ ſehenes Gemach. Ein Bett von ſehr kleinem Anſehn, zwei Stuͤhle und eine Zwangsweſte waren deſſen Menblen. Der Bediente hatte ſich einen Kameraden beigeſellt, und beide ſahen mich kalt und untheilnehmend, wie Men⸗ ſchen an, die daran gewoͤhnt ſind⸗ Menſchen, wie mich⸗ zu ſehen.— Was macht ihr denn? Was wollt ihr?— Wir ſind da, um den Herrn zu bedienen.— Ich bedarf Nichts; laßt mich allein.— Wir haben Befehl, den Herrn nicht allein zu laſſen.— Wird der koͤnigliche Pro⸗ 197 kurator bald kommen?— Es wird nicht lange dauern.— Das will ich hoffen, wenn ich ihm noch Rede und Ant⸗ wort geben ſoll, denn ich fuͤhle, wie meine Kraͤfte immer mehr ſchwinden; und doch ſuchte ich nach Stoff, meine Wuth zu naͤhren. Halb angekleidet legte ich mich nieder.— Wenn es dem Herrn gefaͤllig waͤre, wir haben hier drinn Gerſten⸗ waſſer.— Und wozu Gerſtenwaſſer?— Herr Blanche hat es befohlen.— Wo bin ich denn?— Bei Herrn Blanche.... Die Binde fiel: ich hielt mich fuͤr einen Verſchwor⸗ nen, und erkannte mich als Narren wieder! Ich ſchaͤmte mich; ich weinte.... Nein, es war nicht Schaam, es war auch Liebe. Und als ich mich nun dort ſah, dort, allein, dieſem vergitterten Fenſter, die⸗ ſen beiden Geſtalten ohne Freundſchaft wie ohne Haß⸗ allen meinen Erinnerungen von Gluͤck und Schmerz gegenuͤber; als ich die Macht derer erkannt hatte, die mich feſſelten, und die Schwaͤche ihres Opfers; als ich, die Laͤnge der Stunden, die Ewigkeit der Minuten be⸗ rechnend, und daß dieſe kalten, fuͤhlloſen Mauern mir geantwortet hatten: Hier iſt Dein Platz! da er⸗ kannte ich mich als Irren, irr fuͤr immer, irr durch ſie, aus Liebe irr, im furchtharſten, ſtechendſten, abſcheulich⸗ ſten Irrſein...... Dann rief ich mir Alles wieder ins Gedaͤchtniß zuruͤck, was mich dahin gebracht hatte, und ſtaunte nur, daß 198 ich nicht die Arme, die Fuͤße gebunden fuͤhlte, den Hals im Eiſen. Ich war wuͤthend. e O! mdoͤge der, deſſen Gedanken der Ehrgeiz ver⸗ wirrt, ſeine Narrheit nicht eingeſtehn; moͤge der, den der Geiz, der Haß, der Durſt der Rache nach Charen⸗ ton, nach Bicdtre, oder zum Doktor Blanche hringen, ſorgfaͤltig ſeinen tollen Wahnſinn verbergen!... Aber ich, Narr aus Liebe, ich kann es ſagen, kann es ohne Erroͤthen eingeſtehn. Seht nur jetzt: ich bin ruhig, ich erzaͤhle meine vergangenen Leiden; und die Heftigkeit meines Uebels muß groß geweſen ſein, daß die leichteſten Eindruͤcke doch ſo tiefe Spuren davon zuruͤckgelaſſen haben. Es iſt ein Alp, der ſelbſt nach dem Schlafe noch druͤckt; es iſt eine Kugel, die euch ein Glied zer⸗ ſchmettert, und deren Treffen ihr lange erſt nach der Verwundung nachempfindet.... In den Tagen der Ver⸗ nunft ſtellen ſich die Augenblicke des Irrſeins wie in einem Spiegel wieder dar.. Sagt nicht, daß dies nicht ſein koͤnne; ich habe es gefuͤhlt, erprobt. Herr Blanche trat herein.... Ich machte mich muthig auf die Douſchen gefaßt; denn, ſtatt mich zu beruhigen, erſtarrte ſein Geſpraͤch das wenige Blut, das ich noch beſaß, vollends zu Eis. Er ſprach mit mir von Mord, von Erdolchung, von Brandſtiftung; es waren vorgeſchrie⸗ bene Worte.. Ich hielt ihn fuͤr toll, wie mich, und meiner mitleidigen Natur auch hier getreu, beklagte ich ihn, ich, den hier Riemand zu beklagen ſchien. 199 Die ganze Nacht ſchrie ein Menſch neben mir an. Es war ein Irrer, der ſeine Freiheit begehrte.... Ich, ich betrachtete die Mauern, die Eiſenſtaͤbe, und ich hatte tauſend Leben, um zu leiden, nicht Eine Hand, ſie zu brechen. Dieſe Nacht waͤhrte wer weiß wie viele Jahrhun⸗ derte; die geringſte Bewegung meiner Vorhaͤnge durch⸗ ſchauerte mich in meinem Bette.... Ich ſtand auf. Man ſetzte mich in ein Bad, und zum erſtenmale ſeit langer Zeit weilten meine Blicke auf einem Spiegel. Mein ſo ganz umgeaͤndertes Geſicht verurſachte mir eine unbeſchreibliche Empfindung. Ich weinte; ich fuͤhlte gluͤhende Thraͤnen meine Wangen herabrollen, und als ich bedachte, daß man fuͤr ſolche Leiden hier gefuͤhllos ſei, drang mir die Wuth ans Herz.... Ich erinnere mich nun weiter Nichts, außer, daß ich Madame Blanche wieder ſah, daß meine Wuth ſich ſtillte, daß meine Thraͤ⸗ nen minder bitter, minder brennend floſſen und ich um Buͤcher bat. Ich haͤtte Vergnuͤgen daran gefunden, ein Woͤrterbuch durchzuleſen, die Ziffern einer logarithmiſchen Tafel, Worte ohne Zuſammenhang, Phraſen ohne Sinn, gleich denen der Weſen, die mich umgaben, die mich noch heut umgeben, und fuͤr die ich ein ſo wahres, aber ach! auch ſo unfruchtbares Mitleid fuͤhle. Herr Blanche kam wieder zu mir. Seine vernuͤnf⸗ tigen Vorſtellungen beruhigten ein wenig die Erregung meiner Ideen. Ich dachte nicht mehr an den Selbſtmord, 200 und doch uͤberlegte neben mir ein junger Mann von 25 bis 30 Jahren, in einen braunen Mantel gehuͤllt⸗ voll Schmerz, daß der Schuß von zwei Piſtolen nicht habe toͤdten koͤnnen. Die Kugeln waren durch die obere Kinnlade zwiſchen den Augen herausgegangen.... Es giebt Weſen, welche das Schickſal grauſam verfolgt! Dieſer Menſch lebt noch. Ein anderer Mann heiteren Geſichts, ſorgfaͤltig an⸗ gezogen, mit anmuthigem Laͤcheln, ſetzte ſich neben mich, und fragte mich, wie ich mich befinde. Ich weiß nicht recht, was ich ihm antwortete; er aber ergriff eine Violine und ſpielte auf ein bekanntes Thema mit vieler Kraft und bewundernswerther Praͤciſion Variationen. Ich glaube, daß ich ihm etwas Verbindliches daruͤber ſagte... Ohl! ohl entgegnete er; ich habe noch andere Talente! Ich bin der Sohn von Joſephine und Jeſus Chriſtus, und erinnere mich noch ſebr wohl, wie ich Tſchengis⸗Khan, Mahomet und Napoleon war... Und Sie, mein Herr, erinnern Sie ſich denn nicht, wer Sie waren?... Ihr Gehirn, indem es in die Hirnſchale eines Andern uͤberging.... Madame Blanche legte ihm Still⸗ ſchweigen auf, und er gehorchte lachend. Roch ein Mitleidsgefuͤhl fuͤr einen Ungluͤcklichen! Denn hier muß man Jedermann beklagen. Ich erhielt die Erlaubniß, im Hofe ſpazieren zu gehn, ſpaͤter auch im Garten.. Ich ſah, ich erkannte, ich — 201 ſtudirte faſt; ich kann es beſchreiben, denn ich bin bei voller Vernunft. Auf der Hoͤhe des Huͤgels Montmartre, auf jenem Punkte, der durch die Rieſenfluͤgel mehrerer Windmuͤh⸗ len beherrſcht wird, befindet ſich ein nicht unanſehn⸗ liches, unregelmaͤßiges Gebaͤude, deſſen weiße, ziemlich elegante Fagade die Blicke der Neugierigen auf ſich zieht. Ein Parterre, eine erſte und zweite Etage, 14 Fenſter, von denen mehrere mit Eiſengittern, andere mit Draht⸗ geflecht verſehen ſind, ſo ſtellt ſich das Haus dar. Zwei kleine Seitenfluͤgel, deren linker von dem Doktor und ſeiner Familie bewohnt iſt, ſcheinen an das Hauptge⸗ baͤude angebaut. Neben dem Gitter ein wenig Raſen, das iſt der Hof. Die hintere Seite des Hauſes hat auch zwei Stock⸗ werke, und geht auf einen nach engliſcher Art angeleg⸗ ten, kleinen, aber anmuthigen Garten. Hier ſpazieren die Kranken, die Stumpfſinnigen, die Irren, nach Be⸗ lieben umher. Zwei, deren Irrſein gefaͤhrlich iſt, ſind von den uͤbrigen durch eine hohe Palliſadenwand getrennt, die ſie weder uͤberſteigen noch einreißen koͤnnen. Auf der einen Seite der Schmerz, auf der andern die Verzweif⸗ lung; hier moraliſche Leiden, mit Allem, was ſie nur Durchbohrendes haben koͤnnen, dort phyſiſcher Schmerzz und Seelenſtoͤrungen mit allem ihrem Jammer. In der erſtern Umzaͤunung vergießt man bittere Thraͤnen, die 202 andere zeigt ſchauerlichere, zerſoͤrendere Kriſen... Das Ungluͤck, das den Verſtand raubt, ziehe ich vor. Faſt jedes Gemach des Lokals, das ich beſuche, erin⸗ nert an herzzerreißende Auftritte. Hier hat ſeit langer Zeit ein geborner Portugieſe geſeufzt, und ſeufzt noch, deſſen zwoͤlfiaͤhriger Bruder zu Coimbra, als Theil⸗ nehmer an einem Plane zum Umſturze der Re⸗ gierung, gehangen ward.— Was ſollen wir mit die⸗ ſem Kinde anfangen? ſagte der Großrichter zu einer Frau: es iſt erſt zwoͤlf Jahr alt.— Zwoͤlf Jahr! ent⸗ gegnete ſie; um ſo beſſer! haͤngt ihn geſchwind, damit eer noch mit den Engeln zu Abend eſſen kann... aber ſeinen etwas aͤltern Bruder laßt der Hinrichtung am Fuße des Schaffots beiwohnen.... Die Frau, welche dieſen Mord befahl, war die Mutter Don Miguels. Das Kind ward gehangen, und der Bruder, welcher Zeuge dieſes furchtbaren Schauſpiels ſein mußte, verlor daruͤber den Verſtand Des Herrn Blanche Sorgfalt und Geſchicklichkeit ſtellte ſeine Geſundheit wieder her, die jedoch auch ſpaͤterhin von neuem verloren ging, indem er ſich ſtets durch den Leichnam ſeines juͤngern Bruders, der in der Laft ſchwebt, verfolgt glaubt. Noch ein hiſtoriſches Gemach.... Lange Tage und ewige Naͤchte hindurch hat zwiſchen dieſen vier zierloſen Mauern ein Heldenweib geſchmachtet, das aus Gluͤck wahnſinnig ward— Madame Lavalette hat hier auf dieſem Lager des Elends geweint. Sir Robert Wilſon, 203 Bruee und Hutchinſon entriſſen ihren Gemahl dem koͤnig⸗ lichen Blei.... Ruhm und Ehre ſei ihnen! Der Graf iſt nun todt, und Frau von Lavalette verdankt Herrn Blanche eine faſt wundervolle Heilung. Seht ihr da dieſe allerliebſte Zelle im Parterre mit der Ausſicht nach dem Garten? Betrachtet den Mann, der ſie mit gleichem und eiligen Schritte durchwandert: es iſt der General Travot. Als die Burbonen zuruͤck⸗ kamen, ward er zum Tode verurtheilt, und verdankte ihrer Huld die Verwandlung dieſer Strafe in ewiges Ge⸗ faͤngniß. Sein Verſtand ward irr; er faßte einen Haß gegen das Menſchengeſchlecht, und ſo ſtoͤßt er jetzt Jeden zuruͤck) der ihn anruͤhrt, faͤhrt auf den ein, der mit ihm ſpricht, wird ſelbſt gegen den Doktor boͤſe, und pfeift ſtets die patriotiſchen Melodieen der Revolution von 1793 Bloß dies iſt ihm von ſeinen Erinnerungen uͤbrig geblieben... Bietet dem General Travot nicht die Hand, er wuͤrde nach euch ſchlagen. Der junge Mann mit dem ſchwermuͤthigen und doch ſo geiſtreichen Geſicht iſt ein Stumpfſinniger. Im Be⸗ ſitze eines bedeutenden Vermoͤgens eilt er Allen, die ihn umſtehen, eifrigſt entgegen. Wie befinden Sie ſich?— Recht gut.— Ich auch, das freut mich ſehr:— und damit verlaͤßt er euch. Etwas mehr Vernunft und we⸗ niger Geld wuͤrden einen Menſchen aus ihm gemacht haben; jetzt iſt er ein Bloͤdſinniger. Seht ſeinen Nachbar: dies iſt die heilige Sammlung 204 des Karthaͤuſers, der neben ſeinem Grabe knieet; es iſt das letzte Lebewohl der liebenden Jungfrau, welche die Welt mit dem Kloſter vertauſcht; es iſt die Albern⸗ heit des Schafs, das man zum Schlachtmeſſer bringt; es iſt das letzte Nachdenken des Menſchenhaſſers, der ſich zum Selbſtmorde bereitet.— Er betrachtet ſeine Fuͤße, und ſo ſteht er den ganzen Tag mit geſenktem Haupte und auf Einen Fleck ſtarrenden Auge. Dann erhebt er den Kopf, und ganze Stunden lang bleiben Kopf und Koͤrper unbeweglich. Geht er, ſollte ſollte man ihn fuͤr einen Automaten halten, der durch ein verſtecktes Trieb⸗ werk in Bewegung geſetzt wird. Setzt er ſich, ſo ge⸗ ſchieht es, weil die Uhr abgelaufen iſt... Dieſer junge Menſch nennt ſich Adolph; auch er iſt reich. Allem Anſcheine nach wird er lange leben, und ſterben, wie er gelebt hat, ohne Kummer, ohne Sorge, ohne Liebe. Was that er, um vom Himmel ſo beguͤnſtigt zu werden? Arme Frau! Welche duͤſtere Schwermuth iſt uͤber ihre Zuͤge gebreitet! Sie ſtrebt nur danach, ſich zu toͤdten, und doch ſpielt ſie mit Meſſern, Scheermeſſern und ſpitzen Gabeln. Warum? Nicht auf dieſe Art ſoll ſie verſchwinden! Sie hat ſich ſchon zweimal in einen Teich geſtuͤrzt; nur auf dieſe Art will ſie ſterben; jede andere Todesweiſe ſchreckt ſie ab; dieſe allein giebt ihr Sicherheit, Troſt. Sprecht ihr mit ihr von einem Teiche, ſo laͤchelt ſie euch zu, liebkoſet euch, iſt eure Freundin. Sprechet ihr von nichts Anderem vor, denn 205 ſie verſteht euch entweder nicht, oder laͤuft davon. Aber ein Teich!. Ich ſprach mit ihr oft von Teichen, ich; auch war ich ihr Vertrauter, ihr geliebter Freund. Welche Sonderbarkeit! Ich liebe ſelbſt die Zuneigung der Irren. Nur ein Paar Worte von der Schweſter eines unſrer Schauſpieler, der durch ſeine Jocriſſen ſo beruͤhmt wor⸗ den iſt, und deſſen Rechtlichkeit ſeinem Verdienſte gleicht. Ihr Irrſein iſt nicht gefaͤhrlich, aber ſehr originell. Sie fuͤrchtet vor Hunger zu ſterben, und dies bloß, wenn ſie bereits gegeſſen hat. Selten wird man einen ſo kleinen Koͤrper ſo viele Nahrungsmittel zu ſich nehmen ſehen, und ſobald ſie vom Tiſch aufſteht, fließen ihre Thraͤ⸗ nen im Uebermaaß, ihre Klagen beſchuldigen das Men⸗ ſchengeſchlecht des Geizes, und ihr Geſchrei betaͤubt das ganze Haus. Dieſes Geſchrei und dieſe Thraͤnen ruͤhren mich aber weit weniger, als die tobenden Ausbruͤche jener jiungen Mutter, die baarhaͤuptig ohne Unterlaß durch den Garten laͤuft und huͤpft, von einer gluͤcklichen Idee verfolgt. Das Lachen auf den Lippen eines Sterbenden koͤnnte mir kaum das Herz noch ſtaͤrker zerreißen. und ſeht nur, dieſe Weſen alle, von denen ich euch erzaͤhlte, und zwanzig andere noch ſprechen alle Tage mit einander, durchkreuzen ſich in jedem Sinne, geben ſich die Haͤnde und liebkoſen ſich manchmal.... Des. Herrn Blanche Stimme haͤlt ſie mitten in ihrer Un⸗ 2⁰6 ordnung zuruͤck, die der Madame Blanche beruhigt ſie, wie durch Zauberei Es iſt ein troͤſtender Anblick, ſo viele Geſchoͤpfe in einem Saale vereint zu ſehen, die alle gehorſam, furchtſam und aͤngſtlich bei Befehlen ſind, die ohne Haͤrte gegeben werden, bei Bitten, mit vaͤter⸗ lichem Tone vorgetragen. Man ſollte da an Magie glauben. Um 70 Uhr fruͤhſtuͤckt man, um 5 Uhr ißt man zu Mittag. Herr oder Madame Blanche legen die geſunden und auserleſenen Speiſen vor Es iſt eine Speiſegeſell⸗ ſchaft, mit Ausnahme des Getoͤſes unſerer Kollegen. Nur der Herr allein ſpricht, die Uebrigen ſchweigen. Die Taubſtummen beobachten kein heiligeres Stillſchwei⸗ gen, die Trappiſtenbruͤder koͤnnten nicht anders eſſen. Doch giebt es Ausnahmen; dann aber thun die Waͤchter ihre Schuldigkeit, und die Zwangsweſten und Douſchen ſtellen wieder Ordnung her. Nach dem Mittagseſſen kommt man gewoͤhnlich in einem großen Saale zuſammen, wo der Sohn Jeſu Chriſti und Joſephinens Muſik macht. Auch da werdet ihr auf einen Seſſel ausgeſtreckt, mit boshaftem Laͤcheln, als ob er eben einen Preis in einem Wettrennen zu New⸗Market gewonnen haͤtte, jenen bleichen und fin⸗ nigen Englaͤnder wieder ſehen, den ich am Tage meiner Ankunft ſo gern geohrfeigt haͤtte. Man ſollte ihn fuͤr einen Paſcha halten, der ſeine Favorit⸗Sultanin er⸗ warte; man ſollte ſchwoͤren, es ſei ein Dichter nach ſei⸗ 1 207 nem erſten gluͤcklichen Erfolge im Gymnaſe oder dem Vaudeville. Aber keinesweges. Dieſer Menſch glaubt, daß man immer mit leiſer Stimme mit ihm ſpricht, und lacht uͤber das, was er zu hoͤren vermeint.... Gluͤck⸗ liche Narrheit, die ſich nur mit anmuthigen Gedan⸗ ken naͤhrt!... Welche zerſtoͤrende Schmerzen haben in dieſen Ge⸗ maͤchern mit Eiſenſtangen gejammert! welches menſch⸗ liche Elend hat ſich mit ſeiner ſcheußlichen Nacktheit in dieſem, jetzt ſeines Gruͤns beraubten Garten gezeigt! Schon ſeit laͤnger als 10 Jahren durcheilt ihn dieſer Mann zu gegwiſſen feſtgeſetzten Stunden jeden Morgen und jeden Abend, und ſeinen phyſiſchen Kraͤften ſind noch lange Jahre vorausgeſagt. Sein Auge iſt lebhaft, ſeine Bewegungen ſind ſchnell, ſein ſtarker Koͤrper iſt gleich unempfindlich fuͤr die Hitze des Sommers wie fuͤr die eiſigen Winde des Winters. Fuͤr ihn giebt es nur „Eine Jahreszeit, die des Leidens. Eine gluͤhende Seele hat ſeine Vernunft aufgezehrt. Er wollte das Menſchen⸗ geſchlecht begluͤcken, es ſeinen Unfaͤllen entreißen; das war ſein Traum jeder Minute: er mußte daruͤber naͤr⸗ riſch werden. Jetzt iſt er nun hier; er ſchmeichelt ſeiner Einbildung nicht mehr, vielmehr haßt er jetzt die Men⸗ ſchen, verabſcheuet ſie, flieht ſie, ſtoͤßt ſie zuruͤck, haͤlt ſie fuͤr ſeine Feinde. Wer ihn anſieht, beleidigt ihn, wer ihn fragt, erregt ſeine Muskeln, macht alle ſeine Pulſe heftiger ſchlagen. Das Ungluͤck Anderer hat ſein 208 ungluͤck gemacht... Dieſes Irrſein iſt ſelten, nicht wahr?... Ein hundertiaͤhriges Alter erwartet dieſen Menſchenhaſſer; hundert Jahre von Leiden, wo man ſo viel in Einer Minute leiden kann!!! O welche Ewig⸗ keit der Freude kann ihn je dafuͤr bezahlen! Ich koͤnnte in dieſer fluͤchtigen Beſchreibung eine Menge intereſſanter Anekdoten mittheilen, deren Anden⸗ ken jede Wand, ja, ſo zu ſagen, jeder Stein des Hau⸗ ſes, das ich bewohnte, aufbewahrt. Ich koͤnnte euch von jener Frau von Cal.... erzaͤhlen, deren Geſchicklichkeit auf dem Piano es mit unſern gefeiertſten Virtuoſen auf⸗ nimmt, und die hinter Eiſenſtangen ſeit vielen Jahren ein ſtarkes und muthiges Leben in Verwuͤnſchungen hin⸗ bringt. Sie gab einen Ball; als ſie eine ihrer Freun⸗ dinnen hinweg geleiten wollte, trat ſie fehl und fiel ihre ganze Treppe hinunter. Am naͤchſten Morgen dar⸗ auf hoͤrte ſie auf zu laͤcheln und Feſte zu geben.... Koͤnnte ich nicht auch einige Thraͤnen uͤber dieſe brave Madame*** vergießen, die Mutter eines wackeren Ge⸗ nerals, des Adjutanten des Kriegsminiſters? Ihr Irr⸗ ſein iſt periodiſch: ſechs Monate lang iſt ſie die Sanft⸗ muth, die Guͤte, die ruͤhrendſte, mildeſte Froͤmmigkeit ſelbſt; aber eine Stunde reicht hin, um die furchtbarſte Unordnung in einem Herzen und einem Kopfe hervor⸗ zubringen, bei denen ihr euch noch eben ſo wohl be⸗ fandet. Menſchliches Elend! 4 Nur noch eine Aneldote, deren Mitſpielende euch, 209 die ihr euch in den vornehmen Haͤuſern umhertreibt und allen glaͤnzenden Feſten beiwohnt, wohl bekannt ſind. Ich verſchweige den Namen meiner Helden; das iſt Alles, was ſie von meiner Nuͤckſichtnahme verlangen koͤnnen. Roſalie— aber ſie nannte ſich nicht Roſalie— wurde vor einiger Zeit von einem Manne von etwa 30 Jahren hierher gebracht, und der beſondern Vorſorge des Herrn Blanche anvertraut. Ihr Kopf zeigte nichts von Irrſein, und die Schuelligkeit ihres Pulſes war nicht ſo ſtark, daß der Doktor haͤtte annehmen koͤnnen, das Unwohlſein, welches das Klopfen der Arterien anzeigte, ſei die Haupt⸗ urſache des Anherkommens der jungen Dame.. Am Tage darauf verſchwand Roſaliens Vernunft, und Herr**r, der ſie Tags vorher uͤbergeben, bat Herrn Blanche, einige Gegenmittel zu verſuchen. Dieſer, dar⸗ uͤber verwundert, erſuchte den Beſchuͤtzer dieſer Perſon, ſich ganz auf ſeine Sorgfalt zu verlaſſen, und fing eine Kur an. Drei Monate vergingen, und Roſalie war noch immer irr. Herr sn kam mit ſeinem Bruder wieder. Sie glaubten von der Unwirkſamkeit der vom Doktor ange⸗ wendeten Mittel uͤberzeugt zu ſein, und faßten nun den Entſchluß, Roſalien nach Charenton zu ſchicken, da ſie nicht vermoͤgend genug waren, noch laͤnger ein anſehn⸗ liches Koſtgeld zu bezahlen.— Ich ſtehe Ihnen fuͤr ihre Heilung, entgegnete aber Herr Blanche, wenn Sie mir 9* 21¹⁰ noch zwei bis drei Monate anvertrauen, und um mit Ihnen eine gute Handlung zu theilen, erbitte ich mir von Ihnen waͤhrend dieſer Zeit bloß meine Auslagen. Auf die ferneren Vorſtellungen der beiden Bruͤder, welche dahin gingen, die Perſon, an welcher ſie Anfangs ſo großen Antheil zu nehmen geſchienen hatten, nun aus dieſem Hauſe zu entfernen, erklaͤrte ihnen der Doktor, daß er ſie ihnen in keinem Falle uͤberlaſſen und ſie auf ſeine Koſten behalten werde. Nachdem die Herren es vergebens gegen dieſe Groß⸗ muth angekaͤmpft hatten, gingen ſie fort, und Herr Blanche verdoppelte nun ſeine Sorgfalt, um ein gluͤck⸗ liches Reſultat zu bewirken. Dieſes erfolgte auch nach einem Monate; Roſalie lebte und dachte.. Da das Werk des Mitleidens auf dieſe Art begonnen war, ſo lag es dem Doktor am Herzen, es auch zu vollenden. Seine zarte Aufmerkſamkeit, ſein Zuvor⸗ kommen, die liebevollen Gefaͤlligkeiten der Madame Blanche entriſſen dem jungen Maͤdchen endlich das Ge⸗ heimniß ihrer Qualen. Von dem juͤngern Herrn 1 verfuͤhrt und den Andringlichkeiten des aͤltern Bruders beſtuͤrmt, beſchloſſen Beide, der Eine aus Schwaͤche, der Andere aus Rache, vor den Augen der Welt eine Schwan⸗ gerſchaft zu verbergen, welche Roſalie nicht mehr ver⸗ heimlichen konnte. In ihrem Vorhaben durch einen dritten Mitgenoſſen unterſtuͤtzt, fuͤhrten ſie die Ungluͤck⸗ liche an dem Tage, wo ſie ihr Kind gehar, zuerſt in 211 des Letzteren Haus. Dahin war ſie des Nachts in einem Fiaker geſchafft worden, und dadurch entſtand in ihrer Seele der erſte Verdacht einer Treuloſigkeit Der Bru⸗ der des Verfuͤhrers hatte ſie als Arzt entbunden, und als ſie ihr Kind umarmen wollte, ſagte man ihr, daß es todt ſei.... Da ward ſie irr. Sobald Herr Blanche ſie wieder zur Vernunft ge⸗ bracht hatte, begehrte Roſalie, bei der ihre fruͤhere Liebe immer noch vorwaltete, ihren Geliebten zu umarmen.... Ach, Madame! ſagte der Arzt zu ihr; ſchon ſeit einem Monate iſt er nicht hier geweſen.— Er!— Ja, Ma⸗ dame; und ich kann es Ihnen nicht verheimlichen, daß mich ſein Benehmen gegen Sie ganz empoͤrt hat.— Erklaͤren Sie ſich deutlicher, ich bin ruhig.— Ich glaube nicht nur nicht, das Herr**r Sie noch liebt, ſondern ich bin feſt uͤberzeugt, daß er beſchloſſen hat, Sie fuͤr immer zu verlaſſen Sie ſind hier gegen ſeinen, gegen ſeines Bruders Willen, und wenn Sie mir verſyrechen, ein fuͤr mich ſehr peinliches Geſtaͤndniß anhoͤren zu wol⸗ len, ohne Ihr Zartgefuͤhl dadurch gekraͤnkt zu glauben, ſo muß ich noch hinzuſetzen, daß Beide ſich geweigert haben, Ihr Koſtgeld zu bezahlen.— Doktor! mein Kind iſt nicht todt! rief die Mutter voll Verzweiflung. Er⸗ lauben Sie mir, von hier fortzugehn, Doktor! in einer Stunde will ich Alles genau wiſſen. O! laſſen Sie mich fort! Roſalie eilt nun, von einer vertrauten Perſon gefolgt 212 und unſtreitig von dem maͤchtigen Inſiinkte geleitet, der niemals eine Mutter truͤgt, den Huͤgel des Mont⸗ martre herab, durchlaͤuft verſchiedene Straßen, deren Namen ſie nicht kennt, und bleibt einen Augenblick vor einem großen Thorwege ſtehen, in den ſie dann mit ſicherem Schritte tritt.... Sie ſteigt drei Stockwerke hinauf und reißt an der Klingelſchnur. Ein Mann er⸗ ſcheint; es iſt der Freund, bei dem ſie niederkam.— Mein Herr, mein Kind!— Aber, Madame..— Mein Kind, ſage ich Ihnen... und die ganze Seele einer Mutter liegt in ihrer Stimme, ihrem Blicke.— Ma⸗ dame, Ihr Kind iſt todt.— Sie luͤgen, mein Kind iſt nicht todt; und wenn Sie mir nicht auf der Stelle, ohne noch ein Wort zu ſagen, ohne eine Bewegung, ohne die mindeſte Zoͤgerung bekennen, wo mein Kind iſt, ſo ſind Sie gefangen, verloren, entehrt.— Beru⸗ higen Sie ſich nur, Madame: beruhigen Sie ſich, ich bitte! Und da Sie nun einmal wiſſen, daß es nicht todt iſt, ſo ſehe ich nicht ein, warum ich Ihnen nicht geſtehen ſoll, daß es auf Befehl des aͤltern Herrn*** an dem und dem Tage ins Findelhaus gebracht, und dort unter Nummer ſo und ſo viel eingetragen worden iſt.— Luͤgen Sie?— Ich ſage die Wahrheit. Roſalie iſt ſchon im Findelhauſe.— Ja, das iſt die Nummer ihres Sohnes; die gluͤckliche Mutter hat noch nicht Alles verloren, ihr Kind bleibt ihr noch.— Man ſchlaͤgt ein zweites Regiſter nach..— Das Kind iſt 213 wenige Tage nach ſeiner Ankunft in dieſem Hauſe ge⸗ ſtorben! Die Ungluͤckliche wird ſterbend wieder zu Herrn Blanche zuruͤckgebracht, der dann das Genauere von dieſer ab⸗ ſcheulichen Verfuͤhrung erfaͤhrt. Seine Ehre und ſein Zartgefuͤhl zaudern keinen Augenblick.— Faſſen Sie Muth! ſpricht er zu ſeinem Schuͤtzlinge; wenn Sie mir die Leitung dieſer ganzen Angelegenheit uͤberlaſſen wollen, ſo hoffe ich, daß dieſelbe fuͤr Sie noch einen gluͤcklichen Ausgang nehmen ſoll. Bevollmaͤchtigen Sie mich dazu?— Roſalie vertraute ihm die Sorge fuͤr ihre Zukunft, und Herr Blanche bereitete ſich zu ſeiner Rolle vor. Am folgenden Tage bereits ſchrieb er an die heiden Bruͤder einen ſehr ernſten Brief, und ſchloß damit, ihnen zu erklaͤren, daß, wenn ſie nicht innerhalb zwei Stunden bei ihm ſich einfaͤnden, ſie dem Koͤniglichen Anwalt uͤber ihr Betragen wuͤrden Rechenſchaft abzu⸗ legen haben. Sie kamen puͤnktlich. Herr Blanche hielt ihnen die Haͤrte ihres Verfahrens gegen eine ungluͤckliche vor, die ſie haͤtten verderben wollen, nachdem ſie ſie entehrt hat⸗ ten. Er beſchuldigte den Juͤngern der beiden Bruͤder einer ſtrafbaren Nachgiebigkeit gegen heilloſen Rath, und den Aelteſten ſetzte er wegen ſeiner Liebesantraͤge bei Roſalien zur Rede, da er doch gewußt, daß ſie ſchon das Opfer der ſchmaͤhlichen Liche ſeines Bruders ſei, und erklaͤrte ihnen, daß, wenn ſie ihm nicht morgen 214 um dieſelbe Stunde 40,000 Franks, als eine ſehr ſchwache Entſchaͤdigung fuͤr Roſaliens Elend braͤchten, er ſelbſt einen Entſchluß faſſen werde, den er nur bis jetzt noch von ſich gewieſen habe, um einen bis dahin noch unbe⸗ ſcholtenen Namen nicht der allgemeinen Verachtung Preis zu geben. Uebrigens, ſetzte Herr Blanche hinzu, haben Sie zwiſchen dieſem Vorſchlage und Ihrer Ver⸗ maͤhlung mit der jungen Perſon, welche Sie verfuͤhrt haben, zu waͤhlen. Sie kennen ſie, Sie wiſſen, ob ſie ihren Unwillen ihren Pflichten, ja, vielleicht ſelbſt noch ihrer Liebe, wird opfern koͤnnen, und ich zweifle gar nicht daran, daß Sie, wenn Sie dieſen letztern Ausweg waͤhlen, mir wohl noch einmal dafuͤr danken werden, daß ich ihn Ihnen ſo großmuͤthig vorſchlug. Die Nathſchlaͤge des aͤltern Bruders gewannen den Sieg uͤber Herrn Blauche's Ermahnungen, und am an⸗ dern Morgen uͤberbrachte jener Letzterem allerdings die 40 Banknoten zu 1000 Franks, welche dieſer nun ſogleich Roſalien uͤbergab. Nein, mein Herr, ſagte die junge Verlaſſene; ich verſtehe es, arm und elend zu ſein; ich will kein Geld, werde es nie annehmen. Wenn Herr““ meine Hand ausſchlaͤgt, iſt mein Entſchluß unwiderruflich gefaßt; ich werde ſterben * Ddieſe Antwort ward Herrn**r auf der Stelle ge⸗ meldet. Herr Blanche fuͤgte noch einige neuere Ermah⸗ nungen hinzu, welche endlich eine billige Ausgleichung Muß ſich nun jetzt nicht euer Herz zuſammenſchnuͤren beim Anblicke dieſes traurigen und ſtillen Saales, wo ein Dutzend Menſchen— wenn man ſie anders Men⸗ ſchen nennen kann— zuſammenkommen, von heftigen Konvulſionen zerriſſen, oder unzugaͤnglich ſelbſt den ge⸗ waltſamſten Zufaͤllen, wo ſie ſich nun alle Tage hier ohne Freude, ohne Laͤcheln, ohne Mitleid fuͤr einander, zuſammenfinden?... Seht dieſen magern, hochgeſtreckten Koͤrper, er iſt der des Herrn Four.., eines fleißigen und geſchickten Arztes, den Liebe fuͤr die Wiſſenſchaft und weite Reiſen in die Waͤlder und Savahnen Ame⸗ rika's fuͤhrten, und der, bereichert mit Erinnerungen und koſtbaren Sammlungen, von Wilden angefallen, be⸗ raubt, gemißhandelt und fuͤr todt im Sande liegen ge⸗ laſſen ward Spaͤter gelangte er nach New⸗York, aber irr. Der Schrecken und der Schmerz, die Fruͤchte ſo 216 vieler Bemuͤhungen eingebuͤßt zu haben, toͤdteten ſeine gläͤnzenden Eigenſchaften. Er ward in die Irren⸗An⸗ ſtalt von New⸗Jork eingeſperrt, wo ihn der General Lafayette auf ſeiner letzten Reiſe in die Vereinigten Staaten als den Sohn eines ſeiner Freunde wieder erkannte und ihn mit nach Frankreich nahm. Da iſt er denn jetzt, mit dem zum Himmel gerichteten Auge, den drohenden Brauen, die Haͤnde uͤber die Bruſt ge⸗ kreuzt, unbeweglich und in der Stellung eines muth⸗ vollen Mannes, der den Todesſtreich erwartet. Er hat haͤuſige Anfaͤulle von Wuth⸗ und der Kraft mehrerer Waͤchter bedarf es, um ihm dann die Zwangsweſte an⸗ zulegen... Ich ſah Four... faſt alle Tage, und faſt alle Naͤchte, wenn ich mich allein in meiner Zelle befand, war er es, den ich am meiſten bedauerte. Auch ein junger und kraͤftiger Mulatte iſt mit in die⸗ ſem Saale des Elends und der Verthierung eingeſchloſſen. Seine ausſchweifende Liebe fuͤr die Architektur brachte ihn in das Haus Blanche, von wo er nur heraus⸗ getragen wird auf das benachbarte Feld, mit Marmor⸗ platten und kleinen ſchwarzen Kreuzen beſaͤet, das er jede Stunde durch ſein vergittertes Fenſter erblicken kann. Das Irrſein dieſes Menſchen hat viel Sonderbares. Er haͤlt es bloß ſtehend auf einem Stuhle, oder kauernd auf dem Kaminſimſe aus. Will man ihn herunterſteigen laſſen, ſo reizt man ſeinen Zorn und ſetzt ſich ſeiner Wuth aus. Laßt den Ungluͤcklichen nur dort; ſein Lahee 1 i 217 iſt das Kennzeichen eines ſtechenden Schmerzes, ſeine Lieb⸗ koſung der Vorbote der heftigſten Anfaͤlle. Seht ihn nie laͤ⸗ cheln; hindert ihn, daß er euch die Hand entgegenſtrecke. Da iſt noch ein junger Menſch, welchen eine zweite Heirath ſeiner Mutter der Geſellſchaft der Welt entriſſen hat. Er war eiferſuͤchtig und voll Liebe gegen die, welche ihm das Daſein gegeben hatte; er hat ſeinen Platz hier verdient. Es iſt ein verſchlagener junger Mann, den die Waͤchter ſtets unter den Augen haben muͤſſen. Ge⸗ ſtern, als er uͤber den Hof ging, ſah er das Gitterthor offen ſtehen; ſogleich befreite er ſich von ſeinen Nichts ahnenden Begleitern, eilte auf die Gaſſe und floh aufs Feld. Aber die Hausbedienten ſind auch ſchnell, und nicht lange darauf befand ſich der Fluͤchtling unter einer heftigen und eiſigen Douſche, welche ihn den ſchlechten Erfolg ſeines Entwiſchens doppelt bedauern ließ.— Wo wollten Sie hin? fragte ich ihn.— Ich wollte mich ertraͤnken.— Wo denn?— O, ich ſehe alle Tage den Kanal.— Und weshalb denn ſich ertraͤnken?— Weil ich ungluͤcklich bin.— Sie fuͤhlen alſo Ihr Ungluͤck?— Nur zu ſehr!— Wer iſt Schuld daran?— Erinne⸗ rungen.— Welche?— Sie ſind ein Boͤſewicht; koͤnnte ich Ihrer habhaft werden, erwuͤrgte ich Sie.— Sie ſind ſehr guͤtig.— Laſſen Sie mich, ich bitte.— Ich will Nichts thun, was Ihnen unangenehm ſein koͤnnte; leben Sie wohl.— Gehn Sie zum Henker!— Schoͤ⸗ nen Dankl... IV. 10 218. Im Saale, wo Four... iſt, giebt es auch einen Greis, der nur laͤchelt, wenn man ihn am Kopfe kratzt. Waͤhrend dieſer Overation hoͤrt er auf, irre zu ſein; iſt ſie vorbei, ſo iſt er bloͤdſinnig und manchmal wuͤthend. Faſt immer habe ich neben ihm ein ſehr ruhiges Ori⸗ ginal geſehen, das ſtets ein Buͤndel kleiner Ruthen in der Hand traͤgt, auf die er liebevoll blickt. Ihr glaubt vielleicht, es ſei ein ehemaliger Schulmeiſter, der keine jungen Schuͤler mehr habe: keinesweges. Seine Narr⸗ heit iſt dieſe: ohne Abſicht, ohne Erinnerung, ohne weitere Folge in ſeinen Empfindungen verlangt er nur, wenn er aufſteht, eine Hand voll Ruthen, und es waͤre Grauſamkeit, ſie ihm abzuſchlagen, weil er ohne ſie laͤr⸗ mend, grob und manchmal ſogar gefaͤhrlich iſt. Noch andere Narren ſitzen da auf Stuͤhlen und Ka⸗ napee's. Der Sohn Jeſu Chriſti, der ſich ſeit einigen Tagen Gott der Vater nennt, beſucht ſie oft, und er⸗ freut ſie durch die Toͤne ſeiner Violinc. Ich habe be⸗ merkt, daß die Narren fuͤr die Muſik ſehr empfaͤnglich ſind; mir zerriß ſie das Herz. Neugierige, wendet ſchnell euern Blick von dem Zimmer der Frauen hinweg! Meine Feder weigert ſich, ſo vieles Elend, ſo viele Schmerzen aufzuzeichnen. Wenn ihr das Haus Blanche beſucht, ſo flieht mit eiligem Schritte dieſes ſcheußliche Gemach, wo die Schwaͤche mit dem im Kampfe ſteht, was die Leidenſchaften nur Zerſtoͤrendes haben... 219 ſes Hauſes fuͤhren, das fuͤr Einige ein Haus der Trauer, fuͤr viele Andere ein Haus der Hoffnung iſt? Nein! das Haus Blanche hat ſeine Geheimniſſe, welche nicht Jedermann kennen ſoll, und ich kann die Geheimniſſe, die man meiner Vernunft anvertraute, nicht verrathen; denn meine Vernunft kehrte eines ſchoͤnen Tages voll⸗ V kommen wieder zuruͤck. Ein einziges Heilmittel beſaß Glaubt ihr denn, ich wolle euch in alle Winkel die⸗ die Kraft, dieſes Wunder zu bewirken. Dieſes Heilmittel brachte mir ſie, und ſeitdem habe ich ohne Scheu wie ohne Bedauern Alles geſagt, was ich erlitten hatte. Jacques Arago. Die drei Vorlesungen. — I „Nunl wann wirſt Du uns denn Dein Stuͤck vor⸗ lefen?“ ſagte Gabriel Dercy im Foyer des Odeons zu dem jungen Amaury Prévannes. —„Sobald Ihr wollt, lieben Freunde, oder viel⸗ mehr, ſobald mein Ofen geſetzt ſein wird; denn in mei⸗ nem luftigen Tempel liefet Ihr ſonſt Gefahr, auf dop⸗ pelte Art zu erfrieren.“ —„Das nenne ich mir doch den wahren Dichter!“ rief Stanislaus aus, der damalige fruchtbarſte proſaiſche Schriftſteller;„das Dachſtuͤbchen iſt fuͤr ihn nur ein luftiger Tempel, deſſen Altar der Ofen und deſſen Weih⸗ rauch der Rauch ſelbſt iſt. Unſere Vorfahren hatten voll⸗ kommen Necht, ihn ſo nahe am Himmel, an dieſem Vater⸗ lande der Begeiſterung, nach welchem ſeine Augen ſich nie erheben, ohne irgend ein Bild daraus mit zu bringen, leben zu laſſen. Das war weit beſſer fuͤr das Talent, 221 als die buͤrgerliche Wohlhabenheit unſerer jetzigen Autoren. Die dichteriſche Ader lebt nur vom Luxus oder dem Elende, die Mittelſtraße verſtopft ſie. Ich wundere mich, daß Amaury, deſſen Vater reich iſt, dieſem Ungluͤcke entging.“ —„Allerdings iſt er reich,“ entgegnete Amaury,„da er mir aber Nichts giebt, bin ich durchaus in derſelben Lage, wie Perſonen, die gar nichts haben.“ „Schmeichle Dich deſſen nicht,“ antwortete Gabriel, „Du kannſt doch Schulden machen, und dieſes Ver⸗ gnuͤgen gilt eben ſo viel wie Reichthum.“ —„Ach! dieſe edle Quelle habe ich ſchon ganz er⸗ ſchoͤpft, darum ſuche ich jetzt Etwas mit meinen Arbeiten zu verdienen. Wozu huͤlfe denn gegenwaͤrtig der Ver⸗ ſtand, wenn man nicht Geld damit gewinnen koͤnnte?“ „Das giebt uns Aufſchluß uͤber Deinen Stoff,“ ſagte ein junger Publieiſt, welchen das Studium der politiſchen Oekonomie eben ſo geſchickt machte, die Re⸗ ſultate zu ergreifen, wie die Mittel zu errathen.„Du haſt gewiß eine jener ſkandaldſen Anekdoten, bei denen die Eigennamen das Hauptintereſſe ausmachen und den Beifall im Voraus ſichern, auf die Buͤhne gebracht? Dies iſt jetzt der einzige Weg, der Geld einbringt.“ —„Soll mich Gott behuͤten,“ rief Amaury,„auf die Veroͤffentlichung eines Familien⸗Geheimniſſes, eines Ungluͤcks, des Selbſtmords einer jungen Frau, des Wahn⸗ ſinns einer andern, deren Eltern und Freunde im Saale 222 A 4 ſelbſt Zeugen der Anklage oder Profanation alles Edleren, das ſie ehren, ſind, zu ſpekuliren Nein, niemals! Meine Feder wuͤrde ſich weigern, mit ſolchen Namen einen Handel zu treiben, und ich liebe die dramatiſche Kunſt zu ſehr, um mit dazu beizutragen, ſie durch eine ſolche Herabwuͤrdigung zu Grunde zu richten. Ich ſage es Euch voraus, noch einige ſolche aͤhnliche gluͤckliche Erfolge, und die Theater ſind todt, ſind verloren! denn dieſe ſkandaldſen Vorſtellungen gleichen nur den Kraͤm⸗ pfen des nahen Todes, gleichen dem Ertrinkenden, der ſich an den ſumpfigſten Boden feſt klammert, um dem Strome, der ihn mit fort reißt, zu widerſtehen. Vergebens jedoch! Nur ein Huͤlfe bringender Arm kann ihn retten.“ „Nun denn, ſo ſei Du dieſer dramatiſche Helfer!“ ſagte der zierliche Alfred;„gieb uns ein neues, recht trauriges oder recht luſtiges Werk, nach der neueſten Mode gedacht und geſchrieben, und wir wollen Dich ſo beklatſchen, daß alle Kabalen zu Schanden werden ſollen. Aber ja keine Expoſitionen in Fragen und Antworten, keine ſolche obligate Traͤume, in denen ſchon der ganze fuͤnfte Akt liegt, keine ſolche lange vorausgeſehene Er⸗ kennungen, keine ſolche Opfer, die den Tod verhoͤhnen, und doch wollen, daß man ſich fuͤr ſie intereſſire, keine ſolche conventionelle Großmuͤthigkeiten, ſchwatzhafte Ge⸗ wiſſensbiſſe, regelmaͤßige Schlagreime, die mit ihrem einfoͤrmigen Laͤrmen das Ohr betäͤuben! kurz, waͤhle aus der Wahrheit, ohne ins Grobe zu fallen, wende den 223 1. Schrecken an, ohne uns Graͤßliches aufzutiſchen, und ich ſtehe Dir fuͤr den rauſchendſten Beifall; denn das Publikum hat keinen ſo ſchlechten Geſchmack, als die Herren Schriftſteller behaupten.“ —„Das denke ich auch,“ entgegnete Amaury,„und Du wirſt ſehen, daß ich mich ſo viel wie moͤglich jenem Wahren zu naͤhern geſucht habe, welches gegenwaͤrtig die erſte Bedingung jedes dramatiſchen Werkes iſt; aber das Schlimme, lieber Freund, iſt nur dies, daß das Wahre der einen Cotterie nicht zugleich das einer andern iſt, und man nicht immer ſo leicht unterſcheiden kann, welches falſch ſei. Aber Ihr beſitzt Alle ausgezeichnete Talente, aufgeklaͤrten Geiſt und wahre Freundſchaft fuͤr mich, Euer Rath ſoll mich daher leiten. Ich unter⸗ werfe mich Eurem Urtheile, das ſo ſtreng ſein mag, als es nur immer ſein kann, und mache Euch im Voraus zu Schiedsrichtern uͤber mein litterariſches Schickſal.“ Nun naͤherten ſich alle Mitglieder dieſer neuen dra⸗ matiſchen Jury dem Verfaſſer, um ihm die Zuſicherungen des lebhafteſten Antheils an ihm und ſeinem Werke zu geben, und man beſtimmte Zeit und Stunde, um es zu hoͤren. Ein Jeder zeigte groͤßere Ungeduld als der Andere, und Prévannes hatte große Noth, nur zwei Tage noch Friſt zu gewinnen, um dem Ofenſetzer Zeit zu laſſen, ſeine Stube in einen Zuſtand ertraͤglicher Tem⸗ peratur zu bringen. Kaum war Amaury durch das Geraͤuſch des Beifalls, 224 das man ſtets den ſchoͤnen Verſen des Herrn Soumet zollt, in den Schauſpielſaal zuruͤckgerufen worden, als ſeine Freunde, die im Foyer geblieben waren, uͤber das junge Talent, dem ſie eben geſchmeichelt hatten, ſich zu unterhalten begannen. —„Ein Drama in 5 Akten und in Verſen,“ ſagte der Eine,„das ſcheint mir doch fuͤr den armen Amaury ein wenig viel! Weil er einige nette Aufſaͤtze in Jour⸗ nale geſchrieben hat, glaubt er Alles unternehmen zu können; aber da wird er ſehen, was fuͤr ein Unterſchied es iſt, zwiſchen der Leichtigkeit, Muͤßiggaͤnger, die ihr Gabelfruͤhſtuͤck einnehmen, zu unterhalten, und dem Talente, ein Parterre anzuziehen, das ſchlecht zu Mittag gegeſſen hat.“ —„Sie ſind Alle ſo,“ ſagte der einzige Klaſſiker in der Geſellſchaft,„ſie halten die Verachtung fuͤr Begei⸗ ſterung und ſich fuͤr talentvoller als unſere alten Tra⸗ giker, weil ſie Worte, die ſchlecht zuſammenpaſſen, gut zuſammenreimen. —„Ich denke mir immer, daß das hoͤchſt langweilig ſein wird,“ verſetzte Gabriel;„aber was ſchadet es? wir werden Auſtern und Champagner haben, das wird uns zwei Akte lang munter erhalten; der dritte iſt ge⸗ woͤhnlich der mindeſt ſchlechte eines ſchlechten Trauer⸗ ſpiels, und wenn wir beim vierten merken, daß wir es gar nicht mehr aushalten koͤnnen, ſo laſſen wir Punſch 225 bringen. Das iſt jetzt ſo Mode; man vermehrt die Mittel, um Wirkung hervorzubringen.“ —„Champagner und Punſch!“ rief Alfred,„das Stuͤck muß ertraͤglich ſein, dafuͤr ſtehe ich.“ Und damit trennten ſie ſich bis auf uͤbermorgen.— Kaum war der Tag angebrochen, als Amaury's Portier mit einem Beſen unterm Arme und ein Reißigbuͤndel in der Hand einheizte, und das kleine, ploͤtzlich zu einem Vorleſungsſaale eingerichtete Zimmer kehrte. Die Ueber⸗ bleibſel mehrerer in Eile gemachter Toiletten wurden unter Buͤcher, Waͤſche, Noten und oben darauf ein Strauß kuͤnſtricher Blumen, ein Liebes⸗Andenken, das unter dem Gewichte eines geſtickten Schlafrocks ſchmachtete, in einen großen Schrank geworfen.. Eine allerliebſte Nachbarin, ihrem Stande nach eine Naͤhterin und ihrer Natur nach ſehr gefaͤllig, hatte die Stuͤhle aus ihrem beſcheidenen Stuͤbchen hergegeben, um die zu vervollſtaͤndigen, auf welche ſich die Mitglieder des dramatiſch⸗romantiſch⸗kritiſchen Areopags ſetzen ſoll⸗ ten. In der Mitte des Zimmers ſtand ein mit einer gruͤndlichen Paſtete und Gefaͤßen, worin das Eis das ſprudelnde Feuer des Champagners noch hoͤher reizte, be⸗ ſetzter Tiſch. Die Schließerin folgte ihrem Manne, da ſie im Bedienen bei Tafel geuͤbter war. Sie ordnete dieſe an, waͤhrend Amaury ſich vollends anzog. Die Augen bald in den Spiegel, bald auf ſein Manuſkript gerichtet, deklamirte er ganz laut, waͤhrend er ſich das 227 Halstuch band, und da man auf dieſe Art bloß die feu⸗ rigſten Stellen und beredteſten Ausrufungen eines Werks vortraͤgt, ſo bezog die arme Schließerin den ganzen Zorn des Dichters auf ſich, und konnte ſich gar nicht genug entſchuldigen, daß ſie nicht ſchneller decken koͤnne, bis ſie endlich, als Amaury ihr die Urſache des Mißver⸗ ſtaͤndniſſes aufgeklaͤrt und ſie dadurch wieder beruhigt hatte, ihm ganz leiſe mittheilte, daß die Kammerfrau geſtern da geweſen ſei.— Welche Frau? fragte Amaury, der uͤber ſeine bevorſtehende Vorleſung Alles vergaß.— Je nun, die Perſon, die ſo oft dem Herrn Nachricht von Allem bringt, was ihre junge Herrſchaft thut, wann ſie in die Meſſe geht, oder mit ihrer Mutter ins Theater oder, was weiß ich Alles! —„Ach ja!“ entgegnete Amaury wie aus einem Traum erwachend,„Erneſtine, die Kammerfrau des Fraͤulein...“ Ploͤtzlich hielt er inne, und erſchrak ſelbſt vor der Indiseretion, die er zu begehn im Begriff ſtand. „Nun? und was ſagte ſie Ihnen?“ ſetzte er hinzu. —„Daß die gnaͤdige Frau heute Abend auf den Ball zu der Frau Geſandtin von... von.. ja, den Namen habe ich vergeſſen, gehen wird.“ —„Zur engliſchen Geſandtin, nicht wahr?“ —„Ja, ja, zur engliſchen.“ 8 —„und ich habe noch keine Einladungskarte!“ ver⸗ ſetzte Awaury verdruͤßlich.„Ich haͤtte meine Adreſſe zu dem jungen Geſandtſchafts⸗Sekretair ſchicken und mir 227 eine geben laſſen ſollen. Ich habe wahrhaftig uͤber dem verwuͤnſchten Trauerſpiele Alles vergeſſen! Ich wuͤnſchte, daß ſein Schickſal ſchon entſchieden waͤre, um nur nicht mehr daran zu denken.“ Kaum hatte er dies geſagt, als Gabriel mit zwei literariſch⸗gebildeten Malern eintrat, deren originelles Talent und ſcharfer Geiſt von allen Anhaͤngern der neuen Schule ſehr hoch geſtellt und aufgeſucht ward. Nicht lange nachher kamen auch die uͤbrigen Auserwaͤhl⸗ ten, die dem Werke Tod oder Leben prophezeihen ſollten. Fuͤrs Erſte fing man nun an mit einem bewunderns⸗ wuͤrdigen Einklange zu fruͤhſtuͤcken. So lange dies waͤhrte, ſprach man von Politik, den Frauen und der neuen Oper. Der Verfaſſer mehrerer Werke, in denen Anmuth und Geiſt dem Schrecklichen des Stoffs oft Verzeihung er⸗ werben, hatte ſchon zwei intereſſante Abenteuer, von denen er waͤhrend ſeiner Seereiſe Zeuge geweſen war, erzaͤhlt, als der Koͤnig der Erzaͤhlung, der beredte Ver⸗ faſſer von Schauer⸗Novellen, der lebenvolle Stanislaus von**r, das Wort nahm, um der laͤrmenden Verſamm⸗ lung ſeinen Plan zu einem philoſophiſchen Werke vorzule⸗ gen, das unſtreitig das arme Menſchengeſchlecht vor Lachen und Aerger zum Platzen bringen wuͤrde. Jedermann jubelte uͤber den großen Gedanken des zu entſtehenden Buchs, und die neue Wendung, die es der Philoſophie, dieſem Troſt der Alten, zur Verzweiflung der Neuern, geben werde. Die Sophismen, die Epigramme, die 228 Witzreden, die Tollheiten kreuzten ſich, und opferten ſich ſelbſt fuͤr den Effekt, dieſer Gottheit der geiſtreichen Leute und huͤbſchen Frauen, auf. Unter dem Einfluſſe einer ſteten Froͤhlichkeit und des Champagners fingen die Gaͤſte an ganz und gar den Grund zu vergeſſen, der ſie hierher gebracht. Nur Amaury war deſſen eingedenk, und ſuchte nach einem Mittel, die Freunde dahin zuruͤck⸗ zubringen; aber die feinen Winke, die beſcheidenen Redens⸗ arten, das Bedauern, eine ſo koͤſtliche Unterhaltung durch eine ernſthafte Vorleſung unterbrechen zu muͤſſen, wur⸗ den gar nicht verſtanden; die Zeit verſtrich immer mehr, und Niemand dachte daran, vom Trauerſpiel des Am⸗ phitryon zu ſprechen. Als nun endlich Amaury ſah, daß er von ihrer Ruͤckerinnerung Nichts hoffen duͤrfe, ent⸗ ſchloß er ſich zu dem, was man einen Schriftſteller⸗ coup nennt.—„Meine Freunde!“ rief er,„Ihr ver⸗ geßt, daß Ihr nicht hier ſeid, um Euch zu amuͤſiren, ſondern, um mein Werk zu hoͤren und zu beurtheilen.“ —„Das iſt wahrhaftig wahr!“ ſagt Alfred, indem er ſein Glas hinſetzte,„er hat, mein Seel'! wohl daran gethan, mir das ins Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen; denn der Teufelskerl, der Stanislaus, hat mich mit ſeinen phan⸗ taſtiſchen Erzaͤhlungen die heiligſte aller Pflichten ver⸗ geſſen laſſen. Allons, meine Herren! jetzt genug getollt! laſſen Sie uns den Ernſt annehmen, der ſich fuͤr Richter geziemt.“— Dieſes brachte auch die laͤrmendſten Geſellen zur Ver⸗ 229 nunft. Eine Wolke von Traurigkeit verbreitete ſich uͤber die Geſellſchaft, wie in dem Augenblicke, wo die Glocke die Schuljugend an das Ende der Freiſtunde erinnert: man ſtand vom Tiſche auf, und Jeder ſetzte ſich, ſo gut er konnte, ſo, daß er nicht den Blicken des Vorleſers ausgeſetzt war, worauf man denn folgende laut ausge⸗ ſprochene Worte hoͤrte: Der Schneethurm, oder Mathilde von Olsberg. —„Aha, Du haſt Deinen Stoff aus den Chroniken des Rheinufers genommen,“ ſagte Gabriel.„Das Mit⸗ telalter! ja, ja, jetzt, wo das Antike erſchoͤpft und die Gegenwart gefaͤhrlich iſt, kann man ſich nur noch mit den alten Reichsfreiherren und Burgfrauen helfen.“”“ Amaury antwortete auf dieſe Betrachtung durch eine Art Poetik uͤber die Kunſt, einen dem Geſchmacke, wie den Beduͤrfniſſen des Zeitalters angemeſſenen Stoff zu waͤhlen. Dieſe unkluge Abſchweifung verzoͤgerte die Vor⸗ leſung faſt um eine Stunde, denn Jeder wollte auch ſeine Meinung ſagen, und der arme Dichter bereute ge⸗ waltig, daß er die Unterhaltung daruͤber in Gang ge⸗ bracht hatte, und ſomit Gefahr lief, das Stillſchweigen, das er mit ſo vieler Muͤhe ſich verſchafft, nun gaͤnzlich und fuͤr immer zu verlieren. Nachdem er endlich zweimal vergeblich das Perſonen⸗ Verzeichniß geleſen, gelangte er endlich dahin, Gehoͤr zu finden. 4 230 —„Schoͤner Styl! brave Exvoſition, das ſpricht ſehr gut! keine Tiraden! kuͤhne Versverſchlingungen, eine echte, Zeit und Ort gemaͤße Faͤrbung; der Akt macht ſich gewiß von ſelbſt. Nur weiter!“ Dieſes erſte von den dankbaren Tiſchgaͤſten gefaͤllte Urtheil ermuthigte den Verfaſſer, und er begann ſeine Vorleſung mit der vollen Zuverſicht wieder, die ein ver⸗ hoffter guter Erfolg verleiht. 3 —„Immer beſſer!“ riefen ſie Alle beim zweiten Akte. Der dritte ward mit Entzuͤcken aufgenommen, denn Alle hatten ſchon bedacht, daß das Werk zu ihrer Schule gehoͤre, und alſo die Nothwendigkeit, es aufrecht zu erhalten, ein Beſtreiten ſeines Verdienſtes nicht ver⸗ ſtatte. Im vierten Akte erhob ſich ein Streit, der den ſchwer⸗ muͤthigen Dichter einer Elegienſammlung, deren erſte mit den Worten beginnt: „Der Schlaf floh meine Augen“ ploͤtzlich aufweckte. Dieſer junge Mann, den das Beiſpiel Anderer, ſich uͤber das Leben zu beklagen, auch mit fortgeriſſen hatte, fuͤhrte naͤmlich ein ſehr luſtiges Leben, das ihn nicht ſelten noͤthigte, von den Vergnuͤgungen der Nacht bei Tage auszuruhen. Da noch einige Perſonen jetzt ſpaͤter gekommen waren, hatte er ihnen hoͤflicherweiſe ſeinen Stuhl abgetreten und ſich ohne Umſtaͤnde auf Amaury's Bett geſetzt, eine fuͤr jeden Zuhoͤrer gefaͤhrliche Lage. 231¹ 4 Hier hatte er, ſanft hingelehnt, dem Reize ſeiner Stel⸗ lung nachgegeben, indem er ſich auf die Gewohnheit verließ, die er ſich im Juſtizpallaſte zu eigen gemacht hatte, waͤhrend ſein uͤbriger Koͤrper im tiefſten Schlum⸗ mer lag, mit einem Beine zu wackeln: aber ein verraͤ⸗ theriſches Schnarchen klagte ihn bereits an, als das Getoͤs eines lebhaften dramatiſchen Streits ihm zu Huͤlfe kam. —„Ich wuͤrde das Verbrechen auf der Buͤhne ſelbſt begehen laſſen,“ ſagte Einer;„im Theater verſteht man meiſt nicht gut, was man nicht ſieht.“ —„Wo denkſt Du hin!“ ſagte ein Anderer;„das Parterre wuͤrde ſchoͤn daruͤber ſchreien.“ —„Das Parterre? Nun, das erſchrickt jetzt auch wohl vor Etwas, was es auch ſei. Wir haben es, dem Himmel ſei's gedankt, wie Orgon dahin gebracht, Alles zu ſehen und zu hoͤren und uͤber Nichts zu murren —„Aber die Logen und jene Gallerie voll junger Damen und Muüͤtter, die ihre Toͤchter ins Schauſpiel fuͤhren, weil ſie noch auf das alte Castigat mores ri- dendo vertrauen: was fuͤr ein Geſicht ſollen die machen, waͤhrend.... —„Die jungen Maͤdchen ſollen fein zu Hauſe blei⸗ ben. Das Shakeſpearſche Schauſpiel iſt nicht fuͤr ein ſolches Publikum geſchrieben. Was die Frauen betrifft, ſo moͤgen ſie immerhin vor der Buͤhne ſchaudern, ans Erroͤthen werden ſie doch nicht denken.“ —„Schrecken oder Kraft, weiter kenne ich Richts,“ ſagte Alfred, und wenn man ſte alle Beide vereinen kann, wie dies in der Auberge des Adreis geſchehen iſt, ſo giebt es etwas Vollkommnes.“ Auf dieſe verſchiedenen Meinungen, die groͤßtentheils wie Verurtheilungen ausſahen, antwortete der Verfaſſer durch einige jener verſoͤhnenden Redensarten, jener be⸗ ſcheidenen Nachgiebigkeiten, zu denen man ſich bloß deshalb verſteht, um bis zum Ende Gehoͤr zu finden. „Ich glaube, meine Herren,“ ſagte er demuͤthig, daß mein fuͤnfter Akt faſt auf alle Ihre Einwuͤrfe ant⸗ wortet.“ Durch dieſe pfiffige Wendung gelang es ihm, ſich wieder der Aufmerkſamkeit ſeiner Zuhoͤrer zu ver⸗ ſichern, von denen Jeder nun begierig war, die Stelle aufzufinden, die ihm Genuͤge leiſten ſollte. Und nun erhob Amaury, welcher das Wohlwollen aller dieſer egoiſtiſchen Anſichten benutzte, die voll Ent⸗ zuͤcken waren, dem Talente Geſetze vorzuſchreiben, Stimme und Geberden; ſeine Gluth ſtieg, und jene ſprudelnde Waͤrme, welche durch einige wahrhaft dramatiſche Sce⸗ nen unterſtuͤtzt ward, nahm den Beifall aller Anweſen⸗ den gefangen. Man kam darin uͤberein, daß, wenn man noch drei bis vier Zuͤge von furchtbarem Effekte zu der ſchon an ſich ſehr pathetiſchen Entwickelung hinzu⸗ fuͤge, das Werk ein des neucren Theaters wuͤrdiges Gluͤck machen muͤſſe. Entzuͤckt uͤber dieſes Urtheil, und der Zukunft faſt gewiß, verpflichtete ſich der junge Dichter, 233 N die angedeuteten Zuſaͤtze, die entſcheidenden Morde, die unumgaͤngliche Vergiftung, noch zu beſorgen, und ſchloß ſich, aus Furcht, Etwas von den Schauerdingen zu ver⸗ geſſen, welche ſein Werk vollenden ſollten, den uͤbrigen Theil des Tages ein, um aus den Rathſchlaͤgen ſeiner Freunde Nutzen zu ziehen. II. Kurze Zeit, nachdem Amaury ſeine Verbeſſerungen vollendet hatte, kam Karl Maubert, der Neffe des reichen Bankiers gleiches Namens, zu ihm. Dieſer erſuchte ihn, im Namen ſeines Oheims und ſeiner Tante, bei ihnen ſein Trauerſpiel, und das ſo bald wie moͤglich, vor⸗ zuleſen. —„Woher wiſſen denn die, daß ich eins geſchrieben habe?“ fragte Amaury;„ſie kennen mich ja kaum, und ich hielt ſie fuͤr mehr als gleichguͤltig gegen Alles, was zur Literatur gehoͤrt.“ —„Sie verſtehen allerdings nicht ſehr viel von die⸗ ſem Intereſſe; aber dafuͤr verſtehen ſie ſich deſto beſſer auf andere Intereſſen; und man thut ſehr wohl, eine ſolche Patronſchaft nicht von ſich zu weiſen. Es wimmelt dieſes Jahr von Glaͤubigern, und man muß ſich Freunde zu machen ſuchen, die noch etwas borgen. Das Gluͤck will, daß die Prima Donna, die im naͤchſten Konzert die Hauptrolle ſpielen ſollte, krank iſt, und mein Onkel alſo nicht weiß, was er ſeinen Gaͤſten vorſetzen ſoll.“ 10 NNX 234 —„Nun, ſo moͤgen ſie tanzen.“ —„Das verſtattet der Tod einer alten Verwandten nicht. Sie haben Trauer.“ —„Alſo aus Mangel an allen Unterhaltungsmit⸗ teln nehmen ſie ihre Zuflucht zu mir. O! ich danke recht herzlich!“ „Du haſt Unrecht. Du kannſt Dir Schaͤtze durch eine ſolche Gefaͤlligkeit erwerben, und vielleicht einen guͤnſtigen Erfolg auf der Buͤhne; denn mein Onkel iſt ein Trotzkopf, und wenn er einmal geſagt hat, daß Dein Stuͤck gut, daß es vortrefflich iſt, ſo kommt es ihm nicht darauf an, 1000 Louisd'or daran zu wenden, um zu be⸗ weiſen, daß er Necht hatte, ein ſolches Urtheil zu faͤllen. Uebrigens wirſt Du es in einem Kreiſe ſchoͤner Frauen vorleſen, die Dich anſehen werden, wenn ſie Dir auch nicht zuhoͤren, und wenn Deine Muſe nicht all den Weihrauch einſchluckt, den ſie verdient, ſo wird doch der Anſtand des Vorleſers ſehr gewuͤrdigt werden, und Du wirſt vielleicht mehr Ertrag noch aus den Zer⸗ ſtreuungen Deines Auditoriums, als aus den durch Dein Werk ſelbſt hervorgebrachten Erregungen einernten. Wie? Du bedenkſt Dich noch! Nun denn, ſo mag Dich dies vollends beſtimmen; Meine Tante legt einen großen Werth darauf, eine Vorleſung bei ſich halten zu laſſen, um ſich ein literariſches Anſehn zu geben; hilfſt Du mir nun, dieſe ihre Laune zu befriedigen, ſo wird ſie mir — 235 durch ihren Mann das Geld darleihen laſſen, deſſen ich bedarf. Jetzt entſcheide!“ —„Von einem Onkel Geld erwiſchen! Ei, Freund, das iſt ſo gut wie eine Ehrenſache; der kann man ſich durchaus nicht entzichn. Ich leſe alſo. Ich will einen Tag lang der Triſſotin der Boͤrſe ſein: man wird ſich uͤber mich, uͤber mein Werk aufhalten; aber es betrifft ein Intereſſe, das weit hoͤher ſteht, als alle dieſe Er⸗ baͤrmlichkeiten. Du kannſt auf Deinen Freund zaͤhlen.“ Drei Tage nachher ward Amaury von ſeinem Freunde in die vergoldeten Saͤle ſeines Onkels Maubert einge⸗ fuͤhrt. Ein Tiſch, auf welchem zwei Candelaber und das klaſſiſche Glas Waſſer die Gattung des Vergnuͤgens ankuͤndigten, welches die Geſellſchaft bedrohte, machte dieſe ſchon ſchaudern. Ein Kreis von Sammtſeſſeln um⸗ gab dieſen dramatiſchen Altar. Beim Reichthume der Verzierungen, dem Glanze der Lichter, der in den Spie⸗ geln wiederſtrahlte, den Kryſtallen und allem dieſem koͤ⸗ niglichen Luxus ſtellte ſich Amaury Molière vor, der bei Ludwig XIV. vorlas; aber die zahlreiche Geſellſchaft des Herrn Maubert ſetzte ſich, und dieſe Taͤuſchung ſchwand ſchon, ehe er auch nur zu leſen angefangen hatte. Miitten unter ſo vielen artigen Damen haͤtte Amaury das edle Geſicht und die zierliche Taille des Fraͤuleins von Rorvel zu erblicken gewuͤnſcht; aber n hxeie Gruͤnde unterſagten ihm dieſe Hoffnung. Fuͤr dieſesmal brauchte er nicht erſt die Aufmerkſam⸗ 236 keit einer Schaar geiſtreicher Plauderer zu beſchwoͤren, deren Gedankenfuͤlle ſich durch alle Hinderniſſe Bahn bricht. Ein bleiernes Stillſchweigen herrſchte vom An⸗ fange an in der Geſellſchaft. Der große Cerele, aus den modiſchen Saͤlen verbannt, bildete ſich nach derſel⸗ ben Ordnung wie unter der Kaiſerregierung; die jungen Damen vorn, die aͤltern im zweiten Range, die Maͤn⸗ ner auf einander gedraͤngt dahinter, die nun mit trau⸗ riger Miene auf den in der Mitte verloren gehenden und gleichſam der Etikette der Ueberlieferung aufgeopfer⸗ ten Raum blickten. Der erſte Akt verſtroͤmte wie ein ruhiger Bach auf ebenem Boden; keine Bemerkung, noch weniger eine Ausrufung: die Herrſchaft vom Hauſe war nur mit den noch fehlenden Geladenen beſchaͤftigt, und horchte bloß auf das Geraͤuſch der Wagen, die vor dem Hausthor hielten, die Andern betrachten dann die Ankommenden, und bekuͤmmerten ſich ſehr wenig um das Ungluͤck, zu dem eine geiſtvolle Expoſition ihnen Hoffnung machte. Gleiche Ruhe, dieſelbe Gleichguͤltigkeit beim zweiten Akte; nur Karl Maubert rief dann und wann, voll Be⸗ ſorgniß, daß ſein Freund den Muth verlieren moͤchte, einigen alten Freunden des Theaters Gymnaſe zu:„Iſt der Auftritt nicht recht ſchoͤn?... Das iſt doch wirklich trefflich gearbeitet!“ Und auf dieſe ſchmeichelhafte Fra⸗ gen gab bloß ein beifaͤlliges Laͤcheln oder die genaue Wiederholung deſſelben Lobes die Antwort, worauf es 237 dann wieder ganz ſtill ward. Karl hoffte, dieſe anhal⸗ tende Kaͤlte ſollte dem Intereſſe, das im dritten Akte lag, weichen; das Ungluͤck aber wollte, daß die Ankunft der Dame, die eben in dieſem Salon Mode war— denn jeder beſitzt eine dergleichen— eine ſolche Unordnung hervorbrachte und ſo viel Effekt machte, daß die kraͤf⸗ tigſte Peripetie daruͤber zu Grunde ging. Ein neues, mit goldenen Agraffen und rothen Federn geſchmuͤcktes Baret, ein ſeidenes, mit großen Blumen geſticktes Kleid, welche die maͤchtigen Beſatze unſerer Uraͤltermuͤtter nach⸗ ahmten, kurz, einer von jenen kuͤhnen Anzuͤgen, welche eine Frau nur mit der Gewißheit des Neides, den ſie erregt, und der Kenntniß des Geſchmacks der Perſonen ihres Umgangs wagt, mußte die allgemeine Aufmerkſam⸗ keit auf ſich ziehn. Amaury bemerkte bald, daß man gar nicht mehr auf ihn hoͤre, und hoͤrte ganz auf zu leſen, um deſſen noch gewiſſer zu ſein. Nun wendete ſich Jeder nach ihm hin, glaubend, das Stuͤck ſei zu Ende, und man ruͤſtete ſich ſchon, es mit Lobſpruͤchen wegen ſeiner Entwickelung zu uͤber⸗ haͤufen, als Karl, den dieſer beleidigende Mißgriff in Verlegenheit ſetzte, die ſchon halb aufgeſtandene Ge⸗ ſellſchaft benachrichtigte, daß ſie noch zwei Akte anzu⸗ hoͤren habe. Ein urtheil, das ſie Alle zu den Galeeren verdammte, haͤtte nicht mehr Beſtuͤrzung in der Geſellſchaft hervor⸗ bringen koͤnnen. Die jungen Frauen ſetzten ſich wieder 238 nieder, mit dem Bedauern, nicht kokettiren zu koͤnnen, und der groͤßere Theil der Maͤnner benutzte den Augen⸗ blick, als man Eis herum gab, um in das Rebenzimmer zu gehen, wo einige Spieltiſche auf ſie warteten. Nun trat das Geraͤuſch der Marken, das Klingen des Geldes und die Ausrufungen der Spieler ſtatt des eiſigen Schweigens ein. Das gefaͤhrliche Beiſpiel der geſelligen Unabhaͤngig⸗ keit ward von den Politikern im Saale ſogleich nachge⸗ ahmt. In das Schlafzimmer der Madame Maubert, deſſen hoͤchſt reiches und wolluͤſtiges Bett auf ganz eigene Art von ihrer kurzen und gemeinen Perſoͤnlichkeit ab⸗ ſtach, gefluͤchtet, fingen dieſe Herren an, ungenirt von der Sitzung des Tages und dem Einfluſſe der Nach⸗ richten vom Auslande auf die Fruͤhboͤrſe zu ſchwatzen, und zwiſchen dieſem politiſchen Gefluͤſter und dem lauten Lachen der Gewinnenden fuhr der ungluͤckliche Autor in ſeiner Vorleſung fort und beendete ſie. Hier endete aber auch ſein Leiden; denn kaum war der letzte Vers heraus, ſo draͤngte ſich Jedermann an ihn, um ihn mit Hoͤflichkeiten, Zuvorkommenheiten und Dankſagungen zu uͤberhaͤufen. Man zeigte ſich fuͤr ſein Benehmen eben ſo erkenntlich, durch ſeine Gefaͤlligkeit eben ſo ergriffen, als man gleichguͤltig gegen ſein Werk geweſen war. Er ward der Gegenſtand der anmuthig⸗ ſten Koketterien, und wenn die Damen, die mit ſo vie⸗ ler Artigkeit ihn umſchmeichelten, ihm nur nicht ein 239 Woͤrtchen uͤber ſein Trauerſpiel haͤtten ſagen wollen, ſo wuͤrde ihm der Kopf ganz verdreht worden ſein; ungluͤck⸗ 4 licherweiſe miſchten ſie aber in ihre verbindlichen Re⸗ densarten Gemeinplaͤtze, anſpruchsvolle Unwiſſenheit, und zerſtoͤrten den ganzen Zauber ihrer Blicke und ihres ſuͤßen Laͤchelns durch die Laſt dieſes betaͤubenden Ge⸗ ſchwaͤtzes. Beim Abendeſſen kam Amaury zwiſchen die Frau vom Hauſe und die junge elegante Dame zu ſitzen, deren verſpaͤtete Ankunft ſeiner Vorleſung den Todes⸗ ſtoß gegeben hatte. Sie war huͤbſch, ſprechluſtig, ohne Geiſt, lachend ohne Froͤhlichkeit; aber ſie beſaß ein leb⸗ haftes Streben zu gefallen, und es war unmoͤglich, nicht von der Muͤhe geruͤhrt zu werden, die ſie ſich, um dies zu bewirken, gab. Auch behielt Amaury nicht den ge⸗ ringſten Unwillen gegen ſie, wegen der Art und Weiſe, wie ſie an dieſem Abende den Sieg uͤber ihn errungen hatte, ob er ſich gleich geſchmeichelt, einen Augenblick lang der Held deſſelben zu ſein.„Der Autor ſindet hier Nichts zu gewinnen,“ dachte er;„aber der junge Mann kann einiges Gluͤck machen, und, genau beſehen, iſt dies doch das Beſte, ob es gleich nicht in die Akademie bringt.“ III. Wenn auch nur ſehr wenige Perſonen das Stuͤck des Herrn Prévannes gehoͤrt, hatten doch alle von der Vor⸗ leſung geſprochen. Sie war eine merkwuͤrdige Neue⸗ 240 rung in den Geſellſchaftskreiſen der Madame Maubert geweſen, eine Feierlichkeit, die Epoche machte, und bei welcher zugelaſſen worden zu ſein Jedermann mit Stolz anfuͤhrte. Es war gleichſam ein Diplom der hoͤheren Einſicht, das dadurch den Eingeladenen ertheilt worden, und ſo ſehr der Reichthum auch den Verſtand verachtet, iſt er doch immer ſehr froh, wenn man welchen bei ihm vorausſetzt.. Das Geruͤcht von dieſer prachtvollen Vorleſung drang auch in die Geſellſchaften, worin das dramatiſche Werk noch einiges Intereſſe erweckt.. —„Du haſt mir kein Woͤrtchen von dem Gluͤcke Deines Freundes in dem und dem Hauſe geſagt,“ ſprach Frau von Rameſay zu ihrem Sohne,„ und doch weißt Du, daß ich mich fuͤr den jungen Mann intereſſire. Herr von Cr*r⸗ haͤlt ihn fuͤr geiſtreich und von ſehr anſtaͤndigem Benehmen; ſein Vater war General, nicht wahr?.... —„Er iſt es noch,“ entgegnete Ferdinand;„ da er aber ſeit 15 Jahren auf ſeinen Guͤtern lebt, vergißt man, daß er exiſtirt. O! wenn wir Krieg haͤtten⸗ wuͤrde man ſich ſeiner wohl erinnern.“ —„Sein Sohn wird Vermoͤgen bekommen.“ —„Ein ſehr ſchoͤnes, aber erſt nach dem Tode ſei⸗ nes Vaters. Denn der alte Kriegsmann iſt ſo ſtolz dar⸗ auf, ſeinen Grad und ſein Vermoͤgen durch ſeinen Degen erworben zu haben, daß er durchaus haben will, ſein Sohn 241 Sohn ſoll ſeinen Weg auch durch ſich ſelbſt machen. Von dieſem Grundſatze nun ausgehend, giebt er ihm einen erbaͤrmlichen Jahresgehalt, der ihn in die Noth⸗ wendigkeit verſetzt, Schulden zu machen. So ſind denn die meiſten Aeltern Schuld daran, daß..⸗ —„Verſchone mich mit dieſer ſonderbaren Moral,“ fiel Frau von Rameſay ihm ins Wort,„und antworte mir ganz einfach auf meine Fragen wegen Deines Freun⸗ des. Ich glaubte zu bemerken, daß Laurence roth wurde, als man den Namen Amaury ausſprach. Du haſt ſie ja neulich Abend geſehen. Sie war in der groͤßten Un⸗ ruhe und Verlegenheit, waͤhrend man von der Vorleſung redete, die er neulich gehalten, und Jedermann ſeinen Entſchluß, Schriftſteller zu werden, lobte oder tadelte. Ich weiß nicht, ob Frau von Noryel die Erregung ih⸗ rer Tochter ſo bemerkt hat wie ich, aber ich bin ſeit zu langer Zeit ihre Freundin, um ſie nicht darauf aufmerk⸗ ſam zu machen und ſie in ihren Abſichten zu unterſtuͤtzen, ſie mag nun dieſe Liebe befoͤrdern wollen oder nicht.“ —„Ach, liebe Mutter,“ rief Ferdinand bittend, machen Sie dem armen Amaury keinen Verdruß! Er iſt ſo liebenswuͤrdig, ein ſo guter Kamerad, ſo dienſtge⸗ faͤllig, der beſte Sekundant, den es geben kann, ſo bereit⸗ Jedem mit ſeinem Gelde auszuhelfen—. —„Sprich lieber, mit dem ſeiner Glaͤubiger. Einer⸗ lei jedoch: verdient er alles das Gute, das Du von ihm denkſt, und will ſein Vater ein Opfer bringen, um ihn IV. 3 11 242 mit einer alten Familie zu verbinden, ſo koͤnnte ſo eine Heirath wohl zu Stande kommen, und ich wuͤrde mich mit Vergnuͤgen dazu hergeben, die Sache mit der Frau von Norvel zu verhandeln. Aber vorher muͤßte man dieſe mit Herrn Prévannes noch genauer bekannt machen, ohne daß ſie jedoch von ſeiner Liebe zu Laurence etwas vermuthete. Denn ſie iſt eine treffliche Perſon, die aber ſtets bereit iſt, in allen Gefuͤhlen, welchen ſie auf die Spur kommt, eine unedle Abſicht zu vermuthen.“ —„Nichts leichter, als ihr Amaury in der vol⸗ len Glorie ſeines Werths und dies auf die natuͤrlichſte Weiſe von der Welt zu zeigen. Man weiß, daß Sie Geiſt und Talent zu ſchaͤtzen wiſſen. Ihr Haus iſt oft der Vereinigungspunkt aller beruͤhmten Literatoren, die ausgezeichnetſten Werke unſers Jahrhunderts ſind darin vor ihrer Herausgabe vorgeleſen worden; wenn Sie alſo Amaury erlauben wollten, Ihnen ſein Trauerſpiel vor⸗ zulegen.. ſo wuͤrde dies die beſte Gelegenheit ſein... —„Das geht wahrhaftig ſehr gut. In gegenwaͤrti⸗ gen Zeiten ergreifen die Damen vom Hauſe Alles ſehr begierig, was die Unterredung hindern kann, und es iſt doch noch immer beſſer, ſelbſt das allerſchlechteſte Stuͤck mit anzuhdren, als Geſpraͤche/ ⸗wo Zwang und Bitterkeit ſich bei jedem Worte durchfuͤhlen laſſen, und bei denen man immer befuͤrchten muß, daß ſie in Beleidigungen ausarten. Ach! wenn dieſelbe Klaſſe nicht dieſelbe Mei⸗ nung hat, ſo wird die große Welt unertraͤglich; es giebt in ihr dann nur einen Verkehr von Herabſetzungen und Epigrammen. Eben ſo gut waͤr's, wenn dann Jeder in ſeinem Lager bliebe und Schlacht oder Frieden erwar⸗ tete.” —„Vollkommen wahr! Weil nun aber die feindſeli⸗ gen Partheien einmal die Wuth haben, ſich zuſammen zu langweilen, ſo muß man ihnen dieſe kleine Genugthuung nicht abſchlagen. Und dieſesmal wird dann doch das Zuſammenkommen ſo vieler gegenſeitig ſich Uebelwollen⸗ den einen frommen Zweck haben. Wie gut Sie ſind, Muͤtterchen, und wie vergnuͤgt der arme Amaury ſein wird! Ich gehe gleich zu ihm, um ihm zu ſagen, was Sie fuͤr ihn thun wollen.“ —„Gieb ihm ja keine vergebliche Hoffnung. Be⸗ denke, daß Alles von dem Eindrucke abhaͤngen wird, den das Werk und der Verfaſſer machen werden, und daß ich mich erſt eines guͤnſtigen Vorurtheils vergewiſſern muß⸗ ehe ich ein Woͤrtchen vom Heirathen fallen laſſe.“ —„Er wird ihnen gefallen, liebe Mutter, davon bin ich uͤberzengt. Ich will ihm ſchon ſein Benehmen vorzeichnen. Viel Zuverſicht als Mann, viel Beſcheiden⸗ heit als Autor. Ein allerliebſtes Gilet, eine zierlich ge⸗ bundene Cravatte, Gelehrigkeit fuͤr jeden guten Rath und Blicke fuͤr alle Frauen. Er wird ungeheures Gluͤck machen, und mir wird er es zu verdanken haben! O, ich bin entzuͤckt daruͤber; denn ſchon lange trage ich mich auch mit einem Baͤndchen herum, das er dann ſeinerſeits 11* 244 in Schutz nehmen wird. Er kennt ſo viele Journa⸗ liſten!“ uUnd Frau von Rameſay, die fuͤr Alles, was dem auf⸗ keimenden Talente ihres Sohnes nuͤtzlich ſein konnte, ſehr eingenommen war, willigte ein, den Tag der Vor⸗ leſung feſtzuſetzen. Es wurden eine große Menge Ein⸗ ladungen ausgeſendet, und am folgenden Dienſttage fanden ſich die Auswahl der Pariſer guten Geſellſchaft und meh⸗ rere Fuͤrſten der Literatur bei Frau von Rameſay zu⸗ ſammen, um uͤber das Doypelſchickſal eines Dichters und eines Liebenden dort zu entſcheiden. Frau von Rameſay hatte, um den jungen Autor mehr anzufeuern, und ihn beſſer an den Saal zu gewoͤhnen, in welchem ſeine Stimme erſchallen ſollte, ihn eingela⸗ den, an demſelben Tage mit mehreren geiſtreichen Maͤn⸗ nern, welche den Hauptbeſtandtheil ihrer taͤglichen Ge⸗ ſellſchaft ausmachten, bei ihr zu Mittag zu ſpeiſen. Klaſ⸗ ſiker durch Erziehung, aber in geiſtigen, wie in allen andern Dingen, alte Diener der Mode, waren dieſe für die von dieſer angenommenen Neuerungen tolerant ge⸗ nug, und warfen ſich zu Befoͤrderern junger Maͤnner auf, um von dieſen wieder befoͤrdert zu werden. Amaury fuͤhlte, von der Natuͤrlichkeit ihrer Unterhaltung und jener ſchmeichelhaften Neugier, welche Maͤnner von Welt ſo geſpraͤchig macht, verfuͤhrt, ſich geiſtig ungemein wohl, und ſchwatzte mit ſo großem Uehergewichte, ſprach ſeine 245 witzigen Reden mit ſo anmuthigey Nachlaͤſſigkeit aus, daß er alle Gaͤſte zu ſeinem Vortheile einnahm. —„Da iſt ſchon ein Publikum gewonnen,“ ſagte Frau von Rameſay zu ihm, als ſie von Tiſche aufſtan⸗ den;„mit dem andern iſt's weit weniger ſchwierig.“ —„und doch fuͤrchte ich mich vor dieſem am mei⸗ ſten, gnaͤdige Frau. Ach! wenn mich Ferdinand nicht Ihres Wohlwollens verſtchert haͤtte, ſo glaube ich kaum, daß ich den Muth beſaͤße, Sie heut Abend zu langwei⸗ len. Ich fuͤhle mich von einer Furchtſamkeit befangen, die Gewiſſensbiſſen gleicht.“ —„Sie werden ſchon deren Herr werden. Uebri⸗ gens iſt's aber auch keine Zeit mehr zum Bedenken. Jetzt kommt Ihre Kabale an, und ich wuͤnſche Ihnen bei Ihrer erſten Darſtellung nur eine aͤhnliche.“ Nun uͤberließ Frau von Rameſay, die ſich mit den Ankommenden beſchaͤftigen mußte, Herrn Prévannes allen beunruhigenden Betrachtungen eines beſcheidenen Schrift⸗ ſtellers. Mit jeder Perſon, welche angemeldet ward, glaubte Amaury den Namen des Fraͤuleins von Norvel zu hoͤren, und bebte vor Furcht und Freude.—„In der That,“ ſagte er zu ſeinem Freunde,„zittre ich auf eine ganz ſonderbare Art, und wenn ich die Wahl haͤtte, ob ich mich mit allen dieſen Leuten da ſchlagen, oder mich ih⸗ nen, wie ich's thun werde, ganz uͤberlaſſen wollte, ſo ſchwoͤre ich Dir, daß ich mich keinen Augenblick befin⸗ — 246 nen wuͤrde. Wenn ich nur wenigſtens Zeit gehabt haͤtte, mein Manuſcript noch einmal durchzuſehen.“ In der That raubte die Unruhe, in welcher ſich Amaury befand, ihm ſogar die Erinnerung an ſein Stuͤck. Der Augenblick, welcher dem vorausgeht, wo man die anſchwaͤrzende Aufmerkſamkeit einer großen Menge von Zuhdͤrern feſſeln will, iſt eine Art von Todeskrampf der Eigenliebe, der ſelbſt dem Neide Mitleid einfloͤßen muß. Dieſer Augenblick verlaͤngerte ſich bei Amaury, denn Frau von Rameſay verlangte, man ſolle auf die Marquiſe deErnanville, eine alte geiſtreiche Dame, war⸗ ten, eine Zeitgenoſſin des Gluͤcks von La Harpe, Mar⸗ montel und Collin d'Harleville, die ihre Bewunderung nie der Gefahr ausgeſetzt hatte, ihr untreu zu werden; denn ſeit der erſten Revolution war ſie nie wieder in ein Theater gegangen, und ihr literariſcher Geſchmack alſo immer derſelbe geblieben. In ihrer Erinnerung ruhte noch immer ein trocknes, ſymmetriſch zuſammenge⸗ ſetztes, gut geſchriebenes und ſchlecht gereimtes Werk als das einzige Muſter, dem man folgen mußte, um den Beifall des Parterre und das Lob der Perſonen comme il faut ſich zu erwerben. Die Analyſe einiger Stuͤcke, welche ſie in der Zeitung las, die ſie hielt, brachte ihr wohl eine Idee von einigen Neuerungen bei, die man auf der Buͤhne ausgefuͤhrt habe, aber man tadelte ſie auch wieder zu oft, als daß ſie glauben konnte, ſie haͤtten auch nur das mindeſte Gluͤck gemacht. Stellt euch dem⸗ 247 nach die Ueberraſchung vor, welche dieſe Dame bei der Vorleſung eines romantiſchen Trauerſpiels erwartete. Frau von Rameſay brachte, um ihr Publikum bis zur Ankunft der Nachzuͤgler zu unterhalten, das Ge⸗ ſpraͤch auf den Nothſtand der meiſten heutigen Theater. —„und doch,“ ſetzte ſie hinzu,„fehlt es ihnen nicht an Freiheit!“ 1 —„O nein,“ entgegnete Herr von Saint Brice, „dieſe erſtickt ſie eben. Man weiß ſo gut, daß ſie Alles darſtellen und ſagen duͤrfen, daß man ſie ungeachtet der Frechheit, von der einige derſelben in dem, was ſie dar⸗ ſtellen, Beweiſe geben, doch noch nicht fuͤr neu, fuͤr be⸗ luſtigend genug haͤlt. Das Uebel liegt aber nicht darin; denn ein geiſtreiches Publikum, wie das Pariſer, laͤßt doch ſtets noch zuletzt den ſchlechten Huͤlfsmitteln, die man anwendet, um es anzulocken, ihr Recht wiederfah⸗ ren. Was unſre Theater zu Grunde richtet, iſt die alte Routine, die ſie daran hindert, ſich nach unſern neuern Sitten zu formen. In meiner Jugend ſpeiſten die Buͤr⸗ ger von Paris um 2 Uhr, und die vornehmen Leute ſpaͤteſtens um 3 Uhr. Die großen Theater begannen um 6 Uhr, und ſo hatte man hinreichend Zeit, ſie zu be⸗ ſuchen. um 9, ſpaͤteſtens um 10 Uhr waren ſie aus, und Nichts hinderte den fleißigen oder fruͤh wachen Mann, nach Hauſe zu gehen und noch zu arbeiten oder ſich nie⸗ derzulegen. Die Muͤßiggaͤnger der eleganten Welt be⸗ gaben ſich, ohne Furcht, zu ſpaͤt anzukommen, nach der 8 248 2 Opey auf den Ball oder in die glaͤnzenden Salons, wo Spiel und Geſpraͤch abwechſelnd eine Zahl von Einge⸗ ladenen beſchaͤftigten, die mit der Groͤße der Gemaͤcher im Verhaͤltniſſe ſtand. Da ſchwatzte man uͤber das eben geſehene Stuͤck; die Muſik, die Darſteller, Alles ward zu Gegenſtaͤnden, an denen ſich Geiſt und ſcharfer Witz uͤbten. Die einem ernſthaften oder heitern Werke einen halben Abend lang gewidmete Aufmerkſamkeit hatte den Geiſt noch nicht erſchoͤpft, man war vielmehr nur um deſto aufgelegter, daruͤber zu ſprechen. Jetzt iſt eine Vorſtellung in der Comedie française eine Begebenheit, die einen ganzen Tageslauf umwandelt. Man muß in der Eil zu Mittag eſſen, oft auch gar nicht, um nur beim Aufziehen des Vorhanges zugegen zu ſein. Wenn man nun nur auch dafuͤr wie ſonſt um halb zehn Uhr fertig waͤre, wo das laͤngſte Stuͤck nur eine verſtaͤndige Zeit uͤber dauerte! Aber die jetzigen Schriftſteller laſſen uns nicht ſo wohlfeil los; nicht ſelten hoͤrt man Mit⸗ ternacht noch waͤhrend des letzten Aktes ſchlagen! Was folgt nun aus dieſer Unbequemlichkeit, nicht zur rechten Zeit zu kommen, aus dieſer Nothwendigkeit, auf einem Tabouret oder einem Stuhle, die wie die Baͤnke in den Schulen gepolſtert ſind, in einem Raume auszuharren, wo man fuͤnf unendliche Stunden lang ſich nicht im mindeſten ruͤhren kann? Es folgt daraus, daß man ſich wohl einmal wegen irgend einer beruͤhmten dramati⸗ ſchen Neuigkeit entſchließt, ſich einen ſolchen Zwang an⸗ 249 zuthun, daß aber ein ſo lange dauerndes und unſre Ge⸗ wohnheiten ſo ſtoͤrendes Vergnuͤgen nicht wiederholt wird.“ —„Ja, wie das nun machen““ fragte ein Akademie⸗. Mitglied, das dieſe Eroͤrterung ſehr intereſſirte.„Man hat das Publikum an Vorſtellungen von 10 bis 12 Akten gewoͤhnt, es wuͤrde ſich fuͤr verkuͤrzt halten, wenn man ihm nur 6 fuͤr ſein Geld gaͤbe!“ —„Verſucht's mit einem guten Stuͤcke, gut geſpielt und in einem bequemen Schauſpielhauſe. Laßt das Theater um 8 Uhr angehen, um ſolchen Perſonen, welchen die Dauer der Kammern oder der Boͤrſe erſt nach 6 Uhr zu ſpeiſen erlaubt, Zeit zu vergoͤnnen. Gebt alle Plaͤtze, das Parterre und das Paradies ausgenommen, fuͤr den⸗ ſelben Preis, damit ſie, ohne daß die Einnahme darun⸗ ter leide, fuͤr die Einkuͤnfte eines Jeden zugaͤnglich ſeien; laßt das Schauſpiel um 11 enden, damit die Leute nach der Welt Luſt bekommen, es wieder zu beſuchen, und den Schauſpielern es moͤglich wird, am naͤchſten Tage es wieder zu ſpielen; kurz, ſchafft ein Theater, das mit un⸗ ſerer Lebensweiſe uͤbereinſtimmt, und ihr ſollt ſehen, ob es beſucht werden wird.“ Die Ankunft der Frau und Fraͤulein von Nor⸗ vel unterbrach dieſes Geſpraͤch, oder erlaubte Herrn Prévannes wenigſtens nicht laͤnger, ihm zuzuhoͤren. Bald darauf fuͤhrte die Frau vom Hauſe Frau von Norvel zu dem ihr vorbehaltenen Platze auf einem Sopha, 2⁵⁰ wandte ſich dann zu Amaury, und veranlaßte ihn aufs Anmuthigſte, ſeine Vorleſung zu beginnen. Waͤhrend der Dichter ſein Manuſcript entrollt, in⸗ dem er auf Fraͤulein von Norvel einen furchtſamen Blick warf, der um mehr als Nachſicht flehte, ertheilte Frau von Rameſay ihrer Dienerſchaft den Befehl, die Vorle⸗ ſung nicht zu unterbrechen, und die zwei bis drei wich⸗ tigen Maͤnner, die gewoͤhnlich durch ernſte Geſchaͤfte am fruͤhern Erſcheinen behindert wurden, oder die wenigſtens ſo ſcheinen wollten, als koͤnnten ſie erſt nach allen An⸗ dern kommen, leiſe durch eine Nebenthuͤr hereinzufuͤhren. So viele Sorgſamkeit verrieth eine Art wohlwollen⸗ der Theilnahme, die dem Dichter von guter Vorbedeu⸗ tung ſchien. Er hatte einmal einen alten Theaterlieb⸗ haber ſagen hoͤren, daß es kein langweiliges Stuͤck gebe, wenn es nur gut vorgeleſen werde, und dieſes Waid⸗ wort kam ihm wieder als eine Zuverſicht gegen jeden Ungluͤcksfall ins Gedaͤchtniß. Auch war ja Laurence da! ſie hatte die Augen auf ihn gerichtet, wie alle Uebrigen; die Verhaͤltniſſe berechtigten ſie, nur ihn den ganzen Abend uͤber anzuſehen, ſich nur mit ihm zu beſchaͤftigen! Welch ein berauſchendes Gluͤck! Wie vermehrt ward es noch durch die Lobeserhebungen, die man ſeinem erſten Akte zollte. Vor einem Weſen, das man liebt, mit Bei⸗ fall uͤberhaͤuft zu werden, durch ſein Talent die Beachtung der Verwandten zu erwerben, von denen es abhaͤngt, durch einen guͤnſtigen Erfolg ſich ſo gleichſam in ſeinen 251 Anſpruͤchen begruͤndet zu wiſſen, das Streben nach deſſen Liebe auf dieſe Art berechtigt zu ſehen— ol das iſt um den Kopf zu verdrehen. Waͤhrend der erſten drei Akte ſeines Stuͤcks berauſchte ſich Amaury in dieſer himmliſchen Freude. Denn un⸗ geachtet einiger Bemerkungen einer wohlwollenden Kri⸗ tik hatten ſowohl die Neuheit der Gattung, welche die Gewohnheitsmenſchen ſehr in Verlegenheit ſetzte, als das Intereſſe des Stoffs, das Natuͤrliche und Anziehende des Dialogs, und das uͤber alle Beſchreibungen verbreitete Dichterfeuer die Verſammlung hingeriſſen, und in der Ungeduld, zu erfahren, was aus ſo vielen anziehenden Perſonen noch werde, ließ man Amaury gar nicht dazu kommen, eine Pauſe zwiſchen dem dritten und vierten Akte zu machen. Er mußte fortfahren, um nur den Er⸗ regungen Genuͤge zu leiſten, welche ſein Werk hervorge⸗ bracht hatte. Der Enthuſiasmus war aufs Hoͤchſte geſtiegen. In dem Wahnſinne des Gluͤcks vergaß er die kecke Scene, die er dem Rathe ſeiner Freunde gemaͤß noch hinzuge⸗ ſetzt hatte, und erſt im Augenblicke, als er die erſten Verſe derſelben vortrug, erſchien ſie ihm in ihrer ganzen Nacktheit. Durch eine unwillkuͤhrliche Bewegung hob er die Augen zu Laurence. Die Unſchuld, die auf dieſer reinen Stirne thronte, dieſer zugleich ſo zaͤrtliche und doch ſo keuſche Blick, dieſes reizende Ganze eines ſchoͤ⸗ naen, eleganten und geiſtreichen Maͤdchens, das die Ge⸗ 252 wohnheit, ſich ſtets in guter Geſellſchaft zu befinden und mit den alten Freundinnen ihrer Mutter zu ſchwatzen, vertrauensvoll macht, und die ſich daher nicht ſcheut, ihre Empfindungen zu zeigen, uͤberzeugt, daß ſie nur edle Gefuͤhle haben kann; kurz, der gebietende Anblick eines weiblichen Weſens, deſſen Unſchuld man verehrt, verſchuͤchterte Amaury. Eine ploͤtzliche Roͤthe uͤberzog ſein eignes Geſicht, wenn er an die Roͤthe dachte, welche Laurence's ſchoͤne Stirn bedecken wuͤrde, wenn ſie jene unanſtaͤndige Seene mit anhoͤren muͤßte. Er fuͤhlte, wie jene ſogenannten wahren Worte, jene Phraſen à la Shakespeare ihm auf der Lippe erſterben wuͤrden, die zwar dem Geſchmacke jenes Zeitalters ſehr angemeſſen waren, aber das Zartgefuͤhl des unſern nothwendig em⸗ poͤren muͤſſen. Amaury unterbrach ſich alſo ploͤtzlich.... Vergebens ſuchte er nach einem Mittel, uͤber die Stellen, vor denen er ſich fuͤrchtete, hinweg zu ſchluͤpfen, oder ſie zu mildern, der Gang des Stuͤcks ſtellte ſich dem entge⸗ gen. Vergebens ermahnte er ſich ſelbſt zum Muthe, in⸗ dem er ſich mehrere aͤhnliche, im Theater ſehr beklatſchte Auftritte ins Gedaͤchtniß zuruͤckrief; er fuͤhlte, daß er dieſe Verlegenheit, oder beſſer geſagt, dieſe Achtung, welche ihn zuruͤckhielt, nie werde beſiegen koͤnnen, und indem er das Laͤcherliche, das ſich ſtets uͤber einen Mann verbreitet, der mitten in ſeiner Vorleſung unwohl wird, dem Unrechte vorzog, die Zuͤchtigkeit und den guten Geſchmack der Damen, unter denen ſich auch Laurence 2⁵3 befand, zu beleidigen, entſchuldigts er ſich, daß er außer Stande ſei, fortzufahren. In der That zeigte auch die Blaͤſſe, welche ſeiner innern unruhe folgte, hinreichend, daß er leidend ſei. Jetzt malte ſich der Ausdruck der lebhafteſten Theil⸗ nahme, des ſuͤßeſten Mitleids in Laurence's Augen. Man dringt in ihn, fortzufahren.—„O, beſtehen Sie nicht darauf!“ ruft ſie mit einem Tone, der Amaury vor Freude erbeben laͤßt;„ſehen Sie doch, wie leidend er ausſieht!“—„Nun denn,“ entgegnete Frau von Fer⸗ ville,„ſo mag er Ferdinand leſen laſſen, dieſer kennt das Stuͤck und wird es gewiß eben ſo gut vortragen, wie der Verfaſſer ſelbſt.— Bei dieſen Worten, die ihn mit Schauder durchdringen, wirft ſich Amaury uͤber ſein Manuſcript, wie eine ſtrafbare Frau uͤber den Brief, der ſie ins Verderben ſtuͤrzen muß, und, indem er vorgiebt, an die Luft zu muͤſſen, enteilt er ſo ſchnell wie moͤglich den Bemuͤhungen, die man an ihn verſchwenden will. Kaum iſt er jedoch daheim, wohin Ferdinand ihm nachgeeilt iſt, ſo wirft er ſein Manuſcript ins Feuer.— „Was thuſt Du?“ ruft dieſer aus, und eilt, die Arbeit ſeines Freundes den Flammen zu entreißen.—„Ich gebe ihm das, was es verdient!“ antwortete Amaury, und widerſetzte ſich der huͤlfreichen Handlung.—„Aber denke doch an den Beifall, den Du eben davon trugſt! Das Werk iſt vortrefflich““—„Nein, ſage ich Dir“ 254 verſetzte Amaury, indem er das letzte Blatt ſeines Ma⸗ nuſcripts verloͤſchen ſieht;„ein Stuͤck, das man einem Maͤdchen, das man liebt, nicht vorleſen kann, iſt nicht werth, vor dem Publiko zu erſcheinen.“ Wir hoͤren ſo eben, daß Fraͤulein von Norvel Herrn Preévannes fuͤr dieſes große Opfer belohnt hat. Madame Sophie Gay. Sainte⸗Pelagie. .(Politiſches Verwahrungshaus.) — &△△ 4 3 Ich begreife Bicatre und ſeine engen, ungeſunden und duͤſtern Zellen, wo der Menſch ſeine letzte Energie ſam⸗ melt und die langen Qualen in ſich ſaugt, die ihn zu einem gewaltſamen Tode vorbereiten; Ich begreife die hohen, alten und ſich in die Wolken verlierenden Thuͤrme, mit ihren ſchwarzen, von Namen und Inſchriften wimmelnden Mauern; Ich begreife die feuchten unterirdiſchen Kammern der Conciergerie, dieſe Keller, von denen das Waſſer herabtraͤuft, dieſe geheimen Gemaͤcher, deren ſcheuß⸗ liche Monotonie Nichts unterbricht, wo man allein iſt, ganz allein! mit allen Kraͤften ſeiner Seele die Betrach⸗ tung, die uns ſchirmt, oder die Ungerechtigkeit, die uns 85 25⁵6 empoͤrt, oder das Gewiſſen, das uns freiſpricht, herbei⸗ rufend. In allen dieſen Lagen giebt es noch ein Anhalten fuͤr einen kraͤftigen Charakter. Die Philoſophie kann wirken, und es iſt moͤglich, ſich zu ſagen: ich bin ſtarkl... Aber in Sainte⸗Pelagie Nichts von alle dem.— Sainte⸗Pelagie iſt Strafe durch Ermattung, Tortur⸗ durch Langeweile, Mord durch Abzehrung.— Es iſt eine Art von Luftpumpe, am Gehirne angebracht, die Tropfen vor Tropfen all deſſen Nervenſaft auspumpt, es ſtumpf macht, ermattet, erſchoͤpft.— Es iſt nicht Aufregung und doch auch nicht Ruhe.— Es iſt nicht Paris und doch auch nicht die Einſamkeit.— Es iſt ein Gemiſch von allen Dingen: ein wenig Luft, faſt kein Raum, Freunde ſelten, Ueberlaͤſtige in Menge. Es iſt ein Ge⸗ faͤngniß, das zur großen Welt gehoͤrt, eine große Welt, die nicht fuͤr ein Gefaͤngniß ſich paßt. Es hat einen menſchenfreundlichen Anſſeher mit artigem Benehmen; es giebt Waͤchter, die den Logenſchließerinnen gleichen. Es iſt nicht hart und doch traurig; es iſt eine Art von civiliſtrter Polizei, etwas immerwaͤhrend Verfaͤlſchtes.. Sainte⸗Pelagie iſt unertraͤglich. Begreift ihr Sainte⸗Pelagie? Vor der Juli⸗Revolution gab's auch Schriftſteller, die gefangen ſaßen, aber es gab kein politiſches Sainte⸗ Pelagie. Alles hat ſich jetzt geaͤndert, denn es ſteht ge⸗ ſchrieben, daß Nichts dauerhaft iſt, weder Throne noch 257 2 Gefaͤngniſſe!... Es giebt nur immer Voͤlker, welche hoffen, und Menſchen, welche leiden.. und dies ohne Ende.... Das politiſche Sainte⸗Pelagie iſt alſo jetzt nicht mehr jenes Haus, wo die Herren Jouy und Jay ihre Kapuze abgelegt, und mit einem Monate Gefaͤngniß die Mei⸗ nungs⸗Kuͤhnheiten abgebuͤßt haben, die ſie damals ſo anziehend zu machen verſtanden! Es iſt nicht mehr jenes alte Kloſter, ein Gewebe klei⸗ ner Zellen, wo Diebe mit langen Baͤrten an der Stelle der huͤbſchen Nonnen, die von Liebe getraͤumt und ge⸗ betet haͤtten, fluchten und rauchten; Es iſt nicht mehr das Gebaͤude, wo Beranger, Couchois⸗Lemaire, Lapelouze, Chatelain, Bert, Fontan, Magalon, Achilles Roche, Dubois, Barthelemy und mehrere Andere, die ich, ohne es zu wollen, vergeſſe, fuͤr Arbeiten gebuͤßt haben, die maͤchtig an Genie oder ſtark an Gewiſſenhaftigkeit, Talent und kuͤhner, feſter Oppo⸗ ſition waren; Damals hatten die Politiker nur einen beſondern Corridor. Seit dem Juli bedarf man eines ganzen Hauſes, denn die Menſchlichkeit iſt im Vorwaͤrtsſchrei⸗ ten: ſie laͤuft ſchon uͤber; wir kommen raſch weiter! Dieſes Haus nennt ſich der politiſche Pavillon. Es hat ſeinen Hof, ſeine Gitter, ſein Einlaßthuͤrchen, ſein Sprechzimmer, ſeinen Aufſeher und ſeine Fagade. Schreckliche Fagade! denn das ganze Haus iſt ihr 1 1*† 58 aufgeopfert worden;— Dank ſei es der Facade, daß ihr hier Gemaͤcher von 10 Fuß Hoͤhe, und wieder welche von kaum 5 Fuß findet. Ihr habt Kerkerloͤcher in dem dritten Stockwerke und oͤffentliche Plaͤtze im erſten. Dies erklaͤrt ſich leicht. Man baut gewoͤhnlich die Haͤuſer fuͤr die Bequemlichkeit ihrer Bewohner. Ein Gefaͤng⸗ niß aber wird nur zum Vergnuͤgen des Architekten ge⸗ baut, der ſeine Gitter und Lichtloͤcher zum Beſten der Kunſt anordnet!e., Sainte⸗Pelagie iſt alſo gebaut wor⸗ den, um von außen angeſehn zu werden... Voruͤbergehende, habt daran genug! Tretet nicht herein, ich bitte euch! Hier iſt Nichts ſchoͤn, das kann ich euch verſichern. Ob das Haus gleich noch jung iſt, iſt es doch nicht mehr neu: ſo viel hat es gedient!.. Zwei Monate nach dem Juli gaben ihm Hubert und Thierry die Taufe des Patriotismus, und wer koͤnnte ſeitdem diejenigen zaͤhlen⸗ die ihre Stirn in dieſes reinigende Waſſer getaucht haben! 3 Cavaignge, Trelat, Raspail, Blanqui, Danton, Sam⸗ bue, Lennor, Philippon, Mané, Bascans, Thouret, Ger⸗ vais, Duchatelet, Delaungy, Galois, Kerſauſie, Sarrut und ſo viele Andere mit großem Herzen, gluͤhenden Adern, dieſe, die man in Gott weiß welche Verſchwoͤrung von Regen und Koth verwickeln wollie, jene vom Gerichts⸗ hofe, der ſie bedraͤngt, ohne ſie zu erſchuͤttern, ergriffen und wieder ergriffen. 259 Ich fuͤhre nur wenige an, ſehr wenige, wie ihr mir leicht glauben werdet, wenn ihr erfahrt, daß das große Regiſter der Eingeſperrten die Zahl 450 Verdaͤchtiger enthaͤlt, ohne die Verurtheilten zu zaͤhlen, und dies Alles ſeit der Aera des 9 Auguſt! Allerdings ſchreibt ſich der erſte politiſche Prozeß vom darauf folgenden September und die erſte Gefangenſetzung vom Oktober her. Die Ordnung der Dinge hat, wie man ſieht, keine Zeit verloren 8 Jetzt, wo ich dieſes ſchreibe, enthaͤlt Sainte⸗Pelagie 120 politiſche Gefangene, und doch war das Haus nur auf hundert eingerichtet worden. Welche Unvorſichtig⸗ keit! daher muͤſſen auch La Force und die Conciergerie ihre Fluͤgel oͤffnen. Diebe und Betruͤger finden dies gluͤcklicherweiſe ſehr anmuthig! 3 Was die Bevoͤlkerung von Sainte⸗Pelagie betrifft, ſo iſt dort ein Gemiſch von allen Ideen, eine Aufhaͤufung von allen Meinungen, eine Art von politiſchem Pandaͤ⸗ monium. Die Carricature ſtoͤßt an die Quoti⸗ dienne; der Courrier d⸗Europe ſteht neben der Revolution; die Gazette ſchwankt zwiſchen der Tribune und dem Courrier Frangais. Der Volks⸗ freund ſtreift an den Schweizer; der Juli⸗Dekorirte raucht neben dem Garde du Corps; die Chouans begegnen den alten Soldaten; alle Ragen, alle Farben, alle Alter, alle Sprachen!.. 3 4 Es iſt ein Babel! Es iſt ein Feld von Freunden 260 und Feinden nach einer Niederlage! Es iſt ein Aſyl nach dem Sturme fuͤr alle Corps, unter allen Geſtalten! Es iſt ſonderbar anzuſehen, wie etwas Ungereimtes! Es iſt merkwuͤrdig, wie eine Anomalie! Aber es iſt auch ſcheuß⸗ lich, wie ein Ungeheuer! Uund ſind denn wenigſtens Alle, die hier leiden, ver⸗ urtheilt?... Wollte Gott! Denn dann wuͤrden wir bloß die Strenge der Richter zu beklagen haben, waͤhrend wir jetzt uns uͤber die verhaßte Ungerechtigkeit des Geſetzes beſchweren muͤſſen!... Wie viel Gefangene giebt es nicht, die hier geſeufzt haben und nachher fuͤr unſchuldig erkannt worden ſind! Wie viele, bei denen die Unterſuchung zeigt, daß bei ihnen gar kein Grund zum Verfahren obwaltete! Wie viele, die man fuͤnf und ſechs Wochen einſperrt und ſie dann wieder entlaͤßt, ohne ſie auch nur befragt zu haben! Steigt in dem Pavillon links bis zum zweiten Stock⸗ werke hinauf; geht dann in den Corridor, in welchen drei große Schlafraͤume ſich oͤffnen: dort zeigen euch die Schilder mit Lilien deutlich genug an, daß ihr mitten unter den Karliſten ſeid. Faſt alle dieſe hier ſind Schweizer! Nun denn! Es ſind neun Monate ber, ſeit ſie feſt⸗ geſetzt wurden! Seht auch nur, wie alle dieſe Geſichter gelb, entſtellt, krank ausſehen! Ihr werdet bloß das all⸗ 1 261 gemeine Geſchrei dort hoͤren: Wann ſtellt man uns vor Gericht? Aber die Tage verſtreichen! Die Unter⸗ ſuchung endet nicht! Nun faßt ſie das Heimweh! Nun die Erinne⸗ rung an beſſre Zeiten, dann die Sorgen, die Runzeln auf den noch jungen Stirnen, dann die Niedergeſchla⸗ genheit, der Ekel, und endlich jene ſchwarzen Todes⸗ gedanken, die erſt wie Toͤchter der Verzweiflung ſich na⸗ hen, und dann, weil ſie unter ſtechenden Schmerzen ſtets wiederkehren, uns wie ein Troſt erſcheinen und wie eine Hoffnung zulaͤcheln! Einer dieſer Schweizer, der arme Zanoff, war im Monat Juli 1831 weit von Paris entfernt arretirt wor⸗ den. Er mußte 100 Meilen zu Fuß mit Beinſchellen zuruͤcklegen. Oft hoͤrte er unterwegs hinter ſich ſagen: Das iſt ein gefaͤhrlicher Raͤuber! Sein ganzer Koͤrper ward dann kalt vor Zorn! Endlich kam er an, zerſchlagen, ermattet. Man warf ihn erſt in der Con⸗ eiergerie auf Stroh, dann in La Force... Nach 6 Mo⸗ naten gelangte er jedoch dahin, mit ſeinen Kameraden in Sainte⸗Pelagie untergebracht zu werden. Zanoff hatte ein Weib, das er anbetete, und ein noch ganz kleines Kind, von kaum 18 Monaten. So lange er frei geweſen war, hatte ſeine Arbeit ausgereicht, ſie zu ernaͤhren. Er hatte ſelbſt einige Erſparniſſe gemacht. Aber das Kind ward krank, bald auch die Mutter; und er im Gefaͤngniſſe!— Alles ging darauf! Was nun weiter?.. uUnter den in Sainte⸗Pelagie gefangen gehaltenen Karliſten ſchien ein vormaliger Garde du Corps, Herr von Laplain, das Vertrauen aller Schweizer zu beſitzen. Man hatte ihn mit in daſſelbe Complott verwickelt! Dies war ein Grund, weshalb er oft ſeine Boͤrſe mit denen theilte, deren Leidensgenoſſe er war.— Zanoff hatte von ihm einiges Geld erhalten, er wagte es aber nicht noch einmal, ihm das Elend zu ſchildern, in welchem ſich ſeine Frau befand. Dieſe verheimlichte auch ihre furchtbare Lage. Sie hatte uͤberall um Arbeit gebeten, aber uͤberall war ſie zuruͤckgewieſen worden. „Die Zeiten ſind ſo ſchlecht!“ ſagte ſie;„man findet keine Arbeit, oder man verlangt, daß ich mich von meinem armen Kinde trennen ſoll.— Es ſtuͤrbe ja ohne mich!“ Und ſie weinte, und das Kind weinte auch.— Zanoff zerriß ſich die Bruſt. Dieſer Auftritt wiederholte ſich mehr als einmal im Sprechzimmer.. Man hat Alles nachher erfahren. Jeden Tag kam dieſe Frau, und der ungluͤckliche Schweizer erwartete ſie, um mit ihr das ſchwarze Ge⸗ faͤngnißbrod und die Nahrung, deren er ſich um ſeiner Familie willen beraubte, zu theilen. Aber dieſe Enthalt⸗ ſamkeit machte ihn immer bleicher, und ſeine Frau, die es gewahr ward, wollte nun lieber ſelbſt hungern. Er gerieth in Verzweiflung! 8 263 Alles dieſes war nicht zu ertragen. Zanoff redet alſo Herrn von Laplain an, und fragt ihn, ob er Hoffnung ‚habe, daß der Tag ſeines Urtheils bald erſcheine....„O mein Gott,“ antwortete dieſer,„man hat ihn wieder um einen Monat hinausgeſchoben!“—„Ach! das dauert doch gar zu langel... Das halte ich nicht aus..“ Dann nach einem augenblicklichen Schweigen:„Mein Herr, wuͤrde denn, wenn Einer von uns ſtuͤrbe, unſre Parthei deſſen Weib und Kinder verlaſſen?“—„Was das nun wieder fuͤr ein Gedanke iſt, Zanoff! Sie wiſſen wohl, daß Menſchen von Gefuͤhl nie ihre Freunde verlaſſen.... Aber ſind Sie etwa krank?“—„Sehr, lieber Capitain!“ —„Nun denn, ſo legen Sie ſich zu Bette, ruhen Sie gus, und ſagen Sie mir, was Sie brauchen.“ Zanoff legte ſich wirklich zu Bett... Er hatte die ganze Nacht hindurch das Fieber. Am andern Morgen fruͤh um 5 Uhr ließ er Herrn von Laplain rufen. Er war unruhig, und wiederholte ſeine Frage:„Wenn ich ſtuͤrbe, wuͤrde meine Frau dann Brod haben’“—„Ja doch, ja! Sein Sie nur ruhig.“—„O, dafuͤr ſtehe ich Ihnen,“ ſagte er darauf mit feſtem und entſchloſſenen Tone...„ich bin ruhig!“ Zwei Stunben ſpaͤter, als der Tag anbrach, ſtanden ſeine Kameraden auf. Zanoff geht an das Brcett, auf dem ſeine Kleider lagen. Er ſucht darin, zieht ſchnell ein Barbiermeſſer mit breiter Klinge heraus und ſchnei⸗ det ſich die Kehle ab... Seine Kameraden ſpringen 264 hinzu... Er war nackt und ſchwenkte noch das Meſſer. Der erſte Schnitt hatte nicht gewirkt, mit groͤßerer Kraft gab er ſich einen zweiten, und wiederholte die Bewegung, um ſich noch einen dritten beizubringen... Man be⸗ maͤchtigt ſich ſeiner, und iſt, um ihn zu entwaffnen, ge⸗ noͤthigt, ihn auf die Erde zu werfen. Nun beißt er die, welche ihn zuruͤckhielten:„Ich will aber ſterben!“ ruft er ihnen zu. Unterdeſſen ſtroͤmt das Blut aus ſeinem drei Zoll tief offnen Halſe... Der Laͤrmen verbreitet ſich im Gefaͤng⸗ niſſe; wir eilen Alle herbei.... Zanoff balgte ſich auf dem Boden; aber ſeine Kraͤfte waren erſchoͤpft. Man legt ihn wieder auf die grauſchwarze Leinwand ſeiner Matratze. Ein Angeſtellter aus der Pitié bringt den erſten Verband an. Die Wunde war furchtbar, und doch folgte der Tod nicht unmittelbar darauf; er gab noch immer einen Schimmer von Hoffnung... Der ungluͤckliche Gefangene erhielt von Allen Zeichen der Theilnahme und Troͤſtungen.. Er ſchien ruhiger ge⸗ worden zu ſein, doch ſpannte eine gewiſſe dumpfe Auf⸗ regung ſeine Geſichtsmuskeln und hoͤhlte ſeine Augen... Kaum war der Verhand zu Ende, als Zanoff, der ein wenig wieder zu Kraͤften gekommen, ſeine unter der Decke gehaltenen Arme frei machte und die Bandage mit allen Heilmitteln abriß... Man mußte ihn im Auge behalten und ihm eine Zwangsweſte anlegen. Er ſprach wenig, doch aber ſagte er zu ſeinem beſten Freunde: 265 Freunde:„Ich kann hier im Gefaͤngniſſe nicht arbeiten, um meine Frau zu ernaͤhren, noch auch immer mir Geld erbetteln. Waͤre ich todt, ſo wuͤrde man Mitleid mit mir haben. Deshalb habe ich mich umgebracht... Das iſt ein Mann aus dem Poͤbel! Suchet mir in eurer entarteten, verpfuſchten, vom Egoismus verknoͤcher⸗ ten, hoͤhern Geſellſchaft eine ſolche Maralibit und eine ſolche Aufopferung!- Um die gewoͤhnliche Zeit ſeellt ſich Zanoffs Frau ein. Man ſagte ihr, ihr Mann ſei krank.... Sie wollte her⸗ ein; ſie warf ſich dem trefflichen Doktor Bourgeoiſie zu Fuͤßen, der gleich ihr weinte und forteilen mußte, um nicht nachzugeben. Der ungluͤckliche Selbſtmoͤrder lebte noch acht und vierzig Stunden. Dann hauchte er ſeinen letzten Athem aus.. Der Anblick des Sterbens iſt ſtets traurig; aber der Tod in einem Gefaͤngniſſe, und dieſer Tod, welcher kalte Schauer!... Karliſten und Republikaner traten andaͤchtig zu dieſem entſeelten Leichname. Alle gingen von ihm hinweg, von gleichem Schmerze beſeelt und — ich kann es nicht verhehlen— von gleichem Zorne durchdrungen. Der Partheienhaß erliſcht neben einem Leichnamel... Das iſt das Eigenthuͤmliche großer Bedraͤngniſſe der Natur, daß ſie uns Alle in den gemeinſamen Abgrund unſers Elends, unſers Nichts zuruͤckſtuͤrzen! Aber das Geüſen iſt kein Nichts: denkt alſo, wie groß das .. 1⁴ 266 Staunen Aller war, als man auf Zanoffs Bruſt eine goldne Lilie, ein Ueberbleibſel einer alten Fahne, von betraͤchtlichem Werthe fand, das dieſer Mann nicht hatte verkaufen wollen, nicht einmal um ſeine Frau dadurch zu unterſtuͤtzen, fuͤr die er ſich doch ſelbſt den Tod gege⸗ ben hatte.... Man kennt unſre Anſichten und man wird uns da⸗ her wohl Glauben beimeſſen, wenn wir verſichern, daß wir Alle, Alle, durch eine Treue, deren Reinheit und Beſtaͤndigkeit uns um ſo tiefer durchdrangen, je weniger es uns deren Gegenſtand zu verdienen ſchien, innig ge⸗ ruͤhrt waren.— Zanoff iſt nicht das einzige Opfer dieſer vorlaͤufigen Gefangenſetzungen, dieſer Feſthaltungen geweſen, welche noch vor dem Urtheile toͤdten. Ein Mann, der zu derſelben Meinung, aber zu einer andern buͤrgerlichen Stellung gehoͤrte, Herr Laurent von Saint⸗Julien, hat in dem feuchten und dunkeln Hofe von Sainte⸗Pelagie eine Bruſtkrankheit bekommen, die ihn nach fuͤnf Tagen ins Grab brachte... Freilich er⸗ zeigte man ihm zwoͤlf Stunden vor ſeinem Tode die Gnade, ihm zu erlauben, ſich in ein Krankenhaus brin⸗ gen zu laſſen.. Ihr ſeht, die vorlaͤufige Einſperrung iſt nicht bloß ein Hammer, der anklopft, ſie iſt auch ein Dolch, der toͤdtet. Die meiſten Kranken ſind auch Karliſten. Der Kar⸗ 267 liſt iſt, natuͤrliche Ausnahmen abgerechnet, ſo wenig fuͤr die Einſamkeit und Entbehrungen geſchaffen! Er iſt ein ſolcher Neuling! Seine Entſagung iſt ein Schmerz, ſeine Ruhe ein Leiden. Gewiſſe Tage, wo er ſich ge⸗ meinſchaftlich exaltirt, ausgenommen, iſt er ſchweigſam und traurig. Aber geht eine Treppe tiefer... Seht da die drei⸗ farbige Fahne mit der Inſchrift: Freiheit oder Tod... Ihr ſeid bei dem unbemittelten Patrioten, bei dem ar⸗ men Repnblikaner... Hier iſt Alles anders, andre Gren⸗ zen, ein anderer Ton, eine entgegengeſetzte Sprache. Der Republikaner iſt ſeit 16 Jahren im Beſitz, im Gefaͤngniſſe ſeinen Patriotismus wieder anzufriſchen. Dort findet er alle Ueberlieferungen ſeiner Freunde. Lebhaft, brav, treu ergeben, iſt ſein Leben rein und leicht, denn Nichts laſtet darauf, weder Fehler, noch Ab⸗ haͤngigkeit, noch Vermoͤgen. Das Wort Vaterland be⸗ rauſcht ihn, das der Freiheit entzuͤckt ihn. Redet mit ihm von Politik: ihr findet ihn offen, energiſch, kuͤhn, gerade durch. Er vertraut auf ſeine Kraft. Von der Vergangenheit kennt er nur ſeine oder ſeiner Vaͤter Siege. Von der Gegenwart ſpricht er wie von einem Traume, von der Zukunft wie von ſeiner Eroberung.⸗ Geſtern iſt faſt nicht mehr, das Heute Nichts, morgen nur iſt Alles... Auch ſingt er, macht ſeine Propaganda, improviſirt ſeine Conſtitution, organiſirt, regelt den Staat, lieſt 12* 268 ſein Journal, kritiſirt, raucht, verurtheilt, trinkt, ſpricht los, ſetzt ſeine Liſte fuͤr das Pantheon auf, entſcheidet uͤber Krieg und Frieden, und behandelt Europa uͤber die Achſel. Er liebt ſeine Familie, aber er vermiſcht ſie mit dem Vaterlande. Sein Daſein iſt abenteuerlich, ſchwan⸗ kend, uͤberall glaͤnzend, ein Daſein des Biyouaks oder der Zigeuner, aber ſtets fertig und bereit fuͤr die Kugeln, wenn's die Freiheit gebeut. Sein Arm iſt ſtark, ſein Herz unbeſtechlich und ſeine Hand hart, wie ſeine Grundſaͤtze. Fuͤr Andere iſt er ganz Hingebung; auch ſaͤet er dieſe Hingebung um ſich her aus. Einer erzaͤhlt euch, daß er nie ſeine Mutter wiſſen ließ, wo er war; ſie haͤtte ihm vielleicht helfen koͤnnen, aber ſie wuͤrde vor Kummer geſtorben ſein; ihr Sohn will lieber weniger eſſen, kaum trinken, aber viel hoffen.. Ein Andrer ſagt euch, daß er das neunte Kind einer armen Wittwe war, die ſtarb und ſie Alle noch ganz jung und von Allem entbloͤßt hinterließ. Sein Onkel, der Wagner, der be⸗ reits drei Kinder hatte, nahm noch die neun ſeiner Schweſter dazu an, und hatte nun deren zwoͤlf... Nur Menſchen, die Nichts haben, faſſen ſo ganz den Begriff einer Familie.— Ein Dritter, noch ſehr jung, ſiel mir auf, und ich ließ mir ſeine Geſchichte erzaͤhlen.„Ich war zum erſten Male nach Paris gekommen,“ ſagte er; „es war eben im Juli— man ſchlug ſich gerade. Es war fuͤr die Freiheit, und mein Vater, der noch zu den 269 Maͤnnern der fruͤhern Revolution gehoͤrte, hatte mir ge⸗ ſagt, daß, als es damals den 10. Auguſt gegeben habe, er auch mit dabei geweſen ſei. Ich dachte nun, Du mußt es auch ſo machen wie Dein Vater und Dich ſchlagen, und ſo oft alſo der Aufruhr wieder kam, ging ich auch wieder dazu, weil wir noch nicht zufrieden ſind; da haben ſie mich denn gepackt.“—„Aber,“ entgegnete ich ihm,„ein Aufruhr iſt keine Revolution.“—„Ei zum Henker!“ antwortete er;„ich war im Juli gleich zum Anfange mit dabei, und das fing ziemlich eben ſo an.“—„Glaubſt Du denn noch an eine andere Revo⸗ lution?—„Hm, hml. ℳ Unter dieſen aber war einer der Beſten, einer der Bravſten, ein Buchdruckerei⸗Arbeiter, Namens Lebon. Er beſaß die edelſte Herzensrechtlichkeit, den wuͤrdigſten, zartfuͤhlendſten und ſtolzeſten Charakter. Jedermann liebte ihn. Man hatte ihm die Freilaſſung angeboten, wenn er nur verſprechen wollte, bei keinem Zuſammenlaufe mehr zu ſein.„Wenn ich heraus bin,“ antwortete er, „ſo verlange ich nur Arbeit; bin ich drinn, nur Gerech⸗ tigkeit.“ Lebon hatte eine junge, ſchoͤne, niedliche Frau, deren Zuͤge durch Guͤte noch eine beſondere Milde bekamen⸗ Seit acht Tagen war ſie nicht da geweſen; er ſchien ganz vernichtet. Dann erfuhr er, daß er innerhalb 60 Stunden ein Kind verloren und ſeine Frau ihm ein neues geſchenkt habe. Am Tage darauf war die eben Entbundene ſchon im Sprechzimmer; ſie war zu Fuß bei kaltem Wetter gekommen, um ſelbſt den Neugebornen zu bringen. Man hatte ſie fuͤr die Amme gehalten. Hun⸗ dert vornehme Daͤmchen waͤren davon geſtorben. Die Frau des Nichtshabenden iſt ſtaͤrker. Mutter und Kind befinden ſich vollkommen wohl. Ich ſprach von Frauen. Sie muͤſſen ſtets einen gro⸗ ßen Raum da einnehmen, wo von einem Opfer, einem Schmerze, einem Ungluͤcke die Rede iſt, wo es gilt, einen ſchwankenden Muth aufrecht zu halten, ein verzagendes Herz zu ſtaͤrken, eine verſchmachtende Seele zu erwaͤrmen. Von allen Altern, Staͤnden und Coſtuͤmen kommen deren nach Sainte⸗Pelagie: Muͤtter, Weiber, Toͤchter, Schweſtern, Freundinnen!... elegant, einfach, vernach⸗ laͤſſigt, artig, gut, haͤßlich, heiter, traurig... geſchwind gehen ſie voruͤber, kaum ſich umſehend, Karliſtinnen oder Revublikanerinnen, Armſelige oder Ariſtokraten... Denn auch in Sainte⸗Pelagie giebt's einen der Ari⸗ ſtokratie vorbehaltenen Pavillon. Dieſe Ariſtokraten ſind politiſche Verurtheilte, das heißt, groͤßtentheils Schrift⸗ ſteller und Journaliſten, Herr Bascans oder Herr Ge⸗ noude, Herr Thouret oder Herr Ledue, Herr Lapelouze oder Herr von Brian. Der ariſtokratiſche Pavillon hat auch ſeine beſondern Sitten und Gebraͤuche: es iſt da noch etwas Etikette zu Hauſe, die Zeit verſtreicht lang⸗ ſamer, das Leben iſt weniger geraͤuſchvoll und die Treppe reinlicher. —4—2„.,.———— 271 Doch macht man dort Muſik, man nimmt ſeine Freunde an, man kommt zuſammen, man ſchwatzt, man lacht ſogar manchmal.... Wie ſollte es denn auch anders ſein? Grandville und Foreſt kommen oft dahin, und dort findet ſich ja auch dieſer Juvenal Philippon, der die Carrikatur erfand... Von dem Tage an, wo Philippon wiederkam, fingen wir wieder an zu lachen. Philippon und Thouret, die unabſetzbaren Gefangenen, beſitzen eine noch viel unab⸗ ſetzbarere Froͤhlichkeit.— Philippon und Thouret hat⸗ ten Einen Haushalt... der Thouret's ſehr legitim: der Philippon's... ich will's euch erzaͤhlen, wenn ihr wollt. Alle Tage ſtieg zu ihm eine junge, bruͤnette, ſehr lebhafte, aber treffliche Frau herauf, mit einem kleinen Maͤdchen von 5 Jahren. Ich glaubte erſt, es ſei ſein Weib, das Kind ſeine Tochter. Es war dem nicht ſo. Philippon erklaͤrte mir Alles. Als er in Lyon war, lernte er Agathen kennen, die damals von 16 Jahren und anziehend war, wie alle Maͤdchen des Suͤdens, und gleich dieſen von ſo offnem, guten Herzen und ſo lebendigem Geiſte. Ich weiß nicht, wie viele alte und junge Abenteu⸗ rer ihrer Unſchuld drohten. Philippon wollte ſie aus Herzensguͤte retten; er gewann ihr Vertrauen, er liebte ſie, er blieb ſelbſt lange in den gemeſſenſten Schranken. Aber er war 20 Jahr.. ſie kaum 16... Ueberdies hatte ſie ihre Mutter verloren, und ihr Vater, der an der Loire entlaſſen worden, hatte ſie ſchon groß, ſchon huͤbſch, ach! ſchon ſo huͤbſch wiedergefunden, daß eine andre als die vaͤterliche Liebe ſich eines von Wunden geſchwaͤchten Kopfes, eines kranken, irren, faſt wahnſin⸗ nigen Kopfes bemaͤchtigt hatte. In ihrem Hauſe fand alſo Agathe keinen Schutz. Sie bat Philippon, ſie vor alle dem zu retten, was ſie umgab.... Philippon rettete ſie, rettete ſie ſehr— vielleicht zu ſehr; denn die Noth⸗ wendigkeit, an ein kuͤnftiges Unterkommen zu denken, einen Haushalt als Kuͤnſtler ſich zu ſchaffen, noͤthigte den jungen Mann, zu reiſen. Agathe war ihm immer noch theuer... aber Reiſen bringen ſo viele Zerſtreuun⸗ gen mit ſich!... Agathe ihrerſeits troͤſtete ſich, nachdem ſie viel ge⸗ weint hatte; Verfuͤhrungen umgaben ſie; vorzuͤglich ging ihr ſeit langer Zeit ein junger Mann nach, ein junger, recht angenehmer, reicher und ſehr verliebter Mannl... Die Zeit verſtrich... drei Jahre waren voruͤber.... Er verdoppelt ſeine Beſtaͤndigkeit, ſeine Huldigungen; er bietet ſeine Hand an; es gelingt ihm zu zeitig, er wird gluͤck⸗ lich, er wird Vater... Run kommt Philippon nach Lyon zuruͤck, und zwei Tage nach ſeiner Ankunft ſtuͤrzt ſich auf vollem oͤffent⸗ lichen Markte eine Frau zu ſeinen Fuͤßen; ſie bittet ihn um Vergebung; ſie weint, ſie klagt ſich an, ſie klagt ihn an. Der Auftritt machte großen Laͤrmen, aber die Stel⸗ 273 lung war eine andere geworden, die Pflichten auch. Philippon reiſte nach Paris zuruͤck; Agathe erwartete den Tag ihrer Vermaͤhlung mit dem Vater ihres Kindes. Die Familie dieſes jungen Mannes aber wollte durch eine reiche Heirath ein ſchon betraͤchtliches Vermoͤgen noch vermehren. Die Habgier iſt waſſerſuͤchtig. Man vernachlaͤſſigt anfangs Agathen, dann verlaͤßt man ſie gaͤnzlich; ihr Vater wird vollkommen naͤrriſch, ihre kleine Tochter wird krank.— Jetzt erfaͤhrt ſie, daß man eine andere Verbindung eingeleitet hat, daß ſie betrogen iſt. Mehrere Tage lang ſchluckt ſie ihren Schmerz in ſich. Ihre Kleine wird wieder etwas beſſer. Eines Abends geht ſie an das Haus des Mannes, der ſie verlaͤßt; ſie wartet bis Mitternacht an der Hausthuͤre; da kommt er, ohne ſie zu bemerken; ſie geht ihm nach bis in den vierten Stock, wo ſein Zimmer iſt; einzutreten wagt ſie nicht, ſie fuͤhlt ſich zu ſchwach. Aber der junge Mann war darin mit ſeinem Couſin, und Beide— lachten uͤber ſie!... 3 Da oͤffnet ſie ploͤtzlich die Zimmerthuͤr.„Ich komme, um Ihnen Ihre Tochter zu empfehlen,“ ſagt ſie.„Was meinen Vater betrifft, ſo bedarf er weder meiner noch Ihrer; er iſt geſtern geſtorben, und ich, die Sie verrie⸗ then, werde die Schande nicht ertragen, die meiner wartet.“ Nun eilt ſie ans Fenſter und ſtaͤrzt ſi ſich hinunter. 274 Das Fenſter ging auf ein Hintergaͤßchen, das eigent⸗ lich ein Arm der Saone war, und uͤber dieſen kleinen Kanal lagen einige Bretter. Man glaubte ſie todt zu finden— ein Wunder, ein unerhoͤrter Zufall ließ ſie auf eines dieſer Bretter fallen, das den Sturz minderte... Doch kann man leicht den⸗ ken, in welchem Zuſtande man ſie aufhob.. Nun, dieſes Ereigniß, das auf den jungen Mann einen heftigen Eindruck zu machen ſchien, brachte ihn doch nicht zu beſſern Gefuͤhlen zuruͤck. Er glaubte Alles mit ein wenig Gold abmachen zu koͤnnen... aber er wollte ſeiner Tochter keinen Namen geben, und Agathe wies Alles zuruͤck. Philippon hoͤrte in Paris dieſe tragiſche Geſchichte. Eines Tages ſieht er die arme Agathe mit ihrer Tochter bei ſich eintreten, und erfaͤhrt bald, daß ſie von Allem entbloͤßt iſt. Er ſchaudert, wenn er bedenkt, wohin ſie ihre Verzweiflung bringen kann. Er ſucht ſie auf und ſagt zu ihr:„Ich bin es, der Dich zuerſt auf dieſen unſeligen Weg gebracht hat, ich muß Dir alſo auch zu Huͤlfe kommen. Du haſt ein Kind, deſſen Vater ſich unwuͤrdig benommen hat; ich nehme das Kind an, ich will fuͤr das Kind arbeiten. Was Dich betrifft, ſo werde ich mich, wenn Du mein Loos theilen willſt, gluͤcklich ſchaͤtzen, Dich das Unrecht vergeſſen zu laſſen, das ich Deiner Jugend angethan haben kann.“ 275 1 Von dieſem Augenblicke an nennt Agathens kleine Tochter Philippon ihren Vater, und Agathe iſt durch eine Liebe an ihn gekettet, die nie erloſchen war und welche jetzt Dankbarkeit nur noch inniger macht.—— In dem andern Pavillon ſtellen ſich die beiden Par⸗ theien parallel gegen einander über, beobachten ihre Ent⸗ fernung und ſchaudern bei dem bloßen Gedanken einer moͤglichen Vereinigung zwiſ 3 vhren Anſichten. In dieſem ſind die Skrupel minder groß, die Linien mehr ſich naͤhernd; man vermiſcht ſich nicht, aber man affektirt auch nicht die Abſonderung. Darausentſteht manches ganz bizarre Zuſammentreffen. So war ich eines Tags zu dem Doktor Gervais herabgegangen, und Herr von Laplain, deſſen ich ſchon erwaͤhnte, beſuchte ihn, wobei er zu mir ſagte:„Mein Herr, da Sie der Herausgeber der Tribune ſind, ſo koͤnn⸗ ten Sie mir wohl gefaͤlligſt ſagen, wer der ungluͤckſelige Verfaſſer des Aufſatzes iſt, wegen deſſen ich arretirt wor⸗ den bin?“ Er zeigte mir dabei die Nummer des 9ten Juli 1831, mit den Anfangsbuchſtaben A. M. unterzeich⸗ net.„Ach, mein Herr!“ antwortete ich;„der Strafbare ſteht vor Ihren Augen.“—„Oh!“—„Ja! aber was meinen Fehler etwas wieder gut machen muß, iſt dies, daß ich in Folge der zehn Zeilen, die am Schluſſe dieſes naͤmlichen Aufſatzes ſtehen, zu 6 Monat Gefaͤngniß und 3000 Franks Strafe verurtheilt worden bin.“—„Wie? Sie, mein Herr!—„Ja, mein Herr!—„Um deſſel⸗ ben Aufſatzes willen, weshalb wir in der Vendee arretirt worden ſind?“—„Um deſſelben willen.“—„Sie haben 6 Monate zu ſitzen““—„Sechs volle Monate.“— „Und ich bin gerade auch heut 6 Monate vorlaͤufig feſt⸗ genommen.“—„Wahrhaftig?“—„Geſtehen Sie, mein Herr, daß Sie ſehr Unrecht gehabt haben.“—„Nach⸗ dem man's nimmt.“—„Aber Sie muͤſſen doch zugeben, daß Ihre Gegenwart hier der Beweis iſt, daß es eine Vorſehung giebt.—„Ganz und gar nicht; nur der Beweis, daß es ein juste milien giebt.“ Dieſen Beweis ſindet man uͤbrigens allerwegen in Sainte⸗Pelagie. Aber etwas noch Sonderbareres iſt dies, daß die Karliſten manchmal ſelbſt Beranger ihren Troſt und die Unterhaltung in ihrer Einſamkeit abborgen. Einer von ihnen ſang eines Tages mit einer kleinen Verſtuͤmmelung die ſchoͤnen Verſe: Dem Vogel gleich, der frei auf ſeinen Zweigen, Selbſt in dem Kerker mein Geſang nicht ſchweigt! Denn Frankreich, dem die Groͤße nicht mehr eigen, Hat unters Joch der Boͤſen ſich gebeugt. Ein Anderer, der ein ironiſches Lied deſſelben Dichters, das auch in Sainte⸗Pelagie gedichtet worden, fuͤr Ernſt nahm, traͤllerte oft: Nicht mehr eitles Loben Fuͤr die Gottheit, die Nur den Zwang der Windeln Dieſer Welt verlieh. Solche Freiheit nie! Schande uͤber ſie! Was vom Buͤrgerbaume Iſt euch noch beſcheert? Ein Despotenſtecken, Scepter ohne Werth!.. Solche Freiheit nie! Schande uͤber ſie! Auch die Republikaner, Nichtshabende oder Wohl⸗ habende, ſingen aus Beranger. Oft wiederholen ſie jene Verſe, die fuͤr dieſes Daſein voll Verleugnung, Gleich⸗ guͤltigkeit oder Verachtung alles Gegenwaͤrtigen, das ſie ſich geſchaffen haben, gemacht zu ſein ſcheinen: Die erſten Schritte unſers Heils In dieſer Welt Wo Irrthum Alles gefeſſelt haͤlt, Die erſten Schritte unſers Heils Sind frei von der Laſt des Vorurtheils. Glaubt unſerm heitern, frohen Blick, Ihr Prieſter hier, Ihr Diener, Buͤrger und Cavalier, Glaubt unſerm heitern, frohen Blick,. Die Freiheit nur allein iſt Gluͤck! Das ſind aber bloß Zerſtreuungen kleiner Kreiſe und Traͤllereien ohne Bedeutung. Es gieht einen andern, fuͤr uns ernſtern Geſang. Wenn die Nacht herabgeſunken iſt, wenn die Stunde naht, wo ſtarke Thuͤren die Gefangenen trennen, wo dicke Riegel die Mittheilungen verhindern, wo ſchon die Diebe, deren Zellen auf unſern Hof gehen, durch die Eiſengitter hindurch ihre bleichen, abgeſpannten, unbeweglichen Geſichter bei dem duͤſtern Schimmer der Laterne zeigen, dann tritt fuͤr alle Republikaner ein feier⸗ licher religioſer Augenblick ein. Das Abendgebetl.. Dieſer Gebrauch iſt einige Zeit nach der Julirevo⸗ lution eingefuͤhrt worden. Die Ueberlieferung erhaͤlt ihn kraͤftig und verehrt. Um dieſe Stunde nehmen die Armen ehrfurchtsvoll die dreifarbige Fahne ab, bringen ſie in den Hof und ſtellen ſich im Kreiſe um ſie. Alle Republikaner kommen herab; durch die Religion der Gleichheit vereint, alle freudig herbeieilend, um ihr zu huldigen, alle wie's der Zufall giebt gereiht, ſich mit der Erinnerung an an⸗ dere Zeiten ermuthigend und die begeiſternden Gedichte unſerer republikaniſchen Saͤnger im Chor wiederholend. Einer der Mitfeiernden ſtimmt den Abſchieds⸗ geſang an, und bald erheben ſich einmuͤthig alle Stim⸗ men, um den Refrain nachzuſingen. Man geht dann zu andern Freiheitshymnen uͤber. Wie edel, wie erhaben, wie groß erſcheinen ſie dann! Der Patriotismus er⸗ waͤrmt ſich, das Herz belebt und begeiſtert ſich, die Seele erheht ſich... Nichts ſtoͤrt dieſen Enthuſiasmus! 279 Alle dieſen ſtarken und maͤnnlichen Stimmen, dieſes Schweigen, dieſer Ort, dieſe geprieſene, erhobene Frei⸗ heit, dieſes Dabeiſein der drei Farben, alle dieſe Maͤn⸗ ner, deren innrer Glaube uͤberſtroͤmt, deren neberzeugung das Wort betont, und die Geluͤbde ſo feſt und ſo durch⸗ bebend macht, alles dieſes bildet eine ruͤhrende Feierlich⸗ keit, eine Art Feſt, wo die Hoffnung den Altar errich⸗ teet, einen Kultus, zu dem Jeder ſein Ich als Opfer bringt! Das iſt ſchoͤn! das iſt groß! Dann kommt die Pariſienne, von der man einige Verſe weglaͤßt. Wenn man zu dem Verſe kommt: Tambour von unſrer Bruͤder Leiche, entbloͤßt Alles das Haupt. Der Takt wird langſamer, der Schmerz, ein wahrer und tiefer Schmerz, macht die Stimme ſanfter und trau⸗ riger— denn von wie Vielen, die hier ſingen, ſind nicht die Bruͤder im Juli geſtorben! Wie Vieler Pulsſchlag draͤngt, wie Vieler Stimme bricht, wenn ſie ſich an die drei großen Tage erinnern, und an dieſe zahlreichen Hin⸗ terlaſſenen, und an dieſe erloſchne Glorie, und an dieſe erkaͤltete Sonne, und an dieſe ſo ploͤtzlich mit Fuͤßen ge⸗ tretenen Hoffnungen! Dann die Marſeillaiſe nund die letzte Strophe: Der Vaterlandesliebe Feier Bewaff'ne unſern Naͤcherarm: Freiheit! o Freiheit ſo theuer! 280 Alles dieſes wird aus tiefſter Seele feierlich geſungen, und Jedermann knieet! Iſt die Hymne beendet, ſo geht der Fahnentraͤger im Kreiſe herum, Jeder kuͤßt die drei Farben; dann ſteht man auf, die Fahne wird mit derſelben Feierlichkeit zu⸗ ruͤckgebracht, und nicht lange darauf hoͤrt man unten in jedem Pavillon eine ſtarke Stimme uͤberlaut rufen: „Es wird geſchloſſen!!“ die Thuͤren rollen in ih⸗ ren Angeln und Jeder geht heim. Armand Marraſt. Ber Journalisten⸗Kehrling. — In Revolutionszeiten, wo die Zeitſchriften ſo vielen Einfluß auf die Gemuͤther haben, halt' ich's fuͤr nuͤtzlich, dem Publikum ganz einfach zu erzaͤhlen, wie ich aus Zufall Schriftſteller, und Journaliſten⸗Lehrling aus Nothwendigkeit ward. Da die Begebenheiten meines Lebens nichts Romantiſches an ſich haben, ſo brauche ich meinen Leſern gar nicht erſt zu ſagen, daß mein Bericht bloß die reinſte Wahrheit enthalten wird. Man nennt mich Alfred von R**r, und ich ver⸗ danke mein Daſein einer Gerichtsperſon in der Stadt B**r, die mir nach ihrem Tode einiges Vermoͤgen hinterließ. Muͤndig geworden und von dem monotonen Leben in meiner kleinen Stadt gelangweilt, entſchloß ich mich, ungeachtet der Vorſtellungen meiner Mutter und aller meiner Verwandten, nach Paris zu ziehen. Durch die Lobeserhebungen meiner Freunde und die in 12* 282 meiner Schulanſtalt erhaltenen Preiſe noch dazu uͤber⸗ zeugt, daß ich einſt ein beruͤhmter Mann werden muͤſſe, und mir bloß ein großer Schauplatz fehle, um mich be⸗ kannt zu machen, brachte ich meine Angelegenheiten in Ordnung, oder vielmehr durch das Verlangen, das ich fuͤhlte, eine große Rolle in der Welt zu ſpielen, in Un⸗ ordnung. Ich verkaufte meine Beſitzungen, und nach⸗ dem ich die Zukunft meiner Mutter nach ihren Wuͤn⸗ ſchen geſichert hatte, machte ich mich auf den Weg in die Hauptſtadt. Ich hielt mich fuͤr ſehr reich, und war es auch in der That; reich naͤmlich durch mein Ver⸗ moͤgen, aber noch mehr durch erworbene Kenntniſſe und einen Vorrath von Eigenliebe, der allein ſchon all mein anderes Eigenthum uͤbertraf. Ich brauche nicht erſt zu ſagen, daß ich mich, als ich in Paris angekommen war, auf einen Fuß einrich⸗ tete, der meinem Vermoͤgen und der großen Meinung, die ich von mir ſelbſt hatte, angemeſſen war Indem ich mir eine ſchoͤne Wohnung einrichtete und mich in einem eleganten Cabriolet fahren ließ, das ich fuͤr meine zu⸗ kuͤnftige Wichtigkeit als unentbehrlich anſah, dachte ich nicht im Geringſten an das, was noch kommen koͤnne, ſondern hielt mich fuͤr geſichert, in meinen Talenten die Mittel zu finden, dieſe Lebensart fortzuſetzen, ja ſelbſt noch zu erhoͤhen. Ehe ich jedoch daran ging, dieſe Ta⸗ lente wirken zu laſſen, wollte ich erſt den neuen Schau⸗ platz kennen lernen, auf welchem ich mich zeigen ſollte, 283 und beſuchte daher wie billig, alle öffentliche Orte, wo die Gluͤcklichen des Tages ſich treffen muͤſſen. Nach den Ideen, die ich mir von Paris gemacht hatte, begegnete mir das, was allen neuen Ankoͤmmlin⸗ gen aus der Provinz begegnet: Nichts ſchien meiner Be⸗ wunderung wuͤrdig... die Opern⸗Taͤnzerinnen ausge⸗ nommen. Da man ſehr zufrieden damit iſt, ſeine Kraͤfte, ehe man daran denkt, in die vorgeſetzte Laufbahn wirk⸗ lich einzutreten, erſt in einer niederern Region als die⸗ jenige, zu welcher man zu gelangen hofft, zu verſuchen, ſo machte auch ich die Bekanntſchaft einiger jungen Leute, die ſehr viel dazu beitrugen, mich von gewiſſen Voxurtheilen aus der Provinz zu befreien, welche der Entwickelung meiner trefflichen Faͤhigkeiten ungemein ſchadeten. Unter der Leitung meiner neuen Freunde lernte ich meine Zeit mit jener epikuraͤiſchen Genauig⸗ keit anwenden, nach der man glauben ſollte, daß un⸗ ſer ganzes Leben bloß aus einigen Jahren beſtehe. Ohne ſelbſt zu wiſſen wie, in eine mehr liebenswuͤrdige als ſtrenge Geſellſchaft eingefuͤhrt, welche mit dem Reize der Kuͤnſte alle Annehmlichkeiten des Geiſtes verband, machte ich mir durch meine Heiterkeit und einige witzige Entgegnun⸗ gen einen Namen darin. Auf dieſe Art drang ich in das Heiligthum mehrerer Theater. Ich hatte Stimme in dem komiſchen Sanhedrin; alle Dichter waren meine Freunde, und oft fanden ſie an meiner Tafel nach dem Champagner Gedanken in mir, die werth waren, der 284 Nachwelt uͤberliefert zu werden. Meinen heitern Scher⸗ zen, meinen Improviſationen, meinem ungeheuren Ge⸗ daͤchtniſſe ſagten ſie voraus, daß dieſe mich dazu beſtimm⸗ ten, ein Mann des Jahrhunderts zu werden; ſie reizten meine Gleichguͤltigkeit, klagten uͤber meine Traͤgheit, ſchworen bei allen Gottheiten unſrer Zeit, bei Moliere und Shakesprare, daß ich meinen Zeitgenoſſen die herr⸗ lichſten Genuͤſſe und der Nachwelt meinen Ruhm ent⸗ ziehe, wenn ich dieſem Vulkane, der in meinem Gehirn gaͤhre, keinen Ausweg eroͤffne. Alle meine Freunde meinten es ſo gut mit mir. Sie fanden ſo viel Vergnuͤgen daran, bei mir zu ſpeiſen und mich zu ermuthigen, die literariſche Laufbahn an⸗ zutreten, daß ich mich, um mich deſto tiefer in die My⸗ ſterien der dramatiſchen Kunſt zu verſenken, fuͤr ver⸗ pflichtet hielt, mit der zweiten Liebhaberin eines unſerer großen Theater in ein inniges Freundſchafts⸗Verhaͤltniß zu treten. Ich werde dir, lieber Leſer, von ihren Rei⸗ zen, ihrem Geiſte Nichts ſagen; alle dieſe Damen ſind in den Augen eines Liebhabers ſtets von der groͤßten Vollkommenheit. Was mich aber am meiſten bei dieſer liebenswuͤrdigen Perſon, als ich ihre ſchaͤtzbare Bekannt⸗ ſchaft machte, entzuͤckte, war der Gedanke, den auch ſie ſchon von meiner zukuͤnftigen Beruͤhmtheit hatte. Kaum hatte ich in den Journalen und Revuen einige proſaiſche und poetiſche Bruchſtuͤcke erſcheinen laſſen, ſo ſprach man ſchon von meinen zu erwartenden großen Werken. 28⁵ 4. Wie haͤtte denn alſo auch dieſes junge Maͤdchen oder vielmehr dieſe junge Frau mich nicht ſchon beim erſten Anblicke bezaubern ſollen? Durch ſie erfuhr ich, daß ich ein großer Schriftſteller ſei, daß meine Witzworte, meine fluͤchtigen Epigramme, meine boshaften Calembours in den Couliſſen cirkulirten. Ein Heiligenſchein von Ruhm umgah mich, und ich wußte es nicht, und nicht einen von ſeinen Strahlen war ich gewahr geworden! Nun aber konnte ich nicht mehr an dem ruhmvollen Looſe zweifeln, das mir vorbehalten war. Mußte ich denn nicht, wo mir Alles von einer glaͤnzenden Zukunft vor⸗ redete, die andere Zukunft in der Provinz aufgeben, die ſich darauf beſchraͤnkte, eine Stelle in der Verwaltungs⸗ Behoͤrde zu erhalten, um auf der Weltbuͤhne mit dem erſten Schritte eines großen Mannes zu erſcheinen? So ſagte ich denn alſo allen alten Freunden meines Vaters, die mir nuͤtzlich werden konnten, Lebewohl. Einer meiner jungen Landsleute, den ſeine Talente bis zum Nange eines Staatsrathes erhoben hatten und der mir die groͤßte Theilnahme gezeigt, ward von mir auf die unhoͤflichſte Art hintangeſetzt. Ich beſchraͤnkte mich auf den engen Kreis meiner liebenswuͤrdigen Kuͤnſtler, und nahm, um mich in den theatraliſchen Kenntniſſen zu vervollkommnen, die Beſtreitung der Haushaltungs⸗ koſten meiner Thalia des zweiten Ranges, der zaͤrtlichen Bewundrerin der Werke, die ich noch ſchreiben ſollte, uͤber mich. 286 Da ich im Voraus gewiß war, ein beruͤhmter Mann zu werden, ſo trieb ich's mit dem Arbeiten nicht gar zu heftig; ich begnuͤgte mich damit, einige Ideen aufs Pa⸗ pier zu werfen, die zu einem Luſtſpiele beſtimmt waren, das, indem es mich mit Einem Schwunge auf den Gipfel des Pindus tragen, auch zugleich meiner Gelieb⸗ ten den hoͤchſten Ruf erwerben ſollte. Denn eingeſtehen muß ich, daß, wenn auch meine ſchoͤne Freundin ihre Nebenbuhlerin durch Jugend und Schoͤnheit beſiegte, ſie ihr doch an Talent ſehr weit nachſtand. Dieſe Ne⸗ benbuhlerin brachte ſie aber zur Verzweiflung. Kurz, die Muſen und die Liebe beſchaͤftigten damals mein Le⸗ ben aufs Anmuthigſte, und wenn dieſes Leben auch nicht das geregeltſte war, ſo war es doch reich an Genuͤſſen. Endlich hatte ich das unſterbliche Werk beendigt, das man mit ſo vieler Ungeduld von mir erwartete. Die Bruchſtuͤcke, die ich den Schauſpielern davon am Schluſſe koͤſtlicher Diners, die ich ihnen haͤufig gab, mittheilte, ſetzten ſie in Entzuͤcken. Nie hatte ihnen ein Vers noch ſo kraͤftig oder komiſch geſchienen, und ihre Lobeserhe⸗ bungen, die ich fuͤr wohlverdient halten mußte, ließen mich im Voraus den vollen Rauſch eines nahe bevor⸗ ſtehenden gluͤcklichen Erfolgs ahnen. Endlich kam der große Tag der Vorleſung. Alle Schauſpieler waren ver⸗ ſammelt, um mir zuzuhoͤren, und ich erſchien vor ihnen mit der Zuverſicht, welche die Gewißheit einer enthu⸗ ſiaſtiſchen Aufnahme gewaͤhrt. 287 Beim Eintreten uͤberſchaute ich den glaͤnzenden Kreis, der mir zuhoͤren ſollte; glaͤnzend ſage ich, denn es kam mir vor, als ob alle dieſe Damen vom Theater ſich mir zu Ehren mit den reizendſten Neglige's in Un⸗ koſten geſetzt haͤtten. Die Geſichter aller Perſonen, welche den komiſchen Areopag bildeten, hatten ein froͤhliches Anſehen. Man konnte ſie mit leckern Gaͤſten verglei⸗ chen, die, da ſie das große Talent des Kochs ihres Am⸗ phitryon in Voraus kennen, nur den Augenblick erwar⸗ ten, ſich zu Tiſch zu ſetzen, um das volle Vergnuͤgen einer koͤſtlichen Mahlzeit zu genießen. Im Augenblicke, wo ich mich anſchickte, den mir be⸗ ſtimmten Platz einzunehmen, ſagte mir jeder Schau⸗ ſpieler etwas Artiges uͤber mein bereits anerkanntes Ta⸗ lent; die Damen warfen mir freundliche Blicke zu, und meine Prinzeſſin nahm eine um ſo triumphirendere Miene an, je veraͤchtlichere Blicke ihre Nebenbuhlerin auf ſie warf. Um meine Vorleſung minder ermuͤdend zu machen, draͤngten ſich mehrere dieſer Herren und Da⸗ men um mich. Einer ſtellte meinen Seſſel ſo, daß ich mir nicht im Lichte ſaͤße, der Andere legte mein Manu⸗ ſeript auf dem Leſepulte in Ordnung, waͤhrend eine zarte Hand Zuckerſtuͤckchen in dem Waſſer herum drehte, das meine trocknen Lippen erfriſchen ſollte; kurz, ich war nur von kleinen Gefaͤlligkeiten, Artigkeiten und Beweiſen von Wohlwollen umgeben.. 5 So fing ich meine Vorleſung an, und jener fuͤßen 288 Unruhe, die ſo viele Reize fuͤr mich hatte, folgte ſchnelles Schweigen. Mein erſter Akt ſchien keinen großen Ein⸗ druck zu machen, und an dem, was meine Geliebte auf einiges Zufluͤſtern antwortete: Aber meine Herren, ein erſter Akt iſt ja ſtets nur die Expoſition; bemerkte ich, daß ich mich nicht geirrt hatte. Etwas niedergeſchlagen begann ich den zweiten. Bei einigen ziemlich pikanten Zuͤgen, welche Eindruck machten, faßte ich wieder Muth; aber es waͤhrte nicht lange, ſo ergriff Kaͤlte die ganze Verſammlung, und in der Mitte einer großen Tirade, die ich fuͤr vortrefflich hielt, hoͤrte ich ein langes Gaͤhnen, das mir nur zu ſehr bewies, daß nicht Jedermann meiner Meinung ſei. Doch nahm ich alle Kraͤfte zuſammen, um die Schoͤnheiten meines dritten Akts ihnen recht begreiflich zu machen; aber ich mochte ſchreien, geſtikuliren und in meinem Geſchaͤfte ſchwitzen, wie ich wollte: ein gewiſſes dumpfes Geraͤuſch ſtoͤrte meine Vorleſung, und die Worte: Ol wie lang das iſt! wie albern! ich verſtehe kein Wort davon! kamen mir von allen Seiten zu Ohren. und nun die Frauen, die ſich mit Spaͤßchen die Zeit vertrieben! Eine ſchnitt ihrer Collegin ein Geſicht, die andere zog den kleinen Hund ihrer Nachbarin am Schwanze, da⸗ mit er bellen ſolle; kurz, von der Artigkeit der Damen und dem unartigen Zerſtreutſein der Herren ganz außer Faſſung gebracht, ſah ich grade vor mich hin. Was erblickte ich da? das ironiſch laͤchelnde Geſicht der eiden Schau⸗ 289 Schauſpielerin in Charakterrollen, das mir durch ſeinen boshaften Blick ihren Triumph und mein Ungluͤck an⸗ kuͤndigte. Aufgebracht gegen ſie, gegen mich, gegen alle Welt, rief ich aus:„Es thut mir ſehr leid, meine Herren, daß Ihnen dieſes Stuͤck nicht gefaͤllt, denn es iſt ganz und gar nach Terenz.“—„Mein Herr,“ antwortete mir darauf der erſte Schauſpieler, mit theatraliſcher Gravitaͤt;„wir finden viel Verdienſtliches in Ihrem Luſtſpiele und laſſen Ihrem Talente Gerechtig⸗ keit wiederfahren; aber die Zeit des Terenz iſt voruͤber. Das Publikum amuͤſirt ſich jetzt nicht mehr an einem feinen Scherze, an einer kuͤnſtlich durchgefuͤhrten Scene. Es will jetzt kraͤftige Situationen, mehr groteske als komiſche Worte, mehr erotiſche als anmuthige Gemaͤlde, kurz, etwas ganz Anderes als Ihre Arbeit. Daher rathen wir Ihnen als unſerm Freund, als einer der kuͤnftigen Stuͤtzen der Buͤhne, dem Zeitgeſchmacke nachzugeben und unſere modernen Meiſter durch Benutzung der Ge⸗ ſchichte, von den Koͤnigen an bis auf die Scharfrichter, nachzuahmen“— Dannit machte er mir eine tiefe Ver⸗ beugung, und dies war das Signal zum Abmarſch aller ſeiner Kameraden. Ich war von dem Staunen, das mir das Verlaſſenwerden von allen meinen guten Freunden verurſacht hatte, noch nicht zuruͤckgekommen, und be⸗ griff nicht, daß der Saal leer und nur meine junge Thalia noch bei mir zuruͤckgeblieben ſei, die mir aber IV. 13 1 1 290 mehr die Miene einer aufgebrachten Frau als einer ſanf⸗ ten Troͤſterin zeigte. Als wir nach Hauſe zu ihr gelonnnen waren, fing meine theilnehmende Freundin, ſtatt meine Traurig⸗ keit zu verſcheuchen, vielmehr Zank mit mir uͤber Klei⸗ nigkeiten an. Ich glaubte zu bemerken, daß ſie ſich Muͤhe gebe, meine uͤble Laune zu vermehren, und dies ſtimmte mich, ſie ziemlich ungeſtuͤm zu verlaſſen. In meiner Wohnung dachte ich reiflich uͤber meine junge Prinzeſſin nach. Ihre Veraͤnderung hatte mich betroffen gemacht, und ich fuͤrchtete mit Recht, ihre Lei⸗ denſchaft fuͤr gute Rollen werde mir einen großen Theil ihrer Liebe koſten. Dies wollte ich am folgenden Vor⸗ mittage, wo ich ſie beſuchte, ergruͤnden. Wie groß war aber mein Staunen! Sie empſing mich mit allem An⸗ ſchein der aufrichtigſten Freundſchaft. Wir fruͤhſtuͤckten zuſammen, und nach dem Fruͤhſtuͤcke ſcheute ſie ſich nicht, mit mir von dem geſtrigen Vorfalle zu ſprechen. Sie ſagte mir, daß ihre Lage waͤhrend der Vorleſung durch die triumphirende Miene ihrer Nebenbuhlerin hoͤchſt peinlich geworden ſei. Sie verſicherte mir, daß ſie vor Verdruß geweint habe. Nun aber, nach allen die⸗ ſen Gegenſtaͤnden, die meine Wunden nur von neuem oͤffneten, richtete ſie Fragen uͤber meine Familie an mich. Sie ſchilderte mir den Schmerz, den meine Mut⸗ ter empfinden wuͤrde, wenn ſie hoͤre, daß ich nicht auf der Laufbahn vorgeſchritten ſei, die meine Verwandten 2 291 mir vorgezeichnet.„Hoffen Sie nicht,“ ſagte ſie zu mir, „auf einem Wege Gluͤck zu machen, von welchem die Natur Sie zuruͤckzuſtoßen ſcheint. Man muß, um ein Luſtſpiel zu ſchreiben, eine Kenntniß der Welt beſitzen, die Ihnen nicht gegeben iſt. Auch bietet uͤbrigens dieſe Laufbahn gar keine Ausſicht zum Gluͤcke dar. Und wenn Sie nun auch einmal nach vielen Anſtrengungen dahin gelangen ſollten, eine Art von Beifall zu erhalten, welche Vortheile wuͤrde Ihnen das gewaͤhren? Wozu kann denn ein guͤnſtiger Erfolg fuͤhren, wie man deren ſo viele ſieht? Zeigt ſich in Ihrem Stuͤcke nicht ein ſo außer⸗ ordentliches Talent, daß Ihre Mitbewerber dadurch in Schrecken gerathen, ſo werden dieſe Ihnen zwar ganz ruhig vergoͤnnen, ſich deſſen fuͤr den Augenblick zu er⸗ freuen; die Schauſpieler aber werden Ihnen dadurch, daß ſie es nach einigen Vorſtellungen wieder liegen laſ⸗ ſen, beweiſen, daß es in ihren Augen keinen Werth hat. Zieht dagegen Ihr Stuͤck die Menge an und verſpricht Ihnen Einkuͤnfte, ſo werden die Journale alle Mittel gegen Ihren Triumph in Anwendung bringen und Ihr Leben durch die Oualen einer ungerechten und boshaf⸗ ten Kritik vergiften. Nein, mein Freund, ſetzte ſie hinzu und ergriff mich bei der Hand, Sie muͤſſen von heute an einen Weg verlaſſen, der Sie nur zu Schande und Elend fuͤhren kann, muͤſſen in das ſo ſuͤße, ſo ſchaͤtzbare buͤrgerliche Leben zuruͤckkehren. O! wie ſehr bedaure ich es, mit dazu beigetragen zu haben, daß Sie aus ihm 13* 292 herausgetreten ſind. Aber es iſt nie zu ſpaͤt, wieder ver⸗ nuͤnftig zu werden. Geben Sie alſo ein⸗ fuͤr allemal das Theater und die Aktricen auf, verſenken Sie ſich wieder in die ernſthaften Studien, denen Sie oblagen, ehe Sie mich kennen lernten, und werden Sie eines Ta⸗ ges durch Ihre adminiſtrativen Talente und ſchaͤtzens⸗ werthen Tugenden ein wackerer Hausvater und ein dem Vaterlande nuͤtzlicher Buͤrger.“ Ich erſtaunte uͤber ihre laͤcherlich feierliche Rede und ihre ſo unerwartete Moral ſo ſehr, daß ich nicht daran dachte, ſie zu unterbrechen; als ich aber bemerkte, daß ſie dieſen bewundernswuͤrdigen Wortſchwall uur um deswillen an mich richte, um mir als Reſultat deſſelben zu ſagen, daß ſie mich aufgebe, ſo brach ich auf einmal in ein lautes Gelaͤchter aus, das ſie aus der Faſſung zu bringen ſchien. „Aber, liebe Freundin,“ ſagte ich zu ihr,„wozu denn ſo viele Umſtaͤnde, um mir zu ſagen, daß Sie mir den Abſchied geben. Ei zum Henker! ich nehme ihn von Herzen gern an. Soll ich Ihnen die Wahrheit beken⸗ nen, ſo hatte ich ſchon am Zuſtande meiner Finanzen bemerkt, daß unſer Bruch unvermeidlich ſein werde. Wenn Sie mich denn alſo noch im Augenblicke unſrer Trennung in der hohen Wuͤrde, die Ihnen ſo vortreff⸗ lich laͤßt, mit einem bewundernswerthen Sermon trak⸗ tirt haben, ſo muͤſſen Sie wenigſtens zugeben, daß Ihre Beredtſamkeit nicht ſehr wohlfeil iſt. Denn die Moral, 293 die Sie mir jetzt ſo ploͤtzlich predigen, koſtet mir, ohne Ihnen deshalb einen Vorwurf machen zu wollen, un⸗ gefaͤhr 30,000 Franks. Ich fuͤhle, daß ich nach Ihrer Anſicht dieſen Abſchied vollkommen verdiene. Ich weiß⸗ daß Sie ſich Nichts aus dem Gelde machen, ſondern nur Ein Ziel haben, und dieſes Ziel iſt der Ruhm. Da Sie aber bloß dadurch zu dieſem gelangen koͤnnen, daß Sie ſich dem Publiko in einem neuen Stuͤcke bekannt machen, ſo verabſchieden Sie mich, den ungluͤcklichen Autor, um allen Gelehrten die Laufbahn zu eroͤffnen. Nun, meinetwegen denn! So moͤgen ſie denn kommen und um denſelben Preis nach Ihrer Eroberung ſtreben; ich laſſe ihnen das Feld frei, indem ich Ihnen ein ewiges Lebewohl ſage“— Und damit machte ich ihr eine tiefe Verbeugung. Ich hatte mich in meinen Vermuthungen nicht geirrt. Acht Tage nachdem ich meine Schoͤne ver⸗ laſſen hatte, erfuhr ich, daß ein Melodramenſchreiber mein Nachfolger geworden ſei, der ihr zu gleicher Zeit eine Rolle in ſeinem Stuͤcke und die Huldigung ſeines Her⸗ zens zu Fuͤßen gelegt hatte. Erzaͤhlen will ich dir's gar nicht, lieber Leſer, wie viele Thorheiten derſelben Art dieſem erſten Verhaͤltniſſe folgten. In eine mehr beluſtigende als verſtaͤndige Welt geſchleudert, bewies ich durch mein Beiſpiel, daß es ſchwer ſei, innezuhalten, wenn man einmal den Rand eines Abgrundes hinunter rollt. Nur ein einziges Laſter mangelte mir noch, und es waͤhrte nicht lange, ſo lernte 294 ich es in ſeiner ganzen Abſcheulichkeit kennen. Ich meine das Spiel. Dieſe Leidenſchaft bemaͤchtigte ſich meiner mit noch ſtaͤrkerer Gewalt, als es bei der Buͤhne der Fall geweſen war. Mit meinem ganzen Vermoͤgen bezahlte ich die Einweihung in die neue Geſellſchaft, die ich mir gebildet hatte. Voͤllig bereit, der Verzweiflung, mich ruinirt zu ſehen, nachzugeben, zu ſtolz, um zu den Boͤrſen meiner Freunde Zuflucht zu nehmen, ſtand ich auf dem Punkt, mein Leben ſelbſt zu opfern. Als ich jedoch alle Begebenheiten dieſes Lebens noch einmal die Muſterung paſſiren ließ, ſah ich, daß, wenn ich auch das ungluͤck gehabt hatte, mich wie ein Thor ins Verderben zu ſtuͤrzen, man mich doch keiner entehrenden Handlung zeihen konnte. Ich bedachte, daß, wenn ich durch meine Schuld arm geworden ſei, ich mit meinen Talenten mir ein neues Vermoͤgen ſchaffen koͤnne. Und jetzt faßte ich den großen Vorſatz, einen Roman zu ſchreiben, und darin unſere Sitten zu ſchildern. Von dieſem Gedanken ermuthigt, nahm ich die leider nur noch ſehr unbedeutenden Truͤmmer meines Vermoͤ⸗ gens zuſammen, und miethete in einer kleinen Gaſſe, im ſechsten Stock, eine Wohnung. Da beſchaͤftigte ich mich eifrig mit meinen Roman, und, Dank ſei es den lachenden oder leidenfchaftlichen Ideen, welche meine Phantaſie mir darbot: die Stunden des Tages, die mir ſonſt ſelbſt in meiner Wohlhabenheit ſo lang wurden, vergingen mit der reißendſten Schnelle. Hoͤchſtens ent⸗ 293 ſchloß ich mich dann, wenn die Nothwendigkeit mich zwang, neue Kraͤfte zu ſammeln, meine Stube zu ver⸗ laſſen, um in der benachbarten Garkuͤche ein beſcheidenes Mittagsmahl zu verzehren. Endlich, nach ſechs Mona⸗ ten anhaltender Arbeit, oder vielmehr eines Vergnuͤgens, das nur Gelehrte kennen, trug ich den Roman, der meine Fehler wieder gut machen und fuͤr mich eine Quelle des Ruhms und Vermdgens werden ſollte, zu einem oͤffent⸗ lichen Schreiber, der mir ſchon einige Abſchriften ge⸗ macht hatte. Ach, lieber Leſer! wie ward ich auch dieſesmal in meiner Erwartung getaͤuſcht. Mehrere Buchhaͤndler laſen mein Werk und wieſen es zuruͤck. Sie fanden, daß mein Roman nicht fuͤr kraͤftige Maͤnner geſchrieben ſei, daß er ihnen nicht jene lebendigen Gefuͤhle einfloͤßen koͤnne, die ſie in unſern modernen Theatern ſuchen, jene Gefuͤhle, die jungen Maͤnnern unentbehrlich ſind, welche in die Fußtapfen Bongparte's und Nobespierre's treten wollen— Was konnte ich dieſen wackeren Buchhaͤndlern ant⸗ worten? Ihnen mußte man Vernichter des Menſchen⸗ geſchlechts ſchaffen, und ich lehrte ja nur unſere jungen Leute, ſich nicht von den Geboten der Pflicht zu ent⸗ fernen, die Unſchuld nicht zu hintergehn und keinen Lohn fuͤr alle dieſe freiwilligen Opfer zu erwarten, als die Achtung ihrer ſelbſt.. 296 Dieſer neue Kummer brachte mich zwar nicht zur Ver⸗ zweiflung, aber er ſchlug mich ſo nieder, daß er fuͤr mich dieſelbe Wirkung haͤtte haben koͤnnen. Denn wenn ich mir nicht ſelbſt den Tod gab, mußte ich erwar⸗ ten, in meiner Dachkammer vor Elend und Schmach zu ſterben. Ein Zufall verzoͤgerte jedoch noch mein trau⸗ riges Ende. Der Schreiber, dem ich noch die Abſchrift meiner Arbeiten ſchuldig war, kam und verlangte wie billig ſeinen Lohn. Da ich in dieſem Augenblicke außer Stande war, ihn zu bezahlen, ſo bot ich ihm als Ent⸗ ſchaͤbigung dagegen an, fuͤr ihn zu arbeiten, und die Briefe und Aufſaͤtze, die man bei ihm beſtellte, abzufaſſen. Er nahm meinen Vorſchlag an, und, Dank ſei es dem Schoͤnſchreiber⸗Talente, das ich beſaß, ein Talent, das fuͤr mich ſelbſt zu verwenden ich ſtets unter meiner Wuͤrde geachtet: ich fand durch meine Schreibereien Le⸗ bensunterhalt, denn dieſer brave Schreiber behielt nur einen kleinen Theil meiner Gebuͤhren inne, um meine fruͤheren Schulden damit zu bezahlen. Dieſe fuͤr meine nothwendigſten Beduͤrfniſſe aus⸗ reichende Huͤlfsquelle vermehrte ſich nach und nach durch meinen Fleiß in Erfuͤllung meiner Pflichten. Freilich war ich nichts weniger als gluͤcklich dabei; aber ſo be⸗ ſcheiden auch mein Gewinn war, fand ich doch endlich einen Troſt darin, dieſen nur mir allein zu verdanken zu haben, und ich fuͤhlte zum erſtenmale in meinem Le⸗ 297 ben, daß das Brod, das man durch ſeine Arbeit erwirbt, nie bitter iſt. G Eines Tages ging ich, als ich mein Buͤreau verließ, in der Zerſtreuung durch das Palais⸗Royal, das ich im⸗ mer aus Furcht, einer meiner glaͤnzenden Bekanntſchaf⸗ ten dort zu begegnen, ſorgfaͤltig vermieden hatte. Aus Selbſtgefuͤhl floh ich ſte. Mein mehr als einfacher An⸗ zug wuͤrde ihnen meine traurige Lage nur allzuſehr kundgegeben haben: ein ſchwarzes, ſo geſchickt umgebun⸗ denes Halstuch, daß man glauben konnte, es ſei nicht mehr Mode, Waͤſche zu tragen, ein Hut, den der Man⸗ gel eines Regenſchirms ganz mißgeſtaltet hatte, ein Paar Beinkleider und ein Kleid, welches die Gewohnheit, den ganzen Tag uͤber mit mir zuſammen zu ſein, betraͤcht⸗ lich mitgenommen hatte, bildeten meinen ganzen Staat. Auch war es ſtets eine wahre Pein fuͤr mich, wenn ich uͤber einen beſuchten Platz gehen mußte.„Was ſoll aus mir werden?“ ſagte ich mir:„wie werde ich bis uͤber die Stirn erroͤthen, wenn ich das Ungluͤck habe, von denen bemerkt zu werden, bei welchen ich durch die Eleganz meiner Kleider, durch den Geſchmack meines Cabriolets den Ton angab, wenn mich jene Menſchen ſehen, die ich hundertmal durch die ausgeſuchteſten Weine trunken machte, und die mitten in den Feſten, die ich ganz un⸗ noͤthig an ſie verſchwendete, ſich meine Freunde auf Le⸗ ben und Tod nannten?... O! wenn ich nur jetzt ihre Freundſchaft in Anſpruch nehmen wollte!... Ein kalter 298 Gruß, ein mitleidiger Blick waͤren der Lohn fuͤr meine Demuͤthigung.. Nein, nein! lieber vor Hunger an einem Eckſteine ſterben, als den Beiſtand dieſer Egoiſten anflehen, die das ausmachen, was man die große Welt nennt.“ Dieſe traurigen Bemerkungen machte ich, laͤngs einer der Galerieen des Palais⸗Royal hingehend, als ich auf einmal nur zwanzig Schritte von mir entfernt einen jener intimen Freunde erblickte, die mir mein ehemaliges Vermoͤgen erworben hatte. Er nannte ſich Eduard von V**r. Es ergriff mich, als ich ihn erkannte. Da⸗ mit er mich nicht ſehen ſollte, ging ich in den Garten, und verbarg mich hiater einem Pfeiler. Ich glaubte ſchon, ihm entgangen zu ſein, und freute mich daruͤber, als ich eine Stimme mir zurufen hoͤrte:„Nun, Alfred, weshalb laͤufſt Du denn ſo vor mir? Ich bin ſchon durch ganz Paris gerannt, um Dich einmal wieder zu erblicken. Haha! jetzt errathe ich's; unſtreitig aus Stolz, weil Deine Garderobe nicht in dem beſten Zuſtande iſt. Wahr⸗ haftig/“ ſetzte er hinzu, indem er mich vom Kopf bis zu den Fuͤßen betrachtete,„ich ſehe wohl, daß Du bei Dei⸗ nem Schneider keinen Kredit haſt: das wundert mich, denn es iſt ja ſonſt der gutmuͤthigſte Spitzbube— aber dem wollen wir ſchon abhelfen. Sag' mir nur vor allen Dingen, was Du jetzt treibſt?“— —„Nun denn! weil Du es durchaus wiſſen willſt; ich verdiene taͤglich einen kleinen Thaler durch Ab⸗ ſchreiben.”/ 299 —„Nun wundere ich mich gar nicht mehr, Dich in einem ſo traurigen Aufzuge zu erblicken. Aber mir iſt es auch nun vorbehalten, Dein Schickſal umzugeſtalten, wie ich es mit dem meinigen gethan habe.“ —„Allerdings ſcheint es mir ganz anders zu ſein, als es ſonſt war; die Eleganz Deiner Kleidung und Deines ganzen Weſens, ein gewiſſer Anſtrich von Wohl⸗ habenheit.. Haſt Du etwa eine alte Tante beerbt? oder eine Terne im Lotto gewonnen? —„Nichts von alle dem, lieber Freund. Ich habe mich mit einem Kapitaliſten verbunden„ um eine Zeit⸗ ſchrift herauszugeben. Er hat das Geld dazu hergegeben und ich den Geiſt, und unſer Journal iſt außerordent⸗ lich gegluͤckt. Gold regnet es in meine Kaſſe, Anſehn folgt ihm, die Gelehrten liebkoſen mich, die Schauſpie⸗ ler zittern vor mir, die Schauſpielerinnen machen mir den Hof und die Staatsmaͤnner gruͤßen mich; kurz, ich bin ein Gewalthaber des Tages, und vor meiner erho⸗ benen Ruthe fuͤrchtet ſich Groß und Klein. Es fehlte mir bis jetzt nur noch ein faͤhiger Mitarbeiter, um den Ruf meiner Zeitſchrift aufrecht zu erhalten, und dieſer iſt nun gefunden. Du biſt es, mein Freund; dieſe Ehre denke ich Dir zu Du verdienſt taͤglich bei Deinem Schreiber einen kleinen Thaler: wohlan denn! ich gebe Dir taͤglich zwanzig Franks, bis Deine Arbeit Dich wuͤr⸗ dig macht, an meinem Gluͤcke Theil zu nehmen, indem Du Dir den Titel meines Aſſocié erwirbſt.“ 300 —„Aber beſitze ich denn auch die Faͤhigkeiten, Dich zu unterſtuͤtzen? Du weißt, daß mein Stuͤck nicht an⸗ genommen worden iſt.“ —„O, ich weiß auch noch dazu, daß Du einen Ro⸗ man geſchrieben haſt, den kein Buchhaͤndler hat haben wollen. Aber eben deshalb ziehe ich Dich jedem Andern vor. Fuͤrs Erſte wirſt Du bei Deinen Kritiken Dich daran erinnern, daß man Deine Arbeiten verachtet hat, und daher um ſo beißender bei Beurtheilung der Werke Deiner Nebenbuhler ſein. Fuͤrs Zweite beſitzeſt Du aber auch ein außerordentliches Gedaͤchtniß, Dein Geiſt neigt ſich zum Epigramme hin, Du haſt Dich mit allen und jeden Wiſſenſchaften beſchaͤftigt und kannſt uͤber Alles und noch dazu ſehr gut ſprechen. Ich hoffe, Du ſollſt nicht mehr an jenen Vorurtheilen aus der Provinz haͤn⸗ gen, die wir Dir ſo oft vorgeworfen haben, ſollſt Dir Deine Geſichtspunkte nicht mehr durch die Worte⸗ Recht, Vernunft und Anſtand, verdunkeln laſſen. Uebri⸗ gens wird Dich einiger Unterricht von mir und der Mitgenuß unſerer Privilegien bald alle Vortheile un⸗ ſerer Lage einſehen lehren. Abgemacht alſo! Du verlaͤßt Deinen Schreiber, ich ſetze Deinen Namen mit auf meine Zeitſchrift, und mache Dein Gluͤck, indem ich das meine vermehre. Aber apropos! ich ſpeiſe heut mit un⸗ ſern Gelehrten und meinem ſchwerfaͤlligen Aſſocié, da muß ich Dich doch noch heute der luſtigen Bande vor⸗ ſtellen. Du ſollſt ein gutes Mittagseſſen haben, das ver⸗ 301 ſpreche ich Dir, und ich ſehe es Deinem blaſſen Geſichte an, daß Dir das gelegen kommen wird. Du mußt Deine Lebensweiſe voͤllig aͤndern, und ſollſt mir, ehe drei Mo⸗ nate vergehn, ein eben ſo volles und bluͤhendes Geſicht haben, wie das meinige. — Ach Gott ja! Ich habe ſeit langer Zeit nicht or⸗ dentlich zu Mittage gegeſſen; aber ehe ich es wage, mich Deiner Geſellſchaft vorzuſtellen, muß ich die Defekte mei⸗ nes Coſtuͤms, das der Zahn der Zeit ſehr anſehnlich be⸗ ſchaͤdigt hat, zuvor etwas verbeſſert haben. —„O, daran hatte ich ſchon gedacht. Behuͤte mich Gott davor, Dich meinem Aſſocié in dieſem armſeligen Aufzuge zu praͤſentiren! Mein Financier, der ein dum⸗ mer Teufel iſt, wuͤrde Dich in ſolcher mehr als beſchei⸗ denen Kleidung ganz ſicher fuͤr einen Einfaltspinſel hal⸗ ten. Er iſt uͤberzeugt, und— mit Bedauern bekenne ich es— auch ich fange immer mehr an mit ihm gleich zu denken, daß man kein Mann von Verſtand ſein kann, wenn man nicht in ſich ſelbſt die Mittel gefunden hat, einen anſtaͤndigen Rock zu beſitzen. In einem Augen⸗ blicke ſollſt Du fuͤr ihn ein gemachter Mann werden. Wir ſind gleichen Wuchſes, und wenn ich Dich vom Kopfe bis zum Fuße werde ausſtaffirt haben, wirſt Du durch den Einfluß meiner Kleider auf einmal Deine Froͤh⸗ lichkeit und boshafte Laune wieder erlangen.“ Als er dies geſprochen, nahm er mich unter den Arm, ließ mich mit in ſein Cabriolet ſteigen, wir fuhren vor ſeine 30² Wohnung, gingen in ſeine Zimmer hinauf, die ſehr ele⸗ gant moͤblirt waren, und er ließ mir, nachdem er mir eine Stube eingeraͤumt, von ſeinem Bedienten alles zu meiner Toilette Noͤthige bringen, indem er mir ſagte, daß er mich um 6 Uhr in der Rotunde des Palais⸗Ry⸗ yal wiederzuſinden hoffe.. Noch ganz betroffen von dem, was zwiſchen mir und Eduard vorgefallen, begann ich mich anzuziehn. Die Großmuth eines jungen Mannes, den ich nur immer fuͤr einen Freund gehalten, wie man deren Tauſende in der Welt findet, hatte mich in Staunen geſetzt; denn ich glaubte ſelbſt zu jener Zeit, wo mich das Gluͤck voͤl⸗ lig verließ, Beweiſe ſeines Egoismus erhalten zu haben. Mochte aber auch der Bewegungsgrund ſeiner Hoffnun⸗ gen ſein welcher es wollte, ſo trug ich doch kein Beden⸗ ken, ſeine Wohlthaten anzunehmen, weil ich die Ausſicht hatte, ſie eines Tages durch meine Arbeiten wieder zu vergelten. 3 Als meine Toilette beendigt war, ſtaunte ich ſelbſt uͤber die Verwandlung, die ſie in mir hervorgebracht hatte, indem es mir ſchien, als erwache ich zu einem neuen Leben. Meine vom Faſten etwas abgemagerten Zuͤge verliehen meiner Phyſtognomie mehr Ausdruck und Feinheit. Ich begab mich nun, wie ich's Eduard ver⸗ ſprochen, noch lange vor der mir angezeigten Stunde ins Palais⸗Royal. Ihn dort erwartend, ſpazierte ich mit jener frohen Miene umher, die mir die Zuverſicht einer — ʃ— 303 glaͤnzenden Zukunft gab. Ich wußte allerdings, daß man in dem Journale, an welchem ich mit arbeiten ſollte, mehr Bosheit und Witz als Talent zu ſchreiben ſuche; doch troͤſtete ich mich ſelbſt damit, daß ich bald Mittel und Wege finden wuͤrde, mich vor den uͤbrigen Mitarbeitern auszuzeichnen. Eduard geſtand ja ſelbſt ein, daß ich hundert Kenntniſſe beſaͤße, die faſt allen Schoͤngeiſtern abgingen. Unwillkuͤhrlich werden daher alle dieſe aus dem Alterthume entnommenen Ideen ſich uͤber die große Anzahl von Aufſaͤtzen, die ich dem Publikum liefern werde, verbreiten, und wenn ich nur allen dieſen ver⸗ alteten Gedanken wieder einen neuen Anſtrich zu geben verſtehe, werde ich die Blicke der Menge bald auf mich ziehen. Mein Ruf erweitert ſich, die Eigenthuͤmer der großen Zeitſchriften wuͤrdigen ihn und ernennen mich zu ihrem Mitredacteur. Habe ich nur einmal dieſe au⸗ ßerordentliche Ehre erlangt, ſo werde ich mein Beneh⸗ men auf dieſem neuen Schauplatz noch mehr in Obacht halten. Mein Stil wird dem Charakter des Buchs, das man mir zu beurtheilen erlaubt, ſtets angemeſſen ſein. Ich werde nicht gegen den Verfaſſer mit jener ironiſchen Bitterkeit verfahren, die in einer Kritik nur Mangel an Talent kund giebt. Ich werde die Fehler des Werkes mit Hoͤflichkeit anzeigen, und die Schoͤnheiten deſſelben mit Waͤrme und Ueberzeugung herausheben, und damit man mein Urtheil nicht beſchuldige, daß es aus Furcht entſtanden oder in der Sicherheit abgefäßt ſei, welche 304 die Anonymitaͤt giebt, werde ich mich ſelbſt nicht ein⸗ mal hinter den Schleier eines Anfangsbuchſtaben ver⸗ bergen. Ich werde den Muth beſitzen, Charles Nodier nachzuahmen. Wie dieſer geſchmackvolle Schriftſteller, deſſen gerechte und treffliche Kritik ſtets in den Formen wohlwollender Hoͤflichkeit ſich zeigt, werde auch ich mei⸗ nen ganzen Namen unterzeichnen. Habe ich mir nun auf dieſe Art in der Litteratur einen Namen gemacht, werde ich mich in die Politik werfen. Moͤge ich mich nun zur Parthei der Oppoſition oder des Miniſteriums halten, ſo ſoll meine Polemik doch ſtets anſtaͤndig und gewiſſenhaft ſein. So kann ich wie die Fox, die She⸗ ridan, die Canning, die Benjamin Conſtant, die Cha⸗ teaubriand, auch meinerſeits ein Machtgeber in der Journaliſtik werden. Schon iſt mein Einfluß anerkannt; man ſucht mich auf, kommt mir zuvor, ſchmeichelt mir, beruft mich endlich in die Deputirten⸗Kammer. Die Gewoͤhnung, uͤber die hoͤchſten Intereſſen zu ſprechen, macht mir den gluͤcklichen Erfolg als Nener leicht. Da mir kein Gegenſtand fremd iſt, entſcheidet meine Anſicht allein alle Fragen... und endlich beruft mich der Koͤnig in den Staatsrath... eine Miniſterſtelle iſt erledigt... In dieſem Augenblicke klopfte Eduard mir auf die Achſel und ſagte:„Komm, lieber Freund, man wartet bei Vöfour auf uns.“ Der Grauſame entriß mich durch ſein Erwecken allen meinen Ehrenſtellen; aber ich tro⸗ 305⁵ ſtete mich daruͤber durch die Hoffnung, ein ſchmackhaftes Diner zn genießen, was mir ſeit ſehr langer Zeit nicht begegnet war. Nicht lange, ſo fanden wir uns beim Traiteur zu⸗ ſammen, wo ein ſchwelgeriſches Mahl unſer wartete. Mehrere junge Redactoren und unſer Geldmann bilde⸗ ten nebſt Eduard und mir den ganzen Geiſt, oder viel⸗ mehr das ganze Perſonal der Zeitſchrift. Nachdem ich dem dicken Eigenthuͤmer dieſes winzigen Blattes vor⸗ geſtellt und von ihm ſehr wohlwollend aufgenommen worden war, was ich unſtreitig nur den Lobeserhebun⸗ gen verdankte, die mein alter Freund an mich verſchwen⸗ dete, ſetzten ſich die Gaͤſte froͤhlich zur Tafel und benetz⸗ ten die koͤſtlichen friſchen Auſtern mit Eis und Cham⸗ pagner. Die Unterhaltung drehte ſich nach einem kur⸗ zen Schweigen, das ſtets beim Beginn eines Mittags⸗ mahles eintritt, natuͤrlich um unſer Journal, die Zahl ſeiner Abonnenten und die Art von Skandal, den es in der Welt mache. Dann ließ man alle Aktricen der gro⸗ ßen Theater die Muſterung paſſtren. Vor allen ruͤhmte man die Talente der Mademoiſelle Dr*.—„Ich gebe es zu“ ſagte einer der jungen Leute,„daß ſie viel Ta⸗ lent beſitzt; aber das ſoll mich doch nicht abhalten, Boͤ⸗ ſes von ihr zu reden, ſo lange ſie dem Geſandten von Ar*r angehoͤrt. Ich kann's nicht leiden, daß dieſe Demoiſellen in einer Zeit der Gleichheit noch ſolche ariſtokratiſche Gewohnheiten beibehalten. Auch dieſe vornehme Ter⸗ 13 N 806 pſichore ſollte doch, wie billig, ſich fuͤr das Publikum be⸗ ſtimmen.“—„Du willſt vielmehr ſagen, fuͤr die Jour⸗ nale,“ entgegnete Eduard.„Waͤr' ich an Deiner Stelle, wuͤrde ich ihr wahrhaftig ſchon lange bewieſen haben, daß ſie keinen Rigodon zu machen weiß. Ihr ſeid Alle noch alberne Kinder und verſteht eure Sache nicht. Ihr wißt noch gar keinen Vortheil aus dem Zweige meiner Adminiſtration zu ziehen, den ich euch großmuͤ⸗ thig uͤberlaſſen habe. Glaubt ihr denn dadurch, daß ihr uͤber die Theater Rechenſchaft gebt, unſer Landgut frucht⸗ barer zu machen? Ihr lobt nur immer, und eure Kriti⸗ ken ſind ſo furchtſam, daß ſie die Leſer gar nicht unter⸗ halten koͤnnen. Warum macht ihr's nicht wie ich, und nehmt euch ein Beiſpiel an mir? Als ich mich mit der vornehmen Welt ausſchließlich abzugeben beſchloß, wußte ich gleich, was ich alles fuͤr Pflichten dabei zu erfuͤllen baben wuͤrde, und ich kann es euch beweiſen, daß ſeit kaum drei Monaten, wo ich in dieſem reichen Schachte arbeite, ich die Zahl unſrer Abonnenten bedeutend ver⸗ mehrt habe. Seht nur ſelbſt, ob mir irgend Jemand entgehen kann! Ich habe ſchon drei Staatsraͤthe und fuͤnf miniſterielle Deputirte zu Schanden gemacht. Ich bin ihnen ſtets hinterdrein, ich laſſe ſie nicht zu Athem kommen, und obgleich meine Epigramme oft nur in Wortſpielen beſtehen, ſo komme ich doch immer wieder auf dieſe zuruͤck, und verſtehe ſie auf ſo viele verſchiedene Arten zu drehen, daß ſie dem Leſer ſtets wie neu erſchei⸗ 307 nen.— Die Kammern und die obern Verwaltungs⸗Be⸗ hoͤrden bieten mir einen unerſchoͤpflichen Stoff dar. Im kuͤnftigen Monate werde ich die Miniſter wieder unter die Scheere nehmen. Habe ich ſie einige Zeit her ru⸗ hig gelaſſen, ſo.""7 Kt. J...4: —„So geſchah es(entgegnete ſchnell einer der Mit⸗ gaͤſte), weil man Dir das Ehrenlegionkreuz verſprochen hatte, das man Dir nun nicht gegeben““ —„ nein, nein! aus ganz andern Gruͤnden; denn ich denke nur an das Intereſſe unſers Journals, und der Herr hier(er bezeichnete den Geldmann) muß ſelbſt wiſſen, daß ich, ſeit er mich auf einen Antheil geſetzt hat, den Werth ſeiner Aktien ums Doppelte geſteigert— habe.“ —„Aber unſere Honorare haſt Du nicht verdoppelt,“ ſagte lachend ein anderer junger Mann. —„Warum denn auch? In euern Theatern ſucht ihr euch nur gute Freunde zu machen, und wenn es darauf ankommt, ein wenig zu beißen, findet man unter euch nichts als Laͤmmer. Werdet Loͤwen, zerreißt eure Beute, und ich will euch auch wie Lowen bezahlen.“ Der Geldmann, der bis jetzt kein Wort geſprochen hatte, fing nun an zu reden und ſtammelte in einem Franzoͤſiſch, wie es im Stamme Levi uͤblich iſt:—„Herr Eduard hat Recht. Er allein verſteht ſein Handwerk Er hat ſchon 10 bis 12 gute Namen zu Schanden ge⸗ macht, und die guten Namen, wo ich doch jeden zu 308 1000 Franks anſchlagen kann, ſind in klingender Muͤnze in meine Kaſſe gefloſſen.“ —„Alle Wetter!“ rief ich, ſchon von allen den Wei⸗ nen, die ich hatte verſuchen muͤſſen, halb betaͤubt aus:„die Ehre der Menſchen traͤgt Etwas ein, und ich mache Dir mein Kompliment daruͤber, lieber Eduard, daß Du ſo guten Nutzen daraus gezogen haſt, ohne daß es Dir Arm und Bein koſtete.“ —„O! was das betrifft,“ ſagte er lachend,„ſo haben wir einen verantwortlichen Herausgeber, und alle dieſe kleinen Streitigkeiten gehen uns nicht das Geringſte an. Aber apropos, meine Herren! ich muß euch eine kleine ſkandaloͤſe Anekdote erzaͤhlen, von der unſer Jour⸗ nal wenigſtens acht Tage lang ſich naͤhren kann. Stellt euch vor, daß ich die junge Frau des der Regierung ſo ergebenen Staatsraths.. wie heißt er denn nun gleich... Baron von.. nun, der Name thut Nichts zur Sache, ich will ihn ſchon ſo deutlich bezeichnen, daß ihn Jeder⸗ mann erkennen ſoll. nun, dieſe kleine huͤbſche Frau, die ſtets die Augen niederſchlaͤgt, wenn ich ſie auf eine gewiſſe Art anſehe, dieſe habe ich im Ambigu⸗Comique ganz allein in einer Loge mit einem jungen ſchoͤnen ſchnurbaͤrtigen Manne geſehn! Das Gitter war aller⸗ dings nicht heraufgezogen, das muß ich bekennen; aber darauf braucht man das Publikum nicht erſt aufmerkſam zu machen. Ich wußte, daß dieſe appetitliche Kleine al⸗ lerliebſte Konzerte gab, wobei unſre erſten Kuͤnſtler ſpiel⸗ 7 309 ten, und hatte alſo einen von dieſen gebeten, mich ihr vorzuſtellen. Solltet ihr wohl glauben, daß ſie ungezo⸗ gen genug war, unter dem Vorwande, ſie kenne mich nicht, mein Geſuch abzuſchlagen? Alle Wetter! ſie ſoll mich kennen lernen! ſie ſoll mir dieſe Beleidigung theuer bezahlen!“ 1 —„Aber biſt Du auch ſicher davor,“ ſagte ich ernſt/„„daß die Ihrigen die Sache nicht hoch aufnehmen werden?“ —„O lieber Freund, wir unterzeichnen ja unſere Aufſaͤtze nie, und dann haben wir auch, wie ich Dir ſchon ſagte, einen verantwortlichen Herausgeber.“ —„Wenn er alle eure Tollheiten verantworten ſoll, ſo muß das ein Mann ſein, dem ihr ſchon vom erſten Tage an Invalidengehalt geben ſolltet.“ —„Ich vergaß noch Eins,“ unterbrach mich Eduard. „Es iſt mir heut fruͤh, als ich die Oppoſitions⸗Journale las, ein koͤſtlicher Gedanke eingefallen. Dieſe braven MNaͤnner der Bewegung benutzen jetzt den oͤffentlichen Nothſtand: das will ich nachmachen. Dieſer Nothſtand kann fuͤr uns eine Goldgrube werden. In meinem naͤchſten Aufſaͤtze ſtelle ich eine Vergleichung zwiſchen dem Mittagseſſen des Armen und des Reichen auf.“ —„Willſt Du nicht, ehe Du anfaͤngſt,“ ſagte ich ganz kaltbluͤtig zu ihm,„noch von dieſen geſpickten Wildpret⸗ ſchnittchen koſten? ſie ſind ganz excellent.“ —„Ich werde,“ rief Eduard erhitzt aus,„den elenden Handlanger darſtellen, wie er, von ſeinen Anſtrengungen 310 matt, ein mit Muͤhe erworbenes Stuͤck ſchwarzen Brod⸗ tes verzehrt, von ſeinem Schweiße benetzt...“ —„Oder iſt Dir lieber dieſes Huhn mit Truͤffeln ge⸗ faͤllig? ich will Dir vorlegen“ Er ſtieß aber meine Hand zuruͤck, und ſagte:—„Die Fluͤgel eſſ ich lieber als die Keulen,“ und fuhr dann fort... —„Mit der ergreifendſten Beredtſamkeit will ich das Elend dieſes Ungluͤcklichen ſchildern. Darſtellen will ich ihn, wie er auf dem Strohe liegt, waͤhrend der Reiche ausgeſtreckt auf ein Flaumenkiſſen... —„Apropos! Deine Wohnung iſt allerliebſt; wer hat ſie Dir denn ſo vortrefflich ausmoͤblirt?“ —„Darac,“ antwortete Eduard ſchnell;„ſie koſtet mich mehr als 15,000 Franks.“ Gleich aber wieder auf ſeine erſte Idee zuruͤckkommend, fuhr er fort:„Ja, meine Herren, ich werde dieſen Arbeitsmann eben ſo ungluͤcklich wie den Leibeignen des zwoͤlften Jahrhun⸗ derts, noch mehr ein Sklav als dieſer und viel beklagens⸗ werther noch darſtellen. Wenn er Sonntags, um von ſeinen ſchrecklichen Anſtrengungen auszuruhn, es ſich vergoͤnnen will, ein Glaͤschen Wein zu trinken, muß er außerhalb der Barrieren gehn... und welchen Wein bekommt er da?“ —„O! gewiß nicht ſolchen, Eduard!“ ſagte ich, ihm die Flaſche hinhaltend. 4 —„Aber ſo ſchenke doch voll!“ entgegnete Eduard verdruͤßlich. 311 —„NNein, nein, es iſt genug. Sprechen wir lieber vom allgemeinen Nothſtande. Schimpfen wir auf alle Menſchen, die nur an ſich ſelbſt denken, beklagen wir den Armen, vertheidigen wir ihn gegen den reichen Rentier, den ſchwelgeriſchen Eigenthuͤmer, der das Beduͤrfniß von zwanzig Ungluͤcklichen in einer einzigen Mahlzeit verzehrt. Weihen wir alle jene ſchaͤndlichen Reichen, die alle Nichts taugen, der Verachtung und dem Tode; aber bis wir ſie unter der Schwere unſerer be⸗ redten Cenſur erdruͤckt haben, bring' uns noch eine Flaſche Champagner, Kellner! Gut Eſſen und Trinken und Feuer im Leibe! Ausgetrunken und wieder einge⸗ ſchenkt!“ 4 3 —„Ach der Spitzbube!“ rief Eduard und wollte vor Lachen berſten;„er trieb ſeinen Spaß mit mir, und ich ward's gar nicht gewahr. Sagte ich's euch nicht, meine Herren, daß er wuͤrdig ſei, einzutreten in nostro docto corpore? Ihr ſollt ihn nur erſt einmal bei der Arbeit ſehen.— Aber jetzt muͤſſen wir ein Ende machen. Ich muß Alfred im Theater als meinen Stellvertreter vor⸗ ſtellen, und es iſt Zeit, daß wir uns dahin begeben. Auch trennte ſich nun nach einer ſehr vollſtaͤndigen Or⸗ gie die Geſellſchaft jetzt, die Koͤpfe noch etwas benebelt vom Weindunſt und den philanthropiſchen Plaͤnen, welche unſre ernſten Geſpraͤche belebt hatten. 1 Richt ohne Verwunderung ſah ich Eduards Cabrio⸗ let vor dem Theater halten das ehemals Zeuge meiner 31² lich fielen mir meine Liebesabenteuer und mein zurück⸗ gewieſenes Stuͤck ein. Hal ſagte ich zu mir ſelbſt, meine Herren von der Komdͤdie, ich faſſe euch alſo nun auch. Ihr habt mich bei verſchloſſenen Thuͤren verdammt, ich will euch jetzt oͤffentlich richten. Ja, ja, ich bin es, der euer Urtheil ſprechen und euch nach Herzensluſt geißeln wird.— Eduard unterbrach mich in meinen Betrachtun⸗ gen, um mir guten Rath zu ertheilen. Dazu nahm er einen ſo komiſchen Ernſt an, daß ich mich kaum des Lachens erwehren konnte.„Hoͤre,“ ſagte er mir,„be⸗ denke die Wichtigkeit des Amts, das Du bei dieſem Thea⸗ ter bekleiden wirſt. Laß Dich nicht von der Koketterie der Schauſpielerinnen noch von den Lobeserhebungen der Schauſpieler verfuͤhren. Uebe Dein kritiſches Ge⸗ ſchaͤft mit Strenge, aber mit Gerechtigkeit. Bedenke, daß ſich's um den Ruf als ein unbeſcholtener Mann und den Wohlſtand des Journals handelt. Nur bitte ich Dich um recht viele Nachſicht fuͤr die kleine B.... Du kannſt dagegen uͤber Mademoiſelle C... herfallen, ſo viel Du immer willſt. Die Maͤnner aͤberlaſſe ich Dir alle. Was die erſte Liebhaberin betrifft, ſo mußt Du ihr, da ich faſt taͤglich bei ihr aus⸗ und eingehe, ſtets die groͤß⸗ ten Lobeserhebungen ſpenden. Ja, ich habe es ſogar mit ihr ausgemacht, und benachrichtige Dich alſo im voraus davon, daß das neue Stuͤck, in welchem ſie mor⸗ gen ſpielen wird und uͤber das Du urtheilen ſollſt, gut gefun⸗ Freude und meiner Schmach geweſen war. alugenblick⸗ 313 eine unangenehme Lage bringen koͤnnten, Dein Anſehn zu compromittiren. Beobachte einen diplomatiſchen Ernſt, und ſuche Dich viel mehr gefuͤrchtet als geliebt zu machen Nach dieſen Worten traten wir in das Hei⸗ ligthum, und er ſtellte mich den Schauſpielern, die eben beſchaͤftigt waren, als den geiſtvollen Mann vor, der kuͤnftig ſeine Stelle vertreten und ſie auf ihrer Lauf⸗ bahn leiten ſolle. 4 Ich kann Ihnen, theurer Freund, den Eindruck nicht ſchildern, den dieſe Nachricht auf die Herren und Da⸗ men machte. Alle runzelten die Stirn oder biſſen ſich auf die Lippen. Da ſie aber aus Erfahrung wußten, wie groß die Macht eines Journaliſten ſei, ſo kamen ſie ſehr bald alle auf mich zu, und riefen mir unſere ehemaligen freundſchaftlichen Verhaͤltniſſe ins Gedaͤchtniß zuruͤck. Kurz, ſie brachten es durch ihre Liebkoſungen und Schmei⸗ cheleien dahin, daß wir zuletzt als die beſten Freunde von der Welt auseinandergingen. 1 Am Tage nach dieſem Vorfalle ſtellte mich Eduard dem Hauptredacteur als einen Mitarbeiter vor, der das Recht habe, alle Artikel, die er veroffentlicht ſehen wolle, IV. 14 314 einrüͤcken zu laſſen. Auch mußte ich in der That noch an demſelben Tage uͤber das neue Stuͤck berichten, das nicht das geringſte Gluͤck machte. Ob mich gleich Eduard davon unterrichtet hatte, daß er den Verfaſſer beguͤnſtige, verfaßte ich doch eine zwar vollkommen gerechte, aber zugleich ſehr beißende Kritik uͤber daſſelbe. Das Epigramm war darin ſo vorherrſchend, daß dieſe Beurtheilung voͤl⸗ lig einer Rache aͤhnlich ſah. Ach! ich erinnerte mich wider meinen Willen daran, daß man mein Stuͤck zu⸗ ruͤckgewieſen, daß man ihm das meines Nebenbuhlers vorgezogen hatte, und daß dieſer Nebenbuhler mein Nachfolger war. Als ich dieſe Arbeit beendigt hatte, legte ich mich ſchlafen, und wachte erſt am andern Morgen wieder auf⸗ als ich ploͤtzlich Eduard mit dem Journale in der Hand in mein Schlafgemach treten ſah. —„Was haſt Du gethan? Du unſeliger Menſch’¹ rief er mir zu.„Du haſt ja auf unſere eignen Leute geſchoſſen. Der Schriftſteller, den Du ſo fuͤrchterlich und noch dazu ungluͤcklicherweiſe mit ſo vielem Witze herun⸗ tergeriſſen haſt, gehoͤrt ja zu unſrer Cotterie! Wir wollen ſeiner Litteratur Eingang verſchaffen, und Du giebſt da allen unſeren Grundſaͤtzen ein Dementi und wirfſt un⸗ ſere Plaͤne uͤber den Haufen.“ —„Wahrhaftig, lieber Freund, ſeine Art von Littera⸗ tur iſt mir abſcheulich vorgekommen, und das habe ich gerade heraus geſagt. Uebrigens ſehe ich gar nicht ein, 315 welches Intereſſe unſer Journal dabei haben kann, Ab⸗ ſurditaͤten zu unterſtuͤtzen?/ 4 4 —„Wie welches Intereſſe? Je nun, mein Gott, das, unſern Scherzen Abwechſelung zu geben, um alle Tage pikant zu ſein. Indem wir uns heut uͤber die ehema⸗ lige Litteratur luſtig machen, erwerben wir uns eine un⸗ erſchoͤpfliche Quelle von witzigen Reden gegen die alten Akademiker. Wenn dies klaſſiſche Genre untergegangen ſein wird und wir die neue Schule ſehr hoch gehoben haben werden, machen natuͤrlich die jungen Leute, aus denen dieſe beſteht, wieder tolle Streiche anderer Art; ſie treten unſtreitig dann alle Regeln des geſunden Menſchenverſtandes mit Fuͤßen, haben keinen Geſchmack, keinen Anſtand, keine Moral, und alsdann kehren wir die Waffen, mit welchen wir ſie vorher vertheidigten, um gegen ſie ſelbſt. Das iſt ſo gewiß wahr, daß ich naͤch⸗ ſter Tage ſchon die Feindſeligkeiten gegen dieſe Bocks⸗ litteratur eroͤffnen werde.“— —„Aber was ſoll denn aus alle dem werden? Da werdet ihr ja in Zukunft weder eine alte noch eine neue Litteratur haben.“ —„Nichts weiter als die kleinen Tagsblaͤtter werden wir haben, und weiter muß man auch nichts haben, um den Geiſt zu bilden. Das Genie, das bei unſern Re⸗ dactionen Vorſchriften ertheilt, hat einen noch viel hoͤ⸗ hern Zweck. Wir hoffen ſogar alle dieſe alten Intereſſen, welche jetzt die Menſchheit erregen, durch die Gewalt 14* 316 des Laͤcherlichmachens zum Schweigen zu bringen. Was brauchen wir Konſtitutionen? zu was eine Regierung? Wir begehren bloß allgemeine Bewegung unter den Menſchen, die uns neue Zuͤge zur Satyre darbieten ſoll. Ordnung und Vernunft braͤchten uns unfehlbar um. Weshalb wird unſer Journal geſucht? Weil man darin Nahrung fuͤr die Leidenſchaften findet. Jetzt verfolgen wir die Regierung, wir liefern alle Miniſterielle der Verachtung; ſobald aber die Ausſichten den Maͤnnern der Bewegung nachtheilig werden ſollten, dann, lieber Freund, werden wir flugs auf den rechten Weg wieder zuruͤckkehren, bis irgend ein neues Ereigniß zum groͤ⸗ ßern Vortheile unſrer Spekulationen uns wieder daraus vertreibt. Wir muͤſſen Alles ſagen und thun, um mehr Abonnenten zu haben. Die Abonnenten geben Geld, und in Zeiten wie die jetzigen braucht man bloß Geld zu haben, um angeſehn und gluͤcklich zu ſein.“ —„Aber bis jetzt hatte ich das Gegentheil geglaubt. Ich bildete mir ein, daß ein untadeliges Leben..“ —„Ein untadeliges Leben iſt keinen Pfennig Gel⸗ des werth.“ 3 —„Aber bei alle dem wird doch der Mann von Ehre, der ſich ſelbſt achtet.. —„Vor Hunger ſterben, wenn er kein Geld hat“ —„Du haſt alſo gar kein politiſches Glaubensbekennt⸗ niß? denn irgend eine Meinung muß man doch haben, 317 und die Vernunft iſt entweder auf der einen oder der andern Seite.“— —„Sie iſt ſtets da, wo das Geld iſt.“ —„Du ſetzeſt mich in Staunen! Ich hielt Dich fuͤr den eifrigſten Patrioten, ſelbſt fuͤr ein wenig republika⸗ niſch.. ℳ: —„Du kannſt mich konſtitutionell, Henriquinquiſt und Saint⸗Simoniſt nennen, wenn ich nur Geld dabei gewinne. Ach mein theurer Freund! was muß ich noch fuͤr Vorurtheile aus Deinem Kopfe ausjaͤten. Aber es ſoll mir ſchon gelingen, und ich hoffe, daß mein Schuͤ⸗ ler noch eines Tages ſeinen Meiſter uͤbertreffen ſoll. Ob mir gleich der geſtrige Artikel ſehr ungelegen kommt, ſo giebt er mir doch die groͤßten Hoffnungen fuͤr Dich. Wahrhaftig, ich ſelbſt, der ſich doch darauf zu verſtehen glaubt, wuͤrde ihn nicht beſſer haben ſchreiben koͤnnen. Und eben dieſer Artikel beſtimmt mich auch dazu, Dich an meinen geheimſten Arbeiten Antheil nehmen zu laſ⸗ ſen. Daher nimm zuerſt dieſe 20 Louisd'or, Du wirſt ſie brauchen, und am Ende des Monats rechnen wir ab. Ich ſage Dir's nochmals: ich habe mir's zugeſchworen, Dein Gluͤck zu machen, und Du kannſt mir das glau⸗ ben, denn Du wirſt uns mit dazu helfen, das unſrige zu machen, und wie Figaro ſagt: mein Vortheil ſteht mir fuͤr den Deinen.— Jetzt zur Sache. Hier iſt eine Liſte von einigen Deputirten und mehreren Staatsmaͤnnern, die man in unſern naͤchſten Nummern 3¹⁸ derb mitnehmen muß. Ich habe Bemerkungen zu jedem Namen gebracht, die Dir die Art anzeigen werden, wie man ſie laͤcherlich zu machen hat. Dein Witz wird ſchon das Uebrige dazuthun. Uebrigens kommt's auch nicht darauf an, richtig, ſondern nur, derb zu treffen. Adieu,⸗ mein theurer Alfred! ich habe Dich auf die Bahn zum Gluͤcke gefuͤhrt, jetzt haͤngt's nur von Dir ab, darauf fortzugehn.. Mit dieſen Worten verließ er mich ganz uͤberraſcht und ſogar erſchrocken uͤber ſeine verhaß⸗ ten Grundſaͤtze und das Amt, das er mir zugedacht. Nachdem er fort war, blieb ich voll Nachdenken ſtehn, und ich weiß ſelbſt nicht, welches Gefuͤhl in mei⸗ nem Herzen herrſchte. Aber ich war unzufrieden mit mir ſelbſt. Es ſchien mir, als ob ich eine ſchlechte Hand⸗ lung begehe, wenn ich das Geld annehme, das er mir darbot und das ich gewinnen ſollte. Dieſer Gedanke plagte mich den ganzen Tag uͤber. Nach Tiſch ging ich auf den Boulevards ſpazieren, um uͤber die Art der Epi⸗ gramme nachzudenken, die ich gegen mir gaͤnzlich un⸗ bekannte Perſonen loslaſſen ſollte. Vergebens ſuchte ich meine Gedanken auf den Gegenſtand meines Nachden⸗ kens wieder zuruͤckzufuͤhren; ein Gefuͤhl, das ich nicht auszudruͤcken wußte, zog ſie ſtets wieder davon ab. Es ſchien mir mit einem Worte, als ob man mich fuͤr eine ſchlechte Handlung bezahle. Indem ich mich nun ſo mit dieſer Arbeit beſchaͤftigte, fuͤhrte mich der Zufall nahe an dem Hauſe meines Freundes, des Staatsraths, vor⸗ 319 über, das ich ſeit der Zeit meiner Unglucksfaͤlle und Thorheiten nicht wieder beſucht hatte. An der Thuͤr ergriff mich ein Herzklopfen, als Folge meiner Erinne⸗ rungen. Ich hatte fuͤr die Schwaͤgerin meines Freun⸗ des, eine junge, allerliebſte Perſon, die reinſte und ver⸗ ſchwiegenſte Liebe empfunden. Errieth ſie auch den Zu⸗ ſtand meines Herzens, ſo hatte ich mir wenigſtens nicht den Vorwurf zu machen, ihn ihr entdeckt zu haben. Ach! ohne es zu wollen, ohne es zu wiſſen, war meine liebenswuͤrdige Caͤcilie die Urſache meines Ungluͤcks ge⸗ worden. Nach dem Bruche mit jener Schauſpielerin, die mir ſo viel von Moral vorgeredet, hatte ich mich ſehr oft im Hauſe meines Freundes eingefunden. Da man mein Ungluͤck noch nicht kannte, und mich noch im Beſitze eines großen Vermoͤgens glaubte, ſo hoffte ich durch Beguͤnſtigung des Zufalls meinen ganzen fruͤhern Reichthum wieder zu erwerben, und ward aus Liebe der ausgelaſſenſte Spieler. Die Leſer wiſſen ſchon, welches Reſultat dieſe letzte Thorheit herbeifuͤhrte, und daß ich mich aus Schaam uͤber mein Elend fuͤr immer von aller Geſellſchaft entfernte. Aber nun befand ich mich an dieſem Abende dem Hauſe des Baron von B“⸗s ſo nahe, daß ich dem Ver⸗ langen nicht widerſtehen konnte, Etwas von dieſer Fa⸗ milie zu erfahren. Da ich ſo gut gekleidet war, daß ich mich uͤberall vorſtellen konnte, ſtieg ich ohne Weiteres— die Treppe hinauf, und öffnete, als ich Niemand im Vor⸗ 320 ſaale fand, um mich anzumelden, die Thuͤre des Salons. Welches Schauſpiel bot ſich da meinen Augen dar! Ich fand dieſe ganze theure Familie in Verzweiflung. Ein ehemaliger Militair, der alte Vater der Frau von Be*r, krank, gichtbruͤchig, auf einen Lehnſtuhl gefeſſelt, rief mit einer Art von Wuth aus:„Und ich ſollte mich an dieſem infamen Journalſchreiber nicht raͤchen““—„ lieber Vater!“ entgegnete die junge Frau,„beruhigen Sie ſich, ich bitte Sie; Sie werden ſonſt unſre Leiden nur noch vermehren.“ —„Ach, wenn mein Bruder hier waͤre!“ rief die junge Caͤcilie aus, indem ſie mir naͤher trat;„er wuͤrde uns gewiß wegen dieſer ſchaͤndlichen Verleumdung raͤchen/ —„Ol liebe Schweſter! was ſprichſt Du von unſerm Bruder! Wie? wollteſt Du ſein Leben den Verleumdern preis geben?” 1 —„Aber, wovon iſt denn die Rede?“ fragte ich nun meinerſeits. nn —„Da, leſen Siel“ entgegnete Caͤcilie, indem ſie mich in eine Ecke des Zimmers zog.„Wir ſind nicht auf dieſes abſcheuliche Journal abonnirt, aber aus recht raffinirter Bosheit hat man die Frechheit gehabt, uns dieſe Nummer zuzuſchicken, damit wir ja den Schlag erfuͤhren, den man gegen uns gewagt hat.“ Sie zeigte mir nun ein Journal, und ich erkannte auf der Stelle das, bei dem ich mich mit hatte anſtellen laſſen, ia, die⸗ 321 ſelbe Nummer, die auch meinen Aufſatz uͤber das neue Stuͤck enthielt. Ach! koͤnnte ich euch doch, liebe Leſer, meine Verwirrung, meine Schaam beſchreiben!... Ich zitterte, indem ich das Journal Caͤcilien aus der Hand nahm; die Roͤthe ſtieg mir auf die Stirn, und ich bin uͤberzeugt, daß jede andere Perſon als ein junges Maͤd⸗ chen mich fuͤr den Strafbaren ſelbſt wuͤrde gehalten haben. Als ich den verworfenen Artikel geleſen hatte, der dieſe ganze Familie in Schmerz verſenkte, erkannte ich ſogleich den Verfaſſer. Ich erinnerte mich an die Rache, welche Eduard einer achtbaren Frau zugedacht, die ihm keinen Zutritt zu ihren Konzerten hatte verſtat⸗ ten wollen. Jetzt ergriff mich ein ſo heftiges Zittern, meine blaſſen Lippen bewegten ſich mit einem ſolchen Ausdrucke des Zorns, daß das junge Maͤdchen davor er⸗ ſchrak, und mit den Worten zu ihrer Schweſter eilte⸗ „Ach, liebe Schweſter, halte ja Alfred zuruͤck; ich ſehe ſchon, was er thun will.“ Ich aber ſtammelte mit einer durch alle die peinlichen Erſchuͤtterungen, die ich fuͤhlte, ſchwankenden Stimme:„O, Gattin meines Freundes! gute, achtungswerthe Frau! ich maße mir alle Rechte eines Bruders an, und Sie ſollen geraͤcht werden. Dies ſagend, verſchwand ich mit einer ſolchen Schnelle, daß mich Niemand zuruͤckhalten konnte. Ich durcheilte den Zwiſchenraum von dieſem zu Eduards Hauſe mit der Raſchheit eines Mericher, der 1444 322 den Verſtand verloren hat. Ich mußte allen Pednen, die mir begegneten, wahnſinnig vorkommen, ſo ſehr regte mich der Zorn auf. O! wenn ich nun vollends uͤberlegte, daß ich darein hatte willigen koͤnnen, der Mitgenoſſe eines ſolchen Menſchen zu werden, ſo ergriff mich eine wahre Wuth. Ich komme endlich in Eduards Hauſe an. Ich wußte wohl, daß ich ihn nicht finden wuͤrde, denn um dieſe Zeit war er nie daheim; ich wollte aber dort erfahren, wo ich ihn treffen koͤnnte. Sein Bedienter, den ich deshalb befragte, ſagte mir, daß er nicht wiſſe, wo ſein Herr geſpeiſt habe, und daß er nicht glaube, daß ich ihn heut in irgend einem Schauſpiel⸗ hauſe treffen werde. Nachdem ich nun einige Zeit dar⸗ auf gewendet, mich von meiner Unruhe etwas zu erho⸗ len, ergriff ich den kluͤgern Entſchluß, naͤmlich den, meinem wuͤrdigen Freunde folgenden Brief zu ſchreiben: 41„Mein Herr! Ich komme zum letzten Male zu Ihnen und dies mit dem hoͤchſten Unwillen.— Als ich Ihren Vorſchlag annahm, Mitarbeiter an Ihrem Journale zu werden, zog ich mehr die ungluͤck⸗ liche Lage in Betracht, in welche mich meine Tollheiten geſtuͤrzt hatten, als die Art der Arbeit, zu welcher Sie mich beſtimmten. Bis heute hatte ich in Ihrer litterari⸗ ſchen Unternehmung nur ein geiſtreiches und leichtes Mittel erblickt, die Moral und den guten Geſchmack 323 dadurch zu raͤchen, daß man die Boͤſen beſſere und die Thoren laͤcherlich mache. Jetzt aber ſtellt ſich mir Ihr Journal unter einer ganz andern Anſicht dar. Es iſt jetzt nur noch das verraͤtheriſche Echo einer Parthei, nur eine Niederlage von Beleidigungen, Luͤgen und Ver⸗ leumdungen. Sie haben Ihre heitern Beſchaͤftigungen aufgegeben, und wenn Sie noch manchmal die Narren⸗ kappe ſchuͤtteln, ſo geſchieht es bloß, um die Klagen De⸗ rer, die Sie ungluͤcklich gemacht haben, zu uͤbertaͤuben. Statt des Pfeiles des Epigrammes bedienen Sie ſich eines gluͤhenden Eiſens, Sie ſtechen nicht mehr, Sie erdolchen; Nichts iſt Ihnen heilig, weder Rang, noch Geſchlecht, noch Alter. Dienſte, dem Vaterlande geleiſtet, ſind ver⸗ geſſen, der edelſte Charakter wird auf das Feigſte belei⸗ digt; wagt Ihr es nicht, die Ehre anzugreifen, ſo er⸗ niedrigt Ihr die Perſon und ſtraft das Unrecht der Na⸗ tur, indem Ihr derſelben ihre Haͤßlichkeit vorwerft; Ihr draͤngt Euch in die Familien ein, und verleumdet ſelbſt die Frauen.. Kurz, Ihr begeht Alles, was das Geſetz verbietet, und thut dies auf die feigſte Art und Weiſe... Denn Ihr ſchuͤtzt Euch durch den Schleier der Anony⸗ mitaͤt und die Furcht, welche ſtets ein rechtlicher Mann hegt, ſich mit Elenden einzulaſſen. Ich weiß, mein Herr, daß dieſe Art zu ſprechen Sie aus meinen Munde uͤberraſchen wird. Sie haben ſtets in mir nur den luſtigen Mitgenoſſen Ihrer Thor⸗ 324 heiten erblickt, und bei Fhren Orgien, weil ich mich einer natuͤrlichen Froͤhlichkeit uͤberließ, und im Geſpraͤche mit Ihnen auf ein Epigramm durch einen ſatyriſchen Ausfall antwortete, ſich eingebildet, daß in meinem Her⸗ zen weder Moral noch Rechtlichkeit wohne. Davon uͤberzeugt, haben Sie zu ſich ſelbſt geſagt: Wir wollen dieſen Menſchen von Geiſt durch einige Kleidungsſtuͤcke und Thaler erkaufen, und ihn dazu brauchen, die recht⸗ lichſten Leute der burgerlichen Geſellſchaft zu verderben, zu beſchimpfen, zu entehren. Sie haben an mir alſo gehandelt, wie ein Raͤuberhauptmann, der, wenn er einen jungen ungluͤcklichen Neuling unter ſeine Bande aufgenommen hat, ihn befoͤrdert, unterrichtet, bewaffnet, und dann zu ihm ſagt: Geh' jetzt und raube un⸗ ter meiner Leitung auf der Landſtraße. Erzuͤrnen Sie ſich nicht uͤher dieſe Vergleichung, mein Herr; denn ich ſtelle einen Straßenraͤuber noch weit hoͤher als Sie. Dieſer ſetzt wenigſtens ſein eignes Leben bei dem Angriffe aufs Spiel, und man kann ſich vor ihm durch Vorſichtsmaßregeln und indem man nicht bei Nacht reiſet, ſchuͤtzen, auch nimmt uns der Raͤuber bloß unſer Gold ab; Sie aber, Sie greifen uns an der Ehre an. Vergebens ſagen Sie mir, daß das Geſeh uns vertheidigt; nein, das Geſetz beſtraft nur den erleumder, aber die Spur der Wunde kann es nicht verwiſchen, und ſelbſt dieſes Geſet beſchuͤht uns auch 325 ſo wenig, daß/ wenn man es auffordert und es in Wirk⸗ ſamkeit tritt, es zu einem neuen Angriffe gegen die Ruhe des Opfers wird. Sie fragen mich, was denn die Urſache meiner ſo ploͤtzlichen Veraͤnderung der Anſicht uͤber Ihr Jour⸗ nal und des beleidigenden und herausfordernden Tones dieſes Briefes ſei? Dieſe Urfache verdanken Sie dem gluͤcklichen Zufalle, der mich vor dem Abgrunde gerettet hat, in welchen Sie mich ſtuͤrzen wollten, indem er mir eins von den Verbrechen enthuͤllte, welche Sie alle Tage begehen.. Bei dem Worte Verbrechen ſehe ich Sie laͤcheln... Wie? alſo Spaͤßchen, neckende Auslegungen, ein epigrammatiſcher Zug gegen den Herrn oder jene Dame waͤren Verbrechen? Ja, antworte ich Ihnen; denn Ihre neckenden Auslegungen koͤnnen Mißtrauen in einen Hausſtand, Verzweiflung in eine Familie ſchlendern, und ſchon dies iſt ein Verbrechen, das zur Rache auf⸗ fordert. Wo es aber Rache giebt, giebt es oft auch Tod, und wo es Tod giebt, giebt es auch Verbrechen. Die Folge meines Briefes wird Ihnen dieſes be⸗ weiſen. Sie haben eine Dame verleumdet, welche Sie nicht kennen, deren Mann Ihnen mißfaͤllt, weil er nicht Ihre augenblickliche politiſche Anſicht theilt; denn Sie haben mir ſelbſt geſagt, daß Sie dieſe nach den Umſtaͤn⸗ den wechſeln; doch was ſage ich, Sie haben keine be⸗ ſtimmte Anſicht uͤber Etwas, oder Sie haben vielmehr 926 nur eine einzige, die naͤmlich, ſich Geld zu erwerben, und um dahin zu gelangen, ſcheinen Ihnen alle Mittel gleich gut. Doocch ich komme auf Ihre Verleumdung der ach⸗ tungswerthen Frau von B⸗*⸗ zuruͤck. Sie koͤnnen nicht leugnen, daß Sie der Verfaſſer derſelben ſind; denn bei dem Mittagseſſen in der Reſtauration haben Sie, ohne Ihr Schlachtopfer zu nennen, alles Ueble, das Sie die⸗ ſem zufuͤgen wollten, im voraus angezeigt. Freuen Sie ſich alſo, mein Herr! alle Ihre Pfeile haben getroffen. Ich habe die Familie der Frau von B⸗⸗* in Ver⸗ zweiflung gefunden; ich habe uͤber Ihr Haupt die Ver⸗ wuͤnſchungen eines alten unvermoͤgenden Kriegsmannes herabſtuͤrzen hoͤren. Ich habe eine unbeſcholtene Frau Thraͤnen wegen des Eindrucks, den ein ſolcher Angriff auf ihren Ruf im Publikum hervorbringen wuͤrde, ver⸗ gießen ſehen. Sie haben ſich unterfangen, in Ihrer letzten Num⸗ mer zu ſagen, daß Sie in einem der kleinen Boulevard⸗ Theater Frau von Bers allein mit einem ſchoͤnen jun⸗ gen Schnurbarte im Hintergrunde einer vergitterten Loge verſteckt geſehen haͤtten. Sie haben dieſe Verleum⸗ dung mit allen den Bemerkungen unterſtuͤtzt, welche den Verdacht des Publikums erwecken koͤnnen, und mit allen jenen Witzworten, welche einen Ehegatten zu demuͤ⸗ thigen und an ſeiner Ehre zu kraͤnken im Stande ſind⸗ 327 verbraͤmt. Kurz, Sie haben, um Ihrem politiſchen Haſſe und Ihrer Empfindlichkeit gegen Frau von B*** genug zu thun, das Schlechteſte und Niedrigſte nicht geſcheut. Nun denn! mein Herr, ſo urtheilen Sie nun: dieſer junge ſchoͤne Schnurbart iſt der leibliche Bruder der Frau von Br*rr. Sie ſind gewiß uͤberzeugt, daß, wenn dieſer Bruder nicht zu ſeinem Corps haͤtte zuruͤckreiſen muͤſſen, daß/ wenn er noch in Paris waͤre, er Sie wegen dieſer Be⸗ leidigung zur Rede ſtellen wuͤrde. An ſeiner Statt will daher ich dieſe Pflicht erfuͤllen. Die Achtung, welche mir dieſe treffliche Familie ſchenkt, die Anhaͤnglichkeit und Verehrung, die ich fuͤr dieſelbe hege, machen es mir zur Pflicht, ſie zu raͤchen, und ich will ſie raͤchen. Dies heißt ſo viel, als Ihnen verſichern, mein Herr, daß es entweder Ihr Leben gilt oder das meine. 4 Bis dahin aber, wo Sie mir Stunde und Ort zu unſerm Zweikampfe werden beſtimmt haben, eile ich zu dem Herausgeber des Journals, um in Ihrem Namen die ſchaͤndliche Beleidigung zu widerrufen, die Sie ſich haben zu Schulden kommen laſſen. Ein trauriges Mit⸗ tel, welches das Uebel, das Sie anſtifteten, nur zur Haͤlfte wieder gut machen wird. . Ich brauche wöhl jetzt nicht erſt hinzuzuſetzen, daß ich auf die abſcheuliche Beſchaͤftigung, zu der Sie mich beſtimmten, Verzicht leiſte... Ich kann es zwar wohl 328.. leiden, daß inan in der Litteratur gatas und witzig ſei; aber nie werde ich begreifen, wie ein rechtſe lph Mann darein willigen kann, das ſchaͤndliche Handwerk eines Journaliſten zu treiben, der aus Intereſſe feig, boshaft und verleumderiſch wird. Ehe ich Ihr Zimmer verlaſſe, lege ich in ein Schubfach Ihres Buͤreau's das ganze Geld nieder, das Sie mir vorgeſtreckt haben. Ich entledige mich ſelbſt der eleganten Kleider, mit denen Sie mich bedeckten. Ich nehme meine Lumpen und mein Elend wieder, und kehre zu meinem Schreiber zuruͤck. Dort, mein Herr, erwarte ich Ihre Antwort. Sie wird, mie ich hoffe, dem Wunſche nach Rache, der mich enlzuͤndet, ange⸗ meſſen ſein. Sie werden mir entweder dieſe Genug⸗ thuung, welche Sie mir ſchuldig ſind, zugeſtehen, oder Alles von meinem Haſſe und meiner Verachtung gegen Sie zu fuͤrchten haben.“ Dieſem Briefe folgte von dem feigen und erbaͤrm⸗ lichen Eduard bloß folgende Antwort: „Armer Alfred! wie beklage ich Dich! Mit Deinen Grundſaͤtzen mußt Du im Hospitale ſterben. Was die Folgen der Irrthuͤmer betrifft, die ſich in mein Journal eingeſchlichen haben koͤnnen, ſo halte Dich, wenn Du willſt, an den verantwortlichen Herausgeber deſſelben. Eduard.“ . 329 Von ſo vieler Erbaͤrmlichkeit betroffen, verſchob ich N Beſah, den ich ihm zudachte, bis zum folgenden ge; an dieſem Tage aber noch aͤnderte das unerwar⸗ tetſte Ereigniß ploͤtzlich mein Schickſal. Ein Gelehrter von Anſehn im Staate, dem ich vor Zeiten ein wichti⸗ ges Geſchichtswerk abgeſchrieben und ihn dabel durch eine beſondere Note auf einen großen Irrthum aufmerk⸗ ſam gemacht hatte— es handelte ſich, naͤmlich um eine Thatſache, die er bejahte, und welcher doch von zwei gleichzeitigen von mir eitirten Geſchichtſchreibern wider⸗ ſprochen ward— iſt der Gruͤnder meines gegenwaͤrtigen Gluͤcks geworden. Dieſer treffliche Gelehrte, dem die Wichtigkeit meiner Bemerkungen eingeleuchtet hatte⸗ ließ mich erſuchen, zu ihm zu kommen.— Ich eilte, ſeiner Einladung zu folgen. Nachdem er ſich lange mit mir unterhalten und ich ihm die Geſchichte meines Lebens erzaͤhlt hatte, billigte er mein Benehmen gegen Eduard.—„Aber, lieber Freund,“ ſetzte er hinzu, „Sie muͤſſen auch wegen einiger Menſchen, welche das nuͤtzliche Geſchaͤft eines Journaliſten verunehren, nicht zu ſtreng von allen denen denken, die an periodiſchen Blaͤt⸗ tern arbeiten. Wie faſt alle Gelehrte, habe auch ich meine Laufbahn damit begonnen, in Journalen zu ſchreiben, und ſtets die trefflichſten Maͤnner zu Nebenarbeitern ge⸗ habt. Faſt alle ſind meine Freunde geworden, und ſo koͤnnen ſie auch die Ihren werden. Ich will den Ar⸗ beiten derſelben an einem Blatte, das der allgemeinſten 14** 33⁰0 Achtung genießt, auch Sie zugeſellen. Da ſollen Sie Ihre Talente bekannt machen, und die Anſtellung ver⸗ dienen, zu welcher ich Ihnen vielleicht bald behuͤlflich ſein kann. Dieſe Anſtellung wird, indem Sie Ihnen Anſpruͤche auf die Hand Ihrer Caͤcilie giebt, Ihnen auch zugleich beweiſen, daß ein junger Menſch mit einem ge⸗ bildeten Geiſte und redlichen Herzen durch Liebe zur Arbeit bald alle Fehler ſeiner Jugend wieder gut machen kann“ Alexander Duval. Konstantinopel und Paris. Von Michaud und A. Bazin. Note des Herausgebers. Dee Gegenſtaͤnde dieſes Werkes ſind nicht ſo ſtreng auf Paris und ſeine Umgebungen beſchraͤnkt, daß ſich daſſelbe nicht erlauben duͤrfte, einige, ſelbſt ziemlich weite Aus⸗ fluͤge zu machen, vorzuͤglich, wenn das Reſultat einer ſolchen Reiſe einen Vergleichungspunkt oder einen Stoff zu Kontraſten mit unſern Sitten und unſrer Civiliſation darbietet. Als wir Herrn Michaud baten, ſeinen Namen denen der Schriftſteller mit anzureihen, die ſich zu un⸗ ſerer Unterſtuͤtzung entſchloſſen, wußten wir ſehr wohl, daß der Geſchichtſchreiber der Kreuzzuͤge bei ſeiner Ruͤck⸗ kehr von ſeiner orientaliſchen Reiſe alle ſeine Zeit dazu anwenden wuͤrde, alle ſeine Erinnerungen an dieſe neue 33² Pilgerſchaft zu ſammeln, zu welcher ihn die Religion der Wiſſenſchaft begeiſterte, und die man den Kreuzzug des Geſchichtſchreibers nennen koͤnnte. Wir achteten dieſe ehrenvolle Beſchaͤftigung des gelehrten und gewiſ⸗ ſenhaften Mannes zu ſehr, um es zu verſuchen, ihn der⸗ ſelben zu entziehen, hofften aber, daß wir aus dieſen Studien ſelbſt, die ihn jener Bewegung der Leidenſchaf⸗ ten, unter denen er jetzt ausruhen will, entfremden, einen intereſſanten Beitrag erwarten duͤrften. Jetzt hat denn auch Herr Michaud die Guͤte gehabt, uns einen Brief aus Konſtantinopel mitzutheilen, den er an einen ſeiner jungen Freunde geſchrieben, und worin er die vorzuͤglichſten Monumente dieſer Stadt beſchreibt. Wir wuͤrden unſern Leſern nun ſelbſt das Geſchaͤft der Ver⸗ gleichungen und Betrachtungen uͤberlaſſen haben, welche dieſes Gemaͤlde erweckt, wenn wir in der Briefſamm⸗ lung des Herrn Michaud, deren Einſicht er uns ver⸗ ſtattete, nicht eine Antwort auf dieſen Brief gefunden haͤtten, eine von Paris aus geſchriebene Antwort, die uns die nothwendige Zuthat ſchien, um der Aufſchrift zu entſprechen, welche wir dieſem Kapitel gegeben haben. Ladvocat. Konstantinopel. — An Herrn Bazin. Pera, am 1. Oktober 1830. .......................... Um Konſtantinopel in ſeiner ganzen Ausdehnung mit Einem Blicke zu uͤberſehen, bin ich mehrere Male auf den Thurm des Seraskiers geſtiegen. Die Treppe dieſes auf dem dritten Huͤgel erbauten Thurmes hat 84 Stu⸗ fen. Von da aus uͤberblickt man die ganze Stadt, wie wir ſie vor einigen Jahren im Panorama geſehen haben. Ich koͤnnte Ihnen hier alle Punkte anfuͤhren, die man voon weitem erblickt, wie den Bosphorus von Thracien, das Meer von Marmora, das ſchwarze Meer, den Olymp u. ſ. w. Da ich Ihnen aber keine genaue Vorſtellung von dieſen allen geben und ſie Ihnen nicht ſo wieder hinſtellen kann, wie ich ſie erblicke, ſo verſchone ich Sie 334 8 mit meiner Geographie, und Sie ſollen hier kein Na⸗ menregiſter erhalten, das weder Ihrer Einbildungskraft noch Ihrem Verſtande Etwas gewaͤhren koͤnnte. Die Hauptſtadt des Ottomaniſchen Kaiſerreiches gleicht keiner Hauptſtadt in Europa, und bietet uͤberhaupt kaum den Anblick einer großen Stadt dar. Ich glaube viel⸗ mehr ein weites Feld mit zuſammengehoͤrenden Doͤrfern und Burgen zu erblicken; roth, gruͤn, grau und weiß gemalte Haͤuſer, Kirchhoͤfe mit Cypreſſen bepflanzt, weit ausgedehnte Raͤnme, wo man nur rauchende Truͤmmer und von Feuerbraͤnden geſchwaͤrzte Mauern ſieht, pracht⸗ volle Moſcheen mit ihren Kuppeln mit Bleiplatten be⸗ deckt, Minarets, die ſich wie Dorfkirchthuͤrme in die Luft erheben, Gaͤrten und unangebautes Land um große Gebaͤude her: Alles dieſes zuſammen bietet einen Anblick dar, von welchem ich mir keinen Begriff haͤtte machen koͤnnen, bis es nun meine Augen ſelbſt geſehen haben. Fuͤgen Sie nun dieſem Gemaͤlde noch die Abwechſelung des Bodens auf den ſieben Huͤgeln hinzu, einen unermeßlichen Hafen, mit Schiffen aller Nationen bedeckt, das Meer von drei Seiten und den ſchoͤnen Himmel des Orients, ſo haben Sie einen Stoff zur Bewunderung, den weder die Zeit noch die Tuͤrken zerſtoͤren koͤnnen. So verdankt allerdings Konſtantinopel alle ſeine Vortheile und alle Herrlichkeit ſeiner Lage der Sonne, die es beſcheint, den Gegenden und Gewaͤſſern, die es umgeben. Dies ſind Wunderwerke, die das Genie des Menſchen nicht her⸗ 335 vorbringen kann. Man erkennt dort nicht das Werk der⸗ jenigen, welche Steine aufeinander thuͤrmen oder in lange Reihen ſtellen, aber wohl die Wunder der Natur und der Schoͤpfung. In dieſer unordentlichen Maſſe von Gebaͤuden und Haͤuſern erblickt man nur wenige Bauwerke, die es ver⸗ dienten, abgeſondert betrachtet zu werden. Das Einzelne iſt unbedeutend und Nichts daran feſſelt die Aufmerkſam⸗ keit des Beſchauers. Das Majeſtaͤtiſche liegt im Gan⸗ zen und in der Verſchiedenheit der Gegenſtaͤnde. Wenn wir durch eine Straße gehen, bemerken wir bloß ein ſchlechtes und kothiges Pflaſter, enge und unreinliche Gewoͤlbe, ſchlecht gebaute Haͤuſer, faſt niemals aber ein Denkmal, das unſere Blicke auf ſich zu ziehen verdiente, die großen Moſcheen und einige ſchoͤne Springbrunnen ausgenommen. Stellen wir uns aber auf einen hoͤhern und offnen Punkt, ſo ſehen wir nur hinreißende Ge⸗ maͤlde. Will man den Anblick Konſtantinopels genießen, ſo muß man nicht um ſich her blicken. Befinden Sie ſich zu Pera, ſo muͤſſen Sie nach der Seite des Serails, nach der Kuͤſte von Seutari hin ſchauen. Sind Sie in der Kaiſerſtadt, ſo blicken Sie auf das Viertel von Ga⸗ lata, die Huͤgel des heiligen Demetrius und Eyups und auf den lebensvollen Kanal des Bosphorus. Alle Orte, die ſich uns in einiger Entfernung zeigen, feſſeln unſre Aufmerkſamkeit. Wohin Sie ſich auch nur wenden moͤgen, vermehren ſich die Ausſichten; neue Scenen ſtel⸗ 336 len ſich unſern Augen dar, wir erblicken mit jedem Mo⸗ mente einen neuen Horizont, wir ſchreiten, umgeben von allen Taͤuſchungen der Optik, weiter. Dieſer Schoͤnheiten wird man nicht muͤde, denn man erblickt ſie nie in der Naͤhe, und wenn Sie ſich nun auch einem Gemaͤlde naͤhern, das Sie entzuͤckte, ſo findet ſich dieſes Gemaͤlde ſchon durch andere erſetzt, die ſich in der Ferne zeigen und Sie eben ſo entzuͤcken. Gleichen alle dieſe Wunder, welche verſchwinden, wenn man ihnen nahe tritt, und die die Zierde einer noch barbariſchen Stadt ſind, nicht ein wenig der Hoffnung, welche ſtets in die Zukunft flieht und uns in Mitten des Elends der Ge⸗ genwart von weitem zulaͤchelt? Sind ſie nicht viel mehr noch das Bild jener himmliſchen Haine, jener phanta⸗ ſtiſchen Gaͤrten, jenes Paradieſes der Tuͤrken, von unſrer groben Erde aus angeſehen? Wie Sie ſehen, theurer Freund, kann ich auch moraliſiren, und ich hoffe, daß Sie in dieſer Geiſtesſtimmung die erſte Wirkung des ſchoͤnen Schauſpiels erkennen ſollen, das ich vor mir habe. Sobald Reiſende in Konſtantinopel ankommen, be⸗ ſuchen ſie ſogleich die Sophienkirche. Wir haben von da aus unſre Spaziergaͤnge in der Kaiſerſtadt angefan⸗ gen. Dieſe Kirche iſt tauſendmal beſchrieben worden. Von Konſtantin erbaut, zur Zeit des Anaſtaſius von einer fanatiſchen Sekte niedergebrannt, durch Juſtinian wieder hergeſtellt, iſt dieſer beruͤhmte Tempel bald dem Kultus der Katholiken, bald dem der Griechen, zuletzt 4. dem 337 dem des Propheten der Araber geweiht geweſen. Die Ausbeſſerungen, die er erlebt, die Zuſaͤtze und Aenderun⸗ gen, die man an ihm gemacht hat, verleihen ſeinem Aeußern etwas Derbes und Schweres, das mir nicht verſtattete, die eleganten und aͤtheriſchen Formen wieder⸗ zuerkennen, welche Geſchichtſchreiber und Antiquare ihm leihen. Wir waͤren gern ins Innere der Kirche einge⸗ drungen, aber ohne einen Firman des Großherrn iſt dies nicht erlaubt, und dieſe Firmans giebt man nicht gern, beſonders ſeit dem letzten Kriege. Es iſt dies eine Genugthuung, welche man dem Volks⸗Fanatismus ge⸗ waͤhren wollte, der zwar zugiebt, daß man das ottoma⸗ niſche Gebiet uͤberſchreite, es aber nicht ertraͤgt, wenn der Fußboden der Moſcheen von Fußtritten der Unglaͤu⸗ bigen beſchmutzt wird. Uebrigens haben die Tuͤrken auch eine Vorahnung, daß dieſe Kirche einſt wieder in die Haͤnde der Chriſten gerathen wird, und dieſe Ahnung vermehrt ihre mißtrauiſche und eiferſuͤchtige Stimmung noch bedeutend. Man muß alſo darauf Verzicht leiſten, das Innere dieſes Tempels zu erblicken, oder wenigſtens warten, bis jene Prophezeiung in Erfuͤllung geht. Bis dahin werde ich mich an die weitlaͤufigen Beſchreibun⸗ gen halten, die uns Peter Grelot und andere gelehrte Reiſende dayon hinterlaſſen haben. Ich will Sie jetzt von einem andern Gebaͤude unter⸗ halten, in welches Fremde auch nicht eindringen koͤnnen. Aber die Eingaͤnge dazu ſind wenigſtens zugaͤnglich und IV. 15 338 koͤnnen die Neugier reizen. Es iſt naͤmlich vom Serail des Großherrn die Rede. Das Serail iſt der hervor⸗ ſtechendſte Punkt Konſtantinopels. Dorthin richten ſich alle Blicke, wenn man in der Hauptſtadt der Osmanlis ankommt. Dorthin wenden ſich alle Gedanken, wenn man ſich mit der Tuͤrkei und dem ottomaniſchen Reiche beſchaͤftigt. Das Serail des Sultans iſt nicht bloß eine kaiſerliche Wohnung, man kann es wie eine zweite Stadt in Mitten der großen Stadt betrachten. Es iſt eine Stadt, welche ihre Geſetze, ihre Gebraͤuche, ihre Regie⸗ rung hat. Da ſtehen wir denn vor der kaiſerlichen Thuͤre oder der hohen Pforte(Babi-Humaiun). Mit zwei alten Thuͤrmen an den Seiten und ohne irgend eine aͤußer⸗ liche Zier entſpricht ihr Anblick keinesweges dem ihr verliehenen Namen. Man tritt nun zuerſt in einen Hof von unregelmaͤßiger Geſtalt, der ungepflaſtert und dem eins unſrer Schloͤſſer aus dem Mittelalter ſehr aͤhnlich iſt. Rechts von der Thuͤre ließ man uns die vormalige Kirche der heiligen Irene bemerken. Dieſe Kirche iſt jetzt eine Niederlage alter Ruͤſtungen. Die Tuͤrken be⸗ wahren dort die Helme, Lanzen und Schilde, welche den chriſtlichen Kriegern gehoͤrten. Einige Reiſende er⸗ zaͤhlen, daß man dort auch noch die Maſchinen finde/ welche im erſten Krenuzzuge bei der Belagerung von Nicaͤn gebraucht wurden. Dieſe Maſchinen lieferte der Kaiſer Alepins, der ſie, als Nieaͤg die Thore eroͤffnet 339 hatte, wieder nach Konſtantinopel zuruͤckbringen ließ. Wir glauben, daß dieſe Niederlage alter Waffen bis auf die Zeiten der Griechen zuruͤckgeht, und daß die Tuͤrken ſie erhalten und vermehrt haben. Ich bedaure es ſehr, zu dieſer Sammlung keinen Zugang gefunden zu haben, da ich dort die Panzer, Schwerter, Bogen und Fahnen unſerer alten Ritter mit denen der Barbaren vermiſcht erblickt haben wuͤrde. So haͤtte mir die Kirche der heiligen Irene zugleich ein Denkmal des griechiſchen Kaiſerthums und ein merkwuͤrdiges Kapitel aus den Kriegs⸗Annalen dargeboten. In jedem andern Lande wuͤrde man ſich beeifern, die Beute von uͤberwundenen Voͤlkern zu zeigen; aber die Osmanlis haben den Grund⸗ ſatz, daß man den Fremden Alles, ſelbſt ſeinen eigenen Ruhm, verbergen muͤſſe. Nicht weit von der Kirche der heiligen Irene treten wir in ein weites, ſchlecht vertheiltes Gebaͤude. Hier verfertigt oder verfaͤlſcht man vielmehr die Silbermuͤn⸗ zen, auf welche gerade das Wort Adli, welches richtig bedeutet, gepraͤgt iſt. Dieſe Muͤnz⸗Verfaͤlſchung iſt eine der groͤßten Plagen des Reichs, und das Uebel waͤchſt immer mehr. Die tuͤrkiſchen Piaſter, welche vor etwa funfzig Jahren drei Franes unſers Geldes galten, ſind jetzt kaum ſechs Sous werth. Die Muͤnzen, welche aus dieſer kaiſerlichen Fabrikation kommen, haben ſo wenig innern Werth, daß man ihnen die der Falſchmuͤnzer noch vorzieht. Die Muͤnz⸗Verwaltung hat daher ſchon 15* 340 viele Koͤpfe abſchlagen laſſen. Vor einigen Jahren wur⸗ den drei Armenier, die Gebruͤder Doos⸗Oglu, welche mit dieſer eintraͤglichen, aber gefaͤhrlichen Direktion be⸗ traut waren, an der Thuͤr ihres Hauſes am Bosphorus gehaͤngt. Zwei andre Armenier, welche auf dieſe folgten, ſind mit Confiskation ihrer Guͤter und der Verbannung weggekommen. Caſſas⸗Arſine, der ſie erſetzt hat, gehort auch der Armeniſchen Nation an. Es wird von ihm geſagt, daß er den Gewinn von der Muͤnzverfaͤlſchung mit allen Perſonen am Ruder theile. Dieſe Vorſicht wird ihn aber doch nicht vor dem Schickſale ſchuͤtzen, das ſeiner wartet. Werden aber die Sachen deshalb beſſer gehen? Wird die Muͤnze des Sultans von beſ⸗ ſerm Schrot und Korn werden? Man kann bei den Tuͤrken ſehr oft die Bemerkung machen, daß Strenge und Strafen zu Nichts helfen. Man haͤlt ſich immer an die Menſchen und nie an die Sachen. Am Tage des Gerichts oder vielmehr des Zorns fallen die Koͤpfe, aber die Mißbraͤuche bleiben. Hinter dem Muͤnzgebaͤude nach dem Meere zu be⸗ findet ſich ein anderes, deſſen Name ſchon truͤbe Ge⸗ danken erweckt, und das man als zu den kaiſerlichen Finanzen gehoͤrig betrachten kann. Man ſ chlaͤgt dort auch Muͤnzen, um nich eines nur zu verrufenen Aus⸗ drucks zu bedienen. Ich rede naͤmlich von dem Gefaͤng⸗ niſſe des Boſtandſchi⸗Baſchi, wo die ungluͤcklichen Ver⸗ urtheilten, deren Schaͤtze man habhaft werden will, auf 341 die Tortur gelegt werden. Sultan Mahmud hat aller⸗ dings durch einen Firman auf Conſiskationen Verzicht geleiſtet, aber der Firman Seiner Hoheit macht eine Ausnahme bei unrechtlich erworbenen Reichthuͤ⸗ mern. Ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, was man bei einer ſolchen Ausnahme unter einer Regierung und in einem Lande, wie dieſe hier, noch Alles thun kann. Tritt man in das zweite Thor, ſo ſieht man am Ge⸗ woͤlbe Fahnen und kriegeriſche Trophaͤen aufgehangen. Dieſe Zeichen des Ruhms ſollten den Tuͤrken, die im Serail leben, fuͤr ihre Nation glorreiche Erinnerungen ins Gedaͤchtniß zuruͤckrufen. Aber andere Erinnerun⸗ gen truͤben ihre Gedanken, wenn ſie unter dieſem dun⸗ keln Durchgange das erblicken, was man den Oſchellad⸗ Odaſſi nennt, die Kammer der Henker. Hier nimmt man die Großbeamten, welche ſich die Ungnade des Großherrn zugezogen haben, gefangen und richtet ſie ſogar oft hin. Die Publiciſten haben das Schrecken als die hauptſaͤch⸗ lichſte Triebfeder des Despotismus angegeben; es iſt da⸗ her ſehr natuͤrlich, daß man es in den Zugaͤngen zum Serail findet, und daß es dort in gewiſſer Hinſicht die Stelle des Aufſehers vertritt. Mir alles das bedenkend, was ich uͤber die ottomanniſche Gerechtigkeitspflege ge⸗ hoͤrt habe, ſuche ich den Platz auf, wo die Koͤpfe aus⸗ geſtellt ſind, welche auf Befehl des Sultans oder des Schattens der Gottheit fallen. Man fuͤhrt uns auf dieſe Stelle und vor die aͤußere Mauer des Serails. 342 Da ſtellt man die Koͤpfe und ſelbſt die Leichname derer aus, welche die kaiſerliche Gerechtigkeit getroffen hat. Ein Tſchaus hat den Vorſitz bei dieſen Ausſtellungen, mit einem Stoͤckchen oder weißem Stabe in der Hand. Jeder Kopf hat ſein Yafta oder Ueberſchrift, die Gruͤnde angebend, weshalb er gefallen. Dieſe Yafta ſind ge⸗ woͤhnlich ſehr lakoniſch und beruhen nicht allemal auf beſtimmten Thatſachen. Ich erinnere mich an das von Halet Effendi. Dieſer Guͤnſtling Mahmuds war im Allgemeinen angeklagt, alle Wege des Laſters betreten und ſich mit dem Mantel der Treue und Tugend be⸗ deckt zu haben, um die Muſelmaͤnner zu verderben und zu trennen. Darauf las man wie in einer Nachſchrift: „Dies iſt das Haupt des Treuloſen, der in ſei⸗ ner Verbannung erdroſſelt ward“ Eine auf ſolche Art motivirte Verdammung iſt ſehr oft das ein⸗ zige Aktenſtuͤck, und das tuͤrkiſche Publikum iſt damit zu⸗ frieden, weil es uͤberzeugt iſt, daß diejenigen, welche auf Befehl des Gebieters ſterben, ſtets Unrecht haben und Gott ſie ſelbſt aus dem Buche des Lebens geſtrichen hat! Wenn Koͤpfe von Veziren, Paſchas oder Miniſtern fallen, ſo erzeigt man ihnen die Ehre, ſie auf einem irdenen oder marmornen Pfeiler und in einem hoͤlzernen oder ſilbernen Becken auszuſtellen. M.t weniger Umſtaͤnden behandelt man gemeine Koͤpfe, die manchmal auf einen Pfahl geſteckt, oder auch unordentlich auf die Erde hin⸗ geworfen werden. Alle dieſe Koͤpfe gehoͤren dem Sul⸗ b 343 tan, oder vielmehr dem Oſchellad(Henker). Dieſer uͤberlaͤßt oder verkauft ſie an die Familien der Enthaup⸗ teten, manchmal ſogar an Fremde. Der Kopf des Ali, Paſcha von Janina, ward anfangs von einem Englaͤn⸗ der erhandelt, dann aber an einen Derwiſch verkauft, der ihn unweit des Thors von Selivria begraben ließ. Der Kopf des ungluͤcklichen Halet Effendi, ein Gegen⸗ ſtand der Volkswuth, war ins Meer geworfen wor⸗ den. Man zog ihn aber wieder heraus, um ihn bei den Derwiſchen Mewlewis von Pera aufzubewahren. Dann ward er aus ſeinem Mauſoleo entfuͤhrt, und will man wiſſen, wo er jetzt ruht, ſo muß man die Engel des Grabes fragen. Ich glaubte zu bemerken, daß auf dem zu dieſen fuͤrchterlichen Ausſtellungen beſtimmten Raume Gras zu wachſen anfange. Die Perſonen, welche mich beglei⸗ teten, verſicherten, daß man ſeit mehreren Monaten keine Koͤpfe mehr im Serail ausgeſtellt habe. Man muß Mahmuds Maͤßigung loben. Ungluͤcklicherweiſe iſt aber Maͤßigung das nicht, was in der Tuͤrkei am beſten gelingt. Man muß nicht glauben, daß eine Gerechtigkeitspflege, die uns empoͤrt, auf die Tuͤr⸗ ken denſelben Eindruck hervorbringe. Fuͤrs Erlle trifft ſie nur angeſtellte Perſonen, die, nach dem gewoͤhn⸗ lichen Ausdrucke, das Brot des Sultans eſſen, und, indem ſie in ſeine Dienſte treten, weder Kopf noch Vermoͤgen mehr haben. Die meiſten haben 344 ihren Kredit oder ihre Macht gemißbraucht, und ſind bloß verhaßte Werkzeuge des Despotismus. In dieſem Falle ſchlaͤgt dieſer ſich ſelbſt, und es iſt eine Genug⸗ thuung, die er den Voͤlkern giebt, welche er unterdruͤckt. Dazu muß man noch bedenken, daß die Strenge des Sultans oft durch populaͤre Leidenſchaften geweckt wird. So oft das Volk aufſteht, muß es Koͤpfe haben, ſo daß die Menge ſelbſt faſt immer die Urſache zu den Ge⸗ waltthaten des Machthabers iſt. Und nun ſchreien Sie nicht mehr uͤber die Grauſamkeit und Barbarei der Tuͤrken; denn Sie haben jetzt in Paris auch eine Menge, die auch die Koͤpfe der Miniſter verlangt und deren Freude ſehr groß ſein wuͤrde, wenn ſie einen ganzen koniglichen Staatsrath in einem hoͤlzernen oder ſilber⸗ nen Becken erblicken koͤnnte. Doch jetzt zum Serail zuruͤck. Nach dem zweiten Hofe erblickt man eine dritte Thuͤr, welche man die Pforte der Gluͤckſeligkeit, Bab-us-Scadet, nenut. Jen⸗ ſeits derſelben befinden ſich mehrere Pallaͤſte, der des Sultans, der der Prinzen, den man den Kaͤfig nennt, und der der Haſſekis oder Sultaninnen. Ich ſpreche heute nicht mit Ihnen von jener kaiſerlichen Biblio⸗ thek, einem der Geheimniſſe des Serails, und die noch kein Reiſender zu ſehen bekam. Sie wiſſen, daß man dort noch die Dekaden des Titus Livius und mehrere andre Meiſterwerke zu finden bofft, welche unſre Euro⸗ 345 paͤiſchen Gelehrten verloren gehen ließen und die Tuͤr⸗ ken uns ſorgfaͤltig aufbewahrt haben werden. Wer die Kontraſte liebt, braucht nur ins Serail zu gehn. Auf der einen Seite Barbareien, vor denen die Seele zuruͤckſchaudert, auf der andern ſchoͤne Gaͤrten und der lachende Aufenthalt der Luͤſte. Die Geſchichte hat uns von dem Kunde gegeben, was in den erſten Hoͤ⸗ fen vorgeht; was das Uebrige betrifft, ſo hat man ſich bis jetzt auf die Einbildungskraft der Dichter und Roman⸗ ſchreiber verlaſſen muͤſſen. Doch haben einige Reiſende bis in das Innere der Gaͤrten dringen koͤnnen. Dort haben ſie Alleen von Cypreſſen, Moſaikpflaſter, vergol⸗ dete Gitter, mit Buchsbaum eingefaßte Beete, Treib⸗ haͤuſer, Springbrunnen, den Winterharem, den Som⸗ merharem und den prachtvollen Kiosk geſehen, welchen der Sultan in der ſchoͤnen Jahreszeit bewohnt. Hier erwarten Sie nun wohl eine naͤhere Beſchreibung und zaͤhlen vielleicht auf einige Kapitel aus der chronique scandaleuse. Ich muß Ihnen aber offen geſtehn, daß ich es kaum gewagt habe, mich auch nur nach dem zu erkundigen, was an dieſem Orte vorgeht, den das Schrek⸗ ken umgiebt. Abwechſelnd von der Neugier getrieben und wieder von der Furcht zuruͤckgehalten, konnte ich den Vers eines unſrer großen Dichter auf mich an⸗ wenden: 3 Ich brenne zu erſpaͤhn, und ſcheue mich zu fragen. Bloß dies kann ich Ihnen nach den glaubwuͤrdigſten Nachrichten verſichern, daß ein ſchwediſcher Edelmann*), der ſich in der Huͤtte eines deutſchen Gaͤrtners verſteckt gehalten hatte, vor kurzem drei bis vier Georgierinnen, ſchoͤn wie Huris, geſehen hat, und daß ſie ſich gleich der Galathea des Virgil hinter die Baͤume gefluͤchtet haben, ob ſie es gleich herzlich gewuͤnſcht, geſehen zu werden. Ith will Ihnen auch noch, und ſtets nach den glaubwuͤrdigſten Zeugniſſen, mittheilen, daß ein engli⸗ ſcher Reiſender in dem Sommerharem mehrere Flacons mit Aufſchriften entdeckt hat, auf denen ſtand: Likoͤr von Andaye, Likoͤr von Danzig. Auch ruͤhmt ſich der Doktor Clarke in der Erzaͤhlung ſeiner orientaliſchen Reiſe, ſehr viele Wunder geſehen zu haben, unter an⸗ dern das Schlafzimmer der Odalisken und die gelben Pantoffeln des Groß⸗Sultans. Er hat deshalb ſein Le⸗ ben in Gefahr geſetzt. Was mich betrifft, ſo bin ich nicht ſo neugierig, und wuͤrde daher mich damit begnuͤ⸗ gen, die Gaͤrten des Sultans in den ſchoͤnen Zeichnun⸗ gen von Melling zu erblicken. Ich rathe Ihnen alſo, auch daſſelbe zu thun. Ich glaube recht gern an die Wahrhaftigkeit alles deſſen, was man geſagt hat; aber was man geſagt hat, iſt nicht gerade das, was ich wiſſen *) Alles dieſes iſt von einigen eugliſchen Reiſenden im vollſten Ernſte. verſichert worden. 3⁴⁷ mchte. Ich wuͤnſchte die Sitten und Gebraͤuche des Harems kennen zu lernen, ſeine Eiferſuͤchteleien, die In⸗ triguen, die Leidenſchaften, welche dieſe geheimnißvollen Raͤume beleben. Hoͤchſt wahrſcheinlich wird man nie etwas ganz Beſtimmtes daruͤber erfahren, das Oberhaupt der ſchwarzen Verſchnittenen muͤßte denn einmal tuͤch⸗ tig plaudern, oder einer ſchoͤnen Odaliske es einfallen, Euns Memoiren einer Zeitgenoſſin zu ſchenken. In Konſtantinopel glaubt man allgemein, daß Mahmud anfange des Serails ſatt zu werden, ſo wie deſſen ein⸗ foͤrmiger Freuden. Wenigſtens iſt ſo viel gewiß, daß er manchmal ſein Vergnuͤgen auswaͤrts ſucht. Nachdem wir von der heiligen Sophia und dem Se⸗ rail das geſehen haben, was davon zu ſehen erlaubt iſt, richten wir unſern Weg nach dem Platze des At⸗Mei⸗ dan. Dies iſt der ehemalige Hippodrom, wo oft ein er⸗ regtes Volk der Ruhe des Kaiſerreichs drohte, je nach⸗ dem es fuͤr die Parthie der Gruͤnen oder Blauen ſich entſchied. So ſtaͤhlten ſich, waͤhrend die Vernunft ent⸗ artete und ſich in theologiſche Spitzfuͤndigkeiten verlor, Heroismus und Thatkraft an den Gefechten des Cirkus und dem Wettrennen der Wagen. Sonderbare Nation, die zehn Jahrhunderte lang mit dem Keime einer toͤdt⸗ lichen Krankheit in ſich doch beſtand, und deren Verfall oder vielmehr Todeskampf laͤnger dauerte als ſeine Denk⸗ maͤler von Marmor und Erz! Der Hippodrom hat die Ausdehnung und Geſtalt verloren, die er zu den Zeiten der ——— 348 Griechen beſaß. Dieſer ſo beruͤhmte Platz wimmelte ſonſt von Meiſterwerken der Bildhauerkunſt. Man kann ohne Furcht vor Uebertreibung ſagen, daß er zu den Zeiten des Nicetas mehr Goͤtter und Helden, in Stein gehauen oder aus Bronze gegoſſen, beſaß, als jetzt Ein⸗ wohner. Der groͤßte Theil der Monumente, die den Hippodrom ſchmuͤckten, verſchwand ſchon vor der Erobe⸗ rung der Lateiner 1204. Die bronzenen Statuen des Auguſt und mehrerer andrer Kaiſer, die der Diana, Juno und Pallas, Helena in vollem Glanze ihrer Schoͤn⸗ heit dargeſtellt, Paris, der der Venus den Apfel reichte, viele andre bei den Alten beruͤhmte Meiſterwerke wurden in den Ofen geworfen und in grobe Muͤnzſorten um⸗ geſchmolzen*). So weit ging die Barbarei der Menge von Kreuzfahrern, die aus den ſchoͤnen Landen Frank⸗ reichs und Italiens kamen, wo, nach einem Kontraſte, den allein die Zeit hervorbringen konnte, die Kuͤnſte und die Wunder, welche dieſe bewirken, jetzt der Gegen⸗ ſtand oͤffentlicher Verehrung ſind. Der Platz At⸗Meidan zeigt auf der einen Seite die ſchone Moſchee des Achmed, auf der andern aber bloß 8) Nicetas giebt von allen dieſen Denkmälern, welche den Hippodrom zierten, eine dichteriſche Beſchreibung. In reuzzüge, Theil 3, haben unſrer Bibliothek der K wir ſte angeführt. 349 verfallne Haͤuſer, die ſelbſt nicht elnmal der Ehre ge⸗ nießen, Ruinen zu ſein. Von allen alten, ohnedem dort vorhandenen Denkmaͤlern ſind nur drei uͤbrig geblie⸗ ben. Ich ſpreche zuerſt von dem Obelisken, der durch ein Erdbeben umgeſtuͤrzt und unter Theodoſius*) Re⸗ gierung wieder aufgerichtet ward. Wenn man die auf ſeinen vier Seiten eingegrabenen Hieroglyphen wird entziffern koͤnnen, wird man erfahren, welcher Dynaſtie er angehoͤrte, und ob er die oͤffentlichen Plaͤtze zu The⸗ ben, Memphis oder Hieropolis ſchmuͤckte. Es beſteht derſelbe aber aus zwei ſich deutlich von einander un⸗ terſcheidenden Theilen, und ſtellt uns zugleich den Cha⸗ rakter und das Genie zweier Voͤlker dar. Beim An⸗ blicke dieſes Obelisken, deſſen Maſſe ſehr impoſant iſt, und auf den einige Zeichen eingegraben ſind, die man nicht mehr verſteht, kann man die Groͤße und geheim⸗ nißvolle Weisheit des alten Aegyptens nicht verkennen. Beim Anblick des Fußgeſtelles aber, das mit Trophaͤen und hochtrabenden Inſchriften uͤberhaͤuft iſt, erkennt man eben ſo leicht die Eitelkeit des griechiſchen Kaiſer⸗ *) Peter Gillius. hatte zwei Obelisken in Konſtantino⸗ pel geſehen, einen mitten im Hippodrom, und das iſt der, den wir auch ſahen, den andern aber an der Erde liegend unweit der Wohnung der Sultaninnen. Dieſer letztere ward von einem Venetianer gekauft und ſchmückt nun den St. Stephansplatz in Venedig. 350 reichs wieder. Auf der Baſis der Kolonne iſt der Me⸗ chanismus, durch welchen ihn Proculus wieder aufrich⸗ ten ließ, abgebildet. Hier kann man das Genie des Er⸗ finders bewundern, aber etwas noch Wunderbareres bleibt im Dunkel, wie naͤmlich dieſe⸗ ungeheure, aus Ober⸗ Aegypten oder wenigſtens von Memphis kommende Maſſe den Nil heruntergebracht werden konnte. Wie iſt ſte uͤber den Archipel und die Propontis gelangt? Wie iſt ſie bis auf den Hippodrom gekommen? Das waͤre uns ſehr wiſſenswerth, beſonders jetzt, wo man die Nadeln der Kleopatra oder die Obelisken von Luxor auf einem der oͤffentlichen Plaͤtze von Paris erwartet, und ſich mit der Art und Weiſe beſchaͤftigt, dieſe Granitmaſſen uͤber das mittellaͤndiſche Meer zu bringen. Waͤhrend wir den Obelisken unterſuchen, ſehen wir einige Griechen vom Fanar oder aus Pera voruͤberkom⸗ men, und wir richten einige Fragen uͤber das Denkmal vor unſern Augen an ſie. Keine Antwort. Ich frage einen Papas, zu welcher Zeit der Obelisk aufgerichtet worden?— Zu einer Zeit, wo die Menſchen ſtaͤrker wa⸗ ren, als ſie jetzt ſind.— Das iſt Alles, was ich erfahren konnte. Ich habe oft ſchon dieſe gaͤnzliche Unwiſſenheit der Griechen in ihrer eigenen Geſchichte beklagen muͤſ⸗ ſen. So kommt denn alſo eine Zeit, wo die groͤßten Nationen Truͤmmern gleichen, unter Geſtruͤpp verbor⸗ gen! und jene umgeſtuͤrzten und halbzerſtoͤrten Denk⸗ maͤler haben noch immer den Vorzug, daß ſie von ih⸗ rem Urſprunge und ihrer ehemaligen Herrlichkeit zeu⸗ gen, waͤhrend die Voͤlker, die ihrem Ende nahe ſind, kaum mehr wiſſen, was ſie einſt waren. Die beiden andern Denkmaͤler, die ſich noch im At⸗ Meidan vorfinden, ſind die Schlangenſaͤule und die hi⸗ ſtoriſche Saͤule. Letztere diente dazu, einen der Ziel⸗ punkte des Platzes bei den Wagenrennen zu bezeichnen. Die Geſchichte ſagt uns, daß Konſtantin ſie mit Kupfer⸗ platten beſchlagen ließ. Eine an der Baſis angebrachte griechiſche Inſchrift verglich ſie mit dem beruͤhmten Koloß von Rhodus; Nichts aber bringt den Denkmaͤlern mehr Ungluͤck, als metallne Verzierungen. Dieſe Saͤule bietet jetzt nur eine verunſtaltete Maſſe dar, und droht beim Umfallen die Voruͤbergehenden zu erſchlagen. Was die Schlangenſaͤule betrifft, ſo ſchreibt ſich dieſe vom Tempel zu Delphos her, wo ſie den beruͤhmten goldnen Dreifuß trag, welcher Apollo nach der Schlacht von Plataͤa gewidmet worden war. Den Schaft derſelben, aus drei ſpiralfoͤrmig gewundnen Schlangen beſtehend, uͤberragten noch die Koͤpfe dieſer Gewuͤrme, auf welchen der Dreifuß ruhte. Heut zu Tage erblickt man dieſe Koͤpfe nicht mehr. Die erſte Verſtuͤmmlung dieſes Denk⸗ mals ſchreibt man Mohamet II. zu, der mit ſeiner Streit⸗ art einen dieſer Koͤpfe abſchlug. Was iſt aber aus den beiden andern geworden? Die Geſchichte ſagt uns Nichts daruͤber. Alles, was ich Ihnen mittheilen kann, iſt dies, 8⁵² daß die alten Denkmaͤler des Orients dreierlei Feinde haben, die Zeit, die Tuͤrken und die Liebhaber. Uebrigens ſorgt die Regierung in Stambul nicht im mindeſten fuͤr dieſelben, und die Osmanlis beſuchen all⸗ taͤglich den Hippodrom, ohne weder auf die hiſtoriſche Saͤule, noch auf die Schlangenſaͤule, noch auf den Obe⸗ lisken zu achten. Dieſe Ueberbleibſel des Alterthums haben fuͤr ſie keinen nationellen Werth, Nichts ſpricht zu ihrer Phantaſie oder zu ihrem Patriotismus. Als eine allgemeine Bemerkung kann ich hinzufuͤgen, daß die Tuͤrken auf ihren oͤffentlichen Plaͤtzen nie Denkmaͤler errichten. Sie kennen zur Verzierung ihrer Staͤdte weder Obelisken noch Saͤulen, noch weniger aber Bild⸗ niſſe von Menſchen oder Thieren, aus Metall gepraͤgt oder in Stein gehauen. Nur manchmal ſchmuͤcken ſie die Urne eines Springbrunnens etwas aus, und Denk⸗ maͤler dieſer Art ſind nach den Moſcheen und Marmor⸗ ſaͤulen der Graͤber die einzigen Verzierungen, die man in den Staͤdten des Orients findet. Ehemals uͤberließ ſich die Tuͤrkiſche Jugend der Feier des Dſcherid auf dem Platze des At⸗Meidan. Man ſah dann eine große Menge Zuſchauer dahin kommen, vorzuͤglich Frauen, welche die Schnelle der arabiſchen oder tartariſchen Pferde und die Geſchicklichkeit der jungen Itſch⸗Oglans(Pagen) bewunderten. Seit man aber die militairiſche Disciplin zu verbeſſern angefangen hat, iſt die Uehung des Dſcherid aus der Mode gekom⸗ / 3 men, und wird ganz verſchwinden, ſo wie die Wagenren⸗ nen und Spiele im Cirkus. Man ſieht nur noch die Soldaten der neuen Miliz im At⸗Meidan in Reih' und Glied geſtellt und nach europaͤiſcher Art exereirt. Ehe ich den Hippodrom verlaſſe, muß ich Ihnen noch etwas uͤber die Moſchee des Achmed ſagen. Zuerſt tritt man in einen weiten, mit ſchoͤnen Baͤumen bepflanz⸗ ten Hof. Dieſer Hof iſt ein Durchgang, daher denn die kleinen Kaufleute hier ihre wandernden Buden wie an unſern Kirchthuͤren aufſchlagen; Arme erblickt man aber nicht, denn es iſt nicht erlaubt, zu betteln in der Naͤhe einer Moſchee. Der zweite Hof iſt mit zwei Saͤu⸗ lenreihen umgeben, die aus den Truͤmmern von Epheſus und den alten Staͤdten der Troas ſtammen ſollen. In der Mitte befindet ſich ein marmorner Springbrunnen fuͤr die Abwaſchungen. Wirft man den Blick auf die Kuppeln dieſer aͤußeren Gallerie, ſo erblickt man ganze Schaaren von NRingeltauben, die wie auf Taubenſchlaͤ⸗ gen dort ſitzen, und deren wildes Girren ſich in die Ge⸗ bete der Muſelmaͤnner miſcht. Das Aeußere der Mo⸗ ſchee mit ihren ſechs Minarets, ihren fuͤnf Domen auf Saͤulengaͤngen hat meine Aufmerkſamkeit mehr erregt, als der Tempel der heiligen Sophia. Auch haben mir die arabiſchen Formen dieſes Gebaͤudes mehr mit der maleriſchen Phyſiognomie einer muſelmaͤnniſchen Stadt im Einklange geſchienen. Ich konnte bis in das In⸗ nere gelangen. Der weite Umkreis der Moſchee ſelbſt 15 AN 354 bietet bloß die ernſte und ſtrenge Einfachheit einer lu⸗ theriſchen Kirche dar. Vier ungeheure Pfeiler tragen den Hauptdom. Keine Stuͤhle, keine Baͤnke, keine Al⸗ taͤre. Teppiche und aͤgyptiſche Matten bedecken das Pflaſter des Bodens. An den Waͤnden erblickt man ei⸗ nige Inſchriften in goldnen Buchſtaben. Die farbigen Fenſter laſſen nur ein duͤſteres Licht in den heiligen Raum dringen, aber ſtets brennende Lampen erſetzen die Helle des Sonnenſtrahls. Unweit der Niſche, in wel⸗ cher der Koran liegt, hat man mir rechts die Kanzel gezeigt, von wo aus der Imam das Gebet(Namaz) lei⸗ tet, und links die, wo der Katib das Kutbé, oder Gebet fuͤr den Sultan, ſpricht und alle Freitage eine Predigt haͤlt. Nicht weit davon befindet ſich eine vergitterte Tribuͤne, wo der Großherr den religidſen Feierlichkeiten beiwohnt. In dieſer Moſchee des Achmed hat ſich eine der wichtigſten neuern Begebenheiten ereignet: man hat naͤmlich hier die Fahne des Propheten gegen die aufruͤh⸗ reriſchen Janitſcharen entfaltet, und die Aufhebung die⸗ ſes ſo lange Zeit furchtbaren Corps ward in Gegenwart der Ulemas und des verſammelten Volkes ausgeſprochen. An der Seite dieſer Moſchee ruht die Aſche des Sul⸗ tan Achmed und ſeines Sohnes Osman. Die Tuͤrken beſitzen keinen beſondern Ort fuͤr die Graͤber ihrer Fuͤr⸗ ſten. Der große Soliman, Mahomet II., Baiazet und viele andere Sultane ſind unweit der Moſcheen, welche ſie begruͤndet, begraben worden, und die ſchoͤnſten reli⸗ gidſen Denkmaͤler Stambuls entfalten ihre Pracht ne⸗ 355 ben einem Kaiſergrabe. Ein Imaret, der eine große Menge Armer naͤhrt, iſt mit der Moſchee des Achmed verbunden. So ſteht die Religion den Einrichtungen, welche das Mitleid ſtiftet, vor, und das Haus der Armen iſt gleichſam ein Zubehoͤr zum Hauſe Gottes. Eben dies iſt der Fall bei den dem oͤffentlichen Unterrichte gewid⸗ meten Stiftungen. Jede große Moſchee hat ihre Me⸗ dreſſé oder Schul⸗Anſtalt, ſo wie ihre allen ſtudirenden Perſonen offene Bibliothek. Dem Koran zu Folge ſind Wiſſenſchaften der Gottheit wohlgefaͤllig, und Kenntniſſe uͤber die Menſchheit verbreiten, heißt die Wohlthaten des Schoͤpfers Andern zufließen laſſen. Dieſer Grund⸗ ſatz iſt allerdings bewundernswerth; aber man muß eine buͤrgerliche Geſellſchaft nicht immer nach den Grund⸗ ſaͤtzen beurtheilen, die in ihr ausgeſprochen werden. Nicht weit vom At⸗Meidan und auf dem zweiten Huͤgel erblickt man eine Saͤule, die man ſonſt die Pur⸗ purſaͤule nannte, jetzt aber die verbrannte Saͤule nennt. Eine Menge Buden, die an ihrem Fußgeſtelle ſtehen, hindern die Naͤherung, und dieſe Buden werden bis zum naͤchſten Brande dort ſtehen bleiben. Die ver⸗ brannte Saͤule, welche man aus Rom entfuͤhrte, trug eine ſchoͤne Statue des Apollo, die man nachher zu der des Konſtantin machte.*) In der Mitte des zwoͤlften ⁴) Einige Schriftſteller behaußten, daß der Kopf des Kaiſers mit mehreren heiligen Rägeln, von der Kreuzigung des Heilandes herſtammend, geſchmückt geweſen ſei. 356 Jahrhunderts ward dieſe Statue herabgeworfen und zer⸗ ſchlagen, die Saͤule ſelbſt aber durch ein heftiges Un⸗ wetter umgeſtuͤrzt. Dieſer Zufall ſchien von boͤſer Vor⸗ bedeutung. Zu Zeiten des Heidenthums haͤtte man ihn dem Zorne Apolls zugeſchrieben. Manuel Komnenus ſtellte das wieder her, was der Blitz zerſtoͤrt hatte, und wandte ſich in einer noch erhaltenen Inſchrift an Jeſus Chriſtus, den Gebieter und Beherrſcher der Welt, indem er ihn beſchwor, die Hauptſtadt und das Reich zu ſchuͤtzen. Die verbrannte Saͤule beſteht aus Porphyrſtuͤcken, welche das Feuer geſchwaͤrzt hat, und iſt mit Kreiſen von er⸗ habener Kupfer⸗Arbeit umgeben, welche die Zuſammen⸗ fuͤgungen der Steine verbergen.*) Die kupfernen Kreiſe ſehen wie Ketten aus, und die Saͤule Apollo's iſt mir von weitem wie der Genius der Kunſt erſchienen, den die Barbaren in Feſſeln geſchlagen haben. Konſtan⸗ tinopel beſitzt noch andere Denkmaͤler, oder vielmehr noch andere Ruinen, die fuͤr die Kunſtgeſchichte nicht ohne Intereſſe ſind. Eine dieſer Ruinen iſt die Saͤule des Marcianus. Sie iſt von weißem Marmor, aus einem einzigen Blocke. Fuͤnf und ſiebzig Fuß betraͤgt ihre Hoͤhe. Ihr Kapitaͤl und ihre Baſis ſind ſehr be⸗ ſchaͤdigt. Man bemerkt noch die roͤmiſchen Adler daran⸗ *) Ehemals waren dieſe Steinſugen unter den Ge⸗ Finden des Lorbeers, welcher dem Apollo heilig war, ver⸗ 1 2 ſo wie die faſt erloſchene Abbildung einer Frau, daher die Tuͤrken ſie die Saͤule der Tochter nennen. Sie ſtand ſonſt in einem mit Mauern umgebenen Garten; jetzt ſteht ſie an einem offnen Orte, wo Neſſeln und wilde Malven wachſen. Wir haben auch die Saͤule des Arcadius beſucht, die auf dem Berge Zapolus, dem ehe⸗ maligen Galeerenhafen gegenuͤber, ſteht. Man ſah ſie fuͤr eine Nebenbuhlerin der Saͤulen des Trajan und An⸗ tonin an. Bloß die Baſis davon, welche ungefaͤhr 14 Fuß hoch iſt, iſt uͤbrig geblieben. In ihr befindet ſich eine mit einigen Basreliefs ausgeſchmuͤckte Treppe. An das Piedeſtal lehnt ſich die Huͤtte eines armen Tuͤrken, der von der Neugier der Fremden lebt. Er iſt der ein⸗ zige Bewohner dieſes Viertels, der ſich nicht daruͤber wundert, daß man eine Steinmaſſe oder vielmehr einen unfoͤrmlichen Felſen, dem die Braͤnde ſeinen natuͤrlichen Glanz und ſeine Farbe geraubt haben, betrachtet. Von der Hoͤhe dieſer Truͤmmer aus erblickt man einen ſehr ausgedehnten Horizont. Wir hatten, nach dem Meere von Marmora zu, jene beruͤhmte goldne Pforte vor uns, durch welche die Thriumphatoren einzogen, und das Schloß der ſieben Thuͤrme, welches Peter Grelot die Baſtille Konſtantinopels naunte. Dieſer Reiſende hatte in der Mitte des ſiebenzehnten Jahrhunderts die Saͤule des Arkadius noch aufrecht ſtehend in ihrer ganzen Hoͤhe geſehen. Damals war ſie mit Haͤuſern umgeben, welche den Zugang zu derſelben hinderten; ja, man duldete ſelbſt 358 nicht, daß Chriſten ſie beſuchten. Eines Tages, als ein Reiſender es wagte, ſich oben auf ihr zu zeigen, genuͤgte es an ſeiner Erſcheinung, um die ganze Nachbarſchaft in Aufruhr zu bringen.*) Einige hielten ihn fuͤr die Seele eines griechiſchen Kaiſers, die an die Stelle der Bild⸗ ſaͤule trete, die man ſonſt dort oben erblickt; Andere uͤberredeten ſich, daß man bloß deshalb auf die Spitze der Saͤule geſtiegen ſei, um zu ſehen, was in den Ha⸗ rems vorgehe. Der unvorſichtige Reiſende ward feſtge⸗ nommen und in Mitten einer wuͤthenden Menge zum Unter⸗Baſchi gefuͤhrt, wo er nur durch ein Wunder der Baſtonade entging. Jetzt koͤnnen Reiſende ohne alle Gefahr das ſehen, was noch von dieſem alten Denkmale uͤbrig geblieben iſt; aber die Leichtigkeit dieſer Betrach⸗ tung hat Gleichguͤltigkeit dafuͤr hervorgebracht. Die Zahl der Beſucher nimmt mit jedem Tage ab. Ich bin von der innern Treppe auf dieſelbe Art wieder zuruͤck⸗ gekommen, wie ich hineingegangen war, naͤmlich durch die Huͤtte des armen Muſelmannes. Dieſer beklagte ſich gegen uns, daß gar Niemand mehr ſeine Saͤule ſehen wolle; ſeit drei Monaten habe er nicht ſo viel verdient, um einen Tſchibuk dafuͤr zu rauchen. Seine hoͤlzerne *) Peter Gillius ſagt, er habe ſorgfältig alle Steine im Innern der Säule des Arkadius gemeſſen, aber nicht den Muth gehabt, es auch bei der äußern Seite zu thun, aus Furcht, man möchte ihm den Kopf abſchlagen. 359 Baracke zerſtel in Stuͤcke. Er haͤtte es ſehr gern ge⸗ ſehen, wenn wir uns ſeiner eigenen Truͤmmer erbarmt haͤtten, und die Neugier der Liebhaber ihm geholfen, ſich gegen Regen und Wind zu ſchuͤtzen. Ich haͤtte mir es erſparen koͤnnen, Sie von allen dieſen Ruinen Konſtantinopels zu unterhalten, denn an⸗ dere Reiſende haben ſie ſchon beſchrieben; aber ich glaubte, es werde nicht unnuͤtz ſein, ihren gegenwaͤrtigen Zuſtand zu conſtatiren. Mit jedem Tage veraͤndern ſie ſich und gehen immer mehr zu Grunde. Schon ſind mehrere Denkmaͤler, die man noch im 17ten und 18ten Jahr⸗ hunderte ſah, gaͤnzlich verſchwunden, und die noch jetzt vorhandenen koͤnnen leicht auch ſehr bald verſchwinden, ſo daß ich vielleicht der letzte Reiſende bin, der ſie geſe⸗ hen hat.*) Das iſt alſo das Loos der Werke der Men⸗ *) Petrus Gillius, der Konſtantinopel Anfangs des 17ten Jahrhunderts beſuchte, und Banduri, ein Gelehrter des 18ten, ſprachen von Denkmälern, welche zu ihrer Zeit vorhanden waren und die man nicht mehr ſindet, z. B. von einer Säule auf dem dritten Hügel, die den Namen des Theodoſtus trug, von zwei andern auf dem ſiebenten Hü⸗ gel und der Pyramide der Winde, die auf dem Platze ſtand, den man Forum Pistorium nannte. Dieſe Pyra⸗ mide zeigte auf ihrem Fußgeſtelle Thiere, Pflanzen und Früchte, ſcherzende Amoretten und kleine Kinder, die in eherne Trompeten blieſen; ein eherner Vogel, der ſich ringsum drehte, zeigte die Richtung des Windes an. 360 ſchen. Traurige Gewißheit! Aber der Geiſt der Men⸗ ſchen iſt ſo trefflich geartet, daß er nur die reizende Seite der Dinge erblickt, und ſo findet er, ohne an das zu denken, was die Zeit gaͤnzlich zerſtoͤrt hat, immer noch Mittel, ſich in dem zu bewundern, was uͤbrig blieb. Ich habe geglaubt, theurer Freund, auch Sie ſeien ſo beſchaffen, wie Jedermann, und habe Ihnen daher das Vergnuͤgen der Truͤmmer verſchaffen wollen, ſo lange es noch Zeit dazu iſt. Ich habe die alten Ciſternen von Byzanz nicht geſe⸗ hen. Die meiſten ſind ausgefuͤllt. In der, welche die Tuͤrken die der tauſend Saͤulen nennen, befindet ſich jetzt eine Seidenſpinnerei. Die Hauptſtadt wird nur noch durch die Waſſerleitungen mit Waſſer verſehen, welche dieſes von Belgrad und Pyrgos herbeifuͤhren. Die Osmanlis haben die Waſſerleitungen der griechi⸗ ſchen Kaiſer nicht nur erhalten, ſondern deren auch neue erbaut. Unweit des krummen Thores(Egricapu) habe ich den Hauptbehaͤlter geſehen, in dem das Waſſer ſich ſammelt, und von wo aus es in die Viertel ſich ver⸗ theilt. Es giebt keine große Moſchee, die nicht auch ih⸗ ren Behaͤlter mit lebendigem Waſſer habe, keine Straße ohne Springbrunnen. An welchem Orte der Stadt ſich auch ein Muſelmann befinden moͤge, ſo kann er ſeinen Durſt loͤſchen oder den Schmutz von ſeinem Koͤrper und Kleide waſchen. Oft haͤngt ſogar eine eiſerne, kupferne oder hoͤlzerne Taſſe mit einer Kette an dem Marmor eines 361 eines Brunnens, zur Bequemlichkeit der Voruͤbergehen⸗ den. In den Augen der Tuͤrken iſt das Waſſer eine der groͤßten Wohlthaten Gottes, und ihre Mildthaͤtigkeit richtet es ſo ein, daß dieſes Gut nirgends und Niemand fehle. Ein Reiſender darf auch die Thuͤrme und aͤußeren Mauern von Byjzanz nicht vergeſſen; dieſe Mauern, de⸗ nen Nicetas vorwarf, daß ſie nach der Eroberung der Lateiner noch ſtehen geblieben, umgeben jetzt ſelbſt noch in ihren Truͤmmern die ganze Stadt. Ich habe ſie mehr als einmal beſucht, um zu erforſchen, von welchem Punkte aus die Sarazenen, Kreuzfahrer und Tuͤrken die Stadt angegriffen hatten. Was noch von griechiſchen Befeſtigungen uͤbrig, bietet, beſonders vom Lande aus geſehen, ſehr maleriſche Anſichten. Hier windet ſich der friſche Epheu um die Mauern und bedeckt ſie mit einem gruͤnen Teppich, weiterhin machen ſich Pflanzen und Geſtraͤuche durch die Steinluͤcken Raum, und die reichſte Vegetation ſtroͤmt aus den Seiten einer zertruͤmmerten Mauer. Wir haben auf der Spitze der Thuͤrme Baͤume mit rothen Fruͤchten, faſt ſo groß wie unſere Orangen⸗ haͤume in den Tuilerien, erblickt. Auf einem unſerer Spaziergaͤnge habe ich treffliche Feigen im Eingange zu einer Breſche gepfluͤckt, die durch die Kanonen Maho⸗ mets II. gemacht worden ſein ſoll. Mehrere Thore der Stadt haben noch Inſchriften zu Ehren der Kaiſer, die ſie erbauten. Die Zeit hat den Stein zerfreſſen oder die IV... 16 Eiſenplatte benagt, auf welcher ſie eingegraben waren. Seit ihrer Eroberung haben die Tuͤrken ſich nicht an die Mauern von Byzanz gemacht. Im vergangenen Jahre 1829 iſt es ihnen nicht eingefallen, auch nur einen Stein davon anzuruͤhren, um ſich gegen die Ruſſen in Vertheidigungsſtand zu ſetzen. Was ſie auch dazu bewo⸗ gen haben moͤge, ſo muß man ihnen danken, daß ſie ſo ſchoͤne Ruinen geehrt und ſie uns ſo gelaſſen haben, wie die Zeit ſie ſchuf.. Indem ich die Ueberreſte des alten Byzanz beſuche, befrage ich manchmal die Erinnerungen unſerer alten Chronikenſchreiber der heiligen Kriege, und freue mich, wenn ich in ihren Berichten die naive Bewunderung vergangener Zeiten wiederfinde. Mehrere von ihnen hatten die Kaiſerſtadt geſehen, als ſie nach Jeruſalem zogen. Sie ſollen ſelbſt den Enthuſiasmus beurtheilen lernen, den ein fuͤr ſie ſo neues Schauſpiel in ihnen er⸗ regte.„O! welche große und ſchoͤne Stadt!“ rief Fou⸗ cher von Chartres aus;„Welche Kloͤſter und Pallaͤſte! Welche wundervolle Dinge auf den oͤffentlichen Plaͤtzen und den Straßen! Villehardouin zeigt nicht minde⸗ res Staunen.„Diejenigen, die ſie noch nicht geſehen hatten,“ ſchreibt er,„betrachteten nun dieſe prachtvolle Stadt und konnten ſich nicht uͤberzeugen, daß es in der ganzen Welt noch eine ſo reiche und ſchoͤne gebe; vor⸗ zuͤglich als ſie deren hohe Mauern erblickten und die ſchoͤnen Thuͤrme, mit welchen ſie rings umher umgeben 363 und befeſtigt iſt, und ihre prachtvollen und koͤſtlichen Pallaͤſte und ihre herrlichen Kirchen, deren ſo viele wa⸗ ren, daß man es ſich kaum vorſtellen konnte, haͤtte man s nicht mit Augen geſehen.“ Weiter kann man die Be⸗ wunderung nicht treiben. Wahrſcheinlich urtheilten un⸗ ſere beiden Chronikenſchreiber ſo uͤber Konſtantinopel im Vergleich zu den Staͤdten des Abendlandes, und es miſchte ſich nicht wenig Unwiſſenheit in ihr Staunen. Ich bedaure nur allemal, daß ſie uns bloß ihre Ver⸗ wunderung ausdruͤckten, und ihre Berichte nur ſchwan⸗ kende und unvollſtaͤndige Notizen uͤber jene Wunder, die ihnen vor Augen lagen, enthalten. Odon von Deuil, der Ludwig VII. auf dem zweiten Kreuzzuge begleitete, ſpricht als aufgeklaͤrterer Beobachter von Byzanz. Er theilt den Enthuſiasmus der meiſten Pilgrimme, ver⸗ nachlaͤſſigt es aber nicht, das, was er ſah, etwas genauer zu beſchreiben. Nur in ſeinen Berichten findet man die Hauptſtadt der Griechen ſo wieder, wie ſie die Kreuz⸗ fahrer erblickten.„Konſtantinopel,“ erzaͤhlt er,„der Stolz der Griechen, reich durch Ruhm und das, was ſie in ſich ſchließt, hat die Geſtalt eines Dreiecks. Im innern Winkel liegt die Sophienkirche und der Pallaſt Konſtantins. Die Stadt iſt von zwei Seiten mit Meer umgeben. Gelangt man zu ihr, ſo hat man rechts den Arm des heiligen Georg und links den Hafen oder das goldne Horn, der ſich faſt vier Meilen weit erſtreckt. Im Hintergrunde iſt der Pallaſt, den man die Blaquernen 3 16* 364 nennt. Er iſt auf niedrigem Boden erbaut und zeichnet ſich durch ſeine Pracht, ſeine Architektur und ſeine Hoͤhe aus. Nach drei Weltgegenden zu gelegen, bietet er ſei⸗ nen Bewohnern den dreifachen Anblick des Meeres, der Umgegend und der Stadt dar. Ueberall glaͤnzt Gold darin, und miſcht ſich mit Tauſenden von Farben. Alles iſt mit Marmor getaͤfelt. Auf der dritten Seite des Dreiecks der Stadt ſieht man das feſte Land. Dieſe Seite iſt durch eine mit Thuͤrmen verſehene Mauer be⸗ feſtigt, die ſich vom Meere an bis zum Pallaſte, zwei Meilen lang, erſtreckt. An mehreren Orten fehlt es der Stadt an Luftzug. Die Reichen, welche die Straßen mit Gebaͤuden bedecken, uͤberlaſſen den Armen und Fremden ſomit die uͤblen Geruͤche und die Dunkelheit. Da fallen denn Diebſtaͤhle, Mordthaten und andere Verbrechen vor, welche die Finſterniß beguͤnſtigt. Da man in dieſer Stadt ohne alle Gerechtigkeitspflege lebt, indem ſie faſt eben ſo viele Herren als Reiche und eben ſo viele Diebe als Arme hat, kennen die Gottloſen we⸗ der Furcht noch Schaam. Das Verbrechen wird durch kein Geſetz beſtraft, und gelangt zu Niemandes Kennt⸗ niß. Dieſe Stadt thut ſich in Allem hervor. Sie uͤber⸗ trifft alle andere an Reichthuͤmern, aber ſie uͤbertrifft ſie auch an Laſtern.“ An einer andern Stelle ſeines Werkes kommt der Almoſenier Ludwigs VII. auf Konſtantinopel zuruͤck, von dem er nicht laſſen kann.„Konſtantinopel,“ ſagt er, 365 „ſtolz durch ſeinen truͤgeriſchen Reichthum, verdorben und treulos, hat eben ſo ſehr fuͤr ſeine Schaͤtze zu fuͤrch⸗ ten, als es ſelbſt durch ſeine Untreue und Treubruͤche furchtbar iſt. Ohne dieſe Verderbniß koͤnnte man es allen andern Orten, wegen der gemaͤßigten Luft, der Fruchtbarkeit ſeines Bodens und dem bequemen Durch⸗ gange, den es zur Verbreitung des Glaubens darbietet, vorziehen. Der Meer⸗Arm des heiligen Georg, der es beſpuͤlt, gleicht durch das Salz ſeines Waſſers und den Reichthum an Fiſchen einem Meere, durch die Leichtig⸗ keit, ihn 7⸗ bis 8mal an einem Tage zu uͤberſchiffen, einem Fluſſe.“ Es iſt unmoͤglich, zu gleicher Zeit mehr Bewunde⸗ rung fuͤr die Stadt Konſtantins und mehr Widerwillen gegen ihre Bewohner auszudruͤcken. Doch koͤnnen wir annehmen, daß es dieſer Beſchreibung des Odon von Deuil im 12ten Jahrhunderte nicht an Wahrheit fehlte. Aber welche Veraͤnderungen ſeitdem! Koͤnnte Odon von Deuil Konſtantinopel ſo wiederſehen, wie es jetzt iſt, koͤnnte er mit uns die Straßen und oͤffentlichen Plaͤtze von Stambul durchſchreiten, ſo wuͤrde er faſt Nichts mehr von alle dem finden, was ſeine Blicke erfreute oder ſelbſt was ſie bekraͤnkte. Stellen Sie ſich das Staunen des Moͤnchs von Saint⸗Denis vor, ſtellen Sie ſich ſei⸗ nen Schmerz vor, wenn er nun uͤberall Minarets und Moſcheen ſtatt der den Heiligen und der Jungfrau Maria geweihten Tempel faͤnde, und den Pallaſt und 366 Harem eines Sultans in dem innern Winkel ekblickt, wo ſonſt der Clerus der heiligen Sophia heimiſch war. Da, wo ſich der prachtvolle Pallaſt Konſtantins, das Bu⸗ coleon, die Blaquernen erhuben, wuͤrde der Geſchicht⸗ ſchreiber des zweiten Kreuzzuges nur Huͤtten, hoͤlzerne Haͤuſer und einige große Wohnungen ſchauen, welche die Tuͤrken Seſai oder Konak nennen, und deren kahle Waͤnde, vergitterte Fenſter und einſame Hoͤfe beim er⸗ ſten Anblicke das Aeußere eines Kloſters oder Gefaͤng⸗ niſſes darbieten. Zur Zeit der Kreuzzuͤge ſah man noch nicht jene Cypreſſenhaine, welche die Muſelmaͤnner den Graͤbern gewidmet haben, und die innerhalb und außer⸗ halb der Stadt uͤberall die Begraͤbniſſe der Todten uͤber⸗ ſchatten. Auch kannten die Griechen der damaligen Zeit eben ſo wenig jene reichen Bazars, welche eine der Hauptzierden der gegenwaͤrtigen Stadt ſind. Der ſchoͤne Huͤgel von Pera, der uns jetzt wie eine andere Stadt angehoͤrt, war im Mittelalter mit Feigen⸗ und Wein⸗ gaͤrten bedeckt. Die breiten Graͤben der Stadt, durch einen langen Frieden geſchirmt, waren Gaͤrten, in welchen alle Arten von Pflanzen und Gemuͤſen wuch⸗ ſen, und in denen die Kaiſer wilde Thiere unter⸗ hielten. Die Hauptſtadt der Osmanlis bietet nicht mehr iene ſonderbaren Bauwerke dar, welche gewiſſe Gaſſen mit einem duͤſtern Gewoͤlbe bedeckten, und ſie in unter⸗ irdiſche Gallerien umwandelten. Nicht mehr findet man in Stambul weder jene Pracht der Großen, noch jene 367 Ausgelaſſenheit des Poͤbels, wovon der Almoſenier Lud⸗ wigs VII. uns ein ſo belebtes Bild entwirft. Es herrſcht dort ein andrer Luxus, eine andre Verdorbenheit, eine andre Geſellſchaft; es giebt dort andre Arme und andre Reiche, andres Elend und andre Unordnungen, andre Tugenden und andre Laſter. Um die Vergleichung der verſchiedenen Zeitalter Konſtantinopels in Eins zu faſſen, brauche ich Ihnen bloß zu ſagen, daß Haͤuſer, oͤffentliche Gebaͤude, Straßen, Regierung, Religion, Volk, kurz Alles, veraͤndert iſt. Ein Reiſender aus fruͤhern Zeit⸗ altern wuͤrde in der Kaiſerſtadt nur noch deren geogra⸗ phiſche Lage und ihre dreieckige Geſtaltung, nur ihre reizenden Gegenden und die Schoͤnheit ihres Klima's, nur jenes goldne Horn, das einem Meere gleicht und jene Enge des heiligen Georg, die einem großen Fluſſe aͤhnlich iſt, wiederfinden. Ich will alſo nicht laͤnger bei dem verweilen, was uns von dem alten Byzanz noch uͤbrig iſt, denn ich hege die Abſicht, Sie die Stadt kennen zu lehren, wie ſie heut zu Tage ſich darſtellt. Ich will alſo mit Ihnen nicht die Revolutionen vergangener Zeiten, ſondern die, welche in dieſen Tagen vorfielen, und die ſich noch fuͤr die Zukunft vorbereiten, ſtudiren. Laſſen wir die Poeſie der alten Ruinen, die antiken Inſchriften und Medaillen bei Seite, um die gleichzeitigen Denkmaͤler und leben⸗ den Medaillen zu betrachten, das heißt, die Geſetze, die Charaktere und die Phyſiognomieen der gegenwaͤrtigen * 368 — Zett. So will ich denn von nun an meine Studien auf das uͤbertragen, was lebt und athmet, und nicht auf das, was todt iſt und nicht wieder erſtehen kann. Sie koͤnnen, wenn Sie ſonſt wollen, die alte Stadt des Konſtantin oder die Stadt der Caͤſare im Banduri, im Ducange und vorzuͤglich im Peter Gillius, der weit mehr daruͤber weiß als ich, nachſehen. In meinen naͤch⸗ ſten Briefen will ich mit Ihnen bloß von der Stadt der Sultane und der Bevoͤlkerung, welche dieſe gegenwaͤrtig bewohnt, ſprechen. M. Nachſchrift. Waͤhrend ich dieſe fuͤr Sie entwor⸗ fene Beſchreibung endigte, erhielt ich Ihren Brief vom 10. Auguſt, in welchem Sie von den neueſten Begeben⸗ heiten in Paris ſchreiben. Man muß eingeſtehen, daß Ihre revolutionairen Partheien ſchneller gehen, als die Zeit ſelbſt. Sie haben ſchon in einigen Wochen mehr Ruinen hervorgebracht, als ich deren noch im Orient geſehen habe. Was Sie mir ſchreiben und was ich hier ſehe, macht mich mit dem traurigen Gedanken vertraut, daß unter der Sonne Alles enden muß, Voͤlker, Staͤdte und Reiche. Ich wende meine Zeit dazu an, die alten Tempel und ehemaligen Pallaͤſte von Byzanz aufzuſuchen. Es wird eine Zeit kommen, wo die aus fernen Laͤndern anlangenden Reiſenden eben ſo in der Hauptſtadt Frank⸗ reichs die Tuilerien und das Louvre ſuchen werden. Die Truͤmmer des griechiſchen Kaiſerreichs ſind die Beute der Tuͤrken geworden. Wer werden die Barbaren ſein, 369 die eines Tages kommen und unſre Stelle auf dem Gebiete der Gallier einnehmen werden? Sie, der Sie Paris, wie es jetzt iſt, ſo genau kennen, erzeigen Sie mir doch die Gefaͤlligkeit, mir ein wenig von der Geſchichte unſrer kuͤnftigen Ruinen zu erzaͤhlen, und ſagen Sie mir, was eines Tages von der Kirche Notre Dame, vom Dome der Invaliden, von der Colonne auf dem Ven⸗ dome⸗Platze, von der Reiter⸗Statue Heinrichs IV. u. ſ. w. uͤbrig bleiben wird. Ich bezeichne Ihnen keinen Zeit⸗ punkt fuͤr Ihre Vorausſagungen; ich weiß, daß Revolu⸗ tionen ſtets ſehr beeilt ſind, zu zerſtoͤren, und gleich dem Attila des Corneille nicht gern lange warten. Aber dennoch halte ich es fuͤr klug, wenn man von der Zu⸗ kunft ſpricht, etwas Zeit ſich zu goͤnnen, denn man muß die guten Leutchen nicht erſchrecken, und ſich keinem Dementi ausſetzen. Michaud. Paris. An Herrn Michaud. Am 20. Februar 1831. Ich habe meine Antwort verzoͤgert, lieber Freund: Sie muͤſſen aber deshalb nicht boͤſe ſein, denn ich war in der That ungemein beſchaͤftigt. Seit der Ankunft 370 Ihres Briefes mußte ich drei bis vier Auflaͤufe((meu- tes) mit abwarten, und ich kann Ihnen verſichern, daß das viel Zeit wegnimmt. Vor Allem muß ich Ihnen aber doch ſagen, was wir jetzt unter einem Auflaufe ver⸗ ſtehen, denn Ihre Erinnerungen koͤnnten Sie daruͤber leicht irrefuͤhr»en. Sie wiſſen allerdings, was eine In⸗ ſurrektion, ein revolutionairer Tag iſt, der Sieg und die Oberherrſchaft mit Gewalt von einer Parthei auf eine andere, durch einen Handſtreich, einen Aufſtand der Volksmaſſe, uͤbertragen; eine kurze und belebte Tragoͤdie, die ſich, wie ein modernes Drama, mitt einer Schaffot⸗ ſcene endet. Deshalb aber koͤnnten Sie ſich nun leicht fuͤr uns mit aͤngſtlicher Sorge in Unkoſten ſetzen, die doch ganz unnoͤthig waͤre. Die Bewegung, von welcher wir jetzt umgetrieben werden, iſt nicht von dieſer hefti⸗ gen, ſtuͤrmiſchen, blutduͤrſtigen Art, die durch Tumult und Schrecken ihrem Ziele entgegen geht. Man findet ſie jetzt ſchon vollkommen fertig, ſie haͤlt ſich an den Thorſchwellen und den Eingaͤngen der Alleen auf, draͤngt ſich in die Gruppen, wo man Neuigkeiten mittheilt, ſchlendert laͤngs den Quai's hin, wo arbeitloſe Ar⸗ beiter Charlatans anhoͤren und andere Taſchenſpie⸗ lern zuſchen, und ſchreit Ach und Weh im Palais⸗ Royal, wenn ſie aus der Tabakskneipe kommt. Iſt ſie aber einmal uͤber das Straßenpflaſter ausgebreitet, mit Allem, was an Koͤpfen, Beinen und Armen dazu gehoͤrt, um einen Auflauf zu machen und die drei Aufforderun⸗ 371 gen der Polizei zu verdienen, ſo weiß ſie nicht mehr, an wen ſie ſich halten ſoll. Sie geht nicht gerade aus, auf ein beſtimmtes Ziel los, indem ſie die Menge mit ſich fortreißt und die Hinderniſſe beſiegt, ſondern ſie dreht ſich bloß um die Soldaten herum, noͤthigt dieſe zu ſteten Schwenkungen, und wenn ſie die Patrouillen ſattſam muͤde gemacht hat, legt ſie ſich ſchlafen. Das kommt daher, weil unſer Auflauf allerdings den Inſtinkt der Verwirrung und Unruhe, aber nicht die Leidenſchaft dazu hat. Nichts und Niemand iſt fuͤr ihn die bezeichnete Beute oder das Opfer, Nichts und Nie⸗ mand iſt fuͤr ihn der Gegenſtand einer gluͤhenden Zu⸗ neigung, des Enthuſiasmus, des Vertrauens. Er ver⸗ ſteht zu ſagen:„Nieder mit Dem!“ aber nie ſagt er: „Hoch lebe Der! Er haßt nur ſchwach, liebt aber nicht im mindeſten. Er langweilt ſich, wird verdruͤßlich, wei⸗ ter nichts. Wer einen ſeiner Zufaͤlle geſehen hat, kennt ſie alle. Ort, Gelegenheit, Vorwand des erſten Zuſam⸗ menlaufens kann verſchieden ſein, die Folgen ſehen ſich ſtets gleich. Sobald ein Zank, ein Ereigniß ein Zufall den Punkt der Stadt bezeichnet hat, wohin ſich die ganze Volksmaſſe verfuͤgen ſoll, ſobald jene Worte, die eine magiſche Hinreißung beſitzen, und deren Commentar Je⸗ der uͤbernimmt:„Es giebt irgendwo Etwas!“ ſich von Gewoͤlbe zu Gewoͤlbe, von Portier zu Portier mitgetheilt und ſchnell alle Etagen jedes Hauſes erſtiegen haben, wenn zu noch groͤßerer Aufforderung der Appell der Buͤr⸗ ¹ 372 germiliz die Bewohner des Viertels betaͤubt und die Kranken erſchreckt, ſo ſehen Sie in einem Augenblicke die Straßen ſich wie die Zugaͤnge zu einem Ameiſen⸗ haufen mit langen ſchwarzen Faͤden fuͤllen, die ſich alle nach derſelben Gegend hin richten. Wir ſind jetzt bei dem erſten Tage; denn regelmaͤßig hat jeder Auflauf de⸗ ren drei. Dies iſt eine dankbare Erinnerung an die Revolution, die ihn entfeſſelt hat. Auch wagen ſich die furchtſamen Leutchen noch nicht heraus. Wer beſchaͤftigt iſt, beeilt ſich, ſeine Arbeit zu Ende zu bringen; die Frauen laſſen die Kinder hereinkommen und bitten ihre Maͤnner, ja nicht auf die laͤrmende Einladung des Tam⸗ bours zu hoͤren. Die Gruppen, welche dem Orte des Tumults zueilen, beſtehen aus den lebendigſten und kuͤhn⸗ ſten Neugierigen und einer großen Menge von National⸗ Garden, die, ehe ſie ihre Flinten nehmen, um den Zu ſammenlauf zu zerſtreuen, erſt durch ihre eigne Perſon dazu mit beitragen. Wenn nun Jedermann von weitem den Federbuſch des National⸗Gardiſten oder Dragoners erblickt hat, ſo entſteht unter den Maſſen eine Bewe⸗ gung der Freude und ein Verdoppeln der Schnelle. Richts iſt in der That anziehender, als der Gendarme, unter welchem Namen man ihn auch verſtecken moͤge, welche Uniform man ihm auch anziehe. Der Gendarme ruft die Menge erſt herbei. Wenn die komiſche Oper ſo oft geſchloſſen werden mußte, ſo kam dies daher, weil ſie Erſparniſſe an dem Dienſt⸗Piket machen wollte. Mit * . zwanzig Gendarmen in der Straße Richelien wollte ich mich anheiſchig machen, hundert Perſonen ſogar ins Parterre des Theatre Français zu bringen, um eine Tragodie mit anzuhoͤren. Das verſteht auch die Regie⸗ rung ſehr wohl, darum geizt ſie nicht mit den Truppen. Dieſer Haufe von Menſchen, der kukt, der durchaus Etwas ſehen will, der verlangt, ſich nicht umſonſt inkom⸗ modirt zu haben, der ſich oͤffnet, um die Soldaten durch⸗ paſſiren zu laſſen und ſich dann wieder in ihre Fußtapfen nachſtuͤrzt: Alles das bildet ein tuͤchtiges Zuſammenlaufen, das man bald wieder ruͤckwaͤrtsdraͤngen, zertheilen, ab⸗ ſondern, zerſtreuen muß, was dann wieder Gelegenheit zu Klagen, Redensarten, Widerſtand und endlich zu Ar⸗ reſtationen giebt. Die Schlafſtunde bewirkt zuletzt das, was die Aufrufungen nicht haben durchſetzen koͤnnen, denn der Auflauf bleibt nicht wach. Am folgenden Mor⸗ gen begiebt ſich nach den Nachrichten, die ſich bei guter Zeit an den Straßenecken, bei den Weinſchaͤnken, den Peruͤckenmachern, den Baͤckern verbreitet haben, eine noch zehnmal ſtaͤrkere Menſchenmenge als geſtern dahin, wo die Scenen der Unordnung vorgefallen ſind. Moͤge immerhin dieſer Ort ganz unbedenklich ſein, in gar kei⸗ nem Zuſammenhange mit den Urſachen der gewoͤhnlichen Aufregungen ſtehn; mag es das Thor Saint⸗Denis, die Wechslerbruͤcke, das Boulevard Montmartre, der Boͤr⸗ ſenplatz ſein; man muß nun einmal dahin gehen, da wird man etwas Neues hoͤren, wird etwas Naͤheres er⸗ 374 fahren, wird das Pflaſter anſehn, als ob ein Paar Sa⸗ menköoͤrnchen der erſten Aufregung dort niedergefallen waͤren. Wenn nun vollends die Polizei noch eine Pro⸗ klamation anſchlagen laͤßt, welche die guten Buͤrger er⸗ ſucht, fein zu Hauſe zu bleiben, ſo iſt kein Menſch mehr zuruͤckzuhalten. Die ganze Stadt iſt auf der Straße: es bildet ſich ein Zuſammenlauf vor jedem Anſchlage, der den Zuſammenlauf verbietet. Dann wuͤrde der Auf⸗ lauf ernſthaft werden, wenn es etwas Ernſthaftes in den Leidenſchaften gaͤbe, wenn die Koͤpfe eines kraͤftigen Entſchluſſes faͤhig waͤren. Der allgemeine Allarm, die Bewegung der ganzen Volksmaſſe macht nun einige Uebelthaͤter ſo keck, daß ſie ſich des dritten Tages be⸗ maͤchtigen wollen. Aber dieſer gehoͤrt von Rechtswegen dem Triumphe der Behoͤrden zu. Vom fruͤhen Morgen an entfaltet ſich der ganze Luxus der Militair Macht in Schwadronen, die anſprengen, oder in geſchloſſenen Li⸗ nien des Fußvolks. Muͤde nunmehr, acht und vierzig Stunden lang Nichts verkauft zu haben, und doch noch außer Stande, zu ihren Geſchaͤften zuruͤckzukehren, er⸗ greifen alle Buͤrger⸗Soldaten ohne Ausnahme die Waf⸗ fen. Es iſt eben ſo gut, Patrouillen zu machen, ſagen ſie, als mit untergeſchlagenen Armen in ihren verſchloſ⸗ ſenen Gewoͤlben, in ihren belagerten Haͤuſern zu ſitzen. Die durch irgend ein gefaͤlliges Journal geſchickterweiſe in umlauf gebrachte Nachricht von einem gepluͤnderten Waarengewoͤlbe, einem in Stuͤcke zerſchlagenen Omni⸗ 375 bus, verbreitet Unwillen durch jeden Rang der Buͤrger⸗ Miliz. Die Neugier wird falſch geleitet: es werden hier und da einige Puͤffe ausgetheilt, und aus dem Auflaufe wird ein Davonlaufen. Am Tage darauf fangen alle Geſchaͤfte, alle Vergnuͤgungen ihren Lauf nur um ſo thaͤtiger wieder an, gleich als wollten ſie das Verſaͤumte wieder einholen; ſelbſt in den Nouveauté's findet man Zuſchauer, und es bleiben von der ganzen Unruhe nur ein paar junge Leute uͤbrig, die uͤberlaut im Gefaͤng⸗ niſſe lachen und ſingen, vollkommen uͤberzeugt, daß ſie vorm Aſſiſenhofe, ſelbſt von der Patrouille, die ſie arre⸗ tirte, werden freigeſprochen werden. Ich habe es vielleicht ein wenig zu ſehr vergeſſen, daß ich mich bei Ihnen bloß meines langen Stillſchwei⸗ gens wegen entſchuldigen wollte, und mich mit einigem Wohlgefallen dazu hingab, Ihnen den Hauptzug unſrer Lage in ſeinem wahren Lichte darzuſtellen. Denn ich kann es nun einmal nicht leugnen: der Auflauf iſt un⸗ ſre wichtige Angelegenheit, er iſt das ſtets ſich erneuende und faſt periodiſche Symptom der chroniſchen Krankheit, die wir durch die neueſten Veraͤnderungen bekommen haben. Zeigt nun auch die haͤufige Wiederkehr dieſer kleinen Kriſen nicht die vortrefflichſte Geſundheit an, ſo fuͤhlt man ſich doch noch gluͤcklich dabei, an ihnen nicht jenen Charakter der Gewaltſamkeit zu bemerken, der das Leben eines Volkes, wie das eines Einzelnen in Gefahr ſetzt, und dann unterbricht doch auch ſo Etwas die Einfoͤrmigkeit eines Zuſtandes, der nicht geradezu gluͤcklich iſt; es zerſtreut die Gedanken an die Zukunft, es haͤlt vorzuͤglich in Athem, und iſt, genau betrachtet, vielleicht das, was man jetzt noch am beſten haben kann. Doch muß man nicht glauben, daß der Auflauf in ſeinen Folgen ſtets unſchuldig ſei. Er bringt auch Zer⸗ ſtͤrungen hervor, wie bei Ihren Tuͤrken, und beſſer als die Zeit. Und dies fuͤhrt mich direkt wieder auf Ihren Brief zuruͤck. Sie verlangen Ruinen von mir, Sie geben mir ſo viel Zeit, wie ich nur begehren will, um welche fuͤr Sie in Paris aufzufinden, und da habe ich unter meinen Augen ſchon ganz neue, die ſich erſt von geſtern herſchreiben, aber ſo vollſtaͤndig, ſo vollen⸗ det, daß die große Zerſtoͤrerin menſchlicher Dinge dieſes⸗ mal auf die Menſchen ſelbſt eiferſuͤchtig ſein koͤnnte. Der Anblick der Alterthuͤmer⸗ unter denen Sie ſich um⸗ hertreiben, hat Sie jene alte Kirche Saint⸗Germain Auxerrois nicht vergeſſen laſſen, welche Childebert und ſeine Ultrogothiſche Gemahlin gruͤndeten, und die ſchon einmal in ſo fruͤher Zeit zerſtoͤrt ward, daß das Datum ihrer Wiederherſtellung ungewiß geblieben iſt, zerſtoͤrt ward durch Feinde, durch Sieger, durch Barbaren, aus⸗ geſchmuͤckt aber in einer Reihenfolge von neun Jahr⸗ hunderten durch die Froͤmmigkeit der franzoͤſiſchen Koͤ⸗ nige, die zu ihrer Parochie gehoͤrten, die in ihrem Por⸗ tale und innern Raume faſt die ganze Geſchichte der Kunſt ſeit ihren einfachſten Schoͤpfungen bis zu ihren 377 eigenſinnigſten Schnörkeleien darbietet; uͤberdies mit ho⸗ hen Verſtorbenen bevoͤlkert, die ſich unter dieſen Stei⸗ nen, denen der Volkszorn die Gebeine Concini's wieder entriſſen hatte, in Sicherheit glaubten. Nun denn! eine Nacht der Verwuͤſtung iſt uͤber dieſe alte Baſilika da⸗ hingegangen, und es ſind nur noch die Mauern von ihr ſtehen geblieben. Die Normannen unſrer Zeit beſorgen ihre Geſchaͤfte ſchnell: zwiſchen zwei Appels der Natio⸗ nalgarde machen ſie einen Tempel ſo kahl, wie ihn die Verwuͤſtungen mehrerer Jahrhunderte oder die fanatiſche Invaſion eines fremden Glaubens nicht wuͤrden machen können. Das iſt viel ſchlimmer, wie es mir ſcheint, als die Kirchen in Moſcheen umzuwandeln; denn bei einer Veraͤnderung des Kultus bleibt doch noch das religioͤſe Gefuͤhl beſtehen, und beſchaͤftigt ſich ſogleich mit der materiellen Wiederherſtellung. Was kann man aber heut zu Tage mit einem zum Beten beſtimmten Orte anfan⸗ gen, als ihn zerſtoͤren? Die Religion des Propheten hat die heilige Sophienkirche dem Andenken der Chriſten er⸗ halten. Bei uns hat ſich keine Ketzerei, kein Schisma, kein Aberglaube gefunden, der ſich der Kirche Saint Germain haͤtte bemaͤchtigen wollen. Die Gotter fehlen, um die Altaͤre zu fuͤllen. In Ermangelung eines beſ⸗ ſern hat man in dieſer das Bild einer Mairie aufge⸗ ſtellt; eine kleine Gipsbuͤſte hat das herabgeworfene Kreuz erſetzt, und man hat die Einſamkeit unter den Schutz der buͤrgerlichen Behoͤrde geſtellt. Warum ſchik⸗ 16*e 378 ken Sie uns nicht Ihren armen Muſelmann her, der Nichts mehr damit verdienen kann, ſeine Saͤule ſehen zu laſſen? Ich wollte ihm fuͤr eine gute Einnahme ſtehen, wenn er von der Municipalitaͤt den Schluͤſſel zu der Kirche Saint⸗Germain l'Auxerrois erhalten koͤnnte. Auch wuͤrde er ſich wegen ſolchen Gewinns kein Gewiſſen zu machen haben; er haͤtte ja nur eine Ruine des chriſtli⸗ chen Cultus zu zeigen. Sie ſchreiben von Revolutionen, von zerſtoͤrten Kai⸗ ſerreichen, von untergehenden Religionen, von neuen Cultusarten, die ſich bilden, und ſuchen ein Vergnuͤ⸗ gen darin, auf dem an großen Ereigniſſen dieſer Art ergiebigſten Schauplatze die Truͤmmer aufzuſuchen, welche dieſe zuruͤckgelaſſen haben. Waͤre es aber wahr, daß wir am Ziele unſers Glaubens waͤren, daß wir Al⸗ les erſchoͤpft haͤtten, was die menſchlichen Geſellſchaften aufregen kann, daß wir nur noch Launen von Haß oder Liebe, Phantaſieen von Ordnung oder Freiheit beſaͤßen, ohne Gluth, ohne Folgen, ohne Beharren, unzuſammen⸗ haͤngende Bewegungen, widerſpaͤnſtiges ſich Fortreißen⸗ laſſen ohne Anhaͤnglichkeit, ohne Glauben, ohne irgend einen Glauben, welcher es auch ſei, d. h. eines ſolchen, der Kraft und Willen verleiht: waͤre denn das dann nicht der Anfang eines Abſterbens, das eben ſo todbrin⸗ gend ſein muͤßte, wie das, unter welchem das griechiſche Kaiſerreich ſich ſo viele Jahrhunderte lang abarbeitete? Trauriger allerdings in der Wirkung, weil die Grund⸗ ſtoffe und Materialien einer neuen Umſchaffung ſich nir⸗ gend emporheben, weil man Nichts zu erwarten hat, ſelbſt nicht die Barbaren, ſelbſt nicht einen Propheten, um den nun voͤllig durchſchrittenen Kreislauf der Civili⸗ ſation wieder von vorn anzufangen! Waͤre dem ſo, ſollte man denn die bisher ſtationair gebliebenen Voͤlker, die ſich um das, was wir Fortſchritte nennen, nicht bekuͤm⸗ merten, die noch ihre erſten Sitten, ihre erſten Leichtglaͤu⸗ bigkeiten haben, dann nicht mit minderer Verachtung an⸗ ſehn? dieſe Voͤlker, die die Zeit voruͤberfließen ſahen, ohne ſich ihr nach in Bewegung zu ſetzen, die noch alle ihre Vorurtheile zu verlieren, allen ihren Glauben ge⸗ gen Neuerungen zu vertheidigen haben, vor denen ſich folglich jene lange Reihe von Reformen und Veraͤnde⸗ rungen erͤfnet, die wir ſo geſchwind durchſchritten, um uns nun am Ende unſers Laufes ohne Horizont, ohne Zukunft zu finden! 3 Die Ruinen haben mich gleich Ihnen auf ernſthafte Betrachtungen gebracht, und doch bin ich noch nicht am Ende der durch den juͤngſten Auflauf verurſachten Ver⸗ wuͤſtungen. Notre Dame iſt mit genauer Noth entgan⸗ gen. Die Zerſtdͤrungs⸗Arbeiten waren ſchon vor den Thuͤren und ſchlugen die letzte Wand ein, die an ihren alten Umkreis ſtoͤßt. Ich weiß nicht, ob Sie den Herrn Erzbiſchof von Paris, Ihren Kollegen in der Akademie, manchmal beſucht haben. An dieſer Wohnung der Praͤ⸗ laten, welche zur Zeit Philivy Auguſts von Moritz von 27 380 Soilly, dem 70ſten Biſchof, erbaut und von den Orge⸗ mont, Poncher, Gondy, Noailles und Beaumont nach und nach vergroͤßert und verſchoͤnert ward, hat ſich die ſchreckliche Kunſt des Zerſtoͤrens mit unglaublicher Schnel⸗ 3 ligkeit gezeigt. Fuͤnfhundert von einem Unternehmer bezahlte Arbeitsleute, zweitauſend im Solde der Regie⸗ rung haͤtten in einem Monate nicht mehr Holzverklei⸗ dungen abbrechen, mehr Thuͤrgewaͤnde einreißen, mehr Bretter durcharbeiten, mehr Vermachungen zuſammen⸗ ſtuͤrzen, mehr Bedachungen abdecken koͤnnen, als es die gegen dieſes Gebaͤude losgelaſſenen Liebhaber der Demo⸗ lition in einigen Stunden gethan haben. Vor nicht langer Zeit ſchrieb ich, um eine aͤhnliche Verwuͤſtung zu ſchildern, in einem Werke, das noch Niemand geleſen hat:„Es ſchien, als ob die verzehrende Flamme des Brandes dort gewuͤthet habe, wenn man noch ein ſchlim⸗ meres Zerſtoͤrungsmittel ſuchen muͤßte, als die unſelige Induſtrie der Menſchen.“ Jetzt habe ich die Verglei⸗ chung, deren ich damals bedurfte, gefunden: Der erz⸗ biſchoͤfliche Pallaſt kann das Einzelne einer vollkomme⸗ nen Verwuͤſtung ſelbſt den ehrſuͤchtigſten Beſchreibun⸗ gen liefern. Sagen Sie mir um des Himmels willen: glauben Sie, daß Ihre Tuͤrken es ſchlimmer machen koͤnnten?. Sie ſehen, daß man weder Jahrhunderte abzuwar⸗ ten, noch zu den Barbaren ſeine Zuflucht zu nehmen braucht, um wirkliche Ruinen, Truͤmmer von Denk⸗ — 381 maͤlern zu erhalten, wo der Fremde nur muͤhſam die Spuren alter Thatſachen ergruͤnden kann. Die Revo⸗ lutionen nehmen es auf ſich, die Neugierigen damit zu verſehen. Doch muß man gerecht gegen die unſrige ſein und das Boͤſe nicht uͤbertreiben, um ſich das Ver⸗ gnuͤgen des Tadelns und Bedauerns zu machen. Die Juli⸗Inſurrektion hat wenig zerſtoͤrt, d. h. naͤmlich Dinge, die den Kuͤnſten angehoͤren. Denn was das geſellige Band, die oͤffentlichen Einrichtungen und Gewohnheiten betrifft, ſo wuͤrden Sie vielleicht die Wunde noch tie⸗ fer ſinden, als ſie ſcheint. Eine Kirche, ein Pallaſt, Kreuze, ein Seminar, Barrieren, Wachthaͤuſer, Zollbuͤ⸗ reaus, Waffenſammlungen, das heißt kaum einen Vor⸗ ſchmack bekommen. Da koͤnnte Ihnen eine einzige Siz⸗ zung des Aſſiſenhofes, eine tumultuariſche Sitzung der Kammer ganz andre Verwuͤſtungen zeigen. Es geht ſo⸗ gar ſo weit, daß die Statuen und Gebaͤude im Allge⸗ meinen nicht geſchont worden ſind. Eine Buͤſte Lud⸗ wigs XVIII., die uͤbrigens ſehr ſchlecht war, und mit ih⸗ rer Maſſe die Thuͤr des Muſeums einzudruͤcken ſchien, iſt erſt in dieſen letztern Tagen gefallen. Heinrich IV. auf dem Pont⸗Neuf, Ludwig XIV. auf dem Sieges⸗ platze, Ludwig XIII. in der Einſamkeit des Palais⸗Ro⸗ yal ſtehen noch aufrecht, mit ihrer Schutzwache, einer dreifarbigen Fahne, bewaffnet. Die Rieſen auf der Bruͤcke Ludwigs XVI. drohen noch immer den Voruͤbergehenden, und verkleinern unſre Staatsmaͤnner, die durch ihre 382 Doppelreihe muͤſſen, um ſich in den Sitzungsſaal zu be⸗ geben. Von den Gemaͤlden des Muſeums iſt, ſo viel ich weiß, ein einziges zu Schaden gekommen: die Sal⸗ bung Karls X. ward von Schuſterkneifen der Sieger in Stuͤcke zerfetzt Das iſt meiner Anſicht nach ein wah⸗ rer Gewinn fuͤr den Ruf des Malers. Ein wenig be⸗ kannter Zufall hat bloß das ſchoͤne Gemaͤlde des Ein⸗ uges Heinrichs IV. in Paris beſchaͤdigt. Eine nach dem Kopfe des guten Koͤnigs gerichtet geweſene Kugel iſt durch Sully's Geſicht gegangen. Dieſes Blei ge⸗ hborchte der Charte beſſer als die Hand, die es abſchoß. Es ließ die Verantwortlichkeit der Miniſter in Wirklich⸗ keit treten. Was die Gebaͤude betrifft, ſo kann man mit Aus⸗ nahme der Verſtuͤmmelung einiger aͤußeren, das Auge beleidigenden Verzierungen und der Eindruͤcke des Klein⸗ gewehr⸗ und Kanonenfeuers, die man an der Fagade des Inſtituts und der Colonade des Louvre noch ſorgfaͤltig als Gegenſtaͤnde des Haſſes fuͤr die Einen und fuͤr mich als eine Veranlaſſung zu den troſtreichen Gedanken auf⸗ bewahrt, daß jede dieſer Kugeln, welche in den Stein gefahren iſt, eben ſo gut ein menſchliches Daſein enden konnte, wohl behaupten, daß ſie nicht viel gelitten ha⸗ ben. Die Tuilerien haben bloß ein Bruchſtuͤck einer Saͤule, die von einem Kanonenſchuſſe zertruͤmmert ward, zu beklagen. Hat es dort ſpaͤter noch einige Beſchaͤdi⸗ gungen gegeben, ſo ſind dieſe durch neue Wiedereinrich⸗ 383 tungen, nicht aber durch die Volkswuth entſtanden. Ich ſpreche ſo, weil ich das Schloß von bretternen Verma⸗ chungen umgeben ſehe, die mich in Angſt verſetzen. Sie zaͤhlen unter die Anzahl der Zerſtoͤrer bloß die Liebha⸗ ber, aber auch die Baumeiſter muͤſſen Sie mit darunter rechnen. Das Louyre hat Nichts verloren, ſelbſt nicht ſeinen Staatsrath, in dem ſich ſehr bald neue Gaͤſte wie⸗ der eingefunden haben. Die Saͤule hat bis jetzt nur eine Menge Beſucher gewonnen. Bald wird ſie aber auch ihre lateiniſche Inſchrift wieder erhalten, und ich wette, daß in Kurzem die Rede davon ſein wird, Napoleons Statue wieder darauf zu ſetzen, nicht als Athleten oder roͤmiſchen Kaiſer, ſondern wie man ihn auf unſern Thea⸗ tern ſieht, im Ueberrock, ſteifen Stiefeln und ſeinem kleinen Hute. Es wird ſich ja wohl auch ein Bildhauer finden, der geiſtreich genug iſt, ihm ſeine Lorgnette in die Hand zu geben. Vom Palais⸗Royal, das mit einem Throne bereichert worden, der ſich dort ſehr beengt ſin⸗ det und die Kaufleute etwas weniges genirt, ſpreche ich nicht. Das Luxemburg hat beim Prozeſſe der Miniſter in Gefahr geſtanden, aber nun iſt es wieder außer der⸗ ſelben, bis auf die Frage wegen der Erblichkeit, die mir jedoch auch nicht allzugefaͤhrlich fuͤr daſſelbe vorkommt. Die Pairs haben etwas fuͤr die ſichre Erhaltung ihrer Wohnung anzubieten; ſein Sie uͤberzeugt, daß ſie es geben werden. Am Juſtizpallaſte ſind bie Embleme des Koͤnigthums, die ſein Gitter zierten, zerſtoͤrt worden. 384 Die Audienzſaͤle ſind jedoch unverſehrt geblieben. Es wird bloß eine neue Lieferung von Buͤſten und einige Banden grauen Papiers koſten, um die mit Lilien beſaͤ⸗ ten Tapeten wieder zu erſetzen, und der Aſſiſenhof kann ſeinen Gang fortgehn. Man hat die Statue von Ma⸗ lesherbes im großen Saale verſchont, aber das Basre⸗ lief, auf dem man Ludwig XVI. mit ſeinen Vertheidigern erblickte, hat man furchtbar verſtuͤmmelt. Ich weiß nicht, welcher Wuͤthende den Koͤnigsmord in elligie wiederholt hat. Seitdem hat die Behoͤrde dieſen Marmor, auf wel⸗ chem der Kopf eines Koͤnigs fehlte, wegnehmen laſſen. Dies hieß das ſchoͤnſte Blatt aus einem erhabenen Le⸗ ben herausreißen. Ich haͤtte große Luſt, ihn wieder zu erſetzen, ſo gut ich koͤnnte. Ich wuͤrde verſuchen, es ohne Laͤrmen und Skandal zu thun. Außer der Akademie ſoll es Niemand erfahren.. 1 Ich wollte Sie bloß von unſern Denkmaͤlern unter⸗ halten, fuͤr welche Sie einige Beſorgniß gezeigt haben, und ich habe Ihnen erzaͤhlt, in welchem Zuſtande man ſüe nach einer Revolution gelaſſen hat. Im Ernſt koͤn⸗ nen Sie mir es wohl kaum zumuthen, im Buche der Zukunft zu blaͤttern, und alle die Wechſelfaͤlle der Zer⸗ ſtoͤrung, die noch auf ſie warten koͤnnten, vorauszuſehn. Die Zeit, die noch vor uns liegt, hat fuͤr mich noch all ihre Schleier, all ihr undurchdringliches Dunkel, und da ich mir nicht gern ſelbſt Angſt mache, ſo ahme ich darin unſre großen politiſchen Koͤpfe nach, daß ich ſo 1 wenig 385 wenig wie moͤglich dahin ſchaue. So viel ſcheint mir jedoch gewiß, daß, ſo weit hinaus unſre Hoffnung auch die Vernichtung dieſer Hauptſtadt ſchieben moͤge, nur die jetzt ſich bereits darin erhebenden Monumente Rui⸗ nen liefern werden. Die Zeit zu Bauten iſt fuͤr uns voruͤber. Wir koͤnnen Hotels niederreißen, um an ihrer Stelle Haͤuſer von fuͤnf Geſchoß hoch aufzubauen, Mauern durchbrechen, um Kaufleute unterzubringen, Pallaͤſte in Bazars verwandeln, Gaͤrten in Winkelgaſſen, koͤnnen unſre Straßen verbreitern und unſre Hoͤfe ver⸗ engen, Durchgaͤnge eroͤffnen, Theater und Café's aus⸗ ſchmuͤcken und dabei Gefahr von Bankerotten und un⸗ bezahlten Schulden laufen. Der Genius unſrer Civili⸗ ſation kann ſelbſt ſo weit gehen, die Gefaͤngniſſe bequem, angenehm und geſund zu machen: allerdings eine weiſe Vorſicht, zu welcher alle Partheien ſich einverſtehen ſoll⸗ ten. Aber ſolche Gebaͤude zu unternehmen, welche der Zeit trotzen, welche durch die Jahrhunderte hindurch das Andenken des Zeitraums erhalten, wo ſie geſchaffen wur⸗ den, welche den Ruhm eines Koͤnigs verewigen, oder das Zeugniß eines in ſeiner Dauer geſicherten Glaubens tragen: das ſteht uns jetzt nicht mehr zu. Wir haben ſchon der allerneueſten Ruinen, dieſer vorlaͤufigen Truͤm⸗ mer von Werken, die nie exiſtiren werden, genug. Das Kaiſerreich konnte mit all ſeiner Macht, die Reſtauration mit all ihrem guten Willen nicht zu Stande kommen, jenes mit einem Triumphbogen⸗ dieſes mit einer Kirche. IV. 17 Vom Sterne aus bis zur Baſtille hat die heutige Kunſt, indem ſie ſich uͤber die buͤrgerlichen oder induſtriellen Spekulationen erheben wollte, nur ſchmachvoll Verun⸗ gluͤcktes ausgeſaͤt. Alle Haͤuſer, die ſich um die Magda⸗ lenenkirche her erheben, werden vom Stalle bis zum Dachſtuhle eher vermiethet ſein, als bis dieſer Tempel beendigt worden iſt, ſollte er auch noch einmal ſeine Beſtimmung aͤndern. Man ſpricht davon, an das Louvre den noch fehlenden Fluͤgel anzubauen. Das wird ſich recht gut bei einer Diskuſſion uͤber die Civilliſte aus⸗ nehmen; aber ich fuͤrchte mich vor keinem Dementi, wenn ich behaupte, daß unſer Jahrhundert dieſes Wunder nicht erblicken wird. Der alte Pallaſt der Koͤnige wird ein⸗ armig bleiben. Ich las irgendwo, daß der Dichter Du⸗ fresny zu Ludwig XIV. geſagt habe:„Nie ſehe ich das neue Louvre an, ohne auszurufen: Koͤſtliches Denkmal koͤniglicher Pracht, du wuͤrdeſt beendet ſein, wenn man dich einem der vier Bettelorden geſchenkt haͤtte, um ihr Kapitel darin zu halten und ihren General zu logiren.“ Die offne Sprache der Dichter gegen die Koͤnige iſt mir immer verdaͤchtig vorgekommen, und doch liegt ein gro⸗ ßer Sinn in dieſen Worten, und der, welcher ſie luſtig fand, hatte ſie ſehr wenig begriffen. Wo ſollen wir aber nun jetzt, wo wir mit Ausnahme der Saint⸗Simoniſten und der auswaͤrtigen Geſellſchaft des Abbe Chatel keine religioſen Verbruͤderungen mehr haben, die Kraft der Ausfuͤhrung, des Wollens, und der Beharrlichkeit fin⸗ —— — . 387 den, welche Ludwig XIV. abging? Was mich betrifft, ſo moͤchte ich wohl glauben, daß die Architektur der Denk⸗ maͤler, indem ſie fuͤr den Handel von Paris einen grie⸗ chiſchen Tempel auffuͤhrte, ihr eigenes Moſoleum erbaut habe Daraus aber wuͤrde ich ſchließen, daß wir, in ſo fern es die Revolutionen erlauben, ſorgfaͤltig das, was uns von Kirchen, Pallaͤſten, oͤffentlichen Gaͤrten und be⸗ ſonders von Hospitaͤlern noch uͤbrig iſt⸗ bewahren ſoll⸗ ten. Ich wuͤrde mich mit dem gehoͤrigen Reſpekt vor dem Auflaufe verbeugen, um ihm zu ſagen: Schone der Alterthuͤmer, welche die Vorzeit uns noch gelaſſen hat, denn meiner Meinung nach ſchaffen wir keine mehr. A. Bazin. Der Erzbischot von Paris. — Wergebens hat bei ſeinen wilden Feſten Belſazar jenes fuͤrchterliche Raͤthſel Zu loͤſen ſich bemuͤht der Goͤtterworte In Flammenſchrift, in die der Ewige Gerechtigkeit des Himmels eingehuͤllt. Von ſeiner Tafel aufgeriſſen, tief In Staub die Stirn gebeuget, kruͤmmten ſich Zehntauſend Hoͤflinge, den Donner hoͤrend, Vorm Blite, deſſen allgebietend Feuer All' jene ehrnen Schlangen glaͤnzen ließ, Die Dreifuͤße, Altaͤre, und in langen Gemaͤchern jene großen Sphinxe, aus Granit die koloſſalen Ruͤcken, und Die heiligen Gefaͤße, ſchnoͤd' entriſſen Geweihtem Ort, und alle Goͤtzen, die Vorm Hauch des wahren Gott's herabgeſtuͤrzt. 389 Die Magier erblaßten, blind im Wahnſinn; Und in der ungeheuern Maſſe ſtand, Die Arme ausgeſtreckt in droh'nder Gluth, Gefaßt, wie mitten im Gebruͤll der Loͤwen, Nur Daniel, des Gottes voll, den laut Sein Blick bezeugte, und erklaͤrte die Drei Worte aus der Sprache eines Himmels, Und betete, und ſtellte, das Gewiſſen Des Frevlers weckend, einen Mann des Rechts Auf zwiſchen Tod und Volk. So wenn ſich eine Seuche fuͤrchterlich Und hundertjaͤhrig, eine Botin, die Gott ſelbſt mit ſeinem Zorn bewaffnet hat, Die man mit nirgendwo gehemmten Fluge Vom milden Bad des Ganges bis zum Eiſe Archangels ſich verbreiten ſah, und ziehen Mit unſern Schiffen nach der Sterne Gang, An ihre Segel ſich gleich einem Meergeiſt Feſtklammernd, ſich erkundigend im Lauf, Vom Tod herbeigerufen, ob ſich Moskau Seit achtzehn Jahren wiederum bevoͤlkert, Und unſre bangen Staͤdte nah' bedrohend, Dem Geier gleich dem Marſch der Heere folgend:— So weit ſich dieſe Raͤcherſeuche nun Auf unſre Stirne ſenkt, wirſt Du, o Hirt, Zweimal'ger Maͤrtyrer, von Kraͤnkung ſtrahlend, 390 Aus Deinem Dunkel treten, wohin Dich, Zum heiligen Aſyle, Dein Gebet In naͤherer Betrachtung Gottes bannte. Bereit, bei edlen Faͤhrlichkeiten ſtets Zum Opfer ſelbſt Dich darzubringen, wirſt Du, wo es Sterben gilt, Dir Deinen Rang Nicht nehmen laſſen; wirſt, die Feinde Aufſuchend, und geneigt zu ihrem Lager Und in Dich ziehend Tod im Hauch des Mundes, Nur ihrer Grauſamkeit Dich noch erinnern, Um lauter zu dem Gott des Heils zu fleh'n; Wirſt rufen: Herr! vergieb Du ihnen auch! Dann wirſt Du mit dem Blut von Golgatha Auch Deine Thraͤnen miſchen, wirſt fuͤr ſie, Begeiſtert Durch Dein Herz, die Worte finden, Die einſt der Schwan von Cambray ſprach, und, ſich Der ew'gen Klarheit oͤffnend, um, gekettet An Deine Fluͤgel, ſich zum Himmel zu erheben, Wird ihre Seele in dem Augenblicke Des fuͤrchterlichen Lebewohls nur Dich Noch haben, der vor Gottes Richterſtuhle Sie dort vertheidige, und ſo hinauf Zum Gottes⸗Anſchaun zitternd ſchweben, nur Beſchirmt von der Verzeihung ihres Opfers. Weh! Noch willſt ihre blinde Wuth Du flieh'n? Der Wittwe gleich in Trauer, die den Gatten * 391 Beweint, ſieht die verlaſſene Kathedrale, Wenn Chorgeſang ertoͤnt, Dich nicht mehr unter Den gothiſchen Arkaden wandeln; es Verſchwand der Prieſter, damit nicht das Eiſen Des Mords die heiligen Gefaͤße fuͤlle Mit ſeinem Blut; Du trittſt nicht mehr in das Verlaſſ'ne Schiff. Verbannet aus dem Hauſe, Das Gott Dir gab, verbirgt, auf ſeinen Truͤmmern Des Abends Deine Kniee beugend, gleich Der Vorſehung unſichtbar doch fuͤr uns, Sich Deine Froͤmmigkeit der Welt, und ſelbſt Dein Bildniß ſucht jetzt unſre Huldigung Vergebens. Kaum wagt noch etwa ein Weib Im duͤſtern Kleide es, die Stirn verhuͤllt, Verſtohlen auf den Knien, den erſten Hirten Der Kirche Frankreichs anzuflehn um eine Der heil'gen Hoffnungen, doch zitternd, daß Man ſie belauſche, und in ihrem Buſen Gleich frommem Naube Deine Segnung bergend. Blicke nicht zuruͤck, Du Edler, Auf den Weg voll Ungemach. Des Gebetes Schwert beſtreite, Was die Suͤnde hier verbrach. Die heil'ge Lampe ward zerbrochen! O Du, der Troſt uns zugeſprochen, 39² Weide uns mit Deinem Stabe, Sei ein Pharus, uns zu funkeln, Sei ein Schwan, wo Wogen dunkeln, Sei ein Engel an dem Grabe. Ohne Schaͤtze, ohne Prangen, Fern von dem, was vorher Dein, Weih' Dein Haupt dem Ungluͤckslooſe Als der Tugend Heil'genſchein. Die Seele, die der Welt entzogen, Vom Pflug des Ungluͤcks umgebogen, Neift fuͤr Himmels⸗Ernten beſſer: Daß die Traube ſuͤßer duͤfte In die wuͤrzig ſanften Luͤfte Muß verletzen ſie das Meſſer. In Zeiten leben wir, wo unentſchieden Und ſchwankend in zwei Lager ſich die Menſchheit, Die altgewordne, theilt. Die Einen, ohne Das Flammenwort zu hoͤren, kaͤmpfen ſo Wie Jakob gegen Gottes Geiſt, im All Und ſeinem ſtrahlenvollen Raͤthſel nur Ein großes ew'ges Ganze ſehend, das Sich ſelbſt genuͤgt. Ein Werk ohn' einen Werkmann,„ Gedicht ohn' einen Dichter, wo man Gott Gleich einem Luggeſpenſt veriagen muß. Voll duͤſtrer Zweifel wagen ſie zu leugnen 393 Die Klarheit, die ihr finſtres Aug; nicht faßt. Nichts kann, ſo ſagen ſie, die Fackel des 3 Erloſchnen Jeſus Chriſtus wiederum Auf ſeinem weiten Grab⸗ entzuͤnden, und Der Athem des Jahrhunderts traͤgt dahin, Wohin ſie alle gehn, die Sterblichen Der Göoͤtter, Stuͤck vor Stuͤck, auch ſeine todte Religion noch fort. So wandern ſie, Wohin der Zufall fuͤhrt, des Glaubens Quellen Auf Erden all' vertrocknend, ihr Geſetz Von Truͤmmern hin zu Truͤmmern ſtets erfuͤllend, Nach Irrthum, Luͤge, Gotteslaͤſtrung trachtend, und nehmen in der Arbeit, die ſie treiben, Das Nichts als Grundſtoff eines Chaos an. Die Andern folgen, ihre matten Kraͤfte Erweckend, eine heihge Arche mitten In einer Suͤndfluth der Gottloſen, Maͤher Auf einem im voraus bereiten Felde, Mit frommem Herzen und dem Seherauge Des Menſchenſtammes tauſendfachem Umweg, Den Gottes Hand herabſtuͤrzt bald, bald ruͤckfuͤhrt, Und der, wenn unſer Blick die Ordnung draus Verbannet waͤhnt, in unermeſſener Spirale geht endloſem Ziele zu.“ Mag nun der Fluß in tiefes Dunkel fallen, Mag Gottes Stern auf ſeinen Wellen leuchten 1 8 17 AN 394 Sie ſehen, daß der heil'ge Geiſt, der ihm Den Beiſtand leiht, an ſeiner Quelle ihn Empfaͤngt und uͤber ſeinem Laufe wacht, Ihm folgend, leitend, mit dem Fluͤgel deckend, Ein Fluß, als ſei entſtammt er ew'gen Ufern. Fuͤr ſie ſiegt Chriſtus, und ſein Tag wird kommen. Mit einem Seelenblick die Zukunft hellend, Sehn ſie, als einz'ge Bildungskraft der großen Gebaͤhrung, der Befreiung einer Welt, Ihn vorſtehn und ſein Kreuz, des Gluͤckes Zeichen, Das uͤber Frankreich weilt, von aller Gleichheit Die aͤchte wahre Waſſerwage werden. Denn Frankreich, unheilbringend oder ſegnend, Ob Sonn, ob Vulkan, muß die Welt erhellen; Denn Leben hat ſein Volk und ward im Werden Vor allen Nationen auserleſen Von dem Allmaͤchtigen. Dieſes Volk, ſo groß im Kriege, Brach nicht Gott den alten Schwur. Jene Duͤnſte irrer Freyler Gehn vor Gott voruͤber nur. 3 Du Schuͤler Petri, der verbannte, Schon morgen ſieh, wie Jeder brannte, Aufzubau'n, was wuͤſt gelegen. Lohn und Strafe bringen Zeiten, Und beſtimmt von Ewigkeiten Iſt das Ungluͤck wie der Segen. — 4 3 395 Ewigkeit, Beginn und Ende Unſerm Daſein, unſerm Tod. Grenzenloſer Kreis, umſchließend Was ſich unſerm Aug' nicht bot: Du Koͤrper unſrer fluͤcht'gen Schatten, Wahrheit deß, was getraͤumt wir hatten, Hoffnung fuͤr des Ungluͤcks Schelten, Grund voll Weisheit und Beſtehen, Von der Pyramide Drehen Aufgebaut aus tauſend Welten. Das Schickſal einer Huͤtte, eines Reiches Wie einer Welt, es haͤngt ja nur an dieſer Unſichtbar tiefen Wurzel. Suchet nur Sie auszureißen, Alles bebt dann ploͤtzlich. Der Tempel der Geſellſchaft, nie beſtehen Kann ohne Gott er. Warte, heil'ger Prieſter! Wach' uͤber uns und bete.— Warte!— Dann, Das Auge auf ſein hohes Vaterland Gerichtet, ſo wie der verlorne Sohn Auf ſeines Vaters Heerd, kehrt ſtets der Menſch Nach hundert Irren doch zum Ewigen Zuruͤck. Weh! wenn ein Staat von den Altaͤren Sich trennt! Mit nackten Armen heulend dann Bemaͤchtigt ſeiner ſich die Anarchie, Und einſam, ohne Zukunft, und getroffen Vom Anathem, ſtirbt er, umſchlungen von Der Hyder fuͤrchterlichen Windungen. 639 Vom gier'gen, unermeßlichen Polypen Mit ſeiner Unform ploͤtzlich ſich ergriffen. Die Maſten ſchwanken und es ſteht, gefeſſelt An ſeinen Feind. Das Ungeheuer ſchleudert Den Sturm umher, und uͤberſchattet es Mit ſeiner Arme Zweigen ganz. Vergebens Bekaͤmpfen die erbebenden Matroſen, An den Fuͤhlhoͤrnern hangend dieſes Unthiers, Vereint, mit Eiſen, das ſich ſtumpft, die Glieder Von Moos umſtricket und Korallen. Es Wird wilder... krachen hoͤrt von Zeit zu Zeit Man das Gerippe des erdruͤckten Schiffs. Das Meer erweitert ſeine tiefen Wunden. Die ausgeloͤſchten Donner rauchen in. Dem Schooß der Wogen, und ſein Sieger, der 8 Die Knoten nur verdoppelt, iſt nun ihm . Schon nichts mehr als ein ſchlammbedecktes Grab. So ſieht ein Schiff, auf guͤnſt'gen Wogen ſe uwebend, Alexander Soumet. Berlin, gedruckt bei A. W. Hayn. ffffſ 3 14 15 16 17 ſſnſnfffffffſiſſſin 9 1 12 1 6 7 8 0 11