Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 4 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 6 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſp den angenommen. 1 3 G 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe eſellen entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet —— 5 wird. 4 — 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8.* für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 4 Mer 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„=„ 3„„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt e der Leſer Fzufe Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 29 Paris ober 4 das Buch der Zundert und Ein. . 9 Aus dem Franzoͤſiſchen uͤberſetzt von Theodor Hell. i. Dritter Band. ————————— Potsdam, 1832. Verlag von Ferdinand Riegel. Ein Buell. „Ans Werk, hinkender Asmodi! ans Werk, Freund Teufel! Man will Sitten haben, man verlangt Sitten; Sitten! das iſt das Modegeſchrei, und Du weißt, daß bei uns die Mode eine Wuth iſt, ein Tyrann; was ſie will, muß geſchehen... Zeigt uns alſo Sitten! laßt ſie ſehen, eure Sitten! malt unſre Sitten!.. So ruft es in den Salons. Das iſt an der Tagesordnung. Ans Werk denn, Asmodi! Du hoͤrſt doch? man ſpricht mit Dir: Du haſt Leſage ſo trefflich beigeſtanden! Muth alſo! Vorwaͤrts! Nimm Deine Kruͤcke, lauf' uͤber die Daͤcher, decke mir dieſes Hotel da auf... Was treibt man drin?“ „Meiſter! Politik. 71 „Wieder zugedeckt! geſchwind wieder zu, Freund Teufel! Ich habe an 20 Journalen den Tag uͤber gerade genug. Anderswohin! Dies Haus von acht Stockwer⸗ III. 1 2 ken, mit zehn Gewoͤlben, drei Haupteinfahrten; darin iſt ja ganz Paris ſchichtweiſe zur Probe eingeſchachtelt, wie die Welt waͤhrend der Suͤndfluth in der Arche Roaͤh: Kraͤmer, Kaufleute, Bankiers, Taͤnzerinnen, Marquiſen, Advokaten, Aerzte, Rentirer, Kuͤnſtler, Naͤhtermaͤdchen.. Soll mir Gott! welche Sittenernte! Welche Verſchie⸗ denheit der Tour, der Zuͤge, der Farben! Welcher Reich⸗ thum an Kontraſten! Welche Skizzen nach Auswahl! Geſchwind, Freund, ans Werk! Nur ein kleines Proͤbchen der Pariſer Sitten!“ „Nun ja, Meiſter, nichts weiter, als was Du ſag⸗ teſt; eine Skizze, eine Kontur a la hinkender Deufel. Weiter nichts. Die Karrikaturen, welche Eure Boule⸗ wards tapeziren, abgerechnet, wuͤrde ich unter dieſen un⸗ zaͤhligen Daͤchern, wie in dieſer unermeßlichen Arche, eben ſo vergebens Stoff und Gegenſtaͤnde zu einer zwwei⸗ ten komiſchen Gallerie von Originalſkizzen, Tabaksdoſen⸗ Gemaͤlden und grotesken Geſtalten ſuchen, aus denen wir fruͤher ein ſo anziehendes Portefeuille zuſammen⸗ brachten. Die Welt hat ſich ſehr veraͤndert; es iſt nicht mehr dieſelbe Familie vorhanden. Von Euern Gewoͤl⸗ ben an bis in Eure Salons, von Euern Salons bis in Eure Dachſtuben giebt es, in der Naͤhe beſehen, weder ſo auffallende Kontraſte, noch ſo abſtechende Farben, wie Du ſie ſo gern haͤtteſt. Heutzutage, Meiſter, ſeid Ihr alle Buͤrger, und man erkennt an dieſem einzigen Ge⸗ praͤge, daß das Jahrhundert Euch Alle in dieſelbe Form 3 gegoſſen hat. Seht Euch nur einander an: Gleichheit der Kleidung, des Geſchmacks, der Intereſſen, der Ge⸗ ſchaͤfte... der Meinungen jedoch nicht; das iſt die einzige Unaͤhnlichkeit. Man erkennt ſie an den Huͤten. Uebrigens aber Gleichheit, als der Typus des Zeitalters. Was unterſcheidet denn den Banquier, den Fabrikant, den Hofmann, den Mann von der Feder? Das Verdienſt; und dieſelben Gewebe aus London und Thibet vereinen eben ſo unter dem Geſetze der Gleichheit der Reize und Anmuth die Herzogin, das Naͤhtermaͤdchen, die Tochter des Notars und die Frau des wohlhabenden Handwer⸗ kers. Dreißig Revolutionen— geſegne ſie Euch Gott!— haben Euch ſo Eins an das Andere gerieben, daß Ihr endlich geſehen habt, daß Ihr Alle aus dem gleichen Tone gemacht ſeid, und der ganze alte Troͤdel iſt in Lumpen draufgegangen.“ „Asmodi, ich verſtehe Dich und fuͤhle, daß Du Recht haſt. Unſere Sitten liegen in unſerm Leben, nicht mehr in unſerm Aeußern.“.. „Das wollte ich Dir eben ſagen, Meiſter; um ſie zu ſehen, mußt Du weiter blicken, als Dein Auge reicht; um ihre fluͤchtigen Nuͤaneen aufzufaſſen, mußt Du Dir andre Pinſel anſchaffen, als die, welche die Leinewand be⸗ ruͤhren und nur Schattenriſſe malen. Es genuͤgt ſelbſt nicht, ein Dach aufzudecken und ein geheimes Leben zu belauſchen; das Herz muß man durchforſchen, da ſind ſie noch lebendig.“ 3 * 1*† 4 „Nun denn, Freund Teufel, wenn Du in ein Herz ſchauen kannſt, wie Du in eine Dachſtube blickſt, oder in ein Schlafzimmer, oder in ein Kaͤmmerchen, ſo ſchaue und ſage, was Du ſiehſt. Ich moͤchte gern wiſſen, was in einem Herzen vorgeht, und glaube, ſo wie Du, daß der Spiegel der Sitten weit mehr darin ſich findet, als in der Haarfriſur eines ehrſamen Maraisbuͤrgers oder unter dem verraͤtheriſchen Shawl einer Opernbayadere.“ „Wenn das iſt, Meiſter, aufgepaßt! Stillgeſchwiegen und geſchaut!... Dort, am Ende meiner Kruͤcke, in jenem Hotel, im dritten Stockwerk, die vier ſchoͤnen blau und purpur drapirten Fenſter... Lauſch' nur durch die Vorhaͤnge... In einem allerliebſten Salon, nur ſchwach durch das flackernde Flaͤmmchen einer Kerze, von der das Wachs ſchon lange an dem vergoldeten Leuchter herab⸗ traͤuft, erhellt, erblickſt Du einen jungen Mann.⸗. Seine Zuͤge ſind ſchoͤn, aber bleich. Kuͤnſtlerhand hatte ſein Haar gelockt, aber ſeine eigene es wieder in Unord⸗ nung gebracht. Sein Anzug iſt vornehm, nach dem neu⸗ ſten Geſchmack, Schnitt und Stoff voͤllig nach der Mode; aber eben hat er beim Eintreten ſeine ſeidne Halsbinde auf die Kiſſen dieſer Ottomane geworfen und zu ſeinem Bedienten geſagt:„Joſeph, ſchließ' zu und geh' zu Bett!“ Joſeph hat die Wohnung verſchloſſen, iſt auf ſeine Kam⸗ mer gegangen und hat ſich zu Bett gelegt. Alsdann hat ſich der junge Mann auf dieſen Seſſel von Citro⸗ nenholz geſetzt, hat ſeinen Ellbogen auf dieſen Porphyr⸗ 5 tiſch geſtuͤtzt, ſeine Stirn in die Hand gelegt und iſt da ſitzen geblieben... Es war Mitternacht. Die goldne Pendule dort mit Alabaſterverzierungen, die Zeit dar⸗ ſtellend, wie ſie von der Liebe entwaffnet wird, hat eins geſchlagen, halb zwei, zwei, halb drei... Er hat es nicht gehoͤrt, hat ſeine Stellung nicht veraͤndert, ſelbſt nicht einmal geſeufzt, er hat keine Thraͤne... Aber ſieh nur dort auf den ſchwarzen Marmor des bronzenen Conſol⸗ tiſches, auf den ſich ſein Blick unausgeſetzt richtet. Siehſt Du neben einem agatnen Fußgeſtell auf dem unter ei⸗ ner Kryſtallglocke eine Gruppe junger Nymphen von Gyps ſtehen, ein Paar Piſtolen? Sie ſind vortrefflich gearbeitet, die Laͤufe mit Gold eingelegt und die Schaͤf⸗ tung wie der reichſte Spitzengrund... Wenn es drei Uhr ſchlaͤgt, wird das Hotel von einem toͤdtlichen Knalle wiederhallen; der junge Mann wird ſich eine Kugel durch den Kopf geſchoſſen haben.“ „Allmaͤchtiger Gott! in einer halben Stunde! und warum?— Spiel?“ 3 „Nein.“ „Schulden?“ „Bewahre.“ „ Liebe?“ ¹ „Nicht allein.“ „Und was denn?“ „Ehrgefuͤhl.“ „Wie?“ 6 „Hore ſeine Geſchichte. Ich habe noch Zeit, Dir ſte vor dem ungluͤcklichen Augenblicke zu erzaͤhlen. Um ge⸗ rade zur rechten Zeit zu enden, will ich genau auf den Zeiger der Stutzuhr Acht geben... Ja, Meiſter, das iſt ein ganz beſondrer, bizarrer, unerklaͤrlicher Zug aus Euern Sitten. Du ſollſt ſelbſt urtheilen. Dieſer junge Mann hier wird ſterben, weil er nicht begriff.. was Du wahrſcheinlich auch nicht beſſer begreifen wirſt. Es gab alſo.. oder vielmehr es giebt noch jetzt,.. doch wir koͤnnen uns ſchon der vergangenen Zeit bedie⸗ nen, welche die Grammatiker das Praͤteritum nennen, denn in einer halben Stunde wird dieſe Mittheilung zur Geſchichte geworden ſein,.. es gab alſo ein junges, außerordentlich ſchoͤnes Maͤdchen, Emma mit Namen... den Familiennamen verſchweige ich Dir; man ſpricht ihn in der Welt nicht ohne Achtung aus, kuͤndigt ihn in mehr als einem glaͤnzenden Salon mit Aufſehn an. Wenn ich hinſichtlich der Reize ihrer Perſon weniger diskret bin, wird ſie mir deshalb nicht zuͤrnen? Du wirſt ſie vielleicht daran erkennen. Achtzehn Lenze be⸗ ſchenkten ſie mit den reizendſten Gaben der Jugend; die Friſche der Roſe leuchtete aus ihrer Geſichtsfarbe, das glaͤnzende Ebenholz der Haare bekraͤnzte ihre Stirn, die rein wie Lilien, aber milder als ſie; Azur, ſchoͤn wie der des Himmels, ſtrahlte unter ihren langen, ſchwarzen Wimpern hervor; ihr Laͤcheln floͤßte Liebe ein..... und was ſoll ich Dir von der Grazie ihres Halſes, der 7 Feinheit ihre? Wuchſes, der Weiße ihrer Haͤnde, der Vollkommenheit aller ihrer Reize ſagen?... Male Dir das ſchoͤnſte aller jungen Maͤdchen, belebe ſeine himmli⸗ ſchen Zuͤge mit einem gebildeten, zarten Geiſte, fuͤge zu allem dem Anziehenden noch ein gefuͤhlvolles Herz, eine empfindende Seele hinzu und hunderttauſend große Thaler Mitgift. Dies war Emma, als die Salons ſie erblickten und bewunderten. Auf der Stelle ward ſie angebetet. Die glaͤnzendſten Parthien boten ſich in Menge dar, die ausgezeichnetſten jungen Leute von Vermoͤgen, Ver⸗ dienſt, Namen, Rang, ſtritten ſich um die Ehre, die Huldigung ihrer Herzen, das Anerbieten ihrer Guͤter, ihrer Titel, ſo wie den Schwur einer ewigen Liebe, wie ſie ſagten, ihr zu Fuͤßen zu legen, und man konnte es glauben, denn der Gegenſtand war deſſen werth. Emma brauchte nur zu waͤhlen; kein einziger Erbe eines gro⸗ ßen Hauſes wuͤrde bei dem Aufrufe gefehlt haben; es gab deren fuͤr jeden Geſchmack, ſchoͤne, junge, liebens⸗ wuͤrdige, edle, glaͤnzende, vom Wechſelagenten im Ca⸗ briolet an, bis zum jungen Pair im Whiski, vom Juli⸗ dekorirten mit Schnauzbaͤrtchen an, bis zum Vicomte im engliſchen Frack; alle Raͤnge lagen ihr zu Fuͤßen, gleich geworden durch die Nivellirwage der Liebe, und flehend um Hymens Joch. Daß Emma, die ſchoͤne, angebetete, von tauſend Hul⸗ digungen und Weihrauchduͤften berauſchte Emma, ein 8 wenig kokett wurde, daß ſie im Scherze tauſend Herzen zur Verzweiflung brachte, ſpielend tauſend Opfer machte, wer haͤtte ſie deshalb tadeln moͤgen? Dies iſt das goͤtt⸗ liche Recht eines jungen Maͤdchens, die freie Willkuͤhr der Schoͤnheit. Gegen ſolche Mißbraͤuche wird man zu keinen Barrikaden ſeine Zuflucht nehmen. Emma haͤtte alſo, waͤre ſie hochmuͤthig und leichtſinnig geweſen, un⸗ geſtraft tauſend Sklaven an ihren Triumphwagen ſpan⸗ nen koͤnnen... aber ſie that es nicht. Nicht eitel auf ſolche Huldigungen, beſcheiden mitten im Glanze, blieb Emma beſonnen, aber nicht unempfindlich... das waͤre ja ein Fehler geweſen, und ſie hatte keinen. Es war ein ſeltnes Maͤdchen, faſt ein Wunder!“ „Weißt Du auch gewiß, Asmodi, daß ſie in unſerm Jahrhunderte lebte?“ „Meiſter, dort iſt ja ihr Liebhaber.“ 3 „Der junge Menſch, der ſich erſchießen will?..“ „Der Stundenzeiger ruͤckt vor, Meiſter. Laß mich weiter erzaͤhlen. Emma, ſagte ich, beſaß alſo eine Seele, die eben ſo zart war wie ihre Reize, eben ſo vollendet wie ihre Schoͤnheit. Sie mußte lieben. Da ſchlug auch in der That eines Tages— es war zum erſten male— ihr junges Herz hoͤher, da wollte ein Seufzer uͤber ihren ſchoͤnen Mund ſchweben, der ihr den Buſen hob, da ſenkten ſich ihre bis dahin ſo heiter blickenden Augen furchtſam und unruhig zu Boden... Mitten in dem Geraͤuſche des Konzerts, dem Glanze der Kerzen, der 9 Bewegung der Menge, trat ein neuer Freund ihres Va⸗ ters in den Saal, und alle Blicke hatten ſich auf ihn ge⸗ richtet, alle Blicke der Frauen... ausgenommen Emma.... Sie ſang: man ſchwieg; ſie beſaß ein ſo ſchoͤnes Talent! Arme Emma! Sie kam aus dem Takte und die Stimme verſagte ihr faſt. Sie erroͤthete, zitterte... ſie haͤtte gern geweint, denn ſie glaubte an dieſem Abende die Herr⸗ ſchaft uͤber ſich ſelbſt verloren zu haben. Nie war ſie reizender geweſen! Die Liebe hatte endlich Emma's Herz beruͤhrt, und Eugen's Blick ihr als Pfeil gedient.“ „Asmodi, Freundchen, Dein Pfeil ſchwirrt mir vor den Ohren. Das iſt eine Metapher von etwas zu klaſſi⸗ ſchem Geſchmacke fuͤr unſre Zeit.“ „Meiſter, ich bin ein alter Teufel; laß mich alſo nach meiner Art und Weiſe erzaͤhlen. Das iſt noch ſo eine Reminiscenz von der Schule her. Unter allen Rebenbuhlern, die ſich um das Herz der ſchoͤnen Emma ſtritten, verdiente es Niemand mehr als Eugen, und dieſes mal hatten zufaͤllig oder mit Abſicht, jedenfalls aber gegen ihre Gewohnheit, Liebe und Ver⸗ nunft ſich verbuͤndet. Gleiche Schoͤnheit von beiden Seiten, gleiche Seelengroͤße, gleiche Vorzuͤge des Gei⸗ ſtes, des Gefuͤhls, des Geſchmacks, des Charakters, gleicher Nang und gleiches Vermoͤgen. Der Einklang war voll⸗ kommen, und die afterredende Eiferſucht, der verleum⸗ dende Neid mußten eingeſtehen, daß Emma nur Eugen verdiente, und daß Eugen nur Emma's wuͤrdig ſei. 10 Die Liebe ging ihren Weg fort, und bald ſprach man von Ehe. Kein Hinderniß ſtand ihrem Gluͤcke entgegen. Von beiden Seiten feuerten die freudetrunknen Familien die Geluͤbde der beiden Liebenden an; Emma's halb ver⸗ ſprochne Einwilligung ward, da ſie ihr ſchon auf den Lippen ſchwebte, nur noch durch die unſchuldsvolle Schuͤch⸗ ternheit des jungen Maͤdchens aufgeſchoben. Eugen, vor Erwartung ſterbend, hatte, berauſcht von Hoffnung und kuͤnftigem Gluͤck, Emma's Geſtaͤndniß erhalten. Er uti⸗ aus ihrem Munde den Schwur ihrer Liebe gehoͤrt, nd Emmass Liebe war rein wie ihre Seele und zaͤrt⸗ lich wie ihr Blick.„Eugen/“ hatte ſie ihm geſagt,„wenn Sie bloß liebenswuͤrdig und verfuͤhreriſch waͤren, wuͤrde ich Sie ſchon vor allen Ihren Mitbewerbern lieben; aber Sie ſind auch edel und hochherzig, Sie ſind brav und ſtolz, man ſchaͤtzt, man bewundert Sie. O! wie werde auch ich ſtolz darauf ſein, Ihnen anzugehoͤren! Wie eitel werde ich ſein auf Ihren Namen! Mein Eugen, mein Gemahl! Wie groß werde ich mich fuͤhlen durch Ihren Ruhm!..“ Zu Emma's Fuͤßen kniend, die Augen von Freudenthraͤnen uͤberſtroͤmend, antwortete Eugen darauf voll Entzuͤcken:„Du wirſt alſo nur mich lieben! wirſt mich immer lieben, denn ich werde Emma's wuͤrdig werden.“ 3 Man beſtellte die Ausſtattung. Sie waren ihrem Gluͤcke nahe...“ „Asmodi! der Uhrzeiger geht ſchnell vorwaͤrts und 11 Deine Geſchichte langſam. Du biſt erſt noch bei der Liebe: der Kataſtrophe nach mußt Du noch viel vor Dir haben.“— „Meiſter, ich zaͤhle die Minuten; Du ſiehſt, daß der junge Mann noch regungslos daſitzt. Eines Abends alſo... es war im November...“ „Am letzten?“ „Kann ſein. Man war bei Emma's Vater zu Tiſch. Nach einem koͤſtlichen, heitern Mittagseſſen ſaß Eugen neben ihr. Das Deſſert verlaͤngerte ſich, waͤhrend man auf den Wagen wartete, um in die Oper zu fahren, und die Unterhaltung betraf, nicht ohne Waͤrme, die Neuig⸗ keit des Tags, naͤmlich ein Duell. Ganz Paris wußte die laͤcherliche und doch beklagenswerthe Geſchichte deſ⸗ ſelben. Ein junger, halbbetrunkener Geck, beleidigende Redensarten, ein an der Ehre angegriffener rechtlicher Mann!.. das war die Sache im Allgemeinen. Es han⸗ delte ſich um einen Platz im Theater, um ein Mißver⸗ ſtaͤndniß; der Champagnerdunſt hatte das Geſicht eines ungezogenen Gecken, der den ganzen Tag auf den Fecht⸗ boͤden zubrachte und zur Luſt Ausfoderungen aufſuchte, etwas verdunkelt. Die Beleidigung war oͤffentlich ge⸗ ſchehen, mit der Satisfaction mußte es derſelbe Fall ſein, und der beleidigte Ehrenmann war unter der Klinge des veraͤchtlichen Forderers gefallen. Man ſprach uͤberall davon, man beklagte ihn, man tadelte ihn, ein achtungs⸗ werthes Leben gegen das eines ungekannten Laffen ein⸗ 12² geſetzt zu haben. Man lobte ihn aber auch, daß er dem Ehrgefuͤhl ſo brav Genuͤge geleiſtet habe, und von der voruͤbergehenden Thatſache auf den Grundſatz kommend, war das Duell lebhaft angegriffen, vertheidigt, verhoͤhnt, gerechtfertigt, und abwechſelnd durch die gleich maͤchti⸗ gen und unbeugſamen Gruͤnde der Religion, des Vorur⸗ theils, der Philoſophie und des Ehrenpunkts bald ver⸗ urtheilt, bald losgeſprochen worden. Emma's Geliebter vertheidigte natuͤrlich, hingeriſſen durch die gluͤhende Empfaͤnglichkeit ſeines Alters und eines edlen Gemuͤths, deſſen grauſame Nothwendigkeit in faſt allen Faͤllen. Der Vater des jungen Maͤdchens ſtellte es, ernſt ſtreng, kalt logiſch und unveraͤnderlich in ſeinen Grundſaͤtzen wie er war, unbeugſam in die Reihe der Verbrechen. Die ſanfte, gefuͤhlvolle, und wie jedes liebende Maͤdchen in der Naͤhe ihres Geliebten bei dem bloßen Gedanken an Blut und Mord ſchon erbebende Emma unterſtuͤtzte ihres Vaters Meinung, vergalt aber mit einem Feuer⸗ blick die Beredſamkeit des jungen Mannes. Der Streit ward lebhaft, heftig, ſpitzig, und bewies vollkommen und treffend die Unbeſtimmtheit unſrer Meinungen, Gefuͤhle und Sitten uͤber dieſen zarten Punkt, der Alles beruͤhrt, was die Ehre nur Reizbares haben kann.„Nein, mein Herr!“ ſagte da Emma's Vater mit Beſtimmtheit, nach⸗ dem er die triftigſten Gruͤnde umſonſt aufgeſtellt hatte: „nein, der ſchaͤtzenswerthe Mann, der Familienvater, der Buͤrger, deſſen Leben dem Staate gehoͤrt, muß nicht 13 dem erſten beſten Lump, der die Achtung gegen ihn aus den Augen ſetzt, das alberne und grauſame Recht ein⸗ raͤumen, eine Beleidigung durch einen Mord zu recht⸗ fertigen.“ „Aber das Ehrgefuͤhl erlaubt es doch auch nicht, daß man ſich Trotz bieten laͤßt, man nach der Beleidigung ſchweigt, ſie ruhig hinnimmt und das Brandmal der Beleidigung behaͤlt!“ „Das Ehrgefuͤhl, junger Mann? Worein legen Sie denn das? In ein Duell? das werden Sie doch nicht zu behaupten wagen; da muͤßten Sie uͤber ſich ſelbſt errd⸗ then. Nein, Dank ſei es dem Himmel und den Fort⸗ ſchritten der menſchlichen Vernunft, ſpaͤt nachkommende, aber endlich doch triumphirende Ueberlegung hat einen unſeligen Reſt eines barbariſchen und ungeſelligen Ge⸗ brauchs, den Unwiſſenheit und Bildungsmangel des Mittelalters bei unſern Vorfahren eingefuͤhrt hatte, als noch ſtatt der Geſetze und Gerechtigkeitspflege die rohe Kraft herrſchte, aus unſern Sitten verbannt. Damals war ihr Duell das Gericht Gottes, damals ſtellte ſich das goͤttliche Recht uͤberall an die Seite der Gewaltthaͤ⸗ tigkeit, und dieſes ſchoͤne Recht des Straßenraͤubers, die⸗ ſes Gericht Gottes, gehoͤrte dem ſchaͤrfſten Degen, den nervigſten Faͤuſten, dem geſchickteſten Raufbolde an, mochte er uͤbrigens ein Verraͤther, Meineidiger, mit allen Verbrechen und Mordthaten bedeckter Menſch ſein; das, was Sie Ehre nennen, blieb ſtets dem Staͤrkſten, dem 14 Gewandteſten, und dies, junger Mann, dies iſt der Ur⸗ ſprung Ihres Duells, das man ſo lange mit Gott weiß welchem Nimbus von Bravheit umgeben hat. Die Roͤ⸗ mer, die ſich auf Ruhm und Muth gewiß wohl ver⸗ ſtanden, kannten dieſe Art von Kampf gar nicht. Heut⸗ zutage verachtet ihn der uͤberlegt handelnde philoſophi⸗ ſche Englaͤnder, und nicht aus Feigheit. Der Ruſſe da⸗ gegen, noch ein Sklav und unter der Knute, vergoͤttert ihn, und bei uns, Eugen, bei uns iſt, ſo wie die Frei⸗ heit unſre Seelen erhoben, Aufklaͤrung unſern keimenden Verſtand entwickelt und Vaterlandsliebe die Ehre an ihre rechte Stelle geſetzt hat, das Duell mit Verachtung be⸗ legt und aus unſern gereinigten, verjuͤngten, neugeſtal⸗ teten Sitten verdraͤngt worden. Das Ehrgefuͤhl iſt nicht mehr hinter eine Wallmauer verwieſen und der Muth des Buͤrgers zeigt ſich auf der Rednerbuͤhne des Volks, auf dem Greveplatze, vor den Bajonetten des Despotismus und beim erſten Klange der Trommel unter der Fahne der Nation. Da findet ſich Platz fuͤr Jedermann; nur da erkauft man ſich den Namen eines Tapfern; aber im Duell!... Eugen, da laͤßt man ſein Leben, ohne Ehre zu finden.“ „und wenn man zogert, ſich dazu zu ſtellen, die Ver⸗ achtung, die Schamroͤthe, der Name eines Feigen!... Kann man das ertragen?... Emma, glauben Sie das?“ „Eugen! Infamie giebt es bloß fuͤr den Herausfor⸗ derer. Ein Duell! Welcher Schauder! Um eines Wortes, 13 eines Blickes, ja, oft eines Nichts willen, ſich umbringen! uUm eines Augenblickes von Zorn wegen vergeſſen, daß man geliebt wird, daß man liebt! Einem falſchen Ehr⸗ gefuͤhle, ſeiner Eigenliebe, nichts weiter, das Schickſal einer ganzen Familie, das Herz einer Mutter, das Leben einer Gattin aufopfern— ja, mein Herr, ihr Leben. Ach, theurer Freund, mein Vater hat Recht; der Duellant iſt ein Ungeheuer, ein Undankbarer! Unterliegt er, ſo giebt es nur Schande fuͤr ihn, ſiegt er, wie betrachtet ihn dann die Welt. Nein, pfui uͤber einen Duellant! Das iſt ja der allerſchlechteſte Ton! Ja, ja, mein Herr! er wird uͤberall ausgeſchloſſen. Bedenken Sie aber doch auch nur, Eugen, daß ein Duellant ein Menſch iſt, ganz mit Blut beſpritzt; man vermeidet, man flieht ihn, man nimmt ihn nirgends an, alle Salons ſind ihm verſchloſſen; er iſt ein verlorner Menſch.“ „Verloren!... Wenn nun aber dieſer Ungluͤckliche beleidigt, gefordert ward, nehmen wir an, ſelbſt von dem elendeſten Menſchen, und ſich weigerte, ſelbſt mit dieſem elendeſten Menſchen ſich zu ſchlagen: was denkt da die Welt von ihm? was ſagt man in unſern Salons von ihm? welches ſpoͤttiſche Lob wird er in jedem Blicke leſen? welcher Freund wird ihm die Hand druͤcken? welche Frau wird es wagen, ihn zu lieben? Emma, ſa⸗ gen Sie mir doch!...". Was ſollte Emma antworten?... Ihr Herz ſchlug, ihre Wangen faͤrbten ſich mit hoher Roͤthe, und ihr 16 Blick!... Ein Bedienter meldete, daß angeſpannt ſei. Man ſtand auf.“ „Asmodi, es iſt Schade, ich haͤtte gern gewußt... „Unterbrich mich nicht, Meiſter! Der junge Mann hat eben geſeufzt, und der Zeiger iſt ſchon uͤber drei Viertheile hinweg. Man ſtand auf. In den Zuͤgen des Vaters des jun⸗ gen Maͤdchens zeigte ſich noch ein kleiner Eindruck des Ernſtes, womit er das unſelige Vorurtheil des Ehren⸗ punktes beim Duell zu Boden geſchmettert zu haben glaubte. Eugen fuͤhlte ſich etwas verlegen und betroffen. Er hatte ſelbſt aus Ehrfurcht es doch nicht uͤber ſich ge⸗ winnen koͤnnen, ſich den Schein zu geben, als theile er die Meinung des Greiſes. Er haͤtte lieber ſeine ſchoͤne und theure Emma ausgeſchmaͤlt. War's denn moͤglich, daß zum erſtenmale ihre Herzen ſich nicht verſtanden! Nicht ohne etwas uͤble Laune und Schmollen reichte er ihr die Hand. Emma dagegen laͤchelte und war innig heiter. Es lag eine Art von zaͤrtlichem Stolze, mit ei⸗ ner reizenden kleinen Bosheit gemiſcht, in ihrer Miene. Ihr Blick war himmliſch, und ſobald ihre ſchoͤne Hand, die ihm entgegen kam, die ihres Geliebten beruͤhrte, druͤckte ſie ſie lebhaft.... Was wollte ſie ihm dadurch zu verſtehen geben? und was hinderte ihn, es nicht zu verſtehen? Man fuhr ab und langte vor dem Tempel der acht Muſen an. Auf Emma'’s Lippen thronte noch das 17. Laͤcheln, und ihre Hand lag noch in der Eugen's, als der Wagenſchlag geoͤffnet ward. Die neue Oper, die man ſehen ſollte, hatte das Ver⸗ dienſt, in der Mode zu ſein. Sie machte Fureur, ganz Paris rannte in ſie, um zu ſchlafen und ſich am Eingange erdruͤcken zu laſſen. Der Zufluß war ungeheuer. Unſre Ankoͤmmlinge hatten eine Loge. Man konnte erwarten, daß die Menge lichter wuͤrde; aber der Vorhang ſollte aufgehen, Emma fuͤhlte Ungeduld, das lebhafte Draͤngen ihres Alters, und dann ſieht man auch die Andern nicht gern ſich zuvorkommen. Man ſuͤrzte ſich alſo in die Maſſe. Das iſt nie ein Ort fuͤr ein ſchoͤnes weibliches Weſen. Eugen beſchuͤtzte Emma: die Liebe iſt aufmerk⸗ ſam, und ſchon hatte die wirbelnde Woge ſie bis unten an die Treppe fortgeriſſen, ohne daß die friſche Toilette der jungen Dame den mindeſten Schaden gelitten häͤtte, als Emma, die ſich am Arme ihrers Fuͤhrers anhielt, auf einmal einen Schrei that, und indem ſie ſich voll Schrecken auf Eugen ſtuͤrzte, zwei junge Maͤnner bei ſich vorbei ließ, welche ſtießen, ſchoben, ſich unter den Armen hielten, und die man an ihrem laͤcherlich modi⸗ ſchen Anzuge, ihrem ungezogenen Tone, ihren Schnauz⸗ baͤrten à la Koſak und den frechen Reden, die ſie fuͤhr⸗ ten, leicht fuͤr eine jener Art junger Laffen erkennen konnte, die unartig aus Gewohnheit, Muſter der Mode an ſchlechten Orten ſind, und deren Keckheit und Zu⸗ dringlichkeit nur in der Geſellſchaft glaͤnzt, die ſie zu 1** 18 ihren Helden macht. Die Hochroͤthe des Zorns ſtieg ploͤtzlich Eugen bis zur Stirn herauf: Sein erſtes Wort war:„Emma, was iſt Ihnen?“ Aber ſein Blick faßte ſchon die beiden ungezogenen Gecken ſcharf auf und ſein Herz zuckte. Emma ſah gleich ihren Fehler ein, und ihre Uebereilung verbeſſernd, ſagte ſie ganz leiſe zu ihm, indem ſie ihn zu entfernen ſuchte:„Nichts, gar nichts, lieber Freund. Es hat mir Jemand, den ich nicht unterſcheiden konnte, auf den Fuß getreten.“—„Es iſt einer von den beiden Maͤnnern da!“—„Nein, o nein, ich ver⸗ ſichre es Ihnen.“—„uUnd kein Wort der Entſchuldi⸗ gung! und die Grobheit, vor Sie zu treten!“—„O, um des Himmels willen, Eugen! ſein Sie ſtill! ſein Sie ſtill!“ Vielleicht waͤr' Alles damit abgethan geweſen; Eugen zwang ſich zur Maͤßigung; Emma war blaß geworden, zog ihn ruͤckwaͤrts und ſuchte mit den Augen ihren Va⸗ ter, der einige Schritte von ihnen durch die Menge zu⸗ ruͤckgehalten ward. Man hatte ſich getrennt, verloren.. Da drehte ſich einer der beiden jungen Maͤnner, die Un⸗ verſchaͤmtheit aufs Weiteſte treibend, lachend um, ſah Emma ſtarr an, wie er es bei gewiſſen Frauen, die eine ſolche Huldigung verdienten, gewohnt war, und ſagte zu ſeinem Freunde, oder vielmehr zu ſeinem Kameraden: „Sie iſt mein Seel' recht huͤbſch! Göͤttliche Augen! Aber ich wette doch darauf, daß Adele noch huͤbſcher iſt“ Dieſe unartigen Worte wurden ſo laut geſprochen, 19 daß man ſie ringsum hoͤrte und mehr als 30 Perſonen ſich umdrehten. Emma, deren Wangen ganz bleich wa⸗ ren, ward feuerroth; einen Augenblick lang ſah ſie Nichts mehr, und als die ſchnelle Bewußtloſigkeit, welche ihr die Augen geſchloſſen, voruͤber war, befand ſie ſich, ohne daß ſie geſehen oder gefuͤhlt, wie dieſe Veraͤnderung vor⸗ gegangen, in den Armen ihres Vaters, und Eugen war, ſo wie die beiden jungen Maͤnner, verſchwunden.“ „Asmodi! ich ſtehe auf Kohlen; Du haſt nur noch 7 Minuten zu ſprechen, und die Oper wird wenigſtens drei Stunden dauern.“ „Meiſter, wir brauchen ſie ja nicht mit anzuhͤren. Schon hatten die Zeugen dieſes Vorfalls ſich ſehr verlaufen, als Emma wieder zu ſich ſelbſt kam. Vorzuͤg⸗ lich waren die Maͤnner fortgegangen; die Frauen ſahen noch auf Emma. Aber der erſte Bogenſtrich ließ ſich vernehmen: die Muſik war von Roſſini, der ganze Saal bebte, 20 Trompeten ſchmetterten; das Stuͤck war ein Hirtengedicht. Was nun noch außerhalb ſich befand, vergaß die junge Dame, und eilte, die Treppe hinaufzu⸗ kommen. Emma folgte am Arme ihres Vaters. Sie wußte nicht mehr, was ſie that; das Herz ſchlug ihr im Buſen wie ein Hammer, ihre Kniee zitterten, die Zunge klebte ihr am Gaumen. In ihrem Kopfe herrſchte eine ſolche Betaͤubung, in ihren Ohren ein ſo ſeltſames Brauſen, daß es ihr alle Gedanken raubte. Sie ging, ſie ſtieg hinauf, immer von ihrem Vater geſtuͤtzt. Auch 20 * ihr Vater war blaß, ſeine Stirne gefurcht, und weilte.. Warum? Man kam in den Corridor, man gab das Billet ab, die Schließerin oͤffnete die Loge, ſo wie aber Emma den Fuß hineinſetzte, ſank ſie, ohne ein Wort ſprechen zu koͤnnen⸗ ohnmaͤchtig nieder. In dieſem Augenblicke kehrte Eugen mit ruhiger Miene und heiterm Geſichte zu Emma zuruͤck. Er kam wenigſtens noch Zeit genug, um ſie in ſeinen Armen zum Wagen zu tragen, und gluͤcklicher Weiſe waren die Vorſaͤle und Treppen jetzt frei. Der Vorhang ging auf. Nur der Controlleur ſah die junge Dame forttragen. „Das iſt ſie, dieſe da!“ murmelten die Austheiler der Contremarken. Man fuhr ſchnell ins Hotel... Wel⸗ ches Ereigniß! Welches Aufſehn fuͤr ein junges Maͤd⸗ chen!... Aber in Paris geht Alles voruͤber, ſchluͤpft Alles dahin, vergißt ſich Alles: es giebt dort ſo viel! Nun!— und was unter dem Periſtyl des Opern⸗ hauſes geſchehen war?... Meiſter, das erraͤthſt Du ja wohl leicht.* Vergebens wandte Eugen, der ruhig, heiter war, ja ſogar lachte, alle Kuͤnſte der Liebe, alle Luͤgen des Mu⸗ thes an, um ſeine Geliebte zu beſchwichtigen und den Greis auf andre Gedanken zu bringen. Emma las die Antwort auf ihre Fragen, in Thraͤnen ſchwimmend und den Blick voll Angſt und Liebe, in Eugen's Augen, und traute ſeinem Laͤcheln nicht, das ihr Thraͤnen erpreßte. „Ich bin beleidigt worden,“ ſagte ſie ſich ſelbſt,„er 21 betet mich an, er iſt brav, er wird mich raͤchen. Wie ungluͤcklich bin ich!“ Auch der Vater verfolgte ſchweig⸗ ſam und finſter den jungen Mann mit forſchendem Blicke, und ungeachtet aller Geiſtesgegenwart Eugen's zwang die Erfahrung des Greiſes dieſen, dieſesmal an der Aufrichtigkeit des Geliebten ſeiner Tochter zu zwei⸗ feln. Eugen aber verſicherte trotz deſſen zu Emma's Fuͤßen, daß der Beleidigung, die man ſich gegen ſie un⸗ terſtanden, ſo viele Entſchuldigungen gefolgt waͤren, daß Alles damit ausgeglichen geweſen ſei. Emma ließ ſich es hundertmal wiederholen, ohne baß die Freude in ihr Herz zuruͤckkehrte und der Greis hoͤrte zu, ohne daß die Ueberzeugung in ſeine Seele gelangte. Jetzt ſchlug es eilf Uhr; Eugen ging hinweg und ein Strahl der Hoffnung erhellte ſchon ein wenig die Stirn der jungen Liebenden und ſelbſt ihres Vaters, als dieſem ein Bedienter ein ſehr dringendes Billet einhaͤndigte, das eine unbekannte Perſon eben ins Hotel gebracht habe. Emma bebte. Eugen wollte fort. Aber ſchon hatte der Greis geoͤffnet, und las...„Bleiben Sie!“ rief er, und im Augenblicke ſank auch Emma bleich, zit⸗ ternd und ſterbend in den Seſſel, hielt aber noch Eugen bei der Hand zuruͤck. „Er hinterging uns!“ rief der Greis und legte ſchmerzlich die Hand an die Stirn. 8 „Er wird ſich ſchlagen, ich wußte es wohl!“ ſchluchzte Emma, die Lippen wie im Todeskampfe erbleicht. 22 „Sie ſind beleidigt worden!“ rief endlich Eugen mit der Gluth eines edlen Zorns,„ja, beleidigt, an der Seite Ihres Vaters, oͤffentlich, an meinem Arme! Emma, Emma, koͤnnten Sie einen Menſchen lieben ohne Liebe, ohne Muth, ohne Ehre?“ Emma wollte antworten und konnte doch nur einen Seufzer aus der Bruſt preſſen. Ihr Vater, der das verrathende Billet zu Ende las, hatte nichts gehoͤrt. Er begann wieder mit ernſtem Tone: „Mein Herr, morgen um 7 Uhr fruͤh, haben Sie ein Rencontre im Gehoͤlz von Romainville mit zwei jungen Laffen, denen Sie heut Abend zu viele Ehre an⸗ thaten, ihre Ungezogenheit zu bemerken. Der Vicomte d'O... und Herr von St. M..... ſollen Ihre Se⸗ kundanten ſein, und man wird die Waffen an Ort und Stelle beſtimmen... Sie ſehen, Dank ſei es dem Him⸗ mel! daß ich gut unterrichtet bin. Iſt das Wahrheit?“ „Ja, mein Herr, ich waͤre Ihrer, waͤre Emma's un⸗ wuͤrdig...“ „Halten Sie ein! laſſen Sie uns einen unnuͤtzen Streit nicht noch einmal anfangen. Ich frage Sie nicht mehr, was Sie zu thun gedenken, denn ich kenne Ihr Vorurtheil, Ihre Meinung uͤber den Ehrenpunkt. Sie wiſſen aber auch, was meine Grundſaͤtze ſind, was meine Ueberzeugung hinſichtlich des Duells iſt. Unſre Anſichten ſtimmen nicht uͤberein, aber hoͤren Sie mich. Ich habe eben ſo gut meine Rechte, wie Sie die Ihrigen. 733 Es ſteht Ihnen frei, den Ehrenpunkt da zu ſuchen, wo Sie ihn finden wollen, ich, wo ich ihn zu finden glaube. Sie ſind Herr uͤber Ihr Leben, ich bin es noch uͤber meine Tochter. Sie ſind entſchloſſen, ſich zu duelliren, und ich bin entſchloſſen, nie einen Mann als Schwie⸗ gerſohn anzuerkennen, der bereit iſt, ſein Leben gegen das des erſten beſten Taugenichts zu verwetten, und der ſeine Ehre auf die Spitze eines Degens ſetzt, wie ein Spieler ſein Geld auf einen Wurf. Das iſt kein Mann fuͤr meine Tochter.“ „Mein Herr!— um des Himmels willen!— ich bin entehrt, wenn... „Nein, mein Herr, denn ich will noch weit weniger einen Entehrten zum Schwiegerſohne. Entſagen Sie dieſem Duelle, und Emma iſt die Ihre. Kann ich Sie hoͤher ſchaͤtzen und kann ich es Ihnen beſſer beweiſen?“ „Sie? nein, mein Herr. aber die Welt...“ „Eugen, Sie ſind frei; ich— ich bin Vater. Sie haben Ihr Ehrgefuͤhl, ich habe das meine auch. Sehen Sie meine Tochter an! Legen Sie dieſe Thraͤnen, dieſe Angſt auf die Waage gegen Ihre Eigenliebe... ſehen Sie, Ungluͤckſeliger!— Es iſt genug, wenn Sie wahr⸗ haft lieben!... Was mich betrifft, ſo iſt dies mein letz⸗ tes Wort: Kein Duell, oder keine Emma! waͤhlen Sie!“ Als er dies geſagt hatte, nahm der Greis ſeine Toch⸗ ter bei der Hand, und fuͤhrte ſie aus dem Zimmer. 24 „Emma!“ rief Eugen;„Sie auch verurtheilen Sie mich auch?“ Emma widerſtand dem Draͤngen ihres Vaters, wandte ſich noch einmal um, und ſtreckte Eugen ihre Hand ent⸗ gegen. Durch ihre Blaͤſſe, ihre Thraͤnen, ihre Zerſtoͤ⸗ rung ſchimmerte ein Laͤcheln; welch eine Sprache in dieſem Laͤcheln! es war ſtolz und zaͤrtlich, wie das der jungen Griechin, die ihrem Braͤutigam den Helm auf die Locken druͤckt.„Eugen! Eugen!“ ſagte ſie, und druͤckte ihm die Hand und ſah ihn an... und indem ſie ihm die Hand druͤckte, indem ſie ihn anſah, ſo ſtrahl⸗ ten die Augen der jungen Liebenden und die Roͤthe kehrte auf ihre Wangen zuruͤck.— Aber ihre Lippen ſchloß ploͤtzlich eine geheime Gewalt; ein furchtbarer Ge⸗ danke verſcheuchte aus ihrem Geſichte den aufdaͤmmern⸗ den Purpur, ihre beredten Augen verhuͤllten ſich, ſie neigte das Koͤpfchen, ihre Hand wagte nicht mehr die des jungen Mannes zu druͤcken, und mit furchtſamer, zitternder Stimme ſetzte ſie hinzu:„Eugen, gehorchen Sie meinem Vater!.. auch ich verbiete Ihnen, ſich zu ſchlagen.“ Und damit eilte ſie zu dem ⸗Greiſc und floh mit ihm aus dem Zimmer. Eugen blieb beſtuͤrzt, ohne Regung⸗ bewegungslos, als ob der Blitz ihn getroffen haͤtte, oder ſein Fuß ein⸗ gewurzelt waͤre auf der Stelle, wo Emma ihn verlaſſen hatte. Innerlich wiederholte er ſich nur immer die Worte, die wie geſchmolzenes Blei auf ſein Herz zu fallen 25 fallen ſchienen:„Emma verlieren!... Emma entſa⸗ gen!... Emma verlaſſen!...“ Eine Unruhe, ein Kampf, eine unausſprechliche Angſt zermalmte alle ſeine Gedanken. Zwiſchen der Schande und Emma's Verluſt zu waͤhlen! 4 Die folgende Nacht war eine immerwaͤhrende Marter.. Nun, Meiſter! die Hand aufs Herz; was haͤtteſt Du an der Stelle des jungen Mannes gethan?? „Glaubſt Du, daß der Greis aufrichtig ſprach und ſein Wort halten wird?“ „Ja: der junge Mann hatte die freie Wahl, nichts weiter, und er wußte es.“ „In dem Falle, Freund Teufel, war die Sache ſehr verfaͤnglich, und ich fange an zu rathen.... Doch komm zu Ende, eile, denn der unſelige Augenblick iſt ganz nahe.“ „Um ſieben Uhr fruͤh erhielt Emma's Vater einen Beſuch vom Vicomte d'O... und Herrn St. M...: ſie meldeten ihm mit dem hoͤflichſten, aber zugleich mit kaltem und zuruͤckhaltenden Tone, daß das Duell nicht ſtattgefunden habe.. Mittags kam Eugen ins Hotel. Der Greis empfing ihn mit der innigſten Herzlichkeit, und reichte ihm die Hand. 2 Emmass reizende Zuͤge trugen noch ruͤhrende Spu⸗ ren der durchweinten Nacht. Eugen naͤhte ſich ihr furcht⸗ ſam... Sie erroͤthete. III. 21 26 Abends war Beſuch geladen. Als Eugen ſich zeigte, lachten die jungen Damen.. Emma fuͤhlte ſich ver⸗ legen. Nicht einer der jungen Maͤnner trat zu dem kuͤnftigen Gemahle der Koͤnigin des Feſtes. Eugen blieb allein, ſeitwaͤrts, verlaſſen ſtehn. Man ſprach leis hinter dem Faͤcher, man kicherte hinter den Stuhllehnen.... War er der Gegenſtand?... Emma verließ den gan⸗ zen Abend uͤber das Piano nicht; das Pult verbarg ihr Geſicht, ſie ſchlug die Augen nicht mehr auf... Sie beſaß nicht mehr den Stolz, den Glanz einer Geliebten. Zwei Tage darauf war Ball. Da ſah man wieder die Menge der Mitbewerber um Emma's Hand erſchei⸗ nen, welche Eugen entfernt hatte, und die jungen Taͤn⸗ zer ſtuͤrzten wieder auf ſie zu, die weißen Handſchuhe an den Haͤnden. Und doch hatte Eugen noch ein Recht auf den erſten Contretanz. Ach, kaum hatte er ſich, Emma an der Hand haltend, in die Reihen der tanzenden Paare geſtellt, von Jugend ſtrahlend, glaͤnzend von Schmuck, brennend auf das Vergnuͤgen, als das gegen⸗ uͤberſtehende Paar verſchwand, den Platz aͤnderte und ſich Niemand fand, der vor Emma und ihrem Taͤnzer ſigurirt haͤtte, wenn ihnen nicht noch unverhofft ein Maͤdchen von 7 Jahren und ein junger Schuͤler zu Huͤlfe gekommen waͤren Vielleicht war es nur ein Zu⸗ fall, aber fuͤr Emma ward Alles ein ſcharfer Pfeil, ein beißender Spott, eine grauſame Verachtung. Die fluͤch⸗ tige Heiterkeit des Balls, das Lachen ohne Urſache, dem 21 ſich die Jugend uͤberlaͤßt, die hingeworfenen unbedeu⸗ tenden Worte, die ſich waͤhrend des Tanzes kreuzen, wurden fuͤr die beaͤngſtigte, aufmerkſame, gequaͤlte Lie⸗ bende zum ſpöͤttiſchen Gefluͤſter, Eugen war deſſen Ge⸗ genſtand, ihr Ohr hoͤrte nur ſeinen Namen murmeln, ihre Blicke begegneten ſpoͤttiſchem Laͤcheln. Dieſe Furcht wurde zur Wirklichkeit.... und die gezwungene Miene Eugens, der nicht minder mißtrauiſch war als ſie, ent⸗ taͤuſchte ſie nicht. Er war gedemuͤthigt: ol wie un⸗ gluͤcklich war ſie!... Emma war auf alle andre Con⸗ tretaͤnze verſprochen.... Und Eugen?... Er tanzte nicht mehr, alle Damen waren ſchon engagirt. Am folgenden Morgen— war Emma leidend. Am folgenden Morgen— hatte ſie Migraͤne. Am folgenden Morgen— machte ſie Beſuche. Am folgenden Morgen— konnte ſie ihn nicht an⸗ nehmen. Am folgenden Morgen— war Emma aufs Land ge⸗ fahren.“ „Asmodi! der Zeiger iſt ſchon auf der hoͤchſten Num⸗ mer des Zifferblatts.“ „Meiſter, ich ſehe es wohl. Der ungluͤckliche junge Mann ſah endlich ein, daß, indem er das Ehrgefuͤhl der Liebe geopfert, er die, welche er liebte, verloren hatte. Er iſt ſtolz, edel, gefuͤhlvoll, und weiß, daß Ehre und Liebe unwiederbringlich ſind. Da iſts Mitternacht!.. Siehſt Du.“ 2* 28 Die Pendule ſchlug. Ich wollte hinſehn, aber ploͤtz⸗ lich ergriff mein Herz ein Schauder, erſtarrte mein Blut, und ich ſchloß unwillkuͤhrlich die Augen. Noch ſchlug die Uhr.„Asmodi!“ rief ich aus,„um des Himmels willen! halte den jungen Menſchen zuruͤck!“ Ehe aber noch das letzte Wort uͤber meine Lippe kam, hatte ſchon eine Exploſion das Hotel erſchuͤttert... Ich ſchlug beide Haͤnde vors Geſicht, ich fuͤrchtete mich, die⸗ ſes Schreckliche zu ſehn. Ein lautes Gelaͤchter Asmo⸗ di's machte, daß ich die Augen wieder oͤffnete. Er be⸗ beruͤhrte mich mit ſeiner Kruͤcke; Alles war verſchwun⸗ den, wir waren weit hinweg von dem unſeligen Orte. „Nun, Meiſter,“ ſagte der Hinkende,„was denkſt Du nun jetzt uͤber das Duell? Haͤtte ſich der junge Mann ſchlagen ſollen?“ „Allerdings, ohne allen Zweifel.“ „Einverſtanden. Alſo hatte, ſtreng genommen, auf der andern Seite der Vater des jungen Maͤdchens Un⸗ recht, ihn daran zu hindern.“ „Ganz und gar nicht; er war verſtaͤndig. Das Duell iſt eine Peſt, eine Schande, ein Abſcheu! es iſt eine un⸗ moraliſche Handlung, die nahe ans Verbrechen grenzt.“ „Auch einverſtanden; und nach Klr dem genau uͤber⸗ legt, Deine Meinung?“ „Meine Meinung?“ „Was beſchließeſt Du?“ 29 „Ich?... Wahrhaftig... Ich weiß es nicht. Und Du, Daͤmon?“ „Gerade wie Du, Meiſter: ich weiß es auch nicht; und das iſt ſo ungefaͤhr in dieſem aufgeklaͤrten Jahr⸗ hunderte unſere Meinung uͤber Alles und Jedes, von Dei⸗ ner Seele anzufangen bis auf meine Hoͤrner.“ „Glaubſt Du?“ „Das iſt die Wahrheit.“ „Nun, wenn das iſt, lieber Freund, ſo ſind wir ſehr weit vorwaͤrts gekommen.“ Vietor Ducange. BDie jungen Mädchen in Paris. Und auch ich ſall die beſcheidene Aehre eines alten Er⸗ zaͤhlers der reichen und mannigfachen, von hundert und einem franzoͤſiſchen Schriftſteller gebundenen und einem der achtungswertheſten Verleger unſrer neuern Literatur zur Entſchaͤdigung fuͤr unvorhergeſehene, durch die letz⸗ ten politiſchen Stuͤrme verurſachte Verluſte dargebrachte Garbe hinzufuͤgen! Aber was kann ich ihm anbieten, ich, ein einfacher Moraliſt, faſt ein Siebenziger, ge⸗ wohnt, nur die niedrigſten Stege des Parnaſſes zu betre⸗ ten und mich dort unter friedlichen Schattenbaͤumen auszuruhen, wo ich mich damit begnuͤge, einige Feld⸗ blumen zu pfluͤcken, um ſie den jungen Maͤdchen, die mir begegnen, anzubieten? Mit welchem Rechte kann ich mich unter dieſe neuen Addiſons, dieſe Quinti⸗ liane, dieſe Ariſtarche miſchen, die das Menſchen⸗ herz bis in ſeine tiefſten Falten erforſchen, um alle ſeine 31 Bewegungen und Irrthuͤmer kennen zu lernen und es zur Vollkommenheit zu leiten? Mit welchem Rechte koͤnnte ich in Wettkampf treten mit den großen Colori⸗ ſten unſrer Zeit? ich, der ich mich ſtets nur dem einfachen Style eines moraliſchen Erzaͤhlers hingegeben habe, und ſtets als Deviſe den Horaziſchen Sinnſpruch benutzte: „Ingenium misera fortunatius arte,“ die Naturgabe iſt der Kunſt, die nicht das Hoͤchſte erreicht, vorzuziehn. Aber ich habe es verſprochen; ich habe dem unwider⸗ ſtehlichen Reize nachgegeben, meinen Namen neben die meiner Freunde und Collegen mit einzuzeichnen; ich will es alſo noch einmal wagen, zu erzaͤhlen... vielleicht zum letztenmale. Ja, ich will es verſuchen, eine getreue Skizze der jungen Maͤdchen in Paris zu entwerfen, zu beweiſen, daß ſie in jedem Stande und Range Muſter zum Ruhme und zur Ehre ihres Geſchlechts darbieten; ich will vorzuͤglich zu beweiſen ſuchen, daß die Tugend, welche des Lobes am wuͤrdigſten, diejenige ſei, der man in der aͤrmern Klaſſe begegnet, wo ſie ſtets mit Verfuͤh⸗ rungen umgeben iſt, welche der Wunſch, ſich zu erheben, das Vereinzeltſtehen, die Unerfahrenheit und leider zu oft die dringendſten Lebensbeduͤrfniſſe entkeimen laſſen. Die Grundlage meiner Erzaͤhlung beruht auf That⸗ ſachen. Dieſe Anekdote iſt in meiner Nachbarſchaft vor⸗ gefallen, und ich habe ſie aufgefaßt, um ſie den volks⸗ thuͤmlichen, ruͤhrenden Zuͤgen anzureihen, die ich mir auf der Schaubuͤhne der Welt ſammle, ſo wie der Bo⸗ — ÿ 34 taniker, den man durch Thaͤler und uͤber Berge wandern ſieht, um die heilſamen Pflanzen zu ſammeln, welche alle Uebel der Menſchheit ſtillen oder ihnen vorbeugen koͤnnen.— Eſtelle Aubert war das einzige Kind eines Arbeiters in einer Buchdruckerei, den angeſtrengter und unnach⸗ laͤſſiger Fleiß dahin gebracht hatten, daß er, da er Haͤnde und Fuͤße nicht mehr gebrauchen konnte, ſein Leben in einem Lehnſeſſel zubringen mußte. Eine ſchreckliche Lage fuͤr einen Mann von Gefuͤhl, der ſeiner Frau und Toch⸗ ter zur Laſt fallen muß! Dieſe ſelbſt aber konnten ſich nur durch ihre nicht eben eintraͤgliche Beſchaͤftigung mit dem Waſchen feiner Waͤſche ernaͤhren, wozu Eſtelle noch ſeit einigen Monaten das Ausbeſſern von Blonden und Spitzen gelernt hat, um doch elwas mehr durch Ta⸗ gesarbeit zu verdienen. Dieſe arme, aber anſtaͤndige Familie wohnte in zwei Stuͤbchen unter dem Dache, in der ſechsten Etage eines Hauſes der Straße Chabannais, einem Hotel gegenuͤber, deſſen erſtes Stockwerk ein großer Guͤterſpeculant, der nun ein beruͤhmter Banquier geworden, das zweite der Vicomte von Saluces, Koͤniglicher Stallmeiſter, und das dritte ein Tarationsbeamter inne hatten. Jeder dieſer verſchiedenen Bewohner des Hotels be⸗ ſaß eine Tochter. Die des Banquiers Saint⸗Omer, mit Namen Leonie, war eine anziehende Bruͤnette, offnen Geſichts und von der heiterſten Laune, aber zerſtreut, 33 unbeſonnen, keck, und machte ihrer anerkannt wuͤrdigen Lehrerin die groͤßte Muͤhe, um nur zwei Ideen nach ein⸗ ander in den Kopf ihrer Schuͤlerin zu bringen, nur ih⸗ rem Gedaͤchtniſſe die allgemeinſten Begriffe der Gram⸗ matik, Geſchichte und Geographie einzupraͤgen. Es war mit einem Worte ein allerliebſtes, von ihren Eltern verzo⸗ genes Naͤrrchen, die ſich einbildeten, daß ihre einzige Tochter Vermoͤgen genug beſitzen werde, um in der Welt zu glaͤnzen und ſich vortheilhaft zu verheirathen Auch wurde ſie ſchon in der That, ob ſie gleich erſt 17 Jahr alt war, von gewiſſen Hofherren aufgeſucht, die die be⸗ deutende Mitgift, welche ſie bekommen ſollte, zu angeln ſtrebten, um ihre Glaͤubiger zu beſchwichtigen, den Glanz ihres Hotels aufrecht zu halten, und mit einem Worte, ihre Laͤndereien zu duͤngen(kumer leurs terres): ein unter Vornehmen, die eine Mißheirath ſchließen, gewoͤhnlicher Ausdruck. Die Tochter des Grafen Saluces bot einen auffallen⸗ den Kontraſt gegen die des Banquiers dar. Clorinde, eine ſchoͤne, ein wenig fade Blondine von 18 Jahren, war kalt und zuruͤckhaltend. Ihr. Blick war gebieteriſch, waͤhrend ihre Vekachtung andeutenden Lippen zugleich Hochmuth ausdruͤckten. Ihre Gouvernante, eine ehema⸗ lige Kanoniſſin, beſtaͤrkte ſie in ihrer hohen Idee von Geburt, in dieſer Steifheit der adeligen Kaſte, und gab ihr bei jeder Gelegenheit den ungeheuern Unterſchied zu bedenken, der zwiſchen ihr und der Tochter jener reichen Emporkoͤmmlinge ſtatt finde, die ſich einbildeten, mit vor⸗ nehmen Herren auf gleicher Stufe zu ſtehen. Was die junge Emma, die Tochter des Herrn Du⸗ mont, des Taxrationsbeamten, betrifft, ſo beſaß ſie weder die beleidigende Verdruͤßlichkeit Clorindens, noch die thoͤrigte Luſtigkeit Leoniens. Das Schickſal hatte ſie in jene mittlere Region der geſelligen Verhaͤltniſſe ge⸗ ſtellt, wo man weder die Langeweile des Ranges und der Etikette, noch die Beduͤrfniſſe des Mangels kennt, wo man, wie ein alter Weiſer ſagt, gegen die Sonnenſtrah⸗ len, welche die Spitzen der Waͤlder ſengen, wie gegen die Ueberſchwemmungen, welche die niedrig wachſenden Kraͤuter ertraͤnken, geſichert iſt. Emma, die von ihrer Mutter, einer trefflichen Frau, die ſtets nur beſchaͤftigt war, in ihrem Hauſe Ordnung und Annehmlichkeit zu erhalten und das Gluͤck ihrer Umgebungen zu machen, erzogen ward, Emma, von Jugend auf gewoͤhnt, haͤus⸗ lichen Beſchaͤftigungen obzuliegen, gut aus Inſtinkt, un⸗ terrichtet ohne Anſpruͤche, kurz, liebenswuͤrdig, faſt ohne es ſelbſt zu wiſſen: Emma war nur ein einfaches Buͤr⸗ germaͤdchen.. Eſtelle Aubert wuͤrde ſich bald uͤber die niedrige Lage, auf welche ſie beſchraͤnkt war, erhoben geſehen haben, wenn ſie den Antraͤgen der jungen Wuͤſtlinge ihres Vier⸗ tels, den Verfuͤhrungen haͤtte Gehoͤr geben wollen, wo⸗ mit ſie in den verſchiedenen Haͤuſern beſtuͤrmt wurde, wohin ſie ihre Arbeiten tragen mußte. Wenn man ſie 3⁵ durch die Straßen von Paris mit leichten Fuͤßchen, nied⸗ lich, flink, das Laͤcheln auf den Lippen und das Naͤschen in der Luft dahineilen ſah, mit ihrem kleinen gruͤnen Carton unterm Arme, verwechſelte man ſie oft mit leicht⸗ ſinnigen Maͤdchen, die unter dem aͤußern Anſcheine ſehr beſchaͤftigter Arbeiterinnen auf Abenteuer ausgehen und mit ihrer Jugend und ihren Reizen ein ſchaͤndliches Gewerbe treiben. Sobald man aber mit unſrer aller⸗ liebſten Spitzenwaͤſcherin ſprach, bemerkte man gleich aus ihren Antworten, aus ihrer Haltung, aus der anziehen⸗ den Freimuͤthigkeit, die uͤber ihr ganzes Weſen verbrei⸗ tet war, daß ſie ein braves Maͤdchen ſei. Man ſah ſie nicht uͤber ein Wort, uͤber einen im Vorbeigehen ihr zu⸗ geworfenen Scherz ſich erzuͤrnen; ſie ergab ſich in die voruͤbergehenden Demuͤthigungen, die von ihrer Beſchaͤf⸗ tigung unzertrennbar waren, und raͤchte ſich an ihnen dadurch, daß ſie ſich immer mehr in der Tugend gekraͤf⸗ tigt fuͤhlte, und geſchickt den Angriffen der Menge von Verfuͤhrern, die ſie in der großen Welt fand, auswich, dabei aber nicht begreifen konnte, wie man das von der dedes erkaufen wolle, was doch das Herz allein verleihen nne. Eſtelle kam oft in Verhaͤltniſſe zu ihren drei jungen Nachbarinnen. Ihr Ruf als ein rechtliches Maͤdchen, ihre zaͤrtliche Sorgfalt fuͤr ihren kranken Vater, und daß man wußte, ſte ſei eine ſehr geſchickte Arbeiterin, gaben ihr eine Art von Beruͤhmtheit. Es verging keine Woche, 36 wo ſie nicht bald zum Banquier Saint⸗Omer gerufen ward, um einen engliſchen Schleier auszubeſſern, den Madame beim Ausſteigen aus dem Wagen im Bois de Boulogne zerriſſen hatte, oder zum Vicomte Saluces, um eine Maſche in ſeinen Spitzenmanſchetten aufzufaſſen, oder einen Riß in den weiten Aermeln von Bruͤſſler Kanten, den die Graͤfin in dem Apartement der Dau⸗ phine bekommen, zu ſtopfen, oder endlich zu dem Taxa⸗ tionsbeamten, um die Tuͤllkrauſen der Madame Dumont zu waſchen und vorzurichten, oder die Jaconnas⸗Pele⸗ rinen ihrer Tochter, ihren gewoͤhnlichen Putz. Die Aufnahme jedoch, welche Eſtelle Aubert in den verſchiedenen Stockwerken des Hotels fand, war eben ſo verſchieden, wie die Verhaͤltniſſe der Familien, die ſie bewohnten. Im erſten Stocke ward ihre Arbeit ſtets wohl aufgenommen, nach ihrem vollen Werthe aner⸗ kannt, und ſie erhielt jedesmal einen mit der Arbeit und Muͤhe, die ſie gekoſtet hatte, verhaͤltnißmaͤßigen Lohn da⸗ fuͤr. Leonie nannte ſie gewoͤhnlich meine gute Eſtelle, und nahm gegen ſie nicht im mindeſten einen ſtolzen oder anmaßenden Ton an. Im zweiten Stocke war es nicht daſſelbe. Die Vicomteſſe von Saluces, eine ſtolze und vornehmthuende Frau, die aus einer fruͤher etwas leichtſinnigen Dame nun eine ſtrenge Betſchweſter ge⸗ worden war, ſchien nie mit dem zufrieden, was die junge Perſon gemacht hatte, die ſie bald meine Kleine, bald mein Herz mit dem veraͤchtlichen Laͤcheln nannte, das 37 den Abſtand zu meſſen ſchien. Clorinde zeigte ſich noch anmaßender, noch ſchwieriger als ihre Mutter. Sie ließ oft die gefaͤllige Eſtelle ihre Arbeit noch einmal machen, und faſt allemal mußte das arme Maͤdchen ohne Bezah⸗ lung wieder fortgehn. In dem dritten Stocke dagegen befand ſie ſich wie in ihrer eignen Familie. Herr und Madame Dumont uͤberhaͤuften ſie mit Liebkoſungen und Lobſpruͤchen wegen ihres Benehmens; Emma vor Allen konnte nicht muͤde werden, die vollendet ſchoͤne Arbeit ihrer lieben Nachbarin zu bewundern; ſie druͤckte ihr die Haͤnde, und haͤtte ſie gewiß gern umarmt, wenn ſie nicht gefuͤrchtet haͤtte, ihrem Bruder Leon etwas in den Kopf zu ſetzen, einem feurigen, jungen Studenten der Rechte, der fuͤr die Spitzenwaͤſcherin eine auf Achtung gegruͤn⸗ dete Zuneigung fuͤhlte, die er eben deshalb weder ver⸗ ſchweigen noch unterdruͤcken konnte. Nicht lange, ſo bekam die junge Eſtelle unter den eleganteſten Damen ihres Viertels einen ausgebreiteten Ruf. Sie lobten um die Wette ihre Talente und ihre Puͤnktlichkeit, ſie ſtritten ſich darum, ihr die werthvoll⸗ ſten Putzſachen anzuvertrauen. Da nun ſonach Made⸗ moiſelle Aubert, denn ſo nannte ſie Jeder, nicht mehr nebſt ihrer Mutter aller Arbeit genuͤgen konnte, die man ihr zuwies, ſo war ſie genoͤthigt, mehrere Arbeiterinnen anzunehmen, um ſich Lehrlinge daraus zu erziehen, und mußte deshalb die beiden Dachſtuͤbchen verlaſſen, wo es im Winter ſo kalt und im Sommer ſo heiß war. Sie 88 miethete ſich nun ein artiges kleines Quartier im drit⸗ ten Stocke deſſelben Hauſes, wovon die eine Stube nach Abend zu auf die Straße ging, worin denn ihr alter kranker Vater wohnte, den ſie oft in ſeinem Lehnſeſſel an das Fenſter rollte, um ihn friſche Luft ſchoͤpfen und ann den Sonnenſtrahlen ſich waͤrmen zu laſſen. Eſtelle konnte jetzt ihren drei Nachbarinnen, deren Zimmern ſie gegenuͤber wohnte, oft im Laufe ihrer taͤg⸗ lichen Beſchaͤftigungen folgen. Bald bemerkte ſie da Leoninen, die ſich vor Lachen ausſchuͤtten wollte, indem ſie den Lieblingsaffen ihrer Mutter, der mit einer langen Kette an einem der Balkone der erſten Etage angeſchloſ⸗ ſen war, tauſend Spruͤnge und tauſend Wendungen machen ließ, bald Clorinden, die neben ihrer Mutter, welche mitten in einer erbaulichen Lektuͤre eingeſchlafen war, im Rahmen ſtickte; bald endlich bekam ſie einen freundlichen Gruß, ein liebliches Laͤcheln von Emma, die, indem ſie die Mode⸗Romanze, oder ein allerliebſtes Gedicht von Beranger vor ſich traͤllerte, ihre kleine Wirthſchaft beſorgte. Nicht lange waͤhrte es, ſo trat ihr Bruder Leon ans Fenſter, und wenn er Eſtellens zaͤrtliche Blicke fuͤr ihren Vater ſah, ſo gruͤßte er ſei⸗ nerſeits mit tiefer Erregung, und ſein Auge blieb auf ihr gefeſſelt, bis ſie ſich in den Hintergrund ihrer Woh⸗ nung zuruͤckzog, um wieder an ihre Arbeit zu gehen und die ihrer Gehuͤlfennen zu beaufſichtigen. Der Winter folgte den ſchoͤnen Tagen bald; er gab 39 der jungen Spitzenwaͤſcherin von neuem eine richtige Idee von Stolz auf Rang und Vorzuͤge der Geburt, Dies beſtaͤtigte ſie in dem ſchon gefaßten Entſchluſſe, mit Perſonen von Titel und Reichthum nur in die zu ihrem eignen Stande nothwendig gehoͤrenden oder ſonſt unvermeidlichen Beziehungen zu treten. Die Zeit des Carnevals nahte ſich, und jede Klaſſe der Einwohner von Paris uͤberließ ſich den Freuden, welche Muſik⸗ und Tanzvereine gewaͤhrten. Bei dem Banquier Saint⸗ Omer gab es einen großen Ball. Alles, was zur Chauſſée d'Antin gehoͤrte, war eingeladen worden Die geſchick⸗ teſten Tapeziere, die modiſchſten Meubleurs leiteten die hoͤchſt koſtſpieligen Anſtalten dazu. Es war, mit einem Worte, Nichts geſchont worden, um den ganzen Luxus, die ganze Prachtliebe des reichen Handelsſtandes zu entfalten. Eſtelle, welche am Morgen dieſes großen Tages der Madame Saint⸗Omer ein koſtbares engliſches Spitzen⸗ kleid uͤberbracht, hatte es gewagt, die Haushaͤlterin um die Erlaubniß zu bitten, ſich mit unter die Hausbedie⸗ nung zu miſchen, um in dem Vorzimmer die beruͤhmten Schoͤnheiten der Boͤrſe vorbeipaſſiren zu ſehen, ihre An⸗ zuͤge zu muſtern und von weitem den koͤſtlichen Anblick dieſes glaͤnzenden Feſtes zu genießen. Ein ſchwarzge⸗ kleideter Kammerdiener, mit dem dreieckigen Hute un⸗ ter dem Arme, meldete mit lauter Stimme alle Perſo⸗ nen, die ſich einfanden. Jetzt erſchien die Familie von 40 Saluces, die wegen der Nachbarſchaft eingeladen worden war, und es nicht hatte abſchlagen koͤnnen, da man mehr als einmal zu der Saint⸗Omerſchen Kaſſe ſeine Zuflucht genommen hatte und vielleicht bald wieder nehmen mußte; denn der Herr Vicomte liebte, um ſich nach den Gewohnheiten der Herren am Hofe zu richten, das Spiel, und hatte theure Liehſchaften. Bei der Meldung des Kammerdieners:„der Herr Vicomte und die Frau Vicomteſſe von Saluces!“ bruͤſtete ſich dieſe, in der feſten Ueberzeugung, daß Jedermann, von der Ehre durchdrun⸗ gen, welche ſie dieſem Vereine von Buͤrgerlichen erzeige, aufſtehn und ihr huldigen werde, breitete mit Wuͤrde die Schleppe ihrer Robe aus, und warf uͤberall umher kolze und forſchende Blicke; aber wie ſtaunte ſie, als ſte ſah, daß ſich Niemand ruͤhre, Niemand ſich um ſie kuͤmmre. Nur die dicke Madame Saint⸗Omer ging ihr entgegen, und nannte ſie ganz laut„meine liebe Nach⸗ barin.“ Leonie ergriff Clorindens Hand, welche hinter ihrer Mutter ging, fuͤhrte ſie zu den Taͤnzerinnen und ſagte zu ihr:„Köſtlich aufgeſetzt... wie ein Engel an⸗ gezogen... o! meine Theure, wie allerliebſt ſind Sie!“ Die Offenherzigkeit des Lobes war doch nicht im Stande, die Vertraulichkeit der Worte zu entſchuldigen, und das adlige Fraͤulein ging, von dieſem Tone der Gleichſtellung verletzt, wieder zu der Vicomteſſe, die ganz leiſe zu ihrem Manne ſagte:„Wie das hier inach Emporkoͤmmlingen riecht! Was fuͤr eine gemeine Art und Weiſe!”“—„Man 41 hat vollkommen Recht, wenn man ſagt, das Geld ſei wie die Sonne und gebe dem Staube Feſtigkeit.“ Nach⸗ dem der Vicomte dies geſagt, druͤckte er dem Saint⸗ Omer freundlichſt die Hand, der mit ſeinem derben Auf⸗ lachen zu ihm getreten war und ihm ganz leis ins Ohr gefluͤſtert hatte:„Lieber Nachbar, ich habe Ihnen eine Bouilotte zu 500 Franken aufgehoben.“ Am ſchrecklich⸗ ſten iſt es aber fuͤr die ſtolze Clorinde, Leonie zu ſehn, wie dieſe im Voruͤbergehn beim Vorzimmer der Spitzen⸗ waͤſcherin ein Zeichen des Einverſtaͤndniſſes giebt, die die Augen niederſchlaͤgt, erroͤthet, und nur dadurch um ſo ſchoͤner wird. Am folgenden Morgen ſchon eilte Eſtelle zu der wer⸗ then Familie Dumont, welche man nicht eingeladen hatte, um dort von dieſem praͤchtigen Feſte zu erzaͤhlen, und die Damen zu nennen, die die ſchoͤnſten Diaman⸗ ten und den reichſten Anzug gehabt hatten. Es fand ſich da, daß die eine die Tochter eines Generaleinneh⸗ mers war, der wegen Betruͤgereien abgeſetzt worden, die andre die Schweſter eines Wechſelagenten, der ſeine Zahlungen bereits zum drittenmale eingeſtellt hatte, daß dieſe im Scheidungsprozeſſe gegen ihren Mann ſich be⸗ fand, der als betruͤgeriſcher Bankerotier verfolgt wurde, und jene, die nicht in Guͤtergemeinſchaft mit ihrem wuͤrdigen Gatten, einem Geſchaͤftsmanne, ſtand, unter ihrem Namen betraͤchtliche Summen werben ließ, die der deſchiilte Spitzbuhe leinen Clienten abpreßte.„Wie?“ 2*v 42 rief Eſtelle mit dem Staunen eines reinen und noch unverdorbenen Gemuͤths;„dieſe Frauen ſind ſo keck, auf einem Balle glaͤnzen zu wollen??—„Je nun,“ ant⸗ wortete der Taxator mit dem feinen Laͤcheln eines un⸗ beſcholtenen Beamten:„die Ehre gleicht bei allen die⸗ ſen wichtigen Perſonen unſrer Zeit den Naͤgeln: ſie waͤchſt wieder.“ Kurze Zeit darauf war bei dem Vicomte von Salu⸗ ces eine nicht minder zahlreiche Verſammlung, die aus den aͤlteſten Familien nach Ausweis des Wappenbuchs beſtand. Es gab keinen Ball. Die Großmutter der Schweſter eines kleinen deutſchen Fuͤrſten war ploͤtzlich geſtorben, und der Hof hatte alſo 10 Tage Trauer. Daher verlangte die Etikette, daß man ſich auf ein Kon⸗ zert beſchraͤnkte, wo ſich die beruͤhmteſten Talente der Hauptſtadt zeigten. Saint⸗Omers wurden jedoch auch eingeladen. Es war unmoͤglich, ſie wegzulaſſen, ſo gewaltig buͤrgerlich ſie auch waren. Noch am Tage vorher hatte ja der Vi⸗ comte von Saluces bei ſeinem Nachbar eine bedeutende Summe erborgt, um eine Ehrenſchuld abzuſtoßen. Frei⸗ lich mußte ihre Gegenwart einen ſchreienden Abſtand in einem Vereine des hohen Adels machen; aber Noth bricht Eiſen. Eſtelle liebte die Muſik außerordentlich. Sie ſang mit vielem Ausdruck die beſten Geſaͤnge der neueſten Opern. Die Kammerfrau erlaubte es ihr daher, ſich un⸗ 43 ter die Dienerſchaft zu miſchen, um das Konzert mit anzuhoͤren. Ihr Entzuͤcken war unbeſchreiblich; nicht ohne Staunen und Unwillen bemerkte ſie aber, wie ge⸗ wiſſe vornehme Herren auf ihren Stuͤhlen eingeſchlafen waren, und andre unter ſich ſchwatzten, waͤhrend die beruͤhmteſten Kuͤnſtler die trefflichſten Arbeiten unſrer er⸗ ſten Tonſetzer ausfuͤhrten und ſich ſelbſt uͤbertrafen, um deren Schoͤnheiten vollkommen hervortreten zu laſſen. Dieſes Gemurmel der verſchiedenen Geſpraͤche, dieſes Trauerkoſtuͤm der Geladenen, dieſe druͤckende Laſt der Etikette, welche alle dieſe Perſonen von hohem Range, alle dieſe Guͤnſtlinge des Monarchen mit laͤcherlicher Strenge beobachteten, kurz, dieſe ganze Maſſe von An⸗ ſpruͤchen, Ehrgeiz und Anſtand ſchien ihr der Hauptgrund zu der truͤben Stimmung, die auf allen Geſichtern zu leſen war, und uͤberzeugte das junge Maͤdchen bald, daß die Großen der Welt, abgeſpannt und muͤd', das Gluͤck nur traͤumen, ohne es je zu genießen, und daß Lange⸗ weile das Erbuͤbel der Gluͤcklichen auf der Erde iſt. Wenige Tage darauf bewirthete auch die Familie Du⸗ mont ihrerſeits ihre Verwandten, Freunde und Bekannten. Bei dieſer Zuſammenkunft gab es weder den blendenden Luxus der Boͤrſe, noch den imponirenden Ernſt der Hof⸗ leute; gute Buͤrger aus demſelben Viertel waren froh vereint. Man ſah weder diamantene Halsbaͤnder, noch goldſtoffne Turbans mit Paradiesvoͤgeln, noch Ordensbaͤnder und Federhuͤte, aber dafuͤr uͤberall nur heitre Geſichter. Man 44 begegnete bloß Herzen, die in froher Luſt und offner Freundſchaft ſchlugen. Ohne Ceremonien geſellte man ſich, nahm ſich vertraulich an den Arm, zog den Hand⸗ ſchuh ab, um ſich die Hand zu druͤcken; kurz, es war, wie Marmontel ſagt, das Feſt braver Leute. Auch ging der wackre Dumont in ſeinem nett ausgeſchmuͤckten Saale freudetrunken umher, und hoͤrte nicht auf, mitten unter den Taͤnzen, die man begann und den artigen Maͤdchen, die ihn umſtanden, zu wiederholen, daß das ſicherſte Mittel zum eignen Gluͤcke das Gluͤck andrer Menſchen ſei. Eſtelle war von dem Tarator auch zu dieſem fro⸗ hen Feſte eingeladen worden. Er ſagte mit dem Aus⸗ drucke des wohlwollenden Mannes, der wahres Verdienſt zu erkennen und zu ſchaͤtzen verſteht, zu ihr:„Wer kann unſer kleines Feſt mehr verſchoͤnern, als das Maͤdchen, deſſen Arbeit ihre Aeltern erhaͤlt, das die Leiden eines kraͤnklichen Vaters verſuͤßt, und ſich Achtung und Ver⸗ ehrung in der ganzen Nachbarſchaft erworben hat?“— „Es draͤngte uns recht,“ ſetzte Madame Dumont hinzu, „Ihnen, liebe Eſtelle, dieſen oͤffentlichen Beweis unſrer Liebe und Achtung zu geben.“ O, wie drangen dieſe Worte bis ins tiefſte Herz des jungen Maͤdchens! Wie ſchmeichelt ſo ſuͤß das erſte An⸗ erkenntniß, das man erhaͤlt und deſſen man ſich wuͤrdig weiß! Eſtelle war ſo von Freude ergriffen, daß ſie kein Wort ſprechen konnte. Ein Haͤndedruck, welchen ſie in 45 dieſem Augenblicke von Emma erhielt, bewies ihr, daß dieſe ſich auch der Einladung ihrer Aeltern anſchloß, und Leon's Blicke ließen ſie ohne Muͤhe errathen, wer ihr erſter Taͤnzer auf dem Balle ſein werde. Dort ward ſie auch mit all der Achtung empfangen, die man einem braven Maͤdchen ſchuldig iſt, und von allen jungen Per⸗ ſonen wie ihres Gleichen, wie eine Freundin behandelt. Jeder zollte ihr das ſchmeichelhafteſte Lob, aber Keiner wog das Schweigen Leon's auf, deſſen auf ſie geheftete Blicke ihre Einfuͤhrung in die Geſellſchaft braver Buͤrgersleute zu theilen und ſich dem Vorgefuͤhle zu uͤberlaſſen ſchie⸗ nen, daß ſie einſt darin eine ausgezeichnete Stelle ein⸗ nehmen werde. Eſtelle beobachtete, weit davon entfernt, einen aͤhnlichen Gedanken zu faſſen, eine beſcheidne Zu⸗ ruͤckhaltung, die ſie noch intereſſanter machte. Sie ver⸗ mied, ſo viel ihr nur moͤglich war, die flammenden Au⸗ gen des Sohnes vom Hauſe, und richtete die ihren auf alle die andern jungen Leute, in der Hoffnung, die in⸗ nere Unruhe, welche ſie empfand, auf dieſe Weiſe zu be⸗ ſchwichtigen. Aber vergebens ſuchen wir uns ſelbſt zu entfliehn, wider unſern Willen fuͤhrt uns Alles auf uns zuruͤck. Zwei Jahre verſtrichen. Mademoiſelle Aubert war Herrin einer betraͤchtlichen Anſtalt geworden, und hatte einen ihre Hoffnungen weit uͤberſteigenden rechtlichen Gewinn erworben. Nach und nach hatte ſie ihr kleines Mobiliar vermehrt, das Innere ihrer Wohnung ge⸗ 46 ſchmuͤckt. Ihre kraͤnkliche Mutter fuͤhrte die Wirth⸗ ſchaft nicht mehr. Sie war der Wittwe eines Invaliden anvertraut worden. Statt des alten hoͤlzernen Lehnſeſ⸗ ſels des Vater Aubert war jetzt ein bequemer, weich ge⸗ polſterter Stuhl angelangt. Er ſelbſt zeigte ſich an ſei⸗ nem Fenſter nur im grauen warmen Oberrocke mit ei⸗ ner blautuchnen Muͤtze. Auch Eſtelle trug, ohne jedoch des⸗ halb das Mindeſte in ihrem gewoͤhnlichen Anzuge zu ver⸗ aͤndern, etwas ausgeſuchtere Stoffe, bedeckte ihren ſchoͤ⸗ nen Nacken mit einem großen Merino⸗Shawl, und wagte es ſelbſt bis zu einer kleinen goldnen Uhr, um zur rech⸗ ten Zeit bei ihren Kunden zu ſein, verbarg ſie aber ſorg⸗ faͤltig unter dem Halstuche. Sie fuͤrchtete Nichts ſo ſehr als bemerkt zu werden, und wuͤrde ſich eher ſelbſt die groͤßten Entbehrungen auferlegt haben, als den Neid und die Zungen der Mitbewohner ihres Viertels zu er⸗ regen. Die wahre, obgleich ſtrenge Kritik iſt die Schild⸗ wacht der Sitten. 8 Die erſte Haͤlfte des Jahres 1830 war voruͤber. Eſtelle, ſtets gut, einfach und arbeitſam, ſah ihr Loos ſich mit jedem Tage verſchoͤnern. Von ihren Arbeiterinnen und 3 Zoͤglinginnen geliebt und geehrt, fuͤr ihre zarte Sorg⸗ falt in Beziehung auf ihre Aeltern durch das Gluͤck, das dieſe in ihrer Naͤhe genoſſen, belohnt, verglich unſre junge Spitzenwaͤſcherin oft ihre buͤrgerliche Lage mit der ihrer drei Nachbarinnen, welche ſie unablaͤſſig beobach⸗ tete, und fand ſich in eben ſo gluͤcklicher wie dieſe, weil 47* ſte nuͤtzlich und geachtet war. Sie beluſtigte ſich an der Unbeſonnenheit und den Tollheiten der Tochter des Banquiers, ertrug mit Entſagung den Hochmuth und die Quaͤlereien der des Vicomte, und troͤſtete ſich durch die innige Freundſchaft, welche Emma ihr widmete, als ſich auf einmal der furchtbarſte Sturm in der Haupt⸗ ſtadt erhob und uͤber ganz Frankreich verbreitete. Durch ungetreue Rathgeber verleitet, brach der Monarch den buͤrgerlichen Vertrag; man zwang ihn, der Krone zu entſagen, und er floh zum dritten Male. Paris war die Beute des Parteikampfes; die alten Freunde der Frei⸗ heit ohne Zuͤgelloſigkeit beſchwichtigten ihn aber bald, indem ſie ſich auf die National⸗Repraͤſentanten ſtuͤtzten, welche eine neue Dynaſtie gruͤnden zu muͤſſen glaubten. In dieſem allgemeinen Umſturze wurden die hochgeſtell⸗ teſten Perſonen herabgeriſſen, die ſchoͤnſten buͤrgerlichen Verhaͤltniſſe zerſtoört. Auch der Vicomte von Saluces wand ſeiner Gehalte, ſeiner Vorrechte beraubt, und folgte ſeinem bisherigen Herrn ins Exil, indem er Frau und Tochter in einer Verlegenheit zuruͤckließ, welche dieſe bald zwang, ihren Schmuck und Meubles zu verkaufen, ia ſie dahin brachte, daß ſie ſich, als ſie ihre Beduͤrfniſſe nicht mehr befriedigen konnten, zu einer alten, ſelbſt⸗ ſuͤchtigen, aberglaͤubiſchen Verwandten in der Vorſtadt Saint⸗Germain zuruͤckzogen. Auch auf den Cours der Staatspapiere wirkte die große politiſche Erſchuͤtterung. Eine Menge von Ban⸗ 1 48 quiers, und hauptſaͤchlich diejenigen, welche auf Land⸗ beſitz und Staatseigenthum ſpeculirt hatten, wurden rui⸗ nirt. Dazu gehoͤrte auch Saint⸗Omer. Nachdem er alle Huͤlfsmittel vergebens erſchoͤpft hatte, um dieſem Ungluͤcke zu entgehen, gab er ungluͤcklicherweiſe den un⸗ ſeligen Eingebungen der getaͤuſchten Selbſtliebe und der Erniedrigung, vom Reichthume zur Armuth uͤberzugehen, Gehoͤr, und ſchoß ſich im Hoͤlzchen von Boulogne eine Kugel durch den Kopf. Frau und Tochter erfuhren die⸗ ſes ſchreckliche und furchtbare Ende nur in dem Augen⸗ blicke, wo der Friedensrichter im Namen der zahlreichen Glaͤubiger des Verſtorbenen die Siegel auf deſſen reiche und prachtvolle Wohnung legte. Die ungluͤckliche Ma⸗ dame Saint⸗Omer war gendthigt, ſich daraus zu ent⸗ fernen, ohne ſich auch nur mit den nothwendigſten Gegen⸗ ſtaͤnden verſehen zu koͤnnen, um ſich in eine Miethwoh⸗ nung zu fluͤchten und den Ausgang dieſes ſchauerlichen Ereigniſſes dort zu erwarten. Mit tiefem Schmerze er⸗ fuhr ſie daſelbſt, daß das ganze Mobiliare werde verkauft werden, ohne daß ſie auch nur den mindeſten Anſpruch machen koͤnne, weil ſie mit ihrem Manne in Guͤterge⸗ meinſchaft gelebt hatte. So wußte denn weder ſie noch ihre Tochter, wovon ſie die nothwendigſten Lebensbeduͤrf⸗ niſſe beſtreiten ſollten. Vergebens verſuchten ſie zu dem Mitleide mehrerer großen Kapitaliſten ihre Zuflucht zu nehmen, welche fruͤher die anſehnlichſten Geſchaͤfte mit dem ungluͤcklichen Saint⸗Omer gemacht hatten; ſie wur⸗ 49 wurden mit Gleichguͤltigkeit angehoͤrt und mit Geſchick⸗ lichkeit abgewieſen. So empfanden ſie denn, daß der Ungluͤcklichen groͤßtes Leiden dies ſei, reiche Leute um Huͤlfe anzuſprechen. Schon ſahen ſich Beide, durch Kummer niederge⸗ druͤckt und von dem Unentbehrlichen entbloͤßt, genoͤthigt, zu einer milden Stiftung ihre Zuflucht zu nehmen, als Leonie ſich erinnerte, mit welchem Eifer, welcher Freude die junge Spitzenwaͤſcherin durch ihrer Haͤnde Arbeit ihre Aeltern erhalte, und dadurch ihren Muth geſtaͤrkt fuͤhlte. Sie entſchloß ſich alſo eines Morgens, in die Straße Chabannais zu gehen und Eſtelle Aubert ihren Wunſch und ihre Hoffnung anzuvertrauen, auch eben ſo ihrer Mutter, wenn auch nicht Wohlſtand, doch minde⸗ ſtens das taͤgliche Brot und Schutz vorm Elende zu er⸗ werben. Ihre fruͤhere Nachbarin nahm ſie mit der ruͤh⸗ rendſten Herzlichkeit auf.„Kommen Sie,“ ſagte Eſtelle zu ihr, indem ſie ſie in ihre Arme ſchloß,„kommen Sie mit Ihrer Mutter zu mir! ich werde Sie Beide bei meinen Arbeiten beſchaͤftigen, und wenn Sie ſich nicht gern unter meine uͤbrigen Arbeiterinnen miſchen wollen, will ich Ihnen Arbeit auf Ihre Stube ſchicken. Die beiden Zimmer im Dachgeſchoß, die ich ſonſt bewohnte, ſind jetzt zu vermiethen; dieſe muͤſſen Sie beziehen. Ich werde Ihnen den Miethzins auf 3 Monate vorſtrecken und einen Theil meiner Menbles leihen. Meine gute Ante vird Ihre Wirthſchaft mit beſorgen; kurz, wir . 3 50 wollen Alles theilen, was ich beſitze. Kommen Sie, Ma⸗ demoiſelle Leonie, Sie, die mich immer mit ſo vieler Guͤte aufnahm, als Sie noch im Wohlſtande waren, Sie, die mich nie die geringſte Demuͤthigung empfinden ließ. Sie verachteten Ihre arme Waͤſcherin nicht; da iſt es denn billig, daß die Reihe auch an dieſe komme, und ich danke Ihnen daher recht innig, daß Sie auf Eſtelle Aubert gerechnet haben.“ ‧—„O. ſagen Sie lieber, auf meine Freundin!“ rief Mademoiſelle Saint⸗Omer aus: „Ach! Sie ſind die einzige, die ich in unſerm Ungluͤcke finde, und ich hatte Sie alſo recht beurtheilt.“ Am folgenden Tage ſchon ließen ſich Mutter und Tochter, mit ihrer kleinen Habe unterm Arme, in der zweiten Etage uͤber der, welche Eſtelle bewohnte, nieder, da dieſe ſchon im Voraus die beiden Dachſtuͤbchen mit dem Noͤthigſten verſehen hatte; Madame Saint Omer nahm das Stuͤbchen ein, das in den Hof ging, um die Fenſter der prachtvollen Gemaͤcher, die ſie gegenuͤber be⸗ wohnt hatte und deren Mobiliare man eben verkaufte, nicht immer vor Augen zu haben. Leonie konnte ſich es nicht verſagen, von ihrem Fenſterchen aus ſchwermuͤthige Blicke auf jene ſchoͤne Wohnung zu werfen, in welcher ſie, eingewiegt von dem Zauber des Reichthums, weit davon entfernt geweſen war, zu glauben, daß ſie ſich je in die beſcheidnen Zellen der armen Waͤſcherin wuͤrden fluͤchten muͤſſen.. O! wie viele Betrachtungen ſtellte ſie uͤber die Launen des Schickſals an⸗ nd wie ſehr 51 freute ſie ſich daruͤber, niemals Perſonen, die unter ihr geweſen waren, gedemuͤthigt zu haben! Leonie ſcheute ſich nicht, einen Platz im Arbeitszim⸗ mer Eſtellens einzunehmen, wo ſie bald unter die ge⸗ ſchickteſten Schuͤlerinnen gehoͤrte. Ihre Mutter arbei⸗ tete, da ihr der Kummer haͤufige Kraͤnklichkeit zuzog, auf ihrer Stube, und unterſtuͤtzte ihre Tochter im Er⸗ werb des Nothwendigſten. Am meiſten lag ihnen am Herzen, der guͤtigen Eſtelle die verſchiedenen Meubles, deren dieſe ſich ſelbſt beraubt hatte, wieder zuzuſtellen; denn Eſtelle ſchlief bloß auf einem Gurtbette, um Ma⸗ dame Saint⸗Omer eine Schlafſtaͤtte anbieten zu koͤnnen, welche dieſer bequemer ſei, und ſie weniger in ihrem Elende demuͤthige. Schon unterhandelten Mutter und Tochter, in Folge ihrer Arbeiten und Nachtwachen, mit einem Tapezier aus der Nachbarſchaft, um ſich das be⸗ beſcheidenſte, aber doch auch unentbehrlichſte Mobiliar zu kaufen, als ein voͤllig unerwartetes Ereigniß Beide aus der peinlichen Lage befreite, in welcher ſie ſich be⸗ fanden. Als ſie eines Tages, wo ſie in die Vesper ge⸗ gangen waren und nach Gewohnheit die Schluͤſſel zu ihren beiden Stuben dem Portier uͤbergeben hatten, wieder nach Hauſe kamen, ſtaunten ſie nicht wenig, als ſie in jenen einen Theil der Meubeln wieder erblickten, welche ſonſt die Zimmer der Wohnung, die ſie vorher inne gehabt, muͤckt hatten. Madame Saint⸗Omer erkannte ſogleich ihr Acaioubett mit himmelblau ſeidnen . 3* Vorhaͤngen und ihr langes Sopha von gruͤnem Maro⸗ quin, ſo wie ihren großen Schrank. Als ſie ſich dieſen zu oͤffnen beeilte, fand ſie darin einen Theil ihrer Waͤſche und Kleider. Leonie eilte auf ihr Stuͤbchen, und be⸗ merkte dort auch ſogleich ihr ſonſtiges Bettchen mit ei⸗ nem goldnen Pfeile daruͤber, der die mouſſelinenen Vor⸗ haͤnge feſthielt, mehrere kleine Geraͤthſchaften, die ſie in Gebrauch hatte, ihr Arbeitstiſchchen, ihr Piano, alle ihre Muſikhefte und uͤber dieſes ein großes Viereck mit gruͤner Leinwand verdeckt. Eilig nimmt ſie dieſe weg, und findet das Bruſtbild ihres Vaters, auf dem unten die Worte ſtanden:„Muth, meine Tochter! das Maͤd⸗ chen, das ihre Mutter mit ihrer Haͤnde Arbeit ernaͤhrt, nimmt ſtets einen ehrenwerthen Rang in der buͤrgerli⸗ chen Geſellſchaft ein.“ Der laute Schrei, den Leonie beim Anblick dieſes theuern Bildes und dieſer ruͤhrenden Inſchrift ausſtoͤßt, zieht Madame Saint⸗Omer herbei, welche, ſelbſt von Staunen ergriffen, ihre Tochter an ihr Herz druͤckt, und eingeſteht, daß man nicht Alles verlo⸗ ren hat, wenn man noch Mutter iſt, und daß die aͤchte⸗ ſten und allein unvergaͤnglichen Schaͤtze die Schaͤtze der Seele ſind. Leonie eilt ſogleich zu Eſtelle Aubert, und erzaͤhlt ihr dieſes Abenteuer, zu welchem ihr dieſe mit der voll⸗ ſten Waͤrme der Freundſchaft Gluͤck wuͤnſcht. Ihr Verdacht faͤllt nun bald auf dieſe, hald auf jene Perſon, der ſie einen ſo edlen Zug der Großmuth zutrauen zu 53 können glauben. Um der Sache naͤher auf die Spur zu kommen, gehen ſie Beide zum Portier hinunter, und fragen ihn ausfuͤhrlich uͤber dieienigen aus, welche die Sachen gebracht haben. Dieſer antwortet ihnen, es ſei Herr Jamart, der Tapezier dieſer Damen, geweſen, der Alles ſelbſt an Ort und Stelle geraͤumt habe.„Er hat mir auch das Bette heruntergebracht, das ich das Gluͤck hatte, Ihrer guten Mutter darzuleihen,“ fuͤgte Eſtelle hinzu.„Wir muͤſſen ihn ſelbſt fragen.“ Auf der Stelle gehen ſie zu dem braven Manne, der am Ende derſelben Straße wohnt, und dringen in ihn, ihnen die wohl⸗ thuende Hand zu nennen, welche unſtreitig ſchon lange gewohnt war, rechtliche Nothleidende zu troͤſten und zu unterſtuͤtzen. Dieſer geſteht, daß er allerdings den Auf⸗ trag gehabt habe, die verſchiedenen Sachen, welche er zu den Damen gebracht, in der Auction zu erſtehen, verſichert aber, daß er die Perſon, welche ihn dazu ver⸗ anlaßt, nicht nennen koͤnne, weil er ſein Ehrenwort habe geben muͤſſen, ihren Namen nie zu verrathen. „Nun denn,“ ruft Eſtelle lebhaft aus,„der Taxator, Herr Dumont, hat die Auction gehalten; er muß den Namen des Kaͤufers wiſſen. Wir wollen ihn deshalb fragen; er wird mir es gewiß nicht abſchlagen.“— „Sie wuͤrden ſich vergebens bemuͤhen,“ entgegnet der wackre Tapezier;„ich habe Alles unter meinem eignen Namen gekauft und gleich baar bezahlt, daher bin ich 54 allein im Beſitze eines Geheimniſſes, das ich aber nicht verrathen darf.“ Es vergingen wieder einige Monate. Leonie hatte reißende Fortſchritte in der Kunſt der Spitzenbehandlung gemacht, und war durch Geſchicklichkeit und Eifer die erſte Arbeiterin bei Demoiſelle Aubert geworden, ſo daß ſie ihren einfachen Haushalt mit ihrem Verdienſte reich⸗ lich beſtreiten konnte. Erhielt ſie aber von Eſtelle ſtets Beweiſe der innigſten Herzlichkeit, ſo fand ſich nun auch eine Gelegenheit, dieſer ihren vollen Dank zu be⸗ weiſen. Ganz unerwartet ward der alte Vater Aubert, der Altersſchwaͤche unterliegend, ſeiner geliebten Tochter. entriſſen, und wenige Tage darauf folgte ihm ſeine Gattin ins Grab. Dieſer doppelte Verluſt erſchuͤtterte Eſtelle ſo ſehr, daß ſie aller Sorgfalt, alles Troſtes, de⸗ ren Leonie faͤhig war, bedurfte, um zu ſorgen, daß ihre geliebte Freundin dem Schmerze nicht unterlaͤge. Auch die Familie des Taxators bewies Eſtelle die groͤßte Theilnahme. Herr und Frau Dumont beſuchten ſie oft, Emma hrachte ganze Tage bei ihrer lieben Nachbarin zu, und mehr als einmal vereinte Leon ſeine Troͤſtun⸗ gen mit denen ſeiner Schweſter, und vielleicht waren es eben dieſe, welche nicht am wenigſten dazu beitrugen, das Gemuͤth unſrer theuern Freundin wieder zu be⸗ ruhigen. Es ward nun, da ſie ploͤtzlich Waiſe, kaum 23 Jahr alt, hinreißend ſchoͤn und hoͤchſt anmuthig war, fuͤr ſie 4 55 das wichtigſte Beſtreben, einen Stuͤtzpunkt zu finden, der ihren Ruf vor Verleumdung ſchuͤtzte. Sie bat da⸗ her Maͤdame Saint⸗Omer, Mutterſtelle bei ihr zu ver⸗ treten, und ſchlug ihr vor, mit ihrer Tochter zu ihr zu ziehen, ſo daß ſie kuͤnftig Arbeit wie Gewinn theilten. Mit Freuden ward dieſer Vorſchlag angenommen. Leo⸗ nie fuͤhlte einen geheimen Genuß darin, ihre Mutter vom Dachſtuͤbchen herabſteigen und im dritten Stocke eine Wohnung beziehen zu ſehn, wo ſie, bei den Meubles aus jener großmuͤthigen und noch immer unbekannten Hand, ſich einigermaßen in ihre fruͤhere Lage zuruͤck verſetzen konnte. Der Stolz gleicht der Hoffnung: er wird mit uns geboren und ſtirbt zuletzt in uns Die ganze Nachbarſchaft billigte dieſe Vereinigung. Man erkannte die volle Reinheit der Sitten, durch welche ſich Mademoiſelle Aubert ſtets ausgezeichnet hatte, wieder darin. Sie weihte nun Leonie gaͤnzlich in das Naͤhere ihres Geſchaͤftes ein, und ſtellte ſie bei ihren Kunden als ihre theure Gefaͤhrtin, als ihre angenom⸗ mene Schweſter vor. Jetzt erſchien Mademoiſelle Saint⸗ Omer, welche alle Bekannte ihres Vaters verlaſſen hat⸗ ten, als ſie glaubten, daß ſie ihrer beduͤrfen werde, auf einmal wieder ſchaͤtzenswerth und intereſſant. Die reich⸗ ſten Familien des Viertels beſtrebten ſich, ihre edeln Unternehmungen zu befoͤrdern, lobten laut ihre kindliche Liebe, und unterſtuͤtzten ſie mit den Mitteln, zum Um⸗ ſchwunge des Venneinſehaftlichen Geſchaͤfts mitzuwirken, —— 56 ſo daß dies eins der beruͤhmteſten und geſuchteſten in der Hauptſtadt ward. Als nun eines Tages die beiden Geſchaͤftsfreundinnen ſich uͤber dieſen guten Fortgang und ihr Gluͤck unter⸗ hielten, trat eine ſchlecht gekleidete Perſon mit einem alten ſchwarzen Strohhute und dichtem Schleier bei ih⸗ nen ein. Es war Clorinde von Saluces, die im Vier⸗ tel nicht hatte erkannt ſein wollen, und deren Zuͤge, ob ſie gleich immer noch einen gewiſſen Stolz ausſprachen, doch durch Thraͤnen ſchon verſtellt zu ſein ſchienen. Sie hatte erfahren, daß ihre Nachbarin, die Tochter des Ban⸗ quiers, ſich durch Arbeit und Beharrlichkeit eine eigne Exiſtenz erworben hatte, und zugleich Alles vernommen, was die Spitzenwaͤſcherin gethan, um dieſe und deren Mutter zu troͤſten und ihr ein ruhiges und angenehmes Leben zu verſchaffen. Ueberzeugt, nun ihnen auch durch die Erzaͤhlung ihrer Ungluͤcksfaͤlle einiges Intereſſe ein⸗ zufloͤßen, bat ſie ſie jetzt/ ihr in ihrem Vorhaben Beiſtand zu leiſten.. Sie erzaͤhlte ihnen alſo zuerſt, daß der Vicomte von Saluces in Schottland geſtorben ſei und nur Schulden hinterlaſſen habe, daß ſeine Wittwe und Tochter, welche ſich zu einer alten Verwandten in der Vorſtadt Saint⸗ Germain gefluͤchtet, dort Demuͤthigungen ausgeſetzt ſeien, welche ſie nicht mehr ertragen koͤnnten, und daher, da ſie der Unterſtuͤtzung vornehmer Perſonen, welche 57 faſt alle Paris verlaſſen haͤtten, beraubt waͤren, ſich ent⸗ ſchloſſen, auch von ihrer Haͤnde Arbeit zu leben, muͤß⸗ ten ſie auch zu dem Haͤrteſten ſich deshalb verſtehen. Sie bitte daher die beiden ehemaligen Nachbarinnen, ih⸗ nen Arbeit zu verſchaffen.„Sein Sie uns willkom⸗ men, mein Fraͤulein!“ antwortete Eſtelle Aubert;„meine Freundin und ich werden Sie bald dahin bringen, uns helfen zu koͤnnen, und da Sie ſich bis zu uns herablaſ⸗ ſen wollen, werden Sie ſich bald eine anſtaͤndige Exi⸗ ſtenz begruͤnden, die Sie ſich dann allein ſelbſt zu ver⸗ danken haben werden.“—„und das iſt mehr werth, als Rang und Reichthum,“ ſetzte Leonie freudig hinzu; „ich war nie gluͤcklicher, als jetzt.“ Noch an demſel⸗ ben Tage miethete Clorinde die beiden Dachſtuͤbchen, welche die beiden jungen Geſchaͤftsgefaͤhrtinnen fruͤher eine nach der andern bewohnt hatten, und zog am an⸗ dern Morgen mit ihrer Mutter ein, welche den ein⸗ fachen Namen einer Madame Dupré, Wittwe eines in der Schlacht gebliebenen Militairs, annahm. Eſtelle be⸗ ſorgte durch ihre brave Haushaͤlterin Alles, was die Da⸗ men bedurften, damit Niemand in dem Viertel ſie wie⸗ der erkenne, und bald brachten es Mutter und Tochter, ohne jedoch im Arbeitszimmer ſelbſt zu erſcheinen, durch taͤgliche Arbeit, die ſich oft bis in die Nacht verlaͤngerte, dahin, daß ſie alle ihre Beduͤrfniſſe befriedigen und ſich die Qual erſparen konnten, das Mitleid von Perſonen 58 in Anſpruch zu nehmen, von denen ſie vielleicht mit vollem Rechte die ehrenvollſte Gaſtfreundlichkeit haͤtten erwarten koͤnnen. Der ehrliche Taxator verheirathete ſeine Tochter Emma an den jungen Nachfolger eines ſehr beruͤhmten Sach⸗ walters. Eſtelle Aubert war, ſo wie ihre liebenswuͤrdige Gefaͤhrtin, deren natuͤrlicher Frohſinn und heiterer Cha⸗ rakter ihr alle Herzen gewannen, zur Hochzeit eingela⸗ den worden. Nur eins fehlte noch zu Leoniens Gluͤcke, naͤmlich den Unbekannten zu kennen, der ihnen ſo un⸗ erwartet den Wiederbeſitz eines Theils ihres fruͤheren Mobiliars gewaͤhrt hatte, ihr vor Allem aber das Ge⸗ maͤlde ihres Vaters mit der Inſchrift, welche ihr nie aus den Gedanken kam. Es war Leonien und ihrer Mut⸗ ter durch einige kleine Entbehrungen gelungen, die 1500 Francs, welche der Unbekannte ungefaͤhr bei dieſem großmuͤthigen Zug ausgegeben hatte, zuſammen zu brin⸗ gen, und ſo oft ſie Herr Jamart begegneten, baten ſie ihn, ihnen wenigſtens die Freude zu gewaͤhren und dieſe Summe zu uͤbernehmen. Herr Jamart, einer der ge⸗ ſchickteſten Tapeziere von Paris, im Beſitz eines ſchoͤnen Vermoͤgens und allgemeiner Achtung, war mit ſeiner Familie auch zum Balle bei Herrn Dumont eingeladen worden. Hier drang Leonie von neuem in ihn, ihr ih⸗ ren theuern Wohlthaͤter, ihren Schutzgeiſt zu nennen. Ihre Bitten waren ſo dringend und wurden von allen 59 Anweſenden ſo allgemein gebilligt, daß dieſer treffliche Mann, in eigner Ruͤhrung, unwillkuͤhrlich ſeine Blicke auf Eſtelle Aubert richtete, welche erroͤthete und die Au⸗ gen niederſchlug. Leonie ward es gewahr, und drang mit Fragen ſo lange in den Tapezier, bis dieſer den ed⸗ len Unbekannten nannte, den man nie in einer einfachen Spitzenwaͤſcherin erwartet haͤtte. Leonie eilt auf ihre Freundin zu, ſchließt ſie in ihre Arme und uͤberſtroͤmt ſie mit Thraͤnen des Dankes.„Es waren meine erſten Erſparniſſe,“ ſagt endlich Eſtelle;„konnte ich einen beſſern Gebrauch davon machen?“ Dann wandte ſie ſich an den Tapezier und fuͤgte hinzu:„Ich bin nicht boͤſe auf Sie; aber Sie haben mir die Haͤlfte meines Gluͤcks geraubt. Im Geheimen wohlzuthun, iſt eine Anweiſung auf das kuͤnftige Leben.“ Jedermann brach nun in Lobeserhebungen und Gluͤck⸗ wuͤnſche aus. Die Familie Dumont fuͤhlte eine mit Bewundrung vermiſchte Freude, und Leon, der ſchon ſeit zwei Jahren fuͤr ſeine Nachbarin in reiner und keuſcher Liebe brannte, ſchwur ſich's ganz leiſe, nie eine Andre zur Gattin zu erwaͤhlen. Alles beguͤnſtigte ſeine Wuͤnſche. Herr Dumont ward alt, da ſchlug er ſeinem Sohne vor, ſein Nachfolger in ſeinem achtbaren Geſchaͤfte zu ſein. Freudetrunken nahm es der Juͤngling an, aber unter der Bedingung, daß er ſich verheirathen duͤrfe...„Und mit wem denn?“ fragte der Vater.—„Mit Eſtelle Aubert“—„Ei, die wollte ich Dir eben ſelbſt vor⸗ ſchlagen. Ich kenne kein Maͤdchen, das Dich und uns gluͤcklicher machen koͤnnte!“ Noch deſſelben Tages gin⸗ gen Herr und Frau Dumont zu Eſtellen in ihr Arbeits⸗ zimmer, und fanden ſie mitten unter ihren Arbeiterinnen. Da kuͤndigten ſie ihr an, daß ſie ſie um ihre Hand fuͤr ihren Sohn baͤten. Ein ploͤtzliches Zittern, das Eſtelle nicht unterdruͤcken konnte, zeigte ihnen deut⸗ lich, wie dieſe Verbindung der geheime Wunſch ih⸗ res Herzens ſei, und acht Tage darauf fand dieſelbe unter dem allgemeinen Beifalle aller Einwohner des Viertels ſtatt. Weil jedoch der neue Taxator noch des Raths und der Unterſtuͤtzung ſeines Vaters bedurfte, kam man dahin uͤberein, zuſammen wohnen zu bleiben, und da das zweite Stockwerk leer ſtand, richteten ſich beide Familien in dieſem ein. O welche Betrachtungen ſtellte da Eſtelle Dumont an, als ſie ſich als Gebieterin in dem Salon ſah, wo ſie mit ſo viel Verachtung behandelt worden war, ſo viele Launen zu ertragen gehabt hatte! So oft ſie von ihrem Balkon aus auf das Haus gegenuͤber ſah, ſagte ſie zu ſich ſelbſt:„Da bin ich denn in den Zim⸗ mern des Vicomte von Saluces, waͤhrend ſeine Frau und Tochter in die beiden Dachſtuͤbchen verwieſen ſind, die ſonſt ich bewohnte. Ich grenze an die prachtvolle Wohnung des Banquiers Saint⸗Omer, und Frau und 61 Tochter ſind meine Geſchaͤftsgenoſſinnen geworden und bewohnen meine dritte Etage. Je mehr ich mich nach und nach der Wohnung des Rangs und Reichthums naͤherte, je mehr fluͤchteten ſie ſich in die Huͤtten des Elends. Seltſamer Wechſel! Sonderbare Laune des Gluͤcks! Welch ein Thor, der ihr vertraut!. Eſtelle und ihr Gatte aͤnderten nie weder ihre An⸗ ſichten, noch ihre Lebensweiſe. Sie kannten die Reize eines achtbaren Mittelſtandes; ſie blieben dieſem treu... und ihr, junge Pariſer Maͤdchen, die ihr vielleicht dieſe Erzaͤhlung leſet, behaltet ſie in euerm Gedaͤchtniſſe! So ihr, Fraͤuleins von hoher Geburt, werft keine verach⸗ tenden Blicke mehr auf die braven Leute, die euch um⸗ geben! Ihr, Blumen des offentlichen Gartens, erhebt euch nicht mit zu vielem Stolze uͤber die andern! Ach! es bedarf eines einzigen Windſtoßes, um euern ſtolzen Stengel zu knicken und ihn in den Staub zu werfen.... Ihr froͤhlichen Sybaritinnen, ihr prunkenden Erben der Reichen des Tages, die ihr euch an den Wagen des Gluͤcks ſo feſt anzuklammern glaubt, hoͤrt Leonie Saint⸗ Omer; ſie wird euch ſagen, daß ein einziger Stoß hin⸗ reichend iſt, euch herabzuwerfen. Ihr jungen Buͤr⸗ gerinnnen aber, ahmt Emma Dumont nach, bleibt gleich ihr auf der Mittelſtraße! dann habt ihr we⸗ der Sonnenbrand, noch Ueberſchwemmungen zu be⸗ fuͤrchten... Und ihr endlich, junge, mit eurer Haͤnde 62 Arbeit euch ernaͤhrende Maͤdchen, huͤbſche Naͤhterin⸗ nen, arme Maͤdchen, die ihr den groͤßten Theil des Volkes ausmacht, beſucht Eſtelle Aubert in ihrer gluͤck⸗ lichen und beſcheidenen Haͤuslichkeit, und lernt von ihr, wohin faſt immer Muth, Frohſinn, Geduld, Ar⸗ 1 beitsliebe und gute Sitten fuͤhren. Bouilly. Die Pariser Böotier. Moragliſche Skizze. Man kann die Menſchen unter die beiden Ueberſchrif⸗ ten klaſſiſieiren:— Leute, die denken, und Leute, die nicht denken. Attika und Boöotien. 4 Dieſe doppelte Natur findet man überall; aber doch muß man eingeſtehen, daß der Form nach der hottentot⸗ tiſche Geiſt von unſerem europaͤiſchen Geiſte verſchieden ſein muß, ſo wie auch der Cretin der Alpen mitten un⸗ ter allen Schwachſinnigkeiten des Erdkreiſes ſeinen be⸗ ſondern Stempel hat. Gleiche Verſchiedenheit, nur in geringerm Maaß⸗ ſtabe. Die Provinz hat ohne Zweifel ihre albernen und ſchoͤnen Geiſter, aber auch Paris hat die ſeinen: eine Sammlung eingeborner oder naturaliſirter. Paris iſt nun zuvoͤrderſt das Hirn des geſelligen Koͤr⸗ 64 pers, ein aus einer Million von Fibern zuſammenge⸗ ſetztes Hirn, aus dem der Gedanke, fuͤr welchen die Provinz ſogar vielleicht die Grundſtoffe darbieten konnte, auf dieſe wieder, umgeſtaltet und aufgearbeitet uͤber⸗ ſtroͤmt, wie das Metall aus dem Schmelztiegel, Statue, Saͤule, Candelaber aus der rohen Maſſe hervorgeht. Auf der andern Seite begreift ſich's leicht, daß die Anhaͤufung von einer ſolchen Menge von Albernheiten auch Wunderwerke von Dummheit hervorbringen muß. Das ſind die moraliſchen Reſultate, welche wir jetzt ſtizziren wollen. Wir beſchraͤnken uns aber dieſes mal bloß auf die Kategorie derer, die nicht denken. Ich weiß nicht, wer behauptet hat, Guͤte ſei die Ei⸗ genſchaft derer, die gar keine Eigenſchaften haben. Das Wort iſt hart, aber oft wahr. Und es iſt Schade darum. Daher kommt auch das Beiwort, gutes Kind, deſſen man ſich zur Bezeichnung gewiſſer Sumpfſinni⸗ ger bedient. Ich habe allerdings eine Menge ſolcher braven Leute gekannt, fuͤr die der Erſte Beſte ein Freund, ein Vertrau⸗ ter, ihr Herr, ihr Gebieter war. Eine Art von Men⸗ ſchen auf Naͤdern, die dahin rollen, ſobald man ſie ſtoͤßt/ wohin man ſie ſtoͤßt und wie man ſie ſtoͤßt. Beſitzen ſie etwas Vermoͤgen, ſo ſeht nur, wie ſie es anwenden. Des Morgens zum Beiſpiel borgen ſie dem Unbekann⸗ ten, dem ſie Abends vorher begegneten, 100 Louisd'or, 65 *ᷣ und Abends bezahlen ſie das Mittagseſſen, zu dem man ſie fruͤh einlud.. Sie ſind uͤbrigens die Bedienten, ja die Neger von aller Welt. Saget ein Wort, und ſie tragen eure Briefe fort, zuͤnden euch Feuer an, buͤrſten eure Kleider aus. Begegnet's euch, daß ihr ihnen mitten auf der Gaſſe zufaͤllig beim Geſtikuliren ins Geſicht ſchlagt, ſtoßt ihr ſie im Gedraͤnge etwa tuͤchtig in die Rippen, oder tre⸗ tet ihnen in einer Geſellſchaft derb auf die Fuͤße, ſo koͤnnt ihr gar nicht glauben, in welche Verlegenheit ſie gerathen. Sie werden ſo ſchnell als moͤglich zuerſt zu bedauern anfangen, und euch Millionenmal um Ver⸗ gebung bitten. O Hoͤhe des Charakters! Das iſt auch gewoͤhnlich ſo der Anfang ihrer Bekannt⸗ ſchaften. Ihre zaͤrtlichſten Zuneigungen fangen immer mit einem recht tuͤchtigen Kopfſtoße an.. Aber dieſe trefflichen, koͤſtlichen Leutchen, die ihre Menſchenfreundlichkeit ſo weit treiben werden, euch die Stiefeln zu wichſen, ſind zugleich alle hoͤchſt abgeſchmackt. Wiſſenſchaft, ſchoͤne Kunſt, Literatur, Induſtrie, Politik, Alles iſt ihnen gleichguͤltig. Sie ſind in Allem ſo fremd, wie ein Mondbewohner, den eine vulkaniſche Exploſion auf die Erde ſpedirt hat. Bei alle dem brauchen ſie nur euern Namen zu wiſ⸗ ſen, um euch unterwegs aufzuhalten, wie ein Eckſtein einen Fiaker. Die einzige Moͤglichkeit, den Anſtoß zu vermeiden, iſt die, einen Umweg zu machen; und zuge⸗ 3** 66 fahren, Kutſcher! Da werdet ihr ſie mit einem Hutab⸗ ziehn los. Gebt ihr aber zu, daß ſie euch anreden, ſo beklage ich euch. Aus lauter Guͤte ſind dieſe Menſchen wie die Kletten; ſie kleben ſich den ganzen Tag uͤber an euch. Das iſt der kurze Abriß der uͤbertriebenen Gutmuͤthig⸗ keit, der ſich anſaugenden Dummheit, einer unverdauli⸗ chen und geruchloſen Pflanze, die zwar allerdings auf der ganzen Oberflaͤche unſrer Civiliſation waͤchſt, die ihr aber nur in Paris ſo hoch und voll aufgeſchoſſen ſinden koͤnnt. Denn eben da iſt auch gleichfalls der Gluͤcksritter, dieſer letzte Lehrer der Menſchheit, gelehrter und haͤufi⸗ ger als irgendwo ſonſt. Die ganze Summe der Pariſer Erbaͤrmlichkeit bildet ſich aber noch uͤberdies aus vielen andern Nullen. Ich ſpreche gar nicht vom kleinen Gewuͤrzkraͤmer. Seine Dummheit iſt ſchon zum Sprichwort geworden. Ueberdies aber raͤcht er ſich grauſam genug an den Sar⸗ kasmen der Vernuͤnftigen, dieſer große Todtengraͤber der Schoͤngeiſter, er, der zu ſo vielen Spoͤttern ſagen kann, indem er das von ihnen Erbeutete in ſeine Grabeswag⸗ ſchale wirft:„Moͤge Dir der Zimmt, der Zuckerkant, der Farin⸗Zucker leicht ſein!“ Ich will euch nicht von der allgemein angenomme⸗ nen Albernheit der Geldmaͤnner unterhalten. Die Ban⸗ quiers unſrer Zeit gleichen aller Welt, nur mit dem Un⸗ terſchiede, daß ſie weit mehr Geld haben, als alle Welt. 67 Habt ihr aber nicht auf den muͤßigen Punkten unſrer Boulewards, in der ſchoͤnen Allee der Tuilerien, auf dem Pflaſter der eliſaͤiſchen Felder, im Staube des Hoͤlzchens von Boulogne, auf den erſten Plaͤtzen im Theater, kurz uͤberall, wo man Zeit hat, ſich zu zeigen, eine hoͤchſt ele⸗ gante, ſtolzirende, wohlduftende Menſchenmenge bemerkt? Das ſind unſre Cretins! wenn auch nicht alle, aber doch viele, wenn auch nicht mit abſcheulichen Kroͤpfen, groben Kleidern und einem Publiko, das ſie verehrt, doch mit ſchoͤner Waͤſche und feinen Roͤcken. Man bleibt ſtehen, um ſie zu betrachten, ſo ergriffen iſt man von ihrer Art einherzugehen, von dem Phaͤnomeniſchen ihrer Kleider, dem Ueberraſchenden ihres Haarputzes. Ihre Moden ſind, wie ihr wohl wißt, nicht die des Au⸗ genblicks, noch weniger aber die von geſtern; ſie ſind ſtets die von morgen. 4 Uebrigens kann man ſie mit ſchoͤnen ausgeſtellten Boͤrſen vergleichen. Was iſt in dieſen? Nichts! Nicht eine Idee, nicht ein geiſtiger Pfennig. Hier muͤſſen wir uns auch daruͤber einverſtehen, was eine Idee, und folglich auch, was ein Denker und ein Nichtdenker iſt. Unter dem Namen Ideen verſtehe ich aber nicht jene ſchon ganz fertigen Unterhaltungen, jenes Schwatzen mit dem Erſten Beſten, jene Art von Moͤrtel, die bloß dazu dient, einen Thoren nothduͤrftig zu bekleiden und die Ritzen eines muͤßigen Tages zu verſtopfen. 68 Ich verſtehe unter einer Idee eine Auffaſſung der Seele, die weder matt, unentſchieden, unvollſtaͤndig noch fluͤchtig, ſondern lebendig, ganz, rein und dauernd iſt, dabei auch reichhaltig genug, um das Gehirn in einer Art von Aufgeblaſenheit zu erhalten, ſo daß es nicht gleich wieder in ſich ſelbſt zuſammenſinke, wie eine Blaſe, aus der man die Luft herauslaͤßt, ſondern ſtark und weit⸗ umfaſſend genug, damit das Nachdenken dabei verweilen koͤnne; endlich nicht bloß ein Aufleuchten, ein Halb⸗ dunkel, ſondern ein heller, ein vollkommner Tag, ein Mutter⸗Gedanke, ein Gedanke, der an ſich ſelbſt wieder tauſend andre enthaͤlt, der die Achſe iſt, um welche ſich logiſch eine ganze Welt abgeleiteter Phantaſien dreht, das Centrum, die Sonne eines vollſtaͤndigen geiſtigen Syſtems. Nun denn! wie viele ſolche Sonnen glaubt ihr wohl, daß unter der pomadirten Hirnſchale ſolcher Leutchen gluͤhen? Nicht eine einzige. Ich verlange nur Eine, und ihre glaͤſernen Augen, die wie die von ausgeſtopften Thieren glotzen, wuͤrden dann wenigſtens von einigem Feuer leuchten. Ihr Geſicht wuͤrde dann weniger waͤch⸗ ſern ſein, ihr Gang weniger ſchwankend, ihre Worte weniger fade, und ſelbſt ihre Cravatte gedrehter. Beim Balle vielleicht, beim Schauſpiele, beim Konzerte, oder wenn es eine Aufregung gaͤbe, wuͤrden ſie ſich auch auf⸗ regen. Ihr wuͤrdet ſie dann nicht mehr, wenn man im Parterre vor Lachen platzen will, ihren Operngucker rei⸗ 69 nigen, oder in ihr Stoͤckchen beißen ſehn, wuͤrdet nicht mehr ſehn, wie ſie ihre Handſchuhe an⸗ und ausziehn, oder den Backenbart in Ordnung bringen, wenn man im Parterre ſchluchzt, kalt bei Allem, untheilnehmend, unzugaͤnglich, als ob mitten in dieſer Elektricitaͤt von Gelaͤchter oder Thraͤnen, ihre Albernheit ein Dreifuß waͤre, der ſie von den Erregungen der Menge iſolirte! Ich verſichere es euch, ſie ſind Cretins, Erzeretins! Und ſo viel iſt gewiß, daß Jedermann, der bis in die Ewig⸗ keit nur ſich artig zu machen ſucht, nicht etwa aus zu⸗ faͤlliger Koketterie, wie es Voltaire ſelbſt hat geſchehen koͤnnen, ſondern aus Fadheit und Muͤßiggang, Jeder⸗ mann, der ſich narciſſirt und wie ein Pferd zuſammen⸗ ſchnuͤrt, nicht dazu geboren iſt, um zu denken, eben ſo wenig, wie der Pfau oder der Indian. Seine Rolle iſt ebenfalls die, vor den Augen der Andern ein Rad zu ſchlagen. Aber Platz noch gemacht! da kommt die Art von Toͤlpeln; dumme Thiere(bétes) mit doppeltem Circum⸗ fler, die ſich an die derbe Naiyetaͤt halten, an dieſe Ba⸗ ſtardtochter der Albernheit und des Menſchenverſtandes. Es ſind Matkaͤfer: ſo wie ſie fliegen wollen, ſtoßen ſie mit dem Kopfe gegen eine Wahrheit. Sie ſchreiten in der That auch nur in wahrhaften Wahrheiten, in dicken Wahrheiten einher:—„Heut iſt der 18. Dezember, folglich haben wir in 14 Tagen den 1. Januar:— Das 70 iſt eine recht heiße Suppe;— Napoleon iſt ein beruͤhm⸗ ter Mann.“ Nun, meinetwegen auch! Manchmal erlauben ſie ſich auch die ſchoͤne morali⸗ ſche Reflerion:—„Ich, ich liebe Alles, was gut iſt; — man wuͤrde weit ruhiger ſein, wenn es keine Tu⸗ multe gaͤbe:— Die Maͤnner ſind gar nicht wie die Weiber:— Geſundheit iſt doch das Beſte.“ Manchmal auch einen leichten Eingriff in das Feld der Phantaſie:—„Glauben Sie wohl, daß es morgen ſchoͤnes Wetter ſein wird?— Wiſſen Sie, ob es heut Nacht frieren wird?“ Manchmal ſogar endlich anziehende Neuigkeiten. Sie ſtuͤrzen dann mit vom Windzuge rother Naſe in einen heißen Saal, buͤcken ſich gewaltig, ſchlagen in die Haͤnde, ſcharren mit den Fuͤßen aus, und brechen das intereſſan⸗ teſte Geſpraͤche in der Mitte entzwei, um zu ſagen: „Ich komme eben von draußen; es iſt Mondenſchein.“ Leute dieſer Art ſcheinen, um es kurz zu ſagen, nur dazu erſchaffen, ein Mittelglied zwiſchen Menſch und Vieh zu bilden. Sie ſind nicht ganz Menſch, aber doch auch wieder ein wenig beſſer als der Ochſe. Sie ſind der Orang⸗Utang, der die Taufe erhalten hat, unbe⸗ haart zur Welt gekommen iſt und ſeine Studien machte. Bei dem Worte Studien muß ich euch doch ſagen, daß die meiſten dieſer Ungluͤckſeligen in den Schulen alle Preiſe verdient und erhalten haben. 71 4 Hiernaͤchſt beſitzen wir die große Familie der Diebe; Unwiſſender, die nie durch ſich ſelbſt, ſondern ſtets durch Andre denken, die ſich eures Hirns wie ihres Huts be⸗ dienen, um, wenn das ihre fehlt, dieſes zu gebrauchen. 3 Erſte Gattung: Der Menſch⸗Jocko, der ſpricht, wenn ihr ſprecht, ſchweigt, wenn ihr ſchweigt, der, glaube ich, ſich den Hals abſchneiden wuͤrde, wenn ihr an den eu⸗ rigen gingt. Er iſt ein Echo. Sagt ihr:„Der Friede iſt eine vortreffliche Sache, wenn er nicht theurer zu ſtehen kommt als der Krieg.“ „O ja!“ wird er entgegnen,„nicht theurer als der Krieg.“ Sagt:„Die Regie verkauft uns Tabak, der nicht den Henker werth iſt!“ „O nein!“ wird er entgegnen,„der nicht den Hen⸗ ker werth iſt.“ 3 Zweite Gattung: Der Menſch⸗Papagei, der jeden Mor⸗ gen hier und da in irgend einem neuen Buche, oder ſelbſt aus dem Munde eines geiſtreichen Mannes, eine Tirade von Gedanken auflieſt, dann davon geht und ſie den ganzen Tag uͤber in hundert Geſellſchaften umhertraͤgt, ja ſie faſt an jeder Straßenecke mittheilt, wie die Leierkaſten Auber's Melodien. Dritte Gattung: Der Menſch⸗Geier, ein albernes Raub⸗ thier, das ſich von euch naͤhrt. Bei dieſem braucht ihr nicht nothwendig ein neues Buch oder ein beruͤhmter Mund zu ſein. So wie ihr nur in deſſen Gegenwart irgend etwas 72 Gutes von euch gebt, was es auch ſei, ſo iſt's darum geſchehn; es iſt, als ob ihr eure Uhr vor einem Spitz⸗ buben herausgezogen haͤttet. Ihr ſeid um eure Idee beſtohlen, und ſeid uͤberzeugt, daß, ehe noch der mor⸗ gende Tag anbricht, ganz Paris ſie ſchon auswendig weiß. Macht ihr nun zufaͤllig oder abſichtlich ſelbſt da⸗ von irgendwo eine zweite Auflage, ſo ſieht man euch laͤchelnd an und haͤlt euch fuͤr den Spitzbuben. Das iſt hoͤchſt angenehm! Aber es kommt noch beſſer. Selbſt in eurer Gegen⸗ wart wird er euch beſtehlen, und ihr duͤrft kein Wort dazu ſagen. Geſetzt, ihr ſaͤßet in einer Geſellſchaft ihm gerade gegenuͤber. Man ſpricht von der Oper, Jeder ſagt ſeine Meinung, ihr alſo auch die eure. Ihr ſagt ſogar, nicht ohne eine kleine Abſichtlichkeit im Hinter⸗ halte zu haben, daß man„aus der Taglioni Beine und der Noblet Armen ein vollendetes Ganze ſchaffen koͤnne.“ Dann erwartet ihr ganz beſcheiden die Wirkung eurer Worte. Ungluͤcklicherweiſe ſeid ihr heiſer und eure Be⸗ merkungen ſind verloren gegangen; verloren gegangen fuͤr euch, nicht aber fuͤr ihn, der nun uͤber alle Stim⸗ men hinwegſchreit:„Man koͤnnte ein vollendetes Ganze aus den Beinen der Taglioni und den Armen der Noblet ſchaffen.“ O wahrhaftig, ihr ſchmeichelt euch nicht zu viel; denn ein ſchmeichelhaftes Gemurmel ſolgt dieſen Worten, und da ihr der Einzige ſeid, der ihnen nicht ebenfalls Beifall zollt, ſo ſieht man euch fuͤr einen Dumm⸗ 9 1 73 Dummkopf, fuͤr einen Menſchen an, der nicht im Stande iſt, ſolche Feinheiten zu verſtehen. Wer weiß? vielleicht hat er ſogar die Gefaͤlligkeit, euch eure eigne Idee noch einmal zu wiederholen, damit ihr den Sinn deſto leich⸗ ter faßt. Unter den Geiſt⸗Schmarotzern giebt es ſehr maͤßige, die bloß von Broſamen leben. Ein neuer Ausdruck, eine originelle Wendung, ein Wort, ein Nichts genuͤgen zu ihrem Unterhalte. So haben: die jungen Leute, die Leutenvon Styl und von Gedanken, die vollſtaͤndigen und unvollſtaͤndigen Menſchen, die erbaͤrmlich! die ſchoͤnen Dank! die O, warum denn nicht! und tauſend andre Formeln, die an Ort und Stelle recht gut ſind, dieſem verhungerten Haufen zur Nahrung gedient. Es waren Erdaͤpfel zur Spei⸗ ſung aller Geiſtesarmen. Damit vegetirt, damit denkt man nothduͤrftig⸗ Endlich giebt es noch welche, die ſich aus den eigen⸗ thuͤmlich wiederkehrenden Ausdruͤcken in Druckſchriften ein kleines Woͤrterbuch gemacht haben, das ſie nun auf alle Wechſelerſcheinungen in der Politik anwenden koͤn⸗ nen. Bei ihnen hoͤrt man ſtets:„Der Horizont ver⸗ dunkelt ſich; der Himmel bedeckt ſich mit Wolken; die Zukunft iſt ſchwanger an Begebenheiten; wir ſtehen auf einem Vulkane u. ſ. w.“ Alles arme Leute, die ſich einbilden, der Gedanke liege in den Worten, in den Ausdruͤcken, in Boiſte oder III. 4 in Noöl! Ja allerdings liegt er darin, gerade ſo wie ein Pantheon in den Steinbruͤchen von Montronge. Es giebt hiernaͤchſt keinen Kuͤnſtler, oder Gelehrten, der nur einigermaßen genannt waͤre, und nicht auch ſein Muſeum von moraliſchen Dellerleckern haͤtte. Es iſt ein ſonderbares Voͤlkchen, ein ſeltſames Amalgam, dieſer Haufe von Umtreibern, welche, mit der Raͤucherpfanne in der Hand, alle Tempel des Rufes vollſtopfen! Freunde, Feinde, Bewunderer, Verkleinerer, die ganze Myriade der Neugierigen, die ganze Schaar der Schmarotzer, Alles findet ſich dort und noch tauſend Andere. Dies nennt man das vertraute Publikum. Das ſind die Pla⸗ neten des Genie's. Das giebt den Schwerpunkt und weiter nichts. Nun, unter dieſer Maſſe kͤnnt ihr eine tauſendſte Art von Nichtdenkern herausgreifen; eine hoͤchſt ungluͤck⸗ liche Art, die nur gerade ſo viel Verſtand beſitzt, um einzuſehen, daß ſie keinen habe. Dies iſt der Menſch⸗ Straus, der Menſch, der den Inſtinkt ſeiner Nichtigkeit hat, daruͤber erroͤthet und ſich unter den ſchoͤnen Gei⸗ ſtern dort verſteckt, in der Hoffnung, daß man ihn nicht ſehen wird. Dieſe geiſtigen Proletarier verlangen weiter nichts, als nur Ideen zu haben. Ach! ſie thun auch alles Mög⸗ liche, um ſich dergleichen zu verſchaffen. Damit man ſie ihnen als Almoſen ſchenke, ſuchen ſie vorzuͤglich die Ariſtokraten des Gedankenreichs auf, die großen Eigen⸗ 75 thuͤmer an Ruf. Sie ſchmeicheln ſich damit, daß, wenn ſie ihre kleine Seele an jenen großen rieben, doch ein Fuͤnkchen herausſpruͤhen werde. Sobald irgend ein neuer Name aufflammt, geſchwind draͤngen ſie ſich um ihn her, wie Nachtſchmetterlinge um Alles, was leuchtet. So haben ſie alle unſre beruͤhmten Maͤnner in Pantof⸗ feln, alle unſre guten Koͤpfe auf dem Kopfkiſſen geſehn. und doch ſtehen ſie da in dieſem Kampfe blendender Ideen, vom fruͤhen Morgen an, wie Verſchnittene mit⸗ ten in einem Serail, unvermoͤgend zu denken, ſchweigend und trauernd, trauernd uͤber ſich ſelbſt. Nun kommen wir zu dem ſpaßigen Menſchen, dem Voltaire der Putzmacherinnen. Wir wollen ihn Menſch⸗ Stachelſchwein nennen, ein Thier, das ſo mit Stacheln geſpickt iſt, daß man es nicht beruͤhren kann, ohne ſich bis aufs Blut zu ſtechen. Es giebt deren zweierlei Ar⸗ ten. Die eine hat nicht einmal Geiſt genug, um durch ſich ſelbſt dumm zu ſein. Sie ſchaffen ſich eine erborgte Dummheit durch das Leſen der Ana, und bilden ſich im Parterre der kleinen Theater an den Quodlibets unter den großen Meiſtern der Kunſt. Stets eitiren ſie als dankbare Zoͤglinge ihre Lehrer. „Das iſt gerade wie Odry im Baͤr und Paſcha. Ha⸗ ben Sie Odry im Baͤr und Paſcha geſehen?“ Und dabei erzaͤhlen ſie euch das ganze Stuͤck, machen es dem Darſteller nach, uͤbertreiben noch ſeine Uebertreibungen, und fangen dieſes und jenes Quodlibet zwanzig mal 4* 76 wieder an, um die originelle Feinheit davon noch beſſer aufzufaſſen. Ein anderes Mal uͤberraſchen ſie euch im Bette:— „Nun! nun!... noch in Orpheus(ſtatt Morpheus) Armen!— Sie ſind doch nicht unwohl? Haben doch Nichts gegen mich, will ich hoffen!... Jedenfalls, neh⸗ men Sie meinen Baͤren.“—„Und welches iſt denn Ihr Baͤr?“—„O, das iſt nur ſo ein Scherz... gerade wie Odry... mein Baͤr, das iſt das Chienit.“—„Ich bin nicht krank.“—„Deſto beſſer; ſo wollen wir ſpa⸗ zieren gehn... Es iſt der ſchoͤnſte Himmel draußen, den je die Erde getragen hat.“ Und waͤhrend ihr euch nun anzieht:—„Was ſchrei⸗ ben Sie denn jetzt?“—„Einen Aufſatz fuͤr die Hun⸗ dert und Ein.“—„Woruͤber denn?“—„Ueber die Dummheit.“—„Hal ha! Sie ſind auch ganz voll von Ihrem Gegenſtande!“ Und beim Spazierengehn dann:—„Man koͤnnte annehmen, daß wir ſchon zu Mittag gegeſſen haͤtten; aber wir haben noch nicht zu Mittag gegeſſen. Alſo geſchwind zum Mittagseſſen.“ Und waͤhrend des Eſſens:„Ah, bah! Ihre Politik! Laſſen Sie doch Ihre Politik. Wiſſen Sie denn auch nur einmal, welcher Koͤnig die groͤßte Krone hat? Der den dickſten Kopf hat.“ Und beim Fortgehn:—„Garxon, die Rechnung! und verlieren Sie ſie nicht.“— 77 Doch nun von Andern. Ihre Dummheit iſt minder gemein, ihre Formen ſind unverſchaͤmter. Außer jener angeeigneten Albernheit haben ſie noch die, das Quod⸗ libet zu improviſiren. Sie ſchweifen ab, vecht wohl wiſſend, daß ſie es thun, und ſchweifen ab, um abzu⸗ ſchweifen. Ihre Sprache iſt ein Kauderwelſch, Etwas, das ſich gar nicht in den geſunden Menſchenverſtand uͤberſetzen laͤßt. 8 Ihr werdet euch, glaube ich, nicht mehr Monſteur Gaillard nennen, unſtreitig aber Monſieur Cagnard, oder auch Monſieur Geulard. Jedenfalls aber waͤrt Ihr ein ausgezeichneter Gaillard*). Ihr werdet nicht mehr einen Sohn und eine Tochter ha⸗ ben, ſondern zwei Soͤhne, von denen der eine eine Tochter. Kommt ihr, ſo wuͤnſchen ſie euch nach einer bekann⸗ ten Melodie guten Morgen; bleibt ihr, ſo machen ſie euch Grimaſſen hinter euerm Ruͤcken; geht ihr, ſo ſagen ſie zu einander:„Ol der Herr!... haſt Du den Herrn geſehn? Theilt ihr ihnen irgend eine wichtige Nach⸗ richt mit, ſo antworten ſie:„Haͤlt das auch Stich?“ Sprecht ihr mit ihnen von Ludwig Philipp, ſo fragen ſie euch:„Welcher?“ Kurz, ſobald ihr nur etwas ver⸗ 5) Theils Namen der komiſchen Perſonen aus bekannten Poſſen der kleinen Vorſtadt⸗Theater, theils Calembours durch Buchſtabenverſetzung. 78 traulich mit ihnen ſeid, treiben ſie die Spaßhaftigkeit ſo weit, daß ſie euch Papavoine*) nennen. Und doch iſt dies, mit einigen wenigen Abweichun⸗ gen im Ausdruck, die vom Alter, Stand und Erziehung abhaͤngen, die gewoͤhnliche Sprache einer gewiſſen An⸗ zahl von Menſchen, groͤßtentheils jungen Leuten, Kauf⸗ mannsdienern, Kanzliſten, Advokatenſchreibern, Stuͤtzen der Tabakskneipen, die(um mich einer ihrer Lieblings⸗ wendungen zu bedienen) den Calembour und die Ca⸗ rambolage mit gleichem Gluͤcke handhaben. Als Proͤbchen ſtehe hier ein Bruchſtuͤck einer Unter⸗ haltung, die Wort vor Wort in dem Arbeitszimmer ei⸗ nes Geſchaͤftsagenten aufgefaßt worden iſt. Leider kann man aber auf dem Papiere das ARcompagnement aller der Hanſtwurſtiaden nicht zugleich mit ausdruͤcken, die einen Menſchen vom Kopfe bis zur Zehe als dumm ſtempeln; dumm ſelbſt im Koͤrperlichen! Die Seene fällt vor zwiſchen Adolph, einem Burſchen von 18 Jahren, Au guſt, einem noch jüngern Schreiber, der ſich's zum Studio macht, die Plattheiten von Jenem noch mehr auszuſpinnen, und dem Vater Morel, einem alten Expeditionair, ihrem beiderſei⸗ tigen Schlachtopfer. Adolph. Halt! halt! halti halt!... Wie finſter es doch auch iſt!— Verzeihen Siel. Auguſt. Es regnet Hellebarden! Adolph. Hellebachen? Was ſind das fuͤr Dinger? *) Ebenfalls ein Spottname aus einer jener Farcen. 79 Auguſt. Ich weiß kein Wort davon. Adolph. Hoͤr' einmal, Kleiner, ich habe da einen Kl—e-—elex gemacht. Wo iſt denn mein Radirmeſ⸗ ſer, mein Rodirmeſſer, mein Rudirmeſſer? Auguſt. Dein Ridirmeſſer? Adolph. Man hat mir's ganz gewiß wegſtibitzt. Mit engliſchem Aceentv.) Wer haben geſehen der Redirmeſ⸗ ſer mein! Auguſt. Sein hauskekanken ſein Raſſiermaͤſter mit die Stocke in die And. Adolph. Borge mir Deins, Auguſt. Auguſt. Da muͤßte ich erſt eins haben. Ich habe nur noch einen Stiel davon. 1 Adolph. Borgen Sie mir Ihres, apa Morel.— Sie antworten nicht?— Sie glauben wohl, ich will's freſſen?— Nun, meinetwegen, behalten Sie es, alter Wolf, Sie alter Chouan, alter Autokrat! Vater Morel. Meine Herren, meine Herren, der werthe Patron wird Sie hoͤren. Adolph. Gott bewahre; der iſt ausgegangen, der werthe Herr Patron. Decampaverunt gentes... Sie ſehen ja wohl, daß der erſte Schreiber nicht mehr da iſt.... Er iſt dahin gegangen, zu treten an ſeine Stelle... bei der ſchlummernden Schoͤnheit... weil, wenn der Herr Patron ausgeht... O Gott! Der Pa⸗ tron! Das iſt ja der neuſte Roman von Paul de Kock Armer Menſch, geh, ich bedaure Dich! 80⁰ Auguſt. Du zerfleiſcheſt mich mit Jammer! Adolph. Haſt Du den neuſten Roman geleſen, Kleiner? Das iſt ein bachiſches Werk. Auguſt. Ein Dampfwagen. Adolph. Und Seeſtuͤcke.(Findet ſein Radirmeſſer.) Mein Gott, bin ich nicht dumm! O wie dumm bin ich!(Mit ſchauerlichem Tone.) Zum Abſcheu bin ich mir ſelbſt!... Es war da, mein Radirmeſſer; es ſtach mir in die Augen, der Spitzbube!— Freuen Sie ſich, Papa Morel!(Mit drei verſchiedenen Tönen von der Höhe bis in die mittlere Oetauo) Es iſt da! es iſt da! es iſt da! Auguſt.(Miit tiefem Baß.) Es iſt da!(Mit nnartikulir⸗ tem Tone, da er nicht tiefer herunter kann.) Ha— ha! Adolph. Ehrenerklaͤrung der edeln und ausverſchaͤm⸗ ten Geſellſchaft! Mit Emphaſe.) Hier bekennt der Straf⸗ bare ſein Vergehn, und die Tugend triumphirt uͤber alle Hinderniſſe.(Im Tone des Herrn Prudhomme.) Meine Herren und Damen, ich lege mich zu Dero Fuͤßen. (Im Geſchäftstone.) Sehr viele Empfehle an die Frau Ge⸗ mahlin und Ihre allerliebſten Kinderchen; richten Sie es ja aus. Auguſt.(Ebenſo.) Wenn Sie wollen ſo gut ſein. Adolph(ſrreckt ſich nun auf feinem Stuhl aus, hebt die Beine in die Höhe, ſtößt ein wildes Geſchrei aus und wirft mit Papier⸗ kügelchen nach Morel; darauf ſagt er:) Es iſt mir Alles eins! ich bin ſeelenvergnuͤgt!(Nach der Melodie des Marſeiller Marſches.) Wer beſiehlt, daß ich traktire.. 81¹ Morel. Still doch! ſtill! Adolph.(SIn galantem Tone.) Was befehlen Made⸗ moiſelle? Morel. Der Herr Patron kommt eben wieder. Adolph.(Wie ein Marktſchreier.) Dies hier, meine Herren, ſtellt den Patron vor. Eine Art von lebendi⸗ gem Thiere. Auguſt. Welches mit Zaͤhnen verſehen iſt. Adolph. Man bezahlt blos einen.... Morel. Stille doch! (Der Herr der Schreibſtube tritt ein.) Adolph.(Ganz leiſe.) Eingeſperrt. Auguſt.(Ebenſo.) Krack. Wer ſollte nicht glauben, ſich in einem Narrenhauſe zu befinden? Gluͤcklicherweiſe beſteht unſre ſtudirende und gebildete Jugend aus geſuͤndern Stoffen. Der Poſſenreißer iſt nur eine Familien⸗Varietaͤt vom Stachelſchweine. Im Grunde dieſelbe Entartung. Nur die Geſtalt iſt verſchieden. Der Poſſenreißer beſitzt eine Menge kleiner geſel⸗ liger Talente. Er iſt ein geſchickter Taſchenſpieler, er⸗ raͤth die Karte, die ihr im Gedanken habt, und hat ei⸗ nen Anfang in der Bauchſprache gemacht. Er weiß ſei⸗ nen ganzen Mayeux auswendig, hebt einen Stuhl mit den Zaͤhnen in die Hoͤhe, haͤlt eine große Laſt mit aus⸗ geſtrecktem Arme und geht auf den Haͤnden, den Kopf unten und die Beine in der Luft. Er iſt ein Virtuoſe 82 im Grimaſſiren; er macht's bis zur Taͤuſchung dem Mylord Pouf nach, den man nie geſehn hat. Er ver⸗ ſteht alle Arten von Dialekten; er bellt, er miaut, er kraͤht und ahmt den Ton einer Saͤge vollkommen nach. Aeberdies hat er noch ſeine Bourbonnaiſe aufs Beſte inne, deklamirt ſeinen Orosman, ſingt ſein Point du jour, verſchluckt Zigarrenrauch, und ſpielt Flageolet mit dem Naſenloche. Er braucht nur noch Ottern verſchlingen zu koͤnnen. Auch macht Niemand mit groͤßerer Geſchick⸗ lichkeit als er einen hoͤlzernen Schuh am Sahadanſt ei⸗ nes Hundes feſt. Und doch iſt dies nur ſein geringſtes Verdienſt. Ihr wißt, daß der Wallfiſch, das Krokodill, kurz je⸗ des Thier ſeinen gebornen Feind hat, irgend ein anderes Thier, das aus Inſtinkt ihm folgt, es verfolgt, angreift und toͤdtet. Nun denn! euer verfolgendes Thier, ihr ruheliebenden Menſchen, iſt der Poſſenreißer. Der Poſſenreißer! Sein ganzes Leben iſt darauf gerichtet, euch in dem eurigen zu aͤrgern. Er zerquetſcht euch die Finger, wenn er euch die Hand druͤckt, er ſtoͤßt an euch, wenn ihr voruͤbergeht, er verſteckt euch das, deſſen ihr eben beduͤrft, er zieht den Stuhl weg, wenn ihr euch darauf ſetzen wollt, er ſtreut euch Pferdehaare ins Bett, er ſchließt euch ein, wenn ihr gerade dringend auszugehn habt. Der Poſſenreißer! Er macht eine Karrikatur von euch mit Eſelsohren, einen Elephantenruͤſſel und Hirſch⸗ 8³ geweihen, ſetzt euern Namen darunter und klebt euch ſo irgendwo an. Er beklebt eure Brillenglaͤſer mit Papier, wirft Staub in eure Tabaksdoſe, haͤngt euch einen Streif Pa⸗ pier auf den Ruͤcken, und ſteckt euch Stecknadeln mit der Spitze aufwaͤrts in den Stuhl. Im Schauſpiele ſchnaubt er ſich im ſchoͤnſten Au— genblicke. Im Gedraͤnge ſtoͤßt er euch und ſchreit voll Wuth:„Stoßen Sie mich doch nicht ſo!“ Auf der Straße nimmt er euch am Arm, laͤßt euch etwas am Himmel ſehen, und fuͤhrt euch an einen Kehrichthaufen, bringt euch unter eine Traufe, oder zwingt euch mitten in der Abfallsgoſſe zu gehen. Der Poſſenreißer! Begegnet er einem Frauenzim⸗ mer, das huͤbſch iſt und allein geht, ſo murmelt er, in⸗ dem er es vor ſich hertreibt:„Mein Gott! uͤber die ſchoͤne Taille! die allerliebſte niedliche Taille! Und der Fuß! o das nette Fuͤßchen! Und die Waden! o die ſchoͤ⸗ nen Waden! Nun rede mir noch einmal einer von Wa⸗ den! das nenne ich doch eine Wade;“ Manchmal wagt er ſogar, indem er es anredet, einige Worte, die das Frauenzimmer zu erroͤthen zwingen, Bewegungen, die ihm Schrecken einjagen. Und Alles das vielleicht ohne irgend eine galante Ab⸗ ſicht, bloß um etwas zum Lachen zu haben. Gleiche Feinheit, gleiche Artigkeit in ſeinen Spaͤß⸗ chen von Mann gegen Mann: 84 „Ach, ſehen Sie doch! was machen Sie denn hier? Der und Der wartet ſchon lange auf Sie.“—„Schoͤ⸗ nen Dank!“— Und nun geht ihr dahin. O! Der und Der iſt ſchon ſeit acht Tagen nach Canada gereiſtt. Seid ihr verheirathet, ſo ruft er euch im ſchalkhaf⸗ ten Tone zu:„Ach du mein Gott! Lieber Himmel, ſind Sie denn auch wie die Andern alle? Nun ja, man weiß ſchon, was man weiß!“ Ja ſelbſt das Stillſchweigen des Poſſenreißers iſt etwas Furchtbares. Weiß er irgend ein Geheimniß, auf dem vielleicht euer Vermoͤgen, eure Ehre beruht, ſo rechnet nicht darauf, daß er es euch ſage. Ihr koͤnnt ihn beſchwoͤren, ſo viel ihr wollt.—„Bah! bah! ich bin recht froh, daß ich Sie ein bischen plagen kann... Morgen wollen wir ſehen, uͤbermorgen, kuͤnftige Woche.“ O der Poſſenreißerl! Er iſt das duͤmmſte Thier aller Thiere! Er iſt das unheilbringende Thier. Er iſt ein Menſch, den man zum Fenſter hinauswerfen ſollte. Nach den Leuten, welche nicht denken, kommen nun folgegerecht diejenigen, welche nicht mehr denken, diejenigen, bei denen die Ideen ſtumpf geworden ſind, die Vernunft⸗Invaliden. Bei Einigen war das heilige Feuer nur ein Irwiſch⸗ flaͤmmchen, bei Andern ein Gehirnbrand, ein Brand, der ſie verzehrt hat. Die Erſten haben nur Einmal gedacht, ein oder zwei mal;.. nehmen wir drei mal an. 8⁵ Man hat euch geſagt:„O! Sie müͤſſen den und den Mann ſehen! das iſt ein Menſch von ſehr vielem Geiſte!“ Und auf dieſe Meinung ſich ſtuͤtzend, hat man von ihm ein ſehr merkwuͤrdiges Wort angefuͤhrt. Dem zu Folge ſtellet ihr als aͤchter Diogenes dieſem Manne nach. Endlich findet ihr ihn, und ſo oft er den Mund aufthut, denkt ihr bei euch ſelbſt:„Aufgepaßt! Jetzt wird er etwas Schoͤnes von ſich geben.“ Ihr ſteht vor ihm wie ein Eſtaminetbeſucher, der zwei Billard⸗ ſpieler ſpielen ſieht, die er beide fuͤr Meiſter haͤlt, oder vielmehr wie die Juden, welche, ſo oft ſte es donnern hoͤren, rufen:„Der Meſſias kommt! der Meſſias kommt!“ — Ganz und gar nicht: der Meſſias kommt nicht, aus der Carambolage wird nichts, und das geiſtreiche Wort laͤßt ſich nicht hoͤren. Nun klopft ihr, die ihr immer noch darauf wartet, auf tauſendfache Art an das Ver⸗ ſtandspfoͤrtchen des Mannes. Umſonſt! Die Thuͤr iſt verſchloſſen. Der Geiſt iſt ausgezogen. Auch nicht eine einzige Idee mehr da, die euch Wer da? antworte.— Wie geht das zu?. Ihr kennt unſtreitig jene merkwuͤrdige Pflanze, die dem gemeinen Vorurtheile nach nur alle hundert Jahre Einmal bluͤht, aber wenn dies geſchieht, auch ſo laut aufbluͤht wie ein Kanonenſchuß, wie ein Donnerſchlag. Nun denn! Unſer Mann hat auch nur Einmal gebkluͤht, nur Einmal gedacht, und an dem Tage begegnete es 86 ihm zufaͤlliger⸗ oder wirklich begeiſtertweiſe, ein geiſtrei⸗ ches Wort von ſich zu geben, ein Wort, das weithin erſcholl. Es war eine ſchoͤne Viertelſtunde in einem thoͤrigten Leben. Die Invaliden der zweiten Klaſſe haben weit oͤfter gedacht, vielleicht nur zu oft. Nicht die Natur war es, die ſie albern machte, ſondern die Geſellſchaft. In dem ſonderbaren Paris iſt's gar nichts Seltenes, daß die gluͤ⸗ hendſten Organiſationen bald erſtarren, wie die Lava ei⸗ nes Vulkans, der nicht mehr auswirft. Es iſt Erſchoͤpfung. Der Menſch nutzt ſich eben ſo durch vieles Denken, wie durch vieles Laufen ab. Schritt in jeder Sache iſt ſein natuͤrlicher Gang. Der Gedanke iſt ein leichtes Fluidum, das ſich in dem Gefaͤße ver⸗ duftet, ſo oft dies geoͤffnet wird. Er iſt ein Gas, das in uns wohnt, wie der Champagner in ſeinem glaͤſernen Gefaͤngniſſe. Ruͤhrt ihr nicht daran, ſo ſchlaͤft er ein, bewegt ihr ihn, ſo gaͤhrt er, ſprudelt, petillirt und zer⸗ ſprengt manchmal ſeine zerbrechliche Wohnung So viel iſt wenigſtens gewiß, je mehr Aufſprudelungen ihr da⸗ von verſchenkt habt, um ſo weniger wird drin bleiben. Nun denn! Unſre Invaliden haben zu viel von ih⸗ rem Champagner verſchenkt. Ihr Gehirn iſt auf dem Trocknen. Bei alledem iſt's eine ſchoͤne Race von Menſchen, eine Race fuͤr ſich, eine Race aus Schwefel und Alcohol, warm fuͤrs Gute, wie fuͤrs Schlechte. Alles, was gut und groß iſt, Alles, was die Seele ergoͤtzt und berauſcht, 87 ſie haben's getraͤumt, gewollt, geſucht: die Einen dies, die Andern das. Aber Allen zerſprang die Seifenblaſe, ſo oft ſie ſie ergriffen, unter den Fingern. Und dann, als ſie an Nichts mehr glaubten, als ſelbſt die Debauche in ihren Augen ihr dichteriſches Anſehn verloren hatte, ging, wie ich mir einvilde, in ihnen ein unausſprechliches und ſchmerzliches Geheimniß vor: ein Zuſammenſinken der Seele in ſich ſelbſt, ein ſchreckliches Zuſammenſchrumpfen aller ihrer Geiſteskraͤfte, eine Krank⸗ heit, ein Zerreißen. Dies macht ſie ſtumpf. Und jetzt ſeht ſie nur an, dieſe Weſen der erſten Sorte, die das Leben kurz und ſchnell durcheilt haben, wie von einem Rutſchberge herab: Soldaten, Kuͤnſtler, Dichter, gluͤhende Seelen, Spekulanten, große Projektenmacher, hohlaͤugige Nachtwacher, alle mit betrogenem Ehrgeiz, zertruͤmmerten Hoffnungen, herbem Ekel, Irreden und Verzweiflung! Sonſt Inſaſſen der Akabemie, der Boͤrſe, der Damengemaͤcher, jetzt die der Winkelgaͤßchen, der Kneipen, vielleicht noch ſchmutzigerer Orte Da find ſie⸗ dieſe gefallenen Engel,“ von ihrem Sturze zerſchlagen, betaͤubt, verthiert; lebende Leichname, welche der Morgue nicht entgehen koͤnnen als durchs Hoſpital!. O! hier giebt's aber auch welche, die ſo etwas nicht zu befuͤrchten haben. Das ſind die Maſchinen mit ho⸗ bem Druͤckwerke: grobe Reoͤner, grobe Schmeichler, grobe Zaͤnker, lauter Schwachkoͤpfe von ſchwerem Kaliber. Mit ihrem Gemaͤlde wollen wir die Gallerie der Nicht⸗ 8 88 denker beſchließen. Iſi's auch auf dieſem Punkte noch finſtre Nacht, ſo ſieht man doch wenigſtens am Hori⸗ zonte ſchon einen Lichtſchimmer, eine Gedanken⸗Mor⸗ genroͤthe. Ja, dieſe denken beinah: es ſind wahre Centauren, halb Menſch halb Thier. Wenn ſie aber auch noch erſt lediglich ein Ideen⸗Wollen beſitzen, ſo ſetzen ſie, ſobald ihnen nur die Wogen des Welttreibens etwas Stuͤtzpunkt gegeben haben, doch nichts deſtoweniger ſchon den Fuß feſt und wagehalſig auf die ſchluͤpfrigſten Gegenſtaͤnde. Jedes ihrer Worte iſt eine luftige Keule. So ſagen ſie euch ins Geſicht:—„Mein Herr, Sie ſind nicht dumm! Wahrhaftig nicht!“ „Madame, Sie haben einen ſuperben Koͤrper!“ „Mademoiſelle, Sie haben eine ungemein wolluͤſtige Taille!“ und dann ergreifen ſie um der unbedeutendſten Sache willen ihren Pilgerſtab und nehmen ihre Te Deum’s⸗ Phyſiognomie an.—„Leben Sie wohl, mein Herr, le⸗ ben Sie wohl!“ Und damit ſchuͤtteln ſie euch den Arm zum Ausrenken. Nachher ſtrecken ſie euch ſchon ganz von weitem die Hand entgegen, rufen euch ſchon in der Ferne zu, laſſen euch hundert Schritte zu ſich hineilen, und weshalb? Um euch, indem ſie euch auf die Schulter, oder den Bauch, oder das Genick klopfen, zu ſagen:—„Nun, wie geht's denn mit der werthen Geſundheit? Geht's 89 denn mit der lieben Geſundhelt immer ſo gut, wie wir wuͤnſchen?“ Oder wohl auch:—„Ach, nehmen Sie es nicht uͤbel... ich irrte mich... ich hielt Sie fuͤr einen Andern.“ Das verlohnte ſich wohl auch der Muͤhe! Wenn ihr nun mit ihnen ſprecht, blaſen ſie die Backen auf, oder ſchnauben ſich mit gewaltigem Laͤrm. In einem Salon muß man ſie dann vollends ſehen, wie ſie ſich um das Feuer draͤngen, daſtehen mit den Ellbogen auf dem Kamine, und mit der erhabenen Miene eines Schauſpielers von einem Provinzialtheater ganze Lavinen von Albernheiten auf die Unterhaltung ſtuͤrzen. Spricht man von dem Verfaſſer des verſtorbnen Eſels:—„O,“ rufen ſie,„o! das iſt ein Menſch, dem es wahrhaftig nicht an Mitteln fehlt.“) Iſt die Rede von Roſſini:—„Ach, ja, ja, Noſſini! der große Maͤſtro! der Schwan von Peſaro!“ Unterhaͤlt man ſich von Horaz Vernet:—„Je nun, der iſt auch nicht ungeſchickt, und macht recht huͤbſche Sachen! Um den bin ich nicht in Angſt.“ Solche Leute, glaubt mir's, ſind wahre Zufaͤlligkeiten. Ich kenne eine Dame, die ein Haus macht, ſtets aber ſorgſam die Liſte der Perſonen pruͤft, welche man ihr vorſtellen will; allemal, indem ſie gewiſſe Namen aus⸗ ſtreicht, ſagt ſie:„O! um des Himmelswillen, nicht den da! bringen Sie uns nicht die Zufaͤlligkeit dieſes Herrn!“ 4 9⁰ Hier aber nun ein großer Wegweiſer mit den beiden Inſchriften: Schwachſinnigkeit.— Verſtand. Wir ſtehen in der That an der Grenze zweier Reiche. Hinter uns die Idioten, vor uns die Denker. Und in dieſem Reiche des Gedankens, was fuͤr ver⸗ ſchiedne Klimate!— Zu leichte Atmoſphaͤren, wo man zu zeitig denkt;— zu ſchwere Atmoſphaͤren, wo man zu ſpaͤt denkt;— zu kalte Regionen, wo die Halb⸗, die Drittheil⸗, die Viertheil⸗, die Achttheil⸗Denker und die Denker mit einer ganzen, aber nur einer einzigen Idee vegetiren:— gluͤhende Zonen, wo ſich die thoͤrigten Phantaſien, die Leute herumtreiben, die zu viel denken; — und endlich, fern von Allen, die ſeltenen Bewohner eines zweiten Eldorado: die Denker, welche Geiſt und Vernunft mit einander verhinden, die Menſchen, welche voͤllig richtig und zur rechten Zeit denken. Ein kleines Voͤlkchen, das auf einem beſchraͤnkten Raume lebt, wo die Luft immer rein, die Sonne immer milde und die Natur ohne Unterlaß fruchtbar iſt, Dieſes iſt der kurze Abriß der andern Weltkugel, die mir noch zu beſchreiben uͤbrig bleibt. Dies wird, mit eurer Erlaubniß, der Zweck meiner zweiten Reiſe um die geiſtige Welt ſein. Ludwig Desnoyers. Der Preis Montpon. 2 wir müſſen 8 Helfen ihm, denn Zeus iſt der Beſchützer der Armen und Fremden. Auch die geringſte Gab' iſt ihm lieb. Odyſſee. Geſang VI. (Nach K. G. Neumann's Ueber⸗ ſetzung der Heldengeſänge Homers. Dresden, Arnold. 1826.) Anton Johann Baptiſt Robert Auget von Montyon ward zu Paris am 23. Dezember 1733 geboren und ſtarb daſelbſt am 29. Dezember 1820. Von ihm kann man mit vollem Rechte ſagen: er ging durch die Welt im Wohlthun: transivit bene fa- ciendo. Bald waren es Staͤdte und Provinzen, die ſich dieſer von ausgezeichneten Geiſtesgaben geleiteten Wohlthaͤtig⸗ 9² keit erfreuten, denn er war ein unterrichteter und geſchick⸗ ter Staatsmann, bald verbreitete er ſeine Großmuth uͤber Einzelne, faſt ſtets ſich in den Schleier des Un⸗ bekanntbleibens huͤllend, und mehr Muͤhe darauf wen⸗ dend, ſeine loͤblichen Thaten zu verbergen, als Andre brauchen, tadelnswerthe Handlungen der Oeffentlichkeit zu entziehen.. Im FJahre 1768 ward er zur Intendanz von Auvergne berufen. Dort erwarb er ſich die Dankbarkeit, Achtung und Liebe aller Einwohner der Provinz, vor allen aber der Armen. Er rettete Auvergne vor dem Ungluͤcke ei⸗ ner furchtbaren Hungersnoth. Er verſchaffte der arbei⸗ tenden Klaſſe Beſchaͤftigung und Unterhalt. Um ihr Arbeit zu gewaͤhren, verſchoͤnerte er die beiden Staͤdte Aurillac und Mauriac durch Spaziergaͤnge, die man nach ihm benannte. In jenen beiden Staͤdten ließ ihm die Municipalitaͤt ein Denkmal errichten. Er liebte ſeine Intendanz, weil er Gutes dort ſchaffte; aber es geftel einem Miniſter, eine ſeiner Kreaturen an die Stelle des Herrn von Montyon zu ſenden, und dieſer ward zum großen Bedauern der ganzen Provinz und gegen deren Vorſtellungen abberufen. Der Miniſter ſtellte ſich, als glaube er, die Intendanz von Auyergne ſei den Talenten und Faͤhigkeiten eines ſo guten Beam⸗ ten nicht angemeſſen, und man muͤſſe ihn auf einer groͤ⸗ Bern Buͤhne beſchaͤftigen. Der Intendant entgegnete darauf, daß er die Pryvinz, in welcher er angeſtellt ſei⸗ 93 kenne, dort nuͤtzlich wirke, und befuͤrchten muͤſſe, dies in einer andern nicht ſo zu vermoͤgen; aber man hoͤrte nicht auf ihn. Seine Stelle war's, die man haben wollte. Man nahm ſie ihm und ließ ihn dann von Intendanz zu Intendanz wandern: erſt nach Marſeille, dann nach la Rochelle. Muͤde dieſes ungerechten Verfahrens, ließ er im Jahre 1774 durch Herrn von Malesherbes eine Bittſchrift an den Koͤnig gelangen, in welcher folgende Stelle: „Seit ich die Ehre habe, mit dieſem Titel(Inten⸗ dant einer Provinz) bekleidet zu ſein, hat man meine Stelle mir dreimal genommen. Etwas, das vor mir noch Niemand wiederfahren iſt. Ich muß alſo Aetweder der boͤſeſte oder der ungluͤcklichſte aller Menſchen ſein.. Er ſetzt nun in Kuͤrze ſein Benehmen in den ium anvertrauten Provinzen auseinander, und endigt mit fol⸗ genden Worten: „Ich glaube dieſer Auseinanderſetzung keine Folge⸗ vung, keine Bitte, keine Klage anfuͤgen zu duͤrfen. Wenn es uͤbrigens in den drei Departements, wo ich angeſtellt geweſen bin, auch nur eine einzige Perſon giebt, die ſich uͤber die geringſte Ungerechtigkeit von mir beſchweren koͤnnte, wenn in dieſer Vorſtellung auch nur eine einzige Thatſache zu finden iſt, die der Wahr⸗ heit entgegen, ſo bin ich gern zufrieden, Leben, Ver⸗ umdaes und Ehre zu verlieren. 3 ünterh A. von Montyon.“ 1 94 Der Koͤnig war uͤber dieſe Vorſtellung ſehr betroffen. Er gab Befehl, an den Herrn von Montyon einen Brief voll Aeußerungen ſeiner Zufriedenheit zu ſchrei⸗ ben. Dieſer ward auch geſchrieben, der Beamte aber nicht wieder bei einer Intendanz angeſtellt, unſtreitig, weil er bewieſen hatte, daß Niemand zu einer ſo ſchwie⸗ rigen Stelle ſich mehr eigne als er. Schon vor der Revolution von 1789 hatte er unge⸗ kannterweiſe einen Tugendpreis und einen Preis fuͤr das den Sitten nuͤtzlichſte Werk geſtiftet, und der fran⸗ zoſiſchen Akademie die Entſcheidung uͤbertragen. Die Folgen der Revolution zogen die Unterdruͤckung der Akademie und jener Stiftungen nach ſich. Herr von Montyon wanderte aus; ſein großes Ver⸗ moͤgen, die Stellen, die er bekleidet hatte, wuͤrden ihn in den ungluͤcklichen Tagen von 1793 einem faſt gewiſſen Tode ausgeſetzt haben. Er fluͤchtete ſich anfangs nach Genf, dann nach Lon⸗ don, und in dieſer Hauptſtadt Großbritanniens hoͤrte er nicht auf, ſein Vermoͤgen mit ſeinen nach England aus⸗ gewanderten oder dort gefangenen Landsleuten zu thei⸗ len; denn Verſchiedenheit der Meinungen galt ihm fuͤr keine Verſchiedenheit in Ausuͤbung der Wohlthaͤtigkeit. Als er nach Frankreich zuruͤckgekehrt war, beſchaͤftigte er ſich mit Erneuerung der Preiſe, die er fruͤher geſtif⸗ ret hatte, und fuͤgte noch neue hinzu.— Immer waren ſeine Gedanken auf die Armen und 95 Ungluͤcklichen gerichtet, und ſo wendete er in ſeinen letz⸗ ten Lebensjahren 15,000 Franken jaͤhrlich dazu an, Leih⸗ hauspfaͤnder, auf welche unter 5 Franken erborgt worden war, wieder einzuloͤſen, da Gegenſtaͤnde von ſo geringem Werthe wohl nur von hoͤchſt nothleidenden Perſonen hatten verſetzt werden koͤnnen. Er wendete ſich an einen der Maires von Paris, um— ſtets ohne ſich dem Publiko zu nennen oder kenntlich zu machen— einen Fond von 5000 Franks einer milden Stiftung zu Grunde zu legen, die ohne alle Zinſen Handwerkern oder Arbeitern Geld vor⸗ ſtreckte. Ungluͤcklicherweiſe iſt man auf dieſes Anerbieten des Herrn von Montyon nicht eingegangen, und eine ſolche Stiftung nicht zu Stande gekommen. Dieſe Zuͤge ſind einem Leben des Herrn von Montyon entlehnt, das im Jahre 1829 erſchien, welches man aber ganz leſen muß, wenn man dieſen ehrwuͤrdi⸗ gen Mann vollkommen kennen lernen will. Dann kann man ſich des Gedankens nicht erwehren, daß, wenn alle Reiche einen ſo guten Gebrauch von ihrem Vermoͤgen machten, wie er, kaum noch ein Armer uͤbrig bleiben, oder wenigſtens keiner mehr vorhanden ſein wuͤrde, der nicht Unterſtuͤtzung und Troſt erhielte. Welchen Dank ſind wir nicht Alle, reich und arm, ihm fuͤr das Gute, das er that, das er thun wollte, und noch lange Zeit hindurch thun wird, ſchuldig! 96 Sein Teſtament hat dieſen Cyklus ſchoͤner Handlun⸗ gen, der mehr als 60 Jahre in ſich faßt, wuͤrdig abge⸗ ſchloſſen. Der Anfang dieſer feierlichen Schrift iſt eben ſo merk⸗ wuͤrdig als ruͤhrend: „Ich bitte Gott um Vergebung, daß ich meine reli⸗ gidſen Pflichten nicht genau erfuͤllt habe; ich bitte die Menſchen um Vergebung, daß ich ihnen nicht alles das Gute erzeigte, was in meinen Kraͤf⸗ ten ſtand, und ich ihnen alſo haͤtte erzeigen ſollen.“ Weſſen klagt er ſich an? weshalb bittet er um Ver⸗ gebung? Nicht weil er Boͤſes gethan: das hat er ja Niemand zugefuͤgt; nur weil er nicht Gutes genug ge⸗ than hat! Hoͤrt es, ihr Reichen und Maͤchtigen der Erde! Erinnert euch daran, daß ihr ſtrafbar ſeid, wenn ihr den Menſchen nicht all das Gute erzeigt, das ihr koͤnnt, und das ihr folglich ihnen erzeigen ſolltet. Pruͤft euer Gewiſſen, beurtheilt eure Thaten und Ge⸗ danken nach dieſer Vorſchrift. Beſchaͤftigt ihr euch wohl oft mit der Erfuͤllung dieſer edeln und heiligen Pflicht? Laſſen euch eure Vergnuͤgungen, eure Genuͤſſe des Luxus und der Eitelkeit, eure Plaͤne des Ehrgeizes, des Ver⸗ moͤgens, der Wolluſt, einen Augenblick uͤbrig, um an Menſchen, an Euresgleichen zu denken, welche leiden/ welche weinen und vor Mangel ſterben? . Herr 97 Herr von Montyon dachte an ſie. Er ſuchte Mittel auf, ihnen zu helfen, dieſer armen und arbeitſamen Klaſſe, die immer in Gefahr ſteht, in gaͤnzliche Huͤlfsloſigkeit zu verſinken. Er hatte ſich auch vorgenommen, die Be⸗ duͤrftigen zu unterſtuͤtzen. Die Preiſe, welche er ſtiftete⸗ waren eben ſo viele Beweiſe ſeiner ſtets ſich gleichblei⸗ benden Geſinnung, der Menſchheit wohlzuthun). Beide Akademieen haben vom Herrn von Montyon einen ſehr ehrenwerthen Auftrag erhalten. *) Ein Preis für den, welcher Mittel erfindet, eine mechaniſche Kunſt minder ungeſund zu machen. Ein Preis für den, der in dem Jahre ein Mittel entdeckt hat, wodurch ein Vorſchritt in der Medizin oder Wundarzneikunſt geſchehen. Er hatte auch Fonds zu einem jährlichen Preiſe in der Statiſtik niederge⸗ legt. In ſeinem Teſtamente iſt nicht die Rede davon, aber der Preis iſt vorhanden. Ein Preis zum Beſten eines ar⸗ men Franzoſen in jedem Jahre, der die tugend⸗ hafteſte That verübte. Ein Preis für einen Fran⸗ zoſen, der das für die Sitten nützlichſte Buch geſchrieben und herausgegeben. Dieſe Preiſe ſind jährlich zu ertheilen. Die drei erſten werden nach dem Willen des Stiſters von der Akademie der Wiſſeenſchaften, die beiden letzten von der franzöſiſchen Alkademie zuerkannt. Ueberdies hat er jedem Hoſpitale der 12 Arrondiſſements von Paris ein Jahresgeld hinterlaſſen, um als Unter⸗ ſtützung und Beihülfe für Arme, die aus den Hoſpitälern kommen und der Hülfe am bedürf⸗ tigſten ſind, vertheilt zu werden. III. 5 98 Werke, welche der Menſchheit nuͤtzlich ſind, ermu⸗ thigen und belohnen, die Tugend in der niedrigſten und verborgenſten Klaſſe der menſchlichen Geſellſchaft auf⸗ ſuchen und ehren, auf dieſe Art beitragen, den Menſchen zu helfen und ſie zu beſſern, was kann es Beſeligenderes fuͤr edle Herzen, fuͤr erhabene Gemuͤther geben? Aber nicht bloß eine Ehre iſt es, was Herr von Mon⸗ tyon der Akademie hinterlaſſen hat, ſondern auch ein Amt und ein oft ſchweres und peinliches Amt. Die franzoͤſiſche Akademie wendet Alles an, es wuͤrdig zu ver⸗ walten, und den wohlthaͤtigen Abſichten des tugendhaften Erblaſſers zu genuͤgen. Alliaͤhrlich erhaͤlt ſie von allen Punkten Frankreichs Berichte von den verſchiedenen tugendhaften Handlun⸗ gen, die ſich als wuͤrdig zu den verſprochenen Auszeich⸗ nungen und Belohnungen darſtellen. Die Lokalbehoͤrden und die achtbaren Buͤrger, vor deren Augen ſie geſchahen, bezeugen ſie. Aber obgleich die Wohlthaten des Herrn von Montyon ſehr reichhaltig ſind, haben ſie doch auch ihre Grenzen. Es gilt die Wahl unter hundert vorge⸗ ſchlagenen Bewerbern. Handlungen wie Bewegungs⸗ graͤnde muͤſſen mit Genauigkeit abgewogen werden. Man muß, ſo zu ſagen, in die Gewiſſen hinabſteigen. Welch eine Aufgabe! Gott allein iſt der wahre und un⸗ truͤgliche Richter der Tugend, denn er allein lieſet in den Herzen. Er allein alſo auch verleiht der Tugend ihren beſten Lohn. 99 In der jaͤhrlichen oͤffentlichen Sitzung der Akademie macht der Vorſitzende die Namen derer bekannt, welche Preiſe oder Medaillen verdient haben. In ſeiner Rede feiert er die tugendhaften Handlungen, welche obenan geſtellt wurden, und jedes Jahr giebt die Akademie ein Werkchen heraus, welches die Erzaͤhlung der edeln Zuͤge enthaͤlt, die ausgezeichnet und belohnt worden ſind. Dieſes Werkchen wird an alle Praͤfekte mit dem Erſuchen geſendet, es in ihren Departements zu verbreiten. Gute Beiſpiele ſollen nun auch wieder gute Thaten hervor⸗ bringen.—. Was auch gewiſſe Perſonen daruͤber ſagen und davon denken moͤgen, ſo giebt es doch in derjenigen Klaſſe, die von Thoren und Hochmuͤthigen aus Unkenntniß der⸗ ſelben verachtet wird, noch viele Tugend. Die Armen ſind vielleicht zur Wohlthaͤtigkeit geneigter als die Reichen. Um Dieienigen, welche gleich ihnen Noth leiden, zu unterſtuͤtzen, kuͤrzen ſie ſich lieber das Noth⸗ wendigſte ſelbſt ab, als jene wohlhabenden Leute ſich auch nur des kleinſten Theils ihres Ueberfluſſes berau⸗ ben wuͤrden. Seit 12 Jahren haben dieſe Belohnungs⸗Verthei⸗ lungen regelmaͤßig ſtattgefunden, und man darf ſich wohl dem Glauben hingeben, daß ſie einiges Gute her⸗ vorgebracht und zur ſittlichen Vervollkommnung der buͤr⸗ gerlichen Geſellſchaft beigetragen haben. 5* 100 Wen ſollten auch nicht Zuͤge, wie die, deren An⸗ denken ich jetzt erneuern will, tief ergreifen? Im Jahre 1823 ward vom Geiſtlichen*) der Kirche Saint Jean Saint Frangois, zu Paris, folgender Be⸗ richt an die Akademie eingeſandt: Ich ſchreibe ihn bloß woͤrtlich ab. 1 Die Ehefrau des Waſſertraͤgers Jacquemin, Vaters von 3 Kindern, wovon eins ſtumm und ſchwaͤchlich iſt, und der taͤglich nur 35 bis 40 Sous verdient, bat vor einigen Tagen um Unterſtuͤtzung fuͤr eine huͤlfsbeduͤrf⸗ tige, kranke Frau, welcher zwei Finger fehlen und die gaͤnzlich außer Stande ſei, ihr Brod ſich zu erwerben. „Wo wohnt die Frau?“ fragte ich. „Bei mir.“.. „Seit wann?“ „Seit 10 Monaten, der eilfte faͤngt jetzt an.“ „Was bezahlt ſie Euch taͤglich oder monatlich?“ „Nichts. „Wie, Nichts?“ „Nicht ſo viel!“ „Iſt ſie eingeſchrieben?**). *) Der nun verſtorbene Abbé Charpentier, zuletzt Geiſt⸗ licher an Saint Etienne du Mont. **) Das heißt, beim Wohlthätigkeits⸗Büreau des Arron⸗ diſſements eingeſchrieben, wo man den Armen, welche auf⸗ gezeichnet ſind, eine monatliche, unglücklicherweiſe ſehr un⸗ bedeutende Unterſtützung verabreicht. 101 „Ja, und ich auch, und dadurch bekomme ich das Brod fuͤr meine Kinder. Seit ſie nun bei uns iſt, mache ich die Suppe etwas laͤnger und ſie ißt ſie mit uns.“ 3 „Ihr ſeid nicht vermoͤgend genug, um dieſes Opfer zu bringen; wenigſtens wird ſie Euch doch einmal eine Entſchaͤdigung verſprochen haben?“ „Sie hat mir Nichts verſprochen, als fuͤr uns zu beten.“ „Iſt Euer Mann nicht boͤſe daruͤber?“ „Mein Mann ſpricht wenig; er hat Nichts geſagt; ach, er iſt ſo gut!“ „Geht er nicht in die Schenke?“ „Niemals. Er arbeitet ſich faſt todt fuͤr ſeine Kinder.“ „Verfaͤhrt er das Waſſer in Tonnen?“ „Nein, mein Herr, in Kuͤbeln!“ „Seit zehn Monaten! das iſt lange!“ „Sie war auf der Gaſſe und bat mich, ſie nur ein. paar Tage zu beherbergen; Jacquemin und ich konnten es aber nicht uͤbers Herz bringen, ihr die Thuͤr zu zei⸗ gen. Uebrigens ſagt er, man muͤſſe das Andern thun, was man an ſich ſelbſt thut.“ „Aber, liebe Frau) woraus beſteht denn Eure Woh⸗ nung?“ „Aus zwei Stuben.“ „Wie viel bezahlt Ihr dafuͤr?“ 10² „FIch gab 120 Franes, aber man hat mich um 20 Francs geſteigert. Das macht alſo 8 Sous taͤglich“ „Ich ſollte aber glauben, Ihr ſolltet eher fuͤr Euch ſelbſt Unterſtuͤtzung ſuchen.“ „Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, Herr Paſtor, daß ich fuͤr meine Kinder Brod habe, und mehr verlange ich, Dank ſei's dem Himmel, nicht. So lange mein Mann und ich arbeiten koͤnnen, wuͤrden wir es uns zur Schande rechnen, Jemand zur Laſt zu fallen.“ „Nun denn, gute Frau, hier ſind 10 Francs fuͤr...“ „Ach! wie gluͤcklich wird die arme Frau Pétrel ſein.“ Freudenthraͤnen floſſen aus den Augen dieſer mildthaͤ⸗ tigen Frau. Eigentlich waren die 10 Francs fuͤr ſie be⸗ ſtimmt, ich ließ ſie aber in dem Irrthume; es war ſo ehrenvoll fuͤr ſie*). 3 Anton Rochus Martin hatte ſich noch ſehr jung an⸗ werben laſſen, als Erſatzmann fuͤr einen Konſkribirten. Nachdem er gedient und entlaſſen worden, heirathete er im Jahre 1815. Die Familie ſeiner Frau war ſehr arm. Sie beſtand aus einer kranken Mutter und drek blinden Geſchwiſtern. Von da an und fuͤr immer hielt ſich nun der junge Soldat, ſeit er Adoptivſohn der Einen und Bruder der *) Auszug aus dem Vortrage des Biſchoſs von Hermo⸗ polis, als Vorſtehers, in der öffentlichen Jahresſitzung 1832. 103 Andern geworden war, fuͤr verpflichtet, füͤr alle Beduͤrf⸗ niſſe dieſer Angehoͤrigen zu ſorgen. Er war reich und fuͤhlte ſich gluͤcklich, ihnen eine Summe von 6000 Franes, den Preis, den er fuͤr ſeinen Dienſteintritt erhalten hatte⸗ widmen zu koͤnnen. Ein Theil dieſes kleinen Beſitz⸗ thums ward dazu angewendet, ihnen eine Huͤtte zu kau⸗ fen; die Geburt von 3 Kindern, beſonders aber die Theurung der Jahre 1817 und 1818, erſchoͤpften jedoch bald, was noch uͤbrig blieb. Die Sorge, welche eine kranke Mutter, 3 kleine Kinder und 3 blinde Bruͤder in Anſpruch nahmen, ließen der Frau Martins nicht die Zeit, ſich Beſchaͤftigungen hinzugeben, aus denen ſie haͤtte Gewinn ziehen koͤnnen, ſo daß die Handarbeit des aannes fuͤr 9 Perſonen die einzige Ernaͤhrungsquelle ward. Er erwarb ſich aber taͤglich nur 20 Sous, wollte je⸗ doch, ſei es aus Zartgefuͤhl und Seelengroͤße, oder aus einem Ueberreſte vom Stolze auf ſeine ehemalige Be⸗ ſchaͤftigung, niemals zugeben, daß ſeine blinden Schwaͤ⸗ ger die oͤfentliche Milde in Anſpruch naͤhmen. Er haͤtte geglaubt, Vorwuͤrfe zu verdienen, wenn ſelbſt noch in dieſer groͤßten Armuth ſeine Familie fremde Unterſtuͤtzung erhielte. Lieber theilte er das Brod, das er ſo kaͤrglich gewann, voͤllig unter die Seinen, und ſetzte ſich der Ge⸗ fahr aus, vor Schwaͤche ohnmaͤchtig zu werden, wie es v wuch mehreremale mitten in der Arbeit bei ihm der ar.. 104 Nie hat man ihn ſich beklagen, noch weniger ſich ruͤhmen hoͤren, und vielleicht waͤren bei einer ſo kraͤfti⸗ gen Ausdauer ſeine Opfer außer dem engen Bezirke ſei⸗ nes Dorfs gaͤnzlich unbekannt geblieben, haͤtte Men⸗ ſchenliebe nicht einen achtbaren Wundarzt in dieſe Huͤtte gefuͤhrt, der es uͤber ſich nahm, den 3 Erblindeten das Augenlicht wieder zu geben. Ungluͤcklicherweiſe wurden ſeine Anſtrengungen nicht durch den Erfolg gekroͤnt; da er aber Zeuge von dem war, was der unermuͤdliche Va⸗ ter dieſer zahlreichen Familie ſeit zehn Jahren gethan, hat er deren Beduͤrfniß, Ungluͤck und edle Verſchuldung nicht verſchwiegen, wodurch denn auch zur Kenntniß der Akademie nicht dieſer Zug eines tugendhaften Her⸗ zens, ſondern vielmehr dieſes ganze tugendhafte Leben gekommen iſt, das zu belohnen und der Oefefentlichkeit uͤbergeben zu koͤnnen, ſie ſich Gluͤck wuͤnſchte. Die Akademie erkannte Rochus Martin einen Preis von 10,000 Francs zu*). Catharine Felicité Gurgy hatte in ihrer Jugend eine Waiſe gepfſegt. Dieſe war dankbar dafuͤr. Sie war ein rechtliches Maͤdchen, hatte aber das Ungluͤck, einen Mann ohne Grundſaͤtze, einen von jenen Egoiſten ken⸗ *) Auszug des Vortrags des Herrn Daru, Vorſtehers, in der öffentlichen Jahresſitzung von 1825. 10⁵ nen zu lernen, die, um eine Laune, eine Grille zu be⸗ friedigen, ſich kein Gewiſſen daraus machen, ein ſchwa⸗ ches Weſen auf immer der Reue, der Schande, dem Elende preiszugeben. Das arme Schlachtopfer hatte einige Zeit lang ihre Freundin, Demoiſelle Gurgy, die unterdeß Frau Laver⸗ din geworden war, und deren guter Rath ſie vielleicht gerettet haͤtte, aus den Augen verloren. Dieſe erfuhr nun durch Andre, was aus der jungen Marie Luiſe Naymond geworden ſei. Sie eilte ſogleich zu ihr und bot ihr die Huͤlfe und den Troſt der Freundſchaft an. Es war zu ſpaͤt! Sie fand ſie krank, leidend, gebeugt. Ihr Verfuͤhrer war ein verheiratheter Mann, was er ihr vorher ſorgfaͤltig verſchwiegen hatte. Erſt ſeit ſie niedergekommen war und ſeit er ſie und ihr Kind ver⸗ laſſen, hatte ſie das erfahren. Sie konnte ihr Ungluͤck nicht uͤberleben. Nachdem ſie einige Monate geſiecht, ſtarb ſie vor Schmerz in den Armen der Laverdin, de⸗ ren Freundſchaft ſie das ſchuldloſe Geſchoͤpf anempfahl, das ſie ohne Huͤlfe, ohne Schutz in der Welt zuruͤckließ. Die Laverdin verſprach der Sterbenden, an ihrem Knaben Mutterſtelle zu vertreten. Man wird ſehen, wie ſie Wort gehalten hat.. Zuerſt ging ſie in das Ammen⸗Buͤreau, bezahlte die drei ruͤckſtaͤndigen Monate, und erklaͤrte, daß ſie fuͤr die weitere Zahlung ſtehe. Als das Kind 11 Monate alt war, ließ ſie es nebſt 106 ſeiner Amme nach Paris kommen. Mit dem 17ten Mo⸗ nate nahm ſie es dieſer ganz weg und zu ſich. Ihr Mann willigte mit Freuden ein, unerachtet des fuͤr ſie nicht leichten Koſtenaufwands, ihr in dieſer guten That beizuſtehen. Sie waren nur Portiers. Laverdin arbeitete aber zugleich als Schneider und ſeine Frau ſtickte. Sie lebten ordentlich und eingezogen. Alle Hausbeſitzer, bei denen ſie wohnten, haben der Sittlich⸗ keit und Rechtlichkeit der beiden Eheleute das beſte Zeug⸗ niß gegeben. Die Waiſe haben ſie wie ihren eignen Sohn erzo⸗ gen, und in ſeiner Kindheit glaubte der Knabe dies auch wirklich zu ſein. Sie haben ihn auf ihre Koſten in die Schule geſchickt, ihn unterrichten laſſen, und ſich bemuͤht, ihm eine Erziehung zu geben, wodurch er kuͤnftig in den Stand geſetzt wuͤrde, fuͤr ſich ſelbſt zu ſorgen und unabhaͤngig zu leben. Er entſprach auch dieſen Bemuͤhungen. Zuerſt trat in das muſikaliſche Konſervatorium, wo er Floͤte und Violine ſpielen lernte. Da jedoch ſeine Lehrer fuͤr dieſe Beſchaͤftigung nicht ausgezeichnetes Talent in ihm zu erblicken glaubten, riethen ſie der Laverdin, ihn fuͤr ei⸗ nen andern Stand zu beſtimmen. Nun brachten Vater und Mutter ein großes Opfer, denn ſie bezahlten einem Kupferſtecher 500 Francs, der ſich mittelſt dieſer Summe und einer Lehrzeit von vier Jahren anheiſchig machte, ihn in dieſer Kunſt auszubilden, was er denn auch that. 107 Aus der Lehre entlaſſen, iſt der junge Mann zu einem andern Kupferſtecher gegangen, wo er ſich ſein Brod er⸗ wirbt und den Laverdins nicht mehr zur Laſt faͤllt, ohne deshalb aufgehoͤrt zu haben, ſie zu ehren und zu lieben. Es war im Leben dieſes Kuͤnſtlers eine ſehr ſchmerz⸗ liche Epoche eingetreten; denn als er im 12ten Jahre zur Kommunion gehen ſollte, hielten Laverdin's es fuͤr ihre Pflicht, ihm zu eroͤffnen, daß er nur ihr angenom⸗ mener Sohn ſei. Dieſe unerwartete Entdeckung machte auf den Knaben einen ſo tiefen Eindruck, daß er krank ward und ſeine Wiederherſtellung ſich lange verzoͤgerte. Ungluͤcklicherweiſe traf den Vater Laverdin in ſeinem 62ſten Jahre ein Schlag, der ihn ſehr ſchwaͤchte. Das Uebel hat ſeitdem ſo zugenommen, daß er ſeinem Poſten nicht mehr vorſtehen kann; da nun ſeine Frau ihn darin erſetzen und noch uͤberdies pflegen muß, ſo kann ſie we⸗ niger Verdienſt aus ihrer Stickerei ziehen, ihr Mann aber mit ſeinen Schneiderarbeiten gar nichts verdienen. Nun iſt die Reihe an Raymond gekommen, ſeinen Wohlthaͤtern, den braven Leuten, die ſeit 25 Jahren ſich alle moͤgliche Entbehrungen auflegten, um ihm ein beſ⸗ ſeres Loos zu verſchaffen, nuͤtzlich zu werden. Um nun ein anerkannteres Recht zu beſitzen, ihnen ſeine Dankbarkeit zu bezeugen, hat er das Zartgefuͤhl beſeſſen, auf eine gerichtliche Weiſe dazu befugt zu wer⸗ den. Er hat daher Vater und Mutter Laverdin beſchwo⸗ ren, ihm zu erlauben, daß er ihren Namen fuͤhre; er 108 hat von ihnen in aller Form adoptirt ſein, und ſomit voͤllig ihr Sohn werden wollen. Anfangs haben ſie es ihm abgeſchlagen, haben entgegnet, daß dies ja ihrer ge⸗ genſeltigen Liebe Nichts hinzufuͤgen koͤnne, daß die For⸗ malitaͤten der Adoption gewiß viel koſten wuͤrden, und dieſer Aufwand fuͤr ihn ganz unnuͤtz ſei, da ſie kein Ver⸗ moͤgen beſaͤßen und ihm folglich kein Erbe hinterlaſſen koͤnnten; der Sohn hat aber darauf beſtanden, und ſo iſt dieſe Adoption von gewiß ſeltner Art— denn ſie iſt voͤllig uneigennuͤtzig— durch eine Urkunde des Koͤnig⸗ lichen Gerichtshofes zu Paris am 24. Juli 1827 beſtaͤ⸗ tigt wyrden. Man verſichert, daß die Gerichtskoſten dabei Ray⸗ mond nicht unter 500 Franes zu ſtehen gekommen ſind. Er hat dieſe Ausgabe nicht ohne Muͤhe beſtreiten koͤn⸗ nen, denn er iſt nicht reich, und ſeine Arbeit bringt ihm nur noch ſehr wenig ein. Man fragt daher, warum eine gerichtliche Handlung, die das Geſetz beguͤnſtiget, eine Handlung, die, wie hier der Fall war, durch die reinſten und edelſten Beweggruͤnde veranlaßt werden kann, ſo viele Koſten verurſacht? Hat man ſie den Armen verwehren wollen? Leicht mußte man ſie ihnen im Ge⸗ gentheile machen, denn ſie iſt bei ihnen nicht, wie gewoͤhn⸗ lich bei den Reichen, ein Geſchaͤft der Berechnung und des Gelderwerbs, wobei das Herz nicht mit ins Spiel kommt*). *) Aus dem Livret Montyon. 1829. —— 109 Dieſe nicht ſorgfaͤltig ausgewaͤhlten, ſondern aus vie⸗ len andern bloß herausgegriffenen Beiſpiele werden hin⸗ reichen, um eine Idee von der Art und Weiſe zu geben, wie die Akademie das Teſtament des Herrn von Montyon vollſtreckt. Im Allgemeinen glaubt ſie ein ſtets tugend⸗ haftes Betragen eher belohnen zu muͤſſen, als einen einzigen tugendhaften Zug, beſonders wenn er von einer Perſon herruͤhrte, deren Sitten und Gewohnheiten außer⸗ dem nicht eben ehrenvoll waͤren.— Da die Akademie nach den großen Julitagen von 1830 disponible Fonds beſaß, ſo erbat ſie ſich vom Mi⸗ niſterio die noͤthige Erlaubniß, um zur Unterſtuͤtzung der Wittwen, Waiſen und Verwundeten eine Summe von 15,000 Franken anwenden zu koͤnnen, und erhielt ſie. Herr Alexander Delaborde, damaliger Praͤfekt von Paris, ſchrieb an die Akademie einen eben ſo geiſtreichen als verbindlichen Dankſagungsbrief.„Mit Vergnuͤgen,“ ſpricht er darin,„erkennt man in dieſem freiwilligen Entſchluſſe der franzoͤſiſchen Akademie die patriotiſchen Gefuͤhle, welche in edlen Seelen ſich ſo gern mit der Liebe zu den Wiſſenſchaften und philoſophiſchen Kennt⸗ niſſen vereinen.“ Der ehrwuͤrdige Erblaſſer hat der franzoͤſiſchen Aka⸗ demie auch noch ein vielleicht noch ſchwierigeres Geſchaͤft, als dieſe Belohnung tugendhafter Handlungen, aufgetra⸗ gen. Er beſtimmte, daß ſie auch jaͤhrlich einen Preis demienigen Franzoſen zuerkenne, der das fuͤr die Sitt⸗ 110 lichkeit nüͤtzlichſte Buch in dieſem Jahre verfaßt und herausgegeben habe. Dieſer Ausdruck iſt ſehr vielumfaſſend. Es iſt ſchwer, ſeinen beſtimmten Sinn zu ergruͤnden. Jedes Buch, welches irgend eine Belehrung, irgend eine zweckmaͤßige Anrveiſung in einer Art vorgetragen enthaͤlt, wie ſie ſich unſerm Gedaͤchtniſſe einpraͤgt, oder eine lebendige und dauernde Wirkung auf uns hervorbringt/ iſt offenbar nuͤtzlich, und man ſollte eigentlich nie ein Buch ſchrei⸗ ben, ohne etwas Neues und Nuͤtzliches bekannt zu machen zu haben. Aber was iſt ein der Sittlichkeit nuͤtzliches Buch? Das waͤre wohl ein ſolches, das eine ganze Ge⸗ neration beſſerte, oder wenigſtens eine große Menge Ein⸗ zelner; ein ſolches, deſſen Herausgabe unfehlbar den Ge⸗ ſchmack am Schoͤnen, Guten und Edeln verbreitete, Recht⸗ lichkeit, Offenheit, Gutmuͤthigkeit, kurz, alle Tugenden einfloͤßte! Wie ſich aber vergewiſſern, daß ein Buch in der That ſolche treffliche Wirkungen hervorgebracht habe? und wie ſollte es dieſe in einem Lande hervorbringen, wo wenigſtens zwei Drittheile der Einwohner nicht leſen koͤnnen? Was die Schwierigkeit des Urtheilens noch vermehrt, iſt dies, daß der Preis ein jaͤhrlicher iſt. Kann man hoffen, alle Jahre ein der Sittlichkeit nuͤtzliches Buch zu belohnen zu haben? Muß man nicht vielmehr erwarten, daß mehrere Jahre verſtreichen, ehe ein Buch. 111 erſcheint, das dieſes Namens und des damit verbundenen Preiſes wuͤrdig ſey? Horaz ſagt, daß Dichter nuͤtzen oder gefallen, oder Beides vereint thun, das heißt, angenehme Sachen ſagen wollen, die zugleich Vorſchriften fuͤr Sittlichkeit und Benehmen enthalten. Der groͤßere Theil unſrer neuern Dichter hat ledig⸗ lich dahin geſtrebt, den Leſern zu gefallen, ſie zu unter⸗ halten, zu ruͤhren, auf dieſe Art ihren Beifall zu erhal⸗ ten und ihre Bewunderung zu erregen. Ich weiß nicht, ob ich mich irre, aber mir kommt es immer ſo vor, als ob die Moral⸗Philoſophie von den al⸗ ten Klaſſikern weit mehr in Ehren gehalten worden ſei, als es neuerdings der Fall iſt. Die moraliſchen Schrif⸗ ten von Plutarch, die Cyropaͤdie, die Oekonomika von Nenophon, der Aufſatz uͤber die Pflichten von Cicero, verſchiedene Abhandlungen von Seneca, ſeine Briefeu. ſ. w. ſind offenbar der Sittlichkeit nuͤtzliche Werke, es ſind aber zugleich ſeltene, wie ſie nur von Zeit zu Zeit erſcheinen. In ſpaͤterer Zeit koͤnnte man die moraliſchen Verſuche von Baco und Montaigne anfuͤhren, in denen es ungluͤcklicherweiſe einige Kapitel giebt, wo Anſtand und Schamhaftigkeit nicht genug geſchont ſind; die Ab⸗ handlung uͤber die Erziehung von Locke, den Emil von J. J. Rouſſeau, die letztere Haͤlfte der neuen Heloiſe, dntge Schriftchen von Franklin u. ſ. w. Bemerken muß man aber auch noch uͤberdies, daß man bei weitem nicht 112 alle Jahre auf Werke von ſo großem Verdienſte hof⸗ fen darf.. Welche Abſicht hatte alſo Herr von Montyon dabei? Aus der Geſammtheit ſeiner teſtamentariſchen Dispoſi⸗ tionen und Stiftungen kann man dies am beſten be⸗ urtheilen. Zuerſt hat er an die arme und arbeitende Klaſſe gedacht; dann hat er Buͤcher nach deren Ver⸗ ſtaͤndniß haben wollen, die ſie aufklaͤrten, von ihren ſchlechten Gewohnheiten abwendeten, ihr den Vortheil begreiflich machten, der fuͤr ſie aus groͤßerer Ordnung, Oekonomie und Vorſicht in ihrem Benehmen entſprin⸗ gen wuͤrde. Zugleich aber geht es auch deutlich hervor, daß der Erblaſſer die Nuͤtzlichkeit der Werke, die er be⸗ lohnt wiſſen wollte, nicht allein auf dieſe Klaſſe zu be⸗ ſchraͤnken dachte. Man kann nicht daran zweifeln, daß es ſeine Abſicht war, daß der Preis dem fuͤr die Sitt⸗ lichkeit im Allgemeinen nuͤtzlichſten Werke zu⸗ erkannt werde, d. h. dem, das am geeignetſten dazu waͤre, auf oͤffentliche und haͤusliche Sitten den heilſamſten und nuͤtzlichſten Einfluß auszuuͤben, und unter dem Worte Sitten muß man dann Anſichten, Handlungen und Gewohnheiten verſtehen. Bei ſolcher Ungewißheit und dieſer Schwierigkeit der Entſcheidung hat denn die Akademie geglaubt, ſich nicht bloß eine einzige und beſchraͤnkte Regel, welche keine Ausnahme verſtatte, vorſchreihen zu muͤſſen, ſondern 113 nur einige Grundzuͤge feſtzuſtellen, von denen ſie bei ih⸗ rem Urtheile auszugehen habe. So hat ſie denn angenommen, daß es zwei Arten von der Sittlichkeit nuͤtzlichen Werken gebe, de⸗ nen ſie Preiſe zuzuerkennen habe, eine, von hoͤheren Anſpruͤchen, geeignet dazu, Kenntniſſe zu verbreiten, die, indem ſie von oben ausgehen, ſich herablaſſen und uͤber alle Staͤnde auf eine ſolche Art verbreiten, daß ſie fuͤr die ganze buͤrgerliche Geſellſchaft nuͤtzliche Verbeſſerun⸗ gen hervorbringen; geſchehe dies nun, indem ſie falſche und nachtheilige, aber ſeit langer Zeit doch uͤbliche Anſichten zerſtoͤren und abaͤndern, oder indem ſie den Regierenden und Staatsbeamten theoretiſche oder prakti⸗ ſche Kenntniſſe gewaͤhren. Von dieſer Art ſind die Ab⸗ handlung uͤber die praktiſche politiſche Oekonomie von Jean Baptiſte Say, ein in mehrere Sprachen uͤberſetz⸗ tes Werk, das faſt im Auslande noch geachteter iſt, als in Frankreich ſelbſt; die Abhandlung uͤber Geſetzgebung, oder Entwicklung der allgemeinen Geſetze, nach welchen Voͤlker bluͤhen, untergehen oder auf gleicher Stufe blei⸗ ben, von Charles Comte; das Werk uͤber die Strafge⸗ ſetzgebung in Europa und den Vereinigten Staaten, von Charles Lucas; u. ſ. w. Hiernaͤchſt die andre, welche dazu beſtimmt iſt, beſondre Gegenſtaͤnde zu behandeln, oder neue und nuͤtzliche Anſichten uͤber einen wichtigen Gegenſtand darzubieten, wie z. B. die Familienöriefe üher die Exziehung, von Madame Guizot; uͤber die Er⸗ 5 † 114 ziehung, und Rath an junge Maͤdchen, von Madame Campan; Verſuch uͤber die Erziehung des weiblichen Geſchlechts, von Frau von Remuſat. Die Akademie kann keinesweges den Anſpruch machen, untruͤglich in ihren Urtheilen zu ſein; Alles, was man von ihr verlangen kann und was ſie ſich auch zur gewiſſenhafteſten Pflicht macht, iſt Unpartheilichkeit, die Erfuͤllung der Abſichten des trefflichen Erblaſſers auf die moͤglichſt treue Art. Im Jahre 1827 fand es ſich, daß Gelder uͤbrig ge⸗ blieben waren, welche man nicht hatte zu Belohnungen fuͤr ein der Sittlichkeit nuͤtzliches Werk verwenden koͤn⸗ nen. In aͤhnlichen Faͤllen ſoll, Inhalts einer oͤniglichen Ordonnanz, die Akademie dem Miniſter vorſchlagen, wie ſie dieſe Gelder dem letzten Willen des Herrn von Mon⸗ tyon gemaͤß zu verwenden habe. Mit Bewilligung des Miniſters machte alſo die Aka⸗ demie bekannt, daß ſie folgende Preiſe ausſetze: 1) Im Jahre 1828 einen von 6000 Franken auf ein morali⸗ ſches Werk, indem ſie den Verfaſſern die vollſte Frei⸗ heit in der Wahl des Gegenſtandes und ver Behand⸗ lungsart laſſe; 2) im Jahre 1829 einen von 8000 Franken fuͤr das beſte Werk uͤber den Gegenſtand: die Mildthaͤ⸗ tigkeit, nach ihrem Prineip, ihrer Anwendung und ihrem Einfluſſe auf die Sitten und die ſo⸗ cielle Oekonomie betrachtet: 3) im Jahre 1830 115 einen von 10,000 Franken uͤber den Einfluß der Geſetze auf die Sitten und der Sitten auf die Geſetze. K Da im Jahre 1828 kein Preis uͤber die erſte Aufgabe ertheilt werden konnte, war er noch fuͤr das folgende Jahr ausgeſetzt. 3 Im Jahre 1829 ward er einem Werke zuerkannt, welches die Fortſetzung eines bereits vor 10 bis 12 Jah⸗ ren unter dem Titel, Simon von Nantua, oder der auslaͤndiſche Kaufmann, war. Dieſer Simon von Nantua war ein ehrlicher Klein⸗ haͤndler, der, mit einigen Kenntniſſen und vielem geſun⸗ den Menſchenverſtande, eine volksthuͤmliche und nach der Art weiland Sancho Panſa's mit vielen Spruͤchwoͤrtern durchwebte Sprache redete, durch Stadt und Land zog, ſeine Waaren verkaufte, und vortrefflichen Rath umſonſt noch obendrein gab. Dieſes Buch erhielt einen Beifall, der bleibend war und noch iſt. 4 Auf die Gefahr hin, die zahlreichen Freunde des gu⸗ ten Simon von Nantua zu betruͤben, benachrichtigt der Verfaſſer das Publikum, daß der brave Mann todt ſei⸗ aber einige Handſchriften hinterlaſſen habe. Dies ſind nun die hinterlaſſenen Werke des Simon von Nantua, die ſein Geſchichtſchreiber ge⸗ ſammelt und herausgegeben hat. Sie bilden ein kleines Lehrgebaͤnde der praktiſchen Moral unter verſchiedenen 116 Kapiteln, namentlich: die Weisheit, die Jurispru⸗ denz, die Medizin, die Politik, die Religion des Simon von Nantua. Man iindet verſtaͤndige Gedanken, ehrliche, gerade und erhabene, aber in ein⸗ fachem und natuͤrlichem Styl ausgedruͤckte Gefuͤhle darin, ſo daß der gewoͤhnlichſte Verſtand ſie faſſen kann. Das Werk iſt nicht groß, und dies war ein Verdienſt mehr. Denn dicke Buͤcher ſind nicht das, was Menſchen beduͤrfen, denen nicht viel Zeit zum Leſen uͤbrig bleibt. Ein großes Hinderniß ſetzt ſich aber dem Erfolge entgegen, daß Buͤcher, die fuͤr den Volksunterricht ge⸗ ſchrieben worden, ihren Zweck erreichen, und dies iſt, wie oben gedacht, dies, daß in Frankreich noch zwei Dritt⸗ theile der Bevoͤlkerung nicht leſen koͤnnen. Ein alter Roͤmer wiederholte ſtets, Karthago muß zerſtoͤrt werden! Laßt uns einen menſchlichern Wunſch hegen; laßt uns ſtets wiederholen: man muß die feind⸗ ſelige Unwiſſenheit vernichten, man muß allen Franzoſen Primair⸗Unterricht ertheilen. Dieſer iſt eine Natio⸗ nal⸗Schuld. Dieſen Wunſch hegte auch Herr von Montyon. Es iſt uͤberhaupt der Wunſch aller gebildeten Menſchen und Freunde des Vaterlandes. Von allen Seiten bemuͤht man ſich aufs Edelmuͤthigſte, ihn in Erfuͤllung zu bringen. Wir wollen hoffen, daß wir dies einmal verwirklicht ſehen. Der Preis uͤber die Aufgabe von der Mildthä⸗ tigkeit ſollte 1829 zuerkannt werden. 4 ——ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ˖—˖—-— ——ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ˖—˖—-— 117 Von 27 eingeſendeten Arbeiten ſchien der Akademie keine dem Zwecke genuͤgt und den Preis verdient zu ha⸗ ben. Drei derſelben zeichnete ſie jedoch aus und er⸗ waͤhnte derſelben ehrenvoll. Eine dieſer Arbeiten unter No. 17. ward gedruckt und von ihrem Verfaſſer, Herrn Duchatel, herausgege⸗ ben, und die Akademie mußte ſich, ob ſie gleich bedauerte, dieſelbe nicht kroͤnen zu koͤnnen, doch Gluͤck dazu wuͤn⸗ ſchen, zu der Abfaſſung eines ſchaͤtzbaren Werks beige⸗ tragen zu haben. Die Bewerbung ward fuͤr 1831 wieder verſtattet. In Betracht der Zeit, der Arbeiten und ſelbſt der Reiſen, welche die beduͤrfenden Nachforſchungen verlan⸗ gen koͤnnten, erhoͤhte die Akademie die Summe bis zu 10,000 Franken. Jetzt beſchaͤftigt ſie ſich mit der Pruͤfung der Werke, die zu dieſem Behuf eingeſendet worden. Ihr Urtheil wird in der naͤchſten oͤffentlichen Sitzung bekannt ge⸗ macht werden.. Der dritte Gegenſtand, uͤber den gegenſeitigen Einfluß der Geſetze auf die Sitten, verlangt allerdings zu ſeiner Behandlung einen Plato, Tacitus oder Montesquieu. Sully ſagt in ſeinen Memoiren: Sollte ich ein Princip aufſtellen, ſo waͤr' es dies, daß gute Sitten und gute Geſetze ſich gegenſeitig bilden. Bekannt iſts, daß die Voͤllker das ſind, wozu ſie die 118 Einrichtungen, denen ſie unterworfen ſind, die Geſetze, welche ſie regieren, die Handlungen ihrer Beherrſcher und ihre Erziehung machen; aber die Erziehung ſelbſt wird bis jetzt durch die Geſetzgebung und die regierende Obergewalt geregelt. Auch weiß man, daß in den Sitten der Voͤlker, d. h. in ihren Anſichten, ihren Strebungen, ihren Leiden⸗ ſchaften und Gewohnheiten, langſame und ſchrittweiſe Veraͤnderungen vorgehen, und daß dieſe Veraͤnderungen endlich alle Geſetze in Nichtgebrauch gerathen laſſen und neue herbeifuͤhren. Die große Kunſt des Geſetzgebers und der Herrſcher beſteht alſo darin, ſich nach der Zeit zu fuͤgen, zu Gun⸗ ſten des Vergangenen ſich nicht zu verhaͤrten, zu beur⸗ theilen und zu thun, was die Gegenwart verlangt, kurz, die Zukunft vorzubereiten. Der Zwieſpalt zwiſchen den Geſetzen und den Sitten iſt fuͤr das oͤffentliche Wohl eine ſtete Urſache des Kraͤn⸗ kelns, der Zaͤnkereien, der Unbeſtaͤndigkeit. Man fuͤhlt mit jedem Augenblicke, daß jenes nicht feſt ſteht, man fuͤrchtet ſtets, es moͤge ſich auf die eine oder die andere Seite neigen. Der fuͤr dieſen großen und ſchoͤnen Gegenſtand aus⸗ geſetzte Preis von 10,000 Franken ſollte 1830 ertheilt werden. Unter 12 eingelaufenen Arbeiten iſt eine einzige einer ehrenvollen Erwaͤhnung fuͤr wuͤrdig erkannt worden. „ 119 Der Concurs iſt daher verlaͤngert und noch bis zum 1. Maͤrz 1832 offen gelaſſen worden, wo alle Arbeiten eingeſendet ſein muͤſſen. Ich kann hier nochmals das wiederholen, was die Akademie in ihrem Programme, womit ſie dieſen Preis vorlegte, ſagte, naͤmlich daß eine ſolche Arbeit, wenn ſie eben ſo gut aufgefaßt als ausgefuͤhrt waͤre, den Verfaſſer und die Nation ehren, daß man ſie uͤberall ſtudiren, und ſie in der Laͤnge der Zeit auf eine zwar indirekte, aber ſichre Art in den Geſetzen und Sitten der civiliſir⸗ ten Welt unermeßliche Verbeſſerungen hervorbringen wuͤrde. Endlich hat auch noch die franzoͤſiſche Akademie, die ſtets den Zweck befolgt, die aus der Freigebigkeit des Herrn von Montyon herruͤhrenden Summen auf eine Art anzuwenden, welche der buͤrgerlichen Geſellſchaft Nutzen bringt und dem Zwecke des Erblaſſers angemeſſen iſt, in dieſem Jahre von dem Miniſter die Genehmigung er⸗ halten, von den Geldern, welche von den Fonds zu Beloh⸗ nungen fuͤr die der Sittlichkeit nuͤtzlichen Werke vorraͤthig geblieben, eine Summe von 10,000 Franken dazu zu ver⸗ wenden, einen Preis auf das beſte Luſtſpiel oder Trauer⸗ ſpiel in 5 Akten und in Verſen auszuſetzen, das von ei⸗ nem Franzoſen gedichtet, in den nachverzeichneten drei Jahren in Frankreich dargeſtellt, gedruckt und herausge⸗ geben worden, und mit dem literariſchen Verdienſte S 120 auch das nicht minder große verbinde, der Sittlich⸗ keit und dem Fortſchreiten der Vernunft nuͤtz⸗ lich zu ſein. Dieſer Concurs ging vom 9. Auguſt 1831 an und er⸗ ſtreckt ſich bis eben dahin 1834. Die Akademie wird ſich mit dem urtheile wegen der Preiszuerkennung erſt fruͤheſtens ein Jahr nach dem Schluſſe einer Bewerbung beſchaͤftigen, von welcher bloß die Mitglieder derſelben ausgeſchloſſen ſind.— Doch zuruͤck zum Herrn von Montyon. Welches waren ſeine Abſichten, was war ſein liebſter Gedanke, derjenige, der ihn durch ſein ganzes Leben geleitete? Der, den Menſchen Gutes zu erzeigen. Seine Freigebigkeit iſt eine treffliche Lehre für die Armen, fuͤr die Reichen und fuͤr die Regierungen aller Zeiten und Laͤnder. Hat er nicht außer dem, was er zum Beſten von Ar⸗ men gethan hat, welche, wenn ſie aus den Hoſpitaͤlern kommen, noch zur Arbeit unfaͤhig ſind und wenigſtens augenblicklicher Huͤlfe beduͤrfen, dadurch, daß er einen jaͤhrlichen Tugend⸗Preis fuͤr die arme Klaſſe der buͤrger⸗ lichen Geſellſchaft ſtiftete, dieſe Klaſſe gelehrt, ſich ſelbſt zu achten, zu begreifen, daß ſie durch gute Sitten ge⸗ rechte Anſpruͤche auf die oͤffentliche Achtung und Aner⸗ kennung ſich erwirbt? daß es nichts Ehrenwertheres giebt, als einen braven Landbauer, als einen guten Ar⸗ beiter, der von ſeiner Haͤnde Werk lebt, eine Familie naͤhrt 121 naͤhrt und erzieht und der buͤrgerlichen Geſellſchaft we⸗ nigſtens eben ſoviel wiedergiebt, als er von ihr empfaͤngt? Wie wichtig iſt es fuͤr oͤffentliche Ordnung, wie fuͤr das Gluͤck der Einzelnen, daß dieſe arme und arbeitſame Klaſſe nicht in voͤllige Noth gerathe, und durch dieſe zur Verzweiflung, ja ſelbſt manchmal zum Laſter! Herr von Montyon ſah mit Betruͤbniß, daß Mangel an Erziehung und Unterricht unwiſſende und ſchwache Menſchen den Verfuͤhrungen des Laſters, den Verlockun⸗ gen der Leidenſchaften, der groͤbſten Sinnlichkeit, den thieriſchſten Vergnuͤgungen, den boͤſen Rathſchlaͤgen des Hungers und Mangels dahingebe; daß ſich die arbeit⸗ ſame und arme Klaſſe der Unbeſonnenheit, der Entmuthi⸗ gung uͤberlaſſe, daß ſie nur von einem Tage zum an⸗ dern lebe, und nur zu oft fuͤr die Zeit, wo Alter und Schwachheit ſie erreicht, auf die oͤffentliche Mildthaͤtig⸗ keit rechne. Er wollte ſie, um ſie zu verbeſſern, in ih⸗ ren eignen Augen erheben. Ach, dieſe ſo zahlreiche Klaſſe beſitzt, um ſich gegen die Leiden und Verfuͤhrungen, welche ſie umlagern, zu ſchuͤtzen, weder den Beiſtand einer klaren Ueberlegung, noch das Streben nach öͤffent⸗ licher Achtung, noch die Hoffnung eines beſſern Schick⸗ ſals und jener Wohlhabenheit, welche man unter andern Bedingungen durch Arbeit und gute Auffuͤhrung erwirbt. Der Tugend⸗Preis, den er fuͤr ſie geſtiftet hat, macht ſie darauf aufmerkſam, daß ihr Gluͤck in ihrem Bereiche liegt, daß es nur von ihr abhaͤngt, es zu erlangen und III. zu genießen. Dieſe Einrichtung muß auf ſie durch die uͤberzeugendſte aller Lehrarten, durch das Beiſpiel, wirken. Auf der andern Seite lehrt Herr von Montyon aber auch die Reichen, die Armuth nicht zu verachten. Er zeigt ihnen die Tugend unter dem groben Kittel, und Wohlthaten, von denjenigen ausgeuͤbt, die ihrer ſelbſt be⸗ duͤrften. Was kann geeigneter ſein als dies, die Nachei⸗ ferung derer zu wecken, die ſich im Wohlſtande befinden, ihnen den Wunſch einzufloͤßen, ſich den Armen zu naͤhern, ſie beſſer kennen zu lernen, ſie zu unterſtuͤtzen, ihnen beizuſtehen? Und nicht bloß durch Geſchenke, durch Al⸗ moſen, durch Geld, das man unter die niedrige und ungekannte Klaſſe der buͤrgerlichen Geſellſchaft vertheilt, wird man ihr nuͤtzlich ſein wollen. Man wird einſehen, daß der groͤßte Dienſt, den man ihr erzeigen kann, der iſt, ſie in den Stand zu ſetzen, der Almoſen zu entbeh⸗ ren, und daß man ihr deshalb eine angemeſſene Er⸗ ziehung geben muß, eine moraliſche Erziehung, welche ſie aus ihrem Zuſtande der Erniedrigung hervorzieht, und die Keime aller guten menſchlichen Gefuͤhle in ihr entwickelt. Beſonders an Menſchen, die durch ihre Stellung, durch die Poſten, welche ſie bekleiden, zu dieſer noth⸗ wendigen Verbeſſerung mit beitragen koͤnnen, richten ſich des Herrn von Montyon Lehren. Er hat, wie man ſagt, ſelbſt durch ſein Beiſpiel gepredigt. Als In- tendant einer Provinz hat er dafuͤr geſorgt, das Elend 123 aus der Gegend, wo er verwaltete, zu verbannen, die Subſiſtenz der armen und arbeitſamen Klaſſe zu ſichern und ihr Arbeit zu verſchaffen. Als Buͤrger hat er dieſer Klaſſe alles das Gute erzeigt, was er nur konnte, und in ſeinem Teſtamente noch warf er ſich vor, nicht noch mehr an ihr gethan zu haben, und bat ſie deshalb um Verzeihung. Die Zeit iſt da, wo dieſe zahlreiche und wichtige Klaſſe der Gegenſtand beſondrer Sorgfalt der Behͤrden und Gewalthaber werden muß. Es iſt, Gott ſei Dank! in dieſer Hinſicht eine unermeßliche Umwaͤlzung in der offentlichen Meinung erfolgt. Sonſt verachtete man ein Handwerk wegen ſeiner Nuͤtzlichkeit, man erroͤthete vor der Arbeit, der Induſtrie, dem Handel. Leben in Nichts⸗ thun hieß anſtaͤndig und edel leben. Kaum wuͤrdigte man Menſchen ohne Herkommen, welche man Leute von Wenig, Leute von Nichts nannte, als irgend etwas. Jetzt aber begreift man, daß die wahre Wuͤrde Jedes unter uns in ihm ſelbſt liegt, nicht aber in dem Kleide, das ihn bedeckt, noch in den Vortheilen, welche ihm der Zufall verlieh, daß es eine angeborne Gleichheit von Menſch zu Menſchen giebt, welche ſelbſt die in der buͤrgerlichen Rangordnung am hoͤchſten ſtehenden Perſonen mit Ver⸗ gnuͤgen gnerkennen und eintreten laſſen muͤſſen. Die Regierungen uͤberzeugen ſich taͤglich immer mehr und mehr, daß ihre ſicherſte Stuͤtze nicht in der Gewalt, ſondern in der Achtung und Zuneigung der Voͤlker liegt, 6* 124 und daß ſie dieſe Gefuͤhle erwerben werden, indem ſie ſie dadurch verdienen, daß ſie ſtets und offen die geeig⸗ netſten Maaßregel ergreifen, um Wohlſein, Kenntniß und Sittlichkeit zu verbreiten. Dies iſt das beſte, dies iſt das einzige Mittel, um fuͤr immer die oͤffentliche Ruhe zu ſichern.. Wenn es, wie Frau von Staöl geſagt hat, wahr iſt, daß ſich die ganze geſellige Ordnung auf die Geduld der arbeitenden Klaſſe gruͤndet, was ſoll denn dann, wenn dieſe Geduld endlich aufhoͤrt, aus dieſer Ordnung wer⸗ den? Es verlohnt ſich ſchon der Muͤhe, daruͤber nach⸗ zudenken. 4. Wenn man wiſſen wollte, welches die Vortheile waͤ⸗ ren, welche die Weisheit der Regierungen hervorzubrin⸗ gen und zu erhalten ſuchen muß, und dagegen die Uebel, welche ſie mit der groͤßten Sorgfalt entfernen ſoll, ſo ſcheint mir die nachfolgende Liſte, als allgemeine und un⸗ truͤgliche Regel, wohl in Beachtung zu nehmen: Urſachen des Gluͤcks Urſachen des Ungluͤcks der Voͤlker. der Voͤlker. Wohlſtand. Elend. Friede. Krieg. Freiheit.. Despotismus. Unterricht. Unwiſſenheit. Duldung. Fanatismus. Religion. Aberglaube. Tugenden. Laſter. Hier halten ſich Gutes wie Uebles gegenſeitig, ent⸗ ſpringen eins aus dem andern, ſind zugleich Urſache und Wirkung. Man muß alſo die Erhaltung keines dieſer Guͤter vernachlaͤſſigen, weil man ſie ſonſt alle verliert, man muß ſich ſorgfaͤltig vor jedem dieſer Uebel verwah⸗ ren, weil man ſonſt alle die andern wird nachfolgen ſehen. Die meiſten europaͤiſchen Regierungen erkennen dieſe Wahrheiten an, und ſtreben aus allen Kraͤften nach ei⸗ ner beſſern Zukunft. Voltaire ſagte: Die jungen Leute ſind ſehr gluͤcklich, ſie werden ſchoͤne Dinge ſehen. Wir wollen es wagen, unſern jungen Leuten vorauszu⸗ ſagen, daß ſie gute Dinge ſehen, und ſelbſt ſchaffen werden. Ich liebe dieſen troͤſtenden Gedanken; er ver⸗ fuͤßt mir die Haͤrten des Alters. Moͤchte ich, o mein theures Vaterland! bis zu meinem letzten Athemzuge dieſe koſtbare Hoffnung erhalten! Moͤchte ich ſie mit ins Grab nehmen koͤnnen! Andrieut. Die Nacht in Paris. . Sichtliche Finſterniß. Milton. Die ſchoͤnen Wiſſenſchaften, von denen das Alterthum ſchreibt, daß ſie unter uns wohnen, daß ſie mit uns rei⸗ ſen, daß ſie uns in die Stadt und aufs Land folgen, daß ſie ſich des Nachts, bei Tiſch, im Bade, auf dem Spaziergange und im Theater an unſre Seite ſetzen, daß ſie ſich in unſre Geſchaͤfte und Ruheſtunden miſchen, daß ſie unſre Freuden mehren und uns in unſern Leiden troͤſten, dieſe ſchoͤnen Kuͤnſte ſind jetzt nicht mehr vor⸗ handen. In unſern Gedanken leben ſie nur noch wie eine Erinnerung der Kinderjahre, wie ein Andenken an die Univerſitaͤt, wie die Inſchrift einer alten verloren gegangenen Schaumuͤnze. Doch haben einige Erleſene, das auserwaͤhlte Volk, —— 1²⁷7 ſich dazu gezwungen, ihre Muſe, wie ſie ſelbſt ſagen, in die Wuͤſte zu fuͤhren, andre haben mitten im Tumulte der Hauptſtadt ſich geſchmackvolle und arbeit⸗ ſame Aſyle bereitet, und dann, indem ſie unter ſich eine freundliche Kolonie bildeten, auf einige Augenblicke dem Leben der Stuͤrme, der Stoͤrungen, der Ungewißheit, der Muͤhen und Gefahren, das auf allen Seiten die jetzige Geſellſchaft bedraͤngt, entfliehen wollen. Dort haben ſie die laͤngeren traulichen Geſpraͤche, die arbeitſame Muße, die ſchnellen Auffaſſungen, die Wahl des Gegenſtandes, die Ruhe in der Ausfuͤhrung, das Studium der Vergangenheit und die Traͤume der Zukunft wiedergefunden. Ihnen ſind die Vereine der Kuͤnſtler mit unbefangenem Geiſte, der geiſtreiche Witz⸗ die literariſchen Turniere, die Unterhaltung mit allen ihren Reizen der Eroberungsluſt und Hingebung, die Freuden und Irrungen der Eitelkeit zu Theil geworden, ſo wie auch die Zeit, zu ſehen, zu vergleichen oder zu beurtheilen, mit einem Worte, die Patente und Meiſter⸗ ſchaften der Kritik, der Anerkennung und des guten Ge⸗ ſchmackes. 1 8 Fuͤr uns iſt dem nicht ſo. Von dem periodiſchen Strome mit fortgeriſſen und unbarmherzig gequaͤlt, dem heftigſten und unaufhoͤrlichſten Sturme dahingegeben, ſehen wir weder Ruhe noch Helle vor uns. Fuͤr uns giebt es kein Himmelsblau, keine Sonne mehr. Nur dicke, ſchwere, tiefe Finſterniß umgiebt und beaͤngſtigt uns⸗ . 2 128 Zu feder Stunde, ja zu jeder Minute haben wir ei⸗ nen Gedanken zu entwickeln, einen Unterricht zu erthei⸗ len, eine Ermahnung zum Frieden oder Krieg hoͤren zu laſſen, und waͤhrend dieſer Zeit muͤſſen wir auch als un⸗ ermuͤdliche Arbeiter an das Mandver denken, alle Be⸗ wegungen bewachen, einen Horizont um Nath fragen, den man nur beim Scheine der Blitze erkennen kann, und weit weg von uns, als ſchreckliche Verfuͤhrungen, den Wunſch nach Unthaͤtigkeit und Ruhe verbannen. Aufmunterungen und Vergeltungen ſind fuͤr uns un⸗ gekannte Sachen. Es giebt nur Tagelohn fuͤr unſre Muͤhe, und unſer trauriges Geſchaͤft wird mitten unter Beleidigungen, Haß, Duellen, verleumderiſchen und nei⸗ diſchen Angriffen, Widerwillen, Verurtheilungen und der unſeligſten Kenntniß der Dinge und Menſchen beendet. Sonach ſind fuͤr uns die Fortſchritte der großen eu⸗ ropaͤiſchen Wiedergeburt, die Produkte der Kuͤnſte und derhantaſie, die Wettkaͤmpfe der parlamentariſchen Be⸗ redſamkeit, die Verhandlungen uͤber offentliche Intereſſen, die Feierlichkeiten der Gerichtshoͤfe, die Volksfeſte, der Glanz der Buͤhne, die Voͤlker mit ihren unruhigen Ver⸗ haͤltniſſen, die Freiheit und der Thron, kalte und ſeelen⸗ loſe Leichname. Wir beſtreben uns, den Mechanismus des buͤrgerlichen Daſeins zu entdecken, der politiſche und eiviliſirte Koͤrper liegt unter unſerm anatomiſchen Meſſer, fuͤr uns iſt Alles Unterſuchung, Alles Bericht, fuͤr uns giebt es kein Gefuͤhlseinwirken mehr. Fuͤr uns untheil⸗ 129 8* nehmende Forſcher iſt es Pflicht, uns von jedem Schmerze wie von jedem Vergnuͤgen frei zu erhalten. Fuͤrchterliche Lage! Gluͤcklich wir noch, wenn ein Gedanke allgemeiner Nutzbarkeit unſre Kraͤfte erfriſcht und wieder belebt. O!moͤchten doch die, welche Gott weiß welcher un⸗ ſtern gleich mir zu den Arbeiten der periodiſchen Preſſe verurtheilt hat, es ausſprechen, welche peinliche und un⸗ beſiegbare Abſpannung fuͤr alle Geiſtes⸗ und Koͤrperkraͤfte in einem Tagewerke liegt, das man mit der Nachricht einer der jetzt ſo haͤufigen oͤffentlichen Calamitaͤten an⸗ faͤngt und mit dem vollſtaͤndigen und nothwendigen An⸗ hoͤren eines der Schauſpiele, wie ſie jetzt gemacht werden, beendet, waͤhrend man in der Zwiſchenzeit durch die De⸗ batten der Kammern, eine Sitzung der Akademie und die lange Reihe der Thaten, Geſten und Worte unſrer modernen Bevoͤlkerungen ſich durchgewunden htt. In ſolchen Augenblicken entfernen Erſchoͤpfung und Leiden jede Moͤlichkeit des Schlafes.“ Dann zeigen ſich kraͤftige Zerſtreuungen, Zerſtreuun⸗ gen, welche durch eine ſchnelle Aufeinanderfolge maͤch⸗ tiger Eindruͤcke die Elemente der Organiſation und Kraft in uns zuruͤckrufen, als die einzigen Mittel, aus dem unthaͤtigen Zuſtande herauszutreten, der die unertraͤg⸗ lichſte aller Martern iſt. Dann iſt man aufgeregt gegen dieſen Laͤrmen von Paris, der nun ſchweigt, gegen die⸗ ſes Licht, das erliſcht, gegen dieſen Schlaf, der durch 130 fortſchreitende Betaͤubung Alles zur Unbeweglichkeit bringt; man zuͤrnt auf die Finſterniß und auf all das induſtrielle Daſein, das ſich zuruͤckzieht und die Stadt zu verlaſſen ſcheint Dann will und ſucht man um jeden Preis Le⸗ ben und Bewegung. Wenn Alles ruhig, dunkel und verſchloſſen iſt, wenn ſich nur noch fernes Wagengeraſſel, einige ſchwache und ſonderbare Schreie und der gemeſſene Schritt der Pa⸗ trouillen hoͤren laſſen, wird ploͤtzlich unweit eines trauri⸗. gen, ſchwarzen Theaters, gleich einem verlaſſenen Hauſe, der Boͤrſe gegenuͤber, dieſem Denkmale, das ſich ſelbſt wundert, ſich unter unſerm occidentaliſchen Himmel zu befinden, ein Fenſter hell und leuchtend. Nicht lange, ſo ſchallen laute, abgebrochne, aber heitre, fluͤchtige, ſchallende und eilige Worte vor dem Ohre der Schild⸗ wache, die ſich in der Betrachtung des korinthiſchen Pe⸗ riſtyls des Tempels der Agiotage langweilt. Das Klin⸗ gen von Glaͤſern miſcht ſich mit faſt phantaſtiſchen Ge ſaͤngen in unregelmaͤßiger und unerwarteter Harmonie, dann folgt Geſchrei und kreuzt ſich vielfach, und lang⸗ anhaltendes, tumultuariſches Gelaͤchter bricht hervor und durchfurcht die Mißtoͤne. Hoͤrt nur! Was fuͤr bekannte Namen dringen bis zu euch! Das iſt ja die ganze Gal⸗ lerie der Zeitgenoſſen! Schnell werden die Urtheile ge⸗ faͤllt; die Beſchluͤſſe ſind unerbittlich und lakoniſch. Ge⸗ maͤlde, Buͤcher, Bildſaͤulen, Gedichte, Kupferſtiche, Jour⸗ nale, Dramen, Muſik, Reden, Geſetze, Meinungen, That⸗ 131 ſachen: welche glaͤnzende Reihe! Alles gehoͤrt fuͤr dieſe Behoͤrde, ihre Kompetenz iſt allumfaſſend. Die Sprechen⸗ den ſcheinen einen Katalog abzuleſen. Hoͤrt nur: dort giebt's Verſprechen von Muth, Betheurungen von Ueber⸗ zeugung und Treue; hier Epigramme und Sarkasmen, und aufrichtiges Lob; dann hoͤrt ihr auch Rathſchlaͤge, Plaͤne, Ideen. Die Trunkenheit naht. Welcher Don⸗ ner! Welche betaͤnbende Unordnung! und doch von allen Theilen, aus allen Winkeln des Saals her, die ſtaunens⸗ wuͤrdigſte Verſchwendung geiſtreicher Antworten, behal⸗ tenswerther Sentenzen, bleibenswuͤrdiger Ausdruͤcke und zu gleicher Zeit ausgelaſſener Erzaͤhlungen und fuͤrchter⸗ licher Anekdoten. Iſt's ein Feſt der Daͤmonen? Einige Voruͤbergehende bleiben aͤngſtlich ſtehn, die Patrouillen verzogern ihren Gang, und Alle wandern dann nach ein Paar Minuten aufmerkſamen Zuhoͤrens lachend weiter, mit jenem Lachen der froͤhlichen Theilnahme und hei⸗ tern Stimmung, deſſen Ausdruck unbeſchreiblich iſt. Aber Alles hat geendet, man hat die letzten Lichter im Café des Nouveautés ausgeblaſen. Es iſt vollkom⸗ men Nacht. in Die Gaͤſte ſind auseinander gegangen und der Markt hat von ihrem Lebewohl wiedergetoͤnt. Noch giebt's gute Spaͤßchen dort einzuſammeln. Dieſe Maͤnner der Arbeit und der Beſchwerden koͤnnen nicht ohne Verachtung an die Vorwuͤrfe der Ausſchweifung, Unordnung und der Orgienluſt denken, welche ſie verfolgen. Koͤnnen ſie ſich 132 daher verlaſſen, ohne der Welt, die alle guten Eigen⸗ ſchaften von ihnen verlangt und ihnen nicht ein einzi⸗ ges kleines Laſter nachſieht, eine ſpoͤttiſche Ausforderung hinzuwerfen, jener Welt, fuͤr welche die Phantaſie ſtets hervorbringen ſoll, ohne von ihr die Erlaubniß erhalten zu koͤnnen, ſich zu beleben und neu zu ſtaͤrken? Nicht etwa, als ob ſie der Nothwendigkeit ſolcher Erfriſchungen unterlaͤge, ſondern nur weil das Vergnuͤgen ſtets auf Bedingungen Anſpruch macht, die an Intenſitaͤt denen gleich ſind, welche bei der Arbeit gelten. Das Leben der Nacht iſt in Paris todt. Seine Be⸗ ſtimmung hat etwas Denkmalartiges, das es uͤber jenen Leichtſinn der Beobachtung erhebt, der dem erſten An⸗ blicke nach dafuͤr paſſend ſcheinen ſollte. Vor 1789 lebte man in Paris waͤhrend der Racht mit denſelben Be⸗ duͤrfniſſen des Luxus und der Annehmlichkeit, wie ſie nur die belebteſten Stunden des Tages darboten. Zu der Zeit hatten Adel und Volk, Reichthum, Mittelſtand und Armuth, Muͤßiggang und Arbeit, Laſter und Tu⸗ gend waͤhrend der Nacht ihre beſondern Sitten, Gewohn⸗ heiten, Wohnungen, ja ſelbſt Gaͤnge und Wege. Alles dieſes war beſtimmt, geregelt und regelmaͤßig. Man kennt ja die Schilderungen davon. 1— Bis zum Jahre 1800 verloͤſchten ſelbſt dieſe Tradi⸗ tionen voͤllig. Waͤhrend dieſer Reihe von Jahren ver⸗ ſtattete das ſchreckliche Daſein, das man des Tages uͤber erduldete, noͤchtliche Genuͤſſe in keiner Art. ———᷑——ꝑ—; ———᷑——ꝑ—; Das Directorium und nach ihm das Konſulat und Kaiſerreich ſahen einen Theil dieſer naͤchtlichen Civiliſa⸗ tion ſich wieder beleben. Man errichtete Spielhaͤuſer. Sie vervielfachten ſich ſehr und wurden erſt ſehr ſpaͤt geſchloſſen. Das Palais Royal glaͤnzte in ſeinem gan⸗ zen Schimmer von Zuͤgelloſigkeit und Ausſchweifung. Die Baͤlle, die Keller, die Gaͤrten, die Coliſeen, die Vaurhalls, die Redouten, die ſittenfreiern Theater offne⸗ ten der Luͤderlichkeit ihre Aſyle. Jetzt bildete ſich eine Bevoͤlkerung, die ſich der niedrigſten Unordnung wid⸗ mete. Dieſe neue Welt ſtand erſt um Mitternacht auf. Das Jahr 1814 fand alles dies ein wenig abgekuͤhlt, aber in dieſem Momente gab es gleichſam eine neue Wiederaufſtehung des Laſters. Das Kaiſerreich rief ohne Unterlaß Offiziere nach Paris, die es draͤngte, ſich mit Vergnuͤgungen vollzuſtopfen, welche ſie mit dem Golde des beſiegten Europa's bezahlten. Die Reſtauration ward durch das nach unſern pariſiſchen, in allen andern Hauptſtaͤdten ſo geruͤhmten Herrlichkeiten hungrige Eu⸗ ropa in unſre Mauern gefuͤhrt. Paris erloſch alſo da⸗ mals nicht. Das Palais Royal und die angrenzenden Straßen kannten weder Schweigen noch Ruhe. Nach und nach iſt Alles verſchwunden. Mehrere Spielhaͤuſer ſind geſchloſſen worden, alle andre ſahen die Stunde ihrer gefraͤßigen Thaͤtigkeit vermindert. Die oͤffentlichen Baͤlle ſind jetzt einer ſtrengen Aufſicht un⸗ tendorfen.. Die Gerichtshoͤfe wachen uͤber die Zuͤchtig⸗ 134 keit des Volkstanzes. Die Orte der Ausgelaſſenheit un⸗ terliegen den ſtrengſten Vorſchriften. Die Cafe's, die Schaͤnken, die kleinſten Verſtecke der Trunkenheit ſind an die genauſte Befolgung der gemachten Verordnungen gebunden. Das Palais Royal, dieſes ehemalige verpeſtete Capua, iſt jetzt nur noch ein bloßer Bazar. Endlich muͤſſen auch, nach einem neuen Befehle, alle theatrali⸗ ſchen Vorſtellungen mit dem Schlage 11 geſchloſſen ſein. Dieſe Thatſachen reichen hin, um zu beweiſen, daß in Paris das Nachtleben, oder, um es geradezu auszu⸗ ſprechen, die Luͤderlichkeit, ſtets in umgekehrtem Verhaͤlt⸗ niſſe mit der politiſchen Freiheit geſtanden hat. Dieſe Gegeneinanderſtellung iſt nicht ohne Intereſſe, denn die allgemeine Bemerkung des Thatſaͤchlichen verleiht ihr den hoͤchſten Grad der Wahrheit. 4 In England iſt die Ruhe der Nacht eine gewiſſer⸗ maßen heilige Sache. Den Strand in London ausge⸗ nommen, wird es Niemand wagen, ſie zu ſtoͤren. Da⸗ gegen hat in Italien die Nacht alle Privilegien des Ver⸗ gnuͤgens und geraͤuſchvollen Lebens beibehalten, ja, merk⸗ wuͤrdig genug, Turin, Mailand, Venedig und Neapel, Staͤdte, welcheunter abſoluten Herrſchern ſtehen, haben die Traditionen des naͤchtlichen tumultuariſchen Treibens am vollſtaͤndigſten beibehalten. In den nordamerikaniſchen vereinten Staaten waͤr' es ein Verbrechen der beleidigten Nation, die Nachtruhe 135 zu ſtoͤren; in Spanien und Portugal aber oͤffnet und be⸗ ginnt mit der Nacht eine Epoche der wahren Freiheit. Selbſt Deutſchland, dieſes Land der wahren Knecht⸗ ſchaft und der contemplativen Unabhaͤngigkeit zugleich, feiert ſeine Naͤchte durch ernſte, melancholiſche, lange Geſaͤnge, ſo wie durch das eintoͤnige Geſchrei der Nacht⸗ waͤchter, die mit dem Anzeigen der Stunde die anmu⸗ thige Neuerung vereinigen, fuͤr die Abgeſchiedenen zu beten. Mit dieſen Betrachtungen durchwanderte ich die Straße Vivienne, als ich von einem unſrer gewoͤhnlichen Abendeſſen im Calé des Nouveautés, dieſem Procop(?) der periodiſchen Preſſe, kam. Dahin alſo allein hat ſich das Nachtleben in Paris gefluͤchtet, wenigſtens das, was man eingeſtehen kann. Und wir arbeitvollen Menſchen haben ihm dieſen letzten Zufluchtsort eroͤffnet und ge⸗ weiht! Frascati verliert mit jedem Tage von ſeinem Glanze, und wenn von Zeit zu Zeit Reihen von Fiakers einige Verſammlungen, einige Soireen, einige Baͤlle kundgeben, ſo kann man faſt ſagen, daß von dieſen Feſten ohne Heiterkeit und Vergnuͤgungen Nichts nach außen verlautet. 2* 8 Es liegt etwas Schauderhaftes darin, ſich vorſtellen zu muͤſſen, daß einem Fremden in Paris mitten in der Nacht hungert, ohne daß es ihm moͤglich waͤre, in die⸗ ſer reichen großen Hauptſtadt, die ſonſt ſo aufmerkſam iſt, aus Allem Gewinn zu ziehen und es im Voraus zu 136 ahnen, auch nur einen einzigen Ort zu finden, um, fuͤr welchen Preis auch ſei, eine, ich will nicht ſagen, an⸗ ſtaͤndige, ſondern nur hinreichende Mahlzeit zu haben! Nur die Buͤreaus der Lotterie bleiben, zu Folge eines fuͤr die Regierung nicht eben ſehr ehrenvollen Privile⸗ giums, nach dem Schluſſe aller uͤbrigen Laͤden noch offen. Die Freiheit von 1830 hat das Werk der Zerſtoͤrung vollendet. Jetzt durchſtreichen zahlreiche Patrouillen, mit Verdacht und einem gewiſſen Appetit nach Verhaftun⸗ gen bewaffnet, die Stadt zu jeder Zeit und in jeder Richtung. Die Linientruppen, die Nationalgarde und die Mu⸗ nicipalgarde werden bald nicht mehr zu dieſem ſchweren Dienſte ausreichen. Schon ſind die grauen Patrouillen erfunden worden. Vertraute der politiſchen Inquiſition, Gehuͤlfen der oͤffentlichen Ordnung, ziehen die Menſchen, welche dieſe Banden bilden, ſtumm und mit Stoͤcken, Dolchen und verſteckten Piſtolen bewaffnet, einher. Ein Halten der Wagen, der Laͤrmen eines Thuͤrklopfers, ein Abſchiedswort, ein Liedchen, ein Ausbruch von Lachen, Alles iſt in ihren Augen ein Verbrechen. Sie umzin⸗ geln und faſſen den Schuldigen; ſie laſſen in ſein Ohr das ſchreckliche Wort Papiere toͤnen, ſie machen die Ruhe der Nacht unſicher, wie der Arzt aus der Inſel Baratarig das Mittagseſſen von Sancho. Man kann die grauen Patrouillen mit den Sbirren des venetianiſchen Staates vergleichen, die, ohne Uniform, in ſchlechten 137 Kleidern gehend, den Reiſenden, den ſie beſchuͤtzen ſollen, in Angſt ſetzen. Der Durſt nach Verhaftungen ver⸗ zehrt ſie. 1T 1 Man hat die Wachtpoſten verdoppelt. Schildwachten ſtehen an jeder Ecke. Nur die koͤnigliche Bibliothek war vergeſſen worden. Um das Palais Royal, um die Tui⸗ lerien her iſt Alles Soldat, Alles Wache, Alles Werda! Das bis jetzt verſchont gebliebene Trottoir des Carouſ⸗ ſels hat nun ſeine beſondere Wache und ſeine Soldaten, die den Voruͤbergehenden von den Vergitterungen, die er ſonſt als einen Schirmpunkt betrachtete, zuruͤckweiſen muͤſſen. Das Hotel dem Schloſſe gegenuͤber, dieſe ehe⸗ malige Wohnung von Cambacérès, von dem Napoleon ſagte, daß er wie ein Fuͤrſt eſſe, dieſes Gebaͤude, das nach und nach den Grenadieren der Inſel Elba, den hundert Schweizern Ludwigs XVIII. und den Pagen Karls X. uͤberlaſſen ward, die kleinern Staͤlle, die Sei⸗ tenfluͤgel des noch unvollendeten Louvre, die Wohnung der ehemaligen Hoffouriere, Alles iſt zu Kaſernen gewor⸗ den, in welchen ſich Tag und Nacht eine Garniſon von Infanterie, Kavallerie und Artillerie herumtreibt. Nie iſt die Wachſamkeit vollſtaͤndiger und thaͤtiger geweſen. Ich wiederhole es, nur die koͤnigliche Bibliothek war da⸗ von ausgenommen. Jetzt hat ſie nun ihr koſtbares Muͤnzkabinet verloren, dafuͤr aber zwei Schildwachten mehr erhalten, um ihre leeren und gepluͤnderten Me⸗ daillenkaͤſten zu ſchuͤtzen. 6* 138 Und ſo ſetzte ich denn meinen Weg fort, rings um mich her aufſpuͤrend, was Paris, das todte, in Schlaf geſunkene Paris, noch an lebendigen und thaͤtigen Theilen enthalten koͤnne. Es war drei Uhr fruͤh. Ich durchſtrich das Palais Royal. Vier Municipal⸗ garden ſpazierten allein darin umher. Alles an ihnen verkuͤndete die Langeweile dieſes Poſtens unter den lan⸗ gen Gewoͤlben, die ſich in regelmaͤßigen Vierecken oben kreuzen und ganz kloſteraͤhnlich ſind. Geſchah es, um dieſe Taͤuſchung vollſtaͤndig zu machen, daß die Muni⸗ cipalwachen Kapuzen von Tuch an ihren Ueberroͤcken tru⸗ gen, wie die Kinder des heiligen Franz? In dem Au⸗ genblicke, wo ich bei ihnen voruͤberging, ſahen ſie mich an und ihre Augen waren wie ein Berhör oder ein Protokoll. In der Straße Saint⸗ Honoré, unweit des Platzes vom Palais Royal, gab's einige Bewegung. Der Poſten der Linientruppen und der der Nationalgarde uͤberboten einander in Artigkeiten, Aufwand und Galanterie bei den Hoͤkerinnen, die dort wie in den Tuilerien in Menge herbeiſtroͤmen und kleine Broͤdchen, Branntwein, Cigar⸗ ren und Cervelatwurſt verkaufen: koͤſtliche Proviſionen, die, verbunden mit der Bouillon und dem Milchkaffee der wandernden Oefen, die mit Tagesanbruch kommen, die Naͤchte des Buͤrger⸗Soldaten verſchoͤnern und ab⸗ kuͤrzen. Ich warf einen Blick auf den Platz, wo ſonſt das 139 engliſche Hotel ſtand. Ich hatte es einmal beſucht. Ich werde den Verſuch nicht machen, dieſes alte Pandaͤmo⸗ nium der Laſterhaftigkeit und des Elends auszumalen. Weiter vom Platze des Palais Royal hin uͤberraſchte mich die Helle in einigen kleinen Gaſſen. Laternen brann⸗ ten in der Hoͤhe der erſten Etage an allen Fenſtern. Es ſah aus wie eine chineſiſche Stadt, wie die Dekoration im Panurge. Geht man in dieſe Gaͤſſchen, ſo lieſt man auf jeder dieſer Laternen: Hier beherbergt man zu Nacht. Dies iſt das Viertel des einſtweiligen und un⸗ gewiſſen Unterkommens. Chodruc⸗Duclos iſt dort die Standesperſon. Zu der Zeit, als ich jetzt dort ankam, war die naͤcht⸗ liche Tagesarbeit im vollſten Gange. Ich ſah verſpaͤtete Soldaten und Unteroffiziere, die ihre Zeit mit Weſen froͤhlich zubrachten, an denen man ihr Geſchlecht nur mit Schrecken erkannte. Man ſprach die Gaunerſprache. Zwei Monate Einkerkerung wegen einiger freigeſchriebe⸗ nen Zeilen haben mich ſie unter der vorigen Regierung kennen gelehrt. Bier und Branntwein floſſen in Stro⸗ men. Laͤrmen und ſchauderhafte Liebkoſungen, das war Alles, was ich ſah. Es gab dort keine eigenthuͤmliche Phyſiognomie. Als ich aus einer dieſer Hoͤhlen trat,⸗ veranlaßten mich Singen und Gelaͤchter, an eine Thuͤr zu klopfen, uͤber welcher Estaminet geſchrieben ſtand Sechs jener furchtbaren Frauen, bei denen man ſich ſchaͤ⸗ men koͤnnte, eine Mutter gehabt zu haben, liefen ſogleich 140 herbei. Ich ward umringt. Man liebkoſte mich; ich zitterte am ganzen Leibe. Der Herr des Hauſes ſah meine Angſt, er gab ein Zeichen und ich entging der Gefahr. Was ich nun ſah, war Folgendes: Schon an den erſten Worten merkte ich, daß ich junge Burſchen vor mir habe, die des Tages uͤber ſich heiſer ſchreien, um Kettchen, Halsbinden, Bleiſtifte und andre oft ſehr verdaͤchtige Dinge zu verkaufen. Man berech⸗ nete den Gewinn und die pfiffigen Streiche des Tages. Dieſe Herren waren in der Geſellſchaft dieſer Damen. Einige junge, unbeſchaͤftigte Maͤnner, wie ſie mit vor⸗ nehmer Keckheit ſelbſt ſagten, nicht mit Kleidern nach Art der Arbeitsleute, ſondern mit verworfnen Stuͤcken von feinem Tuche und modernem Schnitte bedeckt, er⸗ klaͤrten, daß ſie ihr Schiff in die Luft ſprengten, das heißt, daß ſie ſich den Muth der vollkommenſten Entbloͤßung von Allem zu verſchaffen ſuchten. Die Damen halfen zu dieſem ſonderbaren Selbſtmorde nach Kraͤften mit. Die ganze maͤnnliche Welt hier hatte ungeheure Backen⸗ baͤrte, bleiche, abgelebte Geſichter, verbrauchte, ſchwarze Halsbinden und große Schnurrbaͤrte. Von Waͤſche ſah man nirgends eine Spur. Ich wage es kaum zu ſagen, welchen Orden ich in manchen Knopfloͤchern fand. Einer davon ſang langſam und ohne daß man dabei die mindeſte Veraͤnderung oder auch nur den Willen zu einer Beugung des Tons vermuthen konnte, ein Lied voll der emporend⸗ ſten Unanſtaͤndigkeiten. Es war das Sublimſte in die⸗ 141 fer Art. Man wiederholte den Chor, als ob ſich's um die Parisienne gehandelt haͤtte. Man ſprach viel von Abweſenden maͤnnlichen und weiblichen Geſchlechts. Sie hatten Ungluͤck gehabt. Das Gefaͤngniß oder das Hoſpital hielt ſie gefeſſelt. Dann ſtritt man ſich uͤber die Verbeſſerung des Strafgeſetzbuches, welches auf die⸗ ſen Theil der Pariſer Bevoͤlkerung einen lebhaften Ein⸗ druck zu machen ſchien, und ſo erwartete man mit auf den Tiſch geſtemmten Ellbogen den Tag. Meine Ge⸗ genwart uͤberraſchte nicht, man ſchien an neugierige Be⸗ ſuche gewoͤhnt. Nie erſchien mir das Laſter in Haͤßlich⸗ keit und Langweiligkeit widriger, als hier. Ich ging die Straße Saint⸗Honoré wieder hinauf. Die ſchweren Gaͤrtner⸗Karren zeigten mir hinreichend den Weg zur Halle. Da ſtand ich nun dem Verſorgungspunkte der Stadt von 800,000 Seelen gegenuͤber. 3 Das erſte Zeichen der Volksthaͤtigkeit iſt die Oeffnung aller Branntweinlaͤden. Maͤnner und Frauen vom Lande, Frauen und Maͤnner von Paris, Kinder, Greiſe, junge Maͤdchen, Alles ſtuͤrzt an die tauſend Schenktiſche und laͤßt ſich Troſt(la Consolation) einſchenken. So faͤngt fuͤr das Pariſer Volk jede wichtige Handlung an. 3 Die Cafe's und Gaſtwirthſchaften um die Halle her find in ſtetem Verkehr des Verkaufs und der Kundſchaft. Hier giebt's weniger Laſter. Man ſieht wohl noch den ungluͤcklichen Obdachloſen, den Menſchen, der unter einer 142 dreifachen Laſt des Schmutzes, des Staubes und der Ermuͤ⸗ dung unter oder auf einen Tiſch vor Mattigkeit ſinkt; auch findet man den Vagabonden, der nicht einmal die Probe des Nachtlagerregiſters zu beſtehen wagt; aber die Natur der Lebensmittel und die Unterhaltungen der Menge kuͤndigen doch ſchon an, daß es Arbeit und ei⸗ nige Huͤlfsquellen ſelbſt unter den taͤglichen Beſuchern der Souricière(Maͤuſefalle) giebt, denn dies iſt der Name, den der beruͤhmteſte dieſer Schlupfwinkel fuͤhrt. Man muß von ſtarker Koͤrperconſtitution ſein, um dem dicken, hoͤlliſchen Geruche zu trotzen, der den Eingang dort ver⸗ wehrt und den ganzen Raum erfuͤllt. Alle dieſe Orte ſind unter ſpecieller Erlaubniß der Polizei geoͤffnet. In der Halle ſelbſt iſt die Lebensweiſe fruh munter und arbeitſam. Sobald ein Wagen ankommt, laden ihn die Eigenthuͤmer— Landbauer aus der Umgegend— ſorgſam und ſchnell ab. Die Gemuͤſe werden geſondert, ausgeſucht und nach ihren verſchiedenen Qualitaͤten ge⸗ wiſſermaßen bezeichnet. Die zarteſten oder feinſten Ge⸗ muͤſe, die ſchoͤnſten Fruͤchte werden ſorgfaͤltig in Saͤcke, oder Leinwand, oder Kraͤuter, oder feines Stroh, oder Koͤrbe gethan. Alle werden reinlich gewaſchen. Nichts kommt der Ordnung dieſes erſten Marktes gleich, nir⸗ gends wendet man mehr Aufmerkſamkeit an, um der Waare ein gutes Anſehn zu geben. Die Gaͤrtner beſitzen darin die groͤßte Geſchicklichkeit. 143 Nun kommen die ſchweren Kapitaliſtinnen dieſer Ge⸗ gend herunter. Sie wohnen alle in den benachbarten Haͤuſern. Das Aeußere dieſer Kauffrauen zeigt ſchon ihr Wohlbefinden an. Im Sommer ſind ſie leicht, in kuͤhle leinene Kleider angezogen, im Winter tragen ſie aber wohlgefuͤtterte, wollene Gewaͤnder. Sie haben warme Tuͤcher uͤber den Kopf, ihre Schuhe ſind elegant, ihre Waͤſche iſt blendend weiß, alle tragen Handſchuhe und putzen ſich gern mit großem ſchweren Schmucke. Ihr Unterſcheidungszeichen iſt eine Laterne. Wenn ſie ſich begegnen, nennen ſie ſich Madame, und ſagen zu den andern Frauen Muͤtterchen. Vor allen Dingen durch⸗ ſtreichen ſie nun den Markt, beſehen und unterſuchen Alles; dann kommen ſie wieder, ſchwatzen unter einan⸗ der, ſchaͤtzen ab, tariren die Lebensmittel und thun dann ihre Gebote. Gewoͤhnlich kaufen ſie nur im Ganzen zu 100, 50 oder 25 Stuͤck. Sie bezahlen ſtets baar. Das iſt das Parquet(Boͤrſe) der Halle. Die Gemuͤſe haben wie die Staatspapiere einen hoͤchſten und niedrigſten Cours. Die Kunſtgriffe und Kunſtſprache dieſer Kon⸗ trakte ſind unbeſchreiblich. Dieſe vorlaͤufige Operation iſt um 5 Uhr fruͤh zu Ende. Die Kaͤuferinnen laſſen nun hie erkauften Ge⸗ muͤſe jede an ihren Platz auf den Markt tragen und le⸗ gen ſich dann wieder nieder. Nun rufen die Gaͤrtner einander unter ſich laut zu. Sie erkennen ſich an ei⸗ genthuͤmlichen Toͤnen, und beſtellen ſich ins Wirthshaus 144 oder zum Nachhauſegehn. Die Traͤger packen die Ge⸗ muͤſe auf und bringen ſie an die beſtimmten Stellen. Jetzt beginnt der Tag anzubrechen; die Verkaͤuferinnen aus der zweiten Hand, deren Huͤlfsmittel beſchraͤnkter ſind, erwarten das abermalige Aufſtehen der erſten Kaͤu⸗ ferinnen, welche auf dieſe Art die Markt⸗Ariſtokratie bil⸗ den. Um gegen 9 Uhr in den Topf am Feuer eines Rentiers oder in die Suppe eines Studenten zu kommen, wird ein Kohlkopf ſiebenmal verkauft und gekauft. Mitten unter dieſen thaͤtigen Menſchen ſieht man einige junge Leute herumirren, die den Himmel befragen, um ihren Tag abzulauern. Die uͤble Laune eines Por⸗ tiers, oder die Verlockung eines Vergnuͤgens noͤthigten ſie unter den Saͤulen der Halle zu ſchlafen. Sie ſind ſtets den Neckereien der gewoͤhnlichen Beſitche dieſes Viertels ausgeſetzt. Ich habe viel von den Gefahren der Naͤchte in Pa⸗ ris ſprechen hoͤren. Es giebt keine Stunde der Nacht zu den verſchiedenſten Epochen und in allen Jahreszei⸗ ten, wo ich nicht die Straßen aller Stadtviertel durch⸗ ſtrichen haͤtte; aber niemals habe ich irgend ein verdaͤch⸗ tiges Abenteuer gehabt, nicht einmal etwas geſehen, das mir auch nur die mindeſte Unruhe haͤtte einfloͤßen koͤnnen. Meine einzige Furcht war die, von den Raͤ⸗ dern der Fiaker zermalmt zu werden, die in der Nacht, wenn ſie ſich entweder an Orte begeben, wo ſie gemie⸗ thet zu werden hoffen koͤnnen, oder wieder nach Hauſe ver⸗ & 145 verfuͤgen, mit der ungeheuerſten Schnelligkett fahren, ohne auch nur irgend eine Warnung verlauten zu laſſen. Sie werden um ſo gefahrdrohender, weil ſie alsdann ohne Mitleiden fuͤr den Fußgaͤnger, den ſie kaum ge⸗ wahr zu werden ſcheinen, dicht an den Haͤuſern hinfahren. Es exiſtirt in Paris eine geheimnißvolle Frauensper⸗ ſon. Sie geht nur des Nachts aus. Dann wandert ſie gewoͤhnlich in der Gegend des Vendome⸗Platzes um⸗ her. Beim Anblick eines Voruͤbergehenden, deſſen Aeuße⸗ res ihr einige Hoffnung auf Erfolg verſpricht, wirft ſie ſich in ſeine Arme, ſtellt ſich, als ob ſie verfolgt werde, und bittet um ſeinen Schutz. Wer moͤchte ihn wohl ei⸗ nem Frauenzimmer verſagen? Nun giebt ſie ein Haus auf dem Vendome⸗Platze als ihre Wohnung an. Dort⸗ hin gebracht, fragt ſie nach einem durch ſeinen Reich⸗ thum ſehr bekannten Pariſer Handelsmann. Der Por⸗ tier antwortet ſtets unveraͤnderlich, daß der Herr nicht zu Hauſe ſei. Jetzt entſchuldigt ſich die naͤchtliche Si⸗ rene, wird unruhig und bittet um einen Zufluchtsort. Sie ſpricht gleich gut franzoͤſiſch, engliſch, deutſch und italieniſch. Es giebt wenig angeſehene Perſonen in Pa⸗ ris, deren Namen ſie nicht mit Beweiſen des vertrauten Umgangs nennte. Wehe dem, den ſie verfuͤhrt und zu⸗ ruͤckhaͤlt! er befindet ſich im Beſitz einer Frauensperſon, die durch ihre Haͤßlichkeit dazu genoͤthigt iſt, ein ſo un⸗ edles Gewerbe nur des Nachts im Schutze der vollkom⸗ merſth Dunkelheit zu treiben. 7 146 Die Lumpenſammler ſind die Eingebornen der Fin⸗ ſterniß. Nichts kann mit der Milde und Gerechtigkeit ihres Benehmens verglichen werden. Man muß vorzuͤg⸗ lich ihre Sorgfalt fuͤr die Ungluͤcklichen loben, welche Trunkenheit an einer Straßenecke hinſinken ließ. Die Lumpenſammler behandeln dieſe wahrhaft bruͤderlich. Dieſes ſanftmuͤthige Voͤlkchen fuͤhrt nur Krieg mit den Hunden, deren Zahl um dieſe Zeit ſehr groß auf den Straßen iſt. Die ſich bewegende Nacht iſt ganz auf den von mir eben durchſtrichnen Raum zwiſchen der Boͤrſe und den Tuilerien, dieſen und der Halle beſchraͤnkt. Sie ſteht am Platze des Chatelet, in den Saͤlen von Martin ſtill, wo von Zeit zu Zeit die Fackeln der Hochzeiten und Feſte leuchten. Nur die Saturnalien des Karnevals bringen darin eine Veraͤnderung hervor. 1 Aber es giebt in Paris noch eine andere Nacht, voll Betrachtungen und Erinnerungen. Sie bietet nicht gleich der, mit deren Gemaͤlde ich eben bemuͤht war, Sittenzuͤge dar, welche die Geſichts⸗ flecke des Pariſer Volks darſtellen, aber ſie iſt reicher an Gemuͤthserregungen. Der kriegeriſche Dichter), welcher die Freiheit Deutſch⸗ lands beſang, indem er unſere Armeen bekriegte, bietet in einem ſeiner Gedichte folgendes erhabene Bild dar: *) v. Zedlitz. Siehe Taſchenbuch für Damen, Jahrg. 1829. u 147 Nachts um die zwoͤlfte Stunde Verlaͤßt der Tambour ſein Grab, Macht mit der Trommel die Runde, Geht wirbelnd auf und ab. u. ſ. w. Eben ſo irrt im Mondſchein das Geſpenſt der drei Juli⸗ tage naͤchtlich in Paris umher, und beſucht ſeine geliebte Stadt. Hier bezeichnet es auf den Vorſpruͤngen der ver⸗ ſchloſſenen Gewoͤlbe die Ankuͤndigungen der Juli⸗Jour⸗ nale, und man lieſt darin die Schilderungen der erſten Verletzungen, der erſten Angriffe, des erſten Muths und des erſten Siegs. Dieſe Spuren finden ſich beſonders auf dem Platze der Boͤrſe, in den Straßen Vivienne, Richelieu und Montmartre, auf den Boulewards, in der Vorſtadt Montmartre und in dem ganzen Stadtviertel, das der Schauplatz des Widerſtandes der Schriftſteller gegen die Ordonnanzen des 25. Juli war. Vergebens hat man dieſe ſchwachen Denkmaͤler abkratzen, wegneh⸗ men, ausloͤſchen, vernichten wollen; ſie beſtehen noch. In jeder Nacht betrachte ich ſie. Da leſe ich den Na⸗ men Lafayette's von der ungeſchickten Hand eines Hand⸗ werksmannes oder Kindes geſchrieben. Da finde ich den erſten Aufruf zur Nationalgarde, Weiterhin die luͤgen⸗ hafte Nachricht vom Tode des Herzogs von Naguſa. Anderswo zeigt man die aus dem Stegreife bereiteten Krankenwagen und Arſenale. Ich habe von Anfang bis zu Ende die Einladung geleſen, unſre vortrefflichen Barrikaden doch ja zu erhalten. Damals nannte man 7* 4 148 ſie ſo. O Juli! Juli! Nachts in dieſem ſchweigenden Paris zeigſt du dich wieder, aber wie eine Reue, wie ein Vorwurf auf einem Grabe. Denn auch um dieſe Stunde ſieht man die Graͤber der Maͤrtyrer am beſten. Das Geraͤuſch und die Beſchaͤftigungen des Tages ſcheinen ſie zu beflecken, ihnen laͤſtig zu fallen. Dann erhellt auch ein ſchwaches Licht die großen Fagaden der Gebaͤude. Das Inſtitut, von Kugeln und Kartaͤtſchen durchloͤchert, hatte noch vor einigen Tagen ſeinen am 29. Juli verſtuͤmmelten Sonnenzeiger. Eine vom Louvre herkommende Kugel hatte die Ziffer der zweiten Stunde getroffen, und um 2 Uhr an demſelben Tage wehte die dreifarbige Fahne auf den Tuilerien. Das Louvre laͤßt alle ſeine Verwundungen an ſeinen mit Bildhauerarbeit reich verzierten Giebeln erblicken. Das Stadthaus iſt mit den Narben des Kampfes vom Greve⸗ platze geſchmuͤckt. Die jungen Baͤume der Boulewards bezeugen das Datum der Barrikaden. Die Ruinen des Quai's von Orſay ſprechen von dem mitten unter gro⸗ ßen, unvollendeten Werken gefallenen Kaiſerreiche. Das Verſoͤhnungsdenkmal des Todes Ludwigs XVI., jetzt der Charte geweiht, ohne daß man einen einzigen Stein zum Fußgeſtell hinzugefuͤgt haͤtte, erzaͤhlt auf dem Revolu⸗ tionsplatze vom conventionellen Zeitalter und dem En⸗ thuſiasmus des Triumphes der drei Tage. Die Tuile⸗ rien zeigen an ihrem Haupteingange von der Seite des Ho⸗ fes her noch die Spuren einer Kugel vom 10. Auguſt 1792, 149 und von der Seite des Gartens her, an einer der Saͤu⸗ len der Kapelle eine gleiche vom 29 Juli 1830... Aber die blauen und grauen Patrouillen reißen mich aus die⸗ ſer nachdenklichen Betrachtung und erinnern mich daran, daß 1792 und 1830 jetzt nicht mehr zur Geſchichte ge⸗ hoͤren. Da iſt die Saͤule! Wie ihr Erz im Monde leuchtet! Dann die 12 Bildſaͤulen⸗Phantome der Eintrachtsbruͤcke. Ich eile weiter. So komme ich auf die Hoͤhen von Chaillot. Da ward der Plan zum Pallaſte fuͤr den Sohn Napo⸗ leons abgeſteckt, da ward der laͤcherliche Trocadero paro⸗ dirt. Vor mir liegt die Bruͤcke von Jena, deren zuerſt mit großen Adlern verzierte Bogen dieſe Embleme zur Namenschiffer Ludwigs XVIII. werden und zuletzt in gefluͤgelte Sanduhren ſich verwandeln ſahen. Merkwuͤr⸗ dige Lehre! In der Militairſchule ſchlaͤgt man die Reveille. Der erſte Sonnenſtrahl glaͤnzt auf dem Huͤgel und den Grab⸗ ſteinen des oſtlichen Kirchhofes. Paris erwacht. Eugen Briffault. DBie rechte Mitte(juste milieu) und die Volksthümlichkeit. — Um die Sache kurz zu machen, nehme ich gleich von vorn herein die Geſpraͤchsform an. Auf dieſe Art druͤckt man durch Individualitaͤten das Allgemeinere aus und bezeichnet eine Idee durch eine Situation. Man ſieht hier alſo einen Kandidaten fuͤr die Depu⸗ tirtenkammer, der mit ſeiner Gattin ſpricht. Er. Alſo Du raͤtheſt mir auch, es anzunehmen? Sie. Ganz ſicher, lieber Mann. Er. Aber bei alle dem muß man doch Anſpruͤche machen koͤnnen, Ausſichten haben; iſt das bei mir der Fall? Sie. Anſpruͤche machen? Nun, ich ſollte doch den⸗ ken! Deine landwirthſchaftlichen Verſuche, Deine Fa⸗ brikunternehmung, welche die Armen in unſrer Gemeinde 151 beſchaͤftigt, die gegenſeitige Unterrichtsſchule, die Du be⸗ gruͤndet haſt. Und was die Ausſichten betrifft,— haben wir denn nicht unſre Freunde, den Einfluß unſrer Fa⸗ milie? Und dann, lieber Julius.... Er. O, ol das ſind Privat⸗Ruͤckſichten! Sie. Allerdings. Aber wir muͤſſen ſuchen aus un⸗ ſerer Provinz⸗Vegetation herauszukommen. Du kannſt es zu Etwas bringen. Wir haben zwei Kinder. Vor allen Dingen muß man an eine Anſtellung fuͤr meinen kleinen Julius denken, und dann ſpaͤter an eine gute Parthie fuͤr Erneſtinen. Das alles wuͤrde bei einer gu⸗ ten Stellung ſich viel beſſer machen laſſen. Du koͤnnteſt wohl auch am Ende ſo ein Stuͤckchen von einem Ditel erwiſchen. Nein, nein, Schatz! ich beſtehe durchaus darauf, und wenn Du mich auch bloß zur Baronin machen ſollteſt. Er. ECachend.) Du willſt Baronin werden! Sie. Verſteht ſich. Sieh nur einmal. Ich komme in eine große Geſellſchaft, und man meldet Madame Bonfils ſchlecht weg an. Wem ſieht das aͤhnlich? Ein Titel und der Name unſers Gutes, das klingt gleich nach Etwas. Die Frau des Untereinnehmers koͤnnte dann nicht mehr ſo ſtolz thun. Es iſt ein albernes Vorurtheil, das weiß ich recht wohl, aber man haͤngt nun einmal daran. In der Provinz wird uns das gut anſtehn, und in Paris iſt es unentbehrlich. Wer weiß denn dort, daß Du der Sohn eines Mitgliedes des Raths der Fuͤnf⸗ 152 hundert biſt und Expraͤfekt, und ich die Tochter eines Gerichts⸗Praͤſidenten, und daß wir hier in Anſehn ſtehn? Man ſagt: Herr und Madame Bonfils, und damit gut. Er. Welche Ueberfluͤſſigkeiten! Nein, meine liebe Frau Raͤthin, wenn mich bloß ſolche Gruͤnde beſtim⸗ men ſollten, ſo wuͤrde ich gewiß auf unſerm Landgute fort vegetiren. Aber ich glaube, daß ich fuͤr mein Va⸗ terland einigen Nutzen ſtiften kann, und bin uͤberzeugt, daß ſchwerlich Jemand mehr Geradheit und Unabhaͤn⸗ gigkeit in die Kammer mitbringen wird, als ich. Sie. Nun ja, das iſt's ja auch! Ich will ja gar nichts Anderes damit geſagt haben. Denke an Dein Va⸗ teyland, an Deine Mitbuͤrger, an Deine Grundſaͤtze, und dann erſt— denn das iſt bei ſonſt reinen Abſichten durchaus nicht verboten— an Dich, an Deine Kinder, und ſelbſt 8 Er. Ja, ia, und ſelbſt an meine Frau. Nicht wahr? Nun, es iſt ſchon gut. (Man meldet einige Wähler. Madame entfernt ſich. Nach den erſten Begrüßungen:) Erſter Waͤhler. Unſre Wahl iſt getroffen, Herr Bonſils. Sie ſind unſer Kandidat. Zweiter Waͤhler. Wir kommen eben aus dem vorlaͤufigen Wahlvereine. Sie haben faſt alle Stimmen gehabt. 8 Der Kandidat. O, meine Herren— ich bin all⸗ zuſehr geſchmeichelt— 4. 153 Dritter Waͤhler. Wir wollen dem Verdienſte Gerechtigkeit wiederfahren laſſen. Der Kandidat. Ich bin nicht wuͤrdig ſolcher— Erſter Waͤhler. Und den gemaͤßigten Anſichten. Der Kandidat. Was das betrifft, ſo konnten Sie nicht beſſer waͤhlen. Dritter Waͤhler. Doch muß man auch unter den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden Kraft beſitzen. Zweiter Waͤhler. Ja, vielleicht wird es noͤthig, Europa den Krieg zu erklaͤren. Dritter Waͤhler. Man muß das Vertrauen wie⸗ der herbeifuͤhren und die Sicherheit, den Handel bluͤhend machen und die Induſtrie; denn wir wollen endlich ein⸗ mal in Ruhe leben. Erſter Waͤhler. Vor Allem muß man den Thron unſers Buͤrgerkoͤnigs vertheidigen, die Republik, die Partheien, die Umtriebe unterdruͤcken. Dritter Waͤhler. Ganz ſicherlich, und die Ab⸗- gaben vermindern, die Seminarien aufheben, die großen Beſoldungen beſchraͤnken. Darauf muß man feſt halten. Der Kandidat⸗ Beſorgen Sie nichts. Ich werde Alles dieſes muthig niederſaͤbeln. Ein vierter Waͤhler. Die Ruͤckſtaͤnde der Eh⸗ renlegion, unſre Grade von den 100 Tagen her und d die Penſionen— Der Kandidat. Ah, das iſt etwas Anderes. Ein fuͤnfter Waͤhler. Mein Herr Dexputirter, 154 wollte ſagen Herr Kandidat, Sie werden doch die Ko⸗ loniſten in Saint⸗Domingo nicht vergeſſen? Der Kandidat. O Alles, was das Budget nur erlauben wird, um denen gerecht zu werden, die— Dritter Waͤhler. Fuͤnf mal hunderttauſend Mann muß man auf den Beinen erhalten. Fuͤnfter Waͤhler. Und vorzuͤglich keine Anleihen, keine indirekte Abgaben. Vierter Waͤhler. Was die Gehalte des Klerus betrifft, ſo uͤberlaſſe ich das Ihnen. Dritter Waͤhler. Die Hauptſache iſt, uns in die⸗ ſem Arrondiſſement in den Abgaben herunterſetzen zu laſſen, und fuͤr unſern Kanalbau und offentliche Anſtal⸗ ten ſtarke Unterſtuͤtzungen zu erhalten. Der Kandidat. Meine Herren, Sie koͤnnen dar⸗ auf rechnen, daß ich an Alles das denken werde. Ich werde kein anderes Intereſſe kennen, als das meines Va⸗ terlandes. Zweiter Waͤhler. Sie ſind kein Mann der Bewe⸗ gung, Gott ſei gedankt dafuͤr; aber Sie wurden doch wohl thun, das Miniſterium zu ſtuͤrzen. Vierter Waͤhler. Was das betrifft, ja! Das Mi⸗ niſterium ſchreitet nicht vor. Man lieſt in den Jour⸗ nalen nur Mißbraͤuche. Gerade wie ehemals. Erſter Waͤhler. Oh! wir wiſſen ja wohl, daß Herr Bonfils weder Miniſterieller, noch von der Oppo⸗ 155 ſition ſein wird. Gleich Teind der Anarchie wie der Willkuͤhr wird er fuͤr Ordnung und Freiheit kaͤmpfen. Alle. Bravo! Das iſt eine herrliche Phraſe! Sie druͤckt ganz unſre Idee aus. Der Kandidat. Ich werde unabhaͤngig ſein und nach meinem Gewiſſen ſtimmen. Alle.(Ihm die Hände reichend.) So iſt's! Und nun rechnen Sie auf uns, kuͤnftiger Herr Deputirter. 4 Herr Bonſils druͤckte ihnen die Haͤnde, und ſie trenn⸗ ten ſich hoͤchſt freundſchaftlich.—— Herr Bonfils ward erwaͤhlt, das verſteht ſich von ſelbſt. Nachdem die Sitzung der Kammern bereits zwei Monate gedauert hatte, begegnete er einem ſeiner Uni⸗ verſitaͤtsfreunde, der Zeitungsſchreiber geworden war. Der Journaliſt. Du biſt's! Bonfils! Bitte um Vergebung! ich haͤtte ſagen ſollen, der Herr Deputirte, der wuͤrdige——. Der Deputirte. Mach' doch keinen ſchlechten Spaß. Du weißt ja wohl, daß ich ſo etwas nicht verlange. Der Journaliſt. Verlangen oder nicht verlangen, Du biſt nun einmal einer, biſt der Repraͤſentant von 200 Individuen, die jeder mindeſtens 200 Franks Con⸗ tribution bezahlen. Der Deputirte. Du willſſt mich doch nicht ſtolz machen auf meine neue Wuͤrde? Gieb Dir keine Muͤhe, denn ich bin beſcheiden. Hoͤchſtens glaube ich einem 156 Journaliſten, einem Ruhmvertheiler, einem hohen Aus⸗ ſpender von Volksthuͤmlichkeit, gleich zu ſtehen. Der Journaliſt. Es liegt etwas Wahres in Dei⸗ nem Epigramme, und ich nehme es an. Aber ſiehſt Du, Jeder bedient ſich nun einmal ſeiner Waffen. Ihr Herren habt die Rednerbuͤhne und wir haben die Preſſe, und Du weißt wohl, wo der Vortheil ſich hinneigt, wenn ein Streit zwiſchen Beiden entſteht. Der Deputirte. Das macht Eurer Unpartheilichkeit wenig Ehre. Ihr benutzt die Oeffentlichkeit nach Eurer Art, weiter iſt's nichts. Aber das war ſtets ſo. Der Le⸗ ſer gefaͤllt ſich in der Kritik. Da er ſich im Allgemei⸗ nen nicht wohl befindet, ſo hat er's gern, wenn man ihm alle Tage ſagt, daß es ſchlecht geht. Je mehr man gegen die politiſchen, gegen die buͤrgerlichen Verhaͤlt⸗ niſſe loswettert, jemehr aͤchzt er. Er iſt wie ein Kind, das man ſtets beklagt, und das immer weint. Und ſon⸗ derbar iſt's dabei, daß ſich mit dem Wunſche nach Ruhe ſehr oft ein gewiſſes Beduͤrfniß einer verdruͤßlichen und peinigenden Oppoſition vereinigt. Ich habe ſehr viele Waͤhler mir Maͤßigung anempfehlen und doch dieſes und ens un der Oppoſition viel zu gemaͤßigt finden ehen. Der⸗ Journaliſt. Muth, mein Freund! da ziehſt Du ſchon, gegen die Preſſe los. Der Deputirte. Nicht mehr als Du gegen die Rednerbuͤhne. 157 1 Der Journaliſt. Nun ja, allerdings. Warum bin ich auch nicht Deputirter? Waͤr' ich nicht eben ſo gut wie eine Menge Leute, die dort ſitzen? Der Deputirte. Das verſteht ſich. Aber es kann ja noch werden. Nur Geduld! Der Journaliſt. Ei zum Henker, Geduld! wenn man ale Tage ſo viele Albernheiten vorgehen ſieht! Uebrigens gebe ich's zu, ich moͤchte eben ſo gut Mitdar⸗ ſteller ſein, wie jeder Andre, und da ich's nicht bin, ſo ſetze ich mich auf die Gallerie und pfeife das Stuͤck aus. Nun, offenherzig bin ich, das mußt Du wenigſtens ein⸗ geſtehen. Der Deputirte. Lieber Freund! Du zeigſt da eine traurige Schwachheit des menſchlichen Herzens. Aber das war nie anders und wird auch wohl immer ſo bleiben. Das iſt nun einmal ſo. Der Journaliſt. Setzen wir uns doch ein we⸗ nig.— Siehſt Du, da iſt ein Stuhl, der Dir zum Ar⸗ men Suͤnder⸗Baͤnkchen dienen kann, denn ich will Dich einmal ein wenig ins Verhoͤr nehmen. Der Deputirte. So laß doch ſehen. Deerr Journaliſt. Zuerſt ſage mir alſo frei und offen, mein lieber Bonſils, wie kannſt Du, ein ſo ehr⸗ licher Burſche, wie ich Dich immer gekannt habe, die Sache des Miniſteriums vertheidigen? Kann man denn je miniſteriell ſein? 158 Der Deputirte. Du weißt recht gut, daß ich nicht ſyſtematiſch abſtimme, daß ich bald dieſe Meinung unterſtuͤtze, bald eine andre, je nachdem ich von dieſer oder jener uͤberzeugt bin. Ich will aber ſtets nur das, was moͤglich iſt, und vertheidige daher nur Verbeſſerun⸗ gen, die auf der Stelle ausfuͤhrbar ſind. Und muß man denn nicht am Ende auch eine Regierung haben und Menſchen, die ſie unterſtuͤtzen? Wuͤrde man nicht, wenn man jedes Miniſterium, welches Fehler machte, veraͤndern wollte, alle Tage ein neues Miniſterium zu machen ha⸗ ben? Wuͤrden Deine Freunde nicht auch Fehler nach ih⸗ rer Art begehn? Treubleibend meinem unerſchuͤtterlichen politiſchen Grundſatze, das groͤßtmoͤglichſte Gluͤck fuͤr die groͤßtmoͤglichſte Zahl, habe ich mir es zur Regel gemacht, das, was leidlich iſt, zu dulden, und nur erſt nach ſehr genauer Pruͤfung das Gute um des Beſſern willen aufzugeben. Der Journaliſt. Bravo! Das nenne ich mir einmal einen vollſtaͤndigen Optimiſten. Der Deputirte. Du irrſt Dich da wieder. Ich bin weit entfernt von dem Glauben, daß Alles am beſten gehe. Vieles ſcheint mir ſogar ſehr ſchlecht zu gehen, aber ich lege die Schuld davon unſrer armſeligen Natur bei, die doch in der That ſehr unvollkommen iſt. Vor⸗ zuͤglich dann, wenn man eine Regierung in der Naͤhe ſieht, kann man ſich davon uͤberzeugen. Schon ſeit lan⸗ ger Zeit kommen die Moraliſten immer wieder darauf 159 zuruͤck, und ſtets vergebens. Unſre Taͤuſchungen werden ewig dauern. Man hat immer geſagt, die Macht ver⸗ derbe die Menſchen, und Jeder glaubt ſteif und feſt, daß ſeine Lieblingsmenſchen Engel ſein wuͤrden, wenn ſie zur Macht gelangten, daß dann die Anwendung ſeiner Theorieen keine Schwierigkeiten finden und vor allem Nachtheile geſchuͤtzt ſein wuͤrde. Der Journaliſt. Aha, man ſollte glauben, Du waͤrſt ein Doktrinair. Der Deputirte. Ich habe nie recht begriffen, was man unter dieſem Namen verſteht. Nur das habe ich bemerkt, daß, wenn eine Staatsgewalt durch ihre Uebertreibung zu Grunde geht, ſie allemal ſagt, das iſt die Schuld der Doktrinairs. Hieraus koͤnnte man ſchließen, daß dieſes Leute ſeien, die es ſich zur Pflicht gemacht haben, die Staatsgewalt zu regeln. Die Sache iſt ſchwierig, denn ſie haben ſowohl die ausſchließlichen Freunde dieſer Gewalt, als auch deren Feinde gegen ſich. Was mich betrifft, ſo betrachte ich die Staatsgewalt un⸗ ſtreitig als ein Uebel, aber als ein nothwendiges, oder vielmehr als ein heftiges Gegenmittel, das man bei der buͤrgerlichen Verfaſſung anwenden muß. So wie die Schwaͤchen der letztern abnehmen, ſo wie die Menſch⸗ heit erſtarkt, muß das Gegenmittel auch natuͤrlich ſchwaͤ⸗ cher werden, bis dahin, wo man es faſt ganz entbehren 1 kann. Aber dieſe Zeit liegt noch ſehr weit in der Ferne. um jedoch bei der Gegenwart ſtehen zu bleiben, die uns 160 allerdings am naͤchſten angeht, muß ich abermals ſagen, daß die Staatsgewalt bloß denen gefaͤllt, die ſie aus⸗ uͤben; alle die Andern ſind ſtets dagegen. Ach du mein Himmel! Welches Miniſterium, welche Kammer ſogar iſt nicht ſchon nach drei Monaten unpopulair geworden! Seit ich ſehen gelernt habe, erinnere ich mich noch kei⸗ ner Regierung, mit der man zufrieden geweſen waͤre, außer hoͤchſtens im Anfange, ſo wie ich auch nie gehoͤrt habe, daß der Handel gut gehe. Der Journaliſt. Sieh doch, Du biſt alſo ein eingefleiſchter ⸗Schwarzſeher! Der Deputirte. Eben ſo wenig! Ich glaube an die Guͤte der menſchlichen Natur, ob ich mir gleich ihre ſchlechten Neigungen nicht verheimliche. Ich glaube an Volkstugenden, ob ich gleich nicht glaube, daß man eine Regierung auf die zahlreichſte Klaſſe begruͤnden koͤnne. Ich glaube an die menſchenfreundlichen Geſinnungen eines Theils der aufgeklaͤrten Klaſſe, ob es mir gleich ſcheint, als ob der Egoismus bei ihr eben ſo gut herr⸗ ſche, wie bei allen andern Klaſſen. Ich glaube an eine Zukunft des Menſchengeſchlechts, ob ich gleich ſo viele vermeinte Fortſchritte habe ſcheitern, ſo viele unreife Verſuche zum Beſſerwerden an Ruͤckſchritte grenzen ſe⸗ hen. Ich denke daher, daß eine Regierung, welche ge⸗ ſunde Vernunft hat, auf alles Gute und Boͤſe Acht ha⸗ ben ſoll, was den geſelligen Zuſtand ausmacht. Ich denke, das Bewegung und Widerſtand Eins ſo nothwendig ſind⸗ 161 wie das Andere, und Eins dem Andern; denn ich fordre Dich auf, auch nur phyſiſch ſelbſt die Bewegung ohne den Widerſtand, und letztern ohne die erſtere Dir zu den⸗ ken. Aber ich denke auch, daß die Regierung nichts An⸗ deres iſt, als ein Vertrag zwiſchen dieſen beiden Kraͤften. und folglich muß auch dieſe rechte Mitte(zuste milien), uͤber die man ſich laͤcherlicher Weiſe luſtig macht, ob ſie gleich von jeher das hoͤchſte Gut aller Weiſen geweſen iſt, der Zielpunkt der Regierung ſein. Sie muß zum Vermittler, Friedensſtifter, Ausgleicher zwiſchen der Be⸗ wegung und dem Widerſtande dienen, und wenn ſie ge⸗ hoͤrig arbeitet, wenn ſie die ſo ſchluͤpfrige, ſo ſchwierige Mitte wirklich zu halten verſteht, verhindert ſie die po⸗ litiſche Maſchine auch, aus dem Gleiſe zu kommen. Der Journaliſt. Da iſt ja Phyſik, Metaphyſik und ſogar Mechanik, Alles bei einander! 8 Der Deputirte. Es wird daher ſtets Maͤnner der Bewegung geben, und muß ſie geben, welche die Klagen und Wuͤnſche der buͤrgerlichen Geſellſchaft vor⸗ tragen und ſomit die Kritik und Theorie vorſtellen. Es wird aber auch ſtets Maͤnner des Widerſtandes geben, welche die befriedigten Intereſſen iener Geſellſchaft re⸗ praͤſentiren und die Klippen einer unzeitigen Anwendung der ſtets zu ungeduldigen Theorie zeigen, welche dazu beſtimmt iſt, der Praxis weit vorauszuſchreiten. Endlich aber wird es auch Maͤnner der rechten Mitte geben, welche die Nothwendigkeit repraͤſentiren, ſo zu handeln, . 7 162 daß die buͤrgerliche Geſellſchaft ohne Gefahr fuͤr dieſe ſelbſt befriedigt werde, und dies ſind die Maͤnner der Anwendung, welche dazu verpflichtet ſind, genau zu un⸗ terſuchen, bis zu welchem Grade das Fortſchreiten von der groͤßern Mehrzahl begehrt wird, und bis auf wel⸗ chen Punkt es geſchehen kann. Dieſe Maͤnner, welche in das Gewirr und das Poſitive der Geſchaͤfte elbſt ein⸗ gehen, werden dann die Schwierigkeiten der Anwendung gewahr, welche den Kritikern und Theoretikern ſtets ent⸗ ſchluͤpfen, und die von den Maͤnnern des Widerſtandes manchmal uͤbertrieben werden. Sie uͤbernehmen eine unpopulaire Rolle, verlangen Geld von den Steuer⸗ pflichtigen und verringern alle unmoͤglichen Ausgaben. Sie werden daher auch meiſt geſchmaͤht, denn wenn das Volk leidet, ſo haͤlt es ſich an die Regierung. Die Andern haben dagegen das Angenehme der Volksgunſt, weil ſie eine viel bequemere Rolle gewaͤhlt haben, naͤm⸗ lich die, zu kritiſiren und zu klagen. Der Journaliſt. Hal endlich ſind wir dahin. Du biſt der Lobredner der rechten Mitte. Der Deputirte. Spotte, ſo viel Du immer willſt. Ich koͤnnte ſehr viel daruͤber ſagen. Der Journaliſt. Es iſt ſchon an dem genug. Ich ſehe wenigſtens, daß Du immer noch ein redlicher Menſch biſt. Ich werde daher auch, ſo viel nur in mei⸗ nen Kraͤften ſteht, zu ſorgen ſuchen, daß man Dich nicht in ein Paar Journalen bearbeitet. 163 Der Deputirte. Das iſt immer ſchon Etwas. Denn auf Lob rechne ich durchaus nicht. Ich brauchte uͤbri⸗ gens dazu bloß die Aufhebung aller Abgaben zu verlan⸗ gen, ohne mich je um die Ausgaben zu bekuͤmmern. Doch nein, ich muͤßte alle Ausgaben, welche in den Bittſchriften verlangt werden, unterſtuͤtzen, und doch zu⸗ gleich auf Beſchraͤnkungen antragen. Ich geſtehe Dir jedoch, daß ich nicht den Muth habe, etwas ſo Leichtes und vor allen Dingen ſo Vernuͤnftiges zu thun, um volksthuͤmlich zu werden. 3 Der Journaliſt. Leb wohl, mein Lieber! ich ſtehe Dir fuͤr mein Journal, aber nicht fuͤr den Figaro.— Einige Zeit darauf iſt unſer Deputirter ganz duͤſter, ganz nachdenklich geworden. Seine Frau ſucht umſonſt ihn zu zerſtreuen, zu erheitern. Sie. Was haſt Du denn, mein Freund? Plagen Dich denn noch immer die Bittſteller mit Briefen und Vorſtellungen? Mache Dir's doch bequem damit. Vor Allem biſt Du Dich dem oͤffentlichen Intereſſe oder dem unſers Departements ſchuldig; die Privatintereſſen kom⸗ men erſt nachher. Er. Ich thue wahrhaftig, was ich kann. Meine Schuld iſt's nicht, wenn ich Nichts erlange Uebrigens ſind wir hier, um Geſetze zu machen, nicht aber, um Stellen zu vergeben. Ich wollte, es wuͤrde uns verbo⸗ ten, fuͤr irgend Jemand darum anzuhalten. Gelingt 164 es uns, ſo giebt es doch ſtets auch Unzufriedne, und folg⸗ lich fuͤr uns eben ſo viele Feinde. Sie. O, da gehſt Du doch wohl zu weit, mein Lieber! Ein wenig Kredit thut immer gut. Er. Ja, Kredit! Unſre Bevollmaͤchtiger quaͤlen uns, Oppoſition zu machen, und ſtopfen uns doch zugleich die Taſchen mit Bittſchriften voll! Sie. Das iſt wahr. Immer fuͤr die Andern bitten ſollen und nie fuͤr ſich!— Er.(erdrüßlich.) Ach, darum handelt ſich's nicht. Sie.(Sanft.) Ich dachte bloß ſo. Aber wenn Du nun auch darum anſuchteſt, in den Staatsrath zu kom⸗ men, was waͤr' denn da fuͤr ein Ungluͤck dabei? Du haſt ja eben ſo viel Recht wie die Andern, und das gaͤbe uns doch ein Anſehn. Er.(Lebhaft.) Dazu fehlt mir Alles und Jedes. Be⸗ ſoldet oder unbeſoldet, ich will durchaus keine Anſtellung. Bin ich denn nicht gluͤcklich in meiner Ruhe, meiner Unabhaͤngigkeit? Es wird nie an weit geſchicktern Leu⸗ ten als ich fuͤr Staatsaͤmter fehlen. Sie. O wie ſtreng Du auch biſt! Du wirſt alſo nie Etwas ſein, und ich auch nicht? Er. Was fuͤr Thorheiten uns doch die kindiſche Ei⸗ telkeit der Weiber wuͤrde begehen laſſen„ wenn wir dar⸗ auf hoͤrten! Sie. Nun meinetwegen! So ſei Nichts, weil Du es einmal ſo haben willſt. Aber laß Dir wenigſtens den 165 Ehrenlegionsorden geben. Es iſt doch viel angenehmer, ſich mit einem Manne mit einem Orden zu fuͤhren, und unterwegs wird man auch mit mehr Artigkeit behandelt; man iſt... Er.(Sie unterbrechend.) Laß das gut ſein. Es iſt jetzt von ganz andern Dingen die Rede. Ich habe mit dem Miniſterio gebrochen. Sie.(Steht plötzlich in der heftigſten Bewegung auf.) Mein Gott! Was ſagſt Du da? Und weshalb denn? Er. Ich konnte es nicht mehr aushalten. Die tag⸗ taͤglichen Ausfaͤlle der kleinern Journale gegen mich, die ernſtern Angriffe der politiſchen Zeitſchriften, der Auf⸗ ſtand unſers Arrondiſſements gegen die Abgabe auf die Getraͤnke und die drohenden Mahnungen, die man an mich erließ, um auf Abſtellung zu dringen, Alles das hat mir das Leben unertraͤglich gemacht. Nahe daran, meine Volksthuͤmlichkeit daheim zu verlieren, und bei meiner Ruͤckkehr mit Katzenmuſik, ſtatt der Serenaden, Geſaͤnge und Feſte, empfangen zu werden, habe ich mich ent⸗ ſchließen muͤſſen—— S ie. Gitternd.) Ach Gott! und was haſt Du denn gethan? Er. Ich habe einen Vorſchlag aufgeſetzt, alle indi⸗ rekten Abgaben aufzuheben. Sie. Iſt's moͤglich? Aber es iſt ja noch Zeit, das reiflich zu uͤberlegen, ehe Du ihn uͤbergiebſt. Er. Er iſt ſchon uͤbergeben, und die Journale wiſſen es. 166 Sie. Eaſt ohnmächtig werdend.) Ach! wie albern! Er.(Ernſt.) Schlimmer als das. Aber gluͤcklicher⸗ weiſe wird der geſunde Menſchenverſtand der Majoritaͤt ihm Gerechtigkeit wiederfahren laſſen. Sie. Unterdeſſen ſind wir aber verloren! Nichts mehr fuͤr uns zu hoffen!. Er. Das beunruhigt mich am mindeſten. Sie. Du haͤtteſt Dir doch wenigſtens erſt einen Poſten nehmen, und dann ganz nach Deiner Bequem⸗ lichkeit zur Oppoſition treten konnen. Biſt Du nicht ein Narr geweſen! Er. Ich glaube, daß es alle Menſchen ein wenig ſind, denn ſie wollen in Nichts die Mittelſtraße. Man muß ſich an eine oder die andre Parthei halten. Man muß der einen Leidenſchaft ſchmeicheln, um durch dieſe bis in die Wolken erhoben zu werden, und ſich's gefal⸗ len laſſen, von der andern zerriſſen und mit Fuͤßen ge⸗ treten zu werden. Bleibt ihr in der Mitte, ſo ſteht alle Welt gegen euch auf. Arme Mitte! Stichblatt der Tho⸗ ren, Wahn der Weiſen! Geh nur, albernes Menſchen⸗ geſchlecht! von der Anarchie zum Deſpotismus, und dann wieder ruͤckwaͤrts! Steig' im Galopp hinan, um wieder herunterzurollen! Ich weiß wohl, daß jeder Fortſchritt ein wenig durch jene Spruͤnge geſchieht, bei denen ſo viele Kraͤfte ſich abnutzen, ſo manche Exiſtenz zu Grunde geht; aber waͤre es denn nicht weit beſſer, ruhig und im Schritt vorwaͤrts zu gehen?—— — 167 Obgleich alle Buͤreau's der Kammer die Leſung des Vorſchlags des wuͤrdigen Herrn Bonfils verworfen ha⸗ ben, ſo hat doch dieſer Oppoſitions⸗Akt, deſſen guͤnſtiger Erfolg den Gang der Regierung durch die voͤllige Un⸗ moͤglichkeit eines Budgets aufgehalten haben wuͤrde, ei⸗ nige Zeit lang unſern Deputirten bei den Journalen der Bewegung in guten Geruch gebracht. Außerdem waͤre es entſchieden geweſen, daß er ein heimlich ans Mini⸗ ſterium verkaufter, oder wenigſtens ein durch drei Diners und eben ſo viele Haͤndedruͤcke verfuͤhrter und beſtochner Mann ſei. Felix Bodin. DBer Agsisenhok. Affifenhoft Ort der Gerechtigkeit, des Schreckens und der Trauer, von dem aus ſo viele Todesurtheile ge⸗ gangen ſind, wo ſo viele Familien Beſchimpfung und Infamie, noch ſchmerzlicher als jene, gefunden haben! Tempel der oͤffentlichen Rache, wo das Schwert des Ge⸗ ſetzes fuͤr die Sicherheit des Staats, die Garantie der Buͤrger und den dem Eigenthume ſchuldigen Reſpekt ſtets uͤberm Haupte haͤngt!— Bereitet euch zur Feſtig⸗ keit vor, ihr, deren Herz leicht erregbar iſt; hier iſt Alles ernſt, feierlich, ſchrecklich. Gefuͤhl, Mitleid, Theilnahme, Nachſicht, uͤberall ſonſt als Tugenden anerkannt, ſind hier ſtrafbare Feigheit und Schwaͤche. Hier giebt es kein anderes Gewiſſen, keine andere Tugend, als die des Geſetzes.— 8 Da ſtehen wir nun in dem Kreiſe dieſes furchtbaren Tribunals, das durch die Verderbtheit der Hauptſtadt ohne 1³9 ohne Unterlaß genaͤhrt wird, und in welchen ſie, wie in einen weiten Behaͤlter, Alles mit ſich zieht, was es nur Verworfnes, Schreckliches, Empͤrendes giebt: Braͤnde, Mordthaten, Vergiftungen, Meuchelei, die Verbrechen der Muͤtter an der unſchuldigen Frucht einer unkeuſchen Liebe oder eines Ehebruchs, die furchtbaren Unthaten des Gatten gegen die Gattin und der Gattin gegen den Gatten, den Dolch, den hoͤlliſche Eiferſucht in die Haͤnde eines raſenden Liebhabers legt. Dies iſt die duͤſtre Gal⸗ lerie von Frevelthaten, welche ſich auf dieſer hoͤhern Stufe des Verbrechens darſtellt, und die mit blutigen Zuͤgen die Geſchichte der ſtrafenden Gerechtigkeit nie⸗ derſchreibt. Schauervolle Archive, wo man nur das Boͤſe findet, und welche dem Andenken der Zukunft die Schande der Vergangenheit hinterlaſſen! Richtet euern Blick auf dieſe Zuhoͤrer, die ſich im Hintergrunde des Saales haͤufen und draͤngen, um ei⸗ ner unanſtaͤndigen und grauſamen Neugier zu froͤhnen, auf dieſe gierige, eifrige Maſſe, die nur aus elenden, faulen, verdorbnen Menſchen zuſammengeſetzt iſt, die hier Unterricht in der Keckheit holen wollen, und deren Gefuͤhle der Gerechtigkeit bis in ihr Heiligthum Trotz bieten, losgelaſſener Menſchen, die ſich einen Scherz machen aus den Qualen des Angeklagten, und ſeine Schwaͤche durch ein ſpoͤttiſches, thieriſches Lachen hoͤh⸗ nen, Zeitungstraͤger der Vorſtadt endlich, die mit wahrer Luſt die Nachricht von einem Todesurtheile in III. 8 170 die Schaͤnken und Weinhaͤuſer bringen.— Nicht ſel⸗ ten folgt ein in dieſem Wogenſchwall der Unordnung verlorner Mitverbrecher aͤngſtlich dem Gange der Debat⸗ ten und zittert aus Furcht der Entdeckung, die dieſe herbeifuͤhren koͤnnen; oͤfter aber noch ſtiehlt ein geſchick⸗ ter Gauner ohne Achtung fuͤr den Ort oder Schrecken vor dem Beiſpiele, die Boͤrſe ſeines Nachbars, oder be⸗ raubt eine Neuvermaͤhlte ihres Traurings.— Hoͤrt nur dieſe laͤrmenden Ausbruͤche, dieſes Geſchrei der Ungeduld, das ſich wie im Parterre eines Theaters erhebt, und das die hier und da zur Aufrechthaltung der Ordnung und Ruhe aufgeſtellten Wachen nicht beſchwichtigen koͤnnen. Aber ploͤtzlich zeigt ſich die Jury und der Gerichtshof, das tiefſte Schweigen folgt auf jene tumultuariſche Auf⸗ regung. Jeder horcht! Die Aufmerkſamkeit beginnt. Die Debatten werden anfangen. Der Angeklagte wird erſcheinen. Da iſt er ſchon.— Es iſt ein Moͤrder... Der Unmenſch!!! Er hat das heiligſte aller Geſetze ver⸗ letzt, hat ein Daſein vernichtet, eine ganze Familie in Schmerz und Verzweiflung geſtuͤrzt... Seht, wie er vergebens ſich bemuͤht, ein demuͤthiges Weſen anzuneh⸗ men, um zu dem Mitleide der Geſchwornen zu ſprechen, und ſeine zuruͤckgehaltene Keckheit nur muͤhſam ver⸗ ſchleiert. Er ſitzt zum zweitenmale auf dieſen Baͤnken. Er iſt an Verbrechen gewoͤhnt. Seine Seele ſtumpft die Gewiſſensbiſſe ab, und kein Verdammungs⸗Urtheil⸗ welcher Art es auch ſein moͤge, kann ſie mehr ruͤhren. 171 Welche finſtre Blicke laͤßt er auf dieſen Tiſch fallen, wo das mordende Eiſen vom Blute ſeines Opfers gerͤthet glaͤnzt, und noch ſeinen Richtern und den Zeugen ſeiner Unthat zu drohen ſcheint! Hoͤrt nur dieſe trocknen und groben Antworten, von einem bittern Laͤcheln begleitet, mit einer hohlen Grabesſtimme, mit einem Accente ge⸗ ſprochen, der Schrecken einfloͤßt! Verſtellt denn die Un⸗ that den Menſchen bis auf ſeine Geſichtszuͤge ſelbſt und druͤckt auf ſeine Stirn und ſein ganzes Aeußere den Stempel ihres ſcheußlichen Bildes? Hat ſich die Na⸗ tur ſelbſt bei der Gegenwart des Frevels umgewandelt, und bereitet ſie nur dieſe Metamorphoſe, um das Ver⸗ brechen zu enthuͤllen und die Ueberzeugung der Geſchwor⸗ nen zu kraͤftigen? Ach, wie edel und groß iſt dieſe Hin⸗ gebung des jungen Vertheidigers, der, indem er uͤber die Verdorbenheit des Angeklagten ſeufzt, doch noch an deſſen Reue glaubt, und in einer Sache und einem Her⸗ zen, die beide gleich verworfen, noch nicht an der Menſch⸗ heit zweifelt. Erſchreckend vor der Strenge der Strafe und dem Ernſte des Geſetzes, ſtellt er ein herzzerreißen⸗ des Gemaͤlde der Hinrichtung dar. Er reißt mit ſich fort, er nimmt gefangen, er beklemmt zugleich Geiſt und Herz, er entlockt den Zuhoͤrern Thraͤnen und erfuͤllt die Bruſt der Geſchwornen und Richter mit Schrecken. Und mitten darunter das Schluchzen einer ſiebenzigjaͤh⸗ rigen Mutter, die ſich zwiſchen ihren Sohn und das Beil ſtellt, das ſeiner wartet!... Welche Beredſamkeit 8* 172 fuͤr ein gefuͤhlvolles und mitleidiges Herz! Welche Mit⸗ tel der Ruͤhrung! Welche Beweggruͤnde zur Losſprechung, wenn nicht Milde hier ſelbſt ein Verbrechen waͤre und die Strafloſigkeit ein Angriff gegen die buͤrgerliche Sicher⸗ heit und das Geſetz! Dieſe Baͤnke ſind oft durch die Gegenwart der un⸗ gerecht angeklagten Unſchuld und der edlen Schriftſteller, die kein andres Verbrechen als ihre Vaterlandsliebe und den Muth eines freien und kraͤftigen Wortes mit dahin brachten, gereinigt worden. Hier hat man den Gedan⸗ ken befragt, ausgelegt, gedollmetſcht, und das Talent hat in ſich ſelbſt nur einen Zeugen fuͤr die Anklage gefunden, oder iſt gar als ein Verbrechen mehr erſchienen. Vor dieſe Schranken ſind die Auffluͤge des Genies, die phi⸗ loſophiſchen Betrachtungen, das Mitgefuͤhl fuͤrs oͤffent⸗ liche Wohl, die Toͤne der Wahrheit geladen, beurtheilt, und mit Geldbuße, Gefaͤngniß und Koſten beſtraft wor⸗ den. Wir wollen ſie nicht herbeirufen, die traurigen und ſchmerzlichen Erinnerungen an jene Verurtheilun⸗ gen, die den Maͤnnern, welche ſie veranlaßten, eine furcht⸗ bare Beruͤhmtheit erworben haben, und nur zu ſehr die unſeligen Wirkungen politiſcher Meinungsverſchiedenheit und die verhaßte Periode der Proſeriptionen beweiſen.— Hebet eure Augen zur Decke empor und leſet dort jenen drohenden Spruch, deſſen ewige Folgen ſelbſt die unge⸗ rechteſten Richter nicht vermeiden koͤnnen: Mit dem 173 Maaße, wie ihr richtet, werdet ihr auch gerich⸗ tet werden.. Die Dehatten ſind geendet, eine unpartheiiſche ſtrenge Stimme hat die Gruͤnde der Anklage wie der Verthei⸗ digung wiederholt, den Geſchwornen ſind die Fragpunkte geſtellt, der Gerichtshof zieht ſich zuruͤck, die Gendarmen haben den Angeklagten aus dem Saale gefuͤhrt. Die Geſchwornen berathen ſich.— In ungeduldigem Schwei⸗ gen harren die Zuhoͤrer.— Welch ein Augenblick! Wie lang iſt dieſe Stunde, die die Gewißheit der Losſprechung oder des Schafots mit ſich bringt, Leben oder Tod, und welchen Tod!!! Ich fuͤhle, wie mein Herz gewaltſam ſchlaͤgt, wie meine Bruſt beklemmt. Die allgemeine Beaͤngſtigung erweckt auch die meine. Eine unwillküͤhr⸗ liche und peinliche Ruͤhrung bemaͤchtigt ſich meiner, be⸗ herrſcht mich, betaͤubt mich.... Auf einmal ertoͤnt eine Klingel und kuͤndigt den Wiedereintritt der Jury an, auf die nun alle Blicke ſich richten, gleich als wollten ſie deren Entſcheidung voraus ahnen... Aber weshalb dieſe Angſt? Wie kann Ver⸗ worfenheit den Pfad des Mitleids ſinden, und das Ge⸗ fuͤhl ſich anmaßen, das bloß dem Ungluͤcke gehoͤrt? Be⸗ haͤlt der Verbrecher ungeachtet des Schreckens, das er einfloͤßt, doch noch das Recht, beklagt zu werden?— Wie ſchwach iſt doch das menſchliche Herz! wie fern von uns iſt doch noch der maͤnnliche Charakter, dieſe 174 ſtoiſche Tugend, von der die alte Welt uns ſo viele Beiſpiele hinterließ! 4* „Zum Tode, Proeulus, fuͤhrt meinen Sohn nun hin,“ ſagte jener Roͤmer, in deſſen patriotiſchem Herzen das Gefuͤhl fuͤr die Republik und die Pflicht die vaͤterliche Zaͤrtlichkeit uͤberwog; und Fulvius, der mit eigner Hand ſeinen Sohn toͤdtete, der zur Armee des Catilina treten wollte:„Ich habe Dich erzogen,“ ſagte er,„um das Vaterland zu vertheidigen, nicht, um es zu unterdruͤcken.“ Ich glaube wohl, daß dies unſrer wehmuͤthigen Philo⸗ ſophie, unſern verzaͤrtelten Herzen faſt unglaublich ſcheint⸗ denn es giebt kein Rom fuͤr uns.— Doch da kommt der Gerichtsdiener, der die Richter ankuͤndigt. Sie treten ein. Die Advokaten ſtehen aus Achtung auf, ſetzen ſich aber ſogleich wieder. In allen Theilen des Saals herrſcht ein noch tieferes und feier⸗ licheres Schweigen. Der Vorſitzende der Geſchwornen ſteht auf, legt die rechte Hand aufs Herz und ſpricht jene Worte aus, die, ungeachtet der Bewegung, welche ſeine Stimme verraͤth/ doch bis zu uns gelangen: Ja⸗ der Angeklagte iſt ſchuldig. Bei dieſen Worten ſchaudert Jeder, die lang' getragene Laſt der Ungewißheit im Innern der Seele faͤllt ſchmerzlich herab, um dem Gefuͤhle einer traurigen Wirklichkeit Platz zu machen. So iſt's denn um Dich geſchehen, Mann des Verbrechens! Tritt wieder ein, um Dein Schickſal und Deine Strafe zu hoͤren. Vernimm Dein Urtheil. Es iſt.. der Tod. 175 Bereitet euer Gift, ihr furchtbaren Eumeniden, ſchuͤttelt eure Schlangen, hier iſt eure Beute! die buͤrgerliche Ge⸗ ſellſchaft, die Menſchheit, das Geſetz uͤberlaͤßt ſie euch... Und Du, ungluͤckſelige Mutter, verfluche Deinen Schooß, wegen ſeiner unheilvollen Fruchtbarkeit, geh, und ver⸗ virg in der Einſamkeit Deine zerreißenden Schmerzen: moͤchten ſie nie mit den Vorwuͤrfen uͤber die feige Nachſicht begleitet ſein, die Du vielleicht gegen den uͤb⸗ teſt, der jetzt Dein Alter betruͤbt und der Schimpf Deines Hauſes wird. Ach! laßt auch uns gehen. Schon verlaͤuft ſich die Menge und verbreitet ſich trauernd und ſchweigend in den Gaͤngen, einen nur voruͤbergehenden Eindruck mit ſich nehmend, den ſie ſpaͤterhin beim Werkzeuge der Hinrichtung wiederfinden wird.— Bemerkt aber noch unter dieſem langen Saͤulengange die Verſchiedenheit der Phyſiognomieen. Waͤhrend uͤber ihrem Haupte das Leben eines Menſchen dem Schwerte der Gerechtigkeit verfallen ſoll, treiben dieſe gleichguͤlti⸗ gen Gewoͤlbsinſaſſen heiter und froͤhlich ihre Kundſchaft, und ſehen in der Menſchenmenge, welche wichtige De⸗ batten herbeilocken, nur eine Gelegenheit mehr zum Abſatz ihrer Waaren und zur Befoͤrderung ihres Handels. Wie dies doch die Majeſtaͤt des Orts verunziert und entſtellt! Wer ſollte nicht die Entſcheidungen des Raths von 1779 und 1783 tadeln, die nach dem zweiten Brande von 1776 die Gallerie, welche zum Tempel fuͤhrt, auf dieſe Art in einen Bazar verwandelt und dadurch an die 176 Tempelſchaͤndung der juͤdiſchen Kaͤufer und Verkaͤufer, ſo wie an die Ruthe erinnert haben, womit ein heiliger Zorn ſich bewaͤhrte, ein Zorn, den der Pinſel des treff⸗ lichen Thomas ſo ſchoͤn in den Zuͤgen des Menſchenſoh⸗ nes dargeſtellt hat*). 1 Ich kann wohl begreifen, wie nach ſo peinlichen Ge⸗ fuͤhlen, wie ihr eben empfunden, die hiſtoriſchen Erin⸗ nerungen, welche ſich an dieſen Theil des Juſtizpallaſtes knuͤpfen, euch nicht ſehr ruͤhren koͤnnen. Daß Eudes am Ende des neunten Jahrhunderts hier ſeine Reſidenz hatte, ſo wie Hugo der Große und Hugo Capet; daß Ludwig der Dicke 1137 hier ſtarb und ſein Sohn 1180; daß Heinrich III. Koͤnig von England darin 1254 aufgenom⸗ men ward, und endlich, daß das Gedraͤnge und der Laͤr⸗ men der Zaͤnkereien der Advokaten Karl V. daraus ver⸗ trieben, kann nur von ganz unbedeutendem Intereſſe fuͤr euch ſein. Der Brand von 1618 hat all dieſen monar⸗ chiſchen Staub hier ausgefegt, und die uͤber dieſem ehe⸗ maligen Koͤnigsboden thronende Gerechtigkeit ſtreckt ih⸗ ren unerſchuͤtterlichen Scepter nun dort aus, wie eine hoͤhere, ewige und ſchuͤtzende Koͤnigin, welche den Dy⸗ naſtien, der Zeit und ihren Wechſelfaͤllen widerſteht. Am Ende dieſes langen Corridors, den ihr linker Hand erblickt, beffnden ſich zwei große Saͤle, wo das *) Die Pfarrkirche von Saint Roch beſttzt dieſes ſchöne Gemälde, das ihr die Stadt Paris geſchenkt hat. 177 Revolutionstribunal ſeine Sitzungen hielt. Furchtbare Aſſiſen, die nach der Prophezeihung eines Girondiſten ein zweiter Ofen des Phalaris wurden, der ſeine Erfinder verzehrte! Welche Thraͤnen ſind dort ge⸗ floſſen, wo die Meinung die Meinung verurtheilte, wo der ungluͤckliche Angeklagte nur Gefuͤhle mit ſich brachte und keine Verbrechen, und eine unmenſchliche Politik, an die Stelle der Gerechtigkeit tretend, ſchon den bloßen Verdacht mit dem Schafot beſtrafte!— Dieſe beiden Saͤle dienen jetzt zu den Sitzungen des oberſten Gerichts⸗ hofés. Hier findet die Hartnaͤckigkeit des Prozeßfuͤhren⸗ den, der es bis zum Aeußerſten treibt, ihr Ende und oft zugleich deſſen Ruin. Dahin bringt aber auch der Ver⸗ urtheilte ſeine letzten Hoffnungen, und findet noch in dem Zeitraume zwiſchen der Berufung und dem Spruche einige Lebenstage, einige dem Tode geraubte Augenblicke, wie jene beruͤhmte Frau, jene ſchamloſe Maitreſſe Lud⸗ wigs XV., die, als ſie eine ſiebenzigiaͤhrige Schoͤnheit und die Erinnerung einer vergangenen Groͤße, die allein ihr Verbrechen und ihr Ungluͤck war, zum Schafote trug, dem Scharfrichter mit dem Ausdrucke flehender Verzweiflung zurief: Noch einen Augenblick, lie⸗ ber Freund, nur noch ein klein wenig Leben! und der unſelige Karren erwartete ſie unter dem Ein⸗ gange in ihr Gefaͤngniß!!!— 8n Die beiden koloſſalen Bildſaͤulen, die am Eingange dieſes Raumes ſtehen, wo abwechſelnd die criminaliſtiſche 1 und ciolliſtiſche Kammer des Caſſationshofes ſitzt, ſtellen Michgel de»'Höpital und d'Agueſſeau vor, das heißt, die Tugend und die Gerechtigkeit unter den Zuͤgen zweier Kanzler. Dieſe Namen ſagen Alles; ſie genuͤgen als Lobrede und Ruhm. Ihnen wird der Bildhauer ſeine Unſterblichkeit verdanken, umgekehrt gegen ſo viele erdichtete Beruͤhmtheiten, die man im Atelier eines ge⸗ ſchickten Kuͤnſtlers kauft, und welche ihr Verdienſt nur dem der Arbeit und dem Werthe des Materials verdan⸗ ken, aus dem ſie entſtanden und das ſie auf dieſe Art mit zur Nachwelt bringt.— Es liegt hier etwas Gran⸗ dioſes, ja Majeſtaͤtiſches in den Dimenſionen, ja ſelbſt in der Einfachheit der Verzierungen und ſymboliſchen At⸗ tribute. Kein Prunk, keine andre Inſchrift, als die man mitten in jenem Eichenkranze lieſt: Das Geſetz. Dies Woet genuͤgt. Es iſt das Gewiſſen des Beamten am oberſten Gerichtshofe.— Unter uns befinden ſich die duͤſtern Kerker der Conciergerie, Aufenthaltsorte des Verbrechens, des Schreckens und der Gewiſſensbiſſe. Von da aus wird in einigen Tagen, unter dem Geleite einer nach Aufregungen und blutigen Schauſpielen gierigen Menge, der Mann gehen, deſſen Verurtheilung ihr eben beiwohntet. Da wird man den Karren beſpannen, die⸗ ſen Wagen des Todes, welchen doch die Religion mit⸗ zubeſteigen ſich nicht ſcheut, als die treue Begleiterin des Lebenshauches und der unſterblichen Seele. Vordem⸗ wo bei unmenſchlichen Schauſpielen ungluͤckliche ſich 179 auf dem Kampfplatze von den numidiſchen Loͤwen zer⸗ reißen laſſen mußten, empfing Caͤſar, auf der Hoͤhe des Amphitheaters ſitzend, ihren traurigen Abſchied: Mori- tari te salutant(zum Sterben Bereite gruͤßen Dich). Heut iſt es ein Prieſter, ein Diener des Friedens, der Vergebung, der Hoffnung, die letzte Stuͤtze des Men⸗ ſchen in dieſem ſchrecklichen und feierlichen Augenblicke. Welche unermeßliche Erhebung uͤber das Heidenthum! Welche ruͤhrende Glaubenslehre! Welche ſuͤße Moral! Wie muß Alles dieſes die Schrecken des Schafots in ei⸗ nem Herzen mindern, das der Reue nicht ganz verſchloſſen iſt, und nicht an der Gnade einer ewigen Vorſehung verzweifelt! J. Bousquet. Die Schauspieler von ehedem und die von jetzt. — 0—— „Jedermann erinnert ſich an die geiſtreichen Blaͤtter, in denen Scarron uns die Ungluͤcksfaͤlle einer herum⸗ ziehenden Schauſpielergeſellſchaft mit ſo unnachahmlicher Laune geſchildert hat, denn Jedermann hat ſie geleſen. Da giebt es gewiß Niemand, der nicht uͤber die beluſti⸗ gende Grandezza dieſer Kuͤnſtler in Lumpen, uͤber ihre Wuͤrde auf einem Lederwagen, uͤber ihre vornehmen Mienen beim Kampfe mit den dringendſten Beduͤrfniſſen gelacht haͤtte. Dieſe zu der Zeit, wo der komiſche Roman er⸗ ſchien, ſo wahre Situation war es viel weniger, aber war es doch noch vor der Revolution von 1789. Da⸗ mals, wie ſonſt und nachher, haben die Schauſpieler ſelten im Ueberfluſſe gelebt, und es war vielleicht noch 181 die kleinſte ihrer Unannehmlichkeiten. Erkommunikation, Vorurtheil, falſche geſellige Stellung verfolgten ſie faſt ohne Unterlaß, und das Beifallklatſchen entſchaͤdigte ſie nicht ſtets dafuͤr. Wie kommt es denn aber nun, daß es dieſem Stande dennoch nie an Mitgliedern gefehlt hat! Wie kommt es, daß junge reiche Maͤnner, Edel⸗ leute und ſelbſt Perſonen des vornehmern Adels dazu getreten ſind? Weil die theatraliſche Laufbahn eine be⸗ lebte, hinreißende, trunkenmachende iſt, weil es keine giebt, worin man mehr fuͤhlt, daß man lebt. Man koͤnnte, ſcheint es mir, die Schauſpieler mit den Seeleuten vergleichen, die ſelbſt in der ſteten Un⸗ ruhe ihrer Erxiſtenz eine Entſchaͤdigung fuͤr tauſend Ent⸗ behrungen finden. In der That empfinden Schauſpieler dieſelben Erregungen und noch viele andre. Ein Schau⸗ ſpieler durcheilt in einigen Stunden, ohne aus dem Um⸗ kreiſe ſeiner bemalten Leinwand zu treten, alle Jahr⸗ hunderte und alle Laͤnder. Er zieht alle Koſtuͤms an, tritt in alle Verhaͤltniſſe ein: er iſt Krieger, Beamter, Bauer, Koͤnig; er iſt tugendhaft und ein Moͤrder, weint, lacht, wird boͤſe, beruhigt ſich, haßt und betet an; er iſt mit einem Worte ein Auszug aus allen Gefuͤhlen, ein Ueberblick uͤber alle Lagen des Lebens. Kann man ſich da noch wundern, daß man ſich in eine Laufbahn ſtuͤrzt, die uns ſolchen Aufregungen preisgiebt? Hierzu muͤſſen wir noch bemerken, daß fuͤr Schauſpieler der Mangel an Wohlſtand ehemals nur in der Provinz ein⸗ 182 trat, und daß dieſe allerdings große Unannehmlichkeit bei Perſonen von reger Einbildungskraft durch die Hoffnung gemaͤßigt und verſchoͤnert ward. Erſte Liebhaberin, Liebhaber, edler Vater, Soubrette, Finanzier, Duenna und Komiker, alle richteten ihr Augenmerk auf die Hauptſtadt, alle ſchmeichelten ſich, eines Tages dahin zu gelangen, alle lebten und ſtarben in dieſem ſußen Gedanken. Das franzoͤſiſche Haupttheater zu Paris war der Strebepunkt jedes Kouliſſenehrgeizes, es war das Eldorado, das Elyſium, das gelobte Land! Dort aller⸗ dings war die Lage hoͤchſt gluͤcklich, und, wir wollen es dreiſt herausſagen, es war mehr werth, zur franzoͤſiſchen Komoͤdie zu gehoͤren, als ein großer Herr, ja ſelbſt Koͤ⸗ nig zu ſein. Damals gab es keine Politik, keine Renerbuͤhne, keine jener Sitzungen, die Europa in Spannung halten, und wo man die Miniſter uͤber Krieg und Frieden, uͤber aͤußere und innere Lage befragt. Die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit richtete ſich lediglich auf das Theater, das Theater war das Stelldichein der guten Geſellſchaft, der ſtete Gegenſtand der Unterhaltung. Auch war ein ge⸗ liebter Darſteller Alles fuͤr das Publikum, ein Mirabeau, Foy, Conſtant, Manuel mit groͤßerm Genuß und gerin⸗ gern Unannehmlichkeiten. Werfen wir einen Blick auf ſeine Laufbahn und verſuchen wir es, ſie mit ihm zu durcheilen. 4 Ein talentvoller Darſteller, ein Darſteller voll leben⸗ 183 digem Geiſt, wird ſo ganz mit ſeiner Rolle eins, daß er ſie zur Wirklichkeit geſtaltet. Er iſt das Weſen, das er darſtellt, er beſitzt deſſen Leidenſchaften, lebt deſſen Exi⸗ ſtenz, und wenn er ſeine Perſoͤnlichkeit gut vortraͤgt, ſo bezeugt dies ihm eine große Verſammlung durch ih⸗ ren Beifall. Dann genießt er ſein Gelingen, er genießt es perſoͤnlich, Aug' in Auge, er wird baar bezahlt, er trinkt den Becher in langen Zuͤgen. Eine tragiſche Schauſpielerin von ehemals, welche die Prinzeſſinnen und Koͤniginnen ſpielte, war wirklich Koͤnigin und Prin⸗ zeſſin. Schoͤn, reich, angebetet, war ihr Leben nur eine Reihe von Entzuͤckungen. Beim Herausgehn aus dem Theater, wo ſie ein Diadem getragen hatte, ging ſie nur nach Hauſe, um dort alle Verfeinerungen des Luxus und des Wohllebens zu finden. Von den Großen ge⸗ ſchmeichelt, vonden Gelehrten beſungen, ſah ſie Alles, was am beruͤhmteſten war, zu ihren Fuͤßen, und wenn man mit ihr von ihrem Throne und ihrer koͤniglichen Rechte ſprach, glaubte ſie und durfte ſie an ihre koͤnig⸗ liche Rechte und ihren Thron glauben. Sind dies auch bloß Taͤuſchungen und Traͤume, ſo wuͤnſchen wir doch allen denen, welche Pallaͤſte bewohnen, aͤhnliche. Die Lage der Schauſpieler war minder glaͤnzend, als die der Schauſpielerinnen, aber ſie war es doch noch immer ſehr. Mit Ehren und Guͤtern uͤberhaͤuft, waren ſie mit der vornehmen Klaſſe verbruͤdert, und brachten ihr Leben mit den ausgezeichnetſten Maͤnnern ihrer Zeit 184 hin. Vom Marquis en lehnten ſie ſeine feinen Sitten und gaben ſie ihm noch vervollkommneter zuruͤck. Alle Maͤnner dieſer Epoche ſuchten die Geſellſchaft der Schau⸗ ſpieler und die Frauen ihr Wohlwollen. Sie trieben es oft ſehr weit, um es zu erlangen, und Baron war nur bis auf einen gewiſſen Grad laͤcherlich, als er ver⸗ langte, daß die Schauſpieler auf den Knieen der Koͤniginnen und Kaiſerinnen erzogen wuͤrden. Der innere Foyer des franzoͤſiſchen Theaters— den man nicht mit dem verwechſeln muß wo das Publi⸗ kum Zutritt hatte— war ſonſt das glaͤnzendſte und be⸗ ſuchteſte Geſellſchaftszimmer von Paris. Nur durch Be⸗ guͤnſtigung erlangte man Eintritt, und dieſe Beguͤnſti⸗ gung ward nur einem großen Namen oder großen Ta⸗ lente zu Theil. Man mußte damals den Sieger von 3 Mahon, den Marſchall Richelieu, in voller Uniform das Reyertoir mit auswaͤhlen ſehen! Man mußte dieſe hiſto⸗ riſch beruͤhmten Maͤnner, mit Kleidern, die von Gold und Edelſteinen ſtrotzten, im Kreiſe ſitzen ſehen auf den ungeheuern Lehnſeſſeln, die noch ietzt unter den Portraits von Moliere, Corueille, Racine und den andern drama⸗ tiſchen Heroen ſtehen! Man mußte die Schauſpieler ſe⸗ hen, im franzoͤſiſchen Koſtuͤm mit horizontalem Degen, wie ſie mitten unter die Herren mit hochgetragener Naſe, als ihres Gleichen traten, und die Schauſpielerinnen, in gepuderten Haaren, Vertugadins, Spitzenroben, wie ſie ceremoniͤs in dieſer glaͤnzenden Verſammlung herum⸗ * 185 1 ſpazierten und maieſtaͤtiſch die allgemeinen Huldigungen und Schmeicheleien in Empfang nahmen! Von ſo viel Weihrauch trunken, trugen die Schauſpieler und Schau⸗ ſpielerinnen alle dieſe großartigen Manieren in ihr Haus⸗ weſen uͤber. Mademoiſeille Clairon ſprach mit ihrer Kammerfrau nur als Koͤnigin, und Dufresne ſagte zu ſeinem Perruquier mit feierlich ernſtem Tone: Welche Zeit iſt es? Worauf dieſer mit einer tiefen Verbengung antwortete: Ich— weiß es nicht, mein Herr. Nichts von allem dem exiſtirt jetzt mehr, und das, man muß es bekennen, zum Nachtheil der dramatiſchen Kunſt. Namentlich war es das Trauerſpiel, was damals lebhafte Geiſter hinriß und ſie zu dieſer Laufbahn zog, es war der Wunſch, mitten in dieſem Glanze, dieſen Wundern zu leben. Ach! es giebt jetzt kein Trauerſpiel mehr! Es iſt fuͤr lange Zeit geſtorben, fuͤr immer viel⸗ leicht. Die Revolution iſt daruͤber geſchritten und die Phantasmagorie hat ſich aufgelbſet. Seit die Koͤnige ihre wirklichen Throne verloren haben, verloren auch die tragiſchen Darſteller ihre eingebildeten. Unter dem Kaiſerreiche fand jedoch eine Wiedergeburt dieſer Lage der Dinge fuͤr einen Augenblick ſtatt, aber es war doch nur ein ſehr ſchwaches Nachbild. Damals auch hatten die Schauſpielerinnen ihre betitelten Anbe⸗ ter und ihre Equipagen; damals war auch das Foyer des franzoͤſiſchen Theaters das Stelldichein vieler großen Namen. Die Lauraguais, die Choiſenl⸗Stainville, die . 8*† 186 Segur, die Eimenez kamen, mit Gelehrten ſich miſchend, dahin, um ſich anmuthigem Geſchwaͤtze zu uͤberlaſſen. Dieſe gluͤckliche Zeit hat nur einige Jahre gedauert! Ein boͤſer Wind hat uͤber das Theater geweht; Equipa⸗ gen und Geſchwaͤtz ſind verſtoben. Bei der Invaſion von 1814 marſchirten der Graf Langeron und eine Menge ruſſiſcher Generale, die, ohne je nach Paris ge⸗ kommen zu ſein, doch unſre Sitten kannten und unſre Straßen wußten, geradezu bei ihrer Ankunft auf das Theater los. Sie glaubten dort die gute Geſellſchaft zu finden und taͤuſchten ſich. Seit die Conſtitution uͤber Frankreich aufgegangen, iſt der Foyer ſtill und die Da⸗ men gehen zu Fuß. Es iſt ausgemacht, daß ſeit der Reſtauration kein Wagen gekauft worden iſt. Alle, die wir geſehen haben, ſchreiben ſich noch von Napoleons Zeiten her. In der gegenwaͤrtigen nicht einmal mehr Einſpaͤnner. Das ſind die Reſultate der Repr entativ⸗ Regierung. Nachdem ich nun die 1001 Genuͤſſe geſchildert habe, welche ſonſt das Erbtheil der Herren und Frauen Schau⸗ ſpieler waren, muß ich nun auch die Kehrſeite der Me⸗ daille zeigen. Das ſonſt ſo wohlwollende Publikum hatte auch manchmal furchtbare Launen, und die ſo hoͤchſt ar⸗ tigen Großen maͤßigten ihre Vertraulichkeit durch ge⸗ waltige Inſolenz. Der Marſchall Richelieu ſchickte die Clairon ins Fort l'Evèque, und als Baron ſich beim Herzoge von Feuillade daruͤber beklagte, daß deſſen Leute 187 die ſeinigen gepruͤgelt haͤtten, entgegnete dieſer: aber, lieber Baron, warum haſt Du auch Leute? Eine damals ſehr natuͤrliche Antwort, die aber in einer Zeit, wo man weit eher eine Livree einem Menſchen ohne Titel, der ſie aber bezahlt, als einem Pair von Frank⸗ reich, der ſie nicht bezahlt, erlaubt, doch etwas imper⸗ tinent erſcheinen muß. Eine andere ſonderbare Eigenthuͤmlichkeit hinſichtlich der Schauſpielerinnen war die, daß man ſich ehedem, verheirathet oder unverheirathet, ſaͤmmtlich Mademoiſelle nannte, dagegen aber jetzt Madame. Heißt das nicht, ſie ſtets in eine Art von abgeſonderter Stellung ſetzen? Ich erinnere mich in dieſer Hinſicht einer jungen, huͤbſchen Schauſpielerin, die im vorigen Jahre als Zeuge vor einem Aſſiſenhof erſchien. Auf die Frage, ob ſie Maͤdchen oder verheirathet ſei, antwortete ſie: Herr Praͤſident, ich bin Schauſpielerin. Ich werde mich wohl huͤten, aus dieſer Anekdote Folgerungen zu ziehn, welche fuͤr Kuͤnſtler der Periode, in welcher wir leben, ſehr ungerecht ſein wuͤrden. Dies iſt bloß, nach dem jetzigen Modeausdrucke, eine Individualitaͤt. Jedermann weiß, daß es beim Theater vortreffliche Haus⸗ haltungen giebt, und viele Schauſpielerinnen ſehr tu⸗ gendhaft ſind.— Doch wir faſſen unſre Betrachtungen da wieder auf, wo wir ſie verließen. Die Verminderung der Vortheile bei dem Stande, von welchem wir ſprechen, mußte natuͤrlich auch eine 188 Verminderung des Andrangs zu demſelben nach ſich ziehn. Auch ſind allerdings ſeit langer Zeit die Maſſen der Darſteller weniger gedraͤngt, folglich auch die Ta⸗ lente ſeltner. und hierin liegt zugleich der Grund des Sinkens der Theater, und der nachtheilige Kreisgang⸗ in den es ſich geſtellt findet. Allerdings iſt heut zu Tage die Gleichguͤltigkeit des Publikums fuͤr die dramatiſche Kunſt und vorzuͤglich fuͤr Alles, was ſich auf das In⸗ nere der Kouliſſen und die Perſonen der Schauſpieler bezieht, viel groͤßer. Als vor etwa 50 Jahren Molé krank war, gerieth ganz Paris in Bewegung, und die Equipagen folgten eine der andern vor ſeiner Thuͤr. Kaum erfuhr man ſeine Wiedergeneſung und die Erlaub⸗ niß, welche ihm der Arzt gegeben hatte, einige Tropfen Bordeaur zu trinken, als in weniger als 2 Tagen ihm von allen Seiten mehr als 4000 Bouteillen davon zu⸗ geſchickt wurden. Man hat allerdings einen Theil die⸗ ſer Theilnahme ſich beim Verluſte Talma's erneuern ſe⸗ hen, aber dieſe Zeit, obgleich kaum erſt voruͤber, liegt doch ſchon weit hinter uns. Jetzt, welch ein Unterſchied! Eine große Darſtellerin hat ſich von der Buͤhne zuruͤck⸗ gezogen, und Paris weiß kein Wort davon. Man wundre ſich daher nicht mehr uͤber den Ver⸗ fall! Die Schauſpieler beduͤrfen der Achtung des Publi⸗ kums, ſie ſind nur ſo weit ſchaͤtzenswerth, als man ſie ſelbſt ſchaͤtzt, und haben zu ihrer Erhebung des Beifalls dringend vonnoͤthen. 1 189 Noch kann man mehrere andre Gruͤnde dieſes Sin⸗ kens angeben. Vor 1789 gab es fuͤr Menſchen von Phantaſie faſt gar keine Laufbahn, nur das Theater war eine. Es mußte daher eine Menge heißer Koͤpfe verfuͤh⸗ ren, die jetzt eine andre Richtung nehmen. Ja, wir ſcheuen uns nicht, es zu ſagen, Mancher, der jetzt bei einem Umtriebe figurirt oder auf der Rednerbuͤhne glaͤnzt, wuͤrde vielleicht, wenn die ehemaligen Verhaͤltniſſe noch ſtattfaͤnden, ein bewundernswuͤrdiger Schauſpieler ſein. Ein andrer charakteriſtiſcher Unterſchied zwiſchen der alten und neuen Ordnung der Dinge iſt die Erfindung der Klatſche(la claque), auf die uns unſer Gegenſtand nothwendig fuͤhrt. Man nennt naͤmlich beim Theater die handwerksmaͤ⸗ ßigen Beifallklatſcher ſo, die mittelſt einer Beſol⸗ dung den Schauſpielern geuͤbte und ſtarktoͤnende Haͤnde widmen und deren Enthuſiasmus ſich nach der Beloh⸗ nung richtet, welche ſie dafuͤr erhalten haben. Wahr⸗ ſcheinlich iſt es, daß dieſer Gebrauch, die bizarre Folge der Fortſchritte der modernen Induſtrie, bei den Alten nicht ſtattfand. Der Umfang ihrer Amphitheater, in de⸗ nen ein ganzes Volk zuſammenkam, ſetzte ihm ein unbe⸗ ſiegbares Hinderniß entgegen. Der geringe Haufen, welcher in unſern kleinlichen Saͤlen den Ruhm vertheilt, waͤre in dieſer Unermeßlichkeit verloren gegangen. um eine ſolche Maſſe zu erſchuͤttern, haͤtte es einer Armee von Klatſchern bedurft, und ungeachtet des guten Wil⸗ 190 lens der griechiſchen Darſteller, die ohne Zweifel nicht weniger Eigenliebe als die unſrigen beſaßen, zweifeln wir doch ſehr, daß ſie dieſe haͤtten bezahlen koͤnnen. Dieſelbe Urſache mußte auch unter den Roͤmern dieſelbe Wirkung hervorbringen. So blieb denn die Klatſche lange Zeit unbekannt. Und doch ſoll ſie unter dieſen letztern eben ihren Ur⸗ ſprung genommen haben, und dieſer ſogar koͤniglich ge⸗ weſen ſein. Der Kaiſer Nero naͤmlich beſaß, wie Je⸗ dermann weiß, die Eitelkeit, an Talent und Anmuth mit den Mimen und Saͤngern ſeiner Zeit wetteifern zu wollen. Verdruͤßlich eines Tages uͤber die Kaͤlte der Roͤmer, waͤhrend er auf der Buͤhne war, ſchickte der kaiſerliche Schauſpieler ſeine praͤtorianiſche Wache in das Amphitheater, um dort ſelbſt Beifall zu ſpenden, und das Publikum dazu anzuhalten. Dieſer Fuͤrſt iſt alſo der gluͤckliche Erfinder einer Kunſt, die ſeitdem ſehr ver⸗ vollkommnet worden iſt. Eine ſolche Einrichtung ver⸗ diente aber auch allerdings einen ſolchen Erfinder. Von dieſem Zeitpunkte an herrſcht in der Geſchichte der Kunſt, die uns jetzt beſchaͤftigt, eine ungeheure Luͤcke. Die Nachfolger Nero's und die griechiſchen Kaiſer ſpiel⸗ ten nach einander Rollen in blutigen Trauerſpielen, welche dieſe Art von Vergnuͤgung nicht zuließen. Spaͤ⸗ terhin verſchwand die dramatiſche Kunſt ganz, und die Civiliſation uͤberhaupt war dem Erloͤſchen nahe. Waͤh⸗ rend der ganzen Periode des Mittelalters, waͤhrend der 191 erſten Zeit ihrer Wiedergeburt, ja ſelbſt unter Ludwig XIV. findet man noch keine Spur beſoldeter Beifallſpen⸗ der. Unſtreitig hatten dieſes Geſchaͤft die Hoͤflinge die⸗ ſes Fuͤrſten, wenn er im Theater erſchien, uͤbernommen; ſie thaten es aber unentgeltlich. Erſt in unſern Tagen ſah man dieſes Skandal, das zuerſt ein gekroͤntes Haupt gegeben hatte, ſich erneuern. Unſtreitig hatten ehemals die Baron, Dufresne, Lekain oder wenigſtens ihre Kame⸗ raden getreue Freunde, die dem Publiko halfen, das Verdienſt dieſer Darſteller gehoͤrig zu wuͤrdigen, aber eine foͤrmlich organiſirte Truppe derſelben gab es noch nicht. Damals waren es, ſo zu ſagen, bloß tempo⸗ raͤre Milizen. Die ſtehenden Heere dieſer Art ſchreiben ſich von dem Erſcheinen zweier Koͤniginnen auf dem franzoͤſiſchen Theater her, deren Nebenbuhler⸗ ſchaft ganze Jahre lang Paris beſchaͤftigte und theilte, der Mesdemoiſelles G.... und D..„ 1804*). Jede dieſer Prinzeſſinnen ſendete, nicht zufrieden mit den un⸗ eigennuͤtzigen Beifallsbezeigungen, welche ſie erhielt, auch noch ſelbſt erwaͤhlte Leute in das Theater, um zu applaudiren. Die Dauer dieſes Kampfes bewirkte, daß dieſe Herren bei der Buͤhne eine angenehme Erxiſtenz fanden, die ſie natuͤrlich fuͤr immer zu verlaͤngern ſuch⸗ ten. Deshalb wandten ſie ſich heimlich an andre Kuͤnſt⸗ ler mit Antraͤgen, welche eben ſo heimlich angenommen *) Dem. Georges und Dem. Duchesnois. 19² wurden. Die Anſteckung wuchs, und nicht lange, ſo hatten ſich nur die rigoriſtiſchen Darſteller, das heißt, die bei weitem kleinere Anzahl, gegen dieſe Schwaͤche geſchuͤtzt. Die Lage dieſer ward aber dadurch auch ſehr gefaͤhrlich. Die bezahlenden Zuſchauer naͤmlich gewoͤhn⸗ ten ſich's, aus Furcht, mit den nichtbezahlenden verwech⸗ ſelt zu werden, am Ende ganz ab, zu klatſchen. Somit erhielten aber die ehrlichen Kuͤnſtler, die gewiß auch zu⸗ gleich talentvolle Kuͤnſtler waren, vom Parterre gar kein Zeichen des Beifalls mehr, und ſahen dagegen neben ſich die minder zartfuͤhlende Mittelmaͤßigkeit mit erkauften Applaudiſſements bedeckt. Das war aber noch nicht ge⸗ nug. Die bezahlte Truppe machte ihnen nun bald ſelbſt den Krieg. So wie dieſe auf die Buͤhne traten, huſtete, ſpuckte, ſchnaubte, nieſ'te dieſe. Sie mußten nachge⸗ ben oder auf ihren Stand verzichten. So gaben denn auch die Hartnaͤckigſten endlich nach, und ſelbſt Talma be⸗ zahlte ſeinen Tribut. Nun wurden denn die Klatſcher anerkannt, inſtallirt. Sie wurden Herren des Orts, wurden von da an in der That die Penſionairs des franzoͤſiſchen Theaters. Nachdem das erſte Theater dieſes Beiſpiel gegeben hatte, ward es bald von allen andern nachgeahmt. Jedes Schauſpielhaus hatte ſeine Truppe, der Nacheifer miſchte ſich darein, und man kennt die Wirkungen der Concurrenz. Manchmal exiſtiren ſogar zwei Compagnieen fuͤr daſſelbe Theater. In ſolchen Faͤllen muͤſſen die ungluͤck⸗ ſeli⸗ 193 ſeligen Schauſpieler ihren Kuchen dem einen wie dem andern Cerberus vorwerfen, ſonſt bellt die ganze Meute, die er dirigirt, gegen ſie. In einem unſrer erſten Thea⸗ ter bezeichnet man ſie mit dem Namen der alten und jungen Klatſche, wie man ſonſt die alte und junge Garde hatte. Die Alten ſind Gewohnheitsmenſchen, die im gewoͤhnlichen Gleiſe fortgehn; ihre Nebenbuhler aber machen Neuerungen, ſie haben die Chatouilleurs (die Kitzler) erfunden: dies ſind die Romantiker der Klatſche. Die Direktoren dieſer Inſtitute, wie ſie ſich ſelbſt nennen, fuͤhren groͤßtentheils ein ſehr glaͤnzendes Leben. Mehrere davon haben ein Haus und halten Eanipagen. Man behauptet, daß der Chef einer ſolchen Truppe bei einem unſrer kleineren Theater ſeinen Antheil um 20,000 Francs vor einem Notar verkauft habe. Es ſoll merkwuͤrdig ſein, wie man verſichert, den Unterhaltungen dieſer Direktoren mit den Schauſpielern und vorzuͤglich mit den Schanſpielerinnen zuzuhdren, um bei dieſen zu Hauſe die Dienſt⸗Billets abzuholen. An Tagen großer Feſtlichkeiten ſchließen ſie ſich zu gan⸗ zen Stunden zuſammen ein. Da berathſchlagt man denn gemeinſchaftlich, und verſteht ſich mit einander uͤber die Stellen, wo man lachen und uͤber die, wo man weinen muß. Bei der Stelle wird man außer ſich gerathen und Bravo ſchrein, bei jener wird man ſich vor Lachen ausſchuͤtten.—„Sie ſollen mich bei der Stelle nicht III. 9 194 beklatſchen“ ſagt Mademoiſelle...,„die naͤchſtfolgende wird noch mehr Effekt machen. Es liegt mir auch daran, daß Sie meine große Tirade nicht unterbrechen.“— „Aber, Madame, Sie werden entzuͤckend darin ſein.“— „Kann ſein, aber ich will die Applandiſſements erſt am Ende alle zuſammen haben. Dann wird's der Strom werden, der den Damm zerbricht, und ich erlaube Ih⸗ nen, ſo weit zu gehen, wie Sie nur immer wollen.“ „Apropos, mein Lieber, ich ſpiele dieſen Abend meine Hauptrolle; Sie muͤſſen meinen großen Eintritt be⸗ ſorgen.“—„Nehmen Sie ſich in Acht, das Publikum koͤnnte Sie bſten.“—„Ich will aber meinen gro⸗ ßen Eintritt haben! Hortenſe hat den ihrigen geſtern gehabt.“— Der Leſer muß nehmlich wiſſen, daß der große Eintritt jenes laͤrmende Beifallklatſchen be⸗ zeichnet, das alle Darſteller bei ihrem Erſcheinen auf der Buͤhne empfaͤngt. Dann ſpielen alle Batterien zu⸗ gleich, und oft zu wiederholtenmalen. Dieſe Gunſt wird denjenigen Schauſpielern zu Theil, die das Publikum beſonders liebt, und wenn die andern ſich derſelben an⸗ maßen wollen, werden ſie ge⸗bſtet, das heißt, das Publikum gebeut Stille! Es giebt auch einen kleinen Eintritt, das ſind nehmlich leichte Beifallszeichen, die man mit den Fingerſpitzen giebt, und wobei man freund⸗ lich murmelt. Man ſpendet dieſe denjenigen Kuͤnſtlern, die nahe an der allgemeinen Gunſt ſind, ohne dieſe doch ſchon zu beſitzen. 11. . 195 Im Beginn der Klatſchkunſt wohnten die Chefs den Proben bei, damit ſie fuͤr das Werk eine Art Maaß danach nehmen konnten. Ich erinnere mich in dieſer Hinſicht, daß ich nach der erſten Generalprobe meines erſten Schauſpiels im Dunkel der Kouliſſen einen jun⸗ gen Mann mit ſanfter Stimme und angenehmen Ma⸗ nieren auf mich zukommen ſah.„Ich bin,“ ſagte er zu mir,„ungemein mit Ihrem Schauſpiele zufrieden; es liegt etwas zu applandiren darin.“ Ich er⸗ kundigte mich nach dem Namen dieſes jungen Stutzers, und erfuhr, daß es der Herr Direktor ſei. Dieſe Ge⸗ wohnheit, ſich in Kenntniß der Stuͤcke zu ſetzen, iſt jetzt ganz aus der Mode gekommen. Man hat ſich zu oft in der Art verrechnet. Manche Stelle, die bei der Probe wirkungsvoll geſchienen, hatte bei der Vorſtellung gar nichts gemacht, und eine andre zum Weinen oder Lachen gebracht, die dort unbemerkt voruͤbergegangen war. Es iſt daher beſchloſſen worden, daß die Herren unterm Kronleuchter ganz unvorbereitet in die erſten Vorſtellun⸗ gen kommen, und um zu applaudiren, den Eindruck, den Dies oder Jenes auf das Publikum macht, abwarten ſollten. So geſchieht's in der Regel. Wahr iſt's jedoch nicht, was viele Leute glauben, daß der mittelmaͤßigſte Kuͤnſtler mit Beihuͤlfe dieſer be⸗ zahlten Klatſcher wann und ſo viel er will, ſich Beifalls⸗ bezeugungen verſchaffen kann. Das iſt nur an einſamen Tagen moͤglich, aber ſobald die Bezahlenden die Majo⸗ 9* 196 ritaͤt haben, unterdruͤcken dieſe ſchnell einen beſtochnen Eifer, und zeigen ſich nur in ſo weit freundlich geſinnt, als ſie ſich befriedigt fuͤhlen. Summa; die Darſteller haben nur ſo viel Wohlgefallen zu erwarten, als ſie ver⸗ dienen. Die Klatſcher ſind bloß der Arm des Publi⸗ kums, ſo zu ſagen. Iſt das Publikum zufrieden, ſo laͤßt es den Arm handhaben, iſt es dies nicht, ſo haͤlt es ihn an. Auch gelingt es den Kuͤnſtlern, ſeit ſie ſich wegen des Gelingens in Unkoſten ſchlagen, bei weitem nicht mehr, ja ich moͤchte ſogar ſagen, viel weniger; denn da wohlerzogene Leute es anſtaͤndig finden, gar nicht zu klatſchen, ſo ſind die Zeichen des Beifalls nie allge⸗ mein. Die Klatſcher haben beim Schauſpieler dieſel⸗ ben Eigenſchaften wie der Iſolirſtuhl. Sie ziehen die ganze Elektricitaͤt des Orts an ſich. Der uͤbrige Theil des Saals bleibt Eis.* Einleuchtend iſt es, daß nachdenkende Kuͤnſtler nur hoͤchſt ungern einen Tribut bezahlen, der ihnen mehr nachtheilig als nuͤtzlich iſt. Ich begreife jedoch recht wohl, daß ſie es muͤſſen. Es gehoͤrte eine mehr als menſchliche Kraft dazu, dem zu widerſtehen. Vor Allem eine gaͤnzliche Ablegung aller Eigenliebe, die man von Menſchen, deren Eigenliebe ihre ganze Exiſtenz iſt, we⸗ der erwarten, noch ſelbſt verlangen kann. Zwiſchen der Abgabe, die man ſich entreißen laͤßt und den freiwilligen Geſchenken, die man verſchwendet, giebt es aber eine Mittelſtraße. In dieſer Hinſicht ſind viele Schauſpieler, 197 wie man nicht leugnen kann, von einer beklagenswer⸗ then Schwaͤche.„Was werden Sie denn mit Ihren Billets machen?“ fragte mich am Abende vor einer er⸗ ſten Vorſtellung eine geiſtreiche Schauſpielerin, die ſich jetzt vom Theater zuruͤckgezogen hat.—„Ich werde ſie meinen Freunden geben.“—„Das thun Sie ja nicht. Die Freunde, ja, die Freunde! Das Herz ſchlaͤgt ihnen wohl, aber die Haͤnde nicht. Geben Sie Ihre Billets meinen kleinen jungen Menſchen.“ Die Schauſpieler begnuͤgen ſich nicht damit, an ihre Ritter die Billets, welche ſie erhalten, zu vertheilen, einige abonniren ſogar deshalb, und geben jaͤhrliche Pen⸗ ſionen. Ich koͤnnte ſogar eine gewiſſe Theaterverwal⸗ tung anfuͤhren, die den Herrn Generaldirektor bezahlt. Wir haben eben geſehen, daß das bezahlende Publi⸗ kum uͤber die Herren vom Kronleuchter eine thaͤtige und ſtrenge Kontrolle ausuͤbt. Wir bemerkten, daß das Par⸗ terre nur dann applaudiren laſſe, wenn es zufriedenge⸗ ſtellt ſei, und man koͤnnte noch hinzufuͤgen, daß ein un⸗ zeitiger Beifall oft mit lautem Pfeifen beſtraft wird. Daher koͤnnte man fragen, was denn ſomit der Nachtheil der bezahlten Applaudiſſements ſei? Dieſer, daß durch ihre Schuld es heut' zu Tage gar kein Publikum mehr giebt. Ich werde mich deshalb naͤ⸗ her erklaͤren. Sonſt gab es in unſerm Parterre eine Menge ſteter Theaterbeſucher, die ſich ein Vergnuͤgen daraus machten, 198 einen jungen Kuͤnſtler zu bilden. Sie folgten ihm, ſo zu ſagen, Schritt vor Schritt, ermunterten ihn, wenn er auf gutem Wege war, und warnten ihn, wenn er ſich davon entfernte. Ihr Beifallſpenden, ihre Bravo's, ihr Gemurmel, ja ſelbſt ihr Stillſchweigen belehrten und reizten einen Darſteller. Es waren dies nicht die theo⸗ retiſch⸗kalten Lehrſtunden des Conſervatoriums, es war ein belebter, lebendiger, praktiſcher Unterricht. Damals gab es im Schauſpielhauſe eine Art von elektriſchem Fluido, das ohne Unterlaß vom Schauſpieler zum Publiko und vom Publiko zum Schauſpieler ſtroͤmte. Dieſe Kunſt⸗ liebhaber waren groͤßtentheils Maͤnner von maͤßigem Ver⸗ moͤgen und ſie ſetzten ſich wegen der billigern Preiſe ins Parterre. Das Eindringen der Klatſcher hat ſie von dort vertrieben, und da de Preiſe des Balkons und Or⸗ cheſters zu hoch fuͤr ſie waren, haben ſie ſich gaͤnzlich zerſtreut. Es giebt daher keine ſtete Beſucher(habitués) mehr in unſern Theatern; das heißt, es giebt wohl Zu⸗ ſchauer, aber keine Richter mehr. Denn obgleich die Herren unterm Kronleuchter den Eindruck, den Etwas aufs Publikum macht, ſtudiren, ſo koͤnnen ſie doch den Kuͤnſtlern nicht nuͤtzlich werden. Sie ergreifen aller⸗ dings die materiellſten Effekte, aber dieſe halben Tinten, dieſe zarten und unmerklichen Nuͤancen, die groͤßtentheils das Talent ausmachen, entgehen ihnen. Auch bezeichnen ſie die Fehler ganz und gar nicht Was entſteht alſo varaus? Daß die heutigen Darſteller es gar nicht mehr 199 wagen, an ihr eigenes Gelingen zu glallben. Ich ſagte einmal einem der ausgezeichnetſten Kuͤnſtler des franzd⸗ ſiſchen Theaters etwas Verbindliches:„Sie meinen alſo wirklich, ich habe gut geſpielt?“ entgegnete er.—„Sehr gut: Sie konnten es ja auch aus dem Beifall ſehen, der Ihnen zu Theil ward.“—„Ach,“ antwortete der wuͤr⸗ dige Kuͤnſtler,„ich weiß nur zu gut, wie der gemacht wird. Vergleiche man dieſe Lage eines Schauſpielers, der an ſich ſelbſt zweifelt, mit der der Darſteller von ſonſt. Ich habe von Preville folgende Anekdote erzaͤhlen hoͤren. Eines Tages, wo dieſer große Kuͤnſtler vielen Bei⸗ fall erworben hatte, kam er ganz verdruͤßlich hinter die Kouliſſen.—„Was haſt Du denn?“ fragte ihn einer ſeiner Kameraden.—„Ach, ich bin nicht aus dem kleinen Winkel beklatſcht worden!/ Damit bezeichnete er einen Platz im Parterre, wo einige kenntnißreiche Schauſpielfreunde ſaßen. Einen Augenblick nachher trat er wieder auf, uͤbertraf ſich ſelbſt, und ging ganz wonneſtrahlend ab. Der kleine Winkel hatte ihn mit Entzuͤcken beklatſcht. Ach es giebt heut' zu Tage keinen kleinen Winkel mehr!... Ich kann dieſes nur allzulange Kapitel nicht been⸗ den, ohne noch zu einer letzten Betrachtung zu kommen. Ein Umſtand, der, meinem Beduͤnken nach, nicht weni⸗ ger als die Einfuͤhrung der Klatſcher zum Sinken der tragiſchen Kunſt in Frankreich beigetragen hat, iſt die 200 faſt gaͤnzliche Vernichtung des Vorurtheils gegen die Schauſpieler. Dieſes Vorurtheil war ein Schlagbaum, der die Mittelmaͤßigkeit zuruͤckhalten mußte. Um uͤber ihn hinauszuſchreiten, mußte man entweder einen unwi⸗ derſtehlichen Beruf fuͤhlen, oder die grenzenloſeſte Aus⸗ gelaſſenheit bekennen, was auch ſchon wieder eine Art von Beruf iſt. Denn nur große Leidenſchaften ſind es/ die große Darſteller bilden. Seit der Revolution iſt das ganz anders. Die thea⸗ traliſche Laufbahn iſt eine Laufbahn, wie ungefaͤhr jede andre. Man ergreift ſie, ohne Geſchmack dafuͤr zu ha⸗ ben, aus Gelegenheit, Verhaͤltniſſen nach. Oft ſelbſt waͤhlen ſie die Aeltern fuͤr ihre Kinder. Was folgt daraus? Daß die heutigen Darſteller groͤßtentheils gute Ehemaͤnner, gute Buͤrger, gute Bruͤder und abſcheuliche Schauſpieler ſind. Es iſt dies eine Wahrheit, deren Be⸗ kenntniß zwar traurig; aber, einige wenige Ausnahmen abgerechnet(und zu dieſen mag ſich Jeder ſelbſt zaͤhlen), iſt von dem Tage an, wo die Sittlichkeit ins Theater eingezogen iſt, das Talent daraus entwichen. Caſimir Bonjour. Die Barriere des Mont⸗Parnasse. — „Haben Sie Baͤlle(billes) machen ſehn?“—„Schoͤne Frage! Als ob Sie nicht wuͤßten, daß ich alle Tage ins Café Devissères am Mont⸗Parnaſſe gehe, und dort Herrn von Montzaigle ſpielen ſehe, der keinen Ball un⸗ gemacht laͤßt!“—„Eine ſchoͤne Mode, Jemanden zu unterbrechen, ehe er ausgeſprochen hat, und ſeinen eig⸗ nen Ideen zu folgen! Ja, ja, ſo ſind ſie Alle! Wer re⸗ det denn vom Billard? Ich frage, ob Sie Baͤlle haben machen ſehen, ich meine nehmlich jene kleinen Kuͤgelchen von Marmor, die man in der Schule von Vendome Canettes(jungen Enten) nennt, und die ſeit langer Zeit ſchon einen weſentlichen Beſtandtheil des Spielzeugs fuͤr Kinder ausmachen?“—„Nein, nie.“—„Nun denn, ſo muͤſſen Sie wiſſen, das Nichts einfacher iſt, als die Art und Weiſe, wie man ſie rund bekommt. Man hat eine Maſchine, ungefaͤhr von der Art, wie ſie 202 die Limonadiers haben, um ihren Kaffee etwas gar zu ſtark zu brennen, und ſteckt in dieſe eine gewiſſe Anzahl von Marmorſtuͤckchen, worauf man dieſe unausgeſetzt um⸗ dreht. Durch dieſes Reiben an einander runden ſich die Ecken ab, verſchwinden ganz, und ſtatt ungleicher, eckiger Stuͤcke findet man zuletzt bloß voͤllig runde und vollkommen gleiche Kuͤgelchen. Das iſt das ganze Ge⸗ heimniß. „So wollte ich doch, daß der Teufel mich.. „Still doch! keine Perſonalitaͤten gegen den Leufa und weshalb denn?“—„Nein, ſo will ich doch auf der Stelle gehangen werden, wenn...“—„Auch gut! Meinungen ſind frei, und das nenne ich mir doch von Herzen weg ſprechen. Bei der Gelegenheit erinnere ich mich ſehr gut, daß ich Herrn von Saint Simon, der gewiß nie an ſeine Gottlichkeit dachte, habe ſagen hoͤ⸗ ren, daß die Furcht vorm Haͤngen in Frankreich ſtets ein Haupthinderniß zum Emporkommen ausgezeichneter Maͤnner in der buͤrgerlichen Geſellſchaft ſein werde. Ich ſehe mit Vergnuͤgen, daß Sie dieſes Vorurtheil nicht haben.“—„Wenn Sie mich unterbrechen... „Ich bezahle Sie nur mit gleicher Muͤnze.“—„Nun denn, ſo ſage ich Ihnen ganz offen, daß ich nicht weiß⸗ was das mit Ihren Kuͤgelchen heißen ſoll.“—„und doch iſt nichts einfacher als das. Meine Kuͤgelchen ſind die Menſchen, ſind Sie, bin ich. Dieſe Civiliſation, wie Sie ſie nennen, iſt nichts Anderes, als die Reibung, 203 welche an uns Allen wieder andre runde und ſymmetriſche Kuͤgelchen hervorbringt. Es giebt unter den Indivi⸗ duen derſelben Klaſſe keine Originalmuſter mehr. Be⸗ merken Sie denn nicht auch eine vollkommene Gleich⸗ heit der Sitten, des Geſchmacks, der Koſtuͤme, der Sprache, bei allen den Leuten, die in demſelben geſelli⸗ gen Kreiſe leben?— Gluͤcklicherweiſe iſt das anders, wenn man ſeine Umgebungen aͤndert, wenn man ſich von der gewoͤhnlichen Geſellſchaft entfernt, um mitten unter einer andern Bevoͤlkerung zu leben. Niemand gleicht mehr einem Bewohner der Chauſſee d'Antin, als ein anderer Bewohner dieſer Chauſſée d'Antin. Wer einen Salon der Vorſtadt Saint Germain kennt, kennt ſie alle, und wenn nicht die Farbe der Haare und die Verſchiedenheit des Wuchſes waͤre, ſo weiß ich in der That nicht, welchen moraliſchen Unterſchied man zwiſchen einem Handelsagenten und einem andern Handelsagen⸗ ten finden koͤnnte. Alles das iſt in derſelben Form gegoſſen. Seit unter den Voͤlkern ein Tauſch⸗Verkehr der Moden und Gewohnheiten ſich eingerichtet hat, be⸗ merkt man kaum, wenn man uͤberall in Europa dieſelbe Geſellſchaft wiederfindet, daß man nicht mehr an dem⸗ ſelben Orte ſei. Iſt nicht Paris eine große Tabagie geworden, die in NRichts irgend einer Stadt in Holland nachſteht? Haben wir nicht von den Ruſſen zum Aus⸗ tauſch fuͤr unſern Champagnerwein die weiten Pantalons 4 204 entlehnt, welche die Stiefeln vorm Kothe ſchuͤtzen? Setzt euch in eine Poſtchaiſe und wacht erſt in Mailand auf, laßt euch dann in einem Salon nach der Mode vor⸗ ſtellen, und ihr werdet, nur Weniges abgerechnet, glau⸗ ben, noch in einem Salon von Paris zu ſein. Wenn ich, ein Mann des Volks, ein Liebhaber naiver und ſelbſt ein wenig ungeregelter Luſtbarkeiten, ein taͤglicher Beſucher der Kneipen vom Monte Teſtaccio in Rom und der Kneipen Cascina de' Poveri in Mailand bin, ſo werde ich mich weder in der Courtille, noch auf der lle d'Amour in der Fremde fuͤhlen: ich werde nur die Verſchiedenheit der Sprachen als einzige Verſchiedenheit bemerken, aber ein und daſſelbe Gemaͤlde vor den Au⸗ gen haben. Es wird ein Phoͤnix⸗Durſt ſein, der im⸗ mer von ſelbſt wieder jung wird, Tiſche mit frohen Gaͤſten beſetzt, Laͤrmen, aber Vergnuͤgen, und uͤberall jenes erhabene Vergeſſen des folgenden Tages, das un⸗ truͤglichſte Kennzeichen der Philoſophie, die von ſich ſelbſt nichts weiß; und das iſt eben die gute. Wollt ihr alſo neue Sitten ſehen, ſo wandert deshalb nicht außer Landes; ihr werdet uberall dieſelben Salons, dieſelben Frauen, dieſelben Maͤnner ſinden. Aendert bloß euer Viertel: lebt, wo ihr auch ſein moͤgt, ortge⸗ maͤß. Nehmt Theil an den Spielen, an den Vergnuͤ⸗ gungen, an den Gewohnheiten der Mitbewohner. Mögt ihr nun eure Wohnung in der Vorſtadt Saint Honoré, oder auf der Straße Richelien haben, moͤgt ein ſteter 205 Beſucher des italieniſchen Theaters ſein, oder euch die Pein einer Vorſtellung im Feydeau auflegen: bringt nur einen Tag auf dem Mont⸗Parnaſſe zu, und ſpeiſt dann im gruͤnen Gitter bei der Mutter Saguet das beruͤhmte Sauerkraut, und ihr ſollt mir dann wiederſagen, ob der Mont⸗Parnaſſe, den ihr von den meiſten ſeiner Bewoh⸗ ner Mont⸗Pernaze werdet nennen hoͤren, nicht eine neue Welt fuͤr euch ſein wird. Glaubt uͤbrigens aber ja nicht, daß der Mont⸗Parnaſſe nicht zu der Parthei der Bewegung, des Fortſchreitens, oder wie man das Ding ſonſt heißen moͤge, gehoͤre. Ihr werdet dort eine Sprachneuerung finden, die man in einer der ſchaͤtzens⸗ wertheſten Klaſſen der Geſellſchaft gemacht hat. Habt ihr manchmal Acht auf die à la boule⸗Spieler des Vier⸗ ecks Marigny in den eliſaͤiſchen Feldern gehabt, ſo wißt ihr, daß ſie der Kugel, welche ihr Zielpunkt iſt, den ehr⸗ wuͤrdigen Namen des Ferkelchens(cochonnet) geben; nun denn, die à la boule⸗Spieler des Mont⸗Parnaſſe haben die Sache gruͤndlich kurirt; ja, ſie nennen mit einer kuͤhnen Neuerung dieſe Kugel die Kleine; und dieſes ſcheint mir deutlich den Vorſchritt des Jahrhun⸗ derts, das Beduͤrfniß, weiter zu ſtreben, zu beweiſen. Was giebtes nicht Alles auf dem Mont⸗Parnaſſe! Kein Viertel in Paris hat ſeit 15 Jahren ſo viele neue Haͤuſer aufzuweiſen. Kaum ſind noch einige wenige von den Akazien uͤbrig geblieben, die ſonſt eine Allee von der Barriere an, bis da, wo die Chauſſée von Maine ein⸗ 206 tritt, bildeten. Alles iſt bebaut, und man muß auf die⸗ ſer Seite ziemlich weit von Paris ſich entfernen, um ins freie Feld zu kommen. Und unter allen dieſen Ge⸗ baͤuden kein einziges Familienhaus; Alles iſt dem Publiko geweiht. Es giebt dort nur Wirthshaͤuſer, Café's und Schaͤnken, wo jeden Abend ein ſtehendes Orcheſter die frohen Banden ſpringen laͤßt, die ſich dort anhaͤufen. Ach! wie ſuͤß und gewuͤrzig iſt die Luft aus einer Goſſe ſogar, wenn man von einem ſolchen Balle kommt! Die Naͤhtermaͤdchen der Sovres⸗Straße und der Straße der al⸗ ten Tuilerien ſind dort die ſteten Zierden, ſo wie eine große Menge der Strumpfſtrickerinnen, die gewoͤhnlich im Theater von Bobino zu finden ſind. Der glaͤnzendſte dieſer Vereine iſt unſtreitig der Ball im Damen⸗Elyſio. Man pruͤgelt ſich dort ſeltener, die Municipalgarde hat dort weniger zu thun, kurz, es herrſcht ein beſſrer Ton daſelbſt. Vor ungefaͤhr zwei Jahren machte ein Zoͤgling der Rechtsſchule dort die Krone; er hatte in dem nicht eben anſtaͤndigen Tanze, den man bald den Cancan, bald den Chahut nannte, einen wenigſtens eben ſo großen Ruf erworben, wie Trénis zu ſeiner Zeit in der Gavotte. Und ſein Name, den ich ſelbſt nicht weiß, ſoll nicht auf die Ewigkeit uͤbergehen?! Da ſieht man, was es heißt, ſeinen Schauplatz nicht gehoͤrig zu waͤhlen! Ich trat einſt ins Damen⸗Elyſinm mit unſerm Freunde Pierre Lahalle, den ihr bei der Mutter Saguet mit dem dicken Abel Hugo, ſeinem Bruder Victor⸗ 207 Charlet, David, ſeinem unzertrennlichen Dupré und einer Menge andrer in den Kuͤnſten und Wiſſenſchaften aus⸗ gezeichneter Maͤnner ebenfalls finden koͤnnt. In jedem Alter giebt es gewiſſe koͤſtliche Augenblicke, wo man mit Vergnuͤgen wieder zum Schuͤler wird. Pierre und ich waren in dieſer Stimmung. Um einen Tiſch her, aus deſſen Mitte ſich eine Bierflaſche wie ein nicht gothiſcher Thurm erhub, bemerkte ich eine wackre Buͤrgerfamilie, beſtehend aus dem Vater, der Mutter, einem jungen Maͤdchen und einem Knaben. Ich beſchloß, mit dem Maͤdchen zu tanzen, und gab mich, den Geſetzen des hei⸗ ligen roͤmiſchen Reichs zum Trotz, aus eigner Macht⸗ vollkommenheit fuͤr einen deutſchen Prinzen aus. Nachdem ich nun auf der Stelle Lahalle den Titel eines Ober⸗ ſtallmeiſters, oder vielmehr eines Freundes des Prinzen, gegeben hatte, trat er ſogleich auch ſeinen Poſten an und lud die junge Perſon mit voͤllig diplomatiſchem Ernſte ein.„Mademoiſelle,“ ſagte er zu ihr,„der Fuͤrſt, mein Herr, welcher incognito reiſet, hat auch dieſe Anſtalt hier beſuchen wollen, und wuͤnſcht nun Ihnen die Ehre zu erzeigen, mit Ihnen zu tanzen.“ Ich ſah verſtohlen zu, und war ſehr uͤberraſcht, wie man dieſe Einladung mit einem Entzuͤcken der Eitelkeit annahm, fuͤr die Naͤhtermaͤdchen nicht minder empfaͤnglich ſind, als vor⸗ nehme Damen. Indeß war ich ruhig an meinem Platze geblieben, zu dem nun Lahalle meine Taͤnzerin fuͤhrte, und der Contretanz begann. Die erſte Tour ging, wie 208 aͤberall, auf die alleranſtaͤndigſte Art vor ſich; kaum aber ließ das Orcheſter die Muſik zur zweiten vernehmen, und ich hatte ſchon den einen Fuß in der Luft, als ich das Verſchwinden meiner Taͤnzerin bemerkte. Sie hatte die Flucht ergriffen. Eine Nachbarin bot ſich hoͤflichſt an, ihre Stelle zu vertreten, und ich lachte nicht daruͤber, um meinem improviſirten Stande nicht zu widerſprechen. Nach einigen Minuten kam meine erſte Taͤnzerin wieder ganz außer Athem zuruͤck, und entſchuldigte ſich aufs Angelegentlichſte. Auf meine Frage, weshalb ſie denn ſo auf einmal an ein anderes Ende des Saales davon gelaufen ſei, antwortete ſie mir:„Ach du mein Gott, ich ſah da einen Herrn, der meinem Couſin eins mit einem Bankbeine verſetzte.“ Als der Tanz vorbei war, zogen wir naͤhere Erkundigung ein, und erfuhren, daß die Gensd'armerie ſich beider Kaͤmpfer bemaͤchtigt habe. Ich habe deſſen bloß hier erwaͤhnt, um zu beweiſen, daß ich nicht zuviel geſagt habe, wenn ich behauptet, daß im Damen⸗Elyſio ein recht anſtaͤndiger Ton herrſche. Im Apolloſaale, bei Richefen, und bei Vater Prevot tanzt man auch, es geht aber dort weniger zart zu. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber wenn man dort tanzt, ſo herrſcht ſelbſt in freier Luft jener Geruch, den man hoͤf⸗ licher Weiſe den Geruch von eingeſchloſſner Luft neunt. Wenn ihr durch die Barriere des Mont⸗Parngſſe ge⸗ gangen ſeid, erblickt ihr auf der andern Seite des Bou⸗ leward, links und faßt gerade gegenuͤber, den ſehr groß 209 geſchriebenen Namen Guerin. Dies iſt eine Schaͤnke, die einer Art von Eigenthuͤmlichkeit ſich erfreut. Ihr Toͤnnt zwar immerhin ſchwoͤren, daß ihr nie hineintreten werdet, aber ihr ſeid nicht eben ſo gewiß, daß ihr nicht einmal vor der Thuͤre derſelben ſtehen bleibt: denn hier iſt das gewoͤhnliche Stelldichein der Leichenbegleiter vom Kirchhofe des Mont⸗Parnaſſe, und manchmal haͤlt alſo der Leichenwagen dort an. Hier iſt auch der Ort, wo eine Menge untroͤſtlicher Ehegatten, welche Blumen auf die Graͤber ihrer Frauen ſtreuen wollen, ſich dazu ſtaͤrken. Da dieſer Punkt des Mont⸗Parnaſſe uͤberhaupt ſehr vielen Stoff zu Betrachtungen darbietet, ſo blieb ich eines Tages dort ſtehen, um zu ſehen, was vorgehen wuͤrde, und einige von den improviſirten Scenen mit zu erleben, von denen wir auf unſerm Theater nur un⸗ vollkommene Nachahmungen haben. Vor der Schaͤnke ſaßen an einem Tiſche zwei luſtige Geſellen, welche viel lachten und nicht weniger tranken. Als ſie ihren Witz⸗ reden, die ſie ſtets mit einem ſelbſt erbauten Weine zu 8 Sous das Maaß anfeuchteten, ſo mit einander aus⸗ tauſchten, trat ein Kamerad zu ihnen, der ein kleines Kind von 6 Jahren fuͤhrte. Natuͤrlich luden ſie ihn ein, er ſchlug es aber ab.„Nein,“ ſagte er,„es iſt heut der Jahrestag meiner Frau, und ich hab' es Po⸗ lite verſprochen, daß ich ſie mitnehmen wolle, um ihre Mama zu beweinen.“ Das Kind hatte in der That ei⸗ nen Immortellenkranz in der Hand. Bald aber kam 9 NX 210 bei dem Anblicke der vollen Purpurglaͤſer dem guten Wittwer der Gedanke in den Kopf, daß es ja doch ein wenig fruͤher oder ſpaͤter immer noch Zeit ſei, auf den Kirchhof zu gehen. Er ſetzte ſich alſo an den Tiſch, und das Kind plagte ihn nun immer mit dem Erinnern: „Ich will Mama beweinen.“—„Nicht doch,“ ant⸗ wortete der Papa, ſchon etwas roth vom Weine wie vom Verdruß:„Du ſollſt nicht gehen.“—„Ich will aber Mama beweinen, ich!“—„Ich ſage Dir aber, daß Du nicht ſollſt. Du biſt dazu die ganze Woche hin⸗ durch viel zu ungezogen geweſen.“— Und da das arme Kind immer noch nicht aufhoͤrte, ſo konnte es bei der vaͤterlichen Zuͤchtigung, die ihm beigebracht ward, wei⸗ nen genug. So feierte denn ein guter Ehemann, ein zaͤrtlicher Vater in der Schaͤnke den Jahrestag ſeiner Frau. Was nicht das Beiſpiel thut!— Als ich mich von dieſer ruͤhrenden haͤuslichet! Scene entfernte, ſah ich von Gusrin zwei bejahrte Maͤnner herauskommen, in vollſter Trunkenheit, mit Allem, was man ſich nur Ekelhaftes dabei denken dann; und roth! ein Ziegelſtein haͤtte noch weiß ausgeſehen, wenn man ihn auf die Backen des Mindeſtgefaͤrbten gelegt haͤtte. Ich folge ihren ſchwankenden Bewegungen, und es war ein hinreißendes Schauſpiel, zu ſehen, wie ſie uͤber eine der Barrieren zu gelangen ſuchten, die am Eingange der Wege an den Seiten der Boulewards ſich befinden. Nach mehreren nutzloſen Anſtrengungen, in⸗ 211 dem ſie ſich nicht trennen wollten und doch auch nicht Beide neben einander hindurch kommen konnten, lehnten ſie ſich an die Einſchließungsmauer, und da entſpann ſich zwiſchen meinen beiden Philoſophen folgendes, von ſchweren Weinſtockungen und haͤufigen Weinſeufzern unterbrochenes Zwiegeſpraͤch.„Kennſt Du Gauthier?“ —„Welchen denn?“—„Ich frage, ob Du Gauthier kennſt?“—„Ich kenne zwei; den kleinen und den großen Gauthier.“—„Den kleinen meine ich“— „Nun ja doch; was iſt denn dem kleinen Gauthier paſ⸗ ſirt?—„Was ihm paſſirt iſt? ſiehſt Du, er iſt arre⸗ tirt worden, weil er zu einer Bande gehoͤrte.“—„Es iſt nicht moͤglich!“—„Ich ſage Dir aber, ja! Ich habe ihn ja vorm Aſſiſenhofe richten ſehn, wo er zur Todesſtrafe auf fuͤnf Jahre verurtheilt worden iſt.“— Dies iſt buchſtaͤblich wahr, und nicht unbemerkenswerth ſcheint mir die Vermiſchung zu ſein, die der Poͤbel, wenn er betrunken iſt, mit den verſchiedenen vom Ge⸗ ſetze diktirten Strafen anſtellt. Todesſtrafe auf 5 Jahre! Man wird ſchwerlich einen Tag, beſonders aber kei⸗ nen Sonntag, finden, wo nicht auf dem Mont⸗Parnaſſe aͤhnliche Auftritte vorfielen. Da giebt's ein Zuſtroͤmen, ein Laͤrmen, eine Bewegung! Und nichts Selteneres un⸗ ter allen dieſen Maͤnnern, Frauen und Kindern, die ſich draͤngen, ſtoßen und rufen, als auch nur ein trauriges Geſicht, wenn man nicht wenigſtens dem Eingange des Kirchhofes ganz in die Naͤhe kommt. Dieſer Friedhof 212 hat, meinem Beduͤnken nach, etwas Einfacheres und folglich auch Feierlicheres und Froͤmmeres, als der Kirch⸗ hof des Pater Lachgiſe, wo man zu viele Beweiſe der Ungleichheit der Menſchen findet, die ſich noch uͤber das Nichts hinaus erſtreckt. Nicht als ob es nicht auch auf dem weſtlichen Kirchhofe einige privilegirte Graͤber, ci⸗ nige Verweſungen von Diſtinktion gaͤbe, aber es ſind deren nur wenige. Die prunkenden Marmordenkmaͤler ſind dort ſelten. Weiße und einfache Saͤulen erheben ſich uͤber den Reſten einiger Zoͤglinge der polytechniſchen Schulen, als ehrenvolle Achtungsbeweiſe, welche Schul⸗ kameraden ihren betkauerten Mitgenoſſen gewidmet ha⸗ ben. Eine Inſchrift auf einer dieſer Saͤulen erinnert an den Namen des jungen Vaneau, der beim Angriffe auf die Kaſerne de Babylone getoͤdtet ward. An andern Punkten zeigen dreifarbige, mit Lorbeeren umwundene Fahnen den Ort an, wo andere Opfer des Julius ruhen. Wer ſollte dieſen braven Maͤnnern ſein Bedauern ver⸗ ſagen? Unſtreitig befanden ſie ſich mit unter denen, die ich am Ahende des 26. Julins auf dieſem Mont⸗ Parnaſſe, wo ſie jetzt den Schlummer der Ewigkeit ſchlafen, ſich verſammeln, Einer den Andern aufregen und endlich den edelmuͤthigen Vorſatz faſſen ſah, den Eingriffen einer verſchwornen Regierung Gewalt entge⸗ gen zu ſetzen. 1 2 Da, wo Maͤnner ruhen, fuͤhle ich, offeitherzig ge⸗ ſtanden, ganz und gar keine Nuͤhrung. Ihre verdruͤß⸗ —— 213 liche Gattung wird immer zahlreich genug bleiben. Aber bei den Huͤgeln, welche die innuptae puellae bedek⸗ ken, von denen Virgil ſpricht, jene Jungfrauen, deren nutzloſe Schoͤnheit vielleicht uͤber die Welt ging, ohne Liebe einzuſtoͤßen, da traͤumt man, ſo zu ſagen, ohne zu denken. Ach! wie gern gruͤbe die Phantaſie ſie wieder aus und rufte ſie ins Leben zuruͤck, damit ihr Daſein ſich vervollſtaͤndige! Und dieſe armen kleinen Kinder⸗ die nur Thraͤnen ohne Troͤſtung vergoſſen haben— wie viel liegt fuͤr das Gemuͤth in dem Anblicke dieſer Gras⸗ keime, welche eine muͤtterliche Hand auf ihrem Grabe begießt, und wie viel wahre Liebe habe ich ich in der einfachen Inſchrift eines Huͤgels auf dem Mont⸗Par⸗ naſſe gefunden: Hier ruht Velina Le Dunois, ge⸗ ſtorben, als ſie fuͤnf und ein halb Jahraltwar⸗ Theures KFind, birte fuͤr uns! Auch vor dem Doppelgrabe der Ehegatten Valtier bleibt man nicht ohne tiefen Eindruck ſtehen. Eine Baluſtrade, einem großen Todtenbette gleich, umgiebt es, und da ruhen ſie denn neben einander, nachdem ſie gewiſſermaßen die Lehrjahre der Ewigkeit beſtanden haben. Sie lebten 66 Jahre zuſammen. Bei der Unterſuchung der mit Blumen und Raſen bepflanzten Graͤber auf dem Kirchhoſe des Mont⸗Par⸗ naſſe kann man beobachten, in welchem Maaße der Schmerz ſich mindert, und welches dieienigen Gegen⸗ ſtaͤnde ſind, die den dauerndſten und waͤhrſten einfloͤßen. 214 Ohne im mindeſten ein Epigramm daraus machen zu wollen, iſt es vielmehr vollkommen wahr, daß die Graͤ⸗ ber der Wittwer nach dem Verlauf des erſten Jahres gar nicht mehr beachtet werden; die Blumen ſind ver⸗ welkt, das Gras vertrocknet, als ob die Wittwen ſie bloß durch ihre Thraͤnen benetzt haͤtten. Aber die Graͤber der Kinder!... Es giebt deren eine große Menge, die beſorgt, geſchmuͤckt, mit Kinderſpielzeug verziert ſind, als ob die armen Muͤtter, welche ſie in Aufſicht halten, ſich noch dadurch taͤuſchen wollten. Und wie bizarr iſt nicht uͤbrigens dieſer Ruheplatz gelegen! Ich erging mich einſt gegen 6 Uhr des Abends dort, laͤngs der Mauer hin, an welche ſich faſt das Theater des Mont⸗ Parnaſſe lehnt. Man hoͤrte die unbeſtimmten Klaͤnge des Orcheſters, welches Refrains von Vaudevillen ſpielte, und dieſe froͤhlichen Toͤne waren von dem einfoͤrmigen Geraͤuſche begleitet, das ganz nahe bei mir die Todten⸗ graͤber machten, indem ſie die Erde uͤber einen Sarg ſchaufelten. Ich weiß nicht, aus welcher Laune, aus welcher Unordnung der Ideen, durch dieſen Kontraſt in mir der Wunſch entſtand, das Theater zu beſuchen. Ich ging denn auch hinein, und bedauerte es dann, nicht mehr auf dem Kirchhofe zu ſein, denn das Schauſpiel war noch viel trauriger. Man gab Camille Des⸗ moulins. 4 Doch laſſen wir den Tod und die Theater, Dinge, die heut zu Tage nur zu viele Verwandſchaft mit ein⸗ 215 ander haben. Denn ſo wie es Leute giebt, die vom Theater leben, giebt es nicht auch welche, die vom Tode leben? Von was leben die Marmorarbeiter, die Herren Le Begue und Voſſy, deren Ausſtellungen wir mitten unter den Freudeplaͤtzen und Schaͤnkhaͤuſern des Mont⸗ Parnaſſe erblicken? Was laͤßt dieſe Gaͤrten und Pflan⸗ zungen gedeihen, die an den Kirchhof ſtoßen? Wer laͤßt dieſe Immortellenkraͤnze und einfachen Straͤuße winden, die man euch hier darbietet, wie an der Thuͤr des Thea⸗ ters von Mont⸗Parnaſſe der Sohn des Vaters Bouſe*) euch ſeine vaͤterlichen Blumen darbietet, mit Gefahr, durchgepruͤgelt zu werden, wenn es mit dem Verkaufen ſchlecht geht? Es iſt der Tod, der Alles das ernaͤhrt; und hat mir nicht eines Tages Virginie, die Dienſt⸗ magd Alexanders, des Schwiegerſohns von Preyot und eines der Beauvilliers des Mont⸗Parnaſſe, geſagt, daß man Tags vorher nicht das Geringſte verkauft haͤtte, *) Der Vater Baſtle iſt allgemein unter dem Ramen des Wilden bekannt; er bewohnt nicht weit vom Mont⸗ Parnaſſe, am Anfange der Ebene, über die man nach Van⸗ vres geht, ein Haus, das er ſich ſelbſt gebaut hat. Er trägt eine Männerjacke und einen Weibsrock. Seit un⸗ gefähr 16 Jahren iſt er dort, und kann's nicht leiden, wenn die Borübergehenden über die Hecke ſeiner kleinen Um⸗ zäunung gucken. Wenn man ſtehen bleibt, droht er mit ſeiner Fünte. Kein Engländer kann auf ſein Eigenthum eiferſüchtiger ſein. 216 ohne den Leichencondukt von Nationalgardiſten, an Zahl wenigſtens 50 Mann, die, als ſie von der Beerdigung eines ihrer Kameraden zuruͤckgekommen, von fruͤh bis auf den Abend dort gefruͤhſtuͤckt haͤtten? Da nun der Tod auf dieſe Art zu leben giebt, ſo ſeid uͤberzeugt, daß viele Leute nicht unterlaſſen, wenn auch nur in petto, zu ſchreien: es lebe der Tod! Ich habe nur ein Woͤrtchen von dem Theater des Mont⸗„Parnaßfe geſagt und das aus dem guten Grunde, weil ich nur zufaͤllig hineingekommen bin; denn ich be⸗ Hein nicht, wie man, wenn man einmal aus den Mauern von Paris iſt, ſich in ein Schauſpielhaus ein⸗ ſperren laſſen kann. Und doch hat dieſes Theater ſeine ſteten Beſucher und Beſucherinnen. Man hat mir ſogar geſagt, daß es fuͤr eine Menge Bewohner der Straßen der alten Tuilerien, Sèvres und Klein⸗Vaugirard, ein Ort der Verderbniß ſei. Mehr als eine Kraͤmerin, mehr als eine Naͤhterin, mehr als ein kleines Buͤrgers⸗ kind hat ſich dort in die jungen Schauſpieler der Herren Seveſte ſterblich verliebt; denn die Schoͤnheiten des Mont⸗ Parnaſſe haben, wie vordem die roͤmiſchen Da⸗ men, einen gewaltigen Geſchmack an den Schauſpielern. Daraus ſind denn große Unordnung und einige Scenen der Eiferſucht eutſtanden, aber Nichts, was aus dem gewoͤhnlichen Lebeuskreiſe herausgeſchritten waͤre. Keiner dieſer Verfuͤhrer, ohne es zu wollen, iſt Schuld an einem morgliſchen Prozeſſe wegen Ehebruchs geweſen, und 217 und man weiß/ daß heut zu Tage alle Sachen, die nicht ſo weit kommen, nichts als Kleinigkeiten ſind. Die Spiele im Freien, von denen es an der Bar⸗ riere des Mont⸗Parnaſſe wimmelt, ſind bei weitem ver⸗ ſchiedenartiger und beluſtigender, als die Buͤhnenſpiele. Zuvoͤrderſt hat das ehrwuͤrdige Siam⸗Spiel dort noch nichts von ſeinem alten Ruhme verloren. lteberall fin⸗ det man vor den Schaͤnkhaͤuſern oder in den Hoͤfen derſelben eine gleiche Tenne, wo ſich die Liebhaber die⸗ ſer Uebung uͤberlaſfen, die fuͤr die Unſchuld das Mittel zwiſchen Kegeln und à la boule⸗ Spiel iſt. Da ſiehen noch 5 kleine Kegel ganz dicht an einander, die euch die Moͤglichkeit gewaͤhren, wenn ihr drei davon auf den erſten Stoß umwerfet, ein Dutzend Makaronen fuͤr einen Sous zu gewinnen. Ich ſpreche hier nicht von den Drehſpielen, ſtets mit der Ausſicht eines Gewinns in Makaronen, noch weniger von der hoͤlliſchen Rolette zu 2 Sous, die dort nur zu oft ihre heimlichen Raͤube⸗ reien ausuͤbt. Das geht den Herrn Polizeipraͤfekten an. Aber es giebt zwei Spiele, welche die Aufmerkſamkeit redlicher Gemuͤther wegen ihrer ſichtlichen Moralitaͤt ganz vorzuͤglich auf ſich ziehen muͤſſen. Dahin gehoͤrt zuerſt das Rattenſpiel, welches Grauſamkeit lehrt. Stellt euch ein armes Thier dieſer Art vor, das auf ein Brett genagelt und an eine Mauer feñigemacht iſt. Hier dient es denn allen denen zur Zielſcheibe, die ſich im Werfen ber wollen. Nach hundert und aber hundert Verwun⸗ 10 218 dungen erhaͤlt es endlich den Todesſtreich, den ihm der geſchickteſte Schuͤtze beibringt, und die Zuſchauer jubeln. Die Katzen ſind minder grauſam gegen die Ratten!... Das andre Spiel iſt nicht ſo unmenſchlich, aber auch nicht moraliſcher als dieſes. Uebrigens hat es jedoch etwas Hiſtoriſches, das es ganz beſonders empfiehlt. Dieſe wichtige Entdeckung machte ich folgendermaßen: Als ich eines Tages das Gaͤßchen durchſtrich, welches vom Mont⸗Parnaſſe auf die Chauſſée von Maine fuͤhrt, und maſchinenmaͤßig das mich umgebende lebendige Ge⸗ maͤlde betrachtete, wurde ich durch das gellende Geſchrei: „die Fenſter entzwei! zerſchlagt die Fenſter! Immer entzwei!“ in meinen Betrachtungen geſtoͤrt. Ich blieb ſtehn und erblickte ein kleines hoͤlzernes Gebaͤude, in welchem ſich mehrere runde Fenſter befanden. Eine alte Frau bot mir vier Kugeln an, und lud fuͤr einen Sous bei jeder Kugel ein, die Scheiben der Fenſter zu zer⸗ brechen, mit der Ausſicht, ein Dutzend Makaronen zu gewinnen. Ich bot ihr fenen Einſatz an, ohne von meinem dadurch errungenen Rechte Gebrauch zu machen, indem ich ſie erſuchte, mich dafuͤr naͤher zu belehren, und erfuhr alſo, daß dieſes ſchoͤne Spiel zum Andenken der großen Julitage erfunden worden ſei. So koͤnnen alſo die Kinder bei guter Zeit ſich die Hand bilden, um Fenſter einzuwerfen. Und mit dem Ratten⸗ und dieſem Fenſterſpiele waͤren wir nicht das gebildetſte und menſchlichſte Volk auf der Erden... 219 Die großen Spiele des Mont⸗Parnaſſe, das heißt die ſtehenden und wandernden Theatey, halten ihre Sitzungen innerhalb der Barriere, an der Ecke der Esplanade, wo die Conſceribirten die erſten Anfangs⸗ gruͤnde der ſchoͤnen Kunſt erlernen, die Menſchen nach Regeln umzubringen. Hier vorzuͤglich bemerkt man die Verſchiedenheit der Sitten dieſes Viertels von denen der Mitte von Paris. Dieſe Verſchiedenheit erſtreckt ſich bis auf die ergoͤtzlichen Unterhaltungen von Freund Hanswurſt mit ſeinem Herrn. Es herrſcht in beider Laden eine ſo freie Ausgelaſſenheit, daß, ſelbſt wenn man vom Ball bei Desnoyers kaͤme, wo die ſchoͤne Mariette und der beruͤhmte Voltigeur Piypereau ſich durch die Vollkommenheit ihres Tanzes Bewunderung erwerben, man noch dadurch ſkandaliſirt werden wuͤrde. Aber den dortigen Leutchen gefaͤllt das. Beſonders be⸗ klagen ſich die Frauen, welche dieſen Schauſpielen unter freiem Himmel beiwohnen, niemals, daß die Spaͤßchen des Herrn Hanswurſts etwas allzugewuͤrzt ſeien. Um eine Idee davon zu geben, waͤhle ich hier die anſtaͤn⸗ digſte, aber nicht deshalb die mindeſt luſtige dieſer Scherz⸗ reden aus. Der Herr des Freund Hanswurſt unterlaͤßt, wie man weiß, nie, ihm geradezu zu ſagen:„Du biſt ein dummes Thier!“ Eines Tages antwortete Hans⸗ wurſt ganz keck:„Nun ia doch, ia, ich weiß, daß ich ein dummes Thier bin, ein unvernuͤnftiges Geſchoͤpf; aber deſto beſſer.—„Was ſoll das heißen, Schurke?— 10* 220 „Ich will doch lieber ein Thier ſein, als ein Menſch. Die Thiere machen Dinge, die die Menſchen ſicht machen koͤnnen! Ja, die Maulwuͤrfe zum Beiſpiel, die Maulwuͤrfe machen Dinge, die Sie nicht nach⸗ machen koͤnnen, Sie und die ganze hochachtbare Geſell⸗ ſchaft“ Ich brauche nicht erſt zu ſagen, daß deshalb der Herr Hanswurſt zur großen Freude aller Anweſenden eine derbe Ohrfeige erhielt.„Ja, da ſieht man's, antwortete er darauf mit Heulen, Sie ſchlagen mich, weil ich Recht habe““—„Wie? Burſche! und du wagſt es noch!...„Run ja; hoͤren Sie doch nur: was machen denn die Maulwuͤrfe?”“—„Nun, was denn?“—„Ei, kleine Maulwuͤrfe, und ich wette darauf, daß das Keiner von allen hier Anweſenden kann“ Der Beifall war allgemein. Eine dicke Weibsperſon neben mir ſagte nach einem augenblicklichen Nachdenken mit einem Tone zu mir, der ſich unmoͤglich beſchreiben laͤßt:„Es iſt doch wahr!“ Da ſieht man, wie viel geſundes Urtheil man an der Barriere des Mont⸗Parnaſſe beſitzt! Auf der andern Seite der Gaſſe, dem Orte gegen⸗ uͤber, wo der Hanswurſt ſeinen Sitz aufgeſchlagen hat, giebt es ein anderes Schauſpiel, das vielleicht minder geraͤuſchvoll iſt, aber eine große Menge Bewunderer und ſogar Kenner an ſich zieht. Geht nur hinein, es koſtet bloß 4 Sous, und der einzige Schauſpieler dieſer Buͤhne wird euch ſelbſt ſeinen Namen, ſeine Titel und Eigen⸗ ſchaften herzaͤhlen. Hoͤrt nur:„Meine Herren und Damen, ich bin Baſſerot, und ich kann mich wohl fuͤr den erſten Trommelſchlaͤger von ganz Uropa ausgeben. Ich habe vor allen Koͤnigen und Fuͤrſten Uropa's ge⸗ ſchlagen. Ich habe mich mit allen Generaltambours der großen Armee gemeſſen, und ahme den Kanonen⸗ knall ſo taͤuſchend auf meiner Trommel nach, daß— man glauben ſollte, das Pulver zu riechen!“— Aller⸗ dings roch man freilich, waͤhrend Baſſerot den Kanonen⸗ donner nachahmte, Etwas. Dieſes Schauſpiel endet ſich mit einer Symphonie auf kleinen und großen Trommeln, auf denen Baſſerot ſeine Kloͤppel ſo herumfliegen laͤßt, wie die Jongleurs ihre Kuͤgelchen. Der vorher angekuͤndigte Gegenſtand der Symphonie war die Eroberung des Stadthauſes. Beim Trommelwirbel und Kanonendonner geriethen die Zuhoͤrer mit taktfeſten Trommelfellen in ein allgemeines Entzuͤcken. Doch hatte ich einen Nachbar, der den Kopf ſchuͤttelte und nicht zufrieden zu ſein ſchien. Als ich ihn nach der Urſache davon fragte, antwortete er: „Ei zum Henker, der Vater Baſſerot nimmt ſich ſchlecht zuſammen. Vor'm Jahre ſpielte er gerade daſſelbe und ſagte, es ſei das Bombardement von Algier. Da ſieht man, wie er die Leute betruͤgt, die ſich auf ſo Etwas nicht verſtehen.“ Nichts iſt ſchwieriger, als die Menſchen zu derſelben Anſicht zu bringen, und in dem Zeitpunkte, wo dieſes Buch erſcheint, duͤrfte es nicht noͤthig ſein, dies erſt 2223 lange zu beweiſen. Ein ſichres Mittel giebt es zedoch, bei vorfallender Gelegenheit keinen Widerſpruch zu er⸗ leben. Wenn ihr in zahlreicher Geſellſchaft die Orte beſucht und die Auftritte ſtudirt habt, von denen ich jetzt eine Skizze zu entwerfen bemuͤht war, ſo braucht bloß des Abends um 6 Uhr die mindeſt beredte Perſon der Geſellſchaft zu ſagen:„Meine Herren, ich daͤchte, es waͤr' Zeit, zu Tiſch zu gehen,“ und Alle werden der⸗ ſelben Meinung ſein. Weil dem aber alſo iſt, ſo wol⸗ len wir zu Mutter Saguet zu Tafel gehn, deren bra⸗ ver Ehegatte in Folge einer ehrenvollen Amputation jetzt unter die Zahl der Einfuͤßler im Invalidenhauſe eingereiht iſt. Einen Augenblick muͤſſen wir uns jedoch bei Freund Victor verweilen, um ein Glaͤschen Bittern zu trinken. Das iſt ein wahrer Philoſoph! Victor, der fruͤͤer Mameluck in der Garde, dann zweiter Violiniſt im Theater Feydeau war, der den muſikaliſchen Preis im Conſervatorio von Neapel errang, verkauft jetzt dicht neben dem Theater von Baſſerot ein Glaͤschen Liqueur aller und jeder Art fuͤr zwei Sous das Stuͤck. Sein weißes Bitterer iſt ohne Zweifel ganz ausgezeichnet, aber der Antiquar Roquefort zieht noch deſſen Nußſchalen⸗ und beſonders den Sellerieliqueur vor. Der hintere Theil der Bude Victor's iſt zu einem Konzertſaale einge⸗ richtet, wo manchmal vortreffliche Muſik gemacht wird, und dieſes ſeltſame Kuͤnſtlerleben iſt keine der am wenig⸗ 223 ſten charakteriſtiſchen Erſcheinungen der Barriere des Mont⸗Parnaſſe. Jetzt nehmen wir aber den kuͤrzeſten Weg. Wenn man die Straße des Mont⸗Parnaſſe bis zum Theater wieder hinaufgeſtiegen iſt, wendet man ſich rechts, durch⸗ kreuzt die Chauſſée von Maine, laͤßt rechts die Anſtalt Tonnelier's, eines gluͤcklichen Nebenbuhlers des klaſ⸗ ſiſchen Desnoyers, liegen, und tritt in das Gaͤßchen, an deſſen Ecke ſich links dieſer der Froͤhlichkeit geweihte Tempel erhebt. Geht nur laͤngs der Umfaſſungsmauer des großen Gartens des Herrn Cauſſin von Parſeval hin; das erſte Haus rechts nach einem Runkelruͤbenfelde iſt das Pachtgut der Madame Doréèé, die wegen ihrer Rahmtkaͤſe ſehr beruͤhmt iſt, und das zweite... da ſeid ihr bei Mutter Saguet. Ihre Tochter, Madame Bolay, wird euch aufs Freundlichſte und Billigſte Alles vorſetzen, was ihr wollt... wenn es naͤmlich dort zu haben iſt. Da koͤnnt ihr auch in einem zweiten, mit ſchoͤnen Aka⸗ zien bepflanzten Hofe im Freien ſpeiſen, oder in einem Saale, wo nicht geraucht wird, oder in einem Zimmer, das am Ende dieſes Saales ſich befindet, Welche froͤhliche und genußreiche Stunden haben Kuͤnſt⸗ ler und Gelehrte dort verlebt, wo ſo viele jener geiſt⸗ reichen und unuͤberlegten Worte, jener improviſirten Tollheiten geſprochen worden ſind, die mehr werth ſind, als der Verſtand der Welt, als nutzloſe Redensarten, wie ſie bei einer ganzen Seſſion gedrechſelt zu werden 224 oflegen. Da hat unſer Freund Abel alle Formeln des Wöoͤrterbuchs, alle Kunſtgriffe der Sprache erſchoͤpft, um uns dahin zu bringen, Kaninchen in Eſtragon ge⸗ ſchmort zu eſſen, gegen welche Lahalle zuerſt die Fahne der Empoͤrung aufſteckte; da trat zuerſt Bernard mit ſeinen Klagreden(complaintes) auf; da ſchoſſen Victor Hugo, David, Dupré, die beiden Devyéria, Robelin, ein junger hoͤchſt talentvoller Architekt, Sainte⸗Beuve und Denne⸗Baron ihre heitere Laune zuſammen, ohne aͤber ihren Charakter auch nur den leichteſten Schleier gebreitet zu laſſen; da hat man erzaͤhlt, da hat man Dramen gemacht, da ſind Namen ſcherzweiſe angenom⸗ men, aber nie kompromittirt worden, wie zum Beiſpiele Herr Bignan, der nie dahin gekommen iſt, eine lange literariſche Unterhaltung mit Denne⸗Baron gehabt hat; da hat Roquefort ſein Lied geſungen:„Als ich von Congo wiederkam;“ da giebt es keine Kinderei, der ſich ſonſt ernſte und gehaltene Maͤnner von Verdienſt nicht hingegeben haͤtten; da haben uns die koſtlichſten Streitig⸗ keiten zwiſchen Billioux und Lahalle nicht aus dem Lachen kommen laſſen; da endlich hat Charlet viele, viele Male die Schaͤtze ſeiner geſunden Philoſophie ent⸗ faltet, jene eben ſo gelungenen Reden/ wie ſeine litho⸗ graphiſchen Blaͤtter, und alles das ohne lange Zuruͤſtung und anſpruchlos. Ihr ſeht alſo, daß man zue Mutter Saguet gehen und dort die beſte Geſellſchaft Enden kann, und werdet 225 hoffentlich wie Charlet dafuͤr halten, daß in Frankreich noch eine Reſtauration zu machen iſt, naͤmlich die des Schaͤnkhauſes(cabaret). Ein altes Vorurtheil kettet daran die Idee der Ausſchweifung und Trunkenheit, aber ganz mit Unrecht. Allerdings giebt es Leute, die ganz heimlich dahin kommen; ich habe dergleichen ge⸗ ſehen, die ihren Orden beim Eintreten verſteckten, andre, die ſich ſcheuten, ſich in Uniform oder ſelbſt nur gut angezogen dort ſehen zu laſſen. Arme Leute! die ſich ſelbſt ſo wenig ſchaͤtzen, daß ſie mehr Reſpekt vor einer Elle Tuch oder einem Stuͤckchen Band, als vor ſich ſelbſt haben! Der Ort wird durch die Gegenwart derer geehrt, die ihn beſuchen, es geht mit dem Schaͤnk⸗ hauſe, wie mit dem Thröne, indem Napoleon ſelbſt ſagte:„Der Werth eines Thrones geht aus dem Werthe deſſen hervor, der ſich darauf ſetzt.“ Nun denn: die Schenkhaustafel iſt ſo viel werth, als die es ſind, die an ihr ſitzen. Alſo eſſet in des Himmels Namen im naͤchſten Fruͤhlahre bei der Mutter Saguet zu Mittag. Max. von Villemareſt Ein Zögling Davids. Ein abermaliger Tumult im Atelier unterbrach ihre Arbeit und ihren Traum. Auch Abel kam von Rom zuruͤck. Sein Name, den alle Zoͤglinge, von denen er umringt, befragt und in einer Unordnung voll Staunen und Freude mit Um⸗ armungen erſtickt wurde, ausſprachen, lockte aus ihrem Eckchen die Nichte Herrn Leonard's herbei. Sie bemerkte zuerſt, daß Abel bleich ausſehe und unter ſeinen blonden dichten Haaren und ſeinem hohen Wuchſe ſchwanke.—„Schon!“ ſagte ſie, indem ſie ihm einen Stuhl darbot und ihn mit Theilnahme betrach⸗ tete.—„Sie iſt eine Niederlaͤnderin!“ entgegnete Herr Leonard.„Sagt man denn ſchon zu einem ruͤckkeh⸗ renden Freunde?“ 1. —„Das heißt: wie gluͤcklich ich daruͤber bin! lieber Onkel. Und iſt er denn nicht auch ein Niederlaͤnder 227 wie ich? Er wird's ſchon verſtehen!“ fuhr ſte fort, in⸗ dem ſie ihn mit dem einyverſtandenen Auge einer Schwe⸗ ſter anſah. Abel laͤchelte und ſeine blaſſe Stirn faͤrbte ſich. —„Schoͤn!“ ſprach ſie weiter und hob den Zeige⸗ finger, den ſie am Munde bewegte: das wußte ich wohl. Bleibt man denn auch ein Jahr in Rom, wenn man“—„Wie? Mamſell, die Alles weiß“ ſagte ihr Onkel, der Nichts wußte.—„Wenn man dort das Fie⸗ ber bekommt, Onkel! Sehen Sie nur, wie er aus⸗ ſieht! er braucht recht nothwendig etwas vaterlaͤndiſche Luft und hundert Dinge, die in Paris zu Hauſe ſind, um ſich von der roͤmiſchen Schule zu erholen. Nun, mein Herr, habe ich recht prophezeiht?“ Das etwas verlegene Geſicht des jungen Malers ſtrahlte von Gluͤck. Er bat fuͤr einen Reiſegefaͤhrten, der mit ihm aus Rom gekommen ſei und fuͤr die Ma⸗ lerei brenne, um Zutritt ins Atelier. Dieſer ſei ein Deutſcher und aus einer ſo reichen Familie, daß er ſeine Exiſtenz nicht von der Bleiſtiftſpitze abhaͤngig zu machen brauche. „Bravo!“ rief die ganze Schule.„Wenn er Por⸗ traits malt, kann er ſeinen Freunden Kredit verſchaffen, und bringt er Meiſterſtuͤcke zu Wege, ſo kann er ſie fuͤr ſich behalten.— Ja! es lebe die Malerei, wenn man nicht dabei ins Gras beißt, ſagte Corbet; fort mit den 228 Vandalen, die ſich erfrechen, zu luͤgen: Bettelhaft, wie ein Maler.“ —„Sie nehmen ihn auf, Herr Leonard, nicht wahr? ihn und ſeine Cartons?“—„Ei, zum Henker!“ antwortete Herr Leonard, freudeglaͤnzend, wie die jun⸗ gen Maler;„Koͤnnen es denn je deren zu viele ſein, um zu lernen und ſich fortzuhelfen? und wenn Sie ihn vorſtellen, lieber Abel, ſo ſoll er, und wenn er auch nur ein Ohr zeichnen koͤnnte, oder noch weniger, bei mir willkommen ſein, als waͤre er ein Gerard Dow oder ein Ter Burg. —„Sage mir nur, was Du da fuͤr ein Augenſpiel mit dem guten braven Abel hatteſt, ſo daß er ganz roth ward?“ fragte Herr Leonard Undinen beim Mittags⸗ eſſen. —„Wirklich, lieber Onkel! das iſt ſehr ſchwer zu errathen!“ antwortete die Nichte mit liebkoſender Hei⸗ terkeit.„Sie wiſſen alſo Nichts?“ fuhr ſie fort, indem ſie das Koͤpfchen mit der kindlichen Wichtigkeit eines ernſtlichen Geſtaͤndniſſes zu ihm hinneigte. —„Nicht im mindeſten! außer, daß er nach Rom gereiſt iſt und nun wieder von Rom zuruͤckkommt.“ —„Aber ich, ich weiß es!“ erwiederte Undine ge⸗ heimnißvoll und lachend.„Er hat das Heimweh in Rom bekommen, weil er das Liebesweh mit dahin ge⸗ nommen hatte. Er iſt verliebt, lieber Onkel!“ Und 229 dabei ſtuͤtzte ſie beide Elbogen auf den Tiſch, um zu ſchwatzen und zu moraliſiren.. —„Verliebt! und in wen?“ fragte Herr Leonard mit vollem Munde.—„O, das ſollen Sie bald ſehen; denn ich wette darauf, daß er, ehe 6 Monate verſtrichen, verheirathet iſt. Deswegen wollte er ja auch ſo gern den erſten Malerpreis haben und bekam ihn auch. Ach, lieber Onkel, es gehen ſo eine Menge Dinge um Sie her vor, von denen Sie gar nichts merken!“. „Aber Du merkſt Alles, wie es ſcheint!“ erwiederte Herr Leonard mit lautem Lachen.„Aber freilich, Du biſt auch dafuͤr ein Maͤdchen und noch dazu ein nen⸗ gieriges“”“ —„Ganz und gar nicht nengierig, lieber Onkel. Ich bin da, ich hoͤre, und behalte, was mir der Muͤhe werth ſcheint. O! ich habe ſehr wenig Geſchichtchen im Kopfe, ſehr wenige. Ich habe bloß dieſe da nieder⸗ geſchrieben.“ —„Das heißt, Du beſchmadderſt das Papier, das ich Dir zu Deinen Zeichnungen gebe, mit Deinen unleſer⸗ lichen Fliegenbeinen, die ich ſchon in Deinen Cartons ſich herumtreiben geſehen habe! Thu' mir den Gefallen, und zeige mir, was Dir wegen Abel in Dein Koͤpfchen gekommen iſt, wenn es nicht gar zu ſchauerlich iſt, eine arme kleine ausgeartete Niederlaͤnderin zu ſehen, die noch nicht einmal einen Kopf nach Gips zuſammenſetzen kann, und nun gar ſchon Skizzen nach der Ratur zeich⸗ 230 nen will! Hole mir nur Deinen Carton; das mag wohl Schdoͤnes ſein!“ Undine blieb noch unentſchloſſen ſitzen und beobach⸗ tete nur, ob ihres Onkels Geſicht auch ſo zanke, wie er. Aber auf ſeiner Stirn kein Faͤltchen und die Augen funkelten ihm vor Anſtrengung, um ſich des Lachens zu enthalten.—„Da, lieber Onkel!“ ſagte ſie, und legte einen offnen Carton auf das Tiſchende, wo der Onkel noch einige Kirſchen aß, die ſie vor ihn hingeſchoben hatte; denn Eliſabeth könnte nicht immer den Luxus eines ſolchen Nachtiſches zu den wenigen Speiſen hin⸗ zufuͤgen, womit ſie ihren kleinen Tiſch beſetzte. —„Gehen Sie nur an Ihre Arbeit, Mamſell, und nehmen Sie das Tiſchtuch mit. Die arme Eliſabeth da, die keine Geſchichtchen ſchreibt!“ ſagte Herr Leonard, indem er mit der Hand ſeine Nichte von ſich wies, welche gehorchte. Dann vergaß er einige Augenblicke lang ſeine Palette, um dieſe Blaͤtter von der Hand eines jungen Maͤdchens zu durchfliegen. „Fuͤr meine Schweſter. „Du weißt es wohl ſchon, liebe Schweſter? Abel, der meinen Onkel beſuchte, der ſo gut iſt, wie Philipp, und den Zorn Jakobs in einer Ecke des Louvre gemalt hat, immer eingeriegelt, ſo daß wir ihm bloß durchs Schluͤſſelloch guten Morgen! und: Muth gefaßt! zurufen konnten, nun, liebe Schweſter, der iſt in Rom! „Es ſoll dort Fieber geben, in Rom, Fietzer aus 231 Ruhmbegier, aus Sonnenhitze, aus Bewunderung, aus Ermuͤdung, gewaltig viele Fieber, liebe Schweſter! Und er nimmt ſchon eins mit! eins, das ihn dazu brachte, den Zorn Jakobs zu malen und den ſo ſchaͤtz⸗ baren Preis zu gewinnen! „Er ging daher recht gern, aber es that ihm doch auch recht leid, weil er eine Liebe im Herzen hat, wie Philipp ſie zu Dir hatte, als er Dich heirathen wohlte, und Dich nicht haͤtte verlaſſen koͤnnen, ohne ſterbens⸗ krank zu werden. Wenn Abel das auch werden ſollte, ſo koͤnnte er leicht an ſeiner Liebe und den roͤmiſchen Fiebern ſterben, und das waͤr' doch ſehr ſchade, denn ich habe von ihm Dinge erzaͤhlen hoͤren, die ich Dir wie⸗ der erzaͤhlen muß, liebe Schweſter, ſo wie Alles, was ich Angenehmes hoͤre. „Sechszehn Jahre lang hat Gott weiß welcher duͤſtre Schleier uͤber ſeiner Herkunft gelegen. Ich habe nicht recht verſtehen koͤnnen, was ſeine Freunde unter ein⸗ ander ſich uͤber die erſten Kuͤmmerniſſe ſeiner Kindheit erzaͤhlten; aber es war traurig und ruͤhrend, denn ſie ſahen alle ſo geruͤhrt und ernſthaft dabei aus. „Er galt damals fuͤr eine Waiſe, war es aber nicht! Du weißt ja wohl, liebe Schweſter, wie ſchwer dies Wort denen aufs Herz faͤllt, die auch Waiſen ſind.. Ich hoͤrte daher um ſo herzlicher auf Alles, was Inas von Abel erzaͤhlte, und ſeine gelungenen Arbeiten haben mir viele Freude gemacht! 232 „Dieſe vermeinte Waiſe ward alſo unter dem bloßen Ramen Abel aufgezogen. Kein andrer weiter! Und es war gar traurig, als dieſer Name noch nicht einen klei⸗ nen Schimmer von Ruhm hatte, um ſech allein in der Welt aufrecht halten zu koͤnnen. „Durch dieſe Art von Verlaſſenſein, von Unbekannt⸗ ſchaft vielleicht mit ſich und den Seinigen bekam ſein Charakter, wie Du ſelbſt haſt bemerken koͤnnen, etwas Ernſtes und Gefuͤhlvolles. Ohne Eltern, die ihn liebten, verſtand er es ſchon von fruͤh an, ſich Freunde zu er⸗ werben, die ihn beklagten und ihn an das Leben feſ⸗ ſelten, in das man ihn ſo ganz allein treten ließ. Aus ſeiner kleinen Provinz im Norden, die an die ſtoͤßt, wo wir Beide geboren ſind, liebe Schweſter, und deren Kirch⸗ thuͤrme von weitem unſern Kirchthuͤrmen guten Morgen ſagen, ſchickte man ihn, noch ganz jung, ganz ſchwach und voͤllig mit der Welt unbekannt, nach Paris, um dort die ihm angebornen außerordentlichen Anlagen fuͤr die Zeichnenkunſt auszubilden. Er hatte das Gluͤck, ge⸗ radezu in Davids Schule zu kommen: das war eben ſo gut, wie in die Ehrenlegion! „Wie man erzaͤhlt, ſo gewaͤhrte eine faſt unſichtbare und theure Hand jedes Jahr ihm den Bedarf ſeiner ge⸗ heimnißvollen Eriſtenz; aber, gleich der des Gottes, der uns haͤlt und den wir doch nicht ſehen, liebe Schweſter, druͤckte auch dieſe Hand nie die ſeine! „Wie muß das doch traurig ſein, denen, die das 233 Recht beſitzen, uns Etwas zu ſchenken, nie ſagen zu koͤnnen: ich danke Dir! Wenn er alſo, von ſeinen Ge⸗ maͤlden geblendet und von anhaltender Arbeit ermuͤdet, einen vertrauten Blick ſuchte, der die Kraft beſeſſen haͤtte, ihn wieder zu ſtaͤrken, ſo fand er keinen. Dann, bilde ich mir ein, hob er die Augen zum Himmel, weil auch ich oft dahin blicke, und ließ ſie wieder thraͤnen⸗ naß auf ſeine verſtreuten Zeichnungen, auf ſein Allein⸗ ſtehn herabſinken, und auf das da unten, da unten... was uns das Herz zuſammenſchnuͤrt, den Athem hemmt, wenn man ſagt: Ich werde allein gehen! „Dann aber trat David hinter ihn, bei ihm wei⸗ lend, wie die Sonne, die ihre Waͤrme auf eine junge Pflanze ergießt. Er klopfte leiſe ihm auf das herabge⸗ ſenkte Haupt, und ſagte mit ermuthigender Stimme: „Geh doch, Abel, geh doch! ſiehſt Du, da ganz unten, Freund, am Ende meines Pinſels; nun, da liegt Rom; da mußt Du Etwas von mir ausrichten; mußt Rom in meinem Namen gruͤßen, und den Deinen auch zugleich hineinbringen. 4 „In einer dieſer Stunden der Niedergeſchlagenheit hat er ohne Zweifel, wenn er ſo mit ſeinen Augen vor ſich hingeſehen hat, denen eines ſchoͤnen und ſanften Maͤdchens begegnet. Wahrſcheinlich, liebe Schweſter, hat ſie ihn ſo angeſehen, wie ſie ihn anſehen mußte, um ihm rechten Muth einzuſloͤßen, denn er arbeitete ſo ſehr mit Pinſel und Seele, daß am Tage drauf der 10** erſte Preis auf ſeine zugendliche, uͤber ſo Etwas ganz erſtaunende und beſchaͤmte Stirne herabſank. David druͤckte ihn feurig ans Herz mit jener tiefen, innigen Zaͤrtlichkeit eines Vaters, die er fuͤr ſeine Zoͤglinge hegte. „Dank, Abel!“ ſagte er zu ihm:„Nach Rom! da wirſt Du welche von meiner Familie finden, Abel! Meine ganze Schule muß, mit dem Lorbeerzweige in der Hand, Rom Beſuch abſtatten.“ Und der Gedanke iſt ſo ſuͤß, daß jetzt nun Abel einen Strahl in dem Heiligenſcheine dieſes großen Meiſters ausmacht. „Aber das junge, demuͤthige, ſanfte und doch ſo maͤchtige Maͤdchen? Glaubſt Du denn, liebe Schwe⸗ ſter, daß ſie ſich nicht hoͤchſt gluͤcklich fuͤhlte, in ihren Augen eine ſolche Kraft zu beſitzen, und daß ſie ſich nicht mit Freude und Thraͤnen fuͤllten, als Abel ihr ſei⸗ nen Kranz brachte? als er ihr mit einer Stimme, die frei aus ſeinem erweiterten Herzen hervorbrach, ſagte, daß dieſer Preis, dieſer Triumph, dieſe Zukunft, die ſich ſo weit und ſchoͤn vor ihm oͤffnete, Alles, fuͤr ſie ſein werde! Alles fuͤr ſie nach ſeiner Ruͤckkehr. O ja, ſie hat geweint, liebe Schweſter, als ſie ihm zurief: Lebe wohl! Auf Wiederſehn! Aber, welches junge Maͤd⸗ chen moͤchte nicht eben ſo weinen wollen? Welch ein Gluͤck, zu denken, daß nicht alle vergebens auf die Welt gekommen ſind, nur um ſchnell ſie zu ſehen und dann zu entfliehen— daß ſic nutzlos ſind fuͤr das Gluͤck der Andern! 235 „Es wird Dich gewiß ruͤhren, daß er vor ſeiner Ab⸗ reiſe nach Rom erſt noch auf frommer Pilgrimſchaft ſeine verborgene Wiege, ſeine erſte Schule, ſeine erſten kleinen Kameraden wiederſehen und vor einem Hauſe voruͤbergehen wollte, vor einem theuern, eindrucksvollen Hauſe, das bis dahin fuͤr ihn verſchloſſen geweſen war, gleich den mit einem Gitter verſchleierten Kapellen, die man im Voruͤbergehen gruͤßt, in die das Herz ein heißes Gebet ſendet, aber in welche man nicht eintritt. „Seine jungen Freunde, die ſeine Ruͤckkehr erfuh⸗ ren, eilten ihm, ſtolz auf ſein Gluͤck, Alle mit Blumen in den Haͤnden, entgegen und warteten auf ihn am Stadtthore, jenem dunkeln, tiefen Thore unſrer Feſtun⸗ gen, durch das ſie ihn beim Fortgehen noch ſo ſchwach, ſo verlaſſen, hatten ziehen ſehen, den armen Abel! „ Als ſie ihn wiedererkannten, groß wie ſie, ſchoͤner als ſie, durch einen gewiſſen Glanz lebendigen Muths⸗ jungen Ruhms und erſter Liebe, aber doch, wie ſie, ein⸗ fach geblieben, beſcheiden und ſtets natuͤrlich, da blie⸗ ben ſie ſtehen, ſchwiegen, weinten. Dann erhoben ſich ihre Gemuͤther; ſie umringten ihn, druͤckten ihn an ſich, hoben ihn auf ihre Arme, ſo daß er ſich nicht mehr regen konnte, und trugen ihn unter die Fenſter des ſchoͤnen verſchloſſnen Hauſes, indem ſie aus Leibes⸗ kraͤften ſchrieen Hoch lebe unſer gekronter Kamerad! hoch Abel, der nach Rom geht! „Dieſer Zuruf heller, durchdringender Stimmen hallle. 236 in der kleinen Stadt wieder. Die Straße, durch die ſie ziehn, erbebt davon, die Fenſter zittern, eine große Menge kommt zuſammen und draͤngt ſich um ein zier⸗ liches Haus, das uͤber alle andre hervorragt. Der Name des gekroͤnten Abel, Abels, der nach Rom geht, dringt durch die Gitter, die Vorhaͤnge, die Fenſterbekleidungen; „o, meine Schweſter! dringt endlich bis ans Herz von Abels Vater, verweilt dort, beklemmt es, bedruͤckt es. Die Thuͤre oͤffnet ſich auf einmal mit Geraͤuſch. Abel, von Furcht faſt erſtickt, konnte nicht entfliehen. Ein Mann, faſt ſchon Greis, erſcheint auf der Schwelle. Er ſieht auf allen dieſen verſchraͤnkten Armen den jun⸗ gen Mann, den Lorbeerbekraͤnzten, geruͤhrt, zitternd, blaß bei ſeinem Ruhme, und ſchoͤn— ja ſchoͤn, liebe Schweſter, denn ich habe ihn an dem Tage geſehn, wo er den Preis erhielt! Die Augen des Mannes werden unruhig, eine wohlthuende Wolke zieht daruͤber hin und naͤßt ſie, ſein Herz wird weich, er ſtreckt ſeine bei⸗ den Arme dieſem Sohne entgegen, der ſo lange des Gluͤcks und des Rechts entwoͤhnt war,„mein Vater!”"“ ſagen zu duͤrfen. Er ſagt es, theure Schweſter! Und ſein Vater ſagt:„Mein Sohn! mein Sohn! mein Sohn!“ Er ruft es, er weint es, er druͤckt es mit ſei⸗ nen Kuͤſſen auf Abels Stirn, in Gegenwart ſeiner jun⸗ gen Schuͤler, die ſelbſt uͤber das Gelingen ihrer kuͤhnen That ſtaunen und vor Freude weinen, als ſie ihn ſo außer ſich, trunken, zitternd am Herzen des Vaters ins 237 Haus treten ſehen. Nun folgen ſie ihm ſtumm, wie ſtaunende Sieger unter das Dach, das hoͤher iſt, als all die uͤbrigen und das ſo lange und ſo unbeugſam dem verſagt war, der es ehrt! „Hier erhaͤlt Abel laut einen vollſtaͤndigen Namen, der ſtolz darauf iſt, ihm gegeben zu werden und ſich eng an den Namen Abel anzuſchließen! an den gekroͤn⸗ ten Abel! an Abel, der nach Rom geht! „Was mich betrifft, ſo glaube ich, daß wir einmal ſehr ſchoͤne Gemaͤlde mit dieſem Namen bezeichnet ſehen werden!“— —„Es iſt doch ſonderbar!“ ſagte Herr Leonard, der ſich wieder an die Staffelei geſetzt hatte. Und nach einer Pauſe von neuem:„Es iſt doch ſonderbar!“ —„Was denn, lieber Onkel?“ fragte das junge vergeßliche Maͤdchen, das aufmerkſam einen Todtenkopf betrachtete, den es zeichnete.—„Man koͤnnte ſagen, daß Du auch manchmal Gedanken haͤtteſt!“ fuhr er fort, indem er mit dem Maleuſtoet auf den geſchloſſenen Carton zeigte. —„Manchmal, lieber Onkel, wenn mir das Herz ſchlaͤgt!“ antwortete ſie, ohne den weißen und glatten Kopf aus den Augen zu laſſen.—„Nun, ſo mache mir doch das kleine Gemaͤlde, das ich bei Dir beſtellt habe, mache es auch mit Deinem Herzen, ich verbiete Dir das gar nicht. Wenn Du es oft fuͤr etwas Anderes als 238 3 fuͤr die Malerei ſchlagen laͤſſeſt, ſo koͤnnte es Dir ein⸗ mal einen ſchlimmen Streich ſpielen.“ Undine ſah ihren Onkel mit aller der Naivetaͤt einer Idee von Greuze an, ohne auch nur das Mindeſte zu ahnen:—„Ich will ja auch nur malen lernen, Onkel!“ 4 Sie wuchs empor und athmete auch in der That ganz gefahrlos mitten unter zwoͤlf Feuerkoͤpfen, die Blitze ſchoſſen. Kein Blick drang bis in den Schlum⸗ mer ihres Gemuͤths; nie hatte ſie, ſo wie Herr Leonard ſelbſt, daran gedacht, daß Etwas ſie in ihrer Ruhe ſtoͤren koͤnne, die ihr gleichſam eine zweite Kindheit ſchuf. Die Zoͤglinge ihres Onkels waren ihre Atelier⸗Bruͤ⸗ der; ſie ſah alle zwoͤlf an und laͤchelte ihnen zu, ohne etwas Anderes zu athmen, als Malerei, Harmonie und Unſchuld. Sie ſchluͤpfte mitten unter dieſen jungen, froͤhlichen Menſchen dahin, wie ein freier und klarer Bach, in dem ſich die Umgebungen ſpiegeln. Aber die Baͤche haͤngen von Außendingen ab; eine Wolke macht ſie duͤſter, ein Sturm treibt ſie aus der Bahn: das Waſſer wird truͤb, verlaͤuft ſich und waͤhlt einen andern Weg. Undine dachte nur oberflaͤchlich bei einem Aus⸗ ſpruche ihrer Schweſter daran. Dieſe Schweſter hatte an dem Tage, wo ſie dem Geliebten ihre Hand gab, zu ihr geſagt:„Man muß lieben, oder ſterben!“— Nie⸗ mand erinnerte ſie daran. 239 Sie zeichnete ohne Zerſtreuung den furchtbaren Kopf, in welchem ſie einige Zuͤge von Leben wiederzufinden ſuchte. Ihre kleinen fleiſchigen Haͤndchen drehten ver⸗ gebens dieſes ſtoiſche Studium bald ins Profil, bald in die Ganzſicht, es blieb immer abſcheulich, es blieb im⸗ mer der Tod, immer glaubte Undine in der Tiefe die⸗ ſes hohlen, trocknen, ſtarren Mundes ohne Lippen und Stimme, zu leſen:„Auch Du.“—„Du luͤgſt!“ ſagte das junge ungeduldige und etwas von Schauer uͤberlau⸗ fene Maͤdchen:„ich will Dich doch zwingen, nicht ſo haͤßlich zu ſein!“ Und nun ließ ſie ihren Bleiſtift mit unglaublicher Schnelligkeit auf ihrem Papiere ſich um dieſen nur zu genau abgezeichneten Kopf bewegen; ſie erroͤthete mit einer triumphirenden Miene, und ihre vor Thaͤtigkeit und Freude zitternde Hand flog auf der Zeichnung, in⸗ dem ſie den Gedanken ausfuͤhrte, der ihre Augen mit eigenthuͤmlichem Feuer belebte. —„Was zum Henker macht ſie denn da?“ ſagte Herr Leonard, der von weitem ihr zuſah.„Mit wem ſpricht ſie denn?“ Er machte ſich ſo leicht, als er nur konnte, naͤherte ſich faſt ſchwebend, und ſah uͤber die Schulter und die ungebundene Haarfuͤlle ſeiner Schuͤ⸗ lerin, welche immer, indem ſie ihre hochrothen, zuͤrnen⸗ den Lippen ſpitzte, vor ſich hin murmelte:„Du luͤgſt! Du luͤgſt! Herr Leonard blieb einen Augenblick voll Staunen, 240 dann aber brach er in ein lautes Gelaͤchter aus. Hoch auf fuhr dabei Undine von ihrem Schemel und ſtieß ei⸗ nen lauten Schrei aus.—„Da ſiehſt Du, daß Du Furcht haſt,“ ſagte ihr Lehrer, uͤber ſie ſpottend,„und daß Du vielmehr gegen dieſen armen, aufrichtigen Kopf luͤgſt, weil er Dir eine nicht eben hoͤfliche Wahrheit ſagt. Er hat Nichts mehr, ſiehſt Du, um Jemand zu beluͤgen, nicht einmal ſich ſelbſt. Du magſt immer Blumen darunter, daruͤber und rings umher zeichnen, es bleibt doch ſtets ein Todtenkopf, der Einzige, der nicht mehr luͤgt. Bei alledem muß man uͤber Deine Idee laͤcheln. Die Blumen da ſind gut gelegt. Man muß dieſe Skizze, die mir gar nicht mißfaͤllt, behalten... Die arme Kleine!“ fuhr er fort, indem er bald die Blumen, bald Undinc, bald den Todtenkopf anſah,„wie ſie doch ihrem Vater ſo aͤhnlich iſt!“ Und ſeine Augen wurden feucht. Er wartete heute nicht, bis die Sonne ganz unterge⸗ gangen war, um ſeiner Nichte einige Augenblicke lang die geſunde Luft der Boulewards und Gaͤrten, deren ſuͤße Geruͤchte ſelbſt uͤber die hoͤchſten Mauern dringen, Kinothmen zu laſſen...... Marceline Valmore. Eine Eine Sitzung im Taubstummen⸗ Institute. — „Die Dankbarkeit iſt das Gedächtniß des Herzens.“ (Der Taubſtumme Maſſieu.) Seuen muͤßt ihr, wie an einem ſchoͤnen Fruͤhlingsmor⸗ gen, in der Jahreszeit des Flieders und der Roſen, aus allen Vierteln der großen Stadt durch den Pflanzengar⸗ ten, das Palais Royal, die Tuilerien und das Luxemburg Familien von Taubſtummen, kleine Schaaren von Pen⸗ ſionairs beider Geſchlechter, eine Menge fremder und einheimiſcher Geſellſchaften, Buͤrgerliche, Adlige, Ge⸗ ſandte, Biſchoͤfe, Deputirte, Kardinaͤle, Pairs, Pri zer und Koͤnige zu dieſer Schule ziehn, jene zu Fuß dieſe in reichen und praͤchtigen Eßuipgen, Alle aber n rugt wie zu einem Feſttage. 11 242 Im Sitzungsſaale bilden nun dieſe froͤhlichen und neugierigen Haufen eine zahlreiche Verſammlung von mehr als 600 Perſonen, unter denen man junge und ſchoͤne Frauen aus allen Laͤndern glaͤnzen ſieht. Treten wir mit in den Saal. Auf der einen Seite rechts ſitzen die jungen taubſtummen Maͤdchen, von 5 und 6 bis zu 15 und 18 Jahren, einfoͤrmig in blendend weiße Gewaͤnder gekleidet, mit himmelblauen Huͤten und Guͤrteln; auf der andern, links, erblickt man die Kna⸗ ben, ihre Bruͤder, ſchmuck angethan, in ihren grauen Jaͤckchen mit blauen Aufſchlaͤgen und Kragen, wie die Guͤrtel ihrer Schweſtern. Welche ſuͤße Freude ruht auf allen dieſen jungen und huͤbſchen Geſichtern! welches Leben, welcher Ausdruck in der Entfaltung dieſer ſo beweglichen Phyſiognomieen beider Geſchlechter! Das Gluͤck der Unſchuld des ſchoͤn⸗ ſten Lebensalters athmet aus ihren beſcheidenen Blicken, aus ihren feurigen, blitzaͤhnlichen Bewegungen, zu de⸗ nen ſie ihre Zuflucht nehmen muͤſſen, um ihre Gedan⸗ ken zu malen; denn ſie haben nie geſprochen, nie wer⸗ den die Laute eines Bruders, einer guten und zaͤrtlichen Mutter, oder eine noch ſanftere Stimme ihre Ohren beruͤhren und bis in ihr Herz dringen; nie werden ſie ſich des Zaubers der Harmonie erfreuen. Fuͤr ſie haben die Thaͤler kein Echo, ſind die Geſellſchaftsſaͤle ohne Ton, ohne Wiederhall; fuͤr ſie kein ſuͤßes Murmeln des Bachs, der anmuthig zu Traͤumen einladet. Das Ge⸗ 243 raͤuſch des Blatts, das die Zweige herabfaͤllt, das Rau⸗ ſchen des flatternden Gewandes am Rande eines einſa⸗ men Hoͤlzchens wird nie ihr Herz hoͤher klopfen laſſen. Vergebens bemuͤhen ſich im Lenz die Nachtigall und alle Virtuoſen der ſchoͤnen Jahreszeit, ihre Geſaͤnge zu entfalten; jene entfernten Klaͤnge, dieſe frommen Toͤne der Glocken, die ſich in der weiten Luft unmerklich ver⸗ lieren und ihre letzten Harmonieen zum Himmel empor zu tragen ſcheinen; alle dieſe Stimmen, alle dieſe Zun⸗ gen, alle dieſe Schaͤtze der Melodie ſind als waͤren ſie nicht da fuͤr dieſe armen Kinder, die, auf ewig in den Abgrund des Schweigens verſenkt, ſie nie vernehmen koͤnnten, nie vernehmen werden. Ha! da ſind die taubſtummen Zwillingsbruͤder Mar⸗ tin, Maler aus Marſeille, ungefaͤhr 20 Jahr alt, von demſelben Wuchſe, denſelben Zuͤgen, denſelben Koͤrper⸗ gewoͤhnungen, derſelben Anmuth der Bewegungen. Der Eine iſt der vollkommene Soſias des Andern. Es iſt in der großen Welt bekannt, daß ſie in Paris vom Por⸗ traitmalen leben. Das Werk, was der Eine begonnen, vollendet der Andere, ohne daß man einen Unterſchied bemerkte. Man verwechſelt ſie, ſo ſehr gleichen ſie ſich, was denn oft zu ſonderbaren Mißgriffen Veranlaſſung gegeben hat. 1 Dieſe beiden liebenswuͤrdigen Zwillinge, voller An⸗ ſtand, aber, was noch weit mehr iſt, vom trefflichſten Herzen, folgen, wie ihr ſeht, mit den ehrfurchtsvollſten 11* 3 244 Blicken jener großen und ſchoͤnen Frau, deren Einher⸗ gehn etwas gewiſſes Imponirendes und Maceſtaͤtiſches hat. Es iſt ihre Landsmaͤnnin, ſchon nicht mehr jung, aber doch noch mit einigen Reizen ausgeſtattet, welche Aller Augen auf ſie lenken. Es iſt eine Mutter, deren Gefolge, oder vielmehr deren Schmuck aus zwoͤlf lebens⸗ vollen Kindern beſteht, die ſich um ſie her gruppirt ha⸗ ben, ſechs jungen Toͤchtern und ſechs jungen Soͤhnen, von 6, 8, 10, 12, 16 und 18 Jahren, alle eins ums andre taubſtumm geboren. Grauſame Sonderbarkeit! Koͤnnt ihr ſie uns erklaͤren, ihr Herren Philoſophen, ihr großen Forſcher der Natur, die ihr behauptet, ihr den Schleier entriſſen zu haben, und euch ruͤhmt, daß ſie fuͤr euch kein Geheimniß mehr berge? Im Erwarten der wundervollen Wirkungen eurer erhabnen Kenntniſſe, welche die verborgenſten Geheimniſſe durchdringen und erhellen, wollen wir bewundern und uns einer Art von Entſchaͤdigung erfreuen. Findet ihr nicht etwas Antikes in den edlen Zuͤgen dieſer intereſſanten und ſchoͤnen Fa⸗ milie? Der Schnitt des Geſichts, die Lebhaftigkeit und Schaͤrfe des Blicks, die Anmuth und Zierlichkeit der Bewegungen und vorzuͤglich das warme feurige Blut, das ſchnell unter dieſer feinen, ſanften, durchſichtigen, von einer gluͤhenden Sonne leicht gebraͤunten Haut fließt, ſagt euch dies Alles nicht deutlich, daß ihr hier die Abkoͤmmlinge jener griechiſchen Kolonie, jener Pho⸗ eaͤer erblickt, welche Marſeille gruͤndeten? 245 Kaum wird dieſer kleine Haufe ſuͤdlicher, einwan⸗ dernder Taubſtummen, Urenkel und Urenkelinnen der Athenienſer des Perikles, ihre Bruͤder und Schweſtern in der Hauptſtadt gewahr, die ſie zum erſtenmale er⸗ blicken, als ſich auch ſogleich das lebhafteſte Geſpraͤch anknuͤpft; man laͤchelt ſich freundlich zu, man druͤckt ſich die Hand. Sie ſcheinen Lanosleute auf fremdem Boden, ſind entzuͤckt, ſich zu begegnen, ſich wiederzufin⸗ den, ob ſie ſich gleich vorher nie ſahen. Die Unterhal⸗ tung erſchoͤpft ſich nicht; ſie ſprechen Alle zuſammen und auf einmal dieſelbe Sprache, die Sprache der Handlung, der Malerei, der Gegenſtaͤnde, welche uͤberall dieſelben ſind, von einem Ende der Erde bis zum andern. Ich habe oft zu gleicher Zeit mit Taubſtummen mich unterhal⸗ ten, welche in Amerika, Rom und Petersburg geboren wa⸗ ren. Moͤchten ſie auch das Licht der Sonne in China, Lappland, bei den Antipoden erblickt haben, ſie wuͤrden deshalb doch nicht Lapplaͤnder, Antipoden, Chineſen, Ruſſen, Amerikaner, Roͤmer ſein. Nur Erͤbewohner wuͤrden ſie ſein, und ſind es auch, Kosmopoliten, Buͤr⸗ ger Natur, des Schweigens, kurz Taubſtumme. Es ſchlaͤgt ein Uhr und eine Salye von Beifall⸗ klatſchen bezeichnet das Eintreten des Lehrers, von meh⸗ rern ſeiner vorzuͤglichſten Zöglinge umgeben, die ſich auf eine Erhoͤhung vor einer großen ſchwarzen Tafel ſetzen Die Verſammlung beobachtet ein tiefes Stillſchwei⸗ gen und die ſtrengſte Aufmerkſamkeit. 246 Der Lehrer nimmt das Wort und druͤckt ſich folgen⸗ dermaßen aus: „Jeder von Ihnen, meine Damen und Herren, ſtellte wohl, als er zu dieſer einfachen Behauſung ar⸗ mer, taubſtummer Kinder ſchritt, bei ſich die ſchmerz⸗ lichſten Betrachtungen uͤber die Sonderbarkeit ihres Ge⸗ ſchickes an.. „Sie bildeten ſich tauſenderlei Vermuthungen aus, welche Mittel wohl der Lehrer anwenden moͤge, um ſo eigenthuͤmlichen Zoͤglingen ſich verſtaͤndlich zu machen, die, wie ihr Aelteſter ſie geſchildert hat, nicht hoͤren koͤnnen, und nicht zu ſprechen verſtehen. „Aber wenn ſie taub ſind, ſind ſie nicht blind, und was wir, nach dem geiſtreichen Worte des Abbé de l'Epée, nicht durch das Thor bei ihnen koͤnnen einge⸗ hen laſſen, bringen wir durch das Fenſterhin⸗ ein. Fehlen ihnen die Toͤne, die Stimme, das Wort, der Ausdruck, ſo bleibt ihnen doch das Licht, die Phy⸗ ſiognomie, der Blick, die Farben, die Bewegungen. So werden ſie denn ihre Ideen durch Geſten ausdruͤcken; die Sprache der Stummen wird die Action der Rede⸗ kunſt in ihrer weiteſten Ausdehnung ſein, dieſe ſo dich⸗ teriſche und pittoreske Action, welche das, was ſie ſieht, malt, und was ſie malt, verſchoͤnert, eine Art aͤußerer Phantaſie und geſtikulidter Etymologie. „Das Wort theilt nicht den Gedanken mit, es weiſ't ihn nur aͤnßerlich gleichſam auf ſich ſelbſt zuruͤck, echo⸗ artig, damit er fruchtbar werde. So genießt denn frei⸗ lich das ungluͤckliche Weſen ohne Gehoͤr und Sprache, das auf ſeine natuͤrlichen Zeichen beſchraͤnkt iſt und faſt iſolirt lebt, nicht ganz jenes koͤſtlichen und unermeßlichen Vorzugs, wenn es nicht durch eine geniale Anſtrengung ſeine Zeichen dadurch vervollkommnet, daß es ſelbſt oder Jemand fuͤr daſſelbe, dieſe Zeichen zu der Wuͤrde einer Sprache erhebt, die allein das Wort erſetzen kann. „Wir wollen es alſo verſuchen, unſern Geſpraͤchen die dramatiſche Form zu geben und uns dadurch ver⸗ ſtaͤndlich zu machen, daß wir jene ſchwere Kunſt, den Taubſtummen von ſeinen natuͤrlichen zu den angenom⸗ menen Zeichen, das heißt, von der urſpruͤnglichen Ord⸗ nung zu der conventionellen fortzufuͤhren, in Anwen⸗ dung bringen. „ unſre Darſteller moͤgen daher zuerſt jener kleine huͤbſche Hund und dieſe beiden allerliebſten taubſtum⸗ men Kinder ſein. Komm, Du niedliche Kleine da, und Du, kleiner luſtiger Burſche von 6 Jahren, die ihr der ganzen Verſammlung durch die Zierlichkeit eurer Zei⸗ chen und eure ſtete Beweglichteit ſo viele Zerſtreuung gewaͤhrt. Wir wollen euch durch Zeichen befragen, euch, unſre Darſteller in Hoffnung, die ihr uns mit euern großen blauen, ſchwarzen und neugierigen Augen anſeht, damit ihr uns auch durch Zeichen den Namen des andern Darſtellers da nennt, der nicht minder leb⸗ 248 haft iſt als ihr, und ſo wie er auf die Buͤhne trat, euch ſogleich Beweiſe ſeiner zaͤrtlichſten Zuneigung gab. „Vorher aber bitte ich, daß Jemand aus der Ver⸗ ſammlung die Guͤte habe, und ſich fuͤr ſie aufopfre, in⸗ dem er ihr das Vergnuͤgen verſchaffe, zu ſehen, wie er ſelbſt ſuche, herumtappe, und ſich beſtrebe, ſelbſt dieſes Zeichen zu finden, waͤhrend wir unſre ungeduldigen Darſteller ſich umdrehen laſſen wollen, damit ſie Nichts davon zu ſehen bekommen.“ Mehrere Perſonen ſtehen zugleich auf und machen, als ob ſie ſich beredet haͤtten, daſſelbe Zeichen, welches alle Welt anwendet, um einen Hund zu rufen. Nun aber machen auch unſre kleinen Darſteller, zur großen Freude der Zuſchauer, nachdem ſie ſich wieder umgedreht haben, daſſelbe Zeichen. Sie geben ſich mit ausgeſtreckter Hand ſchnell ein Paar kleine Schlaͤge auf das Knie, ſie reiben noch ſchneller den Daumen und Zeigefinger, indem ſie dieſe dem Hunde vorhalten, den ſie freundlich anſehen, und bewegen die Lippen, als ob ſie bellen wollten. Der verſtaͤndige Mitſpieler, der wach⸗ ſame und treue Waͤchter der Kindheit, zu dem man in ſeiner Sprache redet, haͤlt ſich bei dieſer ſuͤßen Auffor⸗ derung, dieſem traulichen Zurufe vor Freude nicht laͤn⸗ ger. Als ein wohlerzogener Franzoſe, der die Welt, und als vollendeter Darſteller, der ſeine Rolle bis auf das Und auswendig kennt, ſpringt er aus Leibeskraͤften und 249 indem er mit dem Ausdrucke inniger Freude bellt, auf dieſen Schauplatz des Entzuͤckens, in die offnen Arme der beiden neuen Freunde, die er mit unzaͤhligen Lieb⸗ koſungen bedeckt. Jetzt bemerkt auch, was zu gleicher Zeit auf der ſchwarzen Tafel vorgeht. Ein Taubſtummer, der nicht mit bei dieſem Auftritte war und auf den man gar nicht achtete, ſchreibt aus einem kleinen Antriebe von Eigenliebe, die man unterdruͤcken wuͤrde, wenn ſie ge⸗ faͤhrlich werden koͤnnte, das auf die Tafel, was er viel⸗ leicht erſt ſeit einem Augenblicke weiß, den Namen Hund, nach den bloßen Dictatis der Zeichenſprache unſrer beiden kleinen Leutchen, ſeiner ſchweigenden Mit⸗ bruͤder. Unſer kleiner, uͤber ſein Meiſterwerk entzuͤckter Doctor iſt zufriedner mit ſich ſelbſt, als ein General, der eben den Sieg davon getragen hat. Wir ſagten, daß unſre junger Gelehrte erſt ſeit kurzem ſeine Weis⸗ heit erlernt habe, aber wir irrten uns; er muß ſie ſchon ſeit mehreren Jahren beſitzen, weil er die Gegenſtaͤnde, und vorzuͤglich Thiere ſchreiben, benennen, be⸗ ſchreiben und definiren kann. Allerdings iſt das Zeichen fuͤr Hund, ſo wie es eben gemacht worden, natuͤrlich; aber es giebt in der Logik ein Ariom, welches alſo lautet: nicht das Zeichen weckt die Idee, ſondern der Gegenſtand, ſonſt wuͤrde die natuͤrliche Folge der Dinge umgedreht: Gegen⸗ ſtand, intellektuelles Bild, Idee, Zeichen, . 250 Ton, Wort, muͤndliches und ſchriftliches Le⸗ ſen: das wird noch verſtaͤndlich werden.. Uebrigens wuͤrde auch das Zeichen nicht ausreichen, den Hund kennen zu lehren, von dem es nur eine Skizze iſt, und noch weniger dieſem Namen ſeine rechte Be⸗ deutung zu verleihen. Ganz gewiß wußte unſer kleiner Gelehrter dieſe Namens⸗Bedeutung. Aber wie hatte er ſie erlernt? Sein Lehrer hat beim Anblicke des Hun⸗ des ihm die Zeichnung davon gegeben, ohne als eine weſentliche Sache dabei zu vergeſſen, zwiſchen der Zeich⸗ nung und dem Namen, deſſen Verſtaͤndniß er ihm bei⸗ bringen will, ſchriftlich, mittelſt Geſten, Ableitung der Ideen und Etymologie alle Eigenſchaften und Eigen⸗ thuͤmlichkeiten des Hundes ihm zu erklaͤren, die Klaſſe, zu welcher er in der Natur gehoͤrt, ihm zu bezeichnen und mit dem Auge des Gedankens Alles, was ihn charakteriſirt, zu durchmuſtern, das Athemholen, die Bewegung, den Schlaf, das Wachen, das Trinken, das Eſſen und alle zu ſeiner Erhaltung noͤthigen Funktionen, endlich ſein Temperament, ſeine Gewohnheiten, ſeinen Inſtinkt, ſei⸗ nen Charakter, ſeine Sitten. „Das iſt Alles recht gut,“ ſagte einer der Anweſen⸗ den mit lauter Stimme, zu dem Lehrer gewendet;„aber Sie haben uns noch nicht geſagt, wie Sie Ihren Zoͤg⸗ lingen die Bedeutung des Namens beibringen. Wie und warum dieſer Name der Name eben dieſes Gegen⸗ ſtandes und keines andern ſei? Begreifen ſie denn, daß 251 dieſes Wort der Name des treuen Thieres, des Gefaͤhr⸗ ten in unſern guten und boͤſen Tagen ſei, der uns nie verlaͤßt? Nein, ſie begreifen es nicht, weil der Name Hund, den man dieſem Thiere beilegte, ein willkuͤhr⸗ licher iſt. Hund, geſprochen oder geſchrieben, iſt nicht einmal ein Wort fuͤr ſie, weil Sie ihnen nicht das Al⸗ phabet haben kennen gelehrt, welches doch der Inbegriff der Grundbeſtandtheile der Worte iſt „Sie haben Recht, mein Herr, erwiedert der Lehrer; laſſen Sie uns das Vergeſſene nachholen. Laſſen Sie uns zwiſchen uns und unſern Zoͤglingen dieſen Vertrag eingehen. Der Gegenſtand iſt abweſend; der Name ſteht um die Zeichnung her geſchrieben; wir zeigen die Zeich⸗ nung dem kleinen Zoͤgling da, und er ſoll uns ſogleich den Gegenſtand aufſuchen. Verſuchen wir die Gegen⸗ probe; laſſen wir uns die Aufgabe geben. „Der zum Lehrer gewordene Zoͤgling zeigt uns die Zeichnung; wir ſtellen uns, als irrten wir uns, und bringen ihm einen andern Gegenſtand. Sehen Sie nur, wie der Zoͤgling gleich die Achſeln zuckt, und uns mit einer Miene ſpoͤttiſchen Mitleidens ſelbſt den wahren Gegenſtand der Zeichnung herbeiholt. „Bis dahin iſt der Vertrag, Dank ſei es der Natur, welche uns an der Hand leitet, in ſchoͤnſtem Einklange. Wenn wir nun aber, ſtatt ihm die Zeichnung zu zeigen, dieſe, immer noch in Abweſenheit des Gegenſtandes, ausloͤſchen, und ihm bloß den Namen zeigen, ſo wird 25² es bei dem Zoͤgling Zoͤgerung geben, uns den wahren Gegenſtand herbeizubringen. Wenn wir jedoch mehre⸗ remale darauf beſtehen, indem wir die Zeichnung wie⸗ der herſtellen und ſie wieder verloͤſchen, ſo wird die Z5⸗ gerung nur ſo lange dauern, als der Geiſt Zeit bedarf, um zu begreifen, daß der Name, ob er gleich der Zeich⸗ nung nicht im geringſten gleiche, doch immer ſtatt ihrer geſetzt werde, und folglich die Stelle des Gegenſtandes vertrete, mit welchem er eben ſo wenig Aehnlichkeit hat. Nun begreift der Zoͤgling dieſe Stellvertretung, und uͤberzeugt, daß ſie ohne Arg und vielmehr hoͤchſt nuͤt⸗ lich ſein werde, willigt er darein. Dies iſt der ge⸗ ſchloſſene und durch gegenſeitige Einwilligung erfuͤllte Vertrag, das Wort zur Bedeutung gebracht, zum Werth, wie ein Fleck Erde durch Bearbeitung, und nun Name geworden. Eben ſo entſteht auch das Ei⸗ genthum, das man durch Arbeit erwirbt. „Jetzt wollen wir nun den Zoͤgling die Grundſtoffe des Namens, das heißt die Buchſtaben„ kennen lehren, deren Geſammtheit Alphabet heißt. „„Wir haben Sorge dafuͤr getragen, alle Buchſtaben des Alphabets in eine Ecke der Tafel, wie in eine Nie⸗ derlage zu ſchreiben. Dort iſt fuͤr uns die Palette des Malers, aus der wir uns unſre Farben holen, um Alles abzumalen, was uns ins Auge faͤllt Vorher aber mußte der Zoͤgling alle dieſe Buchſtaben kennen, nachahmen, 253 ſchreiben. Er kann ſie nun auswendig. Sie ſind ſein Spielzeug. „Zuerſt haben wir Namen geſchrieben, die aus ſo wenig Buchſtaben wie nur moͤglich beſtehen, deren Vokal⸗ Artikulation vom Zoͤgling, ohne daß er es merkt, be⸗ wirkt wird. Denn die Taubheit hindert das Spiel des Vokal⸗Inſtruments nicht/ und entzieht dem Tauben, obgleich ohne daß er's weiß und unwillkuͤhrlich, jene Toͤne und Artikulationen keinesweges, welche die Gegen⸗ ſtaͤnde der Buchſtaben und die Elemente der Sprache ſind. „Im Fortgange aller dieſer Uebungen haben wir Namen genug geſchrieben, um alle Buchſtaben anzu⸗ wenden und das ganze Alphabet zu erſchoͤpfen. Durch Thaͤtigkeit, Zeit und vorzuͤglich durch Geduld, ſind wir dahin gelangt, den Zoͤgling den Gegenſtand kennen zu lehren, das Zeichen deſſelben von ihm auffinden, es ihn zeichnen, den Namen ſchreiben, und das geſchriebene Alphabet kennen zu laſſen, und durch Wiederholung ge⸗ langen wir zu der raſchen Ausfuͤhrung alles dieſes Er⸗ lernten. Was iſt nun jetzt zu thun? Wir brauchen ihm bloß noch trotz des Gehoͤrs, das noch lange Zeit den Bemuͤhungen der Kunſt widerſtehen zu wollen ſcheint, die Sprache wieder zu geben. Wenn ich aber ſage, dem Stummen die Sprache wiedergeben, ſo iſt dieſer Aus⸗ druck nicht genau, weil ich ihn bloß nun wiſſentlich und freiwillig die Artikulationen und Toͤne ausfuͤhren laſſe, die er maſchinenmaͤßig und ohne ſie zu kennen ſchon 254 ausfuͤhrte. Ich bringe ihm Kenntniß von dem Schatze bei, den er in ſich traͤgt, und lehre ihn, ſich deſſelben zu bedienen. Haben Sie die Guͤte, den Unterricht wei⸗ ter mit uns fortzuſetzen. 3 „Laſſen wir alſo unſre Zoͤglinge voͤllig ſich ſelbſt uͤber, laſſen wir ſie ungezwungen ſchwatzen und ſich un⸗ terhalten, dann aber mit unſern Ohren erſpaͤhen und ſorgfaͤltig aufmerken, ob ihnen bei allen dieſen Zeichen nicht auch Toͤne, einige Artikulationen und Laute mit entwiſchen, welche wie der Funke vom Stahle ſpruͤhen, ohne daß der fuͤhlloſe Stahl die geringſte Abſicht dabei habe. Hal! da hoͤren Sie nur, welche Toͤne, wie viele Artikulationen recht deutlich, trotz dieſer anſcheinenden Unordnung, uns zu Ohr und Auge kommen! ja, wir bemerken ſogar, daß dieſe Toͤne accentuirt ſind, und das Gepraͤge von lebhaften Erregungen, von zaͤrtlichen Gefuͤhlen tragen, welche dieſe jungen Herzen beleben. „Dieſe junge Perſon, die eben die Toͤne a e und die Artikulationen ti mi hervorbrachte, moͤge hier auf dieſe Erhoͤhung treten. Nach mehrfachen Verſuchen wird es uns gelingen, daß ſie jene wiederholt und deutlich ausſpricht. Sie weiß noch nicht, was ſie beſitzt, ſie fuͤhlt es nicht; aber ſie wird es, ob ſie gleich in das tiefſte Stillſchweigen verſenkt iſt, doch eines Tages hoͤren, oder vielmehr mitten durch alle die verworrenen Bewegun⸗ gen des Kehlkopfs hindurch fuͤhlen, wenn ſie Toͤne her⸗ vorbringt und wenn ſie keine hervorbringt. Mit dem 2⁵⁵ ausgezeichneten natuͤrlichen Takte, der ihrem Geſchlechte eigen iſt, wird ſie dieſelben nach Willkuͤhr hervorbringen koͤnnen und ſich derſelben bedienen, um fernſtehende Hoͤrer herbeizurufen, wie wir niicht ſelten Beiſpiele da⸗ von in dem Inſtitute haben. „Jetzt wollen wir zugleich e mi a ti ſchreiben und artikuliren laſſen. Wenn wir dahin gelangen, ſie aus⸗ ſprechen zu laſſen, indem wir ihr ſie zeigen, ſo haben wir Leſeunterricht gegeben. Unſer Zoͤgling hat einen großen Vorſchritt in der Kenntniß der Sprache und dem Leſen gemacht.“ „Ja,“ entgegnete hier ſpoͤttiſch ein ſtrenger und doch ein wenig leichtſinniger Kritiker:„Ihr Zoͤgling hat es ſehr weit in dieſer Sprache der Papa⸗ gaien gebracht; ein wahres Kauderwaͤlſch!“— „Glauben Sie?“ erwiederte der Lehrer;„nun, ſo uͤberzeugen Sie ſich wenigſtens, daß das junge Maͤdchen dieſes Wort ſehr gut verſteht, wel⸗ ches keiner Erklaͤrung bedarf, denn ſie hat Schweſtern, Bruͤder und Freundinnen.“ Welch ein Wunderwerk iſt nicht unſer Alphabet! Wie die hoͤchſte Anſtrengung des Genies kommt es mir vor. Dieſer große Gedanke, die Elemente der Sprache auf ſolch eine kleine Anzahl zuruͤck zu fuͤhren und durch eben ſo viele Schriftzuͤge darzuſtellen, iſt das Meiſter⸗ ſtuͤck des menſchlichen Geiſtes. Sollte man nicht glau⸗ ben, derſelbe Verſtand habe das geſprochene Alphabet, 256 das geſchriebene Alphabet, das Zahlenſyſtem und die Zer⸗ legung des Lichts in urſpruͤngliche Farben erfunden? Im Organ des Sprechens, dieſem Inbegriffe aller muſikaliſchen Inſtrumente, hat der Menſch von ſeinem Gotte die Stimme, den Accent, den Geſang und die Sprache erhalten, die er getrennt oder zuſammen aus⸗ uͤbt. Er kann den Laut aller Thiere nachahmen, mit dem Leidenden klagen, mit dem Froͤhlichen jubeln, bruͤl⸗ len mit dem Loͤwen, girren mit den Tauben, ſingen mit dem fruͤh muntern Vogel der Gebuͤſche, pfeifen mit dem Winde, murmeln und losbrechen mit dem Donner, ſeufzen mit ſeiner Geliebten, und reden mit dem Manne. Dieſe Sprache der Handlung bringt, indem ſie durch Geſten malt, dem Gedanken einen Koͤrper leiht, und gewiſſermaßen mit den Gegenſtaͤnden ſpricht, die abſtrac⸗ teſten Ideen der hoͤchſten geiſtigen Regionen unter die Gewalt der Phantaſie und der Sinne. Bei dieſem Principe der natuͤrlichen Gedaͤchtnißkunſt geht das Ab⸗ ſtracte ſtets in Gemeinſchaft mit dem Concreten. Verlangen Sie von einem Zoͤglinge, ohne ihm Zeit zum Nachdenken zu laſſen, daß er Ihnen„ein“ zeige. Sogleich wird er Ihnen ſeinen Stock, ſeinen Hut vorweiſen. Sie werden ihm darauf bemerklich machen, daß er Ihnen ein als Gegenſtand, nicht aber die Zahl ein, von allem Gegenſtande getrennt, vereinzelt, zeige. Er zeigt Ihnen nun ſeinen Finger, und Sie ent⸗ gegnen daſſelbe. Jetzt ſucht er ſich dadurch aus der Verlegenheit zu ziehen, daß er eine Linle in die Luft zeichnet; aber dieſe Linie laͤßt keine Spur zuruͤck, und waͤre ſie auch bleibend und ſichtbar auf einem Papiere, ſo wuͤrde ſie doch nur dazu dienen, dem Zöoͤglinge zu beweiſen, daß es ihm unmoͤglich ſei, die Zahl ein allein, und vom Gegenſtande getrennt, zu zeigen. Dann iſt er uͤberzeugt, daß er das Abſtractum nicht vom Con⸗ ereto trennen kann, und es vielleicht fuͤr ihn unmoͤglich iſt, dies zu faſſen.; Die Malerei hat den Raum zu ihrem Gebiete, die Sprache der Handlung die Zeit. Doch naͤhern ſich dieſe beiden Arten des Ausdrucks nicht ſelten. Giebt der Zoͤgling die Zeichen des Kuͤnftigen, des Gegenwaͤrtigen und des Vergangenen, ſo bildet die Geſammtheit dieſer drei Perioden die Zeit. Leugnet er das Vergangene, indem er mit dem Kopfe ſchuͤttelt, ſo iſt auch kein Anfang da, leugnet er das Kuͤnftige, kein Ende. Zieht er mit dem Zeigefinger in der Luft eine runde Linie, welche in jeder Beziehung das Unendliche andeutet, ſo hat er der Zeit die Fluͤgel beſchnitten, hat den Kreis beſchrieben, die Schlange gezeigt, die in der Malerei das Symbol der Ewig⸗ keit iſt. Der Taubſtumme bedient ſich des Malerpinſels, um Lachen und Weinen auszudruͤcken. Um Lachen aus⸗ zudruͤcken, genuͤgt es ihm, mit dem Finger mehrere⸗ male ſchnell nach einander die Mundwinkel nach Oben 11 VX 258 zu wenden; das Umgekehrte thut er, wenn er Weinen andeuten will... Man ſagt, daß ein Prinz, der die florentiniſche Gallerie beſuchte, als er einen Amor in einer Ecke eines Bildes geſehn, der geweint, den Kuͤnſtler gebeten habe, ihn lachen zu laſſen. Prinzenbitte iſt Befehl. Mit zwei Pinſelzuͤgen lachte der Amor. 3 Wenn der Zoͤgling die Handlung des Malers nach⸗ ahmt, als habe er den Pinſel in der rechten Hand und die Palette am Daumen der linken, und nun dieſe Handlung des Malers auf den Geiſt uͤbertraͤgt, indem er auf die Stirn zeigt und die Handlung nachbildet, den Zeigefinger an die Stirn zu ſtuͤtzen/ waͤhrend zu⸗ gleich ſeine Phyſiognomie ſich belebt, ſo laͤßt er, ſo zu ſagen, die Phantaſie aufbluͤhn, zeigt ſie ſichtlich dem Auge.. 3 Klopft er ſich mehreremale ſchnell mit dem Zeige⸗ finger an die Stirn, um den Sitz der Vernunft anzu⸗ deuten, richtet dann die Finger nach dem Himmel, in⸗ dem er ſie lebhaft bewegt, um die Flamme nachzu⸗ ahmen, welche dem Wirbel des Kopfes entſtroͤmt, und druͤckt ſein Geſicht Begeiſtrung aus: hat er dann nicht das Genie gemalt? Entflammt ſich nun die Phantaſie, ſo verſchoͤnt dieſe Zauberin auch zugleich die Natur ſelbſt mit ihren Ge⸗ bilden, und die Dichtkunſt entſteht. Die Gewalt des Geiſtes, die ſich der Gemuͤther 259 durch Ueberredung und Ueberfuͤhrung bemaͤch⸗ tigt, die Herzen beherrſcht und ſich den Augen durch die Lebhaftigkeit der Bewegung, den Ausdruck des Worts und die Korrektheit der Schrift darſtellt, iſt Beredt⸗ ſamkeit, welche die Huͤlfe der Dichtkunſt, die Uebung 28 des Genies und die Kultur des Geiſtes vorausſetzt. Druͤckt er durch Geſten das Herz aus, wie es nach einem einzigen Gegenſtande hinſtrebt, den er zu begeh⸗ ren ſcheint, indem er die beiden Haͤnde vorwaͤrts ſtreckt, gleichſam um ihn zu erreichen; begleitet er dieſe Hand⸗ lung mit einer Bewegung der Geſichtszuͤge, die eben ſo unerklaͤrlich als ausdrucksvoll iſt und das Vertrauen des Herzens auf die Zukunft darſtellt, ſo werdet ihr an dieſen Zuͤgen gewiß die Hoffnung, die Blume des Gluͤcks, erkennen. Denn wir finden allerdings in dieſer Troͤſterin der Ungluͤcklichen das Verlangen, den Glauben und die Erwartung. Das Verlangen kann matter werden, entſchlummern ſogar; dann iſt's der Schlaf des Herzens, oder mit einem Worte: die Gleichguͤltigkeit. Aber verloͤſchen wird es nie, das waͤre der Tod der Seele. Das Ver⸗ langen iſt vielmehr ihr Nahrungsſtoff. Es giebt eine ſehr ausgeſprochene Scheidung zwiſchen Verzweiflung und Leben, das, wie Boſſuet es ſo beredt ausgedruͤckt hat, eine Verkettung getaͤuſchter Hoffnungen iſt. Sie werden immer getaͤuſcht, dieſe Hoffnungen, aber auch immer wieder durch das Verlangen erneut, das 260 von einem Gegenſtande zum andern auf den Schwingen der Zeit flattert. Das unerſaͤttliche Verlangen und die mitleidsloſe Zeit, deren Senſe Leben ſelbſt aus dem Schooße des Todes hervorkeimen laͤßt, arbeiten fuͤr die Ewigkeit. Wenn die Phyſiognomie des Zoͤglings ſich gleich einer Blume bei den ſanften Strahlen der Sonne von ſelbſt entfaltet, wenn er leiſe die Hand auf ſein Herz legt, ſo druͤckt er das zaͤrtliche Gefuͤhl aus, welches Alles belebt. Die Natur, das Leben der Seele, die Liebe. 7 2 3 Fuͤgt er, um dieſe Flamme zu reinigen, das Zeichen binzu, den Finger zum Himmel zu erheben und ſich mit heiliger Ehrfurcht zu beugen, ſo druͤckt er die Liebe Gottes aus. Laͤchelt er mit dem Zeichen der Liebe einem Gegen⸗ ſtande zu, den er leicht auf ſeinen Armen zu wiegen ſcheint, ſo glaubt man gleich, eine Mutter zu ſehen, welche ihr Kind haͤlt. Zieht er mit dem Finger eine Linie, die das Verhaͤltniß des Herzens der Mutter mit dem des Kindes, oder des Kindes mit der Mutter an⸗ deutet, ſo hat er die beiden einander gleichlaufenden Begriffe, muͤtterliche Liebe, kindliche Liebe ausgedruͤckt...— Beſteht dieſe Beziehung zwiſchen zwei Perſonen ohne unterſchied des Geſchlechts, mit der wechſelſeitigen Be⸗ wegung heider Haͤnde, welche die Sympathie, die Ge⸗ 261 genſeitigkeit andeutet, eine Art von liebendem Zuge, der von einem Herzen zum andern ſtroͤmt: wer ſollte da nicht die Freundſchaft erkennen? Ich habe irgendwo geleſen, daß zwei beruͤhmte Schau⸗ ſpieler, welche in einer Geſellſchaft ſpeiſeten, von dieſer gebeten wurden, ihr eine Idee ihres Talents zu geben. Einer von ihnen erweckt durch den Vortrag eines ſchoͤ⸗ nen Gedichts Mitleid und Schrecken in allen Ge⸗ muͤthern und laͤßt ſuͤße Thraͤnen vergießen. Der an⸗ dere, auf den nun alle Augen ſich wenden, naͤhert ſich leiſe einem offnen Fenſter, indem er ſeine Serviette auf den Arm legt, als ob ſie ein Kind vorſtelle, das er ſanft wiegt, es zaͤrtlich anlaͤchelt und durch die bloße Beredtſamkeit des Geſts die muͤtterliche Liebe mit einem Ausdrucke der Geſichtszuͤge darſtellt, den keine menſch⸗ liche Sprache zu ſchildern im Stande iſt. Ploͤtzlich eni⸗ faͤllt das Kind dem Arme dieſer Mutter und ſtuͤrzt zum Fenſter hinunter. Den Tod im Herzen folgt ſie ihm mit ſtarrendem Auge bei ſeinem Falle, um es noch zu erhalten, und zeigt in der edelſten und ruͤhrendſten Phyſiognomie Alles, was die Verzweiflung einer Mutter, der man ihr Innerſtes entreißt, Furchtbares darbieten kann. Um das Werk uͤber die Zeichen zu vollenden, muͤßte man im Stande ſein, ihrer Analyſe, ihrer Beſchreibung und der Erfindung von Schriftzuͤgen, um ſie wieder⸗ geben zu koͤnnen, noch eine kurze Theorie der Phyſio⸗ 262 gnomie hinzuzufuͤgen. Etwas beinah Unmoͤgliches! Man kann den Haß der Liebe, den Thraͤnen das Lachen gegenuͤberſtellen, man kann die Ironie in Verachtung und Spott zerſetzen, man kann die Reihe der Gefuͤhle abſtufen, ſo wie die der Leidenſchaften und der herr⸗ ſchenden Gemuͤthsrichtungen; aber jede menſchliche Kunſt wuͤrde zu Schanden werden, wenn ſie die flͤchtigen Nuͤanren beſchreiben wollte, die wie eben ſo viele Blitze dann, wenn die Leidenſchaften die Seele, wie die Winde das aufgeregte Meer, durchſtuͤrmen, uͤber ein ſchoͤnes Angeſicht fliegen. Der Unterricht darf nie von der Erziehung getrennt werden. Dies iſt eins der Laſter des Jahrhun⸗ derts! Welche Albernheit! Welche Thorheit, das Ge⸗ hirn des ungluͤckſeligen Kindes wie eine Vorrathskam⸗ mer zu betrachten, in welcher man ohne Auswahl alle moͤgliche Gegenſtaͤnde ohne Wahl, ohne Ordnung auf⸗ haͤuft, und ſich nicht mit deſſen Herzen zu beſchaͤftigen, mit der Richtung ſeines Willens, mit den guten Nei⸗ gungen, von denen ſein kuͤnftiges Gluͤck abhaͤngt. Heißt das nicht, durchaus wollen, daß der Menſch durch den Kopf nur weiter komme, und ſein Herz, ſein Ge⸗ muͤth, ſeinen Willen den Launen des Zufalls uͤberlaſſen? Was kann anders daraus werden, als ein Verſtuͤmmelter! Erziehung und Unterricht, die Freundinnen der Kindheit, muͤſſen die unzertrennlichen Gefaͤhrtinnen des Menſchen, wenigſtens in der Jugend, bleiben. 263 Kann man dem fruͤhern Alter die Groͤße ſeiner Beſtim⸗ mung, die Unſterblichkeit der Seele, die Ewigkeit des kuͤnftigen Lebens auch nicht vollſtaͤndig begreiflich ma⸗ chen, ſo muͤſſen wir wenigſtens verſuchen, daſſelbe es ahnen zu laſſen. Ich waͤhle einen Gegenſtand aus dem Gebiete der Kuͤnſte. Dieſe Uhr. Nun frage ich den acht⸗ oder neun⸗ jaͤhrigen Zoͤgling, ob dieſe Uhr das Werk einer Fliege, eines Affen, einer Biene, einer Giraffe, einer Ameiſe, eines Elephanten, oder unſers kleinen mitſpielenden Hundes ſei, der noch immer da iſt. Das Kind wird roth wie Scharlach. Es antwortet ſpoͤttiſch, ohne jedoch boͤſe zu werden: wahrhaftig nein! Wir beruhigen es ſanft, indem wir ihm erklaͤren, daß die Frage ernſt gemeint iſt, und zu ſeiner Beleh⸗ rung abzweckt. Der Lehrer. Wer hat alſo dieſe Uhr gemacht? Das Kind. Der Uhrmacher. Der Lehrer. Was iſt denn aber ein Uhrmacher? Das Kind. Je nun, ein Mann, der Hhren macht, Taſchenuhren, Wanduhren. Dieſes Beiſpiel iſt hinreichend, daß, wenn man auf dieſe Art durch Zeichen und eine lange Reihe von Fra⸗ gen alle Gegenſtaͤnde der Kuͤnſte, welche das Produkt der menſchlichen Induſtrie ſind, durchgeht, man fuͤr die Kinder die Seele durchblicken laſſen kann, eine 261 Kraft, welche uͤber den Inſtinkt der Thiere weit erha⸗ ben iſt. Dann frage ich, indem ich die Sonne Netrachte, meine Zoͤglinge, ob dieſe unerſchoͤpfliche Quelle welche auf das Weltall ohne Unterlaß Stroͤme von Licht und Waͤrme verbreitet und alle Gegenſtaͤnde mit den glaͤn⸗ zendſten Farben des Regenbogens malt, das Werk ihrer Haͤnde ſei?— Allle antworten natuͤrlich nein.„ Dieſes zweite Beiſpiel iſt ebenfalls hinreichend, um eine Menge Fragen uͤber die Weſen in der Natur fin⸗ den und das Daſein eines ſchaffenden Gottes fuͤhlen zu laſſen, der uͤber das erhabenſte Genie des ſchwachen Menſchen⸗ ſeines Geſchoͤpfs, unendlich erhahen iſt. „Sind die Zöglinge zum 16ten bis 18ten Jahre ge⸗ langt, ſo werden dieſelben, da ſie nun ſchreiben koͤnnen, die Grammatik ihrer Sprache und alle Formen des Ge⸗ ſpraͤchs verſtehen, und ſchriftlich auf eine Menge Fragen zu antworten im Stande ſein. Sind ſie dann genau mit den Erſcheinungen des thieriſchen Lebens, allen Eigenſchaften und Wirkungen der Seele bei dem Menſchen, der Verkettung der Phaͤ⸗ nomene der Natur und der Produktionen der Kuͤnſte bekannt, indem ſie von den Wirkungen zu den Urſachen und bei dieſen bis zu der erſten unabhaͤngigen, unver⸗ aͤnderlichen, unyerweslichen, ewigen, allmaͤchtigen her⸗ aufſtiegen, ſo beſitzen ſie die Elemente zu einem neuen Ge⸗ 265 Gemaͤlde, die ſie dann ſich ſelbſt zuſammenſetzen koͤnnen 3 3 Jetzt uͤberlaſſe ich Ihnen meine Zoͤglinge. Sie koͤn⸗ nen alle Arten von Fragen, uͤber was es auch immer ſein moͤge, an ſie richten laſſen. Der Lehrer. Was iſt Ewigkeit?— Maſſieu. Ohne Geburt noch Tod, die Jugen ohne Kindheit und Alter; das Heute ohne Geſtern und Morgen; der zirkelfoͤrmige Tag ohne Nachfolge; die Nichtzeit. Lehrer. Was iſt Schwierigkeit? Maſſieu. Möoglichkeit mit Hinderniß. Lehrer. Was iſt Natuͤrlichkeit?(Ingénnité.) Clerc. Naturlichkeit iſt frei, offen, naiv, ohne Fein⸗ heit, ohne Verſtellung und Umſchweife in ihren Worten, wie in ihren Handlungen; Bauern und Landbewohner ſind groͤßtentheils einfaͤltig, weil ihr Geiſt nicht gebildet worden iſt, Kinder und wohlerzogene junge Perſonen ſind natuͤrlich, weil ihr Herz nicht verdorben ward. Lehrer. Was iſt Idee, Gedanke, Urtheil, Raiſonnement(Betrachtung) und Methode? Berthier. Die Idee iſt das Reſultat der Erwar⸗ tung und malt den Gegenſtand im Geiſte; der Ge⸗ danke vereint eine oder mehrere Ideen, und vergleicht ſie, um ſie zu beurtheilen; das Urtheil ſieht, worin ſie uͤbereinſtimmen oder nicht; das Raiſonnement(Be⸗ tabenng) verbindet die Vergleichungen und Urtheile . 12 — 8 266 und leitet Eins von dem Andern ab; die Methode endlich iſt die Kunſt, Etpas nach Regeln hervorzu⸗ bringen. 3 Lehrer. Was iſt Grace?* Gazan. CGrace iſt Anmuth, ein gewiſſes Etwas, etwas Göttliches, uͤber den Koͤrper ausgebreitet, uͤber ſeine Be⸗ wegungen, ſeine Geſten, die ganze Geſtalt. Grzee iſt ein Geſchenk, eine Gunſt. Grace iſt der Beiſtand der goͤttlichen Begeiſterung. Lehrer. Was iſt Scham? Gazan. Die Scham, die ruͤhrendſte aller Tugen⸗ den, faͤrbt die Stirn des rechtlichen Mannes, oder viel⸗ mehr die des jungfraͤulichen Maͤdchens, mit einer an⸗ muthigen Noͤthe; ſie iſt eine legitime Abneigung, mit lieblicher Roͤthe gemiſcht, beim Anblicke deſſen, was die Keuſchheit beleidigt. Lehrer. Was iſt Huld? Berthier. Edles Verzeihen. Lehrer. Welches iſt der Unterſchied zwiſchen einer ſchoͤnen und einer huͤbſchen Frau? Gazan. Eine ſchoͤne Frau beſitzt einen maͤchtigen Reiz, der uns zur Bewunderung aufregt: ſie feſſelt die Blicke durch edle, regelmaͤßige Verhaͤltniſſe des Koͤrpers und durch ein anmuthiges Gemiſch von Roſen und Lilien ihres Teints, waͤhrend eine huͤbſche Perſon uns durch ihre niedliche Figur und freundlichen Manieren inter⸗ eſſirt und gefaͤllt. Sie iſt ein Kleinod, das wir mehr * 267 lieben, als bewundern. Eine Schoͤne iſt nur auf Eine Art ſchoͤn, eine Huͤbſche tauſend. Lehrer. Welcher Unterſchied iſt zwiſchen ſchoͤn und prachtvoll?. Gazan. Werke der Kunſt oder des Geiſtes muͤſſen, um ſchoͤn zu ſein, Regelmaͤßigkeit, eine gewiſſe edle Einfachheit und Groͤße beſitzen; aber das Prachtvolle fuͤgt dieſem noch einen außerordentlichen Glanz durch den Verein von Vollkommenheiten und Verhaͤltniſſen hinzu, welche man bewundern muß. Verbindet man das Schoͤne mit dem Prachtvollen, ſo entſteht das Erhabene, das uns erhebt, uns hinreißt, entzuͤckt. Uebrigens muß es ſtets natuͤrlich bleiben. Lehrer. Was iſt Gluͤck? Gazan. Genuß des Lebens iſt nur Vergnuͤgen; das Gluͤck beſteht bloß in dem Frieden des Bewußt⸗ ſeins. Ein Zuſchauer. Leugnen Sie die Myſterien des Chriſtenthums in gewiſſen Beziehungen? Gazan. Elende Frage! Der Menſch iſt ein hoch⸗ muͤthiger Wurm, der ſich anmaßt, das Weltgetriebe zu durchdringen, auf den Gipfel des anbetenswerthen und geheimnißvollen Tempels des Glaubens zu klettern, in der Weſenheit unſers geiſtigen Seins zu tief zu graben, um zu entdecken, was darin verborgen iſt. Alles ver⸗ ſchließt ihm fuͤr immer die Pforte der Myſterien. Eitle Verſuche! Thorheit! Er rafft ſpekulative Wiſſenſchaften 12* 4 268 zuſammen, er, der nur ein Atom in der Unermeßlichkeis der Kenntniſſe iſt, die ihm mangeln. Nun denn, iſt es recht, daß dieſes Atom mich frage, mich, der ich ſein Gefaͤhrte in Unwiſſenheit und Elend bin, ob ich die Myſterien des Chriſtenthums in gewiſſen Beziehungen leugne?— Ich danke Ihnen, meine Dumetk und Herren, im Namen der Taubſtummen, fuͤr den Beſuch, mit wel⸗ chem Sie uns bheehrt haben. Ich gebe Ihnen Ihre Freiheit wieder; die Sitzung iſt aufgehoben. Paulmier, Taubſtummen⸗Lehrer. — „Die Ferſen in derſelben Linie und ſo nahe einander, als es die Bildung des Mannes nur erlaubt; die Füße etwas weniger geöffnet, als im Winkelmaaße und gleich⸗ enäßig nach außen gewendet; die Kniee geſpannt, ohne Steifheit; den Körper auf den Hüften ruhend und nach vorwärts geneigt; die Schultern hinterwärts und gleich herabgezogen; die Arme natürlich herunterhängend; die Elbogen nahe an den Leib; das Innere der Hand etwas nach außen gebogen und den kleinen Finger hinterwärts gegen die Naht der Pantalons; den Kopf ungezwungen rechts; das Kinn nah' an den Hals, jedoch ohne ihn zu bedecken; die Augen auf die Erde, ungefähr 15 Schritte vor ſich hin, gerichtet.“ Stellung des Soldaten ohne Waffen. Erſter Theil der Schule des Soldaten. O! welche Luſt, Soldat zu ſein! ¹ 1 Weiße Dame. Paris iſt fuͤr die Regimenter, aus denen die Armer beſteht, Infanterie und Kavallerie, ein wahres Land der Verheißung, ein vorlaͤufiges Paradies. Den meiſten der Bataillons⸗Chefs ſcheint Frankreich, das ſchoͤne, ſo be⸗ * Varis äls Garnison⸗Stadt. 1 1 9 270 gehrte und von unſern guten Freunden von außen ſo beneidete Frankreich, eine Wuͤſte zu ſein, in der es eine einzige Oaſe giebt. Hoͤrt man auf dieſe Herren, ſo iſt ein Regiment nur in Paris gut aufgehoben. Sie glau⸗ ben, wie viele Leute, oder thun weenigſtens ſo, als ob ſie es glaubten, daß man nur in Paris lebt, in der Provinz aber bloß vegetirt. Was ſie aber nicht ſagen, iſt, daß ſio dort„der Sonne nahe“ ſind, und daß ſie ſich gern an deren belebenden Strahlen erwaͤrmen; daß ſie ſich dort wie in einem Treibhauſe befinden, wo Alles ſchnell emporſchießt. Ein Miniſter, der das menſchliche Herz kennt, traͤgt ſtets Sorge dafuͤr, den Ehrgeizigen, wie man zu ſagen pftegt, den Brodkorb hoch zu haͤngen. Er laͤßt jeden Oberſten als Reizmittel Paris im Hinter⸗ grunde erblicken, ungefaͤhr ſo, wie man einem fleißigen Kinde, das ſeinen Lehrern Freude gemacht hat, Bonbons verſpricht. Auch entſcheiden Gunſt, perſoͤnliche Ruͤckſichten, oft ſogar die Hartnaͤckigkeit eines einzigen Menſchen, weit mehr, als der hohe Grad der Ausbildung, ſchoͤne Hal⸗ tung„oder Dienſteifer“ fuͤr den Aufenthalt der Truppen in der Hauptſtadt. Unter der Reſtauration, ehe die Charte zur Wahrheit ward, und die Oppoſition noch nicht un⸗ geſcheut die Livrée des Miniſteriums angezogen hatte, kam ein Regiment, deſſen Name mir entfallen iſt, in zwei Jahren dreimal nach Paris, weil der Oberſt, dem der Hof das Kommando deſſelben anvertraut hatte, die 271 Ebre genoß, der Milchbruder einer der Kammerfrauen J. K. H. der Herzogin von Berry zu ſein. Man kennt Regimenter, die in weniger als 10 Jahren vier⸗ und fuͤnfmal die Hauptſtadt beſetzt haben, waͤhrend andre in derſelben Zeit ihr nicht bis auf 50 Meilen in die Naͤhe gekommen ſind. Die Regierung erlaubt nicht Jedermann, nach Korinth zu gehen. Selten geſchieht es, daß ein Oberſt, der Kredit hat, oder welchen zu haben glaubt, mit ſeinen Offizieren zu-⸗ ſammenkomme, ohne ihnen zu ſagen:„daß er die offizlelle Gewißheit habe,“ des Naͤchſten ſein Regiment nach Paris beordert zu ſehen. Und nun muß man dagegen wieder ſehen, wie auf dieſe ſtets gleiche Zuſicherung, die man nie in Zweifel zieht, ein Offiziercorys ſich der Hoff⸗ nung uͤberlaͤßt, und ſchon ſeine Vorbereitungen dazu macht. Die alten Fraks werden neu in Stand geſetzt, man laͤßt die Ueberroͤcke wenden, die Epauletten werden erneut, und Jeder traͤumt nun, nachdem er ſich mit Mitteln und Wegen beſchaͤftigt hat, friſches Geld zu bekommen— was allerdings oft mit dem Aufſuchen des Steins der Weiſen viele Aehnlichkeit hat— ſogleich von den Suͤßigkeiten des runden Hutes und dem Incognito des Buͤrgerleviten! Denn man muß ja nicht glauben, daß es einem Subalternoffizier ſelbſt außer Dienſt erlaubt ſei, ſich auch nur einige Stunden lang unter buͤrger⸗ licher Kleidung der ſteten Unbequemlichkeit der Uniform zu entziehen. Ueberall, außer zu Paris, iſt ihm dieſe 272 Erlaubniß ſtreng unterſagt; er muß vom erſten bis zum letzten Tage des Jahres im Halseiſen bleiben und un⸗ aufhoͤrlich ſich die Honneurs gefallen laſſen, die ihm jede Schildwacht ſchuldig iſt. In der gluͤckſeligen Lutetia dagegen iſt er der Strenge nach nur verpflichtet, die Uniform bei Revuͤen und Waffenuͤbungen zu tragen; er ſoll ſogar allein auf den Straßen ſich nicht anders, als in buͤrgerlicher Kleidung zeigen, und keine andere Waffen, als einen Regenſchirm, das Symbol der Vor⸗ ſicht, tragen. Haht ihr manchmal auf dem Bouleward des Tem⸗ vels, zu der Zeit, wo man im Intereſſe der geſunden Moral die Unſchuld zu verfolgen anfaͤngt, einzelne Spaziergaͤnger mit feſtem Schritte, keckem Blicke und einem gewiſſen Etwas bemerkt, das au ein losgeriſſenes Pferd erinnert? Wenn ſie zu Zweien in Schritt und Maaß gehen, wenn ſie einen blauen Ueberrock von mi⸗ litairiſchem Schnitte, bis oben zugeknoͤpft, tragen, wenn ſie einen runden Hut mit hohem Kopfe und ſtets um zwei bis drei Modeumwaͤlzungen ruͤckwaͤrts aufha⸗ ben, wenn ſie in Pantalons von ſchreiender Farbe ge⸗ kleidet ſind, wenn ſie ein Schnauzbaͤrtchen zeigen, das regelmaͤßig geſchnitten und den Geſetzen der Symmetrie, ſo wie die Baͤume des Parks von Verſailles, unterwor⸗ fen iſt, wenn ſie endlich alle ein Binſenſtoͤckchen, oder ein Stockparaptue, in der Hand haben, ſo koͤnnt ihr ⸗ 273 keck behaupten, daß ihr Militairs aus einer der benach⸗ barten Kaſernen geſehen habt. — Es muß doch in dem Worte Paris ein großer Reiz, ein gewaltiger Zauber liegen, baß ſich die Offiziere aller Grade, ohne Ausnahme, einander mehr als Alles den Aufenthalt in der Reſidenz beneiden; und welche Vor⸗ theile erwarten ſie denn dort, mit Ausnahme einer klei⸗ nen Verguͤtung, die man ihnen uͤber ihren gewoͤhnlichen Sold zugeſteht? Fuͤr den Soldaten iſt hier der Dienſt zehnmal beſchwerlicher als anderswo, wegen der Menge„ der Poſten, der Wichtigkeit des zu Bewachenden und der Weite der Entfernungen. Was den Offizier anbe⸗ langt, ſo muß er, wenn er ſo vernuͤnftig iſt, ſeinen Leidenſchaften den Zuͤgel anzulegen, und ſeine militairi⸗ 3 ſchen Gewohnheiten zu beſiegen verſteht, ſobald er die Eingangsbarriere uͤberſchritten hat, ſich auf alle Arten von Entbehrungen gefaßt machen. Und um ſo ungluͤck⸗ licher wird er ſich in Paris fuͤhlen, da er keinen Schritt thun kann, ohne ſich tauſend gefahrvollen Verfuͤhrungen 4 ausgeſetzt zu ſehen, denen er doch nicht erliegen darf. So viel iſt gewiß, daß, wie auch verhaͤltnißmaͤßig die Huͤlfsmittel des einen wie des andern ſein moͤgen, ſie doch nicht den kleinſten Theil der glaͤnzenden Projekte ſich werden verwir kklichen ſehn, die ſie bei ihrer Ankunft machten. Man hat zur Bequemlichkeit des Militairdienſtes die Hauptſtadt in vier große Abtheilungen geſchieden, deren 274 Poſten durch das Regiment beſetzt werden, das in der naͤchſten Kaſerne liegt. Die Zahl der Kaſernen oder Quartiere belaͤuft ſich auf 17 groͤßere und kleinere, die militairiſchen Gebaͤude in der Bannmeile, von Vincennes, Saint Denis, Courbevoie und Ruel nicht mit inbegriffen, ſo wie die der benachbarten Staͤdte, wo man gewoͤhnlich Garniſo⸗ nen haͤlt, die gleichſam zu der Garniſon von Paris ge⸗ hoͤren, und die man dorthin verlegt, um ſich ihrer im Nothfalle zu bedienen und ſie bei wichtigen Gelegenhei⸗ ten vorruͤcken zu laſſen. Auf dem rechten Seineufer findet man die Kaſerne der Straße Babylon, welche nur zu lange von den Schweizern, dieſen Hausfreunden, wie ſie Beranger nennt, bewohnt ward, die der gruͤnen Straße und der Pepiniere, die der Nouvelle France, der Courtille und Popincourt, welche fuͤr die Infanterie gehoͤren, das Quartier der Coͤleſtiner, das fuͤr die Kavallerie beſtimmt iſt, das ehemalige Kloſter Abe Maria und endlich die Minoriten und das Quartier Saint Martin, welches ungefaͤhr die Haͤlfte der Municipalwache inne hat. Auf dem linken Seineufer erheben ſich die Militair⸗ ſchule, in der zugleich Kavallerie und Infanterie liegt, die Quartiere von Belle Chaſſe und der Quai Orſay, die Kaſerne der Straße Tournon, wo eine andre Ab⸗ theilung der Municipalwache ſich befindet, und die 275 Huͤlfs⸗Kaſernen der Straßen Foin Saint Jacques, Mouffetard und l'Ourſine. Der Ort, welcher die Manutention heißt, wo man das Brod fuͤr die Garniſon baͤckt, der Saal des Kriegs⸗ gerichts in der Straße Cherche⸗Midi, zwei Hospitaͤler (Val de Grace und Gros⸗Caillou) und das Gefaͤngniß der Abtei, zu welchem bloß Militairs die Ehre des Zu⸗ tritts haben, vervollſtaͤndigen die Militair⸗Etabliſſements in Paris. Abſichtlich laſſe ich das Kriegsminiſterium und das Invalidenhaus, die fuͤr die allgemeinen Inter⸗ eſſen der ganzen Armee gehoͤren, hinweg. Die ſtehende Militairmacht in Paris, welche zu ge⸗ woͤhnlicher Zeit ſelten 30,000 Mann uͤberſteigt, ſteht unter den unmittelbaren Befehlen eines die erſte Terri⸗ torial⸗Diviſton kommandirenden General⸗Lieutenants und eines Marechal de camp, als Platz⸗Kommandanten, deſſen Generalſtab, im Vorbeigehn geſagt, ſeit vielen Jahren das Geluͤbde abgelegt zu haben ſcheint, ſich lebendig in das Parterre eines der Hotels auf dem Vendomeyxlatze zu begraben. Die Chefs der garniſonirenden Truppen erhalten fuͤr den taͤglichen Dienſt ihre Befehle nur von einer dieſer beiden Behoͤrden, welchen ganz insbeſondre die Ruhe von faſt einer Million Menſchen anvertraut iſt, und die alſo ſpeciell fuͤr die Unterdruͤckung jedes Aufruhrs haften muͤſſen. Um jede Kaſerne von Paris ſchwaͤrmt nun eine Maſſe gewerbtreibender Halbmilitairs, die 276 dem Anſcheine nach dazu da iſt, um die Beduͤrfniſſe der Garniſon in jeder Art zu befriedigen, ſich aber eigent⸗ lich in der That dort aufhaͤlt, um auf Koſten derer zu beſtehen, denen ſie zu leben giebt. Dieſe verſchiedenen handelnden Geſellſchaften, deren Sitten und Gewohn⸗ heiten eine beſondre Beſchreibung verdienten, beſtehen in folgenden: 1) in zwei bis drei kleinen Traiteurs, welche das geben, was man buͤrgerliche Kuͤche nennt— weil nun einmal Alles ſeinen Namen haben muß— wo die Offtziere eines ganzen Corps, dem Grade nach, auf Diseretion, mittelſt einer Verguͤtung von 50 bis 60 Franks des Monats, faſten, und die ſich beſcheidener Weiſe Reſtaurateurs nennen, ungeachtet des that⸗ ſaͤchlichen Dementi's, das ſie zweimal des Tags ihren ungluͤcklichen Penſionairs geben; 2) ein halbes Dutzend Café's, wo ſich nach den ſtrengen Regeln der Hierarchie die Offtziere und Unteroffiziere pflegen; 3) eine unbe⸗ ſchraͤnkte Zahl von kleinen Detailliſten, Verkaͤufern von Lebensmitteln, und allen Weinſchaͤnken, welche ſich nicht ſcheuen, die ruhigen Gaͤſte ihres Kellers im Entreſol mit den bewaffneten Genießern in Beziehung zu brin⸗ gen, welche die Wache des naͤchſten Poſten, zu der ſie geſtern gehoͤrten, oder die ſie morgen ausmachen wer⸗ den, faſt alle Tage bei dem Apell des Abends den Suͤßigkeiten des laͤrmenden Bacchus⸗Gottesdienſtes ent⸗ reißt. 4.. Faſt alle Zimmer und Kammern der Nachbarſchaft⸗ 277 uͤber welche dieſe induſtribſe Parthie der Pariſer Popu⸗ lation, indem ſie ſich einſchraͤnkt, frei ſchalten kann, werden von dieſer mit der ſtrengſten Sparſamkeit meublirt und dazu beſtimmt, Offiziere aufzunehmen, nichts als Offiziere. Hier koͤnnte man noͤthigenfalls den groͤßten Theil jener durch ihr Alter ehrwuͤrdigen Meubles wie⸗ derfinden, die hundertmal bei den Verkaͤufen in dem Bezirk des Tempels figurirt haben. Da der Staats⸗ ſchatz, der ſtets ſehr ſparſam mit ſeinen Fonds iſt, wenn es Tapfre betrifft, welche ihr Leben beim erſten Trom⸗ melſchlage aufs Spiel ſetzen, monatlich nur 24 Francs. den Hauptleuten, und 18 den Lieutenants fuͤr die Koſten der Wohnung und des Ameublements bezahlt⸗), ſo be⸗ greift man leicht, daß dieſe ſich genoͤthigt ſehen, mit etwas weniger als dem ſtrengſten Beduͤrfniſſe zufrieden zu ſein, und daß ſie nicht voͤllig dazu geeignet ſind, in dieſen beſcheidenen Wohnungen eine richtige Idee vom Comfortable zu bekommen. Das Weſentlichſte fuͤr ſie iſt nur, daß die Ausgaͤnge ihrer Quartiere leicht zugaͤng⸗ lich ſeien, und daß ihr Vermiether nie den ungewoͤhn⸗ lichen Anſpruch einer ſehr ſtrengen Kontrolle uͤber das Thun und Laſſen ſeines Miethmanns mache. Zu dieſen Induſtridſen, welche der ſtete Umgang mit den Corps, die ſeit der Foͤderation bis auf den heutigen 8 A plaſfer Paris vermindert ſich dieſer Zuſchuß noch um ein Viertel. 3— 278 Tag nach und nach Paris bewacht haben, zu Gefaͤllig⸗ keiten von mehr als einer Art gewoͤhnt hat, muß man nothwendig auch einige hunderte von ſittſamen Wittwen rechnen, deren Maͤnner, ſo lange ſich deſſen die Nach⸗ barſchaft nur erinnern kann, nie bei ihren zaͤrtlichen Haͤlften ſich auf eine juriſtiſch zu beweiſende Art haben ſehen laſſen, und endlich auch noch, wie uͤberall, mehrere Brigaden jener wohlwollenden Beobachter, welche eine gute Polizei fuͤr noͤthig erachtet, ohne daß ſie ein Pa⸗ tent deshalb loͤſeten, dem Zuge der bewaffneten Macht nachfolgen zu laſſen: eine großmuͤthige Klaſſe, ohne Arg, deren Hingebung ſichtbar nie von denen in Zweifel ge⸗ zogen wird, die ſie nach ihren Willen lenken.. Mit Ausnahme der Corps⸗Chefs, welchen eine Einladung nach Hofe dann und wann erlaubt, ſich of⸗ fiziell in großer Parade in den Saͤlen der Tuilerien zu divertiren, und denen man es vergoͤnnt, alle Mitt⸗ woche von der Schaar der Militairs der Antichambre, welche auf den Teppichen des Miniſters ſich ergehen, mit den Elbogen geſtoßen zu werden, findet man nur ſehr wenige der garniſonirenden Offiziere in den Pari⸗ ſer Geſellſchaften. Ein Militair muß ſehr dringende Empfehlungen haben, oder ſich ſelbſt noch dringender empfehlen, um die Ehre zu genießen, in Privatzirkel aufgenommen zu werden. Selbſt die Bande der Ver⸗ wandtſchaft ſind dazu nicht ſtets ausreichend. Der Feh⸗ ler, wie nicht zu leugnen iſt, liegt allerdings im Allge⸗ 279 meinen mehr an den Offtzieren, als an den Perſonen, die ſich im Stande befaͤnden, ſie aufzunehmen. Unſre Garniſonoffiziere ſuchen, ſei's aus Furchtſamkeit und Mißtrauen in ſich ſelbſt, ſei's aus Unbekanntſchaft mit der Weltſitte, die Gelegenheiten, ſich zu produciren, ſehr wenig auf, ja, es giebt ſogar welche darunter, die die Nothwendigkeit, den ganzen Tag auf dem Billard oder im Tabarshauſe zuzubringen, ſo dringend fuͤhlen, daß ſie den Gedanken, auch nur fuͤr einen Augenblick aus dem engen Kreiſe ihrer ungeſelligen Angewoͤhnun⸗ gen herauszutreten/ gar nicht zu begreifen wagen. Fuͤr die Offiziere, welche temporaͤr die Garniſon von Paris ausmachen, giebt es daher bloß Langeweile, Be⸗ ſchwerde und Verdruß. In der Provinz ſind dieſe Her⸗ ren, wenn ſie ſich nur die Muͤhe geben wollen, uͤberall auf gleicher Hoͤhe mit den Einwohnern der reichen Klaſſe. In Paris iſt das nicht geradezu derſelbe Fall. Ein Schreiber eines Notars oder Geſchaͤftsmannes, ein Han⸗ delsdiener iſt Offizier in der Buͤrgergarde. Er traͤgt Epauletten und Degen und oft ſelbſt jenes ſo verſchwen⸗ deriſch ausgetheilte Kreuz, das man nicht auf Herzen ruhen ſieht, die der Fremde an der Spitze ſeiner Ba⸗ jonetter klopfen ſah. Er wird ohne Schwierigkeiten an einer Menge Orten aufgenommen, deren Thuͤren ſich nie fuͤr die Offtziere oͤfnen. Eine vorgefaßte Meinung, die man nicht genug bekaͤmpft, und welche in jetziger Zeit, wo man nur durch ſeine Thaten und nicht durch 280 . 1 8 1à den Rock gilt, den man traͤgt, nicht mehr vorhanden ſein ſollte, hat ſie in Paris des Nangs beraubt, den ih⸗ nen in der Provinz Niemand ſtreitig macht, und der ih⸗ nen uͤberall geſichert ſein ſollte.* Auch entfernt ſie die Kargheit ihrer finanziellen Huͤlfs⸗ mittel aus der Geſellſchaft, und dies in Paris mehr als anderswo In der Provinz geht ein Offizier ins Thea⸗ ter und aus einem Kaffeehauſe, ohne ſich in die ſchreck⸗ liche Nothwendigkeit herſetzt zu ſehen, die Erholung, welche er darin ſucht, baar zu bezahlen. In Paris muß er ſtets Geld in der Hand haben. Da giebt es kein Schauſpiel⸗Abonnement fuͤr einen Tagesſold, der am Ende des Monats abgezogen wird, keine von jenen gu⸗ tigen Damen am Schaͤnktiſche, denen man bloß mit dem klaſſiſchen Augenwinken und indem man ſich das Halstuch im Spiegel zurecht zupft, ſagt:„Schreiben Sie auf, ich zahle es.“ Ueberall fremd, ausgenommen in der Kaſerne und bei dem Traiteur, wo er ſein Mit⸗ tagsbrod einnimmt, hoͤrt der Offtzier ganz auf, ein pri⸗ vilegirtes Weſen zu ſein in einer Stadt von Gold und Koth, wo man nur dem Reichen und Hinterliſtigen Kre⸗ dit giebt. Er tritt in die gemeine Klaſſe der Verzeh⸗ renden, der Konſumenten. Aber mit dieſem unangeneh⸗ men Beigeſchmacke iſt's noch nicht aus! Adieu, ihr ſuͤßen Genuͤſſe der Eigenliebe! In Paris macht alle Welt An⸗ ſpruͤche auf Kenntniſſe; man begegnet nur Gelehrten oder Narren; und wenn ihm nun einmal eine jener 281 Zweideutigkeiten oͤffentlich entwiſcht/ die ſeit einem bis zwei Jahrhunderten des gluͤcklichen Privilegiums ſich erfreuen, die Departements zum Lachen zu reizen, eins von jenen verſteinerten Witzworten, einer jener vorſuͤnd⸗ fluthlichen Calembours, welche ohne Widerrede in der Garniſon Gluͤck machen, ſo muß er hier darauf gefaßt ſein, ihre Wirkungen gaͤnzlich ſcheitern zu ſehen. Und wenn nun aus dem Kriegsbuͤreau der Befehl kommt, der das Regiment/ das in Paris eine muͤhevolle Station von einigen Monaten heendet, von neuem ins Exil ſchickt, was werden die Militairs, aus denen es be⸗ ſteht, gethan, gelernt, geſehen haben? Welche Vergnuͤ⸗ gungen von gu Geſchmack werden diejenigen genoſſen haben, die nichts weiter verlangten, als ſich ihrer wuͤr⸗ dig zu zeigen? Welches Haus von gutem Tone wird ih⸗ nen den Eintritt in ſeine Saͤle erlaubt haben? Bei wel⸗ chen am wenigſten beſchaͤftigten Lehrern werden ſie die Summe ihrer bereits erworbenen Kenntniſſe zu vermeh⸗ ren bemuͤht geweſen ſein? Wie hoch wird ſich mit ei⸗ nem Worte die Zahl von denen belaufen, die es ver⸗ ſtanden, in dieſer unermeßlichen Stadt, dem wahren Auszuge des Univerſums, ihren Aufenthalt nuͤtzlich an⸗ zuwenden? Sie werden mehreremale in der Woche unter den Waffen im Geſchwindſchritt von 120 auf die Minute die Straßen abgemeſſen haben, welche von ihrer Kaſerne zum Marsfelde, oder in die Ehene von Grenelle, oder 12**. 282 zu den verſchiedenen Poſten, welche die Garniſon zu be⸗ ſetzen hat, fuͤhren. In den Augenblicken der Muße, welche ihnen ein ſtets beſchwerlicher Dienſt uͤbrig ließ, werden ſie unter den Galerien des Palais Royal ſpazie⸗ ren gegangen ſein, oder ſich gaͤhnend von dem noch un⸗ beendeten Springbrunnen des Elephanten, zu dem nie zu endenden Denkmale, das man willkuͤhrlich la Made⸗ laine oder den Tempel des Ruhms nennt, hingeſchleppt haben. Man wird ſie in den Schaͤnkhaͤuſern der aͤußern Boulewards, in der Tabaksſtube, in den Theatern, wo das Melodrama bluͤht, und aus denen ſelbſt die Koͤchin⸗ nen wegbleiben, die ſich daruͤber aufzuhalten lernten, oder noch beſſer bei den arbeitenden Floͤhen, oder bei Franconi's Pferden geſehen haben. Manchmal wer⸗ den ſie ſich neben beſchmutzte Perſonen aus der Provinz auf die Acajou⸗Tabourets des Caff's der tauſend Saͤulen geſetzt, oder kein Bedenken getragen haben, ſich in die eingeraͤucherten Gewoͤlbe des Blinden⸗Café's zu verlieren. Hoͤchſtens haben einige der literariſch Gebildetſten es uͤber ſich gewonnen, ſich mittelſt eines Gratisbillets, das lſie aus der dritten Hand baar erkauften, in das Parterre der Comedie⸗Frangaiſe oder auf das Paradies der koͤniglichen muſikaliſchen Akademie zu ſchleichen. Ganz ſicherlich werden ſehr wenige Zeit gehabt haben, unſre großen oͤffentlichen Denkmaͤler zu beſuchen; vom Louvre haben die Neugierigſten allenfalls die Kolonade und vom Pflanzengarten die Menagerie geſehen. 283 Dennoch aber werden ſie, wenn ihr ſte nach ihrer Ruͤckkehr in die Provinz hoͤrt, euch aus dem Stegreife von ſuͤßen Vergnuͤgungen vorſchwatzen, deren Koſten bloß ihre Phantaſie beſtritt, werden euch von dem hin⸗ reißenden Aufenthalte in Paris erzaͤhlen, von den zahlloſen Additionen, die ſie zu ihrer Liſte von Eroberun⸗ gen gemacht, und vielleicht mit Mitleid auf diejenigen von ihren Kameraden eines andern Corps herabſehen, denen eine buͤreaukratiſche Laune unmenſchlicherweiſe bis dahin das Vergnuͤgen verſagte, in langen Zuͤgen aus dem Becher der Entzuͤckungen von Pantin) zu trinken *) So nennt man Paris im militairiſchen Jargon. L. Montigny, Hauptmann im 65. Regiment. Der kranzösische Hot im Jahre 1830. — Si⸗ glaubten, lieber Ladvocat, daß das Schloß der Tuilerien in dem Panoroma von Paris Raum genug einnehme, um es nothwendig auch mit in die reiche Gallerie einzuſchließen, welche Sie herausgeben, und mir, einem zwar ungeſchickten, aber gewiſſenhaften Ma⸗ ler, haben Sie es aufgetragen, ein treues Gemaͤlde da⸗ von zu entwerfen. Sie haben mir geſagt, daß, da ich 15 Jahre lang dieſen Pallaſt bewohnt, ich alle ſeine Windungen kennen muͤſſe, und daß es daher mein Amt ſei, Ihre zahlreichen Leſer in denſelben einzufuͤhren, um ihnen die Gaͤſte dieſer koniglichen Wohnung in der Naͤhe zu zeigen.„Sie koͤnnen,“ fuͤgten Sie hinzu,„ſich vorſtellen, als ob Sie noch an Ihrem Buͤreau ſaͤßen und den Neugierigen oder Treuergebenen Eintrittskar⸗ ten zu irgend einem Feſte oder Feierlichkeit austheilten⸗ und dies wird dann fuͤr Sie eine ſuͤße Taͤuſchung ſein.“ 285 Nein, burch einen Reiz dieſer Art laſſe ich mich nicht hinreißen; ich habe den Hof nahe genug geſehen, um uͤber ſeine Taͤuſchungen binweg zu ſein, ſo wie es uͤber die der Buͤhne ein alter Theaterbeſucher iſt. Wahrheit bedarf es, um mich zu ruͤhren, und jetzt, wo die Bege⸗ benheiten mich in meine fruͤhere Dunkelheit wieder zu⸗ ruͤckgeſtoßen haben, kann ich mich keinen Traͤumen von Stolz oder Ehrgeiz uͤberlaſſen. Uebrigens war ich auch nicht ſo hoch geſtiegen, daß mein Fall meinen Verſtand haͤtte erſchuͤttern oder meine Philoſophie umwerfen koͤn⸗ nen. Ich war gerade auf den Standpunkt gelangt, der den Gegenſtaͤnden ihre wahren Verhaͤltniſſe verleiht; ich war weder zu nahe noch zu weit, weder zu hoch noch zu tief, um nicht richtig ſehen und urtheilen zu koͤnnen. Und in dieſes Obſervatorium will ich mich wie⸗ der verſetzen, um ſo viel als moͤlich Ihrem Wunſche zu genuͤgen. 2 Sollte ich mich aber nicht durch den Inhalt Ihres Werkes ſelbſt davon zuruͤckgehalten fuͤhlen? Ich finde uͤberall in ihm die lebhafteſten und beißendſten Kritiken uͤber die Laſter und Laͤcherlichkeiten der verſchiedenen ge⸗ ſellſchaftlichen Klaſſen. Selten zeigt ſich das Lob in die⸗ ſen geiſtreichen Blaͤttern, welche Sterne und Addiſon um ihre Bosheit wuͤrden beneidet haben, und muß nicht alſo ich, der ich beinahe nichts als Gutes zu ſagen habe, weil ich vor Allem wahr ſein will, befuͤrchten, daß mit⸗ ten unter dieſen ſo anziehenden und witzigen Artikeln 286 der meine jenen Fruͤchten ohne allen Geſchmack gleiche, die man nur mit zum Ausfuͤllen auf die Tafel ſtellt, feſt uͤberzeugt, daß es Niemand einfallen wird, danach zu langen. Doch was ſchadet es? Es giebt vielleicht noch Gemuͤther, die von der Vergangenheit traͤumen; fuͤr dieſe will ich ſchreiben, wenn ich auch nicht hoffen darf, von denen geleſen zu werden, die ſie ſchon vergeſ⸗ ſen oder nie gekannt haben. Muß ich aber nicht auch noch befuͤrchten, daß man ſage:„Er hat 15 Jahre lang der verbannten Familie gedient, er verdankt ihr die Erhaltung der Seinigen; die Dankbarkeit wird alſo aus ihm ſprechen, er iſt es gewiß gewohnt, ſeiner Herrſchaft zu ſchmeicheln: wir muͤſſen alſo dem, was er uns ſagen wird, weißlich mißtrauen.“ Gott verhuͤte, daß ich mich je durch den Vorwurf der Dankbarkeit und Treue beleidigt fuͤhlen ſollte; dies ſind zu ſeltene Tugenden, als daß man nicht ſtolz darauf ſein muͤßte, wenn man ſie in ſeinem Herzen fuͤhlt. Man beſchuldige mich alſo der Schmeichelei, meinetwegen, ich gebe es zu; aber wenigſtens werde ich dann nur dem Ungluͤcke geſchmeichelt haben, und wahrhaftig, wenn das blutige Straßenpflaſter des Juli nicht zugleich die Krone Kals des Großen, das Scepter des heiligen Lud⸗ wig und den Degen Heinrichs IV. zertruͤmmert haͤtte, wenn Karl X. noch in den Tutllerien herrſchte, ſo wuͤrde ich ſchweigen, aus Furcht, man koͤnnte mein Lob fuͤr * eigennuͤtzig halten; oder, wenn ich doch die Feder ergriffe, 287 ſo waͤre es nur, um zu zeigen, daß die liberalen Ideen der jetzigen Jugend bei dem Hofe auch Eintritt hatten, und daß nur die revolutionaͤren Grundſaͤtze dort ausge⸗ ſchloſſen waren. G Ich wuͤrde hier eine gute Gelegenheit haben, mich in ein politiſches Kapitel einzulaſſen, und auf einigen Seiten das zuſammen zu faſſen, was ſeit zwei Jahren in den Zeitſchriften gedruckt erſchienen iſt. Ich koͤnnte den Anhaͤngern der Volksſouverainitaͤt beweiſen, daß ſie allein nur ſich auf das goͤttliche Recht beziehen, weil die Stimme des Volks fuͤr die Stimme Gottes gilt, Vox Populi vox Dei, waͤhrend ihre Gegner ſich nur an das Recht der Erbfolge halten: ein Princip der Ordnung und Sicherheit, eben ſo fuͤr die Regierungen wie fuͤr die Familien, ein unverletzliches und geheiligtes Recht, das ohne Widerrede ſeit Adam bis zu Saint Simon ſtattfand. Ich wuͤrde mich uͤbrigens aber im Gebiete der Poli⸗ tik, von der mich mein ſich gleichbleibender Geſchmack ſtets entfernt gehalten hat, ſehr unheimiſch fuͤhlen: da⸗ her benachrichtige ich denn hiermit die Leſer Ihres Buches im voraus, daß ich ſie nicht in das große Ka⸗ binet einfuͤhren werde, wo das Conſeil der Miniſſter ſich verſammelte; ich hatte dort ſelbſt keinen Zutritt, und da ich nie an den Thuͤren gehorcht habe, wuͤrde es mir unmoͤglich ſein, zu erzaͤhlen, was dort vorging. Bloß dies weiß ich, daß man unter dem letzten Miniſterio 288 drei Bogen Papier zu viel verwendet hat, weil ſie einen ſo beklagenswerthen Brand entzuͤndeten. Euch aber, euch, ihr guten Einwohner der Provin⸗ zen, die ihr nie den Feſten oder Ceremonien des vorigen Hofes beigewohnt habt, euch lade ich ein, mir in dieſe Tuilerien zu folgen, von denen ihr nur den Namen kennt. Ich will euch ihre aͤußere Anſicht nicht beſchrei⸗ ben. Ihr muͤßt ſchon einige Ideen davon haben, waͤre es auch nur durch die ausgemalten Kupferſtiche, welche das ganze Pariſer Volk darſtellen, wie es vor Freude im Mai 1814 unter den Fenſtern Ludwigs XVIII. tanzt, oder daſſelbe Volk, mit Flinten und Beilen bewaffnet, wie es im Juli 1830 die Thore des Pallaſtes mit Ku⸗ geln durchloͤchert und ſprengt. In das Innere des nnſer n wilr aih euch fuͤhren; aber wohl werde ich mich 2 nen Meubeln, ſeinen fenan hien Ceirarläe ſeinen zerriſſenen Tapeten, ſeinen beſchmutzten Gemaͤlden, ſei⸗ nen zerſtreuten Papieren, ſeinen Papieren, von denen das am ſchlechteſten behandelte das Verzeichniß der Un⸗ terſtuͤtzungen war, wahrſcheinlich um deswillen, weil mehrere der Sieger ihre Namen daraus verloͤſchen woll⸗ ten Weit entfernt, dieſe traurigen Thatſachen wieder berbeizurufen, moͤchte ich ſie lieber aus dem Gedaͤcht⸗ niſſe der Menſchen verloͤſchen koͤnnen. Aber ungluͤckli⸗ cher⸗ 1 ¹ 289 cherweiſe gehoͤren ſie der Geſchichte an und die uner⸗ bittliche Geſchichte wird ſie erzaͤhlen. Verſetzen wir uns lieber in gluͤcklichere Tage zuruͤck, und verſuchen wir, einigen Feſten und Ceremonien des Hofes Karls X. mit beizuwohnen. Da ihr aber kein Hofkleid anhabt, wollen wir nicht die große Treppe hinaufgehen. Es ſteht da ein Menſch, den man einen Schweizer nennt, ob er gleich ein Franzoſe iſt, der euch ſagen wuͤrde, daß es die Etikette verbietet, in Stiefeln in den Paliaſt des Koͤnigs zu gehen. Ihr werdet nun auf die Etikette ſchimpfen, ohne zu bedenken, daß ſie es iſt, die der Eitelkeit die Verbindlichkeit auflegt, die Arbeit zu bereichern. Die Treppe, uͤber welche ich euch fuͤhre⸗ iſt von dieſem Zwange frei. Ihr wundert euch, daß die Stufen derſelben ausgetretener ſind, als die von jener. Es iſt dies die Treppe, die zu der Almoſenkaſſe, zu jenem Kaͤſtchen fuͤhrt, das das Entgegengeſetzte vom Faß der Danaiden iſt, denn man ſchoͤpft immer daraus und doch iſt es nie leer. Jetzt noch weiter hinaufgeſtiegen und uͤber den ſchwarzen Vorſaal gegangen, wo rechts und links, in engen, unbequemen und doch beneideten Zimmern der Haushofmeiſter, der Arzt, der Adiutant und der Aumonier, der Kammerjunker und der Rotuͤrier wohnen. Da ſind alle Rangesſtufen, alle Wuͤrden, alle Grade unter einander gemiſcht. Wenn wir uns einſt zum zuͤngſten Gerichte verfuͤgen werden, ſo glaube ich, daßb auch durch einen ſchwarzen Vurſasl muͤſſen⸗ 2 1 290 welcher wie der der Tuilerien alle geſellige Unterſchiede vereinen wird. Steigen wir jetzt ein Stockwerk wieder herab und treten wir zu dem erſten Kammerjunker ein, einem der Großbeamten des Hauſes. Wir bitten ihn um Billets, um der Feierlichkeit des Abendmahles beiwohnen zu koͤnnen, und wenn wir ſie von ſeiner gewohnten Ge⸗ faͤlligkeit erhalten haben, ſo wollen wir wuͤnſchen, daß es nicht Tags vorher zwiſchen ihm, dem Hauptmanne der Wache und dem Ober⸗Ceremonienmeiſter einige kleine Streitigkeiten uͤber die Gerechtſame, Privilegien und Zubehͤrungen ihrer verſchiedenen Aemter gegeben habe. Wir waͤren dann nicht ganz ſicher, daß die Garde du Corps uns eintreten laſſe, ſo ſehr iſt ihre Inſtruktion den kleinen boͤſen Launen ihres Chefs unterworfen. Aber dieſesmal iſt Alles einverſtanden; der Garde du Corps hat nichts geſagt, der Thuͤrſteher hat unſer Billet angenommen und der Kammerdiener uns den Platz hin⸗ ter den Damen angewieſen. Welcher allerliebſte Anblick! Welches feſtliche Anſehn bietet dieſe religidſe Feierlich⸗ keit dar! Die Schloßkapelle konnte ſie in ihrem kleinen Raume nicht faſſen und man hat alſo die Dianengalle⸗ rie zu dieſer Feierlichkeit vorgerichtet. Ich ſehe euch laͤcheln, indem ihr die Augen auf die reichen Gemaͤlde richtet, die den Plafond dieſer Gallerie verzteren. Amor und Pſyche, Diana und Endymion, Herkules und Om⸗ phale, alle Goͤtter, alle Goͤttinnnen des Heidenthums 291 ſcheinen nicht eben dazu geeignet, die Pracht einer chriſt⸗ lichen Ceremonie zu erhoͤhen. Aber richtet nur die Au⸗ gen tiefer, ſeht da den einfachen Altar ſich erheben, wo Gott ſich herabſenken wird, dieſe Kanzel, wo ſein Die ner ſprechen ſoll, und ihr werdet nicht mehr verſucht ſein, zu laͤcheln, denn ihr werdet den ganzen Zwiſchen⸗ raum erkannt haben, der den Irrthum von der Wahr⸗ heit trennt. An einem Ende der Gallerie erblickt ihr eine ge⸗ deckte Tafel, und auf ihr ſind 13 Gerichte von verſchie⸗ dener Art 13mal wiederholt und ſymmetriſch geord⸗ net. Jedes von ihnen iſt mit duftenden Blumen ge⸗ ſchmuͤckt, die einen koͤſtlichen Wohlgeruch verbreiten. In dem ganzen Umfange der Gallerie ſind drei Reihen von Stufen rechts und links angebracht. Auf der einen Seite derſelben befinden ſich die Damen, deren ausge⸗ ſuchter Putz zwar etwas weltlich, ihr Anblick aber be⸗ zaubernd iſt, und das Buch, das ſie in der Hand halten, aber nie oͤffnen, bezeugt wenigſtens ihre fromme Abſicht Der fuͤr die koͤnigliche Familie beſtimmten Tribuͤne. gegenuͤber und auf erhoͤhten Stufen ſtehen 13 arme Kin⸗ der, welche die 13 Apoſtel vorſtellen, denn erſt nach dem Abendmahle hatte Judas ſeinen Herrn verleugnet. Nichts iſt zugleich komiſcher und ruͤhrender, als die große Sorg⸗ falt der Muͤtter, die Schoͤnheit ihrer Kinder unter dem weißen Hemde und rothen Gewande, womit die koͤnig⸗ liche Freigebigkeit ſie bekleidet hat, hervorzuheben. Seht 13* 292 nur, wie gleichguͤltig ſie gegen das prachtvolle Schau⸗ ſpiel ſind, das ſie umgiebt; ſie haben nur fuͤr ihre Soͤhne Augen, die noch Tags vorher mit den Lumpen des Elends bedeckt waren, und jetzt ſo friſch, ſo reinlich, ſo ſchoͤn ſind. Wie Thraͤnen des Stolzes und der Freude ihren Augen entſtroͤmen! Ich glaube, daß keine einzige dar⸗ unter iſt, die ſich nicht fuͤr einen Gegenſtand des Neides aller andern Muͤtter hielte. Hinter den Apoſteln ſtand die koͤnigliche muſtkaliſche Kapelle, an ihrer Spitze Cherubini und Leſueur, unter der Leitung von Plantade, welche durch den Verein al⸗ ler Talente ein Ganzes der Ausfuͤhrung darbot, das kei⸗ nen Vergleich duldete, und welches man noch lange ver⸗ miſſen wird. Auf einmal aber erhebt ſich eine Stimme und ruft⸗ der Koͤnig! Seht nur, wie Jeder nun vortritt, ſich auf⸗ reckt, ſich draͤngt, um ihn zu ſehen. Er gruͤßt mit je⸗ ner ihm eigenthuͤmlichen Anmuth, welche den Greis nicht bemerken laͤßt, und der Reſpekt nur haͤlt den Ju⸗ bel zuruͤck, den ſeine Huld zu ermuthigen ſcheint. Der Gottesdienſt iſt ſchon faſt geendet, ehe man noch daran gedacht hat, zu beten. Dann kommt die Predigt, und man hoͤrt ſie in der Ueberzeugung an, daß mindeſtens ein Boſſuet oder Maſſillon dazu gehoͤre, vor dem Hofe zu predigen. Darin hat man ſich freilich geirrt, aber man troͤſtet ſich, denn man hat doch den Koͤnig gut ge⸗ ſehen. Wie folgt man ihm mit den Augen, waͤhrend 293 er, nach einem frommen Gebrauche der Koͤnige Frank⸗ reichs, ſelbſt den 13 Apoſteln zum Zeichen chriſtlicher De⸗ muth die Fuͤße waͤſcht! Lacht nur, ihr Gottloſen, uͤber dieſe ruͤhrenden Feierlichkeiten des Cultus unſrer Vaͤter; wenn ihr ihnen ein einzigesmal mit beiwohnt, werdet ihr nicht mehr lachen. Nicht Alles iſt jedoch bei dieſem Abendmahle ernſt und religiös. Die Officianten des Ceremoniels und des Altars ſchreiten in Prozeſſion vor und halten die Inſignien ihrer Aemter neben Blumen⸗ ſtraͤußen in der Hand. Nach ihnen kommt der Dau⸗ phin von Frankreich, von Großoffteianten gefolgt. So gehen ſie 13 mal nach einander, und holen das Brod, den Wein und die Speiſen fuͤr die Apoſtel. Sie brin⸗ gen dieſe dem Koͤnige, der ſie in die Koͤrbe legt, welche vor jedes Knaben Fuͤßen ſtehen. Er fuͤgt fuͤr jeden noch eine Boͤrſe hinzu, welche 13 Fuͤnffrankſtuͤcke enthaͤlt. Nun iſt die Feierlichkeit zu Ende und der Koͤnig kann ſich ſelbſt ſagen:„Ich habe noch etwas Beſſeres gethan, als Demuth und Froͤmmigkeit allein zu zeigen, ich habe das Gluͤck von 13 Familien gemacht.“ 3 Nachdem wir jetzt den allerchriſtlichſten Koͤnig ſeine königliche Majeſtaͤt vor denen neigen ſahen, welche der Pater Bridaine die beſten Freunde ſeines Gottes nannte, wollen wir ihm auch zu der Feierlichkeit folgen, die noch allein die alten Ritterſagen ins Gedaͤchtniß zuruͤck⸗ rief. Da iſt er nicht allein Koͤnig von Frankreich, er iſt auch Großmeiſter des Ordens vom heiligen Geiſte. 294 * Dieſen Orden, welchen Heinrich III. gruͤndete, und welchen zu tragen alle Fuͤrſten Europa's ſich gluͤcklich ſchaͤtzten, dieſen Orden, der die Bruſt Heinrichs IV., Ludwigs XIV. und aller großen Kriegs⸗ und Staats⸗ maͤnner der beiden letzten Jahrhunderte zierte, dieſen Orden, der ruͤhmlichſte und beneidetſte Lohn der be⸗ ruͤhmten Maͤnner der gegenwaͤrtigen Zeit, ihn hat die letzte Revolution nicht die Monarchie uͤberleben laſſen. Die letzte Feierlichkeit des Ordens des heiligen Gei⸗ ſtes fand am 30. Mai 1830, am Pfingſtfeſte, ſtatt. Die Oberaufſicht der Feſte und Feierlichkeiten hatte den ganzen Lurus ihrer Tapeten entfaltet, um das große Veſtibul und die ſteinerne Gallerie, welche zur Kapelle fuͤhrt, zu ſchmuͤcken. Der vollkommenſte Geſchmack hat ſtets Arbeiten dieſer Art geleitet, und wer ſich der Kirche Notre Dame am Tauftage des Herzogs von Bordeaur und der Kathedrale von Rheims bei der Kroͤnung Karls X. erinnern kann, wird dem erfinderiſchen und reichen Talente der Herrren Hittorff und Lecomte, ſo wie Ciceri's Pinſel volle Gerechtigkeit wiederfahren laſſen. Das Ordenskapitel wird um 11 Uhr im großen Ka⸗ binet gehalten. Da hatten ſich in ihren reichen Koſtuͤ⸗ men von ſchwarzem Sammt, mit Gold geſtickt und gruͤ⸗ ner Seide gefuͤttert, die ſchon aufgenommenen Ritter eingefunden, am Halſe das Ordenszeichen, und den ſil⸗ bernen Stern, das glaͤnzende Zeichen ihrer Wuͤrde, auf 295 dem Mantel. Der Koͤnig, deſſen ritterliche Eleganz dieſe Kleidung noch hoͤher hob, praͤſidirte dem verſammelten Kapitel. Dann ſetzte ſich der Zug in Bewegung zu der Kapelle, wo die neuerlich ernannten Ritter aufgenom⸗ men werden ſollten. Zu Zwei und Zwei zogen ſie ein⸗ her durch eine doppelte Reihe ſchoͤn geſchmuͤckter Da⸗ men. Man betrachtet die Ritter, man nennt ſie, ſo wie ſie vorbeikommen, und oft entſpringen boshafte Be⸗ merkungen aus den ſonderbaren Annaͤherungen, welche die Ordnung des Zugs vorſchreibt. Da ſchreiten in der⸗ ſelben Linie dicht neben einander, als wollten ſie das Eindringen neuer ausgezeichneter Maͤnner in das Be⸗ ſihthum der alten Ariſtokratie zeigen: der Herzog de la Tremouille und Herr Lainé, Herr Ravez und der Herzog von Montmorency; dann, um zu beweiſen, daß Ehrgeiz auf verſchiedenem Wege zu demſelben Ziele gelangen kann: der Herzog Decazes und der Graf von Villele, der Graf von Peyronnet und der Herzog von Dalmatien; endlich, um anzudeuten, wie zwei Kammerherren auf verſchiedene Art ihre Pflichten verſtehen: der Herzog von Mortemart und der Vicomte von Chaͤteaubriand. Ein eigenthuͤmlicher Umſtand erweckte die Neugier ganz beſonders und gab dieſer Feierlichkeit ein ruͤhrendes In⸗ tereſſe. Der Koͤnig nahm nehmlich den jungen Herzog von Nemours, in Gegenwart von deſſen ganzer Familie, 296 zum Ritter auf. Jedermann wird ſich noch des edlen und anmuthigen Anſehns des jungen Prinzen, ſo wie der tiefen Ruͤhrung erinnern, die ihn bei der Stimme des ehrwuͤrdigen Greiſes durchdrang, der ihm die Pflich⸗ ten eines wackern Ritters ſchilderte. Man glaubte einen Vater zu hoͤren, der gluͤcklich und ſtoll darauf war, in ſeinem Sohne ein Herz zu finden, wo die Saat der Ehre und Rechtlichkeit von ſelbſt wuchern werde. Alle Zuſchauer waren geruͤhrt; eine Mutter weinte; und ich wünſchte innig, daß dies die letzten Thraͤnen ſein moͤch⸗ ten, die ſie zu vergießen habe.— Sollen wir nun von dieſen ernſten und impoſanten Feierlichkeiten auf hig ſo belebten, ſo heitern Feſte uͤber⸗ gehen, welche jedes Jahr der Heinrichstag in Saint Cloud herbeifuͤhrte? Soll ich euch den Trocadero zei⸗ gen, wie er ſich mit Spielen aller Art, mit Buden je⸗ der Gattung bevoͤlkerte, wo die beruͤhmteſten Schau⸗ ſpieler der Hauptſtadt, in Jahrmarktskaufleute umge⸗ wandelt, Jedem, der da wollte, voll Anmuth Geſaͤnge, Spielwerk, Bonbons und Blumen fuͤr die ſo maͤßige Vergeltung eines Dankes anboten? Soll ich euch nebſt dem ganzen Hofe wieder der glaͤnzenden Darſtellung des heroiſchen Drama's Biſſon in jenem innerhalb dreier Tage erbauten Amphitheater beiwohnen laſſen, wo Franconi und ſeine menſchlichen und thieriſchen Darſteller ſo viele Beweiſe ihrer ſeltenen Intelligenz ga⸗ ben? Seht nur, wie beim Hinausgehen aus dieſem - 297 Schauſpiele der Herzog von Bordeaur ſeine kleine Ar⸗ mmee von Kindern ſammelt, und ſie mitten unter der ſtaunenden Menge mit der Feſtigkeit und Erfahrung ei⸗ nes alten Heerfuͤhrers manoͤvriren laͤßt! Da fuͤhrt er ſie zu den gymnaſtiſchen Spielen hin, wo er Allen das Beiſpiel der Geſchicklichkeit, der Kraft und der Uner⸗ ſchrockenheit giebt. Alle Zuſchauer ſchaudern bei den Gefahren, denen er ſich ausſetzt; er aber fuͤrchtet Nichts, und ruft„hierher, Franzoſen!“ und ſo geht er mit ſicherm Fuße zum Sturme und pflanzt ſeine Fahne am aͤnßerſten Ende eines ſchmalen, wankenden Brettes auf. Einen Augenblick darauf miſcht er ſich unter die Sol⸗ daten des benachbarten Poſtens und ſchiebt mit ihnen Kegel wie ein Kamerad. Aber er ſorgt dafuͤr, die Par⸗ thie zu verlieren, wenn er ſchon ſicher iſt, ſie zu gewin⸗ nen, denn er will freigebig ſein, ohne daß man ſich ihm deshalb fuͤr verpflichtet halte. Vielleicht macht es euch auch Freude, dieſes liebenswuͤrdige Kind zu ſehen, wie es mit brennender Aufmerkſamkeit dem Unterrichte ſei⸗ ner beiden geſchickten Lehrer, der Herren Barande und Colart, zuhoͤrt, und ſich beſonders an die Geſchichte ſei⸗ nes Landes kettet, indem es den Connetable von Bour⸗ von, der nach ſeiner Meinung dieſen Namen zu fuͤhren nicht mehr verdiente, weil er die Waffen gegen ſeinen Koͤnig trug, durchaus nur den ſchlechten Connetable nennen will. 8 Aber wohin haben mich meine Erinnerungen ent⸗ 298 fuͤhrt? Wir ſind hier zu Salnt Cloud, und ich ſoll ja nur von den Tuilerlen ſprechen! Die Spiele eines Kin⸗ des ließen mich den Pomp des Hofes vergeſſen. Er war nicht ohne Glanz, dieſer Hof, deſſen Luxus, der uͤbrigens dennoch ohne alle Uebertretbung ſich zeigte, einen maͤchtigen Hebel zum Gedeihen des Handels bil⸗ dete. Dieſe dreihundert Kammerjunker, dieſe Stallmei⸗ ſter, dieſe Offrcianten fuͤr Ceremonien, Jagd und Wirth⸗ ſchaft, mit reicher Stickerei bedeckt, waren eben ſo viele Befoͤrderer der Induſtrie und zollten ihr gern den Tri⸗ but der Eitelkeit. Wir vergeſſen nur zu ſehr, daß das Brod des Armen in der Hand des Reichen liegt, und daß es beſſer iſt, dieſes Brod ſei der Lohn ſeiner Ar⸗ beit, als die Gabe des Mitleids. Um uns mit dem Luxus zu verſoͤhnen, den man ſo leichtſinnig hin tadelte, muͤſſen wir den Spielen des Koͤnigs beiwohnen, zu denen Alles, was vornehm, eingeladen ward. Seit acht Tagen weiß man in allen Arbeitsſtuben der gewerbtreibenden Klaſſen von Paris ſchon voraus, daß Cerele bei Hofe ſein ſoll, denn man kann den Beſtellungen nicht genuͤgen, die ſich ſtuͤndlich haͤufen. Schneider, Naͤhterinnen, Sticker, Putzmache⸗ rinnen, Friſeure, Juwelenhaͤndler, Alle freuen ſich, und das Gluͤck des Eingeladenen, der in ſeiner glaͤnzenden Equipage zu dem Feſte faͤhrt, wird von dem Arbeits⸗ mann getheilt, der ihn voruͤberkommen ſieht. Folgen wir geſchwind dieſen tauſend Wagen, die 299 lange ſchon vor der auf den Einladungskarten angege⸗ benen Zeit der Ordnung nach in den Hof der Tuilerien einfahren, denn es geht hier nicht wie bei den Geſell⸗ ſchaftsbaͤllen zu, wo der gute Ton beſiehlt, ſehr ſpaͤt zu kommen, um mehr Aufſehn zu machen. Hier ſtrebt man darnach, der Erſte zu ſein, um einen Blick des Koͤnigs zu erhalten. Doch ſchon draͤngen ſich die Reihen in dieſen weiten Saͤlen, wo der Glanz der Kerzen ein ſo vortheilhaftes Licht auf die Schoͤnheit der Frauen und den Luxus ihres Anzuges verbreitet. Es iſt unmoͤglich, ohne es geſehen zu haben, ſich das prachtvolle Schauſpiel zu denken, welches der Thronſaal und die Gallerie der Diana boten, wenn das Auge ihren ganzen blendenden Schimmer auf einmal umfaßte. Niemand, der eintrat, und nicht ſtehen blieb, um zu bewundern. Hier ſindet ihr vereint den ehemaligen Miniſter, der auf Mittel denkt, die Gewalt wieder in die Haͤnde zu bekommen, den gegenwaͤrtigen Miniſter, von der Furcht beaͤngſtigt, ſie zu verlieren, und den zukuͤnftigen Mini⸗ ſter, der von den Faͤllen traͤumt, die ſie ihm einmal vielleicht verſchaffen koͤnnen. Alle drei gruͤßen ſich, druͤcken ſich innig die Hand: man ſollte ſie fuͤr Freunde halten. Da gruppiren ſich die Pairs von Frankreich, welche, ſtolz auf ihr Erbrecht und deſſen Dauer ver⸗ trauend, waͤgen und berechnen, was der aͤlteſte Sohn eines Pairs werth ſei, und durch welche Mitgift die Toch⸗ ter eines Banquiers ſich einen Graͤfinnentitel und den 30⁰⁰ Zutritt bei Hofe erkaufen kann. Nicht bloß die Pairs Ludwigs XVIII. und Karls X. ſind es, die ſich dieſen Hoffnungen uͤberlaſſen; ich ſehe auch ehemalige Senato⸗ ren Napoleons dieſe Taͤuſchungen theilen, deren gan⸗ zes Nichts ſie jetzt begreifen. Dort ſtehen alte Generale bei ihnen, die von der Republik an bis auf Karl X. allen Regierungen gedient haben. Die Fahne aͤnderte ſich, aber was verſchlug ihnen dies? Die militairiſche Ehre hat dadurch nicht gelitten, denn ſeit unſern Re⸗ volutionen koͤnnen ſie dieſe unmoͤglich in etwas Anderes ſetzen, als in ihren Muth. Sie ſchwatzen mit einander von der Hoffnung zu einem Kriege, als ob ſie noch im Stande waͤren, deſſen Strapatzen zu ertragen. Doch koͤnnen ſie ungeachtet ihrer Erinnerungen von vordem ſich nicht enthalten, jenen jungen Offizieren der koͤnig⸗ lichen Garde Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, die wegen ihrer Haltung, ihrer Disciplin, ihres Wiſſens, ihres Muthes jene der alten Garde, vor welcher Europa zitterte, nur hinſichtlich der Gelegenheit zu beneiden brauchen, ſich ihre wuͤrdigen Nachfolger zu nennen. Ich weiß nicht, warum es mir ſcheint, als wuͤrfen dieſe Maͤnner mit breiten Epauletten verachtende Blicke auf jene Menge Menſchen in blauen Roͤcken, deren mit ſil⸗ bernen Lilien geſtickter Kragen ihre legislative Beſchaͤf⸗ tigung anzeigt. Die Stutzen des Miniſteriums wun⸗ dern ſich, daß man ſo viele Mitglieder der Oppoſition eingeladen hat, und dieſe beklagen ſich wieder ihrerſeits, —— 301 daß man dies ſeltner und in viel geringerer Anzahl, als bei ihren Gegnern thut. Doch giebt es hier weder linke, noch rechte Seite, noch Centrum; man iſt uͤber das Ge⸗ ſetz, uͤber welches man im Saal der Tuilerien verhan⸗ delt, faſt einer und derſelben Meinung, und wuͤrde hier ein Serutinium angeſtellt, wuͤrde die Urne nur weiße Kugeln enthalten, ſo groß war damals noch der Einfluß einer Einladung zum Spiele des Koͤnigs. Sie galt faſt ſo viel, wie jetzt die zum Mittagseſſen bei einem Miniſter. Aber ploͤtzlich folgt auf das Geſchwirr der einzelnen Unterhaltungen ein tiefes Stillſchweigen. Der Koͤnig erſcheint, von ſeiner ganzen Familie gefolgt. Er geht langſam im Saale umher, und findet in ſeinem Herzen das Geheimniß, mit Jedem ein Woͤrtchen zu ſprechen, das ihn freut. Beſonders weiß er den Damen Artigkei⸗ ten zu ſagen, die ihnen ſchmeicheln, ohne ſie in Verle⸗ genheit zu ſetzen. Er vergißt Keine, ſo ſehr ſcheut er ſich, Jemand weh zu thun, und das waͤre wirklich der Fall, wenn man ohne ein Wort vom Koͤnige ſcheiden muͤßte. Ich bin lange Zeit zu dem Glauben verſucht geweſen, daß dieſes Beduͤrfniß, die Aufmerkſamkeit des Monarchen fuͤr einen Augenblick auf ſich zu ziehn, nur eine Kleingeiſterei der Hofleute ſei; aber ſeitdem ich mit meinen eignen Augen geſehen habe, daß die feurig⸗ ſten Deputirten der Oppoſition, daß die ſtolzeſten und unabhaͤngigſten Menſchen, ja ſelbſt Herr Benjamin Conſtant, ſich draͤngten und ſtießen, um vorn zu ſtehen, damit ſie von Karl X. bemerkt wuͤrden, und auf eine verbindliche Redensart ſtolz ſein koͤnnten, wie ein Ge⸗ neral es uͤber einen Sieg ſein wuͤrde: ſo habe ich mich genoͤthigt gefunden, anzuerkennen, daß in den Blicken und Worten eines Koͤnigs von Frankreich eine magiſche Gewalt liegen muͤſſe, vor der alle menſchlichen entge⸗ gengeſetzten Anſichten verſchwinden. Ich kann das Gemaͤlde dieſer glaͤnzenden Vereine nicht enden, weder ohne von den Mitgliedern des di⸗ plomatiſchen Corps zu ſprechen, die durch den Reich⸗ thum und die Verſchiedenheit ihrer Koſtuͤms deſſen Glanz vermehrten, noch der Hofleute Karls X. zu erwaͤhnen. Ich weiß, daß auf den Buͤhnen, wie in den Straßenwinkeln, es angenommen iſt, ein Hofmann ſei ein unverſtaͤndiges, niedriges, habgieriges und grobes Weſen. Perſonen, welche alle Hofleute dafuͤr anſehen, gleichen dem Rei⸗ ſenden, der, indem er raſch durch eine Stadt faͤhrt und am Fenſter eine Frau mit rothen Haaren erblickt, dar⸗ aus ſchließt und es niederſchreibt, daß alle Frauen die⸗ ſer Stadt rothe Haare haben. Der Hofmann, ſo wie er mir ſeit der Reſtauration faſt durchgehends vorgekommen, iſt ſtolz auf ſeine Ge⸗ burt und ſeinen Namen; aber er weiß auch, daß er nicht groͤßere Urſache hat, ſich deren zu ruͤhmen, als ein Saͤn⸗ ger ſeiner Stimme, die ihm die Natur verlieh, und ein Reicher des Vermoͤgens, das ſeine Aeltern ihm hinter⸗ ließen. Dem Koͤnige treuergeben, haͤlt er ſich nicht fuͤr 3⁰³ einen unterthaͤnigen Diener der Miniſter, und wenn daher ſein Gewiſſen es ihm vorſchreibt, tritt er in die Reihen der Oppoſition. Er iſt ungemein hoͤflich, denn er hat geſehen, daß dies das ſicherſte Mittel iſt, ſein ge⸗ ſelliges Uebergewicht geltend zu machen. Er laͤßt dem Verdienſte Gerechtigkeit wiederfahren, ſchaͤtzt es, liebt es, bewundert es offen und ohne Neid; aber dieſes Verdienſt muß ſich nur nicht bei einem Manne ſinden laſſen, der mit ihm gleichen Ranges iſt, denn dann fuͤhlt er ſich verſucht, es ihm ſtreitig zu machen. Er iſt freigebig, denn er folgt gern dem Beiſpiele des Herrn, dem er dient, auch weiß er, daß Freigebigkeit eine edle und große Tugend iſt, und wenn er es ſich auch nicht immer als Gluͤck anrechnet, ſie auszuuͤben, macht er ſich we⸗ nigſtens eine Pflicht daraus. Ohne Gelehrter zu ſein, iſt ihm doch keine Wiſſenſchaft fremd, und er beſitzt das Geheimniß, Kunſtkenner zu ſcheinen, wenn er es auch nicht wirklich iſt, wirft ſich aber nicht mehr zum Be⸗ ſchuͤtzer der Kuͤnſtler auf, ſondern wird ihr Freund. Da das Reich der weißen Federn und rothen Abſaͤtze zerſtoͤrt iſt, ſo iſt er genoͤthigt, liebenswuͤrdig zu ſein, um geliebt zu werden. Endlich noch iſt er ſittlich, und wundert ſich ſelbſt daruͤber, als uͤber die groͤßte Veraͤn⸗ derung, welche die Revolution hervorgebracht hat. So waren im Allgemeinen die Hoͤflinge unſers Jahr⸗ bunderts beſchaffen. Aber unter ihnen befanden ſich Maͤnner, bei denen man es ſich zum Vergnuͤgen machte, 30⁰4 ſte zu beleldigen, unſtreitig, weil ſie auf den Stufen des Thrones ſtanden, den man umſtoßen wollte, Maͤnner voll Muth, Talent und Kraft, welche den wahren Vor⸗ theilen des Volkes, das ſie haßte, ohne ſie zu kennen, treu ergeben waren, Maͤnner, die in ihrem edlen und rechtlichen Sinne, in ihrer Liebe zum Vaterlande, jene tiefe und lebendige, kraͤftige und edelmuͤthige, wahre und leidenſchaftliche Beredtſamkeit fanden, die nichts von der erlogenen Waͤrme des Advokaten, noch von der prunkenden Sprachſeligkeit des Politikers an ſich hat, die aber in Staunen ſetzt, erregt, uͤberzeugt, und dies ſelbſt Diejenigen, die ſich's ſchon im voraus vorgenom⸗ men haben, ſie zu bekaͤmpfen und ihre Ueberzeugung ih⸗ rer vorgefaßten Meinung, ihrem Ehrgeize des Augen⸗ blicks zu opfern; Maͤnner endlich, die, indem ſie die Unmoͤglichkeit, Gutes zu ſtiften, einſehen und an dem Uebel, das geſchehen koͤnnte, nicht Antheil nehmen wol⸗ len, ſich in das Privatleben zuruͤckziehen und das Be⸗ dauern, die Achtung und die Bewunderung ihrer Mit⸗ buͤrger mit in ihre Einſamkeit nehmen. Ich brauche ſie wohl nicht erſt zu nennen. Die fuͤr das Spiel des Koͤnigs beſtimmten Tage waren nicht die einzigen, wo Alles, was ſich in der Ge⸗ ſellſchaft auszeichnete, am Hofe Zutritt fand. Auch das Volk hatte ſein Feſt, und dies war das des Namenstags des Koͤnigs. Keine Thraͤne, die nicht an dieſem Tage getrocknet worden waͤre, keine Huͤtte, die nicht gluͤcklich 305 war, keine Famile, die nicht Brod gehabt haͤtte. Da dieſes Feſt aber in dem gnadenreichen Jahre 1830 nicht begangen ward, ſo will ich bloß an den Reujahrstag erinnern, den Tag, wo der Sitte nach alle Staatsbehoͤr⸗ den dem Monarchen, wer es auch ſein mag, dieſelben Huldigungen und Wuͤnſche darbringen und ihm perio⸗ diſch dieſelbe Liebe und dieſelbe Treue ſchwoͤren. Ich bekenne es, daß dieſe gleichlautenden, von der Etikette vorgeſchriebenen Anreden, daß dieſe mehr oder minder wahren, je nach der Anſicht und dem Talente des Red⸗ ners in mehr oder minder wohlklingenden Phraſen aus⸗ gedvuͤckten Gefuͤhle in meinen Augen nur deshalb ei⸗ nen Werth gehabt haben, weil ſie oft zu Antworten voll Guͤte und Geiſt Veranlaſſung gaben. Karl X. beſaß bei ſolchen Gelegenheiten eine Leichtigkeit und Anmuth des Ausdrucks, die man ihm nicht abſtreiten kann. Auch das ſogenannte große Couvert fand am Neu⸗ zahrstage ſtatt. Fuͤr Karl X. konnte die Sitte, welche den Koͤnig und ſeine Familie oͤffentlich zu hheijen ver⸗ pflichtete, nichts Peinliches haben. Er brauchte nicht zu fuͤrchten, daß man ihn mit jenen Monarchen des Orients vergliche, welche glauben, daß/ wenn ſie gut gegeſſen ha⸗ ben, keiner ihrer Unterthanen Hunger haben duͤrfe. Er wußte, daß der Wunſch Heinrichs IV. erfuͤllt ſei⸗ und weder dem fleißigen Handwerker/ noch dem arbeit⸗ ſamen Landmanne das Huhn im Topfe fehle. . 5. 13** 306 Waren nun dieſe feierlichen Mittagsmahle nicht ohne Reize fuͤr ihn, um wie viel gluͤcklicher mußte er ſich noch fuͤhlen, wenn der Dreikoͤnigstag jenes Familien⸗ mahl herbeifuͤhrte, das die Sitte ihm zu einer ſo ſuͤßen Pflicht machte! Ich liebe ſie, dieſe alten Gebraͤuche unſrer Vaͤter, die ſich von Generation zu Generation fortpflanzen, wie ein Erbtheil der Freude und des Gluͤcks. Die neuern Jahrhunderte ſind nicht die ein⸗ zigen geweſen, welche das Beiſpiel dieſer Familienver⸗ eine aufgeſtellt haben, wo das Loos ein Koͤnigthum zu⸗ erkennt, das weder Sorgen noch Muͤhen hat. Die Alten ermangelten nie, wenn ſie ein Feſt recht froͤhlich haben wollten, einen Koͤnig deſſelben zu ernennen, und damit Jedermann damit einverſtanden ſei, entſchied das Loos die Wahl. Auch der Gebrauch der Bohnen, als Unterſcheidungszeichen der Gewalt, iſt nicht neu. Die Griechen bedienten ſich ihrer zur Ernennung ihrer obrigkeitlichen Perſonen, und wenn Pythagoras zu ſei⸗ nen Schuͤlern ſagte: Enthaltet euch der Bohnen! ſo gab er ihnen einen ſehr weiſen Rath, deſſen gehei⸗ men und raͤthſelhaften Sinn zu faſſen heut zu Tage wenige Perſonen geneigt ſein duͤrften.. unter uns beſitzt die Bohne nicht das Gefaͤhrliche, welches Pythagoras fuͤrchtete. Wie gluͤcklich iſt ein Bohnenkoͤnig! Er hat keine Miniſter, die ihn verrathen, keine Hoͤflinge, die ihm ſchmeicheln, keine Kammern, die ihn geniren, keine Journale, die ſeine Regierung 307 beunruhigen. Seine Unterthanen alle ſind Freunde, die ihm froͤhlich den Tribut der Liebe zollen. Er waͤhlt ſeine Koͤnigin, ohne daß die Politik ſeiner Neigung ent⸗ gegentrete. Umarmt er ſie, ſo klatſcht man Beifall, trinkt er, ſo freut man ſich, und was das Allergluͤck⸗ lihſt dabei iſt: ſein Reich waͤhrt nur einen Augen⸗ blick. Die Freuden dieſes voruͤbergehenden Koͤnigthums waren vielleicht nie lebendiger, als am 6. Januar 1830 in den Tuilerien. Alles gedieh im Koͤnigreiche, und die Abkoͤmmlinge Heinrichs IV. bildeten damals, zu einem Familienmittagseſſen vereint, ein eben ſo treffliches als hinreißendes Ganze von gleichen Gefuͤhlen und gleichen Wuͤnſchen. Es war ein Feſttag fuͤr alle und vorzüͤglich fuͤr die Kinder, welche ſich herzlich freuten, dieſesmal den ungelegenen Zwang der Etikette ſchwinden zu ſehen. um die konigliche Tafel her erblickte man denn zu⸗ erſt den ehrwuͤrdigen Greis, dem es ſtets Freude machte, die Guͤte ſeines Herzens durch die Wuͤrde ſeines Cha⸗ rakters hervorſchimmern zu laſſen; bei ihm beneidete der Menſch dem Koͤnige nur die Macht, Gluͤckliche zu ſchaf⸗ fen, und begehrte bloß dieſe. Neben ihm ſaßen die Herzogin von Orleans, die gluͤckliche Mutter einer ſchoͤ⸗ nen und zahlreichen Familie, und die Dauphine, welche ſich uͤber den Schmerz, ein gleiches Gluͤck nicht das ihre nennen zu koͤnnen, dadurch troͤſtete, daß ſie alle 308 Ungluͤckliche als Kinder annahm, eine im Ungluͤcke er⸗ habene, in der Gefahr heldenmuͤthige Frau, die, indem ſie durch alle Staffeln des Leides geſchritten, endlich zu jener Hoͤhe der Tugend gelangt iſt, vor der ſich alle menſchliche Groͤße neigt. Neben ihr erblickte man den Herzog von Orleans, an deſſen Beweiſe von Eifer, Treue und Ergebenheit, als ſie Beide, an fremde Ufer verbannt, gleiches Ungluͤck und gleiche Hoffnungen theil⸗ ten, Karl X. ſich ſo gern erinnerte; dann die Herzogin von Berry, ſo gluͤcklich, ſo ſtolz, ſo ſchoͤn durch ihren Sohn, alle Kuͤnſte liebend, die ſie beſchuͤtzt und beföͤr⸗ dert, Allem um ſie her Leben und Heiterkeit verleihend, damals in der Zukunft nur froͤhliche Tage vor ſich ſehend und nicht ahnend, daß die Armen und Kranken aus ihrem Hospice zu Rosny bald gendthigt ſein wuͤrden, die offentliche Mildthaͤtigkeit in Anſpruch zu nehmen. Laßt uns in dieſem Familiengemaͤlde auch weder den Dauphin, noch Mademoiſelle d⸗Orleans, weder die Her⸗ zoͤge von Chartres, Nemours und Aumale, noch den Prinzen von Joinville, weder die beiden jungen und lieblichen Prinzeſſinnen von Orleans, noch die ſo heitre, anmuthige und geiſtreiche Mademoiſelle vergeſſen. Mit Bedauern erblicken wir den Herzog von Bourbon nicht dabei, den Kraͤnklichkeit auf ſeinem Schloſſe Saint⸗Leu zuruͤckhaͤlt, wo er ruhig und gluͤcklich zu ſterben hoffen durfte. Aber alle unſre Aufmerkſamkeit laßt uns fuͤr 309 jenes Kind aufſparen, das bald unter den erhabenen Gaͤſten eine ſo wichtige Rolle ſpielen ſollte. Schon haben die beiden erſten Gaͤnge die Geduld dieſer jungen Gemuͤther erſchoͤpft, deren froͤhlichen Ju⸗ bel noch der Reſpekt zuruͤckhaͤlt; endlich aber iſt nun der Augenblick gekommen, und aller Augen wenden ſich auf den Kuͤchenmeiſter, der auf einer ſilbernen, mit einer Serviette bedeckten Schuͤſſel die funfzehn Kuchen traͤgt, von denen nur einer die erſehnte Bohne enthaͤlt. Der Herzog von Aumale vertheilt ſie, nach dem Rechte des Juͤngſten, unter die Gaͤſte, behaͤlt aber weislich auch einen fuͤr ſich. Jeder will nun ſein Schickſal ken⸗ nen lernen und von allen Seiten laſſen ſich Ausrufe ge⸗ taͤuſchter Hoffnung hoͤren. Ein einziges Kind errͤthet und ſchweigt, nicht, weil es wegen des Ranges in Ver⸗ legenheit waͤre, zu dem es berufen iſt, ſondern weil es durch den Ausbruch ſeiner unſchuldigen Freude ſeine Mitbewerber nicht demuͤthigen will. Die neue Maieſtaͤt kann jedoch nicht lange das Incognito behaupten, und der Herzog von Bordeaur wird mit allgemeinem Jubel zum Bohnenkoͤnige ausgerufen. Nun uberlaſſen ſich nach dem Beiſpiele des neuen Souverains alle Kinder einer Freude und Luſt, welche der Koͤnig und Madame lieben und theilen, und die Dauphine nicht zu unter⸗ druͤcken ſucht Schon iſt die Wahl der Koͤnigin getrof⸗ fen. Es iſt die Herzogin von Orleans, die ſich freund⸗ lich dazu hergiebt, eine Ehre anzunehmen, welche ſie 310 vielleicht nie beneidet hat, und ſo endet ſich dann das Mittagsmahl mitten unter lautem Gelaͤchter und dem tauſendfaͤltig wiederholten Rufe: Der Koͤnig trinkt! Die Koͤnigin trinkt! Die erhabenen Perſonen, welche um die koͤnigliche Tafel ſaßen, waren nicht die Einzigen, denen man ver⸗ ſtattete, an dieſem Koͤnigskuchen Theil zu nehmen. Die Theile deſſelben verbreiteten ſich in Fuͤlle uͤber ganz Frankreich. Ich rufe euch hiermit auf, euch Dichter und Schriftſteller, deren treffliche Arbeiten Karl X. ſo gern ermuthigt; euch, geſchickte Kuͤnſtler, deren Ge⸗ maͤlde unſre Muſeen fuͤllen und unſre Pallaͤſte ſchmuͤcken, deren Bildſaͤulen unſre Bruͤcken und oͤffentlichen Plaͤtze zieren; euch, Schuͤler der Euterye und Thalia, deren Talente ſeine Großmuth belohnte; euch, einfache Hand⸗ werker, deren Induſtrie er bereicherte; euch, alte und ſchwaͤchliche Beamte der Republik und des Kaiſer⸗ reichs; euch, troſtloſe Wittwen und verlaſſene Waiſen; euch ſogar, ihr Großen und Maͤchtigen des Tages! bekamt ihr nicht auch euern Antheil an dem Koͤnigs⸗ kuchen? 1. Aber man ſteht von der Tafel auf, und Karl X. bit⸗ tet um einen Augenblick der Stille, den er denn auch mit Muͤhe erhaͤlt: „Sire,“ ſagt er zu ſeinem Enkel:„Ihr Koͤnigreich wird in fuͤnf Minuten zu Ende ſein. Haben Eure Majeſtaͤt mir keine Befehle zu ertheilen?“ 311. —„Ja, lieber Papa, ich will“— —„Ich will! Nehmen Sie ſich in Acht; in Frank⸗ reich ſagt der Koͤnig: wir wollen, und manchmal ſogar: Sie wollen.“ —„Nun denn, Wir wollen, daß unſer Hofmeiſter uns drei Monate unſers Gehalts vorausbezahle.“ —„Was wollen denn Euer Maijeſtaͤt mit ſo vielem Gelde? —„Guter Papa, der Mutter eines braven Soldaten Ihrer Garde iſt ihre Huͤtte abgebrannt, und um ſie wieder aufzubauen, waͤre das nicht zu viel“ —„Gutv; ich uͤbernehme es.“ —„Nein, guter Paya, denn wenn Sie es thaͤten, thaͤt' ich es nicht.“ —„und was wollen Sie denn drei Monate lang ohne Geld anfangen?“ —„Ich will mir Muͤhe geben, durch die guten Cenſuren meiner Lehrer, die Sie mir ja immer bezahlen, welches zu verdienen.“ —„Ah, rechnen Euer Maieſtaͤt darauf?“ —„Ei freilich! Muß ich denn nicht meine Armen kleiden? denn ich habe Arme, wie Sie, wie Mama, wie meine Tante. O, ich habe ſchon meine Rech⸗ nung gemacht und bin ganz zufrieden. Wenn ich der armen Frau im Boulogner Hoͤlzchen, die ein krankes Kind hat, zehn Franes gegeben habe, bleiben mir noch zwanzig Sous uͤbrig, um den Prinzen zu ſpielen.“ 312² Bet dieſen Worten umarmte Karl X. mit inniger Zaͤrtlichkeit ſeinen Enkel, und rief aus:„Gluͤckliches Frankreich, wenn er einſt Dein Koͤnig ſein wird/ Ed. Mennechet. Die kleinen Wandwerke. — Paris iſt mit einer Bevoͤlkerung von Arbeitern ange⸗ fullt, die nur einer großen Stadt eigenthuͤmlich ſind, und wenn ſie jenſeits der Barriere ſich befinden, gar nicht mehr zaͤhlen: Beſchaͤftigungen des Abzugsgrabens und der Straßenwinkel, der Dachſtuben und Schleuſen⸗ Beſchaͤftigungen des Zufalls, der auch ſeine Hoffnungen, ſeine Zuͤnfte, ſeinen Centraldienſt hat, Beſchaͤftigungen mit Lumpen, alten Naͤgeln, zerbrochenem Glaſe, epi⸗ ſchen Gedichten und Vaudevillen. Alles Gegenſtaͤnde, von denen ich ernſthaft und mit Achtung ſprechen muß⸗ Alles Beſchaͤftigungen, die durch die ſtrengſte Rechtlich⸗ keit und das legitimſte Beduͤrfniß anerkannt ſind, Alles Beſchaͤftigungen, von denen Familien leben, welche Kinder in die Schulen ſchicken, heirathbaren Maͤdchen Ausſtattungen geben und ſogar oft ein Grab beim Pater Lachaiſe, wenn der Spekulant reich, gluͤcklich, brav war, un ſein Teſtament nicht fuͤr undankbare gemacht hat. II. 14 314 Seht euch nur um; dieſes kleine Handwerk herrſcht in dieſer großen Stadt. Es iſt ſo theuer, eine Stelle zu kaufen, und waͤr's nur ein Gerichtsdiener und Haͤſcher. Es bedarf ſo vielen Geldes, um nur die kleinſte Bude zu eroͤffnen, zu einer Zeit, wo es keine Bude ohne Spiegel an der Mauer und Acajou am Ladentiſche giebt! Die Eigenthuͤmer in Paris ſind ſo hart, und Papier iſt ſo ſchwer umzuſetzen! Und doch muß man leben! muß der unordnung und dem Ho⸗ ſpitale zu entrinnen ſuchen! Vivat alſo das kleine Hand⸗ werk ohne Bude, ohne Patent, ohne Eigenthuͤmer, ohne Wechſel, ohne Proftt, das kleine Handwerk in freier Luft, zu Fuß, die Haͤnde in den Taſchen, die Butte auf dem Ruͤcken, oder pffeglich hingeſtreckt an einer Straßenecke auf den Hacken als Commiſſionair und einen Kundmann erwartend, der ſchon kommen wird. Um ein Uhr des Morgens in den Hallen, wenn ganz Paris eben in Schlaf verſinkt, in einen kurzath⸗ migen, aͤngſtlichen Schlaf, voll Reue, von fluͤchtigen Schauern der Luſt unterbrochen, ein Schlaf in geſtohl⸗ ner Seide, ein wahres Alpdruͤcken, beim Laͤrmen der Karoſſen angefangen und beim Geſchrei der Kleiderver⸗ kaͤufer geendet, da hoͤrt ihr um die Hallen her ein ſon⸗ derbares belebtes Getoͤſe. In den Hallen ſchlaͤft man nicht. In den Hallen fangen die kleinen Handwerke an. Dann kommen von allen Seiten her, an kleine 315 Wagen geſpannt, Schaaren von Handelsleuten, die den ganzen Tag uͤber auf einen Scheffel Erdaͤpfel, auf zwoͤlf Gebunde Moͤhren, auf ein Haͤufchen Zwiebeln, auf einige Dutzend Eier ſpekuliren. Waͤhrend der große Viktualienhandel unbeweglich auf ſeiner Stelle bleibt und ſtolz auf die Koͤche der vornehmen Haͤuſer und die kecken blauen Schuͤrzen der Buͤrgerſchaft wartet, zer⸗ ſtreuen ſich unſre Spekulanten im Kleinen bei guter Zeit, um den Armen und den Dichtern ihre taͤgliche Nahrung zuzufuͤhren. Ohne dieſe Moͤhren, dieſe Erd⸗ aͤpfel, dieſe zweideutigen Eier wuͤrde der Arme vor Hun⸗ ger ſterben; denn er iſt nicht reich genug, um ſein Beduͤrfniß in der Halle holen zu laſſen, obgleich dort Alles wohlfeiler iſt; er wartet daher in ſeinem fuͤnften Stockwerke, wartet nicht nur auf die Vorſehung jedes Tages, ſondern ſogar auf die jeder Stunde des Tages. So iſt das große Paris beſchaffen, Paris, das arbeitende und hoffende. Das ganze Leben, dieſes Paris des zwei⸗ ten Ranges, vergeht im Einkaufen ſeiner Mahlzeiten aus der zweiten Hand. Des Morgens, wenn die Milch⸗ verkaͤuferin ihre Milch vorgerichtet hat und behaglich an der Seite ihres Hundes und ihres blechernen Milch⸗ gefaͤßes ausruht, ſeht ihr der Reihe nach das ganze fruͤh⸗ aufſtehende Stadt⸗Viertel ankommen; Frauen, im wei⸗ ßen Jaͤckchen, noch blaß vom Schlafen, die Haare mit einem Tuche umwunden, kleine Maͤdchen von 15 Jah⸗ ren, die ſtatt ihrer Muͤtter kommen, blau von Froſt 14* 316 und mit fliegenden Haaren, die luſtige Kammerfrau, den ſteifen Hageſtolz, den gaͤhnenden Portier, den An⸗ geſtellten, der ſich ſchaͤmt, daß er bei hellem Tage ſeine Portion holen muß: unſchuldige Bienen um einen Bienenſtock. Die Milchverkaͤuferin ſpendet ihnen die Milch mit geiziger Hand. Die Vertheilung dauert his Mittag. Dieſe Verkaͤuferin hat nie ſelbſt eine Kuh be⸗ ſeſſen, ſie hat nie das Geſchrei der Henne gehoͤrt, die ihr die Eier legte; ihr ganzer Pachthof liegt in einem Hauſe der Baͤrenſtraße, ihr laͤndliches Kind iſt Schrei⸗ ber bei einem Notar, und der ehrliche Landmann, ihr Gemahl, bewacht die Stoͤcke und Huͤte in einem Spiel⸗ hauſe. „Begluͤckt der Landmann, wenn ſein Gluͤck er recht erkennt!“ Hoͤrt! Es iſt Mittag und Paris ſteht auf! Der Laͤr⸗ men ſteigt bis in die Wolken; Alles regt ſich, die gro⸗ ßen und kleinen Handwerke beginnen ihre Wirkſamkeit. Jedes Handwerk in Paris hat ſeine Wirkſamkeit und ſeine Parodie. Hoch oder niedrig, ehrlich oder nicht, erlaubt oder nur geduldet: ſucht nur recht! und uͤberall werdet ihr neben den großen Spekulationen, die ſich auf unermeßliche Kapitale ſtuͤtzen, die Spekulationen des kleinen Eigenthums, des beſcheidnen Verkehrs, des Handelsmannes, der keiner iſt, antreffen. Seht nur Paris. Neben dem Cachemire des Orients, dem ſteten Gegenſtande der Scherzreden des Herrn Scribe, der Cachemire von 317 Dernaug; nicht weit vom Cachemire⸗Ternaur breitet die Putz⸗Haͤndlerin ihre apretirten Lappalien aus; dann tie⸗ fer unten wandelt Madame la Reſſource, einen Carton unterm Arm, und verborgt fuͤr ſo und ſo viel des Tags die durchbrochne Spitze und den vergoldeten Mantel des Theaters bis auf die Nachthaube und das Hemd der Proſtitution. Das kleine Handwerk iſt ein Proteus, der vor Nichts erroͤthet, ſich in jeder Richtung ſchmiegt und biegt, ſich ganz nackt hinſtellen wuͤrde, um Etwas zu ſeiner Bekleidung zu erlangen, wenn's ſein muͤßte, im Kothe waͤlzte, keine Art von Schande ſcheut, keine Gat⸗ tung von Wucher, der ſich einſchleicht, intriguirt, ſtoͤßt⸗ draͤngt, Tag und Nacht wacht, ſich todt ſtellt, kurz, alle Mittel und Wege einſchlaͤgt. Ihr kennt die Ge⸗ ſchichte des heiligen Simeon Stylites, der funfzehn Jahre auf der Spitze einer Saͤule wohnte? In Paris wuͤrdet ihr fuͤr Geld, und nicht einmal fuͤr vieles, ſehr leicht einen Menſchen finden, der daſſelbe Handwerk er⸗ griffe. Denn Gott zu ſein iſt heut zu Tage ein gutes kleines Handwerkchen geworden. Gehen wir aus. Wenn ihr aus euerm Zimmer her⸗ abkommt, muͤßt ihr nothwendig vor dem Portierſtuͤbchen vorbei. Dieſes Stuͤbchen iſt eine Art Niſche im Par⸗ terre, in welche man oft nicht einmal ſeinen Hund ein⸗ zulogiren wagen wuͤrde, wenn es nur irgend ein guter Hund waͤre. Stellt euch einen Raum von höͤchſtens 6 bis 8 Fuß vor: darin lebt oft eine ganze Familie, der . 318 Vater, der Schuhe macht, die Mutter, die Romane lieſt, die Tochter, die Verſe deklamirt, dereinſtige Hoff⸗ nung des franzoͤſiſchen großen Theaters, der aͤlteſte Sohn, der auf der Violine ſpielt, kuͤnftiger Tonſetzer im Ambigu, und der Juͤngſtgeborne, der bei Eugen Delacroir Farben reibt, oder die Platten fuͤr Johannot polirt. Dieſe ganze artiſtiſche Welt lebt und denkt und arbeitet und componirt und geraͤth in Leidenſchaft, waͤhrend ſie das Haus huͤtet, das ihr bewohnt, und beim erſten Schlag des Klopfers die Schnur zieht. Wißt ihr, wo ſie niſten? Wißt ihr, wie alle dieſe Kinder auf die Welt gekommen, wie ſie herauf⸗ gewachſen ſind? wie ſie victum et vestitum in dieſer ſchwierigen Lage gefunden haben? Wer weiß es? Wer kann's ſagen? Der Vater dieſer ganzen Familie bezieht jaͤhrlich fuͤr ſeinen Poſten 300 Franken, Nichts weiter. Und doch iſt die Familie erzogen worden: der Vater hat zwei Kleider, die Mutter einen Merinoanzug, das junge Maͤdchen eine goldne Kette und der aͤlteſte Sohn ein Paar Stiefeln. Wunder der Induſtrie, der Geduld, der Arbeit und eines feſten Willens! Wunder von dieſer Staͤrke giebt's in allen Haͤuſern von Paris. Ich halte euch nicht laͤnger an eurer Thuͤre auf. Ihr tretet heraus. Rehmt euch vor dem Manne in Acht, der da in der Goſſe kauert. Dieſer Mann iſt ein Aufkratzer; er kratzt und kratzt zwiſchen den Steinen. Er will nicht an die Lumpen, er will nicht an die un⸗ reinlichkeiten, will nicht an die alten Papiere, die der 3¹9 Wind mit fortfuͤhrt; Lumpen, Unreinlichkeiten, alte Pa⸗ piere ſind fuͤr unſern Handelsmann zu hoch ſtehende Waaren. Er trachtet ganz einfach nur nach verlornen Hufnaͤgeln der Pferde, nach Eiſenſtuͤckchen, die durch das Reiben aus den Radſchienen fallen. Er waͤſcht den Schmutz der Stadt, wie dort die Sklaven den Goldſand von Merxiko. Er iſt gluͤcklich, wenn er einen Nagel ohne Kopf mit fortbringt, wie dort die Neger, die einen Diamant in den Minen finden. Seht den Mann nur an! Welche peinliche Stellung! wie er uͤber ſeine Beute gebeugt iſt! welche Leidenſchaft und Habgier im Blicke! wie er mit dem Gluͤcke ſpielt! welche Verwuͤn⸗ ſchungen in ſeiner Seele! wie ſein Herz ihm im Buſen klopft! Armer Mann! ach, deine Mine iſt nicht ſehr ergiebig! Die Julirevolution hat ſo viele Pferde an den Pflug geſchickt, hat ſo viele Wagen abgeſchafft, daß die Goſſe kaum noch ſo viel Eiſen mit ſich fortrollt, daß der Kratzer Sonntags und Montags ſich dafuͤr an der Barriere guͤtlich thun kann. In beſſern Zeiten hatte er fuͤr drei Tage! Seid ihr dem Kratzer ausgewichen und dem Waſſer⸗ das er rechts und links auswirft, ſo ſtoßt ihr in der Regel gegenuͤber auf den Commiſſionair des Viertels. Der Viertels⸗Commiſſionair iſt meiſt ein derber Kerl mit breiter Bruſt, tuͤchtigen Schultern und ſchwarzem Barte. Man bemerkt gleich, wenn man ihn ſieht, daß der Mann im Wohlſtande iſt, daß er Niemandem Etwas — 320 ſchuldig, dagegen viele Leute ihm, und daß er einen huͤbſchen Nothpfennig fuͤr ſchlechte Zeiten bei Seite ge⸗ legt hat. Der Viertels⸗Commiſſiongir iſt euer Bediente/ iſt mein Bediente, iſt der Bediente von uns Allen; er iſt in allen Haͤuſern und geht nach Belieben aus und ein; man ruft ihn herbei, um im Winter Holz zu ſaͤgen, die Blumen im Sommer zu begießen, einen Brief zu jeder Zeit fortzutragen; er begleitet den Herrn an die Diligenee und geht der Madame, wenn ſie wie⸗ derkommt, entgegen; der Commiſſionair hat ſeinen eignen Namen: man weiß, woher er iſt, wie alt er iſt und wie alt ſeine Mutter; er iſt der Freund der Koͤchin und der Feind des Portiers, uͤbrigens aber unabhaͤngig, wie ein Bedienter, der mehrere Herren hat, verſtaͤndig und thaͤtig, wie ein Pflanzer, der noch hofft, thut viel und ruͤhmt ſich wenig, laͤuft weit, aber im Schritt, ſagt niemals zu viel, iſt verſchwiegen, maͤßig, ſtets bereit, ſich auf den Weg zu machen ſtets fertig, einen Ge⸗ fallen zu thun, und mit demſelben Eifer gefaͤllig, ſei's in Geſchaͤften, ſei's in Liebesangelegenheiten. Eine Pariſer Straße waͤre nicht vollſtaͤndig, wenn ſie nicht neben dem Gewuͤrzkraͤmer oder Weinhaͤndler auch ihren eignen Commiſſionair haͤtte. Weiterhin begegnet euch auf dem Pontneuf, auf dem Quai de la Greve, außerhalb der Gewoͤlbe, herum ſich treibend oder feſtſtehend, ohne Patent, aber nicht ohne Verguͤnſtigung, eine Art von Geſchaͤftsmenſchen, die 321 ſiets zu thun haben und ſich in allen Richtungen, aber ohne Unordnung, kreuzen. Der Eine bittet euch, auf ſein Laͤdchen von einem Fuß ins Gevierte geſtuͤtzt, um die Gnade, eurer ſchutzigen Beſchuhung neuen Glanz geben zu duͤrfen; der Andere ruft mit heiſerer Stimme euer Huͤndchen an ſich, das er mit aller Gewalt ſchee⸗ ren will; das erſchrockene Huͤndchen draͤngt ſich bellend an ſeinen Herrn. Dieſer da verkauft Zuͤndhoͤlzchen, Jener Nadeln. Der Alte dort friſtet ſein Leben mit Gerſten⸗ zucker. Seht einmal das dicke Muͤtterchen da! ſie traͤgt eine ganze Kuͤchenvorrichtung auf ihrem Leibe; das Feuer iſt angezuͤndet, die Butter ſchmort in der Pfanne, der pPfannenkuchen zeichnet ſich in ſeiner ſchoͤnſten Form, die Luft iſt zehn Schritte umher ganz balſamirt; die ſaftige Bratwurſt, der goldene Erdapfel, die Cotelette von friſchem Schweinfleiſche: welche reizende Leckerbiſſen des Greveplatzes! Was ſage ich? die delikate Schmerle, der Sohlſiſch, der Gruͤndling, leckere Gerichte ausge⸗ ſuchterer Geſellſchaft, wecken der Reihe nach den Appetit des Voruͤbergehenden; die Fleiſchbank iſt neben der Kuͤche; der friſche Fiſch haͤngt an der Huͤfte der Koͤchin, bereit, den gerdͤſteten zu erſetzen. Es iſt Ein Uhr. Der Pariſer nimmt ſein zweites Eſſen zu ſich. Des Morgens hat er eine Taſſe Milch⸗Kaffee genoſſen, um Ein Uhr wird er fuͤr 4 Sous Erdaͤpfel oder ſonſt deß etwas Ge⸗ roſtetes, in ein Blatt gedruckten Papiers gewickelt, eſſen. Der Pariſer kann, ſo unter freiem Himmel ſpeiſend, . 1 322 gegen die Bruſtlehne der Bruͤcke geſtemmt und einem Gaukler zuſehend, in dem erwuͤnſchten Umſchlage ſei⸗ nes Mittagseſſens von Zeit zu Zeit das Neueſte uͤber Politik und Kunſt leſen. So vereinen ſich denn fuͤr den Einwohner von Paris in dieſer gluͤcklichen Stunde alle Vergnuͤgungen auf einmal: das Waſſer des Fluſſes, die Sonne am Himmel, der ſingende Vogel vom Quai der Goldſchmiede, der Schiffer, welcher ſpielt, das Pfannengebaͤck, das zittert und die politiſchen Neuigkei⸗ ten der geſtrigen Zeitung. Drei Tage muͤſſen noch hin⸗ gehben, ehe der Politikus im Hafen von Marſeille bei ſeinem Fruͤhſtuͤck das leſen kann, was der ehrliche Ar⸗ beiter am Quai de Goyres bereits bei ſeinem zweiten Eſſen lieſt. 8 Glaubt aber nur ja nicht, daß dieſe eigenthuͤmliche Induſtrie ſo fuͤr Jedermann gleich zu haben ſei. Die kleine Pariſer Induſtrie iſt nur fuͤr den Pariſer gemacht. Nur der Pariſer begreift, liebt und weiß alle dieſe klei⸗ nen Kaufleute nach ihrem wahren Werthe zu ſchaͤtzen. Der kleine Kaufmann iſt ein weſentlich pariſiſches We⸗ ſen, eine weſentliche Pariſer Nothwendigkeit. Nur der Pariſer verſteht es, bei einem brennenden Sommer⸗ durſte einen ehrlichen Kokusnußhaͤndler aufzuhalten„ mit ihm zu ſchwatzen, indem er ſein vergoldetes Glas aus⸗ ſchwenkt, es ihn bis an den Rand wieder fuͤllen zu laſ⸗ ſen und ihn dann um kleine Muͤnze fuͤr ſeine 10 Cen⸗ timen zu erſuchen, nachdem er wenigſtens fuͤr zwei Sous 323 mit dem ehrlichen Kokushaͤndler getrunken und geſchwatzt hat. Der Kokushaͤndler, eine gute Haut, laͤchelt dem Pariſer freundlich zu, giebt ihm auf fuͤnf zwei Centimen wieder, und faͤngt dann, nachdem er ihn hoͤflich ge⸗ gruͤßt hat, wieder an, ſein„Kokusgefrornes!“ zu ſchreien, eine wahre Vorſehung fuͤr Soldaten und Kin⸗ derfrauen. Setzt an die Stelle meines Pariſers einen gewaltig verachtungsvollen, ekeln und ſatten Menſchen aus der Provinz, ſo wird er ſtolz vor der wohlthaͤtigen Tiſane voruͤbergehn, das wohlwollende Laͤcheln der alten Hebe, die ihn anruft, verachten, und eine Stunde darauf ſich eine Indigeſtion in einem Kruge verdorbenen Bieres holen, das er in einer Kneipe trinkt. Nur der Pariſer verſteht es, mit einer Poiſſarde zu ſprechen, bei einer Auſternfrau den Angenehmen zu ſpie⸗ len, eine Koͤchin, die eben im Begriff ſteht, ihr Mit⸗ tagseſſen einzuhandeln, nicht in Zorn zu bringen. Der Pariſer iſt wohl erzogen, er iſt artig, er verſteht ſanft zu ſprechen, er vermeidet alle Diſſonanzen; zugleich wird er uͤber Nichts roth, er redet das Naͤhtermaͤdchen, das ihm gefaͤllt, bei lichtem Tage an, er ſpeiſt auf der Straße, er geht zu einem Weinſchaͤnker und trinkt; es iſt Diogenes, der ſich die Haͤnde mit Mandelkleie ge⸗ waſchen hat. Glaubt ia nicht, daß es derſelbe Fall mit dem Manne in der Provinz ſei. Der Provinzmann iſt ſtolz, er iſt das Vorbild des Duͤmmlings im Sonntags⸗ 324 ſtaate. Er verachtet Alles, was das Leben leicht macht. Ihr habt eben geſehen, daß er lieber vor Durſt um⸗ kommt, als Kokusnuß trinkt; jetzt ſollt ihr ihn in einem der verpeſteten Keller ſehen, wo man fuͤr 24 Sous zu Mittag ſpeiſt. Der Provinzmann ſetzt ſich hochmuͤthig an einen Tiſch voll kalter Reinlichkeit; er verſchluckt ſeine vier Schuͤſſeln, ohne ein Wort zu ſprechen, und nach dem kleinen Rindfleiſchſtuͤckchen, dem Kaninchen⸗ ſcheibchen, dem aufgelaufenen Eierkuchen, dem kleinen Schaͤlchen Creme und dem Schnapsglaͤschen geht er wieder fort, truͤben Blicks, hohlen Bauches, kranken Magens, ohne es ſich einfallen zu laſſen, daß er auf dem Greveplatze oder irgend einem luſtigen Bouleward ein koͤſtliches und ungemein heitres Diner mit der Haͤlfte des Geldes haͤtte halten koͤnnen. Was wollt ihr denn? Wenn der Provinzmann ſpeiſt, braucht er vor allen Dingen eine Serviette und ein ſilbernes Beſteck! Der Pariſer, der in der freien Luft lebt der herum⸗ ſchlendert, der den Liebenswuͤrdigen, den Zaͤrtlichen bei Sonnenſchein ſpielt, der ſich im Winter in den Galle⸗ rien des Palais Royal waͤrmt, der fuͤr alle Stunden ſeine Vergnuͤgungen hat, dem auf jedem Schritte, den er thut, ein Heer von Sklaven folgt, welches bereit iſt, ſeine Wuͤnſche bei der leiſeſten Bewegung zu befriedigen, der Pariſer laͤßt ſich ſo gluͤcklich machen, wie man ihn nur machen will. Er iſt aller Sorgen des Lebens quitt. Man hat fuͤr ihn einen Detailhandel erfunden, der 4 325 jedem andern Volke Schrecken einjagen wuͤrde. Wenn der Pariſer es will, ſo giebt man ihm Zucker fuͤr einen Sous, man verkauft ihm ein Huͤhnerviertel, einen Reb⸗ huhnfluͤgel oder den Buͤrzel eines Faſans. Der Pariſer hat, was er nur haben will. Sagt doch einmal, ihr Reichen der Erde, was habt ihr denn, das er nicht auch haͤtte? Dieſer ſorgenloſe Herumſchlenderer iſt eben ſo ſchoͤn wie ihr, und eben ſo gut und eben ſo reich. Sie ziehen ein Gazekleid an, Frau Herzogin, Sie ſtecken ſich eine Roſe ins Haar, ein neues Band ſchmuͤckt Ihre Taille; nun, morgen vielleicht ſchon wird Jenny, das Straͤußermaͤdchen, Ihr Gazekleid anziehen, wird die Blume aus Ihren Haaren in die ihrigen ſtecken; Ihr neues Band wird Jenny's Taille umſpannen, nur wird es etwas enger zuſammengeſchnuͤrt ſein. So iſt's mit Allem, was man in Paris macht, fabri⸗ eirt, erfindet, einfuͤhrt. Alle dieſe Arbeit, alle dieſe Sorgfalt, all dieſer Lurus iſt fuͤr die Pariſer. Man laͤßt Staub rufen, man beſtellt ein neues Kleid, man ſucht den ſeidenhaltigen Stoff aus, man zeigt die Farbe der Knoͤpfe und die Art des Futters an, man hat ein Gilet, das aus England kommt, man traͤgt Stiefeln von Sakoski, euer Hut wiegt kaum drei Unzen; geh' nur hin, Stutzer, quaͤle Dich in Deinem neuen Kleide aufs Schrecklichſte, preſſe Deine Fuͤße in Deine Stiefeln, erſticke Dich in Deinem Gilet, lege die Hand bloß an den Hut, damit 326 Du nicht das Kunſtwerk Deiner Haare zerſtorſt: acht Tage nachher geht der Kleiderhaͤndler voruͤber:— „Alte Kleider! Alte Sachen! Wer kauft Klei⸗ der! Kleider zu kaufen! O Sakoski! o Staub! Die Stiefeln von Sakoski, allerdings ein klein wenig weiter, gelangen an die Fuͤße eines Verkaͤufers von Contremarken; das Kleid von Staub zieht ein Figurant eines Vorſtadttheaters an, dem ſein Direktor taͤglich 20 Sous unter der Bedingung giebt, daß er ſehr gut angezogen geht.— Weil ich hier bei dem Contremarkenverkaͤufer und dem Theaterfiguranten bin, noch ein Woͤrtchen uͤber ſie. Der Contremarkenverkaͤufer iſt der Verkaͤufer der dramatiſchen Vergnuͤgungen fuͤr den Pariſer. Der Pa⸗ riſer und der ſehr Vornehme von ehemals waren die Einzigen, die das Privilegium beſaßen, im Theater nicht zu bezahlen. Jetzt, wo es keine ſehr vornehmen Herren mehr giebt, iſt der Pariſer der Einzige, der deſſen noch genießt. Das erſte Stuͤck wird alſo aufge⸗ fuͤhrt: der Reiche kommt, langweilt ſich und ſchlaͤft ein; dann geht er. Er wirft ſein Billet hin oder ver⸗ kauft es an Spekulanten, die an der Thuͤr des Theaters ſtehen, und ſogleich eilt der Pariſer herbei, oder viel⸗ mehr, man ſucht ihn auf.— Wollen Sie Madame Alexis Dupont tanzen ſehen, Pariſer?— Wollen Sie Mamſell Georges in ihrem fuͤnften Akte ſpielen ſehn, Pariſer?— Pariſer! Odry wird eben anfangen, und er iſt ſuͤperb! 327 — Und da ſteht nun mein Pariſer mit der Cigarre im Munde, uͤberlegt, iſt zerſtreut, handelt, nimmt an und ſieht fuͤr den Werth eines Lichtes, das er zu Hauſe brennen wuͤrde, das Schoͤnſte von dem Schauſpiele, das der Reiche verachtet hat. Nun applaudirt er, nun lacht er, nun pfeift er, nun beluſtigt er ſich. Nur fuͤr ihn giebt's eine Oper in der Welt, nur fuͤr ihn treibt man Kunſt und Poeſie in Frankreich. Gluͤcklicher Menſch! Er iſt aufgeſtanden; man hat ihn von fruͤh an bedient, fuͤr ihn hat die Henne ihr Ei gelegt, die Kuh ihre Milch gegeben, der Commiſſionair ſich in Bewegung geſetzt, der Decrotteur ſeinen Apparat ausgelegt; fuͤr ihn hat der Schneider alle die Kleider gemacht, die ihr ſeht; fuͤr ihn arbeiten alle Lieferanten, werden alle Buden erleuchtet und die Theater geoͤffnet. Gluͤcklicher, brei⸗ mal gluͤcklicher Einfluß der kleinen Handwerke! Das kleine Handwerk iſt die Vorſehung des Pariſers, der nicht reich iſt. Das kleine Handwerk ſchuͤtzt ihn vor Langerweile und Verzweiflung und ſetzt ihn mit dem Vermoͤgen aller Uebrigen ins Gleichgewicht; es verſchafft ihm die Mittel, alle ſeine Wuͤnſche zu befriedigen. Den kleinen Handwerken verdankt der Pariſer ſeinen Wohl⸗ ſtand und ſein Haus, ſeine Dienerſchaft und ſeinen Wagen. Noch vor Kurzem verſchafften die kleinen Hand⸗ werke jedem Pariſer einen großen Wagen mit zwei bis drei Pferden, der immer zu ſeinem Befehle ſtand, ſtets bereit war, ihn in alle Theile der Stadt zu bringen. 328 4 O Du ſorgloſer und fauler Pariſer! Der Kutſcher des Omnibus hat Livree tragen muͤſſen, Du haſt die Zahl und Farbe ſeiner Pferde beſtimmt, haſt Dich in jeder Hinſicht um dieſe Equipage bekuͤmmert. Wenn dann nun aber auch der Pariſer auf den elaſtiſchen Kiſſen gravitaͤtiſch ſich breitet, das Kinn auf ſeinen elfenbei⸗ nernen Stockknopf geſtuͤtzt, ſo koͤnnt ihr mir glauben, daß er ſeinen Nachbar in Nichts zu beneiden braucht, den ehemaligen Marquis, der, um zu fahren, Pferde kaufen, einen Stall miethen, Heu und Bediente bezah⸗ len muß, ungerechnet, daß er demungeachtet doch noch meiſtens einen Fiaker zu nehmen gendoͤthigt iſt. In Paris giebt es, Dank ſei's dem kleinen Hand⸗ werke, Nichts, was nicht zweierlei Preis haͤtte, zweĩ ganz entgegengeſetzte Preiſe, den hoͤchſten und den nie⸗ drigſten. Eine rechte Mitte giebt es gar nicht, und oft ſind der hoͤchſte und der niedrigſte Preis geradezu eins und daſſelbe. So verkauft man z. B. Wildpret auf dem neuen Bouleward und bei Madame Chevet, ſo ſpielt man Roulette im Prinzenſaale, der von Golde ſtrotzt, einem prachtvollen Keller, wo das Elend vieler Ungluͤcklichen den hoͤchſten Gipfel erreichte, und ſpielt ſie auch auf dem Pont neuf. Wenn der Bouleward der Italiener auf ſeine Oper ſtolz iſt, ſo hat der Bou⸗ leward des tuͤrkiſchen Café auch ſo gut wie eine Oper, und noch mehr als Herr Albert hat er die Seiltaͤnzer und Debureau, den ſublimſten Hanswurſt. Nun! wer — 329 kann dann ſagen, ob man bei einem Balle der Chauſſée d'Antin weniger ſich beluſtigt, als bei einem der Cour⸗ tille? Welchen Unterſchied findet ihr denn darin, uͤber die Kokette in Baͤndern und Seide zu triumphiren, oder des Abends dem Naͤhtermaͤdchen mit ſchwarzem Auge und fluͤchtigem Fuße nachzujagen? Dem Naͤhtermaͤdchen, einer wahren Pariſer Schoͤpfung, einer halb aus der Knospe entfalteten Blume, der Ehre der Gaͤrten und prachtvollen Gewoͤlbe von Paris, der Poeſie ſeines Stu⸗ denten, etwas ungemein Liebenswuͤrdigem, das nicht das Laſter iſt, aber auch nicht die Tugend. Das Naͤhtermaͤd⸗ chen, ein kleiner Handelsmann, ebenfalls munter, raſch, unbefangen, wie fuͤr den Pariſer geboren, und von ihm auch allein zu verſtehen. Mein Gott! ihr ſeht es ja, Laſter oder Tugend, Schmerz oder Luſt, Liebe oder Reue, es iſt uͤberall und immer eins und daſſelbe fuͤr den Pariſer. Der Pariſer iſt Gleich zu Gleichem mit Jedem, der ſeine Stadt bewohnt, gleich in Vergnuͤgungen, in Gluͤck, in Liebe; er theilt ſeine Feſte, ſeine Zuneigungen, ſeinen Luxus, nur daß der Eine krank in ſeinem Bette, der An⸗ dre aber krank im Hoſpitale liegt, doch aber wieder mit dem Unterſchiede zum Beſten des Armen, daß der Arzt im Pallaſte des Reichen wie im Hoſpitale derſelbe iſt. Nur befindet ſich Herr Dupuytren nicht einen Augen⸗ blick zwiſchen dem Pallaſte und dem Heſo tun in Ver⸗ 14»⸗ʒ 1 3 330 legenheit; denn immer iſt's der Pariſer, der Pariſer aus Paris, der Kranke im Hoſpitale, der zuerſt beſucht wird. Und nicht bloß auf die Nothwendigkeiten des Lebens und jene Beduͤrfniſſe des Luxus, die auch eine Noth⸗ wendigkeit ſind, legt ſich das kleine Handwerk, ſondern es giebt ſich auch mit den bizarrſten, mit den unerwar⸗ tetſten Launen des Gemuͤths und des Geiſtes der Men⸗ ſchen ab, mit jenen Launen, die man nur an dem Rei⸗ chen und Maͤchtigen findet, welche in andern Laͤndern ſich allein die Reichen erlauben und der Pariſer in dem ſeinen ſich bei jeder Gelegenheit, ohne alle Umſtaͤnde erlaubt, bloß deshalb, weil er weiß, was er will, weil er dies kennt, weil er dies will, weil er nur Eine Zeit zum Leben hat, und weil er der Pariſer von Paris iſt. Zum Beiſpiel: Katharine will an Jean⸗Jean ſchrei⸗ ben, der in Chartres ſteht. Katharine kann nicht ſchrei⸗ ben: nun ſo wird Katharine ihrem Jean⸗Jean fuͤr vier Sous einen ſchoͤn dictirten, ganz ſentimentalen Brief, ohne orthographiſche Fehler, auf parfuͤmirtes Velinpa⸗ pier, mit einem großen Wappenſiegel verwahrt, zuſenden. Wenn Jean⸗Jean den Brief bekommt, wird ihn der Sergeant⸗Major ganz ernſthaft fragen, ob es nicht Frau von Sevigné geweſen, die ihm da geſchrieben habe. Weiter: ihr habt einen Onkel, Mitglied der philotech⸗ niſchen Geſellſchaft; wenn euer Onkel etwa Verſe liebt, ſo koͤnnt ihr fuͤr funfzehn Sous, indem ihr's den Tag vorher beſtellt, ein Gedicht haben, das ausdruͤcklich auf 331 den Geburtstag dieſes wuͤrdigen Oukels gemacht iſt, in welchem ſein Name vorkommt, und wenn ihr noch fuͤnf Sous mehr daran wendet, ſogar mit der nachfolgenden Zeile ſich reimt. Wißt ihr wohl, daß es in Paris an der Luxemburger Pforte ein Theater giebt, wo ein Mar⸗ quis fuͤr 12 Franken ein ganzes Vaudeville mit allen Geſaͤngen darin ſchreibt? Ein Melodrama wird mit 25 Franken eben da bezahlt, und vierzig Franken nur hat das Stuͤck mit dem Titel: Nayoleon gekoſtet! Es giebt Leute, die euch ein Viertel⸗Melodrama im Ambigu verkaufen. Ihr koͤnnt gar nicht glauben, wie viele Schriftſteller es auf dem Huͤhnervieh⸗Quai giebt, die fuͤr eine Banknote von 50 Franken einen ganzen Ro⸗ man in einem Bande fabriciren. Sie wechſeln ihre Banknote beim Buchhaͤndler mit 15 Procent ein, und am Ende findet es ſich, daß dieſer, wenn das Buch ge⸗ druckt worden, nicht eben viel gewonnen hat. Eine ganze Familie wohnt Parterre in einem unge⸗ ſunden Quartiere. Wenn man ſie ſieht/ erriethe man gewiß nicht, was dieſe Leutchen fuͤr ein Handwerk trei⸗ ben. Sie gehen Alle zu gewiſſen Stunden des Tages aus; ſie leben; ſie ſehen hochmuͤthig auf ihre Nachbarn herab; ſie kommen nur ſpaͤt in der Nacht erſt nach Hauſe; ſie ſtudiren; ſie machen Evolutionen. Wenn der Herr der Familie ausgeht, nimmt er alle die Seinigen mit ſich, ſelbſt ſeinen alten Vater, ſelbſt ſeine kranke Mutter; ja auch das Kind in der Wiege wird nicht ver⸗ 3323 geſſen, manchmal ſind ſogar das Huͤndchen Azor und die Elſter Margot mit von der Parthie. Eine wahre Zigeunerfamilie! Dieſer Familienvater iſt Statiſt an einem Theater. Sein ganzes Leben lang hat er auf der Buͤhne figurirt, ohne es je bis zur Wuͤrde eines Schauſpielers bringen zu koͤnnen, ohne je daran zu den⸗ ken, dem Parterre ein Woͤrtchen zu ſagen. Doch auch dieſer Mann hat Alles mit an ſich ſelbſt erfahren, was dem Drama wiederfahren iſt. Als es noch Roöͤmer auf der Buͤhne gab, Roͤmer in Toga und Purpurgewande, hat er, weil er in bloßen Armen gehen mußte, einen gichtiſchen Zufall am rechten Arme bekommen. Die Schaͤfer der komiſchen Oper ſind ſeiner linken Huͤfte nachtheilig geweſen, weil er bloß in ein duͤnnes Bein⸗ kleid von Perkal, roth oder blau beſetzt, gekleidet war. Die Einfuͤhrung der Schillerſchen Raͤuber nach Frank⸗ reich iſt auch fuͤr ſein Leben eine ungluͤckſelige Epoche geweſen. Dieſe Theaterraͤuber thaten ihm ſehr großen Schaden; eines Tages ward ihm der Kopf mit einem hoͤlzernen Saͤbel faſt geſpalten, ein anderes mal bekam er einen Schuß ins Auge. Dann kamen die Ungeheuer, die Teufel, das hoͤlliſche Feuer; er mußte ſich roth und ſchwarz anmalen, ſich Schlangen auf den Kopf ſetzen, uͤber Hals und Kopf in den Hoͤllenſchlund ſtuͤrzen. Als ferner die Wahrheit der Darſtellung alles Andre uͤberfluͤ⸗ gelte, ließ man den Statiſten ein Pferd beſteigen, ihn uͤber die Dächer kleitern ſetzte ihn der Gefahr aus, Hals 333 und Bein zu brechen, bedeckte ihn mit ſcheußlichen Wunden, brandmarkte ihn, gab dem ungluͤcklichen Sta⸗ tiſten ſogar die Knute. Endlich, als wegen ihrer außer⸗ ordentlichen Fortſchritte die Theater ganz leer ſtanden, verminderte man den Gehalt des Statiſten, zwang ihn, ſich Schminke, weiße Waͤſche und falſche Waden, Alles Sachen, die man ihm ſonſt lieferte, ſelbſt anzuſchaffen. Nun mußte er zu andern Mitteln ſeine Zuflucht neh⸗ men. Der Statiſt verdoppelte ſich in jeder Hinſicht: er ließ ſeine Frau und Kinder auftreten, ſeinen Bruder und ſeine Schweſter kommen, zog ſeinen alten Vater als Senator an, als Doge, als franzoͤſiſchen Pair; ſeine alte Mutter bekam eine Rolle in den Dramen der Revolu⸗ tion und des Kaiſerreichs, Alles ward theatraliſcher Stoff bei dieſem Manne. Jene Elſter, die ihr an ſeinem Fen⸗ ſter haͤngen ſeht, ſpielte ihre Rolle in der diebiſchen Elſter, dieſer Hund war im Hunde von Montargis wahrhaft erhaben; kurz, in dieſer feuchten und ungeſun⸗ den Parterreſtube findet ihr die ganze dramatiſche Kunſt der Jetztzeit im Auszuge. Das iſt doch gewiß ein kleines Handwerk, wie irgend eins. Couplets dichten, eine Komoͤdie in Stuͤcken rei⸗ ßen, um ein Vaudcville daraus zu machen, vor einem Leſe⸗Comité zu erſcheinen, ſich faſt zu zerreißen, um nur dieſes ungluͤckſelige Werk zur Welt zu bringen, und wenn es nun endlich geſpielt werden ſoll, ſich vor den armen Teufeln, die ein noch viel kleineres Handwerk 331 treiben, als ihr, auf die Kniee zu werfen, das iſt doch wirklich hart! Der Tag der erſten Vorſtellung iſt erſchienen. Alle Literatoren des Parterre kommen bei dem Weinhaͤndler an der Ecke zuſammen; ſie geben ſich das Loſungswort: man zeigt ihnen an, wo man lachen, wo man weinen muß, in welchem Augenblicke es nothwendig iſt, Enthu⸗ ſiasmus zu zeigen; der guͤnſtige Erfolg verſteht ſich ein, bereitet, entſcheidet ſich in der Schaͤnke. Ich kenne doch kein Handwerk, das kleiner waͤre, als dieſes, wenn nicht das der Schriftſteller. Oft geſchieht es, daß die Handwerke ihren Namen veraͤndern. Das kleine Handwerk wird zum großen und das große iſt nur noch ein ſehr kleines. Welch ein Mann war nicht ehemals ein Obertaͤgermeiſter, ein Groß⸗Almoſenier, der Ceremonienmeiſter! Welch ein be⸗ deutendes Geſchaͤft macht jetzt Herr Fumade, der mit phosphoriſchen Feuerzeugen handelt, Herr Hunt, der Stiefelwichſe fabrieirt! Der ehrgeizige Schuhputzer laͤßt ſein Gewoͤlbe mit Spiegeln und Kupferſtichen aus⸗ ſchmuͤcken. In einer Straße des Marais koͤnnt ihr folgende Inſchrift mit ellenlangen Buchſtaben auf einer großen Tafel leſen: Dutocg Sohn, Nachfolger ſeines Vaters, fabrieirt Papier⸗Saͤcke. Ein Handwerk iſt's, die Kutſchenſchlaͤge an den Aus⸗ gaͤngen der Theater aufzumachen; ein Handwerk, ein Klavier zu ſtimmen; der arme Teufel tritt in einen 335⁵ Saal, er oͤffnet das Inſtrument, das von Sonaten bas geplagt wird, er giebt den verſtimmten Saiten den rech⸗ ten Ton; er ſelbſt, dieſer große Kuͤnſtler, beſitzt kein Inſtrument; iſt nun das Pianoforte geſtimmt, ſo uͤber⸗ laͤßt er ſich, vor Freude zitternd, dem Vergnuͤgen, ein wenig Muſik zu machen; dann aber kommt der Kam⸗ merdiener, man ſchickt ihn mitten in ſeiner begonnenen Improviſation fort, und er wird etwas weniger theuer als der Stubenfrotteur bezahlt: das iſt Alles. Was wollt ihr? was wuͤnſcht ihr denn? Ihr wuͤnſcht eine Roſe, um ſie ins Knopfloch zu ſtecken, und man verkauft euch eine einzelne Roſe. Auf der Kunſtbruͤcke habt ihr Veilchen fuͤr einen Sou. Geht nur dem Quai nach, da bekommt ihr fuͤr den Preis von 10 Veilchen⸗ ſtraͤußchen ein Buch in Octav. Ihr ſeid Maler und braucht eine ſchoͤne Figur; Mars oder Venus, die Schoͤn⸗ heit oder den Ruhm. Da iſt Mars in Lumpen, demuͤ⸗ thig, traurigen Geſichts, ausſchreiend, feuchten Auges, mit durchloͤcherten Knieen. Da iſt Venus: koͤſtlicher Wuchs, weißer Nacken, wogender Buſen, ſchoͤn geformte Hand. Nehmen Sie Ihren Schleier ab, o Goͤttin! zeigen Sie uns dieſen fuͤr die Liebe geſchaffnen Buſen; enthuͤllen Sie dieſe weißen Achſeln, ſtrecken Sie dieſes zarte Fuͤßchen aus, laſſen Sie mich Ihren Wuchs ſo ſehen, wie Sie den Wogen des Meeres entſtiegen ſind, o Göttin! Ihr miethet den Gott und die Göttin nach 336 der Stunde; das koſtet euch gerade ſo viel wie eine Fahrt mit einem Fiaker vor dem neuen Tarif. Die Wiſſeenſchaft hat denſelben Preis wie die Schön⸗ heit; von Wiſſenſchaft und Kunſt wimmelt's in dieſer großen Stadt. Sie ſtrotzt von Profeſſoren aller Arten. Seit den letzten ungluͤcklichen Unruhen in Italien ſind die Lehrer der italieniſchen Sprache wohlfeiler als die Lehrer der lateiniſchen und der ſchoͤnen Wiſſenſchaften; deutſch wird theurer bezahlt, polniſch kann man fuͤr Nichts haben, und offen geſagt, wer moͤchte wohl Deine Sprache lernen, ungluͤckliches Polen! Im Fache der Erziehung, des Profeſſorats, der Wiſſenſchaft kenne ich Nichts, das geſchaͤtzter und gluͤcklicher waͤre, als die Taͤn⸗ zer. So iſt's von jeher geweſen. Der Wucher ſelbſt, der ſchaͤndliche Wucher iſt zum kleinen Handwerke geworden, um den Ungluͤcklichen leich⸗ ter auspluͤndern zu koͤnnen. Der Wucher kleidet ſich in einen abgeſchabten Leinwandkittel, er nimmt die Ge⸗ ſtalt eines an den Hallen wohnenden Gewuͤrzkraͤmers an; er leiht 6 Franken, um am Ende des Tags 6 Fran⸗ ken 5 Centimen einzunehmen; er kauft die Leihhauszet⸗ tel, dieſer Herr Wucherer, dieſer ſchaͤndliche Spitzbube, der ſich unter den Mantel des Tartuͤffe verſteckt, und Endet Mittel, an dieſem Wucherpapiere noch Etwas zu ſtehlen. So giebt es denn Nichts in Paris, das ſich nicht auf ſeinen einfachſten Ausdruck zuruͤckfuͤhren ließe. Da iſt Gold! folgt nur der abſteigenden Stufenleiter und 337 und ihr kommt bis zur Scheidemuͤnze; da iſt die katho⸗ liſche Religion! ihr habt die Saint⸗Simoniſten; da iſt Saint⸗Sulpice, der große chriſtliche Tempel, dort der Stall von Chatel; hier iſt der Papſt Clemens XIV. und ihr kommt bis zu dem Alkoven der Madame Ba⸗ zar, der Paͤpſtin; da iſt das erſte franzoͤſtſche Theater, dort das Ambigu;— welches Chaos! welche unbeſchreib⸗ liche Bewegung! ihr geht von einem Gotte zu einem Gaukler, von einem Koͤnige zu einem Hanswurſt, vom großen Leihhauſe zu einem Haͤſcher, von Talma zu Herrn Marty, von der Akademie zu dem Reff des Lum⸗ penſammlers. O drei⸗ und vierfache Entheiligung! Nicht etwa, als wollte ich die beruͤhmte und achtbare Beſchaͤftigung des Lumpenſammlers mit unter die klei⸗ nen Handwerke zaͤhlen. Gott behuͤte mich, meine Her⸗ ren, daß ich mir Ihren Zorn zuzoͤge! Wenigſtens waͤre dann unter den kleinen Handwerken das des Lumpen⸗ ſammlers das erſte. Der Lumpenſammler iſt der groͤßte Gewerbtreibende im Kleinen; er iſt ein Weſen von ern⸗ ſter Haltung, feierlich, ſtumm, der am Tage ſchlaͤft und in der Nacht lebt, arbeitet, ſpekulirt; er iſt das letzte Weſen der Schoͤpfung, das allem dem, was in der Welt geſagt oder gedruckt wird, Gerechtigkeit wiederfahren laßt. Der Lumpenſammler iſt unerbittlich wie das Schickſal, aber auch geduldig wie dieſes. Er wartet; iſt aber der Tag des Untergangs einmal angebrochen, ſo kann Nichts ſeinen Arm zuruͤckhalten, eine ganze Welt III. 15 338 geht dann in ſein Reff. In dieſem ungeheuern Reff finden ſich die Geſetze des Kaiſerreichs mit den republi⸗ kaniſchen Dekreten zuſammen. Da hinein gingen alle unſre epiſchen Gedichte, von Voltaire an. Jedes Jour⸗ nal ſeit dreißig Jahren iſt von dieſem Reff verſchlungen worden, nachdem es Alles verzehrt hatte, was wieder auf die Beine gekommen war. Das Reff des Lumpenſamm⸗ lers iſt die große Grube, in welche alle Unreinlichkeiten des geſelligen Verbandes kommen. In dieſer Beziehung iſt der Lumpenſammler ein ganz eignes Weſen fuͤr ſich, das auch ſeine eigene Geſchichte verdient. Der Lumpen⸗ ſammler iſt weit beſſer als ein Gewerbtreibender, er iſt eine obrigkeitliche Perſon, eine obrigkeitliche Perſon, die ohne Berufung urtheilt, die zugleich Richter, Inſtru⸗ ment und Henker iſt. Unſtreitig habe ich noch viele kleine Handwerke ver⸗ geſſen. Es giebt welche, von denen man nicht ſpricht und die doch Jedermann kennt. Meiner Anſicht nach wuͤrde das allerkleinſte Handwerk darin beſtehen, Lob zu⸗ verkaufen, gaͤb' es nicht noch ein kleineres, naͤmlich das, jenes zu kaufen. Jules Janin. Bie Tuilerien. As ich Pfoſten einrammeln ſah, um einen gewiſſen Raum des oͤffentlichen Gartens vor dem Schloſſe der Tuilerien einzuzaͤunen, fuͤrchtete ich eher als ganz Pa⸗ ris, man werde das geſchmackvolle Werk von Philibert de Lorme und Jean Bullant verderben. Die Pfoſten ſind wieder weggenommen worden, und ich erkenne, daß ich mit der bloßen Furcht weggekommen bin. Was hat man hinter dieſem Holzvorhange geſehn? Ein Gaͤrtchen, deſſen Erſcheinen mir jedoch viel Vergnuͤgen gewaͤhrt hat. Da in den Reden vom Throne herab, in den Ver⸗ handlungen auf der Rednerbuͤhne, in den Eingaͤngen der Geſetze nie die Rede von Gott, der Vorſehung und der Religion iſt, da die Nachwelt nicht wiſſen wird, ob wir Atheiſten, Deiſten, Heiden, Chriſten, Katholiken, Proteſtanten oder Saint⸗Simoniſten im Jahre des Heils und der rechten Mitte 1831 geweſen ſind, ſo will ich 15* 340 eingeſtehen, daß es mich ſehr erfreut hat, vor dem Pallaſte der Koͤnige, wie vor einem Pfarrhauſe, ein kleines Pfarr⸗ gaͤrtchen, oder vielmehr ein Gaͤrtchen fuͤr einen reichbe⸗ ſoldeten Abbé zu finden. Das ſchmeckt doch wenigſtens noch nach der alten Zeit. Fortunatus berichtet, daß die Koͤnigin Ultrogotha in Paris einen Raſenplatz beſaß, deſſen Gras von der Hand ihres koͤniglichen Gemahls, Childebert's I., des Stifters der Kirche von Saint⸗Ger⸗ main⸗des⸗Prés, geſaͤt und gehauen wurde. Der aller⸗ chriſtlichſte Kaiſer Karl der Große befahl, daß man in ſei⸗ nen Gaͤrten alle Arten von Gewaͤchſen anbaue, namentlich Lilien, Roſen, Bockshorn(Foenum graecum), Salbei, Coloquinten, Kuͤrbiſſe, Silberbart u. ſ. w. Ludwig XIV. ſagte, indem er von Karl dem Großen ſprach, daß die Prinzen vom Hauſe(nehmlich vom Hauſe Ludwigs XIV., in welches er Karl den Großen mit einſchloß) immer geglaubt haͤtten, die natuͤrliche Grenze Frankreichs im Nordoſt und Nord ſei das linke Rheinufer. Die Qua⸗ ſilegitimitaͤt macht nicht darauf Anſpruch, ihren Kohl bis dahin zu pflanzen, haͤngt aber doch an der innern Gaͤrt⸗ nerei Karls des Großen, mit Ausnahme der Lilien. Der Baumgarten des Loudre war unter Ludwig dem Juͤngern mit einem Weinberge geziert. Karl V. beſaß am Ufer der Seine ein Gehaͤge von 20 Ackern mit Gaͤn⸗ gen und Lauben: wir ziehen jetzt die Buden vor. Unter Franz I. ſchmuͤckten Orangenbaͤume die koͤſtliche Wild⸗ niß von Fontaineblau. Liebaut und Nizault⸗ Ackerver⸗ 7 341 ſtaͤndige und Aerzte, welche anriethen, den Fruͤchten dadurch abfuͤhrende Kraft zu geben, daß man ſie mit gleichwirkenden Arzneimitteln begieße, hatten endlich La Quintinie, der die Kuͤchengaͤrten von Verſailles einrich⸗ tete, und Le Noſtre, der den Garten der Tuilerien an⸗ legte, zum Nachfolger.„Sie kennen Le Noſtre's Art und Weiſe,“ ſagt Frau von Sevigné:„er hat ein klei⸗ nes dunkles Gehoͤlz ſtehen laſſen, das ſich ſehr gut macht. Auch hat er einen ganzen Orangenwald in gro⸗ ßen Kuͤbeln. Man ſpaziert darin umher; ſie bilden Al⸗ leen, wo man im Schatten wandelt, und um die Kuͤbel zu verbergen, ſind von beiden Seiten Paliſaden, ganz mit Tuberoſen, Jasmin, Roſen und Nelken bedeckt, an⸗ gebracht. Dies iſt ſicher die bezauberndſte neue Vor⸗ richtung, die man ſich nur denken kann. Man hat den Lenz zuruͤckgefuͤhrt.“ Vor den Arbeiten dieſes großen Kuͤnſtlers hing der Garten der Tuilerien nicht mit dem Schloſſe zuſammen. Eine ziemlich breite Straße trennte ihn davon. Gegen Weſten hatte er die Stadtmauern und das Gehoft des Meiſter Renard, wohin die eleganten Hofherren zum Trinken gingen, gegen Mittag den Fluß, das Hotel der Herzogin von Guiſe, ein Haus, das Pouſſin geſchenkt worden war, und das Thor der Konferenz, noͤrdlich eine Reihe von Kloſtergebaͤuden. Man fand in dieſem Gar⸗ ten eine Voliere, ein Kaninchengehaͤge, ein von Hein⸗ rich IV. erbautes Orangeriehaus, ein Gehoͤlz, einen Teich, 342 ein Labyrinth und ein durch eine gemauerte Grotte ge⸗ bildetes Echo. Ludwig XIV. kam nun. Nachdem er durch Levau und Orbay Ducerceau's Maſſen mit den Gebaͤuden von Delorme und Bullant hatte abtragen laſſen, befahl er Le Noſtre, den Garten anzulegen, den die Wegraͤumung jener Straße bis an die Schwelle des Pal⸗ laſtes ausdehnte. Hoͤren wir daruͤber Charles Perrault. „ Als man den Garten der Tuilerien wieder ange⸗ pflanzt und in den Stand geſetzt hatte, in welchem man ihn jetzt ſieht, ſagte er(der Miniſter Colbert) zu mir: jetzt wollen wir die Thuͤren der Tuilerien ſchließen laſſen. Man muß dieſen Garten dem Koͤnige vorbehalten und ihn nicht durch das Volk zu Grunde richten laſſen, das ihn in kurzer Zeit ganz verdorben haben wuͤrde. Dieſe Maßregel ſchien mir fuͤr ganz Paris ſehr hart und un⸗ angenehm. Als wir in der großen Allee waren, ſagte ich daher: Sie koͤnnen gar nicht glauben, welchen Re⸗ ſpekt Jedermann, ſelbſt bis auf den geringſten Buͤrger herab, fuͤr dieſen Garten hat! Nicht nur enthalten ſich Frauen und kleine Kinder ſtets, hier auch nur eine Blume abzupfluͤcken, ſondern ſie wagen es nicht einmal⸗ eine auch nur anzugreifen. Sie ſpazieren Alle darin herum wie vernuͤnftige Perſonen, welches die Gaͤrtner Ihnen bezeugen koͤnnen. Es waͤre ein oͤffentliches Un⸗ gluͤck, wenn das Publiküͤm nicht mehr hier ſpazieren ge⸗ hen koͤnnte, beſonders jetzt, wo das Luxemburg und das Hotel de Guiſe verſchloſſen ſind. Er entgegnete darauf, 34³ daß nur Muͤßiggaͤnger hierher kaͤmen, ich aber erwiederte: es kommen auch Wiedergeneſende hierher, um geſunde Luft einzugthmen; man kommt hierher, um von Geſchaͤf⸗ ten zu ſprechen, von Heirathen und andern Dingen, von denen ſich's beſſer in einem Garten, als in einer Kirche unterhaͤlt, wo man ſich dann kuͤnftig ein Stelldichein geben muͤßte. Ich bin uͤberzeugt, fuhr ich fort, daß die Gaͤrten der Koͤnige nur um deswillen ſo groß und ge⸗ raͤumig ſind, damit alle ihre Kinder darin ſpazieren gehen können. Er laͤchelte bei dieſem Geſpraͤche, und da ſich ihm zugleich der groͤßere Theil der Gaͤrtner der Tuile⸗ rien vorgeſtellt hatte, fragte er ſie, ob das Volk nicht in ihrem Garten großen Schaden anrichte. Nicht im Ge⸗ ringſten, gnaͤdiger Herr, antworteten ihm faſt Alle zu gleicher Zeit; es begnuͤgt ſich lediglich damit, herumzu⸗ ſpazieren und Alles zu betrachten. Dieſe Herren da, fiel ich ein, finden ſogar ihre Rechnung dabei, denn das Gras waͤchſt nicht ſo leicht auf den Gaͤngen. Herr Col⸗ bert durchging den Garten, gab ſeine Befehle, und ſprach nicht mehr davon, den Eingang dazu zu verſchließen. Es machte mir große Freude, gewiſſermaßen Urſache zu ſein, daß man dem Publiko dieſen Spaziergang nicht entzogen hat. Haͤtte Herr Colbert nur einmal erſt die Tuilerien verſchließen laſſen, ſo weiß ich nicht, wann man ſie wieder geoͤffnet haben wuͤrde. Der ganze Hof⸗ der es nie unterlaͤßt, dem Miniſter beizupflichten, vor⸗ zuͤglich, wenn es ſich dabei um den Eifer fuͤr das Ver⸗ 344 gnugen des Fuͤrſten zu handeln ſcheint, wuͤrde dieſe Haͤrte gebilligt haben.“ Das ſprachen unter der Regierung des großen Koͤ⸗ nigs, im Spazierengehen durch das neue Meiſterwerk von Le Noſtre, der große Miniſter Colbert und Karl Perrault, der ſeinem Bruder den Gedanken zu der Co⸗ lonnade des Louvre gegeben hatte. Ich weiß nicht, was unter der Regierung des Buͤrger⸗Koͤnigs die Colbert unſrer Zeit und die heutigen Perraults ſprechen wer⸗ den, wenn ſie den koͤſtlichen Wolfsgraben erblicken, der die Pariſer von einem Theile dieſes Spazierganges ab⸗ ſchneidet. Uebrigens war zu Zeiten Ludwigs des XIII. und Ludwigs des XIV. der Eintritt in den Garten der unterſten Volksklaſſe nur am Ludwigstage erlaubt, und es ſielen doch, ungeachtet der Verſicherungen der Gaͤrt⸗ ner, nicht ſelten große Unordnungen vor. Sauval, der von dieſem Spaziergange vor Le Noſtre's Anpflanzungen ſpricht, verſichert, daß das Labyrinth wegen ſeiner Liebesabenteuer beruͤhmt war. Eines Tages trie⸗ ben die Livreebedienten ihre Spaͤßchen, und mirbandelg ten, das Geluͤbde der Unterwuͤrfigkeit vergeſſend(ein Kleinigkeit, an die ſie ſehr gewoͤhnt ſind), auf die un⸗ verſchaͤmteſte Weiſe die vornehmen Damen, welche ſie bedienten, und die ſich damals in den Tuilerien zu er⸗ gehen pflegten. Obgleich der Hauptplan Le Noſtre's im Ganzen ge⸗ blieben iſt, hat man ihn doch in einigen Theilen geaͤn⸗ 345 dert. Die verſtaͤudige und bewundernswuͤrdige Idee des Kuͤnſtlers, welche darin beſteht, daß er das Gehoͤlz nur 82 Toiſen weit von der Fagade des Pallaſtes angelegt hat, iſt ganz geblieben, aber im Gehoͤlze ſelbſt ſind Aen⸗ derungen vorgenommen worden. Die Buchenhecken als Einfaſſungen exiſtiren nicht mehr; ein Schauſpielſaal, der durch ein Mallleſpiel erſetzt worden, ward abgetra⸗ gen; die Drehbruͤcke iſt verſchwunden; Bonaparte hat die beiden hufeiſenfoͤrmigen Terraſſen, oder vielmehr die Terraſſen mit breiten kreisfoͤrmigen Bruſtwehren beendet, welche den Garten nach dem Platze Ludwigs XV. zu begrenzen; das Gitter, das ihn von der Terraſſe der Feuillants her am Rande der neuen Rivoliſtraße hin ſchließt, zaͤhlt bloß einige Jahre. Nach dem alten Plane waren die beiden Pflanzungen von Kaſtanien mit dem Schloſſe durch in Pyramiden geformten Taxus, mit Vaſen und Statuen untermiſcht, verbunden, und ihr architektoniſcher Effekt war ſehr gut; die Orangenbaͤume, Roſenlorbeeren und Granaten in Kouͤbeln erſetzen ſie waͤhrend des Sommers nur mittelmaͤßig. Es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen alem dem und unſerm Gaͤrtchen; aber man muß gegen Jedermann billig ſein: dieſes Gaͤrtchen, das den oͤffentlichen Spa⸗ zierweg ſo keck verſchließt, wird vielleicht nicht ſo haͤß⸗ lich werden, als es das Anſehn hat. Es ſtellt ſich ſo gewiſſermaßen recht unſchuldig und gutmuͤthig dar, ſo daß es die Kritik faſt ganz entwaffnet. Wer weiß denn 346 ſogar, ob die Bluͤthengebuͤſche und Marmorgruppen, welche bis an die Baſis der Architektur reichen ſollen, ohne die Portiken und Saͤulen zu verſtecken, nicht etwas recht Anmuthiges haben werden? — Jedenfalls wird aber dieſes Parterre, indem es den Abhang von 5 Fuß 4 Zoll bedeckt, welchen Le Noſtre ſehr geſchickt in zwei parallellaufende Terraſſen abgetheilt hatte, um dem Pallaſte zur Erhoͤhung und zu Stufen zu dienen, dem Auge die Hoͤhe des Pallaſtes noch ver⸗ mindern, der ohnedies ſchon fuͤr die Laͤnge ſeiner Archi⸗ travenlinie zu niedrig iſt. Indem es den Zuſchauer ent⸗ fernt haͤlt, verhindert es ihn auch, das Profil des Ge⸗ baͤudes und das Detail der Verzierungen an den Friſen und Saͤulen zu ſehen. Was die Symmetrie betrifft, ſo iſt ſie in dem Garten nie vollkommen geweſen. Die beiden erſten, von Raſen eingeſchloſſenen Baſſins haben keine aͤhnlichen gegen⸗ uͤber liegenden; die Terraſſe am Ufer hin ſteht nicht zu der Terraſſe der Feuillants in Beziehung. Bei alledem aber wuͤrde die Idee, die erſtere abzutragen, um dem Pavillon der Flora gegenuͤber eine aͤhnliche Allee wie die zum Pavillon Marſan anzupflanzen, ſehr unguͤnſtig ausfallen. Mit dem Fluſſe gleichſtehend, wuͤrden die Spaziergaͤnger ſie nicht mehr ſehen, wuͤrden nicht mehr der Luft⸗ und Linear⸗Perſpektive uͤber Chaillot und das Marsfeld genießen; ein Gitter laͤngs dem Quai hin wuͤrde die ſchmutzigen und haͤßlichen Wagen von Saint Cloud und Marly mit ihren langhaͤlſigen Kleppern, ihren Kutſchen der Ochſenhaͤndler und Kutſchern in baumwollnen Nachtmuͤtzen, in den Garten ſelbſt brin⸗ gen. Beſſer waͤr' es, meiner Meinung nach, die Ter⸗ raſſe am Ufer ſo zu verzieren, wie ich's in einer Nachſchrift zu meinem folgenden Brief angebe. Kurz, wenn dieſes Gemengſel, dieſe kleinlichen Umwandlungen, dieſe Schaͤnk⸗ wirths⸗Phantaſieen, zwiſchen den Kuͤchen Sr. Majeſtaͤt und den Schnoͤrkeln ſeines Architekten dem Fußgaͤnger bis Mitternacht eine enge Paſſage offen ließen, ſo waͤre es doch Anerkennung eines Rechts und eine kleine Wie⸗ dervergeltung fuͤr einige hunderttauſend Franken, welche doch zuletzt die Steuerpflichtigen fuͤr dieſe buͤrgerliche Einrichtung werden zahlen muͤſſen. Uebrigens hat man nicht erſt neuerdings Plaͤne zur Verſchoͤnerung und Vergroͤßerung der Schloͤſſer des Louvre und der Tuilerien entworfen. Jean de Saulx, Vicomte von Tavannes, Verfaſſer der Memoiren ſeines Vaters, Caſpar, iſt einer von den am Ende des 16. Jahrhun⸗ derts lebenden Menſchen, die den Menſchen im neun⸗ zehnten Jahrhunderte am meiſten gleichen. Man findet in dieſen Memoiren eines Liguiſten und unzufriedenen Edelmannes faſt alle modernen Ideen uͤber Frankreich, uͤber Freiheit und geſelliges Verhaͤltniß im Allgemeinen wieder. Er ſpricht von Allem und uͤber Alles. Was er uͤber das Louvre und die Tuilerien ſagt, iſt zu merk⸗ wuͤrdig, um nicht die ganze Stelle hier mitzutheilen. 348 „Wenn Koͤnig Heinrich IV. geleht haͤtte, der die Feſtungen ſehr liebte, ſo haͤtte er eine ſehr bedeutende bauen koͤnnen, wenn er das Hauptgebaͤude des Louvre haͤtte vollenden(deſſen Treppe nur die Haͤlfte deſſelben anzeigt) und am Ende deſſelben eine ſolche Gallerie an⸗ bringen laſſen, wie die, wenn man aus ſeinem Zimmer geht und ſich nach Saint Honoré wendet; von da an aber eine gleiche Gallerie, wie die nach dem Fluſſe zu, die zwiſchen dem Pavillon der Tuilerien, der noch nicht ausgebaut iſt und den Staͤllen geendet. Statt der Gal⸗ lerie haͤtte man nun dort Wohnungen fuͤr die Geſand⸗ „ten bauen koͤnnen, und wenn man alle Haͤuſer zwiſchen den beiden Gallerien, dem Louvre und den Tuilerien niedergeriſſen, wuͤrde man einen wundervollen Hof, ge⸗ rade dem Hofe des Louvre gegenuͤber, gehabt haben,— hiernaͤchſt die andre Haͤlfte des Hauptgebaͤudes, wo die Koͤnigin wohnt, und an der Seite des Portals, unweit des Jeu de Paume, eine große Terraſſe, von der man auf Stufen wie von einem Theater herabſteigen koͤnnte, rechts und links vom Portale, ſo daß dies in der Mitte bliebe, und zwei Drittel der Terraſſe in der Laͤnge ein⸗ naͤhme,— dann die Kapelle der Bourbons abtragen und alle Gebaͤude, die zwiſchen dem Louvre und Saint Germain l'Auxerrois ſtehen, wodurch ſich die koͤnigliche Kapelle ſehr gut ausnehmen wuͤrde, und den Saal der Bourbons koͤnnte man ungeſtoͤrt laſſen, indem man ſich an dem großen Platze begnuͤgte, der dann vom Louvre 349 bis Saint Germain gebildet wuͤrde. Freilich aber, um ſolche Bauten zu unternehmen, muͤßte der Koͤnig von Frankreich wenigſtens Herr der ganzen Niederlande ſein und ſein Gebiet bis an den Rhein ausdehnen, ſo daß er die Grafſchaften Ferrette, Burgund und Savoyen, welches die Grenzen gegen die italieniſchen Gebirge ſein wuͤrden, und auf der andern Seite die Grafſchaft Roſſillon, und was bis an die Pyrenaͤen liegt, beſaͤße.“ Immer, wie man ſieht, die franzoͤſiſche Idee der natuͤrlichen Grenzen unſers Vaterlandes. Und weil in dem Briefe, welchen der Herr Heraus⸗ geber der Hundert und Ein wieder abdrucken laͤßt, von Saint Germain l'Auxerrois die Rede iſt, ſo hat man mir verſichert, daß man das vandaliſtiſche Proiekt⸗ dieſe fuͤr die Geſchichte der Baukunſt ſo koſtbare Kirche abzutragen, noch nicht aufgegeben habe. Ich habe die⸗ ſes Projekt bereits in der Revue de Paris angegriffen, und lade alle Kuͤnſtler, meine Mitbruͤder, ein, mit mir Wehe uͤber dieſe Barbarei zu ſchreien. Ich moͤchte dann lieber den Malern in Italien dadurch Etwas zu thun geben, daß ich die Fresken von Cimabue, die Gemaͤlde von Maſſaccio, Bellini und Perugino vernichten ließe. Wendet doch eure Arbeiter dazu an, dieſe gothiſche Ba⸗ ſilika wieder herzuſtellen, ſtatt ſie zu zerſtoͤren, ihre vom Roſt der Zeit geſchwaͤrzten und zernagten Auszackungen wieder zu erneuen; tragt, wie ich vorgeſchlagen habe, die Haͤuſer ab, welche ſie umgeben, und weil ihr nun 350 einmal im Zuge ſeid, Baͤume anzupflanzen, ſo umgebt dieſes Denkmal der Jahrhunderte mit Fichten und Eichen. Das wird ein wenig laͤnger dauern, als das Andenken der Kreuzabſchlaͤger, der Verwuͤſter des Erzbisthums und der Verkaͤufer der heiligen Gefaͤße aus der Kapelle der Quinze- vingts. Iſt's eine geheime Gottloſigkeit, die euch dazu treibt, einen dem Gott euer Vaͤter geweihten Tempel zu zertruͤmmern? Nun denn, ſo jagt die Chriſten aus ihm heraus, und ſetzt Saint⸗Simoniſten hinein, wie man es ſchon einmal vordem mit den Theophilan⸗ thropen gethan hat. Das Juſte⸗milieu wird doch wenig⸗ ſtens nicht uͤbelwollender ſein, als das Direktorium: jenes iſt fuͤr die wahre Monarchie, was dieſes fuͤr die wahre Republik war. B ri e f„ an den Herrn Nedakteur des Artiſte.*) 3 Paris, 12. April 1831. Ich habe den Brief erhalten, mit dem Sie mich am 10ten dieſes Monats beehrten, und durch welchen Sie *) Der Herausgeber glaubt, daß der Wiederabdruck dieſes Briefes des Herrn v. Chateaubriand in dem Werke der Hundert und Ein für den Leſer und ſein Buch ein wahrer Gewinn ſei. Indem der berühmte Schriſtſteller ihm denſelben zuſendete, wünſchte er, daß das, was man eben geleſen hat, vorausgeſendet werden möge. (Note des Herausgebers.) 351 die Guͤte hatten, mir anzukuͤndigen, daß Sie mein trauriges Geſicht in der naͤchſten Lieferung Ihrer Zeit⸗ ſchrift erſcheinen laſſen wollten. Ich beſitze kein Mittel, mich Ihrer Guͤte oder Ihrer Bosheit zu widerſetzen. Im erſten Falle danke ich Ihnen, im zweiten werde ich herzlich gern mit Ihnen lachen. Ich nehme voͤllig be⸗ ſcheiden die Unſterblichkeit der Quais und Laͤden neben ſo vielen andern beruͤhmten Vorgaͤngern oder Zeitge⸗ noſſen an. Bloß eine jener naiven und geiſtreichen lithographiſchen Improviſationen des Herrn Deveria koͤnnte ich zu fuͤrchten haben, welche mir dieſe Unſterb⸗ lichkeit entriſſe, um mir eine andre, minder verdiente zu ertheilen. Da wir jetzt einmal im Briefwechſel ſtehen, ſo er⸗ lauben Sie mir, mit Ihnen uͤber Etwas zu ſprechen, das mir mehr am Herzen liegt, als mein Portrait. Ich habe in Ihrer Zeitſchrift einen ſehr verſtaͤndigen Artikel uͤber die Veraͤnderungen geleſen, die man am Schloſſe der Tuilerien vornehmen will. Einwendungen haben ſich von allen Seiten erhoben. Jeder hat geglaubt, auch ſeinen Plan vorlegen zu duͤrfen. Leſen Sie denn hier, ohne weitere Umſchweife, welches der meine ſein wuͤrde, wenn ich Architekt des Koͤnigs waͤre. Ich wuͤrde die beiden maſſiven Anhaͤngſel, welche den Pavillon der Flora und den Pavillon Marſan mit dem Pallaſte von Philibert de Lorme verbinden, nieder⸗ reißen; ich wuͤrde dieſen allerliebſten Pallaſt iſoliren, und 35² den Garten umher bis zur achten Arkade jenſeits des Gitters, welches den Hof nach dem Karouſſel⸗Platz hin verſchließt, ausdehnen. Waͤren die beiden Anhaͤngſel abgetragen, ſo haͤtte freilich das Schloß der Tuilerien zwei kahle Fagaden, die eine nach Suͤd, die andere nach Nord. Dieſe wuͤrde ich nun im Style des urſpruͤng⸗ lichen Gebaͤudes verzieren. Dann wuͤrde ich die Daͤcher dieſes Gebaͤudes abtragen, das oben mit Bruſtwehren verſehen ſein wuͤrde, indem ich auch die Hoͤhe des Mit⸗ telpavillons kuͤrzte, der mit lhatern Zuthaten ber⸗ laden iſt. Wenn dies geſchehen, wuͤrde ich den Pavillon Mar⸗ ſan und den der Flora niederreißen; ich wuͤrde die Gal⸗ lerie des Louvre und die gleichgelegene Gallerie in der Straße Rivoli in drei Arkaden durchſchneiden, um an ihrer Stelle zwel Pavillons aufzubauen, die mit dem iſolirten Pallaſte der Tuilerien harmonirten. An dieſe Pavillons aber wuͤrden ſich die beiden langen parallelen Gallerien ſtuͤtzen und mit ihnen ſchließen. Wuͤrden dieſe Pavillons an die Stelle der viereckigen Maſſen ſelbſt gebaut, die ich gern vertilgen moͤchte, ſo wuͤrden ſie ſeitwaͤrts das Meiſterwerk von de Lorme und de Bul⸗ lant verſtecken, und man wuͤrde immer noch, wenn man uͤber die Koͤnigsbruͤcke kaͤme, mit der Naſe an eine Mauer ſtoßen. Die beiden neuen, mehr zuruͤckgezogenen Pavillons aber wuͤrden ein Ganzes von eleganter Archi⸗ * 3⁵³3 tektur erblicken laſſen, das ſich mitten aus den Baͤumen entfaltete. Verlaͤngere ich den Garten der Tuilerien bis an die achte Arkade uͤber dem Karouſſel⸗Gitter, ſo will ich dadurch den Triumphbogen mit in den Garten ziehn. Zu klein als ein Denkmal auf einem unermeßlichen Forum, wuͤrde er als Bauwerk in einem Garten aller⸗ liebſt ſein. Am Karouſſelplatze wuͤrde dieſen Garten nun ein vergoldetes Eifengitter ſchließen. Von dem uͤberbauten Thore an, welches die neue Gallerie von der alten Gallerie des Louvre trennt, wuͤrde ich einen andern Garten anlegen, indem ich die Huͤuſer⸗ maſſe abtragen ließe, die den uͤbrigen Theil dieſes Platzes verunſtalten. So wuͤrde man denn, wenn man von einem Ufer der Seine zum andern, vom Viertel „Saaint Germain in das Viertel Saint Honoré ginge, zwiſchen zwei praͤchtigen Pallaͤſten und zwei koͤſtlichen Gaͤrten hindurchkommen. Der Naum zwiſchen den bei⸗ den Gittern wuͤrde etwa 375 Fuß betragen, und ich daher laͤngs der beiden Gitter hin breite Trottoirs an⸗ legen koͤnnen. Es koſtet mich, da ich einmal Hammer, Kelle und Grabſcheid in der Hand habe, Nichts mehr, mein Werk zu vollenden. Oeſtlich der Colonnade des Louvre gegenuͤber werfe ich jene haͤßlichen Wohnhaͤuſer nieder, die die neue Bruͤcke und den Fluß verſtecken und dem Meiſterwerke Perraults 15 ₰ 354 ein Schnippchen ſchlagen. Ich reiße die Baracken ab,⸗ die ſich an die Winkel und Mauern von Saint Ger⸗ main l'Auxerrois lehnen, ich umgebe dieſe Baſilika mit Baͤumen, und laſſe ſie, als Maaßſtab und Stufenleiter der Kunſt und der Jahrhunderte, der Colonnade des Louvre gegenuͤber beſtehen. Weſtlich, jenſeits des Gartens der Tuilerien, fuͤhre ich aber noch etwas ganz Anderes aus. Mitten auf dem Platze Ludwigs XV. laſſe ich einen großen Springbrun⸗ nen ſtroͤmen, deſſen immer fließende, in ein ſchwarz marmornes Becken geſammelte Gewaͤſſer deutlich genug anzeigen ſollten, was ich waſchen will. Vier andre kleinere Springbrunnen an den vier Ecken des Platzes wuͤrden den mittelſten begleiten. Auf den beiden Baum⸗ gruppen der elyſaͤiſchen Felder wuͤrde ich rechts und links zwei durchſichtige doppelte Saͤulengaͤnge anbringen, um den Platz abzugrenzen. Die Magdalenenkirche baue ich, wie ſich's von ſelbſt verſteht, vollends aus; von der Bruͤcke Ludwigs XVI. nehme ich die Koloſſe weg, die ſie erdruͤcken, nnd ſtelle ſie laͤngs der oͤffentlichen Straße hin, die durch die eliſaͤiſchen Felder geht. Im Rund⸗ theile richte ich einen der beiden Obelisken auf, die wir aus Egypten erwarten, und ende den Bogen des Sterns. — Nun, mein Herr?— Ich behaupte, daß von dieſem Triumphbogen bis zur Kirche Saint Germain l'Auxerrois dieſe Folge von Denkmaͤlern, Bildſaͤulen, Gaͤrten, Springbrunnen nicht ihres Gleichen in der Welt haben * 355 wuͤrde, und da es ſich nach dieſem Plane mehr darum handelte, abzubrechen, als zu bauen, ſo iſt er der oͤko⸗ nomiſchſte von allen, die man nur annehmen koͤnnte. Schon ſind die Fonds zu der Verſchoͤnerung des Platzes Ludwigs XV. angewieſen, und ſo viel ich weiß, gehoͤrt ein großer Theil der Haͤuſer, welche den obern Theil des Karouſſelplatzes verengen, der Regierung. Die aus ihrer Abtragung gewonnenen Materialien wuͤrden, ver⸗ kauft oder wieder verbaut, die Koſten der neuen Anlagen ſehr vermindern. Ich brauche nicht erſt zu bemerken, daß die Ungleich⸗ heiten des Bodens und der Lage, die Maͤngel der Sym⸗ metrie und des Parallelismus, der Denkmaͤler des Louvre und der Tuilerien unter den Verzierungen meiner Gaͤr⸗ ten verſchwinden wuͤrden. Der Garten, welcher in dem gegenwaͤrtigen Hofe der Tuilerien angelegt wuͤrde, muͤßte Nadelhoͤlzer haben. Dieſe Baͤume verbinden ſich durch ihre pyramidaliſche Form ſehr gut mit der Architektur; ſie wuͤrden einen Winterſpaziergang im Mittelpunkte von Paris bilden. Sie fragen mich nun, mein Herr, was ich aus dem Pallaſte Philiberts de Lorme machen wuͤrde? Ein aus⸗ erwaͤhltes Muſeum, in welches ich die ſchoͤnſten antiken Bildſaͤulen und die Gemaͤlde der italieniſchen Schule bringen ließe. Dann wuͤrden wir der Villa Borgheſe und Albani Nichts mehr zu beneiden haben. und mich, der ich Architekt oder Koͤnig bin, wohin 356 wuͤrde man mich einlogiren? Als Architekt in eine Attika Philiberts de Lorme, als Koͤnig in das Louvre. Ich habe die Ehre, mit der ausgezeichnetſten Hoch⸗ achtung zu ſein, 298 1 Chateaubriand. Nachſchrift. Ich bin noch nicht fertig, mein Herr. Ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß ich in den Tuilerien, laͤngs der Terraſſe am Waſſer hin, durchaus eine marmorne Bruſtwehr, mit Vaſen und Bildſaͤulen unterbrochen, haben muß. Die kleine ſteinerne, welche jetzt die Terraſſe einfaßt, iſt von einer Aermlichkeit, hie gegen die Pracht des Gartens gar zu kleinlich aöſticht. Kekrolog. — Fraukreich hat ſo eben einen feine beſten Buͤrger ver⸗ loren, die Freiheit einen ihrer gluͤhendſten Vertheidiger, die oͤffentliche Ordnung eine ihrer eifrigſten Stuͤtzen. Der Mann, der ſeit ſo langer Zeit ganz Paris durch ſeine Unternehmungen, ſeine Abenteuer, ſeine Ungluͤcks⸗ faͤlle beſchaͤftigte, dieſer geraͤuſchmachende, ungluͤcksvolle und ſpaßhafte Mann, der uns fuͤr jede Albernheit ein Epigramm, fuͤr jede Taͤuſchung ein Scherzwort, fuͤr jedes Leiden einen boshaften Zug lieferte, er, der die Bege⸗ benheiten unſrer Zeit am beſten beurtheilt hat, der durch ſich ſelbſt allen unſern Zorn, unſern Enthuſiasmus und unſre Leichtglaͤubigkeit perſonificirt zu haben ſchien, der Typus von 1830 und 1831; die Maske, in welcher wir uns Alle, ſo viel wir ihrer ſind, ohne Kraͤnkung wie⸗ dererkennen konnten, weil wir alle unſre Thorheiten, aile unſre Albernheiten auf ſeine Rechnung, oder viel⸗ 358 mehr auf ſeinen Ruͤcken ſchoben; kurz der volksthuͤm⸗ liche Mann, dem wir es zu verdanken haben, daß wir ſeit den 17 Monaten, die bis jetzt verfloſſen ſind, noch gelacht haben: Mayeur, iſt am 23. December 1831 am Tage der heiligen Victoria geſtorben. Er iſt vor Langer⸗ weile, vor Traurigkeit, vor Ermattung geſtorben, an einer abzehrenden, unbeſtimmten Krankheit, der die Aerzte, die immer weiſe genug ſind, das, was ſie nicht heilen koͤnnen, wenigſtens zu bezeichnen, den Namen einer„zuruͤckgetretenen Revolution“ gegeben haben. und Niemand hat Etwas davon gewußt, man hat kein Buͤlletin uͤber ſeine letzten Leiden vertheilt. Nie⸗ mand hat ſich an der Thuͤr aufgeſchrieben, ſich um die⸗ ſen Freund bekuͤmmert; denn das war er uns, uns Allen, Kleinen, Großen, Reichen, Armen, Legitimiſtiſchen, Re⸗ publikaniſchen, vor Allem aber euch, geiſtreichen Kuͤnſtlern, die ihr ſo oft ſeine luſtige Geſtalt benutzt habt, Schrift⸗ ſteller jeder Farbe, die ihr ſo oft mit ſeinen Witzreden ſo viel Geiſt gezeigt habt. Man ſah ihn nicht mehr hinter den Glasfenſtern der Kupferſtichhaͤndler, man be⸗ zeichnete ihn nicht mehr auf den Straßen; und auf der Stelle hatte man ihn auch vergeſſen, ſo vollſtaͤndig ver⸗ geſſen, wie einen großen Buͤrger, den man in den Tagen des Aufſtands im Triumph herumtrug, wie einen Redner, den ein Journal des vergangenen Jahres als Nachfolger Mirabeau's und Foy's ausrief, wie den Ur⸗ heber einer Charte oder den Stifter einen neuen Reli⸗ 359 gion. Er war ſchon lange fuͤr uns todt, ehe er ſeinen letzten Hauch ausgeſtoßen hatte, und vielleicht hat eben dieſe Vernachlaͤſſigung, dieſer Undank, dieſer Unbeſtand der oͤffentlichen Gunſt ſein Leben verkuͤrzt. Haͤtte er von ſeinem Bette aus, wo ich ihn liegend fand, irgend einen ſchmeichelhaften Zuruf gehoͤrt, haͤtte irgend ein wohlwollender Volksauflauf ſeine Fenſter durch das Ge⸗ ſchrei erſchuͤttert: Es lebe Mayeux! Ehre ſei Mayeux! Wir wollen unſern Mayeur!“ vielleicht haͤtte dieſe un⸗ verhoffte Wiederkehr ſeiner Volksthuͤmlichkeit, dieſes lieb⸗ koſende Erwachen des Tumults, auf den er nicht mehr hoffen konnte, von neuem ſein erſtarrtes Blut in Fluß gebracht, den Athem auf ſeine ſterbenden Lippen zuruͤck⸗ gefuͤhrt; er haͤtte Kraft gefunden, noch einmal zu fluchen, und konnte er fluchen, war er gerettet. Aber kein Laͤr⸗ men hat ſich hoͤren laſſen; die Pariſer waren anderswo; wo? weiß ich nicht; ſie gehoͤrten, Gott weiß wem. Vielleicht beſchaͤftigten ſie ſich ganz einfach mit ihren Angelegenheiten, waren ihren Familien, ihren Verhaͤlt⸗ niſſen zuruͤckgegeben, wie man wenigſtens glauben ſollte; kurz, ſie waren entfernt von Mayeux. Er hat alſo allein geſchmachtet, verlaſſen, zuruͤckgeſetzt, vom Skan⸗ dale wie von ſeinem Arzte aufgegeben. Er iſt geſtorben, wie viele Staatsmaͤnner ſterben, durch ſein Einſamſtehen erdruͤckt. In Ermangelung eines Beſſern hat er nach einem Prieſter verlangt, nicht von der franzoͤſiſchen Kirche, denn er hatte keine Luſt mehr, zu lachen, ſon⸗ 39⁰ dern einen guten alten Geiſtlichen, der zu Fuß mit dem Meßgewande durch die Straße Montesquicu ge⸗ kommen iſt, ohne daß er mehr Aufſehn gemacht haͤtte, als ein Ritter von der Ehrenlegion. Er hat gebeichtet, denn er hatte viel zu ſagen. Vor Allem hat er ſich des Stolzes, des Neides, der erbaͤrmlichſten Eitelkeit ange⸗ klagt, und der Geiſtliche hat ihm verſprochen, wenn er wieder beſſer wuͤrde, ihn in ſeiner Kirche neben dem Weihwaſſer hinzuſtellen, damit man nicht mehr Acht auf ihn gebe. 4 Jetzt iſt er begraben, nicht auf dem Kirchhofe des Pater La Chaiſe, denn er ſollte wenigſtens ruhig in ſeinem Grabe liegen, ſondern am Fuße des Huͤgels von Montmartre. Sucht den ehrgeizigen Stein nicht auf, der die Stelle ſeiner letzten Wohnung anzeigt. Er iſt mit den Gefuͤhlen der Demuth geſtorben, welche dieſen Luxus des Schmerzes nicht verſtatten. Ein bloßer Erd⸗ haufen auf dem 6 Fuß langen Vierecke, das ich fuͤr ihn gekauft habe, wird den Leuten, die zu errathen ver⸗ ſtehen, den Platz bezeichnen, wo ſein Koͤrper beerdigt worden iſt. Man hat Tauſende von Pamphlets, Karri⸗ katuren, Proteſtationen, Proklamationen, Programmen, Tagesbefehlen, alle von, uͤber oder fuͤr ihn abgefaßt, alle in irgend einem Bezuge auf ſeine Exiſtenz, ſeine Neigungen, ſeine Mißgriffe, ſeine Beunruhigungen, mit in ſein Grab geworfen, die ſich bald nur noch dort auf⸗ finden laſſen werden. Denn die Geſchichte iſt waͤh⸗ liſch; . 361 liſch; ſie verlangt durchaus etwas Dauerhaftes, ein An⸗ denken, von dem irgend eine Spur, nicht aber bloß eine voruͤbergehende Erregung, der Laͤrmen eines Tages und die Beruͤhmtheit eines Blaͤttchens zuruͤckgeblieben ſei Und was wird von ihm uͤbrig bleiben? von dieſem kurzen, aber bewegten Daſein; welche Spur wird die Nachwelt von dieſem armen, aber zu ſeiner Zeit ſo ge⸗ kannten, ſo naiven, ſo verhoͤhnten und ſelbſt ſo necken⸗ den armen Schlucker noch beſitzen? Kaum einen Namen, einen unberuͤhmten Namen, den man in einigen Jah⸗ ren fuͤr den eines Deputirten oder tragiſchen Dichters halten koͤnnte; ein Raͤthſel, das eines Oediy beduͤrfte, ein Text, der einen Commentar noͤthig macht. Wie ſehr ſah doch der Ungluͤckſelige dieſes Truͤbſal voruͤbergehender Be⸗ ruͤhmtheit voraus! Er hatte Mitleid mit denen, die es ſchon erfahren hatten, denn er beſaß im Grunde ein gutes Herz, und fuͤrchtete es fuͤr ſein eignes Andenken. In ſeinen letz⸗ ten Augenblicken ließ er mich rufen, mich, einen Buͤrger von Paris und weiter Richts, einen Buͤrger von Paris, nur mit Ausnahme der Pelzmuͤtze, der ich von der Politik nichts weiter wußte, als meine durch die Herrſchaft der Oekonomie verdoppelte Abgabenquote regelmaͤßig zu be⸗ zahlen. Er beklagte ſich bei mir daruͤber, daß ſeine Zeitgenoſſen ihn nicht beſſer noch ſchlechter als wie den Mann mit dem langen Barte behandelten; daß er, als einzigen Beweis der öͤffentlichen Aufmerkſamkeit, ſtatt aller Ehrenbezeigungen, lediglich einen Platz hei dem III. 16 362 Buchhaͤndler Terry, im Palais Royal, unter dem Aus⸗ haͤngeſchilde des Gottes Mars erhalten habe, wo ſeine Lebensbeſchreibung, pele- méle mit der Geſchichte der beruͤhmten Spitzbuben, den Intriguen der Naͤhtermaͤdchen, der Liebe am Pranger, dem Erzgauner und der Kunſt, die Weiber tren zu machen, ſtehe. Er verſicherte mir, daß er zufrieden ſterben wuͤrde, wenn nur ſeiner in einem gut gedruckten Buche, in einem Octavbande, der aus der⸗ ſelben Handlung komme, wo die Memoiren einer Zeitgenoſſin erſchienen, gedacht werde. Der treffliche Mann glaubte an die Unſterblichkeit der Buͤcher in großem Formate! Ach! wenn der Tod nur haͤtte warten wollen, wuͤrde er ſich ſelbſt in ein ſolches gebracht haben. Herr Mayeut wuͤrde, ſo wie ich, ſeine zwei Aufſaͤtze zu dem Buche der Hundert und Ein ge⸗ liefert haben, und mich hat er beauftragt, ſeine Schuld zu tilgen. So ſoll denn wenigſtens ſeine Hoffnung auf Ruhm nicht betrogen werden; denn ich werde dieſesmal nur von ihm fprechen. Meſſidor Napoleon Louis Charles Philippe Mayeur (enn er hat nach und nach alle dieſe Vornamen gehabt, ob ihm ſein Taufſchein gleich bloß den Namen Buona⸗ ventura beilegt, nach dem Heiligen des Tags, an wel⸗ chem er geboren ward) ſah das Licht der Welt zuerſt am 14. Juli 1789, waͤhrend ſein Vater, ein ehrlicher Handwerker der Straße Beaubourg, mit der Erſtuͤrmung 363 der Baſtille beſchaͤftigt war. Dieſer Tag des Ruhms brachte ihm Ungluͤck. Seine Mutter ward vor Schrecken uͤber das Kanonen⸗ und Kleingewehrfeuer zu zeitig von einem haͤßlichen und mißgeſtalteten Kinde entbunden. Ein unbeugſames und zaͤnkiſches Gemuͤth, von dem ihn ſelbſt das Alter nicht heilen konnte, erinnerte beſſer an das Datum ſeiner Geburt. Die funfzehn Jahre, welche dieſem Ereigniſſe folgten, gehoͤren zu der Geſchichte ſeines Vaters. Nachdem diefer Beweiſe ſeines Muths in Paris abgelegt hatte, vertrieb er den Feind von den Grenzen, folgte unſern Armeen bei allen ihren Erobe⸗ rungen, erhielt zum Lohne fuͤr 32 Bleſſuren den Grad eines Sergeanten, und ward in der Schlacht von Auſter⸗ litz getoͤdtet, indem er die Fahne, unter der er kaͤmpfte, Vaterland nannte, wie er ſie lange Zeit Freiheit ge⸗ nannt hatte. Napoleon Mayeur, denn dieſen Namen nahm er damals an, hat uns ſeinen Vater, den er im ſiebenten Stockwerke der bronzenen Spirallinie, die ſich mit Helden und Victorien bedeckt, bis zux Spitze der Saͤule windet, zu erkennen glaubte, gar oft ge⸗ zeigt. Als Kind der Revolution, wie unſre politiſchen Kandidaten ſprechen, war er alſo unter dem Kaiſerreiche ein junger Mann und Waiſe. Da ihn ſeine Koͤrper⸗ ſchwaͤche von der Conſeription befreite, wie es waͤhrend acht Jahren nach einander durch dreizehn Reviſions⸗ Raͤthe beſtaͤtigt ward, ſo hinderte ihn keine perſoͤnliche Aengſtlichkeit am Enthuſiasmus fuͤr kriegeriſche Unterneh⸗ 16* 4 264 mungen. Er ſprach daher nur von Schlachten, Stuͤrmen, forcirten Maͤrſchen, eroberten Staͤdten, confiseirten Koͤnig⸗ reichen. Er zaͤhlte die Gebliebenen der feindlichen Heere nach Tauſenden, die Gefangenen nach Diviſionen, die Kanonen und Fahnen nach Hunderten; er uͤbertrieb ſogar noch die Buͤlletins. Dann ſah er auch mit jedem Tage in ſeiner Stadt ſich Denkmaͤler erheben, Straßen verbreitern, Quais ausſtrecken, Bruͤcken ſich an die bei⸗ den Ufer der Seine lehnen. Man gab ihm Feſte, Feuer⸗ werke, Schauſpiele gratis, Revuͤen, bei denen er viele⸗ male faſt erdruͤckt worden waͤre. Man erhob das Volk, unter dem er ſich mitbefand, uͤber alle Nationen der Welt, und dann hob er ſich ſelbſt auf den Fußzehen und ſchrie mit ſeinen Gaumenlauten:„Ich bin auch von der großen Nation!“ Er war alſo ſtolz, gluͤcklich, trunken. Was noch mehr: da es in ſeinem Viertel an jungen Maͤnnern fehlte, ſahen ihn die Maͤdchen nicht mit allzuvieler Verachtung an, und ihr kennt ja ſeine ſchwache Seiten Man lebt nicht vom Ruhme allein; er wußte das, verheirathete ſich alſo, und bekam eine Ausſteuer, mit welcher er ein eintraͤgliches Geſchaͤft gruͤndete. Er hatte naͤmlich zuerſt die Idee, die Beſchuhung der Voruͤber⸗ gehenden auf die Art zu reinigen, daß er dieſe ſich be⸗ quem auf einen ſammtnen Schemel niederſetzen ließ. Die Kaiſergarde war eine gute Kunde. Sie fluchte und wollte nicht warten; ſie ſchimpfte in ihrer energi⸗ 265 ſchen Sprache auf den Schlingel, der vor ihrem großen Stiefel knieete; aber ſie bezahlte gut. Sagt ſelbſt, wer hätte denn da auf die große Armee boͤſe werden ſollen? Endlich nahm der Lauf der Siege ein Ende. Die unfaͤlle kamen und in ihrem Gefolge Kummer, Unruhe, unzufriedenheit. Keine froͤhlichen Jahresfeiern mehr, keine Ceremonieen, keine Gebaͤude, die aus der Erde zu wachſen ſchienen. Das Hotel am Quai d'Orſay blieb, ſo wie wir es jetzt ſehen; der Triumphbogen hatte keine Arbeiter mehr. Paris ward traurig, und wenn Paris traurig iſt, kann man Nichts damit anfangen. Statt der triumphirenden Einzuͤge mit Fanfaren und Zinken ſah man Ambulancen ankommen; Mayeur fuͤhlte, wie das Kaiſerreich zu Grunde ging. Er ſchlug⸗ die Arme uͤber den Ruͤcken, weil er ſo ſchwach war, und ſah ſich die Preußen, die Ruſſen, die Oeſtreicher und die Andern an, die uͤber die Boulewards zogen, ohne Freude aller⸗ dings, aber auch ohne Groll, wie man heut zu Tage ein Detaſchement der Municipalgarde anſieht. Am an⸗ dern Tage verſtand er ſich dazu, den Koſacken die Stie⸗ feln zu putzen und dann den Musketieren. Endlich kamen ſeine alten Kunden wieder und er wuͤnſchte ihnen viel Gluͤck. Die Englaͤnder langten wieder an: er nahm ſie wie Perſonen auf, die er Tags zuvor noch geſehen hatte. Vorzuͤglich machten ihm die ſchottiſchen Soldaten vielen Spaß, und er troͤſtete ſich uͤber die Oecupation, indem er ſich uͤber die Einquartierungen aufhielt. 266 1 Fuär dieſesmal hielt er nun die Reſtauration fuͤr blei⸗ bend; er gewoͤhnte ſich daran und ließ ſich Louis nen⸗ nen. Die beiden Invaſionen, die neuen Uniformen, in denen man ſich ſo gern zeigt, was man doch nicht kann, ohne ſich die Stiefeln putzen zu laſſen, hatten ihm einiges Geld eingebracht. Er ſtieg um eine Stufe hoͤher. Bisher war er bloß Kuͤnſtler, nun ward er Handelsmann. Die Progreſſion mußte doch beobachtet werden. Eines Tages oͤffnete er ein Gewoͤlbe mit ver⸗ ſchiedenen Gegenſtaͤnden, Stuͤck vor Stuͤck zu 25 Sous. Er bekam ſein Patent. Es fehlte ihm Nichts mehr, als 265 Franks Abgaben zu bezahlen, um ler zu werden. Ich glaube, er wuͤrde es jetzt ſogar ſein. Nun fing er an, Zeitſchriften zu leſen und von Politik zu ſprechen. Seiner Natur nach ein Unzufriedener, bemerkte er bald, daß Alles ſehr ſchlecht gehe, und da er zugleich ſah, daß ſein Gewinn darunter nicht litt, warf er ſich keck in die Oppoſition. Alle ſeine alten Zaͤrtlichkeiten erwachten, und bildeten ein ſonderbares Gemiſch von Schmerz und Sehnſucht. Die Freiheit, womit ſeine Zeitung ihn ſtets unterhielt, nahm in ſeinem Kopfe die Geſtalt Napoleons an. Die Thronbeſteigung Karls X. ſchob eine Zeit lang ſeine Bitterkeit bei Seite. Denn er, Mayeur, war es geweſen, den ein Lancier grob zu⸗ ruͤckgeſtoßen hatte, als der neue Koͤnig ausgerufen: Mkeine Hellebarden mehr!“ und am Abende deſſelben Tages verlangte er, daß man ihn Charles neune. Dieſe 367 Zuneigung, die aus einer fuͤrſtlichen Freundlichkeit ent⸗ ſproſſent war, dauerte aber nicht lange. Die Aufloͤſung der Nationalgarde erbitterte ihn aufs Hoͤchſte, und zwar um ſo mehr, da er nicht dazu gehoͤrte. Bis dahin hatte Mayeur noch nicht viel von ſich reden laſſen. Sein Name war nur in den Ateliers eini⸗ ger Maler bekannt, die ſeine ſonderbare Koͤrperform, ſeine leidenſchaftliche Phyſiognomie, ſeine rauhe Lebhaf⸗ tigkeit der Stimme, die ſpaßhaſten Uebertreibungen ſei⸗ ner Reden, vor Allem aber ſeinen zuͤgelloſen Geſchmack am ſchoͤnen Geſchlechte, ſtudirt hatten, und aus alledem ergoͤtzliche Erzaͤhlungen und Scenen zum Todtlachen zu⸗ ſammenſetzten. Einmal hatte man ihn ſogar aufs Theater gebracht, und er die Sache wie ein Mann von Verſtand aufgenommen, nicht wie jene Herren vom Comptoir, die alberner Weiſe einen Aufſtand gegen Brunet mach⸗ ten. Der Revolution von 1830 war es aufgeſpart, Mayeux in ſeinem vollen Lichte ſehen zu laſſen. Kurze Zeit vorher hatte man ihm eine, ich will nicht ſagen, blutige Beſchimpfung zugefuͤgt, aber doch eine ſolche, die ihn den furchtbaren Schwur der Rache ausſtoßen ließ. Alles, was ich hier davon mittheilen kann, iſt dies, daß ein berittener Grenadier der Koͤnigsgarde, der in ſeinen Kourierſtiefeln hoch erhaben einherging, ihn hinter einem Eckſteine nicht geſehen hatte. Die Litho⸗ graphie hat dieſes Faktum aufgefaßt. Als daher die Pu⸗ blikation des Staatsſtreichs das Volk zum Aufſtande be⸗ 368 rief, befand ſich Mayeux zuerſt mit auf der Straße. Vor dem Steinhaufen, der ihn bis an die Stirn ver⸗ barg, voruͤber, ſah er da im Bereich ſeines Carabiners die Lanciers mit den langen Partiſanen, die Kuͤraſſiere mit den eiſernen Panzern, die Infanterie mit den Baͤr⸗ koͤpfen und jene Fremden im ſcharlachnen Kleide ziehn, die nun ſchon zweimal den Tod in unſern Revolutionen geſucht haben. Er folgte den Stroͤmen der ſiegenden Menge, und ruhte in den Tuilerien aus. Von ſieben getoͤdteten Gend'armen kamen wenigſtens vierzig allein auf ihn. Nun fing Mayeur's glaͤnzende Laufbahn an, denn er ward von allen Seiten befoͤrdert, geſchmeichelt, ge⸗ haͤtſchelt. Ganz natuͤrlich und aus Inſtinkt legte er die Huldigung ſeines Triumphes am Fußgeſtelle der Saͤule, als dem Altare des Gottes, nieder, deſſen Anbetung er funfzehn Jahre lang innerlich genaͤhrt hatte. Man zog ihn ins Palais Royal; ein Republikaner verſuchte es, ihn unterwegs zu verfuͤhren; denn alle Welt wollte Mayeurx bei ſich haben. Er war es, der geſiegt hatte, alſo druͤckte man ihm zaͤrtlich die Hand. Als er vom Stadthauſe kam, glaubte er das Programm in der Taſche zu haben. Ganz ſtolz uͤber das Anſehn, das er zu erwerben begann, verſchloß er ſein Gewoͤlbe; er ver⸗ kaufte alle ſeine Waaren faſt um Nichts an einen Jagd⸗ diener, Andre ſagen, an einen Kapellmuſikus, die Beide ohne Anſtellung waren, und fing an, großen Aufwand 369 zu machen. In dieſe Zeit gehoͤren alle die verliebten Abenteuer, welche unſre Zeichner ſo indiskret veroͤffent⸗ licht haben. Das war ſeine gute Zeit, das nannte er ſelbſt ſehr gern, da er ein wenig Geſchichte konnte, ſeine Regentſchaft. em Alle dieſe kleinen Abſchweifungen, deren Anzahl man ſehr uͤbertrieben hat, waren eigentlich nur ſeine Zer⸗ ſtreuungen, die Anwendung der muͤßigen Zeit, die ihm uͤbrig blieb. Seine wahre Beſchaͤftigung war die Poli⸗ tik, die thaͤtige Leitung der Begebenheiten, das freiwil⸗ lige und unentgeltliche Unternehmen der offentlichen Mei⸗ nung. Er war es, den man immer ſah, oder vielmehr, den man nicht ſah, der in Mitte der Gruppen perorirte, die Tagesneuigkeiten verbreitete, die Erregung bewirkte, deren er bedurfte, zur rechten Zeit in den Zuſammen⸗ laͤufen eine neue, unwahrſcheinliche und abgeſchmackte Thatſache verbreitete, wie dergleichen in Zeiten der Auf⸗ regungen beſchaffen ſein muͤſſen, damit man an ſie glaubt. Ihm verdankt man die Erfindung der in Frauenzimmer verkleideten Gend'armerie, welche die Polizei in den erſten Auflaͤufen entdeckte. Das haͤtte ihn aber bald mit einem ihm befreundeten Zeitungsſchreiber entzweit, der die Schwachheit hatte, daruͤber eiferſuͤchtig zu ſein. Waͤhrend eines ganzen Jahres ſah ganz Paris Nichts, als Mayeur, ſprach, dachte, ſchwur bei nichts Anderm, und dies im eigentlichſten Wortverſtande. Mayeux wollte das, Mayeur ſagte dies, Mayeur wollte nicht, Mayenx 370 tadelte, Mayeuß billigte; vor allen Dingen mußte man erſt Mayeur zufrieden ſtellen. Die Univerſalitaͤt dieſer Perſon war ſo groß, daß man an ſeiner Einheit zwei⸗ felte. Man konnte nicht glauben, daß ein einziger Kopf zu ſo vielen Bewegungen ausreiche, ein einziger Wille zu ſo vielen Launen. Man hatte Mayeur im Aufſtande geſehen, man hatte ihn gegen den Aufſtand geſehn; hier mit einem grauen Hute, dort mit einer Pelzmuͤtze; auf dem Vendomeplatze hatte er die Republik feſten Fußes erwartet, und war doch in Verfolgung der Re⸗ publik wieder durch die Straßen gelaufen; hier hatte er Laternen zerſchlagen, und beim naͤchtlichen Bivouak im Palais Royal„Es lebe Polen!“ gerufen, und doch die Polen in die Fidel gebracht. Bei alledem war es doch immer derſelbe Mayeur, leichtglaͤubig und beweglich, der Reihe nach Republikaner, Bonapartiſt und rechte Mitte: unter der Menge unruhig und poſſenhaft, in Reih' und Glied unerſchrocken und feſt, bei den Aſſiſen Vertheidungszeuge fuͤr die Aufruͤhrer, die er den Tag vorher durchbohrt haben wuͤrde. Ihr habt geſehen, daß er Nationalgardiſt war. Er hatte ſich gleich anfangs in der Mairie ſeines Viertels einſchreiben laſſen. Es machte ihm Vergnuͤgen, ſich mit der Uniform herauszuputzen. Er war der Erſte, der im gewoͤhnlichen Einhergehen den Bonapartehut trug, und als man ihn deshalb necken wollte, mit einiger Bitterkeit antwortete:„daß er wohl Leute geſehen habe, die ihm nicht werth geſchienen, auch nur ſich den An⸗ ſchein zu geben, dem großen Manne nachzuaͤffen.“ Be⸗ merkt wohl, daß er hier weder vom Herrn Gobert, noch von den Herren Frederick, Cazot, Edmond und Francisque ſprechen wollte, fuͤr die er im Gegentheil eine wahre Bewunderung hegte. In den erſten Tagen der Bildung der Nationalgarde chikanirte man Niemand, weder wegen ſeines Wuchſes, noch wegen ſeiner buͤrger⸗ lichen Lage. Bucklichte und Nichtshabende, kurz, alle Welt wurde zugelaſſen, Patrouillen zu machen, die Nacht zu wachen, Banditen und Herumſtreifer aufzu⸗ greifen, die Stelle der Garde, der Armee, der Gen⸗ d'armerie zu vertreten. Mayeux war ſogar durch allge⸗ meinen Zuruf zum Corporal erhoben worden. Bald aber ſprach man von Reinigung, von Ziehung. Mayeur bemerkte, daß man ihn ſeit einiger Zeit nicht mehr auf Ehrenpoſten kommandire, ſelbſt nicht auf den an den Staͤllen in der Straße Saint Thomas du Louvre. Man verwies ihn mit den Rekruten ſtets in die Mairie. Da habe ich ihn kennen lernen. Endlich gab ihm ſein Hauptmann, der einzig um deswillen das Kreuz der Ehrenlegion erlangt hatte, weil Mayeur mit in ſeiner Compagnie ſtand, wenigſtens kannte man keinen weitern Grund, ſein Hauptmann, der ihm vielleicht die Doppel⸗ epauletts verdankte, auf welche er ſo ſtolz war, ihm hoͤf⸗ lich zu verſtehen, daß ſeine Gegenwart in Reih' und Glied Lachen erwecke, daß ſeine Scherze dem Ernſte der Hauptwache nachtheilig waͤren, daß noch vor Kurzem eine erhabene Perſon von ſieben Jahren, als ſie ihn geſehen, das Lachen nicht habe laſſen koͤnnen, kurz, daß unter den Linientruppen 82 Soldaten in Arreſt gekom⸗ men waͤren, weil ſie, als ſie ihn bei der Parade vor⸗ uͤberkommen ſahen, auf dem Poſten gelacht haͤtten, was doch, wegen der Vorfaͤlle in Lyon, etwas ſehr Ernſt⸗ haftes ſei. So lud man ibn denn, um des Beſten des Vater⸗ landes und der oͤffentlichen Ruhe willen, und im Namen der Revolution, der er ſo tapfer gedient hatte, ein, ſich zuruͤckzuziehen, ſich ſo wenig wie moͤglich zu zeigen und fein zu Hauſe zu bleiben. Mayeut widerſetzte ſich; er wollte gerichtet ſein. Man zog ihn vor die Reviſions⸗ Jury, bei welcher ein Friedensrichter den Vorſitz hatte, der ſich vollkommen auf den Militairdienſt verſtehen muß. Einſtimmig ward er aus den Liſten geſtrichen. Ich waͤre recht gern an ſeiner Stelle geweſen; aber Mayeur dachte nicht wie ich. Der Sergeantmajor ließ ihm ſeine Flinte abfordern, ein koͤſtliches Gewehr, wel⸗ ches ihm die Regierung geliefert und das ihm 27 Francs gekoſtet hatte, um es in gehoͤrigen Stand zu ſcetzen. Das war das Letzte, der Todesſtreich fuͤr den armen Mayeux. Was aber ſeine Entzauberung vollendete, war dies, zu ſehen, daß Niemand an ſeiner Ungnade ein Intereſſe nahm, daß kein Voruͤbergehender in der Gal⸗ lerie Vero⸗Deodat, wo ſeine Stelle ſchon wieder beſetzt 73 war, ſich um ihn bekuͤmmerte. Nach drei Wochen war er nicht mehr!.... Der Himmel ſchenke ihm ſeinen Frieden! die Erde ſei ihm leicht! er hat ſeine Laſt in dieſem Leben getragen. Mayeur hinterlaͤßt einen Sohn von 18 Jahren. Er hatte ſich nicht mehr damit beſchaͤftigt, fuͤr ihn zu ſor⸗ gen, da er auf eine Stelle rechnete, die ihm der erſte Polizei⸗Praͤfekt, der nach der Revolution ernannt wor⸗ den war, verſprochen hatte. Seine Bitten vermehrten ſich im Fortgange der Zeit und ſeine Hoffnungen ver⸗ minderten ſich eben ſo von Praͤfekt zu Praͤfekt, bis zur Ankunft des ſechsten, der ihn vor die Thuͤre werfen ließ. Der junge Mann hatte geglaubt, die Verdienſte ſeines Vaters und der Sieg des Volkes machten es unndthig fuͤr ihn, ein Handwerk zu erlernen, und er wuͤrde da⸗ her jetzt in einem Arbeitshauſe ſich befinden, wenn er nicht Mittel und Wege gefunden haͤtte, ſich bei der Saint⸗Simoniſtiſchen Religion anwerben zu laſſen, wo er, nachdem man ſeine Faͤhigkeiten unterſucht, dazu ge⸗ braucht ward, die Stiefeln des Papſtes gratis zu wichſen. A. Bazin. 5 4 5 .,.„ Bie Revolutionen. Harmonſee. 2 1— 4 4 1. Wenn duͤrſtend nun ſein Zelt, an waſſerloſer Quelle, Der Araber abbrach bei fruͤhen Morgens Helle, Und ans Kameel den Schlauch mit kargen Tropfen hing, Gruͤßt ſcheidend er noch die vertrocknete Ciſterne, Und zieht ohn' Ruͤckkehr zu des Vaterlandes Ferne, Wo ihm die Wuͤſte birgt den Spring. Was kuͤmmert's ihn, ob ſich im Weſt der Gluthwind hehe Und hinter ihm den Pfad hoch zu verdecken ſtrebe, Dem Meere gleich, das wuͤhlt den Uferſand umher; Da einen Berg erhoͤh', wo ſich das Thal gezogen, Dort eine Duͤne ſaͤ mit hart geword'nen Wogen? Er geht und wiederkehrt nicht mehr. — 375 Doch Ihr, feſtweilend im ſchwachſinn'gen Oeeidente, Erſtarrtes Volk in Stolz und Feigheits⸗Elemente, Wohin der Zufall nur verſtveute Eure Spreu, Da keimt Ihr, wie das Moos auf Euerm duͤſtern Huͤgel, Treibt Eure Wurzeln durch des Felſens ſtarre Riegel aund vegetirt in Furchen neu. Ihr ſpaltet den Granit, haͤuft Ziegel an zum Hohne, Begruͤndet Thuͤrme, Staͤdte, Republiken, Throne, Ruft ſelbſt die Zeit herbei, die Gott enthuͤllt nur ſich; Und als haͤtt' dieſer Gott Euch Herr gemacht auf Erden, Ruft dem Geſchlecht Ihr zu, das noch gezeugt ſoll werden Leb', ſtirb hier unveraͤnderlich— Betuͤnch' die Mauer neu, die Dein Geſchlecht zertruͤmmert, Sei um des Fußtritts Spur, daß ſie beſteh’, bekuͤmmert, Wirf Andern auf das Joch, das Andre Dir erwaͤhlt! Sprich, wenn ein Scheidender nicht Schatten mehr will leihen, Daß Gottes Finger duͤrr geworden und die Reihen Der Sonnentage ſchon gezaͤhlt! Vergebens folgt Euch Tod und zehntet ſeine Beeten, Vergebens wird die Zeit die Babel Euch zertreten, Schlaftrunkenes Gewuͤrm, mit ihrem ew'gen Schritt! Vergehens ſtuͤrzt ſie um des Pfluͤgers zorn'ges Eiſen, Stoͤßt mit dem Fuß darauf, und ſchleudert gleich Ameiſen⸗ Pallaͤſten ſie zu anderm Staube mit:— 4 16** ——— 376 Ihr baut ſie wieder ſtets, und ſtets von neuem wieder, Und donnert ſtolzen Wahns die Anatheme nieder Auf den, der ſie beruͤhrt einſt in der Folgezeit! und ſtets, indem Ihr ſo hinfaͤll'ge Wohnung bauet, Schneemaͤnner⸗Menſchen, von der Sonne aufgethauet, Sprecht Ihr noch von Unſterblichkeit! 8 Ob ein Jahrhundert ſchwankt, ob ſich ein Stein verruͤcket, Ob Sokrates vom Grab Euch ein Geheinddi ſchicket, Ob Chriſtus einer Welt im Tod den immel ſchenkt: Ihr raͤchet ſtets durchs Schwert die Luͤge, die regierer, Und jede Wahrheit, die als neu die Erde zieret, Iſt auch mit Gottes⸗Blut getraͤnkt. Ihr liebt die Schuppen, die das bloͤde Aug' umnachten, Dem Krieger gleich, bewehrt zwar wohl zu Kampf und Schlachten, Ber aber doch entſchlief, winkt feſter Traum ihm zu; Ertoͤnet ploͤtzlich nun ein Ton, der Euch erſchreckte, Schlagt Ihr, und toͤdtet den, der Euch ſo rauh erweckte, Denn Ihr wollt ſchlafen ja in Ruh!. Doch ſo verſteht nicht Gott, der Euch vom Schlaf gerufen, Des Menſchen Schickſal und der Voͤlker Bildungs⸗Stufen, Dies iſt der Weg nicht, den ſein Finger ernſt Ench weiſt! Umſonſt fehlt Euch der Muth, will Euer Fuß ermuͤden, Das Werk des Ewigen kennt keine Ruh' hienieden; Denn ſein Geiſt iſt nicht Euer Geiſt! 377 Vor ſeinem Rufe muß Natur ſtets vorwaͤrts eilen; Richt um auf ihrer Bahn des Lichtes zu verweilen, Ergluͤht in ſeiner Hand die Sonne und verliſcht! Im Werk des Lebens, wo ſein Pulsſchlag ſchaffend waltet, Da athmet Himmel, Stern und Menſchheit wird entfaltet und waͤchſt, durch ſeinen Hauch erfriſcht. Das Werk, beendet ſtets und wieder ſtets begonnen, Stroͤmt aus des Ewigen gedankenhellen Bronnen, Jedweder Halt fuͤr ihn nur wieder ein Beginn! In dem Unendlichen mit Herrſcherhoheit webend, Wird ſeinem goͤttlichen Gebot mit ihm ſich hebend Ein jeder weit'rer Blick Gewinn! Den Raum zu meſſen haͤlt im Werke an er nimmer, Sein Fuß kehrt nie zuruͤck zur Bahn voll Glanz und Schimmer, Nie ſteht er wieder, was er ſah im Schaffen dort; Dem Kinde gleich, das ließt und ſtammelt auf der Erde, Sagt er nicht zweimal das belebende:„Es werde!“ und uͤbers Nichts hin eilt ſein Wort! Es eilt, und die Natur, die ſeinem Flug Vertraute, Folgt ſchwankend nach dem Wort, von Laute nach zu Laute, Nie, niemals morgen das, was heut' in ihr geſchah; Die Schoͤpfung, immer neu und immer ſtrebend weiter, Steigt ewiglich empor auf der ſymbol'ſchen Leiter, Die Jakob einſt im Traume ſah! Und Nichts kehrt wieder je zur Form, der es entſproſſen; Was Eis und Nacht, wird nun in Gluth und Licht gegoſſen, Metall wird reines Gold am felsumragten Ort; Der Wogen Bett kreiſt um, daß es die Perle zolle, Der Aether wird zum Stern im Gluthmeer, und die Scholle Wird Menſch, und gaͤhrt noch immer fort. Ein Hauch von oben dann, und Alles iſt verſchwunden, Veraͤndert, umgekehrt, geſtorben, neugebunden, Wie Buͤhnenſchaugepraͤng' hoͤrt nun das Schauſpiel auf; Jehova ſchließt ſein Zelt mit eines Blickes Schwere, Und harrend neuen Winks, verſchieben Sonnenheere Der heilegen Kreiſe Regellauf.* Die ausgebrannten Globen ſtaͤuben fort in Funken, Den naͤcht'gen Sternen iſt das Augenlied geſunken, Es reißt ſich der Komet, die Achſen brechend, los; Er ſtuͤrzt in Truͤmmern rings das himmliſche Gebaͤude, Von tauſend Welten bleibt im ſchnell entſchiednen Streite Noch eine gluͤhe Kohle bloß. Und Ihr! die Ihr am Meer kein Sandkorn koͤnnt erhalten, Kein duͤrres Blatt entziehn des wilden Sturmes Walten, Richt einen Strahl verleihn dem Stern von Nacht bedraͤut; Noch in dem Sandglas, das ſtets unaufhaltſam rinnet, Um einen Augenblick, ein Korn nur, Halt gewinnet Fuͤr jenen ew'gen Lauf der Zeit: Wenn unterm ſchwanken Fuß ein Kieſel Euch entgleitet, Ein Thron zuſammenſtuͤrzt, ein altes Volk verſcheidet, Vergangnes Saͤkulum in Truͤmmern fliegt vorbei, Aus Euerm Alphabet ein Buchſtab wird verwehet, Von dem Inſekt zu dem ein Strohhalm uͤbergehet, Stuͤrmt Ihr den Himmel mit Geſchrei?! II. Betrachte doch, Geſchlecht voll Duͤnkel, Der Generationen Schritt; Nur Voͤlkertruͤmmer ſind zu ſchauen, Wohin Dein Fuß auf Erden tritt! Altaͤre, Hallen, Tempel, Throne, Der Staat, das Volk, der Stab, die Krone Sind Staub des Weges dieſer Welt, Geſchichte, Echo unermeſſen, Iſt nur das Grabgelaͤute deſſen, Was auf den Pfad der Menſchheit faͤllt. Je mehr Ihr ruͤckkehrt zum Vergangnen, Je wild'res Laͤrmen wird erregt, Wie wenn Ihr Euch dem Ufer naͤhert, Das toſend Meereswelle ſchlaͤgt; Seht Menſchengeiſt voruͤber ſchweben, Nach Rom von Memphis und von Theben, 380 Furchtbarer Wandrer jedem Land: Was er erhob, ſtets neu beſtreitend, Dem Geiſte Gottes Platz bereitend Durch Schwertſtreich oder Fackelbrand. Er geht hindurch in Sturmes Mitten Durch Sinai's Gewitternacht, 3 Durch der Propheten Stab und Ruthe, Durch Adonai's Tempelpracht, Zerſchellt das Joch, ſchlaͤgt die Philiſter, Nimmt ſtatt der Koͤnige ſich Prieſter, Statt Prieſter Koͤnige ins Haus, Stuͤrzt die Pallaͤſte, Tabernakel, Und ſaͤt mit Truͤmmern der Orakel Dann der Geſetze Truͤmmer aus. Die Fluͤget reißender entfaltend, Stuͤrzt er in Memnons wuͤſtes Graun, Da iſt e er unter Pyramiden Dort uͤberm Parthenon zu ſchau'n! Da will er vor der Menſchen Blicken Den Grund der Herrſchermacht entruͤcken, Wie eines Tempels Innerſtes! Da wirft er hin, wem's nur beliebet, Wie Korn in Scheuern leicht geſiebet, Geſetze, Dogmen, Heiligſtes. — 381 Muͤd' von dem ſteten Wortgefechte Fuͤhrt Alexandern er zur Schlacht; Des Kapitoles blut'ger Adler Erringt durch ihn der Erde Macht; Ein Kaiſerreich druͤckt Alles nieder: Doch ſich zuruͤck zieht er ſchon wieder, Und gleich dem gier'gen Sklaven⸗Schwarm, Dem man gebrochen hat die Ketten, Aufſchreiend, ſich die Voͤlker retten, Ein Ueberbleibſel karg und arm. Erhebt Euch, Gallien und Deutſchland! Der Rache Stunde iſt nun da! Es nimmt der Genius der Truͤmmer Die Zuͤgel jetzt des Attila. Geſetze, Forum, Goͤtter, Rechte, In Blut ſchwimmt Alles, wird zum Knechte, Erliſcht noch dampfend; es iſt Nacht! Nacht iſt's, damit ſelbſt durch dies Dunkle Das Morgenlicht nur heller funkle. Des Tags), den er herauf gebracht Oer Menſch kehrt ſich zu dieſer Flamme, Und lebt, indem er ſie erkennt; Der große Karl iſt ihre Seele, Erhehend neu den Oeceident; *) Das Chriſtenthum. 382 5 Er ſtirbt;: von ſeines Reichs Koloſſe Bleibt nur noch hier und da ein Sproſſe, Gleich einem Mantel ſchwer und weit, Um ſtarke Schultern einſt geſchlagen, 1 Die Gallien, den Rhein getragen;— Und wieder wirkt der Geiſt der Zeit. Aus Nationen, ſo verſtuͤmmelt, Entſtehn ihm hundert Voͤlker neu⸗ Barbariſch und gemiſcht, daß jedes 4 Der Mutter ſelbſt unkenntlich ſei. Die Einen wild, nur fortgeriſſen, Die Andern knirſchend an Gebiſſen Der Goͤtter oder des Tyranns; Doch Alle auf verſchiednen Wegen Fuͤhrt einem Ziel der Geiſt entgegen, Geheimnißvoll, denn er nur kann's. Dahin, wo Gott es will, ſie treibend, Wirkt Menſchengeiſt wohl tauſendfach, Und ahmt, nach Zeit und Land ſich richtend, Jedwede Form der Menſchheit nach. Hier ein Erob'rer, fegt gleich Spreu'n Davon er alter Voͤlker Reih'n; Dort ein erhab'ner Schiffer, haͤlt Ihm aufgedeckt in Sturmes Wehen Der Geiſt, den er nur konnt' verſtehen, Jenſeits des Eroͤgurts eine Welt! Bald 383 Bald gießt er der Gedanken Fuͤlle 2 In Erz, das maͤchtig lebt und ſpricht, So daß das Wort mit Windesſchnelle Durch jeden Raum ſich Bahnen bricht; Bald, ein Jahrhundert zu erhitzen, Stuͤrmt toͤdtend er, gleich gluͤhen Blitzen, Im Flammenwort der Freiheit her; Bald uͤberdruͤßig ſeiner Werke,. Nuft mit noch maͤchtg'rer Donnerſtaͤrke Ein andres Wort zur Menſchheit er. Und Alles ſchmelzet, wankt und ſinket, Und wie auf Woge Woge harrt, Haͤuft ſich die Zeit auf fruͤh're Zeiten⸗ Auf das Vergang'ne Gegenwart! Und Euch, o Sterbliche, wer kuͤndet Auf dieſem Sand, wo Alles ſchwindet, Unwandelbares vor der Gruft? Ich ſehe Staub nur und Vergehen, Ich hoͤre nur der Zeit Verwehen, Die ſinkend, Vorwaͤrts! zu Euch ruft. III. Worwärts Ideenreich die Menſchheit weiter ſchreitet: Abends verldſcht ſie die, von der ſie fruͤh geleitet, und gluͤht am ew gen Licht ſich eine andre an. III. 1⸗ „ 384 Wie Todte, die am Schmuck man modernd noch erkannte, So nehmen in das Grab auch mit ſich die Gewande Die Generationen dann. 3 Hier ſind's die Goͤtter; dort der Ahnen goldne Kette, Das Richtſchwert des Tyranns, der Prieſter Amulete, Veraltetes Geraͤth vom Throne und Altar; Und wenn nach Saͤkeln man dann ſucht in ihren Saͤrgen, Staunt man die Reſte an, die laͤcherlich ſie bergen Von dem, was ſonſt der Menſch doch war! Turban und Tunika, der Purpur, Richtkleid, Roben, Beil, Scepter, Schaͤferſtab, Schwert, Waffenſchmuck, — verſtoben Iſt's unter Eurer Hand, wurmſtichiges Symbol, Bald Staͤrkeren zu Theil, bald Braven, Naͤnkereichen, Vergebens fragt Ihr dann Euch: unter welchem Zeichen Steigt oder faͤllt die Menſchheit wohl? Nur unter Deinem, Cheiſt: Der Menſch, in dem Gott waltet, Wird wechſelnd ewiglich an Form und Wuchs geſtaltet, Ein Rieſe kuͤnft'ger Zeit, der Groͤfres hoffen mag: Alternd verbraucht er auch die Kleider jetzt veraltet, Wie kraͤft'ger Gliederbau des Mannes nun zerſpaltet Die Windel, wo das Kind einſt lag⸗ 385 Die Menſchheit iſt kein Stier, der ſchwer aufathmend ziehet Des Ackers Furche, ſtets im gleichen Schritt bemuͤhet, und gleiche Furcheldann zu wiederholtem Mal; Verjuͤngter Adler iſt ſie⸗ mit erneuter Feder, Der kuͤhn entgegen fliegt im hoͤchſten Wolkenaͤther Dem rein entſtroͤmten Sonnenſtrahl. Sechstauſendjaͤhr'ge Kinder, die ein Nichts erſchrecket, Laßt Euch nicht ſtoͤren, wenn ein neues Wort Euch wecket, Ein Reich zuſammenſtuͤrzt, ein Saͤkel nicht mehr da! Was kuͤmmern auf dem Weg Euch die verſtreuten Truͤmmer,. Nach Vorwaͤrts ſchauet nur⸗ nach Ruͤckwaͤrts aber nimmer⸗ Es rollt der Strom zu Jehovah! Im engen Herzen laßt die Hoffnung, leicht getrogen, Nicht unterſinken ſtets auch mit den andern Wogen; Es traͤgt die Welle Euch, Kleinglaͤub'ge, die Ihr grollt! Was kuͤmmern Wind und Schall, was Staub Euch und Vergehen, Wenn nur die Vorſehung in unermeſſ'nen Hoͤhen Ihr ewiges Geſetz entrollt? Es buchſtabiren Blatt vor Blatt in ihm die Zeiten; Ihr leſet nur ein Wort, und weiter ſollt Ihr ſchrelten, Wohl tauſend leſen einſt dann Eure Kinder ſchon. 17* 386 Dies Buch iſt aͤhnlich dem der roͤmiſchen Sibyllen, Umſonſt will der Augur des Wiſſens 6— d'rin ſtillen, Die Blaͤtter ſind im Wind eh In Blitz und Donner gliegt auch Euer Wort durs Ganze! Steigt auf bei ſeinem Ton, eilt hin bei ſeinem Glanze, Erwartet ſonder Furcht, was langſam endlich nah'. Ihr, Kinder deſſen, der, voraus ihn kuͤndend immer, Von Kreuzes Hoͤhe ſchon der Hoffnung gold'nen Schimmer Am Horizont der Zukunft ſah. Dies Blutorakel ſteht mit jedem Tag Euch offen; Umſtuͤrzend hebt den Geiſt empor, erneu't im Hoffen; Ihr Wandrer, fluthgepeitſcht von Eurer Saͤkel Wahn! Ihr glaubt zuruͤckzugehn im Ocean von Jahren, Und werdet weiter doch nach tauſend von Gefahren Fortſchiffen auf der Zeiten Bahn. So auch ein Schiff, das zwiſchen zweier Welten Schwellen Das ufer ganz verlor, rings um es her nur Wellen, Sich thuͤrmend hoch und ſchwer wie ſinſtre Mauern auf; Der Steuermann weiß nicht die Knoten mehr zu finden, Stillſtehend zwiſchen zwei tief eingewuͤhlten Schluͤnden Glaubt er des ſchwanken Fahrzeugs Lauf. Dieſelbe Woge iſt's, ſpricht er, im Zweifelbangen, Dieſelben Toͤne ſind's, die an mein Ohr gelangen, Die Fluth, die ich durchſchift, wiegt mich von neuem nun; 387 Zu zaͤhlen ſie bin ich vergebens jetzt befliſſen,. Nur Leere rings/ nur Schaum, nicht vorwaͤrts fortgeriſſen, Und Tagesfluth doch, ſonder Ruh'n. und Tag und Fluth ſcheint neu ſich immer zu gebaͤren, Zu aͤhnlich ſich, als daß der Blick ſich's koͤnnt erklaͤren, Abſtumpft das Auge ſich und unterſcheidet nie;— So auch der Menſch, getaͤuſcht von gleicher Fluth und Tagen, Verwechſelt, irrt ſich, ſchilt, und wagt Dich anzuklagen, O Herr!— Und dennoch gehen ſie! 1 Und wenn auf dieſem Meer, ermuͤdet durch Daſſelbe, Er ſeinen Weg nun ſucht am leuchtenden Gewoͤlbe, So heben Sterne ſich empor, noch nie geſchaut; und, minder traurig, fuͤhlt bereits er die Klimate Veraͤndert, an dem Wehn der Duͤfte vom Geſtade⸗ Am milden Hauch, der golden thaut. So laßt auch uns, wenn nun einſtuͤrzt der Vaͤter Huͤtte, Begraben uns in dieſer theuern Aſche Mitte, In dieſes Leichentuch uns ruhig huͤllen ein; Nicht, gleich den Koͤnigen Aſſyriens, welche Frauen Und Kinder ſchleppten zu der Graͤber duͤſterm Grauen, Und ſterben konnten nicht allein! 388 Die zu dem Holzſtoß, eh' ſte ſelbſt darauf verbrannten, Noch Freunde, Roſſe, Schaͤtze, all' die Ihren ſandten, Begluͤckt'rer Jahre Luſt und Hoffnung nun zu Rauch! Die, Götter ſo und Reich hinopfernd einem Grabe, Nur wuͤnſchten, daß das All nur eine Seele habe, Damit s gleich ihnen todt nun auch! — Alphons von Lamartine. Berlin, gedruckt bei A. W. Hayn. Neuer Verlag . der 3 Buchhandlung von Ferdinand Riegel. Potsdam und Luckau. Stammbaum des Koͤniglich Preußiſchen Hauſes . der Hohenzollern. Entworfen und gezeichnet und Ihrer Majeſtaͤt der Kaiſerin von Rußland zugeeignet von 83 K. v. Reinhardtr, (Koͤnigl. Lieut. im Garde⸗Jaͤger⸗Bataillon). In Kupfer geſtochen von Jaͤttnig, in Berlin. 4 Blatt im groͤßten Format, fein colorirt 3 Rthlr. Daſſelbe Werk in Schwarz. ö..... 2 Rthlr. Vergleichende Darstellung der architectonischen Ordnungen der Griechen und Römer. . und der Neuern Baumeister. Herausgegeben und gezeichnet von C. Normand, Architecten u. s. w. Erste deutsche berichtigte Ausgabe von M. H. Jacobi, Königl. Preuſs. Regier.-Bau-Cond. Fortgesetzt von 3 M. Mauch, Architecten u. s. w. Das vollständige Werk, mit 81 von vorzüglichen Mei- stern in Kupfer gestochenen Folio-Tafeln und er- läuterndem Texte: gebund n 13 Rthlr. 7 ⅞ sgr. Für die Besitzer der französischen und deutschen Ausgabe des Normand' schen Bau-Werkes besonders: ein Supplement-Heft, herausgegeben und gezeichnet von J. M. Mauch, Architecten u. 8. w. Mit Kupfertafeln und Texte in Folio. Elegant car- tonirt............. 4 Ruhlc. 20 sgr. Vergleichende Darstellung griechischer Bau-Ordnungen von J. M. Mauch. Architecten u. s. w. Mit 16 Rupjentslely in Folio und Texte. Elegam cartonirt........—. 4 Rthlr 20 sgr. 17*r Let 5 a b e n den unterrict der Formen⸗ und Groͤßen⸗Lehre W. v.—o ark, Koͤnigl. Preuß. Regierungs⸗ und Schul⸗Rath. Vierte verbeſſerte und bedeutend vermehrte Auflage, mit einem Anhange: die wichtigſten Lehrſaͤtze aus der Stereometrie enthaltend. Mit 20 Kupfertafeln. gr. 8. 15 Bogen, auf weißem Druckpapier 1Rthlr. 22 ſgr. Fuͤr den erſten Untericht in der Mathematik ein ganz ausgezeichnetes und anerkannt gutes Lehrbuch; afttr ſprechen auch ſchon 4 Auflagen. 1 Lateiniſches Erl eiemen tarbu Ueberfete aus dem Lateiniſchen in das Deutſche aus dem Deutſchen un das Lateiniſche von Dr. W. H. Blume, Direktor des Koͤnigl. Gymnaſi ſums zu otsdam. 2 Thle. 8. 16—........ 15 ſgr. Lateiniſche Schulgrammatik fuͤr die untern Klaſſen der Gymnaſien und fuͤr Birgerſchulen von 2 Dr. W. H. Blume, Direktor und Profeſſor u. ſ. w. 3 Der namhafte Abſatz der lateiniſchen Schulbuͤcher des Herrn Dr. Blume ſpricht am beſten fuͤr die Brauch⸗ barkeit derſelben. — Umfaſſende Geſang⸗Schule fuͤr den Schul⸗ und Privat⸗Unterricht 3 von J. C. Schaͤrtlich, Lehrer am Koͤnigl. Schullehrer⸗Seminar zu Potsdam. 16 Bogen, auf ſchoͤnem weißen Deactuaner or. 8. Aus vorſtehender„Geſang⸗ Schule“ beſonders abgedruckt: Samutung 1 500 Uebungs⸗ Stuͤcken 7 beim Geſang⸗Unterricht. Preis eines einzelnen Exemplars 7 ¾ ſgr.; in Par⸗ thien von 25 bis 50 6 ¾ ſgr., von 50 und mehr 5 ſgr. ‿ — 25 ſiſſiinnſſinnſnſßnſfffſſſſſiinſiſſſiſſ 5 6 7 8 9 10 11 DMannmmmmnrannmmmmnnunau 12 13 14 15 16