Leihbibliothek cher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednuard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — F Leih- und Jeſebedingungen.“ 8 den1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſſl pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 6. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 4 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Linterlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet. wird. 3 3 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 S 5 für wpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— . auf 1 Monat: 1 Nr. f 1 M. 55 Ff. 2 M. Ff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. den beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Laadenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . b— das Buch der Hundert und Ein. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von Theodor Hell. —iõ ——— Zweiter Band. —— Potsdam, 1832. Verlag von Ferdinand Riegel. — Die Deputirten-Kammer. Iuur ſei es geſagt, daß man hier nicht Ein Wort von Politik finden wird. Wer ſie durchaus will, weſſen Be⸗ dürfniß die langen, mit dreifachen Kolonnen und auf ihren vier Seiten bedruckten Bogen, die er jeden Morgen entfaltet, nicht genügen, wer befürchtet, er könne einige Stunden zu Hauſe zubringen, ohne daß die Politik zu ihm gelange, in der Geſtalt entweder eines Freundes, oder einer demüthigen Kandidatur, oder einer Flugſchrift, oder einer patriotiſchen Subſkription, die ſeinen Beitrag fordert, oder der Rechnung eines Handwerkers, welcher ſich mit Eile entſchuldigt: der begebe ſich auf den Weg. Er gehe Vergnügungen entgegen, oder an ſeine Geſchäfte, oder folge— wenn er es vorzieht, dem Inſtinkt nachläſſigen Spazierengehens; aber er ſei ohne Sorge, die Politik zu ſuchen. Er wird ihr nur zu früh begegnen; ſie wird ihn ſtoßen, beim Kragen faſſen, in die Augen fallen und mit II.’ 1 2 Gewalt in ſein Ohr dringen. Das heiſere Gebell des durch die Revolution ſeines Maulkorbes entledigten Ausrufers, die gezeichnete und kolorirte Fahne, die aus den Fenſtern des Kupferſtichhändlers hängt und deren unentgeldliches Beſchauen leicht Uhr oder Schnupftuch koſten kann, das lange Verzeichniß des Bücherhändlers, der Geſang an den Straßenecken, bis auf die kleinen Kinder, welche auf der Erde ſpielend Blut fordern, wird ihm genügendes Kom⸗ mentar ſeines Lieblingstextes ſein. Denn die Politik iſt überall, in den Läden, auf der Börſe, im Theater, vom Erdgeſchoß bis unter das Dach und vorzüglich in den Thür⸗ ſteherſtuben, indem ſie auf der Straße heult, im Pallaſt ſtreitet, in der Akademie Abhandlungen macht, in einem Leſekabinet einſchläft, um die Milchfrau ſich gruppirt, vor dem Kamin des Banquiers ſich ſammelt, aus vollem Halſe ſchreit, mit leiſer Stimme redet, jede Geſtalt annimmt und bei jedem Eingang in dem Hinterhalt liegt. Iſt man end⸗ lich durch alles dies betäubt, ermüdet, geſättigt, dann nehme man unſer Buch, auf deſſen Titelblatt der Her⸗ ausgeber, zu meinem Bedauern, die Worte zu ſchreiben vergeſſen hat:„Hier wird nicht von Politik geredet,“ das heißt: hier unterhält man ſich, ohne ſich zu ſtreiten, man begegnet ſich, ohne ſich in die Haare zu fallen, man ver⸗ läßt ſich ohne Haß; und mehr noch, Jeder redet hier über das, was er weiß, was er verſteht. Eine zweite Nachricht iſt noch zu geben: daß man in dieſem Kapitel keine Eigennamen findet. Es thut mir um 3 die Leid, welche die großen Buchſtaben*) lieben, indem ſie ſich von der Druckſeite entfernen und ſogleich den Blick auf eine beleidigende oder lobende Perſönlichkeit werfen. Ich kenne ganz den Vortheil, welchen man von zwei oder drei Sylben, die Bwunderung oder Bosheit in Jedes Mund gebracht haben, ziehen kann. Ich weiß, wie glücklich eine Phraſe der Begeiſterung oder der Satyre durch einen be⸗ kannten Namen Gewicht erhält. Unter dieſen Namen iſt mir nicht unbekannt, welcher ſich zum Epigramme eignet, welcher lobend zu erheben ſei, wie man unerſchrockene Beredſamkeit nennt, wie Veränderlichkeit der Meinung, wie verabſchiedeten Ehrgeiz, der ſich irrt, wie den befrie⸗ digten Ehrgeiz, der ſeine alten Verbrüderungen läugnet. Und dennoch wird kein Wort meiner Feder entſchlüpfen, das Jemanden bezeichnet. Hat man denn nicht das verzeichnete Regiſter der Kam⸗ mer? Dort wird man jeden Namen, vom berühmteſten bis zu dem unbekannteſten, finden, in ſeinen kleinen Raum eingeſchloſſen und auf dem Papier nicht mehr Platz ein⸗ nehmend, als die von irgend einer Hand in den Wahlka⸗ ſten geworfene Kugel. Nur trage man Sorge, die Note zu leſen, die der Herausgeber vorſichtig gemacht hat, um alle Einſprüche zu vermeiden. Denn er will nicht, daß ſein Werk wie ein Wort⸗Prozeß behandelt werde. Dieſe *) Im Franzoͤſiſchen werden nur die Eigennamen und wenige andere mit großen Anfangsbuchſtaben geſchrieben. 3 1* 4 Note ſagt, daß man aus der Anzahl der Deputirten, die auf der rechten Seite und ſelbſt im rechten Centrum ge⸗ reiht ſind, nichts folgern darf. Die meiſten haben ſich fälſchlich auf andere Sitze geworfen. Man ſetzt ſich auf dieſe Bänke, die Wittwen derjenigen, die ſie einſt entweiht haben, nur, um nicht zu ſtehen, ungern, nach Kräften betheurend und ſeinen Freunden, von denen man durch die ganze Breite des Kampfplatzes und die ganze Reihe der Gerichtsdiener getrennt iſt, Zeichen des Einverſtänd⸗ niſſes gebend. Das Lager der Beſiegten iſt verpeſtet. Nun aber der Entſchluß gefaßt iſt, keine politiſche Frage zu verhandeln und Niemanden zu nennen, wird man fra⸗ gen, was hier die Deputirten⸗Kammer ſoll, bewegter Theil der geſetzgebenden Dreieinigkeit, Mittelpunkt aller Verhandlungen, Heerd, auf dem die Leidenſchaften ſich ent⸗ zünden, brennender Boden, deſſen Hitze zugleich frucht⸗ tragend und vernichtend für den Ruf iſt. Ich antworte, daß die Deputirten⸗Kammer zum Gemälde von Paris ge⸗ hört, zuerſt als Denkmal, dann als Vereinigung von Men⸗ ſchen und endlich als Schauſpiel; daß bei dieſen verſchie⸗ denen Titeln Künſte, Moral und ſelbſt Neugierde das Recht des Eintritts, der Beobachtung und, findet dieſelbe ſtatt, der Kritik haben, ohne eine Farbe anzunehmen, ein Feld⸗ geſchrei zu verſtehen, eine Seite zum Sitzen zu wählen. Die Partheien zeichnen ſich auf den Stufen, ſie miſchen ſich in die Tribünen. Um denn zu beginnen: kommt man vom Platze Lud⸗ 5 wigs XV. oder Ludwigs XVI., oder de la Concorde, oder der Revolution, denn der Aufſtand hat ſich darüber nicht ausge⸗ ſprochen: ſo findet man am Ende der Brücke, welche zwölf große Männer belaſten, eine falſche Fagade(Vorderſeite), vor das Hintertheil eines Gebäudes geſtellt, eine Fagade in altem Style, wie alle modernen Monumente. Am Fuße der Stufen ſtehen zwei weibliche Statuen, vier Männer ſitzen, den Rücken gegen das Monument. Man kann die Frauen die Gerechtigkeit und die Weisheit, die Mäßigung und die Feſtigkeit, die Kraft und die Klugheit, die Thä⸗ tigkeit und den Widerſtand, wie man will, nennen; es ſind Bagatellen des Eingangs. Die Männer ſind, ſo viel noch der Regen, der ſie gefärbt hat und die Vögel, die ſich auf ihre Stirne geſetzt oder in ihren Armen geniſtet haben, darüber urtheilen laſſen, Höpital und Sully, Colbert und Agueſſeau, abſcheuliche Geſtalten, deren Verfall eine Verbeſſerung iſt, welche die Zeit für den Geſchmack ge⸗ macht hat. Dieſe Stufen, die uns zu dunklen Treppen führen, dieſe Säulen ohne Licht, dieſes Portal ohne Ein⸗ gang, dieſer Luxus der Baukunſt, der nur dazu dient, Neu⸗ gierige auf die Vermuthung zu bringen, daß dort noch etwas folge, oder ein vergangenes Kunſtwerk ſei, alles dies iſt jetzt Gehege von Planken, friedliche Verrammlung für den Gebrauch der Maurer. Denn die Kammer iſt nicht mehr in der Kammer; der Ort ihrer Sitzungen iſt, wie der Garten der Königl. Wohnung, im Beſitz der Hand⸗ werker. Es giebt ſtets bei dem Materiellen unſerer Re⸗ 6 gierung etwas zu verbeſſern; faſt wie bei unſeren Geſetzen. Säge und Hammer tönen allein in dieſer Umſchließung wieder, wo einſt die Stimme der Redner gegen den Schall der Mauern ankämpfte. Eines Tages wird der Gegenſatz groß, das Auge ſonderbar geblendet und viel Lärmen un⸗ ter den Predigern der Sparſamkeit ſein, wenn die geſetz⸗ gebende Verſammlung aus dem Wagenſchuppen, in dem ſie ſich gegenwärtig befindet, in den Tempel, den man ihr bereitet, geführt wird. Der Meißel vor allen hat dort Wunder hervorgebracht; herrliche Feſtons winden ſich über alle Mauern. Der ganz mit Marmor bekleidete Sitzungs⸗ ſaal ſcheint nur lachende Gedanken, Träume von Reich⸗ thum und Glück einflößen zu können. Ich weiß nicht, wie man dort die groben Worte der Abſchaffung und Be⸗ ſchränkung wird wagen können. Bei Gott! daß man die Civilliſte beſtimme, ehe man ſich in ein ſo prächtiges Local begiebt! daß man raſch die entfernte Schrift ergänze, wenn nicht jede Verzierung, jeder Pfeiler, jede Säule uns eine Million mehr koſten ſoll. Was Horaz von den Dichtern ſang, müßte man von den Budgets ſagen: Mediocribus esse Non Di, non homines, non concéssere columnae*). In Wahrheit indeß gehört das Projekt dieſes Baues .*) Ich uͤberſetze zum Nutzen der Steuerbaren:„Goͤt⸗ „ter, Menſchen und Saͤulen haben ihnen nicht erlaubt, „mittelmaͤßig zu ſein.“ Anmerk. d. Verf. 7 nicht der Zeit, in welcher es ausgeführt wird. Es ent⸗ ſtand unter einer anderen Regierung, einer anderen Mo⸗ narchie, einer anderen Charte, einem anderen geſelligen Zuſtande, einer anderen finanziellen Lage, oder es entſtand vor zwei Jahren. Wenn mein Gedächtniß mich nicht trügt— und man muß ein gutes Gedächtniß haben, um eine That aus allen denen, die den Weg des Vergangenen verſchütten, heraus zu finden— ſo wurde der erſte Stein des neuen Gebäudes im Oktober 1829 durch die Hand des Miniſters des Innern gemauert. Und geſetzt, daß eine lange Reihe von Jahren dies Denkmal berührt, ohne es zu zertrümmern, daß keine Laune eines Baumeiſters die Nothwendigkeit zeigt, es umzubauen, daß keine Volkswuth es bis auf den Grund vernichtet, daß es vor Alter am Ende der Jahrhunderte, deren Dauer man ihm verſprochen hat, falle, alle Ereigniſſe überlebend, alle Revolutionen, deren Schauplatz es ſein muß: wird es für die, welche ſeine Ruinen befragen, nicht ein ſonderbarer Fund ſein, ein bedeutender Gegenſtand des Nachdenkens, wenn ſie un⸗ ter dem Stein, der dann der letzte ſein wird, den Namen desjenigen finden, der ihn gelegt hat, der drei Monate Miniſter einer Monarchie war, die nur noch neun Monate zu leben hatte? Wahrlich! ich kenne nur eine Sache, die mehr das bittere Lächeln eines Philoſophen verdient, es iſt das Wort„auf ewig,“ in einem Verbannungs⸗Geſetze geſchrieben. So viel iſt gewiß, daß die Deputirten⸗Kammer in 8 Kurzem einen weiß glänzenden Saal haben wird, hell und geſchliffen wie ein Spiegel, in deſſen Mauern unſere jun⸗ gen Erwählten ſich betrachten können, wenn ſie gezwungen ſind, ihre Toilette zu ordnen, die vielleicht einige Gewohn⸗ heiten vernichtet haben. Indeſſen iſt ſie noch in dieſem baufälligen Reduit, das die letzte Regierung für ſie bauen ließ, in der hölzernen Citadelle, die das alte Gebäude der Tuilerien in Breſche gelegt hat. Von dort aus kam in der That, wie ein Feuer⸗Zünder, die Adreſſe der 221; dort hat man den Volksſieg in Artikel geordnet, durch Verbeſſerungen geformt, auf die Charte begründet; dort hat man einen König gemacht; dort hat man eine Pairie vernichtet. Hinter dieſen ſchwach mit Gips bekleideten Brettern, die kaum gegen den Wind zu ſchützen ſcheinen, haben ſich Stürme erhoben, welche die Welt erſchüttern konnten. Und dennoch ſtehen ſie noch und ſind mit ein⸗ ander verbunden. Man wird ſie, von außen einem Treib⸗ hauſe gleichend, an den andern, jetzt noch wüſten Pallaſt angelehnt ſehen, von woher auch der Tod den Namen Bourbon zu verlöſchen ſcheint. Dort muß man hinaufſteigen, will man einer Sitzung beiwohnen, indem man beſorgt iſt, den Fuß auf die ela⸗ ſtiſche und helltönende Planke des Corridors zu ſetzen, der an die des Vaudeville erinnert. Ich ſetze voraus, daß man mit einem Blllet verſehen und nicht verſucht iſt, einen Platz auf der ſogenannten öffentlichen Tribüne zu ſuchen, ärmlicher Sammelplatz der niedrigen Zuſchauer, den man 6 — 9 von allen Seiten zum Vortheil der Bevorzugten einge⸗ ſchränkt hat, und wo in einem Lehnſtuhl die Wachſamkeit eines Gerichtsdieners einſchläft. Iſt man aber ein alter Deputirter, ein Staatsrath, oder hat man einen Freund im diplomatiſchen Corps, eine Bekanntſchaft im Königl. Hauſe, dann iſt man gut placirt, bequem, ohne ſich viel mehr zu beeilen, als der mit einem Nominal⸗Appel bedrohte De⸗ putirte. Fehlt das alles, ſo begnüge man ſich mit Billets für die zurückbehaltenen Tribünen, die man täglich an die Glieder der Geſellſchaft vertheilt, oder Morgens an der Thüre verkauft, indem man über den Polizei⸗Präfekten ſpottet. Dann aber beeile man ſich und verkürze das Früh⸗ ſtück; denn die Väter, Brüder, Vettern und Freunde der Redner ſind in Menge dort und machen die erſte Bank ſtrei⸗ tig. Ich rede hier nicht zu den Damen; ſie haben beſondere Plätze, in den beiden Ecken des Saales, der Verſammlung gegenüber, ſo daß ſie ſehen und geſehen werden. Die Quä⸗ ſtoren kennen ihren Ovid. 3 Die Blicke richten ſich jetzt auf die grünen Bänke, vor denen ein kleines Pult ſteht. Da es noch nicht 2 Uhr iſt und die Sitzung um 12 Uhr angeſetzt war, findet man dieſelben unbeſetzt und hat Zeit, das Mobiliar des Saales zu verzeichnen. Die Beſchreibung iſt nicht lang. Ein Lehn⸗ ſtuhl und ein Schreibepult für den Präſidenten, eine Fahne, zwei Wanduhren, die, ohne Zweifel durch den Einfluß des Locals, nie gleich gehen, zwölf Stühle, vier Seſſel und zwei Meſſagers. Dieſe letzten Möbel verdienen in⸗ 10 deß wohl einige Aufmerkſamkeit. Seit Stiftung der be⸗ rathſchlagenden Verſammlung hat man ſie nicht erneuet. Ich glaube nicht, daß ſie im Jeu de paume(Ballhauſe) waren; aber ſie tragen den Staub der National⸗Verſamm⸗ lung, der geſetzgebenden, der Convention, der Cinq-Cents (500), des geſetzgebenden Körpers, der Deputirten⸗Kam⸗ mer, der Kammer der Repräſentanten, der fünf Geſetzge⸗ ber, welche die Reſtauration gehabt hat, derjenigen, welche ſie umwarf, und endlich der gegenwärtigen Kammer: Gott . gnade mir, wenn ich die vergeſſe! Sie haben nur den leichten Wechſel des Zeuges, mit welchem ſie bedeckt ſind, 4 gekoſtet. Unlängſt war es Sammt, jetzt iſt es nur Tuch 1 mit tricoloren Borden und Gold⸗Franzen. Achtung vor dieſen alten Trümmern, die ſo viele Menſchen und ſo viele ö Ereigniſſe geſehen haben! Könnten ſie teden, es wären ſchreckliche Zeugen. Man hat Gelegenheit, ſich mit dem Präſidenten zu be⸗ ſchäftigen, weil er ſeit langer Zeit auf ſeinem Platze iſt, die Verſammlung erwartet und die vor ihm angehäuften — Verbeſſerungen ordnet. Der Präſident iſt nicht ein Mann, ein Redner, ein Deputirter, er iſt mehr als das Alles, er iſt das perſonifieirte Reglement. Die natürlichen Bedin⸗ 3 gungen dieſes Amtes ſind unerregbare Kaltblütigkeit und . eine gute Bruſt. Er darf ſich durch keinen Lärm betäu⸗ ben, durch keine Leidenſchaft erhitzen laſſen. Er muß ſo⸗ gleich zu jedem Fall den Artikel, zu jeder Verwickelung 1 1 die Auflöſung, zu jeder Verwegenheit den Zaum liefern; — ine 11 ausüben, verhindern, leiten, unterdrücken und alles ohne Phraſen, ohne Verhandlungen. Denn auf einer ihm wohl bekannten Bank wacht ein mitleidloſer Cenſor, eine Art Gegen⸗Präſident, der ihm Nichts durchgehen läßt und der, durch 20 Zeichen zur Ordnung gerufen, um nichts lenk⸗ ſamer geworden iſt. Die drei in der Macht des Präſiden⸗ ten ſtehenden Mittel zum Einhaltthun ſind: das elfenbei⸗ nerne Meſſer, die Schelle und der Hut. Das elfenbei⸗ nerne Meſſer, das fortwährend den Schreibtiſch belaſtet, dient bei geringerem Anlaß, wenn das Schweigen nur durch die Unterhaltung von 30 bis 40 Mitgliedern unterbrochen iſt, was ſelten geſchieht. Die Schelle, oder beſſer geſagt, die Glocke, ſpielt eine wichtigere Rolle. Wenn ſie wäh⸗ rend fünf Minuten getönt hat, iſt man faſt ſicher, die erſte Interpellation, die den Lärm wiederholen ſoll, zu hören, und die Glocke ertönt dann von Neuem, bis die Ermat⸗ tung der Ohren den Ungeſtüm der Zungen beſiegt. Der Hut iſt das letzte Mittel, der 14te Artikel der Charte, der den Berathſchlagungen auferlegte Staats⸗Streich. Setzt der Präſident ihn auf, ſo bekundet es, daß die Ordnung gänzlich aufgehoben und die Verhandlung unmöglich iſt: er erhebt ſich als ein Nothzeichen, als das: rette, wer kann, Würde und Vernunft. Eines Tages wurde das ganze Repräſentativ⸗Gouvernement in ſeiner Bewegung, durch das Fehlen eines Hutes, aufgehalten. Man fand keinen auf dem Tiſch, keinen auf der Erde. Es war im ganzen Saale nur eine ſchwarz ſeidene Mütze, und ſie nahm ihren — 12² Theil an der Bewegung. Endlich gelangte von außen der rettende Filz an. Unglücklicher Weiſe hatte der Diener der Kammer einen zu weiten gewählt; er glaubte, daß ein Präſident ſtets einen ſtarken Kopf haben muß. Die De⸗ putirten ſind endlich zahlreich verſammelt. Sie treten Einer nach dem Andern, oder zu Zweien, oder in Menge, ihre begonnene Unterhaltung endend, oder am Fuße der Tri⸗ büne, deren ſich ſchon ein Redner bemächtigt hat, eine neue beginnend, ein, ſie beſteigen langſam ihre Sitze und ſagen ihren Freunden guten Tag, vergebens durch die ſchwarze Patrouille der Gerichtsdiener erſtrebt, welche ſie auffordert, ihre Plätze zu nehmen. Wenn ſich alle geſetzt haben, wenigſtens 40 Mitglieder ausgenommen, welche nie ausruhen, die man unaufhörlich auf⸗ und abſteigen, von Einem zu dem Andern, von der Linken zur Rechten, vom Centrum nach den äußerſten Seiten gehen ſieht, das Ord⸗ nungswort feil tragend, überall Proben der Verbeſſerung zeigend, wahre Fliegen der parlamentariſchen Landkutſche: wenn ſich alle geſetzt haben, ſage ich, kann man die Phy⸗ ſiognomie der Kammer beurtheilen. Zuerſt wird man ohne Zweifel mit mir die Abſchaffung des Koſtüms beklagen. Das Koſtüm kann außerhalb eine Auszeichnung ſein, im Innern ſchafft es Gleichheit. Es hebt beleidigende Un⸗ gleichheiten auf Es verbirgt nachläſſige oder geſuchte Toi⸗ letten, die ſich unter einander läſtern und anklagen. Unter der Uniform, wie auch Schnitt, Farbe, Weite und Be⸗ ſatz ſei, verbergen und verlieren ſich die Fehler des Wuchſes 13 und die Phantaſten des Anzuges. Man iſt nicht mehr Greis oder Stutzer, geziert oder mürriſch; man iſt Deputirter, man iſt auf der Bühne, man ſpielt ſeine Rolle. Eine Sache von Wichtigkeit iſt, das mittlere Alter der Deputirten, welche die Verſammlung bilden, zu kennen; bei dieſer Gelegenheit werde ich eine Anekdote des Palla⸗ ſtes erzählen, die allen für unſern Stoff erforderlichen Ernſt hat. Die Obrigkeit ſaß auf ihren Bänken; der Ad⸗ vokat ſchwitzte Blut und Waſſer, um ſich verſtändlich zu machen; plötzlich ſieht er den Chef der Tribüne Einen nach dem Andern jedes Richterhaupt zählen und entſchloſſen zu ſeinem Nachbar ſagen:„wir haben die Majorität.“ Der Advokat glaubt, daß man über ihn rede und hält inne: „Fahrt fort,“ ſagt ihm der Präſident,„man beſchäftigt ſich nicht mit Euch.“ Die Sache war ſo; die Debatte hatte die Verminderung der gepuderten Köpfe, die in der Sitzung waren, zum Gegenſtande und die Köpfe à la Titus hatten die Oberhand. Die nämliche Beobachtung, auf den Bänken der Kam⸗ mer angeſtellt, wird eine merkliche Verminderung in dem Alter der Geſetzgeber zeigen. Man verſtehe wohl, daß ich diesmal nicht vom Puder rede; denn es iſt ausgemachte Sache, daß dieſer Kopſputz, ſo wie die Gicht, ausſchließ⸗ lich der alten früheren rechten Seite gehörte, ſo wie der linken feſte Beine, volles Haar und Schnurrbärte, wie man es auf jeder Karrikatur ſehen kann. Seit im eigent⸗ lichen Sinne des Worts keine rechte Seite mehr beſteht, 14 ſieht man auch keinen Puder mehr und nur einige Ueber⸗ bleibſel der alten Oppoſition. Aber das Alter kann durch die mehr oder minder ſtarke Schattirung der Haare be⸗ zeichnet werden. Kurz, ich habe gefunden, nachdem ich mit ſo gewiſſenhafter Aufmerkſamkeit, wie ſie nur die gegen die Tribüne gelehnten vier Schreiber, die über einen zweiten Verſuch urtheilen, zeigen können, den Auszug der Maſſen gemacht habe, daß, wenn man alle kahlen Köpfe, weißen Haare, Perrücken, ganz grauen Häupter und das, was man als falſches Toupet erkennen kann, auf eine Seite ſetzt, die Köpfe, welche eine hinreichende Menge Haare mit eigenen Wurzeln und eigener Farbe tragen, die Ma⸗ jorität haben. Daraus kann man ſchließen, daß man gegen die Jugend vorſchreitet, und Folgerungen ziehen, welche man will. Hiernach kann ich nicht beſtimmen, welche Doſis Ver⸗ gnügen man von einer Sitzung haben wird; das hängt von dem Gegenſtande, den man verhandelt, und auch ein wenig vom Zufall ab. Denn man muß nicht ganz den für den Tag beſtimmten Geſchäften trauen und einen Platz auf den Tribünen verſchmähen, weil das Bülletin eine Verhandlung ohne Intereſſe, z. B. ein Auflage⸗ oder Rekrutirungs⸗ Geſetz, einen Artikel, der über unſere Kinder oder unſere Thaler beſtimmt, ankündigt. Das Lärmen hat plötzliche und hart⸗ näckige Gebärungen, ſo gut wie Mißgeburten. Zuweilen ſpringt aus der matteſten Berathung eine Interpellation hervor, welche die Hälfte der Verſammlung erweckt, Be⸗ — — 15 wegung in alle Reihen bringt und wie der Schlag des Tambours alle in dem Konferenz⸗Saale oder in den Gän⸗ gen zerſtreuten Deputirte zurückruft. Aber dieſe Zufälle laſſen ſich nicht mit den Bewegungen einer auf einen be⸗ ſtimmten Tag feſtgeſtellten Sitzung, einer im Voraus an⸗ genommenen Herausforderung, zu der alle Zeugen berufen ſind, vergleichen. Dann iſt man auf den Bänken zuſam⸗ mengedrängt und häuft ſich auf den Tribünen. Vorzüg⸗ lich aber, wenn der Streit von der Art iſt, daß man kei⸗ nen Ausgang vorherſteht, wenn die Reſultate der entgegen⸗ geſetzten Meinungen, die durch den Kampf erzeugten Ueber⸗ führungen in einen Wahlkaſten nicht gezählt werden kön⸗ nen, wenn man keinen Grund ſieht, daß es ende und viel für die Dauer ſpricht. Denn Niemand will das letzte Wort ſeinem Gegner laſſen; Jeder muß ſeine Rede enden, ſeinen Sack voll Groll und Vorwürfe leeren! und dann folgt eine Frage auf die andere, die Antworten führen Auseinanderſetzungen herbei, die Epigramme Gegenbeſchul⸗ digungen. Die Perſönlichkeit mit ihrer Empfindlichkeit und ihren unerſchöpflichen Schutzreden wirft ſich dazwiſchen; ſie vervielfacht ſich, nimmt überhand und ſchwingt ſich auf alle Bänke. Das nennt man am Abend in dem Er⸗ friſchungszimmer der Oper eine intereſſante Sitzung. Es war ehedem ein Tag den Epiſoden gewidmet, den die Pfar⸗ rer den Tag des Sabbaths(Hexentanzes) nannten: es war der Sonnabend, wenn der Bericht der Bittſchriften einging; aber ihre Bedeutung hat verloren, ſeitdem die 16 Kammer das Antragsrecht der Geſetze zurückgenommen hat; das Handwerk eines Bittſtellers iſt ein verlornes: der Zu⸗ ſammenfluß der Vorſchläge hat es getödtet. Dort indeß, wie überall, iſt einige Uebung nöthig, um die durch gewiſſe Worte, durch gewiſſe Uebereinkünfte in der Sprache, die direkt an ihre Adreſſe gelangen, ſogleich die beleidigte Parthei zum Schreien auffordern, oder herr⸗ lich einem Vorurtheil ſchmeicheln, hervorgebrachten Wirkun⸗ gen zu verſtehen. Es giebt Worte, welche die Kraft haben, Leidenſchaften zu reizen und zu empören; andere, die, durch allgemeine Annahme geſichert, plötzlich lärmenden Beifall erregen; andere endlich, die unfehlbar Fröhlichkeit erzeugen. Die große Kunſt beſteht darin, ſie zur rechten Zeit hinzu⸗ werfen, ſie mit Klugheit zu vertheilen, durch eine Genug⸗ thuung einen Vorwurf vorzubereiten und den Meinungen, die man gewinnen will, eine Beute zu überliefern. Um ſo ſchlimmer für diejenigen, welche die Koſten redneri⸗ ſcher Vorſicht zahlen! Indeſſen muß man bemerken, alle Reden, die von den Tribünen gehalten werden, ſind nicht für die Verſammlung, welche ſie hört, gemacht. Einige ſind geradezu an die drei, dem Redner gegenüber befindli⸗ chen Logen gerichtet, wo mehrere Schriftſteller über Pulte gebeugt ſind. Dahin ſchwingen ſich viele Phraſen, um wie auf einer Orgel weiter zu hallen; von dort her kommt die Vertheilung des Rufes und erhält man die lobenden Parentheſen, die angenehm den Faden der Rede unter⸗ brechen; dort endlich verleiht man ſtrauchelnder Beredſam⸗ 17 keit großmüthigen Schutz. Wie viele hinkende und unvoll⸗ kommene Perioden finden ſich am anderen Tage in einem befreundeten Journale geformt und geraden Fußes fort⸗ ſchreitend wieder! Aber es iſt ſpät. Die Augen ſind ſeit langer Zeit auf eine der Wanduhren gerichtet und ſtets auf die, welche vorgeht. Der Ruf:„auf Morgen!“ erhebt ſich von meh⸗ reren Punkten des Saales. Diejenigen, welche bewirkt haben, daß die Verhandlung fortgeſetzt wird, entfernen ſich zuerſt. Die Miniſter ſind fort. Vor der Brücke Lud⸗ wigs XVI. halten drei oder vier Wagen mit magern Pfer⸗ den und alten Lakaien, in Goldtreſſen geharniſche Hüte und die Livree der Kammer tragend. Nachdem ſie täglich die Frauen der Sekretaire und die Enkel der Quäſtoren ge⸗ fahren haben, holen ſie die Herren, welche der Wahlkaſten ihnen auf ein halbes Jahr gegeben hat. Der übrige Theil der Deputirten geht, mit wenigen Ausnahmen, zu Fuße zum Eſſen, einige in ihrer Familie, andere bei dem Prä⸗ ſidenten der Kammer, andere bei den Miniſtern, wo ſie bedauern, daß die Bewirthung ſich verkleinert hat, andere in ein gutes Gaſthaus, andere endlich bei einem beſchei⸗ denen Traiteur, wo ihre Unabhängigkeit das Incognito bewahrt. Glücklich ſind alle, wenn die Tuilerien noch nicht geſchloſſen ſind, oder der Thorſchließer nicht zu wild iſt. Ich habe einen Deputirten ſich am Gitter zeigen ſe⸗ hen, das Budget unter ſeinem Arm tragend, ich meine das gedruckte und in graues Papier geheftete Budget. Der 4 1*ℳ* National⸗ Gardiſt, durch die Größe des Pakets erſchreckt, ſperrte ihm halsſtarrig den Weg, und das ehrenwerthe Mit⸗ glied wäre genöthigt geweſen, vor den Gräben umzukehren, wenn nicht der Corporal des Poſtens, wie ſie alle, Mann von Einſicht, ſich beeilt hätte, der Schildwache zuzurufen: „Laß den Herrn hinein; das Budget paſſirt immer.“ A. Bazin. Bewerber um ahkademilche und politiſche Stellen. Die ſüße Abendſtunde naht, wo die Geſchäfte der Män⸗ ner enden und die der Frauen beginnen, die Stunde, der Muße und der durch erheiternde Gedanken belebten Unterhaltung geweiht. Vier vertraute Freunde ſaßen um den Theetiſch und ſprachen über Moral, Politik, ſchöne Wiſſenſchaften und Künſte. Meiner Anſicht nach giebt es nichts Belehrenderes als dieſe ungezwungenen Erörterun⸗ gen, in denen der natürliche Verſtand durch Erwiederun⸗ gen glänzt, gute und boshafte Neigungen ſich enthüllen und das entfeſſelte Herz ſich ganz öffnet. Der Philoſoph, begierig ſeines Gleichen und den Urſprung der Dinge zu erforſchen, gewinnt hier mehr, als wenn er die Monologe unſerer gewichtigen Profeſſoren hört, die von der Höhe öffentlicher Kanzeln herab, oder in ihren Schulen ohne Erwiederung reden. Das Rege traulichen Geplauders hält 29 den Scharfſinn mehr wach; die Zeit, welche man dort zu verlieren glaubt, iſt oft aufs Beſte verwendet, und die Privat⸗Unterhaltung offener Männer, die, mit verſchiede⸗ nen Kenntniſſen begabt, ohne Prunk, ohne Vorbereitung, ohne zwangvolles Zurückhalten reden, ſcheint mir oft der am vortheilhafteſten zu folgende Lehrkurſus, um ſein Ur⸗ theil zu ſchärfen und ſeinen eigenen Verſtand durch Ande⸗ rer Einſichten zu läutern. Auch ziehe ich geſchäftsloſe Den⸗ ker, die den kleinen Kreis geiſtreicher und freier Vertrau⸗ lichkeit zu erheitern wiſſen, den ewigen Geſchäftsmännern vor, denen die Laſt ihrer Amtspflichten die Fähigkeit des Denkens raubt, gleich einem Poſtillon, der außerhalb des Weges, in dem er ohne anzuhalten und ohne Athem zu ſchöpfen fortfährt, weder hören, noch ſehen, noch plau⸗ dern kann. Von welcher Art wir auch ſein mögen, das allzuthätige Leben, nachdem es uns zu ſehr geſchärft hat, ſtumpft uns ab und macht uns ſchartig, wenn wir durch zu viel Muße roſten. Das ſagten ſich die vier Redner in dem Zwiſchenraum der Erholung, der ihren frühzeitigen Beſchäftigungen folgte. Bald gelangten ſie dahin, die Frage der durch die Kandi⸗ daturen erregten Unruhen zu verhandeln. Alle waren über einen Punkt einig. „Ja,“ hatte Dumont geſagt,„Intereſſe und Ehrgeiz rauben faſt jedem Menſchen das erſte ſeiner Güter, die Quelle ſeiner wichtigſten Eigenſchaften und ſeiner ergötzlichſten Ge⸗ müſſe, die Muße; Muße erhält die moraliſchen und phv⸗ — 21 ſiſchen Kräfte; Muße endlich läßt die Früchte eigener Ein⸗ ſichten genießen, lehrt den Gebrauch tauſender, täglich durch ſo viele Arbeiten und Anſtrengungen erkaufter und zuſammengeraffter Schätze, und ſtets opfert Jeder der ge⸗ ringſten, ſeiner Eitelkeit gebotenen Lockung dieſe ſo koſtbare Muße, wenn er ſie nicht blindem Geize geopfert hat. Ich ſehe, wie Männer in alle Wahlen ſich drängen, um jede Ehre, jeden höheren Poſten jedes Wirkungskreiſes ſich be⸗ werben; wie die älteren jüngere entfernen, deren Talente ihr Unvermögen verfinſtern, oder ihren alten Schlendrian läſtern; wie die jüngeren ihrer Seits Greiſe verdrängen, denen durch lange Dienſte erworbene Titel, Sorge für ihren ehrenwerthen und einträglichen Ruf, Erfahrungen unnd Einſichten einiges Recht geben, die anmaßenden Käm⸗ pfer zu belehren, welche mißgünſtig ſind, ſie wieder mit ihnen in den Kampfplatz treten zu ſehen. Man ſehe ſie ſich bewegen, unterdrücken und Einer dem Andern zuvor⸗ eilen: welche Schritte! welche Intriguen! welche Fallen! welche Kämpfe! und welch klägliches Ende für ſo viele Bewegungen! Die Palme oder das Amt wird ſo oft der Mittelmäßigkeit bewilligt, die ſich durch alle„von Jedem beneideten Ueberlegenheiten ſchleicht, und ohne Unterlaß von Thüre zu Thüre anklopft, um dem Würdigſten die Wahlſtimmen zu entwenden. Geſteht es, lieben Freunde, die Unterhaltung zu ihrer Zeit iſt den, im Kampfe dieſer Mitbewerbungen und Kabalen errungenen Siegen vorzu⸗ ziehen/* 22 und alle klatſchten bei dieſen Worten dem Gefühle Bei⸗ fall, das dieſelben ſchuf; alle vereinten ihre Billigung; alle ſchwuren, daß ſie Klugheit genug haben würden, ſich dieſen Kabalen zu entziehen und nie, um ſich in dieſelben zu miſchen, die vorgeſchriebene Laufbahn zu verlaſſen. Plötzlich erſcheint ein Diener, der einen Brief und das Abend⸗Journal bringt. Er legt das Blatt auf den Tiſch des Herrn und giebt das Sendſchreiben dem Chevalier Guérin, einem ſchon in den litterariſchen Geſellſchaften und der Verſammlung ſchö⸗ ner Geiſter gerühmten Dichter. Der Baron von Sain⸗ ville, Verwalter des Staatsrechts, nimmt das Journal, während unſer Schriftſteller ſeinen Brief ſeitwärts entſie⸗ gelt. In dem kurzen Augenblicke des Schweigens drückt der Maler Bernard, noch bewegt durch die Rede ſeines Kameraden Dumont, ihm lebhaft die Hand und bleibt in Nachdenken vertieft, worein ihn die philoſophiſche Lehre dieſes weiſen Genoſſen verſetzt hat. Der auf einem Stuhle. ſitzende Künſtler ſtarrt in die Zukunft und verharret in der unbeweglichen Stellung gleich der Statue eines römi⸗ ſchen Kaiſers. Dumont, neben ihm ſtehend, überläßt Jeden ſeiner Beſchäftigung und gießt von Neuem kochendes Waſ⸗ ſer in den Theetopf. „Gute Neuigkeit!“ ruft Guérin;„ein Mitglied des Inſtituts ſchreibt mir, daß einer der Vierzig von der fran⸗ zöſiſchen Akademie im Sterben liegt.... leſ't ſeinen Na⸗ men... ein berühmter Mann, wahrhaft weiſe, wahrhaft 23 gelehrt: da iſt eine ſchöne Lobrede zu machen... mir wird ſein Platz!“ mMun Aum „Deſto ſchlimmer,“ verſetzt Dumont;„der Verluſt eines ſolchen Akademikers würde eine große Leere laſſen. Aber ſchon zweimal fürchtete man, daß er ſeiner letzten Krankheit unterliege und vielleicht geneſt er nochmals.„— „Seitdem er ſchwächer wird, habe ich nicht verſäumt, ihn täglich zu ſehen, und dieſe ausdauernde Sorge meiner zärtli⸗ chen Freundſchaft rührte ihn ſo, daß er mir gleichſam die Ehre der Aufnahme in dem Geiſte ſeiner Kollegen vermacht hat. Man benachrichtigte mich von der Gefahr ſeiner tödt⸗ lichen Kriſe: ſein Todeskampf wird nicht bis Morgen dauern. Ich will denn meine Schritte beſchleunigen und den An⸗ ſprüchen der Mitbewerber zuvorkommen. Am Tage der Leichenfeier werden ſich zwanzig zeigen. Der Lärm mei⸗ ner Vorſtellung muß ſie einſchüchtern und entfernen. Du wirſt mir durch Dein Anſehn helfen.“ „Zähle darauf nicht. Ich menge mich nicht in den Einfluß der Ernennungen. Für mich ſelbſt nie intrigirend fühle ich mich nicht fähig, es für Andere zu thun. Ueber⸗ dies, denke an den Tadel, den Dir Deine Haſt zuziehen würde, dem gelehrten Litteraten, den Deine Beweiſe per⸗ ſönlicher Anhänglichkeit tröſteten, zu folgen. Denen, die nicht vertraut mit ihm waren, iſt es höchſtens erlaubt, den Nachlaß eines noch lebenden Mannes zu erſtreben: Du aber, von dem ſein Vertrauen den Tribut der Trauer und Seuf⸗ zer hofft, willſt ſelbſt nicht warten, bis er todt iſt, um 24 ihn zu erſetzen... Fürwahr, ein ſolches Benehmen ſcheint mir nicht zu entſchuldigen; Jedermann würde über Dich reden. Du würdeſt erröthen, Dir gerechte Vorwürfe zu⸗ gezogen zu haben, wenn Du der Kränkung des Mißlingens erlägeſt. Das Gewiſſen peinigt uns lebhaft, wenn der Er⸗ folg das Unrecht ſchlechter Handlungen nicht bemäntelt.“ „In der That,“ antwortete ſtotternd der verwirrte Gué⸗ rin,„boshafte Auslegungen könnten mich verhindern, zum Ziele zu gelangen; mein Verdienſt hat mir viele Feinde ge⸗ macht! ihr Haß würde die Beweggründe meiner Handlungs⸗ weiſe vergiften. Dein Rath iſt gut. Ich werde die Be⸗ richte der Nacht abwarten und meine Maaßregeln erſt an dem Tage der Beerdigung nehmen. Auch werde ich wohl bei dem Verſtorbenen einer Anzahl ſeiner akademiſchen Brüder begegnen, die ich prüfen, durch hin und wieder ihnen ins Ohr geflüſterte Worte fein erforſchen und durch meine wäh⸗ rend des zwiefachen Weges zur Kirche und zum Kirchhof über den Sarg vergoſſenen Thränen gewinnen werde. Die⸗ ſer Weg iſt anſtändiger, paſſender und ſicherer.“ „Lächerliche Sprache!“ unterbrach Bernard, den ihre Reden aus ſeinen Träumereien gezogen hatten.„Du biſt ein ſonderbarer Menſch! ein merkwürdiger Scheinheili⸗ ger! Was! Du ſpringſt vor Freude, da Du die Leiden eines Sterbenden vernimmſt, und machſt Dir Hoffnung, indem Du nach ſeinem Tode bei ſeinem Leichenbegängniſſe wehklagſt, die Luſt, Dir ſeinen Platz in der Akademie zu geben, 25 geben, rege zu machen! und dennoch, Du ſelbſt billigteſt mit uns, bei dieſem Tiſche, die Philoſophie unſeres Freun⸗ des! Du eiferteſt, wie er, gegen die Anmaßungen der Be⸗ werber! Du ſchwurſt, Dich ihrer Lächerlichkeit nicht aus⸗ zuſetzen und Deine Ruhe, Deine Würde mehr zu achten! Wohlan! dieſe ſchönen Betheuerungen, dieſe edlen Phraſen ſind wie der Rauch, durch den Wind des erſten Zufalles verweht. Warum ahmſt Du nicht meinem verſchmähenden Stolze nach? warum folgſt Du nicht meinem Beiſpiele? Handle ich dem zugegen, was ich ſage? ich bleibe wie ein unbeweglicher Block, wie der Leonidas des David, wenn man jetzt ein Werk ſeiner griechiſchen und veralteten Schule anführen darf. Hatte man mich nicht unterrichtet, daß ein Platz im Inſtitut ſeit vierzehn Tagen in der Akademie der ſchönen Künſte unbeſetzt iſt? Ich bin ein großer Künſt⸗ ler, ich bin ein Maler und, ich wage es meinen Mitbe⸗ werbern zu verſichern, ein beſſerer Maler als alle: Teufel! ich glaube, das heißt mich wenig rühmen, bei unſeren Klaf⸗ ter⸗Schmierern. Aber ſagt Eure Meinung rund heraus: habe ich den unbeſetzten Rang gefordert? Die Kenner mei⸗ ner Gemälde ſind in mich gedrungen, ihn zu verlangen, und ſagten mir die Einheit der Stimmen voraus. Frei geſagt! ich war geneigt, ihrem Nathe zu folgen, ehe unſer würdiger Kamerad geredet hatte; ſeine mit den meinen übereinſtimmenden Anſichten, über die ich ſo eben reiflich nachdachte, haben mich in meinem Entſchluſſe befeſtigt, keinen Schritt zu thun und nicht aus meiner Werkſtatt . 3. 2 * 1 26 zu treten, wo allein die Beweiſe meines Verdienſtes meine Sache vor meinen Richtern führen ſollen, wenn ſie ſtrenge Unpartheilichkeit haben. Fehlt ihnen Gerechtigkeit, würde ich meine Zeit mit überflüſſigen und demüthigen Kurbet⸗ ten verlieren? nein, bei Michel⸗Angelo, nein!”“ Kaum hatte er geendet, als ein Ausruf des Baron von Sainville ihr Geſpräch unterbrach.„Welchen Lärm macht Ihr, meine Freunde, über akademiſche Erledigungen! Die⸗ jenige, deren das Journal erwähnt, iſt von ganz anderer Wichtigkeit! Ein Deputirter, in drei Kollegien unſerer Departements ernannt, macht ſeine Entſcheidung bekannt, und veranlaßt die Wahl zweier Stellvertreter in dem einen, wo ich Präfekt war, und in dem nämlichen zweiten, wo ich meinen politiſchen Wohnort und drei Palläſte habe: doppelte Ausſicht des Gelingens! ich melde mich denn bei den Wäh⸗ lern ſowohl des einen, wie des andern, als Bewerber. Der Staat wird wenigſtens einen unbeſcholtenen, aufge⸗ klärten und tugendhaften Vertheidiger haben, unbeugſam in ſeinem Bürgerſinne, bei allen beſonderen Gelegenheiten brauchbar und für die höhere und General⸗Verwaltung der Intereſſen Frankreichs vollkommen geeignet. Ach! meine Herren des Raths und des Miniſteriums, ich bin da; und Ihr Herren der Linken, der Rechten oder des Centrums, Ihr werdet mich ſehen!“ Der Künſtler, in Staunen geſetzt durch ſeinen heftigen Ton, den ein ſtolzer Blick und die lebhafteſten Bewegun⸗ * gen begleiteten, ergriff ſeinen Bleiſtift und ſagte:„Erhabene 27 Stellung! betrachte dieſe Skizz: der natürliche Ehrgeiz, das Haupt erhoben, das Auge von Hoffnung entflammt, die Haltung voll ernſten Wohlwollens: Du wirſt auf der Tribüne nicht ſchöner ſein, und ich erwarte Dich beim erſten Angriff, um das Gegenſtück Deiner Figur in ſchlechterem Lichte zu machen.“ „Du biſt ein Narr, mein armer Bernard. Mein Portrait wird nie das des Ehrgeizes ſein, aber ſtets des vaterländiſchen Eifers, der ſich dem Lande nützlich zu machen ſtrebt. Sieh nicht falſch, wenn Du recht malen willſt.— Dank für die Warnung! aber ich habe Deinen Entwurf, und Niemand ſoll ſich daran vergreifen.— Zerreißt, ver⸗ brennt, Ihr bezahlten Zeichner, Eure Karrikaturen, die das Auge der beſten Bürger verblenden, die dem Ruf nicht weniger verderblich ſind, als die Satyren und die in Umlauf ſeienden bittern Abhandlungen der Versmacher und der in den Kabinetten nach Bogen verkauften Bücher⸗ hefter. So entehren Eure Künſte und Wiſſenſchaften die Politik, und entmuthigen rechtſchaffene Männer, die ſich in den Wahlverſammlungen den Intereſſen der Stadt opfern.—„Halt!“ eutgegnete ihm der durch ſeine Aus⸗ drücke beleidigte Litterat:„merke Dir die Lehre des Horaz, des alten Corneille, der beſſer als deine Publiciſten über die dem Vaterlande nützlichen Wahlen urtheilte: Seiner Verblendung gieb Schuld, daß Tauſende unnütz es wählet, Daß ſo ſchlecht oft die Wahl nur den Werthloſen trifft! 3 2* 28 Würdige Kinder ſind dem Vaterland wahrlich ent⸗ ſproſſen, Mehr gerranet als Du, Streiter im Kampf ihm zu ſeine Schweig! wenn unſere Staatsmänner die Litteratur nicht ſo ſehr verachteten, würden ſie ſich ſelbſt ohne Auf⸗ hören die guten Grundſätze, die ſie erzeugt, wiederholen; und wenn ſie dieſelben benutzten, würden ſie ſich nicht ſo vermeſſen den Wahlen darbieten, wie wenn ſie allein wür⸗ dig wären, dieſelben zu erhalten.“—„Bei meiner Seele,“ erwiederte der Baron,„ich würde Dir den Beweis durch den Sinn der nämlichen Verſe zurückgeben und Du wür⸗ deſt vor allen Euren akademiſchen Bewerbungen zurückſchrek⸗ ken.... Aber genug: erhitze Dich nicht durch Streit, ein Nichts ſoll nie uns entzweien. Seht, ich habe mehr kaltes Blut, als Ihr Beide. Ihr bleibt Beide in meinem Arron⸗ diſſement(Bezirk). Unterſtützt meine Bewerbung durch Eure Stimmen und die Eurer Freunde: ich werde die Euren durch meinen Einfluß und die Stimme meiner. Anhänger unterſtützen.— Geſchloſſener Vertrag, meine lie⸗ ben Kameraden, fügte er hinzu, ihnen Jedem eine Hand, welche die ihre mit Heftigkeit ergriff, reichend.„Top!“ ſchrien Beide auf einmal. Darauf wandte ſich der Maler zum Litteraten:„Höre, es ſetzt mich etwas in Verlegen⸗ heit. Ich weiß nicht, wie ich mich dabei benehmen ſoll, da ich ungeſchickt in der Intrigue, unbekannt mit den For⸗ malitäten bin....“„Ich werde ſie für Dich erfüllen: wir befördern uns gegenſeitig. Du brauchſt Dich nur auf 8 29 die Liſte der Bewerber einſchreiben zu laſſen.“—„Aber durch wen?“—„Durch den beſtändigen Sekretair, an den Du einen einfachen, deinen Wunſch ausdrückenden Brief richteſt...“„Wie ihn abfaſſen?“—„Ich werde ihn Dir diktiren.“—„Gutv; aber die gebräuchlichen Be⸗ ſuche: bin ich der Mann, ſie zu machen?“—„Die Be⸗ ſuche ſind nicht erheblich; die Akademiker haben ſelbſt be⸗ ſtimmt, daß Einſchreiben genügt; eine Verordnung, die nicht verhindert, daß man ſie durch weiſe Vorſicht mehr und mehr vervielfältigt, aus Furcht, auf der Straße ange⸗ ſprochen zu werden. Wahrlich! hüte Dich, wenn Dein Hochmuth dieſem Gebrauche widerſtrebt.“—„Ol nein, Du leiteſt mich und ich werde Deiner Spur nach Kräften folgen, wenn meine Werkſtatt mich nicht zurückhält. Meine Gemälde werden außerdem den Maler genugſam empfehlen. Nach ſeinene Werke ſchätzt man den Künſtler.“—„Baue darauf nicht zu feſt: verlaſſe den Pinſel und folge den Ferſen der Führer. Bearbeite weniger Deine Werke, aber bearbeite die Stimmen: das ſchuldet man ſich ſowohl als dem Publikum, wenn man fühlt, was man gilt; ſonſt verdrängen uns die Coterien.“„Es ſeil es gehe, wie es wolle!“ Während ihrer unterredung ſchwieg Dumont lächelnd, den Ellenbogen auf ſeinen Stuhl geſtützt. Der Baron von Sainville näherte ſich ihm:„Unſer Meiſter in Weis⸗ heit, Erfahrung und Verſtand, dies iſt nicht der Augen⸗ blisi, Deine einſichtsvolle Kraft erſchlaffen zu laſſen. Die 4 30, Erklärung des in drei Kollegien Erwählten öffnet mir zwei glückliche Ausſichten; ich werde beide verfolgen, und indem ich mich für die entſcheide, welche mir die ſicherſte ſcheint, werde ich von der andern nur zurückſtehen, nachdem ich Dich öffentlich als den Mann von hohen Fähigkeiten be⸗ zeichnet habe, dem alle guten Patrioten weichen müſſen, und auf dich werde ich meine ſämmtlichen Klienten über⸗ tragen. Welcher Vortheil! Du wirſt durch den erſten Sturm ſiegen.“ „Tauſend Dank, mein ehrenwerther Beſchützer!“ erwie⸗ derte Dumont, nachdem er, während der Baron mit ihm ſprach, ruhig ſeine Taſſe geleert hatte;„ich ſchwöre, zu beweiſen, daß, was da auch kommen mag, ich mich nie freiwillig in die Reihen der Bewerber ſtellen werde. Oft, es iſt wahr, hat eine Anzahl Wähler, meiner Geſchicklich⸗ keit vertrauend, die Augen auf meine Perſon geworfen, und ich, den lebhaften Bitten, die mich ehrten, weichend, da ich ihren Anerbietungen keine undankbare Sorgloſigkeit. entgegenſetzen wollte und mich als einen gewöhnlichen Sol⸗ daten, der bereit iſt, ſich auf den ihm bezeichneten Poſten zu begeben, betrachtete, habe geglaubt, ihrem Rufe folgen zu müſſen, aber nicht, ohne ſie im Voraus zu benachrich⸗ tigen, daß ſie nimmer über die Partheien, die mich nicht wollen, ſiegen würden. Weigerung oder Unthätigkeit würde ihre Großmuth verletzt haben; als Bewerber vorgeſtellt, ergab ich mich. Von da an ſahen und hörten mich meine Mitbürger: einſtimmige Beifallsbezeugungen zeigten ir, — *₰ 31 daß ſie mich vorzogen; aber, aber... die Menge wählt ſelten nach ihrem eigenen Intereſſe; die Leiter der Par⸗ theien wählten für ſie und leiteten ſie als Schäfer einer leichtgläubigen und allzu folgſamen Heerde. Die Unbeug⸗ ſamkeit meiner Vernunft hatte heimlich die beugſamen In⸗ ſtrumente für alle Umſtände, für jede Verwaltung gebraucht: nun, zufällige Veranlaſſungen haben über meine perſönli⸗ chen geſiegt. Sagt: die Wähler, die mich in dem Alter des Eifers, der Kraft und der Phantaſie, welche männliche Beredſamkeit erzeugt, damals, als ich Kopf und unermüd⸗ liche Lunge hatte, nicht zugelaſſen haben, werden ſie mich jetzt wieder auf die Probe ſtellen, da meine verringerten Kräfte die Kämpfe und heftigen Kriſen weniger unterſtützen können? Das iſt der Nachtheil, den die Intrigue der Ge⸗ ſellſchaft bringt: die Zahl von Ungerechtigkeiten erſchlafft das Herz, nutzt die Kraft der Organe und ſelbſt der Tu⸗ genden in der Zeit ihrer ſchöpferiſchen Reife ab, und man denkt nur dann erſt daran, dieſen Schaden zu erſetzen, wenn das herannahende Alter ihn unverbeſſerlich macht. Man urtheilt ſchlecht über mich, wenn man glaubt, daß die Ungewißheit des Ernanntwerdens mich zurückgehalten hat. Glaubt man mich zu demüthigen und mich zu betrüben, wenn man mich aus den Schranken verdrängt? Guter Gott! ohne ſtolz zu ſein, glaube ich mich zu vielen Em⸗ vorkömmlingen überlegen, die man zu Deputirten, Präſi⸗ denten des Staatsraths und glänzenden Würden macht, als daß man meine Eigenliebe, wenn ich deren beſitze, durch „ 4 32 irgend eine jener, von Zufälligkeiten, denen die Menge ſich hingiebt, erreichten Zurückſetzungen bewegt würde. Ehe⸗ dem hätte ich, durch falſche Ideen, die ich mir gebildet hatte, durch mein Gewiſſen, durch den Ruf geblendet, Zeit, Güter und ſelbſt das Leben gevpfert, um mich vor Allen auszuzeichnen: jetzt, über die Abſichten unſerer Po⸗ litiker enttäuſcht, würde ich nicht einmal meinen Namen den Liſten vertrauen, auf denen die Mehrzahl der ihren, ſo bald ſie eingeſchrieben ſind, verlöſcht.— Siehſt Du? der Stolz des Herrdis ſchudi uns gegen die gemeinen Eitelkeiten des Geiſtes.... Ich ſehe an Deinem Lächeln, daß Du meine Sprache deuteſt, wie Tauſend und Tau⸗ ſende, die ich nicht von meiner wahren Uneigennützigkeit überzeugen kann. Unſer Dichter ſeiner Seits wird mir die Fabel vom Fuchs und den Weintrauben vorhalten! Was kümmert's mich! Euch ſteht es frei, nach der Traube zu ſpringen: ich habe ohne Kummer und Grimaſſen auf dieſelbe verzichtet, nicht weil ich ſage, daß ſie zu herbe, aber befürchtend, daß ſie durch die Verderbniß der Zeit etwas verfault ſei.“ „Eine geſchichtliche Anekdote, die mir ſo eben einfällt, wird Dir zeigen, ob ich Grund habe, daran zu zweifeln, daß man nur das Verdienſt auszeichnet. Gewiß wird Niemand läugnen, daß Buonaparte die Menſchen richtig zu wählen und ihre Fähigkeiten zu beurtheilen wußte. Die Namen dreier Bewerber um den jährigen Vorſitz des geſetzgebenden Körpers, deſſen Schweigen er beſoldete, wurden dieſem 33 Souverain⸗Wähler durch den Erz⸗Kanzler Cambacérès vor⸗ gelegt, der ſie ihm mit dieſen Worten empfahl:„Sire, wir ſtellen zu Ihrer Wahl die Herren Portalis, Fontanes und Dureau⸗de⸗la⸗Malle. Der Erſte, ein alter Rechtsge⸗ lehrter, iſt Ihnen durch ſeine Einſichten in der Verwal⸗ tung, durch ſeine Arbeiten bei den Ausſchüſſen, bei den Berathungen Ihres Staatsraths und durch die Dienſte, welche ſein Eifer ſtandhaft der Religion und dem monar⸗ chiſchen Princip geleiſtet hat, bekannt. Der Zweite hat ſchon Ihrem geſetzgebenden Körper vorgeſtanden und Ih⸗ nen bewieſen, daß ſeine Redner⸗Talente und ſein akade⸗ miſcher Vortrag die Beweiſe ſeiner gänzlichen Ergebung in Ihren gerechten Willen glänzend unterſtützten. Der Dritte, ein Mann von ächter Rechtſchaffenheit und aus⸗ gebreiteter Gelehrſamkeit und ein gewandter Schriftſteller iſt der Ueberſetzer des Titus Livius, des Salluſt und des Tacitus; dieſer Philoſoph wird beſſer als jeder Andere Ihren arbeitſamen Ruhm ſchätzen und Ihre Perſon wür⸗ dig loben.“„Er wird es nicht immer wollen,“ antwortete der durchdringende Napoleon mit leiſer Stimme;„ernennt Fontanes.“ Dies geiſtreiche Wort entſchied die Wahl, nicht zu Gunſten des tugendhaften Verdienſtes, dem es ſo ehrenvoll war, aber zu Gunſten der tiefen Ergebung in herrſchſüchtige Pläne einer Macht, der jeder Gedanke der Freiheit Schatten brachte. Nun, meine Freunde, was den Kaiſer beſtimmte, beſtimmt alle Partheien; ihre Häup⸗ ter haben alle denſelben Despotismus, ohne ſeinen Geiſt: 4 34 ſie erwählen nur ihre geſchickten Schmeichler, ihre Lob⸗ redner oder ihre Sklaven und nicht die Vertheidiger des allgemeinen Intereſſes. Ja, bei den Wiſſenſchaften und den Künſten iſt es wie bei den politiſchen Angelegenheiten.“ „Guten Abend denn, ſtolzer Müßiggänger!“ ſagte der Baron;„gefalle Dir in Deiner betrachtenden Muße, in Deiner vollkommenen Nutzloſigkeit: bleibe Nichts nach Deinem Belieben. Ich will über die Erklärung meiner unerläßlichen Grundſätze nachdenken und meine Cirkulare abfaſſen. Morgen werden ſie die Preſſen und die Litho⸗ graphien verlaſſen.“ 1 „Auf Wiederſehen, weiſer Schwätzer!“ ſagte der Schrift⸗ ſteller; ich muß Dich verlaſſen, um mich von dem Bülle⸗ tin unſers ſterbenden Akademikers in Kenntniß zu ſetzen und ihm einen letzten Troſt zu bringen ſuchen, wenn er noch ſichtbar iſt. Sein Wohlwollen für mich macht es mir zur Pflicht.“ „Adieu, Philoſoph, ich muß den Schritten Guerin's folgen, damit er nicht vergißt, mir das zu diktiren, was ich dem Sekretair der ſchönen Künſte ſchreiben ſoll.“— „Aber Deine Frau, theurer Sainville, die Dich nach dem CTheater hier aufſuchen wird.“—„Du wirſt ihr ſagen, daß ein unvorhergeſehenes Geſchäft der Kandidatur mich ſie auf den Ball zu führen verhindert. Ich werde ſie mor⸗ gen wiederſehen.“ „Aber Deine Geliebte, theurer Guérin, die ſich freute, heute Abend unſern traulichen Schwätzereien beizuwohnen, 35 t in denen ihr Geiſt den Deinen mit einer Grazie glänzen läßt, die ſich zu ihren Reizen geſellt.“—„Du wirſt ihr ſagen, warum ich ſie nicht erwarten konnte. Ich werde ſie dieſe Nacht wiederfinden.“ „und jene junge Dame, das niedliche Modell, mein braver Bernard, die geneigt ſchien, Dir durch artige Blicke den Ausdruck zu bezeichnen, den Du ihrem Bilde geben ſollſt; ſie wird nicht zögern, Dich um eine Sitzung zu bitten.“ „Dies iſt nicht die Stunde, das Gemälde zu vollenden.“ „So geht Ihr alle fort! So ſind jetzt für Euch dieſe Vergnügungen, dieſe Mußeſtunden nichts mehr, die Ihr ſchwurt, nie dem Ehrgeize zu opfern!“ Sie antworteten ihm nicht mehr und gingen eilig fort. Dumont, ſo früh von ihnen verlaſſen, ſagte lächelnd zu ſich ſelbſt:„Hätte Molière ſie geſehen, ſo würde man nicht wiederholen, daß die komiſchen Charaktere für das Luſtſpiel erſchöpft ſind.“ Indem er über den Anfall von Tollheit, der ihm ſo früh den angenehmen Zeitvertreib des Abends raubte, ſich be⸗ luſtigte, verwandelte das Bedauern ihrer plötzlichen Thä⸗ tigkeit ſich in Verachtung; indeſſen erwog er, daß während des jetzigen Jahrhunderts wir Prinzen und Könige, die Bewerber erledigter Kronen, ſich dem Gewirre ähnlicher Manöver, wie bei den akademiſchen und Volks⸗Wahlen, haben hingeben ſehen; er dachte daran, daß ſelbſt Geiſtliche, der Welt und Menſchheit entſagend, es nicht verſchmähe⸗ ten, ſich in die Schmelzöfen des Conklave zu begeben und dort, als Märtyrer des Stolzes, die päpſtliche Bewerbung 36 durch teufliſche Verſuchungen und Ausrufungen zu verfolgen. Seine Nachſicht entſchuldigte das Gehen der Freunde, indem er einſah, daß, wie den großen Klaſſen die kleinen, eben ſo das Menſchengeſchlecht dem Reiche derſelben Leidenſchaften und Schwachheiten weicht. So macht Schwachheit die Menſchen gleicher, als ſie es vor dem Geſetze ſind. Es beſteht unter ihnen nur ein ſeltener, und noch ſeltener anerkannter Nang, der der Weisheit. Dumont beſchäftigte einſam damit ſeine Gedanken, als die drei eingeladenen Damen nach einander anlangten. Ihre Eitelkeit wurde durch die Erzählung, die er ihnen von dem plötzlichen Ent⸗ weichen ſeiner Genoſſen machte, gepeinigt. Die Baronin von Sainville allein nahm mehr Vernunft an, als die anderen. Geräuſch, Luxus und alle Vergnügungen ihres Geſchlechtes mehr als ihren Gatten liebend, begierig, daß er Erſchaffer der Zierde ihres Hauſes werde und ſein Ver⸗ mögen, ſeine Familie vergrößere, trachtete ſie ihn in der Kammer der Deputirten zu ſehen, von wo aus er in die. Säle der Miniſter und von dort in das Kabinet des Mo⸗ narchen, der ihn zu den Cirkeln, zu den Feſten im Pal⸗ laſte einladen würde, gelangen konnte. Sie projektirte, ihn durch geheime Audienzen zu unterſtützen, da einige Große oder die Häupter der Oppoſition eine niedliche Bitterin nicht zurückſtoßen würden. Ein verſtohlener Blick, den ſie in den nahen Spiegel auf ihre Geſtalt und ihren Schmuck warf, beſtärkte ſie in dem Glauben, daß der glänzende Ball beim Geſandten, wohin ſie ohne Zögern ging, um zu tan⸗ 37 zen, der Sache des Barons mehr Fortgang bringen werde, als alle gebräuchlichen Cirkulare: dort verſammelte ſich die Auswahl der einflußreichen Leute des Hofes und der Stadt; das unbedeutendſte bezeichnende Wort einer eleganten Frau, das Nebenbuhler entfernen kann, nimmt viel leichter die miniſteriellen Köpfe ein, als die ernſteſten und am vor⸗ züglichſten bearbeiteten Reden. Sie verkündet beim erſten Anblick, daß ihr Mann allein der bezeichnete Bewerber iſt: dieſe einmal geſäte Neuigkeit keimt überall und geſtaltet die öffentliche Meinung: ſie dehnt dieſelbe aus und begei⸗ ſtert ſie, und durch ihre Klugheit gewinnt ſie der Herr Baron, zu beiderſeitiger Wagniß und Gefahr; er darf ſich ernſtlich nicht über ſeine eheliche Hälfte beklagen. Das waren ungefähr die Sachen, welche ſie froh ausdrückte, und raſcher als der Blitz eilte ſie ſtrahlend davon. Dumont, die Gewandtheit ihrer weiblichen Verſuche erwägend, ſah die Wahrſcheinlichkeit des von ihrem rechtſchaffenen Gatten erſtrebten Erfolges voraus. eenn 1h Er fragte plötzlich die Geliebte des Chevalier Guérin, ob nicht ihre Güte, ihm dieſen Abend die Unart ſeiner Abweſenheit verzeihend, in derſelben Art für das Gelingen ihres Freundes arbeiten und ihr zärtlicher Eifer ſich be⸗ mühen wolle, ihm die Ehre einer Aufnahme⸗Sitzung zu verſchaffen? Er lehrte ihr, daß die Ernennungen der Aka⸗ demie das eigentliche Geſchäft der Damen ſei, daß alle Frauen der großen Welt ſich darein miſchten und daß ſie faſt allein über die Stimmen verfügten. Die Antworten 38 der jungen Frau bewieſen ihm, daß ihre Eigenliebe ſowohl, wie ihre andere Liebe, ſie an dem Triumph ihres Freun⸗ des Theil nehmen ließen, und daß ſie ſich nicht weniger, als die Baronin durch wirkungsreiche Bitten hervorthun werde, daß ſie ſich aber nicht ſo offen zu erklären wage, wie es eine geſetzmäßige Gattin kann, und daß das geheim⸗ nißvolle Band, welches ſie vereinte, mehr Zurückhaltung erfordere; daß außerdem ihr ſehr eiferſüchtiger, argwöhni⸗ ſcher und reizbarer Freund über einige gewagte Beſuche erregt ſein, daß ſie dennoch einen oder zwei dergleichen wagen würde, daß ſie aber nur romantiſche Schriftſteller kenne, und daß ſie fürchtete, ihre Unvorſichtigkeit könne, wenn das Geheimniß nicht wohl bewahrt werde, ihrem Geliebten bei der Parthei der Klaſſiker ſchaden. Ferner fügte ſie, ſich zierend, hinzu, daß dieſe Art ſehr zarter und in Ver⸗ legenheit ſetzender Schritte bei den älteren, oft kalten und hartnäckigen Gelehrten überflüſſig ſei, während die jünge⸗ ren, allein liebenswürdigen und thätigen, ihr die ſchienen, welchen es daran gelegen ſei, durch ihren Einfluß zu wir⸗ ken; daß aber die romantiſchen Feder⸗Bärte ihr mehr Furcht einflößten als die klaſſiſchen Graubärte, weil jene ſich oft zu ſehr ereiferten und weniger zart.... Ein naives Lächeln erklärte den vollen Sinn ihrer Phraſe. Nichts deſto weniger verſprach ſie, ſich möglichſt zuträglich der Sache zu entledigen und entfernte ſich, im Voraus mit der decenten, zu nehmenden Handlungsweiſe beſchäftigt, 39 indem ſie ſcherzend ſagte: ſie wolle ihre intereſſanten Bü⸗ cher durchblättern. 5 e at Die blühendſte und lieblichſte der drei Frauen blieb zu⸗ letzt bei Dumont allein zurück. Sie ſchmollte ihrem Künſt⸗ ler, der ſie nicht hatte erwarten wollen; die Erinnerung an ſein ungeſtümes Fortgehen entrüſtete ſie noch mehr. Die geiſtreiche Unterhaltung Dumont's aber, der gute Ton ſeiner Galanterien, das natürliche Feuer ſeiner einfachen und frei ſcherzenden Manieren entfernten ſie bald von einem Andenken, das ihre Laune verletzte. Frei von allen Anma⸗ ßungen der Künſtler, Schriftſteller und Politiker, ſprach er nur über die Kandidaten, welche ſich um Gunſtbezeugungen bewarben, die nur ihre Schönheit bewilligen konnte. Man kennt nicht die Erwiederungen auf tauſend dringende Fra⸗ gen: ſo viel muthmaßt man nur, daß er der weniger Un⸗ glückliche unter den Bewerbern war, deren Huldigungen ſie an ſich zog; daß ſie ihm verſprach, nicht als Modell in der Werkſtatt Bernard's zu ſitzen, und daß endlich die Muße des Abends viel vortheilhafter benutzt war, als die Zeit ſeiner ehrgeizigen Genoſſen. Err ſah dieſelben ſeit der Zeit, wo die Verfolgung ihrer Kandidaturen ſie aus ſeiner Wohnung entfernt hatte, nur im Vorübergehen wieder. Ihren Intereſſen nutzlos, ver⸗ gaßen ſie ihn in ſeinem Winkel: das iſt gewöhnlicher Ge⸗ brauch. Guérin wiederholte ſein Umhergehen und ſeine Viſiten⸗ Karten vom Morgen bis zum Abend; er ließ den Mitglie⸗ 40 dern des Inſtituts beim Herausſteigen aus dem Bette keine Ruhe, er erſpähte ſie im Augenblicke ihrer Muße. Ueber den Erfolg ſeiner erſten, beim Leichenbegängniß des Ver⸗ ſtorbenen hingeworfenen Worte ungewiß, war es nöthig, ſo ſagte er, die guten Amtsbrüder zu beſuchen, um aus ihrem Munde die merkwürdigen Details eines Lebens zu ſam⸗ meln, deſſen eifriger Lobredner er ihnen zu ſein verſprach. „Ja, mein Herr!“ wiederholte er Jedem:„Sie waren der, den er in ſeiner berühmten Umgebung am meiſten auszeich⸗ nete; ich gehorche ſeinen letzten Wünſchen, wenn ich Ihnen ſeine beſondere Achtung ausdrücke. Seine übrigen Kolle⸗ gen erreichten nicht ſeine Höhe: denn, unter uns und im Vertrauen geſagt, wenige unter denſelben ſind Ihnen gleich. Ich erkläre es, weil er es dachte; denn meinem ſchwachen Urtheil kommt es nicht zu, mich über das Verdienſt der Männer auszuſprechen, welche die Wahl der Akademie zu meinen Richtern gemacht hat... Sie wiſſen es ſchon!... Mein zweiter Beſuch iſt nicht ganz ohne Eigennutz.. Ja, darf ich den lebhaften Wunſch verläugnen, in Ihnen einen aufgeklärten Beſchützer zu finden, der mich durch ſeinen Rath und ſeine einflußreiche Autorität unterſtütze? Meine kleinen litterariſchen Verſuche geben mir weniger den Muth, eine akademiſchen Sitz zu begehren, als die Ermuthigungen des berühmten Freundes, den unſere bei⸗ den Herzen ſo betrauern! Ihnen mich zuerſt vorzuſtellen, empfahl er mir; meine Beſcheidenheit hätte es mir verbo⸗ ten; ich that es nur, um ihm zu gehorchen. Sein Name 41 hat mir ſchon ſehr ſchmeichelhafte Verſprechungen verſchafft, und ich werde Ihnen die Liſte der Stimmgeber mittheilen, die mir eine ſichere Majorit it verſchaffen....“ „Mein Herr,“ unterbrach der Akademiker mit einem Accent zurückgehaltener Leutſeligkeit,„zeigen ſie mir nicht Ihre Liſte der Majorität; vier Ihrer Konkurrenten haben mir eine ähnliche vorgelegt, und alle Viere trügen ſich in der Rechnung der Stimmen, die ſie erlangt zu haben glau⸗ ben. Dieſer Irrthum iſt häufig bei den Bewerbern, welche geneigt ſind, die geringſte Antwort, die der Gebrauch der Höflichkeit erfordert, für Verpflichtungen zu nehmen. Er⸗ lauben Sie, daß meine Offenheit ſich klar über die Ver⸗ legenheit der Mehrzahl meiner freundlichen Kollegen aus⸗ ſpreche: wozu täuſchen? Unſere Verordnung ſchreibt uns vor, unſere Stimmen nicht im Voraus zu vergeben: ich will glauben, daß Jeder ſich dem gewiſſenhaft unterzieht. Was mich betrifft, ich vermeide ſelbſt den Umſchweif der Artigkeit in meinen Ausdrücken, damit man ſich über den Sinn, welchen ſie einſchließen, nicht irre. Ich bin die⸗ ſen nichtigen Gefälligkeiten entgegen, welche die Wahl⸗ kaſten in erſte dem Einen, in zweite und dritte dem Andern bewilligte Stimmen theilen: eine geſchickte Vor⸗ ſicht, durch die man zugleich die Dankbarkeit zweier Be⸗ werber erlangt, welche die Unſchlüſſigkeit aller gleich von ihrem Ziele entfernt. Mein Wahlzettel iſt das Geheimniß meines Gewiſſens; es bleibt derſelbe, wenn die Wendung der Wahl mich nicht zwingt, ihn zu ändern.“—„Mein 5 8 1 2*ℳ 42 Herr,“ ſagte Guérin,„Ihr Verfahren ſcheint mir ge⸗ recht und weiſe; wenigſtens kann man unverändert auf Sie zählen, wenn man das Glück hat, der für das Wohl der Geſellſchaft am meiſten Geeignete zu ſein, die nur das in der Litteratur ausgezeichnete Verdienſt wählen darf.“ „Aber,“ erwiederte der Akademiker,„nicht allein das litterariſche Verdienſt entſcheidet bei unſerer Uebereinkunft. Inſere Akademie beſteht nicht, wie die der Wiſſenſchaften, aus Beſonderheiten, die beſtimmt genug ſind, um dem Schutze der Häupter der Kameradſchaften, gewiſſen Vorſitzen bei Hofe und im Prieſterthum, hohen Herrſchaf⸗ ten, die nichts Merkwürdiges geſchrieben haben und ihren unterwürfigen Kreaturen, die ſich unter dem Schutz ihrer Gunſt reihen, unzugänglich zu bleiben. So bald ausge⸗ zeichnete Perſonen in der Eigenſchaft von, den Intereſſen des Körpers bei höheren Gewalten nützlichen Dollmetſchern und als ſeinem Glanze das nöthige Relief gebend, dort aufgenommen waren, ſo bald macht die Geſchicklichkeit und Zudringlichkeit der Kabalen unächten Ruhm Mode, den partheiiſche Journaliſten anpreiſen. Oft verſperren mittel⸗ mäßige Talente durch den Irrthum eines neuen Geſchmacks den verdienſtvollſten Namen den Weg. Oft wählt man dieſen, den man nicht ſehr ſchätzt, weil man jenen nicht liebt, und den unter den Bittern verdienten Vorzug be⸗ ſtimmt oft weniger Wahl, als Abneigung.“. „Dieſe Art Mißbrauch war ein Fehler jeder Zeit, ohne Rückſicht der alten Vorurtheile, welche einſt Molière und 43 J. J. Rouſſeau ausſchloſſen. Zeigt uns nicht die Bered⸗ ſamkeit der politiſchen Tribüne unter den glänzenden Merk⸗ würdigkeiten unſerer Epoche den General Foy und Ben⸗ jamin Conſtant, meine beiden alten Freunde? Nun wohl! konnten wir unſere Lorbeeren auf ihr Grab legen? Unſere Minderzahl beehrt ſich nur das Ausgezeichnete der Talente in Betracht zu ziehen; unſere Mehrzahl aber wägt, durch ſcheinbare Rückſichten, den Werth der Titel jeder Art; ſie nennt willig den Miniſter, den Pair von Frankreich, den Kardinal, den Erzbiſchof, den Biſchof, während wir andern untern ihnen nur einen Pascal, Boſſuet, Fenélon, wenn ſich ein ſolcher fände, ſelbſt noch einen Maury wäh⸗ len würden, weil er in gutem franzöſiſchen Styl ſprach und ſchrieb.“ „Ihre rechtſchaffene Erklärung genügt mir, mein Herrz ich will weder Ihre Augenblicke, noch Ihre Güte miß⸗ brauchen. Ich gehe glücklich und von der Untheilbarkeit Ihrer Stimme überzeugt fort. Erlauben Sie Ihrem er⸗ gebenen Bewunderer, zuweilen den Verfaſſer ſo vieler Mei⸗ ſterwerke um Rath fragen zu dürfen!“ 3 Er grüßte tief und ging mit der Ueberzeugung fort, daß die Stimme des Akademikers für ihn ſein werde, da ſie nur durch den beſten Bewerber erlangt werden konnte; ſein beſcheidenen Bleiſtift ſchrieb ſie, als ſchon verſprochen, in ſeine Liſte. Der Lauf ſeines Verfahrens wurde nicht gehemmt. Beſorgt, auch nicht einer Meinung zu wider⸗ ſprechen, kein Syſtem zu verletzen, beugte ſich ſein Geiſt 44 allen Verſchiedenheiten des Geſchmacks und Charakters, denen er begegnete. Den Klaſſikern kündigte er ſich als Eiferer für die alten Regeln an, deren Befolgung allein die Litteratur erhalten könne: den Romantikern geſtand er die Langeweile, welche ihm die einförmigen Meiſterwerke der alten Künſtler erregten, und drückte ihnen ſeine Neigung für die ungeregelten Streifereien einer Schule ohne abſo⸗ lute Grundſätze, ohne anderes Vorbild, als das der un⸗ verfälſchten Natur und ihrer zugleich einfachen und rau⸗ hen, treuherzig ſchrecklichen oder niedrigen Sprache aus. Aber die Verſchiedenheit der Theorie war nicht der ſchwie⸗ rigſte Gegenſtand für ſeine Anforderungen. Einige ſetzten ihm den Namen eines durch ſeine Armuth und ſein hohes Alter empfohlenen Mitbewerbers entgegen, wie wenn der akademiſche Sitz ein Hospital⸗Bett, für den Schlaf armer und invalider Schriſtſteller bewahrt, ſei. Andere hatten für ſich ſelbſt und mit ihren Kollegen eine Art voreiliger Ver⸗ pflichtung für einen Bewerber genommen, den ſie ſchon gezwungen hatten, früheren Bittſtellern zu weichen. Bei noch Andern hatte ſich ſchon früher ein in dem Kabinet des Königs gehörter Großer vorgeſtellt. Auf jeden Einwurf hatte der ſich einſchmeichelnde Guérin eine Antwort und ermangelte nicht, ihre Stimme unter die Zahl derjenigen, die ihm gegeben waren, zu ſetzen. Alle Mitbewerber ahm⸗ ten ihn ihrer Seits nach; und die traurigen Unſterblichen ſeufzten, im Unwillen über die ſich kreuzenden Zudringlich⸗ keiten, nach dem Tage der Wahl, damit ſie dieſelben los 45 würden, auf Gefahr der Feindſchaft von zehn bis zwölf Unzufriedenen und der Gleichgültigkeit eines undankbaren Erwählten, der es oft ſelbſt verſchmähte, den Sitzungen des Körpers beizuwohnen, in den ſeine Eitelkeit aufgenom⸗ men zu werden brannte. Bei der Akademie der ſchönen Künſte waren die näm⸗ lichen Kabalen, die nämlichen Beklemmungen, die näm⸗ lichen Täuſchungen. Der Maler Bernard bewährte mehr Stolz, beſſer geſagt, mehr Dünkel bei ſeinem bewerbenden Verfahren. Seine gute Meinung von ſich ſelbſt und ſei⸗ nen Talenten ſtellte ihn in ſeiner eignen Achtung zu hoch, als daß er viel nach dem Platze in einer Geſellſchaft fra⸗ gen ſollte, deren Mitglieder er alle als unter ihm ſtehend beurtheilte. An ihre Titel aber knüpfen ſich poſitive und pekuniaire Vortheile; er ſah ein, daß die Richter aller bei den Wettſtreiten der Künſtler zu beſtimmenden Preiſe, daß die Vertheiler der durch die Regierung an Muſiker, Ma⸗ ler, Bildhauer, Kupferſtecher und Architekten ausge⸗ theilten Arbeiten Vorrechte genoſſen, die dem Vermögen nicht weniger günſtig waren, als dem Ruhme. Das mä⸗ ßige Einkommen der Privatleute kann weder Meißel noch Pinſel bereichern; die engen Palläſte haben nicht Raum genug für die großen Unternehmungen der ſchönen Künſte. Nur die Freigebigkeit des Staats oder der Prinzen unter⸗ ſtützt würdig den Glanz, ſie nur kann die unvermeidlichen Koſten ſeiner weiten und vollkommenen Ausführung erſetzen. Er fühlte dies Bedürfniß und wollte ſeinen Theil haben 46 an dem Glanz und Vortheil, den man gewinnt, wenn man für öffentliche Denkmäler arbeitet. So war er denn durch dieſelbe Nothwendigkeit gezwungen, nach der Reihe den Günſtlingen der miniſteriellen Kabinette und der Präfektu⸗ ren, den Generalverwaltern und ihren Schreibern zu ſchmei⸗ cheln, alles Leute, die geneigt ſind, eher ſolche Talente erwählen zu laſſen, deren Geſchmeidigkeit ſich ihren Ab⸗ ſichten folgſam zeigt, als unabhängige Genies, die nur ihren individuellen Eingebungen gehorchen. Nun, ſeine Anma⸗ ßung ſtellte ihn in dieſe Klaſſe, und er wußte ſeinen ſtolzen Charakter ſchlecht in den Sälen zu verſtellen, wo mittel⸗ mäßige Künſtler kreiſen und ſich erniedrigen. Mehrere Wochen vergingen, und unſere drei Bewerber, welche der vernünftige Dumont während ihrer Streifereien faſt nicht wieder geſehen hatte, kehrten eines Abends zu ihm zurück, um ſich über das Reſultat ihrer ehrgeizigen Pläne zu unterhalten. Der Litterat und der Maler traten zuerſt ein. „Gratulire mir, theurer Lehrer!“ rief Guérin mit kon⸗ vulſiviſchem Lachen. „Wie Piron, bin ich Nichts, ſelbſt nicht Akademiker.“ Aber wie die 40 Unſterblichen ſich ſtandhaft hielten! Ich will über ſie eine Fluth von Strophen, Epigrammen und Satyren regnen laſſen, die ſie alle überſchwemmen ſoll.“ „und ich,“ rief lärmend Bernard,„ich rechnete auf mein Glück und habe das Schickſal des berühmten Pouſſin: aber ich werde nicht nach Italien flüchten, ehe ich nicht 47 in tauſend Karrikaturen bei allen Kupferſtich⸗Händlern unſere Steinhauer in Leinewand und Schneider in Stein bezeichnet habe, deren Stimmen nicht eine der Zigarren werth ſind, welche ich unter ihrer Naſe rauche!“ „Friede, Friede!“ erwiederte Dumont;„tröſtet Euch, meine armen Freunde, über Euer Mißlingen, und daß der Aerger Euch nicht ungerecht gegen einen Ausſchnß von Männern mache, deren Kollegen Ihr zu werden ſtrebtet. Hätten Sie Euch ernannt, würdet Ihr ihr Talent und ihre Billigkeit loben; durch ſie nicht gewählt, erniedrigt Ihr ſie mit dem Ton unſinniger Verachtung. Konntet Ihr Euch um ihre Stimmen bewerben, wenn Ihr ſie verach⸗ tet? müßt Ihr Euch ſelbſt darum weniger achten, weil ſie einen Andern vorzogen? Glaubt Ihr, daß Euer Zorn in Bezug auf ſie die Wahrheit ausdrückt und daß das Pu⸗ blikum ihre Beſchlüſſe beſtätigt, wenn es den Euren Bei⸗ fall klatſcht?“—„Aber wir haben ihre förmlichen, aus⸗ drücklichen Verſprechungen....“„Das heißt, Ihr glaubtet ſie zu haben und ſchuldigt ſie ungerecht der Falſchheit an. Ich kenne die Mehrzahl unter ihnen und weiß, daß ſie ſich irren können, die meiſten aber ein gewiſſenhaftes Zart⸗ gefühl haben.“—„Ol politiſche Meinungen, die ſich jetzt in Alles miſchen, theilen ſie in zwei hartnäckige, partheiliche Seiten, und klaſſiſche oder romantiſche Vorliebe handelt unter der Hand durch die den Herren Schöngeiſtern zugeſell⸗ ten Tröpfe“—„Das iſt ein zweiter Irrthum von Eurer Seite; unſere Akademien haben ſich von den Einmiſchun⸗ 48 gen des Partheigeiſtes loszumachen gewußt. Dieſe Gerech⸗ tigkeit muß man ihnen wiederfahren laſſen: ſie ſtreben nur nach der Vereinigung der beſten Grundſätze und nach der Erlangung der Mittel zum Vorſchreiten des wahren Ruh⸗ mes. Wirkungen der Intrigue ſind dort nur ſeltene Aus⸗ nahmen. Geduldet Euch: arbeitet noch fort und Ihr wer⸗ det eines Tages eine glücklichere Erfahrung ihrer achtungs⸗ werthen Unpartheilichkeit machen.. Ach! da kommt Sain⸗ ville, dem es mit den Wahl⸗Kollegien vielleicht beſſer ge⸗ glückt iſt!“ „Gelungen? mir!“ ſagte der Baron, ſie mit Albern⸗ heit grüßend.„Bin ich der Mann um zu ſtranden? Mir iſt es gelungen, weil ich, nach meiner Art, Geſchäfte zu ordnen, gut berechnet habe. Auch verdanke ich den Erfolg nur mir allein und fühle mich jeder Erkenntlichkeit über⸗ hoben; aber Ihr ſeht mich über meinen Triumph ſelbſt in Wuth.— Ungerechtigkeit, Verläumdung und verächtliche Dummheit ſind an der Tagesordnung. Ah! mein guter Freund, wie Recht Du hatteſt, uns vor dem Wespenneſt der Bewerbungen zu warnen! Es iſt wenig, daß ich mich ſo vielen unbekannten und unfähigen Bewerbern, deren Schwarm ich durchdringen mußte, gleichgeſtellt hörte, daß ich genöthigt war, jedem Kommenden meine Hand zu rei⸗ chen, Krämern, unbedeutenden Fabrikanten und Handwer⸗ kern; es iſt wenig, daß ich meine Dienſte, meine Rechte und, ich wage es zu ſagen, vorzüglich meine Titel, durch . eine 49 eine Menge erzwungener Glaubensbekenntniſſe wiederholen mußte; es iſt wenig, daß ich mich in den vorbereitenden und End⸗Verſammlungen den unverſchämteſten Verhören, den törichtſten, durch das Mißtrauen unſerer betriebſamen Lieferanten angeregten Einſchärfungen ausgeſetzt ſehen, und den unbedeutendſten Fragmenten ihrer Buden⸗Souveränität ſchmeicheln mußte; daß ich genöthigt war, mich nach dem Willen ihres launenhaften Urtheils im wahren Sinne des Worts zu drehen und zu wenden, wie ein zu verkaufendes Pferd, deſſen Aeußeres, Auge, Zahn, Fuß, Trab und Galopp die Roßkämme auf einem öffentlichen Markte muſtern: für⸗ wahr! durch mein Verfahren wenig befriedigt, hätten ſie mich zurückgewieſen, hätte unſere weiſe Verwaltung, gegen die ich mich heimlich mit den geſchickten Vertraulichkeiten meiner Frau gegen ihren Chef einverſtanden zeigte, mir nicht die Verſtärkung ihres Schutzes verliehen. Es war Zeit; denn, glaubt Ihr es? ich habe nur durch zwei Stim⸗ men geſiegt: und gegen welche Menſchen! gegen einen, der zu verhindern verſprach, daß der Preis des Getreides, des Holzes oder anderer Lebensmittel zu ihrem perſönlichen Nachtheil und zum Beſten der armen Verzehrer, welche ſie erdrücken, nicht niedriger werden ſollte; gegen einen, der ſich verpflichtete, durch ſeinen Kredit eine Brücke er⸗ bauen, einen Kanal öffnen zu laſſen, auf den er ihnen einträgliche Aktien verſicherte, oder Feldwege, Uebergänge und neue Straßen, die nur ihrem Grund⸗ oder Bau⸗Ei⸗ Pndhü vortheilhaft waren, zu durchſtechen: alles dieſes 5 3 50 für materielle und Local⸗Intereſſen, oft den politiſchen und allgemeinen Ausſichten entgegen! Ein Anderer wandte gegen mich das Geſchwätz ihrer ſacramentlichen Journale ein; noch ein Anderer theilte in der Hoffnung ſubalterne Aemter oder Beſoldungen an ihre zahlreiche Vetterſchaft aus. Kurz, was weiß ich's? Doch das wäre nichts, wenn die Manöver da aufhörten: das ſchlimmſte Uebel iſt, daß ich mich durch tauſend Aeußerungen geſchmäht ſehe, durch tauſend Schriften angegriffen, durch meine Nebenbuhler verläumdet, deren inquiſitoriſche Nachſuchungen alle meine adminiſtrativen und häuslichen Verhältniſſe durchwühlen und meine lebende Perſon beleidigender zerlegen, als das Zergliederungsmeſſer die Haut eines Todten zerreißt. Be⸗ klagt mich, meine Freunde, daß ich gewählt bin. Nie war ich unglücklicher, nie mehr aufgebracht, als ich es durch die Wirkung der abſcheulichen Skandale bin, deren unſchul⸗ diges Opfer Ihr in mir erblickt. Aber Geduld! ich werde die Kammer aufklären; ich werde die Partheimacher beſtrafen; ich werde mich laut für ihre Abhandlungen rächen und. mich rechtmäßig zu der Feſtigkeit der gouvernementalen Maaßregeln geſellen: ja ich erkenne, daß Willkühr nöthig iſt, um den Erfolg der Ausſchweifung zu unterdrücken, und ich werde mich nicht als Märtyrer begnügen, meinen Ruf den vergiftenden Zügen der Preſſe zu überliefern. Wehe den Liberalen, den Kaiſerlichen oder den Royaliſten, die mich beleidigt haben! Die Tribüne ſteht mir offen, um ſie Alle zu beſchämen und zu entlarven. 4 51 „Fürwahr! Nache iſt ein ſchönes Gefühl für einen un⸗ partheiiſchen Deputirten des Volks!“ unterbrach ernſt der durch die feindliche Stimmung ſeines Kameraden aufge⸗ brachte Dumont.„Erfahre, daß dieſe Tribüne, die Du mit dem Gefühle der Rache und des Zornes zu beſteigen brennſt, nur der Vertheidigung allgemeiner Intereſſen zugäng⸗ lich ſein und Privat⸗Erbitterungen verſchloſſen bleiben ſoll. Glaubſt Du, daß Dein zweideutiges Benehmen Dir das Vertrauen der Wähler und Adminiſtratoren erworben hat? Den Erſteren zeigteſt Du Dich mit dem Aeußeren des Pa⸗ triotismus, den ſie fordern; den Letzteren boteſt Du zu der⸗ ſelben Zeit den Schein des ihrer mehr oder weniger geſetz⸗ mäßigen Würde ergebenen Gehorſams: Du hielteſt eine Rede vor den Erſteren, während in Deinem Namen die Baronin vor den Anderen in verſchiedenen Ausdrücken ſprach. Eine zweifache Rolle ſpielend, erzwangſt Du in Dir, was Du ſcheinen mußteſt, um zu verführen, und entdeckteſt nicht, was Du wirklich biſt, wenn überhaupt der Mann, der ſich von zwei Seiten zeigt, Etwas iſt. Höre: ich weiß, wie man die Beſchuldigungen der Ungerechtigkeit und Blind⸗ heit der Kollegien widerlegt.“ „Von Tag zu Tag enttäuſcht das Volk ſich mehr und mehr über die Schliche der Intrigants, von Tag zu Tag⸗ klären ſeine eigenen Geringſchätzungen es auf. Geſtehen wir es ein, unſere konſtitutionelle und Wahl⸗Erziehung beginnt. Die fortwährende Uebung unſerer Rechte wird uns ihren heilſamſten Gebrauch lehren. Wir werden zu 4 3* — 52 verlangen aufhören, daß unſere Bewerber, wenn wahrer Bürgerſinn ſie beſeelt, wenn ihre Einſichten und geleiſteten Dienſte ſie bezeichnen, ſich als Marktſchreier entehren und in überflüſſigen Betheuerungen, an die Niemand glaubt, und in eigenen, für den Zartſinn ſo verletzenden Lobeserhe⸗ bungen ſich erſchöpfen. Wir werden, durch Gewährleiſtung der Unabhängigkeit der Bevollmächtigten, dieſe Auftritte der Artigkeit und Folgſamkeit nicht mehr fordern, welche ſie oft in unſeren Augen erniedrigen, und das Verſprechen unbeugſamer Treue, deren ſie ſich rühmen, Lügen ſtrafen.“ „In Zukunft wird man den gewandten Leuten miß⸗ trauen, die den Partheien den Hof machen, ſo wie denen, welche den Prinzen ſchmeichelten. Man wird die Männer erwählen, denen die Freiheit Opfer koſtet, und nicht die, denen ihre Larve Orden und Nutzen bringt. Woher kom⸗ men die ſchlechten Wahlen? Vonn der Scheinheiligkeit der Bewerber, die jede Geſtalt annehmen, um die Stim⸗ men der Scheinheiligen, die ihnen gleichen, zu erlangen, und die ſtets gegen einander manövriren, entweder für die geweſene Regierung, die ſie betrauern, oder die kommende, die ſie hoffen; nie aber für die beſtehende, obgleich ſie ſchwören, dieſelbe zu befeſtigen, und ſie ſtets verrathen. Du, zum Beiſpiel, biſt miniſteriell, Dank dem Einfluſſe der Miniſter, durch die Du gewählt wurdeſt: einer Deiner neuen Kollegen wird Deine Beſchützer tadeln, wenn ſie nicht den geſetzmäßigen Weg gehen, weil er ohne anderen Schutz als den ſeine anerkannten Rechtlichkeit durch ſeine 53 Mitbürger gewählt iſt. Der Mann, von dem ich rede, hat keine Coterien, weder Syſteme, noch Abneigungen, weder Beleidigung zu rächen, noch beſondere Intereſſen zu ver⸗ folgen. Er liebt ſeine Ruhe mehr, als die Geſchäfte; aber er liebt ſein Land mehr, als ſeine Ruhe, und Du wirſt ihn ſehen, wie er ſich ganz den ſeinem Vaterlande nützli⸗ chen, geſetzgebenden Arbeiten widmet. Hat er den Wählern, die ihn ohne Wanken vorgeſchlagen haben, Beſuche gemacht, hat er ihnen etwas verſprochen, hat er an ſie ſeine durch ihn ſelbſt verfaßte Lobrede gerichtet? Sie kennen ihn nur durch ſeine Handlungen. Sie wiſſen, daß er die miniſte⸗ rielle Majorität bekämpfen wird, wenn ſie Unrecht hat, daß er ſich aufrichtig mit ihr vereinigt, wenn ſie Recht hat; daß er nicht der Held irgend einer Parthei, einer frommen Sekte, einer Gewalt werden und ſich nie zum Oppoſitions⸗ Spiel einer ſyſtematiſchen Minorität machen wird, um mehr oder minder Einfluß bei Hofe, oder die Gunſt des Volkes zu erlangen. Der Mann, der dieſen Morgen noch nur ein wahlfähiger Bewerber war, hatte ſolche Abneigung gegen die Zudringlichkeit der um Wahlzettel bittenden Intrigants, daß er über die Thüre ſeiner Wohnung geſchrieben hat: Hier nimmt man den Beſuch keines Bewerbers an; der Mann endlich, der ſich geehrt fühlt, jetzt erwählt zu ſein und der es nicht erwartete— bin ich.“ „Bei dieſen letzten Worten war der Baron von Sain⸗ ville wie vor Erſtaunen verſteinert; die beiden Zeugen die⸗ ſes Auftrittes waren von ſtummem Staunen ergriffen, und ( 54 man würde, ihre ſonderbare Haltung ſehend, geſagt haben, daß durch eine dem menſchlichen Herzen eigene Schwach⸗ heit dieſe gute Neuigkeit ſeine drei guten Freunde beſtürzt machte. Népomucdne 6. Lemereier. Eine Reile im Omnibus, von der Barriére du Trone bis zur Barriére de IEtoile. Dm éten Auguſt 1670 legte in Colbert's Gegenwart Claude le Pelletier, vorſitzender Bürgermeiſter, von ſeinen Rachs⸗ verordneten umgeben, im Namen der Stadt Paris den Grundſtein zu einem großen Triumphbogen, welchen die dankbare Stadt dem ſiegreichen Könige Ludwig XIV. errich⸗ tete; es war an der Barrière du Tröne. Am 15ten Auguſt 1806 legte in Gegenwart des Grafen Montalivet der Graf Frochot, Präfekt der Seine, von ſeinen zwölf Maire's umgeben, im Namen der Stadt Paris den Grundſtein zu einem großen Triumphbogen, welchen die dankbare Stadt dem ſiegreichen Kaiſer Napoleon er⸗ richtete; es war an der Barrière de'Etoile. Das Denkmal du Trone, welches von Claude Perrault entworfen, und nur erſt als Modell in Gips aufgeführt 56 worden war, wurde im Jahre 1716 gänzlich zerſtört. Gleich⸗ ſam als Erinnerung an dieſe Ruine errichtete der Archi⸗ tekt Ledoux am Ende der Vorſtadt Saint-Antoine jene beiden einzelnen Säulen. So bezeichnen in der Wüſte freiſtehende Pfeiler die Stelle, wo die Rieſentempel von Baalbek und Tadmor ſtanden. Das Denkmal de P'Etoile wäre während der Dauer ſeines langwierigen Baues beinahe wieder zur Ruine gewor⸗ den; aber welchen Veränderungen war es auch unterwor⸗ fen! Zuerſt war es beſtimmt, das Andenken des Traktats von CTilſit aufzubewahren, dann den öſtreichiſchen Feldzug zu verewigen, hierauf ſollte es die Heirath Napoleons mit Marie Louiſe verherrlichen, und endlich im Jahre 1823 ſollte es den Krieg mit Spanien unſterblich machen. Dem Gedächtniß aufbewahren, verewigen, unſterblich machen! O armſelige Ereigniſſe weniger Tage, ihr wollt euch un⸗ vergeßlich machen, verewigen! Könnt ihr die Zeit hindern, zu zerſtören, die Cholera, vorzuſchreiten? In drei Abſchnitten bringt Euch die Omnibus⸗„Poſt. von der Barrièdre du Trône zur Barrière de l'Etoile. Ich habe dieſe Reiſe unternommen und beendigt; noch ganz betäubt von dem dröhnenden Lärmen des Wagens, von welchem die Glieder noch lange nachher, wenn Ihr ſchon den Wagen verlaſſen habt, durchdrungen ſind, zwei Stun⸗ den lang fortgerollt, gewiegt und geſchüttelt, habe ich ſo⸗ gleich dieſe Reiſe gewiſſenhaft niedergeſchrieben. Leſet, wenn es Euch Vergnügen macht. Der Omnibus iſt das Leben, die Welt, das Publikum, der Menſch; er iſt Alles: ſo wie es auch das lateiniſche Wort ſagt. Ach! warum kann man, anſtatt daß uns auf jenen unbeweglichen Brettern beinahe ſelbſt unbewegliche Menſchen, was die Seele betrifft, Opern vorſingen und Alexandriner deklamiren, uns nicht Omnibus⸗Vorſtellungen geben! Das gründlichſte Schauſpiel, Drama's vom höchſten Intereſſe, ſchalkhafte Vaudeville's, die tollſten Poſſen, um Héraklit oder Chodrue⸗Duclos zu verdunkeln, alles das würde man hier beſſer ſehen, als im Theatre Français in den Theatern des Gymnaſiums und des Variétés. O! ambulantes Theater, fortrollendes Schauſpiel, du brauchſt keine Souffleurs; die Natur bietet ſie deinen Schauſpie⸗ lern! Sie haben weder Schminke noch Theater⸗Garderobe; ſie ſind Einer des Andern Zuſchauer, ſie ſpielen ihre Rollen, indem ſie ſich ſpielen ſehen, wie überall in der Welt, und alle zahlen dreißig Centimes, um das Publikum und ſich zu unterhalten. Wo giebt es eine beſſere dramatiſche Schule als im Omnibus? Da herrſcht eine einfache natürliche Sprache, da giebt es unerwartete Entwickelungen, plötzliche Kataſtrophen, begründete Einleitungen und Ausgänge jeder möglichen Art und Weiſe. Ein Schuldner findet ſich ſei⸗ nem Gläubiger gegenüber, welchem er ſeit einem Jahre auswich. Iſt es nicht ſpaßhaft, zu ſehen, wie er alle mög⸗ liche Liſt anwendet, ſein Geſicht zu verbergen? Bald iſt es das rechte, bald das linke Auge, welches er verzerrt; bald wiſcht er ſich die Naſe, bald zwingt ihn ein Zahn⸗ .58 weh, das Geſicht mit dem Taſchentuch zu bedecken; aber ſein Gläubiger iſt auf der Spur, er würde den Schuldner an einer Runzel erkennen, ſo wie Cuvier das Thier aus der Vorzeit an einem Knochen erkennt: der Gläubiger ergreift ihn beim Kragen; ein lebhaftes, hitziges Geſpräch entſpinnt ſich. Welch ein luſtiges Schauſpiel für das rol⸗ lende Publikum, und die Hunde, welche ſich in den Streit miſchen, und der Kondukteur, welcher mit ſeinem:„Holla!“ drein fährt, und endlich der aufſteigende Häſcher, welcher als wirklicher Deus in machina erſcheint, und den Schuld⸗ ner im Namen des Königs und auf Anſuchen des Gläu⸗ bigers verhaftet. Das iſt nur ein kleines Stückchen des reichhaltigen Dinehhegfehertuit und in der That, nach⸗ dem wir durch einen Gelehrten wiſſen, daß es zu Molidre's Zeiten Wagen zu fünf Sols die Perſon gab, bin ich über⸗ zeugt, daß dieſer ſie oft benutzte. So bereitete ich mich denn zu meinem hiſtoriſch⸗phi⸗ loſophiſchen und moraliſchen Zuge vor, indem ich in den noch verlaſſenen Omnibus von der Barridre du Tröne. ſtieg. Ich blieb nicht lange allein. Ein kleines gefälliges Dirnchen wurde meine Begleiterin. Hatte es vielleicht das Gehölz und das Schloß von Vincennes beſucht, wo, wie man weiß, elegante und ſchlanke Artilleriſten ſich ein⸗ geſchloſſen befinden? es wäre möglich. Junge Offiziere müſ⸗ ſen in der Feſtung Vincennes gar viel Langeweile haben; dieſe Art Mädchen ſind gutherzig, das Gehölz iſt im Okto⸗ ber ſo einladend, wenn der Raſen mit dürrem Laube be⸗ 59 ſäet iſt! Sie blieb lange ſitzen, ohne die Augen außuſchla⸗ gen; denn, es iſt eine allgemeine Regel, ſei es Schaam oder Schicklichkeit, darauf kommt's nicht an: eine jede junge Frau, wenn ſie ſich in einem Omnibus einem jungen Manne gegenüber findet, muß den Schleier oder die Augen niedergeſchlagen haben. Der Lärm eines Säbels machte ſie zittern; es war ein Artilleriſt; ſie ſah hin, ſchloß ſchnell die Augen wieder, öffnete ſie von Neuem zur Hälfte, lächelte ihren Nachbar an; und aus Furcht, ich möchte es ſpäter vergeſſen, will ich es nur gleich ſagen, daß ſie bei der Baſtille zuſammen ausſtiegen. Noch ſind wir weit davon entfernt. 1 Wir kamen bei der Straße Piepus vorbei. Während ich darüber nachdachte, welches de Urſprung dieſer ſelt⸗ ſamen Benennung ſein könnte, war ein ſchwerfälliger, brei⸗ ter, ſonntaglich gekleideter Bauer eingeſtiegen, mit wun⸗ derlicher Figur, grauen, auf den Schläfen ſpärlich ver⸗ ſtreuten Haaren, rother Naſe, worauf eine Brille mit gro⸗ ßen, den Augen einer Eule ähnlichen, runden Gläſern, geklemmt war, ſo daß die ſchon ziemlich gefürbte Naſen⸗ ſpitze davon ſcharlachroth erſchien. Welch Unglück, ſagte ich, für den, der gern lacht, wenn er einen ſolchen Men⸗ ſchen zum vis-A-vis erhält. Es war das hübſche Mäd⸗ chen; ſie biß ſich ſogleich auf die Lippen, ihre Wangen blähten ſich auf, die Augen wurden größter, das Blut ſtieg ihr nach dem Kopfe, und endlich brach ſie in ein halb erſticktes Lachen aus, welches den Bauer gewaltig geär⸗ 60 gert haben würde, wäre der Säbel des Attilleriſten nicht da geweſen. Die Luſt über ſein vis-à-vis zu lachen, iſt eine der größten Widerwärtigkeiten des Omnibus. Da geht es mit einem Male ziemlich raſch bergab.— Ei, wie ſchön iſt es, wenn es raſch geht! Es iſt angenehm, ſich gleichſam ſo fortgeriſſen zu ſehen, und den reinen Luftzug, welcher die, in dem engen Omnibus eingezwäng⸗ ten mephitiſchen Dünſte erfriſcht, auf dem Geſicht zu füh⸗ len. Das ſchnelle Rollen der Räder, die öfteren Stöße, das Zittern des Fußbodens, das Dröhnen des Wagens, der Anblick der jagenden Pferde, alles das regt auf, bewegt das Blut, giebt zum Denken Nahrung; man bildet Ideen, man ſchafft, man lebt der Erinnerung, das längſt Ver⸗ gangene vergegenwärtigt ſich, und an der Ecke der Straße de Reuilly ſah ich noch die Königliche Abtei von Saint⸗ Antoine, welche an dem Ort gegründet wurde, wo der heilige Eremit zwei römiſchen Legaten erſchien. Dieſe Abtei hatte große Vorrechte: die Körper der Könige wurden aus ihren Palläſten dorthin gebracht, um von da erſt nach der Kirche Notre-Dame und dann nach Saint⸗-Denis geführt zu werden; und da die Aebtiſſin Lehnsherrin und Gebie⸗ terin der ganzen Vorſtadt war, ſo arbeiteten die Hand⸗ werker daſelbſt ohne Meiſterſchaft; daher kommt es, daß noch jetzt, wo es weder Meiſterſchaften noch Handwerks⸗ Geſchworene giebt, die Vorſtadt Saint-Antoine die Stadt der Handwerker geblieben iſt. Alle dieſe Gedanken gingen mir ſo raſch durch den Kopf, wie der Omnibus vor der 61 Straße de Reuilly vorüberfuhr, als der Kondukteur plötz⸗ lich ſeine Schnur anzog. Dies geſchah für eine dicke fette Amme, welche von Saint⸗Mandé kam, um ihren Pfleg⸗ ling ſeinen Aeltern zu bringen. Sie hatte den Wagen von weitem her in dem Augenblick angerufen, als die Pferde zu galoppiren anfingen. Der Kondukteur war gerade mit der Geldeinnahme beſchäftigt. Der Wagen war im Zuge, und die Amme lief aus allen Kräften, und immer verge⸗ bens rufend und ſchreiend. Erſchöpft, herzſchlagend und glühend roth, fiel ſie eben mit ihrem Kiude zur Erde, als man ſie bemerkte; zornig und außer Athem ſtieg ſie ein, und ihr Kind flog vor ihrem vollen, heftig ſchlagenden Bu⸗ ſen hin und her, indem es ſchreiend mit ſeinen kleinen runden Händchen darauf umher ſuchte. Ein Kind, welches ſchreit, mag ich leiden, ſagte der Abbé Morellet.— Warum?— Weil man es dann fort⸗ bringt.— Ein Witzwort eines alten Hageſtolz. Er würde ein ſchreiendes Kind in einem Omnibus verabſcheut haben, weil man es nicht fortſchaffen kann. Ein liebenswürdiges Kind in einem Omnibus iſt eins über ſechs Jahren, wel⸗ ches für ſeinen Platz bezahlt. Ol von dieſen kann man nicht genug haben; ſie ſind zwar unruhig, reinigen ihre Füße an Euren weißen Pantalons, bewegen ſich ohne Auf⸗ hören, aber ſie ſind dünn, geſchmeidig, und dienen zur Ausgleichung gegen jene dicken Körper, welche oft, gleich⸗ ſam aus des Schickſals Tücke, zwei Plätze einnehmen, wo höchſtens einer vorhanden iſt. Unwiderlegbarer Satz: 62 ein Kind über ſechs Jahren iſt ein erwünſchtes Weſen in einem Omnibus. Merkwürdig war es, daß der Säugling noch ſtärker ſchrie, als der Wagen vor dem Findelhauſe vorüber fuhr. In dieſer Gegend fängt das kaufmänniſche und gewerb⸗ liche Treiben der Vorſtadt an. Hier werden die zierlich⸗ ſten und koſtbarſten Meubles verfertigt, welche ihre dunk⸗ len Werkſtätten verlaſſen, um die prächtigen Hotels der Großen und die Schlöſſer zu ſchmücken. Ein Arbeiter polirt, indem er ſein trocknes Brot verzehrt, einen Tiſch von Acajouholz, welcher ſpäterhin mit Trüffeln und Pa⸗ ſteten aus allen Ecken Frankreichs beladen ſein wird. Ein anderer, indem er ſein luſtiges Liedchen ſingt, bekleidet das Bett vom ſeltenſten Holze mit Goldverzierungen, in wel⸗ chem die Heirath von dreimalhunderttauſend Franken Ren⸗ ten vollzogen werden ſoll. Dieſer, indem er das platte Franzöſiſch der Vorſtadt redet, tapezirt einen prachtvollen Schreibtiſch mit golddurchwirktem Leder, auf welchem ein Dichter ſeine Alexandriner niederſchreiben wird, während. jene Frau dort die weichen elaſtiſchen Kiſſen eines zier⸗ lichen, nur für zwei Perſonen Platz gewährenden Sopha's einer Schönen mit Schnüren beſetzt: ein Gegenſtand, wel⸗ cher der Einbildungskraft die lachendſten Gemälde bietet; aber betrachtet ja nicht die Hände, welche ihn verfertigen. Hier verließen vier Arbeiter ihre Vorſtadt, um nach der Rotunde des Mars zum Tanz zu gehen. Auf der Straße von Vincennes giebt es viel Vergnügungsorte der 63 Handwerker. Der große Saal des Corybantes bietet aus⸗ gezeichnete Muſik und gewählte Geſellſchaft. Das Ver⸗ gnügen, welches man weit ſucht, iſt eben darum noch ein größeres; man liebt ſeinen Heerd, aber man entfernt ſich davon, um das Glück zu genießen, wieder zu ihm zurück⸗ kehren zu können, und beſonders, wenn man die ganze Woche hindurch an einem und demſelben Ort gearbeitet hat, wünſcht man ihn Sonntags zu verlaſſen.— Als wir bei der Baſtille, vor dem Elephanten, dieſem koloſſalen herrlichen Denkmale, welches von dem ſchönen Monument des Juli entthront worden iſt, angekommen waren, ſtiegen ſie, ſo wie auch ich, aus, um in dem Omnibus des Bou⸗ levard Platz zu nehmen. Sie ſetzten ſich auf die Seiten⸗ bänke, und ich, um beſſer ſehen zu können, nahm auf dem Sitz am Schlage Platz. Ich war alſo der Präſident, eine Benennung, deren ſich die gewöhnlichen Omnibus⸗Gäſte bedienen, und empfand eine wahre Freude, als ich meinen Bauer mit der Brille hier wieder ſah. Er wollte nach dem entfernteſten Ende der elyſäiſchen Felder, und theilte dies den Handwerkern mit, mit welchen er ſich ohne Um⸗ ſchweif in eine Unterhaltung einließ. Um 5 Uhr ſollte er eines Geſchäfts wegen dort ſein. Vier Uhr war es bereits, und noch waren zwölf Plätze im Omnibus auszufüllen! Zwölf Mal mußte man vielleicht noch anhalten, um Rei⸗ ſende aufzunehmen, und eben ſo oft, um welche abzuſetzen! Endlich kam die ſchwere Maſchine in Bewegung, wir fuhren ab. Der Bauer zog ſeine ſilberne Uhr hervor, klopfte ohne beſondere wieder ein, und ſchien zu ſagen:— Es geht doch ſchnell! Der Wagen förderte ſich in der That tüchtig, als er plötz⸗ lich vor der Straße Pas-de-la-Mule anhielt, und zwar für eine achtbare Wittwe vom place-Royale. Mit vieler Mühe ſtieg ſie ein, da ſie von ſtarker Leibesbeſchaffenheit war, und ihr zärtlich an ihr derte. Sie w 64 Ungeduld mit dem Fuße, ſteckte ſeine Uhr Hündchen am blauen Bande, welches ſie Herz drückte, ſie in ihren Bewegungen hin⸗ ollte ſich eben neben dem Bauer hinſetzen, als der Wagen wieder anfuhr. Die gute Frau ſchwankte, fiel auf den Bauer, und der Hund biß ihn.— Konduk⸗ teur! Kondukteur! Die Veranlaſſung war eine junge Perſon, welche aus dem Theater des Funambules trat; ſie berührte den Fuß⸗ tritt mit ſo vieler Leichtigkeit, als ſei ſie gewohnt, auf dem Seile zu tanzen. Diesmal ſah der dicke Bauer nicht nach der Uhr, und klopfte auch nicht mit dem Fuß auf, ſo hübſch war die kleine Tänzerin, und mit ſo vieler Ge⸗ ſchwindigkeit und Grazie hatte ſie ſich neben ihn geſetzt. Kondukteu r! Kondukteur!— Das ſchien jetzt ein Pferde⸗ händler zu ſein, welcher aus dem Theater Franconi kam. Er ſchritt ſo Zeit genug ha Uhr zu ſehen. langſam daher, daß unſer armer Landmann tte, einen Fluch auszuſtoßen und nach ſeiner Es war halb 5 Uhr. Der ungeſchickte und plumpe Reiſende nahm, bevor er den Fuß auf den Wagen⸗ tritt ſetzte, mit ernſter Miene eine Priſe Tabak, und warf ſeine ſchwerfä llige Maſſe auf den Sitz, daß der Wagen 65 davon erzitterte.— Vorwärts, Kutſcher! und es ging weiter. Ich bin nicht Willens, über alle Ankömmlinge und Abgehende, wie der Kondukteur, ein Regiſter zu führen, welcher bei jedem neuen Gaſt eine Nummer in ſeiner Schreibtafel anſtreicht. Ich bin der Präſident: ich ſehe Alles von oben herab. Nicht der Chef des Orcheſters, der Regiſſeur der Theater⸗Geſellſchaft des Omnibus, kein fal⸗ ſcher Ton, keine ſchlechte Bewegung entgeht mir; aber ich brauche dem Leſer davon keine Rechenſchaft zu geben. Es iſt die Gattung, nicht die Art, die ich ihm darſtellen will. Die Gattung Omnibus iſt unendlich verſchiedenartig, ein Jeder kann ſich aber von ihren einzelnen Mannigfaltigkeiten ſelbſt überzeugen. Ich behandle nur den politiſchen, mo⸗ raliſchen und civiliſirten Omnibus im Allgemeinen. O Erfinder der Wagen zu dreißig Centimes, welche Wohl⸗ that haſt du der menſchlichen Geſellſchaft erwieſen! Wie viel erzürnte Freunde haben ſich durch dich nicht wieder verſöhnt; wie viel Menſchen ſind in deinem dahin eilenden Corridor nicht beſſer verhört worden, als im Juſtizpallaſt... Vorwärts, Kutſcher! Und der Kutſcher hielt am Thor Saint-Martin ſtill: Warum? Ein Jeder ſtreckte den Hals, um den neuen Be⸗ ſuch ankommen zu ſehen. Der Omnibus iſt ganz beſon⸗ ders neugierig, und in der That, giebt es ein größeres Intereſſe? Man iſt an einander gepreßt, geſtoßen, einge⸗ propft. Der neue Ankömmling, iſt er ſtark, iſt er win⸗ 3 X 66 zing?— Machen Sie noch Platz für eine Dame, meine Herren, eine recht ſchlanke, feine Dame.— Und dem war ſo. Eine Frau mit kaſtanienbraunen Haaren, ſchwarzen Augen, blaſſer Geſichtsfarbe, in einem Mouſſelin⸗Kleide von heller zarter Farbe, war esz ein klei⸗ nes, duftendes, zartes Weſen, ein leichtes, ätheriſches Ge⸗ ſchöpf, welches ein Dichter oder Maler nicht zu idealiſiren nöthig hatte, um es als Fee oder Engel vorzuſtellen; und alle die alten Herren, denn glaubt nur, dieſe ſind immer am meiſten bemüht, den hübſchen Frauen ein ſchmales, recht ſchmales Plätzchen anzubieten, alle alten Herren be⸗ eifern ſich, zuſammen zu rücken, ſich klein zu machen und an einander zu preſſen, um ihr einen halben Fuß Raum auf der Bank anzubieten. Im Fond, Madame, im Fond iſt noch ein Platz.— Während ſie ſich mit Mühe zwiſchen die beiden ſich kreu⸗ zenden Reihen Kniee hindurchſchob, wurde der Wagen, welcher zu raſch angehalten hatte, plötzlich erſchüttert; die zarten Beinchen geriethen ins Stolpern, und nun war Alles bereit, ſie zu unterſtützen. Du biſt nicht allein gut, verſöhnlich, moraliſch, du biſt auch galant, franzöſiſcher Omnibus! Endlich nahm ſie im Fond neben meinem Prä⸗ ſiddentenſitz ihren Platz ein, und die alte Wittwe trennte ſie von dem ungehobelten Landmann, welcher nach ſeiner uUhr ſah, fluchend in den Bart brummte, und auf die hübſche Frau ſchimpfte: es war drei Viertel auf 5 Uhr. Kutſcher, Alles fertig!—„ 67 Wie angenehm iſt dieſer Ruf für den, welcher Eile hat!— Nal ſagte der Bauer, nun wird's doch endlich 'mal weiter gehen! Und meine kleine luftige Dame ſaß da vor meinen Augen; aus ihrem Kleide, ihren Haaren, ihrem Tuch wehte mir, wie aus einer Räucherpfanne, ein zarter Duft von Jasmin, Roſen und Veilchen entgegen, ein leichter Pflanzenduft, daß man glauben möchte, man ſei plötzlich in einen reizenden Garten oder in ein geheim⸗ nißvolles Boudoir verſetzt, und ich dankte dem Himmel, ſie von den Männern getrennt zu ſehen, die hinten den Wagen anfüllten: ſie hätten dieſe hübſchen gepufften Aer⸗ mel zerknittert, dieſes friſche, zarte Kleidchen zerdrückt, und an ihrem Roſahut ihre ſchmutzigen Haare gerieben; ich würde wie bei einer Entheiligung gelitten haben. Beim Aufwärtsfahren in der Nähe des Thores Saint⸗ Denis hatte unſer Landmann Zeit zu ſchmähen und zu wüthen. Wie iſt man in ſolchen Augenblicken der Unge⸗ duld gefoltert! man möchte ſeine Uhr anhalten, weil ſie zu raſch geht: ſie läßt ſich wohl aufhalten, aber die Zeit! Man fühlt eine Unruhe, ein Zittern in allen Gliedern, man hat das Fieber; man möchte den Wagen ſtoßen, die Räder drehen; man ſchimpft auf die Pferde; wenn man Kutſcher wäre, würde man ſie tödten... Raſcher doch! man erwartet mich; Kutſcher, peitſcht Eure Pferde; es iſt ja gleich 5 Uhr.. Man ballt die Fauſt, man ſtampft mit den Füßen. Das ſind die Qualen, welche die Unge⸗ duld des Harrens verurſacht, gleich der ungeduldigen Auf⸗ 68 1 reizung des Dichters, welcher fchnell denkt und langſam niederſchreibt. Er hätte abſteigen und ein Cabriolet nehmen können; aber ein Cabriolet hätte zu viel gekoſtet.— Meine Her⸗ ren, Ihre Plätze! Die Scene des Bezahlens iſt i in einem Omnibus⸗Drama, beſonders wenn Alles beſetzt iſt, ſehr ſpaßhaft. Zuerſt die Stöße mit dem Ellbogen, die Verdrehungen des Körpers, das Geſichterſchneiden der Reiſenden, welche ſich breit machen, ſich erheben, vor⸗ und einwärts biegen, nm mit mehr Be⸗ quemlichkeit in ihren Taſchen umher zu ſuchen; alsdann der Umlauf der Solsſtücke, das Auswechſeln des Geldes. Da kann man erkennen, wer geizig und wer freigebig iſt. Dieſer giebt mit Leichtigkeit und abgewendetem Geſicht ein Fünffrankenſtück hin, und erhält die Münze dafür, ohne ſie zu zählen; Jener verfolgt ſeine zwanzig Sols von Hand zu Hand, und iſt unruhig, bis ſie in die Hände des Kon⸗ dukteurs gelangen: endlich hat er ſie— Für mich! für eine Perſon! ich bekomme wieder heraus!— Sogleich.— Und ſeine Angſt iſt ſichtbar: er verläßt den Kondukteur mit keinem Auge. Gebt Acht! er wird fortgehen, ſeinen Wagen verlaſſen, ſeine Anſtellung aufgeben, um Euch ſieben⸗ zig Centimes zu entwenden. Wahrlich, gut raiſonnirt; aber die Geizigen ſind Narren.. Meine niedliche Nachbarin zog drei kleine Zehncentims⸗ Stücke hervor, welche ſie auch in Umlauf bringen wollte, als ich ihr ein Zehnſols⸗Stück anbot.— Haben Sie die 69 Güte, für mich zu bezahlen, Madame.— Sie blickte mich durch ihren Schleier mit einer ſittſamen Miene einen Au⸗ blick an, legte ihren ſaubern Handſchuh auf meine Hand, und aus ihren roſigen Fingern empfing ich zwei Zehncen⸗ tims⸗Stücke, welche ich aufbewahre, um ſie nur zum An⸗ kauf eines zierlichen, duftenden und zarten Gegenſtandes, für einen Flacon Riechwaſſer oder ein Paar Ballhandſchuhe zu verwenden. — Kondukteur, an der Straße Poissonnière.— Und hier ſtiegen vier oder fünf Perſonen mit ſo langſamer Be⸗ dächtigkeit ein, daß der Ackersmann in Verzweiflung gerieth. Er hätte ſie hinauswerfen mögen, um nur weiter zu kom⸗ men.— Ahl welches Glück! endlich kann man Luft ſchö⸗ pfen: Der Omnibus iſt weniger gepropft, erweitert ſich, und Alles empfindet das Wohlthuende eines gedrückten Her⸗ zens, welches ſich durch häufige Seufzer Erleichterung ver⸗ ſchaffen kann. 4 Jetzt ſaß ich bequemer, und konnte alſo auch das Aus⸗ hänge⸗Schild des Mützenhändlers an der Ecke der Straße Poissonnière beſſer betrachten. Dieſe Straße wurde früher „der Weg zu den Fiſchhändlern“ und noch früher„das Diebesthal“ genannt. Die letzte Benennung verſchuldet ſie noch aus der Zeit, wo man in dem großen Walde, welcher ſich auf dem rechten Ufer der Seine ausbreitete, raubte und plünderte. Alſo zuerſt waren die Boulewards, die Vorſtädte, die Chaussée d Antin, ein ungeheurer Wald, dann waren es ausgedehnte nutzloſe Flächen, dann bildeten 70 ſich Schutzwehren, Stadtgräben, Kohlgärten, und endlich entſtanden hier prächtige Häuſer, worin man der Weich⸗ lichkeit fröhnt; Spielhäuſer, worin man ſich und Andere an den Bettelſtab bringt; Theater, worin man ſingt, lacht und weint; Kaffeehäuſer, in welchen man Sorbet und Eis genießt; Reihen Stühle, worauf elegante, anſtändige Frauen; aber auch... Vorwärts, Kutſcher!. Soll ich Einen nach dem Andern anführen, der da ein⸗ und ausſteigt? Nein! Der Omnibus iſt das Bild der Welt: man kommt, man geht; wer kümmert ſich darum? Wenn Ihr nicht wenigſtens der König ſeid, oder das erſte Kind, welches die junge Mutter erwartet, der Hageſtolz, auf den ſeine Verwandten lauern, der Prieſter, der tauft oder begräbt, bemerkt man da wohl Euren Eingang und Ausgang? 3 Ein neuer Schauſpieler, welcher aus der Straße du Sentier auf uns zukam, erſchien auf unſerer Scene. Ich werde mich ſeiner immer erinnern, ſolchen widerwärtigen Eindruck machte er auf mich. Er trug einen ſchwarzen, ſchmutzigen Rock, hellgraue, noch ſchmutzigere Beinkleider, einen alten geborſtenen Hut, und ſchwer beſchlagene Stie⸗ feln. Er kam aus einer Tabagie. Sein glühendes Geſicht und die Gerüche von Branntwein und Tabak bezeugten es wenigſtens.— Noch ein Platz auf der rechten Seite!— Wer hätte ſich wohl beeifern mögen, ihm Platz zu machen. Im Fond des Wagens bemerkte er einen kleinen Raum neben meiner eleganten und wohlriechenden Dame. Unge⸗ 71 ſchickt und dick, wie er war, warf er ſich hinein, arbeitete ſich wie ein Keil in die gedrängte Reihe, und der Wagen fuhr weiter. Ich hätte darüber lächeln können, daß er bei ſeinem unſichern Weſen auf die Hühneraugen der Wittwe und die Pfote ihres Hündchens trat; aber mein Verdruß gewann die Oberhand, als ich ihn auf meine kleine zierliche Dame, wie den Geier auf die weiße Taube niederfallen ſah. Ihre leichten Aermel wurden von ſeinem groben beſchmutz⸗ ten Tuchrock verunglimpft und gedrückt. Berauſcht von Tabak, Branntwein und durchwachten Nächten, war er halb im Schlaf. Bei jedem Stoß des Wagens hing er rechts, links und nach vorn über, und ſiel manchmal ſelbſt auf die Schulter ſeiner Nachbarin, welche ſich ſchaudernd zurückzog, als fühle ſie eine Spinne über ihre Wange kriechen. Dieſes blaurothe Geſicht, mit ſeinen, von lie⸗ derlichem Leben verunſtalteten Zügen, neben dieſem wei⸗ ßen Teint, dieſe ſchmierigen und ſtruppigen Haare auf der zarten Schulter, welche nur von ſchönen blonden Haar⸗ flechten berührt werden ſollte.— Die widrigen und hitzi⸗ gen Ausdünſtungen der Trinkſtube, welche ſich mit den angenehmen und friſchen Gerüchen des Boudoirs miſchten. Welch eine ſcheußliche Vereinigung! ein ſchöner Sonnen⸗ ſtrahl auf einer ſtinkenden Pfütze! eine Raupe, ein Miſt⸗ käfer auf einer Roſe oder Senſitive. An der Straße Mont⸗Blane ſtiegen zwei Damen aus und zwei andere wieder ein, und der Landmann verwünſchte die Einen wie die Andern. Es wurde ſchon Abend, und 42 ſein Geſchäft! Er ſtampfte mit den Füßen, ſchlug mit den Händen auf die Knie, und ließ, indem er ſich ſo ge⸗ berdete, ſein Geld in der Taſche erklingen. Die Frauen, welche ihre Plätze ſuchten, entſchloſſen ſich bald, die eine rechts, die andere links von dem Landmann ſich niederzu⸗ ſetzen. Von der Straße Mont-Blane bis zur Straße Ma- deleine hätten ſie den kurzen Weg ſehr wohl zu Fuß machen können, und ein Stammgaſt des Omnibus meinte, indem er mir dieſe Bemerkung machte, ſie hätten nur die Abſicht, ihre dreißig Centimes auf große Intereſſen anzulegen. Ohne daß ſie es nöthig hatten, drückten ſie ſich nah an den Land⸗ mann, welcher, wunderliches Ding! o! Macht des Weibes! ſeine Ungeduld zu vergeſſen ſchien; auch müſſen wir geſte⸗ hen, ſie waren ſehr gütig gegen ihn. Sie liebten ſeinen Acker, ſeinen Garten, ſein Haus: ſie intereſſirten ſich für ſeine Erndte, ſeine Kinder, ſeinen Hund, für Alles, wovon er mit Vergnügen ſprach; und er war glücklich und ſtolz, ſich zwiſchen zwei ſo ſchönen Frauen zu finden, ſie ſich ſo nahe zu fühlen! Sterne kennt keinen Reiz, der dem zu vergleichen wäre, einer hübſchen Frau den Puls zu fühlen. Habt Ihr nicht in einem Omnibus noch ein größeres Glück empfunden? es iſt das, einer Nachbarin ſo nahe zu ſein, daß ihre ſanfte Wärme Euch durchdringt, in Euch eine anmuthige Sympathie erweckt, Euch magnetiſirt: Ihr glaubt, daß ihr Herz dem Eurigen entgegen ſchlage... Ihr.... — Kondukteur!— Endlich befreite ſich meine Sylphide, meine Fee, von . ihrer 73 ihrer häßlichen Nachbarſchaft. Sie bedurfte meiner Hand nicht, um ſich zu erheben; ich half ihr jedoch, für den Genuß, ihren Arm zu berühren. Sie ſtieg an der Straße de la Ferme aus, und ich geſtehe, daß es mich wie ein Abſchied traurig machte. Warum war ich denn betrübt? Hatte ſie auf mich geachtet? Ich nur hatte ſie bemerkt, ich war ſo glücklich geweſen, ſie vor mir zu ſehen; es war genug, um ihren Verluſt zu bereuen, um ſo mehr, als ich beinahe gewiß war, ſie nicht wieder anzutreffen. Wer hat nicht je in ſeinem Leben ein weibliches Weſen geſehen, welches ihn zu dem Ausruf bewog: Ich werde es ewig lieben.— Und hundert Mal kehrte er vergebens zu der Stelle zurück, wo er ihr begegnet war. Darum iſt ein jeder Abſchied für den, welcher denkt und das Leben kennt, eine Scene der Verzweiflung.— O Omnibus! welch ein Philoſoph biſt dul! Meine Damen, hier wird ausgeſtiegen!— Konduk⸗ teur, rief eine dünne Stimme, wo iſt die Straße Saint⸗ Antoine?— Madame, wir kommen daher.— Aber mein Gott! man hatte mir geſagt, den erſten Omnibus am Ausgange der Straße Poissonnière zu nehmen.— Dann hätten Sie in den ſteigen ſollen, der rechts ab⸗ ging; da kommt einer, der nach der Baſtille zurückkehrt; da ſehen Sie.— Man erwartet mich um 5 Uhr zu Tiſche, und nun iſt es beinahe 6 Uhr; mein Gott! Die arme Frau war eine kleine Bucklige, welche gekrümmt auf dem afei Tritt des Omnibus in ihrer Verzweiflung unbeweg⸗ 8 4 — lich ſtehen blieb, als ein plötzlicher Rückſchlag des Wagens die Reiſenden, welche nach der Reihe ausſteigen wollten, über den Haufen warf. Meine Damen, fragte der dicke Landmann, welcher nicht im Mindeſten mehr beſorgt ſchien; welcher Weg führt nach den elyſeiſchen Feldern?— Hier iſt die Orléanaise; wir müſſen auch hin.— Sie ſtiegen auf. Was hatten ſie zu dieſer Stunde in den elyſeiſchen Feldern zu thun? Hört nur. Der Omnibus, welcher in jeder Beziehung denen nütz⸗ lich iſt, welche keinen Wagen haben, iſt doch vielen Stän⸗ den ſehr unleidlich. Der Schuhmacher beklagt ſich, daß man weniger Stiefeln abnutze; der Regenſchirmhändler ver⸗ wünſcht den Omnibus, weil er gegen Regengüſſe ſchützt; alle Kaufleute am Boulevard ſind ärgerlich auf ihn. Sie behaupten, er ſtöre den ſüßen Zuſtand des far niente, des Müßigganges, des Umherſchlenderns: denn jene Schlenderer ſind es, welche die Kupferſtiche beſehen und davon kaufen, welche Durſt bekommen und in die Kaffeehäuſer gehen, welche müde ſind und die Journale leſen; es ſind die Schlen⸗ derer, welche den wohlwollenden Damen auflauern, wenn ſie in Erwartung ihres Frühſtücks, ihres Mittagsbrots oder ihres Abendbrots umherirren. Sie müſſen ſie nun ſchon im Om⸗ nibus aufſuchen. Es war ſchon ganz dunkel: die Orléanaise hatte vorn und hinten ihre Laterne angezündet. Die vordere erleuch⸗ tete nur ſchwach den Hauptwagen, und eben ſo ſchwach waren wir auch nur von der andern erhellt. Die Bäume flohen an uns vorüber, ſo raſch liefen die Pferde; hier leuchtete unter den Baumzweigen das Licht eines abgele⸗ genen Wirthshauſes, und dort bewegten ſich die Rever⸗ bères, welche die neuen Ruinen des Viertels Franz's I. erhellten, als aus der dunkeln Wittwen⸗Allee uns ein lau⸗ ter Ruf entgegenſchallte. Haltet an!— Dieſe Aufforderung iſt eben nicht ein⸗ ladend in der Mitte der elyſeiſchen Felder. Endlich machte der Kutſcher Halt, und ich ſah eine große Geſtalt, mit einem langen, blaſſen, boshaften Geſicht, ſtieren Augen und ſtarren wulſtigen Haaren, einſteigen. Er ſprach kein Wort, ſetzte ſich, blieb unbeweglich, zog eine Börſe hervor, aus welcher Gold hervorblitzte, obgleich dies wenig mit ſeiner Kleidung übereinſtimmte, bezahlte ſeinen Platz, und verfiel wieder in ſeine Bewegungsloſigkeit. Hier, ſagte eine der Damen zum Landmann, hier iſt ein Reſtaurateur— und ſie zeigten ihm die Rotunde des Mars, aus welcher der freudige Lärm des Tanzes her⸗ überſchallte: er ſtieg mit ihnen aus. Das war gewiß nicht der Beſtimmungsort ſeines Geſchäfts. Der Triumphbogen de PEtoile zeigte ſchon ſeine groß⸗ artigen Umriſſe auf dem Sternenhimmel. Jetzt, bevor ich den Omnibus verließ, erinnerte ich mich alles deſſen, was ich geſehen hatte. Eine große Idee fand ſich im Hinter⸗ grunde aller meiner Beobachtungen, Nichts hatte ich be⸗ merkt, ohne daß nicht dieſer Gedanke, wenn gleich unbe⸗ 4* 76 ſtimmt, vereinzelt, ohne Zuſammenhang hervorgeblickt hätte; als ich ihn von allem, was ihn verdunkelte, befreit hatte, und er aus den tauſend Nebenideen klar hervorging, welche ihn getheilt hatten, wurde er ein Ganzes, ein Untheilbares⸗ wie die franzöſiſche Republik. Hier iſt es: Omnibus heißt:„Für Alle;“ der Omnibus iſt alſo das Heiligthum der Gleichheit. Und ſicher iſt es der Grund und Boden der Gleichheit. Ich habe einen Laquai, einen Pair von Frankreich, vor der Frage über die Erblichkeit, die Frau eines Wechſelagenten, und eine Köchin, einen Jeden für dreißig Centimes einſteigen ſehen.— Dieſelben Rechte, dieſelben Pflichten: das iſt doch wohl Gleichheit. Alles neben einander ſitzend, Lumpen und Kleider mit Fal⸗ bla’s; aber ſo weit geht die Gleichheit nur. Man verlange nicht, daß mancher Menſch ſpreche: er würde ſich durch die Gemeinplätze des Trunkenbolds verrathen; man würde ihm die Thüre weiſen. Dieſer, welcher gut gekleidet iſt, ſcheint ſeinem Nachbar ähnlich; laßt ihn ein Wort reden, und es iſt nicht franzöſiſch: Adieu, Gleichheit! Die Erzie⸗ hung allein, Talent und dem verwandte Eigenſchaften ma⸗ chen uns einander gleich, und mehr noch! Gott hat nicht zwei Blätter gleich geſchaffen, wie ſollte er alle Menſchen übereinſtimmend gebildet haben? Fühlt einem jeden der achtmalhundert tauſend Einwohner von Paris den Puls: ich wette, keiner ſchlägt mit dem andern gleichmäßig in einer und derſelben Bewegung. Der, deſſen Puls raſcher ſchlägt, iſt thätiger, pünktlicher, und wülde ſeine Geſchäfte in dieſer Welt beſſer führen, als der, deſſen Blut träge und langſam ſich regt. Sie waren von gleicher Geburt, eine gleiche Erziehung hatte die Gleichheit in ihnen genährt; aber dennoch war es vergebens, ſie wurde durch ihre Nei⸗ gungen, durch die Fähigkeiten zerſtört, welche der Schö⸗ pfer ungleich vertheilt hat. Ein philoſophiſches Syſtem, wenn gleich es der Menſchen Wohl befördern will, und die Abſchaffung aller Vorrechte predigt, erklärt dennoch, daß es eins giebt, welches Nichts zerſtören kann, das Vor⸗ recht des Herzens, der Seele, des Verſtandes. Einem Jeden nach ſeinen Werken: dieſer Spruch iſt die feierliche Weihe der Ungleichheit. Sehet den Omnibus! Achtzehn Perſo⸗ nen ſoll er faſſen. Der Kondukteur iſt unbiegſam in dieſem Punkt, und doch geſchieht es, daß ſechs ſtarke Körper die zwölf kleinen erdrücken und erſticken: iſt dies der Fehler des Omnibus oder des Zufalls? Einige Menſchen erheben ſich, und beherrſchen die Menge durch ihren Verſtand, ihr Genie: wer hat es gewollt? iſt's die Geſellſchaft? iſt es nicht vielmehr Gott? Ihr, denen die Natur bei der Ge⸗ burt jene Kraft des Genies gab, in welchen langes Stu⸗ dium frühzeitig das Talent entwickelte, glaubt, es giebt noch eine wichtigere Wiſſenſchaft, um die Menſchen zu beherr⸗ ſchen: es iſt die Lebenserfahrung, welche ſich nur langſam erlangen läßt. Nun wohl! Ihr könnt ihrer in ſechs Monaten, in einem Jahre Herr werden. Seid in dieſer Zeit der Führer eines Omnibus. 4 Erneſt Fouinet. — Die Findelkinder. Das iſt noch eine Ueberſicht der heutigen Sitten nach meinem Sinn. Andere, mit fruchtbarerer Feder, und be⸗ ſonders meine Lehrmeiſter, werden dieſes unendliche Pano⸗ rama der Hauptſtadt, in der ſich die Welt abformt, dieſes vielfache Leben, in dem ſich der Pariſer wie in den Schwan⸗ kungen eines Schiffes wiegt, ſpielend beſchreiben. Ich, noch ein junger Beobachter, ich habe einfältiger Weiſe nach dem Schlußſteine geſucht; ich bin auf den Grund gegangen. Dieſes Buch iſt eine Geſchichte, von welcher mein gründ⸗ lich ſtudirter Text das Drama als letztes Kapitel ſchließen ſollte. Gott wolle, daß mein Gemälde Verzeihung finde! Anders iſt es mit den witzigen, ſcherzhaften Gegenſtänden, den beißenden Unterſuchungen, dem warmen Kolorit des Boudoirs, der feinen Sprache der Salons; hier müſſen die nackte Wahrheit, das ſchimpfliche Detail, und die blutigen Zahlen die Schwächen des Erzählers bemänteln. 7 Und mein Fehler iſt es nicht, wenn ein, aus dem Roman der großen Stadt zufällig herausgegriffener Gegenſtand in einem einzigen Gedanken die Quelle, die Haupthandlun⸗ gen und das Fortbeſtehen unſerer Zeitgenoſſenſchaft ver⸗ bindet; es liegt ſelbſt in der Exiſtenz eines Hospitiums für die Findelkinder eine Frage von hoher Theorie. Ihr möget Euch in der Oper an der Ueppigkeit einer ſinnberauſchenden Vorſtellung ergötzen, oder auf dem Fußboden der Morgue den Leichnam eines Ertrunkenen betrachten: überall und immer wird der Dämon der Unmoral mit ſeinen hämiſchen Augen Eurem Auge begegnen. Bei manchen Völkern richtet ſich der Maaßſtab der Civiliſation noch nach dem Alter der Grabmäler; in Frankreich kann man die menſchliche Kul⸗ tur nach der Wiege abſchätzen. Ihr ſehet alſo, daß die Vernunft des Menſchen um die Zwiſchenzeit zugenommen hat, welche das Leben vom Tode trennt: dies iſt eine un⸗ geheure, unſerer rieſenhaften Einbildungskraft bewunderns⸗ würdig entſprechende Eroberung. Der Egoismus iſt beinahe wiſſenſchaftlich, er verlangt das Ungeheure. Ich hätte beinahe von der modernen Poeſie geredet, und ein Hospital iſt unſer Gegenſtand. Nie hat wohl ein öͤffentliches Gebäude einen, den ſchmerz⸗ lichen Gefühlen, die ſeine Beſtimmung erweckt, entgegen⸗ geſetzteren Anblick gewährt. Den bei uns ſo alltäglichen Kontraſt von einfachen Dingen und furchtbaren Greueln trifft man hier beinahe gern wieder an. Beim Eintreten ſucht Ihr Thränen, philoſophiſche Aufregungen, Verdruß, 80 und kaum hört Ihr das Schreien der Neugebornen; über⸗ all, wo Ihr hingeht, findet Ihr Blumen, freundliche Non⸗ nen, ſchöne, weiße Vorhänge, Crucifixe, etwas Laſter, und das iſt es alles. Man ſpaziert zwiſchen den beiden Reihen Wiegen einher, wie auf einer Wieſe, mit dem Unterſchied nur, daß auf der Wieſe die Erde, dieſe ge⸗ meinſame Mutter, ihren verwaiſten Pflanzen die wahrhafte Ernährerin iſt. Man ſieht Blondköpfe, Engelsfigürchen, einen Saal, welcher dichteriſcher Weiſe den Namen„die Krippe“ führt, eine kleine Kapelle und eine Sektionsbühne. Die Gebäude bildeten früher ein altes Kloſter der Congre⸗ gation; heut iſt es ein Hospitium für Findelkinder: in dieſen beiden Worten liegen zwei Jahrhunderte. Sonſt iſt nichts Merkwürdiges an dieſem Hospital, es gleicht einer Schule, einer Manufaktur, dem Hauſe am Ende der Straße, ja, Eurem väterlichen Hauſe. Ich vergaß jedoch noch eine Statue, welche Ihr beim Eintritt andächtig begrüßt. Vincent de Paula hält in der Vorhalle ſeines Tempels Wache; Vincent de Paula, dieſer Mann, deſſen evange⸗ liſcher Eifer den fünften Theil der Bevölkerung, welche über ſeinem Grabe wandeln wird, rettete. Seine Zeitge⸗ noſſen haben in ihrer Verlegenheit ſeinen Namen in den Kalender aufgenommen; Napoleon würde aus ihm einen Miniſter gemacht haben, und das aus guten Gründen. Als ich an das Gitter kam, fiel mir ſogleich rechts von der Thür ein Kaſten, eine Art Drehrad, in's Auge, wel⸗ ches ſich durch zwei Schieber nach Innen und nach der 81 Straße öffnen läßt. Dieſes Drehrad iſt vollkommen einem Briefkaſten zu vergleichen. Und in der That, eine Mutter wirft ihr Kind, beinahe wie einen Liebesbrief, da hinein, nur mit dem Unterſchiede, daß dieſer die Intrigue ent⸗ ſpinnt, das Kind ſie aber auflöſt. Die Geſchichte dieſes Drehkaſtens iſt dem Eigenſinn der öffentlichen Moral unter⸗ worfen geweſen. Sonſt legte die elende oder ehebrecheriſche Frau Nachts und heimlich ihren Neugebornen hinein, dann zog ſie die Klingel, um die fromme Schweſter, welche die Woche hatte, zu wecken, und entfernte ſich raſch in der Dunkelheit mit ihren Thränen oder Gewiſſensbiſſen. Jetzt hat ein ſonderbarer Mißbrauch die Rekrutirung des Fin⸗ delhauſes ſehr vereinfacht. Man hatte nämlich in dem Drehkaſten des Morgens häufig todte Kinder gefunden, welche vor Tagesanbruch, ohne Zweifel zur Erſparung der Begräbniß⸗Koſten oder zur Verheimlichung von Verbre⸗ chen, hineingeſchoben worden waren. Dieſes Mittel, die Guillotine und Leichenbegängniſſe zu umgehen, iſt verſchwun⸗ den. Eine fromme Schweſter wacht die Nacht hindurch am Eingange des Sprachzimmers und empfängt die kleinen Ankömmlinge von Hand zu Hand; der Drehkaſten öffnet ſich nicht mehr, und ſein Schloß iſt verroſtet. Freilich hat dies Verfahren den Reiz des Geheimniſſes verdrängt. Doch muß ich geſtehen, jetzt verbirgt man es auch nicht mehr ſo ängſtlich, wenn man mit einem Kinde genirt iſt; es komme aus dem Boudoir oder vom Boden, es falle aus einer Kaleſche oder einem Tragkorbe, mit geſtickten 82 Windeln oder einem wollenen Lappen; es wird als eine Hausſtandsſache, eine Familien⸗Angelegenheit betrachtet, die man freundſchaftlich beſeitigt. Man übergiebt das Kind im Sprachzimmer bei voller Mittagszeit, man empfiehlt es ſogar den frommen Schweſtern, indem man Sorge trägt, den Namen des Vaters zu verrathen; man vergießt einige Thränen, und die Sache iſt abgethan. Nachher möge der kleine Verlaſſene ſchreien, ſterben, von dem Anatomiſten in Stücke zerſchnitten und wieder zuſammengenäht, in ei⸗ nem leinenen Sacke in die eigends dazu beſtimmte Grube des Kirchhofs geworfen werden: das kümmert wenig! Die Ehre iſt gerettet, die Mutter geht auf den Ball oder nach der Salpetrière, die Civiliſation ſchreitet vor, die Arzenei⸗ kunſt blüht, und auf der Univerſität haben wir einen Kur⸗ ſus der politiſchen Oekonomie:— es iſt bewundernswürdig! Manchmal, doch nur ſelten, bricht das Herz der Mut⸗ ter vor Schmerz bei dieſer gräßlichen Trennung; ihre Hände zittern, indem ſie das Wickelzeug aufrollen; ſie weint und küßt es unaufhaltſam, das Kind, welches ſie niemals Mut⸗ ter rufen wird. Man hat mir rührende Begebenheiten, wahrhaft betrübte Auftritte, vollſtändige Drama's erzählt, deren Kolorit dieſe fieberhafte Unnatur etwas verſchleiert. Es giebt arme Arbeitsfrauen, welche ſich ihren Neugebor⸗ nen zeichnen, welche an ſeinen Hals ein Band, einen Ro⸗ ſenkranz, einen alten Ring befeſtigen; welche ihm einen geliebten Namen geben, und die Nonnen inſtändigſt bitten, ihm dieſen Namen beizulegen. Solche kommen alle Monat, 83 alle Wochen, um ſich mit Aengſtlichkeit von dem Befinden des geopferten Kindes zu unterrichten; denn niemals dür⸗ fen ſie es ſehen, und im Fall des Todes verweigert man ihnen auch den Leichnam: der bleibt für die anatomiſchen Uebungen zurück. Andere, wenn ſie ihrem Schmerz nicht länger widerſtehen können, gebrauchen die fromme Liſt, ſich als Ammen zu vermiethen, um ihrem Kinde die eigene Mutterbruſt zurückzugeben. Dieſe Frauen verdienten einen Preis der Tugend. Es wäre eine ſchöne, wahrhaft menſchenfreundliche Sache, wenn man nachforſchen wollte, in welchem Verhältniß ſich jene ſtrafbaren Mütter in die verſchiedenen Klaſſen der menſchlichen Geſellſchaft vertheilen; eine ſolche Ermittelung, wenn ſie ſich machen ließe, würde die tauſend verſchiede⸗ nen Züge des Laſters beſtimmen, welche uns durch ihre Vielſeitigkeit entgehen, und würde uns auf arithmetiſchem Wege vom Schmutz des Kreuzweges bis zum Pfeil des Pantheon die genügendſte Muſterung unſeres überfüllten Paris gewähren. Niemals würde das römiſche, von Ju⸗ venal gegeißelte Volk auf dem Forum mehr Sorgloſigkeit und Lumpen zur Schau getragen haben; niemals beſonders würden die wollüſtigen Schandthaten der Prätoren, ſelbſt nach dem Pamphlet des Petronius, in treffenderen Denk⸗ ſchriften entſchleiert worden ſein. O, welch ein Keulen⸗ ſchlag auf dieſes feine zierliche Gewebe, unter welchem die alten Sünden der Lutetia ruhen! Vielleicht würden die Kameraliſten in dieſen auffallenden Ergebniſſen das Re⸗ 84 ſultat, welches der Arme ſeit der Erſchaffung ihrer Wiſſen⸗ ſchaft erwartet, finden. Bald würde es eine Nacheiferung geben, wenn auch nicht der Tugend, ſo doch des guten Tons, um nach und nach die Zahl bis auf Null zu redu⸗ eiren; alle moraliſche Principien müßten durch dieſe ſtatiſti⸗ ſche Mühle laufen: die vornehmen Damen und die luſti⸗ gen Dirnen, das Boudoir und der ſchlechte Alkoven; das Elend und die Unkeuſchheit würden ſich in einem klaren Facit darſtellen: heut würde die Chaussée d'-Antin ihre Anzahl verheimlichen; morgen würde die Vorſtadt Saint- Marceau ſich mit ihrer Durchſchnittsberechnung brüſten. Ja, um dieſe patriotiſche Arbeit zu belohnen, würde die Akademie der Inſeriptionen ihre Thore öffnen. Ich weiß nicht, ob die Fortſchritte der Philoſophie zu dieſer Vollkommenheit führen werden; aber ſo viel iſt gewiß, daß das Hospitium der Findelkinder ſchon ein treff⸗ liches und praktiſches Mittel beſitzt, dahin zu gelangen. Es iſt dies nämlich ein Regiſter, ein einfaches Regiſter, in welches, bei der Aufnahme eines Neugebornen, alle, auch die unbedeutendſten Umſtände derſelben, eingetragen werden. In dieſem Regiſter wird es zum Beiſpiel verzeichnet, ob das Kind mit groben Linnen, oder mit einem Spitzenhemd⸗ chen bekleidet geweſen, oder ob es wohl gar ganz nackend überliefert worden iſt; man vermerkt darin, ob die Ver⸗ wandten geweint oder nicht geweint haben, ihre Worte, ihre Bitten, ihren Kaltſinn, den Grad ihrer Munterkeit; man trägt den Tag und die Stunde der Ankunft, den 85 Namen des Kindes, wenn es einen hatte, ein, und oft auch die Krankheit, woran es litt. Da giebt es eine Maſſe der ausführlichſten Angaben. Endlich, wenn das Opfer ſtirbt, vermerkt man den Todestag. Dieſes Regiſter bietet alſo die umfangreichen und genauen Jahrbücher von der außergewöhnlichſten Chronik dar, welche jemals beſtanden hat. Uebrigens wird dies Notizbuch, dieſes große Buch der öffentlichen Schuld, zu einem ſehr nützlichen Zwecke geführt. Wenn man wünſcht, ein Kind aus den Händen des Staats zurückzunehmen, ſo liefern ſeine alten und ge⸗ bräunten Blätter die nöthigen Angaben dazu; Ihr kauft das Andenken des Regiſters; man verhandelt Euch die Zeile, welche allein in der Welt im Stande iſt, Eure Vater⸗ ſchaft und Euren Sohn zu dokumentiren. Die Beamten der Adminiſtration halten dieſes merkwürdige Buch mit der Hochachtung eines Pedells in Ehren; ſie ziehen Handſchuh an, um es zu öffnen: es iſt ein Heiligthum. Opfert die⸗ ſem Gott, und die Bande werden ſich löſen. Noch einen Louisd'or, und man giebt Euch ſogar das Papier dazu, um daraus Abſchriften zu nehmen. Niemand bekommt dieſes Buch jetzt zu ſehen, ſelbſt der Adminiſtrator nicht, der es in einem Spinde tief verſteckt hält: er zittert, das goldene Geheimniß verlauten zu laſſen. Merkwürdige Steuer, welche, auf die Wiederkehr der Zärtlichkeit oder des Glücks ausgeſchrieben, den Konſumen⸗ ten direkt trifft! Es iſt unmöglich, das Verhältniß zwiſchen 86 dem Darlehn und dem Zins richtiger abzumeſſen. Es iſt ein Meiſterſtück der büreaukratiſchen Jurisprudenz. Ach! warum ſind wir nicht Spanier oder Preußen! Man würde Frauen vorſützlich ihr Kind verlieren ſehen, damit es ſeinen ehrlichen Namen wiederfinde. In Madrid ſind alle Findelkinder legitim, und daher kommt es, daß die Straßen von Baſtarden wimmeln. In Preußen, unter Friedrich dem Großen, dem Soldatenfürſten, der deshalb um ſo mehr bemüht war, für die Bevölkerung zu ſorgen, nährten die jungfräulichen Mütter ihre Kinder ganz öffentlich, und behaupteten ihren Platz neben den verheiratheten Frauen. Es war eine erneuerte Sitte der Griechen. Wir dürfen aber auch nicht vergeſſen, daß Friedrich für einen philoſo⸗ phiſchen Monarchen galt. Ich bin niemals in Preußen geweſen; aber wahrſcheinlich iſt dieſe menſchenfreundliche Toleranz des großen Königs jetz aus der Gewohnheit ge⸗ kommen. Es giebt eine auffallende Thatſache, welche ich zur Nutz⸗ anwendung dem weiteren Nachdenken überlaſſe. Im Ver⸗ gleich mit den andern Hauptſtädten Europa's iſt die Stadt Paris, im Verhältniß zu ihrer Bevölkerung, diejenige Stadt, welche die wenigſten Findelkinder zu verpflegen hat, und doch zeigt ſich Frankreich unter allen Nationen am undank⸗ barſten, das Schickſal dieſer Sprößlinge des Elends zu ſichern. In London merkt man ihrer Erziehung die Schule Franklin's und die Gaſtfreundſchaft eines gewerbtreibenden Volkes an. Man bringt ihnen ſogar gute Sitten und Tu⸗ 87 genden bei, was bei uns ſehr ſelten iſt. Ich muß noch hinzufügen, daß ſogar in Folge einer polizeilichen Maaß⸗ regel die Mütter genöthigt ſind, ſich vor dem Wochenbette zur Einſchreibung zu melden. Ihr Name ſucht ſich der Entehrung des Regiſtrirens zu entziehen, und die Schande des öffentlichen Erſcheinens führt nur die elendeſten und frechſten herbei. In Rußland, in Neapel bringt man die natürlichen Anlagen der Waiſen, bevor man ihren Brot⸗ erwerb beſtimmt, in Anſchlag; und in Moskau befindet ſich ein Findelhaus, worin die Kinder auf einem Theater, was gänzlich aus ihnen gebildet iſt, Tanz, Muſik und alle Er⸗ forderniſſe zur dramatiſchen Kunſt erlernen, und dieſes Hospitium war das erſte, welchem Napoleon am Tage ſeines Einzuges eine Sicherheitswache gab. Bei uns erhält das kaum erwachſene Findelkind von der Adminiſtration mit ſeinem Abſchiede ein Brevet der Dienſtbarkeit. Die menſchliche Geſellſchaft will dieſe Un⸗ glücklichen, indem ſie ſie wie in der Regie den Tabak behandelt, höchſtens bis zur niedrigſten Stufe der Geſell⸗ ſchaft erheben; man zerſtreut ſie, gern oder ungern, mit dem Geſchenk einer beſchränkten Inſtruktion in der unter⸗ ſten Klaſſe; und wenn der Paria, empört über die Unter⸗ drückung ſeiner geiſtigen Kraft, in ſeinem härenen Kittel ſich rüttelt, in ſeine Kette beißt, wirft man ihm einen Spa⸗ ten, eine Hacke zu, oder giebt ihn dem Hunger preis. Die Wahl iſt nicht zweifelhaft. Soll ich nun noch erwähnen, daß die Hälfte nur zu — dieſer ſchönen Erbſchaft gelangt, und daß die andere Hälfte, in Folge des Mangels der Muttermilch, der Unſicherheit des Erwerbs, ſo wie durch die Anſteckung ſchändlicher Krank⸗ heiten untergeht? Gegenwärtig unterliegen drei Fünftel der Findelkinder im erſten Lebensjahre. Von den Neugebornen ſtirbt ein Viertel in fünf Tagen und mehr als zwei Drit⸗ tel nach dem erſten Monat. Fünf Jahre nach dem Tage, wo acht Kinder gleichzeitig in das Hospitium aufgenom⸗ men werden, ſind davon nur drei am Leben geblieben. Nehmt zwölf Jahre an, und Ihr werdet nur noch eins davon übrig finden! Wir müſſen geſtehen, daß die Kunſt ſowohl, als die Verwaltung es nicht vermögen, dieſes trau⸗ rige Reſultat zu beſchwören, es hängt von tauſend örtli⸗ chen oder ſanitätlichen Urſachen ab, welche ihre Hülfsmit⸗ tel überſteigen. Jedenfalls iſt jedoch die Ueberzeugung tröſt⸗ lich, daß die Sterblichkeit von Tage zu Tage abnimmt, und nach den heutigen Ergebniſſen die Reſultate des Fin⸗ delhauſes, gegen diejenigen von vor vierzig Jahren, bei wei⸗ tem mäßiger erſcheinen. Um meine Behauptung zu unter⸗ ſtützen, erlaube ich mir eine Thatſache anzuführen. Ge⸗ genwärtig bringen bequeme Wagen die Ammen aus den entfernteſten Provinzen nach Paris, und jedes Departement beſitzt ein Hülfs⸗Hospitium, in welches die Neugebornen aufgenommen werden können. Wird man es glauben, daß vor der Revolution das Etabliſſement in der Hauptſtadt für ganz Frankreich genügen ſollte, und daß die Kinder von jedem Punkt des Königreichs herbeigeſchleppt wurden, 89 um ſich in dieſem Central⸗Büreau ein Lebensbillet zu löſen? Oefter war es ein Certifikat des Todes. Ein Mann, ein Laſtträger, mit einem Tragkorbe auf dem Rücken, der in weich ausgeſchlagenen Schachteln drei Neugeborne enthalten konnte, marſchirte, durch Staub und Koth, in der hef⸗ tigen Sonnenhitze und bei dem Getöſe der Wirthshäuſer, ruhig auf Paris los. Die aufrecht ſitzenden Kinder in dem Kaſten erhielten von oben etwas friſche Luft. Von Zeit zu Zeit hielt der Mann an, um ſeine Mahlzeit zu ſich zu nehmen und ſeine kleinen Reiſegefährten etwas Milch ſau⸗ gen laſſen. Wenn er das Behältniß öffnete, fand er bei⸗ nahe immer eins darin todt. Ohne weitere Sorge warf er den Leichnam fort, füllte den leeren Raum, welcher dadurch entſtanden war, aus, und ſetzte mit dem Reſt ſeiner Laſt ruhig ſeine Reiſe weiter fort. Bei ſeiner Ankunft erhielt er einen Empfangſchein fuͤt ſeine Waare, und war für die Havarei, die er erlitten hatte, nicht weiter ver⸗ antwortlich. 4 1ee ztate. Ht t e 4 Wenn bei dem gegenwärtig befolgten Syſtem dieſe be⸗ klagenswerthen Spuren der Unvollkommenheit auch ver⸗ ſchwunden ſind, ſo iſt ſolch Werk allerdings verdienſtlich, aber ein Vortheil davon dennoch nicht erreicht. In Frankreich, ſo wie in den andern Staaten des Kontinents, ſchreitet die verbeſſerte Einrichtung der Findelhäuſer im genauen Ver⸗ hältniß mit der Zunahme der Anzahl der verlaſſenen Kinder vor, ſo daß bei einem ſolchen Reſultat ein Jeder, ohne gerade mit einem ſtarken Geiſt begabt zu ſein, geſtehen 4 4** 90 möchte, daß es zur Heilung dieſes offenen Schadens der menſchlichen Geſellſchaft vielleicht beſſer wäre, wenn die Neugeborenen von ihren Müttern erwürgt, vom Hunger verzehrt, oder von Kälte auf der Landſtraße erſtarrt wür⸗ den. Das iſt die weiſe Anſicht von Malthus, eines be⸗ rühmten deutſchen Kameraliſten, welcher ein bewunderns⸗ würdiges Werk über die Armenpflege geſchrieben hat. Dieſer ſchreckliche Ausſpruch iſt nicht unbeſtreitbar; aber wenn man die Anzahl der Aufnahmen in dem Hospitium von Paris berückſichtigt, kann man ſich nicht erwehren, ihm Glauben zu ſchenken. In den letzten Jahren beſonders iſt die Zahl der Neugebornen monatlich um ein Drittel geſtiegen. Im Jahre 1830 hat man bis zu fünftauſend und zwei⸗ bis dreihundert Aufnahmen gezählt, und im Laufe des gegen⸗ wärtigen Jahres, wo der allgemeine Nothſtand die dürfti⸗ gen Klaſſen der Bevölkerung noch mehr getroffen hat, iſt die Zahl noch geſtiegen. Es liegt mir ein Immatrikula⸗ tions⸗Schein vom 3ten September vor Augen, welcher die Nummer 4202 führt, und wir gehen dem Winter eit entgegen! hnen Man hat die Bemerkung gemacht, daß die politiſchen Bewegungen immer beſonders zur Rekrutirung der Findel⸗ häuſer beigetragen haben. Nach der Reaktion des Thermi⸗ dor und im Schvoße der patriotiſchen Täuſchungen des Direk⸗ toriums vermehrte ſich die Zahl in achtzehn Monaten um das Doppelte. Sei es, daß der Wunſch, die durch das Schreckensbeil herbeigeführten LJah wieder auszufüllen, in 91 den Dachſtuben, ſo wie bei den Bachusfeſten des Luxem⸗ burg gleich lebhaft war; oder ſei es, daß die Frauen, von dem damaligen Strudel ſeltſam ergriffen, der Blüthen ſorg⸗ ſam gepflegt, die Früchte aber nachher von ſich geſtoßen hatten: die republikaniſche Volkszählung fand bei dem müt⸗ terlichen Cynismus auf eine bewundernswürdige Weiſe ihre Rechnung. Dieſe Vorliebe für's Wochenbett ſtimmte nach logiſchen Prineipien mit dem Geſchmack des künftigen Dik⸗ tators ſehr wohl überein, welcher ſich vornahm, das Gleich⸗ gewicht der Bevölkerung möglichſt wieder herzuſtellen. Mer⸗ eier verſichert, in ſeinem„Gemälde von Paris,“ daß man lange Zeit mit dem Plane umging, das Hospitium in Brigaden abzutheilen, und jedes Findelkind bei der Taufe ſchon als Soldat einzuſchreiben. Das wäre eine Erziehung à la Friedrich geweſen, eine Konſtription im Mutterleibe. Das Vorhaben ſcheiterte aber, wie ſo viele andere. Jedoch der Einfluß der europäiſchen Kriſen, die ſchwar⸗ zen Rathſchläge des Elends, die ſchmutzigſte Spitzfindigkeit des Egvismus, mochten dieſem rohen Gemälde noch ſo viel Farbe verleihen, ſo erblichen dieſe doch noch im Betracht desjenigen, jener andern Peſt, welche die Kinder in der früheſten Jugend dahinrafft, und am Herzen der Haupt⸗ ſtadt durch Ausſatz und Anſteckung nagt. Laßt uns hier unſere Feder in den Rinnſtein tauchen; ich werde Euch ein ſchmutziges Gemälde entwerfen müſſen. So laßt Euch denn von dieſem reinlichen Saal, in welchen ich mit Schaudern trat, von dieſen weißen und 1 92 grünen Körben, in welchen unter ihren Behängen doppelte Gottesläſterungen gewiegt werden, und von dem ruhigen Schlummer des Neugebornen, den das böſe Gift beſchleicht, und von den ſcheußlichen Wunden, deren Qualen der Menſch weiter verpflanzt, erzählen. Habt Ihr das Kabinet von Dupont in der Straße Vivienne geſehen? Ihr habt hier daſſelbe Schauſpiel, und noch mehr durch die Wirklichkeit des Fleiſches, das Zittern der Lippen, das Geräuſch des Athmens und die Feuchtig⸗ keit der Haut. Die armen Kleinen erleuchten durch ein En⸗ gelslächeln die hölliſchen Masken ihrer Verdammniß. Da giebt es einige, welche vor der Stirn gezeichnet ſind, und vom Himmel zu träumen ſcheinen; dieſe öffnen und ſchlie⸗ ßen, von Schmerzen ergriffen, fortdauernd den Mund, als wenn ſie ihre Seele durchließen; jene ſtieren Euch mit großen blauen, lebhaft glänzenden Augen an, daß Ihr Euch bewogen fühlt, Euch auf die Wiege zu neigen, um ihre Augenlie⸗ der zu küſſen: und Ihr küßt Leichen. Sie liegen da, an die Mauer gereiht, wie glückliche Schatten, die die Auf⸗ erſtehung erwarten. Wenn man das fleißige Beſtreben der frommen Schweſtern des heiligen Vincent de Paula für dieſe Opfer ſieht, ſo bemerkt man leicht, daß ſie in der würdigen Erfüllung ihres chriſtlichen Berufs ihr ganzes Glück ſuchen. Sobald ein Kind ſtirbt, legt man auf ſeinen ſeelen⸗ loſen Körper ein Crucifix, man ſchließt die Vorhänge, und befeſtigt oben auf dem Gipfel der Wiege einen kleinen Kranz von weißen Margueriten und Immortellen. So, für einige 93 Stunden unter ihren Geſpielen ausgezeichnet, bleibt die Blüthenknospe, welche das Uebel und der Tod vernichtet haben, ein Unterpfand der göttlichen Ausſöhnung. Viel⸗ leicht verwünſcht die Mutter ihr Neugebornes noch, wenn dieſes ſchon Gnade bei Gott für ſie erfleht. Frauen, die Ihr dieſes leſet, Frauen, ſowohl aus dem vornehmen Viertel, wie aus der Straße d'Antin, verlaſſet an einem ſchönen Wintermorgen einmal Euer freundli⸗ ches Fenſter, durch welches die heitere Sonne Euch anlä⸗ chelt; verlaſſet Euren mit chineſiſchen Bildern und Perlen⸗ Arabesken verzierten, Ambra duftenden Kamin, und richtet Euren Spaziergang nach jenem weißen Hauſe der Straße d Enker, welches ich Euch zu ſchildern verſucht habe. Ge⸗ wiß, das Bezaubernde eines parfümirten Lebens wird ſich aus Eurem Gefolge nicht entfernen, wenn Ihr auf der Höhe des lateiniſchen Viertels angekommen ſeid. Eure zierlichen Füßchen werden ſich in den Windeln verwickeln, womit Ihr die langen Corridors beſtreut findet, und welche an deſſen Verzierungen zum Trocknen aufgehängt ſind. Die ernſte Stimme der frommen Schweſtern, das Geſchrei der neugebornen Kinder, das Gemälde ihrer Martern, werden Eure zarten Nerven erſchüttern. Aber Ihr ſeid dieſen Be⸗ ſuch dem Zufluchtsorte des Elends ſchuldig, welcher durch Euer Geſchlecht halb ſeine Nahrung findet; denn vor der Wiege des Findelkindes werdet Ihr, wie Fontenelle, unter Thrünen ausrufen können: Das hat die Liebe verſchuldet! André Delrien. — Der Salon von Lakapette. Jo bin ein wenig liebenswürdiger, wenig galanter, wenig höflicher, mit einem Wort, ein beinahe gar nicht eiviliſir⸗ ter Menſch. Meine ſogenannten Freunde nennen mich den Bauer von der Donau. Im Allgemeinen ziehe ich die Vorſtädte der Stadt, den ländlichen Hof dem Boulevard des Italiens und das Melodrama dem Trauerſpiele vor. Darum verabſcheue ich alle Abendgeſellſchaften, und beſon⸗ ders die Abendgeſellſchaften der großen Welt. Niemals habe ich den rechten Begriff von einer Abendgeſellſchaft gehabt. Und was iſt es, in der That? Iſt es vielleicht ein Tummelplatz von Männern und Frauen, velche ſich mit mehr oder weniger Anmaßung an einem Orte zuſam⸗ menfinden, deſſen Eigenthümer ſie mit eben ſo vieler An⸗ maßung eingeladen hat? ein Gewirr von Neid, Widerſprü⸗ chen, Ehrgeiz, Eiferſucht und Haß? eine mit Seide, Cache⸗ mirs und Blumen geſchmückte Menge? duftend wie ein 95 Bouquet Tuberoſen, das Schwindel erregt, und nach einer Minute des Genuſſes Gähnen veranlaßt, eine tanzende, ſingende, lachende und tändelnde Menge, welche meiner Meinung nach hundert Mal langweiliger und läſtiger als das gemeine Volk in Hemdsärmeln und Miütze iſt, welches noch geſtern auf unſern kothigen Straßenplätzen ſich tanzend umhertrieb?— Iſt das eine Abendgeſellſchaft? 1G Oder iſt das vielleicht eine Vereinigung trübſeliger, vom Kopf bis zu den Füßen ſchwarz gekleideter, hinter grünen Tiſchen ſymmetriſch gereihter Männer, welche Hände voll Gold auf ſchöne ſpiegelglatte Karten ſetzen und ohne Mit⸗ leid das Vermögen ihrer, hinter ihren Stühlen mit vor⸗ geſtrecktem Hals, geſchwollenen Adern und ſtierem Blick dem Spiele zitternd zuſehenden Frauen verlieren, oder die Ausſteuer ihrer Töchter, die im anſtoßenden Saale ſtumm und nachdenkend tanzen, und die Liebesſchwüre einiger jun⸗ gen Herrchen mit ſpitzen Schnurbärten anhören, junger ſentimentaler Gecken, die ſie mit ſchönen Reden des Saint Simonismus und der Dichtkunſt in Verſuchung führen und verderben? Armſelige Frauen, welche am Abend zu ihren Töchtern geſagt hatten: Amalie, mache mir den Kopf⸗ putz, mein Kind: Du haſt mehr Geſchmack als Nardin: — Kompliment einer lieben Mutter, Sparſamkeit einer guten Frau! Armſelige Töchter, welche ihrem ſpielſüchti⸗ gen Vater ihr Taſchengeld in kleinen, wie ſie, zarten und niedlichen Geſchenken zurückgeben. Ach, wie beklage ich 96 ſiel Und dieſer Mann, ihr Gatte, ihr Vater, hält ſich für rechtſchaffen!l!! a un de. Iſt das eine Abendgeſellſchaft? ahnl scrranniit Soll ich indeſſen wählen, ſo ziehe ich doch die Spiel⸗ Säle vor. Das Spiel iſt doch Etwas; es iſt doch in unſerer Zeit, wo Alles ein Spiel iſt, wo man mit der Oelung wie mit Anleihen, mit Drei⸗Sechſen und Drei für Hundert ſpielt, wo man ſein Gewiſſen für ein Amt und ſein Va⸗ terland für einen Ditel verſpielt, wenigſtens feine ernſte und gemeſſene Beſchäftigung. Ja, ja, ich ziehe den Spiel⸗ Saal vor. Nachts, bei den Ambra⸗Kerzen, mit recht glatten Karten, an der Seite hübſcher Frauen ſpielen, die für Euch wetten, deren heißer Athem, je nachdem es Pigque oder Coeur iſt, ruhig oder bewegt Euer Haar liebkoſt oder in die Höhe treibt; neben hübſchen Frauen, welche Euch mit lieblichem Lächeln danken, wenn Ihr gewonnen, mit Euch grollen, wenn Ihr verloren habt: denn ſie ſind ſchlechte Spieler, die Frauen! Das iſt doch beinahe ein Vergnü⸗ gen zu nennen. 3 190 aln n Arme Jugend! Politik und Spiel mißbraucht und ruinirt ſie, macht ſie verdrüßlich, eigenſinnig und trocken wie das Alter der Regierung. Seht jene Stube im ſechsten Stock dort, jene von oben erleuchtete Dachſtube; wenn es drau⸗ ßen regnet, regnet es auch ein; ein Bett von gemaltem Holz, eine altmodiſche Kommode, ein Felleiſen, ein Tiſch und zwei Stühle ſind ihre ganzen Habſeligkeiten: ein Stu⸗ dent, der arme Sohn eines reichen Vaters, welcher ihm befoh⸗ 97 befohlen hat, mit 100 Franken monatlich zu leben und zu ſtudiren, wohnt darin. Sehet, jetzt kleidet er ſich zum Balle an. Er zieht leichte Socken über die weißen baum⸗ wollenen Strümpfe und dann Stiefeln darüber. Er macht ſich zu Fuß auf den Weg. Er kommt an, und in der Loge des Portiers, oder im Vorzimmer, ſetzt er ſich in Escapins. Seine Börſe iſt nicht leer, denn zwei Hundert⸗ Sols⸗Stücke ſind noch ganz behaglich darin. Er hätte zu Wagen kommen können; aber er will lieber die Mittel zum Spiel behalten. Er ſpielt, er verliert, will wieder nach Hauſe; und auf der Brücke Saint⸗Michel ſtiehlt ihm Je⸗ mand ſeinen Mantel und ſeine Schuhe. Arme Jugend! Ihr bereitet durch Spiel ihren Unter⸗ gang. Ihr ſeid Barbaren. Sie liebt weder Ball noch Konzert, meint Ihr? Ich glaube es wohl! Iſt es mög⸗ lich, daß ein rechtlicher Mann mit frohem Herzen die Tollheit begehen kann, für fünfhundert Perſonen Ball und Konzert da zu geben, wo höchſtens zweihundert ſich nach Gefallen bewegen können? Kann man, ohne böſen Wil⸗ len, ohne einen Akt des Haſſes und der Rache auszuüben, aus einem hübſchen Saal eine Badſtube machen, um fünf⸗ hundert Unglückliche darin am Abend zu ſieden und zu bra⸗ ten? Bei ſolchen Gelegenheiten mache ich, daß ich auf die Straße komme, denn ich fürchte die Menge, wie die Peſt. Finde ich Gedränge auf der Straße, ſo hindert mich doch wenigſtens Niemand, mir mit Ellbogen⸗Stößen Platz in anarhon Da iſt weder läſtiger Zwang noch Ergebenheit; . 5 ————— 98 nichts zwingt mich, meinen Hut in der Hand zu halten, und ihn zehn Mal in einer Minute ſchmerzlich zerdrücken zu laſſen: Ihr werdet freilich ſagen, nehmet einen Claque; aber Jedermann kann nicht einen Claque haben! Da ſind keine heuchleriſchen Höflichkeiten, keine:„Tauſend Mal um Vergebung, Madame!“—„Mein Herr, haben Sie die Güte..“—„Mademoiſelle, ich bin in Verzweiflung...;“ alle dieſe läppiſchen Lächerlichkeiten, mit denen man bei er⸗ zwungenem lügenhaften Lächeln immer bei der Hand ſein muß, wenn man ſich in dieſem freilich wohl prächtigen, edlen, reichen und vornehmen Gedränge, wie ſich's gehört, einher drehen will, das einem aber eben ſo gut auf die Füße tritt und die Fauſt in die Seite ſetzt, wie das unge⸗ bundene und ſchmutzige Volksgewimmel der Theater und der Boulevards.— Sich ſo für einen Ball und ein Konzert erdrücken laſſen! ſchöne Sachen in der That! Und wer tanzt? heirathsfähige Mädchen, kecht glatte, unbewegliche Geſtalten mit prächtigen, aber nichtsſagenden Augen; oder junge, recht kokette und ſpöttiſche Frauen, welche leere Phraſen laut und raſch, wie auswendig gelernt, oder leiſe in's Ohr, wie Geheimniſſe, rechts und links zum Beſten geben; oder Mütter mit fetten Hälſen, braunen Geſichtern, feuerrothen Kleidern, und einem Esprit in den Haaren, welche von Politik ſchwatzen, lautes Gelächter erheben und Punſch trinken. Und wer ſingt im Konzert? Herren und Frauen vom Theater, die Ihr in der Straße kaum grüßt, Ihr, die Ihr ſie doch zu Euren Feſten heranzieht; glän⸗ 99 zende Opfer geſellſchaftlicher Vorurtheile, arme, für Eure Vergnügungen mit Blumen geſchmückte, Parig's, denen Ihr Beifall klatſcht, während Ihr ſie verachtet, die Ihr bewundert und ſie dennoch geringſchätzt; oder Dilettanten, gewöhnlich ſehr einfältige Menſchen, Schmarotzer, welche von ihrer Kehle, ſo wie Andere von ihrem Gedächtniſſe, leben. 3 Das ſind Eure Bälle und Konzerte, meine Herren und Damen, nicht wahr? Behaltet ſie für Euch. Ich ziehe immer noch Opern und Poſſen vor! Andere, von der feinen Welt beſuchte Salons, in wel⸗ chen man weder Konzert, Ball, noch Spiel findet, haben auch ihre wöchentlichen, weniger geräuſchvollen, weniger erſtickenden, aber nichts deſto weniger abgeſchmackten Ver⸗ ſammlungs⸗Tage. Es ſind Büreau's des Geiſtes, wie man ſie zu den Zeiten der Frau de Tenein und der Mademoi⸗ ſelle de l'Espinaſſe nannte. Ich kenne nur einen, dem, wie man mir geſagt hat, alle andern gleichen ſollen. Ihr trinkt da Thee und eßt Butterſchnittchen. Es iſt nöthig, ſich vorſtellen zu laſſen: der gute Geſchmack und die Mode erfordert das. um 8 Uhr Abends erſcheint Ihr, ſo viel als möglich ſchwarz gekleidet. In einem geräuſchloſen Vor⸗ zimmer verlangt ein langer Bedienter Euren Namen und Euren Hut, lüftet den Vorhang, welcher das Vorzimmer vom Salon trennt, und ſchreit aus allen Kräften Euren Namen in die Ohren der Geſellſchaft. Darauf tretet Ihr ein. Ihr macht Eure Verbeugung, und Ihr ſeid fertig. 7 5 1 100 Man hat Euch nur wenig angeſehen, wenn Euer Name nicht berühmt iſt. Der Herr des Hauſes, welcher, nach der zuvorkommenden freundlichen Miene, eine gute Haut iſt, hat ſich Euch genähert, Euch die Hand gedrückt, und Euch zu dem Direktor des Salons, einem kleinen, blaſſen und mageren Herrn, mit leidender und trauriger Miene, geführt, welcher die Honneurs auf eine ſehr ausgezeichnete Weiſe zu machen verſteht. Man muß es geſtehen: wer von einem Ball kommt, dem bietet dieſe Vereinigung den auffallendſten Kontraſt. Kein Lärmen in dieſem litterariſchen Boudoir; dicke und weiche Teppiche, prächtige Bärenfelle erſticken jedes Geräuſch bis zum Knarren des Stiefels oder dem Pfeifen des Schuhes. um einen wunderlich verzierten Theetiſch ſind auf Sopha's die Auserwählten des Salons gereiht, Maler, Dichter, Journaliſten, Gelehrte, Geſetzgeber und Rechtsbefliſſene, welche mit halblauter Stimme ſich unterhalten, oder, ohne ſich beſonders den Schein zu geben, einem Redakteur des Figaro zuhören, einer ziemlich großen, nachläſſig gekleideten, dünnen und eckigen Figur, die ſich, mit dem Rücken gegen die uhr, dem Kamingeſims in den Seiten und die Rock⸗ ſchöße in beiden Händen, ganz allein keck und dreiſt am Feuer wärmt. Es iſt ein Vergnügen, ihn ſprechen zu horen: denn er ſpricht in der That ſehr gut, und iſt ein verwegener Kritiker; er iſt ein feiner Spötter, und guter Kamerad, wie es noch keinen gab, für Jeden, der zu ſchrei⸗ ben wagt; er verkleinert, beſtreitet und widerlegt den größten —. 101 litterariſchen Ruf, wirft mit leichtem Herzen alle Syſteme über den Haufen, und ſtellt ſie eben ſo ſchnell wieder her, blos für das Vergnügen, Euch in der Ungewißheit zu laſ⸗ ſen, ob er ſich über Euch, der Ihr ihm zugehört habt, luſtig gemacht, und Ihr, wenn er geendet hat, Euch fra⸗ gen müßt: wer von Beiden, er oder das ganze Menſchen⸗ geſchlecht, iſt närriſch geworden? In der einen Ecke des Saales, neben dem Vorhang, durch welchen Ihr eintretet, ſehet Ihr einen großen Tiſch, mit einer Lampe darüber, wie in einem Leſekabinet. Die⸗ ſer Tiſch iſt mit Büchern und Journalen beladen, und mit einem Dutzend Karrikaturen nachläſſig hier und da beſtreut. Die Etikette fordert es, daß Ihr dieſem Tiſch Euren Be⸗ ſuch macht; es iſt Euch verboten, Euch zu ſetzen, wie es auch ſchon der Mangel irgend jedes Sitzes andeutet. Ste⸗ hend alſo nehmt Ihr ein Buch zur Hand, und durchblät⸗ tert es raſch mit der Miene eines Mannes, der Alles kennt, Alles geleſen und geſehen hat. Dann trinkt Ihr ruhig eine Taſſe Thee, und eßt gelaſſen ein Butterſchnittchen dazu. Habt Ihr Muth genug, ſo hört Ihr auch der Un⸗ terhaltung mit zu:; denn es gehört Muth dazu, ich kenne das! Ich habe den Salon förmlich auswendig gelernt, ich weiß die Zahl ſeiner Spiegel, ſeiner ſchönen und gro⸗ ßen Spiegel, vor denen Ihr nicht gähnen könnt, ohne daß es alle Welt bemerkt. Ich habe das ſtets geſchloſſene Fortepiano geſehen, ich kenne die Harfe, welche immer mmit ihrem grünen Ueberzug daſteht; und die Frau vom 10² Hauſe, eine gute und ſanftmüthige Frau, aber zum Mit⸗ leid erregen unglücklich bei dieſem Gewimmel von ſchönen Rednern, welche ſie zwei Mal in der Woche dulden muß, die ihr von Politik ſprechen, ihr, der armen jungen Frau, und ſie nöthigen, ſich für die äußerſte Rechte oder das linke Centrum, zwiſchen dem Herrn Cormenin und dem Herrn Mahul zu erklären, die Beide bereit ſind, ihren Ausſpruch wie einen perſönlichen Angriff zu betrachten. Noch einmal: ich verabſcheue alle Salons, alle Abend⸗ geſellſchaften, alle ariſtokratiſche Vereine, welche der Win⸗ ter hervorbringt; ſie langweilen, ermüden mich und machen mich krank.. Iſt es mein Fehler? Gehet nicht hin, würde man mir antworten, Ihr verdrüßlicher, unzufrie⸗ dener und launenhafter Menſch, Ihr!— Und ſo ſei es denn auch! Ein Haus giebt es jedoch, welches ich mit den ande⸗ ren zu verwechſeln mich wohl hüten werde. Das iſt das Haus nach meinem Sinn. Ich liebe es mit aufrichtiger Freundſchaft; ich ſpreche davon mit Stolz, und Euch Allen, die Ihr dies Buch leſet, wenn Ihr dieſen Winter zu einem Ball, wo Ihr nicht tanzen könnt, oder zu einem Konzert, wo man falſch ſingt, eingeladen werden ſolltet, wünſche ich, daß es an einem Dienſtag ſein möge; gebt dann Tanz und Muſik auf, und laßt Euch, Straße d'-Anjou Saint Honoré, zu dem General Lafayette führen. Da herrſcht Freiheit, Annehmlichkeit und Ungezwun⸗ genheit. Da ſind keine fein erſonnenen Formen, keine — 7 103 übertriebenen Konvenienzen, keine Etikette, keine pomphaf⸗ ten Vorſtellungen: ganz einfache Höflichkeit, ganz gewöhn⸗ liche Rückſichten, und nicht mehr. Der Salon von Lafa⸗ hette iſt ein öffentlicher Salon, ein Ort allgemeiner Ver⸗ traulichkeit, wo Freunde ihre Freunde, Söhne ihre Väter, Reiſende ihre Kameraden einführen. Es kann kommen, wer will: zu jeder Stunde, nach Gefallen tritt er ein, und geht er wieder. Da vereinigen, vermiſchen und be⸗ grüßen ſich alle Nationen, alle Stände. Dahin ſendet ganz Frankreich, ganz Europa ſeine Deputationen; da hat ganz Amerika den Freund Waſhington's begrüßt, da bezei⸗ gen alle Freiſinnige, alle Proſkribirte der Welt, triumphi⸗ rend oder beſiegt, dem Prieſter der Freiheit ihre Achtung. Wer hätte wohl das gelehrte, dichteriſche, hiſtoriſche und militairiſche Paris kennen lernen wollen, und wäre in ſeinen Ort zurückgekehrt, ohne ſagen zu können: ich bin bei Lafayette geweſen? Wer möchte ſich wohl fürch⸗ ten, zu ihm zu gehen, aus Furcht, er ſei dort nicht an ſeinem Ort? der unredliche Mann, der ſchlechte Bürger vielleicht: aber jeder Andere? Fürſten und Herzöge, Mar⸗ quis, Grafen und Barone(Lafayette iſt Marquis vom alten Adel, ſeine Frau war eine Erbin der Noailles), gehet dreiſt zu ihm: Ihr werdet Euch nichts vergeben. Ihr Leute des Volks, Handwerker, Künſtler, junge Leute ohne Vermö⸗ gen, ohne Namen,— Lafayette iſt der Mann des Volks, niemals unterſchreibt er anders als ganz kurz„Lafayette;“ gehet zu ihm, und fürchtet Euch nicht. Er wird Euch 104 keine Schande machen. Er wird Euch bei der Hand neh⸗ men, Euch, den Armen, wie den Reichen; Euch, den Bürgerlichen, wie den Adeligen, und das frei, offen und gutherzig; nicht verſtellt und aus Berechnung, wie ſo manche Ex⸗Edelleute, die ihm nachäffen. Sehet, wie um den Greis her, den Euer Eifer glücklich, der Enthuſiasmus, den er einflößt, ſtolz macht, die Menge geſchäftig ſich drängt, wie ſie vor ihm laut und frei ſpricht, wie ſie lacht, ſich ärgert und wieder verträgt. Sehet, wie alle politiſchen, wiſſenſchaftlichen, litterariſchen und volksthümlichen Be⸗ rühmtheiten der Hauptſtadt, in beſchmutzten Stiefeln und in ſeidenen Strümpfen, in der Uniform, im Ueberrock oder Klapprock, hier durcheinander laufen; denn nicht Alle, die ſich hier einfinden, ſind in Equipagen gekommen, Ihr könnt es glauben! Und doch iſt die Straße von Landauern, Ca⸗ briolets, Kaleſchen und Tilbury's angefüllt, und doch iſt an der Thür und auf der Treppe eine Verwirrung von Kutſchern und Bedienten. Bei weitem die meiſten ſind im Omnibus und zu Fuß gekommen. Aber was kümmert es Lafayette, wie Ihr zu ihm kommt, wenn er Euch nur ſieht, und überzeugt iſt, daß Ihr nicht da ſeid, um ſchlecht vom Volke zu reden. Denn ſein Egoismus iſt die Liebe für's Volk: erſt das Volk, Frankreich, dann er; ihm könnt Ihr, ſelbſt bei ihm, übel nachreden, er wird ſich darüber nicht ärgern! Ich liebe ihn, dieſen Lafayette; ich liebe ihn, wie ein Sohn ſeinen Vater. Man entſchuldige mich; in meiner à— 105 Art zu reden iſt vielleicht wenig Ordnung, manches Un⸗ ziemliche; aber es rührt daher, daß ich an dieſen Mann ohne lebhafte Bewegung des Herzens nicht denken kann. Wenn ich ganz jung, von fünf und zwanzig Jahren, zu mir ſage: wie biſt Du ſchon alt, enttäuſcht, verdrießlich; wenn ich, die Bruſt von Verzweiflung und Thränen be⸗ wegt, zu mir ſage: um nützlich zu werden, müßte man ſtark ſein; die Schwachen ſind unnütz, ſelbſt ſchädlich zu jetziger Zeit; wenn die Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft mich betrüben und erſchrecken, dann geſtattet mir unter allen dieſen, ohne Zweifel thörigten, aber trüben, Mitleid erregenden Bildern nur das eine, welches mich zu tröſten vermag, das Bild Lafayette's. Abends umfängt es mich, beſänftigt meine Bitterkeit, beruhigt meinen Geiſt und erleichtert mein Herz, es bemächtigt ſich meiner, ich gebe mich ihm ganz hin, ich liebkoſe es: ich erkenne in ihm Ehre, Ruhm, Freiheit, Vaterland; ich ſehe es vor mir, lebend, kräftig, mannhaft, groß, majeſtätiſch, mit offener Stirn, mit dem Blick voller Sanftmuth; ſeine Stimme ſpricht zu mir, ernſt, beredſam und wohltönend; es ſagt: faſſe Muth, Kind! ſei nicht ſo traurig; die ſchönen Tage werden wiederkommen; dann ſcheint es, ruhig und ſchön, mit ausgebreiteten Händen mich zu ſegnen, und ich ſchlummere ein, um nur von Lafayette und der Frei⸗ heit zu träumen. Das erſte Gemach iſt 29s Eßzimmer, ganz einfach, wie Ihr ſehet! ein Eßzimmer des Republikaners. Jener auf ———·—˖——BDy,———— 106 das Büffet geſtützte Mann, mit dem braunen Teint, den grauen Haaren, den lebhaften, geiſtreichen Augen, iſt der berühmte Advokat Mauguin, das Haupt der Ordnung von Paris, es iſt unſer Brougham: er erzählt die Begebenhei⸗ ten auf dem Rathhauſe nach dem 29ſten Juli. Neben ihm ſitzt, finſter und traurig, mit ernſter und ſtrenger Haltung, Eu⸗ ſobe Salverte. Etwas weiter davon bemerkt Ihr einen Rö⸗ mer⸗Kopf, mit dem ehrgeizigen Ausdruck, ſchön, wie eine an⸗ tike Büſte: das iſt Odilon⸗Barrot. Hinter dieſem hin⸗ reißenden Redner glänzt die gutmüthige und offene Phy⸗ ſiognomie des beſcheidenen Audry de Puyraveau, des un⸗ erſchrockenen Repräſentanten, welcher ſein Haus großmü⸗ thig den Vereinigungen der drei Tage darbot, welcher dreiſt ſeinen Kopf wagte, während gewiſſe ſtolze, heut ſehr hoch geſtellte Kollegen von ihm den ihrigen ſorgſam bargen. Dieſer große und magere Mann mit den hohen uud brei⸗ ten Schultern, mit dem Adlerblick, nennt ſich General Lamarque. Sein Name lebt neben dem Mauguin's und Lafayette's in den Herzen aller Polen. Zwei Schritte vom braven Lamarque entfernt, geht, klein und gebückt, der alte General Mathieu Dumas auf und nieder, und ein breiter grüner Schirm ſchützt ſeine geſchwächten Augen: neben ihm, die Hände in den Taſchen, mit der freundli⸗ chen Miene, dem geiſtreichen und offenen Blick, groß und wohl ausſehend, das iſt Chatélain, der erſte Redakteur des Courrier frangais; er unterhält ſich mit ſeinem alten Freunde, ſeinem unermüdlichen Vertheidiger, Mérilhou, der Mini⸗ ſter war und dennoch vom Volke nicht gehaßt iſt. In der Mitte des Zimmers befindet ſich eine gedrängte Gruppe. Die, welche ſie bilden, machen ſich dünn und ſtrecken die Hälſe, die Arme dicht am Körper. Rund umher ſteht man auf den Fußſpitzen, und die Worte„da iſt er“ gehen halblaut vom Munde zu Munde. Das iſt der Ge⸗ neral und ſein Generalſtab von Freunden, würdevoller und achtungwerther ohne Zweifel, als es irgend ein General⸗ ſtab des Hofes, mit ſeinen Stickereien, Epauletten und der ergebenen Bewunderung für ſeinen lächerlichen oder nicht lächerlichen Chef, nur ſein kann. Verlangt nicht, daß ich Euch eine Schilderung von dieſem unvergleichlichen Manne mache: eine ſolche Anmaßung wäre nur Thorheit von mir; übrigens ſind ſeine Züge volksthümlich, und ſeine Tugenden gehören ſchon der Geſchichte an. Zu ſeiner Rech⸗ ten iſt Dupont de l'Eure, zu ſeiner Linken Charles Comte. Wie viele große Namen könnte ich Euch noch nennen, wie viele hiſtoriſche Perſonen möchte ich Euch noch bezeich⸗ nen.... Aber ich halte inne. Gewohnt, über Männer, welche ich anführe, auch meine Meinung auszuſprechen, müßte ich meinen Fuß auf einen Boden ſetzen, der mir unterſagt iſt. Man will nichts von Politik in dieſem Buche. Vielleicht hat man Recht; in andern iſt nur zu viel davon. Doch bevor ich dieſe unvollſtändige Skizze beendige, iſt es mir Bedürfniß, noch einen Gedanken frei auszuſprechen. 108 Die Lobrede aller der Perſonen zu halten, welche den Ge⸗ neral beſuchen, wäre unmöglich. Iſt es mein Fehler, wenn ich an der Seite der Mauguin's, der Lamarque's, der Salverte's, Cormenin's und Chatélain's ſo viele traurige, unlautere und widrige Geſtalten erblicke? Wo kommen ſie her? Wer führt ſie ein? Wer hat ſie herbeigerufen? Mit welchem Rechte? Zu welchem Zweck? Häßliche Schand⸗ flecke auf dieſem erhabenen Gemälde, heimtückiſche und widerwärtige Erſcheinungen, umgeben ſie den freundlichen Greis, der ohne Groll und mit Vertrauen ihnen zulächelt Sie verrathen, ſie verſpotten ihn. Sie ſind es, die aus⸗ breiten, daß Lafayette ſich ſeine umgebung wählen müſſe; ſie ſind es, die, indem ſie ihm die Hände drücken, aus⸗ ſtreuen, daß er ſie verrathe. Das Geſtändniß iſt ſchmerz⸗ lich, ohne Zweifel, aber die Thatſache, die es beſtätigt, iſt nicht überraſchend. Die Thür des Generals iſt Jeder⸗ mann geöffnet: kein Thürhüter iſt im Vorzimmer, um den Namen abzufordern und anzukündigen: dem Gewiſſen eines Jeden iſt die Sorge überlaſſen, anzunehmen und auszu⸗ ſchließen; und wie viel Menſchen haben ein Gewiſſen? Diejenigen, welchen dieſe Betrachtungen gelten, wer⸗ den ſich zu errathen wiſſen, ich habe nicht Luſt, ihnen bei ihren Nachforſchungen zu Hülfe zu kommen; als Intriguants jeder Farbe, als mächtige oder ſchwache, berühmte oder unbekannte Elende, werden ſie ſich ſicher ſelbſt erkennen. Was würde es helfen, ſie zu nennen? Sie haben ſich ſeit lange ſchon mit aller Schande bedeckt, und wollte man ſie 1⁰9 1 auch heute bezeichnen, würden ſie dennoch morgen wieder⸗ kommen. Ueberdies, denen, die die Vertraulichkeit Lafa⸗ yette's genießen wollen, welche würdig ſind, ihn zu ver⸗ ſtehen, und ſtolz darauf, es zu verkündigen, denen ſei es geſagt, daß unfern von Roſoy, in Brie, das alte Schloß la Grange gelegen iſt, und daß ſie dort hingehen müſſen, um den Mann bei ſich, in ſeinem Hauſe wieder zu fin⸗ den. Da kann ein geſchickterer Beobachter als ich reichen Stoff finden: es ſei mir erlaubt, ſeine Aufgabe ihm nur zu beneiden. Ich verfolge die meinige. Das zweite Zimmer iſt der eigentliche Salon. Zwei Kanapee's, einige Stühle, einige Spiegel: der Kaufmann würde über ſo wenig erröthen. Aber betrachtet nur dieſe liebliche Guirlande junger Frauen und Mädchen, Milch und Blut, deren Herz ſich in den ſchönen und ſanften Augen malt: ſie heißen alle Lafayette. In ihrer Mitte ſeht Ihr die ſchöne Grafin Belgioſo, die italieniſche Flüch⸗ tige, welche in Frankreich aus Liebe zum Vaterlande und zur Freiheit ſich verzehrt; der Tyrann von Modena hat ihren Gemahl proſkribirt. Dort iſt Miß Opie, die amerikaniſche Quäkerin, deren Kopfputz Lachen erregen würde, wenn Lachen ſich mit der Achtung, welche ihr edles Geſicht ein⸗ flößt, vertrüge. Der, welcher ihr ſo aufmerkſam zuhört, iſt Vietor de Traey, der würdige Zögling des Generals, ſein Nacheifrer und Kolonel der Pariſer Artillerie. Jener gegen die Thürbrüſtung gelehnte junge Mann, deſſen ge⸗ waltiger Schnurrbart die Oberlippe beſchattet, deſſen früh⸗ —9‚q—— 110 zeitig gefurchtes Geſicht den Ausdruck einer tiefen Melan⸗ cholie trägt, iſt Cavaignae, mein alter Kapitain; Cavai⸗ gnae, der Freund von Guinard und de Trelat, ſeine Ge⸗ fährten des Mißgeſchicks und des Triumphs. Um Cavaignac, de Thomas und de Marchais her ſehet Ihr eine Menge junger Leute mit Bärten, wie ſie, und, wie ſie, von dem Vergangenen und dem Zukünftigen übel ſprechend. Arme Wichte, Republikaner der Salons und der Kaffeehäuſer, Advokaten ohne Prozeſſe, Aerzte ohne Kranke, revolutioniren ſie aus Zeitvertreib; ihr glühend⸗ ſter Ehrgeiz beſteht darin, ihre Namen in den Regiſtern des Aſſiſenhofes oder von Saint⸗Pélagie zu leſen; dahin verweiſe ich diejenigen, welche ſie zu kennen wünſchen, und bitte Gott, daß er uns von ihnen befreie: denn ſolche Leutchen verderben die beſte Sache von der Welt. 3 Hier habe ich auch den gelehrten Michel Beer, jenen ſo bekannten Iſraeliten, geſehen, der von denen am mei⸗ ſten gemieden wurde, welche ſeine erſtaunenswürdige Ge⸗ lehrſamkeit angezogen hatte; man weiß, warum. Hier glänzte vor der Revolution Jullien, der Haupt⸗Redakteur der Revue Encyclopédique, unter allen Jullien's der Welt berühmt, der ſich Jullien von Paris nennen läßt, als wenn ſeine Diners zu acht Franken und ſeine abgeſchmackte Un⸗ terhaltung nicht hinreichten, ihn auszuzeichnen. Hier er⸗ ſcheinen auch alle Dienſtage zwei Männer, welche nicht zu Mittag geſpeiſt haben, um zu Abend Kuchen zu eſſen und Punſch und Thee zu trinken; es iſt ein Brauner und ein 111 Blonder; ſie halten ſich immer rechts und links von der Thür, und ſind von den Bedienten ſehr genau gekannt. Jetzt kommt das Schlafgemach. Ich wage es nicht, hineinzugehen. Hier umgab ſonſt ein aufmerkſamer und gewählter Kreis mit Hochachtung und Bewunderung den⸗ jenigen, der nicht mehr iſt. Von hier aus traf ſeine ſanfte und geiſtreiche Rede die Herzen ſeiner Freunde. Ueber dieſem Salon ſchwebt immer noch der große Geiſt Benja⸗ min Conſtants.............. Alle Jahre, am Schluſſe der Sitzung, ereignet ſich bei Lafayette eine rührende Scene. Von ſeinen ſtaatsdienſtli⸗ chen und politiſchen Arbeiten ermüdet, zieht der große Bür⸗ ger ſich, um auszuruhen, auf ſeinen Landſitz zurück; aber bevor er abreiſt, muß er ſeinen Freunden Lebewohl ſagen. An dieſem Tage dann drängen ſie ſich in Menge zu ihm, um ſeinen Kuß mit thränenden Augen zu empfangen; ein rührender Segen, den ich jedes Mal, wie von Gott, em⸗ pfing. Ja, ich fühle fortdauernd die Thräne des Greiſes, welche auf meine Wange herabrollte, wenn er, ſich zu mir neigend, mit bewegter Stimme ſagte:„Auf Wie⸗ derſehen, mein Freund!“ Auf allen Geſichtern las ich die⸗ ſelbe Empfindung, die mich erfüllte, die Empfindung mei⸗ ner furchtſamen Zärtlichkeit, der eines Sohnes zu verglei⸗ chen, welcher die Abſchiedsworte ſeines Vaters vernimmt. Was vermögt Ihr jetzt gegen ihn, Ihr ehrgeizigen Egoiſten, die ſeine Volksthümlichkeit in Verzweiflung bringt? Werdet Ihr jemals, wie er, groß, berühmt und angebetet ſein? 112 Welcher von Euren Namen wird je die Allmacht des ſei⸗ nigen beſitzen? Habt Ihr zur Ausgleichung Eurer Fehler Lafayette's Tugenden, Lafayette's Dienſte, Lafayette's gan⸗ zes Leben in die Wagſchale zu legen?— Denkt nur, daß er es verlangen konnte, ihm die ſeinigen zu vergeben, er, die ſeinigen, welche niemals Fehler des Herzens, wie die Eurigen, waren; die ſeinigen, die er ſich vorwirft, die er ein⸗ geſteht, und deren ſich Niemand erinnert, wenn nicht Ihr es etwa ſeid. Verſucht es doch ja nicht, Euch einen Ruhm auf den Ruinen des ſeinigen zu erbauen; in Frank⸗ reich giebt es nur zwei Namen, die immer fortleben werden, nämlich: Lafayette und Napoleon. Auguſt Luchet. — Die litterarilchen Abendgelelllchaften, oder die Dichter unter lich. — ¹ Dae litterariſchen Abendgeſellſchaften, in welchen die Dich⸗ ter ſich vereinigen, um ſich einander ihre Arbeiten vorzule⸗ ſen, und ſich gegenſeitig die neueſten Schöpfungen ihrer Muſe mitzutheilen, ſind keinesweges unſerer Zeit eigen⸗ thümlich. Dergleichen hat ſchon in früheren Epochen der verfeinerten Civiliſation ſtatt gefunden; und von dem Augen⸗ blick an, wo die Dichtkunſt, als ſie aufhörte, die natür⸗ liche und einfache Sprache der umherirrenden Stämme, das Orakel der Jugend der Völker zu ſein, eine ſinnreiche und ſchwierige Kunſt bildete, deren eigenthümlicher Ge⸗ ſchmack, deren zarte und fühlbare Richtung, deren höhere, mit wiſſenſchaftlichen Studien gemiſchte Eingebung, etwas ganz Abgeſondertes, für ſich Beſtehendes geſchaffen haben, iſt es ſehr natürlich und beinahe unvermeidlich geweſen, daß die Menſchen, welche ſich dieſer ſeltenen und köſtlichen 5*⁴* 114 Kunſt widmeten, ſich aufſuchten, unter ſich Prüfungen anſtellten, und ſich, durch eine gegenſeitige, aufmerkſame und freundliche Abſchätzung, für eine weitausſehende und künftig ſehr zweifelhafte Oeffentlichkeit entſchädigen wollten. In Griechenland, als das Zeitalter der wahren großen Männer und der ſtrengen Kunſtſchönheit vorüber war, und man zu den tauſend Launen der Gnade und einer durch Nachahmung entarteten Originalität gelangte, überboten ſich die Dichter in ſolchen Verſammlungen. Indem ſie jene rohen militairiſchen Revolutionen, welche Griechen⸗ land, nach der Zeit Alexander's, umkehrten, flohen, ſah man ſie unter den friedlichen Flügeln der Ptolomäer Schutz ſuchen: da blühten und glänzten ſie einer in der andern Augen und vereinigten ſich zur berühmten Plejade. Und man glaube ja nicht, daß daraus nur Veränderliches und Falſches hervorgegangen wäre; der reizende Theokrit war darunter. In Rom, unter Auguſt und ſeinen Nachfolgern, war es daſſelbe. Ooid hatte von Seythien aus manche litterariſche Erfolge zu beklagen, worauf er ſo eitel war, und denen er vielleicht die unbeſonnenen Mittheilungen zum Opfer gebracht hatte, durch welche er in Ungnade fiel. Stacius, Silius und jene tauſend und ein Schriftſteller und Dichter von Rom, deren Namen man von Juvenal erfahren kann, nährten ſich von Vorleſungen, Vereinen und der lauen Atmoſphäre der damaligen Abendgeſellſchaf⸗ ten, wodurch einige furchtſame, dem Tode nahe Talente erhalten, und eine große Anzahl von mittelmäßigen, welche 115 lieber nicht hätten erſtehen ſollen, hervorgerufen wurden. Im Mittelalter bieten uns die Troubadours alle Vortheile, ſo wie alle Unannehmlichkeiten jener, ausſchließlich für die Dichtkunſt geſtifteten kleinen Geſellſchaften: frühreifer Glanz, leichter Blüthenſchmuck, zierlicher Sinnenrauſch und Flach⸗ heit, Eintönigkeit und Abgeſchmacktheit. In Italien, ſeit dem vierzehnten Jahrhunderte, unter Petrarch und Bo⸗ caccio, und ſpäter, im funſzehnten und ſechszehnten, ver⸗ einigten ſich die Dichter noch in halb poetiſchen, halb ga⸗ lanten Kreiſen, und der Gebrauch des Sonnets, dieſer eben ſo ſchwierigen als bequemen Dichtung, wurde allge⸗ mein. Wir müſſen jedenfalls bemerken, daß im vierzehn⸗ ten Jahrhunderte, zur Zeit des Petrarch und Bocaccio, zu dieſer Zeit der großen und ernſten Wiedergeburt, als es ſich darum handelte, das Alterthümliche wieder zu finden und eine neue litterariſche Zukunft zu gründen, der Zweck der Annäherung erhaben, das unumgängliche Mittel und das Unterpfand glücklicher Erfolge war, während im ſechs⸗ zehnten Jahrhunderte es nur auf eine ſchmeichelnde Er⸗ götzlichkeit des Herzens und des Geiſtes ankam, welche ohne Zweifel der Entwickelung gewiſſer zarter und krankhafter Einbildungskräfte, wie der des Taſſo, günſtig war, aber den Mißbräuchen der pedantiſchen Akademien, den Verderbt⸗ heiten der Guarini und Marini ſchon ſehr nahe kam. Das, was in Italien ſtatt gefunden hatte, wurde, durch eine raſche Nachahmung, auch bald in allen andern Litteraturen, in Spanien, England und Frankreich, eingeführt; überall 116 bildeten ſich Dichter⸗Vereine, entſtanden Kunſtſchulen, und man verband ſich für allerhand, mit entlehnten Din⸗ gen beladene Neuerungen. In Frankreich waren Ron⸗ ſard, Dubellay, Baif, die Häupter dieſer poetiſchen Ligue, welche, wenn gleich ſie in ihrer urſprünglichen Anlage ge⸗ ſcheitert war, doch ſehr viel Einfluß auf die Gründung unſerer klaſſiſchen Litteratur gehabt hat. Die Ueberliefe⸗ rungen dieſer gegenſeitigen Verehrung, dieſes abgöttiſchen Eifers, dieſer Freigebigkeit einer aus der Fülle von Enthu⸗ ſiasmus und Treuherzigkeit geſchöpften Bewunderung dauer⸗ ten bis auf Madame Seudéry fort und erloſchen im Hotel von Rambouillet. Der gute Geiſt, der darauf folgte, und welcher, Dank ſei es den genialen Dichtern des ſiebzehnten Jahrhunderts, auf unſere Litteratur ſehr bezeichnend und volksthümlich einwirkte, ließ einer dem Geſchmack ſo nach⸗ theiligen Mode ihr Recht geſchehen, und ſie wenigſtens nur in den untern Klaſſen unbekannter Reimer fortbeſtehen. Im achtzehnten Jahrhunderte half die Philoſophie, welche überall ſich Eingang verſchaffte, dieſen Sünden der Zärt⸗ lichkeit ab, welchen die Dichter unterworfen ſind, wenn man ſie ſich ſelbſt überläßt: ſie konfiscirte überdies für ihre eigene Rechnung alle lebendige Thätigkeit, allen Auf⸗ ſchwung, und wußte ſelbſt nicht alle Begierden und Nei⸗ gungen davon zu trennen. Im lächerlichen Sinne genom⸗ men, wäre das Pendant des Hotels von Rambouillet oder jener Plejaden⸗Dichter im achtzehnten Jahrhundert La⸗ mettrie, d'Argens und Naigeon geweſen, der kleine Sturm⸗ 117 wind Naigeon, wie Diderot ihn in einer gottesverläugnen⸗ den Laune nannte. Um gerecht zu ſein, dürfen wir nicht vergeſſen, daß dieſe Periode das Reich der lockern Poeſie, wie man ſie nannte, war, und daß, vom Quatrain des Marquis de Saint⸗Aulaire bis zur Beichte von Zulmé, eine Maſſe von, in der That, geiſtreichen Abgeſchmacktheiten geſchaffen wurde, welche, mit den Folianten der Eneyklopädie, die gewöhnlichen Zierden der Toiletten und Soupers ausmach⸗ ten. Aber man ſah damals noch nichts Aehnliches, weder von einer beſtimmten Richtung der Dichtkunſt, noch von einer abgeſonderten Sekte der Dichter. Jene leichte Gat⸗ tung war vielmehr der allgemeine Vereinigungspunkt aller Leute von Geiſt, der feinen Welt, des Studiums oder des Hofes, der Militairs, Philoſophen, Mathematiker und Abbee's. Die Vorleſungen dichteriſcher Arbeiten fanden in kleinen geſchloſſenen Kreiſen nicht Statt. Ein Autor von Trauerſpielen, wie z. B. Chabanon, Desmahis, Co⸗ lardeau, erhielt einen Salon nach der Mode, welcher Jedem aus der feinen Welt geöffnet war; dies war ein ſicheres Mitteh ſich, wenn man von gutem Aeußern und einigem Ruf war, bekannt zu machen; die Frauen lobten die Stücke, man ſprach mit einflußreichen Schauſpielern und Kammer⸗ herren darüber, und der junge, auf ſolche Weiſe beförderte Autor machte ſein Glück, wenn er deſſen würdig war. Aber es bedurfte der Beharrlichkeit und der Beobachtung herkömmlicher Formen. Eines Tages verſuchte der damals 118 noch unbekannte Bernardin de Saint⸗Pierre bei Madame Geoffrin Paul und Virginie vorzuleſen: die Geſchichte war einfach und die Stimme des Vorleſers zitterte; Alles gähnte, und nach einer halben Viertelſtunde rief Herr de Buffon dem Bedienten mit lauter Stimme zu: Spannt die Pferde vor meinen Wagen! In unſern Tagen hatte die Dichtkunſt, als ſie nach einer unläugbaren Abweſenheit, unter einigen fremdartigen Formen und mit neuer tieferer Empfindung unter uns wie⸗ der erſchien, manche Gefahren zu beſtehen und manche Spöttereien zu erdulden. Man erinnert es ſich noch, wie der ruhmvolle Vorläufer dieſer eben ſo glänzenden, als herzlichen Poeſie aufgenommen wurde, und welch eines feſten Genies er bedurfte, um an ſich ſelbſt zu glauben und beharrlich zu ſein. Aber er wenigſtens, der allein Daſtehende, hat ſich ſeine Bahn geöffnet und ſie vollendet; nur die kräftigen und unbeſiegbaren Naturen vermögen dies. Die Schwächeren, Jüngeren und Nachgiebigeren, die ihm folgten, fühlten das Bedürfniß, ſich zu vereinigen, im Voraus zu verſtändigen und ſich für einige Zeit im Schutze einer unruhigen und wetterwendiſchen Geſellſchaft den nöthigen Anklang zu verſchaffen. Dieſe Arten von Vertraulichkeiten ſind, man hat es geſehen, in den Zeiten der Wiederbelebung oder der Auflöſung nicht ohne Vor⸗ theile für die Kunſt. Sie ſind tröſtlich und ſchützen zu Anfange, ſo wie in gewiſſen Perioden des Dichterlebens, gegen die Gleichgültigkeit von außen. Sie geſtatten man⸗ 119 chen furchtſamen und zarten Talenten, ſich zu entwickeln, tehe der rauhe Nordwind ſie austrocknet. Aber ſobald ſie überhand nehmen, ſich in förmlich abgeſchloſſene Kreiſe regeln, iſt ihr Uebelſtand, zu verkleinern, das Genie einzu⸗ ſchläfern, es den menſchlichen Veränderungen und jenen leicht Wurzel faſſenden Stürmen zu unterwerfen, und es mit aufrichtiger Schmeichelei zu vergelten, die man mit königlicher Verſchwendung zu erwiedern genöthigt zu ſein glaubt. Hieraus folgt, daß das Gefühl des Wahren und Weſentlichen ſich verändert, daß man eine Welt von Kon⸗ ventionen anerkennt und ſich nur an dieſe wendet. Un⸗ bemerkbarer Weiſe wird man von der Form, vom Schein abhängig; in der Nähe und bei ſo erfahrnen Leuten geht kein Gedanke, keine Abſicht, kein techniſches Verfahren unbemerkt vorüber; man zollt Allem Beifall; jedes treffende Wort, jede Wendung der Kompoſition, jede reizende Schil⸗ derung wird bemerkt, begrüßt, herausgehoben. Die Stel⸗ len, welche ein billiger Freund dreifach anſtreichen würde, die falſchen Steine, welche die ernſte Kritik mit einem Schnitt ihres Diamanten ausmerzen würde, ſind kaum der Gegenſtand eines Zweifels bei dieſen nachſichtigen Förm⸗ lichkeiten. Es genügt, wenn man ſich nur für eine Stelle des dichteriſchen Gewebes, für einen gewagten Schwung, ergriffen fühlt, und das Ganze iſt gut; Stillſchweigen würde ein Verdammungsurtheil ſein; man fängt gleich mit dem Lobe an.„Das iſt zum Erſtaunen!“ iſt gleichbedeutend mit:„das iſt ſchön!“ wenn man„hoho!“ ſagt, hat man 12⁰ „ahl“ darunter verſtanden, ganz ſo, wie in dem Wörter⸗ buche des Herrn von Talleyrand. Inmitten dieſer über⸗ triebenen, zerſtückelten Bewunderung findet die Auffaſſung des Ganzen, die Grundbewegung, die Hauptwirkung des Wer⸗ kes nicht Platz; nichts wahrhaft Natürliches, nichts Voll⸗ kommenes reflektirt dieſer ungemeſſene, in tauſend Täfel⸗ chen zerſchnittene Spiegel; der Künſtler unterwirft ſich alſo in ſolchen Vereinen keinesweges einer öffentlichen Prüfung, ſelbſt nicht vor dem gewählten, der Kunſt wohlwollenden, für wahre Schönheiten empfänglichen Publikum, auf deſſen Huldigung es doch in letzter Inſtanz ankommt. Für das wahre Genie würde ich jedoch deshalb eben nicht ſehr be⸗ unruhigt ſein. An dem Tage, wo ein tiefes leidenſchaft⸗ liches Gefühl es ergreift, ein erhabener Schmerz es anreizt, wird es ſich leicht von dergleichen eiteln Koketterien los⸗ machen, und alle die Seidenfäden, mit welchen ſeine ner⸗ vigen Finger ſpielten, zerreißen. Die Gefahr iſt weit mehr für jene ängſtlichen und melancholiſchen Talente vorhan⸗ den, welche gegen ſich ſelbſt mißtrauen, den äußern Ein⸗ drücken ſich öffnen, ſich gern vom Weihrauch berauſchen und von Leichtgläubigkeit, Täuſchungen und Schmeiche⸗ leien leben. Dieſe können ſich mit der Zeit/ und unter den Beſtrebungen unermüdlicher Lobredner in phantaſtiſche Wege verirren, welche ſie von ihrer natürlichen Einfach⸗ heit entfernen. Für ſie iſt es daher wichtig, ſich immer nur vorſichtig den Gunſtbezeugungen zu überlaſſen, in der Einſamkeit und Zurückgezogenheit auf ihre eigenen Rath⸗ ſchläge 121 ſchläge zu hören, und ſich durch den Umgang mit aufge⸗ klärten Freunden, welche nicht Dichter ſind, auf dem rech⸗ ten Wege zu erhalten. Wenn die litterariſchen Abendunterhaltungen der Dich⸗ ter einen regelmäßigen Gang nehmen, ſich oft erneuern, mit künſtleriſcher Umſicht behandelt ſind, und von allen Seiten ſich der Ruf ihrer herrlichen Genüſſe verbreitet, wollen viele Theil daran nehmen; die emſigen Kunſtge⸗ noſſen, die litterariſchen Zuhörer finden ſich ein; die Rei⸗ mer, welche man duldet, weil ſie nachahmen und bewun⸗ dern, kommen auch zum Vorleſen, und zollen dafür um ſo mehr Beifall. Und wenn ſich in den Salons, inmitten einer nicht officiell poetiſchen Verſammlung, zufällig zwei oder drei Dichter begegnen, o welch ein Glück! geſchwind dann ein Probeſtück von jenen berühmten Abendunterhal⸗ tungen! Der Kontretanz wird abgebrochen, die Frau vom Hauſe bittet Euch, und ein ganzer Kreis eleganter Damen hört Euch ſchon zu: da iſt kein Mittel zur Weigerung!— Vorwärts, Dichter, macht gute Miene zum böſen Spiel! Wißt Ihr gerade nicht einige Monologe aus Trauerſpielen auswendig, ſo ſucht aus Euren Erinnerungen, Euren Lie⸗ besabenteuern etwas hervor, wählt die züchtigſten aus; oder aus Euren Unglücksfällen, hebt den ergreifendſten her⸗ vor; gebt das alles zum Beſten! Und am andern Morgen fragt Euch beim Erwachen, was Ihr mit Eurer Reinheit der Empfindungen, mit Euren zarteſten Beßeinüſſn,3 ge⸗ macht habt. II. 6 André Chénier, welchen die Dichter unſerer Tage ſo richtig abgeſchätzt haben, verſtand ſich auf ſo etwas nicht. Er wußte ſich ſolchen leeren Triumphen, den Neugierigen der Geſellſchaft zu entziehen, welche es ſich immer zum Ruhm angerechnet haben, den neun Schweſtern zu huldi⸗ gen. Er antwortete auf die gebräuchlichen Anfechtungen jederzeit, daß er nichts habe und übrigens nur wenig leſe. Seine Abendgeſellſchaften beſtanden nur aus ſeinem jungen Abel, den Brüdern Trudaine, Le Brun, und Maria⸗Joſeph: Das iſt der ganze Kreis, der Abends, dann und wann, Den Verſen, die zu leſen man mühſam mich bewegt, Ein freundlich Ohr, doch auch ein ſtrenges leiht.*) Dieſe Strenge, welche in zahlreicheren Geſellſchaften nicht zu finden iſt, und ſo viel Werth hat, wenn ſie ſich mit einer liebreichen Sympathie miſcht, ſoll ſich nicht zu ausſchließlich der litterariſchen Kritik. zuwenden. Boileau hatte, im Laufe der rührenden und ernſten Freundſchaft mit Racine, ohne Zweifel oft Unrecht, dieſes zarte Genie zu erzürnen; wenn er denſelben Einfluß, dieſelbe Direktion über La Fontaine ausgeübt hätte, was würde er ihm nicht entzogen haben. Dem Freunde des Dichters, dem Vertrau⸗ ten ſeiner jungen Geheimniſſe, wie noch Chénier geſagt *) C'est lh le cercle entier qui le soir, quelquefois, A des vers, non sans peine obtenus de ma voix, Prête une oreille amie et cependant sévère. 123 hat, war es Bedürfniß, in das behutſame Weſen einer Reizbarkeit einzugehen, welche ſich ihm nur mit Scham⸗ haftigkeit entdeckte, und weil ſie im Grunde auf einen Mit⸗ ſchuldigen hoffte. Die Poeſie iſt eine Schwachheit in die⸗ ſer Welt; oft eine heimliche Wunde, die eine leichte Hand erfordert: der Geſchmack, das fühlt man, giebt ſich oft darin zu erkennen, daß er über Ausdrücke ſchweigt, und Manches gehen läßt. Dennoch ſollte man, ſelbſt in Fällen einer ganz gefühlvollen rührenden Dichtung, der Freimü⸗ thigkeit aus falſcher Nachſicht nicht entſagen. Daß man ſich hierbei nicht irre: die harmoniſch gefeierte Betrübniß iſt eine beinah vernarbte Wunde, und der Antheil der Kunſt verſchmilzt ſich mit den weſentlichſten Herzens⸗Er⸗ gießungen des Sängers. Und ſind die Verſe einmal ge⸗ macht, ſo tragen ſie ſelbſt dazu bei, bekannt zu werden; ſie ſind den ausgebrüteten Vögeln zu vergleichen, welche ſich plötzlich beflügeln und in alle Welt flattern. Wenn man ſie, kaum geſchaffen, den Blicken eines Freundes aus⸗ ſetzt, ſo ſoll es immer nur um ſeines Rathes willen ge⸗ ſchehen, und wenn die erſte Bewegung und Schamröthe vorüber iſt, es als Urtheil gelten. Einige wahre und verſchiedenartige Freunde, eine kleine Anzahl von Vertrauten, aus dem Kreiſe der Weſen, welche uns durch Zufall oder Natur zunächſt ſtehen, Vertraute, deren moraliſcher Anklang mit uns beſonders übereinſtimmt; Verbindungen mit Meiſtern der Kunſt, recht enge, wo mög⸗ lich, beſcheiden jedoch, die keine Ketten ſind, die man zu 6*½ 124 erhalten weiß, und durch die man ſich geehrt fühlt; viel Zurückgezogenheit, Lebensfreiheit, bedachtſame Ver⸗ gleichungen und einſame Ergießungen, das ſind gewiß, in einer aufgelöſten und künſtleriſchen Geſellſchaft, wie die unſrige, für den Dichter, welcher nicht von zu vielem Ruhm umfangen, nicht dem Tumult des Schauſpiels⸗ hingegeben iſt, die beſten Mittel für eine glückliche Exi⸗ ſtenz, für eine dauernde dichteriſche Eingebung und eine reine Originalität. Ich kann es mir denken, daß Man⸗ zoni in ſeinem Toskana, Wordsworth, der ſeinen Seen treu geblieben iſt, alle Beide tieffühlende und wahrhafte Genies, in ihrer Art das Ideal eines ſolchen Lebens reali⸗ ſiren, von welchem manches Bild auch minder Verdienſt⸗ liche anſprechen würde. Mehr träumen, darüber hinaus wollen, ſich eine vollſtändige Vereinigung aller derer, die man bewundert, einbilden, ſie mit einem einzigen Blick erfaſſen, ihnen ohne Unterbrechung, und allen zugleich, zu⸗ hören können, das iſt's, was jeder angehende Dichter für möglich halten kann; aber ſobald dies nur eine Scene Arkadiens, eine künftige Epiſode der elyſeiſchen Felder iſt, ſo ſind die unvollkommenen Parodien, welche die wirkliche Geſellſchaft dafür bietet, nicht werth, daß man ſich dabei aufhalte, und ihrer Eitelkeit fröhne. Selbſt dann, wenn man, von dem verführeriſchſten Glanz geblendet, ſich ſchmei⸗ chelt, um ſich her einen großen Theil ſeiner Träume ver⸗ wirklicht zu ſehen, wenn man ſich dem Genuſſe hingiebt, bleiben die Irrungen nicht aus; die Eigenliebe tritt bald 125 hervor, und verdirbt die ſchönſten Lieblichkeiten; aus allen dieſen überzarten Neigungen, welche ſich in einander ver⸗ flechten, geht unvermeidlich immer etwas Bitteres hervor. Ein anderer, weniger chimäriſcher, weniger ausgedehn⸗ ter, aber rechtlicher Wunſch, welchen die Seele bildet, in⸗ dem ſie ſich der Poeſie öffnet, iſt der, Zutritt bei dem be⸗ rühmten Dichter der Zeit, von deſſen Strahlen man ſich getroffen fühlt, zu erhalten, und ein geheimes Plätzchen in ſeinem Herzen zu gewinnen. Ach! ohne Zweifel, wenn derjenige, der uns zur Melodie hinzog, deſſen Ergießungen und murmelnde Quellen die unſeren, wie das ſich zuru⸗ fende Geräuſch der Gewäſſer, erweckten, mit uns und unter uns lebt, und wir zu ihm, von Mund zu Munde und mit ſchüchternem Geſtändniß, ſagen können, was Dante dem Schatten ſeines ſanften Virgil zurief: Biſt Du es, mein Virgil, biſt Du's in jener Quelle, Der in ſo reichem Strom zu mir herüber ſpricht? Das dank' ich langem Streben, und meiner großen Liebe, Die mich nach Deinen Werken ſo emſig forſchen ließ; Dich nenn' ich meinen Meiſter, den Dichter meines Herzens*); *) Or so' tu quel Virgilio, e quella fonte Che spande di parlar si largo fiume? Vagliami'l lungo stuadio e*l grand' amore Che m' han ſatto cercar lo tuo volume: Tu se' lo mio macstro, e'’l mio autore..... 126 2 — gewiß iſt es nur zu anziehend für uns, ihm das zu ſagen, und es darf ihm nicht gleichgültig ſein, es zu hören. Schiller und Göthe ſind in unſeren Tagen der höchſte Typus dieſer unvergleichlichen Hymenäen des Genies, die⸗ ſer heiligen und fruchtbaren Eingebungen. Hier iſt Alles einfach, Alles wahr, Alles erhaben. Glücklich ſolche Freund⸗ ſchaften, wenn die menſchlichen Schwächen, die ſich überall einſchleichen, ſie bis ans Ende verſchonen; wenn nur der Tod ſie auflöſt, und indem er die jüngſte, ergebenſte und zärt⸗ lichſte am Buſen der älteren zerſtört, ſie hier, in ihrem lieb⸗ ſten Grabe, verſchließt! In Ermangelung ſolcher engen und dauernden Bündniſſe, kann zwiſchen Dichtern eine männ⸗ liche Herzlichkeit beſtehen, zu welcher der Zutritt ſchön iſt, und deren offener Eindruck leicht für die kleinen verabre⸗ deten Zuſammenkünfte entſchädigt. Man beſucht ſich nach Abweſenheit, man findet ſich an verſchiedenen Orten wie⸗ der, man reicht ſich im Leben die Hand; das verſchafft ſeltene Tage, feſtliche Stunden, welche Erinnerungen von Zeit zu Zeit ſchmücken. Der große Byron liebte das ſehr bei ſeinen edlen Verbindungen; und auf dieſem freien herz⸗ lichen Fuße unterhielten Moore, Rogers, Shelley mit ihm ihre Freundſchaft. Je weniger, im Allgemeinen, das Zu⸗ ſammentreffen der Dichter, die ſich ſchätzen, einen litte⸗ rariſchen Zweck hat, deſto mehr wahres Vergnügen gewährt es, deſto angenehmere Empfindungen hinterläßt es. Es ſind ſchon viele Jahre her, daß Charles Nodier und Victor 127 Hugo auf einer Reiſe nach der Schweiz, und Lamartine, welcher ſie bei der Durchreiſe auf ſeinem Schloſſe von Saint⸗Point empfangen hatte, alle Drei an einem ſchönen Sommerabend einen grünen Bergrücken erſtiegen, von wo aus man eine herrliche Ausſicht auf die reichen Gegenden von Burgund hat, und inmitten dieſer ſchwelgeriſchen Na⸗ tur, dieſes unermeßlichen Schauſpiels, welches der jüngſte und glühendſte dieſer drei großen Dichter in ſich auffaßte, Lamartine und Nodier, ſich in Folge einer leichten Ideen⸗ Verbindung, Züge aus ihrem früheren Leben, ihre intereſ⸗ ſanten Unglücksfälle, ihre zarten Verirrungen, erzählten, von längſt vergeſſenen Dingen ſprachen, die ein letztes Mal im Wiederſchein eines ſinkenden Tages noch wieder auf⸗ lebten, und wenn der Schein erloſchen iſt, für immer in⸗ den Abgrund der Vergangenheit zurückfallen. Das war gewiß ein harmoniſches Zuſammentreffen, deren es nur we⸗ nige bedarf, um das Gedächtniß damit nach Wunſch aus⸗ zuſchmücken; aber weit ſind ſolche Zufälle von einer zuſam⸗ mengebetenen Abendgeſellſchaft in Paris entfernt, ſelbſt wenn unſere drei Dichter daran Theil nähmen. Jedenfalls müſſen die Dichter die weſentliche und dauer⸗ hafte Unterhaltung, die, welche ihnen nie fehlen, ſie nie drük⸗ ken darf, die, wenn ſie ſich erneuert, weder von ihrer idealen Heiterkeit, noch von ihrer anmuthigen Würde verliert, nicht zu ſehr nach Außen ſuchen; ſie können ſie ſich ſelbſt ver⸗ ſchaffen. Milton ließ ſich, alt, blind, und ohne Ruhm, 8 128 den Homer oder die Bibel von der ſanften Stimme ſei⸗ ner Töchter vorleſen, glaubte ſich nicht allein, und unter⸗ hielt ſich ſtundenlang mit den Genien des Alterthums. Machiavel hat uns in einem denkwürdigen Brief erzählt, wie er, nachdem er den Tag auf dem Felde, im Wirths⸗ hauſe, bei alltäglichen Dingen zugebracht hatte, am Abend in ſein Zimmer zurückkam, an der Thür ſeinen ſchmutzigen, ſtaubigen Bauernrock abwarf, und ſich dann anſchickte, ſich mit den erhabenſten Männern des Alterthums zu unter⸗ halten. Was der ſtrenge Geſchichtsforſcher ſo gut verſtand, ſoll beſonders auch der Dichter thun. In dieſen nächt⸗ lichen Sammlungen ſeiner ſelbſt, in dieſem wohlthätigen Verkehr mit unvergänglichen Meiſtern, kann er Alles das* wiederfinden, was die Reibungen und der Staub des Tages ſeinem urſprünglichen Glauben, ſeiner privilegirten Rein⸗ 1 heit entzogen hatten. Da begegnet er, wie Dante in der 1 Vorhalle ſeiner Unterwelt, den fünf oder ſechs auserleſenen Dichtern, die ſeine Vorbilder ſind; er befragt ſie, er hört ſie, er ruft ihre edle, unbeſtechliche Schule(la bella scuola) an, deren Antworten alle ihn gegen die vielfältigen Streitigkeiten der ephemeren Schulen ſtählen; er erleuch⸗ tet an ihrer himmliſchen Flamme ſeine Beobachtung der Menſchen und der Dinge; er reinigt durch ſie die empfun⸗ dene Wirklichkeit, aus welcher er ſchöpft, indem er ſie ſorgſam von ihren drückenden, ungleichen und rohen Thei⸗ len ſondert; und indem er ſich, nach dem Ausdrucke Ché⸗ 129 nier's, in ihre heiligen Reliquien hüllt, und treu und aufmerkſam auf die Stimme des eigenen Herzens hört, gelangt er dahin, nach Verhältniß wie ſie, zu ſchaffen, und es zu verdienen, daß Andere dereinſt ſich ſo mit ihm unterhalten. V Sainte⸗Beuve. Polichinell. Poichinell iſt eine jener dem Privatleben ganz entrückten Geſtalten, die man nur nach ihrem Aeußern zu beurtheilen im Stande iſt, und über die man ſich alſo, weil man ſich nie mit ihren häuslichen Gewohnheiten befreunden kann, mehr oder weniger gewagte Anſichten bildet. Dies iſt ein Unglück, was nun einmal der hohen Beſtimmung Polichi⸗ nells anklebt. Es giebt keine menſchliche Größe, die nicht auch wieder ihre Kehrſeite habe. Seit ich Polichinell kenne, wie ihn alle Welt kennt, weil ich ihm oft auf der Straße in ſeinem tragbaren Häus⸗ chen begegnet bin, iſt kein Tag vergangen, wo ich nicht gewünſcht hätte, ihn noch näher kennen zu lernen; aber meine natürliche Schüchternheit und vielleicht auch einige damit verbundene Schwierigkeiten haben mich nicht dazu gelangen laſſen. Mein Ehrgeiz iſt ſo gering, daß ich mich gar nicht erinnere, in dieſer Beziehung irgend ein anderes —⏑—ÿ—ÿ—— 131 Mißvergnügen erlebt zu haben, und ich kenne daher keins, was mit dem untröſtlichen Schmerze zu vergleichen wäre, den ich bis auf den letzten Augenblick empfinden würde, wenn ich das Unglück hätte, bis zu dieſem Augenblicke zu kommen, ohne einer vertrauten Unterhaltung mit Poli⸗ chinell in einer Privataudienz gewürdigt worden zu ſein. Was für Seelengeheimniſſe, was für merkwürdige Auf⸗ ſchlüſſe in den Myſterien des Genies und Gefühls, was für Beobachtungen wahrer und tiefer Philoſophie müßte man nicht in der Unterhaltung mit Polichinell einſammeln können, wenn Polichinell nur wollte! Polichinell gleicht aber allen großen Männern aller Zeitalter. Er iſt be⸗ denklich, phantaſtiſch, ſtarrſinnig. Polichinell iſt wahrhaft melancholiſch. Bittre Erfahrung von der Verdorbenheit der Gattung, die ihn zuerſt feindſelig gegen ſeines Gleichen geſtimmt hat, und nachher in verachtungsvolle und belei⸗ digende Ironie ausgeartet iſt, hat ihn davon zurückgebracht, ſich den trivialen Verhältniſſen der bürgerlichen Geſellſchaft hinzugeben. Nur von der Höhe ſeines länglichen Häus⸗ chens herab macht er ſich mit derſelben gemein, und von da aus treibt er mit der eiteln Lächerlichkeit der Menge Scherz, die ihn ſelbſt bis hinter die Felder ſeines alten Teppichs, wohinter er ſich, wenn es ihm beliebt, verſteckt, vergebens verfolgen würde. Die Philoſophen haben eine Menge Dinge geſehen, aber ich glaube nicht, daß es einen einzigen Philoſophen giebt, der die Kehrſeite von Polichi⸗ nells Teppich geſehen hätte. Denn inmitten der Menge, die beim Erſchallen ſeiner Stimme zuſammenläuft, hat ſich Polichinell die Einſamkeit eines Weiſen bereitet, und bleibt der Theilnahme fremd, die er überall erregt, er, deſſen durch Erfahrung und Unglück verloſchnes Herz nicht mehr mit irgend Jemand vertraut ſchlägt, wo nicht viel⸗ leicht mit ſeinem Mitwiſſenden(compère), von dem ich ein anderes Mal ſprechen werde. Jetzt bin ich mit Poli⸗ chinell ſelbſt zu ſehr beſchäftigt, um mich mit Nebendin⸗ gen abzugeben. Eine geiſtreiche Epiſode kann wohl in ge⸗ wöhnlichen Erzählungen an Ort und Stelle ſein; aber in der Geſchichte Polichinells wäre die Epiſode müßig, ſie wäre unangemeſſen, ja ich wage ſogar zu ſagen: profan. Man wird, wie ich hoffe, meine wichtige Arbeit über Polichinell(wenn ich ſie je zu Ende bringe), in ihrem gan⸗ zen Werth aus folgendem einzigen Umſtande anerkennen, der zum Glück ſehr bekannt iſt, und den ich hier ohne eiteln Hochmuth, wie ohne falſche Beſcheidenheit anführe. Bayle verehrte Polichinell. Bayle brachte die ſchönſten Stunden ſeines arbeitſamen Lebens damit zu, vor Polichi⸗ nells Hauſe zu ſtehen, die Augen voll Luſt auf Polichinells Augen geheftet, den Mund vor ſüßem Lächeln bei Polichi⸗ nells Späßchen geöffnet, dumm außerdem vor ſich hinſe⸗ hend und die Hände in den Taſchen, wie die andern Zu⸗ ſchauer Polichinells. Das war Peter Bayle, den ihr kennt, Bayle, der Generaladvokat der Philoſophen und Fürſt der Kritiker, Bayle, der die Lebensbeſchreibung von aller Welt in vier ungeheuren Foliobänden geſchrieben hat, und Peter V I — 133 Bayle hat es nicht gewagt, die Lebensbeſchreibung Polichi⸗ nells zu ſchreiben! Ich ſuche jedoch nicht etwa in dieſer Zuſammenſtellung Motive auf, um, wie ein alberner, in ſeine Werke verliebter Schriftſteller, mir ſelbſt zu ſchmei⸗ cheln. Die Civiliſation ſchritt vor, aber ſie war noch nicht am Ziele angelangt. Das war der Fehler der Cioiliſation, nicht Bayle's Fehler. Polichinell bedurfte eines Jahrhun⸗ derts, das ſeiner würdig ſei. Wenn's nicht das gegenwär⸗ tige iſt, thue ich darauf Verzicht. Die Unbekanntſchaft, in welcher wir uns mit den ge⸗ heimen Thatſachen aus Polichinells Leben befinden, war eine der nothwendigen Bedingungen des geſelligen Ueber⸗ gewichts. Polichinell, der Alles weiß, hat ſeit langer Zeit über das Schwankende unſerer politiſchen und religiöſen Glaubensbekenntniſſe nachgedacht. Unſtreitig war er es, der Byron die Idee eingab, daß jedes Glaubensſyſtem nur zwei tauſend Jahre daure, und Polichinell iſt nicht der Mann danach, ſich wie ein Geſetzgeber oder Sektirer nach zwei Jahrtauſenden von Volksthümlichkeit zu ſchmiegen. Poli⸗ chinell, deſſen Deviſe das Odi profanum vulgus iſt, hat wohl eingeſehen, daß gefeierte Stellungen großer Rückhal⸗ tung bedurften, und daß ſie immer mehr von ihrem An⸗ ſehn verloren, je mehr ſie ſich zu allen gemeinen Beziehun⸗ gen herabließen. Polichinell hat wie Pascal gedacht, wenn es nicht vielleicht Pascal war, der wie Polichinell dachte, daß die ſchwache Seite der berühmteſten Perſonen in der Geſchichte dieſe ſei, daß ſie mit ihren Füßen auf der Erde 134 ſtanden, und daß ſich von daher alle jene unermeßlichen Glücks⸗ und Unglücksfälle ſchreiben, die Mahomet ſagen ließen: Erkennt den Menſchen man, ſo iſt mein Reich zerſtört. Polichinell, der ein tüchtiger Logiker iſt, hat daher nie die Erde mit ſeinen Füßen berührt. Er zeigt ſeine Füße gar nicht. Nur auf Treu und Glauben der Sage und einiger Denkmäler kann man verſichern, daß er Holzſchuhe trägt. Ihr werdet Polichinell weder in den Kaffee's, noch in den Salons, wie einen anderen gewöhnlichen großen Mann, noch in der Oper, wie einen zahmgemachten Sou⸗ verain, der, höflich geworden, einmal in jeder Woche die Menge ſeine materielle Menſchen⸗Selbſtheit beſcheinigen läßt, erblicken. Polichinell verſteht das Decorum einer Macht, die nur durch die Meinung lebt, beſſer. Er bleibt weislich in ſeinen Entreſol über allen Volksköpfen, und Niemand möchte ihn auch an einem andern Ort ſehen, ſo ſehr iſt dieſe der öffentlichen Bequemlichkeit angemeſſen und auf die beſte Art und Weiſe der Thätigkeit der Seh⸗ ſtrahlen der Beſchauer ausgeſetzt. Polichinell ſtrebt nicht danach, mit ſtolzer Erhebung die Spitze einer Säule zu ſchmücken: er weiß nur zu gut, wie man von dort herab⸗ fällt; aber Polichinell wird auch nie ins Parterre herab⸗ ſteigen, wie Peter von Provence, weil er ebenfalls weiß⸗ daß Polichinell auf dem Pflaſter kaum etwas mehr ſein würde, als ein Menſch, bloß eine Marionette. Dieſer 135 Lehrſatz in Polichinells Philoſpphie iſt ſo wichtig, daß man Reiche hat zuſammenſtürzen ſehen, weil ſie ihn vergaßen, und daß man heut zu Tage nur diejenigen politiſchen Syſteme für feſtbegründet hält, bei denen das Syſteun des Kaiſers von China, des großen Lama's und Polichinells als Dogma angenommen iſt.— Auch giebt es Sophiſten (enn in dieſer Zeit der Paradoxen fehlt es nicht daran), die dreiſt behaupten werden, daß Polichinell ſich wie der Groß⸗Lama von Jahrhundert zu Jahrhundert unter immer ähnlichen Formen, in immer neuen Individuen fortſetze, als ob die verſchwenderiſche Natur unaufhörlich Stoff zur Wiederhervorbringung⸗ Polichinells darbieten könnte! Es iſt faſt nun leider ein halbes Jahrhundert, ſeit ich Poli⸗ chinell kenne. Während dieſer ganzen Zeit habe ich nichts als Polichinell geſehen, über nichts Anderes nachgedacht, als über Polichinell, und ich erkläre es mit aufrichtigem Herzen, nicht weit mehr von dem Augenblick entfernt, wo ich Gott von meinen philologiſchen und andern Meinun⸗ gen werde Rechenſchaft ablegen müſſen: es hat ſtets nur Einen Polichinell gegeben! Ich möchte auch nur begreifen, wie die Welt deren zwei enthalten könnte! Polichinells Geheimniß, das man ſeit ſo langer Zeit ſucht, beſteht darin, ſich zur rechten Zeit hinter einem Vorhange zu verbergen, den bloß, gleich dem der Iſis, ſein Mitwiſſender aufheben darf; mit einem Schleier ſich zu bedek⸗ ken, der ſich nur vor ſeinen Prieſtern öffnet, und es giebt weit mehr Aehnlichkeit zwiſchen den Mitwiſſenden der Iſis und dem Oberprieſter Polichinells, als man glauben ſollte. Seine Macht liegt in ſeinem Geheimniſſe, gleich der Macht der Talismane, welche alle ihre Kraft verlieren, wenn das Wort derſelben verrathen iſt. Polichinell, mit menſchli⸗ chen Sinnen erfaßbar, wäre, wie Apollonius von Tyana, wie Saint⸗Simon, wie Débureau, vielleicht nur ein Phi⸗ loſoph, ein Seiltänzer oder ein Prophet geweſen. Poli⸗ chinell, der ideale, phantaſtiſche, nimmt den Kulminations⸗ punkt der modernen, geſelligen Verhältniſſe ein. Er hat im Zenith der Civiliſation geglänzt, oder vielmehr, der gegenwärtige Ausdruck der vervollkommneten Civiliſation liegt ganz in Polichinell, und wenn er nicht darin läge, ſo möchte ich wiſſen, wo er ſonſt zu finden wäre. Um den nicht zu berechnenden Einfluß, der ſich an den Na⸗ men Polichinells kettet, bis zu dieſem Grad auszuüben, wäre es nicht hinreichend, das faſt ſchöpferiſche Genie des Her⸗ mes und Orpheus, die abenteuerliche Verwegenheit des Alexander, die Willensſtärke Napoleons und die Univerſa⸗ lität des Herrn Jacotot zu vereinigen. Man müßte in dem Sinne, wie die Feengeſchichten es nehmen, begabt ſein mit einer Menge auserwählter Fähigkeiten, die dazu gehören, um eine von jenen allmächtigen Individualitäten zu formen, die ſich nur zu zeigen brauchen, um die Na⸗ tionen zu unterjochen. Man müßte von der Natur die glück⸗ liche und lachende Bildung erhalten haben, die alle Her⸗ zen hinreißt, den Ton, der zur Seele dringt, die Bewe⸗ gung, die feſthält, den Blick, der bezaubert. Ich habe 137 nicht nöthig, erſt zu ſagen, daß ſich Alles das in Polichi⸗ nell vereinigt findet. Man hätte ihn erkannt, ohne daß ich ihn genannt. Ich habe Euch ſchon geſagt, daß Polichinell ewig ſei, oder ich habe vielmehr die Ehre gehabt, Euch im Vorbeigehen die Ewigkeit Polichinells ins Gedächtniß zurückzurufen, da dies, Gott ſei Dank, von allen dogmatiſchen Fragen die⸗ jenige iſt, die man, ſo viel ich weiß, am wenigſten beſtrit⸗ ten hat. Ich habe mindeſtens da alle Bücher über reli⸗ giöſe Polemik vor mir, die man geſchrieben hat, ſeit man ſich die Mühe gab, deren zu ſchreiben, und ich habe noch Zeitlebens kein einziges Wort darin gefunden, das die un⸗ beſtreitbare Ewigkeit Polichinells in Zweifel ziehen könnte, die durch Tradition von Denkmälern, durch geſchriebene Tradition und durch mündliche Tradition bezeugt wird. Was die erſte betrifft, ſo iſt ſeine ſprechend ähnliche Maske bei Nachgrabungen in Egypten wiedergefunden worden. Je⸗ dermann weiß, ob es möglich, ſich über die Aehnlichkeit der Maske Polichinells zu täuſchen! und man verſichert mir, daß die Aehnlichkeit dieſes Portraits wenigſtens eben ſo triftig bewieſen ſei, wie die des eigenhändigen Teſtaments des Seſoſtris, das man neuerdings auch irgendwo, zu gro⸗ ßer Freude der Männer von Geſchmack, denen das Teſta⸗ ment des Seſoſtris gänzlich unentbehrlich war, gefunden hat. Was die ſchriftliche Tradition anbelangt, ſo geht dieſe allerdings nicht ſo weit zurück; aber wir wiſſen doch, daß Polichinell ſchon identiſch und namentlich zur Zeit 6** 138 der Gründung der Akademie exiſtirte, die mit Polichinell das Vorrecht der Unſterblichkeit durch ein Patent des Kö⸗ nigs theilt. Wahr iſt's, daß Polichinell nicht mit zur Akademie gehörte, und daß ſie ſogar in ihrem Dietionnaire etwas obenhin von ihm ſpricht; aber das erklärt ſich ganz natürlich aus dem Gefühle der Bitterkeit, das ſtets der Konflikt des Ruhmes zwiſchen zwei hohen, wichtigen Ge⸗ genſtänden entſtehen läßt.— Hinſichtlich endlich der münd⸗ lichen Tradition, ſo werdet Ihr nie einen Menſchen fin⸗ den, der alt genug wäre, um Polichinell jemals jünger geſehen zu haben, als er jetzt iſt, und der ſeinem Urgroß⸗ vater von einem andern Polichinell hätte erzählen hören. — Man hat auf der Inſel Creta Jupiters Wiege wieder aufgefunden; Polichinells Wiege iſt nie aufgefunden worden. „Das erwachſene Alter iſt das Alter der Götter,“ ſagt Heſiod, der nicht an Jupiters Wiege hätte glauben ſollen. Auch Pglichinells Alter iſt das erwachſene, und ich will daraus keine ſtrenge Folge ziehen, die leicht gottläſterlich werden könnte. Nur das ſchließe ich daraus, daß Poli⸗ chinell die Gabe beſaß, jenes flüchtige Geſchenk feſtzuhalten, das uns immer entſchlüpft. Wir Alle, ſo viel wir unſerer ſind, werden unaufhörlich um Polichinell her alt, der doch nie altert. Dynaſtien gehen vorüber, Königreiche ſinken in Staub, Pairien, noch lebenskräftiger als die König⸗ reiche, entſchwinden; ſelbſt die Journale, welche Alles die⸗ ſes zerſtört haben, werden auch vergehen, aus Mangel an Abonnenten. Was ſage ich! Nationen verlöſchen von der 139 Erde, Religionen ſteigen herab und entſchwinden im Ab⸗ grunde der Vergangenheit, den Religionen nach, die ſchon entſchwunden ſind; die komiſche Oper hat ſchon zweimal das Haus geſchloſſen, und Polichinell ſchließt nicht. Poli⸗ chinell züchtigt noch daſſelbe Kind mit der Ruthe, ſchlägt noch dieſelbe Frau; Polichinell wird morgen Abend den Brigella umbringen, den er heut früh umbrachte, was übrigens durchans nicht den Verdacht der Grauſamkeit rechtfertigt, den unwiſſende oder eingenommene Geſchicht⸗ ſchreiber ſo ganz mit Unrecht auf Polichinell bringen wol⸗ len. Seine unſchuldigen Härten wenden ſich nur gegen hölzerne Schauſpieler; denn alle Schauſpieler auf Poli⸗ chinells Bühne ſind von Holz. Nur Polichinell lebt. Polichinell iſt unverwundbar, und der unverwundbarſte der Helden Arioſts iſt weniger verſucht worden, als Poli⸗ chinell. Ich weiß nicht, ob ſeine Ferſe in der Hand ſei⸗ ner Mutter verborgen blieb, als ſie ihn in den Styx tauchte; was verſchlägt das aber Polichinell, deſſen Ferſen man nie geſehen hat? So viel iſt gewiß, und Jedermann kann ſich davon augenblicklich auf dem Platze des Chatelet überzeu⸗ gen, wenn ſolche lobenswerthe Studien noch einige gute Köpfe beſchäftigen, daß Polichinell, von den Sbirren zer⸗ prügelt, von den Bravi's erdolcht, von den Henkersknech⸗ ten gehangen und vom Teufel geholt, unausbleiblich eine Viertelſtunde darauf in ſeinem dramatiſchen Käfig eben ſo friſch, eben ſo luſtig und galant wieder erſcheint als je, und nur an heimliche Liebſchaften und tolle Späßchen 140 denkt; Polichinell iſt todt; es lebe Polichinell! Dies iſt das Phänomen, das zu der Legitimität Veranlaſ⸗ ſung gegeben hat. Montesquieu würde es ſchon geſagt ha⸗ ben, wenn er es gewußt hätte. Man kann nicht Alles wiſſen. Ich fahre fort. Polichinell, der ewige und unverwund⸗ bare Polichinell, wie man es ſo gern ſein möchte, wenn man nicht weiß, was das Leben eigentlich werth iſt, Poli⸗ chinell beſitzt auch die Gabe der Sprachen, die nur dreimal verliehen worden iſt, einmal den Apoſteln, das andere Mal der aſiatiſchen Geſellſchaft und das dritte Mal Polichinell. Durchreiſet die bewohnte Erde, wenn ihr Zeit und Geld dazu habt, geht ſo weit von Paris weg, als es Euch nur möglich iſt, und ich wünſche es Euch in Wahrheit vom Grunde meines Herzens. Sucht Polichinell; doch warum erſt ſuchen? Ich fordere Euch auf, Eure Hangematte in irgend einem Winkel der Erdkugel hinzuhängen, wo nicht Polichinell ſchon vor Euch dageweſen wäre. Polichinell iſt ein Kosmopolit. Was Ihr anfangs für die Hütte eines Wilden hieltet, iſt Polichinells Haus; hinter ſeinen Thü⸗ ren von flatterndem Zwillich(und Ihr wißt ja ſelbſt, ob es ſich nicht ſchon von weitem durch den luſtigen Kreis ankündigt, der es umgiebt) ſchläft Polichinell noch, mit dem Kopfe auf dem Arme und den Arm auf der Bruſt⸗ lehne ſeiner Rednerbühne, in freier Luft, wie Lafontaine's Aurora, und nicht ſobald wird er beim plötzlichen Ruf ſeines Mitwiſſenden, oder beim Klange des gemünzten Erzes, 141 das ſo harmoniſch auf dem Pflaſter tönt, erweckt worden ſein, als Ihr ſehen werdet, wie er ſich reckt, dehnt, auf⸗ ſpringt, tanzt, und werdet ihn ſich friſch und fröhlich in der Landesſprache, wie ein Eingeborner, ausdrücken hören. Ich, der ich als nomadiſcher Reiſender alle Nationen der alten Welt durchzogen habe, bin nicht zehn Meilen weit gereiſt, ohne Polichinell wiederzufinden, ihn durch Ge⸗ bräuche und Sprache naturaliſirt wiederzufinden, und wenn ich ihn nicht wiedergefunden hätte, wäre ich wieder um⸗ gekehrt, und hätte, wie die Gefährten von Regnard, geſagt: Hic tandem stetimus nobis ubi defuit orbis.*) Die Säulen des Herkules der Cioiliſation der heutigen Welt ſind die Loge Polichinells.— Das iſt aber noch nicht Alles. Polichinell iſt im Beſitz des wahren Steins der Weiſen, oder, was noch leichter in der Behandlung iſt, des unverwüſtlichen Pfennigs des ewigen Juden. Polichinell hat es nicht nöthig, ein lan⸗ ges Gefolge von Financiers nach ſich zu ſchleppen, und ſeine Märler mit Stafetten und ſeine Bankiers als außer⸗ ordentliche Abgeſandte durch die Reiche zu jagen. Poli⸗ chinell übt eine Kraft der Anziehung aus, die auf die klei⸗ nen Metallſtücke wirkt, wie das Wort eines Miniſters auf die Abſtimmung eines öffentlichen Beamten, eine aner⸗ kannte, gegenſeitige, ſolidariſche, ſynallagmatiſche(ver⸗ —— ») Endlich ſtanden wir da, wo keine Welt mehr zu ſchauen. 1⁴² tragsmäßige), freundliche, von allen Requiſitionen, Som⸗ mationen, Exekutionen und andern Zwangsmitteln befreite Kraft, der ſich die Steuerpflichtigen von ſelbſt und ohne alle Gegenrede unterwerfen, was man bei keinem andern Budget noch erlebt hat, ſeit das Repräſentativſyſtem im Gange iſt, und auch nicht wieder erleben wird, da die Eintracht der Zahlenden und Bezahlten noch ſeltener iſt, als die von Geſchwiſtern. Es giebt auch nicht den aller⸗ unbedeutendſten Proletarier, der nicht wenigſtens einmal in ſeinem Leben Luſt bekommen hätte, ſich unter die frei⸗ willigen Steuerpflichtigen Polichinells einzuſchreiben. Der durch einen Bankerott ruinirte Exkapitaliſt, der unerhörte Bittſteller, der expenſtonirte Gelehrte, der Arme, der weder Wohnung noch Feuerung hat, der Philoſoph, der Künſtler oder Dichter, hebt einen erſparten Luxuspfennig für die Civilliſte Polichinells auf. Seht auch nur einmal, wie ſie, ohne gefordert zu werden, auf die demüthigen Vor⸗ höfe ſeines hözernen Pallaſtes regnen. Dies kommt daher, weil die tributpflichtigen Nationen nur ein einziges Mal über die Legalität der Obergewalt einig geweſen ſind, und das zu Gunſten Polichinells; aber Polichinell war auch der Ausdruck einer hohen Idee, einer mächtigen geſell⸗ ſchaftlichen Gewalt, und ich will es auf der Stelle bewei⸗ ſen, daß jeder Staatsmann, der dieſes Geheimniß nicht begreift, der Ehre unwerth iſt, die würdige Hand von Polichinells Mitwiſſenden zu drücken. Der unvergleichliche Miniſter, deſſen Geheimſekretair 143 3 ich zu der Zeit die Ehre hatte zu ſein, wo die Miniſter noch auf die Briefe antworteten, die man ihnen ſchrieb, beklagte ſich eines Tages über meine regelmäßige Unregel⸗ mäßigkeit, und ich ſuchte mich wie ein Schulknabe mit dem Vergnügen zu entſchuldigen, das ich im längern Ver⸗ weilen vor einer Polichinellbude mir gemacht.„Ah, wenn das iſt!“ ſagte er da lächelnd zu mir;„aber wie kam's denn nur, daß wir uns dort nicht getroffen haben?“— Ein erhabenes Wort, das eine unermeßliche Höhe von Studium und politiſcher Anſicht verräth. Unglücklicher⸗ weiſe behielt dieſer Miniſter ſein Portefeuille nur drei und funfzig und eine halbe Stunde, und ich beklagte ihn auch deshalb gar nicht, weil ich die Kraft und das ſtoiſche Ge⸗ präge ſeines Geiſtes kannte. Polichinell kam zufällig vor das Hotel dieſes Miniſters zu ſtehen, der unbefangne und in ſeiner Qualität als Polichinell von allem Eigenſinn und übler Laune der Könige freie Polichinell. Der in Ungnade gefallene Miniſter blieb ebenfalls, im Austauſche wechſel⸗ ſeitiger Höflichkeiten, welche Männern von guter Erziehung eigen ſind, wieder vor Polichinells Bude ſtehen. Polichi⸗ nell ſang immer fort; der Miniſter hörte ihm mit eben ſo vielem Vergnügen zu, als ob er nie Miniſter geweſen wäre, und Ihr werdet ihn vielleicht noch dort finden, aber lei⸗ der auch ſehen, daß man ihn dort nicht aufſuchen wird. Vor Polichinells Bude fehlt es nicht an merkwürdi⸗ gen Perſonen. Jedermann geht dort vorüber. Wenige nur ſind würdig, ſtehen zu bleiben. Der abgeſtumpfte Mü⸗ 144 ßiggänger verläßt ihn mit Verachtung; der ungeduldige Jaͤger nach immer neuen Erregungen grüßt ihn höchſtens wie einen guten Bekannten; der in ſeiner thörigten Weisheit verſteinerte Pedant blinzelt ſchamroth mit einem ſchüchter⸗ nen Blicke auf ihn hin. Ihr braucht Euch dort nicht vor der kecken Berührung der gemeinen Maſſe mit rohem und entartetem Geſchmacke zu fürchten, vor dieſem Schaum der Meuterei und der Ausſchweifung, der ſich in ſchmutzi⸗ gen Ballen um die Ungeheuer der Straßenecken, die Prü⸗ geleien der Schänken und die Schafotte des Juſtizpallaſtes dreht: er hat Kinder ohne Kopf und mit zwei Köpfen geſe⸗ hen, er hat abgeſchlagene Köpfe geſehen: der bekümmert ſich nicht mehr um Polichinell. Die gewöhnliche Geſellſchaft bei Polichinell iſt beſſerer Art. Dort findet man den Schüler, der eben friſch aus ſeiner Provinz gekommen iſt und noch von den Süßigkei⸗ ten im Schooße ſeiner Familie und dem Lebewohl ſeiner Mutter träumt. Eilt ja, auf ſeinem friſchen und lächeln⸗ den Geſichte noch den vollen Ausdruck ſeines letzten Glük⸗ kes zu genießen; morgen wird er ein Klaſſiker, Romanti⸗ ker oder Saint⸗Simoniſt ſein: dann iſt er verloren!— Ihr findet dort den jungen Deputirten, Patriot aus Ueber⸗ zeugung, ehrlicher Mann aus Inſtinkt, der ſich über den Namens⸗Aufruf hinwegſetzt, um einen Augenblick lang mit Polichinell über die rationellen Verhältniſſe der bürgerli⸗ chen Geſellſchaft nachzudenken. Gelobt ſei Gott, der ihn auf den rechten Weg geführt hat. Vor der Rednerbühne Poli⸗ 145 Polichinells wird er in einer Viertelſtunde mehr Wahrheit lernen, als vor einer andern während einer ganzen Sitzung. Ihr findet dort den enterbten Pair, der, nun beſcheidener ge⸗ worden, aus ſeinem Cabriolet ſteigt, um ſich nach dem Bei⸗ ſpiele Polichinells zur Verachtung der menſchlichen Größe zu bilden. Glücklichſter unter allen Menſchen! er hat die Pairie verloren, aber dafür die Weisheit gewonnen! Ihr findet dort den von Arbeiten ermüdeten Gelehrten, welchen Polichinell abſpannt und wieder ſtärkt, oder den von un⸗ nützen Spekulationen erſchöpften Philoſophen, der voll Verzweiflung ſeine getäuſchten Lehrſätze zu den unſichtba⸗ ren Füßen Polichinells niederlegen will;— und das iſt noch beſſer als Alles.— 4 Seht, ſeht Polichinell, den großen, den wahren, den einzigen Polichinell! Er iſt noch nicht erſchienen und doch ſeht Ihr ihn ſchon! Ihr erkennt ihn an dem phantaſti⸗ ſchen Gelächter, unaustilgbar wie das der Götter. Er iſt noch nicht erſchienen, aber er ſchnurrt, er pfeift, er träl⸗ lert, er ſtottert, er ſchreit, er ſpricht mit jener Stimme, die keine Menſchenſtimme iſt, mit jenem Tone, der gat in keinem menſchlichen Organe liegt, und etwas Ueber⸗ menſchliches ankündigt, z. B. eben Polichinell. Er ſpringt lachend auf, geht umher, macht Sprünge, zerarbeitet ſich, geſtikulirt und ſtürzt dann mit zerbrochnen Gelenken an die Wand, die von ſeinem Falle zittert. Das iſt Nichts, das iſt Alles, das iſt Polichinell! Die Tauben hören ihn und lanzen; die Blinden lachen und ſehen ihn, id alle Ge⸗ 146 danken der trunkenen Menge begegnen ſich in dem Aus⸗ rufe: Das iſt er! Das iſt er! Das iſt Polichinell! Dann— ol es iſt ein entzückendes Schauſpiel!— dann rühren ſich die kleinen Kinder, welche bisher aus neugierigem Schrecken unbeweglich auf den Armen ihrer Bonnen ſaßen und mit Ungeduld auf das leere Theater ſtarrten, und bewegen ſich plötzlich, machen ihre ſchönen, runden Augen noch größer, um beſſer ſehen zu können, nahen ſich, ziehen ſich wieder zurück, nahen ſich von Neuem und ſtreiten ſich um den erſten Platz.— Sie werden ſich noch um ganz andere Plätze ſtreiten, wenn ſie groß gewor⸗ den ſind! Die Wellen des Vordergrundes wiegen auf ihrer Oberfläche kleine Häubchen, kleine Hütchen, kleine Czakots Mützchen, Helmchen, Fallhütchen und niedliche, weiße Aermchen, die ſich kreuzen, und niedliche, weiße Händchen, die ſich zurückſtoßen; und Alles das, Ihr wißt ſchon, warum? Um Polichinell zu faſſen, um ihn lebendig zu haben. O! ich begreife das vortrefflich; aber ich, ich, Ihr armen Kin⸗ der, ich, der da hinter Euren Vätern grau geworden iſt, ich erwarte ihn unn ſchon ſeit vierzig Jahren!.... Im zweiten Range dagegen drücken und drängen ſich die Bonnen und die Ammen, ganz athemlos, kirſchroth und freudig auch wie Kinder, unter dem ſpitzigen und dem runden Häubchen, unter der Cornette mit fliegenden En⸗ den und dem Madrastuche als Turban; vorzüglich die Bon⸗ nen der höhern Welt, mit den Manieren der Kammer⸗ frauen, den Hals geneigt, mit etwas heraufgezogener Schul⸗ ter, gerundeterer Bewegung, einem ſcharfen Seitenblicke, den hinter langen Wimpern ein veilchenblauer Augapfel ſchießt, und der Alles verſpricht, was er verweigert. Ich weiß nicht, ob ſich das geändert hat; aber ſo viel erinnere ich mich noch, daß ſie allerliebſt waren. Hier ſollte nun logiſcher Ordnung nach die Geſchichte Polichinells beginnen; aber dieſe philoſophiſchen Vorerin⸗ nerungen haben mich zu ſo tiefſinnigen Betrachtungen über die moraliſchen Bedürfniſſe unſerer unglückſeligen bürger⸗ lichen Geſellſchaft verführt, daß mich ſchon beim erſten Kapitel von Polichinells Geſchichte die Rührung ergriffen hat. Polichinells Geſchichte iſt, ach! die ganze Geſchichte des Menſchen mit Allem dem, was er an blindem Glauben, an blinden Leidenſchaften, an blinden Thorheiten und an blinden Freuden beſitzt. Das Herz bricht bei Polichinells Geſchichte: Sunt lacrymae rerum!(Chränen entlocken die Dinge!) 3 3 Ich habe aber allerdings Polichinells Geſchichte ver⸗ ſprochen. Nun, mein Gott! ich willl ſie eines Tages ſchrei⸗ ben, und ich werde nichts mehr ſchreiben, als dieſes: denn dies iſt gewiß das einzige Buch, was noch zu ſchrei⸗ ben übrig iſt, und ſollte ich es nicht ſchreiben, ſo rathe ich Euch als guter Freund, es Euch von zwei Männern ſchreiben zu laſſen, die es beſſer verſtehn als ich,— von Cruyſhank und Charlet. . Karl Nodier. 7 Der Abbee Chatel und leine Kirche. Jo bin überzeugt, daß man in rechtgläubigen Provinzial⸗ ſtädten, im Herzen oder an den Extremitäten Frankreichs, kaum einen Begriff von dem unſeligen Zuſtande hat, in welchem ſich die katholiſche Religion in Paris befindet! Seit dem großen Stoße, den der Katholicismus 1789 er⸗ hielt, war er ſehr krank; die Revolution von 1830 hat ihn vollends getödtet. Bonaparte gab allerdings dem chriſt⸗ lichen Kultus ſeine Denkmäler und ſeinen äußeren Glanz zurück, ſo wie er, und faſt aus derſelben Urſache, dem Pal⸗ laſte der Tuilerien ſeine alte Etikette, ſeinen Ceremonien⸗ meiſter, ſeine Kammerherren und ſeine vornehme Welt wiedergab. Die Reſtauration, die ſich zum Unglück für ſie und zu noch größerem für uns Alle, an alles Vergan⸗ gene erinnerte, führte die Kirche wieder in die weltlichen Geſchäfte ein. Das alte Königthum nahm nach und nach ſeine weichlichen Gewohnheiten wieder an, hatte Abbee's im 149 Miniſterio und der Pairskammer, ſtellte Abbee's überall im Staate an, wo es nur möglich war, und ſtarb haupt⸗ ſächlich wegen der Jeſuiten, der Miſſionarien und dieſer Abbee's. Denn wahrhaftig, ſo gute Republikaner wir auch vielleicht ſind, ſo bleibt es doch immer gewiß, daß wir weit mehr für die monarchiſchen Doktrinen, als für die religiöſen geſchaffen waren. Wir haben nur deshalb ſo eifrig den Pallaſt zerſtört, weil er ſich in das Heiligthum geflüchtet hatte. Das Volk war deshalb nur gegen den Altar geſtimmt, weil er die Stelle des Throns einnehmen wollte; ſobald die eine oder die andere dieſer Gewalten ein⸗ mal niedergetreten war, war auch die Volkswuth beruhigt, ſie bedurfte keiner doppelten Ruine, um ihren furchtbaren Ausſchweifungen Einhalt zu thun. Nach den drei Tagen und nachdem die alte Monarchie Cherbourg verlaſſen hatte, um ſich auf den alten Ozean einzuſchiffen, der Zeuge ſo verſchiedener Ueberfahrten gewe⸗ ſen iſt, fühlte ſich die Pariſer Kirche ſo todt und abge⸗ ſpannt, daß ſie nicht die Kraft beſaß, die Hände zum Him⸗ mel zu erheben, und in ihrer ſchönen Sprache zu rufen: Herr! hilf uns, ſonſt ſind wir verloren! Das war ohne Widerrede eine der herbſten Früchte religiöſer Gleichgül⸗ tigkeit! Aber wie? Der zu Rheims geſalbte König wird aus ſeiner Hauptſtadt vertrieben, der legitime Thron in den Staub geſtreckt, eine zweite Revolution ergreift Frank⸗ reich, und dieſes Mal, wo drei Könige davon ziehen, Kind und Greiſe, drei Kinder! wird kein einziger Prieſter ver⸗ 150 bannt! wird kein Altar zerſtört! wird kein Tempel ge⸗ ſchloſſen! Alſo fehlt Alles mit einem Male dem Chriſten⸗ thume, ſelbſt der Verfolgungsgeiſt! Die ſeit der traurigen Verbannung der Könige ſich ſelbſt überlaſſene Pariſer Kirche hatte in dieſer tiefen Ab⸗ ſpannung nur Einen Moment der Hoffnung, nämlich den Tag, wo Saint⸗Germain⸗l'Auxerrois verwüſtet und der Pallaſt des Erzbiſchofs von Grund aus zerſtört ward. Das war eine gute Gelegenheit, welche diejenigen Seelen hät⸗ ten benutzen können, die begierig waren, ihren Glauben, ſelbſt durch das Märtyrerthum, zu bezeugen. Man beſchäf⸗ tigte ſich doch endlich wieder mit der Religion, in dieſer Stadt, wo Niemand von ihr auch nur ein Wort geſpro⸗ chen hatte, ſelbſt kein verwünſchendes. Unglücklicher Weiſe dauerte der Zorn des Volkes aber nicht lange. Es war das Auflodern eines Augenblicks. Als die Kirche einmal ver⸗ wüſtet war, gab ſie der Pöbel auf, wie ein Kind ſein Spiel⸗ zeug aufgiebt. Es war auf der Stelle die Rede davon, die Wohnung für einen Maire daraus zu machen. Seit ſie nun geſchloſſen iſt, dieſe alte Kirche, die Parochialkirche ſo vieler Könige und ſo vieler Chriſten, hat Niemand be⸗ gehrt, daß ſie wieder geöffnet werde. Niemand geht hin und betrachtet ſie, ſelbſt nicht, wie man Ruinen beſieht; Niemand, ſelbſt nicht die, welche an dieſen Altären zu einer glücklichen Ehe eingeſegnet wurden, ſelbſt nicht die, deren Vorfahren unter dieſem zertrümmerten Fußboden wieder aufgeweckt wurden. Was noch mehr iſt: die Straßenbe⸗ 151 hörde hat in Vorſchlag gebracht, es ganz abzutragen, dieſes ſo zierliche und reiche Denkmal, und Herr von Chateau⸗ briand hat von ſeinem hohen Ferney herab ſeine Stimme erſchallen laſſen müſſen, um dieſes chriſtliche Gebäude zu retten! Das verlohnt ſich doch wahrhaftig nicht der Mühe, für ein ſo Geringes, ſo furchtbar verwüſtet zu werden! Dieſer Tag des Zorns hat der Pariſer Kirche nicht wieder eingebracht, was er ihr gekoſtet hat. Dieſes war das erſte Mal, wo die Kirche bei dieſem Spiel gegen den Zorn der Völker verlor. Das kam aber daher, weil der Zorn des Pariſer Volkes gegen die Kirche nur ein augenblickliches launenhaftes Schmollen war. In der Achtung, die ihm gebührte, gekränkt(wir waren den drei Tagen noch ſehr nahe und das Volk noch ſehr reizbar), ſtürzte ſich das Volk in den Tempel, zerbrach Holz, Stein, Eiſen, Marmor, warf die Meubles des Geiſtlichen zum Fenſter hinaus, las deſſen Korreſpondenz laut vor, ſetzte ſich die Nachthäub⸗ chen der Dienſtmagd auf, verſchüttete die heilige Hoſtie, ohne ſie zu ſehen, und ſelbſt ohne ſie mit einer beſondern Gottesläſterung zu beachten, und am andern Tage gab's daſſelbe Feſt im erzbiſchöflichen Pallaſte. Man hätte, wenn man die Bibliothek des Erzbiſchofs ſo in der Luft fliegen ſah, es eine zweite Bataille aus Boileau's Pulte nennen können, Dieſesmal aber war es eine nachtheilige Schlacht, ein faß eben ſo unerſetzlicher Verluſt, als der der Medail⸗ len, die man auf der Bibliothek geſtohlen hat! Ach! Alles ward leider zerſtört! Ich habe ſie geſehen, dieſe ſchönen 15² Bücher, die wie durch ein Wunder den blutigen Vandalen von 1793 entronnen waren; ich habe ſie ſehen im Waſſer wirbeln, vom Strome mit fortgeriſſen werden, und zum großen Jubel der luſtigen Menge an den Pfeilern des Pont⸗ Neuf unterſinken! Dieſe Luſt, dieſes Gelächter war für den Glauben furchtbarer, als alles Blut der Rothmützen. Henkersknechte zerfleiſchten die Prieſter, unſre Pariſer Toll⸗ häusler thaten mehr als jene, ſie vernichteten den Glau⸗ ben! Die Henkersknechte nahmen ſich doch wenigſtens die Mühe, Atheiſten zu ſein! Wer gäbe ſich wohl heut zu Tage noch die Mühe, ein Atheiſt zu ſein? Der Atheismus, der ſich bis zu ſolchen Ausſchweifungen hinreißen läßt, iſt doch wenigſtens noch das Zeichen inneren Glaubens. Seht alſo mein Volk, das lachend mehr Uebles thut, als alles ernſte Zürnen der frühern Revolution nicht ver⸗ mochte! Das theologiſche Wiſſen verlor an dieſem Tage den letzten und größten Vorrath dogmatiſcher Bücher, der noch in Frankreich vorhanden war; alsdann aber, da es Mon⸗ tag vor Faſtnacht war, gingen die luſtigen Verwüſter, nach⸗ dem es kein einziges Bild mehr an den Wänden, kein ein⸗ ziges Meßgewand mehr in den Schränken und kein einziges Buch mehr in der Bibliothek gab, ganz fröhlich hin und verkleideten ſich für den Abendball, und unmöglicht wär's geweſen, unter der Maske der Harlekins oder Pierrots ſie von den andern Narren dieſes Abends zu unterſcheiden, ſo wenig Zorn lag in ihren Zerſtörungen, ſo ſehr waren 153 4* dieſe mehr das Werk der Erholung, des Vergnügens oder der Rache, als das der Gottloſigkeit und Irreligioſität! Das Pariſer Volk hatte auch wohl Zeit, an einem Faſt⸗ nachttage gottlos zu ſein! Das Pariſer Volk, herumſchlen⸗ dernd, unthätig, gutmüthig, geiſtreich, ſollte gottlos ſein am Faſtnacht⸗Dienſtage. Da kennt ihr dieſes Volk beſſer! Es ging in die Kirche Saint⸗Germain⸗’'Auperrois und in den erzbiſchöflichen Pallaſt, weil andere dahin gingen. Aber um den Faſtnachtsochſen vorbeiführen zu ſehen, um auf den Ball der Porte Saint⸗Martin zu gehen, auf die Saturnalien der Barriere: ſeht nur, wie es da Pallaſt und Kirche im Stich läßt. Keinen Pallaſt des Erzbiſchofs mehr zu zerſtören, keine Kirche mehr zu verwüſten, Nichts als den Ochſen zu ſehen und auf den Ball zu gehen, in dieſem augenblicklich noch ſo zornigen Paris! Ihr ſehet alſo wohl, daß der Katholieismus keine Verfolgung zu hof⸗ fen hatte von einem ſolchen Volke, einem Volke, das die halb zerſtörte Kirche verläßt, um der Luſt eines Karnevals⸗ tages ſich hinzugeben. Und eben deshalb können wir wohl ausrufen: Verwünſchung! Verzweiflung! So iſt der Wirbelwind vorübergegangen. Als der fröh⸗ liche Dienſtag, dem ſeine Brüder voraustraten, uns faſt eben ſo müde gemacht hatte, als der letzte der drei berühm⸗ ten Tage, als die Leihhäuſer, dieſe ſchändlichen Höhlen des Wuchers, die die Habe und das Gewand des Volks zum Vortheile ſeiner Laſter und ſeines Müßiggangs verzehren, von ihrer Beute wimmelten, als dieſe Kriſis der Freude 27 154 vorüber war, wie die Kriſis der Revolution vorübergegan⸗ gen, kehrte Paris, mit Ausnahme einiger kleinen Umtriebe, zu ſeiner gewöhnlichen Ruhe zurück. Das ganze geſellige Leben, das ſo verſchiedenartiges Geſchrei unterbrochen hatte, nahm ſeinen alten Gang. Das Palais Royal blieb daſ⸗ ſelbe, nur mit einigen Schildwachen mehr an den Thoren. Die Tribunale ſetzten ihre umgeſtürzten Seſſel wieder zu⸗ recht, die periodiſche Preſſe ſpürte mehr als je den könig⸗ lichen Prokurator auf ihren Ferſen, und Alles begann für uns von Neuem: Leiden und Freuden, Thorheiten, Neuig⸗ keiten, ernſthafte politiſche Erörterungen, Verläumdungen und Liebesromane; nur die Kirche bemerkte, daß ſie Etwas verloren habe, ihre letzte, ſchwache Zuflucht, die Macht. Sie hatte ihre Gegenwart und ihre Zukunft verloren. Sie hatte den Ehrgeiz des innern Heiligthums, die höfelnden Biſchöfe, den Erzbiſchof als politiſchen Redner, den König von Frankreich vor den Altären, die heilige Wache und die katholiſche Trauer des Charfreitags, die feierlichen Te Deum, und die Prozeſſionen an großen Tagen, wo der ganze Hof Karls X. dem Baldachin des Prieſters zu Fuß folgte, verloren. Alles das hatte ſie verloren, die Kirche; ſie blieb inmitten dieſer Revolution allein, ſterbend, todt, nicht beſiegt, denn beſiegt war ſie ſchon längſt. Da beunruhigten ſich einige Seelen über dieſes Uebel⸗ befinden. Einige aus Pflicht, andere— welche Schande!— blos aus Ehrgeiz. Für den Beobachter waren dieſe ſo ganz verſchiedenartigen Anſtrengungen, um von einer Religion, 15⁵ die nicht mehr gilt, Gewinn zu ziehen, ſehr bemerkens⸗ werth.. Seht nur Herrn de La Mennais an, dieſen großen Apo⸗ ſtel, dieſen erhabenen Schriftſteller, dieſen hochachtbaren und ſo hochgeachteten Chriſten, dieſe kräftige Stimme, die uns Skeptiker eben ſo lebhaft aufgeregt hat, wie die Stimme Jean Jacques Rouſſeau's, der das ganze achtzehnte Jahr⸗ hundert brandmarkte! Nun denn, als Herr de La Mennais die Kirche ſo niedergedrückt, iſolirt, arm und traurig ſah, erhob er ſeine Stimme von Neuem; er ſprach im Namen Gottes und der Freiheit, er rufte um ſeine mächtige Stimme herbei die zerſtreuten Trümmer dieſes Katholicismus, deſſen Oberprieſter er in Frankreich geblieben war. Wer ſollte nicht glauben, daß dieſe mächtige Stimme in dieſem reli⸗ giböſen Schweigen gehört worden ſei? Wer ſollte nicht meinen, daß dieſes Vereinigungszeichen ſo hoch am Him⸗ mel geſtrahlt habe, als das Labarum Konſtantins? Ach! ach! die mächtige Stimme iſt nicht gehört, das in den Himmel gehobene Banner iſt nicht auf der Erde begrüßt, Herr de La Mennais iſt nicht durch dieſes Zeichen Sieger worden! Da reiſ't Herr de La Mennais, durch einen furchtſamen Klerus verläugnet, morgen nach Rom und läßt ſein Journal unvollendet. Zu den Füßen des Papſtes hingeſtreckt, wird er ihn mit gefaltenen Händen um die Erlaubniß bitten, ſein Genie und den übrigen Theil ſeines Lebens dazu anzuwenden, die Ueberbleibſel des Ka⸗ tholicismus in dieſem Frankreich, das dem heiligen Stuhle 156 entſchlüpft, wie ihm ſchon faſt der übrige Theil der Erde entſchlüpft iſt, zu vertheidigen. Unterdeſſen hat das Jour⸗ nal die Zukunft('Avenir), trotz ſeiner edlen Inſchrift: Gott und die Freiheit! aufgehört zu erſcheinen. Was wollt ihr nun noch für die Religion in einem Reiche thun, das gegen Herrn de La Mennais taub war? Sonderbar! Dieſen Augenblick, der durch die religiöſe Entfremdung ſo elend geworden iſt, dieſen düſtern, matten, flauen, unpoetiſchen, gehaltloſen, farbloſen, kraftloſen Au⸗ genblick, haben mehrere Sektirer der unterſten Klaſſe er⸗ wählt, um eine Spaltung in die Kirche zu bringen. Un⸗ verſchämte Neuerer! Muthloſe Revolutionairs! Fremdlinge in allen Angelegenheiten der Welt! Ungeſchickte und herz⸗ loſe Ehrgeizige! Sind es nicht bloß Menſchen, die, weil ſie nichts Beſſeres wußten, weil ſie vielleicht keine Unter⸗ präfektur oder kein Kanonikat erhaſchen konnten, zu Schis⸗ matikern wurden? Da ſind ſie! Seht nur, wie viele Luther und Calvine wir heut zu Tage haben! Sie wären nöthi⸗ genfalls Melanchthone, wenn nicht Melanchthon, dieſer völlig griechiſche Genius, der ſanfteſte, menſchlichſte und ſchwer⸗ müthigſte Geiſt geweſen wäre. Die Unglücklichen! Sie wagen es, Luther zu parodiren! Luther, dieſe brennende Fackel, in einen Garbenhaufen geſchleudert! Verhüllt euer Geſicht! Erröthet bis über die Stirn! Wie doch Alles aus⸗ artet! Als Luther kam, hing noch ganz Europa am Glau⸗ ben. Die Heiligen ſtanden aufrecht, auf ihren Fußgeſtel⸗ len, der Vatikan ſtützte ſich auf den Königsthron: da war 157 es groß und ſchön von einem armen Mönche mit nackten Füßen und härenem Hemde, die Reform mitten in dieſen innigen Verband aller Mächte zu ſchleudern! Luther zer⸗ ſtörte den Altar, ließ die Kathedralen zittern, kämpfte ganz allein gegen die Blitze des Vatikans. Das laſſe ich mir gefallen. Luther iſt mein Heiliger! heilig durch das Wort, wie durch die Hingebung heilig, durch den Muth, heilig durch Einſicht und Genie, heilig durch die Rebellion! Luther, der Mann von Geiſt und Herz und feſtem Willen, der Redner zwiſchen zwei Bierkrügen, der ganz Europa aufregte, Koneilien verſammelte, Alles zittern machte, was aufrecht ſtand, umwarf, abſchnitt, verwüſtete, den Boden mit Glaubensdoktrinen, Kirchen, Armeen, Päpſten, Bi⸗ ſchöfen, Indulgenzen, Meſſen, Hoſtien und Beichtſtühlen beſäete, die Klöſter öffnete, die Gräber, das Fegfeuer, Alles löſte, was auf Erden und im Himmel und in der Hölle gebunden war, Luther und das ſechszehnte Jahrhundert, beide feſt verbunden, beide mit einander vermählt und gepaart, beide glücklich bis zum Inceſt, beide eins über das andere ſtaunend, beide grollend, beide ſich gewaltſam regend! Dieſelbe Larve, derſelbe Bauch, dieſelbe Aſche, dieſelben blau und rothen Flammen! Das war ſchön! Aber heut, bei uns, in Paris, zwiſchen zwei Meutereien, nach zwei Revolutionen, unter unſern hochmüthigen Bür⸗ gern, unſern hochtrabenden und wirthſchaftlichen Frauen, unſern roſenfarbenen Künſtlern, neben unſerm öſtreichiſchen Italien, unter dem Joche der Gleichgültigkeit, die uns ent⸗ 158 ehrt und ins Verderben ſtürzt, ein ſechszehntes Jahrhun⸗ dert für uns! ein Luther für uns! eine Reformation im Jahr 1831! Welche traurige Parodie! welch tiefes Elend! welche beleidigende Eitelkeit! Und doch hat ſich zu unſerer Zeit ein Mann gefunden, der ein Luther ſein will. Der Abbee Chatel, oder viel⸗ mehr, um wie die Adepten zu ſprechen, Monſeigneur Fran⸗ gois Ferdinand Chatel, hat auch eine Reformation geträumt. Seht nur die Unverſchämtheit und das Unglück dieſes Men⸗ ſchen! Beim Hinwelken der Kirche war ſeine Rolle immer noch ſchön. Er konnte arm, unbekannt, arbeitſam und ein treues Mitglied des untergehenden Katholicismus blei⸗ ben; er konnte ſchweigend mitten unter dieſen ehrwürdigen Ruinen dulden, er konnte unter Herrn de La Mennais Ka⸗ tholik ſein, er konnte jener Macht ohne Gewalt gehorſam und ergeben bleiben; aber der Unglückliche hat das nicht gewollt! Er hat mit Herzensfreudigkeit auf dieſe chriſtliche Ergebung verzichtet; dieſe ehrenwerthe Treue iſt ihm zu hart vorgekommen. Er hat ſich zum Biſchofe nach ſeiner Art gemacht, zum Oberhaupt der Kirche, er hat revoltirt! Und wir erfuhren an einem und demſelben Tage, daß es keine Kirche mehr in Paris gebe, und daß wir eine Kirche mehr hätten. Ich fürchte nur, daß, wenn man die Ueberſchrift dieſes Kapitels lieſet, man mir vorwerfen wird, daß ich dieſem obſkuren Schismatiker zu viel Ehre angethan habe. Ich muß alſo hier nur erklären, daß der Herr Abbee Chatel „ 159 bloß der Vorwand zu dieſem flüchtigen Verſuch iſt, daß, um die Geſchichte der neuen Religionen in Paris zu ſchreiben, ich den Abbee Chaͤtel als das kleinlichſte Muſter unſerer Mahomets vom Bazar und den Straßenecken auserwählt habe. Ich hätte eben ſo gut Saint⸗Simon oder den Großmeiſter der Templer wählen können; aber der Abbee Chatel iſt mir nun einmal unter die Hände gerathen und ich habe ihn aufgegriffen, wie er mir zugekommen iſt, bloß zufällig, mit Vorbehalt der andern Götter, unterthänigſt wegen dieſes Vorzugs, der ſie beleidigen könnte, um Ver⸗ gebung zu bitten. Hier habt ihr alſo den Abbee Chaͤtel, der am Tage nach der Revolution die Fahne der Reformation erhebt. Dieſe Reformation des Abbee iſt ſehr einfach. Sie beſteht in drei Hauptgegenſtänden; erſtens, allen denen, die da⸗ nach Verlangen tragen, die Sakramente um den möglichſt billigen Preis zu verleihen; zweitens, ſie allen denen zu ver⸗ leihen, denen die Kirche ſie verweigert, und drittens die lateiniſche Sprache mit der Landesſprache zu vertauſchen, d. h. im Franzöſiſchen zu ſagen: Cloria Patri! und: ihr könnt nun gehen, die Meſſe iſt aus, ſtatt des lte, missa est. Daraus beſteht ungefähr der ganze Katechismus des Herrn Chatel. Er ebnet, wie man ſieht, viele Schwierig⸗ keiten. Er öffnet den Eintritt zur Kirche den Exkommu⸗ nicirten aller Art. Er macht die Sakramente Allen zu⸗ gänglich, und dem gemeinen Manne die Meſſe verſtändlich; 160 als ob wir nicht, zum Gebrauche der Gläubigen, Ueber⸗ ſetzungen der Horae hätten. Heut zu Tage iſt eine Re⸗ ligion mit ihren Myſterien und Gebräuchen nicht ſchwie⸗ riger in Gang zu bringen, als dies. Heut zu Tage könnte die ganze Vorſchrift zur Bildung einer neuen Religion in zwei Worten beſtehen, die über⸗ haupt das ganze Geheimniß dieſes handeltreibenden Jahr⸗ hunderts ausmachen: Um eine Religion einzuführen, ſchafft euch vor allen Dingen Aktionairs an. Eine Religion iſt wie eine Zeitſchrift, nur daß hinſicht⸗ lich auf den Stempel es jetzt, wo die Preſſe von allen Hinderungen befreit iſt, weit weniger koſtet, einen Gott zu machen, als einen Ober⸗Redakteur. Den Abbee Chaͤtel wird das bloß zu Schanden machen, daß er keine Aktionairs bekam. Die Saint⸗Simoniſtiſche Religion wird das ſtürzen, daß ſie ſich nicht damit begnügte, bloß Religion zu ſein, ſondern auch eine Zeitſchrift ſein wollte. Religion und Zeitſchrift zugleich, das iſt zu viel auf einmal unternom⸗ men.— Die Religion von Saint⸗Jean wird das unter⸗ graben, daß ihr ſehr berühmtes Oberhaupt ſich zu ihrer Begründung auf eine Broſchüre*) von dreißig Seiten be⸗ ſchränkt. Das Publikum hat dieſe kleine Schrift behan⸗ *) Epitre du Souverain Pontife et Patriarche de la Re- ligion Chrétienne catholique primitive, 2 M. l'Archevèque de Paris. Paris, Delaunay. 1831. 161 delt, wie es nicht mit einem Luſtſpiel von fünf Akten und in Verſen thun würde. Es ſchmerzt mich um die Reli⸗ gion der Johanniter oder Urſprünglichen, und um den Pontifer Br. Anton von Palmyra, den Prieſter Br. Karl von Dublin, den apoſtoliſchen Nuntius Br. Po⸗ lidor von Saint⸗Jean, den General⸗Cvadjutor Br. J. A. Joſeph von Mascate und den Sekretair Br. Peter Ludwig de Tours, der dieſes Schriftchen auf Befehl des Hofes unterzeichnet hat. Ehrliche Unter⸗ nehmer ſollten aus Mitleid für die Aktionaire unter dem Dilemma, Götter oder Journaliſten zu ſein, gehörig wäh⸗ len! Es geſchieht dann ſtets, daß entweder die Zeitſchrift die Religion, oder die Religion der Zeitſchrift tödtet. So iſt es dem Saint⸗Simon und dem Globe gegangen. Herr Chaͤtel, obgleich minder weiſe als Saint⸗Jean der Urſprüngliche, war doch weiſer als Saint⸗Simon. Nicht etwa, als ob der Herr Abbee Chaͤtel nicht auch ſeine Zeitſchrift gehabt. Die Zeitſchrift des Abbee Chatel war im Gegentheil das erſte, was wir nach der Juli⸗Re⸗ volution an den Mauern von Paris angekündigt fanden. Der Proſpektus der Unternehmung verſprach viel Toleranz und chriſtliche Liebe. Dieſer Proſpektus war, im Vorbei⸗ gehen geſagt, eine große Ungeſchieklichkeit. Der Abbee Cha⸗ tel kann ein großer Gott ſein, aber ganz ſicherlich wird er nie ein großer Journaliſt werden, was in unſern Tagen allerdings bei weitem ſchwieriger iſt. Es war doch wahr⸗ haftig die größte Unſchicklichkeit, der allergröbſte Unſinn, 7** . 162 nach dem 2oſten Juli religiöſe Toleranz und chriſtliche Liebe zu verkaufen, gerade eben ſo, als ob man unter dem Kaiſerreiche die kriegeriſchen Vaudeville's von 1815 hätte ſpielen wollen. Zum Glücke für die Aktionairs mußte aus Mangel an denſelben der Abbee Chatel ſeine Zeitſchrift einſtweilen aufſchieben, und kaum hat er ſich zu einem Schriftchen von dreißig Seiten, wie Br. Bernhard Raymond, der Urpapſt des großen Saint⸗Jean, erheben können. Der Handel des Gottes Chatel hatte eben ſo wenig Abgang, wie ſeine Zeitſchrift. Vergebens bekam man die Sakramente umſonſt, und ſo wollte ſie Niemand. Die zum Heidenthume im Voraus beſtimmten Kinder(denn in die⸗ ſer chriſtlichen Stadt haben wir unſere Zigeuner ohne Glauben und ohne Gott in eben ſo großer Zahl, wie im vierzehnten Jahrhunderte) blieben Heiden, ungeachtet der Gratistaufe, und wenn ſie auch wirklich getauft wurden, waren ſie zwar nicht an demſelben Altare, wie ihre Väter getauft, denn die Generation von 1793 hatte das Taufen ſehr wenig in der Art, aber doch wenigſtens, wie ihre Groß⸗ väter, die doch gewiß Chriſten waren. Selbſt die Todten, die ohne letzte Oelung geſtorbenen Todten, zogen ſo keck und ohne ſich dadurch aufhalten zu laſſen, vor der Bude des Abbee Chatel vorbei, wie vor der katholiſchen Kirche, und ſo erreichte das neue Schisma, aus Mangel an Ak⸗ tionairs und Abnehmern, bald ſein Ende. Mitten in ſei⸗ nem erſten Eifer zerfiel es ſchon in Trümmer, und konnte 163 ſich nur mit Mühe in den vierten Stock eines ziemlich elenden Hauſes der Straße des heiligen Rochus einmiethen. Auch mußte man dem Wirthe des Hauſes noch ſehr ſorg⸗ fältig verheimlichen, welches Handwerk ſein Miethsmann treibe, und daß er einen Gott logire. Ihr guten ehrlichen Leutchen aus der Provinz nun, ihr wackern Brüder, die ihr noch euren Katechismus in Fragen und Antworten auswendig wißt, alle Sonntage zur Meſſe geht, eure Töchter in der Kirche verheirathet, Frei⸗ tags faſtet, und euch dabei gar nicht am ſchlechteſten be⸗ findet,— ich bin überzeugt, daß euch Alles das, was ich da erzähle, ſehr ſonderbar vorkommen muß! Ihr verwundert euch über alle dieſe neuen Glaubensformen, Ihr ſtaunt, wie alle dieſe papiernen Altäre ſich ernſthaft zu Kirchen von drei Fuß im Umfange erheben können, die von keinem andern Weihrauch, als dem aus der Küche oder dem Stalle wiſſen; Ihr begreift das Alles durchaus nicht, und pfeift den Saint⸗Simon als Reiſenden, als einen Apoſtel im Frack, mit der Pelzmütze, einen Reiſediener des Induſtrialismus und der Fähigkeit, tüchtig aus. Ihr thut auch vollkommen Recht daran, Ihr Herren, auf dieſe Al⸗ täre zu blaſen und dieſe Miſſionaire auszupfeifen: denn ihr ſeid vor allen andern Dingen Menſchen von geſunder Ver⸗ nunft und geradem Herzen, und haltet es mit dem Poſiti⸗ ven. Aber in den Dingen, die auf dem Glauben beruhen, ſo wie bei denen, wo es ſich um die Freiheit handelte, geht’s in Paris ganz anders zu. 164 Es exiſtirt in Paris eine Rage von Müßiggängern, die alle Zergliederungen, alle Beſchreibungen nicht erſchöpfen. Es giebt in Paris überall müßige Leute, auf den Quais, auf den Brücken, unter den Brücken, im Inſtitut, an den Thüren der Schauſpielhäuſer, bei den Vogelhändlern, bei den Tulpen⸗ und Roſenverkäufern, bei den Antiquaren und Kaufleuten aller Art, bei den Kupferſtechern, den Bücherjuden, in den Atteliers der Maler, bei mir, der ich dieſe Zeilen, von allerliebſten Müßiggängern umgeben, ſchreibe. Der Müßiggänger hat keinen Namen, er hat ſie alle. Der Müßiggänger gehört allen Altern, allen Farben an; er iſt von geſtern, er iſt von heute, er wird von mor⸗ gen ſein, er wird ewig leben; er iſt nicht da geweſen, er hat nicht gelebt; er weiß nicht, woher er kommt, wohin er geht, wo er iſt. Der Müßiggang iſt mehr als eine Leidenſchaft, er iſt ein Induſtriezweig. In einer Stadt wie Paris iſt der Müßiggang mehr als ein Bedürfniß, er iſt ein Luxus. Der Müßiggänger beſtimmt, lobt, tadelt, man braucht ihn als Kennzeichen, er kündigt an, er mel⸗ det, er entdeckt, er unterhält, er dient dazu, Alles das bemerklich zu machen, was geſagt, verkauft, gekauft und in der großen Stadt fabricirt wird, vor Allem Geiſt. Jedes Handwerk hat ſeine Müßiggänger, jede Kunſt hat ſie. Jede Berühmtheit, wahr oder falſch, hat ihre Müßiggän⸗ ger. Wundert Euch alſo nicht, wenn Ihr dieſes wißt, daß auch die Religion, dieſe zu ihrem Ende ſich neigende 165 Macht, dieſes erbleichende Bekenntniß, dieſe von allen Seiten ermüdete Berühmtheit, ihre Müßiggänger hat. Alle die neuen Religionen alſo, von denen ich eben ſprach, werden durch religiöſe Müßiggänger ungefähr ſo aufrecht erhalten, wie Sittenromane durch die Thürſchlie⸗ ßerinnen, die Modehändlerinnen, die Frauen der Gerichts⸗ diener und andere Leſer deſſelben Gewichts. Unſere Müßig⸗ gänger der Sakriſtei beſchäftigen ſich mit allen Einzelhei⸗ ten, die zu ihrem Wirkungskreiſe gehören. Auch ſie halten darauf, ihren Callot zu vervollſtändigen. Sobald ein neuer Prophet in die Trompete ſtößt, machen ſie es wie die Müßiggänger auf den Märkten, die eifrigſt ſich um die Taſchenſpieler verſammeln, indem ſie ſtets auf einen guten Bajazzo hoffen. Dieſe Müßiggänger ſind es, die das erſte Publikum der Kirchen aus Luftgeſpinnſten bilden; es ſind die unſchuldigen Mitwiſſenden unſerer Straßen⸗Mahomets; ſie ſind es, welche die erſten Spenden in die Kaſſen der Saint⸗Simoniſten fließen ließen, die den Predigten des Abbee Chatel zugehört haben! Sie druckten auf Borg die Broſchüren der Chriſten nach Saint⸗Jean. Es war in der That etwas ſehr Merkwürdiges, die Kirche des Abbee Chatel, in den erſten Tagen ihrer Gründung zu beſuchen! Man fragte den Portier, wo der Gott wohne? und der Portier zeigte dann ganz unachtſam und kaum ein Wort vergönnend, den neuen Vatikan mit eben ſo vieler Verachtung an, als ob die Rede von einem Miethsmanne geweſen wäre, der ſeinen Zins nicht bezahlt gehabt. Nun 166 ſtieg man hinauf. Die Treppe war ſteil und gewunden. Nicht ſelten irrte man ſich in der Thür, und dann ſagte uns ein allerliebſtes Nähtermädchen, eine Art von herab⸗ gekommener Prinzeſſin, im kurzen Röckchen und ſchwarzer Schürze, nicht ohne einen kleinen Verdruß: das iſt nicht hier, mein Herr! und verſchloß mit Heftigkeit wieder die Thüre, die ſie mit Lächeln geöffnet hatte. Endlich gelangte man denn, wenn man noch weiter fortſtieg, an die Thüre des Tempels. Man zog an einem ſchmutzigen Klingelbande, die Pforte öffnete ſich, und Ihr wart im Heiligthum.. Welch ein Heiligthum, großer Gott! Die völlige zwei⸗ deutige Haushaltung eines Pariſer unverheiratheten Man⸗ nes. Die vormals weiß geweſenen Vorhänge, der kalte, gewächſte Fußboden, der nußbaumene Speiſetiſch, die Stühle von ſchlechtem Acajou, die gelb gewordene Waſſer⸗ flaſche, das Phosphorfeuerzeug auf dem Kamine, und an den faſt feuchten Wänden gelblich weiße Kupferſtiche mit vier Zeilen Erklärung darunter. Hier ward die heilige Meſſe geleſen! Hier beugte man die Kniee bei dieſer lächer⸗ lichen Parodie! Unwürdige Pariſer! die Ihr eines Sonn⸗ tags dahin geht und mit den Myſterien, mit den Glau⸗ benslehren, mit dem äußern Pompe der Religion Eures Vaterlandes Euer Spiel treibt! Undankbare Pariſer, die ihr den heiligen Kultus Eurer Väter parodirt! Undank⸗ bare, Ungerechte und Unverſtändige! Ihr, die Ihr mit dieſer Herabwürdigung den alten Glauben, die alten Sit⸗ 167 ten, das alte Prieſterthum, die weißen Haare Eurer Biſchöfe und die Geſchichte von achtzehn Jahrhunderten bedeckt. Und dieſe Profanation fand, wie ich Euch ſchon geſagt habe, im vollen Frieden, am lichten Tage und im Ernſte ſtatt! Man warf ſich auf die Kniee beim Introit, man ſchlug ſich an die Bruſt bei mea culpa und neigte das Haupt beim San⸗ etus! Der Prieſter war im weißen Gewande mit der Stola, er hob die Augen zur Decke der Stube empor, las die Epiſtel und das Evangelium franzöſiſch: Ihr hättet, wenn Ihr es durch das untere Ende eines Opernguckers erblickt, ſagen ſollen, es ſeien Kinder aus guten Häuſern, die unter der Aufſicht ihrer Hofmeiſter ſonſt auch Kapelle ſpielten. Das war die Kirche des Abbee Chaͤtel! Nun hat aber, wie Ihr leicht denken könnt, das, was der Kirche des Erzbisthums von Paris fehlte, auch der Kirche des Abbee Chatel gefehlt. Die Verfolgung, welche den heiligen Petrus und Luther ſchuf, fehlte dem Luther von 1830. Paris ließ den neuen Kultus wie etwas ganz Einfaches vorübergehn. Man hat nicht einmal den Ponti⸗ fex Chatel wegen ſeiner Ueberſetzung des Evangeliums be⸗ unruhigt, man hat ſich höchſtens die Ohren zugehalten, wenn man ſchlechtes Franzöſiſch ohne Cäſur und Harmo⸗ nie auf Tonweiſen pſalmodirt hörte, die dafür nicht ge⸗ macht waren. Weiter iſt dem Abbee Chaͤtel Nichts begeg⸗ net. Man iſt ein wenig zu ihm gegangen, man hat ſeine Meubles in Unordnung gebracht, man hat ſein Parquet beſchmuzt, man hat ſeine Kupferſtiche beſehen, man hat 168 ſeinen bleiernen Kelch betrachtet, hat dann wieder ſeinen Hut auf den Kopf geſetzt, und iſt eben ſo unzufrieden aus der Stube fortgegangen, wie man ſtets aus einem Schau⸗ ſpiel geht, das uns nichts koſtet. Macht nur Religionen! ſeid nur Apoſtel! ſetzt Euch dem Märtyrerthum aus, um wie der Gewürzkrämer an der Ecke behandelt zu werden. Es war jedoch in unſerm Zeitalter der Intrigue und des Uebelbefindens, in dieſem Jahrhunderte, das Alles wie⸗ dergebracht hat, das Mittelalter und das funßzehnte Jahr⸗ hundert, die beiden Extreme in der Kunſt, den höchſten Glauben und den höchſten Unglauben,— in unſerm kraftlo⸗ ſen Zeitalter, das Alles nachgeahmt hat, war es eine recht ſchöne und neue Sache, ein Schisma zu erfinden! Ich, der ich mit Euch rede, ich habe die Religion des Abbee Chatel in ihrem vollſten Pomp geſehen. Ich habe ihrem Glanzpunkte beigewohnt. Ich bin ihr von ihrer vierten Etage herab in die improviſirte Kathedrale der Straße Saint-Honoré gefolgt. Ich habe allen Myſterien ihres Bekenntniſſes beigewohnt. Ich habe allen den Un⸗ ſinn ihrer franzöſiſchen Ueberſetzung gehört. Ich habe mir daraus für mich ſelbſt meinen Mann geſtaltet, meine Wiſ⸗ ſenſchaft, meine Geſchichte, mein Eigenthum. Er hat mir ſo viele Langeweile und Widerwillen gekoſtet, dieſer Mann mit der Mitra, daß ich ihn deshalb jetzt den Mittelpunkt unachen laſſe in dieſem unbedeutenden Gendio unſers reli⸗ giö⸗ 169 giöſen, ſo kranken und ſo ſchwachen Glaubens, der mor⸗ 4 gen ganz und gar abgeſtorben ſein wird. Es exiſtirt in der Straße Saint-Honoré, neben dem Brunnen, ein großer Bazar, in welchem man die Idee hatte, alle Gegenſtände des Luxus um billige Preiſe zu ver⸗ kaufen. In dieſem Bazar hat man kleine Niederlagen von gut mit Wachs getränktem Eichenholze angelegt. In jeder dieſer Niederlagen befand ſich anfangs eine hübſche, kleine, beredte und lebhafte, vor Allem aber ſittſame Verkäuferin, welche die Blicke und Geldbeutel, manchmal aber auch die Herzen der Kunden an ſich zog. Nach den erſten Mona⸗ ten des Zudrängens verminderte ſich die Menſchenmenge im Bazar ſchon ſehr. Der billige Preis tödtete ihn, wie er ſtets alle Luxusunternehmungen tödten wird. Nach und nach zogen die jungen Verkäuferinnen aus, und wurden anfangs durch ihre ältern Schweſtern erſetzt; ich will aber nicht darauf ſchwören, daß nicht jetzt ihre Großmütter ihre Stellen eingenommen haben. Dieſen Bazar erwählte der Abbee Chätel, um ſeine franzöſiſche Litanei in allem ihren Glanze, zum Beſten der guten Kinder, der Vaudevillever⸗ faſſer und der Akademiker aus der Provinz, ja wohl nicht ſelten aus Paris, anzuſtimmen. Es gehörten große Vorbereitungen dazu, um mit die⸗ ſem frommen Vorhaben zu Stande zu kommen. Man jagte die alten Verkäuferinnen fort, man nahm die klei⸗ nen Buden weg, die Waaren mußten auf einen Tag wei⸗ aer Dieſesmal waren die Rollen vertauſcht: der Heiland . 8 170 hatte vordem die Verkäufer aus ſeinem Tempel gejagt, er verjagte ſie jetzt aus ihren Buden, nur mit dem Unterſchiede, daß die Buden für dieſen Tag des Schisma gemiethet wa⸗ ren. Als der Bazar gereinigt war, belegte man ihn mit Decken, die man auch bei den Beerdigungsunternehmern erborgt hatte. Man baute einen weißen Altar auf dieſen ſchwarzen Teppichen auf, zündete Kerzen auf kupfernen Leuchtern an, hielt das Tageslicht ab, machte, ſo gut es ge⸗ hen wollte, ein Allerheiligſtes, und ließ Chorknaben rein⸗ waſchen. Der Abbee Chaͤtel hatte ſeine Akolythen; er trat mit zwei derſelben mit gefalteten Händen ein, alle Drei in großen Prieſterkleidern und Meßgewändern, und die Meſſe begann. Ich war bei dieſer Meſſe zugegen,— eine Verwandte mit mir, eine fromme Frau aus einer frommen Stadt. Mit Erröthen betrachtete ſie dieſe Profanation. Der Prieſter knieete; die Andern ſtanden. Ich kann nicht anders ſagen, als daß Allen dieſe franzöſiſch geſpröchene Meſſe tauſend⸗ mal unverſtändlicher war als die lateiniſche. Es war gar zu ſonderbar, dieſen Prieſter im weißen Talar mit der Stola ſich zu uns wenden und mehr als funfzehnmal wie⸗ derholen zu hören: Le Seigneur soit avec vous! worauf die Officianten im Falſet antworteten: et avee ton esprit! O mein Gott! welche Meſſe! welcher Styl!— Stellt Euch Homers Ilias, in franzöſiſche Verſe überſetzt, vor. Stellt Euch die Aeneide vor in Proſa! Stellt Euch Mozarts Don Juan voor, für zwei Flageolets mit Be⸗ 171 gleitung der Guitarre arrangirt, und Ihr habt eine Idee von dieſer Profanation. So ging es während der ganzen heiligen Handlung fort. Es war eine Todtenmeſſe für Polen(ſeht einmal die Vor⸗ ahnung der Religionen in ihrem Beginn!); man ſang unter anderer Proſa auch das Dies irae. Dieſe ſchöne, ernſte, gehaltene, majeſtätiſche, wohltönende, lateiniſche Proſa, deren gereimter Rythmus etwas ſo Düſtres hat— wie war er durch dieſe Ueberſetzer mit Trompeten⸗Ankündigungen entſtellt! Welche Entzauberung in dieſer bleichen Erzäh⸗ lung einer ſo ſchönen Auferſtehung! Wie ganz entfärbt waren die Schrecken des Sterbenden des Dies irae durch die proſaiſchen Ausdrücke des Journal de Francfort! Wenn ich nicht gefürchtet hätte, mich lächerlich zu machen, würde ich mich ſo gern erhoben und dieſem Prieſter zugerufen haben: Du lügſt! das iſt nicht die katholiſche, apoſto⸗ liſche, römiſche Religion, mit ihrer ſchönen Sprache, ihrem weiſen Rythmus, ihrer reichen Pracht, ihren heiligen Prie⸗ ſtern!— Du lügſt! das iſt nicht die Religion meines Vaterlandes!— Du lügſt! ſo ſprachen nicht die chriſtlichen Meiſter! Der Tod des Chriſten hat einen ungekannten Aufſchwung zum Himmel, deſſen Geheimniß Du nicht be⸗ ſitzeſt.— Du lügſt, abtrünniger Prieſter! geh, und be⸗ kehre Dich vor Allem, und dann komm wieder, wenn Dir verziehen worden, komm wieder und bete für Polen, dann wirſt Du würdig ſein, dafür zu beten! Das hätte ich dem Prieſter geſagt, wenn das kalte Blut derer, welche dieſer 8* 172 Meſſe beiwohnten, nicht ſo natürlich und wahr geweſen wäre. Nichts ſetzte dieſe Maſſe von Neugierigen in Ver⸗ wunderung, weder der in einer Bude improviſirte Altar, noch die Prieſter, die in einer fremden Sprache redeten, noch der Gott, deſſen Menſchwerdung auf einem Tiſche geſchah, noch dieſe Opernſänger, die im Chor ſangen, noch dieſes enthüllte Evangelium, noch dieſer verunglückte Weih⸗ rauch, dieſer falſche Wohlgeruch, der gerade da brannte, wo man am Tage vorher um wollene Teppiche gehandelt hatte: Nichts von alle dem ſetzte die Anweſenden in Ver⸗ wunderung! Sie hörten zu, ſahen zu, grüßten, ſtanden auf, fuhren mit der Hand in die Taſchen, um die Kultus⸗ koſten zu bezahlen, vergeſſend, daß ſie ſie ſchon beim Ein⸗ tritte entrichtet hatten; ja, es gab mehr als Einen, der, ehe er ging oder kam, das Weihwaſſer ſuchte. Welch ein Volk! Welch ein bewegliches Weſen! Wie leicht iſt es, eine Revolution zu machen mit dieſem Volke, das das Maul aufſperrt, die Augen aufreißt und Alles vorübergehen ſieht! Ein Volk, das vor Allem neugierig, gemüthlos, ſeelenlos, erinnerungslos iſt! das neugierig und albern das Waſſer rinnen ſieht, und ſich, ſo lange Ihr nur wollt, damit un⸗ terhält, in einen Tümpel zu ſpucken, um Ringe ſich bil⸗ den zu ſehen, gerade wie der große Einfaltspinſel im Mo⸗ liere. O über dieſes Volk! es ſtellt ſich rechts und links auf der Opernſtraße auf, und ſieht der Reihe nach den Kaiſer vorüberziehen, erſt mit Ketten belaſtet, dann den Kaiſer mit ſeinen Adlern voraus, dann den Kaiſer wieder 173 in Ketten, dann dreimal eben ſo das Königthum gefeſſelt und gekrönt: das Volk iſt ganz mit dieſem Schauſpiele beſchäftigt, das bei uns monoton geworden iſt, bei uns drei⸗ und vierfach Unglücklichen! Es hat keine Thräne für das ſonderbare Drama, das unter unſern Augen ſo traurig kommt und geht und wiederkommt. Es drängte ſich auf der Straße nach Cherbourg, um bei jeder neuen Revolu⸗ tion zu ſein, ſobald nur der Vorhang aufgezogen wird; und dann wieder am Ende der Vorſtellung, wenn die letzte Revolution ſo langſam wie der Leichenwagen des Greve⸗ platzes vorübergegangen iſt, hat das Volk keine Thräne, keinen Augenblick des Zorns, des Mitleids, der Dankbar⸗ keit und Liebe für die Beſiegten, deren Lumpen es ſich anmaßt, für dieſe Trümmer, die es mit Füßen tritt, für dieſe geſtrigen Triumphe, die es geſtern auf den Knieen beklatſchte und die es heute unbarmherzig auspfeift! Das Volk! O das Volk! Nehmt ihm ſeinen König, und es wird den Thron dem erſten beſten Vorübergehenden anbie⸗ ten. Nehmt ihm ſeinen Gott, und es wird dem erſten beſten Schismatiker dieſen leeren Tempel anbieten. Jeſus Chriſtus geht: öffnet dem Mahomed die Thür, das Volk will es ſo! Führet Mahomed dem Volke vor: Mahvmed, wenn Du nur willſt, Du kannſt Alles haben, was noch vom Tempel Jeſu Chriſti übrig iſt! Es thut weh, ſich das zu denken, nicht wahr? daß eeine Nation nicht feſter an ihrem Glauben hängt! Es thut weh, zu denken, daß die Feinde in die Stadt drin⸗ 174 gen können, und Niemand ſeinen Wagen dazu hergeben wird, um die Götter zu retten, die man aufs Capitol ſchleppt! Verbrennt die Stadt! Laßt die Koſaken Feuer anlegen in Paris! Aeneas wird ſeinen Vater vielleicht hin⸗ wegtragen, aber ganz gewiß wird er es vergeſſen, die Pe⸗ naten mit zu nehmen! Die Götter des Vaterlandes und des Hauſes! ins Feuer mit den Göttern!— So wohnte ich der Meſſe des Abbee Chatel bei, zuerſt in der Schlaf⸗ kammer, dann in dem Bazar Saint⸗Honoré; aber Schlaf⸗ kammer oder Bazar, ich bin aus dieſer Meſſe gegangen mit Scham über mich ſelbſt und über die Andern, mit Scham über dieſe Stadt, wo ſich ein neues Schisma bildete, ohne daß es Jemand gewahr ward. Glaubt nur noch an die Feſtigkeit der neuen Throne, wenn Ihr ſeht, wohin es mit neuen Religionen kommt! Dieſer Tag— der Tag der Meſſe im Bazar— ſollte ein Tag der vollkommenſten Profanation ſein. Herr Caſi⸗ mir Delavigne hatte Verſe zu dieſer Feierlichkeit gedichtet, und als alle Gebete geſprochen waren, als man die Meſſe zur Genüge entheiligt hatte, die Dichtung von Delavigne und die ſchöne Stimme von Adolph Nourrit genugſam profanirt, profanirte man auch die Leichenrede. Denn am Ende dieſer Meſſe unterfing ſich ein ſchwacher Greis mit Hängelippen und erloſchnem, mattem Auge, einen mehr als profanen Fuß in Boſſuets Gebiet, in das der Leichen⸗ rede, zu ſetzen. Ich weiß nicht, was für ſonderbare Worte er herausgeſtammelt, welche Schülerphraſen er vorgebracht 175 hat: aber das weiß ich gewiß, daß ich in Gegenwart die⸗ ſes Heubündels, das man in einen Altar umgewandelt hatte, in Gegenwart dieſer franzöſiſchen Worte, in dieſer zu einem Tempel eingerichteten Bude, und mein Ohr die⸗ ſem Greiſe ohne Worte und Stimme leihend, zum erſten⸗ male in meinem Leben und noch weit mehr als da ich die innere Weihe des Chriſtenthums las, eingeſehen habe, was die Religion des heiligen Chryſoſtomus, Raphaels und Boſſuets eigentlich ſei, dieſe Religion, welche uns die Leichenreden und die Peterskirche in Rom gegeben, die dem Mittelalter die bildende Kunſt, und die dichtende dem ſie⸗ benzehnten Jahrhunderte gelehrt, die die Seele und das Herz und den Verſtand der Völker belebt, befruchtet er⸗ weitert, die die Menſchheit unter der Regierung Nero's gerertet hat, und an demſelben Tage geſtorben iſt, wo es keine Zukunft mehr für die Nation gab! Ich bin aus der Meſſe des Abbee Chatel eben ſo un⸗ glücklich gekommen, wie ein ehrlicher Kaufmann, der ſich aus einem Spielhauſe fortſchleicht, nachbdem er dort im Spiele gewonnen hat. Mitten in der Straße Saint-Honoré kam ich vor der Kirche Saint⸗Roch vorbei, und nahm den Hut ab vor dieſem ſo ſchönen, ſo alten, ſo verehrten, ſo heiligen Ge⸗ bäude, ſo voll Myſterien, Erinnerungen und heiliger Re⸗ liquien, dem ehrwürdigen, vormaligen Kennzeichen unſers vormaligen Glaubens, jetzt vereinzelt, unnütz, mit dem die Menſchen Nichts mehr zu thun haben wollen. 3 176 Am folgenden Sonntage führte ich meine jnnge Ver⸗ wandte nach Saint⸗Sulpice. Ich war ihr dieſe Entſchä⸗ digung ſchuldig. Es war ſehr ſchönes Wetter. Der Tempel ſtand ver⸗ waiſ't, wie faſt immer; nur in einer einzigen Kapelle waren einige Gläubige vereint; jeder hatte beim Eintritt, und ohne den Andern je geſehen zu haben, doch ſchon das An⸗ ſehn eines Bekannten. Man dankte ſich gegenſeitig im Stil⸗ len, daß man ſich hier traf. Ich habe nie noch in unſern einfachſten Salons eine ausgewähltere Geſellſchaft geſehen. Es gab viele junge Frauen da, welche beteten, viele ältere, die ſaßen und in den Horen laſen. Ich bemerkte zwei bis dret junge Männer, die inbrünſtig beteten, und ich benei⸗ dete ſie. Ohne allen Zweifel war es ein rührender Anblick, beſonders für mich, der ich nicht daran gewöhnt. Dieſe weite Kirche; dieſe Menſchen, die noch zu beten wagen; dieſe Kinder, die ſchon zu beten wiſſen; die elegante und ernſte Kleidung dieſer Frauen, die mitten in dieſer gegen allen Glauben ſo gleichgültigen Pariſer Welt Chriſtinnen geblieben ſind! Es war ein tiefrührendes Schauſpiel. Be⸗ denkt man nun noch, daß wir durch einen heuchleriſchen Zeitraum gegangen waren, durch eine gleichgültige Revo⸗ lution! An dieſem Tage in der Meſſe zu ſein, war eine That des Widerſtandes! In dieſer Hinſicht hat die Juli⸗ revolution, ohne es zu wollen, dem katholiſchen Glauben in Frankreich Vorſchub geleiſtet. Als die Meſſe noch eine officielle Verpflichtung war, wie viele ſchändliche Intriguants 4 4 3 177 haben ſich da nicht in ihr auf die Kniee geworfen! Wie viele ſchmähliche Grimaſſen! Wie viele raſend gewordene Ehrgeizige haben nicht Alles benutzt, um vorwärts zu kom⸗ men, ſelbſt die Gottesläſterung! Dies ging ſo weit, daß der rechtliche Mann es gar nicht mehr wagte, öffentlich zu beten, ſo weit, daß man ſich faſt eben ſo ſehr ſchämte, in die Kirche, als in das Vorzimmer eines Miniſters zu gehen. Heut zu Tage iſt das Alles glücklicherweiſe anders. Es giebt keine Heuchelei der Frömmigkeit mehr. Dies iſt die einzige Heuchelei, die wir verloren haben. Die neue Frei⸗ heit hat uns wenigſtens erlaubt, in die Meſſe zu gehen, ohne Gefahr für den guten Ruf als ehrlicher Mann. Dies iſt nun auch eine Freiheit, wie jede andere. 2 Ich ſagte, der Abbee Chaͤtel ſei nicht der einzige Re⸗ formator unſerer jetzigen Zeit geweſen, und allerdings kann man die Reformatoren kaum mehr zählen. Jeden Tag ſteht eine Kirche gegen die andere, ein Altar gegen den andern auf. Saint Simon iſt gleich mit Jeſu Chriſt. Saint Jean iſt der Herr von Saint Simon. Hört und ſchweigt! Saint Simon hat ſeinen Sprachtag. Alles iſt ihm recht, wenn er nur ſprechen kann. Saint Simon iſt ſeiner Natur nach ein geſchwätziger Apoſtel, er war Schwätzer, ehe er Gott ward! Er hat damit angefangen, in einem dem Tanze gewidmeten Vauxhall zu ſprechen. Vergangenen Monat wollte er ein Theater für ſeine Predigten miethen; unter⸗ deß predigte er in einem Bazar. Der Einfluß der Bazars auf die Religionen wird dem der Katakomben in Rom 178 auf den Katholicismus gleichen. Ihr werdet's noch erle⸗ ben! Es ſollte mich gar nicht wundern, wenn die Eigen⸗ thümer von großen Sälen zu den gewöhnlichen Ausdrük⸗ ken in ihren Abonnements⸗Cirkularen: Richtet Hoch⸗ zeiten und Feſte aus, Verſammlungen von Ge⸗ ſellſchaften, Konzerte u. ſ. w. noch hinzufügten: und predigt Religionen. Aber über die Saint⸗Simoniſtiſche Religion müßte man eine ganze Geſchichte ſchreiben. Das iſt noch eine große Lächerlichkeit, die man zu bearbeiten hat. Möge es ein Anderer, Kühnerer als ich thun. Ich habe mir jedoch viele Mühe gegeben, ſie zu verſtehen, dieſe flüchtige Lehre des Induſtrieweſens, auf Liebe gegründet! Ich habe früh eine Predigt des Kardinal Barrault gehört, und am Abende deſſelben Tages ein Luſtſpiel deſſelben Pap⸗ ſtes von fünf Akten im Theatre Frangais geſehen; aber bei der Predigt des Morgens bin ich eingeſchlafen, und da man Abends das Luſtſpiel ausgepfiffen hat, bin ich nach dem Luſtſpiele eben ſo unwiſſend geblieben, wie ich es nach der Predigt war, und habe von Allem dem daher ſo ſchwache Erinnerungen behalten, daß ich nicht ausführlich darüber ſprechen kann. Das Einzige, was ich zu ſagen im Stande bin, iſt dies, daß es für Jeden von uns am Beſten iſt, bei der Religion zu bleiben, in welcher wir uns befinden, wäre es auch nur, um uns als Männer von Muth zu zeigen. Was man Euch auch ſagen möge, ſo wartet, um die Augen zu öffnen, bis das Licht auf dem Scheffel ſtehe; wartet, um 179 Eure Ohren zu öffnen, bis der Neuerer ſich Mahomed oder *Luther nennt; überlaßt ihnen ſelbſt dieſe lächerlichen An⸗ ſtrengungen von Prophetenthum ohne Beruf, die nicht ein⸗ mal das Anziehende der Illumination haben; fürchtet Euch eben ſo vor den Ueberſetzungen des Abbee Chatel, wie vor den Broſchüren des patriarchaliſchen Sekretairs nach Saint⸗ Jean und der Beredſamkeit des Bazar⸗Papſtes, vor vier⸗ zehn Tagen noch ein Doppelpapſt, der ſich aber jetzt ent⸗ doppelt hat, indem er ſeinen Nebenmann in dem Enfan⸗ tin⸗Papſtthum um eine Stufe hat herabſteigen laſſen. Doch hier halte ich mit Ehrfurcht und Zittern ein. Ich will nicht eindringen in die Myſterien dieſer neuen Religion. Es iſt gefährlich, viele Götter zu Feinden zu haben. War ich nicht allzu weitläufig, ſo hat man in dieſem ſchwierigen Studio des neuern Paris zwei Dinge aufgefaßt, die zu zeigen ich vor Allem für wichtig hielt, nämlich, daß, wenn das Chriſtenthum unter der religiöſen Gleichgültigkeit erliegt, dieſe Gleichgültigkeit eben auch ſtets die Einfüh⸗ rung einer neuen Religion hindern wird. Ohne Intole⸗ ranz iſt gar keine Religion möglich. Das Märtyrerthum iſt der große Begründer der Religionen. Es iſt eins der Vorurtheile des gläubigen Europa, daß das Märtyrerthum den Gott bezeuge. Sehet doch Irland! Wenn die Bill des Lord Grey durchgeht, wird Irland in vierzig Jahren aufgehört haben, das katholiſche der drei Königreiche zu ſein. Sehet den Abbee Chatel an! Der unverfolgte Abbee 180 Chatelewird, ehe ſechs Monate vergehen, Chorknabe in einer Dorfkirche ſein. Sehet Saint Simon an! Saint Simon ſchrieb eine Zeitung, auf die Jedermann abonniren ſollte; aber man hat ſo wenig darauf abonnirt, daß Saint Si⸗ mon ſeine Zeitung, damit ſie nicht ganz untergehe, um Nichts hingiebt. Nun will aber Niemand jetzt die Zeitung mehr. Niemand will auch die Broſchüre von Saint Jean. Nur mit großer Mühe hat Chatel in Clichy la Garenne einen Geiſtlichen ſeiner Art untergebracht. Das ſind alſo drei Götter, die kaum geboren und ſchon faſt wieder todt ſind. O ihr armen Götter! Ihr treibt ein ſehr trauriges Handwerk! Nehmt Euch vor einem ſchändlichen Bankerott in Acht; Saint Pelagie iſt eine böſe Sache! O Ihr armen Götter! es iſt ſehr ſchwer, vorzüglich für Götter, reine Wäſche, neue Kleider, täglich ein Mittagseſſen und alle drei Monate den Hauszins zu haben. O arme Götter! habt Acht auf meine Vorherfagung! Treibet ein ehrliche⸗ res Handwerk als das Eure und ehret ſtets Vater und Mut⸗ ter, die konſtitutionelle Charte des Reichs, den Einneh⸗ mer der indirekten Steuern und den Polizei⸗ Komuniſſzir Eures Viertels! Wenn unſere Götter zu ſtolz ſind, und meine väterli⸗ chen Lehren mit Verachtung von ſich weiſen, ſo ſagt ihnen: — O große Götter, ſeid nicht ſo ſtolz! Erinnert Euch, daß Ihr Menſchen ſeid, und mithin allen menſchlichen Wechſelfällen unterworfen! Große Götter, wenn Ihr etwa an Eurer Menſchheit zweifelt, ſo fühlt Euch nur an den 181 Puls, wenn Ihr das Fieber habt, betrachtet Euch, wie Ihr blaß ausſeht, wenn Ihr Euch duellirt, und verſucht auf dem Waſſer zu ſpazieren, wenn Ihr nichts mehr in der Taſche habt, um über den Pont des Arts gehen zu können! 3 Doch genug der Scherze, die vielleicht bei einer ſo ernſten Sache nicht an Ort und Stelle ſind. Ich habe nur noch ein Wörtchen über die Templer des heiligen Jo⸗ hann von Jeruſalem hinzuzufügen. Ihr wißt, daß auch der Tempelherrnorden ſeine eigene Religion hatte; ſie be⸗ haupteten, der heilige Johannes ſei Chriſtus gleich, und ihr Großmeiſter mit dem Papſte von gleichem Range. Dieſes Schisma(damals war noch die gute Zeit der Schismen) brachte viele Templer auf den Scheiterhaufen. Nun denn! (hört mich, Abbee Chaͤtel; hört mich, Bazars; hört mich, Enfantiner; Kardinäle und Päpſte aller neuen Religionen, hört mich!) nun denn! das Oberhaupt dieſer Religion, welche den Vortheil vor Euch voraus hat, verfolgt wor⸗ den zu ſein, der Oberprieſter des Volks, Euer aller Ober⸗ haupt, der Gleichſtehende mit dem Papſte zu Rom, o Eitel⸗ keit aller Erdengröße, und zugleich Eitelkeit aller Himmels⸗ größe!— dieſer Papſt, Euer Ahnherr, Ihr Götter von geſtern, dieſer Gott, Euer Großvater, der Euer Urgroßva⸗ ter ſein könnte, Ihr Götter noch in Windeln!— der heilige Johannes ſelbſt, der heilige Johannes des Malteſerordens iſt heut zu Tage nichts als ein gewöhnlicher Hühneraugen⸗ arzt, doppelt gedemüthigt als Gott und als Künſtler; er 182 wohnt am Schul⸗Quai No. 6. und nennt ſich, wie ich Euch ſchon geſagt habe, Bernard Raymond. Er iſt, wie er es dem Erzbiſchofe von Paris ſelbſt geſagt hat, mit ſei⸗ nem niedern Stande ſehr zufrieden, und mittelſt eines Thalers für die Sitzung kommt er zu Euch auf die Stube, wer Ihr auch ſein mögt, Gott oder Sterblicher, Kardinal oder Sergeant⸗Major, wenn Ihr Leichdornen an den Füßen habt, die Euch zu ſehr ſchmerzen. Julius Janin. Poftenreilser, Saukler und Schauttellungen. — O Ihr feinen Modeherren, Ihr reichen Faſhionables der Chaussée d'Antin und der Vorſtadt Saint-Honoré, Ihr Frauen vom Hofe und vom guten Ton, die Ihr nur fahrt, und aus Euren vergoldeten Wagen kaum, und gleich⸗ ſam nur im Fluge, dieſes unzählige Volksgewimmel zu Euren Füßen gewahr werdet; Ihr vom Schickſal Auser⸗ wählte, verzogene Kinder des Glücks, die Ihr nur mit Palläſten vertraut ſeid, und denen ſich das Leben immer nur von einer zierlichen Außenſeite gezeigt hat: kommt! ich will Euch heute in eine ganze fremde Welt einführen, zwar in eine rohe und gemeine Welt, eine Welt der Gaſſe und des Rinnſteins, in Holzſchuhen und Lumpen, aber den⸗ noch in eine eigenthümlich⸗originelle und unterhaltende Welt, welche des Anblicks des Verſtändigen würdig iſt. Folge mir alſo, wer Luſt hat! es iſt heut Sonntag, ſchö⸗ nes Wetter, und wir können die Spaziergänge durchlaufen. 184 Welche ungeheure Volksmaſſe wogt in den öffentlichen Gärten, auf den Quai's, auf den Boulevard's und in den elyſeiſchen Feldern einher! Welch ein Ameiſengewimmel von Menſchen. Der Studirende, der Bürger, der Sol⸗ dat, der Krämer aus der Straße Saint-Denis, der Hand⸗ lungsdiener, die muntere Dirne, Alles iſt ſauber gekleidet, läuft durch einander, und will ſich beluſtigen. Da giebt es eine Menge von Rendezvous und verabredeten Par⸗ thien! Man eilt, man kreuzt ſich in jedem Sinne des Worts. Es iſt der Tag der weißen Wäſche und der neuen Kleider; die Diener tragen ſich wie die Herren. Artilleri⸗ ſten, Dragoner, im großen Staat, Geſtalten von fünf Fuß acht Zoll, ſtolziren mit Frauen von einem Fuß Größe ein⸗ her, welche ſich nicht wenig darauf einbilden, öffentlich an der Seite ihrer, mit Federbuſch und Epaulets, ja beſon⸗ ders mit einem Federbuſch gezierten Liebhaber, geſehen zu werden! Eine Schöne, deren Führer einen Federbuſch trägt, betrachtet alle andere Frauen mit Geringſchätzung. Sie iſt ganz eins mit ihrem Beſchützer, ſie trägt den Degen; ſie hat den Stolz ſeines Standes, und verſchmähet den Spießbürger. So viel iſt gewiß, wollt Ihr in der Liebe glücklich ſein? werdet Soldat und tragt einen Federbuſch. Der iſt der Schlüſſel zum Herzen. Die Frauen ſind nicht im Stande, der Macht des Federbuſches zu widerſtehen. Doch weiter jetzt. Welche Heiterkeit auf allen Geſich⸗ tern! An ſolchem Tage der Freude und der Muße vergißt man die Geſchäfte, die Sorgen der Woche. Man beſeitigt 185 alle läſtige Gedanken bis zum Montag Morgen. Die Haͤu⸗ ſer ſtehen verlaſſen, ganz Paris iſt auf der Straße. Auf der Straße ſpielt, trinkt und ißt man. In Paris geſchieht Nichts im Kleinen, Alles in Fudern und Maſſen, wie im Lande des Wohllebens und der Schmau⸗ ſerei. Es giebt Beſitzer von großen Bäckereien, deren Oefen des Sonntags Millionen von kleinen Broten, Torten und Butterkuchen ſchaffen, wahre Vulkane der Thätigkeit, ga⸗ ſtronomiſche Ausbrüche, deren noch ganz heiße Lava ſich in einem Augenblick, wie ein Strom, wie eine Kuchen⸗ Sündfluth, bis zu den äußerſten Vorſtädten verbreitet. Das ſchwellt Euch das Herz? Nun gut, wir haben Mittel, dieſes ſo zärtliche, empfängliche Herz wieder abzu⸗ kühlen. Da habt Ihr eiskalte Limonade, das Glas einen Sols. Schöne und menſchenfreundliche Erfindung! volks⸗ thümliche und liberale Unternehmung, wie es keine giebt! Friſche, gezuckerte Limonade, zwar weder für unſere Lukul⸗ lus der Börſe noch für die prächtigen Salons des Palais Royal tauglich, aber an der Straßenecke, und für den Unglücklichen, der oft des Brots entbehrt, ſehr erwünſcht! O bewundernswürdige Einführung nützlicher Künſte! Ver⸗ vollkommnung! denkwürdiges Jahrhundert unter allen Jahr⸗ hunderten! iſt es nicht eine der größten Wohlthaten neue⸗ rer Zeit? Sage man noch, daß der Zuſtand des Menſchen ſich nicht verbeſſere! ſage man es in Gegenwart jenes Menſchen⸗ freundes auf dem Platz du Chatelet, dieſes neuen umher⸗ 8** 186 wandernden und gemeinen Tortoni, welcher Eis zu zwei Liards verkauft. Eis zu zwei Liards das Glas! iſt es nicht vor⸗ trefflich? wer hätte vorhergeſehen, daß jene wahrhaft ariſto⸗ kratiſchen Genüſſe eines Tages die Genüſſe des gemeinen Volks werden könnten? Wie die Revolutionen vorſchrei⸗ ten! welche Zeiträume haben wir überſprungen! Von den Zeiten Ludwigs XIV. bis zum Jahre 1830 iſt kein größerer Abſtand, als vom Vanille⸗Eis bis zu den Lippen eines Eſſenkehrers. So ſteigen die Annehmlichkeiten der Civiliſation, die Genüſſe des Luxus und die ausgeſuchten Freuden des Sybaritismus nach und nach bis zu den Pa⸗ ria's der Nation hinunter. Es iſt geſchehen: die Gleichheit triumphirt, alle Privilegien, ſelbſt die der Sorbets und der Limonaden, ſind vernichtet. Glücklicher Pariſer! alle Künſte, alle Länder erſchöpfen ſich, um Deinem Geſchmack, Deinen Launen zu genügen. Alle Lebensmittel des Landes ſtehen ihm, und zwar zu den billigſten Preiſen, zu Gebote: er braucht ſich nur zu bücken, um ſich ihrer zu bedienen; aber das iſt noch wenig: man führt ihm auch die ausländiſchen Produkte, die Früchte des Aequators zu, und er bezahlt ſie nicht viel theurer als die Birnen und Aepfel der Nachbarſchaft. Wünſcht Ihr von der Kokusnuß, von dieſer großen, weißen, in einer ſchwarzen und harten Schale eingeſchloſſenen Mandel, zu genießen? Greift nur zu. Man giebt Euch davon für einen, für zwei Sols, für mehr, für weniger, wie Ihr wollt. Wollt Ihr Zuckerrohr eſſen, dieſes unſchätzbare 187 Rohr, aus welchem eine ſüßere Speiſe als die der Götter in der Fabel hervorquillt? Auch das könnt Ihr haben. Der Kaufmann ſteht mit dem Meſſer in der Hand bereit, Euch davon nach Gefallen, einen Zoll, einen Fuß Länge abzuſchneiden. Es ſei nicht gut— meint Ihr— es ſei ein trocknes Holz ohne Geſchmack: aber rechnet Ihr das Vergnügen für Nichts, Zuckerrohr gegeſſen zu haben? Zeit Eures Lebens könnt Ihr damit, wie mit einem Verdienſt prahlen. Ich, der ich mit Euch rede, werdet Ihr ſagen, ich habe Zuckerrohr genoſſen; und man wird Euch mit Staunen betrachten, beinahe mit Hochachtung; Ihr ſeid eine wichtige, ſeltene Perſon, blos weil Ihr Zuckerrohr verzehrt habt. 7 2 Die Lebensmittel und Leckerbiſſen ſind aber noch die geringſten Dinge; ganz andere Seltenheiten warten unſerer. Bedenkt nur, daß wir uns hier in der Stadt der Wun⸗ der, im Mittelpunkte der Merkwürdigkeiten der ganzen Welt befinden. Was wollt Ihr ſehen? ſagt es nur; Ihr habt nur zu befehlen, und alle Eure Wünſche ſollen au⸗ genblicklich befriedigt werden. Niemals haben der Zauber⸗ ſtab und die Genien der grabiſchen Erzählungen Alles das herbeiſchaffen können, was uns jetzt umgiebt. Alles, was es Seltenes unter der Sonne giebt, vereinigt ſich hier. Wenn in einem Winkel der Welt ein außergewöhnliches Geſchöpf zum Vorſchein kommt; wenn ein Kind mit einem oder drei Augen geboren wird; wenn man irgendwo einen Floh, ſo groß wie eine Ratze, oder eine Ratze, ſo groß wie 188 ein Menſch, einen Menſchen wie ein Ochſe, einen Ochſen wie ein Elephant, einen Elephanten wie ein Wallfiſch, oder einen Wallftiſch wie eine Provinz ſo groß, entdeckt: unfehlbar in Paris trefft Ihr alle dieſe ſchönen Dinge an. Alles iſt in Paris zu finden, ſelbſt das, was nicht in der Natur vorhanden iſt. Wollt Ihr einen Hermaphroditen ſehen? Das iſt ein ſeltenes Ding, ſo ein Weſen, das beiden Geſchlechtern an⸗ gehört, das zugleich Mann und Frau iſt; die Phyſiologie hat ſogar erklärt, daß es niemals wirkliche Hermaphrodi⸗ ten gegeben habe: nun gut, ich werde Euch welche zeigen, nicht einen, gleich zwanzig, ſobald Ihr nur Luſt dazu habt. Wollt Ihr das Pferd Cäſars ſehen, welches menſchliche Füße, und das Alexanders, welches einen Ochſenkopf hatte? Wollt Ihr die Hydra, das Wunderthier, den Drachen des Kadmus, das Ungeheuer der Andromeda ſehen? Soll ich Euch einen Greif, einen Sphinx, einen Satyr, einen Cen⸗ taur, einen Triton, eine Syrene, einen Cyklopen, einen Rieſen, einen Zwerg, eine Gorgone, einen Albino, einen Vampyr, einen Bewohner des Mondes zeigen? Ihr habt nur zu befehlen: Alles das exiſtirt in Paris, auf Wagen, unter Zelten, in Käfigen, in Kiſten und Kübeln. Betrachtet erſt die Bilder, die Konterfeis der Selten⸗ heiten, welche man außen zur Schau ſtellt, um die Neu⸗ gierigen anzulocken! Bald iſt es ein junges männliches Kind, welches die Bruſt einer Amme und wenigſtens 12 Fuß im Umfange hat; bald eine haushohe Frau mit dem Bart 189 eines Sapeurs; ein furchtbarer Rieſe, ſtark wie Polyphem, der, wie Herr Sylveſter de Sacy, zwei und zwanzig Spra⸗ chen redet; ein Zwerg, deſſen Händchen man Euch durch eine kleine Oeffnung zeigt, und der ganz und gar in Euren Hut hineingeht; ein ganz nackter Menſchenfreſſer, mit bren⸗ nenden Augen, der einen Tiger mit der Keule erſchlägt; oder bald iſt es auch ein wildes Mädchen, eine Königin oder eine Prinzeſſin wenigſtens, welche einen Bär mit ihren Pfeilen durchbohrt. Die Menge ſteht da, ſtumm vor Er⸗ ſtaunen, und bewundert auf der Leinwand die wüthenden Seelöwen, die Rieſenſchlangen, welche in ihren Windun⸗ gen Büffelochſen erdroſſeln, ungeheure Krokodile, welche Menſchen wie Tabaksblätter zerkauen. Wendet Eure Augen nach jener Erhöhung dort. Da werden die alt herkömmlichen Poſſen getrieben, um die Leute anzulocken, da unterhalten Männer in Lumpen die Vorübergehenden mit ihren ausgelaſſenen, groben Späßen. Auf einem ſolchen Theater ergötzte einſt Bobeche, dieſer Held der Komik, die Gäſte des Boulevard du temple mit ſeinem abgeſchmackten Gewäſch. Sehet! in dieſem Augen⸗ blick iſt die Aufmerkſamkeit des Publikums durch jenen Tauſendkünſtler gefeſſelt, welcher nach dem Beiſpiele des fabelhaften Drachen Feuer und Rauch ſprüht. In ſeinen Händen hält er eine große Menge Werg, das er mit den Zähnen zerreißt; er ſiopft ſich, wie eine Matratze damit aus; er verſchlingt es in Maſſen, dann wirft er Feuer aus, und die beſtürzten Zuſchauer finden das Stück bewunderns⸗ 190 würdig, und drängen ſich, zitternd vor Freude, zu den Fü⸗ ßen des Wunderthäters, des Beſitzers eines ſo ſeltenen Geheimniſſes. Aber plötzlich verändert ſich die Gerne Muſiker erſchei⸗ nen, eine ſchreckliche, herzzerreißende Muſik beginnt, und bringt die ganze Gegend in Aufruhr. Hört Ihr wohl die ſcharfen Töne der Querpfeife, welche das Schmettern der Trompete, das Gekratze der Violine, den Lärmen der Cym⸗ beln und den Donner der großen Pauke durchdringt? Frauen, Kinder, Greiſe und gemachte Männer laufen zu dem bar⸗ bariſchen Orcheſter hin. Aller Augen ſind auf den gerich⸗ tet, welcher die Cymbeln hält: Glücklicher Sterblicher! Es iſt ein Wilder vom Ufer der Seine, ein Karaibe von der Vorſtadt Saint⸗Marceau, deſſen Geſicht über die Hälfte hinter einem breiten falſchen Barte verſteckt iſt, und deſſen Arme und Beine mit einem ſchmutzigen fleiſchfarbenen Trieot überzogen ſind. Er iſt der Held des Feſtes, er verdunkelt Alles, man hat nur Augen für ihn, und bewundert nur ſeine Haltung; und er iſt nicht ein bischen verlegen: die Bewunderung der Menſchen iſt ihm alltäglich, er iſt dar⸗ über erhaben; er giebt nicht mehr darauf Achtung, und iſt nur bemüht, ſeine Parthie in dem melodiſchen Koncert gehörig auszufüllen. Wenn dieſe wüthende Muſik lange genug gedauert hat und die Verſammlung zahlreich genug iſt, erſcheint der Herr auf den Brettern. Der Anzug deſſelben beſteht in einem abgenutzten Ueberrock/ und einem alten, runden, 191 ſchmierigen, auf das eine Ohr geſetzten Hute. Die wich⸗ tige Miene, die rauhe Sprache und die ſchmutzigen Hände machen Eindruck. Hören wir ihn: „Hier! meine Herren und Damen, iſt zu ſehen eine einzige, bewundernswürdige, unzweifelhafte, unvergleichliche Seltenheit! Eine wilde Frau ißt rohes Fleiſch, wie Sie und ich gekochtes verzehren! Dieſes junge Mädchen,“(er zeigt mit einem Stock auf das Bild)„dieſes junge Mäd⸗ chen, ungefähr achtzehn Jahre alt und regelmäßig ſchön, wie Sie ſehen“(er ſchlägt von neuem auf das Bild)„iſt vor funfzehn bis ſechszehn Monaten in den Wäldern von Litthauen gefunden worden. Sie lebte gleich dem Thiere; war ganz nackt; ſprach nicht, kletterte auf den Bäumen umher, und lebte von der Jagd, indem ſie ihre Beute mit den Zähnen zerriß, und ſie ohne Koch, wie die wilden Thiere, verzehrte. Man hat viel Mühe gehabt, ſie zu fan⸗ gen, und man hat ſie nie an eine andere Nahrung gewöh⸗ nen können. Wenn Sie ſich, meine Herren und Damen, die Mühe geben wollen, einzutreten, ſo werden Sie dieſes Mädchen“(ein neuer Schlag auf das Bild)„mit Gierig⸗ keit rohes, ſo eben aus der Schlächterei gekommenes Fleiſch verzehren ſehen. Sie iſt von allen Höfen Europa's geſehen worden; ſie hat die Ehre gehabt, vor Ihren Majeſtäten, dem Kaiſer von Rußland, dem Kaiſer von Oeſtreich und dem Könige von Preußen, ſich zu produciren! Es iſt wahr⸗ haft ſeltſam und bemerkenswerth! Nur herein, meine Her⸗ ren und Damen! im Augenblick wird angefangen, nehmen 192 Sie Ihre Billets; ſpäter iſt kein Platz mehr! Es iſt eine lebendige Seltenheit, ohne Gleichen! Und um es zu ſehen: was koſtet es? nicht mehr als die Kleinigkeit von zwei Sols!“ Dieſe, mit geringen Abänderungen, ſo lange es Be⸗ trüger und Betrogene giebt, übliche Anrede verfehlt, von dem prächtigen Bilde unterſtützt, bei der Menge niemals ihre Wirkung. Die Menſchen ſind darin zu bewundern: ſie gleichen den Thieren, welche man, ſeit Erſchaffung der Welt, mit denſelben Schlingen fängt. Sie können der Verſuchung nicht widerſtehen: die Neugierigſten und Reich⸗ ſten gehen in die Baracke hinein, und der Ueberreſt verfolgt ſie mit neidiſchen Augen Aber auch hierbei iſt es wie beinahe mit Allem auf dieſer Erde; die Wirklichkeit entzaubert die Einbildung; man verſprach ſich ein Vergnügen, und war nicht wenig überraſcht, eine Enttäuſchung erkauft zu haben. Statt dieſer glänzenden Perſonen, die man ſich vorſtellte, ſtatt dieſer Athleten⸗Geſtalten, mit Armbändern, Halsgeſchmei⸗ den, Ohrgehängen und Koſtümen orientaliſcher Könige, findet man im Innern nur arme Teufel, die Euch mit ihrer ſchlechten Figur und Haltung, ihren Lumpenanzügen nur widerlich ſind. Alle Frauen ſind alt und häßlich, alle Männer ſchmutzig und mißgeſtaltet: das iſt in der Regel. Man kündigt Euch einen hübſchen, proportionirten, jugend⸗ lichen, gewandten und zierlichen Zwerg an, und man zeigt Euch einen abſcheulichen, kleinen Greis mit dicken Beinen, unge⸗ 193 ungeſchicktem Kopfe und näſelnder Stimme, der nur auf Krücken gehen kann, eine der Figuren, die uns im Traume erſcheinen, wenn wir krank ſind. An einem andern Orte ſtellt man Euch ein armes, als Kanibalin gekleidetes Mädchen vor, welches Kieſelſteine ver⸗ ſchluckt, und die Unglückliche ſtellt ſich, als äße ſie ſie gern; wenn man die Schüſſel bringt, ergreift ſie ſie mit Unge⸗ duld; der Mann, welcher ihre Beſchreibung macht, ſchüt⸗ telt ihren Bauch, und Ihr hört das Raſſeln der Steine in ihren Eingeweiden. O Paris! die Hauptſtadt der Marktſchreierei! der Sam⸗ melplatz des Betruges! wie viel Lotterien und Rouletten, wie viel Taſchenſpielerkünſte und Gaunerſtückchen hat es nicht aufzuweiſen! Sehet, es handelt ſich oft nur darum, einen Kegel abzuſchlagen, eine Kugel auf die andere zu ſez⸗ zen, rine kleine Glasſcheibe zu zerſchlagen. Wie ſtrengt ſich der menſchliche Geiſt nicht täglich an, um etwas für die öffentliche Neugierde zu erfinden! wie grübelt man nach, wie beeifert man ſich! welche Beſtrebungen des Genies! welche neue Erfindungen! welche vervollkommnete Gewerbs⸗ zweige! Sehet zum Beiſpiel jene wundernswürdige Erfin⸗ dung, um die Raſirmeſſer zu verderben, ſie am Schneiden zu hindern, ſie zu verſchlechtern, ſo gut ſie auch geweſen ſein mögen! Sehet, da iſt ein Stein, den Bart abzu⸗ nehmen, der ihn aber ſtehen läßt, und die Haut zerfetzt. Kennt Ihr den kleinen Gelehrten, den man auf der Stußs ausfragt? Es iſt ein frühreifes Kind, ein wahres . 9 194 Wunder! Sprecht mir nicht mehr vom Specht der Mi⸗ randola, noch von ſonſt Jemand Anderem: der kleine Ge⸗ rehrte hat Alles überboten, Alles verdunkelt. Er weiß, wie viel Pflaſterſteine es in Paris, wie viel Sterne am Him⸗ mel, wie viel Sandkörner am Strande des Meeres es giebt; er kennt genau das Datum einer jeden Begebenheit, jeder Erfindung, er hat ein unzerſtörbares Gedächtniß; er iſt ſo untrüglich wie eine Eneyklopädie, und ſo ſicher wie ein Diktionair; er würde Alles wiſſen, wenn er franzöſiſch ver⸗ ſtände. und der Virtuoſe, welcher allein ein Koncert exekutirt, mit ſeiner Guitarre, einer Flöte des Pan, Glocken und Schellen an ſeinem Hute und ſeinem Federbuſch, einer gro⸗ ßen Pauke auf dem Rücken, welche er mit den Ellbogen ſchlägt, und Cymbeln zwiſchen den Beinen! Und Jener, welcher einen Automaten vorſtellt: er hat den Kurſus der unbeweglichkeit gemacht, und iſt dahin gelangt, ſich den Schein einer Maſchine zu geben; man bewegt ihn, legt ihn zuſammen und trägt ihn fort wie einen Gliedermann; er bleibt in der Stellung, welche man ihm giebt, und be⸗ wegt ſeine Arme wie die eines Telegraphen; ſein Körper iſt ſteif, ſein Auge ſtier, ſelbſt ſeine Augenlieder bewegen ſich nicht! Dann, der große Blinde mit ſeinem Hunde, ſeiner brüllenden Stimme, ſeinen Zotenliedern und när⸗ riſchen, launigen Grimaſſen! Hier die Familie auf Stel⸗ zen, welche, trotz der beſten Infanterie manövrirt! Dort der Chimiſt, welcher mit etwas Waſſer vor Euren Augen 195 Wein von allen Farben bereitet, indem er es nur aus einem Glaſe ins andere gießt! Und dann der Kaufmann, der Euch Pulver für allerhand Zwecke verkauft, und Euch den Rath giebt, wenn Ihr lachen wollt, davon ins Bett Eurer Freunde und Bekannten, oder auf den Boden eines Tanzſaales zu ſtreuen, weil, wie er behauptet, die Unterröcke, das reizt... O des nichtswürdigen Wichts! Der Arſenikhändler, welcher, um ſeine Waare herauszuſtreichen und als Beweis ihrer Güte, eine Menge todter, völlig verweſeter Mäuſe, Ratzen und Maulwürfe vor Euren Angen ausbreitet. Und der Fleckenreiniger, der, um ſeine Seifen und Eſſenzen geltend zu machen, die Fettflecke, geſchickt, ſie von weitem zu ent⸗ decken, mit dem Auge erſpähet, und wenn er ſeinen Mann gefunden, ihn beim Kragen ergreift, mit ſich fortzieht, und wider Willen reinigt! Schlimm für Euch, wenn Ihr ihm zu nahe kommt, und Eure Kleider nicht ſo rein und makellos wie ein Taufanzug ſind! Es würde Euch nichts helfen, Ihr würdet erhaſcht, gewaſchen, geſeift und geputzt, ſo ſehr Ihr Euch auch ſträubtet! Und der Pſeudo⸗Fa⸗ brikant von köllniſchem Waſſer, der kein beſſeres Mittel kennt, Euch deſſen mediciniſche Tugenden zu beweiſen, als funfzig Mal des Tages vor den Augen der Menge davon zu trinken, und ſich die Hände, Tücher und Tabaksdoſen zureichen läßt, um ſie von ſeinem abſcheulichen Gemiſch ſtinkend zu machen. Ferner die Türken, Mauren und Ma⸗ melucken von Beauce und der Normandie, welche den Chriſten ihre vom Gewürzkrämer entnommenen Datteln, 9 X 196 Riechkugeln und vermeinten Räucherkerzchen des Serails verkaufen, die, wenn man ſie anzündet, nach der Pechfak⸗ kel riechen, und deren eine genügt, einem ganzen Depar⸗ tement die Migraine zuzuziehen! Und jene liſtigen Betrü⸗ ger, jene ſchlauen Schelme, welche mit Ketten zur Sicher⸗ heit der Uhren handeln, und damit anfangen, dieſe ſelbſt zu ſtehlen, ſo daß, wenn man mit einer Uhr ohne Kette zu ihnen kommt, man erſtaunt iſt, mit einer Kette ohne Uhr ſie wieder verlaſſen zu haben! Und die jungen, hübſchen El⸗ ſaſſerinnen, welche Staubwedel von weißem Holze verkau⸗ fen, mit ihrem glatten, ſchwarzen Kopf, ihren breiten Hüf⸗ ten, blauen Strümpfen und kurzen Röcken, welche es täg⸗ lich noch mehr werden, verſteht ſich, weil dieſe jungen Mäd⸗ chen noch wachſen und das Röckchen nicht länger wird! Wißt Ihr wohl, daß es noch in Verlegenheit ſetzen kann, wenn die Elſaſſerinnen fortfahren zu wachſen? ich bin für nichts verantwortlich. Und die irrenden Troubadours, die Minneſänger, welche unſere Promenaden in muſikaliſche Akademieen verwandeln; die braunen Italienerinnen, die blonden Deutſchen, welche mit ihren Lauten, Mandolinen, Harfen und Syrenenſtimmen von einem Kaffeehaufe in das andere laufen, damit alle unſere Sinne zu gleicher Zeit Ergötzung finden! Und die Drehorgeln mit ihren niedli⸗ chen, kleinen Tänzern! Und die Bauchredner mit ihren Zaubereien! der Stuhl, um die Leute zu wiegen! die Ma⸗ ſchine, um ſeine Kräfte zu verſuchen! der umherziehende Aſtronom, der jeden Abend ſein Teleskop nach dem Mond 2 197 oder den Sternen richtet! Und das Mikroskop, durch das man einen Floh groß wie einen Elephanten ſieht! Der Ex⸗Gefangne, welcher durch ein Wunder des Fleißes und der Geduld, das nur die Muße des Gefängniſſes hervor⸗ bringen kann, Flöhe vom Kopf bis zu den Füßen bewaff⸗ net hat, ohne Etwas wegzulaſſen, weder den Helm, den Harniſch, die Schienen, den Schild noch die Lanze; der es dahin gebracht hat, damit kleine Wagen und Kanonen zu beſpannen: merkwürdige Equipagen, leichte, beinahe un⸗ ſichtbare Artillerie, welche man, Geſchütz und Pferde zu⸗ ſammen in die Kapſel eines Ringes verſchließen kann! Und der Mann, der mit ſeinem Bauch ſchreibt, und die Frau, welche mit ihrem verſtümmelten Arme Stickereien verfer⸗ tigt! Und das Portrait des Herrn Mayeur in Wachs, das kleine Glas in der Hand! Und der Porzellan⸗Ausbeſ⸗ ſerer; die Händler mit weißer Schminke, welche immer ein Hündchen oder ein eingeſchlafenes, recht geſchniegeltes, geſtriegeltes und gepudertes Kätzchen auf ihrem Tiſche vor ſich haben! Und die klugen Thiere! das Pferd, welches die Stunden mit dem Fuße angiebt und die verliebteſte Per⸗ ſon aus der Verſammlung bezeichnet! der Dromedar, wel⸗ cher gelehrig ſeine Knieen beim Tone der Schalmeie beugt! der Affe, welcher ſeine Reitübungen auf einem Hunde macht, die Straße kehrt und ſeinen Hut hinreicht, um einige Sols zu erhalten! der andere Affe, dem man mit einem unge⸗ heuren, hölzernen Raſirmeſſer den Bart ſcheert, und der, weil er allein dieſe Laune ſeines Herrn nicht begreift, ſich I 198 ſträubt, Grimaſſen macht, und die Zähne zeigt! endlich der Haſe, der ein Piſtol abſchießt, den Wirbel auf der Trom⸗ mel ſchlägt,— für die Geſellſchaft: da gehorcht er; für Bourmont: will er nicht; für die Nationalgarde: da iſt er bereit; für Polignae: da weigert er ſich wieder! Armer Haſe! beklagt ihn. Manchmal irrt er ſich; Alles verwirrt ſich in ſeinem Kopfe. In unſern revolutionairen Zeiten iſt es ja ſo ſchwer, immer richtig zu wiſſen, wem man ſeine Huldigungen zuzuwenden oder zu verſagen hat! Man hat ihm ſo oft ſeine Thema verändert; man hat ihm ſo oft den Wirbelſchlag für dieſelben Perſonen befohlen und ver⸗ boten, daß ſein Haſengehirn davon angegriffen worden iſt, und er manchmal Verſehen begeht, die ſeinen Herrn un⸗ geduldig und die Zuſchauer ärgerlich machen. Nur ein wenig Nachſicht, meine Herren! entſchuldigen Sie nicht auch Ihre Dichter, welche Lobreden für alle regierende Herren gehalten, und nach der Reihe für die Republik, das Direktorium, das Conſulat, für Napoleon, Ludwig XVIII., Carl X. und für Ludwig Philipp ihren Wirbel geſchlagen haben? In Paris kann man einen Kurſus der Naturgeſchichte in den Straßen machen. Man trifft hier alle Thiere der Arche an. Die Schlangen ſiad das Attribut der Verkäu⸗ fer von Stiefelwichſe, ſo wie die kleinen Vögel, welche man unbeweglich macht, indem man ihnen den Hals ein⸗ zwängt. Der Stiefelwichshändler bedient ſich dieſer ein⸗ fältigen Thiere wie ein Vogelſteller, um damit andere zu 199 fangen. In der Regel iſt der, welcher mit Stiefelwichſe handelt, ein junger Mann mit einem entſchiedenen Blick, ſchöner geläufiger Sprache, raſchen, treffenden Antworten und an die Trübſale der öffentlichen Plätze gewöhnt. Wenn er ſich von einem tüchtigen Kreis Maulaffen umgeben ſieht, erhebt er ſeine Stimme:„Wir werden ſogleich, meine Herren, vor Ihnen die große rothe Schlange tanzen laſſen“(Bewegung der Neugierde in der Verſamm⸗ lung);„aber bevor wir die große rothe Schlange, welche ſich dort im Koffer auf ihrem Mooſe befindet, produciren, habe ich die Ehre, der liebenswürdigen Geſellſchaft in Er⸗ innerung zu bringen, daß ich alle Tage auf dieſer Stelle zu finden bin, und hier mit immer zunehmenden Erfolgen die unvergleichliche Stiefelwichſe des Herrn Auger verkaufe.“ Gier entfernt ſich die Hälfte der Zuhörer, der Kaufmann wirft auf die Gehenden einen Blick des Zorns und der Verachtung, unterbricht aber ſeine Rede nicht).„Dieſe in ganz Frankreich, ſelbſt in ganz Europa ſehr vortheilhaft bekannte Wichſe iſt die einzige, die auch auf fettem Leder haftet. Möchte nur Jemand von Ihnen“(der Redner mu⸗ ſtert, indem er dies ſagt, mit dem Auge die Fußbekleidun⸗ gen der Geſellſchaft)„ſo gefällig ſein, mir ſeinen Fuß zu erlauben: es koſtet Nichts, und ſoll nur die Güte meiner Wichſe beweiſen.“(Ein Maurer tritt vor, und ſtellt ſeinen ungeſchickten, ganz weißen, kalkigen Schuh auf eine kleine Fußbank; der Redner fährt fort, indem er Pantalon und Stiefeletten des Maurers aufknöpft)„Sehen Sie, meine 200 Herren, ich glaube, daß mich Niemand lügen ſtrafen werde, wenn ich behaupte, daß es unmöglich iſt, ſchmutzigere Schuhe als die dieſes Herrn zu finden. Sie ſind wenigſtens ſeit ſechs Monaten nicht geputzt worden, und mit einer drei⸗ fachen Lage von Koth und Gips bedeckt,“(indem er ſo ſpricht, kratzt er den Schuh mit den Nägeln ab)„und Sie ſollen ſehen, wie ich ihn glänzend machen werde! Ich fange damit an, ihn mit Fett einzuſchmieren.“(Er nimmt in der That ein Stückchen Talglicht oder etwas Schweine⸗ fett, und reibt den Schuh ein.)„Sie werden ſich über⸗ zeugen, meine Herren, daß es wirklich Fett iſt, womit ich den Schuh beſtreiche.“(Das Auditorium zeigt die größte Aufmerkſamkeit, und giebt alle Zeichen des lebhafteſten In⸗ tereſſes. Der Kaufmann ſpeit auf ſeine Wichſe, ſchmiert ſeine Bürſte damit ein, ergreift mit der andern Hand eine Glanzbürſte, und geht, in ſeinem Vortrage fortfahrend, ans Werk.)„Im Augenblick, meine Herren, iſt es ge⸗ ſchehen, und ſehen Sie, welcher Glanz!“(Er bürſtet, bür⸗ ſtet mit beiden Händen. Nachdem die Spitze und das Oberleder des Schuhes recht ſchwarz und glänzend gewor⸗ den, alles Uebrige aber nach wie vor weiß geblieben iſt, ver⸗ langt er den andern Fuß, und verfährt damit eben ſo.) „Da haben ſie die Eigenſchaften meiner Wichſe. Und jetzt, wie viel koſtet Deine Wichſe?“(Bemerket die Drei⸗ ſtigkeit dieſes Dutzens, und die Wendung, mit welcher er die Frage an ſich ſelbſt richtet, die natürlicher die Ver⸗ ſammlung an ihn thun ſollte.)„Ich habe zu allen Prei⸗ 201 ſen. Zur Bequemlichkeit der Abnehmer habe ich Kugeln zu drei Sols, auch zu ſechs Sols, welche ſo viel als drei zu drei Sols enthalten; ich habe Kugeln zu zwölf Sols, welche ſo viel als drei zu ſechs Sols enthalten. Man müßte, meine Herren, nicht drei Sols in der Taſche haben, oder kein Freund der Reinlichkeit ſein, wenn man meine Wichſe verweigerte. Sie werden mir ſagen, daß der Hand⸗ werker bei der Arbeit nicht elegant zu ſein brauche. Ich will es glauben; aber des Sonntags liebt man doch ein ſauberes Fußwerk, und mit einer Kugel für drei Sols können Sie, ich ſtehe dafür, ſechs Monat ausreichen. Nun, meine Herren, wer wünſcht davon?“(Ein guter Freund nähert ſich mit drei Sols.)„Noch eine für drei Sols an den Herrn.“(Es iſt der Erſte, der davon verlangt.)„Wer wünſcht noch zu haben?“— Der arme Teufel mag ſeine Kehle noch ſo ſehr anſtrengen, Niemand antwortet. Einer aus der Menge entfernt ſich, dann ein Zweiter, ein Drit⸗ ter; die Gruppe wird lichter und zerſtreut ſich gänzlich, mit Ausnahme von zwei oder drei einfältigen Tröpfen, welche geduldig den Tanz der rothen Schlange abwarten; und der Maurer kehrt mit ſeinen halbgewichſten Schuhen ruhig nach der Straße de la Mortellerie zurück. 15 Was giebt's denn da unten, wo ſo viel Menſchen bei⸗ ſammen ſtehen? Aha! das iſt der Säbelverſchlucker. Ar⸗ mer Teufel! welcher niedrige Erwerbszweig! wozu zwingt die verwünſchte Nothwendigkeit, Brod zu eſſen, die Men⸗ ſchen nicht? Ich habe Leute geſehen, die Ratzen und leben⸗ 202 dige Vögel verzehrten: dieſer verſchlingt eine ganze Waf⸗ fenſchmiede. Da iſt auch noch ein weiblicher Herkules, eine Frau, eine Familienmutter, ſagt man; die Unglückliche! ſie hebt mit ihren Haarflechten Mühlſteine in die Höhe, und läßt Bruchſteine mit einem großen Hammer auf ihrem Körper zerſchlagen. Ein gefülltes Faß, mit einem Strick umgeben und einer Stange daran befeſtigt, ſteht da. Man wird es ſogleich gebrauchen. Aber vorher, denn es iſt gut, ſicher zu gehen, ſoll die ehrenwerthe Geſellſchaft den mäßigen Betrag von zwanzig Sols zuſammenbringen. Zwölf ſind ſchon da, und nur achte fehlen noch. Nun, immer mun⸗ ter, meine Herren und Damen, nur etwas Muth! es braucht nur Einer das Beiſpiel zu geben. Bei ſolchen Gelegenhei⸗ ten läßt ſich das Publikum auf eine unglaubliche und wirk⸗ lich gehäſſige Weiſe bei den Haaren heranziehen, und er⸗ röthet nicht. Einige Sols fallen nach langer Pauſe in die Mitte des Kreiſes Es ſind nur noch zwei nöthig.. jetzt nur noch einer.... Endlich iſt die Summe beiſam⸗ men. Jetzt bittet man ſechs Männer um ihre Hülfe. Die Frau ſtreckt ſich auf zwei Stühlen aus, ſo daß nur ihr Kopf und ihre Füße darauf ruhen; das Uebrige des Kör⸗ pers ſchwebt. Die ſechs Männer haben Mühe, das Faß aufzuheben, ſie ſchleppen es taumelnd herbei, und legen es auf den Bauch dieſer Unglücklichen; ſie verlangt, es ganz vszulaſſen, und ſi ie Palaneirt auf ihrem Unterleib bſt Laſ 203. welche für ſechs Mann zu ſchwer war, und wiederholt zwanzig Mal an einem Tage dieſes abſcheuliche Kunſtſtück! Was iſt denn das für eine andere Dame da, mit dem Federhut, in einem offenen Kabriolet ſtehend, und die ſchö⸗ nen Herren in rothen Röcken zu Fuß neben ſich? Das iſt ein Marktſchreier, ein Doktor in Frauenkleidern. Sie be⸗ ſitzt die wunderthätigſten Geheimniſſe; ſie hat Mittel für alle Krankheiten; ſie kennt alle medieiniſchen Kräuter; ſie hat das Arkanum, den Jugendbrunnen entdeckt. Kaufet von ihren Univerſalkräutern, die Alles heilen; kaufet von ihrem Balſam, ihren Kamillen⸗, ihren Borretſchblättern. Sie durchſtreicht die Welt nur aus Menſchlichkeit; ſie reiſt nur ſo eben durch unſere Stadt: ſie hat den Groß⸗Lama, den Groß⸗Mogul, den Groß⸗Negus, den Kaiſer von Ma⸗ rokko von tödtlichen Krankheiten befreit. Und die alten Frauen, die leichtgläubigen Landleute und die unſchuldi⸗ gen Rekruten, von dem Pathos der Theriak⸗Krämerin beſtrickt, geben inmitten der ſieghaften Fanfaren der roth⸗ röckigen Herren ihr geſpartes Geld für nutzloſe Kräuter hin. Weiter. Ein anderer Lockvogel. Es iſt ein Quackſal⸗ ber für Zähne und Leichdornen. Er hat eine grüne Salbe, die die Hühneraugen gründlich kurirt, er hat eine rothe Pomade, die alle Brandſchäden heilt und die Haare wach⸗ ſen macht; ſein Gehülfe hält ſie Euch mit einem Spatel unter die Naſe. Er hat einen kleinen ſchwarzen Stein, welcher ein Hauptmittel gegen Zahnweh iſt. Er feilt, beizt und reinigt die Zähne, er zieht ſie aus; er ſetzt 204 künſtliche Zähne ein, die man ihm erſt bezahlt, wenn man damit das Kauen verſucht hat. Er iſt von dem Collegium medicum anerkannt. Zweifelt Ihr an ſeinen Fähigkeiten? er hat Beweiſe davon. Er hat ganze Schnüre von Hunds⸗ und Backzähnen mehrmals um ſeinen Leib geſchlungen. „Meine Herren,“ ſagt er mit edlem Stolz,„iſt Je⸗ mand unter Ihnen, der an Zahnweh leidet? ſo ſchenke er mir ſein Vertrauen. Ohne alle Anſtrengung, ohne Schmerz. Man fühlt es nicht einmal.“— Lange bleibt Alles unbe⸗ weglich; endlich tritt ein armer Teufel mit verhülltem Ge⸗ ſicht und geſchwollener Backe hervor. Man ſetzt ihn hin. Es iſt ein ſtarker, ganz verſtümmelter hinterer Backzahn. Der Operateur holt eine Schmiedezange hervor. Der Zahn iſt gefaßt. Jetzt kommt der dramatiſche Augenblick, die entſcheidende Kataſtrophe. Ein Schrei läßt ſich hören, ein tüchtiger abſcheulicher Ruck, der eine Eiche entwurzeln könnte, der Leidende, der Stuhl, der Gehülfe, welcher ihn gepackt hält, Alles wird erſchüttert, Alles wird von dem eiſernen Arm des unerbittlichen Doktors fortgeriſſen. End⸗ lich ſitzt der rebelliſche, verdorbene Zahn am Ende des In⸗ ſtruments, mit ihm aber auch ein tüchtiges Stück vom Kinnbackenknochen. Unwürdiges Schauſpiel! Scene der Schlächterei und der Folter! eine wahrhafte Exekution, der weder die Neugierde des Volks, die Blutſtröme, noch der das Geheul des Opfers übertönende Trommelſchlag fehlen. 1— MNacht uns dieſe Abſcheulichkeiten vergeſſen, Ihr leich⸗ 20⁵ ten Seiltänzer, geſchickten Luftſpringer, freundlichen Bal⸗ lettänzer und zierlichen Equilibriſten! Die herumziehende Truppe kommt an. Die Einrichtung iſt bald gemacht. Man breitet auf der Erde einen alten Teppich aus. Die Männer werfen ihre Ueberröcke ab, die Frauen ihre leich⸗ ten Mäntel, und es kommen ſcharlachrothe Leibchen, ehe⸗ mals weiß geweſene, abgenutzte, bordirte Wämſer, Trikot⸗ Beinkleider, alter Flitterſtaat und durchbrochene Strümpfe zum Vorſchein. Klarinette und Tambourin fordern die neugierige Menge auf, ſich zu ſammeln und ein Gehäge zu bilden. Aber der Platz wird zu beſchränkt; Bajazzo nimmt einen Stock und macht eine Windmühle, ſo dicht an den Naſen des erſten Ranges, daß der lebendige Kreis genöthigt iſt, ſich zu erweitern. Alsbald fangen die Mei⸗ ſterſprünge an. Frauen und Kinder gehen auf den Hän⸗ den, machen Kapriolen, ſetzen ihre Füße auf ihre Köpfe, rollen ſich auf und wieder auseinander, und machen hun⸗ dertfältige Stellungen; man möchte behaupten, ſie ſeien knochenlos. Jetzt kommt Bajazzo an die Reihe! und Ba⸗ jazzo, dieſe poſſirliche Figur, mit dem leinenen guadrillir⸗ ten Anzug, großem Hemdkragen und ſeinem linkiſchen Be⸗ nehmen, obgleich der gewandteſte von der ganzen Truppe, nähert ſich, ſchießt Kobold und zerſchlägt ſich die Naſe zum großen Gelächter der Zuſchauer. Jetzt erſcheint ein Mann, der auf einem Eiſendraht tanzt, dann ein anderer, welcher auf ſeinen Zähnen eine große Leiter balancirt, auf deren oberſtem Ende ein Kind ſitzt; dann ein dritter, welcher 206 Ringe, metallene Kugeln, Dolche, hinter ſeinem Rücken, unter den Beinen durch, in runden, in länglichen Figuren mit einer Sicherheit und Schnelligkeit wirft, daß das Auge ermüdet; eine geſchickte, aber doch noch unvollkom⸗ mene Nachahmung jener indiſchen Jongleurs, welche vor einigen Jahren mit ihren weiblichen Formen, ihren zarten Gliedern, ihren beweglichen und biegſamen Fingern unſere europäiſchen Schauluſtigen durch ihre damals noch ganz unbekannten Kunſtſtücke in Erſtaunen ſetzten. Jedenfalls iſt ein Gegenſtand noch allen übrigen Equi⸗ libern vorzuziehen, weil ſich dem Vergnügen nicht der lä⸗ ſtige Gedanke einer phyſiſchen Folter beimiſcht, der Ge⸗ danke, daß Andere leiden müſſen, um uns Vergnügen zu machen, und dieſer Gegenſtand iſt die enge und ſchmutzige Baracke der Marionetten: es iſt Polichinell. Das Volk liebt den Polichinell, wie es das Brot liebt; es iſt glücklich und klug darin. Denn ich frage Euch, wenn es des Polichinell überdrüßig wird, was kann man ihm dafür bieten? Wie läßt ſich dieſe drollige, immer neue und originelle Figur erſetzen? Glücklicher Weiſe iſt ſo etwas nicht zu fürchten. Polichinell iſt noch immer ſo jung, kräftig und wohlgemuth, wie er es von jeher war; was auch geſchehen möge, Polichinell wird beſtehen. Eine weniger wichtige, hiſtoriſche und europäiſche Per⸗ ſon als Polichinell, die aber nichts deſto weniger ihre Ver⸗ dienſte hat, iſt Jocriſſe, der wahre nationale Jocriſſe, mit ſeiner alten Flachsperücke, ſeinem abſtehenden Zopf, ſei⸗ nem dreieckigen Hut, ſeinen halbgebogenen Knieen, den kurzen Aermeln und langen Händen, ſeinen einfältigen Reden, ſeiner linkiſchen Haltung und kindiſchen Miene. Als ein Ueberbleibſel der Komödien früheſter Zeit, ſpielt er bei Tage und in freier Luft. Seine Mummereien ha⸗ ben deu Zweck, ein Publikum zu gewinnen. Es iſt immer dieſelbe Geſchichte: ein armer Einfaltspinſel kommt von ſeinem Dorfe und erzählt ſeine unglücklichen Abenteuer. Ihr erfahrt von ihm, was ihm im Wirthshauſe begegnet, wie er in Paris von Couſinen angeſprochen worden iſt, die er gar nicht kennt, wie er endlich in Kondition gegan⸗ gen iſt; alles das recht wortreich, mit Späßen, Calembours, Zweideutigkeiten, Schilderungen und oft witzigen, groben und ſcharfen Seitenhieben gewürzt, welche auf dem Pont⸗ Neuf die Zeitgenoſſen Boileau's zum Lachen brachten, und welche man ſorgſam von Hand zu Hand aus der Zeit der alten Spötter auf Tabarin, und von dieſem bis auf uns gebracht hat. 1 Aber während Joeriſſe die Umſtehenden mit ſeinen Schmähreden und ſeinen wunderlichen Pantomimen unter⸗ hält, kommt der Herr dazu, unterbricht eifrig ſein Selbſt⸗ geſpräch, und fängt die Unterhaltung mit einer tüchtigen Portion Fußſtöße und ſchallenden Ohrfeigen an. Dieſe ſchallenden Klatſchhiebe ſind dem Jocriſſe, ſo wie die Stock⸗ ſchläge dem Polichinell eigenthümlich. Nachdem er ſeinen Diener gehörig ausgeſcholten hat, welcher, um ſich zu rä⸗ chen, ihm allerhand kleine Streiche ſpielt und luſtige Poſ⸗ 4 208 ſen treibt, iſt er bereit, als Taſchenſpieler, der alle Geheim⸗ niſſe dieſer großen Kunſt kennt, die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer zu feſſeln. Zuerſt nimmt er eine Art von breitkrämpigem Hut ohne Kopf, und läßt ihn allerhand Verwandlungen beſte⸗ hen. Unter ſeinen geſchickten Händen ſtellt der biegſame und gelehrige Filz nach und nach den zunehmenden Mond, den Vollmond, einen Pilgerkragen, eine Mönchskutte, den Hemdkragen Heinrichs IV., den Kopfputz der Cauchoiſen, die Helden der Halle, die Laſtträger von Marſeille, Räu⸗ ber aus Calabrien und tauſend andere Dinge vor, die hier aufzuzählen zu umſtändlich wäre. In der Regel endigt er damit, die Bedeckung des Bürgers von Paris darzuſtellen, welche in zwei ſpitzen, vorn auf die Stirn gepflanzten Hörnern beſteht; und niemals mißlingt es ihm, dadurch eine lebhafte freudige Theilnahme bei der Verſammäung zu erwecken. Iſt das vorbei, ſo ſchnallt er ſich ſeine Taſchenſpieler⸗ taſche, ſeinen Poſſenbeutel um, und nimmt den berühmten Jakobsſtab, dieſes Symbol ſeiner Würde, dieſen Herolds⸗ ſtab des Tauſendkünſtlers, das ehrwürdige Scepter der Zau⸗ berkunſt, in die Hand. Mit etwas Hexenpulver verwandeln ſich kleine Muskatnüſſe in große Kugeln, und dieſe wieder in kleinere Kügelchen; und immer mit Hülfe des unfühl⸗ baren, unſichtbaren, aber mächtigen Hexenpulvers verſchwin⸗ den, erſcheinen, vervielfältigen, trennen und vereinigen ſich 209 nach den Launen des Zauberers, die lebendigen Nüſſe und Kugeln. Jetzt kündigt er ein noch weit ſchöneres Stück an, und bittet, daß man ihm auf zwei Minuten eine Uhr anver⸗ trauen wolle. Es iſt nur ſelten, daß er nicht eine erlangt. Er thut ſie vor den Augen aller Welt in einen Mörſer, zerſtößt und zerſchlägt ſie in tauſend Stücke, ſetzt den Mörſer in einen Winkel, und giebt ſich die Miene, als denke er nicht weiter daran. Er holt eine hölzerne finger⸗ lange Puppe hervor, und läßt dieſelbe exereiren. Den Kopf links! rechts! beſiehlt er. Er lobt, wenn ſie es gut gemacht, tadelt, wenn er unzufrieden iſt, wenn gleich das Püppchen ſich nicht mehr als ein Stück Holz bewegt.„Meine Her⸗ ren,“ ſagt er, indem er es in die Hand nimmt,„jetzt werde ich das kleine Männchen nach Pondichery ſchicken;“ er ſcheint ihm Etwas ins Ohr zu ſagen und ſeine Antwor⸗ ten zu vernehmen.„Es meint,“ fährt er fort,„es habe nicht Geld für die Reiſe,“ und fügt hundert ähnliche Späße hinzu. Während dieſer Zeit iſt der, weicher ihm die Uhr geborgt, in der ſichtlichſten Unruhe. Endlich kann er ſich nicht mehr halten; und wagt es, ſie zurückzufordern; nun ſtellt er ſich verlegen, um deſſen Angſt zu verdoppeln; endlich, wenn er glaubt, daß der Spaß lange genug ge⸗ dauert hat, holt er den Mörſer wieder herbei, nimmt die Uhr unverſehrt heraus, und giebt ſie dem Eigenthümer zur Bewunderung der ganzen Verſammlung zurück. Aber der ſpaßhafteſte Augenblick iſt da, wenn er au⸗ 9 X* 210 kündigt, daß er einen kleinen Vogel unter einem Becher habe, der herausfliegen, und ſich auf den Kopf desjenigen Ehemannes aus der Geſellſchaft ſetzen würde, der am mei⸗ ſten unter dem Pantoffel ſteht. Bei dieſer Drohung malt ſich Schrecken oder Fröhlichkeit auf den Geſichtern der Zu⸗ ſchauer, nachdem es eines Jeden Lage mit ſich bringt. Leicht kann man an der Ruhe der einen, oder der Bläſſe der andern, die Hageſtolzen und die verheiratheten Männer erkennen. Dieſe können ihre Unruhe nicht verbergen; ſie bereuen es, da zu ſein; ſie verwünſchen hundert Mal ihre Neugierde. Ein Jeder von ihnen fühlt ſich getroffen; Jeder hat ſchon den fatalen Vogel auf dem Kopf, und doch will Niemand gehen, aus Furcht, eben dadurch das ärgerliche, quälende Geheimniß zu verrathen. b Ddie Furcht des häßlichen Schimpfs drückt einen Jeden mehr oder weniger, und die Ruhe findet ſich in den Her⸗ zen Aller nur erſt wieder ein, wenn man den Scherz er⸗ kennt, und der Künſtler mitleidig hinzufügt:„Fürchten Sie nichts für Ihre Köpfe, meine Herren! Der kleine Vogel wird ſich ohne Zweifel auf den meinigen ſetzen.“ Alles das geſchieht nur, um zu dem wichtigſten Punkt, zum Verkauf gewiſſer Billets zu gelangen, welche das Zukünftige enthalten. Denn der Taſchenſpieler iſt auch Prophet. Er weiſſagt dem jungen Mädchen, wann es hei⸗ rathen, dem Dürftigen, wann er reich wird; ein alter, auf die Leichtgläubigkeit der Menſchen gegründeter Kunſtgriff. Wer hat nicht oft den edlen Marquis d'Argent⸗Court 211 mit ſeiner halbgepuderten Perücke, ſeinem zerriſſenen Ja⸗ bot, ſeinen beſchmutzten Strümpfen und dem franzöſiſchen Schooßkleide in ſeiner armſeligen Geſtalt geſehen? Er ver⸗ kauft Lieder, und ſeine Geſchicklichkeit beſteht vorzüglich darin, ſie bis ins dritte, vierte Stockwerk genau in das Fenſter, welches er ſich auserſehen, zu werfen. Er diente lange Zeit zur Beluſtigung der Hauptſtadt; aber Nichts dauert ewig. Nun! das war doch gewiß eine ſchöne Muſterung von Poſſenreißern und Spaßmachern. Ich habe jedoch bei wei⸗ tem nicht Alles, was es in dieſer Art giebt, beſchrieben. Schließlich will ich Euch nur noch drei Perſonen ins Ge⸗ dächtniß rufen, welche unſere Zeitgenoſſen waren. Die Erſte dieſer meiner hiſtoriſchen Perſonen iſt jenes junge Mädchen, welche ſich ſingend auf ihren Füßen her⸗ umdrehte, indem ſie ganz nahe an ihre Augen die Spitze von kleinen Haken oder Nadeln hielt; ſie drehte ſich auf einer und derſelben Stelle mit ſolcher Schnelligkeit um ſich herum, daß man Nichts mehr an ihr unterſcheiden konnte, und ſie dem Kreiſel des Knaben zu vergleichen war; und bei dieſem Drehen fuhr ſie immer fort zu ſingen, und zuletzt gingen aus ihrer Bruſt nur einzelne abgebro⸗ chene Töne hervor. Der Zweite meiner Perſonen iſt der unter dem Kaiſerreich ſehr bekannte Geſichterſchneider, wel⸗ cher die gemeinen Müßiggänger mit der wunderlichen Be⸗ weglichkeit ſeines Geſichts, mit ſeiner berühmten Miene 21² à la Bourbonnaise und mit ſeiner ungeheuren Brille ohne Gläſer und mit Schellen beladen, die er auf ſeiner Naſe in ſo poſſirlicher pendelartiger Bewegung erhielt, ergötzte. Der Dritte endlich iſt jener dicke Gichtbrüchige, den man überall antraf, und der Silhouetten aus ſchwarzem Papier ſchnitt. Wenn Ihr Euch irgendwo auf der Promenade geſetzt hattet, ſo nahm er nicht weit davon ſeinen Platz, holte Papier und Scheere aus der Taſche hervor, und überreichte Euch einige Augenblicke darauf Euer Profil, welches Euch frei ſtand, nicht ähnlich zu finden, welches Ihr aber nicht zurückweiſen durftet, wenn Ihr Euch nicht einem endloſen Gezänk des Verfaſſers ausſetzen wolltet. Wie es in ſolchen Augenblicken mit ſeiner Gicht beſchaffen war, weiß ich nicht; aber Ihr hättet noch ſo raſch davon laufen mögen, es würde ihm gelungen ſein, Euch wieder zu erhaſchen. Dieſer arme Teufel hatte im Garten von Tivoli eine kleine, aus weißem Papier zuſammengeſetzte Bude, kaum ſo groß wie ein Schilderhaus, auf welche ſchwarz ausgeſchnittene Figuren, wie eine Ombre chinoise geklebt waren. Des Abends erleuchtete er das Innere, und dann war ſein Käfig transparent, wie eine Laterne. Eines Tages will man ihn ſprechen; man geht zu ſeiner Bude, klopft, öffnet ſie endlich: die Lichter ſind gänzlich herunter gebrannt, und der arme Silhouettenſchneider liegt todt am Boden. Man vermuthete, er habe ſchon einige Tage ſo da gelegen. 213 Das iſt traurig; was vorher geht, war luſtig: das Bild des Lebens, welches immer eine ernſte Entwickelung hat, welches auch die Harlekinaden waren, womit man den Lauf des Stücks zu erheitern ſich bemühte. Ein Atelier der Straße de L'Ouesl. E⸗ giebt Keinen von uns,— verſteht ſich von den Sorg⸗ loſeſten und Zerſtreuungsluſtigſten,— der im Rauſche der großen Hauptſtadt nicht einmal in ſeinem Leben, aus reif⸗ licher Ueberlegung, zwiſchen einem Liebes⸗Rendezvous und einem Junggeſellen⸗Mahle, zwiſchen einem Geſchäft und einem Vergnügen, der beſcheidenen Mittelſtraße des Horaz oder der Zurückgezogenheit des Racan den Vorzug gegeben hätte. Ueberdies iſt Nichts leichter, als ſich auf der Mit⸗ telſtraße des Horaz zu halten. Mit der Zurückgezogenheit Racans iſt es ſchon etwas Anderes. In Paris kann ſich nicht ein Jeder nach Gefallen verſchließen. Das Geräuſch, die Ueberläſtigen der großen Stadt verfolgen Euch überall. Die Leierkaſten und Beſuchenden, die Freunde und Bett⸗ ler ſind von beſonders ausdauernder und hartnäckiger Na⸗ tur, und geben ihre Beute nicht ſo leicht auf. Die Ent⸗ fernung iſt für dergleichen Leute nicht erfunden worden; 215 ſie wiſſen gar nicht, was das iſt, Entfernung; ſie begleiten Euch und ſuchen Euch auf: ſie wiſſen Euch ſicher zu fin⸗ den, und werfen, Ihr ſeid kaum allein, Eure ſchöneu Pläne der Zurückgezogenheit gar bald wieder über den Haufen. Wißt Ihr, warum Paris ſich heutigen Tages ſo unverhält⸗ nißmäßig vergrößert hat; warum wir ſo viele neue Viertel um die alten her, ſo viele neue Städte in der großen Stadt erblicken? Es iſt nicht, wie man mit unrecht geglaubt, Folge der Spekulation ſo vieler rechtlichen Kapitaliſten, die ſich durch Bauen zu Grunde gerichtet haben, ſondern ihrer Menſchenfreundlichkeit. Sie wollten, daß die friedlichen Leute(es giebt hier deren) mit Paris brechen könnten, ohne mit dem Marais zu kontrahiren. Wir müſſen übrigens hinzufügen, daß der Marais an ſeinem alten Ruf der Friedlichkeit und der Ruhe bedeutend verloren hat, ſeitdem man dort die Marſeillaiſe und die Pariſienne ſingt, ſeitdem es auch da, wie überall, Journalträger, Künſtler und Emeuten giebt. Ein Zufluchtsort war alſo unumgäng⸗ lich nöthig, wo jener intereſſantere Theil der Pariſer Be⸗ völkerung, welcher nicht lärmt, ſondern den Lärmen fürch⸗ tet, nach Gefallen ſich ſammeln und nachdenken könne. Das wußten unſere menſchenfreundlichen Bankiers ſehr wohl, und ſo entſtanden mehrere Stadtviertel mit mehr oder weniger ſchönen Namen. Dem„Neuen Athen“ folgte „das Stadtviertel Franz I.“, dieſem„das Stadtviertel Beaujon“ und dieſem„das von Orleans“ ꝛc. ꝛc. So viele für unverletzlich gehaltene Zufluchtsörter wur⸗ 2¹6 den jedoch einer nach dem andern entartet. Die kleinen Städte ahmten in jeder Beziehung die große nach; und wenn ſie auch weniger lärmend als ihre alte Schweſter waren, ſo wurden ſie eben deshalb ungleich langweiliger. Eigentlich giebt es in Paris nur ein Viertel, eine Straße, in der man ſich ſelbſt leben kann, wo man, ohne Zerſtreuung, ohne ſtörende Nebendinge, ohne Ungeduld und Lärmen ſchreiben, malen und die Guitarre ſpielen kann. Dieſes Viertel iſt das des Obſervatoriums; dieſe Straße die Straße de l'Ouest. Geht nach der Straße de POuest, und Ihr werdet glauben in einer Straße Roms zu ſein, das bürgerliche, wirkliche Paris mit ſeinen Waſſerträgern, Schornſteinfe⸗ gern, Hökerweibern und ſeinen Küchengerüchen wird fern von Euch ſein. Ihr werdet leben und nachdenken können; Ihr könnt ein Künſtler werden, wenn Ihr es nicht ſchon ſeid. Künſtler und Dichter findet man in Menge in der Straße de l'Ouest. Und wenn ich von der Straße de l'Ouest ſpreche, ſo begreife ich darunter alle anſtoßenden Straßen, die Straße Madame, Notre-Dame-des-Champs, de Fleurus, Du- guay-Trouin. Alle dieſe ſind darunter verſtanden. Aber die Straße de l'Ouest bietet eine Individualität dar, und darum halte ich mich vorzugsweiſe an dieſe. Uebrigens habe ich, oder vielmehr hatte ich darin einen Freund, einen Maler, Théodebert Munier, von dem ich Euch zu erzählen habe, ſo ſehr betrachte ich ihn als einen merk⸗ *. 217 merkwürdigen Typus jener Künſtlergattung, jener beſondern Menſchenklaſſe, jener jungen Leute mit dem lebhaften, thörigten, ſchwachen Kopfe, welche, wenn gleich größten⸗ theils mit Talent, oft ſelbſt mit Genie begabt, dennoch zu Nichts gelangen, und ſich bis zum Tode mit ihrem böſen Geſchick herumquälen. Ihre Lage iſt wahrhaft beklagens⸗ werth. Die mehrſten unterliegen ihr. Doch Ihr werdet ſehen. 1 So ſei es mir denn ſogleich erlaubt, mich über den ſonderbaren Vorzug, den ich meinem Freunde Theodebert über die Straße zugeſtehe, welche er bewohnt, zu erklären. Das phyſiſche materielle Paris hat nicht allein das Recht, uns zu beſchäftigen. Das in ſeinen Maſſen, in ſeinem Volke perſonificirte Paris, das von den verſchiedenartigſten Ständen wimmelnde Paris, das Paris der Muſeen, der Theater verdient allerdings auch einen ausgezeichneten Platz in unſerer Bildergallerie, welche aber, wie alle Ausſtellun⸗ gen, auch der Portraits nicht entbehren kann. Hier wol⸗ len wir nun viel mehr ein Portrait als ein Bild liefern: Das Portrait von Théodebert Munier, des aus Vortreff⸗ lichkeit faulen und nachläſſigen Künſtlers, des Künſtlers in Projekten, welcher in ſeiner Werkſtatt goldene Berge träumt, und dieſe ſich für die Malerei wünſcht; welcher mit Ge⸗ wiſſensbiſſen jeden verlornen Tag, jeden Monat, jedes ver⸗ lorene Jahr bereut, und ſich nur bei Madame Saguet tröſtet(der Künſtler aus der Straße de P'Ouest ſpeiſt ehe häufig bei Mad. Saguet), wo er wieder einen Tag, 3 10 218 einen Monat, ein Jahr verliert. Dieſer junge Mann, vol⸗ ler Pläne für die Zukunft und doch ſeine Zukunft verfeh⸗ lend, dieſer Künſtler, welcher für ſich allein eine ganze Kategorie von Künſtlern darſtellt, hat in dem großen Fach⸗ werk, wo die tauſend verſchiedenen Theile der gewaltigen Maſchine, welche man Paris nennt, wie die Flaſchen in der Apotheke, oder die Pflanzen in dem Herbarium genau geordnet, etiketirt und numerirt ſind, ſeinen beſonders bezeichneten Platz. Wenn die Straße de l'Ouest auch nicht der nothwendige Vereinigungspunkt aller Künſtler iſt, welche unſerm Freunde ähnlich ſind, ſo iſt es doch gewiß ihr vorzugsweiſer Verſammlungsort. Doch mehr als genug, um dieſem Kapitel den Titel zu erhalten, welchen wir ihm anfangs nicht zu geben Willens waren:— Ein Atelier der Straße de l'Ouest. Wunderliche Zeilen wurden einſt bei Nacht von Jeman⸗ dem niedergeſchrieben. Ihr ſollt bald erfahren, von wem. Hier ſind dieſe Zeilen: —„Es giebt grauenhafte, drückende Augenblicke, wo „unſere Seele ſich in den bleiernen Chorrock der von Dante „verdammten Mönche hüllt, Augenblicke, wo ſchwere Lei⸗ „den uns drücken, ohne uns jedoch zu einem Schrei zu „bewegen, und die uns in der Ferne für das ganze Leben nur „die ewige Gleichförmigkeit eines bläulichen und regnichten „Horizonts entdecken laſſen: das Klagen fällt uns nicht „ein, und eben ſo wenig möchten wir fliehen; denn die „Zukunft, ſo dunkel und unermeßlich ſie auch ſein möge, 219 „ſcheint unumgänglich und nothwendig. Der Gedanke an „ſie feſſelt, befängt und umhüllt uns: man muß ſich ihm „ unterwerfen. Eine abſcheuliche Neugierde, welche der Wi⸗ derwille vergebens bekämpft, ſtößt uns vorwärts; aber wie „der Verdammte der Unterwelt, den die Furien unaufhör⸗ „lich peitſchen, um ihn zum Gehen zu bringen, ſo ſind „wir verdammt, alle tauſend Jahre nur einen Schritt zu „thun. O Jahrhunderte von langweiliger Betrübniß, von „unermeßlicher Ungewißheit, wie euch ausfüllen!.... In „den ſchlafloſen Nächten des Leidenden ſieht er nur trübe, „ſchwermüthige Gedanken, jene langen Danteſchen Geſtal⸗ „ten mit weiten, faltenreichen, rothen Mänteln und gro⸗ „ßen, ſchwarzen, auf der Erde nachſchleppenden Aermeln, „an ſich vorüberziehen, mit braunen und ſcharfen Zügen, „ſtarkknochigem Kinn; dieſe ſchweigenden Geſtalten, welche „nur harte und feierliche Worte reden, und deren hohle „Stimme den, der ſie hört, mit jedem Worte mehr in „Verzweiflung bringt. Dieſen Erſcheinungen folgen bei⸗ nnahe immer übereinſtimmende Träume: bald iſt es ein „Leichenzug, auf welchen drei alte Waſchweiber, die ihre „Köpfe wie auf einem Zapfen rücklings drehen und Wäſche „in einer verwünſchten Quelle ſpülen, ihre ſtieren Blicke „feſſeln; bald fühlen wir, wie unſer Augapfel mit einem „unſichtbaren Raſirmeſſer jählings durchſchnitten wird... „Gräßliche Bilder einer von der Gewohnheit des Unglücks „raufgeregten Phantaſie; beklagenswerther Zuſtand, der den⸗ 10* 220 „noch nicht Geiſtesverwirrung iſt, und ſich nur aus dem „Gehirn eines muthloſen Menſchen entſpinnt!... 7„,— Théodebert Munier hatte nicht weiter geſchrieben. Es befiel ihn ein konvulſiviſches Gähnen. Durch die Schwere ſeiner Augenlieder kündigte ſich der Schlaf an. Feder und Papier entfielen ſeinen Händen... Sein Kopf ſenkte ſich nach und nach, und fiel zuletzt mit ſeinem ganzen Ge⸗ wicht auf das Kiſſen. Das Endchen Licht, was neben ſeinem Bett in einem blechernen Leuchter brannte, rollte, von einem heftigen Fauſtſchlag umgeſtoßen, bis zur Thür, und nachdem dieſe Vorſicht gebraucht war, verfiel der Künſt⸗ ler in einen tiefen Schlaf. Weil er ſchläft, laßt uns nun ein wenig von Théodebert Munier reden. Er iſt ein Jüngling von etwa fünf Fuß Größe, ziem⸗ lich häßlichen Geſichtszügen und einem mehr als vernach⸗ läſſigten Aeußern; er hat etwas Wildes im Blick und etwas Schiefes im Gange, welches jeden, ſelbſt den zutraulichſten Menſchen, wenn dieſem die Luſt ankommen ſollte, mit ihm Bekanntſchaft zu machen, zurückſchrecken würde. Uebrigens würde er auch für ſein Entgegenkommen ſchlecht belohnt werden: denn er iſt wenig umgänglich, und ich bezweifle, daß er ihm auch nur einen Gruß für ſeine Höflichkeit bie⸗ ten würde. Das iſt ſo ſeine Gewohnheit. Und das ver⸗ zweifelte Starrſehen ſeiner Augen iſt, ich verſichere es Euch, und er ſelbſt hat es mir wohl zwanzig Mal erklärt, nur ein geſchicktes Mittel, um mitten durch die Menſchen zu 221 gehen, ohne ſi ſe zu ſehen. Er bekümmert ſich wohl um Menſchen, ohne Zweifel, weil er ihrer bedarf, aber er hat beſchloſſen, ohne ſie fertig zu werden, und er thut es. Und doch iſt er Künſtler, nicht ein Künſtler im gemeinen Sinne des Worts, ſondern ein wahrer, tüchtiger Künſtler, wie es ſich von einem glühenden jungen Manne erwarten läßt, der, ſo zu ſagen, in der Sirtiniſchen Kapelle geboren wurde, daſelbſt als kleines Kind vor den Wunderwerken Michel Angelv's ſpielte, vor ihnen auf den Knieen bis zum Man⸗ nesalter mit Anbetung zeichnete, und der alsdann, als er die Kraft des Herzens und das Feuer der Seele fühlte, im Vertrauen auf ſich ſelbſt, ſich erhob. Eine große und ſchöne Laufbahn eröffnete ſich ihm in Rom: Fürſten und Kardinäle hatten ihn ſchon bemerkt und ausgezeichnet. Vor⸗ wärts, Théodebert; ans Werk, mein Junge! ſieh, man öffnet Dir den Vatikan, da giebt es Kapellen auszuſchmük⸗ ken, Kapellen, begreifſt Du es, ſo wie man ſie nur den großen Meiſtern Italiens, jenen unermüdlichen Arbeitern anvertraute! Führe auch Deine Freskobilder aus, jun⸗ ger Mann, verewige Dich auch in dieſer koloſſalen, dauern⸗ den Malerei, welche ſich in dem Gebäude ſelbſt verkörpert! Ergreife Deine Pinſel, Théodebert, und arbeite dreiſt auf die alten Kirchenmauern los, als wenn der Teufel ſelbſt Dir das„Vorwärts!“ zuriefe und ſich, Dich drängend und antreibend, auf Deine zitternde Palette anklam⸗ merte!... An die Arbeit, mein Freund, und ſei nicht müßig. In ſechs Wochen muß ich das haben!... d 222 Die eiferſüchtige Glücksgöttin geſtattete ihm nicht acht Tage. Ein Brief aus Bayonne brachte ihm die Nachricht, daß ſeine Mutter krank, ſehr gefährlich krank ſei... Adieu Rom! Adieu Kunſt! Adieu Alles! Théodebert ſtürzt ſich in einem Fieberanfalle von dem Gerüſt, welches man in einer Seitenkapelle von Sanct Peter für ihn errichtet hatte, und verläßt Rom wie ein Unſinniger, ohne Geld und ohne Paß. Man verhaftet ihn in Piſa. In einem ungeſunden, verpeſteten Gefängniß zernagt er ſich vor Wuth ſeine Hände, ſeine Wangen fallen ein, ſeine Augen höhlen ſich, ſeine Haare gehen aus und ſeine Geſundheit ſchwindet. Endlich kün⸗ digt man ihm eines Tages ſeine Freiheit an; man giebt ihm etwas Gold, das er in Rom vergeſſen hatte, und er macht ſich wieder auf den Weg nach Bayonne. Diesmal kommt er an. Seine Mutter befindet ſich wohl; aber die Laufbahn des Künſtlers war ihm in Rom verſchloſſen. Er fühlt dies, und mit einem Sprung iſt er in Paris. Was hier nun machen, wo Niemand ihn kennt noch vermuthet, wo jede Sache, die er ſieht, ihm ſchmerzliche Erinnerungen erweckt? Was ſoll er in Paris anfangen, wo es Muſeen nur für Müßiggänger, Portraits ſtatt Bil⸗ der und Liebhaber ſtatt Künſtler giebt? Er verlangt, er ſucht nach ſeiner lieben, heiligen, frommen, majeſtätiſchen und unermeßlichen Malerei, und findet ſie nirgend. Nach Paris verſetzt, iſt Théodebert von ſeinem Vaterlande ver⸗ laſſen, verirrt, verloren.— Was thun!— Er miethet ein Atelier, ein großes Atelier, recht weit von dem ſtädti⸗ 223— ſchen Treiben und beſonders von dem Muſeum entfernt; ein recht geräumiges Local, wie eine Halle, wo der römi⸗ ſche Künſtler freien Spielraum hat, wo er ſich nach Ge⸗ fallen mit Raphael, Michel Angelo, den beiden Carraccio, Leonardo da Vinci unterhalten kann. Wahrhaftig! das iſt ein guter Gedanke, den Du gehabt haſt, Theéodebert! Wenigſtens wirſt Du für Dich, nach Deiner Weiſe ma⸗ len können, ohne Sorge um die Ausſtellung im Louvre und die Medaille zur Aneiferung. Bleibe für Dich, ſchließe Dich ein, verſtopfe Thür und Fenſter, gehe nur zum Mit⸗ tageſſen aus, ſage, wie Sertorius:„Rom iſt da, wo ich bin.“— So iſt es recht, ſo iſt es ſchön; ich pflichte Dir bei, ich lobe, ich bewundere Dich!— Aber— Du wirſt Deine Gemälde nicht verkaufen. (Eine ſchöne Drohung! was kümmert ihn die! Seine Gemälde, er möge ſie verkaufen oder nicht, werden doch immer geſchaffen, ſie werden da ſein. Keins iſt noch an⸗ gefangen: das ſchadet nichts, er wird alle beendigen. Er hat ſchon eine Leinwand von dreißig Fuß Länge gekauft. Das ſcheint ihm nur eine ganz gewöhnliche Größe. Drei⸗ ßig Fuß Leinwand hat er bei Haro baar bezahlt!— Es hat ihn auf ſechs Monate ruinirt, aber das Werk wird auch ſeinen Meiſter loben! Theodebert legt die ungeheure Leinwand in weniger als einem Monat mit Farben an,— und dabei bleibt er ſtehen. Einige Theile des Gemäldes waren ſchon bedeutend vorge⸗ rückt, beinahe beendigt; es verſprach ſchön zu werden, und 224 doch war es eigentlich nur noch Skizze. Théodebert rührte es nicht mehr an. Eines Tages ekelt ihn der Aufenthalt in ſeiner Werkſtatt an. Er geht aus, um ſich zu zerſtreuen, er ſieht die Welt nicht, aber er ſieht Menſchen, und kommt um Mitternacht tief betrübt, noch Nichts für Geld gear⸗ beitet zu haben, zu Hauſe. Sein Kopf brennt, ſeine rechte Hand wühlt vor der Bruſt; er wirft einen verdrießlichen Blick auf ſein großes Bild, welches der gelbe und flim⸗ mernde Schein des Lichts, das er in der Hand hält, in der Dunkelheit noch größer macht...—„Das werde ich nie zu Ende bringen!“ murrt er und legt ſich nieder. Am andern Morgen läßt er zwei Arbeiter mit Bürſten kommen, und dieſe müſſen das angefangene Bild von oben bis unten abwaſchen und in einem Augenblicke das ſchöne Künſtler⸗ werk vernichten. Ich war zugegen, als es geſchah, und das Herz wollte mir zerſpringen. Das Ende der Miethszeit rückte auch heran. Ein ſchön gelegenes, geräumiges Atelier iſt theuer; die Börſe meines armen Théodebert konnte den Ankauf einer andern Lein⸗ wand und die Zahlung von 600 Franks für die Wohnung nicht erſchwingen. Ein letztes Mittel bot ſich dar, grau⸗ ſam in der That, aber nöthig:— er ließ ſeine Leinwand überſtreichen, und bezahlte ſeine Wohnung. Nachdem dies Opfer gebracht war, glaubt Ihr tiellecht, unſer Freund werde ein neues Bild anfangen?...— Nichts weniger.— Der Unglückliche ließ es bei ſeiner zerſtörten Arbeit. Gott weiß, von welcher phantaſtiſchen Laune ge⸗ 225 drängt, von welcher fieberhaften Ungeduld ergriffen, hatte er Alles vernichtet, um Alles neu zu ſchaffen. Die feſte Ueberzeugung, die verzweifelte Gewißheit, daß Niemand ſich um ſein Talent kümmere; daß dieſes Talent ſelbſt an und für ſich ein ſehr unſicheres und hypothetiſches Ding ſei; daß er, aus Widerwillen und Verſchmähung gegen die elende Malerei, worauf er thörigt genug gerechnet hatte, eines Tages gezwungen ſein werde, ſeine Leinwand außzurollen und in einen Winkel ſeiner Werkſtatt zu werfen, die vor⸗ eilige Ueberzeugung von dieſem Allen hatte ſein armes, von glühendem Enthuſiasmus dennoch ſchlagendes Herz plötzlich ergriffen, ſo daß in demſelben Augenblick ſein Eifer erloſch, und der vollkommenſte Spleen ſich ſeines Opfers bemächtigte, um es nicht wieder zu verlaſſen. Vergebens kämpfte Théodebert gegen die Hartnäckigkeit ſeines Genies, gegen das Feuer ſeines Pinſels; vergebens häufte er einen Entwurf über den andern, komponirte neue Bilder, ver⸗ änderte und verbeſſerte ſeine Zeichnungen, verwarf und ſchuf unmittelbar darauf neue Gedanken mit immer gleicher Heftigkeit der Ausführung: Alles war umſonſt. Er ver⸗ zehrte ſich in verlornen Anſtrengungen. Der Unmuth nagte unerbittlich an ſeiner Seele, und der ſchnaubende, ermat⸗ tete, entmuthigte Künſtler fiel endlich mit der Schwere eines Leichnams kalt und erſchöpft vor ſeiner ungeheuren Leinwand zur Erde, obwohl ſein Genie ihn nicht verlaſſen, ſein Pinſel ſich nicht entkräftet hatte. 8 „Siehſt Du,“ ſagte er mir eines Tages im Verfolg 226 einer beinahe ernſten Unterhaltung, als ich es verſucht hatte, ihm Moral zu predigen:„ſiehſt Du wohl, es fehlt mir an Zeit. Es iſt unmöglich, daß ich das Werk jemals ausführe. Es iſt zu groß. Geduld jedoch; in einigen Jah⸗ ren werden wir ſehen; es treibt mich Niemand!..— Mein Gott, wäre es denn möglich, daß ich mit einer Figur wie die meinige, einem empfehlenden Aeußern, und vor Allem mit einem galliſchen Namen, Théodebert, einem ſo alten Namen, mit ſo vielen Mitteln, fortzukommen, zu Nichts gelangen, Nichts werden ſollte! Dieſe Ueberzeugung verläßt mich nicht, lähmt und tödtet mich; ſie drückt mich wie der Alp. Sie entmuthigt mich fortzufahren, und zeigt mir auf eine quälende Weiſe, wie unnütz die Anſtrengun⸗ gen ſind, mich aus meinem Nichts zu erheben..— Es iſt ſo weit mit mir gekommen, daß ich mich nur mit Wi⸗ derwillen an die Staffelei ſetze.... Mir geht es nicht wie Decamps, der nur Vergnügen vor der ſeinigen hat! Und doch nennt man das Faulheit, wenn mein Werk mich nicht mehr anzieht, vielmehr zurückſtößt! Ach, Ihr kurz⸗ ſichtigen Menſchen! Dieſe trübe, drückende Unthätigkeit, welche von Zeit zu Zeit den Kohf des Künſtlers befällt, ſeine Arme über der Bruſt kreuzt, iſt tauſend Mal ärger als Eure ſchwerſten Arbeiten..... Ich möchte in die Zu⸗ kunft, während Ihr Euch der Gegenwart freut... O, wie gern möchte ich mit Euch die Rollen wechſeln! ich thätig Ihr, und Ihr ſaumſelig wie ich!“ Ein anderes Mal redete Théodebert mich auf der Straße 227 an:„Nun, ſiehſt Du,“ ſagte er,„ich habe es wie die Andern machen wollen. Ich habe zwei kleine Bilder been⸗ digt, deren Verkauf mir zum Beginnen eines großen viel⸗ leicht Muth gemacht hätte.... aber Niemand will ſie haben, und doch....— Komm und ſieh nur.“ Er zog mich mit fort, wohin? nach ſeinem Atelier, dem Vaterlande des Künſtlers, dem wahren Pendemonium, wie ein Hoffmann es beſchreiben, ein Calot, Cruykſhank, Hogarth, Charlet und Tony Johannot es zeichnen würde; Schauder erregendes Chaos, Vergnügen gewährende Unord⸗ nung. Im Grunde aber nichts mehr, als was Ihr in allen Maler⸗Werkſtätten finden könnt. Zeichnungen, Ku⸗ pferſtiche, Gips⸗Figuren und Skizzen, Alles liegt beſchmutzt, zerriſſen, zerbrochen, wie Streu, die Thüren am Aufgehen hindernd, auf dem Fußboden umher; gothiſche Meubel, geblümte, gelbe, grüne, rothe, blaue Vorhänge und Dra⸗ perien, von Sammet, Wolle, Leder, Pferdehaaren und Seide, große Schwerdter, Säbel und zierliche Degen; Stilets und Dolche, Küraſſe und Waffenröcke; Ritter⸗ handſchuhe, Fechthandſchuhe und Rappiere, Alles zerbrochen, verſchoſſen, mit Beulen und verroſtet; ſpaßhaft zum An⸗ ſehen, doch zu Nichts zu gebrauchen; einige Leitern, Maler⸗ gitter zum Vergrößern oder Verkleinern und zwei oder drei Staffeleien, welche hier und da auf jenem Gewirre von Dingen umherſtanden. Théodebert und ich gelangten ch manchen eiligen Sätzen endlich hier an. „Betrachte ſie,“ ſagte er, indem er mich vor zwei kleine 228 Gemälde führte, die hübſcheſten, die es geben kann, wie ſie nur Roqueplan, Decamps, Jeanron und Poterlet in ihren guten Tagen geſchaffen haben;„ſieh, und die will man nicht haben.“ Dann ſah er mit finſteren und verzweifelnden Blicken auf ſeine große Leinwand. Ich verſtand ihn, und ſuchte mechaniſch in der Taſche umher. Denn ich weiß nicht, wie, indem ich ihn hörte, mir der Gedanke einkam, ſelbſt die beiden kleinen Gemälde zu kaufen... Einen Augen⸗ blick wollte ich den großen Herrn von Fitz⸗James oder Sommariva ſpielen. Wichtige Gründe hinderten mich da⸗ ran. Ich konnte nur mit lebhafter Bewegung die Hand meines Freundes Théodebert drücken, und ihn aus der Werkſtatt fortziehen. Ich wollte erſticken, und er fing an zu pfeifen. 1 Seit der Zeit verändern ſich Charakter und Geſundheit des armen Künſtlers ſichtbar. Tauſend wunderliche Ideen gehen ihm durch den Kopf, und es betrübt ihn ſchmerzlich, ſie nicht verwirklichen zu können. Er quält ſich mit end⸗ loſer Reue und Betrübniß, und dann und wann leuchtet ein kleiner Hoffnungsſtrahl hervor; der, dereinſt doch noch Etwas gelten zu können,— in zwanzig Jahren vielleicht: denn ſo ganz muthlos er auch iſt, ſo blickt ſein Auge doch in die Zukunft;— eine Hoffnung nährt er, in zwanzig Jahren der erſte Maler ſeiner Zeit, der Repräſentant der dunſt zu ſein.—„Ich werde aus der Revolution her⸗ vorgehen,“ ſagt er oft, wie Delacroix aus der Reſtauration 229 hervorgegangen iſt... Aber, fügte er immer hinzu, ich habe keine Eile; es kann mir doch nicht fehlen. Nur Geduld.“ 1 Und während dem thut er Nichts. Es war, ſo viel ich mich erinnere, am 17ten des ver⸗ gangenen Monats, wo die vorangeführten, ſonderbaren Zei⸗ len geſchrieben wurden. Théodebert Munier war den gan⸗ zen Tag umhergelaufen, nur von ſeinen Projekten, ſeinem verfehlten Leben träumend; die böſen Menſchen verwün⸗ ſchend, welche ihn nicht anerkennen wollen, die ſtiefmüt⸗ terliche Welt, welche ihm zu leben verweigert, ihm, der ja nur wenig bedarf. Dieſe trübſeligen Gedanken quälten ihn bis zum Abend, und er berauſchte ſich, um ſie zu ver⸗ geſſen. Aber dies Mittel gelang ihm nicht. Der Schmerz änderte nur die Form; es wurde ein Fieber daraus. Als er um halb ein Uhr nach Hauſe gekommen war, warf er ſich aufs Bett, überließ ſich den Launen ſeiner kranken Einbildungskraft, und ſchrieb jene Zeilen über die verdamm⸗ ten Mönche des Dante, die drei Waſchweiber mit ihren Drehhälſen, über das unſichtbare Raſirmeſſer und die verwünſchte Quelle nieder. Als ich ihn am andern Morgen beſuchte, erzählte er mir, er habe eine ſchreckliche, aber auch eine herrliche Nacht gehabt, wie er ſich ähnliche nur öfter wünſchen könne. Ich ſah ihn mit Erſtaunen an: „Mein Freund,“ ſagte er mir, indem er ſich zurecht ſetzte,„höre nur.— Kaum war ich eingeſchlafen, ſo 230 ſchien es mir, als wenn Alles um mich her ſich vergrößerte. Die hohen Wände meines Ateliers bedeckten ſich mit Mar⸗ mor: die Fenſter verlängerten ſich bis zum Fußboden, und wurden hohe Pforten. Ein Wald von Säulen und Pfei⸗ lern unterſtützte die Decke, und dieſe erhob ſich zu einem von Bogen und Niſchen gezierten Gewölbe, gleich einer Kuppel. Reiche Treppen öffneten ſich zu meiner Linken, und ſchienen auf ihren Moſaikſtufen den blendendſten Glanz vom Himmel herab zu geleiten. Inmitten aller dieſer Pracht befand ich mich allein, verloren, zitternd, erdrückt, vernichtet. Ich war in Rom.... in einem Pallaſt.... ich weiß nicht welchem, einem Pallaſt, den ich nie geſehen, den ich deſſen⸗ ungeachtet ſehr wohl erkannte....— Ich beſann mich, als plötzlich aus tauſend Säulengängen eben ſo viel ungeheure Balken hervorkamen, ſich in der Luft kreuzten, und ein feſtes Gerüſt bildeten, auf welches der Wille Gottes mich mit der Palette in der Hand verſetzte, ohne daß ich einen Wunſch deshalb geäußert, ein einziges Wort geſprochen, einen einzigen Schritt gethan hätte. Vergebens wollte ich dem un⸗ ſichtbaren Arm widerſtehen, welcher mich Elenden bei den Haaren ergriffen und auf jene ſchwindelnde Höhe gebracht hatte. Ich ſollte die Kuppel malen, und einen Tag Zeit be⸗ willigte man mir dazu. Die Nacht erſchien, und die un⸗ geheure Aufgabe war nicht gelöſt; das war der ſchreckliche Augenblick. Das Gerüſt brach unter mir zuſammen, Alles verwirrte ſich, und ich ſtürzte in den Abgrund.“ „In meinem Bette fand ich mich zerſchlagen, athem⸗ 231 los und erſchöpft wieder. Mein Traum währte fort. Dies⸗ mal ſah ich meine Leinwand, meine große Leinwand von dreißig Fuß.... ich ſah ſie, wie den eiſernen Vorhang des Odeon langſam, gleichmäßig, feierlich und gemeſſen aus der Erde hervorgehen. Als ſie die Decke erreicht hatte, ließ ſich ein Pfeifenton hören, der Rahmen erleuchtete ſich, und die Leinwand wurde transparent.“ „Ich wohnte einer Sitzung von Schatten bei. Erſt war es eine groteske Sammlung von Naſen aller mögli⸗ chen Größen ſeit Odry bis auf Pellegrini. Der Teufel war in Perſon da, und erklärte mir mit einem Stöckchen ein jedes der Dinge, welche in Prozeſſion vor meinen Au⸗ gen defilirten.— Niederträchtiger Schurke! rief er einem kleinen dienſtbaren Teufel zu, der ihm den Faden nicht raſch genug anzog— dann ließ er mich einer Vertheilung von Kreuzen und Medaillen im Salon vom Jahre 1831 beiwohnen: ich ſah Dubufe, den berühmten Maler erſter Klaſſe, und den in die zweite verwieſenen Johannot; Lan⸗ crenon, der alle Uebrige verdunkelt.— Dann ließ er mich ſehen.——===— „Plötzlich verfinſterte ſich die Leinwand, und kehrte ſich um. Nun war es nicht mehr eine kahle Leinwand, es war ein Bild; ein prächtiges Bild,— das meinige, das⸗ jenige, was ich zu malen Willens bin, wovon ich ſo oft mit Dir geſprochen habe. Es war beendigt, und ein engliſcher Lord bot mir ſechs Mal hundert Tauſend Franken dafür.”“ 232 „Ich verweigerte es ihm, denn ich wollte eine Million haben.“— „Mein Käufer bietet bis auf neun hundert neun und neunzig tauſend neun hundert und neun und neunzig Franken.“ „Ich ſchlug es ihm noch immer ab— der Teufel(denn dieſer war es) brach in ein ſchallendes Gelächter aus, und ähnlich.“* 233 d „Als ich erwachte, blickte ich ſtumpfſinnig in meinem Zimmer umher... Von Allem Nichts mehr, das Gemälde war verſchwunden. Ich ſuchte unter meinem Kopfkiſſen, wo ich doch wenigſtens die neun mal hundert tauſend neun hundert und neun und neunzig Franken des engli⸗ ſchen Lords zu finden glaubte... Nichts!....“ „In Verzweiflung ſpringe ich aus dem Bette und laufe nach meinem Atelier....— meine Leinwand ſtand da, ein⸗ gerahmt, wie ich ſie den Abend vorher gelaſſen hatte: leer, weiß, kalt, ſtumm und fühllos! Ach, mein Freund! dieſer Traum! dieſer Traum!... Er iſt der Gnadenſtoß, ſiehſt Du. Er hat mich zwiefach vernichtet /⁴ Théodebert ſchwieg. Ich verſuchte es, ihn zu tröſten. Es war vergebens. An demſelben Tage noch verließ er Paris.... 1 NB. Es ſind etwa zwei Monate, ſeitdem Théodebert abgereiſt iſt, und ſo eben bringt man mir einen ſchwarz geſiegelten Brief mit dem Poſtzeichen Bayonne. Nicht ſeine Mutter war geſtorben... ſondern der Un⸗ glückliche hatte ſeinem Leben ein Ende gemacht. Und ſein Hauseigenthümer in der Straße de l'Ouest hat einen Miethszettel ausgehängt.. Cordelier Delanoue. 10** Der Kabriolet-Führer. Itn 1— 1— 1.5. ch veiß niche ob unter den perſonen, welche dieſe Zei⸗ len leſen werden, einige femals den Unterſchied bemerkt haben, welcher zwiſchen einem Kabriolet⸗Führer und dem Kutſcher eines Fiakers beſteht. Dieſer Letztere iſt ernſt, unbeweglich und kalt, erträgt die üble Witterung mit der Unempfindlichkeit eines Stoikers; bleibt mitten im geſelligen Treiben verlaſſen auf ſeinem Kutſcherſitz, ohne Berührung mit der Welt; erlaubt ſich als einzige Zerſtreuung höch⸗ ſtens einmal ſeinem vorüberfahrenden Kameraden einen Peitſchenhieb zu geben; iſt ohne beſondere Liebe für die beiden mageren Thiere, welche er vor ſich her treibt, und nur bei den klaſſiſchen Worten:„Im Schritt!“ oder: „Gerade aus!“ eines freundlichen Blicks würdigt. Uebri⸗ gens iſt er ein ziemlich ſelbſtſüchtiges, verdrüßliches Weſen, mit platten Haaren, und Flüchen auf der Zunge. Ganz anders iſt es mit dem Führer eines Kabriolets: 235 man muß ſehr übler Laune ſein, um ſich bei deſſen Zu⸗ vorkommenheiten nicht aufzuheitern, wenn er Einem Stroh unter die Füße ſchiebt, ſich ſeiner eignen Decke beraubt, es mag regnen oder frieren, um ſeinen Herrn vor Regen oder Kälte zu ſchützen; man muß von einem recht hart⸗ näckigen Spleen befallen ſein, wenn man bei ſeinen tau⸗ ſend Fragen, ſeinen Ausrufungen und ſeinen hiſtoriſchen Bemerkungen dennoch Stillſchweigen beobachtet. Der Kut⸗ ſcher eines Kabriolets hat aber die Welt kennen gelernt, er hat in der Geſellſchaft gelebt; er hat einen Kandidaten der Akademie bei ſeinen 39 Beſuchen nach der Stunde gefahren; der Kandidat hat ihm ſein Licht leuchten laſſen, und er hat etwas Litteratur weggeſchnappt; er hat einen Deputirten gefahren, und der hat ihm etwas von der Po⸗ litik beigebracht; zwei Studenten ſind aufgeſtiegen, haben ſich von ihren Operationen unterhalten, und er hat etwas von der Arzneiwiſſenſchaft aufgegriffen; kurz, oberflächlich in Allem, aber keiner Sache in der Welt fremd, iſt er ſatyriſch, aufgeweckt, plauderhaft, und hat immer einen Freund, den er umſonſt ins Theater bringt; freilich müſſen wir mit Bedauern bemerken, daß ſein Platz immer nur im Hintergrunde des Parterre's iſt. Der Kutſcher des Fiakers iſt der Mann früherer Zeit, ſteht mit dem Einzelnen in keiner andern Beziehung, als ſo weit es ihm gerade zur Ausübung ſeines Amts nöthig iſt; er iſt in ſeinem Dienſt befangen, aber ein ehrlicher Mann. 236 Der Kabriolet⸗Führer iſt der Mann der beſtehenden Geſelligkeit, die Civiliſation iſt bis zu ihm durchgedrungen, er hat ſich durch ſie hobeln laſſen; ſeine Moralität iſt un⸗ gefähr die des Bartholo. Gewöhnlich bilden die Schänkwirthe auf ihren Schil⸗ dern einen Fiaker⸗Kutſcher, mit dem gewichſten Hut auf dem Kopfe, einen blauen Mantel auf dem Rücken, die Peitſche in der einen, und die Börſe in der andern Hand, ab, mit der Inſchrift darunter:„Zum treuen Fuhrmann.“ Doch nie habe ich ein Schild geſehen, worauf ein Ka⸗ briolet⸗Führer in derſelben moraliſchen Bedeutung abge⸗ bildet geweſen wäre. Dem ſei, wie ihm wolle, ich habe nun einmal eine be⸗ ſondere Vorliebe für die Kabriolet⸗Führer, und das rührt vielleicht daher, daß ich ſelten eine Börſe im Wagen zu⸗ rückließ. Wenn ich nicht an ein Drama denke, das mich vor⸗ zugsweiſe beſchäftigt, wenn ich nicht eine langweilige Probe zu beſuchen habe, oder nicht aus einem Theater komme, das mich ſchläfrig gemacht hat, ſo unterhalte ich mich gern mit ihnen, und manchmal machen mir die zehn Minuten während der Fahrt ſo viel Vergnügen, als mich die vier Stunden der Abendgeſellſchaft gelangweilt haben, von der ich mich zu Hauſe fahren laſſe. Ich habe alſo einen Winkel in meinem Gehirn, wel⸗ cher einzig dieſen Erinnerungen von fünfundzwanzig Sols gewidmet iſt. 3 237 Unter dieſen Erinnerungen giebt es eine, welche eine tiefe Spur zurückgelaſſen hat. 9 Es iſt beinahe ein Jahr her, daß Cantillon mir die Geſchichte erzählt hat, die ich Euch mittheilen will. Cantillon fährt das Kabriolet No. 221. Er iſt ein Mann von 40 bis 45 Jahren, braun, von ſcharf gezeichneten Geſichtszügen, und trug zur Zeit, von der ich rede, am erſten Januar 1831, einen Filzhut mit einem Ueberreſt von Treſſen, einen Ueberrock von braun⸗ rothem Tuche mit einem Ueberreſt eines Lioree⸗Beſatzes, und Stiefeln mit dem Ueberreſt von Aufſchlägen. Seit elf Monaten werden alle dieſe Ueberreſte wohl verſchwun⸗ den ſein. Man ſoll bald erfahren, woher der auszeich⸗ nende Unterſchied ſeines Anzuges von dem ſeiner Kollegen kommt, oder vielmehr kam, denn ich habe ihn ſeit jener Zeit nicht wieder geſehen. Es war, wie ich bereits erwähnt habe, am erſten Ja⸗ nuar 1831, um 10 Uhr Morgens; ich hatte die Reihe von Beſuchen, die man genöthigt iſt, in Perſon abzumachen, in meinem Kopf geordnet, mir nach den Straßen ein Verzeichniß der Freunde gebildet, die, an einem Neujahrs⸗ tage, beide Backen zu küſſen und beide Hände zu drücken immer gut iſt, jenen ſympathetiſchen Menſchen, welche man vielleicht ſechs Monat nicht ſieht, denen man aber mit offenen Armen entgegen geht, und bei denen man keine Karten abgeben kann. Mein Bedienter hatte mir ein Kabriolet geholt; er 238 hatte Cantillon gewählt, und Cantillon verdankte dieſen Vorzug ſeinen Ueberreſten von Treſſen, Livreebeſätzen und Stiefelſtulpen. Joſeph hatte ſeinen Ex⸗Kollegen ausge⸗ wittert. Sein Kabriolet war übrigens chokoladenſarbig, ſtatt nach gewöhnlicher Art gelb oder grün, angeſtrichen, und, was ſelten iſt, plattirte Federn geſtatteten die Leder⸗ kappe ganz herunter zu ſchlagen; ein billigendes Lächeln bewies Joſeph meine Zufriedenheit mit ſeiner Auswahl; ich entließ ihn für den ganzen Tag, und pflanzte mich breit auf vortreffliche Kiſſen; Cantillon zog eine kaffee⸗ braune Decke über meine Kniee, ſchnalzte mit der Zunge, und das Pferd trabte ohne Hülfe der Peitſche davon, welche während der ganzen Fahrt eher wie ein nothwendiger Zierrath, als wie ein Zwangsmittel, angehakt blieb. „Wo wollen Sie hin, mein Herr?“ „Zu Charles Nodier, am Zeughauſe.“ Cantillon gab durch ein Zeichen zu verſtehen, daß er nicht blos wiſſe, wo das ſei, ſondern auch dieſen Namen kenne, und ich, da ich gerade im beſten Zuge war,„An⸗ tony“ zu ſchreiben und das Kabriolet ſehr ſanft ging, grübelte über den dritten Akt nach, welcher mich ganz be⸗ ſonders beunruhigte.. Ich kenne für einen Dichter keine glückſeligeren Au⸗ genblicke, als wenn er ſieht, daß ſein Werk bald gelungen iſt; um dahin zu kommen, ſind ſo viele Tage der Arbeit, ſo viele Stunden der Muthloſigkeit, ſo viele Augenblicke des Zweifels verfloſſen, daß, wenn er, in dieſem Kampf 239 des Menſchen mit dem Geiſt, die Grundidee ſeines Stücks, welche er durch und durch bearbeitet und von allen Sei⸗ ten ergriffen hat, ſich, unter der Beharrlichkeit, wie der beſiegte, um Gnade flehende Feind unter dem Knie, beugen ſieht, er einen Augenblick des Glücks empfindet, ſo wie verhältmäßig Gott ihn empfunden haben muß, als er der Erde zurief:„Werde!“ und ſie entſtand; wie Gott, kann er in ſeinem Stolz ſagen: ich habe aus Nichts Etwas geſchaffen; ich habe eine Welt aus dem Chaos hervor⸗ geruf3en. 1 Es iſt freilich wahr, daß die Welt eines Dichters nur von einem Dutzend Bewohnern belebt iſt, im Planeten⸗ Syſtem nur den Raum eines Theaters von 34 Fuß im Quadrat mißt, und oft an einem und demſelben Abend er⸗ ſchaffen iſt und wieder untergeht. r Aber gleichviel, mein Vergleich hält nichts deſto weni⸗ ger Stich; ich liebe die Vergleichungen mehr, die erheben, als die erniedrigen. b. Alles dieſes ſagte ich mir ungefähr; ich ſah, gleichſam hinter einer Gaze, meine Welt ihren Platz unter den lit⸗ terariſchen Planeten einnehmen; ihre Bewohner ſprachen und gingen nach meinem Geſchmack, ich war mit ihnen zufrieden, ich hörte von einer nachbarlichen Sphäre her, einen unzweideutigen Beifall herüberſchallen, welcher mir bewies, daß diejenigen, welche vor meiner Welt vorüber⸗ zogen, ſie nach ihrem Wunſche fänden, und das machte mich glücklich. Das verhinderte mich jedoch nicht, zu be⸗ 240 merken, ohne daß es mich aus meinein Halbſchlummer des Stolzes, dieſem Opium der Dichter, erweckt hätte, wie mein Nachbar unzufrieden über mein Stillſchweigen, unruhig über meine ſtarren Augen, verdrüßlich über meine Zerſtreuung war, und alles Mögliche verſuchte, mich daraus hervor zu ziehen, indem er bald darauf ſagte: Mein Herr, die Decke fällt herunter: ich zog ſie wieder über meine Knie, ohne zu antworten; wie er ſich in die Hände pu⸗ ſtete: ich ſteckte die meinigen ſchweigend in die Taſchen; wie er bald darauf die Pariſienne pfiff: ich ſchlug mecha⸗ niſch den Takt dazu. Ich hatte ihm beim Aufſteigen ge⸗ ſagt, wir würden vier oder fünf Stunden beiſammen blei⸗ ben, und er wurde von dem Gedanken wahrhaft gequält, ich könnte für dieſe ganze Zeit, im Widerſpruch mit ſei⸗ ner Luſt zu plaudern, mein Stillſchweigen beibehalten. Endlich nahmen ſeine Zeichen der Unbehaglichkeit in ſol⸗ chem Maaße zu, daß ſie mir wirklich nahe gingen: ich öffnete den Mund, um zu ſprechen; ſein Geſicht erheiterte ſich, unglücklicher Weiſe aber fiel mir eben der Gedanke ein, wie ich meinen dritten Akt beendigen könnte, und obgleich ich mich ſchon zu ihm hingewendet und den Mund halb geöffnet hatte, nahm ich ruhig meinen frühern Platz wieder ein, und ſagte zu mir:„Ja, ja, ſo geht's.“ Cantillon glaubte, ich habe den Kopf verloren. Er ſeufzte. 1 Dann, nach einem Weilchen, hielt er ſein Pferd an, und ſagte:„Hier iſt es.“ Ich war an Nodier's Thür. Ich 241 Ich möchte Euch gern von Nodier erzählen, weil ich ihn kenne und liebe, und Ihr ihn liebt und vielleicht nicht kennt. Doch ſpäter einmal. Diesmal handelt es ſich um meinen Kutſcher; kommen wir alſo auf ihn zurück. Nach einer halben Stunde war ich wieder da; er ſchlug mir galant den Tritt berunter, ich nahm meinen Platz neben ihm wieder ein, und nach einigen Bewegun⸗ gen des Körpers befand ich mich wieder in dem Quaſi⸗ Armſtuhl, welcher meinen Lebensbetrachtungen ſo günſtig war, und ſagte mit halb geſchloſſenen Augenliedern: „Taylor in der Straße Bondy.“ Cantillon benutzte dieſen Augenblick, um mich raſch zu fragen: „Schreibt Herr Charles Nodier nicht Bücher?“ „Freilich; aber wie Teufel wißt Ihr denn das?... „Zur Zeit als ich bei Herrn Eugen war, habe ich einen Roman von ihm geleſen.(Er ſeußzte.) Ein junges Mädchen, deſſen Liebhaber man guillotinirte.“ „Thereſe Aubert?“ „Richtig.... Ach! wenn ich ihm näher bekannt wäre, dem Herrn, könnte ich ihm einen ſchönen Gegenſtand zu einem Roman liefern.“ „Ei! Ei!“ „Darüber iſt nicht zu lachen! wenn ich mit der Feder ſo gut Beſcheid wüßte, wie mit der Peitſche, ich würde ihn Niemand Anderem überlaſſen, ich ſchriebe ihn ſelbſt.“ II. 11 242 „Nun, ſo erzählt mir doch das.“ Er ſah mich an, und blinzelte mit den Augen. „O ja doch, Ihnen; das iſt nicht daſſelbe.“ „Warum denn?“ „Sie ſchreiben keine Bücher?“ „Nein, aber ich ſchreibe Theaterſtücke; und vielleicht könnte Eure Geſchichte mir zu einem Drama nützlich ſein.“ Er betrachtete mich von Neuem. „Haben Sie vielleicht„Die beiden Galeerenſtlaven“ geſchrieben?“ „Nein, mein Freund.“ „Oder„L'Auberge des Adrets?“ „Eben ſo wenig.“ „Für wen ſchreiben Sie denn Stücke?“ „Bis jetzt habe ich nur noch für das Théatre-frangais und das Odéon gearbeitet.“. Er machte eine Lippenbewegung des Spottes, woraus ich deutlich abnehmen konnte, daß ich in ſeinen Augen ſehr verloren hatte; dann dachte er einen Augenblick nach, und als wenn er einen Entſchluß gefaßt habe, ſagte er: „Gleichviel, ich war zur Zeit mit Herrn Eugen im Théatre-frangais; ich ſah Talma in Sylla, das war ganz das Portrait des Kaiſers: jedenfalls ein ſchönes Stück; und dann, in einem kleinen Stücke nachher, einen Intri⸗ guant mit dem Wadyneim⸗ der ſchnitt Geſichter; was war der Burſche ſpaßhaft.... gleichviel, ich ziehe L'Au⸗- berge des Adrets vor.“. 8 243 Da war Nichts darauf zu erwiedern. Uebrigens war ich damals bis über den Kopf in litterariſchen Streitig⸗ keiten begraben. 1 „Sie machen alſo Trauerſpiele?“ ſagte er, indem er mich von der Seite anſah. „Nein, mein Freund.“ „Nun, was denn?“ „Dramen.“ „Aha ſo! Sie ſind ein Romantiker; ich habe kürzlich einen Akademiker nach der Akademie gefahren, der nahm ſie ſchön mit, die Herren Romantiker; er ſchreibt Trauer⸗ ſpiele; er hat mir etwas aus ſeinem letzten recitirt; ich weiß ſeinen Namen nicht, er iſt groß und hager, hat das Kreuz der Ehrenlegion, und eine rothe Naſenſpitze. Sie werden ihn wohl kennen;“ ich nickte bejahend mit dem Kopfe. „und Eure Geſchichte?“ „Ja! ſehen Sie, ſie iſt nur traurig; der Tod iſt mit im Spiele!“ Die tiefe Bewegung, womit er die letzten Worte ſprach, vergrößerten meine Neugierde. „Nun, erzählt nur immer, mein Guter.“ „Erzählt nur! das iſt leicht geſagt, und wenn ich weine, werde ich nicht weiter erzählen können, ich....“ Ich ſah ihn an.—„Sie müſſen wiſſen,“ ſagte er, „ich bin nicht immer Kabrioletführer geweſen, wie Sie auch an meiner Livree ſehen können,“(und er zeigte mir 11* 244 ſelbſtgefällig ſeine Aermel⸗Aufſchläge, wovon noch etwas von einem rothen Vorſtoß ſichtbar war.)— Vor zehn Jahren trat ich in die Dienſte des Herrn Eugen; haben Sie Herrn Eugen gekannt?“ „Welchen Eugen?“ „Ei Wetter, welchen Eugen?.... Ich habe ihn nie anders nennen hören, und habe weder ſeinen Vater noch ſeine Mutter jemals geſehen; er war ein großer junger Mann wie Sie, von Ihrem Alter; wie alt ſind Sie?“ „Sieben und zwanzig Jahre.“ „Grade ſo alt; nicht ſo braun, und dann, Sie haben krauſes Haar, und er hatte es ganz glatt; übrigens aber ein hübſcher Junge, wenn er nicht ſo traurig und einſil⸗ big geweſen wäre, wie eine Nachtmütze; er hatte zehn Tauſend Livres Renten; doch das thut Nichts zur Sache; na, lange habe ich geglaubt, er leide am Magenkrebs. Alſo, ich kam in ſeine Dienſte. Niemals ein Wort lau⸗ ter als das andere.„Cantillon, meinen Hut... Can⸗ tillon, ſpanne das Pferd vor.... Cantillon, wenn Herr Alfred von Linar kommt, ſage, ich ſei nicht zu Hauſe.“ Ich muß Ihnen ſagen, er liebte den Herrn von Linar nicht, weil der ein Wüſtling war. Und mas für einer! doch genug. Da er in demſelben Hauſe wie wir wohnte, ſaß er uns immer auf den Ferſen; was war das läſtig! An demſelben Tage kommt er und fragt nach Herrn Eugen; ich ſage ihm: er ſei nicht zu Hauſe.... Paf, da huſtet dieſer; er hört es, und im Fortgehen ſagt er: 245 „Dein Herr iſt ein Grobian.“ Ich behalte das für mich, und nehme an, als habe er Nichts geſagt.“— „Apropos, mein guter Herr, welche Nummer in der Straße Bondy?“ „Nr. 64.“ „Halt da!... Das iſt hier.“ Taylor war nicht zu Hauſe; ich ging nur hinein und wieder heraus. „Nun weiter?“ „Weiter? Aha die Geſchichte.... Erſt, wo fahren wir jetzt hin?“ 4 „Straße Lazare Nr. 58.“ 4 „Eil! zur Mademoiſelle Mars; das ft noch eine be⸗ rühmte Schauſpielerin, die da.— Ich ſagte alſo, daß wir an jenem Tage in der Straße de la Pair in Geſellſchaft waren. Ich wartete am Ende der Wagenreihe. Um Mitternacht kommt mein Herr mit einer furchtbar böſen Laune an. Er hatte Herrn Alfred angetroffen, und ſie hatten einen Wortwechſel gehabt. Er ſtieg mit den Wor⸗ ten ein:„Das iſt ein Narr, dem ich eine Lektion geben muß.“ Ich vergaß, Ihnen zu ſagen, daß mein Herr auf Piſtolen geübt war, und wie! und den Degen verſtand er wie ein Sanct Georg. Wir kommen auf die Brücke, auf welche die Statuen ſtehen, wie Sie wiſſen; damals waren noch keine da. Hier bemerken wir ein Frauenzim⸗ mer, das ſo laut ſchluchzt, daß wir es ungeachtet des Raſſelns unſers Kabriolets hören können. Mein Herr 246 befiehlt mir zu halten. Ich thue es, und ſo ſchnell als man den Auhf umwendet, iſt er auf der Erde. Ja, ſo war's. „Es war ſo dunkel, daß man weder Himmel noch Erde ſehen konnte. Das Mädchen ging vorauf, mein Herr hinterher. Plötzlich ſteht es auf der Mitte der Brücke ſtill, ſteigt auf die Brüſtung, und mit einem Male, plautz! Mein Herr bedenkt ſich nicht lange: raſch hinterdrein; und ich muß ſagen, er konnte ſchwimmen wie ein Stint.“ „Ich ſage zu mir: Wenn ich im Kabriolet bleibe, wird das nicht viel helfen; von der andern Seite aber, da ich nicht ſchwimmen kann, wenn ich mich auch ins Waſſer ſtürze, wird man Zwei für Einen wieder heraus holen. Ich ſage zu meinem Pferde, daſſelbe, was Sie da ſehen, welches vier Jahre weniger auf dem Rücken und zwei Metzen Hafer mehr im Leibe hatte:— Bleib ruhig ſtehen, Coco. Man hätte glauben ſollen, es hab's ver⸗ ſtanden; denn es rührte ſich nicht von der Stelle Ja, ſo war's.“ „Ich laufe, was ich kann, ich komme ans Ufer des Stromes; da finde ich einen kleinen Kahn, ich ſpringe hinein: er war mit einem Strick befeſtigt; ich ziehe, ich ziehe, ich ſuche mein Meſſer, hatt' es vergeſſen; reden wir nicht weiter davon. Während der Zeit taucht mein Herr immer wie ein Seerabe unter.“ „Ich ziehe einen ſo tüchtigen Ruck, daß, krack! der Strick reißt und ich bei einem Haar mit allen Vieren 247 ins Waſſer gefallen wäre. Ich liege auf dem Rücken im Kahn, glücklicher Weiſe war ich gegen eine Bank gefal⸗ len. Ich denke, jetzt iſt's nicht Zeit, die Sterne zu zäh⸗ len, und ſtehe wieder auf.“ „Von dem heftigen Schlag war der Kahn abgeſtoßen; ich ſuche die beiden Ruder, bei meinem Purzelbaum hatte ich das eine ins Waſſer geworfen. Ich rudere mit dem andern, und drehe mich immer im Kreiſe. Ich ſage, es war, als wollte ich ſingen lernen; warten Sie nur, weiter!“ „Zeit meines Lebens werde ich an den Augenblick denken, mein Herr; es war ſchrecklich, man hätte glauben ſollen, das Waſſer ſei lauter Tinte, ſo ſchwarz war es. Von Zeit zu Zeit nur erhob ſich eine kleine Welle, und warf etwas Schaum auf, und dann, in der Mitte, ſah man einen Augenblick das weiße Kleid des jungen Mäd⸗ chens erſcheinen, oder den Kopf meines Herrn, der auf⸗ tauchte, um Luft zu ſchöpfen; ein einziges Mal waren ſie Beide zu gleicher Zeit zu ſehen. Ich höre Herrn Eu⸗ gen ſagen:„Gut, ich ſehe ſie.“ Mit zwei Armſtößen war er an der Stelle, wo das Kleid den Augenblick vor⸗ her über dem Waſſer ſich gezeigt hatte. Plötzlich ſah ich aus dem Waſſer nur noch ſeine geſpreizten Beine hervor⸗ ragen. Er zieht ſie raſch zuſammen, und verſchwindet... Ich war etwa zehn Schritte davon, und treibe mit dem Strom des Waſſers unaufhaltſam fort, indem ich mein Ruder mit den Händen gepackt halte, als wollte ich's zer⸗ . 1 1 248 drücken, und rufe aus: Gott der Gnade! warum kann ich nicht ſchwimmen?“ „Einen Augenblick darauf erſchien er wieder, und er hatte ſie bei den Haaren gefaßt; ſie war ohne Beſinnung; es war die höchſte Zeit, auch für meinen Herrn. Seine Bruſt röchelte nur ſo, und es blieb ihm kaum Kraft ge⸗ nug, ſich auf dem Waſſer zu erhalten; es war um ſo ſchlimmer, da ſie weder Arme noch Beine bewegte, und alſo ſchwer wie Blei war: er drehte den Kopf, um zu ſehen, welcher Seite des Ufers er am nächſten ſei, und wurde mich gewahr....„Cantillon,“ ruft er,„raſch zu mir!“ Ich ſtand auf dem Rande des Kahns, und reichte ihm das Ruder hin, aber umſonſt! es fehlten noch mehr als drei Fuß....„Zu mir!“ wiederholte er.... Ich war außer mir!„Cantillon.“ Eine Welle ging ihm über den Kopf weg. Ich blieb mit offenem Munde, die Augen ſtarr nach dem Ort gerichtet; er erſchien von Neuem, das nahm mir einen Stein vom Herzen; ich reichte das Ruder nochmals hin; wir hatten uns ein klein wenig ge⸗ nähert.— Nur Muth, mein Herr, nur Muthl rief ich ihm zu.— Er konnte nicht mehr antworten.— Laſſen Sie Sie los, ſagte ich, und retten Sie ſich nur.—„Nein, nein,“ ſagt' er,„ich...“ Das Waſſer lief ihm in den Mund. Ach! mein Herr, ich hatte nicht ein Haar auf dem Kopf, das nicht naß war. Ich war ganz außerhalb des Kahns, hielt immer das Ruder hin, und Alles drehte ſich um mich herum. Die Brücke, das Hotel der Gar⸗ * ( 249 den, die Tuilerien, Alles tanzte, und doch hatte ich nur immer die Blicke auf den Kopf geheftet, der immer mehr verſank, auf ſeine, mit dem Waſſer gleichen Augen, die mich fortwährend anblickten, und mir noch einmal ſo groß erſchienen; dann ſah ich nur noch ſeine Haare; ſie ver⸗ ſanken wie das Uebrige; nur ſein Arm ragte, mit den krampfhaft geſpannten Fingern, noch über dem Waſſer hervor; ich machte einen letzten Verſuch, ich reichte das Nuder hin. Nun friſch, dal... Ich drückte die Ru⸗ derſtange ihm in die Hand. Ach!... Gottlob!“— Can⸗ tillon wiſchte ſich die Stirn, und ich ſchöpfte wieder Athem. Er fuhr fort: „Man hat wohl Recht, zu behaupten, daß in der Ge⸗ fahr des Ertrinkens man auch ein glühend Eiſen ergreift; er klammerte ſich ſo feſt an das Ruder, daß ſeine Nägel ins Holz eindrangen; ich ſtützte es auf den Rand des Kahns, das bildete einen Hebel, und Herr Eugen erſchien über dem Waſſer. Ich zitterte ſo heftig, daß ich befürch⸗ ten mußte, die verteufelte Stange los zu laſſen; ich lag darüber, den Kopf auf dem Rand des Nachens. Ich zog das Ruder an, indem ich es immer mit dem Körper feſt⸗ hielt. Herr Eugen hatte den Kopf wie ohnmächtig hin⸗ ten über geworfen, ich zog immer friſch, und brachte ihn endlich heran; nun ſtreckte ich den Arm aus, und ergriff ihn am Handgelenk; gut! nun war ich meiner Sache ge⸗ wiß; ich packte ihn wie einen Schraubſtock: acht Tage nachher hatte er noch den blauen Fleck am Arm.“ 250 „Er hatte die Kleine nicht los gelaſſen; ich zog ihn in den Kahn und ſie hinterher; ſie lagen Beide auf dem Grunde des Nachens, Einer nicht muntrer als der Andere; ich rief meinen Herrn; ja, gehorſamer Diener! ich ver⸗ ſuchte es, ihn in die hohle Hand zu ſchlagen: er hielt ſie feſt geſchloſſen, als wollte er Nüſſe bamit aufknacken. Es war zum Verzweifeln.“ „Ich nahm mein Ruder wieder zur Hand, und wollte das Ufer zu gewinnen ſuchen; mit zwei Rudern bin ich ſchon kein beſonderer Seemann, mit einem blieb es nun immer dieſelbe Geſchichte; wollte ich dahin, ſo drehte der Kahn ſich dorthin: der Strom riß mich mit fort. Als ich ſah, daß ich ſo zuletzt nach Havre kommen würde, dacht' ich: mein Seel', nur keine falſche Schaam! du willſt nach Hülfe rufen; und darauf ſchreie ich los wie eine Pfau.“ „Die Spaßmacher in der kleinen Baracke, wo man die Ertrunkenen wieder zu ſich bringt, hörten mich, ſie ſchifften ſich wie Teufelskerls ein, und im Umſehen hat⸗ ten ſie mich erreicht. Sie hingen meinen Kahn an den ihrigen, und fünf Minuten nachher waren mein Herr und das junge Mädchen im Salz wie die Heringe.“ „Man fragte mich, ob ich auch im Waſſer gelegen? ich antwortete: nein! aber das ſei gleichviel, wenn man mir ein Glas Branntwein geben wolle, ſo würde mir das das Herz erfriſchen. Meine Beine ſchlotterten wie Zwirn⸗ fäden.“ „Mein Herr öffnete zuerſt die Augen wieder; er warf —— 251 ſich an meinen Hals.... Ich ſchluchzte, ich lachte, ich weinte... Mein Gott, wie der Menſch doch dumm iſt!“ „Herr Eugen wandte ſich um, und bemerkte das junge Mädchen, dem man Arzneimittel gab.„Tauſend Franken ſind Euer, meine Freunde,“ ſagte er,„wenn ſie nicht ſtirbt; und Du, Cantillon, mein Braver, mein Freund und Retter(ich weinte noch immer fort), hole das Ka⸗ briolet.“ 4 „Ei! der Tauſend, das iſt wahr, und Coco! Es be⸗ darf keiner Frage, ob ich meine Beine unter die Arme nahm. Ich komme zur Stelle, wo ich ihn hatte ſtehen laſſen.... Kein Kabriolet, kein Pferd war da, ſo wenig als auf meiner Hand. Den andern Morgen half uns die Polizei es finden: ein Liebhaber hatte ſich damit nach Hauſe gefahren.“ „Ich komme zurück, und klage es meinem Herrn! „Gut, gut!“ erwiedert er,„ſo ſchaffe einen Fiaker.“ und das junge Mädchen? frage ich.„Sie hat die Spitze des Fußes bewegt.“ Bewundernswürdig! Ich bringe einen Fiaker; es war ſchon wieder bei Beſinnung, nur ſprach es noch nicht. Wir tragen es in den Wagen.„Kutſcher, Straße du Bac Nr. 31, und raſch!“ 3 „Nun, mein Herr, hier wohnt Mademoiſelle Mars. Nr. 58.“ „Iſt Deine Geſchichte zu Ende?“ „Zu Ende? ho, ho! noch nicht zum vierten Theil; das iſt noch gar Nichts, was ich erzählt habe; Sie werden ſehen.“ 252 In der That, was er mir erzählt hatte, erregte mein beſonderes Intereſſe; ich hatte der berühmten Schauſpie⸗ lerin nur einen Wunſch zu bringen, nämlich den, ſie im Jahre 1831 eben ſo erhaben und vortrefflich zu finden, wie im Jahre 1830; nach Verlauf von 10 Minuten war ich wieder im Kabriolet. „Nun, die Geſchichte?“ „Wo ſoll ich aber jetzt hinfahren?“ „Das iſt mir gleichviel, fahrt nach Gefallen, und nun, Eure Geſchichte?“— „Alſo meine Geſchichte! wo waren wir denn.... „Kutſcher, Straße du Bac, und raſch.“ Auf der Brücke fiel unſer junges Mädchen zum zweiten Male in Ohnmacht.“ „Auf dem Quai ließ mich mein Herr ausſteigen, um ſeinen Arzt zu holen. Als ich mit ihm ankam, fand ich Mademoiſelle Marie... Habe ich Ihnen ſchaen geſagt, daß ſie Marie hieß?“ „Nein.“ „Nun gut, das war ihr Taufname: ich fand Made⸗ moiſelle Marie in einem Bett liegen, und eine Wärterin neben ſich: ich kann Euch gar nicht ſagen, wie hübſch ſie war, mit ihrem blaſſen Geſichtchen, ihren geſchloſſenen Augen; ihre Händchen über die Bruſt gekreuzt, glich ſie der Jungfrau, deren Namen ſie führt, um ſo mehr noch, 2 als ſie guter Hoffnung war.“— „Aha, ſagte ich, darum hat ſie ſich ins daſſer ge ſtürzt.“— ½ 6 253 „Ja wohl, Sie ſagen daſſelbe, was mein Herr dem Arzte erwiederte, als er ihm dieſe Neuigkeit ankündigte; wir hatten es nicht bemerkt. Der Arzt ließ ſie an einem klei⸗ nen Flacon riechen; an das Fläſchchen werde ich denken; ſtellen Sie ſich vor, er hatte es auf die Kommode geſtellt, und ich, dumm genug, da ich ſehe, daß es ſie wieder zu ſich gebracht hatte, denke, das muß doch einen eigenen Geruch haben; ich ſuche unbemerkt auf der Kommode umher, und während ſie mir den Rücken zudrehen, ziehe ich den Stöpſel heraus, und fahre mit dem Hals des Fläſchchens in die Naſe. Alle Welt, welche Priſe! Wenn ich hundert Nadeln eingeſogen hätte, ſo hätte es nicht ſchlimmer ſein können.— Es iſt gut, ſagte ich; nun kenne ich dich. Ich mußte heiße Thränen weinen. Herr Eugen meinte:„Du mußt Dich tröſten, mein Freund; der Doktor wird wohl dafür einſtehen,“ und ich ſagte zu mir ſelber: Gleichviel, er mag ein guter Arzt ſein, aber wenn ich krank werde, nehme ich ihn gewiß nicht an.“ „Während dieſer Zeit war Mademoiſelle Marie ganz wieder zu ſich gekommen, ſie ſah im Zimmer umher und ſagte:„Wie iſt mir denn, wo bin ich? Das Zimmer kenne ich ja nicht.“ Ich erwiederte: Das iſt ſehr möglich, weil Sie niemals darin waren. Mein Herr rief:„Still doch, Cantillon.“ Dann wandte er ſich mit den Worten zu dem Mädchen:„Beruhigen Sie ſich, Madame; ich werde für Sie die Sorge und die Achtung eines Bruders haben, und ſobald es Ihr Zuſtand erlauben wird, Sie nach Ih⸗ 254 rer Wohnung zu bringen, werde ich mich beeilen, Sie da⸗ hin zurück zu führen.“„Ich bin alſo krank!“ nahm ſie unt das Wort; und indem ſie ihre Gedanken ſam⸗ elte, rief ſie plötzlich aus:„Ach! ja, ja! ich erinnere mich, ich wollte!...“ Ein Schrei entfuhr ihr;„und Sie, mein Herr, ſind es ohne Zweifel, der mich gerettet hat? O wenn ſie wüßten, welchen traurigen Dienſt Sie mir da geleiſtet haben! Welch eine Zukunft von Schmer⸗ zen hat Ihr Eifer für eine Unbekannte mir eröffnet!“ Ich, ich hörte das Alles und rieb mir die Naſe, die mir noch immer brannte, aber die Wirkung hervorbrachte, daß ich kein Wort von der Unterredung verlor, und ſie Ihnen ganz treu wieder geben kann. Mein Herr tröſtete ſie, ſo gut er konnte; aber auf Alles, was er ſagte, antwortete ſie nur immer:„Ach wenn Sie wüßten!“ Es ſchien, als langweilte es ihn, immer daſſelbe zu hören: denn er neigte ſich dicht an ihr Ohr, und ſagte ihr:„Ich weiß Alles.“—„Sie?“ entgegnete ſie.—„Ja; Sie lie⸗ ben, und ſind verrathen, verlaſſen worden.“—„Ja, verrathen, feig verrathen, grauſam verlaſſen.“—„So vertrauen Sie mir denn,“ ſagte Herr Eugen,„all Ihr Unglück; es iſt nicht Neugierde, ſondern der Wunſch, Ih⸗ nen nützlich zu ſein; ich dächte, Sie hätten mich nicht mehr für einen Fremden zu halten.“—„Ach! nein, nein,“ erwiederte ſie;„denn ein Mann, der, wie Sie, ſein Leben wagte, kann nur großmüthig ſein; Sie, ich bin deß gewiß, haben niemals ein armes Weib verlaſſen, um ihm 2⁵⁵ nur die Wahl zwiſchen einer ewigen Schande oder einem raſchen Tode zu laſſen. Ja, ja, Sie ſollen Alles erfah⸗ ren!“ Ich dachte: gut! das wird intereſſant werden; das fängt gut an; hören Sie nur die Geſchichte weiter.“ „Aber vorher,“ fügte ſie hinzu,„erlauben Sie, daß ich meinem Vater ſchreibe, meinem Vater, dem ich einen Ab⸗ ſchiedsbrief hinterlaſſen, und den ich mit meinem Entſchluß bekannt gemacht hatte, der gewiß glaubt, daß ich ihn voll⸗ führt habe: O Sie werden gewiß erlauben, daß er her⸗ komme, nicht wahr? Ach! wenn er in ſeinem Schmerz nur nicht irgend eine That der Verzweiflung begeht. Er⸗ lauben Sie, daß ich ihm ſchreibe, ſogleich zu kommen; ich fühle, daß ich nur mit ihm weinen kann, und weinen wird mir ſo wohl thun!“ „Schreiben Sie, Schreiben Sie!“ erwiederte mein Herr, indem er ihr Feder und Tinte näher rückte;„o! wer möchte einen Augenblick nur die feierliche Vereini⸗ gung eines Vaters und einer Tochter verzögern wollen, die ſich dir; immer getrennt zu haben glauben! Schreiben Sie, ich bitte Sie dringend darum; verlieren Sie keinen Augenblick. O Ihr armer Vater, wie mag er leiden!“ „Während dem ſchrieb ſie mit ihrem niedlichen Patſch⸗ chen ein kleines Briefchen; als ſie fertig war, fragte ſie nach der Adreſſe des Hauſes. Straße du Bac Nr. 31., ſagte ich.“ —„Straße du Bac Nr. 31 wiederholte ſie; und paff⸗ da war das Tintenfaß über die Tiſchdecke geſtürzt. Nach 256 einem Weilchen fügte ſie mit einem melancholiſchen Tone hinzu:„Vielleicht hat die Vorſehung mich in dies Haus geführt.“ Ich meinte, das iſt gleichviel, die Vorſehung oder nicht; es wird aber einer guten Menge Saueram⸗ pfer⸗Salz bedürfen, um dieſen Tintenfleck wieder fort zu ſchaffen.“ „Mein Herr ſchien verſtummt.„Ich begreife Ihr Erſtaunen,“ ſagte ſie;„aber Sie ſollen Alles wiſſen, und Sie werden die Wirkung begreifen, welche die Adreſſe des Hauſes auf mich machen mußte.“ Sie übergab ihm den Brief an ihren Vater. „Cantillon, beſorge dieſen Brief.“ Ich werfe einen Blick darauf: Straße des Fossés-Saint-Victor. Es iſt ein hübſches Ende.„Das ſchadet Nichts,“ meint er je⸗ doch;„nimm ein Kabriolet, und ſei in einer halben Stunde wieder hier.“ „Im Nu war ich auf der Straße; ein Kabriolet fuhr vorüber, ich ſpringe hinein; hundert Sols, guter Freund, nach der Straße des Fossés-Saint-Victor, und wieder hierher zurück! Dann und wann möchte ich wohl wieder ſo fahren: das ging!“ „Wir halten vor einem kleinen Hauſe ſtill; ich klopfe, ich klopfe; die Portiersfrau macht brummend auf; ich ſage, brumme nur. Herr Dumont?„Ach mein Gott!“ ruft ſie aus;„bringt Ihr Nachrichten von ſeiner Tochter?“ Und ganz vortreffliche, antworte ich.„Im fünften Stock, am Ende der Treppe.“ Ich ſteige hinauf, immer vier 257 Stufen mit einemmal; eine Thür ſteht halb geöffnet; ich guke hinein, und ſehe einen alten Militair, wie er weint, einen Brief küßt, und ſchweigend ein Paar Piſtolen ladet; das muß der Vater ſein, ſage ich, darauf will ich wetten.“ „Ich ſtoße die Thüre auf.— Ich komme von Made⸗ moiſelle Marie, wenn ich hier recht bin.“ „Er dreht ſich um, wird blaß wie ein Todter und ruft:„Meine Tochter!“ 8„Ja, Mademoiſelle Marie, Ihre Tochter.— Sie ſind doch Herr Dumont, Kapitain unter der vorigen Regierung? Er gab ein Zeichen mit dem Kopfe.— Nal da iſt mein Brief.— Von Mademoiſelle Marie.— Er ergreift ihn. Ich übertreibe nicht, mein Herr; die Haare ſtanden ihm zu Berge, und von der Stirn lief ſo viel Waſſer, wie aus den Augen.—„Sie lebt!“ ſagt er.—„Und Dein Herr hat ſie gerettet.— Führe mich zu ihr, im Augenblick, gleich im Augenblick; da, da, mein Freund!“ „Er ſucht in dem Schubkaſten eines keinen Sekretairs, nimmt drei oder vier Fünffrankenſtücke heraus, und ſteckt ſie mir in die Hand. Ich nehme ſie, um ihm nicht wehe zu thun; ich ſehe mir das Zimmer an, und ſage zu mir: du haſt auch kein Herz von Stein, duz ich drehe mich auf dem Abſatz herum, ſchiebe die zwanzig Franken hinter eine Büſte, die da ſtand, und ſage: Danke, Kapitain.“ „Biſt Du fertig?“— Ich erwarte Sie.— Und nun fährt er die Treppe hinunter, als rutſcht' er das Geländer hinab. Ich rufe ihm nach: Hören Sie doch, hören Sie doch, 11* ℳ* 258 mein alter Herr! nehmen Sie mich doch mit, Sie thun ja, als habe die Treppe gar keine Windungen.— Ich hatte gut rufen: er war ſchon unten.“ „Endlich iſt's gut, wir ſitzen im Kabriolet. Ich frage: Nehmen Sie mir's nicht übel, Kapitain, was wollten Sie denn mit den geladenen Piſtolen machen?— Er runzelt die Stirn und antwortet:„die eine war für einen Elen⸗ den beſtimmt, dem Gott vergeben möge, dem ich aber nie⸗ mals vergeben kann.“— „Halt, dacht' ich, das iſt der Vater des Kindes.“— „Die andere war für mich.“— „Gott ſei Dank, ſage ich, es war beſſer, daß es ſo kam.“ „Es iſt noch nicht vorbei,“ ſagt er.„Aber berichte mir doch, wie Dein Herr, dieſer vortreffliche junge Mann, meine arme Marie gerettet hat?“ „Darauf erzählt' ich ihm Alles haarklein; und er ſchluchzte wie ein Kind.... Es war zum Steine erwei⸗ chen, einen alten Soldaten ſo weinen zu ſehen, und eben ſo den Kutſcher:—„Mein Herr,“ ſagt dieſer,„das iſt Alles recht gut; ich kann aber mein Pferd nicht mehr ſehen, und wenn das arme Thier nicht mehr Verſtand hätte, als wir alle Drei, ſo brächte es uns nach der Morgue.“— „Nach der Morgue,“ ſagt der Kapitain zuſammenfah⸗ rend:„nach der Morgue! wenn ich daran denke, daß mir keine andere Hoffnung mehr blieb, als ſie da wieder zu finden, als meine arme Marie, das Kind meines Herzens, da, auf dem ſchwarzen, kalten Marmor ausgeſtreckt zu ſehen. 7 259 O den Namen, den Namen Deines Herrn, daß ich ihn ſegne, daß ich ihm in meinem Herzen, an der Seite eines Andern, ſeinen Platz gebe.“ „Der des Anderen, nicht wahr, deſſen Büſte Sie haben?“. „O meine Marie! und es iſt keine Gefahr mehr; nicht wahr, der Arzt hat es verſichert?“ „Sprechen Sie mir nur nicht von dem Arzt, das iſt ein ſchöner Patron.“ „Wie, es iſt alſo doch noch für meine Tochter zu fürchten?“ „ Nein, nein! ſag' ich— das bezieht ſich nur auf mich, auf meine Naſe vielmehr.“ „Während dem waren wir ſo raſch gefahren, daß der Kutſcher mit einem Male ruft:„Da ſind wir.“ „Hilf mir, mein Freund,“ ſagte der Kapitain,„ich fühle meine Beine nicht. Wo iſt es?“ „Da, im zweiten Stock, wo Sie Licht ſehen und den Schatten hinter der Gardine.“ „Ach! komm, komm!“ „Der arme Mann! er war blaß bie ein weißes Tuch; ich nahm ſeinen Arm unter den meinigen, ich hörte ſein Herz ſchlagen.—„Wenn ich ſie todt wiederfinden ſollte!“ ſagt' er mir, indem er mich mit verſtörtem Blick anſah.“ „In dieſem Augenblick geht zwei Etagen über uns die Thür vom Zimmer des Herrn Eugen auf, und wir hör⸗ 260 ten eine weibliche Stimme:„mein Vater, o mein Vater!“ rufen.“ „Sie iſt es, es iſt ihre Stimme!“ ſchreit der Kapitain; und der Greis, der eine Sekunde vorher zitterte, ſtürzt wie ein junger Menſch hinauf, ins Zimmer, ohne weder guten Tag noch guten Abend zu ſagen, fliegt weinend zum Bett ſeiner Tochter, mit den Worten:„Marie, mein liebes Kind, meine Tochter!“ „ Als ich nachkam, welch ein Gemälde war es, ſie ein⸗ ander in den Armen zu ſehen, wie der Vater das Geſicht ſeiner Tochter mit ſeinen rauhen Zügen und ſeinem alten Schnurrbart zerrieb, wie die Wärterin weinte, Herr Eugen und ich weinten; es war ein Strom von Thränen.“ „Mein Herr winkte der Wärterin und mir:„Wir wollen ſie allein laſſen.“— Wir gehen alle Drei hinaus; er nimmt mich bei Seite.„Gieb Acht,“ ſagt er,„wenn Alfred von Linar vom Ball zurückkommt, und bitte ihn, zu mir zu kommen, ich wünſchte ihn zu ſprechen.“— Auf der Treppe ſtelle ich mich auf die Lauer, und denke: Du ſollſt Deine Rechnung ſchon finden.“ „Nach einer Viertelſtunde hör' ich trapp, trapp. Es war Herr Alfred. Er ſteigt ſingend die Treppe herauf. Ich ſage höflich zu ihm— Es gilt einen andern Ton; mein Herr hat Ihnen zwei Worte zu ſagen.“ „Hätte Dein Herr nicht bis Morgen warten können?“ erwiederte er mir im ſcherzhaften Tone.” 261 „Es ſcheint nicht, weil er Sie gleich zu ſprechen wünſcht.“ „Auch gut, wo iſt er?“ „Hier bin ich!“ ſagt Herr Eugen, der mich erwartet hatte.—„Wollen Sie die Güte haben, mein Herr, und in das Zimmer dort treten? und er zeigte auf das der Mademoiſelle Marie; ich wußte nicht* woran ich war.“ „Ich öffne die Thür, der Kapitain tritt in ein Kabi⸗ net, und giebt mir ein Zeichen, zu warten, bis er verſteckt ſein würde; jetzt ſag' ich: Nur hinein, meine Herren; mein Herr drängt Herrn Alfred in die Stube, zieht mich zurück und macht die Thür zu. Ich höre eine zitternde Stimme rufen:„Alfred!“ und mit erſtaunten Worten erwiedern:„Marie! Marie! Du hier?“— Herr Alfred iſt der Vater des Kindes, ſage ich zu meinem Herrn.— „Ja, ja, bleib jetzt bei mir, wir wollen horchen.“ „Zuerſt hörten wir nur Mademoiſelle Marie's Stimme, die Herrn Alfred zu bitten ſchien. Das dauerte ein Weil⸗ chen. Endlich hörten wir dieſen ſagen:„Meine Marie, es iſt unmöglich. Du biſt närriſch; ich kann über meine Hand nicht gebieten, ich hänge von meiner Familie ab, die es nie erlauben würde. Aber ich bin reich, und wenn „ ‚Aber, Wetter! bei dieſen Worten brauſte ein Sturm los. Ohne ſich die Mühe zu geben, die Thüre des Kabi⸗ nets zu öffnen, hinter der der Kapitain verborgen war, 262 ſtieß er ſie mit einem Fußtritt auf. Mademoiſelle Marie that einen Schrei, und der Kapitain fluchte, daß das Haus hätte erſchüttern mögen.“ „Jetzt,“ ſagt mein Herr,„hinein!“ „Es war die höchſte Zeit.“ „Der Kapitain hielt Herrn Alfred unter ſeinen Knieen feſt, und drehte ihm den Hals, wie einem Geflügel, um. Mein Herr brachte ſie aus einander.“ „Herr Alfred ſtand auf, bleich, mit ſtieren Augen und geklemmten Zähnen; er warf nicht einen Blick auf die noch immer ohnmächtige Marie, und trat meinem Herrn entgegen, der ihn mit verſchränkten Armen erwartete.— „Eugen,“ ruft er ihm zu,„ich wußte nicht, daß Euer Zimmer eine Mordbank wäre; nur jede Hand mit einem Piſtol bewaffnet, komm' ich wieder herein, verſteht Ihr?“ „So hoffe ich Euch auch nur wieder zu ſehen,“ erwiederte ihm mein Herr;—„denn wolltet Ihr anders zu mir kom⸗ men, ſo würde ich Euch auf der Stelle bitten, umzukehren.“ „Kapitain,“ wendet Herr Alfred ſich zu dieſem,„Sie werden nicht vergeſſen, daß ich auch mit Ihnen eine Schuld abzumachen habe.“ „und Sie ſollen ſie mir ſogleich tilgen,“ ſagte der Kapitain;„ich verlaſſe Sie nicht!“ „Es ſei.“ „Der Tag fängt an zu grauen,“ fährt Herr Dumant fort.„Holen Sie Ihre Waffen.“ 1 „Ich habe Degen und Pitoleno ſagt mein Herr. 5 263 „So laſſen Sie ſie in einen Wagen ſchaffen,“ entgegnet der Kapitain.“ „In einer Stunde im Gehölz von Boulogne, am Thore Maillot!“ ſagt Herr Alfred.“ „In einer Stunde!“ erwiedern mein Herr und der Kapitain zugleich.„Beſtellen Sie Ihre Sekundanten!“ „Er verließ das Zimmer.“ „Der Kapitain beugte ſich über das Bett ſeiner Toch⸗ ter. Herr Eugen wollte Hülfe herbeirufen.“ „Nein, nein,“ ſagt der Vater;„es iſt beſſer, daß ſie von Nichts weiß. Marie! geliebtes Kind! Adieu! Wenn ich ſterbe, Herr Eugen, werden Sie mich rächen, nicht wahr, und Sie werden die arme Waiſe nicht verlaſſen?“— „Ich ſchwöre es!“ antwortete mein Herr, und warf ſich in die Arme des unglücklichen Vaters.“ „Cantillon, ſchaff' einen Fiaker.“ „Ja, mein Herr; werde ich mit Ihnen gehen?“ „Du ſollſt mit.“ „Der Kapitain küßte nochmals ſeine Tochter und rief die Wärterin:—„Steht ihr bei, und wenn ſie fragt, wo ich bin, ſagt, ich würde bald wiederkommen. Vorwärts denn, mein junger Freund; gehen wir.“ „ESie gingen in das Zimmer des Herrn Eugen. Als ich mit dem Wagen ankam, erwarteten ſie mich ſchon unten, der Kapitain hatte die Piſtolen in der Taſche und mein Herr die Degen unter dem Mantel.“ „Kutſcher, nach dem Boulogner Gehölz.“ 264 „Mein Freund,“ ſagt der Kapitain,„wenn ich todt ſein werde, geben Sie dieſen Ring meiner armen Marie; es iſt der Verlobungsring ihrer Mutter, einer würdigen Frau, jun⸗ ger Mann, die jetzt bei Gott iſt, oder es gäbe dort oben nicht mehr Gerechtigkeit als auf dieſer Welt. Und dann ſor⸗ gen Sie dafür, daß ich mit meinem Kreuz und meinem De⸗ gen begraben werde. Ich habe keinen andern Freund, als Sie, keine Verwandten, als meine Tochter. Alſo, Sie und meine Tochter hinter meinem Sarge: das iſt Alles.“ „Warum ſolche Gedanken, Kapitain? ſie ſind zu trau⸗ rig für einen alten Soldaten.“ „Der Kapitain lächelte trüben Blicks:—„Alles iſt mir ſeit 1815 fehlgeſchlagen, Herr Eugen, und da Sie verſprochen haben, für meine Tochter zu ſorgen, ſo iſt ihr ein junger und reicher Beſchützer beſſer, als ein armer, alter Vater.“— Er ſchwieg. Mein Herr wagte nicht mehr, ihn anzureden, und der Greis beobachtete bis zum Orte des Rendezvous ſein Schweigen.“ „Ein Kabriolet folgte einige Schritte hinter uns. Herr Alfred ſtieg mit ſeinen beiden Sekundanten aus.“ „Einer der Zeugen näherte ſich uns.—„Welche Waf⸗ fen hat der Kapitain gewählt?“ „Piſtolen,“ antwortete dieſer.“ „Bleibe im Wagen und gieb auf die Degen Acht,“ ſagte mein Herr, und alle Fünf gingen in das Gebüſch.“ „Kaum waren 10 Minuten verfloſſen, ſo hörte ich zwei Piſtolenſchüſſe. Ich fuhr zuſammen, ls wenn ich es nicht erwar⸗ 265 erwartet hätte. Mit Einem von Beiden war es vorbei; denn es verliefen zehn andere Minuten, ohne daß ſich das Schießen erneuerte.“ 8. „Ich hatte mich in den Fond des Wagens geſetzt, und wagte nicht, um mich zu ſchauen. Die Thür geht plötz⸗ lich auf.—„Cantillon, die Degen!“ ſagt mein Herr.“ „Ich reiche ſie ihm hin. Er ſtreckte die Hand danach aus, und hatte den Ring des Kapitains am Finger.“ „Und... und.... der Vater der Mademoiſelle Marie, ſtottere ich.“ „Todt!“ „Und dieſe Degen?“ „Sind für mich.“ 3 „um des Himmels Willen, laſſen Sie mich mitgehen.“ „Komm, wenn Du willſt.“ „Ich ſprang aus dem Wagen, mein Herz war ſo klein wie ein Senfkorn, und ich zitterte an allen Gliedern. Mein Herr ging nach dem Gebüſch; ich folgte ihm.“ „Wir hatten noch nicht zehn Schritte gemacht, ſo er⸗ blickte ich Herrn Alfred lachend zwiſchen ſeinen Sekundan⸗ ten.—„Nimm Dich in Acht,“ ruft mir mein Herr zu, indem er mich auf die Seite ſtößt. Ich trat einen Schritt zurück, und hätte beinahe auf den Körper des Kapi⸗ tains getreten.“ 4* „Herr Eugen warf dem Leichnam nur einen Blick zu, eunn wandte er ſich zur Gruppe, ließ die Degen zur Erde 3 1 12 266 fallen und ſagte:„Meine Herren, überzeugen Sie ſich, daß ſie von gleicher Länge ſind.“ „Sie wollen die Sache alſo nicht bis auf Morgen verſchieben?“ ſagte einer der Sekundanten.“ „Unmöglich!“ „Eil meine Freunde, gebt Euch zufrieden,“ bemerkte Herr Alfred; das erſte Duell hat mich ja nicht ermüdet; nur tränke ich gern ein Glas Waſſer.“ „Cantillon, geh und hole ein Glas Waſſer für den Herrn!“ ſagte mein Herr.“ „Ich hatte Luſt zu gehorchen, als ſollte ich gehängt werden; Herr Eugen gab mir einen zweiten Wink mit der Hand, und ich lief zum Reſtaurateur, am Eingange des Waldes; kaum waren wir hundert Schritte davon. Im Nu war ich wieder zurück. Ich bot ihm das Glas an, und dachte: Möge das Glas Waſſer Dir zu Gift wer⸗ den. Er nahm es, ſeine Hand zitterte nicht; nur, als er es mir zurückgab, bemerkte ich, daß er ein Stück vom Nande ausgebiſſen hatte.“ „Ich wandte mich um, warf das Glas über meinen Kopf, und ſah, wie mein Herr in meiner Abweſenheit ſchon ſeine Vorbereitungen gemacht hatte. Nur Pantalon und Hemde hatte er anbehalten, ſelbſt die Aermel waren bis über dem Ellbogen aufgekrämpt. Ich trat zu ihm:— Haben Sie mir Nichts mehr zu befehlen? ſagte ich.— „Nein,“ antwortete er,„ich habe weder Vater noch Mut⸗ 267 ter; wenn ich ſterbe.... er ſchrieb einige Worte mit Blei⸗ ſtift... ſo wirſt Du dies Papier an Marie geben....“ „Er blickte noch einmal auf die Leiche des Kapitains und trat ſeinem Gegner mit den Worten entgegen:“ „Nun, vorwärts, meine Herren!“ „Aber Sie haben keinen Sekundanten,“ bemerkte Herr Alfred.“. „Einer von den Ihrigen kann mich ſekundiren.“ „Ernſt, geht zu dem Herrn hinüber!“ „Einer der beiden Zeugen trat auf meines Herrn Seite. Der andere nahm die Degen, ſtellte beide Gegner, auf vier Schritt Entfernung, gegenüber, gab ihnen das Degenge⸗ fäß in die Hand, kreuzte die Eiſen, und entfernte ſich mit den Worten:—„Legen Sie aus, meine Herren.“ „Und in demſelben Augenblick trat Jeder einen Schritt vor, und die Klingen waren bis zum Heft in Thätigkeit.“ „Halten Sie ſich zurück!“ ruft mein Herr.“ „Ich bin nicht gewohnt, zurückzuweichen,“ erwiedert Herr Alfred.“ „Gut denn.“ „Herr Eugen trat einen Schritt Tüttwärts und pa⸗ rirte nur.“ „Zehn ſchreckliche Minuten vergingen. Die Klingen flogen durcheinander, wie zwei ſpielende Schlangen. Herr Alfred allein focht auf den Stich. Mein Herr verfolgte ſeinen Degen mit den Augen, und parirte ſo ruhig wie im Fechtſaale. Ich war wüthend; wenn der Bediente des 12* 268 Gegners da geweſen wäre, ich glaube, ich hätte ihn er⸗ droſſelt.“ „Der Kampf dauerte immer fort. Herr Alfred lachte bitter; mein Herr war ruhig und kalt.“ „Aha!“ rief Herr Alfred.“ „Sein Degen hatte den Arm meines Herrn berührt und es floß Blut.“ 4 „Das iſt Nichts,“ antwortet dieſer;„nur weiter!“ „Ich verlor große Schweißtropfen.“ „Die Sekundanten näherten ſich. Herr Eugen winkt ihnen mit dem Arm, ſich zu entfernen. Sein Gegner be⸗ nutzt dieſe Bewegung; er legt ſcharf ein, mein Herr kann ſo ſchnell nicht ausweichen, und das Blut fließt aus ſeinem Schenkel. Ich ſetze mich auf den Raſen, meine Beine wollten mich nicht mehr tragen.“ „Herr Eugen blieb jedoch immer gleich ruhig und ge⸗ laſſen; nur durch die geöffneten Lippen ſah man, wie ſeine Zähne ſich klemmten. Das Waſſer lief von der Stirn ſeines Gegners; er wurde matt.“ „Mein Herr trat einen Schritt vorwärts: Herr Alfred gab nach.“ „Ich glaubte, Sie wichen niemals zurück!“ ſagte er. „Herr Alfred machte eine Finte. Der Degen meines Herrn bot die Parade mit ſolcher Kraft, daß der ſeines Gegners ſo weit auswich, als hätte er militairiſch gegrüßt; einen Augenblick war ſeine Bruſt ohne Deckung, und der Degen des Herrn Eugen flog bis ans Heft hinein.“ 269 „Herr Alfred ließ die Arme ſinken, die Waffe entſiel ſeiner Hand, und er ſtand nur noch, weil der Degen, der ihn durchbohrt hatte, ihn aufrecht erhielt.“ „Mein Herr zog ſeinen Degen zurück, und er fiel.“ „Habe ich mich wie ein Mann von Ehre betragen?“ fragte er die Sekundanten.— Sie machten eine bejahende Bewegung, und traten zu Herrn Alfred.“ „Mein Herr kam zu mir.“ „Mache, daß Du nach Paris kommſt, und hole mir einen Notar, daß ich ihn bei meiner Zuhauſebunft ſogleich vorfinde.“ „Wenn das iſt, um da Teſtament des Herrn Alfred zu machen, bemerke ich, ſo wird die Mühe nicht nöthig ſein, denn der windet ſich wie ein Aal, und ſpeit Blut aus: das iſt kein gutes Zeichen.“ „Darum nicht,“ ſagte er.“— „Nun, und warum denn?“ frage ich, indem ich mei⸗ nen Kutſcher unterbreche.— „Um das junge Mädchen zu heirathen, und das Kind anzuerkennen,“ antwortet Cantillon.— „Das hat er gethan?“ „Ja mein Herr, wie ein rechtſchaffener Mann. 2— „Und dann ſagte er zu mir:„Cantillon, meine Frau und ich, wir wollen eine Reiſe machen: ich möchte Dich gern behalten; aber Du begreifſt wohl, es würde ſie geni⸗ ren, Dich zu ſehen. Da haſt Du tauſend Franken; ich gebe Dir mein Kabriolet und mein Pferd, mache, was Du 270 willſt, und wenn Du mich brauchſt, wende Dich an Nie⸗ mand Anders.“— „Da ich nun die Mittel butte⸗ bin ich Kutſcher ge⸗ worden.“ „Das iſt meine Geſchichte, mein Hentin wo ſoll ich Sie nun hinfahren?“ „Nach meiner Wohnungz ich werde meine Beſuche ein anderes Mal abmachen.“— Ich kam zu Hauſe an, und brachte die Geſchichte Ean⸗ tillons, ſo wie er ſie mir erzählt hatte, ſogleich zu Papier. Alex. Dumas. Die beiden Saint-Simonitten. Unterredung. Nachdem ich drei Tage lang in den Salons, Schauſpiel⸗ häuſern, Gärten und öffentlichen Wägen Umſchau gehal⸗ ten hatte, etwas Neues und Anziehendes aufzufinden, um dadurch mit Ehren in der vortrefflichen Geſellſchaft eines glänzend gedruckten Buchs zu erſcheinen, vor allen Dingen aber einem braven Manne gefällig zu ſein, der um des⸗ willen die allgemeine Theilnahme verdient, weil er zu ei⸗ ner Zeit, wo ſo viele Leute aus der Kunſt ein Gewerbe machen, ſeinen Handel wie eine Kunſt betrieben hat, warf ich mich endlich ermüdet und faſt vernichtet von dem vie⸗ len Umherlaufen, ſo wie von der Nutzloſigkeit meiner Nach⸗ forſchungen gedemüthigt, aus Verzweiflung auf einen Stuhl in der Rotunde des Palais Royal, und faßte den feſten Entſchluß, im Schatten der Bäume, die keinen geben, die Zeitungen zu leſen. 4 272 Es war noch ſehr zeitig. Ich hatte keine andern Nach⸗ barn, als Damen, Kinder und Aushängeſchilder, einen jungen Menſchen ausgenommen, der mit einer ungeheuern Broſchüre ſehr beſchäftigt war, und einen alten Mann, der ziemlich nachläſſig einen Stoß patriotiſcher Blätter durchlief. Der Erſtere hatte ſehr angenehme Züge, aber etwas Irres in ſeiner Phyſiognomie. Seine Haare waren glatt und lang. Seine geſtreifte ſeidene Halsbinde begränzte einen dichten Bart. Er trug einen großen, bis an den Hals zugeknöpften Reitrock. Seine Lektüre ſchien ihn ganz zu beſchäftigen und manchmal in Entzücken zu ver⸗ ſetzen. Er ſtieß von Zeit zu Zeit ziemlich laute Ausrufe heraus, wie: Schön! Herrlich! Bewundernswerth! und ſchien zu glauben, er ſitze ganz allein: in ſeinem Studir⸗ ſtübchen. Auch der alte Herr unterbrach das geſen ſeiner Zei⸗ tungen durch noch raſchere, jedoch minder artikulirte Sil⸗ ben, durch Oh! und Ach! und Pfui doch! Es kam mir auch vor, als habe er einmal: Albernheiten! und ein an⸗ deres mal: Jakobiner! geſagt. Dieſes letztere Wort ſprach er aus, indem er eine Nummer des Figaro auf die Erde warf. Brummend hob er ſie wieder auf, und hätte dabei bald ſeine etwas ſtarkblonde Perücke verloren. Ich will mir keine weitere Mühe geben, ihn auszumalen. Stellt euch Henry Monnier in der erſten Verkleidung ſeiner Fa⸗ * 8 milie aus dem Stegreife, in einem violett ſeidenen wattirten Oberrocke vor. Es gab eine augenblickliche Pauſe, während der Eine ſich wieder ſetzte, nachdem er ſeine Blätter in den quaſi⸗ chineſiſchen Kiosk getragen hatte, und der Andere ſein Buch in die Taſche ſteckte. Der Alte ſtarb faſt vor Begierde zu ſprechen. Das ſah man deutlich. Er wendete ſich mehrere Male zu ſei⸗ nem Nachbar hin und huſtete. Endlich faßte er ſeinen Entſchluß, wie Jemand, der über einen Graben ſpringen will, und ſagte: „Mein Herr, es iſt doch ſonderbar, daß die Kanone noch nicht losgegangen iſt, ſie iſt doch zwühnli ſehr pünktlich.“ „Unſtreitig deshalb, Weibs heute nicht ſchön genug iſt.“ „Die Leute fangen an ſich einzufinden. Man midd bald keine Stühle mehr haben können.“. „Ich glaube es auch.“ „Mein Herr, es ſcheint, als ob Ihnen Ihre Lektüre großes Vergnügen gewähre. Unſtreitig ein ſehr intereſ⸗ ſantes Werk?“ 1 „Ach ja, mein Herr.“ „Ein berühmter Schriftſteller?“ „Beſſer als ein Schriftſteller.“ „Racine, Boſſuet, Fenelon?“ „Weder Racine, noch Boſſuet, aber Saint Simon.“ „Ach!“ ſchrie der Alte ganz außer ſich,„wie freue 4 ich mich, daß Sie Herrn von Saint Simon ſo hoch ſchätzen! Er hat Glück gemacht, großes Glück, er iſt viel geleſen worden, aber nur wenige Perſonen bewundern ihn mit dem leidenſchaftlichen Enthuſiasmus, erzeigen ihm die Verehrung, die er ſo ſehr verdient! Was mich betrifft, ſo iſt er ſeit vielen Jahren meine tägliche Nahrung, mein Vademecum, es vergeht kein Tag, wo ich ihn nicht we⸗ nigſtens einige Seiten läſe.“ „Da muß ich Ihnen Glück wünſchen, mein Herr! Wahrhaftig, Sie ſind viel glücklicher als ich, denn erſt ſeit kurzer Zeit erlabe ich mich an dieſer lebendigmachen⸗ den Quelle! Wie blind war ich! Vor 1829 kannte ich Saint Simon noch nicht, aber ſeit zwei Jahren hat er ſich meiner ganzen Seele bemächtigt.“— „ Ja, ja, ſeit 1829 iſt er unſern jungen Leuten geof⸗ ſenbart worden. O, ich möchte noch wie Sie in der uollen Friſche dieſer köſtlichen Lektüre ſoi chhh Kraft! Welcher energiſche Stil!“— „Der Stil? Sie denken noch an den Stil! Ei, was geht mich ſein Stil an. Sie bemerken noch ſeinen Stil?“ „Ich gebe zu, daß dies das geringſte ſeiner Benenne iſt. Aber welche Kraft des Gedanken!“ „Mehr, tauſendmal mehr als Gedanke!“ „Wie er ſeine Zeit und die Menlchen ſeinss Jahr⸗ hunderts beurtheilt!“ „Wie er ſich über ſie erhebt!“ 275 „Herr von Saint Simon iſt der Inbegriff ſeines Zeitalters.“ „Sagen Sie vielmehr, daß Saint Simon nur einen Schritt, nur einen Fuß aufzuheben braucht, um es zu überſchreiten, um es weit hinter ſich zu laſſen.“ „Welche tiefe Kenntniß der Vergangenheit!“ „Welche heilige Vorahnung der Zukunft!“ „Ich glaubte ihn von ganzem Herzen zu bewundern, aber Ihnen komme ich wahrhaftig nicht gleich. Ich bin eiferſüchtig auf Sie. Unſer geliebter Autor iſt ein großer Schriftſteller, ja ſogar ein großer Menſch, wenn Sie wol⸗ len; aber mehr verlangen Sie nicht von mir. Sie ma⸗ chen einen Gott daraus. 1 „Was nennen Sie einen Menſchen! Was nennen Sie einen Gott!“ erwiederte der junge Saint⸗Simoniſt mit pedantiſcher Miene.„Wenn ein glühender, kraft⸗ voller Haß, ein heiliger Zorn gegen die Mißbräuche, Laſter und Verbrechen einiger Menſchen Anſprüche ſind, um nicht mehr zu der Geſammt⸗Menſchheit zu gehören, ja dann war Saint Simon ein Gott!...“ Und indem der junge Mann dieſen Galimathias von ſich gab, glänzten ſeine Augen von fanatiſchem Feuer. Der alte Mann ſchwieg einen Augenblick, und machte eine Miene, die man allenfalls ſo überſetzen könnte: ich hätte doch nicht geglaubt, daß die jetzigen jungen Men⸗ ſchen Herrn von Saint Simon ſo gut zu würdigen ver⸗ ſtänden, vorzüglich dieſer hier...; denn es iſt nicht Je⸗ 276 mand von vornehmem Tone. Dann wandte er ſich freundlich zu dem Andern und ſagte:„Die Eindrücke, die Sie kund geben, ſind Ihrem Alter angemeſſen; ich leider ſehe die Sachen minder lebhaft. Der arme Herr von Saint Si⸗ mon! Wenn er lebte, wie würde er gegen Alles das los⸗ donnern, was jetzt geſchieht! Er ließ ſich nicht ſo leicht abfinden, er! er wußte wohl, was er werth war. Es war ein wahrhafter großer Herr, ein großer Herr, wie es der⸗ gleichen nicht mehr giebt. Er hätte ſich nicht mit allen dieſen Schwätzern, dieſen Clubbiſten, dieſen Advokaten ver⸗ tragen können! Oh, oh! wie er das Alles anzudrehen würde verſtanden haben! Man leſe nur ſein Kapitel von der Mütze.“ „Von der Mütze!— der Mütze! Sie ſpaßen wohl mit mir?“ „O bewahre! Erinnern Sie ſich nur an die Mütze des erſten Präſidenten... in der berühmten Gerichts⸗ ſitzung.“ „Von wem reden Sie denn nur?“ „Je nun, vom Herzoge von Saint Simon, dem Ver⸗ faſſer der Memoiren.“ „Was? von dieſem anmaßenden, dieſem in thörigter Eitelkeit erſoffenen Manne?“ „Und Sie! Sie ſprechen doch nicht etwa von Hein⸗ rich Saint Simon, dem luchorlichen Apoſtel einer noch lächerlichern Sekte?“ „Achten Sie die neberzeuzung Anderer!“ * 277 „Achten Sie den Anſtand!“ „ Verwechſeln Sie nicht einen wahrhaft Begeiſerten mit einem Thoren!“ „Was würde der Herzog von Saint Simon ſagen, wenn er ſeinen Namen, den er unſterblich gemacht hat, ſo mißbrauchen hörte?...“ Hier hielt der Alte inne, und ich lachte heimlich bei mir ſelbſt, indem ich an die Laune des Schickſals dachte, welches die Ueberſpannung zweier ſo verſchiedenen, einander ſo entgegengeſetzten Jahr⸗ hunderte unter daſſelbe Aushängeſchild geſtellt hatte. Der junge Mann erwiederte mit verächtlicher Miene: „Unſtreitig würde ſich Ihr Herr Herzog bei dem Worte: Saint⸗Simoniſtiſche Zuſammenkunft, einbilden, daß wir zu einander kämen, um die Hofſetikette zu unterſuchen, und die großen und kleinen Zutritte, den Lehnſeſſel und das Tabouret, die Hand, das Pour, das Si, das Car und Gott weiß was für andere Albernheiten zu reguliren, die dem Menſchenverſtande nur Schande machen.“ „und was ſäh' er denn in jenen andern vortrefflichen Zuſammenkünften? Puritaner, die die Liebe zur Gleich⸗ heit ſo weit treiben, daß ſie das Aufgeben des Eigenthums predigen! Er hielte ſeine Hände gewiß in den Taſchen, wenn er Ihnen zuhörte.“ „Wie würde er gegen die Vorzüge der Pairſchaft ſich auslaſſen!“ „Er würde ſich wohl hüten, zwei hundert Kollegen zu vertheidigen er, der deren kaum ein Dutzend ertragen könnte.“ „Es wäre doch immer er daſſelbe, immer eine Gelegen⸗ heit zu ſchreien.“ „Mein Herr, man muß ſeine Vorrechte vertheidigen; wie es auch kommen möge, man muß auf der Breſche ſterben.“ „O ariſtokratiſcher Hochmuth! er ſtrebt Alles mit ſich in ſeinen Sturz hinab zu ziehen.“ „Mein Herr! Sie und Ihres Gleichen kennen die Welt nicht.“ „Und Sie und Ihres Gleichen nicht die Menſchen.“ Als eben der Streit am heftigſten ward, kam ein Offizier von 30 bis 35 Jahren, den ich von Anſehn kannte. Es war ein ſehr guter Edelmann und vortreffli⸗ cher Militair, im Ganzen aber ein höchſt verſtändiger Mann. Er nannte ſich Marquis Z***; denn es giebt aauch trotz Molière und der Tribüne verſtändige Marquis. „Sie ſind ja ganz erhitzt, lieber Onkel!“ ſagte er zu dem Alten.„Ich habe noch ſo einige Worte von Ihrer Unterredung mit dem Herrn hier gehört, und weiß wahr⸗ haftig nicht, welchem von Ihnen Beiden ich beipflich⸗ ten ſoll.“ Der alte Saint⸗Simoniſt. Reden wir nicht davon, lieber Neffe: Du haſt Dich wieder angeſchloſſen, und wir haben es einander zu⸗ geſagt, dieſen Gegenſtand des Geſprächs zu vermeiden. Der Marquis. Ich habe mich nicht wieder angeſchloſſen, ſondern bin ſtets meinem Vaterlande angeſchloſſen geblieben, und unterſtütze von ganzem Herzen die, welche es vor Anarchie bewahrt haben. Alſo wieder auf Ihr Geſpräch zurück. Sie beſchuldigten ſich Beide gegenſeitig, die Klaſſen nicht zu kennen, zu deren einer oder der andern Sie Beide ge⸗ hören. Sie hatten alle Beide Recht. Der Adel und der übrige Theil Frankreichs haben ſich nie gekannt, noch ver⸗ ſtanden. Ihre gegenſeitige Abneigung iſt vielleicht milder geworden; es iſt nicht mehr Haß, aber Bitterkeit und Mißtrauen, was ſie gegen einander empfinden, und doch ſind alle dieſe mehr oder minder feindſeligen Gefühle von jeher nur ein langes Mißverſtändniß geweſen, und ſind es noch. Ein Mißverſtändniß, das beſonders für die Ariſto⸗ kratie ſehr unſelig war, aber nicht für dieſe allein, ſondern für ganz Frankreich, das darunter litt. Was ſollen wir nun noch jetzt verlangen? Welche Hinderniſſe haben wir nun noch zu überwinden? Wo ſollten ſich noch Schwie⸗ rigkeiten finden, wenn die verſchiedenen Klaſſen der Staats⸗ bürger gemeinſchaftlich fortſchritten? Sonderbare Lagel Töch⸗ ter derſelben Mutter, auf demſelben Boden geboren, ſchei⸗ nen ſie zwei verſchiedene Länder zu bilden. Wenn irgend ein Neugieriger, der zu der einen von ihnen gehört, ſich zufällig los macht, um die andere zu beſuchen, iſt er ein unerſchrockener Reiſender, ein zweiter Robinſon, der einen neuen Welttheil durchforſchen will. Und Gott mag wiſſen, 280 7 was es ihm nützt!... Gott mag wiſſen, durch welche Brille er die Gegenſtände betrachtet! Alles vergrößert und entſtellt ſich vor ſeinen Augen, und das Einfachſte und Gleich⸗ ülizi von der Welt nimmt einen feindſeligen, drohenden Charakter an. Betrifft's das Volk, das ein adeliger Beob⸗ achter unterſucht? Das Volk iſt ein wildes Thier, ſtets bereit, Jeden anzufallen, der einen bekannten Namen oder ein Wappen an ſeinem Wagen führt. Ueberall kommen Carmagnolen, die rothen Mützen, die Piken von 1793 zum Vorſchein! Sieht unſer La Bruyère etwas minder ſchwarz, verwirft ſein ſanfter, friedliebender Charakter dieſe gräßlichen Bilder, um bei leichtern Schattirungen zu ver⸗ weilen, will er ſich nicht erzürnen, ſondern erheitern und lachen, ſo mangelt ihm die Gelegenheit dazu auch nicht; Alles außer ſeiner Sphäre, außer ſeiner gewohnten Coterie erſcheint ihm als gemein oder lächerlich. Ueber ſeinen Kreis hinaus findet er nirgend Einfachheit, guten Geſchmack, Natur. Auf dem rechten Ufer der Seine weiß man weder zu kommen, noch zu gehen, weder zu ſprechen, noch ſich niederzuſetzen; ein Bankier führt ſtets ſein Geld im Munde, und ſo prachtvoll auch ſeine Feſte und Bülle ſein mögen, ſind ſie doch nie vollſtändig gut; immer fehlt ein gewiſſes ariſtokratiſches Etwas, das er nun einmal nicht erwiſchen kann. Haben Sie die beiden Zwillinge von Che⸗ vreuſe, einen unglückſeligen Roman des Herzogs von Levis, geleſen? Erinnern Sie ſich, wie er die Liberalen der Mit⸗ telklaſſe ſchildert? Er will ihnen nicht übel, im Gegen⸗ 4 281 theile, er liebt ſie, er wünſcht ihnen Gutes, er beſchützt ſie, er ſucht ſie zu bekehren; aber er ſagt ihnen offen, was er von ihnen denkt, er belehrt ſie, daß ſie kleine ungezogene Burſche, kleine Thunichtgut ſind, die die Ruthe verdien⸗ ten. Lächerlicher könnte man Nichts finden, wenn nicht die große Welt von denen, die nicht in ſie kommen, oder vielmehr nicht zu ihr gehören, nicht noch alberner beur⸗ theilt würde. Da iſt die Vorſtadt Saint Germain! ein allegoriſcher Ausdruck, eine Perſonifikation der Adelsklaſſe. Seht da dieſes große Haus mit ſeinen ungeheuren Ein⸗ fahrten.... Das iſt ein feudaliſtiſcher Schlupfwinkel, eine lehnshertliche Feſtung, die man gegen die Freiheit erbaut hat. Alles daran iſt finſter und wild; moderne Eleganz und Anmuth haben nie Zutritt erhalten. Da ſind die alten vergoldeten Säle ſtets mit alten Portraits und alten Lehn⸗ ſtühlen meublirt, auf welchen alte Damen mit wichtigem Ernſte ſitzen... Dieſe Damen unterhalten ſich ſtets von ihrer Herkunft, ihren Pergamenten, ihren zwei und dreißig Ahnen. Früh und ſpät beſchäftigen ſie ihre Titel. Wenn ſie ſich ſo weit herablaſſen, von ihrem Holzhändler oder Bäcker zu ſprechen, ſagen ſe nie anders als: dieſer gemeine Menſch, dieſer Kerl, ſteuer⸗ und frohnbar nach Belieben. Alle ſind in ihren jungen Jahren ſehr luſtig geweſen, das iſt in der Ordnung; dafür ſind ſie aber jetzt auch Alle ver⸗ drüßlich, bösartig, frömmelnd, gallſüchtig. Stiftungsmäßig haben ſie eine Katze und einen Abbee. Der Abbee iſt ſtets zugegen, er iſt der Freund, das Factotum, der Beichtvater 12** des Hauſes Der Abbee weicht und wankt nicht; ſeine Reden ſind zugleich galant und bibliſch; er bietet der Frau Marquiſe Bonbons an und ruft frommer Weiſe das Feuer des Himmels auf das neue Gomorrha herab. Was die jun⸗ gen Leute dieſer unglücklichen Vorſtadt betrifft, ſo ſind ihre Sitten etwas weniger grotesk, ſie ſuchen ſogar ſich ſo viel als möglich nach den Wechſelagenten zu bilden, ſie ſind faſt das junge Frankreich, aber dabei Alle falſch, eigennützig, treulos. Ihre verſtellte Artigkeit läßt ſtets ihren Hochmuth durchſchimmern. Die Frauen ſind ſteif und auf⸗ geblaſen; öffentlich laſſen ſie ſich nie ſehen, dagegen ins⸗ geheim deſto mehr. Kurz, wollen Sie ein treues Gemälde der großen Welt ſehen? Leſen Sie den Roman Rouge et noir, machen Sie mit Mademoiſelle Mathilde, dem Typus der Fräulein aus der Vorſtadt Saint Germain Bekannt⸗ ſchaft. Da iſt Wahrheit! Da iſt Genauigkeit! Das iſt doch im ſtrengſten Wortverſtande ein wohlunterrichteter Au⸗ tor, ein Buch, auf das man ſich verlaſſen kann! Der alte Saint⸗Simoniſt. Und die große Dame der Trois Quartiers? Der Marquis. Die Trois Quartiers! das iſt ein allerliebſtes Luſtſpiel. Der alte Saint⸗Simoniſt. . Ich habe freilich auch über ſie lachen müſſen. Woher hat aber nur in aller Welt der ſelige Picard den neologi⸗ ſchen Sporn hergenommen, den er ſeiner adeligen Vorſtadt verleiht? 2 283 Der Marquis. Sie ſind doch dort wahrhaftig nicht neuerungsſüchtig! deſſen hat ſie noch Niemand beſchuldigt. Der alte Saint⸗Simoniſt. Das Parterre zappelt vor Freude, wenn die vornehme Dame mit emphatiſchem Enthuſiasmus ausruft: Er iſt von Geburt, dieſer Herr! Das iſt, wie man ſagt, der Na⸗ tur abgelauſcht; ſo drückt man ſich in der Nachbarſchaft von Saint Thomas d'Aquin aus. Picard hat es unſtrei⸗ tig gehört, ein wahrer Marquis und eine Marquiſe mit Fleiſch und Bein müſſen es ihm diktirt haben! Mein Seel' ich möchte ihre Adreſſe wiſen. Wo mag ſie wohnen? in der Straße Varennes oder der der Univerſität? Es iſt unſtreitig eine ſehr lebendige, unterhaltende, witzige und liebenswürdige Perſon, ich will ihr das gar nicht ſtreitig machen; aber ſie ſpricht, wie im ganzen Leben kein Menſch noch geſprochen hat. Was ſoll denn das heißen:„von Geburt?“„Von guter Geburt“ ſagt man allenfalls. Der Marquis. und das iſt ſchon genug. Der Ausdruck wäre leidlich grob, wenn er nicht hergebracht wäre. Der alte Saint⸗Simoniſt. 4 Aber, der Menſch iſt von Geburt! ein Menſch iſt von Geburt! Lieber Neffe, haſt Du das je irgendwo gehört? Der Marquis. In der Comédie Frangaise, lieber Onkel, ſonſt nirgends. / 284 Der junge Saint⸗Simoniſt. Meine Herren! ich will mich gar nicht in Ihren Streit miſchen, Sie können ihn nach Beqguemlichkeit abthun: dergleichen logiſche Unterſcheidungen kommen bei mir gar nicht in Betracht; aber ich frage Sie nur, wie Sie es anfangen wollen, um den Adel wegen ſeines ſteten Wider⸗ ſtrebens gegen alle höhere Ideen zu rechtfertigen? Ich will gar nicht die Vertheidigung unſrer ſogenannten bürgerlichen Einrichtungen der Charten von 1815 oder 1830 überneh⸗ men: das ſind vorübergehende Uebereinkünfte, Fallen, Lock⸗ mittel, deren Schickſal mich nichts angeht, und Sie wiſſen ſelbſt, daß es der Globe in dieſer Hinſicht Niemand ſchwer macht; aber ohne tiefer ins Detail einzugehen, will ich nur im Allgemeinen den Grundſatz aufſtellen, daß Ihre vornehme Welt, Ihre ſogenannte gute Geſellſchaft, wie Sie ſie zu nennen belieben, mit Einem Worte: der Adel, allen Ver⸗ beſſerungen ſtets entgegen geweſen iſt. Das Fortſchreiten hat nie tödtlichere Feinde gehabt. Der Marquis. Von welchem Adel ſprechen Sie denn? denn es giebt deſſen von verſchiedener Art. Jenes Wort ſcheint einen Verein anzudeuten, und das iſt ſchon etwas Grundfalſches. Der Adel hat nichts Zuſammenhängendes, er hat keine Einheit, ſeine Elemente ſind nicht nur verſchieden, ſondern ſogar feindlich unter ſich. Die franzöſiſche Ariſtokratie gleicht nicht im Mindeſten dem Saturn, denn ſie ſelbſt wird durch ihre Kinder verzehrt. Ich verſchone Sie mit den genealo⸗ 285 giſchen Spitzfindigkeiten, mit den ehemaligen Unter⸗Abthei⸗ lungen zwiſchen altem und neuem Adel, zwiſchen urſprüng⸗. lich ritterlichen Edelleuten und Geadelten, Vorgeſtellten oder Nichtvorgeſtellten, ſolchen, die in Karoſſen fuhren, und ſolchen, die nicht darin fuhren. Alle dieſe Adelsbe⸗ nennungen von Robe und Degen, Leuten von Qualität, Leuten aus gutem Hauſe, Leuten von Kondition, dieſe unmerkbaren, unendlichen, kleinlichen Unterſcheidungen, die Algebra des Stolzes, welche die Mitglieder einer und der⸗ ſelben Familie erfanden, aber einer Familie, die uneiniger unter ſich war, als der Stamm des Oedipusz; alle dieſe veralteten Dinge ſind ſo ziemlich verſchwunden, es iſt nur noch dann und wann in den glücklicherweiſe ſehr ſeltnen Paroxysmen der Eitelkeit die Rede davon; aber dennoch hat eine große Abtheilung, eine gründliche Abtheilung, jene unglaubliche Verſchiedenheit der Fahnen und Banner über⸗ lebt. Eine ganze Welt liegt zwiſchen dem Adel aus der Provinz und dem, welcher, ob er ſchon einige Monate im Jahre auf dem Lande lebt, doch regelmäßig ſeine Winter in Paris zubringt. Zwei Gegenden, die an den äußerſten Enden des Erdballs von einander entfernt liegen, können durch ihre Art zu ſehen, zu urtheilen, zu empfinden, nicht ſo verſchieden von einander ſein. Wer aber iſt nun Schuld an dieſer Entfremdung von unſern Einrichtungen? Der Adel in der Provinz? Sie haben vollkommen Recht. Dort wie überall giebt es viele Ausnahmen von der Regel, aber im Ganzen iſt die Charte von ihrem Urſprunge an dort 286 wie ein gottesläſterlicher Vertrag angeſehen worden; man hat ſie für ein feiges Einverſtehen mit der Revolution ge⸗ halten; ſie iſt ſtets als eine Verletzung der Rechte der Ariſtokratie und, was noch ſchlimmer iſt, der des Klerus betrachtet worden: denn der Adel in der Provinz iſt mehr feudaliſtiſch als royaliſtiſch, und mehr bigott als feudaliſtiſch. Die Pairskammer iſt zum Beiſpiel ſiets für dieſe Kaſte ein Abſcheu geweſen. Sie ſah in der Pairie eine neue Ariſto⸗ kratie, welche die alte erſtickte und erſetzte, und die von der freien Preſſe untergrabene Erblichkeit der Pairie iſt unter dem lauten Beifall des Provinzadels zu Grabe gegangen. Die Kammer der Dreihundert war der wahrhafte Reprä⸗ ſentant dieſes Theils von Frankreich. Sie haben voll⸗ kommen Recht, wenn Sie ihm die Thorheiten der verwiche⸗ nen Jahre beilegen: denn er iſt es, es iſt ſein Eindrängen in die Geſchäfte, was den Abgrund unter den Füßen eines Königs, der ſein Sklave geworden war, und eines großen, in Blödſinn verfallenen Staatsmannes grub. Mit vollſter Wahrheit und als vollkommener Sachkenner kann ich Ihnen verſichern, daß die Maſſe der vornehmen Welt in Paris an dieſen Gewaltthätigkeiten keinen Antheil genommen hat. Dieſe Geſellſchaft, an ein elegantes und angenehmes Leben gewöhnt, die Künſte liebend, Künſtler aufſuchend und ſich gern mit berühmten Perſonen jeder Art ſelbſt ſchmückend, hatte ſich, beſonders in der letztern Zeit, mit Menſchen von den verſchiedenſten Meinungsfarben gemiſcht. Die ſo ver⸗ ſchrieene und verkannte Vorſtadt Saint Germain war kei⸗ 287 nesweges auf eine ſtolzirende Einſamkeit beſchränkt; ſie ſah ſich oft mit der Vorſtadt Saint Honoré, die ihr zum Ver⸗ bindungsgliede mit der Chauſſée d'Antin diente. Man er⸗ innere ſich nur an den Ball für die Armen 1829. Zeig⸗ ten nicht ſchon die Namen der Damen, welche damit be⸗ auftragt waren, die Verſchmelzung an? Gewaltſame, das Alte zurückwünſchende Anſichten waren dort ganz und gar nicht gut angeſchrieben. Das Miniſterium Villèle hatte die Auserwählten der Ariſtokratie vollends ermüdet. Die Ankunft des Herrn von Polignae jagte ihnen Furcht ein, und die Anſicht unſerer Salons, die verſtändig, gemäßigt, aber ein wenig weichlich war, ward durch das Syſtem des Herrn von Martignac vollkommen repräſentirt. Nie noch war ein Miniſter von den Frauen lieber geſehen worden, auch hat es wohl nie einen liebenswürdigeren und anmuth⸗ volleren gegeben. Sein Benehmen war eben ſo anziehend, als ſeine Politik ſanft und Zutrauen erweckend. Man wünſchte ſeine Beibehaltung ungemein, und ſein Sturz ver⸗ urſachte allgemeine Betrübniß. Allerdings gab es unter dieſen Vornehmern auch einige Unverbeſſerliche, die ſich zu dem Provinzadel geſellten, um den neuen Staatseinrich⸗ tungen den erſten Ribbenſtoß zu geben. Einige platte Hof⸗ bediente haben ſich freilich große Mühe gegeben, dem Für⸗ ſten den Hof zu machen, indem ſie die dreifache Binde, welche ſeine Augen deckte, noch mehr verdichteten: es wäre ſehr lächerlich, das abzuläugnen; aber wie viele Perſonen gab es nicht ſelbſt unter den Höflingen, welche die Ver⸗ 288 blendung ihres Herrn beweinten. Sie ſuchten ihm die Sachen im wahren Lichte zu zeigen, einige thaten es ſogar ſehr kräftig, freilich nur die kleinere Anzahl; aber wenn Sie, ſtatt die vornehme Welt böslicher Abſichten und feind⸗ licher Geſinnungen gegen die öffentliche Freiheit zu beſchul⸗ digen, ihre Schwäche, ihre Unentſchloſſenheit, den gänzli⸗ chen Mangel an Kraft in ihren Schritten wie in ihren Reden beklagten, ſo hätten Sie vollkommen Recht, mein „Heerr. Das iſt der wunde Fleck: dieſe Schwäche allzu ele⸗ ganter, allzu geglätteter Sitten; eine ſorgfältige, rechtliche, aber kalte Erziehung, ein Unterricht, deſſen Beſtimmung es iſt, nicht das zu lehren, was zu thun, ſondern nur das, was füglich zu vermeiden iſt, geben dem ariſtokratiſchen Leben einen glänzenden und einförmigen Ton, der nur zu ſehr an Porzellangemälde erinnert. Alles iſt glatt, Alles reinlich, nirgends ein Anſtoß, aber auch nirgends Kraft. Da lernt man es, die öffentliche Meinung allzuſehr zu achten, aber nicht jene weitausgreifende Meinung, die ſich auf eine Art univerſaler Abſtimmung gründet, ſondern die enge und beſchränkte Meinung einer Coterie. Man lernt nicht nach der Stimme ſeines Herzens oder Geſchmacks, ſondern nach ſeiner Stellung handeln. Es iſt eine har⸗ moniſche Spieluhr, die von der Wiege an aufgezogen wor⸗ den, und von der man ſich durch keine Diſſonanz entfernen darf. Auch würde allerdings das tapfre Gemüth, das ſich den Kartätſchen entgegenſtürzt(und unſre jungen Helden von Wagram und Auſterlitz waren weder Adelige noch Bür⸗ 289 Bürgerliche, ſondern bloß Franzoſen), und nicht tauſend Todte, ja ſelbſt eine Abſetzung nicht ſcheute, doch bei dem bloßen Gedanken einer zweideutigen. Miene, eines mißbilli⸗ genden Zuges, eines kalten Empfanges in der Geſellſchaft, wohin es ſeine Lebensverhältniſſe führen, ſeinen Muth ſchwinden ſehen. Das kommt aus jener unglücklichen Ge⸗ wohnheit, ſich ewig in denſelben Kreiſen herumzudrehen, und ſich nie mit der Menge zu vermiſchen; dies entnervt die Entſchlüſſe, rundet die Worte und raubt ihnen jene Fri⸗ ſche, jenen Saft, jene durchdringende Wärme, die ſelbſt neberzeugung giebt, und ſie in Andern wieder hervorbringt. Was ſoll man thun, wozu ſich entſchließen, wenn die theure Stimme einer Gattin oder Mutter uns nicht mit Bitter⸗ keit, aber mit dem Ausdruck der innigſten Zärtlichkeit ſagt: „Wahr iſt's, man begeht viele Fehler, und Du haſt Recht, Alles das zu tadeln.. aber man muß doch auch Maaß halten.... Bedenke Deinen Namen... Es giebt gewiſſe Rückſichten ſeiner Stellung, die man nicht ungeſtraft ver⸗ letzen kann.“— Stellung!— Rückſichten!— Negative Worte!— politiſche Entnervung!.... Wie viele Villsli⸗ ſten habe ich nicht geſehen, die es aus Rückſichten, wie viele Abſolutiſten, die es um ihrer Stellung willen waren! Uebrigens hätte auch die gute Geſellſchaft Nichts dabei ge⸗ wonnen, ſich kräftiger zu zeigen, denn ſie ſtand in der letzten Zeit bei der Regierung in gar keinem Anſehn, und ward nicht um das Geringſte befragt. II.— 13 1 290 Der junge Saint⸗ Simoniſt. 336 Nun, das iſt doch ein wenig zu ſtark! n Frank⸗ reich lag zuckend unter ihren Händen. Der Marquis. Wieder eine falſche Anſicht.... Der Hofadel, oder beſſer geſagt: der Adel von Paris, hatte ſeit langer Zeit ſchon nicht den mindeſten Einfluß auf die Geſchäfte. Eine Herzogin würde Mühe genug gehabt haben, Jemand einen Tabaksverkauf zu verſchaffen. Herr von Villsle verab⸗ ſcheute das, was man die gute Geſellſchaft nennt, und doch verdankte er nächſt der Rednerbühne ihr allein Alles. Als er aber dieſen Fußſchemel nicht mehr nöthig hatte, ſetzte er ihn bei Seite. Man muß deshalb ein wenig weit ausholen. Der Einfluß der höhern Geſellſchaft war ver⸗ ſchiedenen Phaſen unterworfen. Beim Erſcheinen der Charte im Jahre 1814 ſchrie die große Welt in den Sa⸗ lons laut auf, Niemand begriff auch nur ein Wort von dieſem neuen geſellſchaftlichen Vertrage, und offen geſagt, die politiſche Erziehung, die etwas ſpäter ſich ſo ſchnell vollendete, war damals noch nirgends angefangen. Einige höherſtehende Perſonen mochten es immerhin verſuchen, den Frauen die Charte erklären zu wollen: Zeit und Mühe waren verloren. Aber, antwortete man ihnen, das iſt ja doch die Revolution von 1791: der K König dankt ab, in⸗ dem er den Thron beſteigt. Der König iſt nur noch ein Präfekt, vielleicht ſogar ein König von England. Die Oeffentlichkeit der Rednerbühne und der Preſſe ſchien ih⸗ 291 nen eine unerhörte, ungeſtaltete, unerträgliche Neuerung. Mit ſolchen Hemmungen war es unmöglich, vorwärts zu ſchreiten; gerade ſo, als ob man mit Fußſchellen tanzen wollte. Da nun nur wenige Leute wußten, ob ſie die Charte ernſtlich nehmen ſollten, oder nicht, ſo ſchwiegen die Gemäßigten, und nur die Aufgebrachten ließen ſich hö⸗ ren. Sie empörten ſich gegen den Herzog von Richelieu, einen Miniſter, der es vollkommen rechtlich meinte, das repräſentative Syſtem billigte, und es mit Treu' und Glauben anwenden wollte. Selbſt ſeine Redlichkeit be⸗ ſtritt man ihm. Voll Uneigennützigkeit und Gewiſſenhaf⸗ tigkeit, ward er doch mit Schimpfreden beſonders von Leuten ſeiner Klaſſe überhäuft: man erinnere ſich nur an den Conservateur und den Ton aller geſelligen Unterhal⸗ tungen jener Zeit. Ungeſchick, Schändlichkeit, Verrath, Alles, was man in dieſer Art nur Anmuthiges erfinden kann, ward an die Miniſter Ludwigs XVIII. verſchwendet; ja man beſchuldigte ſie ſogar des Meuchelmords. Fragen Sie nur Herrn Decazes! Die Herren von Villèle, von Corbière, und die andern Koryphäen der Provinzial⸗Par⸗ thei benutzten dieſen Wahnſinn; ſie verfehlten nicht, ſich in die Salons der Prinzeſſin von***, und der Frau von***, Damen, die durch ihren Geiſt Einfluß beſaßen, ihres Ranges wegen geachtet waren und deren Ueberſpan⸗ nung man kannte, einzudrängen; kurz, ſie ließen ſich, wie Herr Cabet ſagt, durch die antiliberalen Vornehm⸗ heiten unterſtützen. In der Geſellſchaft herrſchte eine 13* 292 außerordentliche Heftigkeit. Die jüngeren Frauen wurden ihrer endlich müde. Sie nahmen keinen Theil an allen dieſen Verhandlungen; ſie wollten ſich durchaus amüſiren, und bildeten alſo modiſche Kreiſe, von denen bloß die Lan⸗ geweile ausgeſchloſſen war. In ihnen herrſchte politiſche Gleichgültigkeit als oberſte Gebieterin. Sonach durch eine angenehme Exiſtenz befriedigt, und in der feſten Hoffnung, ſie ſich zu erhalten, waren die jungen Frauen nicht im Geringſten gegen die neuen Ideen auf ihrer Hut, und verbannten einen beſchwerlichen Puritanismus. Die große Welt that jeden politiſchen Haß in den Bann, und er⸗ erklärte ihn für geſchmacklos. In der Zwiſchenzeit wur⸗ den die einflußreichen Damen, die großen Hauben, wie ſie mit dem techniſchen Ausdrucke hießen, alt, und zogen ſich größtentheils zurück. Mit ihnen verſchwand auch jene Heftigkeit. Der Ton des High-life ward im Allgemeinen gemäßigt. Das konnte Herr von Villsle allerdings nicht brauchen; aber ſein Weg war bereits gemacht, er bedurfte Niemandes mehr. Da er ſich nicht mehr auf die vor⸗ nehme Geſellſchaft ſtützen konnte, ſo ſchlug er den ariſto⸗ kratiſchen Einfluß in dem Gemüthe des Prinzen, der einſt die Krone erben ſollte, gänzlich in die Flucht. Man hat dies geläugnet, aber es giebt tauſend Beweiſe dafür, von denen ich bloß den erſten und letzten anführen will. Als Karl X. auf den Thron kam, verlor ſein voriger Haus⸗ halt, der aus vornehmen Herren und andern hochgenann⸗ ten Perſonen beſtand, ganz und gar ſein Vertrauen, und 293 vier Jahre ſpäter vereinte ſich der Hof in Maſſe, um Herrn von Villèle zu ſtürzen. Man braucht ſich auch nur der Stimmen der Pairskammer über das Geſetz der Liebe, der Majorate, der Renten und aller ähnlichen zu erinnern. Unſtreitig war dies der angenehmſte Augenblick in der Pariſer vornehmen Welt. Von der miniſteriellen Politik entfernt, ohne Mittel, ſich in die Geſchäfte zu miſchen, flüchtete ſie zu dem Geſchmacke an Wiſſenſchaf⸗ tenn und edleren Vergnügungen. Der Horizont war noch nicht ſo düſter, daß er jede Sicherſtellung geraubt hätte. Bälle, Feſte, lebende Bilder, Geſellſchaftstheater folgten. einander fröhlich auf dem Fuße. Wir werden noch lange Lormois und ſein Theater und ſeine kühlen Schatten und ſeine offne Gaſtfreundlichkeit vermiſſen. Der Herzog von Max*, der treffliche Beſitzer dieſes ſchönen Punkts, könnte kühn das Unglück herausfordern, da es ihn gewiß keinen ſeiner Freunde verlieren laſſen würde. Seine edle Gattin vereint alle Gaben des Geiſtes mit einem kräftigen und muthigen Charakter. Muſter der Anmuth in einer glän⸗ zenden und heitern Lage, würde ſie, wenn es ſein müßte, auch das Muſter eines unerſchütterlichen Muthes darſtel⸗ len. Ich kann Ihnen noch die Marquiſe von M, die würdige Schweſter eines Miniſters, anführen, deſſen Andenken Frankreich lange erhalten wird, Frau von Ch. r, die Vicomteſſe von N.. les, die Frauen von C*n*, von B.. gne, von N..ty, in ſehr verſchiedener Art ſo aus⸗ gezeichnet ued trefflich. Wir beſitzen dieſe noch; wer wird 294 uns aber jene vollendete Frau wiedergeben, welche die all⸗ gemeine Stimme an die Spitze aller geſelligen Kreiſe ſtellte? Wer wird uns dieſen Salon wiedergeben, das wahre Aſyl der Gleichheit, weil nur die Ariſtokratie des Verdienſtes dort zu bemerken war? Die Werke der Her⸗ zogin von Duras, welche wiſſenſchaftlich gebildete Männer gehörig zu ſchätzen wußten, waren oft der Gegenſtand von Anſchwärzungen der Weltleute; denn in dem, was man die Welt nennt, erkennt man das, was die täglichen Gewohn⸗ heiten überſchreitet, nur mit einigem Mißtrauen an. Wozu ſich denn öffentlich hinſtellen? Warum nicht ruhig blei⸗ ben? Was das für eine Wuth iſt, von ſich reden zu laſſen! Sich dem auszuſetzen, in den Zeitungen durchge⸗ hechelt zu werden! Dies ſind die Einwürfe der eleganten Menge gegen jeden etwas kühnen Verſuch. Frau von Duras fühlte ſich über dieſe eitlen Bedenklichkeiten erha⸗ ben. Sie wandte ſich nicht an einen beſchränkten Kreis. Europa würdigte ſie, und ließ ſich oft bei ihr durch die Auswahl ſeiner Staatsmänner und Gelehrten vorſtellen. Selbſt regierende Fürſten beeilten ſich, ſie zu beſuchen. Ich hatte die Ehre, dort den König und die Prinzen von Preußen zu ſehen. Die Herzogin, welche die Beobach⸗ tung des höchſten Anſtandes mit dem Gefühle ihrer eige⸗ nen Würde verband, empfing ihre hohen Gäſte mit den Formen ehrerbietiger Freundſchaft. Ihre wahre innere Zuneigung zog ſie jedoch nicht zu den Machthabern; Ge⸗ nie und Talent übten ſtets auf ſie eine unviderſtehliche 295 Anziehungskraft aus. In ihrer Geſellſchaft befand ſich täglich der Graf Pozzo di Borgo, Geſandter Rußlands, deſſen Unterhaltung immer neuer und feſſelnder ſchien, ſo wie Herr Pasquier, der ſo Vieles und dies ſo gut geſehen hat, und deſſen Geſpräch das geiſtvolle Zuſammenfaſſen eines großen Zeitraumes iſt. Dort haben wir auch zum erſtenmale die begeiſterten Gedichte von Delphine Gay gehört. Frau von Duras horchte ihnen mit faſt mütter⸗ lichem Stolze zu⸗ Chateaubriand, Humboldt, Villemain waren ihre Freunde. Der alte Saint⸗Simoniſt. Ja, ja, ich ſehe ſchon, Frau von Duras war liberal, ein ſchöner Geiſt.— Ihr Salon war eine litterariſche Verſammlung, eine Akademie. Der Marquis. Nichts weniger als das. Gut und nachſichtig, wie ſie war, nahm ſie junge Leute freundlich au, ließ ihnen volle Freiheit, und ſah mit Vergnügen, wie ihr liebenswürdiger Sohn ſich unter ſeinen Spielgenoſſen der ſüßen Luſt ſei⸗ nes Alters überließ. Sie können leicht denken, mein Herr, daß Geſellſchaften dieſer Art, daß dieſe Verbindung des trefflichen ehemaligen Tons und der Aufklärung un⸗ ſerer Zeit einem Miniſterio nicht zuſagen konnte, welches das rückwärtsſchreitendſte und gemeinſte war, das jemals ein Land hat auszuſtehn gehabt.. Der junge Saint⸗Simoniſt. 6 Das ſind in der That ſehr ſonderbare Behauptungen, 296 . 4 3 mein Herr! Ich glaube zwar, daß Sie davon überzeugt ſind; aber ſollten Sie nicht ein wenig zu ſehr dafür im Voraus eingenommen ſein? Ihnen nach müßte ja Ihre Vorſtadt Saint Germain das Heiligthum des Liberalis⸗ mus, die unbezwingliche Feſtung der konſtitutionellen Ord⸗ nung geweſen ſein.— Und der Einfluß des Klerus! Und die Kongregation! was ſagen Sie gefälligſt dazu? Der Marquis. Daß Nichts auf der Welt in jeder Hinſicht ſo nach⸗ theilig war, daß die Vermählung des Throns mit dem Altltare den einen zerſtörte und faſt auch den andern um⸗ warf.... Aber glauben Sie denn, mein Herr, daß dieſe Kongregation eine Verſammlung von blauen Ordensbän⸗ dern war, und daß man Adelsproben ablegen mußte, um dazu gelaſſen zu werden? Allerdings waren Männer von der höchſten Geburt damit verbrüdert, einer ihrer Stifter führte ſogar einen Namen, der den ſchönſten Namen Frankreichs mindeſtens gleichlautet; aber der größte Theil beſtand aus weit tiefer ſtehenden Individuen. Die Per⸗ ſonen, die Nichts waren, zeigten ſich, wie gewöhnlich, geſchickter und anſtelliger als ihre berühmten Patrone. Sie verſtopften alle Zugänge zu der Staatsgewalt, ſie hielten allein den Faden der Geſchäfte, und Viele von denen, welche ſie erſt vorwärts geſchoben hatten, ſahen ſich bald dahin gebracht, ihnen als Poſtillons und zu allem Möglichen zu dienen. Der alte Saint⸗Simoniſt. O Saint Simon!— nicht der Ihre, mein Herr, ſan⸗ dern der meine— o Saint Simon! was würdeſt Du über all dieſes unglückſelige frömmelnde Weſen geſagt ha⸗ ben, das man der elenden Maintenon, Deiner Herzens⸗ feindin, nachgemacht hat? Was iſt aus dir geworden, junge Welt des großen Königs! Wo ſeid ihr hin, ihr ſchönen Tage, wo, wie Herr von Voltaire ſagt: Die ſchönen Montbazon, die Chatillon voll Glänzen, Mit Ludwig zogen durch den Blumenhain in Tänzen. Wie oft habe ich mich in Gedanken in die Gallerie von Verſailles verſetzt, wo Boſſuet, der Prinz, Racine und Frau von Sevigné mit einander in ſüßer Innigkeit des Genies ſchwatzten! Der junge Saint⸗Simoniſt. Täuſchung! Täuſchung! Die Unterhaltung mußte kalt und gezwungen ausfallen. Racine ſtarb vor Furcht, er machte Verbeugungen; Frau von Sevigné drängte ſich, von den Tauſend Zungen der Frau von Montespan eingeſchüchtert, dicht an ihren Freund Dangeau und be⸗ rieth ihn beim Spiel, um ſich Haltung zu verſchaffen; Boſſuet ſchmeichelte mit ſtrenger Miene, und der große Condé bettelte um die Hand einer Baſtardin für fein Enkel. Der Mar quis. Es liegt Wahres in dieſer Karrikatur; aber was chli⸗ 298 ßen Sie daraus? Das Jahrhundert Ludwigs XIV. war eine ſchöne und edle Epoche: es zu vergeſſen, wäre Un⸗ dankbarkeit und Ungeſchick zugleich. Die Ausländer geben ihre Fürſten nicht ſo wohlfeil auf. Doch will ich freilich zugeben, daß das große Jahrhundert zu den Verſtorbenen gehört, die nicht wiederkommen können, und daß, wenn man es durch galvaniſche Hülfsmittel durchaus wieder er⸗ wecken wollte, man ihm ſeinen Geſchmack für die Wiſſen⸗ ſchaften, ſeine hohe Einſicht in Alles, was zum Glanze der Nation beiträgt, laſſen, dagegen aber jenes gothiſche Ceremoniell nehmen müſſe, das ſchon für ſeinen alten Umkreis zu ſchwer war, und nun vollends außer allem Verhältniſſe mit unſern neuen Sitten und Gebräuchen ſteht. Man müßte erlauben, nicht Tartüffe, denn der⸗ gleichen prägt man nicht mehr aus, ſondern klein ge⸗ münzte Tartüffe in Cours zu ſetzen; man müßte— ſein Sie deshalb nicht böſe, lieber Onkel— weder eine rothe, ſchwarze noch graue Compagnie, weder Gardes du Corps(Leibwächter) noch Gardes de la Manche(Aermel⸗ wächter) haben, und das Tabouret auf dem Boden laſſen. — Das göttliche Tabouret! ein Symbol des Glücks, wun⸗ dervoller Sitz, Zielpunkt aller Fräulein von gutem Hauſe, wie die Pairie von allen Bürgerlichen!... Napoleon hatte das Tabouret vernachläſſigt, er, der Herrn von Narbonne dafür ſo verbunden war, daß er ihm einen Brief auf ſeinem Hutkopfe überreicht hatte. Im Jahre 1814 ward dieſe beleidigende Vergeßlichkeit wieder gut 299 gemacht. Man holte im Pomp das Tabouret aus der Vorrathoͤkammer. Es war mit Staub bedeckt. 68. fehlte ihm ſogar ein Bein. ſchließen Sie daraus, wie es ſeit 1789 die Natten bearbeitet hatten! Aber die alten edi men nahmen es doch eifrigſt an, empfahlen es mit Aenn und da Sie klaſſiſche Citate liben: Ungleichen Füßen half die gute Baucis unch Mit S Stückchen vom Geſchirr, das auch die Zeit Sabrag. Es lag überhaupt etwas Enporkömmliches allen Ge⸗ müthern. Niemand hatte ſeinen Rang oder ſein Vermö⸗ gen noch genoſſen. Selbſt Leute von Stand kamen meiſt ganz unerwartet dazu. Die Frau Herzogin! war eine neue Harmonie, welche das Ohr zum erſtenmal kitzelte. Alle Köpfe ſchwindelten. Man begnügte ſich nicht mehr mit dem Tabouret und dem großen Couvert, man erfand die Eintritte in den Thronſaal, eine Auszeichnung, welche unter der vorigen Regierung nie Statt gefunden hatte. Die Comteſſen und Marquiſen wurden als unwürdig, in den Friedensſalon verbannt, nur die betitelten Frauen, d. h. die Herzoginnen und Granden von Spanien(ſo nann⸗ ten ſie ſich ſelbſt gern vorzugsweiſe), drangen bis in den Thronſaal vor. Mehr als einmal ſagte eine von dieſen Damen ganz leicht hin zu ihrer nicht betitelten Gefährtin: „Meine Liebe, ich will da hineingehen. Da ich dort nicht lange bleibe, ſo will ich in der Gallerie der Diana war⸗ ten, bis Sie fertig ſind.“.. Ich gebe zu, daß das Alles 300 Armſeligkeiten ſind, aber ſie reizten doch ſehr auf. Die Perſonen, welche von dieſen ſogenannten Vorzügen aus⸗ geſchloſſen waren, ſahen dieſelben mit lebhaftem Verdruſſe an. In Frankreich begnügt ſich die Demokratie nicht da⸗ mit, am Fuße des Staatsgebäudes ſich zu verlaufen, ſie iſt auch bis zum Gipfel hinauf geſtiegen. Alle Welt ver⸗ langt Gleichſtellung mit ſeinen Obern. Alles duldet man, nur nicht den unmittelbar über ſich geſtellten Thron. Ich verſchone Sie mit der nähern Aufzählung ſolcher Erbärmlichkeiten, ich zeige nur im Vorbeigehen darauf, um Sie auf die Spur der falſchen Richtung zu bringen, die man damals allen Dingen gab. Das brachte freilich keine wichtigen Anſtöße hervor, aber nur um deswillen, weil die große Maſſe des Publikums es gar nicht be⸗ merkte; ſie wußte gar nichis von dem, was in dieſer ei⸗ genthümlichen Region vorfiel. Es war ein kleines Ta⸗ ſchenfrankreich, das ſich in das große Frankreich verirrt hatte, eine Art von Zauberſchloß, mit Gräben, Mauern und Wällen umgeben und in einem dichten Walde bele⸗ gen, von dem aus manchmal ferne, unbeſtimmte Gerüchte erſchollen. Der Hof, ſagte man, ſei nicht Mode; aber er hatte bei alledem auf die vornehme Geſellſchaft ſehr großen Einfluß, beſonders im letzten Jahre. Man errieth ſeine den öffentlichen Freiheiten gefährlichen Pläne. Er ſprach ſich ganz beſtimmt gegen diejenigen Perſonen aus, die er im Verdachte der Läſſigkeit oder einer geheimen Mißbilli⸗ gung hatte. Er ließ ſie eine ſtrenge Behandlung, vorzüg⸗ 301 lich in der Folge lund im Fall des Gelingens, voraus⸗ ahnen. Man wollte ſich nicht an ſeine Abſichten an⸗ ſchließen, aber man fürchtete ſich doch auch, ihn aufzu⸗ bringen. Bei einer ſo ſehr in Verlegenheit ſetzenden Lage fanden politiſche Geſpräche keinen Fortgang; ſie wären zu ernſthaft geweſen. Der Romantismus machte eine Diver⸗ ſion; aber die vornehme Welt gab ſich wenig mit Littera⸗ tur ab; Jeder ſah, wenn die Reihe an ihn kam, Her⸗ nani in der Loge der erſten Kammerjunker des Königs, aber Niemand ſprach davon. Bälle, Menſchengedränge, Routs wurden im Allgemeinen der Unterhaltung und den engern Kreiſen vorgezogen. Schon liefen heimlich finſtere Vorahnungen um; man wollte ſich durch Geräuſch be⸗ täuben. Das Vermögen war geſtiegen, der Luxus ward allgemein. Er beſtand nicht in dem Ausſtellen einer über⸗ ſchwänglichen Fülle, ſondern in der außerordentlichſten und übertriebenen Sorge für die kleinſten Bequemlichkeiten des Lebens. Man wetteiferte in häuslichen Einrichtungen, ſchö⸗ nen Pferden, allerliebſten Wagen. Auch die Tafel ward zur Hauptbeſchäftigung, weniger in Bezug auf eine überſpannte Feinheit der Genüſſe, als auf die größte Eleganz des Ge⸗ räths. Das Silberſervice des Kaiſerreichs war nicht mehr, ſich mit ſeinen griechiſchen Formen ſehen zu laſſen; um darſtellbar zu ſein, mußte es ſich à la Walter Scott klei⸗ den, mußte gothiſch⸗engliſch werden. Die Auswahl von Gedecken, Kryſtallgläſern, Bronzen ward zum Gegenſtande der Eigenliebe, und die Herren vom Hauſe dachten weit 302 mehr daran, als an die Wahl ihrer Gäſte. Die Freiheit, die Leichtigkeit der Unterhaltung verdunkelte ſich vor die⸗ ſer zu materiellen Sorgfalt. Statt der ſonſtigen Herzlich⸗ keit trat eiſiger Froſt und ermüdender Zwang ein, und irre ich nicht, ſo gab es ſeit dem Ende unſrer erſten Revolution wenig langweiligere und mühſeliger zu ertragende Epochen, als das letzte Jahr der Regierung Karls X. Herr von Salvandy hat Recht: man tanzte auf dem Vulkane. Das iſt allerdings ſehr poetiſch, aber man ward ſich deſſen zu ſehr bewußt, man roch zu ſehr den Rauch des Veſuvs. Deer junge Saint⸗Simoniſt. 1 und während dieſer unſinnige Luxus einige Müßiggän⸗ der beluſtigte, litt der Arme und ſtarb vor huilder Der Marquis. Niemand hat noch je die Vorſtadt Saint Germain an⸗ veuae nicht mildthätig zu ſein: Sie ſind gewiß der Erſte. Der junge Saint⸗Simoniſt. Schöne Mildthätigkeit! Einige Almoſenpfennige, um zu glänzen, um ſich deren zu rühmen!— Almoſen zu ge⸗ ben iſt kein Verdienſt; man giebt dem Armen dadurch nur das, was er das Recht hätte, ſich zu nehmen; aber es wird eine Zeit kommen, wo dieſen albernen Vorurtheilen ihr Recht widerfahren wird, und bald meſden Gebuuk, Wer Der Marquis. en was das Vermögen betrifft, ſo bitte ich angghaltent — Sie werden es nie dahin bringen, dies vom Throne zu 303 ſtoßeen. Denn Fortuna iſt keine Gottheit mehr, ſondern eine einfache, ſehr einfache Sterbliche. Vom Urſprunge an begehrenswerth, ihrem Weſen nach veränderlich, gehört ſie keinem Verhältniſſe ausſchließlich. Genießt ſie einige Pri⸗ vilegien, ſo hat ſie nur den Nießbrauch davon, und nicht einmal immer auf Lebenszeit. Die mindeſte Widerwärtig⸗ keit kann ſie wieder zum Rücktritt ins gemeine Recht nöthi⸗ gen. Das Gefühl ihrer Wandelbarkeit ſtärkt und entwaff⸗ net. Wenn ſie der Fußgänger vorüberſchweben ſieht, ſagt er manchmal: So werde ich vielleicht morgen ſein. Vor Allem aber ſagt er mit einem noch herzlichern Lächeln: Morgen wird ſie vielleicht ſo ſein, wie ich. Fortuna gehört in die Klaſſe allgemeiner Ideen, ſo wie die Geſundheit, wie das häusliche Glück. Sie wird von allen Ständen begehrt, gewürdigt, verſtanden. Fortuna iſt keine Fremde für den großen Haufen, ſie iſt eine Freundin, ein bekann⸗ tes Geſicht, kurz, das verzogene Kind einer und derſelben Familie. Nicht ſelten hat ihre Phyſiognomie etwas ſehr Materielles, Gewöhnliches, ja ſelbſt Gemeines, was aber nicht mißfällt Manchmal wird ſie auch von ſich ſelbſt trunken und bläſt ſich auf; dann demüthigt man ſie gern ein wenig, giebt ihr gern eine gute Lehre, eine leichte Kor⸗ rektion, einen Ruck mit dem Kappzaum, wie es der Her⸗ zog von Saint Simon, Ihr Freund, nennt. Aber behüte uns der Himmel davor, ſie ohne Appellation zu verurthei⸗ len, ſie aus der Stadt verbannen zu wollen! Sie iſt eine Landsmännik, eine Schweſter; ſie iſt keine Nebenbuhlerin 304 aus fremdem Blute. Mit dem Adel iſt es etwas ganz Anderes. Gegen dieſen ſind alle plebejiſchen Vorurtheile unter den Waffen. Man kennt ihn nicht, man will ihn nicht einmal kennen lernen. Er iſt ein Weſen für ſich, das nicht das gewöhnliche Leben lebt. Sein Einhergehen, ſeine Sprache, ſeine Gewohnheiten gehören ihm ausſchließ⸗ lich an. Nichts an ihm iſt volksthümlich. Es liegt in ſeiner Phyſiognomie Etwas, das Entfernung und Mißtrauen einflößt. So drücken ſich nur zu oft vielleicht aufrichtig meinende, aber im Allgemeinen ungerechte und der Lan⸗ deseinheit verderbliche Vorurtheile aus. Welcher blinde und kindiſche Haß! Grauſames Knabenſpiel! Was will man denn? Gegen wen bewaffnet man ſich denn? Iſt denn der Adel noch eine Wirklichkeit? Iſt er denn nicht bloß ein Schatten, oder vielmehr ein leichtes Wölkchen, mit den Farben der untergehenden Sonne bemalt?.... Ja, die politiſche Ariſtokratie iſt nicht mehr vorhanden, aber die geſellige Ariſtokratie iſt unzerſtörbar. Gehören ein Ban⸗ kier, der Millionen beſitzt, ein Fabrik⸗Inhaber, der einem ganzen Arrondiſſement zu arbeiten giebt, zur Ariſtokratie? Die Antwort ſetzt in Verlegenheit. Beweis dafür, daß dieſe Klaſſifikation bloß ideal iſt, daß ſie nicht mehr eine Thatſache, ſondern bloß eine Redensart, eine alte Gewohn⸗ heit, eine verabredete Sache iſt. Auf den Landkarten iſt ein Land blau, roth oder gelb bezeichnet. Iſt es denn in der That blau? iſt es roth? iſt es gelb? Nein, einen etwas mehr oder minder heißen Himmel abgerechnet, ſehen 30⁵* ſich alle Länder unter einer und derſelben Zone ſo ziemlich gleich. Sie ſind alle mit Städten, Feldern und Wäldern bedeckt. Im Phyſiſchen alſo vollkommene Gleichheit unter ihnen. Man legt ihnen verſchiedene Namen bei, um ſie nicht mit einander zu verwechſeln. Mit den alten Benen⸗ nungen der Ariſtokratie oder Demokratie iſt es derſelbe Fall. Sie unterſtützen das Gedächtniß, oder verwirren viel⸗ mehr die Ideen. Es wäre Zeit, darauf zu verzichten. Ein geſchickter Oppoſitionsredner hat mit Recht geſagt: es giebt in Frankreich nur zwei Klaſſen von Menſchen, die, welche Etwas beſitzen, und die, welche Nichts beſitzen. Das Ei⸗ genthum(ich bitte den Schatten Heinrich Saint Simons deshalb um Vergebung), das Eigenthum iſt ſtets die Kraft, der Nerv, die Seele Frankreichs. Die Saint⸗Simoniſten lieben es, uns als Müßiggänger zu behandeln; aber Mü⸗ biggänger unſerer Art ſind nothwendig: denn ohne uns Müßiggänger würde die arbeitende Klaſſe höchſtens ins Hos⸗ pital wandern. Was würden ihnen die Saint⸗Simonia⸗ ner zu ihrem Unterhalte anbieten? Unſtreitig eine Num⸗. mer des Globe. Schwache Hülfe! Unſer fauler Müßiggang iſt für die Unglücklichen vortheilhafter. An die Eigenthü⸗ mer, an dieſen nationellen Phalanx muß ſich der franzö⸗ ſiſche Adel anſchließen. Er gehört auch ſchon größtentheils dazu. Er beſitzt vielleicht den größten Theil des Landes; Ritter dieſes geheiligten Intereſſe, das tauſend Einſichten faſſen, tauſend Arme vertheidigen, muß er alſo werden, und aufhören, ſich in hohlen Träumen von Intereſſen, die nir⸗ 13 306 gends mehr einen Halt haben, die Niemand verſteht, und die allein zu vertheidigen er viel zu ſchwach iſt, erſchöpfen. Gemeinſchaftliche Sache muß er mit der Mittelklaſſe ma⸗ chen, denn man muß ſich dieſes Ausdruckes wohl einſtwei⸗ len bedienen, ob er gleich keinen Sinn mehr hat. Das Eigenthum eines Landbeſitzers, das 100,000 Franks Ein⸗ künfte gewährt, und das eines Schuppens an der Ecke der Straße Moulletard, ſind eine und dieſelbe Thatſache, nur unter verſchiedener Form. Dieſelben Geſetze ſichern ſie, ſie ſind aus demſelben Grunde heilig und unverletzlich. Ich habe ſchon oft, noch vor dem Juli, geſagt, möge immer⸗ hin auch eine Revolution kommen, ſo wird, Dank ſei es der glücklichen Vertheilung des Eigenthums, die Hütte das Schloß retten. Greift Ihr das Schloß an, ſo läuft aber auch die Hütte große Gefahr. Dies iſt das eigentliche Recht des Adels. Es iſt feſt verbunden mit ſeiner Qualität als Eigenthumsbeſitzer, und wenn er ſich eine Exiſtenz an⸗ maßen wollte, welche dieſem Rechte fremd wäre, würde der übrige Theil Frankreichs billig dagegen ſich auflehnen; die Pairskammer macht keine Ausnahme von dieſer Regel. Wäre die Pairie erblich geblieben, ſo wäre ſie doch nur ein obrigkeitliches Amt, keinesweges aber eine Ariſtokratie geweſen. Ihre Freunde haben ihr dieſen Beinamen gegeben, ſie haben ſie als den einzigen in Frankreich möglichen Adel ausgeſchrieen. Sie hatten vollkommen Unrecht. Man hat ſie beim Worte genommen und die Pairie wie ein Adels⸗ weſen behandelt. Dies iſt, wenn ich mich nicht ſelbſt täuſche, . 307 ganz genau die Lage der ſogenannten privilegirten Klaſſe.. Ich bilde mir auch ein, daß ſie ſich der geſunden Vernunft in dieſem ihrem wahren Lichte darſtellt. Alle verſtändige Menſchen, welcher Klaſſe ſie auch angehören mögen, wer⸗ den ihr ihre Erinnerungen als ein Recht, aber nicht als eine Zierde beſtreiten. Doch giebt es noch allerdings ſchwie⸗ rigere, finſtrere, anſpruchsvollere Anſichten darüber. Dies i*ſt eine Quinteſſenz, ein Elixir plebejiſcher Eitelkeit. Ihr nach dürfte ein ſchöner Name ſelbſt keinen geſelligen Vor⸗ zug geben. Es wäre durchaus gleichgültig, ob man ſich Montmorency oder Pierrot nenne; ja, es ſei ſogar beſſer, ſich nicht Nontmorency zu nennen! Man muß das Pu⸗ blikum beinahe dazu zwingen, mit einem hiſtoriſchen Namen keinen Sinn zu verbinden. Vor allen Dingen muß man alle Titel abſchaffen. Schafft alſo auch die Namen ab; denn ein Titel giebt einem gekannten Namen keine größere Bedeutung. Was verſchlägt's Herrn von Montmorency, Herzog zu ſein, oder nicht? Als Napoleon ihn zum Grafen machte, bedauerte er ſeinen alten Freiherrntitel. Möge er nun aber Graf, Baron oder Herzog ſein: ſein Geſchlecht findet man doch auf allen Seiten der franzöſtſchen Geſchichte. Ich führe allerdings hier das Höchſte in dieſer Art an. Ich gebe zu, daß der Wegfall eines Titels vielen andern Familien mehr Nachtheil bringen würde; aber Alles geht ſtufenweiſe. Nehmen wir einmal an, wohin es jedoch nie kommen wird, daß die kleinlichen und gewaltſamen Ideen die Oberhand behielten: was hätte man denn dann davon, 308 wenn man das Vergangene verfolgte, wenn man das ver⸗ bannte, was man nicht verbannen kann? Man würde die Trümmer der alten vornehmen Welt zwingen, ſich zuſam⸗ men zu ketten, einzig nur unter ſich zu leben. Der Co⸗ mité des öffentlichen Wohls(Wohlfahrtsausſchuß) hat die Vorſtadt Saint Germain geſchaffen. Das Kaiſerreich hat ſie fortgeſetzt, es hat ihr neue Kraft gegeben. Die Re⸗ ſtauration hat ſie vernichtet. Unter dem Kaiſerreiche bil⸗ dete ſie eine Kaſte für ſich. Unter der Reſtauration iſt die Gleichheit der Titel, der Anſtellungen, beſonders die Gleich⸗ ſtellung der Pairskammer, über beide Ariſtokratieen weg⸗ gegangen. Wollen Sie nun die alte Demarkationslinie von Neuem wieder ziehen laſſen? Wollen Sie den Adel in ſein Viertel einſperren, wie die Juden im Ghetto zu Rom? Wollen ſie das Zuſammenſtrömen verhindern, das früher oder ſpäter durch das parlamentariſche Leben, die Gewohnheit, ſich zu ſehen und zu begegnen und Freund⸗ ſchaftsbande, ja vielleicht ſelbſt durch Verheirathungen, doch wieder ſtatt finden wird? Was würden Sie dabei gewin⸗ nen? Der alte Adel würde wieder eine Macht werden!... Die Aufhebung der Erblichkeit der Pairie hat ſchon die Hälfte des Werks vollendet. Sie werden es bald gewahr werden. Halten Sie ſich für geſchicktere Nivelleurs als die Männer von 1793 1 Der alte Saint⸗Simoniſt. Meinetwegen denn: man verfolge uns! man zwinge uns, zuſammen zu halten! Dann würde ich doch wenigſtens 309 dieſe verhaßte Unordnung, dieſe Vermiſchung nicht mehr ſehen, die der Herr Herzog von Saint Simon niemals er⸗ tragen haben würde. 3 Der junge Saint⸗ Simoniſt. Da hören Sie! Ol die Unverbeſſerlichen! Der Marquis. Verfolgen! verbannen!... ol lieber Onkel, daran denkt Niemand. Dieſer Durſt nach Märtyrerthum— verzeihen Sie mir den Ausdruck— der ſo viele vortreffliche Herren im Foyer der italieniſchen Oper verzehrt, iſt, im Grunde genommen, auch eine Erbärmlichkeit. Das Märtyrerthum! — Sie wünſchen ſich das Märtyrerthum!— Sie werden deſſen nicht überdrüßig;.... aber Sie werden es nicht er⸗ langen. Ueberzeugen Sie ſich wohl davon, und theilen ſie es oft Ihren Freunden mit! Die gegenwärtige Lage der Ariſtokratie iſt ſchwer zu beſchreiben, oder vielmehr: die Ariſtokratie iſt getheilt. Ein Theil derſelben hat ſich offen und ehrlich mit der Regierung verbunden. Es giebt keinen einzigen jener großen Namen, ja der größten in Frankreich, der nicht ſeinen Repräſentanten im Palais Royal hätte. Einige ſchmollen noch; die Vernunft wird ſie aber ſchon bekehren, ihr werden ſie ſich ergeben, nicht aber den Lok⸗ kungen der Bälle und Feſte, wie unlängſt ein Journal in einem ſehr abgeſchmackten Aufſatze ſagte, den man höchſt verbindlich Perſonen Schuld gab, die man doch deſſen durch⸗ aus für unfähig hätte halten ſollen. Wer denkt denn übri⸗ gens jetzt daran, Netze und Fallen zu ſtellen Die gegen⸗ 310 wärtige Dynaſtie iſt kein Emporkömmling, ſie iſt aus zu gutem Hauſe, um ſich Höflinge zu werben. Die Thore der Tuilerien ſtehen offen. Wer kommt, wird freundlich aufgenommen. Ueber das Erſcheinen freut man ſich, die Abweſenheit wird nicht bemerkt. Wir leben nicht mehr in den Zeiten, wo man auf Befehl und zum Frohndienſte nach Hofe ging, wo ein Polizeiminiſter den Staat zu ret⸗ ten glaubte, wenn er eine Präſentations⸗Preſſe, wie in England eine Matroſenpreſſe veranſtaltete. Jedermann be⸗ herzigt übrigens den Werth der Verhältniſſe und Erinne⸗ rungen. Diener, welche vom vorigen Hofe mit Wohltha⸗ ten überhäuft wurden, können immer das Andenken daran heilig bewahren; ihr Benehmen iſt achtungswerth, nur haben einige von ihnen darin Unrecht, daß ſie ſich ihr Bedauern zur Bitterkeit und Schärfe hinreißen laſſen. Wozu dieſe Beleidigungen? Wozu dieſe Herausforderungen? Wer ſtaunte nicht über die giftigen Geſpräche, von denen noch neulich der Saal des Luxemburg wiederhallte? Sie ſtanden im ſchneidendſten Widerſpruche gegen den Charakter und die Jugend des Mannes, dem dieſer Strom von Beleidigun⸗ gen entfloß. Ich liebe, ich ſchätze ihn, ich bin um ſeinet⸗ und meinetwillen außer mir darüber. Glücklicherweiſe haben ſeine Worte kein ſtarkes Echo gefunden. In der That, was ſoll man von Reden erwarten, die ohne alle Beweiſe ausgeſtoßen werden? Man muß wider Willen lächeln, wenn man einer Regierung eine reaktionaire(rückwirkende) Ten⸗ denz vorwerfen hört, der ſie doch geradezu entgegengeſetzt 311 iſt! Mit noch größerm Bedauern ſehe ich das Genie ſich an ſolchen frivolen Witzſpielen ergötzen. Schickt ſich's für daſſelbe, bis zu der allerverbrauchteſten Figur in der Rheto⸗ rik, der Vorausſetzung, herabzuſteigene Wenn man mei⸗ nen Chef wird geſtürzt haben... ſagt ein berühm⸗ ter Schriftſteller... Aber, mein Gott! wer denkt denn an eine ſolche Frevelthat? Welche Hand ſollte es denn wagen, einen ſeit langer Zeit mit Lorbeeren überſchütteten Chef anzutaſten? Wir werden Dich ſtets bewundern, großer Dichter; aber erlaube uns, Dir nicht zu glauben. Wenn Du Dein Vaterland liebſt, und zu viel zu ſeinem Ruhm beiträgſt, um es nicht zu lieben, ſo unterſtütze ſeine Schritte auf dem Wege durch die Hinderniſſe, die ſich glücklicher⸗ weiſe mit jedem Tage mehr ebnen, und ſuche nicht, es in die Zufälle einer neuen Revolution zu ſtürzen. Dieſe Rolle iſt Deiner nicht würdig.. Deinem Leben nachtrachten!... Hat man ſich denn je feindſelig auch nur gegen Dein Werk benommen?.... O nein, man verkauft es an Jeden, man ſieht es hinter den Scheiben aller Buchhändler. Vielleicht ſtellen ſich gutmüthige Seelen den edlen Verfaſſer als ver⸗ bannt, mit Ketten belaſtet, in einen verpeſteten Kerker ge⸗ worfen, und, wie Taſſo, des Glücks ſchreiben zu können be⸗ raubt, vor. Ich kann ſie tröſten. Ich habe das Vergnü⸗ gen gehabt, ihm vorgeſtern zu begegnen, wo er ganz ruhig die Lithographieen auf dem Quai Malaquais betrachtete.— Kaum hatte der Marquis dieſe Art von Proſopopöe vollendet, als ein Platzregen ſich ergoß und die Spazier⸗ 312. gänger zerſtreute. Tauſend Regenſchirme entfalteten ſich auf einmal, wie eben ſo viele Palankins. Meine Saint⸗ Simoniſten verſchwanden unter den Arkaden. Ich ſah ſie nicht wieder, und hörte bloß in der Ferne eine Tenor⸗ und eine Baßſtimme zugleich mit ſchmerzlichem Tone aus⸗ rufen: O Saint Simon!— O Saint Simon!— O Saint Simon! Alles dieſes fiel vor am ſechsten November des Jahres nach Chriſti Geburt 1831. Graf Alexis von Saint Prieſt. Ein Disciplinargericht der Nationalgarde. E⸗ war eines Dienſtags vergangenen Monats, Madame Malibran trat eben zum erſten Male wieder in der Rolle der Ninette auf, und ich achte mich ſelbſt zu ſehr, um ihr dichteriſches Talent nicht enthuſiaſtiſch zu lieben. Man muß, meiner Anſicht nach, entweder nicht vollſtändig orga⸗ niſirt, oder Redakteur eines gewiſſen Journals ſein, um bei dem Anblicke dieſes köſtlichen weiblichen Geſchöpfs, das, ſelbſt wenn es nur ein Weib wäre, doch ſchon das hinreißendſte von allen ſein würde, etwas Anderes als Be⸗ wunderung zu fühlen. Aber die Reize ihrer Perſon, dieſer lockenden Phantaſie der Natur, ſind Nichts; ihre Stimme überraſcht, entzückt, ihre Seele ſpricht zu Eurer Seele, ihre Pantomime zieht Euch mächtig, gleich dem Magnet, an ſich, und hält Euch in ſeinem Zauberbanne! Wenn ſie will, müßt Ihr ſchaudern, weinen;... dann habt Ihr noch Thränen in den Augen, und ſie läßt Euch doch wieder II. 1 14 314 S lachen, auf Eurer Bank in die Höhe ſpringen, außer Euch gerathen, Bravo ſchreien und mit den Füßen ſtampfen! Ich ſagte alſo, ſie ſpielte nach einer langen, langen Abweſenheit zum erſten Male wieder. Lablache war auch dabei, Lablache mit ſeiner mächtigen Stimme, ſeinem glän⸗ zenden und leichten Spiel. Eine ſchöne Bekanntſchaft für einen Kunſtliebhaber, die hier zu machen, eine ſüßere noch, wenn ſie zu erneuern war. Aber dann hatte ich auch noch nie den Tenoriſten Rubin gehört, kannte ihn gar nicht. Dreifacher Reiz, anmuthiger Abend! Ich eile, ich fliege, ich bin ſchon da!— O du Nichts menſchlicher Genüſſe, thörigte Macht des Poſitiven! Wie bin ich her⸗ abgeſchleudert aus dem Himmel meiner Täuſchungen.... kein Platz mehr, auch nicht der kleinſte, der beſcheidenſte, ſelbſt um Gold nicht! Die Platz⸗Bankiers haben ſchon ihren Antheil am Steigen negozirt. Was nun mit meinem Abend und noch dazu bei übler Laune anfangen? Soll ich mein Geld in eins unſerer, größtentheils ſo bedürftigen Nationaltheater tragen? Wahr⸗ haſtig nein— ich bin Egoiſt in meinen Vergnügungen! Uebrigens denke ich hinſichtlich der Theater wie der ehema⸗ lige Stutzer hinſichtlich ſeiner Beinkleider. Kann ich hin⸗ einkommen, ſo mag ich nicht. Soll ich mich in ein Leſe⸗ kabinet einſperren und in den Abendjournalen ein 1025ſtes Protokoll der Konferenz aufſuchen? Eben ſo wenig: dieſe Protokolle langweilen mich, ſie gleichen dem Liede des Königs Dagobert, von dem Niemand bis jetzt das Ende hat auffin⸗ 3ʃ15 den können. Womit ſoll ich denn aber nun die fünf Stun⸗ den verthun, die mir heute bis Mitternacht noch zu verle⸗ ben bleiben? 43 Glücklicherweiſe fiel mir eine gewiſſe Citation vor das Disciplinargericht meiner Legion ein. Ich wollte ſie wegen der Malibran übergehn. Weil die Diva aber mich über⸗ gangen hat, hin denn ins Disciplinargericht! Das iſt ja ein Schauſpiel wie jedes andere, und es wird für mich wenigſtens den Reiz der Neuheit haben. Ich werfe alſo noch einen Blick, den letzten Blick des Abſchieds, auf das Periſtil der italieniſchen Oper, nehme mich vor den elegan⸗ ten Equipagen in Acht, die von allen Seiten anfahren, demüthige mich, indem ich mich weidlich beſpritze, und gehe langſam nach der Mairie meines Bezirks hin. Es war noch ziemlich zeitig, und ob die Citation gleich auf ſechs Uhr lautete, war doch der Bürger⸗Areopag noch nicht zugegen. Nur ein Trommelſchläger war da, ganz allein, in einem Vorſaale bei einem kleinen Tiſche, und ſang die Pariſienne; denn ein Tambour von der National⸗ garde muß nothwendig die Pariſienne ſingen. Ich hätte, ſo ein guter Patriot ich auch bin, doch lieber die Gazza ladra gehört. Endlich legte ich nun meine Citation in die Hände des galanten Troubadours nieder. tee „Aha, deshalb ſind der Herr da.... recht gut; haben Sie doch die Güte, ſich zu ſetzen. Der Herr ſtehen unſtrei⸗ tig unter den Grenadieren? O! das iſt eine ſchöne Uni⸗ form für Jemand, der die Troddeln an der Müs hat“ 1* 316 — Nein, mein Freund, ich bin nicht Grenadier.—„Aha, da iſt der Herr unter den Jägern: das ſieht man gleich, der luſtige Jäger früh aufſteht, wie's im Liede heißt. O! der Herr iſt in jeder Hinſicht deſſen werth.“— Auch eben ſo wenig Jäger als Grenadier.—„Alſo Voltigeur iſt der Herr. Da mache ich meinen Glückwunſch. Der Volti⸗ geur iſt vom feinſten Wuchſe und im Civil wie im Mili⸗ tair gern geſehen.“— Aber, mein Gott, Tambour! ich habe nicht einmal die Ehre, das Schildchen und die gelben Epauletten zu tragen.—„Wenn der Herr noch Biſet*) iſt, ſo iſt das nur um ſo verdienſtlicher; denn am Ende ſteht auch der runde Hut gar nicht übel.“— Mein gefälliger Tambour würde mir ohne Zweifel be⸗ wieſen haben, daß das Koſtüm eines Biſet die allergefäl⸗ ligſte Uniform der ganzen Legion ſei; es ließ ſich aber ein leiſes Geräuſch vernehmen, man ſtieg die Treppen herauf⸗ die Thür öffnete ſich, und meine Richter traten nach und nach herein. Während dieſes Defilirens der quaſimilitai⸗ riſchen Beamten fing der Tambour wieder an, die Pari⸗ ſienne zu ſingen, aber diesmal, wie es ſchien, mit Abſicht. Das erſte Mitglied des Gerichts, das vor uns vorüber⸗ kommt, iſt ein kleiner, brauner, wohl geſchnürter, gut zugeknöpfter Herr mit einem Ponaparte⸗Hute, die hohe Spitze vorn. Es iſt ein alter braver Soldat, aber ein wenig Gascogner. Er hält viel auf dieſe Art, den Hut *) Angeworbene, aber noch nicht eingekleidete Mannſchaft. 317 außzuſetzen, weil ihm die Seinigen geſagt haben, daß er darin Aehnlichkeit mit dem Kaiſer habe, obgleich er eine Stumpfnaſe trägt. „Surückgekehrt ſind die drei Farben, und ſtolz prangt neu die Säule nun...“ ſang der würdige Tambour in der Fiſtel, und der Herr grüßte, wie Gobert im Theater der Porte Saint Martin grüßt. Jetzt kommt ein anderer Offizier, und der unermüdliche Sänger fängt wieder mit ſtärkerer Stimme an: „Soldat der dreifarbigen Fahne, Orleans, der Du einſt ſelbſt ſie trugſt!..“ Ein wohlwollendes Lächeln dankt für dieſe neue Variante, und ich kann leicht errathen, daß der Herr Kapitain der Voltigeurs öfter in die Tuilerien als zu Lafayette geht.— So kommt ein Richter nach dem andern, und mein Diplo⸗ mat aus der Wachſtube fährt in ſeinem variirten und ca⸗ denzirten Manöver fort, aus dem ich gleich die politiſche Meinung eines Jeden erſehen kann. Jedem wird nach ſei⸗ ner Art geſchmeichelt, und es kann nicht fehlen, daß die⸗ ſer Tambour bald Regimentstambour ſein muß. Sieben Uhr iſt vorüber, das Heiligthum des Gerichts iſt geöffnet, und die Vorgeforderten, die unterdeſſen in Menge angekommen ſind, dringen mit mir hinein.— Es iſt dies ein kieiner Saal, ſchlecht erleuchtet(ich bitte zu bemer⸗ 318 ken, daß ich bloß vom Saale ſpreche), mit ſechs Bänken, drei Wandleuchtern, einer Municipalwache und zwei der Polizei abgeborgten Schildwachen. Doch um Vergebung, ich vergaß den Tambour, der jetzt das Ehrenamt eines Ge⸗ richtsdieners und Thürſtehers verſieht. Im Hintergrunde des Saales, auf einer kleinen, mit einem Büreau verſehe⸗ nen Erhöhung, ſitzt das Tribunal. Der Präſident natürlich in der Mitte, und die Räthe ihm rechts und links, einen Halbkreis bildend, nach der Rangfolge; denn in der Zu⸗ ſammenſetzung dieſes Gerichshofes giebt's von Allem Etwas, vom Bataillons⸗Chef an bis zum gemeinen Bürger⸗Sol⸗ daten. Tiefer unten und vor einem Büreau ſitzt der rap⸗ portirende Hauptmann und der Sekretair, Einer zur Rech⸗ ten der Andere zur Linken des Präſidenten. Dies iſt die Dekoration und Scenerie beim Außiehen des Vorhanges, 2 12ʃ oder vielmehr bei Eröffnung der Sitzung. Ich weiß ſchon im voraus, wie man geſehen hat, wie jeder dieſer Herren hinſichtlich der Politik und der Natio⸗ nalgarde denkt; jetzt will ich aus ihren Geſichtern nach Lavaterſchen Grundſätzen die Beſchaffenheit ihrer Beſchäf⸗ tigung und ihrer Fähigkeiten zu errathen ſuchen. Friſch ans Werk! Dieſe Herren richten, ich will es auch thun. Zuerſt aber etwas Näheres über meine Nachbarn, denn ſie ſind ſo ſchnell bei mir vorübergegangen, daß ich Nichts geſehen habe. Ueberdies verändert auch die Uniform einen Menſchen ſehr zu ſeinem Vortheile, und das iſt unſtrei⸗ 319 tig der Grund, warum ſo viele Leute darauf halten, zur Nationalgarde zu gehören. Zwei große Schöpsaugen ſind auf mich gerichtet, und ſcheinen mir wie auf einem Maskenballe zu ſagen: ich kenne Dich!... Wer iſt denn dieſer Menſch? Nein wahrhaftig⸗ ich irre mich nicht, das iſt mein ehemaliger Arzt, der ſeine dumme Oberlippe mit einem großen blonden Schnurrbarte bedeckt hat. Dieſer Vortreffliche hatte mich ſchon als Arzt vor ziemlicher Zeit aufgegeben; ich habe jedoch, Gott ſei Dank! dagegen appellirt. Ich erinnere mich, daß Blutegel bei ihm ein Syſtem, ja ſelbſt eine Lieblingsneigung waren, und er folglich ganz deutlich zu den Miniſteriellen gehörte. Auch ſtimmte er im Juli 1830 in der That für die Or⸗ donnanzen(Spaß bei Seite); Karl X. hatte auch die Na⸗ tion aufgegeben; ſie und ich haben unſern Arzt verändert. Fahren wir fort in der Muſterung der Gallerie. Hin⸗ ter der Naſe eines Jäger⸗Sergeanten erblicke ich eine völ⸗ lig arithmetiſche Figur, eine eingefleiſchte Quittung, kurz einen Hauseigenthümer.. es iſt der meine. Er will ſich verbergen, aber vergebens; er iſt genöthigt, mit mir einen Blick zu wechſeln. Ich weiß wohl, daß er mir morgen, wenn mein Urtheil geſprochen iſt, von der Strenge der Geſetze, von ſeinen Pflichten als obrigkeitlicher Sergeant⸗ Major vorſchwatzen wird; aber ich, da ich einmal dann pweerurtheilt bin, werde auch meinerſeits mit ihm vom Frie⸗ densrichter ſprechen, denn ich habe einen Miethkontrakt, und meine Kamine rauchen. 320 Noch treten mir vier unbedeutende Geſtalten vor die Augen: nicht ein Zug, nicht eine Linie, die Etwas ſagte; Holzköpfe, weiter nichts!... Ha! welch ein Glück! Da ſehe ich auch einen Kopf auf einen blauen Kleide mit ro⸗ them Kragen, aber einen Kopf, der beim erſten Anblicke ſagt:„Ihr ſeht gleich, wem ich angehöre.“ Wenn dies nicht ein Gewürzkrämer iſt, ſo müßte ich viel Unglück ha⸗ ben. Halt, Ihr ſollt nach ſeinem Portrait ſelbſt darüber urtheilen. Doch nein, das iſt unnöthig, Ihr wißt es ſchon ohnedies: der Gewürzkrämer iſt typiſch, und ſein Geſicht iſt eins und daſſelbe für die ganze Art!— Glaubt Ihr nicht auch, daß man zum Gewürzkrämer geboren wird, wie zum Dichter oder großen Feldherrn? Nur daß man aus Eigenliebe lieber zu den beiden letzteren geboren ſein möchte. uUm Alles kurz zuſammen zu faſſen, giebt es in dieſem Disciplinargericht, wie in allen ſprechenden, richtenden, verhandelnden und oft nicht ganz klug redenden Verſamm⸗ lungen, einen oder zwei gute K Köpfe und eine feine Anzahl braver Leute, die ihr Amt nicht eben allzu lächerlich ver⸗ walten, weil ſie es weder mit Widerwillen noch Anſpruch thun, dann der übrige Theil, die Maſſe!... das ſind ehrliche Bürgersleute in Uniform, die ſich hier zum Rich⸗ ten einfinden, um einen Augenblick hinzubringen, wie ſie ins Kaffee der Regentſchaft gehen, und ſich um eine Schach⸗ parthie mit herſtellen würden. Sie billigen, mißbilligen, ſprechen los, verurtheilen, und verſtehen ſehr wenig davon. 321 2 Es giebt ſogar welche unter ihnen, die ganz und gar Nichts verſtehen; aber ſie gehören einmal zum Disciplinargericht, und Sonntags können dann ihre theuern Ehehälften ſa⸗ gen:„mein Mann ſitzt im Diseiplinargerichte.“ Das iſt ſchmeichelhaft, das iſt in einer Wͤhlerkamilie eine Würde... das iſt die Laden⸗Ariſtokratie. Ich will in meinen ſtillen Bemeikungen über das Per⸗ ſonale der Verſammlung fortfahren. So wie der Herr Sekretair meinen Namen ausſpricht, wiederholt ihn— verſteht ſich, ganz verdreht— der Gerichtsdiener⸗Tam⸗ bour, und da bin ich ſchon auf dem Armenſünderſtühl⸗ chen, das heißt auf der kleinen Erhöhung, dem Tribunal gegenüber, mit dem Rücken nach dem Publikum zu.— Ich fange nun an zu fragen, was der Nationalgarde zu Befehl ſteht, und man ſagt mir, daß ich zum erſten Bataillon, zweiten Comyagnie und unter die Jäger gehöre. Ich be⸗ danke mich bei Allen, die’es angeht, für dieſe angenehme Ueberraſchung, an welche ich gar nicht gedacht hatte.— i feinen Wachtzettel erhalten,“ ſagte man mir.— Das iſt möglich, aber ich leſe ſo Etwas nie.—„Sie ſind deſſenungeachtet unter die Jäger en⸗ rollirt. Da, der Heir links hat Sie rekrutirt.“— Ich ver⸗ neige mich vor meinem Anwerber. Es iſt ein Männchen, höchſtens 4 Fuß hoch, und doch ſteht er unter den Gre⸗ nadieren, da ey bewieſen hat, daß er 5 Fuß 10 Zoll meſſe, nämlich nach folgendem Exempel: 4 Fuß der Menſch, 22 Zoll die Grenadiermütze mit dem Stutze, folglich zuſam⸗ 322 men 5 Fuß 10 Zoll. Es hat zwar allerdings deshalb ei⸗ nigen Widerſpruch gegeben; endlich aber hat man doch ein⸗ geſehen, daß es vollkommen billig ſei, aus dem Bürger und ſeiner Bärmütze nur Eins zu machen, da ſie unzer⸗ trennlich ſind, und man nie Eins ohne das Andere geſe⸗ hen hat. Herr Gispard nimmt ſeine Beſuche in der Bär⸗ mitze an, er geht mit ſeiner Mütze aus, ſpeiſt mit ſeiner Mütze, tanzt, walzt und ſpielt Ecarte mit ſeiner Mütze. Das erinnert mich an die Bäder von Dieppe im Jahre 1824. Es befand ſich damals ein junger piemonteſiſcher Prinz mit dort, der es ſehr übel vermerkte, daß er das Meer mit uns Bürgervolk theilen müſſe. Man verwech⸗ ſelte ihn ja mit aller Welt; denn in den Bädern giebt es, die Unterbeinkleider ausgenommen, nur Natur, und folg⸗ lich Gleichheit. Der Herr Prinz alſo, der das abſcheuliche Wort gar nicht ausſtehen konnte, hatte ſich den Kunſt⸗ griff ausgedacht, ſich mit ſeinen Oberſten⸗Epauletten und ſeinem Wappen auf dem gedachten nothwendigen Klei⸗ dungsſtücke zu baden. Doch wieder auf den beſagten Ham⸗ mel, d. h. auf unſern Richter, zurück. Man befragt mich in beſter Form, und ich glaube ſo⸗ gar, daß man, um die Zeit zu ſchonen, die Güte hat, Fra⸗ gen und Antworten zugleich zu machen. Das nennt man im Disciplinargericht die Erklärungen und Vertheidigung des Angeſchuldigten. Kurz, man verſichert mir, daß ich gegen den Dienſt mich vergangen habe, da ich als Wache außer der Reihe kommandirt geweſen. Mir ſcheint es 323 allerdings, als ob ich, da ich eben nicht an der Reihe geweſen, nicht die mindeſte Schuld habe; aber der Vor⸗ tragende zieht ſeine Schlüſſe und iſt gar nicht meiner Mei⸗ nung. Nun ſtehen alle Richter auf, ſtellen ſich um das Büreau des Präſidenten her, welcher von unten herauf den Graden nach die Stimmen ſammelt, und da die Her⸗ ren dem Hauptmanne, der das Amt des öffentlichen An⸗ klägers verſieht, den Rücken zuwenden, ſo bilden ſie ſich ein, daß ſie nach Vorſchrift des Geſetzes außer Gegen⸗ wart des Vortragenden berathſchlagen. In Folge des Vorgangs verurtheilt man mich zu eintägigem Gefäng⸗ niſſe, weil ich eine Wache außer der Reihe nicht ge⸗ than. Was ſchadet mir das? Ich werde ins Gefängniß wandern, das iſt mir lieber, als auf die Wache zu ziehen: erſtens, weil man dort warm ſitzt, und zweitens, weil man die Nacht über nicht zu patrouilliren braucht. Dann auch, 24 Stunden in Sammlung und Einſamkeit verlebt— vielleicht habe ich da Zeit, einzuſehen, was ſie unter ihrer Wache außer der Reihe verſtehen. Die Perſon, welche meine Stelle vor dem Tribunale des bürgerlichen peinlichen Gerichts nun einnimmt, iſt Je⸗ mand, der gegen ein Urtheil appellirt hat, das er über ſich bei ſeinem Ausbleiben hat fällen laſſen.—„Ihre Ver⸗ theidigungsgründe.“— Ich habe keine.—„Ihre Ent⸗ ſchuldigungen.“— Wozu?—„Sie wollen alſo, daß man Sie verurtheile und ins Gefängniß ſchicke?“— Daß man mich verurtheile, kann ſein, aber ins Gefängniß, Bauche zwei Fuß weit zuvor angemeldet, der für ſeine 324 nein.—„und doch werden Sie dahin gehen, mein Herr, oder Ihren Dienſt verrichten.“— Nun entwickelt der Herr ganz ruhig ſeine Angelegenheit; er ſucht ſo viel als möglich Zeit zu gewinnen; er verlangt Aufſchub, Nach⸗ laß; endlich, als die Sache vors Disciplinargericht kommt, läßt er ſich wegen Ausbleibens verurtheilen, appellirt dann, und wird endlich kontradiktoriſch verurtheilt.„Zu alle dem,“ fügt der Angeklagte ganz ohne die mindeſte Aufre⸗ gung hinzu,„zu alle dem gehört Zeit, ohne noch die Signifikationen und Oppoſitionen in Anſchlag zu bringen. Das iſt gerade ſo, wie ich es in künftiger Woche wieder haben werde; da kommt meine Berufung an den Kaſſa⸗ tionshof vor, und da giebt's neue Friſten, und das noch ganz anders lange; die Monate vergehen ſo, Königs Na⸗ menstag kommt, und ich werde mit in die allgemeine Amneſtie der Verbrecher bei der Nationalgarde einbegrif⸗ fen. Auf Wiederſehen, meine Herren, nach dem Sanct⸗ Philippstage; denn künftiges Jahr hoffe ich mit des Him⸗ mels Hülfe es wieder ſo anzufangen.“ Das Tribunal, das durch die Keckheit dieſer ſonderbaren Perſonage ein wenig ver⸗ blüfft ward, rächt ſich an ihm durch das Maximum der Strafe; aber ich glaube, es wäre viel klüger geweſen, ihm Schweigen zu gebieten, denn ſein Syſtem iſt gar nicht übel, und daraus entſtehen dann arge Gedanken. Nun zu einem Andern. Es iſt dies Herr Martin. Er naht ſich ernſt ſeinen Richtern, von einem anſehnlichen 325 Mäßigkeit nicht eben Zeugniß ablegt. Das Geſicht dieſes Menſchen iſt friſch und lachend, er iſt groß, hat breite Schultern, und ein ungeheurer blonder Backenbart erwirbt ihm vollends das Verdienſt des Ehrennamens, den ihm die etwas dickſchäligen Damen ſeines Viertels beigelegt ha⸗ ben... man nennt ihn nicht anders als den ſchönen Martin.—„Warum wollen Sie nicht auf die Wache ziehn?“ redet ihn der Präſident an.—„Ich leide an der Bruſt,“ antwortet Herr Martin mit einer tiefen Tenor⸗ ſtimme, die an die ſchönen Tage von Derivis erinnert.— Das Gelächter, welches dieſer Beweggrund in der Ver⸗ ſammlung erregt, beweiſt ihm nur zu ſehr, daß er damit wenig ausrichten wird.—„Ich ſchwöre Ihnen, Herr Präſident, daß ich nichts als Eſelsmilch trinke.“— Das Tribunal weiſt Herrn Martin an die Beſichtigungsbehörde. „Herr Bayeux!“ ruft der Sekretair. Da nun aber der Herr Sekretair keine ſehr deutliche Ausſprache hat, ſo verſteht Jedermann: Herr Mayeux. Man ſtellt ſich daher auf die Fußzehen, ſtreckt die Hälſe aus, ſpitzt die Ohren, und glaubt endlich dieſes idealiſche, dichteriſche und bisher unauffindbare Weſen, dieſen Typus zu 20,000 Portraits, zu ſehen, zu welchen kein Original geſeſſen hat.— Eitle Hoffnungl es iſt ein kleiner, ſehr lebhafter, ſehr regſamer Mann, der mit Einem Satze vor dem Büreau des Prä⸗ ſidenten ſteht. Er macht ſo viele Bewegungen, daß er ein Licht und zwei Tabourets umwirft.—„Bitte tauſendmal um Vergebung! aber ich bin nun einmal ſo; auch bitte 326 ich recht ſehr, mich ja nicht unter die in Ruhe bleibende Garde zu nehmen, ich bin bei der mobilen, ich kenne nur die mobile“; und indem er dabei geſtikulirt, wirft er den Dreieck des Vice⸗Präſidenten herunter.— Das Tribu⸗ nal weiß den Patriotismus des Herrn Bayeux zu würdi⸗ digen, und veranlaßt ihn, ſich vor der Hand von zu Hauſe in die Wachſtube gefälligſt mobil zu machen. MNun vird ein armer Teufel vorgefordert, weil er in Bürgerkleidung auf die Wache gezogen iſt, da er ſich doch bis dahin durch ſeine gute Haltung ausgezeichnet hatte. Man beſchuldigt ihn alſo böſen Willens.... Voll Ver⸗ druß wirft er einen ſprechenden Beweis ſeiner unſchuld aufs Büreau; nämlich einen Schein aus dem Leihhauſe. Er hat ſeinen Rock und ſeine Pantalons verſetzt. „Herr Lefevre!“ ruft der Sekretair.„Da iſt Herr Lefèvre,“ antwortet der Tambour, und führt Jemand bei der Hand.— Nun zeigt es ſich aber, daß Herr Lefèvre eine alte Frau von 70 Jahren iſt. Anfangs lacht man über dieſe Verwechſelung; aber die arme Frau hat Thrä⸗ nen in den Augen, und man ärgert ſich, gelacht zu ha⸗ ben.— Sie kommt im Namen ihres Sohnes, den man durchaus zwingen will, Wache zu thun, und den doch die furchtbarſten Schmerzen daran hindern, ſelbſt auch nur zu Hauſe zu arbeiten.—„Seit wann leidet er denn ſo?“ —„Seit dem 29. Juli 1830.“— Ein dumpfes Gemur⸗ mel läßt ſich hören, und der Präſident giebt der Wittwe Lefsvre ein Zeichen, ſi ſich zurückzuziehen.— Man ſpricht das Wort Sammlung aus.— Mein Scherflein ſoll nicht fehlen. Die Stunde rückt vor; noch Einer, und dann wird's zu Ende ſein. Es iſt unmöglich, ſelbſt wenn es die Rich⸗ ter wollten, dieſen braven Menſchen nicht anzuhören. Seit er die Vorforderung erhalten hat, ſchläft er nicht mehr, ſeine Frau ſchläft nicht mehr, ſeine Bonne ſchläft nicht mehr. Er bittet das Tribunal um Nachſicht, das Publi⸗ kum um Nachſicht, er bezeugt ſeine Ehrfurcht für ſeine Vorgeſetzten. Wenn er auch nur zu irgend einer ſeiner Ehre zu nahe tretenden Strafe verurtheilt würde, würde er vor Kummer ſterben, er, der es wagt, ſich ein Muſter von Genauigkeit zu nennen, er, der noch bei keiner Revüe, bei keiner Meuterei gefehlt, der am 14. Juli einen grauen Hut erobert und zwei Frauen und eine Obſthökerin in der Straße des Sonnenzeigers arretirt hat. Das Tribu⸗ nal, Rückſicht nehmend auf den ſteten Eifer des Ange⸗ ſchuldigten, und in Betracht, daß es ſich bloß um eine dreiſtündige Abweſenheit von ſeinem Poſten an der Mairie handelt, ſpricht ihn von der Anklage frei.„Es lebe der König! es lebe die Nationalgarde! ruft nun der würdige Mann unter Freudenthränen aus: Das iſt der ſchönſte Tag meines Lebens!“ Dann umarmt er in ſeinem Enthu⸗ ſiasmus eine von den Schildwachen, und fragt, ob er dem Tambour Etwas zu geben habe. Die Sitzung iſt aufgehoben.— Als ich wieder nach Hauſe ging, hörte ich Klänge einer ſo unharmoniſchen 328 Muſik, daß mir das Trommelfell hätte ſpringen mögen. Ich richtete meine Schritte nach einem ſehr ſchönen Hauſe hin, deſſen Zugänge die Menge verſtopfte. Ich nähere mich, ich frage.... Es war ein Charivari, den man ei⸗ nem neuerdings mit dem Orden verſehenen Oberoffizier der Nationalgarde brachte Das Volk hat auch ſein Diseiplinargericht! Charles Dupeuty. Ein Ball bei dem Grafen Apponp. „O Sonne! thu', was Sn willſt— aber erleuchte nicht die Pariſer Bälle!“ Dieſer Ausruf begann die 92ſte Seite des Tagebuchs von John D“***, einem jungen Schottländer, der ſeit drei Monaten in Paris ſich aufhielt, und über ſeine Schul⸗ ter hinweg las ſie Georg He*rs, ſein Freund und Lands⸗ mann, der den Abend vorher aus Edinburg angekommen war. „Dieſen Schluß hätte ich nicht erwartet,“ rief Georg aus. „Ah, biſt Du es!“ ſagte John. Erſt ward er roth, dann warf er das in ruſſiſches Leder gebundene, auf dem Schnitte vergoldete Buch weit von ſich. „War ich indiskret, lieber Freund? Habe ich ein Ge⸗ heimniß von Dir erlauſcht? „„Ein Geheimniß!.... O, ich habe kein Geheimniß mehr!. Da, Georg, nimm und lies; lies nur Alles.“ 3 14** 330 Und damit ſtand John auf, ging hinaus und ließ Georg ruhig ſein Tagebuch leſen. Es beſagte aber, daß Sir John am 21ſten April in einer ſehr eleganten Geſellſchaft die Gräfin Helene von*** ge⸗ ſehen habe. Es war Abends. Noch nie hatte der junge Schotte etwas ſo Schönes erblickt. Welche glänzende Weißel welche ſtrahlenden Augen! welche ſchwarzen, dichten Lockengeflechte auf einer Alabaſterſtirn! Welche Haltung des Kopfes! welcher Geſchmack in dieſem prachtvollen An⸗ zugel... Sir John konnte vor Staunen nicht ſprechen. Ein junger freundlicher Mann, der ihm wohl zu wollen ſchien, errieth die Urſache ſeines Schweigens, die ſich aus der Richtung der Blicke des Sir John nur zu deutlich ausſprach, und lobte Helenens Verſtand aufs Außerordent⸗ lichſte. Durch Vermittlung dieſes jungen Mannes, Na⸗ mens d'Orviller, fand ſich der junge Schotte oft in Ge⸗ ſellſchaft der Gräfin. Nach und nach war er muthiger geworden; er hatte geſprochen; er hatte ein Brieſchen in Helenens Schnupftuch ſchlüpfen laſſen, das herunter ge⸗ fallen war. Kurz, Sir John hatte alle jene erſten Ver⸗ hältniſſe einer Liebe der vornehmen Welt durchlebt. Aber ſein Freund Georg konnte nur aus einer Menge abgebro⸗ chener Sätze, Einſchiebſel, Punkte und ſo weiter, welche ihm das Leſen jenes Manuſkripts ſehr erſchwerten, dieſe ſo allgewöhnlichen Umſtände bei einer Leidenſchaft heraus⸗ ſtudiren, die jedoch ſchon höher geſtiegen ſchien, weil ſie 331 Sir John dahin gebracht hatte, d'Orviller 1000 Louisd'or zu leihen, um eine Spielſchuld zu bezahlen. Georg, der ſeinem Freunde Schritt vor Schritt hinter der Gräfin her folgte, bemerkte mit Staunen, daß der Ort, wo dieſem gewöhnlich dieſe hinreißende Perſon er⸗ ſchien, durch die Nebenumſtände der Stadt Paris fremd zu ſein ſcheine. Bald hatte John die zarten Hände der Dame ſich eines engliſchen Puddings bedienen ſehen, bald eines deutſchen Kuglofs, bald einer italieniſchen Pollenta, bald einer ſpaniſchen Olla oder eines indi⸗ ſchen Carry. Man konnte bei dem Studio deſſen, was John bei dem Mittagseſſen, wo Helene zugegen geweſen, geſpeiſt hatte, Europa's lebende Sprachen und Geographie zugleich mit lernen, und die Nebenperſonen, deren Namen dabei vorkamen, waren eben ſo wenig eingeborne, als die vor⸗ gedachten Speiſevorrichten. Stets erſchien das diplomatiſche Corps mit in den Kreiſen, welche Helene Sir John be⸗ ſuchen ließ.. So war es bei einem Hospodar, in einem kleinen, mit Lapis Lazuli und Perlmutter eingelegten Kabinet mit ſeid⸗ nen Behängen, wo das Licht nur durch einen Plafond von blauer Gaze mit ſilbernen Sternen beſät ſchimmerte und an den durchſichtigen Seiten einer Alabaſterlampe herab⸗ glitt, daß John die entzückenden Worte vernahm:„Kom⸗ men Sie morgen zum öſtreichiſchen Geſandten.... um drei Uhr.... der fünfte Baum... ein Lillakgebüſch.. 332 während der Galoppe.... ich kann Sie da, fern von der Menſchenmenge, ſprechen.... Aber Vorſicht, Beſcheiden⸗ heit. O wie ſchwach ich bin!.... Wie? das genügt Ihnen noch nicht?.... Nun denn, vielleicht ein anderes Mal. Morgen will ich es Ihnen ſagen: morgen....“ Hierauf drangen Damen, welche auch die Friſche und die ſanfte Wirkung der Mondbeleuchtung aufſuchten, von den Galerien des Hospodars her in das Kabinet, wo Sir John einige Minuten lang zum erſten Male Helenen, die gefühl⸗ voller geworden war, allein und Aug in Auge hatte betrach⸗ ten können.— Hier rechtfertigte das Buch ſeinen Titel Album(weiß), und das Manuſkript endete. Morgen? ſagte Georg zu ſich ſelbſt, morgen? Es war Dienſtag.... Das war vorgeſtern geſchehen.... Warum hatte er nur hier ſein Tagebuch unterbrochen. Sollte er denn im intereſſanteſten Au⸗ genblick ſeine Schreiberei beendigt haben? Georg empfand wahrhafte Ungeduld, als jetzt ein älterer Mann von ſehr edler Haltung ins Zimmer trat, ihn grüßte, ſich mit einer Miene, als ob er das ſo zu thun gewohnt ſei, aufs Kanapee ſetzte und von dieſem und deſſen Kiſſen Beſitz nahm. „Sie ſind gewiß Herr Georg H***,“ ſagte er einen Augenblick darauf,„der ſehnlich erwartete Freund Sir John's?“. Dieſe Frage machte eine gegenſeitige Erklärung nöthig, und Georg erfuhr, daß er mit dem Ritter von B*** 333 ſpreche, einem vormaligen Emigrirten, der nach Paris ge⸗ kommen ſei, ſeine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, ein Zimmer im Hotel bewohne, wo auch Sir John ein⸗ logirt und zu ſehr deſſen Freund ſei, um ſich nicht, mit einem Anſcheine von Aengſtlichkeit, welcher Sir Georg be⸗ unruhigte, nach demſelben zu erkundigen. Dieſer ſprach nun mit vieler Zurückhaltung von der Neugierde, welche die Lektüre jenes Tagebuchs in ihm erregt habe, das gerade da abbreche, wo man die Beſchreibung eines Feſtes er⸗ warten ſollte. 1 1 „Aber wie können Sie auch glauben, daß man in ſol⸗ chen Augenblicken daran denken ſoll, eine Erzählung zu machen?“ ſagte der alte Ritter.„Hat Ihnen denn Sir John nicht mitgetheilt, was ihm geſtern beim öſterreichi⸗ ſchen Geſandten widerfahren iſt?... Sonderbar genug, daß Sie das von mir hören müſſen... Uebrigens wird ganz Paris morgen ohnedies davon ſprechen.“ „Aber ich begreife eine ſolche Oeſſentlichkeit gar nicht... Nichts iſt dem Charakter meines Freundes ſo wenig ange⸗ meſſen, als dies.... Freilich weiß ich ganz und gar Nichts, und wenn Sie die Güte haben wollten...“ 4 „O ja, ja, ich kann Ihnen Alles erzählen,“ entgegnete der Ritter von B*rn, indem er ſich mit der ſelbſtzufrie⸗ denen Miene eines Schwätzers, der aus Beruf jetzt ſpricht und deſſen Gewiſſen alſo ſeine Freude nicht ſtört, noch bequemer aufs Kanapee ſetzte, Ich bin bei Allem geweſen.. Sie müſſen alſo vor allen Dingen wiſſen, daß die Bälle 2 334 der Frau Gräfin Appony, denen ein Frühſtück vorausgeht und nachfolgt, eine große Senſation in Paris gemacht haben, wo man nie die Folgen einer Neuerung voraus⸗ ſieht. Da man nur mit Mühe bei der Frau Geſandtin Zutritt erhält, ſind die Gemüther, zwiſchen Neuheit und Schwierigkeit, bis zur Raſerei für dieſe Feſte am hellen Tage eingenommen worden. Allerdings ſind ſie ſchön. Dieſe Eguipagen mit großen Wappen, welche die Straße Saint Dominique anfüllen, dieſe ſchäumenden und bäumenden Pferde, dieſe Livreen, welche Hof und Vorhalle des Hotels überſchwemmen, Alles das hat ein vornehmes Anſehn, und es geht davon Nichts, wie bei nächtlichen Zuſammenkünf⸗ ten, verloren. Dann iſt das Ameublement höchſt prachtvoll. Aeberall glänzt Gold, reiche Stoffe, Krepinen, Bronzen. Die Damen ſind in einem Anzuge, wie man ihn nirgends ſonſt findet. Alles iſt ſo einfach, ſo friſch, ſo weiß, daß ich ſelbſt nicht verſtehe, was denn ſo Jugendliches und Naives ihrem Putze einen ganz neuen Anſtrich verleiht. Man übergiebt ihnen, wenn ſie ankommen, Sträuße von natürlichen Blumen, die ſie in den Händen behalten, und die dann, wenn ſie ihre Kleider zum Tanze heben, wie von einem Schneegrunde abſtechen, und eine hinreißende Wirkung hervorbringen. Dieſer Geruch von Jasmin und Veilchen weckt dabei Ideen von ländlicher Unſchuld, die ſich vortrefflich mit dem Tageslichte vertragen, welche aber der Kerzenglanz zerſtören würde. Kurz, ich kann ganz und gar Nichts gegen die Anordnung dieſer Bälle ſagen, bei denen 335 übrigens die Gräfin Appony die Honneurs mit einer An⸗ muth und Eleganz macht, die jeden Tag ſeltner werden. Ihr Weſen und ihre Haltung ſcheinen dazu beſtimmt, an die Grazien der vorigen Zeit zu erinnern, wie die Gemälde des Herkulanums, uns die der Jetztzeit darzuſtellen. Ach! ein ſolches Benehmen erhält ſich nur noch wie eine Tra⸗ dition in einigen Familien, von derem Urſprunge man Nichts weiß; aber es wird bald aufhören dem Boden Frank⸗ reichs eigenthümlich zu ſein. Iſt denn nicht ſchon alle Ehrerbietung in vielen Salons völlig unterdrückt?— Ich, der ich die Prinzeſſin von Beauvau und Frau von Genliis habe vorſtellen ſehen! Aber, um über eine Dame zu urthei⸗ len, und wenn man ſie auch nur in ein Zimmer treten ſieht, muß man ſeine Zeit zwiſchen der Börſe, den Re⸗ ſtaurateurs und dem Boulevardtheater theilen! Man muß nicht, um der geſchickte Bewunderer eines völlig weibli⸗ chen Verdienſtes, einer Anmuth, ſo flüchtig, wie eine Wol⸗ kengeſtalt, zu bleiben, das Privatleben zur Schau tragen und durch die Preſſe ſo viele Reputationen zu Grunde richten laſſen. Wenn ein Volk, das zu leſen verſteht, von ſeinen Schriftſtellern nur Eigennamen verlangt, ſo iſt es zum Manne geworden, dann giebt es bei einem ſolchen Volke keine Frauen mehr, weil es keine Beſcheidenheit, keine Schüchternheit, kein Geheimniß mehr giebt. Ich weiß wohl, was man uns als Erſatz dafür verſpricht; aber ich vermiſſe doch die Frauen. Nun denn, eine ſolche hatte ich geſtern das Vergnügen in der Geſandtin zu erblicken; 336 als ich Sir John plötzlich neben mir ſtehen ſah. Er war zum erſten Male eingeladen worden, und fragte mich nach hundert Namen, doch Alles das mit einem zerſtreuten Weſen, das mir aufſiel. Ich wünſchte jedoch, da wir einmal zu⸗ ſammentrafen, ihn auf einige ſehr intereſſante Gegenſtände aufmerkſam zu machen. Zum Beiſpiel würde er ohne mich nicht bemerkt haben, in welchem Grade das Grün vorherrſchte. Es gab pflichtgetreue Frauen, die, ob ſie gleich ſehr brü⸗ nett waren, doch Grün trugen, vom Kopf bis zu den Füßen. Man wird das in Holy⸗Rood wohl erfahren, davon bin ich überzeugt.“ „Ich hätte Sir John darüber gern einige Bemerkun⸗ gen mitgetheilt, aber er lief jeden Augenblick von mir weg, um durch die Säle zu ſchweifen, oder in den Garten zu gehen. Ich ſah, wie er mehrere junge Leute befragte; einige derſelben lächelten, nachdem ſie ihm geantwortet hatten. So oft er zurückkam, trat er wieder zu mir und ſuchte ein Geſpräch anzuknüpfen; aber ſeine innere Unruhe war ſichtbar. Ich fing an ängſtlich ſeinetwegen zu werden, als ich ſah, wie er jede Art von Erfriſchungen zurückwies, und beſonders, als er, trotz meiner Empfehlung, durchaus nichts von einer Schaum⸗Chokolade genießen wollte, die man ſo vortrefflich beim Grafen Appony bereitet, daß ich, wie ich hier mit Ihnen ſpreche, vierzehn Taſſen davon ge⸗ trunken habe, ohne daß es mich am Frühſtück im gering⸗ ſten behindert hätte. Endlich ward ich wohl gewahr, daß Sir John eine Dame ſuche oder erwarte, da er hinter . allen, 337 allen, ſo wie ſie ankamen, herlief, aber immer traurig in eine Fenſterbrüſtung wieder zurückkehrte. Das Orcheſter ſpielte die Galoppe. Das iſt immer das Signal zu einer großen Bewegung, weil der Neffe des Geſandten galoppirt wie er walzt. Es giebt keinen jungen Mann von zwanzig Jahren, der nicht auch wünſchte, in Ungarn geboren zu ſein, um den Takt, den Aecent ſo zu ſagen, dieſes Na⸗ tionaltanzes recht zu faſſen, den der junge Graf Appony auf eine Art tanzt, die Alles, was dort iſt, zur Verzweif⸗ lung bringt. Man ordnet ſich. Man ſcheint mit den Augen zu hören. Die, welche etwas deutſches Blut in den Adern haben, erheben ſich, drehen ſich, fliegen mit dem jungen Manne und ſeiner Tänzerin. Es giebt welche, die von dem Einfluſſe der Galoppe auf die Sitten ſprechen, und die Moral der Chassés und der Queue du chat rühmen. Was mich betrifft, ſo ſehe ich außer der Menuet nichts Intellektuelles beim Tanze; ich ſpreche mich nicht darüber aus, aber ich ergötze mich an dem Leben, das dieſe heitere Muſik, dieſe flüchtigen Pas verbreiten. Aber der arme Sir John ſtand ganz nachdenklich da, ſah an die Uhr und ſeufzte. Plötzlich ſchien er einen großen Entſchluß zu faſſen, und ſagte zu mir:„Kennen Sie die Gräfin Helene von Ti**“ Ich that, als ob ich ſeine Verlegenheit nicht bemerkte, und antwortete: Nicht genau, aber ich begegne ihr oft.“ „Es iſt doch ſonderbar, daß ſie nicht hier iſt!“ „Um ſo ſunderzurer freilich, da ſie ſchan, vor geraumer Bü da iſt.. Ich habe ſie hier geſehen... 338 „Wo? Wo denn?“ unterbrach mich Sir John, und ward roth wie ein Seminariſt vor ſeinem Biſchof, indem er mit unglaublicher Haſtigkeit um ſich blickte:„Wo denn?“ „Sie kam eben vor Ihnen vorbei.“ „Vor mir?“ „Jetzt eben... Sie tanzt mit einem großen ruſſiſchen Offizier, einem ſehr ſchönen Manne.“— Es that mir leid, daß ich Sir John das geſagt hatte, aber er fing nach einem verdrüßlichen Zuge im Geſicht wie⸗ der an: W „Das iſt doch ganz unmöglich! Ich glaube, es hat ſich hier Alles verſchworen, mir eins und daſſelbe zu ſagen... Jedermann antwortet mir: Sie iſt da... Da iſt ſie.... Kennen Sie die Gräfin T***? Iſt ſie hier?“ „Ich kenne ſie. Sie iſt hier. Sie kam jetzt gleich vorbei. Ich habe ſie geſehen, mehr noch, ſie hat einen Hut mit Marabouts, und langen fliegenden, roſafarbenen Bändern.“ „Immer dieſelbe Antwort!— Aber jetzt; ſehen Sie ſie jetzt?“ „Sie hat ſich in dieſem Zimmer noch nicht nieder⸗ geſetzt.“ „Ich habe die Damen in den andern Salons, wie in dem, wo wir uns jetzt befinden, genau gemuſtert, und bin phyſiſch überzeugt, daß ſie nie da geweſen iſt.“ „Verzeihen Sie mir. Sie ſtand im zweiten Salon, an einem Konſoltiſche, zwiſchen zwei Fenſtern. Sie ſind 339 eben bei ihr vorbeigegangen... Ja, als Sie das letzte Mal in den Garten gingen, war ſie auch darin. Sehen Sie, dort an der Linde ſtand ſie, und lehnte ſich ziemlich verdrüßlich an den Baum.“ 8 „Iſt es möglich!“ rief Sir John, und ſchien dann ſeinen Ausruf wieder zu bereuen. Ich dachte an gar nichts Uebles, und fuhr fort: Wenn Sie mit der Gräfin Te** zu ſprechen wünſchen, ſo warten Sie nur einen Augenblick. Man wird gleich das Frühſtück ſerviren. Dann ſetzt man ſich geſellſchaftsweiſe an die kleinen Tiſchchen im Garten, und Sie müſſen ſuchen, einen Platz neben ihr zu bekom⸗ men.. Ich muß hier Ihrem Freunde das größte Lob er⸗ theilen. Seine Diskretion war außerordentlich. Er ant⸗ wortete mir bloß, daß das, was er mit der Gräfin zu ſpre⸗ chen habe, ſehr unbedeutend ſei, und wandte Alles an, mich zu überzeugen, daß er in keiner andern, als der aller⸗ gewöhnlichſten Beziehung zu ihr ſtehe... Sie können aber leicht denken, daß man bei meiner Erfahrung ſich dadurch nicht täuſchen läßt.. Der wackre Sir John hat mir über⸗ haupt ein ſo lebhaftes Intereſſe eingeflößt.. Wahrhaftig nicht aus Neugierde bin ich ihm nachgegangen! Aber für drei oder vier der jungen Leute, an die er ſich zuerſt ge⸗ wendet hatte, möchte ich nicht gut ſagen.... Sie ſtellten ſich einige Schritte weit von dem Tiſche, an welchem ſich Frau von T*** eben geſetzt hatte, und ich ſah ſie deut⸗ lich lachen und flüſtern, als Sir John und ich uns näherten. Sobald ich ihm die Gräfin gezeigt hatte, eilte er mir vor⸗ 15* 340 aus.... Dann ſah ich ihn langſam gehen. dann gar ſtehen bleiben... Ich muß geſtehen.. Doch laſſen Sie mich Ihnen die Sache recht genau erzählen... Wären Sie nicht erſt geſtern nach Paris gekommen, wüßten Sie ſchon Alles... Ihr Freund hätte zuerſt darüber lachen ſollen... Noch ganz andre Leute als er ſind mehr oder weniger angeführt worden.... Er hatte die Gräfin nur bei Licht geſehen... dann iſt ſie wirklich blendend... das iſt der Vortheil für einen etwas gelben Teint und gut angebrachte Schminke.... Ihre grauen Augen waren ihm blau vorgekommen... er hatte es nicht bemerkt, daß ſie ſich die Augenbrauen und Wimpern malt.. und man kann freilich nicht in Abrede ſtellen, daß geſtern Vormittags dieſes Geſicht, von einer roſenfarbnen Morgenröthe umge⸗ ben und einer brennenden Sonne beleuchtet, zum Ver⸗ zweifeln merkwürdig war. Ich ſelbſt kann es kaum be⸗ greifen, wie die Täuſchung der Kerzen der Gräfin den Beinamen der nächtlichen Schönen hat verleihen können.. Alle Welt war aus den Zimmern zum Früh⸗ ſtück hinunter in den Garten gegangen, und ſo ward auch ich von Sir John getrennt. Ich verſichere Ihnen, daß ſein Abenteuer mir ungemein drollig vorkam; ich lachte eben ein wenig darüber, als ich mich dem Gitter des Gar⸗ tens näherte, hinter dem die Spaziergänger auf den neuen Boulevards vorüberſtrichen. Es lag eben ſo viel Neid als Neugier in dieſen gemeinen Geſichtern, aber vielleicht doch nicht ſo viel, als einige Damen ſehen ließen, die mit ihrem 341 Wagen dort hielten, um doch für einen Augenblick dieſe feſtliche Atmoſphäre einzuathmen.... Die Gedanken eines Armen vor einem Bäckerladen kann ich begreifen.... aber mit dem Hunger nach Vergnügen iſt ſtets etwas Entehren⸗ des verbunden.... Ich ſchrieb bei der Gelegenheit eben eine Bemerkung in meine Schreibtafel, als ich Sir John auf mich zukommen ſah. Er war etwas blaß. Ich ſah, wie er ſeine innere Bewegung zu verbergen ſuchte, aber auch, daß er doch das Bedürfniß fühlte, zu ſprechen.... Seine Liebe ausgenommen, vertraute er mir alle ſeine An⸗ gelegenheiten. Ich glaubte daher von der erſtern ſelbſt an⸗ fangen zu können.“ „Nun? Sie waren ſo begierig danach, die Gräfin T*xr zu ſehen!“ „Ach,“ entgegnete er:„warum mußte ich ſie finden!“ „Die Art, wie er mich dabei anſah, raubte mir alle Luſt zum Lachen. Ich führte ihn in eine einſame Gegend des Gartens.— Was iſt denn vorgefallen? fragte ich. Mein Alter, mein Charakter ſollten Ihnen Vertrauen ein⸗ flößen... Seit drei Monaten ſehen wir uns alle Tage...“ „Was ſoll ich Ihnen ſagen?... Sie haben mir eine Frau gezeigt, deren Augen mich anſahen,... deren Mund mir zulächelte.... Es ſchien mir, als ob ich nicht recht ſähe... Ich trete näher.... Dieſe Frau mit gelber Stirn, gelbem Halſe, erloſchnen Augen, blaurothen Backen... ſie iſt es.. ſie iſt es, und ißt Blutwurſt!... Ja, aus allen den ausgeſuchten Gerichten hat ſie Blutwurſt gewählt!... — 342 und ihr Mann veranlaßt mich, ganz guter Dinge, auch welche zu eſſen.... Sie können aber leicht denken, daß ich nicht im Geringſten aufgeleht war, die Luſtigkeit der fünf bis ſechs Mitſpeiſenden, die um den Tiſch ſaßen, zu theilen. D'Oroiller war auch dabei... Er bemerkt, daß ich ſtill bin. Frau von T*⸗** wiederholt, wie ſonderbar es ſei, daß ich ſie jetzt zum erſten Male grüße, da ich ihr doch ſo oft ganz nahe geweſen ſei. Ich entſchuldige mich linkiſch; ſie richtet einige ſehr ſpitze Worte an mich; d'Or⸗ viller lacht darüber und ſcherzt bis zur Unerträglichkeit. Ich drücke ihm die Hand, daß ſie hätte brechen mögen... er verſteht mich... und ich gehe fort, ohne gefrühſtückt zu haben... Was ich dabei empfunden habe, dafür beſitze ich keinen Ausdruck!.. Hätte ich ſie undankbar oder untreu gefunden, wäre meine Liebe mir geblieben... und ich liebte faſt meine Liebe ſo, als ich ſie ſelbſt liebte!... Wenn ſie nur wenigſtens ſanft und liebenswürdig geweſen wäre!— aber anmaßend, bitter, zornig.... mit einem Geſicht!.. Ol verwünſchte Sonne!“ „Ich ſehe darin aber noch gar nichts Böſes, als Ihre Affaire mit d'Orvillerz... dennoch aber... Sind Sie bei der Frau Gräfin Ties weit gekommen?“ „Sehr wenig.“ „Nun denn, ſo halten Sie da an.... Es iſt eine ge⸗ fährliche Bekanntſchaft... vorzüglich für Sie.“ „Wie ſo?“. 4 8 „Man weiß allgemein, daß der Graf T*r**, freilich im 343 Großen... das allerverworfenſte Handwerk treibt.... Er iſt von der Polizei bezahlt, um Fremde von Stande aus⸗ zuforſchen, und im vertrauten Umgange mit ihnen tauſend für die Regierung nützliche Geheimniſſe ſich zu verſchaffen...“ „Herr von Tyrr ſucht die Fremden auf Befehl der Polizei auf? „und ſeine Frau unterſtützt ihn darin meiſterhaft, ſo wie der kleine d'Orviller....“ „Was? Man findet aber doch dieſe Leute überall!“ „Man ladet ſie abſichtlich ein. Geſchickte Diplomaten benutzen ſie zu ihren Plänen, die Andern fürchten ſie, oder laſſen ſich durch ſie den Miniſtern empfehlen.“ „Alſo um eines verhaßten Weibes willen ſoll ich mir mit einem Spione den Hals brechen!!!“— O Sonne! thu', was du willſt— aber beleuchte nicht die Pariſer Bälle! Gräfin de Brady. 1 Die dirtuoken. Eastillos Rufillus olet, Gorgonius hircum.) (HoRAxrus.) Nach Moſchus riecht Rufillos Rock, Gorgonius nach Ziegenbock. 6* (Horaz.) Wer iſt der Modeherr mit friſirtem Haare, deſſen Ele⸗ ganz man bewundert? Sein Kleid, von den geſchickteſten Händen zugeſchnitten, wird zum Modelle dienen, man wird deſſen Form und Farbe allgemein annehmen; ein ſo ſchön getragenes Kleid verdient die Ehre des Drucks, und wir werden es im Modejournal prachtvoll in Kupfer geſtochen ſehen. Sein weitausgeſchnittenes Gilet läßt einen batiſte⸗ nen Grund vom blendendſten Glanze erblicken, ſchön ge⸗ fältelt und mit der größten Sorgfalt geſtärkt. Die goldne Kette, an der ſeine Uhr hängt, und das Band der Lorgnette kreuzen ſich auf dieſem Küraß von der feinſten Leinwand, 345 an welcher Knöpfe glänzen, deren Gold Rubine und Sa⸗ phire einfaßt. Seine Halsbinde iſt ein Meiſterſtück der Kunſt. Zehn, funfzehn, ja vielleicht zwanzig Ellen Mouſ⸗ ſelin ſind gelegt, zerknittert und wieder zur Wäſcherin ge⸗ ſchickt worden, bis er jenen Knoten hat in Ordnung brin⸗ gen können, deſſen Kunſtgebäu nur Kenner zu würdigen und ſeine einzelnen Vollkommenheiten zu entfalten verſtehn. Ein ſuperfeiner Kaſtor, ſeidene Strümpfe durchſichtigen Gewebes, ein enger und wie engliſcher Stahl glänzender Schuh, Handſchuhe, weißer als Schnee, und ein Stöck⸗ chen, woran Gold prangt, vollenden die Toilette dieſes ſchönen Jünglings. Sein Kinn iſt allerdings nur zur Hälfte raſirt, aber wie ſind dieſe Haarbüſchel geſchickt ver⸗ theilt, wie ſind die vom Scheermeſſer abgemähten Zwi⸗ ſchenräume nett und glatt! welche künſtliche Kontraſte ſind durch dieſen hufeiſenförmigen Bart hervorgebracht worden, der von einem Ohre bis zum andern geht, durch dieſen Schnauzbart, deſſen Umriſſe das Bartwachs feſthält! Welch eine wohlberechnete Harmonie liegt in dieſen Farben der verſchiedenen Kleidungsſtücke! Es iſt ein wenig ſchmutzig auf der Straße; aber wir haben ja Chaiſen, und dieſe Pantalons von vollendeter Weiße, dieſe Schuhe, bei denen die Sohle ſelbſt ihren Glanz behalten hat, bezeugen, daß man nicht zu Fuß geht, und daß ein pfeilſchnelles Fuhrwerk den Dilettanten vom Calé de Paris in das Foyer der Italiener verſetzte, obgleich dieſe beiden Ver⸗ einigungspunkte der ſchönen Welt nur hundert Schritte 346 aus einander liegen. Wer iſt nun aber dieſer raffinirte junge Mann, dieſer Stutzer, dieſer Zierbengel, dieſer In⸗ croyable, dieſer Wundervolle, dieſer Elegant, dieſer Faſhio⸗ nable? Ein Künſtler, ein Virtuos. So viele Sorgfalt und Zierlichkeit im Anzuge eines vernünftigen Menſchen, eines Mannes von Geiſt, könnten lächerlich ſcheinen; aber nein, es iſt ein Künſtler, alſo verzeiht man ihm dieſe Verirrung, dieſe Schwäche, wie man ſie einer hübſchen Frau verzeiht. Es ſcheint ganz natürlich, daß Perſonen, deren Beſchäftigung darin be⸗ ſteht, zu ſingen oder ſingen zu laſſen, Bilder zu malen oder Verſe und Proſa zu ſchreiben, bieſe Geiſtesſtüchtig⸗ keit, dieſe Koketterie beſitzen.— Wer iſt aber dort jener Mann, deſſen Aeußeres ſo ſehr vernachläſſigt iſt? Er hat ziemlich weiße Wäſche, aber ſein Gilet iſt ſchmutzig, und kein Raſirmeſſer hat wenig⸗ ſtens ſeit vier Tagen ſein Kinn berührt. Er hat keine goldnen Knöpfchen im Hemde; wozu auch, da er dieſes immer verſteckt? Würde er ſie übrigens auch einzuknöpfen verſtehn? Seine ſchwarze Halsbinde iſt mit einem einzi⸗ gen Knoten geknüpft, und ſo zuſammen gedreht, daß ſie mehr einem Stricke um den Hals gleicht. Bis oben hin⸗ auf beſpritzt ſollte er ſich in einem Winkel des Parterre verſtecken; aber nein, er geht mitten in einem Schwarme von parfümirten Modeherren auf und abz; ſeine großen, mit Eiſen beſchlagenen und vom Straßenkothe bedeckten Stiefeln beſchmutzen die rothen Teppiche auf den Treppen 347 und in den Vorſälen des Theaters Favart. Er tritt den königlichen Purpur voll bewundernswerther Kraft mit Fü⸗ ßen, man könnte ſeiner Spur folgen und ſeine Fußtapfen auf dem edlen Gewebe zählen; der Regen hat ſeine Klei⸗ der durchnäßt und ſeinen Hut aus der Form gebracht; auf ſeinem Sammtkragen glänzen noch die Tropfen. Man zeigt mit Fingern auf ihn: er lacht darüber. Sein Kleid iſt nach einem ſeit 2 Jahren altmodig gewordenen Schnitte, es iſt von ſchlechtem Tuche: aber er zieht es dem elegan⸗ teſten Frack vor. Er wird untröſtlich ſein, wenn er ein⸗ mal dieſes Garderobenſtück erneuern muß. Er iſt nicht geizig, und ſeine Vermögensumſtände erlauben es ihm über⸗ flüſſig, einen ſolchen Ankauf zu machen; aber er möchte lieber nichts als alte Kleider tragen. Seine Miene iſt anmuthig, er beſitzt nichts Auffälliges in ſeiner Haltung, er hat in der galanten Welt geglänzt, und denkt noch gar nicht daran, aus ihr heraus zu treten. Er trägt Hand⸗ ſchuhe, hat ſie aber in der Taſche; ein herrliches Mittel, um ſie nicht zu zerreißen. Er könnte ſich einen Stock an⸗ ſchaffen; aber dieſes unnütze Möbel hindert den Unvor⸗ ſichtigen, der es trägt, bei jedem Schritte. Wenn er ins Theater kommt, in die Muſeen, in gewiſſe Büreaus, wenn er ſein Gold in Frascati wagen will, plagt man ihn ge⸗ waltig, um ihm dieſen Scepter von Rohr oder Ebenholz aufzubewahren. Eine Cigarre oder eine Tabacksdoſe koſten nicht mehr als die Unterhaltung eines Stocks, wenn man das Vergnügen haben will, in Paris ihn ſpatieren zu füh⸗ 348 ren. Unſer Freund hütet ſich wohl, ein Ausklopfſtöckchen zu gebrauchen. Sein Anzug iſt ſtets in Unordnung oder ſchlecht zuſammenpaſſend, doch erblickt man ihn niemals in einem Reitrocke, weil dieſes Kleidungsſtück zu nachläſſig ausſieht, das Gehen hindert und das Bein verſteckt, wel⸗ ches ohnedies ſchon die Pantalons, die nur für die Ma⸗ gern und Krummbeinigen vortheilhaft ſind, zu ſehr verhüllt. Und wer iſt dieſer Unhold, dieſer ungeleckte Bär? Ein Künſtler, ein Virtuos. So viele Nachläſſigkeit, ein ſo gänzliches Vergeſſen aller Schicklichkeit könnten bei einem Menſchen, den ſein Beruf in die glänzendſten muſikaliſchen Kreiſe von Paris führt, lächerlich ſcheinen; aber nein, es iſt ein Künſtler, und dieſes Wort entwaffnet die Kritik. Die geringe Sorg⸗ falt für ſeine Toilette ſcheint eine nothwendige Folge der Wichtigkeit und großen Zahl ſeiner Geſchäfte. Er iſt zer⸗ ſtreut und unaufmerkſam: ganz natürlich! Er hat ſich nicht raſirt, das iſt wahr, aber er hat vielleicht eine Ca⸗ vatine, ein Finale gemacht. Er iſt freilich beſpritzt, aber vielleicht zog er es vor, zu Fuß zu gehen, um ganz unge⸗ hindert zu ſein, und ſo dem Fluſſe ſeiner Ideen nachhän⸗ gen zu können. Ein Spaziergang arbeitet gar Vieles aus und bringt oft die glücklichſten Begeiſterungen hervor.... Euer Begeiſterter hat nicht immer die Naſe in den Wol⸗ ken, er ſollte auch wohl einen Blick auf ſeine Ferſen wer⸗ fen und bedenken, daß er ſich in anſtändiger Geſellſchaft nicht gut ſehen laſſen könne, ohne erſt durch die Hand der 349 Wiederherſteller der menſchlichen Beſchuhung zu gehen... Einverſtanden, aber dieſer Aufenthalt würde Schuld gewe⸗ ſen ſein, daß er erſt nach der Symphonie gekommen wäre, und dieſe mußte er doch hören. Vielleicht ſoll er noch heut Abend in irgend einer Zeitſchrift über die Oper be⸗ richten, und ſo müſſen wir ihm noch für ſeine Pünktlich⸗ keit danken. Es iſt ein Kinſtler: dieſes Wort entſchuldigt Alles, was nur entſchuldigt werden kann. Ein Künſtler antwortet nicht auf die Briefe, die man an ihn ſchreibt, erwiedert nicht die Beſuche, die man ihm macht, und ſetzt ſich an feierlichen Tafeln eine halbe Stunde nachdem ſchon aufgetragen iſt. Ein anderes Mal verſpricht er zu einer Soiree zu kommen, erſcheint aber nicht. Alle dieſe Unhöflichkeiten würden bemerkt und getadelt werden, wenn von einem andern Menſchen die Rede wäre; aber einem Künſtler verzeiht man ſie. Arbeitſam und voll Ehr⸗ geiz, widerſpricht es ſeiner Gewohnheit, müßig zu bleiben; fällt es ihm aber einmal ein, eine ganze Woche lang Nichts zu machen, in demſelben Augenblick, wo man es ihm nur vorſchlägt, mit aufs Land zu gehen und einen Monat dort zu bleiben, ſo hat Niemand das Geringſte gegen dieſen Ausflug. Wahr iſt's, daß er dort auch ſeine Mußeſtunden nützlich anwenden kann; aber wenn er auch dort nur El⸗ ſterneſter ausnähme und Krähen ſchöſſe, wäre doch ſeine Zeit nicht verloren. Er ruht ſich aus, ſchöpft Athem und zieht nachher Gewinn von dieſen geiſtigen Erſparniſſen. Er iſt Mitglied der glänzendſten und beſten geſelligen Kreiſe, 35⁰ ohne an die Pflichten gebunden zu ſein, welche ſie auf⸗ erlegen, hat Zutritt zu allen Theatern, allen Konzerten, wo man ihm einen Platz aufhebt, ohne alle andere Ver⸗ gütung, als das Angenehme ſeiner Gegenwart. UNeberall wird er gehätſchelt, erſehnt; er nimmt eine Einladung an, wie man Jemandem einen Gefallen erweiſt, und genießt alle Vortheile eines ungeheuern Vermögens, ohne daß er mit ſeinen Intendanten zu rechnen braucht. In hundert Schlöſſer verlangt, zu den glänzendſten Feſten gerufen, und gleich den alten Troubadours von den ſchönen Frauen freundlichſt aufgenommen, läßt er ſich ziehen, giebt ſich dem Strome hin, der ihn mit fortreißt, und iſt ſo ſehr ans Annehmen gewöhnt, daß er Alles annimmt, ſelbſt das Kreuz der Ehrenlegion. Wunderbar! Er iſt zu gar keiner Wiedervergeltung gehalten; wenn er nur annimmt, ſo iſt ſeine Schuld ſchon bezahlt. Am folgenden Tage braucht er bloß, unbeſorgt um den Rückſtand, von neuem wieder anzufangen. Frei wie der Oſage in ſeinen Wäldern, wie der Kaffer auf dem brennenden Sande Afrika's, genießt er inmitten der Hauptſtadt der Welt alle Annehmlichkeiten, welche Lu⸗ rus und Induſtrie an die menſchliche Natur verſchwenden. Vergleicht einmal das glänzende Loos des Künſtlers mit dem Schickſale eines armen General⸗Einnehmers, der ſein ganzes Leben damit zubringt, Thaler zu zählen, um das Recht zu haben, ſeine Mahlmetze auch von dieſem koſtbaren Mehle abzuziehen, und ſo unter Einnahme⸗Sta⸗ 351 tus, nicht zu deckenden Ausgabepoſten und Abſchreibeſum⸗ men zur Maſchine wird; oder mit der Exiſtenz eines un⸗ glücklichen Präfekts, der ohne Erlaubniß des Miniſters nicht aus ſeinem Departement darf, und deſſen wichtiges Geſchäft es iſt, die Wähler zu traktiren, ja ſogar über ihre albernen und altbackenen Späßchen zu lachen, um nur recht viele Stimmen ſich zu verſichern, der von einer Rekrutenasshebung zu langen Streitigkeiten über Anle⸗ gung eines Hammerwerks, zu weitläufigen Vorträgen über Feldwege vorſchreitet, und genöthigt iſt, Antworten auf ſonderbare, ja oft lächerliche Anfragen zu improviſiren, welche die miniſteriellen Büreaus über die Statiſtik des Erdwin⸗ kels, dem er vorſteht, an ihn richten. Ehrgeiz und das Streben, Vermögen zu erwerben, können ihn dahin brin⸗ gen, geduldig dieſe Quälereien zu ertragen; aber es gehört viel Ergebenheit dazu, Geld für dieſen Preis zu gewin⸗ nen. Wohl weiß ich es, daß dieſe Financiers, dieſe hohen Landesbeamten ſich einbilden, daß ihr Poſten ſie weit über die Künſtler emporhebe, ja ſie machen ſogar darauf An⸗ ſpruch, jene zu protegiren; nun, laſſen wir ihnen dieſen Genuß. Man wird einwenden, ein Künſtler werde doch nur ſeines Talentes wegen geſucht und gefeiert. Das kann bis auf einen gewiſſen Grad wahr ſein. Was der Finan⸗ eier ſeinem Koche verdankt, verdankt der Künſtler ſeinem Geiſte, ſeinem Genie. Er wird doch um ſein ſelbſt willen geliebt. Wenn er dieſen mächtigen Reiz verlöre, würde 35² er wahrſcheinlich genöthigt ſein, den Vortheilen zu entſa⸗ gen, welche dieſer ihm verleiht. Eine Frau hört auf, jung und ſchön zu ſein, die Anbeter ziehen ſich zurück, und bringen den Zoll ihrer Huldigungen einem andern Gegen⸗ ſtande, aber ſie ſtirbt deshalb nicht vor Gram. Das iſt nun einmal ſo der Gang der Dinge in der Welt, man muß deſſen Folgen mit einiger Philoſophie zu erwägen verſtehn. Dieſes Glück, Künſtler zu ſein, und nicht vor Hunger zu ſterben, Künſtler zu ſein, und in anſtändiger Wohlha⸗ benheit zu leben, Künſtler zu ſein, und ſeine Töchter vor⸗ theilhaft verheirathen zu können, Künſtler zu ſein, und ein großes mit der Spitze des Violinbogens oder der Feder erworbenes Vermögen zu beſitzen, läßt große Sachen un⸗ ternehmen. Dieſe letzte Seligkeit wird nur ſehr Wenigen zu Theil; und das muß ſo ſein, denn es iſt die Spitze der Pyramide. Hätten die Fabrikanten von Textbüchern ſo wie die von Partituren nur Seribe und Roſſini zum Ziel⸗ punkte, ſo würde dieſes einzige Beiſpiel immer noch für beide Banden ſehr anfeuernd ſein. Man erblickt dort Ei⸗ nen, der auf der Spitze der Kletterſtange ſitzt, den Kreis, in dem ſie ſich endet, umklammernd, die Kränze herab⸗ nehmend und ſie ſich auf ſein Haupt ſetzend, tüchtig in die Würzwurſt beißend und der Flaſche ad libitum zuſpre⸗ chend. Er iſt dort hoch oben, und doch nicht aus den Wolken gefallen: folglich muß es möglich ſein, auch dahin zu kommen. und uun fängt man die Sache an, ohne 3 353 Verſtand, Kräfte und Geſchicklichkeit zu Rathe zu ziehen; man ſteigt, man klimmt, man hält ſich an, man drückt ſich, man erſtickt ſich; der größte Theil hält ſchon nach einigen Anſtrengungen inne, Andere halten ſich in den nie⸗ drern und mittlern Regionen, noch Einige aber, deren Ge⸗ ſchicklichkeit nicht ihrem Ehrgeize nachkommt, wollen es noch höher treiben, und ihr Fall iſt ſo hart, daß ſie die Rip⸗ pen brechen. Alle gleiten jedoch nicht herab, und die obern Theile ſind immer beſetzt. Gleich dem Kriegsſtande beut auch die Künſtlerlauf⸗ bahn viel Ruhm und einige Glücksausſichten dar.„Mar⸗ ſchall von Frankreich möchte ich ſein, im Ruheſtande mit meiner vollen Beſoldung,“ ſagte ein luſtiger Geſell zum Marſchall Moncey.„Welche köſtliche Exiſtenz! Sie be⸗ ziehen 7⸗ bis 8000 Franks Renten, haben Schlöſſer und große Häuſer, alle mögliche Ehre iſt Ihnen zu Theil wor⸗ den, das Glück hat Sie mit ſeinen Gunſtbezeugungen über⸗ ſchüttet, und Alles das iſt Ihnen vom Himmel gefallen, ſo zu ſagen im Schlafe.“—„Glauben Sie das? antwor⸗ tete der Marſchall. Nun denn, ich will Ihnen Alles das für den 100,000ſten Theil deſſen, was es mich gekoſtet hat, abtreten.“—„Wahrhaftig?“—„Ich ſcherze nicht. Dieſes Vermögen beläſtigt mich, und ich ſuche in der That Jemand, der mir es für einen billigen Preis abnehme. Stellen Sie ſich alſo dort in dieſe Allee, 75 ja meinet⸗ wegen auch 100 Schritte weit von hier, um Ihnen zu beweiſen, wie großmüthig ich bin. Ich will nun 30 Gre⸗ 15**. 354 nadiere, gute Schützen, vortreten laſſen. Sie ſehen, daß ich Sie wie einen Freund behandle. Auf Ihr Kommando ſollen dieſe nun auf Sie feuern, nur ein einziges Mal. Wenn ſie Sie nicht treffen, iſt nach dieſer kleinen Probe mein Vermögen das Ihre.“ Der luſtige Geſell zog ein Ge⸗ ſicht, und wollte den Verſuch nicht wagen, den er allzu⸗ gefährlich fand, obgleich der Marſchall 30 Jahre lang von 2 bis 3 Millionen Soldaten beſchoſſen worden war, die ihn immer gefehlt hatten. Das Glück der Künſtler, die den erſten Rang in ih⸗ rer Kunſt behaupten, erregt gewaltigen Neid bei einer Menge Perſonen, welche nur auf die Vortheile ſehen, de⸗ ren ſich das Talent erfreut, aber nicht an die furchtbare Arbeit denken, welche deſſen Erwerben gekoſtet hat, nicht an die Anſtrengungen, an die Geduld, an den hartnäcki⸗ gen Willen, welche Jene haben anwenden müſſen, um die Tauſende von Hinderniſſen zu beſiegen, die ſich dem Em⸗ porkommen eines Günſtlings Apolls in den Weg ſtellen. Hunger und Elend tödten eben ſo viele Künſtler, als Ka⸗ nonen und Kartätſchen Conſeribirte. Alle ſterben freilich nicht geradezu daran; aber ein Künſtler iſt getödtet, ſobald ihn der Drang der Umſtände nöthigt, den Degen oder den Pinſel zu verlaſſen, um den Hobel oder den Advokaten⸗ ſpieß zu ergreifen, dem Conservatoire zu entlaufen, um in das Arbeitszimmer eines Huiſſiers oder in die Werkſtatt eines Schuhmachers zu treten.. Nan muß ſel lbſt von dieſem Fieber befallen, durch dies — —— 3⁵⁵ Geſchwür zernagt, von dieſem Durſt nach Ruhm gequält, verzehrt, durch dieſes Streben, es in den Künſten vor⸗ wärts zu bringen, beſtürmt worden ſein, um deſſen unwi⸗ derſtehliche Gewalt zu kennen. Dieſe fixe Idee verfolgt dann den unglücklichen Jüngling, der von ihr erreicht ward, überall hin, ſie verläßt ihn ſelbſt nicht während ſeines Schlummers. Und nur zu oft halten ihn die Ent⸗ fernung von der Hauptſtadt, die Ungenüglichkeit ſeiner pekuniären Hülfsmittel, um ſich in ſie zu begeben und in ihr zu erhalten, die Nothwendigkeit, einen niederern, aber einträglichern Standpunkt zu verlaſſen, um ſich in die Wechſelfälle eines Talents zu ſtürzen, das man erſt in 3 bis 4 Jahren beſitzen kann, noch überdies zurück. Bis dahin muß man leben, ohne Etwas verdienen zu können. Von meitem zeigt ſich allerdings die fruchtbare, köſtliche Oaſe, der Gegenſtand der Wünſche des Künſtlers; aber welche furchtbare Wüſte trennt ihn noch davon! Und doch wird er ſie mit einer Standhaftigkeit, mit einem Muthe, der jede Probe aushält, durchſchreiten. Peſſier, ein junger Maler aus Lyon, brannte vor Begierde, nach Rom zu gehn und dort zu ſtudiren. Aber er hatte keinen Sous im Vermögen. Da nahm er einen blinden Bett⸗ ler bei der Hand und ſagte:„Komm! ich will Dein Füh⸗ rer ſein. Laß uns nach Italien gehen, Du ſollſt mir dann und wann ein Stückchen Brot geben, ich habe gute Soh⸗ len, und mehr brauche ich nicht.“ Unter der Menge von Zöglingen unſers Conſervatoirs — — 356 der Muſik findet man nicht mindere Hingebung. Mehrere davon ſind elend bekleidet, ihre Stiefeln ſind zerriſſen, und der Hunger, ja, der Hunger quält ſie. Sie ſchlottern, wenn es friert. Was thut das! Ihre Seele glüht den⸗ noch, und ſie gehen barfuß im Kothe. Ei! muß man denn nicht erſt durch die Sümpſe, welche den Parnaß umgeben, ehe man ſeine Doppelſpitze erreichen kann? Nach den Unterrichtsſtunden ſchlüpfen ſie in irgend eine Kneipe, und ſtolz, wie Schotten, genießen ſie da dieſelbe Suppe, wie ſie der Waſſerträger verzehrt, und feuern ihren Muth mit einem Glaſe des bläulichen Getränks an, den man in Paris als Wein verkauft. Alle dieſe jungen Nebenbuhler hätten ſehr glücklich ſein können, wenn ſie hätten wollen in der Provinz bleiben und das Weberſchiff oder den Hobel bewegen, wie es ihre Väter thaten. Aber dann hätten ſie auf den Ruhm, auf die Muſik, den Gegenſtand ihrer voll⸗ ſten Liebe, der ſie Allem, ſelbſt dem Tode trotzen lehrt, Verzicht leiſten müſſen! Allerdings muß eine mit eben ſo vieler Hartnäckigkeit als Leidenſchaft fortgeſetzte Arbeit, eine Arbeit, die einen ſo ſchlecht genährten Körper unter⸗ gräbt, Krankheiten hervorbringen, und wer eine ſchwache Bruſt hat, fühlt ſich bald von ihnen ergriffen. Glaubt Ihr aber, daß Arztes Rath den Künſtler in ſeiner Lauf⸗ bahn hemme, daß der Harmoniſt aufhören werde, das Ge⸗ bäu ſeiner Akkorde zu ordnen, der Sänger ſeine Triller zu üben, der Waldhorniſt, ſein Inſtrument an den Mund zu ſetzen? Nein, ſie werden eher auf der Breſche ſterben, — 357 als zurückweichen. Leben und nicht Muſiker mehr ſein, die Kunſt, welche ſie liebten, ſo zu verlaſſen! da wäre ja ſterben noch beſſer! Androt, A. Butignot, Collin der jün⸗ gere gehören unter dieſe anziehenden Schlachtopfer, deren Anzahl größer iſt, als man glauben ſollte. Bringt man ſolche Opfer, um ſich Talent zu erwer⸗ ben, ſo läßt es nicht lange auf ſich warten, und die Noth macht erfinderiſch. Kaum beſitzen dieſe muſikaliſchen Zög⸗ linge einige Geſchicklichkeit, kaum haben ſie Erfahrung und Uebung genug, um ſich in Tivoli, in dem Gaité⸗Theater, im Vaudeville zu zeigen, als kleiner Gewinn ſchon ihren Zuſtand zu erleichtern anfängt. Man giebt Stunden zu 10 bis 20 Sous, man ſpielt bei Tanzgeſellſchaften vor, man ſchreibt Noten ab, und dieſe kleinen Einkünfte, welche mit bewundernswerther Sparſamkeit wieder ausgegeben werden, haben Pflanzen ſehr ſchnell wieder aufblühen laſ⸗ ſen, die das ehrenwertheſte Elend bereits zu vertrocknen anfing. Rock und unterkleider ſchwarz, gute Beſchuhung, einen glänzenden Hut, feine Wäſche: da hat unſer Vogel ſeine Federn ſchon wieder. Hat man einen Eſſenkehrer geſcheuert, ſo iſt er ein Menſch wie jeder Andere; dieſes ausdrucksvolle Geſicht eines Künſtlers bekommt auf der Stelle eine Lebhaftigkeit, einen Anſtrich der inneren Zu⸗ friedenheit, welche bezaubern. Funſtzehn bis zwanzig reich⸗ liche Mahlzeiten geben ihm Fleiſch und Farbe wieder; un⸗ ſer Virtuoſe iſt auf dem beſten Wege, Ihr werdet ihn nach und nach auf der erſten Staffel erblicken, durch die 358 Nouveautés zur komiſchen Oper, vom Favart zur könig⸗ lichen Akademie übergehen, und nach der Hierarchie der Grade ſich endlich unter den Generalſtab der muſikaliſchen Armee mit einrangiren ſehen. Endlich ſpielt er Konzerte in großen Geſellſchaften. Iſt er Sänger oder Pianoforte⸗ ſpieler, ſo geht er einen noch lukrativern Weg, und wird uns bald von ſeinen Domainen, ſeinem Holzſchlage, ſeinen Brillanten und Equipagen, ſeinen Hunden und Pferden vorerzählen. Das Morgenroth einer Prima donna gewährt noch mehr Intereſſe, die Abwechſelungen ihres Glücks ſind noch man⸗ nigfacher. Als Tochter einer Logenſchließerin, einer Thea⸗ terankleiderin, eines Garkochs, eines Bänkelſängers kommt ſie zuerſt als ganz kleines Mädchen in die Solfeggienklaſſe, wo ſie noch mehr als die Knaben zu leiden hat, von denen ich eben ſprach. Sie iſt arm, hat aber Muth wie dieſe, den Pflanzen gleich, die auf einem kahlen Felſen oder un⸗ term Schnee der Pole wachſen und ſich anklammern; ver⸗ gebens peiſcht ſie der Sturm, ſie widerſtehen allen Unge⸗ wittern und der Strenge des Klima's. Reiche Leute kön⸗ nen es ſich gar nicht vorſtellen, wie wenig ein Weſen, das mit Kraft gegen das Elend ankämpft, zum Leben bedarf. Die arme kleine künftige Virtuoſin geht alle Morgen ins Conſervatoir mit dem Körbchen in der Hand, erbärmlich gekleidet, ein Stück von einem Shawl darüber und ein Hütchen auf dem Kopfe, deſſen eigentliche Beſchaffenheit ſchwer zu beſtimmen ſein dürfte. So wandert ſie eine 359 Stunde weit, watet durch den Koth, und läuft jeden Au⸗ genblick Gefahr, auszugleiten und unter die Räder eines Kabriolets oder einer Diligence zu kommen. Man ſtößt, man ſchiebt ſie, ſie zittert vor Kälte, der Regen ſtrömt auf ſie herab, ihr Körbchen iſt nur ein Blendwerk, man hat vergeſſen, es zu füllen. Jeder Kuchenladen reizt ihre Luſt, die Wohlgerüche des Apfels, der auf dem Ofen der Händlerin kreiſcht, riechen ihr in die Naſe und vermeh⸗ ren ihre Leiden. Mit leerem Magen ſetzt ſie ſich, da ſie die Anſtrengung ihrer kleinen Reiſe nicht mehr ertragen kann, auf das Pflaſter nieder, und überläßt ſich, wie eine in ihrer Liebe gekränkte Prinzeſſin, ihren Thränen. Eine glänzende Equipage fährt vorüber, zwei ſchäumende, aus allen Vieren Funken ſprühende Roſſe und der dahin flie⸗ gende Wagen zeigen das Daherraſſeln eines Glücklichen der Jetztzeit an. Das Pflaſter dröhnt von weitem: ordne dich, Pleberjerhaufen, mach' Platz, oder deine Knochen ſind zu Staub zermalmt. Die arme Kleine hat es gethan, ſie iſt gegen die Füße der Wettrenner und das unerbittliche Rad geſchützt; aber in einem paraboliſchen Zirkelabſchnitt kommt eine Sündfluth von Straßenkoth über ſie. Sie iſt erzürnt und ſpringt auf, um näher gegen den Urheber dieſes Miß⸗ geſchickes loszuziehen. Aber in dem eleganten Wagen er⸗ blickt ſie Madame Catalani, die mit Madame Graſſini plaudert. Ihr Zorn beruhigt ſich, und ſie ruft in einem ſchönen Augenblicke des Enthuſiasmus für ihre Kunſt aus: „Das alſo iſt die Höhe, wohin ein geläufig ausgeführter 360 aufſteigender Läufer, ein gehaltener, kräftiger Ton, ein ſchön artikulirter Triller führt! Meine Stimme iſt ſchön, nur recht und beharrlich es angegriffen, und meine Equi⸗ page ſoll auch einmal die Fußgänger in Angſt verſetzen. Ich habe auch Schultern, auf denen ſich der Cachemire recht hübſch drapiren wird, und mein Platz im Theater wie im Scheibenwagen iſt mir ſo gut wie gewiß.“ Viele Virtuoſen treten freilich in der theatraliſchen Welt auf, ohne dieſe Qualen zu erdulden. Balletmeiſters⸗ Kinder, haben ihnen ihre Aeltern ſchon den Weg gebahnt. Kunſtliebhaber, deren Talent man bereits bewunderte, ent⸗ ſchließen ſie ſich zum Broterwerb durch eine Kunſt, die ſie zuerſt nur zu ihrem Vergnügen erlernt hatten. Die Frauen ziehen ſich ſtets aus der Sache! ſo ſpre⸗ chen die ausgehungerten Schauſpieler, die ſtets um Oſtern nach Paris kommen, dort ihre kleinen Erſparniſſe verzeh⸗ ren und ſich um Anſtellung als zweite Baſſiſten, komiſche Tenore, und erſte Subjekte für die Provinz oder Belgien bewerben. Dieſe nomadiſchen Künſtler kommen von Nimes oder Montpellier her, begeben ſich in die Hauptſtadt, und bleiben dort drei Monate, um dann wieder in dieſelbe Ge⸗ gend mit einem Engagement für Marſeille oder Avignon zurückzukehren. Was ſie das ganze Jahr über erſpart haben, ſetzen ſie auf dieſen nur zu oft nutzloſen Reiſen wieder zu. Die Frauen ziehen ſich immer aus der Sache! Dieſer Ausruf wird ſtets wiederholt, wenn ein Hinderniß die Un⸗ terhandlungen dieſer komiſchen Opernſänger ſtört, nament⸗ lich 361. lich aber, wenn ihr Wirth ſie drängt, ihn zu bezahlen. Allerdings verſtehen die Damen, welche in der Oper ſin⸗ gen, in der Provinz wie in Paris, ſich noch einen zweiten Erwerbszweig anzueignen, der den dreifachen Vortheil ge⸗ währt, ihr Vorrücken in der dramatiſchen Laufbahn zu befördern, ihren Beifall ſicher zu ſtellen, und einen Zu⸗ ſchuß zu den Ausgaben und zu dem ſehr nützlichen, ja für eine Schauſpielerin ſögar nnentbehrlichen Toilettenaufwand zu verſtatten. Für die Frau eines einfachen Bürgers wäre es Tollheit, Brillanten, Schmuck, Cachemire zu kaufen, und ſich in Sammt mit ſeidenem Mantel zu kleiden. Für eine Virtuoſin iſt dieſes gut angewendetes Geld, Geld, deſſen Zinſen bald das Kapital wieder einbringen werden. Aber, wird man ſagen, die Sitten haben ſich geändert; die vorige Regierung hatte Alles verdorben, wir genießen jetzt die Wohlthaten der Revolution, und wenn dies nicht bereits die Uneigennützigkeit der Machthaber im Staate hinreichend bewieſe, ſo würde ſchon das ſittliche Beneh⸗ men der Schauſpielerinnen Zeugniß für dieſe heilſame Reform ablegen. Wahr iſt's, es giebt jetzt allerdings nur ſeltne Ausnahmen, aber doch kann man noch immer nicht wie Despréaux zum Beſten dieſer Damen ſagen: Es ſind ſelbſt deren ſechs, die ich Euch nennen könnte. Die Schauſpielerinnen führen im Allgemeinen ein geregel⸗ teres Leben als ſonſt; aber ſchreibt ſich dieſe Sittenver⸗ beſſerung nicht von der Verſtändigkeit der Männer her? Die Mittel der Verführung werden nicht mehr verſchwen⸗ II. 16 36² deriſch weggeworfen, wenn auch die Glücklichen des Jahr⸗ hunderts nicht minder reich ſind, als unter der vormali⸗ gen Regierung. Man ſieht nicht mehr ein ungeheures Ver⸗ mögen in der Chatoulle einer Prima donna verſchwinden, einen goldenen Regen in die Schürze einer Soubrette der komiſchen Oper ſich ergießen. Die jetzigen galanten Her⸗ ren haben nicht mehr ſolche ſtürmiſche Leidenſchaften, die zwei ſchönen Augen Alles aufopferten, und wenn ſolche Doppelſpiegel einer gefühlvollen Seele jeder für 2000 Tha⸗ ler angeſchlagen würden, ſo dürfte es ſchwer fallen, Käu⸗ fer zu finden, die beſſere Bedingungen böten. Das macht zwar nicht reich, aber es hilft wirthſchaften, ſagte eine Sängerin. Vergleicht nur dieſe Revenüe von 1000 Franks monatlich, von der man aber manchmal erſt den zwölften Theil nach ein und dreißig Tagen bekommt, mit den Schäz⸗ zen, welche die Generalpächter, die Prinzen und großen Herren mit unbegreiflicher Beſtändigkeit in die Hände der Damen Antier, de Metz, Laguerre, Arnould, Saint Hu⸗ berty u. ſ. w. ſchütteten, mit den glänzenden Equipagen und Livreen, mit den Hotels dieſer Virtuoſinnen, und Ihr werdet euch nicht wundern, wenn ihre Nachfolgerinnen manchmal den Refrain eines alten Liedes anſtimmen: Die arme Zeit! Die arme Zeit! oder ſich muthig entſchlie⸗ ßen, den Weg der Tugend zu wandeln, weil es ſich wirk⸗ lich nicht der Mühe verlohnt, ihn um einer ſolchen Klei⸗ nigkeit willen zu verlaſſen. Ein Kröſus von ehemals rich⸗ tete ſich wegen einer Sängerin zu Grunde, und ſein toller 363 Aufwand reizte den Neid ſeiner Nebenbuhler, wodurch wie⸗ der ſeiner Eigenliebe geſchmeichelt ward. Es war eine Art von Triumph, ein unermeßliches Vermögen auf eine ſolche Art durchzubringen. Heut zu Tage, würde man den Nar⸗ ren auspfeifen, den eine ſolche Dummheit der Geißel der Satyre überliefert. Erwählt man einen Stand, ſo muß man ohne Umſtände auch alle ſeine Verhältniſſe ſich gefallen laſſen, und mir ſcheint es, als ob eine mehr oder weniger übertriebene Galanterie, aus dem oder jenem Geſichtspunkte betrachtet, als bloßer Liebhaber ausgeübt, oder öffentlich bekannt, eine nothwendige Folge, ein mit dem Stande einer ſingenden, ſprechenden oder tanzenden Schauſpielerin unvermeidlich verbundenes Etwas ſei. Alles führt die junge Virtuoſin dazu hin, und man muß geſtehen, daß ſie von Unglück zu ſagen hat, wenn ſie nicht dahin gelangt. Mit der erſten Note ihrer Singaufgabe berühren auch Worte der Liebe ihr Ohr. Sehr häufig iſt es ihr Lehrer des Geſangs oder der Ausſprache, welcher die Mühe dieſer Doppelerziehung über ſich nimmt. Der Gegenſtand der beſondern Zunei⸗ gung ſeines Lehrers zu ſein, immer an ſeiner Seite zu ſitzen, ſtatt unter die übrige Menge verwieſen zu werden, ſeinen Rath über die kleinſten Dinge zu erhalten, während die Andern falſch oder, wenn ſie wollen, auch gar nicht ſingen mögen, in die erſte Linie vorgeſchoben zu werden mit einer ſo zärtlichen Sorgfalt, in den Prüfungen mit ſchriftlichen Bemerkungen oder mündlichen Vorerinnerungen ſich em⸗ 16* 364 pfohlen zu ſehen, welche die Jury ſchon im Voraus vor⸗ theilhaft ſtimmen, das ſind Vortheile, die der Würdigung wohl werth. Man beſitzt Ehrgeiz, und dieſe Art der Ver⸗ führung wirkt ungemein mächtig auf eine junges, durch den Reiz der Muſik exaltirtes Gemüth. Ich bin ſchon ſeit langer Zeit dem Conſervatoir entlaufen und weiß nicht mehr, wie es darin zugeht: nur das kann ich behaupten, daß im Jahre VIII. der Republik viele Profeſſoren dieſe doppelte Senne auf ihrem Bogen hatten: doctores in utroque. Die muſikaliſche Erziehung iſt beendigt, man hat die erſten Preiſe davon getragen; es handelt ſich jetzt darum, außzutreten. Da giebt's einen Direktor, deſſen Strenge man entwaffnen und die Vorurtheile vernichten muß, welche Neulingen ſtets ſo gern den Weg verſperren. Ehe⸗ dem mußte man die Einwilligung der Kammerjunker haben. Zum großen Vortheile für das Beſte der Kunſt, der Künſtler und der Sitten hat uns die Julirevolu⸗ tion von dieſen Ziehmännchen, dieſen betitelten Lakaien befreit, denen man wohl gern ihre Albernheit verzeihen würde, wenn ſie nur auch weder unverſchämte Wüſt⸗ linge, noch freche Diebe wären. Sind dieſe erſten Hin⸗ derniſſe aus dem Wege geräumt, ſo treten andere ein. Da iſt der Regiſſeur, deſſen Beiſtand vortheilhaft iſt, der erſte Tenor, der Baryton, deren Gunſt man zu gewinnen ſuchen muß, damit ſie die Güte haben, in der Oper auf⸗ zutreten, und gewiſſenhaft zu probiren und zu ſingen, vor⸗ züglich aber, damit ſie der Debütantin nicht, den Sänge⸗ 365 rinnen zu Gefallen, die ſich vor ihr fürchten, auf der Bühne ſelbſt Poſſen ſpielen, indem ſie ihr falſche Stich⸗ worte bringen, abſichtlich eine Repriſe überhüpfen, ein B⸗ Quadrat oder B⸗Moll auf den letzten Noten ihres Solo an⸗ bringen, wodurch nothwendig der Debütantin der Ton nicht richtig angegeben und ſie dadurch in einen Abgrund geſtürzt wird, aus dem ſie, ohne vom Pfeifengetös aufge⸗ ſtachelt worden zu ſein, nicht wieder heraus kann. Ge⸗ lang nun aber auch das erſte Auftreten, ſo muß man ſich wieder darin ſicher zu ſtellen ſuchen, daß die weſentlichen Sänger nicht etwa Tags darauf krank werden, um den glücklichen Fortgang des Neulings auf einmal wieder zu hemmen. Dieſes erſte Gelingen muß man ferner trium⸗ phirend auspoſaunen und die Nebenbuhlerinnen, welche man verdunkelt zu haben glaubt, aus dem Felde ſchlagen. Nun kommen alſo die Journaliſten daran. An die Schriftſteller kommt die Reihe erſt dann, wenn die Debütantin, die man nun ſchon allzu oft in den alten Opern geſehen hat, das Siegel auf ihren Ruf dadurch drücken will, daß für ſie eine neue wichtige Rolle in einem neuen Werke geſchaffen wird. Eine hübſche Frau ſiegt leicht über alle dieſe Oppo⸗ ſitionen, ſie bringt ihr Schifflein in den Hafen, wenn ſie es mitten durch dieſe Klippen zu ſteuern weiß und zur rechten Zeit einige kleine Bewilligungen zu machen verſteht. Dann bleibt ihrem Liebhaber oder Manne nichts weiter übrig, als den Klatſchern einige Goldſtücke hinzuwerfen. Ich habe mehr als eine unſchuldige Taube aus den Klauen 366 der Geier gerettet; aber ach! ich habe dadurch nur ihr un⸗ glück verzögern können; ſpäterhin iſt ſie dann in den Löwen⸗ rachen gerathen. Seiner Beſtimmung kann man nun ein⸗ mal nicht entgehen. 1 Ihr müßt jedoch nicht glauben, daß ſolche Fälle von dem Berufe einer dramatiſchen Sängerin ganz unzertrenn⸗ lich ſeien; ich habe ſchon oben geſagt, daß wenigſtens ein halbes Dutzend dagegen proteſtiren würden. Ein ausge⸗ zeichnetes Talent wird von Direktoren, denen der Vortheil ihrer Unternehmung mehr gilt, als die Intriguen des Toilettenſtübchens, mit dem größten Eifer aufgenommen, und wenn die äußere Schönheit der Sängerin nicht von der Art iſt, daß ſie Augen und Herz der Dilettanti allzu ſehr ergreift, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß man ſie auf dem Wege der Tugend wird ſortwandeln laſſen, wenn ſie nun einmal dieſe Grille hat. Eine ſolche Zurückhaltung aber, . welche den Kouliſſengewohnheiten ſo ganz entgegen iſt, wird bald zum Gegenſtande des Skandals und unerſchöpflicher Neckereien werden, und die Bosheit wird ihr, wenn ſie ſie nicht bezweifeln kann, die beleidigendſten Urſachen unter⸗ ſchieben.— Sie iſt ſittſam, weil ſie häßlich iſt.— Sie iſt ſittſam, weil ſie ſo übertriebene Anſprüche macht, daß wenigſtens ein Lord über den Kanal kommen müßte, um eine ſolche Mitgift aufzuwiegen.— Und doch führt man ſehr hübſche Sängerinnen an, bei denen dieſe ſeit zehn Jah⸗ ren ſtets gegen ſie abgeſchoſſene Pfeile ihren Ruf nicht er⸗ ſchüttert haben, ſo daß die theatraliſche Welt ſich endlich 367 genöthigt geſehen hat, ihnen den Titel der Schauſpielerin⸗ nen ohne Tadel beizulegen. Dieſe Virtuoſinnen haben nicht mindern Muth gezeigt als der Ritter Bayard. Warum bekommen denn die Nonnen keine Kinder? fragte eine meiner Kouſinen die Superiorin ihres Kloſters mit Engels⸗Naivetät. Schweſter Magloire trat bei alle dem in ihr ſechszigſtes Jahr, hatte aber ſeit zwei und funf⸗ zig Itthren nicht aufgehört, ihre Pflichten innerhalb der Kloſtermauern zu erfüllen. Ihre weit minder bejahrte Aeb⸗ tiſſin beſaß mehr Erfahrung, und antwortete ihr auf der Stelle:„weil die Vorſehung bedacht hat, daß eine Schaar von ſolchen kleinen Murmelthieren, die in einem Kloſter herumtobten, unſere heiligen Beſchäftigungen ſtören und den Frieden einer dem Gebete geweihten Zurückgezogenheit unterbrechen würden; deshalb ſchickt ſie uns keine zu.“ Die dramatiſchen Sängerinnen und Militairs ſind Mön⸗ che von einer andern Art: ihre Profeſſion iſt mit der Verheirathung unverträglich. Der ſo furchtban gewordene Orden der Tempelherren verdankt den größten Theil ſeiner Macht dem eheloſen Stande dieſer mönchiſchen Soldaten. In der That richtet auch die Schwangerſchaft einer belieb⸗ ten Künſtlerin ein Theater zu Grunde. Sie wird entbun⸗ den, und ihr si und ihr la ſind dabei verſchwunden, ja ſelbſt das sol wird ſich im nächſten Jahre empfehlen, wenn die Prima donna fortfährt, au der Vermehrung ihrer Familie zu arbeiten. Sie verheirathe ſich mit einem Financier, einem Materialiſten, einem Edelmann, und die erſte Bedingung 368 im Kontrakte wird die ſein, daß Madame der Bühne ent⸗ ſagt. Da geht nun alſo ihr Talent verloren und ihr Name wird aus dem Verzeichniß der Künſtler und dem Almanach der Schauſpieler geſtrichen. Ganz Europa beſchäftigte ſich mit der Sängerin, die Zeitſchriften ſprachen von ihrem Aufenthalte in Neapel, Paris, Wien, ihren Triumphen in London und Pe⸗ tersburg; die Frau Gräfin, die Frau Herzogin, die Frau Krämerin gerathen in Wohlſtand, aber auch in Vergeſſenheit. Heirathen ſie einen Kunſtgenoſſen, ſo iſt es noch ſchlim⸗ mer. Solche Verbindungen ſind ſowohl in Beziehung aufs Herz als aufs Vermögen ſelten glücklich. Die verführe⸗ riſchſte aller Künſte hat gewöhnlich keinen Reiz für den, der ſie ſeit langer Zeit ausübt. Ein Muſiker wird durch eine tragiſche Darſtellerin verführt werden; einen Maler, einen Dichter wird die Liebe verzehren, die ihnen eine Sängerin einflößt. Dies beweiſt die Erfahrung. Der Muſi⸗ kus kennt die Kunſtgriffe ſeines Handwerks zu gut; er weiß zu genau, durch welchen Mechanismus man dahin gelangt, den Enthuſiasmus, das Entzücken zu bewirken, um ſich, wie die Schaar der Dilettanten, durch dieſe Hülfsmittel fangen zu laſſen. Sucht ſich der Muſiker eine Sängerin, heirathet der dramatiſche Sänger eine Perſon ſeines Stan⸗ des, ſo will er ſeine Beſoldung mit der ſeiner Braut zu⸗ ſammenrechnen, um eine anſehnliche Summe herauszubrin⸗ gen. Zu dieſen Vortheilen, die er für poſitiv hält, ge⸗ ſellt er noch das Vergnügen, eine allerliebſte Frau zu haben, deren einziger Beſitzer er ſein ſoll. Das iſt vortrefflich! 369 aber die Schauſpielunternehmer müßten auch nur ein ſol⸗ ches Abkommen begünſtigen, indem ſie die Künſtler paar⸗ weiſe engagirten, wie man Wagenpferde oder Kapaunen von Roquemaure verkauft. Dem iſt aber nicht ganz ſo. Neapel, Brüſſel braucht einen Tenor, einen Baſſiſten, wollen aber eine vom Publiko gern geſehene Sängerin behalten; auf der andern Seite ſchreien Mailand, Bordeaux, Marſeille, Rouen ganz gewaltig nach einer Prima donna, und weiſen alle Tenors und Barytons zurück, und wenn ſie das Talent eines Rubini und Lablache beſäßen. Dieſe Anträge wer⸗ den nun ſogleich unſerm ſingenden Paare von den Theater⸗ Korreſpondenten zu Füßen gelegt. Was ſollen nun unſere beiden Turteltäubchen anfangen, die noch Liebesduetts ſeuf⸗ zen? Von ihrer treuen Zuneigung fortgeriſſen und nicht achtend der Vortheile, die ſie nur durch ihre Trennung erkaufen könnten, werden ſie nach dem edlen Beiſpiele von Adolph und Clara die Engagementskontrakte zerreißen, die für ſie Scheidungsurtheile ſind. Da iſt nun ein Jahr ver⸗ loren: man kann nicht von der Liebe leben; auch hat nach zwölf Monaten die Zärtlichkeit nicht mehr ſo viel Allge⸗ walt; finanzielle Rückſichten ſiegen über die Macht des Ge⸗ fühls, und ſo entſchließen ſie ſich denn mit beiderſeitigem Einverſtändniſſe, Eins nach Marſeille, das Andere nach Amſterdam zu reiſen, indem ſie ſich Betheuerungen einer Liebe und Treue ohne Maaß und Ende zuſchwören. So⸗ mit iſt aber auch unſer liebendes Paar nach Süden und Norden verſchlagen, durch einen Zwiſchenraum von zwei 12 370 hundert Meilen getrennt, und kann nur noch der Poſt den Ausdruck ihrer Zärtlichkeit und die bald nicht mehr völlig zuverläſſigen Schwüre ihrer Beſtändigkeit anvertrauen. Eine Bühnenkünſtlerin iſt ſchön und ſittſam, ſie denkt nur an das Glück ihres Gatten, ſie iſt von einer Strenge der Sitten, daß man ſie als Muſter aufſtellen kann; wird denn aber dieſe Kouliſſen⸗Lukretia eine Rolle als Genius, als Sylphide ausſchlagen, in der ſie halb nackend erſchei⸗ nen muß, eine Verkleidung, wobei ſich alle Formen aufs Genaueſte abzeichnen? Nein, gewiß nicht. Sie wird ſelbſt nöthigen Falls darum bitten; dann wird ſie ſelbſt auch dem Schneider Anordnung geben, damit er die Pantalons nicht zu weit, das Waffenröckchen nicht zu lang mache, und iſt's ein Damenkleid, darüber wachen, daß Arme, Schultern und Umgebungen fein zu ſehen ſeien, wird Sorge tragen, daß die Gaze zu ihrem kurzen Röckchen recht durchſichtig ſei, und der fleiſchfarbene Trikot, der ihr als zweite Haut dient, dem Auge des Dilettanten keinen ihrer Umriſſe ent⸗ ziehe. Und doch thut ſie dies in allen Ehren, ohne bösliche Abſicht, ohne arge Gedanken, bloß aus Liebe zu ihrer Kunſt, nur, um kein Mittel zu vernachläſſigen, Beifall zu erhal⸗ ten, und in der Abſicht, um nach allen ihren Kräften dem Direktor und den Verfaſſern der neuen Oper dienſtlich zu ſein. Das iſt bewundernswürdig! das iſt reizend! Das entzückte Publikum bezeugt ſeine Wonne durch Bravos, und begrüßt die Künſtlerin beim Auftreten und Abgehen; es ſteht vor den ſchönen Dingen, deren Ausſtellung man ihm 371 ſo freigebig darbietet, in ſtaunender Extaſe. Darauf be⸗ ſchränkt ſich aber der Triumph nicht. Am andern Mor⸗ gen kommen Bäcker, Fleiſcher und Kohlenlieferant, die geſtern Abends dem Siege der Madame beiwohnten, zu ihr, um ihre gewöhnliche Aufwartung zu machen, und bitten unt die Erlaubniß, aus der Küche in den Salon gehen zu dürfen, damit ſie das Vergnügen haben können, dem Herrn wegen der geheimen Vollkommenheiten ſeiner Ehehälfte ihr Kompliment zu machen. Dann findet ſich der Bar⸗ bier ein, ſticht, als ein Schönredner wie Figaro, dieſe. zu gemeinen Sprecher aus, und endet ſeine Anrede damit, daß er die Frau vom Hauſe mit der Suſanne im Bade, mit der Venus Kallipyga vergleicht. Ich weiß nicht, wie ſehr ein Ehemann über eine ſolche Apologie entzückt ſein muß. Eine hübſche Frau hat ſich bereichert, ſie beſitzt alle Güter, alle Bequemlichkeiten des Lebens, man bewundert ihre Equipage, ſie glänzt in den Vorderlogen bei allen mo⸗ diſchen Vorſtellungen! Und doch möchte die Schöne gern in gewiſſe Kreiſe aufgenommen ſein, die ſie aber zurückwei⸗ ſen, ſie weiß wohl, weshalb. Elodie lernt Muſik, arbeitet mit Zimmermann für das Fortepiano, vertraut ihre Stimme Bordogni und Banderali an. Elodie wird eine Virtuoſin des zweiten Ranges, ſie ſingt in Konzerten, geht auf die Bretter, und das Theater wird für ſie ein Ort der Unver⸗ letzlichkeit. Alles iſt vergeſſen, Alles vergeben in dem Au⸗ genblicke, wo man, wenn man von Elodie ſpricht, ſagen kann: ſie iſt Künſtlerin. Die vornehme Welt hat Geſetze, 372 die man ſchwer überſchreiten darf; aber es iſt leicht, ſie auf die vortheilhafteſte Weiſe auszulegen. Die geſelligen Kreiſe begnügen ſich mit dem kleinſten Vorwande, und verlangen weiter nichts, als ſich nachſichtig zeigen zu dür⸗ fen; Elodie hat aufgehört, Buhlerin zu ſein, ſie iſt von dem Augenblicke an Virtuoſin, wo es erlaubt iſt, ſie als eine ſolche zu betrachten, und man bemüht ſich, ihre vor⸗ maligen Schwächen als das Ergebniß eines für eine ver⸗ führeriſche Kunſt exaltirten Geiſtes anzuſehen, ob ſie gleich ihren erſten Ton nicht eher geſungen hat, als bis ſie den vollſtändigen Kurſus der Galanterie durchgemacht. Sie iſt eine Künſtlerin, damit iſt Alles geſagt, man muß nun nur noch an ihr Talent denken.— Viele Damen, welche Muſik bloß zum Vergnügen trei⸗ ben, ſind in dieſer Hinſicht Künſtlerinnen, und ich könnte Talente vom erſten Range anführen; aber man muß ver⸗ ſchwiegen ſein, um der Beſcheidenheit der Einen nicht zu nahe zu treten, und die Eigenliebe der Andern nicht zu beleidigen, wenn meine Litanei nicht zahlreich genug wäre. Auch Unterlaſſungsſünden muß man meiden. Der Virtuos iſt glücklich in der Ausübung ſeiner Kunſt. Er hat allerdings phantaſtiſche Neigungen, aber ſie ſind faſt immer auf Wiſſenſchaften oder Künſte gerichtet. Der Eine möblirt ſein Zimmer mit gothiſchen Stühlen aus, hängt den Flamberg und die Tartſche an ſein Bett, Kü⸗ raſſe, Hellebarden, Helme und Panzer tapezieren ein Be⸗ hältniß, das ſein Licht durch Fenſter erhält, die aus den 373 Rundtheilen einer Kathedrale entführt ſind. Ein Anderer lehrt ſeinen Hund die Skala, und bringt es wirklich dahin, daß er richtiger vokaliſirt, als manche zweibeinige Sänger. Noch Einer ſtopft Vögel aus, und geräth bei dem Schweife eines Goldammers und Perlhuhns in eben ſo großes Ent⸗ zücken, wie bei einer Stretta von Beethoven. Dieſer malt eben ſo gut Landſchaften, wie Ciceri Tenor ſingt. Jener klaſſificirt Schmetterlinge und Schnecken. Dieſer verwen⸗ det zu viele müßige Stunden, welche ihm die Kompoſi⸗ tion ſeiner trefflichen Partituren übrig läßt, an die Bota⸗ nik. Jener beſchäftigt ſich mit Allem, und ſpricht mit Geiſt, mit Sicherheit über den Mechanismus ſeiner Uhr und das Uhrwerk des menſchlichen Körpers, über die Diplo⸗ matik, über die Art, das Tuch zu färben, oder gute Ma⸗ caronis zu machen; er zeigt mit dem Finger gleich richtig auf die Stirnbeinnaht oder auf das Os ischium, wie auf eine harmoniſche Lizenz, die er ſich im Mosè erlaubt hat. Noch ein Anderer iſt trübgeſtimmt; Ihr glaubt vielleicht, ſeine Geliebte ſei ihm untreu worden? Ganz und gar nicht. Wegen einer Probe hat er nicht ins Hotel Bullion gehen können, wo man den ſchönſten chineſiſchen Kopf⸗ zermalmer verkauft hat, der ſich nur denken läßt. Wenn Ihr ihn des Morgens beſucht, ſo findet Ihr ihn in einem Mandarinenkleide, mit mexikaniſchem Untergewande, einer Nabohweſte und Sultanſtiefeln, auf dem Kopfe eine tar⸗ tariſche Mütze, türkiſche Piſtolen und einen japaniſchen Kri im Gürtel, wie er Akkorde auf einer Violine abſäbelt, 374 Harpeggien zuſammenkettet, und auf der Doppelſaite mit bewundernswürdigem Enthuſiasmus eine ſtürmiſche Fuge trillert. Da dieſer Enthuſtasmus, dieſe Liebe zur Kunſt, dieſe verzehrende Gluth ſich mit dem Alter legt, ſo denkt der Virtuoſe dann manchmal an ſein Vermögen, und theilt, aufrichtig geſtanden, ſeine Liebe zwiſchen der Muſik und dem Gelde, das ſie ihm einbringt. Ich ſage es aber noch einmal, es iſt ein Künſtler; verzeiht ihm alſo dieſen Fehler auch. Dieſer Künſiler, in ſeiner Jugend ein luſtiger Kum⸗ pan, der ſich um nicht das Geringſte in der Welt beküm⸗ merte, iſt Vater geworden, hat Töchter auszuſtatten, und Ihr wißt, daß eine ſolche Oper ſelbſt ſeit Quinault ſchwer zu komponiren iſt. Und wären dieſe Töchter ſchön wie Herzblätter, wie Amouretten, oder Eier!— dieſer letzte Ausdruck gehört meiner vaterländiſchen Provinz an—, beſäßen ſie die ausgezeichnetſten Talente, das trefflichſte Ge⸗ müth, man muß doch bei alle dem noch eine Summe anzubieten haben, die ungefähr der von zehn erfolgreichen Opern gleichkommt, um Liebhaber zu finden, die ſo gütig ſind, ſelbige für dieſen Preis anzunehmen. Trägt der Künſt⸗ ler dieſen doppelten Sieg davon, ſo hat die Muſik zum zweiten Male ſein Glück gemacht. Caſtil⸗Blaze. Die Selehrten von ehemals. We überall, ſo hat auch in Frankreich das Loos der Gelehrten ſeine hellen und dunklen Tage gehabt. Wir wollen ihm nicht in ſeinen Abwechslungen folgen. Es iſt nicht lange her, wo zwei verdienſtvolle Akademiker deshalb unſre Archive des Mittelalters befragten. Die Herren Raynouard und Villemain haben uns gelehrt, was die Minſtrels, Trouveren und Troubadours waren, mit denen die Litteratur des europäiſchen Kontinents ihren An⸗ fang nahm. Wir wollen unſrerſeits uns wohl hüten, bis zu dieſem Urſprunge hinaufzuſteigen. Von unſern Gelehr⸗ ten, von den Gelehrten, wie ſie vor unſrer Revolution von 1789 waren, und von denen, wie ſie nach unſrer Revolu⸗ tion von 1830 ſind, wollen wir ſprechen, und uns auch dabei noch eines Eingehens in Details enthalten, von de⸗ nen ſich dergleichen über jene erſtere in weit größerer Aus⸗ dehnung, als wir ihnen zu geben vermöchten, in den an⸗ 376 ziehenden Werken von Sainte Foix, Duclos, Chamfort und Mercier, ja ſelbſt von jenem Retif de la Bretonne finden, den man vielleicht wohl vor 40 Jahren verachten konnte, der aber jetzt, wenn man ſeine eben ſo bizarren als kühnen Darſtellungen mit denen der meiſten unſrer modernen Romanendichter iu Parallele ſtellen wollte, eine litterariſche Macht ſein würde. Der Hauptfehler dieſes Schriftſtellers iſt unſtreitig der, ſeine Gemälde aus Krei⸗ ſen aufgegriffen zu haben, von denen er keine Muſter hätte entlehnen ſollen. Allerdings fand im Schooße der vorneh⸗ men Geſellſchaft, als er ſie zu malen verſuchte, tiefe Ver⸗ dorbenheit Statt, da er aber nicht in dieſelbe eingeführt war, gab er ihr zu häßliche Geſtalten. Hat er ſich nicht in den Stockwerken geirrt, ſo könnte man ihm vorwerfen, nicht gut an den Thüren gehorcht oder durch die Schlüſ⸗ ſellöcher geguckt zu haben. Die unſittliche Spötterei jener .Epoche, an der ſich ſein kräftiger Pinſel verſucht, war al⸗ lerdings etwas ſehr Betrübendes, und zeigte der Aufmerk⸗ ſamkeit des Beobachters eine in den weſentlichſten Orga⸗ nen ihrer Exiſtenz verarmte Natur. Die Nation verklei⸗ nerte ſich ſelbſt, alles Höherſtehende ſtrebte nach der Tiefe, ſelbſt die Wiſſenſchaften nahmen, ob ſie gleich im Allge⸗ meinen betrieben wurden, dennoch dieſe Richtung. Wäre die Mittelklaſſe, durch Zuwachs an Aufklärung und Ver⸗ mögen gekräftigt, nicht an die Stelle der höhern getreten, hätte nicht eine eben ſo wohl finanzielle als politiſche um⸗ wälzung dieſes umwenden der Partheien begünſtigt, ſo 7 377. würden wir jetzt die ſo beſtrittene Frage über unſre Re⸗ gierungsform nicht zu beantworten haben. Sybaris erliſcht in Verweichlichung, oder unterliegt dem Joche eines Des⸗ poten, unter dem der Untergang der Nationen zwar lang⸗ ſamer, aber doch unvermeidlich iſt, und der Reiſende, der vergebens ihre Spur ſucht, ſieht ſich genöthigt, den ſorg⸗ loſen Hirten des alten Thurinus zu befragen, wo Syba⸗ ris war? der ihm gewiß nicht antworten wird. In der Beſchreibung der Sitten der vornehmen Häu⸗ ſer übertrieben, in denen der Straßenwinkel cyniſch, war Retif de la Bretonne in den Gemälden der Dorfbe⸗ wohner bewundernswürdig. Da hat er geglänzt; Ihr wer⸗ det wirklich mit ihm Bewohner des Pachtguts, oder tretet vielmehr mit ihm in das Zelt der alten Patriarchen ein. Sein Freund Mercier hat mehrere Stellen ſeines Gemäl⸗ des dazu beſtimmt, ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, er hat ſelbſt mehr als einmal dieſer Kraft der Auf⸗ faſſung, die man dem Drama von den beiden verdor⸗ benen Landleuten nicht verſagen kann, volles Lob er⸗ theilt. Wahr iſt es freilich, daß Retif de la Bretonne mit gleicher Münze gegen ſeinen Freund verſchwenderiſch war. Dies erinnert uns daran, daß Ducis und Thomas, Chamfort und La Harpe, Suard und Marmontel damals in den Salons das Schauſpiel von Perſonen darboten, die ſich dazu vorbereitet hatten, einander gegenſeitig zu loben. Iſt das Publikum dadurch angeführt worden? Wir wagen es nicht zu ſagen; wenn es ſich aber bei dieſem Spiele 16** 2 — 378 beluſtigte, wer hätte ein Recht, ſich Heut noch darüber zu beklagen? Sei dem wie ihm wolle, die Gelehrten der damaligen Zeit kannten die Süßigkeiten der Freundſchaft beſſer, als es jetzt der Fall iſt. Die damaligen Memoiren zeigen uns, welchen Werth ſie darauf ſetzten, frühern Verhältniſſen treu zu bleiben. Wer ſich zuerſt den Pflichten entzogen hätte, die ſie auferlegen, würde ſich in den Augen Aller eines großen Unrechts ſchuldig gemacht haben. Daher wandten auch Einige ſo viele Mühe an, ſich gegen der⸗ gleichen zu vertheidigen. Dennoch aber ſprang das Epi⸗ gramm aus dem Dintenfaſſe, der Sarkasmus von den Lippen; aber in der Tiefe des Herzens wohnte Wohlwol⸗ len, und wenn man es nöthig hatte, ſeine Zuflucht dazu zu nehmen, ſuchte man es nicht vergebens. Dieſe Wider⸗ derſprüche ſind leicht aufzuklären. Die Schriftſteller leb⸗ ten damals mehr unter ſich. Als zerſtreute Mitglieder einer und derſelben Familie behandelten ſie ſich auch als ſolche, und hatten ihre mehrfältigen Vereinigungspunkte, welche heut zu Tage ganz fehlen. Sie fanden ſich an den Tafeln der großen Herren, der Finaneiers, liebenswürdiger Frauen und manchmal auch von Staatsmännern zuſam⸗ men, wo ſie, einmal dazu verurtheilt, um jeden Preis Geiſt zu zeigen und ihn als baares Geld auszugeben, ſich nicht immer ſchonten. Wenn ein Witzwort zum Glücksfalle wird, wenn es wenigſtens eine Woche in der Hauptſtadt umlau⸗ fen und dann auf der Poſt durch die Provinz wandern 379 muß, wäre das Aufopfern deſſelben doch allzu ſchmerzlich, als daß man es vernünftiger Weiſe fordern könnte. Wenn der Bogen einmal geſpannt iſt, muß der Pfeil davonflie⸗ gen, wenn auch der Nachbar darunter leiden ſollte; da aber der Pfeil nicht in Gift getaucht worden, wird die Wunde bald wieder heilen. Nur die Erinnerung daran wird bleiben, und das ſoll ſie auch. Somit erſtreckte ſich die Wachſamkeit mehr auf Thaten als auf Worte. Minder zahlreich, als man es immer annimmt, fanden ſich dieſelben Gelehrten im Café Procope, jetzt Zoppi, nach dem Namen ſeines letzten Eigenthümers, und in dem der Regentſchaft, das ſeinen Namen noch beibehalten hat, zuſammen. Da hatte ihre lebhaftere und lärmendere Fröh⸗ lichkeit doch minder Bitteres, weil ſie unvorbereitet war. Man war dem nicht ausgeſetzt, ſich zu verwunden, indem man ſich liebkoſete; aber man ſchonte ſich, ob man gleich weit mehr Wohlwollen gegen einander beſaß, dennoch we⸗ niger. Der, welcher ſich von dem Streiche, dem er nicht hatte ausweichen können, getroffen fühlte, war der Erſte, der die Geſchicklichkeit des Angreifers, in der Hoffnung, das nächſte Mal ſeine Revange dafür zu nehmen, be⸗ klatſchte. Für dieſe ſpürte er aber nun den günſtigſten Augenblick aus, und ergriff ihn. Ein Waffengeklirr, ein Sprühfeuer ſetzte den Zuſchauer in Staunen und Ver⸗ wunderung. Dieſe Spiele, eine maleriſche Geiſteserholung, verlängerten ſich bis ins Theater, wo man nicht ſelten die Veteranen des franzöſiſchen Parnaſſes, gruppenweiſe, bald 380 an der Ecke der Königin, bald an der des Königs, wo nicht im Foyer der drei Haupttheater, verſammelt ſah, wie ſe in den Zwiſchenakten über den Vorrang in der Litteratur, das damalige große Zeitintereſſe, ſtritten, über das Verdienſt der Alten und Neuern verhandelten(eine Frage, die nie zu entſcheiden iſt, weil jene Auszeichnungen ſtets mit den Be⸗ dürfniſſen der Jahrhunderte, worin ſie ſich zeigen, im Ver⸗ hältniſſe ſtehen), ſich die Traditionen unſrer Bühne, das Erbtheil jeder Generation von Schauſpielern, ins Gedächt⸗ niß zurückriefen, den Ton verglichen, der dieſem oder je⸗ nem Couplet zu verſchiedenen Zeiten gegeben worden war, das Spiel der Clairon dem der Dumesnil, das von Pre⸗ ville und Molé dem von Dazincourt und Fleuri, deſſen Talent damals aufzublühen begann, entgegenſetzten, ſich für Gluck oder Piceini enthuſiasmirten, die junge Welt, welche ihnen ſchweigend zuhörte, unterrichteten, und ſie zu jener Wiſſenſchaft des franzöſiſchen Geſchmacks bildeten, deren Erbtheil dieſelbe jetzt von ſich zu ſtoßen ſcheint. So wendeten vor der Revolution von 1789 die Ge⸗ lehrten ihre Stunden an, bis ſie zu den Abendeſſen gin⸗ gen, welche unmittelbar auf das Schauſpiel folgten und ſich bis in die Nacht verlängerten. Für Viele ward das Zeichen zum Fortgehen zugleich das der Rückkehr in ihr Arbeitszimmer. Erhitzt durch die Gegenſtände, über die ſie geſprochen, durch die Erregungen, die ſie empfunden hat⸗ ten, durch eine innigere Kenntniß der menſchlichen Natur, deren Geheimniß ihnen mitten im Kampfe der Leiden⸗ 381 ſchaften und Selbſtgefälligkeiten charakteriſtiſche Züge ver⸗ riethen, kehrte dann ihre Phantaſie auf dieſe Tagesideen zurück, ſtellte ſie einander gegenüber, verband ſie wieder, und ſchöpfte daraus jene Elemente zu Schönheiten, die nur deshalb wie zufällig aufgefunden ausſehen, weil ſie vor⸗ her der Gegenſtand tiefen Nachdenkens waren. Mochte nun der Gelehrte die damaligen Geſellſchaften beſuchen, mochte er ſich darauf beſchränken, an ſeinem einſamen Heerde zu leben, eine Bedingung für faſt alle Forſcher, ſo war die nächtliche Arbeit für ihn immer die einer beſſern Begeiſterung. Dann ſicherte Paris, das da⸗ mals zehnmal geräuſchvoller war, als jetzt, indem es gegen Morgen ſich ermüdet der Ruhe hingab, dem auf einen gewiſſenhaft erworbenen Ruhm eiferſüchtigen Litteraten einige Stunden ungeſtörten Nachdenkens zu. Die große in Schlaf verſenkte Stadt, der beſcheidene Punkt, den er einnahm, und von wo aus er ſie ſich als gegenwärtig dar⸗ ſtellte, um ſie über ihre eignen Vortheile, und die Men⸗ ſchen, welchen der ſchwierige Beruf zu Theil worden war, ihr die Wohlthat der geſelligen Ordnung zu ſichern, zu befragen, erhoben ſeine Seele. Als ein Mann von edlem Willen ward er da gewiß beredt. Er war kein bloßer Schrift⸗ ſteller mehr mit der Feder in der Hand, ſondern ein Rich⸗ ter, der auf dem Gerichtsſtuhle ſitzt und vor denſelben die Wohlthäter ſeines Vaterlandes ruft, um ihnen Kronen zu⸗ zuerkennen, die Unterdrücker der Menſchheit aber, um ihnen den Stempel der Schmach auf die Stirn zu prägen. Stun⸗ den verfloſſen in dieſem bald ſüßen bald ſtrengen Berufe, bis der Anbruch des Tages den Wiederſchein ſeiner Lampe auf dem Papiere, das ſich zur Anklageakte oder zum Zeug⸗ niſſe der öffentlichen Anerkennung umwandelte, ſchwächer werden ließ. Dann brauchte er nicht erſt den Schlummer herbeizurufen, er kam ruhig und mit ſeinem ſtärkenden Balſame, denn er hatte ein Recht daraut. Geſtehen wir, daß, wenn die Gelehrten jener Zeit reiz⸗ bar waren wie Kinder, eigenſinnig wie ein junges Mädchen, deſſen Wünſchen man im väterlichen Hauſe immer zuvor⸗ gekommen iſt, wenn ihr im Allgemeinen nicht ſehr regel⸗ mäßiges Leben keinesweges als Muſter aufgeſtellt werden kann, wenn ſie, da ſie eine unabhängige Klaſſe für ſich bildeten, ſich von Pflichten entbunden glaubten, welche andere Bürger in den Kreis von Gewohnheiten und Ver⸗ hältniſſen, die zur Harmonie des Staatskörpers weſentlich nothwendig ſind. beſchränken, es ihnen doch weder an Ho⸗ heit des Charakters, noch an Wärme der Empfindung fehlte. Nehmt nur die Schriften aus dem Ende des verfloſſenen Jahrhunderts vor, ſelbſt wenn Ihr Werke vom erſten Range nicht darunter mitbegreifen wollt, und Ihr werdet faſt immer Redlichkeit, wahre Liebe für die Menſchheit, ausgeſproche⸗ nen Haß gegen die Laſter, welche unſer Geſchlecht herab⸗ würdigen, Achtung für das Unglück und erklärten Krieg gegen ſo ſchmähliche Leidenſchaften, wie Geiz und Heu⸗ chelei, finden. Das Feuer iſt das Element der Wärme, das Schiff durchfurcht mit vom Winde geſchwellten Segeln 383 die Fluth: ſo beſaßen denn auch die Gelehrten ihre Eigen⸗ liebe. Man verzieh ſie ihnen, als einen weſentlichen Theil ihres Lebens, als den Antrieb zu ihren Arbeiten, und ſie ſelbſt unter ſich duldeten eine Art unſchuldiger Eitelkeit gern, die, da ſie nicht immer das genaue Maaß des Ver⸗ dienſtes war, mehr als eine boshafte Anſpielung erlaubte. Weiter ging aber auch ihre Nachſicht nicht, ſie verfolgten in Proſa und Verſen den Hochmuth, der die Menſchenge⸗ ſchlechter auf der Erde wie erbärmliche Heerden einpferchen will, aufs Unerbittlichſte, jenen Stolz, der den Menſchen vor den Menſchen erniedrigt, der, indem er den einen auf ein Piedeſtal ſtellt, die Stirn des andern in den Staub drückt, der das Herz aufſchwellt, ohne es zu nähren, um es dann bald ganz auszutrocknen, der die Beleidigung auf die Lippen und die Gewaltthat in die Handlungsweiſe bringt und der, den Weg der Vorſehung verkennend, die Kühn⸗ heit beſeſſen hat, für die Mächtigen einen andern Gott als für die Armen und Elenden ſich zu erdenken. Das freie Daſein, welches die Gelehrten für ihre Stu⸗ dien nothwendig erachteten und das auch wirklich beinah das Siegel ihres Berufs war, hielt die meiſten von ehe⸗ lichen Verbindungen zurück. Ohne großes Vermögen, ſahen ſie wohl ein, daß die Bedürfniſſe einer Familie, zu ihren eigenen hinzugefügt, die Unabhängigkeit hätten abändern müſſen, ohne welche ihr Talent ſich nicht über Rückſich⸗ ten erheben konnte, dic faſt immer ſeinen Aufflug hindern Merkwürdig! Ihr Cölibat war ſo ziemlich das einzige, das 3 384 frei von allem Egoismus ſich erhielt. Gewohnt, wie ſie waren, über die großen Intexeſſen ihres Vaterlandes und der Menſchheit nachzudenken, wurden ſie Patrioten aus Gewohnheit und Menſchenfreunde aus Mitgefühl. Ihr Herz ſetzte ſich mit andern Herzen in Verbindung, ſie ver⸗ ſetzten ihr eigenes Weſen, ſo zu ſagen, in alle leidende We⸗ ſen und daher jene Kraft des Ausdrucks, womit ſie die großen Verbrecher züchtigten, deren eiſerne Hand auf dem Neaenſchengeſchlechte laſtete. Es giebt Seiten in Diderot und Mercier, die ihnen nicht die mindeſte Anſtrengung 3 gekoſtet haben, und doch für ſich allein mehr Leben, Bewe⸗ gung und Seelengluth enthalten, als man in ganzen Wer⸗ — ken der neueſten Zeit finden wird, zu deren Gunſten alle Trompeten der Fama in Bewegung geſetzt worden ſind. In Folge nützlicher Arbeiten und mehr oder weniger beſtrittener, glücklicher, aber größtentheils nach ihrem wah⸗ „ren Verdienſte gewürdigter Erfolge, ſtrebte man nun nach . einer Stelle in einer der drei Akademieen. Da der Tod die Pforten dazu öffnete, mußte der Neuaufzunehmende ihm einen Tribut zollen, und dies war die Lobrede für den Verſtorbenen, auf deſſen Stuhl er ſich ſetzte. Die Mei⸗ nung von Paris ſchrieb faſt immer die Wahl dieſes gelehr⸗ ten Vereins vor. Die Namen, welche ſie vorgezogen hatte, entſtiegen der Urne, wenn nicht Umtriebe vorgegangen waren, die das Publikum bald genug vor ſein Gericht zu ziehen verſtand. Vom Louvro aus pflanzte ſich das Mißvergnügen an den Hof und die Stadt fort. Man nahm Parthei für . den 385 Beſiegten, man ſang Spottlieder auf den Sieger. Das Epigramm ſchärfte alle ſeine Pfeile, die Mächte außerhalb miſchten ſich darein, und manche Annahme oder Nichtan⸗ nahme bei der franzöſiſchen Akademie hat ganze Wochen lang den Briefwechſel unterhalten, welchen beglaubigte Agen⸗ ten mit den Fürſten von Europa führten. Jetzt nimmt man's bei weitem nicht ſo genau, ſelbſt bei der Ernen⸗ nung eines franzöſiſchen Marſchalls. Wahr iſt es freilich, daß für den Gelehrten der damaligen Epoche ein vierzig⸗ ſter Stuhl die Stelle eines zwölften Marſchallſtabes in der unſrigen vertrat. Er war das Ziel ihrer Anſtrengungen, das Geſchäft und der Endpunkt eines arbeitvollen Lebens. Die mäßige Beſoldung von 1500 Franks(die Jettons nicht mit einbegriffen), welche damit verbunden war, be⸗ ruhigte ſie wegen ihrer Zukunft. Brod und Ruhe mit Würde genügten ihrem Ehrgeize. Wie ſo oft ſchwebte mitten in ihren Träumen dieſe Palme ihren Blicken vor! Wie ſo oft hob ſich ihre Bruſt von den Schlägen eines wackern Herzens in Erwartung des Freundes, der der Ver⸗ künder einer Nachricht werden ſollte, die man ſchon im Voraus in ſeinen Blicken las! Und die Aufnahmerede! Mit welcher ſüßen Rührung verſprach manss ſich ſelbſt, ſie inmitten der gelehrten Verſammlung, mit ſchön ge⸗ putzten jungen Frauen verſchränkt, zu halten! Wie waren im Geiſte ſchon die verſchiedenen Theile derſelben geordnet und ausgearbeitet, ſelbſt noch ehe man des Sieges gewiß war, der doch allein ihre Anwendung nutzbar machen konnte! II.* 17 386 Wie ſagte man ſich ſelbſt ſchon das Beifallklatſchen vor⸗ aus, das dieſer Vorleſung zu Theil werden, und auf welche Perioden, die ausdrücklich für dieſen Effekt berechnet waren, der Ausbruch deſſelben erfolgen ſollte! Die Chronik erzählt, daß die Leichenrede des Dichters oder Geſchichtsſchreibers, dem zu folgen man ſich vorgenommen hatte, aus Vorſicht mehr als einmal ſchon darauf zugeſchnitten ward, ſo daß bereits der Aufzunehmende in Hoffnung, wenn er mit jenem in deſſen hinfälligem Zuſtande ſprach, wie ein Leichenzug⸗ unternehmer das Maaß dazu zu nehmen ſchien. Der Abbee Trublet kam ſtets, ſo oft durch das Journal de Paris ein Todesfall zu ſeiner Kunde gelangte, mit ſeiner Rede in der Taſche von der Kathedrale des heiligen Malo herbei, und endlich gelang es ihm doch, ſie an den Mann zu brin⸗ gen; denn es geſchah ſelten, daß ein unermüdlicher Anhal⸗ ter, wenn er nur immerfort an die Thüre des Louvre klopfte, nicht doch noch zuletzt Einlaß erhalten hätte. Einige Gelehrte ſtellten ſich, als ob ſie ſolche akademi⸗ ſche Aufnahmen verachteten, während ſie ſich doch zu glei⸗ cher Zeit um dieſe Ehre bewarben. Darunter gehörte der Verfaſſer der Metromanie, der ſich für jede Zurückweiſung durch ein beißendes Epigramm rächte, aber doch, ſobald ſich nur eine neue Lücke in der unſterblichen Schaar zeigte, ſeine Beſuche gleich wieder von vorn anfing Mereier und Bernardin von Saint Pierre, ſo wie nach ihnen Chamfort, haben gegen die Exiſtenz der Akademieen geſchrieben. Beide Erſtere haben ſich aber einen Platz darin gefallen laſſen, — 387 Beide haben die Stickerei mit grüner Seide angelegt, und ſich zu einer Wahl Glück gewünſcht, die ihnen den Schmerz, vergeſſen zu werden, erſparte. Auch ſelbſt Chamfort würde, wenn er ein Daſein verlängert hätte, das ſein eigener Wille elend abkürzte, darum gebeten haben, in einen Verein auf⸗ genommen zu werden, auf welchen er durch eine Schrift, die er bei der konſtituirenden Verſammlung übergab, das Beil der Vernichtung herabgerufen hatte. Sein Unſtern hatte ihn ſonach zu einem doppelten Selbſtmorde beſtimmt. Das Ziel, das die Parze dem Leben eines berühmten Pu⸗ blieiſten beſtimmte, würde vielleicht in jener Zeit durch eine Ernennung, nach welcher er insgeheim ſeufzte, ob er ſchon mit Gleichgültigkeit auf ſie zu blicken ſchien, weiter hinaus geſchoben worden ſein, ſo wahr iſt es, daß das Herz und die Philoſophie eine verſchiedene Sprache führen. Indem dieſer ausgezeichnete Gelehrte ſeine den Umſtänden nach gemodelte Politik einem Talente nachtheilig werden ließ, das ſich nach allen Formen zu ſchmiegen verſtand, hielt er das letztere in ſeinen Fortſchritten auf. Um meh⸗ rere Jahre zu früh oder einige Monate zu ſpät abgemäht, zog er ſich den Unwillen von Richtern zu, welche der Dienſt der franzöſiſchen Muſen nicht daran hinderte, auch angſt⸗ volle Blicke auf das Schickſal ihres Vaterlandes zu richten, und die Hand des Tribuns ſelbſt entriß der Stirn des Gelehrten einen Kranz, deſſen Beſitz man ihm nur mit einiger Kühnheit beſtreiten konnte. unſittliche Gedichte ſchloſſen Piron von der Akademie — 17*. 388 aus; andere Urſachen unterſagten anderen Talenten, die außerdem vielen Glanz verbreiteten, den Eintritt. Wir wollen gar nicht verhehlen, daß gewiſſen Litteratoren jener Zeit, deren Andenken wir ſo gern erneuern, der Vorwurf gemacht worden, das geſellige Band dadurch, daß ſie un⸗ überlegt den religiöſen und politiſchen Glauben ihres Vater⸗ landes angriffen, locker gemacht zu haben. Dieſes Unrechts hat man ſie mehr als einmal geziehen. Die Beſchuldigung iſt an ſich ſelbſt hart, in gewiſſer Hinſicht wahrſcheinlich, und dadurch, daß die Rechtfertigung nie den rechten Ver⸗ theidigungspunkt berührt hat, ſchlecht widerlegt worden. Ohne den Anſpruch machen zu wollen, daß man ihnen volle Losſprechung angedeihen laſſe, glauben wir doch, daß es unter den angefochtenen Schriftſtellern mehrere gebe, die minder ſchuldig ſind, als wofür man ſie hält. Hin⸗ ſichtlich einer genauen Rechtsvertheilung iſt dieſer Gegen⸗ ſtand wichtig genug, um unſererſeits eine Unterſuchung von einigen Zeilen zu verdienen. Dieſelbe Frage wird mehr als einmal wieder vorkommen; es iſt an der Zeit, ſie zu beantworten. Indem ſich die Flüſſe von ihrer Quelle entfernen, füh⸗ ren ſie einen Lehm bei ſich, der die Durchſichtigkeit ihrer Gewäſſer ändert und ihre Ausmündung verſtopft; indem ſie ſich von ihrer Wiege entfernen, ſehen auch Religionen ihre Dogmen, welche anfangs leicht zu begreifen waren, ſich mit Wolken bedecken und ihre Gebräuche, ihren Ritus ſich vervielfachen, ſo daß ſie zwar, wenn man ſo will, ein⸗ 389 dringlicher werden, aber auch bald die Reinheit ihres erſten Urſprungs verlieren. Selbſt das Gebot wendet ſich von ſeinem wahren Sinne ab, oder ſchwächt ſich durch ſeine Uebertreibungen. Das Gold bleibt allerdings immer darin, aber der Zuſatz macht die Scheidung ſchwieriger; eine un⸗ angenehme Verlegenheit, die mit dem Fortſchritte der Jahre zunimmt. Dieſes Schickſal laſtet auf jedem Kultus, ſelbſt auf dem, der der geeignetſte ſein ſollte, ſeine Be⸗ glaubigungsbriefe von obenher zu datiren, ſobald der prie⸗ ſterliche Ehrgeiz durch Ueberſpannung die Triebfeder der Gläubigkeit mißbrauchte, und der Ehrgeiz der cioiliſtiſchen Oberhäupter dem Altar unvorſichtig eine Stütze anbot, oder ſie von ihm verlangte, die ſtets geheim gehalten wer⸗ den muß, man möge ſie nun geben oder fordern. Die Religion wird dann eben ſo durch die Hülfe, welche man ihr bietet, als durch die, welche ſie verleiht, ſelbſt ärmer. Sobald man weltliche Anſichten erblickt, iſt der Prieſter nur noch ein Erdenmenſch, ein den Leidenſchaften und Schwächen unſerer vergänglichen Natur unterworfenes We⸗ ſen. Vergebens wird er dann im Namen des Himmels ſprechen, das ärmliche Intereſſe, dem er eine Stimme weiht, die uns faſt nur zu den Hymnen der Engel rufen ſollte, hat meinen Eifer geſchwächt und mein Herz erkältet. Man fordert Opfer von unſerer Großmuth, und ſie ſollen Geſchöpfen zum Vortheil dienen, die das Schickſal beſſer behandelt hat als uns! Man zeigt uns ſchwere Laſten, die wir uns aufladen ſollen, und die, welche ſie uns mit 390 dem Finger bezeichnen, gehen raſch und fröhlich und ohne die Bürden, unter welchen Andere erliegen, umher! Man ſieht ſie ſich als heitere Gäſte zu dem Mahle ſetzen, zu welchem ſie uns den Zutritt verſagen! Welchen Glauben ſollen wir alſo in ihre Worte ſetzen? Sie haben Sorge dafür getragen, ihnen allen Werth zu rauben. hnatnn So war in Rückſicht auf ihr Perſonale der Zuſtand der Religion in Frankreich, als die litterariſche Cenſur die Mißbräuche derſelben angriff. Die Befeſtigungen waren von allen Seiten ihrer Außenwerke beraubt, ſo daß es leicht war, ſich auf das Innere zu ſtürzen. Uebrigens hatten das, was man gegen das Ende des achtzehnten Jahrhun⸗ derts wagte, Clement Marot, Rabelais, Montaigne und mehrere Kirchenväter mit ſehr orthodoxen Geſinnungen ſchon vorher ſich erlaubt. Es lag nicht an den Gelehrten, wenn eine erwachſene Generation begierig ſich ihren Theil von einer Polemik aneignete, bei der ihre materiellen Intereſ⸗ ſen mit ins Spiel kamen. Ohne die Ungeſchicklichkeit, wo⸗ mit man ihm zu viele verwundbare Seiten gegeben hatte, wäre der Chriſtianismus nur ſchwach erſchüttert worden. Der Baum hatte ſich mit Schmarotzerauswüchſen bedeckt, die man, einem öffentlichen Redner gegenüber, nicht verthei⸗ digen konnte; das Meſſer traf ſie, und der Stamm hatte Mühe, die Verſtümmelungen zu überleben, die er erlitt. Ein allen verſchiedenen Kultusarten eigenthümliches Unglück iſt dieſes, daß ſie in den erſten Zeitaltern einer Nation ſich genöthigt ſehen, faſt Kinder mit ihnen zu werden. 391 Sie ſind aber ein Stoff, der, iſt er einmal zugeſchnitten, ſich nicht wieder einer neuen Taille anpaſſen läßt. Der Glaube iſt untheilbar. Sobald er eine Sprache angenom⸗ men hat(und in dieſer Hinſicht macht man bei ihm keine großen Schwierigkeiten), ſo muß er ſolche, mag ſie ihn auch noch ſo ſehr in Verlegenheit ſetzen, entweder bis ans Ende fortführen, oder unter der Bürde verſcheiden. Der Glaube aber iſt das Lebensprincip der Religionen. Die franzöſiſchen Schriftſteller, im achtzehnten Jahr⸗ hunderte geboren, von deſſen Geiſte genährt und ihn wie⸗ der weiter verbreitend, befreundeter, als man es bisher ge⸗ weſen war, mit den Sitten Englands, das zu der Zeit, wo noch ſein Glaube in voller Kraft daſtand, eine politi⸗ ſche und religiöſe Reform vorgenommen hatte, ſtürzten ſich auf den Pfad leichter, glücklicher Erfolge, der vor ihnen geöffnet lag. Lehrer einer bürgerlichen Geſellſchaft, welche wieder auf ſie zurückwirkte, gingen ſie über deren Bedürf⸗ niſſe hinaus. Bald war ein Gebäude, das, um die Wahr⸗ heit zu ſagen, Niemand vertheidigen konnte, abgebrochen, da man doch ſich eigentlich darauf hätte beſchränken ſollen, die unedlen Anhängſel daran niederzureißen. Aber die Axt der Zerſtörung iſt ungeduldig; ſie erhitzt ſich im Arbeiten, und mit ihr die Hand und der Arm, welche ſie führen. Dies Sichhinreißenlaſſen hatte Folgen, welche die Moral jetzt nicht billigt. Das religiöſe Gefühl ward tief verwun⸗ det, und die wahre Philoſophie lebte noch lange genug, um ihren eigenen Sieg zu beweinen. Die letzten Zeilen aus der Feder von Raynal, Cabanis und einigen andern ſchätz⸗ baren Gelehrten bezeugen es auf eine Art, die keinen Zwei⸗ fel zulaſſen dürfte. Später jedoch erſt ſind die Hauptſchläge gefallen, und wir werden den Muth beſi itzen, davon in der Folge dieſes Kapitels zu ſprechen, wenn wir uns über eine Gattung von Schriften unterhalten müſſen, die jetzt allge⸗ mein verbreitet iſt, von der unſre Väter aber faſt gar nichts wußten, und welche alle andern erſtickt, ohne doch zu einer eigentlich ſogenannten Litteratur zu gehören. Man muß anerkennen, daß, einige Ausnahmen abge⸗ rechnet, Irreligioſität nicht der vorherrſchende Charakter der franzöſiſchen Litteratur im abgewichenen Jahrhunderte war. Einige Geiſter konnten in Ausſchweifung verfallen ſein, die Herzen hatte ſie noch nicht angegriffen. Man hatte einen ungeregelten Hof, einen höheren ſittenloſen Klerus, einen mit Auswüchſen bedeckten Kultus vor ſich: wie war es da möglich, bei einiger Gewiſſenhaftigkeit, ſolche Verirrungen nicht herzhaft anzugreifen, und wenn man einiges Talent in ſich fühlte, es nicht mit lauter Stimme zu thun, da man gewiß war, eben ſo viel Lob einzuärnd⸗ ten, als man Zuhörer zählte?. Dieſelbe Rechtlichkeit nöthigt uns auch zu der Bemer⸗ kung, daß einige große und ausgezeichnete Schriftſteller Geiſtesſtärke genug beſaßen, um auf dieſem ſchlüpfrigen Boden anzuhalten. Montesquieu, der vor mehr als einem halben Jahrhunderte die Wiſſenſchaft der Repräſentativ⸗ Regierung uns würde esſchaffen haben, wenn wir reif ge⸗ 393 nug geweſen wären, ſie anzunehmen; Duclos, ein Ehren⸗ mann mitten in einer Coterie; Buffon, zu deſſen Lehrge⸗ bäude eine Maſſe von Entdeckungen uns bei den Haupt⸗ epochen der Natur immer wieder zurückzukehren nöthigt; Rouſſeau, der mit ſeiner Feder befehligte, ſo wie eine mäch⸗ tige Perſon mit ihrer Stimme herrſcht; Bernardin de Saint Pierre, deſſen milder Pinſel auf reizenden, und durch die Gegenwart von ihm dorthin verpflanzter tugendhafter We⸗ ſen verſchönerten Gefilden ſich erging, verkündeten den ewi⸗ gen Bund der Philoſophie mit den Grundſätzen der Reli⸗ gion. Sie verſtanden es, der Reform das richtige Maaß zu verſtatten, wie rechtliche Leute aller Länder darüber ſtets einig ſein werden. Ihre Hand ſchonte die Grundpfeiler, auf welche ſich die für das Menſchengeſchlecht einzig mög⸗ liche Geſelligkeit ſtützt. In ihren Schriften behauptete die Schaam ihren Altar, und die durch rührende Opfer gerei⸗ nigte Liebe ſchmückte ſich mit einer damals noch unbekann⸗ ten Anmuth. Von da an ſchreibt ſich bei uns die wahre Herrſchaft der Frauen, die einzige, an welche ſie Anſprüche machen dürfen, her. Der beredte Dichter aus Genf lehrte ſie mit Tönen, die nur ihm eigen ſind, worin ihre wahre Kraft beſtehe. Im Innern ihres Haushalts, im Schooße einer Familie, die ſich glücklich fühlt, unter ihren friedli⸗ chen, aber unwiderſtehlichen Geſetzen zu leben, lehrte er ſie ſchen. Der Mann bekam endlich eine Gefährtin, die Kinder wurden endlich einer Mutter gewiß, und die ſo lange ihres koſtbarſten Gutes beraubte bürgerliche Geſellſchaft 2—. 394 fand da wieder würdige Gattinnen, wo ſie bis dahin bloß leichtſinnige und frivole Geſchöpfe beſeſſen hatte. Ungerecht wäre es, nicht auch zu bemerken, daß in dem Wunſche der bürgerlichen Verbeſſerung, deſſen Organ die Schriftſteller des achtzehnten Jahrhunderts wurden, nichts Unmäßiges oder Uebertriebenes lag. Sie konnte ihre Wün⸗ ſche laut bekennen, man konnte ihnen ohne Störung Ge⸗ nüge leiſten, und wenn die Behörde ihnen durch das öffent⸗ liche Bewußtſein gekräftigt nachgegeben hätte, würde ſie über die Hinderniſſe geſiegt haben, welche ein nur zu leicht bewegliches Volk irregeleitet oder aufgeregt haben. Der Himmel hatte es aber anders beſchloſſen. Man verweigerte das, was vernunftgemäß war, um ſich dem zu unterwer⸗ fen, was man nicht einmal hätte verlangen ſollen. Der Vulkan öffnete ſeinen Krater, der Boden Europa's zitterte und die Bewegung dauert noch fort. So wahr iſt's, daß Frankreich nur um deswillen durch die Stürme einer poli⸗ tiſchen Revolution hindurch mußte, weil die moraliſche, deren Wohlthat ſie den Gelehrten verdankte, ſich nicht hoch hinauf genug erſtreckte. Indem ſie bei der Mittelklaſſe ſtehen blieb, verlieh ſie dieſer ein faktiſches Uebergewicht über die beiden andern. Zu vortheilhaft zwiſchen die bei⸗ den äußerſten Punkte geſtellt, ſah man nun dieſe die höchſte durch die unterſte beherrſchen, zu welcher man nie von ihren Rechten ſpricht, ohne daß ſie nicht bald hn Pfüch⸗ ten vergäße. Unter der alten Negierung war Paris der Wohnon faſ 395 aller Perſonen ,die ſich den geiſtigen Arbeiten erſten Ran⸗ ges widmeten. Man ſuchte dort eben ſowohl Unterricht als Gelegenheit zu glücklichen Erfolgen, ein Publikum und eine Einſamkeit; denn wenn der Baum der Wiſſeenſchaft in Zurückgezogenheit gepflegt ſein will, treibt er ſpäter ſeine Blüthen gern am hellen Tage. Die Sonne der Provinz iſt für ihn ohne Wärme. In welchen Beziehungen aber auch immer der Gelehrte in der Hauptſtadt zu den Welt⸗ leuten darin ſtand, ſeine Exiſtenz war doch dort ganz litte⸗ rariſch. Er übte zugleich einen Beruf und ein Prieſter⸗ thum aus. Eins war durch das Andere geadelt, und ſo verſchwand das, was jenes Unregelmäßiges in ſeinen Ge⸗ wohnheiten beſaß. Die hohe Richtung des Verſtandes bat um Nachſicht für das Materielle des Lebens und erhielt ſie. Wenn man nun auch unter den Dachſparren oder zwiſchen den engen Mauern eines Entreſols ſchrieb, ſein Mittags⸗ mahl in einer Kneipe einnahm und ſich nicht an die Tafeln der Reichen ſetzte, wenn man, um ſich genau auszudrücken, nicht immer ſo recht eigentlich eine Heimath hatte, fehlte es Einem doch deshalb nicht an einem Vaterlande. Die Gelehrten waren, wie wir ſchon geſagt haben, mit dem Schickſale ihres Landes verwachſen, ſtolz auf ſeinen Ruhm, niedergebeugt durch ſeine Niederlagen und tief betrübt über ſein Elend. Sie nur faſt allein noch unterhielten das hei⸗ lige Feuer. Voltaire machte manchmal eine Ausnahme von dieſer Regel, indem er ſich für fremde Völker enthuſias⸗ mirte. Seine Schüler theilten mit ihm dieſes Unrecht, 396 das, ohne alle billige Gründe, bis zur Anſchwärzung deſſen ging, was doch ein Recht auf ihre Achtung beſaß. Aber jene kleinen Treuloſigkeiten, jenes Mißbrauchen des Ver⸗ trauens, das jetzt in der Litteratur ſo häufig geworden iſt, würde die Schriftſteller des vorigen Jahrhunderts empört haben. Es fand unter ihnen eine Art von öffentlicher Moral ſtatt, welche nichts dem Aehnliches duldete. Eben ſo wie das Erſcheinen eines anziehenden Werkes, einer guten moraliſchen Abhandlung, einer Rede, in welcher ſich edle und zarte Gedanken kund gaben, der Gegenſtand der Unterhaltung für mehrere Wochen wurde, ſo nahm auch ein Vergeſſen der Schicklichkeit oder ein ſchlechtes Beneh⸗ men unter Gelehrten den Charakter einer Begebenheit an, die mit vollſtem Gewichte auf dem Strafbaren laſtete. Ein ſolches Skandal war aber ſehr ſelten. Rouſſeau rächte ſich wegen Paliſſots Satyren dadurch, daß er ihn beim Könige Stanislaus entſchuldigte, und wegen der Verläum⸗ dungen des Greiſes von Ferney, indem er eine Subſkrip⸗ tion zur Errichtung einer Statue für den Sänger Hein⸗ richs des Vierten unterzeichnete. Rouſſeau hatte Alles für ſich, was nur eine Feder halten, eine Zeitung leſen konnte, und Diderot, den eine zahlreiche Umgebung begünſtigte, entging in derſelben Zeit nur mit Mühe dem Vorwurfe, die Geheimniſſe der Freundſchaft verrathen zu haben. Damals ſtudirte man aber auch den Schriftſteller mehr in ſeinen Werken, als in ſeinen Privatbeziehungen, die an und für ſich ſchon einer minder ſtrengen Würdigung unter⸗ lagen, als die, welche man bei ſeinen Landsleuten anwen⸗ dete. Die Kunſt gut zu ſchreiben, ſeinem Gedanken einen kräftigen Ausdruck zu geben, einen Gegenſtand zu durch⸗ dringen, ihn unter allen Beziehungen zu betrachten, neue Anſichten ihm abzugewinnen, richtige Folgerungen daraus zu ziehen und ſie zum Beweis irgend eines Grundſatzes zu verwenden, war mit keinem geringen Ruhm vergeſellſchaf⸗ tet. Vor einem ſolchen Verdienſte demüthigte ſich der Stolz der Geburt und des Glücks, deren Anſehen vorzüg⸗ lich dann wächſt, wenn die Verfaſſung eines Staates durch eine nahe Abänderung bedroht wird. Die Gelehrten, welche an ihren wirklichen Einfluß gar nicht dachten und keinen andern Vortheil daraus zogen, als den, der aus einem wohlverſtandenen Gefühle ſeiner eigenen Würde entſteht, beherrſchten wirklich das Land. Zu ſeinem Vergnügen wie zu ſeinem Unterrichte unentbehrlich, hatten ſie dieſem Ge⸗ nüſſe verſchafft, auf die es ihm nun ſchwer ward zu ver⸗ zichten, weil ſie ſich in Gewohnheiten umgeſtaltet hatten. Die Behörde, ſo furchtſam ſie ſich auch ſtellen zu müſſen glaubte, gab dem allgemeinen Zuge nach: ſie unterhandelte mit Beaumarchais, und nicht immer war ſie es, welche die Bedingungen des Kontrakts vorſchrieb. Vergebens affek⸗ tirte man am Hofe und in der Stadt, ſolche Männer für unbedeutend zu halten: ſie herrſchten durch die Meinung, welche ihnen ihren Scepter überlaſſen hatte, und ſprachen Urtheile ohne Widerruf aus. Arm, wie ſie waren, ſchrie⸗ ben ſie dem Reichen den Gebrauch ſeines Ueberfluſſes vor; mit der Baſtille bedroht, bezeichneten ſie der Regierung die Gränzen, welche ſie nicht zu überſchreiten wagte. Der Ver⸗ faſſer des Gemäldes von Paris ſetzte von ſeinem Dachſtüb⸗ chen aus einen General⸗Lieutenant der Polizei in die größte Unruhe, ſo wie die Salons der Vorſtadt Saint Germain einem großen Monarchen ſchlafloſe Nächte machten, als er aus einer Stadt abweſend war, die er mit Trophäen und Siegen überſchüttet hatte. Vor dieſer uns näher liegen⸗ den Periode hatten andere Potentaten ſich zu Vaſallen unſerer Litteratur gemacht. Friedrich, Joſeph II. und Katha⸗ rina herrſchten in Berlin, Wien und Petersburg; aber es lag ihnen daran, in Paris bewundert zu werden, und der Weihrauch befand ſich doch nur in den Händen der Ge⸗ lehrten; durch ſie mußte er auf den Altar gelangen. Bei dem ſüßen Gemurmel ihrer Stimmen mußte ſein berau⸗ ſchender Duft zum Himmel ſteigen und weithin die Lüfte würzen.— Nein, man kann es ſich nicht verſchweigen: der Stand eines Gelehrten war damals Etwas! Forderte er auch an⸗ geſtrengte Arbeit, füllte er das ganze Leben aus, war er dieſes Leben ſelbſt, ſo wird man doch eingeſtehen müſſen, daß es dann nicht ohne Reize war. Man begreift leicht, daß da, wo die Zeit ſo im Schooße des Studiums ver⸗ ſtrich, mitten unter einer auserleſenen Geſellſchaft, die von ihren Dichtern, ihren Weiſen, ihren Geſchichtsforſchern, ihren Romanſchreibern das Loſungswort erwartete, um zu tadeln, zu klatſchen, oder ſich in Entzücken zu berauſchen, —— 399 die Männer, welchen dieſes Scepter zu Theil worden war, ſich über ihr Loos nicht zu beklagen hatten. Ein edler Stolz konnte mehr als einmal ihr Herz ſchwellen, und ſie durften wohl unter den ſchmeichelnden Strahlen einer hei⸗ teren Sonne freudig auf dem Wege des Daſeins wallen. Mehr noch: nehmen wir an, daß ſie unbekannt oder ver⸗ kannt, ohne Schutz und Zufluchtsort, von allen Schlägen des Schickſals betroffen waren, und ſie nun auf einmal das Echo hörten, und ihr Genie zu ihnen ſprach, wie dann das Unglück ſelbſt zum Sporn für ihr Talent werden mußte. In das Geheimniß des Einfluſſes, den ſie auszuüben be⸗ gaunen, eingeweiht, härteten ſie ſich dann gegen alle Hin⸗ derniſſe ab. Indem ſie Kraft in ſich fühlten, dem Schick⸗ ſale zu trotzen, verbreiteten ſie in ihren Schriften ſowohl das heilige Feuer, das dazu beſtimmt iſt, die Gemüther zu erwärmen, als jene bittre Ironie, die, indem ſie ſich über ſtrafbare Handlungen ergießt, der Bösartigkeit der Men⸗ ſchen die Opfer anzeigt, die man ihr zum Schlachten vor⸗ wirft. Seht da Rouſſeau, wie er eine Welt von Leſern an ſeine Gedanken, ſeine Gefühle kettet. Von der Tiefe ſeiner Armuth aus, zu der er ſich mehr Glück wünſcht als darunter leidet, greift er bald die Laſter des Jahrhun⸗ derts mit einem heiligen Zorne an, bald führt er Euch, zu ſanftern Empfindungen zurückgekehrt, in ein Elyſium, in welches, Euch zu gefallen, ſeine Feder ſchon zwei weib⸗ liche Geſtalten verſetzte, denen Ihr huldigen werdet, weil er es ſelbſt bereits gethan hat. Später feſſelt er Euch auf 1 400 dem Wege durch die Wechſelfäll ſeines trüben Daſeins an allerdings ſehr kleinliche Details, deren Blöße er aber mit all dem Zauber eines Stiles voll erquickender Friſche bedeckt. Er bittet Euch um Nachſicht mit ſeinen ſchweren Verxirrungen, und entreißt Euch Eure Verzeihung, indem er Euch auf einen Augenblick zu ſeinen Mitſchuldigen macht. Dann habt Ihr auch noch den Dichter Gilbert, mit einem ſehr mittelmäßigen Talente geboren, bei dem aber der quälende Schmerz über ein Glück, das er nicht zu erreichen vermochte, die Stelle des Genies vertrat. Wer kann uns denn auch ſagen, ob der erſte dieſer beiden Schriftſteller, die wir eben genannt haben, wenn er anders geſtellt geweſen, und z. B. in reich geſchmücktem Zimmer geboren worden wäre, eben ſo auch unſere Herzen ſich ge⸗ wonnen haben würde, als der faſt verlaſſene Sohn eines armen Uhrmachers in Genf? Das Jahrhundert, deſſen Ende wir erblickten, war kei⸗ nesweges undankbar gegen Gelehrte, ſondern ſicherte ihnen vielmehr eine ganz eigenthümliche Exiſtenz zu, welche ihre beſondern Privilegien hatte. Wir haben ſo eben die ein⸗ fache Skizze davon entworfen. Beſitzen die jetzigen Gelehr⸗ ten ein Uebergewicht, das ſie über ihre Vorgänger hinweg ſetzte? Haben ſie ſich über ihre Verhältniſſe, die ſich na⸗ türlich ganz anders geſtalten, zu beklagen, oder Glück zu wünſchen? Oder vielmehr, exiſtirt denn die Profeſſion als Gelehrter überhaupt noch? Exiſtirt noch eine eigentliche franzöſiſche Litteratur? Welches ſind denn ihre Lehren? 401 welches ihr Zweck? Und welchen Stand nehmen in der Welt diejenigen ein, die ſie bearbeiten? Dies wollen wir in einem der folgenden Theile beſprechen, ſollte man uns auch den Vorwurf ſelbſt machen, die Bundeslade berührt zu haben. 1 Kératry. 17** Uachtchritt zum zweiten Theile. An Herrn Ladvocat. Jaxlenan, theurer Freund, denkt gewiß gleich mir, daß es unmöglich ſei, in einem Buche wie das Ihrige, das alle That⸗ ſachen und alle Namen umfaßt, einige Irrungen in Thatſachen und Namen zu vermeiden. Eine ſolche findet ſich denn in dem zu liebenswürdigen und zu gütigen Artikel unſers trefflichen und geiſtreichen Freundes Jal, unter der Aufſchrift Künſt⸗ lerabende, vor, und es liegt mir ſehr daran, ſie berichtigt zu ſehen, weil ſie mein litterariſches Gewiſſen angeht, das einen Theil meines moraliſchen ausmacht. Er ſchreibt mir nämlich mit Unrecht die Redaktion des unermeßlichen Textes zu den pittoresken Reiſen in das ehemalige Frank⸗ reich zu, an welchem ich nur durch eine ſehr ſchwache Ar⸗ beit Theil genommen habe. Sie wiſſen, daß ich zu beſchäf⸗ tigt bin, um mich Unterſuchungen hinzugeben, zu welchen eine Geduld gehört, bei deren bloßem Gedanken ich ſchon erſchrecke, und die mehrere ſolche Lebenszeiten, wie mir noch etwa übrig ſind, erſchöpfen würde. Dieſe Redaktion iſt, wie ich zu jeder Zeit öffentlich zu ſagen jede Gelegenheit be⸗ nutzt habe, das Werk des Herrn Taylor, unſers gemein⸗ ſchaftlichen Freundes, der in ſeiner arbeitſamen und uner⸗ müdlichen Thätigkeit Mittel gefunden hat, ihr faſt allein zu genügen. 4 Erzeigen Sie mir die Gefälligkeit, dieſe Erklärung zum An⸗ fange Ihres Druckfehler⸗Verzeichniſſes mitzutheilen, oder ihr jede andere Ihnen angemeſſen ſcheinende Publieität zu geben. Ich bin Ihr aufrichtiger Freund Charles Nodier. —— — Inhaltsverzeichnils des zweiten Bandes. Seite Die Deputirten⸗Kammer; von A. Bazin.... 1 Bewerber um akademiſche und politiſche Stellen; von Népomucène L. Lemercier........ 19 Eine Reiſe im Omnibus, von der Barridre du Trone bis zur Barridre de l'Etoile; von Erneſt Fouinet 55 Die Findelkinder; von André Delrieauuu 78 Der Salon von Lafayette; von Auguſt Luchet 94 Die litterariſchen Abendgeſellſchaften, oder die Dichter unter ſich; von Sainte⸗Beuovoce 113 Polichinell; von Karl Nodier............ 130 Der Abbee Chatel und ſeine Kirche; von Julius Janin 148 Poſſenreißer, Gaukler und Schauſtellungen.... 183 Ein Atelier der Straße de L'Ouest; von Cordelier Delgnoneeeene....... w 214 Seite Die beiden Saint⸗ Sinoniſen ue von Sraf Alers v. Saint Prieſt........... 271 Ein Disciplinargericht der Nafionalgarde, von n G Ha ar ele es Dupenty...................... 313 Ein Ball bei dem Grafen Appony; von n der Geiſtn de Brady................... 329 Die Virtuoſen; von Caſtil Blaze. Die Gelehrten von ehemals; von Kératry Gedruckt bei A. W. Schade in Berlin Ffſin, ſſnnffſnfſſnffffſinnſſſnſſſſſſſ 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17