Leihbibliothet 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . vn..— Eduard Ottmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5,. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e 8 eines Buches, eine dem Werthe deſelbeen entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 8 beträgt: ¹ für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 M. Ff. 1 M. 50 Ff. 2 M. f 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. deß beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 5 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß, das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — paris oder das Buch der Hundert und Ein. 2 —— Aus dem Franzöſiſchen überſetzt. Erſter Band. ee— Potsdam, 1832. Verlag von Ferdinand Riegel. Inhaltsverzeichnils des erſten Bandes. Asmodeus; von Julius Janin. Das Palais Royal; von E. Roche. Der Pariſer Buͤrger; von A. Bazin. Der botaniſche Garten; v. Barthélemy u. Mery. Ein Haus in der Straße„Ecole de médecine“; von G. Drouineau. Der Buͤchernarr; von Ch. Nodier. Das Pariſer Stadtgefaͤngniß; von P. L. Jacob. Die Abendgeſellſchaften der Kuͤnſtler. Gedichte an Chateaubriand; von Béranger. Erwiederung derſelben; von Chateaubriand. Der politiſche Undank; von Jouy. Die Landparthie; von Paul v. Kock. Eine erſte Vorſtellung im Theater; von Merville. VI Die Todten⸗Schau; von Léon Gozlan. Ein Haus im„Marais“; v. Heinrich Monnier. (Marais iſt ein Stadtviertel in Paris.) Die Abtey im Walde; von der Herzogin v. Abrantes. Ein Feſt im Palais Royal; von N. A. von Sal⸗ vandy. Der Verleger an das zublihum. * Wenn der Verleger ein Werk als Pfand der Ach⸗ tung und Freundſchaft von Schriftſtellern erhaͤlt, ſo hat er Alles zu hoffen, wenn auch durch ſie daſſelbe 5 eingefuͤhrt wird, und ſo finde hier das ſeinen Platz, was in gefaͤlliger Form ein Journal uͤber den„hin⸗ kenden Teufel*)“ geſagt hat, dem das Recht zu⸗ ſteht, uͤber wiſſenſchaftliche Werke Urtheile zu faͤllen, 3 die der Geſchmack immer beſtaͤtigt hat. — *) Das vorliegende Buch wurde vorlaͤufig unter dem „Titel: Der hinkende Teufel in Paris, angekuͤndigt; die 1 Verfaſſer haben aber entſchieden, daß es keinen andern Ti⸗ tel fuͤhren ſoll, als den: Paris, oder das Buch der Hundert und Ein. VIII „Der Entwurf zu dieſem Buche iſt einfach. Das neuere Paris ſoll eine Muſterung beſtehen; es ſoll.„ ſich zeigen, wie es iſt: ſchwankend, wunderlich, auf⸗ 4 brauſend, ungeduldig, arm, gelangweilt, auf Kunſt und außerordentliche Bewegungen begierig und doch wie⸗ 3 der erhaben und vortrefflich, ſchwer aufzuregen, oft ab⸗ geſchmackt, und doch fuͤr das heutige Paris ſoll Das 4 geſchehen, was Mercier fuͤr das Paris ſeiner Zeit that, mit dem Unterſchiede, daß dießmal die Sittengemaͤlde die Grenzen des Anſtandes nie uͤberſchreiten werden.“ „Ueberdieß hat Paris jetzt weniger gemeines Volk, weniger Schaͤnken und laute Vergnuͤgungen, weniger todte Gelehrſamkeit, als zu Merciers Zeit. Das heu⸗ tige Paris beraͤuchert ſich gern mit Ambra und Bi⸗ ſam; der Bart iſt mit Sorgfalt behandelt, das Haar gekraͤuſelt, die Naͤgel ſind kunſtmaͤßig verſchnitten. Um es zu zeichnen, bedarf es einer andern, als Merciers Feder.“ 88* „Welcher Schriftſteller koͤnnte dieſem vervielfaͤl⸗ tigten, dreifarbigen Paris genuͤgen? welcher dieſen zar⸗ ten Manieren, dieſen lebhaften Aufwallungen, dieſen wilden Leidenſchaften vollkommen entſprechen? dieſen Leidenſchaften der Greiſe, der Juͤnglinge, der Frauen, der Helden. Paris zittert, Paris droht, Paris ruft 4* IX zu den Waffen, Paris will an die Grenze ruͤcken, Pa⸗ ris will in Ruhe bleiben, Paris bricht aus in Lachen, Paris weint und ſchluchzt, Paris iſt die richtige Mitre, Paris die aͤußerſte Linke, Paris die aͤußerſte Rechte, — welcher Schriftſteller moͤgte es mit dieſem Unge⸗ thuͤm aufnehmen!“ „Wohlan! ſo verzichtet denn auf Einheit zu Gun⸗ ſten eines vielſeitigen Gemaͤldes; rufet euch alle Bil⸗ der unſerer Zeit mit ihrem verſchiedenartigſten Far⸗ benſpiel zu Huͤlfe: lebhaft oder traͤge, froͤhlich oder traurig, gutmuͤthig oder hoͤhniſch, zweifelſuͤchtig oder glaͤubig,— welches die Grille unſerer Wortfuͤhrer auch ſei: ſie wird ihre Stelle finden in dieſem Buche; ſie wird ſich fuͤr einen Augenblick in Asmodeus Man⸗ tel huͤllen, und allenthalben umherwandeln, das arme Maͤgdlein, uͤberall, wo ein Menſch wandeln kann, der Nichts fuͤrchtet: in der Oper und im Siechenhauſe, im Palais Royal und im Bicetre, in der Pairskam⸗ mer und im Entbindungshauſe, in dem entweihten Klo⸗ ſter, in dem Boudoir, welches ſich ſeiner Roſentapeten entaͤußert, bei dem Kuͤnſtler, der ſeine Geige verkauft, um ſein letztes Mittagbrot zu bezahlen; uͤberall wird ſie ſich zeigen, wo Etwas untergeht, um dieſem Etwas Huͤlfe zu bringen, oder wenigſtens, um dieſes arme 1** X vergehende Nichts zu beweinen. Laßt ſie gewaͤhren, die franzoͤſiſche Einbildungskraft; ſie wird den ſchim⸗ mernden Staub von ihren Fluͤgeln uͤber alle dieſe Truͤmmer ſchuͤtteln, ſie wird ihnen fuͤr euch ihre ur⸗ ſpruͤngliche Friſche wiedergeben, ſie wird euch wei⸗ nen oder laͤcheln machen. Glaubet mir, ihr werdet ſie mehr liebgewinnen, als Le Sage's hinkenden Teufel.“ „Ihr werdet den hinkenden Teufel von allen Maͤnnern haben, welche ſchreiben, denken, tadeln, lo⸗ ben, beobachten, in Proſa oder in Verſen. Nicht Ein Name wird dieſem Namen⸗Verein unſerer Zeit fehlen. Jung oder alt, klaſſiſch oder romantiſch, arm oder reich, wenn nur Geiſt und Beobachtungsgabe da iſt; und mit Anſtand wird er uͤberall ſich zeigen.“ „Und ſicherlich wird es ein tuͤchtiges Buch: denn es wird einen Wettſtreit unter dieſen zu ſo edlem Zwecke vereinigten Maͤnnern ſein; jeder wird ſich be⸗ muͤhen, das Beſte zu geben, was er vermag.“— Dem Vorerwaͤhnten zur Seite, das die urſpruͤng⸗ liche Idee dieſes gewichten Werkes in ſeiner erſten An⸗ lage zeigt, wollen wir noch mit entſcheidender Stimme das Journal des débats reden laſſen, welches aͤhnli⸗ cher Erzeugniſſe Geſetz iſt: 8 ——.— — * —— XI „Man wird bei dieſem Zuſammenfluß von Schrif⸗ „ten, welche aus ſo vielen Haͤnden hervorgegangen „ſind, keinesweges einen ſtuͤrmiſchen Zuſammenſtoß „feindlicher Meinungen zu befuͤrchten haben. Ohne „Zweifel wird jede Meinung ſich offenbaren: denn die „Meinung iſt einer der unausloͤſchlichen Ausdruͤcke des „menſchlichen Charakters; ſie wird unverhuͤllt, aber „auch unbewaffnet, in die Schranken treten. Mehr „denn hundert Schriftſteller, welche uͤbereingekommen „ſind, aus dem Hintergrunde ihres Studirzimmers „ihre Gedanken, Einer neben dem Andern, in einem „und demſelben Buche niederzulegen, wuͤrden ſich wohl „huͤten, gegen einander den Anſtand zu verletzen, wel⸗ „chen der feine Takt und der gute Geſchmack unſeres „franzoͤſiſchen Charakters auch bei den lebhafteſten Er⸗ „oͤrterungen vorſchreiben. Es werden viele Namen in „der Geſchichte des neueren Paris auftreten, aus „dem ganz einfachen Grunde, weil Paris voll iſt „von ſolchen Namen; aber die Perſoͤnlichkeit wird „lebendig und ſcherzend, wenn ſie es vermag, aber „nie beleidigend ſein. Die Schriftſteller unſeres Wer⸗ „kes wiſſen uͤbrigens ſehr wohl, daß der beißende Witz, „welcher eine Abendgeſellſchaft erheitert, oder die un⸗ „ geſtuͤme Spannung, die eine Woche hindurch aufregt, XII „der eine ſein Salz, und die andere ihr Anziehendes „verlieren, wenn ſie ſich uͤber den voruͤbergehenden „Eindruck, der ſie erzeugt hat, hinaus verlaͤngern; „und ihre Unterſchriften werden hinreichende Gewaͤhr „leiſten, daß die Mitarbeiter an dieſem Drama von nhundert verſchiedenartigen Aufzuͤgen nicht „fuͤr einige Tage ſchreiben.“. „Es iſt dieß alſo ein neues Buch im wahren „Sinne des Worts, neu an Stoff, neu an Form, „neu in der Art und Weiſe der Zuſammenſtellung, „welche es zu einer Art von Geſammtinbegriff der „Ideen des Tages macht, zu einem Denkmal eines „jugendlichen und glaͤnzenden Zeitalters, zu einem Ge⸗ „daͤchtnißbuche einer ſinnreichen und kraftvollen Lit⸗ „teratur. Die Art der Zuſammenſtellung hat von „ihrem erſten Entſtehen an bei Schriftſtellern und Le⸗ „ſern ſo viel Anklang gefunden, daß ſie ſchon in den „mehrſten Tagsſchriften, lange bevor ſie genuͤgend be⸗ „arbeitet war, mit Wohlwollen verkuͤndigt wurde, und „als der Titel noch nicht beſtimmt war, bemuͤhte ſich „ſchon ein jeder ihn zu erfinden.“ „Es bleibt uns nur noch uͤbrig, uͤber Das zu re⸗ „den, was die Perſon des Herausgebers, des Herrn „Ladvocat, unter den Umſtaͤnden betrifft, welche dieſem XIII „Werke ſeine Entſtehung gaben. Eine gewiſſenhafte „Hingebung und funfzehn ſeinen Berufspflichten ge⸗ „weihte Jahre wuͤrden ihn nur ſeinem Untergange „entgegen gefuͤhrt haben, wenn man ihn der Han⸗ „delskriſe unterliegen ließe, gegen welche er lange ſchon „mit Muth gekaͤmpft; aber er dankt ihr eine Frucht, „welche weit hoͤher geſchaͤtzt wird, als Reichthum: „er hatte das Gluͤck, ſich in ſeiner Laufbahn als Buch⸗ „haͤndler und als Verleger beruͤhmte Goͤnner und ach⸗ „tungswerthe Freunde zu erwerben. Das Manuſkript, „welches ſeine Zukunft begruͤnden ſoll, iſt der freiwil⸗ „lige Zoll der Theilnahme, welchen die ausgezeichnet⸗ „ſten Schriftſteller unſerer Zeit in Folge einmuͤthiger „Uebereinkunft einem Hauſe darbringen, das fuͤr einige „derſelben der Ausgangspunkt des Talents und die „Wiege des Ruhms geweſen iſt.“ „Wie ruͤhrend iſt es nicht, die Gelehrten in durch⸗ „wachten Naͤchten mit unermuͤdlichem Eifer zu die⸗ „ſem Werke der Wiedervergeltung beitragen zu ſehen, „und das Publikum, welches den genußreichen Unter⸗ „nehmungen des Herrn Ladvocat immer ſo guͤnſtig „war, wird jetzt bei einer Ankuͤndigung, welche ihm „neue, noch ſchoͤnere, den Zeitereigniſſen entſprechen⸗ „dere Genuͤſſe verheißt, um ſo weniger gleichguͤltig XIV „bleiben, als ſich damit der Reiz einer großmuͤthigen „Handlung verbindet. Wir ſind im Voraus verſichert, „daß die aufgeklaͤrte Regierung eines aufgeklaͤrten Vol⸗ „kes von ſelbſt einem Antriebe folgen werde, welcher „ihr ſo natuͤrlich iſt. Nichts bezeichnet die Wieder⸗ „geburt der Voͤlker glaͤnzender, als der Sinn der Re⸗ „gierung fuͤr Kunſt, Wiſſenſchaft und Handel, von wel⸗ „cher ſie ihren vorzuͤglichſten Glanz empfangen.“— Bei der Unmoͤglichkeit, in welcher der Verleger ſich befindet, der heutigen Gelehrtenwelt fuͤr das vaͤ⸗ terliche Wohlwollen, mit welchem ſie ihn uͤberhaͤuft hat, ſeine Erkenntlichkeit zu beweiſen, beſchraͤnkt er ſich darauf, die Verpflichtung und die Namen der⸗ jenigen Gelehrten hier abdrucken zu laſſen, welche mit ſo viel Eifer und Waͤrme ihm huͤlfreich entgegen ge⸗ kommen ſind; er bewahrt dieſes Verzeichniß ihrer Na⸗ men, wie man auf dem Felde der Ehre erworbene Adelsbriefe aufbewahren wuͤrde⸗ — XV „Um dem Buchhaͤndler Herrn Ladvocat in den unguͤn⸗ ſtigen Verhaͤltniſſen, in welche er durch die ſeit einem Jahre erlittenen Verluſte gekommen, einen Beweis ihrer Theil⸗ nahme zu geben, haben die Unterzeichneten beſchloſſen, dem⸗ ſelben dadurch zu Huͤlfe zu kommen, daß ihm Jeder wenig⸗ ſtens zwei Artikel liefert, aus welchen, unter dem Titel: Der hinkende Teufel in Paris, oder Paris und die Sit⸗ ten, wie ſie ſind, ein Werk zuſammengeſtellt werden ſoll. Sie laden alle Gelehrte, welche bei ihrem Zuſammentritt nicht gegenwaͤrtig waren, ein, ſich ihnen anzuſchließen, und einen Buchhaͤndler zu unterſtuͤtzen, der ſo maͤchtig dazu beige⸗ tragen hat, den Erzeugniſſen des Geiſtes Werth zu verſchaf⸗ fen und die Unabhaͤngigkeit des Gelehrtenſtandes zu ſichern.“ Die Herren Ancelot. Beranger. Andrieux, Mitglied d. fran⸗ Bert. zoͤſiſchen Akademie. Berthoud(Heinrich). Arago(Stephan). Bignon(A.). 3 Arnault(A. V.), Mitgl. Billiard(Auguſt). d. fr. A. Bizet. Avenel. Bodin(Felix). Ballanche. Bonjour(Kaſimir). Balzac. 3 1 Bouilly. Barthelemy und Mery. Die Fr. Graͤfin De Brady. Bazin(A.). Brifaut, Mitgl. d. fr. A. Bequet(Stephan). Bruker. ———— — — Burette(Cheodor). Capefugue. Carrel. Caſtil⸗Blaze. Cauchois⸗Lemaire. Cavé. Chalas(Prosper). Chales(Philaret). Vicomte von Chateau⸗ briand, Mitgl. d. fr. A. Chatelain. Comte(Achilles). Cordelier Delanoue. Couſin, Mitgl. d. fr. A. Baron Cuvier, Mitgl. d. Akademie der Wiſſenſchaften und d. fr. A. Die Frau Herzogin von Abrantes. D'Anglemont. David(Paul). Madame De Baur. De Jouffroy. De Juſſieu(A.), Mitgl. d. A. d. W. De Juſſieu(Alexis). De Juſſieu(Laurenz). XVI De Kock(Paul). Graf De Laborde(Alexan⸗ der), Mitgl. d. A. d. W. Delacroix(Eugen), Ge⸗ ſchichtsmaler. Delacroix(Julius). Delamartine(Alphons), Mitgl. d. fr. A. Delatouche. Delavigne(Kaſimir), M. d. fr. A. 5 Delavigne(Germain). De la Ville(Alexander). Delrieu(A.).. De Monglave(Eugen). Mad. de Monglave(Ok⸗ tavia). 1 D'Epagny. De Pixerecourt(Gilbert). De Pongerville, Mitgl. d. fr. A. De Remuſat(Kar!). De Sacy der Sohn(Syl⸗ veſter). Graf De Saint⸗Prieſt (Alexis). De Salvandy. XVII Mad. Desbordes⸗Val⸗ more(Marcelline). Deschamps(Antoni). Deschamps(Emil). Desnoyers(Ludwig). Desprès(Eruſt). G Graf De Vigny(Ulfred). De Villemareſt. De Wailly(Alfred). Dittmer. Donné. Drouineau. Droz, Mitgl. d. fr. A Ducange(Victor). Mad. Ducreſt(Georgette). Dulac. Dumas(Alexander). Dulaure. Dupaty(Emanuel). Bar. Dupin(Karl), Mitgl. d. A. d. W. Duval(Alexander), Mitgl. d. fr. A. Duval(Amaury), Mitgl. d. Akademie d. Inſchriften. Duviquet. Etienne, Mitgl. d. fr. A Fazy(James). Fouinet(Ernſt). Madame Gay. Geoffroy⸗ Saint⸗Hilai⸗ re, Mitgl. d. A. d. W. Madame Emilie von Girar⸗ din(Delphine Gay). Gozlan. Guizot. Halevy(Leo). 8 Hugo(Victor). Jacob(der Buͤcherfreund). Jal. 3 Janin(Julius). Jay. Jouy, Mitgl. d. fea Keratry. Lacroix(Julius). Lamarque(Neſtor). Laya, Mitgl. d. fr. A Lebrun, Mitgl. d. fr. A. Lhéritier, de l'Ain. Lemercier(Nepomuk), M. d. fr. A. Lenormand(Karl). Leroy(Oneſinus). Lesguillon. Liadière. Loeve⸗Veimar. Magendie, Mitgl. der A. der W. Malitourne(Armand). Marraſt(Armand). Martin(Louis⸗Aimé). Maſſay(Fſidor). Mazoères. Madmoiſ. Mercour(Eliſe) Merle. Merville. Michaud, Mitgl. d. fr. A. Mignet. Monnier(Seinrich). Moreau. Niſard. Nodier(Karh. Pariſot. Peyſſon(Foſeph). Pichot(Amadeus). Pigault⸗Lebrun. Pillet(Leo). Pouqueville, Mitgl. d. A. d. Inſchr. Pyat(Felix). KVIII Quinet(CEogar). E. Roch. Rolle. Roquep lan(Neſtor). Royer(Alphons). Royer⸗Collard(H.). Sainte⸗Beuve. Saintine. Saint⸗Marc⸗Girardin. Scheffer, Geſchichtsmaler. Seribe(Eugen). Soulié(Friedrich). Soulé(F. B.).. Soumet, Mitgl. d. fr. A. Sue(Eugen). Madame Taſtu. Baron Taylor. Madame De Tercy. Thiers. Tiſſot, Profeſſor am Col- lège de France. Vidal(Leo). Viennet, Mitgl. d. fr. A. Villemain, M. d. fr. A Vitet(L.). Ymbert. Asmodeus. W. aber iſt Asmodeus? Wer giebt ihn uns zurück? En⸗ gel oder Teufel, wann wirſt Du kommen, uns in die un⸗ endliche Gallerie moderner Sitten, wie ſie zwei Revolutio⸗ nen geſtaltet haben, zu geleiten? Ihr, denen die Welt wie ſie da iſt, geſetzt, ernſt, ruhig und traurig erſcheint, glaubt Ihr denn, daß auch in dieſer Welt ein Asmodeus vorhan⸗ den ſein könne? Wird er ſich gefallen in dieſer aus Einer Maſſe geformten Welt? Wird er Handlung und Verwir⸗ rung genug in dieſem alltäglichen Luſtſpiele finden? Ich ſage nicht, um ihm Beifall zu klatſchen; nur, um es zu be⸗ ziſchen; ol der guten Zeit, da Asmodeus zum erſten Male erſchien! Da gab es noch ſpaniſche Sitten, ſelbſt in Frank⸗ reich; noch ein Leben der Liebe und des Kampfes, ein Le⸗ ben glänzend und glanzvoll auf jedes Kleides Nath geſtickt, ganz für das Luſtſpiel und das Mährchen geſchaffen. In und außer den Mauern, überall fand man ein buntes Ge⸗ 2 miſch von Meinungen, Bedürfniſſen und Leidenſchaften; überall fand man da noch Studenten, Wucherer, Liebe, Andacht, Soldaten, verſchrobene Frauen, Kupplerinnen, komiſche Aerzte, Gerichtsperſonen in ſchwarzem Talar, Prin⸗ zen incognito, üppige Mönche, leichtſinnige Wittwen, vor⸗ zügliche Schauſpieler, Dichter in Lumpen und betrogene Ehemänner. In dieſer Welt mußte ſich Asmodeus, der Teufel, gefallen. Ueberall war damals das Luſtſpiel ein Spiel freiſinniger und ſcherzender Intrigue, das gefiel. Es ſprang auf das Tribunal des Richters, ſetzte frech die vier⸗ eckige Mütze auf und ſchnitt den Klägern Grimaſſen; es ſetzte ſich auf den Thron des Königs, ſcherzend mit dem Despotismus und ſpielend mit der unumſchränkten Gewalt, wie man mit einem gezähmten Tiger ſpielt.— Die Satyre achtete weder Menſchen noch Dinge; mit dem geſchmück⸗ ten Prieſter beſtieg ſie den Altar; mit den luſtigen Mön⸗ chen trank ſie in der Sacriſtey; in der Schänke ſpielte ſie mit dem Meſſer des berauſchten Richters; ſie, die aus⸗ ſchweifende und vernunftloſe Göttin, durcheilte die Hospi⸗ täler, Arzt und Kranke peitſchend; in Lumpen gehüllt und mit dem Bettelſacke erweckte ſie den eyniſchen Diogenes; von Wohlgerüchen duftend, erwartete die nachläſſige Cour⸗ tiſane galante Herren und rohe Soldaten in ihrem Ge⸗ mache; als Freudenmädchen die Gaſſen durchirrend, als Trödler an den Säulen der Hallen, als Wiederverkäufer weiblichen Putzes umgeben mit Eſſenzen, Pomaden, Schmin⸗ ken, alten Livreen, verbrauchten Roben, und durch dieſe 3 Trümmer der Leidenſchaft und Gefallſucht, des Luxrus und der Dürftigkeit der Frauen Gewinne berechnend; ſo trieb die Satyre alle Gewerbe. Wie oft, auch nicht die nie⸗ drigſte Hülle verſchmähend, hat ſie ſich nicht als Späher den Obrigkeiten verkleidet, und ganze Tage an den Thüren der Spiel⸗ und Freudenhäuſer lauſchend und ſpähend, auf⸗ zeichnend und im Kothe ſich wälzend verbracht? Man be⸗ greift leicht, daß bei dieſem Ausſchweifen der Sitten von einer Seite zur andern, gleich nahe den königlichen Pallaſt und das Hospital der Unheilbaren, die franzöſiſche Akade⸗ mie und das Narrenhaus berührend, daß da die Satyre und die Schilderung der Sitten belebt und maleriſch war; man begreift, daß Asmodeus ſich glücklich und ſtolz in einer ſo geſtalteten Welt fühlen mußte. Und ſeht, wie er eilt, der boshafte Teufel! ſeht, wie er leicht über die Dächer ſchreitet; denn man betrat damals die Dächer; koſtbarer Vorzug! Ol ich begreife wohl, daß er vor Freude hüpfen mußte, der Teufel, in dieſem bunten All von Leidenſchaf⸗ ten und Laſtern! aber ach! bei unſeren vollendeten Sitten, in unſerer geſchliffenen und geregelten Welt, unter unſerem traurigen und glanzlofen Himmel, auf dem Gipfel unſerer Weisheit; was ſoll da der Teufel beginnen? wird er nicht vor Langeweile ſterben! Er iſt ſchon ſo alt, dieſer Teufel! Er hat ſo Manches geſehen von dem erſten Augenblicke der verderbten Geſell⸗ ſchaft an! er hat bei ſo manchem Verfalle geſtanden! er hat ſo manche umwälzung geleitet! er hat über ſo manchen 4 unſinn geſpottet! Glaubt nicht, daß der Teufel Asmodeus, der beobachtende, ſich an die Kritik der Sitten ſchließende Teufel von Geſtern ſei, ein närriſches und ſtörriſches Kind, welches vor dem Gil Blas hergeht, oder ihm folgt, um ihn zu belehren und zu vervollſtändigen.— Der Teufel Asmo⸗ deus iſt alt wie die Welt; er hat nicht immer Krücke und Höcker gehabt; er war nicht immer in einer Flaſche ge⸗ ſperrt; er nannte ſich nicht immer nur Asmodeus; er nannte ſich abwechſelnd Ariſtophanes, Theophraſt, Terenz, la Bru⸗ yere, Molidre insbeſondere; er nannte ſich Voltaire, Ra⸗ belais und Beaumarchais; er führte die größten Namen der poetiſchen und ſatyriſchen Welt; er berührte die beiden äußerſten Grenzen des menſehlichen Geiſtes. Für den Ver⸗ ſtand war er Rabelais; für das Herz Montaigne. Asmo⸗ deus iſt die Philoſophie aller Jahrhunderte, in Karrikatur gekleidet; Asmodeus iſt die alte Weisheit, die zur fran⸗ zöſiſchen wird; Asmodeus iſt das entartete Lachen der Al⸗ ten; er iſt die Vernunft, welche ſatyriſch geworden: er⸗ habene und arme Vernunſt, die gezwungen iſt, die Rolle eines Narren und Gauklers zu ſpielen, wenn ſie Eingang finden will.— Aber ſei er weiſe oder Narr, laßt uns den Teufel des Le Sage achten! Seit langer Zeit ſchreitet er mitten durch das Menſchengeſchlecht! Das griechiſche Volk ſah er zuerſt, ein ſchwatzhaftes, eigenſinniges, ſchmutziges, ſchlemmendes, zweifelndes, geiſtreiches, ſpöttiſches, leichtes, ſeelenloſes Volk; aber blühend, artig, gebildet, glänzend, über Alles lachend, auf den öffentlichen Plätzen die Muße⸗ 5 ſtunden verlebend, beredſam, muſikaliſch; Formen, Töne, Farben, Wohlgerüche und Dichtkunſt liebend; ein Volk, das eitel, geizig, boshaft, unzüchtig und ſchamlos war; Al⸗ eibiades und Gnathon zugleich, ohne Widerrede, ein ſel⸗ tenes Volk für das Studium! Bewegbares Volk! Asmodeus zeigte es von jeder Seite: auf dem Theater des Ariſtophanes und in den Abhandlun⸗ gen des Theophraſtes; er zeigte die Griechen in ihrem po⸗ litiſchen und Privatleben. Beide, Ariſtophanes und Theo⸗ phraſtes, waren das für Griechenland, was Molière allein für Frankreich war.— Es iſt ein unendlicher Ruhm für zwei, das zu ſein, was Molisre allein war! Asmodeus, das verweichlichte Athen verlaſſend, und da er zu ſeinen Schwachheiten und Lächerlichkeiten kein Wort mehr hinzufügen konnte, nannte ſich Terenz, und begann, dießmal mit geringem Erfolg, das Römiſche Luſtſpiel.— Rom war zu ſehr der Wiederſchein Athens, um Stoff zu einem originellen Luſtſpiele zu liefern. Rom war damals faſt das, was wir jetzt ſind: geſchäftig umherſchwärmend, Behaglichkeit ſuchend, eitel, Nichts ahnend, mittelmäßig gut und mittelmäßig ſchlecht, ewig mittelmäßig, gleich weit von der Freiheit und der Sklaverei; aus Falſchheit zwei⸗ felnd, verderbt, gelangweilt, ein Ende erwartend, nachdem man alles, was der menſchliche Ruhm Großes erzeugte, durchlaufen und denſelben in jeder Art gemißbraucht hat; ein Volk ohne Leidenſchaft, ohne Glauben, ohne Unglück, ohne Hoffnung, ohne Tugend. Das Luſtſpiel durchſchritt Rom, ohne zu treffen; es fand die Römiſchen Sitten zu vermiſcht, um lange dabei zu verweilen; es glitt über daſ⸗ ſelbe, wie über eine geſchliffene Fläche; und als es ſpäter Umwälzungen gab, Kaiſer, die aus ihrem Pferde einen Con⸗ ſul, und aus ihrem Freund eine Kaiſerin machten, da trat das Luſtſpiel erſchreckt zurück; es wurde Satyre: in vollem Fluge mußte Asmodeus entfliehen, als er gezwungen wurde, ſich Juvenal zu nennen.— Nur originelle Völker ſind für Luſtſpiele und Sitten⸗ gemälde geeignet, nur beſtimmte, aber noch fortathmende Momente, ſcharf gezeichnete Charaktere, Bewegung, Kraft, Stärke des Geiſtes, der Seele und des Körpers; die Mo⸗ mente ſinkender Reiche ſind Nichts für den beobachtenden und malenden Schriftſteller. Und ſo fliehe denn, Asmo⸗ deus, das alternde Griechenland, das alternde Rom; in das Mittelalter trete ein zu luſtigen Mönchen, die den Werth der göttlichen Flaſche erkannten. Verlaſſe den Bart des Philoſophen, zerſchlage des Cynikers Tonne, vertrinke den goldenen Ring des Römiſchen Großen; werde Mönch, As⸗ modeus, gehe nach Rom, ſiehe den heiligen Vater, kehre nach Frankreich zurück, und betrachte den König; ohne Furcht ſtürze dich in die Welt der Ketzer, Pietiſten, Gens⸗ d'armes, Geiſtlichen und Höflinge; ſieh das Erwachen des fränkiſchen Geiſtes in Frankreich und der Volksſprache in Italien; verſpotte die Schläger und die Geſchlagenen, die Prieſter auf, und die Knieenden vor dem Altare, den König und ſeine Höflinge, den Weiſen und den Laien; rede vom La⸗ 7 Laſter, von Gaſtmählern, von freudigen Mädchen an den Thüren der Weinhäuſer; rede von Allem und in allen Spra⸗ chen, franzöſiſch, lateiniſch und ſpaniſch; mit Dir ſelbſt aber rede, gütiger Asmodeus, in Deiner gewichtigen fran⸗ zöſiſchen Sprache, und dann nimm Frankreichs lauten Dank! denn Du haſt Frankreich eine Sprache gegeben, ſein erſtes unſterbliches Werk: Pantagruel; ſpäter vielleicht wirſt Du ihm La Fontaine und Molière geben. Beugt Euer Haupt vor Asmodeus, in dem Gewande des Rabelais! In dem großen Jahrhundert zog Asmodeus das Mönchs⸗ gewand aus, und kleidete ſich in eine bürgerliche Tracht. Er hatte ſeine Lebensweiſe geändert. Er wurde der beſchei⸗ dene Genoſſe eines großen Hauſes. Er lernte zum dritten Male Griechiſch. Er beſchäftigte ſich viel mit der Gram⸗ matik, und gewann einen gelehrten, eleganten und korrek⸗ ten Styl, der alle Freiheit des alten hatte. Asmodeus nannte ſich beſcheiden la Bruydre, er hat die Sitten ſei⸗ ner Zeit mit allem Geſchmack und aller antiken Grazie eines früheren Schriftſtellers gemalt. Er wurde unruhig über die leichteſten geſelligen Abweichungen, über die unbedeutend⸗ ſten Fehler, über die unſchuldigſten Verzerrungen; er lebte von dem Abfall der Tafeln des Miſantropen und des Tar⸗ tüffe, und er war herrlich, neu, von guter Geſellſchaft und von gutem Geſchmack; das erſte Mal, das ihm dieß ſeit ſeiner Abreiſe von Griechenland begegnete; o! beachtet ihn doch!— Da noch das ſiebenzehnte Jahrhundert ſeinen Schatten I. 2 8 über Frankreich verlängerte, und dieſes Philoſophie, bürger⸗ liche und religiöſe Freiheit in Ermangelung der Dichtkunſt erwählte; da nannte der beobachtende Teufel ſich Voltaire, ein unerſättlicher Spötter und unerſchrockener Menſchen⸗ feind, der über die ſich Geißelnden lacht, die Menſchheit durch heißes Eiſen und auf der Stirne bezeichnet! Das war eine angreifende Epoche für unſeren Teufel! Er war wenig daran gewöhnt, nüchtern und boshaft zu ſein! Er war Cenſor ſeiner Natur; er gab ſich leicht der zwiefachen Ausſchweifung der Sitten und des Styls hin; er war Bouf⸗ fon und Frohſinn; er biß und kratzte nicht! Er war zornig, aber ohne Groll; er war eigentlich Rabelais und nicht Vol⸗ taire; er wurde Voltaire, und ſchrieb Candide; er ſchreckte vor Candide zurück, wie er vor Juvenal zurückgeſchreckt war, und ſchrieb, um ſich zu tröſten, die Hochzeit des Fi⸗ garo. Figaro iſt Asmodeus auf dem Gipfel des Geiſtes und der Kühnheit, auf dem Gipfel der Bosheit; er iſt der junge, ausſchweifende, glänzende Asmodeus, der zu den Wolken ſchwebt, lacht, ſein Glück macht und ſpäter einſt irgend ein guter Bürger werden wird. Aber weh! Asmodeus hatte nicht die Zeit Bürger zu ſein! Er verlebte ſein reiferes Al⸗ ter in einer Flaſche! Er alterte in dieſer Flaſche, und ent⸗ ſchlüpfte, man weiß durch welchen Zufall, aus derſelben. Man erblickt ihn bucklicht, krummbeinig, mit Krücken, lang⸗ ſam und wie zur Strafe auf einem Beine hinkend. Und dennoch, wie ich ſchon ſagte, war dieß eine gute Zeit für die Schilderung der Sitten; Asmodeus entriß den Häu⸗ — 9 ſern die Dächer, zeigte die Menſchen in ihrem Bette, und die Frauen vor der Toilette; Asmodeus war da noch de⸗ cent, mit dem, was wir ſpäter ſahen, verglichen. Später trug er den Korb eines Lumpenſammlers. Er ſuchte die Sitten und Geſchichten in allen Gaſſen von Paris. Un⸗ längſt war er auf glänzend erleuchteten Dächern; wir ha⸗ ben ihn an den Straßenecken geſehen, eine Stocklaterne in der Hand; der einfache Hakenſtock erſetzte die prachtvolle Krücke; früher ſchrieb er ſeine Bücher auf dem Rücken der Poeſie; einer lieblichen Buhlerin mit duftenden Haaren, die ihm, knieend und ſchlau lächelnd, ihre weiße Schulter darbot; jetzt iſt es an ihm zu knieen; er ſchreibt an einer Straßenecke, beide Kniee im Koth, ſeine Memoiren. As⸗ modeus! wahrhafter Teufel! geiſtreicher Narr! unerſchöpf⸗ liche Kritik! ſelbſt in ſeinem Lumpenkaſten hat er herrliche Sachen gefunden; ſelbſt auf dem Eckſtein hat er Meiſter⸗ werke geſchrieben! Fürwahr! es war noch eine gute Zeit zum Schreiben; die Macht war entſetzt und der Hof ent⸗ flohen! Nicht die Großen waren lächerlich und laſterhaft; das Volk war es, denn das Volk war König geworden! Doch jetzt(ich komme auf meine Behauptung zurück), jetzt, nachdem jede Rolle verbraucht, nachdem man, wie alle alten Teufel, Eremit geworden iſt; was wird jetzt As⸗ modeus ſagen? Welche Schilderung kann er von unſeren verwiſchten Sitten machen? Die alte Welt des Luſtſpiels iſt verſchwunden, wie die Inſeln des Oceans, die der Vul⸗ kan verzehrt und mit einem unbekannten Lande vereint. 2* 10 Wir haben auch nicht Eins der Urbilder bewahrt. Was finden wir heute? Keine geizige Väter mehr, keine leicht⸗ gläubige Gatten, keine Kinder, die Freigeiſter ſind oder Spieler, keine ſchöne Leander's, die ſich glücklich ſchätzen, ihre Schulden nicht zu bezahlen, keine Bedienten, die die Freunde ihrer Herren ſind, und Genoſſen ihrer Ausſchwei⸗ fungen. In der gegenwärtigen Zeit verbirgt ſich der Ehe⸗ bruch, gleich der Schande, man verheimlicht ſeine Schul⸗ den, wie ein Narr, man entzieht ſich der Welt, um zu ſpielen, man glaubt an Gott aus Achtung gegen ſich ſelbſt; man ſtürzt ſich nicht ins Verderben aus Furcht vor Ande⸗ ren; die vornehme Dame iſt leutſelig und gut, ohne eine der Thorheiten der Frau von Escarbagnas; die Hausfrau iſt unterrichtet, ohne gelehrt zu ſein; die junge Tochter iſt unſchuldig, ohne eine der Fragen der Agnes. Der Sohn des Geizigen würde ehrfurchtsvoll ſeinen Vater auf der Straße grüßen; das Mündel des Bartholo würde nicht vertraut mit dem Barbier ihres Vormundes reden; Dia⸗ foirus würde jetzt keine Praxis mehr haben, auf Purgon würde man mit Fingern zeigen, und begegnen wir einem Krankgeglaubten, wir würden ihn bedauern, wir würden ihm den Arm bieten, und mit theilnehmender Miene wür⸗ den wir fragen:„wie befinden ſie ſich?“ Auf der Börſe würden wir alle Wechſel des Miſantropen discontiren, wir würden alle Knechte des Reynard auf die Galeere ſchicken, den Richter der Kläger würden wir ins Zuchthaus(Bice⸗ tre) werfen, Madame George Dandin würden wir für den 11 Reſt ihres Lebens in ein Haus reuiger Töchter ſperren, und ihr Bruder würde mit ſechs Monaten Gefängniß beſtraft; Cherubim würde jetzt auf dem Collegium bei Waſſer und Brot ſein; man würde allen poetiſchen Launen, allen dra⸗ matiſchen Erbitterungen, allen furchtbaren Erzählungen den Prozeß machen; wir glauben an alles das ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr. Wir ſind vernünftige, ſtrenge, ehrliche Leute; wir alle ſind ganz das, was wir ſind, Bürger oder Edelleute, die von Schreib⸗, philoſophiſchen, Tanz⸗ oder gar Fecht⸗Lehrern die Möglichkeit gelernt haben. Wehe den Dichtern! es iſt nicht mehr die Zeit, wo der geiſt⸗ reichſte Mann, der über Alles in Frankreich ſpotten wollte, das Recht dazu eben nur darum hatte, weil er geiſtreich war.— Es iſt nicht mehr die Zeit, wo geheiligte Dinge ins Lächerliche gezogen werden: Ehemänner, Gläubiger, un⸗ ſchuldige Mädchen, Hausväter und Frauen, die Achtung der Ahnen, der Geſetze, des Vaterlandes; alles Dinge, welche das alte Luſtſpiel ſchrecklich gemißbraucht hat; wir ſind darin die Schuldigen, wir Alle haben gewagt, über dieſe grau⸗ ſamen Scherze zu lachen. Aber jetzt ſind dieſe Scherze ver⸗ altet; wir lachen nicht mehr darüber; die Zeit dieſer grau⸗ ſamen Späße iſt vorüber; wir heirathen einander, wir lie⸗ ben unſere Frauen, und unſere Kinder achten uns; vor allen anderen achten wir die Wucherer, wir zahlen unſere Schulden, oder gehen nach Sainte⸗Peélagie; was die öffent⸗ liche Verſpottung der Tugenden, die wir noch haben könn⸗ ten, anlangt, ſo iſt auch das aus der Mode; Keiner duldet 12 dieſen Spott, auch nicht über Andere, und ſelbſt wenn ein Marquis ihn gewagt! So erweckt denn, wenn Ihr wollt, in der jetzigen Zeit Asmodeus, reißt ihn aus ſeiner Unthätigkeit, laßt ihn han⸗ deln und reden, vorausgeſetzt, daß Ihr keine ſeiner Hand⸗ lungen, keines ſeiner Worte vorherſeht. Aber noch einmal, wo biſt du Asmodeus? Welcher Zauberer hält dich zurück? In welch gläſernem Gefängniſſe verbirgſt du dich? Zerbrich alle Flakons, und ſchütte auf dem Nähtiſch der Damen die koſtbaren Wohlgerüche aus; ruft ihn mit erhobener Stimme! Asmodeus wird nicht antworten; Asmodeus iſt nirgends, oder vielmehr, Asmodeus iſt überall; Asmodeus iſt die ganze Welt! Es giebt keinen einzelnen Spötter mehr; Jedermann erforſcht und beſſert die Sitten: es giebt keinen beſonderen Bouffon, aber das Ganze rechnet ſich nicht. Durch dieſe umwälzung im Studium der Sitten wird der neue hin⸗ kende Teufel ſich helfen, und er hilft ſich; indem Alle mit⸗ arbeiten, wird er noch einmal die bunte Geſchichte unſerer Verkehrtheiten ſchreiben. Und ſo denn ſchenkt ihm Gehör, erkennt ihn in dieſer neuen Geſtalt; Ihr habt ihn als be⸗ lehrend gekannt, als glänzende und traurige Belehrung; er⸗ kennet jetzt unſere Belehrung, ernſt, ſittlich und ehrerbie⸗ tig.— Wir beginnen noch einmal auf eine neue Weiſe die Sitten zu ſchildern. Da wir kein Luſtſpiel von Einem Men⸗ ſchen haben können, ſo vereinigen wir uns mehr denn hun⸗ dert, um Eins zu erſchaffen; was macht es denn aus, ob es hundert ſind oder zwei? Für die Einheit iſt es gleich, 13 und wenn die Einheit verliert, ſo wird das Intereſſe da⸗ durch gewinnen; vermiſſen wir bei dieſem Werke Asmodeus, ol ſo hören wir große Namen, die unter ſeinem Mantel und ohne ſeine Krücke kommen, und die der Geſchichte ihrer Zeit das vertrauen wollen, was ſie geſehen, was ſie gehört, was ſie von unſerer modernen, ſo ſchroffen, yeränderlichen und unentſchiedenen Civiliſation, deren unſchuldigſte Laune eine Umwälzung war, gelernt haben! Jules Janin. Das Palais Royal. Darchreit man die Hauptſtädte Europa's, ſo wird man dort gothiſche Kirchen, Gärten und Palläſte finden; Denk⸗ mäler gleich denen von Paris und den übrigen Städten in Frankreich; geht man in frühere Zeiten zurück, und ſchifft ſich ein auf den Gewäſſern des Anacharſis, ſo wird man Griechenland in ſeinem Glanze erblicken, und nachdem man die Propyleen, den Tempel des Theſeus und das Parthe⸗ neon bewundert hat, kann das neue Athen dieſen Gebäuden ſein Pantheon, ſeinen Louvre, ſeine Börſe und ſeine Kirche St. Madalaine gegenüber ſtellen; nirgend aber wird man ein Palais Royal oder etwas ihm Aehnliches finden. Siehſt du daſſelbe zum erſten Male und willſt es in ſeinem vollen Glanze erblicken? An einem ſchönen Juli⸗ Abend treten wir in dieſen Zaubergarten ein; die Hitze der Häuſer hat alle Alleen mit Spatzierenden gefüllt, und die ſteinernen Bänke mit Leuten beſetzt, die ſparſam genug 15 ſind, die friſche Luft nur auf tributfreien Sitzen zu ath⸗ men. Gegenüber ſind Reihen Stühle, deren Beſitznahme ein leichter Zins nicht verhindert, an die Gitter zweier Recht⸗ Ecke gelehnt, deren grünender von Blumen umkränzter Ra⸗ ſen den in der Mitte auf Piedeſtals erhobenen Büſten Dia⸗ nen's und Apollon's zum Teppiche dient.— Andere Stühle umgeben das Baſſin, welches die beiden Auen trennt, und aus dem ein bedeutender Waſſerſtrahl emporſteigt, um in eine noch nicht geächtete Lilie zurückzufallen. Hier athmet den naſſen Staub, Ihr, denen die Friſche des Abends den Athem nicht genugſam gekühlt hat, während am Ende des einen Rechtecks eine minder bewegte und weniger wäſſerige Erfriſchung die brennenden Kehlen anfeuchtet. Die dort ſitzenden Gäſte, Männer und Frauen, erhellen eine Menge grüner Leichterſtühle, deren Platten mit pyra⸗ midaliſchen, verſchiedenfarbigen Spiegeln bedeckt ſind, in de⸗ nen der ſilberne Lichtſchirm tauſend Strahlen⸗Winkel ent⸗ ſtehen und wieder verſchwinden läßt. Die Gruppen, die lärmenden Geſpräche, das Lachen der Feinſchmecker, das Rufen und Eilen der ſie bedienenden Kellner, die blühen⸗ den Geſträuche, deren Büfets die Seitenbegrenzungen der Erfriſchungs⸗Säle ausmachen, der glänzende Wiederſchein der Rotunde, die einem orientaliſchen Zelte(Kiosque) gleicht, das ununterbrochene Bewegen der hier mehr wie irgend wo zahlreich verſammelten Menge, die geht, kommt, ſich kreuzt, und im wahren Sinne des Wortes kreiſt; das al⸗ les bildet ein Schauſpiel maleriſch und belebt. Sobald 2* 16 Kühle eintritt, verſchwindet alle dieſe Bewegung, aber ſie ändert nur den Ort; in der Gallerie findet man ſie wieder. Das Erfriſchungszimmer eines königlichen Theaters, wäh⸗ rend des Zwiſchenakts, der einem neuen Stücke vorhergeht, es gewährt keinen bewegteren Anblick, als die Gallerie d'Or⸗ leans, eine Welt von Spatziergehenden unter ihrer weiten Kuppel von Kriſtall einſchließend. Jedoch, ſchon ſeit Stun⸗ den hat die arbeitſame Bevölkerung der Vorſtädte ſich dem Schlafe überlaſſen, die lebhafteſten Straßen ſind ſtill und nur belebt durch das Licht ihrer Laternen: man glaubt die ganze Stadt in Ruhe verſenkt; aber nähert man ſich dem Palais Royal, ſo erſtaunen Auge und Ohr, die ſchon er⸗ ſchlafften Sinne erwachen, und angelangt findet man daſ⸗ ſelbe voller Leben und wiederſtrahlend von Licht; ſo auch bleibt das Herz noch lange warm, nachdem der Körper ſchon erkaltet iſt.— Seit man das Mittel entdeckt hat, der Flamme eine unſichtbare Nahrung zu geben, und, wie das Waſſer der Seine, Gas in Röhren bis in die Gipfel der Gebäude zu leiten, ſeit der Zeit hat auch das Palais Royal einen neuen Glanz erhalten, dem ſeine frühere Beleuchtung nicht zu ver⸗ gleichen iſt. Mehr denn 200 Strahlen eines eben ſo kla⸗ ren als reichlichen Lichtes, milder, gleicher und lebhafter zugleich, als ſein alter, unedler Rival, zeichnen die Wöl⸗ bungen einer gleichen Anzahl von Bogen und ſchütten einen Tag aus unter den Hallen. Zu dieſer Helle geſellt ſich die der Magazine, durch zehn Mal mehr Ausgänge ſchlüpfend; 1— ſie gleitet, breitet ſich aus und ſtrahlt auf die Waaren, wo alles Stahl, Gold, Seide, Silber, Kriſtall oder koſtbarer Stein iſt; tauſend Strahlen ſpringen hervor und werden von Ebenholz⸗Flächen oder Spiegelwänden zurückgeworfen: denn die Zahl der Spiegel, die in allen Stockwerken des Palais Royal Wände bilden, iſt unermeßlich; der geblen⸗ dete Fremde fragt ſich, ob vom Erdgeſchoß bis zum Gipfel das Palais Royal nicht ein Marktplatz ſei, und ob ein ver⸗ borgener und unſichtbarer Theil in demſelben beſtehe, wo ſeine Bewohner des ſüßen Schlummers ſich freuen? In der That, die Induſtrie hat alles in dieſem Pallaſte erſchöpft: über den Magazinen beſteht der erſte Stock aus Bade⸗, Spiel⸗, Erfriſchungs⸗, Billard⸗, Rauch⸗, Leſe⸗ und Wechſel⸗Sälen; die oberen Etagen ſcheinen Künſtlern jeder Art zu gehören, Malern, Kupferſtechern, Zahnärzten, Haar⸗ kräuslern ꝛc., und einer Menge von Sultaninnen, denen die Strenge der Polizei am Tage nur erlaubt, den Schau⸗ platz ihrer Eroberungen aus dem Fenſter zu betrachten. Keine bürgerliche Familie würde im Palais Royal wohnen können; man bewohnt das Palais Royal nicht wie einen anderen Ort, man bewohnt es nur, wenn man Kaufmann iſt, denn Kaufmann ſein begründet dort jede Exiſtenz; wer dort wohnt, verzichtet auf häusliche Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten, auf die Reize innerer Einrichtung und auf das Vergnügen zu Hauſe zu ſein. Im Gegentheil, der Bewohner iſt dort ſelbſt an einem öffentlichen Orte, er macht ſich, ſo zu ſagen, dünner und kleiner, um der Waare 18 und den Käufern mehr Platz zu laſſen; er iſt nicht dort, um zu leben, nein, um zu verkaufen. Welche Sparſam⸗ keit! welche Noth um den Beſitz des geringſten Raumes! Das einzige Vorrecht, Stühle herausſetzen zu dürfen, bringt dem Bürger⸗Könige und dem Beſitzer jährlich 32,000 Fr. Alle Magazine dieſes reichen Pallaſtes ſind für Gegen⸗ ſtände des Luxus und glänzenden Ueberfluſſes. Vergebens würde man dort große Möbel und den größten Theil der häuslichen Geräthe ſuchen; ſie ſind nicht nur ausgeſchloſſen, weil ſie zu viel Raum erfordern, ſondern auch, weil das Palais Royal nicht der Marktplatz der Pariſer iſt; man würde ſich trügen, wollte man die Miether dieſes Ortes mit dem Namen Bewohner belegen, ſie ſind nur ſtellver⸗ tretende Prieſter; ſie ſcheinen von ihren Mitbürgern dort hingeſetzt, um vor den Augen der Fremden alles das aus⸗ zubreiten, was der Geiſt Geſchmackvolles erfunden hat, was die wachſende Cultur Schönes, Erwähltes und Liebliches hervorbringt, das Vollkommenſte, was die Künſte jeder Art leiſten.— Handel, Mode, Jahreszeit und ſelbſt die Stun⸗ den eilen fortwährend von Magazin zu Magazin, um das Neue jeder Geſtaltung zu bringen, und das Palais Royal iſt in jedem Augenblick eine Schule des Geſchmacks für die übrigen Kaufleute der Hauptſtadt.— Die Vereinigung der Merkwürdigkeiten Europa's auf einem ſo kleinen Raum ſetzt in Erſtaunen:„Du biſt groß, wie die Welt,“ ſagte Kleber zu Bonaparte; womit aber 19 will man das Palais Royal vergleichen, das in ſeinem Schooß ſo vielen und den größten Glanz birgt! Suche der durch Faſten geübte Gaſtronom mit beſſerer Witterung, wie der vorzüglichſte Jagdhund einen Weihrauch bei dem Duften der auserwählten Speiſen, deren Geruch den Vorüberge⸗ henden gratis gegeben wird; wolle der reiche Gourmand ſich den Gaumen kitzeln mit köſtlichen Saucen, die warm aufgetragen, und wie man ſie bringt eingeathmet werden müſſen; rufe endlich das üppige Weltkind wie mit einer Zauberruthe den Luxus unter allen Vorſtellungen und Ver⸗ führungen um ſich her;— überall zeigte ſich Vollkommen⸗ heit, Geiſt und menſchliche Größe. Wie viele Seiten würde nicht jede dieſer Herrlichkeiten erfordern? Zeit und Raum erlauben vielleicht dereinſt, ſie zu muſtern; hier nur ſei es geſagt, jedes Magazin des Palais Royal iſt unendlicher Ruhm. Ohne Zweifel giebt es auch außerhalb Glanz und zu beneidende Namen; aber die neueren Schlöſſer, die man in den umgebungen von Paris bewundert, verhindern nicht, daß ſeine Mauern nur die Stadt der Palläſte umſchließen. Warum verhindert mich eine Art ariſtokratiſcher Scham der Verfeinerung zu folgen, wohin es ihr beliebt den neuen Lauf zu nehmen, und die Schwelle der Reſtauration für zwei Franks per Kopf zu überſchreiten? Man muß es ge⸗ ſtehen, das Daſein der niederen Karten iſt vor dem„prix ſixe“ in Ohnmacht geſunken. Könnte ich wohl meinen Leſern ein mehr intereſſantes Schauſpiel darbieten, als wenn 20— ich ihnen in den reich geſchmückten Sälen 200 Gäſte zeige, deren Appetit mit den 4 Schüſſeln im ſichtbaren Kampfe iſt, nachdem Suppe ihnen voranging und das Deſſert krönend ſie ſchließt? Sie würden häufig den Appetit im Schwin⸗ den wachſen ſehen, wie den Zorn und den Ruf, und ſich verirren in den Hors-d'oeuvre, ſich verlieren in der Maſſe der gezuckerten Entremets und feinen Weine, und aus den Zuſätzen zu einem frugalen Diner den Grund legen zu einer carte à payer eines Diners auf dem Rocher de Cancale. Von dort aus ſtrömt die große Zahl von Spatziergän⸗ gern, die man gegen 7 Uhr die Kaffee's überſchwemmen, oder vor der Rotunde kreiſen ſieht, geneigt das Oxigene ihrer Lungen nach einem vollkommenen Mahle von Neuem zu entwickeln, und die wichtige Frage verhandeln, wo ihr Abend enden wird; in der That, dieſer Central⸗Punkt führt ſie nach allen Richtungen und ſetzt alle anderen Erholungs⸗ und Vergnügungs⸗Orte in ihre Nähe. Man beolachte ſie in dieſem Moment, ſie überlaſſen ſich vorläufig einer der Verdauung nöthigen Bewegung! Sie ſchenken den, auf einer drei⸗ oder vierfachen Reihe von Stühlen, wie eine ſchöne Schlachtordnung, ſitzenden Frauen nicht mehr Auf⸗ merkſamkeit, als die übrigen Männer, die ſich mitten unter ihnen mit politiſchen Angelegenheiten oder erfindungsreichen Speculationen beſchäftigen. Die Frauen, größtentheils von ihren Männern begleitet, ſind wahrlich nur der lieblichen Kühle wegen gekommen, und mehr, um der behaglichen 21 Ruhe zu genießen, als Huldigungen an einem Orte zu em⸗ pfangen, wo die Männer ſo beſchäftigt ſcheinen; und man ſieht hier auch weder die privilegirten Koketten, noch die Faſchivnables der alten Boulevards de Gand. Der eigentliche Charakter des Palais Royal wird nicht nur durch das Gemiſch der Koſtbarkeiten, die ich beſchrie⸗ ben habe, beſtimmt; auch durch die Leute, welche von den⸗ ſelben angezogen werden und für die ſie zum Kaufe ausge⸗ ſtellt ſind. Die eigentlichen Bewohner des Palais Royal — es iſt Zeit ſie zu bezeichnen— ſind die, welche dort nicht ſchlafen, denen es alle Genüſſe darbietet, ausgenom⸗ men einen Zufluchtsort für den Schlaf; wenigſtens giebt es dort keine hoôtels garnis.— Alle diejenigen, die in Paris keinen regelmäßigen, voll⸗ kommen und feſten Wirkungskreis haben, ſuchen und ver⸗ mehren die Zahl des eigentlichen Publikums im Palais Royal. Der Beobachter gewahrt dort unter einander Fremde aller Länder, Reiſende jeder Provinz, Hageſtolze, Gelehrte, Réfugies, verabſchiedete oder auf halben Sold geſetzte Offi⸗ ziere, Intrigante, Politiker, kurz Jeden, der vom Zufalle oder einem glücklichen Begegnen ein Mahl, Eintritt ins Theater oder einen angenehmen Abend erwartet. Man kann wohl denken, von welchem unvorhergeſehe⸗ nen und ſonderbaren Zuſammentreffen die Rotunde der Schauplatz iſt.— Wie oft ſah man zur Zeit des Kaiſer⸗ thums und ſelbſt der Reſtauration, Waffengefährten auf der 22 Rotunde ſich finden, von denen der Eine aus Spanien, der Anndere aus Moskau zurückkehrte, und die mit thränendem Auge ſich die Hände drückten. Ich könnte die Namen zweier Perſonen nennen, die, da ſie ſich zu Pondichery trennten, Tag und Stunde beſtimmten, an welcher ſie ſich drei Jahre darauf auf der Rotunde treffen wollten, und das Glück hatten, einander zu der beſtimmten Zeit in die Arme zu eilen. Man geht, eine Reiſe um die Welt zu machen, und findet ſich auf der Rotunde wieder. Wie tauſende Men⸗ ſchen würden, wäre plötzlich die Rotunde nicht mehr vor⸗ handen, mit offenem Munde ſtehen bleiben, in dem Augen⸗ blicke, wo ſie ein Rendez-vous bezeichnen! Jemand, der acht Jahre hindurch in dem Palais Royal ſeine frohſten Stunden verlebt hatte, und durch eine Reihe von Unglücksfällen genöthigt war, in die Pyrenäen zu flüchten, antwortete, da ein ihm Begegnender fragte, wohin ſein Weg gehe, ſehr naiv:„nach dem Palais Royal.“ Er hatte Recht; denn dorthin führen die Haupt⸗ ſtraßen aller großen Städte Europa's; und es iſt nicht be⸗ fremdend, daß Jemand, der Frankreich betritt, wenn er aufgefordert würde, dem Gensd'armes ſeine Gedanken zu ſagen und den Ort ſeiner Beſtimmung zu bezeichnen, er das Palais Royal, als den Gegenſtand ſeiner dringendſten Neugier, nennen würde.. Die Spielſäle, die man noch im Palais Royal findet, und die Frauen, die man aus demſelben verjagt hat, wa⸗ ren vielleicht nicht überflüſſig zu ſeinem Glanze, und muß⸗ 23 ten lange Zeit die Fremden anziehen, theils als Handelnde, theils nur als Neugierige. Wie viel Unglückliche ſind noch jetzt das Opfer ſeines verderblichſten Reizes, desjenigen, den die Liſte der Staatseinnahmen gegen die Moral begünſtigt! Es giebt keine Waffenſchmiede im Palais Royal; aber Le⸗ page wohnt in der Nähe. Oft eilt der verzweifelnde Spie⸗ ler zu ihm, in der Furcht, auf dem grünen Tuche ſeine letzte Quelle zu erſchöpfen, und um nicht das Cent treize zu be⸗ ſteigen; dann wagt er mit Beſtimmtheit ſein Alles, und ein den Nachbarn wohlbekannter Ton kündet das Ende der Parthie an. Ich vollendete, im vorigen Winter, ein Vau⸗ deville, bei einem meiner Freunde, als ein Piſtolenſchuß mich zittern machte: Laſſen Sie Sich nicht ſtören, ſagte man mir, es iſt wahrſcheinlich nur das Urtheil eines„Roth“ oder„Schwarz,“ das executirt wird. Ich öffnete das Fen⸗ ſter, und die Vermuthung wurde wahr. Ein junger Mann, der ein Spielhaus verließ, hatte das Gitter eines Raſen⸗ platzes überſtiegen, und ſich auf demſelben erſchoſſen. Lange Gewohnheit ſchien das Beſtehen der Kofetten un⸗ auflöslich an das Palais Royal geknüpft zu haben; merk⸗ würdiger Widerſpruch! man warf dem Herzoge von Char⸗ tres vor, durch das Laſter ſpeculirt zu haben, und jetzt be⸗ klagen ſich die Kaufleute, man verſichert es wenigſtens, daß ſein Sohn daſſelbe verbannt hat. Es iſt ſonderbar genug, ſich dieſe Art Weiber unſerer Tage ſo vorzuſtellen, wie un⸗ ſere Väter ſie geſehen haben; das Haar gekräuſelt und über⸗ deckt mit breiten, in weiten Falten gelegten Hauben, à la 24 Karraccos, in kurzen und Reifröcken. Man findet unter dieſer fremdartigen Kleidung allerliebſte Figuren. Wir ha⸗ ben ſie geſehen in der reizenden, modernen Tracht auf dem Café Montensier, wo ein kleines Nebentheater des Gym- nase beſteht; auf dem Caké des Arveugles, das jetzt leer ſteht und ſich von der kaiſerlichen Garde ernährte; im Ge⸗ wölbe du Sauvage, wo das Ohr der Vorübergehenden ſtets durch den Schall des Tambourins getroffen wird, und wo Borel, nach Fitz⸗James, durch den Bauch redet; endlich an den vorzüglichſten Eingängen des Pallaſtes. Sie beleb⸗ ten das Ganze, ſie gaben Allem durch ihre Gegenwart ein wollüſtiges Gepräge, ohne Zweifel verſchieden von dem, wel⸗ ches die züchtige Venus hervorruft, das aber der Mehrzahl der Bewohner gefiel, und dem Gedächtniß der Fremden ſich eindrängte, gleich dem auffallendſten Zuge der Phyſiognomie des Palais Royal. Doch blieben die eigentlichen Sultanin⸗ nen dieſes Volks⸗Serails unter den ſteinernen Gallerieen, die Blicke durch den wetteifernden Glanz ihres Putzes und durch die Nacktheit ihrer Reize anziehend, wie ſie die Frauen der großen Welt nur ähnlich auf Bällen und in der Oper entſchleiern. Man fand bei gewiſſen Klaſſen ihres Ge⸗⸗ ſchlechts ſogar eine rege Neugier, welche die Ehemänner nicht umhin konnten übel zu nehmen. 3 Der alleinige Beſitz des Palais Royal iſt alſo den an⸗ ſtändigen Frauen geblieben, die lange durch die Koketten verdrängt waren, und ſich ehemals begnügten, daſſelbe mit ihnen zu theilen. 8 25 Dieſe Veränderung geſchah vor zwei oder drei Jahren, und hat dem Palais Royal ein decenteres Aeußere und mehr bürgerliche Gewohnheiten gegeben; man verläßt es früher, man ſchließt die Läden, und geht zur rechten Zeit zur Ruhe. Wir wollen nicht unterſuchen, ob die Sitten dadurch beſ⸗ ſer geworden ſind. Was anderswo geſchieht, gehört nicht unſerer Feder. Wir verlaſſen das Palais Royal nicht. Nach dieſer großen Umwälzung blieben noch zwei, für die Verſchönerung des Palais Royal gleich nothwendige zu vollenden. Die eine beſtand darin, in den Vorderhallen der Magazine hervorſpringende Pfeiler anzubringen, um dem Bau Einheit zu geben; die andere, daß man durch die jetzt erbaute, prachtvolle Gallerie zwiſchen einer zwiefachen Co⸗ lonnade, jene berühmten und unedlen Holzgallerieen erſetzte, welche früher mit dem Namen„Camp des Tartares“ be⸗ zeichnet waren, und eins von den tauſend Beiſpielen des unausgeführten Vornehmens ſind, an dem Generationen vorübergehen.— Die erſte wird unter Leitung des Herrn Belleyme ausgeführt werden, und es bedurfte aller Feſtig⸗ keit dieſes Oberen, um dem Vitruvius des Herrn den Pro⸗ zeß gegen die Schilder, Laternen, Verzierungen, Gemälde und Reliefs, welche die Gallerieen verengten und verdun⸗ kelten, zu gewinnen. Und welchen Einſprüchen hat man Trotz bieten müſſen, um die zweite zu beginnen! und den⸗ noch wird man ſiegen; aber wer vermag die Herzensangſt der unglücklichen Miether zu ſchildern, jedesmal, wenn der Baumeiſter, Herr Fontaine, dem Prinzen den unangeneh⸗ 26 men Anblick dieſer Baracken zeigte und mit Sr. Hoheit über die Pläne und Bauten berathſchlagte? Jeder fragte ſich: wohin nun die ſeit 40 Jahren unter dieſem hölzernen Dache geweſenen Hausgötter bringen? denn durch unglaub⸗ liches Glück waren dieſe Buden, welche durch die kleinſte Unvorſichtigkeit in Brand geſteckt werden konnten, ſtets den Flammen entwichen, umgeben mit hölzernen Verſchlägen, angefüllt mit Büchern und Feuerſtellen, und, was noch ſchlimmer iſt, bewohnt von moderner Welt, die ſich durch Vorſicht keinesweges auszuzeichnen pflegt.— Ich habe gewiß nicht die Abſicht, hier Denkwürdigkei⸗ ten aufzuzählen, die durch das Palais Royal verdunkelt worden ſind; aber man würde es mir nicht verzeihen, wollte ich die Eine mit Stillſchweigen übergehen: was iſt aus dem Café„Mille Colonnes“ geworden? Ach! Wo ſind Babylon und Ninive! und was wird Paris nach der Cho⸗ lera werden? Ich fühle wohl, die erſte Frage verſteckt eine zweite; auf die wenigſtens kann ich antworten: die ſchöne Limonadiere iſt zu Neuilly, wie Carl X. zu Holy⸗ Rood, über die große Vergangenheit nachdenkend; aber ihr Exil iſt freiwillig, ihre Betrachtungen ſind nur angenehme Erinnerungen, ihre Wohnung gehört ihr, ihr Thron wurde nicht durch eine Revolution geſtürzt, die Mode wehte über denſelben und er ſank. Launenhafte! das ſind deine Spiele! Die ſchöne Limonadiere, Königin ihres Büfets, iſt in's Privatleben zurückgetreten, in dem nämlichen Dorfe, aus dem eine Königin von Frankreich hervorgingl... Die Glück⸗ „ 27 lichſte? fragt man mich. Wer weiß?.. Achtet ihr nicht häusliches Glück, und findet ihr das Leben derjenigen nicht lieblich, die damit begann, beſcheidene und glänzende Her⸗ rin des Café du Bosquet zu ſein? Ich vertraue es mei⸗ nen Leſern: verwichene Woche fand ich mich ihr gegen⸗ über in einer Caroline. Einer meiner Nachbarn erkannte ſie, und bat um die Gunſt, ihren Platz bezahlen zu dür⸗ fen,— unſchuldige Galanterie, über die ſie lachte; ſie er⸗ innerte ſich in dieſem Augenblicke aller der Huldigungen, die ſie auf dem Throne eines der Brüder Napoleons em⸗ pfangen hatte! Dieſer Thron, man hat ihn noch nicht vergeſſen, wurde verſteigert, und eine rein kaufmänniſche Speculation ſetzte die Schönheit ohne Diadem auf den⸗ ſelben. Ich habe, im Beginn dieſes Kapitels, das Bild des Palais Royal in dem Glanze der ſich alle Abende wieder⸗ holenden Beleuchtung gezeigt; es würde weniger anziehend ſein, daſſelbe am Morgen zu betrachten wo es nur im Beſitz der Schüler, Kinder und Bonnen iſt. Doch, gegen 10 Uhr beginnt es lebhaft zu werden. Die Journal⸗ Leſer langen an, und ſammeln ſich um die kleinen Pavil⸗ lons mit vergoldetem Dach, in deren einem Peruſtault ſein Hauptquartier aufgeſchlagen hat, von dort aus alle Augen⸗ blicke neue Ronden macht, die Blätter in den Händen der entfernter ſitzenden Leſer betrachtet, und, erkennt er ſeinen Stempel, ſie auffordert, ſich um ſeinen Tempel zu ſam⸗ meln. Auch die Café's füllen ſich, während die Reſtaura⸗ 28 tionen noch leer bleiben, denen ſie das Privilegium der Dé⸗ jeuners à la fourchette geraubt haben; Handlungsgehül⸗ fen, Geſchäfts⸗ und geſchäftige Leute durchziehen in allen Richtungen die Alleen; müßig Umhergehende und drei⸗ bis vierhundert täglich nach einem beſtimmten Punkt ziehende Perſonen kündigen an, daß es bald 12 Uhr iſt. Wolle Gott, daß alle Kanonen der Welt der Artillerie des Pa⸗ lais Royal glichen, deren Ton nie anderes Ungemach er⸗ zeugt hat, als das Erzittern einiger Ladenmädchen oder zu nervöſer Kaufleute, die, der Gewohnheit ungeachtet, daſ⸗ ſelbe nicht beſiegen können! In den fünf Minuten, die der Exploſion vorhergehen, beachtet die Mehrzahl der An⸗ weſenden ihre Uhren, und diejenigen, die keine haben, be⸗ ſchauen die der Anderen; es iſt ein Augenblick feierlicher Ruhe, und oft ſcheint man der Macht des Kanoniers zu mißtrauen... Der Schuß fällt!— und ſogleich rücken die Einen den Zeiger vor oder zurück, während die Ande⸗ ren mit einem Anflug von Eigenliebe laut ihren Uhrmacher loben; Jeden führt freundlich die beſtimmte Stunde ſei⸗ nen Weg, und die Gruppe würde gänz lich zerſtreut, blie⸗ ben nicht einige Gaffer zurück, die ſehen wollten, wie ſich die Sonne nimmt, um das Pulver zu entzünden, und ei⸗ nige Zögerer, die während einer Viertelſtunde es ſich zum Geſchäft machen, jedem Kommenden zu erzählen, daß die Kanone losgegangen iſt. Es würde überflüſſige Sorge ſein, das Quarree zu bezeichnen, auf welchem die Kanone ſteht; 1 kann offenbar nur das des Apollon ſein, denn er feuert ſie ab.— — 29 Ich kann, was ich zu ſagen habe, nicht ohne die Be⸗ merkung enden, daß das Palais Royal ſtets der Mittel⸗ punkt politiſcher Volksbewegungen geweſen iſt und immer bleiben wird; es iſt Folge ſeiner Lage und der Art ſeiner Bewohner. So empfehlen ſich faſt alle Kaffehäuſer ihren Gäſten durch eigenthümliche Erinnerungen: das Calé de Foy durch die Reden des Camillus Desmoulins, der ſich mit ſo vieler Kraft in der Seele des Volks zum Herrn des Aufſtandes machte; das Café de Chartres durch die heftigen Kämpfe der beiden Kokarden„grün“ und„weiß,“ und ſpäter des Montagnards und Girondins; das Café Montansier, durch die patriotiſchen Bachanalien der hun⸗ dert Tage und die Rache der Rückkehr des Gand; das Calé Lemblin, durch den fortwährenden Zulauf der freiſinnigen Jugend und geächteten Militairs während der Reſtaura⸗ tion; das Café Valois endlich als das Heiligthum der durch den Puder der alten Regierung ewig gebleichten Häupter. Im Palais⸗Royal wurde der erſte Club eröffnet, und ſpä⸗ ter hielt die contre⸗revolutionaire Jugend dort ihre ge⸗ heimen Zuſammenkünfte, die den Monat Thermidor durch nicht minder beklagenswerthe Erfolge rückwirkend machen wollte, als die waren, deren Lauf er gehemmt hatte. Im verfloſſenen Monat kehrte ein Greis, der in den Schweizer⸗Garden Ludwig XV. gedient hatte, nach Paris, von wo er ſeit 1780 entfernt war, denn Frankreich iſt nicht ſein Vaterland, zurück, um es wiederzuſehen; ich führte ihn, und da wir uns dem Palais Royal näherten, ſagte er:„Laßt uns zuvor unter den„Baum von Cracau'“(ar- 30 „bre de Cracovie) gehen, wir wollen dort die Journale „leſen, und ich werde erfreut ſein an dem Orte, wo mein „Herz vor beinahe 60 Jahren für ſie ſchlug, Neues von „den Polen zu hören;“ aber der Baum war wenige Jahre nach der Theilung Polens, ſo wie die durch den Kardinal Richelieu in der ganzen Länge des Gartens gepflanzte Ka⸗ ſtanien⸗Allee, abgehauen worden; er war der ſchönſte von allen, und durch die große Ausdehnung ſeines Laubes merk⸗ würdig. Um dieſen Baum vereinigten ſich die Leſer des Courrier de'Europe und der Gazette de Leyde, faſt die einzigen Journale damaliger Zeit, und mein guter Greis zeigte mir den Platz, dem Calé de Foy gegenüber. An⸗ dere Bäume grünten, unter denen man andere Blätter las. Aber Frankreichs Gefühl für unſere tapferen Brüder im Norden lebte fortwährend. Die Verſchiedenheit oder vielmehr die Menge der Ge⸗ bäude, welche das Ganze des Palais Royal ausmachen, würden der Stoff einer langen Geſchichte ſein; ich be⸗ gnüge mich zu ſagen, daß es durch zwei Architekten aus der nämlichen Stadt begonnen und vollendet wurde, durch Jacques Lemercier, Baumeiſter des Kardinal Richelieu, und M. Fontaine, Baumeiſter des Hauſes Orleans, Beide zu Pontoiſe geboren. Wie oft hat man nicht den Letzteren mit ſeinem königlichen Clienten auf den Dächern lebhaft ſtreiten ſehen, und ſich auf einem Giebel berathen, von dem der Prinz nicht herunterſteigen wollte? Wäre die Baukunſt Lehrerin der erhabenſten aller Künſte geweſen; . ſo * 31 ſo frage ſich Jeder, welche Vorbedeutungen könnte man von dem Geſchmacke, dem Glanze und der ſchönen Einheit des Pallaſtes in der Straße Saint⸗Honoré entnehmen. Um die Neugier der Leſer in anderer Beziehung zu be⸗ friedigen, werde ich ſie in der Kürze mit den Bewohnern dieſes Pallaſtes, ſeit ſeiner Gründung, bekannt machen. Es waren, nach Richelieu, der es unter dem Namen Palais Car- dinal fortbeſtehen ließ, Anna von Oeſterreich, Mutter Lud⸗ wigs XIV., damals fünf Jahre alt, und die einſt in das Baſſin des kleinen Gartens, Jardin des Princes genannt, ſiel; ferner Henriette von England; Philipp von Orleans, Stammvater dieſes Namens und Bruder Ludwigs XIV.; Philipp, der Regent; Ludwig, Herzog von Orleans, ſein Sohn; Louis Philipp, und im Augenblicke der Revolution Louis Philipp Joſeph, der eine Vater, der andere Groß⸗ vater König Philipps I. Das Tribunat war während der Republik in demſelben; man wußte nicht, was man wäh⸗ rend des Kaiſerthums mit ihm machen ſollte, und die Börſe, ſo wie das Handlungs⸗Gericht, ſein untrennbarer Trabant, verlegte man vorläufig in das untere Stock, der großen Treppe gegenüber, während man für dieſelben eines der ſchönſten Gebäude neuerer Architektur aufführte. Bei der Rückkehr der Bourbons nahm die Familie Orleans wieder Beſitz von dem Pallaſte, der ſeine Apanage war. Lueian ſetzte ſich während der hundert Tage in demſelben feſt, und endlich, nachdem es in den funfzehn Jahren der Reſtau⸗ nuion die Wohnung der Seitenlinie der Bourbons ge⸗ I. 3 4* 3 weſen, war es ſeit achtzehn Monaten der einſtweilige Pal⸗ laſt des einfach bürgerlichen Königthums; aber ein Thron unter den Magazinen verdunkelte dieſe zu ſehr; die Ge⸗ ſchäftsleute, oft genöthigt weite Umwege zu machen, fan⸗ den es nicht bequem, auf ihrem Wege einen König zu ha⸗ ben; Louis Philipp fühlte das ſelbſt, und in dem Augen⸗ blicke, in dem ich dieſe Zeilen ſchreibe, hat die Dynaſtie des Palais Royal ſich in dem Pallaſte der Tuillerien ein⸗ gerichtet. E. Roch. Der Zürger von Paris. „ In der Mitte der ungeheuren Menſchenmaſſe, welche in un⸗ ſern Straßen wimmelt, welche auf unſern Fußwegen an ein⸗ ander läuft, welche ſich in den geſchickt benutzten Räumen unſerer neuen Häuſer immer mehr anhäuft, iſt es ſchwer, das urſprüngliche Geſchlecht des Pariſer, ſeine angeſtammten Familienzüge, wieder zu erkennen. Man hat viel gegen die Volksanhäufung geſchrieben, und noch kürzlich haben ganze Kolonieen die Hauptſtadt verlaſſen, um in den Provinzen mehr örtliche Freiheiten zu genießen, um aus der Ferne an der Zerſtörung des verſchlingenden Heerdes zu arbeiten, auf welchem ihr Eifer ſich entzündete. Aber wenn die Volksanhäufung den materiellen Zwecken von Paris, die⸗ ſem allgemeinen Sammelpunkt des Ehrgeizes, dieſem Sta⸗ pelplatz aller Gunſt und Gewalt, auch genützt hat; wer möchte behaupten, daß der moraliſche Charakter der Pari⸗ ſer nicht darunter gelitten hätte! Ich bitte Euch, wo fin⸗ * 3* 34 det ihr jetzt den klaſſiſchen, altherkömmlichen Bewohner der großen Stadt aus der Maſſe der ſchmarotzerhaften Weſen heraus, welche das Bedürfniß, fortzukommen und ihr Glück zu machen, unter uns verſetzt hat? Während er unbe⸗ kannt und ſtill fortlebt, iſt ſein Ruf mit allen Lächerlich⸗- keiten der geſammten 83 Departements beladen. Kann der Fremde, welcher übrigens dazu auch ſeinen Theil bei⸗ trägt, in dieſem verworrenen Gemiſch der Sitten das un⸗ terſcheiden, was dem Pariſer Bürger angehört, dieſen köſt⸗ lichen Typus, welcher Gefahr läuft, gleich der Münze der alten Monarchie zu vergehen? Verſuchen wir es, ihn aus der Menge hervorzuziehen, geben wir ihm ſeine Formen, ſein Aeußeres wieder, ſtellen wir das urſprüngliche einfache Gepräge wieder her, welches die Zeit gemäßigt hat, ohne es zerſtört zu haben. Wir brauchen deshalb weder zu hoch, noch zu niedrig zu ſuchen. An den beiden Endpunkten des Glückszuſtandes der Civiliſation und der Sittlichkeit findet eine verborgene Verſchmelzung, hier von zierlichen Ma⸗ nieren, feinem Geſchmack, von vornehmer Anmaßung, dort von gemeinen Gewohnheiten, einfältigem Benehmen, ro⸗ hen und wilden Leidenſchaften in dem Grade ſtatt, daß man die Spur des verſchiedenartigen Urſprungs nicht ver⸗ folgen kann. Stellen wir uns in die Mitte, ganz in die Mitte; da finden wir den ächten Pariſer Bürger, und rei⸗ chen wir eher noch denen die Hand, welche zunächſt unter ihm ſind; denn, wenn er ſich erhebt, artet er ſchon aus. Der Bürger von Paris hat vierzig Jahre verlebt.— 35 Vor dieſem Alter geſtatten die Vormundſchaft der Ver⸗ wandten, unter deren Augen man lebt, das geringe Ein⸗ kommen, die lange Knechtſchaft der Erziehung, der Lehr⸗ zeit, die Probezeit jeglicher Art, dann die fortwährenden Sorgen, das tägliche Streben für den noch ungewiſſen Broterwerb, noch nicht die Sicherheit, das Selbſtvertrauen, die Freiheit der Bewegung, um ſich als ächter Bürger zu behaupten. Ueberdieß iſt es durchaus nöthig, daß der Bür⸗ ger von Paris erzählen könne; das iſt eine Bedingung ſei⸗ nes Daſeins, eine Nothwendigkeit, und glückticher Weiſe auch ein Vergnügen für ihn. Er muß ja ſeiner Famille, ſeinen Freunden, ſeinen Pflegebefohlenen erzählen können, was ſich ſeit wenigſtens dreißig Jahren, nicht bloß in ſei⸗ nem Viertel, ſondern auch innerhalb der Mauern, welche ſeine Welt umſchließen, zugetragen hat; über ſie hinaus ſieht er nur verwandte Länder, Nachbarn, mit welchen man nur durch den Handel in Berührung kommt. Kann er nichts über die Eroberung der Baſtille, über die Tage des Fructidor, des Thermidor, des Vendemiaire erzählen, ſo hat er kein Anſehen, keinen Einfluß; und da der Pa⸗ riſer Bürger in dem bewegten Treiben, welches mit dem Schlaf alle ſeine Zeit ausfüllt, nur wenig lieſt, ſo muß er ſchon eine Zeit gelebt haben, damit er ſeinen Kopf mit einem Vorrath von Begebenheiten anfüllen konnte. Alſo: der Pariſer Bürger iſt nicht viel weniger als 50 Jahr alt. Der, welcher die Hochzeitsfeſte des Dauphin im Jahre 1770, die Vorfälle, welche ſo unfehlbar das Unglück Ludwigs XVI. 36 vorherſehen ließen, erzählen kann, iſt ein hochverdienter, angeſehener Bürger, ein Bevorrechteter in der Geſellſchaft drei Häuſer weit. Der Bürger von Paris iſt von mittelmäßiger Größe und einer gewiſſen Wohlbeleibtheit. Sein Geſicht iſt ge⸗ wöhnlich lächelnd, und verräth nur wenig Würde. Be⸗ ſonders werth ſind ihm ſeine Haarlocken in der Höhe des Mundes; er iſt fein raſirt und reinlich in ſeinem Anzuge. Seine Kleider ſind weit und ſchwer, entfernt von allem Zwang der Formen, welchen die Mode gebietet. Unerfah⸗ rene Maler ſtaffiren ihn noch mit einem Regenſchirm aus; dieß iſt aber eines der größten Vorurtheile, welches Uebel⸗ wollen und Partheigeiſt verbreitet haben. Der Regenſchirm gehört den Begüterten, den Beamten, das heißt, den Al⸗ ten und Gebrechlichen der höheren gewerbtreibenden Klaſſe, an. Der Bürger von Paris trägt einen Stock, um ſich eine gewiſſe Haltung zu geben, um ſich Hunde und Stra⸗ ßenbuben abzuwehren. Aber er fürchtet das ſchlechte Wet⸗ ter nicht; wenn es regnet, nimmt er einen Miethwagen, und kündigt dieß mit einer ſelbſtgefälligen Miene an. Man muß es gehört haben, wenn ein Pariſer Bürger beim Fort⸗ gehen ſagt:„Wenn es regnet, werde ich einen Wagen nehmen,“ um es recht zu empfinden, welche Befriedigung und Sicherheit das Vorſchreiten der öffentlichen Genüſſe dem Herzen eines Mannes gewährt, der die Mittel hat, ſie ſich zu verſchaffen. Der Bürger von Paris iſt verheirathet, was man auch 37 dagegen ſagen möge, verheirathet, wie es ſeine Aeltern wa⸗ ren, ſo wie es aus dem Taußzeugniß des Kirchſpiels von Saint⸗Euſtache hervorgeht. Es giebt in Paris ohne Zwei⸗ ſel mehr als anderswo, und gegenwärtig mehr als je, eine Menge von Junggeſellen aus Geſchmack, aus Urſachen, aus Temperament, aus Berechnung, aus Grundſatz; eine Art von Beduinen, welche den Haushaltungen den Krieg er⸗ klären, ſich vom Raube ernähren, im Getümmel leben und in der Verlaſſenheit ſterben. Aber dieſe ſchließen ſich von ſelbſt aus dem angeſeheneren Bürgerſtande aus. In ihrer Jugend bieten ſie ſich als angenehme Tänzer, ver⸗ wegene Spieler, als unterhaltende Zuträger von Späßen und Neuigkeiten dar; alt, ſind ſie nichts weiter als Ge⸗ fallſüchtige, auf welche man nicht mehr achtet, und die ſich glücklich ſchätzen können, wenn ſie von Zeit zu Zeit am Tiſche eines Freundes einen Platz zwiſchen den beiden Kindern finden, um die böſe Zahl Dreizehn bei Tiſche zu vermeiden. Ich ſage die beiden Kinder; denn der Bürger von Pa⸗ ris hat Kinder, hat deren zwei und nicht mehr; die wollte er haben, und„dabei bleibt er ſtehen.“ Das iſt eine Redensart, welche er oft wiederholt, und woran ſeine Frau ſich am Ende gewöhnt hat. Hier müſſen wir auch von ſeiner Ehehälfte reden. Sie iſt niemals ſchön geweſen, ihre Züge ermangeln des Einklanges und der Regelmä⸗ ßigkeit; aber man iſt darüber eingekommen, ſie hübſch zu finden. Man erzählt ſich noch oft den Eindruck, wel⸗ 38 chen ſie auf die Menge der Neugierigen an dem Tage machte, als ſie vor der kleinen Pforte der Kirche St. Roch aus dem Miethwagen ſtieg. Sie war damals zarter und dün⸗ ner, aber nicht friſcher; er, er war jung, munter, ſchlank und friſirt. Das war eine ſchöne Heirath; das goldene Kreuz, die Seſſel von carmoiſinenem Sammet, aus dem Mobiliar irgend eines herunter gekommenen Prinzen ange⸗ kauft! Es gab auch ein glänzendes Hochzeitsmahl bei Gri⸗ gnon, bei dem man noch über den großen Hof vorfuhr. Wenige Sonntage vergehen, wo der Mann nicht einige Erinnerungen dieſes glücklichen Tages mit in die Unter⸗ haltung verwebt, und das immer mit verdoppelter Zärt⸗ lichkeit für Die, welche er ſich jeden Augenblick glücklich ſchätzt, geheirathet zu haben. Denn der Pariſer Bürger ſchätzt ſeine Frau ganz naturgemäß, aus angebornem Triebe; — das tiefſte Studium würde es ihn nicht beſſer gelehrt haben.. Boshafte Zungen ſagen, ſie ſei kokett geweſen, und daß bei reiferen Jahren ſie ihre Vorſichtsmaaßregeln getroffen habe, nicht ohne ſüße Rückerinnerungen alt zu werden. Aber was thut das dem Pariſer Bürger? Wenn die Sache wahr iſt, hat er vichts davon gewußt; ſein Leben i*ſt nicht getrübt worden, nichts iſt in ſeinem Haushalte, in ſeinen Gewohnheiten geſtört worden, und er hat nicht einen Augenblick aufgehört, die abgedroſchenen Scherze der Theater auf die betrogenen Ehemänner zu wiederholen. Seine Frau iſt zu Hauſe, wenn er heimkehrt. Wenn er —— 39 genöthigt iſt, auf ſie zu warten, ſo ſieht er ſie mit kleinen Einkäufen beladen zurückkommen, und beinahe immer iſt etwas für ihn mit dabei. Sie ſchenkt ihm die Tiſane ein, wenn er ſich erkältet hat, und ſchweigt, wenn er ſpricht. Außerdem iſt die Frau des Bürgers nicht allein die Mut⸗ ter ſeiner Kinder, ſie iſt auch ſein Rathgeber in Geſchäf⸗ ten, ſein Buchhalter; er thut nichts ohne ihre Meinung; ſie kennt die Namen ſeiner Correſpondenten, ſeiner Schuld⸗ ner. Iſt er recht munterer Laune, nennt er ſie ſeinen Mi⸗ niſter des Innern, und weiß er nicht, wie er ein Wort richtig ſchreiben ſoll, wird ſie befragt, denn ſie iſt klug, ſie. iſt in einer Penſion erzogen worden. Sprechen wir jetzt von den Kindern. Ich weiß nicht gleich den Namen ſeiner Tochter; es giebt deren ſo ſchöne in dem Katalog der Romane. Sie verläßt die Penſion; ſie hat ein Fortepiano; ſie zeichnet; ſie hat alles gelernt, was ſie vergeſſen muß, wenn ſie ihre eigene Wirthſchaft bekömmt, um die ſtille und einfache Lebensweiſe ihrer Mut⸗ ter fortzuſetzen. Sein Sohn heißt Emil; dieß iſt eine dem Andenken J. J. Rouſſeau's dargebrachte Huldigung. Es giebt wenig Familien in Paris, wo man nicht einen Emil fände, welcher von einer Amme genährt, von einer Bonne gewartet, und zur Erziehung dem Gymnaſio anvertraut worden iſt. Emil hat ein gutes Loos gezogen; man hat ſich fleißig mit ihm beſchäftigt. Er arbeitet leicht und hat einen aufgeweckten Geiſt. Auf ihn rechnet man beſonders bei dem jährlichen Examen, auch wird er von ſeinen Leh⸗ 40 rern gepflegt und geliebkoſt. Aus allem dieſen entſpringt für unſern Bürger von Paris eine neue Quelle des Glücks. Er ſieht ſich in dem Erben ſeines Namens wieder auf⸗ blühen. Er läßt ihn plaudern, er bewundert ſein ſchul⸗ füchſiges Geſchwätz, und iſt ſtolz darauf, daß er ihn nicht verſteht. Er erinnert ſich ſeines väterlichen Anſehns nur, wenn der kecke Schüler ſich auf das Gebiet der Politik wirft, denn der Schelm neigt ſich zum Republikanismus. Er lieſt insgeheim die liberalen Journale, wie wir Kinder der Monarchie die Romane Pigault⸗Lebrün's laſen. Es bleibt übrigens doch ein ſchönes Thema für die väterliche Gelehrſamkeit, für die geſchichtlichen Erinnerungen aus der Schreckenszeit. Iſt das Gewitter vorüber, beſchäftigt man ſich mit ſeiner Zukunft. Da er Geiſt verräth, muß er ge⸗ richtlicher Kommiſſair werden; hat er Talent, ſoll er es gar bis zum Advokaten bringen, denn jede Generation des Bürgerſtandes will um einen Grad ſteigen; daher die Ueber⸗ füllung oben auf der Höhe. Ich habe die politiſche Meinung des Pariſer Bürgers berührt. Da ſind wir bei der wichtigſten Entwickelung ſeines Charakters. Vor allen Dingen liebt er die Ord⸗ nung, er verlangt Ordnung, er giebt alles darum, ſich Ord⸗ nung und Ruhe zu erhalten, und für ihn iſt Ordnung der regelmäßige und leichte Umlauf der Wagen oder der Fuß⸗ gänger in den Straßen, die Läden, welche auswendig ihre Reichthümer ausbreiten, und des Abends den Schein ihres Gaslichts auf das Pflaſter werfen. Gebt ihm das, haltet 41 ihn in ſeinem Wege nicht durch andere Volkshaufen auf, als ſolche, welche Sänger vder die Qualen eines überge⸗ fahrenen Hundes herbeiführen; erſchreckt ihn nicht durch ungewohntes Lärmen, durch überlautes Hülfegeſchrei einer tobenden Menge; ſorgt, daß er es nicht zu fürchten habe, daß eine Straßen⸗Laterne ihm vor die Füße falle, daß er nicht das Gepraſſel zerbrochener Glasſcheiben, den widrigen Klang klappernder Fenſterladen, den Trommelſchlag zur un⸗ gewohnten Stunde, den Hufſchlag ausreißender Pferde höre, und er iſt zufrieden, er hat Alles, was er braucht. Laſſet ihm dieſe materielle Nuhe, und ihr Alle, die ihr jetzt den öffentlichen Geiſt beherrſchen, die ihr ihn für eure Sache gewinnen wollt, die ihr ſeine Stimme in der Ver⸗ ſammlung zu einem urtheil, ſeine Unterſchrift unter einer Eingabe braucht, ihr könnt ohne Furcht und Sorge ſein. Raiſonnirt, hetzt, verläumdet, ſchmähet, arbeitet wacker dar⸗ auf los, die Grundſätze umzuſtoßen, Ruf und Anſehen zu Schanden zu machen; er wird es ohne Zorn geſchehen laſ⸗ ſen. Wenn eure Rede nur fein und zierlich klingt, ſo wird er es ſich zur Ehre anrechnen; denn er liebt es auch gehört zu werden; ſind eure Seitenhiebe treffend, ſo wird er ſeine Zuhörer wieder damit beluſtigen, denn er bietet gern ein Wort zum Lachen. Wenn ihr ihm Neuigkeiten liefert, ſo geht er Wetten darauf ein, denn er glaubt was gedruckt iſt. Fürchtet nicht, daß er die Unordnung im ſchwarzen Kleide erkenne, wenn ſie euch von oben herab, in zierlicher Rede und mit der Miene des Denkers, gepre⸗ 42 digt wird; er würde da nur einen Gehülfen der Mairie vor ſich ſehen. Die Unordnung, die er kennt und ſcheut, für welche er auf den Straßen mit Gewehr und Taſche erſcheint, hat nackte Arme, eine rohe Sprache, ſtößt die Läden ein, und wirft die Municipal⸗Garde mit Steinen. Der Bürger von Paris hält ferner auf Freiheit. Das iſt ſein erkämpftes Gut, ſeine Treue und Glaube. Die zwei Sylben, woraus dieſes Wort beſteht, bringt Lächeln auf ſeine Lippen, und läßt ihn den Kopf mit Stolz erheben. Wenn ihr ihm ſagt, daß ein Menſch die Freiheit nicht möge, ſo wird er euch ohne Zögern antworten:„ſo werft ihn in's Gefängniß.“ Um ſich dieſes ſchätzbare Gut zu er⸗ halten, wird er ſich jeder Feſſel, jeder Entbehrung, jedem Opfer unterwerfen. Ueberzeuget ihn, daß ſeine Freiheit be⸗ droht iſt, und auf der Stelle wird er ſeine zufriedene, glück⸗ liche Lage, ſeine Geſchäfte, ſeine Familie verlaſſen; er wird den roheſten Dienſt, die Gefangenſchaft des Wachthauſes, ja, die Tyrannei der Verbannung ertragen. Er wird ſo⸗ fort verlangen, daß man die Thore ſchließe, die Häuſer durchſuche, ſich der Verdächtigen bemächtige. Er weiß, daß die Freiheit ſich nicht allein vertheidigt, daß ihr die Hülfe der Polizei, die Thätigkeit des Richters, und ſchnelle und kraftvolle Geſetze nöthig ſind. Für ſie läßt er ſich zum Gendarmen, zum Stadtſoldaten, zu Allem, nur nicht zum Ankläger machen; denn, merkt es wohl, er verabſcheut vor Allem das Spioniren. In ſeiner blindeſten Ergebung, ſei⸗ nem regſten Eifer, würde er einen Jeſuiten laufen laſſen, um einen Spion zu fangen. 43 Bei all' den Revolutionen, die ſo oft den Namen ſei⸗ ner Straße, die Schärpe ſeines Bürger⸗Offiziers, die Far⸗ ben der Fahne, die auf dem Kirchthurm weht, nach wel⸗ chem er ſeine Uhr ſtellt, die Kokarde der Schildwache und das Schild ſeines Tabackshändlers gewechſelt haben, iſt ihm doch die Achtung für die oberſte Gewalt geblieben. Nur dann iſt ſeine Verlegenheit groß, wenn eines Morgens ſein Journal ſich gegen die Regierung erklärt; ſein Journal, welches er ſchätzt, welches ihn unter die älteſten ſeiner Abon⸗ nenten zählt, an welches er ſeine patriotiſchen Beiträge richtet, deſſen Austräger ihn kennt und beim Namen grüßt. Da iſt denn für einen ganzen Tag Unſicherheit und Unbe⸗ haglichkeit in ihm. Doch nimmt er an, das Gouverne⸗ ment könne betrogen worden ſein; der Artikel im Journal wird ihm ohne Zweifel darüber die nöthige Aufklärung ge⸗ ben, und im Glauben auf dieſe Hoffnung, ausgeſöhnt mit den Miniſtern und dem Polizei⸗Präfekten, welche des an⸗ dern Tages abgeſetzt ſein werden, ſchläft er ein. Der Bürger von Paris iſt auch Wähler; er war es ſchon vor dem letzten Geſetz. Wenn das Wahl⸗Collegium ſeines Arrondiſſements zuſammen berufen wird, ſcheint er eine Spanne gewachſen zu ſein. Es malt ſich Stolz, aber auch Mißtrauen auf ſeinem Geſicht; alles, was ſich ihm nähert, ſcheint ihm ſeine Stimme abgewinnen zu wollen; aber er hat eine undurchdringliche Schutzwehr vor ſeinem Gewiſſen errichtet. Dagegen zerſchellen alle Empfehlungen der Freundſchaft, alle Verführungen der Partheiſucht. Er lieſt mit Aufmerkſamkeit das Glaubensbekenntniß der Kan⸗ 44 didaten; er nimmt Notiz von ihren Geſinnungen, ihren Verſprechungen, um ſie zu vergleichen und ſeine Wahl zu treffen. Dann rangirt er dieſe Noten, betitelt und nu⸗ merirt, in eine Schachtel. Wenn der Tag der Wahl her⸗ annaht, ſchließt er ſich in ſein Kabinet ein, dießmal ohne ſeine Frau; er zieht alle dieſe Papiere mit gottesfürchtiger Andacht eins nach dem andern hervor, und lieſt:„Nr. 1., „Mr. Pierre, Unabhängigkeit des Beſitzes, ehrenvoll erwor⸗ „benes Vermögen, lebhafter Eifer für die öffentlichen Frei⸗ „heiten, Ordnungsliebe, Verbindlichkeit kein beſoldetes Amt „anzunehmen.“— Nr. 2., Mr. Paul, ehrenvoll erworbe⸗ „nes Vermögen, Unabhängigkeit des Beſitzes, Verbindlich⸗ „keit kein beſoldetes Amt zu übernehmen, lebhafter Eifer „für die öffentlichen Freiheiten.“— Und ſo geht es bis Nr. 13., der letzten Nummer, ohne eine weitere Abwech⸗ ſelung, als die Stellung der ihm untergelegten Worte, ge⸗ rade wie in der Liebeserklärung des Herrn Jourdain. Er begiebt ſich in die vorbereitende Verſammlung, und kehrt daraus noch unentſchiedener zurück; denn alle dieſe poli⸗ tiſchen Würden, wovon ein jeder ſeiner Empfohlenen ihm ſo befeſtigt, ſo erfüllt ſchien, ſind ihm gewaltig erſchüttert worden. Endlich iſt der Tag erſchienen, er kehrt befrie⸗ digt zurück, er hat bis zuletzt ſeinen Entſchluß behauptet, er hat nach ſeinem Gewiſſen geſtimmt, er hat ſeinen Stimm⸗ zettel in die Urne gelegt. Der Bürger von Paris iſt Geſchworner; auch dieß iſt noch ein Werk ſeiner politiſchen Religion. Er bereitet ſich 45 darauf vor, indem er vierzehn Tage lang die Zeitungen des Tribunals lieſt. Da ſitzt er nun auf ſeiner Bank, dem Angeklagten gegenüber. Am erſten Tage hegt er Mißtrauen gegen Miniſterium und Präſidene n; er ſtützt ſich auf beide Ellenbogen, um kein Wort des Advokaten zu verlieren; er empfindet Mitleiden für die Räuber; er nimmt ſich an⸗ fangs aller dieſer Unglücklichen an, welche die Noth zu Verbrechern gemacht. Den andern Morgen iſt er ſchon weniger nachſichtig, weniger leicht zu rühren. Den letzten Tag iſt er Richter geworden, und ein ſtrengerer Richter als die, welche davon leben, und ſich auf das Verbrechen wie auf die Strafe gewappnet haben. Kommt er nach Hauſe, ſo kauft er einen Riegel zur mehreren Sicherheit, und giebt ſeiner Dienſtmagd den Abſchied. Mit den po⸗ lit iſch en Verbrechen iſt es ein anderes Ding. Zuerſt ſieht er die ganze menſchliche Geſellſchaft durch eine ſchriftſtel⸗ leriſche Heftigkeit, durch eine kunſtfertige Verwegenheit er⸗ ſchüttert. Nachher gewöhnt er ſich daran, und zuletzt macht es ihm Vergnügen; und am Schluſſe der Sitzung nimmt er die verbrecheriſch angeklagte Karrikatur unter'm Arm mit nach Hauſe, um ſie in ſeinem Eßzimmer neben dem Kriegs⸗ ſchauplatz aufzuhängen. Der Bürger von Paris iſt Nationalgardiſt. Unter dem Soldatenrock iſt er ganz Bürger mit ſeiner wollenen Mütze. Er muß doch einen Grad haben Auf den eines Kapitains macht er keinen Anſpruch; der gebührt mit Recht dem No⸗ tar der Nachbarſchaft: denn in gewiſſen Stadtvierteln be⸗ ſteht noch der alte Aberglaube für die Notare. Noch we⸗ niger richtet er auf die höheren Nebenämter ſein Augen⸗ merk, die gehören mit vollem Rechte denen, welche das Geſetz vom Dienſte freiſpricht, den Magiſtratsperſonen, den Deputirten. Er will ganz einfach nur Sergeant⸗Major ſein; dieß iſt die richtige Mitte zwiſchen dem Befehlen und Gehorchen. Der Sergeant⸗Major ſchläft in ſeinem Bette, das iſt ein wichtiger Punkt. Auch iſt es kein kleines Ver⸗ gnügen, alle ſeine Nachbarn zu kennen, ihre Geſuche zu empfangen, ihnen Gunſtbezeugungen zu bewilligen, ihre Ent⸗ ſchuldigungen zu vernehmen, den Widerſpenſtigen zurecht zu weiſen. O! haltet Euch nicht über den Sergeant⸗Ma⸗ jor auf; das iſt eine wichtige Perſon, ein Altarmann der heutigen Zeit. Iſt der Bürger von Paris ſeinem häuslichen Leben wie⸗ dergegeben, ſo liegt er ſeinen Geſchäften mit Thätigkeit und Eifer ob. Er wendet aber gerade dabei nur ſo viel Feinheit an, um nicht als Dummkopf zu erſcheinen, und um zu zeigen, daß er ſo viel davon verſtehe, als ſeine Ge⸗ noſſen in Bordeaux oder Rouen. Uebrigens iſt er ein ehr⸗ licher, genauer, ſtreng rechtlicher Mann. Auch widmet er ſeine Zeit dem Vergnügen, und er genießt heiteren Sin⸗ nes, aber ohne Uebertreibung, Alles, was der Fremde in Paris an Vergnügungen ſucht. Die öffentlichen Feſte ha⸗ ben beſonders für ihn einen merkwürdigen Reiz. Es giebt kein eiliges Geſchäft, kein häusliches Treiben, welches ſich der wichtigen Einladung zu einer Heerſchau, einem Wett⸗ 47 rennen, einem Leichenbegängniß, einem Feuerwerk verglei⸗ chen ließe; auch ſelbſt die kirchlichen Proceſſionen hatten ſonſt ihr Gutes. Der Lärmen, der Staub, die Sonne, das Gedränge, das Marſchiren der Soldaten, das Hin⸗ und Herſtrömen der Menge, alles dieß gewährt Freude und Unterhaltung, iſt eine Quelle angenehmer Rückerinnerun⸗ gen für den Bürger von Paris. Und dann, welch' ein Vergnügen macht es ihm nicht, allen Perſonen, welche mit Epaulets und Ordensband vorüberreiten, einen hiſtoriſchen Namen zu geben! Bei der letzten großen Parade habe ich den General Lafayette wohl funſzig Mal vorbei paſſiren ſehen, obgleich er ſeinen Lehnſtuhl nicht verlaſſen hatte. Von den bedeutenden Perſonen, welche bei dergleichen Feier⸗ lichkeiten thätig ſind, giebt es immer mehrere Exemplare, damit ein Jeder ſie geſehen, ſie ſeinen Kindern gezeigt habe, welche dereinſt der Nachwelt davon erzählen können. Der Bürger von Paris liebt auch die Künſte; er läßt ſich malen, er iſt in den Kunſtſälen zu finden. Habt ihr auf der Ausſtellung des Jahres 1831, auf ganz friſcher Leinwand, mit reichen gothiſchen Bordüren verziert, neben den Tigern von Delacroix, das Portrait eines National⸗ gardiſten geſehen, mit blonder Perücke, den Czako von der Seite geſetzt, das Geſicht lachend und heiter, ein Portrait, welches ſich ſelbſt zu betrachten ſcheint? Das iſt ein Bür⸗ ger von Paris. Ehre dem Künſtler! Alle Gedanken des Modells fanden ſich darin wieder. Wenn ich eine Copie davon haben könnte, würde ich zerreißen, was ich hier jetzt . 3* 48 ſchreibe; der Pinſel würde Alles ſagen. Denket nicht, daß ich unter dieſen Vergnügungen die Theater vergeſſe, ob⸗ gleich ſie ſehr von ihrem Werthe verloren haben, ſeitdem man in vollem Maaße unbekannte, wunderliche Gemüths⸗ bewegungen darin entzündet, zu ſtark für ſein Herz, wenn ſie ernſthaft, und beleidigend für ſeine Vernunft, wenn ſie ſpöttiſch und närriſch ſind. Sucht ihn aber vor allen Din⸗ gen nicht in der italieniſchen Oper, da hat er nie den Fuß hineingeſetzt, weil er, wenn er bezahlt, reden hören will. Vor dem Theatre français geht er mit einem Seufzer, ganz wie der Mann vom feinſten Geſchmack und ausgebil⸗ detſten Geiſt, vorüber. Wenn die komiſche Oper nicht ſo oft geſchloſſen wäre, ſo würde er ſie zu ſeinem liebſten Ver⸗ gnügungsort wählen. Er geht mit ſeiner Familie vier Mal im Jahre dahin, das ſteht beinahe feſt. Mit den Thea⸗ tern des Vaudeville iſt er ſo leidlich zufrieden geſtellt. Die Handlung der Stücke, ſagt er, iſt nicht ſehr rühmenswerth, aber man lacht doch wenigſtens, und er will lachen. Das Theater des Gymnaſiums ärgert ihn etwas; das Perſonal iſt ihm da zu reich gekleidet; man möchte ſagen, die Re⸗ volution habe den Boulevard Bonne⸗Nouvelle nicht paſ⸗ ſirt. Und damit iſt's genug, denn man muß ihm nicht mehr mit Melodramen kommen, welche vormals ſo edel, ſo rüh⸗ rend, ſo volksthümlich waren, ſo manche Thräne hervor⸗ lockten, damals, als die Tyrannen noch Ritterröcke, gelbe Stiefeln und einen großen Bart trugen, als man noch ent⸗ führte Prinzeſſinnen, gefangene Ritter, unterirdiſche Ge⸗ 49 wölbe, Kerkermeiſter, Kinder⸗ und mährchenhafte Befreiun⸗ gen ſah; jetzt macht das Melodrama mit ſeinen Lumpen, ſeiner nackten, naiven Wahrheit ihm nur Herzweh. Er überläßt es den galanten Damen, den Fiſchweibern, den Vorſtädtern und den Modeherren. und das iſt nicht etwa bei ihm eine Schwachheit des Geiſtes. Die Unmoral empört ihn. Er hat feine Sitten, und er rühmt ſich, deren zu haben. Dieß wäre vielleicht ein Grund, daran zu zweifeln, wenn es nicht wirklich mit ſeinem Daſein eng verknüpft wäre, wenn es nicht einen Hauptbeſtandtheil ſeines Weſens, die Grundhaltung in ſei⸗ ner geſelligen Sphäre ausmachte. In dieſer Beziehung glaubt er einen Vergleich mit den brillanteſten Eigenſchaf⸗ ten aushalten zu können, deshalb glaubt er ſich über ſo Manchem weit erhaben.— Ein Bürger ſagt:„ich habe feine Sitten,“ mit demſelben Gefühl des Vorzuges für ſich, und der Geringſchätzung für Andere, wie ein Adeliger ſagt: „ich bin von Geburt,“ ein Banquier:„ich bin reich,“ ein Nann von Geiſt:„ich habe Nichts.“ Bei dieſer Gelegenheit werdet Ihr mich fragen, ob der Bürger von Paris auch Religion habe? Närriſche Frage! Er hat ſich in der Kirche verheirathet, er hat ſeine Kin⸗ der taufen laſſen. Er findet es ſelbſt ſehr ſchicklich, daß ſeine Frau Sonntags in die Meſſe gehe. Es giebt ein gu⸗ tes Beiſpiel, und wenn Ihr ihn drängt, wird er Euch ſa⸗ gen, daß die Religion für das Volk nöthig ſei. Ich würde über den Bürger von Paris noch Vieles 50 ſagen können, aber jetzt mein letztes Wort. Wenn Ihr einen lebendigen, ſchwärmeriſchen, jungen, leidenſchaftlichen Mann ſucht, welcher großer Anſtrengungen für die Tugend, oder großer Verwegenheit für das Verbrechen fähig iſt; wenn Ihr der kühnen Geſtalten, der kräftigen, ſcharf ge⸗ zeichneten Züge bedürft, welche ein hiſtoriſches Gemälde beſeelen, ſo ſucht ſie anderswo, was weiß ich's, wo; ſucht danach in einer Stadt umher, von welcher Julius Cäſar nicht geſprochen hat, welche nicht ſo viele Revolutionen er⸗ lebt, ſo viele Namen auf ihren Denkmalen heut eingegra⸗ ben und morgen wieder ausgeſtrichen hat; in einer Stadt, wo der Menſch nicht vom Menſchen erſtickt, nicht durch ein ewiges Aufreiben abgenutzt wird. Genügt Euch aber ein ſanftmüthiger, guter, redlicher, einfacher, großmüthiger, zutraulicher und gaſtfreundſchaftlicher Mann, ein Mann mit jener friedlichen, lächelnden Miene, welche in einem Fami⸗ lienbilde ſo gefällt, dann nehmt den Bürger von Paris. Vertraut ihm Euer Vermögen, Eure Tochter, Eure Geheim⸗ niſſe ſelbſt. Fordert jeden Dienſt von ihm, welcher die Stunde ſeines Mittagsmahls nicht zu ſehr verzögert, und Ihr könnt auf ihn rechnen. Nur rathe ich Euch, ſeid eilig, und ſetzt Euch nicht, wenn Ihr ihn am Morgen nach einem Volksaufſtande beſucht. A. Bazin. Le jardin des plantes. (Der botaniſche Sarten.) Ille terrarum mihi praeter omnes Angulas videt. (HoRAz.) On trouve escript en auleunes histoires de ce temps-là, que aulx fns de mieulx ſestoper le triomphe de Parlus- Emilius, l'édile Piro fit achepter en la province d'Afrique et conduire à Rom trois cents bestes sauves de tante na- ture estrange, comme lyons, tygres, panthères et aulstres prodiges, aux-quelles le belluaire soulvet quotidunnement déparlir, maintes genesses, brebis et chairs du curée, pour six cent grands sex lerses; de quoi les Romains moult s'esmerveilloient, disant par manière d'hilarité qu'il estoit plus profitable d'estre beste sauve de Barca, que non pas d'avoir droict de bourgeoisie en la cité de Rome. (PrurAReun, trad. d'Ampot.) W⸗ weilt das Glück? In dieſer weiten Stadt, In welche Hütte, ſagt, in welchen Pallaſt floh's? An welchem Ort der Erde darf der Weiſe Sein Leben ſorglos Göttern nur vertraun? 52 Iſt's im Pallaſt der neuen Gallerien, Im Louvre, den der Juli neu erſchaffen, In Schlöſſern, wo der träge Müßiggang Den lauen Winter einen Sommer nennt? In Sälen, wo der Kerzen bleiches Licht Zu hell dem Feſt der Trinkgelage ſcheint? In dem Gemach, wo meiner Sehnſucht Engel⸗ Balſamiſch ihren Götterathem haucht? 3 Iſt's endlich dort, wo der erblaßte Geiſt, Den tief des Forſchens ſchwere Laſt gebeugt, Die Zukunft fragt und einen Namen ſucht? Ol fragt Eu'r Herz, und es erwiedert: Nein, Das Glück aufſuchen wollen, iſt ein Wahn; Denn ewig träge iſt der Lauf der Zeit und ſchmerzvoll unſer Sein! Schuf einen Ort Zu einem Glücklichen der Menſch, weh ihm! Denn der Getäuſchte ſchuf ihn nicht für ſich; und dieſen Fleck der Erde, meint Horaz, Der Blumen Königreich, das einſt bewohnt Von einem anderen Geſchlechte war! Der Roſen Duft! Der liebliche Beſchützer! Die Seine ſagt ihm ſcheidend Lebewohl, Da ſie Paris betritt! O Paradies! Die Arche hat der heil'ge Patriarch, Wie in Armenien einſt, auch dort erbaut; Ein Volk von Thieren, um hervorzugeh'n, Harrt auf der weißen Taube grünen Zweig. 53 Ein Tempel iſt's, aus dem das Leben ſtrömt; Der grünende Congreß von Stauden jeder Art! Dort findet, wer der fernen Heimath denkt, Den Wohlgeruch und ihre Lüfte wieder.— Wir Beide oft, wir wenden unſren Schritt, Wenn ſchon der Winter naht, den Potaveris Der milderen Provence vereinigt zu, Und in dem Thal, das Menſchenhand erſchuf, In ſeiner Hütte weilen träumend wir: Das Auge ſieht, vom Belvedere herab, Zu unſeren Füßen Dromedare zieh'n; Der Athem ſchlürft bekannter Lüfte Hauch Und die Atome ferner, ſchöner Länder, Wenn von den Tannen jener Nachbarhöhen Der Wind des Harzes Wohlgeruch uns bringt; Und wenn ſie lieblich unſren Geiſt umfängt, Dann hüllt die Phantaſie vor unſrem Aug“ In Meeresglanz die Ebne von Paris. Dort hat, ſeit der unſterblichen Geſchichte, Ein Buffon erſt das Krauſenhemd entfaltet, Von Königen beherrſcht, die ewige Ruhe Ein Volk gehabt und väterliche Herrſcher; Dank dem Geſetz der Liebe; denn es lebt Bei Cuvier*) noch, wie unter Lacepede. *) Den Namen M. Cuvier findet mon öfter in die⸗ ſem Gedichte wiederholt; doch darf das nicht in Erſtaunen . 54 Vierfüß'ger Thiere ſchwerbewegte Schaar, Bedürfniß kennend, hat des Forſchers Auge Mit gleicher Weisheit überall geſorgt; Der kühne Geier und der Sümpfe Vögel, Der Tiger, an des Käfigs Eiſen nagend, und die Hyäne, die voll Wuth empor Am feſten Gitter ſpringt, bewahren alle Den feſtgeſtellten Frieden unter ſich. O ahmte doch der Menſch einſt ihnen nach! und ſie allein, vom mächtigen Elephanten Bis zum Inſekt hinab, vermochten es, Des Saint⸗Simon Geſetzen zu entſagen. Ihr Glück ſcheint nur des Menſchen Spott zu ſein, Der aus der Vorſtadt, wenn der Tag ſich neigt, Vor ihre Gitter ſeinen Hunger führt: Im langen Futterzwinger hört er dann Bewegter Schnäbel oder Gaumen Knirſchen; Sie ſagen bittend nicht dem Wärter erſt: Gieb heut' uns gnädig unſer täglich Brot; Und alles ißt: der königliche Löwe, Der Stier, bedächtig Kräuter wiederkauend, Der ſetzen, denn wir kennen die Naturgeſchichte. Es iſt un⸗ nuͤtz hinzuzufuͤgen, daß, wenn wir dieſen beruͤhmten Na⸗ men ſo oft wiederholen, auch kein Anflug von Satyre ge⸗ gen den erſten Gelehrten Europa's in unſere Gedanken ge⸗ kommen iſt..— 5⁵ Der Tiger, der mit düſterem Gebrüll Der Rinder blut'ge Knochen niederſchlingt; Geſättigt dann und mit gekreuzten Tatzen Ruht der gefüllte Bauch aus auf der Erde, Und von den Schnauzen leckt die Eiſenzunge Den fetten Reſt des Markes und der Knochen. Und Jeder dieſes glücklichen Gebiets, Mit dem erdfarb'nem Haare die Hyäne, Das nächtliche Wampyr, der Bär und Panther, Der Leopard, der Luchs, ſie alle ſegnen Zur Stunde, wenn ſie freſſen, Cuvier. Dieſelbe Luſt herrſcht unter ſchön'rem Dache; Dort, wo man den Geſtüten Futter giebt, Stolz ſitzt auf ihrer Stange die Gigarque, Des Adlers greiſes Haupt, der liſtige Falke, Die Weihe, ſie der bangen Tauben Schrecken, Voll Glanz der Geier von den Cordilleren; Entfernter dann der lange Orang⸗Outang, Der widerſittlich ſeine Geſten macht, Und die Mandrille, blau die Schnauz' gerunzelt: Die rohen Bilder menſchlicher Natur. Es endet dieſer argen Gäſte Reich; In einen ſchwarzen Kerker ſchloß ſie Cuvier; Dort herrſcht ein Lärmen, wie des Aetna's Brauſen, Von tölpſchen Tritten, fürchterlichem Grinſen. Den Beſſern ward ein beſſer Loos zu Theil! Ihr ſchönes, ruhiges Eliſium iſt 4 4 — 56 Ein Labyrinth von Blumen; nimmer haucht, Dort gehend, man die Luft von Fleiſch und Blut: Erblickt den Strauß, in ſeinem Raume Herrz Den Schwan mit weißem Ruder, weichen Daunen; Den Kaſuar im ſeidenreichen Kleide, Den Pfau, auf deſſen Schweif das Auge ruht; Den traur'gen Storch, die bürgerliche Wirthinn, Die an Aleppo und Medina denkt; Der Gans ungleichen, holperigen Tritt; Den Marabout, der, widrig häßlich ſelbſt, Die Schönheit ſchmückt, und endlich ſeht den Hahn, Den allbekannten und gewöhnlichen, Der wunderbar ſie alle doch beherrſcht, Und bei des Tages Anbruch ſie erweckt. Sie athmen friſcher dort des Windes Kühle, Durch ihres Käfigs luftiges Gewebe Scheint mild die Sonne, und der klare Teich Iſt ihrem Haupt ein ungetrübter Spiegel: Und ſo, wie an den lachenden Geſtaden Der Seen Cachemir's, ſo dehnt ſich hier Ihr Gartenhäuschen über Fluthen aus, Mit Weidendach und Roſenteppichen, Ein Zweig, wie in dem heimathlichen Wald, Wiegt täuſchend zwar, doch ſanft ihr Leben ein. Beglücktes Volk des kälteren Paris! Du findeſt neu das Vaterland hier wieder; Du, mit den gleichen, ruhigen Gebräuchen, 57 Familie, die von Kräutern lebt, du folgſt Frei den Geſetzen des Pythagoras: Der ſchwere Büffel mit dem Sorgenblick; Wie graſend das Kameel zum Himmel ſchaut; Das Pferd der Wüſte, Paleſting's Sohn; Der Elephant, von Kindeshand geführt, Da er durch Schnauben ſchon das Meer bewegt; Die Ziege Thibets mit dem reichen Fell;— Das ſtrahlende Zebra; das gelehrige, Straußähnliche Kameel mit den vier Füßen, Und das gleich jenem fliegt; das Dromedar Von ſtarkem Bau, den Kindern Ali's werth; Der Hirſch, der hier wohl kein Halali fürchtet; Sie alle freſſen, um den ſteten Hunger Mit reichlich guter Koſt zu ſättigen, So viel, wie manche Stadt wohl kaum bedarf; Und an dem Waſſerufer finden ſie, Zu ihrer Nächte Ruhe, den Pallaſt Mit rothem Dach, wie Schloß Fontainebleau. Dort weilt das Glück! Welch unbekannter Geiſt Wird unter uns die ſchöne Einheit gründen? Wann wird der Denker, der die Nächte wacht, Und dann dem Winde ſeine Phraſen ſchenkt, Durch leeren Troſt das große Räthſel löſen? Wann wird er jede Stadt zur Blumenau, Wo jeder Menſch, ſei groß er oder klein, So viel er will an jedem Tage ißt, 4* 58 Wann wird er dieſe ſchaffen, wo ein König, Wie Cuvier hier, mit väterlichem Blick Die Gleichen unter ſeine Flügel nimmt, Und alle durch die Schöpferhand, der Sorge Des zweifelhaften Morgens überhebt? Man plagt ſechs Tauſend Jahre ſchon den Kiel, Erfindet, ſchreibt und fertigt ganze Hefte, Wann aber fand man das⸗ Geheimniß je, Ein Volk durch die Geſetze zu beglücken, Vergoldend Tag und Nacht des frohen Seins; Mehr ſein Bedürfniß noch vorher zu ſehen, Als die Natur, es koſtenfrei zu nähren, Und zu erleichtern ihm der Uebel Qual? Fürwahr! ein Volk von Thieren muß es ſein! Barthélemy und Méry. Ein Haus in der Straße L'école de Médecine. Der Menſch befindet ſich manchmal in einem Gemüths⸗ zuſtande, von welchem er ſich nur wenig Rechenſchaft zu geben vermag; vergebens würde man ihm dann eine an⸗ dere Meinung aufdringen wollen, das Gewiſſen ſpricht, und ſeine früheren Neigungen und Empfindungen behal⸗ ten insgeheim die Oberhand; ſie ſind wie das Steinkraut, welches auch durch den härteſten Granit dringt. Man ver⸗ birgt ſie, verſchließt hermetiſch ſein Inneres, und geht ſelbſt ſo weit, ſie zu verläugnen, wenn das Gemeinwohl es er⸗ fordert. Solch' ein Zuſtand kann wahrhaft Theilnahme erwecken.... Ich kann meine Neigungen ganz laut be⸗ kennen: ich liebe die Freiheit über alles, ich behaupte, daß ſie die Quelle alles Guten iſt, ich habe ihr mein Leben, mein unbekanntes, unwichtiges Leben gewidmet; aber ich verwerfe nichts deſto weniger den tyranniſchen Mißbrauch der Freiheit, mehr noch als die Tyrannei ſelbſt; der Des⸗ potismus, welcher im Namen der Freiheit handelt, iſt der ſchändlichſte aller Herrſchergewalten; beſſer iſt die unver⸗ hehlte Herrſchſucht, der man offen und gerade entgegen⸗ treten kann. Ich habe daher jederzeit die Menſchen gehaßt, welche, indem ſie widerwärtige Volksausſchweifungen hervorriefen, die Erfolge für die Sache der Nationen nur verzögert ha⸗ ben. Sich offen gegen ſie erklären, das Schaffot nicht fürchten, um ſie zu ſtrafen, ſcheint mir die erhabenſte Auf⸗ opferung ſeiner ſelbſt. Darum habe ich immer die lebhaf⸗ teſte Bewunderung für den Namen und das Andenken der Charlotte Corday im Herzen getragen. Durch Verdruß und die Unruhen, wovon unſere gei⸗ tungen heutigen Tages erfüllt ſind, eingeſchläfert, war dieſe Neigung auf der letzten Ausſtellung vor dem Bilde von Heinrich Scheffer von neuem erweckt worden. Seine Charlotte iſt ſo ganz die, welche ich geträumt hatte! Die Einbildungskraft des Malers hat mir vollkommen ent⸗ ſchleiert, was ich ſuchte! Oft hatte ich es beklagt, daß ich nichts beſitze, was ihr angehörte, daß ich es nicht erfahren konnte, welche Treppe ihr Fuß betreten, wo ſie den Stoß ausgeführt, wo ſie ſich ihrer inneren Ueberzeugung geopfert hatte. End⸗ lich brachte ich es heraus, daß die Wohnung Marat'ss in der Straße L école de Médecine geweſen ſei. Eines Tages bleibe ich vor dem Hauſe, welches die Ecke der Straße du Paon bildet, ſtehen:„Hier muß es ſain⸗ ¹ ſagte ich mir. 61 Ich bildete mir ein, eine ſo herrliche That müſſe noth⸗ wendig in dem bemerkenswertheſten Hauſe der Straße ge⸗ ſchehen ſein. Es iſt uns eigen, daß wir uns gern durch äußere Gegenſtände ergreifen laſſen, und das Auge iſt bei⸗. nahe immer früher als Geiſt und Einbildungskraft gefeſ⸗ ſelt, welche ſich leicht von jenem beherrſchen laſſen. Das Haus war mir durch ſeine alte und ſonderbare Bauart aufgefallen; ein düſterer Eingang, enge Fenſter, ein ſechs⸗ eckiges Thürmchen, auf gewölbtem Unterbau mit einem ke⸗ gelförmigen Dach, worüber ſich, aus ſchwerer und wun⸗ derlicher Bleibedeckung, eine eiſerne Spitze erhebt. Ja, hier iſt es! rief ich aus. Es war dunkel geworden; die Familie des Portiers ei⸗ nes anderen Hauſes ſaß vor ihrer Thür, und erfreute ſich G plaudernd in behaglicher Müßigkeit der Kühlung des ſchö⸗ nen Sommer⸗Abends; ich redete ſie an:„Knüpfen ſich an jenes Eckhaus nicht vielleicht geſchichtliche Erinnerun⸗ gen?“ fragte ich. „Mein Herr,“ erwiederte mir die Frau,„es iſt das älteſte im ganzen Stadtviertel, und ein Gewürzhändler be⸗ wohnt es; da ſteht er!“ 1 „Aber wiſſen ſie nicht, ob darin nicht etwa ein be⸗ rühmter Mann, Namens Marat, gewohnt hat?“ „Den kenne ich nicht, mein Herr.“. „0O, warten ſie doch,“ rief der Portier,„Marat, Ma⸗ rat...„ Marat wurde ja wohl im Bade ermordet; das wird alſo in der Badeanſtalt in der Straße du Paon, nur 6² zwei Schritte von hier, geweſen ſein Das iſt ein ſchönes Etabliſſement; ſehen ſie, da. Ich dankte ihnen, indem ich ein unwillkührliches Lä⸗ cheln unterdrückte, und ging. Es war Sonntag, der La⸗ den des Kaufmannes war geſchloſſen, ich verſchob alſo meine Nachforſchungen bis auf den nächſten Tag. 5 Am anderen Morgen zerſtörte die Antwort des ehrli⸗ chen Kaufmanns, welchen ich im Comptvir vorfand, alle meine Vermuthungen; ich verließ ihn, nicht ohne noch ei⸗ nen Blick auf den alten Thurm zu werfen. Feſt entſchloſ⸗ ſen, meine Nachforſchungen fortzuſetzen, trat ich in das Nachbarhaus Nr. 18.; eine hohe Einfahrt mit einer leich⸗ ten Bogenwölbung, ein kleiner, eng bebauter Hof, ein Brunnen in einer Ecke; alles nur ſehr gewöhnlich..... Kaum hatte ich den Namen Marat genannt, als der Por⸗ tier mir ſagte:„Das iſt hier, mein Herr. Da bekam alles, was mich umgab, mit einem Male einen trüben An⸗ ſtrich; meine Tags zuvor betrogene Phantaſie rächte ſich, ſie wurde aufgeregter, ſtellte mir alles in einem noch fin⸗ ſteren Lichte dar, ſie prüfte alle Gegenſtände mit Hülfe ſchwermüthiger Gedanken: und ſelbſt das ſchlechte, gering⸗ fügige Local gab ihr noch mehr Kraft und Thätigfeit Nichts wirkt auf den Träumer mehr als Widerſprüche. Hier an der abgenutzten Thür des Portiers war es ohne Zweifel, wo Charlotte Corday fragte:„Iſt der Bür⸗ ger Marat nicht zu Hauſe?“ Und der Portier, als er dieß junge, ſchöne, würdevolle, halb lächelnde Mädchen ſah, 6³ ſchöpfte keinen Verdacht. Wie kann man den Begriff ei⸗ nes Mordes mit dem eines ſchönen Mädchens vereinigen, aus deſſen großen ſchwarzen Augen Seele und Ausdruck ſtrahlt, deſſen hohe, zierliche und ungezwungene Geſtalt, deſſen zarte Geſichtsfarbe, deſſen ſchön gereihte, perlweiße Zähne in dem halb geöffneten Munde, einen Reiz ge⸗ währen, um auch das roheſte Gemüth zu bezaubern? Wie kann man den Dolch unter einem Kleide vermuthen, wel⸗ ches ſo anmuthige, zarte Formen verräth; einen Blutge⸗ danken in einem ſo verführeriſchen Kopf, bei ſo edler Hal⸗ tung und Ruhe; einen ſo furchtbaren Entſchluß in einem Herzen, dem man nur die Gefühle einer keuſchen, ſchüch⸗ ternen Liebe zutraut? Und an jenem Tage ließ ihr Anzug ohne Zweifel eine gewiſſe einſache und verſtändige Kokette⸗ rie blicken; es war nöthig, den Leuten, welche ſie einfüh⸗ ren ſollten, eine gute Meinung von ſich beizubringen: ſie wußte, daß man nicht zwei Mal einen ſolchen Mord begehe; daß man ſein Leben der Wunde opfert, die man geſchla⸗ gen; daß eine ſolche That ein bewundernswürdiger Selbſt⸗ mord zu Gunſten eines großen Gedankens iſt; ſie wußte es, ſie würde nicht entfliehen, und wenn ſie feſtgenommen ſein würde, welche Blicke mußten dann auf ihr ruhen!... Ihr Vater war ein Edelmann; ſie nährte in ihrer Seele einen heißen Freiheitsſinn, aber rein und edel, wie ſie ſelbſt es war; ſie konnte das alles nicht vergeſſen, und der An⸗ zug eines Weibes trägt bei wichtigen Begebenheiten des Lebens gleichſam das Gepräge ſeiner gewohnten Denkungs⸗ 64 art. Ach! wie war ſie ſo ſchön! ein breites, grünes Band umſchloß ihr glattes Haar und einen Flechtenknauf, aus welchem ſich die ſchönſten Locken herunter ringelten*). Und dieſe blendend weiße Stirn, dieſe Züge des Anſtan⸗ des und der Sitte, dieſe friſchen Lippen...... Wer hätte es ſich einbilden können, daß dieſe zarte Hand ſich mit Blut beſudeln würde? tn ..„Nichts iſt ſeitdem in der Eintheilung der Zimmer geändert worden,“ ſagte mir der Portier, welcher lächelte, als er mich unbeweglich und ſtarren Blicks die Schwelle betrachten ſoh. 8 „Ich lege einen großen Werth auf alle berühmte Häu⸗ ſer,“ antwortete ich,„und ich wünſchte wohl, auch die⸗ ſes näher zu beſehen!“ Bei dem Worte„berühmt,“ deſſen ich mich abſichtlich bediente, legte er die Hand an ſeine baumwollene Mütze, und ſeine Frau erhob ſich. Die Eitelkeit findet ſo gut bei einem Portier als bei einem Pair von Frankreich oder einem Dichter Nahrung. Und warum das nicht? 3 „Marat,“ ſagte ſie mir,„wurde in dem erſten Stock in einem Zimmer nach dem Hofe hinaus ermordet.“ *) Die Einzelnheiten der geſchichtlichen Erzaͤhlung ſind von der genaueſten Wahrheit; ich habe ſie von einem Au⸗ genzeugen. Ich fragte ihn, ob Charlotte ſchoͤn geweſen ſei.—„O, mein Herr,“ rief er, mit einer ausdrucks⸗ vollen Bewegung der Haͤnde, aus,„ſo giebt es keine mehr!“ und die Erinnerung verjuͤngte den Greis. 65 „Kann man es nicht ſehen?“ „Die Bewohner ſind abweſend, und die Magd würde ihnen ſchwerlich genügende Auskunft geben können,“ war ihre Antwort, und dabei ſtieg ſie vor mir die Treppe hinauf Dieſe iſt von Stein, breit und mit einem eiſernen Geländer verziert. Wir traten ein.„Nur die Tapeten ſind erneuert worden,“ ſagte ſie,„aber warten ſie gefäl⸗ ligſt, ich will nur das Mädchen in Kenntniß ſetzen.“ Sie ließ mich im Vorzimmer ſtehen; ich war froh, allein zu ſein, um mich ein wenig ſammeln zu können. Es giebt Empfindungen, welche man, wie den ſeltenſten Wein, tr⸗ pfenweis genießen möchte. Marat wohnte ſehr ſchlecht! ein winziges Vorzimmer, ſchwere Fenſter mit kleinen Scheiben, deren innerer Theil ſich über den äußeren in einem Falz in die Höhe ſchieben läßt. Marat war arm; es wohnte Uneigennützigkeit in dieſer, bis zum Wahnſinn aufgeregten und von der Wich⸗ tigkeit, welche ſein blutiger Cynismus ihm gab, berauſch⸗ ten Seele; er ſetzte ſeinen Glauben auf die Guillotine; ſie war der Altar ſeiner politiſchen Religion. Fanatiſcher Apoſtel ſeiner gräßlichen Freiheit, we deeen mehr der Mann des Schreckens als Robespierte, welch ſeine raſenden Ausfälle beläſtigte dige Geheimniß vom Jahre 9: 32 alles laut und mit Heftigkeit, was Robespierre dachte, daß die Republik alle ſeine Feinde tödten müſſe, damit er nicht untergehe. 66 Es war gräßlich, furchtbar, aber es lag einmal in ihrem abſcheulichen Syſtem. Krank, das Blut von einem entzündlichen Fieber gepeitſcht, mit einem ekelhaften Aus⸗ ſatz bedeckt, klagte er damals in ſeinen Blättern(man hätte ſagen mögen, ſie ſeien mit dem blutigen Eiter ge⸗ ſchrieben, welcher dann und wann von ſeinem Körper triefte) Biron, Cüſtine und die nach Caen geflüchteten Girondiſten an, wo Wimpfen eben ſeinen kraftloſen Krieg des Calvados angefangen hatte. Charlotte glaubte, daß die Girondiſten, ſo beredſam, ſo geſchickt in der Entwickelung ihrer Theorie, aber ſo ſchwach in der Ausführung derſelben, Frankreich den blu⸗ tigen Händen der Mitglieder des Berges entreißen wür⸗ den, welche mit ihrer Stimme die Kräfte des geſellſchaft⸗ lichen Körpers aufſchreckten, entflammten und verhundert⸗ 2 fältigten. War es ein Irrthum oder nicht, der Gedanke der Charlotte Corday war groß und erhaben! Alſo hier war es, wo ſie harrte, und mit dringenden Bitten ſich die Gunſt erbat, bei dem Bürger⸗Repräſentan⸗ ten eingeführt zu werden. Eine junge Frau verweigerte ihr den Eintritt. Hier auf dieſer Holzverzierung der Thür, welche ich berühre, hat vielleicht auch ihre Hand geruht.... O! nein, ſie zitterte nicht, ſie hatte es nicht nöthig, ſich zu ſtüzen.— 1 Welche Schätze von Liebe und Ergebung mußte dieſe Seele darbieten, hätte ſie der Liebe Gehör gegeben! Aber ſie hatte alle ihre großen und reichen Kräfte der Freiheit 67 gewidmet, der Republik, welche ſie rein, ſtark, von Talen⸗ ten und Tugenden ſtrahlend, ſich träumte; ihr blieb für andere Neigungen nichts übrig, dieſe fruchtbare, ſchöne Seele erſchöpfte ſich durch die eine, hohe Richtung, die ſie genommen hatte. Ich geſtehe, es würde mir leid ge⸗ than haben, wenn ſie entweder jenen Belzunce, welcher in Caen nach einer Anklage Marat's umgebracht wurde, oder jenen Barbarour, den Antinous der Girondiſten, ge⸗ liebt hätte; ich würde ſie weniger achten können, ich würde darin eine Vergeltung erkennen; ſie erſchiene mir dann wie ein jedes andere Weib, nur vielleicht etwas überſpann⸗ ter; ich würde untröſtlich ſein, entdeckte ich eine irdiſche Liebe zwiſchen uns beiden, ich, der ich ſie ſo leidenſchaft⸗ lich bewundere. Die kleinen, von niederen Seelen erfun⸗ denen Erzählungen ſcheitern vor der That. Sie hat Bel⸗ zunce nicht gekannt, ſie lebte in Caen zurückgezogen bei einem Verwandten, und hat dort Barbaroux auch nur ge⸗ ſehen, um ſich einen Empfehlungsbrief von ihm zu erbit⸗ ten; und dann ſagte ſie ja ſelbſt:„Wir ſind ſo gut re⸗ publikaniſch in Paris, daß man es nicht begreifen kann, wie ein werthloſes Mädchen, deſſen langes Leben zu nichts fruchten würde, ſich mit kaltem Blute für ſein Vaterland opfert.“ Ich zog aus meiner Taſche einige Notizen, welche ich geſammelt hatte, hervor.... Die Frau des Portiers trat mit der Magd des Miethers wieder herein. „ Erlauben ſie,“ ſagte ich zu meinen beiden Führerin⸗ 68 nen,„erlauben ſie! wir müſſen hier mit Ordnung und Würde zu Werke gehen.“ Mein ſchwarzer Andug, mein blaſſes Geſicht, meine etwas feierliche Haltung.... Sie blieben erſtaunt ſtehen, und ich las mit halber Stimme: „Marie⸗Anne Charlotte Corday d'Armans, in Saint⸗Sa⸗ turnin bei Caen geboren, fünf und zwanzig Jahr weniger vierzehn Tage alt.“ „Ihr ganzes Leben bezeichnen wenige Linien, aber dieſe Linien genügen ihrer Unſterblichkeit; was kümmert ſie das gemeine Leben? Sie erlebte drei erhabene Tage von einer wahrhaften, einfachen, ſtrahlenden Erhabenheit, drei Tage, die einer Million von Daſein überbieten.“ „ Anfangs des Juli 1793 kommt ſie nach Paris, nach⸗ dem ſie ihrem Vater geſchrieben hatte, daß ſie nach Eng⸗ land gehe, um dort die Ruhe und Sicherheit zu ſuchen, welche ihr in Frankreich fehle. Edle und rührende Lüge!“ „Sie ſteigt in der Straße des Augustins im Gaſthof zur Vorſehung ab.“ „Kaum iſt ſie angekommen, ſo geht ſie zu Hrn. Duper⸗ ret, Deputirten und Freund der Gironde; er ſaß bei Ti⸗ ſche. Sie läßt ſich einführen, und bittet ihn, ihr einen Augenblick Gehör zu ſchenken; ſie gehen in's Nebenzim⸗ er, und dort theilt ſie ihm Nachrichten von den Flücht⸗ ingen in Calvados mit, übergiebt ihm einen Brief von Barbaroux, und befragt ihn über ſeine politiſche Meinung, ſeinen Eifer, und fordert ihn vergeblich auf, ſich mit den Girondiſten zu vereinigen. Sie fühlte es bald, daß ſie es 2 69 mit einem ſchwachen, unentſchloſſenen Manne zu thun habe, und bittet ihn endlich nur, ſie zum Miniſter des Innern zu begleiten; ſie will bei demſelben einen Auftrag ausrichten, im Namen der Dlle. Forbin, Canoniſſin, ihrer in der Schweiz lebenden Freundin, um die, Aushändigung wichtiger Papiere bitten. Duperret verſpricht es, ſie ſteht auf; man bietet ihr Erfriſchungen an, ſie ſchlägt ſie aus, und entfernt ſich mit Anſtand und Würde.“ „Den anderen Morgen geht Duperret zum Gaſthof, wo ſie ihn ſchon erwartet; ſie begeben ſich nach dem Mi⸗ niſterium. Der republikaniſche Miniſter war jedoch nicht zu ſprechen“ „Hierauf folgen einige Tage, deren Begebenheiten der Nachwelt nicht aufbehalten ſind, Tage tiefer Träumerei, und welche, wenn ſie uns auch leer erſcheinen, doch für ſie voll von lebhaften Aufregungen geweſen ſein müſſen.“ „Eines Morgens ſetzt ſie ſich auf eine Bank im Gar⸗ ten der Tuillerien, ein Kind nähert ſich ihr ſpielend; die Schönheit erweckt ja Vertrauen in jedem Lebensalter. Es lacht, ſie erwiedert ſein Lachen, es lehnt ſich auf ſie, fährt mit der einen Hand in die halb geöffnete Taſche, und zieht— ein Piſtol hervor.— Was iſt denn das für ein Spielzeug? fragt es.— Dieſes Spielzeug, mein Kind, antwortet ſie, kann in den Zeiten, in welchen wir leben, ſehr nützlich ſein! Sie verbirgt ſchnell die Waffe, ſteht auf, blickt um ſich, ob auch nichts bemerkt worden ſei⸗ und entfernt ſich. „Donnerſtag, den 11. Juli, geht ſie in die Convents⸗ Verſammlung; dort will ſie Marat tödten mitten unter den Mitgliedern des Berges, er iſt aber abweſend und krank; ſie nimmt auf einer der Tribünen ihren Platz, und iſt genöthigt, einen langen Bericht von Cambon über die Lage Frankreichs mit anzuhören, ein Bericht, welcher die Girondiſten dem Fluch und dem Henker weiht, welcher ſich mit der Mittheilung von der Gefangennehmung des Generals Arthur Dillon, angeklagt, gegen die Republik ſich verſchworen zu haben, endigt.„Nichts iſt abge⸗ ſchmackter als das Mährchen, welches man euch ſo eben aufbürdet,“ ruft Camille Desmoulins mit Ungeſtüm.... Ein allgemeines Murren unterbricht ihn, und übertönt den Schall ſeiner muthigen Sprache.— Geh' und ver⸗ theidige Dillon im Revolutions⸗CTribunal, ruft Legendre ihm zu.. Der Prüſident hebt raſch die Sitzung auf. Das Herz Charlottens wurde in dieſer grauenhaften Ver⸗ ſammlung von gerechtem Unwillen empört!“. „Am 13. Morgens macht ſie einige Einkäufe im Pa- lais national; ſie kauft ein Tiſchmeſſer mit ſchwarzer Scheide, und bei ſich zurückgekehrt, ſteckt ſie ihren Tauf⸗ ſchein, einen Aufruf an das franzöſiſche Volk und ein Taſchenbuch von rothem Maroquin zu ſich; ſie weiß, daß, wenn ſie geht, ſie bei ihrem blutigen Vorhaben nur in ein Gefängniß zurückkehrt, um wenige Stunden nachher gerichtet, und auf einem Karren nach dem Gréve⸗Platz, dem Platz der Nevolution oder ſonſt wo abgeführt zu wer⸗ 71 den. Sie hat alles vorhergeſehen; aber Marat iſt krank, ſeine Thür ihr verſchloſſen. Sie ſchreibt ihm, daß ſie von Caen angelangt ſei, um dem Vaterlande einen großen Dienſt zu leiſten.“ „Abends um 5 Uhr geht ſie nochmals zu ihm; die Haus⸗ hälterin Marat's weiſt ſie von neuem ab. Marat iſt im Bade, er hört die Stimme des jungen Mädchens, und be⸗ fiehlt, ſie einzulaſſen....“ „Dieß iſt das Kabinet,“ ſagt die Magd,„dort ſtand die Badewanne, dem Fenſter gegenüber.“ Da war mir die Handlung gegenwärtig, als wenn ich Zeuge geweſen wäre. Die drei Zimmer ſind ſo klein! Ein Paar Schritte genügen, um ſie zu durchſchreiten. Marat hat den Kopf mit einem Tuch umwunden, die Hand hält er aus dem Waſſer, und iſt beſchäftigt, auf einem Brett⸗ chen, welches auf die Badewanne gelegt iſt, zu ſchreiben. Charlotte berührt ihn beinahe, ſo eng iſt das Kabinet! „Die Tapete iſt nicht mehr dieſelbe, mein Herr; ſeit einigen Monaten hat man die, welche die Mauern damals bedeckte, fortgenommen; es waren große gewundene Säu⸗ len auf weißlichem Grunde.“ 3 „Da ſtand ſie,“ fuhr ich fort,„Marat fragt ſie nach dem Namen der Flüchtlinge von Calvados; ſie dietirt ſie ihm in die Feder....„Gut,“ ſagt er,„die ſollen alle zur Guillotine wandern.“ Das war die letzte Drohung, die aus ſeinem Munde hervorgehen ſollte; ſie zieht das Meſſer aus der in ihrem Buſen verborgenen Scheide, und 4** 1 72 ſtößt es ihm bis an's Heft in's Herz....„Zu mir, zu Hülfe, liebe Freundin,“ ruft er,„ich ſterbel.„ „und Charlotte,“ erzählt die Dienſtmagd weiter,„geht durch das anſtoßende Gemach, und ſetzt ſich im Vorzim⸗ mer, dorthin, beim Fenſter, nieder. Das iſt mir von einer Perſon erzählt worden, die beim Morde zugegen war, einer Nachbarin, welche unlängſt geſtorben iſt, und dazu beige⸗ tragen hatte, ſie feſtzunehmen.“— Ein Kommiſſair, wel⸗ cher beſchäftigt war, die Nummern des Volksfreundes in Falten zu legen, wirft ſie mit einem Schlage zu Boden; man läuft hinzu, ſie ſteht auf, und begiebt ſich unter den Schutz der Sections⸗Mitglieder, welche ſich von ihrer Schönheit ergriffen fühlen.... Danton kommt, und be⸗ ſchimpft ſie in den unwürdigſten Ausdrücken; Charlotte ſetzt ihm einen ſchamhaft ſeelenvollen Stolz entgegen; man bringt ſie in das Zimmer, das an der Straße liegt, denn all' dieſes Treiben wäre in dem ſo engen Vorzimmer un⸗ möglich geweſen. Dieß iſt der Augenblick, den Scheffer ſo bewundernswürdig ergriffen hat; man konnte zwar von dort die Badewanne, in welcher Marat mit herabhängen⸗ dem Arme und gebrochenem Auge lag, nicht ſehen...„ aber was thut das dem Künſtler? ſein Genie durchbricht alle Scheidewände! In dieſem Zimmer nun war es, wo die Convents⸗ Mitglieder Chabot und Drouet ſie vernahmen. Ihr Be⸗ richt bezeugt es, ſie waren ſelbſt erſtaunt über die Erha⸗ 73 benheit der Antworten des jungen Mädchens, welche ſchon aus dem Schooße der Nachwelt zu ihnen ſprach. Der Wagen, in dem ſie gekommen war, ſtand noch vor der Thür; ſie ging hinunter, begleitet von den Kom⸗ miſſairen und Gensdarmen des Convents. Bei ihrem An⸗ blick erhob das Volk ein wüthendes Geſchrei, ein Gebrüll gleichſam, geeignet auch die ſtandhafteſte Seele erſtarren zu machen.... Sie erblaßte, und fürchtete von den Ra⸗ ſenden zerriſſen zu werden.... Sie hatte, das aume Mäd⸗ chen, ſich auf einen weniger gräßlichen Tod gefaßt ge⸗ macht! aber fünf und zwanzig Jahr alt, ſchön, der Be⸗ wunderung werth zu ſein, und beſchimpft, mit Füßen ge⸗ treten, halb todt in den Koth geſchleppt, mit blutigen Haken in Stücken zerriſſen, mit Lanzen durchſtochen zu werden; auf dem Pflaſter das blutige, ſonſt entzückende und nun ſo gräßliche Haupt mühſam erheben, um den letzten Stoß zu erflehen, den man zu geben abſichtlich zö⸗ gert, oder den eine müde Hand ſchlecht führt; die Todes⸗ angſt im Koth, beim Lärm zügelloſer Schmähungen; kein Grab zu hoffen, keinen Sarg; die Glieder getrennt, zer⸗ ſtreut... das war im September des vorhergehenden Jah⸗ res geſchehen, das bedrohte auch ſie, das ſtand ihr einen Augenblick bevor.... Aber Drouet rief der tobenden wil⸗ den Menge die Worte zu:„Im Namen des Geſetzes!“ und der Lärmen verſtummte, die Maſſen öffneten ſich, und der Wagen entfernte ſich langſam.... 33 8 74 Ich bemerkte, daß mein aufgeregtes Weſen anfing lä⸗ ſtig zu werden, und Lächeln hervor zu locken. Ich hatte übrigens genug geſehen; in wenigen Augenblicken hatte ich einen Schatz von Gefühlen und Phantaſiegebilden ge⸗ ſammelt; ich hatte den Ort kennen gelernt, wo ein ſchwa⸗ ches Weib an Muth den Rieſen der Revolution von 89 gleichkam, welche auf dem Schlachtfelde oder dem Schaf⸗ fot, damals auch ein Feld der Ehre, blieben. Heut iſt es ruhig, das damals ſo bewegte Viertel, als der Franciscaner⸗Club ſein Weſen trieb, als Danton, der im Handlungshof wohnte, Marat abzuholen kam, und ihn am Fuß der Treppe, die ich betreten, mit donnernder Stimme herunter rief. Hier kamen die Erwählten vom Berge zuſammen, wer kennt ſie alle? der Schauſpieler Collot⸗d'Herbois, Billaud⸗Varennes, Chaumette, Profeſ⸗ ſor der Gottesverläugnung, der Capuciner Chabot, der Schlächter Legendre, Saint⸗Juſt und Robespierre, der ſich doch wenigſtens vor Gott verneigte, und der auf der Tribüne ſagte:„Der Tod iſt der Anfang der Unſterblich⸗ keit.“ Dieſes Haus, damals der Mittelpunkt ſo vieler Auf⸗ wallung, Wuth und Anklagen, iſt heut in ſo friedlichem Zuſtande; überall Ruhe und Ordnung, kein Lärm, kaum eine Bewegung. Es wohnen darin: ein Gerichtsanwalt, ein Kupferdrucker und Capitaliſten, alles Leute, welche die Ruhe, die Annehmlichkeiten der Zurückgezogenheit lieben, welche nur ausziehen, wie der Portier mir ſagt, um da⸗ hin zu gehen, von wo man nicht zurückkehrt. Dieſe prak⸗ 75 tiſche Philoſophie iſt wahrlich beſſer als alle Phraſen der CTheorie. Und von hier aus wurden die härteſten Streiche geführt, welche je den Thron Ludwigs XVI. erſchüttert ha⸗ ben. Drei Millionen Menſchen ſind für die Meinungen, die hier beſtritten wurden, erwürgt, und wir, wir ſtreiten noch. Andere Kämpfer haben das Feld betreten, und an⸗ dere werden folgen, wenn wir nicht mehr ſind. Man muß es jedoch laut bekennen, die Sitten des Volkes ſind beſſer geworden, wir ſchreiten dem Beſſeren entgegen, und das menſchliche Geſchlecht wird immer im Fortſchreiten blei⸗ ben, denn der Tod ſchafft die Müden bei Seite. ..I len⸗ lehrte, daß hier Charlotte Corday für ihr Vaterland in den Tod gegangen? Nicht die kleinſte einfachſte Bezeich⸗ nung. Ol wie iſt doch Frankreich gleichgültig für ſei⸗ nen Ruhm! Aſche ruht!.. Die Kunſt hat uns ihre Züge aufbe⸗ wahrt; aber ſie hat uns auch die des Volkstyrannen er⸗ halten, den ſie getödtet. „Als die Sections⸗Deputirten im Trauer vor die Tri⸗ büne erſchienen, um den unumſchränkten Convent zu be⸗ grüßen, rief ein Redner aus:„David, noch ein Gemälde!“ 76 David erhob ſich und ſprach:„Sicher werd' ich es ma⸗ chen*)!“ Er ging hinaus, und auf der Rückſeite von Charlottens Brief entwarf er Marat' niedriges, hageres und von gehäſſigen Leidenſchaften verzogenes Geſicht; und aus Liſt, welche damals als eine zu entſchuldigende Lüge erſchien, gab er ihm Gnadenbriefe in die Hand, dem Manne, welcher den logiſchen Schluß ſeiner unverſöhnli⸗ chen Beurtheilungskraft nur in dem Meſſer der Guillo⸗ tine fand, welches er dreimal hundert Tauſend Mal auf dreimal hundert Tauſend Köpfe Frankreichs niederfallen laſſen wollte. Wie rührend iſt eure Charlotte, Freund Scheffer! Wie oft bin ich vor dem Bilde unbeweglich, und in tiefſinnige Betrachtung verſunken, ſtehen geblieben, ohne die um mich her wogende Menge zu bemerken! Sie iſt blaß, aber ru⸗ hig, und bekümmert ſich nicht mehr um das, was vorgeht: ihre Aufgabe iſt gelöſt; mögen die anderen das Ihrige *) Freundſchaftsbande vereinigten Marat und David. Dieſer große Kuͤnſtler malte mit eigner Hand das Bild Marat's, waͤhrend einer ſeiner Lieblingszoͤglinge, Gérard, das von Lepelletier de St. Fargeau fertigte; Jemand trat in die Werkſtatt des Malers, und fragte ihn, warum er das Bild Lepelletier's dem Pinſel eines Schuͤlers uͤberlaſſe, und er erwiederte ungeſtuͤm:„Das war ein Ariſtokrat, fuͤr den iſt's gut genug; uͤbrigens hat Gérard Talent; aber Marat!.. ſehen ſie, den mal' ich aus dem Herzen.“ (Mitgetheilt durch Jal in ſeinen Skizzen, ein treffliches, verſtaͤndiges Buch.) Gefaͤngniß entſchlüpft, auf dem Karren, dem ſo viel Schmach thun. Sie denkt an die Zukunft, welche ſie ihrem Va⸗ terlande bereitet zu haben glaubt; auch möchte ich ſagen können: ſie denkt an Gott....; aber ich weiß nicht, ob dieſes tröſtende Wort je über ihre Lippen gekommen; der Gedanke findet ſich vielleicht im Gemälde, in der Geſchichte iſt er nicht. Die Berichte aus jener Zeit ſind ſtumm, und dieß ſchöne Drama bleibt in meinen Augen unvollkommen, ohne Auflöſung. Eine ſolche iſt für mein Herz ſicherlich die Ohrfeige nicht, welche ſie todt von des Henkers Hand erhielt; es wäre ein zu bitterer, grauſamer Spott: ich will lieber annehmen, daß außer jener erniedrigenden Ohrfeige etwas anderes für ſie da geweſen.... Ein Gebet, das den Tod erleichtert, oder ein Hoffnungsſeufzer, welchen die Scheidenden den Zurückbleibenden vermachen; ein ſolches Gebet, ein ſolcher Seufzer iſt vielleicht ihren Lippen im und Spott gefolgt, oder in dem Augenblick, als das unglück⸗ ſelige Holz auf ihren ſchönen Körper niederfiel, um ihn her⸗ nach mit anderen ſpurlos zu verſcharren. Guſtav Drouineau. Der Züchernarr. Ich habe ſie, ich Glücklicher, die beſſere Ausgabe! denn in derſelben ſind Seite 15 und 16 die beiden Druckfehler, die in der ſchlechten nicht ſind. Pons de Verdun. Q 4 Jeder hat wohl den guten Théodore gekannt, deſſen Grab ich bekränzen will, und den Himmel bitten, daß die Erde ihm leicht ſei.— Dieſe beiden, gleichfalls bekannten Bruchſtücke kündigen an, daß ich mir vorgenommen habe, ihm einige Seiten ne⸗ krologiſcher Notizen oder eine Leichenrede zu weihen. Vor zwanzig Jahren zog ſich Théodore aus der Welt zurück, um zu arbeiten, oder um Nichts zu thun. Was von beiden, blieb Geheimniß. Er dachte nach, aber man wußte nicht worüber. Er verlebte ſeine Zeit nur unter Büchern, und beſchäftigte ſich nur mit Büchern, was Ei⸗ nige auf die Vermuthung brachte, daß er ein alle übrigen unnütz machendes Buch ſchreibe, aber man hatte ſich ge⸗ täuſcht. 79 täuſcht. Théodore hatte zu viel durch ſeine Studien ge⸗ lernt, als daß er es nicht wiſſen ſolle, dieß Buch iſt ſchon vor drei Jahren geſchrieben. Es iſt das dreizehnte Kapi⸗ tel im erſten Buch des Rabelais. Théodore ſprach, lachte, ſpielte und aß nicht mehr, er ging nicht mehr, weder auf einen Ball, noch in's Thea⸗ ter. Die Frauen, die er in ſeiner Jugend geliebt hatte, vermochten nicht mehr ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen; höchſtens betrachtete er ihren Fuß, und rief, wenn irgend eine elegante Chauſſure von glänzender Farbe ſeinen Blick feſſelte, mit einem tiefen Seufzer aus: Ach! wie viel ver⸗ lorener Maroquin! Er liebte ehemals die Welt; die Memoiren der Zeit berichten, daß er der Erſte war, der das Halstuch links knotete, dem Uebergewicht des Garat ungeachtet, der es rechts faltete, und noch jetzt, dem Allgemeinen zum Trotze, es in der Mitte zuſammenlegt. Théodore richtete ſich nicht nach der Mode. Er hat in zwanzig Jahren nur Einen Streit mit ſeinem Schneider gehabt:„Herr,“ ſagte er ihm eines Tages,„dieß iſt der letzte Rock, den ich von Ihnen erhalte, wenn man noch einmal vergißt, mir die Taſchen in Quarto zu machen.“ 4— 1 Die Politik, deren lächerliche umwälzungen das Glück ſo manches Narren gemacht haben, vermochte ihn ſtets nur einen Augenblick ſeinem Nachdenken zu entreißen. Sie verdroß ihn, ſeit die thörigten Unternehmungen Napoleons in Naiden die ruſſiſchen Pelze theurer gemacht hatten. Er . 5 80 billigte indeß die franzöſiſche Intervention während der Em⸗ pörungen in Spanien.—„Es iſt eine ſchöne Gelegenheit,“ ſagte er,„um von der Halbinſel der Romane Chevalerie und die Cancioneros wieder zu bringen.“— Aber die dort hingeſandte Armee verſah ſich keinesweges damit, und er war darüber pikirt. Wenn man zu ihm„Trocadero“ ſagte, aantwortete er ſpöttiſch„Romancero,“ und galt für liberal. Der merkwürdige Feldzug des Herrn v. Bourmont auf den Küſten Afrika's entzückte ihn.—„Dank dem Him⸗ mel,“ ſagte er, ſich die Hände reibend,„wir werden den türkiſchen Maroquin jetzt billiger haben,“ und man hielt ihn für einen Carliſten. Er ſpatzierte vergangenen Sommer in einer belebten Straße, indem er ein Buch las. Rechtliche Bürger, die mit wankenden Füßen aus einem Wirthshauſe kamen, ba⸗ ten ihn, das Meſſer an der Kehle, und im Namen der Mei⸗ nungen— Freiheit auszurufen:„Es leben die Polen!— „Ich frage nicht gern,“ antwortete Théodore, deſſen Gedanke ein ewiger Ruf für das Wohl der Menſchheit war,„aber dürft⸗ ich Euch fragen, wozu?“—„Weil wir Holland den Krieg erklären, welches die Polen unter dem Vorwande, daß ſie die Jeſuiten nicht lieben, unterdrückt,“ erwiederte ein Freund des Lichtes, der ein grober Geograph und ein unerſchrocke⸗ ner Logiker war.—„Gott ſei uns gnädig,“ murmelte Théo⸗ dore, fromm die Hände faltend,„da werden wir doch ge⸗ nöthigt ſein, die vorgeſchlagenen holländiſchen Papiete d des Herrn Montgolfier zu nehmen!“— 81 Der im höchſten Grade aufgeklärte Menſch zerſchlug ihm ein Bein mit ſeinem Stocke.. Théodore blieb drei Monate im Bette, um Bücher⸗ kataloge zu leſen; und wie er ſtets zu außerordentlichen Bewegungen geneigt war, ſo brachte dieſe Lectüre ſein Blut in Wallung. 4 Selbſt während der Geneſung waren ſeine Träume ſchreck⸗ lich erregt. Seine Frau erweckte ihn eine Nacht, während der Alp ſein Herz beklemmte.„Du retteſt mich,“ ſagte er, ſie umarmend,„von einem Tode des Schreckens und des Schmerzes; ich war von Ungeheuern umgeben, die mich nicht geſchont haben würden.“— „Und welche Ungeheuer kannſt Du fürchten, mein Freund, der Du Niemanden je Böſes gethan haſt?...“ „So viel ich mich erinnere, war es der Schatten des Purgold, deſſen furchtbare Scheere einen und einen halben Zoll weit von den Rändern meiner Hefte zuſchnitt, wäh⸗ rend der des Heudier erbarmungslos den ſchönſten Theil meiner vorzüglichſten Ausgabe in ätzende Säure tauchte, und ihn ganz weiß wieder herauszog; aber ich habe Grund zu glauben, daß ſie wenigſtens im Fegefeuer ſind.“ Seine Frau glaubte, daß er griechiſch rede, denn er konnte es, um die Titel der griechiſchen Bücher, deren Blät⸗ ter nicht aufgeſchnitten waren, und die drei Fächer ſeiner Bibliothek füllten, zu verſtehen. Auch öffnete er ſie nie, und begnügte ſich, ſeinen vertrauteſten Bekannten die Rück⸗ ſeite zu zeigen, indem er aber mit unumſtößlicher Gewiß⸗ . 5* 82 heit den Drucker, den Ort und Datum der Herausgabe nannte. Einfache Menſchen hielten ihn dann für einen Zauberer. Ich glaube es nicht. Als er ſichtbar kränker wurde, rief man ſeinen Arzt, der zufällig ein Mann von Geiſt und Philoſoph war. Man wird ihn wiederfinden, wenn man kann. Der Arzt er⸗ kannte, daß eine Congeſtion des Gehirns bevorſtehe, und ſchrieb über dieſe Krankheit im Journal der Arzenei⸗Wiſſen⸗ ſchaften(Journal des sciences médicales) eine ſchöne Ab⸗ handlung, unter dem Titel:„Monomanie du maroquin'“*) oder„Charakteriſtik der Büchernarren“(typhus des bi- bliomanes); aber es wurde derſelben in der Akademie der Wiſſenſchaften nicht erwähnt, weil ſie mit der Cholera morbus in Streit war. Man rieth ihm Bewegung, und er machte ſich, da dieſe Idee ihn anlächelte, am andern Morgen bei guter Zeit auf den Weg. Ich war zu wenig ſeiner gewiß, um ihn auch nur einen Schritt zu verlaſſen. Wir nahmen unſern Weg nach den Kai's, und ich freute mich darüber, weil ich glaubte, daß der Anblick des Fluſſes ihn wiederherſtellen würde; aber er wandte ſeinen Blick nicht von den Läden der Bruſtlehnen. Es waren auf denſelben aber ſo wenig Ausſtellungen, daß man glauben mußte, die Vertheidiger *) Das Wortſpiel in monomanie du maroquin laͤßt ſich im Deutſchen nicht wiedergeben; da maroqain zugleich das ſogenannte Leder und auch einen naͤrriſchen, luſtigen Men⸗ ſchen bezeichnet. Anmerk. d. Ueberſ. 83 der Preſſe, welche im Februar die Bibliothek des Erzbis⸗ thums ertränkt hatten, wären ſeit dem Morgen dort ge⸗ weſen. Auf dem Blumenkai waren wir glücklicher. Wir fanden daſelbſt einen Ueberfluß alter Bücher, aber welcher Bücher! Alle die Werke, von denen die Journale ſeit einem Monat Gutes geſagt haben, und die dort unfehl⸗ bar für 50 Centimen in die Hände des Redaction⸗Bü⸗ reau's oder der Waarenlager des Buchhandels fallen. Phi⸗ loſophen, Geſchichtsſchreiber, Dichter, Romantiker, Schrift⸗ ſteller jeder Art und jedes Formats, für die pomphafte An⸗ kündigungen nur die unüberſteigliche Vorhölle der Unſterb⸗ lichkeit ſind, und die, verachtet von den ſteinernen Gelän⸗ dern der Seine, in die unergründliche Lethe(Fluß der Vergeſſenheit) fallen, wo ſie, verſchwindend, das ſichere Ziel ihres vermeſſenen Fluges betrachten.— Ich ſchlug dort die Atlas⸗Seiten meiner in Octavo's, unter fünf bis ſechs meiner Freunde, auf. Théodore ſeufzte, aber nicht weil er die Werke meines Geiſtes, die der willfährige Schirm von Wachsleinwand ſchlecht genug ſchützte, dem Regen ausgeſetzt ſah. „Was iſt,“ ſagte er,„aus dem goldenen Zeitalter der Ladenbeſitzer im Winde geworden? Und dennoch hat hier mein berühmter Freund Barbieu ſo viele Schätze geſam⸗ melt, aus denen er eine gründliche Bibliographie vieler tauſend Artikel zuſammengeſetzt hat. Hier verlängerten der gelehrte Monmerqué, wenn er auf's Schloß ging, und der weiſe Labouderi, dem Mutterſtaate zugewandt, um ganze 84 Stunden ihre gelehrten und fruchtbringenden Spatziergänge. Hier enthob der ehrwürdige Boulard täglich ein Metre (franzöſiſches Längenmaaß von drei Pariſer Fuß) von Sel⸗ tenheiten, nach ſeinem Maaße gemeſſen, für die ſeine drei mit Büchern angefüllten Häuſer nicht mehr Platz hatten. Ol wie oft wünſchte er bei dieſer Gelegenheit den beſchei⸗ denen Winkel(angulus) des Horaz, oder die elaſtiſche Kap⸗ ſel des Feenpallaſtes, die zur Noth eine Armee des Perxes beherbergt hätte, und die man eben ſo bequem im Gürtel trug, als die Meſſerſcheide des Großvaters des Jeannot! Jetzt, welcher Jammer! man ſieht dort nur die albernen Ueberreſte der neuern Litteratur, die nie der alten gleichen wird, und deren Leben wie die Fliegen des Fluſſes Hypo⸗ nis in vierundzwanzig Stunden verliſcht: eine Litteratur, wahrlich der Kohlen⸗Tinte und des Lumpen⸗Papiers wür⸗ dig, welches ihr ungern einige ſchüchterne Typographen Preis geben, faſt eben ſo thörigt, wie ihre Bücher. Sie dieſen mit Schwarz beſudelten Lumpen, deren Beſtimmung kaum geändert iſt, da ſie den Korb des Lumpenſammlers verließen, überliefern, heißt: den Namen der Bücher ent⸗ weihen! Die Kai's ſind jetzt nur das Gefängniß der Merk⸗ würdigkeiten der Zeit!“ Er ſeufzte fort und ich mit ihm, aber nicht aus dem⸗ ſelben Grunde. Ich bemühte mich ihn fartenkiehen⸗ denn ſeine Aufge⸗ regtheit wuchs mit jedem Schritt, und ſchien ihn mit ei⸗ nem tödtlichen Anfalle zu bedrohen. Es mußte ein Un⸗ —; 85 glückstag für ihn ſein, denn Alles trug dazu bei, ſeine Me⸗ lancholie zu verſchlimmern. „Dort!“ rief er vorübergehend aus,„iſt das prachtvolle Haus Ladvocat's, der Galiot du Pré der entarteten Wiſ⸗ ſenſchaften des neunzehnten Jahrhunderts, ein erfindungs⸗ reicher und freiſinniger Verleger, der wohl verdient hätte, in einem beſſeren Zeitalter geboren zu werden, deſſen be⸗ klagenswerthe Thätigkeit aber dazu beigetragen hat, die neue⸗ ren Bücher zum ewigen Schaden der alten grauſam zu ver⸗ mehren; verdammungswerther Begünſtiger der Baumwolle verarbeitenden Papiermühlen, unwiſſender Rechtſchreibung und gekünſtelter Vignetten; haſſenswerther Beſchützer der akademiſchen Proſa und der modernen Poeſie, wie wenn Frankreich ſeit Ronſard Poeſie, und ſeit Montaigne Proſa gekannt hätte! Dieſer Bücherpallaſt iſt das trojaniſche Pferd, das alle Entführer des Palladiums getragen hat, und die Büchſe der Pandora, die allen Uebeln freien Lauf ließ! Ich liebe den Cannibalen noch, und ich werde ein Kapitel in ſeinem Buche ſchreiben,— aber ich will ihn nie wieder⸗ ſehen!“ 3 „Dort!“ fuhr er fort,„mit den grünen Wänden, iſt das Magazin des würdigen Crozet, der liebenswürdigſte un⸗ ſerer jungen Verleger, der Menſch in Paris, der am beß⸗ ten den Einband Derome des ältern von dem des jüngern unterſcheiden kann, und die letzte Hoffnung des letzten Ge⸗ ſchlechtes Kunſtliebender, wenn es ſich noch mitten in un⸗ ſerer Barbarei zu erheben vermag; doch heute will ich ſei⸗ 86 ner Unterhaltung, bei der ich ſtets etwas lerne, nicht ge⸗ nießen! Er iſt in England, wo er mit dem Rechte der Wiedervergeltung unſern gierigen Räubern der Soho-Square und Pleet-Strect(Namen von Straßen in London) die koſtbaren Trümmer der Denkmäler unſerer ſchönen Sprache ſtreitig macht, die ſeit zwei Jahrhunderten in dem Lande, das ſie erzeugte, vergeſſen ſind! Macte animo, generose puer!(Friſch auf! großmüthiger Knabe!)—“ „Dort,“ ſagte er zurückkehrend,„dort iſt das Pont⸗ des-Arts, deſſen Balkon hinter ſeinem lächerlichen, kaum einige Centimetres(der Hunderttheil des Metre) breitem Geländer nie das Archiv der 300jährigen in Foliv's tragen wird, welche durch den Anblick ihrer Bände in Schweins⸗ leder und ihrer bronzenen Beſchläge das Auge dreier Ge⸗ ſchlechter entzückt haben; fürwahr, die ſinnbildliche Brücke, die vom Schloß zum Inſtitut auf einem Wege, der nicht der der Wiſſenſchaften iſt, führt. Ich weiß nicht, ob ich mich trüge, aber dieſe Art Brücke muß für den Gelehr⸗ ten ein neuer Beweis des Verfalls beſſerer Wiſſenſchaft ſein.—“ 3 „Seht dort,“ fuhr Theodore, indem er über den Platz des Louvre ging, fort,„das weiße Schild eines anderen thätigen und ſinnreichen Verlegers; es machte lange Zeit mein Herz ſchlagen, aber jetzt gewahre ich es nicht ohne peinliche Wallung, ſeit es dem Féchener eingefallen iſt, mit der Schrift des Taſtu, auf blendendem Papier und in ge⸗ fallſüchtigem Bande, die gothiſchen Wunder des Jehan Bon⸗ 87 fons zu Paris, des Jehan Marechal zu Lyon, und des Jehan von Chancy zu Avignon wiederdrucken zu laſſen; nirgends zu findende Kleinigkeiten, die er durch prachtvollen Nach⸗ druck vervielfältigt hat. Papier von blendender Weiße macht mich ſchaudern, mein Freund, und ich wüßte Nichts, was ich ihm nicht vorzöge, es ſei denn das, was daſſelbe wird, wenn es unter den Kolbenſchlägen eines Henkers von Preſ⸗ ſer den beklagenswerthen Ausdruck der Gedanken und Dumm⸗ heiten dieſes eiſernen Jahrhunderts erhalten hat.“ Théodore ſeußte auf's Beſte; er wurde immer kränker. Wir kamen ſo in die Straße Bons-Enſants, den gro⸗ ßen litterariſchen Mankt der öffentlichen Verkäufe des Sil⸗ veſter, ein von den Gelehrten geachteter Ort, wo in einem Viertel⸗Jahrhundert mehr unſchätzbare Seltenheiten auf einander gefolgt ſind, als je die Bibliothek der Ptolemäer enthielt, die, was unſere ſchwatzhaften Geſchichtſchreiber auch ſagen, vielleicht nie durch Omar verbrannt wurde. Nie ſah ich ſo viele glänzende Werke ausgeſtellt. „Die unglücklichen Verkäufer,“ ſagte ich zu Théodore. „Sie ſind todt,“ erwiederte er,„oder werden ſterben.“ Aber der Saal war leer. Man ſah dort nur den un⸗ ermüdlichen Thouret, der mit geduldiger Genauigkeit auf ſorgſam bereitete Karten die Titel der Werke nachmalte, die geſtern ſeinem täglichen Forſchen entgangen waren.— Glücklicher Menſch unter den Menſchen, deſſen Muſter⸗ karte, nach dem Inhalt geordnet, ein getreues Titelblatt aller bekannten Bücher enthält. Für ihn iſt es vergebens, 88 daß alle Erzeugniſſe der Buchdruckerkunſt in der erſten und nächſten Revolution, die wachſende Vervollkommnung uns erwarten läßt, ihren Untergang finden. Er wird der Zu⸗ kunft einen vollſtändigen Katalog der Univerſal⸗Bibliothek vermachen. Er hatte gewiß eine bewunderungswürdige Se⸗ hergabe, da er ſo lange vorher den Augenblick gewahrte, wo es Zeit war, ein Inventarium der Civiliſation zuſam⸗ men zu tragen. Es vergehen noch wenige Jahre und man wird nicht mehr davon reden.. „Guter Théodore,“ ſagte der artige Silveſter,„Ihr habt Euch um einen Tag verſehen, es war geſtern der letzte Verkauf. Die Bücher, die Ihr ſeht, ſind verkauft und erwarten die ſie Holenden.“ 2 Théodore ſchwankte und erblaßte. Seine Stirn bekam das Anſehn eines etwas verbrauchten eitronenfarbenen Le⸗ ders. Der Schlag, der ihn traf, dröhnte in meiner Seele wieder. „Das iſt vortrefflich,“ ſagte er mit zu Grunde gerich⸗ tetem Blick.„Ich erkenne mein an ſo ſchreckliche Nach⸗ richten gewöhntes Unglück! Aber wem gehören dieſe Per⸗ len, dieſe Diamanten, dieſe Reichthümer der Phantaſie, die der Ruhm einer Bibliothek des de Thou und Grolier ſein würden?“ „Wie immer, mein Herr,“ erwiederte Silveſter.„Dieſe Originalausgaben herrlicher Klaſſiker, dieſe alten und voll⸗ kommenen Handſchriften berühmter Gelehrter, dieſe reizen⸗ den philologiſchen Seltenheiten, welche weder die Akademie —Q—O——— 89 noch die Univerſität kennt, erſtand Sir Nichard. Sie ge⸗ hören dem engliſchen Löwen, dem wir willig das Griechiſche und das Latein abtreten, das wir nicht mehr verſtehen.— Dieſe ſchönen Sammlungen der Naturgeſchichte, dieſe Mei⸗ ſterwerke der Lehrarten und Bilderbeſchreibung kaufte der Prinz von Eßling, dem ſeine wiſſenſchaftlichen Studien, durch ihre Anwendung, ein ſchönes und unermeßliches Ver⸗ mögen noch veredeln.— Dieſe Myſterien des Mittelalters, dieſe ſeltenen Sittenſprüche, die man nirgends mehr fin⸗ det, dieſe ſonderbaren dramatiſchen Verſuche unſerer Vor⸗ fahren vermehren die Muſter⸗Bibliothek des Herrn v. So⸗ lenne.— Dieſe alten, ſo ungezwungenen, ſo zierlichen, ſo niedlichen Poſſenſpiele ſind der Gewinn Eures liebenswür⸗ digen und geiſtreichen Freundes Aimé⸗Martin.— Ich habe nicht erſt nöthig Euch zu ſagen, wem dieſe neuen und glän⸗ zenden Maroquins mit dreifachen Goldſtrichen, mit abge⸗ rundeten Spitzen und prunkvollen Feldern gehören. Der Shakespeare dieſes kleinen Beſitzthums, der Corneille des Melodrama's, der gewandte und oft beredte Dolmetſcher der Leidenſchaften und Tugenden des Volkes, er hat die⸗ ſelben, nachdem er ſie am Morgen verachtet hatte, am Abend durch das Gewicht des Geldes erſtanden, nicht ohne mit den Zähnen zu knirſchen, wie ein tödtlich verwunde⸗ ter Eber, und nicht ohne auf ſeine Mitbewerber das tra⸗ giſche, von ſchwarzen Brauen überſchattete Auge ruhen zu laſſen.—“ Kheodore hörte Nichts mehr. Er legte die Hand auf ͤſͤſͤſͤſͤͤſſſſſͤͤ— 4 90 ein Buch von glänzendem Aeußern, bei dem er ſich be⸗ mühte, ſeinen Elzeviriometer*) anzuwenden, d. h. den faſt bis in's Unendliche getheilten halben Fuß, nach welchem er den Preis, und ach! auch den innern Werth ſeiner Bücher beſtimmte. Er legte ihn zehn Mal an das verwünſchte Buch, berichtigte die ihn quälende Berechnung, murmelte einige Worte, die ich nicht hörte, veränderte noch einmal die Farbe und ſank ohnmächtig in meine Arme. Ich hatte Mühe ihn zum kommenden Fiacker zu geleiten.— LZange waren meine Bitten, mir das Geheimniß ſeines plötzlichen Schmerzes zu ſagen, fruchtlos. Er redete nicht. Er hörte meine Worte nicht mehr. Dieß iſt der Ausbruch, dachte ich, oder der Paroxismus des Ausbruchs. Ich drückte ihn in meine Arme. Ich fuhr fort ihn zu beſragen. Er ſchien einer ausdehnenden Erregung zu weichen.„Seht in mir,“ ſagte er,„den unglücklichſten Menſchen! Das Buch iſt der Virgil von 1676, von dem ich ein Rieſen⸗Exemplar zu haben glaubte, und übertrifft den meinen um eine drittel Linie in der Höhe. Feind⸗ liche oder zuvorkommende Geiſter könnten ſelbſt eine halbe Linie glauben. Eine Drittel⸗Linie, großer Gott!“ Ich war zerſchmettert. Ich erkannte, daß der Wahn⸗ ſinn ihn faßte.. *⁴) Elzevir lebte zu Ende des 17ten Jahrhunderts in Amſter⸗ dam, und verlegte eine Prachtausgabe der alten Klaſſiker. * Anmerk. d. Ueberſ. 91 Eine Drittel⸗Linie!” wiederholte er, dem Himmel wie Ajax oder Canapee mit wüthender Fauſt drohend. Ich zitterte an allen Gliedern. Er verſiel nach und nach in gänzliche Ermattung. Der arme Menſch lebte nur noch, um zu leiden. Er wieder⸗ holte nur noch von Zeit zu Zeit:„Eine Drittel⸗Linie!“ indem er an ſeinen Händen nagte.— Ich ſagte leiſe:„O! Bücher und Typhus!“ „Beruhige Dich, mein Freund,“ flüſterte ich ihm leiſe in's Ohr, ſo oft ſich die Kriſis erneuerte,„eine Drittel⸗Li⸗ nie iſt ſelbſt bei den zarteſten Dingen der Welt nicht viel!“ „Nicht viel,“ ſchrie er,„eine Drittel⸗Linie beim Virgil von 1676! Eine Drittel⸗Linie hat den Preis des Homer von Nerli bei Herrn v. Cotta um 100 Louis erhöht; eine Drittel⸗Linie! Ah! würdet Ihr eine Drittel⸗Linie des Pfei⸗ les, der Euch das Herz durchbohrt, für Nichts rechnen?“ Seine Geſtalt war gänzlich verſchroben, ſeine Arme waren erſtarrt, ſeine Beine wie mit eiſernen Klauen vom Krampfe ergriffen. Der Ausbruch wurde ſichtbar verzerr⸗ ter. Ich hätte den Weg bis zu ſeinem Hauſe nicht um eine Drittel⸗Linie verlängern mögen. 7 Endlich langten wir an.—„Eine Drittel⸗Linie!“ ſagte er zum Thürſteher.. Eine Drittel⸗Linie! ſagte er zur Köchin, die öffnete. „Eine Drittel⸗Linie!“ ſagte er zu ſeiner Frau, ſie mit Thränen benetzend.* 1 „Mein Papagoy iſt fortgeflogen,“ ſagte ſeine kleine Toch⸗ ter, weinend, wie er. 9² „Warum ließ man den Käfig offen?“ erwiederte Théo⸗ dore.—„Eine Drittel⸗Linie!“ „Das Volk in der Midi und der Straße Cadran em⸗ pört ſich,“ ſagte die alte Tante, die das Abendblatt las.— „Was Teufel geht das dem Volke an?“ entgegnete Théodore.—„Eine Drittel⸗Linie!“ „Ihre Meierei zu La Beauce iſt abgebrannt,“ ſagte ihm ſein Diener, als er ihn zu Bette brachte. „Man muß ſie wieder erbauen,“ antwortete Théodore, „wenn ihr Beſitz der Mühe werth iſt.— Eine Drittel⸗Li⸗ nie!“— „Glauben Sie, daß das Ernſt iſt?“ fragte mich die Amme. „Haſt Du nicht das medieiniſche Journal geleſen, meine Gute? Was zögert man, einen Prediger zu holen?“ Glücklicherweiſe trat in dem nämlichen Augenblicke der Prediger ein, um, der Gewohnheit zu Folge, über tauſend niedliche litteräriſche und bibliographiſche Spielereien, von denen ſein Brevier ihn nie ganz abgezogen hatte, zu ſchwatzen; doch als er Théodore an den Puls gefühlt hatte, dachte er nicht mehr daran. „Ach, mein Kind,“ ſagte er ihm,„das Leben des Men⸗ ſchen iſt nur ein Uebergang, und die Welt ſelbſt nicht auf ewig gegründet. Sie endet wie Alles, was angefangen hat.“ „Habt Ihr,“ fragte ihn Théodore,„die Abhandlung über ihren Urſprung und ihr Alter geleſen?“ „Was ich davon weiß, lernte ich aus dem erſten Buch 5 93 Moſis,“ antwortete der ehrwürdige Pfarrer;„doch iſt mir bekannt, daß ein Sophiſt des letzten Jahrhunderts, de Mi⸗ rabaud genannt, ein Buch darüber geſchrieben hat.“ „Sub judice lis est!“ unterbrach ihn ſtürmiſch Théo⸗ dore.„Ich habe in meinen Stromaten bewieſen, daß die beiden erſten Theile der Welt von dieſem traurigen Pe⸗ danten de Mirabaud waren, und der dritte von dem Abbe le Mascrier.“ „Aber mein Gott,“ ſagte die alte Tante, ihre Brille in die Höhe rückend,„wer hat denn Amerika gemacht?“ „Davon iſt nicht die Rede,“ fuhr der Prediger fort. „Glauben Sie an die Dreieinigkeit?“ „Wie ſollte ich nicht an das berühmte Werk über die Dreieinigkeitsbekennung von Servet glauben,“ ſagte Theo⸗ dore, ſich halb auf ſeinem Kiſſen erhebend,„da ich mit eigenen Augen bei Herrn de Maccarthy für die geringe Summe von 215 Francs ein Exemplar habe verkaufen ſe⸗ hen, welches er ſelbſt mit 700 Livres auf der Auktion des La Vallière bezahlt hatte!“ „Wir ſind aber nicht dort,“ rief der etwas verſtimmte Geiſtliche aus;„ich frage, mein Sohn, was Sie von der Gottheit Jeſus Chriſtus glauben?“ „Gut, gut,“ ſagte Théodore.„Man muß ſich nur verſtändigen. Ich behaupte gegen Jeden, daß der Toldos⸗ jeſchu, aus dem dieſer unwiſſende Narr Voltaire ſo viele alberne Fabeln, der Tauſend und Einen Nacht würdig, 94 geſchöpft hat, nur eine ſchändliche Ungereimtheit der Rab⸗ biner iſt, nicht werth in der Bibliothek eines Gelehrten zu glänzen!“ „Meinetwegen,“ ſeufzte der würdige Prieſter. „Es ſei denn,“ fuhr Théodore fort,„daß man einſt ein Exemplar in Chartà maximaà wiederfinde, von dem, wenn mein Gedächtniß mich nicht trügt, in dem ungedruckten Plunder des David Clément die Rede iſt.“ Der Seelenſorger ſeufzte dießmal vernehmlicher, erhob ſich bewegt von ſeinem Stuhle, und beugte ſich über Théo⸗ dore, um ihm ohne Umſchweif und Zweideutigkeit zu ſa⸗ gen, daß er den letzten Grad der Tollheit des Büchernar⸗ ren, von dem im mediciniſchen Journal die Rede iſt, be⸗ rühre, und daß er ſich nur mit ſeinem Heile zu beſchäfti⸗ gen habe. Théodore hatte ſich nie hinter das freche Läugnen der Ungläubigen, welches die Wiſſenſchaft der Narren iſt, ver⸗ ſchanzt, aber der liebe Mann hatte das Studium der Buch⸗ ſtaben in den Büchern zu weit getrieben, um Zeit für den Geiſt derſelben zu gewinnen. Bei völliger Geſundheit hätte ihm ein Lehrſatz das Fieber, und ein Beweis den Starr⸗ krampf gegeben. Er hätte in theologiſcher Moral vor ei⸗ nem St. Simonianer die Segel geſtrichen. Er drehte ſich um gegen die Wand. Wir hätten ihn todt geglaubt, da er jetzt lange Zeit nicht redete, wenn ich ihn nicht, mich nähernd, dumpf murmeln gehört hätte:„Eine Drittel⸗Linie! Gott der Ge⸗ 95 rechtigkeit und Gnadei wo wirſt Du mir dieſe Drittel⸗ Linie wiedergeben, und wie kann Deine Allmacht dieſen unyerbeſſerlichen Fehler des Buchbinders verbeſſern?“ Einer ſeiner bücherliebenden Freunde trat kurz darauf ein. Man ſagte ihm, daß Théodore mit dem Tode ringe, daß er ſo verwirrt ſei, zu glauben, der Abbe le Maserier habe den dritten Theil der Welt gemacht, und daß er ſeit einer Viertel⸗Stunde die Sprache verloren habe. „Ich will mich deſſen verſichern,“ antwortete der Bü⸗ cherfreund. „An welchem Fehler in Bezeichnung der Seiten erkennt man die gute Ausgabe des Cäſar durch Elzévir von 1635¾ fragte er Théodore. „153 für 149.7 „Gut. Und des Terenz von demſelben Jahre?“ „108 für 104.“. „Ceufel!“ ſagte ich,„die Elzévirs hatten in dieſem Jahre Unglück mit den Zahlen. Sie thaten gut, in demſelben nicht ihre Logarithmen zu drucken. „Vortrefflich!“ fuhr der Freund des Théodore fort; „hätte ich dieſe Leute hören wollen, ich würde Dich einen Daumen weit vom Tode geglaubt haben.“ „Eine Drittel⸗Linie weit,“ erwiederte Théodore, deſ⸗ ſen Stimme allmählig erſtarb. „Ich kenne Deine Geſchichte, aber ſie iſt Nichts gegen die meine. Denke Dir, daß ich vor acht Tagen auf einer anonymen After⸗Auktion, von denen man nur durch die Zet⸗ . 5 X* 96 tel an der Thür in Kenntniß geſetzt wird, einen Boecacio von 1527 verfehlt habe, der eben ſo prachtvoll wie der Deine iſt, in Venetianiſchem Pergament gebunden, die a ſpitzig, nirgends beſchnitten und auch nicht ein Blatt er⸗ neuet.“.„ All Kräfte Théodore's vereinigten ſich in dem einen Gedanken:„Weißt Du auch ganz gewiß, daß die a ſpitzig waren?“. „Wie das Eiſen, das die Lanze eines Ulanen waffnet.“ „So iſt kein Zweifel, daß es die Vintiſettine ſelbſt war!“ „Sie ſelbſt. Wir hatten an dem Tage ein herrliches Mahl mit liebenswürdigen Frauen, friſchen Auſtern, Män⸗ nern von Geiſt und Champagner. Ich bin drei Minuten nach dem Zuſchlagen gekommen.“ „Herr!“ ſchrie Thoeodore wüthend,„wenn die Vinti⸗ ſettine verkauft wird, ißt man nicht.“ Dieſe letzte Anſtrengung erſchöpfte den Reſt von Le⸗ ben, das ihn noch beſeelte, und daß dieſe aufregende Un⸗ terhaltung, wie der Hauch, der über einen erlöſchenden Funken weht, noch erhalten hatte:„Eine Drittel⸗Linie!“ aber es waren ſeine letzten Worte. 4 Als wir auf ſeine Rettung verzichteten, hatten wir ſein Bett vor die Bibliothek gerollt, von der wir nach einander jeden Theil nahmen, den ſein Auge zu rufen ſchien, und diejenigen am längſten ſeinem Blicke darhielten, die den⸗ ſelben am meiſten zu erfreuen ſchienen. Er ſtarb um Mit⸗ — 97 ternacht zwiſchen einem Deſeuil und einem Padeloup, die beiden Hände liebevoll auf einen Thouvenin drückend. Am anderen Tage folgten wir ſeiner Leiche an der Spitze einer zahlreichen Menge weinender Saffianarbeiter, und wir ließen auf ſein Grab einen Stein ſetzen mit fol⸗ gender Inſchrift, die er für ſich ſelbſt nach der Grabſchrift des Franklin parodirt hat: Hier liegt in hölzernem Bande ein Eremplar in Folio von der beſten Ausgabe ddes Menſchen,. geſchrieben in einer Sprache des goldenen Zeitalters, welche die Welt nicht mehr verſteht. Jetzt iſt es ein altes Buch, verdorben,* beſchmutzt, durchnäßt, zerriſſen, mit unvollſtändigem Titel, mit Verſen beſchrieben. und ſehr durch Fäulniß beſchädigt. Man wage nicht zu hoffen die ſpäte und unnütze Ehre der zweiten Auflage. Ch. Nodier. 2 Künſtler-Abende. Die Künſtler ſind nicht mehr das, was ſie früher wa⸗ ren. Zur Zeit, da Herr von Marigny die Direction der Akademie hatte, war dieſelbe eine Colonie glänzender Skla⸗ ven, die vor dem Beſchützer der ſchönen Künſte zitterten, und in einem Stande der Lehnbarkeit lebten, worin ſie die Mittelmäßigkeit ihres Vermögens und das Gewicht der Großen und Finanzbeamten verſetzte. Vanloo, der König der Malerei, mußte lange bei einem blödſinnigen Pachter warten, dem die Salzſteuer die Taſchen vergoldet hatte; und Herr von Sylbveſter, Edelmann und erſter Maler des Königs von Polen, den die Boudoirs beinahe zu einem großen Mann machten, und deſſen Namen das jetzige Jahr⸗ hundert kaum mehr kennt, Herr von Sylveſter wurde zu Verſailles von dem erſten Hofmann nur an gewöhnlichen Tagen empfangen. Die Künſtler ſtanden bei allen Perſonen des Hofes und 99 der Generalpacht mit den Maitreſſen in gleichem Range. Sie waren eine Art Poſſenreißer geworden, die man bis zur Wuth liebte, die man nicht entbehren konnte, die bei allen Landparthien und kleinen Abendgeſellſchaften zugegen waren, die man umarmte, liebkoſte, mit Complimenten und Geſchenken überhäufte, und aus drei Gründen ver⸗ achtete: Weil ſie Nichts hatten. Weil ſie, Nichts habend, Verdienſt hatten. Weil ſie, Verdienſt habend, ſich erniedrigten, Knechte zu ſein, und die entehrende Livree zu tragen, die irgend ein Méeène*) über ihre Schultern warf, um ſagen zu kön⸗ nen:„Dieſer Dichter, dieſer Maler, dieſer Muſiker ge⸗ hört mir.“ Ihre Talente und ihr Ruf waren der Schmuck ihres Beſchützers, wie für einen Libertin von gutem Aeußern *) Ein Mareſchal von Frankreich, der Gelehrte und Kuͤnſtler, wie man es damals zu thun pflegte, liebte, und zu der Perſon, der er ihm vorgeſtellt zu werden erlaubte, einen Schneider mit dem Auftrage ſchickte, das Kleid zur Vor⸗ ſtelung zu machen. Dieſes Kleid nach modernem Schnitt war von hellblauem Zeuge, mit Knoͤpfen beſetzt, auf de⸗ nen der Namenszug Sr. Excellenz war. Alle Schuͤtzlinge des Mareſchals aßen bei ihm in dieſer beſonderen Klei⸗ dung, und wurden nicht anders vorgelaſſen. Ich habe dieſe Thatſache vom Herrn P. V., der das blaue Kleid ge⸗ tragen hat. * Anmerk. d. Verf. 10⁰ die Berühmtheit der Frauen, die bekannt ſein wollten. In den Zirkeln, wo ſie zugelaſſen wurden, vergütete ihr Geiſt die Koſten des Feſtes, wie die Reize der Herzogin⸗ nen und der Damen der Oper. Dieſe Entehrung des Künſtlers war ſchimpflich und erniedrigend; ſie lag in den Sitten. Der arme Gelehrte, der auf eine Dachſtube und Almoſen beſchränkte Bildhauer, fanden ihre Rechnung bei einer Knechtſchaft, bei der den materiellen Bedürfniſſen des Lebens reichlich genügt wurde, bei der Ausſchweifun⸗ gen ihnen einen Augenblick der Gleichheit ſicherten, bei der lärmende Vergnügungen der Einbildung die Schwung⸗ kraft gaben, welche gewiſſe träge Geiſter durch das Auf⸗ brauſen des Champagner⸗Rauſches erhalten. Die Künſt⸗ ler gaben ſich willig hin; einige indeſſen widerſtanden zur Ehre deſſen, was ſie befremdend Würde der Kunſt und Unabhängigkeit des Künſtlers nannten; doch bat man ſie, ſo folgten auch ſie nach Art der Koketten. Jetzt, nichts mehr davon. Es giebt noch einige Her⸗ zen, die der Knechtſchaft entgegeneilen würden, nachdem ſie ſich verkauft haben; aber ihre Zahl iſt gering. Dieſer Handel mit hohem Wohlwollen und niedrigen Schmeiche⸗ leien iſt jetzt nicht mehr Sitte; der Künſtler iſt kein Narr mehr, den man beſoldet, kein Geiſt, durch den man ſich benebelt, kein Mittel des Ruhmes für einen Herrn, der ihn benutzt. Bedürfniß übergiebt wohl einige Talente der Willkühr des Gunſtverleihers, ſo klein wie die verleihende Nation durch ihre Repräſentanten der Künſte und Wiſ⸗ 101 ſenſchaften; man reicht wohl noch jetzt bei einem Einthei⸗ lungs⸗Chef Bittſchriften ein, um ein Theilchen des Bud⸗ gets zu erlangen als Lohn der kleinen Arbeiten, die man ohne Liebe macht, und die man kräftig bezeichnet, indem man ihnen den Namen pot-à-feu giebt; aber es giebt keine ſchimpfliche Günſtlinge vor ſtolzen Beſchützern mehr; es giebt keinen Banquier mehr, der ſich rühmen könnte, einen Maler oder Muſiker zu beſitzen. Die Zeit, in der Hauſes ein Couvert ne⸗ und nicht das Spie Unterhaltung, ſich viel⸗ leicht ein wen aber die Rollen ſind ver⸗ tauſcht, icht die des Schmeichlers. ation haben die Künſtler gefühlt, daß und daß ſie in dieſer Welt eine Welt für die des Verſtandes; haben ſie wohl gehofft, daß einſt die andere beherrſchen würde? ich glaube es nicht. Eitelkeit, die man ihnen oft vorwirft, wenn man nicht daran denkt, ſie ſo vielen Anderen vorzumerfen, bei denen ſie durch Nichts gerechtfertigt oder wenigſtens eini⸗ germaßen entſchuldigt wird, hat ſie nicht bis zu dieſem . 10² 9 Punkte verblendet. Sie ſahen wohl, daß man ſie nicht begreift, und daß man ſie in der Geſellſchaft, in welcher ſie mit Gunſt und ſelbſt mit Auszeichnung empfangen wer⸗ den, doch als Fremde betrachtet, deren Sprache man nicht verſteht; ſie fürchteten in den Zuſtand zurückzufallen, aus welchem ſie die Revolution von 89 geriſſen hatte, und ſie haben ſich abgeſondert und verſchloſſen aus Furcht, daß die Ordnung der Dinge, die 1815 begann, ihnen wieder in den Sälen von Paris die erniedrigende Stellung gibe/ der ſie vor 30 Jahren entwichen waren. 1 Man muß geſtehen, daß die Reſtauration ein glückli⸗ cher Abſchnitt für ſie war, dem ſich kein anderer, wenn nicht der des Directoriums, vergleichen läßt: vollkommene Freiheit für Kunſt und Künſtler.. Während des Kaiſerthums war es nicht ganz ſo. Die Kunſt hatte ein ſacramentliches Gepräge, von dem abzu⸗ weichen ihr nicht erlaubt war, ohne ſich der Ungnade des Herrn auszuſetzen, der eine Art klaſſiſcher Polizei gebildet hatte, beauftragt, das Genie in Ordnung zu halten, wie die Andere Meinungen. Napoleon ehrte den Künſtler, das iſt wahr; David wurde Baron, Vien war Senator, Fon⸗ tanes, Berthollet und Monge fügten zu ihren Namen den Titel: Graf, den ihnen aber nie Jemand gegeben hat, als der Archivar des Senats und, ich glaube, auch Herr von Sémonville, ein Mann, der zu viel Lebensart hatte, um in Sachen des Anſtandes zu verſtoßen, und zu viel Geiſt, um es an einem guten Scherze fehlen zu laſſen; aber die kai⸗ —y— 103 kaiſerliche Ariſtokratie hielt Alles entfernt, was nicht Sitz im Senat oder in den Antichambren der Tuilerien hatte. Herr Gérard war nicht ganz einem Herzoge gleich, der, wie der berühmte Künſtler, angefangen hatte, der Sohn eines Haushofmeiſters zu ſein; das Schlachtfeld hatte den Offi⸗ zier verwandelt*), die großen Erfolge im Louvre konnten den Maler nicht verwandeln. Man ſtellte ihn unter die Emporkömmlinge, wie vor der Revolution unter die Leute von Geburt; der Kaiſer wollte es ſo. Er mußte gehor⸗ .—) Der Baron von Gerard iſt der Sohn des Haus⸗ hofmeiſters eines beruͤhmten Admirals, der Richter von uffren. Man denkt vielleicht, daß ich aus dieſer niede⸗ ren Geburt des Herrn von Gérard irgend eine unguͤn⸗ ſtige Folgerung entnehmen will; es iſt eine Thatſache, die ich hier der Geſchichte halber anfuͤhre; ſie wird Nieman⸗ den beleidigen, das hoffe ich wenigſtens. Der Baron John Perceval war Schneider; Sir Ralph Josline war Tuchhaͤndler, als man ihn zum Ritter des Bath⸗Ordens (engliſcher Orden) machte; man gab den Baronentitel dem William Horne, der mit geſalzenem Fleiſch handelte; die Abkoͤmmlinge dieſer Gewerbtreibenden ſuchen den Lords, neben denen ſie im Parlament ſitzen, den Urſprung ihres Adels aus dem 15 ten Jahrhunderte nicht zu verhehlen. Koͤnnte man glauben, daß ich den Stand des Vaters des Baron Geérard aus einer Art ariſtokratiſcher Albernheit genannt habe, ſo beeile ich mich zu erklaͤren, daß eine ſolche Anmaßung Niemanden weniger zukommt als mir, der ich der Sohn eines Maͤklers zu Lyon, und der Enkel eines Baͤckers zu Roaune bnvnh. Anmerk. d. Verf. 6 I. 104 chen, oder galt für einen Sonderling oder Narren, wie Herr Népomucéne Lemercier. Gewiß, nach den Freiheiten des Directoriats war es grauſam. Man nahm ſich ungeſchickt unter dieſer Regie⸗ rung; auch waren die meiſten Zueignungen öffentlicher Werke in dieſer Zeit höchſt lächerlich. Der Verfaſſer ſo⸗ wohl wie der, dem das Werk gewidmet war, haben auf der erſten Seite ein verworrenes Anſehn; der Erſte durch das Sinnreiche ſeines Lobes, der Andere durch die Titel, die ihm ſo ſonderbare Schmeicheleien zuziehen. Die Künſtler befreiten ſich nach dem Kaiſerthum von allen Feſſeln, die ſie ſo lange beläſtigt hatten; ſie nah⸗ men ihre Unabhängigkeit wieder. Die ganze Nation ſtrebte der Freiheit zu; ſie eilten ſchneller als die übrigen Bür⸗ ger dem Ziele entgegen. Einige Höflinge unter ihnen ſchmeichelten den Brüdern Ludwigs XVIII., und verſpot⸗ teten ſie bei ihrer Rückkehr vom Schloſſe; einige verkauf⸗ ten ihre Federn einer Macht, die durch ihren fremden Urſprung herabgeſetzt war, und ſich auf alles das ſtützte, was dem Volksthümlichen entgegengeſetzt iſt; die Mehr⸗ zahl der Künſtler folgte dieſer ſchmachvollen Verkehrtheit nicht. Der Friede gab ihnen einen Einfluß, den der Krieg lange Anderen gegeben hatte; ſie nutzten ihren Vortheil. Die Regierung that viel für ſie, ich muß es geſtehen, weil es nichts Schöneres giebt als Wahrheit, ſelbſt wenn man ſeine Feinde beurtheilt; ſie verwandte beträchtliche Summenz ſie ließ Gemälde, Statuen, Porzellan und Tep⸗ 105 piche machen; ſie gab Dichtern und politiſchen Schriftſtel⸗ lern Penſionen: Großmuth fehlte ihr nicht, aber Urtheil. Man gab vor, wenn es nur darauf ankam, gerecht zu be⸗ lohnen, und irgendwo Kunſtſinn zu ermuthigen, daß es an Geld fehle. An den Platz, wohin ein Mann von erhabe⸗ nem Geſchmack und kühnem Geiſte gehört hätte, wurde ein wohlwollender Edelmann mit guten Abſichten geſetzt. Er hatte Unglück und eine Gutherzigkeit, die das ſpötti⸗ ſche Volk, mit dem er es zu thun hatte, ein wenig zu naiv fand; er war, um dem Könige zu gefallen, der un⸗ terthänige Diener einer Idee, die den Geiſt Carls X. be⸗ herrſchte, und das gab dem Spotte artige Spiele; er ver⸗. fügte die Bezahlung mittelmäßiger Gemälde oder ſolcher, deren Gegenſtand dem Volke mißfiel; er wollte die Preſſe beſchränken, die wie ein Polyp wieder auflebte, und täg⸗ lich mit neuen Armen diejenigen beklemmte, die ſie ver⸗ ſtümmeln wollten; er machte ſich endlich in einer Zeit lä⸗ cherlich, in welcher Vernunft, Ernſt und, ich kann ſagen, Geiſt jeder großen oder kleinen Gewalt ſo Noth that. Es würde mir leid thun, gegen Herrn de la Rochefoucault ungerecht zu ſein, dem ſo Viele ergeben ſind; aber ich glaube, ſeine Verwaltung hat den Künſten geſchadet. Die ſo ſchönen und für die Zeit ehrenvollen Arbeiten im In⸗ nern des Louyre wurden gemacht, während er an der Spitze des Departements der ſchönen Künſte ſtand; aber ich weiß, wie viel Ruhm ihm bei dieſem Unternehmen gebührt; ich weiß, wie viel die Herren de Forbin und de Cailleux, die — 6* 106 beſcheiden ſich hinter dem Portefeuille des Directors ver⸗ bargen, dazu beigetragen haben. Das Bedürfniß, ſich zu ſehen, ſich mitzutheilen, Neues zu ſchaffen oder in der romantiſchen Richtung zu behar⸗ ren, gab die Idee der erſten Künſtlervereine, die wir ſo reizend geſehen haben; und dann auch wollte man denen, die durch Reichthum und Macht die Glücklichen der Erde ſind, beweiſen, daß man auch ohne ſie ſehr angenehm le⸗ ben und ſich vergnügen könne. Man wollte dieſelben zwin⸗ gen, das als eine Gunſt zu erbitten, was ſie früher nicht als Verpflichtung angenommen hätten, das Vergnügen naͤm⸗ lich, in einer Geſellſchaft von Künſtlern die Freuden zu ſuchen, deren Geheimniß ihre vergoldeten Säle nicht ha⸗ ben. Dahin kam es, und wir ſahen 1827 alle ſchönen ariſtokratiſchen Namen— ſie wollten unglücklich werden! — Einladungen zu einem Maskenball erflehen, den eine Schauſpielerin ankündigte. Nur wenige erhielten, was ſie ſo lebhaft wünſchten; und Mademoiſelle Mars gab dieſem Hofe, der die Künſtler wahrſcheinlich ſchon zu geehrt glaubte, wenn er ſich an einem Carnevalstage unter ſie miſchte, die Lehre eines ſehr guten Geſchmacks. Der Ball war glän⸗ jend*), die Blüthe der Künſte und Litteratur waren durch die bewundrungswürdige Schauſpielerin eingeladen, die die Wirthin mit der ihr eigenen Grazie, Feinheit und Leich⸗ *) Am Mittwoch, den 21. Maͤrz 1827. 107 tigkeit machte. Auch Climene empfing die Marquis, aber Climene war ſpöttiſch, und Mlle. Mars anbetungswerth gut. Geſchmackvolle Anzüge, erfindungsreiche Verkleidun⸗ gen, nationale und fremde Quadrillen, originelle Karrika⸗ turen und anziehende Scherze gaben dieſem Feſte einen unausſprechlichen Reiz. Die Parodie hatte großen Theil an dieſen launigen Erfindungen; dennoch verbat Mlle. Mars, um den damals in großem Anſehn ſtehenden Frömmlern nicht Waffen zu leihen, die Verkleidungen, welche Bezug auf das Gewand der Mönche hatten; kaum erlaubte ſie Herrn Jouy den Rock des Eremiten anzulegen, in den er 15 Jahre ſeinen litterariſchen Ruhm gehüllt hatte. Nur über den Olymp wurde geſcherzt, und das Erhabene einer ſeltſamen Diane mit Apollon erregte großes Gelächter, an dem ſelbſt klaſſiſche Dichter Theil nahmen, ſo wie der plumpe Flügelſchwung eines wie ein Finanzbeamter aus der Zeit des Moliére's gekleideten Zephirs und die anzüg⸗ lichen Drohungen eines Cupido, den Spiegeln der Nach⸗ ahmer Walleau's und Boucher's geraubt. Geiſtreiche und erheiternde Vaudevilles, gute und derbe Scherze wurden von der mythologiſchen Geſellſchaft ausgeführt, die einen Chompré mit ſeiner Kühnheit heidniſchen Unglaubens er⸗ röthen gemacht hätten. Der Maskerade folgte ein Ball, und der Tag überraſchte, unter dieſen Scherzen, zu früh eine Geſellſchaft, die kein Zaum langweiliger Etikette ge⸗ lähmt, wo aber dennoch Jeder ſich als ſtrenger Beobach⸗ ter des Schicklichen und der Gebräuche guter Geſellſchaft 108 gezeigt hatte. Der Künſtlerverein, welcher allen anderen vorherging, war, glaube ich, der in dem Theater des Fey⸗ deau. Hoffmann war die Seele deſſelben; bei ſeinem Tode hörte der Verein auf. Feydeau ſtarb auch, und mit ihm die Opéra-Comique, die man nach der Straße Venta⸗ dour verbannte, wo ſie einer Kehlkrankheit unterlag; dieſe Krankheit entſtand durch Anſtrengung. Die Opéra-Co- mique wollte mit dem Théatre-Italien in den Kampf tre⸗ ten; ihre phyſiſche Organiſation unterſagte ihr ähnliche Anmaßungen; ihre Stimme, die weder hoch, noch tief war, eignete ſich kaum noch zu den kleinen Arien des al⸗ ten Repertoirs; der Kranke dachte daran nicht. Er ſchrie, um glauben zu machen, er ſinge hoch und ſtark; er wurde heiſer, erhitzte ſich, und endete wie die unglücklichen Fin⸗ ken, die vor Ermattung ſterben, wenn ſie mit der Nachti⸗ gall wetteifern. Da ich hier keinen Nekrolog ſchreibe, ſo werde ich nicht mehr von der Opéra-Comique reden; aber es ſei mir er⸗ laubt, mit meinen Gedanken bei dem Theater des Feydeau zu verweilen, welches für mich die angenehmſte Erinnerung der letzten 15 Jahre enthält. Ich habe ſich dort manche kleine Intriguen entſpinnen ſehen, die die Eitelkeit der Schau⸗ ſpieler oft zu ernſten machte. Ich habe dort berühmte Na⸗ men ſich bilden ſehen, welche drei Häupter von Klatſchern (unter denen eine Frau mit dem Namen Herr Frédérie war) den Befehl hatten, über die Treppe zu helfen, und die das Publikum nicht bemerkte. Ich habe geſehen, wie 109 dort politiſche Partheien ſich entzweiten und theatraliſche Geſellſchaften einander bekriegten, wie Adminiſtrationen ſich um die Herrſchaft der ſingenden Republik bewarben, ſich beleidigten, verläumdeten, ausziſchen ließen und endlich um⸗ armten, um bald wieder ſich ausziſchen zu laſſen, zu belei⸗ digen und zu verläumden. Dort war Leben und Bewe⸗ gung, ja die ganze Welt mit ihren guten und närriſchen Leidenſchaften, mit ihrem unauslöſchlichen Haß, mit ihren Vergleichen der Artigkeit. Die Kunſt wurde dort von der Mehrzahl wenig ge⸗ rechnet; es gab nur einige Schwärmer. Die Liebe war wie die Kunſt. Zwei Frauen liebten; die anderen hatten Liebhaber; das war Alles. Kein Duell um die Bewerbung eines Herzens; keine innige Freundſchaft, die bis zu dem Tage dauert, an welchem die Herrin, um die man ſich ge⸗ ſtritten hatte, untreu geworden iſt. Die Liebe war bei Feydeau ein ganz bürgerliches Gefühl, mit dem man ſich nur beſchäftigte, um ſich darüber luſtig zu machen. Er ſchuf nur einen dieſer glänzenden Vereine, von denen La Fontaine ſagt:„Das ſind ihre Pfeile!“ In das Herz eines Edelmanns warf er die Tochter eines Friſeurs, aus der die religiöſe Schaam eines Abkömmlings Ludwigs XII. eine Art Gräfin machte. Das Geſellſchaftszimmer im Theater des Faydeau war einer der angenehmſten Säle in Paris. Der gute Ton war dort zu Hauſe; nicht dieſer gezierte gute Ton, der dem Geſpräch ſeine Freiheiten, ſeinen Witz und ſeine leb⸗ 110 dend, mit ſeiner Voltairiſchen Satyre Alles, was er auf ſeinem Wege Lächerliches fand, verfolgend, das Paradoxe feete, die angenommene Gutmüthigkeit, mit der er ſie ver⸗ anlaßte, komiſch erſcheinen ließ. Neben Hoffmann glänzte Garat, ein großer Anekdoten⸗ erzähler des alten Hofes und der Revolution, der mit der kindlichen Albernheit einer ſechszigjährigen Kokette die Würde eines Künſtlers und den Geiſt eines Gaskoniers von guter Geſellſchaft vereinte. Seine blinzelnden Augen, ſeine wind⸗ ſchiefe Naſe, ſein bis zum Herzen geöffneter Mund, ſeine geſuchte Ausſprache, ſein Hintenüberſetzen des Hutes, ſein kurzes engliſches Kleid, ſeine ſammtenen Beinkleider und ſeine Kamaſchen, die er, wie die ſchöne Stimme der Ma⸗ 3 111 demoiſelle Duchamp und das Andenken ſeiner Erfolge in den Concerten der Marie⸗Antoinette, liebte, gaben Garat das Anſehen eines ſonderbaren Menſchen. Trat er, mit gekrümmtem Rücken unter dem Kleide eines jungen Ele⸗ gants, beide Hände in der Hoſentaſche, mit unſicherem Schritt und ohne Jemanden zu begrüßen, in's Zimmer, ſo konnte man nicht umhin zu lachen; aber er ſang, er ſprach, er tadelte oder ermuthigte ſeine Zöglinge, und man mußte ſeine Begeiſterung, ſein Feuer, ſeine Leidenſchaft, ſeine kräf⸗ tige Seele, ſeinen Scharfſinn und ſeine Feinheit, die ſein plumpes Aeußere Lügen ſtrafte, bewundern. Sah man ihn nur, ſo ſchien Garat ein lächerlicher Fat, ein anmaßen⸗ der Tropf; für den aber, der ihn ſtudirt hatte, war er ein geiſtiges Weſen mit der Kraft des Mannes, der Kokette⸗ rie des Weibes und den Launen eines verzogenen Kindes. Garat zeigte mir Freundſchaft; ich glaube, er wußte mir Dank, daß ich ihn verſtanden hatte. Er machte mich oft zum Vetrauten des Harmes ſeiner Eigenliebe; er ſprach mit mir, mehr wie mit jedem Anderen, über öffentliche An⸗ gelegenheiten, und nannte mich den Leiter ſeines politi⸗ ſchen Gewiſſens. Ich könnte zwanzig Anekdoten anfüh⸗ ren, die ihn mehr bezeichnen würden, als das trockene und kalte Bild, welches ich entwerfe; ich will mich aber begnü⸗ gen, zweier Thatſachen zu erwähnen, die ihn charakteriſi⸗ ren. Eines Tages begegnete ich ihm auf dem Boulevard; er war in dem Putze, durch welchen er zum Sprichwort geworden iſt. Ich näherte mich ihm, und in demſelben Au⸗ 11² genblicke ſchloß ſich zufällig Kreutzer an uns an. Es war herrliches Wetter, im Sommer, und eine große Menge Spatzierender anweſend. Wir plauderten, einen ruhigen Schritt gehend, deſſen Gewicht ich fühlte, da Garat ſich wie ein Blinder oder Gelähmter an meinen Arm hing. Worüber konnte ich mit Kreutzer und Garat reden? über Oper, Muſik, Mozart und Gluck; der Stoff der Unterhal⸗ tung war ganz natürlich, und ich konnte zu viel lernen, um einen anderen herbei zu führen. Garat erzählte uns den ſonderbaren Umſtand aus dem Leben des Verfaſſers der Armida, da ihn eines Morgens Chéron, ein Schau⸗ ſpieler der Oper, beſuchte. Chéron, in Verwunderung ge⸗ ſetzt über ein Stück, das er ſingen ſollte, und bei dem Gluck alle ſeine Kraft geäußert hatte, dankte dem Verfaſ⸗ ſer für das Glück, das er ihm durch das Singen einer ſolchen Arie verſchaffte:„Ich faſſe dieſe Kraft nicht,“ ſagte der Sänger zum Muſiker. Gluck, der im Bette war, warf ſeine Decke fort, erhob ſich, und zeigte ſich ganz nackt, ohne ein Wort zu ſagen. Choron verneigte ſich tief, und ſprach nur die Worte:„Ol jetzt erkenne ich dieſe Kraft.“— Der Ton, mit dem Garat dieß ſagte, war traurig; ich hatte ihn dieſes komiſche Ereigniß mit einer Fröhlichkeit, zu der die Pantomime eines ſüdlichen Menſchen viel beitrug, erzählen hören. Ich fragte ihn, was ihm fehle:„Ihr ſeid nicht das, was Ihr ſagt, ir⸗ gend etwas beſchäftigt Euch.“— Er drückte mir heftig den Arm, und auf die Vorübergehenden, die auf uns 113 nicht achteten, zeigend, rief er ſeufzend aus:„Die un⸗ dankbaren! Zwanzig Jahre gehen ſie vorüber, ohne zu be⸗ merken, daß ich gelbe Stiefeln trage!“ Die Undankba⸗ ren! war mir ſtets ein erhabener Ausdruck; es liegt in demſelben ein Schmerz, ein Mißgeſchick der Koketterie, welches die Erinnerungen der Zeit, wo Garat die Mode angab, ſehr begreiflich machen.— Unſer armer Freund tröſtete ſich nicht über dieß Verrechnen des Ruhmes; er ſchmollte, und verließ uns, indem er mit Bitterkeit wie⸗ derholte:„die Undankbaren!“— Ich hatte durch einen Vertrauten Garat's erfahren, daß er ſeit einigen Jahren der Mlle. Duchamp*) nicht mehr die Rückſichten und Aufmerkſamkeit ſchenkte, welche dieſe Frau mit gutem Recht von ihm fordern konnte, die aus Liebe zur Muſik ihre Ju⸗ gend einem Greiſe geopfert hatte; ich machte ihm darüber lebhafte Vorwürfe. Garat vertheidigte ſich nicht über die Anklage, und ſagte, nachdem er einige Worte ohne Zuſam⸗ menhang geſtottert hatte, mit einer Art Wuth:„Die Unglückliche, ſie iſt taubz ich kann nicht mehr mit ihr ſingen.“ 3 Doch zum Saale des Feydeau zurück. Nach Garat kam Darcourt, ein alter Schauſpieler, der Maler und er⸗ ſter Komiker des Königs von Preußen geweſen war, und der, von vielen Thatſachen redend, mit Lafayette ſagen konnte:„Das habe ich vom großen Friedrich ſelbſt.“ *) Garat nannte ſie gewoͤhnlich Madame Contr' alto. 114 Dareourt ſagte aus, daß der Philoſoph von Sans- Souci, wenn er mit Jemanden ſprach, demſelben in der Regel die Knöpfe ſeines Kleides, indem er ſie zwiſchen den Fingern drehte, einen nach dem anderen abriß. Der Kö⸗ nig von Preußen ſchenkte ſeinem erſten Komiker eine Samm⸗ lung ſeiner Poeſien in Zwei Theilen. Eine Zuſchrift von der Hand Friedrichs ziert die erſte Seite des Buches; ich weiß nicht, wer nach dem Tode Darcourt's der Beſitzer dieſes koſtbaren Bibliotheken⸗Schatzes geworden iſt. Dem Darcourt war Camérani, General⸗Regiſſeur und ſehr unterhaltender Komiker, weil er ſehr ernſthaft war, ge⸗ folgt. Alle Poſſenſammlungen ſind mit originellen Aeuße⸗ rungen Camérani's, der Ellevion Kaiſer nannte, weil er der Despot der Opéra-Comique war, angefüllt; der auf dem Theater Makaroni's aß, während er die Werke zur Vorſtellung wiederholen ließ; der einen lebendigen Wider⸗ willen gegen die Väter der Luſtſpiele hatte, die, folgte man ſeinem Willen, alle in Kammerjungfern verwandelt wurden; der vor Freude ſterben wollte, als Ludwig XVIII. ihn 1814 zu Feydeau erkannte, und ihm ſagte:„Ah! biſt Du da, Carlin!“ Die Anmerkung Camérani's über dieſe Worte des Königs war zum Todtlachen:„Der große Kö⸗ nig,“ ſagte er mit ſeiner italieniſchen Zerknirſchung und Betonung,„hat mich nicht gefragt: Camérani, wie befin⸗ deſt Du Dich? Er hat mich Carlin genannt, weil ich ihn in Carlin vergnügt hatte, und das Exil und die langen Leiden ſeiner Familie ihn dieß nicht vergeſſen ließen. Frank⸗ 115 reich iſt glücklich, einen Monarchen zu haben, der voller Geiſt, Geſchmack und Gefühl iſt.“ Soll ich ſie aufzählen die Mitglieder unſeres Vereins in der Straße des Colonnes? Perpignan, eben ſo freige⸗ big mit ſeinem Verdienſt wie Fallſtaff, aber viel feiner, geiſtreicher, eyniſcher und unterhaltender als der Lehrer des Prinzen von Gallas; Bouvier, Mitglied des Orcheſters, der herrliche Verſuche machte; Madame Gavaudon, die auf dem Theater noch weniger Geiſt hatte als in vertrauten Geſprächen; Emmanuel Dupaty, Dichter des achtzehnten und Bürger des neunzehnten Jahrhunderts, der uns Frag⸗ mente einer treffenden Satyre über die Reſtauration mit⸗ theilte, und ſich unterbrach, um unſere Damen mit nied⸗ lichen Madrigals zu erfreuen, welche dieſe Süßigkeiten eben ſo ſehr liebten, wie die Bonbons und die kleinen Geſchmeide, die ihnen, ohne Bedingungen, der reiche und gute Herr Kies⸗ ner gab, und wie die Blumen, welche ihnen Horace Ver⸗ net brachte; Juillet, ſo natürlich auf dem Theater, ſo bie⸗ der, ſo wunderlich, ſo rauh der Offene, ſo voller geſunden MNenſchenverſtand in ſeinen geſelligen Beziehungen, ſo ein⸗ zig in ſeinen litterariſchen Urtheilen bei der Comité der Theater⸗Lecture; Chenard, im ſechszigſten Jahre eben ſo heiter, wie er es im dreißigſten geweſen war, und glückli⸗ cher Beſitzer einer Sammlung von Original⸗Zeichnungen, die ſeine Wohnung ſchmückten, und welche fortzugeben er Unrecht gethan hat, da die Gaben der Freundſchaft für den Empfänger geheiligt ſein müſſen; Moreau, melancho⸗ 116 liſch, vielleicht durch Erinnerungen an die Geſellſchaft Je⸗ ſus, zu der, ſagt man, ſeine glühende Jugend ihn gezogen hatte; er mußte ſich zwingen, launig zu ſein, wenn er die Bühne betrat; Martin, Töne ſingend, ſeine ſchwere Noten überdenkend, und nie ſeine koſtbare Stimme dem Wort⸗ wechſel Preis gebend; Nicolo, der ein langes Künſtlerleben zu verſprechen ſchien, aber jung, von Liebe und Melodien erſchöpft, ſtarb; die Mutter Gontier, gut, natürlich, auf der Bühne das Zeichen des Kreuzes machend, ehe ſie eine ſchwere Arie ſang, entfernt von jeder Kabale, im Luſtſpiel eine gute Aectrice, und ſich, nach ihrem naiven Ausdrucke, machen laſſend, wie eine Bürgerin der Straße Saint⸗ Denis, zur rechten Zeit dem Theater und den Eitelkeiten des Ruhmes entſagend, und damit endend, daß ſie Allaire, den Lacave der Opéra-Comique, heirathete; Madame Bel⸗ mont, eben ſo geiſtreich als Madame Gavaudan, doch war ihr Witz zarter und weniger ſchnell; Paul Dutrech, ein dicker Liebhaber, über Maſchinen und Decorationen nach⸗ denkend; Huet, ſtets nach der Dictatur ſtrebend, die ihm Paul ſtreitig machte; Gontier, der alle Welt über ſeine Zukunft beim Gymnaſium täuſchte; Madame Rigaud, welche die mit ſo vielem Erfolg unter dem Namen Mlle. Palar betretene Laufbahn verließ, als ſie Theater und Publikum mit der jungen und anmuthigen Mlle. More(Madame Pradher) theilen mußte, für die man ſo viele Ermunte⸗ rungen, ſo vielen Beifall hatte; Ponchard, den wir begin⸗ 117 nen und enden ſahen, der vollkommenſte franzöſiſche Sän⸗ ger, der erfindungsreich ſeine ſchwache Stimme eben ſo zu nutzen wußte, wie Paganini ſeine einſeitige Violine; Ma⸗ dame Lemonnier, welche die Mlle. Regnault war, für die Boildieu einen Theil ſeiner lieblichen Muſik komponirte; Chärubini, beſcheiden in ſeinen mit treffender Originalität gebildeten Urtheilen; Madame Boulanger, ehedem unbe⸗ deutend, leicht, lebhaft, unſtät und durch Grétry verthei⸗ digt, der vor Freuden weinte, wenn er ſie ſein Tableau Parlant(redendes Gemälde) ſingen hörte,— jetzt dem Kum⸗ mer Preis gegeben, der leichte, betrogene Herzen quält, welche die Zeit einer vermeintlichen Freundſchaft, einer vermeintlichen Liebe enttäuſcht hat, und die nur eine ſtets erneute Schein⸗Freundſchaft und Liebe kennen: ſie war noch heiter vor dem Publikum und eine geiſtreiche, an⸗ muthige Schauſpielerin, die gegen die Rollen der Duen⸗ nen, worin ſie vollkommen ſein würde, ankämpfte; Ma⸗ dame Doret, die, wie Boildieu Mlle. Regnault, Nieolo zur Dolmetſcherin ſeiner Muſik gewählt hatte; Mlle. Jenny Colon, jung, ſchön, blühend, lieblich, da ſie zu Feydeau kam, kaum ſo groß als das älteſte der Kinder, zu deren Mutter ſie ſpäter die Liebe gemacht hat; Madame Des⸗ broſſes, Nachfolgerin der Madame Gontier; Elleviou, der das Theater verlaſſen hatte, über Ackerbau redete, und noch mit Anmuth ſein Haupt trug, das Haare, eben ſo weiß wie die Gavaudan's, bedeckten; Darboville, dem die 118 Provinz der Hauptſtadt abtrat, wo ſein Talent, geringer wie das Martin's, doch dem des Baptiſte, der eine ſo an⸗ genehme Stimme hatte, vorzuziehen, nicht lange glänzte, Darboville, 1815 von den Bewegungen politiſcher Leiden⸗ ſchaften fortgeriſſen, mußte vom Theater zu Lyon in dem Koſtüme des Tulipano fliehen, als man ihn verhaften wollte; Nanteuil, der ſo gut erzählt, ein Gelehrter von dem Vaudeville⸗Geſchlecht des Directoriums, das den Ge⸗ ſchäften einen Martignac, Etienne und dieſen Capelle, ei⸗ nen der letzten Miniſter Carls X., gegeben hat, der Prä⸗ feet und Baron war, und nach Herrn Maret, Herzog von Baſſano, die politiſche Welt unter dem Schutze Nan⸗ teuil's und Etienne's betrat; Berton; Carle Vernet, reich an Wortſpielen wie ſein Vater, der berühmte Joſeph, der von Carle ein Wortſpiel für 3 Franes kaufte, durch welche Prämie derſelbe vielleicht ein wenig zu ſehr ermu⸗ thigt wurde; der rechtliche, gute und erhabene Talma; Bouilly; Boieldieu, ſo zart in ſeinen Beziehungen als Menſch und Künſtler; Picard, viel weniger rechtſchaffen als er es ſcheinen wollte; Alexander Duval; der vortreff⸗ liche Orgelſpieler Benoit; der liebenswürdige Strunzt; von Munich, ein feiner und in der Erfindung gewandter Künſtler, den ich 1830 zu Majorka im Dienſte der Foura⸗ girungs⸗Armee von Algier begegnet habe; Picot; Auber; Herold; Chollet; Vizentini; Planard; Alaux; Panſeron, der luſtige Tyrann des alten und leichtgläubigen Dar⸗ court; der Doctor Mare; Truchot; Leprence(Kavier); 119 Fétis; Secribe und ſo viele andere!... Tage dieſer herr⸗ Cieéri, der den Tribut ſeiner geiſtreichen Fröhlichkeit unſeren Abenden bei Feydeau zollte, vereinte bei ſich die Künſtler ſeiner Bekanntſchaft; und an einem Tage der Woche fand man in ſeinem Saale was Wiſſenſchaften und Künſte Ausgezeichnetes hatten. Dort begannen die Sitzun⸗ gen maleriſcher Improviſation, wo, darf ich mich ſo aus⸗ drücken, der Maler ſich verdammt, während ein Stückchen Licht abbrennt, eine vollendete Zeichnung, die Frucht augen⸗ blicklicher Begeiſterung, zu erſchaffen. Dort wurde das Stammbuch der Satyre durch die beſten Karrikaturen be⸗ reichert, ſo originell aufgefaßt und ausgeführt von Iſabey dem ältern, Horace, Carle Vernet und Cicéri. Alle Bewoh⸗ ner des Hauſes ſaßen einem der Künſtler und ließen auf einem Blatte des Stammbuchs den ſcherzhaften Abriß ihrer Geſtalten zurück, prismatiſch durch die Calot's Manieren ähnliche Einbildung aufgefaßt. In dem Heft der Karrikaturen ſieht man Herrn Lafont, den Violoniſten, in den Hals einer Violine eingeſperrt, de⸗ ren ſie umgebende Schnörkel mit komiſcher Treue die Züge ſeiner Geſtalt bilden, die ich hier nicht beſchreiben darf, um, ich bin kein Freund des Herrn Lafont, mit dem Kar⸗ rikatur⸗Maler nicht in Streit zu gerathen; und wäre meine Beſchreibung auch noch komiſcher als die des Zeichners, von dem ich rede, ſo hätte Herr Lafont urſache, ſich über ein Signalement zu beklagen, das nur unſer guter Freund 4 6** Porte*) ungeſtraft in ſeinem Paß⸗Büreau machen dürfte. Neben Herrn Lafont erblickt man Cicéri, in der Schlaf⸗ mütze auf ſeinem Bett ausgeſtreckt, auf welches ihn ſo lange der Bruch ſeines linken Beins gebannt hatte. Der kleine, an eine große Naſe gewachſene Kopf muß Lachen erregen. Die an dem Scheitel einer pyramidenähnlichen Hiirnſchaale befeſtigte Perücke, wie im Moden⸗Laden die auf einen Schwamm geſtellte Mütze; die hervorſpringende unnd das überragende Kinn beherrſchende Lippe, wie der Nand eines Weihkeſſels den Fuß der mit Reinigungs⸗Waſ⸗ ſer gefüllten Vaſe umgiebt, bezeichnet Herrn Bouilli. Der Zeichner hat ihm ein freundliches Aeußere gegeben, um die Spötter Lügen zu ſtrafen, welche dem Verfaſſer des Abbé de Epée eine hydrauliſche Empfindſamkeit zuſchreiben. An dem Lächeln des breiten Mundes, ausführlich mit großen Zähnen verſehen, an der langen und ſpitzen Naſe, an den weitgeöffneten und von ſchwarzen Brauen überſchatteten Augen, an einer dicken Warze, die eine wichtige Rolle in dieſem, zwar übertriebenen, aber ähnlichen Ganzen ſpielt, er⸗ kennt man Herrn Zimmermann den älteren, von dem Gros einſt ein merkwürdiges Bild entwarf. Die Satyre hat ſich an Herrn Joſeph Habeneck noch komiſcher geübt, als bei dem berühmten Profeſſor des Piano's, deſſen Namen ich *) Herr Porte, Chef des Paß⸗Buͤreaus, hat die Praͤ⸗ fectur der Polizei und iſt Richter der Oper. Anmerk. d. Verf. 121 nannte. Die Brille, welche mit der horizontalen Linie der Augen einen Winkel von 20 Grad bildet, gleitet an der einen Backe herunter und zeigt ein in merkwürdigen Aus⸗ drücken erlöſchendes Auge; in dem offenen Munde erblickt man Zähne, maleriſch, wie die unregelmäßig und kurz über dem Boden abgehauenen Stämme eines Waldes, gepflanzt; das Fehlen eines Zahnes iſt durch ein viereckiges Stückchen ſchwarzen Steines bezeichnet, und man kann ſagen, der Verfaſſer hat dort eine Oeffnung gelaſſen, die durch ein dunkles Gewölbe in eine tiefe Höhle führt. Ich überlaſſe mich dem Vergnügen, lebendige Karrika⸗- turen zu zerlegen, von denen ich, wie ich es auch beginne, keine richtige Idee geben kann; man muß das Stammbuch des Cicéri ſehen! Verlangt man auch eine andere Samm⸗ lung zu durchblättern, welche die Improviſationen aller talentvoller Männer der Malerei, Bildhauer⸗ und Bau⸗ kunſt bereichert haben: das Stammbuch der Madame Ci⸗ eéri! Es wurde in den Abendvereinen der Menus plaisirs*) *) Die Menus plaisirs wurden vor Ende der Regierung Carls X. aufgehoben. Die Reſtauration hatte dieſe alte Be⸗ nennung wiedergenommen, um nicht die Oberaufſicht uͤber die Feſte und Schauſpiele des Kaiſerthums fortzuſetzen. Die koͤnigl. Theater, die Kapelle des Koͤnigs und die feierlichen Leichenbegaͤngniſſe des Hofes gehoͤrten unter die Aufſicht der Menus plaisirs. Das Laͤcherliche uͤbte an dieſer Einrichtung ſein Recht. An der Mauer des Hauſes der Menus, das an das Conversatoire in der Straße Faubourg-Poissonnière grenzte, gefertigt. Außer Horace Vernet, Iſabey und Cicéri ſahe ich Bouton, Daguerre, Alaux, Picot, Thomas, Desmoulin, Watelet, Hippolyte, Leconte, Atoch, Nicolle, Joly, Favier Leprinſe und Gericault um die mit Pinſel, Kreide, Papier, chineſiſcher Tinte und Sepia bedeckten Tiſche ſitzen; ſie zeichneten, während im Nebenzimmer Virtuoſen vom größ⸗ ten Verdienſt, junge Sängerinnen, zu glänzenden Erfolgen bewahrt, und Sänger, die das Glück der großen lyriſchen Theater begründeten, ſich hören ließen. Mlle. Cinti be⸗ gann dort ihre Laufbahn; Mlle. Naldi, ſpätere Gräfin von Spare, entſchädigte uns im Voraus für ihr frühes Zurück⸗ treten, das die Formen einer glänzenden Heirath bald her⸗ beiführen mußte; Garcia führte unſeren Beifallsbezeugun⸗ gen ihre junge Tochter zu, die den Namen Malibran be⸗ rühmt machen ſollte; Madame Dabadie bildete dort ihre erſchien eines Tages ein blutiges Epigramm, das, glaube ich, nicht wenig dazu beitrug, die Einrichtung aufzuheben, der der Vicomte Papillon de La Ferté vorſtand, der Erbe in der Wuͤrde ſeines Vaters. Bories und ſeine edlen Ge⸗ faͤhrten ſtarben fuͤr die Freiheit auf dem Schaffot des Platzes Grère; in der Nacht, welche der Execution vorherging, zeichnete eine Kuͤnſtlerhand unter der Inſchrift uͤber der Thuͤre der Intendantur eine Guillotine und die Geſtalt eines gekroͤnten Henkers. Dieſe Guillotine und die Worte Menus plaisirs du roi, machten einen ſchrecklichen Gegenſatz. Man beeilte ſich, die Zeichnung der Todesmaſchine zu ver⸗ wiſchen; aber der grauſame Scherz blieb. — Anmerk. d. Verf. 123 mächtige Stimme, die bei der Oper einige Jahre Aufſehen erregte; man bewunderte dort noch die Schönheit der Ma⸗ dame Albert⸗Him und den Reiz ihres Talents, das man jetzt, wo die Kunſt des Geſanges Vollkommenheit erreicht hat, wenig ſchätzen würde; Nourrit, Vater, und Lays ende⸗ ten dort ihren Ruhm; Nourrit, Sohn, und Levaſſeur be⸗ reiteten den ihren dort vor. Tanz und Spiel(Ecarté) hatten beei Cieéri wie in allen anderen Sälen ihre Zeit; die handelnden Karrikaturen, die ſpäter bei Duval⸗le⸗Camus größere Ausdehnung erhielten, waren das Beſondere im Hauſe des berühmten Decorations⸗ Malers. Die Menge der Leute von Welt und des Hofes erſtickte bald die Künſtler in den Gemächern des Opern⸗ Malers, der ſein Haus ſchließen mußte. Er öffnete es ſei⸗ nen Freunden wieder, und es iſt noch jetzt ein den Kün⸗ ſten geweihter Tempel. Ich ſchrieb den Namen des Duval⸗le⸗Camus nieder und muß einige Worte über ſeine Abendgeſellſchaften ſagen. Sie hatten einen Charakter, etwas verſchieden von dem des Cicéri. Man kann ſagen, daß die Demokratie der Künſte dort weſentlicher repräſentirt wurde; die Geſellſchaft war auch gewählt, aber mehr ohne Formen. Das Gehen⸗ laſſen artete indeß keinesweges in Schamloſigkeit aus, aber die Freude war lauter; bei Cicéri verhüllte ſie ſich mehr. Die 5te Etage des Duval⸗le⸗Camus in der Straße Vi- vienne, hat Feſte geſehen, die man nie vergeſſen wird. Die Haupthandelnden waren dort Plantade, Sohn, Guſtave 124 Dugazon, Grénier, Thomas und Rudolphe, der Erfinder der Affen⸗Maske, deren er ſich lange in dem Künſtler⸗Ver⸗ eine bediente, ehe Mazurier ſie auf dem Theater de la Porte-Saint-Martin benutzte. Bei Duval ſah ich zum er⸗ ſten Male den Seiltanz, auf einem mit weißer Kreide auf dem Fußboden gemachten Striche ausgeführt. Nichts war ſpaßhafter, als Duval zu ſehen, wenn er, wie ein Türke von den öffentlichen Plätzen gekleidet, eine Balanzierſtange in der Hand, den Seiltanz nachahmte, ſo täuſchend, daß man an die Möglichkeit ſeines Fallens glaubte, wenn ihn das Gleichgewicht verlaſſen würde. Plantade, als Pierrot, kündigte das Schauſpiel an, bekreidete die Sohlen des Ko⸗ mikers und begleitete jede Bewegung unſeres Tänzers mit einer ſtummen Handlung. Sprichwörter und Scenen wech⸗ ſelten mit Concert und Contretanz ab. Das Zeichnen ver⸗ lor ſeine Rechte nicht; es geſchah mit Strenge, und dort, wie in allen Künſtler⸗Vereinen, wetteiferten Einbildungskraft, Geiſt und Talent zum Gewinne der Damen, die„ein End⸗ chen Licht“ für ihre Stammbücher erbaten. Ich kann nicht über die Vereine reden, die bei dem Baron Gérard waren; ich habe nie den Saal dieſes be⸗ kannten Künſtlers betreten, deſſen feiner Geiſt und hinrei⸗ ßende Unterhaltung, ſagt man, eine große Anzahl gebildeter Zuhörer anzogen. Ich weiß, daß die Fremden, welche Pa⸗ ris beſuchen, der Ehre, Herrn Baron Görard vorgeſtellt zu ſein, ein großes Gewicht geben. Es iſt dort eine Geſell⸗ ſchaft von Künſtlern, in der man auf dem Fuß der großen 125 Welt lebt. Durchaus eben ſo iſt es bei Frau von Mirbel. Dieſe Frau, mit einem bewundrungswerthen Talent begabt, hat die Miniaturmalerei in den erſten Rang der Künſte durch ein Vorrecht erhoben, auf das ſelbſt Petitot eiferſüch⸗ tig ſein könnte, wäre ſein Ruhm nicht durch zwei Jahr⸗ hunderte begründet; ſie empfängt ihre Gäſte ohne Tere⸗ monie. Ihre anmuthigen Manieren ſind ſchöner als alle Formen der Etikette. Die Geſpräche ſind belebt in einem Hauſe, deſſen Wirthin die Anhänger aller Dichter⸗ und Malerſchulen mit gleichem Wohlwollen empfängt, wie Ma⸗ dame Récamier die Politiker jeder Parthei. Unter den Perſonen, die ſich, weder Feder noch Pinſel in der Hand, nicht mit der Kunſt beſchäftigen und die Zierde der Ge⸗ ſellſchaft der Frau von Mirbel ſind, muß ich den Herzog Fitz⸗James nennen, ein Mann von feinem Geiſte und ein einſichtsvoller Verehrer, der von einem alten großen Herrn nur die Artigkeit und die guten Sitten hat. Seine Un⸗ terhaltung iſt voller Reiz; er hat ein lebendiges Gefühl für das Schöne, und ſpricht darüber mit einer bei Leuten der großen Welt nur zu ſeltenen Leidenſchaft.. Ein alter Wechsler, der ſich gewiſſenhaft dem Studium der Malerei ergeben und, als Liebhaber derſelben, Geſchick in der Landſchaftsmalerei erworben hat, Herr von Bez, vereinte Geſellſchaften, die ich nicht vergeſſen darf, in die⸗ ſer kleinen Geſchichte der Künſtler⸗Vergnügungen zu er⸗ wähnen, an die meine Stellung mir Theil zu nehmen er⸗ laubte, und die mein Geſchmack lebhaft billigte. Herr Du / 126 Sommerard, Ober⸗Rath an dem Rechnungshofe, empfing auch Künſtler; aber ſeine Geſellſchaften hatten nicht das, was ſo auszeichnend die wöchentlichen Feſte des Cicéri und Duval⸗le⸗Camus charakteriſirte, wo wir von den erſten Ta⸗ lenten eine ernſthafte Parodie ſahen: Tulou die Klarinette ſpielen, wie er Landſchaften malte; Gelineck auf einer Zwerg⸗ Harfe den melodiſchen Anklängen eines kleinen Baſſes von Pappe antworten, dem Panſiron, unter einem Tiſch ver⸗ borgen, die Geläufigkeit ſeines Violoncelles gab; Schenſvöf⸗ fer Duos mit Capucin, ſeinem Hunde, ſpielen, der ein fortwährendes„Hau“ bellte; Chérubini mit gewohnter Beſonnenheit ein Concert von Klappern und Jahrmarkts⸗ Trompeten, das die Ouvertüre des Démophon ausführte, leiten. Einen beſonderen Reiz, wenigſtens für mich, haben die Abend⸗Geſellſchaften im Arſenal. Ich weiß nicht, ob man ſich ehedem in der Straße de Sully bei Frau von Genlis mehr amüſirte. Ich glaube, daß, da die Dame nicht frei von Anmaßung und Bosheit war, man mit Geiſt und Epi⸗ grammen kämpfte. Nichts dem ähnlichen fand bei unſe⸗ rem würdigen Freunde Charles Nodier ſtatt. Dort war das„ohne Umſtände“ wahr, und der gute Geſchmack frei von der Form, die ihn bei ſo vielen Menſchen verdirbt. Es iſt unmöglich eine elegantere Einfachheit, eine weniger ge⸗ zierte Seele und ein erhabeneres Künſtler⸗Gefühl zu haben, als Nodier. Seine Unterhaltung verblendet und beſiegt; man hört ihn mit nie verringertem Vergnügen; welches The⸗ 127 Thema er auch behandelt, er iſt unterhaltend; ſo viel Quel⸗ len der Gelehrſamkeit hat er, ſo viel Kraft der Einbildung, ſo viel Poeſie ſein Herz! In ihm habe ich die Verwirk⸗ lichung des orientaliſchen Geiſtes gefunden, der unter dem Zelt der Araber die hinreißenden Erzähler beſeelte, deren entſtellten Entwurf kaum unſer Europa kennt. Nicht No⸗ dier allein verleiht ſeinem Saale das Angenehme, das mich denſelben ſo vielen anderen vorziehen läßt: drei Frauen, natürlich, voller Geiſt und Liebenswürdigkeit, theilen die Sorge, ſeine Gäſte zu empfangen, und übernehmen die Pflicht, Jedem angenehm zu erſcheinen. Ich habe Nie⸗ manden das Arſenal verlaſſen ſehen, der nicht die ungekün⸗ ſtelte Leutſeligkeit und den vollkommenen Anſtand gelobt hätte, welchen Madame Nodier, Frau von Terey, ihre Schweſter, deren niedliche Erzeugniſſe die litterariſche Welt kennt, und Madame Marie Méneſſié, die Tochter Nodier's, auszeichnen Letztere beſitzt bei einem zarten Alter Kräfte und Fähigkeiten, wie ſie nur der Gewinn eines reiferen Alters und angeſtrengter Arbeiten ſind. Die Muſik lebt in ihr, wie ſie Garat beſaß: zur rechten Zeit keimte ſie, zur rechten Zeit trug ſie Früchte und wird ſich mehr noch ent⸗ wickeln. Das Gepräge aller Werke der Mad. Meneſſié iſt Originalität; ihre Muſik, der ſie die Gedanken des Viector Hugo von Sainte⸗Beuve, Alfred von Muſſet und der Mad. Desbordes⸗Valmore zum Grunde gelegt, hat keine der For⸗ men, welche franzöſiſche Uebertragung der Romanze und dem Liede gegeben hat; man kann ſagen, daß ſie wahrhaft ma⸗ J. 1e 7 128„ leriſch iſt. Wir haben in unſeren engeren Vereinen, ſo zu ſagen die Erſtlinge eines Talentes hervorgerufen, das eines der Vergnügungen des Arſenals ausmacht. Vermöchte ich es auszudrücken, wie viel Freiheit und Mäßigung zugleich in dieſer Geſellſchaft herrſchte, in der ſich alle Schattirun⸗ gen der Politik, Litteratur und Kunſt begegneten; könnte ich die lebhaften und ſtets auffalienden Geſpräche widie holen, bei denen jede Sache mit Talent und Ueberred⸗ verhandelt wurde, ohne daß einer der Advokaten das Recht gehabt hätte, ſich über die Form der Verhandlung oder den Ausgang des Prozeſſes zu beklagen! Man ſieht Gegner bei Nodier, nie Feinde; die Partheien bewahren die Kraft ihrer Gründe, aber ſie legen, dort eintretend, die Bitterkeit und die Heftigkeit ihrer Logik ab; denn Charles iſt der Aus⸗ druck des Wohlwollens, und Niemand wird ſich erlauben, gegen einen der Gäſte des Arſenals beleidigend zu ſein, wenn Nodier verbindlich gegen alle iſt. Selbſt in der Zeit der größten Erbitterung, als es ſich um Leben oder Tod für Monarchie und Freiheit handelte, als die Kunſt neue Bahnen betrat und Schwärmerei in einige leidenſchaftliche Köpfe warf, waren die Vereine des Arſenals durch die Einigkeit merkwürdig, die ſtets unter allen Beſuchern die⸗ ſes Hauſes geherrſcht hat; und während Théodore Jouffroi und Soulier de Bordeaux, Victor Hugo und Ancelot, Alexander Dumas und Alexander Duval, Lamartine und Auger, Delaeroix und Alaux le Romain, Devéria und Gaſſies, Louis Boulanger und Thomas, und wer weiß wer 7 noch? gegenwärtig waren, erörterte man und würde nicht Acht gehabt haben zu ſtreiten; man tauſchte Scherze, um Behauptungen zu verhüllen; man wäre über Perſönlichkei⸗ ten erröthet. Spiel, das Nodier beſchäftigt wie jeden an⸗ deren; Tanz, den reizende Frauen beleben und Madante Mneſſié leitet; gewählte Lectüre, nur zu gewählt, da La⸗ martine und Hugo allein das Wort in dieſer poetiſchen Geſellſchaft führen, füllen abwechſelnd die vier letzten Stun⸗ den jedes Sonntages aus. Die Uhr kündet ſtets zu früh Mitternacht an. Man verläßt ſich mit dem Verſprechen, in acht Tagen wieder zu kommen; man macht dieſen ach⸗ ten Vergnügungstag zu einem Feſte, das nie übermüthige Eitelkeit ſich einfallen laſſen würde zu trüben, da ſie bald durch unſere Luſt beſtraft wäre. Ich ende; noch viel könnte ich über einen Saal ſagen, wo ſich ſo Viele vereinen: Balzac, der von der Litteratur mit Originalität, und von der Küche mit Phantaſie redet; Sainte⸗Beuve, der jede Sache genau zergliedert und deſ⸗ ſen Furchtſamkeit ſeinen ſatyriſchen Beobachtungen viel Kraft giebt; Weiß, bei dem die Gelehrſamkeit geſchickt hin⸗ ter Gutmüthigkeit verſteckt wird; Amédie Pichot, der Ver⸗ faſſer einer vortrefflichen Reiſebeſchreibung in Schottland, deſſen Landſchaften, Menſchen und Litteratur er uns ſo gut kennen lehrt; Herr von Latouche, ein geiſtreicher Schrift⸗ ſteller, ſpöttiſch, grauſam und voller Anmuth, man weiß nicht, ſoll man ſeine epigrammatiſche Kraft, die alles Mit⸗ telmäßige mit glühendem Eiſen brandmarkt, mehr bewun⸗ 7* 130 dern, oder die gefällige Form ſeiner Sprache, von ſo er⸗ wähltem Geſchmack, daß ſie dem Manne eines anderen Jahrhunderts zu gehören ſcheint; Taylor, der jetzt über Egypten redet wie über Frankreich, und deſſen beharrliche Thätigkeit dem letzteren ein bewundrungswerthes Denk⸗ mal*) geſetzt hat; Madame Taſtu, der ein ſchönes Talent, nicht dieſes abſtoßende Selbſtvertrauen gewiſſer poetiſcher Frauen giebt, die ich nicht nennen will; Guè, gewandter Maler und Decorateur, der durch eine Menge kleiner un⸗ terhaltender Erzählungen einen Theil der Verſammlung er⸗ muntert; Eugène Iſabey; Delaroche; unſer Freund Lad⸗ vocat; Regnier; Dauzats; Gudin; Gigoux; von Cailleux; Alfred von Vigny; Jules Janin; Emile Deschamps; Fon⸗ taney; Erneſt Fouinet; Drouineau; Caix; Dittmer und Cavé(der geiſtreiche Herr von Fongeray in doppelter Per⸗ ſon); Amoury⸗Duval; Robert Fleury: Duponchel; Bel⸗ langé; Belloe; von Beauchéne; der Bildhauer David; Va⸗ telet und zehn andere Schriftſteller oder Künſtler, deren Na⸗ men mir jetzt entfallen ſind. Ich muß enden; ich ſchwatzte ſchon zu lange, und bitte den Leſer um Verzeihung. Ich wollte zeigen, was jetzt die Künſtler ſind; ich wollte einen / .*) Maleriſche und romantiſche Reiſen im alten Frank⸗ reich. Der Baron von Taylor hat ſchon zwei Geſchlechter der vorzuͤglichſten Zeichner zu Mitarbeitern gehabt. Der vortreffliche Text zu dieſem Werke iſt von Charles Nodier. Anmerk. d. Verf. 131 Begriff ihrer Vereine geben; ich habe ihre Bilder zu ent⸗ werfen geſucht; ich fühle wohl, worin meine Schilderung fehlt, und habe nur eine Entſchuldigung: ich ſuchte wahr zu ſein. Ein Anderer, als ich, hätte über dieſen Gegen⸗ ſtand, den ich aus Neigung gewählt habe, ein hinreißendes und geiſtreiches Gedächtniß⸗Blatt, eine umfaſſende und ſchöne Geſchichte des 19ten Jahrhunderts geſchrieben; ich vermag mich nicht ſo zu erheben. Ich habe einen unbedeu⸗ tenden Entwurf, einen ſchwachen Verſuch gemacht; ich that, was ich vermochte. A. Jal. Die Conciergerie. (Epiſode eines unbekannten Lebens.) . Jch war ſechszehn Jahre alt, als ich zum erſten Male die Conciergerie ſah. Welch ein Gefängniß war es damals! ein Gefängniß der alten Regierung, ſchauderhaft ſchön, poetiſch gräßlich! eine Sammlung von Kerkern; ein La⸗ byrinth finſterer Gänge und unterirdiſcher Gewölbe! Mit der Stirn berührte man den Balken, der das Eingangs⸗ pförtchen erdrückte; man hatte Mühe, das Geöffnete zu durchſchreiten. Unter der Halle brannte ewig eine Laterne mit röthlichem Licht. Dort ſah man noch die ſchwarzen Geſichter der Kerkermeiſter, mit einem Bunde klirrender Schlüſſel, und eiſerne Gitter, Licht und Luft verdrän⸗ gend; nie werde ich dieſen Anblick vergeſſen: ſolche Bilder erſterben dem Gedächtniſſe nicht; ſie werfen ihren Schat⸗ ten über das ganze Leben. Sie bilden oder vernichten den Menſchen, erwecken oder tödten ſeinen Verſtand.— 1 133 Meine zarteſten und bitterſten Gedanken wenden ſich die⸗ ſen unterirdiſchen Gewölben zu. 1815 und die Conciergerie! Dieſe Eindrücke erloſchen 1831 durch die Laſt des Kummers nicht, den ich weder hervorzurufen, noch zu beſchreiben brauche; nicht durch die ſchmerzlichen Erfahrungen eines Lebens ohne Beſchützer, ohne zärtliche Bande; nicht durch die Zahl der Leiden und fehl⸗ geſchlagenen Hoffnungen, die wir unſer Erbtheil glauben, und die Aller Loos ſind; nicht durch funfzehn folgende ein⸗ ſame, bewegte oder ſchmerzvolle Jahre. Ich wollte ihn wiederſehen, den Kerker, in dem ich zwei Monate verlebt; es war meiner Seele Bedürfniß, zu-⸗ rückzukehren in die vergangene Zeit, zu den verlorenen Gü⸗ tern, zu denen, die 1815 dort athmeten und die allein ich überlebte. O! wie viel Gräber reihen ſich in funfzehn Jah⸗ ren um den Menſchen! Das Gitter, hinter dem meine Mutter geweint hatte, ſollte von ihr reden, und die Fin⸗ ſterniß, welche Vertraute meiner furchtſamen und innigen Zärtlichkeit geweſen war, in meiner Seele die Quelle des Gefühls wieder beleben, die von der Welt übereiſt war, ohne verſiegt zu ſein. Ich irrte. Die Zeit ändert den Menſchen, und zerrüttet den Stein. Das Gefängniß von 1815 war verſchwunden; ich ſah die neue Conciergerie von 1831, und fand meinen Kerker nicht wieder; das berührte mich ſchmerzhaft. Wo biſt du, finſtere und traurige Conciergerie, mit⸗ leidloſer Zeuge der ganzen Revolution; Treppe, die, gleich 134 einem Seile gewunden, Feuchtigkeit des Grabes tröpfelte. Mein Auge erblickt ein Gefängniß, das einer glänzenden Herberge gleicht: die Poeſie des Grabes iſt entſchwunden; alles eiviliſirt. Der geſellige Wechſel, der Bürger und Adel, Laden und Saal jetzt gleichſtellt, hat dem Hauſe der Strafen und der Zuflucht des Unglücklichen, den öf⸗ fentliche Liebe aufnimmt, gleiches Anſehn gegeben; man achtet die Geſundheit der Menſchen, man beſchützt ihre Nuhe und ihren Schlaf, man erhält ſorgſam ſelbſt das Leben des Verbrechers, und das beweiſt den ewigen Fort⸗ ſchritt der Geſellſchaft, die ſich vervollkommt, wenn ſie ſich zu vernichten ſcheint. Ich billige die Verfeinerung; aber wie gern hätte ich mich einige Stunden allein in dem Kerker wiedergefunden, in den man mich 1815 ge⸗ worfen hatte; ein armes Kind, ohne Zeugniß verdammt, des Staatsverbrechens verdächtig, armſeliges Opfer politi⸗ cher Vorſichtsmaaßregeln, die, mit Recht oder Unrecht, be⸗ rühmte und unbekannte Häupter vernichtet haben, ohne zum Zweck zu gelangen, ohne krankende Republiken oder fallende Throne zu unterſtützen. Ich muß von mir reden, und das verdrießt mich. So wie Jemand dieſe egoiſtiſche Bahn betritt, bemächtigt ſich ſeiner die Perſönlichkeit, ſie beherrſcht ihn, ſie zieht ihn wider Willen fort. Wie ſoll er das, was er zu ſagen hat, aus einander ſetzen, in ſeinem wahren Lichte und in der Wirklichkeit zeigen, ohne ſich den unerträglichen Einzeln⸗ heiten perſönlicher Beziehungen zu überlaſſen? Das„Ich“ 13⁵ wird ſein Tyrann, und treibt ihn zu ſeinem eigenen Ver⸗ druſſe an; er bethört den Leſer mit ſeiner Nothwendig⸗ keit, und belaſtet ihn mit ſeinem Gewicht. Und in den Ereigniſſen, die ich erzählen will, miſcht ſich— ich ſage es im Voraus— nichts Heroiſches. Iſt von mir die Rede, ſo iſt es nicht meine Schuld. Ich wurde vom po⸗ liniſchen Sturme hin⸗ und hergeworfen, wie ein Stück⸗ chen Stroh, das ein Orkan davon trägt; die Politik be⸗ mächtigte ſich meines Lebens, und war auf dem Punkt, es zu enden, aber ich korderte ſie nicht heraus; wenn ich ihr trotzte, ſo war es mehr romanhafte Kinderei als Muth und Stärke. Man rechne die Crinnerungen, die ich auf⸗ zeichnen will, keiner nichtigen Eigenliehe, keinem kindiſchen Bedürfniß, von mir reden zu müſſen, zu. Ich will die Conciergerie von 1815 im Gegenſatze zu Ler von 1831 vor das Auge des Leſers ſtellen. Zwei durch funfzehn Jahre getrennte Gefängniſſe, zwei merkwürdige Verglei⸗ chungspunkte zweier ſo ähnlicher und ſo verſchiedener Zat⸗ abſchnitte! Man ſuche darin nur und nicht in meiner thörigten Perſönlichkeit den wahren Beweggrund dieſer Er⸗ zählung. 3 In den Monaten April und Mai 1815 entſtanden in Paris mehrere Verſchwörungen, ſchlecht angezettelt, ſchlecht fortgeſponnen, durch Unſinnige vorbereitet, und von Men⸗ ſchen unterſtützt, die ſie beſtrafen ſollten; denn das iſt das letzte Mittel der Politik. Ich ahnete nicht, daß mein Name auf den Liſten ſtand. Mein verſtümmelter Vater 136 lebte zurückgezogen mit ſeiner Familie, in tiefſter Einſam⸗ keit an einem äußerſten Ende von Paris. Dorthin drang nicht das Getöſe der Kriege, Triumphe, Niederlagen, ver⸗ änderter, geſtürzter und wiedererhobener Monarchien; das Alles erſchien uns wie eine große Stadt in Flammen, de⸗ ren entferntes Lärmen den Eremiten in ſeinem Felſen er⸗ weckt. Ich war mehr mit Deutſchland(TAllemagne) von Frau von Staöl, ein Buch, das zu der Zeit erſchien, be⸗ ſchäftigt, als mit allen Verſchwörungen Eucopa's. Meine Studien waren beendet; mein Vate, den Zuſtand der ci⸗ viliſirten Welt und vorzüglich Frankreichs richtig beurthei⸗ lend, ſah in demſelben ur ſchwankende Glücksumſtände, ungewiſſe Stellungen⸗ drohende Zukunft, Wolken und Blitze, und Kronen eben ſo wankend, wie die Hütte des Bauern auf den Alpey, wenn der Sturm brauſt. Ich wollte es nicht glausen; die Weisheit ſeines Alters war prophetiſch! Er dachte wie Rouſſeau, daß die einzige Quelle des Muͤnnes in ihm ſelbſt iſt, daß die ſorgſamſte Erziehung ihm zu Nichts nützen kann, und daß in dieſem Abſchnitt der Entſcheidung und allgemeinen Umwälzung Jeder, ſelbſt der Reichſte, durch den Schweiß ſeiner Stirn ſein Brot muß verdienen können. Das war eine richtige Anſicht der Geſellſchaft; ich hielt ſie für übertrieben. Ich täuſchte mich; man betrachte jetzt die Welt, und ſage, ob er Recht hatte. Dieſes allgemeine Erzittern, dieſe unter unſeren Füßen wankende Erde, unſere Schrecken, unſere Bewegun⸗ gen rechtfertigen ihn. Er rieth mir, eine rein wiſſenſchaft⸗ 137 liche, von zarter Kindheit an begonnene und mit Eifer be⸗ triebene Erziehung durch die Erlernung eines Handwerks zu enden. Man ſtelle ſich die Pein eines eitlen Kindes vor, das die Klaſſen verläßt, das für griechiſche Ueber⸗ ſetzungen und rethoriſche Declamationen Preiſe erhalten hat, das den Rouſſeau lieſt, das ſich einbildet, ein Den⸗ ker zu ſein, das durch alle Poren dieſe fieberhafte Erzie⸗ hung unſerer Romane der Philoſophie und romanhaften Philoſophie athmet. Handwerker! welch ein Titel! welche Erniedrigung! welche Entſagung! Kindlicher und unbe⸗ dingter Gehorſam beugte meinen Willen dieſem guten, väterlichen Wunſche, der, bei der Lage, in welcher ſich unſere Familie befand, für überſpannt gelten konnte und nur Ausdruck der Vernunft war. Ich hielt mich für ei⸗ nen Helden, der ich traurig zwar, aber ohne Murren die beſte Gewährleiſtung annahm, die der Mann den Angrif⸗ fen gegen Leben und Glück entgegenſetzen kann; da ich aus einem Schüler, der ein nutzloſes Thema behandeln kann, ein nützlicher Setzer der Buchdruckerkunſt wurde. Es gab damals zu Paris eine in ihrer Art einzige Buchdruckerei. In der zweiten Etage eines finſtern Hau⸗ ſes, in der Straße Dauphine, dort, wo jetzt der Durch⸗ gang dieſes Namens iſt, fand man drei unvollſtändige, ver⸗ bannte und verheimlichte Schriftkaſten. Kein Arbeiter, der dieſen bleiernen Geſtalten Bewegung gab, um ſie in Ge⸗ danken zu verwandeln! Der Beſitzer war arm; wie lebte er? ich weiß es nicht! Er druckte ſelbſt nicht Kalender. 138 Dennoch beſtand er, und ſeine müßigen Preſſen und be⸗ ſtaubten Schriftkaſten beengten unnütz das Zimmer ihres Beſitzers. Ich glaube, daß die Polizei dieß Haus unter beſonderer Aufſicht hatte, was mein Vater nicht wußte. Er ſah in der Einſamkeit dieſer Werkſtatt nur ein herr⸗ liches Mittel, meine Jugend wider die Anſteckung des Bei⸗ ſpiels zu bewahren. Ohne unter Handwerkern zu leben, wurde ich ein ſolcher, und lernte ohne Gefahr. Mein Va⸗ ter wählte zu meinem Lehrer den armen Beſitzer einer ver⸗ dorbenen Druckerei. Drei Monate ging ich regelmäßig von 8 bis 3 Uhr in die verlaſſene Werkſtatt. Dort war ich allein und träumte; oft verfolgte mich Langeweile; der Unterricht des Lehrers war ſelten, und wenn das Handhaben der Buchſtaben und ihr Setzen in das ſie vereinende Inſtrument meine Finger ermüdet hatte, nahm ich ein Buch. Wer nie das Unangenehme körperlicher Ar⸗ beit empfunden hat, begreift das Anziehende des Leſens nicht. Man hat mit dem plumpen Elemente, mit Blei, Erde oder Holz zu thun gehabt, blinde Kräfte, die nur paſſiven Widerſtand leiſten und ein maſchinenmäßiges Re⸗ ſultat geben, das Einſicht wohl formen, nie aber beleben kann. Aber dort iſt der Gedanke; der leuchtende, thätige, unendliche, durchdringende, nicht zu begrenzende, unbän⸗ dige, unzerbrechliche, durch nie verlöſchende Fruchtbarkeit erzeugte Gedanke. Es ſetzt mich nicht in Erſtaunen, daß große Männer im Schooße der Gewerke erzeugt ſind; für die, welche nur in Sälen gelebt haben, wird Einſicht ein 139 Spiel, ein Schmuck, eine Erholung; dem aber, der den Pflug geleitet oder die Feile geführt hat, wird Erkenntniß zur Leidenſchaft, Kraft, Schönheit, Verehrung, göttlichen Liebe. Aus der Bude, aus dem Laden, aus der Werkſtatt oder Gerichtsſtube(Magazin von Schriften ohne Gedanken) trat die Mehrzahl der großen Geiſter hervor; Molière in dem Laden eines Tapezierers; Burns bei einem Meierz; Shakspeare, Sohn eines Handſchuhhändlers, ehedem Flei⸗ ſcher; Rouſſeau verfertigte das Räderwerk ſeines Vaters. Lange im Kampf mit der phyſiſchen Natur, flohen ſie alle, glücklich und begeiſtert, unter die freie Herrſchaft des Gedankens. Selbſt ein kleiner Geiſt wird ſich ſchwer in die mechaniſche Lehrjahre zwängen. Wenn je ſich die große Umwälzung, die Herrin der Welt, bis auf die Kunſt aus⸗ dehnt, den Menſchen zu ſchaffen, ſo zweifele ich nicht, daß der gute Volksſinn ſiegen und der wichtige Theil jeder Er⸗ ziehung, ſelbſt für Reiche und Mächtige, die Wahl einer Lehrzeit, das ernſte Studium der phyſiſchen Natur und der Verſuch eines Handwerks ſein wird. Keiner dieſer Gedanken kam mir damals in den Sinn. Ich verließ die Klaſſe; ich mußte Trauerſpiele dichten, zärt⸗ lichen Träumen folgen und Geßner leſen. Ich ſtrebte eif⸗ rig meinem Ziele zu; mit welcher Luſt kehrte ich zu den faden Schäfergedichten des Salomon Geßner zurück, deren bleiche Moral mir die Grenze des guten Geſchmacks und des Glanzes zu ſein ſchien! O! Schäferinnen der Idyllen, Chloé, Daphne, Leucothoé, wie reizend erſchient ihr mir 140 in dieſem düſteren und traurigen Saale, leer von Men⸗ ſchen, und nur von Spinnen bewohnt, mit kleinen Fen⸗ ſtern und kleinen Scheiben, der ich nur den Mißton der Orgel, in der Tiefe brüllend, in der Höhe ſchreiend, hörte, das ferne Raſſeln der Wagen, das Klagen eines Epilepti⸗ ſchen, der in der Nebenſtube täglich ſeinen gräßlichen To⸗ deskampf erneute, und endlich das aus einem im unteren Theile des Hauſes gelegenen Spielſaale herauftönende Ge⸗ murmel. Dieſer Spielſaal beſchäftigte mich viel; ich ſah alte Frauen mit grünem Pompadour um 3 Uhr Nachmit⸗ tags dort eintreten, und den folgenden Morgen um 10 Uhr ihn wieder verlaſſen; ſie hatten dort die Nacht zugebracht. Eines Mittags hörte ich dort einen Piſtolenſchuß; ich ſehe noch die Stube mit grünen Tapeten, in deren Inneres mein neugieriger Blick durch die rothen Vorhänge, die die⸗ ſes Gemach verbargen, zu dringen ſuchte. Am Abende eines Sonnabend ließ ich auf dem Schrift⸗ kaſten, nachdem ich angefangen hatte, in ſchönen Hexame⸗ tern mit Reimen den Roman von Daphnis zu überſetzen, dieß Buch liegen, dem ich ſo viel Glück verdankte, und das jetzt wieder zu leſen mich aller Reiz der Erinnerung nicht bewegen kann. Den folgenden Tag mußte mein Va⸗ ter mich auf's Land— fünf Meilen von Paris— füh⸗ ren. Der erſte Strahl des Frühlings, das erſte Lächeln der Sonne, das erſte Wehen balſamiſcher Lüfte erwartete mich; ich wollte ohne Geßner nicht abreiſen, und war um 7 Uhr Morgens in der Druckerei. Ein anderer Beweg⸗ 14¹ grund kam noch zu meiner Liebe für Geßner; die Frau meines Lehrers war arm und krank; ihr Sohn war das Opfer des ſchrecklichſten Gebrechens der Natur, der Epilep⸗ ſie; ihr Mann das des ſchreckhafteſten der Geſellſchaft, des Elends: das Innere dieſes Hauſes war kläglich; alle Sorg⸗ loſigkeit und Täuſchung eines Alters von 15 Jahren war nöthig, um in dieß Haus Idyllen zu bringen und die Dich⸗ tungen einer Schäfer⸗Mythologie mit den ſchmerzhaften Erfolgen der Gewiſſensangſt, Verfeinerung, Krankheit und Revolutionen zu vereinen. Ich ſollte im Auftrage meiner Mutter der kranken Frau Unterſtützung bringen; es waren friſche Eier und in einem Korb wohl verwahrte Lebensmit⸗ tel; ſie ſollten, vereint mit den Hirtengedichten, mir die Thüren des Kerkers öffnen. Aller dieſer kindlichen, gering⸗ fügigen Umſtände mußte ich erwähnen, um zu zeigen, wie ich durch ihre Verkettung, meiner Jugend und Geringfü⸗ gigkeit ungeachtet, in die Gewölbe der Conciergerie kam. Als ich anlangte, ſtanden 2 Männer am Fuß der dunk⸗ len Treppe, die in ſchneckenförmiger Linie zur Wohnung des Lehrers führte, und betrachteten mich neugierig for⸗ ſchend. Ich ſchenkte dieſen Schildwachen keine Aufmerk⸗ ſamkeit und ging, nachdem ich meine Lebensmittel auf den Tiſch in einem kleinen Vorzimmer geſetzt hatte, in die Werkſtatt. Ich kehrte, mein Buch in der Hand, zurück und ſah durch die offene Thür einen Mann, deſſen Bruſt eine weiße Schärpe zierte, und der ſich mit ſorgloſer und gelangweilter Miene auf einen Kamin ſtützte. Ich trat in 142 die Wohnung des Druckers ein; ich wollte wiſſen, wie ſich die arme Frau befinde. Ich argwöhnte Nichts. Später lehrte mich dieſe weiße Schärpe, mit wem ich zu thun hatte. Kaum war ich im Zimmer, als zwei Männer ſich meiner bemächtigten; man durchſuchte mich; ich kann nicht ſagen, mit welcher unzarten Genauigkeit dieſe Durchſuchun⸗ gen ausgeführt wurden; ich war ſtumm und ſtarr vor Er⸗ ſtaunen. Das unbewegliche und durchdringende Auge des Polizei⸗Gehülfen ruhte auf mir; eine Brieftaſche, in der ſich der Plan eines Trauerſpiels und die Hoffnung meiner unſterblichkeit befand, wurde ſorgſam eingepackt, verſiegelt und bezeichnet. Man fragte mich nach meinem Namen, Alter und Stand; man ſchrieb dieſe ſonderbaren Einzeln⸗ heiten nieder, und ohne mir zu ſagen, was man mit mir beginne und von mir erfahren wollte, befahl man mir, zweien dieſer Herren, ſchwarz gekleidet, mit ſchwarzen Hals⸗ binden ohne Hemdkragen und mit einem Stocke bewaff⸗ net, zu folgen. Sie führten mich nach der Polizei. Die Ehrenmänner, die mich geleiteten, waren höflich wie die Gerichtsboten auf dem Theater. Zu der Katzen⸗ und Tiger⸗Lieblichkeit, die faſt alle Gewerbe, welche gewohnt ſind, von den Leiden der Menſchen zu leben, bezeichnet, kam, glaube ich, einiges Erbarmen für mein Alter und die unſchuld meiner Fragen. Während wir über die Pont⸗ Neuf gingen, ſuchten ſie mich zu beruhigen und zu tröſten. Die Frauen, deren Gefühl jedes Leiden erräth, betrachteten mich mitleidig. Auf meine Fragen antworteten ſie mir, 1 143 daß dieß nur Form ſei, daß ich bald meiner Familie zurück⸗ gegeben werde, daß der Zufall, der mich zu dem eines politiſchen Verbrechens angeklagten Drucker geführt habe, kein hinreichender Grund des Verdachtes, noch weniger der Gefangenſchaft ſei: kurz ſie ließen mich glauben, daß ich am Abend meine arme Mutter wiederſehen werde, und ich trat ohne Furcht in das Gebäude, welches man„die Po⸗ lizei“ nennt. Dieſes große und ſchöne Collegium, dieſe Zierde von Paris, man hat nichts vergeſſen, um es zu er⸗ niedrigen. Statt ihm einen ſeiner würdigen Pallaſt zu weihen, hat man ihn in eine Gaſſe gedrängt. Ich zweifle nicht, daß die Verfeinerung am Ende nicht auch dieſen dummen Fehler verbeſſern und ſchützenden und wohlthäti⸗ gen Verrichtungen ihre erloſchene Ehre, ihre wahre Be⸗ ſtimmung wiedergeben werde. Beiläufig geſagt: die Wahl des neuen Präfekten(Herr Saulnier), eines Mannes von klarem, hohem Verſtande, und in politiſcher Oekonomie fruchtbaren und geſunden Anſichten, ſcheint große Aende⸗ rungen dieſer verabſcheuungswerthen Gründung herbei zu führen. Ich ſah die Büreaus in der Ferne und erſtieg einige Treppen; meine Prieſter verließen mich; man faßte mich bei den Schultern, und ich befand mich in einem läng⸗ lichen Saale, deſſen Luft mich erſtickte. Ich war an ein einfaches, aber glänzendes Leben ge⸗ wöhnt; ich blickte um mich her; halb nackte Männer; Lum⸗ pen, die Weiber mit rothem Teint und unzüchtigem Blicke bedeckten; die Art Leute, welchen man in Paris begegnet 7** 144 und die Tabagieen und ſchlechte Orte erſpähen; Bauern in Blouſen, die Arme gekreuzt und auf der Erde ausgeſtreckt; Raucher, mit ſchmierigen Karten auf den Fenſtern Piquet ſpielend; eine dicke und faule Atmosphäre, deren empören⸗ den Geruch ein in dem Saale ſelbſt befindliches, gehei⸗ mes Kabinet noch vermehrte; ein Feldbett, auf dem neben einander Elend, Völlerei, Laſter, Unglück und Verbrechen wimmelten, das war der unter dem Schutz des heiligen Martin ſtehende Saal. Dort vernichtete jene grauſame Politik meine Jugend ohne Mitleid, ohne Gewiſſensbiſſe, ohne den Schein einer Anklage, eines Beweiſes. Ich ſchwamm in Thränen; ich ſetzte mich in den Winkel eines Fenſterbogens. Die geheime Sprache der Diebe ließ mich nicht verſtehen, was man ſagte; das widrige Lachen der Verbrecher, die Geberden der Ausſchweifung, eine weibiſche Wildheit, der auszeichnende Charakter des Laſters in großen Städten, befremdete mein von Thränen feuchtes Auge: die abgezehrten Geſtalten, voll Luſt, mit funkelndem Auge und gerunzelter Stirne, ſahen mir unter die Naſe und ſpotte⸗ ten meines zarten und ſchwachen Aeußeren, meines ſinnen⸗ den Schmerzes und der Dumpfheit, die ſich meiner bemäch⸗ tigt hatte. Ein zitternder Greis kam zu mir; er konnte kaum reden, ſeine abgelebten, halb geöffneten Lippen, ſein Haupt, dem die letzten weißen Haare entfallen waren, ſein zahnloſer und zitternder Mund waren ſchrecklich zu ſehen. Es war ein alter Advokat, den man Tags zuvor verhaftet hatte, weil er der Mitverſchwörung angeklagt war. In 145 ſeiner Schwachheit ſah man Spuren feinen Anſtandes; aber ſeine verwirrten Gedanken, ſeine Stimme ohne Kraft und Betonung, erlaubten mir nicht, die lange Rede, die er mir hielt, zu verſtehen. Ich errieth nur, daß uns die⸗ ſelben Beweggründe, ihn am Rande des Grabes, mich an die Schwelle des Lebens, an dieſen Ort der Cehanbe⸗ in dieſe Kerkerhölle geführt hatten. unter den, in dem Parallellogramm des Polizei⸗ Saales eingezwängten Unglücklichen, deren ſechszig Geſichter meinem Gedächtniſſe noch vorſchweben, bemerkte ich eines, das in⸗ tereſſanteſte, das auffallendſte von allen; es war das eines Schwärmers. Man ſah ihn dort niedergeworfen, wie wenn er ſich von einem Roman Walter Scott's losgeriſſen hätte, um in die Straße Jérusalem nieder zu ſteigen und ſeine poetiſchen Schattirungen mit dem Kehricht der Geſellſchaft zu vereinen. Eine lange und bleiche Geſtalt, ein begeiſter⸗ tes Auge, langes, ſchwarzes, natürlich gelockies Haar, keine Halsbinde, ſchnelles, bizarres und unzuſammenhängendes Re⸗ den erregten Aufmerkſamkeit. Er predigte denen, die ihn umgaben und ihn hörend, ich weiß nicht, welcher chriſt⸗ lichen Ketzerei, fluchten, über die Wievergeburt der Geſell⸗ ſchaft.— Seine Geſchichte iſt mir entfallen; er war thä⸗ tig in dieſer Geſellſchaft; ein Ausdruck begeiſterter Narr⸗ heit miſchte ſich auf ſeinem Geſichte mit dieſer Abſpannung der Züge und Zartheit der körperlichen Theile, welche ge⸗ wöhnlich uͤnregelmäßige Lebensart hervorbringt; man hatte ihn an einer Straßenecke ergriffen, während er dem Volk 146 predigte; ich weiß nicht, was man ſpäter mit ihm ge⸗ macht hat. Ungeziefer bedeckte das Feldbett; ich verbrachte die Nacht auf einem Stuhl in der Fenſterecke. Am folgenden Tage reichte der Kerkermeiſter den Be⸗ wohnern des Saales ſchwarzes Brot und einen hölzernen Krug; ich bat, meiner kranken und leidenden Mutter ſchrei⸗ ben zu dürfen, der zärtlichſten Mutter, die keine Nachricht⸗ von mir hatte. Man erlaubte es nicht; welche Grauſam⸗ keit! Welcher Haß muß ſelbſt das ruhigſte Herz und den beſonnenſten Geiſt gegen eine ſo barbariſche Civiliſation waffnen! In der Blüthe der Jahre, und ohne auch nur durch die geringſte unbeſonnenheit dem Anfall des Unge⸗ heuers, das man mit dem Namen Inquiſition der Polizei belegt, Anlaß gegeben zu haben, wurde ich dort eingeker⸗ kert mit dem letzten Hefen der Völlerei und des Laſters; meine ſchuldloſe und arbeitſame Jugend wurde in dieſe Goſſe verſenkt, wie wenn ein reiner Waſſerſtrahl in eine ver⸗ peſtete Fontaine fällt; alle Berührung mit der Welt war mir plötzlich abgeſchnitten; kein Verhör; kein Spruch; keine Art von Prozeß! Die Ausſage eines Polizei⸗Gehül⸗ fen hatte mir dieß ſchmutzige Grab geöffnet und über mir geſchloſſen; meine Eltern ſuchten mich; meine Mutter be⸗ weinte meinen Verluſt; man konnte mit mir machen, was man wollte; keine Zuflucht gegen den gehäſſigen Willen einer adminiſtrativen Behörde, deren finſteres Räderwerk, deren geheime Hebel, ohne daß die Stadt davon benachrich⸗ 147 tigt wird, ohne daß Gerechtigkeit oder Mitleid Einſpruch thun können, treffen, entführen und ohne Geräuſch ver⸗ nichten. Drei ſo verlebte Tage, der traurige Gedanke an meine Mutter, tödtliche Unruhe und die Unmöglichkeit, mit außer⸗ halb zu verkehren, gaben mir das Fieber. Der Kerkermei⸗ ſter erhielt für mich die Erlaubniß zu ſchreiben; ich fertigte zwei Briefe, den einen für meine Mutter, den anderen für den Präfekten der Polizei an; ſie wurden, nach den Geſetzen dieſes Ortes, unverſiegelt fortgeſchickt, und am Abende er⸗ hielt ich einige Worte von meiner Mutter und einen Ring, den ich nie verlaſſen werde. Am folgenden Tage um 11 Uhr ertönte mein Name an dem Gitter der Pforte; ich wurde verhört. Nach drei ohne Schlaf verbrachten Tagen und vertieft in Erſtaunen und leicht zu begreifenden Schmerz, war mein ganzes Nervenſyſtem heftig erregt. Uns fehlte Waſſer in die⸗ ſem Saal für verhaftete Menſchen. Meine Kleider waren unrein, meine Wäſche ſchmutzig, ein hitziges Fieber verzehrte mich. Der Mann, der dieſen wartenden Gefangenen Brot und Waſſer gab, überlieferte mich zweien Gendarmen: von Flur zu Flur, von Krümmung zu Krümmung gelangten wir zu der in einer unteren Stube gelegenen Kanzellei. Ich hörte einen Schrei: meine Mutter hatte ihr Bett verlaſ⸗ ſen; ſie hatte die Erlaubniß erhalten, mich einen Augen⸗ blick umarmen zu dürfen. Sie war dort, ihre Umarmung war ſprachlos; ſie betrachtete mich, und ihr Blick ſagte mir, 148 wie ſehr ich mich verändert hatte; ihre Bläſſe und ihre Thränen verurſachten mir einen Schmerz, den ich nicht auszudrücken vermag. Seit langer Zeit war ſie von den Aerzten aufgegeben. Durch die Stürme unſerer Zeit er⸗ griffen, hatte ſie ihren erſten Mann auf dem Schaffot ſter⸗ ben ſehen. Corviſar hatte ihr geſagt, daß heftige Bewe⸗ gungen ſie tödten würden, und ſie lebte nur noch durch Kunſt. Die Nachſicht der Polizei ging nicht weiter; man befahl meiner Mutter, ſich zurück zu ziehen, und trug ſie fort. Vor einem Büreau mit ſorgſam elaſſifieirten und nu⸗ merirten Fächern ſtand ein Mann, deſſen Namen ich nicht erfragt habe. Seine Geſtalt war klein und unterſetzt, ſchwarz und zuſammengezogen, dick und knochigt; ſeine Stirn flach mit großen Brauen, ſein Auge ſchielend, ſeine Schultern breit und ſein Blick der eines Inquiſitors. Ich ſtand vor dieſem Manne, der das Verhör begann. Möge er, wenn er an Gott glaubt und eines Tages vor dem Ewigen er⸗ ſcheint, einen nicht wie er grauſamen Richter finden! „Herr,“ ſagte plötzlich dieſer Mann,„ſie gehören zu einem Geſchlecht, das erſtickt werden muß; Natterngezücht, man wird Frankreich nur den Frieden geben, wenn man es vernichtet.“ Ich war über dieſe Worte empört, und alle meine Ruhe und Vernunft hervorrufend, antwortete ich:„Aber, mein Herr, ich glaubte, Sie wollten mich über Thatſachen be⸗ fragen, und ich höre nur Beleidigungen.“. 149 Der kleine Mann, den meine zerriſſene Kleidung, meine Jugend und mein kränkliches Aeußere in ſeiner Beleidigung ermuthigt hatten, ſprang von ſeinem mit ſchwarzem Le⸗ der überzogenen Lehnſtuhl auf, und rief, ſich in ſeiner gan⸗ zen Kleinheit erhebend, und ſeine geballten Fäuſte auf das Büreau ſtemmend, aus: „Sie wollen mich lehren, was ich zu thun habe. Das ſoll ſich zeigen, Herr!“— Ich habe keines ſeiner Worte vergeſſen. Kalt erwiederte ich:„Ich begnüge mich, mein Herr, Sie zu erinnern, daß Sie nicht mit einem Schuldigen, nicht einmal mit einem Angeklagten zu thun haben, ſon⸗ dern mit einem ſchuldloſen jungen Menſchen, der nicht weiß, warum er hier iſt, mit welchem Rechte man ihn hierher führte, und unter welchem Vorwand man ihn zurückhält.“ „Das iſt es,“ fuhr der Frager, der ſich wieder geſetzt hatte, fort,„Sie waren der Redner. Sie gehören, man ſieht es leicht, zu der freiſinnigen Jugend.— Schreiber, be⸗ merkt alles, was der Herr geſagt hat.“ Sich immer mehr in ſeinem Harniſch ereifernd, indem die Ruhe meiner Antworten ſeinen albernen Zorn ver⸗ mehrte, und da er über den Gegenſtand, deſſen Spur er ſuchte, keine Anzeige von mir(der ich entfernt von jeder Verſchwörung war) erlangen konnte, öffnete dieſer Men⸗ ſchenjäger, den meine augenſcheinliche Unſchuld in Wuth ſetzte, meine conſiseirte Brieftaſche, erläuterte die erſten Verſe des von mir entworfenen Wilhelm Tell, ma hte die 150 erſte Strophe, ich weiß nicht welches ſchlechten Freiheits⸗ geſanges, der ſich mit Bleiſtift aufgezeichnet fand, wider mich geltend, und befragte mich über meine geheimen Ab⸗ ſichten, Ideen und Theorien; er trug Sorge, etwas aus meinen Antworten zu entnehmen, und mich wenigſtens meiner Reden zu beſchuldigen, da ihm Thatſachen fehlten. Der Mann fragte mich, ob ich die jetzt herrſchende Dy⸗ naſtie liebe; ich ſchwieg einen Augenblick, und ſagte ihm dann: 3 „Ich weiß nicht, mein Herr, ob ich irgend eine Re⸗ gierung liebe; ich verlaſſe mein Collegium, und weiß auf Fragen der Theorie oder der perſönlichen Anhänglichkeit Nichts zu erwiedern. Die Art dieſes Verhörs überſchrei⸗ tet, meiner Anſicht nach, die Veryflichtungen, deren Sie ſich ſo gut entledigen. Was die in meiner Brieftaſche be⸗ findlichen Verſe anlangt, ſo ſind es Bruchſtücke des Trauer⸗ ſpiels, das ich bei dem Ausſchuß des Odéons leſen ſoll; ſie haben keine Beziehung zu der Polizei, und Sie wür⸗ den gerecht handeln, wenn Sie mich meiner Familie, der man mich unter ſo kindiſchem Vorwande entriſſen hat, wiedergeben.“ „Schwätzer! wißt Ihr, daß, wenn ich es will, ich Euch in die Tiefe eines Kerkers(cul de basse-fosse) werfen kann?!! Ich fügte weder den Fragen, noch den Antworten et⸗ was hinzu, aus denen dieſer Auftritt beſtand, entehrend für den höheren, mit meinem Verhör beauftragten Beam⸗ ten. 1 151 ten. Es lag ſo viel Gemeinheit in ſeinem Zorn; ich habe mich oft geftagt, warum dieſer Menſch ſich demſelben ge⸗ gen eine Perſon hingab, die ſo ganz ohne Vertheidigung war. Zuerſt ſollte er den Verfaſſer einer angeblichen Pro⸗ elamation der Marie Louiſe erforſchen, und nach drei Ta⸗ gen vergeblichen Fragens wurde er unwillig über die Frucht⸗ loſigkeit ſeiner Bemühungen. Er hielt mich, meinem Aeu⸗ ßeren nach, für ein Kind der niedern Volksklaſſe; der Po⸗ lizei⸗Gehülfe hatte mich als Handwerker bezeichnet; er ließ mich ſtehen, und wollte mich durch ſeine kleine Macht vernichten.„O!“ ſagt Shakespeare irgendwo,„laßt die⸗ ſen Jupiters zweiten Ranges einen Augenblick den Blitz, unnd Ihr werdet ſehen, wie ſie ihn ohne Mitleid gebrau⸗ chen!“ Das Stolze und logiſch Richtige meiner Antwor⸗ ten mißfiel ihm, und verſetzte ihn in Zorn. Als ſeine Wuth ihren Gipfel erreicht hatte, befahl er mir ein Blatt Papier zu unterzeichnen, auf dem man nicht Alles, was ich ſagte, aber das Weſentliche meiner Antworten nieder⸗ geſchrieben hatte, und auf ein Zeichen dieſes Herrn führte mich der Gendarme fort. Ich wurde in eine Stube gebracht, in welcher ſich ein Offizier, ungefähr vierzig Jahre alt und das Ehrenkreuz tragend, befand. Es war ein der Verſchwörung beſchul⸗ digter Oberſt. Er betrachtete mich traurig, und reichte mir die Hand. „Ah!“ ſagte er,„man klagt Sie auch an, ſich ver⸗ ſchworen zu haben. Wie alt ſind Sie, junger Mann?“ I. 8 152 „Sechszehn Jahre.“ Der Oberſt warf ſich auf ein Bett, und blieb lange ſchweigend auf demſelben. Am Abend führten mich zwei Gendarmen fort; ſie befahlen mir in einen Fiacker zu ſteigen, und nahmen ne⸗ ben mir Platz. Der Wagen hielt vor dem Palais de Ju- stice(Gerichtshof) ſtill. Dort iſt die Conciergerie! Nahe der breiten Treppe, deren Stufen zum Juſtizpallaſte füh⸗ ren, entdeckt man in einem Winkel zur Rechten, in der Erde verſenkt, durch ein doppeltes Gitter verſteckt und von dem Gebäude, welches es überragt, erdrückt, das unterirdi⸗ ſche Gewölbe, von dem ich rede. Das Gevicht aller Ge⸗ bäude erſtickt daſſelbe, wie im Gefängniß die Schuldloſen oder Schuldigen verſchmachten. Iſt es ein Gefängniß, ein Senkloch, ein Keller? Man kann es nicht unterſcheiden, ſo verliert ſich unter den Vorſprüngen der ſie umgebenden Bauten die kleine, niedrige, enge und ſchwarze Thür des Kerkers. Vor derſelben ſteht der Höllenwächter; zur Lin⸗ ken iſt das Verzeichniß der Gefangenen; vor Euch brennt die düſtere Lampe, deren blutiger Schein allein dieſen Gra⸗ beszugang erleuchtet. Man hat, ich wiederhole es, dieß Alles geändert. Das älteſte Gefängniß in Frankreich glich noch 1815 den qualvollen Kerkern der Lehnszeit. Ich trat, einen Gendarmen vor mir und von einem gefolgt, ein. Mein erſter Gedanke war ein Gedanke des Todes und des Grabes. In der Folge(ich will die Sünde eines kin⸗ diſchen Stolzes geſtehen) gab dieſe neue Ungerechtigkeit mir 153 Muth, und ich fand, daß dieſe Menſchen, die ſich erniedrig⸗ ten, meine Kindheit zu fürchten und mich in ihre Keller zu werfen, mich zu der frühzeitigen Würde eines Mannes und Märtyrers erhoben. Das Gefühl der reinen und zärtlichen Abſichten, in Folge derer der Polizei⸗Gehülfe mich verhaf⸗ tet hatte, die Ueberzeugung meiner Unſchuld, der Abſcheu, den dieſe grauſame Dummheit mir einflößte, vielleicht auch das ſonderbare Vergnügen, in einem ſo frühen Abſchnitt des Lebens alles das zu erfahren, was das Leben Verwun⸗ dendes und Bitteres hat, begeiſterten mich auf eine eigene Art; ich fühlte, daß ich mit dem größten Schmerze ver⸗ traut ſein und die Welt nichts Grauſames mehr für mich haben würde; ich warf ihr den Kampfhandſchuh hin; ſie hob ihn auf. Man ſchrieb meinen Namen in's Regiſter; es war un⸗ edel, ſchrecklich; es war eine phyſiſche Handlung, eine Kette, die man ſchließt, eine Kugel, mit der man bela⸗ ſtet wird; durch den Gegenſatz der Kraft zur Schwäche gehört man dem Gefängniſſe an; man iſt dem Hüter verfallen, ſein Spielzeug, ſein Hausrath. Man ſinkt vom Menſchen zu einem gefühlloſen und unvernünftigen Ge⸗ ſchöpfe herab, das eingetheilt, eingeſperrt und wie ein aus dem Walde gegrabener und in die Holzkammer ge⸗ ſetzter Baumſtamm bezeichnet wird. Die Lampe der Vor⸗ halle warf ein ſchwaches und zweifelhaftes Licht auf die Gegenſtände; ich gewahrte die Lumpen eines Diebes, der mit mir auf der nämlichen Bank ſaß, und auch ſeine Ein⸗ . 8*ℳ. 154 zeichnung erwartete, und ein großer Menſch mit brauner Jacke ergriff meine Hand. Wir ſtiegen die Treppe hinab, wir durchgingen die Gallerien; der Wind blies feucht in dieſe dunkelen Gänge; mein Auge, an dieſe neue Welt nicht gewöhnt, ſah nur einzelne röthliche Sterne von Raum zu Raum leuchten: es waren die an der Wand befeſtigten Lampen. „Wir haben Befehle,“ ſagte mir der Führer;„es dauert mich, junger Mann, aber Sie ſind im secret(heim⸗ liches Gefängniß).“ „Was iſt das secret?“ „Ein Gemach, das Sie nicht verlaſſen, und in dem Sie Niemanden ſehen werden.“ Wir waren mehrere Gänge herabgeſtiegen; ein langer Flur mit Luftlöchern dehnte ſich vor uns aus; mehrere Gitter öffneten ſich uns, und ſielen gewichtig hinter uns wieder zu. Die dritte Thür des Flurs war die meines Kerkers; maſſiv von Eiſen und mit allen Riegeln verſe⸗ hen, die hier der Luxus erfordert. „Hier!“ ſagte der Kerkermeiſter, nachdem er zwei Eiſen⸗ ſtangen fortgehoben und drei Mal den ungeheuren Schlüſ⸗ ſel im Schloß gedreht hatte. Der Kerker war ungefähr acht Fuß lang, fünf Fuß breit und zwölf Fuß hoch; undurchdringliche Finſterniß; auf einer Seite tröpfelte Brackwaſſer von der Wand; auf der anderen war ein hölzerner Verſchlag; der Boden wie der eines Kellers; im Hintergrunde, zehn Fuß von der 155 Erde, der Thüre gegenüber, eine drei Fuß breite und einen Fuß hohe Oeffnung, die ein Stückchen blauen, glän⸗ zenden Himmels gewahren ließ; ein plumpes, eiſernes Git⸗ ter verſtopfte dieſe Satyre von Fenſter, und außerhalb vor dem Gitter war ein ſchräges hölzernes Dach. O! welche ſinnreiche Vorſichtsmaaßregeln! In einer Ecke zur Linken, der Thür gegenüber, bedeckten einige Bunde Stroh den Fuß⸗ boden; unter dem Fenſter ſtand ein Kübel, und links neben der Thüre ein anderer mit Waſſer gefüllt und ein hölzer⸗ ner Napf. Ich zitterte; es überlief mich kalt; ich hatte Furcht. Man ſperrte mich, in dieſem Alter, der ich kaum verdächtig war, in das Gefängniß des Verurtheilten, in ei⸗ nen, in jeder Art ſchrecklichen Kerker! Ich glaube an das Erbarmen der Kerkermeiſter, obgleich die Verfaſſer von Melodramen dieß Mittel gemißbraucht haben; ſie ſehen nur ſo ſelten des Mitleids würdige We⸗ ſen! Giebt ihnen der Zufall ein ſolches, ihre an das Lei⸗ den Anderer gewöhnte und der Verhärtung müde Seele ſchafft ſich die Freude des Mitgefühls, die ſeltene Erholung einer flüchtigen Liebe. Jacques beklagte mich und bediente mich gut. Seine hölzerne Geſtalt ſchien ſich zu erweichen und abzuſpannen, wenn ich mit ihm redete; ernwar gut gegen mich und hielt ſich oft 5 Minuten in meinem Ker⸗ ker auf. Dieſer Mann in brauner Jacke und den Gürtel mit Schlüſſeln behangen, war mitleidiger als der Verhörer, ein Mann von Welt, der in der Stadt aß, kurze, ſchwarz⸗ ſeidene Beinkleider trug und mit den Damen redete. 156 Die Drohung dieſes Herrn wurde erfüllt. Hier war der tiefe Kerker, den ſeine beleidigte Eigenliebe mir ver⸗ ſprochen hatte. Ich wußte damals nicht, welche Phanta⸗ ſie mit mir ſpielte, noch wie ich, bei einem Drucker ver⸗ haftet, auf die Polizei geführt und von einem Häſcher ver⸗ hört, die Behandlung aushielt, die Desrues und Mandrin erduldet hatten. Ich ſah in dieſer Reihe von Grauſamkei⸗ ten nur eine traurige Zauberei. Jetzt begreife ich wohl ihre Verkettung; ich begreife ſie, um ſie zu läſtern, nicht aus Rache oder Zorn, aber als Menſch, als Bürger, als durchdrungen von einem tiefen Groll— wenn ich dieß kräf⸗ tige Wort von unſeren Vorfahren entnehmen darf— gegen die Beleidigungen der Menſchheit, aus denen die Staats⸗Po⸗ lizei im Schooße einer Geſellſchaft, die ſich rechtlich nennt und frei ſein will, ein Amt macht. 19 Ich blieb dort; man brachte mir ein Brot, ein Brot des Gefängniſſes, das ſelbſt mein Hunger nicht anzubrechen wagte, ſo grob war es, ſo bitter, ſo widrig von Geruch und Geſchmack! „Wollen Sie die Piſtole?“ fragte mein Kerkermeiſter. Ich hatte meine Thränen getrocknet. Ich ließ mir er⸗ klären, was die Piſtole ſei. Für 100 Franken monatlich be⸗ kam man ein Bett, Weißbrot, Lebensmittel, einen Stuhl und einen Tiſch. Ich war nur unruhig über meine El⸗ tern; ich fragte Jacques, ob ich ihnen ſchreiben dürfe. „Ich werde Jemanden,“ ſagte er mir, zu Ihrer Mut⸗ 157 8 ter ſchicken, um ihr Nachricht zu geben; aber Sie dürfen weder Briefe ſchreiben noch empfangen.“ Ich gab Jacques zu verſtehen, daß mein Vater nicht anſtehen werde, die Piſtole für mich zu bezahlen und ihm erkenntlich für die Dienſte, die er mir leiſten könne, zu ſein. Ich bat ihn, meinen Eltern ſagen zu laſſen, daß meine Geſundheit gut und ich heiter ſei. Er ging, und als am Abend die nächtliche Ronde, das Schließen der Thü⸗ ren und die gewöhnlichen Verrichtungen ihn in meinen Kerker zurück führten, ſagte er mir, daß meine Mutter lange am Sprachgitter verweilt und ihm einige Früchte für mich gegeben habe. Der mütterliche Schmerz hatte ſein Herz erweicht; er brachte mir die Piſtole, einen wankenden, hölzernen Tiſch, einen Strohſtuhl, feuchte Betttücher und eine kleine graue Bettſtelle, die ich noch ſehe und auf de⸗ ren Lehne mit Bleiſtift die Worte ſtanden: von Labédoyère hat hier geruht, der...., das übrige war verwiſcht. X Nach einigen Tagen brachte man mir Bücher; ich durfte meinem Vater ſchreiben, aber die Brieſe nicht verſiegeln; mein Kerker erheiterte ſich; ich forderte alte Bücher zum Durchblättern; Mabillon, Sauval, Saint⸗Foix und alle Schriftſteller, die vor Dulaure die hiſtoriſchen Trümmer unſerer Stadt geſammelt haben; nicht einer unter ihnen “) Die punktirten Stellen(....) in dieſem Aufſatze finden ſich ebenfalls im franzoͤſiſchen Original. 158 hat ſeine Aufgabe als Dichter erfüllt; es iſt kläglich zu ſe⸗ hen, mit welcher Schreiber⸗Genauigkeit, mit welcher theo⸗ logiſchen Aengſtlichkeit ſie über alte Denkmäler reden, ohne je das wirkliche Leben erſtorbener Völker zu erfaſſen. Den⸗ noch machte es mir Vergnügen, aus ihren kalten Blättern Einiges über die alte Beſtimmung meiner Conciergerie zu entziffern. Die Conciergerie, der Pallaſt und die Altſtadt ſind der alte Mittelpunkt von Lutèce, das Herz von Paris. Von dort aus entſtanden alle Häuſer, die die Stadt vergrößert, die ſich in's Weite verbreitet haben; dort war die Liebe Juliens; von dieſem Mittelpunkt gingen die Strahlen aus, die in ihrem Fortſchritt ganze Dörfer vereinigten. Wie viel Thränen ſind in dieſem alten Gefängniſſe gefloſſen, ſeit der Zeit, da einige Schiffer die Inſel bewohnten, um die ſich ſo viele Palläſte gereiht haben! Wie viele menſch⸗ liche Schmerzen haben ſich in dieſem Gewölbe, an das ſich das ganze Entſtehen der Königsſtadt knüpft, zuſammenge⸗ funden! Dort ſind die älteſten Kerker Frankreichs. Seit die Altſtadt ſich bildet, öffnet ſich das Gefängniß; Lutèce hatte keine Wälle, es hatte Gefängniſſe; dieß war ein dunk⸗ ler Kerker, vielleicht die Stube ſelbſt, wo ich lebte; dieſer Ort war der Angſt geweiht und wurde ſpäter Conciergerie genannt. Fürwahr! eine ſchmerzliche Lehre: die Wiege der ganzen Geſellſchaft, der Ort, der die Zukunft eines Volkes einſchließt, der erſte Keir, die Wurzel einer großen Stadt, iſt ein Kerker! 159 Früher ſah man unter dem Schloßthurm der römiſchen Citadelle einen Keller, wo hinein die Schuldigen der Land⸗ ſtadt, ohne Prozeßform, durch die römiſchen Centurionen geworfen wurden; ſpäter erweiterte ſich dieß Gefängniß und wurde der unterirdiſche Thurmſaal, in dem die Häupter Frankreichs herrſchten. In dem Maaße wie der Pallaſt an Glanz gewann, vertiefte ſich der Kerker. Unter Robert II. erhob ſich ein Gebäude von ausgezeichneter Schönheit(ſagt Heligand), das heißt ein breiter, viereckiger Thurm mit Seitenbaſtionen, über den Gefängniſſen der Altſtadt. Fe⸗ ſtung, königliche Reſidenz und Gefängniß, das war die ganze Lehnsgeſellſchaft: phyſiſche Kraft, hierarchiſches Uebergewicht und militairiſche Macht. Das ſind die Lehren, die mir dieſe traurigen Keller gaben, und die ich durch die neblichte Atmosphäre entdeckte, in welche der Abbe Leboeuf, Sauval und die meiſten Alterthumsforſcher ihren weitſchweifigen Styl kleiden. Die Häupter des erſten Geſchlechts, ſo thö⸗ rigt von unſeren Schriftſtellern Könige genannt, Häupter wilder und bewaffneter Stämme, furchtſame Bewohner die⸗ ſer Feſtung, gingen vor mir vorüber; ich ſah ihren ſonder⸗ baren Hof, zuſammengeſetzt aus galliſchen Biſchöfen, Krie⸗ gern, die ihrem Glücke folgten, und in Sklaverei gefallenen Römern; dann, dem Laufe der Jahre folgend, kam ich zum heiligen Ludwig, der den Pallaſt neu erbaute, dort lange gothiſche Colonnaden erhob und die Küchen nicht vergaß; zu Philipp dem Schönen, der dem Beiſpiel ſeines Vorfahrs folgte und die königliche Herrſchaft noch vergrößerte. Dieſe 160 Lehn⸗Souveraine, hatten ſie nicht Recht, zum Sitz ihrer Souveränität das Herz der Stadt, das alte Paris in ſei⸗ nem Centralpunkte zu wählen; und kann der Pallaſt eines Königs von Frankreich eine beſſere Lage haben? Man denke ſich zu dem Platz der unregelmäßigen Häuſer und krum⸗ men Straßen der Altſtadt einen ſchattigen Garten, der zu einer glänzenden Wohnung führt; die Seine von allen Sei⸗ ten die Wurzeln der Bäume badend und den weißen Mar⸗ mor der breiten Treppen. Dort in dem Lutèce des Ju⸗ lius Cäſar, ſollte ein König von Frankreich ſeinen Thron haben; der Zufall aber, der mit Kronen ſpielt und die Laune der Herrſcher, die mehr als eine Dynaſtie vernichtet hat, haben anders entſchieden. Die Herren dieſes ſchönen Landes haben der Wohnung in ihrer Hauptſtadt die von Saint⸗Cloud, von Verſailles, von Marly und den Louvre, der lange außerhalb Paris lag, vorgezogen; ſie haben in der Altſtadt nur die großen Triebfedern jeder menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft: die Kirche, das Tribunal und den Kerker, ge⸗ laſſen. Dieſe Gedanken entwickelten ſich, oder vielmehr erſchie⸗ nen verwirrt in meinem jungen Kopfe während der langen Nächte und traurigen Tage, die einander folgten und alle gleich waren. In einem Kerker leſen und ſtudiren, das iſt eine unvergleichbare Wonne. Ich erbaute mir zur Uebung eine Conciergerie jeder Zeit; ausgeſtreckt auf dem unreinen Bette, das man mir bewilligt hatte, die Ellenbogen auf den ſchwarzen, wankenden Tiſch, der meine Bände trug, 161 geſtützt: ſo verſchlang ich die ſchwerfälligen Seiten des Abbe Lebveuf; den Paméla, dieſen traurigen Roman, in dem die Moral durch Scheinſittlichkeit ſchlüpfrig wird, das mangelhafte Werk eines geiſtreichen Mannes; den Arioſte, in dem eine liebe Hand das ſinnige Mittel, mir zu ſchrei⸗ ben, angewandt hatte, indem ſie von Seite zu Seite alle die Worte unterſtrich, die, in natürlicher Ordnung und mit Auslaſſung der nichtunterſtrichenen an einander gefügt, Sätze bildeten und einen nur mir bekannten Sinn gaben. Mein Auge gewöhnte ſich in drei Tagen an das ſchwache und geizige Licht, welches das Luftloch mir ſpendete. Die gelehrten Abhandlungen Sauval's lehrten mich, daß der Ort ſelbſt, den ich nicht verlaſſen durfte, der Luſtplatz der Könige und Königinnen geweſen war; daß zwei Mal eine Feuersbrunſt das Leben der Gefangenen und Wärter in Gefahr geſetzt hatte; daß das Eindringen des Waſſers der Seine den Grund dieſer Gebäude aller Zeiten, ſo ſonder⸗ bar zuſammengeſtellt und vereinigt, zu verderben drohe; daß die Sturmglocke des großen Thurmes die Saint-Barthelémy verkündigt habe. Alle dieſe auf einige Quadrat⸗Klafter bezüglichen Thatſachen, die an ſo verſchiedene Zeitabſchnitte erinnerten, erregten lebhaft meinen Geiſt. Ich ſah unſere ganze Geſchichte in einen Kerker concentrirt und zuſammen⸗ gedrängt. Wenn der traurige Schlag der Glocke ertönte, ſagte mir ihr Erzittern, das bis in meinen Kerker drang: „ich bin Zeitgenoſſinn Carls IX., ich habe die Schwärmer zum Blutbade gerufen; ich habe die letzte Stunde Ravail⸗ 162 lae's, Damiens und Montgomery's getönt; ich habe bei den thörigſten Vergnügungen und kläglichſten Executionen präſidirt; wenn man das Luſtſpiel um den großen Mar⸗ mortiſch ſpielte, gab ich zu dieſen Farcen, denen Könige beiwohnten, das Zeichen; wenn Ludwig XI. und Richelieu ihre Opfer zum Tode ſchickten, dann auch kam ich dem Henker zuvor, benachrichtigte das Volk und ließ das Tod⸗ tengeläute wiederhallen.“ Philipp von Comines, der ſcharf⸗ ſinnigſte und letzte Chroniker; Montgomery, der große che⸗ valereske Name; Ravaillae, Damiens, Marie⸗Antoinette, Labédoyère, Ney, ſo verſchiedene Opfer: welche blutige Bilder drängen ſich in dieſe Mauern! Fantome, die auf den eiſernen Angeln und bronzenen Riegeln der großen maſſiven Thüre vor mir erſchienen, während die in den Hof geführten Diebe ſchrieen, heulten und ihre Verwün⸗ ſchungen unter die ſtrengen Beſchwörungen oder Schimpf⸗ reden ihrer Hüter miſchten. Dieſes Schreien, das mein Nachdenken verwirrte, ſtellte das gemeine Laſter neben hiſto⸗ riſches Elend. Vielleicht hat ein Vatermörder in der Stube geruht, in welcher Ney entſchlief, und Desrues, der Ver⸗ gifter, war mit Comines und Marie⸗Antoinette deſſelben Kerkers Gefangener. Das Schauſpiel drängt ſich von ſelbſt in die Gedanken des Gefangenen. Aber hatte nicht auch ich meine ernſte und geheime Geſchichte: die Gemüthsbewegungen des jun⸗ gen Menſchen; ſeine düſtern, unerwarteten, unerhörten Be⸗ wegungen, mächtiger und durchdringender als die Geſchichte 163 und das Vergangene? Als zum erſten Male alle Gitter fie⸗ len, klirrten, zitterten und ihr dröhnendes Echo in lange Gewölbe verlängerten, ergriff mich ſchaurige Kälte; meine Abgeſchiedenheit trat mir gegenüber; ich war wie ein Todter, der plötzlich erwacht, um ſein Grab ſich ſchließen zu ſehen. Am folgenden Tage brachte man mir einen Napf mit Milch; ich konnte meine Thränen nicht zurückhalten; ich war ſo ferne von dem einſamen Mahle meiner Familie! Oft hörte ich dumpf einen Wagen halten, die Angeln. knarren, die Thüren rollen, die Riegel fallen; ein großer Lärm entſtand in dem Gefängniſſe; bald kehrte Alles zur Ruhe und zum Schweigen zurück. Man brachte neue Verhaftete. Mein Kerker lag unter einem Hofe, auf welchen die Fenſter oder vielmehr die Schießſcharten führten, die be⸗ ſtimmt waren, der Souricière(Mäuſefalle) etwas Licht und Luft zu geben. Die Souricidre iſt, glaube ich, ein vorläu⸗ figes Gefängniß, in das man pele-mele die Verbrecher einſperrt, indem man eine genauere Vertheilung ihrer Woh⸗ nungen abwartet. Die Souricière der Weiber war mei⸗ nem Kerker nahe genug, daß ein Theil der Worte, die ſie ſprachen, bis zu mir gelangte. Es waren mit rauher Stimme geſprochene Liebes⸗Lieder; Gottesläſterungen, von friſchen und ſanften Stimmen furchtbar wiederholt; Diebs⸗ und Mord⸗Erzählungen in der Diebsſprache; neue Roman⸗ zen, Barkarolen und Vaudevilles im Chor von den ver⸗ derbten Weibern geſungen und unterbrochen durch Paro⸗ dieen, Narrheiten, Verwünſchungen und Gelächter. Das 164 Traurige dieſer Seene war die ausgelaſſene Fröhlichkeit. — Dieſen Seelen, die in den Koth der Geſellſchaft ge⸗ wühlt haben und ſelbſt Koth geworden ſind, fehlte jede Art von Traurigkeit oder Gewiſſensvorwurf, jeder Gedanke an Moral oder Zukunft. Dieſer Gipfel menſchlicher Ver⸗ derbtheit ergriff mich mächtig. Ich war in kein Laſter ein⸗ geweiht geweſen, und das Verbrechen hatte ſich mir nur in der Geſchichte unter dem Schleier einer weiten Perſpektive gezeigt. Eine durch den Roman nur von Denken und Gei⸗ ſtesthätigkeit in Anſpruch genommene Kindheit hatte mich auf ſolche Entdeckungen nicht vorbereitet. Als ich einer dieſer Frauen die Melodie des Catruffo, Portrait char- mant etc.(entzückendes Bild) ſingen hörte, ſchloß ſich mein Herz; der Contraſt war zu ſtark, der Mißklang zu ſchreck⸗ lich. Es iſt mir unmöglich, dieſe Arie ſingen zu hören. Eines Tages war im Gefängniß mehr Leben wie ge⸗ wöhnlich; die Glocken tönten lange; ich hörte unregelmä⸗ ßige Schritte; ein Klirren von Bajonnetten ſetzte mich in Erſtaunen. Die an die meine grenzende Stube ging oft auf und zu. Ich hörte in derſelben weinen und ſchluchzen. Jacques war, als er mir ſeinen Beſuch machte, in Uni⸗ form gekleidet. Das Schluchzen in der benachbarten Stube wurde heftiger; die Weiber der Souricière ſangen unauf⸗ hörlich. Ich vernahm vom Wärter, daß ein zum Tode Verdammter in dem Neben⸗Kerker liege, daß der Tag der Hinrichtung gekommen, die Stunde nahe, dieſes Schluch⸗ zen das unförmliche und klägliche Geſtändniß des Unglück⸗ 165 lichen und der Prieſter dort ſei, daß der Verurtheilte, von Wein und Verzweiflung berauſcht, Abſolution empfange, und zwiſchen Tod und Leben er nur noch zehn Minuten habe. In der That ſetzten ſich alle Glocken in Bewegung; das Rollen der Räder erſchütterte den Boden des Gebäu⸗ des; das Murmeln entfernter Stimmen begleitete das Ge⸗ folge, und die Ruhe des Gefängniſſes folgte dieſem Tumult. Der Kerker ſiegte, wie man leicht denken kann, über ein Alter von 16 Jahren, und dieſe ſchrecklichen Scenen machten auf mich einen unauslöſchlichen Eindruck. Die Beraubung der Luft und der Bewegung, der Kummer, die nicht zu ſehen, die ich liebte, die feuchte Atmosphäre, in der ich lebte, machten mich krank. Ein Monat war ver⸗ gangen. Der Arzt des Gefängniſſes erbat für mich die Erlaubniß, auf dem Hofe ſpatzieren zu dürfen: ich wurde durch Jacques in einen länglichen Hof geführt, zehn bis zwölf Fuß tiefer als die angrenzenden Straßen gelegen, von hohen Gebäuden eingeſchloſſen, ganz mit Eiſen eingefaßt und durch Bruchſteine geharniſcht. Nackte und ſchmutzige Füße liefen auf dem feinen Sande; rauhe und harte Stim⸗ men fragten, wer ich ſein könne; Männer mit haarigen Armen umgaben mich; andere, im Hemde und nur mit gro⸗ ben grauleinenen Beinkleidern bekleidet, lagen ausgeſtreckt auf der Erde und ſpielten; einige arbeiteten kleine Stroh⸗ ſachen, deren Zartheit wunderbar iſt. Ich erkannte dort das Laſter, wie ich es in dem Saale Saint-Martin geſe⸗ hen hatte, aber noch ſcheußlicher. In dem Saal der Poli⸗ 166 zei hatte es eine Binde, ein Kleid, eine halb geſellſchaft⸗ liche Sprache und einige Gewohnheiten der Sitte bewahrt: hier zeigte es ſich in ſeiner ganzen Schönheit, in ſeiner gan⸗ zen Kraft. Sein einziger Dialeet war die Diebsſprache; eine ſchreckliche Verachtung aller Dinge und ihrer ſelbſt drückte ſich auf dieſen Geſichtern aus: eine glühende Begierde fun⸗ kelte in den Augen der Spieler. Der geſchmückten und wohlgeordneten Geſelligkeit zur Seite iſt hier eine aus Wil⸗ den beſtehend, die von der Verfeinerung alle Liſt, alle Quel⸗ len entlehnt haben, um ſie gegen dieſelbe ſelbſt anzuwenden. Dieſe Geſtalten, ihre Fragen, ihr Aeußeres, ihre Geſten, ihre unverſtandenen Worte erſchreckten mich mehr, als das Schaffot es gethan haben würde. 4 Man führte mich nur zwei Mal in dieſen Hof; mein dritter Spatziergang fand in einem zweiten, viel kleineren, länglichen Hofe ſtatt, der nicht wenig dem von hohen Mauern umgebenen Boden eines Brunnens glich. In den Kellern, deren Luftlöcher ſich auf dieſen Hof erſtreckten, befanden ſich mehrere politiſcher Verbrechen angeklagte Per⸗ ſonen, unter Anderen ein Lieutenant der Kavallerie, ſtets guter Laune, unbeſonnen, leicht, von erprobter Geſundheit, mit unſchuldigen Scherzen gegen ſeine Verfolger bewaffnet, der hinter ſeinen Eiſenſtangen mir tauſend luſtige Geſchich⸗ ten erzählte. Als man ſah, daß meine Geſundheit ſich beſſerte, warf man mich in meine Finſterniß zurück. Ich hatte friſche 167 Luft geſchöpft, drei Mal in acht Tagen; das war genug. Meine Einſamkeit verlängerte ſich auf zwei Monate. So kannte ich die Conciergerie: große Lehre für das Leben eines Mannes; und wenn dieſer Mann unſchuldig und voll junger Hoffnungen iſt, eine Lehre, die eine bittere und unauslöſchliche Traurigkeit trägt. Die Unglücklichen, in deren Verſchwörung man mich verwickelt glaubte, wur⸗ den zum Exil oder zum Schaffot verdammt. Als ich eines— Tages, in meiner kindlichen Standhaftigkeit beſiegt, weinte, die benachbarten Glocken von Notre-Dame hörend, auf mei⸗ nem Bette lag, und mit Trauer die ſchiefen und ſtrahlenden Linien eines langen Sonnenſtrahls, der in meinen Kerker fiel, betrachtete, drangen dumpfe und ungewöhnlich raſche Tritte an mein Ohr. Alles iſt regelmäßig in einem Gefängniſſe. Der Kerkermeiſter geht wie der Pendul einer Uhr, ohne ſich je zu beeilen. Jacques drehte raſcher den großen Schlüſ⸗ ſel im Schloſſe und ſagte mir: „Sie können herausgehen; unten iſt ein Fiacker.“ Ich wußte in der That nicht, was ich mit meiner Frei⸗ heit machen ſollte, ſo betäubte mich dieſe Nachricht: und nicht die geringſte Uebertreibung iſt in dieſer treuen Erzäh⸗ lung, wenn ich geſtehe, daß ich keine genaue Auskunft über meine Gefühle und Gedanken an dieſem Tage geben kann. Jaeques machte meinen kleinen Bündel. Ich ließ mich 168 führen; ich fand meine Mutter ſehr krank in ihrem Bette; ich erinnere mich wohl ihrer K Küſſe und Thränen, aber un⸗ beſtimmter der durchdringenden und lebendigen Friſche des Mai's, des duftenden Gartens, wo ich meinen Vater um⸗ armte; der tiefen Bewegung, die ſich des Greiſes bemäch⸗ tigt hatte; ſeiner Thränen, die mich bedeckten, und jener fremden Trunkenheit, die nach zwei Monaten der Dunkel⸗ heit und Einſamkeit meinen ganzen Körper erzittern machte, und durch das zu mächtige Gefühl des Lebens und des Glückes das Leben ſelbſt in mir zu vernichten drohte. Ich erinnere mich auch der zweiten Anrede meines Vaters: „Du haſt Nichts mehr in Frankreich zu thun; man würde ſtets die Augen auf Dich richten. Du mußt nach England reiſen.“ In der That reiſte ich ab, und dieſe zwei Monate ent⸗ ſchieden mein ganzes Schickſal. Die verſchiedenen Um⸗ ſtände, die meine Freilaſſung herbeiführten, können nur Intereſſe für mich haben. Ohne den Leſer durch Einzeln⸗ heiten zu ermüden, ſei es mir erlaubt zu ſagen, daß Herr von Chateaubriand ſich dafür verwandte. Die Fürbitte ei⸗ nes Engels und die Stimme dieſes geiſtreichen Mannes vereinten ſich, mich zu befreien. Damals im Beſitz einer Macht, die er nur angewandt haben würde, ſeine Herrſcher zu retten, und deren ſeine Herrſcher, als Vorſpiel des Selbſtmordes ihrer Dynaſtie, ihn entſetzt haben; hat von Chateaubriand, bei ſo überhäuften Geſchäften, ohne Zwei⸗ 169 fel das Andenken dieſer guten, verborgenen Handlung nicht bewahrt, an die ihn zu erinnern meine Erkenntlichkeit mich auffordert. Reiſen, Arbeiten und Leiden, Nichts verwiſchte die Er⸗ innerung der Conciergerie. 1831 wollte ich ſie wiederſe⸗ hen. Es ſchien mir, als hätte ich ehedem, ich weiß nicht durch welchen Zauber, im Schooße der Lehnbarkeit gelebt; ſo ſtellten dieſe Thürme, dieſe Gänge, dieſe Lampe, dieſe Gewölbe ſie lebhaft vor meinen Geiſt. Aber die Civiliſa⸗ tion, in ihrem ewigen Fortſchritt, hat endlich dieſe Spu⸗ ren der Barbarei erreicht und bezwungen. Man gebe die⸗ ſem Hauſe der Gerechtigkeit einen anderen Namen; die Conciergerie beſteht nicht mehr. Jetzt gelangt man nicht durch den Hof des Pallaſtes in die Conciergerie. Kein verborgenes Pförtchen mehr; keine Grabeslampe! Die Conciergerie hat ihren Ausgang und herrſchaftlichen Eingang auf dem Kai de l'Hofloge. Die kleine niedrige Thür iſt verbannt. Ein weites Gitter ſchließt das Gefängniß. Um dort hin zu gelangen, kommt man durch die Küchen des heiligen Ludwig, lange gothiſche Säle, finſter, aber majeſtätiſch, deren Höhe ſonderbar durch die Erhöhung des Fußbodens verringert iſt. Der ganze Cha⸗ rakter des Ortes iſt verändert; die Treppen ſind bequem; die Luft dringt ein; die Piſtole iſt zu niedrigerem Preiſe; man hält die Wächter für Spitalverwalter. Ich habe fünf oder ſechs Frauen friedlich in dem Hofs ſpatzieren ſehen, der für ſie beſtimmt iſt. Das für die Gefangenen beſtimmte Brot iſt gutes Kommißbrot. Ich weiß nicht, ob man dort viele Spuren voriger Unmenſchlichkeit der Gefängniſſe fin⸗ det; ich bezeichne eine, die dort beſteht. Die Gefangenen ſchlafen, ſtatt auf Betttüchern, auf Säcken. Es iſt eine traurige und ſchlechte Gewohnheit, einen Unglücklichen in auf drei Seiten genähte Leinwand zu packen. Die Kran⸗ kenſtube iſt nicht genug in freier Luft; aber die Reinlich⸗ keit des ganzen Gefängniſſes iſt vollkommen. Es iſt leicht, bei der Entfernung, welche die Concier⸗ gerie von 1815 von der von 1831 trennt, die Fortſchritte zu ſchätzen, die das Wohlſein und der materielle Nutzen der Menſchen im Verlauf der Zeit gemacht haben. Aber der moraliſche Anblick des Gefängniſſes iſt nicht verändert. Man erkennt im Hofe alle die Geſtalten von 1815. Das große Problem, die Läuterung dieſer durch eine Hauptſtadt (ungeheuere Fabrik der Laſter) gehegten Unmoralität, iſt ſei⸗ ner Löſung ſo ferne! 1 Zu meiner Zeit waren es Bonapartiſten und Liberale, die man durch einander in die Conciergerie warf; eine ein⸗ zige Meinung war hinreichend. Die politiſche Wuth er⸗ hob ſich ſo durch ſchlagende Ungerechtigkeiten, deren unge⸗ kanntes Opfer auch ich war. Jetzt verrathen ſich die Ver⸗ wirrung unſerer Geſellſchaft und das Chaos unſerer Mo⸗ ral durch noch bizarrere Schauſpiele in der Conciergerie. Dort konnten, während der letzten Unruhen, Valerius, der Vikar von Saint⸗Médard, und Cavignae ſich die Hand — 2 ——,—— 171 reichen und zuſammen ſpeiſen. Seltſames Symbol der jetzigen Geſellſchaft und der ungleichen Elemente, die ſich dort durch einander bewegen! Will man das Reſultat ei⸗ nes Volkes, einer Epoche, eines geſelligen Zuſtandes haben, ſo gehe man in ein Gefängniß. ph. Chasles. — Die ökkentlichen Bibliotheken. 83 Ich begreife wohl, daß die öffentlichen Bibliotheken von Paris für die Wiſſenſchaften von Nutzen ſein können; in der That aber ſehe ich nicht ein, wozu dieſelben— ſo wie Unerfahrenheit und Nachläſſigkeit der Verwaltung ſie jetzt geſtaltet haben— dienen mögen, als vielleicht den köſtlichen Schatz geſchriebener Kenntniſſe zu vergraben und zu vernichten; die Bibliothek des Königs, als die bedeu⸗ tendſte durch Zahl und Auswahl der Bücher und Manu⸗ ſeripte, iſt auch am reichſten an Unordnung, Schlendrian und Mißbrauch. Dennoch macht die materielle Polizei die⸗ ſer Stiftung dem Aufſeher und den Frotteurs in Livree Ehre; man läßt Stock und Regenſchirm gratis vor der Thür; man wird durch eine Inſchrift in der Volksſprache gebeten:„auf der Strohmatte die Füße zu reinigen,“ und Spucknäpfe, dort viel weniger ſelten als Tintenfäſſer, be⸗ wahren den Spiegel des gewichſten Parquets vor häufigen 173 Beſchimpfungen. Dort wäre Diogenes nicht genöthigt ge⸗ weſen, in das Geſicht irgend Jemandes zu ſpeien. Die öffentlichen Bibliotheken ſind nicht neu in unſe⸗ rem erfindungsreichen Zeitalter; Aſinius Pollio öffnete zur Zeit des Auguſtus eine zu Rom, und Ludwig IX. ſammelte, von den Kreuzzügen zurückkehrend, in dem Saal der Saint⸗ Chapelle von Paris eine Menge theologiſcher Werke, welche die Gelehrten benutzen durften. Seit den erſten Jahrhun⸗ derten des Chriſtenthums beſaßen die Kirchen Bibliothe⸗ ken, das heißt: einige lateiniſche Bibeln, Deeretalen der Päpſte und Meßbücher, welche die Treuen durch ein eiſer⸗ nes Gitter laſen. Man ſieht an einigen Orten noch die Ketten und Schlöſſer, welche das öffentliche Stundenbuch anſchloſſen; dieſe Vorſichtsmaßregel gegen Diebe würde auch jetzt kein Fehler in der Zeitrechnung ſein, denn die Biblio⸗ theken gehören doch ſicherlich dem Staate, aber die Bevor⸗ zugten theilen ſich die Bruchſtücke nach Belieben. Die Bibliothek des Königs zum Beiſpiel iſt der Plün⸗ derung Preis gegeben, und während der unermüdliche Van Praet Sorge trägt, die Tauſende von Bänden, die auf den entſchmückten Fächern nur ihren leeren Platz gelaſſen ha⸗ ben, zurück zu bringen, gehen Tauſende von Bänden, die man nach dem Wunſch des Kardinal Michel Dubec im vierzehnten Jahrhundert lieber anketten ſollte, fort, um nie wieder zu erſcheinen. Es iſt nicht nur, weil jeder verlie⸗ hene Theil auf der Liſte der Abweſenden fehlt, ſondern auch, weil dieß große unentgeldliche Leſekabinet als ein väterli⸗ 174 ches Eigenthum betrachtet wird. Es genügt, Akademiker oder Vetter à la mode de Bretagne eines Thürſtehers der Akademie zu ſein, um die Erlaubniß zu erhalten,„Bücher mitzunehmen,“ techniſcher Ausdruck. Man ſetzt eine Ehre darin, viel mit zu nehmen und wenig wieder zu bringen; darum auch kauft man ſo oft auf den Auktionen oder Kai's die vor langer Zeit aus der Zönigl. Bibliothek entnomme⸗ nen, verjährten Bücher. Ich rede nicht von denen, die aus der Bibliothek des Louvre unter der verwirrten Re⸗ gierung Carls VI. fortkamen; in 43 Jahren wurde durch ſechszig geſtohlene oder verlorene Bände die Bibliothek des ſparſamen Carls V. auf 850 verringert; in 50 folgenden Jahren befand ſich die Hälfte der Königlichen Bibliothek außerhalb. Dennoch arbeitet man an der Vergrößerung des Locals. Ich weiß nicht, welchem Bewahrer unſerer glücklichen Litteratur wir die Sitte der Bücherverleihung ohne Pfand und Kaution verdanken. Die Nachfolger dieſes Verſchwen⸗ ders unſerer Güter folgten dem beſtehenden Irrthum, aus Mangel an Kraft, aus Furcht vor Neuerung. Es thut mir wohl, meinen ganzen Unwillen gegen dieſe verderbende Nachſicht auszuſchütten; ich erhebe Haupt und Stimme hoch zur Klage, weil ich es ſtets verſchmäht habe, dadurch Tadel zu verdienen, daß ich von der unerlaubten Gunſt Gebrauch mache, und in meiner Wohnung Bücher habe, die das Publikum in der Bibliothek durchblättern will. Wir werden ſehen, was die Commiſſionen darüber ent⸗ ſchei⸗ 175 ſcheiden, die in der Regel Nichts entſcheiden. Vielleicht wäre es gerecht, daß alte und ſchwache Gelehrte allein be⸗ rechtigt würden, die öffentlichen Bibliotheken zu benutzen, ohne ihr Zimmer zu verlaſſen; vielleicht müßte man das Verleihen der Bücher auf doppelte oder unvollſtändige Exemplare beſchränken. Was geſchieht jetzt? Oft ſind alle die Werke, die Be⸗ zug auf eine Geſchichte, eine Wiographie oder ſonſt ein be⸗ ſonderes Thema haben, einem einzigen Autor anvertraut, der ſie Monate, ja Jahre lang bis zur Vollendung des Mono⸗ pol⸗Buches ſammelt, und ſich ſchmeichelt, die Zinſen der Schuld zu bezahlen. So lange der glückliche Zuerſtgekom⸗ mene, Beſitzer dieſer Materialien bleibt, er mag verreiſen, er ſei unwiderruflicher Richter zu Carpentras oder Konſul zu Trebizond, er ſterbe, und werde vergeſſen, wage ja Kei⸗ ner eine Arbeit zu unternehmen, welche dieſelben Doku⸗ mente erfordert; der Katalog iſt ſtumm und die Fächer im Wittwenſtande; es giebt nur ein Mittel: das, ſeinem Ne⸗ benbuhler zuvor zu kommen, der eine ganze Bibliothek in Be⸗ ſchlag genommen hat. Glücklich, wenn der Monopoliſt nicht Einfluß und Vorſicht genug gehabt hat, auf einmal alle Bi⸗ bliotheken von Paris zu plündern! Beweiſe ſind kein Fehler der Kritik; der verſtorbene Auger, der gewiſſenhafte Herausgeber Molière's, bewahrte länger als vierzig Jahre alle früheren Ausgaben, ſo daß wir den Aerger hatten, ſeinen Tod abwarten zu müſ⸗ ſen, bis wir in der Bibliothek einen anderen Molisre .. 9 als den ſeinen fanden; der verſtorbene Daru hatte, als er ſeine Geſchichte Bretaniens ſchrieb, alle Bücher vor ſei⸗ nen Augen, in denen dieſe Geſchichte, die mit denen der Provinzen Frankreichs vereint iſt, einige Seiten ausfüllte; die am meiſten Beſchäftigten mußten Bretanien Lebewohl ſagen. Man kann behaupten, daß ſo die verſchiedenen Zweige der Litteratur die Beute von funfzehn oder zwan⸗ zig Perſonen, die mit der Bibliothek durch Botſchafter in Verbindung ſtanden, geworden ſind. Das erklärt, warum man bis zu 300 Bänden mit Königl. Stempel in dem Nachlaß mehr als eines Gelehrten, der ſich zum Biblio⸗ thekar in petto erhob, gefunden hat. Die Triſſotiner ver⸗ zeihen ſich gewiſſe Vertraulichkeiten aus Liebe zur Wiſ⸗ ſenſchaft.. Was die, in Folge des durch ein Ediet Heinrichs II. er⸗ neuten Geſetzes deponirten Bücher anlangt, ſo gehen ſie, wäh⸗ rend ihrer Neuheit, von Hand zu Hand, bis ſie ſchmutzig und verdorben ſind, und wenn ſie ſich nicht auf ihrem Wege verirrt haben, einen Platz in dem Vorrath der Bibliothek erhalten; die Freunde des Hauſes machen ſich den Vor⸗ zug des jungen, katalogiſirten, geſtempelten und claſſificir⸗ ten Ankömmlings ſtreitig: das Publikum nimmt nur nach Gefallen derſelben Theil daran; es giebt aber den Namen her. Die Romane, Theatarſtücke, Journale, nichtsſagenden Brochüren und Etzeugniſſe erheitern die Mußeſtunden der Frauen, Mütter, Töchter und Verwandten der Angeſtell⸗ ten; das Publikum hat ſelbſt nicht die Krumen dieſes Vor⸗ 177 rechts; denn das Reglement verbietet, eine gewiſſe Art Bü⸗ cher zum Leſen zu geben, die Müßige zu ſehr herbeiziehen könnten. Man will nur arbeitſame und ſtrenge Gäſte in der Bibliothek des Königs; vor kurzem noch war der reli⸗ giöſe und politiſche Anzeiger dort permanent, die ſehr hohe und mächtige Dame Cenſur hatte ihre Luſt daran. Vor der Revolution, es iſt wahr, war dieſe Bibliothek nur zwei Tage in der Woche, Dienſtag und Freitag von 9 bis 12 Uhr, öffentlich; faſt nur Neugierige und Fremde beſuchten ſie. Herr Van Praet, den man eine perſonifi⸗ eirte Bibliothek nennen kann, trug viel dazu bei, daß die Verſammlungen täglich von 10 bis 3 Uhr, ausgenommen an Sonn⸗ und Feſttagen und während der Ferien, ſtatt fan⸗ den. Die Revolution des Juli hat keine weitere Verän⸗ derung herbeigeführt, als die Verlängerung der Beſuchszeit um eine Stunde. Aber das beſte Korn iſt unfruchtbar, wenn es auf ſchlechten Boden fällt; man wird eine Stunde län⸗ ger leſen, und das iſt Alles.. Von dem Augenblicke der Eröffnung der Thüren und Säle an, ſei es Sommer oder Winter, Regen oder Wind, drängt ſich eine Schaar von Leſern um den Tiſch; Jeder auf ſeinen geſtrigen Platz; Jeder ſein geſtriges Buch wie⸗ derfordernd; Jeder gewöhnt, während fünf Stunden ange⸗ wurzelt zu ſein; Viele den Magen, die Mehrzahl den Kopf leer; unter dieſen Menſchen, die ſchon im Voraus gähnen, erkennt man die Studirenden an dem kahlen Kopfe, dem denkenden Blick, der Unbeweglichkeit und Ausdauer; ſie be⸗ 9* 8 178 kümmern ſich wenig um das Trampeln auf dem ſchallen⸗ den Fußboden, um die verworrenen Stimmen, um das Ge⸗ räuſch der das Papier kratzenden Federn und um das Kni⸗ ſtern der durchblätterten Bücher; ſie ſondern ſich in ihrem Geiſte ab; ſie gewahren es nicht, daß der Schweiß ihr Hemde näßt, oder daß die Kälte ihre blaugewordenen Hände erſtarren macht. Sie nur ehren die Litteratur; ſie vollen⸗ den, in ihrer beſcheidenen Dunkelheit, die dem Ruhme ver⸗ ſprochenen Werke; ſie können ſich die wahren Beſitzer un⸗ ſerer Bibliotheken nennen, weil ſie dieſelben zum Vortheil unſeres Ruhmes und Vergnügens nutzen. Es giebt Gelehrte, die ein ganzes arbeitſames Leben der nichtigen Lockung einer mehr oder weniger zweifel⸗ haften Entdeckung geopfert haben; ihr unbeugſamer Irr⸗ thum iſt dennoch achtungswerth; man werfe einen Blick auf ihre gebeugten Schultern, und beurtheile ſie, ſowohl nach ihren emſigen Nachforſchungen, als nach der knochi⸗ gen Kapſel ihres Gehirnes und der geſellſchaftlichen Hülle ihrer Menſchlichkeit. 1 Dieſe Karrikatur, mit trägem Blick, mit offenem Munde und grauer Haut, dieſe Grimaſſe von Menſchen auf dem dünnen Körper eines Kindes, in jeder Jahreszeit leicht ge⸗ kleidet, zeichnet die Sprüche in den lateiniſchen Commen⸗ taren Dänemarks und Norwegens aus dem ſechszehnten Jahrhundert auf. Er würde die runiſche Sprache reden, wenn Jemand auf der Welt ſie verſtehen könnte. 1 Dieſer dicke Menſch, deſſen Bauch exentriſch, deſſen 179 Geſicht illuminirt iſt, und deſſen Beine kurz ſind, trachtet danach, Mitglied einer celtiſchen Akademie zu werden, um als Wahlkandidat einen Titel zu haben. Dieſer junge Greis mit lebhaften Augen und hüpfen⸗ dem Schritt, ewig in ein und demſelben ſchwarzen, von der Sonne, von Staub und Regen in’s uUnendliche ſchat⸗ tirenden Rock, ſucht den Stein der Weiſen ſeit 60 Jah⸗ ren, und iſt ſtets auf dem Punkte, ihn zu finden; er ſieht überall chemiſche Prozeſſe, ſelbſt in der Bibliothek des Kö⸗ nigs. Dort iſt ſein Laboratorium; zum Unglück verleiht das Gouvernement nur Bücher, nicht auch Deſtillir⸗Re⸗ torten. Ddieſer Sprachforſcher, deſſen franzöſiſcher Lexieon aus dem Vaudeville„die Engländer zum Lachen“ entlehnt iſt, vervollkommnet ſich im Mandſchuck⸗Tartariſchen, er will auch das Lappländiſche lernen, wie der ſeelige Gail das Griechiſche.. Jener trockne, kahle, knochigte Alte unter dem ſchabi⸗ gen Mantel würde lieber ſeine Haut als ſein Geheimniß blosgeben; von dem Monat, wo die Tage 64 Minuten zu⸗ nehmen, bis zu dem, wo ſie 58 verlieren, rechnet er. Nüch⸗ tern verſchlingt er ſchon mehr Zahlen, als ein Budget von anderthalb Milliarden enthält, Algebra iſt ſein Frühſtück und Geometrie ſein Mittagsbrot, zu Abend verzehrt er Tri⸗ gonometrie, und träumt nichts als Addition und Multipli⸗ cation. Dieſer Mathematiker wird noch die Kunſt errech⸗ nen, in der Lotterie zu gewinnen, ohne geſetzt zu haben. — 180 Der ehrwürdige Graukopf dort, welcher allen Wörtern des Dietionnairs nachſpürt, dichtet Charaden und Logogri⸗ phen; als der Mercur noch ſo bewundernswürdig viel da⸗ von verarbeitete, war er patentirter Lieferant von Laharpe und Suard. Jetzt iſt er ein ruinirter Mann. Dieſer Aeſop, deſſen Geiſt nicht gerader iſt als ſein Körper, wird ſich früh oder ſpät gerade machen, wenn er Verjüngungswaſſer und eine Wünſchelruthe gefunden hat. Er lieſt Cardan, Albert den Großen und von Seeretis ein Original; er übt ſich in der Zauberei, und kümmert ſich nicht um läppiſche Dinge. Man verbrennt jetzt nur die Regiſter der indirecten Steuern. Doch, zu ihrer Seite, wie verändert ſich die Scene! Ein Schüler ſchreibt die Ueberſetzung eines Thema's oder einer Ueberſetzung ab; ein Mäkler entziffert den Almanach der 24,000 Adreſſen; Einer durchblättert, um die Zeit, die ihn vor Langeweile ſterben läßt, zu tödten, ein Buch, deſ⸗ ſen Titel er nicht kennt; ein Anderer iſt, des Kampfes müde, in den Armen eines Folianten eingeſchlafen; dort beſieht Einer die Bilder, wie ein Kind es thun würde; hier will ein Anderer ſelbſt über ein Buch urtheilen, das er auf der Straße geſehen hat. Jammer! Man ſollte nicht von jedem Leſer ein Atteſt über ſeine Fähigkeiten, ſeine Familie oder ſeine wiſſenſchaftliche Ausbildung fordern; man ſollte ein grobes und abgetragenes Kleid, beſchlagene Schuhe und andere äußere Zeichen des Elends nicht zu⸗ rückweiſen; o! nein! obgleich unſere Vaudeville⸗Schreiber —.,— —,— 181 im Kabriolet uns mit Koth beſchmutzen, obgleich Intrigue dem Verdienſt das Brot geraubt hat, um beſſer mit Gold beſetzte Kleider tragen zu können; ſind dennoch unſere Ge⸗ lehrten arm und ohne Ehrgeiz. Das Genie hat ſich zu allen Zeiten durch zerriſſene Ellenbogen gezeigt. Aber iſt es denn unmöglich, die Bibliothek nach Klaſſen zu ordnen, die Stunden zu vertheilen und beſonders die Arbeiter zu begünſtigen? Eben ſo gut könnte man einen allgemeinen Katalog der Namen, Titel und des Inhalts fordern. Man begreift nicht, wie Herr Van Praet allein dieſem Tumult jeder Stunde, jeder Minute, dieſem Leben der aus Fragen und Antworten beſtehenden Geheimſprache genügt. Die Zahl der gewöhnlich geleſenen Bücher iſt ſo begrenzt, daß das Wiſſen des Angeſtellten an einem weni⸗ ger bekannten Buche ſtrandet; dieſe Bücheraufſeher beſchul⸗ digen oft, ſtatt ihre Unwiſſenheit einzugeſtehen, die Biblio⸗ thek einer Armuth, von der ſie weit entfernt iſt. Man hat mir einen guten Greis genannt, der, zu müde, um die Treppen und Leitern zu erſteigen, das Aufſuchen unterläßt und ſich begnügt, von einem Saal in den anderen zu ge⸗ hen, um mit leeren Händen und der unbeſtreitbaren Be⸗ hauptung, daß ſich das Buch nicht findet, zurück zu kom⸗ men. Unglücklicher Weiſe ſcheint die ganz unumſchränkte Verwaltung der Bibliothek, dieſe ignoranten Geiſter zu begünſtigen, die jenſeits einer Zahl oder Ordnungs⸗Ziffer Nichts ſehen. Man macht die Angeſtellten zu Maſchinen, man übt ſie, von oben bis unten das große Gebäude der 182 Bibliothek zu durchlaufen. Ich habe ſogar gehört, daß wahre bibliographiſche Kenntniſſe ein Grund der Nicht⸗ Gunſt und Ausſchließung bei den Herren dieſes Ortes ſind; dann könnte man den Dienſt Laſtthieren anvertrauen. Herr Van Praet iſt mit dieſer fürchterlichen Laſt bela⸗ den; er allein kennt die Kataloge, die Schränke und die verwahrten Mappen; jeden Morgen giebt er ununterbro⸗ chen vier Stunden den privilegirten Bittſtellern Gehör; händigt den Folianten, den Quart⸗, Oktav⸗, Duodez⸗Band dort aus; öffnet hier die großen Thüren; dieß iſt für Mon⸗ ſieur, jenes für Madame! Man geht, man kommt, man redet, man grüßt, man entfernt ſich. Die Königl. Biblio⸗ thek würde einen einträglichen Handel machen, wenn ſie den Näherinnen und Mitgliedern der Akademie Bücher ver⸗ miethete.. Nicht Jedermann wird ſo gut empfangen; wer, für gelehrte und undankbare Nachforſchungen, nach einem ſelte⸗ nen, vor dem feſtgeſtellten Datum 1500 und nur in we⸗ nigen Exemplaren gedruckten Buche fragt, gilt für einen Dieb, für ein Original oder wohl für einen Liebhaber. Das unverletzliche Heiligthum entſchleiert ihm nicht ſeine, von Uneingeweihten nicht gekannten Schätze; man würde eher einen vollſtändigen Brantöme als einen Myſtoͤre oder eine Ausgabe Vérard's und Elzévier's erhalten. Es nützt einem wenig, ſich zu nennen, ſeine Adreſſe anzubieten oder in der Sprache eines Bücherliebhabers zu bitten; Nichts; mit der artigſten Entſchuldigung wird das Daſein des gewünſchten 183 Buchs verläugnet, und die ſtärkſten Beweisgründe ſcheitern an der unerſchütterlichen Weigerung. In der That, das in Rede ſtehende Buch kann 40 bis 500 Franken koſten; man gehe aber zu den Manuſeripten und wird ohne Schwie⸗ rigkeit die Bibel Karl des Kahlen erhalten, die 50,000 Tha⸗ ler koſtet. Logik iſt eine ſchöne Sache. Ich werde mich indeß hüten, den Argwohn der Biblio⸗ thekare zu kritiſtren; ich wünſche im Gegentheil, daß dieſer Argwohn ausgedehnter ſei; denn es geſchehen täglich Dieb⸗ ſtähle, die man nur durch einſichtsvollere Wachſamkeit ver⸗ hindern kann, ohne daß es nöthig iſt, Jemanden zu durch⸗ ſuchen; jedes Individuum müßte verpflichtet ſein, beim Fortgehen die erhaltenen Theile zurück zu geben; warum ertheilt man nicht Einlaß⸗Karten, wie beim Theater? aber die wahre Schwierigkeit iſt das tägliche Gemiſch von Leſern und Neugierigen. Ganze Ausgaben ſind fortgekommen, Hand⸗ ſchriften herausgeriſſen, Kupferſtiche geraubt, man hat gewagt, Manuſeripte von unſchätzbarem Werthe zu verderben, um ſich eigenhändige Schriftzüge der Verfaſſer zuzueignen! Dieſer Vandalismus wiederholt ſich oft; ein ſchändlicher Gewinn reizt Elende zu dieſen feigen Plünderungen; aber nicht ſie waren es, die die theologiſche Bibliothek des Erzbisthums in den Fluß warfen. Kurz, es ſcheint gewiß, daß die leſende Menge, die in die Straße Richelieu ſtrömt, nur wenig mit ſtudirenden Leuten durchſäet iſt; Müßiggang und Sorgloſigkeit führen dieſe Pflaſtertreter und Herumtreiber ohne Zufluchtsort da⸗ 184 hin, die ſich in den Abentheuern der Freibeuter und den Causes célèbres gefallen; der Winter macht dort Feuer an; man hat eine herrliche, ſchön eingerichtete Wärmſtube. Meine Ueberzeugung wird noch durch den Anblick anderer öffentlicher Bibliotheken verſtärkt, die vom Mittelpunkte der Stadt zu entfernt ſind, um einen ähnlichen Schwarm von arbeitsloſen Herumtreibern, Gelangweilten, Zeitver⸗ ſchwendern und unvermeidlichen Beſuchern jedes freien Schauſpiels anzuziehen. Außerdem gehen die mit ihrer Zeit geizenden Männer ſelten nach der Königlichen Bibliothek, wo man gewöhnlich dem Büreau der Bewahrer gegenüber Schildwache ſteht, ohne nachher für dieſe Geduldprobe ent⸗ ſchädigt zu werden; von zwanzig erbetenen Werken hat man nicht immer zwei vollſtändig; von der Univerſal⸗Biogra⸗ phie ſind kaum 12 Theile zuſammen. Ich erkläre, daß jede andere Bibliothek, ſei ſie noch ſo klein, noch ſo ſchlecht er⸗ halten, und noch ſo ſehr verlaſſen, der Königlichen vorzu⸗ ziehen iſt, in der vielleicht 2000 Bände getrennt, doppelt, verliehen oder verloren ſind. Gleichwohl herrſcht dieß Chaos, das ſich unter den gedruckten Büchern ſtets vermehren wird, nicht unter den Manuſeripten, Kupferſtichen und Medaillen. Bei den Manuſeripten herrſcht ewige Einſamkeit, einige Helleniſten ausgenommen, die Texte entziffern, einige Chro⸗ niker, die einen Datum ſuchen, und einige Orientaliſten, die ſich vor einer chineſiſchen Zuſammenſetzung oder einem ſanseritiſchen Räthſel verzehren. Bei den Kupferſtichen ſind, wie bei einer erſten Vorſtellung, die Plätze um einen * — 185 mit Cartons bedeckten Tiſch, im Voraus von Schülern eingenommen, die Zeichnen⸗Unterricht nehmen; hier iſt we⸗ nigſtens ein vollſtändiger Katalog. Bei den Medaillen fin⸗ det man nur Engländer, Provinzialen oder Jemanden, der dem Vortrage der Alterthumskunde entſchlüpft iſt. Die anderen Bibliotheken werden von einer gewiſſen Klaſſe Einwohner beſucht, die erfreut iſt, im Winter dort Feuer, und in den Hundstagen Kühle zu finden; die Schü⸗ ler des Rechts und der Medicin ſowohl, als die des Col⸗ legiums geben ſich zu Sainte-Geneviève Rendezvons; man fordert die Eneyklopädie, Hippokrates, Pothier und latei⸗ niſche Claſſiker mit Ueberſetzungen; es fällt Keinem ein, den Staub von den Manuſcripten zu ſchütteln, die unter dem Dach in Geſellſchaft der Spinnen und in dem Rauche einer Küche liegen. Unterrichtete beklagen ſich nicht über die Länge des Weges, wenn ſie nach dem Arſenal gehen, wo man die Gegenwart eines wahren Bücherfreundes fühlt; alles iſt dort an ſeinem Platz, die Angeſtellten ausgenom⸗ men. Der Marquis de Paulmy würde ſich freuen, könnte er wiſſen, daß ſeine Bücher und Manuſcripte, die jetzt die Säle des guten Sully ausfüllen, nicht wie die des Her⸗ zogs von La Vallisre verſtreut ſind. Die Bibliothek der Stadt, aus der alten Bibliothek der Advokaten gebildet, empfiehlt ſich durch den Eifer ihrer Bewahrer, wenn auch nicht durch die Auswahl der Bücher. Die Bibliothek Ma⸗ zarin iſt durch ihren Zuwachs in Verfall gerathen; der ge⸗ lehrte Naudé hat dort nur ſeinen Namen gelaſſen; ſeine 186 zehn Nachfolger erſetzten ihn nicht. In der Bibliothek de PInstitut wird man nur wie bei Hofe durch Vorſtellung zu⸗ gelaſſen; es iſt eine Mumien⸗Verſammlung der Cotterie und des Vorrechts. In einem Jahrhundert, in dem man an jeder Stra⸗ ßenecke Leſe⸗Kabinets eingerichtet hat, in dem man, nach ungefährer Berechnung, in jedem Hauſe eine Bibliothek von 2 bis 3000 Bänden findet, iſt es nicht unglaublich, daß dieſe ungeheuren Stapelplätze der Wiſſenſchaften und urkunden faſt keins von den zu wünſchenden Reſultaten hervorbringen. Dieſe Bibliotheken, die den Neid und die Bewunderung der ganzen Welt erregen, ſind innerlich von unheilbaren Wunden zerriſſen; die Sorgloſigkeit hat ſich dort wie in einem eroberten Lande eingeniſtet; hinter ei⸗ nem Wall von alten Büchern verkriecht oder ſtellt ſich die Geiſtlichkeit, das Privilegium ſchläft dort ein oder macht ſich breit; dort rekrutirte Polignae ſeine Schreiber und Räthe. Wozu dieſer Generalſtab von invaliden und über⸗ flüſſigen Bibliothekaren? Warum dieſe ungenügende Zahl nöthiger Angeſtellten? Der Staat zahlt, eine Binde vor den Augen; welche Frucht bringen uns alle dieſe Opfer? Während der Unruhen der Ligue und Fronde, während welcher die Buchhändler ſich von der geſetzmäßigen Abgabe weier Exemplare frei machten, war die Bibliothek des Königs im Collegium von Clermont und im Kloſter der Franziskaner beſſer verwahrt. Man gewahrt an dieſen Zei⸗ ————————— —4,.,— 187 chen des Verfalls, daß es einen General⸗Verwalter der Bibliotheken giebt. Warum haben wir nicht vielmehr, was man„Biblio⸗ theken der Finanzpachter“ nannte, als noch die thörigte Eitelkeit der Männer des Finanzweſens ſich mit der Kehr⸗ ſeite gekünſtelter Bücher begnügte und damit ein Kabi⸗ net in vergoldetem Maroquin ausſchmückte? Dieſe lächer⸗ lichen Schauausſtellungen erfüllten denſelben Zweck, wie unſere Bibliotheken, in welchen nur ein Heer von Unfä⸗ higen und Unbrauchbaren beſoldet wird. Unſere litterari⸗ ſchen Therſiten würden dort ihr Pantheon haben. Gewiß, die eigenſüchtige Verwaltung der Bibliotheken Lon⸗ dons iſt noch vorzuziehen; die Bücher ſind geheiligt, damit Niemand ſie berühre, denn die Verwahrer ſind verantwortlich. Die Engländer haben zu allen Zeiten unſere Fehler genutzt: ſie bewahren ſorgſam die, durch den Herzog von Bedford für 1200 gute Goldfranken gekauften 800 Bände Carls VI. Sie werden die Papiere der Kanzelei des Königs Johann, bei der Niederlage von Poitiers mit dieſem Prinzen ge⸗ nommen, nicht verkaufen! Was! unſere National⸗Bibliothek, die allein mehr Bü⸗ cher einſchließt, als alle Bibliotheken des vereinten Alter⸗ thums, wäre mehr verwüſtet, als wenn feindliche Horden ſie mit Feuer und Schwert durchſtreift hätten? Die Bi⸗ bliothek von Pergamo beſtand aus 200,000 Bänden, die von Conſtantinopel aus 300,000, die von Alexandrien aus 188 700,000, auf Baumrinde, Wachs, Papierſtaude, Pergament und Schlangenhaut geſchrieben; die Bibliothek des Königs enthält 600,000 gedruckte Bände, 100,000 Manuſeripte und 20,000 Sammlungen von Kupferſtichen.... Wohlan! geht in die Bibliothek des Königs und for⸗ dert eine der 100 Ausgaben des Rabelais! mit großer Mühe wird man vielleicht, gleich Proben, einige Theile verſchie⸗ dener Ausgaben und verſchiedenen Formats auffinden. P. L. Jacob, ein Bücherfreund. Lied an Herrn v. Chateaubriand, von v. Béranger. An Herrn v. Béranger, d Antwort des Herrn v. Chateaubriand. V Undank der Politik, von v. Jouy. Eine Art Vorrede. Die drei folgenden Stücke ſcheinen nicht in den Plan dieſes Werks zu gehören; es iſt aber keinesweges die Ab⸗ ſicht des Herausgebers, die geſetzten Grenzen zu über⸗ ſchreiten.. Es ſei ihm daher erlaubt, ſich hier einmal einzumen⸗ gen, um ſeine Meinung aus einander zu ſetzen. Die Politik würde in einem Augenblicke unpaſſend ſein, wo Meinungen ſo viele verſchiedene Schattirungen bilden, und in einem rein philoſophiſchen und litterariſchen Werke, in dem die Hauptorgane aller politiſchen Meinungen ab⸗ wechſelnd das Wort führen ſollen. Der Mangel jeder politiſchen Farbe würde in dem Ge⸗ mälde eines Zeitabſchnittes und einer Stadt, wo Politik das vorzüglichſte Element der Sitten und die allgemeine Beſchäftigung der Geiſter geworden iſt, auffallend und feh⸗ lerhaft ſein. 9** 192 Dem letzteren Fehler unterworfen, würde die Geſchichte des heutigen Paris mangelhaft und unvollendet bleiben, wie die unvollkommenen Bauten der Erbauer von Babel. Es gab einen Mittelweg zwiſchen dieſen beiden Extre⸗ men. Der Herausgeber hat ihn geſucht. Er hat, wie in einen Bund, die bezeichnenden Aus⸗ drücke dreier gewiſſenhafter Meinungen vereinigt, die ſich nicht weniger durch das Talent des Schriftſtellers, als durch die Rechtlichkeit des Denkens empfehlen, und durch das gemeinſame Gefühl der Nachſicht vereint werden, wie je⸗ der Glaube des Genies. Man wird den Dichter der Freiheit, den durch die al⸗ ten Tage begeiſterten Redner und den beobachtenden und ſtrengen Vernunftlehrer der modernen Civiliſation hören; man wird in das bewegte Paris eintreten, deſſen Geſtal⸗ tung ſich unter dem Einfluß hiſtoriſcher Exeigniſſe ändert, ohne ſich zu verlieren. Dieß iſt nicht eine in die allgemeine Handlung ver⸗ flochtene Epiſode, die ſich bis zur Entwickelung mit ihr vereint. Es iſt ein Datum, auf einem der Steine des Gebäudes gegraben, der ſich wo anders nicht wieder zei⸗ gen wird. Die Politik iſt in dem Rahmen dieſes dreifachen Ka⸗ pitels eingeſchloſſen; ſie wird aus demſelben nicht treten. —/ͤ An Berrn v. Chateaubriand. Arie: Octavio's. Warum denn, Freund, dem Vaterland entfliehen, Das Du geliebt; dem Dir geweihten Lob? Ol höre Frankreich, wie es weinend klagt: „An meinem ſchönen Himmel fehlt ein Stern!“ Wo iſt er? fragt die liebevolle Mutter, Des Schickſals rauhen Stürmen preisgegeben und arm, wie einſt Homer, ſo klopft der Sohn, Entfernt von ihr, an fremde Thüren an. Das werdende Amerika gab einſt Nach langem Schmerz uns den Verbannten wieder, Mit Ruhm bedeckt, ein dichtender Columbus, Enthüllte er die Schätze jener Welt. 1 1 191 Ein Pilger Griechenlands, Joniens, Beſang er dann den Cirkus*) und Alhambrah**); Wir ſahen ihſt, ergeben ſeinem Geiſt, Vor Gottes Angeſicht, den er erhob. Nach ſeinem Lande— dem er Dichter ſchuf— Als er ſich ſelbſt verbannte, fragte er Des Reiches Trümmer, und er fragte ſie, Ob kein Franzoſe dort geweſen ſei. Das war die Zeit, wo fruchtbar die Geſchichte Das große Schwert, den Schrecken der Nationen, Hell an des Ruhmes Sonne funkeln ließ, Und dann auf uns zurück die Strahlen warf. Dein Lied ertönt, und meine Jugend hüllt Bei den Geſängen ſich in glänzend Roth: Als Lohn für die Begeiſt'rung biete ich Dem armen Wand'rer kühles Waſſer jetzt. Warum denn, Freund, dem Vaterland entfliehen, Das Du geliebt; dem Dir geweihten Lob? *) Cirkus— zu Rom.. **†) Alhambrah, die Ruine des mauriſchen Schloſſes zu Granada. Anmerk. d. Ueberſ. 195 Ol höre Frankreich, wie es weinend klagt: „An meinem ſchönen Himmel fehlt ein Stern!“ Es kehrt der alte Königsſtamm zurück. Er, ihre Stütze, hoffet die Bourbons, Sie nehmen jetzt an Kindesſtatt Die Freiheit an, die keine Ahnen kennt. Beredt ſpricht er für dieſe Könige; Gleich einer Fee ſchmückt er den alten Thron, Je mehr er Roſt an ihm gewahrt, bezaubernd Mit Blumen und mit Diamanten aus. Doch unſer Recht will treulich er bewahren. Die Thoren ſchrei'n:„es iſt der Himmel klar; „Jagt dieſen Menſchen fort mit ſeinem Ruhm, „Wie man bei Tage eine Flamme liſcht!“ An ihren Fall ſelbſt wollteſt Du Dich binden! Sieh ihren Wahn: ihr undankbares Herz Setzt Deine Treue in die Zahl der Uebel, Für die ſie thörigt ſelbſt den Himmel ſchmähen. Dem Volke— ſeinem Trotze ausgeſetzt— Komm! diene ihm; es iſt ein menſchlich Volk, Es ehrt Talente, und es trug Dich einſt, Als Sieger, froh auf ſeinem wunden Arm. 196 Für dieſes Volk ruft meine Stimme Dich Zur ſchnellen Rückkehr nach dem trüben Geh'n. Es duldet; heilig iſt der Zweck und ihm Ein Gottgeſendeter der große Mann. Warum denn, Freund, dem Vaterland entfliehen, Das Du geliebt; dem Dir geweihten Lob? Ol höre Frankreich, wie es weinend klagt: „An meinem ſchönen Himmel fehlt ein Stern!“ Béranger. Paris, den 14. September 1831. An Berrn v. Béranger. Genf, den 24. September 1831. Mein Herr! Wäre die Größe Ihres Talentes weniger ſelten, ver⸗ einten Ihre Bilder mit der Wahrheit der Zeichnung nicht auch Glanz und Anmuth des Colorits, ſo würde ich mich begnügen, Ihnen für eine Ode, die Sie gütig an mich ge⸗ richtet haben, zu danken, und über Ihre Gunſt innig er⸗ freut zu ſein: geſchmeichelter Stolz würde ſelbſt durch das Bezeichnende dieſer Ode meinen Enthuſiasmus auf's Höchſte erregen. Aber ich will Ihnen nicht den Zins eiteler Dank⸗ barkeit zahlen, ich bringe Ihnen den Tribut aufrichti⸗ ger Bewunderung dar. Ein großer Dichter iſt ſtets, in welche Geſtalt er auch ſeine Gedanken kleide, ein geiſtreicher Schriftſteller. Peter von Béranger beliebt es, ſich Lieder⸗ dichter zu nennen; wie Johann von Lafontaine, der Mähr⸗ 198 chenerzähler, iſt er in unſerem Volke unſterblich. Ich weiſſage Ihnen, mein Herr, daß Ihr Ruf, den ſchon kein Nebenbuhler ſtreitig macht, noch wachſen wird. Wenig Richter ſind im Stande, das Gerundete und Vollendete Ihrer Verſe zu erkennen, wenig Ohren zart genug, um ihre Har⸗ monie zu empfinden. Die durchdachte Arbeit verbirgt ſich hinter reizende Ungezwungenheit.— und, mein Herr, Sie als Geſchichtsforſcher betrach⸗ tend, habe ich in der Vorrede zu meinen Etudes(Stu⸗ dien, Uebungsſtücken) bemerkt, daß folgende Strophe dem Tacitus, der auch Verſe machte, gleich kommt: Stolz ſpielte einſt in ſeines Glückes Uebermuth Mit Kronen und Geſetzen der Eroberer, und auf der Könige geweihtem Diadem Sah ſeiner Füße Spuren man in Staub gedrückt. Wenn Sie das Lob des Königs Yvelot und die Hymne des Ventru anſtimmen; wenn Sie den Marquis von Ca⸗ rabas und die Myrmidons preiſen; wenn Sie den prophe⸗ tiſchen Brief eines kleinen Königs an einen kleinen Her⸗ zog dietiren; wenn Sie, zu meinem Verdruſſe, über die Gerontocratie ſpotten; da ſind Sie Politiker wie Catull, Horaz und Juvenal. Dulden Sie in mir einen Widerſpruch der menſchli⸗ chen Natur: Verehrer und Lobredner der Jugend, bin ich nichts deſto weniger den Barbons(Graubärten) zugethan. Sie haben gegen dieſelben einen Prozeß vor den Gerichten ver⸗ 199 verloren; könnte ich vor dem hohen Hofe Ihrer Muſen einen für dieſelben gewinnen! Sie entfalten in Ihrem Gedichte mein litterariſches und politiſches Leben: dennoch muß ich, um meiner Ei⸗ genliebe als Schriftſteller zu genügen, geſtehen, daß die ſchöne Metapher Ihrer erſten Strophe mehr Höflichkeit als Wahrheit enthält. Ich habe an dem Himmel nicht meinen Stern(Nebelfleck, der dem Blicke entſchwindet), aber eine Leier geſehen: ich weiß nicht, ob dieß eine von den Leiern(Dichter⸗) iſt, die, nach Ihnen, ich dem Va⸗ terlande ſchuf. Hatte ich auf Sie einigen Einfluß? in der That dann verdiene ich das kühle Waſſer, welches das Mitleid des Dichters mir bietet. So groß iſt der Zauber des Talents: Sie wiederholen mein Durchwandern neſänger.....: die erſten wanderten, die anderen ſangen, und nur ſie ließen Spuren zurück. Ich werde höchſtens, mein Herr, Ihr Oreſtes des Volkes ſein, dieſer ewige Jude*), der die Hoffnung hat, nur am Ende der Welt Ruhe zu fin⸗ den, deſſen müde Gebete ſtets die letzte Sonne rufen, und *) Le juif errant, ein ungedrucktes Gedicht Béranger’s. Anmerk. d. Verf. I. 10 der immer die Sonne aufgehen ſieht; der von ewiger Flucht ermattet ausruft: 1 Ewig, ewig Dreht ſich die Erde, auf der ich fliehe. Von dem Orte, wo ich Ihnen ſchreibe, erblicke ich das Landhaus, das Lord Byron bewohnte, und die Dächer des Schloſſes der Frau v. Staöl: wo iſt der Barde Child⸗Ha⸗ rold's? wo die Verfaſſerin Corinna's? Mein zu langes Le⸗ ben gleicht den mit Grabmählern beſetzten römiſchen We⸗ gen. Faſt alles Ruhmvolle meines Jahrhunderts ſah ich ſterben; ich habe große Ereigniſſe und große Männer ge⸗ ſehen: die Revolution ſchläft in ihrem ungemeſſenen Grabe, und der Rieſe, ihr Sohn, hat den Ocean zum Grabſtein. Die Epoche des großen Schwertes iſt nicht mehr; wir tragen jetzt einen ſo kurzen Degen, daß man ſelbſt das Haupt ſeiner Freunde nicht ſchützen kann. Dringen Sie in mich, die mütterliche Erde wieder zu betreten, ſo frage ich mich, was ich bin, um Ihre Sorgen zu erheitern. Der Staub eines Napoleons kann den Erdball nach der Seite neigen, wo er liegt; aber die Aſche einer Creatur, wie ich, iſt leicht; der Wind des Vaterlandes oder der Wüſte verweht ſie gleich raſch. Ich komme, mein Herr, zu den politiſchen Strophen Ihres Liedes. Ich werde mich hüten, an den kühnen Flug Ihrer Muſe meine ſchwerfälligen Controverſen zu hängen. Meine Antwort findet ſich in meinen Betrachtungen über 201 die Angelegenheiten Frankreichs, die ich bald öffentlich zu machen gedenke. Hier nur zwei Worte. Es iſt wahr, daß die Freiheit eine unvermeidliche Stütze der Legitimität ſchien, denn ich kenne keine geſetzmäßige Macht ohne Freiheit. Wenn ich den Bourbons die Flamme der Treue darbot, ſo haben ſie dieſelbe nicht verjagt, wie man eine Flamme liſcht, um mit Ihrer glänzenden Sprache zu reden. Glaubten ſie, daß der Tag klar ſei; iſt denn die Nacht nicht gekommen? Rathen Sie mir, den Schiffbrüchigen in der Nacht zu verlaſſen? Ich erinnere mich: Sie wurden einſt durch den jetzt verwieſe⸗ nen Ruhm erweicht, weil Sie für denſelben gemacht wa⸗ ren; ich opfere auf den Altären der Schwachheit und des Unglücks, weil ich ſie in meinem Hauſe finde. Wir wol⸗ len uns Beide nicht rühmen; vielleicht iſt Egoismus in unſerer Tugend. Seht dort den troſtloſen Sohn, Sohn der geliebteren Erde; Gebt ihm ein Vaterland! Heimath Gebt nur dem armen Verbannten! Warum denn ihn bannen Von Küſte zu Küſte? Das ſagen Sie, mein Herr. 10* d. 202 Sie fordern mich auf, mich dem Volke zu vereinen, das mich als Sieger froh auf ſeinen wunden Ar⸗ men trug. Ah! das iſt die ruhmvolle Stunde meines Lebens! und dieſem Volke werde ich ſtets dienen; für daſſelbe, für ſein Glück, ſeine Wohlfahrt, ſeine Freiheit gab ich meine Stimme zur Krönung eines Kindes, wäh⸗ rend ich eigene Souveränität übte. Aber wo iſt dieſes Volk? höre ich denn ſeine Stimme, ſeine edle Stimme, die an dem Orte meines Triumphes, rings um die Gruft, in der Sieger und Beſiegte lagen, wiedertönte, während ein Geweihter des Friedengottes, die Stole(eine Art Meß⸗ gewand) um den Hals und unbedeckten Hauptes, betete? Kann ich dieſe Stimme in den Ausrufungen von Helden der Furcht, welche die blutigen Ruinen Warſchau's erdrük⸗ ken, wieder erkennen? Nein, das Volk iſt nicht da. Nie werde ich mich den Männern nähern, die zu ihrem Vor⸗ theil die Revolution des Juli entwendet haben, nie den Schmarotzern des Ruhmes, des Muthes und des Genies. Es bleibt mir noch übrig, mich in Bezug auf die That zu erklären, die Ihnen den Inhalt zu dem ſchönen Ge⸗ dicht, deſſen Held zu ſein ich ſo ſtolz bin, gegeben hat. Ich hatte den Entſchluß gefaßt, mein Leben, wie ich es begonnen, auf den Wegen der Welt zu enden; denn, meine Zuſtimmung der gegenwärtigen Ordnung der Dinge verſagend, war ich nur ein Helote(Sklave) zu Lacedä⸗ mon. Doch, um ganz meinen Zweck zu erfüllen, mußte ich einem neuen Herrn einige Bäumchen, die ich gepflanzt 203 habe, überliefern; ich habe meine Kinder ausgeboten, Nie⸗ mand hat ſie gewollt. Dadurch gezwungen, mußte ich ei⸗ nen Augenblick von meinem Berge herunterſteigen; ich habe Frankreich wiedergeſehen; ich war erſtaunt über ſeine Ge⸗ berde der Traurigkeit. Erweicht und gerührt durch ſein Elend, glaubte ich, daß mir ſtets erlaubt ſei, es zu verlaſ⸗ ſen, wenn es glücklich ſein würde. Ich habe oft geſchrieben:„Wenn Krieg kommt, wird es mir Pflicht, meinem Lande meine letzten Tage anzubie⸗ ten.“ Ungeachtet der Beugungen unſerer Diplomatik und ſelbſt durch ſeine bittenden Hände ſcheint es mir nicht ganz gewiß, daß man uns das Almoſen des Friedens giebt. Ein neuer Angriff gegen das alte Königshaus beweiſt mir, daß meine Kämpfe nicht beendigt waren. Während der Tage des Juli habe ich nicht der Rückwirkungen ge⸗ dacht; das Volk herrſchte: durch Siege beruhigt, durch die Erfahrung belehrt, durch die wachſende Civiliſation aufge⸗ klärt, würde es fortgefahren haben, großherzig zu ſein. Aber das Volk herrſcht nicht mehr; die zornige Geſellſchaft, ohne Würde, ohne Erhebung, die die Gewalt des Volkes an ſich geriſſen hat, wird Mühe haben, ſich zu erhalten, die Bour⸗ boniſchen Achtserklärungen zu ordnen, die Maaßregeln ſei⸗ nes Heiles auf gewiſſe Bürgerklaſſen zu erſtrecken. Dieſe muthmaßliche Strenge iſt logiſch; ſie geht natürlich aus dem neuen Project hervor, das dem des Herrn Baude folgt; ſie wird meine Anweſenheit zu Paris erfordern, wenn ich vor der letzten Inſtanz die Sache verhandle, die ich 204 ſchon vertheidigt habe, und die ich glaubte nicht wieder zu vertheidigen. Ein Mann von Ehre verbirgt ſich nicht; er ſucht ſich keinen Zufluchtsort; er macht entfernt nicht das gegen ſeine Widerſacher bekannt, was er nicht wagen würde, unter ihren Augen zu ſagen. Kurz, mein Herr, die Organe der Meinungen, faſt alle Journale, haben über meine Entfernung Mißmuth gezeigt, durch den ich mich beſonders geehrt fühle. Ihre Bered⸗ ſamkeit ſchmückt jetzt, gleich einer Fee, nicht meinen alten Thron, ich habe keinen, aber meinen alten Pil⸗ gerſtab mit Blumen und mit Diamanten aus: wie könnte ich unverwundbar durch die Schmeichelei einer Muſe ſein, die es verachtet hat, Königen zu ſchmeicheln? Da dieſe Muſe mich zur ſchnellen Rückkehr ruft, fühle ich mich bewogen, derſelben in ihren Tempel, das heißt in mein Vaterland, zu folgen. Chateaubriand. Undank der Politik. 3 Ich habe viel über Sitten geſchrieben, und man könnte glauben, daß, da ich die Feder ergreife, um meinen Bei⸗ trag zum Buche der Hundert und Ein zu liefern, ich das Geſchäft eines Beobachters übernehmen werde, das ich während 20 Jahren faſt allein in Paris gehabt habe. Ich möchte nicht, der Titel, den ich dieſem Aufſatze gebe, ließe vermuthen, daß ich mich von dem Hauptzweck dieſes Wer⸗ kes entfernen will, indem ich mich in das Reich der ho⸗ hen Politik ſchwinge, der ich jetzt fern zu bleiben wünſche. Nur als Beobachtung der Sitten, und vorzüglich der Pa⸗ riſer Sitten, laſſe ich zufällig in dieſe Schrift einige Be⸗ trachtungen fallen, die mich ſeit langer Zeit beklemmen. Man hat über den Undank der Könige und Regierun⸗ gen Alles geſagt und, was noch mehr iſt, Alles bewieſen; in dieſer Schrift wird von dem Undank des Volkes die Rede ſein. Ich kenne die Epoche, in der ich mein Leben ¹ 206 ende, und muß daher, um meine Leſer über das Langwei⸗ lige einer Abhandlung, die der Titel zu verſprechen ſcheint, über das Ermüdende geſchichtlicher Entwickelungen, zu de⸗ nen ich mich verleiten laſſen könnte, zu beruhigen, ihnen vorher ſagen, daß ich mein Thema in die engſten Gren⸗ zen einſchließen werde; nur Ein Volk, die Franzoſen, und nur Ein geſchichtliches Ereigniß, die Revolution, führe ich als Beiſpiel und Beweis der betrübenden Wahrheit an: die Undankbarkeit der Zeitgenoſſen iſt faſt ohne Ausnahme das Loos der Männer, die ihr Daſein dem Triumph der National⸗Angelegenheiten opfern. Es iſt eine Klippe, die ich nicht ſuchen darf zu vermeiden, obgleich ſie mir durch den gegenwärtigen Zuſtand unſerer Sitten bezeichnet iſt; mein Lob iſt an Einzelne gerichtet; mein Urtheil erſtreckt ſich über die Maſſen: dieſer Weg, man weiß es, führt zu nichts; die Macht ſelbſt hat keine Schmeichler mehr. Indem ich den Undank vor das Tribunal menſchlicher Gerechtigkeit führe, will ich ihm alles Haſſenswerthe laſ⸗ ſen, was Moral und Philoſophie an ſeinen Namen knü⸗ pfen:„Der undankbare hat nur Ein Laſter(ſagt ſchön der Dichter Young), alle übrigen können ihm als Tugen⸗ den angerechnet werden*).“ Nachdem ich den Undank als die gehäſſigſte Krankheit *) He that's ungrateful, has no guilt but one: All other crimes may pass for virtues in him. Young. 207 des geſellſchaftlichen Körpers bezeichnet habe, iſt es ohne Zweifel peinlich hinzuzufügen, daß die franzöſiſche Nation in der ruhmvollſten Epoche ihrer Geſchichte, daß die Stadt Paris in dem Verfolg einer Revolution, die ſie an die Spitze der civiliſirten Welt geſtellt hat, ſo zahlreiche Bei⸗ ſpiele dieſes Undanks der Politik aufzuweiſen haben, gegen den noch keine erkenntliche Stimme ſich erhoben hat. Sicher wird man nicht glauben, daß ich, bei einer ſol⸗ chen Anklage, die Nation für alle die Verbrechen und Un⸗ fälle, die ſie in der langen Kindheit ihrer Freiheit erlitten hat, verantwortlich machen will. Fordere ich die Schatten einiger der berühmteſten Opfer unſerer bürgerlichen Unei⸗ nigkeiten vor, ſo klage ich die Henker nicht mehr an(ſeit langer Zeit hat öffentlicher Abſcheu über ſie gerichtet); nur von Frankreich und vorzüglich von Paris verlange ich über die ſtrafbare Gleichgültigkeit Rechenſchaft, über das ſcham⸗ loſe Vergeſſen, in dem das Andenken dieſer Helden der Menſchheit vergraben iſt. Der Undank einzelner Menſchen hat ſeine Urſache in perſönlichem Intereſſe; bei dem Volke erzeugt ihn Neid und Intrigue, von einigen Gewandten, die ſtets bereit ſind, die Leidenſchaften des Volks zum Vortheil ihres per⸗ ſönlichen Ehrgeizes zu erregen, durch den Namen Parthei⸗ geiſt geadelt. Es iſt zu bemerken, daß das Geſchäft dieſer Gewandten ſtets damit endet, bei den großen Criſen des Staats, die revolutionaire Bewegung, ſelbſt wenn dieſelbe nicht durch ſie erregt iſt, zu leiten; um dahin zu gelan⸗ 208 gen, iſt ihr gewöhnliches Mittel, die öffentliche Meinung von den beſtehenden Gegenſtänden ihrer Verehrung abzu⸗ leiten, und auf die tiefe Vergeſſenheit, welche auf dem Grabe der großen, als Vorbild gewählten Bürger ruhet, zu richten. Ein Mann, den das Schickſal Bailly's nicht abſchreckt, der ſich fähig fühlt, ſeinem Vaterlande Ruhe, Glück und ſelbſt Ruhm zu opfern, mit der Gewißheit, wie dieſer Mär⸗ tyrer der Freiheit, am Ziele ſeiner Laufbahn den grauſam⸗ ſten Tod zu finden; ſolch ein Mann, ſage ich, würde vor dem Gedanken zurückſchrecken, daß ſein Gedächtniß mit ſeinem verſtümmelten Körper in irgend einem Winkel des Champ-de-Mars vergraben bleibt, wo man vergeblich den Platz ſucht, den das Blut des unglücklichen Bailly netzte. Welche Gedanken konnten ſeine große Seele in dem Au⸗ genblicke beſchäftigen, wo der Hölle entſprungene Unge⸗ heuer ſein ehrwürdiges Geſicht mit einem entzündeten Tuche bedeckten; da er, als Regen und Kälte ihn zittern machten, einem Elenden, der ihm vorwarf zu zittern, antwortete: Ja, mein Freund, ich zittere, aber vor Kälte!? Welche finſtere Betrachtungen verzehrten ſeinen Geiſt wäh⸗ rend der fürchterlichen Stunde, in der, um die Marter zu verlängern, ſeine Henker das Schaffot nach einem anderen Platze, mitten unter Dünger und Koth, bringen ließen? Ich höre die ſtumme Sprache des ſterbenden Philoſophen: „Ich wollte die Freiheit meines Vaterlandes; ich habe zu⸗ erſt der conſtitutionellen Monarchie geſchworen, der einzi⸗ 209 gen Regierung, unter der Frankreich Freiheit, Unabhängig⸗ keit und Glück finden kann; ich ſterbe unter ſchrecklichen Qualen, aber ich habe das Glück, zu einer Zeit zu ſterben, wo es für jeden Ehrenmann eine Schmach iſt zu leben.“ „Fürchtet nicht, o! meine Mitbürger, daß irgend eine Eure Ehre beleidigende Klage meiner durch lange Todes⸗ angſt beklemmten Bruſt entſteige: fern, Dich eines in Dei⸗ nem Namen begangenen Verbrechens anzuklagen, Frank⸗ reichs Volk, ſetze ich, am Rande des Grabes, meine letzte Hoffnung auf Dich; Du wirſt für mich Erinnerung be⸗ wahren, und dieſelbe gegen den fortlebenden Haß meiner Verfolger ſchützen. Den Verluſt der wenigen Tage, die mir das Leben noch ſchenken konnte, empfinde ich nicht, aber mir gilt mein Ruhm, und die Gewißheit, daß der Dank des Volkes auf meinem Grabe wachen wird, zeigt mir in dieſem Augenblicke das Schaffot in Ruhm und Un⸗ ſterblichkeit erglänzend.“ Der große Bürger möge mit dieſem tröſtenden Gedan⸗ ken ſterben; fragt uns aber ein Fremder, auf welchem un⸗ ſerer öffentlichen Plätze die erhabene Statue des erſten Gründers der Freiheit ſteht, des erſten Maire von Paris, des erſten Deputirten der Stadt, des erſten Präſidenten der National⸗Verſammlung, desjenigen, der zuerſt den Schwur des Jeu-de-Paume(Ballhaus) forderte und er⸗ hielt, des untadelhaften Vaterlandsfreundes, der ein Le⸗ ben, berühmt durch ſo ſchöne Talente und ſo glänzende Tugenden, mit einem erhabenen Tode ſchmückte; wir wer⸗ 1 210 den uns, vor Schaam erröthend, entfernen, um nicht zu antworten:„Wir wiſſen es ſelbſt nicht, wo die Aſche Bailly's ruht*).“ Schrecken beherrſchte Frankreich, Ströme Blutes floſ⸗ ſen von der Höhe des unbarmherzigen Montagne(der Berg im National⸗Convent und Sitz der eifrigſten Patrioten), und die werdende Republik ſtarb mit der Freiheit in den Ausbrüchen ſchrecklicher Zügelloſigkeit. Die National⸗Tri⸗ bune erzitterte von dem Gebrüll Marat's, des gehäſſigſten Repräſentanten anarchiſcher Wuth, und alle Herzen erſtarr⸗ ten vor Staunen: dieſes franzöſiſche Volk, deſſen Drohen ſchon das bewaffnete Europa erzittern machte, unterwarf ſich ſchweigend dem Joche des niedrigſten Tyrannen. Je⸗ der empörte ſich gegen ſeine eigene Erniedrigung, und Nie⸗ mand wagte ſelbſt nicht den Wunſch, ſich derſelben zu entzie⸗ hen. Nur einige Frauen ſchienen bei dieſem moraliſchen Scheintode des Menſchengeſchlechts Leben zu bewahren. Eine unter ihnen, Charlotte Corday, aus edler, durch ſie weltberühmt gewordenen Familie, faßte, in vollem Glanze *) In dem Augenblicke, da ich dieſe Zeilen ſchreibe, erfahre ich, daß eine neue Beleidigung gegen das Ge⸗ daͤchtniß dieſes beruͤhmten Mannes begangen iſt. Bei der letzten Ausſtellung im Louvre hat man ein Bild Boulan⸗ ger's, den Tod Bailly's darſtellend, deſſen Verdienſt man erkannte, unter dem Vorwande zuruͤckgewieſen: daß man eine aͤhnliche Erinnerung nicht erwecken muͤſſe. Anmerk. d. Verf. 211 der Jugend und Schönheit, im Alter der Freude und des Glücks, im dreiundzwanzigſten Jahre, den Entſchluß zu ſterben, um ihr Land und die Menſchheit zu rächen: vor ihr dehnt ſich eine weitere Zukunft und größere Täuſchung; ſie hat die Hoffnung vor der Thür des Ungeheuers, zu dem ſie eintrat, gelaſſen. Es iſt geſchehen, der Apoſtel des Mordes und Naubes, der unter ſeinen grauſamen Genoſſen als grauſam berühmte, der verruchte Marat ſtirbt unter der Hand einer Jungfrau, die unbeweglich neben dem Leichnam den Lohn ihrer hel⸗ denmüthigen Ergebung erwartet; ſie zögert nicht, denſelben zu empfangen; ihr Haupt fällt unter dem Beile des Hen⸗ kers, und Charlotte Corday läßt der Welt nur das erha⸗ bene Beiſpiel ihres Muthes und ihrer patriotiſchen Tu⸗ genden. Sie wird bald erlöſchen, dieſe Erinnerung, die unſterblich ſein ſollte; möge wenigſtens der Hauch der Ver⸗ läumdung ſie nicht trüben! Eitles Hoffen! Die Menſchen, ſtets bereit jede ſchöne Handlung zu verkleinern, zu deren Größe ihre Niedrigkeit ſich nicht empor zu ſchwingen ver⸗ mag, haben ſich nicht geſchämt, beleidigenden Verdacht über die Art der Bekanntſchaft zu verbreiten, in der dieß bewundrungswürdige Weib zu dem Deputirten Barbaroux ſtand. Louvet hat in ſeinen Memoiren die Ungereimtheit einer ſolchen Vorausſetzung bewieſen; aber der Undank des Volkes iſt deshalb beſonders zu haſſen, daß er das Bild des Wohlthäters verlöſcht, und nur zu oft die Flecken er⸗ hält, mit denen Neid und Dummheit daſſelbe bedeckt ha⸗ 212 ben. Ein Mann— leider mußte es ein Fremder ſein— hielt die Vertheidigungsrede dieſer jungen Heldin am Tage ihres Todes ſelbſt: Adam Lur, Deputirter von Mainz, ſchlug vor, ihr eine Statue mit der Inſchrift zu errich⸗ ten: Größer als Brutus. Er zahlte ſeinen großmü⸗ thigen Vorſchlag, der, als ſelbſt das Schweigen die Ent⸗ ſchuldigung der Furcht bannte, in Frankreich kein Echo fand, mit dem Tode. Dieſelben Wolken der Gleichgültigkeit und des Vergeſ⸗ ſens, welche über das Grab der Charlotte Corday ſchwe⸗ ben, entziehen der öffentlichen Huldigung die berühmten Schatten: der Philippine Bolard, welche ſich ſo großherzig für ihr Land und ihren Gatten opferte; die unter den Zügen einer jungen und ſchönen Frau die Seele des Sokrates zeigte; der anderen Heldin ehelicher Liebe, der Frau von La⸗ fayette, vor der Voltaire kniete, wie vor der Gattin des Freun⸗ des von Washington; der Frau von Lafayette, die ſich le⸗ bend in den Kerkern von Olmütz begrub, wo ihr berühm⸗ ter Gatte fünf Jahre hindurch ſeine Ergebung für die Sache der Freiheit in zwei Welten büßte; der Eliſabeth von Frankreich, die durch keine Gefahr, durch keine Drohung gezwungen werden konnte, ihr Schick⸗ ſal von dem ihres erhabenen Bruders zu trennen. Nähern wir uns einem erſt kürzlich geſchloſſenen Grabe: hier ruht Manuel. Seinen Namen ausſprechend, habe 213 ich ſeine Lobrede geendet; ich habe geſagt, daß er einer unſerer größten Redner, unſerer größten Bürger war; ich habe geſagt, daß Freiheit, Unabhängigkeit und Ruhm der Nation nie einen weniger erſchrockenen Vertheidiger hat⸗ ten; ich habe geſagt, daß Manuel, das Opfer empörender Ungerechtigkeit und feigen Mißbrauchs der Macht, durch die Mehrzahl ſeiner unwürdigen Kollegen für unwerth er⸗ klärt wurde, in der Kammer der Deputirten zu ſitzen. Der Ausruf öffentlichen Schmerzes und Unwillens, der ſich gegen ſeine Unterdrücker erhob, ließ Niemanden zweifeln, daß eine neue Ernennung ihn bald rächen und in den Schooß einer Geſellſchaft, aus der widerrechtliche Gewalt ihn verdrängt hatte, zurückrufen werde. Fünf Monate darauf zeigte ſich die Gelegenheit; die Freunde Manuel's zwingen ihn, in die Schranken zu treten, und er erhält in dem Wahl⸗Collegium, wo er ſich als Kandidat der Abgeordneten geſtellt hatte, nicht dreißig Stimmen. Die⸗ ſes Zeichen des Undanks verſchlimmert die Krankheit, die ihn ergriffen hatte, er ſtirbt. Man hat eine Subſcription eröffnet, um ihm ein Denkmal zu errichten; aber ver⸗ gebens kniet Ein Freund an ſeinem Grabe, und fleht, daß man ſeine Aſche ehre*); die geringen Beiträge, die er empfängt, würden nicht hingereicht ha⸗ *) Man ſehe das Grab des Manuel(Lied von Béranger.) Anmerk. d. Verf. 214 ben— nicht die Statue— aber das einfache Bruſtbild dieſes großen Mannes zu erſchaffen, wenn der Sänger ſich begnügt hätte, dem Andenken ſeines berühmten Freun⸗ des den Tibut ſeiner Geſänge und ſeiner Thränen zu zahlen. Die Wuth des Volkes und Königliche Genehmigung haben den franzöſiſchen Boden mit koſtbarem Blute ge⸗ netzt; die Nation hat über das Schickſal der Opfer ge⸗ ſeufzt; aber genügen wenige, ſchnell verſiegte Thränen die Schuld des Vaterlandes gegen ſo unglückliche Helden zu tilgen? Welche Trophäe denn, welches Denkmal, welche einfache Bezeichnung einer Straße, eines Platzes, einer Fontaine weihen der Nachwelt die Namen eines Biron, Cuſtine, Condorcet, Lavoiſier, Ney, Labédoyère, Mouton Duvernet, Chartrand, Berton, Caron, Bories und der drei Genoſſen ſeines Ruhmes? Wäre es denn von der Erkennt⸗ lichkeit der Nation zu viel verlangt, ſo viele nichtsbedeu⸗ tende und lächerliche Namen, welche die Straßenecken die⸗ ſer Hauptſtadt der Welt beſchmutzen, verſchwinden zu laſ⸗ ſen, um an ihre Stelle Namen zu ſetzen, die geleiſtete glän⸗ zende Dienſte und wiedergutzumachende Ungerechtigkeit dem Andenken der Menſchen empfehlen? Ahndungen geweſener Revolutionen gehen wie ein Strom vorüber, ohne den Charakter der Nation, welche ſie erlitten hat, zu beugen; der Undank des Volkes aber kun⸗ det den Verfall ſeiner Sitten und giebt ſeinem Charakter einen unauslöſchlichen Fleck, der größer wird, ihn durch⸗ 215 dringt und ihn zu verderben endet. Aus dieſem Geſichts⸗ punkt betrachtet, iſt es zu behaupten erlaubt, daß die Gleich⸗ gültigkeit der franzöſiſchen Nation für den Ruhm der gro⸗ ßen Bürger, deren Dienſte das Schaffot bezahlte, ſeinem wahren Ruhm mehr ſchadet, als die Verbrechen der Par⸗ theien, deren Spuren mit der zuckenden Bewegung, die ſie hervorbrachte, verſchwinden.. und dennoch iſt dieß ſtrafbare Vergeſſen, über das ich mich beklage, nicht Undank der Politik: hier wird meine Aufgabe ſchwerer; nicht mehr zu Gunſten der Todten er⸗ hebe ich meine Stimme, ich wende mich an die Intereſſen des Augenblicks, an die Leidenſchaften des Tages; ich rede für lebende Männer gegen den undank der Nation, deſſen Pfeile dieſe Männer um ſo ſchneller dem Mißgeſchicke preis⸗ geben, je mehr die Nation ſie augenblicklich erhob. Es giebt Einen, gegen den die Parthei der Undankba⸗ ren am heftigſten erbittert iſt; er ſei auch der Erſte, den ich mit ſeinen Feinden in den Kampf treten laſſe: man ſieht, daß von Herrn Dupin die Rede iſt. Ich laſſe That⸗ ſachen ſprechen. Von allen Freiheiten der Nation fand die, welche eine Herrſchaft ohne Treue, aber nicht ohne Vorſicht am meiſten fürchtete, die Freiheit der Preſſe, in Herrn Dupin ihren unermüdlichen Beſchützer. Die Schriftſteller des Pa⸗ triotismus, der dem bewilligenden Gouvernement am mei⸗ ſten feindſelig war, baten nie vergebens um ſeinen Bei⸗ ſtand: ich könnte zwanzig Schriften anführen, in denen die 10** 216 Mehrzahl derjenigen am eifrigſten bemüht war, ihm zu hul⸗ digen, die, nachdem ſie nichts mehr von ihm zu erwarten hatten, ſeine Feinde geworden ſind. Man findet nie mehr Undankbare, als wenn man nicht mehr im Stande iſt, ſolche zu machen. 1 Herr Dupin hat ſtandhaft die Grundſätze einer eonſti⸗ tutionellen Freiheit bekannt und unterſtützt; er hat ſtets mit aller ſeiner Kraft zur Gründung eines Volks⸗Thrones beigetragen, auf den ſchützend Paris, Organ und Bevoll⸗ mächtigter Frankreichs, einen Bürger⸗König erhob; wie iſt dieſer alte Freund der Freiheit, einer der Urheber unſerer politiſchen Wiedergeburt, ſo plötzlich für die Männer des Juli ein Gegenſtand der Unruhe, ein Ziel der Verfolgung 4 geworden? Er war mit den Häuptern einer ſyſtematiſchen Oppoſition, an die er Theil zu nehmen aufgehört hatte, über einzelne Punkte politiſcher Lehre uneinig. Herr Dupin konnte ſich mit der Mehrzahl der Kammer von 1830 trü⸗ gen, da er, aus Achtung vor dem Grundſatz der Unabſetz⸗ barkeit der Richter, ſich gegen die Reinigung des Magiſtrats erklärte; er konnte ſich mit Voltaire trügen, wenn er glaubte, daß je mehr das Volk aufgeklärt ſei, deſto freier werde es ſein, im Gegenſatz zu denen, die da behaupten, daß je freier das Volk wird, deſto aufgeklärter wird es; aber da es gewiß iſt, daß dieſe Meinungverſchiedenheit über rein theoretiſche Fragen nicht die Quelle dieſer Fluth des Haſſes und der Ungerechtigkeit, der er ſich ſeit langer Zeit ausgeſetzt ſieht, ſein kann; ſo muß man in folgender ein⸗ 64 217 fachen Betrachtung die Urſache davon ſuchen: er, der über⸗ legene Mann, hat bei der neuen Ordnung der Dinge ſei⸗ nen Platz gefunden, wo Mitbewerber, die ſeine Nebenbuh⸗ ler zu ſein glauben, den ihren noch ſuchen. Was ich über Herrn Dupin geſagt habe, könnte ich faſt mit denſelben Ausdrücken wiederholen, wenn ich von Herrn Barthe und Merithou rede; noch vor einem Jahre konnte man zu Paris ihre Namen nicht ausſprechen, ohne den Glauben an ein höheres Talent, an jede Probe beſte⸗ hende Ergebung, an unbeſtechliche Vaterlandsliebe zu er⸗ wecken: ihr Lob war damals in jedem Munde. Die Re⸗ volution beginnt; ſie nehmen thätigen Antheil, und das Gouvernement giebt der öffentlichen Meinung nach, welche dieſelben zur Wahl bezeichnet. Kaum haben ſie die Schwelle der Macht betreten, als um ſie her das ungerechteſte Ge⸗ ſchrei ſich erhebt; ſchon zweifelt man an ihre Vaterlands⸗ liebe; bald wird man ſie der Intrigue, des Unterſchleifes, des Einverſtändniſſes mit den Feinden des Staates beſchul⸗ digen: was haben ſie gethan, die Liebe des Volkes zu ver⸗ lieren, an deren Beſitz ſie 20 Jahre gewandt haben? Sie haben ein Miniſter⸗Portefeuille angenommen, das Andere zu erlangen ſtrebten. Nicht dieſelben Menſchen, noch dieſelben Grundſätze mache ich für den Undank der Politik verantwortlich, über den ſich Laſayette und Laffitte zu beklagen haben; ſicher iſt es nicht die Parthei der Gewandten(habiles), die dem Einen das Commando der National⸗Garden Frankreichs, 218 und dem Andern den Vorſitz in der Deputirten⸗Kammer genommen hat. Es giebt Ungeſchicklichkeiten der Mittel, die man nicht erklären kann, ohne zu beachten, daß in je⸗ dem Volks⸗Verein die Mittelmäßigkeit herrſcht, und daß an dem Tage, wo ſeine Häupter glauben, ihn ſich ſelbſt überlaſ⸗ ſen zu können, derſelbe ſeine Kraft in dem Haufen der Nich⸗ tigkeiten, welche er darſtellt, gewinnt und ſo das Organ einer den Intereſſen, die er zu vertheidigen glaubte, entgegenge⸗ ſetzten Entſcheidung wird. Undank iſt ein ſchlechtes Kraut, das den Boden, der es ernährt, verſengt: Bajazet ließ den Befeſtiger ſeiner Macht tödten,„weil,“ ſagte er naiv,„es ihm nicht möglich ſei, alles das, was er ihm ſchulde, zu vergelten.“ Lafayette und Lafitte mögen ſich tröſten: es giebt für den öffentlichen, wie für den Privatmann eine Art Undank, der für die Eigenliebe eben ſo ſchmeichelhaft iſt, wie die ausgezeichnetſte Erkenntlichkeit. 3 Die Regierung, welche den Schmerz der Pariſer Natio⸗ nal⸗Garde über das Zurücktreten ihres berühmten Hauptes mildern wollte, ſah die Nothwendigkeit ein, an die Spitze dieſer Bürgerarmee einen Mann zu ſtellen, deſſen Ruhm und patriotiſche Tugenden ſeit langer Zeit ſeinen Ruf ge⸗ heiligt hatten. Ihre Wahl ſiel auf einen der Generale unſerer alten Armee, an deſſen Namen ſich die ehrenvoll⸗ ſten Erinnerungen knüpfen. Es war ein früherer Adjutant des Kaiſers, der Sieger von Burgos, der den Triumph des Eckmühl durch eine der ſchönſten Waffenthaten, deren die — 219 Geſchichte erwähnt, vorbereitete*); der Herr von Eßlingen, an einem Tage vier Mal genommen und wieder genommen, bliebz der in der widerwärtigen Schlacht von Waterloo während vier Stunden mit 6000 Mann der Gewalt von 30,000 Mann des Bülowſchen Armee⸗Corps widerſtand; der bei der zweiten Reſtauration im Jahre 1815 verbannt wurde, der Mitglied der Municipal⸗Commiſſion in der Re⸗ volution des Juli war; kurz es war der General Mouton⸗ Lobau, den Louis⸗Philippe dem General Lafayette zum Nach⸗ folger im Oberbefehl über die Pariſer National⸗Garde gab. Kann man es begreifen, daß ſo viele glänzende Dienſte, ſo viel Anſpruch auf Achtung und Erkenntlichkeit der wahren Vaterlands⸗Freunde, dieſen Bürger⸗Krieger nicht gegen die Beleidigungen eines unſinnigen Haufens ſchützen konnten, der in jedem Vertheidiger öffentlicher Ordnung einen Feind der Freiheit ſieht? Wenn es wahr iſt, was der berühmteſte Kanzler, den England gehabt hat, ſagt:„daß Tadel und ſelbſt Satyre die Steuern ſind, welche der angeſtellte Mann für die ein⸗ *) Der General Mouton uͤberſchritt d. 21. April 1809, am Tage vor der Schlacht des Eckmuͤhl, an der Spitze des ſiebzehnten Linien⸗Infanterie⸗Regiments, eine brennende Bruͤcke der Iſer, drang auf dieſem Feuerwege in die Stadt Landshut ein und trennte durch dieſe That unerhoͤrter Kuͤhn⸗ heit die oͤſterreichiſchen Armeen. Anmerk. d. Verf. M220 zige Handlung ſeiner Erhöhung dem Publikum verdankt,“ gewiß, ſo iſt kein Miniſter, ſelbſt der deſſen Worte ich an⸗ führte nicht, mit einem größeren Antheil in die Liſte amt⸗ licher Contributionen eingeſchrieben, als der jetzige Präſi⸗ dent des Miniſterraths. Niemand läugnet die ausgezeichneten Dienſte, welche Caſimir Périer der Sache eonſtitutioneller Freiheiten ge⸗ leiſtet hat; alle Welt erkennt das Talent und den Muth, welche er in dem von ihm unterſtützten Kampfe während zehn Jahren auf der National⸗Tribune gegen die Männer der Reſtauration bewieſen hat. Bedürfte ich, um dieß Lob zu rechtfertigen, eines an⸗ deren Zeugniſſes als das der Thaten, welches allein ich an⸗ wenden will; ich würde den gegenwärtigen Feinden dieſes Miniſters die Beſchuldigung zurufen, die ſie jetzt gegen ihn führen: ich würde fragen, wer der Vaterlandsfreund iſt, der⸗ das Lob nicht unterſchrieben hätte, welches ihm 1824 die öf⸗ fentlichen Blätter, die reinſten und hellklingendſten Otgane freier Meinung, darbrachten. Alle Schriften damaliger Zeit haben wiederholt, daß Caſimir Périer der beſte Bürger, der größte Redner, der untadelhafteſte Charakter, deſſen das neuere Frankreich ſich rühmen kann, war; Keiner ſtellte ſich raſcher und mit mehr Muth unter die Fahne des Juli, unter den ſchwierigſten Umſtänden lud er die Verantwortlichkeit des glänzenden Amtes, das er bekleidet und das er bis dahin verweigert hatte, auf ſich. So habe ich denn das Recht die Men⸗ 221 ſchen der Ungerechtigkeit und des Undankes anzuklagen, die jetzt den in der öffentlichen Meinung herabzuſetzen ſuchen, den ſie vor Kurzem in ihrer eigenen Achtung ſo hoch ſtellten. Es iſt hier nicht der Ort, das von dieſem Miniſter an⸗ genommene Syſtem der Verwaltung anzugreifen oder zu vertheidigen; zu prüfen, ob er ſich betrügt, indem er ſich von dem Grundſatz entfernt, den die Regierung als noth⸗ wendiges Reſultat der Juli⸗Revolution gleichweit von der unumſchränkten Macht und der Geſetzloſigkeit(Anarchie) aufſtellen muß(man ſieht, was ich unter dem Ausdruck juste milieu(gerechte Mitte) verſtehe, deſſen der Parthei⸗ geiſt ſich bemächtigt hat, ohne ihm zu genügen). Caſimir Périer iſt Staatsmann, in der edelſten Bedeutung des Worts, großer Redner und über jeden Verdacht erhabener Vaterlandsfreund; weiter wollte ich nichts ſagen. Bis man mir bewieſen hat, daß das Unglück, König zu ſein, ein dem Undank der Völker genügender Titel iſt, werde ich fortfahren, in Louis⸗Philippe den Mann des neuen Frankreichs, den gekrönten Repräſentanten der zwei⸗ fachen Revolution von 1789 und von 1830 zu ſehen.... Ich halte inne; zum erſten Male hört mein Ohr den Ruf Miniſteriel! Royaliſt! ertönen. Was kümmert das mich, iſt mein Leben nicht da, um für meine Meinun⸗ gen und Gefühle zu bürgen? Meine Laufbahn iſt zu Ende; ich erwarte Nichts mehr, weder von Menſchen noch von Ereigniſſen; ſelbſt nicht die Ruhe der Einſamkeit; ſelbſt nicht den Grad öffentlicher Achtung, auf den ich unſtreitige Rechte zu haben glaube. 222 „Bewahrt,“ werde ich meinen Verläumdern ſagen,„für Eure ehrgeizigen Nebenbuhler die Pfeile, die mich nicht mehr erreichen können.... Wem, würdet Ihr Euch ein⸗ zubilden ſchmeicheln, daß der, welcher nicht durch den Ruhm Napoleons gebeugt wurde, der die Gunſtbezeugungen Lud⸗ wigs XVIII. zurückgewieſen, der ſich vierzig Jahre auf der Breſche, um dort mit Schwert und Feder die Unabhängig⸗ keit und Freiheit ſeines Vaterlandes zu vertheidigen, gezeigt, der dieſem heiligen Zwecke ſein ganzes Vermögen und das ſeiner Kinder geopfert hat, den die drei unſterblichen Tage des Juli in den Reihen des bewaffneten Volkes oder auf dem gefährlichen Sitz eines Maire gefunden haben; wem, ſage ich, würdet Ihr Euch einzubilden ſchmeicheln, daß ein alter Athlet(Kämpfer) der Freiheit plötzlich Hofmann des Glücks und Schmeichler der Macht geworden iſt?“ Ich habe den Undank der Politik als ein neues Laſter der Zeit bezeichnet. Ich habe ſeine vorzüglichſten Opfer genannt, aber ich habe nur die Handlungen der Vergeltung angedeutet vor dem Gericht der Nation, wohin ich ſie ge⸗ ſtellt habe. Dieſer Aufſatz von wenigen Seiten iſt wahrſcheinlich das letzte Erzeugniß meiner Feder; ich betrachte ihn als mein öffentliches Teſtament, mit Vorbehalt eines Anhanges indeß, den ich in dieſem nämlichen Werke hinzuzufügen ver⸗ ſucht ſein könnte, wenn der Tod mich noch einige Jahre vergißt. Jouy. Die Landparthie. „Liebe Frau, ich will, daß Du Dich morgen einmal amüſirſt, und die Kinder auch; der Teufel kann Dich aus dem Hauſe locken; wenn Du mal des Morgens zwei Stun⸗ den im Tuilerie⸗Garten warſt, denkſt Du, es ſei für den ganzen Tag genug; ein Jeder muß wieder zu Hauſe, und am Abend glaubſt Du Wunder was Du für ein Vergnü⸗ gen gehabt haſt.“ „Aber, lieber Mann..—„Mein liebes Weib, erlaube, daß ich ſpreche: man muß nicht bloß an ſich denken und nur für ſich leben wollen. Unſre Tochter iſt funfzehn Jahr geweſen, und in dieſem Alter liebt man die freie Luft, ſpatzieren zu gehen, und auch einmal etwas anderes vor Augen zu haben als die Schürze der Mutter, obgleich al⸗ lerdings Deine Schürze ſehr ehrenwerth iſt.... „Lieber Mann, Du weißt ja, daß wir Beſuch bekom⸗ men und Leonore..“—„Ja, ich weiß, es kommt Ge⸗ I. 11 224 ſellſchaft; unter andern Herr Bellefeuille, der junge Genre⸗ Maler, welcher den Romanhelden ſpielt, weil er glaubt, es kleide ihm, wenn er ſich ein Büſchel Haare unter der Un⸗ terlippe wachſen läßt. Man möge nun ſchulgemäß oder romanhaft ſein, das iſt mir ziemlich gleich, wenn man nur Geld verdient. Wenn er Leonoren liebt,— nun wir wer⸗ den ja ſehen: ich ſage gerade nicht, daß ich ſie ihm geben werde, ich meine aber auch nicht, daß ich ſie ihm verwei⸗ gern will.... Da iſt noch Zeit dazu. Ich komme auf mein Plänchen für morgen zurück. Wir müſſen uns'mal ein Vergnügen machen; wir müſſen irgend wohin auf's Land, wo es'was giebt, wo getanzt wird. Es iſt eine wahre Luſt, eine ſolche Landparthie!... Du kennſt ſo etwas nicht, Du; Du willſt nie zum Thore hinaus; und ich ſollte doch meinen, daß die Einwohner von Paris we⸗ nigſtens die nächſte Umgegend kennen müßten; übrigens bis zum Weichbilde gehört ſie ja noch zur Stadt; da bekömmt man die Journale zu Mittag, ſtatt um 8 Uhr Morgens, und zahlt, ſtatt drei, vier Sols Brieſporto, das iſt der ganze Unterſchied; wir haben viel Leute von Verdienſt, Männer von Talent, wie Dichter, Maler, ſelbſt Buchhändler.... das heißt Buchhändler⸗Aelteſten, welche vor der Stadt wohnen, weil man da wohlfeiler lebt, man giebt einen Sols weniger für's Pfund Fleiſch. Du ſiehſt wohl ein, das macht ſchon was aus. Auf zweihundert Pfund Fleiſch des Jahrs ſpart man zehn Franken. Es iſt freilich wahr, man zahlt wieder fünf und zwanzig Franken mehr für den Wagen 225 nach Paris hinein... aber das ſchadet nichts, es iſt doch immer wohlfeiler auf dem Lande zu leben.... wir wollen morgen hinaus.“ „Ich bin nicht gut zu Fuß und...“—„So ſetzen wir uns in einen Omnibus oder einen Perſonen⸗Wagen; giebt's jetzt nicht Wagen überall? bald wird man die Reiſe um die Welt für ſechs Sols machen können. Sieh' unſer Junge ſpringt ſchon vor Freuden. Der arme Alexander, wie wird er ſich gehen laſſen, ſo eine Landparthie... gelt?“— „Ach ja, Papa!...“—„Die Sache iſt alſo abgemacht... Du richteſt Dich ein, daß Du wenigſtens zu Mittag fertig biſt, denn wir dürfen uns nicht erſt um 4 Uhr in Marſch ſetzen, wenn wir auf dem Lande zu Mittag eſſen wollen. Ich werde mich erkundigen, wo morgen um Paris etwas los iſt.. So eine Beluſtigung auf dem Lande, Du wirſt ſehen, liebe Frau, Du ſollſt davon erzählen können.“ Heerr Barbeau verläßt ſeine Frau; Ihr glaubt vielleicht, um für den andern Morgen Erkundigungen einzuriehen und ſich für den Ort zu beſtimmen, wohin er ſeine Familie füh⸗ ren will? ganz und gar nicht. Herr Barbeau iſt kaum zehn Schritt von ſeiner Wohnung entfernt, ſo denkt er ſchon nicht mehr an das, was er ſeiner Frau geſagt und für den nächſten Tag beſprochen hat. Er begegnet einem Freunde, redet ihn an, nimmt ihn unter'm Arm, fragt nach ſeinem Befinden, alles ohne ihm Zeit zum Antworten zu laſſen. Er hat eine Unterhaltung im Gange, wenn anders man es eine Unterhaltung nennen kann, wo immer nur Einer . 11* 226 ſpricht; und während der Rede kommt er wieder auf neue Gegenſtände, die führen wieder neue Geſchichten herbei, und erfordern neue Aufklärungen, ſo daß es kein Ende nimmt; man weiß nicht mehr, womit er angefangen hat, er ſelbſt vergißt es oft, denn, von einem Stück des Theater des Variétés kommt er auf Belgien oder auf die Paſteten von Leſage. Es iſt gerade wie in Tauſend und einer Nacht: eine Geſchichte veranlaßt die andere, und ſo wird eine ganze Menge daraus; und verſucht's nur einmal los zu kommen; wollt Ihr eine Bemerkung, einen Einwurf anbringen, gleich unterbricht Euch Herr Barbeau und ruft:„Erlaubt... ich habe noch nicht geendigt.“ Bei alle dem iſt Herr Barbeau ein Lebemann, ein phy⸗ ſiſch und moraliſch abgerundetes Männchen; heiter, aufge⸗ weckt, ſelbſt liebenswürdig, nur für die Schwätzer nicht, die würden nicht mit ihm fertig werden können. Er iſt ein Buchhändler⸗Aelteſter; er iſt mit vielen Männern von Geiſt bekannt geworden; er erinnert ſich ein Wort von dem einen, einen Zug von dem andern, und bringt das gern im Ge⸗ ſpräch wieder an. Seine Unterhaltung gewährt dem Ver⸗ gnügen, der gern zuhört. Er hat in ſeinem Leben viel Ge⸗ ſchäfte gemacht; er vergißt die ſchlechten und erinnert ſich nur der guten. Er hat ein glückliches Gemüth, beunruhigt ſich nie vorher, ſelbſt in ſchwierigen Augenblicken nicht; zerſtreut, ohne Sorgen, weiß er den ärgerlichſten Dingen immer noch eine gute Seite abzugewinnen. Wenn ſeine Geſchäfte ſchlecht gingen, und er tauſend Gründe hatte, von der Ge⸗ genwart gequält, und für die Zukunft beunruhigt zu ſein, was that Herr Barbeau? Er ging den Morgen vom Hauſe fort, und verbrachte den Tag beim Domino⸗Spiel. Aber er iſt Jedermanns Freund geblieben; und das iſt für ihn die beſte Lobrede. Madame Barbeau iſt ſo ruhig, als ihr Mann lebhaft iſt, und da die Extreme ſich berühren, ſo liegt hierin der Beweis, daß ſie für einander paſſen. Ihre Tochter hat das funfzehnte Jahr zurückgelegt, ſie iſt zurückhaltend und ſpricht wenig; ihr Sohn iſt 10 Jahr; er macht ſchon ſo viel Lärm wie ſein Papa. Da habt Ihr die ganze Famillie. Den andern Morgen, es iſt Sonntag, ſind Mutter und Kinder ſeit 11 Uhr fertig gekleidet, aber es wird Mittag, und Herr Barbeau, welcher ſehr früh ausgegangen iſt und nur fünf Minuten fortbleiben wollte, wird noch vergebens erwartet Der Genre⸗Maler hat den Damen ſeinen Beſuch ge⸗ macht; er bittet um die Erlaubniß, von der Parthie ſein zu dürfen; er hat zugleich die Abſicht, einige Gesenden auf⸗ zunehmen. Aber die Zeit vergeht, und das Haupt der Familie kömmt immer noch nicht. Die Tochter ſieht nach der Uhr und ſeufzt, der Maler ſieht die Tochter an und ſeufzt, und der Knabe ſeine neuen Beinkleider und— ſeufzt. Nur die Mutter bleibt bei guter Laune: nach zwanzigjähriger Ehe iſt man daran gewöhnt, ſeinen Mann zu erwarten. Endlich, gegen zwei Uhr, kommt Herr Barbeau mit einem hagern und blaſſen Männchen zurück, welches die ganze Familie mit Anſtand begrüßt, während unſer Buch⸗ händler ausruft:„Nun da bin ich!... Stellt Euch vor, ich hatte unſere Landparthie ganz vergeſſen!... Ich be⸗ gegnete einem Freunde und frühſtückte mit ihm... es war jemand, den ich wenigſtens ſeit zwölf Jahren nicht geſehen hatte!... Seitdem hat er Manches erlebt; er hat mir Alles erzählen müſſen; unterweges ſollt Ihr's wieder er⸗ fahren. Nach dem Frühſtück gehen wir ruhig im Palais Royal ſpatzieren, da treffe ich hier unſern Freund Grigou; geſprächsweiſe ſagt er: es iſt heut ſo ſchönes Wetter, ich hätte wohl Luſt über Land zu gehen. Da ſchlag' ich mich vor die Stirn, und rufe aus: Ach! mein Gott! alle Welt erwartet mich zu Hauſe zur Landparthie!... Ich habe nun Grigou den Vorſchlag gemacht, mit zu gehen, und er hat es angenommen: je närriſcher man iſt, deſto mehr lacht man. Vorwärts denn, liebe Frau, laß einen Miethswagen holen... aber ſage ja dem Mäͤdchen, daß ſie einen recht großen wähle.“ Der Wagen iſt da, und obgleich er geräumig genug iſt, findet die Geſellſchaft doch kaum Platz darin, denn Herr Barbeau nimmt den Hauptſitz beinahe allein ein. Man rich⸗ tet ſich ſo gut wie möglich ein, die Kinder neben der Mut⸗ ter, Herr Grigou halb hinter Herrn Barbeau verſteckt; jener klagt: er werde erſticken; dieſer aber antwortet:„Ihr ſitzt ja ganz gut, rührt Euch nur nicht ſo viel.“. „Wo ſoll es denn hingehen?“ fragt der Kutſcher. Bei 229 dieſer ganz natürlichen Frage ſieht ſich ein Jeder an, und Madame Barbeau wiederholt die Frage:„Nun, lieber Mann, wo fahren wir denn hin?“ „Den Teufel auch, ich weiß es ſelber nicht! Kutſcher, wo giebt's heut Geſellſchaft vor'm Thor?“ Der Kutſcher beſinnt ſich eine Weile:„Ei“ ſagt er,„heut iſt ja Ti⸗ voli...“—„Ach! das iſt nichts für uns, wir wollen auf's Land, auf ein Dorf, wo es munter hergeht.“—„Ach ſo, das iſt eine andere Sache... Wollen Sie nach Ba⸗ tignolle, zum Vater Latuille?“—„Vater Latuille kennen wir wohl, man ißt ſehr gut bei ihm, aber da iſt's noch nicht ländlich genug.“—„Ich glaube heut iſt Geſellſchaft in Belleville“—„Alſo nach Belleville. Vorwärts!“ „Aber,“ ſagt Grigou, indem er verſucht, etwas hinter Herrn Barbeau hervorzukommen,„in Belleville iſt's eben auch nicht ſehr ländlich, das iſt wie eine Vorſtadt von Paris, wir würden beſſer thun...“—„Da haben wir's, da ſeid Ihr ſchon wieder anderer Meinung, in Belleville ſoll's was geben, da geht's munter her.... Seid doch zu⸗ frieden, und bewegt Euch nicht ſo viel.“”“ Der kleine Mann erwiedert nichts weiter; er verſucht nur, mit der einen Hand das Taſchentuch hervorzuholen, um ſich den Schweiß abzutrocknen. Während der ganzen Fahrt erzählt Herr Barbeau die Abenteuer ſeines Freundes. 1 Man läßt ihn ſprechen, ohne ihn zu unterbrechen, die Familie iſt es ja ſo gewohnt. Der junge Maler wirft ſeine Blicke auf Leonore, indem er ſich den Schein giebt, dem. 230 Vater zuzuhören; was Freund Grigou betrifft, der will nicht immer bloß Zuhörer ſein, er will auch gern ſein Wort anbringen, doch denkt er, im Wagen mag er reden: drau⸗ ßen iſt an mir die Reihe. Man kömmt in Belleville an. Der Kutſcher hält vor der Liebesinſel. Die Geſellſchaft ſteigt aus, ſchickt den Wa⸗ gen zurück, und geht einige Augenblicke auf der Dorfſtraße ſpatzieren, um ſich einen Geſellſchaftsort aufzuſuchen. Aber * überall iſt es ſtill, nirgend Anſtalten zu einem Feſt, auch nicht eine Pfefferkuchenbude zu finden. Die Mutter geht mit der Tochter ernſthaft auf und nieder, Alexander watet den Rinnſtein entlang, und iſt bemüht, ſich zu beſchmutzen, um doch etwas zu thun; der junge Künſtler ſucht verge⸗ bens einen maleriſchen Punkt in der großen Straße von Belleville, und Grigou ruft verdrießlich aus:„Sind das die Freuden auf dem Lande?“ Plötzlich ſagt Barbeau, die Geſellſchaft aufhaltend: „Aber, Kinder, ſeit einer Viertelſtunde laufen wir wie die Rarren umher, macht Euch denn das Vergnügen?“ „Nein, ganz und gar nicht.“— Mir auch nicht.— Mir auch nicht.—„Der Kutſcher iſt ein Eſel, hier iſt heute nichts los, aber wir brauchen ja nicht hier zu blei⸗ ben. Laßt uns das Dorf weiter hinauf gehen, nach dem Gehölz von Romainville, vielleicht, daß wir dort Geſell⸗ ſchaft finden.“ „Romainville!... ich liebe den Ort nicht,“ ſagt Gri⸗ gou,„ich wollte einmal da eine Kaſtanie..—„So 231 ſchweigt doch, Grigon, Ihr wollt niemals, was Andere wollen.... in Geſellſchaft muß man doch nachgeben.... Ihr wollt immer Euern Willen haben, das iſt doch aber lächerlich.“—„Im Gegentheil ſcheint mir...“—„Ei, wir gehen nach Romainville, und dabei bleibt's.“ Man geht Belleville entlang, man geht durch den Gar⸗ ten von Saint Fargeau, man erblickt das Gehölz; und nun iſt man doch wenigſtens im Freien. 3 „Ach! Papa! ein Eſel!“ ruft der Knabe.—„Willſt Du einmal drauf reiten?“—„Ach ja! Papa....“— „Gut, wir wollen einen miethen, auf dem Lande muß es luſtig hergehen, Lorchen ſoll auch reiten.... auch Du, lie⸗ bes Frauchen?....“—„Nun das fehlte noch; biſt Du närriſch geworden, Barbeau?....“—„Willſt Du lieber ein Pferdchen haben?.... gut, ſo miethe ich Dir auch das.“—„Weder Pferd noch Eſel, auf keinem von beiden würde ich mich erhalten können!“—„Grigou, Ihr müßt aber reiten?...—„Ich habe auf keinem Pferde geſeſſen ſeit... in der That.... wartet einmal....“—„Ach gebt Euch keine Mühe.... ich werde gleich Pferde an⸗ ſchaffen.“. Herr Barbeau läßt zwei Eſel und zwei Pferde ſatteln. Seine Tochter und Alexander beſteigen die ruhigſten Thiere. Herr Grigou weigert ſich vergebens. Sein Freund bringt ihn wider Willen auf's Pferd, gabelt ſich auf das andere, und nun geht die Reiterei vor ſich, von der Mama, der die Füße ſchon wehe thun, und dem Genre⸗Maler, welcher 232 zurückbleiben möchte, um zeichnen zu können, langſam ge⸗ folgt. Herr Barbeau und ſein Freund haben die Eſel bald aus dem Geſichte verloren. Sie kommen in ein Gehölz, und während Erſterer einen Trab verſuchen will, ſtürzt Freund Grigou, bergab reitend, über den Kopf des ſtolpern⸗ den Pferdes lang auf die Erde. „Dacht' ich's doch, daß es ſo kommen würde,“ ſchreit Grigou hülferufend und wehklagend. „Was habt Ihr denn?“ fragt Barbeau umkehrend.— „Seht Ihr's denn nicht, ich bin herunter gefallen.“— „Das kommt davon, daß Ihr nicht feſt ſitzt“—„Ei ja doch, das verwünſchte Pferd iſt gefallen!“—„Weil Ihr es nicht zu halten verſteht.“—„Ach Ihr ſeid an Allem Schuld!...“—„Nun, nun, es iſt ja nichts weiter; Ihr ſeid ja nicht verwundet, auf dem Lande muß man ſich amü⸗ ſiren... Wir wollen jetzt umkehren und unſere Frauen aufſuchen.“—„Umkehren, ja, aber ich ſteige nicht wieder auf; ich führe mein Pferd am Zügel.“—„Ach! Ihr ſeid ein furchtſamer Haſe.“ Die Herren kehren am Rande des Waldes zurück, und bemerken einen Eſel, der ſich im Sande wälzt, nachdem er ſeine Reiterin abgeworfen hat, dieſer aber beim Fallen die Kleider verrätheriſch das Geſicht bedeckt haben. „Ach! ſeht doch, Grigou,“ ruft Barbeau,„wie reizend! Schade, daß Bellefeuille nicht hier iſt... Welch' ſchönes Genre⸗Bild könnte das geben!“ 233 Grigou bleibt ſtehen, und ſucht ſeine Brille, um das Genre⸗Bild beſſer betrachten zu können; doch ehe er ſie finden kann, iſt Madame Barbeau ſchon von der andern Seite herbeigeſprungen, und hat die Kleider wieder in Ord⸗ nung gebracht; da entdeckt erſt Herr Barbeau, daß ſeine Tochter geſtürzt iſt; er findet das Gemälde nun nicht mehr ſo ergötzlich, ſteigt vom Pferde, und läuft ſeiner jammern⸗ den Frau entgegen. „Nun, was giebt's?“—„Leonore iſt herunter gefal⸗ len; der häßliche Eſel hat ſich niederlegen wollen...““— „Das ſeh' ich alles.... Haſt Du Dir Schaden gethan, Lorchen?“ „Ol mein Gott, nein, lieber Vater.“—„Nun denken wir denn nicht weiter daran!“ „Nicht mehr daran denken! Das kannſt Du leicht ſagen,“ murrt die Mutter,„meine Tochter iſt aber auf eine ſehr unangenehme Art gefallen... man hat ja alles..“—„Das weiß ich!... hat Bellefeuille was geſehen?“—„Nein, Gott ſei Dank, er war zurückgeblieben.“—„Wenn Bellefeuille nichts bemerkt hat, iſt's weiter kein Unglück.... Alles iſt gerettet.... He holla, Bellefeuille!.... lieber Freund, ſeid ſo gut, und gebt Pferde und Eſel wieder ab, es iſt des Spaßes genug damit. Wir werden uns ſo lange nie⸗ derſetzen und im Graſe wälzen, bis Ihr wieder da ſeid.“ Der junge Künſtler iſt mit dem Auftrag nicht ſehr zu⸗ frieden, aber er kann ihn nicht ablehnen, er ſetzt ſich auf das eine Pferd, und macht ſich, den Eſel und den andern 234 Renner am Zügel, davon. Herr Barbeau ruft ihm nach, daß er einen ſchlechten Franconi abgebe. „Nun wollen wir dort in das Wirthshaus einkehren, und fragen, ob heute hier getanzt wird,“ ſagt Barbeau. „Ich bemerke nichts davon,“ ſagt Grigou,„aber nach ge⸗ rade bekomme ich Hunger.“— Jetzt werden wir doch noch nicht zu Mittag eſſen wollen?... Dazu haben wir noch Zeit.“—„Noch Zeit!... Weil Ihr ein gutes Gabel⸗ frühſtück zu Euch genommen, glaubt Ihr, es habe keine Eite!“—„Liebe Frau, erwarte uns hier mit den Kindern im Graſe.... Ich werde mich erkundigen, ob's hier Ge⸗ ſellſchaft giebt, oder wo ſonſt heut getanzt und geſprungen wird.“ Mad. Barbeau iſt nichts lieber, als ſich ſetzen zu kön⸗ nen, und geht mit ihrer Tochter ſich auszuruhen; Grigou folgt ſeinem Freunde. Der Reſtaurateur, an den man ſich wendet, iſt zufällig eben ſo ſchwatzhaft als Herr Barbeau; ſtatt einfach zu ant⸗ worten, verwickelt er ſich in Redensarten, die ihn kein Ende finden laſſen; um einen Weg zu bezeichnen, fängt er mit der Beſchreibung der ganzen Umgegend an, und fragt man ihn, was er zu Mittage vorſetzen könne, zählt er alle Schüſſeln her, die er zu machen verſteht, und die er er⸗ funden hat, was zu einer Sauce gehört; alles, um endlich zu geſtehen, daß er nur Kalbsbraten hat. Herr Barbeau berſtet vor Ungeduld, den Schwätzer zu⸗ zuhören. Während der Beſchreibung eines Nachtiſches von 235 ſeiner Erfindung unterbricht er ihn mit Ungeſtüm:„Seit einer Stunde frage ich Euch,“ ſagt er,„ob heut in Ro⸗ mainville Geſellſchaft ſein werde, ob wir bei Euch zu Mit⸗ tag ſpeiſen können, und ſtatt mir zu antworten, ſprecht „Wie denn, mein Herr.... ſollt' ich Ihnen übel be⸗ gegnet ſein? Wenn ich Sie beleidigt habe, bin ich der Mann, Ihnen jede mögliche Genugthuung zu verſchaffen...“ —„Eil! geht zum Teufel! Nun wird er mir gar ein Duell anbieten. Wir werden jetzt nicht bei Euch ſpeiſen, weil Ihr zu viel ſprecht und Euch nicht zu benehmen ver⸗ ſteht.“ Herr Barbeau verläßt den Speiſewirth, und Grigou folgt ihm mit den Worten:„Da werden wir uns wohl das Mittagbrot wo anders ſuchen müſſen.“ Man nimmt im Graſe Platz. Bellefeuille kommt mit Alexander, und dieſer geht, ſich drehend und wendend, ein⸗ her, weil er ſich auf dem Eſel ſeine Beinkleider zerriſſen hat, und er dieß der Mutter gern verbergen möchte. Mut⸗ ter und Tochter bewundern die ſchönen Nüſſe auf einem Baum nicht weit von ihnen, und Barbeau iſt in einer Er⸗ zählung vertieft, die Grigou keinesweges Spaß macht, weil ſie nicht zu Ende kommt. „Ich ſagte Euch doch,“ fährt der Buchhändler fort, „daß ich und einige Freunde uns eines Tages auf dem 236 Lande das Vergnügen machten, ein dickes, gutmüthiges Kerlchen, Namens Duloiret, aus der Provinz betrunken zu machen?“ „Ach! Duloiret! den hab' ich gekannt,“ erwiederte Grigou.—„Gut, gut! daß Ihr ihn gekannt habt, gehört aber nicht zur Sache....“—„Ja, aber ich weiß, was Ihr mit ihm gemacht habt, und zum Beweiſe will ich Euch die Geſchichte erzählen....“—„Nein, erlaubt nur, ich muß ſie beſſer wiſſen als Ihr, und werde ſie wohl eben ſo gut vortragen.“„ und, ohne die Erlaubniß ſeines Freundes abzuwarten, fängt er ſeine Erzählung von vorn wieder an, welche noth⸗ wendig noch ein Dutzend andere herbeiführt. Während er ſpricht, bemerkt er jedoch, daß Frau und Tochter nicht darauf achten.„Was ſchaut Ihr denn ſo in's Blaue,“ ſagt er,„wenn ich rede?—„Wir betrachten uns nur die ſchönen Nüſſe da oben.“— Mama, ſoll ich hinauf klet⸗ tern?“ ruft der kleine Alexander.—„Nein, mein Söhn⸗ chen,“ ſagt der Papa,„Deine Pantalons ſind ſchon zer⸗ riſſen genug, wenn Du hinaufſtiegeſt, würdeſt du uns was ſchönes zeigen, ehe wir nach Paris zurückkommen. Grigoul geht Ihr und ſchlagt einige Nüſſe für die Frauen herunter, Ihr ſeht ja, daß Bellefeuille zeichnet... Seid doch ein we⸗ nig galant, Grigou.“—„Warum könnt Ihr denn das nicht ſelbſt thun?“—„Weil ich nicht ſo leicht und geſchickt bin, als Ihr..“—„Aber iſt's auch erlaubt?...“— „Um eine Nuß; Ihr fürchtet Euch wohl?“ . 237 Grigou entſchließt ſich endlich, Nüſſe abzuſchlagen; er denkt, das iſt doch beſſer, als Barbeau's Geſchichten anzu⸗ hören. Dieſer ſtreckt ſich neben Bellefeuille im Graſe aus: „Wenn ich ein Maler wäre,“ ſagt er,„würde ich alle Originale copiren, die mir vor Augen kämen...“—„Es iſt nicht ſo leicht, Herr Barbeau, die...“—„Erlaubt, laßt mich meine Gedanken entwickeln.... Ich habe in meinem Leben recht glückliche Ideen gehabt.... Ich habe einem Schriftſteller oft den Entwurf zu einem Buche ge⸗ liefert, und die Bücher haben ſich immer gut verkauft...“ —„Aber ein Buch, mein Herr, iſt nicht....“—„Ich* bin noch nicht fertig, mein Freund. Laßt uns z. B. ein⸗ mal ein wenig die Leute muſtern, die hier vorüber gehen.... Hier iſt Paris auf dem Lande....“—„Nun ja, einige Bürger, einige Handwerker....“—„Ei, Leute aus allen Ständen, und wenn ich Schriftſteller oder Maler wäre, würde ich das gleich benutzen. Seht da, das Pärchen, was da kommt, das ſind Pariſer; für einen Sonntag ſehen ſie ganz anſtändig aus. Sie ſprechen zu heimlich mit einan⸗ der, und ſehen ſich zu oft an, als daß es Eheleute wären. Der junge Mann ſcheint ein wenig zu grollen. Das Frau⸗ chen hat ſich wahrſcheinlich nicht im Gehölz verirren wol⸗ . d Aber ſie treten beim Reſtaurateur ein.... ſie werden ein Zimmer verlangen, und alles wird ſich ausgleichen. Es ſcheint mir ein Modehändler und eine Wäſcherin zu ſein, Ihr ſeht wohl, daß ihr Kragentuch ſehr geſucht und ſau⸗ ber iſt, und der junge Mann Beinkleider und Weſte vom 238 neumodiſchſten Zeuge trägt. Was kömmt denn da her, lachend und ſpringend, das macht ja einen Lärmen und Staub! O, das ſieht man gleich... das ſind luſtige Dir⸗ nen, und zwar zweiter Gattung; nun! die ſind nicht wenig ausgelaſſen, und ſetzen allen Anſtand bei Seite. Es ſind ihrer fünf, und nicht ein einziges Kerlchen bei ihnen; aber das wird ſie nicht verhindern, zu lachen und tolles Zeug zu machen; ſolche Mädchen haben kein Vergnügen, wenn ſie nicht ſo viel Lärm machen, wie der Zapfenſtreich; ſie halten ſich über Jeden auf, der ihnen begegnet; halt! da bleiben ſie ſtehen, berathſchlagen und betrachten ſich die Reſtauration. Ich wette, ſie überlegen, ob ſie alle fünf ſo viel Geld haben, da eſſen zu können. Man öffnet den Geldbeutel... man rechnet... Dal da ſeht Ihr den Er⸗ folg... ſtatt zu dem großen Reſtaurateur hineinzugehen, nehmen ſie ihren Weg nach dem kleinen Wirthshäuschen dort: ihre Mittel erlauben ihnen nur Landwein und Eier⸗ kuchen mit Speck. Aber heut Abend werden ſie ſich ſchon entſchädigen, da muß der erſte beſte Schwachkopf, dem es einfällt, ihnen den Hof zu machen, Punſch vorſetzen laſſen, und dann erinnern ſie ſich die ganze Woche hindurch beim Schuhbeſetzen oder Knopflöchernähen des herrlichen Sonn⸗ tags⸗Vergnügens! Man muß Philoſophie oder viel frohe Laune haben, wenn ein froher Tag für die ganze Woche genügen ſoll!... Es iſt freilich wahr, es giebt viel reiche Leute und Beamte, welche auf ſieben Tage nicht einen hei⸗ tern verleben, und ſo gleicht ſich denn alles wieder aus. 239 Aha! da kommen Leute aus dem Orte... ſie ſind ſtark, friſch, aber häßlich. Im Allgemeinen ſind die Bäuerinnen aus der Umgegend von Paris nicht hübſch, und haben über⸗ dieß nicht einmal ſo einen reizenden Kopfputz, wie die Frauen der Normandie und der Franche Comté. Dieſe flachen Mützen haben nichts Anziehendes, und wegen der kurzen Taillen kann man auch nicht ſehen, ob ſie wenigſtens gut gebaut ſind. Der Bauer, welcher ſie führt, hat ſeine Dienſtmütze aufgeſetzt, um zu zeigen, daß er Nationalgar⸗ diſt iſt; ſeitdem dieſe guten Leute im Dienſt ſind, glauben ſie, ſich auch bei der Ackerarbeit ein militairiſches Anſehn geben zu müſſen; warum das aber eigentlich? iſt es denn ein Verbrechen, ſich im blauen Hemde behaglicher zu füh⸗ len als in der Uniform? Sieh da! da kommt ein Hand⸗ werker mit ſeiner Familie im Sonntagſtaat; er zieht in einem kleinen Korbwagen die beiden jüngſten Kinderchen und den Vorrath für das Mittagsbrot hinter ſich her. Seine Frau folgt ihm, ſie iſt nicht beladen, aber ſie iſt gu⸗ ter Hoffnung; ſie iſt verdrießlich und ungehalten, klagt den ganzen Weg, und redet mit ihrem Mann nur, um ihm dann und wann zuzurufen: Nimm Dich doch in Acht, Du fährſt ja auf einen Stein... Du wirſt ſie noch um⸗ werfen... Ach! wie einfältig ziehſt Du den Wagen!... Und der arme Mann, der Blut und Waſeer ſchwitzt, und den Dienſt eines Hundes verrichtet, glaubt ſich Sonntags ein Vergnügen zu machen und arbeitet die ganze Woche wie ein Ruderknecht, um ſich dieſe liebenswürdige Erholung 11** 240 zu verſchaffen. Aha! da zeigt ſich auch noch eine Reiter⸗ geſellſchaft Gelt! mein lieber Bellefeuille, das wäre doch wohl der Mühe werth, gezeichnet zu werden? Dieſe Rei⸗ ter mit Seehundsmützen und zerriſſenen Kragen, ſie haben keine Sprungriemen, und ihre Beinkleider ſind bis an's Knie in die Höhe geſchoben, und da ſie keine Strümpfe tragen, zeigen ſie den Vorübergehenden ihre nackten Beine; was zu Pferde in der That ganz allerliebſt ſteht. Wenn man dieſe lumpigen Reiter ſieht, möchte man ihnen zuru⸗ fen: Statt dreißig Sols Pferdemiethe für die Stunde zu zahlen, thätet Ihr beſſer, Euch Strümpfe zu kaufen....“ —„Sie würden Euch aber antworten: Bekümmert Euch doch um Eure eigenen Angelegenheiten.“—„Da habt Ihr Recht, und drum wollen wir ſchweigen.“ 1 Während Herr Barbeau ſeine Originale, zu welchen e ſich ſelbſt noch nicht einmal gerechnet hatte, die Revue paſſiren ließ, war Freund Grigou beſchäftigt, Steine in den Nußbaum zu werfen; da er ſich ſeiner Jugend dabei erinnerte, ſo fand er Vergnügen daran, und rief jedesmal ein freudiges„da haben wir ſie“ aus, wenn eine Nuß zu ſeinen Füßen fiel. Er war bei ſeinem zwanzigſten Wurf, und hob die achte Nuß auf, was ſeine Geſchicklichkeit eben nicht beſonders empfiehlt, als ein kleiner Mann, mit einem Blechſchild auf der Bruſt, einem großen Säbel an der Seite und einem dreieckigen Hute, deſſen Spitze gerade über der Naſe ſteht, auf dem Kopfe, ſich auf ihn ſtürzt 241 und ihn mit den Worten beim Kragen packt:„Da haben wir ihn!.... Iſt das nicht unverſchämt.... an einem Sonntage, vor aller Welt!... Vorwärts, in's Gefängniß mit Euch, Pariſer!“. Grigou verſucht's, ſich zu entſchuldigen, ſich los zu ma⸗ chen; aber der Feldhüter hat in der Woche ſchon einen kleinen Stich, und iſt Sonntags vollends betrunken. Er nimmt weder Vernunft an, noch läßt er ſeinen Mann fah⸗ ren. Es laufen mehrere Bauern hinzu, und auch ſie ſpa⸗ ren ihre Schmähreden gegen Grigou nicht. Den Land⸗ leuten iſt es eine wahre Freude, wenn ſie ſich am Städter reiben können. Wenn man ſie hört, ſollte man glauben, die Bewohner von Paris kämen nur auf's Land, um alles zu verwüſten; und doch, was würden dieſe Landwirthe und Feldarbeiter, welche man uns oft mit allen häuslichen Tu⸗ genden ſchildert, während ſie größeren Theils neidiſch, eifer⸗ ſüchtig, verläumderiſch, argliſtig und eigennützig ſind, mit ihren Lebensmitteln anfangen, wenn die Städter, die ſtets ihre Zielſcheibe ſind, ſie ihnen nicht abkauften? Freilich wohl kämen dieſe gleichmäßig in Verlegenheit, wenn der Landmann nicht für ſie das Feld beſtellte. Aber was be⸗ weiſt dieß? daß wir einer des andern bedürfen; und müſ⸗ ſen wir uns denn darum einander ſo unaufhörlich an⸗ feinden? Das Geſchrei Grigou's wird endlich von der Geſellſchaft im Graſe gehört. Herr Barbeau ſteht auf, und läuft her⸗ 242 bei. Er fragt, prüft, läßt Niemand zu Worte kommen; aber leicht erräth er den Hergang, da der Feldwächter Gri⸗ gou noch immer am Kragen feſthält. „Was fällt Euch denn ein?... Jemanden wegen ei⸗ ner Nuß in Arreſt bringen?...“—„Mein Herr, ich will...—„Ich ſehe wohl, was Ihr wollt.... Iſt es denn der Mühe werth, ſo viel Lärm zu machen?“—„Ja, wenn ein...“—„Ihr wollt, daß man Euch ein Löſe⸗ geld zahle.. Meinetwegen denn, da habt Ihr fünf Fran⸗ ken, und nun laßt uns zufrieden.“ Der Feldhüter weiſt das Geldſtück zurück, ohne Zweifel, weil er von ſo vielen Leuten beobachtet wird, und die Bauern ſchreien:„Fort mit ihm zum Maire von Ro⸗ mainville; dieſe gottloſen Pariſer kommen nur zu uns, um uns zu beſtehlen, um...“—„Seid doch froh, daß dieſe Pariſer, die Ihr beleidigt, Euch Eure Milch und Eure Erdtoffeln abkaufen.“—„Oho! wenn ſie ſie uns nicht abkaufen, verzehren wir ſie allein; das iſt uns ſchon recht!“ —„Nun, und womit kauft Ihr dann Eure Schuhe, Eure Kleider, Euern Wein, und womit bezahlet Ihr Eure Steuern? he? Die Bauern wiſſen darauf nichts zu erwiedern, ſchreien aber dennoch von neuem:„Zum Mairel fort, zum Maire!“ Und der Wächter, welcher ſchon anfing, beim Anblick des weinerlichen Grigon Mitleid zu fühlen, ſetzt ſeinen Hut von der Seite und ſchleppt den Gefangenen fort. „Nun wohl denn, zum Maire!“ ſagt Barbeau.— 243 „Wie... was giebt's?“ fragt Madame Barbeau, die mit der übrigen Geſellſchaft ſo eben dazukömmt.—„Es iſt nichts, mein Kind, für ein Paar Nüſſe, die Grigou abge⸗ ſchlagen hat, gehen wir nach Romainville zum Maire. Es iſt freilich ein ſchlechter Spaß, aber wir haben ja nichts zu thun, es iſt doch ein hübſcher Spatziergang, und ſind wir im Dorfe, werden wir wahrſcheinlich auch Muſik und Geſellſchaft dort antreffen.“ Die Familie iſt über die Promenade eben nicht ſehr er⸗ freut, aber da Herr Barbeau mit dem Angeklagten und den Zeugen bereits voran iſt, ſo muß ſie ſich ſchon entſchließen, zu folgen. Unterweges giebt ſich Herr Barbeau alle Mühe, den Landleuten das Unrecht zu beweiſen, Jemand, einer Nuß halber, zu arretiren, und belegt ſeine Meinung mit zwanzig glaubwürdigen Anekdoten, während Grigou ihm heimlich vorwirft, er nur ſei an Allem Schuld. Barbeau aber giebt ihm einen Stoß mit dem Elbogen und ſagt: „So ſchweigt doch nur. Ihr werdet Eure Sache noch ganz verderben.“ Man kömmt in Romainville an, und auch hier iſt ſo wenig Anſchein zu einem ländlichen Feſt als in Belleville. Es geht zum Maire, alle Kinder des Dorfes ſchließen ſich den Bauern, welche Grigou transportiren, an, und mit dem Reſt der Geſellſchaft bildet ſich ſchon ein recht artiger Zug, deſſen Anführer Barbeau zu ſein ſcheint; er ſchreitet, im unaufhaltſamen Redefluß, ſtolz vorauf; es gelingt ihm, den Feldhüter einzuſchüchtern, welcher fürchtet, einen dum⸗ 4 * 244 men Streich gemacht zu haben, und ſelbſt die Bauern glau⸗ ben, ein Mann, der fortwährend ſpricht, muß doch wohl am Ende Recht haben. Ja, man möchte ſelbſt ſchwören, es ſei Barbeau, welcher Grigou arretiren läßt. Man kömmt zur Wohnung des Maires; er iſt nicht zu Hauſe und eben auf der Mairie. „ Vorwärts nach der Mairie!“ eifert Barbeau. Da aber Madame Barbeau und ihre Kinder im höchſten Grade ermüdet ſind, ſetzt ſich die Familie mit Herrn Bellefeuille auf eine Steinbank, und dieſer macht ſich dabei, die gegen⸗ überliegende Molkerei zu croquiren. Endlich iſt man auf der Mairie, aber auch hier iſt der Maire nicht. Ein Nachbar verſichert, er ſei zu Vater An⸗ toine gegangen, wo er unter Trinkern einen Streit zu ſchlichten habe. Der Feldwächter und die Bauern betrachten ſich mit zweifelhafter Miene, man ſieht, ſie ſind müde, ihren Ge⸗ fangenen ſpatzieren zu führen, und mit einigen verſöhnen⸗ den Worten und ein Paar Gläſern Wein wäre Alles been⸗ digt. Aber Barbeau läßt ſich darauf nicht ein; ohne auf Grigou zu hören, der ihn am Rock zupft, ruft er herriſch: „Weiter denn, zum Vater Antoine! ich muß den Maire ſprechen; hat man den Herrn arretiren können, ſo ſoll man ihn nun auch richten.“ „Aber,“ ſagt Grigou leiſe,„wenn ſie doch jetzt viel fanftmüthiger geworden ſind.“—„Das thut nichts zur Sache, fort zum Vater Antoine! ich werde mich nicht um⸗ » — — 245 ſonſt bei der Naſe herumführen ufen, ich; das kann ſo nicht abgehen.“ Man kommt bei Vater Antoine an, welcher Kuchen, Speck und Wein verkauft. Der Maire iſt ſo eben fort⸗ gegangen, weil der Streit beendigt iſt; Mutter Antoine glaubt, er ſei zur Mairie zurückgekehrt, um die Angelegen⸗ heit zwiſchen Jean Marie und Gaspard zu ſchlichten, welche einen gemeinſchaftlichen Brunnen haben, und einer vom andern verlangen, ihn mit einem neuen Strick zu ver⸗ ſehen. „Gut, ſo gehen wir nach der Mairie zurück,“ ſagt Herr Barbeau, aber der Wächter, der gewohnt iſt, bei Va⸗ ter Antoine auszuruhen und zu trinken, hat ſchon vor ei⸗ nem Tiſche Platz genommen, und die Bauern machen es eben ſo, und ſagen:„Laſſen wir den Herrn laufen, ein ander' Mal wird er keine Nüſſe mehr ſtehlen.... Es iſt genug des Laufens heute... Was meint Ihr, Wächter?“ Der Feldhüter erwiedert, indem er ſich ein Glas Wein einſchenkt:„Ei freilich iſt's auch genug für dieß Mal!“ Grigou iſt entzückt und bedankt ſich bei Jedermann, Barbeau aber tritt dazwiſchen und ſagt:„Darauf verſtehe ich mich nicht, Ihr Leutchen, man arretirt einen Menſchen nicht um nichts und wieder nichts.... Ich verlange nach der Mairie zurück.“ Bei dieſen Worten ſchreit Grigou kirſchbraun vor Zorn: „Potz Wetter! Herr Barbeau, das iſt zu toll; wenn dieſe unglückſelige Geſchichte beendigt iſt, wenn dieſe Leute mei⸗ 6 246 nen Leichtſinn vergeſſen wollen, wollt Ihr mich zum Maire bringen?“—„Ja, mein Herr, weil ich es liebe, daß die Sachen ihren ordnungsmäßigen Gang nehmen... weil ich die Willkühr verabſcheue, und...“—„Ei ſo geht zum Teufel mit Eurer Willkühr... Ihr habt es ja verlangt, ich ſollte die Nüſſe abſchlagen....—„Und was beweiſt das?“—„Daß Ihr die Leute in's Unglück bringt, und darin ſtecken läßt.“—„Ihr ſeht im Gegentheil, daß ich Euch daraus wieder verhelfen will.“—„Ihr ſeid ein Starrkopf!“—„und Ihr ein Schwachkopf!“ Der Streit erhitzt ſich dermaaßen, daß der Wächter und die Bauern genöthigt ſind, ſich hinein zu miſchen, um die beiden Freunde aus einander zu bringen. Endlich be⸗ ruhigen ſich die Gemüther. Barbeau ſetzt ſich zum Wäch⸗ ter, läßt Wein kommen, und bezahlt für die ganze Geſell⸗ ſchaft. Grigou traktirt mit kleinen Butterkuchen. Man ißt, man trinkt und ſchließt allgemeine Freundſchaft. Im Schwatzen und Trinken fragt Barbeau die Bauern: „Wo wird denn heut getanzt?“—„Getanzt?... Heut iſt in Romainville alles ſtill.“—„Es giebt heut nichts in Romainville?... Teufel! Darum ſind wir ja nur her⸗ gekommen.“—„In Bagnolet aber geht's heut munter her.“—„In Bagnolet... ol dann iſt es ſchön, ſo wollen wir denn nach Bagnolet.... das iſt nicht weit von hier, glaub' ich?“—„Nein, eine kleine Viertelmeile; Ihr geht die große Straße zurück bis zum erſten Wege links, und Ihr ſeid da.“—„Nun denn, Grigon, noch ein Glas, 1 und 247 und dann in Marſch geſetzt. Unſere Geſellſchaft erwartet uns auf einer Steinbank da unten. Adieu, lieben Kinder, wohl bekomm's, ohne Groll!“ Barbeau und Grigou haben endlich Vater Antoine ver⸗ laſſen, und der Buchhändler ſagt zu ſeinem Freunde:„Nun ſeht Ihr doch, daß alles gut abgelaufen iſt.... Ich war ganz ruhig deshalb.“—„Euer Fehler iſt's eben nicht, daß es kein übler's Ende genommen.“—„Laßt doch das gut ſein, Ihr habt meine Taktik gar nicht verſtanden; hätte ich ſo ein grämliches Geſicht gemacht, wie Ihr, ſo wären wir noch ihre Gefangenen.“ Man erreicht die Familie wieder. Bellefeuille hat Zeit gehabt, drei Kühe und einen ganzen Viehhof zu zeichnen. „Wir gehen nach Bagnolet,“ ruft Barbeau ſchon ganz aus der Ferne ſeiner Frau entgegen,„das iſt ein ſchönes Dorf, hier ganz in der Nähe, nur zwei Schritte und es geht bergab.“—„Nach Bagnolet!“ ſagt Madame Barbeau,„aber wo denkſt Du hin, lieber Mann? es wird Nacht werden.“ —„Nun, und was ſchadet das?... Ich denke doch, liebe Frau, Du wirſt bei uns keine Furcht haben?“—„Aber wir ſind ſehr ermüdet.“—„Es geht ja bergab, ſag' ich Dir.“—„Wir ſterben vor Hunger.“—„Sei nur ruhig, wir eſſen in Bagnolet zu Mittag.“ Man entgegnet nichts mehr und bricht auf. Es iſt ſchon ganz finſter, als man in Bagnolet ankommt. Das freundliche Dorf beſteht nur aus einer einzigen engen Straße, welche aber beinahe ſo lang iſt, wie die Vorſtadt St. Mar- I. 12 248— tin. Schon von fern tönt ihnen ein Lärmen und Jauch⸗ zen entgegen, welches, je näher ſie kommen, immer lauter wird; man kann es kaum unterſcheiden, iſt es Lachen, Ge⸗ ſchrei oder Geſang; aber ohne Unterbrechung iſt das Getöſe und Geſchwirr. „Das laß' ich mir noch gefallen, hier iſt doch endlich was los,“ ſagt Barbeau;„hört Ihr wohl die muntere Geſellſchaft, wie ſie ſich amüſirt?“—„Wenn das Ver⸗ gnügen ſein ſoll,“ erwiedert Madame Barbeau,„aber der Lärmen ängſtigt mich beinah... es ſcheint, als wenn man ſich prügelte“—„Ich fürchte mich auch,“ ſagt Lorchen, indem ſie ſich dicht an der Mutter hält.—„Wenn man ſich prügelt,“ ſagt Grigou,„will ich lieber auf das Ver⸗ gnügen Verzicht leiſten.“—„Ei ſo habt Euch doch nicht... Ihr träumt.... Man lacht ja und tanzt; nur munter vorwärts, ich ſtehe für Alles“ Man kommt auf dem Platz an, wo das Volk ſich be⸗ luſtigt. Er iſt von der Größe des Platzes Chevalier du Guet in Paris. In einer Ecke hat man einen Fleck mit Sand beſtreut und mit einer Leine umzogen, und hier tanzt die Jugend des Orts nach zwei Violinen und einem Tam⸗ bourin. Gegenüber ſtehen zwei Buden, die eine mit Pfef⸗ ferkuchen, die andere mit Bratwürſtchen. Alles iſt mit einigen niedrig angebrachten Lampen und mit Papier um⸗ gebenen Talg⸗Lichtern erleuchtet. Bei der Ankunft unſerer Geſellſchaft gab es in der That ein Handgemenge unter den, größtentheils berauſch⸗ ten Bauern. Die Frauen und Mädchen hatten ſich auf 249 die eine Seite geflüchtet, von wo aus ſie dem Raufen zu⸗ ſahen. Aber der Streit nahm ein Ende, man vertrug ſich wieder, und Männer und Frauen fingen von neuem zu tan⸗ zen an. „Nun ſeht Ihr doch, daß man hier nur fröhlich iſt,“ hebt Barbeau an,„man macht Lärmen, weil die Bauern nicht daran gewöhnt ſind, leiſe zu ſprechen.“—„Alſo das iſt nun ſo ein ländliches Vergnügen?“ ſagt Grigou.— „O, wartet nur, wir haben noch nicht Alles geſehen. Wir wollen nur erſt eine Reſtauration aufſuchen.“ Man ſieht ſich nach allen Seiten um, man ſucht, aber nirgend iſt eine dergleichen in Bagnolet zu finden. End⸗ lich entdeckt man einen Garkoch, über deſſen Thüre die Inſchrift befindlich iſt:„Ländlicher Garten und Land⸗ ſchaft.”— „Verſtehen Sie, was das heißen ſoll?“ fragt Barbeau den Maler.—„In der That, nein!“—„Ich auch nicht, nun gleichviel, nur hinein, wir werden eine Landſchaft ver⸗ langen, wo man eſſen kann.“ Man tritt in das beſcheidene Wirthshäuschen. In dem großen Zimmer kann man es vor Knoblauchsgeruch, der einem die Thränen in die Augen preßt, nicht aushalten, und geht alſo in den ländlichen Garten hinter dem Hauſe. Hier iſt die Landſchaft zu ſchauen; auf dem Grunde der Mauer hat nümlich der Wirth eine Tapete, dreizehn Sols das Stück, angebracht, worauf Zeiſige und Papageyen ge⸗ malt ſind. 12* 250 Die Geſellſchaft, welche vor Hunger beinahe ſtirbt, nimmt an einem Tiſche vor der Landſchaft Platz, und fragt, was man haben könne. Nichts als Pöckelfleiſch und friſche Eier, denn alles andere iſt bereits von den Bauern verſchlungen. Dieſe mit Wein von Bagnolet benetzte Mahlzeit erſcheint den Pariſern freilich ſehr ländlich. Man eilt damit fertig zu werden, und verläßt die Landſchaft. Der Ball iſt im beſten Zuge. Nachdem Barbeau die Geſellſchaft mit Pfefferkuchen ſtatt des Deſſerts geſtopft hat, will er durchaus, daß getanzt werde. Er zieht ſeine Frau mit fort, welche vergebens widerſteht, Bellefeuille nimmt Lorchens Hand, und ſo geht's zum Tanzplatz. Die Muſik hebt an; die Bauern fangen an, und der Tanz geht mun⸗ ter vor ſich. Plötzlich fahren mehrere Bauern mit grim⸗ migen Blicken auf die Tanzenden los:„Wir haben es Euch ja verboten,“ ſchreien ſie,„mit unſeren Frauen zu tanzen!“ und ohne eine Antwort zu erwarten, ſchlagen ſie auf die Tänzer los. Dieſe erwiedern die Hiebe, alle Bauern laufen herzu und ergreifen die eine oder die andere Par⸗ thei. Die Prügelei wird allgemein. Die Frauen laufen ſchreiend davon, die Kinder weinen, aber die Violinen laſ⸗ ſen ſich nicht ſtören. Mitten in dieſem Getümmel, bei die⸗ ſem Hagel von Prügel, welche die Bauern rechts und links austheilen, hat Madame Barbeau ihren Mann verloren, und auch Lorchen iſt von ihrem Tänzer getrennt worden. Nicht ohne viel Mühe gelingt es ihnen, den Tanzplatz zu verlaſſen. Sie rufen nach dem Gatten und Bruder, aber 1 251 ihre Stimme wird von dem Geſchrei der Bäuerinnen, welche die Kämpfer aus einander bringen wollen, übertönt. End⸗ lich treffen ſie Grigon, den zwei Männer wieder auf die Füße bringen, nachdem vier Bauern ſich fünf Minuten lang auf ihm herumgeprügelt haben. Auch Bellefeuille erſcheint wieder; er hat ſeinen Hut verloren, aber er hat den kleinen Alexander aufgefunden, und bringt ihn zu ſei⸗ ner Mutter zurück. Nur Barbeau fehlt noch, um aus dem verwünſchten Bagnolet zu entkommen; doch endlich findet auch er ſich wieder an, ohne Halstuch, mit blauen Flecken, aber immer fröhlicher Laune. „Aha! die Raſenden, ich habe ſie tüchtig bedient!“ ſchreit er ſeiner Frau entgegen.—„Aber, mein Freund!... wo kommſt Du denn her? was hab' ich für Sorge gehabt!“ —„Ich habe mich geſchlagen.“—„und für wen denn?“ —„Was weiß ich's, aber alle Welt ſchlug ſich, da machte ich's wie die Andern, zwei oder drei habe ich gehörig bear⸗ beitet, da machte man mir Platz.“—„Ach, mein Gott, was iſt das für eine Landparthie!“—„Wollen wir jetzt gehen, mein Kind?“—„Ja gewiß, und das ſo ſchnell als möglich.“—„Nun denn, Marſch auf den Weg.... Aber ich kann nicht dafür ſtehen, daß wir einen Wagen an der Barrière finden.“—„So viel iſt gewiß, Freund Barbeau,“ ſagt Grigou,„bei ſolcher Landparthie dürft Ihr auf mich nicht mehr rechnen. C. Paul de Kock. — Eine erſte Vorſtellung im Theater. — Sonf, das heißt vor dem 26. Juli 1830, hatte ſo eine erſte Vorſtellung im Theater etwas zu bedeuten. Die Ivur⸗ nale kündigten ſie einen Monat vorher an; ſie citirten den Namen des Autors in allen Schreibarten, und nur an dem entſcheidenden Tage wurde dieſer Name ein Geheimniß. Dann beobachteten die Freunde des Schriftſtellers, welche, im Einverſtändniß mit ihm, ſich bis dahin alle Mühe ge⸗ geben hatten, ihn bekannt zu machen und ſein Geheimniß auszubreiten, die größte Zurückhaltung. Man ſah ſie in den Säulenhallen vor dem Theater, in den Logengängen und Erfriſchungszimmern ſich anreden, ſich, gleich den Car⸗ bonari's oder den Mitgliedern des Tugendbundes, durch gewiſſe Zeichen, verſtohlene Augenwinke oder Händedrücken zu erkennen geben. Sie vergaßen ſelbſt das neue Werk, um ſich nur mit der wichtigen Tagesangelegenheit zu be⸗ ſchäftigen. Sie waren dann nicht mehr, wie früher, öf⸗ —,— 253 fentlich, jeſuitiſch, freimüthig, royaliſtiſch; ſie waren nur die Freunde des Autors, lebten nur für ihn, theilten ſeine Angſt, ſeine Furcht, ſeine Hoffnungen, und man hat Schrift⸗ ſteller gekannt, welche das Glück hatten, in dergleichen ge⸗ ſelligen Verträgen mehr als die Hälfte der Zuſchauer zu finden, diejenigen ungerechnet, welche das Gewerbe der Bei⸗ fallklatſcher übernahmen. In jener guten Zeit gab es mehrere Arten von Auto⸗ ren: ſolche, welche es aus Zeitvertreib, aus Eitelkeit, aus Liebe zu unnützem Ruhm waren; ſolche, die nur aus Ge⸗ winnſucht Theaterſtücke ſchrieben; und eine dritte Klaſſe, welche aus klugen, unterrichteten Männern, Schriftſtellern von Beruf, wirklichen, mit Talent und Gewiſſenhaftigkeit arbeitenden Gelehrten gebildet war. Die Gunſt des Gou⸗ vernements war für die erſten, der einträgliche und leichte Erfolg für die zweiten, die öffentliche Achtung und Dürf⸗ tigkeit für die letzteren. Ihr werdet finden, daß hierbei ein jeder genau den Theil erhielt, der ihm gebührte. Ein reicher Mann, wel⸗ cher in der Geſellſchaft ſchon eine gewiſſe Stelle behaup⸗ tet, verdiente wohl einige Gunſtbezeugungen der Staats⸗ männer, wenn er, anſtatt ſie zu tadeln, anzufeinden, und in ihrer Stellung zu ſchaden, ſich mit Treuherzigkeit dar⸗ auf beſchränkte, in Alexandrinern, mit oder ohne Ryth⸗ mus, das Laſter, die Leidenſchaften und eingebildete Lächer⸗ lichkeiten zu zeichnen. Die ſpeculativen, über ſich einigen Schriftſteller, welche das Comptoir für die Feder verlaſſen 254 hatten, ſollten bei dieſem Wechſel nicht verlieren. Was die letztern betrifft, ſo gewährten dieſen die Annehmlich⸗ keiten eines abwechſelnden und friedlichen Studiums, die Ruhe, die richtige Abſchätzung der Dinge und die Beob⸗ achtung der Verwirrung des Laſters und des Elends, wel⸗ ches alles ſich ſo verſchiedenartig begegnet, vollſtändigen Er⸗ ſatz. Man ließ ſie in Ruhe, man vergaß ſie; und nichts war ihnen lieber. Alle hatten bei der erſten Vorſtellung einer ihrer Stücke mehr oder weniger Freunde; alle hatten ſo viel bezahlte Bewunderer, als nöthig waren, um ihnen in dem Erfolge zu ſchaden, oder ihren Fall herbeizuführen; denn dieſe un⸗ würdigen, von den täglichen Theatergäſten wohl bekannten Stützen feſſelten Niemandes urtheil, und erweckten den Unwillen oft nur durch ihre Unverſchämtheit und Unge⸗ ſchicklichkeit. 3 Die Verwaltungen der Theater beſtritten in ſolchen Fällen die Koſten, und zur Schande der Schriftſteller ſei es geſagt, man weiß nicht, daß ein einziger dergleichen je⸗ mals zurückgewieſen hätte. Aber was trug ſich nun am Tage einer erſten Vorſtel⸗ lung zu? Wir wollen es genau beleuchten. Gegen NMittag begiebt ſich der Autor in's Theater, wo man vor ihm eine Probe, wie die Schauſpieler es nennen, „im Morgenrocke“ abhält, das heißt als reines Werk des Gedächtniſſes, ohne Bewegung, ohne Geiſt, ohne alles, was der auftretenden Perſon oder der dramatiſchen Handlung 2⁵⁵ erſt Seele, Regſamkeit und Leben verleiht.„Man kann an einem Tage nicht zwei Mal Wahrheit haben,“ iſt eine Couliſſen⸗Phraſe, welche die Erfahrung oft beſtätigt hat. Ein Schauſpieler bedarf einer großen Anſtrengung, um ſich von künſtlichen Leidenſchaften zu durchdringen und ſie aus⸗ zudrücken, als wenn er ſie wirklich empfände; und es läßt ſich begreifen, daß der, welcher ſich am Morgen dieſe Mühe gäbe, es am Abend vielleicht aus Ermüdung vergebens ver⸗ ſuchen würde. Es iſt indeſſen unläugbar, daß man, nach der Art und Weiſe, wie der größere Theil der Schauſpie⸗ ler in Gegenwart des Publikums ſeine Rollen giebt, ver⸗ ſucht iſt, anzunehmen, daß es ihnen nicht ſchaden würde, wenn ſie vor dem Autor dieſelben Kräfte verwendeten. Aber ſein Handwerk mittelmäßig betreiben, iſt ja kein Grund, um von ſtrenger Beobachtung der dabei vorgeſchriebenen Regeln abzugehen. Bei dieſer letzten Probe wagt der Autor einige Bemer⸗ kungen zu wiederholen, welche er ſchon zwanzig Mal ge⸗ macht, welche man zu befolgen verſprochen hatte, aber welche dennoch ohne Erfolg geblieben waren. Armer Au⸗ tor! Ihr, meine Herren und Damen, die Ihr dieſes wie Nachrichten aus China leſen werdet, Ihr wißt es nicht, welche Anſtrengung es ihm gekoſtet hat, in die verſchiede⸗ nen Theile ſeines Werkes die Einheit zu bringen, die Euch eben ſo leicht begreiflich ſcheint, als Ihr ſie verlangt. Das Blut, welches das Denken und Nachſinnen ihm in den Kopf getrieben, hat im Magen gefehlt, und er hat ſchlecht 256 verdaut; er iſt der Schlafloſigkeit Preis gegeben worden; bei dieſer Veränderung ſeines körperlichen Zuſtandes iſt er melancholiſch, verdrießlich geworden; er hat ſich von dem größten Theil der Vergnügungen, die Euch das Leben ſo ſüß machen, und ohne welche Ihr es ſehr traurig finden würdet, zurückziehen müſſen; ſeine Reizbarkeit hat zuge⸗ nommen, und was Euch als ein Kinderſpiel erſcheint, ſetzt ihn oft in Verzweiflung. Zwei verunglückte Vorſtellungen in acht und vierzig Stunden*) haben Picard den Tod ge⸗ bracht. Er gab nachher noch die„Trois quartiers;“ der glänzende Erfolg dieſer Arbeit war zwar ein Troſt, ein we⸗ nig Balſam für ſeine Wunde, aber dieſe war doch zu tief geſchlagen; er mußte daran ſterben. Denkt Euch nur die unausſprechlichen Qualen eines Mannes, der ſeine Arbeit durch den Eigenſinn oder die untüchtigkeit eines Schauſpielers verfehlt, mit Lähmung und Vernichtung bedroht ſieht. In ſeinem Werke liegt ſein ganzes Glück, ſeine einzige Hoffnung, ſein gegenwärti⸗ ges und künftiges Leben. Ihr werdet ſagen, er ſei ein Narr, ſich ſo zu quälen, und Ihr habt nicht Unrecht; aber dieſer Narr, iſt er deshalb weniger Eures Mitleids werth? Glaubt Ihr vielleicht, ein Narr könne in ſeiner Verrücktheit nicht auch leiden, furchtbar leiden? Ihr wür⸗ det ſehr im Irrthum ſein. de Lambert Symnel und der Großmuͤthige aus Ei⸗ elkeit. Dieſe letzte, ohne allen Werth abgehaltene Probe en⸗ digt ſich unter Späßen, ungereimten Scherzen, Spötte⸗ reien und Auskramen politiſcher Neuigkeiten, alles Dinge, welche dem augenblicklichen Intereſſe des Autors zu fern liegen, als daß er daran Theil nehmen könnte. Er ver⸗ läßt die Verſammlung, blaß und mit entſtellten Zügen, dieſen ſprechenden Zeichen ſeiner Unruhe, welche er jedoch noch ehrenhalber zu verbergen bemüht war, begiebt ſich in das Zimmer des Regiſſeurs, und muß hier tauſend läſti⸗ gen Geſuchen um Billets genügen. Niemand achtet auf ſeine Sorgen; und bis zum Lampenanſtecker wird er rechts und links unverſchämter Weiſe in Anſpruch genommen. Er geht. Seine Bläſſe iſt, vielleicht durch die Wir⸗ kung der Ungeduld, verſchwunden; er fühlt ſich blutroth; die Luft im Freien erregt ihm eine angenehme Kühlung im Geſicht, er nimmt den Hut ab, fährt mit der Hand durch die Haare, athmet mit Vergnügen die friſche Luft ein, und iſt ruhig, wenigſtens unempfindlich geworden. Ein armer Sünder, welcher die letzte Stunde erwartet, ſagt man, hat ſolche Augenblicke. 8 Am Tage einer erſten Vorſtellung ſpeiſt der Autor nicht bei ſich zu Mittag, das iſt ſo Regel. Er würde die Ein⸗ ſamkeit nöthig haben, um in Muße die möglichen Fälle des Erfolges, und ſeine Gründe zum Hoffen oder Fürch⸗ ten erwägen zu können. In der Einſamkeit kann er Herr ſeiner Angſt, ſeiner ſelbſt werden, er kann ſich mit der ganzen Kraft der Vernunft überreden, daß der gute oder 258 ſchlechte Erfolg nicht das Endurtheil über ein tüchtiges und talentvolles Werk zu ſein brauche. Er kann bei ſich beſchließen, ſich der von ihm hervorgerufenen Sentenz mit Ergebung zu unterwerfen, und den Preis ſeiner Arbeit mit Ruhe abzuwarten, der ihr billiger Weiſe werden muß. Nein, bewahre; er gehört dieſen Tag ganz mit Leib und Seele dem Publikum an. Seine Freunde ſtreiten ſich um ihn, und wie ungehobelt wäre es nicht, wollte er ſie alle abweiſen! Er wählt; und, was gilt's! Ihr glaubt, er giebt denen den Vorzug, welche mit ihm fühlen, welche ſeinem Geiſt mit tröſtlichen Worten zu Hülfe kommen, und ſeinem zeh⸗ renden Hunger nur leichte Speiſen bieten; keinesweges! Er geht zu einem vornehmen Manne, der eine ſchlaue, ränkevolle Frau hat. Er hat ihr den Abend vorher meh⸗ rere Logenbillets gebracht, und man hat ihm das Anerbie⸗ ten gemacht, ihn in der Kaleſche bis zur Thür des Thea⸗ ters zu bringen. Da muß er nun liebenswürdig ſein, ſeinem Geiſte Ehre machen, und die ungeheuere Selbſtüberwindung beſtehen, über ſeine Lage zu ſcherzen. Man ſtößt auf einen glück⸗ lichen Erfolg an, ſpricht aber auch von ausgepfiffenen Au⸗ toren, und er iſt manchmal verſucht, ſich zu fragen: ob man ihn eingeladen habe, um ihn zu beleidigen. Aber der Herr Wirth kann ihn zu einem Orden, und die Frau in die Akademie verhelfen. 3 Das Mittagsmahl nimmt kein Ende, und das iſt ihm doppelt unangenehm; theils, weil es nur wenig Eile für 259 den Gegenſtand ſeiner Sorge und Angſt verräth, theils, weil er deshalb ſpäter zu dem Ort aller ſeiner Intereſſen gelangt.. 5— Endlich kommt er auf dem Theater an. Das erſte Stück iſt bereits geſpielt, und alle Schauſpieler befinden ſich auf der Bühne. Ein jeder ſtellt ſich ihm im Coſtüme vor, und bittet um ſeine Meinung; es bleibt ihm nichts übrig, als zu billigen und zu loben, denn es iſt zu ſpät, um irgend etwas Weſentliches abzuändern; er muß mit allem zufrieden ſein, wenn gleich der Anzug, dieſes mäch⸗ tige Täuſchungsmittel für den Schauſpieler, ihm bei meh⸗ reren den Beweis lieſert, daß man keinesweges daran ge⸗ dacht hatte, die von ihm beabſichtigte Wirkung herbei⸗ zuführen. Beim nahen Ausgang der Sache nimmt ſeine Furcht zu, und während er ſie mit dem letzten Hoffnungs⸗ ſchimmer und dem Reſt ſeiner Standhaftigkeit zu bekäm⸗ pfen ſucht, wird ſein Ohr durch das unharmoniſche Getön von hundert Pfeifen gequält; ein Umſtand, der bei uns der unumgängliche Vorläufer aller erſten Vorſtellungen zu ſein ſcheint. Der Ruf des Regiſſeurs:„Platz auf dem Theater!“ läßt ſich hören, und Niemand geht aus der Stelle; aber das Herz des Autors hört auf zu ſchlagen, ſein Auge ver⸗ dunkelt ſich, und er weiß nicht, wie er in die Couliſſen kommen ſoll. Der dreifache Schlag hat getönt, das Or⸗ cheſter beginnt unter Geſchrei und Tumult, die Bühne iſt geräumt, der Vorhang erhebt ſich feierlich, und eine eiſige 260 Stille folgt dem Lärmen, welcher einen Augenblick vorher nicht beſänftigt zu werden ſchien. Ich zweifele nicht, meine Herren und Damen, daß es Euch Vergnügen gewähre, wenn ich Euch den Triumph eines armen Autors ſchildere; aber in der Abſicht, mich Euch ſo angenehm als möglich zu machen, ſollt Ihr ihn auch von der Schmach eines Falles beſchimpft und erdrückt erblicken. Ihr ſeid wohl nur wenig unterrichtet, wie es ſich da⸗ mit verhält. Nichts iſt leichter, als ſich den Freudenrauſch eines Dichters nach der erſten Vorſtellung von„Marino Fa⸗ liero, Heinrich III., die Vernunft⸗Heirath oder die Köni⸗ gin von ſechszehn Jahren“ vorzuſtellen. Ihr habt ſelbſt Freuden empfunden, welche Euch einen Begriff von dem unwillkührlichen Lachen, von den angenehmen krampfarti⸗ gen Bewegungen geben können, welche den ganzen Körper eines ſolchen glückſeligen Mannes durchziehen, ſeinen Mus⸗ keln neue Spannkraft geben, ſein Blut in den Adern gleich⸗ mäßig verbreiten, und ſein Herz wohlthuend ausdehnen. In ſeinem Gehirn entwickeln ſich nur glückliche Gedanken, ſeine Seele iſt nur von klaren und rührenden Empfindungen er⸗ füllt. Er lacht zu ſeinen Freunden, er drückt ſie an ſein Herz, ſeinen Feinden reicht er die Hand, entſchuldigt, be⸗ klagt ſie und vergiebt ihnen, und auch in ſeiner Wohnung zurückgekehrt, der Ruhe und Einſamkeit überlaſſen, vermin⸗ * —mõõ 261 dert ſich dieſe zufriedene, glückliche Stimmung nicht. und dieſe Stimmung iſt ja ſo gerecht! Ein jeder von Euch erinnert ſich einer guten Hand⸗ lung: einen Unglücklichen unterſtützt, eine rechtſchaffene Fa⸗ milie der Verzweiflung entriſſen, einem Freund mit Eifer und Uneigennützigkeit gedient zu haben. Nur das höch⸗ ſtens kann dem Herzen noch mehr Befriedigung, dem Le⸗ ben mehr Heiterkeit und Frohſinn gewähren. Fügen wir nun noch hinzu, wie ihn im Bett goldene Träume erwarten, und er ſich den Süßigkeiten des Schlum⸗ mers mit dem Gedanken überläßt, daß am anderen Mor⸗ gen, wenn er durch die Straßen geht, die Vorübergehen⸗ den bei ſeinem Anblick ſtehen bleiben und ſich zurufen wer⸗ den:„Da iſt er!“ Dieſen letzten Umſtand könnten wir überſehen, wenn etwas menſchliche Schalkheit darin nicht einen Gegenſtand des Neides erblicken ließe. Jetzt ſollt Ihr aber das erfahren, was Euch bei ent⸗ fernteren Beziehungen nur weniger bekannt iſt; Ihr müß⸗ tet denn auch ſchon ſehr lebhaften Schmerz empfunden haben. Treten wir in den Schauſpiel⸗Saal; hier bereitet ſich die Tortur für ein lebendes, fühlendes Weſen vor. Beim erſten Bogenſtrich des Orcheſters verläßt man die Erfriſchungs⸗Säle und die Logengänge, ein jeder beeilt ſich, ſeinen Platz oder ſeinen Poſten einzunehmen, denn 262 eine erſte Vorſtellung kann man ſelbſt einer Schlacht ver⸗ gleichen; und Niemand iſt abweſend, wenn der Vorhang ſich hebt. Die mit der Einleitung des Stücks beauftragten Per⸗ 8 ſonen erſcheinen auf der Bühne. Denn, was man auch ſagen möge, daß man die Regeln des Ariſtoteles befolge, oder die Art und Weiſe Shakespeare's beobachte, der Ge⸗ genſtand des Stücks muß angekündigt, ein die Handlung vorbereitender Abriß davon gegeben werden. Der etwas verwickelte Gegenſtand erfordert von den Zuſchauern eine gewiſſe Aufmerkſamkeit, und von den Schauſpielern einen klaren, beſtimmten Vortrag, der von abwechſelnden Schat⸗ tirungen, verſtändigen Pauſen und all den ſinnreichen Hülfs⸗ quellen unterſtützt wird, welche die Ehre der Kunſt ausma⸗ chen, und der Künſtler in ſeiner Gewalt haben muß. Aber man hat ſich in den Logenreihen rechts und links umgeſehen(denn bei einer erſten Vorſtellung kennen ſich alle Zuſchauer in den Logen); man hat ſich in den Bal⸗ cons damit beſchäftigt, die Richtigkeit gewiſſer Reime zu prüfen; auch rufen einige Brauſeköpfe vom Parterre aus: „Ruhig da! zur Thür hinaus!“ und man hat dadurch einige Einzelnheiten verloren, welche nöthig waren, um den Gang der Handlung richtig aufzufaſſen. Von der an⸗ dern Seite hat ein großer Schauſpieler, welcher ſeine Ehre auf dem Spiele glaubt, wenn ihm nicht am Ende einer jeden Rede ein zahlreiches Bravo erſchallt, ſeine Verſe nur 263 mit abwechſelndem Forte und Piano auf ſolche Weiſe reci⸗ tirt, daß dieſer gemeine und unverſtändige Zweck auch ſicher erreicht werde. Und in der That thun die Worte dabei nichts zur Sache; der durch dergleichen Mittel erzielte Bei⸗ fall gilt nur dem Geſange des Schauſpielers. Die beliebteſte Schauſpielerin hat die Hauptrolle über⸗ nommen; aber ſie hat ſich in den Proben erkältet, weil ihr eine andere Parthie angeboten worden iſt, von der ſie ſich einen glänzenderen Erfolg verſpricht. Sie ſpielt nachläſſig. Die erſte Abtheilung wird mit Kälte aufgenommen; am Ende derſelben glaubt der Autor ſogar den Ton einer Pfeiſe zu hören. Er bemerkt dieß einem untergeordneten Schauſpieler, welcher ihm jedoch erwiedert, er ſei im Irr⸗ thum; es gäbe eine Thür im Saale, deren Angel genau den Ton einer Pfeife nachahme; er glaubt es ihm; der Schauſpieler wartet ſeine Antwort nicht ab, ſondern geht in das Verſammlungs⸗Zimmer, um über die Lüge mit ſei⸗ nen Kameraden zu lachen. Ein übelgeſinnter Schauſpieler hat ſogar bereits die Meinung und Abſicht des Publikums ausgeforſcht, um nach dem Erfolge dieſes Verſuchs fernerweit handeln zu können. Es findet eine Decorations⸗Veränderung ſtatt. Die Freunde des Autors benutzen den Zwiſchenakt, um ſich zu beſprechen. Sie machen lange Geſichter.„Das fängt nicht ſehr vortheilhaft an,“ ſagen einige.„Die Sache ſcheint zweifelhaft,“ andere. Die ergebenſten Freunde des Dich⸗ — 12** 264 ters begnügen ſich, ohne dieſe Aeußerungen zu beſtreiten, mit der Bemerkung:„Wir müſſen noch warten, es war ja nur erſt der erſte Akt.“ Die Nebenbuhler des armen Sünders geben ſich von weitem Zeichen, aus welchen man, mit einigem Kenner⸗ blick, leicht die Worte enträthſeln kann:„Das Stück ſoll den unſrigen nicht viel ſchaden.“ Eine ſchöne, gut geſprochene und mit Feuer vorgetra⸗ gene Rede wird im Parterre mit lautem, lebhaftem Bei⸗ fall aufgenommen; ſogleich widerſprechen heftige Pfeifen⸗ töne dem Ausbruche der Bewunderung, welcher verabredet und beſtimmt zu ſein ſcheint, auf das Urtheil des ruhigen Theils des Publikums einzuwirken.„Ach!“ denkt der Au⸗ tor im Gefühl des Schmerzes,„es iſt Kabale, ſie läßt ſich ſogar über dasjenige aus, was gut iſt.... und meine Freunde ſchweigen!“ Seine Freunde würden ihm nur noch mehr geſchadet haben. Am Ende dieſes Akts laſſen ſich dieſelben Pfeifentöne hören, und es iſt keine Logenthür, von welcher ſie nicht herſchallten. Der Autor hält ſich traurig und beſchämt in einem Winkel des Theaters, von wo aus er es mit an⸗ ſehen kann, wie die Schauſpieler lachen und ihre Scherze treiben. Vielleicht denkt er weder an ſich, noch an ſeine Arbeit, ſondern nur an ſie; denn das Unglück macht miß⸗ trauiſch und argwöhniſch. Er hat indeſſen noch nicht alle Hoffnung aufgegeben. Eine neue originelle Situation im dritten Akt war ge⸗ 265 ſchickt in Scene geſetzt, er wagt es, darauf zu rechnen. Es iſt anzunehmen, daß etwas Neues und Ungewöhnliches beim Pariſer Publikum gute Aufnahme finden werde. Er fürchtet nichts weniger, als zum Narren gehalten zu ſein, und da er in ſeinem Gedächtniſſe nichts entdeckt, welchem er den Eindruck vergleichen könnte, den er hatte, ſo ſucht er darin die Entſcheidung für Bewunderung oder Mißfal⸗ len ſeiner Arbeit. Doch wir kennen die Lage, in der er ſich befindet; die neue Stelle ſeiner Arbeit wird mit Murren, Lärmen und einem höhniſchen Beifall, welcher hundert Mal empfindli⸗ cher als alles Uebrige iſt, empfangen, und, wie verabreder, erklären Freunde und Feinde die Arbeit für abſcheulich. dur die Klatſcher bleiben ihm noch getreu; aber da ſie auf ſich ſelbſt, das heißt auf eine kleine Anzahl, beſchränkt ſind, indem ſie die Billets, welche man ihnen am Mor⸗ gen gegeben hat, größtentheils verkauft haben, ſo können ſie ihrem unglücklichen Verfaſſer nicht mehr nützlich ſein. Dieſer, mehr todt als lebendig, die Stirn mit kaltem Schweiß bedeckt, das Herz von einem heſtigen Fieber be⸗ wegt, begreift jetzt die ganze Stärke ſeines Unſterns, ſei⸗ nes Unglücks. Die Frucht einer langen mühſeligen Ar⸗ beit iſt in einem Augenblick vernichtet, und welcher Ver⸗ luſt iſt dieſem zu vergleichen? Nicht der eines Landman⸗ nes, der ſeine Erndte verhagelt ſieht, oder eines Eigen⸗ thümers, deſſen Haus das Feuer verwüſtet hat. Dieſen kommt in der Regel die Theilnahme der Mitmenſchen zu 266 Hülfe: man beklagt, man tröſtet ſie; ihr Unglück hat ſie nicht der guten Meinung beraubt, welche man von ihrem Fleiß, ihrer Geſchicklichkeit hatte. Der Unglücksfall, wel⸗ chen ich beſchreibe, vernichtet alles. Denn mein Autor iſt weder der begierige Speculant, von dem ich ſprach, noch der läppiſche Narr, welcher für eine kindiſche Ruhmſucht eines edlen und nützlichen Berufs entbehrt. Es iſt ein Gelehrter, dem es, wie dem Arzt, dem Juriſten, Bedürf⸗ niß iſt, ſeine Arbeit geachtet zu ſehen, und den Preis da⸗ für zu erringen, auf den ſie Anſpruch machen kann. Und nun, meine Herren, und beſonders Ihr, meine wohlwol⸗ lenden, mitleidigen Damen, ſtellt Euch die Qualen des an⸗ deren Morgens vor, die furchtbare Tortur, welche ſich für ihn durch die Journale erneuert. Man ſchont ihn nicht im mindeſten: alle Journalſchreiber ſind boshaft, und wenn Ihr nicht das Vergnügen gehabt habt, der Gerichtsverſamm⸗ lung beizuwohnen, ſo muß man Euch doch wohl ein Ge⸗ mälde, ſo lebhaft als möglich, davon entwerfen, um den Anforderungen Eurer Neugierde zu genügen. So war es wenigſtens vor dem angeführten Zeitabſchnitt; es iſt mög⸗ lich, daß es heute anders iſt. Während des Reſtes der Vorſtellung hört man nicht mehr auf die Schauſpieler, man lärmt, lacht, und treibt tollen Scherz; es iſt ein Bachantenfeſt, ein Stiergeſecht. Man hätte denjenigen, der die Verwegenheit hatte, ſich ſo gegen das Publikum zu vergehen, in Stücken zerreißen mö⸗ gen. Und, ſo wie der Vorhang fällt, wird der Name des 267 Verfaſſers mit lautem Geſchrei verlangt; denn, da man ſich an ſeiner Perſon nicht rächen kann, ſo will man ihn doch wenigſtens in ſeinem Namen, ſeinem Bildniß nach Gefallen beſchimpfen. Dem Verlangen wird genügt. Ein Schauſpieler giebt ſich dazu her; macht ſich manchmal ein Vergnügen daraus. Die Gardine geht wieder in die Höhe, drei Verbeugungen werden gemacht, die eine rechts, die andere links(wie es ſonſt die Gegenwart des Königs und der Königin erforderte) und die dritte geradezu, für das Parterre; für die ganze Verſammlung: „Meine Herren, das Stück, welches wir die Ehre ge⸗ habt haben vorzuſtellen, iſt von...“ „Nein, nein! fort mit ihm, fort!“ Und die Pfeifer ſetzen ihre Lungen in Bewegung, die Schreier überbieten ſich, und die Damen fordern immer mehr dazu auf. Endlich ermüdet der Kampf, das furcht⸗ bare Toben läßt einen Augenblick nach, und der Schau⸗ ſpieler benutzt ihn, um das Todesurtheil zu verkündigen. „Herr N. N.“ Manchmal iſt dieſer Name ſo ehrenwerth, daß diejeni⸗ gen, welche nicht im Einverſtändniß waren, und welche ihm nur nach dem Beiſpiel der Anderen übel gewollt hat⸗ ten, von einem gewiſſen Reuegefühl betroffen ſind. Viele geben von neuem lärmende Beweiſe ihres böſen Willens, dann zieht ſich der Schauſpieler und das Publikum zu⸗ rück; man löſcht den Kronenleuchter aus, und bald herrſcht im Saale eine Todtenſtille.—. 268 Auf der Straße geben die Freunde des Autors, insbe⸗ ſondere aber auch ſeine Nebenbuhler, in chriſtlich⸗mitleids⸗ vollen Worten ihre Verzweiflung zu erkennen:„Armer N. N.! wie thut es mir um ihn leid! es wird ihm das Leben koſten; davon kann er ſich nicht wieder erholen! es iſt aus mit ihm!“ In den Zimmern, wo ſich die Schauſpieler entkleiden, klingt es anders. Man bedauert die Opfer des Gedächt⸗ niſſes und der Kleidung, welche man gebracht hat. Das iſt eine ſchöne Geſchichte! Der verwünſchte Autor! Ich ſagte nichts, aber ich habe gleich eine ſchlechte Meinung von dem Stück gehabt!— Ich auch!— Ich auch!— Ich auch!— Mit Beaumarchais zu reden: überall giebt es ein Echo. „Aber wenn Euch das Stück ſo ſchlecht geſchienen hat, warum habt Ihr Rollen daraus übernommen? Warum habt Ihr es ſo laut geprieſen, nachdem Ihr es gehört hattet?“ „Wir hielten es für gut— der Autor iſt ſo gewandt! er lieſt mit ſo vielem Ausdruck vor! er kann das richtigſte urtheil irre leiten““—„Beim Vorleſen des Stücks hat daſſelbe alſo Eindruck auf Euch gemacht?“—„Den leb⸗ hafteſten. Nur beim Studiren unſerer Rollen bemerkten wir erſt, daß alles nur Schein war.“—„Laßt dieß Ge⸗ ſtändniß ja nicht laut werden. Wenn Ihr, bei allen Euch zu Gebote ſtehenden Hülfsquellen, die Täuſchung hervorzu⸗ bringen, wie Kleidung, Decorationen, Handlung, das mäch⸗ tige Hülfsmittel des ſtummen Spiels, es nicht habt erlan⸗ 269 gen können, das Publikum zu verführen, da Ihr ohne dieſe Mittel doch ſelbſt verführt worden ſeid, ſo fehlte dem Stücke dieſe Eigenſchaft nicht, Ihr habt es derſelben nur beraubt; Ihr habt ſchlecht geſpielt. Es iſt eine allgemeine Regel: wenn das Vorleſen des Stücks das Intereſſe erwecken kann, ſo wird die Vorſtellung deſſelben es noch unfehlbarer kön⸗ nen. Alle Schauſpieler, die dieß beſtreiten, verrathen da⸗ durch, daß ſie der Anfangsgründe ihrer Kunſt entbehren. Aber Ihr gebt Eure Rollen ein jeder nach ſeinem Gefal⸗ len, ohne auf das erforderliche Zuſammenſpiel zu achten, welches doch die vorzüglichſte Wirkung hervorbringt. Da⸗ her kommt es, daß Ihr, einzeln genommen, alle vortreff⸗ lich ſein könnt, nichts I5. weniger aber die Vorſtellung ohne Haltung, kalt und langweilig geweſen iſt, und dafür macht Ihr dann immer den Verfaſſer verantwortlich. Wenn Ihr dagegen, wie er geleſen, geſpielt hättet, ſo hättet Ihr bei dem Zuſchauer die Wirkung hervorgebracht, die Ihr ſelbſt empfunden habt, und ſeine Arbeit würde Beifall gefunden haben; die, welche man ausgepfiffen hat, war die Eure.“ So ſprach manchmal ein Kritiker zu dem Perſonal ei⸗ nes Stückes, welches die eben erzählte Aufnahme gefunden hatte. Aber ſie lachten darüber, und es half weder dem Schaden, welchen ſie dem Autor gebracht, noch der Muth⸗ loſigkeit ab, worin ſie ihn geſtürzt hatten. Das iſt alſo der Hergang bei einer erſten Vorſtellung, und das iſt's, was ſich mit ſehr geringen Abweichungen 270 auch künftig noch dabei zutragen wird, wenn Vertrauen und Ruhe unter uns wieder hergeſtellt ſein werden(wenn anders beides je wiederkehrt). Denn das Theater wird nicht für immer verloren ſein, wie einige mißlaunige Ge⸗ müther es haben behaupten wollen; und unſere Nation iſt zu empfänglich für die Reize der ſchönen Künſte, als daß ſie die anziehendſte von allen verſtoßen ſollte. Gegenwärtig läßt uns die vorgefaßte Meinung weniges Intereſſe daran nehmen, und unſere erſten Vorſtellungen gehen ziemlich ruhig vorüber. Es giebt keinen vollkommen glänzenden Erfolg, keinen entſchiedenen Fall eines neuen Stückes mehr. Einige Schriftſteller benutzen Aergerniß und Lächerlichkeiten der Menſchen, ausgezeichnete Namen, die Po⸗ litik. Man muß fortkommen, man will leben. Aber die⸗ ſes alles iſt nicht der wahre Gegenſtand des Drama's, man wird zu ſeiner Zeit auf die Leidenſchaften, Laſter und all⸗ gemeinen Abgeſchmacktheiten zurückkommen. Wir wollen es hoffen, daß wir auf dieſe glückliche Wiedergeburt nicht mehr lange zu warten haben, und im Schooße des Frie⸗ dens und des öffentlichen Wohlſeins einer erſten Vorſtellung im Theater bald wieder die frühere Theilnahme werden ſchen⸗ ken können. 8 Merville. Die Morgut. Mehr noch dem philoſophiſchen Geiſte als der religiöſen Frömmigkeit verdankt man die Entſtehung dieſes Inſtituts. Die Morgue, deren Name keine beſtimmte Ableitung hat, ſchreibt ſich aus einer nicht ſehr entfernten Zeit her. Es ſind kaum zwanzig Jahre, daß ſie ſo beſteht, wie wir ſie heut kennen. Früher wurden die Körper der Perſonen, welche einen heftigen Tod, entfernt von ihren Wohnungen, erlitten hatten, im Chatelet*) in einem Keller, welcher ſo kläglich als ſeine Beſtimmung war, niedergelegt; und öfter noch wurden die Leichname der Ertrunkenen, vom freſſen⸗ den Schlamm bis zum entfleiſchten Gerippe zerfetzt, durch die Seine fortgeſchwemmt, und von Prieſtern verwünſcht, von Fiſchen und Raben aufgenagt, der Vernichtung Preis gegeben. Man beklagte ſich manchmal über tödtliche Ein⸗ *) Chatelet, Name eines Gefaͤngniſſes in Paris. I. 13 22— flüſſe und fieberhafte Ausdünſtungen; aber dabei blieb es, bis die ſtädtiſche Polizei dieſen Heerd der Anſteckung er⸗ ſtickte. Es iſt wahr, wir verdanken beinahe alle unſere Ver⸗ beſſerungen den ſtädtiſchen Einrichtungen; und doch über⸗ liefert uns die Geſchichte davon nichts! Ich wüßte nicht, was wir in dieſer Beziehung der Geiſtlichkeit ſchuldig wä⸗ ren; die Prieſter fuhren nur fort, die Seleſtmörder zu ex⸗ communiciren. Die Morgue iſt, von der Kirche Notre-Dame aus ge⸗ ſehen, auf der linken Seite der Scene in der Altſtadt be⸗ legen. Sie verbirgt ſich in Dunkelheit und Schaam, zwi⸗ ſchen dem Quai der Goldſchmiede, dem Quai der Altſtadt, der Brücke von Saint-Michel und der kleinen Brücke. Warum hat man ſie hier, im Mittelpunkte von Paris ſo weit entfernt von den Orten, wo man gewöhnlich die Er⸗ trunkenen auffängt, eingezwängt? Hätte man ihr, zwiſchen dem Louvre und Paſſy, irgendwo abgelegen einen Platz an⸗ gewieſen, ſo würde man den Pariſern, welche auf den Brücken ſpatzieren gehen, den traurigen Anblick der Leich⸗ name erſpart haben, welche, in den Kähnen ausgeſtreckt, nach dem Ort ihrer Beſtimmung gebracht werden. Ohne Zweifel geſchah es, um den Verwandten und Freunden die Ermüdung eines zu langen Weges zu erſparen; bei der Vertheilung der Annehmlichkeiten von Paris hat man viel⸗ leicht auch die Bewohner der Altſtadt begünſtigen wollen: das Viertel St. Honoré hat die Tuilerien und den Kö⸗ nig; der Marais hat den Königsplatz und das Archiv; die 273 Vorſtadt St. Germain beſitzt das Schloß Luxemburg und die Herren Pairs; die Altſtadt, welche den Juſtiz⸗Pallaſt, die Glocken von Notre-Dame und das Klagegeſchrei des Hospitals zu Annehmlichkeiten eben nicht zählen kann, hat die Morgue. 8 4.. z 291.) u Dieſe iſt das Luxemburg, der Königsplatz für die Alt⸗ ſtadt. Man geht dahin, um die Ertrunkenen zu betrach⸗ ten, wie man andere Orte beſucht, um neue Moden, blü⸗ hende Orangenbäume und Kaſtanienbäume im herbſtlichen Kleide zu ſehen. Ich möchte behaupten, daß manche Ei⸗ genthümer die Nähe der Morgue als werthvolle Vortheile ihrer Wohnungen geltend machen. Man weiß, daß vier Fenſter auf dem Greve⸗Platz verhältnißmäßig zehn Mal mehr einbringen als ein Haus im Viertel des Marais: ver⸗ ſteht ſich, in guten Greve⸗Jahren*).. Die Bewohner des Viertels ſprechen gern von den Todten.— Ein ſchöner Mann war dieſer— blondes Haar hatte jener.— Habt Ihr dieſen Morgen die Dirne geſe⸗ hen? die ſchien nicht ſpröde geweſen zu ſein!— und gleich zwei!— Glaubt Ihr?— ſie war es; habt Ihr denn nicht ihren Leib betrachtet? armes Kind!— Gie laſſen ſich dieß Schauſpiel zum Vergnügen gereichen, und ich will glau⸗ ben, daß es eins iſt, denn da es ſich täglich wiederholt, ſo verliert der Gegenſtand deſſelben zuletzt ganz ſeinen trübſe⸗ *) Auf dem Greve⸗Platze in Paris geſchehen die Hin. richtungen. tn di Sts. 3 13* 1 274 ligen Charakter. Die Auslegungen, welche über die Aus⸗ geſetzten laut werden, hängen von dem veränderlichen Maaß⸗ ſtab ab, welchen man den Wahrſcheinlichkeiten über den Selbſtmord anlegt. Das rohe Auge, welches an dieſem gar⸗ ſtigen Gemälde haftet, durchſpäht die unbekannten Leich⸗ name, löſt ſich das Räthſel und erklärt ſich dreiſt den Ge⸗ genſtand dieſes Kupferſtichs vor der Schrift. Zard Die Morgue iſt der Central⸗Punkt der Nachbarſchaft: man beſucht ſie, wie man des Morgens nach der Zeitung läuft, und jedesmal iſt es eine Lehrſtunde der Philoſophie, denn man erfährt auf ein Haar, was ein Feſt des Sou⸗ verains, eine volksthümliche Heldenthat, eine von dem Mo⸗ niteur gerühmte Verwaltung koſtet. Die Bewohner der Straße La Calandre und die Spatziergänger auf dem Quai des erzbiſchöflichen Pallaſtes haben vielleicht niemals an die Zerſtreuung gedacht, welche der Blumenmarkt, dieſer wö⸗ chentlich zwei Mal duftende Bazar, an Tagen der Pranger⸗ ausſtellung gewährt. Ein proſaiſcher Präfect hat auch, wenn keine Blumen dort ſind, die Händler mit altem Ei⸗ ſen und zerbrochenen Möbeln dahin verwieſen. So wech⸗ ſeln Dichtung und Gericht daſelbſt ohne Eiferſucht. Dieß iſt einer von den tauſend Widerſprüchen der Hauptſtadt. Hier brandmarkt man einen Menſchen, weil er ein Zehn⸗ Sols⸗Stück nachgemacht, da verurtheilt man ihn zum Tode, weil er dieß Geldſtück in Umlauf gebracht hat; und dort verkauft man Roſen; vielleicht trägt der Richter ſelbſt eine im Knopfloche. —,— Allen Winden geöffnet, iſt die Morgue ein Gebäude von etwa vier und zwanzig Fuß Ausdehnung; acht für das Publikum, zwölf für die Zimmer der Eigenthümer, und der Ueberreſt, man erräth wohl, wofür. Uebrigens findet das Local ſeine ganze Weite in dem Stockwerke über dem Ge⸗ wölbe, welches letzteres als Steinarbeit einen gewiſſen An⸗ ſtrich architektoniſcher Auszeichnung hätte, wenn es nicht von der einen Seite durch eine hölzerne Bretterwand, welche die anſtoßenden Zimmer des Schreibers begrenzt, und von der andern von einer Glaswand abgeſchnitten wäre, die, in achtzehn große Scheiben getheilt, oft vom Hauche der Schauenden getrübt wirdt. 5 Attes Rechts vom Corridor befindet ſich die Wohnung des Lei⸗ chenaufſehers, der Voigt des Gebäudes. Dieſer Mann, an welchen ich mich am erſten Tage meines Beſuchs in der Morgue wandte, wagte es nicht, mir auf ſeine Verantwor⸗ tung hin die vorzüglichen Reichthümer des Hauſes zu zei⸗ gen. Die Bedenklichkeiten ſeines Amts ſtellten ſich ihm bei meinen Fragen, welche, einfach und natürlich, ihn doch im Grunde beruhigen konnten, alle vor Augen; die Vor⸗ theile deſſelben waren ihm aber wenig gegenwärtig. Meine Zudringlichkeit ſchien ihm unbegreiflich und gefährlich. Selt⸗ ſames Ding! Ich habe die Bibliothek von Florenz beſucht, welche ich, ohne daß es von dem Aufſeher der Manuſerip⸗ ten⸗Sammlung bemerkt worden wäre, hätte in Brand ſtecken können; alle Tage koͤnnen Fremde ſich in den ver⸗ ſteckteſten Winkeln des Palais Royal aufhalten, die drei⸗ 276 farbigen Diener des Königs von Frankreich über ſeine Ge⸗ wohnheiten in ſeinem häuslichen Kreiſe und gegen die, welche er vor ſich läßt, befragen; aber der Diener der Mor⸗ gue verweigerte mir den Eintritt. Es iſt wahr, er gilt darin mehr als der König: er iſt in ſeinem Hauſe.„Kom⸗ men Sie morgen wieder, der Herr Schreiber wird Sie dann vielleicht annehmen können.“ Phantaſtiſche Seelen kann ich verſichern, und dieſe liebe ich beſonders, daß der Mann in der Morgue alle den ge⸗ mein und nichtsſagend abgeformten Menſchen gleicht, wo⸗ mit die Vorſehung ſo verſchwenderiſch geweſen iſt; von der Volksmeinung befangen, hatte ich mir eingebildet, das Ge⸗ präge der Häßlichkeit und des Abſcheues zu finden, aber ich konnte nur die gutmüthigſte Phyſiognomie, die unver⸗ hehlteſte Plumpheit der Haltung und das alltäglichſte Aeu⸗ ßere an ihm entdecken. Wie ſo viel andere hätte ich eine Morgue aus der fabelhaften Ritterzeit zeichnen mögen, aber ich bin entzaubert worden, und es bleibt meiner Ieder nur die einfache Wirklichkeit. Ich bemerkte ſelbſt in dem groben, ungebildeten und erdfarbigen Geſichte dieſes Mannes die Feinheit der Schlie⸗ ßer und ſolcher Leute nicht, welche ſich ein Geſchäft dar⸗ aus machen, aus dem was man ſagt zu erforſchen, was man verſchweigt. Ich las darin, daß er weder mich erra⸗ then wollte, noch bei ihm etwas zu errathen war. Seine Zurückweiſung war unbefangen und offen. Der Gefäng⸗ — —.— 277 nißwärter hat einen Winkel im Auge, der Euch durch und durch ergrübeln will; er hat ſich mit allen Lügen und al⸗ len Zauberkünſten des Blickes vertraut gemacht; wo hätte der Wächter der Morgue ſo etwas lernen ſollen? Die er bewacht, haben die Augen geſchloſſen. ree Ich fand ſeine Hände ſehr weiß; er kam meiner Be⸗ merkung deshalb zuvor: mn „Das kommt daher, weil ich ſie ſehr oft waſche, mein Herr.“ 2 4 2 nes u Ich wollte wieder gehen, um meinen Beſuch auf den anderen Morgen zu verſchieben, als die Thür des Schrei⸗ bers ſich öffnete, und eine ſanfte Stimme mir zurief: „Wenn der Herr morgen um 10 Uhr hier ſein will, ſo wird mein Vater die Ehre haben, ihn zu erwarten.“ Die Thür ging ſogleich wieder zu; und dieſe Ueber⸗ raſchung, dieſes Oeffnen und Schließen der Thür, dieſe Stimme verwirrte meine Gedanken, daß darin nur das Bild eines blonden ſchlanken Mädchens mit gelbbuntem Kleide und geflochtenen Haaren haften blieb. „Das iſt die Tochter unſeres Schreibers.“ „Euer Schreiber hat eine Tochter, die hier ſchläft, ißt, lacht, weint und liebt?“ „Ich weiß nicht, mein Herr, ob ſie weint und liebt, aber ich kann Sie verſichern, daß ſie ſo wahrhaftig hier geboren als in der Kirche Notre-Dame getauft iſt.“ „Hier geboren!“— XN „Erlauben Sie, mein Herr, daß ich die Thüren ver⸗ ſchließe; es iſt Nacht. Meine Todten ſehen nichts mehr.“ 5 drückte er ſich aus. 3 Es war das zweite Mal in meinem Leben, daß ich die Morgue ſah, und das mit ganz anderen Empfindungen. Das erſte Mal, erinnere ich mich, war es in der Faſten⸗ zeit bei anbrechender Nacht. Der Ball der Wäſcherinnen fand Statt. Man tanzte auf dem Waſſer. Ich kann mir von dem fröhlichen Geſange des Vene⸗ tianers, welcher in fliegender Eile mit ſeinen Rudern die ufer beſtreicht, eine Vorſtellung machen, er läßt ſeine Stimme den Vorübergehenden, den geöffneten Läden, zu den zierlich gearbeiteten Balkons hinauf, in den Theatern ertönen, überall, in dem funkelnden Himmel, auf dem grün⸗ lichen ſchillernden Waſſerſpiegel, in jener aus Griechenland auf den Wellen zu uns herüber getragenen Volksmaſſe fin⸗ det ſie ihren Wiederklang. Man athmet, man ſingt auf dem Waſſer; es iſt eine Unterhaltung aus der Ferne, ſie verliert ſich im nebligen Dunkel, entſpinnt ſich von neuem am Ufer. Aber dreißig Fuß unter der Erdfläche, in einem engen, ſchlüpfrigen, mooſigen, in ein ſchlammiges, ekelhaftes Waſſer verſenkten Raume zu tanzen! Nur Paris bietet ſolche karge niedrige Freuden; in Paris erſetzt man Alles durch Titel und Schein. Alles kündigt ſich in der großen Hauptſtadt mit pomphafter Wichtigkeit an. Man giebt Kunſtvorſtellungen in Kellern, und ländliche Feſte in den Dachſtuben der Straße Quincampoix. Bercy, eine kleine 279 Bucht in der Seine, iſt ein Hafen. Noch nie iſt der Re⸗ gen den Pariſern ein Hinderniß bei ihren Vergnügungs⸗ Projecten geweſen, und gewiß iſts, wenn die Sonne ver⸗ löſchte, man würde es in vierzehn Tagen in Paris nicht bemerken. 2 Kiihnerch deeg ttreitn Jedenfalls war das, vor der Morgue angelegte, von lau⸗ ten Freuden erſchallende Schiff mehr überraſchend als er⸗ freulich; Neugierige bogen ihre Köpfe über die Brüſtung des Quai St. Michel; halb hinter der Kuppel des Inſti⸗ tuts verſteckt, warf die Sonne ihre letzten Strahlen durch die großen Bogen der Brücke und vergoldete weithin die Fenſter der Altſtadt; und bei dieſer magiſchen Beleuchtung, mitten durch das Geräuſch der an der Brücke ſich brechen⸗ den Seine und das dröhnende Schlagen der Uhr auf dem Thurme der Kathedrale, hörte man, zwiſchen Lachen und Lärmen der Füße, den gellenden Ton des Flageolets und den kratzenden Bogen der Geige. Als es Nacht wurde, und der apokalyptiſche Löwe, an der Ecke von Saim-Jacques-la-Boucherie, ſeine letzten Schatten der großen Stadt zugeworfen hatte, wurden längs dem Schiffe Laternen aufgehängt, und der Ball fing von neuem an. n Als ich mich ſo meinem Entzücken über das Maleriſche dieſes freiſtehenden Gebäudes, welchem die Feſtlichkeit zu gelten ſchien, überließ, erfuhr ich, es ſei die Morgue. Aber kommen wir auf meinen zweiten Beſuch daſelbſt zurück.. 7 G 280 um 10 Uhr klopfte ich ſchon an das Fenſter meines Cicerone vom vorigen Abend. „Aha! da ſind Sie,“ ſagt er mir, Vudem er-. mit einen ſehr reinen im Knopfloche befeſtigten Serviette, gleich einem großen Geſchäftsmann, den Mund abwiſchte;„tre⸗ ten Sie nur herein!— Der Herr da iſt ein Nachbar, welcher mich beehrt, mit mir zu frühſtücken, wenn er mir dann und wann in meiner Arbeit hilft. Und das aus reiner Freundſchaft!— Heut morgen konnte ich ſchon ſeine Hülfe brauchen. Aber das trifft ſich ganz herrlich für Sie; heut haben wir eine Frau bekommen, die ſich mit ihrem Strumpf⸗ band aufgehängt hat. Es iſt zum Erſtaunen, was ſich die Frauen heut zu Tage leicht aufhängen; finden Sie das nicht? Die andere Leiche iſt von einem Mann, welcher vier Tage im Waſſer gelegen hat, und die dritte von ei⸗ nem Kinde, einem ganz kleinen Mädchen, welches dieſe Nacht in der Poſtkutſche durch Zufall erſtickt worden iſt; man wird ſie für ein Packet gehalten, und ſich darauf ge⸗ ſetzt haben; o, es iſt ein gar zu niedliches Ding!“ Die Frau des Morguenwächters Francois(ich glaube ſo heißt er) fügte hinzu:„Das Kindchen wurde vielleicht von der Mutter erwartet, um neu gekleidet und mit neuer feiner Wäſche verſehen zu werden! Apropos, Frangois! wo haſt Du es denn hingelegt?“ „Ei, Wetter! nackt auf den Stein; Du denbſ wohl, es wird frieren?“ „Das nicht. Ich glaubte nur, daß der tAnst 6s öffnen 281 muß; und daß Du es uh auf den Seatians⸗Tiſch olens haben würdeſt.“ „Dummes Zeug! man wird Dir zum Vergnügen alle Menſchen ſeciren. Du wirſt noch behaupten, daß man das liebe Kindchen vergiftet habe! ſieh nur zu, es iſt ſo zart und rein, als wenn es aus dem Bade käme, und ſeine Amme, die es in der Schürze trug, weinte, als b es ihr eigenes geweſen wäre.) A Kon „Es iſt alſo nicht im Saal der Unbekannten?“ „Nein, Frau, es iſt bei der andern, welche von ihrer Mutter erkannt worden iſt. Um Dich nur zu befriedigen, die Amme hat mir erzählt, ſie käme aus der Normandie, und der Wagen ſei ſo voll und ſie genöthigt geweſen, ihr Kind auf dem Schooß zu halten. Da ſie nun ſehr ermü⸗ det geweſen und ſeit zwei Tagen nicht geſchlafen hatte, iſt ſie bei der Nacht eingeſchlafen, das Kind iſt herunter ge⸗ glitſcht, und ſie hat nichts gemerkt, das Kind hat ſich be⸗ wegt, ſie aber immer fortgeſchlafen, und am Morgen als: ſie erwacht, und noch ganz im Schlaf ihr Buſentuch öff⸗ net, um es zu ſäugen, findet ſie die kleine Leiche.“ „Das iſt Alles?“ „Das Uebrige begreift ſich von ſelbſt Sie hat es nicht gewagt, zur Mutter des Kindes, welche in Paris⸗ wohnt, zu gehen, und hat es hierher gebracht, um es be⸗ graben zu laſſen: das koſtet ihr nichts. Die Normännin⸗ nen verſtehen zu rechnen. Aber doch hat ſie ſich von dem Kinde nicht trennen können; ſie hat ihm den Kopf, die 282 Hände, die Schultern, die Füße geküßt, indem ſie mir oft wiederholte:„„Iſt's auch gewiß wahr, daß es todt iſt?““ Sie gab es mir, und nahm es mir wieder aus den Hän⸗ den, ſie ſchüttelte es, rufend küſſend und kneipend, ſie ver⸗ ſuchte ihm die Augen zu öffnen. Nal man läßt die Leute nicht verzweifeln! man ſagt ihnen denn ſchon ein tröſtli⸗ ches Wort.—„„Ihr wißt kein Mittel, wie man der Klei⸗ nen die Augen wieder öffnen könnte?— ach! ſie hatte ſo ſchöne, ſo runde, blaue, liebliche Augen! Mein Töchter⸗ chen hatte die ihrer Mutter; ſie wird mich umbringen, ihre Mutter! Ich möchte ihr wohl ſagen: ſie ſei am Zahnen geſtorben! Aber jeder im Dorfe wird ſagen: es ſei nicht wahr. Man hat ſie mir aus dem Wagen genommen! da wird wieder der Conducteur ſagen, es ſei erlogen. Ach! nein, ich werde gar nichts ſagen, ich werde in mein Dorf zurückkehren, und werde es abwarten, bis die Aeltern kom⸗ men, ſie zu beſuchen, nicht wahr? Da iſt doch vielleicht drei Monat, ſechs Monat oder ein Jahr Zeit gewonnen. — und doch bin ich verloren! denn ſeht, ich darf mich im Dorfe nie wieder ſehen laſſen, wenn ich mein Kind, meine kleine Leonore nicht wieder mitbringe!““ „Hörſt Du, Frau, behalte den Namen, damit Herr Per⸗ rin ihn eintragen kann; das Kind kommt in's Regiſter der Bekannten.“ „Doch ich fahre fort.—„„Ich kann nicht mehr in mein Dorf ohne Leonoren zurückkommen,““ ſagte ſie,„„denn ſeht, ſie war bekannt, wie jedermann; hier gab man ihr Zuk⸗ 283 ker, dort Kuchen, und der Herr Pfarrer war auch ganz darin vernarrt.— Wie? wenn man ſie zur Ader ließe?— Nein! wenn wir ihre Füße in kaltes Waſſer ſteckten,— nein doch, in recht heißes,— vielleicht iſt es das Blut; das Blut bringt ſolche Verwüſtungen hervor,— aber ſprecht doch, habt Ihr Blut, kaltes Waſſer, heißes Waſſer; ol ſo redet doch! giebt's hier kein Beiſpiel von todten Kindern, die wieder erwacht ſind? Ihr müßt das ja wiſſen? o, gewiß ſind welche wieder zu ſich gekommen, nicht wahr? ſagt doch ja!— nein? aber redet, redet, redet doch nur! denn Ma⸗ dame wird mich tödten, o gewiß, ſie bringt mich um!— ach, Madame, ich ſchwöre es Ihnen, es war nicht meine Schuld! Und zu Hauſe werden ſie mit Steinen und Koth nach mir werfen.— Hört, ich bitte Euch, bringt ſie wie⸗ der zu ſich, und ich ſchenke ſie Euch.“ 8 „Frau, iſt noch Chlorkalk da?“ „Ja, noch zwei Flaſchen.“ R HIS're hes „Das iſt gut: denn da iſt der Bekannte, der hat ſchon einen hübſchen Stich.“ 9 e e ae „und das iſt Alles, was ſie Euch geſagt hat, Frangois?“ „Alles! Beim Weggehen nur hat die Normännin ihr Kind noch auf die Wange geküßt, während ich es entklei⸗ dete. Sie bat um Erlaubniß, das Mützchen und das Tuch des Kindes mitzunehmen. Es iſt nicht Gebrauch, aber wer Teufel! es ging mir nahe: nun meinetwegen, nehmt's mit! Da warf ſie ihre Schürze über's Geſicht, und machte, daß ſie in die Straße la Barillerie kam.“ 284 „Siehſt Du!“ rief die Frau nach dieſer Erzählung aus, mun muß immer zwei Plätze auf der Poſt nehmen.“ Madame Frangois hatte nur daran gedacht. Es klin⸗ nit, und der Wärter kündigte Herrn Perrin an. Dieß iſt ein kleines, altes Männchen, das fortwährend huſtet Als ich ihm beſcheidenerweiſe mit dem Zweck mei⸗ ner Gegenwart bekannt gemacht hatte, erbot er ſich mit Höflichkeit, mir alle Einzelnheiten ſeiner Amtsführung zu zeigen, und bedauerte es nur, daß ſie nicht ſo vielſeitig wä⸗ ren, als er es wohl wünſchte.—„Aber ich kann Ihnen nur anbieten, was ich habe,“ ſagt er,„gehen wir hinauf. Als wir eine ſchmale Treppe hinaufſtiegen, und er mich belehrte, daß ſein Etabliſſement von der Präfeetur und der Polizei abhänge; von der erſteren wegen der Koſten, von der letzteren aber wegen der Rückſichten für die Geſundheit, waren wir genöthigt, uns gegen die Mauer zu drücken, um einen Schwarm junger, reizender, geputzter Mädchen vor⸗ bei zu laſſen, gerade wo der Wind, welcher vom Waſſer her durch die Luken pfiff, uns recht faſſen konnte. „Das ſind meine vier Töchter. Ich habe acht Kinder gehabt; Frangois, der Wächter, hat depen vier, und er hat das Glück gehabt, ſie alle vier zu verh irathen. Es ite ein glücklicher Vater, Frangois.“ Alſo, dacht' ich, zwölf Kinder haben in der Morgue das Licht der Welt erblickt. Ludwig XIII. war im Louvre ſchlechter bedacht. Selige Träume, eheliche Umarmungen, Vaterfreuden ſind in dieſem Ort der Betrübniß empfun⸗ 285 den worden. Die Hochzeit mit zim Orangenblüthen⸗ Strauß, die Taufe mit dem Pathen im Feierkleide, das Abendmahl mit dem geſtickten Schleier, Liebe, Religion, Tugend haben hier, wie aller Orten, gewaltet. Gott luft das Glück lberall erblühen. „Papa, wir gehen nach einer Preisvertheilung; meine Schweſtern werden gewiß einen Kranz erhalten. Habe nicht Langeweile, wir werden bald wieder zurück ſein.“ „Geht nur, meine Kinder!“ und alle viere unnatm⸗ ten ihn. Ich dachte an die kleine Leiche der Rormännin 8 an die Mutter, welche ihr Kind viellicht am Fenſter er⸗ wartete. „Dieß iſt Frangvis Zimmer.“ Frangois machte uns als Wirth ſeine Ehrenbezeugun⸗ gen, mit der Selbſtgefälligkeit eines Menſchen, der gern das Seinige zeigt. Sein Mobiliar iſt ganz anſtändig: zwei bronzene Uhren; einen Schrank mit einem Meduſenkopf; vor dem hohen, reichen Bett eine Fußbank mit einem blu⸗ migten Teppich überdeckt. Wenn das Zimmer nicht mit Möbeln überladen wäre, wenn es nicht, nach Art der Leute, die erſt ſpät dazu kommen, einen Ueberfluß an Bequemlich⸗ keiten hätte, es würde recht freundlich ſein. Geſchmack, Anſichten und Gewohnheiten Frangois ſi ſind darin gar bald zu erkennen. Blumentöpfe werfen ein grünliches Licht auf die Fenſtervorhänge. Frangois liebt die Blumen. Unter den Bildern ſeiner Wahl ſah ich Augereau's und Kleber s 286 Portrait, beide in langen Röcken, gepuderten Perücken und auf ihre Säbel geſtützt. Napoleon war drei Mal hier. „Sie betrachten die Töpfe dort, ſagt Frangois; es ſind Confitüren darin, die meine Frau bereitet hat. O, meine Frau übertrifft ſich darin, ihnen zu dienen!“— Ich las auf den Töpfen: Johannisbeeren von 1831. Wir verließen das Zimmer von Frangois, welches den rech⸗ ten Flügel der Morgue bildet, während die Wohnung des Schreibers die linke Seite einnimmt, und verweilten in dem Büreau des Herrn Perrin. 4 Wenn Frangois die Blumenzucht treibt, ſo liebt Herr Perrin die Hydraulik und Mechanik. Er zeichnet, und läßt das Waſſer aus der Seine durch einen ſehr ſinnrei⸗ chen, von ihm erfundenen Mechanismus in einem bleier⸗ nen Becken in die Höhe treiben. Während er ſeinen He⸗ ber unterſuchte, bat ich ihn um die Erlaubniß, die Regi⸗ ſter, worin die Selbſtmörder in doppelter Art verzeichnet werden, vornehmen zu dürfen. Das fatale„Unbekannt“ herrſcht hier vor. Man lieſt: „um 3 Uhr Morgens eingebracht; zerſchmetterter Hirn⸗ ſchädel: unbekannt!— Um Mitternacht eingebracht; un⸗ ter der Brücke des Arts ertrunken, mit einer Pointir⸗ Karte in der Taſche: unbekannt!— Junge Frau, ſchwan⸗ ger, von einem Miethswagen an der Ecke der Straße Man⸗ dar übergefahren: unbekannt!— Neugebornes Kind vor der Thür eines Hotels von Kälte erſtarrt gefunden: un⸗ bekannt!“ 7 287 Es fiel mir eine außerordentliche Verſchiedenheit in der Bilanz der Selbſtmörder auf; vor allen Dingen bei den ſummariſchen Zahlen in Betreff der Männer gegen die der Frauen, welche beſtändig zwei Drittel beträgt. Zum Bei⸗ ſpiel im Jahre 1816 gab es an Selbſtmördern 218 Män⸗ ner und 66 Frauen; im Jahre 1818 191 Männer, 55 Frauen; 1819 186 Männer, 40 Frauen; 1820 196 Män⸗ ner, 50 Frauen; 1821 234 Männer, 35 Frauen; 1822 209 Männer, 48 Frauen. Hiermit genug der Beiſpiele, nur verdient es noch der Erwähnung, daß es im Jahre 1815 an Selbſtmördern oder Ermordeten 333 Männer und 99 Frauen gab. Dieß ſteht in keinem Verhältniß; ich er⸗ klärte mir indeſſen dieſe entſetzliche Abweichung der Zah⸗ len, ſowohl bei den Männern als den Frauen, ſehr leicht. Die Verbündeten waren in Paris. „Nun!“ fragt mich Herr Perrin,„finden ſie nicht, daß unſere Regiſter mit vieler Ordnung. geführt ſind? Meine Hand zittert zwar ein wenig, aber ſie müſſen doch bemer⸗ ken, daß ich für mein Alter noch feſt genug ſchreibe. Ich habe mich im Schönſchreiben verſucht. Da zum Beiſpiel das große M iſt doch wahrlich ſehr gut gelungen. Was mei⸗ nen Sie davon?“ Glücklicher Menſch! welcher ſtolz auf ſein Schreiber⸗ talent und die Zierlichkeit eines großen Buchſtaben ſein kann, während dieſer Buchſtab der Anfang vom Namen ei⸗ nes Fürſten, ein in das goldene Buch von Venedig einge⸗ tragener Name ifi. 13 X* 288 Da erinnerte ich mich der Winternacht, als der Leich⸗ nam eines Mannes auf dem feinen Sande von Saint⸗ Ouen gefunden wurde. Seine Familie glaubte ihn auf dem Landgute, wohin er ſich begeben wollte, um, wie er ſagte, dem Holzfällen beizuwohnen. Es war zur Zeit des Carnevals; es war Geſellſchaft in ſeinem Hotel; man tanzte. In der Mitte des Balls, unter dieſen lärmenden, ſeidenen, duftenden Gruppen, beſtrahlt von leuchtenden Kerzen, durch⸗ drungen von jenem Dunſt, welchen der Athem der Tänze⸗ rinnen erzeugt, unter dem Rauſchen von hundertfältigen, ſo wunderlich als glänzenden Koſtümen; hier den Mantel einer Königin, mit goldenen Flittern beſtreut, dort im Glanze der Kronleuchter der flatternde orientaliſche Dolman, der eaſtilianiſche Mantel Almaviva's; weiterhin das damaſtene Kleid Arlequin's oder Figaro's, da den gravitätiſchen Do⸗ mino, dort im Abglanz der Spiegel Amor's Flügel von Atlas, mitten unter dieſen Bildern der Träume und der Wirklichkeit, dieſen heitern, verfälſchten Geſichtern, dieſem freudigen Sauſen und Gepränge, erſcheint plötzlich ein Die⸗ ner in großer Beſtürzung. Er läuft zur Dame des Hau⸗ ſes; dieſe fällt in Ohnmacht, die Muſik verſtummt, die Figuren der Contretänze löſen ſich auf, man fragt, man erkundigt ſich, man bereitet ſich zum Aufbruch; man ver⸗ läßt den Saal. Ein furchtbares Gewitter brach über Paris aus. Wel⸗ ches ſeltſame Schauſpiel war es jetzt nicht, wie dieſe präch⸗ tig gekleideten, mit Blumen, Diamanten und Peklen be⸗ 289 ladenen, und bei dieſem Putz halbnackten Frauen ſich eiligſt, als würden ſie vom anklopfenden Mann überraſcht, mit Mänteln und Schawls bedeckten und in Unbehülflichkeit und Ungeduld die Bänder ihrer Masken zu löſen ſich be⸗ mühten. 1 Die Tänzerinnen, den verſprochenen Contretanz auf⸗ gebend, die Männer, vom Spiel noch aufgeregt, unter dem Gewicht einer allgemeinen Aufregung den Tod auf den Ge⸗ ſichtern, die Freude auf den Kleidern, drängen ſich die hell erleuchteten Treppen des Hotels hinunter, um auf die Straße zu kommen, um ſich der Schmach eines kalten, heftigen Regens auszuſetzen. Auf der Schwelle des Tho⸗ res ergreift ſie die Kälte, die Zähne klappern, manches ſei⸗ dene Füßchen verzagt; doch endlich tritt man hinaus. Hier iſt neues Getümmel. Die Dunkelheit verhindert es, die ſchutzſuchenden oder abweſenden Kutſcher herbeizu⸗ ſchaffen; dieſe ſelbſt, durch den unerwarteten Aufbruch be⸗ ſtürzt, verirren ſich in der langen Reihe der Wagen, wo⸗ von die Hälfte zu Hauſe geſchickt und zum Tagesanbruch wieder beſtellt war. Einige fahren leer mit geöffnetem, klappendem Kutſchenſchlage fort, ohne zu wiſſen wohin, andere erreichen ſchon die Brücken. „Wo ſoll es denn hingehen,“ fragen endlich die Kutſcher?“ und die Stimme eines Auvergnaten ruft ihnen zu: „Nach der Morgue!“? Viele Männer und Frauen folgen zu Fuß. 290 Man muß die lange, ſchon finſtere, oben im tiefen Schlaf verſunkene, unten gepeinigte und aufgeſtörte Straße Saint Denis paſſiren. Das Gold, die Freude, Schminke und bunte Gewänder bleiben auf dem Pflaſter zurück, und dieſes brennt unter den Füßen. Der Trödler, im Thor⸗ weg verborgen, ſpitzt ſeinen Angelhaken und ſchmunzelt. Ehe man noch den unglücklichen Ort erreicht, hat dieſer ſchaudererregende Bachantenzug weder Geſtalt, noch menſch⸗ liches Anſehen mehr. Was der furchtbar herabſtrömende Regen nicht mit fortgeriſſen hat, klebt an der Haut; das kältende Waſſer, welches ſich in den aufgelöſten Kleidern der Tänzerinnen ſammelt, dringt in ihren Buſen, und bil⸗ det in den Falten der Gaze eben ſo viel Waſſerrinnen; mehrere reißen die Gürtel ſich auf, denn ſie fürchten zu erſticken.„ 1 Und alles dieſes in unheildrohender Stille; man möchte es einem Schiffbruche mit ſeinen ſchwimmenden Menſchen und Sachen, mit ſeinen wogenden Schaluppen vergleichen. Endlich kamen ſie an; noch nie hatte man unter den feuchten Bögen der Morgue ein ſo ſeltſames Schauſpiel. Kaum daß die Menge gedrängt Platz fand. Beim trüben Schein einer von dem Gewölbe herabhängenden Ampel, welche die Bläſſe ſo vieler ſchönen, vor einer Stunde noch ſo hoffärtigen Frauen beleuchtete, fielen ihre Blicke auf einen Gegenſtand, und dieſer war der auf dem Rücken lang ausgeſtreckte, zwiſchen andern Leichen daliegende Fürſt! Es war nöthig, daß der Morguenwächter die Verſammlung 291 erſt belehrte: der dort iſt ein Maurer, dieſer ein Dach⸗ Herr Perrin machte mich aufmerkſam, daß am Rande des Regiſters„ſehr bekannt“ ſtehe. Wir befanden uns jetzt in den Zimmern des Schrei⸗ bers. Bei Francois hatten wir Bilder Bonaparte's und militairiſchen Ruhm geſehen; hier finden wir in der Wahl der Ausſchmückung einen demüthigeren Sinn; es ſind Bild⸗ niſſe Chriſti am Kreuz. Zwiſchen dieſen beiden Männern, welche ſeit vier und zwanzig Jahren beiſammen wohnen, waltet, wie man ſieht, Verſchiedenheit der Meinungen, aber auch Duldſamkeit ob. Vielleicht auch, daß an die Stelle dieſes natürlichen Gefühls von Nachſicht für die menſch⸗ lichen Verirrungen die tägliche Erfahrung getreten iſt, daß ein Zoll Waſſers über dem Kopf das vernichtet, was ei⸗ nen Zoll darunter die Sonne und die Welt zu beobach⸗ ten vermochte. Jedenfalls iſt die philoſophiſche Gleichheit in der Mor⸗ gue nicht mehr als anderwärts mit der Ungleichheit der Bedingungen gepaart. Francois folgte uns nicht in die Wohnung des Herrn Perrin. Sie beſteht aus drei Zimmern von verſchiedener Höhe. Rechts und links ſtehen die Betten der Kinder an den Wänden dieſes feuchten, baufälligen Aufenthalts. Der Ei⸗ genthümer hat ihm zwar durch Waſſerkünſte, artige Kin⸗ der und ziemlich geſchmackvolle Möbel ein freundliches An⸗ 292 ſehn gegeben, aber nichts deſto weniger wird er ſein Ende erreichen. Eines Tages dürfte man die Morgue bei den Netzen von St. Cloud finden, wenn es deren daſelbſt gäbe. ¹ Aber das iſt ein Irrthum, welchen man durchaus auf⸗ geben muß; verzeiht den Verluſt dieſer Täuſchung! Es giebt bei St. Cloud keine Netze, und es würden daſelbſt auch keine angebracht werden können. Das hänfene Ge⸗ flecht, welches die Reiſenden unter dem Waſſer aufhalten ſoll, müßte entweder zu tief in den Fluß verſenkt ſein, um nicht von den Schiffen zerriſſen zu werden, und in dieſem Falle würde es die Ertrunkenen vorbei laſſen, oder es müßte mehr an der Oberfläche des Waſſers befindlich ſein, und dann wäre die Fahrt für Schiffe und Flöſſe gehemmt. 3 Die Liebenden, welche die Téte noire*) mit ihren ge⸗ nußreichen, wollüſtigen Abendmahlzeiten verſchönern, haben es alſo nicht mehr nöthig, ihre Blicke von dem prächtigen Brückenbogen von St. Cloud abzuwenden, und bewun⸗ dernd auf Boulogne, dieſes Vorgemach des königlichen Aufenthalts, Ssores, dieſer Porzelanſtadt, und St. Cloud mit ſeiner edlen und herrlichen Anfahrt. zu werfen; ſie können ſich Abends ungeſtört ihren melancholiſchen Träu⸗ men überlaſſen; und ſie werden, wenn die Seine durch die Klarheit ihres roſigen, zart bewegten Waſſers das Reizende der Landſchaft erhöht, nicht den Anblick des vermeinten *) Téte noire, ein Etabliſſement in St. Cloud. 293 Netzes haben, wie es, ſich langſam erhebend, in ſeinen mächtigen Maſchen, gleich einem Fiſche des Ozeans, den abſcheulichen Gegenſtand ihrer Einbildung gefangen hält. Die Morgue recrutirt ſich beſonders durch den Fluß. In ſeinem Laufe iſt das Waſſer, welches durch Vor⸗ ſprünge, Buchten und Inſeln unterbrochen wird, dadurch gezwungen, in der ganzen Tiefe ſeiner Maſſe die Gegen⸗ ſtände, die es antrifft, immer in derſelben Richtung zu verfolgen, und legt daher die Körper, welche es mit fort⸗ ſchwemmt, beinahe unverändert auf ein und dieſelben Orte nieder; hier giebt es nun Leute, deren Geſchäft es das ganze Jahr hindurch iſt, zu warten. Ein Tarif der Menſchlichkeit hatte früher denen, die ſich dieſem Amte widmeten, für einen Menſchen, welchen ſie vom Ertrinken retteten, vierzig Franken, und für einen Ertrunkenen zwanzig Franken ausgeſetzt. Aber bald mußte man dieſes Syſtem der Aneiferung aufgeben, um dem Ge⸗ werbe der Leute Schranken zu ſetzen, welche, auf Koſten der wirklich Ertrunkenen, für deren Körper nur der halbe Preis bezahlt wurde, ſtillſchweigend überein gekommen wa⸗ ren, ſich ſcheinbar zu ertränken und zu retten. Kaum war aber die geſetzlichere und angemeſſenere Abſchätzung einge⸗ führt, als viele menſchenfreundliche Schwimmer es erdach⸗ ten, dem verſchwundenen Opfer unter dem Waſſer die nö⸗ thige Zeit zu laſſen, ihnen das Doppelte einzubringen, das heißt: die Zeit zu ertrinken; manchmal ſollen ſie auf ſolche Weiſe gar ſelbſt ſich zu einer Prämie verholfen haben. Jetzt 4 294 iſt alles wieder zur alten Ordnung der Dinge zurückge⸗ kehrt; ein Todter wird mit zwanzig Franken, und ein halb Todter mit vierzig Franken bezahlt; nur, um nicht wieder in den alten Mißbrauch zu verfallen, mit dem Unter⸗ ſchiede, daß der Menſch, welchen man zum zweiten Male rettet, ſeinem Retter keine Belohnung mehr einbringt.— Dieß zur Nachricht für die, welche es ein Mal verſucht haben. Ihr habt manchmal, wenn ihr den Quai entlang gin⸗ get und eure ſorgloſen Blicke auf den Ufern der Seine umherſchweiften, da, wo weit unter der Erdoberfläche ſo viele, kaum vermuthete Ufergewerbe getrieben werden, ein betheertes, in der Sonne dampfendes Dach mit einem wei⸗ ßen, mit Epheu umwundenen Schornſtein geſehen; Ihr habt auch am Fuße dieſer Behauſung, welche etwas von einem Schiff und einer Fiſcherhütte an ſich trägt, einen kleinen Garten mit Gräben, Hecken und durchſchneidenden Wegen, etwa zehn Fuß groß, bemerkt, und es hat Euch gefallen, dort ein Gemiſch von See⸗ und Blumen⸗Gerüchen ein⸗ zuathmen, aber vielleicht habt Ihr es nicht gewußt, daß hier ſich das Rettungs⸗Büreau der Ertrunkenen, das Hülfs⸗ Local für die Morgue befindet! Hierher bringt man einen Ertrunkenen, ſetzt ihm Schröpfköpfe an, ſtreckt ihn auf einem Bett von abhängiger Richtung aus, und läßt ihm alle mögliche Hülfe angedeihen. Bei dieſem Etabliſſement von erſter Wichtigkeit in einem Lande, wo die Regierung die weiſe Klugheit und väterliche Sorgfalt beobachtet, die 4 Fen⸗ 295 Fenſter der Spielhäuſer mit eiſernen Gittern zu verſehen, ſind ein Arzt und ein Chirurgus angeſtellt. Man findet ſie dort gewöhnlich, mit Ausnahme des Sonntags, Mit⸗ tags um drei Uhr. 1 Ich weiß nicht, war es vielleicht eine Unziemlichkeit, aber ich ſagte zu Herrn Perrin, er müſſe wohl während der langen Winterabende recht viel Langeweile haben. „Nein,“ erwiederte er mir mit Gutmüthigkeit,„meine Kinder ſingen, alle arbeiten; Frangois und ich ſpielen Dame oder Piquet. Ein unglück iſe's nur, daß wir ſo oft geſtört werden. Man klopft an, wir müſſen hinunter; einen Stein zurechtlegen, den Neuangekommenen entklei⸗ den, in die Regiſter eintragen. Alles das unterbricht die Parthie, und man vergißt oft anzulegen. 71 „Alſo auf ſolche Art bringen ſie ihre Abende hin?“ „Ja freilich! Jeden Tag wenigſtens, wenn Frangois nicht des Morgens um vier Uhr nach Vaugirard zu ge⸗ hen braucht, denn alsdann muß er früh zu Bett gehen.“ „Sie wiſſen vielleicht nicht, daß unſer Kirchhof in Vaugirard iſt; wir haben ihn noch als ein Privilegium behalten, denn ſchon lange hat er die Befugniß nicht mehr, Privatperſonen Gräber zu bewilligen.“ 4 „Ich verſtehe; es iſt ein Lehn der Morgue.“ „Sie müſſen unten am Eingange den Wagen bemerkt haben, worin die Kinder Verſtecken ſpielten; das iſt un⸗ ſere Hauskutſche.“ 1'und, Reiche und Arme, ein jeder wird in dieſem Wa⸗ . 14 296 gen weiter befördert? Wenn zum Beiſpiel ein Selbſtmör⸗ der erkannt iſt, können ihn alsdann die Verwandten oder Freunde nicht reclamiren, ihn mit ſich fortnehmen, um ihm die Ehre eines eigenen Leichen⸗Begängniſſes zu er⸗ zeigen?“ „Nein! Die Morgue giebt diejenigen nicht wieder her⸗ aus, welche darin niedergelegt worden ſind. Sie geſtattet zwar Leichen⸗Begängniſſe, ſo koſtbar als man will, aber 6 müſſen von hier ausgehen. Der Kopf des Zuges kann hei der Kirche Notre-Dame ſein, wenn nur das Ende ſich von hier fort bewegt. Der Erzbiſchof von Paris kann einen Platz bewilligen, aber der von Frangois geht vor!“ „Und machen die Prieſter von Notre-Dame keine Schwierigkeiten, eure Todte einzuſegnen?“ „Niemals, mein Herr!”“ „Aber doch die Selbſtmörder?“ 3 „Es giebt keine Selbſtmörder für die Kirche von No⸗ tre-Dame. Man iſt durch Zufall im Waſſer umgekom⸗ men, man hat ſich aus Verſehen mit einem Feuergewehr getödtet, man iſt von einem Gerüſt gefallen. Ich mache die Entſchuldigung, und der Prieſter nimmt ſie an; das genügt.“ Alſo, dachte ich, Notre-Dame, welche vor Zeiten auf ihrem großen Platze die Zauberer, Goldmacher und Zigeu⸗ ner verbrennen ſah, hat jetzt ſelbſt nicht mehr Worte des Haſſes für die Körper der Selbſtmörder, welche ſonſt auf dem Galgen den Raben Preis gegeben wurden! Sie fragt 297 nicht einmal danach, welcher Gottesverehrung derjenige zu⸗ gethan war, der mit den Füßen an ihre Thore klopft. Der Prieſter ſpricht mit Milde zu ihm: Friede ſei mit euch! Wir gingen hinunter, und Francois öffnete uns das erſte Zimmer, das der Kleidungen. Kleider von allen For⸗ men, allen Größen, und auf eine tolle Weiſe unter ein⸗ ander gemiſcht; Stiefeletten, mit einer Nadel an einem Aermel befeſtigt; ein Schawl über einem Prieſter⸗Kra⸗ gen; Bürger⸗Röcke, Handwerks⸗Jacken, Körner⸗Hemden, Bauer⸗Kittel, Frauenkleider;— alle dieſe Dinge waren unanſehnlich, verblichen und ungeſtaltet, und wurden von der Luft, die durch die Fenſter ſtrich, hin und her be⸗ wegt. Alle dieſe Gegenſtände, welche weder Körper, noch Seele haben, welche ſich bewegen, als wenn ſie Leben hätten, und welche Geſtalten haben ohne Fleiſch, machten ein grauenhaftes Geräuſch, und gewährten einen ſchau⸗ dererregenden Anblick. Man ſieht hier ſelbſt Schürzen ar⸗ mer Tagelöhner, die der Tod nach der Arbeit eines ſor⸗ genvollen Tages überraſcht haben muß. Die Falte der Ruhe, welche die, in den Gurt geſteckte, eine Spitze der Schürze bezeichnet, läßt es wenigſtens errathen. Frangois, welcher meinen Blicken folgte, um zu wiſ⸗ ſen, welchen Eindruck dieß Gemälde auf mich machte, ſeufzte tief auf. 3 „Macht Euch das weichmüthig? fragte ich ihn. Wä⸗ 14* 298 ret Ihr nicht zufrieden mit Eurem Schickſal? Ekelte Euch Euer Geſchäft an? Wäret Ihr vielleicht unglücklich?“ „Das wohl nicht. Aber ſehen Sie, mein Herr, ſonſt gehörten uns die Kleider der Unbekannten, wenn ſie ſechs Monate lang ausgeſtellt geweſen waren, und wir konnten ſie verkaufen. Jetzt ſpricht man davon, uns dieſen Ver⸗ dienſt zu nehmen!“. Ich beruhigte Frangois über die Abſichten des Gouver⸗ nements, und verſicherte ihn, daß davon noch nicht die Rede geweſen ſei. Das zweite Zimmer, welches an den zum Auslegen der Todten beſtimmten Saal ſtößt, iſt zur Secirung der Aus⸗ geſtellten beſtimmt, deren Tod der Polizei verdächtig iſt. Es enthält nur einen großen Tiſch von Marmor, worauf man die Zergliederung vornimmt, und ein Geſtell, auf wel⸗ chem ſich einige Flaſchen Chlorkalk befinden, welcher zur Behinderung der Anſteckung dient, aber zu ſchnell und flüchtig wirkt, um vollkommen zu genügen. Sein Ge⸗ brauch iſt angreifend; er verraucht, und die üble Ausdün⸗ ſtung ſtellt ſich wieder ein. Dieſes Zimmer liegt genau über dem Wohnzimmer des Herrn Perrin; der Sections⸗ Tiſch ſteht gerade über dem Fortepiano der Tochter. Ja, auch ein Fortepiano iſt in der Morgue. In dieſem Saale, welchen ich wegen eines Bekann⸗ ten, welcher auf der Tafel lag, raſch durchſchritt, ſah ich auch das in voriger Nacht in der Poſtkutſche erſtickte, kleine Mädchen; es war in der That hübſch, der Bekannte 299 aber ſcheuslich und entſtellt, und ich weiß nur ein Auge, welches ihn erkannt haben würde: das ſeiner Mutter! So iſt der Tod verabſcheuungswürdig. Der erſte Leich⸗ nam muß den erſten Gottesverläugner geſchaffen haben! Es bleibt nun noch das Gewölbe übrig, worin man die Todten ausſtellt. Es iſt eng und mit verpeſteter Luft erfüllt; ich begreife nicht, wie ein lebendiger Menſch darin den Naum für die Todten hat abmeſſen können; ſicherlich iſt es ein Todtengräber geweſen. Zehn oder zwölf ſchwarze, ſchräg liegende Steinplatten empfangen die Selbſtmörder, welche beinahe in einer vollkommenen Nacktheit darauf aus⸗ geſtreckt werden; ſelten ſind alle Plätze benutzt, wenn nicht zu Zeiten einer Revolution. Dann haben das Pantheon und die Morgue ihre Erndte. Die garſtige Menſchheit nimmt keinen anderen Gang; noch zwei Tage der Unſterb⸗ lichkeit und des Ruhms im Juli mehr, und die Peſt war in Paris! „Es iſt wahr,“ ſagte mir Herr Perrin,„in jenen drei Tagen hatten wir ſehr viel zu thun; auch waren wir au⸗ toriſirt worden, uns zwei Gehülfen anzunehmen; es gab Todte überall: am Eingange, draußen, drinnen, auf dem Fluſſe....“ 1 4 „und eure Töchter?“ „In den Tagen verließen ſie ihr Zimmer nicht; ſie ſahen weder auf die Straße, noch auf die Seine; dennoch würdet Ihr Euch ſehr irren, wenn Ihr glaubtet, daß ſie ſich fürchten. Hier aufgewachſen, gehen ſie des Nachts ohne 300 Licht vor den Fenſtern vorüber, wenn der Corridor ge⸗ ſchloſſen iſt, ohne daß es ſie rührt. Mein Gott! man ge⸗ wöhnt ſich an alles.“ Ich glaubte die jungen Mädchen des Herrn Perrin ſo vertraut mit dem Begriff des Todes, ſo gewöhnt an dieſe täglichen Vorgänge, zu hören, wenn ſie bei ihren Be⸗ ſuchen unbefangen fragen: wo habt ihr eure Todten, ſo wie man ſich fragt, wo liegt euer Garten, euer Studir⸗ zimmer, eure Küche? Das war es alles, was ich an Thatſachen über dieſes ſo höchſt einfache, aber eben ſo trübſelige Etabliſſement ſammeln konnte; ich öffnete die Glasthür, um wieder die Luft der Lebenden einzuathmen, als eine Menſchenmenge mich wieder in das Innere zurückwarf; ſie folgte einer Tragbahre, welche eine lange Waſſerſpur auf ihrem Wege zurückließ. Man warf die Decke von dem Körper, und an der Spannung der Muskeln im Geſicht, an den zu⸗ ſammengepreßten Fingern, den verzogenen Lippen konnte man leicht erkennen, daß die Perſon ganz plötzlich geſtor⸗ ben war. Aus einer ihrer Hände, welche ſie krampfhaft geſchloſſen hielt, löſte der Wächter ein bunt geſtreiftes Tuch und einen Kantenſtrich. „Potz Tauſend!“ ſagt er,„laßt uns das Geſichtz näher betrachten! ja freilich iſt ſie's!“ „Nun wer denn?“ „Die Amme von deſem Morgen, die Normänninl“ 301 „Gut, dann wollen wir ſie mit der kleinen Leiche beer⸗ digen.“ und Herr Perrin ſuchte ſeine Brille hervor, öffnete ſein Regiſter, und trug mit ſchöner zierlicher Schrift ein: Unbekannt! Léon Gozlan. Ein Haus im AMlarais. J allen Häuſern des zweiten und dritten Ranges iſt die wichtigſte Perſon ohne Einrede die Frau des Portiers. Sie läßt ſich ihren Hof machen, hat ihre Günſtlinge und ihre Feinde. Unter ihrer Herrſchaft ſtehen unmittelbar die oberen Stockwerke, und ſie giebt den Leuten, welche nicht das Glück haben, ihr zu gefallen, oder deren politiſche Mei⸗ nungen mit den ihrigen nicht übereinſtimmen, nach Will⸗ kühr den Abſchied. Nach ihr kommen die Klatſch⸗Gevat⸗ terinnen. 5 Die oberſte Region eines Hauſes im Marais iſt ge⸗ wöhnlich von den Köchinnen und Bedienungen der zwei⸗ ten und erſten Etage, von einigen alten Knaben, welche von ihrer Penſion leben, und von unbedeutenden Geſchäſts⸗ trägern bewohnt; deren einziges Fenſter könnt Ihr leicht an der ſpaniſchen Kreſſe und den Nachtviolen erkennen, welche ſich aus alten ſchadhaften Töpfen vor demſelben aufranken. 303 Seit dreißig oder vierzig Jahren beherbergt ein und daſſelbe Stübchen jenen alten Penſionair mit ſeiner blon⸗ den abgetragenen Perücke, welcher da eben auf das einzige Plätzchen, was die Blumen ihm noch laſſen, ſeine gläſerne Flaſche mit Kirſchen in Branntwein in die Sonne ſtellt. Von hier aus hat er alle ſeine Freunde nach und nach zu ihrer letzten Wohnung begleitet, und von hier aus wird er ihnen, aller Wahrſcheinlichkeit nach, folgen; denn das Haus, welches er bewohnt, iſt nicht in einem Stadtviertel belegen, welches Verſchönerungen zu fürchten hätte, und befindet ſich übrigens auch in gerader Richtung mit der Straße. Es ſind mehr als fünf und zwanzig Jahre her, daß er nichts mit ſeinem Hausbeſitzer zu ſchaffen gehabt hat; er weiß zwar, daß der Name deſſelben ſich oft geändert hat, aber der Wechſel hat ihn immer nur ſehr wenig beunrü⸗ higt. Die Portiers⸗Frau iſt die einzige Perſon in der Welt, mit der er es nicht verderben darf. Auch hat er ſich nie die geringſte Verzögerung in der Erfüllung ſeiner Verpflichtungen zu Schulden kommen laſſen. Alle drei Monate, den Sten auf den Glockenſchlag zwölf, hat er ſeine Miethe der Madame Desbroſſes richtig und ſorgfäl⸗ tig eingehändigt. Seitdem er ſein Stübchen bezog, hat man ihm auch nicht den kleinſten Vorwurf machen können. Niemals hat er einen Tropfen Waſſer auf der Treppe übergegoſſen, nie⸗ mals ſich in fremde Angelegenheiten gemiſcht; ſelten iſt er 304 nach der Abendtrommel zu Bett gegangen, ſelbſt damals nicht, als er noch im Dienſt war, und an Gehalts⸗Zah⸗ lungstagen mit ſeinen Freunden des Büreau's wohl zu Mittag ſpeiſte. Wenn es einmal geſchah, daß er erſt um dreiviertel auf zehn Uhr zu Hauſe kam, ſo ergriff ihn ein kalter Schweiß, ein Herzſchlagen beim Anklopfen, und er forſchte ängſtlich, ob nicht etwas üble Laune auf dem Ge⸗ ſichte der Portiers⸗Frau zu entdecken ſein möchte. Nie⸗ mals hat er ſich einen Hund, eine Katze oder einen Vo⸗ gel gehalten, und er hat fünf Jahre lang mit einem Ka⸗ meraden gezürnt, weil ſich deſſen Hündchen auf dem Flur einige Freiheiten erlaubt hatte, was er zwar nur allein entdeckt, was ihm aber doch hätte Verdrießlichkeiten zuzie⸗ hen können; auch hat er nicht die Hand zur Verſöhnung geboten, und erſt nach dem plötzlichen Tode des Thieres hat er darin gewilligt, ſeinen alten Freund wieder zu ſehen. Dieſer geregelte, ordnungsliebende Mann wurde jedoch eines Tages in ſeiner ſanften Ruhe geſtört. Ein Streit zwiſchen der Milchfrau und den Frauen ſeiner Hausgenoſ⸗ ſenſchaft hätte ihn beinahe für immer um die alte häus⸗ liche Ruhe gebracht, die er ſeit ſo vielen Jahren genoß; man war der Meinung, er müſſe gemeinſchaftliche Sache mit dem Hauſe machen, das ſich über ihr ſchlechtes Be⸗ tragen und beſonders über ihr ſchlechtes Maaß zu bekla⸗ gen hatte, und es wurde beſchloſſen, daß Herr Laſſerre in einer ſo wichtigen Angelegenheit Parthie nehmen müſſe. Sein Einwand, daß er nicht von einem Tage zum andern 30⁵ ſeine Gewohnheiten wegen einer Frau ändern könne, mit der man in Streit gerathen, und die ſich gegen ihn immer ſehr gebührlich betragen habe, half ihm nichts; ſeine Gründe, obgleich ſehr einleuchtend, wurden nicht angenommen; er wurde das Opfer der ganzen Etage. Der Bosheit ſeiner Nachbarinnen ausgeſetzt, war er gezwungen, ſeinen kleinen tragbaren Kochofen, welcher ſeit funfzehn Jahren vor ſei⸗ ner Thür geduldet worden war, jetzt aber den ganzen Flur verunreinigte, in die Stube zu nehmen, und auf einen Befehl der Portiers⸗Frau ſeinen Garten, welcher das Dach beſchädigen konnte, vom Fenſter zu ſchaffen. Dieſe Maaßregel ſchien ihm tyranniſch; dennoch be⸗ ſtand er auf ſeiner Meinung; aber der Kochofen, den er auf ſeine Kommode ſtellen mußte, und der ihm einen gro⸗ ßen Theil des Tageslichts entzog, und ſeine ſpaniſche Kreſſe und Nachtviolen, die er aufgeben ſollte, nöthigten ihn zu capituliren. Nachdem er in ſeiner Weisheit alles reiflich in Ueberlegung gezogen hatte, gab er nach, und kam nun damit los, alle Tage ſein Frühſtück zwei Straßen weiter zu holen. Zu allen Jahreszeiten ſteht er um ſechs Uhr auf, macht ſein Bett, wünſcht im Vorübergehen, wenn er ſein Früh⸗ ſtück holt, der Portiers⸗Frau mit Ergebenheit einen guten Morgen, klopft ſeine Kleider aus, putzt ſeine Schuhe, und verbringt den größeren Theil des Vormittags damit, die öffentlichen Arbeiten zu beſuchen; um drei Uhr nimmt er ſein Mittagsbrot zu Hauſe ein, pflegt ſeiner Verdauung 9⁰6 bei einem Spatziergange auf dem Königsplatz, und legt ſich, ſo wie es dunkel wird, zu Bett. Im Winter ſieht er des Abends im türkiſchen Kaffeehauſe dem Billardſpiele zu, ſpricht mit Niemanden, geht den Kindern aus dem Wege, ißt, trinkt allein, und beginnt am anderen Morgen das Leben des verfloſſenen Tages. Auf demſelben Flur, links, der Treppe gegenüber, wohnt eine Frau von etwa funſzig Jahren, Madame Potain, die Tonangeberin im Hauſe; geſchwätzig, ränkevoll, andäch⸗ telnd, iſt ſie die geſchworene Feindin des alten Junggeſel⸗ len; ſie war es, auf deren Veranlaſſung er ſeinen Koch⸗ ofen in die Stube, und die Blumen vom Fenſter ſchaffen mußte; ſie iſt, wie ſie ſagt, in einem großen Hauſe, bei den Montigny's, erzogen worden, hatte daſelbſt alle Schlüſ⸗ ſel unter ihrem Verwahrſam, und wurde mit allen mögli⸗ chen Rückſichten und mit Achtung behandelt. Ohne ſich je in ihren Grundſätzen zu ändern, heirathete ſie, als ſie beim Tode des Herrn v. Montigny Vater das Haus ver⸗ ließ, einen Perückenmacher, Herrn Potain, den ſie zu ſich erhob, der ſich aber mit ihren Anſichten nicht einigen konnte; er ſtarb, und darauf kam ſie mit den Ueberbleib⸗ ſeln ihres früheren Wohlſtandes in's Haus. Sie ſpricht mit Nachdruck und Bombaſt, aber unrichtig; ſie kann nicht ſchreiben, hat aber viel geleſen, und man könnte dicke Bü⸗ cher von dem ſchreiben, was ſie alles geſehen hat. Sie hat einen bedeutenden Einfluß auf die Portiers⸗Frau, welche * 307 zwar manchmal auch die klugen Leute für dumm hält, aber dennoch eine große Bewunderung für ſie nicht unterdrük⸗ ken kann. Zwei Thüren weiter wohnt Madame Chervet, ein gu⸗ tes, rundes und freundliches Mütterchen, welche, wie man ſagt, ihre 800 Livres Renten in der Revolution verdient hat; ſie iſt ohne Erziehung, ſagt Madame Potain, welche jedoch mit ihr umgehen muß, um ſich vor den übrigen Hausgenoſſen nicht auszuzeichnen; ſie hat für den Zögling des Montigny'ſchen Hauſes noch mehr Hochachtung als die Portiers⸗Frau. Sie behauptet nichts, ohne ſie als Ge⸗ währsmann zu nennen; ſie erſpart ihr die Mühe, des Mor⸗ gens die Milch zu holen; ſie bereitet ihr das Frühſtück, und bringt es ihr ſelbſt im Winter vor's Bett; ſie hat eine Tochter gehabt, welche aber, nach den Reden der Perük⸗ kenmachers Wittwe, nicht gut eingeſchlagen ſein ſoll. Zwiſchen den beiden Fenſtern dieſer Frauen befindet ſich das Zimmer der Mlle. Felicitas, Haushälterin des Herrn im dritten Stock. Sie bringt mit demſelben acht Monat im Jahre auf dem Lande zu, wo ſie, wie ehemals Mad. Potain, das Kommando führt. Sie giebt Azor Zucker⸗ plätzchen, unterhält das Zimmer des Portiers mit Licht und Holz, und verſieht Herr und Madame Desßbroſſes mit Schnupftaback, damit die letztere von Zeit zu Zeit ihren Vetter, Sergeanten beim 3ten Voltigeur⸗Regiment, ſo wie auch angegoſſene Flaſchen Wein, Hühnerkeulen und 7 308 kleine Töpfe mit Butter, welche ihre ehrwürdige Mutter alle Wochen drei oder vier Mal mit nach Hauſe nimmt, ungeſtört durchlaſſe. In die beiden letzten Zimmer dieſer Etage ſind kürz⸗ lich zwei Mädchen mit ihrer alten, ſchwächlichen Mutter eingezogen, welche Mad. Potain im Verdacht hat, heim⸗ liche Wege zu lieben. Den vierten Stock bewohnt ſeit vielleicht zwölf Jah⸗ ren ein Beamter vom Leihhauſe mit ſeiner Frau; bei ei⸗ nem Gehalte von 2400 Franken ſind es ſehr ordentliche und ruhige Leute; ſie halten ſich eine Magd, und haben ein Kind, welches ſeit einem Jahre in eine der erſten Pen⸗ ſions⸗Anſtalten der Stadt aufgenommen iſt. Manchmal beſucht Mad. Traverſier Abends eine alte Freundin ihrer Mutter in demſelben Viertel zu einer Parthie Boſton, und der Mann holt ſie von da ab, wenn er von der Fuhr⸗Ex⸗ pedition kommt, wo er des Abends die Bücher führt, ſeit⸗ dem das Söhnchen in Penſion iſt. Am Sonntag wird dieſes nach Hauſe geholt, und nach der Promenade wie⸗ der zur Penſion zurückgebracht, die Mutter giebt ihm wei⸗ nend an der Thür den Abſchiedskuß, und ſteckt ihm noch, ohne daß es der Vater bemerkt, einige Sols zum Früh⸗ ſtück zu. Selten nur iſt jemand zu Tiſche bei ihnen.— „Ach, das ſind Knicker,“ heißt es beim Portier,„zu Weihnachten geben ſie nur fünf Franken, und doch trägt die Frau einen Pelz!“ Auf der anderen Seite der Etage wohnt eine alte 309 blinde Mamſell, welche als Emigrirte ihr ganzes Vermö⸗ gen verlor, mit ihrer Wirthſchafterin, die mit ihr bei⸗ nahe von gleichem Alter und ſchon ſeit vierzig Jahren in ihren Dienſten iſt. Armes Mädchen! mit deinen Spar⸗ pfennigen erhielteſt du lange Zeit deine unglückliche Herrin, als ihre geringen Zinſen ausblieben. Du haſt deine ſchön⸗ ſten Jahre bei ihr zugebracht, und bei ihrem Tode bleibt dir kein anderer Ausweg, als ihr zu folgen, oder in's Ho⸗ ſpital zu gehen. Dieſe beiden rechtſchaffenen Frauenzimmer gaben den Bewohnern im oberſten oder unteren Stockwerke des Hauſes nie Veranlaſſung zu Klatſchereien; in ſolchem Grade flößten ſie ihnen Achtung und Ehrerbietung ein. Im dritten Stock finden wir einen Advokaten vom Parlaments⸗Gerichtshof, einen alten Hageſtolzen und Egoi⸗ ſten, wie ſie es alle werden; nur ſelten ſpeiſt er zu Hauſe. Von ſeinen Seitenverwandten gepflegt, geliebkoſt und ge⸗ ſchmeichelt, um nicht im Teſtament vergeſſen zu werden; lecker und lebensluſtig, überläßt er ſeine häuslichen Ange⸗ legenheiten gänzlich der Mlle. Felicitas, welche ihm ſchon vier Pathen geſchenkt hat, und nicht Luſt hat, dabei ſtehen zu bleiben. Die zweite und erſte Etage ſind von zwei ſehr unin⸗ tereſſanten Greiſen bewohnt, welche den größten Theil des Jahres auf dem Lande leben, wenig Geſellſchaft bei ſich ſehen, früh zu Hauſe kommen, um zwei Uhr zu Mittag eſſen, und noch Whiſt oder Reverſi ſpielen. Das unterſte Stockwerk wird von den Pferden der al⸗ — 1 310 ten Herren, zwei oder drei abgelebten Dienern, welche nach der Art und Weiſe ihrer Herrſchaft in Ruhe das Ende ihrer Laufbahn abwarten, einem abgenutzten Halbwagen und dem Verſchlage des Portiers eingenommen. Glückli⸗ cher als die Portiers in den anderen Stadtvierteln, haben diejenigen im Marais es nicht nöthig, ſpät außubleiben, die ſchlechten Späße der Straßenbuben, wenn ſie zu jeder Stunde der Nacht an das Thor klopfen, zu erdulden, oder die Beleidigungen der racheluſtigen jungen Herrchen wegen der bei ihren Aeltern angebrachten Klagen über zu ſpätes Ausbleiben, oder wohl gar über die hin und wieder erwie⸗ ſene Gaſtfreundſchaft hinzunehmen. Sie können ihren Ro⸗ man leſen, ohne zwanzig Mal auf einer Seite durch einen Zug am Schnur oder einen Schlag des Thorhammers un⸗ terbrochen zu werden. In dieſem räucherigen Verſchlage regiert Madame Des⸗ broſſes auf einem weiten Armſtuhl und bei dem ſpärlichen Scheine eines Talglichts als Königin; ſie hat viele Eigen⸗ thümer des Hauſes überlebt. Niemals hat ſie in ihrem Reiche den mindeſten Widerſpruch erfahren. Ihr Mann ſteht unter ihrer unbeſchränkten Herrſchaft, ſo wie Azor, das liebe Hündchen, mit ſeiner häßlichen Ausdünſtung und ſeinen üblen Gewohnheiten. Acht Uhr Abends, es ſei Som⸗ mer oder Winter, überläßt ſich Herr Desbroſſes den Sü⸗ ßigkeiten des Schlafes; er iſt ein ganz phyſiſcher, grober, gegen Frauen dünkelhafter Menſch, liebt eine gute Mahl⸗ 311 zeit, iſt aber den Künſten und Wiſſenſchaften, wie ein Ge⸗ würzkrämer, fremd. In dieſem Raum von zwölf Fuß Länge und fünf Fuß Breite befinden ſich ein Schrank, ein gegoſſener Ofen, ein großer Armſtuhl, fünf kleine Meerſchweine mit ihrer Mut⸗ ter, zwei Kanarienvögel, ein Schapp mit Küchengeräthen, ſechs bis ſieben Klatſchgevatterinnen mit ihren Fußwär⸗ mern, ein Hund und ein Portier. Der Verſchlag iſt übri⸗ gens nach ſeiner ganzen Länge noch durch einen Hängebo⸗ den überbaut, welcher zum Schlaf⸗ und Ankleide⸗Zimmer dient. Hier nun hält das von der Frau des Portiers prä⸗ ſidirte Tribunal alle Abend von ſechs bis zehn Uhr ſeine Sitzung, hier werden alle Handlungen der Hausbewohner, alle Gegenſtände der Politik und alle ſchriftlichen Productio⸗ nen verhandelt und gerichtet. Ihr ſeht hier nach der Reihe ein jedes Mitglied der Geſellſchaft ſich einfinden. Das Journal wird des Mor⸗ gens zuerſt von Mad. Desbroſſes geleſen, dann folgen, noch vor dem Aufſtehen der Abonnenten, die Frauen eine nach der andern, und am Abend wird die Auslegung davon nach Belieben gemacht. Hat am Tage ein Auflauf, ein Volks⸗ aufſtand ſtatt gefunden, ſo iſt England daran Schuld, ſagt Mad. Chervet; ſteigt das Brot im Preiſe, ſo iſt wieder England die Veranlaſſung; auch ſogar die hohe Mieths⸗ ſteuer, der Stolz, die unverſchämtheit und Grobheit der Hauseigenthümer rühren daher.„Es iſt jedenfalls eine 14** 312 ganz außerordentliche Sache,“ nimmt die verſtändige Ma⸗ dame Potain das Wort,„daß ein Land, was doch ſo we⸗ nig ein Land genannt werden kann, weil es eine Inſel iſt, ſo viel Schaden bringen kann, als es wirklich der Fall iſt; o man ſollte ſich nur verſtändigen, alles, was Engländer heißt in der Welt, ſollte uns keine Geſetze mehr geben können!“ Alsdann kommt die Neuigkeit von der Abreiſe Carls X. nach Wien an die Reihe.„Es iſt recht poſſier⸗ lich,“ ſagt Madame Desbroſſes,„da wird nun der Her⸗ zog von Bordeaux mit des Kaiſers Kleinem Bekanntſchaft machen, ſie werden zuſammen ſpielen; ſie ſind von gleichem Alter, denn er hatte das Seinige, der Kleine des Kaiſers, als er die Tuilerien verließ.“ Das Schickſal der Geiſt⸗ lichkeit beſchäftigt auch dieſe gelehrten Politiker; was Ma⸗ dame Potain betrifft, ſo weiß ſie ſchon, wie ſie über die Religion zu denken hat, aber ſie iſt für das Volk da, denn man muß gerecht ſein, ſie hält es zuſammen, und wenn nur das Volk glücklich iſt, ſo iſt alles ziemlich gleich, ſie verlangt ja nichts von den Menſchen, Gott ſei Dank! Aber das waren über dieſen Gegenſtand die Anſichten des ſeligen Herrn v. Montigny. Dieſe gute Frau wurde bei der adligen Familie, welche ſie erzogen hatte, frühzeitig für die ariſtoeratiſchen Vorur⸗ theile eingenommen. Niemals hat ſie Bonaparte für ihren Souverain anerkennen wollen; ſie hat allen ihren Scharf⸗ ſinn und ihren Einfluß nöthig, um ſich die Achtung der 313 Madame Desbroſſes und der Nachbarinnen zu erhalten, welche alle dem Kaiſer und ſeinem erhabenen Sprößling ſehr geneigt ſind; und gewiß iſt's, daß in den Portier⸗ Logen des Marais⸗Viertels noch die meiſten Zweifel über den Tod Napoleons beſtehen. Henry Monnier. Die Abtey im Walde. 2 Es giebt begünſtigte Orte, deren Ruhm, ungeachtet der Fluch der Zerſtörung über ſie ausgeſprochen war, der Zeit trotzten, und den politiſchen Erſchütterungen widerſtanden, befreundete, durch das Andenken der Ruhe und Heiligkeit beſchützte Zufluchtsorte, welche die Flamme, die ſie zu ver⸗ nichten drohte, verlöſchen, und das Beil der Söldner des Herzogs von Aumale oder der Hugenotten Heinrichs IV., die ihre alten Mauern zu zertrümmern verſuchten, ſich ent⸗ kräften ſahen; vor deren Thür die Qualen der Revolution ohne Kraft blieben, und deren geſegneten Räume von den Koſacken des Borysthenes nicht entweiht wurden. Paris zählt noch heute einige ſolcher bevorzugten Ge⸗ bäude in ſeinen Mauern. Es iſt indeſſen nicht mehr die Abgelegenheit, welche gegenwärtig ihre Sicherheit begrün⸗ det. Eins von ihnen hat die Ayt ſeit längerer Zeit ſchon der ſchönen Waldungen beraubt, welchen es ſeinen Namen — 315 verdankt*). Die Abtey im Walde iſt nicht mehr von ſchirmenden Bäumen umſchloſſen. Enge, dunkle, fortwäh⸗ rend kothige, von einer armen und lärmenden Bevölkerung erfüllte Straßen haben längſt die ſchattenreichen und küh⸗ lenden Alleen erſetzt, in welchen der Geſang der Vögel oder das erfriſchende Säuſeln des üppigen Laubes dem Schalle der Kloſterglocke zum Echo dienten. Aber das Geſchenk des Friedens und der Ruhe war der Abtey im Walde ge⸗ worden, und ſollte ihr nicht geraubt werden; und während das Geräuſch der Welt, welches ſie umgab, die Stille dar⸗ aus zu verſcheuchen ſchien, durchbrach es oft ſelbſt ihre hohen Mauern, um in ihrem Innern Schutz zu ſuchen. Im Jahre 1812 war ich genöthigt, in die Bäder von Aix in Savoyen zu gehen. Da ich meine Töchter nicht unter der unmittelbaren Aufſicht ihrer Lehrerin zurücklaſ⸗ ſen wollte, welche noch zu jung war, um ihnen als ein⸗ zige Führerin zu dienen, ſo entſchloß ich mich, ſie wäh⸗ rend meiner kurzen Abweſenheit in ein Kloſter zu bringen, und bemühte mich ſofort, eins aufzufinden, das geeignet wäre, den Schatz, den ich ihm anvertrauen wollte, aufzu⸗ nehmen. 3 *) Die Abtey im Walde wurde vom heiligen Bernard gegruͤndet. Sie war von Clairvaux abhaͤngig, und ein Fi⸗ lial davon. Sie war eine Koͤnigliche Abtey, und deren Aebtiſſin immer von ausgezeichnetem Range. Die letzten, welche dieſe Wuͤrde vor der Revolution bekleidet hatten, waren die Damen de Richelieu und Chabrillant.— Icch ſah deren viele. Zu jener Zeit hatte der Kaiſer viel Freiheiten zur Wiederherſtellung von religiöſen Zu⸗ fluchtsorten bewilligt, und beſonders in der Nachbarſchaft von Sainte Geneviève war deren Zahl groß. Aber keines entſprach meinen Abſichten; ich verlor ſchon den Muth, als eine meiner Freundinnen mich vor ein großes, mit ei⸗ nem Kreuz geziertes Gitterthor, mit den Worten führte: „Hier werden Sie finden, was Sie ſuchen!“— Es war die Abtey im Walde. Wir gingen über einen großen Hof, und kamen zu einer kleinen Thür, welche uns von einer Frau geöffnet wurde, deren Geſicht viel Gemüthlichkeit aus⸗ ſprach, und welche meine Führerin Schweſter Marie nannte, indem ſie ſie zugleich nach Frau von Navarre fragte. Die Pförtnerin öffnete eine zweite Thür, welche zu großen, mit einem ſchönen, jedoch für den Augenblick von den Zög⸗ lingen nicht beſuchten Garten umgebenen Kloſtergebäuden führte, und ließ uns in einen kleinen, ſehr einfachen Saal treten, in welchem uns bald darauf Frau von Navarre, die Superiorin des Hauſes, empfing. 1 Sie war eine Frau von hohem Wuchs*), und mußte von ausgezeichneter Schönheit geweſen ſein. Im erſten Augenblick erſchien ihre Phyſiognomie von einer gewiſſen 0) Herr Abbé Na.. uͤbrigens einer der froͤmmſten Menſchen, ſagte eines Tages:„Wenn Frau von Navarre mit ihren frommen Toͤchtern ſich im Garten befindet, ſo iſt ſie der Calypſo mit ihren Nymphen zu vergleichen.“ 317 Strenge, aber bei längerer Betrachtung fand man darin jene ernſte Ruhe des Unglücks, jenen Ausdruck empfunde⸗ ner Leiden, das unauslöſchliche Zeichen des Seelenſchmer⸗ zes, welches ſich den Geſichtszügen ſo tief einprägt, daß die Spur davon nie vertilgt wird, wie ſehr auch die Seele von ſpäteren Freuden erfüllt werden möchte. Ich hatte in Spanien Kloſterfrauen im ganzen Luxus ihrer Tracht geſehen; aber dennoch überraſchte mich Frau von Navarre durch die leichte und ungezwungene Art, mit welcher ſie gekleidet war. Ihr langes, ſchwarz wollenes Kleid umfloß ihren Körper mit ſo vieler Grazie, ſo wie die Blouſe à la La Vallière die zarten Formen einer ſchö⸗ nen jungen Frau umhüllt. Sehr ſchöne Hände ragten dann und wann aus den weiten Aermeln des Gewandes „hervor, um den Schleier zurückzuſchlagen, oder mit einem breiten, rothen Bande, an welchem ein großes ſilbernes Kreuz befeſtigt war, zu ſpielen. Frau von Navarre war eine ſehr geiſtreiche Dame, und erfüllte ihren Platz als Superiorin des Hauſes vollkom⸗ men. Sie ließ mich alles ſehen, zeigte mir alles bis in die geringſten Einzelnheiten, und unterließ es nicht, mir zu bemerken, daß ihr Fleiß alles geſchaffen habe, und daß bei ihrem Eintritt in's Kloſter an viele der von ihr ein⸗ geführten Dinge noch nicht gedacht worden wäre. Sie hatte damals mehr als funßzig Penſionairinnen, und die Einrichtung des Inſtituts war in der That bewunderns⸗ würdig. Als ich die Abtey im Walde verließ, war daher auch mein Entſchluß gefaßt, meine Töchter für die Zeit 318 meiner Abweſenheit der Frau von Navarre anzuvertrauen. Eine meiner Gefährtinnen bei Hofe, welche, ſo wie ich, an Madame, Mutter des Kaiſers, attachirt war, die Baronin von Saint⸗Sauveur, Tochter des Prinzen Maſ⸗ ſerano, hatte mir ſchon viel Lobeserhebungen über die Ab⸗ tey im Walde gemacht. Sie hatte ihre beiden Töchter darin, und ließ nicht einen Tag vergehen, ohne ſie zu be⸗ ſuchen. Sie kannte die beinahe mütterliche Sorgfalt der Frau von Navarre für die jungen Mädchen, welche ihr anvertraut waren, und ihrem Urtheil durfte man Glau⸗ ben ſchenken. Nichts deſto weniger war die Abtey im Walde mit allem, was dazu gehört, ihren ſchönen Gär⸗ ten, ihren geräumigen Kloſtergebäuden, in welchen junge Mädchen jeden Alters mit ſorgloſen Blicken und närri⸗ ſchem Geſchwätz ſpielten, als eine geheiligte Wohnung be⸗ kannt, welcher eine Familie ihre ſchönſten Hoffnungen an⸗ vertrauen durfte, und beſonders war ſie es von den Müt⸗ tern, welche ihr liebſtes Gut hinter jenen hohen Mauern wußten. Hatte Schweſter Marie einmal die kleine, mit einer Attika verſehene Thür auf der Grenze des heiligen Beſitzthumes abgeſchloſſen, und man ging über den großen Hof, welcher das Kloſter von der Straße trennt, ſo be⸗ fand man ſich auf einem nicht bloß neutralen, ſondern ganz fremden Gebiete. Heutigen Tages iſt es nicht mehr ſo. Der Name Ab⸗ tey im Walde iſt ganz alltäglich geworden. Von ihr wiſ⸗ —,—— —,—— 319 wiſſen alle Stände zu erzählen; die Frau, welche zum er⸗ ſten Male hinfährt, hat ihren Leuten nur zu ſagen:„nach der Abtey im Walde,“ und ſie kann ſicher ſein, nach dem Weg dahin nicht weiter befragt zu werden. Der Fremde aus der Provinz, wenn er einen Empfehlungsbrief für die Abtey im Walde hat, braucht die Aufſchrift deſſelben nur dem Kutſcher ſeines Cabriolets zu zeigen, und ſogleich nimmt das Pferd ſeine Richtung nach der Straße du Sèvres. Will ein alter Prieſter oder ein Seminariſt den ehrwürdigen Pa⸗ ſtor oder den jungen ſchönen Pfarrer beſuchen, ſo wird der Fiacker oder Omnibus auf den Ruf:„nach der Abtey im Walde,“ ohne Weiteres vor dem Gitterthore anhalten; und ſo wie die Herzogin von Cruſſot zu jenem Engländer ſagte, welcher das Hotel d'Usez nicht finden konnte:„Mein Herr, das iſt in der Straße Montmartre neben dem Kaſtanien⸗ händler,“ ſo kann man dem, der nach der Abtey im Walde fragt, antworten:„Mein Herr, das iſt in der Straße du Sèvres neben dem Strohmattenhändler.“ Aber woher hat ſie denn in ſo kurzer Zeit einen ſo allgemeinen Ruf, eine ſo bekannte Berühmtheit erhalten? Sehet Ihr oben unter dem Dach über den breiten Fen⸗ ſtern des erſten Stockwerks die beiden Fenſterchen dort? Dahinter befindet ſich eins der kleinen Wohnzimmer des Hauſes, und aus dieſem Zimmerchen iſt der Ruf der Ab⸗ tey im Walde hervorgegangen, von da aus hat derſelbe ſich überall beim Volke verbreitet. Und wie hätte dieß nicht geſchehen ſollen, da man in allen Klaſſen des geſelligen I. S 15 Verkehrs wußte, daß in dieſem Stübchen ein Weſen wohnte, welches von allen irdiſchen Freuden verlaſſen war, nichts deſto weniger aber tröſtliche Zauberworte für jeden Kum⸗ mer, für jeden Schmerz, Hülfe für jedes Unglück hatte. Als Couder aus ſeinem Gefängniſſe*) das Schaffot er⸗ blickte, was war ſeine letzte Bitte? „Geh' zu Madame Récamier,“ ſagte er zu ſeinem Bru⸗ der,„ſage ihr, daß ich vor Gott unſchuldig ſei.... Sie wird dieſes Zeugniß verſtehen.“ uUnd dieſer Bruder, Ihr ſeht ihn blaß, zitternd, in Ver⸗ zweiflung um Mitternacht bei Madame Récamier dort in dem kleinen Stübchen ankommen, was ſo eben Mathieu von Montmorency verlaſſen hatte, welcher alle Abend da⸗ ſelbſt bei ſeiner treuen vollkommenen Freundin den ihm ſo nöthigen Muth ſammelte, um das Steuerruder eines Schif⸗ fes ſicherer zu führen, deſſen widerſpenſtige Mannſchaft ſich unaufhörlich ſeiner friedliebenden Leitung widerſetzte. Ma⸗ dame Récamier kennt das Herz eines Montmorency; ſie vertraut ſeinen guten, redlichen Anſichten, und beruhigt den Bruder des armen Verurtheilten. Am anderen Mor⸗ gen bei Tagesanbruch iſt ſie auf dem Miniſterio; ſie ſpricht mit ihrem Freund, ſie erweckt Theilnahme bei dem Men⸗ ſchen, ſie beſtürmt den Miniſter. Aber hier findet ſie Wi⸗ derſtand; Herr v. Montmoreney iſt ein rechtſchaffener Mann, und als Richter muß er Achtung vor dem Geſetz haben. *) Er war in der Angelegenheit des Bories verwickelt. 321 Madame Rocamier dringt nicht weiter in ihn. Sie ſieht, daß ihr Freund, ſo wehe es ihm auch thut, ihr eine Bitte abſchlagen zu müſſen, der Pflicht nicht entſagen kann, ſo zu handeln. Aber ich, ſagt ſie, meine Pflicht iſt es nicht, das Ge⸗ ſetz zu befragen.... Ich beobachte nur das Gebot der ſchriſtlichen Liebe, welches mich auffordert, einen Unglückli⸗ chen zu retten.— Und Couder wurde gerettet. Sie ver⸗ band ſich für ihren Befreiungszweck mit einem Manne, der eben ſo viel Talent als Herzensgüte beſitzt, um ihr behülf⸗ lich zu ſein; Herr Ballanche unterſtützte ihre Schritte; und das Schaffot verſchlang ein ſchönes Leben weniger. Dieſe kleine Zelle, in welcher eine Frau mit einem mehr als europäiſchen Ruf die Ruhe und einen ſchicklichen Zu⸗ fluchtsort fand, iſt dadurch beinahe zu einem Wunder für das Studium des menſchlichen Geiſtes geworden. Die Welt vergißt gewöhnlich diejenigen leicht, welche ihr bei ihren Feſten nicht mehr anſtehen. Das war aber nicht bei der⸗ jenigen der Fall, welche ſonſt, inmitten rauſchender Freu⸗ den, mehr auf eine Klage als auf den Ton des Vergnü⸗ gens hörte. Das kleine Zimmer im dritten Stockwerk der Abtey im Walde war nicht nur immer das Ziel der Freunde der Madame Récamier, ſondern, als wenn die zauberhafte Macht einer Fee die Beſchwerlichkeiten des Treppenſteigens gemildert hätte, auch dieſelben Fremden, welche es als eine beſondere Gunſt betrachtet hatten, in das glänzende Hotel der Chaussé-d'Antin aufgenommen zu werden, bewarben 15* 322 ſich hier um dieſelbe Gnadenbezeugung. Es war für dieſe in der That ein eben ſo merkwürdiges Schauſpiel, als es nur irgend eine Seltenheit von Paris ſein kann, in einem Raum von 20 Fuß Länge und 10 Fuß Breite, unter ein und demſelben Panier, die verſchiedenartigſten Meinungen ſich friedlich die Hand reichen zu ſehen. Der Vicomte von Chateaubriand erzählte Benjamin Conſtant die unbe⸗ kannten Wunder von Amerika; Mathieu von Montmoreney mit ſeiner ihm eigenthümlichen Höflichkeit, dieſer ritterli⸗ chen Artigkeit aller Montmorency's, war von ehrerbietiger Aufmerkſamkeit für Frau von Bernadotte, der künftigen Königin von Schweden, erfüllt, ſo wie er es für die Schwe⸗ ſter der Adelaide von Savoyen, Tochter Humbert's mit den weißen Händen, dieſer Wittwe Ludwigs des Dicken, welche einen ſeiner Vorfahren geheirathet hatte, geweſen ſein würde; und der Mann aus der Feudalzeit hatte kein bitteres Wort für den Mann der freien Tage. Auf ein und demſelben Divan neben einander ſitzend, bezeigte die Herzogin der Vorſtadt Saint-Germain der kai⸗ ſerlichen Herzogin ihre Höflichkeit; mit einem Wort, in dieſer kleinen ſeltenen Zelle gab es keinen Stein des An⸗ ſtoßes. Das ſanfte Lächeln, das liebliche Wort der Her⸗ rin dieſes kleinen Raumes wußte in der Unterhaltung ihrer Gäſte ſtets einen geſelligen, geiſtreich⸗ſcherzenden Ton zu er⸗ halten. Als ich ſie in dieſem Zimmerchen wiederſah, war ich ſo eben erſt nach Paris zurückgekehrt, von wo ich lange 323 Zeit abweſend geweſen war. Ich wollte ſie um eine Ge⸗ fälligkeit bitten, und ich ging mit Vertrauen zu ihr. Von unſeren gemeinſchaftlichen Freunden hatte ich es bereits er⸗ fahren, bis zu welchem Grade ſich ihr Muth bewährt hatte; aber es übertraf meine Vorſtellung davon, als ich ſie hier, unter'm Dach, dem Anſcheine nach eben ſo zufrieden und ruhig als in den vergoldeten Sälen der Straße Mont-Blanc erblickte. „Iſt es möglich,“ ſagte ich mir,„fortwährende Lei⸗ den! und mein feuchtes Auge ruhte auf ihr mit einem Ausdruck, den ſie verſtehen mußte. Ach, meine Erinne⸗ rungen überflogen Jahre, und faßten das Vergangene wie⸗ der auf! Immer vom Unglück verfolgt, ſah dieſe Frau, welcher der Ruf einen der erſten Plätze in dem Blüthen⸗ kranz des Jahrhunderts angewieſen hatte, ihr Leben von Schmerzen erfüllt, deren verdoppelte Schläge ihr Herz bra⸗ chen, und ſie tödteten!.... Als Frau von Staöl nach Coppet verwieſen war, wollte Madame Récamier ihr dahin folgen; denn ihre Seele konnte Freundſchaft ohne gänzliche Ergebung nicht faſſen(ſie kam ihr theuer zu ſtehen, ſieben Jahre lang war von dem Manne, deſſen Wille von Erz war, zwiſchen ihr und ihrem Vater⸗ lande eine Scheidewand aufgerichtet). Diejenigen, welche durch die Freundſchaft leben, haben ihr Vaterland ja da, wo ihre Neigungen ſie feſſeln. So lange Corinna Coppet bewohnte, tröſtete ihre Freundin ſie, und wurde von ihr getröſtet. Aber der Tag der Trennung erſchien; und der 324 Madame Récamier wurde die traurige Gnade, in ihrer Ge⸗ burtsſtadt zu wohnen. Ich war damals in Aix, um meine Geſundheit wieder herzuſtellen, und ſo groß auch meine Sehnſucht am Ende der Badezeit war, meine Kinder wieder zu ſehen, ſo wollte ich doch durch Lyon reiſen, um mich hier einige Tage bei der Verwieſenen außuhalten. Ich hatte hierbei gar kein Verdienſt; denn ihre aufrichtigſten Freunde, Herr von La⸗ val, Mathieu von Montmorency, de Chatelan, Camille Jordan, machten den Weg von Paris nach Lyon des Jah⸗ res mehrere Male. Ich war im Gaſthof von Europa abgeſtiegen, um nä⸗ her bei Mad. Récamier zu ſein, welche ebenfalls da wohnte. Sie hatte daſelbſt ein großes Zimmer, welches ihr als Wohn⸗ und Schlafzimmer zugleich diente. Als ich hineintrat, und es von einer Kampe, welche ihre Strahlen auf dieſes im⸗ mer reizende Geſicht warf, nur ſchwach erleuchtet war, em⸗ pfand ich einen Eindruck, der ſich nur lange Zeit nachher erſt wieder verwiſchte. Ich konnte erſt keine Worte für dieſe ſeltene Frau finden, welche der Despotismus zu ſei⸗ ner Rechtfertigung leichtſinnig und unſittlich geſcholten hatte, und welche ich ſo groß, erhaben, und durch ihre Ergebung und ihr würdevolles Betragen über diejenigen, welche ſie auf jenem Ocean von Unglück unther geworfen hatten, triumphirend vor mir ſah. Ich hatte zwei meiner Freundinnen bei mir, wovon die eine, Mad. Lallemand, Mad. Récamier nie geſehen, aber 325 viel Lobenswerthes von ihr gehört hatte. Nichts deſto we⸗ niger war ſie ganz überraſcht, als ſie dieſe Frau in einem einfach weißen Kleide und keinem anderen Putz als ihr Haar, welches von einem Schildpattkamm zuſammen ge⸗ halten wurde, erblickte; und, wenn ich es geſtehen ſoll, ich ſelbſt erwartete etwas mehr ſtudirte Koketterie bei ihr, weil ich glaubte, die Langeweile könnte ſie angeregt ha⸗ ben. Ich bemerkte dieß der Madame Récamier; ſie lä⸗ chelte trüben Blicks. „Ich habe niemals Langeweile,“ erwiederte ſie;„ich erhalte Briefe von meinen Freunden, ich antworte ihnen, ich denke an ſie...z und dann, wenn mich manchmal der Muth verläßt, weine ich.... Sie ſehen wohl, daß ich nicht Zeit zur Langeweile habe.“ 8 Und friſche Thränenſpuren bezeugten die Wahrheit ihrer Worte. Aber hier iſt es nicht der Ort, von dieſt? Zuſammen⸗ kunft zu reden. Ich werde zu einer anderen Zeit darauf zurückkommen*).— Als ich, von Erinnerungen und von beharrlichen Nei⸗ gungen geleitet, die Abtey im Walde zu meinem Zufluchts⸗ ort erkor, war die kleine Stube im dritten Stock nicht *) Alles, was meinen Aufenthalt in Lyon betrifft, wo damals auch der Kardinal Feſch exilirt war, ſo wie meine Reiſe nach Aix in Savoyen, wird ſich in meinen Memoi⸗ ren aufgezeichnet finden. 326 einzige, welcher leben geblieben war!.... Aber es ſollte auch für ihn die Stunde der fehlgeſchlagenen Hoffnungen und des königlichen Undanks ſchlagen. Er war jedoch weiſe; er ſagte ſeiner falſchen Glücksgöttin Lebewohl, er entſagte der ungewiſſen politiſchen Gewalt, um die gewiſſere des Talents und des Genie's zu ergreifen. Darin fand er zwar kein Miniſterium, aber die Ausübung eines Groß⸗ Prieſterthums, den Beſitz eines Scepters und einer Krone. Welche Kraft konnte die ſeinige überbieten, als er mit ei⸗ ner wiederhegenden Stimme den Chef des hebräiſchen Vol⸗ kes die Worte ſagen ließ: Anathème à ta race volage Jacob! si par tes mains tu te fais une image*) etc. Da verlieh ſein Flammenblick den prophetiſchen Wor⸗ ten des Geſetzgebers Jraels eine ſieghafte Wahrheit; da wurde jenes Zimmer der Abtey im Walde ein Heiligthum, “¹) Moſes, vierter Akt, zweite Scene. Dieſe ganze Rede iſt von goͤttlicher Eingebung und bewundernswuͤrdig ſchoͤn. 327 wo die dichteriſche Sprache des Genie's in religieuſer Stille wiedertönte. Der myſtiſche Wald ſprühte Blitze und Flam⸗ men, und bei ſeinem Schein konnte Chateaubriand die Zög⸗ linge ſeiner Schule, welche ſeinem ſchönen Talent und ſei⸗ nem Genie anhingen, um ſich her erblicken. Sie ſind nicht zahlreich, und die Namen Lamartine, Villemain.... ſtehen an der Spitze dieſer kurzen Liſte. Aber in demſelben Gemach, wo er Tags vorher als Kö⸗ nig der Litteratur auftrat, war er am andern Morgen nichts als ein einfacher Menſch, der die Unermeßlichkeit des Ge⸗ nie's nur errathen ließ. Er ſpielte mit Themiſtocles Ca⸗ naris, dem jungen griechiſchen Heldenſohn, welcher ent⸗ fernt von ſeinem blutigen Vaterlande Chateaubriand die Wohlthat civiliſirter Grundſätze verdankt*). Dann er⸗ zählte er mit Gutmüthigkeit, wie er mit den Wilden die Friedenspfeife geraucht, wie er im Olivengarten der Hen⸗ kerſtadt von Gottes Sohn und in der päpſtlichen Stadt auf den Ruinen des Forums gebetet hatte; ferner, wie ſein umherſchweifender Geiſt ihn von den Quellen des Scamander und den Roſenlorbeeren des Eurotas auf den Gipfel des Taygètes und unter die Thürme der Acropo⸗ *) Madame Rcamier theilt vollkommen dieſe gute Handlung, und ich bin oft von ihrer wahrhaft liebreichen Sorgfalt fuͤr Canaris Zeuge geweſen. Moͤchte er erkennt⸗ lich gegen ſeine Wohlthaͤter ſein koͤnnen. Ich wuͤnſche es zur Ehre des griechiſchen Namens, dem ich nicht fremd bin. * 328 lis geführt hatte. Er erzählte, wie er in der Nomaden⸗ hütte eines bretanniſchen Schäfers geſchlafen, die Milch mit einem ſchottiſchen Bergbewohner getheilt, die edle Gaſt⸗ freundſchaft eines Pairs von England erfahren hatte; und endlich, wie er in den Thälern des ſchönen Andaluſiens einer jungen Spanierin*) hatte wiederholen laſſen, daß des wahren Helden Wahlſpruch ſei: Sein Gott, ſein König, ſein Mädchen und die Ehre! So hatte der wißbegierige Chateaubriand ſeine jungen Jahre verwendet, die Welt kennen zu lernen, um bei rei⸗ ferem Alter alles, die ſchönſten Genüſſe, von ſeinem Ge⸗ dächtniſſe fordern zu können. Um dieſen edlen Zweck zu erreichen, hat ſein Fuß alle Länder durchwandert, ſeine Zunge alle Mundarten geredet, ſein Auge voll Geiſt alle Gebräuche ſtudirt. Von dieſen ausgebreiteten, durch ein überlegenes Talent geſammelten Kenntniſſen hat er ſich in ſeinem Kopf einen kurzgefaßten Auszug gebildet, welcher ihn befähigte, die Menſchen richtiger zu beurtheilen, als alle diejenigen es vermochten, welche er in ſeinem gelieb⸗ ten Vaterlande, dem Zwecke aller ſeiner gefahrvollen Wan⸗ derungen, wiederfand. 4 *) Abſchied von Rodriguez Diaz de Bivar von Eimena de Gormaz, ſpaniſche Romanze. Herr v. Chateaubriand hat dieſe Romanze ſehr ſchoͤn in's Franzoͤſiſche uͤbertragen. Alvimare und Garat haben beide die Muſik dazu geſetzt. Die von Garat allein iſt gut; die andere taugt nichts. —— —— 329 5 Man hat bereits geſehen, daß das Zimmer in der Ab⸗ tey im Walde noch andere als wiſſenſchaftliche Intereſſen in ſich vereinigte, und daß auch Leidende einen Hoffnungs⸗ blick darauf richten konnten. Bei der fortwährenden Be⸗ ſchäftigung, in welcher ich mich ſeit einigen Monaten we⸗ gen der Beziehungen meiner Familie mit dem Kaiſer be⸗ finde, habe ich einige Documente gefunden, welche hier zu erwähnen, mir nicht unpaſſend ſcheint. Die Königin von Spanien befand ſich in der entſchie⸗ denen Nothwendigkeit, nach Frankreich zurück zu kehren. Sie ſchrieb an Mad. Récamier, um ſie für ihre Bitte, nach Paris kommen zu dürfen, zu intereſſiren. Herr von Chateaubriand hatte damals das Miniſterium, und die Kö⸗ nigin von Spanien ſetzte, bei der Biederkeit ſeines Cha⸗ rakters, volles Vertrauen auf das Gelingen ihres Geſuchs. Die Sache war indeſſen ſchwierig, weil ein Geſetz die ganze unglückliche Familie, ohne Ausnahme auch des tu⸗ gendhafteſten Mitgliedes, ausſchloß. Aber Herr von Cha⸗ teaubriand empfand jene edle Theilnahme für das Un⸗ glück, welche ihm ſpäter die rührenden Worte einflößte: Des Hebreux triomphants le magnanime chef Craindrait=il une femme esclave de nos armes, OQui mange un pain amer détrempé de ses larmes? Sur le compte des grands je ne suis pas suspect: Leurs malheurs seulement attirent mon respect. Je hais ce Pharaon que L'éclat environne; 330 1 Mais s'il tombe, à b'instant j'honore sa couronne. .„.* 1 1 Il devient à mes yeux roi par P'adversité, etc.*). Herr v. Chateaubriand vernahm die Wünſche einer un⸗ glücklichen Dame; er berieth ſich mit ſeiner Pflicht, welche von ihm nicht forderte, ein ſchwaches Weib zu fürchten. Und zwei Tage nach der an ihn gerichteten Bitte ſchrieb er an Mad. Récamier, daß Madame Joſeph Bonaparte, jedoch unter einem angenommenen Namen, nach Frank⸗ reich zurückkehren könne, und erkundigte ſich, wo ſie ſich aufhalte, um ihr durch Herrn Durand de Mareuil, un⸗ ſeren damals in Brüſſel anweſenden Geſandten, die Er⸗ laubniß zugehen zu laſſen, daß ſie unter dem Namen einer Gräfin von Villeneuve nach Paris kommen dürfe. Zu gleicher Zeit ſchrieb er auch an Herr Fagel. Ich habe dieſen Vorfall mit um ſo größerem Vergnü⸗ „gen gemeldet, als er eben ſo ſehr derjenigen, welche bat, als dem Miniſter, welcher gewährte, der einen wegen ihres *) Erfuͤllt den edlen Chef der ſiegenden Hebraͤer Ein ſchwaches Weib mit Furcht, die Sklavin unſrer Waffen, Die ſich von thraͤnenfeuchtem, von bitt'rem Brote naͤhrt? Der Großen Uebermuth macht ſie mir nicht verdaͤchtig: Ihr Mißgeſchick allein erfuͤllt mit Achtung mich. Ich haſſe Pharao, der ſich mit Glanz umgiebt; Doch, wenn er faͤllt, ſogleich perehr' ich ſeine Krone. Dann macht in meinem Aug' das Ungluͤck ihn zum Koͤnig u. ſ. w. —— 331 edlen Vertrauens, dem andern wegen ſeiner edlen Leutſe⸗ ligkeit, zur Ehre gereicht.. Frau von Hautpoul hatte Umgang mit Gelehrten, und gab wiſſenſchaftliche Abendgeſellſchaften. Dieſer Gebrauch hatte der Abtey während einer gewiſſen Zeit den Ruf ei⸗ nes zweiten Hotels von Rambouillet verſchafft, und dieſer Ruf fand bei einigen Perſonen um ſo mehr Glauben, als ſich im Hauſe noch ein anderes Geſellſchaftszimmer be⸗ fand, welches die Anmaßung hatte, der Hauptort von der Wirkſamkeit der Abtey zu ſein, und deren Frauen ſelbſt Frau von Hautpoul anklagten, ihren Einfluß geltend ma⸗ chen zu wollen. Das Wort„Anmaßung,“ deſſen ich mich ſo eben be⸗ diente, iſt nicht richtig, wenn man es auf die beiden Wir⸗ thinnen des eben erwähnten Geſellſchaftszimmers anwen⸗ den will; denn Frau von Seran iſt eine Dame von zu überlegenem Geiſte, um eine Anmaßung, es ſei welche ſie wolle, zu haben; und die andere, Frau von Gouvello, iſt eine von den Frauen, welche der Vollkommenheit ſo nahe ſind, als es unſere Natur nur geſtattet. Sie iſt in ihrer Jugend ſehr ſchön geweſen, und ungeachtet ihres Alters zeichnet ſie ſich noch jetzt durch eine gewiſſe Schönheit aus, welche die Jahre nicht ausſchließen. Das Geſellſchaftszimmer dieſer beiden Damen iſt der Vereinigungspunkt von beinahe allen bejahrten Perſonen der Abtey. Nicht bloß alle zum Kirchſpiel ehüi Geiſt⸗ lichen, ſondern auch diejenigen von Saint-Sulpice, Saint 332 Thomas d'Aquin und der umliegenden Klöſter machen es ſich zur Pflicht, Frau von Seran und Frau von Gouvello zu beſuchen. Beide Damen machen vereint die Wirthin⸗ nen; und alles iſt daſelbſt ernſt und gemeſſen. Dieſe gewöhnlichen Verſammlungen beſtehen aus zehn bis zwölf Bewohnerinnen der Abtey. Einige ſind liebens⸗ würdig und geiſtreich, und unter dieſen ſind die Gräfin du Lort und Madame Michel beſonders bemerkenswerth, aber keine jungen Pfarrer. Manchmal wurde der Reiz der Unterhaltung durch die unvermuthete Ankunft des Grafen von Audenarde, Neffen der Frau von Gouvello*), oder des in der feinen Welt, wie in ernſter Geſellſchaft, gleich⸗ mäßig gern geſehenen Grafen von Rividère, eines der in⸗ nigſten Freunde des Herzogs von Bourbon und eines der Männer, zu deren Bekanntſchaft ein jeder gern gehört, un⸗ terbrochen. Aber die klöſterliche Ruhe in der Geſellſchaft der bei⸗ den Freundinnen wurde plötzlich auf eine ſeltſame Weiſe geſtört. Die Gräfin von B... y, welche im Vendeekriege gedient hatte, daſelbſt zwei Mal bleſſirt worden war, bei⸗ *) Die Demoiſelles Péra waren drei Schweſtern, alle vollkommen ſchoͤn: Frau von Audenarde, welche wir alle gekannt haben, und welche der Kaiſerin Joſephine atta⸗ chirt war, Frau von Gouvello und Mad. Le Clerc, Mut⸗ ter der Frau von Saint Fargeau.. —— 333 2 nahe erſchoſſen worden wäre, und ſich ſehr viel mit den Wiſſenſchaften beſchäftigt, bezog die Abtey im Walde. Frau von B...y iſt eine offene und gute Frau, oder vielmehr guter Junge, aber ſie hatte das doppelte Unglück, Stifter und Haupt einer Parthei zu ſein. Es war dieß Grunds genug, dreißig Kirchſpiele im Weſten außzuwiegeln; es bedurfte deſſen nicht, um die Glocken in dem unſerigen ertönen zu laſſen. Das friedliche Zimmer der Frau v. Gouvello erſchallte alſo plötzlich von dem ungewohnten Geräuſch einer Spal⸗ tung, und wurde ein Kampfplatz, auf welchem die Käm⸗ pfer nicht immer ganz leiſe ſprachen. „Wie!“ rief Frau von H..... l,„ſie behauptet, ich habe gelogen, ſie will, ich ſoll ſchweigen!... ſchweigen!... ich!!...“— 3 „Ei, was denn,“ ſagte Frau von B....y zu mir,„ich verlange nicht, daß ſie ſchweigen ſoll, obgleich ich es ge⸗ than habe. Ich habe ihr nur bemerklich gemacht, daß ſie zum neunzehnten Male eine ſehr langweilige Geſchichte wie⸗ derhole.“ Dieſe beiden Damen liebten Herrn von Kératry nicht. Glücklicherweiſe wußte er es nicht, denn ohne Zweifel würde es ihm Mißvergnügen verurſacht haben. Er befand ſich da⸗ her ohne Mißtrauen dieſer Anfeindung gegenüber, als er eines Abends der Madame Récamier den Vermählungsbe⸗ ſuch mit ſeiner Frau abſtattete, einer jungen, angenehmen 3341 V Dame, welche mir mit ihren ſchönen Augen, ihrem zarten Teint, einer hübſchen Geſtalt und einer Haltung, in der ſich Beſcheidenheit und Blödigkeit ohne Einfalt vereinigen, ſehr wohl gefiel. Frau von B...y war weder blöde, noch beſcheiden, weil ſie funfzig Jahre alt war, und glaubte, ſie gut be⸗ nutzt zu haben. Sie war an demſelben Abend bei Mad. Récamier, und als ſie eine angenehme Unterhaltung mit den Neuvermählten anſpinnen wollte, erzählte ſie zuerſt der Frau von Kératry, deren Aeltern ſie in der Bretagne gekannt hatte, die Geſchichte von einem tüchtigen Säbel⸗ hieb, den ein Großvater oder eine Großmutter, was weiß ich's, erhalten hatte; dann wandte ſie ſich zu Herrn v. Ké⸗ ratry, welcher ſie nicht angeredet hatte, und beſchuldigte ihn keck, ohne Umſchweife und Rückſichten, einer Lüge. Herr von Kératry war anfangs eben ſo überraſcht, als ſähe er einen Miniſter die Tribüne der Deputirten⸗Kam⸗ mer beſteigen, um hundert Millionen mehr für das Bud⸗ get zu verlangen; er faßte ſich jedoch bald, und war eben im Begriff, ihr den Lohn für ihren Ausfall zu geben, als Frau von B... y im launigen Tone fortfuhr:„Wiſſen Sie wohl, mein Herr, daß es in Ihrer Deputirten⸗Kam⸗ mer, vorzüglich auf der linken Seite, recht viel alte und häßliche Deputirte giebt?“ „Madame,“ erwiederte ihr Herr von Kératry, indem er aufſtand und ſich mit einem boshaften Lächeln ver⸗ neigte,„wenn Sie und die Ihrigen erlauben wollen, daß v 335 man jüngere wähle, ſo könnten wir Ihnen mit hübſche⸗ ren Jungens aufwarten.“ 2 Frau v. B...ey antwortete nichts, und ſie that wohl daran, denn ein Witzwort darauf würde ſchwierig gewe⸗ ſen ſein.. Frau von H..... l wurde der Frau von B..y für dieſe ſchöne Waffenthat wieder gut; ſie war indeſſen doch nicht glänzend genug, um ihr dafür die Aufnahme in das Heiligthum der litterariſchen Abendgeſellſchaften in der zwei⸗ ten Etage der Abtey im Walde zu verſchaffen. Dieſe Abendgeſellſchaften hatten einen ganz eigenthüm⸗ lichen Charakter. Das Alter der Frau von H.....!, wel⸗ ches ſie zur Dechantin beinahe aller gelehrten Frauen ihrer Bekanntſchaft machte, ließ ſie nicht nur über dieſe, ſon⸗ dern über eine Menge junger Dichter, welche bei dieſen Verſammlungen ihre jugendlichen Flügel verſuchen wollten, eine Art von Patronat ausüben. Das erſte Mal, als ich dort war, nannte ſie mir eine Menge unbekannter Na⸗ men, ihrer Meinung nach, von lauter genialen Köpfen, welche ſie beſuchten; der eine hatte ein epiſches Gedicht, der andere ein Trauerſpiel verfaßt; dann kamen die Dich⸗ terfrauen an die Reihe. Und unter allen nichts mittel⸗ mäßiges, weil die Regel des Aramint immer mit Strenge beobachtet wurde. unter der großen Anzahl von Abbé's, welche ich bei der Frau von H.....el fand, gab es jedoch verſchiedene bemerkenswerthe Männer von Geiſt; und an jenem Abend, 15** 336 wovon ich ſo eben ſprach, waren ſie uns bei einer Frage über Leben und Tod ſehr nützlich. Es ſollte ein Trauer⸗ ſpiel vorgeleſen werden, welches unſerer Geſchichte, aber einer etwas früheren Periode, entnommen war, und dem Verfaſſer ohne Zweifel ſehr viel Arbeit gekoſtet hatte. Die Vorleſung ſchritt nicht mit dem beſten Erſolg vor, und ſeine Mühe, eine Entwickelung des Gegenſtandes zu geben, die jedoch nichts entwickelte, fand keine Theilnahme. Beim dritten Akt endlich wurde er die Wirkung gewahr, und hob die Vorleſung auf. Da wußte Frau von H... l, als geiſtreiche Frau, uns wieder neu anzuregen. Der einneh⸗ mende Geiſt von Vial, von Munterkeit und Feinheit ſprü⸗ hend, erweckte Leben und Gedankenthätigkeit. Liebenswür⸗ diger Dichter, iſt er zugleich ein vollkommener Schauſpie⸗ ler. Wie weiß er Euch die Orte anſchaulich zu machen, welche er beſchreibt! Wie macht er Euch mit den Perſo⸗ nen bekannt, von welchen er ſpricht! Jenes Dorf, wo das Roſenmädchen gekrönt wird, Ihr habt es ſelbſt geſe⸗ hen; Ihr habt den Silberton ſeiner Thurmglocke gehört; und jener rundliche Amtmann, Ihr habt gewiß ſeine An⸗ rede vernommen, ſeine große Perücke geſehen. Oder auch der Richter von Ispahan! Wollt Ihr eine wahrhaft rei⸗ zende Dichtung hören? Wollt Ihr in lieblichen Verſen die fabelhaften Wunder von Abulcaſem und die lachenden Erfindungen des Orients in der Sprache des Herzens und einer reinen Moral wiederfinden? Bewegt ja Herrn Vial, daß er Euch ſeine köſtliche Erzählung von dem Richter 337 von Ispahan vortrage; und ſollte es Euch auch Mühe koſten, erſpart ſie ja nicht, Ihr werdet belohnt werden. Herr Eduard d'Anglemont und Herr Lesguillon kamen uns auch zu Hülfe: der eine mit ſeinen entzückenden Wun⸗ dern des Morgane, und der andere mit ſeinen reizenden Dichtungen. Herr Briffault verſagte es hartnäckig, uns bei unſerer Wiederbelebung behülflich zu ſein. Er ſaß da in ſeinem bekannten Ruhm, und wollte nicht einen Vers zum Beſten geben. Ich war darüber ärgerlich; denn ich kannte noch nichts von ihm, und würde ihn ſehr gern ge⸗ hört haben. Frau von Genlis wohnte den wiſſenſchaftlichen Abend⸗ geſellſchaften der Abtey im Walde dann und wann bei. Wenige Zeit vor ihrem Tode blieb ſie fünf Stunden, um gute und ſchlechte Verſe mit einer Geduld anzuhören, welche ihr Alter wahrhaft verdienſtlich machte. Sie präſidirte bei den Vorleſungen, wie eine von ihren Freunden und ihren Schützlingen des Parnaſſes umgebene Königin des Feſtes, und ſchien den reizenden Verſen Vial's, ſo wie den werth⸗ vollen Scherzgedichten Tabarin's gleiche Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Sie hatte ein gleichmäßiges Lächeln für alle Ge⸗ genſtände, nickte beifällig mit dem Kopfe, und am anderen Morgen ſagte mir Frau von Hautpoul:— „Mein Gott, wie iſt ſie gegen jedermann liebenswür⸗ dig geweſen!... Ach, meine Liebe! welche Erhabenheit des Talents! Wenn ſie nicht ſo etwas Fremdartiges in der Laune hätte, würde ich Madame Récamier bewegen, ſie . 338 oft bei ſich zu ſehen,“ fügte ſie ernſthaft, eine Priſe neh⸗ mend, hinzu,„Herr von Chateaubriand würde dabei ge⸗ winnen.“. Wenn Frau v. Hautpoul eben nicht wunderlicher Laune war, wurde ſie ſelbſt die angenehmſte Zierde ihrer geſelli⸗ gen Verſammlungen. Sie hat mehrere leichte Stücke ge⸗ ſchrieben, wovon eins,„das Veilchen,“ eine ſehr liebliche Arbeit, ſo rein, zart und friſch wie ihre ſchöne Pathe iſt. Da ſie Verſe bewundernswürdig vorlieſt: ſo gewährte die⸗ ſes reizende und geiſtreiche Gedicht in der That ein gro⸗ ßes Vergnügen. Man hat auch von ihr eine Bitte in Verſen an den Vicomte v. Larocheſoucault, deſſen Groß⸗ mutter die Abtey im Walde bewohnte. Dieſe Bitte war im Namen eines armen, kleinen Chorknaben verfaßt, wel⸗ cher ſeine Aufnahme bei Choron nachſuchte. Das Gedicht iſt ein kleines Meiſterwerk zu nennen. Obgleich die Sache gerecht war, ſo machte Herr v. Larochefoucault, indem er die Bitte gewährte, durch die Art und Weiſe, wie er die Wünſche des armen Kindes erfüllte, eine Begünſtigung daraus. Aber dieß fällt nicht auf, denn in der ganzen Familie der Larochefoucault ſind Gefälligkeit, Tugend und Güte einheimiſch. 5 Die Abtey im Walde zählt in ihren Räumen noch an⸗ dere Orte, wo die Muſen ſich verſammeln. Die Gräfin Eugone von Hautefeuille, ſelbſt eine rühmliche Schriftſtel⸗ lerin, hat ihnen, ſeitdem ſie in der Abtey wohnt, eine neue Zuflucht geſtattet. Man hält bei ihr Vorleſungen; 4 339 aber ſie ſind nicht ſo lang, und die Geſellſchaft iſt auch nicht ſo zahlreich. Darunter iſt jedoch keinesweges ver⸗ ſtanden, daß es ihr an dichteriſchen Arbeiten fehlte. Was die Gräfin Eugène von Hauteſeuille betrifft, ſo iſt ſie die würdige Vorſteherin einer poetiſchen Vereinigung, und ihre eben ſo geſchickte als gefällige Muſe zeigt Jedem, was er zu thun hat, indem ſie ihn nichts deſto weniger verzwei⸗ feln läßt, ihr gleich zu kommen. Aber welche Hoffnungen auch dieſes neue Athenäum oder das Patronat eines durch ſein Alter noch achtungs⸗ wertheren Talents für die Zukunft darbieten mögen: ſo iſt es doch weder die eine, noch die andere dieſer Lockſpei⸗ ſen, welche die Blicke der ganzen Welt, ſowohl aus dem Gebiete der Wiſſenſchaften, als dem der ſchönen Künſte, auf die Abtey im Walde feſſeln. Der Glanzpunkt geht aus einer unbedeutenderen Etage hervor. Von da aus ver⸗ breitet eine junge Fama weithin ihren Ruhm. Alles, was eine Feder, einen Pinſel, einen Meißel führt, ſteigert die Grade ſeiner Berühmtheit in dem Geſellſchaftszimmer der Madame Récamier. Vor einigen Jahren fand nur die treue Freundſchaft Aufnahme in die kleine hochgelegene Stube, denn damals fehlte es an Platz, um alle die jun⸗ gen Ehrgeizigen zu empfangen, deren Unerfahrenheit ſo be⸗ gierig iſt, ſich den gediegenen und großen Talenten zu nä⸗ hern, welche ihren engen Umgang bildeten. Beſonders in den gewöhnlichen Zuſammenkünften der Abtey im Walde ſieht man es, wie ſehr dieſe Wirkung 340 ſich zeigt. Da kann man es bemerken, wie dieſe an Jah⸗ ren jungen, an Wiſſen aber alten Männer in der Kraft und der Klarheit ihres Talents und Verſtandes die Be⸗ lehrungen und Aufklärungen ihrer Väter in den Wiſſen⸗ ſchaften erörtern, ohne ſie zu beſtreiten, wie ſie mit Be⸗ ſcheidenheit, und im Zweifel über ſich ſelbſt, den höchſten Grad wiſſenſchaftlicher Ausbildung zu erreichen ſtreben. Da habe ich auch den Herrn Ampore kennen gelernt, welcher, im Beſitz eines Schatzes von Kenntniſſen, mit dieſen Vor⸗ theilen die gutmüthige und natürliche Fröhlichkeit eines Kindes und den liebenswürdigſten und feinſten Geiſt ver⸗ bindet. Eines Tages las er uns eine Abhandlung vom größten Intereſſe über die Geſetze, Sitten und Litteratur der Scandinavier vor; doch da war er ernſt und vertieft, wie ein Mann, der beſchäftigt iſt, die Geheimniſſe des Eri⸗ bigia⸗Saga zu ergründen; denn dieſer Aufſatz war nur ein Bruchſtück einer ausgedehnteren Arbeit über die nordiſche Litteratur, welcher er, ſeine Studien und ſeine ſchlaf loſen Nächte gewidmet hat; dagegen trug er uns an einem an⸗ deren Tage die Geſchichte eines kleinen Bucklichen mit ei⸗ ner liebenswürdigen Gracie vor, indem er lachte, und uns lachen machte, wie man es in beſſeren Tagen wohl that; und neben ihm entſprach Herr Ballanche mit der Gutmü⸗ thigkeit eines vortrefflichen Charakters ſeiner Fröhlichkeit, ein Mann, reich an geiſtiger Ausbildung, welcher die Aus⸗ brüche ſeines großen Talents durch eine poetiſche und be⸗ zaubernde Metaphyſik zu unterdrücken wußte, um uns ge⸗ 341 genüber nur der liebenswürdigſte und beſte Geſellſchafter zu ſein. Seht Ihr dort an ſeiner Seite noch einen kleinen Mann mit edlen, ſanften und vollkommen ruhigen Ge⸗ ſichtszügen? Das iſt Herr Dugas Montbel, deſſen kluge Forſchungen über Homer auf den Beweis abzielen, daß er nicht exiſtirt habe. Wenn Ihr das Vergnügen, welches ein liebenswürdiger Geiſt im Verein mit den Wiſſenſchaf⸗ ten gewährt, vollkommen genießen wollt, ſo bittet ihn, daß er Euch das vorleſe, was er über dieſen Gegenſtand ge⸗ ſchrieben hat. Manchmal findet Ihr Euch auch einem jungen Manne mit einem ſchlanken Wuchſe, mit ſelte⸗ nem, manchmal ſpöttiſchem Lachen und etwas bitteren Worten, gegenüber; das iſt Saint⸗Marc de Girardin. Ich weiß nicht, ob er der Familie dieſes Namens ver⸗ wandt iſt; das weiß ich aber, daß er, wie alles, was den Namen Girardin trägt, mit einem leuchtenden Verſtand begabt iſt. Da erblickt Ihr auch noch einen jungen Mann mit einer kräftigen, ehrbaren Rede, einer etwas harten Ausſprache, welcher einen ſtarken Kopf und eine breite Bruſt hat, wenn gleich er nur von kleiner Geſtalt iſt; ſein Blick deutet Euch an, daß aus dem einen wie aus der anderen nur ſchöne Bilder und erhabene Gedanken hervorgehen können: das iſt Dubois, der vormalige Di⸗ rector des Globe. Neben ihm findet Ihr noch einen Mann mit ſtrengen, harten Geſichtszügen, deſſen Geiſt aber in tauſend Funken 342 ſprühet, und deſſen Kritik ohne Mitleid alles verurtheilt, was ihm mittelmäßig ſcheint; wie ernſt und beißend aber auch gewöhnlich ſeine Sprache iſt, ſo wußte er ſie doch wunderbar zu beſänftigen, als er uns die zarten und köſt⸗ lichen Arbeiten des André Chenier vortrug! Sein Name iſt Delatouche. Weiterhin iſt eine Gruppe von Männern, in welcher Ihr Herrn von Humboldt bemerkt, deſſen Name allein ſchon ſein Lob verkündet, und deſſen ich hier erwähne, weil ein ſolcher Mann allen Ländern angehört; dann auch Heerrn Drouineau, dem wir einen ſchönen Abend verdan⸗ ken, als er uns ſeinen Don Juan vorlas; die Herren Magnien, Genoude, Bertin, Artaud, de Norvins und Villemain, deren Namen allein das reichſte Talent be⸗ zeichnen.— Vor ihrer diplomatiſchen Laufbahn erſchienen auch hier och zwei ausgezeichnete Männer, der eine durch ſeinen hellen Verſtand und die Anmuth ſeiner Manieren, der andere durch ſeine ſchönen Arbeiten, welche auf die Nach⸗ welt kommen werden; es ſind die Herren von Saint Au⸗ laire und de Barente. Aber, wenn irgend ein neues Werk erſcheint, oder wenn die Ausſtellung der Gemälde die Menge nach dem Louvre zieht, dann bemüht Euch um die Unterhaltung des Herrn de l'Eeluſe. Ihr werdet ihn oft in der Mitte aller der merkwürdigen Männer an⸗ treffen, welche ich ſo eben bezeichnet habe, und ſein ge⸗ läuterter Verſtand wird Euch über die Künſte oft Bemer⸗ — kun⸗ 343 kungen machen, welche dem Eurigen bisher noch entgangen waren. Betrachtet nun noch mit Aufmerkſamkeit jenes junge Mädchen von kaum achtzehn Jahren. Nach dem offnen, natürlichen Blick, dem brennenden Auge möchtet Ihr es für eine Andaluſierin, eine Muritanerin halten; nein, es iſt ſogar ein Kind des Nordens, eine Tochter Galliens, Eliſa von Mercoeur!... Kaum ſechszehn Jahre alt, kam ſie ſchon zur Madame Récamier, um ein wahrhaft ſchö⸗ nes Werk ihrer Schöpfung, ihr Trauerſpiel„die Abence⸗ ragen,“ vorzutragen. Unter dieſen merkwürdigen Perſonen, welche ſie ch um die Freundin der Corinna ſammeln, iſt noch ein Mann, deſſen Name meine Feder von ſelbſt aufzeichnen würde, wenn er nicht immer in meinem Gedächtniß lebte; denn alles macht Anſpruch an ihn: die Geſellſchaft, wegen ſei⸗ ner feinen, gewandten Manieren und ſeines liebenswürdi⸗ gen Geiſtes; die Wiſſenſchaften, wegen ſeiner Werke; die ſchönen Künſte, wegen ſeiner lehrreichen Abhandlungen;— es iſt der Graf Auguſt von Forbin.... Sehet noch je⸗ nen jungen Mann mit dem glänzend ſchwarzen Auge, den kohlenſchwarzen Haaren;.... betrachtet ſeine Naſe, ſeinen Mund, beſonders wenn ein ſpöttiſches Lächeln die Mund⸗ winkel in die Höhe zieht; ſeht Ihr nicht in ſeinem Blick einen Grad von Verächtlichkeit und Bosheit vorherrſchen, obwohl darin auch zugleich Güte für ſeine Freunde zu er⸗ kennen iſt. Dieſer junge Mann iſt Herr von Balzac; er I. 16. 344 iſt erſt dreißig Jahre alt, und dennoch ſind ſchon viele Bände aus ſeiner Feder hervorgegangen. Hier in dieſem Zimmer hat er den erſten Theil eines ſeiner Werke, eine eben ſo ſeltſame als merkwürdige Arbeit, vorgetragen, welche nicht alle klugen Köpfe zu beurtheilen berufen ſind, und welche vorzügliche Schönheiten enthält. Jetzt muß ich noch Herrn von Kératry, den geiſtrei⸗ chen Verfaſſer der Theorie des Schönen, Herrn Lebrun, den Autor der Maria Stuart.... anführen..... Ein anderer, der unſerer Verſammlung Ehre macht, er mag nun Thränen für den hungrigen Erben einer Krone von uns verlangen, oder uns den Kapitain Kopp im Innern ſeiner Schänke zeigen: iſt Alexander Duval.... Jener große junge Mann mit den ſchönen Zügen, dem ſchalkhaf⸗ ten Lächeln und der ausdrucksvollen Phyſiognomie, wel⸗ cher uns im ſcherzhaften Ton die alten Legenden und ge⸗ lehrten Inſchriften erläutert; welcher eben ſo wohl in ei⸗ nem alten Gemälde die ächten Kennzeichen, den Pinſel des großen Meiſters zu entdecken weiß, iſt Herr Lenormand, der Neffe des Hauſes; und neben ihm die hübſche Frau mit dem Blondkopf, deren ſeidenartige Locken, Elfenbein⸗ ſtirn und Sylphiden⸗Geſtalt Euch die Pſyche von Gérard in's Gedächtniß ruft, iſt Madame Lenormand, die Nichte und Schülerin der Madame Récamier; ſie iſt eben ſowohl das zarte gemüthliche Kind, die geiſtreich⸗ſchalkhafte junge Frau, als die achtſamſte, zärtlichſte Mutter.... Wenn ich ſie mit ihrem Manne ſehe, iſt es meinem Herzen jedesmal 4 345 eine wahre Freude; das Glück einer jugendlichen Ehe ſpricht aus ihnen, und es bedarf keiner langen Prüfung, um ſich zu ſagen:„Sie lieben ſich, ſie ſind glücklich!“ Die Erinnerung an Geérard's Pſyche bringt mich auf das Gemälde, welches die Abtey im Walde beſitzt, eine Ar⸗ beit dieſes Mannes, deſſen göttlicher Pinſel uns ſo viele „Meiſterwerke geliefert hat. Ich habe das Bild von der Improviſation der Corinna mehr als hundert Mal geſe⸗ hen, und immer bringe ich ihm einen neuen Tribut mei⸗ ner Bewunderung. Die Geſtalt der jungen Italienerin be⸗ ſonders verſetzt mich in Entzücken. Da iſt Leben im gan⸗ zen Körper. Unter dieſer zarten Haut rinnt Blut, und ein rothes, warmes, lebenathmendes Blut. Dieſe bräun⸗ liche, gleich einer Pfirſich ſammtartige Haut umſchließt die ſchönſten Formen, welche mir entgegen zu treten ſcheinen.... Der Arm, welcher die Leyer hält, man möchte ſagen, er wolle ſie ertönen laſſen. Und dieſer Kopf!... dieſer halb geöffnete Mund, das feuchte Auge, dieſe leicht ſchwellenden Naſenlöcher; alles in dieſem Geſicht verräth Jugend und Geſundheit, bezeichnet Kraft und Genie. Frau von Staöl, deren Seele alle Geheimniſſe zu ent⸗ ſchleiern verſtand, hatte in ihrem bewundernswürdigen Cha⸗ rakter der Corinna nichts erdichtet. Sie hatte geſchrieben. Sehet nur das Bild, welches in dem Zimmer der Madame Récamier hängt, und in welchem wir Gérard's Pinſel ver⸗ bürgen können. Ihre Augen, welche übrigens ausgezeich⸗ nee ſchön waren, und der Maler gleichſam in Natur auf 16 56 8 346 die Leinwand gezaubert hat, ihre Augen erklären, was ich ſo eben behauptet habe. Sehet dieſen Blick.... es iſt wahrlich der einer göttlichen Eingebung! Eines Tages trug in demſelben Zimmer, dem Bilde gegenüberſitzend, eine junge Dame Verſe vor. Ihr Kopf, mit reichen blonden Haaren geſchmückt, bewegte ſich mit Gracie auf einem weißen und runden Hals, wie der eines Schwanes; und ich fand, daß ihr Weſen, wenn gleich im⸗ mer das junge Mädchen, doch auch etwas von der Sybille des Dominiquino verrieth. Sie ſprach Verſe aus einem von ihr ſelbſt verfertigten Gedichte,„Magdalene“ betitelt. Ein Autor trägt Verſe in der Regel gut vor, wenn gleich oft etwas eintönig und mit leiſer gedrückter Stimme. Jedenfalls aber ſpricht Mlle. Gay ſie immer richtig, deutlich und mit Ueberlegung. Die Zuhörer, welche ſie umgaben, durften ihr wohl et⸗ was Furcht einflößen, wenn gleich ſie des Beifalls verſi⸗ chert ſein konnte; denn außer den Perſonen, welche ich bereits genannt habe, und welche zu den näheren Bekannt⸗ ſchaften der Mad. Récamier gehören, beſtand die Geſell⸗ ſchaft aus allem, was Paris an ausgezeichneten Geiſtern der Wiſſenſchaften und Künſte nur bieten kann. Einige Schritte von ihr, gegen die Thür gelehnt, richtete Herr v. Chateaubriand auf die ſchöne junge Muſe ſeinen Blick, der ſie ſtols und furchtſam zugleich machen mußte, wäh⸗ rend ſie jener ſtumme Zeuge, aber nichts deſto weniger ein⸗ 347 dringend und, wenn ich ſo ſagen darf, erſchreckend mit un⸗ beweglichem Auge betrachtete; Frau v. Stasl ſchien über dieſer Verſammlung zu ſchweben, und ſie noch zu präſidi⸗ ren, wie ſie es gethan haben würde, wenn ihr Leben ſei⸗ nen Lauf vollendet hätte. Jedenfalls nehme ich ihn, den Mann ohne Vergleich, davon aus, den noch Niemand in der wiſſenſchaftlichen Lauf bahn übertraf. In der Menge, welche ſich um das vom Dichterfeuer beſeelte junge Mädchen her drängte, ſah man neben jenen gediegenen Gelehrten alle die merkwürdigen, eben ſo ſcharf⸗ ſinnigen als geiſtreichen Männer, womit die Natur das Jahr⸗ hundert ſo verſchwenderiſch ausgeſtattet hat: die Herren Pas⸗ quier, v. Montloſier, Herzog v. Doudeauville, v. Rémuſat, in welchem die Tribüne ein Talent mehr entwickelt hat; die Herren v. Forbin, Seguier, Parceval⸗Grandmaiſon, Anatole, v. Montesquiou, v. Sion, Elzear, v. Sabran, Auguſtin Périer, die beiden Brüder v. Juſſieu und Paul David, deſſen richtiger und durchdringender Verſtand ihn zu einem furchtbaren Kritiker macht, denn wenn ſeine Ur⸗ theile auch nicht immer milde ausfallen, ſo ſind ſie we⸗ nigſtens jederzeit ſo gerecht als geiſtreich. Nie habe ich dem ſchlechten Geſchmack einen hartherzigeren Krieg führen ſehen. Unter allen Köpfen, welche die Worte des Teufels aus einem hübſchen, weiß geperlten, roſigen Munde vernahmen, wurde ich auch den, eines meiner alten Geſellſchafts⸗Ka⸗ 348 meraden gewahr; es war Iſabey, unſer liebenswürdiger Mi⸗ niaturiſt, mit demſelben Blick, demſelben mimiſchen Aus⸗ druck, wenn ich mich dieſes Worts bedienen darf, welchen wir alle an ihm kennen.— Unter den ſchmeichelhaften Auszeichnungen, welche an dieſem Tage dem Herzen der Mlle. Gay zu Theil wurden, wußte es ohne Zweifel eine beſonders zu ſchätzen und zu beherzigen; es war die Sorge, welche Mad. Récamier für die Erfolge der jungen Dichterin hatte. Es war in der That intereſſant, zu beobachten, wie ihre grazienhafte Ge⸗ „ſtalt ſich zart von einer Gruppe zur andern begab, um die Lobeserhebungen zu ſammeln, hervor zu locken, und dieſe Erndte von Zauberworten für eine Mutter, der glücklichen Madame Gay, zu überbringen. Und alles dieſes mit ei⸗ ner reizenden, unbefangenen Einfachheit; Ihr hättet ſie für eine Schweſter gehalten. Manchmal blickte ſie das Por⸗ trait des Herrn von Montmorency, und das der Frau von Stasl an, als hätte ſie ihnen ihr Bedauern zu erkennen geben wollen, daß das Genie des einen und der liebens⸗ würdige Geiſt der andern nicht an dem harmoniſchen Ver⸗ gnügen Theil nehmen konnten, das wir genoſſen. Indem ich, um dem Titel dieſes Buchs zu entſprechen, wie ein anderer Asmodeus, unſer altes Kloſter von ſeinen Dächern entblößte, um das erlaubte Innere deſſelben zu zeigen, habe ich gewiß einige Perſonen unerwähnt gelaſ⸗ ſen, ſelbſt einige Namen vernachläſſigt; aber ich hoffe, daß 349 man deshalb um ſo nachſichtiger ſein werde, als ich zum Erſatz für dieſe Vergeſſenheit vielleicht den Wunſch rege gemacht habe, in der Abtey im Walde Aufnahme zu fin⸗ den. Möge man ſo glücklich ſein, ihn erfüllt zu ſehen, und ich bin der Verzeihung gewiß. Die Herzogin von Abrantes. — Ein Feſt im Palais Ropal. Juni 1830. Brief an den Herrn Ladvocat. Sie beſtehen darauf, mein Herr; Sie verlangen, daß ich aus meinem Journal das Blatt löſe, welches die Be⸗ ſchreibung des außerordentlichen Feſtes enthält, welches gleichſam auf der Grenzlinie zweier Monarchien ſtattge⸗ funden hat, und von welchem man nicht zu ſagen weiß, ob es die letzte Pracht und Herrlichkeit des alten König⸗ thums, oder die erſte des neuen geweſen ſei. Sie ſollen mich wenigſtens dadurch nicht der Verbindlichkeiten über⸗ hoben glauben, welche ich ſo glücklich geweſen bin, gegen Sie zu übernehmen. Sie wünſchen, daß das gegenwär⸗ tige, von allen Schriftſtellern zuſammengeſtellte Buch alle Regierungen umfaſſe, und daß eine Seite darin ſelbſt der untergegangenen Familie gewidmet werde, daß Ihr Pa⸗ ris, mit einem Worte, auch ſeine Gräber habe; und es gefällt Ihnen dieſe Reſtauration, den ernſteſten Zeitab⸗ ſchnitt unſerer Geſchichte durch die Erinnerung an einen 351 Ball auf die Nachwelt zu bringen. Soll ich Ihnen gehor⸗ chen? Nur mit Zagen verſuche ich es. Wird dieſe Skizze nicht zu ernſthaft für ein Sittengemälde ſein? In wel⸗ chem Styl würden Sie die Tänze beſchreiben, von wel⸗ chen Hereulanum vielleicht am Abend vor dem letzten Tage, der über dieſe verurtheilte Stadt aufging, wiederhallte? und, Sie wiſſen, daß es nicht die ſobald darauf gefolgte Kataſtrophe iſt, welche meiner Erzählung die ernſten Ge⸗ danken liefern wird. Sie wiſſen, daß ich, inmitten jener triumphirenden Taͤnze, unter meinen Füßen das Gewitter brauſen hörte, welches Hereulanum verſchlang. Die Aufgabe iſt mir ganz beſonders ſchwierig. Unſere politiſchen Geiſter ſcheinen mir manchmal über das Kö⸗ nigthum die gemeinen Geſinnungen früherer Zeitalter zu nähren, und die Fürſten zu betrachten, als ſeien ſie aus einem anderen Thon als die übrigen Menſchen gebildet. Ich habe dergleichen Vorurtheile nicht. Die Fürſten ſind in meinen Augen gewöhnliche Menſchen. Ich denke, daß wenn unſer Loos oder unſer Ehrgeiz uns ihnen näher ge⸗ ſtellt hat, wir ſie im Unglück wie andere unſerer Bekannte, welche vom Schickſal hart getroffen wurden, zu behandeln haben. Iſt es nicht zu bewundern, daß, wenngleich man es ehrlos findet, einen Bürger, der uns im Glück unter ſein Dach aufnahm, im Unglück mit groben Beſchimpfun⸗ gen zu verfolgen; doch ſo viele Menſchen, welche ohnlängſt ſich vor den mächtigen Bourbons verneigten, es für Pflicht halten, ihre heutige Heftigkeit nach ihren geſtrigen Hul⸗ 352 4 digungen abzumeſſen? Ich verlange Gleichheit für die Könige. Wenn ich aufrichtig ſein ſoll, ich empfinde eine unbe⸗ kannte Furcht, indem ich, um Ihnen gefällig zu ſein, vor dieſem königlichen Hauſe, dieſem außerordentlichen Spiel⸗ balle des Glücks, in die Schranken trete, dieſen alten Trümmern aus den Jahrbüchern unſerer vaterländiſchen Geſchichte, welche gefallen, und wiederaufgerichtet, von neuen Gewittern ergriffen, noch höher geſtürzt und furcht⸗ barer umher geworfen worden ſind, als es je unglückliche Fürſten der Erde erfahren haben. Die Krone der Könige hat mich nie geblendet. Der Geiſt des Widerſpruchs miſchte ſich beinahe immer meinen Huldigungen bei; aber der Krone des Unglücks kann ich nur meine Ehrerbietung zollen. Sie ſehen, mein Herr, wie Sie Ihr Buch und mich in Gefahr bringen. Wollen Sie vor dieſen Gefahren nicht zurücktreten, nun ſo ſchließen Sie einen Moment die Au⸗ gen, und bilden Sie ſich ein, die Welt und Sie ſeien einige Monate jünger: Carl X. regiert. Er giebt einen Wink, und während eine ſeiner Armeen noch auf den Fel⸗ dern von Meſſenien campirt, um Griechenland wieder her⸗ zuſtellen, haben achthundert Segel das mittelländiſche Meer bedeckt, um ihre Waffen und Strafdecrete zu den Ufern hinüber zu führen, wo der heilige Ludwig ſeinen Tod, und Carl V. ſeine Niederlage fand. Europa iſt erſtaunt, zu ſehen, wie Carl X., nach langem Unglück Frankreichs, den Entſchluß faßt, die Küſtenländer zu erobern, welche Lud⸗ 353 wig XIV. und Georg III. nur zu beſchießen wagten. Die Neapolitaniſchen Bourbonen ergriffen dieſen Augenblick, in ſeinem Ruhm das Haupt der alten Dynaſtie, der Her⸗ rin dreier Kronen, einen Beſuch zu machen. Franz I. hatte ſo eben eine ſeiner Töchter als Königin in Spa⸗ nien eingeführt. Eine andere glänzt am Hofe Frankreichs. Bei der Reiſe durch unſere glücklichen Provinzen erkannte er die pyrenäiſchen Gebirge noch; er ſah traurigen Blicks den Unterſchied zweier Schickſale, und fand, daß der zweite Rang im Louvre beneidenswerther als der erſte im Escu⸗ rial ſei! Die erhabenen Neapolitaner werden beim Könige von Frankreich wie hohe Gäſte bei einem reichen und mächti⸗ gen Wirth empfangen. Durch das ganze Königreich be⸗ ſtreitet er ihren Aufwand. Auf ſeinen Wink umgiebt ſie aller Luxus Frankreichs. Er beehrt ſie, ihnen in eigener Perſon die Hauptſtadt, ihre Umgebungen, ihre Palläſte, ihre Denkmäler zu zeigen. Vielleicht hat er ſelbſt Frank⸗ reich nie ſo nahe geſehen; man möchte ſagen, er wolle eine Muſterung ſeiner Schätze halten. Und ſeine ſchöne Ar⸗ mee wird nicht vergeſſen? Selbſt, mit gezogenem Schwert führt er ſie in ritterlicher Höflichkeit der fremden Köni⸗ gin vor, und am andern Morgen ſtellt der Moniteur die Frage auf, was nun künftig das ſchöne Heer nicht errin⸗ gen werde, da es das Schwert in der Hand ſeines Kö⸗ nigs geſehen. Der König begleitet ſeine hohen Reiſenden nach Rosny, Saint Germain und Verſailles, als wollte 354 er mit ihnen nur der Erinnerung Ludwigs XIV., Hein⸗ richs IV., des heiligen Ludwigs und aller ſeiner Vorfah⸗ ren leben. Auch will er die Bourbons von Neapel bei den Bourbons von Orleans einführen. Ich weiß es nicht, ob, ſeitdem Ludwig XIV. als Kind von der Fronde dar⸗ aus verjagt wurde, das Palais Royal in ſeinen Mauern je einen König von Frankreich ſah. Carl X. war wenig⸗ ſtens nie darin erſchienen. Er will dem Herzog von Or⸗ leans im Juni 1830 ſeinen erſten Beſuch machen. Das Palais Royal bietet alles zu dieſer Feierlichkeit auf. Nach funfzehnjährigen Arbeiten legt der erhabene Ei⸗ genthümer die letzte Hand an ſein väterliches Haus, als die Glücksgöttin mit einem Male das Erbtheil ſeiner Söhne mit den Tuilerien, dem Pallaſt Bourbon, Verſailles und Chantilly vergrößerte. Neugebaute Säle, eine neue Gal⸗ lerie, in deren herrlichen Malereien die Geſchichte dieſes königlichen Sitzes dargeſtellt iſt, ſchließen ſich der langen Reihe von Prachtzimmern an, in welchen ein gediegener, verſtändiger Lurus Gemälde, Statuen, alle Erzeugniſſe der Kunſt, vereinigt. An dieſem Abende hat die königliche Pracht ſich in Drappirungen, Blumen⸗Verzierungen und glanzvollen Erleuchtungen verſchwenderiſch gezeigt, und wo die Säle aufhören, eröffnen ſich neue Zaubereien. Vor Euren Augen iſt ein Garten ausgebreitet, in welchem grüne Teppiche Euch erwarten, blühende Orangewälder Euch umgeben, und rieſenhafte Kandelaber ihre Strahlen werfen; die prächtige peiche Terraſſe iſt zum erſten Male 35⁵ geöffnet. Unter der Glas⸗Kuppel, welche ſie theilt, erblickt Ihr von der einen Seite den ſchönſten Bazar voller Le⸗ ben und Glanz, und von der andern ſeht Ihr einen an⸗ deren, noch größeren, den wirklichen Garten zu Euren Fü⸗ ßen liegen, in welchem feurige Guirlanden ſich durch die Bäume winden. Es iſt ein überſchwengliches Feſt und ein Volksfeſt zugleich. Der Hof und die Erſten der Stadt theilen allein nicht die Feier; der Herzog von Orleans hat auch das Volk eingeladen, und dieſes, gedrängt in den weiten Räumen, findet zuerſt ſich ein. Von ſieben Uhr an ſammeln die andern Gäſte, mehr als viertauſend, ſich vor dem Thore des Pallaſtes; und auch hier wogt das Volk. Immer begierig zu ſchauen, bildet es vor den vier Wagenreihen, welche die ganze Länge der Quai's hin ſich erſtrecken, eine lebendige Mauer, be⸗ wundert durch die Kutſchenſchläge den Staat der Frauen mehr noch als ihre Schönheit, und kümmert ſich um die reichen Stickereien der Herren mehr noch als um ihren Ruf. Es iſt eine ſeltſame Leidenſchaft der Menge, ſich an Andrer Vergnügen, welches ihr ſelbſt ſo fern ſteht, zu ergötzen, entlehnten Glanz zu bewundern, und beſonders gern dem kecken Cicerone Gehör zu ſchenken, welcher gleich für jeden Orden mit einem Namen, für jede Klei⸗ dung mit einem Amt, für jedes Geſicht mit einem Titel bei der Hand iſt. Es ſpricht gewiß für einen guten und rechtlichen Sinn des Volks, daß bei demſelben der An⸗ blick der Pracht der höheren Stände nicht ein Wort des 356 Neides zu erwecken vermag. Es begrüßt in dieſer glän⸗ zenden Außenſeite die Schlachten, Arbeiten und Dienſte, welche es dabei vorausſetzt, und weiß, daß es daran ſeinen Antheil hat. Ein unklares Gefühl widerſtrebt in ſeinem Gewiſſen den Demagogen, die ihm das Anſehen und die Kraft, wodurch es ſich doch ſtufenweis der Civiliſation nä⸗ hert, wodurch es mehr Sicherheit, Unabhängigkeit, Arbeit, Unterricht, mehr Sittlichkeit und Ehre, it einem Wort eine glücklichere Exiſtenz empfängt, als ſeine Feinde ſchil⸗ dern. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich noch der kaiſerlichen Empfangs⸗Feierlichkeiten, wo das Volk mit ſo vielem Stolz ausrief:„Seht, das iſt noch ein König!“ — Ich miſchte mich oft unter die neugierige Menge, ich bewunderte wie ſie, und ich nahm mir vor, dermaleinſt auch.... Dieſe Zeit iſt längſt gekommen, und ſeitdem ich in die Palläſte eingedrungen bin, liebe ich nur ein zu⸗ rückgezogenes Leben, die Studien und die Freiheit. Im früheren Lebensalter beſteht der Ehrgeiz des Menſchen im Ruhm, ſpäter im Ruhm und der Liebe, zuletzt in der Liebe und der Ruhe. Möchte wohl jemand von dem Him⸗ mel ſo vernachläſſigt worden ſein, daß ſeinen Wünſchen die Ruhe allein genügen könnte? 3 Es gehörte zu den Schönheiten der Feſte der Reſtau⸗ ration, daß der bürgerliche Rock dabei nicht, wie heute, Aufnahme fand, und daß die Militair⸗ und Civil⸗Unifor⸗ men daraus nicht, wie unter dem Kaiſerthume, verbannt waren. Napoleon duldete die eine oder die andere in der 357 3 That nur bei ſeinen Lever's. Das franzöſiſche Staats⸗ kleid nur allein litt er in ſeinen Geſellſchaften, ovder de⸗ nen ſeiner Miniſter und Großwürdenträger. Er verlangte ohne Nachſicht den Galanterie⸗Degen, den Haarbeutel, alles Ceremoniel der alten Regierung. Man erinnert es ſich noch, wie ein junger Oberſt aufgenommen wurde, wel⸗ cher am Morgen aus Spanien angekommen, und beauf⸗ tragt, den andern Tag nach Rußland abzugehen, in der Verlegenheit, entweder eine Einladung der Kaiſerin ab⸗ zulehnen, oder ſeinen Schnurrbart der Etikette zu opfern, es wagte, den Bart in dem altherkömmlichen Hofanzug zur Schau zu ſtellen. Der Kaiſer war entrüſtet, als wenn dieſes Vergehen gegen die Geſetze der alten Monarchie die Grundpfeiler der ſeinigen untergraben hätte. Die Reſtauration zeigte ſich weniger ängſtlich. Weder dem Seconde⸗Lieutenant der Infanterie, noch dem Dorf⸗ Maire war der Zutritt in die Tullerien verſagt; viel⸗ leicht wäre das eckige Hofkleid ohne die Herzoge von Baſ⸗ ſano und Gaëta, dieſe letzten Vertreter aller alten Förm⸗ lichkeiten Frankreichs, ganz verſchwunden. Es hätte doch arg ſein müſſen, wenn man nicht weder Militair, Prä⸗ fect, Deputirter, Pair noch Kammerjunker geweſen wäre; und die unendliche Abwechſelung der Stickereien, Orden, Waffen und Farben gewährte einen zauberhaften Glanz. In jenen mannigfaltigen Verſammlungen, welche nicht nur aus den verſchiedenartigſten Ständen, ſondern auch nts aus einer Menge vornehmer Reiſender, die die damalige 358 tiefe Ruhe Frankreichs herbeiführte, gebildet waren, ge⸗ ſellten ſich zu unſerer Pracht und unſeren Decorationen die Pracht und Decorationen von ganz Europa. Die zier⸗ liche ungariſche Kleidung der jungen Grafen Appony glänzte neben der ſtrahlenden Uniform des Admiral Codrington. Niemals wird ſich eine franzöſiſche Geſellſchaft eines ſo reichen und ſchönen Anblicks wieder erfreuen. Man ſah darin zum letzten Male allen nur möglichen Luxus der Kleidungen, im Reichthum wetteifernd, vereinigt, und die Söhne der Pairs waren klug genug, ſich nicht mit dem apfelgrünen Kleide, welches erſt kürzlich für ſie beſtimmt war, zu ſchmücken. Soll ich nun noch von den Frauen, von ihrer ausge⸗ zeichnet glänzenden Toilette reden, in welcher Luxus und Geſchmack ſich überboten? Das ſind ja in Frankreich nur alltägliche Wunder; und würde uns durch die Revolutio⸗ nen auch der Reichthum entzogen, ſo bliebe uns die Ele⸗ ganz, es bliebe uns der ſchönſte Putz: Jugend, Anmuth und Schönheit.. Es ſchlug neun Uhr; und ſofort drängt ſich der Her⸗ zog von Orleans durch die Menge; er begiebt ſich in den Saal der Garden, vereinigt ſich hier mit den Aelteſten ſeiner Söhne, und ſteigt mit ihnen raſch die Stufen hin⸗ unter, um den König zu empfangen. Zu gleicher Zeit nähert ſich in zarter Majeſtät und von der freundlichen Schaar ihrer übrigen Kinder umgeben, die Frau Herzogin von Orleans, um auch dem Könige entgegen zu treten. 359 Mademoiſelle von Orleans geht an der Seite ihrer erha⸗ benen Schweſter; oben an der Treppe bleiben die Prin⸗ zeſſinnen ſtehen, um hier den König zu erwarten. Jeder⸗ mann beeifert ſich, den König, welcher an der Spitze ſei⸗ ner ganzen Dynaſtie erſcheint, zuerſt zu erblicken. Trom⸗ melſchlag verkündigt die Ankunft Carls X. auf der Schwelle des Pallaſtes, vor welchem bald ein andrer Lärmen wieder⸗ hallen, deſſen Fagade wenige Tage nachher von den Ku⸗ geln ſeiner Grenadiere durchlöchert werden ſollte. Er fährt mit dem Könige von Neapel ein. Der Herzog von Or⸗ leans empfängt die beiden Monarchen am Kutſchenſchlage. Von dieſen drei Fürſten ſollte nach Verlauf einiger Wo⸗ chen der eine entthront, der andere todt, und der dritte König ſein. Mit ihnen erſcheinen nun die Königin von Neapel, der Prinz von Salerno, die Dauphine, der Dau⸗ phin, Madame, und die eilf Prinzen und Prinzeſſinnen von Orleans, welche ſich den hohen Gäſten anſchließen. Die Verſammlung kommt in Bewegung. Alle Bourbons ſind gegenwärtig. Es fehlen nur die Condé's, und ſchon fehlten ſie nicht mehr. Dieſes in der Einſamkeit von Chantilly vergeſſene Heldengeſchlecht überlebte ſich nur, um bald von dem Schickſal den letzten und grauſamſten Schlag zu empfangen.. Der majeſtätiſche Zug durchſchreitet die zwanzig Säle. Alle Groß⸗Offiziere der beiden Kronen, alle Damen der beiden Höfe, die Miniſter, gehen dieſem Phalanx der Söhne Roberts des Starken und Heinrichs IV. vorauf. Die Mi⸗ 16 360 niſter! Sie ſchienen das Trauer⸗Geleite dieſer tauſendjäh⸗ rigen Monarchie zu ſein. In der Zahl befand ſich einer, nach deſſen Namen ich fragen mußte. Es war Herr de Guernon Ranville; ſeine Züge waren mir eben ſo wenig bekannt, als ſein Leben wenige Zeit vorher von Frank⸗ reich gekannt war; unglücklicher junger Mann! durch einen Glücksfall wirſt du deiner Dunkelheit entriſſen, um von deiner Größe als freiwilliger Märtyrer von Verirrungen, woran deine Vernunft keinen Theil hatte, auf immer in ein finſteres Gefängniß zurückzufallen! Die beiden Häup⸗ ter des Miniſteriums zeigten dem Feſte einen lächelnden Blick. Hätten ſie in den Herzen ihrer Umgebungen leſen können, dieſes Lächeln wäre verſchwunden. Sie würden die Zukunft entziffert haben. Die Heiterkeit des Fürſten von Polignae hatte jedoch etwas Gezwungenes, welches verrieth, daß die Unruhe end⸗ lich ſeine Seele durchdrungen hatte. Ich ſehe noch den Platz, wo er im Vorbeigehen den Herrn von Martignac lebhaft grüßte, ſeinen beredſamen Gegner, welchen ſeine Freunde, als würde durch ihn die Monarchie untergehen, aus dem Miniſterio drängten. Das Leben dieſer beiden Männer war nicht geſchloſſen. Sie ſollten zuſammen auf die Nachwelt kommen. Der König führte die Königin von Neapel, und eine aufrichtige Heiterkeit, ein lebhafter Stolz ſprach ſich in allen ſeinen Zügen aus. Madame, die Herzogin von Berry, glücklich, ihre Familie auf franzöſiſchem Boden zu beſitzen, 361 leuchtete gleichfalls vor Freude. Sie führte Mademoiſelle, ihre Tochter. Ein jeder war erſtaunt, daß der Herzog von Bordeaux beim Feſte fehlte. Der König von Neapel ging, obgleich noch jung, gebückt wie ein Greis, der den erſten der Todesſchläge, die ihn treffen ſollten, bereits em⸗ pfunden hat, neben ſeiner erhabenen Tochter. Er ſchien das Vorgefühl ſeiner Zukunft zu haben. War es die Zu⸗ kunft oder die Vergangenheit, woran die Tochter aller unſerer Könige dachte; ſie zwang ſich, dem Feſte ſich anzu⸗ ſchließen, aber ſie fühlte ſich fremd dabeiz ihr Gang, ihre Züge verriethen Unruhe und Zerſtreuung, als erinnerte ſie ſich anderer Gänge, anderer Feſte, als fände ſie ſich nicht heimiſch im Glück, und als fühle ſie ſich ſchon wieder auf dem Wege in ihre Verbannung; unglückliche Prin⸗ zeſſin, welche auf dem erſten Thron der Welt nur geboren zu ſein ſcheint, um alle menſchliche Weſen im Elend zu übertreffen, einem Elende, welchem an Größe nur etwas zu vergleichen iſt: ihre Ergebung und ihr Muth! Der Dauphin war überraſcht von der Menge der Oppoſitions⸗ Mitglieder. Er erwähnte es.. Die Oppoſition war in der That in Maſſe da. Ihre Redner, ihre Journaliſten, ihre in Ungnade gefallenen Ge⸗ nerale, ihre Miniſter von allen Regierungen, erſchienen in Menge. Der Herzog von Orleans hatte ſchon immer die Männer, welche die Oppoſition berühmt gemacht hatte, zu ſeinen königlichen Abendgeſellſchaften berufen, und ſeit u⸗ dem Eintritt des Miniſteriums von 1828 hatte auch CarlX. 36² dieſen Gebrauch angenommen. Man ſah ihn beim Spiel, wie beim Lever, von Generalen und Deputirten belagert, welche ſeitdem von den funfzehn Jahren unſerer Schande, von funfzehn Jahren der Erniedrigung und Sklaverei ge⸗ ſprochen haben. Unter den funfzehn Jahren verſtanden ſie wohl nur jene Viertelſtunden. Eines Tages hörte ich Herrn von Thiars ſich über die ſtickende Hitze beklagen, und wirklich war die ganze linke Seite da.„Wenn auch! morgen wird es im Palais Bourbon noch viel heißer werden,“ erwiederte der König ſanft, indem er auf einen ſtürmiſchen Kampf abzielte, der daſelbſt eröffnet werden würde.—„Sire,“ bemerkte Herr Benjamin Conſtant mit ſeiner geiſtreichen Gewandtheit, „das läßt ſich nicht vergleichen. Hier ſpricht aus Allen nur ein Gefühl, und wir können Sr. Majeſtät nicht ver⸗ ſprechen, morgen alle einig zu ſein.“ Noch niemals hatte man jedoch die Vertreter der Op⸗ poſition, ſo wie die des Handels, der Gewerbe, der Künſte, ſo zahlreich als an dieſem Tage im Palais Royal ver⸗ ſammelt geſehen. Es war einer Beſitznahme zu verglei⸗ chen. Jedermann war davon überraſcht. Der Herzog von Orleans hatte aus allen Regierungsformen Beamte, ſie mochten ſich ſelbſt einen Namen gemacht oder ihn von ihren Vätern erhalten haben, bei ſich vereinigt. Sogar die polytechniſche Schule war in ſeinen Einladungen be⸗ griffen. Es fehlten nur zwei Volks⸗Corporationen, die Na⸗ tional⸗Garde und die Deputirten⸗Kammer. Dieſe war 363 aufgelöſt, und jene beſtand ſchon lange nicht mehr; der König mußte ſich mehr als je König fühlen. Die Mo⸗ narchie hatte keine Schranken mehr.... ſie war aber auch ihrer Stützen beraubt. Der Anker, welcher das Fahr⸗ zeug am Ufer befeſtigt, und es verhindert, ſich den Wel⸗ len zu überlaſſen, ſchützt es auch zugleich vor dem Un⸗ tergang. 8 Der König führte die Königin von Neapel auf die Terraſſe, und Alles folgte ihm. Die Nacht war ſchön. Der Mond überglänzte den weiten Schauplatz mit ſeinem weißen Licht. Als ſich ſo viele Prinzen, einen mächtigen König an ihrer Spitze, dem Volke zeigten, welches ſich an dieſem Schauſpiel ergötzte und ſelbſt ein Schauſpiel darbot, wer dachte wohl daran, daß am Fuße des Bal⸗ cons der wahre Schiedsrichter des öffentlichen Wohls, der Herr, der die Reiche zerſtört und wieder aufrichtet, ſich befände? Die Zuſammenkunft dieſer beiden Souveraine fand in gutem Vernehmen ſtatt. Sie hatten ſich nur ſelten ſo nahe gegenüber geſehen. Man konnte deutlich die vielen Fragen der Menge über das rothe Kleid des Prinzen von Salerno vernehmen. Der König begrüßte mehrere Male das Volk. Der ſchallende Ruf:„Es lebe der König!“ antwortete ihm. Carl X. hörte dieſen wohl⸗ thuenden angenehmen Ruf zum letzten Male. Kurz darauf ging der Monarch an mir vorüber; und indem er in freudiger Aufwallung nach dem Himmel zeigte, ſagte er:„Es iſt ſchönes Wetter für meine Flotte von 364 Algier Unglücklicher Fürſt, deine Flotte von Algier wird, weil du es gewollt haſt, den Herrn von Bourmont am Fuße des Atlas entſetzen und mit der dreifarbigen Fahne zurückkehren. Gewiß, wenn nicht franzöſiſcher Sinn allein bei die⸗ ſer glänzenden Expedition das Wort führte, wenn man des Ruhmes zu ſchlechtem Vorhaben bedurfte, wenn man hoffte durch dieſen Ruhm unſere Freiheiten zu beeinträch⸗ tigen, dann hat die Vorſehung ſchrecklich Gericht gehal⸗ ten! Die weiße Fahne flog nur zu den Geſtaden hinüber, wo der heilige Ludwig ſtarb, um, wie er, dort unterzuge⸗ hen. Wir wollen uns Glück wünſchen, daß dieſe Fahne unſerer Väter, die auch funfzehn Jahre lang die unſrige war, ein ſolches Grab fand! Von Frankreich ſchon auf⸗ gegeben, wehte ſie noch ſtolz auf den Feldern des befrei⸗ ten Griechenlands und des eroberten Afrika's. Die Frei⸗ heit ſtieß ſie von ſich; aber der Ruhm hatte ſich nicht über ſie zu beklagen. Sie blieb ihm bis zu Ende treu. Seltſames Jahrhundert, in dem wir leben! In dem⸗ ſelben Augenblick, wo ich dieß ſchreibe, weilt der Pirat, den Carl X. zu ſtrafen befahl, in unſrer Mitte, beſucht unſere Theater, ſpeiſt bei den Miniſtern, wohnt unſeren Debatten bei, reizt die Neugierde des Volks überall auf ſeinem Wege, und erſcheint in demſelben Palais Royal, von wo aus Carl X. ſeinen rächenden Blitzſtrahl auf den Flügeln des Windes verfolgte; der Dey von Algier kann in unſern Mauern leben, und Carl X. darf nicht darin ſterben. —— 365 Nachdem Carl X. gleichſam dieſe letzte Muſterung über das folgſame, ruhige und glückliche Frankreich gehalten hatte, ging er mit ſeinem Hof in die Zimmer zurück. Die beiden Könige, die Königin von Neapel, die Prin⸗ zeſſinnen und Prinzen nahmen in dem großen Saale Platz, deſſen Tapeten die Schlachten von Jemappe und Mont⸗ mirail vorſtellen. Das dreifarbige Panier und Carl X. begegneten ſich ſchon in ein und demſelben Raume. Der Tanz begann. Madame und der Herzog von Chartres, der Herzog von Nemours und die ſo ſchönen, ſo glänzenden königlichen Prinzeſſinnen von Orleans eröff⸗ neten ihn. Alles kam nun in Bewegung, und der Lär⸗ men der Orcheſter, Fanfaren und Tänze miſchte ſich mit dem Zauber aller dieſer Pracht und Herrlichkeit, dieſer Vereinigung ſo vieler hohen und ausgezeichneten Perſonen. Alle berühmten Namen Frankreichs waren hier verſammelt. Die Chefs aller Verwaltungen, alle vorzüglichen Talente, welche auch ihre Farbe ſein mochte, drängten ſich hier bei einander. Alle Ehrentitel des Vaterlandes, jung oder alt, zeigten ſich hier im reinſten Glanz; es war mit einem Wort das Vaterland ſelbſt, mit allem was ihm Ehre macht; das alte Frankreich hatte ſich ganz vollſtändig ein⸗ gefunden; mit einer Auswahl des neuen gemiſcht, war es ſo glücklich als ſtolz, ſich um die drei Zweige eines alten Baumes her verſammeln zu können, der in der früheſten Zeit unſerer Geſchichte ſeine Wurzeln ſchlug. Die Nach⸗ kommen alle der Geſchlechter, welche mit ihrem Ruhm 366 den Lauf der Jahrhunderte erleuchtet haben, zeigten ſich mit den Häuptern unſerer jungen Stämme, den Erben aller Erinnerungen unſerer vierzigjährigen kriegeriſchen und bürgerlichen Siege, verſchmolzen. Es erweckte eine wohl⸗ thuende Empfindung, die große franzöſiſche Familie an demſelben Feſte Theil nehmen, dieſelben Geſetze anerken⸗ nen, derſelben Zukunft entgegen gehen zu ſehen. Derſel⸗ ben Zukunft? doch nicht! Trübe Vorgefühle beſchäftigten manche Köpfe. Die, dem Throne zunächſt ſtehenden Gro⸗ ßen verhehlten es ſich am wenigſten, daß derſelbe über einen Abgrund ſchwebe. Mehr als ein fremder Geſandter ver⸗ traute ſeinen Freunden die lebhafte Sorge Europa's, und ſprach von den verſuchten weiſen Anſtrengungen der Mächte, von uns „.. Den Geiſt des Schwindels, der Verblendung, Vom Fall der Könige, die trübe Vorempfindung,“ abzuwenden. In dieſen Worten drückte mir einer von ihnen ſeine Unruhe aus. Ich unterhielt mich wit einem Mitgliede des Kabinets über die Gefahren des durch die königliche Gewalt ange⸗ ſponnenen Kampfes.„Wir werden nicht einen Schuh breit zurücktreten,“ ſagte es; ein ernſtes Wort, welches ich ſpäterhin noch lauter ausſprechen hörte.„Gut!“ er⸗ wiederte ich ihm,„dann werden der König und Sie bis zur Greitze zurücktreten müſſen. 2 Dieſer Miniſter, wel⸗ cher übrigens die Lage der Dinge nicht ohne Furcht be⸗ trach⸗ 367 trachtete, lebt heute in England neben ſeinem verbannten König, zum bürgerlichen Tode verurtheilt. Kurz darauf, als ich mich dem Herzog von Orleans näherte, welcher von allen Seiten über die Pracht des Feſtes zahlreiche Complimente empfing, richtete ich an ihn die Worte, welche die Journale am anderen Morgen wie⸗ derholten.—„Es iſt ein wahrhaft neapolitaniſches Feſt, Gnädiger Herr, wir tanzen über einem Vulcan.“— Der Prinz, welcher hinter der Seſſelreihe der Prin⸗ zeſſinnen und Könige ſtand, ergriff mich lebhaft beim Arm, und eröffnete, indem er mir die Ehre erzeigte, mich zu ſich heran zu ziehen, eine Unterhaltung, welche ich nicht fürchte der Feder anzuvertrauen, wenn Sie, mein Herr, Ihren Leſern bevorworten wollen, daß ich ſo viel als möglich meine Worte derſelben beſchränke; ſie können nur von Intereſſe ſein, in ſo fern ſie diejenigen meines erhabenen Gegenredners erläutern und begründen. Dieſe gehören der Geſchichte an; ohne Unbeſcheidenheit, ſo wie ich es ohne Zurückhaltung thue, kann ich ſie alſo derſel⸗ ben überliefern. 6 „unter uns gäbe es einen Vulcan?“ ſagt Seine Kö⸗ nigliche Hoheit zu mir,„ich glaube es, wie Sie, und we⸗ nigſtens iſt es nicht meine Schuld; ich habe es mir nicht vorzuwerfen, es nicht verſucht zu haben, dem Könige die Augen zu öffnen. Aber, niemand iſt gehört worden, und Gott weiß, wohin alles das noch führen wird!“ „Sehr weit, Gnädiger Herr, meiner Ueberzeugung nach. IJ. 17 8 368 Auch kann ich mich bei dieſem ſo beſeelten, ſo herrlichen Feſte eines traurigen Gefühls nicht erwehren. Ich frage mich, wo wird in ſechs Monaten dieſe prächtige Geſell⸗ ſchaft ſein, wo dieſe ſo glücklichen Prinzen, dieſe Prin⸗ zeſſin(indem ich auf Madame zeigte, die ſo eben mit dem Grafen Rudolph v. Appony an uns vorüber tanzte), welche ſich am Tanze entzückt. Was wird aus unſerem ganzen Vaterlande geworden ſein? Wahrſcheinlich werden wir noch vor ſechs Monaten uns in Verbannende und Verbannte ſcheiden.“ „Gewiß!“ erwiederte Se. Königl. Hoheit;„ich weiß nicht, was geſchehen wird, wo ſie in ſechs Monaten ſein werden; aber wo ich ſein werde, das weiß ich: in jedem Fall bleiben meine Familie und ich in dieſem Pa⸗ lais. Es iſt genug, zwei Mal durch die Fehler Anderer verbannt geweſen zu ſein; es ſoll mir nicht noch ein Mal widerfahren. Welche Gefahren mir auch drohen, ich weiche nicht von hier; ich werde mein Schickſal und das meiner Kinder nicht von dem meines Vaterlandes trennen: das iſt mein unabänderlicher Entſchluß. Ich verhehle meine Geſinnungen nicht. Noch kürzlich in Rosny ſprach ich manches über meine Anſichten, und der König von Nea⸗ pel, welcher zugegen war, beurtheilte unſere Lage ſehr rich⸗ tig; dieſer Fürſt, der ſo gebrechlich, obgleich vier Jahre jünger iſt, als ich, hat einen ſehr klaren Sinn. Die äuße⸗ ren Verhältniſſe nöthigen ihn, unumſchränkter König zu — 369 ſein; aber ſeine Anſichten ſtimmen damit nicht überein, und er machte uns ſehr kluge Bemerkungen. Man ſprach in Rosny von einer Rede, die Sie gehalten hätten.“ „Gnädiger Herr, ich habe erklärt, daß man die Mo⸗ narchie opfere; und ich bin nicht weniger überzeugt, daß der Sturz des Thrones, vielleicht auf hundert Jahre alles Glück, alle Freiheiten Frankreichs auf's Spiel ſetze.“ „Wenngleich mich der Weg, den der König einſchlägt, eben ſo ſehr, als Sie, betrübt,“ fuhr der Herzog fort,„ſo fürchte ich doch ſolche Folgen nicht. In Frankreich be⸗ ſteht viel Liebe für Ordnung. Dieſes Frankreich, welches man nicht verſtehen will, iſt vortrefflich, iſt bewunderns⸗ würdig. Sehen Sie nur, wie die Geſetze, inmitten ſo vieler Aufreizungen, geachtet ſind: es liegt darin, daß die Erfahrung der Revolution einem Jeden gegenwärtig iſt; man verlangt den Gewinn davon, verabſcheut aber ihre Verirrungen. Ich bin überzeugt, daß eine neue Revolu⸗ tion mit dem nicht zu vergleichen ſein würde, was wir kennen gelernt haben.“ „Gnädiger Herr, das heißt an eine Revolution von 1688 glauben. Aber, als England ſich außer dem Geſetz erklärte, blieb ihm die Ariſtoeratie als ein Element der Ordnung; und die hat eine ſolche Gewalt, daß ſie alle andere erſetzt. Bei uns iſt nichts dem ähnliches. Das Wenige, was wir von Ariſtoeratie haben, wird mit den Bourbons umkommen; man wird ein zweites Mal reinen 17* 370 Tiſch machen, und ich halte die unbeſchränkte Demoeratie nicht für geſchickt, einen guten Grund zu legen.“ „Herr von Salvandy, Sie geben ſich nicht genug Re⸗ chenſchaft von den Wirkungen der Aufklärung, einer Folge von der Theilung der Glücksgüter. Die Welt hat ſich ſeit vierzig Jahren ganz verändert. Die Mittelklaſſen bil⸗ den nicht den ganzen geſelligen Verein, aber in ihnen liegt die Kraft deſſelben. Sie haben ein dauerndes In⸗ tereſſe für die Ordnung, und ſie tragen zu dem Lichte bei, welches in den Erforderniſſen eines großen Reichs alle die nöthige Gewalt erkennen läßt, um den böſen Geiſt zu be⸗ kämpfen und zu unterdrücken. Der Jacobinismus iſt nicht mehr möglich, wenn die Mehrzahl das Ruder führt.“ „Ich habe immer gedacht, Gnädiger Herr, und wage es, bei dieſer Meinung zu beharren, daß es ein gefähr⸗ licher Irrthum ſei, unter den Gewährleiſtungen für die Ordnung, das ganze Eigenthum mit zu begreifen. Bei uns iſt das Eigenthum ſo getheilt, daß es ſich in der Menge befindet, welche alles Anſehen beneidet und Feind jeder Macht iſt. Ich fürchte, daß wenn dieſe die Mehr⸗ zahl für ſich hat, und man durch Verſuche der Ausglei⸗ chung immer bemüht iſt, ihr zu genügen, der Haß gegen die höheren Stände uns ſehr bald zur Anarchie zurückfüh⸗ ren wird, wenn man davon nicht etwa ausgegangen iſt.“ „Bedenken Sie doch, Herr von Salvandy, daß das Land nur eine conſtitutionelle Verfaſſung haben will; wei⸗ 1 371 ter verlangt man nichts. Alles Unglück rührt von der Un⸗ möglichkeit her, alle Reſultate der Revolution, und die Charte beſonders, vollſtändig und richtig anzuerkennen. Die ſchlechte Vertheilung der Glücksgüter und der Stände, ſo wie die Mißbräuche der alten Regierungsformen, haben die Verirrungen der Revolution herbeigeführt; jetzt ſind wir nicht mehr auf dem Fleck. Meine politiſche Religion iſt, daß man mit conſtitutionellen Geſinnungen alles ſehr wohl leiten könnte. Dieſe Grundſätze habe ich immer ge⸗ habt. Als ich am Hofe von Sicilien einen Zufluchtsort fand, wollte man, um mir meine Frau zu geben, mich zu Zugeſtändniſſen bewegen; ich erklärte aber, daß meine Mei⸗ nung unerſchütterlich ſei, und daß ich auch meine Kinder darin erziehen, daß ich es für ihr Intereſſe ſowohl, als aus Liebe zur Wahrheit thun würde. Das Unglück der Fürſten und alle Schwierigkeiten der Politik werden da⸗ durch veranlaßt, daß jene das Volk nicht kennen, und andere Anſichten, andere Meinungen nähren, als dieſes; darum habe ich meinen Söhnen eine öffentliche Erziehung gegeben, und ſie iſt mir in jeder Beziehung gelungen. Ich wollte, daß ſie dereinſt Prinz und Bürger zugleich ſein könnten, daß ſie ſich nicht für etwas beſonderes hielten, daß ſie nicht den Schleier vor Augen trügen, welchen die Erziehung und das Leben der Höfe bieten, daß ſie ſich nicht an eine verderbliche Umgebung gewöhnten; daß ſie nicht, von Kindheit an, ſich einer beſonderen für ſich be⸗ 372 ſtehenden Welt anſchlöſſen, welche ſie aus Intereſſe be⸗ trügt, und übrigens beinahe immer ſelbſt betrogen wird. Das war mein Zweck, mein Beſtreben, und ich bin ge⸗ wiß, daß ich mich deſſen zu allen Zeiten und in allen Verhältniſſen werde erfreuen können.“ Ich breche ab. Die Unterredung war lang; ich wage es nicht, in einen Rahmen, wie der gegenwärtige, mehr aufzunehmen. Es war zum Beiſpiel noch in allen Ein⸗ zelnheiten von den Departemental⸗ und Kommunal⸗Ge⸗ ſetzen die Rede. Der Herzog unterſtützte ſeine Meinun⸗ gen durch Vergleichungen mit England, der Schweiz, den vereinigten Staaten Amerika's. Se. Königl. Hoheit wa⸗ ren bei weitem liberaler als ich. Anfangs ſtand der Herzog von Orleans; darauf mußte ich mich neben ihn ſetzen. Es war unmittelbar hinter dem König. Wenn dieſer Achtung gegeben hätte, würde er alles verſtanden haben. Welch' ein Moment in der Geſchichte! Dieſe beiden Fürſten, welche ſo nahe bei ein⸗ ander zu ſein ſchienen, waren ſchon durch Abgründe ge⸗ trennt, über welchen eine Krone hing! Es verbreitete ſich das Gerücht, daß ein ernſthafter Tumult im Garten ausgebrochen ſei, daß das Volk den Pallaſt mit einer Feuersbrunſt bedrohe, daß ſchon die Stühle zerſchlagen, verbrannt und von der Menge in die Menge geſchleudert worden ſeien. Die Stühle im Palais Royal ſind hiſtoriſch: im Jahre 1789 hatten ſie den Rednern im Freien zur Tribüne gedient, und bald ſollten ſie von neuem dazu benutzt werden. Die Sorge war beim Feſte anfangs lebhaft, doch von kurzer Dauer; man erfuhr, daß es nur ein Ausbruch der Freude des Volks geweſen ſei, freilich wohl eine Freude, die uns zu belehren ſchien, was von ſeinen Ausbrüchen der Wuth zu erwarten ſei. Die beiden Könige erhoben ſich um 1 Uhr Morgens, um ſich zu entfernen. Carl X. durchbrach langſamen Schritts die wogende Menge dieſer glänzenden und edlen Auswahl ſeines Volks, welche ihn zum letzten Male um⸗ gab. Er ſollte Frankreich nur noch in den treuen und einſamen Gefilden von Saint Cloud, auf dem Volkswege von Rambouillet, in jener ſchweigenden Reihe von Städ⸗ ten ſehen, welche ſich ſeinem Rückzuge, wie die Wellen des rothen Meeres, öffneten, um hinter ihm ſogleich eine ewige Scheidewand aufzurichten! Die Tänze wurden nur einen Augenblick durch ſein Gehen unterbrochen. Das Verſchwinden der Königlichen Majeſtät änderte nichts in dem Laufe der Vergnügungen, welche ſich in dem Zauber des Valles und in der Abendtafel von Tauſend und einer Nacht bis lange nach Sonnenaufgang hin verlängerten. Carl X. ſchien in eigener Perſon Scepter und Schwert in das Palais Royal abgeliefert zu haben. Frankreichs Oppoſition, das gelehrte Frankreich, Frank⸗ reichs Künſte entfernten ſich nach und nach. Gegen Mor⸗ gen waren nur noch die Vorſtadt Saint Germain, der 374 Hof, die Damen und eine glänzende Jugend, mit einem Wort Frankreich in ſeinen Erinnerungen und Täuſchun⸗ gen daz das elegante und ſtolze Frankreich, der Sitz al⸗ ler Gaben des Geiſtes und der Gracie; wo der Adel des Herzens beinahe immer den des Blutes anregt; wo der Reichthum ſich ſo oft mit frommer Menſchenliebe verbin⸗ det; wo der Geſchmack für Künſte und Wiſſenſchaften, die Reize abwechſelnder Studien, die Schätze früherer Un⸗ terhaltungen bewahren, zugleich aber auch den heutigen Anſichten freien Lauf geſtatten; wo die Handelnden aus Leuten beſtehen, welchen wir auf allen Schlachtfeldern des Reichs begegnet ſind, und wo die Frauen mit der ho⸗ hen Ausbildung begabt ſind, daß die Sévigné's, die La⸗ fayette's, die Staël's, die Dura's daraus hervorgehen konn⸗ ten; wo endlich die Anhänglichkeit für die vaterländiſchen Schöpfungen größere Fortſchritte gemacht hat, als man es je vorausſetzen konnte!— Die Wahrſcheinlichkeit eines Stantsſtreichs erregte Schrecken bei der ganzen vornehme⸗ ren Welt, und daher kam es, daß die Monarchie ohne Vertheidigung fiel. Man wollte ſich betäuben, ſich noch täuſchen, man hoffte auf weiſe Beſchlüſſe, und weil man ſie tauſendfach herbeiwünſchte, hatte man tauſend Gründe, daran zu glauben. Aber das Urtheil des Geſchicks war aus⸗ geſprochen; jeder Secundenſchlag führte uns der Stunde unabänderlich entgegen, in welcher die zehn Jahrhunderte der Monarchie mit einem Male in den Abgrund verſinken — 375 ſollten. Das alte Frankreich verdankt dem Herzog von Orleans den letzten der ſchönen Tage, welche die Reſtau⸗ ration noch hätte bereiten können. Ich wurde durch eine neue Unterredung mit Seiner Königlichen Hoheit noch zurückgehalten. Ein ewiger Cotil⸗ lon, welcher von Madame und dem Herzog von Chartres in einem anſtoßenden Saale eröffnet worden war, hatte alle Müßigen angezogen; und die Frau Herzogin von Orleans, Madame Adelaide, die jungen Prinzeſſinnen, der Prinz von Salerno, welcher von den erhabenen Gäſten allein noch geblieben war, befanden ſich beinahe während drei Vier⸗. tel⸗Stunden in einer gänzlichen Verlaſſenheit. Man wird die Höflinge nicht einer zu ängſtlichen Dienſtbefliſſenheit beſchuldigen. In dieſer Zwiſchenzeit hatte der Prinz von Salerno an der Unterhaltung Theil genommen. Er fragte, aus wel⸗ chem Grunde da an den Wänden die kaiſerlichen Schlach⸗ ten von Montmirail und Champaubert figurirten.„Um,“ ſagte ich,„Jemappe und Valmy zu beſchönigen.“ „Nein,“ entgegnete der Herzog von Orleans,„aus dem ganz einfachen Grunde, weil ich alles liebe, was fran⸗ zöſiſch iſt.“ In dieſem Augenblick erſchien Madame am Arm des Herzogs von Chartres wieder, drückte ihrer königlichen Tante die Hand, und entfernte ſich. Die Tänze hatten aufgehört. 17**ℳ 376 Mit jenen Worten des Herzogs von Orleans endigte ſich der Abend, ſie waren der Schlußſtein des Feſtes; ſie wa⸗ ren das Programm einer neuen Monarchie. N. A. v. Salvandy. Schloß Graveron, den 1. October 1831. Druckfehler. S. 272 Z. 10 v. o., ſtatt: Scene, lies: Sein e. ſnſnſſnnffnſnſnſſſſſſſſſſſſſſſſiſſſſiſſſſſſſiſſſſſſinſſſnnſinnſe 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18