m Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Leſebedingungen. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. den angenommen. 4— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgege wird. der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 7. 1— 2 2— ¹5. Auswärtige Abonnenten haben fuͤr Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ nahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelhen entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4. 4 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— el. auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Sf. 2 Mt. P. 3„ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darguf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ Leihbibliothe = Ausgewühlte Merke von Frau M. S. Schwartz. — 4 Stuttgart. S 4 Franckh'ſche Verlagshandlung, 1865, ———— In einer der nördlichen Provinzen Schwedens, irgendwo an der Straße zwiſchen den Städten S. und W. erhob ſich auf einem Hügel zur Seite eines kleinen Fluſſes eine neuerbaute Kirche, in einfachem und reinem Style aufgeführt. Auf der andern Seite, gerade gegenüber, war in einem Thale mit hohen, * dSdddickbelaubten Bäumen das Pfarrhaus gelegen. Der dazu gehörige kleine Garten erſtreckte ſich bis, zum Flüßchen hinab.. Die Gegend unmittelbar um die Kirche herum 3 4 2 war ſo völlig reizloſer Art, daß das mitten in der dürftigen Natur befindliche Pfarrhaus mit ſeinen weißgetünchten Mauern und ſeinem grasbewachſenen Hofe unbeſchreiblich anziehend ausſah. 1 Es war ein Sonntagsmorgen im Mai. Die Glocken läuteten zuſammen, und die auf der Anhöhe um die Kirche verſammelten Bauern gingen mit ihren Geſangbüchern in den Händen in das Gotteshaus hinein, wo alsbald die Töne der Orgel durch das Gewölbe hinbrausten. Der einen Augenblick zuvor noch dicht mit Leuten beſetzte Platz war jetzt leer; niederträchtig häßlichere Gegend nirgends findet. Aber 8 nur zwei junge Männer, den höhern Ständen ange⸗ hörig, blieben auf dem Hügel zurück und ſchauten hinüber zu dem Pfarrhauſe. 4 Der eine war hochgewachſen, ſchlank und ſchwarz gekleidet, mit einem eigenthümlich unruhigen, bald nachdenklichen, bald düſtern, bald excentriſchen Ausdruck in den tiefliegenden, großen, dunkeln Augen. Die Naſe war ſtark gebogen, und der Mund, mit den ſchönſten, weißen Zähnen geſchmückt, wurde oft durch ein höhniſches, beinahe dämoniſches Lächeln entſtellt. Das Ganze trug ein ariſtokratiſches Gepräge, das durch die Gleichgiltigkeit und Lebensmüdigkeit, welch G 8 in jedem Zug zu leſen ſtand, nicht beeinträchtigt wurde. Seine Haare waren dunkel und gelockt, die Hände klein und weiß, die Bewegungen elegant und nachläſſig zugleich, die Kleidung ſorgfältiger und ſau⸗ berer, als man auf dem Lande zu ſehen gewohnt war. In der Hand hielt er ein Spazierſtöckchen, mit welchem— er ſpielte, und zu ſeinen Füßen lag ein großer, braun und weiß gefleckter Hund. Sein Kamerade war ein kleiner, etwas dicker Kavalier mit rothen Wangen, rundem, vollem Ange⸗ ſicht und einer Naſe, welche ſicherlich ihre Sympathien im Himmel hatte, denn ſie wandte ſich beharrlich dort hin; zugleich beſaß er einen großen Mund, lachte gern und ließ dann den ganzen Reichthum von zwei Reihen der weißeſten und gleichſten Zähne ſehen, welche jemals den Mund eines jungen Mannes zierten. „So, ſo, mein lieber Joſeph, an dieſem abſcheu⸗ lichen Ort ſind wir alſo zu weilen verurtheilt. Man kann ohne Uebertreibung behaupten, daß ſich eine 9 das iſt einerlei, die Merſchen ſind doch überall gleich erbärmlich, und wenn auch deren Umgebungen noch ſo anziehend ſind,“ äußerte der Erſtbeſ chriebene mit einem Lächeln voll Verachtung.—„Was ſagſt Du von unſerer Verſetzung hieher?“ .„Ich?— Ich finde ſie ganz ſchrecklich,“ ant⸗ wortete Herr Joſeph, wandte ſeine Naſe wo möglich noch etwas mehr in die Höhe und ließ die Augen rings herum laufen,„und ich ſehe durchaus keinen Grund, warum Du dazu wie des Teufels Vetter lachen kannſt, denn Du biſt nun einmal als Richter hier angeſtell, und mir iſt das Glück zu Theil ge⸗ worden, dich als Notar hieher zu begleiten. Mir dünkt, es iſt eine recht angenehme Ausſicht, nicht mohr von Hoffnungen leben zu müſſen.“ „Aber die Gegend?“ „Was zum Teufel haſt Du mit dieſer zu thun? Iſt hier nicht ein Fluß, dort ein Pfarrhof, weiterhin ein Eiſenwerk, da eine Kirche, und endlich dein Wohnort Akersholm, hinter dem Pfarrhofe gelegen? Und zu dieſem allen die Maiſonne, die knoſpenden Bäume, bdie grünenden Felder, auf dem Hüttenwerk ſchöne Mädchen und im Pfarrhauſe eine jugendliche Tochter. Schaffe dir nur einen reichen Weinkeller an und halte ſfinen guten Tiſch, ſo wird das Leben hier, glaube ich, decht behaglich werden.“ „Für dich, ja, der noch für Frauen und Wein chwärmen kann und nicht mehr als eines vollen bedarf, um vergnügt zu ſeyn; aber für ni. „Jür dich,“ deklamirte Herr Joſeph,„der des 4 Acwart, Novellen. II. 2 — 10 Lebens Beſchwerde und Eitelkeit müde iſt, kann es ganz gleichgiltig ſeyn, wo Du weilſt. In Stockholm ſagteſt Du:„Kann man alle dieſe Thoren Menſchen heißen? Wie dieſe elende Jagd nach ſogenannten Ver⸗ gnügungen und Auszeichnungen, Theater und Wirths⸗ hausleben und alles dergleichen iſt mir entleidet.“— Und Du gähnteſt und warſt über die Maßen lang⸗ weilig anzuſchauen, während ich mich wohl befand, tanzte, zechte und luſtig war. Weil mein heiterer Humor mir überall, wohin ich reiſe, Geſellſchaft leiſtet, ſo denke ich auch hier, in dieſem vergeſſenen Winkel, mit dem Wagen der Luſt in friſchem Trabe zu fahren.“ 1 „Ich gratulire,“ antwortete Kuno mit ſeinem unnachahmlichen Lächeln. „Außerdem ſolltt Du wiſſen, daß die Tochtet des Probſts ein wirklich einnehmendes Mädchen iſt.“ „Ich wünſche dir Glück.“ „Wünſche dir ſelbſt Glück! Ich kann meinnen neueſten Frack dagegen verwetten, daß Du ebenſo von ihr bezaubert wirſt, wie ich.“ Es wäre unmöglich, den Ausdruck von Hochmut! und höhniſcher Verachiung, welcher in Kuno's Mien ſich abſpiegelte, oder den Ton zu beſchreiben, wom er dieſes einzige Wort ausſprach. „Ja, eben Du. Sie iſt ein wahrer Engel,u Du biſt ganz und gar kein Heiliger.“ „Darin haſt Du Recht. Ich bin der gera Gegenſatz von einem Heiligen; aber um Engel aun beten, müßte man Anlage zur Heiligkeit haben.“ „Bahl Ich habe dich bis über die Ohren verliel 1 1 86 uns wohl geſehen. Ich kann Damen ni 11 „Haſt!— Ja, aber Du wirſt es nicht mehr zu ſehen bekommen. Ich bin des Spieles mit Frauen müde; ſie kommen mir ſo unendlich klein vor.— Mein lieber Caro,“ ſetzte er hinzu und ſtreichelte den Hund,„Du biſt wirklich das einzige Weſen, für welches ich einige Sympathie empfinde.— Du biſt treu, eine Eigenſchaft, welche den Menſchen abgeht.“ „Und ich dann, mein Lieber, welcher dir wie ein Schatten folgt, ſchon ſeitdem wir Studenten waren, und dabei die Artigkeit beobachtete, dich beſtändig um einige Stufen höher auf der Leiter der Ehre vor ſich ſteigen zu laſſen. Ach! mein Bruder, ich komme mir ſelbſt wie ein Muſter von Freunden vor.“ „Ja, bei meiner Seele, Du haſt Recht,“ ant⸗ wortete Kuno, dießmal ohne Hohn, und reichte ihm die Hand.. „Verdammt wunderbar, daß Du mir das zugibſt; aber ſieh, dort unten im Garten des Probſtes ſchwebt ein Engel zwiſchen den Bäumen hin,“ rief Joſeph und hielt ſeine Lorgnette vor die Augen. „Vermuthlich ein Viehmagds⸗Engel,“ fiel Kuno ein,„denn die Tochter des Probſtes muß doch wohl ſo viel Scheinheiligkeit beobachten, daß ſie den Gottes⸗ dienſt nicht verſäumt.“ „Willſt Du ſchweigen mit deinem abſcheulichen Hohn? Man kann ja eine Indigeſtion davon bekom⸗ men, wenn man dich hört.— Siehſt Du nicht, daß es ein bezauberndes Weſen iſt mit Schäferhut und höchſt elaſtiſchem Gang?“ „Nun, da geht ſie hin und pflückt Blumen, um uns Gelegenheit zu geben, ſie zu betrachten. Sie hat 112 welche Blumen pflücken und die Hirtinnen ſpielen wollen.“ „Du ewiger Spötter auf alles Gute und Reine! Habe ich dir nicht geſagt, daß die Tochter des Probſtes kein gewöhnliches Mädchen iſt, und den Beweis davon ſiehſt Du jetzt ſelbſt. Sie pflückt nicht Blumen, ſon⸗ dern hat ſich dort auf eine Schaukel geſetzt, um zu leſen.“ „ Ah, wie idylliſch!“ bemerkte Kuno höchſt ge⸗ ringſchätzend.„Das geſchieht doch wohl einzig, um von uns bemerkt zu werden. Nein, laß uns gehen; ich fühle denſelben Ekel bei den Kunſtgriffen der Un⸗ ſchuld auf dem Lande, wie bei denen in der Stadt. Die Stadtdamen haben wenigſtens den Vorzug, daß ſie das Spiel mit mehr Fineſſe treiben.“ Kuno ſtieg von dem Hügel hinab, und Joſeph, der in Allem von ſeinem Kameraden und Vormann ſich leiten zu laſſen ſchien, folgte ihm. „Höre, Kuno, ich könnte doch darauf ſchwören, daß Du in die Tochter des Probſtes verliebt biſt.“ „Und ich gebe dir mein Ehrenwort darauſ, daß das niemals geſchehen ſoll.— Ueberdieß bin ich ja ſchon zu drei Vierteln verlobt, und glaubſt Du, ich werde meine glänzende Zukunft oder meine Sache für etwas ſo Einfältiges, wie die Liebe zu einer Landpuppe wegwerfen?“ „Gut, wirſt Du verliebt, ſo verurtheile ich dich dazu, daß Du allen unſern Brüdern in Stockholm einen Wichs gibſt, und dann ſollſt Du, meiner Seele, über die Klinge tanzen, das verſpreche ich dir.“ die Hand. „Toppl“ antwortete Kuno und reichte Joſeph — —, 13 „Inzwiſchen ſind wir auf den Mittag in den Probſthof eingeladen,“ ſagte Joſeph.—„Aber was der Tauſend iſt das ſür ein Schrei?“ ſetzte er hinzu und beſchleunigte ſeine Schritte. Auf der Straße angelangt, erblickten ſie eine alte Frau, welche in vollem Kampfe mit einem Ham⸗ mel begriffen war. Dieſer machte einen Schritt rück⸗ wärts, um ſeiner Widerſacherin einen nachdrücklichen Stoß beizubringen, aber die Alte ſetzte ſich dadurch in Vertheidigungsſtand, daß ſie einen Korb in der Luft ſchwang, in der Abſicht, damit ihrem Angreifer einen Schlag auf den Kopf zu geben, während ſie aus vollem Halſe um Hilfe ſchrie, und dabei von einer kleinen weiblichen Geſtalt akkompagnirt wurde, welche ihre Zuflucht hinter einige Bäume am Ufer des Fluſſes genommen hatte. „Wir werden wohl der Alten helfen müſſen,“ rief Joſeph und eilte davon. „Wahrhaftig ein ſchönes Leben, ſich zum Ritter einer alten Bäuerin zu machen und mit Hämmeln herumzuſchlagen,“ bemerkte Kuno und folgte Joſeph ziemlich langſam. Dieſer hatte den Hammel an den Hörnern ge⸗ faßt und ſich rittlings ihm auf den Rücken geworfen, um ſo die Herrſchaft über das gereizte Thier zu be⸗ kommen, welches jetzt in voller Raſerei mit ſeinem Reiter davon ging. „He, hierher, Du!“ rief Joſeph einem Mann zu, welcher auf den Hof kam. Der Mann begann herbeizuſpringen, um ſich dem galoppirenden Hammel in den Weg zu ſtellen, welchen er endlich feſthielt. 14 Kuno hatte lachend dem ſeltſamen Ritt zugeſehen, ohne eine Bewegung zu machen, um ſeinem Freunde zu helfen. Als Joſeph von dem Hammel befreit war, ſagte er keuchend und mit gerötheten Wangen: „Uff, Uff!— wie mir ſo warm geworden iſt! Das war ja eine wilde Beſtie ohne gleichen. Du biſt mir übrigens ein ſauberer Kamerad, Du, der ſich da hinſtellt und lacht, anſtatt in meinen edelmüthigen Bemühungen, der Schwachheit beizuſtehen, mich zu unterſtützen. Aber wo iſt die Alte und ihre Geſell⸗ ſchafterin hingekommen?“ „Die alte Frau iſt ihres Wegs gegangen, und ich habe dem Herrn Notar zu danken, der uns aus der Noth half,“ ſagte eine klare Stimme hinter den beiden Herren, welche ſich ſogleich umdrehten. Vor ihnen ſtand eine ſehr kleine Frauensperſon in einem violett⸗ und weißgeſtreiften Kleide, einem Sommermantel von grauem Zeug mit rothem Futter und über dem Kopf einem blauen Kattunhalstuch mit großen, gelben, runden Tupfen. Sie hatte einen für ihre Länge allzu großen Kopf, blondes, glattgeſtrichenes Haar über einer auffallend hohen und breiten Stirne, durch deren feine und glänzende Haut das ganze Gewebe der Adern hindurchſchimmerte, und ein paar große blaue Augen, welche ſie mit einer gewiſſen Be⸗ harrlichkeit auf diejenigen heftete, mit welchen ſie ſprach. Nimmt man hiezu die kleinen, weißen Hände ohne Handſchuhe, einen zum Embonpoint geneigten Kör⸗ perbau und ein Alter von vierzig Jahren, ſo hat der Leſer eine Vorſtellung von der Perſon, welche einen Augenblick zuvor der alten Frau zu ſchreien geholfen an der Kirche vorbeigegangen, und nun ſah man ein hatte und nun vor unſern beiden Herren ſtand, welche ſogleich ihre Hüte abnahmen und ſie artig begrüßten. „Ich ſchätze mich überglücklich, Mamſell Bendel von ihrem Schrecken befreit zu haben,“ bemerkte der Notar Joſeph Arnold. „Ich danke, obwohl es eigentlich die alte Frau war, an welche Sie dachten. Sie ſind nur für allen Ihren Edelmuth ſchmählich belohnt worden.“ Mamſell Bendel warf einen etwas ironiſchen Blick auf den Bezirksrichter Kuno Arlborg, welcher die kleine Stichelei mit einem feinen Lächeln beant⸗ wortete und in einem ausgeſucht artigen Ton äußerte: „Hätte ich die dunkelſte Ahnung davon gehabt, daß es Mamſell Bendel wäre, welche ſammt der Alten um Hilfe rief, ſo hätte ich ſicherlich gleich Arnold mich in den Kampf mit dem Hammel eingelaſſen. Jetzt dachte ich nur, die Bewegung würde ihm gut thun.“ „Ich glaube dennoch, der Herr Bezirksrichter würde es vorgezogen haben, als Zuſchauer über den ganzen Auftritt zu lachen.“ „Und warum haben Sie eine ſo ſchlechte Vor⸗ ſtellung von meiner Ritterlichkeit?“ „Aus dem einfachen Grunde, weil ich immerdar den Herrn Bezirksrichter geneigter gefunden habe, ſeinen Nebenmenſchen zu belachen, als ihm in der Noth zu helfen.”¹ Während dieſer kurzen Unterredung waren die Herren und Mamſell Bendel ihres Wegs weiter und 4 16 Hüttenwerk vor ſich mit ſeiner Allee und ſeinen rothen Häuſern. „Ich bin verloren,“ nahm Kuno wieder mit ſeinem zugleich ſelbſtgefälligen und ſpöttiſchen Lächeln das Wort;„denn man iſt hier im Orte allgemein des Glaubens, daß Mamſell Bendel in ihrem Urtheil über die Menſchen niemals fehlgreift. Und da Sie G nun eine ſo ſchlechte Vorſtellung von mir gefaßt haben, ſo wird gewiß in Kurzem der ganze Ort dieſelbe theilen.“ „Sie ſehen mich alſo für ein Orakel an? Ich fühle mich wirklich geſchmeichelt,“ erwiederte ſcherzend Mamſell Bendel mit einer gewiſſen Schärfe in Blick und Ton. „Werden wir einander heute im Probſthofe treffen?“ fragte der Notar.„Arlborg wird dort zum erſten Mal erſcheinen. Er kennt die Familie nicht.“ „Ja, wir ſind alle dorthin eingeladen.“ Die beiden Männer begleiteten Mamſell Bendel · bis zu dem Gitterthore des Herrenhauſes und verab⸗ ſchiedeten ſich dort. „Ich verſichere, daß die kleine impertinente Gou⸗ vernante mit ihren durchbohrenden Augen mir unter allen Leuten, die ich hier geſehen habe, am beſten ge⸗ fällt. Ihre Antworten ſind ſcharf wie Raſiermeſſer; aber wenn ſie boshaft iſt, ſo iſt ſie es wenigſtens ſo, daß es Jedermann hört,“ ſagte Kuno. 4. .„Und ich will darauf leben und ſterben, daß Du ſie am Ende haſſeſt.“ „Lieben, haſſen! Du mußt glauben, Freund, ich befinde mich noch in den Jünglingsjahren, da Du an⸗ nimmſt, meine Gefühle können in's Schwanken gerathen⸗ — Auf meine Chre! Als ob ich von irgend Etwas oder Jemand als möglichem Gegenſtand meiner Liebe oder meines Haſſes wüßte; ich weiß blos, daß ich die Men⸗ ſchen verachte und das Leben ungemein langweilig finde.“ II. Haſt Du einmal, mein lieber Leſer, ein ordentliches Pfarrhaus geſehen, mit einer milden, holden, guten und in Allem liebenswürdigen Frau als Wirthſchafterin?— Ein Heimweſen, ſo reinlich, ſo gemüthlich gehalten, daß es dir als eine Unmöglichkeit erſcheint, es könne nur ein einziges Stäubchen ſich in dieſes geputzte, friedliche Hei⸗ ligthum verirren. Alles, was deinem Blicke begegnete, war ja blank und polirt und ſchien den Beweis zu lie⸗ fern, daß ein Geiſt der Häuslichkeit und Ordnung in Allem, vom Größten bis zum Kleinſten, herrſchte. Im Fall Du ein ſolches Pfarrhaus auf dem Lande geſehen, ſo haſt Du einen Begriff von dem Probſthofe, in welchen ich dich jetzt einführen will. Ein langer, geſchmackvoll gedeckter Tiſch ſtand im Saale zugerichtet, als der Gottesdienſt zu Ende war und der Probſt aus der Kirche zurückkehrte. Eine Weile hernach langten der Hüttenwerksbeſitzer Lönner, und unmittelbar hernach der neue Bezirksrichter Arlbotg und der Notar Arnold an. Als Kuno von dem Probſt ſeiner Frau vorgeſtellt wurde konnte er ſich, ſo blaſirt er auch ſcheinen wollte, doch ener Bewegung des Erſtaunens nicht enthalten, ſo angenehm wurde er von dem Gepräge der Schönheit, 18 welches ihre Züge trugen, im Verein mit dem kindlich Reinen und Milden, welches ſich in dieſem Angeſicht aus⸗ ſprach, und das weder Zeit noch Kummer und Sorge zu tilgen vermocht hatten, betroffen. Das Einfache, Wohl⸗ wollende und doch Würdige in ihrer Begrüßung flößte dem höhniſchen, an allem wirklich Guten zweifelnden jungen Mann ein unwillkürliches Gefühl von Ehrfurcht ein, welches ſich in dem tiefen, achtungsvollſten Gruße ausdrückte. Er kannte den Hüttenwerksbeſitzer Lönner von frü⸗ her und begrüßte ihn mit ſeiner gewöhnlichen Artigkeit, einer Artigkeit, welche jedoch etwas Nachläſſiges und Hochmüthiges hatte, denn ſie war immerdar von jenem ſarkaſtiſchen Lächeln begleitet. Hernach ſchaute er ſich rings um, als ob er erwartet hätte, noch Jemand weiter zu ſehen, aber der Probſt bat ihn, Platz zu nehmen, und die Herren begannen von Politik zu ſprechen, während Joſeph ſich bei den Frauen niederließ, und die Probſtin auf einen Augenblick ſich aus dem Zimmer entfernte. Bald darauf trat ſie wieder ein, begleitet von einem hochgewachſenen, ſchlanken Mädchen mit einem ausdrucks⸗ vollen Angeſicht und einem elaſtiſchen Gang. Was bei dieſem Mädchen eigentlich ſchön genannt werden konnte und die Aufmerkſamkeit des Betrachtenden erweckte, waren die wunderbar ſchwärmeriſchen Augen. Sie erſchienen nicht groß, aber es lag in denſelben Etwas, das von einem Geiſt redete, welcher in einer andern beſſern Welt lebte und ſein Weſen hatte. Die Stirne war nicht ſehr hoch, aber geſchmütkt mit ein paar gebogenen, ſchwarzen Augenbraunen. Die Naſe war gerade, der Mund etwas groß, hatte weiße 19 Zähne und ſchwellende Lippen. An der Geſichtsform konnte man ausſetzen, daß ſie etwas breit war, und der Teint zeigte ſich nicht weiß genug. Die dunkelbraunen Haare waren in ein paar breiten Flechten hinter die Ohren zurückgelegt. Sie hatte einen zarten Körperbau, welcher eine ſchwache Geſundheit andeutete. Das junge Mädchen trug ein hellgelbes Kleid, doch war es eigentlich kaum ein ſolches zu nennen, ſondern beſtand in einer Art Kaftan mit Unterröckchen; der erſtere hatte wenig Aehn⸗ lichkeit mit jenen künſtlichen Dingen, wie man ſie in Modejournalen ſieht, er war an den Falten mit Gar⸗ nirungen beſetzt und um den Leib mit einer Schärpe befeſtigt. „Meine Tochter Ellen!“ ſagte die Probſtin Gäll⸗ ner, indem ſie ſich zu dem Bezirksrichter wandte, welcher ſeine durchdringenden Augen auf das junge Mädchen . heftete. Ihr Gruß war anmuthig und einfach. Das Mittagsmahl verlief wie gewöhnlich. Mam⸗ ſell Bendel, welche ihren Platz neben dem Bezirksrichter hatte, gab ihm ſehr ſcharfe und treffende Antworten und erzählte der Geſellſchaft mit einem nicht geringen Zuſatz von Huuior den Auftritt mit dem Hammel vom Vor⸗ mittag und Arlborg's Zuſchauerrolle. Man lachte über ihre beißenden Einfälle, und die witzige, lebhafte Frau Berg, welche bei dem Hüttenwerksbeſitzer Koſt und Woh⸗ nung hatte, bemerkte gegen Mamſell Bendel: „ Du vergiſſeſt, meine beſte Alba, daß der Bezirks⸗ richter vermöge ſeines amtlichen Berufes gewohnt iſt, eine Sache erſt recht ins Auge zu faſſen, ehe er ſeinen Spruch fällt.“ „So iſt es, Mamſell Bendel, Frau Berg hat da⸗ 20 durch, daß ſie der Sache das richtige Gepräge gab, auf eine glückliche Weiſe mir das Wort geredet. „Ganz und gar nicht; indem der Herr Bezirks⸗ richter lachte, bewies er, daß das Urtheil bereits gefällt und unter die Rubrik des Lächerlichen geſtellt war; und auf ſolche Weiſe den Edelmuth eines Freundes beurthei⸗ len, heißt ein ungerechtes Urtheil fällen.“ Am Nachmittag, während eines Geſprächs unter vier Augen im Garten, äußerte Joſeph: „Nun, was ſagſt Du von Mamſell Gällner? Iſt ſie nicht ein einnehmendes Mädchen?“ „Sie kokettirt mit den Augen.“ „Du biſt ein Narr, Kuno. Man möchte ordent⸗ lich raſend werden, wenn man deine Zweifel an allem Guten bei den Menſchen hört.“ „So werde nur raſend; ich werde inzwiſchen verſuchen, den Engel in eine kleine Verlegenheit zu ſetzen, damit daß ich ihr erzähle, wir haben ſie heute vom Kirchberge aus geſehen. Dann wirſt Du erken⸗ nen, wie unſchuldig ſie ausſieht, und wie ſie: ach Herrje ausrufen und behaupten wird, ſie habe keine Ahnung davon gehabt, daß wir dort geweſen ſeyen.— Und dennoch bin ich völlig überzeugt, daß ſie uns erblickt hat. Wenn ich einmal eine Frau träfe, welche nicht löge, ſo würde ich ſie als das achte Wunder der Welt anbeten.“ „Dann wirſt Du mit Mamſell Gällner den Anfang machen; denn ſie hat etwas ſo Unſchuldiges und Wahres in ihrem Weſen, daß man wirklich davon entzückt wird.“ „Mein Freund, Du verleumdeſt das Mädchen,“ ſagte Arlborg. —— 21 Eine Weile darauf war die Geſellſchaft wieder in dem Gaſtzimmer verſammelt. Kuno nahm an Ellen's Seite Platz und ſagte mit ſeiner tiefen, wohllautenden Stimme: „Ich hatte heute Vormittag ſchon das Glück, Mamſell Gällner, Sie zu ſehen.“ Er erwartete jetzt, Ellen würde ganz erſtaunt antworten:„Wo denn?“ Aber er irrte ſich; ſie ſah ihn an und ſagte ganz einfach: „Vermuthlich, als ich im Garten war; denn die Herren ſtanden oben auf dem Kirchberge, und von dort aus überſieht man den ganzen Probſthof.“ Kuno fuͤhlte ſich von dieſer Antwort ſo über⸗ raſcht, daß er einen Blick auf Joſeph warf, iun der Hoffnung, derſelbe möchte ſie nicht gehört haben; aber die Augen des Notars begegneten den ſeinigen und erglänzten von einer gutmüthigen Schadenfreude. „Bah!“ dachte Kuno;„das iſt auch ſo eine Manier, mit Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe zu kokettiren. Nach einigen weitern Worten ſtand er auf und ließ ſich für den Reſt des Abends an einem Spieltiſch nieder. 8 „Nun, wie gefällt Ihnen, Mamſell Bendel, mein Freund Arlborg?“ fragte der Notar, indem er ſich neben Alba niederließ. „Nicht ſonderlich.— Ich kenne ihn übrigens erſt ſeitdem er vergangenes Jahr mit dem alten Oberlandrichter hier geweſen, und er war eigentlich niemals nach meinem Geſchmack.“ „Nun, wie glauben Sie, daß Mamſell Gällner ihn findet?“ „Ebenſo wie ich,“ antwortete Alba lachend. 22 „Aber das iſt ja greulich, ſo zu ſprechen; er iſt doch ſchön, elegant und von feinen Manieren.“ „Das beſtreite ich nicht, und wenn der Herr Notar die Fräulein Lönner fragte, ſo würden ſie im Chor ausrufen:„Mein Gott, wie gut der Bezirksrichter ausſieht, wie liebenswürdig, artig, angenehm er iſt“; aber ein ſchöner Mann iſt, wie Bulwer ſagt,„nichts Anderes, als das Entzücken ſeiner Tante und die Augenweide der Dienſtmädchen.“ „Sie ſind allzu ſtreng,“ fiel Joſeph lachend ein. „Ich verſichere Sie, daß Arlborg durchaus keinen Werth auf ſein Aeußeres legt.“ „Wirklich nicht?“ rief Alba und ſah den Notar mit einem Lächeln des Zweifels an, während ſie ihre durchdringenden Augen auf ihn heftete.„Wie können Sie ſo reden, Herr Notar? Er hält ſich für ſo bildſchön, daß er wie Cäſar denkt: Ich kam, ſah, ſiegte.“ „Gott weiß, ob ſich im ganzen Orte eine unbarm⸗ herzigere Zunge findet, als die Ihrige,“ ſagte der Notar. „Ja, es gibt eine, welche noch ſchärfer iſt.“ „Und wem gehört ſie zu?“ „Ah, ich glaubte, der Herr Notar werde das beſſer wiſſen, als ich.“ „Bei meiner Ehre! Und wenn ich es nun wüßte, worauf zielen Sie hin? Die meinige konnten Sie doch wohl nicht meinen.“ „Nein, Gott bewahre! Sie ſind allzu leichtſinnig und heiter, um boshaft zu ſeyn; aber Ihr Freund, der Bezirksrichter, hat genug davon für Sie und ſich. 3 Damit verließ Alba den Notar. — 23 „Die iſt niemals um eine Antwort verlegen, ſo viel bleibt gewiß,“ dachte der Notar.„Jetzt wird ſie mich als einen leichtſinnigen Thoren und den Bezirksrichter als eine boshafte Seele abmalen. Unſere Aktien kommen auf dieſe Weiſe nicht ſonderlich hoch zu ſtehen.“ Der Notar Joſeph Arnold war als Student ein⸗ mal Informator auf einem benachbarten Hüttenwerk geweſen, und von jener Zeit datirte ſeine Bekannt⸗ ſchaft im Pfarrhauſe und bei Lönner. Er redete eine Weile mit Ellen von Wind und Wetter, von dem alten Richter, deſſen Stelle Arnold vertreten ſollte, und ſagte endlich: „Was halten Sie von dem Ausſehen meines Freundes, Mamſell Gällner? Er wird allgemein als ſchön angeſehen.“ „Ich verſtehe mich nicht auf dergleichen; aber mir dünkt nicht, daß er ſchön iſt,“ antwortete Ellen. „Er hat angenehme Manieren.“ „Aber er iſt gewiß etwas bösartig;— doch ich habe Unrecht, ſo zu ſagen, es war vielleicht zu ſtreng. Aber iſt er nicht dennoch minder gut? Sein Aeußeres flößt den Gedanken ein.“ „Er iſt ein guter Kamerad und ein zuverläſſiger Freund,“ verſicherte der Notar, ohne eine directe Ant⸗ wort zu geben. „Dann habe ich wohl einen Irrthum begangen: man darf die Menſchen nicht nach dem erſten Ein⸗ druck beurtheilen.“ 8 24 Es lag etwas ſo Mildes und Schonendes in dem Ton ihrer Stimme, daß man deutlich merkte, Ellen hege bei ihrem guten Herzen die Beſorgniß, ein allzuſtrenges Urtheil zu fällen. III. Akersholm, welches dem alten Richter zugehörte und Arlborg und Arnold überlaſſen worden war, lag nur einige Büchſenſchüſſe von dem Pfarrhauſe ent⸗ fernt und war von Gärten umgeben. Unmittelbar daneben befanden ſich ein paar kleine Eilande in der hier breitern Flußmündung. Am Abend, als die Herren von dem Probſthofe nach Hauſe gekommen waren und Arlborg gerade im Begriff ſtand, ſich in ſeinem Schlafzimmer auszukleiden, ſagte der Notar: „Mein lieber Kuno, ich habe keine ſonderliche Ehre von dir; Du haſt dich bei den Damen nicht empfohlen; Du erſcheinſt ihnen weder liebenswürdig noch ſchön; im Ganzen finden ſie durchaus keinen Gefallen an dir.“ „Bah! Sie ſagen nur ſo,“ antwortete Arlborg übermüthig.„Ich könnte ſie alle zuſammen verliebt machen, wenn ich mit dergleichen Lappalien mich ab⸗ geben möchte.“ „Und ich ſage dir: wenn Du alle deine Liebens⸗ würdigkeit, alle deine Kunſtgriffe und dei Leben dazu verwenden wollteſt, ſo würde es dir doch n ganzes nicht gelingen, bei Mamſell Gällner dieß zu Stande zu bringen.— Die Reinen lieben nur, was rein iſt.“ „Nimm' dich in Acht, Joſeph! Reize meine Ei⸗ genliebe nicht,“ antwortete Kuno und warf ſeine Weſte mit einer Geberde der Ungeduld auf einen „Ich könnte dann leicht auf die Idee Mädchen dahin zu bringen, daß es fängt, ein Spiel, hergebe.“ „Darum, weil es dir mißlingen würde,“ ent⸗ gegnete Joſeph in aufreizendem Tone, lich, etwas gewinnen zu wollen, langen kann.: „Und Du glaubſt alſo, ich könne das Herz des Mädchens deßhalb nicht erobern, weil es allzu rein iſt?“ „Ja! Sie iſt ſo unſchuldsvoll und gut, daß ſie nur das Gute und Reine lieben kann.“ „Jetzt ſprichſt Du Unſinn, mein Freund Joſeph, und um dich ein für allemal von deinem Glauben an weibliche Tugend zu kuriren, will ich dir zeigen, daß der ungeflügelte Engel mich lieben ſoll, den Mann, dem man weder ſchuld geben kann, daß er gut noch rein iſt.” H* Stuhl. gerathen, das Feuer für mich wozu ich mich nur höchſt ungern „es iſt beſchwer⸗ das man nicht er⸗ „Laß uns eine Wette eingehen.“ „Mag ſeyn.— Wie viel Zeit gibſt Du mir?“ „Bis zu Anfang dieſes Herbſtes.“ „Gut. Sechs Monate; das i ſo viel, wie ich bedarf.“ ſt mehr als doppelt Schwa rtz, Novellen. II. . 8* Der ſchöne Sonntag war von einem trüben, ſtür⸗ miſchen und regneriſchen Montagmorgen gefolgt. Die Uhr auf dem Herrenhauſe ſchlug ſieben, gerade als die Gitterthüre am Probſthofe ſich aufthat und ein hochge⸗ wachſenes, ſchlankes Mädchen, ein ſchwarzes Halstuch um den Kopf gebunden und mit einem grün gefütterten kurzen Frauenrock angethan, aus demſelben trat. In der einen Hand trug ſie eine Blechflaſche, in der andern einen Weidenkorb. Sie paſſirte die Brücke über den Fluß und nahm ihren Weg nach einem Dorfe ſamens Vallbo, und dann nach einem großen Gebäude, wo achtundzwanzig Hüttenarbeiter⸗Familien ihre Woh⸗ nung hatten. Das junge Mädchen war niemand anders, als Ellen, die Tochter des Probſtes. Sie ging ſchnell und ſchaute ringsum, als ob ſie fürchtete, es möchte ſie Je⸗ mand ſehen. Ihre Athemzüge waren etwas ſchwer und ein leichter Huſten verrieth, daß die kalte und feuchte Luft ihrer Bruſt nicht gut that. Als ſie an dem oben erwähnten Gebäude ange⸗ langt war, ſtellte ſie ihre Flaſche und ihren Krug auf der Hausflur unter die Treppe, öffnete ſodann eine Thüre und warf einen kurzen Blick in eine geräumige Stube hinein. Als ſie darin nur eine kranke Frau und ſechs halbnackte, ſchmutzige Kinder gewahrte, ergriff ſie wieder Korb und Flaſche und ging hinein. „Wie ſteht es mit Ihr, Mutter Liſa?“ fragte Ellen freundlich;„hier iſt ein wenig Milch, etwas weißes Brod und ein paar friſche Barſche für Sie.— Gib mir eine 27 Schüſſel, Maja,“ fuhr ſie, zu einem Mädchen von neun Jahren gewandt, fort.— Während die Alte zur Ant⸗ wort gab, daß ſie ſich etwas beſſer befände, goß Ellen die Milch in die Schüſſel und packte aus, was ſie in dem Korbe hatte. Es lagen zwei kleine Päckchen darin. Das eine gab ſie der Kranken mit den Worten:„Hier iſt ein wenig Latwerge für Sie, Mutter Liſa, um den Huſten damit zu ſtillen, und hier—“ Ellen ſah beinahe ver⸗ legen aus, während ſie zu dem älteſten Mädchen ſagte: „Hier iſt ein Bischen Seife, womit Du dich und deine Geſchwiſter ſauber waſchen ſollſt. Denn ſiehſt Du, Naja, wenn man ſeinen Körper nicht reinlich hält, ſo kann man in der Folge auch ſeine Seele nicht vor Gott rein halten.“ Darauf zog ſie ein paar Stücke ſauberes Leinen⸗ zeug, welches ſie unter ihren Ueberrock geſteckt hatte, hervor und gab es der Frau mit der Ermahnung, Maja dazu anzuhalten, daß ſie ſich und ihre Geſchwiſter ſäu⸗ berlich herrichte, und entfernte ſich dann unter mancher⸗ lei Segenswünſchen von Seiten der kranken Frau. Ellen hatte die Blechflaſche und den Korb an den einen Arm genommen, und da ſie auf dem Heimwege einige Anemonen und andere Frühlingsblumen an der Seite der Straße erblickte, beugte ſie ſich nieder, um die⸗ ſelben zu pflücken. Unter ihnen befand ſich eine kleine, häßliche, gelbe Blume, welches beinahe dem Wurmkraut glich. Sie betrachtete dieſelbe aufmerkſam, während ſie mit ernſter und nachdenklicher Miene ihre Wanderung fortſetzte. Sdie war ſo vertieft in die Betrachtung der häß⸗ lichen Blume, daß ſie nicht Acht darauf gab, wie ein Herr in einem kurzen Mantel mit aufgeſchlagenem Kra⸗ — — 28 gen mitten auf der Straße ſtand und ſeine großen, ſcharfen Augen mit einer Beharrlichkeit auf ſie heftete, als ob er durch den Blick ſie zwingen wollte, aufzu⸗ ſchauen. Aber das junge Mädchen ging immer gleich nachdenklich dahin, die Augen auf die Blume geheftet. Als ſie ihm ganz nahe gekommen war, nahm er die kleine, etwas ſchief ſitzende Mütze ab und ſagte: „Guten Morgen, Mamſell Gällner!“ Ellen ſah erſchrocken auf, da ihr im Augenblick einfiel, daß ſie Korb und Flaſche am Arm trage. Sie erröthete, als jener den Mantelkragen zurückſchlug und ſie den Bezirksrichter Arlborg erkannte, welcher in dem dünnen kalten Regen ſo elegant daſtand, während ſie einen alten Rock, ein Halstuch über dem Kopfe trug und dazu mit einer Milchflaſche und einem Korb be⸗ ſchwert war. Die Leſerin wird wohl zugeben, daß die arme Ellen gerade keinen Grund hatte, ſich zu der Begegnung Glück zu wünſchen. Errieth Kuno Ellens Verlegenheit, oder mißdeu⸗ tete er ſie? Genug, ein höhniſches Lächeln kräuſelte ſeine Lippen; aber ehe daſſelbe noch recht verſchwand, hatte Ellen ſich gefaßt; und als jener hinzuſetzte:„So früh ſchon außen in dem trüben und rauhen Wetter,“ antwortete Ellen mit einem argloſen Blick: „Nicht früher, als der Herr Bezirksrichter.“ Damit verneigte ſie ſich und beabſichtigte, ihren Weg fortzuſetzen; aber Kuno wandte um und beglei⸗ tete ſie. „Nur mit dem Unterſchied,“ ſagte er,„daß Sie ſchon wieder nach Hauſe wandern, während ich von dort erſt herkomme, und daß ich nicht ſo glücklich bin, wie 29 Sie, mich auf dem Rückwege von einem Werke der Barmherzigkeit zu finden, wie ich ſehe, daß es bei Ihnen der Fall iſt.“ Jetzt wurde Ellen purpurroth und warf ihm einen Blick voll Verdruß und Unwillen zu, indem ſie mit Heftigkeit erwiederte: „Mir dünkte, der Herr Bezirksrichter geht auch ſchon heim.“ „Erlauben Sie mir nicht, Mamſell Gällner, daß ich Ihnen Geſellſchaft leiſte, da wir denſelben Weg ha⸗ ben und ich meine Wanderung nicht weiter zu erſtrecken beabſichtigte?— Geſtatten Sie mir, einen Theil Ihrer Laſt Ihnen abzunehmen,“ ſetzte er mit einer Bewegung nach der Flaſche hinzu. „Nein, ich danke!“ antwortete Ellen kurz. Kuno war allzu ſehr Weltmann, um nicht einzu⸗ ſehen, daß er auf irgend eine Weiſe ſie verletzt hatte; aber da es für einen Mann, wie ihn, unmöglich war auch nur zu ahnen, daß er mit dem, was er geſagk, Ellen verletzt haben könnte, ſo mußte er die Urſache ihrer übeln Stimmung darin ſuchen, daß er ſie in einem ſo ſchlechten Anzug überraſcht hätte. Um ſich nun bei ihr wieder mehr in Gunſt zu ſetzen, ſagte er lächelnd, indem er auf die gelbe Blume deutete: 4 „ Warum entſtellen Sie eine ſchöne Hand mit einem ſo häßlichen Dinge?“ „Ah, ſie iſt nicht häßlich,“ fiel Ellen lebhaft ein, indem ſie ihr Mißvergnügen ganz vergaß und wieder zu den Gedanken zurücktehrte, welche einen Augenblick zuvor ſie beſchäftigt hatten. Sie heftete einen beinahe bittenden Blick auf ihn und ſagte: 4 5 30 „Betrachten Sie dieſelbe aufmerkſam, Herr Be⸗ zirksrichter, und Sie werden zuletzt finden, daß ſie ſchön iſt.“ Sie reichte ihm die Blume. „Mit dem beſten Willen in der Welt iſt es mir unmöglich, etwas Anderes zu finden, als daß ſie ſehr häßlich und durchaus eines Platzes unter den hübſchen Anemonen unwerth iſt.“ Damit warf Kuno die Blume fort. 3 „Und Sie verwerfen dieſelbe, weil ſie Ihren Au⸗ gen nicht ſchmeichelt. Das iſt doch ſchade,“ ſagte Ellen, und bückte ſich haſtig, um die Blume wieder aufzuheben. Aber Kuno kam ihr zuvor. „Kann denn,“ bemerkte Ellen,„die arme Blume dafür, daß Gott ſie minder ſchön geſchaffen hat, als ihre übrigen Schweſtern im Blumenreiche? Uebrigens, wenn man dieſe feinen, ſchmalen, ſo kunſtmäßig neben einan⸗ der gelegten Blätter betrachtet, ſo ſieht man ſich gezwun⸗ gen, ihren Bau zu bewundern, und findet ſie am Ende recht hübſch.“ „Aber warum uns mit dem mühſamen Aufſuchen deſſen, was hübſch an dem Häßlichen iſt, beſchäftigen, während die Erde ſo voll von dem erſcheint, was wirk⸗ lich ſchön iſt?“ „Darum, weil wir, da die Natur einen ſolchen Reichthum von Formen hervorgebracht hat, unrecht thun würden, wenn wir nicht in Allem, auch in dem äußer⸗ lich Häßlichen, etwas Schönes herauszufinden ſuchten. Ach! Von dem Schöpfer geht Nichts aus, was nicht der Bewunderung werth iſt.“ Ellen ſchaute mit einem ſchwärmeriſchen Blick auf. „Aber wenn Sie einen häßlichen Menſchen ſehen, wenden Sie unwillkürlich den Blick von ihm ab?“ 31 „D nein, das thue ich nicht,“ fiel Ellen lebhaft ein, „da erfaßt mich daſſelbe Gefühl, wie wenn ich eine min⸗ der ſchöne Blume ſehe. Es kommt mir dann vor, als ob es ſchade um ihn wäre, daß er nicht glücklicher von der Natur ausgeſtattet iſt, und ich ſuche bei den Men⸗ ſchen, wie bei den Blumen, irgend Etwas, das ſchön iſt, aufzufinden. Eine ſchöne Seele kann unter einer häß⸗ lichen Außenſeite verborgen ſeyn.“ „Aber wenn beides, Leib und Seele, häßlich iſt?“ „So verwahrloſt gibt es Nichts.“ „Da hört man deutlich, daß Sie das Leben von der Lichtſeite angeſehen haben; bei einer reichen Erfah⸗ rung würden Sie auf Menſchen genug treffen, welche an Leib und Seele ſo verwahrloſt ſind, daß Sie ſich mit Ekel von ihnen abwenden würden.“ „Nicht mit Ekel, ſondern Mitleiden, Tbeilnahme und Schmerz,“ erwiederte Ellen,„wie es ſich für einen Chriſten ſchickt und geziemt.“ Kuno's ſcharfer Blick weilte auf dem jungen Mäd⸗ chen; aber ſeltſam genug, er hohnlächelte nicht mehr. Der Grund war, daß Ellen's Worte von ſo unſchulds⸗ voller Einfachheit zeugten. Nach einem kurzen Stillſchweigen ergriff er die gelbe Blume, welche ſie die ganze Zeit in der Hand ge⸗ halten hatte, ſteckte ſie in das Knopfloch ſeines Rockes und ſagte: „Ich bitte, dieſe Blume hier zum Andenken an die⸗ ſes Geſpräch und zur Erinnerung an Ihre Worte:„Es gibt Nichts in der Natur, was vollkommen häßlich iſt', behalten zu dürfen.“ Sie waren jetzt an dem Gitterthore zum Probſt⸗ 1 —-— 32 hofe angekommen. Kuno nahm Abſchied von Elen, ging durch die Allee hin, während ſie bei ſich ſprach: „Alba iſt gewiß zu ſtreng, wenn ſie ihn für bös⸗ artig anſieht.“ Kuno's Gedanken dagegen waren: „Entweder iſt das Mädchen ein ſehr ſchlaues Ge⸗ ſchöpf und kokettirt dann ſehr gut im Gewande der Un⸗ ſchuld, oder ſie iſt wirklich rein wie der Tag.“ Bei dieſer letzten Vorſtellung blieb er ſtehen und brach in ein Gelächter der Verachtung aus, indem er ſeinen Gedankengang folgendermaßen fortſetzte: „Meiner Seele, Kuno, mir ſcheint, Du fällſt wieder in die Thorheit deiner Jugend zurück, an das ſogenannte „Gute“ zu glauben, obwohl die Erfahrung dich lehrt, daß die Welt mit eitel Lug und Verſtellung angefüllt iſt.“ Sein großer Hund kam dieſen Augenblick auf ihn zugeſprungen und hüpfte fröhlich an ſeinem Herrn hin⸗ auf, indem er ſeine Freude durch ein munteres Gebell zu erkennen gab. Kuno ſtreichelte ſeinen Hund mit einiger Rührung und murmelte: „Nein, ich habe Unrecht; Alles iſt nicht treulos in der Welt; hier iſt ein uneigennützig ergebenes Weſen. V. „Wiſſe, Mama, ich bin dem Herrn Bezirksrichter begegnet, als ich von Mutter Liſa kam,“ ſagte Ellen zu ihrer Mutter.—„Ich wurde etwas verdrießlich, 33 daß ich auf ihn ſtieß, denn er ſagte gleich, ich komme von einem Werk der Barmherzigkeit her.“ „Nun, darin liegt ja nichts Böſes, liebe Ellen,“ antwortete die Mutter lächelnd. „Bös war es wohl nicht, aber es verletzte mich doch;— ja, ich war beinahe daran, zu weinen.“ „Mein Gott, Ellen, wie Du ſo kindiſch biſt. Ich kann nie begreifen, warum Du immer ſo gereizt darüber wirſt, wenn Jemand weiß, daß Du gut gegen die Ar⸗ men biſt. Das iſt ja eine ganz ſchöne Eigenſchaft, deren Du dich niemals zu ſchämen brauchſt.“ „So ſprichſt wohl Du, Mama!“ rief Ellen halb weinend;„ich bin nicht ſo außerordentlich gut, und es kommt mir gar nicht vor, als ob etwas Schönes darin liege, zu geben, wenn Mama mich zu Leuten ſchickt, die deſſen bedürftig ſind. Mir macht es immer Verdruß, Mama, wenn man behauptet, daß ich ſolche gute Eigen⸗ ſchaften habe, welche mir doch nicht zukommen.“ „Biſt Du nicht lächerlich, liebe Ellen?— Wenn Du auch vor der ganzen Welt verbergen willſt, daß Du keinen Kaffee trinkſt, ſondern vom Papa das Geld dafür nimmſt, und daß Du dieſes Geld nicht zum Putz für dich, ſondern zur Bekleidung der Armen anwendeſt;— daß Du niemals morgens in deine Milch einen Zwieback ein⸗ tunkſt, niemals ein Stück Backwerk iſſeſt, ſondern Alles aufhebſt, um es Nora R. oder andern Armen zu geben, daß Du ſelbſt die Milch herumträgſt, welche Du von der Kuh bekommſt, die ich dir geſchenkt habe, ſo darfſt Du doch wohl nicht glauben, daß ich in Unkenntniß davon lebe, ich, die es doch ſo gut weiß, wie Du ſelbſt, und manchmal ſchon Gott dafür dankte, daß ich eine ſo gute Tochter habe.— Sage mir nur, mein Kind, warum 34 wirſt Du ſo böſe, wenn ich von deinem guten Herzen rede?“ „Darum, Mama, weil ich glaube, meine Hand⸗ lungen verlieren allen Werth, wenn ſie zu einem Gegen⸗ ſtande des Lobes werden.— Das Gute bringt ſeinen eigenen Lohn mit ſich, und ich finde mich verletzt, wenn man davon redet. Es iſt, als ob ich nicht zu Gott auf⸗ zuſehen wagte; denn was thue ich eigentlich?— nur meine Pflicht, Etwas, das jeder Menſch thun muß. Nun wenn es ſo iſt, ſo gibt es auch nichts daran zu lobpreiſen. Wenn ich von meinen Armen heimkehre, ohne daß Je⸗ mand anders als Gott und ich ſelbſt davon weiß, ſo fühle ich mich glücklich und vergnügt. Aber wenn Mama davon zu reden anfängt, wie gut ich bin, oder andere Leute ſagen Etwas davon, ſo iſt meine Freude dahin, und ich werde unglücklich, gedemüthigt, mißvergnügt und fürchte immer, es möchte das Begehren nach Lob ſich bei dem, was ich thue, einſchleichen und meinen Hand⸗ lungen allen Werth in Gottes und meinen Augen be⸗ nehmen.“ Die Mutter lächelte mild der Tochter zu, ſtreichelte und küßte ſie zärtlich, ohne Etwas zu ſagen, aber die liebevollen Augen verriethen mehr als Worte. Ellen umſchlang mit ihren Armen die Mutter, und ſchmiegte ſich vertrauensvoll an das ſo zärtliche, ſo reine und holde Mutterherz.— Nach Tiſch, als die Probſtin auf ihr Zimmer hin⸗ aufgegangen war, um ein Mittagsſchläfchen zu machen, warf Ellen einen Shawl um, und knüpfte das ſchwarze Halstuch über den Kopf; denn das Wetter war jetzt ganz grau und kühl. Sie ſteckte einige Zwiebacke in die Taſche, nahm aus ihrem Schubkaſten ein Päckchen mit Kaffe 3⁵ und Zucker, den ſie Anders in der Stadt hatte kaufen laſſen, und wanderte des Wegs am Fluße hin nach einem Dorfe Namens Wanna. Als Ellen ſo allein dahin ging, hatte ſie etwas Träumeriſches in ihrem Blicke, was deutlich zu erkennen gab, daß die Einbildungskraft die Hauptrolle in ihrer Seele ſpielte; aber ſie war von einem ſo ungewöhnlich guten und milden Herzen, einer ſo tiefen Ehrfurcht vor Gottes Willen geleitet, daß die Phantaſie nur von holden und reinen Bildern erfüllt war. Sie hatten nichts von den fröhlichen und ſchwindelnden Träumen der Jugend. Nein, es ruhte ein melancholiſcher Ernſt über ihrer ganzen Seele, und nicht einmal als Kind hatte ſie ſich einer ſtür⸗ miſchen Freude überlaſſen. Ihr Vergnügen beſtand darin, Erzählungen von ſchönen großmuͤthigen Thaten, religiöſe Betrachtungen, oder zum Herzen redende Dichtungen zu leſen, und her⸗ nach unter dem klaren blauen Sommerhimmel zu träu⸗ men;— aber es fanden ſich auch Augenlicke, wo ſie auf ihre unſchuldige und harmloſe Weiſe heiter war. Sie hatte zugleich ein ſehr empfindliches Gemüth, was be⸗ wirkte, daß ihr das geringſte Wort des Tadels wehe that. Zenn ſie ſo traurig war, grübelte ſie über ihre Fehler nach und fühlte ſich ſchwer unglücklich. Wie es mit allen poetiſchen Naturen der Fall iſt, war auch Ellen ſich un⸗ gleich; ſie konnte ſich ſehr leicht von dem Eindrucke des Augenblicks hinreißen laſſen und hernach über etwas Anderem alsbald ihres Entzückens vergeſſen; aber dieß alles hatte ſeinen Urſprung darin, daß ſie mit der Welt in und außer ihr nicht in Harmonie gekommen war. Außer Ellen hatte der Probſt einen Sohn, Fridolf, um zwei Jahre älter als die Schweſter. Er war Stu⸗ 36 dent und ſollte Geiſtlicher werden. Die beiden Geſchwiſter waren beinahe ohne andere Spielkameraden mit einander aufgewachſen und beide von gleicher Gemüthsart. Dieß begründete zwiſchen ihnen eine ſtarke und innige Freund⸗ ſchaft. Fridolf, von feſtem Charakter, gut, ſchwärmeriſch und ernſt, war für Ellen das Ideal der Vollkommenheit geworden, welchem ſie nachſtrebte. Er war ihr Gewiſſen, die beſſere Stimme in ihrem Herzen, wie ſie meinte. Niemals hatte Fridolf ſeinen Eltern einen Kummer ver⸗ urſacht. Mit Fleiß und Liebe hatte er als Knabe ſeine Studien begonnen, mit Fleiß und Liebe ſie fortgeſetzt. Er konnte mit Recht ſeiner Mutter Glück, ſeines Vaters Stolz, und ſeiner Schweſter Freude genannt werden. Aber kehren wir zu Ellen zurück. Ungefähr auf halbem Wege nach Wanna begegnete ſie Arnold und Arlborg. Es regnete gelinde, und die Herren waren mit Regenſchirmen verſehen. Ellen run⸗ zelte die Stirne vor Mißvergnügen über dieſes Zuſam⸗ mentreffen. Die Herren begrüßten ſie, und der Notar beeilte ſich, ihr ſeinen Schirm anzubieten, aber Ellen lehnte ihn ab. „Nein, ich danke,“ ſagte ſie.„Ein Schirm würde mich nur beſchweren, und im Uebrigen regnet es ſo fein und unbedeutend, daß ich mich als Landmädchen nicht davor fürchte.“ Damit machte Ellen eine ganz beſtimmte Abſchieds⸗ verbeugung und ſetzte ihren Weg fort. „Die Stichelei auf den Schirm galt uns,“ ſagte Kuno lachend.„Dein ſanfter Engel kann auch ein wenig ſcharf ſeyn. Sie kann doch wohl keinen Spaziergang — 3 3 41 37 machen,“ ſetzte er, ihr nachſehend, hinzu,„wo ſie jetzt hin will?“ „Vermuthlich zu der Frau aus Stockholm, welche den Sommer in Wanna zubringt.“ „Was iſt das für eine närriſche Perſon, die ein Zelt in dieſem ſchwediſchen Sibirien aufſchlägt?“ „Es iſt Mamſell Bendels Schmeſter, die Majorin Salden, lang und mager, noch jung, ſehr ſteif und ſehr ſtolz. Sie ſteht im Rufe, gebildet zu ſein, und glaubt es ohne Zweifel ſelbſt.“ Noch immer ſtanden die Herren da und ſahen Ellen nach; endlich äußerte der Bezirksrichter: „Sie ſchien mit ihrem beſtimmten Abſchiedsgruß uns verbieten zu wollen, ihr zu folgen, aber ich ſehe nicht ein, warum wir uns darnach richten ſollten. Laß uns alſo umkehren und ſehen, wo ſie hingeht.“ Ohne eine Ahnung, daß man ihr folgte, marſchirte Ellen mit ſchnellem Schritte Wanna zu. Gleich am Anfang des Dorfes, und nicht weit von der Wohnung des Komminiſters, lag ein altes und ver⸗ fallenes Holzhaus. Die Balken waren von Alter und Mangel an Beſtrich grau geworden. Ellen ging in dieſe dürftige Wohnung hinein. Sie gelangte zuerſt in eine große, äußerſt ſpärlich möblirte, mit einem Kamin, ſtatt eines Kachelofens verſehene Stube. Aus der daranſtoßenden Kammer trat eine hochgewachſene magere Frau heraus, ärmlich, aber rein⸗ lich gekleidet, mit einem ſchüchternen Blick und einem bleichen, leidenden Angeſicht. „Ach, ſieh' da, Ellen!“ rief ſie, und wie ein Licht⸗ ſtrahl fuhr es über ihre leidenden Züge.. „Guten Tag, Nora! Biſt Du böſe auf mich, daß 38 ich ſo lange nicht hier geweſen bin,“ ſagte Ellen herzlich. „Aber ſiehſt Du, nun komme ich auch, um bei dir Kaffee zu trinken.“ Ellen begab ſich in die Kammer, welche äußerſt ſauber apar, aber von großer Armuth zeugte. „Da bin ich, laß nun die Alte für uns Kaffee machen.“ „Ach! Ellen, wie biſt Du immer ſo gut und lieb gegen mich!“ ſagte Nora gerührt. Eine Weile hernach ſaßen Ellen und Nora am Tiſche und tranken ihren Kaffee, das heißt, Ellen ge⸗ noß eine halbe Taſſe, während ſie Nora zwei trinken ließ. Nora R. war die Tochter des früheren, ſchon vor vielen Jahreu verſtorbenen Komminiſters. Sie hatte ihre Jugend in tiefer Armuth hingeſchleppt, während ſie mit nie ermüdendem Eifer ihren blödſinnigen Bruder pflegte, der von den Kinderjahren an in dieſem bekla⸗ genswerthen Zuſtande ſich befunden hatte. Einſam und arm hatte Nora von ihrem zwanzigſten Jahre an deſſen Wärterin gemacht, und ſeitdem waren weitere zwanzig Jahre vergangen. Ellen war in den letzten Jahren die Beſchützerin der bedrängten Pfarrerstochter, ihr Troſt und ihre Freude geweſen; ſie war es geweſen, welche ihre Bekümmerniß milderte und ihr manche frohe Ueberraſchung bereitete. Schon als Kind hatte ſie dieſelbe mit Milch und mit Kartoffeln aus dem Garten der Probſtei verſehen, war bittend ihrer Mutter zur Seite geſtanden, wenn im Probſthofe geſchlachtet oder gebacken wurde, und dann frohen Herzens mit friſchem Brod, friſchem Fl di und 4 dergleichen zu Nora gewandert. 39 Ellen war vom Kind zum Mädchen herangewachſen, aber ihr Herz daſſelbe geblieben. Sie ging zu Nora, um ſie aufzuheitern, brachte immer eine Gabe mit, und un⸗ terrichtete ſich genau von dem, was ihr Schützling be⸗ dürfte. Es iſt alſo nicht zu verwundern, wenn die arme, von der Welt vergeſſene Nora mit Leib und Seele an Ellen hing. Jetzt ſaß unſere Ellen da, und redete mit Nora von ihrem kleinen Haushalte, und was ihr und ihrem blöd⸗ ſinnigen Bruder dabei abging, mit einem ſo warmen und theilnehmenden Intereſſe, als ob dieß insgeſammt ſie ſelbſt betroffen hätte. Nachdem ſie Alles, was Nora intereſſirte, beſprochen hatte, ſuchte ſie mit einigen herz⸗ lichen Worten dieſelbe zur Hoffnung und Geduld zu er⸗ muntern. Die Arbeitsuhr auf dem Hüttenwerk hatte bereits Sieben geſchlagen, als Ellen ihren Schützling verließ und nach Hauſe zurückkehrte. Das Gewölke hatte ſich ver⸗ loren, der ſtarke Wind ſich gelegt, und die Abendſonne ſchien lächelnd auf die von den Regentropfen erglänzende Erde, aus deren Schooße ein balſamiſcher Duft aufſtieg; und die Vögel ließen nun munter ihre Triller im Walde ertönen. Auf dem Heimwege begegnete Ellen einigen Frauen vom Hüttenwerke, welche, um den ſchönen Abend zu ge⸗ nießen, ausgegangen waren. In ihrer Begleitung be⸗ fand ſich Arnold. Als ſie mit Ellen zuſammentrafen, kehrten ſie um und ſchloſſen ſich ihr an. „Wir haben uns heute ſchon einmal getroffen,“ ſagte der Notar zu Ellen,„aber Sie waren ſo ungnädig, Mamſell Gällner, daß ich wirklich fürchtete, Sie ſeyen böſe auf uns.“ „Nein,“ antwortete Ellen lächelnd,„aber ich wollte die Geſellſchaft der Herren nicht haben.“ „Das bewies ja, daß Sie mißvergnügt waren.“ „Ganz und gar nicht, ich fand nur keine Unter⸗ haltung dabei,“ erwiederte Ellen mit der ihr eigenen Aufrichtigkeit. „Da werde ich wohl am beſten thun, auch jetzt mich zurückzuziehen,“ bemerkte der Notar, ganz un⸗ glücklich ausſehend. „Nein, thun Sie das nicht. Jetzt finde ich die Geſellſchaft des Herrn Notar ganz angenehm; aber dieſen Nachmittag hätten Sie mich wirklich beläſtigt.“ „Vielleicht deßhalb, weil Sie zu Mamſell R. gingen?“ „Ich kann Fragen nicht leiden, und noch weniger gefällt es mir, wenn der Herr Notar den Spion bei mir macht.“ Ellen ſah zum Himmel empor, und der Notar auf ſie. Darauf begann er mit Alba und den an⸗ dern Frauen zu reden. Als der Notar nach Hauſe kam, bemerkte er ge⸗ gen ſeinen Freund Arlborg, welcher auf dem Sopha lag und rauchte: „Auf Ehre und Gewiſſen, ich verſtehe mich nicht mehr auf Mamſell Gällner. Sie hat ſich wahrhaftig ſehr verändert, ſeitdem ich hier im Orte Informator geweſen. Sonſt war ſie wirklich entzückend.“ „Ach ſo,“ erwiederte Kuno ſpöttiſch,„der Engel hat alſo ſchon aufgehört Engel zu ſeyn.“ 4 „ Ich fürchte, ſie iſt eine Kokette geworden, und man hat ſie verzogen.“ „ und dem biſt Du ſo ſchnell anf den Grund gekommen!“ ſagte Kuno lachend. VI. Vierzehn Tage waren verfloſſen, und man ſtand jetzt im Juni. Am ſechſten war die Landgerichts⸗ Sitzung verkündigt, und mit der gewöhnlichen Vorbe⸗ reitungspredigt eröffnet worden, worauf ſich ſowohl Richter als Prediger und mehre zu den Sitzungen ein⸗ getroffene Standesperſonen nach der Wohnung des Hüttenwerkbeſitzers Lönner, von welchem ſie zum Mit⸗ tagsmahl eingeladen waren, verfügten. Nach demſelben fanden ſich auch die Frauen vom Probſthof, welche man gebeten hatte, ein. „Nun, der Bezirksrichter ſcheint es ja in vollem Ernſte auf die Gaſtfreundſchaft der Tante abgeſehen zu haben?“ äußerte Frau Berg gegen die Probſtin „Er iſt ja täglich im Probſthofe. Hieher auf das Hüttenwerk kommt er niemals.“ „Gällner intereſſirt ſich für ihn,“ antwortete die Probſtin,„und mir kommt es auch vor, als ob er ein ganz angenehmer Mann wäre, obwohl mich der zuweilen etwas häßliche Zug um den Mund genirt: er flößt mir ein Gefühl von Furcht ein.“ „Ah, was ſagſt Du da, Mamal! das lautet ja als ob Du ihn für bösartig hielteſt,“ fiel Ellen ein und ſchaute die Mutter an. 3 „Siehſt Du, Alba,“ ſagte die Probſtin lachend, „jetzt meint Ellen wieder, ich ſey zu ſtreng.“ .„Und ich meinte, daß Du, beſte Anna, jetzt wie immer dich ſehr ſchonend äußerteſt. Wenn ich ein Urtheil 4 4— Schwartz, Novellen. II. 42 über den Bezirksrichter ausſprechen ſollte, ſo würde es dahin ausfallen, daß er an Herz und Seele boshaft iſt.“ „Pfui, Alba!“ rief Ellen heftig.„Gedenkſt Du ſo fortzufahren, ſo will ich nichts weiter hören. Wie kannſt Du wiſſen, daß er an Herz und Seele bösar⸗ tig ſey? Das iſt Etwas, wovon ein Menſch in Be⸗ zug auf den andern niemals Kunde hat. „Du biſt ja ſelbſt der Meinung geweſen, daß er ‚minder gut' ausſehe, als er das erſte Mal dir unter die Augen kam,“ erwiederte Alba lächelnd. „Ja, aber darin hatte ich Unrecht. Seine Art und Weiſe iſt ſo ungewöhnlich, daß....“ „Daß er den Eindruck macht, als ob er nicht mit viel Herz geboren wäre,“ ſetzte Frau Berg ſcher⸗ zend hinzu.„Süße, gute Ellen, ſchau' nicht ſo miß⸗ vergnügt drein,“ fuhr ſie fort, als Ellen halb erzürnt ſich erhob.„Ich verſichere dich, mir dünkt, er iſt ſehr intereſſant im Geſpräch, geiſtvoll, witzig und gebildet; auch hat er ein ſo vortheilhaftes Aeußere, daß er ohne Uebertreibung ſchön genannt werden kann; aber es liegt Etwas von einer Zauberſchlange, Etwas von dem leidigen Verſucher in ſeinem Blicke, das in Ver⸗ einigung mit dem dämoniſchen Lächeln Einen unwill⸗ kürlich auf den Gedanken an einen böſen Geiſt bringt.“ „Nina, Nina! Ich hätte niemals geglaubt, daß Mu⸗ ſonſt ſo gut, in deinem Urtheile ſo hart ſeyn önnteſt!“ entgegnete Ellen unzufrieden und nähte fleißig fort, ohne mit einem einzigen Wort ſich weiter in das Geſpräch zu miſchen. Eine Weile harnach, als der Thee ſervirt worden wuar, traten der hte⸗ der Notar, der Kron⸗ vogt und der Polizeiinſpektor zu den Damen ein. 43 Kuno trug einen ſchwarzen Ueberrock, Weſte und Beinkleider von derſelben Farbe. Sein erſter Blick auf der Schwelle des Gaſtzimmers fiel auf Ellen; er glich einem Blitz, ſo ſcharf und durchdringend war er. Cllens klare, tiefe Augen begegneten den ſeinigen, aber ohne daß das junge Mädchen hiebei erröthete oder in einige Bewegung zu gerathen ſchien. Das Ein⸗ zige, was aus ihrer Miene momentan herauszuleſen, war ein Anflug wie von Mitleid, dadurch hervorge⸗ rufen, daß ſie einige Augenblicke zuvor ihn ſo ſtreng beurtheilen gehört hatte. Niemals war Kuno's Aeußere in einem vortheil⸗ haftern Licht erſchienen, als dieſen Abend, da das höhniſche Lächeln ſich nicht ſehen ließ, und ein Zug von Trauer um den Mund weilte. 3 Sein Gruß war ungezwungen und anmuthig. Er nahm Platz neben der Probſtin, während der No⸗ tar ſich den jüngern Leuten beigeſellte und bald in vollem Geſpräch darüber begriffen war, wie man es anſtellen ſollte, um ſich über Mittſommerfeſt die mög⸗ lichſte Unterhaltung zu verſchaffen. Er und Frau Berg machten Vorſchläge, welche zwar den lauten Beifall von den Fräulein Lönner erhielten, aber von Alba verworfen wurden. Ellen ſaß ſchweigend da und nahm an der Berathung keinen Theil. Sie war in übler Stimmung. Kuno äußerte gerade: 1 „Ein Richter ſollte eigentlich von Natur ohn Gefühl ſeyn, um ohne Schmerz ſeinem Berufe obliegen zu können.“ „Gibt es dießmal einen beſonders erregenden 44 Fall?“ fragte die Probſtin.„Wir haben, Gott ſey Dank, ſeit langer Zeit von keinem Verbrechen gehört.“ „Das, welches vorfiel, iſt erſt heute Nacht be⸗ gangen worden.“ „Heute Nacht,“ rief Ellen und ſah mit Schrecken auf. „Ja,“ antwortete Kuno, indem er ſeinen Blick beharrlich auf ſie gerichtet hielt,„die Verbrecherin iſt erſt heute Morgen in Verhaft genommen worden, und die Miſſethat gehört zu denen, welche niederſchlagender als gewöhnlich auf den Richter einwirken. Es iſt ein Kindsmord.“ Ellen erbleichte und ihr Blick verfinſterte ſich. Kuno fuhr, ohne die Augen von ihr abzuwen⸗ den fort: „Er iſt von einem jungen Bauernmädchen, Stina, Bengts Tochter zu Forsby, begangen worden, um ihre Schmach vor den bejahrten Eltern zu ver⸗ bergen.“* „Die Unglückliche,“ flüſterte Ellen mit Thränen in den Augen.„Und die armen Eltern!“ ſetzte ſie mit tiefer Rüuhrung hinzu. Bekllagſt Du die Verbrecherin?“ fiel die Majorin Salden etwas ſcharf ein.„Ich für meinen Theil finde Nichts greulicher und ſtrafbarer als eine Mutter, welche ihr Kind umbringen kann, und das Geſetz iſt in dieſem Fall nunmehr unverzeihlich mild; darum kommt auch ſo mancher Kindsmord vor.“ „Und ich als Richter finde dagegen kein Ver⸗ brechen, welches mein Mitleid ſo ſehr erweckt, als dieſe That einer armen Frau, welche von Scham und Ar⸗ muth niedergebeugt, in einem Augenblick von Ver⸗ zweiflung ihr eigenes Gefühl erſtickt und an ihr Kid die Hand legt; aber auch hier kommt viel auf die Umſtände bei der Ausführung des Verbrechens an. Ach, Madame, das Geſetz darf in einem ſolchen Fall nicht allzu ſtreng ſeyn.“ Kuno ſprach dießmal mit einem Ausdruck wirk⸗ licher Rührung. Es trat eine Pauſe ein. Ellen wandte ſich ab, um ihre Thränen zu verbergen. Die Probſtin unterbrach das Stillſchweigen. „Und in welcher Gemüthsſtimmung befindet ſie ſich?“ „Sie ſcheint von Reue und Verzweiflung nieder⸗ gedrückt.“ „Und die armen Eltern?“ „Es iſt vielleicht noch ergreifender, die alte Mut⸗ ter des jungen Mädchens, eine kräftige Bauersfrau mit ſtrengen und ernſten Zügen, zu ſehen. Als ſie in den Gerichtsſaal eintrat und die Tochter gewahrte, fiel ſie, ohne ein Wort zu ſprechen, beſinnungslos zu Boden, und der Vater, ein großer, ſtarker Mann, ver⸗ barg das Angeſicht in den Händen und begann wie ein Kind zu weinen.“ Kuno ſprach mit Gefühl. Eine allgemeine Stille entſtand. Das muntere Geplauder unter der Jugend hatte aufgehört. Ellen hielt noch immer ihr Geſicht abgewendet, um ihre in Thränen ſchwimmenden Augen vor Niemand ſehen zu laſſen. „ Ach!“ nahm die Probſtin wieder das Wort, rich kenne Bengt Bengtſon und Mutter Brita. Sie ſitzen auf einer ſehr kleinen, zu einem Hofgut gehöri⸗ gen Parzelle, aber ſind arbeitſame, in gutem Rufe ſtehende Leute. Ihr ganzer Stolz und ihr einziger Reichthum war die hübſche Stina. Mutter Brita iſt 46 eine ſtrenge Frau, aber ſie hat nach ihrer Weiſe ihre Tochter warm und innig geliebt. Die armen unglück⸗ lichen Eltern! Was wird ihr Loos ſeyn?“ „Vor Scham zu ſterben, oder mit Verzweiflung im Herzen zu leben,“ antwortete Kuno in einem Ton von Bitterkeit, welcher zur Folge hatte, daß Ellen haſtig ſich zu ihm umwandte und Alba aufſah, um den Ausdruck, den jetzt ſeine Züge trugen, zu erforſchen. Kuno hatte eine Zeitung ergriffen und blickte in dieſelbe. Die Miene war kalt und düſter, der Mund feſt geſchloſſen. Eine Weile hernach, als man von etwas Ande⸗ rem zu ſprechen anfing, ſtand Kuno auf und ſetzte ſich neben Ellen, welche fleißig fortarbeitete, ohne an dem Geſpräch ſich zu betheiligen. „Ich habe mit meiner Verbrechergeſchichte Sie verſtimmt, Mamſell Gällner.“ „Man kann unmöglich den traurigen Eindruck verbannen, welchen das Bewußtſeyn von den Leiden unſerer Nebenmenſchen verurſacht.“ „Was ſoll dann ein Richter empfinden, welcher nur unter Verbrechen und Elend zu Hauſe iſt; wel⸗ cher nur die Schattenſeiten des Lebens erblickt?“ „Er ſoll ſeinen Troſt und ſeine Stärke darin ſuchen, daß er dazwiſchen die Lichtſeiten des Lebens betraͤchtet und das Bewußtſeyn, ſeine Pflicht recht⸗ ſchaffen erfüllt zu haben, in ſich trägt.— Aber Sie äußerten Etwas, Herr Bezirksrichter, das.....“ Ellen ſchwieg. „Was?— Ich bitte, fahren Sie fort.“ „Das einen ſchmerzlichen Eindruck auf mich machte. 4 „Und es war?“ 47 „Daß den unglücklichen Eltern Nichts als Tod oder Verzweiflung übrig bleiben ſollte.“ „Sagen Sie mir, was ihnen wohl noch bleibt, nachdem ſie ihren einzigen Reichthum verloren haben?“ „Gott!“ Ellen ſprach dieſes einzige Wort mit einer ſo vertrauensvollen Ueberzeugung aus, daß Kuno ganz erſtaunt ſie anſah. Der höhniſche Zweifler empfand ein eigenthümliches Beben bei dem Laut ihrer Stimme in ſeinem Herzen; aber als ob er ſich dieſer Bewe⸗ gung geſchämt hätte, ſtand er auf und entfernte ſich. Was Ellens Gefühle waren, wiſſen wir nicht, aber ſie beugte ſich über ihre Arbeit nieder und nähte fleißig fort. Einige Augenblicke darauf hörte man Kuno's Stimme aus dem anſtoßenden Zimmer. Er ſcherzte munter an einem Spieltiſche, wo er ſich nieder⸗ gelaſſen hatte. Während man die Karten gab, äußerte der Kronvogt: „Ich habe mir ſagen laſſen, Herr Bezirksrichter, daß Sie ſtark im Spiele ſind.“ „Das will ich nicht behaupten, aber ich habe es im Allgemeinen gern. Der eigenthümliche Sinnenreiz im Spiel behagt mir. Es iſt Etwas, das die Seele aus der alltäglichen Betäubung erweckt.“ „Er iſt Spieler,“ dachte Ellen. „Beliebt Ihnen Punſch oder Toddy?“*) fragte die Wirthin. „Ich bitte um Punſch; das iſt ein Geſchmack, den ich noch von der Studentenzeit beibehalten habe. Hat man, wie jetzt, ein Glas guten Punſch, eine ächte 48 Cigarre, und dazu einen Spieltiſch vor ſich, ſo genießt man das Leben auf dreifache Weiſe.“. „Pfui, er trinkt auch,“ dachte Ellen.„Nein, er gefällt mir nicht. Da halte ich viel mehr auf den Notar, welcher ganz ſittſam hier ſitzt und mit den Mädchen plaudert. Ich bin recht unartig gegen ihn geweſen, und er iſt doch ein alter Bekannter, ich habe den ganzen Abend kein Wort mit ihm geſprochen.“ Sofort begann Ellen mit Arnold zu reden, wel⸗ cher ſich dadurch geſchmeichelt fand und nun friſch weg über Theater, Romane und alles, was nur un⸗ terhaltend ſeyn konnte, ſich ausließ und es endlich dahin brachte, daß Ellen dabei einige Heiterkeit und Theilnahme an den Tag legte. Aber was Ellen nicht wußte, oder worauf ſie nicht Acht gab, war, daß der Spieltiſch der Herren im Zimmer nebenan einen ſolchen Platz hatte, um es Kuno, der gegenüber von der Thüre ſaß, möglich zu machen, die mindeſte Bewegung von ihr wahrzu⸗ nehmen. Er bemerkte, wie ſie mit Arnold ſchwatzte, lachte und ſehr lebhaft ausſah. Kunoss freie Scherze verſtummten; die Aufmerk⸗ ſamkeit auf das Spiel wurde ſo ſehr beeinträchtigt, daß er einen Fehler nach dem andern machte— ein⸗ zig deßhalb, weil er die Augen im Spiegel hatte und dabei dachte: „Sie iſt meiner Seele recht hübſch gefallſüchtig, das unſchuldvolle Mädchen! Seht einmal, wie ſie mit den Augen kokettirt, wie munter ſie iſt! Und ich, der Thor, der ich mich beinahe durch Blick und Ton von ihr habe hinters Licht führen laſſen! Alles iſt nichts als Koketterie. Sie gedenkt bei mir mit Sentimenta⸗ 49 lität, und bei dem ſittſamen Narren Joſeph mit ihrer Munterkeit anzuſchlagen.“ Jetzt verlor der Bezirksrichter durch ſeine Schuld zwei Spiele, warf ſein Punſchglas um und überließ endlich ſeinen Platz dem Kommiſſär.— Er ging in den Saal hinaus, trank ein Glas Waſſer und trat ſofort in das Gaſtzimmer mit ſeinem höhniſchen Lä⸗ cheln und ſcharfen Ausdruck im Blick. „Er iſt verlobt!“ rief eines der Fräulein Lönner. „Wie kann eine Perſon es wagen, ſich mit ihm zu verloben? Obwohl ich ſechsunddreißig Jahre alt bin, hätte ich nicht den Muth dazu,“ ſagte Alba. „Ah ſo, der Herr Bezirksrichter iſt verlobt,“ ſagte Ellen langſam;„das muß wohl ein reiches und ſchö⸗ nes Mädchen ſeyn,“ ſetzte ſie hinzu.„Er, mit ſeinem vortheilhaften Ausſehen, darf wohl keine andere wählen.“ Niemand von den Sprechenden hatte bemerkt, daß Kuno unter der Thüre ſtand. Aber der argwöhniſche Mann nahm für ausgemacht an, daß Ellen ihn ge⸗ ſehen und aus dieſem Grunde jene ſchmeichelnden Worte über ſein Ausſehen geäußert habe.— Obwohl Kuno's Eigenliebe ſie gewiß nicht unverdient fand, wurde er doch von dem Verlangen ergriffen, Ellen in Verlegenheit zu ſetzen, indem er dieſe Frage ſelbſt be⸗ antwortete. „Noch bin ich nicht verlobt, aber es kann bald geſchehen,“ ſagte er und näherte ſich der Gruppe der Sprechenden;„und wenn auch Mamſell Bendel nicht den Muth hätte, ihr Glück ſo unwürdigen Händen anzuvertrauen, ſo hoffe ich gleichwohl, daß es meiner künftigen Braut nicht daran gebrechen wird; ſie iſt von allzu guter Familie, um feig zu ſeyn.“ 50 „Und ſchön, nicht wahr?“ ſagte Ellen. „Man behauptet es.“ „Wie?“ fiel Alba ein,„Sie wiſſen das nicht, Herr Bezirksrichter? Sie haben dieſelbe noch nicht ge⸗ ſehen? In dieſem Falle wundert es mich nicht, daß ſie den Muth hat, ſich mit Ihnen zu verloben.“ „Meine gute Mamſell, Sie ſind allzu unbarm⸗ herzig gegen mich,“ erwiederte Kuno lachend, indem er neben Alba Platz nahm.„Sie halten mich dem⸗ nach für ſo abſchreckend, daß Niemand, der mich ein⸗ mal geſehen hat, mich zu lieben im Stande iſt?“ „Ja, beinahe,“ entgegnete Alba, welche nicht umhin konnte, ihre eigenen Worte zu belachen, als ihre Augen auf ſein ſchönes Geſicht fielen.„Aber Ellen bekam auf ſolche Art doch nicht zu wiſſen, ob Ihre Braut ſchön ſey.“ „Nun wohl, ich muß ſie natürlicher Weiſe ſchön finden, und Andere behaupten, daß ſie es ſey.“ Der eigenliebige Kuno hätte darauf ſchwören können, Ellen würde jetzt aus Verdruß erröthen; aber ſtatt deſſen bemerkte ſie mit ihrem ſanften Lächeln: „Ah, ich war deſſen gewiß, daß ſie ſchön und gut ſeyn würde.“ „Ueber dem Mädchen bekomme ich noch das Gallenfieber,“ dachte Kuno.„Es iſt ihr ja gar nicht beizukommen. Und ich konnte mir einbilden, ich habe irgend einen Eindruck auf ſie gemacht! Alles recht betrachtet, iſt es Joſeph, dem ſie den Vorzug gibt.“ „Darf ich wohl erfahren, wa mich in Mamſell Bendel's Augen ſo verabſcheuungswürdig macht?“ be⸗ gann Kuno wieder, zu Alba gewendet. 8 5. 51 „Ah, ich habe nicht im Sinn, mich in die Beichte nehmen zu laſſen.“ 8 „Alſo, wenn ich um Sie freien wollte, bekäme ich gewiß einen Korb?“ 4 „Ja, ſicherlich.“ „Warum denn?“ „Ach, mein Gott, freien Sie erſt und dann werde ich Ihnen den Grund ſagen, warum ich Ihnen den Korb gebe.“ „Ich bin ja auf dem Wege mich zu verloben, und muß es demnach leider unterlaſſen.“ Das Souper machte dem Geſpräch ein Ende. VII. Ddie Uhr im Saale des Pfarrhauſes hatte noch nicht ſechs geſchlagen, als leichte Schritte auf der mit Matten belegten Treppe ſich vernehmen ließen, und Ellen leiſe aus ihrem Zimmer herunterſchlich, die Thüre zur Hausflur öffnete und ſich nach dem Stalle begab. Hier war ein Knecht gerade im Begriff, zwei Pferde an einen Langwagen, wie man ihn zu Getreidefuhren zu gebrauchen pflegt, anzuſpannen. „Höre, Anders, Du ſollſt ja Getreide führen?“ ſagte Ellen. „ Ja, Mamſell,“ antwortete Anders, indem er ſeine Mütze lüftete. „Du kommſt durch Forsby?“ „Allerdings.“ „Ich will mit dir bis nach Forsby fahren.“ 5² „Das kann ſchon ſeyn.“ Ellen ſetzte ſich auf den Wagen. „Nehmen Sie auf den Säcken Platz, dann iſt es nicht ſo unmenſchlich hart für Sie, Mamſell, denn der Wagen wird tüchtig ſtoßen, wenn man auf die neubeſchlagene Straße kommt.“ Anders ſchob die Säcke in Form eines Kiſſens zuſammen und Ellen ließ ſich darauf nieder. Dann knallte er mit der Peitſche und ſofort ging es an Akers⸗ holm vorüber. „Höre, Siebenſchläfer! Wer iſt denn die Perſon da, welche auf dem Bauernwagen über Feld fährt? Zum Teufel auch, daß ich ſo kurzſichtig bin,“ ſagte Joſeph von ſeinem Bette aus, von wo er die ganze Straße überſehen konnte. „Kuno wird noch nicht wach ſeyn,“ murmelte der Notar gähnend, da keine Antwort erfolgte.„Hu, wie ſchläfrig ich bin, und doch muß es aufgeſtanden ſeyn, um all den Plunder zu ſchreiben. Eines ſchönen Morgens hänge ich die Rechtsgelehrtſamkeit an den Nagel und laſſe mich bei dem Theater engagiren. Man kann doch nicht dafür, daß man eine ſchöne Stimme hat, und es wäre ſehr ſchade, wenn ſie für das langweilige Vergnügen zu Grunde ginge, weit⸗ läufige Protokolle darüber zu ſchreiben, wie ein armer Teufel einem Reichen ein paar Kappen voll Kartoffeln entwendet hat; wie Weiber ihre Kinder erwürgen und wie Männer ihre Frauen aufknüpfen und dergleichen mehr. Pfui Teufel! Es iſt widerwärtig, auf das Gericht zu fahren. Ich werde mich dafür zu bedanken wiſſen.“ Während dieſes Monnlog zog der Notar ſäinen “ 53 Schlafrock an und ging in Kund's Zimmer; aber dieſes war leer. „Das iſt ja ganz abſcheulich! Er läßt mich allein, um mit meinen Acten mich zu amüſiren,“ rief Arnold jetzt mit wirklichem Verdruß. 3 Aber wir verabſchieden uns von dem Notar und folgen Ellen. Als man in Forsby angekommen war, ſtieg Ellen ab und ſchlug einen Fußpfad ein, welcher zu einem kleinen, einſam gelegenen, rothangeſtrichenen Häuschen führte, das von einem grünen Hofe um⸗ geben war, über welchen ein Elſebeerbaum ſeine laub⸗ reiche Krone ausbreitete. Ein kleines Roſenbeet war auf der einen Seite, ein kleines Krautgärtchen auf der andern angepflanzt. Alles ſah ſo ordentlich und ge⸗ putzt aus. Ellen blieb eine Weile an der Gitterthüre ſtehen, und einige Thränen tiefen Mitleids rannen über ihre Wangen, denn ſie befand ſich nun vor dem Hauſe der jungen Kindsmörderin. Unwillkürlich drängte ſich eine ganze Maſſe von Betrachtungen ihr auf. zie vergnügt und glücklich waren nicht dieſe Eltern in ihrer Niedrigkeit geweſen, als ſie daheim bei ſich die hübſche und fleißige Tochter hatten. Und nun— nun war ſie, der armen Eltern einziges Kind, als Verbrecherin von der Geſellſchaft ausge⸗ ſchloſſen, und ihr graues Haar mit Schmach und Schande bedeckt. Ellen blieb, in dieſe traurigen Betrachtungen ver⸗ ſenkt, lang ſtehen; endlich trocknete ſie ihre Thränen ab, öffnete das Gitter und ging über den Hof in das Häuschen. 54 Als ſie die Stubenthüre öffnete, ſah ſie die alte Mutter am Tiſche ſitzen, die Ellbogen darauf ſtützend, und den Kopf in den Händen verborgen. Die ſonſt ſauber geputzte Stube bewies, daß die ordnungsliebende Hausfrau nicht entfernt an das, was um ſie herum war, dachte. Sie blieb unbeweglich, ohne nur ſich umzuſehen, wer der Eintretende wäre. Wahrſcheinlich hatte ſie nicht einmal gehört, daß die Thüre aufging. Ellen war tief erſchüttert, näherte ſich aber dennoch und ſagte in ihrem freundlichen und herz⸗ lichen Tone: „Guten Morgen, Mutter Brita!“ Die Angeredete fuhr heftig zuſammen und ſchaute mit einer beinahe erſchrockenen Miene auf. Das Antlitz der alten Frau, jetzt von wildem Schmerz entſtellt, war eines von jenen ſtrengen, ernſten und grundehrlichen Geſichtern, welche man nicht ſelten bei Bauern findet. „Mamſell Ellen,“ ſprach dieſelbe in einem bittern Ton,—„was hat die Mamſell in dieſer Wohnung der Schande und des Elends zu thun?— Gehen Sie,“ ſetzte Brita heftig hinzu,„Sie wiſſen nicht, daß hier ein Verbrechen begangen worden iſt, welches den Fluch mit ſich bringt.— Noch bin ich zu ſchwach ge⸗ weſen, um fluchen zu können.“ Die letzten Worte wurden in einem düſtern und hoffnungsloſen Tone ausgeſprochen. Ellen ſetzte ſich auf einen Stuhl neben die Alte. „Wir haben nicht das Recht, zu verfluchen,“ ſagte ſie,„der, welcher flucht, wird wieder verflucht werden.“ „Schweigen Sie, Mamſell Ellen; reden Sie nicht 5⁵ mit den Worten der Schrift zu mir. Gehen Sie und laſſen Sie mich in Ruhe; hat nicht der Fluch mich getroffen, ohne daß ich fluchte? O ich Unglückliche, ich Unglückliche!“ Wiederum ließ ſie den Kopf ſinken und murmelte: „Ueberlaſſen Sie mich meinem Elende und ver⸗ größern Sie nicht meine Schande dadurch, daß Sie davon reden. Gehen Sie, gehen Sie! Oder kommen Sie vielleicht hieher, um meine Schmach zu ſchauen?“ „Mutter Brita,“ flüſterte Ellen in Thränen ſchwimmend,„laſſet nicht von Zorn und Bitterkeit eure Seele erfüllen.“ „Zorn?“ murmelte die unglückliche Mutter,„nein, noch habe ich den Zorn nicht gekannt; es iſt Etwas hier“— ſie drückte die Hand auf die Bruſt,„das entzwei geriſſen iſt. Stina, Stina, warum haſt Du uns das gethan!“ 1„Weinet, dann wird es beſſer, und hernach werdet Ihr mich hören.“ „Ich kann nicht weinen.— Woher ſoll ich Thrä⸗ nen nehmen?“ „Gott wird ſie Euch zur Linderung in Eurem Schmerze ſenden,“ ſagte Ellen, welche ſelbſt bitterlich weinte. Und als die Alte noch immer den Kopf ſchüttelte, begann Ellen von unſerer Pflicht, die Prü⸗ fung mit Geduld zu ertragen, milde und zu Herzen gehende Worte zu reden. Sie ſprach von ihrer Tochter, ſagte, ihr Kind könne durch Reue und Buße Gottes Vergebung gewinnen, und ſie, die arme Mutter, werde in einer beſſern Welt ihre Tochter verſöhnt mit Gott wieder finden. Die alte Frau ſchwieg und hörte den tröſtenden, 56 liebkeichen Worten zu, welche über die Lippen des jungen Mädchens gingen, und nachdem Ellen noch lang von des Erlöſers Geduld und Demuth unter dem Leiden geſprochen hatte, da traten endlich der tief erſchütterten Mutter die Thränen in die Augen. Jetzt ſtand Ellen auf, legte ihr die Hand auf die Schulter und flüſterte: „Weinet euren Schmerz aus, Mutter Brita; es wird Euch dann beſſer zu Gemüthe; aber geht heute nicht zur Gerichtsſitzung.— Der Oberlandrichter hat es Euch ja erlaſſen, dabei zu erſcheinen.“ „Mamſell Ellen, ich muß dorthin und ſollte ich auch ſterben; das arme Mädchen iſt ja mein Kind, und ich kann ſie nicht verlaſſen,“ erwiederte ſchluchzend Mutter Brita. „So möge Euch Gott dann Muth eingeben und Euch tröſten!“ Nach einigen weitern freundlichen Worten von Ellen ſagte die Alte: 1„Gott ſegne Sie für das, was Sie mir geſagt haben!“ Ellen wandte ſich nun zum Gehen, begegnete aber unter der Thüre Kuno. Hinter ihm ſtand Bengt Bengtſon, der Vater der Angeklagten. Es war ein großer, rieſiger Bauer mit einem ehrlichen Angeſicht, welches den Ausdruck einer tiefen Ver⸗ zweiflung trug. Er ging an Kuno vorbei und näherte ſich Ellen mit den Worten: 3 „Dank Ihnen, Mamſell Ellen!“ 5 Er drückte ihr feſt die Hand; darauf verließ das Mädchen mit einer Verbeugung gegen Kuno die Stube, 3 1 Arlborg machte keine Miene, ihr zu folgen. Nachdem er ſie über den Hof und durch das Gitter hatte gehen ſehen, reichte er Bengt die Hand zum Abſchied.— „Sie ſind allzu gütig, Herr Landoberrichter, daß Sie der Gerichtsſitzung anzuwohnen uns erlaſſen, aber die Mutter und ich, wir werden dennoch dort ſeyn. Stina iſt allerdings jetzt ein Kind der Schande und des Verbrechens, aber wir können ihr doch nicht den Rücken kehren und ſie unter all dem Hohn und Spott allein ſitzen laſſen. Und ſo, gnädiger Herr Landoberrichter, möchte ich nur den Namen von... von... des Kindes Vater wiſſen.“ Bengt Bengtſon ballte die Fauſt und ſah furchtbar drohend aus. „Aber der Anblick von euch beiden,“ ſagte Kuno freundlich,„wird nur die Laſt ihrer Gewiſſensqual vermehren und das Verbrechen für ſie ſelbſt um ſo größer machen.“ „Schadet nichts, Herr Landoberrichter, wer Uebel thut, muß Uebel leiden. Je größer das Verbrechen, deſto größer die Reue. Mag ſie unſern Kummer ſehen; aber mag ſie auch ſehen, daß wir ſie nicht verlaſſen und ihr fluchen.“. Kuno ging; aber als er die Gitterthüre hinter ſich hatte, ſchlug er einen Seitenweg, anf dem er auch hieher gekommen war, ein, um Ellen einzuholen. Auf ſeiner Wanderung dachte er: „Etwas Entzückenderes, als die Worte des jungen Mädchens zu der alten Frau, habe ich noch nie gehört. Und wenn ſie wirklich voll Barmherzigkeit und wahr Schwartz, Novellen. II. 5 58 Demuth wäre?— Kuno, Kuno! Biſt Du ein Narr? Sie iſt eine Fromme und glaubt ſich mit ihren Werken der Barmherzigkeit den Himmel zu erkaufen— oder auch eitel und will ſich den Namen der Ortsheiligen erwerben, oder wußte ſie auch, daß ich in der Kam⸗ mer war, und darum ſpielte ſie eine bloße Rolle. Rach einer Weile hatte er Ellen eingeholt. „Ein herrlicher Morgen, Mamſell Ellen! Es ſollte ſich nirgends ein trauriges Herz finden, wenn die Sonne ſo fröhlich ſcheint; aber wenn alle beküm⸗ merten Geſchöpfe eine ſo milde Tröſterin hätten, wie Mamſell Gällner für Mutter Brita war, ſo wäre das eine unſchätzbare Gabe, Gott dafür zu danken.“ „Wiſſen Sie, Herr Bezirksrichter, daß ich es nicht ſehr zartfühlend finde, zu horchen, und es gefällt mir ganz und gar nicht von Ihnen, daß Sie es ge⸗ than haben,“ antwortete Ellen mit einem Anſtrich übler Laune. Verzeihen Sie mir dieſe unrechtmäßige Handlung, welche mir einige Augenblicke ſo reinen Genuſſes be⸗ reitet hat, wie ich ſeit meinen Kinderjahren nicht mehr empfunden habe!“ „Unter der Bedingung, daß der Herr Bezirks⸗ richter mit Niemand, weder mit mir, noch mit Jemand anders davon redet.“ „Das verſpreche ich.“ „Gut; dann ſind wir wieder Freunde,“ ſagte Ellen. „Wir ſind ſomit Feinde geweſen?“ „O nein; aber ich wurde mißvergnügt, als ich den Herrn Bezirksrichter ſah und empfand ein Gefühl von Verdruß.““ 59 Ellen ſprach mit einem ſo underkennbaren Ge⸗ präge von Wahrheit, daß in Kuno auch nicht die leiſeſte Verſuchung aufſtieg, ihre Worte in Zweifel zu ziehen. Er begann auch ſogleich von andern Dingen zu reden und brachte das Geſpräch auf Alba und den geſtrigen Abend. „Können Sie mir ſagen,“ fragte er,„warum Mamſell Bendel ſo ungnädig gegen mich geſtimmt iſt?“ „Ich glaube nicht, daß ſie es in Wirklichkeit iſt.— Alba macht es Unterhaltung, zu ſcherzen, und da kommt es manchmal ein wenig ſcharf heraus; aber ſie iſt im Grunde gut, in der Freundſſchaft beſtändig und reich be⸗ gabt.“ „Gegen mich war ſie unbarmherzig.“ „Als ſie von Ihrer Verlobung ſprach, meinen Sie? „Ja. Meinen Sie nicht auch, daß ſie übel mit mir umging?“ „O nein. Ich bin beinahe derſelben Anſicht wie Alba.“ „Und warum das?“ „Weil mir dünkt, der Herr Bezirksrichter habe zwei große Fehler.“ Kuno ſchaute überraſcht das offenherzige Mäd⸗ chen an. „Und dieſe ſind?“ „Daß Sie möglicher Weiſe allzu viel auf Spielen und Punſch halten, was in Zukunft Ihnen lieber werden kann, als Ihre Frau. Wenn ich an Ihrer Stelle und im Begriff wäre, mich mit einem ſchönen, liebenswür⸗ digen und guten Mädchen zu verloben, ſo möchte ich nicht in meine Ehe zwei ſo häßliche Fehler mitnehme 60 Beſinnen Sie ſich nur, zu welchem Unglück für Ihre Frau dieß führen kann; und würden Sie nicht recht unglück⸗ lich ſeyn, wenn Sie vor derjenigen, welche Sie liebt, er⸗ röthen müßten?“ 4 Kuno war ganz erſtaunt über das Seltſame, wel⸗ ches in dem Umſtande lag, daß ihm ein junges Mädchen ſolche Vorſtellungen machte, und vermochte deßhalb keine Antwort zu geben. Ellen dagegen betrachtete in ihrer Unſchuld ſein Stillſchweigen als eine Folge der Demüthi⸗ gung; das gute, mitleidige Herz kam in Bewegung und ſie ſetzte mit freundlichem Ton und Blick hinzu: „Aber was ich da ſage, iſt recht kindiſch. Der Herr Bezirksrichter liebt ſeine Braut und bedarf alſo gewiß ſolcher Ermahnungen nicht. Uebrigens weiß ich ja nicht einmal, ob Sie dieſe Fehler haben; ich kann im Unrecht ſeyn, daß ich Sie nach Ihren Worten beurtheile.“ „Seltſames Mädchen!“ dachte Kuno.„Wenn ich nur einmal richtig in deiner Seele leſen könnte!“ „Seyen Sie verſichert,“ ſagte er dann laut,„daß ich niemals Ihre warnenden Worte vergeſſen werde; ſie waren gewiß nicht unangemeſſen. Ich habe dieſe Fehler und manche andere, welche ſchwerer gut zu machen ſind. Aber ich werde mich wohl damit tröſten dürfen, daß meine Braut auch die ihrigen hat, bei wel⸗ chen ich meinerſeits Nachſicht üben muß.“ „Sie hat ſicher nicht irgend welche Fehler,“ fiel Ellen lebhaft ein. „Wer iſt ohne Fehler?“ „Aber Sie haben gewiß nicht eine Perſon wählen können, welche nicht möglichſt davon frei wäre.“ Das war ja ſehr artig geſagt. Kuno wußte nicht, 3 was er von dieſem ſonderbaren Mädchen glauben ſollte; 61 hatte ſie vielleicht die Abſicht, ſeine Eitelkeit zu bethören? Er antwortete beinahe ſpöttiſch: „Ein Trinker und Spieler, wie ich, darf es nicht ſo genau nehmen.“ „Ah! Sehen Sie, an meiner Bemerkung haben Sie alſo doch Anſtoß genommen,“ äußerte Ellen traurig. „Wie hat ſie nicht in dieſen wenigen Augenblicken ſo oft die Farbe gewechſelt,“ ſprach Kuno bei ſich; „böſe, mild, verdammend, ſchmeichelnd, bekümmert.“ Dann erwiederte er: „Verzeihen Sie, aber ich konnte Ihre früheren Aeußerungen mit Ihrer nunmehrigen Vermuthung, daß ich nur das Vollkommene lieben könnte, nicht ver⸗ einen.“ „Ach, das iſt ja ſo leicht; Sie, wie alle reich be⸗ gabten Naturen, können Fehler haben; aber Sie können nichts Anderes lieben, als was ſchön und edel iſt.“ „Ich fürchte, ich kann es nicht ſo ganz und gar lieben,“ antwortete Kuno mit einem Schatten von Düſterheit auf ſeinem ſchönen Angeſicht. Ellen ſah die Wolke und dachte:„Er iſt unglücklich,“ und fühlte nun Mitleid mit ihm. „Die Liebe geht von Gott aus; ſie gehört dem Himmel an und muß immerdar in jedem edeln Herzen wohnen,“ flüſterte Ellen.„Und am allerwenigſten können Sie ſo reden, da Sie ſich aus Liebe zu verloben beabſichtigen.“ Jetzt ſtellte ſich bei Kuno ſein höhniſches Lächeln wieder ein, und er antwortete ausweichend: „Wie glauben Sie denn, daß meine beſtimmte Braut beſchaffen iſt?“ 62 Ellen erhob den Blick zum Himmel und ſagte mit einem entzückenden Lächeln: „Jung, ſchön, in glänzendem Vereine mit einem warmen und guten Herzen und einer reinen und flecken⸗ loſen Seele wie der Himmel über uns, und mit einem lebhaften, feurigen und ſprühenden Geiſte.“ „Sie malen ſchön; aber Engel gibt es nicht auf Erden; und wenn es gibt, ſo ſind ſie nicht für mich.— Wenn ich ein einfaches, warmes, unſchuldiges und lie⸗ bendes Herz finden könnte, frei von Verſtellung und Trug, dann würde ich mein Leben lang diejenige an⸗ beten, welche mit ſolchen Eigenſchaften begabt iſt.“ „Zweifeln Sie daran, daß es ein ſolches Herz gibt?“ „Ja!“ „Jetzt, mein Herr, gefallen Sie mir nicht,“ ſagte Ellen mit einem ſo naiven Unmuth, daß Kuno lächelle: aber ſein Lächeln war jetzt frei von Hohn. VIII. Am Abend fand ſich Kuno im Pfarrhauſe ein, zugleich mit den übrigen Gerichtsherrn. „Wie ſteht es mit der unglücklichen Stina?“ fragte Ellen. „Stina iſt ſo krank und ſchwach, daß ſie aus dem Sitzungsſaale getragen werden mußte.— Aber warum quälen Sie ſich mit dem Gedanken an die Ungntihen antwortete Kuno. 4 * 3 „ 8* „ mit dem Probſt vertieft. Der Notax hielt Me 63 „Glauben Sie denn, daß man einen Leidenden vergißt, der ſich in ſolcher Nähe von uns befindet?“ Kuno nahm keinen Theil am Spiel, ſondern blieb den ganzen Abend bei der Probſtin und Ellen ſitzen und redete mit ihnen. Einmal äußerte die letztere: „Werden Sie dieſen Abend nicht ſpielen, Herr Be⸗ zirksrichter?“ „Nein, ich habe die Warnungen, welche Sie mir heute gaben, nicht ſobald vergeſſen. Eine Weile hernach wurde Punſch herumgereicht. „Sollte er nicht nach Ihrem Geſchmas ſeyn?“ fragte die Probſtin. „Nein, ich danke,“ erwiederte Kuno und heftete einen eigenthümlich ausdrucksvollen Blick auf Ellen. „Aber Sie haben doch geſtern Punſch getrunken, Herr Bezirksrichter. Ich verſichere Sie, er iſt gut.“ „Das bezweifle ich nicht; aber ich habe mir ſelbſt das Gelübde gethan, nicht mehr Punſch zu trinken.“ Jetzt ſah Ellen auf, und der Blick, den ſie auf Kuno richtete, war ſo vielſagend, daß er reichen Erſatz für die Entbehrung, welche er ſich auferlegte, enthielt. Wir wollen den Leſer nicht damit ermüden, daß wir Ellen jeden Morgen auf ihrer Wanderung zu den unglücklichen Eltern folgen.— Wir wollen blos er⸗ wähnen, daß das junge Mädchen auf ſeinen Wanderun⸗ gen, ohne es zu ahnen, von Kuno bewacht war, welcher ſehen wollte, ohne geſehen zu werden. Zwei Tage waren vergangen, und Kuno und der Notar waren wieder im Pfarrhauſe, wo ſie beinahe jeden Abend zubrachten. Dießmal aber hatte Kuno ſich Ellen nicht genähert, ſondern in ein politiſches Geſpräch 64 Bendel, welche gleichfalls auf Beſuch da war, eine Strähne Garn. „Nun, die arme Stina iſt ja ſo ſchwer krank, daß ſie wahrſcheinlich dem Verhör morgen nicht beiwohnen kann. Es könnte wohl ſeyn, daß ſie fort muß.“ „Iſt ſie ſo krank?“ fragte Ellen. „Ja wohl; der Doktor ſagte, es ſey wenig Hoff⸗ nung vorhanden, daß ſie geneſe.“ „Wie glücklich, wenn ſie ſtürbe!“ ſagte Alba. „Ja, es wäre gewiß gut für beide, ſie und die Eltern.“ „Gott wird mit Erbarmen auf ſie niederſehen,“ flüſterte Ellen. Man begann von etwas Anderem zu reden. Frau Berg und Frau Lönner kamen vom Hüttenwerk. Ein Spieltiſch wurde für ſie hergerichtet, und als ſie in vollem Zuge dabei waren, glaubte Ellen ſich unvermerkt ſortſchleichen zu können; ſie ſtand alſo auf und verließ das Zimmer. Obwohl Kuno im Saale ſaß, und die Frauen ihren Platz im Wohnzimmer hatten, aus welchem Ellen ſich davon machte, waren von ihm doch der Inhalt des Geſprächs und Ellens Entfernung nicht unbemerkt ge⸗ blieben. Ohne ſich etwas merken zu laſſen, ſtand er gleich⸗ falls auf, trat an eines der Fenſter und ſah die Allee hinab, welche von dem Probſthof nach der Brücke führte. Er war noch nicht lang dageſtanden, ſo ſah er Ellen durch den Zaun hinausſchleichen. Das Einzige, was man von dem jungen Mädchen wahrnahm, war ihr bunt geſtreifter Schäferhut. Sie ging ſehr ſchnell. Er ſah, wie ſie ihren Weg über die Brücke nahm und entdeckte dann, wiewohl aus weiter Ferne, daß 28 8 —— ſeyn, gewiſſenhaft, liebend und unſchuldig.— Das 65 ſie Etwas unter dem Arme trug. Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ſie nach dem Hüttenwerk zu wanderte, nahm er ſeinen Hut, entſchuldigte ſich mit einigen Worten gegen den Probſt, daß er einen Augen⸗ blick nach Hauſe müſſe, und begab ſich dann nach Akersholm, welches in entgegengeſetzter Richtung von der, welche Ellen eingeſchlagen hatte, gelegen war. Kaum dort angelangt, eilte er nach einem der kleinen Eilande hinab, löste ein Boot ab und ruderte hinüber nach dem Hüttenwerk. Darauf wandte er ſeine Schritte nach dem unterhalb deſſelben befindlichen Gerichtshauſe. Als er im Arreſtlokal ankam, fand er den Kerkermeiſter an der Thüre. „Iſt Jemand bei Bengt's Tochter drinnen?“ fragte Kuno. „Ja, Herr Oberlandrichter, des Probſts Tochter. Dieſelbe bat mich, zu öffnen, und da Sie kein Verbot deßhalb hatten ergehen laſſen, ſo...“ 3 „So öffneten Sie.— Daran iſt nichts Unrechtes. Gehen Sie nun; ich ſchließe ſelbſt das Gefängniß wieder und übergebe Ihnen die Schlüſſel.“ Kuno fertigte den Kerlermeiſter mit einer befeh⸗ lenden Bewegung des Kopfes ab, worauf derſelbe ſeines Wegs ging. An die dünne Thüre, welche ihn von der Zelle trennte, gelehnt, horchte er, während mancherlei Gedanken ſich in ſeinem Haupte durch⸗ kreuzten. „Sollte ich wirklich in dieſem einfach erzogenen Mädchen Alles wieder gefunden haben, was ich in meinen erſten Jugendjahren träumte?— Gut ohne Berechnung, barmherzig ohne Anſpruch darauf, es zu 66 iſt in Wahrheit ſehr viel; man kann ſich mit weni⸗ gerem begnügen. Aber ſtill, jetzt redet ſie.“ In der engen Zelle auf einem Strohſack lag eine junge Frau. Das ſchwarze, üppige Haar fiel zu beiden Seiten eines Angeſichts hernieder, welches mit Recht hätte ſchön genannt werden können, wenn es nicht von Verzweiflung und einem heftigen Fieber entſtellt geweſen wäre. Ellen ſtand über dees Lager niedergebeugt. Es war ein eigenthümlicher Anblick: hier das entehrte, verbrecheriſche, von den Menſchen verſtoßene Weſen, bei deſſen Anblick jede Mutter ein gerechter Schauder anwandelte, und jedes Mädchen mit Scham ſich ab⸗ wandte, zermalmt von ſeinem Gewiſſen, niedergedrückt von ſeiner Schmach und zermartert an Körper und Seele; und ihr zur Seite die gute, reine und unſchul⸗ dige Ellen, welche in die Wohnung des Verbrechens niederſtieg, um gleich einem erbarmenden Engel Troſt zu bringen und das Herz zur Reue zu wenden. Auf der Stirne der einen thronte der Unſchuld milde Majeſtät, auf die der andern hatte das Ver⸗ brechen ſein Brandmal gedrückt. „Stina, Du biſt krank; hat deine Mutter Kunde davon?“ „Mamſell Ellen, Sie hier!“ murmelte Stina und verbarg ihr Angeſicht in den Händen. „Weiß deine Mutter, wie krank Du biſt?“ wie⸗ derholte Ellen in ſanftem Tone. „O reden Sie nicht von ihr,“ ſchluchzte Stina, „was ſoll nun aus den alten Leuten werden, welche ſo ſtolz auf mich waren?“ 67 „Sie ſind von Kummer und Verzweiflung nieder⸗ gebeugt. Warum haſt Du es vor ihnen geheim ge⸗ halten? „Weil das Böſe Macht über mein Herz gewonnen hatte, und hernach.... hernach.... konnte ich meine Schande nicht ertragen.“ „Stina, man kann vor Demüthigung, vor Reue, vor Scham ſterben, aber....“ Ellen hielt an; ihre Gutmüthigkeit wehrte ihr, fortzufahren. „Aber morden,“ wimmerte Stina, die Hände rin⸗ gend,„iſt eine Sünde, welche weder Gott noch Menſchen vergeben können.“ Ellen ſchwieg eine Weile; ſie weinte. Darauf ſagte ſie mit ihrer unbeſchreiblich ſeelenvollen Stimme: 3„Die Unermeßlichkeit von Gottes Erbarmen kön⸗ nen wir nicht faſſen, und ich bin nicht gekommen, liebe Stina, um dein Richter zu ſeyn, ſondern um, ſo viel es in meinem Vermögen ſteht, dir Troſt und Linderung zu bringen.— Sage mir, willſt Du nicht mit deiner Mut⸗ ter reden, willſt Du nicht einen Geiſtlichen haben?“ „Der Vater iſt hier geweſen,“ antwortete Stina ſchluchzend,„aber er hat geſagt, er müſſe zuvor den Na⸗ men von dem wiſſen, der.... der....“— Sie konnte den Satz nicht vollenden—„dann dürfte ich mit der Mutter ſprechen.— Und der würdige Probſt wird wohl ein ſo verworfenes Weſen, wie ich bin, nicht ſehen wollen.“ „Haſt Du ſonſt noch einen Wunſch?“ „Nein!— Ach, wenn ich die Mutter ſehen dürfte; wenn ich mein Gewiſſen vor dem Probſt erleichtern dürfte!“ 4 68 „Das ſoll dir werden, Stina.“ Ellen ſetzte ſich nun auf einen gebrechlichen Stuhl und goß aus einem kleinen Fläſchchen, welches ſie ſammt einer Taſſe mit zebracht hatte, ein wenig kalte Bier⸗ ſuppe ein, welche ſie Stina zum trinken reichte. Darauf redete ſie noch einige ernſte Worte davon, daß Stina ihre Zuflucht zu Gott nehmen und ihm ihre ſchwere Sünde abbitten müſſe. Sie redete aus der Tiefe ihres Herzens, und die Worte gingen auch zu Herzen. Endlich ſtand ſie auf und gab Stina ein Exemplar des Neuen Teſtaments, welches ſie mitgebracht hatte, darauf entfernte ſie ſich. Ellen klopfte leicht an die Thüre, welche anfging und ſogleich hinter ihr geſchloſſen wurde, und wiederum befand ſie ſich Auge in Auge Kuno gegenüber. Sie er⸗ röthete und ein Wort des Verdruſſes ſchwebte auf ihren Lippen; aber er kam ihr zuvor und ſagte in gerührtem Tone: „Zürnen Sie nicht, ich bitte!“ Darauf eilte er hinweg. Ellen kehrte mit zerſtreuter Miene und träumeri⸗ ſchem Blick nach Hauſe. Sie nahm einen Umweg und trat in das Wohnzimmer, kurz nachdem Kuno ſich im Saale wieder eingefunden hatte. „Wo biſt Du geweſen, liebe Ellen!“ fragte Alba. „Ich habe nach meinen Blumen geſehen,“ ant⸗ wortete Ellen.„Wie geht es im Spiele?“ ſetzte ſie hinzu und nahm an Alba's Seite Platz. „Ich habe von dem Gefangenwärter gehört, daß Bengt'’s Tochter ſich einen Geiſtlichen wünſcht,“ ſagte Kuno zu dem Probſt. K llen horchte mit geſpannter Erwartung. 69 „Wollte der Herr Probſt dem beklagenswerthen Weſen nicht einen Beſuch machen?“ „Das iſt mein Wunſch und meine Pflicht,“ ant⸗ wortete der Probſt freundlich;„ich werde morgen bei Zeiten zu ihr gehen.“ 3„Gllen!“ rief die Probſtin und öffnete die Küchen⸗ thüre. Ellen eilte, dem Rufe zu gehorchen. „Gibſt Du nun zu, Ellen, daß Du bei Stina ge⸗ weſen biſt und ihr die Bierſuppe gegeben haſt, welche Du dir für den Abend aufheben und deßhalb Mittags nicht eſſen wollteſt?“ ſagte die Probſtin mit ihrem un⸗ beſchreiblich holden Lächeln. „Ach! Warum plagſt Du mich auch, Mama? Ich werde in der That böſe, wenn Du ſo davon redeſt,“ antwortete Ellen mit einer Miene des Unmuths. „Wenn Du es nicht zugibſt, ſo kann ich dich auch nicht bitten, in einem Auftrage von mir zu Stina zu gehen,“ ſagte die Mutter gleich freundlich. „Mama, Mama! Du weißt es ja, warum alſo fragen?“ rief Ellen und ſchlang die Arme um der Muk⸗ ter Hals und küßte ſie. „Da, ſiehſt Du, Kind, da iſt ein Bischen Grütze, welche Luiſe mit ein paar Klößchen dem armen Mädchen hinaufbringen ſoll, aber wenn Du nicht mitwillſt, ſo kann Luiſe mit den Sachen auch allein hingehen.“ Während die Herren und Frauen ſich eine Butter⸗ ſchnitte nahmen und den ſchmackhaften Gerichten alle Chre angedeihen ließen, eilte Ellen in Begleitung von Luiſe wieder nach dem Gefängniß, ohne daß Jemand dieſes Mal ihre Entfernung bemerkte. Stina war ſo krank, daß Ellen noch ſchneller heim⸗ 70 kehrte, und als ſie in den Saal trat, flüſterte ſie der Mutter Etwas zu, worauf dieſe ſich dem Probſt näherte. Der alte Geiſtliche entſchuldigte ſich mit einigen Worten und eilte nach dem Gerichtshaus. Als man geſpeiſt hatte und ſich zu verabſchieden im Begriff war, ſagte Ellen zu Alba: „Haſt Du Luſt, ſo machen wir einen Spaziergang nach Forsby; der Abend iſt ſo ſchön.“ „Ja, gern,“ antwortete Alba.—„Wollen Sie uns nicht Geſellſchaft leiſten, Herr Notar?“ ſetzte ſie zu dieſem gewendet hinzu. Die Herren baten beide, die Damen begleiten zu dürfen. Auch Lönner's wünſchten ſich anzuſchließen. „Was haſt Du in Forsby zu thun, Ellen?“ fragte Alba und ſah ſie forſchend an. „Ich will mein Wollgarn holen, welches Anders Perſon's Mutter für mich geſponnen hat, und woraus ich mir von Nora R. einen Rock ſtricken laſſen will.“ Man ging.— Vor dem Häuschen von Anders Perſon angekommen, ſetzte ſich die übrige Geſellſchaft auf eine Bank, während Ellen hineinging.— Drinnen angelangt, ſagte ſie der Alten leiſe einige Worte in's Ohr, öffnete das Fenſter, ſprang hinaus und eilte über die Straße zu Bengt Bengtſon. 3 Ellen redete mit dem ſtrengen Vater, und als der⸗ ſelbe erfuhr, daß der Propſt bei ſeiner Tochter wäre, geſtattete er auch, daß die Mutter ihr einen Beſuch mache.— Ellen kehrte auf demſelben Weg, auf dem ſie gekommen war, wieder zurück. Ihr Geſicht er⸗ ſchien erhitzt und geröthet, als ſie mit einigen Garn⸗ ſträhnen in der Hand ſich der Geſellſchaft wieder an⸗ ſchloß. 71 „Ei, wie Du ſo roth ausſiehſt!“ bemerkte Alba. „Das iſt immer ſo, wenn ich einen Spaziergang mache,“ entgegnete Ellen. Sie waren noch nicht weit gegangen, ſo hörten ſie Schritte hinter ſich. Kuno drehte den Kopf um, als ob er ein ſolches Geräuſch erwartet hätte, und wollte ſich überzeugen, wer es wäre. Er ſah Stina's Mutter eilig daherkommen. Als dieſelbe Kuno gewahr wurde, ging ſie gerade auf ihn zu, ohne den geſenkten Kopf emporzuheben. Sie hatte in den letzten fünf Tagen graues Haar bekommen; als die Tochter in Verhaft genommen wurde, war es noch ſchwarz. „Gnädiger Herr Oberlandrichter, ich bitte um die Erlaubniß, die Nacht bei der angeklagten Stina zuzu⸗ bringen.“ „Euxer Tochter?“ ſagte Kuno, welcher merkte, daß es ihr ſchwer fiel, ſie ſo zu nennen. „Ja,“ flüſterte die arme Mutter und ſenkte den Kopf noch tiefer. Kuno ſchrieb einige Worte auf ein Stück Papier, das er aus ſeinem Taſchenbuche geriſſen hatte, und gab es der Alten. Die Uebrigen hatten aus Schonung für die arme Frau ihren Weg fortgeſetzt. „Mamſell Ellen iſt ja ſo eben bei euch geweſen?“ ſagte Kuno zu Mutter Brita. „Ja, Gott lohne es ihr!“ ſtammelte Brita, nahm has Papier, verneigte ſich und ging raſchen Schrittes avon. Ellen's Antlitz zeugte von einer ſtillen Freude, wie man ſie immer im Bewußtſein, ſeine Pflicht gethan der 72 eine gute Handlung vollbracht zu haben, empfindet. Sie ſchwärmte an dem ſchönen Abend und war ſo liebens⸗ würdig, daß man unwillkürlich für ſie eingenommen werden mußte. IX. 4 Zwei Tage darauf war Stina ihrem ermordeten Kinde in's Grab gefolgt, und die Eltern ſtanden an dem Sarge der Tochter mit Kummer im Herzen und Schmach zum Erbe. Sie hatte das Geheimniß von dem Urheber ihres Unglücks und Verbrechens mit in's Grab genommen. Die Gerichtsſitzungen waren geſchloſſen; Kuno und der Notar abgereist, um ſie in S., Z. und E. fort⸗ zuſetzen. Eines Tags, als Ellen von ihrem Morgenbeſuch bei der bettlägerigen Mutter Brita zurückkehrte, ſah ſie in einiger Entfernung Jemand auf ſie zukommen. Die weiße Mütze ſetzte ihr Herz in Bewegung. Sie beſchleu⸗ nigte ihre Schritte und rief bald hernach mit freudiger Ueberraſchung aus: „Fridolf!“ Im nächſten Augenblick war ſie von dem Bruder feſt an die Bruſt geſchloſſen. „Aber Fridolf, warum haſt Du geſchrieben, Du würdeſt dieſes Mal über die Ferien nicht nach Hauſe kommen?“ fragte ſie, den Bruder zärtlich anſehend. „Darum, weil ich dich überraſchen wollte— Herr Gott, ſo traurig über Mongt Bengtſons. Kannſt du von ihnent⸗ 73 „ Ja, aber das iſt brav, daß Du kommſt; Du kannſt ihnen gewiß beſſern Troſt bringen, als ich.“ Etwas ſpäter am Vormittag finden wir Bruder und Schweſter auf einer Moosbank ſitzend, welche in einer kleinen Vertiefung zur Seite eines Berges errichtet und von einem großen Traubenkirſchenbaum beſchattet war. Fridolf hatte das Plätzchen ſo angelegt, und es hieß auch nach ihm Fridolfsgrotte. Ellen ſprach von dem neuen Richter und von Allem, was ſich zugetragen hatte. „Nun, Ellen, Du entflammſt dich ſo gern für alles Neue, Du biſt alſo wohl jetzt ganz entzückt von dem neuen Bezirksrichter, welchen Du ſo prächtig be⸗ ſchreibſt?“ ſagte Fridolf, und ein Lächeln glitt über das blaſſe, ernſte Angeſicht. „Fridolf! willſt Du ſchon wieder boshaft gegen mich werden?“ äußerte Ellen halb beleidigt, halb lächelnd.„Er iſt ja ſchon ſo gut wie verlobt.“ „Das iſt wahr. Aber was hältſt Du denn von ihm?“ „Ja, ſiehſt Du, Fridolf, das weiß ich nicht. Bald gefällt er mir recht wohl; es kommt mir dann vor, er ſtehe ſo hoch über Andern, er ſey ſo reich begabt und beſitze die große Gabe, einzunehmen und zu beherrſchen: aber er braucht nur auf eine eigenthümliche garſtige Weiſe zu lächeln, ſo wird er mir ordentlich zuwider.“ „Zuwider 2 „Ja gewiß. Ich werde dann zuweilen ganz böſe auf ihn und köntts, in meinen Worten recht häßlich werden, wenn er dänn mit mir redete.“ 3 „Aber wie iſt der Menſch denn eigentlich be⸗ ſchaffen?“ Schwartz, Novellen. II. 6 74 „Ja, ſage mir das, wer kann,“ bemerkte ſie, in⸗ dem ſie den Kopf etwas zur Seite drehte und zum Him⸗ mel emporſchaute.—„Ich weiß es nicht. Ganz ſicherlich iſt er recht gut; denn gut war er gegen die arme Stina, und mild iſt er als Richter. Ja, ſicherlich iſt er gut.“ „Und Ellen intereſſirt ſich lebhaft für ihn,“ dachte Fridolf, als er in ſein Zimmer hinaufſtieg. X. Im Laufe der nächſten drei Wochen zogen die Her⸗ ren von einer Gerichtsſitzung zur andern, und jetzt nach allen ausgeſtandenen Mühſeligkeiten rollte des Bezirks⸗ richters moderne Kaleſche über die Brücke nach Akers⸗ holm hinab. „So iſt man denn wieder da, Gott ſey gelobt!“ ſagte Kuno, während er ſich auf ſein Zimmer begab. „Ich glaube, Du ſagteſt: ‚Gott ſey gelobt!' und dieß, wenn man von dem maleriſchen Elkarö her und in dieſes ‚niederträchtig häßliche Neſt' kommt,“ fiel der Notar ſpotteud ein. 3 „Es kommt mir nicht mehr niederträchtig häß⸗ lich vor.— Sieh' einmal, ſind dieſe Eilande häßlich?“ „O nein, aber die Eiſenwerkshütten gerade gegen⸗ über, auf einem Sandrücken gelegenſchind abſcheulich.“ „Bah! Ich ſehe auf die Eilangu auf den ſpiegel⸗ klaren Weiher, auf den ſchattigen ſthof und erhebe meine Augen nicht nach dem wüſtellfer da drüben.— Iſt der Probſthof nicht anziehend „O ja, man ißt dort recht gut, aber der ungeflü⸗ 75⁵ gelte Engel' iſt ſehr gefallſüchtig. Sie pflückt Blumen und iich kann die Mädchen nicht leiden, welche Blumen pflücken',“ ſagte der Notar, wandte mit großer Selbſt⸗ zufriedenheit die Naſe in die Höhe und gab ſich alle Mühe, geringſchätzig zu lächeln und Kuno's höhniſchen Ton anzunehmen. „Du haſt ein gutes Gedächtniß, merke ich,“ ent⸗ gegnete Kuno lachend. „Deſſen darfſt Du gewiß ſeyn!— Apropos, wann wirſt Du mit der ſüßen Kouſine Amalie und ihrem lieben Papa die Verlobungsaffaire abmachen? — Du ſcheinſt gar nicht daran zu denken, der wohl⸗ geborne Herr Onkel werde auf Zuſendung des Ringes an ſeine Tochter warten, damit ſie dir einen dagegen ſchicken kann.“ „Ich fürchte, ſie muß noch lange genug darauf warten,“ erwiederte Kuno, indem er mit der Hand. über die bleiche Stirne fuhr. „Biſt Du närriſch?— Setze uns nicht dem ſchreck⸗ lichen Geſchick aus, daß wir eines ſchönen Tages deinen Onkel mit ſeiner Tochter dem Sohne hierher nachfolgen ſehen, zuſammt deiner geliebten Mutter— um von dem verlorenen Schäflein Kundſchaft einzuziehen.“ „Joſeph!“ rief Kuno, indem er mit geballter Fauſt auf den Tiſch ſchlug;„rede mir nicht von...“ „Ach, verzeih'!“ ſagte Joſeph, indem er Kuno bewegt die Hand reichte;„ich that Unrecht, daß ich ihrer erwähnte; aber Scherz bei Seite, Kuno, Du mußt deinem Oheim ſchreiben.“ 4 „Jal“ Kuno warf ſich auf einen Sopha, kreuzte die Arme über der Bruſt und verſank in Gedanten, welche 76 ohne Zweifel ſchmerzlich auf ihn einwirkten, denn ein Ausdruck von Bitterkeit weilte auf den bleichen, ſchönen Zügen. Joſeph ging in ſein Zimmer, wo er die ſtaubigen Reiſekleider gegen andere vertauſchte, und inzwiſchen von der Häushälterin, Mamſell S., in Erfahrung brachte, daß der Sohn des Probſtes nach Hauſe ge⸗ kommen ſey. Als er damit fertig war, trat er wieder bei Kuno ein. „Ich gehe jetzt in den Probſthof,“ ſagte er;„be⸗ gleiteſt Du mich?“ „Ich folge nach,“ antwortete Kuno. „Der Sohn iſt heimgekommen. Es iſt ein Muſter von Vollkommenheit, ſollſt Du wiſſen.“ „Es ſcheint wirklich, als ob das Pfarrhaus nur Vollkommenes an Kindern hervorgebracht hätte,“ be⸗ merkte Kuno wieder höhniſch lächelnd. „Kuno, wäre es bei einer Mutter, wie die Probſtin Gällner, wohl möglich, andere als ungewöhnliche Kinder zu ziehen?“ Dieſe Worte wurden von dem kleinen Notar mit eiuem ſeltenen Ernſte geſprochen. „Du berührſt wiederum den kranken Punkt in meiner Seele,“ rief Kuno und erhob ſich heftig. „Das war nicht meine Abſicht; aber ſage mir, Du Spötter auf alles Gute, Du Zweifler an allem Edlen und Schönen: wie kommt dir die Probſtin Gällner vor? wirſt Du auch gegen ſie deinen Arg⸗ wohn zu ſchleudern wagen?“— „Nein!“ antwortete Kuno, und ſenkte mit einer bekümmerten und demüthigen Bewegung den Kopf. „Nein, in meiner Seele iſt kein Raum für den 77 Zweifel an dem Charakter und Herzen dieſer einfachen und liebenswürdigen Frau.— Ich begreife, daß ihre Kinder ſie als ein verkörpertes Abbild des Guten lieben müſſen; aber ach! ſie hat ihr ſtilles und verborgenes Leben dahingelebt; wer weiß....“ Kuno hielt an, und Arnold legte ihm ſeine Hand auf die Schulter. „Ich könnte Etwas wie Verachtung für dich em⸗ pfinden, wenn Du deinen Gedanken ausgeſprochen hät⸗ teſt. Auf mich wirkt der Anblick der Probſtin wie eine Offenbarung aus einer beſſeren Welt; etwas ſo Engelmildes und Entzückendholdes liegt in ihrem ganzen Weſen.“ Der Notar ging, und Kuno blieb eine lange Weile auf derſelben Stelle ſtehen. Endlich murmelte er: „Eine ſolche Mutter muß vollkommene Kinder haben. Warüm hatte ich nicht eine ſolche Mutter?“ Er brach in ein höhniſches Lachen aus und ging hinweg, um ſich anzukleiden. XI. Im Garten des Pfarrhauſes traf man auf eine ganze Menge junger Leute, welche von dem S— ber⸗ giſchen Hüttenwerk angelangt waren, um Fridolf will⸗ kommen zu heißen. Ellen war ungewöhnlich heiter, aber als der Notar ganz allein kam, fragte ſie mit deutlichen Zeichen getäuſchter Erwartung: . 78 „Bekommen wir den Herrn Bezirksrichter nicht zu ſehen?“ „O ja, er wird ſich ſpäter einfinden.“ Joſeph und Fridolf kannten einander von der frühern Informatorszeit her. Eine Stunde darnach wurde die Gitterthüre zu dem Garten aufgethan, und Kuno trat langſamen Schrittes ein. Er war bläſſer als gewöhnlich. Ellen ſtand an der Schaukel und ſprach mit Frau Bergs kleinem Knaben auf derſelben, wäh⸗ rend ſie ganz langſam ſie hin und her ſchwenkte. Nie⸗ mals hatte ſich Ellen ſo erfreut gefühlt, als da das Gitter aufging und Kuno erſchien; aber je näher er kam, deſto auffallender wurde ſeine Bläſſe, und ein Ausdruck von Leiden lag über ſeiner Miene verbreitet. Niemals hatte ſie ihn ſo ſchön gefunden. Eine eigen⸗ thümliche Betrübniß beſchlich ihr Herz, als er heran⸗ ſchritt. Endlich ſtand er da, das dunkelgelockte Haupt entblößt und demüthig vor Ellen geneigt. „Sie wieder zu ſehen, heißt ſeinen inneren Frieden wieder finden,“ ſagte Kuno mit Rührung.„Von Ihnen getrennt ſeyn, iſt ſo viel, als allen böſen Mächten wieder verfallen.— Ach, Mamſell Ellen, wie mein Herz ſo unruhig darnach verlangt hat, heimkehren zu können. Ich glaubte nicht mehr ein ſo ſüßes und warmes Gefühl hegen zu können, wie dasjenige, wel⸗ ches mich nach dem Probſthofe hinzieht.“ Ellen ſchaute mit jenem ſeelenvollen Ausdruck auf, welchen Kuno zu Anfang für Koketterie genommen hatte, und antwortete lächelnd: „Sie vergeſſen das Gefühl, welches Sie an Ihre Braut feſſelt.“ 1 — — 79 „Warum dieſes Wort ausſprechen?? Der einen Augenblick zuvor ſo warme, ſo herz⸗ liche Ausdruck in Kund's Miene verſchwand, und ein Schimmer von Bitterkeit ſpiegelte ſich auf demſelben ab, als er hinzuſetzte: „Geſchah es um der Freude willen, mich zu ver⸗ letzen?“ „Das glauben Sie gewiß nicht von mir. Es machte einen ſo wohlthuenden Eindruck auf mich, als ich hörte, Sie haben ſich heimgeſehnt, daß ich im Ge⸗ fühl meiner eigenen Freude Sie daran erinnern wollte, wie viel Grund Sie hätten, gleichfalls Ihres Lebens froh zu werden.“ Ellen reichte ihm mit einer argloſen Miene die Hand. Kuno faßte ſie, nun aber war er unter den Einfluß ſeiner ſchlimmern Empfindungen gerathen, und er antwortete beinahe kalt: „Sie ſind allzu gütig.“ Empfindlich, wie eine Senſitive, zog Ellen ihre Hand zurück und ſagte haſtig, mit einem Anſtrich übler Laune: „In der Laube findet der Herr Bezirksrichter Mama.“ Und damit eilte ſie hinweg. XII. Am Morgen darauf wanderte unſer Bezirksrichter nach Forsby, um ſich von dem Befinden Bengt Bengt⸗ ſon's zu unterrichten. 80 Im Dorfe erfuhr er, daß es ganz betrübt mit den alten Leuten ausſehe. Mutter Brita war ſeit dem Tode der Tochter krank gelegen, und Vater Bengt⸗ ſon, früher ein ſtarker, thätiger Mann, war leutſcheu geworden und trieb ſich herum, ohne ſich um ſeinen Grund und Boden zu bekümmern. „Die einzige Perſon, welche einige Macht über ihn hat und ihn zuweilen beſtimmt, zu ſeiner Arbeit zurückzukehren, iſt der Gottesengel Mamſell Ellen; aber wenn er wieder für ſich ſelbſt iſt, bleibt die Arbeit liegen, und er kann geraume Zeit, in Grübelei ver⸗ ſunken, neben ſeinem Pflug oder an ſeinem Spaten ſtehen,“ ſagte die Nachbarin, mit welcher Kuno ſprach. „Schwer iſt es bei ihnen ſtets hergegangen, denn ſie haben nur einen kleinen Fleck Landes, aber jetzt muß es wohl ſchnell mit ihnen zu Ende kommen.“ Kuno ging auf ſeinem Wege weiter; er wollte die armen Eltern nicht aufſuchen, denn er fürchtete mit Grund, ſein Anblick würde ſie aufregen. Lang brauchte er indeſſen nicht zu warten; denn bald ſah er Ellen von Bengtſon kommen. Er ging ihr ent⸗ gegen. „Ich hatte geſtern das Unglück, Ihr Mißfallen zu erregen, und dies ſchmerzte mich tief,“ ſagte Kuno, nachdem er Ellen begrüßt hatte. „Nein, das iſt nicht geſchehen; es ſah eher aus, als ob ich Sie ſo tief verletzt hätte, daß meine Ent⸗ ſchuldigung ſchwerlich im Stande geweſen wäre, es wieder gut zu machen.“ In Ellen's Ton lag etwas Kaltes.. „Jetzt ſind Sie nicht aufrichtig,“ entgegnete Kuno, — 81 indem er einen ſcharfen Blick auf ſie richtete.„Sie ſind mißvergnügt von mir weggegangen.“ „Nun wohl!, ich hatte eine Empfindung von Ver⸗ druß, vielleicht von Zorn, wie es mir oft bei Ihnen vorkommt; und um dieſer meiner Empfindung nicht Luft zu machen, ging ich fort. Ich fühlte, wenn ich redete, wäre ich vielleicht etwas malitiös geworden, und darüber hätte ich mich nachher gegrämt.“ „Eine Empfindung von Zorn? Etwas, das Ihnen öfter bei mir vorkommt? Wie ſoll ich das verſtehen? Ich, der ich eingebildet genug war, zu glauben, Sie hegten einiges Wohlwollen für mich.“ „Das thue ich auch; ich hege wirkliche Freund⸗ ſchaft für Sie, aber. „Sie hatten eine Empfindung von Zorn, trotz Ihrer Freundſchaft?“ „Ja, und ſo iſt es gerade jetzt auch. Wenn Sie ſo übermüthig, geringſchätzig und höhniſch lächeln, da werde ich böſe; denn Sie kommen mir dann vor, wie...¹ Ellen hielt an. Sie hatte mit großer Heftigkeit geſprochen. „Brechen Sie nicht ab. Die Wahrheit iſt nie⸗ mals gefährlich.“ „Wie wenn Sie von einem böſen Geiſte beherrſcht würden,“ ſetzte Ellen hinzu,„und ich will nicht, daß Sie ſich ſchlechten Gedanken und Eindrücken hingeben. 4 „Sie wollen das nicht.“ Die Stimme, womit Kuno dieſe Worte ausſprach, hatte einen gefährlich ſchmeichelnden, beinahe bezau⸗ bernden Accent. „Nun wohl,“ fuhr er fort,„ich werde dieſe Ge⸗ 8² fühle des Zweifels und der Verachtung in Ihrer Ge⸗ genwart verbannen.— Es genügt für mich, zu wiſſen, daß Sie es wollen.“ „Nicht meinetwegen, ſondern um Gottes, Ihrer ſelbſt und Ihrer Braut willen müſſen Sie es thun. „Reden Sie nicht von meiner Braut, das lautet ſo wibrig in Ihrem Munde.“ „Nun gefallen Sie mir wieder nicht,“ rief Ellen. „Sie ſagten da Etwas, das nicht recht war, das un⸗ ſchicklich war und mich wirklich verletzte.“ „Und Sie ſind alſo wieder böſe über mich?“ „Ja; denn es iſt häßlich von Ihnen, zu äußern, das Wort„Braut“ klinge widrig in Ihren Ohren.— Was dünkt Ihnen, daß ſie dazu ſagen würde, wenn ſie dergleichen aus Ihrem Munde vernähme?“ „Das iſt mir gleichgültig. Für mich gibt es nur ein Weſen, deſſen Achtung und Freundſchaft mich glücklich machen würde, und das ſind Sie. Kuno ſprach ruhig, aber in dieſer Ruhe lag eine ergreifende Wärme.. Ellen blieb ſtehen, ſah ihn mit einem Blick des Schmerzes an und rief: „Wie wagen Sie, mir ſo Etwas zu ſagen? Sie, der Verlobte einer Andern? Nun haben Sie mich wirklich beleidigt.“ Sie wollte ihn verlaſſen, aber er folgte ihr. „Hören Sie mich, ich bitte! Ich bin nicht ver⸗ lobt, ich habe keine Braut.“ „Aber Sie beide, Ihr Freund und Sie, haben ja geſagt, daß Sie verlobt ſeyen.“ „Nicht, daß ich verlobt ſey, ſondern daß ich es werden könnte.— Ach! Ellen, beurtheilen Sie mich 83 nicht früher, als bis Sie mich gehört haben, und wenn Sie dann ſagen: zes iſt meine Pflicht zu heirathen', ſo werde ich es thun. Bis dahin nicht ein Wort von dieſem Gegenſtande! Ach wenn ich ſo glücklich wäre, Sie als eine Freundin, eine Schweſter betrachten zu dürfen!“ Kuno war ſtehen geblieben, hatte ihre Hand mit jenem Ausdruck ruhigen Gefühls gefaßt, welches einen viel tiefern Eindruck auf Ellen machte, als wenn ſeine Worte das Gepräge des wärmſten Entzückens ge⸗ tragen hätten. „Haben Sie nichts über den Vorfall von geſtern Abend mit der Haushälterin bei dem alten Herrn Grön gehört?“ begann Kuno, um das Geſpräch auf andere Dinge zu bringen. „Amorina H., was iſt mit ihr geſchehen?“ fragte Ellen bewegt. „Sie hat in einem Anfall von Zorn darüber, daß der alte Grön ſie aus ihrem Dienſte zu entlaſſen geſonnen war, ſich in die Arme geſchnitten, um ihn damit zu erſchrecken, als ob ſie ſich das Leben nehmen wollte. Es war ein häßliches Schauſpiel, und ſie ver⸗ dient eine ernſtliche Züchtigung deßhalb.“ „Jetzt ſind Sie wieder zu ſtreng. Angenommen, daß ſie es in einem Anfall von Verzweiflung that, ſo verdient ſie Mitleid.“ Kuno lächelte, aber ohne Hohn. „Ihre Nachſicht erſtreckt ſich über alle. Sie ſind recht gut.“ „Ich bin zuweilen recht ſchlimm,“ bemerkte Ellen lachend,„das haben Sie ja zum Beweiſe dafür vor einer Wieelle ſelbſt geſagt.“ 4 6 84 Sie befanden ſich jetzt vor dem Gitterthore des Probſthofes. „Sie ſind mir jetzt nicht böſe?“ ſetzte ſie hinzu und reichte Kuno die Hand. .„Ihnen böſe? Ach! Ellen, wie wäre mir das möglich?“ „Alſo auf freundliches Wiederſehen auf dieſen Abend.“ Ellen nickte mit dem Kopfe und verſchwand in der Allee. Kuno blieb ſtehen und ſah ihr nach, während er bei ſich ſprach:„Was iſt es, was mich bezaubert und ſo weich macht, wenn ich bei ihr bin?— An Reiz ſind ihr ja ſo viele überlegen, die ich geſehen habe: desgleichen an Geiſt; aber in Bezug auf Unſchuld und Herzensgüte gibt es nicht eine, die ihr gliche, und darum redet ſie vom Herzen zum Herzen. „ XIII. Etwa vierzehn Tage hernach richtete Herr Grön die Hochzeit ſeiner Bruderstochter aus. Alle Nachbarn waren dazu geladen. In Herrn Grön'’s Fremdenzimmer waren jetzt die Hochzeitsgäſte verſammelt. Nach der Trauung hatten Ellen und Alba mit einander an einer unbe⸗ merkten Stelle zwiſchen dem Kachelofen und der Thüre Platz genommen. 8⁵ Kuno ſtand an den Thürpfoſten gelehnt da und betrachtete die Probſtin. Endlich ſtand Alba auf und entfernte ſich, um mit ihrer Schweſter zu ſprechen. Kuno nahm ſogleich den erledigten Sitz neben Ellen ein. „Wiſſen Sie,“ ſagte er,„wer die ſchönſte Frau hier in der Geſellſchaft iſt?“ „Hanna Lönner. Sie ſieht mit ihrem Lockenhaar ungemein lieblich aus.“ „O ja! Aber wer iſt mit ſechszehn Jahren nicht ſchön? Sie riethen es nicht recht; es iſt.... Ihre Mutter.“. „Mama!“ rief Ellen, und legte mit einer Ge⸗ berde der Bewunderung ihre Hände zuſammen, wäh⸗ rend ſie einen ſchwärmeriſchen Blick auf ihre Mutter heftete.„Ja, ſie iſt ſchön; aber noch beſſer als ſchön, — Sie wiſſen nicht, wie gut ſie iſt.“ „Ja, das weiß ich— Sie ſind ja ihre Tochter.“ Es lag Etwas in dem Tone, womit dieſe Worte geſprochen wurden, das zur Folge hatte, daß Ellen nicht bös werden konnte. Nach einer kurzen Pauſe nahm Kuno wieder das Wort: „Erinnern Sie ſich noch, daß Sie mir verſprochen haben, mein Vertrauen entgegenzunehmen und ein Urtheil über meine Zukunft zu fällen.“ „Ach, ich habe längſt ſchon auf dieſes Vertrauen gewartet,“ antwortete Ellen mit ihrer entzückenden, naiven Aufrichtigkeit;„aber begehren Sie nicht, daß ich ein Urtheil fällen ſoll. Ihr eigenes Herz iſt der ſicherſte Richter, denn von demſelben kann nur ein edler Beſchluß ausgehen.“ ‿ 86 „Sie kennen mein Herz nicht; ſie beurtheilen es nach dem Ihrigen.“ „Wir wollen nicht ſtreiten; ich glaube doch, daß Sie beſſer ſind, als Sie ſich ſelbſt anſehen. Laſſen Sie hören!“ „Hier?“ „Ja, wir ſitzen hier ſo ganz ungeſtört.“ „Nun wohl.— Ich habe eine Couſine, ein Fräu⸗ lein Granſkjöld. Vor ſechs Jahren war ich, nachdem ich längere Zeit mit dieſer meinen Verwandten nicht in Berührung gekommen, viel mit derſelben zuſammen. — Sie war jung und ſchön. Obwohl ich in einen tiefen Kummer, in eine wirkliche Verzweiflung verſenkt war, machte ſie doch einen lebhaften Eindruck auf mich. Ich liebte ſie weniger mit dem Herzen, als mit der Einbildung, und dachte in meinem damals ſo unglück⸗ lichen Gemüthszuſtande, es wäre ſüß, Etwas zu lieben zu haben, Etwas, das mich wieder mit dem Leben verſöhnen könnte.— Genug, ich bot ihr mein Herz und meine Hand an, ſagte ihr, ich baue auf ihre Liebe die Hoffnung, einmal mit Muth und Zuverſicht im Leben um mich ſchauen zu können.“ Kuno hielt an, und in ſeiner Miene zeigte ſich jene höhniſche Verachtung, welche jetzt nur noch ſelten zum Vorſchein kam. Nachdem Ellen eine Weile auf die Fortſetzung gewartet hatte, ſah ſie auf und ſagte: „Fahren Sie fort, aber nicht mit dieſem Aus⸗ druck, der mich ordentlich erſchreckt.“ Verzeihen Sie!“ erwiederte Kuno, indem er mit der Hand über die Stirne fuhr.„Nun wohl, ich freite, und ihre Antwort war: ‚Ich glaube wirklich, 87 daß ich dich lieben könnte. Aber ich will mich durch kein Gelübde binden, denn unſere Verlobung wird doch, ſo wie es jetzt ausſieht, in die Zukunft hinausgerückt, und inzwiſchen könnte ich ein vortheilhafteres Aner⸗ bieten finden. Uebrigens muß der, welcher mir ſeine Hand anbietet, mir zu gleicher Zeit eine meinem Rang angemeſſene Stellung bieten können. Werde reich, ſchaffe dir einen Gerichtsbezirk und komm' dann wie⸗ der, ſo ſollſt du mein Jawort erhalten.“— Ich will Ihnen eine Schilderung meiner Gefühle erſparen.— Bedenken Sie, daß ich damals durch den Verluſt eines verehrten Vaters und einer geliebten Schweſter in tiefen Kummer verſenkt war, und Sie können ſich vielleicht eine Vorſtellung von dem machen, was ich empfand.— Fünf Jahre ſpäter beerbte ich einen Oheim. Ich war nun reich.— Durch Arbeitſamkeit und Ehrgeiz„hatte ich es dahin gebracht, daß die Zu⸗ kunft verheißungsvoll vor mir lag, aber dieß alles machte mir keine Freude. Mein Glaube an das Gute war verſchwunden, und ein Verlangen, mich an der⸗ jenigen zu rächen, welche ich einmal zu lieben geglaubt hatte, bemächtigte ſich meines Herzens.— Ahl ich wollte ſie für die Selbſtſucht ſtrafen, womit ſie einmal mich behandelt hatte.— Mein plötzlich erlangter Reich⸗ thum vergrößerte ſchnell die Zahl meiner Freunde, und ihr Vater zögerte nicht, mit ausgeſuchter Artig⸗ keit die abgebrochene Verbindung zwiſchen uns wieder anzuknüpfen. Ich will Sie nicht mit der Beſchreibung all der zärtlichen Aufmerkſamkeit, welche man mir nun widmete, ermüden.— Mein Entſchluß war gefaßt; ich wollte dadurch Rache nehmen, daß ich ſie in einer ewigen Ungewißheit über meine Gefühle leben, ſie be⸗ 88 ſtändig hoffen ließ, ich werde ihr noch einmal meine Hand und mit ihr alle Genüſſe des Reichthums bieten, wornach ihre Eitelkeit und Gefallſucht verlangten.— Ich hatte zugleich geſchworen, mich nicht in den Schlin⸗ gen, welche man mir legte, fangen zu laſſen.— Die Liebe war verſchwunden, aber die Verachtung geblieben. — Eines Tages beſuchte mich ihr Vater, Graf Gran⸗ ſkjöld, damals Aſſeſſor im Hofgericht. Er war— ein leidenſchaftlicher Spieler und folglich ſtets in Geldver⸗ legenheit. Er ſprach davon, daß er zum Hofgerichts⸗ rath ernannt worden ſey und durch verwandtſchaftliche eziehungen von Seiten ſeiner verſtorbenen Frau eini⸗ in Einfluß zu beſitzen glaube, welchen er zu meinen Gunſten benützen wollte, im Fall ich, wie er hoffe, ehrgeizig wäre. Darauf fragte er, warum ich es unterlaſſe, um die Hand ſeiner Tochter anzuhalten, da ich ſchon vor fünf Jahren um dieſelbe gefreit hätte, und ſie inzwiſchen ihrem Verſprechen und ihrer Liebe treu geblieben wäre. Mein Racheplan war im Augen⸗ blick fertig. Gleich offen, wie er dieſe Frage geſtellt hatte, hielt ich ihm die entgegen, ob er etwa eines Geldanlehens bedürfte?— Nachdem er dieß bejaht hatte, fuhr ich fort: „Ich liebe Amalie allerdings nicht, aber ich bin, wie der Oheim richtig bemerkte, ehrgeizig, und will ſo ſcchnell als möglich befördert werden.— Schaffen Sie mir ein Richteramt, damit ich Amalie eine angemeſſene Lebensſtellung bieten kann.“ „Aber Sie hegten ja Verachtung gegen ſie?“ fiel Ellen ein. „Meine Abſicht war auch nur, nachdem ich meiner⸗ ſeits von dem Eigennutz des Vaters Vortheil gezogen, —,— 89 der Tochter zu ſagen, daß ſie niemals meine Frau werden könnte, und dem Vater die Summen zu ſchen⸗ len, welche er inzwiſchen von mir entlehnt hätte.— Am Abend nach dieſem Uebereinkommen war ich dort. — Amalie äußerte gegen mich mit einem zärtlichen Lächeln: „Haſt Du meine Worte von fünf Jahren her vergeſſen?“ „Daß Du mich wiederkommen hießeſt, wenn ich dir ein deinem Range angemeſſenes Vermögen bieten könnte,“ antworteke ich nicht ohne Bitterkeit. „Ich ſagte dir auch noch etwas Anderes.“ „Deſſen entſinne ich mich nicht. Sey ſo gut und wiederhole es!“ „Ich ſagte, mein Herz wäre an dich gefeſſelt.“ „Wirklich! Deſſen kann ich mich nicht erinnern; — Ich erwartete, ſie würde, verletzt von meinen höhniſchen Worten, ſich entfernen; aber ich täuſchte mich. Sie wechſelte blos die Farbe und entgegnete: „Nun wohl; ſo laß uns nicht mehr davon reden.“ „Du haſt Recht, laß das Wort Liebe nicht in unſer Geſpräch ſich mengen, ſondern uns bei deinen Worten feſthalten: ‚werde reich und ſchaffe dir eine Richterſtelle.— Den Reichthum habe ich, aber das Richteramt fehlt mir noch. Wenn ich dieſes habe, dann, Amalie, wollen wir dieſes Geſpräch wieder anknüpfen! Zwiſchen Perſonen von unſerer Welterfahrung wäre es ja lächerlich, von Liebe zu reden. Dein Vater bietet mir ſeinen Einfluß an, ich leihe ihm Geld, Du biſt ohne Vermögen, ich bin reich. Dieß iſt alles Erfor⸗ derliche; habe ich nicht Recht?“ CSchwartz, Novellen. II. 7 9⁰ „Vollkommen. Es freut mich, dich ſo verſtändig reden zu hören, und wenn Du die Richterſtelle erhalten haſt, ſo weißt Du, daß auch mein Ja damit folgt.“ Ich wurde bald darauf an die Spitze dieſes Gerichts⸗ bezirks geſtellt. Der Vater intriguirte nun, mir die⸗ ſelbe definitiv zu verſchaffen, ſobald der alte Richter ſeinen Abſchied nimmt.“ „Und wenn Sie dieſelbe haben?“ bemerkte Ellen, indem ſie mit einem eigenthümlich mißbilligenden Aus⸗ druck ihr Auge auf ihn richtete. 3 „Werde ich der kalten berechneuden Frau ſagen, welche tiefe Verachtung ſie mir eingeflößt hat, und ſie meinerſeits dadurch demüthigen, daß ich ſie zurückweiſe.“ Kuno's Augen ſchoſſen Blitze, und er lächelte auf eine wahrhaft furchtbare Weiſe. 4 „Und worüber wollen Sie nun, daß ich ein Ur⸗ theil fällen ſoll?“ Kuno irrte ſich nicht, wenn ihm der Ton, womit. Ellen dieſe Worte ausſprach, kalt vorkam. „Darüber, ob ich eine ſtolze Frau zur Gattin nehmen muß.— Ja, ſollten Sie— die Güte und Reinheit ſelbſt— mir rathen können, dieſe Verbin⸗ dung zu vollziehen, dann würde ich es thun, um den Beweis zu liefern, daß auch ein Engel einen Menſchen zur Hölle verurtheilen kann, und daß Herzensgüte im Ganzen nur eine leere Einbildung iſt?“ „Ich habe mich wirklich in Ihnen geirrt,“ fiel Ellen heftig ein;„ich hielt Sie jeder ſchlechten und niedrigen Handlung für unſähig, und jetzt“— Sie ließ traurig den Kopf ſinken. „Und jetzt?“ „Jetzt finde ich mich betrogen. Ihr ganzes Be⸗ 91 nehmen gegen Ihre Couſine iſt eines Mannes von Chre unwürdig, bei einem Chriſten anſtößig.— An Rache zu denken, ſchließt etwas Niedriges und Ver⸗ ächtliches in ſich, und des Vaters Gewogenheit durch ſolche Kunſtgriffe ſich zu verſchaffen, iſt ſehr— ſehr unrecht.“ „Ellen, Sie ſind ſtreng. Wie wollen Sie dann, daß ich handeln ſoll?“ „Werden Sie durch deren Vater zum Richter hier ernannt, ſo gebietet die Ehre, Ihr Verſprechen zu hal⸗ ten.— Können Sie das nicht, ſo müſſen Sie ſogleich ſich erklären, auf den Beiſtand ſeines Einfluſſes ver⸗ zichten und alle Verbindungen mit der Familie ab⸗ brechen. Handeln Sie anders, ſo....“ Ellen erſchien aufgeregt. „So finden Sie mich verächtlich.“ „O nein,— aber Sie können keine Achtung mehr vor ſich ſelbſt haben. Bedenken Sie wohl, Etwas von demjenigen anzunehmen, welchen man verachtet, heißt ſich ſelbſt verächtlich machen.“ Das Blut brannte ſiedend heiß in Kuno's Adern. Gllen's Worte reizten ſeinen Stolz, und es wandelte ihn ein Gefühl des Zornes gegen ſie an, daß ſie zu behaup⸗ ten wagte, er habe im Widerſtreit mit den Forderungen der Ehre gehandelt. „Sie haben mir in ſo ſcharfen Worten zu erkennen gegeben, was zu meinem Frieden dient, daß ich es ſicher⸗ lich nicht ſo bald vergeſſen werde,“ entgegnete Kuno bitter und mit einem kalten, ſtolzen Lächeln. „Sie ſind böſe,“ ſagte Ellen und erhob ſich haſtig. „Würde es Ihnen beſſer gefallen haben, wenn ich zu dem, was Sie ſelbſt mißbilligen mußten, meinen Beifall 92² gegeben hätte? Dann durften Sie niemals zu mir als zu einer Freundin und Schweſter reden.“— „Mein Gott, ſo andächtig ſitzen die Herrſchaften ſchon eine gute Zeit da,“ rief Alba, indem ſie näher kam.—„Ich glaube, Sie haben weder geſehen noch gehört, was ſich zugetragen hat.— Draußen im Saale iſi meine Schweſter im Begriffe, ein Gedicht vorzuleſen, und hier innen ſitzen wir mit Angſt und ſind gewärtig, Mamſell Amorina möchte eintreten. Ich habe mit Be⸗ ben ſie im Saale auf und ab flattern ſehen.“ 3„Und wenn ſie hereinkäme, was würde Mamſell Bendel thun?“ fragte Kuno mit ſeiner ſpöttiſchen Miene. „Ich würde in Ohnmacht fallen, im Fall der Herr Bezirksrichter mir verſpräche, mit größtmöglichem Lärm nach einem Glaſe Waſſer zu ſpringen. „So bewerkſtelligen Sie die Ohnmacht nur, denn hier kommt die Gefürchtete,“ flüſterte Kuno und ent⸗ fernte ſich. In dieſem Augenblick erſchien wirklich ein junges Mädchen von keckem Ausſehen und einem Anſtrich un⸗ beugſamen Sinnes. Es war Mamſell Amorina, die den Selbſtmordsverſuch gemacht hatte. Bei ihrem Ein⸗ tritt ſtanden alle Frauen auf, ohne ihren ſehr demüthi⸗ gen Gruß zu beantworten, und gingen hinaus. Es lag ſo viel Verachtung in dieſer Demonſtration, daß Amorina, obwohl keck und heftig von Charakter, ſich tief gebeugt fühlte und auf einen Stuhl hinter der Thüͤre warf, indem ſie in Thränen ausbrach und murmelte: „Ach, mein Gott, was hatte ich hier zu thun?“ Das Zimmer war leer, nur Ellen und Alba blie⸗ ben noch da. Auch Kuno hatte ſich entfernt.— Ellen 93 näherte ſich Amorina und ſagte in ihrem freundlichen Tone:. „Guten Abend, Mamſell Amorina; Sie haben bei der Hochzeit ſo viel Mühe und Arbeit gehabt.“ Amorina ſchaute zu der Sprechenden auf und er⸗ wiederte mit ungewöhnlich ſanftmüthiger Stimme: „Ach! Sie ſind die Einzige, welche ſo gut iſt, mit mir ein Wort zu reden.“ Ellen ſetzte ſich und unterhielt ſich längere Zeit mit ihr.— Alba nahm gleichfalls Platz und miſchte ſich mit einem oder dem andern Wort in das Geſpräch. Kuno, welcher erwartet hatte, Ellen und Alba an dem allgemeinen Verdruſſe Theil nehmen und heraus⸗ kommen zu ſehen, kehrte in das Zimmer zurück, um zu erforſchen, was ſie dort zurückhielte. Wir wiſſen nicht, was es für ein Gefühl war, das ſich in ſeiner Bruſt. regte, als er ſie mit der allgemein Verſtoßenen in einer Unterredung ſah. Ohne ein Wort zu ſagen, ging er wieder hinaus. Nachdem das Geſpräch einige Zeit gedauert hatte, ſtand Amorina auf, um ſich zu entfernen. Der ganze Saal war voll von Damen, und ſie machte eine Geberde des Unbehagens, als ſie erkannte, daß ſie der Gegen⸗ ſtand aller dieſer verächtlichen und höhniſchen Blicke ſey. Die Probſtin, welche an ihrem Platze geblieben war, auch als Amorina durch den Saal in das an⸗ ſtoßende Zimmer ging, ſtand jetzt auf und ſagte zu ihr: —„Empfangen Sie meinen Dank, Amorina, für alle die Mühe und Beſchwerde, die Sie mit uns gehabt haben!“ Die Probſtin ſetzte ſich wieder und Amorina nahm auf einem Stuhl neben ihr Platz, hiezu durch einen 94 Wink von derſelben aufgemuntert, und die Probſtin re⸗ dete nun eine Weile freundlich und mild mit ihr. Vielleicht fühlten die andern Frauen dunkel, ſie würden ſich in einem günſtigeren Lichte gezeigt haben, wenn ſie ſich gleich der Probſtin auf die ſchöne Rolle be⸗ ſchränkt hätten, mit Milde und Schonung die Verirrun⸗ gen, Uebereilungen und Mißgriffe ihres Nebenmenſchen zu beurtheilen.— So viel iſt gewiß, daß die Freund⸗ lichkeit der Probſtin und die Güte Ellen's mehr Gutes bei dem wildgeſinnten Mädchen wirkten, als die eiſige Verachtung der andern. Sie fühlte ſich ſo gering vor dieſen an menſchlichem Werthe ſo reichbegabten und doch ſo ſchonungsvollen, ſo chriſtlich geſinnten Frauen. Man konnte an dem geſenkten Blicke, ſo lang ſie mit der Probſtin redete, erkennen, daß ſie das ganze Gewicht ihres Fehlers empfand. Als ſie endlich das Zimmer verließ, näherte ſich Kuno der Probſtin und ſagte, während er den leeren Platz einnahm, mit wahrhafter Bewegung: „Wie ſtolz und glücklich müſſen ſich nicht die Kin⸗ der der Probſtin fühlen, im Beſitze einer Mutter, die in allen Tugenden, welche den Menſchen zieren, ihnen ein Vorbild iſt.— Ich hätte eben die Kniee vor ihr beugen können, ſo vollkommen entſprachen Sie dem Ideale der milden und verzeihenden Gattin eines chriſtlichen See⸗ lenhirten.“— Die Probſtin lächelte mit der ganzen unſchuldsvol⸗ len Schüchternheit eines jungen Mädchens, und das ſchöne Antlitz hatte etwas Kindlichfrommes, als ſie zur Antwort gab: „Ich finde durchaus nicht, daß ich Ihr Lob ver⸗ diene; aber wenn es ſich auch ſo verhielte, ſo wäre ich 95⁵ doch nichts Anderes, als was ich ſeyn ſollte, und ich weiß nicht, was gerade in dieſem Augenblick Ihnen zu ſolchen artigen Worten Veranlaſſung gab.“ „Ach, Madame, wie wenige Menſchen ſind, was ſie ſein ſollten?— So zum Beiſpiel war Ihre Freund⸗ lichkeit gegen die ſchlecht erzogene und von der Natur minder glücklich begabte Amorina eine der Frau ſo an⸗ gemeſſene und zugleich ſo ſchöne Handlung, daß man in derſelben die ganz natürliche Eingebung des guten Her⸗ zens erkannte, und doch waren Sie unter beinahe dreißig Damen die einzige, welche ſich als Frau zeigte. „Sie vergeſſen mich,“ ſcherzte Alba;„blieb ich nicht auch ſitzen und ſprach mit der furchtbaren Mamſell, welche eine ſolche Vorliebe für theatraliſche Vorſtellun⸗ gen hat? Ich bilde mir gerade ein, Sie hätten mich bewundern ſollen, um ſo mehr, als ich dieſelbe gar nicht leiden kann., Aber gleichwohl ſcheint es mir, daß die Damen etwas zu hart waren, als ſie das Feld räumten.“ „Sie bewundere ich niemals,“ ſagte Kuno lächelnd. „Sie haben mir da, Herr Bezirksrichter, Etwas geſagt, was wir nicht ſonderlich angenehm ſein kann,“ erwiederte Alba lachend. XIV. Eine Woche verging. Der Notar war unten im Pfarrhauſe, aber Kund ließ ſich nicht ſehen. Ellen hatte ſeinen Stolz verwundet, und dies war Etwas, das nur die Zeit heilen konnte. 96 Während dieſer ſeiner Abweſenheit hatte ſich da⸗ gegen Fridolf ihm genähert und machte tägliche Beſuche zu Akersholm. Kuno gehörte zu den Männern, welche bei andern, die eine gebildete und vielſeitige Unterhaltung zu ſchätzen wiſſen, ſtets Intereſſe erregen. Er beſaß eine große Be⸗ leſenheit und eine ſcharfe, treffende Reflexionsgabe im Vereine mit einem ſichern Urtheil und viel Lebhaftigkeit in ſeinen Vorſtellungen. „Für den ernſten, tief überlegenden Fridolf wurde Kuno's Umgang ſowohl angenehm als lehrreich.— Fridolf dagegen, mit ſeiner einfachen und von jeder nie⸗ drigen Berechnung freien Lebensphiloſophie, ſeiner war⸗ men Liebe zu allem moraliſch Schönen, bildete für Kuno eine neue Erſcheinung, an deren ganzen Werth er nicht glaubte, die aber gleichwohl ſeine Theilnahme erregte. Ellen blieb ſich gleich, beſuchte ihre Armen, ging zu Nora R., um dort Freude zu verbreiten, und zu Bengtſon, um zu tröſten.— Allerdings dachte ſie, daß Kuno's Betragen ſeltſam geweſen, und dabei kam ihr noch viel mehr in den Sinn, was nicht gerade zu ſeinem Lobe gereichte; aber dann regte ſich das gute Herz wieder und redete zu ſeinen Gunſten. Er war ja ſo unglücklich, er hatte ſo viel gelitten; er hatte allerdings nichts davon geſagt, worin dieſe Leiden beſtanden, aber er hatte we⸗ nigſtens geäußert, daß er unglücklich ſey, und das war genug. Sie ſah in ihrer Einſamkeit dieſes wunderbare Antlitz vor ihrer Phantaſie ſich erheben, bald kalt und düſter, bald bekümmert und bleich. Zu einer audern Zeit lächelte es ſo höhniſch und ſo geringſchätzig, und Ellen wurde es ſo ſonderbar zu Muth, und ſie ſehnte 97— ſich dann nach friſcher Luft, nach Fridolf, und flüchtete ſich ſchnell vor dieſen Phantaſien hinunter zu ihrer Mut⸗ ter oder zu ihren Blumen. Es war wieder Samſtagabend. Ueber eine Woche war verfloſſen, ſeitdem man im Pfarrhauſe von dem Bezirksrichter nicht den Schatten geſehen hatte. Ellen ſaß im Garten und grübelte darüber nach, daß Fridolf, ſeitdem er für Kuno ſo lebhaftes Intereſſe gefaßt hatte, nicht mehr ſo viel auf ſie hielte, wie ehedem. Eine Em⸗ pfindung von Wehmuth legte ſich über ihr unruhiges Herz, als ſie durch die Allee Fridolf von Ackersholm herkommen ſah. Er trat in den Garten und ſaß ſchnell an ſeiner Schweſter Seite. „Was fehlt dir, Ellen, Du ſiehſt ſo bekümmert aus?“ fragte er. „Ah, lieber Fridolf, Du kümmerſt dich jetzt nicht mehr um mich.— Du befindeſt dich allzugut in Ackersholm,“ erwiederte Ellen und wandte den Kopf ab. „Ich glaube, Du biſt böſe, Ellen?“ „Nein, aber es kommt mir ſo traurig vor, daß Du mich nicht mehr ſo lieb haſt, wie vormals. Ich wäre im Stande, einen Groll gegen den Bezirksrichter zu faſſen, denn er nimmt deine Gedanken ſo ganz und gar in Anſpruch.“ „VCllen, Ellen, jetzt biſt Du ungerecht;— jetzt ge⸗ fällſt Du mir gar nicht.“ „Das weiß ich zum voraus; das brauchſt Du mir wiht iu ſagen,“ rief Ellen und erhob ſich raſch von der ank. Mit einem ebenſo milden als ernſten Tone bemerkte Fridolf: 8 „Willſt Du mir wehe thun, Ellen? Willſt Du 98 mein Herz betrüben?— Weißt Du nicht, wie grenzenlos ich dich und Mama liebe, ohne daß meine Lippen es zu ſagen brauchen? Und wenn ich auch an der Geſellſchaft anderer gebildeter Perſonen Intereſſe finde, ſo beweist das doch wohl nicht, daß Du mir darum weniger theuer biſt.— Wie kannſt Du, Ellen, an meiner Anhänglichkeit zweifeln?“ Ellen's kleiner Mißmuth war bereits verdunſtet, und jetzt ſtellte ſich die Reue darüber ein, daß ſie heftig geweſen war. Sie weinte und erſchien wieder mild und zärtlich. „Weißt Du, Ellen, warum ich ſo ſchnell zurück⸗ gekommen bin?“ fragte Fridolf. „Nein, ich glaubte, Du bereueſt es, mich ſo lang vergeſſen zu haben.“ „Ich habe dich nicht vergeſſen, Ellen; es bedarf ſomit auch keiner Reue,“ antwortete Fridolf lächelnd. —„Nein, die Urſache war, daß der Bezirksrichter im Sinne hatte, heute in das Pfarrhaus zu kommen.“ Fridolf konnte nicht weiter ſagen, denn eben ſtand Kuno am Eingang zu der Fridolfsgrotte. Ellen erhob ſich und ſagte mit einem halb freund⸗ lichen, halb ironiſchen Lächeln: „Ich glaubte, Sie hätten uns ganz vergeſſen.“ „Vielleicht habe ich eher nur allzu viel an Sie gedacht,“ erwiederte Kuno. Der Notar ſchob Kuno bei Seite, um ebenfalls ſeinen Gruß anbringen zu können. Ellen reichte ihm herzlich die Hand, und auf Kuno's Stirne ſtieg bei dieſer ebenſo vertraulichen als freundſchaftlichen Ent⸗ gegnung ein Schatten auf. Man ſchwatzte eine Weile von Allerlei. Ellen 99 ſcherzte mit Joſeph, welcher ein alltäglicher Gaſt im Probſthofe geworden war und wie ein Kind vom Hauſe behandelt wurde. Der Probſt und Hüttenwerk⸗ beſitzer Lönners kamen in den Garten herab, und Ellen eilte zu ihrer Mutter hinauf, um ſie davon in Kenntniß zu ſetzen, daß Gäſte angekommen waren. Eine Weile hernach ſaßen die Herren und ſpielten in dem gewöhnlichen Geſellſchaftszimmer, als Ellen in den Saal trat und Kuno dort allein, mit der Lektüre der Zeitungen beſchäftigt, fand. Spielen Sie heute Abend nicht?“ fragte Ellen, welche ſah, daß Fridolf den vierten Mann am Whiſt⸗ tiſche machte. „Ich habe mir ja vorgenommen, nicht zu ſpielen.“ „Sie bleiben alſo Ihren Vorſätzen ſtets getreu?“ „Immer.— Ich habe das Glück oder Unglück, wie Sie es nennen wollen, konſequent zu ſeyn.— Aber Sie wünſchten vielleicht, daß ich ſpiele, damit Arnold davon los würde?“ Kuno äußerte dieſe Worte mit einem ſpöttiſchen Ausdruck. Das Blut ſchoß Ellen in's Geſicht, da ſie ſich von einem ſolchen Ton immer gereizt fühlte. „Ich verſtehe nicht,“ entgegnete ſie,„was Sie mit Ihren Worten, oder mit Ihrem Hohnlächeln ſagen wollen.“ „Nichts iſt leichter als das: Arnold hat das Glück, Sie zu intereſſiren, während ich dagegen das Unglück habe, Ihnen zu mißfallen. Er unterhält, ich 3 aber reize Sie.“ 8 „Ja, das iſt wahr.— Sie haben wirklich eine eigene Gabe, meinen Zorn in Bewegung zu ſetzen, und zwar, ohne daß Ihre Worte etwas Verletzendes 1⁰⁰ enthalten; aber der Fehler liegt an mir, daß ich mich durch ein bloßes Lächeln reizen laſſe.“ „Nun, da hatte ich ja Recht zu ſagen, daß Sie ſich gwiß in Arnold's Geſellſchaft beſſer, als in der meinigen befunden haben würden.“ Kuno's Augen ſchoſſen einen Blitz, und das Hohnlächeln blieb auf ſeinen Lippen. „Sie haben beides, Recht und Unrecht.— Der Herr Notar reizt mich niemals, vielmehr gewährt er mir wirklich Unterhaltung; aber gleichwohl habe ich in der Zeit, da Sie ſich nicht ſehen ließen, Sie ſehr vermißt. Ich war ſo froh, als Sie kamen, und dachte, ſes würde ſo angenehm werden, mit Ihnen wieder ſprechen zu können.— Etwas, das ich den Scherzen des Notars weit vorziehe.“ Das Hohnlächeln verſchwand, und der Blick, wel⸗ chen Kuno auf Ellen richtete, verrieth einen ſo hohen Grad des Erſtaunens, daß ſie zu lachen anfing und fragte: „Was liegt in meinen Worten, worüber Sie ſich ſo verwundern?“ „Ihre Aufrichtigkeit. 4 „Aber, mein Gott, iſt denn daran etwas Böſes? Ich habe ja nur die Wahrheit geſagt.“ Ellen lachte noch immer wie ein Kind. „Im Gegentheil, Sie ſind dadurch bewunderns⸗ werth; aber wenn ich nun eine rechte kühne Frage an Sie richtete, würden Sie dieſelbe dann auch auf⸗ richtig beantworten?“ „Im Fall ich ſie beantworte, wird es mit Auf⸗ richtigkeit geſchehen; aber es kann ſeyn, daß ich die 101 Frage unpaſſend finde, und dann gebe ich keine Ant⸗ wort.“ „Sie ſind ein wunderbares Mädchen, aus lauter edeln Launen zuſammengeſetzt,“ murmelte Kuno, mehr mit ſich ſelbſt, als zu ihr redend. „Ah, ſie ſind nicht alle edel, im Gegentheil: ich bin mißgünſtig und zuweilen recht bösartig,“ ſagte Ellen beinahe traurig.„Aber was wollten Sie mich fragen?“ „Haben Sie Arnold gern?“ 1 „Ja, allerdings. Er iſt gut, heiter und freund⸗ lich, unterhaltend im Geſpräch und dienſtfertig. Ja, ich halte viel auf ihn, beſonders wegen der wirklichen hrndſbait und Bewunderung, welche er für Sie egt.“ Kuno betrachtete ſie zweifelnd. Er hielt ihre Ant⸗ wort für minder aufrichtig und glaubte in ſeinem mißtrauiſchen Herzen, die letzten Worte haben in Ge⸗ fallſucht und in der Abſicht, ihm zu ſchmeicheln, ihren Grund. „Sie ſind ſehr artig, Mamſell Ellen; Sie ſchei⸗ nen vergeſſen zu haben, daß ich an den letzten Theil deſſen, was Sie ſagten, nicht glauben darf, wenn ich mich erinnere, daß Sie vor einiger Zeit äußerten, meine Handlungen ſtehen mit den Forderungen der Ehre in Widerſpruch.“ Kuno's Ton war kalt und ſtolz. „Jetzt machen Sie mich in der That verdrießlich.“ „Und weßhalb?“ 3 „Weil Ihre Worte beweiſen, daß Sie mich da⸗ mals mißverſtanden haben.— Ich ſagte, wenn Sie Ihren Racheplan vollführen, ſo handeln Sie im Streite 1⁰² mit Ehre und Gewiſſen, und es ſchmerzte mich, daß Sie, den ich wirklich über ſolche unedle Gefühle erha⸗ ben dachte, denſelben, wenn auch nur für einen Augen⸗ blick in Ihrem Herzen Raum geben konnten. In meinem Innern zweifelte ich nicht an Ihrer Ehre, nein, ich war vollkommen überzeugt, Sie würden beim Handeln niemals das Gebot derſelben pergeſſen. Viel⸗ leicht waren meine Worte übereilt und mit größerer Heftig⸗ keit ausgeſprochen, als ſich ziemte. Aber ich folge lei⸗ der immerdar der Eingebung des Augenblicks. Wenn ich Sie dadurch verletzt habe, ſo verzeihen Sie mir.“ Jetzt war Kuno wieder geſchlagen.„Das Ein⸗ fache und Herzliche in Ellens Ton und ihrem ganzen Weſen wirkte auf ſeine beſſern Gefühle, und er ant⸗ wortetete mit Wärme: „Das Unrecht iſt auf meiner Seite.— Verzeihen Sie, wenn es möglich iſt, allen Zweifel in meinem Herzen. Zum Beweiſe dafür, wie ſehr ich, obwohl mein Stolz durch Ihre Worte verwundet wurde, den⸗ noch deren Richtigkeit erkannte, mag Ihnen der Um⸗ ſtand dienen, daß— ich alle Verbindung mit der gräflichen Familie abgebrochen und ſchriftlich erklärt habe, es liege niemals in meiner Abſicht, Amalie zu heirathen.— Sind Sie jetzt mit mir zufrieden?“ „Aber wenn dieſelbe Sie liebte?“ fragte Ellen, indem ſie beinahe erſchrocken Kuno anſah. „Würde ſie dann ſo gehandelt haben, wie ſie that?“ „Mir kommt es unbegreiflich vor, wenn jenes bei ihr nicht der Fall iſt,“ bemerkte Ellen nachdenklich, wie mit ſich ſelbſt ſprechend. —-—õ— — 10⁰3 Kuno betrachtete Ellen einige Augenblicke mit einem ſeltſamen Ausdruck. „Ellen, ich bin frei,“ flüſterte er. Das Mädchen wandelte ein unwillkürliches Zit⸗ tern an. Es kam ihr ſelbſt vor, als ob man ſie mit einem glühenden Eiſen berührt hätte, ſo ſchmerzlich war die Empfindung, welche ſie durchzuckte. „Sie halten es alſo für möglich, mich lieben zu können?“ „Ja. 4 Jetzt ſchaute Ellen ihm freimüthig in's Geſicht; der augenblickliche Schmerz war verſchwunden, und Ellen wieder zu ſich gekommen. „Könnten Sie mich lieben?“ „Das weiß ich nicht,“ antwortete Ellen ruhig und ernſt;„aber ich fühle, daß es mir ſchwer fallen würde, Ihr Benehmen gegen diejenige, welche Sie einmal liebten, zu vergeſſen, und noch ſchwerer, an Ihre Liebe zu glauben.“ „Sie halten mich alſo nicht für fähig, eine wirklich tiefe Liebe zu hegen.“ 1 „Nein, und darum möchte ich Sie niemals lieben.“ Auf Ellen's Stirne brannte eine dunkle, glühende Röthe. Sie erhob ſich. Kuno faßte heftig ihre Hand mit den Worten: „Sie lieben mich alſo nicht?“ „Nein,“ erwiederte Ellen, indem ſie mit einer Miene des Erſtaunens ihn anſah.—„Haben Sie das geglaubt?“ „Ja— ich war ein agshinwaer Thor, welcher ſich in dieſen, ſeinem Herzen ſüßen Feuthun einwiegte. — 104 — Verzeihen Sie! Der Gedanke machte mich ſo glücklich, verſöhnte mich mit dem Leben.“ „Ellen!“ rief die Probſtin, und jene eilte hinweg. Aber jetzt ſah es ſo wunderlich in ihrem Innern aus. Sie fühlte ſich ſo beklemmt, ſo traurig, ſo unglücklich. Unaufhörlich ertönten die Worte in ihren Ohren: „Der Gedanke machte mich ſo glücklich.“ Und dann machte ſie ſich Vorwürfe, daß ſie Kuno nicht liebte. Ihr Herz ſchlug heftig bei dieſen Worten, und eine Stimme in ihrem Innern machte unaufhörlich die Frage: Aber liebt er mich wirklich? Kann dieſe Seele eine tiefe, eine warme Liebe hegen, wie mein Herz für den bergen wird, welchen ich einmal lieben werde?— Nein, er wird mich niemals verſtehen— und dennoch möchte ich ſeine Freundin, ſeine Schweſter ſeyn— aber ihn lieben?— Nein! Dieſe Nacht ſchlief Ellen nicht. Kuno's Wort und Bild ſtahlen ſich zwiſchen ſie und ihren Schlaf. Sehr frühe ſtand ſie auf, und es war noch nicht ſechs Uhr, ſo wanderte ſie ſchon mit ihrer Milchflaſche und ihrem Korbe zu einer armen Frau in Forsby. Als ſie halbwegs gegangen war, fühlte ſie ſich ermüdet. Sie ſetzte ſich auf einer kleinen Anhöhe nieder, mit ihrer Bürde zur Seite. Die Vögel ſtimmten ihr Morgenlied an, die Sonne ſchien ſo mild und herrlich. Ein leiſes Rauſchen ging weithin durch den Wald. Alles ſprach zu dem Herzen des jungen Mädchens. Sie legte ihre Hände zuſammen und ſtützte ihre Stirne darauf, während ein warmes und kindlich reines Gebet aus ihrem Herzen anſſtieg. Sie empfand ein wahrhaftes Wohlbehagen dabei, im Gebet Erleichterung für ihre unerklärliche Niederge⸗ —— — —V——.ͤ— —— ſchlagenheit zu ſuchen. Lang blieb ſie ſo, in ihre Andacht vertieft, ſitzen. Endlich ſielen ihre Hände aus einander, und ſie erhob das demüthig gebeugte Haupt, um einen Blick auf den unermeßlichen Dom, der ſich über ihr wölbte, zu werfen, als ſie einen Ruf ausſtieß und beinahe erſchrocken ſich aufrichtete. Vor ihr, die Arme über der Bruſt gekreuzt, ſtand Kuno. „Sie finden mich wieder auf Ihrem Wege, aber nicht, um Ihre Handlungen wie früher auszuſpioniren — nein, ich kenne dieſelben jetzt. Ich bin hier, weil ich mit Ihnen reden muß.— Ellen, Sie haben eine Nacht ſchlaflos zugebracht, während meine Worte in Ihren Ohren widerhallten.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Ellen mit einem milden, ſchwermüthigen Lächeln.„Ihre Worte ſchmerzten mich. Ich wäre ſo gern Ihre Freundin, Ihre Schweſter geweſen..“ 3 „Das iſt für mich zu wenig.“ „Und doch iſt es Alles, was ich werden kann.“ „Sie irren ſich; Sie müſſen mir mehr werden, oder auch Nichts.— Sie müſſen mich lieben, Ellen, ſonſt bin ich verloren.“ 1 Kuno fuhr mit der einen Hand über die blaſſe, düſtere Stirne; dann ließ er ſich in achtungsvoller Ferne von Ellen nieder und fuhr fort: „Verſprechen Sie, mich freundlich anzuhören?“ Gllen nickte bejahend mit dem Kopfe, und es kam ihr vor, als hätte ſie in dieſem Augenblick all dem ſtillen Frieden, der bisher über ihrem Leben weilte, Lebewohl geſagt, und es thue ſich eine neue Bahn, Schwart, Novellen. II. 1 8. 106 voll Schmerzen und Kummer, vor ihr auf.— Ach! Sie ahnte nicht, wie kurz dieſe Bahn werden ſollte! „Als ich hieher kam— es ſind drei Monate ſeitdem vergangen— ſagte man mir:„Ellen Gällner kann deiner Ruhe gefährlich werden.-— Ich lachte verächtlich dazu, ich brach in Aeußerungen des Hohnes aus bei dem Lobe, womit man Sie überhäufte, ich gab mein Wort darauf, daß ich mich nimmermehr in Sie verlieben würde; ich ging noch weiter: ich verſprach meiner Eigenliebe, Sie in mich verliebt zu machen. Ich ſuchte Ihre Tugenden zu Fehlern zu machen, Ihre Unſchuld und Aufrichtigkeit ſah ich für Gefallſucht und Berechnung an.— Aber während ich auf ſolche Art mich gegen die Zaubermacht, welche Sie unwillkürlich ausübten, ſicher zu ſtellen ſuchte, nahmen Sie mit jedem Tage einen immer größern Raum in meinem Herzen ein.— Sie erſchienen mir als meines Lebens guter Engel, als dasjenige Weſen, welches mich wieder mit dem Leben verſöhnen, den Zweifel und Hohn aus meiner Seele verbannen ſollte.— Ich bildete mir ein, in Ihrer Gegenwart beſſer zu werden, und es war mir, als ob Sie mich Gott näher geführt hätten.— Ellen, das Gefühl, welches auf ſolche Art in meinem Herzen erwuchs, wurde keine wilde heftige Leidenſchaft; es wurde eine heilige und für mein moraliſches Leben unentbehrliche Empfindung. Ihre Liebe iſt das Licht, wornach ſich mein Herz ſehnt, der Leitſtern, der mir vorleuchten wird.— Berauben Sie mich der Hoffnung, ſo rufen Sie jene finſtern Mächte wieder hevor, welche in meinem Innern ſchlummern und entfliehen, wenn ich in Ihrer Nähe bin, denn ich werde dann nur von „Ihrem reinen, unſchuldsvollen Blick beherrſcht.— 107 Ellen! Ich will ein Jahr meines Lebens daran wenden, Ihr Herz zu gewinnen.— Ich werde geduldig ſeyn; ich werde zuwarten, wenn ich nur die Hoffnung be⸗ halten darf, daß Sie eines Tages mich lieben werden, und daß Ihre Zärtlichkeit nicht einem Andern gehört. — Verſtehen Sie jetzt, warum ich ſagte: ‚Sie müſſen mich lieben“?— Ich gleiche einem Menſchen, der nahe daran iſt, verdammt zu werden, aber von einem Engel noch gerettet und mit Gott verſöhnt werden kann.— Wollen Sie dieſer rettende Engel werden?— „Ja, das will ich— wenn ich kann,“ erwiederte Ellen mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck in Ton und Blick. Kuno hatte diejenige Saite in ihrem Herzen angeſchlagen, welche immer ſo ſtark für alles Gute und Schöne erklang. „Ach, Ellen, ſagen Sie, daß Sie mich lieben!“ rief Kuno mit Entzücken. „Noch nicht,— aber ich werde lernen, Sie zu lieben, das ſagt mir mein Herz,“ flüſterte Ellen. „Und Sie wollen meine Gattin werden!“ fuhr Kuno fort und ſprang auf. „Ja, an dem Tage, da mein Herz Ihnen ge⸗ hört,“ erwiederte Ellen und reichte ihm die Hand, welche er mit Rührung an ſeine Lippen drückte. 1 „Und nun laſſen Sie uns ſcheiden,“ ſetzte Ellen hinzu. „Darf ich Sie nicht begleiten?“ „Nein.— Ich muß allein mit mir ſelbſt ſeyn.“ Darauf nahm Sie ohne die geringſte Ziererei Korb und Flaſche auf und entfernte ſich. Kuno wollte noch nicht heimkehren. Er war allzu heftig erregt. Sein Liebesverhältniß zu Ellen hatte 108 einen von den gewöhnlichen Umſtänden im Leben ſo verſchiedenen Charakter, daß es nun, da er allein war, wie ein wunderbarer Traum, aus welchem er zu er⸗ wachen fürchtete, vor ihm ſtand. XV. „Ellen, mein geliebtes Kind, warum weinſt Du?“ ſagte die Probſtin zu ihrer Tochter, als ſie an dem gleichen Vormittag dieſelbe in der Fridolfsgrotte mit gefalteten Händen und in Thränen ſchwimmenden Augen ſitzend fand. „Mama, ſetze Dich hieher; ich habe dir ſo viel, ſo viel zu ſagen.“ Ellen legte ihren Arm um den Hals der Mutter und lehnte ſich an ſie an. „Mein Gott, Kind, was iſt dir denn Widriges begegnet?“ „O nichts, aber höre mich an.“ Ellen erzählte nun ihrer Mutter die Unterredung, welche ſie Morgens mit Kuno gehabt hatte. Schwei⸗ gend, die milden Augen auf die Tochter geheftet, ver⸗ nahm die Mutter ihren Bericht. Als ſie geendet hatte, ſagte die Probſtin:. „Und Du haſt verſprochen, den Verſuch zu machen, ihn zu lieben?“ „Ja, Mama, ich verſprach es, weil ich fühle, daß ich es thun werde.“ „Aber Du thuſt es ja noch nicht?“ „Nein, nicht mit dem Gefühle, welches ich Liebe 109 nennen möchte.— Aber es iſt Etwas, das mich un⸗ aufhörlich zu ihm hinzieht, und eine Stimme in meinem Innern ſagt mir, daß meine größte Freude und mein größter Schmerz von ihm ausgehen wird.“ „Kind, Du erſchreckſt mich.— Ach!“ flüſterte die Probſtin,„mir hat er ein Gefühl wie Furcht einge⸗ flößt, und als er dich betrachtete, hatte ich eine Em⸗ pfindung, als ob ich dich in meine Arme ſchließen und vor ſeinen Blicken verberge ſollte. Ellen, Ellen, ich fürchte, Du betrittſt nun einen Weg, welcher dich zu Leiden und Qual führen wird!“ „Mama, er hat ja geſagt, ich werde das ver⸗ mittelnde Glied ſeyn, das ihn zu Gott führt.— In dieſem Gedanken liegt etwas ſo Schönes, daß ich nur mit Schmerz an meine eigene Unvollkommenheit denke. — Aber nun, da die Vorſehung mir ein ſolches Le⸗ bensziel gegehen hat, werde ich auch daran arbeiten, über meine Fehler die Oberhand zu gewinnen.“ Lang redeten Mutter und Tochter, wie zwei Ge⸗ ſchwiſter mit einander.— Als die Probſtin Ellen verließ, ging ſie zu Fridolf auf ſein Zimmer. Der junge Mann ſaß am Fenſter, in die Lektüre eines Buchs vertieft. „Fridolf!“ ſprach ſie ſanft und legte ihrs kleine, ſchöne Hand auf die Schulter des Sohnes. „Ach, Mama!“ „Mein Sohn, ſage mir, was Du von dem Be⸗ zirksrichter Arlborg denkſt, aber nicht wie er vor dei⸗ ner Alles mildernden Herzensgüte, ſondern wie er vor deinem geſunden Urtheile daſteht.“ „Und warum das?“ 110 „Ich werde es dir hernach ſagen, aber wenn Du Etwas auf mich hältſt, ſo ſprich aufrichtig.“ „Gern. Ich begreife nur nicht, warum Du einen ſo feierlichen Ton anſtimmſt.— Kuno Arlborg kommt mir als ein von Natur reich begabter junger Mann vor, aber es ſcheint, er hat durch verſchiedene Lebens⸗ verhältniſſe, ſchlechte Geſellſchaft— und vielleicht auch in Folge des Umſtandes, daß er als Juriſt die Men⸗ ſchen von einem niedrigen Standpunkt betrachtete— eine gewiſſe Verachtung der Welt in ſich aufgenommen und einen allzu hohen Begriff von ſich ſelbſt gefaßt, was in ſeine Art und Weiſe etwas Uebermüthiges legte. Aber ſein Herz iſt gut, redlich und recht⸗ ſchaffen.“ „Würdeſt Du Ellen's Zukunft ſeinen Händen anvertrauen?“ „Mama!“ rief Fridolf, erhob ſich heftig und faßte der Mutter Hand.„Mama, warum dieſe Frage?“ Die Probſtin theilte nun ihrem Sohne mit, was Ellen ihr ſo eben erzählt hatte. Fridolf ſank in ſeinen Stuhl zurück und murmelte: „Ellen ihn lieben!— Ellen ſeine Gattin werden! Ach Mamal das kommt mir ſo ſchmerzlich, ſo unfaß⸗ lich vor.“ „Und weßhalb?“ 3„Darum, weil wir mit einer ſo innigen Geſchwiſter⸗ liebe an einander gebunden waren, und nun ſoll ein Fremdling mich zurückdrängen und für ſie Alles werden.“ 8 SSollte mein Fridolf mißgünſtig und ſelbſtſüchtig 111 werden?“ fragte die Mutter mit einer ſo ſanft ver⸗ weiſenden Stimme, daß Fridolf ſtutzte. „Du haſt Recht, Mama; ich war im Begriffe, zuerſt häßlichen Gefühlen in meinem Herzen Raum zu geben. Nicht an mich, nicht an das, was ich dabei gewinne oder verliere, darf ich denlen, ſondern an Ellen.“ „Ja, an Ellen, welche unter allen Verhältniſſen, mein lieber Junge, uns ebenſo wie früher lieben wird. — Sage nun, was hältſt Du von dieſem Allem?“ Fridolf ſaß eine lange Weile nachdenkend da. Er hatte ein allzu gutes Herz und war allzu gewiſſenhaft, um nicht die ganze Wichtigkeit des Schrittes, welcher von Ellen gethan worden war und ſie auf eine ganz neue Bahn führen mußte, in reifliche Erwägung zu ziehen.— Aber er ſah auch ein, daß es ſich nicht bloß um Ellen's, ſondern auch um Kuno's Zukunft handelte. Nach einer langen Pauſe antworte er: „Mama, Kuno hat wahr geſprochen, wenn er Ellen ſeinen guten Engel nannte, und mein Glaube iſt auch, daß ſie auf ihn einen wohlthuenden Einfluß ausüben wird. Wer ſollte Ellen kennen, und dieſes reine, gute, unſchuldsvolle Herz nicht lieben? Mir dünkt, Ellen hat recht gehandelt.“ „Aber Du ſagſt nichts davon, wie deiner Mei⸗ nung nach Ellen's Zukunft an der Seite dieſes Mannes ſich geſtalten wird.“ „Ellen wird ihn lieben, in ihrer Liebe leben, ihr Glück darin finden, wenn er ſie liebt, wie ſie ihn— und ſie wird ſterben— wenn er ſie täuſcht. Aber überlaſſen wir die Zukunft Gott, er wird Alles zum Beſten lenken.“ 11² „Gottes Wille geſchehe!“ ſeufzte die Probſtin mit Thränen in den Augen und dachte an ihre älteſte Tochter, welche in der Blüthe ihrer Jugend an der Seite eines kalten egoiſtiſchen Mannes geſtorben war. Ach! das weiche Mutterherz fühlte, daß ihre Ellen ebnſo wenig wie die abgeſchiedene Erika in den Stürmen des Lebens zu verhärten geſchaffen war. Sie wußte, daß der zarte Stengel brechen und die Blume dahin⸗ ſterben würde; und darum zitterte ſie davor, ſie den Windſtößen des Schickſals auszuſetzen.— Aber ſie hatte ein für alle Mal beſchloſſen, Ellen bei der Wahl eines Gatten freie Hand zu laſſen. XVI. Die Zeit nahm ihren gleichmäßigen Gang. Kuno beſuchte täglich das Pfarrhaus, aber Nichts in ſeinem Benehmen gegen Ellen erinnerte an jene wichtige Un⸗ terredung. Das Wort Liebe wurde nicht mehr aus⸗ geſprochen, und Ellen möchte zu glauben verſucht ge⸗ weſen ſeyn, er habe Alles zuſammen vergeſſen, wenn er ihr nicht in einer Menge Kleinigkeiten eine ſo zarte Aufmerkſamkeit und Zärtlichkeit bewieſen hätte. Manch⸗ mal, vielleicht öfter als vorher, begegnete er Ellen auf ihren Morgenſpaziergängen, deutete aber nicht mit einem Worte auf die Hoffnung hin, welche ſie ihm gegeben hatte; niemals wurde die Frage wiederholt, ob ſie ihn liebte. Kuno wollte ſie nicht dadurch, daß er die Sprache der Leidenſchaft redete, einſchüchtern und ſomit vielleicht — 113 jene einfache Vertraulichkeit, welche ihn jetzt ſo glücklich machte, verjagen. Aber in Allem, was mittelbar von ſeiner Liebe redete, ließ er ſie durchſchimmern. So zum Beiſpiel hatte Ellen eines Tages gegen Alba, ohne zu ahnen, daß Kuno ihre Worte vernahm, ge⸗ äußert: „Haſt Du geſehen, welche ausgezeichnet ſchöne Kamellia bei dem Poſtmeiſter in Blüthe ſteht?— Ach, wer eine ſolche hätte! Kuno ritt noch an demſelben Abend zum Poſt⸗ meiſter, und es gelang ihm, die ſchöne Pflanze zu kaufen. Am folgenden Morgen, als Ellen erwachte, ſtand ſie neben ihrem Bette. „Woher kommt die Blume?“ fragte Ellen ihre alte Magd. „Der Herr Bezirksrichter hat ſie hieher geſchickt,“ antwortete die Alte. Ein anderes Mal hatte Ellen den Wunſch ge⸗ äußert, Bulwer's„Leben in England“ zu leſen.— Am nächſten Poſttag lag es auf ihrem Tiſche. Der unbedeutendſte von Ellen's Wünſchen wurde erfüllt, und immer auf die zartſinnigſte Weiſe. Bei jedem ſolchen Beweiſe ſeiner beſtändig wachenden Liebe fühlte ſich Ellen gerührt, und der Blick, womit ſie ihm dankte, war ſo verheißungsreich für die Zukunft, daß Kuno ſeiner ganzen Selbſtbeherrſchung bedurfte, um ſich nicht von ſeiner Liebe überwältigen zu laſſen. Oft bei ihren Geſprächen, wenn Kuno's Menſchen⸗ verachtung oder Zweifel an dem Guten zum Vorſchein kam, umwölkte ſich Ellens Stirne, und dann gab ſie mit mildem Ernſte ihren Tadel über einen ſolchen 114 Ausbruch zu erkennen, oder wurde ſie darüber ſo miß⸗ vergnügt, daß ſie es vor ihm nicht verbergen konnte. Eines Abends kam die Rede auf Romane. Kuno behauptete, daß man dadurch eine ſchiefe Anſicht vom Leben erhalte. „Es gibt Leiden der Art in der wirklichen Welt, daß ſie auf unſere ganze Zukunft einwirken, und ich fordere jeden Romanſchriftſteller heraus, ob er dieſelben zu ſchildern vermag. Der Roman dreht ſich gewöhn⸗ lich und hauptſächlich um eine einzige Leidenſchaft, nämlich die Liebe; gleichwohl werden wir oft von andern eben ſo mächtigen beherrſcht.— Ja, es gibt Leidenſchaften, welche nicht einmal die Liebe zu heilen vermag.“ „Und ich, ich glaubte, wenn man wirkllich liebt und wieder geliebt wird, ſollte dieſe Empfindung Licht über das ganze Leben verbreiten. Aber es gibt wohl wenige Herzen, welche ſo lieben können, und vielleicht iſt auch das Ihrige eines ſolchen, alles Andere be⸗ herrſchenden Gefühls nicht mächtig.“ Kuno faßte Ellens Hand. „Ich weiß nicht,“ ſagte er,„wie innig andere lieben; aber ich weiß, daß meine Liebe zu Ihnen, Ellen, meine ganze Seele erfüllt. Ach, in meinem Herzen iſt einmal eine ſolche Umwälzung vor ſich ge⸗ gangen, daß Alles, was ich in der Kindheit für heilig anſah, niedergeriſſen wurde, und ich fürchte, es bedarf mancher Jahre, bis es mit mir dahin kommt, daß ich meines Haſſes und meiner Verachtung vergeſſe.“ „Haſſes! Sollten Sie, Kuno, haſſen? Wenn Sie haſſen, was hätten Sie dann mit meiner Liebe zu thun?“ 11⁵ „Sie würde mich beſtimmen, dieſen Haß in der Tiefe meines Innern zu begraben.“ „Aber ich,“ rief Ellen heftig,„ich möchte den nicht lieben, in deſſen Seele der Haß wohnt.“ „Ellen.... Sie verſprachen ja, meine Retterin zu werden?— Beben Sie ſchon davor zurück?— Wenn ich Ihnen ſagte, wer die Perſon iſt, welche mein Herz verachtet und verabſcheut, ſo würden Sie finden, daß ich Ihrer Liebe, des Hauches eines reinen und milden Geiſtes bedarf, um nicht vor Bitterkeit und Verzweiflung zu unterliegen,“— Kuno fuhr ſich mit der Hand durch ſeine Locken—„aber,“ fuhr er fort,„werden dieſe Träume, welche jetzt meine Bruſt mit ſo warmen Ge⸗ fühlen von bisher ungekannter Süßigkeit erfüllen, bei Ihnen niemals für mich ihre Verwirklichung finden?“ „Ellen reichte ihm mit einer unbeſchreiblichen An⸗ muth die Hand, indem ſie antwortete: „Sie werden eines Tags eine Verwirklichung fin⸗ den, aber ich möchte Sie zuvor frei von jeder unedeln Leidenſchaft ſehen. Und der Haß iſt eine der unedelſten. Vergeſſen Sie das Unrecht, verzeihen Sie dem, welcher Ihnen Böſes gethan hat!“ „Es gibt manches Unrecht, das man nicht. ver⸗ zeihen kann. O, wenn Sie wüßten, was ich gelitten habe!— Erſt ſeitdem ich Sie lieben lernte, habe ich mein Leiden vergeſſen.“ „Und Ihren Haß, nicht wahr?“ „Den werde ich vielleicht durch Sie vergeſſen lernen.“ „Und verzeihen?“ Kuno faßte wieder Ellen's Hände und rief heftig:. 3 116 „Nein, verzeihen iſt mir unmöglich; ich bin nicht mehr als ein Menſch.“ „Sie ſind Chriſt!“ Bei dieſen Worten ſtrahlten Ellen's Augen von einem überirdiſchen Glanze. „Cllen, Sie ſind ein Engel!“ flüſterte Kuno,„und Ihre bloße Nähe macht einen Menſchen beſſer. Wenn ich Sie mein finſteres Geheimniß leſen laſſen könnte, wenn Sie wüßten, wer es iſt, der meine Verachtung, meinen Abſcheu erweckt und mich dahin gebracht hat, daß ich mit Ekel in die Welt hinaustrat, ſo würden Sie begreifen, wie ſehr ich eines Arztes, wie Sie ſind, für mein krankes Gemüth bedarf.“ „Und Sie wollen mir dieſes Geheimniß nicht anvertrauen?“ „Ich kann nicht.“ „Niemals?“ „Ja, ſpäterhin, wenn Sie meine Gattin ſind.“ Eines andern Tags traf Kuno mit Ellen im Hofe zuſammen. Sie kam vom Garten mit einem Bouquet üppiger, prachtvoller Georginen, welche ſie ihm mit den Worten reichte: „Sind ſie nicht ſchön?“ „Ja, ſie ſind hübſch; aber ſie gleichen einem ſchönen Körper ohne Seele, es fehlt ihnen der Geruch. — Ich beſitze eine Blume, ganz klein und verweltt, welche für mich ſchöner iſt, als alle Blumen der Welt,“ ſetzte Kuno hinzu und holte aus ſeiner Brieftaſche ein kleines Stückchen Papier, welches er auseinander ſchlug. Hier iſt ſie.“ Ellen erröthete, als ihre Augen auf den Inhalt des Papiers fielen. Sie erkannte die kleine, häßliche, 117 gelbe Blume, welche den Gegenſtand ihres erſten Geſprächs ausgemacht hatte. „Dadurch lernte ich Sie kennen, und durch Sie habe ich gelernt, daß man an allen Dingen eine ſchöne Seite aufſuchen muß.“ XVII. Am Abend, als Kuno nach Hauſe zurückehrte, begegnete er im Hofe ſeinem Freunde, dem Notar, welcher von einem Beſuche in der Nachbarſchaft heim kam.. Als ſie in den Saal traten, warf ſich Kuno auf einen Sopha und rief: „Joſeph, wenn es mir wirklich gelingt, Ellen's Liebe zu erlangen, ſo bleibt mir auf Erden Nichts mehr zu wünſchen übrig.“ „Es freut mich unbeſchreiblich, dich einmal ſo reden zu hören. Und wenn dein Glück von dort herkommt, muß es auch zur Wirklichkeit werden.“ Der Notar deutete auf den Probſthof, welchen man von einem Fenſter des Saales aus ſah. „Ja, dort liegt meine Seligkeit. Es kommt mir vor, als ob ich daran zweifeln müßte, ihr Herz zu gewinnen, weil ich nicht verdiene, von dieſem engelholden Mädchen geliebt zu werden.“ „Du verdienſt es dennoch, ſonſt würde ich nicht meine Zuſtimmung gegeben haben,“ erwiederte der Notar ſcherzend. Dann ſetzte er ernſt hinzu:„Aber es gibt keine Seligkeit, welche ungetrübt zu genießen 118 uns vergönnt iſt. Jetzt komme ich wirklich als ein Unglücksprophet, um gegen meinen Willen einen Tropfen Galle in deinen Liebeskelch zu träufeln.“ 3„Du?— Nimm dich in Acht, ſage nicht ein Wort von meines Herzens Kleinod. Der Glaube an ſie iſt mein größter Reichthum— ein. Reichthum, welcher mir Erſatz für alle meine frühere Armuth gewährt.“ „Von ihr?— Selbſt die Bosheit dürfte nicht wagen, ſie herabzuſetzen. Nein, von ihr kommt die Bitterkeit nicht.— Weißt Du, wo ich heute ge⸗ weſen bin?“ „Nein!“ „Auf dem Hüttenwerk U.— Und dort traf ich— Er hielt an, als ob es ihm an Muth gebräche, ein Wort auszuſprechen, welches, wie er zum Voraus wußte, ſeinen Freund ſehr unangenehm berühren würde. „Wen?* „Deine Mutter.“ Dieſe zwei Worte ſchienen eine furchtbare Wir⸗ kung auf Kuno auszuüben; denn er wurde todesbleich, faßte heftig Joſeph's Arm und rief mit beinahe unheimlichem Ton: „Sie!“ 4 „Ja, ſie, ſammt dem Grafen, ihrem Bruder, deſſen Sohn und Tochter, welche ſich dort aufhalten, weil der junge Graf zum Landesvermeſſer hier ernannt worden iſt und nun das Gut von Ingenieur W. zu kaufen gedenkt. Deine Mutter beabſichtigt, hieher zu — 119 kommen, im Fall Du nicht ihrer Aufforderung, dich in U. einzufinden, Folge leiſteſt.“ „Sie will mich alſo zu einer Zuſammenkunft mit ihr zwingen.“ 2 „Ja. Sie iſt eine entſetzliche Frau, Kuno.“ „Und ich— ich Unglücklicher bin ihr Sohn!“ Kuno warf ſich auf den Sopha zurück und verbarg das Angeſicht in den Händen. Joſeph fuhr fort: „Sie iſt aufgebracht über deinen Bruch mit ihrem Bruder und über deine beſtimmte Erklärung, dich mit deiner Couſine Amalie nicht verheirathen zu wollen, und ſie äußerte, ſo lang ſie lebe, ſollte es dir niemals ge⸗ lingen, eine andere Frau zu bekommen. Sie glaubt dich zu dieſer Heirath zwingen zu können.“ Kuno ſprang mit flammendem Blick und mit ſtolzer, harter⸗Miene auf, während er mit eiſiger Ver⸗ achtung bemerkte: „Dieſe meineidige Frau, dieſe verächtliche Mutter wagt es, zu drohen!— Weiß ſie denn nicht, wie ver⸗ brecheriſch ſie iſt? Weiß ſie nicht, daß ich aus Schonung für ſie und um das Gewicht ihrer Scham nicht erhöhen zu müſſen, ſechs Jahre ihre Nähe geflohen habe, einer Begegnung ausgewichen bin, welche vernichtend für ſie ſeyn müßte, weil die Erinnerung an meinen verehrungs⸗ würdigen Vater und meine unglückliche Schweſter mich ſchonungslos gegen die unwürdige Gattin und herzloſe Mutter machen würde? Nun wohl, ſie will es.— Wir werden uns alſo treffen. Aber ſie ſoll durch ihre Gegenwart nicht die Luft, welche meines Lebens guter 1²⁰ Engel athmet, entweihen. O, warum kann ich nicht an der Welt Ende fliehen, um nur ihren Namen nicht mehr hören zu müſſen!“ XVIII. Am folgenden Tage früh Morgens begab ſich Kuno in den Probſthof mit dem gewöhnlichen Bouquet, in das er heute ein Billet geſteckt hatte, worin er Ellen mittheilte, daß er nothwendig in Geſchäftsangelegen⸗ heiten eine Reiſe nach dem Hüttenwerke A. machen müſſe. Aber gerade als er das Gitterthor zum Pfarr⸗ hauſe öffnete, befand er ſich Ellen gegenüber, welche gerade im Begriff war, ihre gewöhnliche Morgenpro⸗ menade zu den Armen anzutreten. „Ich muß nach U. reiſen,“ ſagte Kuno,„und komme hieher, um Ihnen mit dieſen Blumen eine Lebe⸗ wohl zu bringen, da ich den ganzen Tag Sie zu ſehen nicht das Glück habe.“ „Bleiben Sie ſo lang fort?“ „Ach! Ich gäbe viel, wenn ich dieſer Reiſe ganz überhoben wäre: über meinem Haupte ruht ein eigenes Mißgeſchick, welches mir jede reine und ungetrübte Glückſeligkeit zu verweigern ſcheint. Es gibt Etwas, das immer der Freude für mich einige Bitterkeit bei⸗ miſchen wird.. 3 „Sollten Sie bereits fühlen, daß ich Ihnen nicht Alles, was Sie träumten, nämlich Frieden und Ver⸗ ſöhnung mit dem Leben zu ſchenken vermag?“ 121 „Ellen, Sie ſind mir mehr als Frieden und Verſöhnung.— Sie ſind der wiedererwachte Glaube an das Gute und Wahre.“ „Was iſt es dann?“ „Fragen Sie nicht.— Wiſſen Sie nur, daß Ihre Liebe mein Alles iſt, und daß es eine Wunde in meiner Seele gibt, welche nur dadurch geheilt wer⸗ den kann. Es findet ſich ein Ereigniß in meinem vergangenen Leben, welches mein Inneres mit Bitter⸗ keit und Verachtung erfüllt.“ Kuno reiſte ab.— Ellen war traurig und grü⸗ belte über ſeine Worte nach. Am Abend war der Notar unten im Probſthofe und eine halbe Stunde nachher langte der Kronvogt an. Er kam von dem Hüttenwerke A., hatte bei ſeinem Abgang von dort Kuno geſehen, welcher eben ange⸗ kommen war und mit großer Ungeduld von einer Frau, einer Madame Engelmann aus Stockholm, er⸗ wartet wurde. Ellen wurde ſehr bleich, als der Kronvogt dieß erzählte. Sie beugte ſich auf ihre Arbeit nieder, um ihre Bewegung zu verbergen; aber die zitternden Hände wollten ihrem Willen nicht Folge leiſten. „Was iſt das für eine Frau Engelmann?“ fragte der Probſt. „Eine Wittwe, glaube ich.— Sie iſt eine Jugend⸗ bekannte von der Freiherrin D. auf A., und mit dem Grafen Granſtjöld, welcher hier Landesvermeſſer wurde, verwandt. Man behauptet, ihr Ruf ſey in jüngern Jahren von der Art geweſen, daß Verwandi und Schwartz, Novellen. II. 1 3 . 12² Bekannte Nichts von ihr wiſſen wollten.— Uebrigens kennt ja der Herr Notar ſie,“ ſetzte der Kronvogt hinzu. „Ich wünſche, der Teufel hole deine plappernde Zunge!“ dachte der Notar, welcher ſah, wie Ellen die Farbe wechſelte, wie die Probſtin ihre forſchenden Blicke auf ihn richtete, und wie Fridolf die Augen von ſeinem Zeitungsblatt erhob. „Ich kenne Frau Engelmann ſehr wohl,“ ſagte er, „und bin oft in ihrer Geſellſchaft geweſen. Ich erhielt ſogar den Auftrag, Arlborg die Bitte zu überbringen, er möchte wegen einer Rechtsſache, welche er für ſie führt, nach U. kommen.“ Dieſe Antwort ſchien die Probſtin und Fridolf zu beruhigen; aber Ellen, welche ſich der Worte Kuno's erinnerte, glaubte nicht daran. Sie heftete mit einem ſo eigenthümlichen Ausdruck von Verdruß ihre Augen auf den Notar, daß er erröthete. Der Probſt fragte lachend: „Iſt die Klientin ſchön?“ 1 „Eine charmante Dame mit einem regelmäßigen, ſchönen Angeſicht,“ beeilte ſich der Kronvogt zu ant⸗ worten. „Aber ſie hat ihre fünfzig Jahre,“ fiel Arnold ein, welcher mit Schrecken Ellen's Gemüthsbewegung wahr⸗ nahm. „Sie belieben zu ſcherzen, Herr Notar; ſie iſt gewiß nicht vierzig; denn ſie ſieht noch ganz jung aus,“ ent⸗ gegnete der Kronvogt. „Im Fall Sie an meinen Worten zweifeln,“ fuhr Joſeph fort,„ſo kann ich auf das Kirchenbuch hinweiſen, woraus hervorgeht, daß Frau Engelmann einen beinahe dreißigjährigen Sohn hat.“ 8 —— 123 Ellen war aufgeſtanden, ging hart an dem Notar vorüber und flüſterte ihm zu: „Warum ſich zum Advokaten der Unwahrheit machen?“ Damit verließ ſie das Zimmer. „Nun, das beginnt recht hübſch,“ murmelte Joſeph, als er Abends nach Hauſe ging.„Schon bevor ſie die Ringe gewechſelt haben, entſteht Mißverſtändniß und Eiferſucht.— Ach, wenn die Hexe, Kuno's Mutter, nur wäre, wo der Pfeffer wächst; denn ich verſpüre nichts Gutes von des intriguanten Weibes Ankunft in der Gegend.“ Den Tag darauf wurde Ellen, welche die ganze Nacht kein Auge geſchloſſen hatte, von der peinlichſten Unruhe geplagt, und ſie fragte ſich wiederholt:„Iſt er wohl ſchon zurückgekehrt?“ Ein langes, warmes und inniges Gebet linderte einigermaßen ihre Beſorgniß, eine Beſorgniß, welche ſie aus Zartgejühl keinem Menſchen anvertrauen wollte. Am Nachmittag fand ſich Kuno wie gewöhnlich ein. Er fand Ellen ſehr kalt und zurückhaltend. Ihre Antworten waren kurz und beinahe abſtoßend. „Der Tag, den ich, ohne Sie zu ſehen, verleben mußte, iſt mir wie eine ganze Ewigkeit vorgekommen,“ bemerkte Kuno. „Sie werden ſich ſchwerlich hieher geſehnt haben, da Sie eine alte Bekannte zu U. trafen.“ „Sagen Sie mir, was iſt es, das dieſe Unfreund. lichkeit und Bitterkeit in Ihrem Weſen hervorbringt?? „Sagen Sie mir zuerſt, was iſt das für ein ntereſe. das Sie an die Frau feſſelt, welche Sie zu u. beſucht haben,“ ſagte Ellen. 124 Kuno wechſelte die Farbe und erwiederte in ſtam⸗ melnden Tone: „Dieſe Frau iſt.... meine Mutter.“ „Ihre Mutter?“ wiederholte Ellen. „Still! Still!— ich würde eher ſterben, als vor Jemand in der Welt außer Ihnen dieß zugeſtehen. — Aber ich habe ſeit geſtern ſo viel gelitten, daß ich es nicht aushalten kann, von Ihnen mit Kälte und Bitterkeit behandelt zu werden.“ „Verzeihen Sie!“ ſagte Ellen und reichte ihm mit einem flehenden Blick die Hand.„Ich bin zuweilen recht garſtig, und es betrübt mich wirklich, wenn ich daran denke. Dießmal wird es mir ſchwer fallen, mir ſelbſt zu vergeben, daß ich Ihr Leiden dadurch vergrößert habe.“ „Wir wollen nicht davon reden und bis auf den Namen die Frau vergeſſen, welche mir das Leben gab, und welche ich allen Grund zu haſſen habe. „Ihre Mutter haſſen!“ wiederholte Ellen und zog erſchrocken ihre Hand zurück. „Ja, ich verabſcheue ſie!“ rief Kuno heftig. türlicher Sohn,“ fiel Ellen ein und that einen Schritt vorwärts, um ſich zu entfernen, blieb aber wieder ſtehen und ſetzte in ihrem milden Tone hinzu:„Nein, das iſt eine Verirrung Ihrer ſelbſt. Sie könnten nicht an die Liebe, glauben, nicht lieben, wenn Sie ein ſol⸗ ches Geſühl gegen Diejenige hegten, welche Ihnen das Leben geſchenkt, welche für die Pflege Ihrer Kindheit ſoo große Opfer gebracht hat.“ („ ‚Sie urtheilen in einer Sache, deren funihtbam „Wenn Sie das thäten, wären Sie ein unna- 125⁵ Bitterkeit Sie nicht kennen. Sie wiſſen nicht, wie viel ich dieſer Frau zu verzeihen habe.“ „Je mehr Sie zu verzeihen haben, deſto mehr zahlen Sie die Schuld ab, in welcher ein jeder Menſch zu ſeiner Mutter ſteht.“ Ellen näherte ſich Kuno wiederum, ließ ſich an ſeiner Seite nieder und ſetzte hinzu: „Wie können Sie ſelbſt auf Verzeihung von Ihm hoffen, der einmal uns Alle richten wird, wenn Sie in Ihrer Bruſt Gefühlen Raum geben, welche ſo fre⸗ velhaft vor Gott und Menſchen ſind, wie der Haß gegen eine Mutter! Welche Fehler ſie auch begangen haben mag, ſo iſt eines Kindes Pflicht, dieſelben zu vergeſſen. In jedem Herzen, auch in dem fehlerhaf⸗ teſten findet ſich immer ein Gefühl, welches ſeinem Uiſyrung nach gut und edel iſt, und dieß müſſen wir bei unſerem Nebenmenſchen, beſonders bei demjenigen aufſuchen, welchen zu lieben die Natur uns gebietet. Iſt es nicht ſo?“ „Der bloße Laut Ihrer Worte ſtimmt mein Herz zur Milde,“ erwiederte Kuno. XIX. Ein paar Tage darauf äußerte Ellen, als ſie und Kuno mit einander nach Forsby wanderten: „Iſt Ihre Mutter noch in U. 24 „Ja, aber warum von ihr reden?“ „Laſſen Sie es immerhin geſchehen.— Ich bin ja Ihre Freundin.“— 4 126 „Gäbe Gott, daß Sie etwas mehr wären!“ „Seyen Sie einſtweilen damit zufrieden,“ flü⸗ ſterte Ellen erröthend, während Kuno's ſcharfer Blick auf ihr ruhte. „Werden Sie Ihre Mutter nicht beſuchen?“ „Nein, das habe ich, bei Gott, nicht im Sinn — Nach unſerem Geſpräch vor einigen Tageu glaube ich nicht, daß wir einander noch etwas Weiteres zu ſagen haben, oder daß ſie ſo bald wieder mit mir zuſammenzutreffen wünſchen wird.“ 3 8„Sie haben ihr alſo recht verletzende Worte ge⸗ ſagt,“ rief Ellen bebend. 4„Ich habe ihr die Wahrheit geſagt,“ erwiederte Kuno düſter. „Sie ſind ſchrecklich. Ol was muß ſie nicht ge⸗ litten haben!“ bemerkte Ellen mit Thränen in den Augen. „Ach, Ellen, Sie weinen!“ entgegnete Kuno, dem jungen Mädchen näher tretend;—„Sie fühlen Ab⸗ ſcheu vor mir,“ ſetzte er hinzu, als Ellen etwas zurückwich. „Nein; aber Schmerz über einen Sohn, welcher mit harten Worten ſeine Mutter verwunden kann.“ „Sie irren ſich; das Herz dieſer Mutter kann nicht verwundet werden; es iſt kalt und gefühllos.“ „Ganz gewiß täuſchen Sie ſich. Ich fühle, daß ſie leiden, furchtbar leiden mußte; und Sie, Sie ver⸗ gehen nicht vor Reue bei dem Gedanken, deren Herz zermalmt zu haben!“— Als Ellen aufſah, begegnete ſie einem traurigen Blick von Kuno, und ſie bedauerte ihre ſtrengen Worte. — Vergeben Sie mir meine Haſt,“ fuhr ſie fort. 127 „Ich ſehe ja, daß Ihre Handlungsweiſe Sie ſchmerzt, und daß Sie dieſelbe wieder gut machen wollen.“ Ellen ſetzte ſich auf einen Stein. Sie fühlte ein eigenthümliches, ſchmerzliches Zucken in ihrer Bruſt. „Sie erbleichen, Ellen! Wie iſt Ihnen?“ fragte Kuno unruhig. „Ich fühle mich nur ein wenig müde.“ Darauf reichte ſie Kuno die Hand und ſagte: „Sie fahren doch nach U. und ſagen ihr einige freundliche Worte? Sie reiſen heute?“ „Heute nicht,“ ſagte Kuno in bittendem Ton; „begehren Sie nicht das Unmögliche.“ „Morgen alſo?“. Ellen faltete die Hände und ſchaute ihn mit einem ſo bittenden Blick an, daß er ſich gerührt fühlte.„Ver⸗ geſſen Sie, welche Fehler ſie auch begangen haben mag, Fehler, die ich weder kenne, noch kennen will; aber mein Herz ſagt mir, daß ihr Sohn ihr dieſelben vergeben muß.“ Kuno faßte die gefalteten Hände und führte ſie an ſeine Lippen mit den Worten: „Eine Bitte von Ellen macht das Unmögliche ſogar möglich.“. XX. Zwei Wochen darauf fielen die Herbſtgerichts⸗ ſitzungen ein. Am Schluß derſelben mußte Kuno nach Stockholm reiſen. Der alte Oberlandrichter war im Laufe des Sommers geſtorben, und ein neuer ſollte 128 eingeſetzt werden. Kuno beabſichtigte, ſich um den Gerichtsbezirk zu bewerben, und wurde dadurch ge⸗ zwungen, ſich einige Zeit in der Haupſtadt aufzuhalten. „Ich reiſe ſo bald; was bekomme ich zum Troſte auf der Reiſe und während der Trennung?“ Ellen ſtreckte die Hand nach einem Myrtenbäum⸗ chen aus, brach einen Zweig davon ab und ſagte er⸗ röthend: 3 „Dieß und meine Sehnſucht nach Wiederkehr.“ „Iſt das Alles?— O Ellen, reden Sie mit Ihrer ganzen entzückenden Aufrichtigkeit.“ „Kuno! Bedarf es wohl der Worte, Ihnen zu ſagen, daß mein Herz ſchon längſt Sie zu lieben gelernt hat?“ „Ellen!“ Als Kuno Abſchied nahm, hatten er und Ellen in Gegenwart der Mutter und des Bruders die Ringe gewechſelt; aber die Verlobung ſollte bis auf Weiteres geheim gehalten werden. XXI. So befand ſich nun Ellen allein mit ihrer Liebe und ihrer Sehnſucht. Er war fort und ſollte vor zwei Monaten nicht wieder kommen. Ellen ſuchte einen Erſatz für die Leere, welche ſie empfand, in dem Guten, das ſie übte, in der Hülfe, welche ſie Nothleidenden leiſten konnte, und im Gebet. Wenn eine unbeſtimmte Unruhe ſie plagte, 129 ſo weinte ſie ſich an dem Herzen ihrer Mutter aus. — Ihre Bruſt war im Herbſte wie gewöhnlich an⸗ gegriffen geweſen, aber ſie verbarg die bedenklichen Symptome ſorgfältig, theils aus Furcht, Diejenigen, welche ſie liebte, zu beunruhigen, theils aus dem Grunde, weil ſie ſelbſt dieſelben nicht für gefährlich erachtete. Der Winter kam, und auf Weihnachten ſollte Kuno wieder eintreffen. Sie fühlte ſich beſſer, aber von derſelben Unruhe, welche in ihrem Herzen von dem Augenblick, da Kuno abreiſte, aufgeſtiegen war, und einer Sehnſucht, welche ſie zu verzehren drohte, niedergedrückt. Kuno ſchrieb lange, warme Briefe, voll von der Liebe, die in ſeinem Herzen wohnte. Kurz nach Kuno's Abreiſe hatte ſich der junge Graf Granſtjöld im Gemeindebezirk niedergelaſſen, und es währte nicht lang, ſo machte er einen Beſuch in dem Probſthofe zu Weßla. Er war dem Anſehen nach ein liebenswürdiger junger Mann und noch dazu ein Kouſin von Arlborg; dieß Alles bewirkte, daß er daſelbſt eine gute Aufnahme fand. Bei einem ſeiner Beſuche erzählte er, ſeine Schwe⸗ ſter befinde ſich bei ihm, aber ihre zur Zeit ſchwache Geſundheit hindere ihn, dieſelbe ſeinem Wunſche gemäß vorzuſtellen, und während er ſo redete, ſah er ſehr bekümmert aus. Unwillkürlich fühlte Ellen einen ſtechenden Schmerz im Herzen, und ſie dachte mit Schrecken: „Wenn ſie wirklich Kuno liebte, wenn... 8 Weiter kam ſie nicht, denn die Probſtin fragte: „Iſt Fräulein Granſkjöld immer kränklich ge⸗ weſen?“ 8 130 „Nein! aber ſie hat einen Herzenskummer gehabt, welcher den Grund zu einem Bruſtleiden legte.“— Hiebei waren die Augen des Grafen mit einem ſo eigenthümlichen Ausdruck auf Ellen gerichtet, daß ſie erröthete. Mehre Tage nach dem Beſuch des Grafen gab Ellen ſich dem Nachgrübeln hin. Sie ſchrieb an Kuno, und ein Anhauch von Trauer weilte auf dieſem Brief. Sie ſprach davon, daß der Graf dageweſen, und be⸗ rührte mit einigen Worten die Kränklichkeit von Amalie. Darauf folgten einige Ausdrücke, welche eine trübe Gemüthsſtimmung andeuteten.. Kuno’s Antwort enthielt einen beißenden Ausfall gegen Amalie und verrieth einen ſo unzweideutigen Zweifel an der Erzählung von deren Kränklichkeit, daß es einen peinlichen Eindruck auf Ellen machte. Es verdroß ſie beinahe, daß Kuno ſo herzlos ſich über ein Mädchen äußern konnte, welches er einmal geliebt hatte, und dieſes Mißvergnügen ſprach ſie unverholen im nächſten Briefe aus. Inzwiſchen hatte der Graf immer häufigere Be⸗ ſuche im Pfarrhauſe gemacht, und der Zufall es ſo gefügt, daß Ellen auf ihren Wanderungen zu den Armen ihm oft begegnete. Hiebei begleitete er ſie nicht ſelten und knüpfte auf eine angenehme und lebhafte Weiſe ein Geſpräch an. Dieſes drehte ſich vornehmlich um Kuno. Der Graf rühmte ſeine Kenntniſſe, ſeine Geſchicklichket als Richter und ſeinen außerordentlich guten Kopf, redete davon, mit welcher Leichtigkeit er ſeine Studien gemacht hatte u. ſ. w. Ellen, ſelbſt gut und aufrichtig und leicht hinge⸗ riſſen, gab nicht darauf Acht, daß der Graf bei ſeinem — 131 Lobe nur Arlborg's Geiſtesgaben berührte, aber ſtets ein unerſchütterliches Stillſchweigen beobachtete, wenn es ſich um ſeines Freundes Herz und Charakter han⸗ delte. Sie hörte nichts als ein Lob und achtete nicht auf das Stillſchweigen.— Ach! Ellen's Liebe war ſo innig, ſo rein, daß ſie ihren verſöhnenden Schimmer über Alles, was ſie umgab, verbreitete. Wenn ſie an Kuno dachte, oder von ihm redete, vergaß ſie immerdar ſeine Fehler. Eines Morgens, als Ellen von Wanna heim⸗ kehrte, wo eine arme herumziehende Frau mit zwei Kindern erkrankt, und wohin jene auf die erſte Nach⸗ richt davon ſogleich geeilt war, um deren Noth zu lindern und ihre Thränen zu trocknen, begegnete ſie dem Grafen, welcher von dem Comminiſter kam. Er grüßte und bat, ſie begleiten zu dürfen, da er in den Probſthof zu gehen beabſichtige.. Das Geſpräch fiel nun, wie immer, auf Arlborg. „Er ſoll der Erſte im Vorſchlag für die hieſige Richterſtelle ſeyn,“ ſagte der Graf. „Und das hat er wohl großentheils dem Einfluß von Ihrem Herrn Vater zu danken,“ bemerkte Ellen. „Möglich, daß er hiezu beigetragen hat; aber Arlborg iſt durch ſeine Tüchtigkeit hiezu vollkommen berechtigt, ſonſt hätte mein Vater ſich nicht für ihn verwendet. Aber die Wahrheit zu ſagen, ich hätte an meines Vaters Stelle nicht ſo gehandelt.“ „Und warum nicht?“ fiel Ellen heftig ein. Der Graf hatte ſich immer geſtellt, als ob er durchaus keine Kunde davon beſäße, daß ein näheres Verhältniß zwiſchen Ellen und Kuno ſtatt fände, ob⸗ wohl ihm überall in der Gegend manches Wort von 13² deren muthmaßlicher Verlobung zu Ohren gekommen war. „Es gibt manches Unrecht, das man nicht ſo leicht verzeihen oder vergeſſen kann, beſonders wenn es denen zugefügt wird, welche man liebt,“ erwiederte der Graf.„Ueberdieß genügt es nicht, einen guten Kopf zu beſitzen; man muß auch ein gutes Herz haben, wenn man in der Welt ſich geliebt machen will.“. „Ich bin völlig überzeugt, daß der Bezirksrichter Arlborg ein eben ſo gutes Herz als guten Kopf hat,“ entgegnete Ellen mit einer gewiſſen Schärfe im Tone. „Wirklich?“ 8 Der Graf ſah Ellen mit erſtaunter Miene an. „Da ſind Sie in der That glücklicher als ich: denn ich hatte in ihm einen Mann ohne Herz und Ehre kennen gelernt.“ „Und mir kommt es unwürdig vor, ſich über einen Verwandten alſo zu äußern,“ erwiederte Ellen mit gerötheten Wangen und bebender Stimme. Sie beſchleunigte ihre Schritte. 8 „Sie ſind jetzt allzu ſtreng gegen mich. Ich habe Kuno ſeit meiner Kindheit gekannt, Sie kennen ihn erſt ſeit einigen Monaten. Sagen Sie ſelbſt, kann man den einen Mann von Herz und Chre nen⸗ nen, welcher ſeine Mutter haßt und beſchimpft, ſie vor der Welt verleugnet und ſich zu ihrem Plagegeiſt macht?“ 5 Ellen blieb ſtehen; ſie war todesbleich geworden. Sie warf den Kopf zurück und ſprach mit einem ſo edlen Ausdruck von Zorn, daß das Angeſicht des Grafen ſich dabei mit einer dunklen Röthe übergoe; —— 133 „Warum ſchleudern Sie dieſe Anklagen gegen einen Abweſenden, der ſich nicht vertheidigen kann?“ „Ich ſchleudere keine Anklagen gegen ihn, ich ſpreche bloß eine Wahrheit aus,— und nicht einmal Ihr Zorn ſollte mich abhalten, laut meine Verachtunng gegen einen Mann zu erkennen zu geben, welcher ein gottloſer Sohn iſt, welcher ſich ein Vergnügen daraus macht, mit dem Herzen einer Frau zu ſpielen, die er durch ſeine Zaubermacht einnimmt und hernach auf die gefühl⸗ loſeſte Weiſe verläßt.— Ja, Sie würden mir meine Entrüſtung vergeben, wenn Sie all das Böſe wüßten, das er meiner Schweſter angethan hat.“ Mit dieſen Worten verließ er Ellen. Dieſe ſtand da, wie vom Donner gerührt. Sie wollte ihn zurückrufen, um eine Erklärung ſeiner letzten Worte zu begehren, aber ſie vermochte keinen Laut über ihre Lippen zu bringen. Doch dachte ſie bei ſich: „Man thut ihm Unrecht; ich darf mich nicht mit denen vereinigen, welche ſein Herz mißkennen.“ Die Probſtin reichte der Tochter, als dieſelbe in den Saal trat, mit zärtlichem Lächeln einen Brief. Das junge Mädchen, welches ſeine peinlichen Gefühle ver⸗ bergen wollte, eilte auf ſein Zimmer, um denſelben zu leſen.. Sie drückte das Siegel an ihre Lippen und flüſterte mit vertrauensvollem Herzen:„Hier werde ich ein Heilmittel für meine Unruhe finden.“ Aber ſie vergaß dabei, daß ſie ihren vorangehenden Brief unter dem Einfluß des Mißvergnügens, welches durch ſeinen Spott über die Kränklichkeit von Amalie erregt worden war, geſchrieben hatte. 3 Sie erbrach den Brief; er war kalt, bitter und 134 voll verletzenden Zweifels an ihrer Liebe. Es lag Etwas in dieſem Briefe, das ſie unaufhörlich an Ku⸗ no’s höhniſches Lächeln erinnerte.— Zum Voraus aufgeregt, fühlte ſie bei jeder Zeile einen neuen Stich im Herzen, und als ſie ihn durchgeleſen hatte, kam es ihr vor, als ob ihr ganzes Innere eine einzige uner⸗ meßliche Wunde wäre..„ Am folgenden Morgen ſchrieb Ellen, aber aus der Tiefe ihres Herzens. Es war ein Brief voll Schmerz und Liebe. XXII. Bei ſeiner Heimkehr nach Näsby empfing Graf Granſtjöld einen Brief von ſeiner Tante, Madame Engelmann. Er enthielt unter Anderem folgende Zeilen: „Unſere Plane ſcheinen wirklich einen guten Fort⸗ gang zu gewinnen.— Zweifel in Kuno's Seele zu erwecken, war ſehr leicht, beſonders da ich nach der unerklärlichen Verſöhnung zu U. zwiſchen ihm und mir, welche er ſelbſt, wie Du weißt, einige Tage nach ſei⸗ nem erſtern dortigen Beſuche, mir angeboten hat, in mei⸗ nem Benehmen die paar Male, die er bei mir war, die größte Behutſamkeit beobachtet habe. Nicht mit einem Worte ſprach ich von dem Mädchen, in welches er ſich bei ſeiner Thorheit verliebt hat, ſondern wußte es nur durch deinen Bruder auf verſchiedene Weiſe ſo anzuſtellen, daß ſeine Kameraden gegen ihn äußerten, er ſey reich und könne ſomit niemals ſicher ſeyn, um 135 ſeiner ſelbſt willen geliebt zu werden u. ſ. w., und auf ſolche Art gelang es, den nie ertödteten, ſondern nur auf einige Zeit ſchlummernden Zweifel wieder zu wecken.— Der Brief des jungen D. von U. hat ſeine mißtrauiſche Seele durch die Erzählung von dem Wohlwollen, deſſen Du im Pfarrhauſe zu Weſſla ge⸗ nießeſt, und durch den Beiſatz:„Es ſieht aus, als ob Granſtjöld jetzt deinen Platz bei der Probſtin einge⸗ nommen hätte“— in volle Flammen geſetzt. Der Sieg wird uns wahrſcheinlich leicht genug. Eigen iſt es, daß wir in dem albernen Schwätzer, dem jungen D., ohne nur daran gedacht zu haben, einen ſo thä⸗ tigen Bundesgenoſſen fanden.— Da meiner Anſicht nach Kuno in der Beſinnungsloſigkeit ſchon ſo weit gekommen, um jetzt eine Dummheit zu begehen, ſo beabſichtige ich unverweilt zu euch aufzubrechen, um dem Werke die Krone aufzuſetzen.... Der Graf ſchrieb am folgenden Tag mit der Poſt in ſeinem Briefe an Frau Engelmann unter Anderem: „Alles geht nach Wunſch. Es iſt mir, wie ich glaube, gelungen, bei Kuno's zärtlicher Schäferin Miß⸗ trauen und Unruhe zu wecken, und ich glaube, dein Auftreten, liebe Tante, würde nun in der Sache den Ausſchlag geben. Wird er einmal von der Pfarrers⸗ tochter zurückgewieſen, ſo wird der Hochmuth ihn be⸗ ſtimmen, dadurch Rache zu nehmen, daß er ſogleich mit Amalie ſich verheirathet. Das große Vermögen lommt dann nicht aus unſerer Familie, und iſt er einmal mit einer Granſfſjöld vermählt, ſo wird die 136 Chre ihn zwingen, die Pfandſchulden zu bezahlen und auf ſolche Weiſe das alte Granſtjöld'ſche Beſitzthum, welches ſonſt verloren geht, zu retten.“ XXIII. In dem Wohnzimmer ſaß eines Abends, einige Tage ſpäter, Ellen ganz allein. Der Probſt war mit ſeiner Gattin zu einer Bauernhochzeit abgegangen. Fridolf befand ſich auf einem Beſuche in der Nach⸗ barſchaft. Plötzlich hörte ſie einen Wagen auf den Hof hereinrollen. Einen Augenblick darauf erſchien Stina und meldete, eine Frau Engelmann ſey ſo eben angefahren. Ellen erhob ſich heftig bei dem Laute dieſes Na⸗ mens. Sie faßte die Magd am Arm und gebot ihr mit bebender Stimme, denſelben zu wiederholen. „Kuno's Mutter! Dieſe Mutter, die er ſeinen Worten nach haßte und verachtete, die er vor der Welt nicht anerkennen wollte! Das Blut ſtürzte ihr nach den Wangen und dem Herzen. Ellen war ſo aufgeregt, daß ſie ſich nicht von der Stelle zu rühren vermochte. Was konnte deren Abſicht bei dem Be⸗ ſuche ſeyn? War Kuno von einem Unglück betroffen worden? Sie drückte die Hände auf die Bruſt und flü⸗ ſterte für ſich: „Warum bebt mein Herz ſo ſehr?— Sie iſt ja doch ſeine Mutter— meines Kuno Mutter. Sie iſt es, welche ihm das Leben geſchenkt hat, und wenn —————— 137 man ſo innig wie ich liebt, ſo darf man nicht fürchten, denjenigen zu begegnen, welche ihn auch lieben müſſen. Dabei faltete ſie die Hände, ſchaute zum Himmel empor und dachte:„O Gott! wenn nur ihm nichts Schlimmes widerfahren iſt!“ Alsdann ging ſie, um die Fremde zu empfangen. Im Saale ſtand die Dame, welche, obwohl den Fünfzigen nahe, noch recht gut ausſah. Man konnte aus den ſtolzen, kühnen Zügen erkennen, daß ſie ſchön geweſen.— Sie war elegant, jedoch völlig ſchwarz gekleidet. Als Ellen eintrat, ging ſie derſelben entgegen und faßte die Hände des jungen Mädchens mit leb⸗ hafter Rührung, indem ſie ſagte: „Sie ſind es alſo, mein Kind, welche die Ver⸗ lobte meines Kuno werden ſoll?“ Ellen neigte ihr Haupt. Frau Engelmann fuhr ort: „Ich bin recht kühn, daß ich trotz des Verbotes von meinem Sohne mich Ihnen nähere; aber ſein Wohl, ſeine Ehre und Gewiſſensruhe ſind mir theurer als alles Andere— und ſollte er nach dieſem Schritt auch von Neuem mich zu haſſen und zu verfolgen beginnen, ſo muß ich doch die Sprache der Wahrheit mit Ihnen reden. Und Sie werden wohl, mein lie⸗ benswürdiges Kind, mit Geduld eine unglückliche Mutter anhören, welche hieher kommt, um wo möglich Ihre Theilnahme für das, was ſie gelitten hat und noch leidet, zu erwecken. Das Unglück hat ein Recht auf Theilnahme. Und ich weiß, daß Niemand ſich vergeblich an Ihr gutes Herz wendet.“ Schwartz, Novellen. II. 10 Frau Engelmann fuhr mit dem Taſchentuche nach den Augen. „Ach, Madame!“ rief Ellen lebhaft und zog ge⸗ rührt deren Hand an ihre Lippen.„Sie ſind Kund's Mutter; was bedarf es wohl mehr, um mein Herz mit V Theilnahme und Liebe zu erfüllen!“ 5 1 21Er hat Ihnen ſomit Abſcheu gegen mich einge⸗ ößt?“. „Nein.— Wie können Sie ſo Etwas von Kuno denken?“ „Weil er ſelbſt in ſeinem Innern mich haßt und verabſcheut,“ erwiederte Frau Engelmann weinend. „Gewiß thun Sie ihm Unrecht.— Nein, er leidet nur davon, daß...“ „Reden Sie aus, mein Kind. Sie können mir nichts Härteres ſagen, als er geſagt hat.“ Ellen drückte ihr die Hand und äußerte mit ihrer 4 holden, ſchmeichelnden Stimme: „Wenn Kuno Sie in dieſem Augenblick ſähe, ſo würde er ſicherlich auf den Knieen Sie bitten, Alles zu vergeſſen, was ſtörend zwiſchen Sie getreten, und Ihnen ſeine ganze Liebe widmen.“ „Nein, nein, für mich hat er keine Liebe.— Sein Vater hat Alles.... Alles mir entriſſen.“ Es würde uns zu weit führen, wortgetreu das Geſpräch zwiſchen Ellen und Frau Engelmann zu wiederholen. Wir wollen deßhalb nur in der Kürze von dem weſentlichen Inhalt deſſelben Rechenſchaft eben. genei erzählte, ſie ſei unglücklich verheirathet ge⸗ weſen, ſie habe einen ſtrengen und harten Mann ge⸗ d jabt, von welchem ſie ſich ſcheiden zu laſſen gewungen 6 139 worden wäre. Der Mann hatte ihrer Verſicherung nach ihre beiden Kinder, einen Knaben und ein Mäd⸗ chen, bei ſich behalten und ſie in tiefem Abſcheu vor ihrer Mutter, die er ihnen als eine ſchlechte Frau ſchil⸗ derte, erzogen. Sie malte ihre Leiden in ſo grellen Farben aus, redete von ihrem traurigen Leben mit ſo großem Schmerze, daß Ellen, unſchuldig und arg⸗ los, bei der Beſchreibung all dieſer unermeßlichen Qualen, dieſer ganzen Kette unverdienten Jammers in Thränen zerfloß.— Als Kuno's Vater vor acht Jahren endlich mit Tod abgegangen war, hatte ſie ſich ihren Kindern nähern wollen. Gerührt von der Mutter Schmerz hatte die Tochter ihr Zärtlichkeit bewieſen, aber Kuno nur eine kalte und abgemeſſene Höf⸗ lichkeit an den Tag gelegt, während er über das Hin⸗ ſcheiden des Vaters der tiefſten Betrübniß ſich hingab. Die Tochter Nina hatte zwei Jahre nach des Vaters Tod mit einem Kapitän Engelmann, einem Verwandten ihrer Mutter, ſich verheirathet, war aber bald darauf geſtorben. Nach dem Tode der Schweſter hatte Kuno's Benehmen ſich plötzlich verändert. Er hatte der Mutter die härteſten Worte geſagt, ihr erklärt, ſie müßten hinfort, wie bisher, für einander Fremdlinge bleiben und war ſorgfältig jeder Begegnung ausgewichen.— Einige Zeit nach dieſer Unterreedung— es mochte ungefähr ein Jahr ſeyn— hatte er ſich um die Tochter ihres Halbbruders, ein Fräulein Granſtjöld beworben und ſich heimlich mit ihr verlobt, in der Hoffnung, dadurch befördert zu werden und ſich verheirathen zu können. Bei dieſen Worten in Frau Engelmann's Erzäh⸗ lung erbleichte Ellen und fiel mit erregter Stimme ein: „Madame, Kuno verlobte ſich niemals mit Fräu⸗ 140 lein Granſtjöld; im Gegentheil, er zog ſich zurück, weil ſie ihn aufgefordert hatte, ſich erſt Vermögen zu ſchaffen und eine ihrem Rang entſprechende Stellung im Leben zu erwerben, ehe er daran denken dürfte, ihre Hand zu gewinnen.“ „Ah, ſo hat er Ihnen die Sache erzählt?“ ent⸗ gegnete Frau Engelmann betrübt;„dann thut es mir leid, verſichern zu müſſen, daß er völlig von der Wahr⸗ heit abgewichen iſt.— Er war ſo heftig verliebt in ſie, ſo mit ganzer Seele für ſie eingenommen, daß es ihm auch gelang, bei der guten, liebenswürdigen Amalie eine gleich lebhafte Zuneigung zu erwecken, welche wahr⸗ ſcheinlich das arme Mädchen jetzt das Leben koſten wird, nachdem er ſo furchtbar ſeine Ehre verletzt und ſeiner Liebe zu ihr vergeſſen hat.“ „Liegt wirklich Wahrheit in dem, was Sie ſagen, Madame?— Nein, nein, Sie täuſchen ſich ſelbſt und mich!— Kuno kann nicht ſo.... ſo.... gehandelt haben,“ rief Ellen. „Glauben Sie, mein Kind, daß ich als Mutter an meinem eigenen Kinde zur Lügnerin werden könnte? Glauben Sie, daß ich Ihnen dieß auch nur erzählt haben würde, wenn nicht mein Herz bei dem Gedanken blutete, daß er Ehre und Treue mit Füßen tritt und ein warmes und liebendes Herz zermalmt?— Nein, als ich Sie aufſuchte, geſchah es, um Ihnen zu ſagen: „Führen Sie meinen Sohn zu ſeiner Pflicht zurück, und bauen Sie nicht Ihre Liebe auf die Truümmer eines gebrochenen Herzens.“— Pflicht, Ehre und Ge⸗ wiſſen gebieten ihm, ſein Schickſal mit dem von Amalie zu vereinen, nachdem er keine Mühe geſpart, ſich ge⸗ liebt zu machen, und mehre Jahre mit ihr verlobt 141 geweſen iſt und durch dieſen Bund ſich Beförderung verſchafft hat.“* Frau Engelmann faßte Ellens Hände, während 5 ſie mit tiefer Rührung hinzufügte: „Sollte ich Ihre Kräfte überſchätzt haben, ſollte ich mich in Ihrem Herzen geirrt haben, als ich es für eine Unmöglichkeit anſah, daß Sie auf Koſten von Kuno's Ehre Ihr Glück erkaufen wollen?“ Dieß und noch Vieles mehr ſagte Frau Engel⸗ mann der armen Ellen. Sie ließ das arme Mädchen einen Brief leſen, welchen Fräulein Granſtjöld an Kuno's Mutter geſchrieben. Er war von Aeußerungen der Liebe zu ihrem Sohn und der Verzweiflung über deſſen Treuloſigkeit angefüllt. Nach dem Durchleſen dieſes Briefes faltete Ellen die Hände über der Stirne und flüſterte: „O mein Gott! hat Kuno mich alſo betrügen können,“ dann ſetzte ſie, die Hände auf das Herz legend, mit ſo zitternder und unausſprechlich trauriger Stimme, daß ſelbſt Frau Engelmann davon gerührt wurde, hinzu: „Niemals ſoll Kuno durch mich vom Wege des Rechts abgelenkt werden; davon können Sie überzeugt ſeyn, Madame.“ Nach manchen Verſicherungen der Zärtlichkeit und nach der dringenden Bitte, Kuno von dieſem Beſuch nichts wiſſen zu laſſen, weil dadurch der Haß gegen ſeine Mutter von Neuem angefacht würde, entfernte ſich endlich die Ränkeſchmiedin. Als das Geräuſch des rollenden Wagens zu er⸗ kennen gab, daß ſie fort war, ſtieß Ellen einen Schmerzensruf aus, ſank auf die Kniee und brach in 142² eine Thränenfluth aus. Sie ſchien von Kummer völlig betäubt. Es war nicht das Opfer ihrer eigenen Liebe, das ſie am meiſten quälte; nein, es war der bittere, der vernichtende Gedanke, daß Kuno ſie betrogen hatte, ſich in ihr Herz hineingelogen hatte, während er der Frau, welche er zuerſt geliebt, ſeine Treue brach. Und dann— arme Ellen!— ihre ganze Welt, ihre Hoff⸗ nung, ihre Zukunft, Alles, was das Herz mit einund⸗ zwanzig Jahren zu träumen pflegt, erſchien nun in einem Bild, und dieſes Bild hatte Kund's Geſtalt an⸗ genommen. Und nun ſah ſie eine Entſagung vor ſich, deren Größe nur derjenige faſſen konnte, der ſo wie ſie geliebt hatte. Lang lag ſie ſo da, in die bitterſte Verzweiflung verſunken, dhne Gedanken oder Empfindung für die Welt um ſich herum. Sie hörte nicht, daß die Thüre aufging, nicht, daß Jemand eingetreten war, bevor ein Arm ſich um ihre Hüfte legte und eine milde, liebevolle Stimme ihre zuflüſterte: „Ellen, geliebte Schweſter, was iſt geſchehen? Was iſt es, das dich ſo aufregt?“ „Fridolf!“ ſtammelte ſie, ſchlang die Arme um den Hals des Bruders und verbarg ihr thränen⸗ benetztes Angeſicht an ſeiner Bruſt. „Ellen, ein ſo heftiger und zügelloſer Schmerz zeugt nicht von einem geduldigen und ergebenen Ge⸗ müth,“ ſprach Fridolf ernſt.„Erzähle mir deinen Kummer, und wir wollen dann zu Gott um Linderung deſſelben beten.“— Fridolf übte auf Ellen einen großen Einfluß, einen Einfluß, welcher ſeinen Grund in deſſen Ueber⸗ 143 legenheit hatte. Ellen fühlte, daß er ihr Gewiſſen war und daß ſie ſeinem Rathe folgen müſſe, und wenn ihr Herz dabei brechen ſollte. Während der Erzählung, welche oft durch Ellen's Thränen unterbrochen wurde, ſaß Fridolf ſchweigend, mit gerunzelter Stirne da, und eine Wolke nach der andern lagerte ſich auf ſeiner Stirne. „Daß ein giltiger Grund zu Kuno's Abneigung gegen ſeine Mutter vorhanden ſeyn muß, iſt wohl klar,“ ſagte endlich Fridolf,„aber wie ſehr ſie auch mit Fehlern behaftet ſeyn mag, dürfen wir doch nicht annehmen, daß ſie ſeinen Sohn verleumden ſollte.“ „O mein Fridolf, ihr Schmerz und ihre Thrä⸗ nen waren ein allzu ſprechender Beweis für das Ge⸗ gentheil.— Und überdieß, Fräulein Granſtjölds Brief!“ „Aber Ellen, wenn dieß Alles Wahrheit wäre, dann hätte Kuno wie ein ſchlechter Mann gehandelt, wie ein.... 4 Ellen legte ihre Hand dem Bruder auf den Mund und ſagte bittend: „Still, lieber Fridolf, nicht ein Wort von Kuno. Er iſt und bleibt immer der einzige Mann, den ich geliebt habe und lieben werde. Die Beweggründe zu ſeiner Handlungsweiſe kennen wir nicht; laß uns darum nicht richten.“ „Mag ſein— aber einen Beſchluß mußt Du faſſen, welcher mit Ehre und Gewiſſen übereinſtimmt.“ „Und welches ſollte er ſeyn?“ fragte Ellen bei⸗ nahe lautlos. Sie fürchtete, von einem andern Munde das Todesurtheil ausgeſprochen zu hören, welches ihr 144 gewiſſenhaftes Herz bereits über iht künftiges Glüc gefällt hatte. „Du mußt die Verbindung mit Kuno löſen,“ ſprach Fridolf, während er der Schweſter tief und ernſt in die Augen blickte. Ellen neigte ergeben das Haupt, während ein qualvoller Seufzer ihre Bruſt hob, und ſie ſtammelte: „Ich weiß, daß es meine Pflicht iſt, und werde dabei ſterben.“ „Könnteſt Du leben, ohne ſie erfüllt zu haben?“ „Nein!“. 1 Ellen warf ſich ihrem Bruder an den Hals und brach in konpulſiviſches Schluchzen aus. XXIV. Eine Woche nach der obenerwähnten Unterre⸗ dung ſaßen Arlborg und Arnold bei einander in ihrer gemeinſchaftlichen Wohnung auf dem Ritterhausplatze in Stockholm und ſpeisten zu Mittag. „Geſtehe, mein lieber Kuno, daß das Glück dich in der Welt ordentlich vorwärts ſtößt. Aufrichtig zu ſprechen, ſo haſt Du ſelbſt für deine Erfolge nicht ſonderlich viel gethan; und zudem hat dein zärtlicher Oheim im Aerger darüber, daß Du die ſchöne Amalia nicht zu deiner Lebensgefährtin nehmen wollteſt, alles das Seinige gethan, um denſelben entgegenzuarbeiten; aber Fortuna iſt ein Weib, ſomit gefallſüchtig, und will dich mit Gewalt zu ihrem Bewunderer machen,“ 145 ſagte Joſeph, während er, wie gewöhnlich ſeine Naſe emporwerfend, ein Glas Madeira leerte. „Dann arbeitet ſie vergebens, die liebe Fortuna; denn ich kann nicht mehr als eine anbeten, und wer dieß iſt, das ſollte ſie wiſſen, denn dieſe einzige macht mein größtes Glück aus.“ Kuno lächelte mit einem träumeriſchen Ausdruck. „Es kommt mir vor,“ fuhr er fort,„wenn ich an Ellen und an ihre Liebe denke, als ob ein neues Le⸗ ben mir entgegenlächelte. Wenn ich mir vorſtelle, daß ich lange Zeit dem Zweifel und niedrigen Argwohn in meiner Seele Raum gegeben habe, ſo wäre ich verſucht, mich ſelbſt zu verabſcheuen.— Wie beant⸗ wortete ſie meine Ausfälle, die Ergießung der Galle, die ich in meinen vorangehenden Brief einfließen ließ? — Ja, mit der Milde und dem liebevollen Schmerz eines Engels.— Aber meine Abbitte, als ich ihr das letzte Mal ſchrieb, war ſo warm, daß ſie gewiß dem Verſprechen, welches ich ihr in dieſem Brief gab, nämlich nie mehr an ihrem Herzen zu zweifeln, Glau⸗ ben ſchenkte.“ „Nun, habe ich nicht immer geſagt, daß ſie aus allem Guten und Edeln zuſammengeſetzt ſey? Und nun ſage ich, Du biſt ein Günſtling des Glücks, für's Erſte, daß Du einen ſolchen Schatz gefunden haſt, für's Zweite, daß Du an die Stelle des alten Be⸗ zirksrichters, für welchen Du vikarirteſt, trotz aller Ka⸗ balen von deinem Onkel und ſeinem Anhang ernannt worden biſt, und folglich zu deiner Auserkorenen rei⸗ ſen, dich dort häuslich niederlaſſen und die Wonne des Paradieſes genießen darfſt.... Aber was iſt das für ein Brief, den Du hier haſt, Johann?“— Dieſe 146 Vorte galten dem Diener, welcher in das Zimmer trat. „Er iſt an den Herrn Bezirksrichter.“ „Gib her.“ Kuno nahm den Brief von dem Diener und erbrach ihn ſchnell. Er ſah an dem Poſtſtempel, daß derſelbe von dem Probſthofe zu Weßla kam, und an der Handſchrift, daß er von Ellen war. Kaum hatte Kuno die erſte Seite geleſen, ſo wurde er todesbleich und biß heftig in die Lippen. Er fuhr mit der Hand über ſeine vom Angſtſchweiß benetzte Stirne, als ob er ſich überzeugen wollte, daß er nicht unter dem Einfluß eines furchtbaren Trau⸗ mes ſtehe. „Was um Gotteswillen ſteht hier?— Iſt ein Unglück geſchehen?“ fragte Joſeph. Kuno ſtarrte ihn an, als ob er gar nicht ver⸗ ſtanden oder gehört hätte, was er ſagte. „ Iſt Ellen krank, oder was gibt es ſonſt?“ „Krank?— Nein!“ Kuno erhob ſich vom Tiſche und warf Joſeph den Brief zu. „Siehe da mein Paradies,“ rief er,„ſieh' den Lohn für meine Liebe;— ſieh', wie der Engel mit meinem thörichten Herzen ſpielt!“ Kuno ſtürzte aus dem Zimmer, Joſeph ſchaute ihm bekümmert nach und murmelte: „Sollte auch dieſes Mal Kuno's Glaube an das Gute getäuſcht werden, dann wäre er wahrhaftig ver⸗ loren.“ Er nahm den Brief und las ihn. Er war von Ellen und voll der mildeſten Worte; 147 der Inhalt aber lautete, daß ſie unmöglich ſeine Gattin werden könnte, daß ſie ihn auf den Knien, bei Allem, was heilig wäre, beſchwöre, zu den Pflichten zurück⸗ zukehren, deren Erfüllung Ehre und Gewiſſen ihm auferlegten, und welche er um ihretwillen vergeſſen hätte.— Sie bat ihn zugleich, keinen Verſuch zu machen, ſie zur Aenderung dieſes Entſchluſſes zu be⸗ wegen, weil eine ſolche für ſie nunmehr unmöglich wäre.— Sie halte ſich noch für ſtark genug, vor Schmerz zu ſterben, aber nicht, ihr Glück auf Koſten des Rechts zu erkaufen. Ihr Brief ſchloß mit den Worten: „Und nun, Kuno, nachdem ich mit blutendem Herzen ein Band gelöst habe, welches mein Glück, meinen Stolz und meiner ganzen Zukunft Hoffnung ausmachte, beſitze ich doch nicht den Muth, den Ring zurückzuſenden, welchen Du mir bei unſerem Abſchied gegeben haſt. Laß Ellen denſelben behalten, als Er⸗ innerung und kleinen Erſatz für das, worauf ſie ohne Tadel und Vorwurf verzichtet.— Zürne nicht, gräme dich nicht, ſchwanke nicht, ſondern gehe, wohin die Ehre dich ruft, und Du wirſt in Ellen immerdar die treue Freundin, die ſtets liebende Schweſter finden, welche dir die unveränderliche Geſinnung des Wohl⸗ wollens bewahrt.“ „Was ſoll das bedeuten?“ ſprach Joſeph bei ſich ſelbſt.„Laß ſehen, ob nicht der Granſtüöld'ſche Pack die Hände im Spiel gehabt und ſeine Ränke geſchmiedet hat; der Brudersſohn, der Feldmeſſer, iſt wahrſcheinlich deren würdiges Werkzeug geweſen. Aber warte, ich habe auf Kuno's ſtolze und heftige Ge⸗ müthsart gerechnet, aber mich ganz vergeſſen.“ 148 Joſeph ſtand vom Tiſche auf und ſetzte ſeinen Monolog fort, während er ſich nach Kuno's Zimmer wandte: „Sollte ich vielleicht alle die Mühe, Ellen und Kuno zu vereinigen, nur gehabt haben, um mein Werk auf ſolche Art vpereitelt zu ſehen?— Nein, daraus wird, hol' mich der Teufel, nichts.“ Er wollte Kuno's Thüre öffnen, aber ſie war verriegelt. „Oeffne, Kunol ich habe dir Etwas zu ſagen,“ rief Joſeph, aber es erfolgte keine Antwort. Nach⸗ dem er eine Weile vergebens gerufen und geklopft hatte, dachte er:„der halsſtarrige Kuno wird doch nicht bälder öffnen, als bis es ihm beliebt; es iſt alſo am klügſten, das erſte Aufbrauſen vorübergehen zu laſſen, ehe ich ein vernünftiges Wort mit ihm rede. Jetzt würde, es auf alle Fälle zu nichts helfen.“ Und damit begab er ſich auf ſein Zimmer, um ein Mittagsſchläfchen zu machen. 5 Als er erwachte, war Kuno ausgegangen, und der Diener richtete dem Notar in deſſen Auftrage aus, derſelbe ſollte ſich Abends im Hotel Phönix einfinden, wohin alle ihre Kameraden und Amtsbrüder eingeladen wären, um Kuno’s Ernennung zum Bezirksrichter zu feiern. Zur beſtimmten Stunde waren Alle mit Aus⸗ nahme des Wirths, im Hotel verſammelt. „Arlborg läßt auf ſich warten,“ bemerkte Einer von der Geſellſchaft gegen Arnold. „Was kann ihn zu Hauſe aufhalten?“ fragte ein Anderer. 149 „Ja, wer das wüßte,“ murmelte Joſeph ganz unruhig.— In demſelben Augenblick ging die Thüre auf und Arlborg trat ein. Die kurze Zeit, welche zwiſchen dem Mittagsmahl und ſeinem jetzigen Auftreten ver⸗ gangen war, hatte ſein Ausſehen gänzlich verwandelt. Am Mittag ſchien jeder Zug nur edle, glückliche und frohe Gefühle auszuſprechen; jetzt dagegen war er todesbleich, die Stirne umwölkt, der Blick düſter, und auf den Lippen weilte der frühere Ausdruck von Hohn und Bitterkeit, gemiſcht mit Schmerz und Ver⸗ zweiflung. Alle ſahen erſtaunt ihn an. Joſeph ſeufzte und dachte bei ſich ſelbſt: „Welches Unglück, daß ich einſchlierf und darum nicht mit ihm reden konnte, bevor er ausging. Wenn er nur keine Dummheit begeht.“ Kuno äußerte mit ſeiner klangvollen Stimme: „Entſchuldigen Sie, meine Herren, daß ich auf mich warten ließ; aber ein dringender Brief, den ich noch abſenden mußte, hat mich aufgehalten.“ Er trank den Abend wie ein Tollkopf und ſcherzte mit all der Bitterkeit und dem geringſchätzenden Hohn, welchen wir zu Anfang ſeines Auftretens bei ihm herrſchend fanden. Je mehr der Wein ihm in den Kopf ſtieg, deſto deutlicher leuchtete ſeine Ver⸗ zweiflung unter der Hülle des Scherzes hervor. „Nun eine Geſundheit auf Arlborg's ſchöne und liebenswürdige Braut und auf ſein künftiges Glück!“ rief einer der Freunde. Bei dieſen Worten erhob ſich Arlborg. Sein vom Weine eben noch glühendes Angeſicht war bläu⸗ 1⁵⁰0 lich⸗bleich geworden, und in unheimlichem, aber dennoch klarem Tone antwortete er langſam: „Ich danke verbindlichſt, aber meine Braut iſt todt, meine Glückſeligkeit begraben.“ „Todt!“ wiederholten Alle. Kuno fuhr mit der Hand über die Stirne und ergriff das Glas. „Auf das Wohlſeyn der Todten!“ rief er mit wildem Ausdruck. XXV. Das Banket war zu Ende. Arlborg und Arnold waren nach Hauſe zurückgekehrt. Der Erſtere lag ausgeſtreckt auf einem Sopha und athmete ſchwer. Er hatte die Weſte aufgeriſſen und das Hemd an dem einen Arm, welchen ein junger Mann in ſeiner Hand hielt, hinaufgeſchlagen. „Oeffnen Sie die Ader, ich erſticke!“ ſagte Kuno keuchend. Im nächſten Augenblick ſprang ein Purpurſtrahl aus dem Arme empor, und Kuno's Athem ſchien leichter zu gehen. Der Chirurg entfernte ſich. Joſeph und Arnold befanden ſich allein. „Wie iſt es dir jetzt?“ „Beſſer.“ Kuno fuhr mit der linken Hand nach dem Herzen, und jetzt bemerkte Arnold, daß er keinen Ring mehr an derſelben hatte. Arnold faßte ſeine 151 Hand und ſagte mit einer bei ihm ungewöhnlichen Heftigkeit: „Wo haſt Du deinen Ring?“ „Den habe ich zurückgeſchickt.— Ha, ſie glaubte mit meinem Herzen ſpielen zu können; glaubte, ich würde ſie anflehen, denſelben behalten zu dürfen, und dagegen den meinigen in ihren Händen laſſen.— Nein! Alles iſt aus, das Band zerriſſen und mein Glaube an Liebe und Tugend für alle Zeit dahin.“ Das Fieber im Verein mit dem Stocken des Blutes in Bruſt und Kopf zwang Arnold, nach einem Arzte zu ſchicken. XXVI. Früh am nächſten Montagsmorgen ſtand Ellen im Begriff, mit ihren gewöhnlichen Begleitern, dem Korbe und der Milchflaſche zu irgend einem Bedürf⸗ tigen zu wandern. Sie huſtete heftig, und das Ta⸗ ſchentuch, welches ſie vor den Mund hielt, war von Blut geröthet. Ihre Bruſt war ſeit dem Beſuche der Frau En⸗ gelmann ſchwer angegriffen, und es ſchien, als ob ihr Glück und ihre Liebe nur auf kurze Zeit den Fort⸗ ſchritt der Krankheit gehemmt hätten. Aber als dieſe beiden Schätze von ihr genommen wurden, als der Kummer ſeine Krallen in ihr Herz einſchlug, da ver⸗ ſchwand auch die Geſundheit, und der Keim zu jenem Uebel, welches ihr Leben verzehren ſollte, entwickelte ſich mit großer Geſchwindigkeit;— aber mit ihrer ſich ſelbſt aufopfernden Seele und Herzensgüte trug ſie ihr 1⁵52 Leiden ohne Murren und verbarg die drohenden Folgen. Oft wenn ſie einen ſchweren Krankheitsanfall ausge⸗ halten hatte, faltete ſie die Hände über der keuchenden Bruſt und flüſterte, den Blick nach oben gerichtet: „Mag er glücklich ſeyn und edel handeln; ſo will ich gern des Sühnopfer werden.“ Noch hatte ſie keine Antwort auf ihren Brief er⸗ halten. Es waren ſechs Tage ſeit deſſen Abgang, und die Poſt aus der Hauptſtadt ſollte gerade am Montag⸗ morgen kommen. Als der Huſten ſich gelegt hatte, ſchaute ſie zu dem klaren Herbſthimmel auf und dachte mit Beben: „Was wird er wohl ſchreiben?— O Gott, gib mir Muth.“ Jetzt öffnete ſich die Thüre und Fridolf trat ein. „Du haſt einen Brief!“ rief Ellen heftig und eilte ihm entgegen.„Gib mir ihn vor allen Dingen; Siehſt Du nicht, daß die Ungewißheit mich tödtet!“ „Beruhige dich, Ellen,“ ſagte Fridolf, ihre Hand faſſend. „Ich werde ruhig ſeyn, wenn Du mir nur den Brief zuerſt gibſt.“ „Biſt Du auf Alles gefaßt, was dieſer Brief enthalten kann?“ „Ja!— Aber verlängere dieſe grauſame Qual nicht!⁰ Er reichte ihr den Brief. Sie brauchte ihn nicht zu öffnen, um zu wiſſen, was er enthielt; denn ſchon am Kouvert war die Form eines Ringes ſichtbar. Auch jetzt, da Ellen ihn empfing, zitterte ſie ſo heftig, daß ſie ſich auf eine Stuhllehne ſtützen mußte, um ſich aufrecht zu halten, ——— vergeſſen, der mich bethört hat. — 153 „Fridolf, laß mich allein,“ ſagte ſie bittend. „Willſt Du es durchaus?“ erwiederte Fridolf be⸗ kümmert und entfernte ſich. Als ſie allein war, warf ſie ſich auf den Sopha und brach in heftiges Weinen aus, während ſie den Brief an ihre Lippen drückte. Endlich erbrach ſie den⸗ ſelben. W” 8 Der Inhalt wertu und lautete folgendermaßen: „Ich ſchätze mich glücklich, daß ich den Muth be⸗ ſitze, der Ihnen Ihrer gütigen Behauptung nach ab⸗ geht, und darum ſende ich Ihnen den Ring mit der Verſicherung zurück, daß ich wirklich in Allem gehan⸗ delt zu haben glaube, wie Ehre und Gewiſſen gebieten. Mögen Sie daſſelbe ſagen können, wenn Sie ſich an das grauſame Spiel erinnern, welches Sie mit meinem Herzen getrieben. Mag Ihr eigenes Gewiſſen Ihnen das Böſe verzeihen, welches Sie mir angethan haben. Ich werde verſuchen, es zu thun, und den Irrthum Kuno Arlborg.“ Nicht ein einziges Wort von Wohlwollen, von Liebe oder Wehmuth, ſondern bloß kalte, bittere Ausdrücke.— Es war zu viel für Ellen's gefühlvolle und liebende Seele. Ellen brachte ein paar Stunden allein mit ihrem grenzenloſen Kummer, ihrer vollendeten Entſagung zu. Als ſie das Zimmer verließ, geſchah es, um ſich leiſe mit ihrem Korbe und ihrer Flaſche die Treppe hinunter zu ſchleichen. Mitten unter der brennenden Qual ihres eigenen Schmerzes empfand das mitleidige Gemüth Reue darüber, um ſeines Kummers willen Schwartz, Novellen. II. 11 154 vergeſſen zu haben, daß ein Krankler und Unglücklicher ihrer Hülfe bedurfte, und daß ſie dieß verſäumt hatte. Sie ging mit ihren Gaben zu der Mutter der jungen verſtorbenen Kindsmörderin, welche jetzt krank darnieder lag und wirklich des Beiſtandes ſehr be⸗ dürftig war. Eine ſchmerzliche Wanderung für Ellen. Jeder Punkt auf dieſem Weg ſchien ſie an die erſte Bekannt⸗ ſchaft mit Kuno zu erinnern.— Wie wiederholte ſie nicht in ihrem Gedächtniß jedes Wort, welches ſeit jener Zeit zwiſchen ihnen gewechſelt worden war. Es lag ein eigenthümlich peinliches und doch ſüßes Gefühl in dieſer Erinnerung an eine Zeit, welche ſo ruhig, ſo glücklich geweſen. „Verkannt, angeklagt von ihm, für welchen ich gern mein ganzes Leben, Alles außer meinem Gewiſ⸗ ſensfrieden hingeben würde!“ dachte Ellen, während ſie ſo dahin wanderte. Bei Mutter Brita angekommen, hatte ſie eine Menge tröſtender Worte der armen Frau zu ſagen. Während ſie ſo von Hoffnung und Troſt redete, ſchwieg ihr eigener Schmerz. „Ich danke, Mamſell Ellen; Sie ſind wahrhaftig ein Engel Gottes!“ ſagte Mutter Brita, als Ellen gehen wollte.„Und darum verdienen Sie auch glücklich zu werden, da Sie uns armen Leuten und vielen andern dazu troſt⸗ und hülfreich zur Seite ſtehen. Gott ſegne Sie und den Herrn Oberlandrichter, welcher ſo viel Erbarmen mit meinem armen verbrecheriſchen Kinde hatte!“ Bei dieſen letzten Worten brach die arme Mutter in Thränen aus. 15⁵ „Habt Ihr noch Etwas zu wünſchen, Mutter Brita, ſo ſagt es; ich komme vielleicht morgen nicht hieher!“ Ellen huſtete heftig. „Was hätte ich wohl zu wünſchen, da mir Alles, was ich bedarf, von Ihnen, Mamſell Ellen, zukommt; aber doch, ich habe eine ſchwere Qual auf dem Herzen.“ „Und was iſt es?“ fragte Ellen freundlich und nahm wieder neben der Kranken Platz. „Ja, nämlich der Vater, welcher ſeit dem Unglück nur herumgeht und nachgrübelt, wer wohl das Mädchen zu Fall gebracht habe, ſagte geſtern: ‚Laß ſehen, ob ich ihn nicht zur Rechenſchaft ziehen kann; dann ſoll er mir theuer dafür bezahlen, daß er unſern einzigen Reichthum uns geſtohlen hat.— Sehen Sie, Mamſell Ellen, nach⸗ dem Sie ſo viel von Gottes Liebe und unſerer Pflicht, den Feinden zu verzeihen, mit mir geredet haben, fürchte ich, daß der⸗Vater Etwas im Sinne hat, das ihn in das ewige Verderben ſtürzen kann.— Sprechen Sie mit ihm, Mamſell Ellen, ſo daß er die Rache Gott überläßt.“ „Das werde ich thun, Mutter Brita. Mögen nur meine Worte etwas Gutes wirken. Iſt er heute daheim?“ „Nein; aber thun Sie es, wenn Sie es das nächſte Mal hieher kommen.“ Mutter Brita faßte Ellen's Hände und ſetzte hinzu: „Unſer Herrgott hat Sie geſandt, uns arme Sünder an Herz und Gemüth zu beſſern, und darum ſind Sie ſo gut gegen uns.“ 156 XXVII. Am nächſten Morgen befand ſich Ellen ſo unwohl, daß ſie ſich zu Bette legen mußte. Da ſaß nun die zärt⸗ liche Mutter am Lager der Tochter und ſah ſo liebevoll ſie an; aber Ellen ſchien nur Augen für die Kamellia zu haben, welche ſie von Kuno erhalten hatte. Die Tage kamen und vergingen, aber Ellen blieb matt und ſtill in ihrem Bette. Kuno's Name wurde von Niemand ausgeſprochen; es war, als ob die Mutter und Fridolf ſich ſchweigend verſtändigt hätten, deſſen, was geſchehen war, mit keinem Worte zu erwähnen. Der letztere nahm an Ellen's Seite Platz und las ihr vor. Man ſprach von der Zukunft, von Allem, was ſie zer⸗ ſtreuen und intereſſiren konnte; und Fridolf wie die Mutter hofften, wenn der erſte Schmerz vorüber wäre, ſo würde Ellen auch wieder ihre Gemüthsruhe finden. Doch gab es Augenblicke, wo Fridolf bei ſich ſelbſt dachte: die Wunde iſt unheilbar.“ Allmälig wurde es mit Ellen beſſer, ſo daß ſie ihr Stübchen verlaſſen konnte. Das erſte Mal, da ſie unten im Geſellſchaftszimmer war, kam Graf Granſtjöld zu Beſuch. Er bezeigte eine ſo ungeheuchelte Freude da⸗ rüber, ſie wieder wohl zu ſehen, und ſprach mit ſo großer Aufrichtigkeit von ſeiner tiefen Theilnahme während ihrer Krankheit, daß Ellen, offen für alle Eindrücke, ſich von ſo viel Freundſchaft gerührt fühlte. Es ging bei dem jungen Mädchen ſcheinbar mit der Geneſung vorwärts, das heißt, ſie konnte ausgehen; aber der beſtändige Huſten, das ſchleichende Fieber, wel⸗ ches ſich jeden Abend einſtellte— Alles deutete an, daß —y4.—— 157 das Uebel, welches von einem ſtillen, zehrenden Kummer hervorgerufen und unterhalten wurde, ſeinen gleichmäßi⸗ gen Schritt vorwärts ging. Der Graf kam oft wieder, und immer drückte ſein Benehmen eine innige Freundſchaft und Theilnahme für Ellen aus. Eines Tages ſprach Alba im Pfarrhaus vor. Sie und Ellen ſaßen vertraulich in dem Stübchen der letzt⸗ genannten beiſammen. „Ich habe einen Brief von Stockholm erhalten, der mich in Verlegenheit ſetzte. Kannſt Du errathen, von wem?“ äußerte Alba. „Von deiner reichen Kouſine.“ „Nein; er iſt von einem Herrn, und betrifft nicht mich, ſondern dich.“ Ellen faßte Alba am Arme und rief heftig: „Um Gottes willen, Alba, ſprich, iſt er von.... von.... ihm?“ „Liebe, theure Ellen, höre mich ruhig an. Er iſt nicht von ihm.“ 5 Ellen ſank in die Ecke des Sopha zurück; der Hoff⸗ nungsſtrahl, welcher einen Augenblick zuvor ihr Ange⸗ ſicht erhellt hatte, verſchwand, und ſie ſtammelte: „Nicht!“ „Nein. Er kommt von dem Notar und handelt von dem Bezirksrichter und dir. Er bittet mich mit einer Wärme und einem Intereſſe, woraus deutlich alle die Anhänglichkeit hervorgeht, welche er für den Freund hegt, bei dir nach der Urſache deines Bruches mit Arlborg zu forſchen. Er ſagt, er argwohne mit Grund eine nieder⸗ trächtige Intrigue von der Granſtjöld'ſchen Familie, und bittet mich, dir zu erklären, er verbürge ſich dafür, daß 158 Alles, was von dorther käme, unwahr und erdichtet ſey. Er ſetzt weiter hinzu..... 4 Alba ſchwieg. Ellen hatte, während dieſelbe redete, unaufhörlich die Farbe gewechſelt. Nun richtete ſie ſich auf, ergriff wieder Alba's Arm und ſagte mit qualvoller Unruhe: „Fahre fort, Alba, das Warten auf deine Worte tödtet mich.“ „Er ſetzt hinzu, Arlborg ſey ſehr krank geweſen.“ „Krank!“ rief Ellen todesbleich. „Er erkrankte an demſelben Abend, da er dir den Ring zurückſandte, und zwar ſo bedenklich, daß ſein Leben in Gefahr ſchwebte.— Der Notar ſchreibt weiter, ſeine Liebe zu dir ſcheine ſo tiefe Wurzel ge⸗ ſchlagen zu haben, daß micht einmal ſein verwundeter Stolz und ſeine Bitterkeit gegen dich ſie zu erſticken vermochte. Arnold bittet mich, dir zu bemerken, die Pflicht gebiete dir, den Grund, den Du zum Bruche gehabt, offen zu erklären, damit Arlborg wenigſtens noch Achtung vor dir hegen könnte. Er betrachtet dieß um ſo mehr als deine Schuldigkeit, da Arlborg zu den Wintergerichtsſitzungen ſich hier einfinden müſſe.“ „Ich habe Nichts zu erklären,“ flüſterte Ellen. „Ich weiß blos Eins— daß ich ſeine Gattin nicht werden kann und darf.. „Und was ſoll ich Arnold antworten?“ Alba ſah Ellen in's Geſicht und las hier einen ſo tiefen Schmerz, daß ihr die Thränen in die Augen ſtiegen. „Daß ich ſo handeln muß, wie ich gethan habe.“ „Ellen, biſt Du auch deſſen gewiß, daß Du —— 15⁵9 recht gehandelt haſt? daß Du nicht auf dich Andere einwirken ließeſt, welche durch falſche Vorſtellungen dich irreleiteten? Bedenke, welche Leiden Du ihm be⸗ reiteſt.“ Ellen faltete die Hände über der Bruſt und ſagte in traurigem Ton: „Glaubſt Du, Alba, man zerfleiſche ſein eigenes Herz, morde ſeine eigene Glückſeligkeit, ohne hiezu einen mächtigen Grund zu haben?“ „Aber vielleicht ſind es die Granſtjölds, welche dich beeinflußten.“ „Nein, ſie haben keinen Theil daran!“ „Ellen, ſollte es eine Laune ſeyn?“ „Eine Laune! O, Alba! Muß ich mich dem Verdacht ausſetzen, daß ich nach den Eingebungen einer Laune handle?“ Der Eintritt von Fridolf und der Probſtin unterbrach jede weitere Bemerkung. Als Alba ſich entfernt hatte, ſagte Ellen zu ihrem Bruder: „Iſt es dir niemals in den Sinn gekommen, Fridolf, daß ich möglicher Weiſe Unrecht daran gethan habe, meine Verlobung mit Kuno zu löſen?“ Fridolf ſah ſeine Schweſter bei dieſer plötzlichen Aufnahme eines ſo kitzeligen Gegenſtandes überraſcht an, antwortete aber ſogleich: „Nein, Ellen, Du haſt nicht anders handeln können, wofern Du nicht an ſeinem unehrenhaften Benehmen gegen ſeine Couſine dich betheiligen wollteſt. Die Liebe, welche er dir widmete, war ein Diebſtahl an ihr, an welchem Du unſchuldig geweſen, ſo lang Du ſeine Treuloſigkeit nicht kannteſt; aber von dem 160 Augenblick an, da Du Kunde davon erhielteſt, war es deine Pflicht, ſo zu handeln, wie Du gethan haſt.“ „Aber wenn ich mißleitet worden, wenn Kuno unſchuldig wäre?— Dann hätte ich damit ein ſchreckliches Unrecht an ihm begangen.“ „Mißleitet? Von ſeiner Mutter? Sollte eine zutter auf ihren Sohn lügen können?“ „Nein, aber wenn ſie ſelbſt getäuſcht worden wäre?“ „Ellen, warum dich mit allen dieſen Voraus⸗ ſetzungen quälen, da Du ſelbſt einen Brief geleſen haſt, welcher Fräulein Granſfjöld's Schmerz ver⸗ dolmetſchte?“ „Ja, Du haſt Recht.“ Ellen ſtützte den Kopf auf die Hand, aber in traurigem Nachdenken. „Und gleichwohl,“ nahm ſie wieder das Wort, gibt es Augenblicke, wo eine innere Stimme mich anklagt, daß ich unrecht gehandelt habe— unrecht gegen den, welchen ich ſo zärtlich liebe.“ XXVIII. 4 Während Ellen und Fridolf mit einander redeten, ſchrieb Alba an den Notar folgenden Brief:* „Wenn Ihr Freund dem Tode nahe geweſen, ſo kann ich blos antworten, daß Ellen bald demſelben verfallen wird.— Sterben in der Blüthe des Lebens, ſo gut, ſo wohlthätig, ſo geliebt.— Alle meine Be⸗ mühungen, eine nähere Erklärung über ihre Hand⸗ —— 161 lungsweiſe herauszubringen, ſind ohne Erfolg geblie⸗ ben; aber ich kenne Ellen zu gut, als daß ich anneh⸗ men dürfte, ſie habe ohne gewichtigen Grund ſo ge⸗ handelt, wie ſie getean. Mag Ihr Freund ſein ver⸗ floſſenes Leben prüfen und daraus einen Schluß auf Ellen's Thun ziehen. Sie hat mich heilig verſichert, daß ſie keine Eingebung von der Granſtjöld'ſchen Familie erhalten hat.. „Mir ſcheint es am beſten, daß Ihr Freund, im Fall er ſich ſchuldlos weiß, ſelbſt eine Erklärung von ihr zu erhalten ſucht. Iſt er zu ſtolz dazu, dann iſt auch ſeine Liebe nicht viel werth. 3 Ich habe die Ehre zu zeichnen Alba Bendel.“ Weihnachten nahte mit ſtarken Schritten; Weih⸗ nachten, die Zeit, der Ellen vor ein paar Monaten mit ſo großer Freude entgegengeſehen hatte. Getäuſcht durch der Tochter ſcheinbare Beſſerung, ahnte die Mutter nicht, wie lang und ſchlaflos deren Nächte waren, wie ſchwer ſie athmete, wenn ſie ihre gewöhnlichen Gänge machte, wie oft ſie Blut huſtete. Allerdings bewies Ellens ungleiche Gemüthsſtimmung, ihre Niedergeſchlagenheit, ihre erhöhte Empfindlichkeit, daß die Wunde im Herzen noch blutete; aber die Mutter, welche ſie gleich lebhaft wie früher für ihre gewöhnliche Beſchäftigung, die Bekümmerten und Nothleidenden zu beſuchen, zu tröſten, zu unterſtützen, intereſſirt ſah, welche niemals ſie ſorgen oder klagen hörte, überließ ſich dem Glauben, dieſelbe habe ihren Kummer über⸗ wunden. An einem ſchönen, klaren Morgen in den letzten Tagen des Decembers wanderte Ellen nach Forsby, wo 162 4 eine arme Wittwe wohnte. Sie beabſichtigte auch, Bengtſons zu beſuchen, weil es ihr trotz aller Bemü⸗ hungen noch nicht gelungen war, mit dem Alten zu ſprechen, welcher ſich fern von ihr hielt, nachdem ſie einmal, Mutter Brita's Wunſch zufolge, ihm Vorſtel⸗ lungen darüber gemacht hatte, daß die Rache wider Gottes Gebot ſey.. Als Ellen an den Waldweg kam, fühlte ſie ſich ermattet und blieb eine Weile ſtehen, um Athem zu holen. Sie hörte Schritte hinter ſich und drehte den Kopf um. 4 Es war Graf Granſkjöld. Er kam auf ſie zu, und als er bemerkte, mit welcher Schwierigkeit ſie athmete, ſagte er: „Darf ich Ihnen den Arm bieten? Sie ſehen ſehr ermüdet aus.“ Ellen, mit ihren einfachen Gewohnheiten und ihrem reinen Herzen, folgte nur dem Gefühl der Schwäche, welches ſie beherrſchte, und nahm das Aner⸗ bieten an. Sie ſetzten langſam ihren Weg fort. Wir müſſen im Vorbeigehen erwähnen, daß der Graf leichtſinnig, aber nicht eigentlich boshaft, mehr aus Eigennutz, als mit dem Vorſatz, zu ſchaden, han⸗ delte. Weil er ſelbſt immer nur bei ſich augenblickliche Eindrücke empfunden hatte, bezweifelte er auch, daß Andere eines tiefern Gefühls fähig wären, und betrach⸗ tete das ganze Unternehmen, Ellen und Kuno von ein⸗ ander zu trennen, als eine Maßregel, welche durch ſein Familien⸗Intereſſe geboten wäre. Er glaubte damit ſicherlich keinen Menſchen unglücklich zu machen. Aber das tägliche Zuſammenſein mit Ellen, das Einfache, Wahre und Entzückende in ihrem ganzen Weſen, ihre — 8 ——C—O⏑—— 163 naive Aufrichtigkeit, ihre prunkloſe Güte— Alles ſprach zu ſeinen beſſern Gefühlen, und ohne daß er ſelbſt es beachtete, war die verſtellte Theilnahme in eine wirkliche übergegangen, die erheuchelte Freundſchaft hatte ſich in eine zärtlichere Empfindung verwandelt, und eines ſchö⸗ nen Morgens erwachte er mit der Entdeckung, daß er in Ellen verliebt geworden ſey. Dieß war allerdings Et⸗ was, das in ſeinem Leben ihm öfters ſchon begegnet, aber es kam ihm ſelbſt vor, als ob das Gefühl, wel⸗ ches er jetzt für Ellen hegte, tiefer und ernſter wäre, als diejenigen, welche früher ihn beherrſcht hatten; denn Ellen war die einzige, für welche er ſeine Frei⸗ heit zu opfern in ſich einige Neigung verſpürte. Nach dieſer kurzen Auseinanderſetzung kehren wir zu Ellen und dem Grafen zurück. Sie hatten Anfangs von gleichgültigen Dingen geſprochen, aber endlich wagte er einige Worte über die Unruhe, welche ihn in Folge davon, daß ihre Bruſt ſo angegriffen wäre, ergriffen hatte. „Warum,“ bemerkte er,„ſo wenig, oder viel⸗ mehr ſo gar nichts für Ihré Geſundheit thun, da Ihr Leben Allen ſo theuer iſt?“ 8 „Ich bin nicht krank,“ ſagte Ellen mit einem traurigen Lächeln. Er bückte ſich, um dieſe auf Ellens ſonſt immer bekümmertem Antlitz ſo ſeltene Erſcheinung im Fluge zu erhaſchen, und ſetzte in bewegtem Toue hinzu: „Ach! warum Ihre Züge ſo wenig von einem Lächeln erhellen laſſen. Es fühlt ſich ſo... „Troſtreich,“ ſetzte eine Stimme hinter ihnen binzu. Bei dem Laute derſelben fuhr Ellen zuſam⸗ 164 men und drehte zitternd ſich um. Sie ließ den Arm des Grafen los und rief: „Kuno!“ Es war wirklich Kuno, aber bleich und kalt, mit einem ſo zermalmenden Ausdruck von Hohn und Verachtung in dem Blick, welchen er auf Ellen hef⸗ tete, daß ſie ſchauderte. Arlborg war nur einen Augenblick ſtehen ge⸗ blieben; dann ſetzte er ſeinen Weg fort und ging an ihnen vorbei, ohne ein weiteres Wort zu äußern. Ellen war ihm einige Schritte nachgegangen, machte aber plötzlich wieder Halt, und würde ſicherlich zu Boden gefallen ſeyn, wenn der Graf ſie nicht auf⸗ gefangen hätte. Beim Anblick von Kuno und bei dem Schmer⸗ zensrufe, der Ellen entſchlüpfte, war der Graf erbleicht. Er murmelte, während er ſie unterſtützte: „Sollte ſich wirklich hier Liebe finden?— Und ſollte ſie eine ſolche für ihn hegen? Wenn dem ſo wäre, dann hätte ich ja recht daran gethan, ihn glau⸗ ben zu laſſen, daß wir, ich und Ellen, eine verab⸗ redete Zuſammenkunft hielten; denn jetzt verachtet er ſie, und ſeine Verachtung wird ihre Liebe tödten.“ Ellen erholte ſich wieder ſchnell, und als man vor der Hütte der armen Wittwe angekommen war, bat ſie den Grafen, ſie zu verlaſſen, ohne ein Wort über das, was ſich zugetragen hatte, zu äußern. 165 XXIX. Wie Ellen nach Hauſe gekommen war, wußte ſie nicht. Sie ſah nur Kuno's verachtenden Blick und dachte mit Verzweiflung daran, er könnte nun glauben, ſie hätte auf den Grafen ihre Liebe übergetragen. Mehrmals griff ſie nach der Feder, um ihm zu ſchreiben und ſich zu erklären, aber ſie legte dieſelbe wieder weg, indem ſie erwog, jeder Schritt, welchen ſie zu ihrer Entſchuldigung thäte, hieße nur, das zer⸗ riſſene Band, das ſie jetzt ſo, wie es wäre, laſſen müßte, wieder anknüpfen. Sie kämpfte einen harten Kampf mit ihrem Herzen und ihrer Pflicht. Unter Thränen und Gebet verging die Zeit bis zum folgenden Tag, als kurz nach Tiſch Stina die Thüre mit den Worten öffnete: „Mamſſell Ellen, es ſind fremde Gäſte angelangt. Die Frau Probſtin läßt Sie bitten, herabzukommen und dieſelben zu empfangen, während ſie ſich ankleidet.“ „Wer ſind die Fremden?“ fragte Ellen. „Ich weiß es nicht. Wir ſahen nur mehrere Schlitten in den Hof hereinfahren, und da befahl mir die Probſtin, zu Ihnen, Mamſell, hinaufzuſpringen.“ Einige Augenblicke darauf ging Ellen mit beklemm⸗ tem Herzen hinab, die Fremden zu begrüßen. Es waren die Bewohner von den S— berg'ſchen und Wanne'ſchen Hüttenwerken.. Kaum hatten dieſelben Platz genommen, ſo trat der Probſt ein, mit Arlborg und Arnold. „Sieh hier, Anna, alte Bekannte, welche ich auf⸗ gefiſcht habe,“ bemerkte der Probſt gegen ſeine Frau. 166 Bleich, kalt und höhniſch ſtand Kuno vor der Probſtin. Die Verbeugung, welche er derſelben machte, ermangelte des frühern, vertraulichen Ausdrucks. Bei Kuno's Anblick erblaßte die Probſtin und warf einen zitternden Blick auf Ellen, welche ſich gleichfalls erhoben hatte und mit höchſt erregtem Ausſehen daſtand. „Willkommen wieder in unſerer Gegend,“ ſagte die Probſtin. Man konnte hören, daß dieß eine von der Höflichkeit diktirte, aber nicht aus wahrem Gefühl ſtammende Phraſe war. Arlborg und der Notar begrüßten Ellen. Der Letztere entfernte ſich, um mit andern Perſonen in der Geſellſchaft zu ſprechen; der Erſtere ſagte in einem bit⸗ tern und ſpottenden Ton: „Wir haben einander bereits geſehen. Sie waren vermuthlich auf einer Wanderung der Barmherzigkeit begriffen, und zwar in doppelter Weiſe, dadurch, daß Sie Ihren Begleiter glücklich und die Armen gut machten.“ „Sie irren ſich; ich war nur auf einem Spazier⸗ gang begriffen.“ „Ah, verzeihen Sie! Ich erinnere mich jetzt, daß Granſtjöld mir wirklich ſagte, er und Sie hätten eine Promenade mit einander ausgemacht.“ Ellen ſah ihn nur mit einem Blick des Schmerzes und Vorwurfs an und verließ dann das Zimmer. Es war, als ob dieſer Blick Ellen's Antlitz erhellt und vor Kuno's Augen das tiefe Leiden, welches unter den fal⸗ ſchen Roſen ihrer Wangen verborgen war, aufgedeckt hätte.. Eine Bewegung, ſchnell wie der Gedanke, beſtimmte Kuno, ſich zu erheben und einige Schritte ihr nachzu⸗ 167 gehen; aber in dieſem Augenblick trat Granſtjöld ein, und unmittelbar darauf gewahrte er Alba, welche er früher nicht geſehen hatte. Sie heftete ihre großen, klaren Augen auf ihn. Die beſſere Regung in ſeinem Herzen erſtarb, und er begrüßte Alba mit den Worten: „Da bin ich wieder, Mamſell Bendel, und dießmal, um... „Ja, Gott ſey uns gnädig!“ ſeufzte Alba. „Sie ſprechen wenigſtens kein Willkommen aus, das ſo viel bedeutet als: Gäbe Gott, Du wäreſt, wo der Pfeffer wächst!“ „Aber ich denke wirklich ſo.“ „Und der Grund?“ Alba blickte Kuno ernſt an und äußerte: „Und das fragen Sie?— Betrachten Sie Ellen und ſagen Sie: dünkt Ihnen, ſie werde nicht ſchnell genug ſterben, ohne daß es Ihrer bittern Worte be⸗ dürfe, um deren Tod zu beſchleunigen?“ „Sie ſind allzu gütig, Mamſell Bendel; aber ich verſichere Ihnen, ſie überſchätzen den Einfluß mei⸗ ner Worte.— Uebrigens iſt es ſchon in der ganzen Gegend bekannt, daß Ellen es vorgezogen, Gräfin zu werden, und auf meinen Couſin das geringe Wohl⸗ wollen übergetragen hat, welches ſie ſonſt für mich hegte, ein Glück, das er vor Niemand geheim hält, ſondern, wo man will, mit größter Bereitwilligkeit beſpricht.“ 3 „So, ſo? Und ſie theilen die Ueberzeugung der Gegend. Sie glauben blindlings an die Worte des eigenliebigen Narren?“ „Mein Gott, ja.— Wie wollen Sie ſich ſonſt 168 Ellens Benehmen erklären? Jetzt habe ich den Schlüſſel dazu und erkenne, daß die Mutter die Eitelkeit der Tochter theilte.“ „Und doch iſt es ſonderbar, daß die Gegend und der Graf Etwas wiſſen, wovon hier Niemand, am allerwenigſten Ellen Kunde hat.“. „Ich verſichere Ihnen, Sie verlieren Zeit und Mühe damit, mir die Ueberzeugung beibringen zu wollen, daß meine Augen mich betrogen haben; deren Zeugniß kann ich nicht verwerfen.“ „Aber ich thue es,“ fiel Alba heftig ein.„Doch ich habe Unrecht, mit Ihnen zu ſtreiten. Vielleicht iſt es für Ihr eigenes Gewiſſen nothwendig, Ellen herabzu⸗ ſetzen, nach dem, was die ganze Gegend auch von Ihnen ſo oder anders zu flüſtern hat.“ „Es würde mir Unterhaltung machen, zu erfah⸗ ren, was man von mir zu reden die Güte hat.“ „Daß Fräulein Amalie Granſkjöld Ihre Braut ſey. Wenn dem ſo iſt, dünkt mir, hat Ellen jeglichen Grund von der Welt, zu handeln, wie ſie gethan. „Aber geſtatten Sie mir, zu bemerken, daß die Gegend dießmal ſchlecht unterrichtet iſt.“ „Und geſtatten Sie mir, ebenſo wenig an Ihre Ver⸗ ſicherung zu glauben, wie Se es mit der meinigen thun; denn meine Angen ſind, hoffe ich, ebenſo gute Zeugen, wie die Ihrigen. „Und dieſe ſcharfen Augen, was haben dieſelben geſehen?“ 1 „Daß Sie heute zu Fräulein Amalie nach U. fuh⸗ ren.— Und nun ſind wir quitt in Abſicht auf die Ent⸗ deckungen, die wir gemacht haben. Aber einen Rath ——— 169 möchte ich Ihnen geben, im Fall Sie nicht ebenſo herzlos als leichtſinnig ſind.“. „Unendlich gern. Sie ſprechen mit ſo viel Nach⸗ druck, daß es eine Freude iſt, Ihnen zuzuhören.“ „Das Zartgefühl ſollte es Ihnen verbieten, dieſes Haus hier zu beſuchen.“ „Mein Zartgefühl verbietet es mir nicht, und darum thue ich es.“ Die Probſtin bat Arnold, einen Walzer aufzu⸗ ſpielen, damit die Jugend tanzen könnte, und dadurch die Aufmerkſamkeit von Ellen und Kuno abgewendet würde. Einige Augenblicke darauf ſaß dieſer am Spiel⸗ tiſch und ſchien völlig an denſelben gefeſſelt, bis Ellen. einen Walzer mit dem Grafen Granſtjöld zu tanzen begann. Sie huſtete während des Tanzes und fuhr öfters mit dem Taſchentuch nach dem Munde. „Sie befinden ſich vielleicht nicht wohl?“ fragte Granſtjöld einmal, als ſie Halt machten. Er beugte ſich zu ihr nieder und ſah ihr unruhig in's Geſicht. Ellen antwortete lächelnd, der Huſten habe Nichts zu bedeuten.— Kuno ſah dieß Alles, und dieß kam ſeinem Spiele ſchlecht zu Statten. Das Blut brannte in ſeinen Adern. Er ſtand auf, legte die Karten weg und ſtellte ſich unter die Thüre, um Ellen zu betrachten und mit ſeinen Blicken zu zermalmen. Gllen ſah dieß nicht; ſie walzte, und ihre Augen ſtrahlten von einem ſo wunderbar wehmüthigen Glanze, daß es Kuno ſeltſam um's Herz wurde. In demſelben Augenblick fuhr Ellen wieder mit dem Taſchentuch nach den Lyppen, und ſo ſchnell dieſe Bewegung auch vor ſich Schwartz, Novellen. II. 4 12 170 ging, glaubte Kuno doch auf der weißen Fläche jetzt einen rothen Fleck zu entdecken. Der Walzer war jetzt zu Ende, und Ellen ſchlich ſich in ein Seitenzimmer. Eine eigenthümliche Anzie⸗ hungskraft führte Kuno nach der Thüre; er hörte ſie huſten, ſo huſten, daß es ihm in's Herz ſchnitt. Die bleiche Stirne bedeckte ſich mit kaltem Schweiße; er wäre gern hineingeſtürzt, aber in demſelben Momente eilte Fridolf an ihm vorbei in das Zimmer. Kuno fing folgende Worte auf: „CEllen, Ellen, wie kannſt Du das Herz haben, zu walzen, da ich dich ſo innig bat, es bleiben zu laſſen, und da Du weißt, daß deine Bruſt dieſe heftige Bewe⸗ gung nicht erträgt?“ „Ach, Fridolf, ſage Nichts, ich bin ja fertig, vor Schmerz zu ſterben. Was bedeutet wohl mein Huſten gegen das, was ich hier leide?“ Kuno hörte ein erſticktes Schluchzen ſich in den Huſten miſchen. „Was ſtehſt Du da und grübelſt?“ ertönte plötzlich Granſſjöld's Stimme in Arlborg's Ohren. Kuno richtete ſich auf, die Flamme kehrte auf ſeine Stirne zurück, und mit einem Blick, ſcharf wie ein Schwert, antwortete er: „Ich höre auf die Folgen des berauſchenden Walzers.— Ei!l Wenn Du heute Abend von hier ab⸗ gehſt, ſo kannſt Du zu Akersholm übernachten; ich möchte mit dir ſprechen.“ Eine halbe Stunde darauf kam Ellen wieder heraus, zugleich mit Fridolf, welcher einen verdrießlichen Blick auf Arlborg warf. Ellen ließ Nichts merken, ſondern 171 war nach ihrer Gewohnheit freundlich und heiter unter den jungen Leuten. „Darf ich Sie auch um einen Walzer bitten?“ fragte der Notar, welcher am Inſtrument abgelöſt worden war. Kuno ſtand hinter ihr, ohne daß ſie es bemerkt hatte. Ehe ſie Zeit zum Antworten fand, ſagte Kuno deutlich, aber leiſe: „Ellen walzt heute Abend nicht; es würde ihr das Leben koſten.“ Ellen drehte ſich um; ihre Augen begegneten ſich. Der Notar hatte ſich zurückgezogen, und ſie waren allein im Zimmer. Eine lange Pauſe entſtand. Endlich ſagte Kuno in einem Tone, in welchen er vergebens einige Ruhe zu legen ſuchte: „Kann es recht ſeyn, ein Gelübde zu brechen, ohne daß man einen Grund dafür angibt?— Kann Jemand ſo verächtlich ſeyn, daß er nicht das Recht beſitzt, eine ſolche Erklärung von dem zu verlangen, welcher ihm Alles gerauht hat?— Verdiene ich nicht einmal, erfahren zu dürfen, was ich verbrochen habe?“ „Ach!“ antwortete Ellen,„hätten Sie mich ge⸗ kannt, ſo würde Ihnen auch klar geworden ſeyn, daß ich einen giltigen Grund haben mußte, um ſo zu handeln, wie ich gethan, und dann wäre es ja an einem einzigen Blick auf die Vergangenheit genug geweſen.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Ellen. Worin beſteht mein Verbrechen?— Erſinne wenigſtens einen Grund, eine niedrige That, welche ich begangen haben ſoll, ſo daß Du damit deine eigene Treuloſigkeit bemänteln kannſt.“ „Wiederum!“ rief Ellen, indem ſie ſich ſchnell erhob, mit glühenden Wangen. 172² „Ja, wiederum und ewig werde ich dieſes Wort wiederholen,“ entgegnete Kuno,„bis Du mir eine Er⸗ klärung, einen Grund für deine Handlungsweiſe angibſt. Ah! Du biſt nicht beſſer, als Andere, da ein Grafentitel dich verlocken konnte, da Du um der niedrigſten Ehrſucht willen dein Gelübde mit Füßen trateſt.“ Ellen hatte ſich wieder auf einen Sopha geworfen und ſagte, die beiden Hände auf die Bruſt drückend: „Bisher dachte ich dich mir nur mit dieſem oder jenem Fehler behaftet; jetzt finde ich, daß Du grauſam und unedel biſt.“ Deer Eintritt von Fridolf und Granſtjöld unter⸗ brach das Geſpräch. Etwas ſpäter am Abend äußerte Fridolf gegen Kuno: 1— „Im Fall Du einige Achtung vor meiner Eltern Hauſe, beſonders vor meiner Mutter hegſt, ſo beſuche uns nicht mehr. Dein Anblick iſt für Ellen immer peinlich, und wir können demnach nicht zugeben, daß ſie demſelben ausgeſetzt wird.“ „Das heißt ſo viel als man verbietet mir hieher zu kommen.“ „Nein. Ich bitte dich nur, es nicht zu thun.“ XXX. Am Abend fand zu Akersholm zwiſchen Kuno und dem jungen Grafen Granſtjöld folgende Unter⸗ redung ſtatt. 4 V 173 Arnold ſaß auf einem Sopha und rauchte, während er auf das, was geſprochen wurde, aufmerk⸗ ſam war. „Ich wünſche zu erfahren,“ ſagte Kuno,„welche niedrige Lügen Du Ellen aufgetiſcht haſt, um mich in ihren Augen anzuſchwärzen.— Daß die Urſache zu dem Bruch zwiſchen ihr und mir bei dir oder ſonſt Jemand deiner Familie zu ſuchen iſt, habe ich immer geargwohnt. Jetzt will ich die Urſache wiſſen, warum Du zwiſchen mich und mein Glück trittſt.“ „Wenn ich Recht thun wollte, ſo würde ich deine Frage gar nicht beantworten,“ entgegnete der Graf, indem er den Kopf ſtolz zurückwarf.„Daß ich es thue, geſchieht nicht, um deinem Willen nachzukommen, ſondern aus Achtung vor mir ſelbſt. Ich habe nie⸗ mals anders als zu deinem Vortheil mit Ellen geredet, nicht mit einem Wort dir zu ſchaden geſucht. Das iſt, bei meiner Ehre, wahr.— Ich habe Ellen geliebt, ihre Liebe zu gewinnen geſucht, und ich glaube, es iſt mir auch gelungen. Das iſt mein einziger Fehler.“ „Du von Ellen geliebt!“ rief Joſeph mit lautem Lachen.„Um daran zu glauben, müßte man ein Narr ſeyn.“ 4 „Und dennoch bin ich der Meinung, man brauche blos ſeinen Verſtand beiſammenzubehalten, um zu dem Schluß zu gelangen, daß wenn ein junges Mädchen einen jungen Mann ſich zu ihrem beſtändigen Kavalier erwählt, dieß darum geſchieht, weil ſeine Geſellſchaft ihr lieb, weil ihr Herz an ihn gefeſſelt iſt.“. „Ellen hat dich niemals zu ihrem Kavalier erwählt, Du haſt ſie nur begleitet, wie es Kuno früher that; und 174 dieß, ohne daß ſie in ihrer Unſchuld etwas Schlimmes darin geſehen hat.“ Der Graf lächelte übermüthig. „Es iſt nicht meine Abſicht,“ fiel Kuno langſam ein,„darüber zu ſtreiten, wem ihre Liebe gehört. Ich will dir nur ſagen: Im Fall Jemand, Du oder deine Schweſter, durch Intriguen mich von Ellen zu trennen ſucht, in der falſchen Vorausſetzung, daß ich dann Amalie heirathen würde, ſo ſchwöre ich bei meines Vaters Andenken, daß ich niemals eine ſolche Hoffnung verwirklichen werde.— Du kennſt mich und weißt, daß wenn ich geſchworen habe, es Nichts auf der Welt gibt, was meinen Beſchluß zu ändern vermag.“ „Und wenn Ellen mir ihre Liebe und ihre Hand ſchenkt, würdeſt Du auch dann nicht deinen Eid zurück⸗ nehmen?“ 1„Nein, bei Gott niemals.— Wenn dieß die Ur⸗ ſache deiner Aufmerkſamkeit gegen Ellen iſ ſo verlierſt Du damit deine Zeit vergeblich.“ Der Graf legte ſeine Hand auf Kuno's Arm mit den Worten: „Du irrſt dich. Das Gefühl, welches mich zu Ellen hinzieht, iſt nicht aus Berechnung hervorgegangen. — Nein.— Wer wird ſie kennen lernen, ohne ſie zu lieben? Ich liebe ſie und hoffe wiedergeliebt zu werden.“ XXXI. Am folgenden Morgen begegnete Ellen doſegh als ſie von Wanna kam. 175 „Entſchuldigen Sie, daß ich hier einzig gewartet habe, um ein paar Worte mit Ihnen zu reden. Wollen Sie freundlich anhören, was ich Ihnen zu ſagen habe?“ Ellen nickte bejahend. Joſeph begann nun von Arlborg zu reden und wies darauf hin, wie unrecht Ellen gegen ihn gehandelt habe; wie innig er an ihr hänge und wie unglücklich er durch den Verluſt ihrer S eworden ſey. Ellen hörte ihm mit einem Aus⸗ druck von Bewegung zu, welche deutlich bewies, wie ſehr ſie von ſeinen Worten ergriffen wurde. „Noch iſt dem Uebel abzuhelfen, noch iſt es nicht zu ſpät. Ein Wort von Ihnen, und Alles iſt vergeſſen, Alles wieder verſöhnt. Iſt es denn nicht der Mühe werth, dieſes Wort auszuſprechen?“ „Ich kann nicht,“ flüſterte Gllen, die Augen voll Thränen.„Wenn man mir geböte, für Kuno zu— ſterben, ſo würde ich ohne einen Seufzer mein Leben opfern; aber ich kann um keinen Preis in der Welt das gelöſte Band wieder anknüpfen.“. „Nicht einmal um ſeines Glücks und Friedens willen?“ „Nein, weil das Glück, welches er an meiner Seite genöße, ein Blendwerk wäre, das in ſeinem Schooße Reue und Schmerz tragen würde.“ „Gransljöld hatte alſo Recht, wenn er behaup⸗ tete, Sie lieben ihn?“ „Hat er das geſagt?“ „Ja, und noch viel mehr, zum Beiſpiel, daß ie Zuſammenkünfte mit ihm verabredet hätten.“ „Und wem hat er das geſagt?“ „Kuno.“ „Und Kuno?“ 176 „Glaubt daran.— 29 Beweiſen Sie nur, daß Granſtjöld auf Sie gelogen hat. Schenken Sie Kuno wieder den Glauben an die Reinheit Ihres Herzens!“ „Gehen Sie! Ich kann, ich darf mich in dieſer Sache nicht rechtfertigen.“ 4 XXXII. Bei ihrer Heimkehr empfing Ellen einen Brief. Er war von Granſſjöld und enthielt eine warme Lie⸗ beserklärung ſammt der Bitte um ihre Hand. Ellen ſchrieb ihm zur Antwort Folgendes: „Herr Graf! „Mein Herz iſt an einen Mann gefeſſelt, deſſen Namen ich nicht zu nennen brauche, und dieſes Herz wird nur ihn bis in den Tod lieben.— Vergeſſen Sie mich alſo; denn obwohl ich, um meine Pflicht zu erfüllen, der Seligkeit, welche ich mir träumte, zu ent⸗ ſagen vermag, kann ich doch niemals aufhören, ihn zu lieben. Möge er ſein Gelöbniß Ihrer Schweſter halten. Möge er mich vergeſſen, ich werde dennoch ewig ihn lieben.— Nach dieſer Erklärung wünſche ich blos, Herr Graf, daß Sie mir verzeihen, wenn ich Ihr für mich ſchmeichelhaftes Anerbieten nicht anneh⸗ men kann. Hochachtungsvoll 4 Ellen Gällner.“ Als der Diener mit dem Briefe abging, begeg⸗ nete er Arlborg. — 177 „Wohin willſt Du?“ fragte Kuno, als er einen Brief in ſeiner Hand ſah. „Ach, ich ſoll mit dem Briefe hier von der Mam⸗ ſell an den Grafen hinüber nach Näsby.“. XXXIII. Drei lange Wochen waren verfloſſen. Nach Friedolfs Aeußerungen war es Kuno ſchwer, beinahe unmöglich, ſich im Probſthofe einzufinden, und den⸗ noch erzeugte ein zugleich bitteres und zärtliches Ge⸗ fühl immer von neuem den Wunſch in ihm, wo mög⸗ lich mit Ellen zu ſprechen und dadurch einen klaren Blick in ihre Seele zu werfen, dieſe Seele, welche frü⸗ her ſo offen vor ihm gelegen war. Was ſollte er von einem Briefwechſel mit Granſkjöld halten? Das ver⸗ mochte er nicht zu ergründen, weil der Graf am Tage nach Kuno's Zuſammentreffen mit dem Knechte ver⸗ reist und ſeitdem nicht wieder zurückgekehrt war. Kuno hatte von dem Kronvogt erfahren, daß Granſtjöld zu U— fors, wohin er mit ſeiner Schwe⸗ ſter einen Ausflug gemacht, ſich ganz offen über El⸗ len's Liebe zu ihm ſcherzhafte Aeußerungen erlaubt und dabei die Bemerkung hinzugefügt hatte, er ſelbſt ſey nicht von ſo romanhafter Natur, um ſich mit der Tochter eines Landpfarrers zu vermählen. Dieſe Nachricht hatte Kund's Seele mit Galle erfüllt. Bald betrachtete er jene Aeußerungen als eine ſchamloſe Großprahlerei, bald glaubte er wieder daran. 178 X Eines Tags ſtand er am Fenſter und ſah vom Probſthof einen Wagen abfahren. Auf demſelben ſaßen der Probſt, ſeine Frau und ſein Sohn Fridolf.. „Lieber Joſeph, weißt Du, wohin der Probſt reiſt?“ fragte er. „Das kümmert mich nicht,“ antwortete Joſeph, welcher ſeit ſeiner letzten Unterredung mit Ellen in mürriſcher Stimmung war. „Du haſt ja heute mit Fridolf geſprochen. Hörteſt Du da nicht, wohin die Reiſe gehen ſollte?“ „Nun und dann? Was der Tauſend geht es dich an?“ „Joſeph, ich wünſche zu wiſſen, wohin ſie reiſen. Und wenn Du es mir nicht ſagſt, ſo gehe ich in den Probſthof und frage ſelbſt.“ „Meinetwegen wohl. Ich denke neutral zu bleiben;“ und damit drehte der Notar ihm den Rücken und verließ das Zimmer. Kuno nahm ſeinen. Hut und ging nach dem Pfarrhauſe.. „Guten Tag, Stina, iſt die Herrſchaft zu Hauſe?“ fragte er. „Nein, ſie ſind zur Taufe nach C—holms ge⸗ fahren.“ 5 „Alle mit einander?“ „Die Mamſell iſt daheim; es wird ihr jetzt zu Zeiten ſo ſchwach auf der Bruſt.“ 8 „Richte ihr meinen Gruß aus und ſage ihr, ich möchte ein paar Worte mit ihr ſprechen. Wo iſt ſie?“— —— 179 „Droben auf ihrem Zimmer. Ich will es ihr ſagen, daß der Herr Bezirksrichter hier iſt.“ Stina ging, aber ſie war noch nicht zur Hälfte die Treppe hinaufgekommen, ſo befand ſich Kuno hinter ihr und ſagte: „Warte, Stina, ich gehe lieber ſelbſt zu der Mamſell hinauf.“ Im nächſten Augenblick ſtand er vor dem jung⸗ frräulichen Heiligthum. So verbittert ſein Herz war, ſo empfand er doch eine gewiſſe Scheu, als er im Begriff war, in das Zimmer des jungen Mädchens zu treten. Endlich legte er die Hand auf das Schloß. Die Thüre ging auf. Ganz ſtill, den Rücken gegen ihn gewandt, ſaß Ellen da und arbeitete. Ihre gebückte Körperhaltung zeigte etwas ſo Weiches, Mattes und— wenn man ſich ſo ausdrücken darf— Hoffnungsloſes, daß man deutlich darin einen Kummer erkannte, welcher ſein Gepräge ihrem ganzen Weſen aufgedrückt hatte. Als Kuno die Thüre zudrückte, fuhr ſie in's Schloß, und bei ddee Geräuſche davon wandte Ellen das Geſicht ihm zu. Die letztverfloſſenen Wochen hatten ſie noch bleicher, ihren Blick noch klarer und wehmuthsvoller gemacht. Bei Kuno's Anblick erhob ſie ſich und drückte die Hände feſt auf das Herz, während ſie unwillkürlich ausrief: „Du hier!“ „Ja, Ellen, ich werde dich bis an der Welt Ende, in das Heiligthum des Tempels, über die ganze Erde verfolgen, bis Du mir deine Handlungsweiſe erklärſt— bis Du mir geſtehſt, daß ein Gefühl, ſtärker als das⸗ jenige, welches Du für mich hegteſt, dich zu dem Schritt, welchen Du gethan haſt, nöthigte. Ellen, ſprich!— 180 gib einen Grund an, dichte Etwas zuſammen, ſo unge⸗ reimt es auch ſeyn mag, nur erkläre dich!“ Er war näher getreten und ſtand jetzt dicht vor ihr. 1 „Mache mich durch dieſes hartnäckige Stillſchwei⸗ gen nicht unglücklicher, als ich jemals geweſen bin. Zwinge mich nicht dich zu verachten als ein treuloſes und falſches Weib, wofür dich anzuſehen dein Verhält⸗ niß zu Granſtjöld allen Grund gibt.— O Ellen, ich bin hieher gekommen, damit ich nicht durch dich wieder in einen Abgrund geſtürzt werde, welcher Zweifel an allem Guten und Edeln hier im Leben heißt.— Sprich darum die Wahrheit, ſo grauſam ſie auch ſeyn mag, und ich werde dir ewig dankbar dafür bleiben. „Haſt Du, Kuno, immerdar die Sprache der Wahrheit gegen mich geredet?— Haſt Du mich nie⸗ mals getäuſcht, niemals den wirklichen Charakter deiner Handlungen mir verſchwiegen?— Antworte mir mit der Hand auf dem Herzen: biſt Du niemals von der Wahrheit abgewichen, als Du über die Vergangenheit dich äußerteſt?“ „Ellen, es gab Etwas in meinem Leben, welches ich verſchwieg,“ erwiederte Kuno, mit der Hand über die Stirne fahrend. „Es gab Etwas, das Du verſchwiegeſt.— Eine Handlung, welche dein Herz verwarf,“ ſagte Ellen traurig. „Ja, es gibt eine Handlung, an welche ich mit Scham denke, welche ich, wenn es möglich wäre, gern aus meinem Gedächtniß tilgen würde, und von welcher ich niemals ſprechen wollte.— Du haſt ja einmal ge⸗ ſagt: ‚Ich werde dich lieben, ohne deiner Fehler zu 181 gedenken.— So ſchwurſt Du mir. Wie haſt Du deinen Eid gehalten?“ „Kuno,“ ſagte Ellen, ihm ihre beiden Hände rei⸗ chend;„vergiß, daß Ellen etwas mehr für dich als eine Freundin geweſen, und glaube mir, wenn ich heilig betheure, daß ich nicht anders handeln kann. Ich darf dir den Grund nicht ſagen. Ich vermag es nicht; aber Du mußt ihn errathen. O! laß mich deine Freundin, deine Schweſter ſeyn, und Du wirſt mich ſtets treu wie ehedem ſinden.“ Alle bittenden Worte Ellens prallten an Kuno's leidenſchaftlicher Liebe ab. Er flehte, er raste, er ſprach mit dem ganzen hinreißenden Zauber ſeiner Liebe. Ellen weinte, aber ihre Antwort blieb immer dieſelbe.— Ach, vor dem Gedächtniß der gewiſſenhaften Ellen ſtand ihr Verſprechen gegenüber von Kuno's Mutter, als dieſelbe ſie beſchwor, daß ihre Unterredung ewig ein Geheimniß bleiben ſollte, ſtand Kuno's Treubruch gegen ſeine Kouſine, welchen er jetzt ſelbſt eingeſtanden hatte. Ellen fühlte, der Kummer würde ſie vielleicht tödten, aber ſie fühlte ebenſo, daß ſie nicht anders handeln konnte. Kuno, außer ſich über ihre Hart⸗ näckigkeit, ſchloß endlich mit einer vor Erregung zit⸗ ternden Stimme: „Du willſt mich alſo unwiderruflich verſtoßen?“ „Kuno, nimm' mein Leben; aber begehre nicht, daß ich etwas Anderes, als deine Freundin ſeyn ſoll.“ „Ellen, Ellen, iſt das deine einzige Antwort?“ „Ja,“ flüſterte Ellen ſchluchzend. „Nun wohl, ſo höre auch mein letztes Wort— möge des Himmels Fluch mein Haupt treffen, wenn ich jemals dieſes Geſpräch wieder aufnehme oder dich 182 um dein⸗ Herz anflehe.— Nein, und käme auch der Tag, da Du auf deinen Knieen mich um Vergebung für das Böſe, das Du mir angethan haſt, bäteſt, ich würde nur Verachtung und Abſcheu zur Antwort haben; Abſcheu wegen der elenden Rolle, die Du ſpielteſt; Abſcheu wegen des Leichtſinns, der in deinem Herzen wohnt; Verachtung wegen der Liebe, welche Du an den Grafen Granſtjöld verſchwendeſt, und womit derſelbe prahlt, obwohl er niemals ſeine Hand dir zu bieten beabſichtigt.— Dieß ſind ſeine eigenen Worte gegen mich, verſtehſt Du?“ Kuno ſtürzte auf die Thüre zu, und Ellen ſank auf die Kniee, ſtreckte die Hände nach ihm aus und rief:„Kuno, aus Barmherzigkeit....“ Aber er war fort, und Ellen— einen großen Schritt dem Grabe näher.* Am folgenden Morgen reiste Kuno nach Upſala. XXXIII. Wiederum vergingen Wochen. Plötzlich ver⸗ breitete ſich das Gerücht, Fräulein Amalie Granſſjöld werde ſich verloben, weil die Nachbarn aus der gan⸗ zen Gegend nach Näsby eingeladen waren. Mit wem, das wußte man nicht beſtimmt. Einige riethen auf Arlborg, andere auf den jungen D. in U. Das Gerücht ging von dem Poſtbureau aus, weil der Poſtmeiſter zwei goldene Ringe in einem nach Näsby adreſſirten Briefe entdeckt hatte, und da bald darauf ein allgemeines Gaſtgebot an die Nachbarn erging, 183 ſo nahm man für ausgemacht an, daß ſie zu einer Verlobung geladen waren. Ellen, deren Bruſt nach der letzten Unterredung mit Kuno ſchwer angegriffen war, hatte ein paar Wochen das Zimmer nicht verlaſſen. Auf alle Fälle würde ſie, ſelbſt wenn ſie geſund geweſen wäre, nicht den Muth gehabt haben, einem Akte anzuwohnen, der auf eine Andere die Liebe übertrug, welch' ihr Leben ausmachte. Der Probſt allein reiste nach Näsby. Ellen hatte mittelſt eines warmen Gebetes Troſt in dem Gedanken geſucht, daß ſie ihre Pflicht erfüllt, und in der Gewißheit, daß auch Kuno der ſeinigen Genüge gethan habe, ihr armes Herz zu beruhigen unternom⸗ men; aber vergebens. Und welche Frau ſollte es wohl wagen, den Stab über ſie zu brechen, wenn ſie, wie wir geſtehen müſſen, trotz all dem von einem ſo tiefen Kummer, von, einem ſo heftigen Schmerz beherrſcht wurde, daß ihr Seelenzuſtand ſo ziemlich einem hohen Grad von Verzweiflung glich.— Doch wir wollen dabei nicht länger verweilen.— Ellen verſchloß den Kummer in ihrer Bruſt; warum ſollten wir dieſe Miſchung von Stärke und Schwäche aufdecken, welche ſo oft in den edelſten Seelen ſich vereint findet? Der Probſt kehrte ſpät am Abend nach Hauſe zurück.— Den folgenden Morgen war Ellen ſo matt, daß ſie nicht zum Frühſtück hinuntergehen konnte. Als es vorüber war, kam Fridolf mit freudeſtrahlen⸗ dem Angeſicht herauf. „Nun, Ellen, weißt Du, mit wem Fräulein Granſtjöld ſich verlobte?“ „Fridolf, wozu dieſer grauſame Hohn?“ 184 „Ellen, ſie hat ſich mit dem jungen D. in U. verlobt.“ Ellen ſprang vom Sopha auf und rief, Fridolf am Arm faſſend: „Was ſagſt Du da?“ „Die Wahrheit.“ „Und Kuno?“ „Iſt noch nicht heimgekehrt.“ „O Gott!— Sein Eid trennt uns jetzt!“ Ellen ſank wiederum auf den Sopha nieder. XXXIV. Abermals verging eine Woche. Ellen hatte ſich ſo weit erholt, daß ſie eines Morgens ganz langſam auf der Straße nach Forsby hinwanderte. Es war ſehr frühe, und Niemand im Probſthofe wußte an⸗ ders, als daß ſie noch im Schlafe lag. Ellen war aber noch nicht weit gegangen, als die ſchwache Kraft, die ſchwere Bruſt und der hart⸗ näckige Huſten ihr jeden weitern Schritt verbieten zu wollen ſchienen. Sie mußte auf dem Wege ſtehen bleiben. Während ſie ſo daſtand und ſchwer auf⸗ athmete, kam ein Bauer mit einem leeren Korbwagen dahergefahren. Ellen fragte ihn, ob er nach Forsby wolle und ob ſie nicht aufſitzen könnte. „Ci, mein Gott, will die Mamſell ſich ſo ge⸗ ders wenn Sie mit mir fahren will. Für eine ſo rare Mamſell kann man ſchon einen Umweg machen, „mein machen, ſo geht es wohl nach Forsby, beſon⸗ 185⁵ wenn es darauf ankommt. Es geht auf alle Fälle zu der armen Mutter Brita, kann ich mir denken. Die Mamſell iſt wahrhaftig gar gut und liebreich gegen dieſelbe.“ Damit hielt der Bauer an, um Ellen einſteigen zu helfen. Sie ließ ſich freundlich mit demſelben in ein Geſpräch ein, und er ſchien ganz erfreut über die Ehre, die Mamſell vom Probſthofe kutſchiren zu dürfen. „Nun, liebe Mamſell, jetzt kennt man ja den Vater zu Stina's Kind, und ich bin es, der ihn er⸗ wiſcht und Bengt Bengtſon ein Licht aufgeſteckt hat. Denn es iſt wirklich eine Schande, daß das Herren⸗ volk da hingeht und unſere Mädchen ins Verderben lockt, und ſo wird er nicht lang warten dürfen, bis er ſeine Rechnung von Bengt Bengtſon bekommt.“ Ellen erinnerte ſich mit Schrecken der Worte von Mutter Brita. Sie klagte ſich jetzt ſelbſt als die Ur⸗ ſache zu dem, was geſchehen mochte, an und fragte: „Nun, wer iſt es denn? „Potz Kreuz, der gräfliche Landvermeſſer. Als er vergangenes Jahr hier war, da lief er immer Stina nach, denn ſie war die ſauberſte Dirne, muß ich ſagen. Aber ſieht Sie, als ich damals bei dem Meſſen war, da dachte ich, der immer argwöhniſch geweſen, daß es nicht ſo ganz richtig zwiſchen ihm und Stina ſtände und ich aufpaſſen müßte, und da ſagte ich einmal: ‚Nun, Stina, Bengts Tochter— der gnädige Herr Graf erinnert ſich ihrer doch— ſie war ſo hübſch?— Ja⸗, antwortete er, und ſah ganz wunderlich dabei aus, „Sie iſt ja todt.-— ,Sie hat ihr Kind umgebracht,“ Schwart, Novellen. II. 13 186 ſagte ich. Er wurde weiß wie ein Leintuch im Geſicht. ‚Und Niemand weiß, wer der Vater iſt,“ begann ich wieder und ſah ihm feſt in die Augen; ‚aber wenn Bengtſon herausbrächte, wer es iſt, ſo würde er ihn für ſein Lebtag zeichnen, und ich möchte den Finger nicht dazwiſchen ſtecken, wenn er gepackt würde,“ ſagte ich. Da ſollte die Mamſell ihn geſehen haben; er wurde blaß wie eine Leiche und konnte ſich nicht halten, an allen Gliedern zu zittern.— Du biſt es, dachte ich. Am Abend wollte ich zu Bengtſon gehen und ihm meine Vermuthungen mittheilen; aber als ich an der Hütte des Köthners Erik vorbei kam, ſah ich den Grafen hin⸗ eingehen. Da kam mir in den Sinn, ich könnte horchen, was geſprochen würde, denn ich erinnerte mich noch ganz wohl, daß, als er früher hier war, er gar viel daſelbſt zu thun hatte; deßgleichen fiel mir ein, daß auch Stina oft dahin gekommen. Der Köthner Erik iſt bei uns Bauern nicht als ſehr gottſelig bekannt; es iſt ſo ein rechter Fuchs und ſäuft dazu unmenſchlich. Ich ſtellte mich alſo hinter die Thüre und horchte, und da vernahm ich, wie der Graf zu Erik ſagte: Hörſt Du, Erik, ich verſpreche dir zehn Reichs⸗ thaler Banko jährlich, wenn Du darüber ſchweigſt, daß ich Stina, Bengtſons Tochter, gut leiden konnte.“ „Und Erik verſprach es und ſchwur, niemals ein Wort zu ſagen; auch ſprach er die Meinung aus, der Graf werde ihn ſchon dafür bezahlen, daß er bis jetzt geſchwiegen habe, nachdem Bengtſon ſich gelobt hätte, den, welcher an Stina's Unglück ſchuld wäre, todt zu ſchlagen.— Ich ging ſo geſtern Abend zu Bengt Bengtſon und erzählte ihm Alles zuſammen, und hier herum in dem Gebüſch wird Bengtſon wohl dem — ——— 187 Grafen auflauern. Ich denke eben, ob ich nicht auch helfen ſoll; ich muß nur die Pferde ein wenig an⸗ treiben.“ „Jahre ſchnell nach dem Gebüſch,“ rief Ellen heftig und rieß Pehr Mattsſon das Leitſeil aus der Hand. „Mamſell will ſich doch nicht der Gefahr aus⸗ ſetzen und zuſehen. Das thut ſich nicht für ſie, muß ich ſagen, denn wenn das Ding losgeht, ſo muß ſie zeugen, und wir Bauern in Forsby haben uns vorge⸗ nommen, keiner ſoll dafür Zeugniß ablegen, daß Bengt⸗ ſon ihm Eins auf den Pelz gegeben hat.“ „Pehr Mattsſon, wenn Ihr nicht ſogleich hin⸗ fahrt, ſo werde ich angeben, daß Ihr Bengtſons Mit⸗ ſchuldiger geweſen ſeyd,“ entgegnete Ellen entſchloſſen. „Ha, ha, das ſoll Sie wohl bleiben laſſen,“ ant⸗ wortete Pehr Mattsſon mit einem drohenden Blick und riß das Leitſeil wieder an ſich. Sie waren ganz allein auf einem Waldweg. Aber Ellen kannte niemals die Furcht, wenn ſie von einem edeln Gedanken bewegt wurde; ſie legte ihre Hand auf Pehr Mattſons Schul⸗ ter und ſagte mit jenem ihr ſo eigenthümlichen, milden und überzeugenden Ausdruck in Stimme und Blick: „Aber, denkt, wenn Bengtſon in ſeinem Zorn den Grafen tödten wollte?“ „Das wäre gar zu arg, aber die Kanaille hat es wohl verdient. Auf alle Fälle hat die Mamſell mit der Sache nichts zu ſchaffen, und wenn ſie etwas von mir ſagt, ſo hat ſie keinen Zeugen dafür, daß ich ſo etwas geſprochen haben.“. „Pehr Mattsſon, ſehe ich aus, als ob ich Euch angeben, als ob ich Jemands Unglück verſchulden 188 wollte? Fahrt mit mir nun nach dem Gebüſch, damit wir Bengtſon daran hindern, etwas Böſes zu thun: Die Schrift ſagt, wir ſollen die Rache Gott überlaſſen.— Denkt an die arme Mutter Brita, wenn auch ihr Mann als Mörder vor Gericht geſtellt würde, und macht euch nicht ſelbſt eines Verbrechens theilhaftig.“ Pehr Mattsſon, ein rechtſchaffener und ehrlicher Bauer, ſah ſie eine Weile ſchweigend an; darauf kehrte er mit den Pferden um und bog in einen Seiten⸗ weg ein, welcher nach dem Gehölz führte, indem er, ſeine Mütze lüftend, ſagte: „Sie kann recht haben, Mamſell Ellen, und da Sie die Schrift ſo gut kennt, muß Sie auch beſſer als Andere wiſſen, was dieſelbe uns auferlegt. Ueberdieß wird Sie wohl, da Sie gegen arme Leute ſo gut iſt, dem Himmelreich näher ſtehen, als wir.“ Einige Augenblicke darauf hielt er eine Strecke von dem Gehölz an, band ſeine Pferde an einen Baum und ſagte: „Es iſt wohl am beſten, wir gehen den Fußweg bis zum Kohlenmeiler, wo Bengtſon anſteht.“ Ellen zitterte ſo, als Pehr Mattsſon ſie aus dem Wagen hob, daß ſie ſich auf ſeinen Arm ſtützen mußte. — Aber ſogleich ſich der Gefahr erinnernd, in welcher ein Mitmenſch ſchwebte, fand ſie die Spannkraft ihrer Seele wieder und überwand die Schwäche des Körpers. Sie hatte alles das Böſe, welches der Graf ihr ange⸗ than, vergeſſen. Mit leichtem haſtigem Schritt näherte ſie ſich dem Meiler. Pehr Mattsſon erklärte, er werde nicht weiter mit⸗ gehen, damit der Graf ihn nicht zu Geſicht bekomme und zum Zeugen aufrufe. 189 Ellen war noch nicht viel weit gegangen, als ſie den Laut von zwei Stimmen,— die eine aufgereizt, die andere angſterfüllt und bittend, vernahm. Sie beſchleu⸗ nigte ihre Schritte, ſo daß ſie beinahe ſprang, und befand ſich in Kurzem auf einem offenen Platz vor einem großen brennenden Kohlenmeiler. Bengtſon ſtand hoch⸗ aufgerichtet da und hatte ſeine beiden ſtarken, groben Hände, welche Schmiedehämmern glichen, dem jungen, ſchmächtigen Grafen auf die Schultern gelegt. Er hatte ihn auf die Kniee vor ſich niedergedrückt. Beide befan⸗ den ſich in ſolcher Nähe von dem Meiler, daß die ſtarke Hitze auf ihren Geſichtern eine glühende Röthe hervor⸗ brachte, welche den ſchönen Zügen des jungen Mannes eine hohe und lebhafte Färbung verlieh. Bengtſons Augen waren aus dem Kopfe getreten und auf den vor ihm in den Staub niedergebeugten Edelmann mit unheilverkündendem Zorn gerichtet. Der Graf konnte darin leſen, daß er von dem unglück⸗ lichen und verzweifelten Vater keine Schonung erwarten durfte, da derſelbe ſeit ſeiner Tochter Tod nur einen Ge⸗ danken gehabt hatte, und dieſer Gedanke Rache hieß. „So lagſt Du auf den Knieen vor meinem Mäd⸗ chen, und wie das Feuer des Meilers jetzt auf deine Wangen brennt, ſo brannte deine Begierde in ihr Herz, wie ſie ein ebenſo ſchwaches Ding in deiner Hand wurde, wie Du jetzt in der meinigen biſt; und Du warfſt ihre Seele hinab in den brennenden Pfuhl, wie ich jetzt dich in den brennenden Meiler zu werfen gedenke.— Jetzt zitterſt und bebſt Du vor mir, wie ſie zitterte und bebte, da ſie vor dem Gericht ſtand, mit Schmach und Schande bedeckt.— Du haſt um Schonung gebettelt. Schurke! Hatteſt Du Erbarmen, da Du dem armen * 190 Bauern ſein einziges Gut raubteſt, da Du ihm ſeinen theuerſten Schatz ſtahleſt? Oder glaubſt Du nicht, daß der Bauer ſo gut wie der Graf Herz und Ehrgefühl hat?— Meinteſt Du in deinem ſchamloſen Uebermuth, Du könneſt ungeſtraft das eine zermalmen, das andere mit Füßen treten, ſo betrogſt Du dich. Nein, Du ſollſt mir beides bezahlen.— Du ſollſt zu Aſche verzehrt werden, verſchwinden, ohne daß Jemand weiß, wohin Du gekommen biſt, und ein armer Bauer iſt es, welcher dir, zur Strafe für die Qualen, die Du über ihn und ſein unglückliches Weib gehäuft haſt, Leiden auferlegt, ſo grauſam, wie die ſeinigen ſind.“ Der Graf machte einen verzweifelten Verſuch, ſei⸗ nem Richter und Henker zu entkommen. Er flehte, er bot Bengtſon ſo viel Geld, als er nur haben wollte, wenn er ſeines Lebens ſchone. Er ſprach von der Strafe, welche den Mörder erwarte; aber Bengtſon packte ihn an der Schulter, hob ihn in die Höhe und rief, ihn ſo haltend und in ein wildes Hohngelächter ausbrechend: „Kannſt Du mit deinen Bitten, Drohungen oder deinem Gelde meiner Tochter Leben, ihre Ehre wieder erkaufen oder ihre befleckte Seele reinigen?— Nein!— So begreife alſo, niedriger Verführer, daß Nichts vor meiner Rache dich retten kann.— Glaubſt Du ungeſtraft dein Spiel fortſetzen und Kummer und Schmach über die Pfarrersleute bringen zu dürfen, durch deinen Ver⸗ ſuch mit Ellen, dem Engel? Nein, ich bin es— der verarmte Bauer, der beſchimpfte Vater, welcher die Welt von deinem elenden Daſeyn befreien wird. Es gibt keine Rettung für dich, verſtehſt Du? keine Rettung.“ „Ihr irrt euch, Bengtſon,“ ſagte eine ſanſte, tiefernſte und bewegte Stimme hinter dem Bauern, und 191 eine leichte Hand legte ſich auf ſeine Schulter. Er drehte den Kopf zu der Sprechenden um, und da er Ellen ge⸗ wahrte, ſtellte er den Grafen wieder auf den Boden, ohne ihn jedoch fahren zu laſſen, und murmelte: „Mamſell Ellen hier!“ „Ja, ich bin hier; denn Gott will nicht, daß Ihr einen Mord begehet.“ „Wer ſollte zwiſchen mich und meine Rache treten?“ rief Bengtſon.„Gott, welcher zuließ, daß mein armes Mädchen eine Kindsmörderin wurde, er kann meinem Zorn keinen Zügel anlegen wollen. Wen ſollte er ſenden, um dieſen Elenden zu retten, glauben Sie?“ Bengtſon ließ mit ſolcher Kraft ſeine rechte Hand auf des Grafen Schulter fallen, daß deſſen Kniee wank⸗ ten und nur ein ſtarker Griff an ſeiner linken Schulter ihn auf den Beinen hielt. „Mich!“ Ellen ſprach dieß Wort in feſtem Ton. „SSie!“ murmelte Bengtſon mit einem düſtern Blick auf das junge Mädchen.„Hindern Sie mich, wenn Sie können!“ Er faßte den Grafen um den Leib, um ihn in den Meiler zu ſchleudern. Dieſer ſtieß einen Schrei der Verzweiflung aus, und Ellen warf ſich auf Bengtſon's Arm, indem ſie mit klarer Stimme rief: „Unglücklicher! Wollt Ihr einen doppelten Fluch auf das Haupt Eures unglücklichen Weibes herabrufen? — Wollt Ihr mit einem größern Verbrechen ein anderes ſühnen? Wenn Ihr eure Hand erhebt, um eure Drohung auszuführen, ſo werdet Ihr ſie nicht nur an ihm vollziehen, ſondern auch an mir. Ich habe eurer Frau verſprochen, Euch davon abzuhalten, ein Verbrechen 192 aus Rache zu begehen. Verſuchet nicht Gott durch eine Miſſethat und vergrößert euer Unglück nicht durch einen Frevel.— Gott läßt nicht zu, daß wir ſelbſt unſere Rache üben. Ihr ſühnt Stina's Verbrechen nicht durch eine blutige That.“ „Gehen Sie, Mamſell Ellen,“ murmelte Bengtſon, gich will nicht ein Haar an Ihrem Haupte krümmen. Sie ſind ein Engel der Barmherzigkeit; aber ſuchen Sie nicht zwiſchen meine Rache und mich zu treten.“ Bengtſon hatte ſeine Arme ſinken laſſen und hielt blos noch mit der rechten Hand den Grafen an der Schulter. „Wiſſen Sie denn nicht, wie gemein der Elende von Ihnen geſprochen hat?“ Ellen lächelte ſanft und antwortete: „Er hat die Unwahrheit geredet, Bengtſon, und mir damit großen Kummer verurſacht, aber ich werde doch mit Gefahr meines Lebens ihn vertheidigen.“ „Aber Ihre Vertheidigung iſt unmächtig, ſage ich!“ ſchrie Bengtſon. Ellen warf ſich vor ihm auf die Kniee, erhob die Hände zum Himmel und rief mit bittendem Ausdruck: „Nun wohl, Eure Tochter iſt es, welche durch mich Euch anfleht, nicht ihre Schuld vor Gott noch zu vergrößen. Gedenkt ihrer letzten Bitte an Euch: Wer vergibt, dem ſoll wieder vergeben werden.“ Das Herz des erbitterten Vaters erweichte bei der Hinweiſung auf ſeines Kindes letzte Bitte. Er ließ den Grafen los und murmelte, das Angeſicht in den Händen verbergend: „Gehen Sie, gehen Sie und danken Sie ihr, die 193 beſſer als andere Menſchen iſt, für Ihr Leben; aber ſchnell fort, denn im nächſten Augenblick könnte meine Raſerei wieder auflodern.“ Der Graf ſtürzte, ſobald er ſich frei fühlte, auf Ellen zu und rief: „Sie ſind es, Ellen, die von mir ſo tief gekränkt, ſo niedrig verunglimpft worden, Sie ſind es, der ich für mein Leben zu danken habe!“ „Gehen Sie!— Ich bin jetzt gerächt; aber machen Sie ſich ſchnell davon, wenn Ihnen dieſes Leben, das ich Ihnen beſchützen half, von einigem Werthe iſt.“ „Ich gehe; aber niemals werde ich dieſen Augen⸗ blick vergeſſen,“ ſtammelte der Graf und eilte hinweg. Als Bengtſon und Ellen allein waren, murmelte er mit dumpfer Stimme: „Warum haben Sie mich daran verhindert, Gerechtigkeit zu uͤben?“ „Weil Gott Euch keine Befugniß hiezu gegeben hat.“— Ellen fuhr fort, milde, zu Herzen gehende Worte an ihn zu richten. Sie ſprach ſo lang und ſo warm, daß er endlich, ſchluchzend wie ein Kind, die Hand des jungen Mädchens ergriff und ſagte: „Gott lohne es Ihnen, Mamſell Ellen, daß Sie meine Seele vor ewiger Verdammniß errettet haben. — Ich will jetzt zu meiner armen Brita heimgehen und dann vor Gott alle die böſen Gedanken, die in meiner Seele gewohnt haben, abbitten.“— „Und Ihr werdet auch alle Gedanke fahren laſſen?“ „Ich will es verſuchen, denn Gottes Geiſt redet aus Ihnen.“ * Ellen faltete die Hände und ſchaute zum Himmel 194 empor, als wollte ſie Gott für das Werk danken, das er ſie hatte vollbringen laſſen. „Ein Engel jetzt wie immer,“ flüſterte eine bewegte Stimme neben Ellen.— Sie fuhr zuſammen und rief, ſich umdrehend: „Kuno!“ Es war zu viel; ſie ſank nieder, und Kuno fing ſie in ſeinen Armen auf und trug ſie in ſeinen Wagen. Während er dieſelbe in dieſem Zuſtande der Be⸗ wußtloſigkeit umfaßt hielt, überfiel ihn eine jener trau⸗ rigen Ahnungen, welche ſo ſelten täuſchen. Er glaubte in eine Zukunft voll Kummer und Leere zu ſchauen. XXXV. Ellen ruhte auf dem Sopha, mit den verrätheri⸗ ſchen Flammen auf den Wangen und dem eigenthüm⸗ lichen, himmliſchen Ausdruck im Blicke. Es war gegen Abend deſſelben Tags. Bei jedem noch ſo geringen Laute horchte ſie und drückte die Hand auf das unruhige Herz. Endlich ließen ſich leichte, haſtige Schritte auf der Treppe vernehmen, und auf der Schwelle ſtand Kuno, aber ſo bleich, daß man auf der ſchneeweißen Stirne alle die Qual, die er erlitten hatte, leſen konnte. Er ſtürzte auf Ellen zu, faßte ihre Hände und ſagte mit bewegter Stimme: „Ellen, theuerſte Ellen, warum haſt Du nir all dieſen Schmerz zugefügt?“ Ellen vermochte nicht zu ſprechen. Sie fuhr nur mit dem Ausdruck grenzenloſer Liebe ihm über A* 195 . bleiche, kalte Stirne. Nach einem kurzen Stillſchweigen nahm ſie das Wort: „Jetzt darf ich reden; jetzt habe ich das Recht, zu ſagen, daß es dein Verhältniß zu Amalie war, welches mich von dir zurückſcheuchte. Ach! Ich konnte mein Glück nicht auf ihre Koſten erkaufen; aber jetzt, da ſie ſich mit einem Andern verheirathet, ſteht Nichts zwiſchen dir und mir.“ „Du haſt ſomit an der Wahrheit meiner Worte, an meiner Ehre gezweifelt?“ rief Kuno heftig. „Ach, wäre mir nur der Troſt geblieben, zu zweifeln! Ich hätte mir dann nicht die Pflicht auf⸗ erlegen dürfen, mein Herz zu zermalmen. Man ver⸗ ſicherte mir aber, Du habeſt mit den Gefühlen deiner Couſine geſpielt, Du habeſt mir nicht die Wahrheit ge⸗ ſagt. Ol das war ein bitterer Augenblick! Und hernach deine Antwort, als ich dich fragte, ob es keine Handlung in deinem Leben gebe, die Du mir verſchwie⸗ gen habeſt.“. „Ellen, dieſe meine Antwort hatte auf etwas ganz Anderes Bezug.— Nenne mir den Namen desjeni⸗ gen, welcher frecher Weiſe behauptete, ich habe Amalie mein Wort gebrochen, nenne mir ihn, und ich werde ihn zwingen, ſeine Ausſage zurückzunehmen.“ „Du wirſt niemals erfahren, wer es war. Ach! Alles iſt ja vergeſſen, Alles ſteht ja wieder gut.“ Sie reichte ihm mit einem himmliſchen Lächeln die Hand. Kuno drückte ſie an ſeine Lippen. „Sieh mir in die Augen, Ellen,“ äußerte er, „und ſage: War es meine Mutter?“ „Nein.“ 196 XXXVI. Die Wiedervereinigung war vollzogen, und ſo weit ſtand Alles gut und wohl; aber Ellen's Bruſt⸗ leiden machte bedenkliche Fortſchritte. In ihrem ganzen Weſen lag eine ſo ſchwärmeriſche Milde, eine ſo rein⸗ geiſtige Erhabenheit, daß es Kuno oft vorkam, als ob ſie ſchon verklärt wäre. Kuno erkannte bald und mit unbeſchreiblicher Angſt, daß das Uebel, woran Ellen litt, eine tiefere Wurzel hatte und gefährlicher war, als ihre Umgebung zu glauben ſchien. Sein erſtes Anliegen war alſo, aus der Stadt einen geſchickten Arzt zu berufen, um über die Beſchaffenheit von Ellen's Krankheit und deren mögliche Heilung Aufſchluß zu erhalten. Als der Arzt den Zuſtand der Kranken genau unterſucht hatte, ſprach er zu Kuno: 4„Die Anlage zur Schwindſucht war von jeher vorhanden; aber daß ſie nunmehr zum Ausbruch ge⸗ kommen iſt, hat ſicherlich in einem innern Leiden ſeinen Grund gehabt.“ Er reiste ab und verließ Kuno mit der Ver⸗ zweiflung im Herzen und einem wahnſinnigen Haß gegen denjenigen, von welchem das Unheil angerichtet worden war.— Ol er würde gern ein Jahr von ſeinem Leben dafür gegeben haben, wenn er den Namen des Urhebers von allen dieſen Mißverſtänd⸗ niſſen, von Ellen's Kummer und— er beſaß nicht den Muth, dieſen ſchrecklichen Gedanken in ſich auf⸗ kommen zu laſſen— ihrem Tode erfahren hätte. Eines Tags äußerte ſie den Wunſch, Forsby zu 197 beſuchen. Sie hatte allerdings jeden Tag ſich über Bengtſon und ſeine Frau Kunde verſchafft; aber ſie wollte ſelbſt nach ihren unglücklichen Schützlingen ſehen. Am Nachmittag ſtand Kuno's Wagen vor der Thüre. Ellen ſtieg ein; er begleitete ſie. Eine ſtille Wehmuth lag über ihr ganzes Weſen ausgebreitet. „Was plagt dich, meine Ellen?“ fragte Kuno, während der Wagen mit ihnen dahinrollte.„Du ſiehſt ſo bekümmert aus.“ „Ach, ich weiß nicht, ob ich es wagen darf, die Gedanken, welche in meiner Seele aufſtiegen, vor dir auszuſprechen. Ich würde dich damit nur betrüben.“ „Du Gedanken hegen, welche mich betrüben könnten?“ „Nicht Gedanken, ſondern Einbildungen.“ Kuno ſchaute ſie an.. „Eine unerklärliche Vorſtellung bemächtigt ſich manchmal meinér, obwohl ich weiß, daß es nur als ein Traum zu betrachten iſt. „Ellen, laß mich hören!! Er faßte ihre Hand und betrachtete mit Beben den hektiſchen Ausdruck in ihrem Angeſicht. „Verſprichſt Du, es nur als eine kindiſche Phan⸗ taſie anzuſehen?“ „Ja, ich verſpreche es.“ Kuno hatte eine peinliche Ahnung von dem, was Ellen ſagen würde. „Ich dachte— aber werde nicht betrübt— im Fall ich kommenden Frühling ſtürbe..... 4 „Ellen!“ Kuno war todesbleich geworden. 198 „Du verſprachſt ja, mich ruhig anzuhören!“ fiel Ellen ein, indem ſie ihren Kopf ſchmeichelnd an ſeine Schulter lehnte,„ja, da dachte ich, dich zu bitten, Du möchteſt, wenn ich abgeſchieden wäre, über allen dieſen Armen wachen, welche ich geliebt und verpflegt habe. Du, mein Kuno, wirſt ſie dann beſuchen, ihnen von deinem Ueberfluß mittheilen und Worte des Troſtes zu ihnen reden. Und wenn Du dir, nachdem der Kum⸗ mer über mich in eine theure Erinnerung ſich verwan⸗ delt hat, eine junge, ſchöne Braut wählſt, ſo wirſt Du ſie lehren, fuür die Kinder der Noth und des Unglücks zärtliche Sorge zu tragen. „Ach, wenn mein Geiſt dich dann umſchwebt, wird er ſich ſo ruhig, ſo glücklich fühlen, denn er weiß, daß die Armen und Schutzloſen in dir, der mir theurer war, als alles Andere auf der Welt, einen Freund gefunden haben.— Und dann, Kuno— tröſte Mama, tröſte Fridolf, liebe ſie, ſo daß dieſelben mich nicht vermiſſen.“ „Ellen, Ellen, Du denkſt alſo zu ſterben!— Zu ſterben ohne mich!.... 6 Ellen erklärte lächelnd, es wäre nur eine Ausge⸗ burt ihrer Phantaſie; aber Kuno wußte leider, daß der Tod in ihrem Herzen ſaß. „Ellen fuhr zu Bengtſon und zu einigen andern ihrer Schützlinge, und zuletzt zu Nora R.— Vielleicht fühlte das junge Mädchen, daß ihre Kräfte dem Erlö⸗ ſchen nahe waren, und wollte nun Allen, nachdem ſie deren Zukunft in Kuno's Hände gelegt hatte, noch ein herzliches Lebewohl ſagen. Dieß war Ellens letzter Ausflug.— Von da brachte ſie Tage, Wochen und Monate auf ihrem Ruhe⸗ bette zu, allen den ſtillen, ſchleichenden Leiden unterwor⸗ j 199 fen, welche im Gefolge der Schwindſucht ſich einſtellen. — Geduldig, immer mild, immer zärtlich und voll Freundlichkeit, war es ein rührender Anblick um das liebenswürdige Geſchöpf, ruhend in dieſem mit ausge⸗ ſuchtem Geſchmack eingerichteten Zimmer. Gleich blaß wie ſie, ſaß Kuno an ihrer Seite und ſah mit Verzweiflung im Herzen den Tag zu Ende gehen und ſeinen theuerſten Schatz um einen Schritt dem Grabe näher bringen.— Des Himmels Reinheit redete immer klarer aus ihrem Blick, während der Tod mit jedem Tage ein Blatt aus der Blume des Lebens pflückte. Kuno brachte jeden Augenblick, den er frei hatte, an der Seite der Geliebten zu und las ihr vor oder redete mit ihr.— Ellen äußerte ſich eben jetzt mit beſonderem Entzücken über den elften Mai. Dieſer Tag ſollte, wie ſie mit einer gewiſſen Beharrlichkeit haben wollte, ihr Hochzeitstag werden. Alle Vor⸗ ſtellungen, ſie ſellte warten, bis ſie wieder geſund wäre, blieben fruchtlos, und ſie ſagte einmal, als ihr Vater ernſtlich über dieſen Gegenſtand ihr zuredete: „Papa, ich will ſterben als ſeine Frau.“ Es lag in Ton und Blick ein Ausdruck, der ſich nicht beſchreiben ließ.. „Es ſoll geſchehen, wie Du willſt, mein Kindl!“ antwortete der Vater. Ein paar Mal hatte Kuno mit weiteren Fragen in ſie dringen wollen, wer es geweſen wäre, der das Vertrauen zwiſchen ihnen geſtört und ſie ſelbſt dadurch an des Grabes Rand gebracht hätte, aber mit einem engelholden Lächeln gab ſie ſtets zur Antwort: 200 „Haben wir jetzt nicht einander? Warum alſo von der vergangenen Zeit reden?“ „Aber dieſe Zeit... dieſe Zeit... wird mir dich rauben.“ „Niemals! Jenſeits des Grabes liegt die Ewig⸗ keit, und da kommt dir Ellen wieder entgegen.“ Oft redete ſie von Kuno's Mutter; mit ihrer Güte, ihrer Liebe und ihren ergreifenden Worten ſchien es Ellen wirklich zu gelingen, aus Kuno's Bruſt den Haß gegen ſeine Mutter gänzlich zu vertilgen. — Gllen's Einfluß bewirkte, daß Kuno einmal jede Woche Näsby beſuchte, wo Frau Engelmann bei dem jungen Granſtjöld wohnte, und während dieſer Be⸗ ſuche bewies er ſeiner Mutter alle die äußere Achtung, welche ſie fordern konnte; obwohl beide ganz ſorgfältig die nahe Verwandtſchaft, worin ſie zu einander ſtan⸗ den, ſonſt verbargen. Außer Ellen und Fridolf hatte Niemand davon Kenntniß, mit Ausnahme der Ver⸗ wandten ſelbſt. Niemals forſchte Ellen nach der Urſache von Kuno's Haß oder deſſen geheimnißvollem Benehmen. Das feinfühlende, zartſinnige Mädchen ſah ein, daß es Etwas ſeyn mußte, das für den einen oder die andere demüthigender Natur war. Sie arbeitete nur darauf hin, aus der Seele ihres Lieblings jede ſeiner unwürdige Empfindung zu verbannen. Selbſt klagte ſie Frau Engelmann niemals wegen der Leiden, die ſie erduldete, wegen der Krankheit an, deren ſchneller Fortſchritt ſo vielen Kummer verur⸗ ſachte und das frühzeitige Grab, das ſie vor ſich ſah, ihr eröffnete. Sie beugte ſich ſtill und ruhig unter Gottes Willen, ohne Jemand eine Schuld beizumeſſen. Sie dankte Gott dafür, daß ſie ihr kurzes Leben als 201 Kunv's Verlobte hinbringen und als ſeine Gattin ſterben durfte.— Sie forſchte nicht nach den Beweg⸗ gründen zu den Handlungen ſeiner Mutter; ſie ſuchte nach keiner Erklärung darüber; ſie wollte die Tage des Kummers vergeſſen und nur ihrer Liebe und der Verſöhnung leben. Eines Tags, als Kuno davon redete, daß ſeine Couſine in der nächſten Woche getraut werden ſollte, fragte er wieder, was es wohl wäre, das Ellen zum Mißtrauen gegen ihn geſtimmt hatte. „Werde ich niemals den Namen dieſes Feindes erfahren?“ bemerkte er. „Nein, Kuno; dieß iſt das einzige Geheimniß, welches mein Herz vor dir hat.“ „Aber ich weiß ihn bereits. Es iſt Granſſjöld.“ „Wiederum dieſer Argwohn! Ich habe dir ja betheuert, daß er es nicht iſt.— Glaubſt Du denn, deine Ellen könne lügen?“ Ein Schimmer von verwundetem Stolz leuchtete aus Ellen's Blick. „Nein, nein, das glaube ich nicht. Aber wer, wer kann es ſeyn?“ „Vergiß und vergib, wie ich gethan habe.“ „Vergeben und vergeſſen, daß man dich getödtet hat!“ murmelte Kuno bei ſich—„nein, niemals!“ XXXVII. Am folgenden Tag reiſte Kuno nach Näsby. Er wollte mit Amalie ſprechen, von ihr die Wahrheit herauszubringen ſuchen. Schwartz, Novellen. II. 14 202 Kuno trat in den Saal; er war leer, aber aus einem innern Zimmer vernahm er die Stimmen ſeiner Mutter und des jungen Grafen Granſkjöld. Er näherte ſich der Thüre und blieb horchend ſtehen. „Ach, Tante, niemals werde ich Ihnen oder mir den Antheil verzeihen, den wir an dem Tode des jungen Mädchens haben.— Was haben Sie mit allen dieſen Intriguen wohl gewonnen? Iſt meine Schweſter Kuno's Frau geworden, oder dieſes Ver⸗ mögen uns zu gut gekommen? Nein.— Ich habe meine Ruhe und meinen Frieden für immer verloren und wir...“ b „Und ich— ich bin gerächt,“ antwortete Frau Engelmann mit eiſiger Kälte.„Oder glaubſt Du wirklich, ich habe das junge Mädchen aufgeſucht und ihr alle dieſe Dinge von mir ſelbſt und Amalie vor⸗ geſchwatzt, einzig von dem Verlangen getrieben, Kuno's Reichthum meinem Geſchlechte zuzuwenden?— Nein, ich that es darum, weil dieſer Sohn es wagte, ſeine Mutter zu verachten, es wagte, diejenige zu beſchim⸗ pfen und tödtlich zu verwunden, welche ihm das Leben geſchentt und nunmehr zur Strafe für alle dieſe Frevel ſein einziges Glück geraubt hat.— Als ich das junge Mädchen ſah, ſo rührend in ſeiner Güte und ſeiner Unſchuld, da erkannte ich auch, daß der Verluſt von ihr für Kuno ſchlimmer als der Tod ſeyn würde.“ „Aber Sie berechneten nicht, daß ſie, die Un⸗ ſchuldige, ſich ſelbſt Verleugnende das Opfer werden ſollte.“ 5* gibt, wo es mich plagt, wo.. „Nein— ich muß geſtehen, daß es Augenblicke ½ mit Achtung zu behandern— Sie iſt es, welche m 203 8 Frau Engelmann ſchwieg plötzlich, denn die Thüre wurde aufgeriſſen, und auf der Schwelle ſtand Kuno; aber nicht der Kuno, welcher an Ellen's Bette zu ſitzen pflegte und aus deſſen Geſichte nur edle Gefühle redeten; auch nicht der höhniſche und verach⸗ tungsvolle Kuno, ſondern der ſtrenge, unerbittliche Richter, welcher das Wort Mitleid nicht kennt, welcher taub iſt für alle andern Eindrücke, als die kalte Ge⸗ rechtigkeit. Bei dem Anblick von Kuno erhob ſich der Graf, aber Frau Engelmann blieb, ihren Blick auf den Sohn geheftet, ſitzen. „Sie waren es alſo, Madame,“ ſprach Kuno mit dumpfer Stimme, um einen Schritt ihr näher tretend,„Sie, die Sie ſchon ſo manchen Frevel ab⸗ zubitten, ſo große Verachtung auf Ihr Haupt gela⸗ den haben. Ah! Ich hielt Sie nicht für ſo tief ver⸗ dorben. War. es nicht genug, eine verbrecheriſche Gattin, eine herzloſe Mutter zu ſeyn, ſondern ſollte noch ein weiterer Frevel hinzugefügt werden? Und wenn ich in meinem ganzen Leben niemals Ihnen ge⸗ flucht habe, ſo thue ich es, wenn jener Engel, der mein ganzes Glück, meine Hoffnung ausgemacht hat, ſeinen Geiſt aushaucht— dann, dann werde ich Ihnen, deren Mörderin fluchen!“ Es lag etwas ſo Zermalmendes in ſeinem Tone, daß Frau Engeſmann unwillkürlich den Kopf ſin⸗ ken ließ. „Und ſie war es, welche zuerſt zu Ihren Gun⸗ ſten redete, welche mit ihren Bitten zum erſten Mal mich beſtimmte, meinen Eckel zu unterdrücken und S Sie— ... XXXVIII. Die Aprilſonne warf im Untergehen ihre letzten Strahlen in Ellens Zimmer. Der Tag war ſchwer geweſen und das junge Mädchen eben nach einem heftigen Huſten eingeſchlummert. Fridolf ſaß am Fenſter und ſah mit traurigem Blick in den ſchönen Frühlingsabend hinaus. Ach! er dachte daran, wie bald des Lebens Abend für die theure Schlafende an⸗ brechen würde, und hinweg von der ſinkenden Sonne flogen ſeine Augen hinüber zu Ellen, welche noch die erſten Anemonen, die Fridolf für ſie gepflückt hatte, in der Hand hielt. Auf den bleichen Lippen war ein mildes, mattes Lächeln, das der Anblick der erſten Kinder des Frühlings hervorgerufen hatte, zurück⸗ geblieben. Das Geräuſch Wagens erweckte ſie.. „Iſt es Kuno?“ war ihre erſte Frage. „Ja, Ellen, jetzt haſt Du ihn wieder hier.“ „Gott ſey gelobt, ich hätte nicht in den letzten Schlummer verſinken mögen, während er fort von hier war,“ dachte ſie, ſagte aber nichts. auf den Hof hereinrollenden Fridolf entfernte ſich, um Kuno zu begrüßen. 4 1 Einige Minuten darauf lag dieſer auf den Knieen vor Ellens Ruhebett, und ihre Hände an ſeine bren⸗ nende Stirne drückend, murmelte er: „Es iſt meine Mutter, meine Mutter, welche dir den Tod gegeben hat,“ und dabei brach er in lautes Schluchzen aus. XXXIX. Am Abend darauf ſaß Kuno wieder an Ellens Seite, mit Spuren tiefen Leidens auf ſeinem Ange⸗ ſichte. „Bitte nicht. Ich kann ihr das niemals ver⸗ zeihen,“ rief Kuno heftig. „Sie iſt deine Mutter,“ flüſterte Ellen. „Ellen, wenn Du wüßteſt, wie verbrecheriſch ſie iſt, ſo würde dieſe ihre That auch dir unverzeihlich vorkommen, und damit Du die Unmöglichkeit für mich, Vergebung eintreten zu laſſen, erkenneſt, ſo höre! Wir wollen den Leſer nicht mit einer wortgetreuen Erzählung ermüden, ſondern nur in der Kürze folgen⸗ des erwähnen: Kuno's Vater, Aſſeſſor Arlborg, ein geachteter und von Charakter milder und liebenswürdiger Mann, hatte ſich mit dem ſchönen, aber armen Fräulein Granſkjöld verheirathet und ihr ſeine ganze Zürtlichkeit gewidmet, welche ſie als ihr mit Recht gebührend entgegennahm. Sie, die Tochter eines Grafen Granſtjöld, hatte ſich ja mit einem Bürgerlichen verehlicht, welcher kein anderes Vermögen, als ſein Dienſteinkommen beſaß. Sie gebar ihrem Mann zwei Kinder, Kuno und ſeine Schweſter.— Als der Sohn ein Alter von vier⸗ zehn, und das Mädchen von zehn Jahren erreicht hatte, verſchwand die Mutter plötzlich. Sie hatte ſich mit einem Kapitän Engelmann, welcher mehrere Jahre ihr Lieb⸗ haber geweſen war, nach Dänemark begeben. Kuno's Vater ſuchte dieſelben in Kopenhagen auf und zwang den Kapitän, dem verbrecheriſchen Weibe, nachdem er ſelbſt von ihr geſchieden worden war, ſeine Hand zu reichen. Sie wurde auch wirklich mit ihrem Liebhaber getraut, aber da ſie einmal mit ihrem Gewiſſen und ihren Pflichten gebrochen hatte, blieb ſie eine leichte Beute für jede Verſuchung und zeigte ſich eben ſo un⸗ getreu gegen ihren zweiten Mann, wie gegen den erſten. Kapitän Engelmann ſtarb einige Jahre ſpäter vor Gram über das Aergerniß, wozu ſeine Frau An⸗ laß gab. Als Kuno zweiundzwanzig Jahre alt war, ging auch ſein Vater mit Tod ab. Der Sohn, welcher die Laſterhaftigkeit der Mutter kannte, empfand eine ſolche Bitterkeit in ſeinem Herzen gegen dieſe Frau, welche durch ihre Treuloſigkeit ſeinen Vater einem frühen Grabe entgegen geführt hatte, daß er nach deſſen Ab⸗ ſcheiden ſich ihr um keinen Preis zu nähern vermochte. Die Schweſter dagegen, welche ſich nur dunkel ihrer Mutter erinnerte, flog ihr mit offenen Armen entge⸗ gen, als ſie nach ihres Mannes Tod das Kind aufſuchte. Bald hatte ſie ihrer Tochter ganzes Herz gewonnen, und durch Thränen und Bitten gelang es ihr auch, ſie dahin zu bringen, daß ſie einer Jugendliebe entſagte und ſich mit Kapitän Engelmanns Neffen, einem reichen Guts⸗ und Fabrikbeſitzer verheirathete. Kuno that alles —j— — Mögliche, um dieſer Verbindung entgegenzuarbeiten und ſeine Schweſter zu überreden, ihrer Jugendneigung ge⸗ treu zu bleiben, da der Gutsbeſitzer Engelmann als ein ungeſtümer und roher Menſch bekannt war. Aber die Mutter, welche der Mittel zur Fortſetzung der ihr lieb gewordenen üppigen Lebensweiſe bedurfte, ſah in der Heirath der Tochter nur ihren eigenen Vortheil und fragte wenig oder nichts darnach, ob ihre Tochter glück⸗ lich würde. Drei Jahre nach ihrer Heirath ſtarb Kuno's junge und ſchöne Schweſter, wie man be⸗ hauptete, in Folge einer ſchweren Mißhandlung von ihrem Mann, welcher im höchſten Grade eiferſüchtig war und, wie es unter den Leuten hieß, allerdings Grund dazu hatte. Bei der Erzählung von ſeiner Schweſter Tod und den ihn begleitenden Umſtänden, der Urſache zu ihres Mannes Eiferſucht u. ſ. w. loderte ein heftiger Zorn gegen ſeine Mutter in Kuno's Seele auf. Sie war ja die Ürſache zu ſeiner Schweſter Verehelichung, Unglück und Tod. Er brach, von ſeinem wilden Grimm verleitet, in Vorwürfe über ihre Treuloſigkeit, ihren Eigennutz und Leichtſinn aus. Was er damals ſagte, war vernichtend geweſen, und oft fand er in einer ruhigern Stimmung, daß er ſich allzu ſchonungslos gegen die frevelhafte Mutter be⸗ nommen hatte.— Dieß war die Handlung, worüber er vor ſich ſelbſt erröthete. Von ſolcher Beſchaffenheit war Frau Engelmann's Geſchichte und die Urſache zu aller der Bitterkeit, welche Kuno's Inneres erfüllte. Aber für Ellen, die Alles verzeihende, ſchienen dieſe Fehler von der Mutter ihres Lieblings nicht groß genug, um dem Sohne das Recht zu geben, ſie zu verabſcheuen. In 208 ihrer milden und liebevollen Weiſe führte ſie Frau Engelmann’s Sache, ſo daß Kuno ſich der Rührung nicht erwehren konnte und ſagte: „Ach, Ellen! Alles hatte ich ihr ja bereits ver⸗ ziehen, weil Du ſo beweglich für ſie bateſt, aber dieſe ihre letzte Handlung— niemals!“ XL. Niemals! hatte Kuno geſagt.— Aber der Menſch beſitzt nicht das Recht, dieſes Wort auszu⸗ ſprechen— Etwas, das auch Kuno erfahren ſollte. Als er Abends nach Akersholm heimkehrte und in ſein Schlafzimmer trat, fand er ſeine Mutter daſelbſt. Dieſe Frau, deren Leben ein leichtſinniges und herzloſes Spiel geweſen mit allem, was heilig war, hatte ſich niemals von Gewiſſensbiſſen heimgeſucht gefühlt, aber als ihr Sohn zu ihr ſagte:„Dann werde ich Sie verfluchen', da hatte ein Schauer ihr Herz durchdrungen; ein Zittern vor der Zukunft be⸗ mächtigte ſich ihrer Seele und die Erinnerung an die unglückliche Tochter ſtellte ſich neben den Gedanken an Ellen. Das Leben beider hatte ſie durch ihre verwerflichen Leidenſchaften verkürzt. Sie glaubte beide ſie als deren Mörderin anklagen zu hören. Zu dieſer Qual geſellte ſich der Wiederhall von ihres Sohnes Fluch, deſſen Ausſpruch nur die Achtung vor der mit dem Tode ringenden Ellen noch zurückgehalten. Sie hatte die Stunden ſeitdem unter unaufhörlicher —,— —,— Gewiſſensqual verlebt und ſtand nun vor dem Sohne als eine zerknirſchte Sünderin, um Verſöhnung, um Vergebung von ihrem Kinde flehend.— Konnte Kuno auch jetzt ſagen: Niemals?— Nein.— Sie war ja doch ſeine Mutter! Am Tage darauf kniete Frau Engelmann an Ellen's Bette und bat ſie um Vergebung. „Du, Kuno,“ ſagte Ellen mild,„mußt deiner Mutter das Vergangene in Vergeſſenheit bringen und ſie mit ihrem eigenen Herzen verſöhnen.“ Und Ellen, die durch Frau Engelmann's Ver⸗ ſchulden ſterbende Ellen war es, welche jetzt die Mutter mit dem Sohne ausſöhnte. XII. Der Tod nahte Ellen mit ſtarken Schritten, und es gab Augenblicke, wo ihre Schmerzen ſo groß waren, daß ihre Umgebung wünſchte, ſie möchte ſchnell von denſelben erlöſt werden. Aber wenn die ſchweren Anfälle vorüber waren und ſie wieder mild und ruhig, mit dem verklärten Blicke da lag, dann warf ſich Kuno auf die Kniee und rief im Uebermaß ſeiner Verzweiflung:„O, gehe nicht fort! O, bleibe, bleibe hier!“ Ellen lächelte dann und reichte ihm ihre abge⸗ zehrte Hand mit den Worten:* „Ich bleibe, bis Du als Gatte mich an dein Herz ſchließeſt. An dieſem, Kuno, will ich meinen letzten Seufzer aushauchen.“ 210 Nach Ellen's ausdrücklichem Wunſche war Alles ſo geordnet worden, daß ſie am elften Mai, wo ſie zweiundzwanzig Jahre alt wurde, mit Kuno getraut werden ſollte. XILII. Der elfte Mai brach an. Klar und milbd ſchien die Sonne auf die Erde hernieder. Es war ein Sonntag und gerade ein Jahr, ſeitdem Kuno zum erſten Mal den Probſthof von Weßla betreten hatte. Noch am Tage zuvor, ſo ſchwach ſie war, hatte Ellen alle die Armen, welche von ihr bisher unter⸗ ſtützt worden waren und in das Pfarrhaus kommen konnten, ſich hier verſammeln laſſen.— In den Saal hinabgetragen, hatte ſie ihnen ein freundliches Lebe⸗ wohl geſagt und jedem eine Gabe mit der Verſiche⸗ rung eingehändigt, der Bezirksrichter habe das Ver⸗ ſprechen gegeben, für dieſelben im Fall ihres eigenen Abſcheidens Sorge zu tragen. Es war Allen, als ſehen ſie in Ellen einen Engel, der bereits dem Him⸗ mel angehörte und nur auf die Erde hernieder ge⸗ ſtiegen war, um noch einmal Worte des Troſtes an ſie zu richten. Nachdem ſich Alle entfernt hatten, trat Bengtſon und Mutter Brita ein, beide einſt ſo kräftig, jetzt mehr von Kummer, als von Alter niedergebeugt. Ein Kummer, welchen Ellen getheilt, welchen Ellen zu lindern geſucht, für welchen Ellen Troſt angewieſen 8 211 hatte. Auch war er jetzt nicht wild und zügellos, ſondern ſtill und ergeben. Aber als Mutter Brita, ſelbſt kränklich und mit Mühe im Stande, ſich zu dem Pfarrhauſe zu ſchleppen, Ellen erblickte, ſo bleich, ſo abgezehrt und verändert, ſank ſie ſchluchzend auf die Kniee nieder. „Beten Sie für meine arme Stina, Sie, die Sie bereits ein Engel ſind!“ ſtammelte ſie. Am bitterſten für Ellen war der Abſchied von Nora R. Ellen wußte, daß die arme, verlaſſene Frau in ihr den einzigen Troſt verlor, die einzige Perſon, mit welcher die leutſcheue Nora von ihren Kümmerniſſen zu ſprechen gewagt hatte. Am Abend nach dieſem Tage redete Ellen lang mit ihrer Mutter und Fridolf. Sie ſchien ſeitdem be⸗ ruhigt und ſchlummerte friedlich an der Mutter Bruſt ein. Der folgende Morgen war der ihres Hochzeittages. Die Glocken läuteten zuſammen. Der Probſt beſuchte ſeine Tochter, ehe er in die Kirche ging. Sie ſtreckte ihm die Hände entgegen und flüſterte: „Bete für mich, geliebter Vater, und wenn Du zurückkommſt, dann....“. „Ja, dann werde ich den Segen über dich und Kuno ſprechen.“ Kuno verbrachte ein paar Stunden bei Ellen, darauf entfernte er ſich.. Um eilf Uhr rollte Frau Engelmanns Wagen in den Hof. Sie war ſo aufgeregt, daß ſie kaum zu ſprechen vermochte. Der Gedanke an Ellen hatte ſeit der letzten —— 212 Unterredung mit ihr die verbrecheriſche Frau beſtändig verfolgt. Als der Probſt von der Kirche heimkehrte, begaben ſich alle zu Ellen hinauf. Sie vermochte nicht mehr aufrecht zu ſitzen, ſondern lag auf dem weißen Bette, in ihrem Brautgewande, den Myrtenkranz auf dem Haupte, und der lange Schleier auf den Boden niederwal⸗ 4 lend. Als die Thüre aufging, war ſie bleich wie eine Leiche. Ein himmliſches Lächeln der Liebe verbreitete aber jetzt einen Roſenſchimmer über die blaſſen Wangen. Betäubt von Schmerz, ergriffen von der Feier des Augenblicks, ſank Kuno auf die Kniee vor ihr nieder, und alle Anweſenden brachen in Thränen aus. Mit einer Stimme, welche nicht mehr irdiſcher Natur war, ſagte Ellen den Ihrigen ein zärtliches Lebe⸗ wohl; nachdem ſie lang an der Bruſt der Mutter geruht —— hatte, flüſterte ſie: „Und nun, mein Vater, gehört ihm, was noch von meinem Leben übrig iſt. Jedes Herz erbebte, als der gerührte Vater die Trauungsformel begann. Klar und deutlich ſprach Ellen ihr Ja aus. Und nun legte der Vater ſeine Hände auf deren Haupt und ſprach den Segen. Eine augenblickliche Pauſe trat ein, während welcher man nichts als leiſes, erſticktes Schluchzen vernahm. Plötzlich richtete ſich Ellen auf, führte des Vaters⸗*4 Hand an ihre Lippen, öffnete ihre Arme und ſich an Kuno’s Bruſt anſchmiegend, ſah ſie ihm in's Antlitz und flüſterte beinahe lautlos: mein Gatte, mein Kuno!— Mit einem langen, einem ewigen Kuß beſiegelte ſie dieſe Worte, während Kuno ſie konvulſiviſch an ſein Herz 213 drückte. Ellens Arme ſanken langſam nieder, der Kör⸗ per wurde ſchwer, die Lippen lächelten noch, obwohl matt; das gebrochene Auge weilte mit einem Himmel voll Liebe auf Kuno, während ſie mit erſterbender Stimme noch ſtammelte: „Gott, ich danke dir— Du läßeſt mich ſterben als ſeine Gattin.... Kuno.... Kuno!“ Das Herz brach und der Tod nahm ſeine Braut und führte den Geiſt in das rechte Heimathland, indem er Kuno einſam mit dem lebloſen Staube in ſeinen Ar⸗ men zurückließ. XLIII. Ellen wurde in ihrem Brautgewande beerdigt. Das Grab würde von den Thränen der Wehmuth benezt und ihr Andenken von dankbaren Herzen geſegnet. Sie ſchied ab, wie wenn ſie nur die Schwingen erhoben hätte und in ihren Himmel zurückgeflogen wäretsn Kuno's Leben iſt eine ewige Erinnerung an ſie, deren Geiſt ihn umſchwebt. Dieſes Leben wurde ein raſtloſes Bemühen, alles was ſie ihm aufgetragen hatte, zu vollziehen, und man nannte ihn allgemein in der Gegend den Armenfreund, den Beſchützer der Unglück⸗ lichen. Noch manches Jahr wird er vielleicht hier auf Erden wandern, ein einſamer Pilger, aber gewiß als ein guter, nachſichtiger und verzeihender Sohn gegen die bereuende Mutter. 214 Einſam, mit dem Kummer im Herzen und den Blick im Himmel, ſitzen die Eltern und der Bruder in der öden Wohnſtätte. Von ſolcher Art war das Blatt, welches ich während eines kurzen Aufenthaltes im Nordlande in der Wirklichkeit großem Buche geleſen habe. Aund noch werden meine Augen feucht und mein Herz 8 klopft vor Rührung bei dem Andenken an Ellen, des Probſtes Tochter. E ſ üuluuu 15 16 1 4 ſſſffſſfſſ 7 8 9 10 11 12 13 1