Leil thet hbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Teih- und Jeſebedingungen. 4 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von) jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗— den angenommen.. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende 3n — hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 1 für wöchentlich 24 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 1——— auf 1 Monat: 1 Nk. Pf. 1 Mk. 50 Pf 2 Mk. Pf „ 3—„ 3 dl —ʃ 22—— —— —— Ausgeuühlte Terhe von Frau M. S. Schwartz. * Aus dem Schwediſchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshand . 1865, und Erzählungen von Marie Sophie Schmartz. Uovellen b— 4 V Aus dem Schwediſchen von Dr. Otto gen. RKeventlow. „N Sechster Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. + 1865, Druck von Gebrüder Mäntler in Stuttgart. * — Die Verläumdung. Die Heimath im Gebirge. Eliſabeth. Der Schwur der Treue. Die Verläumdung. „Sei keiner Vorurtheile Sklav; urtheile ſelbſt Mit der vom Himmel Dir gegebenen Vernunft.“ Lidner. . Vielleicht biſt Du, mein lieber Leſer, einmal in deer kleinen Reſidenzſtadt Xrr geweſen, und wen— 4 das der Fall iſt, dann wirſt Du auch in der einen langen Straße ein kleines, unanſehnliches, gelb ange⸗ ſtrichenes, zweiſtöckiges Haus geſehen haben, deſſen ganzes Aeußere von Comfort, aber nicht von Reich⸗ thum zeugte. Man war, nach dem Aeußeren des Hauſes zu urtheilen, geneigt, zu glauben, daß dort ein weniger bemittelter Beamter oder beigleichen 1 wohnte. ₰ Gerade gegenüber erhob ſich, wie um des Con⸗ 5 traſtes willen, ein prachtvoll und elegant gebauter 4 wirklicher Palaſt, welcher ſelbſt der Hauptſtadt Ehre gemacht haben würde, und an deſſen Seite die ge⸗ wöhnlichen hölzernen Häuſer ſich ganz traurig aus⸗ nahmen. Beſonders ſchien das genannte kleine gelbe Haus immer kleiner und kleiner im Vergleich mit 8 ſeinem ſtolzen Nachbar zu werden, welcher in ſeinem Hochmuth mitleidig auf ſein unbedeutendes vis- herabblickte. 3 Dieſe Häuſer, welche von ſo ungleichem Aeußeren waren, wurden indeſſen von zwei Geſchwiſtern bewohnt, welche aber ſeit ihrer Kindheit in Uneinigkeit gelebt hatten. Diejenige, welche das hölzerne Haus bewohnte, war von einem Verwandten angenommen und zu ſeiner Erbin gemacht worden, wogegen die Bewohnerin des Palaſtes arm geblieben. Dadurch wurde bei der letzteren der Grund zu einem Haß gelegt, den keine Zeit und keine Ver⸗ hältniſſe hatten mildern können. In dem kleinen Hauſe, auf das wir zuerſt un⸗ ſere Blicke werfen wollen, wohnte im Parterre die früher reiche Schweſter mit ihren beiden Töchtern. Ihr Mann, der Lieutenant Pahl, welcher ein großes Vermögen mit ihr erhalten, das er aber gänzlich zu Grunde gerichtet hatte, hinterließ ſie bei ſeinem Tode mit ihren zwei Kindern vollkommen von Allem entblößt. Ein Jahr darauf hatte ſie das kleine Haus geerbt, welches einem entfernten Verwandten gehört, und jetzt mit ſeinem Garten ihr ganzes Vermögen ausmachte. Das obere Stockwerk hatte ſie an eine Pfarrerswittwe vermiethet, die einen einzigen Sohn hatte. Nach dieſen Bemerkungen führen wir den Leſer an einem Novemberabend in Frau Pahls Wohnung ein, welche aus zwei größeren und einem lleineren Zimmer beſtand. Das erſte Zimmer repräſentirte zugleich Saal, Vorgemach und Salon der Familie. Daſſelbe ſah immer geputzt und geordnet aus, obgleich das Meuble⸗ ment nur aus einem ſchwarzen mit Leder überzoge⸗ ——y 9 nen Sopha, acht dergleichen Stühle, einem runden braungemalten Tiſch, einem Schenktiſch und einer alt⸗ modiſchen Chiffoniere beſtand; aber die weißen Vor⸗ hänge und der immer reine mit Wachholder beſtreute Jußboden gab dem Ganzen einen Anſtrich von Com⸗ fort, welcher das erſetzte, was an Eleganz fehlte. In dem Zimmer hinter dieſem befanden ſich Frau Pahls Schlafkabinet und das Arbeitszimmer der Familie. Daſſelbe war womöglich noch einfacher meublirt, aber nett und ordentlich. Das zwiſchen der Küche und dem Schlafkabinet befindliche Zimmer wurde von den beiden Töchtern der Frau Pahl bewohnt, und deſſen ganzes Meublement beſtand in einem braungemalten Bette, zwei Stühlen und einem kleinen Tiſch. Am ebengenannten Abend finden wir Frau Pahl auf dem Sopha im Schlafkabinet ſitzend; ihr gegenüber ſteht ein Tiſch, welcher mit Nähgeräthſchaf⸗ ten bedeckt iſt. Sie ſelbſt iſt beim Scheine einer Lampe eifrig mit einer Handarbeit beſchäftigt. Frau Pahl war eigentlich nie ſchön geweſen; aber ihre Züge waren edel und man glaubte in dem vor der Zeit gefurchten Geſicht eine ganze Reihe von Sorgen und Bekümmerniſſen leſen zu können. Wenn ſie aufblickte, lag eine ſolche Hingebung, aber auch ein ſolcher Kummer in ihren braunen Augen, daß man aus denſelben leſen konnte, das Unglück ſei ihr ein alter Bekannter. Ihr gegenüber ſaß auf der andern Seite des Tiſches ein junges Mädchen von neunzehn bis zwanzig Jahren. Ihre Züge ſind regelmäßig und ihre klaren, blauen Augen haben einen redlichen, ruhigen nd ſanften Ausdruck; die Haut iſt friſch, fein und durch⸗ ſichtig. Ihre braunen Haare ſind ſchlicht gekämmt und im Nacken in üppigen Flechten aufgeſteckt. Auch ſie arbeitet ſehr eifrig. 4. „Arme Elin,“ ſagte die Mutter,„wie es mir um Dich leid thut, daß Du allen Vergnügungen Deines Alters entſagen und hier bei mir zu Hauſe ſitzen und Dich mit der langweiligen Arbeit beſchäf⸗ tigen mußt. Aber warum verzichteſt Du zu Gunſten Lavina's auf Tante Karin's Einladung zum Balle heute Abend?“ „Weil es keine Aufopferung für mich war, beſte Mama, während dagegen Lavina vor Sehnſucht und Ungeduld brannte, einmal einen Ball beſuchen zu dürfen. Ihr von Natur lebhaftes Temperament leidet mehr unter unſerem einförmigen Leben, als das meinige.“ „Aber, Elin, Du biſt ja auch auf keinem Ball geweſen, und Du biſt doch zwanzig, während Lavina nur achtzehn Jahre alt iſt. Wahrſcheinlich würdeſt Du denſelben auch mit Vergnügen beſucht haben, denn in Deinem Alter iſt es ſo natürlich, daß man in die Welt hineinblicken und etwas mehr davon ſehen will, als die arme Wohnung der Mutter. Lavina hätte noch warten können, bis ſich wieder eine Gelegenheit darböte.“ „Nein, Mama, der Grund, warum ich auf den Ball verzichtete, war nur der, daß ſie mit ihrem feu⸗ rigen Temperament nur mit Schmerz eine ſolche Ge⸗ legenheit hätte abwarten können, von der nur Gott weiß, wann ſie ſich darbietet; und wenn ich aufrichtig 4 . 1 41 11 ſprechen ſoll, ſo war mein Verdienſt nicht ſo groß, denn meine Schüchternheit und Ungewohnheit in grö⸗ ßere Geſellſchaften zu kommen, würden mich wahrhaft gepeinigt haben. Ich bin überzeugt, daß mein Debüt zu gleicher Zeit kläglich und lächerlich ausgefallen wäre.“ „Das war recht hübſch von Karin, daß ſie auf der Durchreiſe an Euch dachte, und wie gut war ſie nicht, daß ſie Deiner Schweſter den ganzen Ballanzug ſchenkte; obgleich Gott weiß, daß Lavina viel klüger gehandelt, wenn ſie ſtatt deſſen das Geld angenom⸗ men hätte, wie Karin ihr das Anerbieten machte. Wir konnten es ſo gut zu weit nothwendigeren Sachen brauchen.“ 4 „Sei deßhalb nicht verdrießlich; ich habe meinen Ballanzug in baarem Gelde, weil Tante Karin uns beiden Ballanzüge geben wollte, aber nur Eine von uns auf den Ball gehen durfte.“ „Ja, das war ein ſonderbarer Einfall von Karin.“ „Nein, ich finde ihn ſehr natürlich, Mamachen. Tante wollte auf dieſe Weiſe das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Diejenige, welcher der Ball beſſer gefiel, konnte ſich den Genuß verſchaffen, und diejenige, welche zu Hauſe blieb, erhielt Geld, um es zu etwas Nützlichem zu verwenden. Ich habe im Gan⸗ zen dabei gewonnen, daß ich zu Hauſe geblieben.“ *„Hörſt Du, Elin, daß es an der Glocke läutet; iſt Liſa in der Küche?“ „Ja, ſie ſitzt und ſpinnt.“ Kaum waren die Worte ausgeſprochen, als die Saalthüre ſich öffnete und ein junger Mann eintrat. 12 „Guten Abend, Arthur,“ grüßten Mutter und Tochter den Eintretenden, welcher Frau Pahl ehrfurchts⸗ voll die Hand küßte und Elin freundlich zunickte. „Willſt Du nicht auf den Ball, heute Abend?“ fragte Frau Pahl. 4 „Nein, beſte Tante; aber Mama und Agda werden hingehen.“ „Das iſt doch Schade,“ fiel Elin mit einem ſchelmiſchen Lächeln ein;„denn Lavina iſt dort.“ „Was ſagſt Du, Elin, Lavina iſt auf dem Balle?“ rief Arthur mit unverſtellter Verwunderung. „Ja, was meinſt Du; unſere Tante, Frau Röhl, welche ſeit fünfzehn Jahren nicht in X** geweſen iſt, kam vorgeſtern hier an; ſie reiſt nach H— und wollte auf der Durchreiſe Mama und uns ſehen, und uns ein Vergnügen bereiten, obgleich ſie keineswegs reich iſt. Sie lud uns beide zum Balle ein, aber ich nahm lieber das Geld ſtatt des Balles und der Ballkleider. Jetzt iſt Lavina bei Tante Karin, um ſich anzuziehen und ſie hinzubegleiten.“ „Wenn es ſo iſt, dann will ich auch hingehen,“ antwortete Arthur und verabſchiedete ſich. 4 . Wir verlaſſen ebenfalls Frau Pahl und lenken unſere Schritte über die Straße hinein in das präch⸗ tige ſteinerne Haus, welches von Commerzienrath Ljung und ſeiner Frau, der Schweſter der Frau Pahl, bewohnt wurde. 13 In einem kleinen eleganten Toilettazimmer ſaß die einzige Tochter des Commerzienrathes, Agda Ljung, und ließ ihren Kopfputz von ihrer Kammerjungfer ordnen. 4„Mein Gott, Annette, wie Sie mich zurichtet, ich ſehe ja aus, als wenn ich verrückt wäre!“ rief das junge Mädchen, und riß mit der Schnelligkeit des Blitzes die Blumen herunter, welche das Haar zierten, zerſtörte die mit ſo vieler Mühe geordnete Friſur und warf Nadeln und Blumen der beſtürzten Kam⸗ merjungfrau in's Geſicht. Darauf bedeckte Agda das Geſicht mit beiden Händen und fing an zu weinen, während ſie zu gleicher Zeit gegen Annette losbrach: „Ich bin die unglücklichſte Perſon auf der Erde, daß ich einen ſolchen Dummkopf, wie Du biſt, zum Kammermädchen haben muß. Erſt reißt Du mir das Haar vom Kopfe und dann ſtaffirſt Du mich aus, wie eine Bauernbraut. Da ſind meine ſchönen Blu⸗ lnen zerſtört!“ ſchrie Agda, und trat die Blumen mit üßen. 3 „Gute, beſte Mamſell Agda, verzeihen Sie mir 4 und ſitzen Sie jetzt ſtille; ich verſpreche Ihnen, mein Beſtes zu thun. Es iſt nur noch eine halbe Stunde bis zum Anfang des Balles, und ich werde in der Zeit Mamſell ſo ſchön machen, daß es auf dem gan⸗ zen Balle keine hübſchere Dame geben ſoll,“ wagte Annette endlich zu ſagen, während ſie einige hochrothe Doornroſen von den Fußtritten und der Raſerei Agda's zu retten ſuchte. „Nun gut, ich will Dich noch einmal einen Ver⸗ ſuch machen laſſen,“ antwortete Agda, nachdem ihr 14 Zorn ſich etwas gelegt hatte; aber das ſage ich Dir, daß ich meinen Kopfputz in zehn Minuten fertig haben will. Bin ich dann nicht zu meiner Zufriedenheit friſirt, dann bitte ich Mama, daß ſie Dich aus dem Dienſt jage.“ Jetzt ſetzt ſie ſich wieder vor den Spiegel und während Annette mit unglaublicher Raſchheit die zer⸗ ſtörte Haartoilette wieder in Ordnung zu bringen ſuchte, wollen wir dem Leſer eine kleine Beſchreibung von Agda's Aeußerem geben. Agda war achtzehn Jahre alt und hatte ein reines, ovales und regelmäßiges Geſicht. Die Augen waren hellbraun, lebhaft und von langen dunkeln Augenwimpern beſchattet. Die Naſe war fein und gerade, der Mund klein, mit rothen ſchwellenden Lip⸗ pen und weißen Zähnen; die Haut blendend und friſch wie eine aufgeſprungene Roſe. Die Wogen des Bluts wechſelten immer ihre Bewegung auf den Wan⸗ gen, ſo daß dieſe jeden Augenblick eine andere Farbe annahmen. Das Haar war kaſtanienbraun und ſei⸗ denweich. Agda war zwar klein und ſchmächtig von Geſtalt, aber dieſe war trotzdem vollkommen harmo⸗ niſch; Schultern, Bruſt, Hals, Arme und Hände wa⸗ ren wie gemeißelt, und ſie glich mehr einer Sylphide, als einem Weibe. Wir überlaſſen es der eigenen Phantaſie des Leſers, das Porträt dieſer unſerer künf⸗ tigen Heldin zu vollenden. „Jetzt ſind die zehn Minuten verfloſſen!“ rief Agda und wandte ihre Augen von der Uhr, auf welche ſie dieſelbe geheftet gehabt, nach dem Spiegel. „Und jetzt iſt Mamſell auch fertig,“ antwortete 15 Annette und befeſtigte die geretteten Roſen in dem Haare. Agda warf einen prüfenden Blick in den Spie⸗ gel, ſetzte einige Locken zurecht und ſagte: „Das iſt gut, gib nun mein Kleid her.“ Bald ſtand ſie fertig da in dem hellrothen Krepp⸗ kleide, welches durchſichtig und luftig um das kleine elegante und reizende Weſen wogte. „Oeffne mir die Thüre und leuchte mir zur Mama,“ befahl Agda weiter, ohne ein einziges freund⸗ liches Wort, als Sühne für ihre Heftigkeit, gegen Annette zu äußern. Sie gingen durch ein paar größere Zimmer und traten in einen kleineren Salon, wo die Commerzien⸗ räthin Ljung in voller Toilette auf einem kleinen Sopha ſaß und in einem Roman von Paul de Kock blätterte. Sie war ein kleines mageres Frauenzimmer mit kalten, ſtolzen Zügen. Ihre großen blauen Au⸗ gen drückten kein Gefühl aus, die gebogene Naſe und die dünnen Lippen gaben dem Geſicht etwas Unbeug⸗ ſames und Hartes. Als Agda eintrat und ihr Blick auf das hübſche und graziöſe Mädchen fiel, wurde der harte Ausdruck durch einen zärtlichen, faſt leidenſchaft⸗ lichen Zug gemildert. Frau Ljung ſtand auf, ſetzte ſich mitten im Zimmer in ein Fauteuil und ſagte: „Geh ein wenig im Zimmer herum, mein Engel, daß ich Dich betrachten kann.“ Agda kam dem Wunſche der Mutter nach und grüßte ſie, indem ſie um ihren Stuhl herumging, mit einer anmuthigen Verbeugung. ae N 16 „Ach, meine ſchöne Agda, wie Du doch reizend biſt! Es gibt in unſerem ganzen Ort kein ſo ſchönes Mädchen, und das ſage ich Dir, Du mußt wenigſtens einen Grafen zum Mann haben. Apropos, weißt Du, daß unſer neuer Provinzialarzt heute Abend den Ball beſucht, und außerdem kommt auch Oberſt Rubens, der Erbe des Grafen Oe—, hin; wahr⸗ ſcheinlich wird auch Graf W. ſich einfinden; alſo drei neue Cavaliere, und gewiß auch drei Sklaven von Dir; denn es gibt in der ganzen Stadt Niemand, der mit Dir wetteifern kann; die Gerechtigkeit müſſen Dir Alle wiederfahren laſſen.“ „Ach, beſte Mama, alles das weiß ich ja; aber welches Vergnügen hat man davon, hübſch zu ſein, wenn man in einer kleinen Stadt wohnt? Ganz anders wäre es, wenn wir uns in Stockholm befänden; aber hier— hier vermag ich wahrlich nicht dieſen unerträglichen Menſchen gegenüber liebenswuürdig zu ſein.“ 3 „Warte, warte, mein geliebtes Kind, wir kom⸗ men doch wohl hin,“ antwortete die Mutter und ſtand auf, indem ſie ihre Handſchuhe anzog. „Ja, warten muß ich, und das iſt all der Troſt, den Mama mir geben kann. Gott weiß, daß Mama nicht erfinderiſch iſt, da ſie gar nichts bei Papa aus⸗ zurichten vermag.“ 3 „Werde nicht böſe, meine kleine Agda, ſondern laß uns abfahren,“ antwortete die ſchwache Mutter ausweichend. Als der Wagen mit den beiden Damen davon rollte, ſtand Annette da und murmelte vor ſich hin: ¹ 17 „Es wird der Tag kommen, wo ich mich rächen kann; dann werden Sie, Mamſell Agda, alle die Schläge und Mißhandlungen, die Sie ſchon von der Kindheit an mich haben erdulden laſſen, theuer be⸗ zahlen müſſen. Dann iſt die Reihe an mir, Sie weinen zu laſſen; ja Blut weinen zu laſſen, wenn ich es kann.“ Langſam floſſen einige unterdrückte Thränen über Annette'’s Wangen. In dem großen Saale des Societätshauſes war Alles, was die kleine Stadt Xr** an Cleganz beſaß, bereits verſammelt, als Commerzienrath Ljung mit Frau und Tochter eintrat. Agda hatte ſich kaum geſetzt, als ſie bereits zu den meiſten Tänzen engagirt war. Man verſammelte ſich um das reiche und ge⸗ feierte Mädchen, um ihm ſeine Huldigung darzu⸗ bringen. „Sieh, da haben wir Oberſt Rubens,“ ſagte ein junger und bleicher Lieutenant zu Agda, und deutete auf einen langen, bräunlich ausſehenden, ſtattlichen Cavalier von einigen und dreißig Jahren, mit ein Paar ſchwarzen, glänzenden Augen, welcher eine ältere Dame und ein junges Mädchen von blen⸗ dender Schönheit einführte. „Ach! Iſt das der reiche, viel beſprochene Oberſt? Schwartz, Novellen. VI. 2 18 Aber wer ſind die Damen, die er bei ſich hat?“ fragte Agda. „Das weiß ich nicht,“ antwortete der Lieutenant und Alle, an welche Agda ſich wandte, gaben dieſelbe Antwort. In demſelben Augenblick trat Agda's Bruder, Arthur Ljung, ein. Er blickte die Verſammlung im Salon an und nickte Agda zu; als aber ſeine Augen auf die Damen des Oberſten fielen, eilte ek hin, um ſie zu begrüßen. Das junge Mädchen wandte ſich an die ältere Dame und an den Oberſt, indem ſie ſagte: „Mein Vetter, Student Ljung, Majorin Röhl, Oberſt Rubens!“ Nachdem ſie die gewöhnlichen Grüße und Höf⸗ lichkeitsredensarten mit einander ausgetauſcht hatten, wandte Arthur ſich an das junge Mädchen und ſagte: „Ich hatte nicht die Abſicht, heute Abend hieher zu kommen; aber als ich wie gewöhnlich zu Tante hineinging, erfuhr ich, daß Du hier ſein würdeſt, und da beſchloß ich, Zeuge Deines Debüts in der großen Welt zu ſein.“ „Ach! lieber Arthur, ich bin ſo unruhig und zugleich ſo froh. 4 Denke Dir mich auf einem Ball — mich, die ich ja nie etwas Anderes getanzt habe, als das Wenige, was Mama mich gelehrt— und doch, wie amüſant iſt es, tanzen zu dürfenzl!)! „Gewiß wird es gut gehen, Lavina; denn Du haſt natürliche Anlagen zum Tanzen; das weiß ich, da ich mich unten bei Tante bisweilen mit Dir herum⸗ geſchwungen habe, Ich darf wohl die erſte Frangaiſe 19 mit Dir tanzen, und dann werde ich Dit in den Touren zurecht helfen.“ „Nein, zur Francaiſe und zum erſten Walzer bin ich vom Ooerſten engagirt.“ Arthur's Geſicht verfinſterte ſich und er fragte flüſternd: „Wie kennt ihr ihn?“ „Er hat ein Gut in der Nachbarſchaft von Tante Karin gehabt und iſt, wie ich höre, ihr Pathe. Du weißt wohl, daß er die großen Güter des Grafen Oe— geerbt hat?“ „Ich habe es gehört.— Haſt Du meine Mutter und Agda geſehen, oder kennſt Du ſie vielleicht nicht, obgleich Ihr ſo nahe verwandt ſeid?“ „Nein, Arthur, ich kenne ſie nicht und will auch nicht ihre Bekanntſchaft machen,“ antwortete Lavina mit glühenden Wangen. „Siehe, da kommt Papa, um Dich zu begrüßen,“ unterbrach ſie Arthur. Der Commerzienrath hatte immer mit ſeiner Schwägerin Umgang gehabt, obgleich es ihm nicht gelungen war, ſeine Frau zu einer Verſöhnung zu bewegen; daher kam es denn, daß auch Arthur von der Kindheit an ſeine Verwandte beſucht hatte. Arthur entfernte ſich, nachdem Lavina ihm die zweite Frangaiſe und einen Walzer verſprochen hatte. Der Commerzienrath grüßte freundlich die Ma⸗ jorin und Lavina und machte vor dem Oberſten eine ſteife Verbeugung. Nan ſpielte zur erſten Frangaiſe auf und La⸗ vina ſchwebte mit dem Oberſten von dannen, bevor — 20 der Commerzienrath Gelegenheit erhalten hatte, ihr ein Wort zu ſagen. „Es wäre Deine Pflicht geweſen, Arthur, Dei⸗ ner Mutter im Voraus von dieſer unangenehmen Begegnung in Kenntniß zu ſetzen,“ ſprach der Com⸗ werhisnraih mit ſchlecht unterdrücktem Aerger zu ſeinem ohne. „Das konnte ich nicht, da ich es nicht wußte, bevor Mama bereits auf den Ball gefahren war, und übrigens muß doch wohl Mama unter demſelben Dach wie Tante Effas Tochter athmen können,“ ant⸗ wortete Arthur mit einer großen Bitterkeit im Tone. „Ahl das geht zu weit, daß mein Mann und Sohn auf einem öffentlichen Balle mit jenen Men⸗ ſchen ſprechen, die ich nicht kennen will, und mich zum Geſpräche der ganzen Welt machen.“ „Und das mit Recht,“ antwortete der Commer⸗ zienrath, welcher hinzugetreten war und die Worte ſeiner Frau gehört hatte.„Und wie gefällt es Dir, Mütterlein, daß Deine Schweſtertochter Lavina viel hübſcher iſt als Deine Agda, und obendrein mit dem vornehmſten Cavalier der Gegend tanzt. Agda wird — gewiß nach allem dieſem krank, oder was meinſt Du ſelbſt, meine Alte?“ Der Commerzienrath bekam nicht die Antwort ſeiner Frau zu hören, denn Graf W- und der junge — Provinzialarzt Nykopf wurden der Frau Ljung vor⸗ geſtellt. Der Doktor war ein junger Mann von un⸗ gefähr zwanzig Jahren, mit einem regelmäßigen, ernſten und ruhigen Geſichte. 21 Nach beendigtem Tanze eilte Agda hin zu ihrer Mutter und rief: „Das ſchöne Mädchen, welches Niemand kannte, iſt ja meine Couſine, Lavina Pahl! Ich will mit ihr ſprechen!“ „Stille, Agda, ich befehle es Dir; kein Wort davon, ſofern Du nicht ſofort den Saal verlaſſen willſt,“ antwortete die Mutter in einem ſo befehlenden und ſtrengen Tone, daß Agda ſie mit Verwunderung anblickte. Frau Ljung beeilte ſich die obengenannten Her⸗ ren ihrer Tochter vorzuſtellen, welche jetzt von ihnen zum Tanze aufgefordert und in Anſpruch genommen wurde. Der Ball nahm ſeinen Fortgang, ohne daß irgend etwas Bemerkenswerthes vorfiel. Die idealiſch hübſche Lavina Pahl, welche den Ball mit dem glänzenden Oberſt Rubens eröffnet hatte, wurde von allen anweſenden Officieren zum Tanze aufgefordert, und obgleich man deutlich merkte, daß das junge Mädchen zum Erſtenmale einen Ball beſuchte, ſo vergaß man doch dieß über ihrer Schön⸗ heit und Naivität. Man konnte von Lavina ſagen, daß ſie wegen ddees Vergnügens zu tanzen, von ganzem Herzen tanzte. Wir wollen, da wir gerade von ihr ſprechen, dem Leſer einen Begriff von ihrem Aeußeren geben. Lavina war lang und ſchlank, mit einer natür⸗ lichen und edlen Haltung. Der hochgetragene Kopf wurde von glänzend ſchwarzen Locken umgeben, welche die feine, weiße, durchſichtige Haut noch blendender 22 und gleichſam zum Contraſt des ſchwarzen Haares machte; aber in Harmonie mit der hellen Hautfarbe hatte Lavina auch ein paar große, klare blaue Augen, welche von ſchwarzen Augenwimpern und von aus⸗ gezeichnet ausſehenden ſchwarzen Augenbrauen umges ben waren. Die Naſe war klein und ſanft gebogen. Der Mund hatte dadurch, daß die Unterlippe ein wenig hervortrat, einen ſtolzen und trotzigen Zug; dieſer verſchwand aber, wenn ſie heiter und lächelnd eine Reihe weißer, friſcher Zähne zeigte. In Lavina's Charakter war wie in ihrem Aeußeren eine Miſchung von der Lebhaftigkeit des Südens und der Sanftheit des Nordens; mehr wollen wir nicht von ihr ſagen. Es wurde der letzte Tanz getanzt. Oberſt Ru⸗ bens und Doktor Nykopf ſtanden und ſchauten dem⸗ ſelben zu, während ſie ſich mit einander unterhielten. „Nein, jenes Mädchen gefällt mir nicht; es liegt ſo viel Coquetterie in ihrer ganzen kleinen Figur, daß ich einen Ekel dabei empfinde; es iſt unerträglich, ein Mädchen zu ſehen, das im achtzehnten Jahre in jener Kunſt ſchon ausgelernt iſt.“ „Mein lieber Oberſt, ſeit wann biſt Du denn ſo ſtreng geworden, und ſeit wann haſt Du ange⸗ fangen, in dem Weibe etwas Anderes, als ein Spiel⸗ zeug zu ſehen?“ fragte der Doktor lachend.“ „Ich habe weder mit dem Einen, noch mit dem Andern angefangen; wenn ich mich aber zerſtreuen und ein Spielzeug haben will, ſo muß es eines ſein, womit ich ſpielen kann und das nicht mit mir ſpielt,“ antwortete der Oberſt achſelzuckend.“ „Ich laſſe Deinen Anſichten ihren Werth, und — e die Wohnung der Erſteren. 23 bleibe doch ⸗bei dem, was ich ſagte, daß Mamſell Lung ein einnehmendes Mädchen, eine wirllich kleine Sylphide iſt.“ „Nun, wie findeſt Du denn Mamſell Pahl?“ fragte der Oberſt und betrachtete Lavina durch ſeine Lorgnette. „Sie iſt ſchön— von ihr wäre einnehmend zu wenig geſagt.“ „Und natürlich wie eine ländliche Unſchuld. Ihre naive Aufrichtigkeit amüſirt und gefällt mir weit mehr, als der impertinente Eigendünkel der Anderen.“ „Aber, Rubens, Mamſell Pahl kommt mir viel zu gut vor, um ein Zeitvertreib für Dich zu werden,“ fiel der Doktor ernſt ein. 4„Geſchwätz, es exiſtirt keine weltliche Tugend. Wenn ich nicht den ſchönen Vogel heute fange, ſo thut es ein Anderer morgen. Das tugendhafteſte Mädchen wünſcht nichts ſehnlicher, als deſſen überhoben zu werden, und verbleibt es tugendhaſt, ſo geſchieht es aus Mangel an Gelegenheit, das Gegentheil zu wer⸗ den. Die Liebe iſt ja nur ein Zeitvertreib; ſiehe da die nackte Wahrheit.“ „Es iſt wunderlich anzuhören, daß Du, nun zwei und dreißig Jahre alt, ſo ſprichſt.“ „Kann ich dafür? Die Welt iſt mir nun ſo erſchienen; iſt das mein Fehler?“ Hier wurde das Geſpräch unterbrochen. Der Tanz hatte aufgehört, und Jedermann ging nach Hauſe. Der Oberſt führte die Majorin und Lavina in 24 Einige Tage nach dem Balle ſaßen Lavina und Elin eifrig in dem inneren Zimmer mit einer Hand⸗ arbeit beſchäftigt; die Thüre zum Saale ſtand offen. „Du lieber Gott, wie langweilig es wird, nach⸗ dem Tante Karin abgereiſt iſt,“ ſeufzte Lavina. „Sage lieber, daß es langweilig iſt, dieſen Winter nicht auf mehr Bälle kommen zu dürfen,“ ſagte Elin lächelnd. „Ja, warum nicht? Freilich iſt es hart genug, ſeine ganze Jugend damit zubringen zu müſſen, wie ein Sklave für Kleider und Nahrung zu arbeiten. Wie es doch traurig iſt, arm zu ſein!“ „Spreche nicht ſo, Lavina, und danke Gott für die Hülfe, die wir von Tante Karin, die ſelbſt ſo viele unverſorgte Kinder hat, erhielten.“ „Das iſt recht ſchön und gut, aber es iſt doch eine Freude, etwas mehr von der Welt zu ſehen, als dieſe vier Wände, Onkel Ljung, Arthur und unſere Mietherin.“ „Es iſt wohl jener ſtattliche Oberſt, den Du ver⸗ miſſeſt?“ fiel Elin mit einem etwas boshaften Lä⸗ cheln ein. „Nein, durchaus nicht, denn Arthur iſt viel hüb⸗ ſcher und unterhaltender. Der Oberſt ſieht aus— ja, laß mal ſehen, wie er ausſieht— wie eine ue miſche Herbſtnacht,“ ſagte Lavina und fing a an herz⸗ lich zu lachen. „Das war ein trauriger Vergleich,“ antwortete eine klare männliche Stimme von der Saalthüre, und als die beiden Mädchen hinblickten, ſtand der Oberſt dort. 25 „Ach, mein Gott, der Oberſt!“ rief Lavina und ſtand auf. „Ich bitte um Verzeihung wegen dieſer Ueber⸗ raſchung; aber es war nicht meine Schuld, ſondern die der Damen, welche nicht hörten, daß ich huſtete und Geräuſch machte, um meine Anweſenheit bemerk⸗ lich zu machen. Meine Strafe wurde, daß ich Mam⸗ ſell Lavina's häßlichen Vergleich zu hören bekam.“ „Das war ein großes Unglück für mich,“ meinte Lavina lächelnd und etwas verdrießlich.„Ich werde Mama ſagen, daß der Herr Oberſt hier iſt.“ Sie eilte hinaus. Der Zweck des Beſuchs des Dberſten war, Leibwäſche fertigen zu laſſen. Die Najorin hatte ihm geſagt, daß Frau Pahl für Andere nehe, und jetzt nahm er ſich vor, ſich an Sie zu wenden u. ſ. w. Die wirkliche Urſache war indeſſen, daß der Oberſt eine Veranlaſſung haben wollte, Frau Pahl zu beſuchen, um ſich auf dieſe Weiſe Lavina zu nähern. 3— Während der Unterhaltung mit Frau Pahl theilte der Oberſt ihr mit, daß ſie Nachbarn ſeien, da er Graf Oe—'s Haus geerbt, welches auf der Oſter⸗ ſtraße läge, und deſſen Garten an den der Frau Pahl grenze. Rachdem er verſprochen hatte, Leinwand zu ſchicken und ſelbſt wiederzukommen, um zu ſagen, wie er es genäht haben wolle, entfernte er ſich. „Weißt Du, Elin, daß der Oberſt jetzt Eigen⸗ thümer von Alhem iſt, und daß Arnold ſich an ihn wenden muß,; denn es iſt ein Patronat?“ ſagte Frau Pahl zu Elin, als der Oberſt fortgegangen war. Ja, das iſt wahr. Ach! und wenn der alte 26 Graf gelebt hätte, bis der Paſtor ernannt ſei, dann hätte Arnold die Stelle bekommen,“ antwortete Elin ſeufzend. „Und Du hätteſt dann bald wohlbeſtallte Pa⸗ ſtorin werden können,“ ſcherzte Lavina. 5 „Nun, das weiß Gott, wann daraus was wird; wir werden wohl wenigſtens zehn Jahre warten müſſen.“ „Sei Du artig gegen jenen wilden Oberſt, ſo gibt er vielleicht Deinem Arnold das Paſtorat, um Cuerer treuen Liebe willen; Du warſt gewiß nur vier Jahre alt, als Du Dich in ihn verliebteſt.“ „Ja, viel älter war ich nicht,“ meinte Elin lächelnd. * Wir gehen über einen Monat weg. Während dieſer Zeit waren Graf W— und Doktor Nybpf täg⸗ liche Gäſte im Hauſe des Commerzienrathes geiveſen. Beide wurden mehr und mehr für Agda eingenom⸗ men, und man ſah deutlich, daß ſie in denſelben zwei Freier hatte. 4 War es ein Traum, oder ein Spiel des Schick⸗ ſals? Die oberflächliche und flüchtige Agda ſchien nicht den heiteren und hübſchen Grafen W— zu bemerken, ſo ausſchließlich widmete ſie ihre Aufmerkſamkeit dem ernſten, ruhigen und verſtändigen Doktor. Mit jedem Tag wurde es deutlicher, daß Agda ihn vorzog. In 3 ſeiner Geſellſchaft war ſie heiter, mild und liebens⸗ würdig, während ſie ſich gegen alle Andern launiſch, herrſchſüchtig und heftig zeigte. Der Kommerzienrath ſah mit Vergnügen dieſe Wendung im Geſchmack ſeiner Tochter, während die⸗ ſelbe dagegen der ſtolzen und eitlen Mutter Unruhe und Bekümmerniß erregte. Sie hatte von Agda's früheſter Kindheit an ſich daran gewöhnt, ſie als eine künftige Gräfin zu betrachten, und konnte ſich deßhalb gar nicht mit dem Gedanken befreunden, daß Agda nur die Gattin eines elenden Provinzialarztes werden ſollte. Nein, unſere Commerzienräthin be⸗ ſchloß das Blatt vom Munde zu nehmen und ihrer Tochter zu ſagen, daß ſie ſich auf einem Irrwege be⸗ fände, beſonders da die gnädige Frau ganz wohl wußte, daß ſie auf keine Unterſtützung von Seiten ihres Mannes zu rechnen habe./ An einem hübſchen Dezembertag in der Woche vor Weihnachten ſaßen Mutter und Tochter zuſammen in dem kleinen Salon. Agda ſaß ſtill und gedanken⸗ voll, eifrig mit einer Stickerei beſchäftigt. „Meine kleine Agda, Du ſiehſt ſo traurig aus,“ begann Frau Ljung. „Daß ich uicht wüßte,“ antwortete Agda, ohne aufzublicken. „Wahrſcheinlich denkt Du an Graf W. und ſeine Freierei, die wohl nicht lange auf ſich warten. laſſen wird.“ 3 „Nein, ich kümmere mich um den ganzen Gra⸗ fen nicht; meine Gedanken beſchäftigen ſich mit etwas Beſſerem.“ 28 „Höre mal, mein Kind, Du wirſt doch wohl nie ſo launiſch ſein, eine ſo glänzende Partie von Dir zu weiſen? Erinnere Dich, daß eine ſolche ſich viel⸗ leicht nie mehr Dir darbieten wird. Der Graf iſt jung, ſchön und befindet ſich in einer glänzenden ge⸗ ſellſchaftlichen Stellung; kurz, er vereinigt alle mög⸗ liche Eigenſchaften in ſich.“ „Das mag ſein; aber er hat den Fehler, daß er mir nicht gefällt,“ unterbrach Agda ſie ärgerlich. „Wie Du doch ſprichſt, Kind; Du erſchrickſt mich in der That. Du willſt doch nicht den Heirathsan⸗ trag des Grafen ausſchlagen!“ rief die erſchrockene Kommerzienräthin. „Ja, das will ich gewiß.“ „Mein Gott! Agda, was fällt Dir ein, Du biſt nicht bei Sinnen, daß Du ſo ſprichſt. Wiſſe dann, daß ich mich zu Tode grämen würde, falls Du ein ſolches Glück von Dir wieſeſt.“ „Wenn ich aber Mama ſage, daß ich ihn nicht lieben kann, daß mein Glück durchaus nicht darin beſteht, Gräfin zu werden, ſo muß Mama mich wohl in Frieden laſſen,“ erwiederte Agda ſehr ungeduldig.. *„Agda, Agdal ſprichſt Du ſo zu Deiner Mutter, wenn ſie Dein Glück will? Das ſage ich Dir, daß Du, wenn Du daran denkſt, dem Grafen jenen kalten und unerträglichen Doktor vorzuziehen, es auf Dein Gewiſſen nehmen mußt, meinen Tod beſchleunigt zu haben; denn mit einem ſolchen Menſchen wirſt Du unglücklich, während der Graf ganz und gar für Dich geſchaffen iſt. Mein geliebtes Kind, ich, Deine Mutter, bitte und bettle Dich darum, nicht ein Glück von Dir 29 zu ſtoßen, welches den Neid der ganzen Gegend erre⸗ gen wird. Wenn Du einen Schatten von Zärtlichkeit für mich empfindeſt, die Dich ſo hoch liebt, ſo folge meinem Rathe.“ „Meine gute Mama, höre auf mit dieſem Ge⸗ ſpräch und mit dieſen Bitten,“ antwortete Agda ernſt, aber ruhig,„denn es iſt jetzt zu ſpät; mein Herz hat bereits ſeine Wahl getroffen. Ich liebe Nykopf; ihn oder Niemanden will ich haben.“ „Wenn er aber Dich niemals freit,“ rief die Mutter mit einem Hoffnungsſchimmer. „Dann ſterbe ich ledig,“ antwortete Agda mit Beſtimmtheit. Vierzehn Tage darauf war Agda zum tiefen Schmerz der Commerzienräthin mit dem Provinzialarzt verlobt. 8 An demſelben Tage, an welchem jenes Geſpräch zwiſchen Agda und ihrer Mutter ſtattfand, ſaß Frau Pahl allein in ihrer Wohnung und arbeitete, als der Oberſt eintrat. „Heute komme ich mit einer Bitte an Frau Pahl,“ ſagte er und nahm am Nähtiſche Platz. „Es wird mir ein Vergnügen ſein, dieſelbe zu erfüllen, denn ich bin immer dem Herrn Oberſten ſehr verbunden für die viele Arbeit, welche wir erhalten haben.“ 5 30 „Diesmal verurſache ich Ihnen nur wenig Mühe. Ich habe ſeit mehreren Jahren einigen unglücklichen Familien um die Weihnachtszeit durch Andere mit etwas Geld ausgeholfen, aber es nie haben wollen, daß ſie mich kennen ſollten. Nun würde ich Ihnen ſehr verbunden ſein, wenn Lavina die Mühe der Vertheilung übernehmen wollte. Ich hörte ſie neulich es ſo lebhaft beklagen, daß ſie nicht in der Lage wäre, ihren armen Mitmenſchen beizuſpringen, daß ich glaube, mein Vorſchlag werde ihr ein Vergnügen machen.“ „Ja, gewiß wird es das; und mit Vergnügen gebe ich meine Zuſtimmung. Wenn Lavina nach Hauſe kommt, werde ich es ihr ſagen.“ „Und wenn vielleicht Frau Pahl mir durch einige Worte ihre Antwort mittheilen will, dann werde ich das Geld und die Liſte der Bedürftigen ſchicken. Aber haben Sie die Güte, Mamſell Lavina zu ſagen, daß ich unbekannt ſein will, und ich erſuche auch Frau Pahl, ſo freundlich zu ſein, denſelben gegen Niemanden zu erwähnen.“ Damit entfernte ſich der Oberſt. Als Lavina nach Hauſe kam und von der Sache in Kenntniß geſetzt wurde, tanzte ſie mehrere Male entzückt auf dem Fußboden mit Elin herum und rief: „Ach, wie herrlich!— wie göttlich, denjenigen, die arm ſind, Geld geben zu dürfen! Ich möchte wegen dieſes Vergnügens den Oberſten, trotz ſeinem ſchwarzen Geſichte, beinahe liebhaben!“ 2 Frau Pahl ſchrieb folgenden Brief an den Sberſten 31 „Herr Oberſt! Hiermit benachrichtige ich Sie, daß Lavina, wie ich ſelbſt, mit Freuden auf den Vorſchlag des Herrn Oberſten eingeht. Wir fühlen uns durch denſelben glücklich und geſchmeichelt zu gleicher Zeit, und wer⸗ den das ſtrengſte Schweigen beobachten. Mit großer Hochachtung Effa Pahl.“ Frau Pahl hatte keine Ahnung von dem Kum⸗ mer, welchen dieſer Brief ihr bereiten würde, und noch weniger ahnte Lavina, daß derſelbe für ihre ganze Zukunft entſcheidend ſein würde. Der Tag vor Weihnachten war jetzt gekommen. In Frau Pahl's Wohnung fand große Aufräumung ſtatt. Mama ſelbſt und Elin waren in der Küche und backten. Liſa ſcheuerte im Schlafzimmer und La⸗ vina, im Unterrock und Jacke mit ein paar alten Schnürſtiefeln an den Füßen und einem Halstuch um den Kopf, war im Saale damit beſchäftigt, eine An⸗ zahl Leuchter mit Kreide und Eſſig zu ſcheuern. Ziem⸗ lich beſchmutzt, rieb Lavina unverdroſſen an den Leuchtern, während ſie ein Lied vor ſich hinſummte. Sie kehrte der Thüre, welche zum Saale führte, den Rücken zu, und war ſo eifrig mit ihrem Reinmachen beſchäftigt, daß ſie nicht hörte, wie die Thüre aufge⸗ macht wurde, bevor die Stimme des Oberſten ihr Ohr erreichte, welche fragte: „Iſt die Herrſchaft zu Hauſe, Jungferchen?“ Lavina's Schreck läßt ſich leicht begreifen, wenn man ihren Anzug und ihre Beſchäftigung bedenkt. Jede Leſerin in Lavina's Alter wird ihre Gemüths⸗ ſtimmung zu würdigen wiſſen. Um keinen Preis der Welt hätte ſie ſich umgedreht und den Oberſten ſehen laſſen, wer ſie ſei, und ebenſo wenig konnte ſie ant⸗ worten, weil ſie fürchtete, ſich zu verrathen; dazu kam ihr Schrecken, daß der Oberſt näher kommen möchte. Lavina faßte einen verzweifelten Entſchluß; ſie ſtürzte, den Scheuerwiſch in der einen und einen Leuchter in der anderen Hand in das Schlafzimmer; aber es ſtand im Buche des Schickſals geſchrieben, daß Lavina nicht entkommen ſollte; denn in der Schlafzimmerthüre ſtürzte ſie gerade in die Arme von Arthur, welcher durch die Küche hineingekommen war. Da er keine Ahnung von der Urſache zu Lavina's Flucht hatte, ſo faßte er ſie um den Leib und rief lachend: „Jetzt ſollſt Du zur Strafe dafür, daß Du mit Kreide und Leuchtern auf mich losſtürzeſt, im Saale mit mir herum tanzen!“ Dann ſchwentte er ſie einige⸗ male herum, bis beide ſich gerade vor dem Oberſten befanden. Dann erſt wurde Arthur ſeiner gewahr. Der Oberſt konnte ein Lächeln nicht zurückhalten, als er den verblüfften Arthur und die faſt weinende Lavina anblickte; und wahrlich, es bedurfte der gan⸗ zen Schönheit Lavina's, um in einem ſolchen be⸗ 5 33 ſchmierten und unordentlichen Coſtüme nicht ſo ab⸗ ſchreckend auszuſehen. „Ach! jetzt habe ich eine verd— Dummheit be⸗ gangen,“ begann Arthur.„Es war der Oberſt, vor dem Du flüchteteſt.“ „Ja, gewiß,“ antwortete Lavina lächelnd,„und dießmal wirſt Du wohl mich nicht daran hindern.“ „„Jetzt werde ich es,“ fiel der Oberſt ein,„obgleich ich nicht wage, es auf dieſelbe Weiſe zu thun, wie Herr Ljung. Der Zweck meines Kommens iſt, mit Frau Pahl für die Arbeit zu liquidiren.“ Darauf überreichte er Lavina ein kleines Packet und entfernte ſich mit einer Verbeugung. „Du biſt der verdrießlichſte Menſch auf der Erde,“ ſagte Lavina piquirt.„Wer gab Dir Erlaubniß, hier hereinzutreten?“ „Tante, meine Freundin; übrigens konnte es nichts ſchaden, daß Deine Eitelkeit etwas gezüchtigt wurde, denn Du blähſt Dich raſend auf vor dem Burſchen.“ „Das iſt eine ordinäre Verläumdung; ich kann ihn nicht ausſtehen,“ verſicherte Lavina hitzig. „Und doch, meine liebe Couſine, gefällt es Dir recht gut, wenn er Dich mit ſeinen ſchwarzen Augen betrachtet, und Du biſt entſetzlich beſorgt, ja recht nett auszuſehen, wenn er kommt.“ „Nun ja, ich will nicht wie eine Eule ausſehen:; das will ich nicht einmal vor Dir.“ „Wäre ich aber hierhergekommen ſtatt des Oberſten, dann wäreſt Du nicht davon geſprungen.“ Schwartz, Novellen. VI. 3 34 „Nein; denn ich weiß, daß Du mich leiden magſt und Dich nicht um ſolche Lumpereien kümmerſt. Uebrigens bin ich immer froh, wenn ich Dich ſehe, und dann denkt man weniger an dergleichen Lap⸗ palien.“ „Woher weißt Du, daß ich Dich gern habe?“ fragte Arthur und ſchlang ſeinen Arm um Lavi⸗ na's Leib. „Das fühle ich hier,“ ſagte Lavina und legte die Hand auf das Herz. „Dank, Lavina, Dank; ſage mir nur, daß Du Dich nicht um den Oberſten kümmerſt; dann bin ich glücklich.“ „Ich kümmere mich durchaus nicht um ihn, das verſichere ich Dich; aber freilich kommt es mir manchmal vor, daß er meint, ich.... ſei....“ „Hübſch, willſt Du ſagen; aber kümmere Dich auch nicht darum, denn dann werde ich unruhig. Gib mir jetzt einen Kuß, Lavina, dann gehe ich und komme heute Abend mit Arnold wieder, der heute Nachmittag noch aus der Stadt erwartet wird.“ Lavina küßte den Vetter und ſie trennten ſich heiter und glücklich in ihrer halb unbewußten Liebe. Morgens am Tage des Weihnachtsabends ging Lavina aus, um einige kleine Weihnachtsgeſchenke zu kaufen. Gerade als ſie um die Ecke lenkte, begegnete ſie dem Oberſten. „Guten Morgen, Mamſell Lavina! Schon ausgegangen?“ redete er ſie an und ſetzte ſeinen Weg an ihrer Seite fort.„Ich ſah es von meinen Fenſtern aus, als Mamſell Pahl ihr Haus verließ, und beeilte mich, Ihnen zu begegnen, da ich Ihnen einige Worte zu ſagen habe.“ „Wenn dem ſo iſt, dann können wir ja davon zu Hauſe ſprechen; denn es ſieht nicht gut aus, wenn der Herr Oberſt mich begleitet,“ antwortete Lavina etwas verlegen. „So genau würden Sie es gewiß nicht mit Herrn Ljung nehmen?“ „Er iſt ja mein Vetter,“ antwortete Lavina und blickte den Oberſten mit Verwunderung an. „Ich will das Thema gern ſo lange verlaſſen. Ich kann nicht mit Ihnen zu Hauſe ſprechen, denn was ich Ihnen zu ſagen habe, betrifft nur Sie und kann nur von Ihnen angehört werden. Hier läßt es ſich eben ſo wenig machen; verſprechen Sie mir deshalb, ſelbſt die Bücher in Empfang zu nehmen, welche ich heute Abend ſchicke, und welche ich Ihrer Schweſter verſprochen habe. Sie finden in dem erſten Buch einen Brief an Sie. Nehmen Sie den⸗ ſelben und leſen Sie ihn, wenn Sie allein ſind. Sie dürfen mir das nicht ausſchlagen. Erinnern Sie ſich, daß es die erſte Bitte iſt, welche ich an Sie gerichtet habe. Und jetzt entferne ich mich, damit meine Ge⸗ ſellſchaft Ihrem Rufe nicht ſchaden möge.“ Ohne Lavina Zeit zur Antwort zu geben, ent⸗ fernte ſich der Oberſt. Lavina machte ihre Einkäufe, aber ohne großes 36 Intereſſe; denn der Brief vom Oberſt ſpuckte in ihrem Kopf. Sie war begierig zu wiſſen, was der⸗ ſelbe enthalten würde und ob ſie über Alles mit ihrer Mutter ſprechen ſollte; dann würde aber Mama ſie gewiß daran hindern, ihn zu leſen, und des Ver⸗ gnügens mochte ſie nun kaum verluſtig werden. Vielleicht war es ein Liebesbrief? Bei dieſem Gedanken erröthete Lavina; aber ſie konnte es nicht verhindern, daß das Herz raſcher klopfte. In Lavina's Phantaſie entſtanden jetzt viele Bilder aus der Romanwelt; ſie hielt es für ausge⸗ macht, daß der Oberſt in ſeinem Briefe freie, und ſie ſah bereits im Geiſte, wie ſie die edle Rolle ſpielte, und um Arthurs willen auf den reichen und vor⸗ nehmen Oberſten verzichtete. Lavina fühlte ſich froh und glücklich darüber, daß ſo Etwas ihr paſſirt ſei, die doch ſo eingezogen lebte, und das Reſultat war, daß Lavina um keinen Preis auf den Brief und darauf verzichten wollte, ganz allein ihre große Rolle zu ſpielen. Sie faßte den großen und wichtigen Entſchluß, erſt, wenn Alles gut abgemacht ſei, die Sache ihrer Mutter, Schweſter und Arthur mitzutheilen. Mit blitzenden Augen, ſtolzer Haltung und laut klopfendem Herzen kam Lavina nach Hauſe. Der Tag kam Lavina ſehr lang vor; denn ſie erwartete mit großer Ungeduld den verſprochenen Brief, beſonders da noch nie Jemand zu ihr von Liebe geſprochen. Arthur und ſie waren von Kindheit an zuſam⸗ maen geweſen, ihre gegenſeitige Neigung hatte ſeitdem v 37 zugenommen und ſich in Liebe verwandelt, obgleich ſie nicht zu einander davon geſprochen hatten. Es verhielt ſich damit, wie Lavina ſelbſt bemerkte: ſie fühlte in ihrem Herzen, daß er ſie liebte und daß ſie ein Paar werden müßten. Es war ein ſtillſchwei⸗ gendes Bündniß der Seelen, welches keiner Worte bedurfte, um ſich verſtändlich zu machen. Niemals hatte Jemand in Lavina's Umgebung geſagt: Arthur wird Dein Mann werden; niemals hatte Arthur geſagt: Du wirſt meine Frau werden; und doch hielt Lavina es für eine abgemachte Sache. Gewiß iſt es, daß weder ihre Mutter noch Schweſter daran gedacht hatten; ſie ſahen in Arthurs Neigung zu Lavina nichts als die Freundſchaft eines Verwandten. Es war deshalb nicht zu verwundern, wenn Lavina mit der Lebhaftigkeit und Neugierde eines achtzehnjährigen Mädchens ſich darnach ſehnte, zu wiſſen, wie man ſich ausdrücke, wenn man zu einem Mädchen von Liebe ſpräche. Daß der Brief davon handeln würde, deſſen war Lavina gewiß; denn ſie erinnerte ſich der heißen Blicke des Oberſten, und ſo unſchuldig ein Weib auch ſein mag, ſo liegt es doch in deſſen Inſtinkt, es zu merken, wenn es von einem Mann geliebt wird. Du, meine etwas ſtrengere Leſerin, dürfteſt viel⸗ leicht von Lavina, als von einem tugendhaften Mäd⸗ chen, verlangen, daß ſie, nach Deinen Begriffen, mit Verachtung jeden Gedanken daran, einen Liebesbrief zu leſen, hätte zurückweiſen ſollen; aber ich kann nichts dafür, daß ſie etwas unvollkommen und, wie andere Weiber es auch in der That ſind— etwas 38 neugierig war; ein Fehler, der ſie bereits ſeit Mutter Eva's Zeiten auf Irrwege geführt hat. Der kleine Saal bei Frau Pahl war reich erleuchtet; ſo auch die andern Zimmer, welche alle reinlich und geputzt eine Feiertags⸗Phyſiognomie ange⸗ nommen hatten. Frau Pahl ſelbſt war in der Küche, um das Weihnachts⸗Abendeſſen zu ordnen. Elin war im Zimmer der Mädchen, um Weihnachtsgeſchenke zu verſiegeln. Lavina wanderte unruhig auf und ab unten im Saale und horchte auf jeden Laut. Endlich klopfte es an die Thüre im Entree. Mit Einemmale ſprang Lavina hinaus und öffnete; aber da ſtand der Bediente des Commerzienraths Ljung mit einem Packet in der Hand. „Ich ſollte dieſes vom Commerzienrath über⸗ geben,“ ſagte der Bote und entfernte ſich. Lavina wollte die Thüre ſchließen, als Jemand in demſelben Augenblick einen Griff in dieſe that; Lavina begegnete den ſchwarzen Augen des Oberſten. Er überreichte ihr einen Brief und ein Packet. „Ich erwarte Ihre Antwort morgen, wenn Sie mir Nikanders Gedichte zurückſchicken,“ ſagte er und verſchwand. Lavina ſtand etwas betroffen mit dem Brief da; aber ſie hatte nicht lange Zeit, ſich zu beſinnen; denn die Ankunft von Frau Pahls Miethfrau, der Propſtin Lindgren und deren Sohn, Magiſter Arnold Lindgren, zwang ſie, denſelben zu verſtecken. Die Propſtin Lindgren hatte ſchon ſeit der Zeit im Hauſe gewohnt, wo Frau Pahl daſſelbe geerbt unnd die beiden Wittwen hatten auf einem vertrauten 39 Fuß mit einander gelebt. Jeden Weihnachtsabend brachten die Propſtin und ihr Sohn bei der Familie Pahl zu, und jeden Weihnachtstag waren Pahls oben bei der Propſtin; ſo war es ſchon ſeit der Kindheit der Mädchen geweſen, und ſo war es noch. Es war deshalb nicht zu verwundern, wenn durch dieſes vertrauliche und faſt tägliche Zuſammen⸗ ſein erſt eine kindliche Neigung zwiſchen Elin und Arnold entſtand, und als ſie heranwuchſen, ein wär⸗ meres Gefühl die beiden jungen Leute mit einander verband. Arnold war jetzt dreißig, Elin zwanzig Jahre alt, und ſie waren ſeit vier Jahren verlobt geweſen. Arnold hatte die geiſtliche Laufbahn gewählt und ſtand dem vakanten Paſtorat in Alhem euu⸗ wo er unter dem verſtorbenen Paſtor Adjunkt geweſen war. Jetzt hoffte ſowohl er wie Elin, daß der Oberſt, welcher Alhem geerbt, ihn mit demſelben Wohlwollen, wie der verſtorbene Eigenthümer Graf Oe—, behandeln und, da Alhoms Paſtorat ein Patronat war, Arnold zum Pfarrer wählen würde. Wie eifrig, wie warm die Verlobten dieſes wünſchten, läßt ſich leicht begreifen, wenn man be⸗ denkt, daß beide ſich ſeit der Kindheit geliebt und unter ganz beſchränkten Verhältniſſen erzogen worden waren. Wenn dieſe Hoffnung fehlſchlug, dann konnte Elin ſich darauf gefaßt machen, noch eine ganze Reihe von Jahren auf ihren Arnold warten zu müſſen. „Mein Gott, liebe Lavina, ich glaube, es war der Oberſt ſelbſt, der durch das Thor hinausging,“ bemerkte die Propſtin, nachdem ſie gegrüßt. 40 „Ja, er gah dieſe Bücher für Mama ab,“ ant⸗ wortete Lavina, ohne das Erröthen laſſen zu können. „Er iſt ſehr artig gegen Euch und erſtaunlich oft hier,“ fuhr die Propſtin fort, indem ſie einen forſchenden Blick auf Lavina's erröthendes Geſicht warf. „Wir haben die ganze Zeit viel Arbeit von ihm gehabt; aber hier ſtehe ich und plaudere und ſage Mama nicht, daß Tante gekommen iſt.“ Lavina eilte hinaus. „Glaubſt Du nicht, daß Lavina ein bischen zu viel den Oberſten leiden mag? Man flüſtert ſich ſchon eine Menge Vermuthungen über ſeine häufigen Be⸗ ſuche in's Ohr,“ ſprach die Propſtin zu ihrem Sohn, als Lavina fortgegangen war. „Beſte Mama, gebe nicht Acht auf das, was man ſchwatzt, das iſt gewiß Verläumdung. Wir ken⸗ nen Beide Tante Effo's ſtrenge Grundſätze.“ Frau Pahl und ihre Töchter traten jetzt ein. Lavina übergab der Mutter das Packet mit den Büchern vom Oberſten, ſowie das vom Commerzien⸗ rath, welches letztere fünſzig Thaler für Frau Pahl und Zeug zu einem Anzug für jedes Mädchen ent⸗ hielt. Der Theetiſch wurde gedeckt und man verzehrte unter Geplauder das friſche Weißbrod und den war⸗ men Thee.. Lavina entfernte ſich, indem ſie ſagte: „Jetzt iſt die Reihe an mir, meine Weihnachts⸗ geſchenke einzupacken.“ * 1 4 8 — 41 Nachdem ſie die Thüre zu der kleinen Kammer wohl verſchloſſen hatte, zog ſie den Brief hervor. Ihr Herz klopfte vernehmlich, und ſie zögerte unentſchloſſen, ob ſie ihn wohl öffnen dürfte. „Vielleicht handle ich ſchlecht, indem ich ein Ge⸗ heimniß vor meiner Mutter habe,“ dachte ſie; aber gleich darauf tönte eine andere Stimme in ihren Ge⸗ danken:„Wenn Mama den Brief lieſt, dann werde ich es nicht allein, welche ſeine Freierei zurückweiſt, ſondern dann wird Mama auch eine Stimme mit haben; nein, ich will ihn leſen und auch meinen Ent⸗ ſchluß auf eigene Fauſt faſſen.“ Gedacht, gethan; denn jetzt war der Brief er⸗ brochen und Lavina las Folgendes: „Geliebte Lavina! „Verzeihen Sie mir dieſen Anfang, aber warum niiht ſofort ſagen, welche Gefühle mir dieſe Zeilen ictiren. „Von dem erſten Augenblick an, wo ich Sie bei Majorin Röhl ſah, machten Sie einen tiefen und un⸗ auslöſchlichen Eindruck auf mein Herz. Daß dieſes Gefühl dadurch nicht ſchwächer geworden, daß ich Sie faſt täglich ſah, das wiſſen Sie, Lavina; denn Sie haben es in meinen Blicken geleſen, und ich habe aus Ihrem Erröthen, wenn unſere Augen ſich begegneten, geſehen, daß Sie die Gefühle verſtanden, welche ſich in den meinigen niederſpiegelten. .„Ich wage nicht zu ſagen, daß Sie mich lieben; ich glaube es kaum; aber was Sie noch nicht thun, das werden Sie eines Tages thun können. „Ich liebe Sie, Lavina, nicht mit jener ſtummen 42 Bewunderung, welche ſich damit begnügt, den Gegen⸗ ſtand ihrer Liebe zu betrachten. Nein, ich liebe Sie mit einer heftigen und ſtarken Leidenſchaft, welche mich ausſchließlich beherrſcht. Ich liebe Sie mit der ganzen Kraft meiner Seele, und Sie müſſen, verſtehen Sie, Lavina, Sie müſſen die Meinige werden. Um Ihretwillen würde ich Alles opfern können; aber ich würde um nichts in der Welt den Beſitz von Ihnen opfern. „Höre mich deshalb, geliebtes, angebetetes Mädchen! „Ich bin reich, ſehr reich;— Sie ſind arm, Lavina, ärmer, als Sie ahnen; denn das Haus, das Sie beſitzen, iſt zum Belaufe ſeines ganzen Werths verpfändet, und ich bin jetzt der Beſitzer von dieſem Pfandbrief. Ich verſpreche Ihnen, Alhems Pfarrei dem Bräutigam Ihrer Schweſter zu geben, Ihrer Mutter die von mir eingelöste Pfandverſchreibung auf ihr Eigenthum zu ſchenken und ihr das Aner⸗ bieten zu machen, daß ſie X— verlaſſe und nach einem kleinen Gute ziehe, das zu Alhem gehört. Ich werde Ihre Mutter mit Wohlſtand, Sie mit allem Luxus und aller Bequemlichkeit, die Sie wün⸗ ſchen, umgeben, und dafür, Lavina, verlange ich: Ihre Liebe— Ihren Beſitz. „Sie werden mir gehören, ohne daß weder die Welt, noch irgend Jemand von Ihren Verwandten es ahnt; meine Liebe zu Ihnen wird ein Geheimniß ſein, das wir, ich und Sie, kennen, und ſie wird, von dieſem myſtiſchen Schleier umgeben, nur an Kraft und Anmuth gewinnen.— Sie werden ant⸗ — 43 worten: daß Sie mich nicht lieben.— Lavina, überlaſſen Sie das der Zukunft und mir; denn wenn ich Sie einmal an mein warmes Herz geſchloſſen, werde ich Sie lehren, mich zu lieben und um meinet⸗ willen Alles zu vergeſſen. „Faſſen Sie Ihren Entſchluß und ſetzen Sie mich morgen davon in Kenntniß; aber wie derſelbe auch werden möge, ſo erinnern Sie ſich zweier Dinge: daß Sie Niemandem den Inhalt dieſes Briefes mit⸗ theilen dürfen, denn Sie würden dadurch Unglück über ſich ſelbſt und über das Haupt Ihrer Mutter bringen; und zweitens, Lavina: daß Sie um jeden Preis die Meinige werden müſſen. „Mit glühender Ungeduld und von Ungewißheit verzehrt erwarte ich Ihre Antwort. Möge dieſelbe ſo ausfallen, wie ich es hoffe und erwarte. Bis dahin Ihr ſehnſuchtsvoller Scar.“ Es würde vergebens ſein, Lavina's Beſtürzung zu beſchreiben. Sie mußte den Brief zweimal durchleſen, bevor ihr unerfahrenes und nichts Böſes ahnendes Herz all das Erniedrigende begriff, welches dieſer Brief enthielt. Als ſie es aber klar einſah, glühten ihre Wangen und Thränen des Schmerzes, des Zornes und der Demüthigung benetzten ihr Geſicht. Lange war Lavina unentſchloſſen, ob ſie der Mutter den Brief zeigen ſollte, als der Gedanke an die verſteckte Drohung ſie davon abhielt. 44 Das junge Mädchen fühlte ſich ſo unglücklich, ſo verdrießlich darüber, dieſen entehrenden Brief ge⸗ leſen zu haben, daß ſie flüſterte: „O Gott! wie wagt er es, ſo an mich zu ſchreiben! Wie bin ich unglücklich!“ Viele bittere und traurige Gedanken, welche bisher ihrer Seele fremd geweſen, drängten ſich jetzt auf Lavina ein. So ſtand ſie, noch mit dem unglück⸗ lichen Brief in der Hand, als Elin an die Thüre klopfte und munter rief: „Nun, ſind die großen Weihnachtsgeſchenke noch nicht in Ordnung?“ Lavina fuhr zuſammen. „Ach!“ dachte ſie,„ſie ſind fröhlich, ſie ahnen nichts, und ich werde ihre Freude nicht ſtören.”“ Sich anſtrengend, die Stimme ruhig erſcheinen zu laſſen, antwortete Lavina: „Sie ſind noch nicht in Ordnung.“ „Nun, ſo beeile Dich; denn Arthur iſt für einen Augenblick hergekommen, bleibt aber nicht lange; er muß wieder nach Hauſe und möchte Dich gern ſehen.“ Es ging wie ein Stich durch Lavina's Herz. „Wenn Arthur ahnte, wie tief dieſer Mann mich zu beſchimpfen gewagt hat, dann— dann;“ aber dieſes Dann konnte Lavina nicht weiter in Gedanken fortſetzen; ſie ſchauderte. Sie ſteckte den Brief am Licht an, warf das brennende Papier auf den Boden und zertrat es. Dann raffte ſie ihre Weihnachtsgeſchenke in größter Eile zuſammen, während eine Thräne nach der andern ſich über ihre Wangen hinabſchlich. Endlich nahm ſie ein Cigarrenetuis, wickelte es langſam ein und ſchrieb Arthur darauf. Aber heute hatte die ſonſt ſo muntere und erfinderiſche Lavina keine heitere und ſcherzhafte Deviſen auf ihre kleinen Präſente zu ſchreiben. Als Alles fertig war, badete ſie ihr Geſicht mit Waſſer, um die Spuren der Thränen zu verwiſchen, und ging dann mit Arthurs Weihnachtsgeſchenk in der Hand zu den Andern hinaus. „Guten Abend, Lavina! Was fehlt Dir? Du haſt geweint,“ ſprach Arthur, indem er ſie bei der Hand nahm und in ihre Augen blickte. „Es iſt nichts; ich verbrannte mich nur,“ ant⸗ wortete Lavina; aber jetzt ſtanden ihr wieder die Thränen in den Augen und ſie mußte ſich alle mög⸗ liche Mühe geben, um zu verhindern, daß ſie weiter vordrangen. Lavina hätte ſo gern ihren Kopf an Arthur's Herz gelehnt und ihm Alles anvertraut; aber jetzt ging es nicht; denn Lavina bebte bei dem Gedanken, daß der Oberſt Arthur irgend etwas Böſes zufügen könnte. Jung und unerfahren, wie ſie war, fürchtete ſie jetzt den Oberſten weit mehr, als ſonſt der Fall geweſen wäre. Arthur ſchwieg; aber in ſeinen Blicken lag ein Zweifel an Lavina's Worten. „Hier iſt ein Apfel für Dich, den Du zu Weih⸗ nachten eſſen kannſt,“ ſagte er lächelnd und gab ihr einen großen Apfel. 46 „Und hier iſt Etwas für Dich, um Proviant darin zu tragen,“ antwortete Lavina und bemühte ſich, einen ſcherzenden Ton anzunehmen. 3 Der Apfel enthielt einen einfachen geflochtenen ing. Als Alle ſich zur Ruhe gelegt, ſaß Lavina noch in ihrer kleinen Kammer. Elin lag bereits im Bett und an dem ruhigen Athmen merkte man, daß ſie ſchlief. Langſam und vorſichtig ſtand Lavina auf, ging hin zum Bett der Schweſter und beugte ſich über ſie, um ſich zu überzeugen, daß ſie ſchlafe. Dann ging ſie zurück zum Tiſch und nahm Feder, Tinte und Papier aus dem Schubladen. Lavina faltete ihre Hände und mit einem heißen Blick nach oben betete ſie lange. Es ſchien, als ob das Gebet ſie ruhiger gemacht, denn ſie blickte lächelnd auf Arthurs Ring, welcher ihre linke Hand zierte, und führte denſelben an ihre Lippen, worauf ſie die Feder ergriff und Folgendes ſchrieb: 4 „Ich bin arm— ſehr arm; aber ich werde es doch lieber ewig bleiben, als durch den Verluſt des Friedens meines Gewiſſens und meiner Ehre mir einen erniedrigenden Wohlſtand kaufen. Ich kann den Oberſten nicht lieben, werde es auch nie, und ich fühle mich höchſt unglücklich, einen Brief 47 empfangen zu haben, welcher deutlich beweist, daß es mir nicht gelungen iſt, Achtung einzuflößen. Liegt es in meinem Benehmen, oder in meiner Armuth, das weiß ich nicht; aber was ich beſtimmt weiß, iſt, daß ich um den Preis meiner Ehre niemals von Ihnen oder von irgend Jemand ſonſt mir zeitliche Vortheile erkaufen werde. Ich habe von der Kindheit an gelernt, das innere gute Bewußtſein höher zu ſchätzen, als äußere Vorzüge. Hoffen Sie deshalb nicht, mich bewegen zu können, ſogar meine Mutter und Schweſter mit Schande zu bedecken. Nein, ich werde als ein ehrenhaftes Weib leben und ſterben, und darin wird unſer Aller Vater mir beiſtehen. 8 Lavina.“ Am Weihnachtstage ſchien die Sonne klar herab auf die kleine Stadt, die Glocken läuteten zuſammen und die Leute wanderten feſtlich gekleidet nach Gottes Tempel. Bei Commerzienrath Ljung dachte man jedoch nicht daran, in's Gotteshaus zu gehen; denn es waren Freunde zum Frühſtück eingeladen. Unter den Gäſten befand ſich auch der ehemalige Freier, Graf W., und der Bräutigam, Doktor Nykopf. Die Herren plauderten, aßen und tranken nach Herzensluſt; aber in einem kleinen an den Saal 48 grenzenden Kabinet ſaßen Agda und der Doktor in einem Sopha. „Du biſt verdrießlich, Eduard,“ begann Agda mit einem prüfenden Blick auf den Bräutigam. „Wenn ich Dir den Grund angäbe, dann würdeſt Du leichtſinnig darüber lachen.“ „Aber thue es doch, geliebter Eduard,“ bat Agda und lehnte ihr reizendes Geſicht gegen den Doktor an. „Agda, Du biſt eitel und leichtſinnig, Du ſpielſt, ohne nachzudenken, mit den heiligſten Gefühlen. So haſt Du ſeit wir verlobt worden, nicht aufgehört, mit Graf W. zu kokettiren. Du erlaubteſt Dis geſtern durch Blicke und Worte ein Betragen, we hes mich tief verletzte, die für mich wenig ſchmeichelhafte Cour⸗ toiſie des Grafen aufzumuntern. Und endlich gabſt Du ihm, ohne mich vorher davon in Kenntniß geſetzt zu haben, jenes hübſche Weihnachtsgeſchenk. Sage, Agda, was muß ich glauben?— Welche Hoffnungen kann ich haben, wenn Du jetzt ſchon meine Liebe vergiſſet und Dich dem Vergnügen hingibſt, auf Koſten meines Glücks Deine Citelkeit zu befriedigen. Ich befürchte wahrlich, daß Du Dich in Beziehung auf Deine Gefühle für mich geirrt haſt; denn wenn Du mich ſo ernſt und ſo heiß liebteſt, wie ich Dich, dann würdeſt Du mich nicht verletzen und mir Schmerz bereiten!“— Es lag ſo viel Zärtlichkeit im Tone, womit die letzten Worte ausgeſprochen wurden, daß Agda ihren Verdruß über das Vorausgegangene gänzlich vergaß 3— — — ,w 49 und den Eingebungen des Augenblicks jetzt wie immer nachgebend, rief ſie aus: „Verzeihe mir, Eduard, wenn ich Dich verletzt, wenn ich in meiner Unverſtändigkeit Dir einen Schmerz bereitet habe. Gott iſt mein Zeuge, daß ich das nicht gewollt; denn ich liebe Dich von meiner ganzen Seele, ich liebe Dich und keinen Andern, es iſt nur mit Dir, daß es ein Glück für mich gibt.“ „Meine Agda, glaube mir, daß jeder Zweifel an Deiner Liebe und an deren Unveränderlichkeit mir ein bitteres und grauſames Leiden verurſacht. Aber ſage mir, warum hieltſt Du es vor mir geheim, daß Du dem Grafen den Cigarrenhalter geben wollteſt?“ „Weil ich einige Stunden, bevor der Graf den⸗ ſelben bekam, es ſelbſt nicht wußte. Mama kam zu mir und gab mir den Cigarrenhalter mit der Auf⸗ forderung, daß ich ihn dem Grafen geben möchte; und nachher ſah ich Dich nicht.“ „Es war alſo der Wunſch Deiner Mutter.“ Eduards Stirne verfinſterte ſich. Er hatte von Anfang an geſehen, daß Agda's Mutter ihm nicht geneigt ſei; aber er hatte ſie nie in Verdacht gehabt, daß ſie noch jetzt, nachdem Agda ſeine Verlobte ge⸗ worden, den Grafen aufmuntern und als Agda's Anbeter in der Hoffnung beibehalten wollte, daß die Tochter eines Tages ihre Neigung ändern würde, Der Doktor ſeufzte tief und fuhr fort: „Verſpreche mir, Agda, bei unſerer Liebe und bei Allem, was Dir heilig iſt, mit dieſer Koketterie gegen den Grafen aufzuhören. Verſpreche mir das, Schwartz, Novellen. VI. 4 50 wenn meine Ruhe Dir lieb iſt, wenn Du mich liebſt!“ „Ich verſpreche es Dir heilig, Eduard, und glaube mir, daß nur die Ermahnungen Mamas, freundlich gegen den Grafen zu ſein, der durch ſeine Liebe zu mir ſo unglücklich iſt, mich zu einem ver⸗ traulichen Benehmen gegen ihn bewogen haben. Uebrigens, Eduard, bin ich ein verzogenes Kind, mit dem Du Nachſicht haben mußt.“ Einige Thränen rannen über Agda's Wangen, während ſie mit unbeſchreiblicher Zärtlichkeit Eduards Hand an ihre Lippen führte. „Ich muß ſagen, das hier iſt die umgekehrte Welt; die Braut küßt den Bräutigam auf die Hand, und das auch noch weinend,“ tönte die Stimme der Commerzienräthin von der Thüre her. „Nun, und dann?“ antwortete Agda in einem ſtolzen und mürriſchen Ton;„ich habe wohl das Recht dazu, hoffe ich; Mama weiß, daß ich Bemer⸗ kungen nicht leiden mag.“ „Agda, erinnere Dich, daß Du zu Deiner Mutter ſprichſt,“ unterbrach ſie Eduard ernſt. „Sieh da, Agdachen, jetzt bekommſt Du noch Schelten in Kauf,“ ſprach die Mutter in gereiztem Tone. „Wenn ich von Eduard Schelten bekomme, ſo habe ich es verdient!“ rief Agda hitzig;„es iſt ent⸗ ſetzlich, daß ich niemals Frieden haben kann, ſondern daß Mama mich immer plagen muß. Ich dulde nicht, daß Jemand ſich in meine und Eduards Ange⸗ n 51 legenheiten miſcht, und hört Mama nicht damit auf, ſo bitte ich Papa, von Hauſe wegziehen zu dürfen.“ Jetzt begann Agda zu weinen. „Verzeihe mir, mein geliebtes Kind; ich wollte ja nur über Eduards ewige Ruhe und ſein Morali⸗ ſiren ſcherzen,“ ſagte die Mutter und küßte die Tochter auf die Stirne; aber dieſe Worte machten ihre Wir⸗ kung; denn das Wort Ruhe, welches Frau Ljung betonte, drang hinein in Agda's Seele und hallte dort wieder; oft hatte ja Agda gemeint, daß Eduards ruhiges und beſonnenes Benehmen ihren eigenen glühenden Gefühlen wenig entſpräche. Wie oft hatte dieſe Ruhe ſie nicht Thränen gekoſtet, ſie, welche von einer Liebe geträumt, die eben ſo feurig und extrem wie die ihrige ſei. Jetzt hatte die Mutter wieder jene Saite in ihrer Seele angeſchlagen; die⸗ ſelbe klang in vielen Tonarten in dieſem leichtbeweg⸗ lichen und unruhigen Gemüth wieder. Sie ſchwieg jedoch und wandte ſich mit einem wehmüthigen Lächeln an Eduard. Er, welcher genau auf die Worte der Commerzienräthin und auf die Wirkung, welche ſie machten, Acht gegeben hatte, ergriff Agda's Hand und ſagte herzlich: „Glaube doch nicht, Agda, daß mein Herz eben ſo ruhig iſt, wie mein Aeußeres, und ſei überzeugt, daß wenn ich moraliſire, es aus Liebe zu Dir und aus dem Verlangen geſchieht, Deine Aufmerkſamkeit auf Deine eigenen Fehler zu lenken.“ Darauf küßte er ſie und ging hinaus aus dem Saale. 52 Das Frühſtück beim Commerzienrath war zu Ende und Eduard wanderte langſam hin zur Woh⸗ nung des Oberſten. Viele und unangenehme Ge⸗ danken beſchäftigten ihn. Er liebte Agda von ganzem Herzen und hatte auf dieſe Liebe das Glück und die Freude ſeines Lebens geſtützt. Bei Männern mit Eduards ernſtem Gemüth bildet die Liebe eine wichtige Epiſode im Leben, weil ſie ſelten mehr als einmal lieben. Eduard konnte ſich nicht verhehlen, daß Agda's Erziehung dergeſtalt von Grund aus verſäumt ſei, daß ſie nur ihre weniger glücklichen Anlagen entwickelt hatte, während dagegen die guten, die ſich bei ihr fanden, niemals geübt worden waren. Daß Agda im Grunde ein reiches und gutes Herz beſaß, das fühlte Eduard; aber dieſes hatte nie eine beſtimmte Richtung erhalten, wogegen ſie ohne Zurückhaltung ſich ihrer Heftigkeit, Laune und Herrſchſucht hingab. Eduard wußte nicht, wie es ihm gelingen ſollte, dieſes Herz zum Guten heranzubilden, ſowie ihre Launen zu beherrſchen und zu lenken, beſonders da es klar war, daß die Mutter Alles aufbot, um ihm entgegenzuarbeiten. „Wir werden ſehen, was ihre Liebe zu Dir vermag; vielleicht wird es mit Hilfe derſelben gelingen, ihrer Seele eine gute und edle Richtung zu geben,“ dachte der Doktor, während er die Treppe zur Woh⸗ nung des Oberſten hinaufſtieg. K „Iſt der Oberſt zu Hauſe?“ fragte er den Be⸗ dienten. „Ja, der Oberſt iſt im blauen Cabinet,“ lautete die Antwort.. —y —.,— — 53 Der Doktor trat hinein. Im blauen Cabinet ſaß der Oberſt in einem Lehnſtuhl mit Lavina's feſt zuſammengedrücktem Briefe in der einen Hand. Sein Geſicht ſah erregt und äußerſt blaß aus. „Nun, was zum T— iſt es mit Dir? Man erwartete Dich zum Frühſtück beim Commerzienrath. Biſt Du krank?“ „Nein, ich bin t— mäßig aufgeregt,“ antwortete der Oberſt und ſtand auf. „Oh, nichts weiter, als das? Das gehört zu Deiner Diät, daß Du Dich ärgerſt,“ antwortete der Doktor lächelnd und ſetzte ſich in ein kleines Sopha, zündete eine Cigarre an und fing ruhig an zu rauchen. „Das iſt kein gewöhnlicher Ausbruch von Unge⸗ duld, ſondern von Zorn, welcher ſeinen Urſprung in einer heftigen Leidenſchaft hat. Siehe da, leſe.“ Er reichte dem Doktor Lavina's Brief. „Und das ärgert Dich? Du biſt erzürnt darüber, daß ein junges Mädchen mit Unſchuld und Würde ein erniedrigendes Anerbieten von ſich weist?“ be⸗ merkte der Doktor und gab den Brief zurück. „Nein, deshalb nicht, ſondern darum, weil ſie durch ihre Pruderie mich zwingt, Mittel zu ergreifen, welche ich ſelbſt mißbillige. Sie zwingt mich, daß ich ſie mit Gewalt bewegen muß, ihr Betragen zu ändern.“ „Was ſagſt Du, Gewalt?“ Micht phyſiſche Gewalt, ſondern moraliſche— ich habe meinerſeits Mittel, ſie dazu zu bewegen, 54 mein Anerbieten anzunehmen. Das war es, was ich vermeiden wollte, und daß ich das thun muß, ärgert mich.“ „Was zwingt Dich?“ „Mein Gefühl für dieſes Mädchen.— Du lächelſt. Ich gebe zu, daß ich viel geliebt habe, aber wenige ſo heftig, wie dieſe Lavina, und ſie muß beim Himmel und bei der Hölle mir gehören.“ „Aber ſiehſt Du denn nicht ein, wie abſcheulich unrecht Du handelſt?“ „Unrecht!— Was iſt Recht, wenn ich fragen darf?“ „Ja, Recht iſt ein Gefühl, das unſere thieri⸗ ſchen Gefühle und Neigungen lenkt und die Grenzen feſtſetzt, welche dieſelben nicht überſchreiten dürfen. Recht iſt das Gefühl, welches uns dazu veranlaßt, ſo gegen Andere zu handeln, wie wir wollen, daß ſie gegen uns handeln ſollen. Es hält die Wagſchale, in welcher es mit Goldgewichten unſere eigenen und Anderer Rechte wiegt.“ „Lauter Schnack, mein gelehrter Herr Doktor, es gibt keine Gerechtigkeit, nichts, was man Recht nennen kann; denn die Begriffe davon ſind ver⸗ ſchieden in den verſchiedenen Ländern und Welttheilen. Es gibt kein anderes Recht, als das, welches die Kraft oder die Macht über den Schwächeren beſitzt.“ „Eine ſchöne Lehre!— wie ſollte die Welt und die Geſellſchaft beſtehen, wenn Alle dächten, wie Du? Wahrlich, ich glaube, daß Du dann darauf ge⸗ faßt ſein könnteſt, das Leben zu verlieren. „Höre, Eduard, laß uns ein für allemal den —,— —*— Streit ſchlichten. Die Geſellſchaft hat gewiſſe Regeln aufſtellen müſſen, nach welchen man ſich zu richten hat; aber es iſt nicht ein von der Natur in uns niedergelegtes Gefühl, ſondern die Nothwendigkeit, Klugheit und das Beſtehen der bürgerlichen Geſell⸗ ſchaft, welche ſie diktirt haben. Gerade das beweist, daß es keinen Rechtsinſtinkt, ſondern nur ein Rechts⸗ gefühl der Klugheit gibt.“ „Jetzt ſprichſt Du einfältig. Bei jedem Indivi⸗ duum gibt es Etwas, welches ſagt: ſo will ich, daß man gegen mich handle, und ſo muß auch ich gegen Andere handeln; aber jetzt kom⸗ men Verſuchungen u. ſ. w. und bringen das Rechts⸗ gefühl zum Schweigen, und ſo wird der Menſch ver⸗ leitet, das Recht zu verletzen. Daß die Rechtsbegriffe beim Menſchen im wilden Zuſtande beſchränkt und verkehrt ſind, beweist nichts, als daß wir darin, wie in allem Andern, eine größere Vollkommenheit errei⸗ chen, je ausgebildeter in intellektueller Beziehung der Menſch wird. Ohne Verſtand würden unſere Inſtinkte zu nichts führen. Aber laß uns zum Ausgangs⸗ punkte unſeres Geſprächs zurückkehren. Handelſt Du nicht unrecht, daß Du ein wehrloſes Mädchen mit Gewalt zwingen willſt, den Weg der Schande zu be⸗ treten?— Antworte mir: würdeſt Du nicht einem ſolchen Kerl eine Kugel vor den Kopf ſchießen, welcher Deiner Schweſter etwas derartiges thäte?“ „Ich würde es thun; aber nicht weil ich glaubte, daß er unrecht handelte, ſondern weil ich es thun müßte, da die Vorurtheile der Welt es verlangen. Ich würde es beklagen, daß er nicht Mittel beſaß, 56 um ſie zu zwingen, und ich würde immer glauben, daß ſie ſich gern zwingen ließe und nur die Rolle der Widerſtrebenden ſpielte, um den Schein der Tu⸗ gend beizubehalten.“ „Du glaubſt alſo keine ſchlechte Handlung zu begehen, wenn Du das Leben eines unſchuldigen und tugendhaften Mädchens mordeſt?“ „Mordeſt? Du gebrauchſt eigene Worte. Ich lade ſie zur Liebe und zum Glück ein, iſt das morden? Ein tugendhaftes Mädchen? Es gibt keine Tugend! Ich habe bei den Frauen keine ſolche gefunden; ſie ſpielen nur die Rolle der Tugendhaften. Sie ſind tugendhaft aus Berechnung oder wegen Mangel an Verſuchung; das iſt Alles. Wenn ich ein Weib zu ſehen bekomme, welches mit feſtem und unerſchüt⸗ terlichem Muthe für die Tugend, für ihr inneres Bewußtſein kämpft, dann werde ich daran glauben; aber jetzt nicht.“ „Es iſt niederſchlagend, Dich ſo ſprechen zu hören, Dich, der Du früher an alles Große und Edle glaubteſt; Dich, der Du ſelbſt ein an allem Guten ſo reiches, warmes und reines Herz beſaßeſt.“ „Ja, das war, bevor die Welt mich an Allem zweifeln lehrte. Erinnerſt Du Dich, wie heiß, wie wahnſinnig ich Elvira P. liebte? Nun gut, ſie betrog mich, nachdem ſie mir Liebe geheuchelt. Sie opferte mich auf für eine glänzende Wohnung und hübſche Kleider, obgleich damit öffentliche Schande verbunden war. Ich hatte ihr doch meine Hand angeboten.— Seitdem habe ich die Erfahrung gemacht, daß beim Manne keine Ehre und beim Weibe keine Tugend zu 57 finden ſei. Alles hier in der Welt wird gekauft und verkauft und jeder Menſch hat ſeinen Preis. Der größte Spitzbube iſt am Tage vor ſeinem erſten Ver⸗ brechen ein ehrlicher Mann, und das am tiefſten ge⸗ fallene Weib iſt ja auch einmal das geweſen, was Ihr tugendhaft nennt; ſo iſt es mit uns Allen. Wir ſind Alle mehr oder weniger Verbrecher und auf unſere Tugend iſt nicht viel zu halten. Wir ſind gerade ſo lange Verbrecher, als wir es zu ſein wagen, oder bis an die Grenze der geſetzlichen Strafe. Wir treten dem Geſetze nicht ſo nahe, daß es uns erreichen kann, weil wir um unſer eigenes Ich be⸗ ſorgt ſind.“ „Aber das führt uns vom Thema ab. Du willſt alſo mit Gewalt jenes Mädchen entehren; warum ihm nicht lieber Deinen Namen geben und es zu Deiner Frau machen?“ „Die Schande iſt ein Geſpenſt, welches nichts weiter als der Bereitwilligkeit unſerer Mitmenſchen bedarf, um ſichtbar zu werden. So flüſtert man ſich zum Beiſpiel bereits zu und behauptet, daß Lavina mich liebt. Noch ein Schatten und das häßliche Ge⸗ ſpenſt kommt zum Vorſchein, und das, ohne daß ſie deshalb weniger tugendhaft oder rein zu ſein braucht. Der Schein iſt Schande; denn nach mehr fragt man nicht. Sie wird alſo nicht mehr entehrt, ob ſie die Meinige wird, als ſie es werden kann, ohne es zu ſein. Meine Frau? Nein; ich könnte ihrer über⸗ druſſig werden und dann wäre ich für's ganze Leben feſtgekettet.”“ „Wenn ich nicht wüßte, daß Du beſſer ſeieſt, E 58 als Deine Rede, ſo würde ich Dich wegen Deines elenden Egoismus tief verachten.“ Die Ankunft einiger Herren unterbrach das Ge⸗ ſpräch, welches wir mitgetheilt haben, um dem Leſer einen Begriff von dem Charakter und von der Ge⸗ müthsſtimmung des Oberſten zu geben. Am Abend des Weihnachtstages wanderte der Oberſt durch den Garten, welcher an den von Frau Pahl grenzte, und öffnete eine kleine Pforte in der Umzäunung, ging durch dieſelbe und ſtand bald in Frau Pahl's Hof. Dort blieb er eine Weile ſtehen. Alles war finſter in der Wohnung der Wittwe; da⸗ gegen war die der Propſtin hell erleuchtet. „Wie zum T= ſoll ſie das in ihre Hände be⸗ kommen?“ ſprach er vor ſich hin und lenkte ſeine Schritte nach dem Thorweg. Als wenn das Schickſal den Oberſt hätte begünſtigen wollen, kam Lavina die Treppe heruntergeſprungen und wollte mit einem Licht in der Hand in den Saal hineingehen. Der Oberſt trat ihr entgegen. „Nehmen Sie das und geben Sie bei der Rück⸗ gabe von Bulvers Werken binnen drei Tagen Antwort.“ Lavina hätte beinahe das Licht fallen laſſen, ſo erſchrocken war ſie; aber mit einer Bewegung des — — 8 N— — 59 Abſcheues, welche unmöglich zu beſchreiben iſt, ſchob ſie den Brief von ſich und ſagte: „Nein, ich will nichts von Ihnen leſen.“ „Nehmen Sie es, ſage ich, nehmen Sie es, wenn Sie nicht ein Unglück veranlaſſen wollen; nehmntn Sie es, Lavina!“ Die Augen des Oberſten blitzten der beſtürzten Lavina drohend entgegen. Mechaniſch nahm ſie den Brief und der Oberſt entfernte ſich mit einem Dank. Da ſtand nun Lavina mit dem Briefe und einem Heer von traurigen Gedanken. Langſam öffnete ſie die Thüre, ging hinein und las mit beklommenem Herzen Folgendes: „Lavina! Sie haben geantwortet, daß Sie mir nie gehören würden. Nun gut, wir werden ſehen, wer von uns Beiden am meiſten Fähigkeit beſitzt, den Andern zu bekämpfen; denn, merken Sie ſich's, ich ſchwöre bei Gott und Allem, was heilig iſt, nicht eher zu ruhen, bevor ich zum Ziele gekommen. Meine Liebe zu Ihnen wird ſtärker, je mehr Wider⸗ ſtand ich begegne. Ja, Lavina, ich leide, ich bin raſend gegen Sie, die alle dieſe ſtürmiſchen Gefühle in meinem Herzen erregt hat, welche ich mit meiner erſten Liebe erloſchen glaubte. Ich habe gegen Sie und meine heftige Neigung gerast, welche mich zwingt, zu den verächtlichſten Mitteln meine Zuflucht zu nehmen, um dieſelbe zu befriedigen. Hier die Waffen, welche ich gegen Sie habe: „Die Schuld, welche auf dem Eigenthum Ihrer Mutter laſtet, kündige ich, und ſie wird dann ge⸗ 60 zwungen, daſſelbe zu verkaufen. Sie iſt dadurch zum Bettelſtab gebracht. „Der Bräutigam Ihrer Schweſter bekommt nicht das Paſtorat, weil ich ihn für untauglich dazu halte. „Und endlich, Lavina, werde ich wiſſen, dem Gerüchte betreffs meiner häufigen Beſuche, von welchen man ſich jetzt ſchon zuflüſtert, Vorſchub zu leiſten. Sie ſprechen von Schande.— Armes Kind!— Ich werde Ihnen zeigen, daß Sie, ſo rein und ſchuldlos Sie auch ſind, von der Verachtung der Welt und Ihrer Verwandten getroffen werden können, daß Ihr Name, obgleich Sie ſelber unſchuldig ſind, ebenſo entehrt werden kann, als wenn Sie öffentlich meine Geliebte wären. Das Urtheil der Welt, Lavina, iſt ein Blatt, welches der Wind von dem Flügelſchlag eines Schmetterlings wenden kann. Sie ſehen alſo, daß ich die Macht habe, und, nicht wahr, Lavina, Sie werden mich ja nicht zwingen, zu dieſen abſcheulichen Mitteln meine Zuflucht zu nehmen. Sie werden vernünftig ſein und nicht wegen eines dummen Vorurtheils ſich ſelbſt und alle Diejenigen opfern, welche Sie lieben. Ich will Ihre Antwort nicht wiſſen, bevor Sie die Sache genau überlegt haben. Ich gebe Ihnen drei Tage Bedenkzeit; ſchicken Sie mir dieſelbe mit Bulvers Werken, welche Sier von mir geliehen haben. Bis dahin Schweigſamkeit, falls Sie nicht haben wollen, daß ich bereits morgen meinen Haß und meine Rache gegen Ihre Familie richte, und ich verſpreche Ihnen während dieſer drei Tage nichts gegen ſie zu unternehmen. „Möchten Sie, geliebte Lavina, es mir erſparen, 61 Ihnen zu zeigen, wie wenig es der Mühe werth iſt, ſich wegen des Urtheils der Welt zu opfern; denn daſſelbe trifft die Unſchuldigſten, wenn nur der Schein gegen ſie iſt. „Mit Angſt und Schmerz erwarte ich Ihre Antwort. O. N.“ Lavina warf ſich weinend auf die Kniee und rief in der Tiefe ihres Schmerzes: „O Gott! Du wirſt mich nicht verlaſſen! Du wirſt mich beſchützen! Ich habe ja recht gehandelt; gewiß, gewiß wirſt Du, milder Vater, über Dein unglückliches Kind wachen!“ Und unglücklich fühlte Lavina ſich, ſo unglücklich, daß ſie nicht wieder hinaufzugehen vermochte, ſondern, indem ſie den Brief in die Taſche ſteckte, ſich auf's Sopha warf und bitterlich weinte. Lange hatte Lavina ſo gelegen, als die Mutter kam, um nachzuſehen, warum ſie nicht zurückkehre. „Was, um Gottes willen, fehlt Dir, mein Kind?“ fragte ſie.„Aber ſprich doch; ſage, was es mit Dir iſt?“ „Ach, ich habe ſo Zahnweh,“ antwortete Lavina und verbarg ihren Kopf in den Kiſſen, um nicht dem Blick der Mutter zu begegnen. 6² Es war zweiter Weihnachtstag. Beim Commer⸗ zienrath war wieder Lärm und Unruhe; denn es ſollte ein großer Ball ſtattfinden. Agda befand ſich in ihrem Toilette⸗Zimmer, wo ſie auf einem Sopha dem Geſicht lag und weinte. Annette ſtand vor ihr. „Du ſagſt alſo, daß er geſtern Abend fortge⸗ reiſt iſt?“ fragte Agda ſchluchzend. „Ja, ſo ſagte der Bediente des Doctors und ſeine Haushälterin. Es iſt unbegreiflich, wie ruhig gemeſſen der Doctor für einen Bräutigam iſt. Sehr verliebt iſt er nicht, das ſieht man deutlich.“ „Schweige, Annette; wie kannſt Du es wagen, Bemerkungen zu machen?“ „Verzeihen Sie mir, gute Mamſell Agda; aber ich, die ich doch Mamſell ſo lieb habe,(hier that Annette, als wenn ſie weinte), leide doch auch dabei, wenn ich die Kaltblütigleit des Doctors ſehe; beſon⸗ ders wenn man dieſelbe mit der warmen Liebe und tiefem Leiden des Grafen W. vergleicht; ſehen Sie, der liebt Mamſell in vollem Ernſt.“ „Ich will nicht von dem Grafen ſprechen hören, ſage ich Dir. Gehe, ich will allein ſein.“ Annette ging; aber als ſie Agda verließ, ſtrahlte Schadenfreude auf ihrem Geſichte. „O Gott, wenn ſie Recht hätten!— wenn es nur mein Geld wäre!— nein, er iſt zu edel, um ſo elend eigennützig zu ſein;— aber ſeine Ruhe, ſeine Kälte, welche Alle ſehen, und von der Alle ſprechen, woher kommt ſie?— So iſt man nicht, wenn man liebt;— nein, er liebt mich nicht.— 4 1 63 Mama, Annette, Alle haben Recht— und ich, welche ihn ſo hoch, ſo wahnſinnig liebe— was wird aus mir werden?———— 4 „Meine einzige Agda, was fehlt Dir,“ tönte die milde und zärtliche Stimme Eduards, indem er ſeinen Arm um ihren Leib ſchlang, ſie aufhob und ihren Kopf gegen ſeine Bruſt legte. „Ach, Eduard! wie haſt Du fortreiſen können, ohne nur ein Wort zu ſagen, ohne mich davon in Kenntniß zu ſetzen? O! es iſt zu klar, daß Du mich nicht liebſt; denn ſonſt würdeſt Du Dich nicht ſo kalt benehmen.“ „Agda, ich bekam vom Lande einen dringenden Krankenboten, und da es dem Leben eines Menſchen galt, ſo wagte ich nicht durch einen Beſuch hier meine Abreiſe zu verzögern, ſondern fuhr augenblicklich ab.“ „Und ließeſt mich den ganzen geſtrigen Abend vergebens warten.“ „Ich konnte nicht anders handeln, und ich wußte, daß Du, meine gute Agda, nicht wollteſt, daß ich aus Rückſicht auf Dich meine Pflichten gegen Andere opfern ſollte.“ Agda ſchwieg, ſie dachte aber dabei manches, welches mit dem, was der Doctor ſagte, im Wider⸗ pruch war; denn es ſchien ihr, daß die Liebe nicht ſehr ſtark ſei, wenn das Pflichtgefühl dieſelbe über⸗ ſtimmt; aber ſie wollte nicht ſchlimmer erſcheinen, als Eduard vermuthete, daß ſie ſei; darum ließ ſie es gehen. Eduard gelang es, durch ſeine Liebkoſungen ihren Trübſinn zu verſcheuchen. Er war heute auch leb⸗ 64 hafter und zärtlicher, als ſonſt ſein ruhiges Weſen es mit ſich brachte. Als Annette Abends Agda anzog, ſagte ſie: „Gottlob, daß der Doctor nach Hauſe kam; aber er hätte wohl etwas Schelte für die ſchlafloſe Nacht verdient, die Mamſell Agda gehabt.“ „Oh nein, Du, er war gezwungen, fortzureiſen, weil ein preſſanter Krankenbote angekommen war, und er iſt jetzt ſo herzlich und heiter geweſen, daß ich ganz und gar meinen Kummer vergeſſen habe.“ „Nun ja, man muß ſich nicht wundern, wenn der Doktor lebhaft war; denn er kam von der hüb⸗ ſchen Gräfin F—; ſie war es, die nach ihm ſchickte. Hat Mamſell Etwas davon gehört, daß die Gräfin, bevor ſie verheirathet wurde, in den Doktor verliebt geweſen?“ „Nein.— Das iſt ja ſchrecklich, wie Du mich an den Haaren reißeſt.“ Agda flog vom Stuhle auf und warf in voller Raſerei Kamm und Haarbürſte der Erzählerin in's Geſicht; aber ihre Worte waren doch tief in Agdas leicht bewegliches Herz gedrungen und hatten zur Folge, daß Agda ſich während des Balles kalt und ungehalten gegen Eduard, aber heiter und aufgeräumt gegen Graf W— zeigte. 65 Am dritten Weihnachtstag ſaß Lavina mit ver⸗ bundenem Kopf vor einem muntern Kaminfeuer und nähte in der Kammer der Mädchen. Frau Pahl hatte eben wegen des vermeintlichen Zahnwehs einen Kräuterſack auf ihre Wangen gelegt, mit welchem es iih ſeit dem erſten Weihnachtstag nicht gebeſſert hatte. Lavina ſaß jetzt allein in der kleinen Kammer mit ihren traurigen Gedanken und verweinten Augen; denn morgen ſollte ſie dem Oberſten antworten; morgen ſollte ſie den Sturm über die Ihrigen herauf⸗ beſchwören. Ein Fröſteln ging dabei durch ihre Glieder. Sie zog noch einmal den unglücklichen Brief hervor und las ihn, worauf ſie ihn mit Abſcheu und in Verzweiflung in's Feuer warf. Sie ſah zu, wie die Flammen ihn verzehrten, und es kam ihr vor, als wenn ſie leichter athmete, als nur die Aſche noch übrig war. „Wie ſteht es mit Deinen Zähnen, Lavina?“ fragte die Mutter, welche eben eintrat. „Etwas beſſer, liebe Mama.“ „Das iſt gut; denn der Oberſt hat Arnold fünf Billete zum Schauſpiel heute Abend gegeben und ihn gebeten, ſeine Mutter, Braut und uns dazu einzuladen. Das iſt wirklich wahr, daß der Oberſt ſehr artig und freundlich gegen ihn iſt. Er hat heute Arnold zum Mittag eingeladen und mit ihm von ſeiner Ver⸗ lobung und den Ausſichten geſprochen, welche er auf eine baldige Heirath hat. Als Arnold ſagte, daß er ganz und gar von der Hoffnung abhänge, welche er Schwartz, Novellen. VI. 5 66 auf Alhems Pfarrei habe, antwortete der Oberſt: „Darauf können Sie, glaube ich, die beſte Hoffnung haben.’ Siehſt Du, Lavinchen, das war ein halbes Verſprechen, welches für uns immer ein Glück wäre, beſonders da mein Kummer wegen der Zukunft ſehr groß iſt.“ Jedes Wort drang wie ein Dolchſtich in La⸗ vina's Herz. „Morgen,“ dachte ſie,„werden alle dieſe Luft⸗ ſchlöſſer und alle dieſe Hoffnungen vor einer leeren ſchrecklichen Wirklichkeit ſchwinden.“ Sie ſaß ſchweigend da und hielt den Kopf zwi⸗ ſchen den Händen. „Nun, Lavina, Du ſagſt nichts. Glaubſt Du nicht, daß Du in's Theater gehen kannſt? Es wäre ſchade, mein Kind, da Du Dich gewiß amüſiren würdeſt. Mit den Zähnen wird es ſchon bis zum Abend beſſer,“ meinte Frau Pahl und ſtrich Lavina's Stirne mit der Hand. „Nein, geliebte Mama, ich will nicht, ich kann nicht in's Theater gehen,“ antwortete Lavina, ſchlang die Arme um den Leib der Mutter und weinte. „Du ſollſt nicht ſo kindiſch ſein und wegen des Theaters weinen. Du haſt ein unglückliches Tem⸗ perament, Kind, daß Du Dir das ſo zu Herzen nimmſt; wie wirſt Du einſt ein großes Mißgeſchick ertragen können, wenn Du wegen Zahnweh und deswegen weinſt, daß Du nicht in’s Theater kommſt? Denke zu Deinem Troſt an die frohe Ausſicht, welche Arnold hat, Pfarrer zu werden, ſowie an Elin’s Glück und daran, daß wir eine beſſere Zukunft vor 1 67 uns haben; alles dieß muß Dich darüber tröſten, daß Du heute Abend nicht das Schauſpiel beſuchen kannſt.“ Frau Pahl ahnte nicht, daß jedes ihrer Worte den Dolch in Lavina's Herz umdrehte. Sie verließ die Tochter, nachdem ſie noch einige freundliche Worte hinzugefügt. Lavina wollte um keinen Preis in der Welt in’s Theater gehen, weil der Oberſt die Billete zum Geſchenk gemacht.„Er würde dann glauben, daß ich ihn ermunterte,“ dachte Lavina;„nein, ich will ihm nicht für das Geringſte zu danken haben. Er muß ſehen, wie tief ich ihn verachte, wenn ich nicht einmal das Theater auf die Billete habe beſuchen wollen, welche er Arnold geſchenkt. Vielleicht wird er ſeine abſcheulichen Pläne aufgeben, wenn er ſieht, wie wenig er dabei gewinnt.“ Des Nachmittags, als Alle im Saale verſam⸗ melt waren, um Kaffee zu trinken, wozu die Propſtin auch eingeladen war, ſprach man von den faſt ſicheren Hoffnungen, welche Arnold auf die Pfarrei hatte. Elin ſprach ſchon davon, wie ſie arbeiten und emſig ſein wolle, um ſich ein wenig für die Hochzeit ein⸗ zurichten, und wie ſie ihre Haushaltung auf dem Lande einrichten wolle. Arnolds Mutter wollte um keinen Preis zu ihrem Sohne ziehen; es gefiel ihr beſſer, in der Stadt zu wohnen. Man wurde des⸗ halb darüber einig, daß Frau Pahl und Lavina zu den Neuvermählten ziehen ſollten. Kurz, man baute viele und heitere Luftſchlöſſer, als Arnold und Arthur vom Mittagstiſch des Oherſten 68 zurückkamen; Arnold mit ſtrahlendem Geſicht, denn der Oberſt hatte ihm geſagt, daß er ſicherlich hoffe, in Arnold ſeinen Pfarrer zu ſehen. Ueber Arthurs Antlitz ruhte eine finſtere Wolke und ſeine Augen waren mit einem düſteren Ausdruck auf Lavina gerichtet. Als Lavina endlich aufſtand, um in's innere Zimmer hineinzugehen, folgte Arthur ihr. „Lavina, ich habe eine Frage an Dich zu richten.“ „Nun, was iſt es denn?“ „Wie kam es, daß Du und der Oberſt Euch Abends am erſten Weihnachtstag im Thore ſahet?“ „Er übergab mir ein Buch.“ Lavina erröthete über dieſe Unwahrheit. „Weiß Tante, daß er hier geweſen?“ „Nein, Arthur, ich wollte es ihr nicht ſagen.“ „Und warum hat Lavina Geheimniſſe— vor ihrer Mutter?“ Der Ton Arthur's war ſtreng. „Ach, Arthur! das wirſt Du bald erfahren. Denke nur nichts Böſes von mir; ich bin bei Gott unſchuldig.“ Lavina's Geſicht trug in der That ein ſo un⸗ verkennbares Gepräge der Wahrheit und der Unſchuld, daß Arthur ihre Hand ergriff und ſagte: „Gott weiß es, daß ich Dir gern glaube und daß es mir einen grauſamen Schmerz verurſacht, an Dir zweifeln zu müſſen.“ „Das wirſt Du nicht nöthig haben; denn in mir wohnte kein Trug.“ „Gehſt Du in's Theater heute Abend?“ 69 „Nein, Arthur, ich will nicht hingehen; denn es iſt der Oberſt, welcher uns eingeladen hat.“ Bei dieſer Antwort verfinſterte ſich Arthur's Geſicht und klärte ſich zu gleicher Zeit auf. Man ſah es ihm deutlich an, daß ein ganzes Heer von Zweifeln wieder in ſeiner Seele erwachte. „Und iſt das wirklich die Urſache, warum Du nicht hingehſt?“ „Ja, welche andere ſollte ich denn haben können?“ fragte Lavina verwundert. „Was weiß ich,“ fuhr Arthur gedankenvoll fort. Dann fügte er hinzu: „Erinnerſt Du Dich, daß Du mir verſprochen haſt, Dich nicht um den Oberſten zu kümmern?....“ „Arthur!“ rief Frau Pahl, und Lavina kam nicht zur Antwort. Das kleine unbedeutende Theatergebäude war ganz mit Zuſchauern gefüllt. Frau Pahl, die Propſtin und Arnold waren ſchon dort, als der Oberſt, Arthur und der Commer⸗ zienrath ankamen. Alle drei richteten ihre Blicke nach dem Sitze, wo man Lavina vermißte. Der Oberſt nahm auch den ſeinigen ein, ohne daß man etwas an ſeinem Geſicht bemerkte. Der Commerzienrath ging hin, um einige Worte mit ſeiner Schwägerin zu wechſeln; Arthur aber verließ ſogleich den Saal. 70 Als der erſte Akt zu Ende war, verſchwand auch der Oberſt. Den Plan, welchen er befolgte, als er Arnold die Billete gab, war folgender: 3 Wenn Lavina, dachte er, in's Theater geht, wenn ich ſie einlade, ſo räumt ſie ſtillſchweigend ein, daß ſie die Meinige wird, und dann werde ich Alles thun, um ihren Ruf zu ſchützen. Kommt ſie nicht, ſo ſchlägt ſie mein Anerbieten aus, und ich bekomme vortreffliche Gelegenheit, um dem Gerüchte, daß ſie bereits mir gehöre, Glaubwürdigkeit zu verſchaffen. Er veranſtaltete am nämlichen Tage ein Mit⸗ tageſſen, und lud zu demſelben den Commerzienrath, Arthur u. A. ein. Nach Tiſche ſprach er mit Ar⸗ thur und fragte ihn: „Was macht Mamſell Lavina?“ Die Frage war einfach, aber ſie wurde auf eine familiäre Weiſe gemacht. Arthur antwortete deßhalb kalt: „Meine Couſine befindet ſich nicht recht wohl.“ „Mein Gott, das muß raſch gekommen ſein, denn, als ich am erſten Weihnachtstag Abends Lavina ſah, befand ſie ſich wohl.“ „Herr Oberſt!“ ſprach Arthur mit gedämpfter Stimme und bleich vor Zorn,„wägen Sie Ihre Worte, wenn Sie von einem ehrenhaften Mädchen ſprechen.“ „Hören Sie, Herr Ljung, wollen Sie mir in mein Kabinet folgen, dann werde ich mich erklären.“ Sie gingen hinein. „Verſprechen Sie mir auf Ihr Ehrenwort, daß 71 das, was ich Ihnen jetzt ſage, zwiſchen uns bleibt, bis ich meine Worte beweiſen kann; verſprechen Sie mir, bis dahin kein Wort zu Lavina zu ſagen.“ „Ich verſpreche es,“ antwortete Arthur mit Anſtrengung und in Erwartung einer Erklärung. „Lavina liebt mich,“ begann der Oberſt,„we⸗ nigſtens glaube ich es. Sie hat mir verſprochen, mir zu gehören, und ich ſoll ſie, wenn die Anderen im Theater ſind, heute Abend allein ſehen, um die Bekräftigung ihres Verſprechens zu erhalten; es war nur darüber, daß wir geſtern übereinkamen, als wir uns ſahen..... 4113 „Sie lügen, Herr, Sie lügen!“ ſchrie Arthur und ſprang auf. „Stille, Herr Ljung, keine Auftritte; es gibt hier einen Weg, den Streit zu ſchlichten: iſt Lavina im Theater, dann ſchlägt ſie mein Anerbieten aus und ich muß retiriren; iſt ſie dagegen nicht dort, dann geht ſie darauf ein, und ich bin der Glückliche. Der Grund, warum ich Ihnen das geſagt, iſt der, daß ich in Ihnen einen Rivalen ſehe und keinen Trug liebe; aber jetzt hängt es davon ab, wen Lavina vorzieht, Sie oder mich. Keine heftige Aus⸗ brüche, ſondern überzeugen Sie ſich ſelbſt, welcher von uns der Glückliche ſei; nachher ſtehe ich zu Dienſten, falls Sie das Publikum zum Zeugen von dieſer kleinen Affaire zu machen wünſchen. Ich ver⸗ laſſe mich indeſſen auf Ihr Chrenwort, daß Sie ſich ſtill verhalten und gegen Niemanden etwas von dem erwähnen, was ich Ihnen geſagt.“ 1 72 Darauf entfernte ſich der Graf, um auch bei dem Commerzienrath Zweifel zu erregen. „Der Herr Commerzienrath hat eine hübſche Nichte in der einen Mamſell Pahl; ſchade nur, daß die Familie ſo unbemittelt iſt,“ ſprach er zum Com⸗ merzienrath. „Ja, das iſt gewiß ſchade, und beſonders da meine Schwägerin ſo ſtolz iſt und nicht erlauben will, daß ihre Verwandten ihr helfen.“ „Iſt ſie das? Da bin ich glücklicher, indem ich Gelegenheit hatte, die Pfandverſchreibung auf ihr Haus einzulöſen, und ich hoffe, daß ſie mir erlaubt, Lavina ein Geſchenk damit zu machen.“ „Das glaube ich kaum; denn ſie nimmt ſelbſt keine Geſchenke an, und noch weniger wird ſie dem Herrn Oberſt erlauben, Lavina ein ſolches zu machen.“ „Ich gebe dem Herrn Commerzienrath die Ver⸗ ſicherung, daß Sie ſich irren. Ich werde morgen Ihnen einen Brief zuſchicken, in welchem ſie ihre Einwilligung gibt. Bis dahin bitte ich indeſſen, daß die Sache zwiſchen uns bleibt.“ Jetzt ging der Oberſt hin, um mit Arnold zu ſprechen. Im Kopfe des Commerzienraths ſpuckten man⸗ cherlei unangenehme Gedanken; er erinnerte ſich jetzt der häufigen Beſuche des Oberſten bei ſeiner Schwä⸗ gerin und der Bemerkungen der Nachbarn darüber. Er nahm ſich vor, am folgenden Tage Frau Pahl zu beſuchen und ihr alles dieß, ſowie auch das Ge⸗ ſpräch mit dem Oberſt mitzutheilen. 3 In ſeinen Mantel gehüllt, wanderte der Oberſt 73 vom Schauſpielhaus nach Frau Pahl’'s Wohnung. Mancher weniger angenehme Gedanke beſchäftigte ihn auf dieſer kurzen Wanderung; er konnte ſich nicht verhehlen, wie niedrig und elend er ſei, ein unſchul⸗ diges Mädchen und deſſen Familie der Bosheit und der Verläumdung gerade dann preiszugeben, wo daſſelbe ehrenhaft zu bleiben wünſchte. Aber Oscar Rubens war nicht derjenige, welcher einiger Skrupel wegen ſich davon abhalten ließ, das Ziel zu erreichen, das er ſich geſteckt. Dazu kam, daß er in ſeiner Weiſe Lavina heftig und leidenſchaftlich liebte, und daß er um jeden Preis ſeine Neigung befriedigen mußte. Sein Haß und Neid gegen Arthur waren ſo groß, daß er eine freudige Bewegung in ſeinem Herzen empfand, als er, am Thore der Frau Pahl angekommen, einen Mann entdeckte, welcher, in einen Mantel gehüllt, langſam vor demſelben auf⸗ und abging. Daß es Arthur war, konnte man an dem ſpionirenden Gang ſehen. Der Oberſt pfiff eine Melodie, und ging, indem er that, als wenn er den Wanderer nicht ſähe, mit unbekümmerter Miene in's Haus hinein. Im Thor angekommen, lenkte er ſeine Schritte nach der Küchenthüre und läutete. Liſa kam zum Vorſchein und theilte ihm mit, daß die Herrſchaft ausgegangen ſei. „Ich weiß es; aber Frau Pahl hat mir einen Auftrag an Mamſell Lavina gegeben; laß mich des⸗ halb hinein,“ antwortete der Oberſt, und Liſa ließ ihn paſſiren. Als er in das Zimmer der Mädchen eintrat, war es dort finſter, ebenſo im Schlafzimmer; aber 74 im Saale brannte eine Lampe und auf dem Sopha lag Lavina. Beim Schalle der Tritte des Oberſten erhob ſie ſich und blickte mit Angſt und Entſetzen den Eintretenden an. „Erſchrecken Sie nicht, Lavina! Ich will Ihnen nichts Böſes thun, ſeien Sie davon überzeugt; aber ich wollte von Ihren eigenen Lippen eine Erklärung wegen Ihres Ausbleibens vom Theater vernehmen.“ „Bedarf es deshalb einer Erklärung, und brauche ich zu wiederholen, daß ich nur eine Antwort auf Ihren Brief habe, und das iſt dieſelbe, welche ich bereits gegeben. Aber ich will doch glauben, daß der Herr Oberſt ſich niemals ſo grauſam an mir rächen wird, wie der Brief andeutet. Ich habe Ihren Haß nicht deshalb verſchuldet, weil ich ein ehrenhaftes Mädchen geblieben.“ Lavina ſprach mit ſo viel Würde und edlem Stolze, daß es ihr vielleicht gelungen wäre, die beſſeren Gefühle des Oberſten rege zu machen, wenn er nicht in demſelben Augenblick von der Küche aus die Stimme Arthurs und das Oeffnen einer Thüre ver⸗ nommen hätte. Der Oberſt warf ſich auf die Kniee vor Lavina und hielt ſie, indem er ſeinen Arm um ihren Leib ſchlang, auf ihrem Sitze feſt, während er laut ſprach: „Dank, geliebte Lavina, für das Verſprechen Deiner Liebe; ich werde dieſe glückliche Stunde nie vergeſſen!“ Ein Schmerzensausruf drang zu den Ohren der beſtürzten und überraſchten Lavina, und als ſie nach der Thüre blickte, ſah ſie Arthur, der ſich entfernte. „Arthur!“ rief Lavina, indem ſie aufſprang und ſich vom Oberſten losriß. Es lag ein ſo herzzerreißender Schmerz in dieſem einzigen Wort, daß der Oberſt deutlich einſah, alle ihre zärtlicheren Gefühle gehörten dem Couſin. Aber weit entfernt, daß das einen Eindruck auf ihn machte, erweckte es nur einen heftigen Sturm in ſeiner Seele, und mit Härte ſprach er zu Lavina, indem er ſie am Arm faßte: „Nein, bleiben Sie, Lavina, jetzt ſind Sie in ſeinen Augen verloren!— und ſo werde ich bei Allen einen Schatten auf Sie werfen, daß Sie mich ſchließlich auf den Knieen bitten müſſen, aufzuhören und zu mir als zu Ihrer einzigen Rettung fliehen werden. Mir und ſonſt Niemandem ſollen Sie ge⸗ hören, wenn ich auch alle Mächte der Hölle zur Hilfe rufen ſoll. Es wird Ihnen niemals gelingen, Arthur zu überzeugen, daß er nicht die nackte Wahr⸗ heit geſehen. Eben ſo wenig werden Sie die übrige Welt davon überzeugen können. Sie ſehen, was ich vermag! Sagen Sie ein Wort, und meine Verfol⸗ gungen werden ſich in die wärmſte, zärtlichſte und leidenſchaftlichſte Liebe verwandeln.“ „Fort von mir, Geiſt der Hölle!“ rief die gänzlich zermalmte Lavina;„lieber den Tod als Ihre Liebe!“ „Nun gut,“ fuhr der Oberſt, bleich vor Raſerei, fort,„morgen fange ich an; wir wollen ſehen, ob Sie in acht Tagen eine ähnliche Antwort geben.“ Darauf entfernte er ſich. Als er in die Küche hinauskam, gab er Liſa einige Thaler und ſagte: 76 „Ich hatte keinen Auftrag von der Frau Pahl, ſondern ſagte nur ſo, damit Du mich einließeſt; da haſt Du einige Thaler, damit Du Niemandem ſagſt, daß ich hier geweſen.“ Mit dieſen Worten eilte er von dannen. „Mein Gott, iſt es auf die Art— hm, ich konnte es mir wohl denken; aber es war doch eine Schande für Mamſell Lavina, ſich ſo zu benehmen, und der Frau verſchweige ich es nicht,“ murmelte Liſa vor ſich hin. Es war gerade Liſa's Schwatzhaftigkeit, auf welche der Oberſt rechnete. Als er auf die Straße hinauskam, traf er Agda's Kammerjungfer Annette, welche ihn grüßte und ſagte: „Mein Gott, der Oberſt!“ „Stille, Annettchen, thue, als wenn Du mich nicht geſehen; ich will nicht, daß Du davon ſprichſt.“ „Oh, ich kann ſchon ſchweigen; aber das hält mich nicht ab, zu wiſſen, woher der Oberſt kam; denn ich ſtand und plauderte mit Friedrich, Ihrem Bedienten, und wir ſahen es Beide, daß der Oberſt zu Pahls hineinging.“ „Aber davon darfſt Du nicht ſprechen; denn Mamſell iſt allein und könnte deshalb Unannehm⸗ lichkeiten bekommen. Hier haſt Du Etwas, wenn Du ſchweigſt,“ und damit drückte der Oberſt ihr einen Bankſchein in die Hand und ging. „Ja ſo, er gibt mir Geld, dann muß es richtig zwiſchen ihnen ſein. Jetzt werde ich hinüber gehen und die Commerzienräthin damit ärgern, daß ſie eine 77 Närrin zur Schweſtertochter hat; das wird ihr auf den Magen fallen, obgleich ſie dieſelbe nicht leiden kann; denn ſie bekommt ihren Theil von der Schande, weil es ihre Verwandten ſind. Nette Verwandte, fürwahr! Ich bin begierig, wie es ihr gehen wird, wenn ſie mich auszankt, weil ich dieſen und jenen guten Freund ſpreche; ich bin doch nicht eine Solche, wie dieſe Schweſtertochter von ihr.“ Mit ſolchen Gedanken begab Annette ſich zu ihrer Herrin. Auf alles dieſes hatte der Oberſt gerechnet; darum ſchickte er ſeinen Bedienten, um mit Annette zu plaudern, damit ſie ihn zu Lavina hineingehen ſehen möchte. Lavina, welche müde und niedergedrückt war von ſo vielen Stürmen und bitteren Leiden, hatte den Muth nicht, an jenem Abend ihre Mutter zu ſehen, ſondern ging zur Ruhe, um nicht nöthig zu haben, zu ſprechen. 3 Lavina's Schmerz und Verzweiflung waren ſo groß, daß ſie nicht einmal durch Thränen irgend eine Linderung oder Erleichterung fand. Früh am folgenden Morgen empfing Frau Pahl von ihrer Schweſter einen Brief folgendermaßen lautend: 3 „Ich hatte gehofft, daß zwiſchen uns alle Mit⸗ 78 theilungen zu Ende wären; aber ich bin meiner eigenen Chre die Rückſicht ſchuldig, Dich zu bitten, falls Du noch einen Gedanken von Chrgefühl übrig haſt, von der Stadt und von der allgemeinen Verachtung die Ge⸗ liebte des Oberſten Rubens, Deine Tochter, zu ent⸗ fernen, welche die Schamloſigkeit ſogar ſo weit treibt, daß ſie ſpät Abends den Oberſten in Deinem Hauſe empfängt. Ich hoffe, daß Du das Unpaſſende einſiehſt, uns gegenüber zu wohnen und uns und unſere un⸗ ſchuldige Agda zum Augenzeugen von ihrer und Dei⸗ ner Schande zu machen. Charlotte Ljung.“ „Gott im Himmel, was meint ſie denn mit ihren abſcheulichen Beſchuldigungen,“ bemerkte Frau Pahl, in ihrer Beſtürzung vergeſſend, daß Liſa, welche den Brief hereingebracht hatte, noch am Bette ſtehen blieb. „Süße Frau Pahl, ich hatte Ihnen auch Etwas zu ſagen; aber gnädige Frau müſſen es vernünftig aufnehmen; gewiß iſt es ein Unglück, aber gnädige Frau iſt doch unſchuldig daran,“ begann Lſſa. „Was meinſt Du, was willſt Du damit ſagen, ſpreche, und ſtehe nicht da und rede von einem Un⸗ glück u. ſ. w.,“ rief Frau Pahl mit ungewöhnlicher Heftigkeit. „Ja, ſehen Sie, das war ſo, als geſtern gnä⸗ dige Frau in's Theater gegangen war, kam der Oberſt und ſagte, daß er von der gnädigen Frau hierher⸗ geſchickt ſei, und verweilte lange; als er aber ging, bat er mich, nichts zur gnädigen Frau davon zu ſprechen, damit die Mamſell keine Unannehmlichkeiten bekomme, und dann gab er mir Geld, daß ich ſchwei⸗ 79 gen ſollte; aber ich bin eine ehrliche Dienerin, und will nichts mit ſolchen elenden Dingen zu thun haben.“ Frau Pahl wurde bleich, ihre Züge drückten eine entſetzliche Angſt aus, die mit Zorn untermiſcht war. „Sage Lavina. daß ſie ſofort hereinkommen ſoll,“ befahl ſie. Kurz darauf ſtand Lavina, mit marmorweißen Wangen und Todesruhe in ihrem Geſicht, vor der Mutter. „Ich habe immer Furcht gehabt, daß Du früher oder ſpäter durch Deine Eitelkeit und Hinneigung zu Vergnügungen Schande und Unglück über mich brin⸗ gen würdeſt, und ſo iſt's jetzt gekommen. Sage mir, was haſt Du geſtern gethan?— Wer beſuchte Dich, während ich fort war?“ „Ich habe Mama nicht entehrt und werde es auch nicht thun. Ich habe nichts Böſes gethan. Von traurigen Gedanken niedergedrückt, lag ich geſtern auf dem Sopha im Saale, als der Oberſt eintrat. Ich wollte nicht in's Theater gehen, weil er die Billete geſchenkt hatte! Darum blieb ich zu Hauſe. Aber ich ahnte nicht, daß er mich ſogar bis hierher verfolgen würde. Ich will jetzt Mama Alles ſagen....“ Lavina berichtete jetzt von der Liebe des Oberſten und von dem Inhalt der beiden Briefe. „Aber warum hieltſt Du es geheim vor mir? warum zeigteſt Du mir nicht ſofort die Briefe?“ Hier wurde Frau Pahl von Elin unterbrochen, welche mit zwei Briefen eintrat. Der eine war von Arthur, der andere vom Commerzienrath. „Irgend eine neue Unglückspoſt, denke ich mir,“ 80 bemerkte Frau Pahl, indem ſie Arthur's Brief erbrach und dann denſelben laut vorlas: „Geliebte Tante! Kaum deſſen, was ich thue, mir bewußt, will ich doch, ſoweit es in meiner Macht ſteht, Lavina von offenbarer Schande und Tante von dem Kummer retten, Zeugin ihrer Schande zu ſein. Ich war im Laufe des Vormittags davon in Kenntniß geſetzt worden, daß Lavina auf den Abend ein Stelldichein mit dem Oberſten verabredet hatte. Aus Theilnahme und Freundſchaft für ſie wollte ich mich überzeugen, daß es eine Erfindung ſei.... Aber ach! ich überraſchte den Oberſt zur Lavina's Füßen, während er ſie mit ſeinen Armen umſchlang und ihr für die Liebe dankte, die ſie ihm geſchenkt. Tante ſehen hieraus, daß ich nicht einem falſchen Ge⸗ rüchte, ſondern nach dem, was ich ſelbſt geſehen und gehört, urtheile. Will Tante, daß ich ihn durch die Waffen zwinge, daß er durch eine Ehe Alles wieder gut mache, oder will Tante, daß ich dafür Sorge trage, daß Lavina ſich von unſerer klatſchſüchtigen Stadt entfernen kann, wo bald Alles bekannt werden wird. Ich erwarte Tante's Antwort. Ihr ergebener Arthur Ljung.“ „Was haſt Du jetzt zu Deiner Vertheidigung zu ſagen? Lüge, erſinde dann wieder eine Geſchichte, um damit Deine arme Mutter zu betrügen. Gib mir die Briefe, welche er geſchrieben, ſonſt glaube ich, daß Alles, was Du geſagt haſt, eine Erfindung ſei, um 81 damit Deinen Leichtſinn zu bemänteln; her mit den Briefen!“ „Die habe ich verbrannt, und ich beſitze nichts, als meine Verſicherung, daß ich unſchuldig bin. Mama, geliebte Mama, höre mich!“ „Nein, ich will Dich nicht hören.— Du, welche nicht damit zufrieden biſt, Schande über das Haupt Deiner bereits von Bekümmerniſſen niedergedrückten Mutter zu bringen, lügſt noch, um ſie noch mehr zu betrügen. Gehe, verlaſſe mich!“ Lavina ſtand da mit niedergebeugtem Haupte und Verzweiflung in ihrem Geſichte. Sie ſtürzte hin zum Bett der Mutter und rief: „Mutter, Mutter! ich bin unſchuldig, verlaſſe nicht Dein unglückliches Kind, ſondern höre mich!“ „Schweige, ſpreche nicht von Unſchuld; denn Du weißt, daß Arthur ſelbſt Alles gehört und geſehen hat. Gehe, verlaſſe mich, wir werden nachher mit einander reden.“ Die Mutter ſchob ſie mit Unwillen von ſich. Lavina, welche ſich verkannt und einſam fand, ſtand langſam auf, hob den Kopf im Bewußtſein ihrer Un⸗ ſchuld in die Höhe und ging aus dem Zimmer hinaus. „Mama, gewiß biſt Du jetzt zu ſtreng gegen Lavina,“ bemerkte Elin und ergriff die Hand der Mutter. „Stille, Elin, leſe dieſes von Charlotte und ur⸗ theile ſelbſt; laß mich auch ſehen, was Onkel ſchreibt.“ Der Brief des Commerzienraths lautete folgen⸗ dermaßen: Schwartz, Novellen. VI. 6 8² „Meine liebe Schwägerin! „Ich beklage tief, daß Du ſo wenig Vertrauen zu mir hatteſt, daß Du lieber Rubens die Schuld, die auf Deinem Hauſe ruhte, einlöſen und Lavina ſchenken ließeſt. Weißt Du, was Du damit angerichtet haſt? Nun, daß Dein Kind die Schuld hat bezahlen müſſen.. „Da ich jetzt nichts mehr bei der ganzen ſchmutzi⸗ gen Affaire ausrichten kann, ſo entferne ich mich auf einige Tage, um es überhoben zu werden, den Wie⸗ derhall der Schande Deiner Tochter in meinen Ohren tönen zu hören. „Ich fahre auf eines meiner Güter und bitte Dich, beſſer über Elin zu wachen, als Du es über Lavina gethan. Dein Schwager Jakob Ljung.“ Worte vermögen nicht den Zorn und die Be⸗ ſtürzung Frau Pahl's zu ſchildern. Sie ſtand auf und wollte zu Lavina hineinſtürzen, als Elin ſie daran hinderte. „Mama, Mama, beruhige Dich! Du darſſt nicht zu Lavina hinein gehen.“ .„Du haſt Recht, mein Kind,“ antwortete die unglückliche Mutter und ſtrich mit der Hand über die Stirne. Ihre Gedanken verwirrten ſich, ſo unglücklich fühlte ſie ſich. Endlich bat ſie Elin, ihr Dinte und Papier zu geben, worauf ſie Folgendes an den Ober⸗ ſten ſchrieb: 83 „Herr Oberſt! „Sie haben auf eine entſetzliche Weiſe das Ver⸗ trauen einer armen Wittwe mißbraucht. Sie haben ihr Kind verleitet, vom Wege des Rechts abzuweichen, und durch eine gemeine Unwahrheit Schande über mein Haupt gehäuft. Ich will nicht die Einlöſung meiner Schuld als Bezahlung für das Unglück meines Kindes annehmen, falls die Verirrte elend genug ge⸗ weſen ſein ſollte, Sie darum zu bitten. Ich will lie⸗ ber betteln, als Ihnen das Geringſte zu danken ha⸗ ben. Sie werden eines Tages um meines armen verirrten Kindes willen eine entſetzliche Rechenſchaft vor mir ablegen müſſen. Hoffen Sie nicht, ſie wie⸗ der zu ſehen; ſie wird unverzüglich dieſe Gegend ver⸗ laſſen. Ich werde ſo bald als möglich mein Eigenthum verkaufen und dadurch ſelbſt meine Schuld einlöſen. Effa Pahl.“ An Arthur ſchrieb Frau Pahl: „Beſter Arthur! „Du biſt der Einzige, welcher bei dem entſetzlichen Unglück, das uns getroffen, noch etwas Gefühl für uns beibehalten haſt, darum wende ich mich an Dich mit dem Erſuchen, Lavina ſo bald als möglich aus der Gegend und aus meinen Augen fortzuſchaffen; denn ich kann ſie nicht ſehen, ohne dabei einen tiefen Schmerz zu empfinden. „Was Du jetzt thuſt, dafür wird Dich der Ewige belohnen. Deine unglückliche Tante Effa Pahl.“ Nachdem hatte, ließ ſie Zimmer nicht heißen Augen. Gottes Güte 1 gend und der ſelbſt, was ſie zu ſein. Die „Verlaſſe Du mußt mir Deine Mutter wäre.... „Spreche leider hier zu mir das, was weinend. Es ging 84 Frau Pahl die beiden Briefe abgeſandt Lavina durch Liſa ſagen, daß ſie ihr verlaſſen dürfe. In ſtummer Niedergeſchlagenheit ſaß Lavina am Tiſch und ſtützte den Kopf in die Hand; keine Thräne floß, um ihre beklommene Bruſt zu erleichtern, ſondern ſie ſtarrte vor ſich hin mit trocknen und brennend⸗ In ihrem Herzen raſten Zweifel an und Gerechtigkeit, an dem Sieg der Tu⸗ Wahrheit. Sie war ſo unglücklich, ſo verzweifelt, daß ſie die höchſte Höhe aller menſchlichen Qualen erreicht zu haben glaubte. Sie fragte ſich jetzt in der Welt thun ſollte, wo Alle ſie verkannten, verachteten und verließen. Der Tod ſchien jetzt Lavina's einziger Troſt, einziger Freund Stimme der Mutter drang durch die verſchloſſene Thüre an ihr Ohr. mich, Elin, ich muß allein ſein; aber bei Allem, was heilig iſt, verſprechen, ſie da drinnen nicht zu beſuchen. Hörſt Du, Elin, verlangt es.“ „Aber, geliebte Mama, wenn Lavina unſchuldig das Wort nicht aus, Elin, da es viele Beweiſe gegen ſie gibt. Verſpreche ich verlange, oder willſt Du mir nicht den Troſt verſchaffen, daß ich ſehe, wie Du mir wenig⸗ ſtens dieſes Opfer bringſt!“ „Ich verſpreche es, Mama,“ antwortete Elin Lavina wie ein Stich durch's Herz. céêłl— Sie war alſo von Allen verſtoßen und verlaſſen. La⸗ vina hörte, daß Elin ſich entfernte, und wie die Mut⸗ ter die Thüre verſchloß. Dann hörte Lavina deutlich, daß die Muttey weinte. Lavina ſtand auf, ging hin zu der verſchloſſenen Thüre, kniete dort nieder und lehnte ihre brennendheiße Stirne gegen dieſelbe, indem ſie im Uebermaß ihres Schmerzes rief: „Mama, Mama, laß mich hineinkommen;“ aber Sie erhielt keine Antwort, nicht einmal eine Bewegung ſpünte man von drinnen; Alles blieb ſtill. Lavina wußte ſelbſt nicht, wie lange ſie an der Thüre geknieet, als ſie endlich Elin hereintreten und ſagen hörte: Arthur will mit Mama ſprechen.“ Lavina ſtand nun auf und nahm ihren Platz am Tiſch ein, wo ſie einen Brief zu ſchreiben be⸗ gann. Liſa brachte ihr Mittagseſſen; aber Lavina konnte nichts genießen. So verfloß der Tag und es fing an, dunkel zu werden. Lavina hörte die Mutter ihren Hut und Mantel verlangen und ihren Befehl gegen Elin wiederholen, daß dieſe während ihrer Abweſenheit nicht zu Lavina hineingehen dürfe. Alles wurde wieder ſtill. „Will Mamſell Licht haben, bevor ich fortgehe?“ fragte Liſa an der Thüre. Nein, ich brauche nichts,“ antwortete Lavina. Kurz darauf hörte ſie die Stimme von Arnold, welcher im Nebenzimmer heftig ſprach. „Elin, es iſt entſetzlich, ſo beleidigt zu werden; weißt Du, daß man gewagt hat, mir zu ſagen, daß 86 ich jetzt, nachdem meine künftige Schwägerin die Ge⸗ liebte des Oberſten geworden, mit Sicherheit auf Al⸗ hems Pfarrei rechnen könne. Weißt Du, Elin, daß man mir verächtlich den Rücken gekehrt hat, weil man es für ausgemacht hält, daß ich mit an der ſchmählichen Geſchichte betheiligt ſei. Es war niedrig von Lavina, Unſchuldige dergeſtalt mit Schande zu bedecken,“ rief Arnold und Lavina hörte ihn mit Heftigkeit auf⸗ und abgehen. „O mein Gott! Arnold, was ſie uns unglücl⸗ lich gemacht hat,“ ſchluchzte Elin. „Du findeſt doch, daß ich nach dieſem Alhom nicht kann haben wollen, und daß ich ſofort vom Stift fortzukommen ſuchen muß, und Gott allein weiß, wann ich im Stande ſein werde, zu heirathen.“ „Vielleicht ſollten wir uns jetzt trennen, Arnold, da ſolche erniedrigende Geſchichten von uns im Umlauf ſind,“ ſagte Elin mit von Schluchzen unterbrochener Stimme. „Nein, Elin, das kannſt Du nicht von mir glauben; aber verzeihe meiner Mutter, falls ſie Dir etwas Derartiges ſagt, und ſei verſichert, daß ich Dir ewig treu bleibe. Aber, entweder Lavina, oder Du muß von hier fort; denn Du, Elin, darfſt nicht mit ihr zuſammenleben. Es iſt zu viel, ſich denken zu müſſen, daß die Leute von mir ſagen, ich hätte mir Alhems Pfarrei durch den Leichtſinn meiner Schwä⸗ gerin verſchaffen wollen, und daß ich meinen Prieſter⸗ rock zum Deckmantel für ihre Schande hergeliehen hätte; das iſt zu viel!“ 3 Mehr hörte Lavina nicht; ſie wiederholte: es 87 iſt zu viel! und ſtand auf. Dann nahm ſie den Brief, den ſie vorher geſchrieben, hüllte einen Shawl um die Schulter und ſchlich ſich hinaus durch die Küche. Im Thorweg angekommen lenkte ſie ihre Schritte hinaus auf die Straße und nach dem Hauſe des Ober⸗ ſten. Mit feſten Tritten ging Lavina die Treppe hinauf und öffnete die Thüre zur Hausflur. Ihr Geſicht war ſo bleich, und der Blick hatte einen ſo ſonderbaren Ausdruck, daß der Bediente welcher im Entrée ſaß, ſie erſchrocken anſtarrte. „Iſt der Oberſt zu Hauſe?“ fragte ſie mit un⸗ natürlich ruhiger Stimme. „Ja, ich werde ihn davon benachrichtigen, daß Jemand ihn ſucht....“ „Nein, das iſt nicht nothwendig. Iſt er allein?“ fügte Lavina hinzu und legte die Hand auf den Griff der Thüre, welche zu den Zimmern hineinführte. „Ja, er iſt allein. Mamſell findet ihn im Ca⸗ binet rechts vom Salon,“ ſagte der Bediente und ſchloß die Thüre hinter Lavina. Sie befand ſich in einem großen, von einer ein⸗ zigen Lampe matt erleuchteten Salon und ging, ohne auch nur ein einziges Mal um ſich zu blicken, nach der Thüre rechts. In einem Chaiſe⸗long lag Oberſt Rubens; aber auch ſein Geſicht war bleich und verrieth deutliche Spuren von einer heftigen Gemüthsbewegung. Beim Schalle von Lavina's Tritten blickte er nach der Thüre, ſprang auf und rief, als er ihrer gewahr wurde, mit freudeſtrahlenden Augen: 88 „Lavina! Gott lob;“ als er aber ihr bleiches und entſtelltes Geſicht bemerkte, hielt er inne: „Sie ſagten geſtern, daß ich auf meinen Knieen zu Ihnen, als zu meiner letzten Zuflucht, kommen würde. Sie täuſchten ſich Oberſt Rubens. Ich bin hiehergekommen, aber nicht um mich zu Ihnen zu flüchten, ſondern um von Ihnen, ſo weit es thunlich iſt, Genugthuung zu erlangen. Es iſt Ihnen gelungen, meinen Ruf zu vernichten, und mich zum Abſcheu meiner Verwandten zu machen, kurz, Sie haben mich ſo unglücklich gemacht, als ein Menſch werden kann; aber es iſt Ihnen nicht gelungen mich vor mir ſelbſt. und vor Gott ſündhaft zu machen. Rein und un⸗ ſchuldig werde ich das Leben verlaſſen!“ „Höre auf, Lavina!“ rief der Oberſt, vor dem unglücklichen Mädchen knieend;„glauben Sie mir, wenn ich Ihnen die heilige Verſicherung gebe, daß ich Reue empfinde, daß ich, bevor Sie kamen, mit Raſerei und Abſcheu meine Handlungsweiſe betrachtete, welche weit entſetzlichere Folgen gehabt, als ich berechnete. „Ich liebe Sie jetzt, Lavina, mit einer edlen und warmen Liebe, und werde Alles, was ich verbrochen, wieder gut machen; es hängt von Ihnen ab, Lavina, werden Sie meine Gattin, theilen Sie....“ „Nein, niemals, Herr Oberſt, werde ich Ihre Gattin werden. Mir bleibt nur noch der Tud übrig. Ich werde Sie nie lieben, niemals Ihre ab⸗ ſcheuliche Handlungsweiſe gegen mich vergeſſen, und niemals wird die Erinnerung an das, was ich gelitten, was ich durch Sie verloren, aus meinem Gedächtniſſe ſchwinden. Sie haben mich in einem Tage alt ge⸗ 89 macht, meine Seele hat alle Grade von Qualen und Zweifeln durchgemacht, die frohen Hoffnungen und war⸗ men Gefühle meines Herzens haben Sie getödtet, und ich ſtehe jetzt vor Ihnen, wie ein Schatten von mir ſelbſt. Sie haben weiter nichts für mich zu thun, als dieſen Brief zu nehmen, zu meiner Mutter zu gehen— Lavina's Stimme zitterte— und ihr die ganze Wahrheit zu ſagen, daß ich unſchuldig und rein war, daß ich eher litt und ſtarb, als mich einer erniedrigenden Liebe hinzugeben. Daſſelbe werden Sie — Arthur ſagen; es war mit Anſtrengung, daß Lavina dieſen Namen ausſprach— ſagen ſie ihm, daß mein letzter Seufzer ihm galt und bitten Sie ihn an mich mit Liebe zu denken. Sie werden mir bei Ihrer Ehre ſchwören, daß Sie meinen Wunſch erfüllen.“ „Und wohin wollen Sie, Lavina?“ fragte der Oberſt mit zitternder Stimme. „Nach meiner Heimath, wo Wahrheit und Tugend nicht verkannt werden. Ich bin die unſchul⸗ dige Urſache zu all der Verzweiflung, der Schande und des Elends geweſen, welches meine Verwandten getroffen. Es wird mir nie gelingen, ſie oder die Welt zu überzeugen, daß ich vollkommen ſchuldlos bin. Auf meinem Leben wird immer ein Schatten ruhen und darum gehe ich fort von hier. Sie haben dafür geſorgt, daß das Leben keinen Werth mehr hat. Leben Sie wohl! Sie geloben mir ja, meinem billigen Verlangen, meiner letzten Bitte zu entſprechen,“ ſagte Lavina und wandte ſich nach der Thüͤre, um zu gehen. 90 „Nein, bleiben Sie, Lavina, und hören Sie mich an.— Ich ſagte einmal: Wenn ich ein Weib ſehe, welches den Tod der Schande vorzieht; wenn ich ſehe, daß ſie der Tugend und nicht dem Vorurtheil ein großes Opfer bringt, dann werde ich an die erſtere glauben. Sie haben das gethan, und ich muß vor Ihnen als vor einer Martyrerin der Tugend nieder⸗ knieen. Aber Lavina, ihr Tod wird nicht Ihren ge⸗ kränkten Ruf wieder herſtellen; dieſer wird im Ge⸗ gentheil demſelben mehr Glaubwürdigkeit verleihen; man wird ſagen, daß Sie keinen andern Answeg hatten, um der allgemeinen Verachtung zu entgehen, daß nur Ihr Leben Alles wieder gut machen könnte. Werde meine Gattin und man wird in allen dieſen Kleinigkeiten, welche man jetzt auf eine erniedrigende Weiſe anlegt, nur das Vorſpiel zu unſerer Verlobung ſehen, Sie..... „Nein, ich würde vor Gott einen Meineid be⸗ gehen, wenn ich Ihre Gattin würde, ich, welche Sie ſo tief verachte,— nein, das Urtheil der Welt iſt nicht ſo viel werth, daß ich um deſſenwillen mein Leben an der Seite eines Mannes hinſchleppen ſollte, welchen ich mit Abſcheu und Haß betrachten müßte.— Ich opfere mein Leben nicht einer Welt, welche ſo beſinnungslos nach dem Schein urtheilt. Es iſt die Achtung und Liebe meiner Mutter, meiner Schweſter und Arthurs, welche ich wiedergewinnen will, und ich gehe deshalb in eine beſſere Heimath, weil ich weiß, daß mein Leben für ſie eine Laſt iſt 91 und es auch künftig werden wird, weil ich meinen Namen befleckt habe.“ „Lavina, Lavina, ſprechen Sie nicht davon, daß Sie mich ewig verabſcheuen, haſſen und verachten werden,“ flehte der Oberſt und ſchleppte ſich auf den Knieen hin zu Lavina's Füßen. „Ach nein? Sie werden mir einſt verzeihen?“ Lavina ſchüttelte den Kopf und eilte hinaus. Mit einem Sprung war der Oberſt ihr nach, und trug ſie, indem er ſeine Arme um ihren Leib ſchlang, wie⸗ der in das Cabinet hinein. Auf dem Geſicht des Oberſten waren Verzweiflung, Angſt und Liebe zu leſen. „Lavina, hören Sie mich an! Ihr Tod wird für immer Ihrer Mutter ſchaden und den Tadel ge⸗ gen ſie vermehren, denn man wird ſagen, daß ſie, nachdem ſie erſt aus Schwäche mir erlaubt, Sie zu beſuchen, Sie, als die öffentliche Meinung Sie ver⸗ urtheilte, durch eine Strenge ſondergleichen dazu ge⸗ trieben hätte, den Schritt zu thun, den Sie jetzt thun wollen. Um des künftigen Glücks und Anſehens Ihrer Mutter und Ihrer Schweſter willen bleibt nur Eines übrig: daß Sie meine Gattin werden. Wenden Sie ſich nicht mit Abſcheu weg; bedenken Sie, daß Sie durch dieſen Schritt mit Einemmale ihren Her⸗ zen Freude, Ruhe und Glück bringen können; während dagegen Ihr Tod nur das Gerede vermehren und Ihre unglückliche Mutter mit Kummer, Reue und Verzweiflung erfüllen wird. Lavina! wenn Sie ihnen ein Opfer bringen wollen, ſo bringen Sie ein ſolches, 9² welches ihnen Glück, und nicht eines, welches ihr Elend noch größer macht.“ „Aber Arthur?“ fiel Lavina leiſe ein. Das Geſicht und der ganze Körper des Oberſten zuckten vor Schmerz. „Nun gut, Lavina, wollen Sie um ſeinet⸗ und um Ihrer Liebe willen die Anderen aufopfern, dann ſteht Ihnen der Weg frei und ich werde Sie nicht hindern.— Wollen Sie mit Einemmale Ihre Mutter und Schweſter von allen Leiden befreien, ſo opfern Sie ihn ihnen.“ Der Oberſt ſchwieg. Lavina ſtand an einen Thürpfoſten gelehnt, und ſie konnte es vor ſich ſelbſt nicht leugnen, daß der Oberſt Recht hatte; aber auf der einen Seite ſchau⸗ derte ſie bei dem Gedanken, ihr ganzes Leben mit dieſem Manne zuzubringen, und auf der anderen trat der Schmerz der Mutter und der Schweſter vor ihre Erinnerung. Lavina glaubte noch das Schluchzen ihrer Mutter zu hören. Mit Verzweiflung ſah ſie ein, daß für ihr Glück und Heil dieß der einzige Ausweg ſei. Sie mußte ihrer Mutter dieſes Opfer bringen, und Arthur— Lavina drückte die Hand an'’s Herz, denn ihn mußte ſie opfern. Halb unbewußt ſagte Lavina: „— Meine Mutter, ich bringe Dir das größte Opfer, das ein Sterblicher dem Andern bringen kann; ich bin nur achtzehn Jahre und weihe mich dem Un⸗ glück für's ganze Leben....“ „Ihr Entſchluß, Lavina? ein Wort! und Sie können ſchon heute Abend alle traurige Schatten in 93 Ihrer Heimath und aus den Herzen Derer verſcheu⸗ chen, welche Sie lieben.“ „O, ſo nehme das Opfer, Gott!“ rief Lavina mit Verzweiflung.—„Ich werde Ihre Gattin wer⸗ den, Oberſt Rubens; folgen Sie mir ſofort zu meiner Mutter; denn im nächſten Augenblick wird es mir vielleicht an Kraft fehlen;“ und auf ihrem leichen⸗ blaſſen Geſicht brannte eine fieberhafte Röthe. Mit raſchen Schritten eilte ſie vom Oberſten be⸗ gleitet die Treppen hinunter; einen Augenblick darauf ſtand ſie vor der Thüre der Mutter. Es fehlte La⸗ vina an Kraft, ſie zu öffnen. Der Oberſt riß die Thüre auf und trat mit Lavina in den Saal, wo Frau Pahl, Elin, Arnold, die Propſtin und Arthur verſammelt waren. Man blickte mit Beſtürzung, Ueberraſchung und Zorn die Eintretenden an. La⸗ vina vermochte kein Wort hervorzubringen, ſondern ſtand da mit hoch empor gehobenem Kopf, einem wunderbaren und unerklärlichen Glanz im Blicke und mit flammender Röthe auf ihren Wangen. Sie hielt ihre Augen auf die Mutter gerichtet. „Meine beſte Frau Pahl! ich habe aus Ihrem Briefe und aus verſchiedenen Gerüchten vernommen, daß man meinem Werben um die Hand Lavinas einen unehrenhaften Stempel hat aufdrücken wollen. Ich hatte Lavina ſchriftlich dieſes Anerbieten gemacht, wurde aber zurückgewieſen. Geſtern, als Sie im Theater waren, eilte ich hierher, um es Lavina noch einmal vorzutragen, worauf ſie dann mir ihre Hand verſprach. Ich wollte Sie ſchon dieſen Morgen we⸗ gen dieſer Angelegenheit beſuchen; aber ich wurde 94 durch Ihr Billet daran verhindert. Jetzt, wo ich erfahren habe, daß jede Minute Aufſchub nur die Zahl der ſchlimmen Gerüchte vermehren würde, welche man auszuſtreuen beliebt hat, komme ich, um Sie um Ihre Einwilligung in meine und Lavina's Ver⸗ bindung zu bitten.“ Lavina eilte hin, warf ſich zu den Füßen der Mutter und rief: „Deinen Segen, meine Mutter!“ Frau Pahl, von dieſer Wendung, welche die Sache nahm, auf's Angenehmſte und Freudigſte überraſcht, beugte ſich herab zu ihrer verkannten Tochter, und ſchloß ſie zärtlich und mit Wärme an ihr Herz. Als Lavina wieder aufgeſtanden war, begegnete ſie Arthur's vor⸗ wurfsvollen Blicken und ſah, während die Mutter dem Oberſten mit der Verſicherung ihrer Einwilligung die Hand reichte, unverwandt Arthur an, worauf ſie ihr Geſicht in den Händen verbarg, in ein krampf⸗ haftes Lachen ausbrach und dann beſinnungslos in die Arme des Oberſten fiel. Die Kräfte des armen Kindes waren gebrochen; ſie hatte die letzten vierundzwanzig Stunden zu viel gelitten und ausgeſtanden.—„Eilen Sie nach Doctor Nykopf, ſie ſtirbt!“ rief der Oberſt, und fort ſprangen Arthur und Arnold. Rubens hielt Lavina fortwährend in ſeinen Armen, während er in ſeiner Verzweiflung ſich an⸗ klagte, ſie getödtet zu haben, und rief ſie bei den leidenſchaftlichſten Namen. Und jetzt verlaſſen wir für einige Zeit Lavina, — um Agda und ihren Angelegenheiten unſere Auf⸗ merſamkeit zuzuwenden. An demſelben Abend, an welchem die obenge⸗ nannten Ereigniſſe ſich in dem kleinen gelben Hauſe zutrugen, wollen wir einen Blick in deſſen ſtolzes vis à vis werfen. In einem eleganten Cabinet, welches an Agda's Schlafzimmer grenzte, lag ſie auf einem Sopha, und man merkte an der unnatürlich lebhaften Farbe ihrer Wangen, daß ſie Fieber hatte. An ihrer Seite ſaß Eduard auf einem Stuhl und las aus Bulvers Devereux laut vor. „Weißt Du was, Cduard,“ ſagte Agda mit einer gewiſſen Heftigkeit im Tone,„ich kann nicht eine ſolche ruhige und immer vernünftige Liebe, wie die des Devereux, leiden; ich ſtelle Aubreys ſtrafbare aber tiefe und leidenſchaftlichen Gefühle für Iſora weit höher.“ „Das kommt daher, geliebte Agda, daß Du, wie alle lebhafte Menſchen, gewohnt biſt, Dich rückhaltlos Deinen Eindrücken hinzugeben, und deßhalb nicht be⸗ greifen kannſt, daß es Andere gibt, die ihre Empfin⸗ dungen den neugierigen Blicken Anderer nicht Preis geben wollen, ſondern oft unter einem ruhigen kalten Aeußeren einem Vulkan von glühenden Leidenſchaften 96 verbergen. Aubrey war ja auf ſeine Weiſe ein ſolcher Menſch, weil er ſeine Liebe maskirte.“ „Aber ſie verleitete ihn zu Verbrechen, ſie be⸗ herrſchte ihn ganz und gar. Was kann feſſelnder und doch entſetzlicher ſein, als ſeine Beſchreibung von ſeinem Eintreten in Iſora's Brautgemach. Man bebt und ſchaudert; aber man wünſcht doch der Ge⸗ genſtand einer ſolchen Leidenſchaft zu ſein. O, wer in der Wirklichkeit ſo geliebt würde!“— „Und Du wollteſt, daß meine Liebe zu Dir mich zu Verbrechen verleitete?“ „Ja, Eduard, ich wollte, daß Du mich ſo hoch liebteſt.“ „Agda, wenn Du wüßteſt, in welchem grauſa⸗ men Irrthum Du Dich dann befinden würdeſt; denn eine wirklich tieee und wahre Liebe veredelt uns, während dagegen der Sinnenrauſch und die Leiden⸗ ſchaft zu Laſtern führen, welche die Hingebung der rechten Liebe ſchwächen und endlich vernichten, ſowie ſie auch nur Schande und Unglück mit ſich bringen. Wenn wir mit einer reinen und heiligen Liebe lieben, ſtreben wir darnach, daß der Gegenſtand unſerer Zärt⸗ lichtet unſere Handlungen billigt und bewundert. Die wahre Liebe verſcheucht alle verbrecheriſche Ge⸗ danken, alle niedrige Neigungen von uns und wir denken in der Tiefe unſerer Seele, daß wir uns immer vor den Augen unſerer Geliebten befinden, ſo daß wir die Unreinheit der Gedanken und die böſen Gewohnheiten, welche gewöhnlich zu Verbrechen führen, davon fern halten. Eine Liebe, welche uns ſchlechter macht und uns auf die Bahn des Laſters —6— 97 und des Verbrechens führt, iſt gewöhnlich nichts an⸗ ders, als unſer thieriſches Gefühl, das ohne irgend ein edles Ziel übermäßig geſteigert iſt und uns be⸗ herrſcht.“ „Aber wie kalt, wie farblos iſt nicht die ſoge⸗ nannte edlere Liebe, welche immer von unſerer Ver⸗ nunft geleitet wird. Wie viel ſprechender iſt Othello's Eiferſucht,“ bemerkte Agda mit einem Seufzer. „Einen unbeweglichen und rächenden Othello kannſt Du bei Jedem heraufbeſchwören, welcher mit ſeinem ganzen Herzen liebt. Die Eiferſucht würde, glaube mir das, bei einem Manne mit einem ruhigen Aeu⸗ ßern und glühenden Herzen in ihren Folgen weit gefährlicher ſein, als bei dem übereilten. Aber wir wollen, geliebte Agda, dieſes Thema ver laſſen, denn ich merke, daß Dein Fieber ſchlimme— wird.“ „— Antworte mir nur auf Eines: iſt wohl Dein ruhiges Herz eines heftigen eiferſüchtigen Ge⸗ fühles fähig?“ „Agda, mögeſt Du niemals erfahren, weſſen ich fähig wäre, falls ich einmal finden würde, daß ich wirklich betrogen ſei?“ Arthur ſtürzte herein und rief: „Fort, fort, Nykopf, Lavina Pahl liegt im Sterben!“ Der Doktor drückte einen Kuß auf Agda's Stirne und eilte mit Arthur fort. In Agda's Kopf bewegten ſich viele und wun⸗ derliche Gedanken. Schwartz, Novellen. VI. 7 3 5 98 „Er kann alſo aus Eiferſucht in Raſerei gera⸗ then, er kann aus ſeinem ruhigen Gleichgewicht her⸗ auskommen; ich las es in ſeinen Augen, als er das Wort„betrogen“ ausſprach. Ich will von ſeiner Hand ſterben wie Desdemona, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß er mich mit Leiden⸗ ſchaft liebt. Welch' herrlicher Augenblick, in dieſen hübſchen dunkelblauen Augen eine heftige Erſchütte⸗ rung der Seele, ein wildes und alles Andere auf⸗ ſchüttelndes Gefühl zu leſen.... So ungefähr tönten die Stimmen in Agda's Innerem, als Annette ſich an der Thüre zeigte und fragte: „Befehlen Mamſell Etwas? ich ſah den Doktor gehen und glaubte, daß ich nöthig ſei.“ „Ja, Du kannſt mir etwas von der Flaſche dort eingeben,“ antwortete Agda. „Gott laſſe Mamſell bis zum Neujahrsball ge⸗ ſund werden.“ „Oh, das iſt mir gleichgültig, ich fühle mich recht glücklich, ungeſtört bei Eduard zu Hauſe bleiben zu dürfen,“ antwortete Agda in ſehr gleichgültigem Tone. „Ach! wie Mamſell Agda ſprechen. Ich denke an den unglücklichen Grafen, welcher ſchon, ſeit Mam⸗ ſell am Tage nach dem Balle krank wurde, mehr einem Schatten als einem Menſchen ähnlich ſieht. Er kommt fünfmal täglich hierher, und fragt, wie es ſtehe, und dieſe Nacht wanderte er die Hälfte der Nacht vor Mamſell's Fenſtern; er liebt Sie wirklich; ſo ſcheint es wenigſtens.“ 99 Annette hielt inne und betrachtete Agda, welche ihr mit gedankenvoller Miene zugehört hatte; aber die Worte drangen Agda in's Herz und machten einen tiefen Eindruck auf ihre Phantaſie. „Gehe, Annette, ich will allein ſein; ich werde läuten, wenn ich Deiner bedarf.“ „Sie hat Recht,“ dachte Agda;„der Graf liebt mich wirklich. Seine Liebe iſt nicht ein ſolches Ver⸗ ſtandesgefühl, das einem Heiligen aber nicht einem Menſchen anſtehen würde. Warum liebe ich ihn nicht?.„Wie viel glücklicher wäre ich nicht dann.— Aber,“ hier nahmen die Gedanken eine andere Rich⸗ tung;„was hindert mich in dem Grafen einen zweiten Aubrey ſehen zu dürfen. Ach! die Liebe Aubrey's bei dem Grafen damit in Verbindung ſetzen zu kön⸗ nen, daß man Othello's Eiferſucht bei Eduard erregte, das wäre ein Leben werth; denn wie es jetzt ſteht, ſterbe ich an der Einförmigkeit des Lebens und erfriere, trotz meiner eigenen glühenden Liebe, bei Eduards Vollkommenheit und Eiskälte.— Ich will verſuchen, dieſe meine beiden Ideale in's Leben zu rufen.“ Es war Neujahrsabend. Agda war jetzt faſt wieder hergeſtellt. Die Familie ſaß im Salon ver⸗ ſammelt. Der Commerzienrath war von ſeinem Aus⸗ flug zurückgekehrt und ſpielte Dame mit einem älteren Herrn. Frau Ljung ſaß im Sopha und ſtrickte. 10⁰ Agda ſaß in einer halb liegenden Stellung in einem Lehnſtuhl; Graf W. hatte neben ihr Platz genommen und neigte ſich gegen den Lehnſtuhl, während er halb⸗ laut mit ihr ſprach. Der Graf hatte, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, ſein ſorgenloſes und heiteres Geſicht düſter und melancholiſch drapirt. Der junge Edelmann, welcher ſein Vermögen und noch etwas mehr verthan, hatte gehofft, durch eine Heirath mit Agda ſeine ſchlechten Verhältniſſe wieder herzuſtellen, als der Doktor ihm die Braut wegſchnappte. Der Graf war aber nicht der Mann, der ſich deshalb zurückzog; nein, er be⸗ lagerte im Gegentheil jetzt Agda, indem er die Rolle eines unglücklichen, aber treuen Liebhabers ſpielte und hoffte auf dieſe Weiſe den verhaßten Doktor aus dem Felde ſchlagen und Agda's Herz ſich zuwenden zu können. Hierin ſtanden ihm im Stillen Frau Ljung und nach getroffener Uebereinkunft Annette bei. Wir wollen jetzt auf das horchen, was er Agda zuflüſtert. „Nicht wahr, Mamſell Agda, Sie kommen mor⸗ gen auf den Ball?“ „Aber ich verſprach geſtern Eduard, nicht hinzu⸗ gehen.“ „Das geht zu weit. Da die Zeit des Doktors durch die kranke Mamſell Pahl ſo ſehr in Anſpruch genommen iſt, daß er nur auf ganz kurze Zeit ſeine Braut beſuchen kann, ſo darf er ſie wenigſtens nicht überreden, zu Hauſe zu bleiben.“ „Er muß ja ſeiner Pflicht genügen.“ „Gibt es denn ſolche Pflichten, wenn man liebt?„ 101 fragte der Graf und ſchoß einen glühenden Blick grade in Agda's Augen; dann ſetzte er mit wehmüthiger Miene hinzu: „Ol wer ein ſo ruhiges Herz hätte, daß man es immer mit ſeinen Pflichtgefühlen lenken könnte, dann würde man nicht unter ſeinen ſtürmiſchen Ge⸗ fühlen zu leiden haben.“ „Aber ein Mann darf um ſeiner Liebe willen nicht vergeſſen, was er der Menſchlichkeit ſchuldig iſt,“ antwortete Agda etwas matt. „Man ſollte faſt glauben, daß Mamſell Agda nie einen Begriff von Liebe gehabt. Ich würde um — Ihretwillen die ganze Welt vergeſſen. Ich würde mich für das Glück, eine einzige Stunde an des Doktors Stelle kommen zu dürfen, allen Mächten der Hölle verſchreiben; und für die Möglichkeit, Sie beſitzen zu dürfen, würde Hvrr keinem Verbrechen zurückſchrecken;— und doch, doch bin ich dazu ver⸗ urtheilt, zu ſehen, daß Sie einem Anderen gehören . Aber nein, ich werde niemals...... Hier unterbrach der Graf ſich ſelbſt und ſah ebenſo unheilverkündend aus, wie Dahlquiſt in Hamlet. „Das iſt ein zweiter Aubrey,“ dachte Agda und ließ ihre Blicke mit einem gewiſſen Wohlgefallen auf dem Grafen ruhen. Er, welcher ihre Bedeutung nicht mißverſtand, beugte ſich näher zu ihr und blickte das hübſche Mäd⸗ chen mit einem leidenſchaftlichen Ausdruck an, indem er flüſterte: 3 „Agda fährt wohl morgen auf den Ball?“ 10⁰² „Ja,“ antwortete Agda erröthend und wandte den Kopf weg. So ganz und gar war ſie von ihrem Verlangen bethört, einen Ausdruck der Leidenſchaft zu ſehen, daß ſie von dem magiſchen Ton und Blick des Grafen hingeriſſen wurde. Sie betrachtete ſich bereits als Bulvers Iſora, von einer Aubrey's Liebe verfolgt; während ſie ſelbſt ausſchließlich Eduard liebte. „O, verſprechen Sie mir das gewiß!“ flehte der Graf. Statt zu antworten, ſagte Agda zu der Mutter: „Ich habe dem Grafen verſprochen, morgen auf den Ball zu fahren.“ „Ich danke Dir dafür, mein Engel,“ antwortete die Mutter und blickte entzückt Agda und den Gra⸗ fen an. „Aber, Agda, Du haſt mir ja ſchon verſprochen, nicht zu fahren,“ ſagte der Doktor, welcher unbemerkt eingetreten war und hinter Agda's Stuhl ſtand. „Das war geſtern; ich habe Dich ſeitdem nicht geſehen und halte mich, weil Du mich nicht beſucht haſt, für vollkommen geſund. Ich weiß wahrlich nicht, warum ich dem Vergnügen entſagen ſollte, auf den Ball zu fahren....“ „Nun, und dann, ich beſitze doch wohl das Recht mein Verſprechen zu brechen, wenn ich will?“ Eduard ſchwieg und ſein hübſches ruhiges Geſicht verrieth keine einzige Spur von Gemüthsbewegung; er ging fort und trat zu den ſpielenden Herren. „O mein Gott! er ſah ebenſo ruhig aus, wie 103 gewöhnlich,“ dachte Agda, welche ſich auf einen Aus⸗ bruch von Eiferſucht gefaßt gemacht hatte. Agda war jetzt verſtimmt und antwortete dem Grafen ſchnippiſch und kurz, weshalb dieſer ſeinen Hut nahm und ſich entfernte. Agda ſelbſt verließ den Salon und ging hinein in ihr Zimmer. Dort ſaß ſie eine ganze Stunde und hoffte, daß Eduard hineinkommen würde; aber er kam nicht zum Vor⸗ ſchein. Endlich hörte ſie Tritte ſich langſam nähern. „Wie befindeſt Du Dich ſonſt, Agda?“ fragte Eduard, indem er ſich neben ſie ſetzte und ihren Puls fühlte. „Vermuthlich gut, da Du den ganzon Tag Dich nicht um mich bekümmert haſt,“ antwortete Agda mit Bitterkeit. „Ich habe keinen Augenblick frei gehabt, denn ſchon ſeit zwei Uhr dieſe Nacht bin ich an das Bett Deiner Couſine gefeſſelt geweſen. Ihr Leben hat jeden Augenblick in Gefahr geſchwebt. Meine Pflicht verbot mir, ſie zu verlaſſen, bevor ich es thun konnte, ohne ihr Leben auf's Spiel zu ſetzen. Es fällt bisweilen ſchwer, den Beruf eines Arztes zu erfüllen.“ „Oh, für Dich, der Du immer ſo ruhig biſt und ohne Mühe Deine Liebe Deiner Pflicht opferſt, muß es leicht ſein.“ „Ich muß es, Agda, weil ich mein Leben der Menſchheit geweiht habe. Ein Arzt muß zuletzt an ſich denken, wenn er recht und gewiſſenhaft ſeinen ſchönen aber verantwortungsvollen Beruf erfüllen will. Aber laſſen wir das, Du wirſt mich ſchwerlich verſtehen. Mir ſcheint es, als legteſt Du eine herz⸗ 104 loſe Gleichgültigkeit gegen Deine ſterbende Couſine an den Tag, da Du Dir nicht einmal die Mühe gegeben haſt, nach ihrem Zuſtande zu fragen.“ „Ich kenne ſie nicht und kann ſie alſo auch nicht lieben. Uebrigens iſt ſie in guten Händen, da Du ſie ſo ſorgfältig pflegſt,“ antwortete Agda und warf den Kopf zurück. Hätte Agda jetzt einen Blick auf das Geſicht ihres Bräutigams geworfen, dann würde ſie Alles, nur nicht Ruhe darin gefunden haben. „Agda, Du fährſt doch wohl nicht mit dieſem Huſten auf den Ball?“ fragte Eduard mit einer ge⸗ wiſſen Heftigkeit. „Doch, das thue ich.“ „Agda, ich bitte Dich auf's Innigſte, thue es nicht, ich flehe Dich darum, während ich nur nöthig hätte, mich auf Dein Verſprechen zu berufen.“ „Aber ich fahre nun einmal; ich will es und habe es dem Grafen verſprochen,“ antwortete Agda ungeduldig. „Agda!“ Es lag eine Bitte, eine Warnung und eine Drohung in dem Tone, womit Cduard dieſes einzige Wort ausſprach. „Was willſt Du?“ fragte Agda und blickte hinauf zum Bräutigam, deſſen Stirnesjetzt leicht ge⸗ runzelt war. „Iſt es trotz meinen Bitten als Bräutigam und Vorſtellungen als Arzt Dein beſtimmter Entſchluß, auf den Ball zu fahren?“ 105⁵ „Ja, mein unerſchütterlicher Entſchluß,“ antwortete* Agda trotzig. „Gute Nacht, Agda,“ antwortete Eduard und entfernte ſich. Als Agda ihn gehen ſah, war ſie nahe daran, ihr Wort zurückzunehmen und ihn um Verzeihung zu bitten; aber dieſes beſſere Gefühl wurde durch die Worte, welche die Mutter ſo oft wiederholt hatte: „Du verdirbſt ihn mit Deiner Nachgiebigkeit,“ und durch den Gedanken zum Schweigen gebracht, ihn ſchließlich als einen Othello zu erblicken. Am Neujahrstage huſtete Agda viel und der Commerzienrath behauptete, daß ſie zu Hauſe bleiben müßte; aber die Mutter antwortete, daß es mit Agda weit ſchlimmer ausſehe, wenn ſie im Zimmer ſitzen bliebe. Der Doktor hatte im Laufe des Vormittags eiligſt vorgeſprochen, äußerte aber kein Wort von dem Balle. So wurde nichts aus den Scenen, welche Agda erwartet hatte. Der Graf erſchien auch, gra⸗ tulirte zum Neujahr und war, wie immer, zärtlich und verliebt. Der Doktor aß zu Mittag beim Commerzienrath und man plauderte mit einander im Saale, bis die Damen ſich anziehen ſollten. 10⁰6 „Wie ſteht es mit Lavina?“ fragte Agda trotz der Anweſenheit ihrer Mutter. „Sie befindet ſich bisweilen beſſer, bisweilen ſchlechter; irgend eine beſtimmte Hoffnung kann ich noch nicht geben,“ antwortete der Doktor. „Das war eine traurige Verlobung,“ bemerkte der Commerzienrath. „Welche Verlobung?“ fragte Frau Ljung, die ihre Neugierde nicht bezähmen konnte. „Mein Gott, Lavina mit dem Oberſten Rubens, was weiß ich,“ antwortete der Commerzienrath. Arthur ſaß ſchweigend und düſter in einem Lehnſeſſel. „Iſt ſie verlobt mit dem unermeßlich reichen Oberſten,“ ſchrie die Commerzienräthin und erbleichte. Jetzt ſchauderte die würdige Frau bei dem Ge⸗ danken, daß Agda eine einfache Doktorsfrau werden ſollte. Nein, ſie that bei ſich ein Gelübde, daß nichts aus der Sache werden ſollte; Agda müßte Gräfin werden, koſte, es was es wolle. „Ja, meine Alte, ſo hängt es zuſammen, obgleich die Leute der Sache eine andere Färbung geben woll⸗ ten. Ich ſelbſt war auf dem Wege, daſſelbe zu thun, dazu durch einen Brief veranlaßt, welchen der Oberſt mir von Effa gezeigt und der auf eine eingelöſte Pfandverſchreibung Bezug hatte.“ Es war Frau Pahl's Brief an den Oberſten, deſſen ſich der Leſer erinnern dürfte. „Rubens iſt auch ſo verzweifelt verliebt in das ſchöne und ausgezeichnete Mädchen und troſtlos über deſſen Krankheit,“ bemerkte der Doktor. 107 Jetzt ſtand Agda auf, um ſich auf ihr Zimmer zu begeben und Toilette zu machen. „Du gehſt wohl mit auf den Ball,“ ſagte Agda und wandte ſich an Eduard. „Nein, das thue ich gewiß nicht.“ „Und warum?“ „Darum, Agda, weil es meine Ueberzeugung iſt, daß Du nach demſelben krank wirſt, und ich will es nicht auf meinem Gewiſſen haben, an irgend Etwas theilgenommen zu haben, das Dir ſchadet. Da meine Vorſtellungen nichts vermögen, ſo will ich zu dem Böſen meine Mitwirkung nicht leihen.“ „Ah, Du kommſt ſchon nach,“ meinte Agda lächelnd. „Darin irrſt Du Dich grauſam,“ antwortete der Doctor ernſt. „Nun, da muß ſie ſich wohl über den großen Verluſt ſo gut als möglich tröſten,“ fiel die Commer⸗ zienräthin ſcharf ein und ging hinaus, nachdem ſie Agda mit ſich nahm. „Lieber Bruder, ich glaube, Du thäteſt am klüg⸗ ſten, meine Tochter an Bord zu nehmen, denn ſie iſt im Grunde von der Mutter verdorben und wird ein ſchlimmer Fiſch zu ſchuppen werden,“ bemerkte der Commerzienrath. 108 „Meine geliebte Agda,“ ſagte Frau Ljung, als ſie die Thüre hinter ſich und der Tochter geſchloſſen hatte,„jetzt zeigteſt Du einen hübſchen Charakterzug. Ich verſichere Dich, daß es nicht angeht, zu nachgiebig zu ſein, denn dann werden die Männer phlegmatiſch und gleichgültig. Nein, mein Kind, willſt Du, daß Eduard ſich ernſtlich in Dich verlieben ſoll, ſo mußt Du Dich ſelbſt weniger um ihn kümmern und in⸗ differenter gegen ihn ſein.“ Aber wie es nun auch war, Agda fühlte ſich ganz beklommen, während ſie ſich anzog und kam unwillkürlich auf den Gedanken zurück: „Wenn ich, nachdem ich angezogen worden, zu Eduard hineinginge und ſagte: „Siehſt Du, jetzt bin ich fertig zum Balle, aber ich bleibe zu Hauſe; gewiß würde er dann erfreut werden und mich zärtlich an ſeine Bruſt ſchließen.“ Während Annette ſie anzog, wurde der Gedanke zum Entſchluß. Als ſie nun in dem hellblauen Seidenkleid und das Haar mit einer weißen Blume geziert daſtand, warf ſie im Spiegel einen heiteren Blick auf ihr eigenes reizendes Bild und eilte hinaus in den Salon. Aber— derſelbe war leer. Sie läutete. „Wo iſt der Doctor?“ fragte ſie den eintretenden Bedienten. „Er ging mit dem Commerzienrath zu Frau Pahl,“ war die Antwort. „ 3u Lavina,“ jenem hübſchen und ausgezeichneten Mädchen,“ ſagte Agda zu ſich ſelbſt.„Nein, ich fahre 109 auf den Ball,“ fügte ſie hinzu. Und kurz darauf rollte der Wagen mit ihnen von dannen. „Alles geht gut; ol ich werde gerächt werden,“ murmelte Annette, als ſie den Wagen fortfahren ſah. Was der Doctor vorausgeſagt, traf ein; Agda wurde krank, die Mutter weinte und jammerte, ohne daß ſie ſich jedoch ſelbſt deßhalb anklagte. Während dieſer Krankheit war Agda's Betragen gegen Eduard ſo unbeſtändig und launenvoll, daß er, welcher ihr die zärtlichſte Sorgfalt widmete, tief da⸗ runter litt. Nach und nach wurde ſie beſſer; aber je geſunder ſie wurde, deſto wunderlicher wurde ihre Laune, und doch liebte Agda Eduard höher und hef⸗ tiger, als je; aber die Mutter und Annette ſprachen fortwährend von ſeiner Kaltblütigkeit, von ſeinem Mangel an Liebe zu Agda, daß ſie endlich meinte, es liege etwas Ueberlegtes und Berechnendes in ſei⸗ nem Benehmen. Hierzu kam, daß die Mutter ihr weiß machen wollte, Eduards Angelegenheiten befinden ſich in einem ſchlechten Zuſtande. Agda war ein Raub der bitterſten Zweifel, der heftigſten Liebe und des Verlangens, ihre Begriffe 19 einer flammenden Leidenſchaft verwirklicht zu ehen. So verfloß eine Woche nach der andern, und mit ihrer Geneſung ging es langſam. 110 Eduard litt ſeinerſeits tief, weil er Adga von ganzem Herzen liebte. Ihr Benehmen am Neujahrs⸗ tage hatte eine bittere Erinnerung in ſeiner Seele hinterlaſſen. Er konnte ſich nicht verhehlen, daß die Zukunft nicht viel verſprach, weil ſie jetzt ſchon auf eine ſo grauſame Weiſe mit ſeinen Gefühlen und ihren Verſprechen ſpielte. Eduard rechnete indeſſen immer auf die Macht, welche ihre Neigung zu ihm auf ſie ausüben würde, wenn ſie erſt ſeine Frau ſei. Er wollte deshalb ſo viel als möglich ihre Verbindung beſchleunigen; zu ſeiner Beſtürzung ſtieß er aber dabei auf Hinderniſſe bei der Mutter. Agda antwortete: „Wenn der Winter und der Sommer vorüber ſind, werden wir daran denken; und dabei erinnerte ſich Agda mit Angſt der Worte der Mutter, daß Eduards ſchlechte Verhältniſſe ihn zwängen, ihre Ver⸗ bindung zu beſchleunigen.— Agda wurde geſund, aber ohne daß das in ihrem launiſchen Benehmen gegen Eduard und in ihrer offenen Koketterie dem Grafen gegenüber irgend eine Veränderung mit ſich brachte. Vergebens ſuchte Eduard nach der früheren Zärt⸗ lichkeit in Agda's Blick und Benehmen; dieſelbe war verſchwunden und ſie kam ihm immer kälter und kälter vor. Oft entſtand der Gedanke bei ihm: „Vielleicht liebt ſie mich nicht mehr,“ und dabei wurde es dem Doctor ſo eng ums Herz. An einem Abend Anfangs Mai machte die ganze Familie Ljung nebſt dem Doctor und dem Grafen eine Promenade nach einer kleinen Villa, welche der 111 Commerzienrath beſaß und auf welcher man den Som⸗ mer zuzubringen pflegte.. „Willſt Du meinen Arm nehmen, Agda?“ fragte der Doctor und blickte Agda in die Augen. Sie wandte leicht erröthend das Geſicht weg und ant⸗ wortete: „Nein, ich danke; man bleibt dann hinter deranderen Geſellſchaft zurück und der Graf hatte verſprochen, mir eine Anekdote zu erzählen.“ „Du ziehſt alſo den Grafen mir vor?“ „Lieber Eduard, ſei nur nicht kleinlich, ſondern laſſe mich dieſes Stündchen mich nach meinem eige⸗ nen Gefallen amüſiren.“ „Nehme Dich in Acht, Agda, mich zum Spiel⸗ ball Deiner Einfälle zu machen; denn ich bin nicht derjenige, welcher blind den Launen eines Weibes folgt, und ich werde es nie verzeihen, daß ſie mit meinen heiligſten Gefühlen ſpielt,“ antwortete der Doctor ernſt. Agda blickte zu ihm auf und las in ſeinem ru⸗ higen Geſicht die Wahrheit ſeiner Worte. Agda zitterte und nahm ſeinen Arm. Es war Ende Mai;, einige Tage vor Pfingſten. Die Familie des Commerzienraths war auf's Land hinausgezogen. Der Doctor wanderte an einem ſchö⸗ nen Nachmittag hinaus nach dem kleinen Liljedal. 112 „Iſt die Herrſchaft zu Hauſe?“ fragte der Doktor die im Hofe ſtehende Annette. „Nein, der Commerzienrath und die gnädige Frau ſind zu Baron G— auf Engdal gereist.“ „Nun, dann iſt wohl Mamſell zu Hauſe?“ Annette ſchwieg und ſah verlegen aus. „Iſt Agda irgendwo ſonſt hingereist?“ fragte der Doktor und betrachtete Annette mit Verwun⸗ derung. „Nein, das gerade auch nicht; aber....“ „Nun, dann iſt ſie ja zu Hauſe,“ fiel der Doktor ein und näherte ſich dem Wohnhauſe. „Wenn der Herr Doktor eintreten wollen, dann will ich es Mamſell melden,“ bemerkte Annette mit ſcheinbarer Freude und gleichſam erleichtert. Annette's Miene und Benehmen waren ſo ſon⸗ derbar, daß ſie unwillkürlich eine Menge eigenthüm⸗ licher Gedanken im Kopfe des Doktors hervorriefen; er faßte ſie deshalb am Arme und ſagte: „Warum theilteſt Du mir nicht gleich mit, daß Agda im Garten ſei? Ich gehe ſelbſt, um ſie auf⸗ zuſuchen.“ „Nein, guter, beſter Herr Doktor, gehen Sie nicht, ſondern laſſen Sie mich Mamſell davon in Kenntniß ſetzen, daß der Herr Doktor hier iſt, ſonſt wird ſie mir böſe.“ Eduard warf einen ſcharfen und forſchenden Blick auf Annette und ſagte: „Warum willſt Du nicht, daß ich gehen ſoll? Spreche die Wahrheit, hier nützt es nichts, zu lügen; denn ich gehe jedenfalls hin.“ 113 „Werden Sie mir nicht böſe, Herr Doktor,“ antwortete Annette mit der Schürze vor dem Geſicht, und that, als wenn ſie weinte,„ich kann nichts dafür, ich verſichere es heilig....“ „Raſch, ſage, was es iſt!“ ſprach der Doktor in einem ſo heftigen und befehlenden Tone, daß Annette zuſammenfuhr. „Der Graf.... Mehr konnte Annette nicht ſagen, bevor der Doktor mit ein paar Sprüngen im Garten war und einen Augenblick darauf vor dem Pavillon ſtand, von welchem aus Stimmen von Sprechenden ſein Ohr erreichten. 3 „Agda, ſeien Sie verſichert, daß nur eine ſo heftige und brennende Liebe, wie die meinige, mich hat bewegen können, die entſetzlichen Worte auszu⸗ ſprechen, welche mir eben entfielen. O! Sie haben mir ſo oft einen Schimmer von Hoffnung gegeben, daß ich mit Verzweiflung und Raſerei daran denke, daß Sie verlobt ſind; was bleibt mir übrig, denn Sie gehören ja einem Andern?“ So klang die Stimme des Grafen dem Doltor entgegen; er war gerade im Begriff, einzutreten und den Unverſchämten, welcher in ſolcher Weiſe zu Agda ſprach, zu belehren, daß ſie ſeine künftige Gattin ſei, dls Agda's Antwort ihn für einen Augenblick zurück hielt. „Ich gehöre noch Niemandem; denn verlobt iſt nicht verheirathet, und es kann ſich wieder ändern, bevor ich es werde....“ Schwartz, Novellen. VI. 8 114 „Darin haſt Du Recht, Agda!“ rief der Doktor und trat in den Pavillon. Der Graf, welcher ſich jetzt für eine überflüſſige Perſon hielt, zog ſich nach der Thüre zurück, um ſich zu entfernen. Der Doktor ließ ihn paſſiren, ohne ein Wort zu ſagen. Agda's Geſicht war leichenblaß und verrieth eine entſetzliche Angſt. Sie blickte mit Beben auf ihren Bräutigam, welcher ruhig, emporgerichtet und entſetmzlch vor ihr ſtand. Sein Blick drückte eine unbewegliche Strenge aus und ruhte centnerſchwer auf Agda. Sie las in demſelben, daß es für ſie keine Barmherzigkeit gebe, daß ſie ihn unwiederruflich verloren habe und bei dieſem Gedanken ſtürzten ihr die Thränen aus den Augen. „Du mußt wohl weinen, Agda, aus Scham darüber, daß Du Dich ſo erniedrigt haſt, daß Du auf eine ſo elende und niedrige Weiſe den Mann betrogen, der Dir ſein warmes und treues Herz hin⸗ gegeben. Erinnerſt Du Dich, Agda, was ich einſt ſagte: „Mögeſt Du niemals erfahren, weſſen ich fähig bin, falls ich wirklich betrogen würde.“ „O, Du wirſt mich alſo tödten, nicht wahr?“ ſprach Agda, und ein Strahl von Freude durchflog ihre verirrte Seele. Eduard ſollte alſo ein Othello, ſie eine Desdemona werden. „Dich tödten— nein, warum ſollte ich das thun?— Das Weib, welches man aus Eiferſucht tödtet, liebt man noch— aber ich, ich liebe Dich nicht mehr. Da iſt Dein Ring, Du biſt frei.— 115⁵ Als ich die angeführten Worte ausſprach, wohnte Liebe in meinem Herzen; ich wußte nicht, daß man aufhört, diejenige zu lieben, welche man verachtet.“ Eduard zog kalt den Ring von ſeinem Finger und reichte ihn Agda. „Nein, tauſendmal nein, ſo kann es nicht ſein, falls Du mich jemals um meinetwillen geliebt!“ rief Agda und ſprang auf. „So iſt es doch,“ erwiederte Eduard mit ent⸗ ſetzlicher Ruhe. Ein Mann wie ich, mit meinem ernſten Beruf und meinen Grundſätzen hört in dem⸗ ſelben Augenblick auf, zu lieben, wo er entdeckt, daß der Gegenſtand ſeiner Gefühle ſeiner unwürdig ſei. Bei mir iſt die Liebe ein ernſtes Gefühl und nicht ein angenehmer Zeitvertreibp, und das Weib, das meine Achtung verloren hat, kann mein Herz nicht lieben. Lebe darum wohl, Agda, wir ſind für ewig getrennt!“ Damit näherte der Doktor ſich der Thüre. „Du haſt mich niemals geliebt, da Du mich auf eine ſolche Weiſe verlaſſen kannſt!“ rief Agda und ergriff ſeinen Arm, um ihn zurückzuhalten. „Doch, Agda, ich habe Dich ſo hoch, ſo warm, ſo aus meinem ganzen Herzen geliebt, daß ich niemals mehr Jemand werde lieben können.— Mögeſt Du den Triumph mit Dir nehmen, alle meine edleren und wärmeren Gefühle beſeſſen zu haben; daß Du ſie aber mit Füßen getreten. Ich habe Dich ſo glühend und heftig geliebt, daß der Gedanke daran, Dich zu verlieren, mir ſo entſetzlich vorkam, daß ich nicht glaubte, einen ſolchen Augenblick überleben zu können; aber Du ſiehſt, daß ich lebe, Du ſiehſt daraus, 116 daß meine Liebe erloſchen iſt, daß alle zärtlicheren Gefühle meines Herzens ausgeſtorben ſind. Du biſt niemals meiner Liebe werth geweſen, weil Du dieſelbe auf eine ſolche Weiſe haſt erniedrigen können, daß Du einen Andern haſt hoffen laſſen können, wo doch dieſe Hoffnung ein Betrug gegen mich und die Vernichtung all meiner ſchönſten Hoffnungen war. Du warſt derſelben nicht würdig, weil Du durch eine lange und entſetzliche Tortur mich tauſend namenloſe Qualen leiden ließeſt, während Du mir ſelbſt eine Liebe vorlogſt, die Deinem Herzen fremd war; denn wer liebt, handelt nicht wie Du.“ „01 trete mich nicht mit Füßen, verachte und ſchmähe mich, aber zweifle nicht an meiner Liebe. Ich habe Dich geliebt, ich liebe Dich und werde Dich ewig lieben. Du warſt für mich meine ganze Welt: jeder Schlag meines Herzens gehörte Dir; aber meine Liebe war glühend und heftig, mich fror und ich litt wegen Deiner ruhigen Zärtlichkeit; ich dürſtete nach einer Liebe, die eben ſo ſtark war, wie die meinige, und in meiner unruhigen Sehnſucht darnach ſuchte ich dieſelbe beim Grafen, den ich niemals geliebt.— Ach! Eduard, dazu kam, daß ſeine Liebe mir wahrer vorkam, als die Deinige; ich zweifelte daran, daß Du liebteſt. O! ſage, daß Du mir verzeihen willſt, ſage, daß Du Deine arme, irregeleitete Agda nicht verſtoßen willſt.“ So flehte ſie mit gefalteten Händen. „Verzeihen— ja; aber vergeſſen— nein. Ich kann nicht vergeſſen, Agda, daß Du, um das Ver⸗ gnügen zu haben, Deine Thorheit und Deine Phan⸗ ——— 117 taſie zu befriedigen, unſrer Beider Glück auf's Spiel ſetzteſt. Ich kann nicht vergeſſen, daß Du mit meinem Herzen geſpielt und Dich ſelbſt dazu erniedrigt haſt, die Rolle der Treuloſen zu ſpielen. Ich kann es nicht; mein Gefühl iſt zu tief gekränkt worden.“ „Aber Du wirſt es künftig, Du wirſt mich ja nicht verlaſſen!“ flehte Agda ſchluchzend. „Wir müſſen uns trennen,— wir können niemals einander angehören. Was wollteſt Du mit einem Manne, der Dich nicht mehr liebt?— was ſollte ich mit einer Gattin, zu welcher ich niemals würde Vertrauen haben können, ſondern von der ich immer befürchten müßte, daß ſie ihre Eide und Pflichten vergeſſen würde, und von der ich immer müßte er⸗ warten können, daß ſie früher oder ſpäter meinen Namen entehren würde. Nein, Agda, diejenige, welche ſchon vor der Ehe und obgleich ſie liebt, ſich Liebes⸗ ſcenen mit andern Männern aufzuführen erlaubt, von der iſt nichts zu hoffen als Gattin. Deine Phan⸗ taſie würde Dich dann viel weiter führen und Du wäreſt weit ſchwereren Prüfungen ausgeſetzt; denn die Glorie von Jungfräulichkeit, womit Du jetzt umgeben biſt, wäre dann verſchwunden.“ „Nein, Cduard, ich werde die treueſte, reuevollſte Gattin werden, wenn Du mich nur nicht verſtoßeſt.“ „Warum dieſen Auftritt verlängern, Agda. Du haſt wegen des Vergnügens, Deine Rolle mit dem Grafen ſpielen zu können, unſere Verbindung ver⸗ ſchieben können; Du haſt nicht davon wollen ſprechen hören; bedenke dieß und Du wirſt finden, daß zwi⸗ 118 ſchen uns Alles zu Ende ſein muß. Laß uns von einander ſcheiden, und möge Gott über Dich wachen.“ Eduard ging zur Thüre. Mit einem Satz hatte Agda ſich zwiſchen dieſe und ihn geworfen und lag in Thränen gebadet zu ſeinen Füßen. „Habe Gnade, habe Barmherzigkeit mit mir! gehe nicht, laß uns noch einige Zeit verlobt ſein, und ich werde Dir zeigen, wie aufrichtig meine Reue, wie heiß mein Wunſch nach Verſöhnung, wie treu und liebend mein Herz iſt. O Gott, ſei mir gnädig, Eduard, mein Leben hängt von Deiner Antwort ab! Ich kann nicht ohne Dich leben. Wenn Du mich nicht mehr liebſt, ſo laſſe mich aus Menſchlichkeit Deinen Ring behalten, laſſe mich, wie ehedem, Dich jeden Tag ſehen; laſſe mich hoffen. Sei nicht härter als Gott gegen eine reuevolle Sünderin es ſein würde.“ „O, Agda! das, was Du verlangſt, ſteht nicht in meiner Macht, wir müſſen uns für ewig trennen!“ ſprach der Doktor mit Schmerz und riß ſich von ihr los. Sie lag da ohne Bewußtſein von etwas anderem, als von ihrem grenzenloſen Schmerz. Wie lange Agda in dieſem Zuſtande verblieb, wiſſen wir nicht; als aber die Commerzienräthin nach Hauſe kam, fand ſie ſie in derſelben Lage. —,— 119 Am folgenden Morgen ſchrieb Agda nachſtehen⸗ den Brief an den Doktor: „Eduard! Geliebter, mein einzig Geliebter! Du biſt hart, ſehr hart gegen Deine Agda geweſen; aber nicht wahr, Du haſt ihr jetzt verziehen? O! gewiß haſt Du es, denn ich begreife nicht, wie es ſonſt mit mir werden ſollte.— Ohne Dich leben kann ich nicht;— ſterben, außer an Deinem Herzen, kann ich auch nicht; was ſoll denn aus mir werden? Wie eine Geächtete werde ich auf der Erde umherirren und werde mich jeden Morgen nach Deiner Schwelle ſchleppen, um auf den Knieen um Deine Liebe und Deine Verzeihung zu bitten. Und ſollteſt Du fort⸗ fahren, mich zu verſtoßen, ſo wirſt Du mich eines Tages, die Hände zu einem ſtummen Gebet gefaltet, dort todt finden, und dann wirſt Du die arme Agda in Deine Arme nehmen und einen Kuß der Verſöh⸗ nung auf ihre Stirne drücken, und ſie darauf in ein Grab betten, zu welchem Du bisweilen hingehen wirſt, und eine Thräne des Mitleids auf den Staub der Verirrten fallen laſſen. Ach, Eduard! ich will meinen Fehler nicht entſchuldigen, aber wenn Du in Milde an mich dächteſt, ſo würdeſt Du gewiß Manches fin⸗ den, was denſelben geringer macht. Du haſt Deinen Ring zurückgegeben— ich werde nie im Leben mich von dem meinigen trennen. Ich verbleibe bis in den Tod Deine Braut, welche jeden Tag ſitzen wird und Deine Rückkunft erwarten— bis Du zurückkehrſt, um die arme, bleiche Braut zu tröſten. „Eduard, was Du auch thuſt, ſo gewähre mir eine Stunde Unterredung heute; auf meinen Knieen 120 flehe ich Dich darum; bei dem Andenken an Deine Mutter beſchwöre ich Dich, die Erfüllung dieſes letzten Wunſches meines gebrochenen Herzens nicht zu ver⸗ weigern. Im Tode und ewig Deine Agda.“ Mit Fieberangſt wartete Agda auf die Rückkunft des Boten. Derſelbe brachte den Brief unerbrochen zurück. Der Doktor war in der Nacht abgereiſt. Agda glaubte faſt den Verſtand zu verlieren, ſo verzweifelt wurde ſie; aber ſie behielt das volle Bewußtſein ihres Schmerzens und ihres Unglücks. In der kleinen Stadt war jetzt das Gerücht im Umlauf, der Doktor hätte Agda mit dem Grafen überraſcht und in ſeinem gerechten Zorn dem Ver⸗ hältniß mit ihr ein Ende gemacht, ſowie Urlaub zu einer Reiſe in's Ausland genommen. Außerdem ſprach man davon, daß der Commerzienrath den Grafen hätte zwingen wollen, ſich mit der Tochter zu verheirathen, daß aber der Graf ſie nicht hätte haben wollen, nachdem er ſie verführt. Alle dieſe Gerüchte hatte Annette in ihrem Haß in Umlauf geſetzt, und der Graf, welcher von Agda einen Korb erhalten, unterließ nicht, durch Mienen und halbe Worte denſelben Vorſchub und Glaub⸗ würdigkeit zu verleihen, 121 Die Commerzienräthin fand zu ihrer großen Verzweiflung, daß ſie unter den ſchadenfrohen Frauen in X. weniger gut aufgenommen wurde, welche nicht unterließen, die eitle Frau ihrerſeits die Schwere ihrer Bosheit empfinden zu laſſen. Sie hatte ſich immer ſo ſtolz auf ihre Tochter und auf ihren Reichthum gezeigt, daß man mit wildem Entzücken die Gelegen⸗ heit ergriff, ihr zu zeigen, daß der Fehltritt der Tochter ſeinen Grund in der ſchlechten Erziehung der Mutter habe. Man überging ſie bei gewiſſen Einla⸗ dungen ganz und gar, und wenn ſie gegenwärtig war, unterließ man nicht, ſie durch ein abſichtliches Mitleid fühlen zu laſſen, daß der Ruf der Tochter unrettbar zu Grunde gerichtet ſei. So ſtanden die Sachen, als der Herbſt ſich näherte. .Agda's Trauer war ſtumm, man konnte aber dieſelbe aus den bleichen Wangen, eingefallenen Augen und aus dem einſamen Leben ſchließen, welches ſie führte. Sie brachte die Zeit ununterbrochen auf ihrem Zimmer eingeſchloſſen zu, und ſah die Eltern nur bei den Mahlzeiten. Der Vater war herzlicher geworden und näherte ſich der Tochter mehr als früher. Die Mutter dagegen war, bereits ſeit Agda dem Grafen einen Korb gegeben, kalt und bitter gegen ſie geworden; denn ſie ſah in Agda die Urheberin all der Demüthigungen, welche ihr widerfuhren. Agda ſelbſt, unter der Laſt ihres Kummers ganz und gar niedergedrückt, war ſtill, ſchweigſam und unterwürfig gegen ihre Umgebung. Nur wenn ſie 12² allein war, ließ ſie ihren Gefühlen freien Lauf und dann machte ſie ſich in der heftigſten Verzweiflung und in den bitterſten Selbſtanklagen Luft. Anfangs September führen wir wieder den Le⸗ ſer in Frau Pahl's Wohnung ein. Lavina, welche während zwei Monate unaufhör⸗ lich zwiſchen Leben und Tod geſchwebt, hatte den gan⸗ zen Sommer nöthig gehabt, um zu geneſen, und wir finden ſie Anfangs September vollkommen wieder hergeſtellt, obgleich noch ſehr ſchwach und matt.. Im innern Zimmer ſaß Lavina an einem hüb⸗ ſchen ſonnenhellen Septembervormittag halbliegend auf einem Ruheſopha, das der Oberſt hatte hinbringen laſſen. 8 Obgleich ihre Wangen weiß wie Schnee waren, und ein feiner blauer Ring ihre hübſchen ſeelenvollen Augen umgaben, ſo war Lavina doch ſchön wie ein Ideal; man blieb unwillkürlich ſtehen, um dieſes melancholiſche und regelmäßige Geſicht zu betrachten; ſie glich in dem luftigen, weißen Morgenanzug einer Erſcheinung aus der Welt der Geiſter, welche hier herunter gekommen war, um noch eine Stunde ir⸗ diſcher Schmerzen und Freuden hinwegzuträumen. Sie ſtützte den Kopf gegen die Sophalehne und das reiche ſchwarze Haar fiel, wie ein Zeichen der Trauer, auf die weiße Tracht der Unſchuld in üppigen Locken 123 herab. Die Hand hatte ſie vor Müdigkeit mit der Arbeit neben ſich auf's Sopha niederlegen laſſen. Sie war in tiefe Gedanken verſunken. Lavina war allein, als die Thüre ſich öffnete und Arthur eintrat. Man bemerkte an Lavina, als ſie ſeiner gewahr wurde, ein leichtes Zittern und einen feinen Farben⸗ wechſel. Es war das Erſtemal ſeit jenem entſetzlichen Abend, wo ſie dem Oberſten ihr Ja gab und mit ihm zur Mutter hereintrat, daß Arthur und Lavina ſich allein mit einander befanden. „Wie befindeſt Du Dich heute, Lavina?“ fragte Arthur mit einem leichten Zittern der Stimme. „Ich danke, ziemlich wohl,“ antwortete Lavina. Es trat eine Pauſe ein. „Du ſuchſt gewiß Mama; ſie iſt in der Küche, ich werde läuten;“ Lavina ſtreckte die Hand nach der Glocke aus. Arthur ergriff dieſelbe und hielt ſie zurück. „Fürchteſt Du Dich, mit mir allein zu ſein?“ Lavina ſchwieg. „Ich begreife, daß Du fürchteſt, er möchte koma⸗ men,“ fügte Arthur hinzu. Lavina neigte bejahend ihren Kopf. „Ich werde gleich gehen; aber vorher habe ich eine Bitte an Dich, und Du wirſt mir dieſelbe ge⸗ währen; iſt es nicht ſo?“ fragte Arthur mit weicher Stimme. „Wenn ich kann, Arthur.“ „Ich reiſe morgen nach Upſala, um meine Stu⸗ dien zu vollenden und zu promoviren; dann kehre 124 ich nicht hierher zurück, ſondern reiſe nach Stockholm. Ich ſage dieſes, um Dir zu zeigen, daß mein Ver⸗ langen Deine neuen Pflichten nicht verletzen kann.— Lavina, ich wünſche, ich flehe Dich darum, daß Du mir eine Erklärung der— der Beweggründe Deiner Handlungsweiſe giebſt, denn es hat während Deiner Krankheit Augenblicke gegeben, wo ich an mei⸗ nen eigenen Augen und an dem, was ich jenen un⸗ glücklichen Abend ſah und hörte, zweifelte. Lavina, laß mich die Wahrheit erfahren, denn es iſt entſetzlich, mit dem Gedanken an Dich den Gedanken an Falſch⸗ heit und Betrug zu verbinden.— Nein, gewiß habe ich mich geirrt, Lavina, dieſe meine Bitte enthält nichts, was ihn verletzen könnte— und ich beſitze vielleicht das Recht, es überhoben zu werden, in dieſem Chaos von Zweifeln an der Reinheit Deiner Seele, welche mich jetzt plagen, zu leben. Es iſt ja das Einzige, was ich verlange von— von— der Freundin mei⸗ ner Kindheit und meiner Jugend, zur Erinnerung an die entflohenen frohen Tage auf meiner Pilgerfahrt durch's Leben.“ 4 „Und ich verſpreche es, Dir dieſe Erklärung zu geben; aber jetzt nicht,— nicht während Du noch in X— Dich faufhältſt, ſondern ſie wird Dich in Upſala treffen.“ „Dank, Lavina,“ ſagte Arthur und drückte ihre Hand an ſeine Lippen, ließ aber dieſe ſofort wieder los, als ſein Blick auf den ſchlichten Ring fiel, welcher jetzt den Platz einnahm, wo der ſeinige früher geſeſ⸗ ſen. Möge Gott über Dich wachen und Dich be⸗ 125 8 9— ſchützen!— und mögeſt Du ſo glücklich werden, wie ich es wünſche,“ flüſterte Arthur mit erſtickter Stimme. „Dank, Dank,“ antwortete Lavina; mehr ver⸗ mochte ſie nicht. „Ich gehe jetzt zur Tante,“ fügte Arthur hinzu und eilte hinaus. Ein tiefer Seufzer hob Lavina's Bruſt, als ſich die Thüre hinter ihm ſchloß. Mit ihm verſchwanden alle ehemaligen ſo freu⸗ digen Hoffnungen Lavina's. Kurz darauf ſaß der Oberſt an rer Seite. „Willſt Du heute hinausfahren, geliebte Lavina?“ fragte er in zärtlichem Tone. Das Uebermüthige, Verachtungsvolle, Harte und Wilde, welches früher den Geſichtsausdruck des Oberſten bezeichnete, war gänzlich verſchwunden, und an deſſen Stelle ruhte eine tiefe Schwermuth. Wenn er mit Lavina ſprach, oder ſie anblickte, trug jeder Zug den Stempel der grenzenloſeſten Zärtlichkeit an ſich. „Danke, wenn Mama es will,“ antwortete La⸗ vina. Ihr ganzes Weſen und ihr Ton hatte etwas Kaltes. „Arthur war eben hier,“ fügte Lavina nach einer Pauſe hinzu. Der Oberſt fuhr zuſammen. „Traf er Dich allein?“ „Ja, das that er.— Arthur reiſt morgen nach Upſala, er nahm Abſchied.“ Auf dem Geſichte des Oberſten brannte eine heftige Röthe, und ſein Auge ſchoß einen Blick voll Eiferſucht auf Lavina; aber ſie bemerkte es nicht, denn ſie blickte ihn nicht an. S Nach kurzem Schweigen fuhr Lavina fort: 126 „Ich habe mir ſelbſt ein heiliges Verſprechen gegeben, keine Geheimniſſe vor meinem Manne zu haben;— es hat nicht in Liebe, ſondern in der Erfahrung ſeinen Grund, die ich mir dadurch erwor⸗ ben, daß ich aus dem Briefe, den ich einſt von Dir erhielt, ein Geheimniß machte. Hätte ich mich damals direct an meine Mutter gewendet,— dann— ja, gleichviel was. Genug, ich will nicht durch eine falſche Gebeinnißkeiſgerdi noch einmal verkannt werden; da⸗ rum muß ich Dir ſagen, daß Arthur eine Erklärung meiner Handlungsweiſe gegen ihn verlangt hat, und dieſe habe ich ihm verſprochen.“ Es lag ein Schneeduft über jedem Worte Lavina's. Der Oberſt erhob ſich mit Heftigkeit. „Er hat wohl auf den Knieen und im Namen Eurer Liebe ſie gefordert;— er hat Dich wohl auch zum Abſchied an ſein Herz gedrückt?“?— „Wenn er ſich ſoweit vergeſſen hätte, dann hätte ich es Dir geſagt und dann hätte ich ihm auch nicht verſprochen, daß er in Upſala meine Erklärung er⸗ halten ſolle. Wenn ich ein Weib wäre, das einer Schwäche fähig iſt, ſo hätte ich von Allem Dem, was ich Dir jetzt geſagt, nicht geſprochen,“ antwortete La⸗ vina in ruhigem und gleichgültigem Tone. „O, Lavina, Lavina! was ich unglücklich bin!“ rief der Oberſt; dann warf er ſich neben ſie nieder und lehnte ſeine brennende Stirne gegen ihre kalte Hand.„Daß ich,“ fuhr er fort,„nicht einmal ſo viel als Mitleid, geſchweige denn einen Schimmer von Zärtlichkeit bei Dir hervorrufen kann.“ Lavina ſchwieg. 127 „Du mußt mich recht ſehr haſſen, da meine gren⸗ zenloſe Liebe und mein Schmerz Deine Theilnahme nicht erwecken können.“ Eine brennend heiße Thräne fiel aus dem Auge des ſtarken und ſtolzen Mannes auf Lavina's Hand. Es regte ſich in dieſem Augenblick etwas gleich Theil⸗ nahme in Lavina's Herz und ſie antwortete: „Wir müſſen beide auf die Zeit hoffen. Und ich verſpreche Dir, Oskar, meine Erklärung nicht eher an Arthur abzuſenden, bevor Du dieſelbe geleſen.“ Der Oberſt führte Lavina's Hand an ſeine Lippen. „Dank, ewig Dank für dieſe Deine Worte.“ „Noch eine Sache,“ begann Lavina, aber mit ſichtbarer Anſtrengung,„Du fragteſt mich geſtern, auf wann ich unſere Hochzeit feſtſetzen wollte, und ich ver⸗ ſprach Dir meine Antwort auf heute.“ Lavina hielt inne. „Nun gut, Lavina, ich wagte nicht, Dich daran zu erinnern.“ „Aber ich vergeſſe nie, was ich verſprochen.— Virr können ſie ja an demſelben Tage feiern, an wel⸗ chem Eliſa die ihrige hat.“ „Mein Gott, Lavina, das wäre ja ſchon in einem Monat.“ 3 „Ja,“— antworte Lavina mit feſter und ruhi⸗ ger Stimme. „Wie ſoll ich Dir mein Glück und meine Ueber⸗ raſchung ausdrücken können!“ „Es wird ja doch einmal geſchehen, möge es ddeenn bald geſchehen.“ — 128 Bei dieſer Antwort zuckte ein bitterer Schmerz über das Geſicht des Oberſten. Das Eintreten der Frau Pahl unterbrach das Geſpräch. Drei Jahre ſind verfloſſen— drei Jahre hat Doktor Nykopf in fremden Ländern zugebracht, drei Jahre iſt ſein Dienſt von einem Stellvertreter ver⸗ ſehen worden. Drei Jahre hat Agda ihren Fehltritt beweint.— Drei Jahre iſt Lavina verheirathet. Und jetzt, mein lieber Leſer, erwarteſt Du natür⸗ lich, daß wir den Oberſten an einem Schlaganfall ſter⸗ ben, oder auf einem Ritt den Hals brechen laſſen; daß wir dann Lavina ein Jahr lang als Wittwe weinen und endlich nach wohl überſtandenen Müh⸗ ſeligkeiten— Arthur heirathen laſſen. Nicht wahr, ſo haſt Du den Gang der Ereigniſſe berechnet?— Nun gut— wir wollen ſehen, was wir in der Sache thun können. Es war im Anfang des November. Man gab in der Stadt X— eine Vorſtellung von Privaten zu irgend einem wohlthätigen Zweck, und die ſämmtlichen Notabilitäten der Stadt und Umgegend wohnten der⸗ ſelben bei. Dohktor Nykopf, welcher am Abend vorher von ſeinem dreijährigen Aufenthalt im Auslande in der Stadt angekommen war, hatte von ſeinem Stellver⸗ 129 treter, welcher in Dienſtangelegenheiten fortreiſen mußte, ein Billet zu der obengenannten Vorſtellung erhalten. Der Salon war faſt vollſtändig beſetzt, als der Doktor ankam. Man grüßte ihn rechts und links und hieß ihn willkommen in der Heimath. Der Doktor begann mit ſeinem Opernglas die Zuſchauer Revue paſſiren zu laſſen; aber diejenige, welche er ſuchte, mußte er nicht gefunden haben, denn er legte bald wieder ſein Glas weg. Doktor Nykopf's Geſicht war noch gleich ſchön, aber die Züge hatten einen ernſteren, ſtrengeren und bisweilen düſteren Ausdruck. Plötzlich ſpürte er einen leichten Schlag auf die Schulter und eine Stimme ſprach: „Guten Tag, mein Ehrenbruder, willkommen nach Hauſe.“ Dieß veranlaßte den Doktor, ſich umzudrehen und er befand ſich Angeſicht zu Angeſicht mit— Oberſt Rubens. Nach gegenſeitigem Handſchlag und Aus⸗ tauſch von Grüßen, fragte der Oberſt: „Willſt Du meine Frau begrüßen, es wird ihr gewiß ein großes Vergnügen machen, Dich wiederzu⸗ ſehen.“ „Lieber als gern,“ antwortete der Doktor, und die Herren begaben ſich hinauf in die erſte und ein⸗ zige Logenreihe, welche ſich im kleinen Salon befand und gingen hinein in eine Loge im Fond. Dort ſaß eine einzelne Dame, welche der Thüre den Rücken zukehrte; an dem ſchwarzen Haare erkannte der Doktor jedoch ſeine frühere Patientin. Schwartz, Novellen. VI. 9 130 „Lavinchen, hier iſt ein alter Bekannter, der Dich begrüßen will,“ ſagte der Oberſt. Lavina drehte ſich um und reichte mit freudiger Ueberraſchung dem Doctor die Hand. Das Geſicht der Obriſtin war ebenſo ſchön wie ehmals; aber man ſuchte vergebens nach jenem heiteren und lebhaften Ausdruck, welchen es damals hatte, als wir das Erſte⸗ mal im Anfang dieſer Erzählung ihre Bekanntſchaft auf dem Balle in X. machten.— Die friſche Farbe war verſchwunden und eine marmorweiße Bläſſe be⸗ deckte die Wangen. Der Oberſt überredete den Doctor, in ihrer Loge zu bleiben. Man ſprach von allen Bekannten, der Doctor hatte Lavina viel zu fragen, und der Oberſt viel mit⸗ zutheilen. „Nun, lieber Nykopf, Du fragſt nicht mit einem einzigen Wort nach Deiner ehemaligen Braut?“ ſiel der Oberſt ein. „Ich vermuthe, daß ſie verheirathet iſt,“ ant⸗ wortete der Doctor, ohne daß man ſeinem Geſichte irgend eine Bewegung anmerkte. „Nein, den T— auch, ſie iſt noch unverheirathet und von ſehr ſchwacher Geſundheit. Du haſt wohl gehört, daß die Mutter geſtorben iſt?“ „Ich habe es aus den Zeitungen geſehen.“ „Nun, haſt Du von dem Unglück gehört, das vor ein Paar Jahren den Commerzienrath traf und den Tod ſeiner Frau zur Folge hatte.“ „Nein, davon weiß ich gar nichts.“ „Nun, das wirſt Du morgen zu hören bekom⸗ 131 men; willſt Du nicht, bevor Du wieder Dein Amt antrittſt, einige Tage auf Alhem zubringen und morgen dort zu Mittag eſſen?“ „Ich danke für die Einladung; das will ich herzlich gerne. Wohnt die Herrſchaft nicht den Winter über in der Stadt?“ „Nein, Lavina mag lieber auf dem Lande wohnen.“ „Ihr fahrt doch nicht heute Abend hinaus?“ „Gewiß thun wir das,“ antwortete Lavina,„ich befinde mich hier nicht wohl, ſondern ſehne mich immer wieder nach Alhem hinaufzukommen.“ Das Theater iſt zu Ende und jeder geht oder fährt nach Hauſe. Vor dem Hauſe des Oberſten in X. ſtand ein eleganter, wohlpolirter bedeckter Schlitten, in welchem der Oberſt ſeine in einen reichverbrämten Pelz gehüllte Frau hineinhob, Wir wollen der Unterhaltung halber ſie begleiten, und darauf horchen, was ſie in dem mit Fellen und Kiſſen reich verſehenen Fuhrwerk, das mit ihnen fort⸗ eilt, einander zu ſagen haben. „Wenn Du, geliebte Lavina, durch das Reiſen mitten in der kalten Novembernacht, Dich nur nicht er⸗ kälteſt; es wäre klüger geweſen, bis morgen in der Stadt zu bleiben.“ „Das hat keine Gefahr, ich bin ja ſo warm angezogen, und ich finde es ſo langweilig in der Stadt bleiben zu müſſen. Ich befinde mich ſo wohl auf Alhem. Wie glaubſt Du, daß Agda das Zu⸗ ſammentreffen mit dem Doctor aufnehmen wird?“ 13² „Gott weiß es; ich glaube, es wird ihrem kranken Herzen wohl thun, ihn wieder zu ſehen. Und wer weiß, was eine Liebe wie Agda's auszurichten ver⸗ mag.“ „Du haſt Recht; es giebt Menſchen, welche nie⸗ mals vergeſſen und verzeihen können, über welche die heißeſte und treueſte Liebe nichts vermag. Wer weiß das beſſer, als ich,“ bemerkte der Oberſt mit tiefem Schmerz. Lavina ſchwieg. Der Oberſt lehnte ſich zurück in die eine Ecke des Sitzes, Lavina in die andere. Beide verſanken in ein tiefes Schweigen. Nachdem ſie eine Viertelmeile ge⸗ fahren, beugte der Oberſt ſich vorſichtig vor und horchte auf Lavina's leiſen Athemzug. Er glaubte, daß ſie ſchlief. „Sie ſchläft,“ murmelte er,„ol wird es mir nie gelingen, dieſes Herz zu erwärmen, und dieſe Kruſte des Unwillens, die daſſelbe umſchließt, zu ſchmelzen. Werde ich, als Erwiederung auf meine glühende Leidenſchaft, nie etwas Anderes erhalten, als — ein kaltes Pflichtgefühl. Ol das wäre entſetzich.“ Er verſank in tiefe Gedanken. Nach kurzer Zeit führte er ſeinen Arm leiſe hinter Lavinas Rücken, zog ſie vorſichtig an ſich heran und legte ihren Kopf an ſeine Bruſt. Wieder verging einige Zeit. Lavina bewegte ſich. „Wachſt Du?¹ fragte der Oberſt leiſe. „Ja, Oscar.“ War es ein Irrthum; es kam aber dem Oberſten vor, als wenn die Stimme mild und faſt zürtich —u 133 klang; es fehlte derſelben gänzlich der gewöhnliche kalte Ausdruck. „Ich glaubte, Du ſchliefeſt.“ Der Oberſt horchte aufmerkſam auf den Klang der Stimme. „Ich habe gar nicht geſchlafen.“ Es war derſelbe ſanfte Ton. „Und Du ließeſt mich doch Dein Haupt gegen mein Herz legen, und ſaßeſt ſo ſtill?“ „Ich fühlte mich ſo wohl und warm dort. Ich zählte die Schläge deſſelben, während ich eine große und erfreuliche Entdeckung machte,“ flüſterte Lavina. „Lavina!“ Mehr vermochte der Oberſt nicht zu ſagen, aber in dieſem einzigen Wort lag eine ganze Welt von Liebe. „Oscar,“ antwortete Lavlna, und der Oberſt fühlte ihr Geſicht ganz nahe dem ſeinigen;„Oscar ich werde bald Mutter werden.“ Dann drückte ſie einen warmen und herzlichen Kuß auf die Stirne des Mannes. Der Oberſt fühlte mit unausſprechlicher Dankbarkeit und Freude, daß die kalte, pflichtgemäße Lavina der zärtlichen und lie⸗ benden Gattin gewichen war. Seine heiße, treue Liebe hatte geſiegt und ſeine Sünde geſühnt. 134 In dem hübſchen Geſellſchaftszimmer auf Alhem ſaß am folgenden Tage ein ſchlankes Mädchen. Man konnte mit Recht ſagen, daß ſie eher einem Geiſte als einem Weibe ähnlich ſah. In den großen hellbraunen Augen ſchienen die Wehmuth und der Kummer ihren Wohnſitz aufgeſchlagen zu haben, und man ſah deut⸗ lich, daß nur die Thränen es vermocht hatten, dieſes einnehmende Geſicht dergeſtalt zu bleichen und zu ver⸗ zehren, in welchem ein zehrender Schmerz, aber zu gleicher Zeit eine ſtille Hingebung geſchrieben ſtand. Dieſe bleichen Lippen hatten das Lachen verlernt, denn das Leiden hatte alle Freude davon verjagt. Als Lavina eintrat und auf ſie zuging, um ſie herzlich zu umarmen, ſchien ſie aufmerkſam zu leſen. „Guten Morgen, geliebte Agda, wie ſteht es mit Deiner Bruſt?“— „Wie gewöhnlich iſt ſie ſchwer und beklommen,“ antwortete Agda mit matter Stimme;„aber Du ſiehſt ſo fröhlich aus heute, Lavina; Du mußt Dich geſtern gut amüſirt haben.“ „Ja, das thaten wir und danken Gott für das Glück, das er mir beſcheert.“ 8 „Du biſt alſo glücklich?— Ich habe ſonſt immer daran gezweifelt; denn ſo träumte ich mir nicht das Ausſehen einer glücklichen Gattin. Dein kaltes und abgemeſſenes Benehmen hat nichts gemein mit der glühenden Zärtlichkeit Deines Gatten. Ol wie oft habe ich ihn nicht in meinem Herzen bedauert.“ Eine leichte Röthe verbreitete ſich über Lavina's Wangen, als ſie antwortete: „Mag ſein, daß das Verhältniß bisher kein ſol⸗ 13⁵ ches geweſen; jetzt iſt das nicht mehr der Fall, das kann ich Dich verſichern.— Ich liebe meinen Mann von ganzem Herzen!“ „Gott gebe es, denn es liegt etwas ſehr Schmerz⸗ liches darin Andere leiden zu ſehen, wenn man ſelbſt, leidet und nicht zu tröſten vermag.“ „Aber auch für Dich kann noch viel Freude blühen; Du biſt ja nur einundzwanzig Jahre.“ „Ach nein, mein Leben iſt dem Kummer geweiht, für mich giebt es kein Glück. „A gda, erinnerſt Du dich Solons Antwort an Cröſus in Betreff des menſchlichen Glücks. „Daß kein Tag dem andern ähnlich ſei in Beziehung auf Glück oder Unglück, und daß der Menſch lauter Zufälligkeiten unterworfen ſei, ſowie daß Niemand vor ſeinem Tode glücklich oder unglücklich genannt werden könne, denn Alles beruhe darauf, wie man ſein Leben ſchließe.“ „Nun ja, was beweiſt das?— daß ich ſchließ⸗ lich meinen Bruſtleiden unterliegen und ſterben werde, bevor ich ſeine Verzeihung erhalten; aber das iſt wohl eine gerechte Strafe für meine unverzeihliche Sünde.“ Agda neigte ihr Haupt und ſeufzte. „Wenn er aber wieder kommt.“— „O nein, das thut er nicht, ich habe jetzt drei lange Jahre vergebens gewartet und gebelet „Wenn er hier wäre?“ „Lavina!“ rief Agda und ſprang au;.„Laoina, 136 wenn Du mich täuſcheſt, ſo würdeſt Du mir den Tod geben.“ „Ich täuſche Dich nicht, meine gute Agda, er iſt wiedergekommen, er iſt jetzt drinnen bei Oscar, Du wirſt ihn ſehen.“ Agda warf ſich auf die Kniee, hob die Hände gen Himmel und ſagte: „O mein Gott! ich danke Dir!“ Während dieſes im Geſellſchaftszimmer paſſirte, ſaßen der Doctor und der Oberſt in des Erſteren Zimmer und ſprachen. „Du erwähnteſt geſtern eines Unglücks, das den Commerzienrath getroffen,“ begann der Doctor. „Ja, und das ein ſehr fühlbares. Nachdem Du mit oder ohne Grund Agda ſo plötzlich verlaſſen hatteſt, verbreitete ſich eine Menge beleidigender Ge⸗ rüchte von ihr. Man behauptete mit Sicherheit zu wiſſen, daß Du ſie in einem gar zu vertraulichen Verhältniß zu Graf W. überraſcht hätteſt. Er, welcher kurz nach Deiner Abreiſe um Agda's Hand anhielt, aber einen Korb bekam, war elend genug, nicht direkt, aber indirekt jenen Gerüchten Wahrſcheinlichkeit zu geben, ſo daß Agda ein Gegenſtand des allgemeinen Geklatſches wurde, und man zeigte ihrer Mutter ſeine Mißbilligung. Frau Ljung, welche aus Eitelkeit und Stolz Agda geſchmeichelt und ſie verdorben hatte, die 137 aber nie für ſie die wirkliche und ernſte Zärtlichkeit einer Mutter empfunden, betrachtete jetzt die Tochter als die Urheberin all ihrer Demüthigungen; und Agda, die von Kummer und Schmerz niedergedrückt war, beſaß kein einziges Herz, welches ſie mit Zärt⸗ lichkeit tröſtete oder ihre Leiden mit ihr theilte. So verging ein Jahr; Agda lebte ganz von der Welt geſchieden und ſo in ihren Kummer vertieft, daß der Arzt um ihren Verſtand beſorgt war und dem Commerzienrath rieth, den Aufenthaltsort zu ändern. Der Vater, welcher ſelbſt all die Bosheit ſatt hatte, beſchloß, das große Gut L— in der Nähe von Stockholm zu kaufen, welches damals feil war. Er brachte alle ſeine Angelegenheiten in Ordnung und caſſirte den größten Theil ſeines Vermögens ein. Am Tage, nachdem er das Geld in Empfang genommen, brach im Hauſe des Commerzienraths an vier ver⸗ ſchiedenen Stellen Feuer aus, und nur mit Mühe gelang es ihnen, ihr eigenes Leben zu retten. Man nahm als ſicher an, daß Agda's Kammermädchen aus Haß gegen Frau Ljung, von der ſie von ihrer Kindheit an hart behandelt worden war, das Feuer angelegt hätte, weil ſie in der Nacht verſchwand und ſpäter nicht wieder zu finden war. Frau Ljung, welche ſich im bloßen Hemde gerettet hatte, zog ſich eine ſo heftige Erkältung zu, daß ſie einige Tage da⸗ rauf ſtarb. Der Commerzienrath, welcher jetzt ein verhältniß⸗ mäßig unbedeutendes Vermögen beſitzt, wohnt auf ſeinem Gute Ekſjö, wo meine Schwiegermutter ihm Haus hält. Agda, deren Geſundheit durch Kummer N 138 untergraben worden iſt, hat ſich ſeit einem Jahre bei Lavina aufgehalten, weil meine Schwiegermutter es für beſſer für ſie hielt, daß ſie durch den Umgang mit Lavina, welche in gleichem Alter mit ihr iſt, eine Freundin und womöglich eine Tröſterin erhielte. Armes Kind, ſie hat das, was ſie gegen Dich verſündigt, theuer entgelten müſſen. Ich habe mich oft gefragt, ob irgend eine Sünde groß genug ſei, um eine ſolche Strafe zu verdienen, daß man unaufhörlich von allen Qualen einer hoffnungsloſen Liebe verzehrt wird und dazu noch ſich ſelbſt den Vorwurf machen muß, ſich aller Gegenliebe unwürdig gemacht zu haben.“ Der Oberſt dachte an ſich ſelbſt und an die drei Jahre, welche er auf dieſe Weiſe zugebracht. Der Doctor ſaß ſtumm und aufgeregt da. Sein Herz ſprach laut und beſtimmt zu Agda's Vortheil; aber noch kämpfte ſein verletzter Stolz dagegen an. Endlich bemerkte er: „Aber Adga hat mich tief verletzt.“ „Jetzt ſprichſt Du wie ein großer Egoiſt. Haſt Du Dich nicht auf eine entſetzliche Weiſe gerächt, als Du ihren Namen der Verleumdung preisgabeſt, ihr Leben dem Kummer weihteſt und dadurch ihre Ge⸗ ſundheit untergrubſt. Und doch liebt ſie Dich ſo warm und treu, und trägt ihr Schickſal mit ſo viel Ergebung, daß ich Dich oft einer barbariſchen Härte angeklagt. Man kann ſagen, daß ihre Liebe ihre Seele veredelt und gereinigt hat; denn Du wirſt ver⸗ gebens nach den Launen und Fehlern ſuchen, welche früher Agda eigen waren. Sie hat nur einen Ge⸗ —————— — —,— 139 danken, den nämlich, vor ihrem Tode von Dir Ver⸗ zeihung zu erhalten.“ Der Doctor war erſchüttert; er hätte ſich zu Agda's Füßen werfen und ſie bitten mögen, ihm ſeine Strenge zu verzeihen. In demſelben Augenblick mel⸗ dete der Bediente, daß der Tiſch gedeckt ſei. Als der Doctor in den Saal eintrat, ſtand Agda und lehnte ſich gegen den Kamin. Eduard ſtutze über die Veränderung, welche mit ihr vorgegangen war. Sie richtete ihren Blick auf ihn mit einem ſo bittenden und liebevollen Ausdruck, daß der Doctor Alles in der Welt darum gegeben hätte, ſie jetzt in ſein Herz ſchließen zu dürfen; aber der Speiſeſaal war voll von Leuten, und Eduard mußte ſich damit begnügen, mit einem langen und warmen Blick den ihrigen zu erwiedern. Der Commerzienrath, Frau Pahl, Elin und ihr Mann waren zu Tiſch geladen. „Willkommen wieder bei uns, Bruder Nykopf,“ grüßte der Commerzienrath den eintretenden Doctor. Während des Mittageſſens unterhielt man ſich allge⸗ mein; und der Doctor und Agda waren ſtill. „Ich ſoll von Arthur grüßen,“ begann der Commerzienrath. Bei dieſen Worten flog ein Blick des Oberſten 140 hinüber nach Lavina; welche mit einem herzlichen und warmen Blick die Fragen deſſelben erwiederte. „Wie befindet er ſich?“ fragte der Doctor. „Gut, Bruder Nykopf weiß vielleicht nicht, daß er ſich ganz und gar der Naturforſchung gewidmet und mit dem letzten Dampfboot, welches dieſes Jahr nach Lübeck geht, in's Ausland reist. Siehe hier, womit er ſeinen Brief ſchließt.“ Der Commerzienrath zog Arthurs Brief hervor und las, während ſeine Suppe ſich abkühlte, Fol⸗ gendes: „Es gab eine Zeit, wo ich von häuslichem Glück und von Seligkeit an der Seite einer Gattin träumte; aber die Zeit iſt lange vorbei und ich danke Gott, daß es ſo iſt; denn als Gatte und Vater wäre meinem Leben ein beſchränkteres Ziel geſteckt worden, und ich hätte mich nicht ausſchließlich und mit meiner ganzen Seele meinen Studien widmen können, ſondern würde an meine Heimath, meine Liebe und meine Familie gebunden mich nur unvoll⸗ kommen denſelben haben hingeben können. Die Hei⸗ math eines Mannes der Viſſeſchaft iſt überall in der Welt und ſeine Familie— die ganze Menſchheit. Nur ſo kann er etwas Großes leiſten.“ „Ihr ſehet hieraus,“ ſagte der Commerzienrath, daß er ſich ob ſeiner Freiheit freut und um keinen Preis in der Welt dieſelbe gegen das Glück, ein Che⸗ mann zu ſein, vertauſchen möchte.“ Der Mittagstiſch war zu Ende, der Kaffee ein⸗ genommen und man plauderte von den Tagesereig⸗ niſſen. Der Doctor näherte ſich Adga. —— 141 „Adga, gewähre mir eine Unterredung und folge mir in den kleinen Salon.“ Ohne ein Wort zu ſagen, ſtand Adga auf und begleitete ihn in den kleinen Salon. Als ſie allein waren, ergriff Adga mit Blitzes⸗ ſchnelle und bevor der Doctor ein Wort ſagen konnte, ſeine Hand, führte ſie an ihre Lippen und flüſterte: „Verzeihe, verzeihe, was ich verbrochen.“ Eduard, der ruhige Eduard, warf ſich zu Agda's Füßen und rief: „Nein, geliebte, immer und ewig geliebte Agda, ich bin es, der Dich um Verzeihung bitten muß. O! ſage, daß Du mir meine grauſame Strenge ver⸗ zeiheſt; ſage, daß Du noch einmal Dein Glück meinen Händen anvertrauen, daß Du wieder mir gehören willſt!“ „Nicht ſo, Eduard. Deine Braut bin ich und bin es immer geweſen; Dein Ring wird mir in den Tod folgen und ich habe nur mein Leben in der Erwartung Deiner Verzeihung dahingeſchleppt; denn ich konnte nicht ſterben, wenn ich nicht an Deinem Herzen ſterben und Deine Verzeihung mit in's Grab nehmen durfte; aber jetzt, geliebter Eduard, bin ich bereit, mich nach unſerer zweiten Heimath zu be⸗ geben.“ „Nein, Agda, Du wirſt nicht ſterben, Du wirſt leben, um meine Gattin zu werden, um aus meiner heißen, heilenden Liebe neues Leben zu ſchöpfen, und Alles, was Du gelitten, zu vergeſſen. O, Agda! Du wirſt mich nicht verſtoßen können.“ 142 „Ach nein, das kann ich nicht— möge ich als Deine Gattin ſterben,“ flüſterte Agda. „Die Meinige!“ flüſterte Eduard und ſchloß ſie an ſein Herz. Eine Stunde darauf zeigte er ſich mit Agda bei den Uebrigen und ſtellte ſie als ſeine Braut vor. Man ſtirbt nicht aus Kummer; noch weniger aus Seligkeit— auch Agda lebte und blühte wieder auf an der Seite des Mannes, den ſie geliebt, und der in ihr ſtets eine zärtliche und ergebene Gattin wiederfand. Die Leiden hatten Agda's gute Eigen⸗ ſchaften wach gerufen, welche durch eine verkehrte Erziehung in der Tiefe ihres Herzens verborgen ge⸗ legen. Und jetzt lebe wohl, mein werther Leſer; mögeſt Du nicht zu ſtreng die Irrthümer und Fehler beur⸗ theilen, welche den Menſchen ankleben;— wir ſind Alle mehr oder weniger damit behaftet. d Die Heimath im Gebirge. Irgendwo an der Grenze von Schweden und Norwegen liegt, gleichviel wo, die Fabrik Fjellbro. Esiſt an irgend einem beliebigen Fluſſe belegen, welcher vom Berge herabſtürzte. Am Rande dieſer Quelle der Emſigkeit waren Hammerſchmieden, Hoch⸗ öfen, Schmieden u. ſ. w. aufgeführt. Die wolkenhohen Berge erhoben ſich wie rieſenhafte Wächter rings um die kleine Fabrikkolonie. S 1 Fjelbro gehörte zur Zeit unſerer Erzählung Ba⸗ ron Hjelmklinga, einem freigebigen und üppigen Edel⸗ mann, deſſen beſter Reichthum in einer milden, ver⸗ ſtändigen und liebenswürdigen Frau beſtand. Der Sohn Gerhard war das einzige Kind der beiden Gatten. An einem Frühlingsabend(in welchem Jahre, gehört nicht hierher) kehrte die Freiherrin mit ihrem kleinen Sohne von einer Promenade zurück, als ſie in der Fabrikſtraße von einem Weib aus Dalekarlien, welches auf dem Rücken einen Sack trug und von uina Mädchen von fünf oder ſechs Jahren begleitet wurde. 144 „Kaufen Sie mir einige Häringe ab,“ bat die Bäuerin,„und geben Sie mir und dem Kinde ein wenig zu eſſen. Wir ſind weit, ſehr weit gegangen.“ Die Angeredete drehte den Kopf um und be⸗ trachtete die Dalekarlierin. Etwas im Tone ihrer Stimme deutete mehr als die Worte an, daß ſie Hülfe bedürftig ſei. Die Freiherrin blieb beim Anblick des Geſichts, das ſie vor ſich ſah, überraſcht ſtehen. Es war ganz jung und beſaß eine merkwürdige Regel⸗ mäßigkeit, obgleich es das Gepräge der Müdigkeit und des Schmerzes an ſich trug. „Du biſt einen weiten Weg gewandert, armes Kind,“ ſagte die Freiherrin;„Du ſiehſt müde aus.“ „Oh ja, freilich bin ich immer müde,“ antwor⸗ tete die Bäuerin mit einem traurigen Lächeln,„aber noch habe ich wieder viel zu wandern; doch wird es ſchon gehen, wenn Du nur mich und das⸗Mädchen ausruhen laſſen und ein wenig zu eſſen geben willſt. Mit Gottes Hülfe werden wir dann ſchon dahin kom⸗ men, wohin wir ſollen.“ „Begleite mich, ſo werdet Du und das Kind erhalten, was Ihr nöthig habt.“ Die Freiherrin ſetzte ihren Weg nach dem gro⸗ ßen und ſtattlichen Herrenhauſe fort. „Wohin willſt Du?“ fragte ſie die Bäuerin, welche ihr mit müden Schritten folgte. „Nach Norwegen,“ lautete die Antwort. „Was willſt Du dort thun?“ „Ach, ich will meines Herzens Geliebten, den Vater des Kindes, ausfindig machen.“ „Du biſt alſo nicht verheirathet?“ A 145 „Nein.“ Das Geſicht der Dalekarlierin bedeckte ſich mit einer dunkeln Röthe. Die Freiherrin ſetzte ſchweigend den Weg fort. Nach einer Pauſe fuhr die Bäuerin fort: „Du darfſt nichts Böſes von mir denken. Ich bin genug geſtraft worden, da ſowohl Vater wie Mutter mich verſtoßen haben. Sie ſind alle beide todt. Ich konnte nichts dafür, daß Jeſper mir ſo lieb war, daß ich Gott und Menſchen vergaß. Jetzt glaube ich beſtimmt, daß er, wenn ich ihn nur wieder finden könnte, ſeine arme Greta zur Frau nehmen und ein guter Vater für Karin werden würde.“ „Hat er Dich verlaſſen?“ fragte die Freiherrin mit Theilnahme. „Oh nein. Er war ein Norweger und Matros auf einem norwegiſchen Fahrzeug, welches in Gefle lag. Ich arbeitete zu jener Zeit dort. Den Herbſt mußte er fortſegeln. Seit der Zeit ſind fünf Jahre vergangen. Ich bin herumgewandert und habe ihn ſowohl in Schweden wie in Norwegen geſucht; aber ohne zu finden, was ich ſuchte.“ Sie waren jetzt auf dem freien Platze angelangt, welcher zwiſchen den anderen Gebäuden und dem Herrſchaftshauſe lag. Von der entgegengeſetzten Seite, von welcher ſie kamen, erſchien ein Wanderer mit einem Ranzen. Er ſtützte ſich auf einen Stock. Als er die ſich Nahenden erblickte, blieb er ſtehen und betrachtete ſie. In demſelben Augenblick blickte Greta ihn an. Schwartz, Novellen. VI. 10 146 „Jeſper!“ rief ſie. „Greta!“ antwortete der Wanderer und eilte ihr entgegen. Jeſper war auf der Rückkehr von einer Wande⸗ rung nach Dalekarlien, welche er unternommen hatte, um Greta aufzuſuchen. Nach der Trennung von ihr in Gefle hatte er Schiffbruch gelitten und harte Schick⸗ ſale gehabt. Dieſe hatten ihn mehrere Jahre fern von dem Vaterlande gehalten. So bald er dahin zurückkehren konnte, begab er ſich auf eine Entdeckungs⸗ reiſe nach Greta und war feſt entſchloſſen, die See zu verlaſſen und, ſobald er ſein Mädchen wieder⸗-gefunden, ſich auf dem Lande Arbeit zu ſuchen und ſich dort ein kleines Haus zu bauen. Jeſper war ein Müllerſohn und wollte ſich jetzt dem Berufe des Vaters widmen.— Die Freiherrin Hjelmklinga, welche in Allem ein gutes Weib war, ſorgte dafür, daß Jeſper Gehülfe bei dem alten Fabrikmüller wurde. Nachdem Greta und ihr Jeſper vom Pfarrer zu einem Chepaar vereinigt worden waren, fanden und erhielten ſie zwiſchen den Bergen in der Nähe von der Mühle eine Heimſtätte. Der junge Nor⸗ weger und ſeine ſchwediſche Gattin wurden die beſon⸗ deren Günſtlinge der Beſchützerin. Ein paar Jahre vergingen raſch. Die kleine 147 Karin wuchs in der einfachen und friedlichen Heimath heran und war ein blühendes und hübſches Kind. Die Freiherrin wollte Karin zu ſich nehmen und ſie erziehen; aber dann verneigte Greta ſich und antwortete: „In der Fabrik würde Karin ſich an Eitelkeit und dergleichen gewöhnen, ſie ſoll arbeiten und beten lernen.“ Gerhard, welcher ganze vier Jahre älter als Karin war, hatte vom erſten Augenblick große Sym⸗ pathie für das kleine Mädchen gefaßt. Jeden Abend, wenn der kleine Baron vom Lehrer fortkommen konnte, machte er ſich auf nach den Bergen, und fort ging es an der Hammerſchmiede— an dem Hochofen vor⸗ bei nach dem kleinen Hauſe des Müllers. Karin pflegte dann ſich mit ihm am Rande des Waſſerfalls zu ſetzen, die herunterſtürzenden Waſſermaſſen zu be⸗ trachten und von der Waſſernixe zu ſprechen u. ſ. w. Karin hatte wunderliche Geſchichten zu erzählen, theils ſolche, die der Vater aus ſeinem Seemannsleben mit⸗ getheilt, theils ſolche, die ſie ſelbſt erfunden. Den erſteren lauſchte Gerhard mit blitzenden Augen und glühenden Wangen. Wenn ſie ſchloß, pflegte er immer zu ſagen: „Ja, ſiehſt Du, Karin, wenn ich groß werde, dann will ich auch zur See und in der Welt herum reiſen!“ „Fort von der Heimath zwiſchen den Bergen?“ fragte Karin und ſah ihn verwundert an.„ „Ja; aber ich werde wieder kommen,“ und er ſtreichelte freundlich ſeine kleine Geſpielin,„und dann wirſt Du meine kleine Frau werden.“ 148 Vier Jahre ſchwanden dahin. Greta erzog ihre Tochter zu einem frommen Kinde, welches fleißig ſeinen Katechismus las; die Na⸗ tur hatte an die Tochter der Dalekarlierin und des norwegiſchen Matroſen recht viele Schätze verſchwendet. Sie war hübſch wie der lachende Frühling, munter wie der Wind und träumeriſch wie die Nacht. Es dauerte nicht lange, bevor der Katechismus und die Bibelgeſchichte nicht mehr ihre nach Wiſſen dürſtende Seele befriedigte, und bald war der muntere und flüch⸗ tige Gerhard in Karin's Lehrmeiſter verwandelt. Abends ſah Mutter Greta ſie am Waſſerfall oder auch weiter oben in den Bergen über ein Buch gebückt ſitzen; und ſie wunderte ſich ſehr darüber, wie ſie Geduld haben könnten, ſich dort mit Leſen zu beſchäftigen. Statt in der Nachbarſchaft herumzuſtreifen, oder auf Karins Märchen zu horchen, hatte Gerhard ſich den ganzen letzten Sommer damit beſchäftigt, ſie das zu lehren, was er ſelbſt konnte. Auf den Knieen vor einem Stein liegend zeichnete Karin ihre erſten Buch⸗ ſtaben, nachdem Gerhard ihr dieſelben vorgeſchrieben hatte, und wenn er ſie lobte, klatſchte ſie in die Hände und lachte mit der ganzen Freude eines fröhlichen und glücklichen Kindes. Eines Abends kam Gerhard in ganz verdrieß⸗ licher Stimmung hinauf nach der Heimſtätte zwiſchen den Bergen. Karin ſaß auf dem gewöhnlichen Platze, eine kurze Strecke von dem Wohnhauſe. Sie war jetzt elf, er fünfzehn Jahre alt. „Guten Abend, Karin,“ ſagte Gerhard und warf ſich neben ihr nieder. 149 „Guten Abend,“ erwiederte das kleine Mädchen und blickte zu ihm auf.„Herr Jeſus, wie Du aus⸗ ſiehſt, Gerhard, haſt Du Schelte bekommen?“ „Nein, meine Liebe; es iſt etwas Schlimmeres.“ Gerhard legte ſeinen Kopf auf Karin's Kniee. „Hu, Du erſchreckſt mich recht! Du haſt doch nichts geſehen?“ Karin blickte ſchon nach den Bergen hinauf. „Etwas noch Schlimmeres!“ 4 „Dann biſt Du zuſammengetroffen mit.... 75 Karin ſchauderte zuſammen.. „Auch das nicht.“ Gerhard ergriff Karin's kleine Hände und legte ſie vor ſeine Augen, indem er in einem kläglichen Tone hinzufügte: „Man will mich nach Carlberg ſchicken.“ „Carlberg, was iſt das?“ „Liebe, das iſt ein Ort, wo man lieſt und Prü⸗ gel bekommt.“ Karin hielt ſich nur daran, daß man leſe, und meinte deßhalb, daß Gerhard froh ſein müſſe; als er aber heftig rief: „Karin, ich werde weit von der Heimath, von Dir und von meinen lieben Bergen wegkommen!“ da wurde auch Karin traurig. An jenem Abend war von keinem Leſen die Rede, ſondern die zwei Kinder ſaßen, die Köpfe an einander gelehnt und die Arme umeinander geſchlungen. Das war die erſte traurige Stunde, die ſie erlebten. Man ſagt, daß das Trauern der Kinder flüchtig ſei. Möglich; aber daſſelbe iſt deshalb nicht weniger bitter. 150 Ende Auguſt ſollte Gerhard mit ſeinem Vater nach der Hauptſtadt reiſen. Am Abend vor der Ab⸗ reiſe wanderte Gerhard mit ſchweren Schritten und betrübtem Herzen hinauf zur Heimſtätte in den Ber⸗ gen. Am Rande des Waſſerfalles ſaß Karin und blickte wehmüthig hinab in die Tiefe. „Morgen reiſe ich, Karinchen,“ ſagte Gerhard. Karin antwortete nicht, ſie weinte nur. „Weine nicht,“ bat Gerhard.„Ich komme Weih⸗ nachten wieder nach Hauſe, und dann werde ich viele ſchöne Bücher für Dich mit haben. Wenn ich nachher Offizier werde, dann komme ich und hole meine kleine Braut von den Bergen.“ „Aber was ſoll ich thun, während Du fort biſt? Ich werde am Ende ſterben,“ ſchluchzte Karin. „Nein, Du wirſt in allen dieſen Büchern leſen. Siehe hier, Karin!“ 3 Gerhard hatte mehrere Bücher mitgebracht. Die Thränen wurden getrocknet und während einigen Minuten wurde der Kummer über den Büchern ver⸗ geſſen; bald aber dachte man wieder an die Trennung. „Gerhard, es könnte ſich wohl ereignen, daßs Du nicht wieder nach Hauſe kämeſt, und ſiehe, wie würde es dann mit Karin werden? Ich würde nachher nie mehr hübſche Lieder von der Nixe zu hören bekommen.“ „Karinchen, ich werde wieder kommen und Dei⸗ nem Geſange lauſchen, und wirſt mich treulich erwar⸗ ten; denn, ſiehſt Du, Karin, Du biſt und bleibſt doch immer meine einzige Karin und wirſt nie einen An⸗ deren lieb haben. Iſt es nicht ſo?“ 151 „Nein, niemals!“ „Iſt das ganz gewiß?“ Karin blickte auf in das friſche Geſicht ihres Spielkameraden. „Es iſt gewiß, ganz gewiß,“ verſicherte Gerhard. Weihnachten kam heran, aber nicht Gerhard, ſondern der Tod kam zum Beſuch bei Hjelmklingas. Der finſtere Gaſt entführte den guten Engel der Fabrik, die allgemein geliebte Freiherrin. Die Trauer des Barons war heftig und gewal⸗ tig. Er vermochte nicht an einem Orte zu bleiben, wo ihn ein ſolcher Verluſt getroffen, ſondern reiſte nach der Hauptſtadt, um Linderung in ſeiner Ver⸗ zweiflung zu ſuchen. Vergebens hoffte und wartete die kleine Karin, daß Gerhard wiederkommen würde, wenn die Bäume zu knospen begannen. Aber kein Gerhard erſchien. Der Herrenhof ſtand öde und verlaſſen. Ein Jahr verging; dann kam die Nachricht, daß man den Ba⸗ ron mit ſeiner neuen Freiherrin nach Fjellbro erwar⸗ tete. Der betrübte Ehemann hatte ſich getröſtet. Karin dachte: „Jetzt kommt Gerhard und dann ſoll er erfahren, wie fleißig ich geleſen.“ In die von Sehnſucht verdüſterte Seele des Kin⸗ des warf die Hoffnung ihre heiteren Strahlen; aber 15² auch in jenen Jahren kann unſere Einbildung zum Beſten gehalten werden. Der Frühling kam mit dem Baron und ſeiner jungen Gattin; aber kein Gerhard. Wieder legte ſich ein Schatten über Karin's kind⸗ liches Geſicht. An den Sommerabenden ſaß ſie am Rande des Waſſerfalles mit einem Buch in der Hand und träumte, oder blickte hinab in die Tiefe, während ſie ganz leiſe Worte ſang, die Niemand vorher gehört. So verging ein Jahr. Karin hatte kein Wort von Gerhard gehört. Auf Fjellbro ſelbſt wurde ſein Name höchſt ſelten genannt. Die Freiherrin liebte ihren Stiefſohn nicht. Sie hatte es zur Bedingung gemacht, daß der Junge auswärts erzogen würde; eine Bedingung, auf welche der Ba⸗ ron einging, um die Hand der reichen Wittwe zu erhalten. Die Freiherrin hatte aus ihrer erſten Ehe eine Tochter, Fräulein Addle, welche ihr Abgott war. Da⸗ mit Adèle im Herzen des Stiefvaters keinen Rival bekäme, wurde Gerhard fern gehalten. Im dritten Frühling, nachdem Gerhard Fjellbro verlaſſen, verbreitete ſich die Nachricht, daß der Kron⸗ prinz und die Kronprinzeſſin auf einer Reiſe nach Norwegen Fjellbro paſſiren würden. Die Namen Oskar und Joſephina waren den Herzen des ſchwediſchen Volkes zu theuer, daß ſie nicht beim Klange derſelben vor Freude klopfen ſollten. Die ganze Bevölkerung auf und um Fjellbro herum rüſtete ſich, das hübſche fürſtliche Paar auf ſeiner Reiſe nach dem Bruderreiche zu begrüßen. Die Freiherrin machte große Vorbereitungen. In 153 Blumen gekleidete Ehrenpforten ſollten aufgeführt, Ge⸗ ſänge eingeübt und die hübſcheſten Mädchen der Ge⸗ gend, weiß gekleidet, den Weg des fürſtlichen Paares mit Blumen beſtreuen, während Andere die Lieder ſangen. Reden ſollten gehalten werden ꝛc. Auch in Jeſpers Hauſe rüſtete man ſich, um Oskar und Joſephina zu Geſicht zu bekommen; und das, obgleich die Freiherrin Karin es nicht erlaubt hatte, unter den Mädchen zu ſein, welche, von Adèle angeführt, Blumen ſtreuen ſollten. Die Freiherrin konnte Jeſpers hübſche Tochter nicht leiden, weil ſie eine Schönheit beſaß, die Adelen fehlte. „Willſt Du die Königlichen ſehen?“ fragte Jeſper Karin ein paar Tage vorher und ſtreichelte ihren Kopf. „Ja, ja, mein Vater,“ antwortete ſie und lächelte. „Ich habe ein Lied auf ſie gemacht,“ fügte ſie hinzu. „Laß mich es hören,“ rief der Vater. „Oh nein, Du Lieber, es paßt nicht für Dich.“ Karin ſah ganz geheimnißvoll aus.„Uebrigens mußt Du wiſſen, Vater, daß es noch in meinem Kopfe iſt. Ich kann es nicht ſingen, bevor der Prinz und die Prinzeſſin kommen.“ Jeſper lachte und meinte, es würde wohl nichts aus dem Geſang werden. An demſelben Tage, an welchem die Königlichen kommen ſollten, klagte Greta über Kopfweh. Sie war nicht im Stande, nach der Fabrik zu gehen, ſondern mußte zu Hauſe bleiben und zur Ruhe gehen. Sie hätte wohl„Etwas erwiſcht,“ ſagte ſie, und darum ſei es am beſten, daß ſie zu Hauſe bliebe. Karin hatte ein großes und ſchönes Bouquet von wilden Blumen gebunden, welches ſie in den könig⸗ lichen Wagen werfen ſollte; ſo hatte der Vater es geſagt. Jeſper wollte es ſo einrichten, daß das Mädchen ſie ganz in der Nähe zu ſehen bekäme. Der hochgewachſene Norweger nahm die Tochter, welche ungewöhnlich klein, fein und ſchmächtig war, ganz wie ein vornehmes Kind auf den Arm und drängte ſich bis zu der Stelle vor, wo die eingeübten Sänge⸗ rinnen ihren Platz hatten. Dort wollte er die An⸗ kunft des Prinzen abwarten. Die Freiherrin, welche ihn von ihrem Fenſter erblickte, ſchickte hinunter und ließ ihm ſagen, daß ſie es nicht haben wollte, daß er dort mit dem Kinde über den Anderen emporgehoben ſtände, ſondern wei⸗ ter aus dem Wege zurückginge; aber Jeſper ant⸗ wortete:. „Ich bin hier, um den uns Allen ſo theuren Kronprinz zu ſehen, und vor ihm ſind wir ja nur Unterthanen: darum bleibe ich, wo ich bin. Die Freiherrin konnte ihrem Zorn nicht Luft machen; denn jetzt kam ein reitender Bote und mel⸗ dete, daß die Königlichen im Anzuge wären. Als ſie auf dem freien Platze vor den Fabrik⸗ gebäuden angekommen waren, hielt der Wagen an und die Sängerſchaar ſtimmte ihren Geſang an. Jeſper ſtand ganz nahe und Karin blickte mit Bewunderung auf das ſchöne Paar im Wagen. 3 Während die Kronprinzeſſin den Geſang anhörte, waren ihre Augen auf den Norweger und das Mäd⸗ chen gefallen. Es ſchien, als fände ſie das Kind un⸗ 155 gewöhnlich hübſch. Als der Geſang verſtummte, er⸗ tönte eine klare Kinderſtimme und ſang einige ein⸗ fache kindlich poetiſche hübſche Worte nach einer nor⸗ wegiſchen Melodie. Die königlichen Gatten blickten das Mädchen an und lächelten ihm freundlich zu. Als deſſen Lied zu Ende war, beugte Karin ſich vor, um das Bouquet in den Wagen zu werfen, aber die Kronprinzeſſin ſtreckte die Hand aus, nahm jenes von ihr und ſagte: „Wie iſt Dein Name, mein hübſches Kind?“ „Karin Jeſperstochter,“ antwortete das Mädchen und erröthete vor Freude. „Ich danke Dir für Deinen Geſang und für Deine Blumen,“ fügte die Prinzeſſin hinzu und nickte. Fräulein Adèle und ihr Gefolge ſtreuten jetzt Blumen vor dem Kronprinzen und der Kronprinzeſſin, als ſie an der Herrſchaftswohnung ausſtiegen, um auszuruhen und Erfriſchungen einzunehmen. Jeſper ſtand, wie alle Andern, noch draußen vor dem Hauſe, in der Hoffnung, noch einmal die König⸗ lichen und ihre Bedienung zu ſehen. Ein goldbetreßter Herr näherte ſich dem Müller. Er kam mit dem Befehl von der Kronprinzeſſin, daß Karin ſich bei der Fürſtin einfinden ſollte. Der Kam⸗ merherr nahm ſie bei der Hand und bald ſtand die kleine Tochter aus der Heimſtätte zwiſchen den Bergen vor Schwedens künftiger Königin. 8 Ddie Fürſtin richtete einige Fragen an ſie, welche ſie ganz naiv beantwortete; und auf dieſe Weiſe er⸗ fuhren die Prinzeſſin und alle Anweſenden, daß die Worte in Karin's Lied von ihr ſelber ſeien. Die 156 Prinzeſſin beſchenkte ſie freigebig, gab ihr nebenbei einen Schmuck und verſprach Karin, bei der Rückkehr von Norwegen ihrer zu gedenken. Stolz wie eine Königin kehrte das Mädchen zum Vater zurück, welcher in ſeiner Herzensfreude über die Gnade, die ihr widerfahren, ſie beinahe todtge⸗ drückt hätte. Fröhlich und ohne irgend einen traurigen Ge⸗ danken kehrten Jeſper und Karin nach Hauſe zurück; dort aber begegnete ihnen lauter Trauer. Mit Greta war es ſchlechter geworden und ſie war wirklich krank. CEinige Tage darauf ſtand Jeſper an ihrer Todten⸗ bahre. Während Greta im Begriff war, ihren letzten Seufzer zu thun, trat der Inſpektor der Fabrik in die Stube und theilte Jeſper mit, daß ihm ſeine Stelle gekündigt ſei, und daß er den Herbſt auszuziehen habe. Die Freiherrin wollte einen ſolchen ungehorſamen Un⸗ terthan nicht haben ꝛc. Die eigentliche Urſache war aber, daß Karin die Aufmerkſamkeit der Königlichen auf ſich gezogen hatte; Etwas, das Adele nicht gethan. Fünf Wochen darauf folgte der ſtarke und kraft⸗ volle Jeſper ſeiner treuen Greta in's Grab. Karin war vater⸗ und mutterlos. Der Pfarrer der Gemeinde, ein wirklicher Ehren⸗ mann, nahm ſich des Mädchens und des wenigen 15⁵7 Vermögens an, das die Eltern hinterlaſſen hatten. Er woollte, daß Karin in den Pfarrhof ziehen ſollte; aber das Kind weigerte ſich auf's Beſtimmteſte, die elterliche Stube zu verlaſſen. Ein paar Tage nach dem Begräbniß fand der Paſtor, als er in die Heimſtätte zwiſchen den Bergen eintrat, dieſelbe leer. Karin war verſchwunden. Man wußte nicht, wohin ſie ihre Schritte gelenkt. Die Leute behaupteten, daß ſie ſie in Geſellſchaft eines älteren Mannes nach dem Waſſerfall hatten wandern und dann verſchwinden geſehen. Der Mann war gewiß der Waſſerkobold. Ja, man ging ſo weit, daß man erzählte, man höre Karin Nachts, Lieder aus der Tiefe des Waſſerfalles ſingen. Zehn Jahre waren dahingeſchwunden und noch ſtand Jeſper's Haus leer, der Baron hatte Niemanden bekommen können, der es bewohnen wollte. Man hörte weder von Karin noch Gerhard Etwas. Letzterer war Seeoffizier geworden und in engliſche Dienſte gegangen. Wohin Jeſpers Mädchen ihren Weg genommen, wußte man nicht. An einem ſchönen Frühlingstag bekam der Baron Beſuch von einem Reiſenden, welcher Jeſpers kleine Hütte mit dazu gehörigem Stückchen Land zu kaufen wünſchte. Der Baron, der ſich in Geldnoth befand, — weil er, wie ein echter Edelmann, das, was er 158 mit ſeiner Frau bekommen, vergeudet hatte,— ver⸗ kaufte, ohne Schwierigkeiten zu machen, das kleine Anweſen. Im Jahre darauf wurde die Hütte niedergeriſſen und an derſelben Stelle eine hübſche Sommerwohnung aufgeführt. In der Bergkluft, wo Karin und Ger⸗ hard ihre Lectionen gehabt, erhob ſich ein Tempel. Als Alles fertig und geordnet war, zog ein Mann von mittleren Jahren mit ſeiner jungen ſchönen Frau ein. Der Eigenthümer des Neubaus war Capitän Strömfeldt mit ſeiner Frau. Das Leben erſchien den beiden Gatten glücklich und ſonnig. Freilich lag Etwas im Geſicht des jungen Weibes, das von Schwermuth ſprach, aber es war mehr ein träumeriſches als ein trauriger Zug. Das Gerücht behauptete, daß Frau Strömfeldt Dichterin ſei, und daß ſie in dieſer Eigenſchaft unter verſchiedenen angenommenen Namen auftrete; ferner, daß die Kronprinzeſſin für ihre Erziehung geſorgt und daß Capitän Strömfeldt, welcher irgend eine Anſtellung bei Hofe gehabt, ſich in ſie verliebt habe; daß die Kronprinzeſſin ihrem Schützling eine hübſche Mitgift geſchenkt ꝛc. Ob das Gerücht wahr oder nicht berichtete, wiſ⸗ ſen wir nicht, aber das wiſſen wir gewiß, daß Frau Strömfeldts unwiderſtehliche Sehnſucht nach den Bergen an der norwegiſchen Grenze ihren Mann bewogen hatte, das frühere Haus von Jeſper zu kaufen. Wir wiſſen ferner, daß die junge Frau Abends am Waſ⸗ ſerfalle zu ſitzen und, ganz wie ehemals die kleine 159 Karin es that, träumend in denſelben hineinzublicken pflegte. Man ſagte auch, daß die bleiche und hübſche Frau des Capitäns an einer zehrenden Krankheit litt, welche ſie ganz gewiß in ein zu frühes Grab bringen würde. Der Capitän war kaum in die Heimſtätte zwiſchen den Bergen eingezogen, als Baron Hjelmklinga ſtarb, und zwar, wie man behauptete, aus Gram über ſeine Verhältniſſe, welche ſo übel beſtellt waren, daß die Creditoren gleich nach ſeinem Tode auf das Eigenthum Beſchlag legten. Während der letzten Zeit waren keine Nachrichten über Gerhard eingelaufen. Man wußte nur, daß er vor ſechs Jahren nach England abgeſegelt ſei. Genug, es brach Concurs aus und Fjellbro wurde verkauft. Im Frühling darauf finden wir Frau Ström⸗ feldt an einem ſchönen Maiabend am Waſſerfalle ſitzend, den Blick auf das ſchäumende und brauſende Waſſer gerichtet. Alles war ſo friedlich und ruhig ringsum; der einzige Laut, den man hörte, waren das Brauſen des Waſſers und die einförmigen(Schläge von der Hammerſchmiede. In einem Baume, welcher am Rande des Schlundes ſtand, ſang ein einſamer Vogel. Es war eine Stunde zum Schwärmen. Das junge Weib ſchien auch in ihre innere Welt verſunken zu ſein. Sie vergaß gänzlich die Außen⸗ welt und merkte nicht, daß ein Mann den Berg venauſnellerter kam und ſich der Stelle näherte, wo ſie ſaß. Als er bei ihr angekommen war, blieb er einige 160 Augenblicke ſtehen und betrachtete die hübſche Träu⸗ merin. Endlich flüſterte er in aufgeregtem Tone: „Karin! geliebte, liebe Karin!“ Sie ſchauderte leicht zuſammen und ſprang dann auf. Vor ihr ſtand ein Mann von kraftvollem Aus⸗ ſehen. Einige Sekunden blieb er unbeweglich; dann reichte ſie ihm ihre beiden Hände und rief: „Gerhard!“ „Ja, Gerhard, welcher im Frühling wiederzu⸗ kommen verſprach... jetzt iſt es Frühling.... Dein Gerhard, welcher über Land und Meer das Bild ſeiner kleinen Karin mit ſich getragen und nie mehr von ihrer Seite weichen wird. Ich bin jetzt Herr von Fjellbro, und das ſoll fortan Deine Hei⸗ math ſein, Du meine ſchöne Jungfrau aus den Bergen!“ Er bedeckte Karins Hände mit Küſſen: In den Augen des ſtarken Mannes ſchimmerte eine Thräne. Karin lächelte ihm entgegen, wie ſie es in den Kinder⸗ jahren gethan. „Ich hatte es aufgegeben, Dich zu erwarten,“ flüſterte ſie.„Es iſt lange her, daß ich zu hoffen aufhörte. Jetzt wartete ich nur noch darauf, daß Du kommen würdeſt und meinen Geiſt holen.“ Sie ſetzte ſich, zog ihn zu ſich nieder und ſagte: „Komm, ſetze Dich an meine Seite, ich werde Dir meinen Lebenslauf erzählen.“ Gerhard horchte und lauſchte, während er ihre Hände in den ſeinigen hielt, den geflüſterten Worten, welche die Vernichtung ſeiner Träume enthielten. 161 Als Karin ſchloß, blieb er unbeweglich ſitzen und ſtarrte in den Waſſerfall hinab. „Meine Braut die Gattin eines Andern,“ mur⸗ melte er. Ein Seufzer voll Schmerz bewegte ſeine Bruſt. „O Karin! Wußteſt Du denn nicht, daß die Liebe des Knaben für das Herz des Mannes Alles war? Für ſie und Dich lebte ich. Jetzt haſt Du mich um alle Lebensfreude gebracht. Lebe wohl! Wir ſehen einander niemals wieder.“ Gerhard eilte fort. Als der Kapitän Abends nach Hauſe kam, fand er Karin bleich und unbeweglich am Waſſerfalle ſitzend. Als er ſie anredete, blickte ſie zu ihm auf und flüſterte mit faſt lautloſer Stimme: „Gerhard iſt wieder gekommen; meine Lebens⸗ lampe wird jetzt erlöſchen. Karin kann nicht mit dem Bewußtſein leben, ihre Treue gegen ihn gebro⸗ chen zu haben.“ „Ich weiß es,“ antwortete der Kapitän traurig und legte ſeinen Arm um den Leib ſeiner Frau. Am Tage darauf war Fjellbro verlaſſen. Ger⸗ hard war wieder in's Ausland gereist. Schwartz, Novellen. VI. 11 162 Drei Jahre waren verfloſſen, als der junge Baron Hjelmklinga eine ſchöne Gattin von England heimbrachte. Am Abend deſſelben Tages, an welchem er ankam, wanderte er hinauf nach den Bergen. Auf dem Platze, wo Karin zu ſitzen pflegte, war ein einfaches Kreuz errichtet. Gerhard blieb ſtehen. Ein peinliches Gefühl bemächtigte ſich ſeines Herzens. Er beugte ſich herab. Auf dem Kreuze ſtand nur der Name Karin. Unter demſelben las man: „Ich komme wieder mit dem Frühling.“ „Alſo todt!“ murmelte Gerhard. „Ja, todt,“ wiederholte eine ernſte Stimme hinter ihm. Es war Karins hinterlaſſener Gatte. „Sie ſtarb mit Ihrem Namen auf ihren Lippen. Ihr Herz brach, als ſie Sie wieder fand und wieder verlor. Ihr Staub ruht dort, wo ihre Kindheit auf⸗ blühte, in der Heimſtätte zwiſchen den Bergen.“ Eliſabeth. „———— Du warſt es, der mich lehrte, an Liebe und an Dich zu glauben.“ Octavia Carlén. Im Frühling des Jahres 1846 war Paris wie gewöhnlich voll von Fremden aus allen Theilen der Erde; beſonders war eine Anzahl Engländer nach la belle France hinuntergekommen, um ihr von Roaſt⸗ beef, Plumpudding, Porter und Steinkohlenrauch ver⸗ dicktes Blut aufzufriſchen. Unter denen, welche die Hotels in Paris bevöl⸗ kerten, befanden ſich auch Lord Clairbourg mit ſeiner einzigen Tochter. Lady CEliſabeth Canning war zwanzig Jahre alt, und ſeit zwei Jahren Wittwe nach ord Canning. Ob ſie ihren verſtorbenen Mann geliebt, oder nicht, davon meldet die Geſchichte nichts; was wir aber wiſſen, iſt, daß ſie ſich gegenwärtig vollkommen über ſeinen Verluſt getröſtet. 1 Eliſabeth war eine große und ſtattliche Dame mit einer junoniſchen Figur, nebſt jener claſſiſchen 164 Vollendung des Wuchſes und Reinheit der Formen, der Geſichtszüge und der Haut, welche den angel⸗ ſächſiſchen Frauen ſo eigen iſt. Lady Eliſabeth galt für eine Schönheit, und war es auch durch ihre regelmäßigen Züge, ihre blendende Haut und ihre üppigen hellbraunen Haare; aber ihrem Geſicht fehlte es an aller Lebhaftigkeit. Sie war ein ſchönes aus Fleiſch und Blut geformtes Bild. Die einzige Spur von einer Seele, die bei ihr exiſtirte, war ein Zug unerſchütterlichen Stolzes. Dieſer Aus⸗ druck entſtellte ihr ſonſt hübſches Geſicht. Eliſabeth war ein durch Reichthum, Rang und Glück verzärteltes Weſen. Als Kind gewohnt, alle ihre Wünſche und unſinnigſten Launen erfüllt zu ſehen, kannte ſie keinen anderen Willen, als den ihrigen: als junges Mädchen ſah ſie die hochgeborenſten und angeſehenſten Männer zu ihren Füßen. Sie war ja die einzige Tochter des Lord Clairbourg, Erbin eines fürſtlichen Vermögens und ihres Vaters Abgott und Stolz. In ihrem vierzehnten Jahre mit einem bild⸗ ſchönen und charakterſchwachen Manne verheirathet, welcher ſeine hübſche, kalte und ſtolze Gattin anbetete, war ſie in ihrem Hauſe die allmächtige Herrſcherin geweſen, und hatte während ihrer kurzen Ehe von ihrem Manne nie etwas Anderes gehört, als daß ſie das ſchönſte und vollkommenſte Weib auf der Erde ſei. Es war deßhalb weniger zu verwundern, wenn Eliſabeth endlich ſelbſt glaubte, ſie ſei etwas weit beſſeres, als Andere. Ihr Vater hatte ja, ſo weit ſie ſich zurückerinnern konnte, ihr immer wiederholt: „Du biſt gleich adelig der Seele wie dem Körper 165 nach; Du biſt mit Geiſt wie mit Geld gleich reich be⸗ gabt; Du biſt ebenſo hübſch, wie Dein Stammbaum alt und unbefleckt iſt. Nur ein Pair von England, der ebenſo hochgeborne und verehrungswürdige Ahnen hat, wie Du, kann auf Deine Hand Anſpruch machen, welche zu beſitzen ein Fürſt ſich ſtolz fühlen würde.“ Eliſabeths von Natur ſtolzes Gemüth hatte eine ſolche Nahrung erhalten, daß ſie ſchon wegen ihrer Herkunft, ihrer Bildung, ihres Geiſtes und ihrer Schönheit ſich für etwas ſo Ungewöhnliches hielt, daß die Erde dankbar dafür ſein mußte, daß ſie ihren Fuß darauf ſetzte. Jeder Bürgerliche wurde von ihr als ein ſo niedriges Weſen betrachtet, daß ſie ſich die Möglichkeit nicht denken konnte, daß ein Solcher es wagen konnte, ſeinen Blick zu ihr zu erheben.— Weder Geiſt, noch Kenntniſſe, noch andere ausgezeich⸗ nete Eigenſchaften könnten eine geringe Herkunft verdecken. Eliſabeth hatte London ſatt bekommen und be⸗ ſchloß, nach einem einjährigen Wittwenſtand eine Reiſe nach Italien zu unternehmen und dort unter dem Himmel die Zeit damit wegzuträumen, daß ſie ſich ſelbſt bewundern und von Anderen beneiden ließ. Lord Clairbourg mußte natürlich ſeine Tochter begleiten, ſo wenig geneigt er auch war, ſein Haus in London zu verlaſſen. Eliſabeth wollte reiſen und Cliſabeths Wille war für den Vater Geſetz; ergo mußte der edle Lord ſich den Umſtänden fügen. Einer der Hauptzüge in Cliſabeths Charakter war der, daß ſie ſich nicht die Möglichkeit denken konnte, von dem, was ſie wünſchte, abzuſtehen. 166 Nachdem ſie ſich ein Jahr in Florenz, Neapel und Rom aufgehalten, kamen ſie im Frühling 1846 nach Paris. Lady Eliſabeth war mit geweſen im Wirbel der Vergnügungen und hatte daran mit derſelben gleich⸗ guͤltigen Miene theilgenommen, mit welcher ſie Alles that. In den Pariſer Salons wie in London kam man ihr mit Schmeicheleien und Huldigungen ent⸗ gegen. Sie fing an das ewige Einerlei im höchſten Grade einförmig zu finden. Sie war nach dem Süden in der Hoffnung gereiſt, daß ihr etwas Ungewöhn⸗ liches, Außerordentliches paſſiren würde. Eliſabeth hatte die Heimath des Beefſteaks mit dem Vorſatz ver⸗ laſſen, nicht eher dorthin zurückzukehren, bevor ihr ein ungewöhnliches Ereigniß aufgeſtoßen ſei. Lady Eli⸗ ſabeth Canning wünſchte ein Abenteuer, und da konnte es doch nicht fehlen, daß es ſich einſtellen würde; aber es ſah wirklich aus, als wenn der Herr des Schick⸗ ſals nicht mehr Rückſicht nehme auf die Wünſche einer Lady, als auf diejenigen eines gewöhnlichen Menſchen; denn Eliſabeth kam von Italien nach Frankreich, ohne daß ihr Etwas paſſirt war, das auch nur mit einem romantiſchen Abenteuer eine Aehnlichkeit hatte. Nein, alles war ſeinen geregelten Gang gegangen und Eliſabeth kam in einer äußerſt ſchlechten Laune an. Sie war es müde, zu bewundern und ſich bewundern zu laſſen, und aller Vergnügungen und der ganzen Menſchheit überdrüſſig, von welcher ſie nur diejenigen kannte, welche vor ihrem Rang und ihrem Vermögen krochen.. ⸗ 167 „Mein Gott, Papa!“ rief Eliſabeth dem Lord Clairbourg entgegen, als er eines Morgens in den kleinen Salon der Tochter im Hotel Holland in der Rue de la paix eintrat,„was ſoll man thun, um die Zeit todtzuſchlagen; Papa begreift doch, daß ich durch⸗ aus nicht die Abſicht habe heute Abend den Ball beim Fürſten H— zu beſuchen; ebenſowenig will ich eine Promenade im Boulogner Walde machen. Ich bin des ewigen Einerlei ſatt, und ich habe ſehr darüber nachgedacht, ob wir eine Reiſe nach Indien, China oder Algier unternehmen ſollten; dort müßte man doch wohl auf einige Ereigniſſe rechnen können, die vom Alltäglichen abweichen.“ „Cliſabeth, Du kannſt doch wohl im vollen Ernſt ſo Etwas nicht im Sinne haben!“ rief der Lord er⸗ ſchrocken. „Europa zu verlaſſen; ja das iſt mein Plan. Glaubt denn Papa daß es für irgend ein denkendes Weſen möglich iſt, ein ſolches Leben wie das meinige auszuhalten?“ „Wie das Deinige? Ja, das glaube ich gewiß. Du thuſt ja Alles, was Dir gefällt, Du kannſt...“ „Es nichtunterlaſſen, aus Langeweile zu ſterben, da⸗ rin hat Papa Recht. Vermag ich mit all meinem Golde mich von dieſer Plage loszukaufen? Ich bin wirklich beklagenswerth.“ „Du! Du, welche ſo beneidet wird?“ „Stille, Herr Papa, nur Dummköpfe beneiden mich. Jeder kann in meinem Geſichte leſen, daß Lady Eliſabeth Canning bald jenem Plagegeiſt, der 168 ſie verfolgt, unterliegen werde. Ach, warum hat das Schickſal mich nicht auf einen Thron geſetzt?“ „Cliſabeth, Dein Blut iſt ebenſo adelig, wie irgend ein fürſt liches, ¹ fiel der Lord ſtolz ein. „Gerade dieſes edle Blut macht, daß es mein Beruf iſt, über ein ganzes Volk zu herrſchen und in die Weltereigniſſe hineinzugreifen. Eine Clairbourg iſt nicht dazu geboren, ihr Leben im Salon abzu⸗ nützen. 14 Der Lord ſchwieg und dachte, daß er ſowohl wie ſein Vater, Großvater und Urgroßvater nie etwas Anderes gethan, als ihr Leben in dem Salon, in den Clubb ꝛc. zuzubringen, ohne je daran gedacht zu haben, in die Weltereigniſſe einzugreifen. Sie hatten ganz bequem auf dem Lager ihrer Vorväter geruht und waren ſtolz auf die Thaten derſelben in der Ueberzeugung, daß dieſe ihnen das Recht gäben, ihre Zeit in nutzloſer Unthätigkeit zu verſchleudern. Sie trugen den Namen Clairbourg, der in der engliſchen Geſchichte ein ausgezeichneter iſt. Nun gut; dann war es ja auch erlaubt, ein rechter Taugenichts zu ſein. Man hüllte ſich in den Glanz der Thaten derjenigen, welche längſt vermodert waren. „Warum ſchweigt Papa?“ fragte Eliſabeth und heftete ihre kalten, hellblauen Augen auf den Vater. „Ich denke nach, ob ich nicht Etwas ausfindig machen könnte, um Dich zu zerſtreuen.“ „Und was ſollte das ſein? die Opera, die ita⸗ lieniſche Opera, Theatre français, Bälle, Soupers, Promenaden, Concerte ꝛc., das iſt es, was Papa 169 verſuchen wird. Ach! mein Gott, was doch Papa wöährend der ganzen Reiſe einförmig geweſen iſt.“ „Sollten wir denn nicht Verſailles beſuchen?“ „Ich verabſcheue den Ort, weil der Pöbel dort ſeine Miſſethaten gegen Frankreichs Edelleute begann.“ Wie es nun auch mit dem Abſcheu war, ſo beſchloß doch Lady Eliſabeth, Verſailles zu beſuchen. Man reiste ab mit dem Eiſenbahnzug. Die edle Dame wurde von ihrem Vater und ein Paar Lands⸗ leuten begleitet, von welchen der Eine, Sir Edman Eldan zu denjenigen gehörte, welche mit hohem Range einen höchſt aufgeklärten Charakter verbinden. Man ſprach auf der Fahrt von Verſailles und von den Ereigniſſen, deren Zeugen ſeine Mauern ge⸗ weſen; von der erſten franzöſiſchen Revolution ec. Als man dort angekommen war, beſah man die end⸗ loſen Gallerien. Eliſabeths Augen glitten an dieſen Gemälden vorüber, welche der Stolz der Franzoſen ſind und für jeden andern Zuſchauer eine ſo große Bedeutung haben, weil ſie nicht allein Kunſtwerke, ſondern auch ein Blatt aus der Geſchichte Frank⸗ reichs ſind. Eliſabeth blieb bei einem Porträt von Marie Antoinette und ihrem Kinde ſtehen. Sie betrachtete das Bild der ſchönen Märtyrerkönigin mit einer für ſie ungewöhnlichen Theilnahme. Es lag ein Etwas in dieſen ſchönen, aber ſtolzen Zügen, das Cliſabeth gefiel. Sie bemerkte nicht, daß ihre Begleiter in eine der angrenzenden Gallerien hineingingen, und daß ſie allein vor dem Bilde der unglücklichen Fürſtin ſtehen geblieben war. 170 „Ein hübſcher Kopf,“ bemerkte eine ſchwache, wohlklingende Stimme neben ihr auf Franzöſiſch; ſchade, daß er als Sühnopfer für die Sünden der Vorfahren fallen mußte.“ Eliſabeth drehte haſtig den Kopf um. An ihrer Seite ſtand ein ganz junger Mann von einem im höchſten Grade eigenthümlichen Ausſehen. Die großen dunkeln Augen hatten einen geiſtreichen und ange⸗ nehmen Ausdruck; das bleiche Geſicht mit der hohen, vollen Stirne hatte ein ſchwärmeriſches Gepräge, welches in Verbindung mit den langen dunkellockigen Haaren ihm ein höchſt romantiſches Ausſehen gab. Sein Anzug war zu gleicher Zeit ſorgfältig und doch nachläßig und zeigte, daß er freilich ſeine Kleider liebte, aber all dieſe kleinliche Ziererei verachtete, welche der Stutzer an ſeine Kleider verwendet. Sein Aeußeres war das eines Gentleman.— Lady Eliſabeth warfeinen ſtolzen Blick auf denjenigen, welcher dreiſt genug geweſen war, ſie anzureden. Sie entfernte ſich, ohne zu antworten. Eine Stunde darauf traten ſie in den Theater⸗ ſalon. Der Erſte, dem ihre Augen begegneten, war der hübſche Fremde. Die Arme über die Bruſt ge⸗ kreuzt, ſtand er da und betrachtete dieſen Ort, gleich⸗ ſam in alle die Erinnerungen verſunken, welche der⸗ ſelbe hervorrief. „Man kann ſagen, daß von Verſailles der erſte Ruf ausging, welcher die Völker Europa's zur poli⸗ tiſchen Freiheit erweckte,“ ſagte Sir Eldan. „Ja, ein Feldgeſchrei der Freiheit, welches durch 171 alle Zeiten dringt,“ antwortete der Fremde und grüßte Sir Eldan verbindlich. Lady Cliſabeth zuckte die Achſeln mit einer kalten übermüthigen Miene und beſchleunigte ſo viel als möglich die Abfahrt von Verſailles. Sie war müde, ſie war erſchöpft von all dieſen Gallerieen und wollte zurück nach Paris; denn ſie war von der Zudring⸗ lichkeit jenes jungen Mannes im höchſten Grad be⸗ läſtigt. Er ſprach ja ganz vertraulich mit Sir Eldan, während ſie in einiger Entfernung hinter Eliſabeth hergingen, welche auf den Arm ihres Vaters geſtützt die Gallerieen verließ. Eliſabeth fühlte ſich übel ge⸗ ſtimmt gegen Sir Eldan und recht aufgebracht gegen den Fremden; denn obgleich ſie weder rechts noch links blickte, ſo konnte ſie doch nicht hindern, daß ihre Ohren zu ihrem unbeſchreiblichen Aerger das auf⸗ fingen, was Eldan und der Fremde ſprachen. Mit wirklicher Beredtſamkeit ſprach letzterer von den ſegens⸗ reichen Folgen der letzten franzöſiſchen Revolution. Sir Eldan beging zwei ſchreckliche Fehler, erſtens, daß er es wagte, ſich mit Jemand anderem als mit Eliſabeth zu unterhalten, und zweitens, daß er ſich in ein Geſpräch einließ, welches ihr mißfiel. An den Gitterthoren ſagte der Fremde Eldan Adieu. Als er an Lady CEliſabeth und Lord Clair⸗ bourg vorbeipaſſirte, zog er artig den Hut herunter, eine Höflichkeit, welche der Lord mit einer kaum be⸗ merkbaren Verbeugung des Kopfes erwiederte. Eliſa⸗ beth that, als wenn ſie es nicht bemerkte. Als ſie in einen der Wagen erſter Claſſe ſtieg, fand Eliſabeth ihn dort ſitzend. Wenn es gegangen 172 wäre, ſo würde ſie, ſobald ſie ihn erblickte, den Platz ge⸗ wechſelt haben; das wäre aber gar zu viel Gewicht auf eine fremde Perſon gelegt und darum nahm Eliſabeth mit ſtolzer Miene ihren Platz ein, ohne auch nur eine einzige Minute ihre Augen auf dem Frem⸗ den ruhen zu laſſen. Sir Eldan und er waren bald wieder in ein lebhaftes Geſpräch begriffen. Eliſabeth ſprach mit ihrem Vater, mit Lord H— und that Alles, um ſie nicht anzuhören. Ein Mann, welcher die franzöſiſche Revolution vertheidigte und mit Entzücken von der amerikaniſchen Republik ꝛc. ſprach, war na⸗ türlich eine Perſon, der ſie gar keine Menſchenwürde zuerkennen konnten. Es ging indeſſen Eliſabeth, wie es oft geht, daß ihr, obgleich ſie das, was man ſprach, nicht hören wollte, kein Wort entging, und obgleich ſie es unter ihrer Würde hielt, ihn anzu⸗ blicken, ſo wußte ſie doch, daß jene dunkeln Augen auf ihr ruhten. „Was war der junge Mann, mit welchem Sie ſprachen?“ fragte Lord Clairbourg Sir Eldan, als ſie in Paris ankamen und der Fremde vom letzteren Abſchied genommen hatte. „Monſieur George, Künſtler,“ war die Antwort. Jetzt folgte eine Zeit, in welcher Eliſabeth un⸗ aufhörlich mit George zuſammentraf. Fuhr ſie aus, ſo⸗ war ſie ſicher, ihm zu Pferde zu begegnen, indem er 173 an ihrem Wagen vorbei galoppirte. Seine dunkeln Augen waren mit einem eigenen neugierigen Aus⸗ druck auf ſie gerichtet. Beſuchte Cliſabeth das Theater, ſo fand ſie ihn gewöhnlich in einer Loge ihr gegen⸗ über, ſie mit einer beharrlichen Hartnäckigkeit betrach⸗ tend. Beſuchte ſie einen Ball, oder eine Soirèe in den allervornehmſten Salons, ſo fand ſie dort Herrn George. Es gab keinen noch ſo hochvornehmen Kreis, zu welchem der junge Künſtler nicht Zutritt hatte. Wo ECliſabeth auch mit ihm zuſammentreffen mochte, folgten ihr ſeine Blicke, ohne daß er ſich ihr zu nähern ſuchte.— Wenn Eliſabeth einmal ihre großen blauen Augen mit einem ſtolzen Ausdruck auf ihn heftete, als ob ſie ihn fragen wollte, wie er ſich erkühnen könnte, ſie ſo ſtarr anzuſehen, wandte er die ſeinigen durchaus nicht weg, ſondern ließ ſie fortwährend auf den ſchönen Zügen ruhen, als wenn er ſich in ihren Charakter hätte hineinſtudiren wollen. Anfangs fühlte Cliſabeth ſich aufgebracht über dieſe Unverſchämtheit, aber trotz all dem Aerger, den ſie empfand, ſo verließ ſie doch nicht Paris, noch beklagte ſie ſich über Lange⸗ weile. Sie beſuchte alle mögliche Vergnügungen. Es war, als hätten ſie für ſie einen Reiz bekommen, und doch ſchien ſie nicht im Geringſten dabei belebt oder unterhalten zu werden. Der einzige Schimmer von Bewegung, den man in ihrem Geſichte ſpürte, war derjenige, welcher ſich zeigte, wenn beim Eintreten in einen Salon ihre Augen denen George's begegneten; dann glühte die Purpurflamme des Zorns auf ihren Wangen. Wenn ſie ſich auf eine Promenade, in eine 174 Geſellſchaft oder nach dem Theater begab, war ihr Gedanke immer:„Werde ich auch jetzt mit jenem unverſchämten Menſchen zuſammentreffen. Und ſie fuhr hin nach allen dieſen Orten, um zu ſehen, ob er es nicht end⸗ lich müde werden würde, ſich ihr in den Weg zu ſtellen; aber nein, zwei Monate lang hatte Lady Cli⸗ ſabeth täglich und oft mehrmals täglich jenes geiſt⸗ reiche Geſicht geſehen. Die Folge davon war, daß die hübſche Engländerin die Züge deſſelben nicht aus ihrem Gedächtniß verdrängen konnte. Wenn ſie Abends ihr Haupt zur Ruhe legte, ſtand das Bild des Frem⸗ den vor ihrer Seele; wenn ſie Morgens ſich wieder den Armen des Schlafes entwand, da war der Ge⸗ danke an ihn das Erſte, das ſie begrüßte. Sein Bild verfolgte ſie unaufhörlich. Sie fühlte ſich ge⸗ reizt und doch wurde es nicht anders. Eines Tages, als ſie mehr als gewöhnlich da⸗ runter gelitten hatte, daß ſie, Lady Eliſabeth, es nicht vermochte, ihre Gedanken von einer Perſon los⸗ zureißen, welche ſie als unter ſich ſtehend betrachtete, erhielt ſie einen Beſuch von Sir Eldan. „Können Sie mir ſagen, wie es kommt, daß jener George überall und zu allen Geſellſchaftskreiſen Zutritt hat?“ fragte Eliſabeth. „Ganz einfach darum, weil er ein beliebter Künſtler iſt, der einen Ruf hat.“ „Aber er iſt ja keine Perſon von Geburt.“ „Er iſt ein Kind des Volks. Sein Vater war Kürſchner und ſetzte bei der Julirevolution von 1830 ſein Leben auf einer Barrikade zu.“ Lady Eliſab eth roch an einer kleinen Flaſche mit ſtarker — 175 Eſſenz gefüllt und ging ſofort auf ein anderes Thema über. Bei der Herzogin von Caintn fand ein glänzender Ball ſtatt. Lady Eliſabeth ſollte hin. Ihr Anzug war äußerſt prachtvoll. Die ſtolze Engländerin ver⸗ wendete darauf viel Sorgfalt. Ueber ihrem Geſicht ſchwebte ein unruhiger Ausdruck, welcher zwiſchen Aerger und Schmerz wechſelte und darum demſelben mehr Leben als ſonſt verlieh. „Werde ich ihn auch heute Abend ſehen?“ dachte ſie, als ſie in den Wagen ſtieg, der ſie zur Herzogin führen ſollte. Sie drückte die Hand gegen die Bruſt und murmelte vor ſich hin: „Dieſe Plage muß ein Ende haben, ſchon heute Abend werde ich den erniedrigenden Zauber zerſtören, welcher meine Gedanken an eine mir völlig unwür⸗ dige Perſon feſſelte.“ Die Salons der Herzogin waren, als Eliſabeth ankam, mit Leuten gefüllt, aber ſie ſah keinen George. „Oh, heute Abend werde ich alſo ſeines ver⸗ drießlichen Anblicks überhoben ſein,“ dachte Eliſabeth mit innerer Befriedigung,— wie ſie ſelbſt wähnte; zu ihrer großen Ueberraſchung fühlte ſie ſich aber un⸗ zufrieden. Sie litt an der Langeweile und war ganz 176 ſchlechter Laune. Eliſabeth tanzte nicht; ſie war nicht dazu aufgelegt. Die Artigkeit der ihr aufwartenden Cavaliere wies ſie mit Kälte und ſtolz zurück. Sie kamen ihr häßlich, dumm und langweilig vor. Um einige Augenblicke ungeſtört zu ſein, zog ſie ſich in ein Kabinet zurück. In einem Lehnſtuhl zurückgelehnt ſchloß Eliſabeth die Augen und ſuchte ſich's zu erklären, woher dieſes Gefühl der Unzufriedenheit, der Verdrießlichkeit und der miederaaſtülägeuet komme, welches ſie jetzt be⸗ herrſchte. Es war ihr noch nicht gelungen, über dieſen Chaos, der ihre Seele erfüllte, in's Klare zu kommen, als der Schall von Tritten ſie aufblicken machte. An der Thüre ſtand George. Bei ſeinem An⸗ blick flammte eine hohe Röthe auf ihren Wangen und ſie erhob ſich mit einer ſtolzen Bewegung. George blieb unbeweglich auf der Thürſchwelle ſtehen, während ſein Blick an Eliſabeths Geſicht feſt hing. Sie näherte ſich der Thüre, als wenn ſie an ihm vorbeizueilen beabſichtige. Er trat auf die Seite, um ihr den Weg frei zu laſſen; aber Eliſabeth blieb vor ihm ſtehen und ſagte in ſtolzem Tone: „Mein Herr, ich bin wirklich gezwungen, zu er⸗ klären, daß ich Ihre unverſchämten Verfolgungen ſatt habe.“ „Satt, Madame,“ wiederholte George lächelnd, „wie iſt das möglich. Ich habe mich Ihnen nie ge⸗ nähert, und alſo kann mein Benehmen nie den Na⸗ men Verfolgung bekommen.“ „Warum treten Sie mir fortwährend in den 177 Weg?“ fragte Eliſabeth und blickte den jungen Mann ſtolz an. „Aus dem einfachen Grunde, weil ich als Künſtler Ihr Geſicht ſtudire. Ihre Züge ſind der Form nach ſchön, obgleich es ihnen an allem Leben fehlt.” „Was, mein Herr, Sie wagen mir wirklich zu ſagen, daß..... 4 „Sie ein Modell ſind, wornach ich meine Juno male; ja, Madame, ſo keck bin ich in der That.“ Eliſabeth that einen Schritt vorwärts, um das Kabinet zu verlaſſen, George vertrat ihr aber den Weg mit den Worten: „Erlauben Sie, daß ich noch ein paar Worte hinzufüge, da Sie nun einmal das Schweigen, das ich beobachtet, gebrochen haben; Madame, Sie dürfen dem Umſtande kein Gewicht beilegen, daß ich von einer Ecke eines Salons, von einer Loge des Thea⸗ ters aus oder auf der Promenade Ihr Geſicht be⸗ trachte; denn Sie wiſſen ja, daß ich Sie nur mit den Augen des Künſtlers anſehe. In meinem Wunſche, noch kurze Zeit Ihre Züge ſtudiren zu dürfen, liegt nichts, was Sie beleidigen könnte. In meinen Augen ſind Sie ein ſchönes Kunſtwerk, und nichts Anderes. Sie gehören nicht zu denjenigen, welche Liebe erregen können. Man bewundert Sie, aber man liebt Sie nicht. Und jetzt, Madame, haben wir uns zum letzten Male in unſerem Leben geſpro⸗ chen. In einer oder zwei Wochen iſt mein Junokopf fertig, und dann werde ich ſpurlos von Ihrem Wege verſchwinden— der meinige geht dann nach Rom. Schwartz, Novellen. VI. 12 — 178 George verbeugte ſich und verließ das Cabinet. Eliſabeth warf ſich, ein Opfer der heftigſten Auf⸗ regung, zurück in's Sopha. In ihren Ohren hallten die Worte wieder: Sie gehören nicht zu Denjenigen, welche Liebe erregen.“ Nachts ſchlief Eliſabeth keine Sekunde. Schon ganz früh fuhr ſie nach dem Boulogner Gehölz. Sie war bleich und ſah leidend aus. George begeg⸗ nete ihr ganz richtig auf der Promenade, obgleich ſie dieſelbe zu einer ungewöhnlichen Zeit unternommen. 1 Gliſabeth brachte die folgende Woche in einem peinlichen Fieberzuſtande zu. Lord Clairbvurg wurde wegen der ſchönen Tochter unruhig, welche krank ausſah. „In einer Woche wird er ſpurlos aus meinem Weg verſchwinden,“ dachte Eliſabeth jeden Abend, wenn ſie von einer Geſellſchaft oder vom Theater zurückkehrte, wo ſie George geſehen. Die ſtolze Eliſabeth weinte jeden Tag, ſo lang er war. Sie hätte gewünſcht, die Zeit feſthalten zu können. „Ich werde ſterben, wenn ich nicht mehr durch den Anblick von ihm geplagt werde,“ flüſterte ſie unter Thränen. So vergingen acht Tage. Madame D-, eine von den modernſten Damen von Paris, gab eine 179 Soiree. Eliſabeth ſollte auf derſelben erſcheinen. Sie war überzeugt, daß ſie dort George antreffen würde, weil er immer der Günſtling von Madame D— war. „Er wird kommen,“ dachte Eliſabeth, und be⸗ feſtigte einen glänzenden Schmuck an ihrer Bruſt, „ſofern er nicht ſeinen Junokopf vollendet hat.“ Er war in der That bei Madame D—. Wäh⸗ rend einer Unterredung mit der einnehmenden Wirthin hörte Eliſabeth ihn die Aeußerung machen: „In einigen Tagen reiſe ich nach Rom; mein Junokopf iſt fertig.“ Eliſabeth fuhr zuſammen, als wenn ſie von einer Schlange geſtochen worden wäre. Sie blickte auf und begegnete ſeinen Augen, welche ohne alle Theilnahme auf ſie gerichtet waren. Einige Augen⸗ blicke darauf war George verſchwunden. Cliſabeth ſuchte Sir Eldan auf und fragte ihn mit einer Stimme, welche ſie ſich vergebens bemühte ruhig erſcheinen zu laſſen, ob er wiſſe, wo das Atelier von Monſieur George ſei. Sie erfuhr dann, daß daſſelbe im Hotel de la Paix, gerade dem Hotel Holland ge⸗ genüber, gelegen ſei. Ganz früh am nächſten Morgen finden wir George, die Arme über die Bruſt gekreuzt, in die Betrachtung eines Bildes verſunken, welches auf einer 180 Staffelei in ſeinem Atelier ſtand. Von der Leinwand herab blickte ihm das ſtolze Geſicht Lady Eliſabeths entgegen. „Welch ſchöner Kopf!“ rief er, nachdem er es eine Weile angeſehen. In demſelben Augenblick klopfte es an die Thüre, aber ſo unſicher und ſchwach, daß man ſelbſt durch den Schall unterſcheiden konnte, daß die Perſon, welche ſich auf eine ſolche Weiſe zu erkennen gab, von Furcht beherrſcht ſei. „Herein!“ rief George. Die Thüre öffnete ſich langſam und— Lady Eliſabeth trat ein. Das Ausſehen der jungen Frau zeigte, daß ſie aufgeregt ſei. Ueber das ſtolze, bleiche Geſicht war eine leb⸗ hafte, warme Röthe verbreitet. Niemals war ſie ſo ſchön geweſen. „Madame, was bringt mir die Ehre Ihres Beſuchs? ſagte George artig. 4 „Sie reiſen wohl bald nach Rom, iſt es nicht ſo?“ fragte Eliſabeth und ſetzte ſich auf einen Stuhl, welcher neben der Staffelei ſtand. Sie war ſo auf⸗ geregt, daß ſie nicht zu ſtehen vermochte. „Ja, Madame, in zwei Tagen; mein Junokopf iſt fertig.“ „Ich komme, um zu fragen, ob Sie nicht vor Ihrer Abreiſe nach Rom mein Porträt malen wollen?“ Einige Augenblicke betrachtete George ſchweigend das junge Weib. Was war aus der übermüthigen Lady Canning geworden! Sie war es nicht, die er vor ſich hatte, dieſes ſchüchterne, bebende, zitternde und einnehmende Weſen, welche es kaum wagte, ihre Augen 181 zu ihm aufzuſchlagen. Nach einer kurzen Pauſe ant⸗ wortete George: „Was Sie wünſchen, Madame,, iſt nicht ausführ⸗ bar. Ein Porträt von Ihnen würde meine Reiſe nach Rom zu lange verzögern.“ „Ich bitte Sie, ſchieben Sie die Reiſe auf.“ Cliſabeth blickte mit einem flehenden Blick, mit einem ſo ſchönen Blick zu ihm hinauf, daß derſelbe ein kälteres Herz, als das von George hätte rühren können. Mit einem traurigen Lächeln fügte ſie hinzu: „Andernfalls würden Sie mich zwingen, Ihnen nach Rom nachzureiſen, um es von Ihnen gemalt zu bekommen.“ Es war unmöglich, nein zu ſagen. Einige Tage darauf hatte George zum zweiten Male dieſe regelmäßigen Zuge zu zeichnen begonnen, welche beim erſten Anblick ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen. Er malte ſie nicht aus dem Gedächtniß, wie das erſte Mal, ſondern er hatte jetzt das Original vor ſich. Es waren nicht allein die Züge, ſondern auch die Seele, die er auf die Leinwand übertrug. Man glaubte das Herz zu ſehen, wie es, von ſtarken und mächtigen Gefühlen glühend, unter dieſer hoch⸗ gewölbten und marmorweißen Bruſt klopfte. Eliſabeth hatte ſich vor der Porträtirung ein phantaſtiſches Kleid anziehen laſſen, welches ihre ſtatt⸗ liche Figur, den hübſchen Hals und Arme, ſowie den ſchönen Kopf auf eine vortheilhafte Weiſe erſcheinen ließ. Eine üppige Roſe ſchmückte das reiche Haar, von welchem ein Spitzenſchleier herabfiel und gleich 182 einer durchſichtigen Wolke über Schulter und Rücken wogte. Tage und ſelbſt Wochen vergingen. Cliſabeth ſah täglich den jungen Maler. Während dieſen Stunden wurde höchſt ſelten ein Wort zwiſchen ihnen gewechſelt; dagegen wurden die Blicke, welche ſich jeden Tag begegneten, immer wär⸗ mer und wärmer. Immer länger und länger ruhten George's Augen auf dem ſchönen Weibe, und immer deutlicher verriethen ſie, daß er ſie nicht als ein bloßes Kunſtwerk betrachtete. Als Eliſabeth ſich eines Tages einfand, um die gewöhnlichen zwei Stunden zu ſitzen, fand ſie bei ihrem Eintreten George vor ihrem Portrait und dem vorher von ihm gemalten Junokopf ſtehen. „Madame!“ rief er ihr entgegen,„betrachten Sie dieſe beiden Köpfe und ſagen Sie mir, welchen Sie am beſten finden.“ Eliſabeth verglich ſie eine Weile mit einander und antwortete, indem ſie auf das letztere Bild deutete: „Dieſes iſt das beſte.“ „Und warum meinen Sie das?“ Jetzt wandte George ſeinen Blick von den Co⸗ pien nach dem Original. Eliſabeth ſchwieg. „Wollen Sie, daß ich es Ihnen ſage?“ fragte er. Eliſabeth nickte bejahend. „Dieſes hier iſt Eliſabeth ohne Herz;“ George deutete auf die Jund;„dieſes iſt Eliſabeth mit Herz. Die Liebe hat ihren heiligen Schimmer über Ihr Antlitz verbreitet. Er ergriff ihre Hand und fügte hinzu: 183 „Sie lieben mich.“ „Das iſt wahr,“ antwortete Eliſabeth mit blei⸗ chen Lippen. George ließ ihre Hände los und ſtürzte aus dem Zimmer. Vergebens wartete Eliſabeth darauf, daß er wiederkommen ſollte. Eliſabeth kehrte, das Herz voll Angſt wegen ſeines ſonderbaren Benehmens, nach Hauſe zurück. Sie ſchloß ſich in ihr Zimmer ein, ohne auch nur ſelbſt ihrem Vater es zu erlauben, ſie zu ſehen. Am folgenden Morgen begab ſie ſich wie gewöhnlich in das Atelier von George. Als ſie in daſſelbe eintrat, fand ſie Niemanden dort. Eliſabeth ging hin zu einer Thüre, welche zu einem kleinen Zimmer führte, wo Eliſabeth während des Portraitirens zu ruhen pflegte. Auch dort fand ſie Niemanden. An einem Haken neben der Thüre hing der Sommerhut von George auf einer Staffelei, links ſtand ein Buch mit Studien, das aufgeſchlagen war und auf dem Tiſch lagen einige Bücher und Zeichnungen. Es ſchien, als hätte er ſoeben ſeine Wohnung verlaſſen. Eliſabeth warf einen Blick auf die Papiere und entdeckte dann einen Brief, welcher an ſie adreſſirt war. Sie erbrach ihn, aber ſchon beim Leſen der erſten Zeilen ſank ſie in die Kniee, als wäre ſie nicht im Stande, den Schlag zu ertragen, der ſie getroffen. In dieſer Stellung las ſie den Reſt des Briefes; als ſie damit zu Ende war, entſchlüpfte ihr ein ſchwacher Ruf verzweifelten Schmerzes. Sie verlor die Beſin⸗ nung. Der Inhalt des Briefes war folgender: „Sie lieben mich!— Sie haben es eingeräumt 1 184 und wir ſind geſchieden.— Sie, die Sie ſo ſchön ſind, täglich zu ſehen und zu wiſſen, daß Ihr Herz mir gehört, iſt für mich eine Gefahr, der ich nicht gewachſen bin; darum fliehe ich ſie.— Lady Canning wird bald den Sohn des Handwerkers vergeſſen, wenn ſie ihn nicht mehr ſieht. George kann nicht das Weib lieben, welche eine Stufe herabzuſteigen meinen würde, wenn ſie ihm ihre Liebe ſchenkte. Darum reiſt er. Wir werden uns in dieſem Leben nie mehr begegnen. Vergeſſen Sie deßhalb George.“ Zwei Jahre eilten dahin und man ſchrieb das merkwürdige Jahr 1848. Ludwig Philipp hatte ſein Spiel verloren. Der in Frankreichs Geſchichte unſterbliche 24. Februar war herangereift. Ein wilder Kampf wurde in den Straßen von Paris gekämpft, wo die Barricadenhelden unter den Standarten der Freiheit ſich unſterbliche Lorbeeren erwarben. In einer dieſer Straßen, wo der Kampf am heißeſten war, finden wir auf der dort errichteten Barricade als Anführer einen jungen Mann mit einem ungewöhnlich geiſtreichen und edlen Ausſehen. Er ſchlug ſich wie ein Löwe und ermunterte durch ſeinen Muth und ſeine Kühnheit die Anderen, gegen die Angreifer tapfer Stand zu halten. Er hatte bereits mehrere Wunden erhalten, ohne daß der Blutverluſt ſeinen Arm ermattet hätte, als eine Kugel ihn in 185 den Kopf traf, ſo daß er wie todt rücklings nieder⸗ ſtürzte. Man trug ihn in ein angrenzendes Haus. Eine junge ſtattliche Frau ſprang denjenigen, die ihn trugen, entgegen. „Iſt er todt?“ frug ſie mit einem Ausdruck der Verzweiflung. „Noch nicht,“ war die Antwort. Man übergab ihn dem Schutze der jungen Dame; ſie ließ ihn in eines der oberen Stockwerke hinaufbringen. Draußen dauerte der Kampf fort. Der junge Mann lag in einem heftigen Wundfieber und an ſei⸗ ner Seite wachte eine Frau, welche in ihrer ganzen äußeren Erſcheinung ſo ſchön und reizend war, daß ſie ſelbſt die Leiden hätte wegzaubern können. Die Tage kamen und gingen. Ludwig Philipp war geflüchtet, die proviſoriſche Regierung gebildet und die neugeborne Republick wurde in den Straßen und auf den Märkten beſungen; aber noch lag der junge Barricadenkämpfer auf ſeinem Schmerzenslager 4 noch raſte ein wildes und heftiges Fieber, welches ſei⸗ nen Verſtand verwirrte. Treulich ſaß das junge Weib an ſeiner Seite, ihn mit nie ermüdender Zärtlichkeit pflegen. Es war, als hätte ſie den Tod zum Duell herausgefordert und beſchloſſen, mit ihm bis auf's Aeußerſte um das Opfer zu kämpfen, welches er dahin raffen wollte. Gutwillig wollte ſie ſich daſſelbe nicht rauben laſſen. Oft brachte das junge Weib die ganze Nacht knieend an dem Krankenbett zu und betete für ſeine Geneſung. An einem ſchönen Abend Anfangs Mai ſchlum⸗ lmerte der Kranke ganz ruhig auf ſeinem Lager. Auf 186 einem Schemel neben ſeinem Bett ſitzend blickte ſeine Pflegerin angſtvoll und zärtlich auf die bleichen, hüb⸗ ſchen Züge. „Eliſabeth!“ flüſterte er ganz leiſe.„Eliſabeth, reiche mir die Hand, ich ſterbe für die Liebe und die Freiheit. Ich vermag nicht ohne Dich zu leben.“ In demſelben Augenblick erwachte er und blickte auf. Der ſonſt träumeriche und verworrene Blick war jetzt wunderbar klar und verſtändig. Das fiel ihr auf, die an ſeinem Bette ſaß. „Wieder dieſe erſtaunliche Täuſchung,“ murmelte er und ſchloß die Augen. „Das iſt keine Täuſchung, das iſt Eliſabeth,“ ſtammelte ſie.„O! George, mein Geliebter, betrachte mich, ſage, daß Du Deinen Junokopf wieder erkennſt.“ George blickte auf. Wunden, Leiden und alle Qualen, welche er ausgeſtanden, waren vergeſſen. An ſeinem Bette knieend, ſeine Hände in die ihrigen ge⸗ ſchloſſen, beichtete Cliſabeth die Geſchichte ihres ſtolzen Herzens; wie ſie gegen die nagende Liebe gekämpft; wie ſie dann derſelben nachgegeben, ohne daß weder Stolz noch irgend Etwas im Stande geweſen wäre, dieſe Liebe zu unterdrücken, und wie endlich ſeine plötz⸗ liche Abreiſe ſie beinahe getödtet. Zwei Jahre lang war ſie in ganz Italien, Deutſchland und Frankreich herumgereiſt, um ihn wiederzufinden, aber vergebens. Einige Tage vor dem Ausbruch der Märzunruhen war ſie in Paris angekommen, hatte ihre Wohnung zufällig neben der Barrikade, auf welcher George kämpfte, und ſo ſei ihr vom Schickſal die theure Pflicht 187 zuertheilt worden, ihn zu pflegen und ihm das Leben zu erhalten. Einige Monate darauf verließ Lady Eliſabeth Frankreich als die Gattin des Künſtlers George. Die Liebe gleicht Alles aus; ſie kennt keinen Rang. 1 ————— „ — —— —ꝛÿÿxÿõõ Der Schwur der Trenue. „Für Den, der Schwüre nöthig hat, Sind Schwüre viel zu ſchwach.“ Im nördlichen Frankreich liegt irgendwo an der Küſte das kleine Schloß Verdeville, welches einer franzöſiſchen Familie Namens Dorbin gehört. Der Eigenthümer davon, der urſprünglich Kaufmann war, lebte mit ſeiner Frau und einzigen Tochter ſeit einigen Jahren von ſeinen Zinſen. Madame Dorbin, welche einer adeligen Familie angehörte, die während der Emigration all ihr Ver⸗ mögen verloren, hatte ſich herabgelaſſen, dem plebe⸗ jiſchen Monſieur Dorbin ihre Hand zu geben; eine Mesalliance, welche ſie ſpäter fortwährend als das größte Unglück ihres Lebens beweinte. Die Tochter Zos hatte ſeit ihrer früheſten Kind⸗ heit die Mutter davon ſprechen hören, welche Ernied⸗ rigung es für ein Weib mit edlem Blut in ſeinen Adern ſei, einen Mann zu haben, der ſeinem Stande unter ihr noch ſtände. Oft pflegte Madame Dorbin zu ihrer ſechszehnjährigen Tochter zu ſagen: „Mein Kind, heirathe nie einen Mann, der nicht einen Titel hat, und wenn er noch ſo reich wäre.“ 189 Dieſes ſtete Wiederholen hatte in der That der Eitelkeit des Mädchens Nahrung gegeben, und ſie hielt es für eine Pflicht gegen ſich ſelbſt, daß ihr künftiger Gatte eine durch ausgezeichnete Eigenſchaften hervor⸗ ragende Perſönlichkeit ſei. 306 war ein reizendes Mädchen, mit einem Ge⸗ ſicht ſo friſch und anmuthig wie der Frühling, einem Wuchs, der einen Bildhauer hätte entzücken können und mit einem Benehmen, wie es nur eine Franzöſin haben kann; das heißt mit dieſer reizenden Anmuth, welche noch mehr als Schönheit die franzöſiſchen Frauen auszeichnet. Unſer geiſtreicher Blanche ſagt in der„Sonne von Süd und Nord“:„Es iſt verzeihlich, wenn man bei der Schilderung der fran⸗ zöſiſchen Frauen etwas warm um's Herz wird, denn dieß iſt ebenſo ſchwierig, wie den Weſtwind zu be⸗ ſchreiben, welcher uns entzückt, wenn er kömmt, und betrübt; wenn er von dannen flieht.“ Kurz, Zoé war beim Beginne unſerer Erzählung ein reizendes und liebliches Weſen von achtzehn Jahren. Achtzehn Jahre, das war ja noch ganz jung. Das iſt wahr; aber demungeachtet hatte Zos drei ganze Jahre den Sohn von Dorbins nächſtem Nach⸗ bar, dem Präfecten, Gaſton de Givré, geliebt. Als er neunzehn und Zoé fünfzehn Jahre alt war, hatten ſie bereits Liebesverſicherungen ausgetauſcht. Seit der Zeit waren drei Jahre vergangen. Die kindliche Liebe hatte eine andere Geſtalt angenommen, und ſich bei Gaſton in ein wirklich tiefes Gefühl verwandelt. Mit unglaublicher Eile machte er ſeine Studien und ſollte jetzt ſeine juridiſche Laufbahn beginnen. 190 Es war gerade zu jener Zeit, als die Verwick⸗ lungen zwiſchen Rußland und der Türkei ihren Höhe⸗ punkt erreicht hatten und der erſte Zug auf dem Schachbrett des Kriegstheaters gethan wurde. Er fand ſie allein im Salon auf Verdevllle. Gaſton wollte wie gewöhnlich Zo umarmen; denn es war einmal ausgemacht, daß ſie ein Paar werden würden. Bei dieſer Bewegung des künftigen Präfecten zog Zoé ſich mit einem nicht unbedeutenden Anſtrich übler Laune zurück. „Mon chore, ich bin verdrießlich, unterlaſſe des⸗ halb alle Kindereien.“ „Verdrießlich, Zoé!“ rief Gaſton erſchrocken und ergriff ihre Hand.„Hat ſich etwas zugetragen, das Dich betrübte?“ Eine Wolke auf Zoé's Stirne war Veranlaſſung zu wirklichem Kummer für Gaſton. Verliebte ſind ſich zu allen Zeiten gleich geblieben. Derſelbe Mann, welcher mit Verzweiflung auch nur eine Ahnung von Unzufriedenheit ſeiner Geliebten bekommt, wird einige Jahre ſpäter, wenn das Gefühl abgekühlt iſt, ſie ziem⸗ lich gleichgültig Ströme von Thränen vergießen ſehen. Veränderlichkeit in den Gefühlen iſt die Erbſünde des Menſchengeſchlechts. Zoé zog ihre Hände zurück, welche ihr Geliebter ergriffen hatte und ſagte in einem Tone, welcher auf einen ſtärkeren Gefühlsausbruch deutete: „Was ſich zugetragen hat, fragſt Du; und das nach unſerer Unterredung von geſtern Abend. Du willſt, daß ich mit Ruhe die Demüthigung ertragen. ſoll, daß mein Gaſton lieber zu Hauſe mit der Feder in der Hand ſitzt, als wie ein ächter Franzoſe das Schwert zu ergreifen und in's Feld zu gehen, um zu kämpfen und Chre zu gewinnen. Ach! es iſt ein demüthigendes Bewußtſein, daß es Dir an demjenigen Muthe gebrechen ſoll, welcher den Franzoſen zum Helden macht.“ Zoé verbarg ihr Geſicht in den Händen. „Theure, geliebte Zoé!“ rief Gaſton und ſtürzte auf die Kniee vor dem einnehmenden weinenden Mäd⸗ chen.„Es iſt nicht aus Mangel an Muth, daß ich Deine Bitte abſchlug, daß ich in den Krieg gehen möchte, ſondern weil ich mich bereits für eine ganz andere Laufbahn beſtimmt. Auf dieſer vorwärts zu kommen, iſt mein höchſtes Streben geweſen, weil der Lohn für meine Mühe Dein Beſitz werden ſollte!“ „Gaſton, ich werde in's Kloſter gehen; aber nie⸗ mals die Frau eines Mannes werden, welcher ſich geweigert hat, an einem Kriege wie dieſer Theil zu nehmen.“ „Z06, Du überlegſt nicht, was Du ſagſt.“ „Thue ich nicht!“ rief Zoé und ſprang auf. Sie erhob ihren Blick und ihre Hände gen Him⸗ mel und fügte mit einem hinreißenden Ausdruck, welchen die Franzöſin ſo gut ihrer Stimme zu geben verſteht, hinzu: „Ach, Gaſton, ich liebe Dich ſo von meiner ganzen Seele, daß ich Dir alle glänzende Eigenſchaften, welche den Mann ſo hoch ſtellen, beigelegt habe. Du warſt in meinen Träumen ein Held, welcher ſich für alles Große und Cole mit glühenden Gefühlen i eſſirte. Wie oft habe ich nicht während dieſ —ꝛʒʒ· 192 Zeit mit klopfendem Herzen darauf gewartet, daß Du erklären würdeſt, nicht in weichlicher Unwirkſamkeit zu Hauſe bleiben zu können, während Deine Landsleute in den Kampf zogen, und wie oft habe ich nicht im Geiſte Dich mit Ehre und Auszeichnung vom Streite zurückkehren geſehen. O! mein Gott,— jetzt faltete ſie die Hände,— was iſt aus meinem ſchönen Traum geworden!“ „Er wird verwirklicht werden!“ rief Gaſton mit ſtrahlendem Blick. Auf dieſen Ausruf folgte eine Scene, die ſich jeder Liebende vorſtellen kann, weshalb wir dieſelbe 4 mit Stillſchweigen übergehen. Zoé war unausſprechlich glücklich, denn ſie hatte geſiegt und Gaſton fühlte ſich ſeinerſeits glücklich, be⸗ ſiegt zu ſein. · Einige Tage darauf hatte Gaſton ſich an einem ſchönen und klaren Abend auf Verdeville eingefunden, um der Dame ſeines Herzens Lebewohl zu ſagen. Er ſollte jetzt hinaus, um ſich für die Ehre und ſeine Liebe zu ſchlagen. Es war ſein letzter Beſuch vor der Abreiſe. Die beiden jungen Leute waren in den Garten hinuntergegangen, um dort, von Blumenduft, von dem Raſſeln des Laubes und dem Spiele des Waſſers umgeben, Verſicherungen gegenſeitiger Liebe auszutauſchen. Gaſton hatte einige Romanzen ge⸗ 193 ſungen, indem er ſich mit der Laute begleitete, um auch auf dieſe Weiſe das übervolle Herz ſprechen zu laſſen. Als er mit ſeinem Geſang zu Ende war, ergriff er Zoé's Hand, legte dieſelbe auf ſeinen Arm und ſagte: „Komm, laß uns noch einmal ins Meer hinaus⸗ blicken, vielleicht werden wir nie mehr zuſammen dieſes Bild ſchauen.“ Lange ſtanden ſie an die Barriere geſtützt, welche nach dem Meere zu lag und Zoé ſprach nit ſchwär⸗ meriſcher Begeiſterung von ihrer Liebe und von der Zukunft. Gaſton horchte darauf, während eine Wolke tiefer Schwermuth über ſeinen hübſchen Zügen ruhte. Es war ein trauriges Vorgefühl, daß die frohen Tage ſeines Glücks jetzt zu Ende ſeien. Plötzlich legte er ſeinen Arm um Zo0's Leib, führte ſie weg von der Barriere nach dem Garten und ſagte, indem er ſie an ſeine Bruſt drückte: „Ich will nicht lange das Meer betrachten; denn die Wogen deſſelben flüſtern ſo wunderbar, daß es mir vorkommt, als wenn ſie mir winkten, uns Beide in die Tiefe zu ſtürzen. Dann, 306, wäreſt Du auf ewig die Meinige. Nun! ach, mein Gott; wenn ich aus dem Kampfe wiederkehre, dann haſt Du mich wielleicht vergeſſen.“ Zos ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals, blickte ihm in ſeine brennenden Augen und flüſterte: „Niemals wird Zoé eines Anderen Braut als Deine, niemals wird ſie Dich vergeſſen können!“ „Die Abweſenheit, Zos, iſt eine gefährliche Feindin der Treue.“ Schwartz, Novellen. VI. 13 194 „Gaſton,“ ſagte Zoé mit Wärme,„ich ſchwöre bei der heiligen Jungfrau, Dir ewig treu zu bleiben. Fällſt Du, dann wird das Kloſter meine Zuflucht, wo Deine Zoé denjenigen beweinen wird, den ſie auf der Erde am höchſten liebte. Sollte ich dem Schwur, den ich jetzt gethan, untreu werden, dann haſt Du ein Recht mich als ein ehrvergeſſenes und treuloſes Weib vor der Welt zu brandmarken. Siehe hier,“ fügte ſie hinzu und zog ein Medaillon hervor, welches ihr Bild enthielt,„laß dieſes Bild Dich als ein Talisman begleiten. Am Rande ſteht: Treu bis in den Tod.* „O, Z0614.... Eine lange Umarmung und ein heißer Kuß vollendeten den Satz. Der Mond, welcher ſeine ſilbernen Strahlen über Land und Meer verbreitete, verbarg ſich eben hinter einer Wolke, um nicht länger Zeuge des Ab⸗ ſchieds der jungen Leute zu ſein. Als Zoé etwas ſpäter allein an ihrem Kammer⸗ fenſter ſaß und mit thränenfeuchtem Auge in die Nacht hinausblickte, da klagte ihr Herz über die Tren⸗ nung und machte ihr Vorwürfe, daß ſie Gaſton über⸗ redet hatte, in den Krieg zu gehen. „Ol wenn er fallen ſollte, dann würde mein Herz brechen,“ flüſterte ſie.„Aber er wird nicht fallen, ſondern als Oberſt und mit der Chrenlegion decorirt zurückkehren, und dann werde ich Obriſtin. Ach, was das für eine göttliche Freude werden wird! Niemand wird es dann wagen, davon zu ſprechen, daß ich eine Krämerstochter ſei.“— Mit dieſen Troſtgründen ging das junge Mäd⸗ 195 chen zur Ruhe und es träumte ihr, daß Gaſton in glänzender Oberſtuniform und die Bruſt voll von Orden gekommen ſei, um ſie zum Altare zu führen; aber gerade als ſie ihm die Hand reichen ſollte, ſei er verſchwunden. Wie haben die Poeten nicht den Krieg und den Heldenmuth beſungen; würden aber dieſe Dichter, welche die Schlachten mit ſo prahleriſchen Worten ge⸗ ſchildert, dazu im Stande geweſen ſein, wenn ſie nach der Schlacht ein Schlachtfeld beſucht und es mit Ver⸗ ſtümmelten, Verwundeten, Sterbenden und Todten bedeckt geſehen hätten? Ob nicht das Blut vor Entſetzen in ihren Adern erſtarrt und die Feder ihnen aus der Hand gefallen wäre, welche mit glühenden Farben die Scenen vom Schauplatze des Kampfes ſchildern ſollte? Wir glauben, daß das Gräßliche eines ſolchen Schau⸗ ſpiels, bei welchem jedes menſchliche Gefühl ſchaudert, den Reiz, welchen der Kampf ſelbſt hat, gänzlich in den Hintergrund gedrängt haben würde. Wer mit Intereſſe dem Kriege in der Krim ge⸗ folgt iſt, der hat auch von der tollkühnen Keckheit, vom Muth und Feuer der Zuaven im Kampfe gehört. Es iſt unter einer vollen Attaque beim Sturme auf eine der*rr Baſtionen, daß wir den Leſer mitten in in die Reihen der fechtenden Zuaven einführen wollen, —— 196 welche Tod und Verwüſtung verbreiteten und denen Alles weichen mußte. An der Spitze dieſes ſiegenden Haufens befanden ſich zwei Männer. Des Einen olivenfarbige Haut, ſcharfgezeichnete Geſichtszüge, ſchwarze flammende Augen und ungewöhnliche Gewandtheit verriethen ſofort ſeinen arabiſchen Urſprung. Des Andern regelmäßige und edle Geſicht, lebhaſte, blitzende Augen und Leich⸗ tigkeit in den Bewegungen zeigten an, daß er ein Franzoſe ſei. Beide trugen Zuavenuniform und kämpften mit ſo zu ſagen beiſpielloſer Tapferkeit. Während einer augenblicklichen Ruhe bemerkte der Araber gegen den Franzoſen. „Warum, Kamerad, wirfſt Du Dich in den Kampf mit ſo viel Tollkühnheit, ſuchſt Du den Tod?“ „Nein, ich ſuche die Ehre und darum habe ich beſchloſſen, der Erſte zu ſein, welcher jene Baſtion be⸗ ſteigt und dort das Siegeszeichen aufpflanzt. „Aber vorher kann es Dir leicht paſſiren, daß Du mit dem Tode Brüderſchaft trinken mußt.“ „Bah, wenn man wie ich ſich für ſeine Ehre und Liebe ſchlägt, dann fällt man nicht.“ „Du wünſcheſt alſo dem Tode zu entgehen?“ „Ja, ich will mit Lorbeeren und Ehre bedeckt zurückkehren.“ Der Kampf, welcher wieder begann, verhinderte jede weitere Unterhaltung. Von dieſem Augenblick an wich der Araber nicht von der Seite des Franzoſen, und manchen verderblichen Hieb, der nach dem Kopfe des Kameraden geführt wurde„parrirte er während des wilden Gefechts. 197 Einmal rief er dem Franzoſen zu: „Kamerad, Du biſt verwundet!“ „Thut nichts, ich ſpüre es nicht,“ war die Antwort. Einige Minuten darauf war die Baſtion erſtürmt und der junge Krieger beſtieg ſie als der Erſte. Mit einem: Vive la France! pflanzte er dort die fran⸗ zöſiſche Fahne auf, während ſein Siegesruf von Tau⸗ ſenden von Stimmen wiederholt wurde. In demſelben Augenblick bemerkte er den Araber an ſeiner Seite. „Du haſt die Baſtion zu gleicher Zeit mit mir beſtiegen,“ ſagte er mißvergnügt. „Du irrſt Dich, ich beſtieg ſie vor Dir.“ „Hole Dich der T—, die Chre, der Erſte geweſen zu ſein, gehört Dir.“ „Nein, behalte Dir das Siegeszeichen, Du käm⸗ pfteſt für daſſelbe, ich ſuchte nur den Tod.“ Eine Kugel, welche an dem Araber vorbeiſauste, unterbrach das Geſpräch. Der Franzoſe ſtürzte in die Kniee, die Fahne wankte, aber blieb doch ſtehen. Der Gefallene hatte dieſelbe krampfhaft mit ſeiner linken Hand umklammert; die rechte war zerſchmettert worden. „Kamerad, ich habe den rechten Arm verloren und kann nicht weiter am Kampfe theilnehmen.“ „Aber ich kann es,“ fiel der Araber ein und rief, indem er die franzöſiſche Fahne ergriff: „Es lebe de Givré!“ welches von den ſtürmenden Zuaven in Gaſtons Ohren gerade in dem Augenblick wiederhallte, als er die Beſinnung verlor. —— — V 198 Welch herzzerreißenden Anblick bietet nicht ein Feldlazareth! Dieſe Lager mit verſtümmelten, wim⸗ mernden Weſen, welche von Schmerzen und Fieber verzehrt, es mit ihren Seufzern und Klagen erfüllen. In einem Krankenſaal finden wir Gaſton. Sein Arm war abgenommen und er ſelbſt lag da ſchwei⸗ gend, ohne über phyſiſche Schmerzen zu klagen, ſon⸗ dern nur mit ſieberhafter Ungeduld den Augenblick erwartend, wo er wieder geſund werden und am Kampfe theilnehmen konnte. Er hatte beim erſten Sturm, an welchem er theilgenommen, ſeinen rechten Arm verloren, das iſt wahr, aber er war dadurch befördert worden. Neben ihm, mit einer Binde um den Kopf ſaß ſein Seitenmann im Kampfe, der Araber, den wir hier Ali nennen wollen. „Nun, Kamerad Gievré, warum drehſt und wendeſt Du Dich ſo ungeduldig auf Deinem Lager? Der Arzt hat ja geſagt, daß Du ruhig ſein müßteſt.“ „Ahl es iſt peinlich, hier zu liegen und die Kanonenſchüſſe zu hören, ohne mit am Kampfe theil⸗ nehmen zu dürfen. „Meinſt Du denn, daß Du in der letzten Affaire nicht Blut genug geſehen haſt, da Du dich nach mehr ſehnſt?“ „Ich ſah kein Blut, ich hörte keinen Jammer, ich ſah und hörte nur den Sieg der Franzofen.“ „Es koſtete Dich Deinen Arm.“ „Und Dich eine Schmarre am Kopf.“ „Bah, das nächſte Mal wird es der Kopf ſein, der flöten geht.“ , — — 199 „Sei Du Deinetwegen ruhig, Kamerad, Du wirſt ſchon finden, was Du ſucheſt, ſo gut wie ich; aber der Lohn, der Deiner dort zu Hauſe wartet, der wird ausbleiben.“ „Wie meinſt Du das?“ Der Araber heftete einen finſtern Blick auf den Franzoſen und antwortete: „Kamerad, Du willſt mit Ehren gekrönt in Deine Heimath zurückkehren?“ „Ja wohl!“ „Und dort wirſt Du mit Liebe belohnt werden?“ „Auch das iſt wahr.“— „Du verläßt Dich alſo auf die Treue eines Weibes?“ „Jd.“¹ „Suche dann lieber, wie ich, den Tod; dann wirſt Du nicht betrogen.“ „Was ſagſt Du! ich betrogen!“ rief Gaſton mit einem zuverſichtlichen Lächeln. „Derjenige Mann, der ſich auf den Schwur der Treue eines Weibes verläßt, wird immer angeführt. Alles kannſt Du hier im Leben finden, nur keine Treue in der Bruſt eines Weibes.“ Ali ſchwieg und blickte düſter vor ſich hin. Es entſtand eine Pauſe, während welcher Gaſton Z06˙s Portrait hervorzog, das er mit den Blicken eines wirklich Liebenden betrachtete, und je länger ſeine Augen auf dem ſchönen Bilde ruhten, deſto lauter pochte ſein Herz und Gaſton dachte: „Giebt es irgend einen Preis, der hoch genug wäre für das Glück, ſie zu beſitzen? O, Du meine 200 edle und hochherzige Zoé, ohne Dich wäre ich jetzt nicht ein Mann, der meinem Vaterlande Ehre gemacht, uüͤcht ein von ſeinen Kameraden vergötterter Held, ſondern ein Weichling, der ſeine Kraft und ſeine Zeit zu Hauſe vergeudet hätte. Derjenige, der ſo hochherzig und edel, wie Du, denkt, hat auch ein treues Herz.“ Gaſton hatte in ſeinem Entzücken die Gedanken in Worte gekleidet und ſprach ſie laut aus. „Ja ſo,“ fiel Ali ein,“ ſie iſt es alſo, die Dich zum Helden und Krüppel gemacht; aber wird jede Deine Beförderungen ebenſo theuer, dann wirſt Du nicht beſonders verführeriſch ausſehen, wenn ſie Dich wieder ſieht.“ „Was hat das zu bedeuten. Der Stolz, den ſie über mich empfinden wird, macht ſie mein ent⸗ ſtelltes Aeußere vergeſſen und giebt mir einen Erſatz für den Verluſt meines Armes. Ein Sprichwort ſagt: Die Glieder eines Kriegers exiſtiren nur, um auf dem Schlachtfelde zerſtreut zu werden.“ Der Araber lächelte. „Aber ſage mir, Ali, warum ſuchſt du ſo eifrig den Tod?“ „Weil ich um meine Liebe betrogen worden bin und die Ehre verachte. Das Leben iſt mir eine Laſt, die ich los werden will.“ „Wenn ich von ihr betrogen werde, dann...“ Gaſton fuhr mit der linten Hand über die Stirne. „Dann würdeſt Du Dich mit der Ehre tröſten.“ „Ich würde mich tödten und ſie mit meinem Blute beſpritzt, fortleben laſſen.“ 201 Der Araber zuckte mit den Achſeln und antwor⸗ tete ganz ruhig: „Warum Hand an Dein eigenes Leben legen? Der Tod trifft Dich ſchon, wenn Du ihn ſucheſt.“ „Er hat Dich nicht getroffen.“ „Er zögert nur. Wenn ich einen ſolchen Kame⸗ raden, wie Du biſt, vertheidigen kann, dann finde ich ihn ſchon. Man muß auch durch ſeinen Tod Nutzen zu ſtiften ſuchen. Erinnere Dich, daß ich Dir mein Leben ſchenke, wenn es das Deinige retten kann.“ Wieder wurde eine Schlacht geſchlagen, wieder ſollte eine Feſtung genommen werden, und der junge Zuavenkapitän Gaſton de Givré ſtand an der Spitze ſeiner Soldaten. Er kämpfte mit dem Muthe eines Löwen, obgleich er jetzt auf ſeinen linken Arm be⸗ ſchränkt war. Treu kämpfte der Araber Ali an ſeiner Seite. Der Kampf war ein verzweifelter und der Sieg lange unentſchieden. Der wilde und heftige Kampf der Zuaven gab endlich dem Streite eine ent⸗ ſcheidende Wendung, ſo daß die Truppen der Alliirten glaubten, auf einen glänzenden Sieg hoffen zu dürfen. Es war eine Baſtion, die vom Feinde mit vieler Energie vertheidigt wurde und genommen werden mußte. Gaſton führte die Zuaven an, welche ſie an⸗ griffen. Auch jetzt wollte er der Erſte ſein, der ſie als Sieger beſtieg. Während des raſenden Kampfes, 202 welcher jetzt entſtand, hatte Ali mehreremale den küh⸗ nen Anführer gerettet. Endlich hörte man durch das Getöſe des Kampfes den Ruf:«Vive la France!- und ſiehe, auf den Mauern der Feſtung wehte wieder die franzöſiſche JFahne. Ein Kugelregen von der feind⸗ lichen Seite begrüßte dieſelbe und der kecke Kapitän de Givré ſtürzte zu Boden. „Vorwärts, Kameraden!“ ertönte die Stimme des Gefallenen an ſeine Zuaven. Rings um ihn her raſte ein wilder Kampf; denn der Feind machte einen letzten und verzweifelten Verſuch, die Franzoſen zurückzuwerfen, und ſo viel Verwüſtung als möglich in den Reihen der Sieger anzurichten. Als ſie Gaſton fallen ſahen und hörten, wie er, obgleich verwundet, mit lauter und deutlicher Stimme ſeine Leute aufmunterte, concentrirte ſich der Kampf um ihn. Wie ein Fels ſtand Ali an der Seite des ge⸗ fallenen Führers. Jeden Hieb, der nach Gaſton ge⸗ führt wurde, ſtrafte Ali mit einem Todesſtoß. Als ſchließlich vier Säbelklingen zu gleicher Zett über de Givré geſchwungen wurden, warf Ali ſich wie ein Schild über ihn. Die eine Klinge hieb den Kopf des Arabers ab, die Andere verſenkte ſich in ſeine Bruſt; aber keine traf Gaſton. Einige Stunden darauf brachte man den Kapitän in das Lazareth. 3 Die verſtümmelte Leiche Ali's wurde mit den übrigen Gefallenen begraben. 203 Die Schrecken des Kriegs waren zu Ende. Der Friede hatte ſeinen Balſam auf die Wunden des Krieges gelegt. Die Truppen waren nach der Hei⸗ math beurlaubt und diejenigen, welche Ehre und Aus⸗ zeichnung gewonnen, ſahen mit ſehnſuchtsvollen Blicken dem Tage entgegen, an welchem ſie die Heimath wie⸗ der ſehen ſollten. Die Franzoſen hatten mit Jubel und Begeiſterung die zurückkehrenden Krieger begrüßt. Väter, Mütter, Gattinnen, Schweſtern und Ge⸗ liebte beeilten ſich, die Helden zu umarmen. Unter der Zahl der letzteren befand ſich ein ganz junger Mann in der Majorsuniform der Zuaven. Es ſchien, als hätte er dieſelbe ehrlich verdient; denn er kam nur mit einem Arm und einem Bein wieder zurück. Dieſe Verluſte ſchienen indeſſen gar nicht auf ſein Gemüth eingewirkt zu haben; denn das bleiche Ge⸗ ſicht ſtrahlte von Hoffnung und Freude. Sein Aufenthalt in Paris dauerte nicht lange. Sobald er konnte, machte er ſich auf den Weg nach der Heimath. Stolz und glücklich wie ein Gott ſah er jene Gegenden wieder, wo er eine frohe Kindheit verlebt und ſeine erſten Träume von Glück und Liebe an 306˙s Seite geträumt. Er hatte ſie nicht von ſeiner Rückkehr in Kenntniß geſetzt, ſondern ihr eine freudige Ueberraſchung bereiten wollen. Wie klopfte nicht ſein Herz doppelt ſchnell beim Gedanken an ihre Freude, und mit welchem Gefühl wahren Stolzes blickte er nicht auf das Kreuz der Ehrenlegion, das er trug. Jetzt fühlte er ſich der Liebe und der Be⸗ wunderung Zoe's würdig. Er hatte ſich als Held ausgezeichnet und ſie immer gleich treu und unaus⸗ 204 ſprechlich gelibt. Wie würde ſie mit ihrer hochher⸗ zigen Denkweiſe ihn nicht begreifen und verſtehen. Von ſeinem eigenen Herzen wußte er, wie hoch ſie denjenigen lieben mußte, der ſie ſo liebte, wie er es that. Daß die Zeit Zoé geändert haben ſollte, fiel ihm nicht ein; denn dieſelbe hatte ja ihn nicht ge⸗ ändert. Daß Zoé ſich andern Eindrücken hingegeben, kam ihm unmöglich vor. Er war ja noch derſelbe, und Gaſton that es, wie Alle— er beurtheilte die Geliebte nach ſeinem eigenen Innern. An einem ſchönen Sommertag gegen Abend kam er in der Heimath ſeiner Väter an und einige Stunden darauf finden wir ihn in Dorbins Garten an derſelben Stelle, an welcher Zoé ihm beim Abſchied den Schwur der Treue leiſtete. Gaſton ſtand an die Barriere gelehnt und blickte hinaus in's Meer. Er wußte, daß Zoé Abends nach dieſem Platz zu promeniren pflegte, und er hatte be⸗ ſchloſſen, dort ihre Ankunft abzuwarten, um die freu⸗ dige Ueberraſchung um ſo viel größer zu machen. Er wollte, daß ihr erſtes Wiederſehen gerade hier, und nur mit Gott als Zeugen, ſtattfinden ſollte. Unſer Krieger hatte lange dort geſtanden und auf jeden Laut gehorcht, ohne daß die Erwartete zum Vorſchein kam. Gaſton fing an zu fürchten, ſie möchte ihren alten Gewohnheiten nicht mehr treu ſein, und grü⸗ belte darüber nach, wie er es anfangen ſollte, Zo6 ganz allein an dieſem Platze zu treffen. Aus dieſem Grübeln wurde er durch den Schall von Tritten her⸗ ausgebracht; aber es war nicht eine Perſon, ſondern —— zwei, die ſich näherten. Gaſton, welcher durchaus nicht wollte, daß bei ſeinem und Zoé's erſtem Be⸗ gegnen eine dritte Perſon anweſend ſei, zog ſich hinter eine Hecke zurück. Kaum war dieß geſchehen, als ein junges Weib, das ſich auf den Arm eines Mannes ſtützte, ſichtbar wurde. Gaſton de Givré ſtarrte von ſeinem Verſteck aus die beiden Ankommenden mit einem Blick an, welcher bewies, daß er glaubte, er ſei das Opfer einer Täuſchung, oder daß ihn ſeine Augen betrögen. „Ah! mein Gott,“ ſprach er vor ſich hin,„meine Gedanken und Gefühle ſind ſo mit Zoé beſchäftigt, daß ich ſie in jedem Weibe zu ſehen glaube, das ſich meinen Blicken zeigt, und darum glaube ich auch jetzt, daß es Zoé ſei!“ Gaſton ſtrich mit der Hand über die brennend heiße Stirne, als wenn er das Bild verſcheuchen wollte, welches er vor ſeiner Phantaſie ſpielen glaubte. Indeſſen waren die eben Angekommenen bis zur Barriere herangetreten und ſtanden jetzt ganz nahe an der Hecke, welche Gaſton verbarg. „Z06,“ ſprach der Mann, auf deſſen Arm das junge Weib ſich ſtützte,„man hat mir geſagt, daß Du ein Verhältniß mit einem gewiſſen Gaſton de Givré gehabt, welcher in den Krieg gegangen iſt; iſt das wahr? In dieſem Falle hätteſt Du mich betrogen, als Du ſagteſt, daß ich Deine erſte Liebe ſei.“ Bei dieſen Worten zitterte die Hecke, hinter wel⸗ cher Gaſton ſtand; aber die beiden Liebenden merkten es nicht. Mit einer Stimme, die ſo anmuthig und mild war, wie der Sommerwind, antwortete Zoé: „Mein geliebter Charles, es iſt wahr, daß de Givré und ich Spielkameraden geweſen; aber von Liebe iſt nie zwiſchen uns die Rede geweſen. Du biſt es, der zuerſt dieſes Gefühl in meinem unerfahrenen Herzen wach gerufen; oder glaubſt Du, daß ich Gaſton in den Krieg hätte ziehen laſſen, wenn ich ihn geliebt; daß ich mich zu ſolchen Qualen verurtheilt haben würde, wenn mein Herz ſo an ihm gehangen, wie an Dir?“ Wieder hörte man ein heftiges Raſſeln in der Hecke. „Ol daß ich doch wagen dürfte, Dir zu glauben,“ rief Charles und ſchlang ſeinen Arm um Zoé's Leib. „Blicke mir in's Auge, Zoé, und ſchwöre mir, daß ich Deine erſte und einzige Liebe bin.“. „Ich ſchwöre es,“ ſtammelte Zoé und ſtützte den Kopf gegen Charles Bruſt. Ein Ton gleich einem Seufzer machte Zoé zu⸗ ſammenfahren und auszurufen: „Was war das?“ „Das Seufzen des Meeres gegen das Ufer, meine Geliebte,“ antwortete Charles mit zärtlicher Betonung. „Komm, laß uns gehen,“ bat Zo6.„Ich liebe nicht das Seufzen des Meeres.“ Die Treuloſe empfand Etwas gleich Gewiſſens⸗ biſſen; denn die Erinnerung hatte ſie mit unbeweg⸗ licher Strenge daran gemahnt, daß ſie gerade an der⸗ ſelben Stelle ewige Liebe und Treue geſchworen; eine Treue, die ſie längſt nicht mehr gehalten. Liebte ſie wirklich Charles? Gott weiß es! Zoé gehörte zu denjenigen, welche aus Laune oder Eitel⸗ keit lieben. Charles de Beaupré war Marquis, jung, reich und verliebt. Zoé wäre durch ihn in eine geſellſchaft⸗ liche Stellung gekommen, welche Gaſton ihr nie bieten konnte, falls er wirklich aus dem Kampfe zurückkehrte. Als eine ächte Franzöſin konnte 306 unmöglich begreifen, wie man des Gefühls halber ſollte im Stande ſein können, den eigenen Vortheil zu opfern; darum nahm ſie begierig die Partie mit Charles an, und bald kam es ihr ſelbſt unerklärlich vor, wie ſie hätte glau⸗ ben können, im Ernſte eine Neigung zu Gaſton gehabt zu haben. Natürlich mußte er einſehen, daß ſie nicht darauf verzichten konnte, die Frau des reichen Mar⸗ quis de Beaupré zu werden, weil ſie unter dem Einfluß exaltirter Gefühle einen kindlichen Schwur der Treue geleiſtet. Die Dunkelheit der Nacht war eingebrochen, als Gaſton in ſeine Wohnung eintrat. Nur einige Stun⸗ den waren, ſeit er ſie verließ, verfloſſen, und doch waren ſie hinreichend geweſen, dieſe lebhaften und freudeſtrahlenden Züge in ſolche zu verwandeln, welche Kummer und Verzweiflung entſtellt hatten. 208 Als er in ſein Schlafzimmer eintrat, warf er ſich auf's Sopha, ohne ein einziges Wort auf alle die freundlichen Fragen zu antworten, welche die alte Dienerin an ihn richtete. Die düſter vor ſich hin⸗ ſtarrenden Augen hatten faſt etwas Wahnſinniges in ihrem Ausdruck. Lange lag der arme Invalide unbeweglich; plötzlich erhob er ſich haſtig und fragte die alte Nanny: „Wann wird Zoé Dorbin heirathen?“ „Die Mutter Gottes ſchütze uns! iſt es deßhalb, daß er ſo übel zu Muthe iſt?“ „Stille, Nanny, antworte nur auf meine Frage.“ „Man ſagt, daß es in vier Tagen geſchieht. Die kleine Zo6 wird Marquiſin.“ „Verlaſſe mich.“ Der Ehecontrakt zwiſchen Marquis Charles de Beaupré und Zoé Dorbin ſollte unterſchrieben wer⸗ den. Zoé hatte gerade ihren Namen darunter geſetzt, als die Salonthüre haſtig aufgeriſſen und ein Be⸗ dienter, der den Weg verſperren wollte, bei Seite geſchoben wurde. Der Lärm, welchen dieß verurſachte, 8 bewirkte, daß Aller Blicke ſich nach der Thüre richteten. Herein trat ein hochgewachſener Mann, welcher trotz ſeinem hölzernen Bein mit ſicheren Tritten auf 3 Zoé zuſchritt. Bei ſeinem Anblick entfuhr ihr ein Angſtruf und ſie wankte, fiel aber nicht, denn der 209 Eintretende hatte ſie am Arme gefaßt und ſagte in dumpfem Tone: 1 „Zoé, kennen Sie den Mann wieder, dem Sie ewige Treue ſchwuren?“ 306 ſchauderte zuſammen. Alle Anweſenden ſtanden ſtumm da. „Betrachten Sie mich genau,“ fuhr er fort, während ſeine Hand ſich feſter und feſter um ihren Arm ſchloß.„Siehe, um welchen Preis ich mein Wort gehalten, mit Ehre und Narben bedeckt, nach Hauſe zurückzukehren. Nun gut, ein Mann, der ſich aus Liebe zum Helden und Krüppel gemacht, und deſſen Gattin zu werden, oder auch in's Kloſter zu gehen und ſeinen Tod zu beweinen, ſie einen ſo heiligen Schwur thaten. Dieſer Mann hat ein Recht zu ver⸗ langen, daß Sie Ihren Schwur halten. Z06, Sie ſehen ja an meinem Geſicht, daß ich komme, um die Erfüllung Ihres Verſprechens zu fordern... und mich wegen Ihrer Treuloſigkeit zu rächen.“ 306 s Blick hing an Gaſtons unheilverkündenden Zügen, und ſie fühlte, wie ihr Blut erſtarrte. Sie las in denſelben, was kein Anderer las, und darum flüſterte ſie: „Gnade, Gaſton!“ Er ließ ihren Arm los und ſagte mit einem Büſteren Lächeln: „Sie geben alſo zu, Ihre Treue gegen mich ver⸗ rathen und meine Rache verdient zu haben?“ „Ja! flüſterte ſie mit lautloſer Stimme. „Und Du, treuloſes Weib, glaubteſt, daß Der⸗ jenige, der Dich ſo geliebt, wie ich, geduldig die Fol⸗ gen Deines Betrugs ertragen würde! Du betrogſt mich. Mir gehörſt Du und wirſt nie die Gattin eines Anderen werden.“ Gaſton hatte während er ſprach, die Hand unter ſeinen Rock geſteckt. Bevor irgend einer der Anwe⸗ ſenden wußte, woher derſelbe kam, ertönte ein Schuß und Zoé lag in ihrem Blute gebadet zu den Füßen des Helden von der Krim. Ein Schrei des Entſetzens und Alle ſtürzten auf den Wahnſinnigen los, welcher eine ſolche That be⸗ gangen; aber ehe ein Arm ſich gegen ihn ausſtrecken konnte, um ihn zu feſſeln, hörte man einen zweiten Schuß und der junge Invalide ruhte todt an der Seite ſeiner treuloſen Geliebten. So wurde der Schwur der Treue beſiegelt. · So erzählte eine Madame D— aus der Bretagne die Verfaſſerin dieſer Geſchichte, als wir eines Tages vom Krimmkriege ſprachen. Die Geſchichte iſt wahr und hat ſich wirklich zugetragen, weshalb die Verfaſ ſerin dieſelbe als eine paſſende Warnung für Die jenigen angeſehen hat, die mit Schwüren ſpielen. Ende des letzten Bandes. —“f-.— ſnſnſſſnſeſſnſ ſſſſſnſſſſnnſnf 12 13 14 15 16 1 8 9 10 11