51 S S. 5 6 6 8 5 * Der Verfaſſerin von Hodwie⸗Caſtle ſimmtliche Bomane. Aeunter Pand. Chomas Thyrnau. Dritter Theil. Preslau, im Verlage bei Joſef Max und Komy. 1855. Chomas Chyrnau. Von der Verfustzerin von Golwie-Unstle. Dritter Theil. Preslau, im Verlage bei Joſef Max und Komp. 1855. Der Oktober⸗Morgen lag mit ſeinem vollen magiſchen Reich⸗ thum über der Erde ausgebreitet— der Boden war nit Thau⸗ perlen beſäet und der Raſen von dem ſaftigſten Grün. An den Rändern der Bäche nährte ſich noch die reichſte Blumenpracht und die niedern Felſenwände zeigten ihre farbige Vegetation, erfriſcht von dem belebenden Thau, in lebhafteren Farben. Die Wälder prangten in der fabelhaften Verwandlung, wo goldene Laubkronen mit purpurnem Schatten neben dem ewigen Grün der Kiefern und Lerchenbäume entſtehen, und die grüne Winde mit ihren tanzenden Florblüten, und das Schlingkraut mit ſeinen fleißigen kleinen Händen ſich um jeden Stamm klammert, und die blaßgrünen Ranken ſo lange in der Luft hüpfen, bis ſie den Nachbarzweig erhaſchen, mit dem ſie nun Freundſchaft unterhalten, und von ihm geduldet, ſich weiter ſchlängeln, bis die Feſtons ihres zarten Geglieders die wahre Waldgemeinſchaft bewirken. Dazwiſchen, wo der Waldweg zurückwich, oder die Durchſicht die Ferne zeigte— lagen die Nebelſchichten der Sonne entgegen, die ſie theils niederdrückte, theils in feine Dunſtſtreifen verflüchtigte, indem ſie ihre leichten Maſſen gegen die dunklen Körper der Felſen in violetten und roſenrothen Färbungen zeigte— während einzelne Stellen ſchon von den warmen Strahlen der Sonne durchbrochen wie glückſelige Inſeln in paradieſiſcher Ueppigkeit zu leuchten ſchienen. Die Wanderer, die den thauigen Weg, der auf ſelſigem Boden eine unebene Landſtraße darbot, hinan klommen, waren ſo ſtill als die Natur, die ihre heiteren Bewohner bereits Thomas Thhrnau. MI. 1 2 entbehrte; nur zuweilen hörte man den Specht durch den Wald oder das Käuzchen— oder die Käfer und die wilde Biene ſchoſſen ſummend vorüber. Die tiefe Stille paßte, wie es ſchien, gut zu den Wan⸗ derern, denn Beide waren auch lautlos, und es ſchien zweifel⸗ haft, ob der herrliche Morgen Herrſchaft habe über ihr Gemüth. Thomas Thyrnau ging ſeitwärts etwas zurückbleibend gegen Magda, und ſein beſorgtes Auge ſuchte auch nur in der ganzen Natur das eine theure Weſen, welches mit tief ge⸗ ſenktem Kopfe mühſam vor ihm her ſtieg und Alles unbeachtet um Wege ließ, was ſonſt ihre leichte kindliche Geſtalt in tauſend Nebenſprüngen vor ihm würde hergejagt haben. Der Abſchied von Wien hatte ihr das Herz gebrochen— ſeitdem erſt ſchien ſie ihr verändertes Schickſal ganz zu fühlen, und die Kraft war aus ihrer Bruſt gefloſſen; Magda hatte ſich erſt begriffen, als die Angſt für Andere ſie verlaſſen. Mit welcher tiefen Sorge dachte Thyrnau nun des Aufenthalts, dem ſie ſich nahten, der dem verwöhnten leidenden Kinde ein Gefängniß werden ſollte. Er dachte nicht mehr ſie zu entfernen, denn was darüber zu denken und zu thun war, das hatte ſich Alles vergeblich gezeigt an dem unbeſiegbaren Willen des feſten Kindes— und indem ſein Auge ſie muthlos bewachte, war es das müßige und doch nie aufgegebene Beſtreben der väterlichen Liebe, die wunde Stelle zu entdecken, auf der ein Liebesblick das Weh zu lindern vermöchte. Oſt— wo der Weg anſtieg und die Natur ſich einladend zeigte, hatten ſie den Wagen verlaſſen, und bei der achtungs⸗ vollen Schonung, die blos einen Reiter zu ihrer Bewachung geſtellt— fand jede Einrichtung Gehör, die der Gefangene vorſchlagen wollte. Vor ihnen klomm der ſchwerfällige verſchloſſene Wagen Berg an und Thyrnau erfuhr, daß dieſer Felsweg auf eine der Sd espues o uosnng 8 2 d0 0 E u03 —— — — 5. — 3 vier Berghöhen führte, in deren Keſſel das Plateau ſich erhob, auf dem der merkwürdige und hiſtoriſch bedeutende Karlſtein erbaut war. Es war alſo der letzte Tag ihrer Freiheit, in einer Stunde unſchloß ſie vielleicht ſchon die feſte Burg des alten Königſitzes, und es war ihm, als müſſe er das geliebte Kind noch feſt halten in der lieblichen Natur, ſie noch gegen die belebenden Strahlen der Sonne wenden, ihr noch Blumen pflücken, ſie auf Moos ruhen ſehen. Da bemerkte er, wie ſie einem Baume zuſchritt und ſich dann erſchöpft gegen ſeinen Stamm lehnte. So unbedeutend konnte das ſcheinen und es zerſchnitt Thyrnau's Herz— hatte ſie jemals Ermüdung gekannt— war ihr ein Weg je zu hoch, zu ſteil, zu lang erſchienen? und heute verließ ſie ſchon die Kraft, und ſo kurz zuvor erſt hatten ſie das Nachtlager verlaſſen, ſo viel kürzere Zeit noch war ſie gegangen. „Biſt Du ermüdet, mein Kind!“ redete ſie Thyrnau an— „tuhe hier auf meinem Mantel im Mooſe— das iſt ſo weich!“ „Laß das, Großvater!— ich denke, wir ſind bald dort, da kann ich lange ruhen— ich weiß nicht, ob ich müde bin, der Athem nur hat keinen freien Zug— ich wollte mich grade rücken an dem Baum, mein Kopf iſt ſo müde!“ „Schau umher, mein Mädchen!“ ſagte Thyrnau—„der Morgen iſt ſo ſchön und der Weg hat ſeine Reize!“ „Ich ſehe wohl!“ ſagte Magda und ſchlug die Augen nach flüchtigem Umblicken zur Erde—„aber mir wird wohler ſein hinter Mauern.— So viel Schönes kann recht ängſtigen, es will nichts umſonſt ſein, wir ſollen auch geben, eben Freude daran— es ſtraft uns, wenn wir nichts davon haben— glaub' mir, eben dieſe Schönheit macht mir die Bruſt ſo weh und beklommen!“ „Vielleicht, ſagte Thyrnau milde—„würdeſt Du von der gütigen Natur anders denken, wenn Du ſie nicht fürchteteſt. Du 4 machſt aus ihr ein eitles gefallſüchtiges Weſen, was ſtrafen will, wenn man ihr die Huldigung verſagt— und doch iſt ſie die ſanfte wohlthuende Mutter, die ihre weichen Arme grade ihren müden kranken Kindern ausbreitet und ſie austräumen läht an ihrem Buſen und ſie anſpruchlos von ihren Schätzen nährt, uneingedenk, ob ſie die Größe und Güte ihrer Gaben im vollen Maaße ſchätzen und ihr danken werden.“ Unter Magda's Augenliedern perlten ein paar Thränen hervor. Sie ſtreckte die Hand nach ihm aus und ſagte:„Dann wird es wohl anders ſein, vielleicht darf ich mich nicht erweichen — ich kann denken, gäbe ich der ſüßen, milden Ratur nach, da brächen die letzten Stützen weg— ſo müſſen Bäche entſtehn— die Sonne lockt die dünne Rinde weg, da ſtürzt der Quell her⸗ vor— ach! Großvater, Deine Magda löſte ſich auf, ſie würde ein Bächlein, das vor Deinen Füßen wegflöſſe.“— Wie weh thaten ihm dieſe Worte— aber er lächelte und ſagte:„Was Du wohl für hübſche Blumen an Deinem Rande blühen ließeſt— ſieh nur, gewiß dieſe blauen mit dem lieben Namen die wären für mich, und den Crocus mit violetten und gelben Blumen, und die weiße Nymphea, die ließeſt Du tanzen auf Deinen Wellen— und die kleinen weißen Sterne mit dem rothen Rande—“ „Die Maaßliebchen!“ ſagte Magda und lächelte wie ein Kind, dem man von ſeinem Spielzeug erzählt—„weißt Du wohl,“ ſagte ſie noch lächelnd—„um den See in Tein?“ Doch kaum war der geliebte Name, der ihre heimliche Sehnſucht umſchloß, über ihre Lippen, ſo ſtieß ſie einen Schrei aus, als zertiſſe iyr Herz und ſtürzte ſich an Thyrnau's Bruſt, der ſie ſtumm mit ſeinen Armen umſchloß. „Denke Deinen Schmerz nur recht aus, mein liebes, liebes Mädchen,“ ſagte Thyrnau ſanſt—„dann wird Dir beſſer werden und Du kommſt auf den Grund Deines 5 Grams und dann ſteigſt Du wieder in die Höhe und ſtehſt darüber.“ Magda aber weinte und ihre Bruſt bebte zum Erſticken krampfhaft und über dieſen heftigen Sturm fuhr Thyrnau fort, ſanfte Worte zu ihr zu ſprechen, froh, daß der Schmerz ſich einen Ausbruch verſchafft hatte und hoffend, daß ſeine Stärke damit nachlaſſe. Auch ſank ſie endlich faſt müde in ſich zuſammen, und Thyrnau breitete ſeinen Mantel unter ihr aus, und gegen den Baum gelehnt, von ihm geſtützt, verſank ſie in einen kurzen Schlaf. Er dauerte nicht lange und hatte ſie doch erquickt— ſie ſtand auf und dankte dem Großvater und hing ſich wie ſonſt an ſeinen Arm und war beſorgt, daß der Wagen ſchon ver⸗ ſchwunden war. Auch war ihr berittener Begleiter umgekehrt, um den Grund ihrer Zögerung zu erfahren, und ritt, als er ſie erhlickte, langſam vor ihnen her bis zu dem höchſten Punkt, wo er ſie erwartend ſtill hielt. Schon ehe ſie den Standpunkt, wo er ſich befand, der über⸗ dies mit hohen Kiefern bewachſen war, erreichen konnten, wies er mit der Hand in die Ferne, und als ſie ſich näherten, ſtiegen die Thurmzinnen des mächtigen Karlſteins vor ihnen auf, und jetzt, wo ſie neben ihrem Begleiter ſtanden, lag er auf der Plat⸗ form des mittlern Felſens von den vier Bergen, welche umher lagen, wie von ſeinen Vaſallen umgeben, vor ihren Blicken da. Beide wurden lebhaft von ſeinem Anblick angeregt, denn trotz dem Verlauf der Zeit und manchen erlittenen Verwü⸗ ſtungen wohnte ihm dennoch ein unzerſtörbares Gepräge der Erhabenheit bei, und ſeine hohen feſten Thürme trugen einen ſtolzen Karakter, während ihre verſchiedenen Geſtalten etwas Ge⸗ heimnißvolles hatten, als wären ſie die Chiffern⸗Sprache einer wichtigen Erzählung, die nur der myſtiſche Geiſt ſeines großen Erbauers verſtanden, und deren Bewahrung durch das Leben iedes Wächters verbürgt ward. Der gewundene Weg, der in den Felſen gehauen vor ihnen lag, war zugleich der einzige, der in das Innere führte, und ſein Eingangsthor, über dem ſich des erſten Wächters Behauſung erhob, war mit einem Fall⸗ gitter verſchloſſen. Schweigend blickten unſere Wanderer auf ihre zukünftige Wohnung und hörten den Erklärungen zu, die ihr Begleiter ihnen zu machen ſuchte. Die vier Höhen, die das Schloß umgaben, waren befeſtigt und beherrſchteu das ganze Berauner Thal— auf den höchſten Punkten befanden ſich kleine Wachthäuschen, worin ſonſt Tag und Nacht die alle Stunden abgelöſten Wächter unverwandt in die Ferne blicken mußten, und bei Lebensſtrafe gehalten waren, keinen Fremden nahen zu laſſen.— Bei jeder Ablöſung tönte der ernſte Ruf in die Berge hinab:„Fern ab von der Feſte! daß kein Un⸗ glück geſchehe!“— und die Nachbarn der heil'gen Feſte kannten dieſen Todesruf, der, unbeachtet gelaſſen, einen ſichern Pfeil aus dem geſpannten Bogen nach ſich zog. Jetzt— wo dies einſt ſo drohend beſchützte Heiligthum dem Einfluſſe der Zeit ſich hatte überliefern müſſen— waren die Befeſtigungen unbewacht und zeigten dem erfahrenen Auge ihren unbeachteten Verfall, wer aber von ihrem Rücken auf den großartigen Bau ſchauen und ſich in das tieffinnige Gemüth Karls des Vierten, ſeines großen Erbauers, verſenken konnte, dem mußte noch immer ſcheinen, der Geiſt eines großartigen Geheimniſſes ſei hier dem rieſigen Geſtein auf eine unzerſtörbare Weiſe eingeprägt, und dem Eingeweihten werde ſich ein Zeugniß zu erkennen geben, welches dem profanen Auge in myſtiſches Dunkel gehüllt bliebe. Thomas Thyrnau ſah mit tiefer Bewegung auf das Haus des einſt ſo mächtigen Meiſters— er kannte den Dienſt, dem auch er angehörte, und verſtand die Löſung der Zeichen, die er zu ſinden gewiß war. Das ahnungsvolle Kind an ſeiner Seite fühlte ſogleich dieſen Einfluß—„Ach! ach!“ ſtammelte ſie 7 und ſtreckte ihre Arme gegen die Feſte aus—„was wirſt Du in Deinem heil'gen Bereich bewahren!— was wirſt Du mir zu ſagen haben, was ich noch nie hörte und wonach vielleicht nein Herz ſo ſehnſuchtsvoll ſchlägt— was für Geheimniſſe mußt Duunſchließen, die ich vielleicht ewig umſonſt befragen werde?“ Thomas Thyrnau blickte gerührt zu dem überreizten Kinde hin, aber jede Erſcheinung in ihr war ihm lieb, die Hoffnung ließ, daß ſie aus ihrem dumpfen innern Grame nach Außen treten werde. Er ſtand nicht an zu ewwiedern:„Du ahneſt recht meine Tochter!— Karl der Vierte ſtand als Großmeiſter an der Spitze eines mächtigen Ordens, den uns der Orient in heil'gen Ueberlieferungen zuführte, und deſſen tieffinniger Dienſt und großer Einfluß auf das Wohl der Menſchen in ein unver⸗ brüchliches Geheimniß gehüllt iſt, welches nur dem Eingeweih⸗ ten den Ritus erkennen läßt, der dem Profanen unverſtändliches Zeichen bleibt— und ich bin gewiß, die Anzeichen zu finden, daß er die heilige Rituale hier übte und bewahrte!“ „Ha,“ rief Magda, die mit ihren klugen Augen ſeine Worte verſchlungen hatte—„da wirſt Du mich ſie erkennen lehren— da werde ich recht was Großes, Tiefes erleben können!“ „Nein, Magda,“ erwiederte Thyrnau—„jede Frau iſt von der Mitwiſſenſchaft dieſes heil'gen Ordens ausgeſchloſſen— ohne des Meineids ſchuldig zu werden, dürfte Dir kein Einge⸗ weihter Aufſchluß geben.“ „Ha,“ rief Magda—„da hat Dein heil'ger Orden, wie Du ihn nennſt, eine ſchwache Stelle! Warum wagt ihr Men⸗ ſchen, Geſetze zu machen, die ein Geſchöpf Gottes, von ihm ſo hoch begabt wie das andere, auszuſchließen wagt als unberechtigt?“ „Bezähme Deinen ſchlagfertigen Verſtand,“ ſagte Thyr⸗ nau ſtreng—„ich könnte Dir viel darauf entgegnen, was dieſe Beſtimmung rechtfertigt, wenn es ſich ziemen wollte. Eins aber wird Dir einleuchten und vielleicht war es der Anfangs⸗ 8 grund dieſes Geſetzes: in jener fernen Vorzeit waltete nur ein, ſehr geringes geiſtiges Verhältniß zu den Frauen ob— die Barbarei der Zeit hatte ſie in eine Sphäre gedrängt, worin ihre volle Naturberechtigung erdrückt, ſie den Anſchein niederer Be⸗ fähigung trugen und dadurch zu den Männern nur in einem ganz rohen phyſiſchen Verhältniß blieben, welches doch grade von unſerm leicht verführbaren Geſchlechte abgehalten wer⸗ den ſollte.“ 6 Thyrnau hatte Magda nit dieſer Entgegnung zum Schwei⸗ gen gebracht, aber ihrem arbeitenden Geiſte die Betrachtung dieſer neuen Erſcheinung zu entziehen, wollte er eben ſo wenig, als er es vermocht hätte. „Sieh,“ fuhr er fort—„wie lieblich hier das Thal aus⸗ mündet und an den Ufern der Beraun ſich hinzieht bis zu dem kleinen Städtchen Budnian, welches um ſeine Kirche, wie eine ſchlechte Einfaſſung um ein Juwel, liegt.“ „Ja,“ ſeufzte Magda bewegt auf—„hier iſt Ruhe! hier verſtehe ich zuerſt, was einſam iſt!— Ob hier wohl Vögel ſin⸗ gen? Ob die Forelle hier wohl im Bache rauſcht?— ob der Wind hier eine Stimme hat und der Regen nicht die Tropfen anhält, ehe ſie niederfallen? Denkſt Du nicht, das welke Blatt müſſe ſich beſinnen, ehe es zur Erde ſinkt, und die Bienen müßten umkehren an den vier Bergen, über denen noch immer das geheimnißvolle:„Fern ab von der Feſte!“ erklingt.“ „Wir werden es ja erfahren“— ſagte lächelnd Thyrnau, denn er freute ſich, daß die verſtummte Magda in ihre alten Rhapſodien verfiel. Schon ſahen ſie, daß der Wagen in das erſte Gitterthor eingelaſſen ward, und ihr Begleiter forderte ſie nun auf, den⸗ ſelben Weg anzutreten. Als ſie niederſtiegen in das Thal, unfing ſie eine feuchte Kälte; die Sonne ſtand noch niedrig, die hohen Berge hielten ihre Strahlen ab. Der Weg führte durch das Gitterthor bis zur zweiten Eingangspforte durch einen in den Felſen gehauenen, mit Mauerwerk und Schießſcharten verſehenen Weg zum Haupt⸗ eingang und einem gigantiſchen Thore, an welchem das unge⸗ heure Schloß Magda's Erſtaunen anregte. Ueber dieſem Thore erhoben ſich die baufälligen Trümmer der Wenzel⸗Kapelle, auf der nur noch das goldene Kreuz, von neueren Balken geſtützt, zu ſehen war. Durch dieſes Thor traten ſie in den Vorhof der Feſte, wo die Wohnung der Burggrafen ſich zeigte, die jetzt von der minder wichtigen Perſon eines Gonverneurs eingenom⸗ men war, und hier führte ſie ihr Begleiter in einen mit dem Hof durch offene Thüren verbundenen Wachtſaal, in welchem ſich ein Offizier und einige Mann der Beſatzung befanden. Als der Begleiter der Gefangenen ſeine Meldung gemacht, überlief der Offizier Beide mit einem hochmüthigen Blick, und lachend vor Magda ſtehen bleibend rief er mit wegwerfender Zutraulichkeit:„Nun Kleine, Du biſt ein ſeltenes Stück Be⸗ ſatzung für den Karlſtein— weißt Du nicht, daß den Weiber⸗ röcken verwehrt iſt, hier zu fegen? Daß wir Dich werden aus⸗ quartieren müſſen, oder auf der höchſten Zinne baumeln laſſen, damit der Frevel geſühnt wird?“ „Mein Herr,“ ſagte Thyrnau, während Magda entſetzt zurückwich—„habt die Güte, uns nicht mit Euren Scherzen zu beläſtigen, ſondern meldet uns bei dem Herrn Governeur — wir werden ihn allein anzuhören haben.“ „Tod und Teufel!“ rief der beleidigte Offizier—„ſoll ſo ein Taugenichts, der Straßzeit erleidet, transportirt wird für Gott weiß was für ein Verbrechen, den Mund gegen uns, die allvermögenden Herren der königlichen Feſte Karlſtein, auf⸗ thun? der erſten im Lande— des glorreichſten Dienſtes im Staate? Kannſt Du leſen, alter Burſche, ſo ſollſt Du die er⸗ lauchten Geſchlechter verzeichnet ſehn, die einſt hier den Dienſt 10 der Wache mit einem Zeichen in ihrem Wappen verewigten!— Denkſt Du, die Gewohnheit ſei herunter gekommen? Wiſſe, daß noch immer nur Männer vom vollblütigſten Adel hierher berufen werden, und erfahre zu Deiner tiefen Beſchämung, daß Du mit dem zweitgeborenen Sohne des erlauchten gräflichen Hauſes Caſtiglione Paſterau zu ſprechen die Ehre haſt!“ Thyrnau hatte Magda ruhig gegen den Kamin geführt und ſie auf einer Bank niederſitzen laſſen, da Furcht und Kälte ihren zarten Körper ſchüttelten— und vor ihr ſtehend, ſo daß er ſie den unverſchämten Blicken des Offiziers entzog, wandte er ſich jetzt zu ihm und ſagte ruhig:„Deſto beſſer, mein Herr, wenn Sie ſich eines edlen Namens zu rühmen haben, ſo werden Sie das Unglück und die Unſchuld nicht ſchmähen wollen.“ „Ja, Unglück!“ rief Paſterau—„alle Verbrecher ſind blos unglücklich— das iſt die alte Geſchichte!— und ſolche Mädchen, die auf der Landſtraße nachziehen, und zur Beſatzung einer Feſtung gethan werden, deren Unſchuld ſollen wir anbe⸗ ten?— Du biſt ein alter Schwachkopf, und ich werde Dich lehren, wie wir's mit Dir und ſolchen Dingern von Mädchen hier halten!“ „Genug!“ ſchrie Thyrnau hier mit einer ſolchen Donner⸗ ſtimme, daß Paſterau zurück prallte und die Soldaten von ihrer Bank in die Höhe fuhren, als hätten ſie den Signalſchuß ge⸗ hört—„Ihr Betragen überſchreitet völlig Sitte und Recht— und ich werde mich darüber beklagen, wenn Sie nicht augen⸗ blicklich uns vor den Gouverneur führen, der Ihrer Rohheit Einhalt thun wird.“ „Schmeißt ihn hinaus! ſchmeißt ihn in den Felſenkeller!“ rief der Offizier wüthend, denn das erſte Frühſtück hatte ſchon mit einer zu reichlichen Portion geleerter Flaſchen ſeine Sinne umnebelt.— Thyrnau aber rief den Soldaten zu, ſich zu hüten, indem er einen hölzernen Schemel mit ſolcher Leichtigkeit in der 11¹ Luft ſchwenkte, daß ein ſehr gegründetes Bedenken bei der Mannſchaft eintrat, ihm zu nahen. Jetzt näherte ſich der bis⸗ herige Begleiter des Thomas Thyrnau und bat ihn, mit ſeiner Enkelin den Raum zu verlaſſen, er wolle dann den jungen Herrn wo möglich zur Ruhe ſprechen. Thyrnau folgte um ſo lieber dieſem Rathe, da Magda ſehr zu leiden ſchien und der trunkene Zuſtand des jungen Herrn den Streit mit ihm ſo wenig ehrenhaft machte. Beide folgten daher ihrem Führer über den Burghof, wo er ſie in ein niedri⸗ ges Gebäude einführte, welches ein Wirthſchaftshaus ſchien, und worin er ihnen ein Zimmer öffnete,— ein wüſter Raum mit Tiſchen und Bänken, der ein Gaſtzimmer des unterſten Ranges andeutete. Aber es war leer und dies machte es gegen das eben verlaſſene zur größten Wohlthat. Als ſich Beide allein ſahen, zog Thyrnau die zitternde Magda in ſeine Arme — ſie war todtenkalt und der Froſt ſchüttelte ſie— aber Keiner ſpräch ein Wort.— Magda's Herz ſtockte vor Entſetzen— Thyrnau fühlte ſich ſelbſt überraſcht über den rohen Empfang, und dachte mit einiger Unſicherheit an die Verhältniſſe, die ihn erwarten konnten. Er bat Magda, ihn los zu laſſen, um für etwas Feuer ſorgen zu können, und obwol ſie ſchauderte, ſeinen ſchützenden Arm zu verlieren, blickte ſie doch mit eini⸗ gem Verlangen nach dem kalten Heerde, auf dem kein Fünkchen glühte.— Thyrnau ging indeſſen über einen kleinen Flur in ein gegenüber liegendes Gemach, welches ſo mit Gegenſtänden überfüllt war, daß er im erſten Augenblick die Bewohner nicht herausfinden konnte. In der Mitte ſtanden zwei angezapfte Tonnen, mit zin⸗ nernen Krügen und Weingläſern umgeben. An den Wänden waren Fächer, welche alle Beſtandtheile einer Victualien⸗Hand⸗ lung enthielten. Von der Decke herab hingen Würſte, Schinken, Speckſeiten, Tabak, Lichte, Stricke, Flachs— und Leinwand 12 und grobe Tuchſtücken ſtanden in Ballen an der einen Seite der Wand; auch hier liefen Bänke umher, und im Heerde brannte Feuer und Keſſel und Töpfe waren im vollen Kochen. Als er bis zu der Flamme vorgedrungen, rief eine grobe weib⸗ liche Stimme:„Was beliebt? was beliebt? was gedenkt der Herr hier im fremden Eigenthum?“ Eine breite vierſchrötige Geſtalt erhob ſich hinter ihm und ein Paar kaum ſichtbare Augen blickten neugierig und mürriſch zu ihm auf. „Liebe Frau!“ ſagte Thyrnau—„beſorgt etwas Feuer in den Heerd Eures Gaſtzimmers, und könnt Ihr, ſo bereitet uns ein erwärmendes Getränk— habt Ihr nicht Thee oder Kaffee? drüben friert ein junges Mädchen.“ Das Weib ſtarrte ihn an, als ſpräche er eine andere Sprache— dann ſchwoll ihr Geſicht, welches ſchwarzbraun und von Pockennarben zerriſſen war, hochroth auf, und als ſie das erſte Ausrufungszeichen, ihren dicken Arm in die Seite geſtemmt, ſagte ſie in grobem höhniſchen Ton:„Ihr ſeid wohl ein Prinz, Herr Landſtreicher, und habt nur ſo das Befehlen? Das ſind mir ja ſchlaue Gewohnheiten— ein eignes Feuer im Gaſtzimmer und Thee oder Kaffee— und dann ſeid Ihr wohl von den Höflichen ohne Geld in den Taſchen, für die unſer eins arbeiten muß, und ſich bedanken, wenns beliebt aufzu⸗ eſſen, was wir verdient?“ „Nehmt dies Geldſtück vorweg,“ ſagte Thyrnau, Alles überhörend, allein beſtrebt zum Ziele zu kommen— und ſchafft nur, was ich begehre.“ Die Hand des Weibes ſchnappte über dem Gelde zu, wie der Deckel über eine Kanne fällt; dann ſagte ſie:„Könnt Ihr Euch denn hier nicht wärmen—'s iſt für ein junges Ding von Mädchen doch wohl Platz genug?“ „Nein,“ ſagte Thyrnau, der den überwältigenden Geruch dieſer Vorrathshöhle für Magda fürchtete—„Ihr müßt uns dort Feuer machen und, was wir brauchen, dahin liefern“ 13 „Nun ſo hört Mann!“ rief das Weib entſchloſſen—„daß ich das nicht thun werde! In dem Heerd da drüben wird nur Abends, wenn die Wache ablöſt und den Nachtimbiß nimmt, Feuer gemacht— für Leute im dunkeln Rock ſind ſolche Feier⸗ lichkeiten nicht! Kaffee könnt Ihr haben, und zwar wie Alles, was hier verabreicht wird, aufs Beſte, aber die Dirne wird ihn hier trinken, oder Ihr könnt Euch auf dem Karlſtein ein anderes Gaſthaus ſuchen!“ Ein rauhes Auflachen bewies ihre Sicherheit, daß dies nicht möglich ſei, und Thyrnau, ſogleich überſehend, wie nutzlos der Widerſtand ſein werde, verließ augenblicklich das Zimmer, um Magda den Verſuch machen zu laſſen, da er ihr Wärme am Nöthigſten hielt. Er fand ſie, den Kopf auf den Armen vornüber, auf einem der harten Tiſche liegen— liebevoll richtete er ſie auf und führte ſie hinüber. Sie ſchauderte, als ſie eintrat, aber ſie ließ ſich willig bis zum Heerde leiten, wo der Zug des Feuers die Luft etwas klärte und die Wärme das arme erſtarrte Kind wohlthätig berührte. Thyrnau bereitete ihr einen leid⸗ lichen Sitz und ſchob ſich ſelbſt einen Schemel an ihre Seite, um ſie in ſeinen Armen zu ſchützen. Das Weib beſorgte in⸗ deſſen, ohne im mindeſten für die Einrichtung ihrer Gäſte zu ſorgen, das Getränk, welches ſie Kaffee nannte, und Magda trank mit einer Art von Begierde davon, denn ſie fühlte eine Erſtarrung in ſich, daß ſie die Flamme hätte trinken mögen— dann ſank ſie an der treuen Bruſt zuſammen, in der ſie vorerſt die bedeutendſte Sorge war. Trotz dem, daß das Weib ohne alle Rückſicht ihre Küchengeſchäfte trieb, oder ihren knarrenden Haspel drehte, ſchlief Magda doch ein und Thyrnau lauſchte ſorgenvoll ihren leiſen kurzen Athemzügen. Doch nicht lange währte dieſe Ruhe, da hörte er laute Schritte, die über den Flur tönten, und als das Zimmer drüben ſich leer zeigte, trat neben ihrem Reiſebegleiter ein junger Offizier ein, in welchem 14 Thyrnau zu ſeinem Troſte wenigſtens einen Andern als den Herrn Caſtiglione Paſterau erkannte. 3 Er hatte eine ſchöne ausgezeichnete Geſtalt, ein edles ſtolzes Geſicht, in welchem der Ernſt an hochmüthige Strenge grenzte; aber auf den erſten Blick wußte Thyrnau, er habe von dieſem nichts Gemeines zu befürchten, und dies machte ihm ſeine Erſcheinung zu einer wahren Wohlthat. Der Offizier ſchien, als er zu Thyrnau und dem bleichen ſchlafenden Kinde an ſeiner Bruſt hintrat, einen Augenblick von der ausgezeichneten Perſönlichkeit Beider überraſcht zu ſein, aber der Vorſatz einer ſtolzen Selbſtbeherrſchung ließ ihn ſchnell über dieſen Eindruck ſiegen. 2 „Iſt das der Mann?“ fragte er mit kurzer ernſter Weiſe den Begleiter—„den Ihr vorgebt unter dem Namen des Ad⸗ vokaten Thyrnau, als Gefangenen in den Gewahrſam der Feſte Karlſtein bringen zu ſollen?“ „Ja, gnädiger Herr!“ erwiederte Jener—„ich kann bei meinem Dienſteid ſchwören, daß ich zu dem Privat⸗Polizei⸗ Büreau Sr. Excellenz des Staatskanzlers Grafen von Kaunitz gehöre, daß ich dieſen Geleitsſchein daher bekam, der mir als Regierungsboten auch die Thore des Karlſtein öffnete.“ „Daß Ihr dazu gehört, iſt bereits erwieſen, davon iſt nicht mehr die Rede, eben ſo daß Euch von allen Behörden in den zu paſſirenden Städten und Plätzen bei der Begleitung des gefangenen Advokaten Thomas Thyrnau der nöthig ſcheinende Vorſchub geleiſtet werden ſoll, dies enthält Euer Geleitsſchein — Ihr habt die Eintrittskarte überdies, die Euch die Thore der Feſte Karlſtein öffnet; aber dieſe enthält nichts von Euren Gefangenen, und ohne alle Inſtruktionen hierüber, wie Ihr ſeid, müſſen Seine Gnaden der Herr Gouverneur ſich entſchieden weigern, ein feſtes königliches Schloß, welches wie der Karl⸗ ſtein zu den ehrenvollſten Dienſtſtellungen des Landes gehört 15 und bis jetzt nur in den ſeltenſten Fällen für die höchſten Per⸗ ſonen eine Art Verweiſungsort ward, zu einem Gefängniß für unbekannte Perſonen geringerer Stände ſich umwandeln zu laſſen, wodurch ſowol die Würde des Orts als die Perſon des Befehlshabers herabgeſetzt würde.“ „Mein Herr!“ ſagte Thomas Thyrnau jetzt—„ich muß ſehr erſtaunen, daß Seine Excellenz der Herr Gouverneur von meiner Ankunft ununtertichtet iſt, da einen Tag vor meiner Abreiſe der Kourier hierher abgeſchickt wurde, der die Befehle der Kaiſerin über meine Aufnahme zu überbringen hatte. Wir ſind wegen der Begleitung meiner Enkelin nur langſam gereiſt und der kaiſerliche Bote mußte einige Tage vor mir hier haben eintreffen können.“ „Es iſt ein ſolcher Befehl oder ſolcher Bote hier nicht eingetroffen,“ entgegnete der Offizier—„und ſeine Excellenz wollen die Möglichkeit eines ſolchen Befehls be⸗ zweifeln!“ Thomas Thyrnau ſchwieg einen Augenblick, denn Magda war von dem Sprechenden erweckt worden, und ihre großen müden Augen hefteten ſich jetzt auf den jungen Mann, der dieſe letzten Worte ausſprach. „Vielleicht“— ſetzte er hinzu— iſt bei der Abfertigung des Polizeiboten ein Verſehn vorgefallen, man hat vorgehabt, Euch nach einer andern Feſtung zu bringen, wohin der Befehl gelangt ſein mag, Euch aufzunehmen— ein anderer Bote mag von der Majeſtät beordert worden ſein, dem Herrn Gou⸗ verneur Mittheilungen von der Majeſtät zu überbringen, dieſe ſind theilweis verwechſelt worden und Ihr habt nun irrthümlich einen Gefangenen hierher gebracht.“ Dies Alles kann nicht der Fall ſein,“ entgegnete Thyr⸗ nau— da ich ſelbſt die Handſchrift der Kaiſerin geſehen habe, welche dem Erkenntniß des Gerichts über mich hinzugefügt hatte, daß ſie mir den Karlſtein in Böhmen— meiner Heimath — angewieſen habe.“ Der Offizier ſah Thyrnau nit einem ſeltſamen Lächeln an; es ergänzte das vornehme Schweigen, wonit er dieſe Entgegnung aufnahm— er fügte hinzu:„Alle dieſe Umſtände können kein Grund werden, den Karſſtein zu einem Gefängniß herabzuſetzen und der Herr Gouverneur halten dieſes Eindrin⸗ gen für etwas Unzuläſſiges!“ „Kann ich den Herrn Gouverneur nicht ſelbſt ſprechen?“ fragte Thyrnau—„vielleicht würde eine ſolche Nittheilung uns beſſer verſtändigen!“ „Ich glaube nicht, daß der Herr Gouverneur andere Per⸗ ſonen ſpricht, als die dazu durch Rang oder Dienſtſtellung autoriſirt ſind,“ entgegnete der Offizier. Jetzt überzog Thyrnau's Geſicht das Lächeln des unver⸗ kennbaren Spottes und der junge Mann, deſſen ſcharfer Blick dies ſogleich auffaßte, erröthete einen Augenblick.—„Wollen Sie mir dann erklären, was der Herr Gouverneur in dieſem beſon⸗ dern Falle beſchloſſen haben?“ fragte er, und das ſorgloſe Lächeln des Spottes begleitete noch immer dieſe Worte— „Sie werden mir zugeſtehn, daß es ein eigner Fall iſt, daß ein Gefangener um die Aufnahme in ſeinem Gefängniß ſuppli⸗ eiren muß; es könnte ſcheinen, daß ihm die Freiheit von ſelbſt wieder zufiele, wenn man ſich weigere, ſie ihm zu nehmen.“ „Ueber das Recht, dieſe Freiheit Ihnen zu nehmen,“ entgegnete der Offizier kalt—„trage ich keinen Zweifel— nur über das Recht dieſes königliche, höchſt angeſehene Schloß zu einem Gefängniß der Art zu ſtempeln, habe ich den Auf⸗ trag, Ihnen die Meinung des Gouverneurs zu ſagen, und vielleicht dürfte ich bei einem gebornen Böhmen ein eingehen⸗ deres Verſtändniß vorausſetzen, denn der Karlſtein iſt der Stolz des Landes— und ſeine beſonderen Berechtigungen, ſeine 17 unumſtößlichen Geſetze, die— willkürlich zu ändern ſelbſt nicht in die Macht der öſterreichiſchen Herrſcher gelegt ſcheinen will, ſollten, denke ich, jedem Böhmen bekannt und ehrwürdig ſein.“ „Ich kann mich trotz dieſes weißen Haares nicht rühmen, zu der glorreichen Epoche Karls des Vierten zu gehören— aber ich habe in meiner Bibliothek eine vergelbte Kronik gefunden, in welcher die Verfaſſung des Karlſteins bei ſeiner Einweihung vor vierhundert Jahren juſt ſo verzeichnet ſteht, wie Sie mein Herr ſie jetzt noch anzunehmen geneigt ſind. Damals verdienten alle Männer der Bewachung den Namen der Kronenwächter— doch Ferdinand der Zweite hat auch dieſes hohe Amt durch die Wegführung dieſer Schätze in ſich aufgehoben und ſeit hundert Jahren, denke ich, haben die Herren der Beſatzung nur die Erinnerung zu bewachen.“ „Ich könnte Ihnen antworten, daß dies für einen Edel⸗ mann, deſſen Vorfahren an des glorreichen Karls des Vierten Seite als bewährte Stützen des Thrones dieſer Einweihung vor vierhundert Jahren beiwohnten, Grund genug iſt, die Heilig⸗ keit eines ſolchen Ortes vor Entwürdigung zu ſchützen— aber ich darf nicht annehmen, daß Sie mich verſtehen werden und möchte bezweifeln, daß dieſe Unterredung nicht eine müſſige ſei.“ „Unfehlbar, mein Herr, iſt ſie das!“ rief Thyrnau— „und ich habe in dieſen Mauern ſchon zu viel Anmaßung er⸗ duldet, um die Fortſetzung von Unterhandlungen zu wünſchen, die mich nur in ſo fern etwas angehn können, als ſie mich und meine Enkelin aus einer ganz unpaſſenden Lage ziehen ſollen. Ich muß bitten, daß Sie ſich ſogleich erklären, welches Ver⸗ halten gegen mich Sie glauben verantworten zu können, und Sie— welchem als Polizeiboten meine Perſon übergeben wor⸗ den iſt— Sie werden dafür ſorgen, daß man mir, wie mir zugeſtanden wordem iſt, eine anſtändige Behandlung widerfahren läßt, wozu eine Wohnung für mich und meine Enkelin gehört, Thomas Thyrnan. III. 2 in der wir nicht den Rohheiten fremder Menſchen ausgeſetzt find⸗ Dies verlange ich augenblicklich; über mein längeres oder kürzeres Bleiben ſteht Ihnen dann zu die Unterhandlungen zu führen, die für mich von keinem Belang ſind.“ „Mein Herr!“ ſagte der Polizeibote und unterbrach damit die vielleicht heftige Entgegnung des jungen Offiziers—„die gegenwärtige Lage iſt durch irgend eine Zufälligkeit unange⸗ nehm geworden; ich glaube jedoch, daß ich durch mein Ver⸗ halten während der Reiſe mir nicht das Mißtrauen des geehrten Herrn verdient habe. Ich ſehe ein, daß der Herr Gouverneur mit der offiziellen Aufnahme in den Karlſtein zögern werden, bis der unbegreiflich ausbleibende kaiſerliche Kourier hier ein⸗ treffen wird, da meine Inſtruktion leider nichts darüber enthält und Alles zu ſehr auf den vorangehenden Befehl berechnet war. Ich werde noch einmal verſuchen, den Herrn Gouverneur um eine Auskunft zu bitten, indem Sie ſich vielleicht bewegen laſſen, dies Haus, welches auf keine Weiſe mit dem Schloß in Verbindung ſteht, als neutralen Boden anſehn zu wollen und zu erlauben geruhen, daß einige Zimmer, welche Frau Grim⸗ ſchütz nach der Gartenſeite hin beſitzt, vorläufig für den Herrn und ſeine Enkelin eingerichtet werden.“ „Ich bin mit dieſer Einrichtung vorläufig zufrieden,“ entgegnete Thyrnau, der bei zu erwartender Ankunft des Boten einer ſchnellen Ausgleichung entgegen ſah,—„nur fordere ich. daß dies ohne Zögerung geſchehe.“ „Ich muß jedoch bemerken,“ ſagte der Offizier—„daß der Hert Gouverneur beſonders die Zulaſſung eines jüngeren Frauenzimmers durchaus unzuläſſig hält und auf deren Ent⸗ fernung vor Nacht entſchieden dringt und die Erfüllung dieſer Forderung jeder andern vorangehen müßte, wenn der Herr Gouverneur auch dann vielleicht die Aufnahme des Gefangenen in dieſem Wirthshauſe zuließe.“ 19 „Hüten Sie ſich, mein Herr!“ rief Thyrnau—„mich länger mit Ihren veralteten und über die Grenzen dieſer Mauern hinaus lächerlich gewordenen Rechten zu beläſtigen! Ich bin nicht hierher geſandt, mit verjährten Vorurtheilen einen Kampf zu beſtehn und ich wünſche, um des Herrn Gou⸗ verneurs ſelbſt willen, daß er ſich bald geneigt zeige, mich an⸗ ſtändig zu behandeln— dieſe meine Enkelin wird ſich nicht von mir trennen— und ich werde vorläufig dieſe unwürdige Wohnung annehmen, denn die Ausgleichung durch den kaiſer⸗ lichen Kourier kann nicht lange ausbleiben!“ „Sie werden ſich Unannehmlichkeiten zuziehn,“ entgegnete der Offizier—„ich werde dem Herrn Gouverneur pflichtſchul⸗ dige Meldung machen und verweigere indeſſen nicht, daß Frau Grimſchütz für ihre Erholung Sorge trage.“ Er verließ mit kurzem hochmüthigem Gruß das Gemach und der Polizeibote zögerte nur noch ſo lange, ihm zu folgen, bis er der, argwöhniſch die ganze Scene behorchenden Frau Grimſchütz mit einer ihr verſtändlichern Sprache angedeutet, augenblicklich die Zimmer für ſeine Schutzbefohlenen einzu⸗ richten und ihnen alle Hülfe zu leiſten, die ſie bedürfen würden. Thyrnau ſuchte nun Magda, die in ſprachloſem Er⸗ ſtaunen und Schrecken zuerſt in ihrem Leben von der Härte und Rohheit der Menſchen berührt ward, zu beruhigen, und folgte dann der alten widerwilligen Frau in die ihnen zu⸗ gedachten Zimmer. Sie waren von der tiefſten Armſeligkeit und dem wüſteſten Anſehn— aber ein dunkler Gang trennte ſie von dem übrigen Hauſe und ſicherte ihnen Stille— und ein kleiner Garten, begrenzt von den grünen Wällen der Befeſtigungen, an denen junges Weidengeſträuch mit ſeinem beweglichen Laube ſpielte, lag vor den Fenſtern aus⸗ gebreitet, und er wußte, dieſer Anblick werde Magda's Herz erleichtern. Als nun Frau Grimſchütz anfing einzuſehen, daß ihr Widerſtand gegen höhere Perſonen ſich richten müſſe, als die bisherigen Gegenſtände ihrer üblen Laune, gab ſie nach, und da eine gewiſſe ihr inwohnende Tüchtigkeit nicht zuließ, die Dinge halb anzufangen, wurden Thyrnau's Befehle mit einer ziemlichen Geſchicklichkeit ausgeführt. Als die Zimmer gekehrt, Tiſche, Stühle und Fenſter ge⸗ waſchen waren und die Glut der Kamine in beiden Zimmern die Luft zu verbeſſern anfing, führte Thyrnau endlich die er⸗ ſchöpfte Magda in ihre neue Behauſung und, wie er vorher gedacht, war ihre erſte Bewegung, nach den Fenſtern zu eilen und mit einem tiefen erleichternden Athemzuge auszurufen: „Ach wie grün und ſtill!“ Von da an war ihr Alles recht! Sie ſtand ihrer düſtern Frau Wirthin mit ſo anmuthsvoller Behendigkeit bei ihren Be⸗ ſorgungen bei, daß dieſe etwas von ihrer groben Unfteund⸗ lichkeit nachließ, und als Thyrnau einen Theil des nöthigſten Gepäckes von dem Wagen räumen ließ und Magda mit ihrer Hilfe die ſchönen Betten, das feine Leinen und die ſilbernen Geſchirre des täglichen Gebrauchs auspackte, ſtieg in ihr eine Art Reſpekt auf, und ſie fühlte den Widerſpruch mit dem Be⸗ griff, den ſie bisher von Gefangenen hatte geglaubt nähren zu müſſen. Als die Dinge ſo unter Magda's erwachtem Verſchöne⸗ rungsgeiſt ein erfreulicheres Anſehn gewonnen hatten, öffnete ſich plötzlich die Thür und der junge Offizier trat mit ſeinen feſten ſtolzen Schritten ein. Magda kniete auf dem Boden vor einem zierlichen Koffer, aus dem ſie einige Bücher auspackte; als er aber eintrat, ſprang ſie augenblicklich in die Höhe, lief auf ihren Großvater zu, umklammerte ihn mit beiden Armen und richtete ihre großen dunkeln Augen ſo ernſt und beobachtend auf den jungen Mann, daß dieſer unwillkürlich einen Schritt zurücktrat, ſich vor ihr verneigte und einen Augenblick ſeine Rede vergeſſen hatte. Thyrnau, dem der kleine Triumph Magda's ein Lächeln koſtete, und der das ſchöne ſtolze Geſicht des Jünglings mit dem Wohlwollen eines alten Mannes ſah, erhob freundlicher als vorher die Stimme und ſagte: er hoffe, daß er ihm beſſere Nachrichten bringe. Schon hatte der junge Mann den Stolz wieder, der an Hochmuth grenzte.„Mein Herr,“ ſagte er kalt —„Seine Excellenz wollen ſich entſchließen, dieſe ganze An⸗ gelegenheit als vorläufig nicht exiſtirend anzuſehn, ſie werden Ihre und die Gegenwart eines jungen Frauenzimmers vergeſſen und es bloß der Wirthin dieſes Hauſes ohne Verantwortung hingehen laſſen, Ihnen hier eine Wohnſtätte gegeben zu haben.“ Thyrnau lachte kurz und hell auf, dann ſagte er, ohne ſich durch das feierliche Zürnen des Jünglings irre machen zu laſſen:„Mein lieber junger Mann, ich muß Sr. Excellenz zu ihrer Gabe, die Dinge zu vergeſſen, die ihr nicht anſtehn, Glück wünſchen. Dieſer merkwürdige alte Karlſtein behauptet noch immer ſein Recht, die Menſchen etwas über das Maaß der Vernunft hinaus zu treiben: Cervantes würde an den Rit⸗ tern des Karlſteins, denke ich, einen artigen Stoff zu einer neuen Novelle finden, ſeiner bereits weltverbreiteten ein wür⸗ diges Pendant liefern.“ Ein Glück vielleicht, daß Beleſenheit in dem Stande des jungen Mannes nicht gerade zu den Haupteigenſchaften deſſel⸗ ben gehörte, ſonſt möchte dem alten kecken Thyrnau ſeine An⸗ ſpielung viel Unangenehmes zugezogen haben. Auch jetzt fühlte der junge Offizier mit großer Gereiztheit, daß dieſem ihm ſo untergeordneten Manne ſchwer zu imponiren war, und daß er eine Redeweiſe habe, der eine große Sicherheit beiwohne. Er war daher froh, ſich ihm ganz entziehen zu können, deutete ihm bloß an, daß er das Zimmer nicht verlaſſen dürfe und entfernte ſich mit ſtolzem Weſen.„Weiß Gott, Magda,“ ſagte Thyrnau —„ort oben, vermuthe ich, halten dieſe alten Edelleute mit den Geiſtern, welche dieſe Burg behertſchen, Gemeinſchaft, und ſind vereidet, den ſeit vierhundert Jahren eingeſetzten Dienſt auf den Trümmerhaufen dieſer einſt hier waltenden Größe fort⸗ zuſetzen. Nach dem ernſten Geſicht, daß dieſer junge Degen zu ſeinen lächerlichen Forderungen macht, bin ich ſicher, er glaubt mit ſeinem verbündeten Gouverneur und vielleicht noch Einigen gleicher Stimmung, daß ſie die Jahrhunderte zu ihrem Rück⸗ ſchritt beſchwören können und zweifeln nicht, daß der Ernſt, mit dem ſie ihren Wahnſinn treiben, demſelben Glauben und Anſehn verſchaffen ſoll!“ „Aber, ſagte Magda—„ieſer thut uns nichts zu Leide.“ „Glaubſt Du?“ lächelte Thyrnau— und bewunderte den feinen Inſtinkt der Frauen, gleich den ausgeübten Einfluß zu erkennen. »Nein,“ ſagte Magda—„er iſt ſtolz, aber er würde nicht roh ſein, wie der betrunkene Caſtiglione von Paſterau— er würde mich gegen ihn beſchützen, wie hochmüthig er mich auch anſieht! Jetzt ſage mir aber, warum keine Frauen auf dem Karlſtein bleiben ſollen und erzähle mir überhaupt ſo viel Du davon weißt.“ „Da ich nicht zweifle, daß wir noch Bewohner des Schloſſes werden und dann der Arreſt aufgehoben ſein wird, da mir der Befehl der Kaiſerin freien Gebrauch des Karſſteins zugeſteht, ſo werde ich beſſer alsdann in den Räumen ſelbſt meine Erzählungen machen; jetzt nur ſo viel, daß Karl der Vierte hier einen Schatz von Reliquien herführte und ſeine fromme ſchwärmeriſche Seele ſich bis in die höchſten Subtilitäten verſtieg, um ihnen voll⸗ kommene Ehren anzuthun! Ein Biſchof und die höchſten Kir⸗ chendiener verſahen den Dienſt in den Kapellen und verbreiteten eine Art mönchiſcher Zucht— aber vielleicht hatte Karl dieſen 23 äußeren Gebräuchen der Kirche noch einen geheimen ihm eben ſo wichtigen Dienſt untergelegt, von dem ſelbſt dieſe Herren nichts ahneten und die Beſtimmungen, keine Frauen aufzuneh⸗ men, beziehen ſich wohl eben ſo auf die ſtrengen Ordensregeln, denen er als Meiſter vorſtand. Selbſt die Kaiſerin Eleonora verließ zur Mahlzeit die Feſte und er hatte ihr eine Burg in der Nähe bauen laſſen, welche Karlick hieß und die jetzt in Trüm⸗ mern zerfällt. Dieſe Beſtimmungen hatten alle einen ehrwür⸗ digen Grund in wirklich vorhandenen, zur heiligſten Ueber⸗ wachung hier vereinigten Gegenſtänden. Es waren hohe Verpflichtungen eines tief eingeweihten Ordensmeiſters— es war die in der Zeit vollſtändig gerechtfertigte Frömmigkeit, die den vorhandenen Reliquien einen myſtiſchen Dienſt weihte— es war überdies die Schatzkammer des Reichs; die Kronjuwelen, die wichtigſten Dokumente des Landes wurden in jener unſichern Zeit hinter den Wällen des Karlſteins verwahrt, da man dieſe Feſte nach den damaligen Begriffen und bei der Wahl eines zuverläſſigen Befehlshabers für unnehmbar hielt. So kam es, daß dieſe Stelle für das höchſte Ehrenamt des Reichs gehalten ward und die Burggrafen aus den vornehmſten Geſchlechtern des Landes gewählt wurden, und in demſelben Maaße waren die Offiziere und die Mannſchaft die Elite der Armee— ſie hielten ſich wegen der Größe ihrer Verantwortlichkeit, der Wich⸗ tigkeit ihres Dienſtes, für höhere Weſen, wozu eine Art fana⸗ tiſcher Schwärmerei hinzutrat, welche die Geiſtlichkeit anzufachen verſtand und allerdings als ein Erbtheil des großen Erbauers ſeinen Nachfolgern zu verbleiben ſchien. Jahrhunderte nach dem Tode Karls des Vierten erhielt ſich dieſer Geiſt und kaum mag ſich ein berühmtes Geſchlecht des Landes finden, daß nicht einen Burggrafen des Karlſteins unter ſeine Ahnen zählen kann.“ „Aber der Menſch baut den Einflüſſen der Zeit vergeblich unbeſiegbare Feſten— darum ſei es die Aufgabe jedes Redlichen, die Bedürfniſſe der Zeit, in der er lebt, zu verſtehen, denn— widerſtrebt er ihr, ſo wird ſie über ihn weggehen, er wird iſolirt ein leeres Gefecht beſtehn, welches ihn zum Quäler ſeiner Ver⸗ hältniſſe machen wird und ihn als verächtlich oder lächerlich ſeiner Wirkſamkeit berauben muß. Nach dem, was ſich mir hier bis jetzt zeigt, zu ſchließen, ſuchen dieſe Herren der Beſatzung eine Wichtigkeit feſtzuhalten, von der ſie in den Kroniken ihrer Familien geleſen haben, glaubend, es hänge von ihrem Willen ab, dieſe Anerkennung auch der Außenwelt aufzunöthigen. Es ſteht aber nicht ſo ſchlimm mit der Welt, wie ſolche grämliche Egoiſten, die wenig Anerkennung finden und ſich überall gekränkt halten, möchten glauben machen. Was da auch für ein Wuſt von Sünde, Unverſtand und Verwirrung aller Art aufgehäuft wird— Gott rettet immer in Einzelnen, die er zu den Trägern ſeines Willens macht, den göttlichen Schatz der Wahrheit, und von ihnen aus bildet ſich eine unſichtbare und ſiegreiche Gewalt, an der zuletzt doch das zerſchellt, was leer geworden iſt und noch Widerſtand leiſtet gegen die Wahrhaftig⸗ keit großer Zeitentwickelungen.“ „Wenn dieſe Herten von ſich die Meinung abhalten wollen, die ſchon längſt ſich über ſie befeſtigt hat, wenn ſie ſich der Beurtheilung damit zu entziehn hoffen, ſo vergeſſen ſie, daß Alles aus dem Bereich, den ſie bewachen, verſchwunden iſt, was mit dem Zuſtande der Zeit damals übereinſtimmend, ihren Vor⸗ fahren ihre hohe Wichtigkeit ſicherte. Der Feind zerſtörte ihre Heiligthümer, die Herrſcher nahmen ihre Reichskleinodien in eignen Verwahr, der Ordensdienſt, deſſen Großmeiſter hier herrſchten, iſt entfernt und es ſind, wie ich nach den mir zuge⸗ kommenen Nachrichten glaube, nur noch die geplünderten be⸗ ziehungsloſen Räume übrig geblieben. Wie ich aus der prah⸗ leriſchen Anzeige des zweitgebornen Sohnes des Grafen Caſtiglione von Paſterau entnehme, wie aus der hochmüthigen 25 Weiſe des jungen Mannes, der uns ſo eben verließ, haben ſich hier bei der Beſatzung Mitglieder alter Familien vereinigt und haben in ihrer langweiligen Ruhe ſich einen Opferdienſt vor dem Altar ihres Hochmuths errichtet, wo ſie ihre Wichtigkeit und ihre ehemaligen Vorrechte anbeten und ſie zu beſchützen geloben. Es iſt wunderbar, wie dieſer ſtarre Widerſtandsgeiſt, wenigſtens in Einzelnen, am ſchroffſten dann auftaucht, wenn es am we⸗ nigſten Zeit dazu ſcheint.— Aber dieſe Kaſte darf nur einen freien Geiſt auf dem Throne wittern, den ſie gewohnt ſind wie ihr Eigenthum auf ihren Schildern zu tragen, dann fürchtet ſie gleich einen Gegner in ihm und ſucht, ſich zum Schutz und Trutz, ihre alten beſtaubten Waffen gegen ihn zu richten! Wir werden wohl noch Zuſchauer werden, und da mir die kleine Kohorte mein Vaterland nicht beherrſchen wird, ſo ſoll es mir die Laune nicht verderben, ihren ernſthaften Lächerlichkeiten zuzuſehn!“ Bis wir es jedoch erleben, daß Thomas Thyrnau als Zeuge ſich unterrichtot, wollen wir unſer Vorrecht benutzen und in das ſo ſtreng bewachte Heiligthum eindringen, da ein paar Stunden ihres vor uns entwickelten Lebens uns hinreichend zeigen werden, ob Thomas Thyrnau Recht oder Unrecht hat. Die Vesperglocken riefen die Beſatzung zum Beſchluß des Tages in die Kapelle des heiligen Kreuzes, wo der Dechant des Karlſteins mit ſeinen Diakonen und zugeordneten Gehülfen den Dienſt verrichtete. Dies größte Heiligthum der königlichen Feſte lag auf der höchſten Höhe des Felſens in dem mächtigſten ſeiner Thürme, welcher hunderteinundzwanzig Fuß hoch empor⸗ ragte und deſſen funfzehn Fuß dicke Mauern ihn als einen Trotz gegen die Zeit erſcheinen ließen. Ueber eine Zugbrücke und durch zwei feſt verwahrte Thore, welche jedoch, jetzt ohne Schlöſſer, die nicht mehr zu erhebende Zugbrücke ſchlecht vertheidigt hätten, gelangte man in die iete gewölbte Halle, in der die breiten Wendeltreppen hinauf ſtiegen, welche die fünf Etagen dieſes Thurmes verbanden. In der dritten Etage befand ſich die heilige Kreuz⸗Kapelle, und vier Thüren mit neuen ungemein feſten und künſtlichen Schlöſſern wahrten den Eintritt. Seitdem die frühere Wohnung des Dechanten zerſtört war, bewohnte derſelbe mit ſeinen Geiſtlichen die Jäume des Thurmes über der Kreuz⸗Kapelle, wo ſich auch die Bibliothek und unter der Wohnung des Dechanten in der erſten Etage das Refektorium und die Küche befanden. Wenn der Gouverneur und ſeine Offiziere mit entblößtem Haupte und allen Zeichen tiefer Devotion durch die vier Thüren, zu denen allein der Dechant die Schlüſſel führte, durchgegangen waren, ſo traten ſie in die im Oblongum gebaute Kapelle und verrichteten an der Schwelle eine Art Reinigungsgebet, indem ſie ſich zugleich mit Weihwaſſer netzten. Goldene Gitter, in deren kunſtreichem Geflechte noch Reſte von Edelſteinen glänzten, welche einſt dies Kunſtwerk zierten, trennten die Kapelle in zwei Theile— der hintere Theil umſchloß den Altar und war der geheiligteſte Platz. Ein Prieſter öffnete den Harrenden die Gitter und ſie ſchloſſen ſich nach ihrem Eintritt, und während nun der Gouverneur mit ſeinen Offizieren auf den unterſten Stufen des Altars hinter den Geiſtlichen niederkniete, füllte ſich der Raum vor den Gittern mit der Mannſchaft des Schlaſſes, welche nicht durch den äußern Wachtdienſt beſchäftigt war. Was auch der Krieg mit ſeinen Plünderungen an dieſem einſt ſo hochgeſtellten Heiligthume gethan, ſeine Prachtanlagen waren nicht ſo ganz zu zerſtören geweſen und noch immer blieb der Raum, wo der Hochaltar ſtand, mit ſeinen azurblauen mit goldenen Sternen beſäeten Gewölben, denen ſich die vergoldeten Wände anſchloſſen, auf welchen ſich die Geſtalten der Apoſtel zeigten, eine erhabene und prachtvolle Ausſtattung. Unter dieſen Gemälden liefen von beiden Seiten des Altars Bänke M mit geſchnittenen Lehnen aus den Cedern des Libanons herum — die Sitze waren aufzuheben und unter ihrem Verſchluß ſoll man einſt die Kronjuwelen verwahrt haben. Ueber dem Hoch⸗ altar aber befand ſich der durch viele beſonders hochgeſchätzte Reliquien geehrte hochwichtige Verſchluß, in welchem die Böh⸗ miſche Königskrone verwahrt ward— ein Bild, welches Chri⸗ ſtus zwiſchen Maria und Johannes vorſtellte, deckte den nun leeren Schrein. Ueber der Eingangsthür befand ſich ein Raum, welcher durch einen Gang zu erreichen war, und welcher die Ausſicht in die Kapelle hatte; hier durften ſich die Bewohner des Karlſteins einfinden, die nicht zu der Mannſchaft gehörten, denn dieſer nur ſtand das Recht zu, den heil'gen Boden der Kapelle ſelbſt zu betreten. Der Abendgottesdienſt war mit militäriſcher Disciplin und tiefer Devotion abgehalten, und hinter der Geiſtlichkeit ſchritt der Gouverneur und ſeine Offiziere durch die aufgereihte Mann⸗ ſchaft, welche ſich dann ihnen anſchloß, bis der dienſtthuende Diakon die Lichter auslöſchte und die neun kunſtreichen Schlöſſer der vier Thüren verſchloß, und obgleich der Letzte in dieſem Zuge doch die Ehre genoß, daß der Gouverneur und das ganze Gefolge mit entblößtem Haupte im Refektorium ſeine Ankunft erwarteten, und erſt wenn er die heil'gen Schlüſſel dem Dechan⸗ ten überliefert, beurlaubten ſich Alle und zogen denſelben Weg zurück in die Wohnung der Burggrafen, welche das weitläu⸗ figſte Gebäude des Schloſſes war. Ein mit Eichenholz ſchwerfällig getäfeltes Vorzimmer nahm die Offiziere hier auf, und da der Gouverneur ſich regelmäßig nach der Vesper in ſeine Zimmer zurückzog, wurde die Luft etwas freier und die Verſchiedenheit der Karaktere trat ungehin⸗ derter hervor. Herr Caſtiglione von Paſterau zeigte keine Spur mehr von der Trunkenheit des Morgens, aber die Abſpannung, welche der Schwelgerei folgt, lag über ſeinen nichtsſagenden Zügen, und er hatte ſich in eine Fenſterniſche gedrängt und hörte halb ermüdet dem Geſpräch ſeiner Kameraden zu. „So lange wir einen ſolchen Befehlshaber beſitzen,“ ſagte ein kleiner derber Mann, welcher über die erſte Jugend hinaus ein feurig rothes Angeſicht mit ungeheuer großem blonden Kne⸗ belbart zeigte, und der Hauptmann des Korps war—„ſo lange werden wir unſere Stellung rein erhalten können und ſie gegen die Anmaßungen ſchützen, die von dort Oben immer ein hoch⸗ müthiges Vergeſſen unſeres Ranges und unſerer Vorrechte an⸗ deuten wollen.“ „Aber zu beklagen iſt es, daß wir uns wehren müſſen!“ fügte der ſchöne junge Mann hinzu, den wir bereits kennen und der jetzt in natürlicherer Stimmung den vollendetſten Aus⸗ druck eines ſtolzen Schwärmers zeigte.—„Welch' ein Schatz! welch' ein Juwel in der Krone eines Reiches müßte ein Heilig⸗ thum ſein, an dem eine ſo unzerſtörbare geſchichtliche Würdig⸗ keit haftet, als an dieſem heil'gen Schloß. Es müßte ſein ge⸗ weihter Boden das Saamenkorn aufnehmen, das von den Fürſten des Landes ſelbſt hier verſenkt, ihm die echten Triebe ritterlicher Tugenden und chriſtlichen Sinnes lieferte, welche von hier ausgehend die allein vor Gott und dem Ritterthume beſtehenden Geſetze in der Welt verkündigten, welche in trau⸗ riger Ausartung dieſes Beiſpiels ſo benöthigt wäre.“ „Ja!“ ſagte ein hagerer düſterer Krieger, deſſen ſtark ausgearbeitete Züge, wie der haarloſe Schädel und der leere linke Aermel, der in dem Büffelkoller befeſtigt war, ihn als einem vom Leben Geprüften ſtempelten—„ja! wenn nicht die Zeit gekommen wäre, wo treue Dienſte vergeſſen ſind, und hohe Namen, deren Klang allein Armeen zu ſchlagen vermöchte, in dem Moder ihrer zuſammenſtürzenden Burgen begraben würden!“ „Es gehen unbegreifliche Dinge vor,“ ſagte der Haupt⸗ mann—„und mit Schmerz müſſen wir geſtehen, daß uns ein 29 launiſcher Weiberkopf regiert und da kommen neue Moden auf und ſie denkt von einem alten Edelmanne, von einem ihm an⸗ geſtammten Rechte, ſo verächtlich wie von einem alten Kopf⸗ zeuge und von ihren vergelbten Manſchetten!“ 3 Ein ziemlich lautes Lachen ſchreckte die düſtern Sprecher faſt auf— ſie richteten den Blick auf einen jungen rothwangigen Kornet, der ſo plötzlich die gemeſſene Sprechweiſe ſeiner Ge⸗ fährten unterbrochen hatte. Es war der junge Fürſt von Traut⸗ ſohn, der zu ſeinem Oheim, dem erlauchten Grafen Georg von Podiebrad, den Gouverneur des Karlſteins, von ſeinem Vor⸗ munde hierher geſchickt worden war, um bei der bekannten ſtren⸗ gen Disciplin, die dort herrſchte, ſein ungeſtümes Weſen zügeln zu lernen. Er ſaß auf dem Rande des weit herausgemauerten Kamins und liebkoſ'te ein ſchönes weißes Windſpiel, welches zugleich von ihm dreſſirt ward, die Biſſen, die er in die Luft warf, wieder aufzufangen. Er war von ſo weichen Zügen, von ſo runden roſigen Wangen, ſo weißer Stirn und vollen blonden Locken, daß man ihn für ein holdes Mägdlein hätte halten können, wenn nicht in der jungen kräftigen Geſtalt ſchon die Männlichkett des Bau's hervorgetreten wäre.„O Galbes! mein theurer Emanuel, vergieb mir, daß ich Deine Worte mit meinem ungeſchickten Lachen ſchloß,“ hob er an—„aber wenn, wie Du ſagſt, meine ſüße Muhme, die Kaiſerin Thereſia, die Veränderung liebt, ſo lacht mir das Herz vor Freude in der Bruſt, denn dann werde ich Gnade vor ihr finden, wenn ich meinen harten Vormund verklage, der mich armes weltliches Kind unter dem Scepter ſo unvergleichlich mannhafter, ritterlich chriſtlicher Tugend eingeſperrt hält, als ich hier vor mir ſehe!“ Sein fröhlicher Scherz fand ſogleich Anklang bei zwei jün⸗ geren Offizieren, die dem Himmel dankten, daß ihr junger durch Rang und Verwandtſchaft etwas verzogener Gefährte aus⸗ zuſprechen wagte, was der Inhalt ihres heimlichen Verlangens war; das Lächeln jedoch, was ſich auf ihren Lippen zeigte, trat ſchnell zurück vor dem ernſten Blick, mit dem der Graf Matthias von Thurn, der ſtolze junge Offizier, den wir ſchon öfter erwähnt, Beide anblickte, indem er den jungen Trautſohn im ernſten Tone zurechtwies. „Hüte Dich,“ ſagte er ihm—„durch Deine leichtfertigen Reden den Geiſt anzutaſten, der uns Alle hier beleben muß, der ohne Unruhe und mit vollem inneren Frieden uns treibt den heil'gen Waffendienſt zu ehren, der das höchſte und reinſte Beſitzthum unſerer Herrſcherin, dieſe Feſte vor Entweihung be⸗ wahrt.— Was will, was darf ein Edelmann für Freuden ſuchen, als die Fflichten ſeines Standes mit dem Dienſte un⸗ ſerer heiligen Kirche vereinigen? Laß' morgen dieſe Burg vom Feinde belagert werden, und Du wirſt dann erkennen, daß alſo geſtählte Ritter eine Armee von ihren Wällen abhalten können.“ „Wollte Gott! Du ſchöner lieber Matthias, Du hätteſt Recht!“ ſagte der Jüngling—„und wir erlebten wenigſtens eine Belagerung, obwol ich zweifle, daß Dein in Ehre und frommer Begeiſterung geſtählter Arm unſere morſchen Mauern ſtützen und unſere verſunkenen Wälle auftichten würde!“ Che Matthias antworten konnte, trat der Haushofmeiſter ein und meldete die ſervirte Tafel. Sämmtliche Offiziere begaben ſich nun ihrem Range nach in das anſtoßende Zimmer, welches ein eben ſo finſteres ge⸗ wölbtes Gemach mit großem Kamin und engen Fenſtern war als das frühere, nur daß hier die Wände mit bunten Leder⸗ tapeten bedeckt waren, und die mit reichem Silbergeſchirr be⸗ diente Tafel bei hellem Kerzenſchein einen erheiternden Anblick gewährte. Alle ſtellten ſich mit ihren Federhüten in der Hand hinter die ihnen ſeit lange angewieſenen Plätze, und nach einer kleinen Pauſe öffnete ſich am oberen Ende der Tafel die Thür und es zeigte ſich Seine Excellenz der Gouverneur des Karl⸗ ſteins, der erlauchte Graf von Podiebrad. Alle Anweſenden verneigten ſich bis zur Erde, dann trat der Graf bis zu ſeinem Platze vor, der Kammerdiener zog den Stuhl und erſt als er vor dieſen getreten war, erwiederte er huldvoll den Gruß ſeiner Offiziere. Georg von Podiebrad war der Nachkomme des zweiten Burg⸗ grafen des Karlſteins, welcher noch von Karl dem Vierten eingeſetzt worden; und da deſſen Vorgänger, der erſte Burggraf, Johann Markgraf von Böhmen war, ſo leuchtete die Wichtigkeit der Familie, aus der ein Individuum zu ſo hohem Range und zum Nachfolger eines Anverwandten des Kaiſers berufen werden konnte, ſchon vor vierhundert Jahren Jedem ein; und genährt mit dieſem Stolze hatte die Familie gerade in dem eben erwähnten Nach⸗ kommen den empfänglichſten Vertreter gefunden. Er zweifelte nicht, daß die Wiedervereinigung der Namen Podiebrad und Karlſtein die Gewalt enthielte, das geſunkene Anſehn herzu⸗ ſtellen, und ſein eignes Vermögen, die Gunſt, welche er bei Karl dem Sechſten genoß, hatte den Verfall unbezweifelt auf⸗ gehalten, dem dieſes berühmte geſchichtliche Monument bei ſeiner erſten Uebernahme raſch entgegen ging. Was er aber da⸗ für erreicht, hatte ihn blind gemacht für das, was nicht wieder herzuſtellen war; er lebte in Annahmen, die nur Erinnerungen waren von dem, was allerdings ſeine Familien⸗Archive in Fülle enthielten. Sein ungemeſſener Stolz, die Strenge, mit der er alle ſeine Umgebungen beherrſchte, hielt die Wahrheit von ihm ab, die nur ähnlichen Schwärmern entzogen bleiben konnte, und den profanen Bewohnern des Schloſſes ein Gegenſtand des Spottes und des Hohnes war, wenn ſie ſich vor Verrath ſicher hielten. Georg von Podiebrad hatte um der Chimäre willen, die ſein Leben jetzt erfüllte, große Opfer gebracht. Obwol es ihm geſtattet war, die Uebernahme des Karlſteins mit allen Ver⸗ hältniſſen eines ehelichen Familienlebens zu vereinigen, hatte er doch eine ſchöne Braut, wie er es nannte, auf dem Altare des Vaterlandes niedergelegt, weil er es für einen Gottesfrevel hielt, daß ein Podiebrad die heiligen Geſetze des Karlſteins über⸗ treten ſolle. Eben ſo verlangte er, daß ſeine Offiziere unbe⸗ weibt blieben, und indem er dem Karlſtein ſeine geiſtlichen Vor⸗ rechte wieder zu verſchaffen gewußt hatte, war nach und nach eine Art Mönchs⸗Ritterweſen eingekehrt, an dem er ein großes Behagen fand und welches er mit allerlei mythiſchen Träumen und Gebräuchen aus der Geſchichte der Kreuzzüge wieder aus⸗ zuſtatten ſuchte. Seine Perſönlichkeit unterſtützte im hohen Grade ſeine Anſprüche. Er war mindeſtens ſechs Fuß hoch und ſeine magere Geſtalt, ſein ausdrucksvolles, ſtolzes und ſchwär⸗ meriſches Geſicht bewieſen ſein ascetiſches Leben. Es war ihm eine hohe Würde beigegeben und er beſaß durch meiſterhafte ritterliche Uebungen eine feine Gewandtheit und ſtolze Cour⸗ toiſie, die er zu den nöthigen ritterlichen Tugenden zählte. Jeder, der ihn zuerſt ſah, wurde gewiß durch die herablaſſende Güte und edle Würde, die er zu vereinigen wußte, angezogen und mußte in ihm einen Repräſentanten längſt verſchwundener Zeiten bewundern, da er mehr einem Ritter unter Gottfried von Bouillon als einem Feſtungsgouverneur unter Maria Thereſia glich.— Nachdem Podiebrad ſeine Offiziere auf beſchriebene Weiſe mit großer Achtung gegrüßt hatte, blieb er und Alle um ihn her dennoch ſtehn, denn man ließ nun eine alte heiſere Thurmuhr acht Mal ausſchlagen, worauf ſich die Ausgangs⸗ thüren am Ende der Tafel öffneten und der dienſtthuende Offſi⸗ zier von zwei Mann gefolgt eintrat und mit großer Gravität auf einem Kiſſen, welches der Kammerdiener ſogleich vorhielt, die Schlüſſel der Feſtung vor Podiebrad niederlegte, indem er mit lauter Stimme rief:„Alles in Frieden und Ruh— Gott und 33 ſeine Heiligen ſchützen die Burg!“ Dieſe Worte waren vierhun⸗ dert Jahr alt. „Amen,“ ſagte der Graf von Podiehrad, die Meldung zog ab, und jetzt erſt, nachdem der Kammerdiener die Schlüſſel in die Zimmer ſeines Herrn getragen, nahm der Gouverneur Platz und lud ſeine Offiziere zu gleicher Freiheit ein. Die einfachen aber kräftigen Speiſen unkreiſten die Tafel und ein mäßiger Gebrauch der Becher war ebenfalls geſtattet. Aber dies war auch vielleicht die größte Freiheit, die ge⸗ ſtattet war, denn der Graf von Podiebrad war der Meinung, daß es ſich in ſeiner Gegenwart überhaupt nicht ſchicken wolle, zu ſprechen— da hierdurch aber eine Einförmigkeit entſtand, die er bei aller Abtödtung doch zuweilen als ſehr läſtig empfin⸗ den mußte, da er nicht wie ſeine Offiziere ſich in kameradſchaft⸗ lichem Beiſammenſein entſchädigen konnte, ſondern nach dem vorgeſchriebenen Beiſammenſein wieder mit ſich, alſo mit dem⸗ ſelben allein war, dem er eben allein zu ſprechen geſtattet hatte, ſo hatte er ein Fragegeſpräch eingeführt, worauf Alle paſſen mußten, um vollkommen geſammelt antworten zu können. Nur der blonde Jüngling ward vergeblich mit der ganzen Autorität des Oheims bekämpft, und hatte dieſe Autorität ein paar Mal in ſolche Gefahr gebracht, daß der erlauchte Graf den Entſchluß faßte, den Reffen und ſeine Thorheiten in zweifelhaften Fällen nicht zu bemerken. Auch heute war die Ceremonie der Schlüſſel⸗ übergabe kaum vorüber, als er dem Caſtiglione von Paſterau, ſeinem Nachbar, zuflüſterte:„Mutter Grimſchütz ihre Kuh habe durchaus verweigert, auf das Heffnen und Schließen der Thore zu warten und habe zum Hohn ſeines erlauchten Oheims vor ſeinen Augen aus ihrem Stalle den Weg über die unbezwing⸗ lichen Wälle genommen, welche Eiſengatter und Balken am Eingange verſchlöſſen.“ Thomas Thhyrnau. III. 3 „Nun ſeit heute“— flüſterte Paſterau—„ſteht unſer ganzes Stift auf dem Wendepunkt, denn das ſchönſte Mädchen der Chriſtenheit iſt eingezogen, und wenn ſie Quartier behält, ſo iſt es um die Würde Eures Oheims geſchehn.“ „Ich hoffe, er wird müſſen einwilligen, denn die Kai⸗ ſerin wird ſich nicht um den Wahnſinn kümmern, der hier aus⸗ geheckt wird, und der Polizeibote ſchwört, daß ſie Befehl dazu ertheilt hat— hätt' ich ſie nur erſt geſehn!“ „Sie hat eine Art Bullenbeißer zu ihrer Bewachung bei ſich, er nennt ſich ihren Großvater,“ entgegnete Paſterau— „aber ſolche alte Kerle lieben ein Gläschen, und damit wollen wir ihn ſchon kirren.“ „Das ſind die einzigen Mittel, die Du kennſt“— rief hier Trautſohn etwas zu laut—„weil ſie die untrüglichſten für Dich ſind— hüte Dich, daß Seine Excellenz dahinter kommt, wie Du Deine Morgen⸗ und Nachtſtunden zubringſt.“ „Herr Graf von Paſterau, darf man fragen, zu welchen höchſt wichtigen Mittheilungen Sie unſere Gegenwart benutzen?“ rief hier die ſtrenge Stimme des Gouverneurs. „Ach! mein erlauchter Oheim“— nahm Trautſohn das Wort„ich konnte bei Paſterau keinen Glauben finden, da ich ihm eben erzählte, welch' ein wunderbarer Luftſpringer die Kuh von Mutter Grimſchütz iſt, die jeden Morgen das feſte Schloß verläßt, ohne auf das Oeffnen der Thore zu warten.“ Faſt be⸗ reute aber der muthwillige Jüngling den unbarmherzigen Spott, da plötzlich das ſtrenge Antlitz des ſtolzen Oheims ſich ver⸗ änderte und ein ſchmerzlicher Zug des Nachdenkens und des Kummers ſich darauf zeigte. Das hatte er nicht gewollt, da er das beſte Herz hatte und ſeinen Dheim ehrte und liebte, und nun einſah, wie tief der Wahnſinn der Täuſchung ihn erfaßt, da ein Strahl der Wahrheit ihn faſt niederwarf. Dieſe auffallende Stimmung verhinderte auch, daß der Verweis 35 ausgeſprochen ward, der gewiß nicht gefehlt haben würde, und eine tiefe Stille eintrat. Endlich war der Graf von Podiebrad mit der alten Täu⸗ ſchung fertig, daß der Karlſtein dennoch eine ſtarke Feſtung ſei, und jetzt erhob er die ernſte melancholiſche Stimme. Freiherr von Galbes,“ ſagte er zu dem Hauptmann, der ihm zunächſt ſaß—„es war heute ein böſer Tag voll unſchick⸗ licher Zumuthungen. Haben Sie den Polizeiboten beſtimmt, morgen mit den ihm anvertrauten Perſonen die Feſte zu verlaſſen?“ „Euer Ereellenz halten zu Gnaden— dazu iſt er in keiner Weiſe zu bewegen; er wagt zu behaupten, daß ſeine Inſtruk⸗ tionen hierher lauten, daß er ſie erfüllt und nun Alles Euer Ercellenz anheim ſtellen muß. Bereit iſt er aber, ſo ſchnell als möglich nach Wien zurück zu kehren, auf dem Wege alle mög⸗ lichen Nachforſchungen nach dem Kourier, auf den er ſich bezieht, anzuſtellen und von dort aus zu veranlaſſen, daß Euer Ercellenz aufs Schnellſte über dieſen beſondern Fall aufgeklärt werden.“ „Aber was ſoll aus den Gefangenen werden?“ rief der Graf von Podiebrad erſchrocken—„er muß ſie bis dahin nach Budnian führen, ſie dort einſperren laſſen, der Karlſtein iſt kein Gefängniß für Verbrecher.“ Er blickte hierbei rechts und links fragend umher, und Matthias von Thurn faßte Muth zu entgegnen:„Es muß eine eigne Bewandniß mit dieſen Gefangenen haben.“ „Reden Sie, Herr Graf von Thur,“ ſprach Podiebrad herablaſſend—„Sie führten die Unterhandlungen— ich halte dafür, es ſind gemeine Leute— Advokaten ſind in der Regel Betrüger aus der Hefe des Volkes!“ „Euer Excellenz werden darin die größere Erfahrung haben,“ entgegnete Thurzurückhaltend—„gewiß iſt aber dieſer alte Mann nicht ganz ohne Bildung— er hat vielleicht dadurch, daß Vor⸗ nehmere ihn brauchten, etwas von ihrer Art und Weiſe abgeſehen.“ „Und ſeine Enkelin iſt wunderſchön!“ rief Trautſohn— „Durchlaucht! Du wirſt ſchweigen, bis die Rede an Dich kommt“— rief Podiebrad ſtreng—„es ziemt ſich nicht, hier von dem Weibe zu ſprechen mit der eben vernommenen Bezeich⸗ nung. Sie wird eine gemeine Perſon aus der dienenden Klaſſe ſein,“ fuhr er fragend fort. Thurn ward wieder verlegen, dann ſagte er:„Sie iſt wohl ſchwerlich gemeiner Klaſſe— es iſt Alles ſo geheimnißvoll — ich höre, ſie erwartet eine Kammerfrau— der Bote ver⸗ langte auch für ſie Einlaß.“ „Dies überſteigt allen Glauben,“ rief der Gouverneur von Erſtaunen überwältigt—„eine Gefangene ſo geringen Standes und maaßt ſich die Vorrechte der Frauen von Geburt an; und dieſe— ich möchte ſagen, dieſe Zerſtreuung— hier⸗ her zwei Frauen gelangen zu laſſen— es muß durchaus ein Irrthum ſein, Graf Matthias.— Sie ſind nach einer Feſtung beſtimmt, die dazu paſſend ſein mag— der Karlſtein hat nur Gefängniſſe für ſeine eignen Bewohner, worüber uns die Ent⸗ ſcheidung zuſteht, und zu verſchiedenen Malen wurden einige hohe Perſonen hierher verwieſen, welche wir jedoch, da ſie Kavaliere waren und auf ihr Ehrenwort hierher geſandt, nicht als Gefangene, ſondern als Gäſte zu betrachten hatten. Dieſen freilich wurden im Innern der Burg die Zimmer unter des Kö⸗ nigs Wohnung und unter der Niclas⸗ oder Ritterkapelle ange⸗ wieſen, und die ehemaligen Audienzſäle der Herrſcher waren ihre Speiſe⸗ und Empfangſäle— doch alles dieſes auf beſon⸗ deren Befehl und bei Perſonen höchſten Ranges, deren Namen mir allein bekannt ward. Dies waren Umſtände, wodurch die Würde dieſer alten Königsburg nicht beeinträchtigt ward, und ich ſah darin die Beachtung des Ranges, den ſie einnimmt. Was ſoll uns aber hier ein gemeiner Verbrecher?— Wir ehren nur die Einſicht unſeres hohen Kaiſerhofes, indem wir ſogleich 37 als Irrthum bezeichnen, was als wahr anzunehmen eine Be⸗ leidigung ſein müßte.“ „Graf von Thurn, Sie werden darauf beſtehn, daß der Polizeibote, ehe er abreiſt, ſeine Gefangenen in das Stadt⸗ gefängniß zu Budnian einſperren läßt— er kann dann ſeine Inſtruktionen in Wien berichtigen laſſen, und ſie von dort nach der Feſtung abholen, für die ſie eigentlich beſtimmt waren.— Wir wollen ihm gnädigſt verzeihen, werden aber unſere Be⸗ ſchwerde am kaiſerlichen Hofe ſelbſt einreichen— und unſer ſehr geſchätzter Freund, der Graf von Kaunitz, wird nicht erman⸗ geln, uns Satisfaction zu geben.“ „Dieſen erlauchten Namen führte der Gefangene auch im Munde,“ entgegnete der Graf Matthias—„er ſagt aus, daß der Herr Graf von Kaunitz ihm ſelbſt verſichert habe, der Kou⸗ rier an Euer Excellenz mit allen nöthigen Inſtruktionen ſei ab⸗ gegangen und er habe daher annehmen müſſen, alles zu ſeinem Empfang bereit zu finden.“ Graf Podiebrad fuhr ein wenig zuſammen und verfiel als⸗ dann in ein tiefes Nachdenken— mit der Miene eines erfahre⸗ nen Mannes, der einen wichtigen Gedanken zu verbergen hat und ſeine Umgebungen auszuforſchen denkt, richtete er ſeine Augen durchdringend auf den Grafen Matthias und ſagte: „Ihr erwähntet— der Gefangene habe Euch nicht ohne Bil⸗ dung geſchienen— ſprach er ein reines Deutſch oder die Volksſprache?“ „Ein reines gewähltes Deutſch!“ „So! ſo!— war ſein Haar in der Gewohnheit des Pu⸗ ders, und friſirt, und ſeine Kleidung fein— und die Wäſche, Herr! die Wäſche!“ „Er trägt ſein Haar wie das Portrait Sr. Excellenz des Miniſters Grafen von Kaunitz in Dero Kabinet— ſein Kleid war ohne Stickerei, aber von feinem dunklem Tuche— die Wäſche ſchien von eben dieſer Güte, er hatte ſchöne Hände, die ich ſah, als er ſeine Enkelin damit umfaßt hielt— dieſe war in Seide gekleidet!“ „Hem! hem!“ ſagte der Graf von Podiebrad ſinnend— „das wäre ein denkbarer Fall!— dergleichen iſt ſchon vorge⸗ kommen! Meine Herren,“ fuhr er lauter fort, ſich gegen Alle mit belehrendem Tone wendend—„weiß einer unter Ihnen mir zu beantworten, was ein Inkognito iſt?— Iſt Ihnen ein ſolcher Fall ſchon begegnet?“ „ Ehe noch eine Entgegnung eintreten konnte, fuhr der Graf fort—„Nun ſo werde ich es Ihnen erklären! Es treten bei ſehr hochgeſtellten Perſonen, welche durch Rang und Namen in dem Fall ſind, überall gekannt zu ſein, oft Umſtände ein, welche ſie zwingen, zur Erreichung hoher Abſichten und Pläne ihre hochgeſtellte Perſon unter dem Deckmantel der Niedrigkeit zu verbergen und mit unbekanntem, geringem Namen ſich die Verborgenheit zu ſichern, die ihr wirklicher Stand ihnen un⸗ möglich machen würde; ſolche Perſonen können dadurch in Verwickelungen gerathen, wie ſie dem geringeren Stande zu⸗ fallen, und können durch große Entſchlüſſe dennoch gehindert werden, den groben Mantel, der ſie verhüllt, abzuwerfen und durch die Macht ihres wirklichen Namens ſich von ſolchen Ver⸗ hältniſſen zu befteien.—“ Er ſah Alle der Reihe nach an und nickte, als wollte er fragen:„Könnt Ihr mir nachklimmen auf der hohen Staffel meiner Gedanken?“ Es iſt anzunehmen, daß ſie es konnten, denn ſie verneigten ſich Alle. S „Wenn der Kourier, von dem dieſer Polizeibediente ſpricht, mir Aufſchlüſſe zu bringen beordert geweſen wäre, die eben mit nur Aufſchluß über die geheimnißvolle Perſon des Gefange⸗ nen geben ſollten, ſo könnte der beſondere Fall eingetreten ſein. daß eine hohe Perſon in das niedere Gewand eines Advokaten 39 gehüllt, die Schmach einer damit verbundenen Behandlung ruhig tragen müßte, da wir verweigert, ihn vor uns zu laſſen und eine bedeutende Rückſicht ihn hindern kann, dies Vertrauen wem anders als mir zu ſchenken!— Freiherr von Galbes und Graf Thurn, wir erlauben Euch, Eure Anſicht darüber zu äußern— Wachthabender Offizier von dieſem Morgen, Graf von Paſterau, Ihr hattet ſogar Streit mit dieſer geheimniß⸗ vollen Perſon, der Euch jedoch nicht zur Laſt fällt, da Ihr blos die unbeſcheidene Forderung zurückwieſet, zu unſerer Per⸗ ſon vordringen zu wollen— aber ein Streit iſt ſehr verräthe⸗ riſch— hättet Ihr Beobachtung und Erfahrung, Ihr müßtet an ſeinem Verhalten dabei augenblicklich den Mann von Geburt von dem Unberechtigten haben unterſcheiden können. Doch will ich Euch belehren!“ fuhr er fort,„merket wohl auf!— ſuchte er durch demüthige Bitten Euch zu bereden?— wich er ver⸗ ſchüchtert zurück, als Ihr ihm Euren Unwillen zeigtet? oder führte er heftige Worte— drohte er— entfuhr ihm vielleicht ein Ausbruch des Zorns, den wir nicht wiederholen wollen— eine unpaſſende Betheurung, meine ich——“ „Einen Fluch meinen Euer Gnaden!“ fuhr Paſterau mit ſeiner rauhen Weinſtimme heraus—„Ja! das fehlte in Wahr⸗ heit nur noch!— Es iſt ein Kerl wie ein Bullenbeißer— meine ganze Wachtmannſchaft fuhr von den Bänken in die Höhe — ſo hat er aufgebrüllt, und als ich ihn heraus werfen laſſen wollte, hat er einen hölzernen Schemel in der Luft geſchwun⸗ gen, wie ich dieſen leeren Becher ſchwinge, und wer ſich ihm genaht hätte, dem hätte er den Kopf zerſchlagen.“ Graf Podiebrad hörte mit freudeſtrahlenden Augen den Bericht an— er nickte dieſen Symptomen, die ihm durchaus die erwarteteten ſchienen, beifällig zu, und ein ſeltenes Lächeln über ſeinen gerechtfertigten Scharfſinn umſpielte ſeinen Mund und er klopfte mit den Fingern der rechten Hand in die Linke und winkte herablaſſend ſcherzend dem Kammerdiener zu, den leeren Becher noch einmal zu füllen. „Verſtehen Sie mich, meine Herren?“ fuhr er jetzt heraus —„ſteigt die Wahrſcheinlichkeit nach der Belehrung, die ich Ihnen ſo eben ertheilt?“ Alle verneigten ſich wieder.—„Und Ihr, Graf Thurn, was habt Ihr beobachtet?“ „Mir ſind mit einem Male alle Räthſel gelöſt,“ erwie⸗ derte der junge Mann—„denn ein trotzigeres, ſichereres und anmaßenderes Benehmen iſt mir noch nie vorgekommen, und meine grenzenloſe Empörung, daß ein Advokat mit dem bür⸗ gerlichen Namen Thomas Thyrnau mir gegenüber dieſen Ton behaupten konnte, iſt gelöſt, wenn ich annehme, daß ein Edel⸗ mann dem Andern gegenüber ſtand und der Kampf ein gegen⸗ ſeitig berechtigter war.— Auch die feinen Züge des Mädchens — Alles iſt dann erklärt und mir fällt damit ein Stein vom Herzen.“ „Sehr richtig! ſehr verſtändig gefühlt und bemerkt!“ ſagte der Graf Podiebrad—„Und wir haben jetzt die geeig⸗ neten Maaßregeln zu ergreifen, die Sache aufs Reine zu bringen, ehe der zu erwartende Kourier unſerm Scharffinn die Löſung raubt.— Mit dieſen ſich häufenden Wahrſcheinlichkeiten wer⸗ den wir uns wohl nichts zu vergeben fürchten dürfen, wenn wir Euch, Graf Matthias, morgen früh zu dem geheimnißvollen Manne ſenden, und Ihr ihn in unſerm Namen befragt, ob er uns nicht irgend ein Zeichen zu ſenden habe— ſei es ein Ring, ein Brief von einer uns bekannten Perſon— oder— irgend ein Zeichen der Art. Iſt er der, ſo wir ahnen— ſo wird er uns augenblicklich verſtehen und dann keinen Anſtand nehmen, ſich uns zu entdecken— kann er es nicht— ſo haben wir uns nicht zu weit gegen ihn herabgelaſſen und der Polizei⸗ bote muß dann unſere Befehle erfüllen.“ . Ein Beifallsgemurmel ſchloß ſich dieſer Rede an, und da der Kammerdiener eine Meldung machte, erhoben ſich die Herren und traten, der Gouverneur an ihrer Spitze, in das Vorzimmer zurück, wo ein Diakon des Karlſteins die Herren empfing und das Abendgebet und den Segen las, wonach erſt der Gouverneur ſeine Offiziere beurlaubte, diesmal in ſo un⸗ gewöhnlich guter Laune, daß er die Durchlaucht Trautſohn an dem Ohrläppchen zupfte und ihn Perci Heißſporn nannte. Der ruhige Schlaf einer ſtillen Nacht hatte jede Spur des unheimlichen Tages von Magda's Stirn verſcheucht— und daß der Morgen in die Fenſter ohne Vorhänge ſchon früh er⸗ hellend blickte, machte, daß ſie erwacht war. Angeregt von der ungewöhnlichen Situation hatte ſie ſich gekleidet, die Fen⸗ ſter geöffnet und war endlich von dem niedern Fenſterbrett, von dem aus ſie mit der Hand den Garten erreichen konnte, hinab geſprungen und durchforſchte nun mit eiligen Schritten das ganze Terrain, welches ſie ſich zuzueignen dachte. Das Gärtchen war verwildert. Küchenkräuter waren ſelbſt ſchlecht gepflegt, und von Blumen zeigte ſich nur, was ſich von ſelbſt geſäet hatte, und dieſes erſtickt unter Windhalm und Diſtel oder halb niedergetreten, um Wege zu bahnen. Dagegen ſah der Wall, von dem das Gärtchen begrenzt ward, mit ſeinem kurzen Raſen und nickenden Weidenbüſchen reizend herüber, und ohne weiteres Bedenken erklomm Magda ſeine zuſammen geſunkenen Wände, und als ſie den Rand er⸗ ſtiegen, ſtieß ſie einen Freudenſchrei aus, denn die ganze Schön heit des Berauner Thales lag vor ihr ausgebreitet. Das kleine ſilberhelle Flüßchen, wonach es den Namen führte, ſchlängelte ſich mit ſeinen anmuthigen Windungen unter der Felſengruppe hervor, welche den Karlſtein trug und erſchien hier wegen des jungen Laubholzes, welches in ſeinen bunten herbſtlichen Färbungen die Höhen bis zu ihrem Fuße beſetzt hatte, als ob es ſeinen Urſprung aus dem Schooße dieſer Felſen habe. Weiterhin nun lag auf ſeinen beiden Ufern das kleine Städtchen Budnian, von den herrlichſten Wieſen und von Laubholz eingefaßt, und mit ſeinen niedrigen Häuſern die herrliche gothiſche Kirche St. Palmatius umgebend, die hier Karl der Vierte ſchon erbauen ließ. Hinter dem Städtchen ward das reizende Thal mit ſeinem lieblichen Flüßchen immer romantiſcher, einzelne Strohdächer tauchten aus dem Gebüſche auf, Gehege umgaben ſie, wo das Vieh ſich lagerte, kleine Mühlen zeigten ſich mit ihren künſtlichen Waſſerfällen, weiter⸗ hin eine Fiſcherkolonie mit Nachen und ausgeſpannten Netzen am Ufer— und dies lebhaftere Bild verlor ſich endlich in die tiefen Schluchten der Berge, wo die Wohnungen aufhörten und das herrliche Laubholz des Mittelgebirges ſich begrenzt fand von den höheren Felsgruppen, auf denen die dunkeln Kiefern und Lerchenbäume eine blaugrüne Maſſe gegen den tief blauen Himmel bildeten. Die Morgenſonne ſchien gerade in das Thal hinein, ihr zauberhafter Glanz verklärte Alles und ihre belebende Wärme weckte den kräftigen herbſtlichen Duft und verbreitete eine balſamiſche Luft umher. Magda's ſechzehnjähriges Herz jauchzte laut auf und ihr Auge ſuchte einen Weg, um hinab zu ſteigen. Etwas weiter bergab lauſchte eine mooſige Felsſpitze hervor— nach der trachtete ſie— welch ein ſchöner träume⸗ riſcher Sitz! Gleitend, ſpringend und wieder hinan kletternd hatte ſie ihn erreicht, da fuhr ſie erſchrocken zurück, denn an ſeinem Fuße von dem weichen hochgethürmten Mooſe fuhr plötz⸗ lich eine ſchneeweiße Hirſchkuh empor und floh mit vier kleinen Zicklein in die Gebüſche hinein. Wie entzückt blickte ihr Magda nach und erklomm nun ihren ſteilen Sitz, der ſie weit über das 43 Holz erhob und ihr einen Ueberblick gönnte, der ihr eine tiefe Waldeinſamkeit zur Anſchauung brachte, in der das Flüßchen Beraun mit ſeinem geſprengten grünen Thale das einzige Bild des Lebens war. Magda hatte durch den geſtrigen Kampf mit Widerwärtig⸗ keiten und die ihr zugefallene Thätigkeit ſich ſelbſt wiedergefun⸗ den, und ein Zeichen ihrer Geneſung war die kräftige Luſt, mit der ſie die Schönheit der Natur genoß. Zurückgedrängt lag das ſchwer Erlebte— hier ſchien es weit ab von der ganzen Welt, wo ſie gelitten, und als ob ihr die ſtille Waldesruh um ſie her verſpräche, ihr nicht wieder weh zu thun, ſo dankbar lächelnd blickte ſie auf ſie hin! Noch ſteigern ſollte ſich ihre Luſt, als ſie plötzlich die Zweige unter ſich kniſtern hörte, das Laub beben ſah und jetzt den ſchönen ſchlanken Hals der Hirſchkuh gewahrte, die vor⸗ ſichtig ſchauend ſich wieder ihres Ruheplatzes zu bemächtigen dachte.— Da ſie Magda auf ihrem Feſſenſitz nicht ſah, ſtieß ſie einen ſanften zitternden Ton aus und ſchritt ſchnell aus dem Gebüſche hewwor, während ihr auf dem Fuße, ſich drängend, ſtoßend und Sprünge machend, die vier reizenden Zicklein folg⸗ ten. Die Hirſchkuh lagerte ſich wieder behaglich auf dem weichen Moosbette, von dem Magda's Annäherung ſie verſcheucht hatte, und die kleinen Zicklein richteten ſich um ſie her ein, indem das Eine klug aufgerichtet wie ein Hündchen in die Ferne guckte — das Andere die dummſten Klette werſuche machte und dann lächerlich ausgleitend ſich rund um kugelte— das Dritte zwi⸗ ſchen den Vorderläufen der Mutter ſich zum Schlafen gekauert hatte— und das Vierte— ein ſchwarzes Böcklein mit der zu⸗ dringlichſten Zärtlichkeit aufgerichtet die Hirſchkuh liebkoſte und bald um ihren Hals hing, bald über ihren Kopf wegpurzelnd auf ihrem Rücken hockte. Mit der würdevollen Ruhe einer Mutter gab ſich die ſchöne weiße Hirſchkuh dem verſchiedenſten 44. Anſinnen dieſer kleinen Sprößlein hin, und es ſchien Magda, als habe ſie nie ein ſüßeres Geheimniß erlauſcht, nie etwas Lieblicheres geſehn— ſie fürchtete den Athem ihrer Bruſt, als ob er ſie ſtören könnte, und wollte lieber den ganzen Tag auf ihrer Felſenſpitze hängen bleiben, als dieſe glückliche Familie noch einmal aufſcheuchen. Da ward ihr Auge plötzlich geblendet von dem Auftauchen eines von der Sonne beſchienenen Gegen⸗ ſtandes vor ihr, und das Haupt der Gorgone hätte ſie nicht mehr verſteinern und in Entſetzen verſetzen können, als der Anblick eines Gewehrs, welches eben aus dem Gebüſche heworleuchtend ſich vor der ſorgloſen kleinen Familie zeigte. Der Schreck raubte ihr faſt die Beſinnung— und während ſie ſprachlos auf den Gegenſtand ihres Entſetzens blickte, ſah ſie an dieſem Gewehr einen Jüngling knien, den wir nicht weiter beſchreiben wollen, da es Georg von Trautſohn war, der in einfacher Jägertracht ſein ſchönes Angeſicht zu Magda empor gehoben hielt. Hätte Magda Beſonnenheit gehabt, ſo würde ſie geſehen haben, daß er ſie, aber nicht die Hirſchkuh auf dem Korn hatte; ſo aber ſah ſie nur die Gefahr, die jener drohte, und die Hände in der Luft ringend rief ſie flüſternd herunter:„Du wirſt doch nicht ſo ein Unmenſch ſein und ſie tödten?— Denke doch! denke doch!“ fuhr ſie fort—„wie ſchrecklich! erbarme Dich doch! Du wärſt ja ein Mörder an Gottes ſchönſtem Glück!“ Obwol ſie aus Furcht, die Hirſchkuh zu ſcheuchen, nur halblaut geflüſtert, hatte der Jüngling ſie doch verſtanden, und jetzt beruhigte ſie ſein ſanftes Lächeln und das Zeichen mit der Hand und das Niederlegen der Flinte. „Sei doch ruhig,“ ſagte er hinauf—„ich thue ihr nichts! es iſt ja meine Familie!“ und indem öffnete er die Waidtaſche und eine Hand voll gezupften Brotes flog unter die kleinen muntern Geſellen. Nun ſah Magda den Zuſammenhang— Alle waren bekannt mit dem Jäger und ſtürzten ſich mit den 45 luſtigſten Sprüngen über das ſehr beliebte Futter, als er es noch ein paar Mal wiederholt hatte, ſtand er auf, ging dicht an ihnen vorüber, ohne daß die Hirſchkuh oder eins der Kleinen ihm nur aus dem Weg getreten wäre, und war in zwei Sätzen neben Magda auf dem Felſenſitz. Magda ſah ihn groß an, aber er ſetzte ſich bequem zu ihr, öffnete wieder die Jagdtaſche und holte von dem gepflückten Brot heraus.„Nun füttere Du ſie einmal!“ ſagte er zutraulich. Augenblicklich ſteckte Magda ihre ſchlanken Finger in die gefüllte Hand des Jünglings und ſchleuderte mit Freude das Futter hinab— das ſchwarze Böck⸗ lein ſchaute ordentlich empor, woher die neue Gabe kam und Magda jauchzte vor Luſt, und ohne ſich weiter um ihren neuen Nachbar zu kümmern, fuhr ſie nur immer wieder in die Hand des Jünglings, ſo lange noch ein Bröckchen darin vor⸗ handen war. Dabei lachten Beide wie zwei Kinder über die Luſt der Kleinen, beſonders über das Böcklein, das dazwiſchen wie ein verzogener ausgelaſſener Junge alle Augenblick der Alten um den Hals fiel, über ſie wegpurzelte und dann mit einem Satz wieder unter die Andern ſprang. „Nun hab' ich leider nichts mehr,“ rief der Jüngling end⸗ lich traurig—„aber morgen bringe ich Dir ein ganzes Brot mit, da ſollen die Kleinen eſſen, bis ſie nicht mehr können.“ „Und ich auch,“ rief Magda—„ich bringe auch was mit — und für die liebe weiße Mutter ganz beſonders, denn ſieh! ſie hat kein Bröckchen genommen!“ „Ja!“ ſagte der Jäger—„das iſt ein Gemüth! davon könnten Menſchen lernen. Denkſt Du, daß ihr außer dem ſchwarzen Böcklein die Zicklein eigen gehören? Die Mütter von den Andern ſind todt oder Gott weiß wo, da halten ſich die kleinen Dinger zu ihr, und ſie verpflegt ſie.— Glaubſt Du, daß ſie was anrührt, ehe die Jungen nicht aufhören zu freſſen? und ehe die kleinen Gierhälſe genug haben, das dauert lange — und ſehe ich mich nicht vor, bekömmt ſie gar nichts!“ „Haſt Du noch was?“ fragte Magda— und er hätte ſeine Hand zu Brod verwandeln mögen, ſo lieblich freundlich fragte ſie ihn— aber er durchſuchte vergeblich die ganze Taſche— es fand ſich nichts! „Dann wollen wir was holen,“ rief Magda—„der Groß⸗ vater wird jetzt ſchon aufgeſtanden ſein, da können wir Brot bekommen.“— Sozleich ſtreckte ſie den ſchmalen zierlichen Fuß vor und verſuchte hinab zu gleiten; das gelang auch und der Jäger war eben ſo ſchnell neben ihr und zeigte ihr einen Fuß⸗ ſteig hinter dem Felsblock, wo ſie die vordere Gruppe nicht zu ſtören brauchten. „Du biſt gewiß das gefangene Mädchen?“ ſagte Traut⸗ ſohn, als er ſo neben ihr wandelte. Magda lachte—„Ja! wenn Du willſt?— ich bin aber frei— ich gehöre blos zu dem Gefangenen!“ „So?“ ſagte Trautſohn—„wie heißt Du denn?— ich denke, Dein Name muß recht lieblich klingen!“ „Magda!“ ſagte ſie—„wenn Dir der gefällt, iſt's mir recht— ſonſt kann ich Dir nicht helfen— und Du!“ „Ich heiße Georg!— aber wenn Dir der nicht gefällt, ſo nenne mich Trautſohn.“ „Der Erſte iſt gut— der Andere iſt ſo lang,“ erwiederts Magda.„Biſt Du im Schloſſe zu Hauſe?“ „Nein! Gott im Himmel ſei Dank— wo ich hingehöre, iſt es lauter Schönheit und Lieblichkeit! Hier in das alte Eulenneſt haben ſie mich nur ein Weilchen eingeſperrt, weil ich ein bischen luſtig bin— und viel rede— und meinen eignen Willen habe.“ „Aha,“ ſagte Magda—„Du ſagſt wohl lieber Nein— wie Ja!“ 47 Beide lachten—„So ſoll es geweſen ſein!“ rief Georg —„und da droben geht es ſtreng her— da hat Einer den Willen für Alle.“ Eben hatten ſie den Wall erſtiegen und ſchauten in den wüſten Garten hinein, an den die offnen Fenſter der beiden Hinterzimmer der Mutter Grimſchütz ſtießen. „Und in dieſem Palaſt wohnſt Du?“ rief Georg— Magda blickte ſelbſt erſtaunt darauf hin.— Aus der makelloſen Schön⸗ heit der Natur zurückkehrend ſchien dieſe elende Menſchenwohnung wie ein Gebrechen— wie ein Unrecht gegen die Bewohner. „Iſt es möglich, daß der Großvater in ſolcher ſchmachvoller Umgebung ſchlafen mußte?“— rief ſie bewegt— aber ſchnell glitt ſie an den Weidengebüſchen hinab, denn eben hatte ſie die geliebte Geſtalt des theuren Großvaters entdeckt, welcher an dem offnen Fenſter ſeines Zimmers Platz nahm und mit Frau Grimſchütz Anordnungen traf, wie ſie den Frühſtückstiſch decken, und was ſie dazu herbei bringen und bereiten ſollte, um das geliebte Kind, das er noch ſchlafend glaubte, zu erquicken. Im ſelben Augenblick fühlte er ſich von hinten umfaßt, und das friſche von der Luft und der unſchuldigen Freude erheiterte Geſicht ſeiner Magda ſchaute über ſeine Schulter. Mit welchem Entzücken verlor er ſich in ihrem Anblick und küßte dann die ſchöne lichte Stirn! Sogleich erzählte ſie ihm mit fliegenden Worten, was ſie erlebt und was ſie nun wollte,„und hier iſt der Jäger,“ fuhr ſie fort— denn eben trat er neben ſie hin. Thyrnau war dies Alles ſo recht. Er fühlte ſich beſorgt für den kommenden Morgen, und ſchon hatte er ſich angebaut mit lieblichen Eindrücken und einem kleinen heitern Abenteuer; wie ward er ſo froh— und wie herzlich hieß er den Jüngling willkommen, und da Magda ſchon zum nächſten Fenſter hinein geſprungen war, hieß er ihn, es ihr nach thun, und erſt mit ihnen zu frühſtücken, ehe er den Rückweg anträte. Dies war bald befolgt, und als er neben Magda vor ihm ſaß und tapfer und mit anmuthigen Manieren es ſich ſchmecken ließ, erſtaunte er über die Verſchiedenheit und dennoch gleich große Schönheit beider jungen Leute und mußte ſich geſtehn, daß er am wenigſten erwartet habe, am nächſten Morgen an Magda's Seite einen ſchönen gewandten jungen Mann zu ſehn, der ohne Zweifel und ohne alle Säumniß ſich in Magda verliebt hatte, obwol ihm Thyrnau dies am wenigſten verdenken konnte und gewiß war, daß Magda keine Ahnung davon habe. Magda ſammelte jedes Brotkrümchen in ihr Körbchen, und war eben bereit, ihren jungen Gefährten zur Rückkehr nach dem Felsſitz aufzufordern, als nach einem kurzen Klopfen die große ſchlanke Geſtalt des Grafen Thurn ſich zeigte, welcher bei ſeinem Eintritt zu ſeinem grenzenloſen Erſtaunen den Fürſten Traut⸗ ſohn in der vertrauteſten Häuslichkeit mit dem Gefangenen vor ſich ſah. Da er als Kornet bei ſeiner Mannſchaft ſtand und er ihm eine Art Requetenmeiſter war, haftete ſein Blick mit vorwurfs⸗ voller Strenge auf ihm, und Trautſohn grüßte ihn militäriſch ehrerbietig und erröthete bis über die Stirn. Thyrnau bewillkommte den jungen Mann und lud ihn ein, auf einem Schemel neben ſich Platz zu nehmen, und der Graf, der gekommen war, auszuforſchen, ſah ein, daß er ſich bei dem gefaßten Argwohn des Incognito's zu einiger Herab⸗ laſſung verſtehen müſſe. „Nun,“ ſagte Thyrnau jovial—„hat die Nacht beſſern Rath gebracht? Kommen Sie, mein lieber junger Herr, um mir anzukündigen, daß man meine Haft anerkennen und mir dafür anſtändigen Gewahrſam geben will?“ „Da dies von Seiner Excellenz dem Herrn Gouverneur abhängen wird, ſo kann ich nichts darauf erwidern,“ ſagte Thurn.—„Die große Humanität Seiner Ercellenz haben ihn 49 aber beſtimmt, an dieſe Störung zu denken, und obwol Ihre Anſicht über die Verhältniſſe dieſes Königlichen Schloſſes un⸗ verändert dieſelbe geblieben und Ihr bisheriges Verfahren die Würde deſſelben behauptete, ſo haben Dieſelben ſich doch zu erinnern gewußt, daß dieſe Feſte, wenn auch nicht als Gefäng⸗ niß, doch als ein Ort benutzt ward, wohin eine Att von Ver⸗ bannung hochgeſtellter Perſonen möglich war. Oder, daß ganz beſondere Verhältniſſe, hochgeſtellte Perſonen zu Beſtimmungen veranlaßt, die ſich als vollkommen ſtatthaft erweiſen, wenn größeres Vertrauen eintritt. Daher ſoll ich den Herrn fragen, ob es in ſeine Macht gegeben iſt, eine Angabe zu machen, Sr. Ercellenz ein Zeichen zu ſchicken, welches Sie berechtigte, in nähere Verhältniſſe zu demſelben einzugehen.“ Es war gewiß keine kleine Aufgabe für den jungen Mann, dieſe Rede zu beendigen, denn— genöthigt, Thomas Thyr⸗ nau anzuſehn, traf er hier auf einen ſo ungemein jovialen, ſpöttiſchen Ausdruck, daß Zorn und Verlegenheit ſich in ſeine Beſinnung theilten und es ihm ſchwer wurde, den Faden zu behalten. »Mein Herr,“ ſagte Thyrnau dann lächelnd—„dieſe beſondern Verhältniſſe ſind allerdings da, und gewiß bringt es dem Scharfſinn Sr. Ereellenz Ehre, zu dieſer Anſicht gekommen zu ſein— ich kann Ihnen verſichern, daß mein Verhältniß nicht das eines gewöhnlichen Staatsgefangenen iſt, daß ich gewiß im Karlſtein bleiben werde und zwar in den ehrenvollſten Verhältniſſen, ſobald der bewußte Kourier hier eintreffen wird.“ „Dieſe Zeit, ehe Se. Ercellenz offiziell unterrichtet wird, könnte aber abgekürzt werden, wenn der Herr Gefangene irgend einen Beweis geben könnte, zu welchem Range er eigentlich gehört.— Da Sie im Beſitz all' Ihres Gepäckes ſind, dürfte dies vielleicht nicht ſchwer werden.“. Thomas Thyrnau. U. 4 50 Thyrnau wollte lächelnd etwas erwiedern; dann ſchwieg er einen Augenblick ſinnend, zuckte unwillkürlich mit den Achſeln und hieß Magda ihm ſein Portefeuille bringen. Es war ein Andenken der Prinzeſſin Thereſe, ihr Wappen war darauf von ihr ſelbſt geſtickt, es war reich in Gold gefaßt, und an dem Schloſſe befanden ſich vier Smaragde. Thomas Thyrnau öffnete das Portefeuille, während die Blicke des jungen Mannes mit großem Antheil dies Aeußere überliefen, und eine feine Röthe das milder werdende Antlitz überzog. Thomas Thyrnau blätterte in den darin enthaltenen Schriften und zog endlich ein kleines Billet auf franzöſiſchem roſa Seidenpapier hervor, prüfte es ſinnend noch einmal und richtete dann die Augen auf den jungen Mann, der jede ſeiner Bewegungen verfolgte.„Glauben Sie,“ fragte er dann, „daß der Herr Gouverneur die Handſchrift des Grafen von Kaunitz kennt?“ „Ich zweifle nicht daran, denn er nennt ihn ſeinen Freund.“ „Nun ſo ſei es. Geben Sie ihm dies Billet zur Anſicht.“ Der junge Graf Matthias zweifelte nun keinen Augenblick mehr, daß er eine hochgeſtellte Perſon incognito vor ſich haben werde, und dies ſprach ſich ſogleich in ſeiner Haltung aus— ja! er wagte es jetzt zuerſt, ſeine Augen länger auf Magda zu richten, die er nun mit ruhigerem Bewußtſein bewunderte, da ihre Schönheit bei ihrem geringen Stande ihn früher förmlich beleidigt hatte. Als er gehen wollte, machte er eine einladende Bewegung an den jungen Fürſten von Trautſohn, ihn zu begleiten. Dieſer grüßte aber nur und ſtellte ſich wie ein trotziges Kind mit dem Rücken gegen das Fenſter, und Graf Matthias ſah ſogleich ein, daß er nachgeben müſſe, um nicht eine unangenehme Scene zu veranlaſſen. 51 Kaum hatte er ſich aus dem Zimmer entfernt, ſo reichte Magda an Georg Trautſohn das Körbchen mit dem Brote und ſagte:„Geh' Du nur jetzt allein zu der Hirſchkuh— ich bleibe bei meinem Großvater, denn es iſt wieder was im Werke mit ihm, und da will ich wenigſtens hier ſein.“ „Wir könnnen ja ein ander Mal gehen,“ erwiederte Traut⸗ ſohn—„wenn Du nicht mitgehſt, macht es mir keinen Spaß!“ „Auf Deinen Spaß kommt es auch gar nicht an,“ ſagte Magda eiftig,—„ſondern, daß das gute Thier nicht hun⸗ gert, während das junge Volk ſich ſatt gefteſſen hat— wenn Du jetzt nicht gehſt,— dann gehe ich gewiß nie wieder mit Dir hin.“ „Du biſt auch ſehr ſtreng,“ ſagte der Jüngling—„aber gieb nur her; wenn Du es willſt, ſo kann ich es wohl thun.“ Magda ſaß ſchon neben dem Großvater und Georg hatte nicht einmal die Belohnung, daß ſeine ſeltene Nachgiebigkeit anerkannt wurde, denn ſie ließ ihn, ohne weiter einen Blick auf ihn zu richten, ſeinen Weg zum Fenſter hinaus nehmen. „Was denkſt Du?“ ftagte ſie ſogleich—„was haben ſie wieder mit Dir vor?“ „Magda,“ ſagte Thyrnau— ich denke, daß ſie Alle Narren ſind und der Hochmuthsteufel da oben mit ihnen Komödie ſpielt. Gieb Acht! ſie haben die Witterung, ich wäre ein ganzer Kerl, weil ich auf mein Recht trotze— da denken ſie nun, ich könne wohl mehr ſein, als ſo ein armes Subjekt — ſo ein bloßer Advokat, und das wollen ſie heraus haben, ehe ſie ſich auf etwas mit mir einlaſſen.“ „Es iſt mir nicht recht,“ ſagte Magda—„daß Du etwas von Kaunitz weggegeben haſt— er hatte Dich lieb— was gehört das unter die Narren!“ „Magda,“ ſagte er—„Du darfſt mir darum nicht Vor⸗ würfe machen— ich überwand es um Deinetwillen— Du haſt 4* hier eine elende Exiſtenz; laſſen ſie ſich durch das Zeugniß unſerer Bekanntſchaft dazu bewegen, uns beſſere Wohnung zu geben, will ich es um Deinetwillen nicht bereuen.“ Magda küßte ihn und ſagte:„Dachte ich's doch; aber liebe mich künftig ſo, daß Du nicht mehr nachgiebſt aus Rück⸗ ſicht für mich! Was fehlt mir, wo Du biſt? und dann,“ fuhr ſie fort und deutete gegen die Wälle,—„da iſt eine ganze Schatzkammer von Schönheit und Luſt— ich denke, ich kann das hier lange aushalten, wenn ich das daneben habe. Der Graf von Thurn kehrte mit dem Beſcheide zurück: der Gouverneur wünſche den Mann kennen zu lernen, an den der Graf von Kaunitz das überſendete Billet geſchrieben habe. Magda und Thyrnau tauſchten Blicke, und da er nach ſeiner ſtrengen Gewohnheit bereits vollſtändig gekleidet war, hatte er nichts zu thun, als ſein Hütchen zu nehmen, Magda's Hand zu ſchütteln und dem jungen Manne zu folgen. Unterdeſſen hatte der Gouverneur in ſeinem Kabinette auf und nieder wandelnd, ſchon wer weiß wie oft, das Billet des Grafen Kaunitz geleſen— es traf Alles ein— Kaunitz bediente ſich, vielleicht in ganz Oeſterreich der Einzige, dieſes feinen bunten franzöſiſchen Papiers, des goldenen Streuſandes und des farbigen Siegellacks zu ſeiner Privatkorreſpondenz; es war ſein Wappen, ſein mit franzöſiſchen Worten durchnmiſchtes Deutſch— ſeine eigenthümliche Unterſchrift— die Adreſſe war à Monsieur Monsieur Thyrnau. Dann ſtand wieder über dem Billet:„mon chèr Thyrnau! Ich habe die Satis- faction, Ihnen zu melden, daß heute Morgen der Courier nach dem Karlſtein abgefertigt worden iſt, der Ihre Ankunft anmonciren und Ihnen alle aisance vorbereiten wird, welche die Umſtände consolidiren ſollen. Da ich Sie noch heute beſuche, ſo ſollen dieſe Zeilen nur noch Ihrer Enkelin meinen Morgengruß bringen.“ 53 „Wer ſchreibt ein ſo vertrauliches Billet an wen anders als an ſeines Gleichen!“ rief der Graf von Podiebrad, ſo wie er es wieder durchgeleſen hatte.„Die Weiſung nach dem Karl⸗ ſtein iſt auch entſchieden darin ausgeſprochen, und iſt das Billet nicht geſtohlen, iſt der alte Burſche nicht etwa der Bediente dieſes Thyrnau incognito, ſo iſt es klar, daß ich meines Gleichen vor mir habe.“ Als er zu wiederholten Malen mit dieſer Selbſterklärung fertig war, öffnete ſich die Thür und der Graf von Thurn führte Thomas Thyrnau herein. Wer aber ſein Betragen von ſo vielen künſtlichen Vor⸗ ſchriften abhängig macht, wie der Graf von Podiebrad, der verliert ſehr leicht damit den ſichern Takt, der nur aus einem geſunden einfachen Innern ſtets die Haltung giebt, der wir benöthigt ſind. Der Graf von Podiebrad war nicht in dieſem Falle, und ſo kam es, daß er trotz der vorangegangenen Ueber⸗ legungen jetzt unſicher und verlegen ward, und da er zweifelhaft war, ob er ſtolz oder herablaſſend ſein ſollte, blos unbeholfen und ungeſchickt wurde. „Euer Excellenz haben dem kleinen Zeugniß da in Ihrer Hand die Bürgſchaft zugeſtanden, mich endlich ſelbſt empfangen zu wollen,“ ſagte Thyrnau indeſſen mit ruhiger Würde—„ich bin mit Vergnügen erſchienen, hoffend, es werde ſich nun jedes Mißverſtändniß ausgleichen und meine Stellung hier endlich die richtige werden.“ „Ja, ja!“ ſagte Podiebrad, angeſtrengt den Advokaten prüfend, der es gewagt hatte, ihn anzureden.—„Mißverſtänd⸗ niſſe können ſehr wohl obwalten bei gewiſſenhafter Beobachtung der unſerm Vertrauen entzogenen wahren Enthüllung unge⸗ wöhnlicher Rechte— welche dies Schloß— wie bekannt ſehr ausſchließlich, und den Anſprüchen genügend entzieht, wo Un⸗ berechtigte ſich anmaßen könnten—“ Dieſe völlig verworrene Rede beantwortete Thyrnau gar nicht, denn er wußte bei der erſten Phraſe, daß der Urheber in den Stricken ſeines Hochmuths ſtolperte. „Ich bedaure,“ hob Thyrnau nach einer Pauſe an—„daß der Kourier, der alle Zweifel heben könnte, ausbleibt und bin nur meiner Enkelin wegen über meine gegenwärtige Lage etwas ungeduldig.“ „Da ich ſo weit gegangen,“ ſagte Graf Podiebrad mit wiederkehrender Faſſung—„muß ich bemerken, daß es nur von Ihnen, mein Herr, abhängen wird, ob Sie durch ausreichen⸗ des Vertrauen gegen einen alten Edelmann, der ſchon oft Na⸗ men und Unſtände von Wichtigkeit zu verſchweigen hatte, das unangenehme Ausbleiben des Kouriers ergänzen wollen.“ „Ganz gewiß, Euer Ercellenz,“ ſagte Thyrnau—„ich glaube, daß ich um dieſe Ehre vom erſten Augenblick an gebeten habe— ich habe gar keinen Grund zu verſchweigen, daß ich wegen früherer Verhältniſſe zum Staate angeklagt wurde, daß meine Richter mich zu zehn Jahr Feſtungsſtrafe verdammten, welche die Kaiſerin auf fünf Jahre reducirte, mit der Hinzu⸗ fügung, daß keine gewöhnliche Feſtung, ſondern der Karlſtein mein Aufenthaltsort ſein ſollte.“ „Das iſt eine offne ehrenhafte Erklärung,“ entgegnete der Graf von Podiebrad mit einem feinen Lächeln—„erlauben Sie mir hinzuzuſetzen,“ fuhr er fort, indem er ſich dem Advo⸗ katen verbindlich nahte—„es iſt die Erklärung eines ganzen' Edelmanns. Dieſe Sprache, mein Herr, iſt unter Gleichen leicht verſtändlich.— Sie haben ſich verrathen, oder vielmehr Sie haben vergeſſen, daß das Auge eines alten Edelmannes ſcharf ſieht, und der Name den nicht tänſchen kann, der den guten unverfälſchten Inſtinkt hat, der ſich da vorfindet, wo wir unſern Ungang rein erhalten. Ich werde den in Rede ſtehenden Kourier nicht abwarten— ich werde Ihnen, mein 55 Herr— und da es ſein muß— auch einem Fräulein— Ihrer Enkelin— Wohnung im Schloß anweiſen laſſen, und auch Ihre Dienerſchaft, welche Sie, wie ich höre, erwarten, wird einpaſſiren.“ „Mein Herr Graf,“ entgegnete Thomas Thyrnau lächelnd „ies ſind allerdings Zugeſtändniſſe, wie ich ſie hier erwartete — aber ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß ich ſie jetzt einem Irrthum verdanken ſoll.— Euer Excellenz ſehn in mir den Advokaten Thomas Thyrnau— dieſem ſollten nach dem Willen der Kaiſerin alle Zugeſtändniſſe gemacht wer⸗ den, die Euer Epcellenz mir eben bewilligten, und dieſer Advo⸗ kat Thomas Thyrnau nur kann und wird ſie annehmen.“ Etwas beleidigt zuckte der Gouverneur zurück und ging mit ebenen Schritten ein Mal durch das Zimmer.„Ich habe nicht das Recht, Ihr Vertrauen zu erzwingen,“ ſagte er dann, ſich vor Thomas Thyrnau hinſtellend—„aber ich darf ſagen, ich hätte es verdient, und es wäre nicht das erſte Mal geweſen, daß es mir in durchaus ähnlichem Falle zu Theil ward. Ich muß nur bemerken, daß unſere Lage dadurch nicht von Verlegen⸗ heiten befreit wird. Nur dem Edelmanne, der eine Verban⸗ nung zu erleiden hat, ſteht die Wohnung des Schloſſes frei, und ich darf, bis ich hiervon durch das Vertrauen eines Edel⸗ mannes überzeugt werde, keine Ausnahme machen, welche die Rechte des Karlſteins beleidigen würde.“ „Nun wohl,“ ſagte Thyrnau,„ſo bleibe ich in der Hütte, die ich jetzt bewohne— ich muß aber darauf beſtehen, daß der Polizeibote, welcher mich hierher gebracht hat, augenblicklich mit dem Bericht dieſer Umſtände nach Wien geſchickt wird, da ich, wie es ſcheint, nur von dorther Hülfe zu erwarten habe.“ „Sie machen es mir ſehr ſchwer, Ihnen nützlich ſein zu können,“ ſagte der Graf—„und ich muß wegen dieſer Hart⸗ näckigkeit Ihrerſeits jede Verantwortung ablehnen. In einer Stunde wird der Polizeibote abgehn, und ich ſtelle es Ihnen anheim, Ihren Bericht zu machen— der Graf von Podiebrad wird ſeine Handlungsweiſe zu vertheidigen wiſſen.“ „Ich habe dem Boten keinen Bericht zu machen,“ ſagte Thyrnau, der wohl wußte, daß dieſer Märtyrer altadeliger Ge⸗ ſinnungen die Sache nicht entſtellen werde—„Euer Excellenz werden durch Ihre Mittheilung, ohne mein Zuthun, meine unangenehme Lage hinreichend ſchildern, um eine ſchnelle Ab⸗ hülfe von dorther zu veranlaſſen.“ 3 Podiebrad lächelte geſchmeichelt.„Jetzt darf ich ſagen, mein Herr, das Sie mir gerecht ſind— Erlauben Sie mir hinzuzuſetzen, Herr Advokat Thomas Thyrnau,“ fuhr er ſpöttelnd fort—„daß es das Vertrauen eines wahrhaftigen Edelmannes iſt.“ „Nun, mein Herr Gouverneur,“ ſagte Thyrnau ungedul⸗ dig—„ſo lernen Sie denn von dieſem Advokaten, den ſie durchaus nobilitiren wollen, daß edle Geſinnung dem Ehren⸗ manne in allen Ständen natürlich iſt. Mit dieſen Worten grüßte er raſch und ſtolz und der Graf von Thurn begleitete den unerbittlichen Alten zur Thür ſeiner Hütte zurück, wo ſie ſich trennten. Nachdem er Magda ſeine Unterredung mitgetheilt, ſahen Beide ein, daß ſie ſich für einige Zeit in ihrer jetzigen Wohnung würden behelfen müſſen, und dieſe Nothwendigkeit weckte augen⸗ blicklich in Magda ihre volle weibliche Thätigkeit. Die große Kutſche, in welcher ſich manche Gegenſtände der Bequemlichkeit vorfanden, wie ſie die beſorgte Liebe Claudia's und Lacy's zu erdenken vermochte, wurde nun ganz ihres Inhalts entkleidet und Magda beſtand darauf, aus des Großvaters Zimmer den Salon zu machen— und den Teppich auf den Steinen des Fußbodens auszubreiten, über die hölzernen Tiſche die kleinen Tyroler Gewebe zu decken und von den Wagenkiſſen ein Ruhe⸗ 57 bett zu bauen. Dabei verließ ſie ſich auf die Ankunft von Gun⸗ dula und Veit, welche gewiß noch manches mitführen würden, was ihrer Einrichtung zu Gute kommen konnte, und ſo ver⸗ mochte auch die Beeinträchtigung in der erwarteten Aufnahme ihre Laune nicht zu ſtören, und der Genuß, bei einander zu ſein, legte ſich ausgleichend über jeden Mangel. Thyrnau bemühte ſich noch außerdem eine Zeiteintheilung einzuführen, die Magda verhindern ſollte, in ein müßiges Träumen zu verſinken, und er benutzte ihren Hang für geſchicht⸗ liche Ueberlieferungen, um ihr einen ausreichenderen und ge⸗ ordneteren Unterricht darin zu ertheilen, als die guten Nonnen des Urſulinerſtifts es vermocht hatten. Dazwiſchen aber theilte er ihre Wanderungen längs der Wälle ſeines Gefängniſſes, welches Niemand zu hindern unter⸗ nahm, da ſeit ſeiner Zuſammenkunft mit dem Grafen von Po⸗ diebrad eine Art Fehme auf ihm lag, indem kein Menſch ſein Daſein wahrzunehmen ſchien. Hiervon machte im Hauſe Frau Grimſchütz eine Ausnahme und außer demſelben der junge Trautſohn, Graf Thurn und der Herr Caſtiglione von Paſterau— freilich Alle auf ſehr ver⸗ ſchiedene Weiſe. Frau Grimſchütz hatte ihren Vortheil bald eingeſehn und Magda's unwiderſtehliche Herrſchaft ſo anerkannt, daß dieſe mit ihrer kecken entſchiedenen Art Alles fordern konnte, was ihr nöthig war, und das Fehlerhafte ſo oft verwarf, bis Frau Grimſchütz ſich ergab und einſah, es ſei nicht hinreichend, daß es ihr gut erſcheine, was ſie zu leiſten habe. Dabei war das beſte Einverſtändniß unter Beiden; die Alte hatte ihr häß⸗ liches Geſicht beſtändig vor Lachen in die Breite gezogen und Magda kannte bald jedes Bedürfniß der fleißigen Frau und wußte ihrem Erwerb auch den reichlichen Gewinn zu ſichern. Mit Trautſohn kam ſie dagegen— wie Kinder auf ihrem Spielplatz— faſt jeden Morgen bei dem Felsſitz zuſammen, — ᷑Z Mntxes.n 58 wo ſie die Hirſchkuh mit ihren Zicklein fütterten. Schon längſt war Magda in den Bund des Vertrauens aufgenommen, die Kleinen wie die Alte fraßen aus ihrer Hand und die Zicklein hüpften in ihren Schooß und ließen ſich liebkoſen und hatten Alle ein Bändchen um von verſchiedener Seidenfarbe, wobei das luſtige ſchwarze Böcklein, das Eigenthum der weißen Hirſchkuh, ihr Liebling blieb. Dabei ſprachen ſie wie alte Leute von ihrem Leben, und beſonders erzählte Trautſohn ihr von ſeiner ſchönen Herrſchaft in Mähren— wie beide Aeltern in Prag an der Peſt geſtorben ſeien— und er der einzige Erbe und erſt achtzehn Jahr— und von dem ſtrengen Vormund an Podiebrad geſchickt, um Gehorſam und den Soldatendienſt zu lernen. So mißfällig ihm das auch war, liebte er doch den Oheim, den Bruder ſeiner Mutter und beſonders ſeinen ſtrengen Reque⸗ tenmeiſter, den jungen Grafen Matthias von Thurn, obwol ſeine Feſtigkeit, ſein Ernſt, und ſeine unbeugſame Gerechtigkeit dem jungen Wildfang, der immer über die Schnur hieb, immer etwas that, was der Andere für unpaſſend hielt oder verboten hatte, oft unbeſchreiblich läſtig ward. Sein Umgang mit Magda und das gelegentliche Frühſtück, was er ſich alsdann oft bei dem alten Thyrnau holte, der ſeinen Vater gekannt und dem Jüngling gewogen wurde— waren hauptſächlich vom Grafen Matthias ſtark gemißbilligte Dinge. Er belauerte dieſes Bei⸗ ſammenſein auf eine ungewöhnliche Weiſe, er ſuchte ihn um dieſe Zeit im Dienſt zu beſchäftigen, und fand ſich der Jüng⸗ ling durch beides geärgert und gereizt, doch geneigt ſeine Be⸗ fehle zu umgehen und dem einzigen Vergnügen zu folgen, was ſich ihm darbot, ſo traf er in dem ſonſt ſo ruhig ernſten Mat⸗ thias einen faſt heftigen Richter, der mit einem Stolz und einer Verachtung von dem Umgange mit einem bürgerlichen Mädchen ſprach, wie der Jüngling noch niemals von dem edlen Thurn vernommen hatte. 59 Die, welche ihre Abneigung dem Andern einflößen wollen, ſollten nie vergeſſen, ihre leidenſchaftliche Uebertreibung zu be⸗ herrſchen; ſo wie der Angegriffene dieſe fühlt, ſchlägt er ſich die ganze Sache, die er innerlich vertheidigt, aus dem Sinn und behält nichts als die Uebertreibungen, die er gehört, die ihn berechtigen, den Andern als vollſtändig im Unrecht zu erklären. So wenig Magda von Beiden zu fürchten hatte, ſtand da⸗ gegen der Herr von Paſterau wie ein drohendes Gewitter an ihrem Horizont, und ſie wurde nur von ihrer Ahnungsloſigkeit bis jetzt noch in ihrer Unbefangenheit erhalten. Er war zuweilen Zeuge von der verächtlichen Weiſe, mit der dies Muſter edler Geſinnung— Graf Matthias nämlich— von dem Umgang mit einem bürgerlichen Mädchen ſprach, und ſeiner Natur ge⸗ mäß machte er daraus den Schluß, den Graf Matthias zu den⸗ ken verabſcheut hätte, nämlich den, daß ein ſolches Mädchen zu nichts anderem da ſei, als die Stunden eines luſtigen Kava⸗ liers zu verſüßen, und bei ihrer verächtlichen Stellung zur Ge⸗ ſellſchaft dies recht eigentlich als ein Glück anzuſehen habe und ohne vielen Widerſtand genehmigen werde. Er fand nun Magda ſo ſchön, daß er ſie ſeiner Bewerbung werth hielt und es hatte bis jetzt blos die Gelegenheit gefehlt, ihr ſeine Abſichten kund zu thun. Er mußte nämlich bemerken, daß Magda dadurch, daß der junge Trautſohn vom Grafen Matthias bewacht wurde, es unabſichtlich ſelbſt war, und daß ſich alſo die Muße für ihn nicht zeigen wollte, da ein geheimes Etwas ihm ſagte, was er im Schilde führe, werde eben ſo wenig von dem ſtrengen jun⸗ gen Manne gebilligt werden, und obgleich er nicht unter ſei⸗ nen Befehlen ſtand wie Trautſohn, ſo würde die Anzeige an ihren ehrenhaften Hauptmann Galbes ihm gleiches Schickſal zuziehn. 60 Der October war aber in dieſen ſchützenden Bergen ein wahres Wunder von Lieblichkeit und Friſche, und jeden Morgen ſchien die ganze Natur aus dem blinkenden Thau des leichten Nachtreifes in verjüngter Schönheit wieder aufzutauchen. Schon hatte Magda den Weg in das Thal hinab gefunden, und war bekannt, und von Kindern und Alten erwartet, wenn ihre reichliche Wohlthätigkeit ſie in dem kleinen Städtchen Budnian mit allen Kleinigkeiten verſehen hatte, die der Arme ſo ſelten beſitzt, und die zu den Sonnenblicken gehören, die ihn das reiche Füllhorn des glücklichen Ueberfluſſes ahnen laſſen. Magda putzte ſich ihre Armen, wenn ſie ſie ſatt gemacht hatte; ſie ſpähte dem heitern Blicke nach, der in dem trüben Auge auf⸗ ſtieg, wenn das neue warme Tuch zugleich bunt war, oder die Kappe ein heiteres Band hatte, oder eine kleine Spitze.„Ach! ſatt ſein iſt wohl gut,“ ſagte Magda—„aber das weckt nicht ihren Geiſt, und ich kann nicht eher ablaſſen, bis ich ſehe, ob ich nicht die arme verkrochene Seele durch irgend etwas wecken kann— wiſſen ſie doch mal, wie es lieblich thut, über das Nöthige was zu haben!“ Während ſie ſo oft des Nachmittags abſchweifte und den Großvater bis zum Abend bei ſeinen Arbeiten allein ließ, blühte in dieſer reinen Gebirgsluft ihre Geſundheit wieder auf und eine ſchöne ſtille Feierlichkeit war in ihrem Innern an die Stelle der herben muthloſen Pein getreten. Kehrte ſie dann aus dem Thale zurück, ſo ſetzte ſie ſich auf den Felsſitz und wenn die“ Schatten länger wurden und das Abendgeläut aus St. Pal⸗ matius herauf tönte und ſich mit den wunderbar ernſten und metallreichen Glockenklängen der heil'gen Kreuz⸗Kapelle ver⸗ band, ſo ſtimmte Magda in frommer Begeiſterung eines ihrer eigenthümlichen Lieder an, von denen ſie ſelbſt nicht wußte, woher ſie kamen, wo ihr die Worte in hoher Begeiſterung zu⸗ geflüſtert wurden und die Töne dazu gezogen kamen, als wären 61 es die Lüfte, die ſie eingeathmet! Wer dieſen Geſang hörte, mochte an David denken, wie er den verirrten Geiſt des kran⸗ ken Königs bis zum ſtillen andächtigen Aufhorchen bezwang, denn er ſchien die Offenbarung einer Prophetin— die tiefe andächtige Aufregung, die ſie hervor rief, gab der wunderbar ſchönen Stimme den mächtigen Klang und die Bildung, die Kunſt genannt wird. Um dieſe Zeit wußte ſie alle Offiziere in der Kapelle ver⸗ ſammelt und ſie war dann auch vor Georgs Beſuchen geſichert. Denn ſo mußte ſie ſich fühlen, wenn der Geiſt in ihr ftei werden ſollte. Lange hatte an dieſem Abend der Geſang gedauert, da⸗ zwiſchen war ſie wieder in tiefes Nachdenken verſunken— als ſie die Zweige hinter ſich kniſtern hörte, und für gewiß hal⸗ tend, es ſei die Hirſchkuh, die ihre Nachtherberge hier ſuche, blickte ſie nicht um, als ſie plötzlich in ihrer Nähe ein Weſen fühlte und im ſelben Augenblick ſich von zwei ſtarken Armen umſchloſſen ſah. Das Entſetzen hemmte den Schrei in ihrer Bruſt— bleich wie der Tod ſtieß ſie den Gegenſtand ungeſtüm zurück und erkannte jetzt den verhaßten Caſtiglione von Paſterau. „Elender!“ ſagte ſie mit einer Fülle von Verachtung in ihrem ſtolzen Geſicht, vor dem Paſterau ganz erſtaunt und verdutzt ſtehen blieb. Da er durch den heftigen Stoß von dem kleinen Felsſitz herab geglitten war, ehe er des plötzlichen Widerſtandes Hert wurde, ſo ſtand er vor dem einzigen Wege, wo es mög⸗ lich war, hinauf und herunter zu kommen— und Magda erhob ſich nun zögernd auf der Höhe und überlegte den ungeheuern Sprung auf der andern Seite herunter, der ſelbſt ihrem muthi⸗ gen Geiſte bedenklich ſchien. „Kleine Sirene!“ rief er jedoch bald genug gefaßt— „warum lockſt Du denn mit Deiner hellen Stimme. Komm — komm herab und hab' Dich nicht ſo ſpröde! Wenn Du den jungen Burſchen, den Trautſohn, zum Liebſten haben kannſt, dann nimm mich auch noch dazu— ich bin doch ſchon Einer, der Bart ums Kinn hat.“ Magda ſchauderte blos kurz zuſammen; zum Antworten hatte ſie keine Stimme, ſie überlegte nur, wie ſie hinab kommen ſollte, ohne Paſterau zu berühren. „Geh fort da!“ rief ſie endlich mit dumpfer Stimme— „weit fort— damit ich hinunter ſteigen kann.“ „Ja! komm Du nur erſt herab— dann gehe ich auch mit Dir, wohin Du willſt.“ „Ungeheuer,“ rief Magda jetzt voll Verzweiflung,„ent⸗ ferne Dich oder ich ſtürze mich von dem Felſen herab.“ „Nein! nein!“ entgegnete ihr Peiniger—„dann ſtürze Dich lieber in meine Arme,“ und im ſelben Augenblick ſtürmte er den kleinen Weg hinan, zum Felsſitz empor, doch eben ſo ſchnell wagte Magda von der andern Seite den hohen Sprung. Sie kam unverletzt, aber fallend zur Erde und die Erſchütterung war ſo groß, daß ſie einen Augenblick die Beſinnung verlor. Sie konnte nun nicht, wie ſie es gehofft, entfliehn und ſo ſtand Paſterau ſchon neben ihr, ehe ſie ſich aufrichten konnte, im Begriff, ſie in ſeinen Armen empor zu heben. Obwol Magda mit der Gewalt der Verzweiflung ihn zurück ſtieß, hielt er doch ihre Hände feſt und der Kampf war zu ungleich, um Magda's Flucht hoffen zu laſſen— da ſtieß ſie verzweiflungs⸗ volle Hülferufe aus und plötzlich war es ihr, als ob ein wohl bekanntes Dohlengeſchrei ihr antwortete. Doch dieſe augen⸗ blickiche Zerſtreuung hätte Paſterau faſt den Vortheil gegönnt, ſie zu umfaſſen, als er ſelbſt hinterrücks angefallen ward, und zwar mit einer ſolchen Wuth und auf ſo ungewöhnliche Weiſe, daß es ihm ſchien, ein Ungeheuer ſei auf ſeinen Rücken ge⸗ ſprungen und er wußte nicht, ob er ſich vor Kratzen, Beißen oder Würgen zuerſt zu ſchützen habe. Magda aber war, von ſeinen Händen befreit, gegen einen Baum getaumelt und ſah zu ihrem namenloſen Entzücken, daß Bezo, durch ein Wunder hier erſchienen, ihr Retter geworden war. Ihre kluge Faſſung ſagte ihr bald, daß auch er Hülfe gegen den wüthenden Paſterau bedürfen werde, der ſchon an ſeinem Degen arbeitete, und ſo wiederholte Magda ihr Angſtgeſchrei und ſtürzte nach dem Walle zu, um ihren Großvater zu erreichen. Aber ihr entgegen flog eine beſſere Hilfe und Magda ſtürzte ſich faſt in die Arme des Grafen Matthias, der wieder Georg zu beobachten getrachtet, und zu dem kein Hilferuf vergeblich drang. „Rette! rette uns Beide!“ rief ſie außer ſich—„ſonſt erſticht er meinen armen Bezo.“ „Wer? wer?“ rief Matthias angſtvoll, und hielt Magda's Hände in den ſeinigen feſt— „O frage nicht— ſondern komm und eile Dich!“ Jetzt flog Magda vor ihm her, und Matthias hörte das wüthende aus der Ferne, was ſo klang, als balgten ſich wilde hiere. Als er das letzte Geſträuch durchbrochen, ſah er Paſterau mit dem gezogenen Degen in der Luft fegen, während auf ſeinem Rücken eine unförmliche Maſſe hockte, welche mit langen ſchlangenartigen Armen und klauenhaften Händen das Geſicht des unglücklichen Paſterau ſo zugerichtet hatte, daß das Blut davon herab floß, während er faſt erſtickt ſchien und von hefti⸗ gen Stößen, die ihm Bezo mit dem Knie in den Rücken gab, hin und her taumelte. Magda ſtürzte auf Bezo zu, während Thurn mit einer geſchickten Seitenbewegung es erreichte, dem wüthenden Käm⸗ pfer den Degen zu entwinden; dann erſt war es möglich, ihm zu Hilfe zu kommen und Thurns kräftige Hand erlöſte den Ge⸗ würgten zuerſt von der fürchterlichen Fauſt, die ihm die Kehle zudrückte. Mehr wie Thurns Kraft wirkte aber Magda's Stimme, 64 welche flehend ſich zu Bezo erhob, um ihn zum Loslaſſen ſeines Opfers zu bewegen. „Ich bin gerettet, Bezo!“ rief ſie—„komm doch nur herab— laß ab— laß ab!“ Dahei zauſte ſie an ſeiner Jacke, an ſeinen Armen, bis er endlich von ihm abließ. Als er zur Erde nieder fiel, ſo ſchwerfällig wie ein Thier, lief Thurn auf Magda zu und deckte ſie mit ſeinem Körper. „Fliehe, unglückliches Mädchen,“ ſagte er außer ſich— „ich hal te Dir das Ungeheuer ab.—„O!“ rief er nit einem edlen Schmerz—„möchte die eben gemachte Erfahrung Dich warnen! So ſchön und jung, wie beſtimmt zu etwas Edlerem und Beſſeren, und doch ſo leichtſinnig! Dein göttlicher Ge⸗ ſang, der wie der Erguß einer Heiligen klingt, den mißbrauchſt Du, um die leichtſinnigen Thoren herbei zu locken, die Dich verderben werden.“ Er ſprach dies Alles ſo haſtig, ſo außer ſich, daß es keine Sekunde Zeit wegnahm und Magda keine zum Antworten he⸗ hielt, denn Paſterau hatte ſich das Blut aus den Augen ge⸗ wiſcht und ſtürzte jetzt auf Bezo ein, der nach vollbrachter That ganz ruhig neben Magda auf der Erde ſaß und bemüht war, eine große papierne Düte in Ordnung zu bringen, worin er die zweite Frucht der Erdbeeren geſammelt hatte, von denen der Wald duftete. Magda beugte ſich aber über Bezo, und ihn mit ihrem ganzen Körper ſchützend, rief ſie:„Fort, Elender!— wie willſt Du ihn ſtrafen, da er Dir die gerechte Vergeltung Deiner Bos⸗ heit gab. Schützt ihn,“ ſagte ſie zu Matthias—„er iſt ein armer blödſinniger Knabe und tauſend Mal beſſer als dieſer Böſewicht.“ Wie kommt das Geſchöpf hierher?“ fragte Matthias und ließ das wüthende Gepolter des Grafen Paſterau unberück⸗ ſichtigt, indem er ihn mit ſeinen ſtarken Armen von dem Knaben abhielt. 65 „Ich weiß es noch nicht,“ entgegnete Magda,„und es würde zu nichts führen, wenn ich ihn jetzt befragen wollte, denn er iſt wieder in ſeine Dumpfheit verfallen— aber gewiß hat Gott ihn geſendet in meiner tiefen Noth, denn er verläßt nie die Unſchuldigen.“ „Wie kannſt Du auf götttiche Hilfe noch Anſpruch machen, wenn Du einwilligeſt, mit dieſem ausſchweifenden Manne zu⸗ ſammen zu kommen?“ ſagte Matthias mit düſtrem vorwurfs⸗ vollem Tone. „Stolzer und ungerechter Mann,“ rief Magda zürnend — es wird Dir leicht, das Böſe von mir zu denken, weil ich in Deinen Augen ein geringes Mädchen bin— aber ich ſage Dir, daß Du ein ſo ſchlechter Chriſt deshalb biſt, als jener Mann, den Du verdammſt. Ich verſtehe nicht ganz, was Du mir vorwirſſt, aber wenn es heißen ſoll, ich habe dieſen Mann hier erwartet, ſo iſt das ein Gedanke, den eben ſo wenig ein edler Jüngling denken ſollte, als er die ſchnödeſte Lüge iſt.“ „Magda,“ rief Thurn—„wenn das wahr wäre?“ „Geh,“ ſagte ſie ſtolz—„ich habe Dir keine Rechen⸗ ſchaft zu geben, denn Du haſt kein edles Verſtändniß, ſonſt würdeſt Du Dich nicht ſo irren können. Steh auf, Bezo,“ fuhr ſie fort—„und folge mir.— Weich' von ihm,“ rief ſie herriſch, als ſich Paſterau auf ihn ſtürzen wollte—„wage es nicht, dies arme blödſinnige Weſen zu kränken, und nimm ſeine Strafe hin, die Du ſo wohl verdient haſt.“ Sie wollte gehn, da reichte ihr Bezo dumm lachend ſeine große Düte hin, die ihm wahrſcheinlich ein Anderer gedreht hatte, und die bei dem Kampfe aufgegangen war, ſo daß er die Erdbeeren nicht mehr zu bergen vermochte. Aber Magda, zu tief verletzt, um ſeine Abſichten wie ſonſt zu errathen, wandte ſich, um zu gehen, und Graf Matthias, der betäubt von den Vorwürfen des jungen Mädchens und mit ſeinen Empfindungen Thomas Thyrnau. UI. 5 66 kämpfend zwiſchen ihnen ſtand, nahm ſie ihm ab, da er ſie ihm hinhielt.—„Für Magda feſt drehen“— ſtammelte er hervor. Graf Matthias richtete ſeine Augen auf das Papier, um faſt gedankenlos, wie er war, die Forderung des Knaben zu erfüllen — da ſah er mit großen Buchſtaben geſchrieben: An Seine Excellenz den Gouverneur des Königlichen Schloſſes Karlſtein, Grafen Georg von Podiebrad.—„Was iſt das?“ rief er leb⸗ haft— er erkannte ſogleich das halb zerbrochene kaiſerliche Siegel, und da, wo die Erdbeeren mit ihren rothen Spuren gebettet waren, ſah er zwei eng geſchriebene Seiten und darüber eine Anrede an den Gouverneur in üblicher Kanzleiform— den laufenden Monat und die Jahreszahl erkannte er auch. Dhne ſich einen Augenblick zu beſinnen, riß der Graf Matthias die ganze Düte aus einander und erkannte bald, daß es eine Depeſche und daß der Name Thomas Thyrnau mehrere Male darin zu leſen war. Während dieſes Augenblicks ſah Bezo den ganzen Vorrath ſchöner Erdbeeren in das Mooß fallen und ſtieß einen ſolchen Schmerzensruf aus, daß Magda ſich umwendete, und da ſie ihn weinend auf der Erde hocken ſah, kämpfte ſie einen Augenblick, ob ſie nicht umkehren ſollte— als aber Thurn ihr mit dem roth gefärbten Blatte entgegen ſtürzte, wollte ſie weiter gehn, bis er ſie bat, nur ein Wort noch anzuhören, und da ſie ſah, daß Paſterau ſich entfernt hatte, blieb ſie ſtehn, und das blaſſe Geſicht, das kalte ernſte Auge, was ihn maaß, krampfte ſeine Bruſt zuſammen. „Der Knabe,“ ſagte er bewegt—„hat die Depeſche gefunden, die der Kourier bringen ſollte, und wenn auch ſchrecklich beſudelt, iſt die Handſchrift doch ganz kenntlich, und hier unten in dem Ende, was zuſammen gedreht war, da ſteht der Name der Kaiſerin und Kaunitz, Uhlefeld und Bartenſtein.“ 67 „Dann iſt es richtig,“ rief Magda— das ſind die drei Richter, die über ihm ſaßen— ſo bringe das Blatt dem Gou⸗ verneur, damit er endlich erfährt, was er zu thun hat.“ „Aber in dieſem Zuſtande?“ fragte Matthias—„und wie kommt der Knabe dazu— und wer iſt er— welchen Zu⸗ ſammenhang kann das haben?“ „Das iſt Alles wunderbar genug, erwiederte Magda,„und Ihrkönnt es ergründen, denn dies geht Euch an— der Knabe aber gehört zu uns und ich will ihn ausforſchen, wenn er ſich ausgeruht hat.“ Wieder ging ſie weiter und klopfte raſch und eigenthüm⸗ lich in die Hände, wodurch Bezo aufſchreckte und ihr nachlief. Als ſie über den Wall ſtieg und die Fenſter vor ihr lagen, an denen Thyrnan ihrer harrend ſaß, brach Magda in Thränen aus. Die Unbill, die ſie erlitten, hatte ihr Herz er⸗ ſchreckt, faſt verſtockt— als ſie aber den wieder ſah, der ſo viel Liebe für ſie hatte, deſſen Güte und Fürſorge ihr ſo ſicher war und ſo ausreichend, da ſchmolz die Eisrinde und ſie weinte recht erleichternde Thränen. Nachdem ſie ihren alten Weg durch das Fenſter genommen und ſtill an ſeiner Bruſt lag und weinte, war Thyrnau ver⸗ legen, der Urſache dieſer Thränen nachzuforſchen, denn gewiß hatte Magda keinen wunden Fleck im Herzen, den er nicht in dem eignen fühlte und vielleicht mehr daran dachte und ſich ſchwerer in ihr Schickſal fand, als ſie ſelbſt. Da ſprang ein dunkles kleines Geſchöpf ihr nach in das Zimmer, und Magda ſagte nun, ihre Thränen trocknend: „Bezo iſt da, Großvater!“ Der alte Mann fuhr luſtig in die Höhe und der arme Knabe winſelte vor Freude, und bellte, und miaute, und als er wie die Dohlen rief, wandte ſich der ehrwürdige Greis ge⸗ rührt ab, denn die wohlbekannten Töne der Heimat etſchütter⸗ ten ſein feſtes Herz. 5* 68 Magda ſah dies Alles, und obwol ſie durch die Schmach, die ſie erfahren, ſich innerlich troſtlos fühlte, erregte doch vor⸗ züglich Bezo's Wiederſehn alte tiefe Schmerzen, über welche die Entfernung ſich nur beſänftigend gelegt hatte. „Begreifſt Du denn, wo Bezo herkommt?“ fragte der Großvater.— „Nein,“ ſagte Magda—„doch wie kann er anders hier ſein, als mit Gundula und Veit— ſie ſind ſicher in der Nähe und Bezo iſt ihnen wie gewöhnlich entlaufen.“ „Ja! da er Dein guter Spürhund iſt, ſo hat er Dich in Walde entdeckt,“ ſagte Thyrnau. „Gottlob ja!“ ſeufßzte Magda—„er hat gewiß mein Geſchrei gehört.“ Jetzt wurde Thyrnau aufmerkſam und Magda vertraute ihm unter Strömen von Thränen, geſchützt von der dunklen Stube, die erfahrene Beleidigung und ihre durch Bezo bewirkte Rettung. Hoch ſchwoll Thyr nau's Bruſt empor und heftig ſprang er auf, in der Abſicht, augenblicklich Genugthuung und aus⸗ reichenden Schutz von dem Gouverneur zu fordern.„Ha,“ rief er—„s iſt Zeit, daß dieſe Tollhäusler aus ihrem Wahn geweckt werden und man ſie lehrt, worin wahrhaft adlige Geſinnung beſteht. Sie ſollen es durch mich erfahren, wenn ihre Ritterlichkeit ihnen blos dazu verhilft, Anſtand und Rechtlichkeit mit Füßen zu treten, wo ſi keine Gegner ihres Ranges vorfinden.“ Aber Magda war ſo erſchüttert, ſo um ihre gute vernünf⸗ tige Faſſung gebracht, daß ſie ſich laut aufſchreiend in ſeine Arme warf und taub blieb gegen ſeine Ermahnungen; beſorgt ſah er endlich, daß ſie eine Art Fieber ſchüttelte und Froſt und Hitze ſo jäh wechſelten, daß ihr Geiſt davon mit Schreckniſſen erfüllt war. Da fühlte er mit tiefer Wehmuth, daß ſie Nie⸗ 69 mand habe als ihn, und daß er fie krank nicht verlaſſen dürfe. Er bewog ſie, ſich niederzulegen und verordnete ihr kühle Ge⸗ tränke, die er ihr ſelbſt bereitete, dann ließ er ihr ſeine Hand, die ihr Sicherheit zu geben ſchien, und blieb den größten Theil der Nacht vor ihrem Bette ſitzen, ihren angſtvollen Schlummer bewachend, in welchem ſie noch oft ſchluchzte und einzelne un⸗ ruhige Worte ausſtieß. Dagegen hatte Graf Matthias unſchlüſſig überlegt, was er mit dem alſo entweihten kaiſerlichen Befehl machen ſolle. Ihn in dem erwähnten Zuſtande dem Gouverneur vorzulegen, hielt er bei der genauen Kenntniß ſeines Karakters für ſehr ge⸗ wagt— die Meldung dieſes Vorganges durfte er aber eben ſo wenig unterlaſſen, da er an dieſem Tage wachthabender Offi⸗ zier war, und unſicher, wie er ſich fühlte, kam es ihm zu Hilfe, daß der Gouverneur mit einem kleinen Gefolge von einem kur⸗ zen Abendritt zurücktehrte, als Matthias in den Burghof trat. Indem er dem Grafen die Honneurs beim Abſteigen machte, verſetzte er ihn damit in herablaſſende Laune. Graf Podiebrad lehnte ſich auf ſeine Schulter und ſagte:„Ein herrlicher Bau, der Karlſtein— ein Juwel in güldener Faſſung— ganz der hohen Weisheit des Erbauers würdig.“ „Und gegen die Pfeilſchützen und Schleuderer der damaligen Bewaffnung vollkommen geſichert,“ ſagte der junge Trautſohn, welcher übler Laune war, daß er durch den langweiligen Ritt ver⸗ hindert worden, Magda zu belauſchen—„aber mit zwei Kanonen ſchieße ich jetzt das ganze Reſt zuſammen— denn die güldene Faſſung iſt jetzt nichts mehr und nichts weniger als Kanonen⸗ wälle, worauf der Feind ſein Geſchütz auffahren laſſen kann.“ „Durchlaucht,“ ſagte Podiebrad—„ein weiſes Schwei⸗ gen macht es der Jugend allein möglich, ihre Unwiſſenheit und Unbeſonnenheit dem weiſeren Manne zu entziehn, daher dieſes auch nicht oft genug denen empfohlen werden kann, die Nei⸗ 70 gung zu leichtfertiger Rede haben. Graf von Thurn— mein Wachthabender!“ ſagte er alsdann zu dieſem—„habt Ihr uns über ein in unſerer Abweſenheit vorgefallenes Ereigniß Meldung zu machen? Dieſe Frage, welche jeden Abend wiederholt wurde, und welche ſeit Jahren mit einem„Nein“ beantwortet werden mußte, erregte faſt unter den bevoteſten ſeiner Untergebenen einen ge⸗ linden Ueberdruß; aber die Ergebung, mit der deſſen unge⸗ achtet Alle derſelben zuhörten, ſollte heute belohnt werden, denn Graf Matthias verbeugte ſich tief und erwiederte, er habe eine Meldung von Wichtigkeit zu machen. Der Gouverneur hatte ſich in der langweiligen Erwar⸗ tung der ſeit Jahren wiederholten Antwort ſchon etwas abſeits gewendet, als dieſe unerwarteten Worte an ſein Ohr drangen. Zweifelhaft richteten ſich ſeine Augen wieder auf Thurn— da dieſer aber in ſeiner devoten Melde⸗Stellung verblieb, wuchs auch augenblicklich das chimäriſche Gefühl ſeiner Wichtigkeit in dem Gouverneur, und Allen das Zeichen der Entlaſſung machend, ſchritt er der Burgpforte zu, nur vom Grafen Mat⸗ thias gefolgt. „Ich erwarte Ihre Meldung, Herr Wachthabender,“ ſagte er, in ſeinem Kabinette angelangt, in vollkommen militäriſcher Haltung ſich aufrichtend. „Euer Excellenz haben Kenntniß genommen von der Be⸗ hauptung des Gefangenen wie von der des Polizeibeamten, daß ein kaiſerlicher Erlaß mit ſchuldiger Meldung an Euer Gnaden durch einen Kourier hierher abgeſchickt worden ſei. Ein Zufall hat mir dieſen kaiſerlichen Befehl unter den auf⸗ fallendſten Umſtänden in die Hände geſpielt!“ „Dieſen Befehl?“ rief Podiebrad—„Ihr wollt ſagen, der Kourier ſei angekommen? Und doch ſehe ich den Brief nicht in Eurer Hand, um ihn mir zu überliefern.“ 71 „Eben daß der Kourier nicht angekommen iſt, daß ich auf ganz andern Wegen zu dieſer Kenntniß kam, macht mich unſicher, ob ich es wagen darf, Euer Gnaden den Brief zu übergeben.“ Podiebrad wurde wahrhaft verlegen; ſelten war Jemand noch ängſtlicher in Wahrnehmung der Form, als er, und doch konnte er nicht wohl einſehn, wie er den Hergang erfahren und zugleich der Gefahr entgehen ſollte, ſeiner Würde etwas zu ver⸗ geben. Endlich entfuhr ihm das Natürlichſte— er ſagte: er habe ihn nicht verſtanden. „Ich habe nämlich dieſen kaiſerlichen Brief, von Ihro Majeſtät und drei Miniſtern unterſchrieben, erbrochen gefun⸗ den,“ erwiederte Graf Mathias—„mit der Adreſſe an Euer Excellenz.“ „Heil'ger Gott!“ ſchrie der Gouverneur—„wer hat dies unerhörte Attentat begangen? Eilen Sie, ſich zu erklären, dies bedroht unſere Ehre.“ „Der Hergang iſt bis jetzt unerklärt,“ erwiederte Thurn, „ich muß Alles der Beſtimmung Eurer Excellenz überlaſſen.“ „Sehr wohl, mein Sohn, ſehr wohl,“ ſagte Podiebrad, „aber warum empfange ich dieſen entweihten Brief nicht— es wäre der nöthigſte, der erſte Schritt.“ „Er iſt ſo zerknittert, ſo beſudelt durch Erdbeeren, die ein Knabe darin ſammelte, daß ich anſtand, ob es noch der Würde Eurer Excellenz genehm wäre, ihn zu empfangen.“ Das Erſtaunen des Grafen Podiebrad hemmte faſt den Gang ſeiner Gedanken und hielt auch den Unwillen zurück, der noch keinen rechten Gegenſtand finden konnte. „Erklären Sie ſich,“ ſagte er zerſtreut.— Graf Thurn erzählte jetzt mit leichter Umgehung von Paſterau's Verſchuldung, wie er zu dem Beſitz des wichtigen Briefes gekommen war, und wie das Mädchen, welches ſich die 72 Enkelin des Gefangenen nenne, den Knaben als zu ihrem Hausſtand gehörend, erklärt habe. „So muß an dem Knaben, an dieſem jungen Böſewicht ein entſetzliches Beiſpiel ſtatuirt werden,“ rief der Gouverneur, froh, nur eine Richtung, einen Gedanken faſſen zu können— „haben Sie ihn augenblicklich arretiren und in den Kerker des Schloſſes werfen laſſen?“ „Das unglückliche Weſen, welches ſich alſo vergangen,“ entgegnete Matthias,„iſt ein völlig verkrüppeltes, gänzlich blödſinniges Geſchöpf, vom Thiere wenig zu unterſcheiden; es hatte von dem Verbrechen, welches es beging, keine Ahnung und iſt geſetzlich dadurch freigeſprochen.“ Wieder mußte der Graf von Podiebrad von ſeinem ſtolzen Pferde abſteigen, auf dem er ſchon zu galoppiren begann.— „Wus nun?“ entfuhr ihm unbewacht—„was für Wege können wir verfolgen, die erfahrene Beleidigung abzuwaſchen?“ „Gnädiger Herr!“ ſagte Thurn,—„der Inhalt des kaiſerlichen Befehls wird doch gewiß wichtig ſein— wollen Euer Gnaden nicht befehlen, auf welche Art Sie davon Kennt⸗ niß nehmen wollen;— denn ein zerknittertes beflecktes Papier habe ich nicht gewagt, ſogleich zu überbringen. 4 Podiebrad ſah ein, daß ſein junger Freund, indem er ihm von dem erſten hohen Pferde herab geholfen, ihm jetzt ein zweites Turnierpferd vorführe, auf welches er nur aufzuſteigen brauche— und hierzu war er immer der vollkommen geſchulte„ Kavalier. Nach einem tiefſinnigen Stillſchweigen erhob er die Stimme und ſagte:„Wir werden einen Kriegsrath verſammeln, lieber Wachthabender— dieſer Fall, der mit beſonders feiner Diſtinetion behandelt werden muß, ſoll in der Geſammtanſicht unſerer Untergebenen, welches Alles untrügliche Edelleute ſind, eine Erledigung finden. Sie werden die Herrn im Vorzimmer 73 verſammelt ſehn, und vor der Ankündigung der Nachtmahlzeit können wir mit der Diskuſſion zu Ende ſein. Wenn die Ver⸗ ſammlung konſtituirt iſt, werden Sie mir Meldung machen—“ ſetzte er hinzu, Entlaſſung winkend. Graf Matthias begab ſich in das bekannte mit Holz ge⸗ täfelte Vorzimmer, wo er die Herren der Beſatzung fand, welche von der Hoffnung eines Erlebniſſes ſo angeregt waren, daß ſie Alle dem Grafen entgegen traten, eine ungewöhnliche Erklärung von ihm erwartend. Um die Eßtafel des Nebenzimmers, welche noch nicht gedeckt war, verſammelten ſich nach dem Gebot des Gouver⸗ neurs ſämmtliche Herren der Beſatzung, und Graf Matthias überbrachte denſelben die befohlene Meldung. Als er unter den gewöhnlichen Erforderniſſen Platz ge⸗ nommen hatte und alle Anweſende nach ſeiner Erlaubniß ein Gleiches gethan, fühlte der Graf Podiebrad eine Art von Unſicherheit über die Einleitung ſeines Vortrages.„Meine Herren,“ hob er an und pauſirte dann—„meine Herren,“ wiederholte er—„unſere feierliche Ruhe iſt bedroht, unſere reine, ehrenhafte, untadlige, unvermiſchte Stellung iſt ange⸗ griffen. Wenn ſonſt die Fahne, welcher die Edlen unſerer Vor⸗ fahren folgten und die von irgend einem Könige oder Kaiſer ver⸗ liehen war, heruntergeriſſen, beſudelt, in den Staub getreten war, ſo wurde— war dies nicht im Mißgeſchick eines Krieges erfolgt — der Thäter zum Tode verurtheilt, und da dies immernur Einer aus dem Pöbel zu thun vermochte, ſo ward ein Solcher vorher geſtäupt, die rechte Hand ihm abgehauen oder er gar geviertheilt. Gleichzeitig ward, was von der alſo beſchimpften heiligen Fahne übrig geblieben von der Befleckung, durch geiſtliche Funktionen abgenommen und dieſe Reſte in geweihter Erde beſtattet.“ Graf Matthias athmete kaum vor Schrecken, als er hörte, auf welcher Redeflut das Pathos des erlauchten Grafen hintrieb. 74 Dieſer fuhr fort:„Ein ähnliches Attentat hat ſich im Bereich unſeres ehrwürdigen Dienſtes zugetragen, und da in dem Ge⸗ genſtande blos die Abweichung liegt, ſind wir genöthigt, mit Zuziehung unſerer braven Standesgenoſſen den Fall zu erörtern.“ „Nach Behauptung des eingegangenen Gefangenen und deſſen polizeilichen Begleiters war von einem Kourier die Rede, welcher uns hohe Befehle von hoher Hand zu überbringen haben würde. Wir mußten bei deſſen Ausbleiben die Sache bezweifeln— jetzt aber iſt dem Grafen Matthias von Thurn ein entſetzlicher Aufſchluß über die Wahrheit dieſer Behauptung gekommen— er war genöthigt, in entweihter Hand, beſchimpft, befleckt und zu demelendeſten Gebrauche herabgewürdigt, ein durch die Unterſchrift unſerer allergnädigſten Kaiſerin und dreier erlauch⸗ ter Miniſter geheiligtes Dokument erkennen zu müſſen! Ein Bube, ein Verwahrloſter, ein Krüppel an Leib und Seele, und dieſem Gefangenen dennoch zugehörend, hat dies mit kaiſerlichem Sie⸗ gel verſchloſſen geweſene Dokument erbrochen und— ich muß anſtehn auszuſprechen, was er damit gethan— doch— Sie müſſen das ganze Verbrechen kennen lernen,“ ſetzte er nach einer Pauſe tief aufſeufzend hinzu—„nun denn, meine Herren, — er hat gewagt davon eine Düte zu machen, um Erdbeeren darin zu verwahren.“ Die Wirkung dieſer Eröffnung auf die Anweſenden war ſehr verſchieden. Die Jüngeren, und unter ihnen zuerſt Georg Trautſohn, fühlten den ſchnellen Krampf eines kaum bezwing⸗ baren Lachens, während die Aelteren, ganz in die Gedanken⸗ weiſe ihres Chefs eingeweiht, lebhafte Zeichen ihres Entſetzens abgaben. Nach einer Pauſe fuhr der Graf von Podiebrad fort: „So iſt es, meine Herren— Ihr vollſtändig gerechtes maaß⸗ loſes Entſetzen zeigt mir, Sie erkennen die Wichtigkeit des 75 ſtrafwürdigen Attentats, und ich werde, um Sie Alle über die erfahrene Beleidigung zu beruhigen, morgen einen Gerichtstag eröffnen, der uns Genugthuung verſchaffen wird; jetzt aber gebe ich Ihnen Allen Redefreiheit, denn es handelt ſich darum, was wir mit dem alſo entweihten Gegenſtande anzufangen haben, den der Graf von Thurn mit löblichem Bedenken uns vorzulegen bisher nicht ſchicklich hielt.— Wir müſſen zugeben, daß es wichtig wäre, den Inhalt zu kennen, ja es ſcheint uns, als müßten wir einen geeigneten Weg zu erdenken ſuchen, auf welchem dies Dokument von der Beſudlung und Entweihung, die es erlitten, befreit werden und alsdann zu unſerer Kenntniß gelangen könnte.“ „Aber, erlauchter Oheim,“ ſagte Trautſohn—„wenn Du die Düte, wie die Reſte der Fahnen, von denen Du erzählſt, entſündigen laſſen willſt und dann begraben— erfährſt Du ja den Inhalt nicht!“ „Dies wäre alſo eine Maaßregel, die nicht nach dem erwähnten Beiſpiel vollführt werden könnte,“ ſagte Podiebrad —„Deine Unerfahrenheit, Durchlaucht, hat Dich nicht ein⸗ ſehen laſſen, daß wir mit der Erwähnung dieſer ſonſt üblichen Verfahrungsart blos dem Geiſt unſerer Untergebenen die würdige Stimmung zu ertheilen dachten, in der eine ſolche Berathung ſie finden mußte.“ „Ich bin der Meinung,“ ſagte der Marcheſe Pacheco— „daß wir dem Herrn Dechanten die Sache morgen früh vor der Meſſe mittheilen und es ſeinem Verfahren überlaſſen, das Be⸗ wußte wieder zu einem Stück Papier umzuwandeln, welches ſich paßt in die Hände unſeres gnädigen Chefs überzugehn.“ „Theurer Marcheſe,“ rief Trautſohn—„was muthet Ihr dem Dechanten zu! Ihr hört ja, es iſt eine Düte mit Erdbeeren geworden.“ „Durchlaucht, Du mißbrauchſt die Redefreiheit,“ ſagte Podiebrad—„von dem Jüngſten haben wir genug gehört.“ 76 „Euer Ercellenz,“ ſagte Galbes— ich trete der Anſicht des Marcheſe Pacheco bei, wenn nicht Euer Gnaden vorziehn, das Papier erſt zu leſen und ſich ſelbſt dann durch den Herrn Dechanten purificiren zu laſſen.“ „Aber,“ ſagte Podiebrad—„wir ſind verpflichtet, das entweihte Papier ſelbſt zu ſeinem natürlichen Zuſtande zurück⸗ zuführen, denn ſolche kaiſerliche Depeſchen gehören in das Archiv des Karlſteins, weil daraus ſeine Geſchichte entſteht, an deren Fortbildung jeder erlauchte Burggraf gearbeitet hat, von Jo⸗ hann, Markgraf von Mähren, dem erſten Burggrafen, und dem zweiten Burggrafen, Georg von Podiebrad, an bis vierhundert Jahr ſpäterhin zu ſeinem demüthigen Nachkommen, den des Him⸗ mels Weisheit zum Hüter dieſes Heiligthums wieder hierher be⸗ rufen; daher werde ich die Meinung meines verſtändigen Grafen von Thurn abwarten und dann die Entſcheidung ausſprechen.“ Thurn fühlte während der ganzen Unterhandlung einen ſonſt nicht in ihm aufkommenden Widerſpruch— immer neckte ihn das Geſicht von Thomas Thyrnau, deſſen unerträgliches Lächeln er fortwährend zu ſehen glaubte. Die Sache nahm eine Wendung, die er nicht erwartet hatte— er bereute faſt ſeine zu große Berückſichtigung; er machte ſich Vorwürfe, die Bedenk⸗ lichkeiten aufgeregt zu haben, und ſah doch jetzt kein Mittel, eine natürlichere Maaßregel geltend zu machen.„Ich werde mich der Mehrheit anſchließen,“ ſagte er endlich düſter, und Alle waren feſt von ſeiner Beiſtimmung überzeugt, da ſie ſonſt nie„ fehlte, ſich den ſtrengſten oder ſchwärmeriſcheſten Maaßregeln anzuſchließen. Der Graf von Podiebrad erhob ſich und ſagte:„So be⸗ fehlen wir Euch, Graf von Thurn, das Bewußte noch in dieſer Stunde dem Herrn Dechanten des Karlſteins zu überbringen und ihm den Geſammtbeſchluß des berathenden Kriegsgerichts anzu⸗ kündigen, den Ihr vernommen, und uns dadurch bis morgen 77 nach der Meſſe in den Stand zu ſetzen, die Befehle unſerer Allergnädigſten Kaiſerin entgegennehmen zu können. Das Kriegsgericht über den Verbrecher verſammelt ſich nach der Meſſe.“ Die Diskuſſion war, wie der Graf von Podiebrad vorher⸗ geſagt, vor der Nachtmahlzeit beendigt. Da Magda gegen Morgen endlich in einen tieferen Schlaf gefallen war und die Zeit des Aufſtehens damit überſchritt, vertraute Thyrnau ſie dem Schutze der alten Frau Grimſchütz und dem des ehrlichen Bezo an, von welchem er überzeugt ſein durfte, daß er keine feindliche Annäherung an Magda dulden würde; da ihn die zeitherige Erfahrung gelehrt hatte, daß die Herrn der Burg aus der Meſſe zurück ſein mußten, begab er ſich nach der Burggrafen⸗Wohnung, feſt entſchloſſen, da er den Weg jetzt kannte, ſich durch Niemand abhalten zu laſſen und dem Gouverneur ſelbſt ſeine Klagen über die Magda wider⸗ fahrene Schmach vorzubringen. Er kam in dem merkwürdigen Augenblick dort an, als der Dechant von ſeinen Diakonen begleitet, dem Gouperneur in voller Verſammlung den Brief der Kaiſerin zurückgab, mit der Verſicherung, er dürfe ihn jetzt ohne Nachtheil für ſeine Ehre leſen und ohne Entweihung des Heiligthums fürchten zu dürfen, ſpäter ihn zu den Dokumenten des Archivs legen, welche die heil'ge Geiſt⸗Kapelle verwahrte. Demnach beorderte der Graf von Podiebrad einen Kornet und zwei Mann, um ſich des Thäters, eben dieſes Bezo, zu verſichern und ihn vor Gericht führen zu laſſen. Als der Kor⸗ net zu dieſem Behuf das Gemach verließ, trat Thomas Thyrnau zu derſelben noch offnen Thür zum maaßloſen Erſtaunen der Verſammelten herein. — „Mein Herr Gouverneur,“ ſagte Thyrnau, mit einem kalt höflichen Gruße bis dicht vor denſelben hingehend— ich komme in der Abſicht, von Euer Ercellenz Schutz und Beiſtand zu verlangen, da man es gewagt hat, meine Enkelin in dem Bereich dieſer Burg auf das rohſte und unwürdigſte zu beleidi⸗ gen. Zugleich trage ich darauf an, daß dieſer Herr hier— ich glaube ein Graf von Paſterau— des edeln Namens wenig würdig— entweder wegen der verübten Rohheit und Unſittlich⸗ keit ganz aus dieſem Schloſſe entfernt, oder ihm die ſtrengſte Zurechtweiſung zuertheilt und er in wachſame Zucht genom⸗ men werde.“ Es wird kaum nöthig ſein, den Eindruck zu ſchildern, den dieſe ſtolze und unbedenkliche Sprache in Allen erregte. Der Graf von Podiebrad glaubte, ſeine letzte Stunde ſei ge⸗ kommen, und der Zorn petſchirte ihm für einen Augenblick die Zunge— dann aber ſprang er auf und rief:„Wer iſt es, der es wagt, hier mit eben ſo unerhörten Anklagen als Vorſchriften aufzutreten? Wer hat Ihnen nur die ungemeſſ'ne Freiheit er⸗ laubt, ungerufen hier einzudringen, wo ein Gericht verſammelt iſt, um ein Attentat zu beſtrafen, welches Sie mit verdächtigt und welches unſern höchſten Unwillen erregt hat?“ „Aus dem, was Sie hier äußern, Herr Gouverneur,“ ſagte Thyrnau ruhig, die Sitzenden mit den Augen überlaufend —„geht hervor, daß Ihnen das Attentat, welches der Graf von Paſterau geſtern zu verüben trachtete, noch unbekannt iſt, ⸗ ſonſt würden Sie, jeder andern Angelegenheit voran, ſtrenge Rechenſchaft von ihm gefordert haben, und dieſer Herr würde nicht als Mitrichtender hier ſitzen, ſondern als Schuldiger vor ſeinem Ankläger ſtehn. So bin ich denn zur rechten Stunde gekommen, Ihre Täuſchung außzuheben— ſtehn Sie auf, Herr Graf von Paſterau, und wenn Sie wirklich ein Edelmann ſind, ſo erzählen Sie ſelbſt Ihr rohes und unwürdiges Betragen.“ 79 „Gewiß dies überſteigt alles bisher Erlebte,“ rief Podie⸗ brad wüthend—„und wenn Sie zehntauſendmal ein Edelmann ſind, ſo überſteigt dieſe Anmaaßung doch Alles, was man un⸗ ter dieſer Bezeichnung verſteht.“ „Mäßigen Sie ſich, Herr Gouverneur,“ ſagte Thyrnau, „Sie werden ganz andrer Meinung ſein, wenn Sie das erfah⸗ ren, worüber ich mich beklage, denn Sie ſind zu ſehr ein Ehren⸗ mann, um nicht gerecht ſein zu können.“ „Mäßigen Sie ſich, Excellenz,“ ſagte nun auch der Herr Dechant zu ihm herantretend,„ich darf verbürgen, daß dieſer Herr ein anerkannter Mann iſt, der gehört zu werden ver⸗ dient.“— Wahrſcheinlich hatte der Herr Dechant nicht umhin gekonnt, bei Wiederherſtellung der Depeſche ſich von dem In⸗ halte zu unterrichten. „Was verlangen Euer Gnaden von mir,“ rief der Gou⸗ verneur um vieles milder—„ſoll ich an dieſem Orte irgend einen Mann der Erde über mir erkennen? und nimmt dieſer Mann mir nicht meine Rechte weg? indem er Perſonen anklagt, die zu mir gehören und mein Verhalten dabei faſt anzudeuten wagt? Wißt Ihr denn, daß durch eine Kreatur, die zu Euch zu gehören vorgiebt,“ fuhr er gegen Thyrnau gewendet fort— „ein unerhörtes Attentat begangen iſt? Ihr wagt es anzuklagen und ich— ich muß den hohen kaiſerlichen Befehl entweiht, entehrt und beſudelt wiſſen von einem ſchändlichen Geſchöpfe, das Euer Diener ſein will?“ In dieſem Augenblick ging die Thür auf und das arme Geſchöpf, welches der Gegenſtand dieſer zornigen Rede war, ward hereingeführt, und ſein trauriger Seelenzuſtand konnte denen unmöglich verborgen bleiben, die ihn anſahen— doch rief Podiebrad vom erſten Zorn verblendet ihm entgegen, die Wahrheit zu bekennen. Aber als Bezo, vergnügt werdend über die vielen bunt gekleideten Männer, in die Höhe ſprang, hell — 80⁰ auflachte und ſich dann ſtill auf die Erde niederſetzte, da ſank ſelbſt ihm der Muth, dies unglückliche Weſen zur Rechenſchaft zu ziehen. „Glauben Euer Excellenz noch, daß dies arme Weſen mein Diener ſein kann?“ fragte Thyrnau mild—„glauben Sie außerdem, daß ihm irgend eine Handlung, die er begeht, an⸗ zurechnen iſt?“ „Wie aber iſt er in den Beſitz dieſes höchſt wichtigen Do⸗ kuments gekommen?“ rief der Gouverneur, genöthigt abzulenken. „Dies, mein Herr, ſagte Thomas Thyrnau,„ſcheint mir allerdings die Frage, die Ihnen zunächſt liegen muß, und die ich erſtaune hier an mich gerichtet zu ſehn, da nach den Um⸗ ſtänden, unter denen ſie zu Ihrer Kenntniß gelangte, die Schlußfolge ſehr leicht iſt, daß dem Kourier, der zum Ueber⸗ bringer beſtimmt war, ein Unglück zugeſtoßen ſein muß, welches gewiß verdient, die Nachforſchung und ganze Thätigkeit deſſen zu erregen, an den dieſe Depeſche gerichtet war.“ Da die Pauſe, welche entſtand, nur mit unangenehmen Gefühlen ausgefüllt ward, und Thyrnau die ſichtliche Verlegen⸗ heit Aller ſah, die ihn nur überzeugte, wie Recht er hatte an⸗ zunehmen, daß der Herr Gouverneur wie die ſämmtlichen Herren das Nöthige vergeſſen hatten, um in ganz unweſentlichen Neben⸗ dingen pomphaft einher zu ſtolziren— erfaßte ihn eine Art Mitleid und er fuhr ſogleich mit ſeiner raſchen Weiſe fort:„Dem Kourier muß entweder abſichtlich durch böſen Willen oder durch⸗ einen Zufall gewöhnlicher Art in dem Bereiche dieſes Schloſſes ein Unglück zugeſtoßen ſein, da der Knabe wahrſcheinlich die Depeſche im Walde beim Suchen der Erdbeeren gefunden hat, und bei ſeiner Gewohnheit, ſich zum Sammeln derſelben Papier zuzueignen, von ihm ſogleich zu dem ihn anſprechenden Gebrauch verwendet worden iſt— und gewiß müſſen ſich bei ſchneller Nachforſchung noch Spuren des Verunglückten finden laſſen.“ 81 Graf Matthias ſprang belebt und aus dem todten Dienſt. dem er ſich untergeordnet, wie durch friſche Lebenskraft erweckt, auf; Trautſohn that daſſelbe, und Beide baten den Gouverneur, mit einigen von der Mannſchaft den Wall und die Gegend durch⸗ ſuchen zu dürfen.„Bleiben Sie, meine Herren, bis ich Sie zu gehen heiße,“ ſagte Podiebrad, der ſich viel vorzunehmen ſchien—„Alles muß ſeine Erledigung finden vor uns. Dieſer Mann hat angeklagt— er ſoll gehört werden— was hat der Graf von Paſterau mir mitzutheilen?“ Schon hatte Paſterau gehofft, die ſtolze Art, mit der Thomas Thyrnau ſein Recht begehrte, werde eine ſo unverzeih⸗ liche Beleidigung für Podiebrad ſein, daß es ihm gelingen könne, darunter wegzuſchlüpfen; aber er irrte ſich. Was auch für gemiſchte Empfindungen in dieſem ſonderbaren Manne zu⸗ ſammen wirken mochten, wie ſehr einige Winke des Dechanten dazu beitrugen, gewiß bleibt es, daß wir ihm ein vollkommen ehrenhaftes Gefühl zugeſtehen müſſen, welches ſein Herz vor jeder böswilligen Verhärtung bewahrt hatte. Er konnte nicht aus dem kleinen Geſichtskreis eines beſchränkten Geiſtes heraus⸗ treten, er geſtaltete in dieſem kleinen Kreiſe die Zuſtände zu der abenteuerlichen Form, die ſeinem Verſtande als Wahrheit erſchien. Aber er glaubte an die Prinzipien, die er aufſtellte, und dies erhielt ihn ſo ehrenwerth, als ein bornirter Träumer es in den Augen Aufgeklärter bleiben kann, und ſicherte allen ſeinen Uebergängen zu einem natürlichen Gefühle eine wohl⸗ wollende Aufnahme. Paſterau ſah nach dieſen an ihn gerichteten Worten des Gouverneurs, daß ihm gar keine Möglichkeit blieb, zu entkommen. Er ſtand daher mit äußerſter Anmaßung auf, überlief Thyrnau mit hochmüthigen Blicken und ſtellte ſich nur dem Gouverneur, ihn beſtechend durch alle Zeichen tiefſter Devotion. Thomas Thyrnau. MI. 6 „Ich bin wahrhaft empört,“ hob er dann an, daß man es wagt, Euer Excellenz mit einem Scherze zu unterhalten und ihm Wichtigkeit zu geven ſucht, den das zufällige Begegnen mit dieſer Bürgerdirne veranlaßte. Ihre ungeſittete Aufführung bei meiner Anrede machte, daß ich ſie zu ſtrafen ſuchte, und während ich mich von ihr losmachen wollte, rief ihr Geſchrei dies Unthier herbei, welches mir auf den Rücken ſprang und mich ſogar verwundete“— bei dieſen Worten wandte er ſein gekratztes und geſchwollenes Geſicht gegen das Licht, welches Podiebrad mit ernſter Gravität betrachtete. „Ankläger,“ ſagte er dann zu Thyrnau—„was habt Ihr darauf zu erwiedern?“ „Daß man es gewagt, Euer Excellenz die Unwahrheit zu ſagen, daß meine Enkelin, von der leider hier die Rede iſt, in ihrer unſchuldigen Weiſe ſingend auf einer Felsſpitze hinter den Wällen ſaß und dort von dieſem Manne überfallen ward, der es wagte, ihr die unſittlichſten Dinge zu ſagen. Da ſie, um ſich zu retten, von der andern Seite des Felſenſtückes herab ſprang und ihr die Erſchütterung für einen Augenblick die Be⸗ ſinnung raubte, ſah ſie ſich aufs Neue von dieſem Herrn über⸗ fallen und an den Händen feſtgehalten, als dies arme Geſchöpf zu ihrer Rettung herbei kam und ihr Zeit blieb zu entfliehen. Podiebrad heftete zürnende Blicke auf Paſterau und rief noch einmal:„Könnt Ihr Euch entſchuldigen?“ „Wollen Euer Excellenz zwiſchen dieſem alten Thoren,. einem leichtſinnigen Mädchen und mir zu meinen Ungunſten ent⸗ ſcheiden?“ fragte Paſterau— Da hielt ſich der junge Trautſohn nicht länger, mit einem geränuſchvollen Satz war er an Paſterau's Seite:„Nenne das Mädchen, von dem hier die Rede iſt, nicht leichtſinnig— nicht ungeſittet— ſie iſt beides nicht, ſondern ein Engel von Rein⸗ heit und Güte, und klüger als Du's Dir träumen läßt. So 83 wie ſie hier eintrat, haſt Du ſie beleidigt und ihr ſeitdem auf⸗ gelauert und längſt ſchon hätteſt Du ſie verfolgt, hätte ich ſie nicht bewacht. Wäre der verdammte Ritt geſtern Abend nicht geweſen, ſo hätte es Dir ſchwer werden ſollen, ſie zu beleidigen; aber ich verließ mich auf Matthias, der auch herbei kommt, wenn ſie ihren himmliſchen Geſang hält.“ „Ich kam auch,“ ſagte Matthias zögernd—„aber erſt, als ſie floh— ich weiß alſo den Hergang nicht.“ Podiebrad ſtrich ſich in immer heftigerer Bewegung ſeinen mächtigen Knebelbart, denn wenn er beſchloſſen hatte, Paſterau für die bloße Bekanntſchaft mit dieſem Mädchen zu beſtrafen, ſo mußte er nun erfahren, daß ſein Reffe Trautſohn ſich zu ihrem Ritter aufwarf, und ſelbſt Graf Matthias, dieſer kalte züchtige Jüngling, dem Mädchen nachſchlich. In dieſer Ueberraſchung und der daraus erwachſenden Ver⸗ legenheit näherte ſich ihm Seine Gnaden der Herr Dechant und ſagte ihm, er möge Kenntniß nehmen von den Befehlen der Kaiſerin, daraus werde ihm eine beſſere Aufſicht über die Ge⸗ fangenen erwachſen. Faſt gedankenlos nickte Podiebrad mit dem Kopfe und rief dem geiſtlichen Herr zu:„Leſ't! leſ't, ehr⸗ würdiger Herr! wir wollen Alle mit Reſpekt hören.“ Dieſer griff nach dem auf der Tafel liegenden geglätteten und möglichſt geſäuberten Briefe, von dem, wie begreiflich, die Erdbeerſpuren nicht zu verwiſchen geweſen waren und las mit lauter Stimme wie folgt: „An unſern lieben Getreuen den Grafen Georg Podiebrad, Gouverneur unſerer Feſte Karlſtein.“ Podiebrad erhob ſich bei dieſen Worten mit Geräuſch, er⸗ griff ſeinen Federhut und blieb in einer Stellung ſtehn, als habe er Audienz bei der Kaiſerin ſelbſt.— Alle Offiziere mach⸗ ten es ihm augenblicklich nach— der Dechant fuhr fort:„Wir ſenden Euch zuerſt unſern gnädigen Gruß und wollen Euch 6* 84 alsdann unſern Befehl zu beachten geben in Bezug unſerer Ab⸗ ſichten mit einem bald nach dieſem eintreffenden Gefangenen, unter dem Namen Thomas Thyrnau. Wir befehlen, daß ihm und ſeiner Enkelin die Zimmer in unſerm Schloſſe Karlſtein eingeräumt werden, die ſich Angeſichts dieſes am beſten im Stande zeigen und ihm und ſeiner Enkelin Magda Matielli am meiſten zuſagen werden. Seine Freiheit ſoll, wenn Ihr ſein Ehrenwort empfangen habt, daß er den Karlſtein bis zur feſt⸗ geſetzten Zeit als ſeine Wohnung anſehn will, in keiner Weiſe beſchränkt werden; Ihr habt ihn als unſern Gaſt anzuſehen, für deſſen Mehr⸗Aufwand wir einzuſtehen haben— Seine Be⸗ dienung iſt zuzulaſſen— Eure Küche wird ihm Alles liefern, wie Ihr es ſelbſt bedürft, und es wird von ihm abhängen, ob er an Eure Tafel kommen will oder in ſeinem Zimmer verbleiben. Er darf in keiner Weiſe beſchränkt, beunruhigt oder gekränkt werden, und ich habe Euch hiermit dafür ver⸗ antwortlich gemacht.“ „Ihr werdet außerdem Befehl geben, daß die dazu taug⸗ lichſten Zimmer in möglichſt beſten Stand für anderweitig ein⸗ treffenden Beſuch geſetzt werden, wobei im Auge zu behalten, daß ſie ſich leicht dem Gebrauch von Frauen anpaſſen laſſen müſſen.“ „Eures Gehorſams gewiß, bleiben wir Euch in Gna⸗ den gewogen.“ Hier folgten die Unterſchriften. Podiebrad wußte augen⸗. blicklich, was er zu thun hatte. Erſt verneigte er ſich bis zur Erde, welches ſeine Offiziere ihm nachthaten, dann rief er mit lauter Stimme: „Freiherr von Galbes, Hauptmannn des Karſſteins, nehmen Sie dem Grafen von Paſterau ſeinen Degen ab und geleiten Sie ihn nach dem Arreſtthurme bis auf weite⸗ ren Befehl.“ 85⁵ Er blieb, während dies vollführt ward, lautlos ſtehn— als Galbes den Arreſtanten einlud zu folgen, rief Podiebrad ein donnerndes: Halt! „Meine Herren!“ ſagte er dann,„geben Sie wohl Acht — was eben geſchieht— es wird einen Jeden treffen, welcher gegen die Befehle Ihrer Majeſtät, unſerer allergnädigſten Kai⸗ ſerin ſich vergeht. Der hier ſich vor uns befindende Herr Ge⸗ fangene, auf Ihrer Majeſtät hohen Befehl Thomas Thyrnau genannt, wird von dieſem Augenblick an, durch dieſe hohen Befehle zu einem Range erhoben, den der Wille der erhabenen Monarchin zu beſtimmen hat, da ſie allein die wahre Kenntniß deſſelben ſich vorzubehalten beſchloſſen hat. Ihre Beſtimmungen machen ihn dazu fähig, unter uns aufgenommen zu werden, und wir müſſen ihn als unſeres Gleichen anſehn. Eben ſo müſſen wir annehmen, daß Ihro Majeſtät einen höchſt wichtigen politiſchen Grund hat, die Geſetze ihres frommen Ahnherrn Karls des Vierten aufzuheben und dieſer heiligen Feſte die Zu⸗ gabe einer weiblichen Bewohnerin anzubefehlen.“ „Wir werden das Fräulein, welches ſie auf dieſe Weiſe ehrt, mit der ritterlichen Ehrerbietung behandeln, welche dem untadeligen Edelmanne zukommt,— wir werden uns aber da⸗ bei der großen Vorbilder unſerer Ahnen erinnern, welche, um ein nahliegendes Beiſpiel zu nehmen, während der Kreuzzüge oft Jahre lang mit namenloſen Opfern und Gefahren eine fromme Prinzeſſin oder hohe Dame beſchützten, ohne in ihr das Weib zu erkennen, oder über den Dienſt des Schutzes hinaus ſich ihr nahen zu wollen.“ „Dieſelbe Maaßregel habe ich hier zu empfehlen, und in⸗ dem ich die bisherigen Abweichungen übergehe, da uns eine Anſicht über unſeren Gefangenen fehlte, zeige ich an dem ver⸗ irrten Grafen von Paſterau, wie ich nach der Kenntniß der kaiſerlichen Befehle ſolche Handlungen beſtrafen werde.“ 86 Er winkte— und der Hauptmann des Karlſteins, Frei⸗ herr von Galbes, entfernte ſich mit ſeinem Arreſtanten. So wie er ſich entfernt, näherte ſich der Gouverneur Thomas Thyrnau, der mit unbeſchreiblichem Ergötzen dieſer Scene zugeſehn, und ſich höflich vor ihm neigend ſagte er: „Darf ich hoffen, daß der Gouverneur des Karlſteins ſeine Pflicht gethan hat?“ „Vollkommen,“ entgegnete Thyrnau, ohne das Lächeln bemeiſtern zu können, welches die Verzweiflung des Grafen von Thurn war—„und ich bin jetzt gewiß, daß ich keine Beleidi⸗ gung mehr zu fürchten habe.“ „Mein Wort wird die Richtſchnur meiner Untergebenen ſein,“ ſagte der Graf Podiebrad—„ich hebe dieſe Ver⸗ ſammlung jetzt auf, um mich der Beſichtigung der Zimmer zu unterziehen, welche ſich in dem St. Niclas⸗Thurm vorfinden und ſchon ehemals zu beſonderem und ähnlichem Gebrauch benutzt wurden. Meine Vorſchriften werden dann Euer Gnaden,“ fuhr er zu Thyrnau fort—„in den Stand ſetzen, noch heute Ihren Umzug zu halten. Sogleich aber werde ich Ihrem Gefolge, welches laut Meldung vor den Pforten der Burg des Einlaſſes harrt, die Erlaubniß des Eintritts ge⸗ atten.“ . Thyrnau hatte für ein Mal an dieſem Verkehr genug; er verzichtete für den Augenblick darauf, die unerſchütterliche Bor⸗ nirtheit des Herrn Gouverneurs zu bekämpfen, und zufrieden, daß ihm nun endlich eine anſtändige Exiſtenz zugeſtanden ward⸗ trieb ihn ſein Herz zu Magda zurück. Als er in die kleinen Gemächer eintrat, ſah er Magda außerhalb des Bettes, zärtlich an dem Buſen einer alten Frau ruhend, die ſie ſanft umfaßt hielt, und bald erkannte er Gun⸗ dula, und Veit trat aus einer Fenſterniſche, und Beider Freude, ihren geliebten Herrn wiederzuſehn, war doch mit ſo 87 viel Schmerz untermiſcht, ihn ſo wiederzuſehn, daß Thränen⸗ ſtröme der erſte Ausdruck waren. Der heitere Ton, mit dem Thyrnau dieſe Gefühle unter⸗ brach, mäßigte jedoch die vorhandene Stimmung, und ſelbſt ein herzliches Lachen fehlte nicht, als Thyrnau erfuhr, daß der Befehl, der Dienerſchaft die Thore des Karlſteins zu öffnen, längſt umgangen war, da beide alte Leute den Weg ohne Be⸗ ſchwerde gefunden hatten, den die Kuh der Mutter Grimſchütz jeden Morgen zurücklegte. Dagegen mußte das Gepäck, welches die alten Leute über das Maaß hinaus vermehrt hatten, und welches in zwei Wagen wirklich vor den Thoren des Karlſteins harrte, das Oeffnen der Pforten erwarten. Wie viel auch Thyrnau in anderm Falle gegen die Vor⸗ ſorge der alten Leute, welche die Ausſtattung eines ganzen Hauſes mit ſich geſchleppt hatten, einzuwenden gehabt hätte— jetzt mußte er doch eine Förderung ſeines Planes darin erkennen, ſich ſo unabhängig wie möglich von dem thörichten Treiben des Gouverneurs und der Beſatzung zu machen, und Magda, welche nun durch Gundula eine weibliche Gefährtin gewonnen hatte, ſicher zu ſtellen gegen jede Art der Gemeinſchaft mit dieſen jun⸗ gen Männern. Er wünſchte daher auch die Tiſchgenoſſenſchaft ablehnen zu können, und ſchloß noch zur ſelben Zeit eine Art Kontrakt mit der alten Grimſchütz ab, welche ſich ſehr geneigt fühlte, unter Gundula's Aufſicht und nach ihren Vorſchriften die Beköſtigung ſeines ganzen Hausſtandes zu übernehmen. Der Gouverneur ſtellte den Niclas⸗Thurm zur Verfügung des Gefangenen. Thyrnau hatte bald ſeine Einrichtung ge⸗ troffen. Neben ſeinem größeren Arbeitszimmer wurde ein rei⸗ zender Erker, der den Blick über das Thal bis nach Budnian hatte, für Magda eingerichtet; dicht daran ſtieß ein Schlaf⸗ zimmer für Gundula und Magda, eine Etage tiefer war ein kleiner Saal mit Erker und Balkon, hier wollte man die Eß⸗ 88 ſtunden abhalten— daneben hatte Thyrnau ſein Schlafzimmer. Veit wurde mit dem häuslichen Betrieb und mit Bezo auch ge⸗ nügend untergebracht, und ſo hatte Thyrnau ſeinen Anſprüchen gemäß genug und überließ dem Gouverneur zu deſſen großer Erleichterung die ſogenannten königlichen Zimmer, um ſie der Ankündigung des zu erwartenden höheren Beſuchs gemäß mit Allem auszuſtatten, was ſein luxuriöſer Geſchmack dafür zu er⸗ ſinnen vermochte. Thyrnau athmete eigentlich erſt auf, als er ſeinen Schreib⸗ tiſch eingerichtet ſah, und die Bücher um ſich aufgeſtellt hatte, die ihm zu der Arbeit nöthig waren, welche die Kaiſerin ihm übertragen und die ihn innerlich mit einer Befriedigung er⸗ füllte, die ihm für ſeine Perſon dieſe anſcheinende Gefangen⸗ ſchaft zu der wohlthuendſten Auskunft machte, da ſie ihm ungeſtörte Ruhe und Zeit zu gönnen verſprach. Wäre Magda's Schickſal nicht damit noch ſo viel trau⸗ riger geworden, als es die Unſtände ohnedies verhängt hatten, ſo würde er keine Entbehrung gefühlt haben; doch dies theure Weſen beſchwerte ſein Herz und hielt ihm die Ruhe ab, da er immer fürchtete, etwas zu überſehen oder zu verſäumen, womit er ihrem Leben zu Hülfe kommen könnte. Magda kannte dieſe Sorge in ihm— und fühlte ſie, daß er ſie mehr beobachte, ſo ſtellte ſie ihn auch liebevoll zur Rede und legte dann die Zufriedenheit vor ihm aus, die er ihr wünſchte; aber nicht immer beobachtete er ſie und dann verſank auch Magda in eine wehmüthige Stille, die von tauſend innern und äußern Urſachen genährt, ihre heitere Jugendlich⸗ keit bedrohte. Die Kaiſerin hatte, ergriffen von der ungemeinen Per⸗ ſönlichkeit Thomas Thyrnau's, den Entſchluß gefaßt, ihm die Sammlung der böhmiſchen Geſetze zu übertragen, und von ihm eine auf den Grund des Vorhandenen geſtützte Umarbeitung 89 zu veranlaſſen, welche ihr auf leicht zugängliche Weiſe zur Prüfung vorgelegt werden könnte. Sie hatte ſich nicht geſcheut, denjenigen dazu zu wählen, der einſt mit ſo parteilichem Eifer für ſein Vaterland erfüllt war, daß er ſelbſt angeſchuldigt war, den Unterthan darüber vergeſſen zu haben; denn ſie wußte, welche Schuld ihre Vorgänger an dieſer Anklage hatten, und durfte dem Stolz nachgeben, welcher ihr ſagte: ſie habe von aufgeklärten Köpfen nichts mehr zu fürchten! Nach einem ſol⸗ chen Geiſte, wie Thomas Thyrnau vor ihr entfaltete, hatte ſie in der Stille geſucht, und daß er, bei dem Alter des Greiſes, mit deſſen Erfahrung und erprobter Kenntniß aller Bedürfniſſe ſeines Vaterlandes die Rüſtigkeit des Jünglings vereinigte, war mehr, als ſie für möglich gehalten hatte. Deſſen unge⸗ achtet war dies hohe Alter der Grund, warum ſie von ihm einen Schüler gebildet haben wollte— warum ſie wollte, daß Lach, den ſie vorbereitet wußte, von ihm weiter geführt werden ſollte. Sie hatte daher beſchloſſen, daß, wenn die Vorarbeiten von Thyrnau ſich bis auf einen gewiſſen Punkt entwickelt, Lacy mit ihm arbeiten ſollte, um in ihm, dem Jüngeren, einen Träger ſeiner Erfahrungen und Anſichten zu haben, deſſen ſich die Kaiſerin dann länger zu bedienen hoffen konnte. Dies waren die Umſtände, unter denen Thyrnau eine ſo gnadenreiche Gefangenſchaft erlitt, da die Kaiſerin ſie ihm nicht abzunehmen vermocht hatte, ohne ihre Miniſter, die ſie ſelbſt zu ſo großer Strenge angehalten, zu beleidigen, und ein gefährliches Licht auf ihre eigenen Geſinnungen zu werfen. Nur Kaunitz war der Mitwiſſer dieſes Planes und hatte in ſei⸗ nen erwähnten Unterredungen mit Thyrnau ſich über die Abſicht der Kaiſerin und die am beſten zu erwählende Form, dieſe zu er⸗ reichen und ihr zugänglich zu machen, völlig mit ihm verſtändigt. Magda, welche dieſe Unterredungen getheilt, hatte ſich mit ihrem grübelnden Verſtande ganz in die Aufgabe, die 90 ihrem Großvater gegeben war, verſenkt, und ſie theilte auch jetzt ſein Intereſſe dafür, und ward die Vertraute ſeiner ent⸗ ſtehenden Vorarbeiten, und ihre ſchöne zierliche Handſchrift trug die kühnen und hochherzigen Gedanken des feurigen Grei⸗ ſes ſehr oft auf das Papier nieder, wenn ſie ihn ruhend haben wollte, oder der weiſe Alte ſie aus dem träumeriſchen Brüten heraus zu reißen trachtete, welches keiner andern als dieſer ihren Geiſt und ihr Gefühl gleich mächtig anregenden Beſchäf⸗ tigung gelingen wollte. So hatte der Winter ſie leiſe überſchlichen— die Spazier⸗ gänge mit Gundula, Veit oder Thyrnau ſelbſt wurden ſeltener — und von ihrem Erker herab ſah ſie endlich den erſten Schnee fallen und das kleine Flüßchen Beraun zu einer ſtarren Spie⸗ gelfläche ſich umwandeln. Der Graf von Podiebrad hatte nach dem erfolgten Ein⸗ zuge des Gefangenen ihm mit allen ſeinen Offizieren einen Beſuch gemacht und um die Ehre gebeten, dem Fräulein Ma⸗ tielli vorgeſtellt zu werden. In ihrer wachſenden Schönheit und nach dem Wunſche des Großvaters täglich in der reichen Tracht gekleidet, wie wir ſie bei der Kaiſerin ſahen, war ſie mit ihrer einfachen ernſten Miene auf Thyrnau's Geheiß aus ihrem Kabinet hervorgetreten, und Podiebrad glaubte, er ſehe die Kaiſerin Eleonora, der einſt ſein Ahnherr vor vierhundert Jahren die Honneurs des Karlſteins machte.— Seine vorgenommene ritterliche Ehrer⸗ bietung bekam etwas ſo Ueberſchwängliches und Sentimentales, daß Thurn die zürnenden Augen auf Thyrnau geheftet hielt, als wolle er damit das unbeſchreiblich läſtige Lächeln des alten Herrn zurückdrängen. Mit vieler Feinheit hatte er Paſterau von dieſem Ehren⸗ beſuche ausgeſchloſſen. Er ſtellte ihr alle Offiziere einzeln beim Namen vor und ſagte:„Nur Einer habe nicht gewagt, ſich ihr 91 vorzuſtellen, denn er habe das Glück ihres geſegneten Anblicks verſcherzt, indem er die hohen ritterlichen Pflichten gegen ſie vergeſſen und nun dafür in der Ausſchließung von dieſer Vor⸗ ſtellung büße. Er— Graf von Podiebrad— werde die Zeit der Korrektion nicht abkürzen, da er das Attentat noch tiefer verabſcheuen müſſe, ſeit er den Gegenſtand der Beleidigung die Ehre habe zu kennen— ſeine gemißbrauchte Freiheit ſollte ihm entzogen bleiben, bis ihn die Reue gebeſſert habe.“ „Ach,“ ſagte Magda mit ihrer ſanften ernſten Stimme —„Ihr meint den Grafen Paſterau— gebt ihm doch lieber ſeine Freiheit wieder— es iſt ſo traurig, gefangen ſein. Er wird mir nichts wieder thun und wie ſollte ich ihm nicht vergeben können, da er gar kein Verſtändniß hat von edler Sitte— er wird es nie beſſer lernen.“ Podiebrad war etwas außer Faſſung— er wollte tadeln, ſtrafen und eine unpaſſende Handlung eingeſtehn zu Gunſten dieſer Schönheit und ſeiner Disciplin— aber daß einem Grafen von Paſterau ruhig mitleidig iede Beſſerung abgeſprochen ward, weil ihm alle Sitte fehle, das rüttelte etwas ſtark an an der Vorausſetzung, daß dieſe ſchon dem Edelmanne ange⸗ boren werde, und doch ſchwieg der Graf von Podiebrad— wie er ſpäter ſagte— aus ritterlicher Nachſicht gegen die na⸗ türliche Kurzſichtigkeit der Frauen. Als dagegen der junge Fürſt von Trautſohn Magda vor⸗ geſtellt wurde, ging ſie auf ihn zu und gab ihm die Hand, die er augenblicklich knieend küßte.„Du biſt der Beſte,“ ſagte ſie— „und von Dir hatte ich nie zu fürchten; aber ich kann nun nicht mehr auf die Felſenſpitze kommen, wo man mich ſo unwürdig be⸗ handelt hat und Du mußt die liebe Hirſchkuh und die kleinen Zicklein nun allein füttern. Ach! verſprich mir nur das Eine, daß Du immer ſo viel Brot mitnehmen willſt, daß die Kleinen genug bekommen und die gute Mutter was übrig behält.“ 92 „Bei Gott und meiner Ehre ſchwöre ich das!“— ſchrie der Jüngling und hielt ſein Schwert gegen die Bruſt—„aber ſage nicht, daß Du nicht wiederkommen willſt! Wir wollen Alle einen Eid leiſten, daß Dein Felſenſitz gefeit ſein ſoll, und wer ihm ohne Deine Bewilligung naht, der ſoll vor unſere Hlinge gefordert werden.“ „Ach nein,“ ſagte Magda—„wenn es erſt ſo angefangen werden muß, da hat es keine Stille mehr— ich könnte mich doch nie mehr allein fühlen. Du guter Trautſohn— ich danke Dir und vertraue Dir, daß Du meine Bitte erfüllen wirſt.“ „Erlaubt nur, daß ich Euch die andern Herren noch vor⸗ ſtellen darf,“— unterbrach Podiebrad die Gegenrede des glühenden Jünglings,„dann werde ich Euch unſer Aller Be⸗ ſchluß ausſprechen.“ Als er jedoch jetzt den Grafen Matthias von Thurn auf⸗ rief, ſchreckte Magda ſtolz empor, und ihn ſtreng anblickend ſagte ſie ſogleich:„Ich bin überraſcht, Euch hier zu ſehn!“ Es entſtand eine Pauſe, die Matthias vergeblich zu unter⸗ brechen ſuchte— mit ſtolzer Kälte ſtand er ſtumm vor ſeiner ſchönen Richterin. Da trat Trautſohn vor und ſagte:„Ver⸗ gieb ihm, liebe Magda— glaube mir, der Böſe ſelbſt muß ihn verblendet haben, daß er Dich beleidigen konnte— er iſt ſo edel, ſo gut, als jemals Einer, der verdiente, die Sporen zu tragen— ſieh! ich habe ihn am allerliebſten, und kann es nicht ertragen, wenn Du ihn niedrig hältſt.“ „Dann will ich ihm um Deinetwillen, und weil Du mich nie beleidigt haſt, vergeben,“ ſagte Magda—„und mich be⸗ mühen, von im beſſer zu denken, als er verdient hat.“ Matthias zog klirrend den Degen an und trat ſtolz zurück. Podiebrad hielt es für beſſer, der Urſache dieſes kleinen Inter⸗ mezzo's nicht nachzufragen, und trat jetzt zum Abſchiedsgruße vor, indem er feierlich ſagte:„Und alle dieſe Herren, welche 93 die erlauchteſten Namen des Landes führen, Mitglieder der edelſten Familien ſind, geloben hier mit mir bereit zu ſein zu jeglichem Dienſte, den der Schutz und die Hülfe eines edlen Fräuleins erfordern wird, und welcher ſich vereinigen läßt mit dem heil'gen Dienſte unſeres Berufs und mit der frommen Dis⸗ ciplin des Karlſteins, welche nach vierhundertjähriger Dauer fort zu erhalten uns vom Glück aufgehoben ward.“ Dann verneigte er ſich und ging, äußerſt zufrieden, daß er durch ſeine Abſchiedsrede dargethan hatte, wie er wolle, daß ſeine Untergebenen ihre Stellung zu dieſer weiblichen Bewohnerin des Karlſteins anſehen ſollten. Mit der ſtrengſten Beobachtung der Etikette wurde Thyr⸗ nau zur Tafel eingeladen, und Podiebrad hatte beſchloſſen, daß der Gaſt der Kaiſerin an ſeiner rechten Seite ſitzen und ihm zuerſt ſervirt werden ſolle. Die guten Vorſätze zerfielen in Nichts, als er den höflichen Beſcheid zurück erhielt, Thyrnau werde in ſeinem Zimmer eſſen, und habe die Sorge dafür ſelbſt übernommen. Podiebrad hatte einen ganzen Tag damit zu thun, daß es Jemand für möglich gehalten, die Ehre einer Einladung an ſeiner Tafel abzulehnen. Bevor er ſein Lager beſtieg und den Roſenkranz betete, ſagte er zu ſich: Er iſt entweder ſehr vornehm, oder ſo ein dummer bürgerlicher Patron, der nicht verſteht, was ich ihm für Ehre damit erzeigt— dann betete er den Roſenkranz und ſchlief augenblicklich ein. Dagegen theilte Thyrnau die Andachtsſtunden in der Hei⸗ ligen⸗Geiſt⸗Kapelle, und über der Pforte ward auf ſeinen Wunſch der ſeit lange unbenutzte Raum, welcher in die Kapelle nieder⸗ ſah, zu einer anſtändigen Loge eingerichtet, und wenn die Herren in dem untern Raum der Kopelle verſammelt waren, horchten die Jüngeren mit angehaltenem Athem auf das leiſe Aneinanderſchlagen der Metallringe, an denen der Vorhang der 94 Loge befeſtigt war, und der zurück gezogen wurde, wenn Magda ihre Knie auf die Kiſſen der Brüſtung ſenkte— ſchaute dann der Eine oder Andere um, ſo ſah man in dem dunklen Raum das ſchöne marmorweiße Geſicht, von dem reichen ſchwarzen Haarwuchs eingefaßt, mit dem glänzenden Goldnetz gehalten, und neben ihr die weiße Haarfriſur der Frau Gundula mit irgend einem ſchwebenden Bonnet. Dies war auch die Zeit bei der Vesper, wo der Gouver⸗ neur es paſſend hielt, die Gegenwart des Fräuleins anzunehmen. Sobald die Feierlichkeit vorüber war, trat er aus dem Gitter hervor, verneigte ſich tief und ſagte jedesmal:„Hat das gnädige Fräulein einen Befehl für den Grafen von Podiebrad oder ſeine Offiziere?“ Magda neigte ſich dann, nicht unähnlich einer Heiligen, ohne Worte— und winkte einen Gruß mit ihrer feinen Hand hinunter. Aber dies war auch die einzige Verbindung, die gegen⸗ ſeitig geſtattet war, denn es mußte zu den Zufälligkeiten ge⸗ rechnet werden, daß man Trautſohn auf den Promenaden zuweilen begegnete; doch Magda anzureden wagte er nur, wenn Thyrnau bei ihr war. Dann erzählte er ihr, daß er der Hirſch⸗ kuh und den Zicklein hochrothe Halsbänder hatte machen laſſen von ſtarkem Leder, und allen Jagdgenoſſen des Karlſteins das Ehrenwort abgenommen war, ein ſo gezeichnetes Wild nicht zu ſchießen, und wie ſehr alle Zicklein gewachſen ſeien; das ſchwarze Böcklein aber bliebe oft Tage lang auf dem Futterplatze aus, wäre aber noch immer, wenn es wieder käme, ſehr dreiſt und luſtig. Dabei labte er ſich daran, wie Magda's Augen dann ſo freudig glänzten und ſie ſogar lachend in die Hände klopfte, wenn er eine Anekdote von dem luſtigen ſchwarzen Böcklein erzählte. Oft ſagte Magda dann:„Großvater, Trautſohn iſt gewiß der allerbeſte junge Menſch, den man nur finden kann— mit 95 ihm wollte ich ganz allein Meilen weit gehen.“— Ach wie gern hätte ihr Thyrnau den heitern unſchuldigen Gefährten zugetheilt; aber war er auch ihres Herzens ſicher, mußte er ddch den Jüng⸗ ling ſchonen, von dem er mehr, als Magda es ahnte, wußte, wie er ſie umkreiſte und wie dieſe jugendliche Liebe in der Ein⸗ förmigkeit des über ihn verhängten Lebens zu wachſen drohte. Doch wir müſſen ſie verlaſſen, während der Winter ſeine lautloſe Stille um ſie legt und Magda aus ihrem Erker nichts mehr ſieht, als die weiße Decke des Schnees, aus der die Bäume des Waldes wie glänzende Pyramiden ihre bereiften Häupter gen Himmel heben und ein Raubvogel, der mit wildem Ruf über die Fläche kreiſt, ſchon eine Begebenheit iſt und das heiſere Geſchrei der Krähen unterbricht, die ihre Neſter in den hohen Thurmzinnen haben und auf dem feſt gefrornen Schnee des kleinen Balkons herum hüpfen, der an Magda's Erker hängt, wo ſie ſich das Futter holen, was dieſe ihnen ſtreut. Seit der Abreiſe Thyrnau's und Magda's erſchienen auf ausdrücklichen Wunſch der Kaiſerin Lacy und Claudia öfter bei Hofe, und genoſſen dort alle Auszeichnungen, welche die ſicht⸗ lich geäußerte Gnade derſelben mit ſich führte. Beiden war dieſe Stellung jetzt willkommen— ſie bedurften einer Zer⸗ ſtreuung— ihr Verhältniß hatte gleich in ſeiner erſten Begrün⸗ dung Erſchütterungen erlitten, die es zu keiner feſten Form hatten kommen laſſen. Der Kummer, den Beide empfunden, war auf eine gefährliche Weiſe mit Beziehungen vermiſcht, die dem Verhältniß, das ſie geſchloſſen, zu nahe treten konnten— Lach mußte um die zu ſpät erkannte ſchöne Braut Kummer empfinden, der ihren anderweitigen Erlebniſſen gelten konnte 96 — Claudia, indem ſie alle dieſe Urſachen zur Bekümmerniß theilte, konnte doch mit ihrer ſtillen Trauer mißtrauiſch ſein gegen das Glück, das ſie angenommen. Beide waren nicht ganz ſicher über die vorwaltenden Urſachen, deshalb waren ſie nicht ganz offen— vielleicht konnten ſie es nicht ſein, vielleicht wollten ſie durch die Zeit, die ſie ſich gönnten, das beſte Ver⸗ ſtändniß abwarten. Es lag auch natürlich in dem edlen Gefühl Beider, daß ſie kaum wünſchten, ſich ſehr glücklich zu fühlen, während über die ihnen ſo nahe ſtehenden theuren Menſchen ein ſo ſtörendes Schickſal verhängt worden war. Von Tein war nicht mehr die Rede— Beide ſehnten ſich nicht dahin— Lach beſchäftigte ſich ſehr angelegentlich mit Vorſtudien zu der großen Arbeit, welche er ſpäter mit Thyrnau betreiben ſollte— Hed⸗ wiga's Erziehung machte die Hauptbeſchäftigung Claudia's aus. Dazwiſchen wußten ſie eine angenehme Geſelligkeit um ſich zu vereinigen, die nur ſeltener von größeren Feſten, die ſie ihrem Range ſchuldig waren, unterbrochen wurde. Bei dieſen wie bei den kleinen Kreiſen war die Prinzeſſin Thereſe eine willkommene und ſtets dominirende Erſcheinung— beiden Gatten gleich angenehm. Dagegen ſcheiterte die Prinzeſſin mit ihrer Beobachtungs⸗ gabe an Lacy und Claudia. Beide hatten nicht den heitern Ausdruck des Glücks und doch konnte die Urſache nicht in ihrem Verhältniß liegen. Claudia änderte die Farbe, wenn Lach eintrat, und die reinſte Liebe leuchtete aus den Augen, mit. denen ſie ihn überall hin begleitete— Lacy dagegen ſah Elaudia überall zuerſt, und war ihre Trennung auch nur kurz geweſen, ſchien ein großer Stoff zur Mittheilung ſich angeſammelt zu haben, und Beide vergaßen oft die ganze Welt um ſich her, aber, was ſchlimmer war, ſie vergaßen Prinzeſſin Thereſe, die für Lach umſonſt ſchön war. Kam die Prinzeſſin zu andern, als zu den Geſellſchaftsſtunden, ſo fand ſie vollends lauter häusliche Scenen— entweder war Claudia in Lach's Kabinet und hörte zu, wenn er ihr ſeine Arbeiten vorlas, oder Lacy war bei Claudia und Beide unterrichteten Hedwiga. Dieſe war der Gegenſtand ihrer zärtlichſten Liebe— in der ſorgſamen Pflege, die Körper und Geiſt genoß, entwickelte ſich auch dieſe von dem Druck der Umſtände zurückgehaltene zarte Blume mit überraſchender Schnelligkeit. Da Niemand ihr Alter wußte, ſchwankte man zwiſchen zehn und zwölf Jahren, da man ihr doch das erſtere Alter früher kaum zugeſtanden hatte. Gewiß aber war es, ſie machte ſich der Liebe Beider würdig und erwiderte ſie mit ſchwärmeriſcher Zärtlichkeit. Wenn die Prin⸗ zeſſin ſo ihre Beobachtungen in ihrem Innern zuſammen trug, rief ſie oft zum größten Schrecken der alten Gräfin von Hautvis: „Ich glaube wahrhaftig, er liebt ſie!“ „Was denn, was denn, meine Liebe? von welcher Lieb⸗ ſchaft ſprechen Sie denn?“ „Von der allertollſten, eigenwilligſten, unbegründetſten, die je ein altes häßliches Weib geglaubt, ein bizarrer Männer⸗ kopf durchzuführen geſucht hat— ich meine Claudia und Lach.“ Wie erſtaunlich verſtändig nun auch die Repliquen der alten Dame waren, ſie vermochten die Prinzeſſin nicht abzu⸗ halten, ihre Beobachtungen an Beiden fortzuſetzen, denn Lacy's unerſchütterliche Ruhe war ein immerwährender Gegenſtand ihrer Kränkung, und indem ſie ſich eingeſtand, in ihn verliebt zu ſein, reizte grade dieſe Ueberzeugung ihren Wunſch, ihn dafür zu beſtrafen. Gegen das Frühjahr vermehrten ſich von allen Seiten Anzeichen, die den Wiederausbruch des Krieges wahrſcheinlich machten.— Die Stirn der Kaiſerin zeigte ſich oft umwölkt, und ſie äußerte ſich auch zu ihren Vertrauten über die heran⸗ ziehende Gefahr. Die zunächſt liegende, dringendſte blieb immer der König von Preußen. Die Kaiſerin konnte Schleſien nicht 7 Thomas Thyrnau. UII. 98 vergeſſen; ſie ſtützte ihre gekränkte Herrſcherehre durch die Ge⸗ fühle, welche ihr heilig ſchienen und die ſie verantwortlich machten, die ihr zugehörenden Unterthanen aufgegeben zu haben. Sie konnte nicht ohne eiferſüchtige Wallungen des großen Ge⸗ nie's dieſes Königs gedenken, der mit ſo geringen Mitteln ihre Macht gebeugt; und wie ſie ihn mit Recht als ihren gefähr⸗ lichſten Feind erkannte, wußte auch Friedrich ſehr wohl, daß ſie, ihm mit ihrem Geiſte gewachſen, ihm weder trauen noch ver⸗ geben werde, und ihr jetzt geſchloſſener Friede blos ein Waffen⸗ ſtillſtand war. Dagegen hinderte die Kaiſerin in nichts mehr ihren großen Miniſter an ſeinen neu erſtehenden franzöſiſchen Allianz⸗Plänen und ließ eben ſo wenig den Einfluß Anderer darauf gelten. Es war nicht mehr ein Majeſtätsverbrechen, den Namen der Mar⸗ quiſe Pompadour in Gegenwart der Kaiſerin auszuſprechen, und man fing an, von der Ungnade des Abbé Bernis zu flüſtern und ſich des liebenswürdigen franzöſiſchen Geſandten am Oeſter⸗ reichiſchen Hofe, des Herzogs von Choiſeul, zu erinnern. Die Kaiſerin nahm es gut auf, wenn ihre Adligen von ihren Gütern, wo ſie die Ruhe des Friedens beſchäftigt hatte, an den Hof kamen und Neigung zeigten, in die Armee einzutreten, oder in der Stille kleine Corps zu bilden, die ſich den größeren Abthei⸗ lungen anſchließen ſollten. Lacy wechſelte ſeit dem Frühjahr häufiger Briefe mit Thyrnau— er ſehnte ſich, Dienſte in der Armee zu nehmen. und berieth ſich mit dem geprüften Freunde, in wie weit dieſes Ver⸗ langen ſich mit dem Willen des edlen Verſtorbenen vertrüge, deſſen andere Beſtimmung für ihn ſeinem Verlangen entgegen ſtand. Thyrnau war ihm ein milder eingehender Rathgeber— die Gefahren ſolcher lang einſchreitenden Willensbeſchränkungen waren ihm vollkommen einleuchtend und er glaubte, es ſei eine geringe Anſicht von dem verklärten Zuſtand eines hinüber⸗ gegangenen Geiſtes, wenn man ihnfürbeleidigtundzürnend halten wolle über die Aufhebung ſeiner mit menſchlicher Kurzſichtigkeit gemachten Beſtimmungen, wenn ſolche im Laufe der Zeit ſich in Widerſpruch zeigten mit den Zwecken, die grade erreicht werden ſollten. Thyrnau wußte, daß ſein alter Freund das Glück des geliebten Reffen bezweckt hatte, und daß die Beſtimmung, auf ſeinen Gütern zu leben, ſehr wohl dazu beigetragen hätte, wenn Lacy den erſten Wunſch zu erfüllen vermocht hätte, und an Magda's Seite ein natürliches durch Kinder beglücktes Leben eingetreten wäre, welches ihm ſchöne Fflichten und ein befrie⸗ digtes Herz gewährt hätte. Thyrnau hatte zwar von ihm abgehalten, was ihm mög⸗ lich geweſen, als die erſte Eiſchütterung der gehegten Pläne ein⸗ brach, aber er fürchtete, daß Lacy dennoch einen gefährlichen Feind ſeines Glückes in ſich trug, den Thyrnau nicht von ihm abhalten konnte, da er ihm Magda nicht zu entziehen vermocht hatte, und dies beſtimmte ihn, um ſo vorſichtiger die Wünſche des jungen Mannes zu erwägen, da es ihm ſchien, er werde kaum um etwas Anderes, als um ſich ſelbſt zu entgehn, über⸗ haupt dieſen Plan gefaßt haben. Er gab daher ſehr annähernde Antwort, ohne das keuſch verhüllte Herz des jungen Mannes zu belaſten, und ſchrieb ihm endlich:„Wäre der Zuſtand Böhmens damals ſo an das Licht gezogen worden, wie es jetzt ſeine Königin thut, ſo wären alle heimlichen Verbrüderungen ein unnützer Plunder geweſen, mit dem ſich einige eitle Gecken ausſtaffirt hätten. Jetzt wird, was ſich als nöthig herausſtellen muß, auf der breiten geebneten Straße der Oeffentlichkeit eingeführt werden, und der böſe Widerſtand wird zurückweichen müſſen, und die ſchlummernden Kräfte werden geweckt ein fteies Bewußtſein mit ſich führen. Geſetze werden die Verbeſſerungen ſchützen, die wir— Dein Dheim und ich— wie ein Geheimniß einfüͤhren mußten, um * 100 ſie gegen den traurigſten Widerſpruch, gegen Verfolgung und Zerſtörung zu ſchützen. Laß uns erkennen, daß hierdurch der Einzelne an Wichtigkeit verliert und daß er ſich deſſen freuen ſoll.“ „Was wir auf Deiner Herrſchaft anfingen, beſteht ſchon in der zweiten Generation, und das giebt erſt Sicherheit, ſo viel Zeit muß Jeder den Neuerungen gönnen, denen er Bahn bricht. Mir iſt das ſeltene Glück geworden, es zu erleben— wie Viele müſſen vorher fort und haben blos den Troſt, die Beſtätigung werde nicht ausbleiben.“ „Daß ſein alter Thyrnau, dem das Schwert des Damokles immer über dem Scheitel hing, jetzt hier in einer alten Feſtung ſitzt und daſſelbe Schwert, das ihn tödten ſollte, in der Hand hält, als ſei er die heil'ge Themis ſelbſt— das träumte Deinem Oheim nicht, aber ich glaube, er würde ſagen: Für unſer Werk iſt nichts mehr zu fürchten, und da es ſo ſteht, ſo denke ich, wir laſſen unſern lieben Jungen etwas das Kriegshandwerk treiben, denn, wenn er uns nur danach gelobt wieder zu dem alten Götterſitz des eignen Heerdes zurückzukehren, ſo werden die Penaten ihm wohl indeſſen nicht gram werden.“ „Das große Geſchäft, was die Kaiſerin mir aufgetragen, rückt kräſtig vor und ſollteſt Du Deinen Lehrer nicht mehr fin⸗ den, ſo wirſt Du doch ſein Werk verſtehn und immer noch der Nachfolger des Greiſes werden können, zu welchem Dich die Kaiſerin beſtimmt hat.“ Thyrnau hielt es nach dieſen Erklärungen für gewiß.„ daß Lacy's nächſter Brief ſeinen Eintritt in die Armee melden werde, und vielleicht hielt Lach ſelbſt nach dieſem Brief die größten Bedenklichkeiten beſeitigt und beredete mit Claudia die nächſten Schritte bei der Kaiſerin, welche dieſe edle Seele zu unterſtützen wünſchte, da ſie wenigſtens gegen Lach das größte Intereſſe für ſeinen Wunſch zeigte, der auch allerdings ein ſo allgemein verbreiteter Gedanke 101 geworden war, daß er jeden Schein des Auffallenden ver⸗ loren hatte. Bei der Kaiſerin ſelbſt aber ſollten ſich die Hinderniſſe zeigen, welche dieſe Pläne zerſtörten. Was ſie bei allen Andern höchſt gnädig aufgenommen, erfüllte ſie bei Lach's Mittheilung mit Erſtaunen, ja mit unverhehlter Empfindlichkeit. „Ich kann nicht recht dieſe ſeltſame Propoſition verſtehn,“ ſagte ſie mit aufſteigender Röthe—„und vielleicht hat meine ſehr gute Meinung von Euch mich zweifelhaft gemacht, ob ich recht hörte. Erſtlich, denke ich, ſeid Ihr durch den letzten Willen eines Verſtorbenen gebunden, Euch des Staatsdienſtes zu enthalten, und da ſehe ich nicht wohl ein, wenn Euch dieſer Wille, wie er ſollte, jemals heilig war, wie er jetzt aufhören kann es Euch zu ſein. Wir wenigſtens hatten, indem wir Euch mit den Angelegenheiten Böhmens zu beſchäftigen dachten, immer dieſe heil'ge Verpflichtung im Auge behalten, und Eure Wirkſamkeit für den Staat zuſammenfallend gedacht mit den Plänen Eures Oheims für Böhmen, wofür er Euch erzogen hatte. Vielleicht dachten wir auch, unſer Euch ſchon bekannter Wille, Euch dieſem Zwecke zu widmen, würde einigen Einfluß auf die Beſtimmungen über Eure Perſon haben.“ „Wenn Euer Majeſtät meiner Bitte dieſe Auslegung geben,“ ſagte Lach warm—„ſo bitte ich unterthänigſt ſie als ungeſagt anſehn zu wollen. Aber ſelbſt Thyrnau, dieſer Theil⸗ nehmer aller Gedanken meines Oheims, den ich zu Rathe zog, findet in dieſem Augenblick die Verhältniſſe hinreichend verän⸗ dert, um mir einige Jahre dieſer rüſtigen Thätigkeit für mein Vaterland zugeſtehn zu dürfen, ohne daß er fürchtet, ich könnte dem Zwecke fremd werden, zu deſſen Gunſten ich dies Gelöbniß machen mußte. Ich werde den Kriegsdienſt nicht für meinen Beruf anſehn, aber ich würde jetzt— jetzt, da ich das Glück genieße, Euer Majeſtät näher zu kennen, ungern unter den 102 Männern fehlen, die Euer Majeſtät zur Verſtärkung Ihrer Armeen ſich ſammeln laſſen.“ „Hört,“ ſagte die Kaiſerin—„vermehrt nicht noch die Noth, die uns viele verdrehte Köpfe ſchon machen. Das iſt eine große Laſt für uns Herrſcher, daß wir nur eine uns wohl⸗ gefällige Richtung andeuten dürfen, damit Alle darauf losſtür⸗ zen ohne Maaß und Ziel, und wir die Ergebenheit merken ſollen. Fahrt nur nicht auf mit Eurer großen Reizbarkeit, wo⸗ von wir einige Proben haben; denn ich meine Euch nicht! Aber wenn es ſein kann— zu unſerem tiefen Schmerz— daß wir einige Soldaten mehr brauchen werden, als für den Wachtdienſt nöthig waren, ſo frage ich nur, ob denn in einem Staate, der Krieg führt, nichts anderes zu thun bleibt, als Kanonen laden und Gewehre abſchießen. Darum laßt Euch diesmal nicht in den Strudel reißen, und wenn Ihr's wiſſen wollt, es iſt mir vorerſt lieber, Ihr geht nun bald nach dem Karlſtein ab und werdet des alten Thyrnau Schüler und, ſo weit das geht, ein eben ſo guter Czeche als der lebhafte Alte— denn hört Freund! was Ihr lernen wollt, das muß bald geſchehn, denn Euer Lehrer iſt 70 Jahr.“ Dieſe wohlwollende, mütterlich vertrauliche Rede der Kai⸗ ſerin verfehlte nicht, auf Lacy den beabſichtigten Eindruck zu machen. Er ſtellte mit der wahren Devotion des Herzens ſein ganzes Schickſal ihr zur Verfügung, ja er zweifelte nicht länger, daß— ihr nachgeben— die einzige Pflicht ſei, der er zu folgen habe und daß ſie damit ſein Schickſal geworden ſei, der Wille des Himmels ihm dadurch offenbart werde. Die Kaiſerin hörte mit Vergnügen, als er ſich in dieſem Sinne vor ihr ausſprach, und ſagte ihm, daß Kaunitz einen Bericht von Thyrnau erhalten, der ihn mit Erſtaunen erfullt habe über den Fleiß und die Thatkraft des Greiſes—„und das, muß ich Euch ſagen, bedeutet viel,“ ſetzte ſie hinzu—„denn 103 Kaunitz iſt ſelbſt ein ſtarker Arbeiter und es erfordert viel, um ihn zufrieden zu ſtellen. Da hörte ich nun, er wünſcht, Ihr ginget zu ihm, und ich hatte vor, Euch rufen zu laſſen, um Euch meine Willensmeinung kund zu thun.“ „Der Karlſtein iſt freilich kein königliches Luſtſchloß von beſonderer Importance— aber wir haben Befehl geben laſſen. daß alle ſogenannten königlichen Zimmer in beſten Stand ge⸗ ſetzt werden, und ſo ſoll es wohl gehn, daß Ihr die Gräfin mit nehmt, beſonders da Prag und Tein nah genug iſt, daß Ihr auch dorthin, oder ſie allein zum Beſuch dahin gehen kann, wenn es ihr dort zu enge wird.“ Da die Kaiſerin ſehr liebte, den Leuten ihre Angelegen⸗ heiten zu ordnen, wurde ſie ganz behaglich bei ihrer Rede und verſprach der guten Claudia noch mehr Rath zu geben, wenn dieſe ſie beſuchen werde. Sehr viel weiter führte indeſſen das Geſpräch der beiden Ehegatten, als Lach zu Claudia zurückkehrend derſelben die Unterredung mit der Kaiſerin erzählte, und es hatte etwas un⸗ beſchreiblich Beruhigendes für Lacy, als ſie mit ihrer klaren und edlen Denkweiſe ganz ihm beiſtimmte, daß jetzt das Gebot der Kaiſerin zu erfüllen ihre erſte Pflicht ſei. Claudia war entſchloſſen, mit ihrem Gemahl über Prag nach dem Karlſtein zu gehn und erſt von dort aus, und vielleicht von Magda be⸗ gleitet, Tein zu beſuchen. Dagegen entſchloſſen ſich Beide, Hedwiga dieſem zweifel⸗ haften Leben nicht auszuſetzen, und Claudia hoffte ihr durch Vermittelung der Kaiſerin einen Platz in einem ſehr berühmten Fräuleinſtifte zu verſchaffen, in welchem ihre Ausbildung voll⸗ endet werden konnte. Lacy wurde bei dieſem verſtändigen Geſpräche immer ruhiger und ſeine Liebe und Achtung für Claudia ſchien ſich immer aufs Neue wieder zu vermehren; an ihrer Seite kam es 104 ihm zuletzt vor, müſſe er gegen jede Verſuchung ſtark bleiben. Deſſen ungeachtet war es ihm lieb, als die Prinzeſſin Thereſe augenblicklich erklärte, Beide begleiten zu wollen, um ihrem alten Freunde Thyrnau ihre Huldigung darzubringen, denn er wußte, daß, wo ſie war, ein träumeriſches Stillleben nicht wohl möglich ſei, und ſah dieſe größere geſellige Regſamkeit nicht ungern. Auch die Kaiſerin gedachte ihres alten Verſprechens, und willigte in den Wunſch der Prinzeſſin, und ſo ward denn die Abreiſe nach dem Karſſtein für die Mitte des Mai feſtgeſetzt. und aufs Reue gingen Boten dahin, die den großen Beſuch verkündigten und eine ſo ſtarke Dienerzahl außer den Herrſchaf⸗ ten aufführten, daß ſich jeder verfallene Winkel des Schloſſes mußte zum Gebrauch umſchaffen laſſen, und daß es dem Grafen von Podiebrad zum erſten Mal erſchien, er ſei nicht der allge⸗ bietende Herr der heilgen Feſte, welche nun von einer Schaar von Frauen heimgeſucht werden ſollte. Deſſen ungeachtet ſtei⸗ gerte es ſeinen ſtillen Glauben an die verkappte Größe ſeines Gefangenen, da er überzengt war, alle dieſe Perſonen wären hohe Verwandte deſſelben. Sehr ſchwer wurde beiden Gatten der Abſchied von Hed⸗ wiga, welche in Verzweiflung war, ſich von ihren Wohlthätern trennen zu ſollen, beſonders da Egon ſchon als Kornet bei einem Reiter⸗Regiment eingetreten war und Wien bereits ver⸗ laſſen hatte. Lacy fühlte dieſe Trennung eben ſo ſchmerzlich als Claudia, und wenn Hedwiga ihre blauen Augen vorwurfsvoll faſt zu ihm erhob, ſagte er ſpäter oft:„Ich weiß nicht, wie ich den Anblick dieſer Augen entbehren ſoll— ſie ſind mir ſo nöthig als das Einathmen der Luft und ſie kräftigen auch ſo mein Herz— ich könnte mich überreden, ſie ſei mein eignes Kind.“ „Oder ihre Schweſter,“ ſagte Claudia lächelnd—„denn mein Gemahl möchte doch ein etwas zu junger Vater geweſen ſein, als dies holde Kind ihm müßte geboren worden ſein— ich glaube aber, Hedwiga fühlt daſſelbe für Sie, denn liebt ſie mich auch— von Ihnen hängt doch ihr Glück ab.“ Mit ſehr gemiſchten Empfindungen erfuhr Thyrnau die veränderten Pläne ſeines jungen Freundes. Daß die tiefe Ein⸗ ſamkeit des Winters auf Beiden oft gelaſtet hatte, daß Magda's Ernſt und Gedankenſchwere namentlich weit über das Zugeſtänd⸗ niß der Jugend ging und durch die Anweſenheit der Freunde hier eine Unterbrechung bewirkt werden könne, das erwog er gegen die heimlichen Befürchtungen über Magda und Lacy, die er jedoch durch nichts eigentlich beſtätigt wußte, als durch die Berechnungen eines welterfahrenen Geiſtes. Es war aber ſeinem kräftigen Karakter gemäß, die Zu⸗ ſtände, welche ſich ihm aufnöthigten, zu prüfen und nach ſchar⸗ fer Zergliederung zu einem Abſchluß mit ihnen zu kommen, welcher ihm dann ſeine innere Ruhe und Kraft zurückgab. Er machte bald das Reſumé, daß weder Lach ſich der Forderung der Kaiſerin habe entziehen können, noch von ſeiner Seite etwas zur Abwehr der gefürchteten Verhältniſſe geſchehen könne, da — Magda von ſich zu trennen, ſelbſt wenn ſie, wie nicht zu erwarten war, einwilligen möchte ihn zu verlaſſen, eine zweifel⸗ hafte Maaßregel blieb, weil er durch die Abweſenheit ſeiner Schweſter der Frau Barbara Hülshofen um jede Zuflucht ge⸗ bracht war, die ſich für Magda zuträglich zeigen wollte. Da Magda jedoch durch den größeren Verkehr im Niclas⸗ Thurm aufmerkſam ward, glaubte er ſie vorbereitet und beſchloß, ihr endlich die erwartete Ankunft mitzutheilen. Er rief ſie ab, um den ſchönen Frühlingsabend zu genie⸗ ßen, und ſie trat mit dem müden Lächeln auf dem ſchönen Ge⸗ ſicht hervor, welches nicht Nahrung findet in dem bewegten In⸗ nern. Als ſie in den Hof traten, ſahen ſie Trautſohn, der an einem Baum gelehnt ſeine Augen auf den Riclas⸗Thurm gerichtet 106 hielt, als erwarte er ſie. Auch trat er ihnen ſogleich ent⸗ gegen und war ſehr roth und verlegen.„Nehmt mich heute mit,“ ſagte er endlich zu Thyrnau—„ich wollte Euch einen ſchönen Weg führen, den Abhang hinab, wo Ihr noch nicht waret und der nach Budnian ſieht.“ „So kommt denn, lieber Prinz!“ ſagte Thyrnau, der jedenfalls verbergen wollte, daß er ihn vermied—„der Abend iſt ſchön und Magda muß ihre blaſſe Winterfarbe verlieren, ehe die Gäſte kommen, die bald den Karlſtein beleben werden.“ „Von wem ſprichſt Du,“ fragte Magda, ſich an ſeinen Arm hängend und etwas heiterer zwiſchen Beiden fortſchreitend —„wer ſagte Dir von Gäſten?“ „Haſt Du denn nicht gehört davon?“ ſagte Trautſohn— „Mein Oheim hat aus Prag ſchöne Sachen kommen laſſen, um die etwas verfallenen königlichen Zimmer auszuſtatten.“ „Ja,“ ſagte Magda—„das ſah ich und habe oft zuge⸗ ſehn, wie ſchön und geſchickt ſie Alles ordnen— es können jetzt wohl Könige drin wohnen und der gute Kaiſer Karl hatte es ſicher nicht ſo glänzend.“ „Nun, es ſoll auch eine Prinzeſſn dabei ſein und viele andere Leute—“ „Was wollen ſie denn hier?“ fragte Magda wieder. „Ich glaube, ſie wollen zu uns,“ ſagte Thyrnau, und jetzt fühlte er an dem plötzlichen Zucken von Magda's Arm, daß ſie die Wahrheit ahnete.—„Ich glaube,“ fügte Thyrnau ſchnell hinzu—„die Prinzeſſin Thereſe iſt dabei.“ „So?“ ſagte Magda— aber ſie ſchwieg und ſenkte den Kopf, und Thyrnau verflocht den Jüngling in ein Geſpräch über ſeine eigenen Intereſſen und wiederholte, was er immer aufs Neue verſuchte, ihn zu dem Entſchluß, in die Armee ein⸗ zutreten, aufzuregen, welches Begehr ſicher von ſeinem Vor⸗ mund nicht abgelehnt werden könnte. 107 „Ja,“ ſagte Trautſohn— das ſagk Matthias alle Tage, aber warum thut er es nicht ſelbſt? Wenn es ſo leicht iſt, den Karlſtein zu verlaſſen, was hindert ihn denn, da mein Oheim ſicher Niemand zurückhalten würde, der bei den Kriegsausſichten in der Armee dienen wollte. Ich— das muß ich Euch ſagen, Herr Thyrnau— halte mich hier nicht für ſo ganz überflüſſig. Der Oheim iſt ein guter ehrlicher Mann, aber es muß immer Einer ſein, der ihn ein wenig zurückholt, wenn er ſich als in die neueſte Periode der wahrhaft adligen Zuſtände, in die Zeiten der Kreuzzüge, verläuft, und dorther ſeine Richtſchnur für den gegenwärtigen Zuſtand herholt. Das kann ſo leicht Keiner wagen, als der Sohn ſeiner Schweſter, und ſo bin ich hier nicht ganz unnütz.“ „Das kann ſein,“ ſagte Thyrnau—„aber es fragt ſich, ob dies deſſen ungeachtet eine paſſende Thätigkeit für einen Jüngling von neunzehn Jahren iſt. Nehmt's mir nicht übel— aber, aufrichtig geſtanden, kommt nicht viel mehr darauf an, was Euer Oheim in ſeiner abgeſchiedenen Stellung thut oder läßt, denn die Zeit wird ihm nicht mehr den Gefallen erzeigen. ſich darum zu kümmern. Wenn Ihr in der Welt ihn vor den Spötteleien Anderer zu hüten hättet, ſo wäre das anders; aber hier fällt das ganz weg, wo einige eben ſo geſtaltete Köpfe ihm ſogar Glauben ſchenken.“ Der Jüngling wußte nicht recht darauf zu entgegnen und das verſtimmte ihn; dabei führte er ſie durch das Ausgangsthor in das Laubholzwäldchen, welches nach Budnian hin lag und lenkte dann in einen Seitenweg ein, der wohl behauen und geebnet eine neue Anlage ſchien. Plötzlich ſtieß Magda einen Schrei der Ueberraſchung aus, denn der Weg, der ſchmal und von jungem Laubholz eng ein⸗ gefaßt, wie ein grünes Mäntelchen um ihre Schultern hing, bog ſich auf einmal, und nun wölbte ſich am Ende deſſelben 108 ein kleines Felsthor und in ſeinem Rahmen lag in dem Glanze des Abendſcheins das reizende Thal von Budnian mit dem glänzenden Silberbande der fröhlich dahin rauſchenden Beraun. „Ach! ach,“ rief Magda voreilend—„welch ein Wunder von Schönheit!“ Sie trat durch das kleine Felſenthor und befand ſich auf einem abgeſtumpften Felskegel, der von der Natur zierlich zur Plattform gerundet und geebnet, jetzt von der Kunſt durch ein kleines Gehege von geflochtenen Weiden eingefaßt war. Neben dem Thore, gerade wo der Blick in das Thal hinab am ſchönſten, waren Raſenſitze angebracht; ein kleiner Tiſch von Holz— ein Fußbänkchen und ein Paar kunſt⸗ loſe Stühle aus den Eichenſtämmen des Waldes meublirten das reizende luftige Gemach, welches von keiner Seite zugänglich ſchien als durch das Felſenthor, welches ſogar mit einer kleinen Thür verſchloſſen werden konnte.— Dabei reichten die Baum⸗ wipfel aus dem Abhang herauf und leichte Birken wölbten mit ihrem glänzenden tanzenden Laube eine ſanft ſchirmende Decke. „O mein Gott,“ rief Magda ganz außer ſich—„Groß⸗ vater, welch ein Wunder von Schönheit iſt dies! Nein— hier muß es am ſchönſten auf der ganzen Welt ſein.“— Sie flog von einem Platz zum andern, dann wandte ſie ſich dem im verhaltenen Jubel lauſchenden Jünglinge zu:„Du Trautſohn! Du haſt das bereitet— ich— weiß es gewiß Du! Du! der der beſte gute Menſch iſt— Du biſt der Anſtifter!“ „Und Dir wird es nun ganz allein gehören,“ rief Traut⸗ ſohn—„und hier haſt Du den Schlüſſel zur Felſenthür— wenn Du dieſe verwahrſt, ſo ſchwebſt Du faſt in der Luft— denn Alles, was angrenzt, iſt duich einen tiefen Abhang von Dir getrennt— darum haben wir das Plätzchen gewählt, nach⸗ dem wir weit und breit den Wald durchſtreift und keins gefun⸗ den wie dies— wo Du Dich ſo recht einſam ſühlen kannſt. Aber ich bitte Dich nun auch, fühle Dich wieder ſicher und 109 allein— und dann ſinge wieder zu den Abendglocken, denn Du kannſt ſie hier eben ſo gut hören, als früher.“ Magda nickte freundlich und fuhr fort, ſich bald hier bald dort zu ſetzen— der Großvater lobte den jungen Mann und freute ſich mit Rührung, daß Magda einmal wieder ganz wie ſonſt das heitere Kind war. Da ſah ſie auf dem Tiſche eine Jagdtaſche liegen und daneben ein ſilbernes Pfeifchen.„Was haſt Du denn da?“ rief ſie luſtig und ſetzte die kleine Pfeife wie ein Kind an den Mund und lockte helle Töne heraus.— Trautſohn lachte ſchelmiſch und duckte Magda und den Alten auf den Moosſitz hin, ihnen ſeitwärts den Abhang des Berges zeigend, an den der Wald reichte.—„Noch einmal!“ rief er. Magda ließ ſich bas gern gebieten und pfiff ſo laut ſie konnte — da ſprudelte plötzlich mit großer Haſt auf dem Abhang ein kleines Rudel Wild hervor, ſchaute ſich um und kam dicht an den Abhang, der zwiſchen Magda's Felsblock lag— da jauchzte dieſe auf, denn es war die weiße Hirſchkuh mit allen Zicklein — aber wie groß waren dieſe geworden.—„Nun! nun!“ rief Trautſohn—„noch einmal!“— und Magda pfiff— und mit einem leichten Satz war die Hirſchkuh herüber und alle Zicklein ihr nach. Nun reichte ihr der glückliche Jüngling, dem olle ſeine kleinen lang vorbereiteten Ueberraſchungen ſo wohl gelun⸗ gen waren, die Jagdtaſche und ſie ſtreute das Brot— und das junge Volk war, obwol ſehr groß geworden— nicht weniger begierig als ſonſt. Was war das eine Wonne! Trautſohn ſaß wieder neben ihr und erklärte ihr, damit ſie Alle einzeln wiederfand, welche ſie ſonſt wohl unterſchieden hatte, die ihr aber jetzt faſt fremd geworden waren— nur das Kleinſte, was immer bei der Hirſchkuh lag, war geſtorben während des Winters. Dagegen war das ſchwarze Böcklein ein wilder Geſell geworden; es lief ganz noch, ſo wie ſonſt, immer vom Futter wieder weg und 110 ſprang dann mit den Vorderpfoten auf den Rand des Geheges und guckte mit langem Halſe neugierig in die Tiefe— dann lief es ſo wild zurück gegen die Zicklein, daß es ſie überrannte, und fraß ſchneller und mehr in kurzer Zeit, als dieſe nachzu⸗ holen vermochten— alle hatten noch die Halsbänder und ein Zicklein ward weiß wie die Hirſchkuh— und das Böcklein hatte ein Paar allerliebſte blanke Hörnchen bekommen— auch drehte die ruhende weiße Hirſchkuh immer nach ihm— dem luſtigen Patron— den Kopf hin und her, recht wie Mütter auf ihre verzogenen Knaben die meiſten Liebesblicke richten. Am früh⸗ ſten auch lief es fort und ſprang, ohne den belehrenden Vor⸗ ſprung der Alten abzuwarten, ſo ungeſtüm über den Abhang, daß es abglitt und den Berg etwas hinab purzelte— das ver⸗ ſchlug ihm aber wenig, und bald. war es wieder oben und ſetzte nun in den Wald hinein. Das gab viel Lachen! „Ach,“ ſagte Magda, als Alle ſatt waren—„ſolche Freude habe ich lange nicht gehabt und Du biſt doch ſeelengut, lieber Trautſohn, ſo viel für mich zu thun— ſag' nur, wie haſt Du auch das Wild hierher gewöhnen können?“ „Ja,“ ſagte Trautſohn—„wie wir nur erſt das Plätz⸗ chen hatten, da nahmen wir uns gleich vor, Du ſollteſt auch hier Deine Zicklein wiederfinden, und ich ſtellte mich mit Futter hierher und Matthias trieb ſie— aber die Alte weigerte ſich lang und wir ließen es oft wieder ſein, denn wir wußten wohl, ſie hielt die Kleinen noch nicht ſtark genug— endlich aber that ſie den Sprung vor, Musje Böcklein hinterher und die Zick⸗ lein dann auch— und wie ſie es nur einmal gethan, da war keine Noth mehr!“ „Matthias,“ fragte Magda—„Matthias hat Dir ge⸗ holfen?“ „Ja wohl! ja wohl! der gute Matthias!“ rief Trautſohn, „wenn Du wüßteſt, wie gut er iſt— wir haben ja Alles faſt 111 allein gemacht, damit es die Andern nicht merkten und Dir ſo recht ſtill hier werden könnte.“ „Und warum iſt er nicht hier?“ rief der wohlwollende Thyrnau—„daß wir ihm danken können—“ „Ach,“ ſagte Trautſohn—„er meinte, wenn Magda ihn hier fände, verdürbe ihr das die ganze Freude.“ „Nein! nein!“ ſagte Magda—„ich habe das Alles ver⸗ geſſen, warum ich ihm zürnte und jetzt möchte ich ihm gern danken.“ „Nun gelegentlich,“ erwiederte Trautſohn—„es iſt auch nicht ſo leicht, wie Du denkſt, mit ihm zu verkehren— Du haſt ihn hart angelaſſen vor all den Andern— da wollt' er Dich wohl entſchädigen füͤr Deinen Felsſitz— aber er will da⸗ rum doch nichts mit Dir zu thun haben.“ Am Abend in der Kapelle ſuchte Magda zuerſt den Grafen Matthias, und faſt war ſie unſicher, ob der bleiche magere Jüngling, der ſo gar ſehr verändert war, der ſchöne Graf Thurn ſei, von dem ſie zuerſt ſo gut gedacht. Sie ſah, daß nach dem Gottesdienſt Thyrnau ihn mit ſeiner großen Freund⸗ lichkeit anredete, und ſah, wie ſtolz der Jüngling ihn faſt zu⸗ rückwies und die Hand, die der feurige Alte ergriffen, bald los machte. Es ſchien Magda, er ſpräche kein Wort, änderte keine Miene und ſie ward nicht böſe, ſondern traurig— ſie behielt ihn immer im Auge und hörte nicht die alte Höflichkeit des Grafen von Podiebrad, ſondern ſah, wie der Graf Matthias zurück blieb und auf ſein Schwert geſtützt vor dem Bilde des heil'gen And eas im tiefen Nachdenken oder Gebet ſtehen blieb und erſt von dem Diakon erinnert werden mußte, daß die Kapelle leer ſei und er ſie ſchließen müſſe. Er hob die gebeugte Geſtalt empor, um dem Diakon zu folgen, da lehnte ſich Magda über die Brüſtung der Loge und redete ihn ſanft und bewegt an— und Matthias fuhr zuͤſammen, 1 112 daß das Schwert klirrend auf den Boden aufſtieß— aber er hob den Kopf nicht zu ihr auf. „Du biſt immer noch böſe, Graf Matthias,“ ſagte ſie ſanft,„und doch iſt es ſo lange her, wie ich Dich geſcholten habe, daß ich Deine unziemlichen Reden ſchon ganz vergeſſen habe— und heute will ich Dir ſo gern danken, weil Du wie ein Bruder für mich geſorgt haſt mit Trautſohn— und mir ſo große Freude gemacht haſt.“ Während ſie ſprach, gewann ſie Muth, denn er hob den Kopf zu ihr auf und ſein Blick erhellte ſich, und ein Lächeln ſchwebte um ſeinen Mund, aber er ſprach nicht. „Rede zu mir,“ ſagte ſie mitleidig—„Du ſiehſt ſo krank aus— ſage mir, daß Du wieder verſöhnt mit mir biſt— es iſt nicht recht, nachtragend zu ſein— habe ich Dich damals gekränkt, hatteſt Du es doch verdient und deſſen mußt Du ge⸗ denken, denn rechnen wir uns keine Schuld bei, da ſind wir auch leicht unverſöhnlich.“ Matthias ſchwieg noch immer— da bog ſich Magda noch mehr vor und ſtreckte die Hand herüber, als wollte ſie dieſe ihm reichen— bei dieſer Bewegung fiel ein Strauß von den ſparſamen Feldblumen, die ihr Trautſohn gepflückt, aus ihrem Mieder und ſo, daß er die Degenkuppel des Jünglings ſtreifte, zur Erde— da ſtieß er einen ſonderbar wilden Ton aus, riß die Blicke von Magda los und ſtampfte wüthend mit dem Fuß auf den Strauß, der vor ihm lag.. „Ha! Verſuchung der Hölle!“ ſchrie er—„fort! fort. Welch ein Blendwerk biſt Du, um den feſten Muth zu ver⸗ höhnen? Ich biete Dir Trotz, Du hölliſches Phantom, Du ſollſt mich nicht verführen! Andreas! ſteh mir bei— ſei mächtig in mir, daß ich der Hölle entfliehe.“ Ein lauter Schrei fuhr aus Magda's Mund— er ſah empor— ſie war verſchwunden— er ſtand ſprachlos ſtill— 113 er wiſchte ſich den kalten Schweiß von der Stirn— er ſeußzte tief, er taumelte faſt, als er weiter gehen wollte— aber er ſah auf die zertretenen Blumen— ſtöhnte laut— dann hob er ſie vom Boden auf und ſtürzte an dem verwunderten Diakon vorüber aus der Kapelle. Als Magda wie ein gejagtes Reh aus der Kapelle in den Hof ſtürzte, ſah ſie ihn angefüllt mit Menſchen und Pferden und großem Gepäck; aber ihre Furcht vor dem Wahnſinnigen — dafür hielt ſie Matthias— machte ſie dagegen gleichgültig — ſie flog nach dem Niklas⸗Thurm, wo ſie ihren Schutz wußte und eilte die Treppen hinauf, und als ſie auf der erſten Stiege die geöffneten Königszimmer ſah, flog ſie hinein, denn ſie ſah unter vielen Anweſenden den Großvater. Sein bloßer An⸗ blick gab ihr ſchon Sicherheit und Faſſung, und im ſelben Augenblick ſah ſie Lacy, der mit ihrem Namen auf den Lippen ihr entgegen trat.— Es ging ein Umſchwung in ihr vor— ihr Kopf ſchwindelte und ſie blieb betäubt ſtehn.„Magda! theure Magda,“ rief Lacy—„haſt Du kein Wort für Deinen Freund— Deinen Bruder?“ „Willkommen,“ ſagte Magda leiſe und mechaniſch und reichte ihm ihre todtkalten Hände. „Du biſt ſo blaß,“ fuhr Lacy ſchmerzlich fort—„ſag', Thyrnau, iſt ſie krank? Ach ihre ſchöne Jugend,“ ſagte er troſt⸗ los—„mein Gott, wenn ſie kränkelt, dann muß ſie hier fort.“ „Fort? vom Großvater fort?“ rief Magda, aus ihrer Erſtarrung erwachend—„nein, nimmermehr! O Lacy, biſt Du darum gekommen, um mich hier zu vertreiben?“ Zum erſten Male nannte ſie ihn mit ihrem Du, das ſie für alle Menſchen ſonſt hatte, nur für ihn bisher nicht. „Magda, verkenne mich nicht,“ ſagte er und drückte ihre beiden Hände an Bruſt—„wenn Du bleiben willſt, dann wol⸗ len wir Alle, die wir uns ſo wie hier um Dich verſammeln Thomas Thyrnau. 1I. 8 114 werden,— Alles thun, was möglich iſt, um Deine Geſund⸗ heit herzuſtellen.“ „Ich bin nicht krank,“ ſagte Magda—„ich hatte nur einen Schreck, ehe ich hierher kam, denn ich fürchte, Groß⸗ vater, Graf Matthias iſt plötzlich wahnſinnig geworden.“ Sie führte beide Männer tiefer in das Gemach hinein. wo die geſchäftigen Diener ſie nicht beläſtigten und erzählte ihnen mit ihrer najven und ſo lebendigen Art das Erlebte. Thyrnau hörke nachdenkend der beſondern, ja auffallen⸗ den Erzählung zu, und beide Männer tauſchten dann einen Blick des Einverſtändniſſes, der Lach's Wangen röthete und den Magda nicht bemerkte. Ich ſage Dir, Lacy,“ hob dann Thyrnau leichter an —„Du kommſt hier unter ein Kommando, daß ich hoffe, Du fühlſt Dich ein ganzer Edelmann, ſonſt erkennen ſie Dich nicht an. Aeltere Namen hat die deutſche Chriſtenheit nicht, als die feuerfeſten Wächter des Karlſteins— das untadelige Corps von einigen Auserwählten. Sie bedienen noch immer die Geiſter, die vor drei⸗ oder vierhundert Jahren hier mit geheimnißvollem Todesruf die Feſte ſchützten— worin damals etwas zu ſchützen war, nämlich die Krone und gelegentlich der Kaiſer ſelbſt— und mir iſt es immer, aks wenn ich auswendig gelernte Scenen aus einer alten Kronik aufgeführt ſähe, deren Sitten uns mit neugierigem Erſtaunen erfüllen, und die für unſere Zeit endlich los zu ſein, uns ein heiteres Behagen erregt. Dieſe aber träumen in ihrer bornirten Gravität nicht, daß ſie auch nicht den leiſeſten Schatten von Wichtigkeit um ſich verbreiten können, und jede Berührung mit dem wirklichen Leben ſie lächerlich macht und ihre Beſchränktheit beweiſt. Doch was dränge ich Dir meine ſchwachen Worte auf— ich ſehe, man wird Dich gleich ſelbſt von dieſer merkwürdigen Erſcheinung unterrichten, denn dort ſteht der Graf von Podiebrad mit ſeinem ganzen Offizierkorps 115 und dieſer Kornet wird ſie Dir anmelden— ich aber entfliehe mit Magda dieſer Scene und erwarte Dich zum Nachteſſen an meinem Tiſch, wo wir mehr von Dir hören wollen.“ Als der alterthümliche, aber höchſt wohnliche Eßſaal des alten Thyrnau die drei Freunde vereinigte, und Gundula und Veit die reichlich beſetzte Tafel gegen die Glut des Kamins ſchoben, um die ſich Magda, Thyrnau und Lacy niederſetzten, mußte dieſer erſt ſein Herz erleichtern über die eben erlebte Zuſammenkunft mit dem Grafen Podiebrad. Er fand Alles beſtätigt, was Thyrnau ihm geſagt, aber zugleich zog ihn ſo viel Abenteuerlichkeit durch die Perſönlichkeit der Einzelnen an. Er nannte den Grafen Matthias, der zu Magda's größtem Er⸗ ſtaunen in der ruhigſten Haltung dabei geweſen war, und indem er ſein ſchönes abgezehrtes Geſicht, ſeine fanatiſirten Augen ſchil⸗ derte und die edle ſtolze Haltung ſeines ganzen Weſens, rief er: „O! dieſer Jüngling wäre wohl werth gerettet zu werden, denn bleibt er noch lange unter dieſem phantaſtiſchen Zauber befangen, ſo kann in Wahrheit geſchehen, was Du heute ſchon angedeutet fandeſt— dieſer Schwärmer kann den Verſtand verlieren.“ „Alſo hoffſt Du, daß es noch nicht ſo iſt?“ fragte Magda —„aber wie kannſt Du es denn erklären, was er heut gethan?“ ſetzte ſie naiv hinzu. „Ach,“ ſagte Lacy,„dazu hätte ich viel Auslegungen, die doch alle ſeine unnatürliche Stimmung beweiſen. Laß es Dir nicht zu Herzen gehen, liebe Magda— Du darſſt es Dir ſicher nicht zum Vorwurf machen.“ „Dann,“ fuhr er fort—„kam der Marcheſe Pacheco, welcher wie das Eiſen im Feuer, ein völlig in dieſem Fanatis⸗ mus gehärtetes Weſen iſt— und Galbes, der mir ſehr ein⸗ fältig ſcheint und immer die letzten Worte ſeines Vorgängers wiederholt— aber dann kam der Sohn des verſtorbenen Fürſten von Trautſohn—“ 8* 116 „Ach,“ unterbrach ihn Magda freudig—„da biſt Du bei dem Beſten! So gut wie dieſer liebe Menſch iſt keiner im ganzen Karlſtein.“ Lacy's Blicke wurzelten auf Magda's belebtem Antlitz bei dieſen Worten und eine neue tiefere Röthe ſtieg auf ſeine Stirn. „Haſt Du dieſen ſchönen Jüngling ſo lieb?“ fragte er ſie mit innigem Ton, ſich zu ihr biegend.— „Sehr, ſehr,— denn er iſt ſo gut wie ein Kind,“ ent⸗ gegnete Magda— und ich werde Dir nachher erzählen, was er mir heute entdeckt hat, was gewiß beweiſt, wie gut er iſt, und wie lieb er mich hat.“ Lacy ſah fragend auf Thyrnau. Von der Wichtigkeit die⸗ ſer Entdeckung, wie er vermuthete, zeigte ſich keine Spur auf des Alten Geſicht, ſondern ein wohlwollendes Lächeln, womit er Magda's Gefühl harmlos zu theilen ſchien. Endlich erfuhr nun Magda, daß die Gräfin mit der Prin⸗ zeſſin noch in Prag verblieben und erſt in einigen Tagen ihm folgen würde, und als noch Vieles gefragt und beantwortet war, ſtanden Alle auf und Magda öffnete die Thüren nach dem kleinen Balkon, der auf der andern Seite weit ins Land ſah — und Lacy trat ihr nach und beide blickten in die tiefe ſtille Waldesruh, die unter ihnen lag— und von dem hellſten Mondſchein übergoſſen ſahen ſie ſeitwärts den mächtigſten Thurm der Feſtung, in deſſen Höhe die Heil'ge⸗Geiſt⸗Kapelle ſchwebte. Magda ſetzte ſich auf einen kleinen Steinſitz in der Brüſtung. des Altans. „Wenn Du länger hier biſt,“ hob ſie an—„dann wirſt Du einſehn, wie das alte Schloß mit ſeinen Erinnerungen recht bezaubern kann. Der Großvater mit ſeiner feſten Klarheit, der kann das Alles nicht begreifen, der bringt Alles an ſeinen Platz— die Erinnerung hält er hoch in Ehren, aber ſie darf ihm nicht den kleinſten Spuck machen in der Gegenwart. Das 117 nennt er männlich und darum lacht er die hieſigen Ritter alle aus, die eben, wie er ſagt, in der Gegenwart unmännlich taumeln, weil ſie ſich über die Natur ausrecken, um noch mit der Vergangenheit zuſammen zu rei zieht, ſchon mit der Abſicht, alte Erinnerungen zu hegen und zu pflegen, der kann verſtrickt werden in dem, was er vor⸗ findet, wenn er ſonſt nicht geſtört wird— und etwas davon iſt an mir ſelbſt wahr geworden!— Dieſer Karl, auf den alle Böhmen ſo viel halten, dieſer echte Czeche— dieſer Sohn der edlen Przemyslide— der hat dem Schloſſe ſein innerſtes Weſen eingeprägt, denn— bringt man die Liebe für ihn mit, dann klingen alle Mauern wieder, die gefeiten Geiſter treten auf dies Zeichen hervor, und man hält mit ihnen Gemeinſchaft, ehe man viel nachfrägt, wie es zugeht. Auf dieſem Sitz hier, da ſoll Karl der Vierte Stunden lang geſeſſen haben, und in der Heil'gen⸗Katharinen⸗Kapelle da hat er Tage lang ſeine Andacht gehalten bei verſchloſſenen Thüren; die wenige Koſt, die er zur Erhaltung des Lebens brauchte, die ward ihm ſtumm durch ein kleines Fenſterchen in der Wand zugereicht— dahin durfte die Sorge der Welt ihm nicht folgen— für dieſe ſtillen Tage mußte das Reich ſich ſelbſt regieren und ſein Gebet ſchirmte es!“ „Wie muß ich immer forſchen, was er wohl gedacht hat und empfunden— und da kommen mir oft ſo wundelliche An⸗ ſchauungen von dem Getriebe der Welt, daß ich erſchrecke, wenn ich mir bewußt werde, daß ich es gedacht habe, und denke, ſeine Gedanken haben ſich losgelöſt durch mein Nach⸗ denken und ſind zu mir gekommen.“ „Ja,“ ſagte Lach theilnehmend—„es iſt an der Stelle, wo ausgezeichnete Menſchen lebten, ein unzerſtörbares Zeug⸗ niß ihres Daſeins eingeprägt, welches jeden ſpäter hinzu⸗ kommenden verwandten Geiſt wieder in Semeinſhaſt mit ihnen ſetzt.“ 118 „Und wie ich das tiefe lange Nachdenken begreife,“ fuhr Magda fort—„wie ihm das nöthig ſein mußte, da er ein Monarch war, den ſie ſo ſelten allein laſſen— und neben dem Wichtigen, was viel zu ſagen macht, ſo viel Unnützes vor⸗ kommt, woran er bloß müde wird. Weißt Du,“ fuhr ſie fort —„daß auch Petrarka, ſein poetiſcher Freund, hier einige Zeit mit ihm lebte, als er in Prag bei ihm zum Beſuch war?“ „Das wußte ich nicht,“ ſagte Lacy—„obwol ich ſeine Freundſchaft und ſeinen Briefwechſel kannte, nicht allein mit Petrarka, ſondern mit Boccaccio und Zenobia di Strada—“ „Und mit Saſſoferato,“ ſetzte Magda hinzu—„aber denke nur, Keiner weiß hier etwas davon, und Keiner kann mir zeigen, wo er gewohnt hat. Da denke ich denn: Hier vielleicht! oder bin ich in meinem Erker, da denke ich wieder: Hier vielleicht! Podiebrad, den ich zu mir deshalb rufen ließ, der that vollends, als wäre wohl Petrarka nie in der Geſell⸗ ſchaft des Kaiſers geweſen, und wenn er ſich auch hätte ſeine Schreibereien gefallen laſſen— aber ich glaube, ich weiß beſſer in dem Leben der heil'gen Kreuzfahrer Beſcheid, als er in dem Leben des Petrarka. Denke Dir, wenn ſie ſo Beide hier in der mondhellen Nacht ſaßen, und über die tiefe Ruhe des Waldes in die fern ab liegende Welt blickten— da haben ſie ſicher den Weg dahin an dem weit geſpannten Bogen des Him⸗ mels geſucht— uud die glänzenden Sterne haben ihnen ge⸗ leuchtet, daß ſie den rechten Weg nicht verfehlten— dann wird ihnen danach das Kleine klein— das Große groß erſchienen ſein— glaubſt Du nicht auch?“ „Ja,“ ſagte Lach bewegt—„und weiß Du auch, daß Karl der Vierte Petrarka fragte, welche Lebensweiſe er vor⸗ ziehen werde? und dieſer ihm antwortete: Das einſame Leben! — Kein anderes iſt ſo ſicher— keins iſt mir angenehmer und eignet ſich beſſer für mich als dieſes— ich werde es ſuchen, 119 wie ich bereits that, in Wäldern und Bergen— wo nicht— werde ich mir dies Glück ſelbſt in dem Gewühl der Städte zu erhalten ſuchen.“ „Ach,“ rief Magda—„deshalb ging er auch hier mit ihm her!— da konnten ſie ganz erfahren, was einſam iſt.“ „Und war es Dir nicht zu einſam?“ fragte Lacy ſchüchtern. „Ich weiß nicht, ob es davon kam,“ ſagte Magda natür⸗ lich—„aber mir war oft ſo bang— und ich hätte lieber etwas erlebt— meine Gedanken thaten mir oft alle weh.“ Nach dieſen Worten ſtand Magda auf, trat an die Brü⸗ ſtung des Balkons und zeigte in der Ferne auf ein kleines graues Mauerwerk hin.„Da,“ ſagte ſie—„da liegt Karlik, wo die Kaiſerin wohnte— er konnte es von hier ſehen— man ſagt auch, ſie habe einen Erker gehabt, von dem ſah man nach dem Karlſtein— da ſaß ſie und blickte hierher— ſo waren ſie doch nicht getrennt, wenn auch das fromme Gelübde ſie von einander hielt.“ Lach ſtand neben ihr— Beide ſahen ſich an bei Magda's Worten.— Beide errötheten.—„Gute Nacht,“ ſagte Lach —„gute Nacht, liebe Magda!“— dann eilte er in das Zim⸗ mer zurück, beurlaubte ſich ſchnell von Thyrnau und begab ſich in ſeine Wohnung. Magda aber blieb unbeweglich auf ihrer Stelle ſtehen und plickte mit trocknen Augen nach Karlik hin, und ſie verſtand ſich in keiner Art— ſie wollte ſich etwas anhaben, und wußte doch nicht um was— es war, als ſpräche ein Anderer in ihr, der ſie nicht verſtände, wie im Leben Menſchen, die auf uns ein⸗ reden, und Alles ſo verkehren, daß wir vergeſſen müſſen, was ſie ſagten, um uns nicht ungerecht zu werden.„Einſam, ein⸗ ſam!“ ſagte ſie endlich—„was will ich denn, darf ich denn nicht gern ſein, wo er iſt?— weiter will ich ja nichts— ich möchte ihm ſo gern Alles erzählen— wie wohl mir meine Ge⸗ danken thun, wenn ich ſie ihm ſagen kann. Wenn Claudia kommt, dann will ich ſie um Rath fragen.“ Sie ſetzte ſich wieder ſtill in ihren Steinſitz und ihr ward ſehr wohl— ſie fühlte recht, wie leicht ihr die Bruſt geworden war. Ein ſanfter warmer Südwind trug den Blütenduft hinauf, und bisher hatte ſie nicht gehört, daß in dem Gebüſch der Wälle zwei Nachtigallen einen Wechſelgeſang hielten, der faſt ein Wettkampf zu ſein ſchien, ſo ſteigerte ſich jedesmal die Antwort. WVie wonnig iſt das Alles!“ rief ſie.—„Der Mai kann vor Luſt und Blühen und Duften nicht einmal ſchlafen— die ganze Thätigkeit ſchleicht ſich in die Nacht hinein und was bei Tage in der Sonne fertig geworden iſt, das wirft in der Nacht die kleinen Mützen ab, und ſteckt die weißen Knöspchen unverwahrt in die Mondnacht hinein, oder rollt fein grünes Blättchen auf und hält es dem Thau hin, daß es morgen vor der Sonne ſchon mit Schatten prahlen kann. Und Du ſchläfſt auch nicht?“ ſagte ſie in ein Neſtchen hinein, wo die Mauerſchwalbe mit glänzen⸗ den Augen den Reichthum der kleinen Eier ſchützte, den ihr heißes Herzblut zu beleben ſtrebte, und welche Magda als ihre Beſchützerin ohne Furcht anſah, weil ſie ihr das Reſt hatte aus⸗ füttern helfen. Da rief der Großvater von innen heraus und folgte bald ſelbſt— und wollte ſie zurück haben und zu Bett— ſie hing ſich aber um ſeinen Hals und ſagte ihm, er ſolle nur horchen, es ſchliefe ja Keiner in ſo warmer Mainacht.„Alles will fertig ſein, um dann ſo recht ſchön und vollſtändig genießen zu können — und da arbeiten ſie die ganze Nacht, danit ſie morgen früh die Sonne recht überraſchen können. Wenn ich doch das Ohr hätte, was all' das Rauſchen hören könnte von dem Wachſen und Aufblühen— die kleinen Hammerſchläge in den Knospen, den kleinen Schuß, wenn ſie aufſpringen— und was die Käfer und die Würmer und die Tauſende von kleinen geflügelten Leuten dazu ſagen mögen— und wie ſie die ſtaubgroßen Flügelchen vor Luſt rühren, daß ſie ſo ſchöne Spaziergänge machen können — wer das hören könnte, Großvater, der müßte die ſchönſten Verſe, die ſchönſten Töne dazu hören!“ Thomas Thyrnau freute ſich ihrer belebten Stimmung, die ihm ein Anklang ihrer früheren kindlichen Heiterkeit ſchien, aber ſeine Augen waren ſeitwärts gewandt, wo die breite vom Monde erhellte Landſtraße nach Prag lag. Es ſchien ihm ſich etwas darauf zu bewegen, und nach einiger Zeit kam es näher, und er glaubte nun einen Trupp Reiter zu erkennen. Dies beſtätigte ſich; es waren vielleicht ſechs Reiter in zwei geſchloſſenen Reihen, und voran ritt wahrſcheinlich der Anführer und ein Offizier an ſeiner Seite. 3 Sie ſchienen die ſchöne Nacht zu genießen. Alle ritten langſam, und die Pferde gingen beguem, als ob ſie Niemand lenke. Als ſie näher kamen, ſagte Thyrnau lächelnd:„Podie⸗ brad! Podiebrad! es naht ſich ein Ueberfalls⸗Corps der Feſte Karlſtein, und Du und Deine Ritter ruhen in dem weichen Flaum des Bettes— wo ſind die Wächter, die ihr Tod ver⸗ heißendes„Fern! fern von der Feſte, daß Dich kein Pfeil erreicht!“ hinaus rufen? Wenn dieſe Schaar die Gatter und Thore verfehlt und den Weg erblickt, den Mutter Grimſchützens Kuh ſo ſanft geebnet, ſo iſt die Feſte überrumpelt und Podiebrad wird im Rachtrock Gefangener.“ Die beiden voran reitenden Offiziere waren in die Be⸗ trachtung des Karlſteins vertieft, der auch wahrſcheinlich in dem hellen Mondſchein gegen den Wald gelehnt, mit ſeinen impo⸗ ſanten Maſſen einen herrlichen Anblick gewähren mochte. Sie hielten die Pferde an, um den Anblick zu genießen, und der Erker, wo Thyrnau und Magda ſtanden, der im Schatten des Schloſſes gelegen und die erleuchteten Fenſter hinter ihnen hob, ſchien ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln— der eine Hert nahm ein 12 Fernglas— dann ſchlug er den Mantel zurück und wehte mit einem weißen Tuche. „Ich weiß, wer es iſt, ſagte Magda—„wer ihn einmal ſah, vergißt ihn nicht! Es iſt der Erbprinz— gieb Acht, er hat uns auch erkannt.“ Der Offizier gab ſeinem Gefolge ein Zeichen— ſogleich ertönte eine luſtige Fanfare aus einer Trompete, er ſetzte ſein Pferd in kurzen Galopp und war bald unter dem Erker— doch war die Höhe zu bedeutend, um der Mittheilung mehr als Aus⸗ rufungen zu geſtatten, die kaum verſtändlich waren, und ſo flog denn unter dem Geſchmetter der Trompeten der ganze Trupp um das Schloß herum nach dem Eingang. Hier befand ſich die Mannſchaft, welche auf Wache war, ſchlecht armirt und mehr von Neugier als Dienſteifer getrieben in einem bunten Haufen beiſammen. Der Graf von Paſterau, der zufällig ihr Wachthabender für dieſe Nacht ſein ſollte, hatte ſie ſchnöde verlaſſen, da er den Weg nach Budnian der lang⸗ weiligen Nacht im Wachtzimmer vorgezogen, und ſo beſchloſſen ſie arglos, und ohne Zweifel, die wahre Lage der guten Feſte beſſer erkennend, als ihre Oberen, den fremden Gäſten die Pforten zu öffnen. Dieſe zogen nun ſämmtlich in den Hof und ſo wie der Be⸗ fehlshaber vom Pferde geſprungen war, rief er mit dem Tone, der überall Gehorſam findet, man ſolle ihn nach der Wohnung des Herrn Thomas Thyrnau führen. Magda hatte ſich nicht geirrt— wenige Augenblicke ſpäter drückte der Erbprinz von S. ſie und Thyrnau an ſeine Bruſt und ſeine zärtliche Feude fand keine Worte— immer nur blickte er Beide an, als könne er das Glück ihres Anblicks nicht auskoſten. Unterdeſſen hatte ſich die Fanfare der Trompete in die Träume des Grafen von Podiebrad eingeſchlichen und hatte aus 123 einigen alltäglichen Gebilden des Tages ihm glücklich zu einem höchſt heftigen Angriff der ſieben Baſtionen vor Jeruſalem ver⸗ holfen, als die Fanfare im Hofe ihn auch dieſer muthigen Scene beraubte und er in ſeine Decken gehüllt ſich auf ſeinem weichen Lager erwachend fand. Noch einmal wiederholte ſich der Ton und ſogleich ſprang Podiebrad mit zwei Sätzen bis zum Fenſter und hier— o welch' ein Augenblick!— hier zeigte ſich der Anblick fremder, be⸗ waffneter Truppen, untermiſcht mit der Beſatzung, welche ent⸗ waffnet war. „Heil'ger Gott!“ ſchrie Podiebrad—„wer that mir das? Die Feſte iſt genommen, während Podiebrad der Ruhe pflegte — mein Kopf dem Beil verfallen!“ Der unglückliche Träumer erlebte wirklich die Qualen, die nur vor vierhundert Jahren mit allen damals vorhandenen Gründen das Herz ſeines Ahnherrn zu durchdringen vermocht hätten, und es war ſein nächſtes Gefühl, ſeine Kleider überzu⸗ werfen und mit dem Degen in der Fauſt Alle zu vertreiben, die eingedrungen, und vielleicht ſo durch einen ehrenvollen Tod die Schmach zu löſchen, die er jetzt an ſeinem Namen haften ſah. Im Begriff jedoch, den Degen umzuſchnallen, öffnete ſich die Thür und von den Licht tragenden Dienern gefolgt trat der Erbprinz von S. zu ihm ein, der Thyrnau's Wunſche nachge⸗ geben hatte und jetzt ſelbſt kam, um dem Grafen von Podiebrad, deſſen ganzen Zuſtand ſich Thyrnau denken konnte, ſeine Ent⸗ ſchuldigungen und Aufklärungen zu bringen. Podiebrad war ſeit zu langer Zeit aus der Welt ver⸗ ſchwunden geweſen, um den Erbprinzen zu kennen— er richtete ſich alſo wild empor und die Hand am Degen ſtürzte er auf den Prinzen zu und rief faſt erſtickt von Bewegung:„Heran Ver⸗ räther— hier bin ich, um Rechenſchaft zu fordern und mit mei⸗ nem Leben dieſe Schmach abzuwaſchen und Jeden zu vertreiben 124 mit meiner eignen Fauſt und dieſer Klinge, der es gewagt, die heil'ge Feſte zu überrumpeln.“ „Gemach! gemach, mein alter Kamerad!“ ſagte der Prinz mit ſeiner hellen klaren Stimme, die ſo menſchlich friſch gegen den düſtern Ton des erhitzten Träumers klang, daß Podiebrad dadurch noch mehr als früher einem Geſpenſte ähnlich ward. „In Wahrheit ſeid Ihr, mein beſter Graf von Podiebrad, in dieſem Augenblick noch eben ſo unbeſtritten der ehrenwerthe und alleinige Gouverneur des Karlſteins, als da Ihr Euch geſtern zur Ruhe begabt, denn ich, der Erbprinz von S., komme blos hieher, einen alten Freund zu beſuchen, und will Euer Excellenz Gaſtfreundſchaft in Anſpruch nehmen, wozu ich außer⸗ dem die Erlaubniß Ihrer Majeſtät habe.“ Podiebrad ſchleppte den gezogenen Degen auf der Erde und es ging viel Unangenehmes in ihm vor, denn es ward ihm unendlich viel ſchwerer, ſich in die einfachen Zuſtände, wie ſie ſich wirklich zutrugen, zu finden, als in die künſtlich erſchaffe⸗ nen, in die er ſich hinein gewöhnt. „Wenn die Sache ſo iſt,“ ſagte er langſam—„und ich den Erbprinzen von S. vor mir ſehe, ſo hätte ich blos zu wün⸗ ſchen gehabt, daß mich ein Vorangehender Eurer Mannſchaft benachrichtigt hätte, und gewiß würde ich einen Empfang ein⸗ geleitet haben, der Ehre würdig.“ „Mit deshalb, um Euch nicht zu beläſtigen,“ ſagte der Prinz—„bin ich ſo unerwartet gekommen. Habt die Güte,“ mich zu entſchuldigen und für mein Gefolge das Nöthige zu be⸗ ſtimmen— ich ſelbſt habe ſchon Quartier gefunden bei meinem alten Freunde Thyrnau.“ Der Prinz eilte dieſer Ceremonie ſich zu entziehn und theilte für dieſe Nacht das Schlafzimmer Thyrnau's, während Podiebrad immer feſter überzengt ward, daß der Gefangene eine hohe Perſon ſei— wobei er mit vieler Empfindlichkeit das Miß⸗ trauen erwog, was man ihm allein zeige, indem er noch immer nicht im Stande war zu ergründen, wen er vor ſich habe, da auch das junge Weib— wie er annahm, zu eitler Geſchwätzig⸗ keit geboren— ſich durch nichts verrieth und eben ſo die alten Diener. Der Prinz, der Lacy noch nicht kannte, machte am an⸗ dern Morgen in dem Frühſtücksſaal ihres gemeinſamen Freundes mit großem Vergnügen deſſen Bekanntſchaft, und erzählte nun auch Thyrnau, daß der Kourier, welcher damals ſeine Ankunft auf dem Karlſtein habe melden ſollen, nach langer Abweſenheit erſt nach Wien gekommen ſei, und zwar in einem ſo elenden Zuſtande, daß er den ganzen Winter krank gelegen. Er habe ausgeſagt, daß er in der Gegend von Karlſtein überfallen wor⸗ den, daß man ihm ſeine Depeſche abgefordert und als er ſie verweigert zu geben, von den Räubern ſo grauſam gemißhan⸗ delt worden ſei, daß man ihn wahrſcheinlich für todt gehalten. Als ihn Landleute fanden, war er gänzlich entkleidet, aber die Kleider wieder über ihn geworfen und nichts fehlte ihm als die Depeſche. Die Leute, die ihn fanden, hatten ihn auch ver⸗ pflegt und ſo war es ihm endlich gelungen, nach Wien zu⸗ rück zu kehren. Dies Attentat hat den Karakter einer Perſönlichkeit gegen Thyrnau,“ ſagte Lacy—„es ſcheint, als ob man Dich da⸗ durch in Verlegenheit habe bringen wollen, was denn auch hin⸗ reichend erfolgt iſt.“ Thyrnau lachte herzlich auf und ſagte dann:„Ich muß Euch nur geſtehn, daß ich längſt darüber außer Zweifel bin. Als ich hierher reiſte, habe ich oft bei beſchwerlichen Wegen mit 126 Magda, der das Gehen mehr zuſagte, Fußpfade geſucht, und unter den Perſonen, denen wir dort begegneten und zweimal ſogar in den Häuſern, wo wir anhielten, war ein alter ſehr verdächtiger Bekannter, den die beſonders weiſe Gerechtigkeits⸗ pflege eines gewiſſen Prinzen neuerdings bei dringendem Ver⸗ dacht eines Mordverſuches vorzog, entſpringen zu laſſen.“ „Iſt es möglich? was ſagſt Du?“ rief der Erbprinz lebhaft —„von dorther ſollte dies kommen?“ „Nun ja,“ ſagte Thyrnau—„ich zweifle nicht— außer⸗ dem ſcheint es mir, werden wir, obgleich hier jetzt inſtallirt und vollſtändig geſichert, doch nicht unbeobachtet gelaſſen.“ „Haſt Du das auch gemerkt?“ rief Magda—„Bin ich allein mit Gundula gegangen, iſt mir immer derſelbe Bettler begegnet, der mich immer bereden wollte, mit ihm Wald ein⸗ wärts zu ſeiner Hütte zu gehn und ſeiner kranken Frau ſelbſt Hülfe zu bringen. Aber ihm habe ich das, was ich Niemand abſchlagen würde, immer verweigert, denn ich hatte Scheu vor ſeinem ſonderbaren Blick, der ſo wild war und ſo ſehr ſich noch verdüſterte, wenn ich mich weigerte mit zu gehn. Gundula hatte auch Furcht vor dem Geſellen und Beide glaubten wir ihn ſchon geſehn zu haben— jetzt weiß ich auch wo.“ „Um Gotteswillen! dann iſt ja Magda in Gefahr,“ rief der Prinz— ſicher hat man Abſichten auf Dich, mein gelieb⸗ tes Mädchen— und warum verſchwiegſt Du das Deinem Groß⸗ vater?“ fuhr er vorwurfsvoll fort—„er würde Dich ſicher als⸗ dann beſſer behütet haben und Dich nie in ſo geringer Begleitung haben gehen laſſen.“ „Bezo iſt immer in der Nähe, wo ich bin,“ ſagte Magda gleichgültig— wozu ſollte ich meinen lieben Alten ängſtigen— ich konnte mich ſelbſt bewahren.“ „Auch hat Magda hier im Schloſſe, wo Alles nach den Sitten der Kreuzfahrer gethan wird,“ ſagte Thyrnau—„eine unſichtbare Escorte, die das Gelübde gethan hat, die Jung⸗ frau, welche dieſer Feſte anvertraut iſt, vor jeder Unbill män⸗ niglich mit allen Waffen zu Fuß und zu Roß zu überwachen— da vermuthet ſie denn nicht ohne Grund immer irgend einen Ritter in ihrer Nähe, welcher mehr auf den gehofften Hülferuf aus ihrer Kehle horchen würde, als auf die ſüßen Töne der Nachtigall.“ „Du! Du!“ rief Magda lachend—„da verſpotteſt Du mir wieder meinen Trautſohn! O,“ ſagte ſie lieblich zum Prin⸗ zen gewendet—„wenn Du den kennen wirſt und hören, wie gut er gegen mich iſt, dann nimm ihn in Schutz gegen den Großvater, der ihn immer neckt, wenn er nicht dabei iſt— denn das glaube nur, wenn er ihn ſieht, da hat er ihn ſo lieb als ich— wer könnte auch anders?“ Der Prinz überließ ſich ganz der Seligkeit mit den Beiden zu leben, die ihm jetzt noch die Theuerſten auf der Erde waren, und es konnte nicht ausbleiben, daß dadurch Lacy's ſo ſchwer ins Gewicht fallende Gegenwart ein wenig neutraliſirt wurde, wodurch denn Alle mit leichterer Art in das gehörige Gleich⸗ gewicht kamen. Dagegen trat bei Thyrnau und Lacy eine andere Befürch⸗ tung herwor, nämlich die, daß der Prinz von ſeiner Zärtlichkeit für Magda zu Wünſchen verführt werden möchte, die ihn ſowol wie dieſes theure Weſen zu neuen Stürmen führen mußten. Es ſchien zuletzt, er ſähe nichts mehr als ſie, und das unendlich Ercentriſche, glühend Leidenſchaftliche, welches ſein ganzes Weſen von Jugend auf durchdrang— ſeine Geringſchätzung gegen den Unterſchied der Stände, die er ſchon einmal bewieſen — Alles ließ dieſe Befürchtung nicht unbegründet erſcheinen. Es kam endlich unter Lacy und Thyrnau zur Sprache, und Lach machte ſeinem alten Freund faſt Vorwürfe, daß er den dazu ſo leicht verführbaren Prinzen bewogen hatte, ſeinen Aufenthalt zu verlängern, da dies Magda's Ruhe mit bedrohte und der Prinz vielleicht bei Verlängerung der Verſuchung in ihrer Nähe ſich ihr entdecken und ſie dann ihre ruhige Unbefangenheit ver⸗ lieren werde. Thyrnau ſagte ihm dagegen, er habe dieſe Bitte doch wohl berechnet und vielleicht für all dieſe verkehrten Rich⸗ tungen die beſte Auskunft damit veranlaßt. Lacy hielt aber die Gefahr für Magda's Ruhe ſo dringend, daß Thyrnau ihm das Wächteramt übertrug, dem ſich Lach mit einiger Verlegenheit untetzog. Seufzend ſah ihm Thyrnau nach, als er ihn verließ. „Keine größere Gefahr,“ ſagte er dann leiſe—„als das Weſen vor unſern Augen angebetet zu ſehn, dem wir beſchließen mußten zu entſagen!“ So kam es denn, daß Magda mit Lacy, dem Prinzen und Trautſohn, der ſich jetzt etwas dreiſter anſchloß, auf ihrem Felſenſitz war und die Mutter Hirſchkuh mit den Zicklein gefüttert wurden, und das heitere, lebhafte beziehungsvolle Treiben wal⸗ tete, das bei ſo viel betheiligten Herzen ſtatt finden mußte und jede äußere Veranlaſſung, zu einem Dienſte umwandelte für das lebhaft erregte Gefühl.— Das ſchwarze Böcklein machte wie immer den Luſtigmacher und hatte ſich gar verwegen ange⸗ nommen, mit ſeinen immer höher ſproſſenden Hörnlein zu zucken, welches ihm faſt Mienenſpiel gab und dem klugen Geſellen ſtand, als wiſſe er, daß man ihn zum Spaßmacher erſehn habe. Er hatte ſich angewöhnt, von dem Futter, wie er immer that, fort⸗ zuſchießen und heute durch die kleine Felsthür den Laubweg hin⸗ unter zu jagen. Dies hatte denn viel Gelächter erregt, und er that es immer wieder und kam dann eben ſo ſchnell zurück— das letzte Mal aber mit einem ſolchen Luftſprung, daß es ſchien, er werde gejagt— ſogleich hörte man in die Hände klopfen, und nun ſprang faſt eben ſo raſch als das gejagte Böcklein eine junge Dame ihm nach, welche alles Andere überſehend laut jnbelnd ausrief:„Da iſt es! Da iſt es!“ 129 Das Böcklein aber ſetzte über die Brüſtung und war im Nu auf dem Abhange, der von der Plattform getrennt lag— jetzt wandte ſich die Dame und Alle erkannten die ſchöne Prin⸗ zeſſin Thereſe.— Magda ſaß neben der weißen Hirſchkuh und hielt ihr das Futter vor, welches der Prinz, der niedergekniet war, ihr bereit hielt— Trautſohn ſaß dicht neben ihr— und Lacy ſtand mit über einander geſchlagenen Armen vor der Gruppe und ſeine Augen wurzelten darauf. „Welche Idylle!“ rief die Prinzeſſin und erkannte augen⸗ blicklich den Herzenszuſtand aller Anweſenden— beinah heftig rief ſie dann:„Magda erkennſt Du mich nicht?“ Dieſe war ſchon aufgeſprungen und lief ihr eben in die Arme— ihre Freude war ſo rein— ſo zärtlich— ſo lange hatte ſie den Anblick einer befreundeten Frau entbehrt und die Prinzeſſin war eben ſo ſchön! Das ſagte ihr Magda— und ließ ſie los, als müſſe ſie ſie recht betrachten— dann ſah ſie ſich um und die Hände zuſammenſchlagend, rief ſie dem Prinzen zu:„Ach! wie ihr das kleidet, ſo prächtig zu ſein hier auf dem Felſen unter den Bäumen!“— Daß Magda das ſagte, nahm den Staar von des Prinzen Auge fort— er erkannte jetzt, daß ſie entzückend ſchön ſei— und der Prinzeſſin war es ſchon recht, wie Magda ſie empfing— ſie lachte anmuthig und ſtrich die lan⸗ gen grünen Federn ihres Reiſehutes über die Schultern, die aus dem grünen Sammet der Jagdrobe wie Blütenſchnee auftauchten, und grüßte Alle mit jener ſcherzenden Gravität, die ihr ſo wohl ſtand, den Ton mit ihr gleich anzudeuten ſchien und jede Span⸗ nung aufhob.„Und Claudia?“ fragte Lach, ſich ihr nahend— „ich hoffe, ſie iſt hier, und ich werde ſie gleich ſehen können.“ „Wenn Sie ſich umwenden,“ ſagte eine geliebte Stimme — und Claudia und Thyrnau waren zu den Uebrigen getreten. Lach begrüßte ſeine Gemahlin mit einer Innigkeit und Liebe, daß die ſanfte Claudia, die mit einem erhöhteren Herz⸗ Thomas Thyrnau. M. 9 ſchlag ihren Gemahl in Magda's Nähe wieder zu ſehn kam, kaum die Thränen zurückdrängen konnte und die Prinzeſſin abermals leiſe ſagte:„Ich glaube wahrhaftig, er liebt ſie!“ Auch Magda hatte für dieſen Empfang Augen gehabt, und ſie ſagte mit einem tiefen Seufzer: Wie glücklich muß man durch ſeine Liebe werden können.“ Die geſellſchaftlichen Formen, die bei der Vereinigung ſo vieler Weltmenſchen augenblicklich eintreten mußten, begannen ihr Nivellirungsgeſchäft über das wellenartig geſtaltete Terrain des Innern auszuüben. Jeder war faſt in einer geſpannten oder leidenſchaftlichen Auftegung— Alle hatten etwas zu verbergen — Viele ſtrebten einem Ziel entgegen und beobachteten, was ſie hindern oder fördern könnte. Vor Allen aber bemächtigte ſich die Prinzeſſin Thereſe der geſelligen Ordnung; ſie that es am freiſten und unbefangenſten, denn ſie ſchonte die Wahrheit am wenigſten, und obwol ihre innere Aufregung nicht die ge⸗ ringſte war, beherrſchte ſie doch— zu Anfang mindeſtens— ihr tief ergriffenes Gefühl, und nur die verſchwiegene, mit mütterlicher Zärtlichkeit ihr hingegebene Gräfin von Hautois hätte über den äußerlich leicht und heiter erſcheinenden Zuſtand der Prinzeſſin andere Auskunft geben können. Da der Graf von Podiebrad durch den hohen und alten Rang ſeiner neuen Beſatzung verſöhnt ward mit deren Gegen⸗ wart, dachte er in der großen Aufregung, welche ihm ſo unge⸗ wohnte Verhältniſſe machten, nur daran, wie er ſich ihnen ge⸗ mäß mit der vollen Behauptung ſeiner Würde zeigen wollte, und da ſein Vermögen ihm keine Beſchränkungen auferlegte, wollte er dem Prinzen und der Prinzeſſin Feſte geben, wenig⸗ ſtens große Tafel halten und die Letztere, welche ſich unendlich amüſirt zeigte durch die Turnier⸗Courbetten des untadligen Be⸗ ſatzungskorps, beſtand darauf, daß man Alles annehme und die Herren ſo viel als möglich in den Bereich der anberaumten 131 Geſellſchaftsſtunden hineinzöge. So war der ſtille Sitz der Frömmigkeit, der tiefſinnigſten und erhabenſten Gelübde, das vollendetſte Myſterium der Einſamkeit, umgewandelt zu einem Tummelplatz zärtlicher Leidenſchaften, getragen und verborgen unter einer Geſelligkeit, welche die verſchiedenartigſten Indi⸗ vidualitäten umſchloß und vielleicht grade darum ein nicht er⸗ lahmendes Intereſſe unterhielt. Thyrnau, der ſich durch nichts aus ſeinem Gleiſe bringen ließ, hatte doch für Alles Zeit— und am uneigennützigſten und faſt von Allen blos um ſein ſelbſt willen geliebt, war er immer der Mittelpunkt, um den ſich Alle ſammelten und der mit ſcharfer und ſchneller Beobachtung und der ihm völlig ſichern Erfahrung in faſt allen Zuſtänden des Lebens, die um ihn ſich bildenden Verhältniſſe durchkreuzte, ſie zurecht rückte oder ihnen nachhalf. Magda's Zuſtand war ihm dabei immer das Wich⸗ tigſte; er hatte vor ihren Gefühlen eine Art Achtung, wozu noch ihr entſchiedener und ungewöhnlicher Karakter kam, der ſehr häufig ſeine Erfahrungen durchkreuzte, ihn oft in Span⸗ nung und Etwartung hielt und keineswegs vorher beſtimmen ließ, wie ſie die Dinge nehmen werde. Er ſah ſie belebt und echeitert, oft wie von einem neuen Feuer glühend und verklärt und als wäre ſie mitten in einer großen geiſtigen Entwicklungs⸗ epoche, welche auf die Entfaltung ihrer Schönheit, ihrer Jugend Einfluß ausübe. Aber ſie war zugleich, wie ſie von den Mai⸗ nächten geſagt hatte, in ihnen mit ihrem innern Triebe ver⸗ ſenkt, und er gewahrte ſie oft in tiefes Lauſchen verſunken und ſah, wie der nahende Morgen ihr erſt Ruhe gab. Wenn ſie dann andern Tages aus ihrem Schlafzimmer in Thyrnau's Arbeitszimmer trat, ſchwebte ein tiefer heil'ger Ernſt um ihre Züge, und wenn Thyrnau ſie mit ihrem langen Nachtwachen neckte, ſenkte ſie ihr Auge in das ſeinige und ſagte einmal: „Ich habe das nöthig, denn mir fehlt das Geſchick in dem lauten 132 Leben da unten, wo Alle ſprechend denken, ſo wohl geordnet zu bleiben wie die Andern vielleicht, die daran gewöhnt ſind— ehe ich dann aufgeräumt habe, kommt mir der Schlaf nicht, und das Gebet vorher wird mir geſtört.“— So wie ſie ſich ſelbſt verwahrte, durfte er ſie aber auch walten laſſen; er zwei⸗ felte nicht, daß Lacy's Gegenwart ihr Gefühl für ihn vermehre, und oft ſah er, wie ein unbeſchreiblicher Zug von Wehmuth und Melancholie ihr Antlitz beſchlich, wenn ſie aus dem glück⸗ lichen Gefühl der Gemeinſchaft mit ihm, wie es ihr das geſellige Leben darbot, erweckt wurde— durch eintretende Beziehungen zu ſeiner edlen Gemahlin. Zwiſchen dieſer und Magda war ein ſcheuer Liebesverkehr eingetreten— ſie wagten oft kaum ſich ſo zu bezeigen, als ſie es wünſchten und fühlten— ſie waren innig zärtlich— und flohen dann wieder einander: das vorwaltendſte Element ihrer Bruſt mußten ſie vor einander verbergen, dieſe größte Uebereinſtimmung ihrer Gefühle wollten und durften ſie ſich nicht eingeſtehn. Wo aber Magda Rath und weiblichen Beiſtand bedurfte, floh ſie zu Claudia, und dieſe hegte das geliebte Weſen und wandte im Voraus von ihr ab, was ſie in Perlegenheit bringen konnte. Dazu fand ſich manche Veran⸗ laſſung, denn Magda war das Augenmerk von Vielen, und ſtets von der herausfordernden Prinzeſſin blosgeſtellt, fühlte ſie ſich oft verletzt, ohne ſich ſchnell und geſchickt helfen zu können. Die Laune der Prinzeſſin war von ſo wunderbarem Wechſel von Güte, Muthwillen, edlem Geiſte und trivialem Weltgeſchwätze, daß Magda ſich von ihr angezogen und beſchäftigt fühlte, und oft ihr Erſtaunen und ihre Bewunderung nicht zu unterdrücken vermochte, wenn ſie ihr auch in nichts nachzuahmen wünſchte, odet vermocht hätte. Nach einer langen und ernſten Unterredung des Prinzen mit Thyrnau, die dieſer ſchon an demſelben Abend veranlaßte, wo die Damen angekommen waren, ſah man den Prinzen zu Anfang in tiefe Traurigkeit verfinken und ihn dann 133 zu der liebenswürdigen Ruhe zurückkehren, die ſeine Gegenwart ſo anziehend machte, da ihr eine hohe Wärme des Herzens zum Grunde lag und ein ſprudelnder Enthuſiasmus ſie erheiternd unterbrach. Die Prinzeſſin hatte gegen ihn eine Nuance, die ihr kein Anderer abgewann; ſie hatte eine leichte Schüchternheit mit ihm— eine Stille ſchien in ihr einzutreten, wenn ſie in unmittelbare Beziehung zu ihm trat— ſie war nachdenkend und ſagte dann oft Dinge, die ihren hohen Geiſt, ihr edles Herz verriethen. Lacy ſchien an ihrer Theilnahme zu verlieren und dieſer behielt alle Zeit, ſich mit Claudia zu beſchäftigen, die neben zwei der ſchönſten weiblichen Weſen immer denſelben Rang in dem Herzen ihres Gatten zu behaupten ſchien und dadurch alle Verſchönerungen des Glücks erfuhr, und die Freiheit des Geiſtes behielt, die ihre liebenswürdigen Fähigkeiten ſich ent⸗ wickeln ließ. Dazwiſchen trat nun Podiebrad mit dem Beſtreben, ſeine Disciplin feſtzuhalten und ſeine Niederlagen vor dem Zuuber dieſes lang entbehrten weiblichen Umgangs mit alten Anführun⸗ gen aus den Statuten der Kreuz⸗, Tempel⸗ und Malteſer⸗ Ritter, in welche er ſich in den Zwiſchenzeiten begrub, zu er⸗ klären und in das Licht ihm obliegender Pflichten zu ſtellen. Wie oft ihn nun auch die Prinzeſſin mit dem ganzen Verhau, den er mühſam aufgebaut, über den Haufen rannte und ihn dann fortriß, Alles zu thun und geſchehn zu laſſen, grade wie ſie es wollte— er fand ſich nach geſchehener That immer wieder auf dem alten Standpunkt ein und dies war auch eigentlich, was die Prinzeſſin wollte. Entſetzlich war es Magda, daß ſie nun auch den Grafen Matthias wiederſehen mußte, vor dem ſie eine große Scheu empfand. Der nächſte Tag nämlich verſammelte die ganze Ge⸗ ſellſchaft bei dem Gouverneur zum feierlichen Banket und hier erſchien der Graf Matthias unter den Andern. Aber wenn keiner 134 der höchſt ehrenfeſten Ritter des Karlſteins dem lang entbehrten Vergnügen einer ſolchen Geſellſchaft widerſtand und man an Allen ein verändertes und von dem ſelbſt beſchäftigten Podie⸗ brad überſehenes Betragen wahrnehmen konnte— trat dieſer Fall doch nicht bei dem Grafen Matthias ein, welcher trotz ſeiner Jugend und Schönheit dem Grabe verfallen ſchien und auf deſſen bleichem Antlitz ſich ein düſterer Ausdruck von abgeſchloſſener Menſchenfeindlichkeit und fanatiſchem Eigenſinn zeigte. Er blickte faſt nicht von dem Kreuze ſeines Degens auf und zog ſich auf eine Weiſe zurück, die ſelbſt dem Alles beachtenden, für Jeden ein ausreichendes Wort findenden Thyrnau ein näheres Geſpräch mit ihm unmöglich machte. Deſſen ungeachtet ſah Thyrnau, daß Magda's Stimme, wenn ſie zu ſeinem Ohre drang, ihn zuſammen ſchaudern machte, ja er ſah, wie er oft von dieſem Ton verführt ihren Anblick ſuchte, um dann wieder in ſein düſteres Brüten zurückzufallen. Noch am ſelben Abend forderte er es vom Prinzen, dieſem jungen Manne ein Kom⸗ mando zu verſchaffen, welches ihn mit Gewalt aus dem Karl⸗ ſtein entferne, und lächelnd ſah der Menſchenkenner, wie be⸗ ſonders bereitwillig ſich der Prinz dazu zeigte, da er ihm zu⸗ gleich die Beziehung deſſelben zu Magda anvertraut hatte. Nach dieſem feierlichen Tage bei Podiebrad erfolgten ab⸗ wechſelnde Einladungen und die Prinzeſſin wollte nun auch ihr Feſt geben und nachdem ſie den Tag vorher mit Lacy, dem Frei⸗ herrn von Galbes und Trautſohn ausgeritten war, erklärte ſie: ihr Feſt ſolle im Freien ſtatt finden und Alles müſſe ſich zu“ Pferde dahin begeben. Mehr konnte wohl der Mai ein Feſt nicht begünſtigen, wozu man ihn als Decorateur und Lampier erkoren; denn die Luft war von elaſtiſcher Friſche, die Strahlen der Sonne noch willkommen und belebend hinter dem leichten gelbgrünen Laube des Waldes, die Erde ſchon geſchmückt mit den bunteſten Blumen, 135 und das dunkle Moos mit den zarten hellgrünen Schößlingen des Frühlings gemiſcht. Ein Lüftchen rührte ſich bloß, wie es ſchien, um die Schleier der Damen anmuthig in der Luft zu kräuſeln und die Federhüte der Herren wogen zu laſſen, und als der Zug am Rande des Waldes bald durch ihn hin, bald auf der davor liegenden Wieſe, mit den ſchönen Pferden und in den heitern koſtharen Koſtümen dahin tanzte, ſchien es, der Mai habe ſie Alle zu ſeinem Dienſte erkoren. Wohin die Prinzeſſin ſie führen würde, das erregte Neu⸗ gier und Scherze, die ſie immer nach allen Seiten parirte— Alle aber wußten, daß ſchon geſtern große Wagen aus der Feſte nach dem geheim gehaltenen Luſtorte abgegangen waren, und noch immer kamen von Zeit zu Zeit geheimnißvolle Meldungen an die Prinzeſſin— und endlich als man in die Tiefe des Waldes eingebogen war, übergab ſie Trautſohn das Kommando des Zuges und ſprengte, von Lacy und Galbes begleitet, in den Wald und ihren Gäſten voran. Trautſohn ritt dicht neben Magda, neben dieſer wieder Claudia, vom Prinzen von S. begleitet. Magda hatte heute ihre ſchwarze Kleidung mit einem ſchönen Anzuge von Roſa⸗ Seidenſtoff vertauſcht, den ihr die Prinzeſſin mitgebracht hatte und an ihrem Goldnetz einen luftigen Schleier befeſtigt, da ihr ſchönes Haupt durch Thyrnau's Willen gegen die Mode bewahrt blieb, und ſie weder Haube, noch, wie heute die Damen Alle, Hüte tragen durfte. Schon längſt aber hatte der Graf von Podiebrad Magda ein Geſchenk überreicht, welches einer ſeiner Ahnherren auf einer merkwürdigen Expedition aus China mit⸗ gebracht und welches an wunderbar zierlich gedrechſeltem Elfen⸗ beinſtiel einen kleinen Schirm in bunter Seide mit wunderlichen Malereien verziert, wie ein Dach gegen die Strahlen der Sonne in die Luft hielt. Dieſes Geſchenks hatte ſich Magda heute zu Podiebrads Ehre bedient und Trautſohn, der erſt tief auf⸗ 136 athmen mußte, als er ſie ſah, ſo hatte ſie ihm den Athem ver⸗ ſetzt, ſagte„Wenn Du das Ding hältſt, wirſt Du ſchlecht mit den Zügeln fertig werden, gieb ſie nur her, daß Dir kein Un⸗ glück geſchieht.“ Damit hatte er ſie ſchon gefaßt und ritt freilich nun an ihrer Seite. „Magda,“ ſagte Claudia wohlgefällig—„Du ſiehſt aus wie ein Gedicht, was ich las, wo die Fabel in den Wald ritt zur Winterzeit, und überall, wo ſie ſich nur von fern zeigte, blühte Alles auf und in dem ganzen Walde wurde Frühling— denn, ſagt mein Dichter— ihre Augen waren belebend wie die Sonne, und ihr Athem wie der Thau des Himmels.“ „Das macht mein Kopfputz,“ ſagte Magda—„der ſo fremd iſt jetzt, und dann vollends mein kleines Zauberdach über mir, und das farbige Kleid— das Alles biſt Du nicht am mir gewohnt und mag wohl fabelhaft ausſehn.“ „Nun das nicht allein,“ ſiel Trautſohn ein—„ich glaube, Frau Gräfin, Magda könnte es mit der Fabel aufnehmen— wollte ſie nur einmal, der Winter widerſtände ihr auch nicht!“ Alle lachten und Trautſohn lenkte nun in eine Schlucht ein, die wallartig einen Hohlweg bildete, der nit feinem Nadelholz bewachſen war; dann ſtieg der Weg immer zwiſchen hohen Kiefern und Lerchenbäumen ſich hindurch ziehend, und plötzlich lenkte er um eine mäßige Felswand und vor der über⸗ raſchten Geſellſchaft hielten ſie vor einem ſanft anſteigenden Felſenplateau, auf deſſen ſammetgrünem Moosgrunde eine kleine graue Burg emporſtieg, welche Alle mit dem Ausruf: Karlik— begrüßten. Alle ſammelten ſich, auf das Angenehmſte überraſcht, auf dem Punkte, von welchem man den reizenden Anblick genoß, und laut rief man der Prinzeffin Beifall zu, denn man ſah, hierhin habe ſie ihr Feſt verlegt und ſie ſelbſt zeigte ſich auch ihren Gäſten ſchon als Inhaberin der Burg. Dieſe lag aber 137 noch jenſeit eines waſſerreichen Grabens, welcher mit den jetzt verſunkenen Wällen einſt die Wohnung der Kaiſerinnen geſchützt hatte, und die kleine Zugbrücke, die darüber wegführte und nach der andern Seite zu lag, ſenkte ſich erſt, als laute Trom⸗ peten⸗Fanfaren die Ankunft der Gäſte verkündigten. Es gab nichts romantiſcheres, als dieſe kleine Burg, die nicht viel mehr als eine Ruine war und gerade nur ſo viel auf⸗ recht erhalten hatte, um eine augenblickliche Täuſchung über ihre Exiſtenz zu geben. Der Wald umhegte ſie nach den drei größten Seiten, nur det höchſte und am beſten erhaltene Thurm trat auf einer brei⸗ ten Lichtung des Waldes hervor, welche zugleich zeigte, daß hier die Burg auf einer bedeutenden Höhe lag und den Wald wie die angrenzende reizende Gegend beherrſchte. Dieſer Thurm grenzte an das Hauptgebäude und hatte den Erker, von dem man den Karſſtein ſehen konnte. Vor ſeinem Fuße ward die Zugbrücke ſichtbar, über welche die Geſellſchaft jetzt mit heiterm Sinne zog, die reizende Prinzeſſin begrüßend, welche, Lacy und Galbes an ihrer Seite, von dem kleinen Erker hernieder ihre Gäſte willkommen hieß. „Es giebt nichts liebenswürdigeres, als die Prinzeſſin,“ ſagte der Erbprinz von S. zu Frau von Hautvis, welche mit Thyrnau eben die Brücke paſſirte—„dieſe Friſche des Geiſtes hat den Zauber, den nur ein ſchönes Herz verleiht.“ „Ja,“ ſagte die alte Dame raſch und feurig— ur wer ihrem Herzen vertraut, wird den ganzen Werth dieſes herrlichen Weſens begreifen können.“ Als ſie Thyrnau vom Pferde hob, drückte ſie ihm ſchnell die Hand und ſagte leiſe: „Endlich!“ Thyrnau lachte und ſagte:„Ihr alten Damen bekommt immer noch einmal alle Schauet und alle Qnalen der Liebe, welche die Jugend hinter Euch legt, wenn Ihr irgend eine 138 Tochter oder einen Pflegling mit gehörigem Erfolg in dieſelbe Sphäre hinein jagen möchtet.“ Indeſſen traten ſie in den gothiſchen Spitzbogen der Ein⸗ gangspforte und befanden ſich, nachdem ſie eine gewölbte Vor⸗ halle durchſchritten, auf dem Burghof, um den ſonſt die Gemächer der Frauen herum liefen. Die zierlichen Spitzbogen ihrer Fenſter zeigten ſich jetzt ohne Scheiben, aus ihren Rahmen hingen Epheu und Schlinggewächſe nieder, oder die leicht ſich ſäende Birke und Weide regte ihr lispelndes Laub an der Stelle, wo ſonſt das muntere Geſpräch der Jugend ſich hören ließ. Der Raſen war kurz geſchoren und mit großem Geſchick hatte man junge Birken gefällt, und durch eingegrabene Bäume ge⸗ halten war eine Naturtreppe gebildet, die gleich in ein breiteres Fenſter, welches bis zum Fußboden erweitert war, den Ein⸗ gang zu dem gewölbten Banketſaal eröffnete, da die nach innen laufende Treppe zu verfallen war, um im Verlauf weniger Stunden hergeſtellt werden zu können. An dieſem zur Thür verwandelten Fenſter ſtand die Prin⸗ zeſſin und reichte mit der jubelnden Luſtigkeit eines Kindes der edlen Claudia die Hand, welche, von dem Erbprinzen unter⸗ ſtützt, die etwas ſchwierige Treppe hinanſtieg. Wie angenehm war aber auch die Ueberraſchung, die dieſer ungewöhnliche Raum darbot! Jeder ſtieß einen Ruf aus, der ſein Entzücken oder ſeine Ueberraſchung bezeigte, und die Prinzeſſin war außer ſich vor Luſt, daß ihr Alles ſo wohl gelungen war. Der Eßſaal, der ſeine frühere Beſtimmung noch vollſtändig verrieth, war ein längliches Viereck und hatte nach beiden gegenüber liegenden Seiten fünf Fenſter, von denen das mittlere, woran jetzt die Naturtreppe angelegt war, ſicher früher einen Balkon trug, da es größer und breiter als die übrigen war. Was auch die Zeit, von der Vernachläſſigung begünſtigt, hier bewirkt, die Wände hatten noch ziemlich ihr Getäfel von ſtarkem Eichenhoz erhalten und es zeigten ſich noch an einigen Stellen die feſten Bänke, die in den Wänden eingelaſſen waren. Die Fenſter waren zwar ohne Scheiben, aber die Kunſt hätte mit allem Vorhaben der Verſchönerung nicht lieblichere Gewinde bilden können, als hier der Epheu und die Brombeere mit ihren weißen Blüten und der Weißdorn mit ſeinen roſigen Knospen um die zierlichen architektoniſchen Formen ſchlang. Allen, die eintraten, zeigte ſich zuerſt dieſe Fenſterreihe und dahinter der maigrüne Wald, den die Sonne beſchien! Rechts aber am Ende des Saales war die Mauerwand ganz eingeſtürzt und es hatte ſich nur noch der gewölbte Bogen er⸗ halten, in welchem ſie geruht und der wie durch ein breites Thor, umſpielt von der fleißig an ihm hinauf geklommenen Vegetation, den Blick in die Wieſengründe zeigte, die mit den maleriſchen Baumgruppen abwechſelten. Links aber grenzte der Saal an das beſt erhaltene Zimmer der Burg, an das Erker⸗ zimmer der Kaiſerin, das die Ausſicht nach dem Karlſtein hatte. Was aber dieſen Eßſaal ſo eigenthümlich heiter und erquicklich machte, das war— daß ſein Dach längſt verſchwunden und der blaue Himmel das Ganze überwölbte. Unter dem Schutze ſeiner reinen tiefblauen Decke hatte die Prinzeſſin die Tafel zu⸗ richten laſſen und nachdem man Schutt und Moder in der verfloſſenen mondhellen Nacht von ſeinem Fußboden geſäubert, hatte man Teppiche ausgebreitet, Lehnſtühle und Schenktiſche mit reichem Geräth herbei geſchafft und dieſen phantaſtiſchen Raum— wo die Erinnerung an ſeine ehemaligen Bewohner die Phantaſie ſogleich ergriff— zu einer Täuſchung erhoben, die faſt mit der Luſt zugleich eine Art Feierlichkeit und Rüh⸗ rung in Allen hervor rief. Podiebrad litt am ſtärkſten unter dieſer Anfechtung und kämpfte mit einem Wuſt von Erinnerungen, die ihm— Po⸗ diebrad den Burggrafen vor vierhundert Jahren vor Eleonora 140 der Kaiſerin zeigten, wie er zu ihr in den Erker getreten war und im ſelbigen Saale zur Tafel geſeſſen. Er hätte ſich gern auf etwas Erzählbares beſonnen, was ſeine beſondere Berechti⸗ gung, die er in dieſem Revier ſich zugeſtand, auch den Andern darlegen ſollte, aber es entſchlüpfte ihm Alles wieder in der Regſamkeit um ihn her und bei der Unzugänglichkeit der Prin⸗ zeſſin, die ſeinen beabſichtigten Anlauf ahnend, ihn immer, ehe er im Bügel ſaß, ſchon wieder aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. „Ach! Du biſt prächtig!“ rief dagegen Magda, die Prin⸗ zeſſin liebkoſend—„Dir dient Alles! Die Vergangenheit leihet Dir ihre Träume und Du zauberſt eine Gegenwart daraus, wie ſie kein Anderer möglich hält, wie ſie nun Jeder wenigſtens möchte geträumt haben und die doch ein Zauberkreis iſt, den Du allein um uns zu ziehen wußteſt.“ Beide waren ſo ſchön neben einander— die Prinzeſſin horchte immer auf Magda's Lob— ſie ſah ſich gern von Frauen gelobt— Männerlob hatte ſie überhin— jenes gewann ſie ſchwerer und nur von ganz Unſchuldigen oder ganz Hochgebil⸗ deten. Dazwiſchen lag aber die Menge, die am allerſchnellſten verurtheilt. Jeder trat in Eleonora's Erker— wo noch der Kamin von grauem Marmor und die Holzwände und der Fußboden erhalten waren, weil die dicken Mauern des Thurms ſie geſchützt und gedeckt— man auch zu verſchiedenen Zeiten die Fenſter erneuert hatte. Ein Betpult mit dem Kniebänkchen war noch vorhanden„ und ein Schränkchen klaffte ohne Schloß aus der Wand ent⸗ gegen— in einer Niſche ſah man noch eine eiſerne Stange mit Ringen, an denen ganz oben einige Läppchen farbloſen Damaſtes hingen. Das war die Schlafſtelle der hohen Frau, und nur Eins trübte Magda's Intereſſe an Allem— Thomas Thyrnau nöthigte ihr ſchonungslos auf, daß der Kaiſer Karl der Vierte 141 auch vier Frauen gehabt hatte, die Alle nach einander hier Platz gefunden. „Ach, Du wirſt Dich irren,“ ſagte ſie faſt bittend— wie ſollte ein ſo guter echter Czeche ſo vielmal ſein Herz haben verſchenken können— er war ja ſo glücklich mit der edlen Eleonora!“ „Grade deshalb,“ ſagte der unerbittliche Thyrnau.— „Weißt Du nicht, daß die Männer am ſchnellſten wieder hei⸗ rathen, die am glücklichſten waren? Sie halten es nicht mehr aus allein in der Welt, und oft iſt ein ſchnell ſich folgender Verſuch der Art eine wahre Leichenrede des Lobes auf die Ver⸗ ſtorbene— ja ich glaube ſelbſt an die makelloſe Treue des Her⸗ zens unter ſolchen Umſtänden— dagegen der zweite Verſuch ſicher geſcheut wird, wo das Herz ſich betrogen fand und nur traurige Erinnerungen die ganze Bedeutung ſolcher Verhältniſſe verſchütten.“ „Ach, ſage, was Du willſt,“ rief Magda—„es iſt doch ſchöner, wenn das Alles nur einmal möglich iſt und unglücklich braucht Keiner zu werden, auch nicht einſam braucht ſich der Verlaſſene zu fühlen— nur gewiß muß er es haben, daß er geliebt war, dann hat er genug, auch ohne den Beſitz.“ Magda glaubte ſich mit Thyrnau allein, als ſie ſo ſprachen, aber tief ſinnend hatten Claudia und Lach im Erker gelauſcht, ſie ſtanden nun Beide hinter ihnen und Alle ſahen ſich bewegt an, und Magda glühte auf, und Claudia küßte ſie und führte ſie in den Eßſaal, wo eben die Speiſen aufgetragen wurden. Der Abend, der der heiter verlängerten Tafel folgte, war ſo bezaubernd ſchön, daß man beſchloß, den Mondſchein zur Heimkehr abzuwarten, und da für keine Art von Beleuchtung Anſtalt zu treffen war und die Burgräume zu dunkeln begannen, nahm man auf dem Felſenplateau ſelbſt, welches mit kurzem trocknem Mooſe bedeckt war, Platz und genoß auf der gelichteten 142 Stelle des Waldes den Sonnenuntergang und den Zauber der Dämmerung in Erwartung der glänzenden Himmelserſcheinung, welche ihnen den Heimweg beleuchten ſollte. Da ließen ſich die Fanfaren der Trompeter hören; es ward gemeldet, daß ein Reiter, von einem Boten begleitet, Einlaß begehre, und da Podiebrad an der Seite der Prinzeſſin dem Eingang zu dem Burghof zunächſt ſtand und die Meldung em⸗ pfing, hießen Beide die Zugbrücke niederlaſſen und den Fremden einführen. „Iſt der Prinz von S. hier?“ rief ſchon in der Vorhalle eine jugendliche befehlshaberiſche Stimme— und ſogleich trat ein Jüngling im Reiterkollet und der leichten beſiederten Reiſe⸗ mütze, mit klirrendem Schwert an der Seite, auf den Burghof, der etwas überraſcht bei dem Anblick der Prinzeſſin ſchnell ſeine Mütze abzog und in Podiebrad den höheren Offizier erkennend, ihm ſeinen ehrerbietigen militäriſchen Gruß machte und ihn be⸗ frug, ob er der Prinz von S ſei. „Nein, mein Herr,“ ſagte der Graf—„aber er befindet ſich in der hier verſammelten Geſellſchaft, und ich werde ihn nicht hindern, in meiner Gegenwart die Meldung zu empfangen, die Sie vielleicht ihm zu machen haben.“ „Ich habe Sr. Durchlaucht eine Meldung des Stadt⸗ hauptmanns von Prag zu machen,“ ſagte der Jüngling— „und dieſen Brief zu übergeben.“ „Dort, mein Herr!“ ſagte Podiebrad mit feierlicher Vor⸗ nehmheit—„begeben Sie ſich dort zu der Geſellſchaft, meine“ Offiziere werden Sie dem Prinzen vorſtellen.“ Der Jüngling verbeugte ſich kurz und wollte ſich eben um⸗ wenden, als die Prinzeſſin Thereſe mit ihrer Beobachtung zu Ende gekommen war, und während ſie ihm die Hand auf den Arm legte, ſagte ſie:„Halt, mein junger Herr! erſt haben wir noch ein Wörtchen zuſammen zu reden, denn trotz des ledernen Kollers, der ungeheuren Reiterſtiefeln und des langen Schwertes ſind wir wohl alte Bekannte, und ich werde mir ſelbſt die Ehre geben, Sie zu präſentiren, denn ich vermuthe, Sie werden hier viel alte Bekannte finden.“ Der Jüngling ſah mit einem Blitz von Freude aus ſeinen feurigen blauen Augen die Prinzeſſin an und ſchüttelte das ſtarke blonde Haar von der tiefen geheimnißvollen Stirn. „Nun ja!“ lachte die Prinzeſſin—„dacht' ich's doch— er iſt es leibhaftig ſelbſt!— So kommt denn, es wird große Freude geben.“ Zum größten Erſtaunen Podiebrad's nahm ſie den Reiter⸗ jüngling bei der Hand und näherte ſich der in einer Gruppe ſitzenden und ſtehenden Geſellſchaft. Es ſchien Allen, die ſie daher kommen ſahen— ſo feierlich, ſo lächelnd und glücklich zugleich— ſie habe einen ihrer ſchönſten Momente. Der Jüng⸗ ling neben ihr wurde immer glühender und ſeine Augen funkelten und ſein Mund zeigte das Lachen der Freude. Da ſtieß Magda einen Schrei aus und flog auf den Jüng⸗ ling zu— und dieſer ſtürzte vor ihr ins Knie und drückte ſein Geſicht in ihre Kleider. „Egon! Egon! mein geliebter Egon!“ rief Magda. „Claudia! Lach! es iſt unſer Egon“— und dieſe hatten ihn auch erkannt. Er ſtürzte an Lacy's Bruſt und verbarg die ſchnell hervorbrechenden Thränen des Entzückens— und dieſer entließ ihn nur, damit ihn Claudia wie ihren Sohn umarmte — dazwiſchen ward gefragt, erzählt, gejubelt und die Prinzeſſin war wie die holde Fee, die dieſes Glück bereitet hatte, ganz außer ſich und wie das lieblichſte Kind.„Doch jetzt,“ fuhr ſie auf, als ſie ſah, daß der Prinz von S ein nachdenklicher Zu⸗ ſchauer dieſer Scene geworden war—„jetzt, mein junger Herr, haben wir Dienſtpflichten zu erfüllen.“ Damit machte ſie ihn aus Magda's Händen los, die ihn nicht genug anſehen konnte 144 und ftagen, und ſeine ungeſtümen Gegenfragen beantworten, und eben als ſie ihn zum Großvater führen wollte, drehte ihn die Prinzeſſin um und führte ihn dem Prinzen vor:„Hier, Durchlaucht, ſtelle ich Ihnen meinen Adoptivſohn vor, der in dieſem Augenblick von Prag aus an Sie geſendet ward— dies, mein Sohn,“ fuhr ſie fort—„iſt der Erbprinz von S.“ Egon faßte ſchnell ſeinen Degen und indem er ſich in voll⸗ ſtändig militäriſche Haltung begab, überreichte er dem Erbprinzen von S. den erwähnten Brief. Der Prinz nahm das Schreiben, aber ſein Auge wurzelte auf dem Jünglinge, der es ihm gab, und als ſich Beide gegen⸗ über ſtanden und die Prinzeſſin von einem zum Andern blickte, ward ſie plötzlich ſehr blaß— und das Geheimniß in Egons Zügen, das ſie ſo tief ergriffen hatte, war ihr gelöſt. Ob des Prinzen Auge magnetiſche Gewalt übte, genug Egon, ſchien es, konnte ſich an dem ſchönen Prinzen nicht ſatt ſehn, und dieſer legte ihm endlich die Hand auf die Schulter und ſagte:„Egon heißt Du? Egon! ein ſchöner theurer Name! Doch Deinen Zunamen, mein Sohn, ſag' mir.“ Egon wurde glühendroth— er ſenkte den Blick zur Erde und ſchwieg, während der Prinz ſchon die Frage vergeſſen zu haben ſchien, uur immer wieder ihn anblickend und an beiden Schultern feſthaltend. Da führte Magda den Großvater hinzu und ſagte zu Egon: „Sieh hier, Egon, das iſt Thomas Thyrnau— mein Groß⸗ vater, von dem ich Dir ſo viel erzählt habe.“ Der Prinz aber ließ die Arme von Egon's Schultern ſin⸗ ken und Thyrnau lebhaft ergreifend, rief er:„Sieh! ſieh! Thyrnau, ſieh dieſen Knaben!“ Thyrnau hatte nicht die heitere Jovialität des Grußes, die ihm ſo wohl ſtand und die Magda ſo ſehr für ihren Liebling gewünſcht hätte; er ſchüttelte ihm die Hand, er wußte ihm ſein 18 145 Wohlwollen auszudrücken, aber er war zerſtreut und ein weh⸗ müthiges Nachdenken drückte ſich in ſeinen Zügen aus, und verſenkte ihn forſchend in den Anblick des Jünglings. So ziemlich wußten nun die Anweſenden, daß der junge Kornet mit Allen befreundet, ein Pflegeſohn der edlen Gräfin Lacy ſei und in einem zu Prag ſtationirenden Reiter⸗Regiment diene; das kleine Ereigniß hatte das Feſt noch einmal belebt, und während beide Lach's und Magda zunächſt um Egon ſaßen, hatte die Prinzeſſin ihre Faſſung wieder bekommen und be⸗ fohlen, daß man ihm noch eine möglichſt reiche Mahlzeit ſervire, wobei ſie ſich dann ſelbſt niederließ und mit der liebens⸗ würdigſten Gutmüthigkeit den hungrigen Jüngling zum Eſſen antrieb. Dagegen gingen Thyrnau und der Prinz nachdenklich vor der Gruppe auf und nieder und ihre Augen hafteten immer wieder auf dem jetzt freier ſich fühlenden Egon, der ſeine innere Glückſeligkeit bei dieſer großen und unerwarteten Ueberraſchung in tauſend kleinen Aufmerkſamkeiten ausließ, die zugleich ſeine entwickelte Erziehung bewieſen und Magda auf ihren frühſten Schüler ganz ſtolz machten. Indeſſen hatte der Mond Alles gethan, was man wollte. und der klare Himmel, an dem er aufgegangen, ſchien faſt Tageshelle zu verbreiten.— Jetzt ſagte jeder der Anweſenheit der Prinzeſſin einige Worte des Dankes und der Anerkennung, und die Pferde wurden vorgeführt, und der Zug fing an ſich zu ordnen. Trautſohn brachte Magda ihr Pferd.—„Ach,“ rief dieſe, die ihn bis jetzt ganz vergeſſen hatte—„haſt Du Dich nicht auch recht darüber gefteut, daß ich meinen lieben Egon wieder⸗ geſehn habe?“ „Was geht mich der fremde Junge an,“ ſagte Trauſſohn mürriſch— er iſt ja, wie ich höre, nicht einmal Dein Bruder, Thomas Thyrnau. UI. 10 146 obwol Du grade ſo zärtlich mit ihm thuſt, als wär' er's— da hab' ich wenig Freude daran, wenn Dir andere junge Burſche ſo gut gefallen, daß Du keinen anſiehſt.“ „Pfui!“ rief Magda—„wie biſt Du ſchlecht und unartig! Immer Du— und Du! als ob das die Hauptſache wäre— kannſt Du Dich nicht freuen, weil ich mich freue? Wenn Du eine Schweſter hätteſt oder nur eine Pflegeſchweſter, wie wollte ich ſie lieb haben, grade darum, weil Du ſie lieb hätteſt.“ Sie nahm ihm die Zügel fort und trieb ihr Pferd allein an, über die Brücke zu gehen. Voran ritt ſchon der Prinz mit der Prin⸗ zeſſin und der Gräfin Hautois, ihnen folgten Claudia, Lach und Podiebrad und hinter ihnen lenkte Magda ihr Pferd ein, während Thyrnau den jungen Egon an ſeine Seite rief und die Herren der Beſatzung mit dem zurückgewieſenen Trautſohn hinterher ritten. Trotz des Mondſcheins und vielleicht grade deshalb neckte der Schatten des Waldes, der Wechſel mit dem ſcharfen Lichte, den kleinen Reiterzug, und der Prinz, der bis jetzt vorangeritten, erkaunte bald, da er überdies etwas zerſtreut war, daß er ſich ſchlecht dazu paſſe, die rechte Spur des Weges zu erkennen und man machte Halt, um einen Jäger aus dem Nachtrab als Führer voran reiten zu laſſen. Dadurch war der Zug einen Augenblick aufgelöſt, und als man ſich wieder ordnete, hatte ſich Trautſohn an Magda's Seite eingefunden, und obwol Beide ſchwiegen und einige Schritte zwiſchen ihnen lagen, ſahen ſie ſich doch zufällig zuweilen an und als Beide zu gleicher Zeit über ein Eichkätzchen lachen mußten, welches vor ihnen den Baum hinauf lief und lange mit dem krauſen Schweife wedelte, ritt er wieder dicht neben ihr und ſagte endlich, indem er in ihre loſen Zügel griff„Dein Pferd geht doch nicht ſo ſicher als ich dachte, und bei Nacht und bei den Wurzeln muß man die Zügel immer feſthalten.“ 147 „Nun, ſo nimm ſie,“ ſagte Magda und ſchlug bequem die Arme in einander—„ich bin auch müde genug und ſoll mich noch mit dem Pferde quälen.“ „Siehſt Du,“ ſagte Trautſohn.—„Wenn ich aber Dein Herr Pflegebruder wäre, der jetzt vollends mit dem Großvater zuletzt reitet, da hätte mir kein Anderer Dein Pferd führen ſollen— und ich muß mich ſehr über dieſen jungen Herrn wundern.“ „Wundere Du Dich nur über Dich ſelbſt,“ ſagte Magda —„da kannſt Du ſehn, wie lieb man ſich haben kann, ohne immer der Einzige ſein zu wollen. Das iſt das wahre Liebhaben!“ „Nun, das lerne ich denn im Leben nicht!“ rief Trautſohn —„denn ich möchte Allen die Beine entzwei ſchlagen, die um Dich her tänzeln, und könnte ich Dich ganz allein haben, ſo wollte ich gar nicht betrübt ſein, der Einzige zu ſein, und das ſchwöre ich Dir, es ſollte Dir an nichts fehlen. Und habe ich nur erſt meine ſchöne Herrſchaft in Mähren mit den vielen Schlöſſern und Burgen— ich glaube, es ſind ſechſe an der Zahl— da ſollſt Du hinkommen mit dem Großvater und ſehn, was ich leiſten kann.“ Obwol nach dieſer Erklärung eigentlich nur noch der Prieſter fehlte, hatten doch Beide kein Arg daraus und ein dumpfer Ausruf und ein ſtrauchelndes Pferd zeigte ihnen den Grafen Matthias, der hinter ihnen ritt. „Was iſt geſchehen, Matthias?“ rief Trautſohn augenblick⸗ lich an ſeiner Seite reitend—„iſt Dein Pferd nicht ſicher?e Doch dieſer winkte ihm abwehrend mit der Hand, gab ſeinem Pferde die Sporen und jagte an dem Zuge vorüber, bald in dem Walde verſchwindend. „Ach,“ rief Magda—„das mußt Du doch ſagen, der Matthias iſt ein unheimlicher Geſell— ich habe rechte bens vor ihm.“ 10* 148 „Ja, Herzensfurcht habe ich auch um ihn,“ ſagte Traut⸗ ſohn mit tiefem Gefühl im Ton—„aber aus Liebe zu ihm und weil ich weiß, daß er ſo unglücklich iſt, wie wenige Menſchen ſein mögen, und daß daran halb der Oheim Schuld iſt, der ſeine Natur verdreht hat, daß ihm Alles zur Sünde wird, was Andern zum Glück gereicht. Geht der verloren, Magda— dann kannſt Du nur um ihn weinen, denn Du haſt auch Dein Theil daran— und im Grabe wird es ihm noch wohl thun, wenn Du um ihn weinſt.“ „Das klingt ja recht traurig,“ ſagte Magda—„aber wie ſoll das wahr ſein können, was Du ſagſt, wenn es ſichtlich iſt, daß er mich haßt.“ „Ach,“ ſagte Trautſohn altklug—„Du verſtehſt das nur nicht und haſt keine Erfahrung— er liebt Dich ſichtlich und denkt, es iſt eine Sünde, weil ihm der Oheim eine Art Gelübde abgenommen hat wie dem Pacheco und dem Galbes, von ewiger Keuſchheit nennen ſie es— das ſoll heißen, daß ſie weder lieben noch heirathen dürfen.“ „Gott behüte,“ rief Magda—„als ob das eine Sünde ſei, da es doch die Beſten gethan haben! Aber Du biſt doch frei— Dir haben ſie es doch nicht zugemuthet?“ „Nein, das habe ich mir verbeten,“ ſagte Trautſohn—„denke Dir, wie das auch für mich paßte, wenn ich meine große Herr⸗ ſchaft bekomme und darauf allein leben ſollte ohne Frau und viele Kinder— die ſich dann Alle des Lebens freuen können.“ „Ja wohl, ja wohl!“ ſagte Magda.—„Nun— wenn's ſo weit iſt, da komme ich ſicher und beſuche Dich.“ Trautſohn lachte laut— dann ſagte er ihr noch näher rückend:„Das ſchwöre ich Dir, Du mußt dabei ſein, wenn's mir Spaß machen ſoll! Denke Dir nur, Matthias warnt mich immer vor Dir und ſagt, Du wärſt ein Bürgermädchen, gar nicht zum Heirathen für einen Edelmann!“ Jetzt lachte Magda und ſagte:„Ja, da hat er Recht— ich bin ein Bürgermädchen und gar nicht zum Heirathen.“ „Nun ſei Du, was Du willſt— Du biſt mir doch die Liebſte, und da Dich die Kaiſerin ſo lieb hat, ſo weiß ich wohl, was ich thue, wenn's ſo weit iſt. Aber eins bitte ich Dich— ſuche doch den armen Matthias etwas ſanfter zu machen und nimm ihm den Glauben, daß Du ein wahrer Dämon biſt.“ „Aber ich fürchte mich ſo,“ ſagte Magda—„wenn er mir nur nichts thut.“ „Ach, ſei doch nicht ſo furchtſam,“ entgegnete Traut⸗ ſohn—„ich will Dich ſchon behüten; auch kannſt Du ſicher ſein, daß er Dir nichts thut— Du mußt nur nicht fliehen, wenn er zu Anfang ſo ſchrecklich ausſieht, oder verworrenes Zeug redet.“ „Ich will ihm gern wohl thun, wenn ich kann,“ erwiederte Magda— und eben hielt der vordere Zug vor den Thoren des Karlſteins an, und die Trompeten blieſen um Einlaß, den der Graf von Paſterau, der als Befehlshaber zurück geblieben war, augenblicklich ertheilte. Als der Prinz von S. die Prinzeſſin Thereſe vom Pferde hob, ſagte er, indem er ſie in das Schloß führte:„Es ſcheint mir, Keiner hat Ihnen mehr zu danken als ich.— Es iſt mir, als ob es einer der wichtigſten Tage meines Lebens geweſen wäre. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen ſpäter über Alles, was ich heute in meinem Innern und auch vielleicht von Außen erfuhr— mein Herz ausſchütten darf.“ Sie ſtiegen während dieſer Worte die dunkle Wendel⸗ treppe des Thurmes empor; die Prinzeſſin ſchwieg, und im ſelben Augenblick verfehlte ſie eine Stufe— der Prinz fing ſie in ſeinen Armen auf— ein leiſer Schrei drang über ihre Lippen.„Thereſe,“ ſagte er— einen Moment hatte er ſie an ſeine Bruſt gedrückt— ſie ſchwieg noch immer.„Nur ein Wort!“ bat er leiſe. „Ich werde Sie anhören,“ ſtammelte die Prinzeſſin kaum verſtändlich. Die Thüren ihres Zimmers öffneten ſich— ſie war ver⸗ ſchwunden. Die Gräfin von Hautois ſaß ſchon ermattet in einem Lehnſtuhl— die Prinzeſſin ſchwankte auf ſie zu, fiel vor ihr nieder und verbarg ihr Geſicht laut ſchluchzend in den Schooß der mütterlichen Freundin. Als die Nacht gänzliche Ruhe im Schloſſe verbreitet hatte, ging Thomas Thyrnau noch an der Seite eines geringen Man⸗ nes in ſeinem Eßzimmer auf und nieder. Dieſer Mann war in nittleren Jahren, und obwol er jetzt das Koller des Dragoner⸗ Regiments trug, welches dem Prinzen von S. beſonders gehörte, und er mit dem kleinen Kommando gekommen war, welches den Prinzen hierher begleitet hatte, konnte es doch nicht ſchwer halten, in der kräftigen und geſchickten Geſtalt, in dem eigen⸗ thümlich klugen und doch gutmüthigen Geſicht des Mannes, Guntram den Waffenſchmid zu erkennen, welcher ſeiner alten Neigung gefolgt war, als er hörte, ſein geliebter ehemaliger Herr, der Erbprinz von S., ſammle aufs Neue ſein altes treues und tapferes Regiment. Thomas Thyrnau hatte den Rückweg benutzt, um aus Egon, ſo viel er ſelbſt wußte, über ſeine Lage heraus zu brin⸗ gen, und als er bei der Rückkehr im Hofe ſah, daß dieſer mit Guntram eine Erkennungsſcene hatte, die von großer Liebe und beſonderem Einverſtändniß zeugte, wußte er ſich, als die Burg in Ruhe ſchien, den Beſuch Guntrams zu verſchaffen. Es zeigte ſich bei dieſer Unterredung bald, daß es Thyrnau geſtattet war, mit dem klugen und ſinnigen Guntram offen zu unterhandeln; denn es fand ſich bei der erſten Anregung, die Thyrnau gab, daß Guntram von den Verhältniſſen des Prinzen 151 wohl unterrichtet war, und ſeine Vermählung wie das grauen⸗ volle Schickſal derſelben kannte, wenn ihm auch fremd geblieben war, wer die Gemahlin ſeines Herrn geweſen. „Gott weiß, mein Herr!“ fuhr er fort—„ob der Knabe, als er jünger war, die Aehnlichkeit nicht ſo zeigte als jetzt, oder ob ich thörichter Mann erſt den lieben gnädigen Herrn daneben ſehen mußte— genug— es iſt mir früher nicht klar geworden, obwol ich ihn oft anſah, und zu ergründen ſuchte, wem er gliche— wodurch mir das Herz immer mehr zu ihm hinſtand, was ohnehin ſchon wie behert durch den Knaben war. Gewiß iſt es aber, daß ſich Frau Mora nie vor mir ſehen ließ, und Frau Bäbili doch ſicher war, daß die beiden Kinder weder zu ihr ſelbſt, noch zu ihrer Familie gehörten.“ „Nach dem Tage aber, wo dieſe in das Haus der Fürſtin Morani übergingen, iſt die Frau Mora von dem Kloſterhof ver⸗ ſchwunden— und immer denke ich, ſie kommt wieder, und wird doch am Ende die Einzige bleiben, die Aufſchluß geben kann.“ Dies hatte Thyrnau längſt eingeſehen und entließ jetzt Guntram, weil er den Prinzen noch erwartete. Beide waren in großer Bewegung, als ſie ſich wieder ſahen, und das wenige Licht, welches Guntram zu geben ver⸗ mocht hatte, konnte ihre erwachten Hoffnungen nicht nieder⸗ ſchlagen. Der Prinz ward nun über ſo vieles in ſeinen Erin⸗ nerungen unſicher, daß er den Wunſch äußerte, nach dem kleinen Landhauſe hin zu reiſen, welches er angekauft und von einem alten treuen Diener verwalten ließ, um die Gräber der theuren Opfer zu ſchützen. Er erinnerte ſich jetzt, daß er nur ein Grab gefunden, daß der damals ſchon im Sterben liegende Diener, welcher auch gleich nach der Abreiſe des Prinzen ſtarb. ihm nur von dieſem einen Grabe geſprochen habe, und daß er in Verzweiflung angenommen oder gehört habe, daß Mutter und Kinder ein Grab umſchlöſſe. „Ich weiß nicht, wie Du in anderer Weiſe hierüber Sicher⸗ heit bekommen willſt,“ ſagte Thyrnau—„als indem Du Dich der entſetzlichen Aufgabe unterziehſt, die Gruft öffnen zu laſſen. Dieſe Maaßregel würde allerdings feſtſtellen, ob das Grab einen oder drei Körper umſchloſſen habe— aber doch nicht erweiſen, ob die Kinder, die jener Diener Dir als ſchon vor dem Tode der Mutter geſtorben ſchilderte, nicht wo anders begraben wur⸗ den, worüber Du ſelbſt nachzuforſchen vergaßeſt, da Du die erſte Idee feſtgehalten hatteſt.“ „Dazu kommt— außer daß mein Sohn Egon und meine Tochter Hedwiga getauft wurden— daß ich die dunkle Erin⸗ nerung eines Namens, wie Mora, unter der Dienerſchaft habe.“ „Ich glaube ſogar,“ fiel Thyrnau ein—„daß meine Toch⸗ ter eine ſolche Perſon in ihren Dienſten hatte, während jener Zeit, wo ſie mit Barbara auf dem Lande lebte— aber ich bin gegen unſere Erinnerungen wie gegen uns Beide mißtrauiſch, denn der Wunſch, daß unſere Ahnung ſich erfüllen möge, reißt uns Beide zu Schlüſſen hin, die vielleicht weit die Wahrſchein⸗ lichkeit überbieten. Lacy und ſeine Gemahlin theilen übrigens ganz unſere Hoffnungen, nachdem ſie den Zuſammenhang er⸗ fahren, und obwol ſie nichts Beſtimmtes wiſſen, hat Lach doch den Gedanken angeregt, meine Schweſter Barbara darüber aus⸗ zuforſchen, da es ihm möglich ſcheint, ſie könne Mora's Ver⸗ trauen mehr als Bäbili beſeſſen haben. Denke ich dabei ihres ſtillen verſchloſſenen Sinnes, ihres Widerwillens, Unruhe anzu⸗ regen, ja vielleicht auch ihrer Abneigung, die Kinder in größere Verhältniſſe übergehen zu ſehen, gegen die ſie nun einmal einge⸗ nommen iſt, ſo wäre es nicht unmöglich, daß ſie erſt meiner Auf⸗ forderung nachgäbe, auszuſprechen, was ſie wüßte oder ahnte.“ Gegen die augenblickliche Reiſe, obwol der Ort nicht ſehr entfernt an der böhmiſch⸗ſächſiſchen Grenze lag, traten einige Bedenken ein duich die Nachricht, die der Prinz eben durch 153 ſeinen Freund, den Stadthauptmann von Prag, den Freiherrn von Proſegk, erhalten hatte, und welche die unter der Hand empfangene Anzeige enthielt, den Fürſten von S. habe der Schlag gerührt und man wiſſe nicht, ob er, zwar noch lebend, es überſtehen werde.„Proſegk ſchreibt mir zwar, daß der un⸗ glückliche Mann das tiefſte Geheimniß über die Sache befohlen habe— eben um mich abzuhalten— denke Dir aber,“ rief der Prinz,„wenn dennoch in den letzten Augenblicken Gott ſein Herz rührte, er mich ſehen wollte und ich ihm dieſe Verſöhnung unmöglich gemacht hätte!“ Thyrnau mußte ſeine Ueberzeugung, daß dieſer Fall nie eintreten werde, unterdrücken, um dem Sohn nicht weh zu thun, deſſen Herz immer beſtrebt war, die menſchliche Hoffnung feſtzuhalten. Er rieth ihm daher, nähere Nachrichten abzuwar⸗ ten, die gewiß nicht lange ausbleiben würden, da mit wenigen Ausnahmen das ganze Land mit Liebe und Hoffnung an ſeinem Erbprinzen hänge. „Denke indeſſen nicht daran,“ fuhr Thyrnau fort—„ſelbſt im Falle, daß dieſer prächtige Jüngling Dein Sohn iſt und Du die Freiheit bekommſt, zu thun, was Du willſt, ihn dem Lande als Geſchenk mitzubringen— das wäre in jeder Art un⸗ weiſe. Die Mutter kann nicht mehr zu einem Stande erhoben werden, der dem Sohne Legitimität gäbe— das Land wiid ſich keinen andern Nachfolger gefallen laſſen und Du würdeſt dadurch augenblicklich in das traurigſte Zerwürfniß mit ihm ge⸗ rathen— noch einmal ſage ich Dir, Du mußt heirathen und dem Lande von einer ebenbürtigen Gemahlin Erben verſchaffen, das iſt Deine Pflicht! und“— fuhr er lächelnd fort—„ich glaube, Du haſt jetzt weniger wie ſonſt etwas dagegen, wenn ich den Brautwerber mache.“ „So wenig,“ ſagte der Prinz, ihm zärtlich die Hand drückend—„daß, wenn Du erlaubſt, ich ihn morgen ſelbſt mache!“ „O,“ rief Thyrnau—„ſo biſt Du mir recht! Das habe ich mir gewünſcht— das wußte ich, konnte nicht ausbleiben, wenn Du ihr näher kämeſt— und ſei gewiß, ſie wird Dich nicht täuſchen— ſie iſt ein edles reich begabtes Weſen, gegen das Du viel gut zu machen haſt— deren Thorheiten Du haſt ver⸗ ſchulden helfen, die ſie doch nur wie einen läſtigen Zeitver⸗ treib betrieb.“ „Ich habe mich dieſer Ueberzeugung nicht länger entziehen können,“ ſagte der Prinz—„aber als ich ſie heut neben Egon auf uns zukommen ſah, als ſie ihn mir ſpäter vorſtellte und ihn ihren Sohn nannte, da habe ich gefühlt, daß dies der Moment der Entſcheidung war— von dem Augenblick war ich entſchloſſen, ihr mein Herz anzuvertrauen. Wenn ich denke,“ fuhr er ſinnend fort—„daß ich ſie zuerſt wiederſah, als ich dem Kaiſer mein grauſames Schickſal entdeckte und ſie ſpäter vor meinen Augen das Götterkind, welches der Kaiſerin den Kloſterſcherz brachte und welches mich ganz bezauberte, in ihren Armen hielt und ihm Beiſtand leiſtete, wie heute Egon— wenn ich denke, dies Engelskind könnte meine Hedwiga ſein— ſo hat Gott ſie mir zweimal als die Mutter meiner Kinder gezeigt — und giebt ſie auch dem Lande den legitimen Erben— ſie wird dieſen Kindern eine Mutter ſein— ſie wird ſie nicht von dem ehrenvollen Platz verdrängen wollen, den ich ihnen ein⸗ räumen werde.“ „O,“ rief Thyrnau—„wohin verirren wir uns, da wir nicht wiſſen, ob nicht der eine Hügel die Gebeine der drei Ge⸗. liebten umſchließt.“ Am andern Tage fertigte der Prinz einen Boten mit einem Briefe an ſeinen Freund, den Stadthauptmann von Prag, ab und bat ihn am Ende deſſelben, den Kornet Egon ihm zu überlaſſen, und deßhalb das Nöthige bei Egons Regiment zu vermitteln, da er ihn als Lieutenant in ſeinem eignen 155 Regiment anſtellen wolle und ihn demgemäß um ſich zu be⸗ halten wünſche⸗ „Mag er ſein, wer er will! ich trenne mich nicht mehr von ihm,“ ſagte der Prinz dabei zu Thyrnau. Dann hatte er eine lange Unterredung mit der Prinzeſſin, welche nicht zum Frühſtück erſchienen war. Er entdeckte ihr alle ſeine früheren Verhältniſſe, die ſie zwar ſchon kannte, aber von ihm gern noch einmal anhörte— und bat ſie dann um ihre Hand. Mit edlem Freimuth willigte die Prinzeſſin ein und mit der tieſſten Gemüthsbewegung legte ſie ihm nun ihrerſeits ein Bekenntniß ihres vergangenen Lebens ab, ohne ſich zu ſchonen, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten.„Mit dieſem Bekenntniß“ — fuhr ſie dann fort—„befreie ich mich nun von der Laſt meiner Thorheiten und“— ſetzte ſie mit der größten Anmuth lächelnd hinzu—„Sie müßten es arg verſchulden, wenn ſie mir jemals wieder einfallen ſollten.“ Sie waren nun verlobt! Die Frühverlobten— ſo lang Getrennten— ſie fühlten ſich jetzt ſehr glücklich. Eben ſo war Egon mit Magda ſehr glücklich und ſie mit ihm. Er folgte ihr nun auf allen ihren Wegen, und Traut⸗ ſohn, der ihn ſich heute bei Tageslicht angeſehn hatte und fand, daß er drei Jahre jünger als er ſelbſt war, hielt ihn nun lieber für ein halbes Kind und ließ ihn mitgehn, da es Magda gern hatte. Dagegen war Egon, der dies Uebergewicht empfand, ſchwer zu beruhigen, und immerfort hatte ſie ihn zu ſchelten, zu zerſtreun, oder durch kleine Vergünſtigungen zu verſöhnen. Da man an dieſem Mittage bei Graf Lach aß, erſchien auch der Graf von Podiebrad mit ſeinen Offizieren, und zum größten Erſtaunen Lacy's ſetzte ſich Magda bei Tafel zwiſchen Trautſohn und den Grafen Matthias. Dieſer hatte ſich wie gewöhnlich ſtumm und geſenkten Blickes auf ſeinen Platz nieder⸗ geſetzt, als er plötzlich das Rauſchen von Magda's Kleid hörte 156 — und im ſelben Augenblick ſaß ſie neben ihm. Es war ganz deutlich zu ſehn, daß er anfangs unſchlüſſig ſchwankte, ob er nicht aufſpringen und davon laufen ſollte: was in ihm ſiegte — er hätte es nicht zu ſagen vermocht— aber er blieb ſitzen. „Ach,“ ſagte Magda—„s wird Dir unlieb ſein, bei mir zu ſitzen, lieber Graf Matthias! aber ich bitte Dich, halte aus! Vielleicht verſöhne ich Dich während der Tafel, denn es iſt mir eine wahre Bürde, daß Du mir ſo nachdrücklich zürnſt, da das längſt vergeſſen ſein müßte, was geſchah, und ich ſogar gegen den armen Paſterau keinen Groll mehr habe.“ „Womit habe ich dieſe Anklage verdient,“ ſagte leiſe der Graf Matthias— da ich gegen Niemand als gegen mich ſelbſt Groll hege und nur einer höheren Vorſchrift gehorche, wenn ich der geſelligen Freude mich zu entziehen ſuche, die hier plötzlich ganz gegen die Disciplin des Karlſteins ihren Ein⸗ zug hält.“ „Ach, guter Graf Matthias,“ ſagte Magda—„Du biſt ja noch ſo jung, es iſt nicht Recht, daß Du eben ſo reden willſt, als der gute alte Podiebrad, der ſein Leben in der Welt abgethan hat und thun kann, was ihm Freude macht, ohne daß es ihm übel genommen wird— aber— ich weiß nicht, wie Du Dir ein männlich Weſen gerade ſo vorſtellen kannſt, daß in ihm gar kein Vertrauen lebt zu der Seele Feſtigkeit und des Herzens Reinheit! Beteſt Du denn nicht das Vater Unſer? Da ſteht ja Alles drinnen— und wenn Du recht fromm biſt, mußt Du doch fühlen, daß Dir nichts mehr helfen kann, als daß Du feſt glaubeſt, daß es Dir helfen werde.“ D. Maada,“ ſagte der Jüngling— Du kennſt wohl keine Verſuchungen?“ Da kannſt Du Recht haben, denn es kommt mir Alles ſo natürlich vor— aber vielleicht iſt es blos darum ſo, weil ich ſeſt hoffe, Gott weide mich vor Verſuchung bewahren— da behütet Er uns auch! Mir fällt niemals ſo wildes teufliſches Zeug ein, wie Dir letzhin in der Kapelle.“ „Magda,“ ſagte Matthias—„Du ſprichſt wie ein Engel, und vielleicht will Gott, daß ich Dich höre— aber vielleicht biſt Du auch gerade das Werkzeug, mich in die höchſte Verſu⸗ chung zu bringen.“ O pfui,“ rief Magda— wie kannſt Du ſo unritterlich und unzart ſprechen— ich weiß es nicht, als ich Dich zuerſt ſah, kamſt Du mir ganz anders vor— Du gefielſt mir, denn ich ſah gleich, daß Du von beſſeren Sitten warſt als Paſterau, und über Deinen ſichtlichen Hochmuth lachte ich.“ „Du lachteſt?“ rief Matthias—„Du verſpotteteſt mich — Du— die Enkelin von Thyrnau?“ „Das bürgerliche Mädchen?“ fuhr dieſe lachend fort— „Ja ſieh! guter Graf Matthias— Dein Hochmuth iſt es ge⸗ wiß, der Dich ſo ſeltſam verändert hat, und Du ſollteſt dieſen für Deine höchſte Verſuchung anſehn, dann würden Du nach⸗ her finden, daß Alles, was um Dich her geſchieht, gar un⸗ ſchuldig iſt und nur dem zur Sünde wird, der ſie hinein legt.“ Matthias hörte ſtill zu— er richtete ſeine geſenkte Stel⸗ lung auf, aber er zuckte wie von einem Schmerze zuſammen, und es erſchien eine ſchnelle brennende Röthe auf ſeinem blaſſen Ge⸗ ſicht.„Am Ende biſt Du krank?“ ſagte Magda—„Du ſiehſt ſo blaß aus und hatteſt gewiß eben Schmerzen?“ „Ach laß ſie mir,“ ſagte der Jüngling bewegt—„fie werden mir helfen.“ „Hör',“ ſagte Magda— mit einem Male werden wir Beide nicht fertig— aber wir wollen uns nun nicht mehr vor einander fürchten, ſondern wollen häufiger mit einander ſpre⸗ chen, da vertreibe ich Dir vielleicht noch die Grillen.“ Obwol der Erbprinz an der Seite ſeiner ſchönen Braut ſaß, hatte er doch ſehr wohl die beſonders eifrige Unterredung 158 der beiden jungen Leute beobachtet, und es ſchien ihm nun doppelt nöthig, an ſein Verſprechen gegen Thyrnau zu denken und für die Entfernung des Jünglings zu ſorgen. Er benutzte die Zeit nach der Tafel, wo die Geſellſchaft ſich miſchte, um Matthias anzureden, und er verſtand es mit beſonderer Feinheit, den Jüngling auf die erwachende Thätigkeit aufmerkſam zu machen, welche den öſterreichiſchen Adel um ſeine Kaiſerin zu ſammeln anfinge und eine faſt unabweisliche Anforderung an die adelige Jugend enthalte. Es gelang ihm auch, die träu⸗ meriſche Zerſtreutheit des Jünglings zu feſſeln— wie aus einem Traume erwachend ſchienen ihm langſam die Verhältniſſe der Welt einzufallen, und der Prinz ſchlug ihm endlich vor, ſich dem Armeecorps anzuſchließen, bei welchem er ſelbſt ſtand. So nahe gerückt ſah er in dem jungen Manne die ängſtlichſte Auf⸗ regung entſtehn, und der Prinz, der ſo wohlwollend bemüht war, ihn ganz zu begreifen, zeigte ihm nun ſelbſt den Weg, der ihm offen ſtand; denn er bemerkte, daß dieſe traurige Ab⸗ ſchließung, dies träumeriſche Brüten, den armen Matthias um alle Thatkraft gebracht hatte. „und glauben Euer Durchlaucht wirklich,“ ſagte er end⸗ lich ſeufzend—„daß ich dieſen ehrenvollen Dienſt als Offizier des Farlſteins aufgeben darf, um mich der activen Armee an⸗ zuſchließen? Alle, die ſich hier vereinigt haben, ſind faſt durch ein höheres Gelübde gebunden, ihr Leben der würdigen Er⸗ haltung dieſer Feſte zu weihen— und ich habe bis jetzt nicht an der Würdigkeit dieſer Beſtimmung gezweifelt— und gewiß auch jeßt——“ „Laſſen wir das vorläufig,“ unterbrach der Prinz den er⸗ ſchütterten Jüngling gütig—„wir können ſelten die Verhält⸗ niſſe richtig beurtheilen, an die uns eine lange Gewohnheit feſſelt, denn dieſe verſöhnt uns ſelbſt mit ihren Mängeln. Aber die Zeit der Jugend fordert durchaus von einem Manne, 159 der es bleiben will, daß er ſich den Anſprüchen der Zeit in der Außenwelt hingiebt, ſich ihnen mit ſeinen Kräften anſchließt, um eine müßige Unthätigkeit von ſich abzuhalten, die ſo leicht in überſpannte Träumereien ausartet, und welche dem Leben entfremdet.“ „Ach,“ ſagte der Jüngling—„ich werde ihm nie wieder vertraut werden! Der Trieb zu dem, was Euer Durchlaucht heute ausſprechen, lag ſchon lange in mir; aber ich konnte mir ſelbſt kein Zeugniß werden, ob er nicht als geoßes Unrecht in mir zu bekämpfen war. Was uns von den übernommenen Pflichten ablenkt— kann das Recht ſein?“ „Wenn es wirklich Pflichten ſind, die auf uns angewieſen ſind,“ entgegnete der Prinz—„dann ſicher nicht— aber dies iſt der Fall hier nicht! Oeffnen Sie die Augen, junger Mann — welchen Werth für den Staat, oder für ihr Vaterland Böhmen kann die Bewachung des Karlſteins haben?— ihn als wichtig genug anſehn zu wollen, um eine hoffnungsvolle Jugend ſeinem Dienſte aufzuopfern, hieße einer Chimäre die⸗ nen, welche wenig ehrenhaft wäre.“ Graf Matthias zuckte zuſammen. Der gerade Angriff des Prinzen auf das bisher gehegte Kleinod ſeines Lebens, die Ge⸗ walt der Wahrheit, die immer im gelegenen Moment den Trug beſiegt— Alles zugleich traf den Jüngling jetzt mit einer Auf⸗ regung, die ihn faſt überwältigte, aber den düſtern Stillſtand, den ſein tödtendes Brüten über ihn verhängt, in ein natür⸗ licheres jugendliches Zürnen verwandelte. „Euer Durchlaucht haben ein raſches Wort chen!“ ſagte er und der ſchnelle Griff, womit er ſein langes Kreuzſchwert vor ſich auf dem Boden klirren ließ, deutete ſein verletztes Ehrgefühl an.—„Es ſind hier lauter Ehren⸗ männer verſammelt— ich bin der Geringſte unter ihnen, aber dem Knaben genug entwachſen, um zu fühlen, daß 160 in der Geſellſchaft ſolcher Männer nichts Ehrenrühriges liegen kann.“ „Verzeihung, mein junger Freund,“ entgegnete der Prinz —„ich wollte nichts ſagen, was dies ſchöne Gefühl gerade in Ihnen verletzte! Wie könnte ich nur wünſchen, daß Sie von den Verhältniſſen anders dächten, in denen Sie ohne weitere Nachfrage Ihr edles begeiſtertes Innere niederlegten— ich will vorläufig nichts, als Sie überzeugen, daß der Dienſt des Karlſteins kein bindendes Verhältniß für Sie ſein kann, daß ſeine Behauptung auch nach Ihrer Entfernung unbeſtritten bleiben wird, da kein Intereſſe mehr denkbar iſt, ihn ſeiner ruhigen Poſition zu berauben.“ „Ich habe nie auf meine Perſon den Werth gelegt, um zu glauben, ich ſei hier wichtig,“ entgegnete der verwundete Matthias—„aber— es ſagt mir eine traurige innere Ueber⸗ zeugung, daß ich auf keinem andern Platze nützlicher ſein werde.“ „Wollen Sie mir den Verſuch mit Ihnen erlauben“ ſagte der Prinz gütig lächelnd und hielt ihm die Hand hin.— Graf von Thurn ſchlug die großen melancholiſchen Augen mit ſolchem Ausdruck tiefer Trauer zu ihm auf, daß der Prinz gerührt wurde und feſt beſchloß, den Jüngling zu retten, deſſen edles Weſen in der friſchen Thätigkeit der Welt ſich unfehlbar zu einer tüchtigen Männlichkeit entwickeln mußte. Matthias ſchlug in die Hand des Prinzen ein und verließ dann ſchnell die Geſellſchaft. Es war ein Chaos in ihm auf⸗ geregt— er fühlte ſich tief verletzt von dem, der ihm doch zugleich wohl gethan und dem folgen zu können, er ſich heim⸗ lich ſehnte— aber der Gedanke, ſeine Stellung aufzugeben, war ihm noch nie ſo nah gerückt worden, und daß dieſe An⸗ regung von Außen kam, erſchütterte ihn ſo, weil ſie zuſammen fiel mit ſeinen geheimen und doch immer wieder bekämpften Gedanken. Ach! wie viel brennende Qual lag noch neben 161 dieſem in ihm— mit welcher Verzweiflung fühlte er, daß er noch viel gegen den Prinzen hatte verſchweigen müſſen, was ſeine Muthloſigkeit beſtimmen half, und was er vom Prinzen unverſtanden hoffte. Dieſer verſäumte indeſſen nicht, die angeregte Stimmung des Jünglings durch die geeigneten Schritte bei Podiebrad fort zu entwickeln und es konnte nicht fehlen, daß er bei den offen da liegenden Schwächen deſſelben leicht den Ton traf, durch den er ihn für ſeine Anſichten gewinnen mußte. Podiebrad glaubte zuletzt doch mehr durch ſein eignes Zuthun, daß es eine ihm obliegende Pflicht ſei, der Armee ein Paar Jünglinge aus ſeiner untadeligen Schule als Vorbilder der wahren Disciplin und reinen Ritterlichkeit zuzuſenden, und der Prinz hatte zu viel Güte und Ueberlegenheit, als daß er es verſucht hätte, ihn ſeiner Vorausſetzungen zu berauben. Dagegen hatten ſich die Damen in dem Zimmer der Grä⸗ fin von Hautois verſammelt und hier erfuhr Magda die Verlo⸗ bung der Prinzeſſin Thereſe mit dem Erbprinzen von S. Ihre grenzenloſe kindiſche Freude bei dieſer Nachricht nahm den letzten kleinen Mißton aus dem Herzen der Prinzeſſin, denn ſie ſah nun erſt mit Gewißheit, daß Magda die Anbetung des Prinzen nicht getheilt habe, und ſie war erfahren genug, um zu wiſſen, daß dies die ſicherſte Beſchwichtigung für Gefühle dieſer Att iſt. Auch empfand die Prinzeſſin ein inneres Glück, wie ſie es viel⸗ leicht noch nicht gekannt hatte. Ihre erſte und ſo frühe Liebe zum Prinzen war der Hintergrund ihres ganzen Lebens geweſen; mit der Pein der Verwerfuug hatte ſie ſich als treibende Glut in ihr feſtgeſetzt und ſie zu den Verirrungen geſtachelt, die ihr Leben bis jetzt verwirrt hatten. Seit ſie der Liebe des Prinzen gewiß war und ſich als die Gefährtin dieſes edlen Mannes an⸗ ſehn durfte, ſchien es ihr, als wäre ſie von aller Noth des Lebens erlöſt und ihre rührenden Bekenntniſſe hierüber bewieſen, Thomas Thyrnau. iMl. 11 162 daß ſie dies auf ſich einwirkend fühlte, als ob ſie einem Wun⸗ der verfallen wäre. Ihre natürliche Großmuth trieb ſie zunächſt an, den Prinzen zur größten Offenheit über Egon zu veran⸗ laſſen, da ſie ihm mit dem Geſtändniß zuvorkam, wie ſie in dem Moment, wie ſie ihm auf Karlik Egon zugeführt und Beide einander gegenüber geſehn habe, von der Aehnlichkeit durch⸗ drungen worden wäre und daß ihr im ſelben Augenblick eine Stimme geſagt habe: Es iſt ſein Sohn! Lach hatte vorgeſchlagen, Hedwiga kommen zu laſſen, da der Prinz jetzt aus Böhmen nicht fort konnte; aber Claudia lehnte es ab und ſtellte die Frage, ob ſie dadurch weiter kommen würden, da Hedwiga's Anblick nur das beſtätigen könnte, was ſie bereits wüßten, nämlich, daß ſie Egons Schweſter ſei. Sie wünſchte nicht, ſie der Ruhe zu entziehn, die ihr das Fräulein⸗ ſtift neben dem nöthigen Unterricht ſicherte, und die Ungewiß⸗ heit in der Lage des Prinzen, die ihn einen baldigen Wechſel ſeines Anfenthaltes vorausſehen ließ, beſtimmte endlich Alle, zu Claudia's Meinung überzugehn. Die Briefe an Barbara— an Frau Bäbili durch Guntram, welcher nach Mora's Rückkehr forſchen ſollte— waren abgeſendet und man mußte ihre Beant⸗ wortung abwarten, ehe man weitere Schritte thun konnte, wozu noch kam, daß der Prinz jeden Augenblick eine Staffette über das Befinden ſeines Vaters erwartete, die ſeine ſchnelle Abreiſe nöthig machen konnte. Die Brautlente hatten auch dem Kaiſer und der Kaiſe⸗ rin geſchrieben und um ihre Einwilligung gebeten, denn“ es that ihnen wohl, dieſe beiden edlen Beſchützer, die ſo aufrichtig ihr Glück und dieſe Verbindung gewünſcht hatten, nun ganz als ihre Eltern anzuſehn, denn obwol Beide noch ihren rechten Vater beſaßen, fühlten ſie doch blos bei dieſen die Schuldigkeit der zu beobachtenden Form.„. Dieſe auch gegen den alten Fürſten von S. zu beobachten, ſchien dem Prinzen während ſeines bedenklichen Zuſtandes ge⸗ fährlich, da er genugſam die Aufregung vorausſehen konnte, welche ihm die Anzeige dieſer Verbindung geben mußte, da ihm die Macht nicht geblieben war, ſie zu hindern, ſobald die kaiſer⸗ lichen Herrſchaften ſie unter ihren Schutz nahmen. Bald jedoch trafen günſtigere Rachrichten ein; der Fürſt war bereits außer Bett und fing an, ſein gewohntes Leben zu führen, und die Vertrauten des Prinzen baten dieſen nun ſelbſt, mit der Anzeige nicht zu zögern, da es keine Frage ſei, daß der Fürſt alle Perſonen, die er mit ſeinem Haß verfolge, auch mit Spionen umgäbe, die ihm gute Nachrichten zu verſchaffen verſtünden, da er oft überraſchende Details ihres Lebens be⸗ ſäße, die ſein ewig zorniges Brüten darüber ihm zuweilen ent⸗ riſſe. Er kannte das Zuſammentreffen der jetzigen Bewohner des Karlſteins, er kannte ihr Leben, ihre Zeiteintheilung, und hatte immer Rachepläne im Sinne, die er durch heftige Dro⸗ hungen verrieth, wobei unter anderm das Feſt auf Karlik her⸗ vor gehoben ward, welches ihn in die ungemeſſenſte Wuth verſetzt hatte, da er gegen unbekannte Perſonen fürchterliche Flüche ausgeſtoßen hatte und ſie einer großen Verſäumniß an⸗ geklagt. Dieſe Nachrichten, die der Prinz mit Thyrnau und Lach beſprach, erregten wieder ihre Beſorgniſſe für Magda, welche ſchon mehrere Male von verdächtigen Perſonen aufge⸗ halten worden war, und zuerſt erweckte die Entfernung ihrer jungen Anbeter einiges Bedenken, da ſie— ihr unbewußt— überall eine Escorte bildeten, die ſie vor den unbekannten böſen Abſichten ſchützen konnte. Es ſchien ihnen gewagt, ſie ſelbſt zur Vorſicht aufzufordern oder ihre Freiheit und ihre Neigung zur Einſamkeit zu beſchränken, da dieſe doch gerade den einzigen ihr jetzt zuſtehenden Lebensgenuß bildeten, und ihr die ſchöne Zeit des Sommers, in der ſie wieder aufzublühen begann, ſo 164 ſehr zu gönnen war. Thyrnau's muthiges Herz verzagte faſt, wenn er an den Winter dachte, da er nicht hoffen konnte, ſie von ſich zu entfernen, wenn dieſe beſſere Lage ſie zwänge, ihn zu verlaſſen. Jedenfalls mußte die Verlobungsanzeige an den Vater des Prinzen jetzt gewagt werden, und er beſchloß ſpäter mit Lacy, Egon und Guntram und von Podiebrads Autorität unterſtützt, alsdann eine ſtrenge Unterſuchung der Gegend vorzunehmen, alles irgend verdächtige Geſindel aufzuheben und eine regel⸗ mäßige Bewachung der Wälder wie aller unſicheren Wohnungen durch die Beſatzung des Schloſſes einzuleiten. Dazwiſchen rief ihn ſein dienſtliches Verhältniß oft nach Prag und den angrenzenden Punkten, wo ſein Corps vertheilt ſtand, welches eine Abtheilung des Brownſchen Armeecorps war, und bei dieſen Zügen begleitete ihn bereits der Graf Matthias als Adjutant, und Egon, zum Lieutenant avancirt, war ein thätiger, ſich immer nützlich machender Galopin, ob⸗ wol ſeine Keckheit ihm manchen Verweis zuzog, wobei doch jedes Mal das hoffende Herz des Prinzen mit Entzücken dem verwe⸗ genen Muth des Knaben entgegen ſchlug. Dagegen hatte Trautſohn die Erlaubniß ſeines Vormundes nicht erhalten, wel⸗ cher ſich hierzu nicht autoriſirt fühlte, da er verpflichtet war, den einzigen Erben ſeiner großen Herrſchaft zu erhalten— er verwies jede Aufforderung der Art auf die Majorennität des jungen Fürſten, die mit dem zwanzigſten Jahr eintrat, wo ihm dann Alles frei ſtand zu thun, wozu ſein eigner Wille ihn trieb. Magda konnte ihre Freude nicht unterdrücken, als ſie hörte, daß er noch bei ihr bleiben werde, und eben ſo dachte Trautſohn, und weder der Graf von Podiebrad noch einer der Andern hinderte den Jüngling, welcher nun mit der eines unbeſtrittenen Rechtes Magda überall be⸗ gleitete. 165 Der Graf von Podiebrad war überhaupt anf eine ſo höf⸗ liche und unwiderſtehliche Weiſe aus ſeiner Poſition gedrängt, daß er ſie nicht wieder finden konnte, oft in ein erſtaunliches Nachdenken verfiel über die Umgeſtaltung ſeiner Lage, aber nie⸗ mals zu einer recht ſicheren Annahme darüber kommen konnte, da ſeine Thätigkeit ſich ſo vermehrt fand durch die gehäuften Anſprüche und Vergnügungen, daß er bei ohnehin mühſamer Gedankenentwickelung ſeine Grübeleien immer wieder abſchnap⸗ pen fühlte, eben wenn er hoffte, ihnen ein höheres Reſſort eröffnet zu haben. Lacy dagegen hatte ſich ſein Leben und ſeine Studien mit Thyrnau zn einer Aufgabe gemacht, der er ſich mit dem vollſten Eifer hingab, da es nicht ſein Wunſch war, den Winter auf dem Karlſtein zuzubringen, indem Claudia ihm eine Hoffnung eröffnet hatte, welche ihr gegen die Zeit des Winters die An⸗ nehmlichkeit des eignen Hauſes, und bei ihrem vorgerückten Alter den Beiſtand erfahrener Aerzte nöthig machte. Nachdem Thyrnau dieſe Nachricht erfahren, trachtete er nur danach, ihn in ſeinen Plänen zu unterſtützen, und von dem Augenblick an, daß Lach die Hoffnung eines Nachkommen nähren durfte— blieb ſein Widerſtand, die kleinſte Auskunft über frühere An⸗ deutungen zu geben, noch viel entſchiedener— und trotz der Befürchtungen, die Lacy darüber faſt nicht unterdrücken konnte, war es ihm doch völlig unmöglich, eine Spur zu entdecken, welche mit ſeinen Ahnungen überein gekommen wäre. Thyrnau aber hatte ſeitdem ein Gefühl, als habe Magda jetzt eiſt un⸗ widerruflich ihr Glück und ihr Vermögen verloren und er er⸗ ſtaunte über ſich ſelbſt, da er ſich geſtehen mußte, daß es ihm mit all ſeiner klaren Offenheit gegen ſich doch nicht gelungen war, dieſen geheimen Rückhalt ganz zu verlieren. Auch beun⸗ ruhigte ihn die entſchiedene Neigung, die Trautſohn für Magda zeigte, denn bei der nahen Unabhängigkeit des Jünglings mußte er fürchten, daß er Magda's Stand vergeſſen werde und hieraus abermalige läſtige Verwirrungen entſtehen würden, die den alten Kampf der Geburtsverſchiedenheit erneuern müßten. Dabei lehrte ihn die Beobachtung, daß Magda auch nicht ent⸗ fernt die Zärtlichkeit des jungen Mannes theilte— und hier kam ihm faſt der Wunſch, es möchte ſo nicht ſein: es wäre ihm tröſtlicher erſchienen, hätte Magda damit eine Umwandlung ihrer Gefühle als möglich gezeigt, während er ſich nun ſagen mußte, daß ihr Herz in einer Richtung unerſchüttert dem einen von Kindheit an genährten Gefühle zugewendet blieb. Jetzt war ſie nicht unglücklich— ja ſie fühlte gewiß keinen eigent⸗ lichen Verluſt, weil Lacy da war und ſich nach und nach ein unbefangeneres Verhältniß unter ihnen in der Geſellſchaft der Andern gemacht hatte. Die Rechte, die ſie an ihn haben wollte, trugen den Karakter der reinen Unſchuld ihres ganzen Weſens: ihn ſehen und hören zu können, ſeiner Theilnahme gewiß ſein zu dürfen— das war ſo viel, daß ſie dem Groß⸗ vater ſagte, es ſei nun doch ſo gekommen, wie ſie es gewünſcht und ſie wären nicht getrennt von Lach, ſondern in ſeiner Nähe Alle wie eine Familie. Er ſtörte ſie nicht; aber mit welcher Sorge dachte er an die Zeit, wenn Lach ſie verlaſſen werde, wo ſie dann den mächtigen Unterſchied des Beſitzes erſt erkennen mußte. Doch er durfte an Magda's Schickſal nicht allein denken, und kein Widerſpruch der äußeren Anzeichen konnte ihn von der Meinung abbringen, daß Lach in eben ſo großer Gefahr ſei wie Magda — und, wie glücklich ſeine Gemahlin ſich auch jetzt noch ſchätzen mußte, die beſondere Lage dieſer Ehe ſie doch dem Argwohn empfänglich halten mußte.—„So magſt Du, mein Gott, denn Alles führen nach Deiner väterlichen Güte und mich lehren, welches die Wege ſind, die zum Guten lenken“— ſo ſchloß er ſein menſchlich beſorgtes Nachdenken, mit dem er doch nicht zu 167 einem beſſeren Beſchluſſe zu kommen wußte, wonach er ſich immer wieder ruhiger gefaßt fand. Die Kaiſerin hatte indeſſen die huldvollſte Gewährung ihrer Einwilligung geſendet, aber zugleich gefordert, daß die Prinzeſſin bis zum Abſchluß ihrer Vermählung nach Wien an den Hof zurückkehren ſolle. Dieſem Gebot mußte die Prinzeſſin ſich fügen, und ſie that es um ſo leichter, da der Beruf des Prinzen ihn ebenfalls nöthigte, den Karlſtein zu verlaſſen, und er ſogar hoffte, er werde der Aufforderung des Kaiſers, ſich ihm als Bräutigam zu präſentiren, bald Folge leiſten können. So ward das geſellige Leben, was einige Monate des ſchönen Sommers die ausgezeichnetſten Menſchen, die durch ungewöhnliche Fügung gegenſeitig auf das innigſte verbunden waren, in der ſchönen und romantiſchen Situation vereinigt ge⸗ halten hatte, nach und nach aufgelöſt, und endlich ſahen ſich Clau⸗ dia und Magda einander gegenüber und ihre Geſelligkeit beſtand aus Thyrnau, Lacy und Trautſohn, da Podiebrad nach der Abreiſe der fürſtlichen Perſonen ſeinen Rang wieder zu prüfen begann und ſeine Nachgiebigkeit zu beſchränken beſchloß, wodurch es ihm verborgen blieb, daß der kleine zurückgebliebene Kreis ſich nicht geneigt fühlte, ſeine ſchwerfällige Geſellſchaft ferner zu ſuchen und nun erſt ein häuslich zurückgezogenes Leben be⸗ gann, indem man mit vieler Faſſung ſich der Theilnahme der ritterlichen Beſatzung entzog. Die beiden Frauen machten ihre Promenaden und Spazier⸗ ritte nur in Begleitung der Männer oder ruhten unter Traut⸗ ſohns Schutz auf Magda's Felſenſitz um die Familie der Hirſch⸗ kuh zu füttern. Bezo ſchlich auch ſtets hervor, ſo wie Magda das Schloß verließ, und folgte ihr nach, und jetzt veranlaßte auch noch der Prinz von S. die Entfernung Paſterau's, deſſen Nähe ihm für Magda's Ruhe gefährlich ſchien und deſſen Ent⸗ fernung ihm leicht zu bewirken war, da der Hochmuth des armen 168 Podiebrad die neue Richtung eingeſchlagen hatte, die Offiziere, die er der Armee überlieferte, als wahre Stützen des Thrones anzuſehen, als Vorbilder unvergleichlicher Eigenſchaften der Disciplin und Ritterlichkeit. So ſchien das Leben, von allen Seiten friedlich geſichert, einen Genuß darzubieten, der durch die Stille und Abgeſchie⸗ denheit der Situation alle Elemente des Glückes enthielt und eine Annäherung der zuſammen Lebenden vermittelte, die be⸗ ſonders über Magda's noch am wenigſten gekanntes Weſen überraſchende Aufſchlüſſe gab, und aus Claudia's uneigen⸗ nützigem Munde gegen ihren Gemahl oft die gefährlichen Worte herworrief:„Wie wäre ſie Ihrer ſo würdig geweſen!“ Dann antwortete ihr Laey oft, daß er das gern höre, weil es ihm den Schatten ſeines Oheims zu ehren ſcheine. Wir finden jetzt den Boden des Landes, auf dem die Be⸗ gebenheiten ſich entwickeln, die wir bisher mittheilten, aufs Neue erſchüttert durch den Ausbruch des denkwürdigen ſieben⸗ jährigen Krieges; und obwol es uns bei der Aufgabe, die wir uns mit dieſer Etzählung geſtellt, nicht einfallen kann, dies große geſchichtliche Tableau für den kleinen Raum einer roman⸗ tiſchen Darſtellung zuzuſchneiden, können wir doch unmöglich die bisher erwähnten Perſonen ihrer Stellung gemäß fortleben laſſen, ohne nicht ſelbſt bei der größten Diecretion die Be⸗ ziehungen zum Kriege anzudeuten, welche nothwendig auf die Criſtenz eines Jeden Einfluß haben mußten, welcher dem Kriegs⸗ ſchauplatz nahe war. Thyrnau und Lach blieben trotz ihrer ſcheinbaren Abge⸗ ſchiedenheit wohl unterrichtet und Thyrnau zweifelte nicht, daß Friedrich der Zweite den Krieg eröffnen würde, da er eigentlich keinen beſſeren Alliirten hatte, als die unentſchloſſene Maſſe ſeiner Gegner, die, ſo rieſenhaft ihm gegenüber auch ihre ver⸗ einten Kräfte waren, doch des höchſten Vorzuges eines einigen Willens entbehrten. Nicht unähnlich der großen Rieſenſchlange, wenn ſie von den geplünderten Heerden genährt mit überfülltem Leibe ausgeſtreckt liegt, ihrer zermalmenden Gewalt eben beraubt durch die Mittel, die ihre Stärke bezeichnen, ſo lagen die Alli⸗ irten in beſchwerter Ruhe, in ihren Bewegungen gehemmt, ihren materiellen Kräften mit trägem Stolze vertrauend und den An⸗ fangspunkt des Angriffs oder der Vertheidigung verſchiebend, oder ſeine Wichtigkeit überſehend. Der Ausruf der großen Kai⸗ ſerin, der Einzigen vielleicht, welche dieſe Maſſen beherrſcht und zur rechten Zeit in Thätigkeit gebracht, dieſer Ausruf, der in der verhängnißvollen Periode ſo oft ihr Herz verrieth, lautete:„O, wär' ich ein Mann!“ Sie ahnte immer zuerſt, was eine ſo kühne Heldenſeele wie Friedrich der Zweite vollführen werde, und ſie fühlte es, ſie wäre der Geiſt geweſen, der auch dem Feldherrn zu widerſtehn vermocht. Die ſcheinbare Neutralität Sachſens täuſchte Friedrich den Zweiten nicht. Die damals für erlaubt gehaltenen Mittel, welche die Politik für ein, den moraliſchen Prinzipien entrücktes Feld erklärten, hatten dem großen König den Einblick in die Archive des ſächſiſchen Kabinets eröffnet, und er beſann ſich keinen Augenblick, für die feindlichen Abſichten, welche unaus⸗ geführt doch beſchloſſen waren, ſogleich die Strafe an Sachſen zu vollziehen, und ſo eröffnete er den blutigen ſiebenjährigen Krieg mit dem ſiegreichen Einfall in Sachſen und der Eroberung Dresdens. Die Geſchichte hat uns den ungeheuren Aufruhr geſchil⸗ dert, den dieſe raſche That des Heldenkönigs über Europa 17⁰ verbreitete— es war ein Schrei des Schreckens und der Ent⸗ rüſtung, der in einem langen Echo nachtönte. Aber die große Gewalt des Genie's iſt die zu handeln, wo Andere berathen— die Kraft, durch alle Verwicklungen durchzublicken, den Anfangspunkt zu erkennen und zu ergreifen. Sechzigtauſend Mann, durch ihre erſte That zu Siegern und Eroberern eines reichen Landes gemacht, waren eine unüber⸗ windliche Maſſe geworden, der erſchrockenen, planloſen Armee der Alliirten gegenüber, obwol überlegen an Köpfen. Thyrmau's Karakter ließ nicht zu, dieſe gewaltige That blos als Unterthan zu beurtheilen; der Menſch, und der frei entwickelte Geiſt in ihm erfaßte die Dinge immer zuerſt in ihrer allgemeinen Bedeutung— und das feurige Herz wallte dem kühnen Herrſcher entgegen, der keinen Alliirten als ſein Genie und deſſen ſtolze Rathſchläge hatte. Ein mitleidiges Lächeln zuckte um ſeinen Mund, wenn er jetzt hören mußte, wie man die Waffen der Moralität gegen eine That zu Hülfe rief, gegen die andere Waffen unterlegen waren. Von Verrath— Bruch der Verträge— Heiligkeit der Allianzen— tönte die Welt wieder. „O,“ rief Thyrnau—„wer ſollte zweifeln, daß Friedrich der Zweite der Tugend gegenüber das böſe Princip iſt, wer die ſchwachköpfigen Reden ſeiner Gegner hört— und doch hätte den Theil der That, den ſie Verrath nennen, grade Jeder von ihnen am leichteſten vollführt; nur das Genie: den Moment dazu und die nothwendige Wirkung davon zu erkennen, hätte Keiner beſeſſen und das erfüllt ſie jetzt mit dieſem dummen neidvollen Erſtaunen. Gieb Acht,“— ſagte er zu Lach— „ihre moraliſche Entrüſtung wird dennoch keine moraliſche Stärke; ſie werden in albernen Beſchlüſſen untergehen, wäh⸗ rend dieſer Beſieger nicht allein ihrer Armee'n, ſondern ſeiner Zeit überhaupt, den Weg unbekümmert gehen wird, wie 171 der Geiſt ihnstreibt, der ihn zum Vorkämpfer einer ſich um⸗ ſchwingenden Periode gemacht hat.“ „Nur unſere Kaiſerin erfüllt mein Herz mit Schmerz,“— ſagte Lacy—„denn ſie ſteht dem gegenüber, der allein würdig wäre, an ihrer Seite zu ſtehn. Und ſage, was Du willſt, von den Ausnahmen, welche die Politik der Moral geſtattet— bei ihr iſt das nie geheiligt, was Betrug bleibt; weder ihr Ver⸗ ſtand noch ihr Herz läßt ſich täuſchen, und wird ſie dennoch auf dieſen Wegen getrieben, ſo zieht ſich ihr Herz zuſam⸗ men und ſie vielleicht iſt die Einzige, welche dieſer Hand⸗ lung des kühnen Königs den Makel anhängen darf, den dieſe Schwächlinge ausſchreien, denn ſie empfindet es ſo, und wird den Vortheil ſtets gering halten auf dem Wege des Verraths.“ „Dieſe Stimmung theile ich“— ſagte Thyrnau—„und danken wir ihrem Verſtande, der ſie einſehn läßt, daß dieſe edlen Geſinnungen vielleicht um hundert Jahr zu früh da ſind! Oder vielmehr,“— ſetzte er lächelnd hinzu—„danken wir Kaunitz, der dieſe Erklärung an ihrer ſtatt übernimmt, und den ſie gewähren läßt, wo ſie nicht ſelbſt handeln will. Doch eins bedenke jetzt, mein Freund— wenn dieſer Handſtreich mit Dresden dem Könige auch ein angenehmer und nöthiger Anfang ſeiner Unternehmungen iſt: Sachſen iſt ihm doch nur der Weg nach Böhmen und Mähren, und wir dürfen nicht zweifeln, daß er früher hier ſein wird, als unſere Hülfe. Schon ſteht er vor dem Lager bei Pirna— und er wird dort bald fertig ſein, und der Degen wird dort nicht viel zu thun haben, denn wenn die Aufgabe geſtellt wäre: wie es anzufangen ſei, um in kürzeſter Zeit in einem befeſtigten Lager eine Hungersnoth ausbrechen zu laſſen; man müßte die Maaßregeln bei Pirna als Muſter auf⸗ ſtellen! Glaube mir, er hat ſchon in Dresden darüber gelacht und wir werden ihn bald näher haben, dann aber denke daran, daß Deine Gemahlin eine langſame und beſchwerliche Reiſe früher antritt, ehe der Feind ihr auf den Ferſen ſitzt.“ „Und Du, mein alter Freund?“— rief Lacy— und Thyrnau fühlte in dem Ton, wie der Gedanke ihn bewegt hatte —„und Magda,“ ſetzte er hinzu—„Euch ſoll ich zurücklaſſen in einer Feſtung ohne Wälle und von dieſem phantaſtiſchen Thoren bewacht?“ „Laß Du mir meinen Karlſtein und ſeine Befehlshaber ungeſchmäht,“ ſagte Thyrnau lachend—„die Preußen haben ganz andere Abſichten, als den Karlſtein zu belagern— und einem Handſtreich zu widerſtehn iſt die alte Feſte in Wahrheit noch ſtark genug— und dafür ſtehe ich, Podiebrad iſt ein ſo unzweifelhaft tapferes Herz, daß er ſich eher unter dem Schutt begraben läßt, als die Vertheidigung aufgiebt, ſo lange noch ein Mann lebt. Geſtehe,“ fuhr er gegen den ſchweigenden Lacy fort—„Du haſt das auch gedacht.“ „Meine größte Beruhigung wird doch die ſein,“ ant⸗ wortete Laey—„daß König Friedrich Deiner Meinung ſein wird und ſchwerlich, um den Karlſtein zu erobern, ſeine kleine Pots dam'ſche Wachtparade, wie ſich Herr von Belleisle vor⸗ witzig ausdrückt, zerſplittern wird, da in dieſem Zuſammen⸗ halten ſeiner Macht und ihrer plötzlichen Vereinigung auf einem Punkte, mit das Geheimniß ſeiner großen Erfolge beruht. Und dennoch iſt Trennung in ſolcher Zeit verhängnißvoll.“ „Pah!“ rief Thyrnau—„nicht mehr und nicht anders, als wenn wir zur Rachtzeit unſere verſchiedenen Thurm⸗Etagen beziehn. Wir haben weder den nächſten Augenblick noch die nächſten Jahre in unſerer Gewalt— und mich erhält das grade friſch. Du hältſt mich zwar für einen Heiden, ich weiß es.— fügte er lächelnd hinzu,„aber ſei gewiß, mir wohnt ein tiefer unerſchütterlicher Glaube ein, daß wir hier Alle zu einem großen Dienſte vereinigt ſind, der über die Schranken dieſes ſchönen 173 Daſeins hinaus ſeine Zwecke erfüllen wird, daß uns der Geiſt von daher kömmt, und unſere Erkenntniß nur ſo viel werth iſt, als unſere Ueberzeugung davon feſt geworden. Das beflügelt mir das Herz, daß es nicht nach bejahrter Leute Art zuſammen klappt wie ein alter ausgedienter Burſche, der immer nur von Schlaf und Aufhören ſchwatzt mit der ſchmählichſten Undank⸗ barkeit.— Sieh, mein Sohn! mir iſt das Leben eine herrliche Erfüllung!— Ich habe es erkannt mit ſeinem höchſten Glücke, mit ſeinen heiligen Schmerzen— ich habe die Kämpfe mit meinen Leidenſchaften und ihrem ſtachelnden Widerſpruch durch⸗ gemacht— ich kenne die Marter kleiner neckender Widerwärtig⸗ keiten, denen man ſtill halten muß— den bittern Kelch des Lebens, wenn das Unglück und der böſe Wille der Menſchen unſere Stunden vergiftet, unſere beſſeren Pläne zerſtört. Aber die Kraft, die Gott in meine Seele gelegt, hat mich eine wun⸗ derbar tiefe innige Theilnahme mit all dieſen Zuſtänden empfinden laſſen— ich— ich gehörte zu Allem hinzu— ich war mit meinen Brüdern, wie auch ihre Abweichungen erſcheinen mußten, innig verzweigt— der Groll— die Bitterkeit — dieſe Geburt des Dünkels und der Selbſttäuſchung, welche zur Iſolirung führt, in der endlich das Herz verhärtet und der Hochmuth wächſt— o! wie waren dieſe Feinde des Menſchen mir dadurch ſo fern! Wie ein Schiffbrüchiger lag ich oft, aus⸗ geſpült von dem Meere, das meine liebſten Güter verſchlungen, am öden Strande, und wenn ich aus der Betäubung erwachte, ſah ich, das bis dahin errungene und beſeſſene Leben lag hin⸗ ter mir, und ich hatte nichts behalten.— Der Kräftige erträgt das nicht lang'— und der Geiſt, zu dem er aus der tiefen Verarmung aufſchaut, berührt die harrende Seele! Ha! wenn wir zuerſt fühlen, wir können neugeboren dem Leben noch andere Kräfte darbringen, als die eben verbrauchten und mit ihren Er⸗ folgen verſunkenen— wie göttlich ſchön, wie reich und groß 174 wird uns da die heilige Welt, in der wir andächtig vorſchreiten, wie in einem Gotteshaus und worin unſere Schritte immer feſter werden, weil wir uns und unſer kleines Intereſſe vergeſſen ler⸗ nen, und unſer Ziel nicht mehr auf dieſer Welt ſteckt.“ „O Thyrnau!“ rief Lacy bewegt.— „Laß das,“ ſagte dieſer.—„Aber Du, der Du noch im Vorhof des Lebens ſtehſt. verſprich mir, nie gering vom Leben zu denken! Dich nie über Deine Brüder zu erheben, ihren Irr⸗ thümern und Verkehrtheiten nie Deine Tugenden entgegen halten zu wollen.— Du biſt ohne Zweifel auf dem allergefährlichſten Abwege, wenn Du das Eine oder Andere in Dir ſpürſt. Du biſt ſchlaff und in ſinnliche Unthätigkeit verfallen, wenn Du das Leben verachteſt— Du biſt in hochmüthige Selbſttäuſchung über Dich verſunken, wenn Du auf Deine Brüder herabſiehſt, und Deine Tugenden werden nichts anderes, als hartnäckige Ver⸗ ſtocktheit ſein, die Dich blind macht, und, wenn Du heute aufrecht ſtehſt, wirſt Du morgen ſchon gefallen ſein, und eben darum! O! ich ſage Dir, es hat kein Menſch Recht, ſich über das zu beklagen, was er erdulden mußte, denn ein ehrlich Be⸗ kenntniß zeigt die Größe unſers Antheils daran und— Bitter⸗ keit iſt durch kein Erlebniß zu entſchuldigen— ſie bleibt das traurige Zeichen, daß der Menſch ſich von Gott entfernt.“ „Lebenserfahrener!“ ſagte Lach, ihn mit inniger Liebe betrachtend—„ſo milde— ſo erquickt am Abend des Lebens, als wäre es Thau des Himmels geworden, was als heißer Schmerzenstropfen Deine Wangen furchte!“ „Ha! wozu wird man denn alt?“ rief Thyrnau feurig.— „Wozu läßt uns Gott das lange Leben erfahren, wenn es nicht endlich mit allen ſeinen Zuſtänden in geiſtiger Harmonie hervor⸗ treten ſollte und unſer Selbſt ablöſen von der drückenden, mate⸗ riellen Gemeinſchaft, die unſere Jugend verwirrt und die haſtige Thätigkeit und die getäuſchten Wünſche erzeugt: ſo wird endlich 175 aus dem harten Geſtein die Goldader erlöſt, die es in ſeinem Schooße verſchließt, und um die der ganze Kampf galt mit dem ſtarren Element.“ „Auch mir wird das Leben nichts ſchuldig bleiben,“ ſagte Lach ernſt—„und ſei gewiß— ich bin gefaßt, ihm muthig die Stirn zu bieten. Schon hat es viel an mir verſucht— um ſo mehr vielleicht, da mein Haar noch nicht erbleichte. Aber die Kraft, die Einſicht, die mir kömmt, die iſt der Geiſt, nach dem ich rufe, weil ich mir ſelbſt zu ohnmächtig ſcheine— und die Kraft, die ich empfangen, iſt die rechte, denn ſie verbreitet Frieden in mir und um mich her.— Wir haben einen großen Feind an unſerer Phantaſie; das Herz ſteht mit ihr im Bunde; ſie haben ſich beide viel zu ſagen— und leiden wir das Zwie⸗ geſpräch, ſo wird die Erſtere die Stärkere. Zu unwiderſtehlichen Bildern, die uns hinreißen, ſchmückt ſie die Geheimniſſe des Innern aus— und das verrathene Herz taucht in dem Zauber unter!— Aber ich habe früh dieſe leiſ' anſchleichende Gewalt erkannt und auf ſie wie auf einen giftigen Wurm zürnend den Fuß geſtellt.“ „O Thyrnau! es läßt ſich Vielem männlich Widerſtand leiſten: dem Ehrgeiz, dem Haß, der Rache— aber dem Men⸗ ſchen, der Dich erfaßt mit dem Zauber ſeiner Tugenden, deren Abdruck die göttliche Geſtalt verklärt, dem Du mit vollem Rechte bewundernd Dich hingeben mußt— dem zu widerſtehn, wenn dies Bild mit ſeinem Reize Deine Phantaſie erfüllt und wie Dein Schatten Dich überall an Dein theuerſtes Selbſt erinnert — dem zu widerſtehen, wenn Du mußt,— das iſt Gigantenarbeit und der Stärkſte darf ermüden in ſolchem Kampfl“ Nach einer Pauſe ſagte Thyrnau glühend und heftig„Bete und arbeite!“— Dann trennten ſie ſich ſchnell. In dieſer Zeit begann Claudia zu kränkeln und war Tage lang auf die Ruhe ihres Zimmers angewieſen. Magda war 176 faſt die größte Zeit des Tages um ſie, und es bedurfte immer Claudia's dringender Bitten, daß ſie ſich nicht ganz der Luft entzog. Lacy hatte mit Magda verabredet, daß ſie ſich bei Claudia ablöſen wollten; er blieb bei ſeiner Gemahlin, während ſie ihre Promenaden machte und ging erſt an ſeine Arbeiten, wenn ſie zurückkehrte. Als dies ſich eine Zeit fortſetzte, fühlte Magda ein Weh in ihrem Herzen entſtehn, von dem ſie ſich keine Rechenſchaft zu geben vermochte. Z ſie dahin wandelte, floh ſie die Beobachtung der Menſchen; ſie wendete Liſt an, um Trautſohn zu entgehn, und indem ſie mit einer Art von ſchner⸗ lichem Trotz die Gefahren verachtete, die der Wald in ſeiner größeren Entfernung ihr bieten konnte, gewährte ihr die tiefe Einſamkeit dort Erleichterung, denn oft brach ſie in ein maaß⸗ loſes Weinen aus, und indem ihr Geſicht ſich in das grüne kühlende Moos barg, machte ſich ein Schmerz Luft, der nur in der Erſchöpfung ſeine Kraft verlor. Unfähig war ſie, klar an⸗ einander zu reihen, was dieſen Zuſtand in ihr bewirkte; aber ſei es Trug der Unſchuld und Unerfahrenheit, ſei es das Ver⸗ hüllen, womit die Leidenſchaft vor dem Gewiſſen ſich zu ſchützen ſucht— ſie ſagte ſich: Lacy habe jetzt Widerwillen gegen ſie gefaßt— all ihr ſchönes Glück ſei nun dahin, denn ſie habe in ihm keinen Bruder, keinen Freund mehr— allein nur Claudia erfülle ſein Herz und ſeine Gedanken— ihr Schickſal, ihr Wohl und Weh läge weit ab von ſeinem Herzen. Dann dachte ſie daran, wie er nun Stunden lang mit Claudia allein war, ihr vorlas, oder ſie in ſeinen Armen haltend unterhielt, und für ihre Bequemlichkeit und Pflege Sorge trug. Ein un⸗ beſchreiblicher Schmerz zerriß ihr Herz bei dieſem Gedanken und ſie entſetzte ſich vor dem lauten Schrei, den ſie zuweilen über ihre Lippen preßte. Es ſchien, als ahnete Niemand den heftigen Zuſtand des armen Kindes— wenigſtens glaubte Magda ſich völlig 177 unbeobachtet und vergeſſen, und wirklich trat bei ihrem Großvater der ungewöhnliche Fall ein, daß bei dem Gedanken an Lacy's nahe Abreiſe ſein Eifer ihn trieb, bis zu einem von ihm ſich geſtell⸗ ten Ziele vorzuſchreiten, und dies die Stunden des Umgangs ſehr abkürzte und ihn zu einem abgezogenen, zerſtreuten Ge⸗ ſellſchafter machte. Nur Lach ſah die veränderte Stimmung Magda's, und die ſchüchterne Kälte, mit der ſie an ihm vorüber ſtreifte, glaubte er zwar veranlaßt zu haben, aber ſein reizbares Ehrgefühl ver⸗ deckte ihm die Wahrheit— er fürchtete, Magda bis dahin zu vertraulich, zu entgegenkommend behandelt zu haben; er glaubte, ſie wolle ihm andeuten, wie zurückgezogen von einander ſie ſtehen müßten— und ſo trat oft mit männlicher Uebertreibung eine ungewöhnliche Kälte gegen ſie hervor. Ach! Beide ahneten nicht, wie gefährlich gerade dieſer ſtille Krieg ihrer Gedanken war, da er ſie zu einer viel anhaltenderen Aufmerkſamkeit auf einander hinzog und einen unruhigen Wechſel ihrer Stimmun⸗ gen hervorrief, der ſehr verrätheriſche Symptome von Freude und Schmerz enthielt. Wie ſchrak er oft zuſammen, wenn ſie von ihren einſamen Promenaden zurückkehrend, mit dem blaſſen, ausgeweinten, müden Geſicht in Claudia's Krankenzimmer trat, die matte bebende Stimme erhob, und ſie wie ein Bild der Er⸗ gebung dahin glitt. Kein Blick traf ihn, kein Zeichen verrieth ſeinem ſuchenden Auge, daß ſie nur ſeine Gegenwart wiſſe, und endlich verließ er das Zimmer und ſagte ſich troſtlos: Was hab' ich denn gethan, daß ſie mich haſſen und verachten darf, daß ſie mich zurückweiſen muß von der Stelle, die ich einnehmen durfte als ihr Freund— als ihr Bruder! Claudia war ein zu ſchönes, zu edles weibliches Gemüth, um mit argwöhniſcher Beobachtung oder it brutaler Einmiſchung das ungewöhnliche Verhältniß zu betaſten, welches die Umſtände auf gefährliche Weiſe zuſammen geführt. Sie hatte ſich mit Thomas Thyrnau. IMI. 12 178 ernſter Faſſung und Wahrhaftigkeit die Möglichkeit gedacht, daß ihr Gatte von der brüderlichen Wärme gegen Magda zu einer höher geſteigerten Empfindung übergehen könnte, wie ſie längſt überzeugt war, daß dies bei Magda der Fall war— und voll tiefer zärtlicher Theilnahme beſchloſſen, ihn vor dem namenloſen Weh und den grauſamen Widerſprüchen zu bewahren, die un⸗ ausleiblich werden, wenn die Gattin ſich zürnend von den Ver⸗ irrungen ihres Gatten abwendet. Sie hatte ein edles Vertrauen zu Lacy ſowol wie zu ihrem Verhältniß; ſie wußte es, nie konnte ſie ſein Herz ganz ver⸗ lieren— der Schatz von Achtung und Vertrauen, der unbe⸗ ſtritten ihr Theil blieb, mußte ihn glücklich machen, wenn ſie ſich beſtrebte, nicht unglücklich zu werden— und ſie liebte ihn mit ſo ſchöner uneigennütziger Wärme, daß ſie beſchloß, um ſeinetwillen glücklich zu bleiben. Die Aufgabe war nicht klein! Es war ihr über die äußeren Verhältniſſe keine Macht gegeben; ſie mußte mit Ruhe erwarten, daß durch die bevorſtehende Trennung den Zuſtänden zu Hülfe gekommen werde. Sie hatte die edle weibliche Haltung, welche jede heftige Leidenſchaftlichkeit zu beherrſchen weiß, und indem ſie Gott bat, über die geliebten Weſen zu wachen, die in ſo großer Verſuchung ſtanden, ſah ſie ſich ſelbſt als ein Werkzeug an, dieſen Schutz auszuüben, und der Friede, der dadurch über ſie kam, machte ſie zu dem Engel, vor dem die Glut jedes⸗ mal niederzubrennen ſchien, ſo daß ihr ganzes Dazwiſchenſtehn Linderung und Verſöhnung ward. Wie viel davon zum Bewußtſein von Lach und Magda kam, iſt nicht zu ermeſſen— Eins nurtrat entſchieden in Beiden hervor: ſie fühlten ſich am ruhigſten, am glücklichſten bei ihr— und ihre Liebe zu Claudia war fo rein und innig, als wahr und unverſtellt. „Ich werde ſie ſo retten,“ ſagte Claudia dann oft gerührt im ſich hinein, wenn ſie dieſen Einfluß empfand—„ich werde 179 ſo die Leiden von ihnen abhalten, die Vorwürfe ihnen geben würden, und unter deren jäher Aufregung das unſchuldigſte Gefühl zur ſündvollſten Leidenſchaft aufbrauſen kann.“ Briefe vom Prinzen von S. zeigten an, daß Guntram von Frau Bäbili die Nachricht erhalten habe, wie Frau Mora noch nicht zurückgekehrt und keine Nachricht von ihr eingetroffen ſei. Die einzige Möglichkeit, der Wahrheit näher zu rücken, ſchien dem Prinzen die Eröffnung der Gräber; aber ſeine Stel⸗ lung machte in dieſer Zeit einen ürlaub oder eigenmächtige Ent⸗ fernung von der Armee unmöglich, und Bevollmächtigte dahin zu ſchicken, war durch das Vorrücken der Preußen ſchwierig ge⸗ worden, da dies kleine Beſitzthum in dem Mittelpunkt der preu⸗ ßiſchen Armee lag. Dies erfüllte ihn um ſo mehr mit Trübſinn und Ungeduld, da Egon's Nähe ſeine Liebe zu ihm ſteigerte und der Jüngling eine Entwickelung zeigte, die ſeinen Beſitz immer wünſchenswerther machte. Der Graf von Podiebrad fühlte indeſſen bei den Kriegs⸗ nachrichten, was man von dem alten Wein im Faſſe ſagt, wenn die Blütezeit der Rebe eintritt— er rührte ſich und wollte ſchäumen, das heißt: den Karlſtein in Belagerungszuſtand verſetzen. Nach einer langen Berathung mit den Offizieren der Be⸗ ſatzung und nach vielen ſchlafloſen Nächten hatte er ein Doku⸗ ment verfaßt, welches an den kaiſerlichen Hof⸗Kriegsrath ab⸗ gehen ſollte, und da er nicht glaubte, einen der ältern Offiziere der Beſchützung des Karlſteins entziehen zu dürfen, weil für Thurn und Paſterau kein Erſatz eingetreten war, erhob er in ge⸗ heimer Sitzung die Durchlaucht von Trautſohn zu ſeinem Ad⸗ jutanten und kündigte ihm ſolches öffentlich an mit der Weiſung. dies wichtige Reſeript nach Wien zu bringen, nit vorheriger Meldung bei Sr. Excellenz dem General en Chef Brown, welcher das Armeecorps für Böhmen kommandirte. 12* N 180 „Was habe ich Dir geſagt?“ ſagte Thyrnau lachend zu Lach, als Trautſohn ſich zum Abſchiednehmen traurig bei ſeinen Freunden meldete—„dieſer alte Degen wird ſein Reſt ſchon vertheidigen! Giebt Acht— im Fall der Noth beſteigt er ſein gutes Roß und hält mit gezogenem Degen vor den Thoren der unangreifbaren Feſte, jeden zum Kampf herausfordernd, der es wagen möchte, ſich derſelben feindlich zu nahen! Ich muß lachen— und doch hat es etwas, was mir gefällt— es iſt die eiſerne Konſequenz, die ſelbſt im Wahnſinn noch einen Mann kleidet!“ Trautſohn war dagegen wenig zum Scherzen geneigt; ſeine innige Zärtlichkeit für Magda hatte durch die Art, wie ſie ſich ihm entzog, den Antheil von Leidenſchaftlichkeit bekommen, wo⸗ nit die heftigſten Schmerzen der Jugend heraufbeſchworen ſind, und er dachte an Nichts, als an Krieg, Ueberfall, Vertheidi⸗ gung auf Leben und Tod, wobei er hoffte, zu Magda's Füßen zu ſterben, oder ſie doch wenigſtens aus großer Gefahr zu be⸗ freien, und ihr Herz damit zu rühren und ſich wieder zuzuwen⸗ den. Der unrühmliche, ja vielleicht lächerliche Auftrag des Oheims war ihm daher ein Donnerſchlag, und es koſtete ihm viel Zeit und Kampf, um ſich den Gehorſam abzuzwingen, den er fühlte nicht verweigern zu dürfen. um ſich aber dadurch nicht ganz von ſeinen Plänen auf Magda zu entfernen, beſchloß er, auch dieſe Reiſe ſolle ihm für die Zukunft dienen, und durch Kaunitz oder die Prinzeß Thereſe wolle er bei der Kaiſerin Audienz nachſuchen und ſie gleich bitten, Magda dereinſt zu einem ſeinem Stande gemäßen Range zu erheben, daß, wenn er majorenn würde, er ihr ohne Einſpruch ſeiner ſtolzen Fa⸗ milie ſeine Hand antragen könne. Er ſammelte daher ſo viel Briefe an die Prinzeſſin, als ſeine Freunde auf dem Karlſtein ihm geben wollten, und erlangte auch von Lach einen Brief au Kaunitz, von deſſen Vermittelung— da er Magda kannte— 181 er ſich ſehr viel verſprach. Dies machte ihm die Abreiſe erträg⸗ lich, ſeine Stimmung ward zuletzt ſogar heiter, und Magda hatte viel von ſeinen verworrenen Reden zu leiden, welche voll von Anſpielungen waren, die ihr gänzlich unverſtändlich blieben. „Himmel“— rief ſie endlich—„Trautſohn ſchaffe Dir auf Deiner Reiſe einen klaren Kopf an— denn ſo einfältiges Zeug haſt Du noch nie geſprochen als jetzt, und ich erkenne ch gar nicht wieder, da Du ſonſt ein ſo lieber verſtändiger Menſch wareſt.“ „Du wirſt es ſchon einmal erfahren, warum ich Dir jetzt nur Alles halb ſage,“ erwiederte Trautſohn freudig—„und dann wirſt Du einſehn, daß juſt um Deinetwillen Alles nicht klarer ſein durfte; aber wenn Du an mich denkſt, dann habe mich lieb, und komme ich zurück, dann denke, daß, was ich auch erlebe, Glückliches und Schönes, Dein Anblick doch Alles aufwiegen wird, da Dich doch Keiner mehr liebt, als ich!“ „D ja!“ ſagte Magda—„der Großvater liebt mich doch mehr als Du— und ich liebe ihn auch mehr als Dich— obwol Du ſehr lieb und gut biſt und der Liebe ſchon werth! Sonſt freilich— da haſt Du Recht— ſonſt liebt mich hier Keiner ſehr!“ und hier ſtarb ihre Stimme hin und ſie brach in heiße Thränen aus. Damit war nun dem armen Trautſohn ſeine Abſchieds⸗ Audienz bei Magda vorbei, denn ſie ließ ihn ihre Hand küſſen und drücken und entfloh ihm dann, um ihre Thränen zu verbergen. Der arme Jüngling aber, der die Urſache nicht ahnte, ſagte ihr ganz entſchloſſen nach:„Warte nur, gute Magda— bin ich erſt majorenn und wir ſind verheirathet und Du haſt alle meine Schlöſſer und ſchönen Güter im Beſitz, da will ich Dich ſchon leh⸗ ren, daß ich Dich lieber habe, als Dein alter Großvater— und ſo wahr ich Georg Trautſohn heiße, Du ſollſt nicht mehr weinen, ſondern lachen und Dich freun den lieben langen Tag!“ 5 182 Dieſer Vorſatz tröſtete ihn ſehr und er reiſte deſſelben Tages guten Muthes ſeiner Beſtimmung entgegen. Am andern Morgen trat Magda in Claudia's Zimmer, und da ſie es leer fand, ſetzte ſie ſich ſtill und gedankenvoll auf die Mauerbrüſtung des Erkers, und ſah ohne Aufmerkſamkeit in das Thal hinab und auf die Landſtraße, die nach Prag führte.— Da war indeſſen in das anſtoßende Zimmer Claudia mit Lach eingetreten, und Magda hatte durch kein Zeichen ver⸗ rathen, daß ſie da war, weil ſie wo möglich unbemerkt bleiben wollte, bis Lach ſich entfernt hatte— da ward ihr Name ge⸗ nannt— ſchon wollte ſie aufſtehn und eintreten— als Lacy mit bebender Stimme ſagte:„Sie flieht vor mir mit ſo ſicht⸗ lichen Zeichen der Abneigung, daß ich, um ſie zu ſchonen, ſie vermeide, wo ich kann. Das ſchmerzt mich nun, denn ich liebe ſie wie eine Schweſter, und dadurch entſteht denn wohl, was Sie tadeln, liebe Claudia, und was Ihnen zu große Zurück⸗ haltung ſcheint und was— ich fühle es wohl recht ſchmerzlich — uns immer mehr aus einander führt.“ „Magda iſt ganz Natur,“ ſagte Claudia—„Sie, mein Lieber, haben die Menſchenkenntniß und Erfahrung voraus— Sie müſſen leichter die Mittel finden, das verſcheuchte Ver⸗ trauen zurückuführen. Denken Sie, daß unſere Verhältniſſe ungewöhnlich ſind— unſere theuerſte Aufgabe muß ſein, Magda zu behüten und zu bewahren— und ſchon leidet ſie unter der eingetretenen Kälte, die ſie nicht nachzuweiſen vermag, und was Sie, theurer Lacy, Abneigung nennen, das iſt das langſam wachſende Mißverſtändniß, welches aufzuklären Ihnen zufällt.“ Magda ſtand während dieſer Worte wie durch einen Zau⸗ ber gebannt, ſprachlos, ganz erſtarrt gegen die Mauer gelehnt; ihr Bewußtſein haftete nur in den Worten, die ſie hörte, übrigens lag jede andere Betrachtung weit ab von ihr. Als die Stimmen ſchwiegen, da Claudia das Zimmer verlaſſen, 7 133 verſuchte ſie die Füße zu heben, denn der Gedanke lucht brach durch ihre Erſtarrung; aber ſie war wie geläh d der Athem ſelbſt regte ſich nur ſchwach in ihrer Bruſt. Da trat Lacy in die Thür nach dem Altan und plötzlich ſtanden ſie vor einander. Er erkannte ſie mit dem Erbeben, womit uns die ungewöhnliche Fügung gefährlicher Umſtände überraſcht, uns verführt, ſie für höheren Willen zu halten und der Täuſchung verfallen läßt, vor ihrer Gewalt nicht mehr entfliehen zu können. „Magda,“ rief er mit einem Tone, der plötzlich die ganze Kluft ihrer bisherigen Trennung überſprang—„Magda, haſt Du mich gehört?“— Er hielt ihre kalten lebloſen Hände— „Ich wollte fort,“ ſtammelte ſie gebrochen—„aber ich bin wohl gelähmt, denn ich kann nicht.“ Da ſchlug es glühend heiß in Lach's Bruſt zuſammen— außer ſich faßte er das bleiche zuſammenbrechende Mädchen in ſeine Arme— feſt drückte er ſie an ſeine Bruſt und rief leiſe und bebend:„Magda— Magda! kannſt Du an meiner Liebe zweifeln? Hat Clandia Recht? verkennſt Du mich? Haſt Du Dich von mir gewendet in Mißtrauen gegen mich? Weißt Du nicht, wie grenzenlos innig mit allen Kräften meiner Seele ich Dich liebe— liebe! wie es mir Gott vergeben muß, um unſeres Schickſals willen!“ Magda antwortete nicht, aber ſie blieb ſtill mit ihrem Kopf, wohin Lacy ſie gelegt, auf ſeiner Bruſt liegen und ein himmliſcher Frieden und die Seligkeit der Engel erfüllte je länger je mehr ihr Herz. Unſchuldig ſchweiften ihre Gedanken von dem heißen Moment ab, der über ihr ſtand, und ſie dachte an ihren Traum von der Kaiſerin— und wie die Schwerter jener aus der durchſtochenen Bruſt weg geflogen waren, ſo, glaubte ſie, geſchah ihr— und alle Wunden fielen zu und ſie war ganz geheilt— und wenn ſie ſich aufrichtete, hoffte ſie 184 bleiben. Aber Beide verzögerten den Augenblick— o! d lte Entfernung von einander hatte ihnen ſo weh ge⸗ than— dieſer Moment, ſchien es, ſollte ihre Wiedervereini⸗ gung ihnen erſt zum vollſten Bewußtſein bringen.„Antworte mir!“ ſagte Lach dabei oft leiſe, von dem Wahnſinn eines Glückes getrieben, über deſſen Bedeutung er noch nicht nach⸗ dachte. Magda rang mit der ſtillen betäubenden Seligkeit ihres Herzens und dem Wunſche, ihm zu antworten— endlich ſagte ſie:„Ich dachte immer, wie wäre Sterben ſo ſüß!— Aber Du weißt wohl, wir dürfen nicht ſterben, wenn Gott nicht will— und denke auch nur den Großvater— da mußt' ich wohl leben!“ Lach ward von jedem Worte bis in das Innerſte ſeines Lebens erſchüttert— denn was Magda nicht ahnte zu bekennen — wußte er jetzt; ſie liebte ihn mit der ganzen Gewalt ihres unſchuldigen Herzens und ihr Zweifel an ihn hatte ſie zum Tode betrübt. „Magda,“ ſtammelte er, faſt außer ſich—„welche Selig⸗ keit iſt dieſer Augenblick. Er iſt meine Jugend— das ganze Leben erfüllt ſich in ihm! Du gehörſt mir— Du biſt mein! Sag' es doch nur, biſt Du nicht ſelig?“ „Ich bin gewiß ſelig,“ antwortete Magda und rückte ganz leiſe etwas den Kopf in die Höhe, mit dem Verſuch ihn anzuſehn—„aber ich habe nicht Muth, mich aufzurichten, ich denke, die Seligkeit hängt mit der Stelle zuſammen, wo mein Kopf liegt und könnte weg ſein, wenn ich ihn aufhebe.— Er ſchloß ſie an ſeine Bruſt, als könnte dies der letzte Augenblick von Beider Leben ſein; er betäubte ſich in dem Ge⸗ fühl der Gegenwart und doch entſchwand ſie ihm ſchon— der Ranſch verflüchtigte ſich ſchon, und indem er fühlte, wohin er gerathen, drückte er noch die Augen davor zu, als ob er der Wahrheit entfliehen könnte. Magda weckte ihn— 185 „Jetzt,“ ſagte ſie—„jetzt werden wir uns nie wieder mißverſtehn— jetzt haben wir uns ſicher fürs Leben!“ Damit 1 richtete ſie ſich auf, löſte ſich ſelbſt aus ſeinen Armen, drückte dann beide gefaltete Hände an ihre Bruſt und ſah ihn mit einem Engelslächeln an, das vollſtändig ausdrückte, wie alle ihre Wünſche erfüllt waren. Im ſelben Augenblick hörte Lach im Nebenzimmer, daß Claudia zurückgekehrt war— da fühlte er den ſtechenden Schmerz in ſeinem Herzen, den der hervorgetretene Widerſpruch giebt, und es trat der Moment ein, der ſo nah an Verzweiflung grenzt, der uns zeigt, daß wir die alte Stelle verlaſſen und auf der neuen nicht hingehören. Sein ſchrecklicher Zuſtand lag auf ſeinem Geſichte ausgeprägt, als Claudia zu ihnen trat. 5 „Claudia“— ſagte Magda ſogleich—„wir ſfind ver⸗ ſöhnt“— ſie wollte auf ſie zutreten, aber dieſe ſah nur Lach. —„O,“ rief ſie mit dem rührendſten Ton des Schmerzes ſich ihm nähernd—„um welchen Preis aber!“ Magda kam jetzt erſt zur Beſinnuug— ſie erkannte den heftigen Zuſtand Lacy's, und ſeine auf ſie gerichteten Augen berührten ſie mit einer Furcht, die Claudia's Ausruf erhöhte. Dieſe erfaßte ſeine Hände und führte ihn ſanft mit ſich fort, und als Magda ſah, wie troſtlos Claudia auf ihn blickte, blieb ſie lange ſinnend ſtehn und rief endlich von der heißeſten Angſt überfluthet:„Vielleicht durften wir uns ſo nicht lieben!“ Ihre Gedanken irrten umher— ſie wollte Alles bedenken— ſie fragte nach Erfahrungen umher— ſie wollte endlich zum Großvater— und dazwiſchen hätte ſie weinen können, daß ein Glück, wie ſie es nie empfunden, ſo ſchnell verſchwunden war und einem Zweifel Platz machte, der ſelbſt die Erinnerung unterdrückte. Als ſie ſich von dem Balkon wegwenden wollte, ſah ſie zufällig drüber hin auf die Landſtraße nach Prag. Ihr Auge 186 blieb an der Geſtalt einer alten Bäuerin haften, welche dem Balkon gegenüber ſtand und fortwährend mit einem weißen Tuche zu ihr hinauf winkte. Magda bemühte ſich bei der Höhe, die ſie trennte, vergeblich die Frau zu erkennen, die ihr doch etwas Bekanntes hatte; plötzlich fiel aber das arme Weib auf die Knie und hob die Hände ringend zu ihr auf— nun beſann ſie ſich keinen Augenblick, unterſuchte blos, ob ihre Taſche Geld enthielt und eilte die Stiegen hinab, nachdem ſie der Frau das Zeichen gemacht, ſie werde kommen. Als ſie das Schloß hinter ſich und die Landſtraße erreicht hatte, ſah ſie das Weib jenſeits derſelben halb im Walde ver⸗ ſteckt, ſchüͤchtern noch einmal das Zeichen wiederholen und jetzt tauchte Magda eine Ahnung auf, wer es ſein könne, und nur deſto eifriger eilte ſie ihr nach. In einem dichten Geſträuch junger Buchen kauerte das arme Weib, und jetzt dicht vor ihr ſah Magda ihre Vermuthun⸗ gen beſtätigt und trotz der ſichtlichſten Spuren des Elends und des Mangels erkannte ſie Mora, die treue Pflegerin von Egon und Hedwiga. „O“— tief Magda außer ſich vor Freude und Ueber⸗ raſchung—„welch ein Engel ſendet Dich zu uns zurück? Mora — Mora! wie biſt Du uns ſo nöthig! Wie haben wir uns Alle bemüht, Deine Spur zu entdecken und ſind ſo traurig ge⸗ weſen, als es vergeblich war— o! ſprich, arme Mora— wo biſt Du ſo lange geweſen? und warum iſt es Dir ſo ſchlecht gegangen, wie ich deutlich ſehe? „Ach Magda,“ ſagte das arme Weib ſchluchzend,„ich wußte wohl, daß ich nöthig war— aber daß das andere böſe Menſchen auch wußten, das war ein Unglück und darum ſiehſt Du mich in dieſem Elende vor Dir als Bettlerin und halb verhungert.“ „Halb verhungert?“ ſchrie Magda—„großer Gott, wie ſchrecklich! O! ſtehe auf und folge mir; jetzt ſollſt Du Alles in Fülle haben; ich will Dich ſelbſt pflegen und der Großvater wird Alles für Dich thun.“ „Nein, Magda,“ ſagte Mora—„ſo kann ich nicht vor den Großvater treten, der mich wohl kennt und dem ich Wich⸗ tiges zu ſagen habe.— Eine Bettlerin und halb verhungert! — Du mußt mir hierher erſt Hilfe ſchaffen, Kleider und Nah⸗ rung, daß ich ein Menſch werde, denn dies Elend habe ich nicht verſchuldet und will das Gepräge davon nicht den Leuten zur Schau tragen.“ Magda kannte den ſtolzen und unbeugſamen Karakter von Mora viel zu gut, um ihr Vorſtellungen zu machen, und be⸗ ſchloß daher ſogleich ihre Forderungen zu erfüllen, da ſie als⸗ dann die Hoffnung hegen durfte, die wichtige Perſon dem Großvater vorzuführen. Sie leitete daher Mora noch tiefer in den Wald hinein zu einem ihr von Bezo bereiteten weichen Mooslager und eilte dann in das Schloß zurück, in deſſen Hofe ihr Bezo ſchon ent⸗ gegen trat, der immer ihrer Spur nachging, da er ſie inſtinkt⸗ artig vermißte. Sie nahm ihn ſogleich mit ſich und eilte nach den Wirthſchaftsgebäuden zu Mutter Grimſchütz. Das Verhältniß zu dieſer war ſeit dem erſten rauhen Empfange durch alle Grade der Verſöhnung bis zu einer wider⸗ ſtandsloſen Zärtlichkeit hindurch gegangen und Magda's Wunſch oder Wille war jetzt immer ſtatt aller Gründe geltend, Frau Grimſchütz zu Allem zu bewegen, was in ihrer Macht ſtand. Mit ihrer natürlichen Sicherheit machte ihr daher Magda den Antrag, ihr von ihrer Wäſche und ihren Kleidern zu einem vollſtändigen Anzuge zu geben und für Bezo einen Korb mit Wein und Speiſen zu packen und dies ſo ſchnell als möglich und mit der größten Verſchwiegenheit. Obwol nun Frau Grim⸗ ſchütz über dieſen Antrag in maaßloſes Erſtaunen gerieth, wollte ihr doch Magda ſelbſt zu dieſem keine Zeit laſſen, ſondern legte ohne viel Nachftage um die Genehmigung der Frau Grim⸗ ſchütz Hand an die Wahl der Gegenſtände, die ihr nöthig ſchie⸗ nen, und zog dann alſo beladen mit Bezo unbemerkt durch kleine Umwege, nach dem Platze hin, wo ſie das arme Weib in tiefen Schlaf verſunken wiederfand. Sie richtete nun mit Bezo die kleine Tafel an, ließ ihn aus dem Bache Waſſer holen, damit die Unglückliche ſich reinigen könne und weckte ſie dann, um ſie all' dieſe Erquickungen ge⸗ nießen zu laſſen. Das arme Weib vergoß Thränen, als ſie Magda's Vorſorge erkannte, und während dieſe ſich mit Bezo zurück zog, eilte die gute Mora, ſich ſo ſchnell als möglich zu reinigen und umzukleiden, und als Magda in der Ungeduld, welche ihre herrſchende Laune war, zurückkehrte, fand ſie in ihr eine anſtändig ausſehende Bäuerin, welche jetzt auch ihren qualvollen Hunger mit den kräftigen Speiſen und dem Weine zu ſtillen ſuchte. Als auch dies beſeitigt war, hat ſie Magda, ihr nur in wenigen Worten zu ſagen, wie ſie in ſo elenden Zu⸗ ſtand gekommen ſei, und warum ſie in ſo langer Zeit nichts habe von ſich hören laſſen. „Ach“— ſagte Mora—„aus was für Grund, als um der armen Kinderchen künftiges Schickſal ſollte ich wohl ausziehn? Für uns arme Leute giebt es keine Feder und Papier.“ „Still,“ ſagte Magda zu Bezo, welcher eben in ein ſon⸗ derbares Geſchrei ausbrach und winkte ihm, ſich zur Erde zu ſetzen— er fuhr aber, wild wie eine Katze, auf das Gebüſch los, was in einiger Entfernung hinter Magda lag, und dieſe bat Mora fortzufahren, gewiß, der Knabe ſähe ein Eichkätzchen oder ſonſt ein Thier des Waldes. Als dieſe jedoch den Mund öffnen wollte, ſtieß Bezo aufs Neue ein ſo ſchmerzliches Angſtgeſchrei aus, daß beide Frauen in die Höhe und dem Knaben entgegen ſprangen, der taumelnd 189 und mit blutendem Kopf ein paar Schritte vorthat und dann niederſtürzte. „Großer Gott!“ rief Magda erſchrocken—„der arme Knabe iſt verwundet! Hilf Mora,— hilf, daß wir ihn dort⸗ hin tragen.“ Beide knieten neben ihn nieder, bemüht ſeine Verwundung zu erkennen, als— faſt im ſelben Augenblick— ſie von hinten an den Armen ergriffen wurden, und ehe ihnen nur die Beſinnung zum Widerſtande kam, ihre Arme auf dem Rücken gebunden und um ihre Füße eine Schlinge gezogen wurde, die jede Bewegung verhinderte. Mora war von zwei wild ausſehenden Männern überfallen worden; Magda zu halten, genügte ein Einzelner, der etwas mehr bedeuten mochte als Jene; zwei. Andere aber ſtanden noch einige Schritte von ihnen.„Ruhig,“ ſagte der, welcher Magda hielt—„wenn Ihr uns ohne Widerſtand folgt, ſo wird Euch nichts zu Leide geſchehn, wo nicht“— ſetzte er höhnend hinzu —„ſo verſucht, ob Ihr uns überwältigen könnt.“ „Das werde ich“— ſchrie Mora, die ſtarke Frau, und rang mit ihren Banden—„denn ich kenne Dich ſehr wohl, Du Böfewicht, und wenn ich es verhüten kann, ſollſt Du weder mich noch dies arme Mädchen in das Elend führen, was Du uns gewiß zudenkſt.“ „Stopft Ihr den Mund!“ ſchrie der Angeredete entgegen⸗ und im Augenblick hatte Mora einen verſchloſſenen Mund und lag am Boden, und Magda erkannte unter den Räubern den Bettler, der ihr ſchon lange nachgeſchlichen war, und eine Ah⸗ nung über die Größe ihrer Gefahr machte ihr Herz beben. Aber dies Herz war nicht ſo leicht zu entmuthigen, als die zarte jugendliche Hülle ſchließen ließ, und ſo rief ſie mit ſo gebietender Stimme als das Beben ihres Körpers möglich machte, von jeder Gewaltthätigkeit abzulaſſen und ihr zu ſagen, was ſie von ihnen wollten.„ 190 Nichts Anderes, Euer Gnaden,“ ſagte der, welcher Magda überfallen—„als Sie einzuladen zu einem Beſuch bei meinem Herrn, der ſich ſehr nach Ihrer näheren Bekanntſchaft ſehnt! Zu dem Ende hat er Euer Gnaden ſogar eine Kutſche mit vier rüſtigen Pferden geſendet, in der Sie Platz nehmen werden, wie eine Prinzeſſin gehalten und bedient. Alles unter der Einen Bedingung, daß Sie ſich nicht weigern, uns zu folgen.“ „Und wenn ich entſchloſſen wäre, dies nicht zu thun? — rief Magda—„denkt, es iſt heller Tag— kaum zwei⸗ hundert Schritt ſind wir von der Landſtraße entfernt— jeder Schrei, den ich ausſtoße, kann Hülfe bringen und dann ſeid Ihr verloren.“ „Es iſt nicht ſehr wahrſcheinlich,“ ſagte der Andere lachend —„daß fünf ſolcher Geſellen wie wir, gleich verloren ſind, ſelbſt wenn irgend ein Wanderer, der des Weges ginge, ſo dumm ſein ſollte, ſich hier einzumiſchen; aber auch wirkſamere Hülfe als hier zu erwarten, würde uns blos zwingen zu zeigen, wer der Stärkere iſt.“ „Aber,“ fuhr Magda fort—„da Ihr zu ſo ſchlechten Streichen Euch gebrauchen laßt, thut Ihr es wohl wegen Eures Vortheils— Ihr bekommt gewiß Geld dafür, wenn Ihr mich abliefert. Nun will ich Euch auch Geld geben und mehr, als Euch der geboten, der Euch gedungen— Ihr ſollt nur fordern dürfen!“ .„Du biſt ein kluges Mädchen, ſagte der Anführer—„ich muß Dir aber ſagen, daß es mehr koſten könnte als Geld, wenn wir Dich nicht brächten, und daß mit Allem, was Du uns geben könnteſt, wir nicht leicht ein ruhiges Plätzchen vor der Rache Desjenigen finden würden, der nun einmal Dich haben will.“ Magda blickte umher, als ſuche ſie nach Rath und Hülfe. Leiſe hatte ſie die Schlinge von ihren feinen Füßen, während ihres Geſprächs, das Alle beſchäftigte, abgeſtreift— jetzt flog ſie mit der Leichtigkeit des Reh's und einem lauten Hülfe⸗ geſchrei dem Ausgange des Waldes zu. Aber der kühne Verſuch blieb ohne Erfolg! Ihr Ver⸗ folger war jung und leichtfüßig wie ſie ſelbſt, die gebundenen Arme hinderten ſie überdies. Mit namenloſem Entſetzen fühlte ſie ſich ergriffen und als ſie halb aus Schreck noch einmal laut aufſchrie, war ſie im Nu überwältigt und auch ihr ein Tuch in den Mund geſtopft. Unter heftigen Drohungen ward ſie zurückgeführt und hier ſollten ſich ihre Seelenleiden noch vermehren, denn Bezo, der aus der Betäubung, in die der Schlag des Räubers ihn verſetzt, bei Magda's Stimme erwacht war, hatte ſich mit wildem Gebrüll ihr nachgeſtürzt und jetzt ſah ihn Magda unter den Händen der Böſewichter auf der Erde liegen, und von den Schlägen und Stößen, die ſie ihm gaben, floß das Blut aus ſeinem Munde und er ſchien ſchon halb eine Leiche. Dies brach den bis jetzt krampfhaft bewahrten Muth der armen Magda— aufgelöſt in Thränen entriß ſie ſich ihrem Verfolger und ſtürzte über Bezo her, ihn mit ihrem Körper gegen weitere Mißhandlungen ſchützend.— Er hob und ſchloß die Augen und ſtöhnte leiſer und ſie fühlte, daß er ſie erkannte. „Das Thier dürfen wir nicht lebend zurücklaſſen,“ ſagte der Anführer—„gieb ihm noch einen Schlag, dann hat er genug— es darf keine Spur bleiben— verſtehſt Du mich?“ Magda richtete ſich, von dieſen entſetzlichen Worten wieder aufgerüttelt, empor; mit verzweiflungsvoller Anſtrengung hatte ſie ihren einen Arm befreit; ſie riß das Tuch aus ihrem Munde, drückte das arme bedrohte Geſchöpf feſt an ſich und rief:„Halt! halt! um Gotteswillen habt Erbarmen! Ich will Euch folgen, wohin Ihr wollt, ohne Widerſtand— denn Ihr werdet mich doch nicht weiter führen, als es Gottes Wille iſt— aber gelobt mir, dies arme Geſchöpf zu ſchonen, und da Ihr es nicht zurück 192 laſſen wollt, ſo nehmt es mit mir, trennt es nicht von mir, miß⸗ handelt es nicht, denn es iſt elend und ſchwach und muß unter⸗ liegen— aber gebt mir Freiheit, ihn zu pflegen, und alles Andere will ich vorläufig ertragen.“ Ein rauhes Lachen war die Antwort auf dieſe rührende Beſchwörung.„Nun“— rief der Anführer—„nie hab' ich geſehen, daß ſolch' ſchönes Mädchen eine ſo wilde Beſtie zum Liebſten hatte, und ſchon um des Scherzes willen ſollſt Du mit: ich glaube, das bringt unſern Alten zum Lachen trotz ſeiner wilden Laune! Jetzt auf denn!“ fuhr er fort—„wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Magda, die um Bezo's Leben zu retten, entſchloſſen war, ietzt auch ihr abgerungenes Wort zu halten, ſtand auf und da der arme Knabe keine Beſinnung hatte, lud ihn der eine Räuber auf die Schulter und Magda ſchloß ſich ſogleich dieſem an. Doch erſtaunte ſie, als ſie fand, daß Mora eben ſo wie ſie ſelbſt fortgeführt ward und ſie ſah wohl ein, wie ſorgſam man ver⸗ hütete, daß Einer zurückbleibe, der von ihrem Raube Nachricht geben könnte. Wie ſchwer ward es der unglücklichen Magda, die unab⸗ läſſig zur Eile getrieben ward, ihre Schritte zu beflügeln, um ſich damit immer weiter von jeder Rettung und von dem Ort, der ihre Beſchützer umſchloß, ſelbſt zu trennen— obgleich halb betäubt, dachte ſie doch an einen Zufall, der ſie retten ſollte; ſie glaubte, es ſei unmöglich, daß ſie wirklich entführt werden könne, und doch hatte das Erlebte ihren Geiſt verwirrt und ſie nahm Allesam ſich her nur wie im halben Traume wahr! Zuletzt ſchien der Weg ihr fremd zu werden, ſie hörte bei ſchwächer werdenden Kräften Mora den Vorſchlag machen, daß man ihre Arme löſen ſolle, um das Fräulein zu tragen. Es ſchien ihr dann, ſie werde getragen; ihre volle Beſinnung bekam ſie erſt zurück in einem ſchnell davon eilenden Wagen. Sie ſah ſich in 193 Mora's Armen liegen, die ſie ſo ſanft wie möglich zu betten ſuchte; vor ihr auf dem Boden des Wagens mit Kiſſen geſtützt lag Bezo. Mora's wohlthätige Hand hatte ſchon ſeine Wunden verbunden; er hatte die blödſinnigen Augen in Verwunderung, wie es ſchien, auf Magda gerichtet, und als ſie erwachte, ſtieß er einen kurzen Schrei aus und rief ein paar Mal wie die Dohlen. Ach! dies arme Weſen war Alles, was dem unglücklichen Mädchen von dem reichen Liebeskreiſe geblieben war, aus dem ſie ſo jammervoll geriſſen ward, einer bedrohten Zukunft ent⸗ gegen gehend, und einen Schmerz hinter ſich laſſend, den ſie ſich nicht groß genug denken konnte, wenn ihre Entführung entdeckt wurde. „Ach, Mora,“ ſagte ſie traurig—„begreiſſt Du das Allese Warum will man mich denn entführen— wer kann das wollen und wohin werden wir gebracht?“ „Ach!“ ſchluchzte Mora— ich begreife es nur zu wohl, und ſicher werdet Ihr an den Ort geführt, woher ich entflohen bin, um Euch und die armen Kinder zu warnen; denn das alte Ungeheuer wird eher keine Ruhe haben, als bis er Euch Alle ſeiner Rache aufgeopfert hat.“ „Wer iſt denn das?“ rief Magda— und trotz der ver⸗ ſchloſſenen Kutſche wagte Mora doch nur leiſe zu flüſtern:„Der alte Fürſt von S.“ „Großer Gott!“ ſagte Magda—„der böſe alte Mann — den hab' ich im Dohlenneſt geſehn— er will ſich an mir um meines Spottes willen rächen!“ „Ach! ſage lieber, er will ſich an Thomas Thyrnau rächen — und ein Irrthum, in welchem er über Dich beharrt, macht ihn ſo wild, Dich in ſeinen Beſitz zu bekommen!“ „Du mußt mir das Alles erzählen!“ rief Magda— „Schickt Gott uns wirklich keine Hülfe bis dahin— müſſen wir wirklich zu dem alten böſen Mann, ſo will ich wenigſtens Thomas Thyrnau. II. 13 194 wiſſen, was mir bevorſteht und was dieſer Mann für Urſachen hat, mich zu verfolgen.“ „Du kannſt Recht haben,“ erwiederte Mora,„und ich will Dir erzählen, was ich ſelbſt weiß. Ich bin von je her nur ein geringes Weib geweſen, aber ich gehörte einſt zu dem Haushalt Deines Großvaters, und als Deine Tante, die ſchöne Lucretia, ſich mit dem Prinzen von S. heimlich verheirathete und das Haus des alten Thyrnau verließ, der damals weit ab war, da hatte mir ein Zufall Alles verrathen und ich flehte ſie an, mich mitzunehmen, denn ich liebte das ſchöne Engels⸗ weſen mehr als mein Leben!“ Magda unterbrach hier durch ihr lebhaftes Erſtaunen Mora's Erzählung, welche ihr nun zugleich Aufſchluß gab über das ganze Verhältniß des Großvaters zum Prinzen und über ſein hartnäckiges Schweigen, wenn die Rede auf Lucretia kam. Dies mächtig erregte Intereſſe ließ ſie faſt ihre Lage ver⸗ geſſen und Mora fuhr fort, ihr den Tod von Lucretien's erſtem Kinde, einem Mädchen, und von der damaligen Erhaltung Egon's zu erzählen, und dann von der Geburt Hedwiga's bis zu der entſetzlichen Kataſtrophe von Luctetia's Tod. „Der widrige alte Herr hatte eine niedrige Leidenſchaft zu Deiner Tante gefaßt, und Menſchen, die in ſeinem Dienſt immer zu allem Böſen bereit waren, was er ſich ausdachte, hatten end⸗ lich unſern Aufenthalt, ſo verborgen ſich die arme Lueretia auch vielt, entdeckt. Ach! nie werde ich den entſetzlichen Tag ver⸗ geſſen, wo er zuerſt unvorbereitet in den kleinen Gartenſaal trat, in welchem wir mit den beiden Kindern waren! Was ſoll ich Dir das Herz ſchwer machen— obwol ich mit den Kindern das Zimmer verließ, hörte ich, was die arme Mutter zu leiden hatte, wie ſchändlich er ſie benannte und verlangte, ſie ſollte ſeine ſchlechte Liebe erwiedern und ihm folgen; als ſie dies Alles mit Abſcheu verwarf, drohte er ihr mit ſeiner Rache und ſagte ihr, 195 er würde nach vierzehn Tagen wiederkommen, bis dahin ſolle ſie ſich bedenken, und durch keine Flucht ihm zu entgehen hoffen. Ach! an Flucht war nicht zu denken— Egon bekam in derſelben Nacht die Rötheln und ſo pflegte die Unglückliche das Kind mit der Gewißheit, verlaſſen ſeiner Verfolgung blos zu ſtehn; denn der Krieg wüthete eben und ſie wußte nie, wo der Prinz war, und ihre Boten, die wenigſtens bis zu dem Armeecorps, bei dem er ſtand, durchdrangen, brachten ihr die Nachricht, er ſei verſendet— keiner wußte wohin.— Dein Großvater war in Paris und alle andern Verwandten in Böhmen, das durch den Feind von uns getrennt war. Der ſchreckliche Tag kam. Obwol ſie ſchon damals wie eine Sterbende war, wollte ſie doch mit ihm allein bleiben. Ich hielt mich aber in ihrer Nähe, weil ich dachte, er könnte ſie gleich mit eignen Händen umbringen. Sie blieb immer der heil'ge Engel— ſelbſt gegen dies Ungeheuer!— Aber er— da er ſah, daß all' ſeine Ueberredungen vergeblich waren und ſie ihren Abſchen dagegen ausdrückte— überließ ſich nun der ſchreck⸗ lichſten Wuth, und hätte ich mich nicht dazwiſchen geſtürzt, er hätte ſie erwürgt. Er verfluchte ſie— den Sohn und ihre Kinder und ſchwor ihr die fürchterlichſte Rache, die ſie erreichen ſolle, wohin ſie ſich auch verbergen werde. Von da an war das Herz Deiner armen Tante gebrochen— ſie erwartete ihren Tod und mißtraute außer mir all' ihren Leuten, die ſie Alle entließ. „Ach,“ ſagte ſie oft, wenn ich ſie tröſten wollte—„er hat ſchon ſeinen Willen— mich hat er ſchon getödtet— ich kann mich nie wieder erholen.“ Sie bekam nur zu bald Recht.“ „Er hatte beſchloſſen, Alle umbringen zu laſſen,“ fuhr Mora fort—„der Gärtner war ſein beſtochener Henker. Das Obſt, was er eines Tages der unglücklichen Mutter und den Kindern brachte, war vergiftet. Mich trieb immer ſeit dem Tode des erſten Kindes eine mißtrauiſche Angſt, die Kinder zu bewachen 13* 196 — und doch rettete ſie nur der Zufall. Schon hatten ſie, mit ihrem kleinen Hunde ſpielend, etwas von den Früchten genoſſen und ſie ließen das Hündchen an jeder Frucht lecken, um es zu füttern— da drehte ſich das arme Thierchen plötzlich ſchäumend im Kreiſe herum und ſtürzte dann zuckend zuſammen. Ich kam auf das Geſchrei aus dem Nebenzimmer. Jetzt wirkte das Gift auch bei den Kindern— ihre Farbe verſchwand, ſie fielen in Krämpfe und ich hörte— voll Verzweiflung über ſie gebeugt — nicht die Glocke, die mich zu Deiner Tante rief. Da ſtürzte ſie ſchwankend, bleich und fürchterlich entſtellt in das Gemach. „Mora!“ ſtöhnte ſie—„die Früchte waren vergiftet, ich ſterbe — o rette die Kinder!“ Aber ein Blick ihrer halb gebrochenen Augen ſagte ihr, was vorging, und dies beſchleunigte ihr Ende. — Laß mich ſchnell erzählen— das ſchreckliche Unglück taugt doch nicht für Deine Ohren. Ihre Leiche lag vor den ſterbenden Kindern— wir hatten nur noch einen alten Diener— ich konnte keine Hülfe finden, und ich ſchauderte davor zurück. Da hatte Egon in der Angſt ſeine Decke halb verſchlungen, und dies brachte plötzlich Erbrechen hervor— ein Fingerzeig Gottes war es— auf eben dieſe Weiſe brachte ich Hedwiga zum Er⸗ brechen und unterhielt den Zuſtand durch Milch.“ „Als die Kinder endlich in einen Schlaf fielen, der mit ſagte, daß ſie gerettet waren, faßte ich den Entſchluß, mit ihnen zu entfliehn und ſo viel als möglich jede Spur ihres Daſeins zu vertilgen. Ich ging zu dem alten kranken Diener, der viel⸗ leicht ehrlich war, aber ich hatte mir gelobt, Niemand mehr zu trauen; ich ſagte ihm, alle Drei ſeien Tod— durch Gift, welches im Obſte verborgen— jetzt müſſe er mir helfen ſie be⸗ graben, denn ich wollte nicht, daß noch ihre Leiber gemißhandelt würden.— Er verließ ſein Lager— und wir gruben die halbe Nacht an der Grube für die Leichen. Als ſie mir tief genug ſchien, kehrte ich nach dem Hauſe zurück— hüllte die Leiche der 197 armen Mutter in Decken und trug ſie in ihr letztes Bett— vorgebend, daß die Kinderleichen bei der Mutter lägen. Als das Grab fertig war und wir die Stelle, ſo gut wir konnten, mit Raſen verborgen hatten, führte ich den alten Diener faſt ſterbend zu ſeinem Bette zurück und nachdem ich ein kleines Mädchen aus der Nachbarſchaft ihm zur Pflege gegeben und Alles herbeigeſchaft hatte, nebſt etwas Geld, was ich ihm zu⸗ ſteckte, ging ich an mein großes Werk, welches mir der Reſt der Nacht noch ausführen helfen ſollte. Ich machte ein Bündel, ſo wie ich es hoffen konnte zu tragen, ſteckte alles Geld zu mir, was ich fand, und weckte dann die ermatteten Kinder, packte Hedwiga in eine Kiepe und nahm ſie auf den Rücken, Egon auf den Arm.“ „Durch welche Schule des Elends wir gingen— davon laß' mich ſchweigen! Ich wollte zum Erbprinzen— ich hörte, er ſei in Wien beim Kaiſer— dort wollte ich hin— Du weißt, wie uns Bäbili fand— der Erbprinz war in Italien. Jetzt dachte ich nur daran, die Kinder zu verbergen; ich ſah in allen Menſchen nur Spione des ſchrecklichen Mannes, welche ſie mir rauben oder tödten wollten.“ „Aber,“ rief Magda, die faſt in Thränen und Schmerz vergehend dieſe traurige Geſchichte hörte—„aber warum ent⸗ deckteſt Du Dich nicht Barbara— der guten Großtante dieſer Kinder?“ „Barbara kannte mich nicht und ich ſie nicht. Ich gehörte auf das Gut, was ſie nur kurze Zeit mit Lueretia bewohnte und kam erſt als Küchenmagd in den Dienſt des Hauſes, als Frau Hüls⸗ hofen nach Prag gegangen war, wo Du mit Deiner Mutter, der Frau Matielli, an den Pocken krank lageſt.— Später faßte ich ſo viel Vertrauen zu ihr, daß ich ihr ſagte: ſie ſolle mir helfen, für die Erziehung der Kinder zu ſorgen— ſie ſeien vornehmer Geburt — aber es ruhe ein tiefes Geheimniß über ihrem Shidjat 198 Sie that nun zwar, warum ich ſie bat— aber ſie hatte ein ſtolz verächtliches Weſen gegen alles Heimliche— ſie blickte, denke ich, noch hochmüthiger als ſonſt auf die armen Kinder. Da ſchnitt ſie mir das Vertrauen ab, was ſo ſchon nicht ſo leicht bei mir zu erringen war, und ich wollte nicht, daß die Kinder ihr was zu danken hätten; ja als Du ſpäter einmal den Großvater nannteſt und ich wohl denken konnte, es ſei derſelbe auch Großvater meiner armen Waiſen, wollte ich ihn doch nicht um Schutz bitten, da ſie ihren rechten Vater hatten, der mächtiger war als Alle, und ich nicht wußte, wie der alte Herr über die Kin⸗ der denken werde, da er die Heirath mißbilligt hatte— und ſie verachtet zu ſehn— und mir vielleicht weggenommen— unter anderes Volk gebracht, das ſie lieblos behandelt hätte, das wollte ich nicht erleben und hätte doch kein Recht gehabt, es zu hindern, wenn einer von den Verwandten über ſie ge⸗ kommen wäre.“ „Da kam denn die Zeit, wo die Fürſtin Morani und der Graf Lach zutraten und das hielt ich den Kindern ſchicklich und gab ſie hin, feſt beſchließend, ſobald ich ſie in Sicherheit wiſſe, nach dem Fürſtenthume S. zu wandern und mir den Erbprinzen ſelbſt zu ſuchen.“ „Aber wie es immer armen Leuten geht; ihnen fehlt viel, um Unglück zu vermeiden; ich war zu einſältig, um die Gefahr zu ſehen, in die ich ging, dachte, das arme Weib ſollte dem böſen Manne aus den Gedanken ſein. Es war nicht ſo. Un⸗ beſonnen umſchlich ich das Schloß, da zu dieſer Zeit alle Men⸗ ſchen dort ſagten, der Prinz werde jeden Tag erwartet. Ihn ſah ich nicht; aber der Alte hatte ein Fenſter, von da belauſchte er, hinter Vorhängen halb verborgen, ſeine Unterthanen. Da hatte ich armes dummes Weib mich ihm auch hingeſtellt, und er hatte über mein täglich Wiederkommen und mein ſeltſam Weſen ſo lang gegrübelt, bis er mich erkannt. Nun ward ich 199 ins Schloß gelockt, und da ich auch hierbei nach dem Erbprin⸗ zen forſchte, ward ich plötzlich zu ihm geführt. Das war ein ſchreckliches Wiederſehn. Ich war nur ein armes geringes Weib, und er ein reicher mächtiger Fürſt, aber er ſtand doch als der Geringere vor mir, und mußte es ertragen, daß ich mir vor Abſcheu das Geſicht vor ihm verdeckte und ihm ſagte: Gottes Blitz der Vergeltung werde ihn noch treffen.— Dann faßte ich mich und beſchloß, ihm das Leben der Kinder nicht zu verrathen, und wenn er mich auf die Folter ſpannen ließe. Das hatte ich nun nicht zu fürchten, denn die ihm gedient, waren um des Lohnes willen bemüht geweſen, Alles ihm als wohlgelungen vorzuſtellen— er hielt ſie Alle im ſelben Grabe gebettet— aber er hatte was anderes im Sinne, und das warſt Du!“ „Dich hatte er indeſſen bei Deinem Großvater geſehn, und da Du, wie ich oft bemerkt, mit der Tante Lucretia Aehn⸗ lichkeit haſt, ſo war ihm der Gedanke gekommen, Du könnteſt das älteſte Mädchen ſeines Sohnes ſein, durch irgend einen Zufall von dem Dir zugedachten Tode gerettet, dem Egon da⸗ mals, wie er wußte, entronnen war. Dies ſollte ich ihm ent⸗ decken; denn er wußte, daß ich die Wahrheit kennen mußte. Da ich es nun mit ganzer Ueberzeugung leugnete, hielt er es für Verſtellung und Lüge und beſchloß, mich durch Kerkerhaft und Leiden, dann wieder durch Pflege und Verſprechungen zum Geſtändniß zu bringen.“ „Dabei ſagte er mir, um mir zu zeigen, Du werdeſt ihm doch nicht entgehn, wo Du lebteſt und wie Du von ſeinen Knechten umſtellt wareſt— und wahrlich, ein Wunder oder die Feigheit ſeines Dieners, der es leiten ſollte, hat Dich bisher geſchützt. Endlich ward er der Verzögerung überdrüſfig; er wählte einen andern Böſewicht, der ihm fähiger ſchien— da gelang es mir, unbemerkt zu entfliehn, und ſo habe ich mich bettelnd hierher geſchleppt, um Dich zu warnen und wo möglich die nächſte Gefahr auch von den Kindern abzuwenden; denn er ſagte mir, daß der Graf und die Gräfin Lacy hier wären, und ich fürchtete daher auch für meine armen Kinder.“ „Alſo“— ſagte Magda ſchaudernd—„bin ich zum Tode beſtimmt wie Egon und Hedwiga, und ich werde keine Mora haben, die mich ſchützt. Heiliger Gott! warum hältſt Du den Sünder nicht auf in ſeinem Lauf? Mora“— ſetzte ſie hinzu— „mir iſt, als ob ich von Deiner Erzählung ſchrecklich alt gewor⸗ den wäre. Der Großvater verſchwieg mir Lucretia's Schickſal, weil er wohl wußte, wie ſolche Erfahrung den Jugendmuth bricht— und nun hat es doch geſchehen müſſen, und ich fühle die Wirkung.— Aber es wird auch dieſes gut ſein, denn wozu ſoll der Glaube, daß die Sünde erlogen iſt, wie ich bis jetzt dachte, wenn ſie doch wirklich da iſt! Ich will nun kurz vor meinem Tode nicht betrübt ſein, daß ich erfahren mußte, was ſo Viele wiſſen, die älter werden und doch ſo gut bleiben, wie zum Beiſpiel der Großvater.“ „Verzweifle nicht,“ ſagte Mora—„ich kann nicht glau⸗ ben, daß er Hand an Dich legt— und man wird auch Deine Entführung nicht ruhig geſchehen laſſen. Hülfe kann Dir nicht fehlen! Wenn Gott will, trifft Alles zuſammen und dann kömmt die rechte Stunde der Rettung!“ „Ja, Mora,“ ſagte Magda—„ſo wird es ſein, und ich will mich nicht beugen laſſen und muthig bleiben, und da ich beides ſo nöthig habe, will ich ſo wenig als möglich an den Großvater und an den Karlſtein denken; denn das, fühle ich wohl, bricht mir mehr das Herz, als wenn ſie mich jetzt vor den alten Böſewicht führen werden.“ Ihre Reiſe ging während dieſer Mittheilungen ununter⸗ brochen fort; der Wagen ward oft mit friſchen Pferden verſorgt, und nur als die Nacht anbrach, öffnete man von Außen die Wagenfenſter, um Luft einzulaſſen. Mit Nahrung wurden ſie * 201 reichlich verſehn, und man ſchien überdies ſich gegen Magda höflich bezeigen zu wollen; denn auf ihre Forderung, daß man Bezo's Wunden mit friſchem Waſſer baden ſolle und aufs Neue verbinden, gab man ihr darin nach, und mit ihrer natürlichen Anlage zum Befehlen wußte ſie es bald dahin zu bringen, daß Bezo, obwol von leichtem Wundfieber befallen, doch ſanft ge⸗ bettet und erquickt zu ihren Füßen lag, und daß ſie außer ihrer Freiheit, ziemlich fordern konnte, was ſie wollte, wenn ihr auch nur ein mürriſcher Gehorſam zu Theil wurde. Bezo ver⸗ lor trotz des Fiebers, was ihn ſchüttelte, nicht ſein ſparſames Bewußtſein, und ſein traurig⸗blödſinniges Grinſen trat ſogleich hervor, wenn Magda ſich zu ihm bog, oder er ihre Pflege fühlte— und dieſe war ſo arm an Liebesbeweiſen geworden, daß ihr die Nähe des treuen befreundeten Knaben, der kein klareres Gefühl hatte, als das eben dieſer Treue gegen ſie, der größte Troſt war, den ſie empfinden konnte. Auch Mora war ihr eine Stütze; obwol ſie kaum hoffen konnte, nit ihr vereinigt zu bleiben, beſchloß ſie doch Alles an⸗ zuwenden, um dies zu erlangen, und das verwöhnte Kind, das den Widerſpruch noch nicht kannte, hoffte ſeinen Willen durch⸗ zuſetzen. Ihre Reiſe blieb ungeſtört und es war bei der Eile und guten Vorbereitung leicht zu denken, daß, wenn Magda's Ver⸗ ſchwinden entdeckt ward, und bis zu der Ueberzeugung geleitet hatte, daß ſie entführt ſei, die Zeit zu einem großen Vorſprung gewonnen war, den ihre Begleiter mit allen ihnen zu Gebote ſtehenden Mitteln zu benutzen ſuchten.„Wer weiß, ob ſie über⸗ dies jemals die rechte Spur eutdecken— und dann werde ich vielleicht niemals die Sorge kennen lernen, die ſie um mich ge⸗ tragen haben,“ ſetzte Magda ſchwermüthig hinzu— und wie doppelt weh ward ihr dabei ums Herz, da ſie ſich ſo eben mit neuen Lebensbanden an Lacy geknüpft fühlte— wenige Augen⸗ blicke vor dieſer Kataſtrophe eine feſte Hoffnung auf wieder ge⸗ wonnenes Glück gefaßt hatte. Sie irrte ſich nicht in der Vorausſetzung, daß ihre Ent⸗ führung lange der Beobachtung entzogen blieb. Zu gewohnt waren Gundula und der Großvater, ſie nach dem mit ihnen genoſſenen Frühſtück bis zur Mittagstafel nicht wiederzuſehn, als daß man ſie an dieſem Tage vermißt haben ſollte. Man vermuthete ſie wie gewöhnlich bei Claudia, und dieſe blieb an dem erwähnten Morgen Allen unſichtbar in ihren Zimmern. Als Claudia ſich zu Mittag entſchuldigen ließ, nicht in dem gemeinſchaftlichen Eßſaal zu erſcheinen, nahm man wieder an, daß Magda, wie dann gewöhnlich, mit Claudia eſſen werde. Claudia's Kammerfrau bediente die Gräfin— ſo blieb es Thyrnau's Leuten verborgen, daß ſie auch dort nicht war. Lacy erſchien zwar bei Thyrnau zu Tiſche, aber er fand Magda's Abweſenheit nicht allein erklärlich, ſondern ſie war ihm eine Wohlthat, die er ihr glaubte danken zu müſſen, und er am wenigſten that die Frage nach ihr, die Alles aufgeklärt hätte. So rückte der Abend heran, und erſt als ſie auch da nicht erſchien, nachdem die Gräfin Lach zur Ruhe gegangen war und ihre Kammerfrau bei Gundula den Abendbeſuch machte, ergab es ſich aus zufälligen Nachfragen, daß Magda ſeit den frühen Morgenſtunden nicht bei der Gräfin geweſen war. Jetzt gin⸗ gen Fragen von Einem zum Andern und endlich kam man zu Thyrnau, der mit Lacy in ſeinem Arbeitszimmer ſaß und es verſuchte, dem einſilbigen Gaſt einiges Intereſſe abzugewinnen. „Magda iſt auch nicht bei Euch, lieber Herr? ſagte Gun⸗ dula—„wo iſt ſie denn eigentlich? Veit kommt ſo eben vom Felsſitz, da iſt ſie auch nicht.“ „Magda?“ riefen ſogleich beide Männer, von ihren Sitzen aufſpringend—„ſie wird noch bei der Gräfin ſein!“ 203 „Nein, Herr!“ ſagte Gundula ſtockend—„dort war ſie nicht ſeit der Morgenſtunde— allerdings haben wir dies Alle gedacht und ſie deshalb nicht geſucht.“ „Und hier“— rief Thyrnau—„in ihrem Zimmer war ſie auch nicht?“— Er wußte es gewiß— doch riß er haſtig die Thür auf, um zu ſehn, was er erwartet hatte. Der kleine zierliche Raum, mit einem Blick zu überſehn, lag in ſeiner ſtillen Ordnung einſam vor ihm.„Nun!“ rief er, ſich noch immer beherrſchend—„ſie ſchweift wieder umher. Laßt uns die nächſten Umgebungen durchſuchen.“ Als ſich beide Männer bei dieſen Worten ahnungsvoll anblickten, ſahen Beide, daß ſie blaß und verändert waren, und Lacy erweiterte im ſelben Augenblick Thyrnau's Vorſchlag noch, indem er in faſt krampf⸗ hafter Heftigkeit dem alten Beit zurief, ſogleich die Pferde ſatteln zu laſſen, und den Grafen Podiebrad in den Schloßhof hinab zu bitten. Thyrnau griff nach der Lehne eines Stuhls und ſagte kaum hörbar:„Was denkſt Du, Lacy?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte dieſer heftig—„aber wir müſſen auf Alles gefaßt ſein. Laß uns hinunter gehn— wir müſſen alle Hausbewohner fragen— Podiebrad muß ſeine Leute aufſitzen laſſen.“ „Vielleicht kommt ſie noch,“ ſagte Thyrnau verwirrt und ſchwach, faſt gedankenlos Lacy's Arm nehmend, der ihm mit ſich die Treppen hinunter zog. Die Nachricht hatte ſich mit reißender Schnelligkeit im Schloſſe verbreitet; der Hof war mit allen Bewohnern erfüllt und eben kam die wichtigſte Perſon, Mutter Grimſchütz, mit der Schürze vor den Augen laut ſchluchzend in den Hof, und als ſie die beiden Herren aus dem Schloſſe treten ſah, und Po⸗ diebrad gleichfalls mit vollkommen natürlicher Beſorgniß, ſein ganzes Pathos vergeſſend, aus ſeiner Thür hervor rannte, warf 204 ſie ſich vor Thyrnau nieder und ſchrie mit ihrer rauhen heiſern Stimme um Gnade und betheuerte ihre Unſchuld, ohne daß ihren Worten der geringſte Zuſammenhang abzumerken war, obwol es Allen klar ward, daß ein Unglück geſchehen, von dem dieſe Frau Kenntniß habe. Thyrnau beobachtete ein trauriges Schweigen; aber nie⸗ mals ſahen ſeine Getreuen ſein edles Geſicht ſo farblos und von ſo troſtloſem Schmerze erſtarrt. Er blickte auf das Weib nieder, ohne Frage oder Antwort— während Lacy in einer Anfregung, die an Wuth grenzte, hinzu ſprang, ſie vom Boden aufriß und zu einer deutlichen Sprache nöthigte. „Ja, Herr! mißhandelt mich nur,“ ſchrie Mutter Grim⸗ ſchütz—„ich habe es wohl verdient und weigere mich nicht, Euch zur Erleichterung zu dienen— aberſetzt ihr nur nach— thut nur Alles, um ſie einzuholen, denn ſie iſt fort! fort! in meinen Kleidern iſt ſie fort! und Bezo trägt nur wenig Mundvorrath, ſo daß ſie ſogar bald Hunger leiden wird— aber wie ſollte ich ihr mehr geben, da ich nicht wußte, daß ſie entfliehen wollte?“ „Schweig!“ rief Thyrnau hier mit einem faſt fremden Ton der Stimme, aber doch zum Leben zurückkehrend.„Es iſt anders! das begreifſt Du!“ fuhr er zu Lacy fort, der plötzlich verſtummt einen neuen Schreck zu erleben ſchien—„aber ich fürchte trauriger! „Sammle Dich,“ ſagte er dann wieder zu Frau Grim⸗ ſchütz gewendet—„erzähle, was Du weißt.“ Dies geſchah nun in einiger Ordnung und obwol der Bericht verworren und räthſelhaft genug blieb, erfuhren ſie doch, daß Magda mit jenen Sachen und Bezo das Schloß ver⸗ laſſen habe und nicht zurückgekehrt ſei. Die traurigſte Ueber⸗ zeugung für Alle war, daß dies ſchon am frühen Morgen geſchehen ſei, daher ein Zeitverluſt eingetreten war, welcher die gefährlichſten Folgen haben konnte. Lach fühlte ſich von 205 Befürchtungen beſtürmt, die er weder gleich prüfen noch in Zuſammenhang zu bringen vermochte— aber nach dem, was er am Morgen mit ihr erlebt, nach Claudia's Erſcheinen, wel⸗ ches ſie getrennt und wodurch ſie ſich ſelbſt überlaſſen blieb in einer Stimmung, die ſich vielleicht geändert hatte durch irgend eine Befürchtung über Claudia— hatte ihn ſelbſt die thörichte Behauptung der Alten: Magda ſei entflohn! tief erſchüttert. Thyrnau's feſter Ausſpruch erlöſte ihn hiervon und doch mußte er ſich ſagen, dieſer kannte nicht, wie er, den beſonderen Ge⸗ müthszuſtund des theuren Kindes, und ſein Gewiſſen flüſterte ihm zu:„dies wäre nicht geſchehn, wenn Du Dich pflicht⸗ getreu beherrſcht.“ „Alles bleibt ein Räthſel!“ rief Thyrnau nach den letzten Worten der alten Frau—„aber irgend eine Handlung der Wohlthätigkeit, zu der ihr eignes Treiben oder fremde böſe Ab⸗ ſicht ſie verlockt, iſt die Veranlaſſung. Schrecklich iſt die ver⸗ loren gegangene Zeit!“ „Dort kommen die Pferde!“ rief Lacy erleichtert—„ich denke, der Wald bis Karlik, dann der Weg nach Budnian und die Stadt ſelbſt müſſen unterſucht werden.“ In dieſem Augenblick hörten ſie Podiebrads Stimme, welcher kommandirte— und hervor ritt er an der Spitze der aufgeſeſſenen Beſatzung mit gezogenem Degen. „Meine Herren!“ ſagte er, den Degen ſenkend,„dieſer Raub des edlen Fräuleins, welches der Obhut des Karlſteins übergeben war, iſt ein Ehrenpunkt für uns Alle, und, muß ich wegen beſonderer Verdienſte des Fräuleins hinzuſetzen, auch ein Herzenspunkt im keuſcheſten Sinne des Worts.“ Hier bebte dem ehrlichen Kämpen ſein mächtiger Zwickelbart ſo ſtark, daß er ſeine Rede kurz abbrach und einen auffordernden Blick rück⸗ wärts warf, in welchem, wegen der Dämmerung, Niemand die beſondere Feuchtigkeit zu bemerken vermochte. Dann fuhr 206 er zu Lach und Thyrnau gewendet fort, welche ihre Pferde ſo eben beſtiegen:„Laſſen Sie uns unſern Plan machen und die Mannſchaft vertheilen— es ſind ſtarke Pferde— nichts darf geſchont werden— Gott und Galbes werden unterdeſſen den Karlſtein ſchützen!“ Lacy und Thyrnau drückten ihm gerührt die Hand und nachdem die Verabredung getroffen, ſetzten ſich alle Reiter in großer Eile in Bewegung nach den verſchiedenſten Seiten des Karlſteins. Thyrnau hatte den Wald vor dem Karlſtein zu durchſuchen übernommen, und ſeine Stimme rief oft den beſonderen Aufruf in den Wald, den er und Magda zum Wiederfinden bei ihren Streifereien angenommen hatten. Aber die Antwort blieb na⸗ türlich aus, und Thyrnau hatte ſchon lange ſein Pferd verlaſſen und durchſtreifte mit Veit die kleinen Gebüſche, welche ihnen zum Troſt der Mond erhellte, als Thyrnau zuerſt ein Bündel Kleidungsſtücke entdeckte, die einer Frau gehört hatten. Dies ſchien ihm ſogleich mit den Ausſagen der Mutter Grinſchütz in Zuſammenhang zu treten— haſtig unterſuchte er den Platz weiter und fand den Korb mit Lebensmitteln und eine ange⸗ brochene Flaſche Wein. Hier alſo war ſein theures Kind ge⸗ weſen. Hoffnung und Schmerz kämpften in ſeiner Bruſt; aber die erſtere erſtarb faſt, als ihm Veit bleich und ſtumm ein weißes Tuch reichte, welches Magda zugehörte— es war noch feucht von reichlich darin vergoſſenem Blute. Er ftürzte nach der Stelle hin, wo Veit es gefunden— hier zeigten ſich noch beſtimmter die Spuren der Gewaltthat. Stricke lagen umher, der Boden war unterwühlt von vielen ſchweren Fußtritten, die in Anſtrengung geweſen ſein mußten, und das Moos war an einer Stelle ſchwarz gefärbt und es zeigte ſich, daß es Blut war. Hier verließ Thomas Thyrnau die bis zum ſiebenzigſten Jahre unerſchütterte Manneskraft— mit einem tiefen Auf⸗ 207 ſtöhnen ſank er an Veits Bruſt, ſeine Knie brachen und ſeine Augen umhüllten ſich trübe. Veit leitete den faſt bewußtloſen Greis bis zu einem Baumſtamme, welcher umgeworfen vor einer mächtigen Eiche liegend, einen Lehnſitz gewährte. Abgeſpannt ſank Thyrnau darauf hin und fühlte ohne klares Bewußtſein blos ein unab⸗ weislich tiefes Herzensweh. Veit eilte in die gelichteten Wege zurück und rief den Rei⸗ tern, welche dort warteten, zu, augenblicklich den Grafen Lach von dem Wege nach Budnian hierher zu holen. Zürückkehrend fand er ſeinen armen Herrn noch in derſel⸗ ben Stellung, Magda's Tuch feſt in die Hand geklemmt und halb bewußtlos auf den Boden ſtarrend. Ach! wie zerriß die⸗ ſer Anblick um ſo mehr ſein Herz, da er ſeinen theuren Herrn noch nie ſo ſeiner Kraft beraubt geſehen hatte. Er kniete vor ihm nieder, er ſprach mit ihm, er weinte— aber Thyrnau ſah ihn ſchwer ſeufzend an, drückte das Tuch zuſammen und konnte ſich nicht empor ringen. Da hörte der alte Diener endlich raſche Hufſchläge, Thyrnau ſelbſt ſchrack empor— Lach theilte die Gebüſche und ſtürzte auf Thyrnau zu, der im ſelben Augenblick wie durch ſei⸗ nen Anblick belebt ward und aufſtehend ihm entgegen ſchwankte. „Sieh! ſieh! Lach,“ rief er—„hier iſt ihr Blut ge⸗ floſſen— wir haben nichts von ihr als dieſes Tuch!“ Er ſtreckte die Arme nach ihm aus— Lachy unfaßte ihn und jetzt brach der gefährliche Zuſtand Thyrnau's in ein heftiges Schluch⸗ zen aus. D Magda, hätteſt Du gefühlt, welche tiefe Gewalt der Liebe für Dich die beiden Herzen durchdrang, die der höchſte Schmerz jetzt an einander preßte, Du hätteſt Dich auf Deiner rauhen Bahn gehoben gefühlt und ermuthigt, Dich ihnen zu erhalten. 208 Das Gefühl wollte ſein Recht in beiden Männern erſt geltend machen, ehe es der Beſinnung Raum gab. Lange konnte die Ueberzeugung nicht ausbleiben, daß es hier die möglichſt ſchnelle Faſſung galt— denn wenn ſich ihre Leiche nirgends fand, ſo mußte ſelbſt dieſe entführt ſein— auch ſagte plötzich Veit:„Wer weiß, ob es gerade Magda's Blut iſt?“ „Meinſt Du, Alter?“ ſchrie Thyrnau bei dieſen Worten auf, daß der alte Diener zurückfuhr— und dieſer warme Hoffnungsſtrahl entzündete das erloſchene Feuer in des ſtarken Mannes Bruſt und mit veränderten und belebten Zügen rief er immer wieder:„Wer weiß, ob es Magda's Blut iſt?“ Gewiß war dies für Alle ſehr rührend und Lacy dachte daran bei der gefährlichen Aufregung, in der er ihn ſah, ihn von dem Verfolgen der Spur abzuhalten, aber bald ließ er da⸗ von ab, denn er ſah, daß Thyrnau ſeine Hindeutungen gar nicht verſtand und mußte daher Gott vertrauen und ihn ge⸗ währen laſſen. Wir wollen ſie nicht auf ihrer troſtloſen Verfolgung be⸗ gleiten, welche ſie einige Wochen lang mit raſtloſer Thätigkeit fort trieb. Durch einzelne aufgefundene Spuren immer weiter gelockt, erreichten ſie endlich die Mitte des Armeecorps, welches in Erwartung einer Schlacht bei Lowoſitz aufgeſtellt war. Hier erſt fühlten Beide, daß Thyrnau als Gefangener des Karlſteins unmöglich ſeine Reiſe weiter ausdehnen konnte bei der Gefahr, vom Feinde aufgefangen zu werden; und ſo abweichend ſein Verhältniß von dem gewöhnlichen der Gefangenen war, ſah Thyrnau ein, daß er namentlich bei Podiebrads Geſinnung eine Anzeige ſeiner Entfernung höhern Orts zu erwarten habe. Er beſchloß daher, mit ſeinem kummerbeladenen Herzen zurückzukehren, während Lacy es feſtſtellte, ſich nach der Schlacht einen Weg durchzubahnen, da er eben ſo wie ſein edler 209 Freund nicht länger zweifelte, Magda ſei von dem Fürſten von S. entführt worden. Zwei Vorfälle änderten dieſen Plan. Ein Bote mit Briefen von Karlſtein erreichte ſie. Ein kleiner offner Brief von Magda, den ein Bote gebracht, lag in dem einen.„Ich lebe“— hießen die unſchätzbaren Worte—„und werde an⸗ ſtändig behandelt. Ihr werdet wieder Nachricht von mir be⸗ kommen, und dieſe Zeilen an Euch zu ſchreiben, habe ich mit dem Verſprechen erkauft, nicht zu fliehen. Thut keinen Schritt weiter, ehe Ihr von mir hört.“ Der zweite Brief enthielt einige Zeilen von Claudia, welche ſchon länger geſchrieben waren. Sie belebten mit liebe⸗ vollen wehmüthigen Worten den Muth ihres Gemahls, Magda's Spur zu verfolgen und riefen den Segen des Himmels über ſein Unternehmen herab.— Aber die Handſchrift war verändert und Lach ahnete aus dieſen Zeilen, obwol ſie kein Wort davon enthielten, daß Claudia krank ſei. Thyrnau bekam einen Brief von Podiebrad— es war eine ernſte feierliche Anrede, ihn zu⸗ rück zu rufen. Ueberraſcht waren Beide durch einen Brief von fremder Hand und, wie ſich auswies, von einem der Diakonen des Karlſteins geſchrieben, welchen Gundula diktirt und an den Grafen Laey gerichtet hatte. Sie entdeckte ihm den bedenklichen Zuſtand ſeiner Gemahlin und bat ihn, wo möglich, zurück zu kehren, da vielleicht ſeine Nähe ſie ſtärken werde und ihre Leiden erträglicher machen. Ein Blick, den beide Männer nach Durchleſung dieſer Briefe auf einander richteten, verrieth ihnen ihre Meinung.„Wir kehren zuſammen zurück!“ ſagte Thyrnau.—„Ja,“— ent⸗ gegnete Lacy bewegt—„nach dem Troſte, den wir durch Magda ſelbſt bekommen, ruft mich meine Fflicht zu Claudia.“ Am andern Tage weckte ſie der Donner der Kanonen. Die Oeſterreicher verloren an dieſem Tage die denkwürdige Thomas Thyrnau. II. 14 210 Schlacht bei Lowoſitz, die Friedrich den Zweiten wieder feſten Fuß in Böhmen faſſen ließ. Lach und Thyrnau wurden in die Flucht der geſchlagenen Armee verwickelt und mit ihr fortgetrieben. Dies traurige Ereigniß verzögerte ihre Rückkehr und vollendete die trübe Stimmung ihrer Seele. Denn es lag ein entmuthigender Er⸗ folg in den Operationen des königlichen Feldherrn, und Beide konnten nicht ohne tiefen Schmerz an die Gefühle der großen Kaiſerin denken, die ſich durch dieſe Erfolge aufs Tieſſte ver⸗ letzt fühlen mußte, um ſo mehr, da ſie die Urſachen dieſer Niederlagen mit ihrem ſcharfen Verſtande beſſer einſah, als die Meiſten der Betheiligten. Es war zu Anfang Oktobers, als Thyrnau und Lachy eines Morgens über die bereiften Felswege zu dem Berauner Thal hinab ritten, und endlich die von der Sonne erhellten Mauern und Thürme des Karlſteins vor ihnen aufſtiegen. Mit welchen Gefühlen ruhten ihre Augen auf dieſem un⸗ veränderten imponirenden Bauwerk, dem ſie ſich nun Beide mit der unabweislichen Ueberzeugung nahten, in ihrem Innern eine zu große Erſchütterung erlitten zu haben, um den Eindruck davon nicht unwillkürlich auf alle äußeren Zuſtände übertragen zu ſehn. Vergeblich kämpften ſie gegen eine Veränderung, welche zu ihren früheren Empfindungen ihnen wie eine obwal⸗ tende Verzauberung erſchien. Je näher ſie kamen, je lebhafter drängte ſich dieſe Wahrnehmung ihnen entgegen und ihr trauriges Stillſchweigen ließ ihnen doch kaum einen Zweifel über ihre gegenſeitigen Gedanken. „Ach“— ſagte Lach—„dieſe lebloſen Gegenſtände, die immer wieder in ihrer unveränderten Geſtalt vor uns hin⸗ treten und uns dieſelben Eindrücke abzufordern ſcheinen— was wir auch indeſſen für Umgeſtaltungen in unſerm Innern erfahren haben, machen uns faſt Vorwürfe und verkleinern 211 unſern Muth und unſern Dünkel auf gewonnene Feſtigkeit der Geſinnung.“ „Ja“— entgegnete Thyrnau, mit den Augen ſinnend an der Burg haftend—„dieſe alten feſten Bauwerke reden oft eine wunderlich verſtändliche und ergreifende Sprache zu uns. Wie viel Zuſtände ſahen ſie heranziehen und verſchwinden— wie viele Menſchen mit ihren Freuden nit ihren Seußzern nahmen in ihren Mauern Platz— und ihre Spur iſt verwiſcht und Andere, die ihnen folgten, theilten ihr Schickſal— und nur die Zeit, welche die kleinen Durchzüge des menſchlichen Daſeins bezeichnet und ihre geringen Spuren eingräbt, erinnert endlich ein ſolches unerſchütterlich ſcheinendes Werk daran, daß es mit ſeinem feſten Daſein ihr angehört. Aber es iſt mir immer, als ſähe ich das philoſophiſche Lächeln des Weiſen um die geſchwärzten Zinnen ſpielen, welches dem beladenen troſt⸗ loſen Pilger, der an ſeinem Fuße hinkeucht und von der uner⸗ hörten Wichtigkeit ſeiner Leiden träumt, zulächelt:„Daß Alles ſchon da war und Alles vorüber ging, nicht an Generationen allein, ſondern auch an demſelben Menſchen!“ „Ach“— rief Lacy—„an demſelben Menſchen!— Aber dieſem geht es, wie Du von den Bauwerken ſagteſt— die Zeit bezeichnet die Durchzüge, die er erfuhr, und gravirt ihre Spuren, die ihn endlich erſchüttern und zuſammen brechen laſſen.“ „Joa bezeichnen!“ entgegnete Thyrnau ſanft—„doch Narben entkräften den tüchtigen Streiter nicht— kömmt ſpäter der Friede, ſo zählt er die einſt blutenden Wunden und läßt uns merken, wie ſchwer der Kampf war, wie heiß das Lebens⸗ blut ihm entſtrömte, und wie er doch die Scheide nicht früher ſuchte, als der Sieg erfochten.“ „So iſt es“— ſagte Lacy ſich empor ringend— und um ſein blaſſes verändertes Geſicht ſpielte ein Lächeln, welches 14* 212 die Augen belebte, die er zärtlich auf Thyrnau heftete, der nichts zu bemerken ſchien wegen Obſervirung des Karlſteins. „Ich glaube“— ſagte Thyrnau, den erſten Gedanken⸗ ſtrom ablenkend—„Podiebrad hat einige herausfordernde Kriegszeichen aufgepflanzt, denn ich ſehe, wenn ich mich nicht irre, eine Fahne vom Niklas⸗Thurme wehen und eine Wache ausſtehen, und täuſcht mich nicht mein Ohr, ſo höre ich Trom⸗ petenfanfaren, die unſere Annäherung verkündigen. Gott er⸗ leuchte unſern edlen Befehlshaber, daß wir ihn nicht im vollen Waffenſchmuck vor den Wällen harrend finden und er uns aus dem Sattel rennt, ehe wir uns noch zu Gefangenen ergeben können.“ Sie ſetzten jedoch ihre Pferde in leichten Galopp und waren bald unter den Wällen der Feſtung, von der abermals die gelbe Fahne mit dem Doppeladler wehte und ein Trompeter die heftigen Signale des Angriffs blies, worauf ein hinter den Mauern vorſichtig verſteckter Böller ſich plötzlich entlud und ſeinen gefahrloſen Donner durch die gefälligen Berge ſandte, welche die ſchwache Herausforderung mit dem Echo einer ganzen Kanonade zurückzahlten. „Ein majeſtätiſches Vergnügen hat ſich der alte Herr aus⸗ gedacht“— lachte Thyrnau, von ſeiner früheren Heiterkeit berührt, und hielt ſein Pferd an, bis das Echo wie in einem fernen Musketenfeuer verſtummte—„aber wie ſollen wir ihm klar machen, daß er damit wirklich eine Gefahr für dies alte Feſtungsphantom herbeizieht? Nach ſolcher Schlacht, wo ſelbſt die ſiegreiche Armee an Auflöſung leidet, ziehen ganze Streif⸗ corps umher, denen dieſe Töne aus der Ferne lockend genug ſein könnten, und ſchwerlich werden die guten Berge dann ihre Antworten zu unſern Gunſten mit Kugeln zurückgeben. „Wenn Du ihm das ausredeſt, will ich Dich für einen großen Zauberer halten“— ſagte Lacy—„denn gewiß iſt 213 dieſe Einrichtung das Reſultat der untadeligen rein ritterlichen Geſinnungen, die ihn lenkten, da ſich Rath zu holen, wo Richard Löwenherz oder Ludwig der Heilige in ähnlicher Situa⸗ tion— d. h. ohne Pulver und Blei— ſich einem ganzen Heere mit herausfordernder Kühnheit entgegen ſtellten.“ „Ja,“ erwiederte Thyrnau,„von Gefahr dürfen wir wenigſtens nicht ſprechen; denn dieſe iſt es eben, die er ſucht — und welche andere Seite läßt ſich finden, die er nicht hoffen würde durch eine wahnſinnige Anführung ſolcher Begebenheiten zu widerlegen?“ Lacy ließ Thyrnau die Empfangsfeierlichkeiten überſtehen, die ihm die im Hof verſammelten Inſaſſen der Burg nicht er⸗ ſparten und eilte mit klopfendem Herzen die Treppen hinauf, die nach Claudia's Zimmern führten. Gertraud kam ihm mit freudeſtrahlendem Geſicht im Vorzimmer entgegen und ſeine Ungeduld vorausſetzend, eilte ſie, das Kabinet zu öffnen, an deſſen Thür auch ſogleich Claudia in ſeine Arme ſank. Sie hatten ſich in dem gefahrvollſten Augenblick ihres bis⸗ herigen Beiſammenlebens getrennt, und was ſich daran anſchloß und dieſe Trennung veranlaßte, mußte aller Wahrſcheinlichkeit nach die Gefahr, die ihnen nahe gekommen war, vergrößern. Jetzt waren ſie wieder vereinigt und ſie genoſſen Beide in vollen Zügen den Segen einer ſolchen Vereinigung. Die Liebe, die ſie für einander gefaßt hatten, war, wie verſchiedener Natur auch, dennoch beheriſcht und genährt von zwei völlig edlen und fein fühlenden Seelen; ſie hatte dadurch etwas Unverletzliches, etwas Ewiges bekommen, was ſie den Verwirrungen, die ſie bedrohten, mit dem ſanften Zauber des Vertrauens entgegen treten ließ, und indem Keiner das Herz des Andern zu belaſten wünſchte, Beiden die Kraft erwachſen ließ, zu geneſen. Als ſie ſich losließen und in das unverhüllte Antlitz blick⸗ ten, fühlten Beide, wie viel ſie gelitten. Aber jeder gedachte 214 nur mit tiefem Schmerze, daß der Andere gelitten, Beide be⸗ ſchloſſen, ohne Worte, ſich mit heilender Liebe beizuſtehn. Es kann dem männlichen Herzen nichts Schöneres zu Hülfe kommen, als dies Gefühl, für ein fanft leidendes weibliches Weſen thätig einſchreiten zu können, für die Verbeſſerung ihrer Lage alle Ge⸗ danken in Bewegung ſetzen zu müſſen und in dem gläubigen Aufblicken einer ſolchen ſich in Schutz begebenden Seele die belebende Zuſage zu finden, daß ſie Alles von dem geliebten Gegenſtande hofft und erwartet. In dieſer ſchönen und natürlichen weiblichen Stimmung war Claudia, und überließ ſich ihr mit dem feinen Takt, der ihr ſagte, wie gern Lacy für ſie ſorgen werde. Sie irrte ſich nicht. Er faßte ihre ganze Lage, ihre erſchütterte Geſundheit unter den beſondern Unſtänden mit einer ſo ausreichenden Unſicht, ſo ganz verſtehenden Sorgfalt auf, daß ihr keine eigne übrig blieb und ſie ſich ganz dem Zauber überließ, ſo viel Liebesbeweiſe von dem Manne zu empfangen, den ſie allein und am meiſten auf der Welt liebte. Sie glaubte dabei an die Wahrheit ſeiner Gefühle für ſie, denn ſie hatte ein großes Herz und war eine gebildete Menſchenkennerin. Wenn ſie nicht zweifelte, daß er in ſeinen Gefühlen für Magda das jugendliche poetiſche Glück der Liebe erkannt habe, ſo wußte ſie doch, er liebe ſie vielleicht noch mit derſelben Liebe, mit der er um ſie geworben, und ſie durfte ſich ſagen: ſie habe dieſe Liebe durch nichts verſcherzt, ſie habe es ihm leicht gemacht, ſie ihr zu bewahren! So blieb dies Verhältniß ftei von Mißtrauen— Lach durfte ihr ſo viel Liebe zeigen, als er konnte, und das war nicht wenig, denn er ſah dieſe Aeußerungen nie beſchämt und verletzt durch ein abweiſendes oder mißtrauiſches Wort, was ſein redliches Herz zum Lügner machen wollte, und ſo erreichten Beide, was ſie ſo ſehnſüchtig wünſchten: Sie gewannen Ver⸗ trauen zu neuem Glück! 2¹5 Was Lach zunächſt zu beſchließen hatte, war Elaudia's Abreiſe und ihre bequeme Einrichtung in ſeinem ſchönen Palaſt in Prag; denn der um Rath befragte Wzt erklärte ziemlich be⸗ ſtinmt, daß an die weitere Reiſe nach Wien nicht zu denken ſei, wenn damit nicht der Zuſtand der Gräſin in dringende Gefahr gebracht werden ſolle. Lach handelte, ſobald dieſer Ausſpruch entſchieden hatte, mit der Sicherheit, die alle andern Verhält⸗ niſſe zurückſetzt. Was er auch empfinden mußte, Thyrnau in der Einſamkeit, die ſeiner harrte, allein zu laſſen, bedroht von dem Kummer um Magda's Lage, und zur Unthätigkeit ver⸗ dammt durch den Namen eines Staatsgefangenen, er fühlte, es durfte keinen Einfluß ausüben bei der Beſtimmung über Clau⸗ dia's Lage; und bei der edlen Offenheit, die ſich unter allen herzuſtellen begann, zweifelte er nicht, daß ihm aus der Er⸗ füllung dieſer erſten heiligen Pflicht die Mittel zuſtrömen würden, auch Denen nützlich zu werden, die nach dieſer ihm zunächſt ſtanden. Kaum halten wir es für nöthig zu erwähnen, daß Thyr⸗ nau in der ſchönſten Faſſung die Beſtrebungen ſeines jungen Freundes unterſtützte und ihm ſelbſt Ausſichten eröffnete, welche die möglicher Weiſe aufſteigenden Sorgen beſchwichtigen helfen ſollten. Thyrnau war nämlich zu dem Entſchluß gekommen, Magda's Anweſenheit in dem Fürſtenthume S. und ihre Ent⸗ führung durch den alten Fürſten von S. als entſchieden anzu⸗ nehmen und ſeine Maaßregeln danach einzurichten. Wie ungünſtig der Moment auch durch die traurigen Nie⸗ derlagen der öſterreichiſchen Armee und die dadurch erregte Stimmung bei Kaunitz und der Kaiſerin ſein mochte, er vertraute der großhetzigen Faſſung Beider, welche ſie ſich bewahren mußten, um neben den wichtigen Kriegsoperationen die Ver⸗ waltung des Landes feſt zu halten, und er ſchloß nach ſich ſelbſt richtig genug, daß ſie das Schickſal des Einzelnen nicht geringer 216 achten durften, weil das größere Intereſſe ſie in Anſpruch nahm. So kurz wie möglich, und ſo klar als es ihm eigen war, trug Thyrnau daher Magda's Entführung wie ſeine Verdachtsgründe dem Grafen Kaunitz vor und bat ihn um geeignete Perſonen, welche an ſeiner Statt den fürſtlichen Räuber zum Geſtändniß und zur Herausgabe der armen Entführten zwingen könnten. Zugleich enthielt dieſer Brief eine leiſe Hindeutung, ob der Karlſtein bei dem Näherrücken des Kriegsſchauplatzes noch ein geſicherter Ort für die wichtigen Dokumente und Arbeiten bleiben möchte, welche bereits zu einem Ganzen zuſammen zu wachſen begönnen.—„Vielleicht!“ ſagte Thyrnau,„verſteht mich Kaunitz, und dann iſt es möglich, daß ich Dir im Winter nach Prag folge; jedenfalls das wünſchenswertheſte, denn wenn wir Magda bis dahin zurück erhalten, darf ſie doch unter keiner Be⸗ dingung wieder Bewohnerin des Karlſteins werden, und ſollte ich ſie nach Wien ſchicken zur Prinzeſſin Thereſe, oder nach Mai⸗ land zu meiner Schweſter Barbara.“ „Gott wird uns nicht lange trennen“— ſagte Claudia ſanft—„denn wir gehören zuſammen durch alle Bande, die das Familienleben bilden. Sie aber ſind unſer Aller Vater, und wir werden Sie kindlich herbeiſehnen und immer das Recht behalten, Ihr Schickſal zu theilen.“ Lacy eilte nach dieſen Beſchlüſſen ſelbſt nach Prag zurück, um die Einrichtungen zu prüfen, die ſeine Dienerſchaft zu dem Empfange ſeiner Gemahlin treffen ſollte, und es that ihm un⸗ endlich wohl, als er ſich des lang nicht benutzten Beſitzthums in ſeiner ganzen Schönheit bewußt ward, da es ihm mit ſeinen reichen Mitteln verſprach, Claudia pflegen zu helfen. Alles was unter Thyrnau's Verwaltung geſtanden, erwies ſich nicht allein ſtets als wohlerhalten, ſondern als fortgeſchritten durch Verbeſſerungen jeder Art. So zeigten ſich hier die Gärten in großer Schönheit und von einer noch wenig verbreiteten Kultur, unter der Leitung eines Gärtners, den Thyrnau nach einem von ihm entworfenen Plane hatte ſtudiren laſſen. Zu Anfang Oktobers trat Claudia endlich in dem be⸗ quemſten Wagen und von Lacy's Sorgfalt bewacht die kurze Reiſe nach Prag an, und Thyrnau wußte durch ſeine dargelegte heitere und ruhige Stimmung und durch die Ausſichten, die er in ſeinen beiden Freunden unterhielt, den Abſchied von ihm ſo zu erleichtern, daß es ſelbſt Claudia, welche ſich künftig an Prag gefiſſelt anſehen mußte, keine zu lange Trennung erſchien. Es war ein heiterer Oktobertag; gegen Mittag verbreitete die Sonne eine täuſchende Frühlingswärme; die Vegetation war noch ſchön erhalten, und obwol der Weg, nachdem ſie die Wälder des Karlſteins hinter ſich gelaſſen, ziemlich öde und reizlos wurde, fühlte Claudia doch an der Seite Lacy's eine unbeſchreibliche Befriedigung, und lange von Luft und Sonne und wohlthuender Bewegung getrennt, erheiterte ſie ſich mit jedem Augenblicke mehr, und ihr Gemahl fühlte das Glück, welches ſie durchdrang, als einen großen Troſt. Der Palaſt Wratislaw lag auf der Kleinſeite von Prag am Fuße des Hradſchin, mit ſeiner grandioſen Vorderfronte nach einem der bedeutendſten Plätze hinaus, und in der Nachbarſchaft der größten und ſchönſten Paläſte der Stadt. Eine breite Allee hochgewölbter Linden umgab dieſen Platz und diente zu der eigentlichen Paſſage, während die großen Beſitzer mit ariſto⸗ kratiſcher Pracht die Einfahrten zu ihren Paläſten von dort aus eingeleitet und durch vorſpringende Gitter und reiche Portale einen Vorhof erhalten hatten, der um ſo weniger beim Volke. welches dadurch auf den Fahrweg eingeſchränkt blieb, Wider⸗ ſpruch fand, da dieſe vorſpringenden Höfe eine Zierde des Platzes wurden und gewöhnlich neben künſtlichem Pflaſter, Statuen, ſpringende Waſſer und Gartenanlagen umſchloſſen. 218 Der alte Wratislaw'ſche Palaſt war ein wahres Vorbild dieſer Anordnungen und an ihm alle Pracht eines bei ſeiner Entſtehung kaum zu überſehenden Vermögens verſchwendet. Claudia war bezaubert, als der Wagen aus der lieblich ſchattigen Allee in dieſen Vorhof einlenkte und donnernd unter einer Colonnade von doppelten Säulen vor einem marmornen Treppenſaal hielt, durch deſſen Glasthüren der Blick, ſeine ganze Tiefe durchdringend, jenſeits auf den grünen Terraſſen des Gartens haften blieb. Lacy führte die gütige Herrin durch die in ehrfurchtsvoller Freude aufgeſtellte Dienerſchaft, und nachdem ſie Jedem mit einem paſſenden Worte das Herz erfreut hatte, führte ſie Lach in die ſchönen ſonnenhellen Gemächer, die nach dem prächtigen Garten ausgebreitet lagen. Sie waren mit allem Reichthum langen Beſitzes und mit aller Sorgfalt der ihr gerade nöthigen Bequemlichkeit eingerichtet und ließen ſie neben dem Vergnügen an lang erhaltener Pracht das Entzücken dieſer eben erſt hinzugekommenen Hand der Liebe empfinden. Claudia fand Alles bereit, um einige Stunden ungeſtörter Ruhe zu ge⸗ nießen; dann verſprach ſie einem kleinen Souper beizuwohnen, bei dem Lacy einige alte Freunde ſeiner Familie und jetzt nächſte Nachbarn ihr vorſtellen wollte, unter denen die Gräfin ſelbſt einige Verwandte zählte, mit deren Frauen ſie wenigſtens aus der Ferne bekannt war. Wir haben hiermit die Richtung angedeutet, welche Lach ſeinem und Claudia's Leben geben wollte; indem er ſein Herz vor ſich und allen Andern verhüllte, ward das Glück Claudia's ſeine Leidenſchaft und die einzige, in der er ſich genug that. Es vergingen deſſen ungeachtet oft nur wenige Tage, ohne daß er den Weg nach dem Karlſtein einſchlug und ſtundenlang bei Thomas Thyrnau verweilte. Was auf dieſem Wege in ihm vorgehen mochte, verrieth er nie— er fühlte ſich aber vielleicht nur hier einſam— nur gllein— und oft, wenn Thyrnau 2¹9 durch die nicht abgeſtellten Trompeten auf den Wällen des Karlſteins ſeine Ankunft errathend, ihm ſchon in dem Hofe entgegen trat, blieb das Auge des weiſen Menſchenkenners traurig an den blaſſen eingefallenen Wangen ſeines jungen Freundes hängen, und da ſich im Laufe des Beiſammen⸗ ſeins dieſe beunruhigende Erſcheinung wieder verlor, wußte der erfahrene Greis, daß dieſer einſame Ritt vielleicht die einzige Zeit war, wo er ſich von ſeinen Gedanken überwäl⸗ tigen ließ. Von Magda traf gegen Mitte des Oktobers ein lakoniſches Brieſchen ein.„Ich darf nicht daran denken, daß ich Dir „ſchreibe, Großvater— hieß es darin—„ſonſt behielte ich „weder Beſinnung noch Kraft, Dir das zu ſagen, was Dir „nöthig iſt. Wenn Dich aber Deine Magda bütet, ruhig zu „ſein, ſo ſei es!— Gott hat das vorgehabt! Das halte feſt. „Er iſt erſtaunenswürdig in ſeinen Abſichten— erſtaunens⸗ „würdig zugleich und ſehr anädig, daß er ſie mich erkennen „läßt. Was willſt Du mehr? Ich könnte jetzt ſchon zu Dir zu⸗ „rückkehren— und bleibe doch! Von Dir und Lacy und Clau⸗ „dia erfahre ich alle acht Tage das Nöthige. Gräme Dich nicht! „ſonſt komme ich und handle gegen Gottes Willen damit. „Siehſt Du— das iſt eine ſchreckliche Drohung! Deine „Magda.“ „Und kannſt Du Dich dabei beruhigen?“ fragte Lacy.— „Unter welcher Täuſchung kann ſie ſtehn, mit welcher Gewalt kann ihr dieſer Brief abgerungen ſein, der Deinen Eifer auf⸗ halten ſoll!“ „Nein! nein!“ ſagte Thyrnau—„Dein natürlich richti⸗ ges Urtheil verläßt Dich jetzt, denn ſonſt müßteſt Du fühlen: Magda hat dieſen Brief in vollkommen ſelbſtſtändiger Freiheit geſchrieben— ſie kann ſich über das, was ſie vor hat, ein wenig exaltiren, aber ſie hat offenbar eine Stellung zu ihren 220 neuen Verhältniſſen genommen, und wie ihr eigen— eine thätige!“ „Wie kannſt Du ſo ruhig ſein bei dem Gedanken, daß dies zarte Weſen, dieſe verblendende Schönheit in andere Dir fremde Gewalt übergegangen iſt, die Du nicht allein nicht kennſt, ſondern der Du mit großem Rechte mißtrauen mußt, da ſie mit dieſem unerhörten Raub anfangen konnte?“ „Ob ich ruhig bin“— ſagte Thyrnau lächelnd—„iſt etwas Anderes. Aber denke, daß ich ſie nach den erſten An⸗ zeichen todt halten mußte; dann— wenigſtens in der rohen verletzenden Gewalt eines Böſewichts. Jetzt weiß ich, ſie lebt! Aus ihren Worten ſpricht mich ihr altes unverletztes Weſen an, ſie warnt mich vor allzu ſtarkem Gram, ſie nennt ſich ſogar frei, und nur ihre Anſicht der Lage, in der ſie ſich befindet, hindert ihre Rückkehr. Meinſt Du nicht, ich habe viel Troſt empfangen ſeit dem Augenblick, wo ich ihr blutiges Schnupftuch fand? Ich denke es— und bin ein ökonomiſcher Mann, der mit Wenigem haushalten gelernt hat. Auch ſage ich Dir, ich habe Achtung vor Magda! Unverbildet an Geiſt und Hetz iſt ſie mit vieler Eigenmächtigkeit an meiner Seite aufgewachſen— aber ſieh, es liegt davon ſo viel in mir ſelbſt, daß es mir wohlgethan hat, daß der junge Baum von Att zeigte. Die dünkelvolle Anmaa⸗ ßung, zu glauben, daß ich dazu berufen ſei, ihre Bildung zu leiten und zu vollenden, weil ſie meines Blutes iſt und ich ihre Kindheit geſchützt— die hat mich nie berührt; denn nichts iſt ſo wichtig, wenn wir nicht verkrüppelte Menſchen entſtehen ſehen wollen, als uns die Grenze zu ſtecken für unſern Erziehungs⸗ despotismus, der entweder gewaltſames Losreißen von uns, nicht ſelten mit Bitterkeit oder Haß verbunden, bewirkt, oder uns ſelbſt ſtraft durch die Fehler einer ſchwachen unklaren Natur, die wir erziehen halfen, indem wir ihre Entwicklung verhinder⸗ ten und die uns dann ſelbſt ſehr läſtig wird.“ 221 „Du hätteſt doch dem Prinzen von S. Alles mittheilen ſollen,“ fuhr Lacy getröſteter fort. „Damit er irgend einen tollen Streich gemacht hätte, wozu ihm ſein ſanguiniſches Blut immer am ſchnellſten räth. Ver⸗ giß nicht, daß er die unglückliche Schlacht bei Lowoſitz mit ge⸗ fochten hat, alſo in einer Poſition ſtand, die ihm jeden ab⸗ weichenden Schritt zum Ehrenpunkt machte— und ſelbſt bei der Möglichkeit, ſich los zu machen, was hatten wir dann zu erwarten? Er wäre nur mit dem Vater in eine neue Fehde ge⸗ treten, alle Greuel der Vergangenheit hätten ſie wieder wach geſchrien und die fürchterliche Unnatur ihres Verhältniſſes, welches die Trennung verdeckt, wäre auf Neue ans Licht getreten.“ „Ich ergebe mich Deiner Weisheit,“ ſagte Lacy—„ob⸗ wol es mir ſchwer mird. Verzeih, daß ich Dich ſo aufregte; Claudia's Unruhe unterhält die meinige— wir machen ſo viel Pläne— und wahrlich ihre Schuld iſt es nicht, wenn ich nicht ſchon wieder auf der Reiſe bin.“ „Das unglückliche Gehcht vom fünfzehnten Oktober hat jede Verbindung dorthin abgeſchnitten,“ ſagte Thyrnau;„Du dürfteſt nichts von dieſem Unternehmen erwarten, als perſön⸗ liche Unannehmlichkeiten und würdeſt doch nicht zum Ziele gelangen.“ „Das würde ich nicht ſcheuen, erwiederte Lacy,„und es ließen ſich Mittel dazu auffinden; aber ich darf Claudia nicht verlaſſen. Wie ſehr ſie ſich auch beherrſcht, um ihren Zuſtand zu bewältigen, ihre Kräfte ſchwinden auffallend und ihr Blut iſt immer zu fieberhafter Wallung geneigt; ich muß ſie fort⸗ während beobachten, denn das Auge des Arztes will immer ge⸗ ſchärft und gelenkt ſein durch das Auge der Liebe, welches den Kranken überwacht.“ 222 Die Morgenſonne ſchien in ein großes Bogenfenſter, welches faſt die ganze ſchmale Seite eines langen und hohen Gemaches einnahm. Der Garten mit ſeinen herrlichen Bäumen, ſchimmernden Blumen und Raſenpartien lag in dem Rahmen des hohen Fenſters, welches faſt bis auf den Fußboden nieder⸗ reichte, nur durch eine kleine Bank vor demſelben davon getrennt. Die Fenſterflügel waren nach Außen geöffnet und nach dem Zimmer zu rankten ſich blühende Gewächſe um die Stucatur der NRiſche und fingende Vögel hüpften in goldenen Gittern. Eine große Marmorſchaale auf dem Rücken eines Delphins ſtand in der Mitte des tiefen Fenſterbogens, darin ſchlugen goldene und ſilberne Fiſche luſtig in dem klaren Waſſer kleine Wellen, die dem Marmor zuweilen einen hatmoniſchen Ton entlockten. Vor einem Tabouret von purpurrothem Sammet ſtand eine goldne Harfe. Das Zimmer war getäfelt und von oben bis unten mit Gemälden bedeckt. Dem Fenſter gegenüber ſtand ein breites Ruhebett, worüber eine Art Thronhimmel mit aufgeſchlagenen Vorhängen von rothem Sammet hing. Auf dieſem Ruhebette lag die Geſtalt eines alten Mannes, welcher, in einen grünen Sammetpelz gehüllt, ſich gegen ein paar Kiſſen ſtützte und alle Spuren der Krankheit in ſeinem traurig gefurchten Angeſichte trug. Wer jedoch den Fürſten von S. je gekannt, mußte ihn auch in dieſer Geſtalt wieder erken⸗ nen; aber das Haar, das ſtark und dem Alter zum Trotz lange ſchwarz geblieben war, zeigte ſich faſt erbleicht, die Fülle des breiten Körpers war verſchwunden, das Geſicht eingeſunken und aſchfarben und die Miene entbehrte den düſtern Ausdruck bös⸗ williger Feſtigkeit, der ihr früher eigen war. Die Augen irrten unruhig umher, es war die Aufregung der Krankheit, die Hülfe ſucht und von Ermattung gelähmt iſt. In einem hohen Lehnſtuhl am Fußende des Ruhebettes lag ein junges Mädchen, in deren blaſſem, etwas länglicher 23 gewordenem Geſicht wir dennoch Magda erkennen. Der Schlaf hatte ſie am ftühen Morgen im Angeſicht der hellen Sonne über⸗ wältigt; ihr Kopf lag reizend geknickt auf der Bruſt, und aus den niederhängenden Händen war ein kleines Buch geräuſchlos auf den weichen Teppich gefallen, auf welchem die zierlichen Füße gekreuzt zu ſehen waren, da die geſunkene Stellung das faltige ſchwarze Kleid zurück geſchoben hatte. Ein ſüßes Lächeln ſpielte um die Lippen, und der Athem war ſo ruhig, als ſchliefe ſie an dem Buſen der Mutter. Deutlich war zu erkennen, daß dieſe Situation die Fort⸗ ſetzung der Nacht war; gelöſchte Lichter ſtanden auf einem Tiſch⸗ chen mit Gläſern und Violen und goldenen Bechern neben dem Kopfende des Bettes; und Magda's ungewöhnlicher Schlummer um dieſe Stunde ließ ſchließen, daß ſie in der Nacht vielleicht dieſe Erquickung entbehrt habe. Unruhig zwar und ſichtlich gepeinigt rückte der alte Fürſt von S. auf ſeinem Ruhebette umher, aber er richtete immer wieder die Augen auf Magda's Geſtalt, ob dieſe auch nicht durch ſeine Bewegungen geſtört werde, und ſichtlich bezähmte er ſich, um dies zu vermeiden, obwol ſeine Qualen dadurch zu ſteigen ſchienen und er endlich wie überwältigt die Hände in einander drückte und ſie angſtvoll über ſeinem Kopfe zu ringen begann. Im ſelben Augenblick erwachte Magda und ſogleich ſich auftichtend, haftete ihr Auge auf dem Fürſten, der wie veregen die Hände ſinken ließ. „Nun“— ſagte Magda—„hat mich der Schlaf doch beſchlichen? Ich dachte, ich wär ihn los, als die Sonne auf⸗ ging und ich die Lichter auslöſchte.“ Jetzt faßte ſie den Fürſten genauer ins Auge.—„Und wie mir ſcheint“— fuhr ſie fort —„haſt Du beſſer wie ich dem Schlafe gewehrt, aber Du haſt eben ſo gut Deine Aufgabe verfehlt.“ 224 „Schlafen! ſchlafen!— Wer kann ſagen, daß das leicht iſt!“ ſagte der Fürſt düſter—„ich ſchlafe, als ſtünde ein Wäch⸗ ter daneben, der mir einen Schlag giebt, ſobald das Augenlied niederſinkt.“ Magda ſah ihn einen Augenblick ſinnend und faſt mitleidig an, dann ſagte ſie:„Ich habe davon gehört. Das muß gar traurig ſein, denn es iſt eine liebliche Erfindung der Natur das leiſe Hinübergehn in den ſüßen feſten Schlaf, der unſere Seelen⸗ kräfte einhüllt, daß der Körper Oberhand bekommt und ſein Gedeihen beſorgt.“ „Ja! ja! das ſagſt Du— aber Träume ſind oft eben ſo ſchlechte Geſellen als das Leben, die nagen auch.“ „Träume?“ erwiederte Magda und rollte ſich mit ihrem Stuhl dicht vor ihn—„haſt Du geträumt? Erzähle mir Deine Träume; ich will wiſſen, was Du träumſt.“ „Magda“— ſagte der Fürſt„verlange nicht danach, ich habe Dir ſchon zu viel erzählt! Was ich erzählt, waren keine Träume,— aber das Erlebte wird eine Geißel für meine Träume.“ „Ja,“ ſagte Magda—„wenn ich Dich nur erſt auf einem etwas beſſeren Wege hätte— wenn Du nur einmal Deine Hände falten wollteſt, nur den Wunſch faſſen, daß Du ein⸗ mal beten möchteſt— dann würdeſt Du etwas ſpüren, das gäbe Dir den Glauben an die Entlaſtung der Seele— durch Beten!“ „Laß das, Magda! Das iſt Alles ſo in Deinem unſchul⸗ digen Kinderkopf gut und wahr— aber was ſoll ich alter Sün⸗ der damit? Was ich gethan, das iſt unwiderruflich! Daß es nicht gut war, das hab' ich Dir ja eingeſtanden— aber ſieh', all meine Reue und all mein Beten und was Du mir da Alles vorredeſt, das ruft nicht eine Stunde zurück, nicht eine Hand⸗ lung hebt es auf— nicht Einer von Allen, die ich habe ſeufzen machen, wird wieder lachen. Siehſt Du? Die Meiſten ſind 2²⁵ ſchon Staub und Moder— was ſoll denn da mein Beten nutzen? Es flickt ſie nicht wieder zuſammen— he! ſiehſt Du?“ „Du biſt ein harter Kopf“— ſagte Magda—„und er liegt mit ſeinen Lügen vor Deinem Herzen wie ein Felsblock, ſo daß von der alten Tücke nichts heraus kann und nichts Gutes hinein. Das, was Du eben geſagt, iſt eigentlich Alles leeres dummes Zeug, obwol es Dir klug ſcheint und nach der Wahr⸗ heit berechnet— ſo einfältig und kurzſichtig macht das Ding, was die Menſchen den Verſtand nennen, wenn ihm gar weiter nichts zu Hülfe kommt. Habe ich Dich etwa überreden wollen, daß Du kein Sünder biſt und kein abſcheulich Leben geführt haſt— meine Entführung mit eingeſchloſſen? Daran iſt nichts gut zu machen, da haſt Du recht, und das ſollſt Du erſt recht fühlen, denn jetzt ſchwatzeſt Du noch mit dem Munde von Dei⸗ nen Sünden und dann biſt Du fertig und ſagſt ſo ruhig, als wär' es gar nichts:„Ich bin nun einmal ein Sünder und da⸗ mit iſt es gut!“ Ich aber ſage Dir trotz meines Kinderkopfes— Du haſt es noch nie recht gefühlt, wie ſchlecht Du gethan, noch nie recht bange gedacht: hätte ich es doch anders gemacht; ſon⸗ dern, weil Du die Vergangenheit nicht umkehren kannſt, denkſt Du, es gäbe nichts weiter! Wahre Reue, wahre Erkenntniß der begangenen Sünden haſt Du noch nie recht empfunden, denn das geht wie Blitz und Schlag! Du fühlſt Dich die elendſte verlorenſte Kreatur— es ſteigt Dir wie das Waſſer dem Ertrin⸗ kenden bis an die Kehle— es will Dich die Qual erſticken— Du fühlſt, Selbſthülfe iſt vorbei— da ſchreiſt Du nach Hülfe — und Du biſt gerettet!— Ja! ja! ſchüttle nur den Kopf— gerettet ſage ich Dir; denn um Dich her ſtehen die retten⸗ den Engel, die warten auf Dich— und Er, von dem ich Dir erzählt— Er, der dem am Krerze ſchmachtenden Verbrecher auf den erſten Laut der Reue die Zuſicherung des Himmelreiches gab— Er ſteigt in Dein Herz und Thomas Thhrnau. III. 15 226 erlöſt Dich von Deiner Qual, wenn Du zu ihm aufrufeſt um Hülfe.“ Der Fürſt ſchnitt bei dieſer Rede der unerbittlichen Magda ſo fürchterliche Grimaſſen, daß es des heiligen Eifers ihres from⸗ men Herzens bedurfte, um auszuhalten, oder vielmehr— wenig darauf zu geben. Er fühlte die Geißelhiebe ihrer Worte und halb lehnte ſich ſein ungeſtümes Blut dagegen auf, halb beherrſchte ihn das Erſtaunen über den Muth des ſchutzloſen ſchwachen Kindes, das ſo furchtlos Alles wagte, von dem es hoffte, daß es ihn zu dem Glauben bekehren könnte, den es allein als ſeinen Retter ſchilderte. Dabei hatte er durch Magda ſelbſt faſt Wunder an ſich er⸗ lebt, denn ſie hatte ihn vom erſten Augenblick beherrſcht, ſie hatte nicht allein damit alle ſeine Pläne auf ſie ſelbſt in Ver⸗ geſſenheit gebracht, ſie hatte ihm das Reinſte eingeflößt, was er je empfunden,— eine uneigennützige Liebe blos um des Ge⸗ genſtandes willen, eine Hingebung, die ihn widerſtandslos zwang, ihr die Wahrheit zu antworten, als ſie ihn auf ſeinem leidenvollen Krankenlager um ſeine Sünden beftug und ihm ein Zuhorchen ihrer Worte abnöthigte, ſelbſt da noch, als ſie ſich eifrig bemühte, ihm ſeine Sünden recht groß und abſcheulich vorzuſtellen.— Zugleich aber erlebte er das nie Gekannte durch die Wohlthat ihrer Nähe. Thätig wie ſie war, ergriff ſie das Krankenwärteramt; zum Herrſchen wie geboren, befehligte ſie bald den ganzen Troß beſoldeter Diener und brachte Alles in ein dem Kranken wohlthuenderes Gleis. Dabei wurde ſie ſchnell geliebt, denn ſie ſtellte ſich überall vor und ſchützte das Recht, wenn der alte Fürſt, in der langen Gewohnheit unbezähmter Heftigkeit, über die Diener herfuhr.„Da mache ich Dir lieber Alles allein,“ ſagte ſie zürnend zu ihm—„ehe ich Dich ſo abſcheulich entſtellt und gottlos ſehe mit den armen Dienern.“— 227 Und er war am meiſten verwundert über die Sicherheit, mit der ſie ihm zeigte, daß ſie ſich ausgenommen hielt von den Aus⸗ brüchen ſeines Zorns— und eine ſonderbare Scheu hielt ihn auf, ihr dieſen Glauben zu nehmen; er bezwang ſich, wenn ſie ſprach, obwol ihre Worte ihm zu Anfang wahre Nadelſtiche ſchienen und er oft überlegte, ob er ſie nicht mit eignen Händen zum Fenſter hinauswerfen ſollte. Aber wenn ſie vielleicht im ſelben Augenblick mit der höchſten Ruhe zu ihm aufblickte, oder eine ſorgfältige Handreichung that— ſiel ſein Zorn erſchrocken zuſammen, und er gewöhnte ſich, ihr zuzuhören, und endlich ihr zu antworten, mit ihr zu ſtreiten, ſich ſogar von ihr Beweiſe aus dem heiligen Buche vorleſen zu laſſen, was ihm ein frem⸗ der, verſpotteter Gegenſtand geweſen Zeit des Lebens— und dies Alles, um ſie nur bei ſich zu behalten, wozu Gott ihm die Gnade einer Krankheit ſendete, die ihn an ſein Lager feſſellte. Magda wollte nun mit ihrer jugendlichen Strenge, er ſollte ſich durchaus erſt bekehren, ehe ſie ihm etwas von ſeinen Verbrechen abnehmen und ihm das Leben der Kinder Egon und Hedwiga eingeſtehen wollte.„Ich kann auch viel hoffen“— ſagte ſie ſich—„da er ganz ein Heide iſt— alſo man nicht ſagen kann, das Höchſte hat nicht auf ihn gewirkt, ſondern er kennt es überhaupt nicht!“— Sie hatte daher beſchloſſen, bei ihm zu bleiben und zweifelte gar nicht, er werde ſchon durch⸗ kommen; hielt ſich aber auch dazu beſtimmt, dies zu bewirken, und ſo entſagte ſie ſelbſt dem Großvater—„denn natürlich“ — redete ſie zu ſich—„das geht vor!“ Die Qualen eines unleidlichen Uebels, welches ſeine Bruſt mit tauſend Aengſten füllte, ſchienen das Ende des Fürſten mit raſchen Schritten herbei zu führen. Er verleugnete ſich jedoch mit der Energie ſeines Karakters die Ueberzeugung, die ihm jeder Tag beſtimmter aufnöthigte, und hielt auch mit ſtarker Hand die Zügel der Regierung ſeines kleinen Landes. MWochten ſeine 15* 28 Nächte noch ſo leidenvoll geweſen ſein, mochten ſeine Wande⸗ rungen und ſein Suchen nach Ruhe ihn noch ſo lange aus einem Zimmer in das andere getrieben haben— kam die Stunde, die ſeine Miniſter herbei führte, ſo war er noch immer der An⸗ ſtrengung gewachſen, ſie zu hören und mit der alten Schärfe der Beurtheilung die Angelegenheiten des Landes zu lenken. Magda, die ſo viele dieſer Nächte theilte, Magda, die wenig⸗ ſtens, wenn ſie ſich Nachtruhe zugeſtanden, ſchon bei dem erſten Sonnenſtrahl den Boten vor ihrer Thür fand, der ſie zum Für⸗ ſten rief, Magda blieb mit der ruhigen Sicherheit, die ihr ſo eigen, auch gegenwärtig, wenn die etwas erſtaunten Herren des Kabinets ihren Vortrag halten wollten, und der Fürſt hatte ihre Zweifel längſt beruhigt, indem er ihnen zurief:„Laßt ſie mir in Frieden! Sie iſt was anderes als Ihr ſonſt von Frauens⸗ leuten erlebt— und ſag' ich das, ſo ſoll es Euch genug ſein!“ Magda beſchäftigten dieſe Stunden und ſie hörte aufmerk⸗ ſam zu, wenn die Verwaltung beſprochen und die Mittel be⸗ rathen wurden. Nicht fremd waren der Enkelin Thyrnau's ſolche Gegenſtände, und ihr kluger Geiſt redete mit und half das Nöthige erwägen, wenn auch ihr Mund beſcheiden ſchwieg, da ſie ihre Stellung wohl erkannte. Auch heute ward das oben angeführte Geſpräch unterbro⸗ chen, indem der Kammerdiener anfragte, wann die Miniſter vorgelaſſen werden könnten. Magda, welche die Ordnung nun kannte, ſtand ſogleich auf und begab ſich nach ihrem Zimmer, um ſich umzukleiden, was der Fürſt indeſſen auch that; dann ver⸗ einigten ſich Beide wieder in einem Nebenſaal, wo der Fürſt ſich auf einem friſchen Lager bettete und ſie das Frühſtück einnah⸗ men, wonach die Konferenz in demſelben Zimmer vor dem Ruhebette des Fürſten und in Magda's Gegenwart anhub. Als der Fürſt von der Anſtrengung erſchöpft die Sitzung ſchloß und nach einem umuhigen Schlummer erwachte, ſuchte ſein Auge ſogleich Magda, welche er leſend an ſeiner Seite fand, und ohne ſie gleich zu ſtören, betrachtete er die ſchönen ernſten Züge und ſeine Gedanken fielen auf Lucretia, ſein un⸗ glückliches Opfer, die ihr an Schönheit ſo ähnlich geweſen und nur der Kraft und des Feuers entbehrt hatte, welches Magda überdies noch zu der beſonders großen Gewalt über die Gemüther der Menſchen verhalf Cr ſeufßzte unwillkürlich und ſogleich rich⸗ tete Magda die Augen zu ihm auf, legte das Buch nieder und nahte ſich ihm. „Ich dachte, Du fändeſt etwas Ruhe,“ ſagte ſie freundlich —„ich dachte auch, Du hätteſt es etwas verdient! Es iſt in Dir ein beſonderes Geſchick für dieſe Außendinge, und indem es mich fieut, daß Du wenigſtens etwas ſo Verdienſtliches leiſten kannſt, fällt mir doch ein, wie es Dich über Dich täuſchen und Dich glauben machen konnte, Du wäreſt damit etwas— oder könnteſt damit das Andere gut machen.“ „So“— ſagte der Fürſt mürriſch, der immer mit dem Vorſatz anfing, über ihre Reden böſe zu werden und ſie von ſich abzuhalten—„alſo für Dich iſt wohl kein anderes Verdienſt vorhanden, und findet Deinen Beifall, als nur das Eine, was Du da aus Deinem alten Kronikenbuche herleiteſt!“ „Verdienſt?“ ſagte Magda.—„Du willſt Dir immer was bereit halten, wovon Du ſagen könnteſt: Das habe ich zu Gute, dafür geht das auf, was ich ganz ſchlecht machte. Aber ich möchte wohl wiſſen, ob Du mir Ja antworten kannſt, wenn ich Dich frage: Ob Du Freude haſt an dem, was Du ſo klug und geſchickt machſt, wie ich Dir eben zugeſtand?“ „Freude?“ ſagte der Fürſt—„Freude? das ſind Jugend⸗ gedanken! Wie ſoll ich wohl Freude haben, wenn ich das thue, was ich nun ſchon über vierzig Jahre und drüber thue— wo⸗ mit ich alle Tage geplagt und geärgert werde, um damit elen⸗ dem ſchlechtem Volke, das keines Gedankens von mir werth iſt, 230 zu Wohlſtand und Ruhe zu verhelfen, damit ſie mir die Zähne weiſen, wenn ich von ihnen etwas zurück fordere, auch nur zu ihrem Beſten. Wo ſoll denn da Freude herkommen, wo ich keinen Lohn erwarte und es nur thue, weil ich nun einmal Fürſt dieſes Landes bin und nicht will, daß ſie mir auf der Naſe ſpielen.“ „Das dachte ich wohl!“ rief Magda.—„Ja! Du haſt enge Grenzen und keuchſt unter Deiner Laſt fort, denn Du for⸗ derſt Alles von Menſchen und giebſt ihnen Alles um Dein ſelbſt willen. Aber ſo öde Du giebſt, ſo öde empfängſt Du zurück. Sieh! es giebt nun ganz andere Menſchen; die haben in ſich die Offenbarungen der göttlichen Liebe empfangen, und das iſt der Anfang in ihnen, und von ihm aus ſtrömt nun das, was Du Handlungen nennſt. Sie wiſſen, daß Alles, was ſie thun, mangelhaft iſt und daß ſie nur in der tiefen inbrünſtigen Sehn⸗ ſucht nach Ihm, unſerm Heiland und Erlöſer,— in dem Glauben, daß Er in uns das Ausgleichen und Vollbringen bewirken wird— zum Troſte über ſich ſelbſt gelangen können; ſolche Menſchen werden davon freudig— ihnen iſt das Herz leicht, denn ſie ſind demüthig— ſie fühlen ihre Unzulänglich⸗ keit und wiſſen, daß ihre eigne Kraft ein dürres Rohr iſt. Ihre Seele iſt nun ein Auf⸗ und Niederſteigen des Gebets und des Segens, den ſie holen, ſie thun nichts mehr um der Sache willen, ſondern die Sache wird ihnen die Aufgabe Gottes und die Kraft, mit der ſie ſolche betreiben, iſt ihnen nicht eigne, ſondern ſeine Kraft. Gelingen oder Mißlingen ſind ihnen Ant⸗ worten, auf die ſie horchen— und die Liebe, die ſie fühlen, iſt der Glaube an ihren Erlöſer und die irdiſche Seligkeit, die ihnen Gott verleiht— in Ihm verklärt ſich ihnen die Welt, daß ſie ſie in hoher Entzückung anſtaunen— in Ihm verklären ſich ihnen die Menſchen, die ſie dann Brüder nennen— in Ihm lebt die hingebendſte Verzeihung für Alles, was ſie erlitten, für Alles, was an ihnen verſchuldet ward— und in Ihm lebt die göttliche erlöſende Hoffnung, daß ihnen wiederum vergeben werde, was ſie verſchuldet. Der Fürſt ſchwieg und ſein Kopf ſank raſch athmend auf ſeine Bruſt. „Sieh! ich gebe Dich nicht auf, ſo verſtockt Du auch noch biſt— und da Du noch nicht beten kannſt, ſo bete ich für Dich und flehe zu Gott, Er ſoll mein Gebet für das Deinige gelten laſſen. Da ſteige ich denn in Deine Bruſt hinab und denke mir, wie Du beten müßteſt! Erſt— daß er Dir recht tiefen Abſchen vor Deinen Sünden geben ſoll, dann den Glauben, daß Du nichts gut machen kannſt— dann laß ich Dich um das Wunder aufſchrein, daß Du mit eins wiſſeſt: Nur er könne Dich retten!— Wenn ich Dich ſo arm und hilflos in meinem Gebete vor Gott führe, dann kommt jedesmal ein Augenblick der ſelig⸗ ſten Freude und dieſen empfinde ich als eine Antwort auf mein Gebet— dieſe Antwort iſt die Gewißßeit, daß ich Dich losbitten werde, daß Du nicht in Deinen Sünden dahin gehen wirſt.“ „Magda! mein Kind!“ ſagte der Fürſt mit gebrochener Stimme—„Du biſt ſehr gut! Womit habe ich Deine Sorge um mich verdient? Ach! hätteſt Du doch Recht— gäbe es doch etwas anderes, als die eigne Rechtfertigung, die nichts hinweg nimmt. Es iſt ein ödes wüſtes Treiben in mir— hart wollte ich dagegen ſein und dachte, das hielte vor— aber die Kraft ſtirbt früher, als der Leib, den ſie verläßt!— Was dann? ja ja! darin haſt Du Recht— die Grenze iſt eng— ſind wir davor angekommen, bleibt die Frage übrig, wohin nun weiter— aber Du— ein Kind— ſo jung und uner⸗ fahren— wie kannſt Du mir den Weg zeigen— wie kann ich denken, es ſei das Rechte?“ „Weil Du nicht weißt, daß keine alte Weisheit— kein langes Leben und ſeine Erfahrungen das geben können, was 232 ein freies Geſchenk Gottes iſt! Er ſenkt es in die Bruſt des unerfahrenen Kindes und giebt ihm damit die Weisheit, welche die Klugheit der Welt überwindet, und Er läßt die Klugheit alt werden, die ſeine Wege mühſam enträthſeln will, und ver⸗ ſagt ihr das Wort der Löſung.„Glaube mir!“ rief ſie und ſank auf ihren Knieen vor ihm hin—„bis Du den einen Glauben findeſt, der Alles Andere unnütz macht!— Bete! bete! falte die Hände!— ſo— gieb mir Deine Hände— ſo — lege ſie zuſammen!— Horche in Dir! Will Dir die Bruſt nicht zerſpringen? Es iſt der Schrei um Erlöſung, der ringt in Dir mit Deinem verhärteten Menſchen!— Komm, ich will Deine Hände in meine gefalteten Hände einſchließen! Jetzt— Gott,“ rief ſie—„mein Erlöſer zögere nicht! komm! komm! — Bete: wo bleibſt Du? bete: Vater Unſer! ſprich es mir nach Vater Unſer!“ Zitternd ſprach der Fürſt„Vater Unſer — Gott!— Magda, die Bruſt ſpringt mir— ich ſterbe!“ ſchrie er plötzlich außer ſich, empor fahrend—„Gott, erbarme Dich— erlöſe— erlöſe mich von meiner Sünde!“ Er ſtürzte zuſammen— Magda, das betende Mädchen, hielt den lebloſen Körper in ihrem Schvoße—„Vater,“ ſagte ſie mit der Ruhe einer Heiligen—„Gedenke des Verbrechers am Kreuze— ſeine letzten Worte retteten ihn!“ Dann ſtand ſie auf und legte ihn ſanft auf den Boden und es ſchien ihr, als hörte ſie ein leiſes Röcheln in ſeiner Bruſt.„Er lebt noch!“ ſchrie ſie und ſtürzte nach dem Vor⸗ ſaal, wo der dienſtthuende Arzt ſich befand. Nach einigen Stunden kehrte zwar ſein Leben und ſeine Beſinnung zurück, aber nicht ſeine Sprache. Sein erſter Blick ſuchte Magda und als er ſie fand, ſtreckte er die Arme nach ihr aus und zog ſie näher und drückte ihre kleinen ſchlanken Hände vor ſein Angeſicht und weinte die heißeſten, die wohlthuendſten Thränen ſeines Lebens. Er winkte Allen, ihn zu verlaſſen— dann legte er ſelbſt Magda's Hände um die ſeinigen und faltete ſie. Magda's Stimme ward zwar von ihren Thränen oft be⸗ wältigt, aber ſie hielt ſich doch tapfer und betete mit einer In⸗ brunſt das unterbrochene„Vater Unſer“ zu Ende, daß der Gewalt ihres Glaubens kein Zweifel blieb, er werde nun ge⸗ rettet ſein und Alles an ſich erfahren.— Der alte Fürſt ſchluchzte, als ob ihm das Herz brechen wollte und hob immer wieder die Hände zum Himmel auf. Dann bezeichnete er, ſchreiben zu wollen— und auf dem Blättchen ſtand:„Ich glaube, Du haſt mich frei gebeten, ich glaube, daß in mir eine andere Macht lebendig geworden iſt— ich werde in Frieden ſterben.“ Da der Arzt Magda geſagt, wie er dem Fürſten nur noch wenige Tage gäbe bis zu ſeinem Ende, und wie die Miniſter wünſchten, daß der Erbprinz davon unterrichtet werde, ant⸗ wortete ihm dieſe, daß ſie hoffe, der Fürſt werde ſich noch mit ihm verſöhnen. Man möchte ſogleich eilen, den Erbprinzen von Allem zu unterrichten und ſeine ſchnelle Ankunft bewirken, damit der Fürſt dieſen letzten Troſt nicht verliere, nach dem er noch großes Verlangen zeigen werde, die Erlaubniß dazu ver⸗ ſtünde ſich von ſelbſt.— Ratürlich fand Magda bei dieſer Hoff⸗ nung keinen Glauben— doch bat man ſie, den Fürſten um ſeine Einwilligung zu der Einberufung des Erbprinzen zu er⸗ ſuchen.— Dabei ſah ſie ſo wenig Schwierigkeit, daß ſie die Abſendung des Kouriers gleich begehrte— und die Herren ſehr nachdenkend wurden über die Sicherheit eines ſo jungen Mäd⸗ chens, da wo ſie oft den Männermuth verloren hatten.— Der unglückliche Fürſt zeigte fortwährend Verlangen nach Magda und ſobald ſie erſchienen war, winkte er Allen abzutreten, und dieſe erkannte wohl, wie ſich das Verlangen nach Gebet in ihm mehrte — und wenn ſie auf dem Rande ſeines Bettes ſitzend die Hände faltete, that er es auch und lauſchte dann ihren Worten. 234 Jetzt fragte ſie ihn, ob er auch recht an das Gebet des Herrn glaube und Alles einzeln durchgedacht. Er nickte. „Vergieb mir meine Schuld, wie ich vergebe meinen Schuldigern— haſt Du das recht bedacht?“ fuhr ſie fort. Er nickte.—„So gebe denn Gott, daß Dein Sohn zur rechten Zeit kommt und Dir Dein Unrecht an ihm vergeben kann und Deinen Segen empfangen.“ Des Fürſten blaßes Geſicht röthete ſich etwas bei dieſen Worten und Magda ſagte wieder:„Führe mich nicht in Verſuchung, ſondern erlöſe mich von dem Böſen“ — der Fürſt ſeufzte tief und nickte ihr zu.—„Nicht wahr?“ ſagte Magda—„da eben regte ſich der alte Groll in Dir— aber Gott hat Dich, als Du beteteſt, wieder davon erlöſt.“ Der Fürſt faltete ſelbſt die Hände— Magda hoffte, er danke Gott.„Jetzt denke an Alle, die Du gehaßt— ob Du Alle ſegnen kannſt— an Thomas Thyrnau denke— an die Prin⸗ zeſſin Thereſe!“ Er änderte wieder die Farbe und lag lange ſtumm.„Es wird Dir ſchwer,“ ſagte ſie dann—„vielleicht denkſt Du aber, Thomas Thyrnau werde Dir nicht vergeben, da Du ſo Großes an ihm verbrochen— und doch darfſſt Du feſt darauf bauen, denn ſeine Seele iſt rein von dem gehäſſigen Schmutz des Haſſes und der Rache— er würde Gott mit mir bitten, Dir zu vergeben.— Auch ſollſt Du jetzt erfahren, daß Gott das Maaß Deiner Schuld verringert hat; denn es gefiel Ihm, die beiden unſchuldigen Kinder— Egon und Hedwiga— zu retten und durch die Hand Mora's, des armen Weibes, welches Du hier auffangen ließeſt, um ihr ein Geſtändniß über mich und Deinen ungegründeten Verdacht zu erpreſſen, daß dieſe die armen Kinder rettete und erzog, bis ſie in die Hände des Grafen und der Gräfin Lach über⸗ gingen.“ Der Fürſt verſchlang Magda's Worte und ſeine bebenden Lippen zeigten, wie ſchmerzlich er die Kraft vermiſſe, ſich aus⸗ drücken zu können— dann ſchlug er die Hände zuſammen und richtete ſeine Augen zur Decke. „Nun ſieh die wunderbaren Fügungen Gottes“— fuhr Magda fort—„Lacy iſt der Neffe des Mannes, dem Du ſo großes Unrecht gethan und um deswillen Du Deine edle Ge⸗ mahlin ſo hart verfolgt, wie Du mir ſelbſt eingeſtanden haſt — er nimmt die Kinder Deines Sohnes, die Du zum Tode beſtimmt, auf und verfährt mit ihnen, als wären es eigene. Ich, die Enkelin des Mannes, dem Du die Tochter geraubt— ich finde die Kinder meiner Tante, ohne ſie zu erkennen und etweiſe ihnen Liebe und Du läßt mich in böſer Abſicht, um Thomas Thyrnau, Deinen Sohn und Alle die an mir hängen, zu kränken, hierher führen— und ich fühle durch Gottes Willen ſo großes Erbarmen mit Dir, daß ich den Großvater und Alle, die ich liebe, verlaſſe, um für Dich zu beten.“ Es zeigte ſich die größte Aufregung auf dem Geſichte des Fürſten und er bemühte ſich alsdann, ſeine Rührung, ſeinen Dank und ſeine Erſchütterung vor Gott auszudrücken. Aber ſeine Kräfte und ſein Bewußtſein ſanken von da an immer ſchneller, und Magda hatte bald das Gefühl, daß er ſie auch nur noch ſelten erkannte, aber wie rührte es ſie, daß er dies Erkennungszeichen jedesmal durch das mühſame Falten der Hände andeutete und wenn ſie laut betete, ein Lächeln des Friedens auf ſein hinſterbendes Antlitz trat. Am Abend des vierten Tages erwarteten Alle, die ſein Lager umſtanden, ſein Ende. Magda lag weinend und er⸗ ſchöpft mit dem Kopfe auf ſeinen Decken, denn ſeine letzte Be⸗ wegung war noch die geweſen, ſeine Hand auf ihren Kopf zu legen— da ward es im Hofe unruhig— die Unruhe verbreitete ſich im Vorzimmer und die Anweſenden machten dem hinzuſtür⸗ zenden Erbprinzen Platz. 236 Magda riß ſich empor.„Komm“— rief ſie ihm zu— „Deinem Vater ſind durch Gottes Barmherziakeit ſeine Sünden vergeben und er will dieſe Welt nicht verlaſſen, ohne daß Du ihm auch vergebeſt und ſeinen Segen empfangeſt!“ Der Erbprinz ſtürzte über ſeinen Vater und rief ihn laut und ſchmerzlich bei dieſem ſo lange verleugneten Namen. Der Fürſt erhob ſich plötzlich von ſeinen Kiſſen— der gebrochene Blick des Sterbenden ſuchte den Sohn, deſſen heiße Thränen ſein Geſicht bethaut. Er rang mit fürchterlicher Anſtrengung — der letzte Augenblick löſte ſeine Zunge noch einmal, er drückte den Prinzen mit ſtarker Hand an ſeine Bruſt—„vergieb mir! vergieb mir, mein theurer Sohn!“ rief er mit gewaltiger aber fremder Stimme—„wie Gott und mein Heiland mir vergeben — und ſegne meinen Engel, den er mir geſandt!“— Mit Todesangſt zog er Magda an ſich— im ſelben Augenblick ſanken ſeine Arme und er fiel hinten über— der kurze Todeskampf war in einem lauten Seufzer beendigt. „O“— rief der Prinz außer ſich—„mein Vater! mein Vater! lebe— erhalte Dich mir!— O— mein ganzes Leben verwaiſt und nur einen Augenblick einen Vater! Sagt— ſagt — hat er mich anerkannt, hat er mich Sohn genannt? Hat er Alles widerrufen?“— Er wandte ſich mit dieſem tiefen Ausdruck des Schmerzes an die treuen Diener, die um ihn her ſtanden, und wollte ihre Antwort. Alle wiederholten ihm die tröſtliche Verſicherung, daß das Herz des Fürſten ſich in dieſen letzten Tagen ihm zugewendet— und noch einmal ſank der erſchütterte Sohn über die Leiche des Vaters und blieb lange im ſtummen Gebete liegen. Magda's Kraft ſchien mit der ernſten Beendigung des großen Auftrages, den ſie empfangen zu haben glaubte, ge⸗ brochen. Aus den erſtarrten Händen des Fürſten ſank ſie wider⸗ ſtandslos in die Arme Mora's, die beſtändig in ihrer Nähe, ſie 237 bewacht hatte. Die Anſtrengung der ſetzten Tage war für die zarte Natur Magda's zu groß geweſen; ſie ward unter Mora's ſorgſamen Händen bewußtlos in ihr Bett getragen, und es ge⸗ hörte das Vertrauen dieſer alten erfahrenen Frau dazu, um trotz der Wohlthat des bald eintretenden Schlafes dennoch ohne Sorge vor dem marmorbleichen Geſichte Magda's zu ſitzen, und von den faſt unmerklichen Athemzügen dieſer ermatteten Bruſt die wiederkehrende Kaft zu hoffen. Mora hatte aber den geſunden richtigen Sinn ſolcher Leute, welche die Dinge einfach und natürlich auffaſſen.— „Was iſt denn dem jungen Dinge weiter geſchehen, als Ueber⸗ müdung an Leib und Seele! Will ſehn, wer aushält, Monate lang vor einem alten verhärteten Sünder zu beten und die Aengſte ſeiner kranken Näckte ihm tragen zu helfen, damit er nicht in ſeinen Sünden dahin ſtirbt.— Was hat ſie denn weniger gethan, als alle die Heiligen, die ihr anbetet— und wenn ſie nicht ſoll hinſterben wie dieſe, ſo laßt ſie jetzt in Frieden! Schlaf muß ſie haben— Ruhe— kein ander Geſicht als mein altes gewohntes muß ſie ſehen— da wird das Leben ſchon wieder anwachſen.“— Damit hielt ſie Alle ab, die den Anlauf auf Magda machten, denn der Tod des Fürſten hatte ihr Aüſehen nicht veringert. Als der Nachfolger am andern Tage darüber zum Bewußt⸗ ſein kam, daß es Maada geweſen, welche den Segen des Ster⸗ benden mit ihm empfangen, ſuchte er für ſein grenzenloſes Erſtaunen Aufſchluß bei ſeinen Ungebungen, und hier hielt Niemand zuück, ihm das beſondere Verhältniß des jungen Mädchens zu ſeinem Vater zu enthüllen, denn noch waren Alle erweicht und erwärmt von dem, was Magda nach Aller Mei⸗ nung vollbracht hatte. Doch auch der Fürſt, der für ſein über⸗ ſtrömendes Gefühl keine andere Erleichterung kannte als zu Magdals Füßen ihr zu danken, ward ſtreng von der alten 6 Wärterin zurückgewieſen, da es ſich ihren klugen Augen darſtellte, daß Magda noch keinesweges aus dem Zuſtande eines halben Bewußtſeins zwiſchen Schlaf und Ohnmacht herausgetreten war. „Schläft ſie erſt,“ ſagte ſie zu dem Arzte des Fürſten, dem ſie Rede ſtand—„und hat ein geſegnetes Erwachen, dann mögt Ihr ſehn, ob noch Mirturen nöthig ſind, doch, denke ich, ſoll dann das Beſte geſchehen ſein.“ „Sie hat Recht!“ beſchwichtigte der Fürſt nun ſelbſt den empfindlichen Arzt— und da er durch näheres Forſchen ſogleich auf Thyrnau hingelenkt ward, ging am ſelben Tage noch ein Kourier an dieſen ab, welcher ihm alle vorhandenen Umſtände meldete, ihm die brüderlichſte Pflege für Magda verhieß und ihren Zuſtand ſo milde ſchilderte, daß ihrem Großvater keine Sorge daraus erwachſen konnte. Nachdem jedoch der Augenblick eingetreten war, den Mora erwartet hatte, und Magda's Zuſtand in Schlaf übergegangen war, überließ ſie ihren Wächterpoſten einer ihr ſchon bekannt gewordenen zuverläſſigen Dienerin und ließ ſich bei dem Fürſten melden. Was ſie dieſem Hochwichtiges mitzutheilen hatte, können wir uns denken, da wir es bereits wiſſen. Das Entzücken des Fürſten über das, was er beſtätigen hörte, war aber um ſo reiner, da er wußte, die Prinzeſſin Thereſe werde ſeine Gefühle theilen. Die Beiſetzung der fürſtlichen Leiche mit allen nöthigen Ceremonien zu vollziehn, nahm vorerſt die Zeit Aller in An⸗ ſpruch. Da ſie erſt am neunten Tage nach ſeinem Tode erfolgte, hatte Magda Zeit, ſich zu erholen, und die Beſuche des Fürſten zu empfangen. Zwei zärtliche Geſchwiſter können unmöglich dieſen Mo⸗ ment rührender feiern! Der Fürſt fühlte ſich ihr auf eine Weiſe verpflichtet, daß ſein feuriges Herz faſt davon ſeine Haltung 239 verlor. Magda's kühle und unſchuldige Schweſterliebe zu ihm, ihre eifrigen und frommen Erzählungen des mit dem Verſtor⸗ benen Erlebten brachten jedoch ſeine Gefühle wieder in die feſten Gleiſe zurück, in denen er ſich nun ſelbſt erſt ganz wohl fühlte. Da aber Magda der Trauerfeierlichkeit beiwohnen wollte, wählte der Fürſt unter den vornehmſten und geachtetſten Damen ſeines Hofes zwei aus, welche er Magda zu Begleiterinnen gab, ſie als ſeine Anverwandte bezeichnend. Sie ging in der tiefen Trauerkleidung einer nächſten Anverwandtin des Fürſten, hinter dieſem mit den ſie begleitenden Damen im Trauerzuge, und ihre natürliche Anſchauung der Dinge ließ ihr über ihre Berechtigung dazu keinen Zweifel, da ſie ſich bei der Nachrechnung ja ſelbſt ſagen mußte, ſie ſei die Nichte des Fürſten. Die Antwort, die indeſſen von Thomas Thyrnau einge⸗ troffen war, beglückte Magda's Herz aufs Höchſte. Er billigte in faſt achtungsvollen Ausdrücken ihr ganzes Verfahren und gab ihr dafür ſeinen Segen. Weiterhin forderte er von ihr, daß ſie bis zu einer vollſtändigen Herſtellung ihrer Geſundheit ruhig beim Fürſten von S. bleiben ſolle und dort ſeine Beſtimmungen erwarten. Daſſelbe ſchrieb er dem Fürſten und fügte einiges hinzu, was dem Freunde als Fingerzeig dienen konnte, wie er während dieſer Zeit Magda's Stellung gehalten haben wollte. Ihm vertraute er die Hoffnung, daß die Kaiſerin ihm vielleicht Prag als Aufenthalt anweiſen werde, und wie er dann erſt dort Magda zu ſich zurückrufen wolle, da er ihre Rückkehr nach dem Karſſtein, wo er auch Trautſohn alsbald zu erwarten habe, nicht wünſche, und ihre Einwilligung zu dieſer verlängerten Trennung, da ſie einmal geſchehn, nicht zu bezweifeln ſei. Der Fürſt beſtimmte nach dieſem Briefe augenblicklich, daß ein vor der Reſidenzſtadt liegendes Luſtſchloß für Magda's Auf⸗ enthalt in Bereitſchaft geſetzt werde. Die Damen, welche vom 240 Fürſten ſchon ftüher für Magda erwählt worden und unter denen die Gemahlin ſeines erſten Miniſters, eine Dame von hohem Ruf und großer Frömmigkeit und im vorgerückten Alter war, verſprachen dem Fürſten auf ſeine perſönliche Bitte darum, dort einige Wochen des ſchönen Spätherbſtes mit Magda zu verleben, denn der Ruf von dem, was ſie geleiſtet, hatte ihr allgemeine Achtung erworben und die nächſten Schritte des Fürſten be⸗ ſtätigten öffentlich Magda's Rang als ſeine Nichte. Da mit dem unglücklichen Gefecht des funfzehnten Ok⸗ tobers, welches den Feldmarſchall Brown verwundet nach Prag geführt und den Feldzug dieſes Jahres beendigt, die Entlaſſung des Fürſten aus dem aktiven Dienſt um ſo ſchneller bewilligt worden war, als die Kaiſerin vor allen Dingen Niemanden, und am wenigſten den ihr lieb gewordenen Fürſten, an Ueber⸗ nahme ſeiner Regentenpflichten hindern wollte, ergriff er nun mit der ſchönſten Energie die Zügel der Regierung und rief zu dem Ende ſeine vornehmen Unterthanen an den Hof und bildete ſich im Vereine mit ſeinen Miniſtern und Räthen eine Verſamm⸗ lung ſeinen Abſichten gemäß. Mit großer Feierlichkeit eröffnete er dieſe Zuſammenkunft und mit einer klaren und doch edel ſchonenden Beleuchtung ſeines bisherigen Verhältniſſes zum Lande entwickelte er ſeine darauf Bezug habenden Privatverhältniſſe. Er erklärte ſeine erſte Vermählung mit Lucretia Thyrnau, er legte die Beweiſe der kirchlichen Vermählung vor und ließ ſie durch den noch lebenden Geiſtlichen beſtätigen, den er zu dieſem Zwecke nach ſeinem Lande berufen. Ohne die traurigen Beziehungen zu enthüllen, in denen ſein Vater zu dieſem Verhältniß geſtanden, zeigte er den Ver⸗ ſammelten in großer Gemüthsbewegung ihren Tod an— und zugleich, daß Gott ihm Kinder aus dieſer Ehe erhalten, welche zu einer ſtandesmäßigen Entwicklung gelangt wären. 241 Weiter eröffnete er ſeinen getreuen Unterthanen ſeine Ver⸗ lobung mit der Prinzeſſin von D. und ſeine Abſicht, vor Wieder⸗ anfang des Krieges ſich in aller Stille, wie das Ableben ſeines Vaters und die Landestrauer dies erheiſche, mit ihr zu ver⸗ mählen. Er bemerkte dabei, daß dieſe Vermählung mit dem Zuſatze geſchloſſen werden ſolle:„Nach Ableben der erſten recht⸗ mäßigen Gemahlin, Lucretia Thyrnau— wieder vermählt mit der Durchlauchtigen Prinzeſſin Thereſe von D.“— Egon und Hedwiga, ſeine ehelichen Kinder, ſollten in den Grafenſtand mit dem Titel Erlaucht erhoben werden— ihre Dotirung be⸗ halte er ſich vor, zu beſtimmen. Ihr Rang ſolle den Kindern zweiter Ehe nachſtehn und nur in dem Falle, daß dieſe Ehe ohne Erben bleibe, ſolle dieſer älteſte eheliche Sohn Egon auf die Rechte der Nachfolge Anſpruch haben und mit kaiſerlicher Sanktion die Sache rechtskräftig gemacht werden. Aus ewiger tiefer Verehrung und Liebe gegen dieſe ſeine verſtorbene Ge⸗ mahlin lege er bis dahin ſeinen geliebten Kindern den Namen ihrer Mutter bei und ſollten ſie dadurch das neue Geſchlecht der Grafen von Thyrnau begründen. Alle dieſe Beſtimmungen würden durch die Gnade des Kaiſers und der Kaiſerin ihre volle Rechtskräftigkeit erhalten und ſolle über die gegenwärtige Mit⸗ theilung an ſeine getreuen Unterthanen ein Dokument aufge⸗ nommen werden, welches von allen Anweſenden unterſchrieben, in die Reichsarchive gelegt, und dadurch nicht allein volle Gül⸗ tigkeit, ſondern volle Verpflichtung der Auftechthaltung gegen unberufenen Einſpruch für alle Unterzeichnete enthalten ſolle. Dieſe Erklärung, die mit der ruhigen Sicherheit eines feſten Beſchluſſes gemacht wurde, erregte nicht allein keinen Widerſpruch, ſondern die größte Theilnahme und das lebhafteſte Beſtreben, dieſen Mittheilungen ſo hingebend als möglich ent⸗ gegen zu kommen. Der verſtorbene Fürſt hatte die Achtung keines Menſchen genoſſen und ſein unnatürliches und grauſames Thomas Thyrnau il1. 16 242 Betragen gegen ſeine tugendhafte Gemahlin und dann gegen ſeinen Sohn hatte die allgemeinſte Empörung erregt, und es war eine natürliche Folge davon, daß man die heimliche Ver⸗ mählung des Fürſten, von der ſchon manches verlautet war. aus dem Grunde dieſer Vernachläſſigung zu entſchuldigen fand, und die Achtung, mit der der Fürſt dies durch den Tod gelöſte Verhältniß zu ehren beſtrebt war, als eine höchſt unſchädliche Beruhigung ſeines Ehrgefühls anſah, welche um ſo weniger Bedenken erregte, da man bei der angekündigten Verlobung mit der Prinzeſſin Thereſe keinen Grund hatte, das Ausbleiben legitimer Erben zu fürchten. Eine Abſchrift dieſer ſogleich doppelt ausgefertigten Ur⸗ kunde ſchickte der Fürſt alsdann ſeinem nun offen anerkannten Schwiegervater Thomas Thyrnau mit der Nachricht, auf welche Weiſe er für Magda geſorgt, bis die Kaiſerin über den Aufent⸗ halt ihres Staatsgefangenen entſchieden haben werde. Gleich⸗ zeitig ließ er Egon nach S. rufen und nachdem er ihm ſein be⸗ ſonderes Verhältniß mitgetheilt, ſtellte er ihn der erwähnten Verſammlung als ſeinen Sohn, den erlauchten Grafen von Thyrnau vor, und führte ihn dann zu Magda, welche ihn nun zuerſt als ihren Vetter umarmte. Nach Beendigung dieſer Pflichten, die dem Herzen des Fürſten ein Tribut ſchienen, ohne den er ſeiner neuen Stellung nimmer glaubte froh werden zu können, ſetzte er ſich mit ge⸗ ſchickter Umſicht in Kenntniß von dem augenblicklichen Zuſtande des Landes, wobei es ihm zum Troſt gereichte, ſeinem unglück⸗ lichen Vater wenigſtens das Zugeſtändniß eines trefflichen Haushalters machen zu können, da er die Geſchäfte überall in guten und erfahrenen Händen, und trotz der Uebelſtände, welche die Kriege der großen Staaten über jedes in ihrem Bereich lie⸗ gende kleinere Land verbreiten mußten, einen über Erwarten gefüllten Schatz fand. 243 Nachdem er das Nöthige angeordnet, ſendete er Egon zu ſeinem Großvater, deſſen Namen er jetzt trug, und eilte dann in ziemlich ſtarken Tagereiſen nach Wien zu ſeiner fürſtlichen Braut. Obwol nun die Kaiſerin, wie allgemein bekannt, von großen und ſchweren Sorgen bedrängt war und dies auch un⸗ verkennbar in ihrem etwas veränderten Aeußern ausgedrückt lag, hatte ſie doch vollkommen die große Eigenſchaft der Fürſten, ſich den Anliegen, die zu ihrer Kenntniß kommen mußten, mit unverkürztem Antheil hinzugeben und ihrer vorwaltenden trüben Stimmung keinen Einfluß darauf zu geſtatten. Sie empfing den Fürſten, ebenſo wie ihr Gemahl, mit der zrößten Güte, und Beide hörten der ihm geſtatteten Erzählung aller ſeiner früheren Verhältniſſe und der darauf jetzt ſich be⸗ ziehenden Wünſche mit Antheil und Aufmerkſamkeit zu und ver⸗ ſprachen ihm endlich, ſeine— als ſelbſtſtändiger Fürſt— gemachten Beſchlüſſe, die mit Allem übereinſtimmten, was Red⸗ lichkeit und Gefühl nur fordern konnten, durch ihre allerhöchſten Garantien in Schutz zu nehmen und die nöthigen Feſtſtellungen darüber zu befehlen. Sein nächſter Schritt war, die Einwilligung der Prinzeſſin Thereſe zu ihrer baldigen und den Verhältniſſen gemäßen prunk⸗ loſen Vermählung zu erlangen. Es lag nicht in dem offnen Karakter der Prinzeſſin Thereſe, den ſo wohl begründeten Wünſchen des Fürſten durch kleinliche Bedenklichkeiten entgegen zu treten. Sein Wiederſehn mit ihr war ſehr rührend und unendlich tröſtlich und beglückend durch die Fülle von verſtehender Liebe, die ihm aus dem Herzen ſeiner Braut entgegen kam. Dies Herz, was die Natur gerüſtet hatte viel zu geben und zu nehmen, welches mit ſeinem Reichthum bis dahin nicht gewußt, wohin es ſich wenden ſollte, um ihn los zu werden, und in die verführeriſchen Netze ihres lebhaften 16* 244 ungeregelten Verſtandes gefallen war, dies Herz hatte nun, in die rechte Bahn eingelenkt, einen überſchwenglichen Vorrath von Gefühl für alle Zuſtände, die ihr darauf begegneten. Alles, was bei gewöhnlichen Frauen ſo unwahrſcheinlich ge⸗ weſen wäre, ihre Freude über die beiden Kinder ihres Bräu⸗ tigams, über die Anerkennung, die er dem Andenken ſeiner verſtorbenen Gemahlin gewidmet— dies Alles war in ihr wahr und der Fürſt fühlte das ohne allen Zweifel. Daß damit Thyr⸗ nau eine ſpäte Genugthuung bekam, war ihr überdies ein Triumph, und ſie beſchloß, an ihrem Hochzeittage die Kaiſerin um die Gnade zu bitten, Thyrnau völlig frei zu ſprechen, oder ihn doch aus dem Karlſtein zu erlöſen. Es ſchien ihr dann nichts natürlicher, als daß Magda nicht zu ihm, ſondern er zu Magda zöge, und wenn nicht für immer, doch als an eine zu ihm gehörende Heimat ſich an ihr Fürſtenthum gefeſſelt fände. Der Fürſt war über die Ausdehnung ſeiner Pläne durch den Mund der Einzigen, welche hätte dagegen ſein können, über⸗ glücklich, und ſo verließ er ſie, um von der Kaiſerin die Feſt⸗ ſetzung des Hochzeittages und die Erlaubniß zu begehren, daß die Ceremonie in einer zu beſtimmenden Kirche Wiens und mit Beobachtung des größten Incognito's vor ſich gehen dürfe. Die Kaiſerin wählte voll Rückſicht für den Fürſten St. Stephan und die Stunde nach der Frühmeſſe und meldete ſich und ihren Gemahl als Zeugen dieſer hohen Einſegnung an. Am Abend vorher hatte ſie großen Zirkel bei ſich, eine ſtillſchweigende Feier der Hochzeit, von der Alle wußten und Niemand ſprach. Sie war an dieſem Abend ganz Huld und Liebe und verſammelte endlich nach aufgehobenem Spiel in ihrer kleinen Riſche einige Perſonen, zu denen außer dem Brautpaar, ihrem Gemahl und Kaunitz auch der junge Fürſt von Trautſohn gehörte, der zu ſeiner maaßloſen Qual und aus ihm unbekannten Gründen noch immer in Wien zurück gehalten wurde, während 24⁵ der erlauchte Graf von Podiebrad längſt den Beſcheid erhalten hatte:„Man habe jetzo wichtigere Ausgaben, als ein altes, gar „nicht mehr als Feſtung angenommenes Schloß in koſtſpielige „Wehrhaftigkeit zu verſetzen, da es Niemand einfallen könne, „dieſe noch auf die Probe zu ſtellen. Die Kaiſerin habe dagegen „beſchloſſen, die ganze Beſitzung mit allen Revenuen dem Fräu⸗ „leinſtift in Prag als Eigenthum zu übergeben und es läge nur van der paſſenden Zeit, dies zur Ausführung zu bringen.“ Von dieſem Beſcheid wußte Trautſohn nichts und eben ſo wenig wußte er, daß die Kaiſerin um ſeinen Eintritt in die Armee mit ſeinem Vormund unterhandelte; denn Trautſohn hatte ihr ſo wenig ein Geheimniß von ſeinen Abſichten auf Magda gemacht und ihr dabei ſo romantiſche Vorſchläge zu ſeiner Hülfe gethan, daß ſie beſchloß, den verliebten Jüngling ſolle das Leben, die Zerſtreuungen und die Plagen des Krieges erſt etwas durcharbeiten und nachher dann beleuchtet werden, was von ſeinen Abſichten übrig geblieben. Sie war im Ganzen ſolchen foreirten Heirathen, wie ſie die im Stande verſchiedenen nannte, von Herzen gram; aber ſie konnte ſich den ungewöhnlichen Eindruck nicht leugnen, den dies Mädchen auch auf ſie gemacht— ſie nannte ihr ganzes Zuſammentreffen mit Thomas Thyrnau und Magda eine roman⸗ tiſche Epiſode ihres Lebens— und ſchloß richtig und entſchul⸗ digend, wie es danach wohl einem ſo lebhaften Jünglinge ergangen ſein müſſe. Der junge Fürſt von Trautſohn hatte die Kaiſerin bitten laſſen, mit einer ſchwarzen Tauerbinde erſcheinen, und ihr allein die Urſache ſagen zu dürfen. So zeigte er auch eine beſonders melan⸗ choliſche Miene, und eben jetzt ließ ihn die Kaiſerin heranrufen. „Ihr wolltet uns ſelbſt ſagen“— redete ſie ihn an— „warum Ihr dies Zeichen der Trauer tragt, und ich will Euch jetzt darüber anhören.“ 246 „Ich hätte Euer Majeſtät gern den ganzen Verlauf er⸗ zählt,“ ſagte Trautſohn—„aber wenn Ihr auch ganz da⸗ nach geweſen wäret es zu hören, habe ich doch Bedenken, es jetzt zu thun.“ Die Kaiſerin verzog den Mund zum Lächeln, dann ſagte ſie: Wir haben ſelten mit Jemand ſo viel Geheimniſſe zu be⸗ ſtehn gehabt, als mit dieſer jungen Durchlaucht da. Immer ſollen wir nur ganz allein ſeine Berichte hören— und dabei iſt Kürze nicht ſein Fehler!“ „Wenn man die Mutter aller ſeiner Unterthanen iſt“— fagte die Prinzeſſin, die den ganzen Abend zwiſchen Lachen und Weinen war, und ſo oft ſie konnte, die Hand der Kaiſerin küßte—„ſollte man ſich billig darüber nicht beklagen!“ Die Prinzeſſin konnte dieſe Worte kaum vor Thränen herausbringen und die Kaiſerin bog ſich zu ihr und küßte ſie und ſagte dann ſanft:„Das wollen wir auch nicht, Muhme— ſondern blos den jungen Fürſten bitten, zu unſern nächſten Freunden ſo viel Vertrauen zu haben, wie zu uns ſelbſt.“ Trautſohn war ſehr erwärmt durch das Betragen der Prin⸗ zeſſin. Er kniete und küßte den Rock der Kaiſerin, dann ſagte er:„Das will ich denn! Auch denke ich, haben ihn der Fürſt und ſeine Braut gekannt und geliebt und ſie werden ſein An⸗ denken ehren, was ich mir von Sr. Ercellenz von Kaunitz auch hiermit ausbitte.“ Kaunitz verneigte ſich etwas ironiſch— der Jüngling fuhr fort:„Matthias Graf von Thurn iſt in dem letz⸗ ten unglücklichen Gefecht vom funfzehnten Oktober an der Seite des Fürſten Piccolomini gefallen, nachdem er wie ein Löwe kämpfend und wie ein Held ſiegend vier Mal eine feindliche Schanze angegriffen und ſie endlich nehmend auf ihrem Rande aus zehn Wunden ſein kühnes Leben verblutete.“ „Ha“— rief die Kaiſerin theilnehmend—„der Jüngling iſt in dem Tagesberichte beſonders ehrenvoll erwähnt! Ihr habt 247 Recht um ihn zu trauern; wenn er Euer Freund war, wollen wir Eure Trauer ehren und Euch mit unſerer dankbaren Aner⸗ kennung dabei helfen. Gebt uns die Krepproſe von Eurem Armband“— fuhr ſie lebhaft fort—„wir haben es nicht mehr in unſerer Gewalt, ihn zu belohnen, und wollen dieſe Roſe heut' Abend als Anerkennung tragen— was Ihr ſeinen Aeltern, wenn er ſolche hat, melden könnt.“ Trautſohn kniete abermals nieder und dichte Thränen roll⸗ ten unverhohlen über ſeine Wangen, die Niemand ſah, da Allen die Augen ſchimmerten. Die Prinzeſſin Thereſe löſte die Krepproſe von dem ſchwarzen Armbande des Jünglings und be⸗ feſtigte ſie der Kaiſerin an der linken Schulter. „Das ſoll ſeinen Leichenſtein zieren“— ſagte Trautſohn und ſah die Kaiſerin begeiſtert an—„und jetzt will ich auch Alles von ihm ſagen, denn Alles ehrt ihn und es wird über⸗ dies Euer Majeſtät zeigen, daß ich nicht der Einzige bin, der bis zum Tode empfindet, wovon ich Euer Majeſtät ſprach.“ „Hören wir ihn an!“ ſagte die Kaiſerin, ſich faſt bittend zu ihrem Gemahl wendend.— „Matthias von Thurn hat keine Aeltern mehr“— fuhr Trautſohn fort—„jung kam er zu meinem Oheim, dem Gra⸗ fen von Podiebrad nach dem Karlſtein, denn ſie waren ver⸗ wandt. Da iſt viel geſchehn, um eine grade natürliche Rich⸗ tung zu verdrehen, aber er war trotz ſeiner Schwärmerei ein herrlicher Menſch, ausgeſöhnt mit ſeiner Lage und ganz in ſie verſenkt. Da kam Magda Matielli nach dem Karlſtein und von da an war er ruhelos. Das— was ſo natürlich war wie die Sonne am Himmel— daß er ſolch herrliches Mädchen nicht ſehen konnte, ohne ſie zu lieben, das ſchien ihm, wegen ge⸗ wiſſer Verdrehtheiten, die man ihm eingeredet, eine Sünde und er konnte den böſen Feind nicht angſtvoller fliehn— und erlebte doch alle Tage neue Niederlagen, da er nicht leben konnte, 6 — 248 ohne ſie, wenn auch nur aus weiter Ferne, zu ſehn. Ich habe viel mit ihm ausgeſtanden! Aus guten Gründen— die Euer Majeſtät wohl errathen werden— konnte ich gut verſtehn, was ihm war, und ich wollte ihm wenigſtens gern ausreden, daß ſeine Liebe zu dieſem Engel eine Sünde wäre. Aber am beſten that ihm doch, daß der Herr Fürſt von S. ihn beredete, in die Armee einzutreten— da hatte er Zerſtreuung und ich dachte, er könnte gerettet werden.“ „Nun“— ſagte die Kaiſerin—„das Mädchen ſtiftete ja viel Unheil mit ihrem ſchönen Geſicht!“ „Gott möge es denen vergeben, die dadurch Unheil erfah⸗ ren“— rief Trautſohn—„denn ſie verkümmern ſich ſelbſt den größten Segen ihres Lebens. Das ſchwöre ich Euer Majeſtät, bekomme ich ſie, oder bekomme ich ſie nicht, was Gott verhüte! Magda wird das Glück und der Segen meines ganzen Lebens bleiben.“ „Trautſohn! Trautſohn!“ rief die Kaiſerin lächelnd— „Halt! halt! wo bleiben unſere Geheimniſſe?“ „Nun“— ſagte Trautſohn—„es iſt einmal heraus und mag ſo beſſer ſein. Alle, die Euer Majeſtät hier Ihre Freunde nennen, kennen das Wunder von Mädchen und ich will ſie Alle auf ihr Gewiſſen fragen, ob Trautſohns Fürſtenkrone nicht faſt zu klein iſt für Magda's Engelshaupt! Hätte ich nicht dabei das Herz, dem ich ſchon vertrauen kann und das ſie ſelbſt gut nennt, wie könnte ich Muth haben, mich ihr anzubieten!“ Alle lächelten wohlgefällig— das hohe Paar am huld⸗ vollſten.„Nun“— ſagte die Kaiſerin—„das nenne ich eine echte Liebe!“ „Ach“— ſagte Trautſohn—„und doch kommt ſie mir ge⸗ gen Thurns Liebe gering vor. Er hat ſie wie eine Heilige ge⸗ liebt— und auf dem Herzen, wie eine Reliquie, das Einzige getragen, was er von ihr beſaß! Dies iſt ihm von der durch⸗ 249 bohrten kalten Bruſt genommen worden!“ Er holte ein gefal⸗ tetes Blatt Papier heraus und gab es der Kaiſerin— darauf ſtand:„Nach meinem Tode an Magda— das Einzige, was ich von ihr beſaß!“— Es war ein Strauß vertrockneter Wie⸗ ſenblumen.— Trautſohn erzählte, wie er Magda in der Kapelle entfallen ſei, und ſeitdem auf dem Herzen des armen Matthias geruht habe, bis man ihn von ſeiner Leiche genommen. Die Kaiſerin gab das Blatt mit einem ſehr ernſten Geſicht zurück. Jeder fühlte, ſie wolle auch dies geehrt haben und Keinem ward das ſchwer. „Weißt Du, Trautſohn, daß Magda künftig meine Nichte ſein wird?“ ſagte die Prinzeſſin Thereſe zu ihm.—„Sie iſt die Schweſtertochter der erſten rechtmäßigen Gemahlin des Fürſten von S., welches eine Tochter von Thomas Thyrnau war.“ Trautſohn ward blutroth und ſah dann die Kaiſerin ſehr herausfordernd an; als dieſe lächelnd ſchwieg, hielt er ſich nicht länger.„Sehn Euer Majeſtät“— ſagte er—„da wären wir ia ſchon mit einem Fuß im Bügel! Es kann bei einiger Gnade von Ihrer Seite nicht ſehr ſchwer fallen, ihr das bischen Ahnen⸗ werk noch nachzugeben, was die Trautſohns nöthig haben.“ „Mein guter Trautſohn“— ſagte die Kaiſerin— ich habe Deine Aeltern wohl gekannt und Deine Mutter gar lieb gehabt. Das giebt mir die Neigung, den Sohn ſtatt ihrer mütterlich zu überwachen. Erſt will ich Dich in beiden Bügeln feſt haben— das heißt— Du ſollſt Dir erſt etwas Tüchtiges verſuchen in der Welt und dazu giebt leider unſer armes Land jetzt viel Gelegenheit.“ „Wenn Euer Majeſtät einen Soldaten aus mir machen wollen im offnen Felde, ſo iſt mir der Gedanke aus der Seele genommen und ich bin ganz dabei— auch um Magda's willen — denn ſie fordert was von den Leuten und iſt nicht leicht zu befriedigen. So ſchön es iſt, wenn ſie die Muhme des Fürſten 2⁵⁰ von S. iſt— da wird ſie ſich doch wenig daraus machen, ebenſo wie aus meinem Fürſtenrange, und ich kann ſagen, es mag leichter ſein, um ein gekröntes Haupt zu werben, als um Magda, die ſich immer ſelbſt genug iſt!“ Alle lachten über den tragiſchen Humor des Jünglings und die Kaiſerin bot ihrem Gemahl den Arm, um ſich zur Abend⸗ tafel zu begeben. Am andern Morgen nach der Frühmeſſe legte der Graf von Trautſohn, zur Zeit Erzbiſchof von Wien, in St. Stephan die Hände des Brautpaares ineinander. Die Prinzeſſin Thereſe war an der Seite der Kaiſerin da⸗ hin gefahren, dieſelbe Ehre hatte der Fürſt vom Kaiſer genoſſen. Nach der vollzogenen Ceremonie, bei der nur Kaunitz, der erſte Miniſter des Fürſten, der Bruder der Prinzeſſin Thereſe, der junge Fürſt von Trautſohn, die Gräfinnen von Fuchs und Hautois, und auf ausdrücklichen Wunſch der Braut, Frau Gu⸗ tenberg, ganz begraben in grauer Seide und Brüſſeler Spitzen zugegen waren, gingen ſämmtliche Herrſchaften nach dem Ka⸗ pitelſaal des Doms, wo der Abſchied erfolgen ſollte, indem die Reiſewagen des vermählten Paares vor dem Dome harrten. Die Kaiſerin trat mit der Braut nach den üblichen Glückwün⸗ ſchen hinter einen Vorhang, und Frau Gutenberg hatte hier die hohe Ehre, das Diadem und die übrigen Staatskleider ab⸗ zunehmen und ihr den prachtvollen Reiſeüberwurf anzulegen, welcher ein Geſchenk der Kaiſerin war, und womit die Prinzeſſin überraſcht wurde. Dabei war die erhabene Frau von einer mütterlichen Güte und ihre Rührung ſtieg immer mehr, als der Augenblick des Abſchieds nahte und die Prinzeſſin in ihrer leidenſchaftlichen Lebendigkeit ſich in Thränen aufgelöſt zu den Füßen der Kaiſerin warf und in den glühendſten Worten des Dankes ihr faſt eine an Anbetung grenzende Liebe ausdrückte. 251 Sie liebkoſte ſie mit ſeltener Zärtlichkeit und wiederholte immer:„Du haſt an mir, ſo lange ich lebe, eine Mutter! ſag' mir, ob Du noch einen Wunſch haſt!“ Da wagte die Prinzeſſin Thereſe die Bitte für die Frei⸗ laſſung von Thomas Thyrnau. „Es iſt hübſch von Dir, daß Du ſein gedenkſt“— ſagte die Kaiſerin—„denn grade heute mußt Du fühlen, wie viel Dank Du ihm ſchuldig biſt, da er Dich in Wahrheit aus großen Gefahren errettete. Doch ſei ſeinethalben außer Sorge, es iſt bereits über ihn verfügt, und Du wirſt erfahren, daß ich ſelbſt nur zu geneigt bin, keine Strenge gegen ihn zu beobachten.“ Dann führte ſie die erſchütterte Prinzeſſin ſelbſt dem Für⸗ ſten von S. zu, und nach allgemeinem Abſchiede verließ die Kaiſerin mit ihrem Gemahl und Hoſſtaat St. Stephan, und die Reiſewagen nahmen die Neuvermählten auf, um ſie der Heimat entgegen zu führen. * Wir übergehn das ſehr innige Begegnen von Magda und der Fürſtin von S. Es ſchien der Letzteren, als könne ſie nicht mehr ohne dies geliebte Weſen leben und ſie machte mit ihrem Gemahl tauſend Pläne, Magda's Einwilligung zu erlangen. Dieſe war jedoch nicht zu erweichen, denn ſo glücklich ſie ſich auch in ſo ausgezeichneten Verhältniſſen finden mußte, ihr Herz hing immer nach ihrem Großvater hin, und ſie kämpfte einen ſchweren Kampf mit ihrem Gehorſam gegen ihn, den ſie nicht wagte ihm außukündigen, wenn über ſeinen Willen ſo wenig Zweifel war wie hier. Es war daher ein nicht zu unterdrückender Jubelruf Mag⸗ da's, als ihr im Februar des folgenden Jahres 1757 die Nach⸗ richt wurde, die Kaiſerin habe die Haft des Thomas Thyrnau 2³2 im Karlſtein mit dem Aufenthalt in Prag vertauſcht, wohin er ſich auf ſein Ehrenwort als Gefangener zu begeben habe. Nun hielt Magda nichts mehr zurück; denn Thomas Thyrnau— wie gern er ſie auch noch von ſich entfernt gehalten hätte— wagte ihrer Sehnſucht nach Wiedervereinigung mit ihm dennoch nicht länger entgegen zu treten; und ſo willigten ihre zäctlichen Freunde ein, ſich der Zierde ihres häuslichen Kreiſes zu berauben, und in Begleitung von Mora und Bezo, ihren unzertrennlichen Gefährten, ttat Magda die vom Fürſten ſelbſt mit allen möglichen Sicherheitsmaußregeln ausgeſtattete Reiſe nach Prag an. So manches Bedenken nun Thyrnau gehabt hatte, die ihm zugeſtandene Freiheit, innerhalb Prags nach Gefallen ſeine Wohnung zu wählen, dahin auszudehnen, daß er den Wratis⸗ law'ſchen Palaſt als eine ſolche anſehen ſolle, wußte er doch gar nicht, wie er ſeine Weigerung ausdrücken ſollte, da Claudia und Lach auch nicht entfernt an die Möglichkeit dachten, daß es anders ſein könne, und für ihn und Magda gleich die ſchön⸗ ſten Räume in Bereitſchaft geſetzt worden waren, ſo ohne An⸗ frage und mit ſolchem Ausdruck inniger Freunde und erfüllter Wünſche, daß Thyrnau in ſeiner weiſen Mäßigung überlegte, ob ſeine offen geäußerte Weigerung nicht ein gefährliches Hin⸗ weiſen auf den einzigen ſchwachen Punkt ihres Verhältniſſes werden und dies erſt Gefahren entwickeln könnte, die ſo viel⸗ leicht verdeckt blieben von dem Willen und der Unſchuld der edelſten Menſchen. Auch mußte er die Verhältniſſe verändert erkennen.— Claudia hatte unter großen Gefahren einem Mädchen das Leben gegeben, und obgleich die Zeit über noch an ihr Lager gefeſſelt, wohnte doch durch dies kaum gehoffte Geſchenk des Himmels ein fo erhöhtes Glück, eine ſo vollendete Gattenliebe in Beiden, daß Thyrnau hoffen durfte, ein Gegen⸗ gewicht ſei dadurch entſtanden. 2 Magda's Ankunft beſtätigte dieſe Hoffnung. Ihre namen⸗ loſe Freude, ihren Großvater wieder zu beſitzen, erhöhte ſich immer noch in den Gemächern Claudia's, wo ſie mit Lach und der glücklichen Mutter wie gebannt über der Wiege des kleinen Mädchens hockte und den Wundern nachſah, welche dieſe kleine Kreatur Aller Meinung nach täglich zur Schau ſtellte. So, ſchien es, ſollten die ſchwierigſten und gewagteſten Verhältniſſe durch die edle Geſinnung der betheiligten Menſchen blos den Zuwachs an Glück und Zufriedenheit hervortreten laſſen, der neben dieſer Gefahr im hohen Grade vorhanden war. Der Winter verſtrich unter Umſtänden, die ſich wenig änderten, nur mit der Abwechslung kleiner geſelliger Kreiſe, welche doch, dem Befinden Claudia's angepaßt, nur aus weni⸗ gen Perſonen beſtehen konnten. Dies Befinden erfüllte Laey heimlich mit Sorge. Wenn ſie in ihrem vorgerückten Alter die Erſchütterungen einer ſo heftigen Kataſtrophe, als die eben durchlebte, nicht ſo ſchnell zu überwinden erwarten durfte, als jüngere Mütter— ſchien die Geneſung und Erkräftigung doch zu lange ausbleiben zu wollen, und ein kurzer trockener Huſten, der ihre Nächte beun⸗ ruhigte und von dem auch ihr Kind befallen ward, hinderte die Wirkſamkeit ärztlicher Hilfe. Das Frühjahr, worauf unter dieſen Umſtänden Alle hoff⸗ ten, ſchien ſich nicht günſtig zu zeigen; ein rauher Oſt⸗Wind hielt die Vegetation zurück, und die Kranken waren kaum im Zimmer gegen ſeinen Einfluß geſchützt. Magda, welche die erſte Pflegerin von Mutter und Kind war, äußerte zuerſt ihr Bedenken über Claudia's Zuſtand dem Großvater, und immer in ihren Pflichten das Nöthigſte erkennend und ihre Handlungen danach beſtimmend, war ſie jetzt weniger bei dem Großvater, nur bemüht, Claudia durch ihre Gegenwart von den wehmü⸗ thigen Ahnungen abzuziehen, welche dieſer dauernden Schwäche 254 nothwendig folgen mußten. Ebenſo war das Kind nicht ſtark, und Geneſung und Wiedererkranken erhielten eine nachtheilige Spannung für die leidende Mutter, welche ihr nicht abzuhalten war. Lach ſchien dagegen jedes Eingeſtändniß über Claudia's Zuſtand vermeiden zu wollen; er redete ſich oft Anzeichen aus dem Sinne, welche die Andern beunruhigten,— und Magda ließ ihn gern in ſeinen Hoffnungen— was nützte der Sache die Erkenntniß der Wahrheit! In dem Maaße, daß Claudia's körperliche Kräfte ſanken, ſteigerte ſich die ſchöne geiſtige Harmonie ihres Innern. In⸗ niger noch ſchloß ſie ſich an Magda an, welche ihr unſchuldig ihr ganzes Herz verrieth, und auf deren weibliche Richtuug ſie einen wohlthuenden Einfluß ausübte, deſſen ſich Beide nicht bewußt waren, indem Jede von der Andern die höchſte Mei⸗ nung hatte. In der Mitte des April brach aber eine doppelt beunruhi⸗ gende Zeit an, in der die Gräfin das Bett hüten mußte, und wo das von Allen gefürchtete tägliche Fieber eintrat. Eine tiefe Beſorgniß für das Leben der Gräfin verbreitete ſich über alle Schloßbewohner, und man vermied offnes Ausſprechen, und die Lebensweiſe eines Jeden geſtaltete ſich nach dem Grade der Annäherung, den die Verhältniſſe bei ihr geſtatteten. An Magda's Geſellſchaft hing die Gräfin mit dem feinen Egoismus der Liebe, der dem Herzen des Andern ſo wohlthuend wird. In dieſer Zeit ließ Thyrnau eines Tages Magda zu ſich rufen, und nachdem ſie ihm die bewegtere Stimmung auf den erſten Blick angefühlt hatte, und außer Zweiſel war, es werde ihm das, was er ihr zu ſagen habe, ſchwer— drängte ſie ihn mit dem holden kindlichen Ungeſtüm, der die tragiſche Spitze brechen ſollte, zu reden. „Nun“— ſagte Thyrnau—„ich darf nicht zweifeln, Du werdeſt mir bald ſagen können, was das Rechte iſt— dies 2⁵⁵ Rechte muß ſich unabhängig in Deinem Gefühl entſcheiden, und ich verſpreche Dir, ſeinem Ausſpruche meine volle Berück⸗ ſichtigung zu ſchenken.“ „Kaunitz ſchreibt mir, daß die Kaiſerin befiehlt, daß ich mich im tiefſten Inkognito nach Wien begeben und in der Burg die erſten Zimmer der Prinzeſſin Thereſe, die ganz der Auf⸗ merkſamkeit entzogen werden können, einnehmen ſoll, von wo aus ſie mich in den ihr noch gegönnten Freiſtunden zu ſich rufen laſſen kann, um meine Arbeiten kennen zu lernen. Mit ihrer alten Huld“— fuhr er fort, da er ſah, daß Magda erblaßte und ſich ſchnell niederſetzte—„mit ihrer alten Huld gedenkt ſie dabei Deiner!“ „Sie wünſcht es nicht, daß Du nich jetzt begleiteſt— ſie hält das Geheimniß, was ſie durchaus behauptet haben will, durch die Begleitung eines jungen Mädchens bedroht, welches ſchwerer der Aufmerkſamkeit zu entziehen ſei. Sollte es Dir aber heftigen Kummer machen, ſo ſollteſt Du zwar nicht mit mir ankommen, aber bei ſicherer Begleitung hinter mir her reiſen, im Palaſt Morani wohnen und durch Frau Gutenbergs Vermittlung mich dann täglich ſehen können.“ „Das iſt eine Frau!“ rief Magda aufſpringend und den Großvater umarmend—*da will man gleich auch auf ſeine Art was Rechtes thun— Alles wächſt in einem!“ Dang fing ſie plötzlich heftig an zu weinen und vergrub ſich an den Buſen des getreuen Freundes. „Ach“— ſagte ſie dann und hob den Kopf empor—„ich dachte, Claudia's Krankheit wäre genug Leiden— und daß Du da wareſt— über den Saal hinüber— daß ich Dich an mein Herz drücken konnte, ſo oft es mir weh that— was war das— und nun ſollſt Du fort— fort von mir!“ „Jedenfalls währt das nicht lang“— ſagte Thyrnau— „und es iſt kein Exil, wovor Du Furcht zu haben brauchteſt, 256 ſondern eine glückliche Situation, in der am Beſten das Werk gefördert werden kann, welches meinem theuren Vaterlande wichtig werden ſoll.“ „Das iſt die Hauptſache!“ ſagte Magda—„da wird Dich nichts kränken, ſondern Dein großes Werk wird zu Ende und zu Ehren kommen!— Darum will ich das auch noch hin⸗ zunehmen, was mir Deine Abweſenheit ſein wird, und will der großen Kaiſerin zeigen, daß Magda ſich auch überwinden kann, um der großen Sache willen— und das kannſt Du ihr nur von meinetwegen ſagen!— Außerdem Großvater! wie hätte ich Claudia verlaſſen können, die mich den ganzen Tag nöthig hat— wenigſtens als Botin zwiſchen ſich und dem kränkelnden Kinde— wie könnte mich Lach entbehren, da er abweſend ſein muß, und dann nur Troſt findet, wenn ich bei ihr bleibe!“ „Ich habe Deine Entſcheidung nicht anders erwartet“— ſagte Thyrnau—„denn ich ſehe ſehr wohl ein, wie wichtig Du für Lacy und Claudia biſt und zweifelte nicht, Du werdeſt davon Dein altes ehrliches Bewußtſein haben— doch war die Nachricht für Dich eine Prüfung, wie ſchnell die Beſonnenheit über das erregte Gefühl ſiegen werde.“ „Jetzt,“ entgegnete Magda,„laß uns nur ſorgen, daß Claudia die Sache milde erfährt, daß ſie nicht erſchrickt über den Gedanken der Trennung von mir, und es ihr nicht als Opfer für ſie erſcheint, wenn ſie erfährt, das ich bleibe.“ Dieſe Vorſätze wurden mit dem größten Geſchick ausge⸗ fuhrt, und wie ſehr Claudia den alten Thyrnau liebte, wie ahnungsvoll ihre Zukunft ſie zugleich bedrohte, das zeigte ſich Allen auffallend durch die tiefe Betrübniß, mit der ſie ſeine Abreiſe herannahen ſah. Ehe er Prag verließ, bat ſie ihn noch um eine Unterredung mit ihm allein— es war eine lange ernſte Unterredung— die Gräfin ſah an dieſem Tage Niemand mehr und Thyrnau hatte 257 den gehobenen Kopf und die blaſſe Farbe, welches oft die einzigen Symptome großer Gemüthsbewegung bei ihm waren. Am andern Morgen reiſte Thyrnau ab, und als Magda ihre verweinten Augen in ihrem Zimmer verbergen wollte, überraſchte ſie Claudia, von ihren Frauen geführt, welche das Bett verlaſſen hatte, um ihren Liebling zu tröſten. Seit die⸗ ſem Tage kehrten neue Hoffnungen bei allen ein— auch das Kind hatte eine beſſere Zeit, und ſo war, trotz der Abweſenheit Thyrnau's, der zu aller Glück ſo nöthig war, eine größere Heiterkeit über Alle verbreitet, und man war ſchnell bereit, von der Zukunft noch mehr zu erwarten. Nicht ſo friedlich und beruhigend ſtellten ſich die äußern Verhältniſſe, und das Raherücken des geſegneten Frühjahrs koſtete jetzt tauſend Herzen ſchwere Seußzer, denn wie blos von dem ſtarren Elemente das Ungeheuer des Krieges gefeſſelt wor⸗ den war, ſo brach es jetzt mit erneuerter Heftigkeit hervor, und immer zuerſt lenkten ſich die Augen auf Friedrich den Großen, der in impoſanter Haltung die Winterquartiere bezogen. Schon den zehnten April war er in Böhmen eingebrochen, hatte den ein und zwanzigſten April ein ſiegreiches Gefecht bei Reichen⸗ bach geliefert, und ſtand jetzt, am vierten Mai, hart an der Hauptſtadt Prag, der öſterreichiſchen Armee mit ſieggewohnten Truppen gegenüber. Mit unbeſchreiblicher Bewegung ſahen die Bewohner Prags die unausbleibliche Kataſtrophe einer Schlacht ſich nahe gerückt, da ihr Schickſal nothwendig mit darin begriffen ſein mußte, und ein leider begründetes Mißtrauen gegen den Wider⸗ ſtand, welchen der ſiegreiche König finden werde, dieſe Erwar⸗ tung zu einer traurigen Befürchtung machen mußte. Der ſechste Mai weckte die Bewohner der Hauptſtadt durch den Kanonendonner, welcher die entſcheidende Schlacht bei Prag einleitete. Thomas Thyrnau. 1I⸗ 17 2⁵8 Obwol der Anfang dieſer Schlacht den Preußen ungünſtig ſchien, die Infanterie, ſelbſt die Grenadiere geſchlagen wurden, und Friedrich der Zweite ſeinen berühmteſten General, den drei und ſiebenzigjährigen Feldmarſchall Schwerin in dem Augenblick verlor, als er ſein Regiment aufs Neue ins Feuer führte, ge⸗ lang es doch dem wachſamen Auge dieſes Heldenfürſten, den ſchwachen Punkt der Gegner zu entdecken. Der rechte Flügel der Oeſterreicher trennte ſich in Ver⸗ folgung des feindlichen linken zu weit von dem Centrum, und eilends warf Friedrich mehrere Regimenter in die breite Lücke. Jener Flügel ward bis Beneſchau verfolgt, der linke von der preußiſchen Hauptmacht angegriffen und gezwungen, ſich nach Prag hinein zu werfen. Vierzig tauſend Mann mit dem Prin⸗ zen von Lothringen und dem tödtlich verwundeten Feldmarſchall Brown waren in Prag eingeſchloſſen. Oeſterreichs Lage war nach dieſem Tage verzweiflungsvoll; Böhmen war ſo gut wie verloren, Mähren und Oeſterreich nah bedroht. Man hatte Friedrich nichts entgegen zu ſetzen, als die Trümmer des geſchlagenen rechten Flügels; Daun's Corps von zwanzig bis vierzig tauſend Mann, in Mähren poſtirt, und die in den Erblanden zerſtreuten Rekruten, die noch keine Muskete getragen hatten. Deſſen ungeachtet wurden in Ungarn wie in allen Erbſtaaten die Werbunge eifrig fortgeſetzt, und ſo waren in vier Wochen ſiebenzig tauſend Oeſterreicher bei⸗ ſammen, über die der Feldmarſchall Graf Daun den Oberbefehl echielt, und in denen die letzte Kraft, die letzte Hoffnung der Monarchie beruhte. Unterdeſſen ward Prag durch die Preußen aufs fürchter⸗ lichſte bombardirt und ſo eng eingeſchloſſen, daß jede Zufuhr unmöglich wurde. Man hatte wohl an die Befeſtigung der Stadt gedacht, aber nicht an ihre Verproviantirung, und was ſich vorfand, reichte um ſo weniger aus, da die Einwohnerzahl 259 durch vierzig tauſend Mann Truppen vermehrt war. Der Mangel zeigte ſich bald in jedem Artikel fühlbar und verſchonte weder den Armen noch den Reichen, der ſein Gold nicht in Brod oder Fleiſch zu verwandeln vermochte. Das Elend wuchs zu einer grauenhaften Höhe. Die er⸗ ſchöpften Krieger, die muthloſen Bürger mit dem Hunger und ſeinem Gefolge, den ſchrecklichſten Seuchen kämpfend, ſahen ihre Häuſer in Schutthaufen verwandelt, die mühſam behaup⸗ teten Wälle von kräftigen Feinden, die an Nichts Mangel litten, ieden Tag aufs Neue angegriffen— hinter ſich Feuer, Schutt⸗ haufen, Hunger und Krankheit, ſtürzten ſie ſich verzweifelnd den Feinden zur Vertheidigung entgegen, die glücklich preiſend, welche ihren Tod mit dem Degen in der Hand fanden. Bald nahmen die Truppen ſo ab, daß der Feldmarſchall Brown von ſeinem Sterbebette aus die wehrhaften Männer Prags unter die Waffen rief, zur Ergänzung der täglich mehr abnehmenden Soldaten. Dieſem Rufe ſchloſſen ſich die in Prag anweſenden Edelleute an, um den fühlbaren Mangel an dienſtfähigen Offizieren zu erſetzen, und unter ihnen durfte der Graf von Lach nicht fehlen, wie ungünſtig auch für den Augenblick ſeine übrigen Verhältniſſe dazu paßten. Die Schreckniſſe einer Schlacht, deren fürchterlicher Ka⸗ nonendonner immer näher rückte und zuletzt mit dem ſtür⸗ miſchen Einzuge einer flüchtenden Armee endigte, hatte auf Claudia und Magda heftig eingewirkt, und beſonders die er⸗ ſchütterte Geſundheit der Erſteren, trotz ihrer möglichſt behaup⸗ teten Geiſtesſtärke, ſo ergriffen, daß ſchon am zweiten Tage ein heftiges Bluterbrechen eintrat, welches zwar bald geſtillt, keine augenblickliche Gefahr nachließ, nichts deſto weniger die Kranke an ihr Bett feſſelte und einen ſchon bedenklichen Zuſtand ſteigerte, beſonders da die nun folgende Belagerung jede Ruhe unmöglich machte. 17* Dieſes Steigen der Gefahr, dieſes wachſende Elend, er⸗ löſte Magda von ihrer vorher ſo lebhaft empfundenen Angſt und machte ſie ſtark und feſt, der Noth zu begegnen, die bald Keinem mehr zu entziehen war. Als eine Bombe, ohne zu zünden, den Flügel des Schloſſes zerſtörte, den der Großvater bewohnt hatte, ſtürzte ſie, Gott inbrünſtig dankend, auf ihre Knie und eilte dann, mit ihren muthigen, kräftigenden Worten die er⸗ ſchütterten Domeſtiken zu beleben. Was nur von männlichen Dienſtboten das Haus beſeſſen, war ſchon unter die Waffen getreten und jetzt fehlte auch Lacy ſo oft, ſo Nächte lang, kam ſo erſchöpft, ſo glühend oft nach Hauſe, daß Magda zu ahnen begann, wohin auch er von ſeiner Pflicht gerufen ward. Dabei nahm der Mangel auf drohende Weiſe im Hauſe zu, und jetzt erkrankten einige Dienerinnen und ſtarben mit verdächtigen Symptomen.— Andere verließen das Haus, um nicht wieder zu kommen, entweder von Krankheit oder von Kugeln, die ſo viele Menſchenleben auf den Straßen en⸗ digten, ereilt. Bald blieben in dem großen, noch kurz vorher ſo belebten Palaſt Wratislaw nur noch die Amme des Kindes, Mora, Bezo und Magda— denn Gertraud war bereits einem ſchnellen und ſchmerzhaften Tode erlegen, und Gundula hatte Magda nicht nach Prag begleitet, ſondern das Dohlenneſt wieder in Obhut genommen. Magda theilte nun mit Mora die Pflege der Gräfin, deren Zuſtand mit jedem Tage bedenklicher wurde. Was aber dieſe Pflege ſo troſtlos erſchwerte, war, daß nachgerade alle Mittel fehlten, der Kranken die nöthige Erquickung zu verſchaffen. Brod fehlte ſchon lange und die Mehlvorräthe des Hauſes wur⸗ den von Mora benutzt, kleine Brödchen für die Kranke wie für die ermattete Amme zu backen. Milch gab es gar nicht mehr, denn jede Kuh war nach den öffentlichen Schlachthäuſern ge⸗ ſchickt— und doch exiſtirte kein Fleiſch mehr. Unbeſchreibliche Dienſte leiſtete Bezo in dieſer Zeit; ſein Inſtinkt ſchien ſich zu Begriffen zu entwickeln, wenn Magda ihn zu Dienſtleiſtungen aufforderte. Er verſchwand dann oft Stunden lang und kam zerriſſen, blutig und todtmüde zurück; aber er brachte immer etwas mit, einen todten Vogel, ein paar Eier, eine Düte voll Waldbeeren. Er beſaß ein wunderbares Talent, Tauben zu locken, die oft in zerriſſenen Zügen oder einzeln die alte Stadt umkreiſten und die Wohnungen ſuchten, von denen ſie durch das ſchreckliche Praſſeln des Bombardements verſcheucht waren — und was war eine Taube für ein Glück für die völlig mittel⸗ loſe Haushaltung der armen Magda. Lacy hatte endlich Claudia geſtanden, daß er Offizier⸗ dienſte thäte; vorläufig bei der innern Bewachung der Stadt, wo es an Exceſſen nicht fehlte, welche der verzweiflungsvollen Noth des Volkes immer zur Seite gehn. Er genoß niemals etwas von Magda's kleinen Vorräthen, er erklärte, Soldaten⸗ koſt außer dem Hauſe zu bekommen; er brachte ihr im Gegen⸗ theil oft noch einige Nahrungsmittel mit und nöthigte ſie, in ſeiner Gegenwart davon zu genießen, denn ſelten waren ſie von ſo feiner Natur, um Claudia angeboten werden zu können. Aber mit welchem wilden Schmerz ſah er täglich die Noth für die geliebten ihm anvertrauten Weſen ſteigen, ohne ihr abhelfen zu können— und ſich dabei in Verhältniſſe gezwungen, die ihn von der tröſtlichen Gemeinſchaft mit ihnen trennten. Eines Abends ſagte Lach zu Magda, als ſie Claudia zur Nachtruhe verlaſſen hatten, und beide von den wachſenden Leiden betäubt, ſtumm mit einander auf die Terraſſe hinaus traten, wo der mildeſte Abend über Bäumen und Sträuchern lag, welche ungeſtört ihr wohl genährtes Leben fortführten und bei dem augenblicklichen Schweigen der Geſchütze ſich eine tiefe 262 Ruhe ausgebreitet hatte:„Magda, ich muß dieſe Nacht fort und werde vielleicht den morgenden Tag nicht zurückkehren— ich muß einen entfernteren Poſten beſetzen helfen, der nicht ſehr exponirt iſt, aber mir doch die Rückkehr für morgen unmöglich macht.— Ich fürchtete, es werde Claudia's Nachtruhe ſtören, wenn ich es ihr ſagte— entziehe ihr die Nachricht, ſo lange Du kannſt.“ „Ach, Lacy!“ ſagte Magda— und war unfähig, ihre Thränen zurück zu halten— und Lach fühlte den Sinn dieſes tief klagenden Tones. „Und Du!“ rief er faſt heftig ihre Hände faſſend— „Du mußt Alles tragen— für Dich habe ich keine Schonung, keine Hülfe— Dich ſehe ich verſchmachten und habe keine Er⸗ quickung— Dich ſehe ich in Angſt und Gefahren und muß ſie alle über Dich zuſammen brechen laſſen— Dich! Dich!“— ſeine Stimme brach— laut ſchluchzend drückte er ſein Geſicht in ihre Hände, und der lang bezwungene Schmerz brach hervor und erſchütterte ſein ganzes Weſen. Magda konnte ihn auch nicht ſtützen; ihre phyſiſchen Kräfte waren durch den Mangel an Nahrung geſchwächt, ihr Geiſt durch die Schreckniſſe des Bombardements erſchüttert, ihr Herz empfindlich angegriffen durch die Anzeige Lacy's, daß er jetzt den äußern Dienſt an⸗ treten müſſe. „Ach, Lacy!“— ſagte ſie—„ein ganzer Tag ohne Dich — das raubt mir die letzte Kraft!“ Da riß ſie Lach außer ſich an ſeine Bruſt und beide weinten— ſtumm und feſt ſich umſchlingend. Als ſie endlich ſich aufrichteten, ſahen ſie Bezo, der ſich ſtill zu ihren Füßen geſetzt hatte und einer noch blutenden Taube die Federn ausrupfte. So groß war die Noth, daß dieſer An⸗ blick Magda einen Freudenſchrei entlockte, und ſie Alles ver⸗ geſſend neben ihn niederkniete und ſeinen Kopf ſtrich.—„Ach!“ 263 rief ſie mit Thränen zu Lacy aufſehend—„nun haben Claudia und die Amme morgen eine Suppe! Ach, Lacy! ich hatte Nichts mehr— ich bat Gott den ganzen Tag um Rettunng— ach! zum erſten Male hätte ihr die Suppe gefehlt— bis jetzt ahnt ſie noch nicht unſere Noth.“ Bezo war außer ſich vor Freude, denn er verſtand Magda's Freude,— aber ſchaudernd faſt ſah ſie, daß er jede Feder ausſog und zuweilen an dem blutigen Kopfe der Taube ver⸗ ſtohlen leckte. „Gott!“— rief Magda—„das arme Geſchöpf— es muß auch Hunger leiden!“— Lacy verhüllte ſein Geſicht, er ſtürzte fort und ſie ſahen ihn dahin eilen, fort aus dem Schloſſe und über den Vorhof verſchwinden. Da ſetzte ſie ſich neben Bezo auf die Erde und weinte, wie ſie noch nie geweint— als wollte ihr das Herz brechen— das ganze Leben ihr entſchwinden. Dann ſank ſie neben ihm ins Gras und ein tiefer Schlaf endigte die tödliche Erſchöpfung. Als ſie erwachte und ſich erquickt aufrichtete, ſtand der Mond über der Terraſſe. Bezo ſaß noch dicht neben ihr, und bemühte ſich, von Magda's Schnupftuch und von den Federn der Taube, die er kahl gerupft, ein kleines Bett zu machen, das er unter ihren Kopf ſchob. Von dieſen wenig berechneten Be⸗ mühungen war Magda auch vielleicht erwacht und ſah jetzt Mora, welche auch ihre geſunde Farbe verloren hatte, gegen einen Baum lehnen. Magda richtete ſich auf, die Alte unterſtützte ſie, traurig ſahen ſich Beide an.„Schlafen die Andern, Mora?“ fragte Magda. „Gottlob! daß Du etwas Ruhe fandeſt“— ſagte die alte Frau traurig— wvielleicht hat es Dir Kraft gegeben zu neuen Leiden!“ „Neue Leiden“— ſagte Magda— iſt etwas noch hinzu⸗ gekommen? Sag' mir die Wahrheit, Mora,— Gott hat das Maaß! es wird doch nicht mehr ſein, als ich tragen kann.“ 264 „So halte Dich recht feſt an dieſen Glauben“— erwiederte Mora—„denn vor einer Stunde iſt das Kind geſtorben.“ „Das Kind! Claudia's Kind!“ rief Magda und fühlte wie ihre Knie brachen.— Mora führte ſie zu einer Gartenbank.— „Faſſe Dich“— ſagte ſie—„s iſt beſſer, als daß wir es müßten verhungern ſehn!“ Eine dumpfe Kälte ſchlich durch Magda's Inneres— ein Aufhören von Leiden in betäubender Gefühlloſigkeit! Sie ſtand bald auf und ging nach dem Schloſſe und wollte in das Zimmer des verſtorbenen Kindes eintreten; Mora hielt ſie noch zurück. Du kannſt denken, Magda, daß das Kind nicht allein ſterben konnte— die Amme bekam Krämpfe— ſie hatte das unreife Obſt gegeſſen, die Arme— ſie ſtarb in Zeit einer Vier⸗ telſtunde— ein Schlagfluß endigte ihre Leiden. Das Kind war ſchon geſtern eine halbe Leiche und ſtarb ihr ſanft nach.“ „Und das Alles in der Zeit, während ich mit Lach das Schloß verließ?“ ſagte Magda dumpf. „Gottlob ja!“ erwiederte Mora—„wenigſtens das konnte ich allein durchmachen. Du wirſt morgen noch genug mit Clau⸗ dia zu leiden haben— denn wie ſollen wir es ihr verbergen?“ Beide blieben in traurigem dumpfem Nachdenken in einem Kabinet vor dem Schlafzimmer Clandia's ſitzen. Dieſes reizende Boudoir ſtrahlte in dem Glanze einer verſchwenderiſchen Aus⸗ ſtattung, welche mit Pracht den gebildetſten Geſchmack verei⸗ nigte. Koſtbare Gemälde deckten die vergoldeten Wände, ſchöne WMarmor⸗Sculpturen waren in Riſchen aufgeſtellt, kunſtreiche Holzarbeiten lieferten die kleinen Geräthſchaften zu Claudia's Beſchäftigungen, und dies kaum neun Monate bewohnte Schloß, deſſen übrige Einrichtung in ſo vollſtändiger Harmonie hierzu ſtand, war jetzt leer, und die wenigen Perſonen, die noch neben zwei Leichen Wache hielten, ſahen ihren Hungertod herannahen. 265 Weder Magda noch Mora ſprachen; zuweilen ſchliefen ſie beide; zuweilen erwachten ſie mit dem jähen Schreck, der ihre Nerven erſchütterte, und bei dem Mangel an Nahrung ein tiefes Weh des Magens erzeugte, das die Kräfte lähmte und den Kopf betäubte. Gegen Morgen, noch ehe die Sonne aufging, hörten ſie fern die Thüren klappen, es ſchlich ſich ein Männerſchritt näher und Mora erhob ſich mühſam und öffnete die Thür, um zu ſehn, wer das öde Haus betreten habe. Der Arzt trat ihr entgegen — er trug ein Päckchen in Arm— und ſetzte ſich gleich nieder, denn auch er war erſchöpft. Magda trat ihm entgegen und erzählte ihm mit ſchrecklicher Gleichgültigkeit, was geſchehen war. Der Arzt hörte ſie ſtill an— wie viel Elend ging nicht an ihm vorüber.— Kalt ſagte er:„Das koſtet der Gräfin das Leben.“ Magda ſchauderte noch einmal, dann ward ſie wieder gleichgültig und ſetzte ſich ſtill neben ihn. Dem Arzte war die Ruhe eine Wohlthat. Er ſtarrte vor ſich hin, er hatte vergeſſen, was er wollte, fühlloſe Erſtarrung war das Loos aller unglücklichen Einwohner Prag's— und am meiſten ſolcher Männer, denen das Elend mit Gewalt auf⸗ gedrängt ward, von denen Alle Hülfe wollten, die von einer Schreckensſcene zur andern geriſſen wurden. Endlich durchzitterte ein Kanonenſchuß die Luft und beide ſchreckten auf.—„Geht es ſchon an?“ ſagte der Arzt—„heute iſt ein Tag, der über uns Alle entſcheidet— Daun rückt heran — vielleicht giebt ihm Gott den Sieg, ſonſt ſind wir Alle ver⸗ loren. Brown hat geſchworen, die ſchimpflichen Bedingungen nicht einzugehen, welche ihm von dem Preußen⸗Könige gemacht wurden, als er das arme Prag übergeben wollte. Nun drängt ſich heute noch einmal Alles auf die Wälle zum letzten Wider⸗ ſtand, und man ſagt, Daun wird endlich ſeine Unentſchloſſen⸗ heit aufgeben und dem Könige die Schlacht anbieten. Wer 266 daher den heutigen Tag überlebt, kann vielleicht hoffen! Magda,“ — ſagte er jetzt ſich aufraffend—„Lacy ſchickt Dir hier ſeine heutige Portion— ein Kamerad hat mit ihm getheilt— er glaubt heute genug zu haben. Der Arzt wickelte ein großes Stück hartes Kommißbrot aus.—„Er ſagt“ ſuhr er fort—„Du habeſt noch Wein— gieb mir etwas— damit ich wieder zurück kommen kann.“ „Ja,“ ſagte Magda—„da das Kind todt iſt, magſt Du ihn haben— ich wuſch es damit und auch Claudia— die aber auch bald todt ſein wird.“ Sie nahm, ehe ſie ging, um den Wein zu holen, etwas von dem harten Brote und verzehrte es begierig. Der Arzt ſah traurig zu— als ſie fort war, ſchüttelte er ein paar Krümchen, die ihr entfallen, in die Hand und verſchlang ſie, und dann haftete ſein Auge ſo begierig auf dem Brote, daß er endlich einen Brocken abbrach. Magda kam zurück mit Mora und Bezo, denen ſie ſogleich vom Brote reichte. Der Arzt aber trank ein Glas Wein und nöthigte auch den Andern davon auf. „Ja“— ſagte Mora—„davon leben wir— die Wein⸗ keller waren hier gut verſorgt. Bis auf dies kleine Reſtchen, was der Graf zurück behielt, mußte Alles abgeliefert werden— doch nun iſt es bald zu Ende.“ „Nehmt dieſe volle Flaſche an Lach mit“— ſagte Magda —„es iſt noch eine im Keller. Der Arzt ſenkte ſie in ſeine Taſche— da pfiff ein ſchreiender Laut durch die Luft— praſſelnd ſtürzte eine Bombe durch das Dach— Fenſter und Thüren ſprangen auf, und Alle ſtürzten betäubt zu Boden. Als die erſte Erſchütterung vorüber war, hörten ſie leiſe und kläglich rufen:„Mein Kind! mein Kind!“ Einer nach dem Andern richtete ſich auf. Magda ſah zuerſt die einer Leiche ähnliche Geſtalt Claudia's, welche in ihre Decken gehüllt, gegen die Thür lehnte, die zu ihrem Schlafzimmer führte und aus den Angeln geriſſen auf dem Boden lag. Magda ſtürzte auf ſie zu und umfaßte ſie angſtvoll— Claudia aber rang ſich los und zeigte nach der gegenüber liegenden zertrümmerten Thür, ver⸗ geblich bemüht, ſie zu erreichen. Aller Augen folgten der Rich⸗ tung— das ganze Gemach war in Rauch und Staub gehüllt; aber ſchon war zu erkennen, daß hier die Bombe eingedrungen war und die Decke des Zimmers zertrümmert auf dem Fuß⸗ boden lag. „Gottlob!“ ſagte Mora—„daß das Kind ſchon geſtern Nacht ſtarb!“ „Starb? todt?“ Mit dieſem Jammerlaute ſank Claudia bewußtlos in die Arme der Hinzueilenden. Mühſam trugen die Erſchöpften die Gräfin auf ihr Kran⸗ kenbett und beſtrebten ſich, die ſtarren Glieder einzuhüllen. Un⸗ thätig ſah der Arzt auf das bleiche Geſicht der Gräfin, und ihm, der das Elend und die Qual der Menſchen in ſo grauenhafter Geſtalt kannte, ſchien dieſe Ruhe, die ſie vielleicht leiſe hinüber⸗ rief, ſo wohlthuend, daß er ſich nicht überwinden konnte, die Lebensverſuche zu machen, die ſie zum Bewußtſein ihrer Leiden wecken ſollten. Eben ſo ſtumm ſaß Magda— nur Mora hatte in dem Kamin eines nahen Zimmers mit Bezo's Hülfe Feuer angemacht und begann die Taube zu kochen. Dazwiſchen brach von allen Seiten das fürchterlichſte Bom⸗ bardement los, womit der Feldmarſchall Keith vor Prag die denkwürdige Schlacht des achtzehnten Juni, welche die Kräfte des Daunſchen Corps gegen die des ſiegreichen Preußiſchen Heeres maß, ſeinerſeits begleitete. Die Belagerung der Stadt ward durch dieſe heftigen Angriffe zu einer noch nicht dage⸗ weſenen Höhe getrieben— glühende Kugeln— zerſpringende Bomben ließen das Feuer an allen Orten ausbrechen und ohne Widerſtand um ſich greifen, da die Erſchöpfung der Weiber, Greiſe und Kinder, faſt der einzigen zurückgebliebenen Einwohner, ſie unfähig zum Löſchen oder Retten machte. Dreimal ſchlugen noch Bomben in das Wratislawſche Palais— eine zer⸗ ſtörte den Treppenſaal und häufte einen Berg von Schutt vor die unbeſchützten Thore— eine zweite riß einen kleinen Glockenthurm nieder— die dritte fiel auf die Terraſſe vor Claudia's Zimmer und riß ein Stück von der Vorderwand des Zimmers ein. Lange vor dieſen Verwüſtungen hatte der Arzt ſchon das Palais verlaſſen, dahin zurück eilend, wohin ihn ſeine Pflicht rief. Unmöglich war es ihm, Lach zu erreichen, der mit einem Ausfallskorps mitten in die Schlacht verwickelt war, und Ster⸗ bende, Verwundete und Erſchöpfte theilten ſich in die Flaſche, welche für Lacy beſtimmt war. In Mitte dieſer Zerſtörungen ſaß Magda, zum Tode er⸗ ſchöpft, in jenes dumpfe gefühlloſe Brüten verſenkt, welches die unausbleibliche Folge langer Nahrungslofigkeit iſt. Zu⸗ weilen richtete ſie ihre Augen auf Elandia, die zwar erwacht war, aber vielleicht des klaren Bewußtſeins beraubt, denn ſie hatte noch nicht geſprochen. Als ob es ſich von ſelbſt verſtünde, ſo ruhig hörten ſie das Einſtürzen des Hauſes, das fürchterliche Praſſeln der ſprin⸗ genden Bomben,— ſahen ſie den Rauch, die Staubwolken, welche durch die ſcheibenloſen Fenſter eindrangen; nur als die Zimmerwand einſtürzte, ſanken Beide in Ohnmacht. Da ſich Keiner um ſie bekümmerte, erwachten ſie endlich Beide— zu⸗ erſt Magda— und kaum konnte ſie ihre Beſinnung wieder fin⸗ den, denn das Zimmer ſtand noch voll dicker Staubwolken. Mora war neben ihr; mit dem Inhalt der letzten Flaſche Wein wuſch ſie die Schläfe und Pulſe des armen Kindes. Als ſie erwachte, nahm ſie gedankenlos etwas Brot und Wein, was Mora ihr noch aufgeſpart hatte, und ihr Leben kehrte wieder und ſogar ihre Beſinnung und ihre Theilnahme für Claudia. 269 Auch dieſe ward durch etwas Wein ins Leben zurück ge⸗ rufen und Magda dachte daran, ſie aus dem zerſtörten Gemache zu bringen. Aber dies mußte ſelbſt Mora mit richtigerer Schätzung ihrer geſchwächten Kräfte ablehnen, und bald ſchien es ihnen auch, als nähme Claudia wenig von dem Zuſtande um ſie her wahr. Deſſen ungeachtet ward ihr etwas von der Taubenſuppe eingeflößt, welches ſie bewußtlos zuließ— dann theilten die drei Leidensgefährten den kleinen übrig bleibenden Reſt der Mahlzeit mit dem Gefühl, es ſei nun das Letzte. Gegen Mittag ließ das Bombardement etwas nach, aber das Entſetzen in der Stadt ſtieg durch das überhand nehmende Feuer der brennenden Häuſer. Obwol es ein wolkenloſer Juni⸗ tag war, ließ ſich doch um Mittag kaum unterſcheiden, welche Tageszeit es war, denn eine aus Rauch und Staub gemiſchte ſchwere Wolkenſchicht hing dicht über die Häupter nieder und bekam nur grauenvolle Lebendigkeit durch das Sauſen des ſturmwindartigen Feuers, welches die Maſſe oft zuſammenballte und mit glühender Färbung ſeine ſchreckliche Erſcheinung er⸗ höhte. Die Luft war zum Erſticken mit dieſem ſchweren Inhalt angefüllt— außer der natürlichen Qual, die jeder litt, ſchien die Atmoſphäre mit jedem Athemzuge den Tod bringen zu wollen, und erhöht wurde dieſer Zuſtand noch durch die in der ganzen Stadt zertrümmerten Fenſter und Thüren, welche keinen Raum mehr zeigten, der die Stickluft abhielt. So widerſtandslos dem Schrecken dieſes Tages hingegeben, kehrte in Magda erſt gegen Abend, wo ein kurzer, aber heftiger Gewitterregen die entſetzliche Luft durchbrochen hatte, etwas mehr Leben zurück und ſie ſetzte ſich auf Claudia's Bett und nahm ihre kalte Hand und nannte ihren Namen— endlich hörte ſie den ihrigen von Elaudia leiſe nennen—„dann fuhr die Kranke abgebrochen fort—„Magda, ſind wir allein übrig 270 geblieben in dieſem furchtbaren Leben?— Iſt Lach auch todt? — oder wo— wo iſt er?“ Ach, dieſe Frage, die der Inhalt von Allem war, was an dieſem Tage noch Magda's erſtarrtes Herz bewegt hatte— ſie konnte ſie nicht beantworten und ſagte Claudia endlich die Wahrheit und da gab ihnen Gott Thränen, und Magda ſank auf Claudia's Bett und ſie ſchliefen endlich den Schlaf der Erſchöpfung. Und wieder ſank die Nacht herab.— Das Bombardement ſchwieg, und durch die Stadt verbreitete ſich die Nachricht des Sieges, des Rückzuges der Preußen nach Nimburg, und der Aufhebung der Belagerung. Brown, ſterbend zwar, doch immer von ſeinen Pflichten erfüllt, befahl nun zur Löſchung des Feuers in der Stadt, die Hauseigenthümer, die auf den Schanzen thätig waren, abzulöſen. Schon war eine Kommunikation von dem Daunſchen Korps eröffnet, welches ſiegreich vordringend den Feldmarſchall Keith aus einer Poſition in die andere drängte, und Daun ſendete eine Pionier-Kompagnie, welche während der Schlacht noch ziemlich geſchont geblieben, in die unglückliche Stadt, um die Löſchanſtalten zu unterſtützen. Die Nachricht des Sieges, der Befreiung der Stadt, welche ſich mit ihnen verbreitete, belebte augenſcheinlich die ſinkenden Kräfte der un⸗ glücklichen Bürger— jetzt ſchien es Jedem der Mühe werth, ſich und ſein Eigenthum zu retten, die Kräfte zu erhalten, die einer Stärkung entgegen ſahen; wo die Noth mit dem nächſten Morgen vorüber ſein mußte, ſchien ſie Jeder weniger zu fühlen. Auch machte den edlen Feldherrn, der zuerſt den unſterblichen Ruhm errungen, den bis dahin unüberwindlich daſtehenden großen Preußen⸗König beſiegt zu haben, das Glück nicht trun⸗ ken, und die hochherzige Freude, Böhmens Erretter zu ſein, gab ihm zugleich das tiefſte Mitgefühl für die vorhandenen Lei⸗ den. Seine erſte Maaßregel war, der unglücklichen ausgehun⸗ — gerten Stadt eine Heerde von Rindvieh und Kälbern, und hoch⸗ aufgethürmte Wagen mit Brot und trockenem Gemüſe zuführen zu laſſen, und erſt nach dieſem Gruße des Friedens zog er ſelbſt in die Stadt, welche die Größe ihrer Noth wenigſtens für den Augenblick zu vergeſſen ſchien, wo ſie dem edlen Befreier ihren Dank zujauchzen konnte. Daun hatte an ſeiner Seite einen jungen Mann, der wie das ganze Korps des Feldmarſchalls mit Blut und Staub be⸗ deckt, noch die Zeichen des anſtrengenden Schlachttages um ſo mehr zeigte, da er von Hunger und Gram erſchöpfte Kräfte da⸗ hin mitbrachte. Es war der Graf von Lach, welcher nach jener oben erwähnten erſchütternden Trennung zu dem verzweifelten Unternehmen ſchritt, wo möglich, mit einigen ihm vertrauen⸗ den Männern einen Ausfall zu bewirken, um der Stadt Zufuhr zu verſchaffen. Dies von der Verzweiflung eingegebene Unter⸗ nehmen mußte an der Uebermacht und der Wachſamkeit des Feindes ſcheitern. Mit Löwenmuth ſchlug ſich jedoch Lacy und ſeine Gefährten durch, um wenigſtens der Gefangenſchaft zu entgehn und faßten den Entſchluß, ſich dem Daunſchen Korps anzuſchließen, von dem eine Entſetzung Prags ſchon lange er⸗ wartet wurde. Die Nacht begünſtigte ihre Flucht und führte ſie dem großen Tage entgegen, an dem die Schlacht zwiſchen Collin und Planian ſich entwickelte und ihn und ſein kleines Korps mit fortriß. Da dem Feldmarſchall Daun zwei Adjutanten erſchoſſen und zwei verwundet wurden, nahm er ohne Bedenken die Dienſte Lacy's an, den er kannte, und welcher ſich ſogleich bei ihm meldete, und ſo ergriff dieſen der gewaltige Enthuſiasmus eines Schlachttages, und ſeine Kühnheit, ſeine Blitzesſchnelligkeit entgingen dem Grafen Daun ſelbſt in der Verwirrung eines ſolchen Tages nicht. Als der Sieg entſchieden, ernannte er ihn auf dem Schlachtfelde zum Hauptmann und da er den Feldmar⸗ ſchall in einem gefährlichen Augenblick, wo derſelbe ein Defilée 272 paſſiren wollte, welches Lacy's ſcharfes Auge für unſicher hielt, davon mit der größten Energie abrieth— auch von dieſem ſpäter ſelbſt als eine große Gefahr erkannt ward, da es ihn von dem Hauptpunkte abgeſchnitten haben würde, ſo erklärte er dieſen wichtigen Dienſt öffentlich— und Lacy hielt an ſeiner Seite den Einzug in Prag. Daun hielt erſt vor der Thür des ſterbenden Feldmarſchall Brown ſein Pferd an— er kam, um deſſen Segenswünſche zu empfangen und ihm die Augen zuzudrücken. Lach beurlaubte ſich von ſeinem Feldherrn; und nachdem er von dem Küchen⸗ meiſter deſſelben ein paar Reiter hatte befrachten laſſen, jagte er mit ihnen, ſo ſchnell die müden Pferde n6 laufen wollten, dem Palaſte Wratislaw zu. * Sein glühendes Auge ſtrengte ſich an, die ſchwere drückende Atmoſphäre zu durchdringen, welche bis auf wenige Schritte die Gegenſtände verhüllte. Er erkannte, als er dem Palaſt gegen⸗ über in Mitte des Platzes war, die ſchwerfällige Form des Daches, aber den Glockenthurm der ſtets darüber empor ſah, vermißte er ſogleich— faſt war es ein Schrei, der ſeiner Bruſt entfuhr — er ſetzte dem ſtolpernden Pferde noch einmal die Sporen in die Seiten und hielt nun vor dem Hofraum, in welchem er ſo⸗ gleich die erſte Zerſtörung und den verſiegten Springbrunnen wahrnahm. Außer ſich ſprang er vom Pferde— außer ſich ſtürzte er gegen die Treppenfl ur— aber hier hemmte ihn ein Wall von Schutt. Von einer zertrümmerten Thür zur andern ſtürzte er; endlich kehrte ihm ſo viel Beſinnung zurück, daß er durch den unverletzten Seitenflügel drang und in den Corridor eintrat, an den die Zimmer Claudia's anſtießen. Hier waren alle Fen⸗ ſter, alle Thüren zerſtört, und ließen einen grauenhaften Blick in das Innere der Gemächer thun. Er fühlte, wie ſeine Knie zu brechen drohten, und als er vor dem Schlafgemache ſeines Kindes ſtand, welches in einen Berg von Schuit verwandelt war, mußte er einen ſchwankenden Thürpfoſten ergreifen, um nicht nieder zu ſinken. Was in ihm vorging, war ein düſtres, unklares Gefühl namenloſen Unglücks, welches Raum in ihm nehmen konnte, da ſeine phyſiſchen Kräfte ſo zerſtört waren, daß ſie ſeinen Geiſt unterdrücken halfen. Immer ſchwebte der Gedanke vor ihm— wenige Schritte weiter findeſt Du in Claudia's Zimmer daſſelbe. Todtenſtille erfüllte dabei dieſen Ort der Verwüſtung— kein Laut drang zu ihm—„Alle— Alle ſind hier begraben— Du biſt allein unter ihren Leichen“ — das rief ſein brechendes Herz ihm zu. Faſt wider Willen ſchleppte er ſich endlich weiter. Das Zimmer dazwiſchen war beſſer erhalten— dieſer kleine Hoff⸗ nungsſtrahl belebte ihn— er ſtürzte fort und ſein erſter Blick ſah durch Claudia's Zimmer in den Garten— das eine Fenſter war mit der Wand fortgeriſſen— aber die Decke hing noch. Er trat ein— das große Gardinenbett Claudia's ſtand unver⸗ letzt, aber es deckte mit ſeinen breiten Wänden die Ueberſicht des Zimmers. Wieder ſtand er horchend ſtill— er glaubte Töne zu hören— eine ſchluchzende Stimme— dann wieder ein leiſes Vogelgepfeife— mit einmal den alten Dohlenſchrei! „Bezo!“ ſchrie Lacy— es war ihm der Geſang eines Engels— er ſtürzte vor und überſah mit einem Blick, was ihm geblieben. Claudia lag im Bett— ob todt— ob ſchlafend, war nicht zu unterſcheiden— Magda hing halb über das Bett, halb lag ſie auf der Erde in gleichem Zuſtande— Mora lag auf dem Geſicht faſt vor der Thür, zu der Lach eingetreten— allein Bezo regte ſich. Er ſaß vor Magda auf der Erde und ſtieß unter bittern Thränen die alten Töne aus, mit denen er ſie ſonſt zum Scherz oder Lächeln gebracht und welches noch die ganze Kraft ſeiner geiſtigen Thätigkeit umſchloß. Dabei be⸗ mühte er ſich, ein Ei in Magda's Hand zu drücken und Thomas Thyrnau. LI. 18 274 ward nicht müde, ihre lebloſen Finger darum zu legen, damit ſie es behielt. Er kannte Lach nicht, als er eintrat, und ſtreckte gleich die Hand wie eine Kralle nach ihm aus, als wolle er ihn von Magda abwehren. „Bezo!“ ſagte Lacy—„kennſt Du mich nicht?“ Jetzt ſtarrte der Arme den Grafen an, bis er aufſpringend einen wil⸗ den Schrei der Freude ausſtieß, aber dann ſogleich und mit ſeinem Ei,— dem letzten Schatz, den er für Magda geſucht— zur Erde kollerte. Den armen treuen Knaben hatte nur die Wachſamkeit für Magda noch gegen die Wirkung des Hungers aufrecht erhalten; ſo wie er inſtinktartig in Lach den neuen Be⸗ ſchützer erkannte, brach ſein Körper zuſammen und mit ihm ſein Ei, welches er ſich ſo ſtandhaft verſagt hatte. So wenig das, was Lach vor ſich ſah, ſeinen Muth beleben konnte, lag doch in dem Anblick der geliebten Weſen, in ihren we⸗ nigſtens unzerſtörten Körpern ein Troſt, von dem er die Hoffnung nicht trennen konnte, die ihn zu neuen Anſtrengungen belebte. Die vier Reiter, die ihm gefolgt waren mit den Lebens⸗ mitteln und worunter zwei ſeiner eigenen Leute waren, gereich⸗ ten ihm zum Troſt. Er befahl einem der fremden Reiter, mit einem leeren Handpferde zurück zu reiten und aus dem Hauſe des Feldmarſchalls ſogleich einen Arzt mit den nöthigen Mitteln zur Wiederbelebung herbeizuholen. Die beiden Diener des Hauſes, welche gut genährt bei vollen Kräften waren, hoben nun Mora und Bezo von der Erde auf und trugen ſie in den anſtoßenden Saal, der unverletzt, nur mit Kalkſtaub überzogen war. Sie wandten einige ſtarke Mittel zu Mora's Belebung an, und flößten ihr Wein ein, welches nach einiger Zeit die Folge hatte, daß ſie ebenſo wie Bezo erwachte. Doch kehrte ihre Beſinnung erſt nach einigen Stunden zurück, nachdem ihr mit Vorſicht einige Nahrungsmittel beigebracht waren. N5 Unterdeſſen hatte Lacy Magda, deren weicher und noch theilweis warmer Körper ihm einige Hoffnung gab, auf ein neben Claudia's Bett ſtehendes Ruhebett gelegt und nachdem er auch Claudia nicht für todt halten zu können glaubte, kam wieder Muth und Ueberlegung in ihn. Er ließ im Kamin des Nebenzimmers Feuer anzünden, ließ Wein glühend machen, er bedeckte ihnen Geſicht und Hände mit Tüchern, welche darin getränkt waren— und als ſich Magda's Mund wie von ſelbſt öffnete, flößte er ihr ebenfalls Wein und ſtärkende Bouillon ein. Unermüdlich ſetzte er dieſe Beſtrebungen fort, und als Mora ihm nach einigen Stunden zu Hülfe kam und Magda nun ent⸗ kleidet werden konnte, ſchien es Beiden, daß ein keiſes Athmen wiederkehre, welches noch früher bei Claudia ſichtbar wurde, und als der Arzt endlich gegen Mittag erſchien und einige ein⸗ ſchreitende Mittel anwendete, öffnete Claudia die Augen und das— mit dem vollen Gebrauch der Sinne. Bei dieſem Anblick ſtürzte Lach auf ſeine Knie, und die Hände zum Himmel hebend konnte er nichts rufen als:„Ich danke Dir! mein Vater! ich danke Dir!“ Claudia lächelte ihm wie eine Verklärte zu— aber ſprechen konnte ſie noch nicht— die Welt ihrer Gedanken und Gefühle ſchien begrenzt in Lacy's Anblick— und das Glück, ihn zu ſehn und in ſeinem erſten Laut den Ausdruck der unerſchütterlichen Liebe zu ihr zu vernehmen, gab ihrem halb aufgelöſten Zuſtande den Frieden einer Seligen. Lacy's nächſter Gedanke war nun, die Zimmer zu wechſeln, um die Scene des Jammers, die ſie erlebt, aus ihrer Erinne⸗ rung zu bringen. Der rechte Flügel des Palais, der die Frem⸗ denzimmer enthielt, war unverſehrt und ſogar in einer Reihe Zimmer, die nach einem Kaſtanienwäldchen zu lagen, die Fenſter erhalten und dadurch eine reinere gegen die übrigen Räume höchſt wohlthuende Luft. Hierhin ließ Lach die Kranken 18* 276 tragen, und dieſe Maaßregel hatte die belohnende Folge, daß Magda ebenfalls erwachte und ſogleich in Thränen ausbrach, deren Urſache ſie nicht anzugeben wußte, da ihr ganzes Bewußt⸗ ſein gelitten, damit aber die wohlthuendſte Erleichterung für ihren ganzen Zuſtand erfuhr. Der Arzt wollte aber beide Frauen getrennt und jede Auf⸗ regung von ihnen abgehalten wiſſen, und ſo überwand Lach ſein Verlangen, ſie zu ſehn, und gönnte es Mora, ihr nach und nach die Dinge zurückzurufen, die ſie erlebt, und ſie auf Lacy's Rückkehr vorzubereiten. Das Wratislawſche Palais fing am ſelben Tage noch an, ſich mit ſeinen rückkehrenden Bewohnern zu beleben, und dies waren nicht allein die nicht gebliebenen oder verwundeten männ⸗ lichen Diener welche zur Beſetzung der Wälle damals aufge⸗ boten waren, als auch der Theil der weiblichen Dienerſchaft, welcher in blinder Furcht bei den Zerſtörungen der erſten Bombe von dem Gerüchte verjagt worden waren, daß das Wratislawſche Palais wegen ſeiner Höhe und ſeiner Thürme zum Ziel aller Bomben dienen werde. Lebensmittel wurden nun in Fülle herbeigeführt und glichen bald die hohlen Augen und matten Glieder der ſchwer Geprüf⸗ ten wieder aus. Lacy gab nach den erſten Worten Claudia's, welche ſeinen überreizten Zuſtand bald erkannte, ihren Wünſchen nach, und ein ſtärkendes Bad, zweckmäßige Nahrung und ein tiefer unge⸗ ſtörter Schlaf veränderte ihn äußerlich und innerlich höchſt wohl⸗ thuend und gab ihm ſeine volle geiſtige Kraft zurück. Dieſe ſollte ihn jedoch nur überzeugen, daß er neuen Schmerzen entgegen ging, denn Claudia hing nur noch mit ſchwachen Fäden am Leben, und die ſchmerzloſe Stille ihrer Seele, die verklärte Ruhe, mit der ſie ihres ver⸗ ſtorbenen Kindes gedachte, überzeugte Lacy, daß das Leben 277 hinter ihr lag und ſie nur noch in der Liebe zu ihm auf der Welt recht ſtätig war. Lach hatte nach einem Geſpräche mit dem edlen Grafen von Daun, worin er ihm den augenblicklichen Zuſtand ſeines Hauſes ſchilderte, die vorläufige Entbindung von jeder Pflicht gegen ihn erhalten, und außerdem eine Zuſicherung für die Zu⸗ kunft, welche ihm die einzige Rettung ſchien bei dem, was ihm immer näher rückte. Sein nächſtes Geſchäft war, die Arbeiter anzuſtellen, die das Schloß von Schutt reinigten, und vor Allem das Sterbe⸗ zimmer ſeines Kindes aufräumten. Die traurigſten Ueberreſte, die ſich vorfanden, ließ er ſtill in das Erbbegräbniß der Lacy einſenken und ſtellte dann die geſchickteſten Bauleute an, die Räume in ihrer alten Ausſtattung herzuſtellen. Am dritten Tage machte der Arzt ihm kein Geheimniß dar⸗ aus, daß die Gräfin den Abend nicht erleben werde und als er, um ſich zu faſſen, nach einem kurzen Gange durch den Gar⸗ ten zurückkehrte, lag Magda in den Armen der Sterbenden. Claudia hatte ſie ſelbſt rufen und ſich in ihren Betten aufrich⸗ ten laſſen und hielt das geliebte Weſen mit matten Armen an ihre Bruſt gedrückt. Als Lacy eintrat, ſtreckte ſie ihm die Hand entgegen, und Magda richtete ſich auf und Lacy ſah, daß ſie ſehr mager ge⸗ worden war, und mit dem weißen Geſicht und dem tiefen Aus⸗ druck der Klage darin mehr einem verſchiedenen Engel als einem lebenden Weſen glich. „Lach“— ſagte Claudia— denke mit Ruhe daran, daß ich ſterben werde!“ Schluchzend ſtürzte er auf ihre Hand und auf ſeine Knie nieder—„denke an mich Zeit Deines Lebens mit dem Gefühl, wie glücklich Du mich gemacht haſt!— Ja, Lacy— Du haſt mir Wort gehalten— das Gefühl, mit dem Du um mich warbeſt, das haſt Du mir erhalten— ich habe — unter ſeinem Einfluß mich glücklich gefühlt und täglich Gott für Deinen Beſitz gedankt, an den die ſüßeſten und heiligſten Ge⸗ fühle meines Lebens geknüpft waren.“ „Auch Dir, Magda, danke ich für den Schutz Deiner Liebe— für die Rechte, die Du mir gegönnt und die mich oft beſeligten— da Du die Reinheit eines Engels haſt. Gebt Thyrnau meinen letzten Gruß— in ſeine Bruſt habe ich meine irdiſchen Wünſche niedergelegt.“ Sie hatte dieſe Worte ohne Anſtoß mit matter, aber deut⸗ licher Stimme ausgeſprochen. Nachdem ſie ſchwieg, veränderte ſich ihr Angeſicht ſehr auffallend— aber als ſie die angſtvoll auf ſie gerichteten Blicke Beider ſah, verſuchte ſie noch ein Lä⸗ cheln— faltete die Hände und ſchlief hinüber ohne das leiſeſte Zucken des Todeskampfes, als habe ſie das Lächeln hinweg ge⸗ nommen, was immer reiner hervortrat und ihr ganzes Geſicht verklärte. Lach verließ das Zimmer nicht, nachdem er von dem Arzt ihren Tod beſtätigen hörte. In einen ſtillen, würdigen Schmerz verſenkt, verrichtete er ſelbſt die erſte Todtenwache bei der ge⸗ liebten Verſtorbenen, und in der tiefen Stille der Nacht, nur vor ihrem ſanft lächelnden Antlitz, richtete er ſeine Augen mit männlicher Feſtigkeit auf ſein ganzes Leben, und ſtellte ſich die Zukunft zurecht mit Wahrheit gegen ſich ſelbſt, und mit dem feſten Glauben, Gott werde ihn lenken und ſchützen, und er werde von ihm die Kraft des Vollbringens empfangen. Magda hatte man ſanft dem Sterbezimmer entführt. Be⸗ täubt von dem neuen Schmerz, ſaß ſie bei ſinkendem Abend allein in ihrem weiten Gemach— da rauſchte hinter ihr ein ſeidenes Gewand und ſie fühlte ſich von weichen Armen ſanft umſchlun⸗ gen.—„Ach, Thereſe!“ rief ſie—„das biſt Du!“ „Ja ich bin es“— ſagte die Fürſtin von S. leiſe weinend —„ich bleibe nun bei Dir, bis Du mit mir gehen kannſt.“ 279 Der Fürſt von S. hatte die Schlacht von Collin mitge⸗ macht und ſeine Gemahlin, voll tiefer Beſorgniß über die Ge⸗ fahren, die allen ihren Lieben drohten, war ihm ſo nah gefolgt, daß ſie ſchon am dritten Tage nach dem Einzug der Truppen in Prag eintraf. Sie kam zu ſpät, um Claudia's letzte Stunde mit zu er⸗ leben, aber augenblicklich die beſondere Lage Magda's über⸗ ſehend, nahm ſie ihre Wohnung im Palaſt Wratislaw und beſchloß, ſich dem geliebten Weſen ganz zu widmen und ſie an ſich zu feſſeln, ſo weit dies möglich ſein werde. Die Gräfin wurde, ſo weit der noch immer ſo trau⸗ rige Zuſtand der Stadt eine ſolche Feierlichkeit auszudeh⸗ nen ſchicklich machte, mit allen Ehren ihres hohen Ranges in die Gruft der Lacy zu ihrem Kinde beigeſetzt— wel⸗ cher Feierlichkeit der Fürſt von S. und ſeine Gemahlin bei⸗ wohnten. Einige Tage ſpäter erklärte Lacy ſeinen Freunden, daß er durch Thyrnau's Vermittelung von der Kaiſerin die Erlaubniß erhalten habe, in dem Daun'ſchen Corps mit dem Range, den ihm der Feldmarſchall auf dem Schlachtfelde ertheilt, eintreten zu dürfen, und daß er als Adjutant des edlen Grafen Daun genöthigt ſei, am andern Morgen demſelben aus Prag zu fol⸗ gen.— Er gab Magda einen Brief ihres Großvaters, welcher ſie aufforderte, ſich unter den Schutz der Fürſtin von S. zu begeben und ihr nach S. zu folgen, bis er im Stande ſein werde, ihre gegenwärtige Lage zu überſehn und ihre Wieder⸗ vereinigung zu bewirken; zugleich theilte er ihr mit, daß Bar⸗ bara in dem Kloſter zu Mailand, wohin ſie ſich begeben, eines ſanften Todes verſtorben ſei. Der Abſchied, den Lach von ſeinen Freunden nahm, war kurz und hatte die vollkommene Faſſung, hinter der ſo ausge⸗ zeichnete Menſchen die allzu tiefe Erregung ihres Innern zu 280 verbergen wiſſen. Keiner zweifelte an den Gefühlen des An⸗ dern, Alle ſchonten ſich, indem ſie ſie beherrſchten. Einige Tage ſpäter trat die Fürſtin von S. mit Magda ihre Reiſe nach S. an; Letztere ward von Mora und Bezo be⸗ gleitet, welche Beide Gegenſtände der wohlwollendſten Auf⸗ merkſamkeit von Seiten der Fürſtin geworden waren, und da Bezo nur ein Glück, ein Wohlbehagen auf der Welt kannte. ſo wurde ihm dies willig zugeſtanden, indem man ihn nicht mehr hinderte, Magda überall hin zu begleiten. Dieſe verließ den Palaſt Wratislaw mit dem Gefühl, daß der wichtigſte Abſchnitt ihres Lebens und ihrer Jugend hinter ihr läge. Die Erfahrungen, die ſie gemacht, hatten ihr In⸗ neres zu einer ungewöhnlichen Reife getrieben, aber damit auch zu früh die Blüten abgeſtreift. Sie fühlte dies wohl nicht. um es nennen zu können, aber ſie fühlte einen ungewöhnlichen Ernſt, den ſie darum ſehr richtig für unvergänglich hielt, weil er weder mit Kummer noch mit Muthloſigkeit gemiſcht war. Sie war ſo viel zarter und jünger als die Fürſtin, doch viel älter als dieſe, denn was auch an Theilnahme und Mitleid das Herz derſelben bewegen mochte, ihr Glück ſtand auf der an⸗ dern Seite in zu voller Blüte und ihre glühende Liebe für ihren Gemahl gab ihr den ganzen Zauber der Jugend— ſelbſt bis auf ſeine leidenſchaftlichen Sorgen oder Zerſtreutheiten. Von allem dieſen war in Magda nichts— und ſo ward die Fürſtin oft von ihrer ſtilleren Einſicht überholt und ſie nahm bald die Stelle einer Rathgeberin ein. Als ſie nach einigen Wochen der Erholung auf dem reizen⸗ den Luſtſchloſſe, welches die Fürſtin nach ihrer Rückkehr bezog, zu einer weiteren Anſicht der Zukunft kamen— äußerte die Fürſtin den Wunſch, jetzt nach dem Tode der Gräfin Lach Hedwiga zu ſich nach S zu berufen und ſie ganz in ihre Obhut zu nehmen. Dies war der heimliche Wunſch Magda's, die ſich oft un⸗ beſchreiblich wie nach einer jüngeren Schweſter nach dieſer Tochter ihrer Tante Lucretia ſehnte. Sie wartete zur Ausführung ihres Plans die Rückkehr des Fürſten ab, welcher alle ſiegreichen Gefechte des Daun'ſchen Corps mitgemacht hatte, ſich jetzt aber während der beabſich⸗ tigten Belagerung von Breslau nach ſeinem Lande zurückbegeben wollte, da ſeine Stellung bei der Armee eine durchaus frei⸗ willige war. Welch eine erfreuliche Nachricht dem Fürſten dieſer aus⸗ geſprochene Wunſch ſeiner Gemahlin war, trat um ſo deutlicher hervor, da er ihn ſelbſt lange genährt und doch Bedenken ge⸗ tragen, ihn zu äußern. Auch zeigten ſich in der geopraphiſchen Lage des Fürſtenthums zu Wien geringe Schwierigkeiten, da der Weg dahin vom Feinde frei war und dieſe Gegend blos von dem franzöſiſchen Armeecorps beſetzt war, das ſich unter dem Marſchall d'Etrées heranzog. Der Fürſt wußte daher durch eine angemeſſene Begleitung und durch voran geſendete Kouriere, welche den Grafen d'Etrées um ſicheres Geleit baten, Alles ſo einzuleiten, daß Hedwiga's Reiſe ohne Schwierigkeit bewirkt werden konnte. Was jedoch Allen die größte Beruhigung gewährte, war, daß ſich die Gräfin von Hautois, welche der Fürſtin gefolgt und ohne Funktionen als Freundin bei Hofe lebte, erbot, die Reiſe nach Wien mit anzutreten und die junge Gräfin von Thyrnan ſelbſt ihren durchlauchtigen Aeltern zuzuführen. Ihr wurde noch Mora zugeſellt, welcher das Herz faſt vor Stolz und Glück aus der Bruſt ſchwoll, und ſo zog die kleine wohl ausgeſtattete Karavane aus, um das junge Weſen ſeiner neuen Beſtimmung zuzuführen. Lach ſtand in einem lebhaften Briefwechſel mit ſeinen Freunden, und da bald der Fürſt, bald die Fürſtin Briefe von — ihm erhielten, konnte es nicht fehlen, daß auch Magda ſolche empfing und wieder zurück ſandte. Alle dieſe Briefe waren ein Gemeingut und ihr Inhalt völlig frei von jeder perſönlichen Beziehung. Die Nachricht, daß Hedwiga zu ihnen berufen ſei, welche Magda ihm mitzutheilen hatte, erfüllte ihn mit großer Beruhigung; er ſagte, daß es ſein innigſter Wunſch geweſen ſei, dies theure Weſen, welches ihm ſtets das lebhafteſte In⸗ tereſſe eingeflößt habe, in Magda's Nähe zu wiſſen, daß er nur durch ſie die gerade unverdorbene Entwicklung des begabten Mädchens hoffen könnte, und damit gewiß Claudia's Wunſch im Himmel erfüllt werde, da ſie alle Mädchen ſo wie Magda gebildet gewünſcht hätte. Mit einer Verſtärkung des Belagerungscorps von Breslau kam auch eine kleine Abtheilung Cavallerie, woran der Feld⸗ marſchall bis jetzt auf fühlbare Weiſe Mangel gelitten hatte, und der Rittmeiſter, welcher die aus Ungarn beſtehende Abthei⸗ lung führte, meldete ſich am Abend ſeiner Ankunft bei dem Dienſt thuenden Adjutanten, dem Grafen von Lacy.— Dieſer nahm die ceremoniöſe Meldung des fremden Offiziers mit eben ſo ſteifer militairiſcher Haltung an und fragte, wen er dem Feldmarſchall zu melden habe. „Sei ſo gut“— ſagte plötzlich der Angeredete mit völlig bekannten Sprachlauten—„und melde dem Grafen Daun Deinen davon gejagten leichtſinnigen Freund, der bei Nacht und Nebel kommt, um Dir nicht ſein beſchämtes Antlitz zu zeigen.“ „Pölten! Pölten!“ rief Lacy— und Beide waren ſich im Augenblick mit der innigſten Zürtlichkeit in die Arme gefallen. „Alſo Du nimmſt mich wieder an, theurer Lach,“ ſagte der Baron Pölten und riß freudig die ungariſche Mütze vom Kopfe, um dem geliebten Freund recht in die Augen blicken zu können—„und Du haſt mir wenigſtens verziehn?“ 283 „Ich bitte Dich,“ rief Lacy—„gedenke mit keinem Wort dieſer Thorheit!— Vergiß nicht, daß, wenn ſich auch Alle darüber zu beklagen Urſach' hätten, ich doch der Letzte wäre, der es durfte, da Deine Liebe, Dein Wunſch mir zu helfen, doch eigentlich Alles in Deinem Kopf ausbrüten half.“ „Es iſt mir ſchon recht,“ ſagte Pölten—„daß Du Dir die Sache ſo verſchönerſt und mir dadurch wenigſtens das Herz gegen Dich leicht machſt! Aber ſo viel iſt gewiß, könnte ich den Streich aus meinem Leben auslöſchen— ich dürfte an mein Alter mit mehr Ruhe denken, ſo aber, fürchte ich, wird der Gedanke daran, wenn ich mit weißem Scheitel auf meinem Sorgenſtuhl ſitze, mich toller zwicken und in die Luft ſprengen, als ſäße mir das Podagra in den Gliedern. Lacy wurde von der Wahrheit dieſer Worte etwas ver⸗ legen gemacht, denn er fühlte, ihm würde das eben ſo erſcheinen, und doch wünſchte er ſo ſehnlich, das Selbſtgefühl des ſonſt ſo trefflichen Freundes zu retten. Pölten errieth den Freund und ihn ſanft auf die Achſel klopfend, ſagte er lächelnd:„Jetzt, Herr Adjutant, thun Sie Ihre Schuldigkeit und machen Sie Ihre Meldung.— Nachher ſollſt Du den Freund hören und ich will mich von Dir tröſten laſſen!“ Als die dienſtlichen Angelegenheiten beſeitigt waren, ver⸗ einigten ſich beide Freunde in dem kleinen Blockhauſe, worin Lacy in der Nähe des Feldmarſchalls ſeine Wohnung ge⸗ nommen hatte. Pölten war von dem Tode der Gräfin bereits unterrichtet und der warme Tribut der Verehrung, den er ihr zollte, that dem Herzen Lacy's unendlich wohl. Wer beide Freunde beobachtete, konnte leicht wahrnehmen. daß ſie um den Gegenſtand, der ihnen nahe lag, herum gin⸗ gen, und bis jetzt hatte noch Keiner den Namen Thyrnau oder Magda genannt. 284 Laey forderte ſeinen Freund auf, ihm ſeine Schickſale ſeit ihrer Trennung zu erzählen, da er darüber völlig unwiſſend geblieben, indem Pölten keinen Brief des Grafen Lachy beant⸗ wortet hatte und damit endlich die Verbindung unter ihnen aufgelöſt blieb. „Vergieb mir!“ ſagte Pölten, in Erinnerung dieſes hart⸗ näckigen Schweigens.„Sollte ich nach dem in Tein Erlebten mich wiederfinden, ſollte ich es ertragen lernen und an mich ſelbſt wieder Glauben faſſen, mußte ich auch mit Dir eine Zeit⸗ lang abſchließen, auf ganz neuen Boden mich begeben, nicht immer die Wunden aufgeriſſen fühlen, die ich mit Gewalt zu⸗ drückte, um ihren Schmerz zu betäuben! Laey!“— ſagte er faſt weich—„es iſt ein Wendepunkt in meinem Leben geworden — ich bin empfindlich beſtraft worden, darum ſo empfindlich, weil ich mir immet ſagen mußte: Du haſt es verdient.— Dieſer Alte mit ſeinen feurigen Augen und ſeiner Jupiterſtirn, um die die weißen ambroſiſchen Locken zu Berge ſtiegen, als er mir die Lüge aus der Seele riß— der hat vor mir geſtanden wie ein drohender Bote des Höchſten. Es war mir, als ver⸗ ſtünde ich erſt ſeitdem dies lau uns angeborene Wort„Ehre,“ was wir hinter uns herſchleppen und alle Augenblicke gewöhnt werden, es im Munde zu verhudeln, während es uns nicht hindert, uns allerlei zu geſtatten, was niederbrennen würde, wenn uns das wahre Feuer der Ehre durchglühte.— Und welche Schickung blieb mir dieſer Thyrnau, da ich überall ſeine Spur fand; wenn man nur erſt ſeinen Namen kennt— da hört man ihn bald überall— und nun vollends in Frankreich! Die Pompadour iſt noch heut zu Tage ſo begeiſtert von ihm, daß ſie ihn uns immer abbetteln möchte— wir ſollen iht immer ein⸗ geſtehn, er ſei kein Deutſcher, er ſei wenigſtens in Frankreich erzogen; das deutſche Bärenland ſoll ſolche Zierde der menſch⸗ lichen Geſellſchaft nicht haben entwickeln können.“ „Wie?“— fragte Lach—„Du warſt unterdeſſen in Paris?“ „Vergiß nicht, daß es mehr meine Heimat iſt als Deutſch⸗ land! Meine Revenüen waren gut im Stande, als ich die Erbſchaft in Ungarn angetreten hatte und meine Angelegenheiten danach geordnet. In Ungarn mich aber anzuſiedeln, hätte ich nicht vermocht; nach Oeſterreich zurückzukehren, fehlte mir noch die Kraft; da zog der alte Zauber mich mit der Verheißung des beſſeren Troſtes nach der Heimat meiner Kindheit und Jugend, und er hat mir Wort gehalten; der allzu ſtarke Druck ward mir von der Seele genommen und die alte Kraft lebte wieder auf. Aber Du kannſt denken, daß nach dem, was mir die Pompadour, in deren Boudoir ich freien Zutritt erhielt, noch von unſerm alten Thyrnau erzählte, meine Bewunderung für ihn immer höher ſtieg, ſo hoch endlich, daß es mir ſchien, vor ſolch' einem Manne müſſe man immer gedemüthigt ſtehn!— Doch dieſen Theil Deiner Verhältniſſe kenne ich noch nicht; ſage mir, beſter Lach! wie ſtehn Deine Vermögens⸗Angelegenheiten? Ich darf jetzt danach fragen, da ich ſelbſt reich geworden bin und viel bei Dir gut zu machen habe.“ „Meine Vermögens⸗Angelegenheiten?“ ſagte Lach etwas erſtaunt—„Du kannſt denken, daß ich viel mehr habe, als ich brauche; die Güter ſind durch Thyrnau's Verwaltung im Werthe geſtiegen; ſo freigebig, ja verſchwenderiſch ſowol Claudia als ich lebten, haben wir ſie noch nicht verbrauchen können.“ „Wie meinſt Du das?“ fragte Pölten näher rückend. „Sprichſt Du von den Wratislawſchen Gütern?“ „Ja“— ſagte Lacy—„ich war ja längſt im Beſitz der⸗ ſelben! Du haſt das wieder vergeſſen, ich hatte ja ſeit meiner Majorennität alle Revenüen in Gebrauch.“ „Was?“— rief Pölten—„und Du biſt darin geblieben? Sprich! ſelbſt Tein gehört Dir?“ 286 „Lieber Pölten“— ſagte Lacy—„Tein iſt ja die Haupt⸗ herrſchaft— natürlich gehört ſie mir!“ „Gehört Dir?“— rief Pölten—„Dir, Lach?— Heil'ger Gott! und wovon lebt denn Thyrnau und ſeine Enkelin— dieſe göttliche Magda? Haſt Du ihnen ausgezahlt oder zahlſt Du langſam ab?“ Pölten!— rief Lach aufgeregt in die Höhe ſpringend — was bedeuten dieſe mir völlig unverſtändlichen Reden? erkläre Dich!— Mir blieb über meine Angelegenheiten, nachdem ich Magda's Hand ausſchlagen mußte, ein un⸗ ergründliches Dunkel; oft hat mich der Verdacht gequält, mir werde irgend ein wichtiges Geheimniß entzogen, aber alle meine Bemühungen blieben fruchtlos— was weißt Du davon?“ „O Lach!“— rief Pölten—„ſo erfahre durch mich, daß es eine menſchliche Größe giebt, an der alle Lockungen des Lebens gebrochen niederſinken— einen Mann, der dem lockend⸗ ſten Feinde der Erde, dem Mammon, widerſteht, um eine große edle Idee zu retten, die Niemand kennt als er ſelbſt— wofür ihm Keiner dankt, als ſein Bewußtſein!“ „Und wenn Dich die Nachricht zum Bettler machte, ſo wirſt Du ſie mir danken, denn Du wirſt ſie einhandeln um den Beſitz des größten und edelſten Menſchen. Tein gehört Dir nicht!— Tein gehört Thomas Thyrnau! Die Herrſchaft war ihm verpfändet für ſein großes Vermögen, welches er hingab, um die wahnſinnigen Schulden zu decken, die Dein Vetter in Frankreich gemacht hatte.“ „Meine Ahnung!“ rief Lacy auſſpringend—„Heil'ger Gott! welche Aufklärung!— Jetzt— jetzt iſt Alles aufgedeckt — darum ſollte ich Magda heirathen, damit mein ehemaliges Erbe mit ihr auf mich zurückfiele— und darum die ganze ſchreckliche, unvergeßliche, übet mein Leben entſcheidende Scene an jenem Tage, wo wir uns in Tein trafen!— Weißt Du, was ſie thaten? Weißt Du, daß ſie das Teſtament verbrannten, ehe ich zur Beſinnung kam? Ich ſpreche von Beiden, Pölten! denn es iſt gewiß, das hochherzige Mädchen hat Alles gewußt, ſo gut wie Thyrnau— ihr Entſchluß darüber war ſogar früher gefaßt als der ſeinige! O wie iſt mir Alles jetzt ſo ſonnenklar! Darum die Weigerung bei dem Prozeß, die Summen nachzu⸗ weiſen, die er ausgezahlt— darum das Geheimniß mit der Kaiſerin, nachdem er alle Andern als Vertraute zurückgewieſen — darum das Beſtreben, mir das Gefühl klar zu machen, er habe Vaterrechte auf mich! Dies war für den Fall, daß mir das Ungefähr den wahren Zuſammenhang aufdeckte, die Brücke, mich im Beſitz zu erhalten! O Thyrnau! welch' ein Menſch biſt Du— o Magda! wie weit überragſt Du Dein Geſchlecht! — Claudia! wenn Du dieſen Triumph der Menſchheit erlebt hätteſt, Du wärſt gern arm geworden!— Und doch giebt mir mein jetziges Alleinſtehn größere Freiheit— macht Alles leichter. Etwas wird mir noch gehören— mein Gehalt als Hauptmann dazu— das macht mich völlig ſelbſtſtindig. Reiche ich nicht, Pölten, dann will ich mir von dieſem edlen Thyrnau Almoſen geben laſſen— ja! weh' der kleinſten Regung von Stolz gegen ihn— weh' mir, wenn mein Herz nicht ſtets ein demüthiges Kinderherz gegen ihn bleibt!“ „Nun“— ſagte Pölten—„dann vergiß nicht, daß Du ihm mit nichts weher thun kannſt, als wenn Du ihm Alles zurück giebſt und ſeine großmüthigen Pläne zerſtörſt.“ „Still, mein Freund“— ſagte Lacy—„Du kennſt ihn nicht! So beſtimmt wie er fühlt, was er ſelbſt zu thun hat, ſo beſtimmt fühlt er auch in der Seele des Andern. Aber Du hatteſt Recht! Würde ich auch zum Bettler, dieſe Entdeckung ſchwellt mein Herz mit einem Entzücken, daß ich mir reicher erſcheine als vorher! O Thyrnan— ich gehöre Dir an.“ 288 „Ach,“ ſagte Pölten—„geſtehe es, ich bin dazu beſtimmt, Dich in ſchmerzliche Berührungen mit dieſem edlen Greis zu bringen. O hätte ich geſchwiegen!“ „Um Gotteswillen! beklage das nicht— zweifle nicht, es war grade Gottes Wille, daß ich es erfuhr— aber ſage mir, auf welche Weiſe Du dieſe Entdeckung machteſt.“ „Ich mußte der Pompadour Alles von Thomas Thyrnau erzählen, was ich nur wußte,“ fuhr Pölten fort—„und ich erzühlte ihr meinen wahnſinnigen Streich— und die Veran⸗ laſſung dazu: Deine Vermählung. Es kam ihr vor, als habe ſie ſchon einmal etwas darüber gehört; aber ihr geht viel durch den Kopf und neben einzelnen außerordentlichen Eigenſchaften häuft ſich der Plunder, den ihr eitles Leben abſetzt, immer ſtärker um ſie her. Sie bekam aber öfter Nachrichten von Thyr⸗ nau, und das friſchte immer ihr Grübeln über die Kenntniß, die. ſie von der Sache hatte, wieder an. Endlich war ſie dahinge⸗ kommen zu glauben, daß ihre Kenntniß aus einem Briefe Deines Oheims käme— und ſie zeigte mir in ihrem Aktenzimmer ein Fach, wo alle Unterhandlungen mit Lach und Thyrnau in großer Unordnung aufgeſchichtet lagen. Einmal von einer Idee erfaßt, geht ſie nicht wieder davon ab— ſie ließ ſich auf einem Fau⸗ teuil in das Zimmer rollen und ein Page und eine Kammerfrau mußten nun Alles heraus reißen und vor ihr ausbreiten. Faſt mit Gewalt machte ich mich zu ihrem Sekretair und entriß ſo den neugierigen Blicken der beiden Unberufenen, was ich ver⸗ mochte. Da fand ſich ein Bündel Briefe vom Grafen Lacy— wir öffneten ſie— und unter vielen unbedeutenden lag der eine — verzeih mir— ſehr unbeſonnene Brief Deines Oheims. Er war bei Thyrnau's letzter Anweſenheit in Paris geſchrieben, nachdem das wunderbare Abkommen unter ihnen feſtgeſtellt war. — Vermuthlich war Thyrnau auf eine drückende Weiſe von den Gläubigern beläſtigt worden, und die Marquiſe, welche ihn bis 6 289 dahin geſchützt, hatte in leichtſinniger Zerſtreuung unterlaſſen, dieſen Schutz fortzuſetzen. Thyrnau— wie aus dem Briefe hervorging— hatte die Geduld verloren und Lach aufgefordert, um jeden Preis einen vorgeſchlagenen, doch höchſt ungünſtigen Handel über Thyrnau's Grundſtücke in Prag abzuſchließen, um ihm Geld zu ſchaffen.“ Da hatte Dein Oheim der Marquiſe dieſen Brief geſchrie⸗ ben, um ſie aufs Neue zu erwärmen und ihren mächtigen Schutz zur Abwehrung der läſtigen Gläubiger zu erlangen; indem er ſie beſchwor, dieſen Brief Thyrnau zu verheimlichen, hatte er in einem glühenden Enthuſiasmus ihr das ganze großmüthige Opfer deſſelben und ihr Abkommen darüber entdeckt.“ „Sie hielt ihm Wort. Thyrnau empfand bald wieder die Macht ihres Schutzes; auch erfuhr er nie von dieſem Briefe, denn ſie ſagte ſelbſt: Ich hatte ihn ſeitdem lieber als meinen Affen! So tröſtete Deinen Oheim wohl det glückliche Erfolg über dieſe heimliche Handlung.— Uebrigens füge ich noch hinzu, daß ich ihren Liebling Jocco am ſelben Morgen durch allerlei NReckereien ſo reizte, daß er ſämmtliche Akten und Briefe in Fetzen zerriß, während ſeine Gebieterin Thränen lachte und ich endlich alle Schnitzeln zu einem großen Ball zuſammen rollte und in den Kamin warf, wofür Jocco mich fürchterlich biß und ich von ſeiner Gebieterin den Affenorden bekam, da das wüthende Thier den feurigen Ballen wieder herausreißen wollte, ich ihn aber abhielt mit Schaufel und Zange und dadurch dies theure Leben rettete.“ „Alſo Thyrnau weiß es ſelbſt nicht!“ ſagte Lacy— „Thyrnau kann nicht ahnen, woher mir der Aufſchluß kommt! — Edler— edler Freund! Möchte Dich die Nachricht nicht zu tief betrüben, da ich ſie Dir nicht erſparen kann!“ Mit einem Kourier nach Wien ging Lacy's Brief an Thyr⸗ nau ab, der den letzten Reſt der einſt ſo wohlerſonnenen Pläne Thomas Thyrnau. 1IMI. 19 290 zerſtörte und gegen den großmüthigen Willen der Menſchen doch der Wahrheit— der ſiegreichſten Gewalt der Erde— zu ihrem Rechte verhalf. Nach einiger Zeit erhielt Lacy von Thyrnau eine Antwort. „Was dürfen wir uns wundern,“ ſchrieb er—„wenn wir „erfahren, daß alles Menſchenwerk auf gebrechlichen Füßen „ſteht? Dürfen wir darum geringer von den Werken denken, „die wir aufzurichten ſtrebten? Dürfen wir auch ſagen, ſie „waren umſonſt, wenn wir ſie verfallen ſehn und von der Ge⸗ „ſtalt, die wir ihnen geben wollten, nichts übrig bleibt? Ich „ſage nein! Was auf die Oberfläche der Erſcheinungen ein⸗ „wirkt, ihre eigentliche materielle Geſtaltung, iſt nicht die „Hauptſache. Etwas Ewiges liegt in der Idee, die der Menſch „faßt, für deren Entwicklung er lebt, und dieſe Idee iſt unzer⸗ „ſtörbar, wenn die Erſcheinung auch ohne weſentlich dauernde „Exiſtenz bleibt. Es iſt das geiſtige Fluidum, das Geiſter „nährt, die Athmoſphäre, worin der große Geiſt, der uns Alle „treibt, die unſichtbare Kirche erbaut hat, in der ſich ſammelt, „wer die Erde von den Flügeln ſtäubt!“ „Denke nicht, daß ich bei Deiner Nachricht Schmerz em⸗ „pfand.— Was ſoll uns die Lüge— uns ſage ich— denn „die Welt behalte ihr Theil davon, wenn ſie kann!— So gering „kam mir das oft vor, was ich Dir verbarg, daß ich mich davor „ſchämte— und vielleicht hätte ich es Dir ſelbſt gelegentlich „geſagt; aber es war mir nicht wichtig genug in der bewegten „Zeit, in der wir lebten, Dich durch neue Betrachtungen abzu⸗ „ziehn, wo Du all' Deine Kraft bedurfteſt.“ „Was iſt denn nun geſchehn? Du weißt, wie die alten „Leute geſchwärmt haben und Luftſchlöſſer gebaut für ihre „Kinder— war das nicht ſchön? Iſt der Geiſt der Liebe, den „wir nährten, verloren gegangen? Liebſt Du mich nicht mit „einer Staͤrke, die wie Sonnenſchein auf meinen weißen Scheitel „glüht? Hat uns Alle— Claudia— Magda— und uns „Beide nicht ein reiner heil ger Geiſt der Liebe feſt umſchlungen „und allen unſern äußern Verhältniſſen ihren Karakter und „ihren Werth verliehen? Sieh! das Letzte von meinem Plane „iſt heute vor meinen Augen zerſtört und in Nichts verſunken — und eine warmherzige Freude hat mich durchſtrömt und ich „habe ihm ruhig nachgeſehn, als wäre mir nichts damit ge⸗ „nommen und ich durfte ihm nachrufen: Du warſt doch echter „Art, denn in Dir wehte der unzerſtörbare Odem der Liebe und „dieſer ſteigt drüber und bleibt uns!“ „Ich habe nichts dagegen, wenn Du verlangſt, daß mir die „Güter jetzt gehören, obwol ich Dir einen ſchönen Prozeß an⸗ „hängen könnte, denn alle Dokumente ſind zerſtört, und es „ſollte Dir ſchwer genug werden, mir zu beweiſen, daß ſie mir „gehören. Du haſt aber doch Recht— die ganze Herrſchaft „Tein gehört mir— für Dich war nur das kleine Gut zu retten, „wo Dein Vetter ſtarb.— Aber was haben wir denn nun damit „Außerordentliches erreicht oder— welche Veränderung ſoll „dadurch eintreten? Lebten wir denn nicht in einer Gemeinſchaft, „die das Gefühl des einzelnen Eigenthums ziemlich aufhob? Für den Fall Deines Todes, der bei Deinem neuen Handwerk „möglich wäre, hat Hieronymus der Kaiſerin im Vertrauen ein „Dokument Deines Oheims gezeigt, welches der alte vorſichtige „Mann mir unbewußt dort niederlegte. Es würde meine An⸗ „ſprüche ziemlich darthun und meiner Magda Vermögen nach „meinem Tode ſichern!“ „Du wirſt nicht verlangen, daß ich in meiner jetzigen Lage „die Verwaltung dieſes großen Vermögens übernehme— bin „ich ſo lang Dein Haushalter geweſen, ſo ſei Du es jetzt für „mich! Nach einem Jahre, wenn wir leben, fordere ich von „Dir in Claudia's Namen eine Unterredung; nach dieſer erſt „faſſen wir neue Fläne für die Zukunft— bis dahin fordere 19* W „ich von Dir mit der Autorität eines Vaters, die Du mir zuge⸗ „ſtunden, daß Du über das eben Erfahrene das tiefſte Geheim⸗ „niß beobachteſt, und völlig der Herr dieſer meiner Beſitzungen „bleibſt. Ich fordere dies mit um ſo größerem Rechte, da ich „unfehlbar dem Reffen das Verhältniß anbieten darf, welches „ſein Oheim, der ehrenhafteſte Mann der Erde zu tragen ver⸗ „mochte— und ich will bis dahin, wo ich Dich binnen einem „Jahre zu der angekündigten Unterredung auffordere, kein „Wort des Widerſpruchs hören— bei meinem väterlichen „Zorn!“ „Vielleicht thut es Dir wohl, zu erfahren, daß Claudia „bei unſerm Abſchied, von dem wir beide wußten, daß er fürs „Leben war, mein volles Vertrauen auch darüber erhielt— „und daß ich dagegen ihre letzten Wünſche für Dich empfing!“ „Und ſo ſegne Dich denn Gott, mein theurer Sohn! Jetzt „iſt kein Geheimniß mehr zwiſchen uns, und ich empfinde Ruhe „und Freude und danke Gott für Alles, was er zerſtört— für „Alles, was er erhalten, gleich inbrünſtig.“ Als Lacy dieſen Brief Thyrnau's geleſen, ſchien ihm die Wichtigkeit des Ereigniſſes, welches er noch eben ſo tief em⸗ pfunden hatte, gänzlich verſchwunden— die Trennung der Verhältniſſe, die er gefühlt, war nicht mehr da— wirklich gleichgültig ſchien es ihm, wer Tein beſäße! Jedes Wort dieſes väterlichen Briefes hatte ſeine Abſicht erreicht; es hatte ihn überwältigt durch die Macht der Liebe, die allein noch als Hauptſache, als Inhalt, als Weſen ihres ganzen Verhältniſſes hervortrat.— Aber ſeine Gedanken hafteten mit viel größerer Erſchütterung, als er bei Pölten's Nachricht empfunden, auf den Worten Thyrnau's, die ihn binnen einem Jahre vorluden, die Wünſche Claudia's zu vernehmen. Muthig riß er ſich von dieſem Gedanken los— er eilte, dem ihm aufs Neue theuer gewordenen Pölten den Brief 293 Thyrnau's mitzutheilen, und dieſer ſchwur in faſt andächtiger Feierlichkeit, den Willen des edlen Greiſes ehren zu helfen durch unverbrüchliches Schweigen. Dann theilte er in einem langen Briefe an Magda der⸗ ſelben ſchonend, wie es ihr beſonderes Verhältniß verlangte, Alles mit, was er erfahren und jetzt beſchloſſen hatte, und erſt nach Erfüllung dieſer Pflicht ergriff er ſeinen neuen Beruf mit doppelter Energie. Es war im Herbſt deſſelben Jahres, da wandelten zwei jugendliche Geſtalten auf den Terraſſen des Schloßgartens in der Reſidenz S. Hinter ihnen lagen die Säle, in denen ein kleines Hoffeſt die geſchmückten Gäſte zeigte; und obwol die Thüren geöffnet waren, hatten doch nur die beiden jungen Damen, welche nicht unter dem Zwange der Etikette zu ſtehen ſchienen, es gewagt, ſich der friſchen Abendluft auszuſetzen. Sie waren beide ausgezeichnet ſchön, und dennoch ſo verſchieden, daß unmöglich ein größerer Gegenſatz zu denken war, wenn man auch nicht den Unterſchied des Alters dazu rechnen wollte. Magda, die eine der jungen Damen, näherte ſich dem Alter jungfräulicher Schönheit, von dem wir ſagen: die volle Blüte habe ſich erſchloſſen. Hedwiga dagegen war eine von den durchſichtig zarten Erſcheinungen der erſten Jugend, wo man der ſchnell ſich entwickelnden jungfräulichen Schönheit mit einer Art Befürchtung zuſieht. Wir glauben ein zu raſches Treiben zu ſehn, die Natur, ſcheint uns, übereile ſich und werde den Zauber, den ſie entwickelt, nicht feſthalten können. Jetzt wußte man, daß Hedwiga das vierzehnte Jahr vollendet habe; der Fürſt hatte die nöthigen Nachweiſungen zu geben gewußt, und Kirche und Kirchenbuch hatten dieſe beſtätigt. Aber ſie 294 war, nachdem ſie ihre kärgliche Exiſtenz verlaſſen und in ge⸗ deihlichere Verhältniſſe übergegangen war, ſo nachholend ge⸗ wachſen, daß man ſie für ſechzehn Jahre alt halten konnte, und ihre Höhe die ihrer Muhme Magda überragte. Dabei war ſie von der größten Feinheit und Schlankheit der Formen, und ihre Haut und die Farbe, welche die ſchimmernde Weiße der⸗ ſelben erhob, zart und durchſichtig. Aber wie ſchön auch jede einzelne Form in ihrem Geſicht war, vor Allem waren es doch ihre wunderbar ſeelenvollen, großen, dunkelblauen Augen, die Aller Herzen bezauberten und ſie zu der hohen Schönheit erho⸗ ben, welche ihr bald allgemein zugeſtanden ward. Hedwiga hatte in dieſem Augenblick die ſpielende Zärtlich⸗ keit, welche die Jugend ſo reizend karakteriſirt— ſie erzählte Magda etwas mit großer Luſtigkeit, während ſie bald einen Schritt vortanzte, bald ſie umſchlang, bald mit großer Lebhaf⸗ tigkeit durch Bewegungen etwas nachzuahmen ſuchte, was ihre ganze Phantaſie in Aufruhr gebracht zu haben ſchien. Dabei lachte das ganze liebliche Geſicht, und zwiſchen den vollen rothen Lippen glänzten immer die weißen Perlenreihen ihrer Zähne durch. Magda dagegen ging mit geſenktem Kopf, die Arme hin⸗ gen von den Händen gehalten vorn hernieder— ſie war viel⸗ leicht ſchöner als jemals, denn ihr ſtand eine reiche Toillette beſonders gut und ſie war eben ſo edel und geſchmackvoll, als koſtbar gekleidet— auch lag ein bezaubernd ſanftes Lächeln um ihren Mund, aber auf der Stirn war ein tiefes ernſtes Nach⸗ denken ausgedrückt, und wenn ſie zuweilen durch Hedwiga's Bewegungen aufgehalten ſtehen blieb und die langen ſchwarzen Augenwimpern ſich theilten, um dieſe anzublicken, dann lag in der tiefen Glut ihres ſchönen Blickes ein unverkennbarer Aus⸗ druck von Schwermuth und Schmerz. „Nun bat ich ſie immer,“ fuhr Hedwiga fort—„ruhig zu ſein, denn am Ende thaten uns die guten betrunkenen Fran⸗ 295 zoſen doch weiter nichts, als daß ſie neben dem Wagen herjag⸗ ten und einmal über das andere hinein guckten und uns Blumen zuwarfen und mich bis in den Himmel erhoben, weil fie mich ſo ſchön fanden; aber die arme alte Gräfin bebte wie Espenlaub und ſagte immer: Dabei bleibt es nicht, dabei bleibt es nicht!“ „Nun kannſt Du Dir die Noth denken— bitten, flehen mußte ich, daß ſie nicht durch ihre heftigen Reden die luſtigen Leute erzürnte; dann konnte ich kaum wieder das Lachen laſſen, wenn ſie ſchworen, ſie wollten mich bis ans Ende der Welt eskortiren; aus einer ganzen Armee wollten ſie mich heraus hauen, und wenn der König Friedrich mein Vorreiter wäre, wollten ſie doch die Pferde lenken, wohin ich wollte. Nun! rief ich mit einmal, thut meinen Willen, reitet zu Hauſe— ich fahre durch das Hauptquartier und Graf d'Etrées hat mir einen Geleitbrief gegeben!— Nun war es die Sache, daß es lauter Offiziere waren, die eben von dorther kamen und an der Tafel des Feldmarſchalls zu viel getrunken hatten— das wurde nun mit lautem Jubel aufgenommen. Sie brachten dem Mar⸗ ſchall ein Lebehoch und waren in ihrem trunkenen Muth über⸗ zeugt, ſie würden von ihm belohnt werden. Es wäre vielleicht Alles gut gegangen, wenn ſie nicht in ihrer Tollheit beſchloſſen hätten, unſern Poſtillon und Bedienten abſteigen zu laſſen und ſich auf die Pferde zu ſchwingen und den Bock zu beſteigen. Jetzt gerieth die arme Hautois in ſolche Verzweiflung, daß ſie nicht aufhörte, um Hülfe zu ſchreien, und mir wurde doch auch nicht wohl, denn die Wege ſind ſchlecht und dieſe tollen Pferde⸗ lenker wurden immer berauſchter, der Wagen hopſte auf und nieder, bald hier, bald dahin fliegend— bis ein quer über den Weg laufender Graben dem Spaß ein Ende machte. Dieſe guten Kavalleriſten wollten ihre Pferde hinüberſetzen laſſen und vergaßen, daß die große ſchwere Kutſche ihnen auf dem Nacken ſaß.“ 296 „Nun kannſt Du Dir den Ruck denken! Im Augenblick lagen wir Alle, von den Sitzen herunter geworfen— die Gräfin ſaß auf der armen Mora wie auf einem Sattel— ich hatte die Haube der Kammerfrau im Munde und wir Alle ſchrien, was wir konnten.“ „Wie lange das dauerte, weiß ich nicht— wir merkten aber wohl, daß Keiner geſtorben oder verwundet war, und rich⸗ teten uns auf und horchten ein wenig— da hörte ich zuerſt die geliebte unvergeßliche Stimme. Sieh, Magda! wenn er ſpricht, dann fühle ich es hier!“ Sie legte die Hand auf ihre Bruſt.— „Als wenn hier Saiten gezogen wären, welche die Stim⸗ mung des klingenden Tons hätten, der durch die Luft dringt, wenn er ſpricht— gleich bewegt es ſich— dann iſt ein Jauchzen in mir— ich könnte ſingen— oder weinen— oder lachen!“ Magda blieb ſtehn; ſie drückte einen Augenblick die Hand gegen die Stirn und blickte Hedwiga an— ſie war ſo blaß ge⸗ worden, jetzt erröthete ſie plötzlich tief; dann ließ ſie die Hand ſinken und ſetzte ihren Weg fort. Das iſt Lach!“ rief ich ſogleich und die Fenſter nieder⸗ laſſend rief ich ihn laut bei Namen. Er ſprach eiftig mit den HOffizieren— Du weißt, Magda, kein Menſch kann ſo würde⸗ voll, ſo ernſt gebietend ausſehn als er.— Er hielt vor den franzöſiſchen Herren und ich ſah, wie er mit dem höflichſten Ernſt ſie auf ihr Betragen aufmerkſam machte, denn unſere Leute hatten ihm Alles erzählt. Ich hätte den ſehen wollen, der ihm widerſtanden hätte— Magda, haſt Du ihn wohl geſehn, ſeit er Soldat geworden iſt?“ Magda ſchüttelte leiſe den Kopf. „Sieh, Magda!— er müßte der Feldherr der Kaiſerin werden, da ſiegte ſie ſicher überall!— Er iſt, glaube ich, ge⸗ wachſen— er nimmt ſo viel Platz ein— die Augen ſind ſo 297 groß und dunkelblau— ſo erquicklich hinein zu ſehen— dann iſt ſein Geſicht ſo ſchön roth und braun auch— das kann man recht ſehn, wenn er den Hut abnimmt, die Stirn iſt dagegen ſo weiß wie Deine Hand! Nun hat er jetzt nicht viel Zeit zum Pudern, da ſollteſt Du ſehen, was er für ſchönes hellbraunes Haar hat, faſt blond und als wollte es ſich von ſelbſt locken— und nun rathe, was er noch hat?“ „Nun,“ ſagte Magda leiſe und lächelte, ohne auf⸗ zuſehn. „Von demſelben Haar— alſo ſchön hellbraun, einen gro⸗ ßen langen Bart über den Mund“— rief Hedwiga und ſchlug lachend dazu in die Hände. Magda nickte auch lächelnd— Hedwiga erzählte weiter:„Nun rief die gute Gräfin Hautois immer zum Wagen hinaus:„Herr Graf von Lach retten Sie uns! Um Gotteswillen retten Sie uns! „Endlich grüßte er die Herren ſehr ernſt und ſprengte an die Seite des Wagens, wo die Gräfin ſaß, indem er ſie hetz⸗ lich begrüßte und ſie bat, ruhig zu ſein, da er vom Feldmar⸗ ſchall Daun zum Grafen d'Etröes beordert ſei, alſo das Ver⸗ gnügen haben werde, den Wagen ſelbſt nach dem Hauptquartier zu bringen. Das ſagte er Alles ſo ſchnell, mit ſolcher lieben Freundlichkeit, daß ich vor Hören und Sehen nicht reden konnte. Doch nun denke Dir den Spaß— er kannte mich nicht! „„Uebrigens, mein Fräulein,““ fuhr er lächelnd fort und ſah über die Gräfin weg nach mir hin—„„haben Sie mit Ihrer unvergleichlichen Schönheit all dies Unheil angerichtet, und ich werde, nun ich ſo glücklich bin, Sie zu ſehn, nachſichtiger ge⸗ gen meine armen Kameraden, die allerdings Alle den Verſtand verloren haben.““— Sieh, Magda! werde ich hundert Jahr, ſo vergeſſe ich dieſe Worte nicht! Ich weiß nicht, warum es mich ſo ſehr freute, daß er mich nicht gleich kannte und daß er nich ſo ſchön fand. Ich ſagte auch nichts, aber ich ſah ihn 298 immerfort an, und er mich auch— und mit eins rief er:„Dieſe Augen— mein Gott! das ſind Hedwiga's Augen!“—„Lachy! Lacy! rief ich nun— ja! ja! ich bin Deine Hedwiga!— Er ſtürzte nun um den Wagen herum— ich weiß nicht, wie er vom Pferde gekommen iſt— er riß den Schlag auf und ich fiel ihm mit beiden Armen um den Hals.“ Magda ſetzte ſich eben auf einen Sitz, über dem duftende Drangen ſtanden.—„Fahr fort, Liebe!“ ſagte ſie ſanft— „ich werde müde.“ „Ja,“ ſagte Hedwiga, ſich zu ihr ſetzend—„von der Freude kannſt Du Dir keine Vorſtellung machen!“„Seit Clau⸗ dia's Tode“— ſagte er—„hätte er ſein Herz nicht ſchlagen fühlen; aber mich ſo wieder zu ſehn, mache ihn ganz ſelig. Immer hätte er gedacht, meine Augen müßten einmal die ſchönſte Zugabe eines Mädchens ſein— aber ſo hätte er doch meine Entwickelung nicht gehofft! Erkennſt Du Lach wohl wie⸗ der?“ fragte hier Hedwiga lachend. „Nein!“ ſagte Magda kaum hörbar—„er muß außer ſich geweſen ſein!“— Jene fuhr fort:„Sonſt hieß es immer— Hedwiga, ſpringe nicht ſo hoch— lache nicht ſo laut— miſche Dich nicht in Alles! Wie hatte ſich das umgeändert— und zum erſten Mal kam ich mir erwachſen vor und wollte recht fein und würdig ſein, und nicht ſehr lachen, und verſtändig reden — und als wir im Hauptquartier ausſtiegen, ſprang ich den Tritt nicht von oben herunter, ſondern ich ſetzte, wie Gräfin Hautois, einen Fuß vor den andern!— Nun das Weitere weißt Du— das war ein glücklicher Abend, als wir zuſammen blieben, und wie er ging, ſagte er mir: Dies Begegnen werde ihm unvergeßlich ſein!“ Gegen Ende dieſer Erzählung war die Fürſtin von mehre⸗ ren Perſonen begleitet auf die Terraſſe hinaus getreten und hatte dieſe verlaſſend ſich den beiden Mädchen genähert. 299 Sinnend blieb ſie ſtehn und betrachtete Magda's Geſicht wäh⸗ rend der Erzählung, da dieſe ſie nicht bemerkte. Dann ſchnitt ſie beinahe Hedwiga's letzte Worte ab, indem ſie raſch auf Magda zutrat und die faſt Erſchreckende von dem Sitze aufzog und mit einem bewegten ungeduldigen Ton ſagte:„Die kleine Schwätzerin wird Schuld ſein, wenn Du Dich erkälteſt— auf einem Marmorſit ſo lange nach Sonnen⸗ untergang! Komm, Liebe! das Konzert ſoll gleich angehn und im Saal habe ich die Kamine zu heizen befohlen. Auch Du, Liebe!“ ſagte ſie zu Hedwiga gütiger—„ſollteſt Dich nicht ſo leicht gekleidet hier ſo lange aufhalten— Kinder in Deinem Alter, wo das Wachſen ſo überhand nimmt, müſſen ſehr vor⸗ ſichtig ſein.“ Hedwiga ſchlug ihre kleine Schürze um den Nacken und lief dann und küßte der Fürſtin die ſchöne Schulter.„Sei nicht böſe, liebe Mama!“ ſagte ſie hold—„aber wenn wir von Lacy reden, vergeſſen wir die ganze Welt!“ Die Fürſtin hielt ſie einen Augenblick feſt und ſah ihr mit prüfenden Blicken in die weichen Züge, die von der Liebe ihre Form und ihren Reiz entlehnt zu haben ſchienen— dann, als würde ſie ſelbſt davon überwältigt, küßte ſie ſie ſchnell und ſagte freundlich:„Lauf Du, liebes Kind!“ Hedwiga flog da⸗ hin— langſam folgten beide Frauen— aber die gewandte Fürſtin Thereſe ſuchte vergeblich nach einem Worte, was die Stille unterbrechen ſollte, und ſo erreichten ſie die Hofleute, und als Magda ſchauderte, erzählte ſie die Unvorſichtigkeit mit der marmornen Bank und fragte, ob ſie ſich unwohl fühle. Nein,“ ſagte Magda—„aber Ruhe wäre mir beſſer!“ „So gehe denn,“ rief die Fürſtin und führte ſie ſelbſt in den Saal, von dem aus ſich Magda nach ihren Zimmern begab. Das Feſt hatte alles Leben in dem andern Theile des Schloſſes vereinigt. Auch ihre Zimmer waren leer und die 300 Lichter brannten nicht. Aber der Mond erhellte, gerade davor ſtehend, alle Räume, und als ſie in ihr ſchönes Wohnzimmer trat, lag Bezo auf dem Teppich an der Thür und ſchlief ſanft. Magda glitt leiſe über ihn weg und eilte dem Fenſter zu, wel⸗ ches geöffnet den Blick über die ſchöne Gegend hinaus hatte. Sie ſank in den Lehnſeſſel, der in der Fenſterniſche ſtand und fühlte ſich ſehr ermüdet und ihren Athem ſo gepreßt, ihren Kopf ſo eingenommen. Sie blickte immer ſtill hinaus und fühlte, daß ſie zu keiner Klarheit mit ſich kam. Aus dem Haupt⸗ gebäude des Schloſſes erhob ſich jetzt das Konzert— einzelne Tonſchichten beſonders, von den langhin ſich tragenden Blas⸗ inſtrumenten, erreichten ſie. Plötzlich brach ſie in Thränen aus — ſie weinte ein Gefühl aus, dem ſie keinen Namen geben konnte. Die Töne verſtummten— ihre Kammerfrau kehrte zu⸗ rück, es war ſpät geworden.„Liebe“— ſagte Magda— „zünde nur die Nachtlampe an und entkleide mich. Ich glaube, ich bin ſehr müde.“—— Als ſie im Bette lag und die Vor⸗ hänge deſſelben über der Einſamen zufielen, ſagte Magda plötz⸗ lich laut:„Sie liebt ihn!— und er?“— ſie ſchwieg— dann betete ſie das demüthigſte Gebet chriſtlicher Liebe und Ergebung und ſchlief ſanft ein.— Ein Jahr nach dem Tode Claudia's ſchrieb Thyrnau dem Grafen Lach, daß ſich der Tag nahe, an welchem er durch ihn ihren letzten Willen erfahren ſolle; doch mußte der Graf die Zuſammenkunft bis zur Beendigung des Feldzuges ablehnen, da die Pläne des Grafen Daun, die er mit Enthuſiasmus theilte, eine ſolche Entfernung unmöglich machten. Thyrnau wußte dies vorher und hatte blos Claudia's Willen erfüllt, indem ſie vier Wochen nach ihrem Todestage, den ſie damals —— 301 ſchon nahe fühlte, zur Beſprechung mit ihrem Gemahl feſt⸗ geſetzt hatte. Thyrnau's Lage hatte ſich indeſſen geändert. Er hatte mit großem Fleiß und mit der raſchen Ueberſicht, die ihm eigen war, das große Geſchäft, welches ihm die Kaiſerin übertragen, bis zu einem Punkte vorbereitet, daß nur noch mündliche Vor⸗ träge fehlten, um dem Ganzen ſeine Beſtätigung und Vollen⸗ dung zu geben. Die Kaiſerin hatte zwar die Abſicht gehabt, indem ſie Thyrnau nach Wien berief, dieſe Beſtätigung hinzu zu fügen; aber ſo klar Thyrnau auch das große Werk, wobei ihm die Beſtrebungen ſeines ganzen Lebens zu Hilfe gekommen waren, im Stande war der Kaiſerin vorzulegen— die Zeitepoche, in der ſie ſich befand, nahm um ſo mehr ihren Geiſt in Anſpruch, da ihr Gemüth wie ihr Herz in eben dem Maaße ergriffen waren, und obwol ſie bis zur beendigten Darlegung des ganzen Wer⸗ kes ihre Aufmerkſamkeit mit lobenswerther Geiſtesſtärke darauf richtete, lehnte ſie doch alsdann die Erörterungen darüber ent⸗ ſchieden ab, welche der Sache noch ihr eigentliches Leben geben mußten, da der Frieden erſt den Boden ſichern ſollte, auf dem dies Leben erblühen konnte. Ach, Frieden! Frieden, mein ehrlicher Thyrnau!“ ſagte ſie zu ihm—„dann will ich den Tempel des Janus mit drei doppelten Thüren verſchließen laſſen — und dann will ich Böhmen an mein Mutterherz nehmen und ſeine Wunden ſelbſt verbinden. Gott wolle Euch das Leben bis dahin erhalten! Ihr ſeid ein rüſtiger Arbeiter ge⸗ weſen und obwol wegen Eurer früheren Jugendhandlungen, die jedoch mehr meinen Vorfahren als mir ſelbſt galten, mir nicht recht zuſteht, Euch jetzt ſchon öffentlich auszuzeichnen, möchte ich Euch doch deutliche Beweiſe meiner Gefinnung geben — und da Ihr mit einer Arbeit fertig ſeid, die ſich nicht gerade unpaſſend zu Eurer milden Gefangenſchaft verhielt, weshalb wir ſie bis dahin nicht abzukürzen ſuchten— wollen wir doch jetzo Eure Freiheit nicht weiter beſchränken und der Graf von Kaunitz wird Euch darüber einhändigen, was unſern Willen kund thut. Wie ich nicht zweifle und was vorläufig das Beſte ſein möchte, um Euch der Aufmerkſamkeit zu entziehn— wird dann von Euch ſelbſt eine kleine Landesverweiſung genehmigt werden, wozu uns die nächſte Veranlaſſung die Liebesbriefe der Fürſtin von S., unſerer Muhme Thereſe, ſcheinen, an der wir große Freude erleben— und welche uns eben als Pathin zu ihrem erſten Kinde, einer Tochter, einladet— und dabei be⸗ ſtändig nach Euch ein Verlangen trägt, daß ich den Fürſten ſehr dreiſt finde, der dieſe Wünſche lebhaft unterſtützt!— Nun habe ich beſchloſſen, Ihr ſollt den Brief, worin ich die Pathen⸗ ſtelle annehme, der Fürſtin ſelbſt überbringen, wonit ich mich Euch Allen geneigt zu machen denke!“ Dieſe Rede, in der ihr wohlwollendes Herz allein ſich ausdrückte, ward noch durch das jetzt ſo ſeltene Lächeln des Scherzes verſchönert, welches andeutete, daß ſie ganz die Gegenwart vergeſſen habe, die ihre Stirn oft furchte und der melancholiſche Inhalt ihrer Reden war. Nachdem ihr Thyrnau mit großer Rührung gedankt hatte, unterbrach ſie ihn plötzlich, indem ſie lebhaft rief: „Doch halt!— Sagt mir als ein ehrlicher Mann, was das für eine Geſchichte iſt mit dem Trautſohn und Eurer En⸗ kelin, der Magda Matielli? Wie habt Ihr denn dem ſo zu⸗ ſehen können, als ein weiſer Mann?“ Nicht als ein weiſer Mann, Euer Majeſtät!“ ſagte Thyr⸗ nau lächelnd—„ſondern als ein gefangener Mann. Die Verhältniſſe waren gegeben, ich hatte keine Gewalt darüber, und was ich dagegen zu thun verſuchte, gelang nicht durch die beſondere Stellung des Jünglings zu ſeinem Vormund, der ſich erſt dem Willen Euer Majeſtät gebengt hat. Uebrigens war 303 nur immer der eine Fall zu beachten, nämlich den Jüngling von Magda fern zu halten, denn dieſe hatte ſo wenig Acht auf ihn und ſeine Liebe für ſie, daß ſie ihn wie ihren Spielkame⸗ raden behandelte.“ Die Kaiſerin lächelte und indem ſie zur Gutenberg um⸗ ſah, ſagte ſie„Das iſt das ſonderbarſte Mädchen, das mir je vorgekommen iſt! Und wir wiſſen wohl, daß bei ungewöhn⸗ lichen Handlungen, wie ſie uns zugemuthet werden, unge⸗ wöhnliche Tugenden der betheiligten Perſonen unſern Entſchluß beſtinmen müſſen.— Ihr Vater war ein Bildhauer— die Matielli waren aber wol nur ehrliche bürgerliche Florentiner?“ fragte ſie weiter.— „So iſt es!“ ſagte Thyrnau— und Magda hat einen gewiſſen Stolz auf dieſe bürgerliche Stellung— genug— ſie iſt unter meinen Augen aufgewachſen“— fügte er lächelnd hinzu. „Hem!“ ſagte die Kaiſerin—„ich weiß recht gut, daß der Liebe Gott ſich nicht alle Wiegen mit Wappenſchildern aus⸗ ſucht, um ſeine Genie's hinein zu legen; aber es hat doch beſſer Art, wenn die alte Ordnung des Lebens erhalten wird, und das durch einander Heirathen, um der tollen Liebesan⸗ fechtungen willen, ein wenig erſchwert bleibt.“ „Das denke ich auch, entgegnete Thyrnau freimüthig— „und Magda iſt derſelben Meinung! Wider meinen Willen iſt mein Leben eine ſeltſame Muſterkarte ſolcher geſchloſſenen und projektirten Heirathen geworden; aber wenn ich obigen Grund⸗ ſatz feſthalte, iſt er mir doch immer ſehr gering erſchienen, da wo edle Menſchen durch wahres Gefühl zu einander hingezogen wurden, und durch dieſen im Allgemeinen richtig ſcheinenden Grundſatz getrennt werden ſollten. Dieſe ſind aber auch weit entfernt von toller Liebesanfechtung!— Wie ihr Gefühl ſelbſt eine Ausnahme iſt, veredeln ſie die Ausnahme, welche ſie den 304 Verhältniſſen abfordern und nöthigen uns Achtung davor ab, weil ein ſolches Gefühl in ſeinem Entſtehn und ſeinem Inhalt nach nur aus einer höheren geiſtigen Stellung der Individuen hervorgehen kann und eine Wiederholung ſo hohe Eigenſchaften bedingt, daß, wenn ſie oft möglich wäre, was ich bezweifle, auf dieſem Wege vervielfältigt ſie jeder Korporation zur Berei⸗ cherung und Veredlung dienen würde.“ „Ja, ja!“ ſagte die Kaiſerin—„mein guter Thyrnau, Ihr habt für alle Dinge, die Ihr vertheidigen wollt, einen beſonders ſchönen Redefluß.“ „Wenn Euer Majeſtät der Meinung ſind, ſo hoffe ich, daß es daher entſteht, daß ich die Dinge frei ihrer Natur nach beurtheile und mich und mein Intereſſe nicht hinein verflechte. Auch hierbei muß ich bemerken, daß, wie auch die Pläne, welche der junge Fürſt von Trautſohn Euer Majeſtät vorge⸗ tragen haben mag, ſein mögen, ſie gegen meine Wünſche und mein Intereſſe ſind.“ „Das haben wir jetzt nicht zu beſprechen,“ ſagte die Kai⸗ ſerin.—„Laudon hat den jungen Herrn in die Schule ge⸗ nommen und es kommen immer gute Berichte über ihn. Ehe der Mann aber nicht weiß, was er dem Leben werden kann, ſoll er nicht voreilig verſprechen wollen, einem Weibe Alles zu ſein— drum werden wir ihn uns noch etwas abhalten mit ſeinen anderweitigen Plänen.“ Sie entließ Thyrnau auf das Gnädigſte— und dieſer fühlte bei aller Weisheit und Ruhe, die ihm eigen war, dennoch ein wunderbares Behagen, als er ſich im Beſitz ſeiner vollen Freiheit auf dem Wege zu ſeiner geliebten Magda ſah— und das mit dem Gefühl, freier zu ſein als früher, da nichts mehr im Hintergrunde ſeines Lebens lauerte, was im Stande war, ſeine äußere Exiſtenz zu be⸗ drohen. 305 Unbeſchreiblich war das Entzücken, mit dem er bei dem Fürſten von S. empfangen wurde, wo jede der vier Haupt⸗ perſonen auf eine beſonders innige Weiſe an ihn gefeſſelt war. Die Fürſtin erſchien nach ihrer Entbindung noch nicht wieder öffentlich und ſo geſtaltete ſich ungeſtört in ihren Zim⸗ mern das innigſte Familienleben; nur Lacy fehlte dieſem Kreiſe und ward von den Unbefangenen oft laut vermißt und ſeine Ankunft herbei gewünſcht. Egon dagegen machte ſeinem Großvater einen kurzen Beſuch, und Alle freuten ſich ſeiner Stattlichkeit und ſeines gutmüthigen edlen Benehmens. Die Fürſtin Thereſe war aber auch die liebenswürdigſte Stiefmutter, die zu denken war; als ſie Egon ihr kleines Mäd⸗ chen zeigte, ſagte ſie hold lachend:„Sieh! diesmal habe ich Dir den Gefallen gethan, Dir eine Schweſter zu ſchenken; aber ſage aufrichtig, wenn es nun ein kleiner Erbprinz gewor⸗ den, wäreſt Du mir nicht abhold geworden?“ „D Mutter,“ rief Egon und nahm ziemlich herzhaft die kleine Schweſter in ſeine Arme—„ſchenke mir noch ſechs Brü⸗ der und Du ſollſt ſehn, ob ſie einen zärtlicheren Bruder und einen treueren Unterthan als mich finden können! Der Groß⸗ vater hat mir lang auseinander geſetzt, daß es beſſer wäre, wenn Du dem Lande den Erbprinzen gäbeſt, und ihm kann man doch wohl in Allem vertrauen!“ „Du biſt ein wackrer Menſch,“ rief die Fürſtin mit Thrä⸗ nen in den Augen—„erdrücke mir aber nicht aus brüderlicher Liebe meine kleine Maria Thereſia— denn ſie iſt mir vorläufig ſo lieb als ein Erbprinz— und ſoll es mich nicht grämen, wenn Du der einzige bleibſt!“ Egon bekam von ſeinem Vater Erlaubniß, ſeiner von beiden Kindern zärtlich geliebten Mora für ihre Zukunft einen Platz einzurichten, wie er ihm paſſend ſchiene. Neben der Thomas Thhyrnau 1I. 20 306 Gärtnerwohnung im Schloßgarten ſelbſt ward denn auch ein kleines Häuschen eingerichtet, wobei ein Hühnerhof, ein Blu⸗ mengarten und ein Ziegenſtall war. Das Innere wurde von Hedwiga und Magda mit Leinen und Betten, Schränken und Stühlen verſehn, und neben dem großen Gardinenbett an dem behaglichen Kamin ſtand vor einem gefütterten Lehnſtuhl das Wollrad— und am Fenſter, das über den Garten hinweg ſah, da lag ſo viel Vorrath zum Sticken von Gürteltaſchen und Pantoffeln, wie ſie ſonſt immer vergeblich gewünſcht. Magda fuührte die alte, noch immer rüſtige Frau nach der neuen Beſitzung und dort empfingen ſie die beiden durch ihre Liebe geretteten Kinder. Beide hatten eine Kleidung angelegt, wie Mora ſie ihnen damals ſelbſt erwarb, von grober Wolle— und Egon ſtand im Hof und ſpaltete ihr das erſte Holz für die kleine Küche und Hedwiga fütterte die Ziege, die aus ihrem zierlichen kleinen Stall luſtig hervorſah. Das arme Weib erlag faſt dieſem Anblick und die Kinder hielten ſich nicht, obwol ſie ernſthaft fortfahren wollten— ſie ſtürzten über ſie her und weinten mit ihr unter den zärtlichſten Liebkoſungen. Dann ward ſie umher geſchleppt durchs ganze Haus— in Küche und Keller und überall hin; hier wie in allen Schrän⸗ ken waren reiche Vorräthe gehäuft, was ihr nun Alles zu eigen war— und eine junge Dirne war ihr in einem eigenen Käm⸗ merchen zugeſellt, damit ſie Pflege habe.„Das Beſte thue ich aber allein,“ rief Hedwiga—„denn alle Tage beſuche ich Dich!“ Nun wurden Alle ſehr luſtig, Egon machte mit Gewalt ſelber Feuer an und Mora mußte in dem kleinen Keſſel, der genau nachgemacht am Heerde hing, die bewußte Brodſuppe kochen, die ihnen ſo oft den Hunger vertrieben. Als ſie Alle um den Tiſch ſaßen und aßen, und tauſend Geſchichten aus der Vergangenheit ſich erzählten, öffnete ſich die Thür und Thyrnau, der Fürſt und Lach traten zu den 307 Glücklichen ein. Dies erhöhte nun den Jubel und brachte Alle leichter über das Wiederſehn fort in die alten Gleiſe der Liebe und des Vertrauens. Der Fürſt beſtätigte der alten Frau da⸗ bei ein Gnadengehalt, woran er Thyrnau den halben Antheil hatte geſtatten müſſen, welches ihr ein reichliches Auskommen für ihre übrigen Lebenstage ſicherte. Lach hatte nach der wichtigen Niederlage des Königs von Preußen bei Hochkirch um ſo eher Urlaub erhalten können, da Daun nach dem Schlage, welchen er dem Feinde beigebracht, mit ſeinem gewöhnlichen Phlegma ſich anſchickte, alle Opera⸗ tionen für dieſes Jahr einzuſtellen, und auch in der That das Jahr 1758 mit dieſer allerdings großen kriegeriſchen That be⸗ endigt wurde, womit er den Widerſtand ſeines großen Gegners aufs Neue belebte. Lach entſprach in Wahrheit der Beſchreibung Hedwiga's. Seine volle männliche Schönheit war erſt in dem ganzen Ge⸗ brauch ſeiner Kräfte und der angemeſſenen Thätigkeit hervor getreten und dieſe hatten ihn zum vollendet ſchönen Manne ge⸗ macht. Dabei war ſeine Stimmung ſo ungemein erhöht, ſo lebhaft, ſo von innerem Glücke bewegt, ſo hingebend gegen alle die Lieben, die er verſammelt fand, daß ein Jeder ſeiner Nähe froh ward und ſich Keiner auf Koſten des Andern begün⸗ ſtigt hielt. Thyrnau und Lach waren von dem Gefühl, daß inzwiſchen viel Wichtiges vorgegangen war, noch Wichtigeres ihnen bevor⸗ ſtand, doppelt bewegt, und Thyrnau ſah oft lächelnd, wie ſein junger Freund faſt eben ſo vor ihm floh, als ihm dann wieder mit offnen Armen entgegen eilte, zwiſchen Furcht und Hoffnung die Entſcheidung eben ſo erſehn end als vermeidend. In einer frühen Morgenſtunde endlich ſchlangen ſie wie verabredet die Arme in einander und wanderten in den ſtillen herbſtlichen Garten hinaus, durch deſſen nur noch wenig 20* 308 belaubte Bäume die Sonne den bereiften Boden erquickte und die rüſtigen Fußgänger wärmte. „Vater,“ ſagte Lacy, nachdem ſie eine Zeit lang fortge⸗ wandert waren— willſt Du jetzt, wo Du ftei biſt, endlich unrecht Gut von meinen Schultern nehmen?“ „Davon nachher;“ unterbrach ihn Thyrnau—„denn es fällt von ſelbſt aus, wie es muß, wenn wir das Wichtigere feſtgeſtellt haben. Zuerſt von Claudia's letzten Wünſchen für Dich— es iſt ihr letzter Liebesgruß an Dich!“ „Als ich damals nach Wien abging und ſie ſich zuvor mit mir im Geheim unterredete, zweifelte ſie an ihrer nahen Auf⸗ löſung nicht mehr— und völlig verſöhnt mit dieſem Gedanken, warſt Du die einzige irdiſche Sorge, die ſie zurück ließ. Mit ihrer feinfühlenden Seele haßte ſie vollkommen die Scenen an Sterbebetten, wo den Zurückbleibenden ſo oft von den Ster⸗ benden die unzarteſten Beſtimmungen für ihr ferneres Leben aufgenöthigt werden. Dich damit und in jenen Augenblicken nicht zu kränken, war ſie feſt entſchloſſen, und wollte daher, daß ich— und zwar erſt nach einem Jahre— damit Dein Herz ihrem Andenken jede Dir nöthige Genugthuung ſchenken könne, daß ich Dir alsdann ſagen möchte— daß der heißeſte Wunſch, den ſie auf Erden zurück ließe, Deine dereinſtige Vermählung mit Magda ſei!“ „O Thyrnau!“ rief Lach und ſtürzte bewegt in ſeine Arme. Beide hielten ſich einen Augenblick ſchweigend umfaßt, dann fuhr Thyrnau fort: „Sie bat mich, Dir noch einmal zu ſagen, daß Du ſie ſehr glücklich gemacht hätteſt— daß ſie feſt überzeugt ſei— Dein Gefühl für ſie habe ſich nie geändert oder gemindert!“ „H! Sie hatte Recht!“ rief Lacy, hier lebhaft Thyrnau unterbrechend— Sie hatte Recht! Nur erfuhr ich, wie viel im Menſchen neben einander Platz hat!“ 309 „Das waren ihre Worte. Mehr, als ich verhindern konnte, ſagte ſie mir, hat es ihn gequält, daß deſſen unge⸗ achtet ſein Herz für Magda in die ſchöne jugendliche Schwär⸗ merei der Liebe gerieth!— Ich glaubte nie durch das Gelübde, was ich empfangen, die Beherrſcherin ſeines ganzen Menſchen geworden zu ſein— ich hatte die Ehe, die er gegen meine Ueberzeugung, aber von der heißeſten Liebe meines Herzens verführt, mit mir einging, mit wahrer Demuth angenommen, mit dem beglückenden Gefühl, an ſeiner Seite leben zu können, und mit der Ahnung, daß dem jüngeren Manne noch Erfah⸗ rungen aufgehoben ſein könnten, die ich ihm dann tragen helfen könnte. Den Morgen nach unſerer Hochzeit, als er mir den Inhalt ſeiner Reiſe nach Tein mittheilte, wußte ich, daß ſein Herz eine Erſchütterung erfahren, die vielleicht Magda's erſter Anblick ſchon in ihm vorbereitet hatte. Ich will nicht leugnen, daß ich da den Schmerz kennen lernte— aber nicht lange— denn die Liebe beſiegte ihn und ich dachte nur daran, durch das hingebendſte Vertrauen ihn ruhig zu erhalten, und indem ich den natürlichen Andrang der Verhältniſſe, die mich bedroh⸗ ten, in ihrer Nothwendigkeit anerkannte, vereinigte ich mich ſelbſt mit ihnen, und erweckte denſelben Antheil dafür in mir, den Lach dafür empfinden mußte.“ „Er fühlte ſich nun nicht verlaſſen und allein— und das war das wahre Eheband, was ich mit ihm ſchloß, daß er in mir überall die Gefährtin, die Theilnehmerin fühlte. Gewiß habe ich dadurch das leidenſchaftliche Wachſen ſeiner Liebe zu⸗ rückgehalten, denn in ſolcher Lage ruft der Streit nach Außen die gefährlichen Geſtändniſſe nach Innen hervor, welche als⸗ dann verſchloſſen und in Widerſpruch tretend zu den täglichen Verhältniſſen die leidenſchaftlichen Zuſtände nothwendig erzeu⸗ gen, die alle Betheiligte wenigſtens in Gefühlsſünde verſtricken. Das ſind ihre Worte, Lacy,“ fuhr Thyrnau gerührt fort— „und wir werden Beide geſtehen müſſen— ſelten war das Leben eines Menſchen vollſtändiger mit ſeinen Worten in Ueber⸗ einſtimmung— als dies bei Claudia der Fall war!“ „So iſt es!“ rief Lacy begeiſtert—„und ſetze noch hinzu — daß ihre wahre Größe darin noch ihre Beſtätigung erhielt, daß ſie es nie zu einem Bekenntniſſe meinerſeits kommen ließ, daß ſie nie eine Scene veranlaßte, daß ſie mich bei dem innig⸗ ſten Vertrauen ſtets in Zweifel erhielt, wie weit ſie mich durch⸗ ſchaut— dadurch gab ſie mir eine Schranke, hinter der ich meine Gefühle oft ſo verbarg, daß ich mir ihrer kaum noch be⸗ wußt wurde und ihnen ſtets ein mäßiger Karakter bewahrt blieb!“ „Auf ihre Frage über Deines Oheims Verfügungen in Bezug auf Deine und Magda's Verbindung gab ich der edlen Freundin Aufſchluß. Schon damals ſtellte ich es ihr frei, ob ſie Dich davon unterrichten wolle oder nicht. Wie geſagt— unſer Verhältniß ſchien mir eine höhere Begründung zu zeigen, als daß ich es noch erſchüttert oder verändert hätte fürchten können durch die geringe Frage über pekuniären Beſitz. Aber ſie lehnte es von ſich ab, obwol ſie meiner Meinung war, und wünſchte, den natürlichen Gang nicht zu verändern, der Dir mit Magda's dereinſtigem Beſitz Alles unbeſtritten zukommen ließ.— Auch wollte ſie in der Zeit, wo ſie ſichtlich dem Tode entgegen ging und Du Dich hart faſt von allen Gefühlen los zu machen ſuchteſt, die ihr zu nahe treten konnten, auch wollte ſie Dich da nicht verletzen durch eine Unterredung, in der nur zu leicht verrathen werden konnte, Du habeſt ihr dennoch Dein Gefühl für Magda nicht entziehen können.“ „O Engel!“ rief Lach, begeiſtert ſeine Hände zum Himmel hebend, als ſuche er ſie dort—„o Triumph weiblicher Weisheit und Güte! O! wie haſt Du mir nun Recht gegeben— wie iſt meine erſte jugendliche Liebe, indem ſie auf Dich fiel, als die reinſte richtigſte Erkenntniß Deines hohen ausreichenden Werthes 311 beſtätigt! Ja ich darf es ſagen, das Gefühl, mit dem ich um Dich warb, es ward nicht geſchwächt, ſondern ſtärker, inniger, je länger je mehr— und indem ich die volle jugendliche Schwärmerei der Liebe kennen lernte, habe ich Dich doch fort geliebt und fühlte Dich ſo nothwendig zu meinem Glücke, wie ich lebenslang eine heiligende Trauer um Dich empfinden werde!“ Lacy hatte die Gegenwart vergeſſen. Er redete zu Claudia — er fühlte ihre Nähe— ſie neigte ſich lächelnd zu ihm— das Band, was ſie vereint, war auf der Erde nicht beſchädigt, durch den Tod nicht zerriſſen. Beide gingen eine Zeit lang ſtumm neben einander. Am Ende der Allee ſtand ein Gebäude von einer Etage— es hieß: die Einſamkeit! Eine Bibliothek war in dem mittleren Saale aufgeſtellt, auf der einen Seite lag ein Kabinet mit einigen herrlichen Bildern, auf der andern Seite war ein Marmor⸗ kabinet mit vier ſchönen Marmorſtatuen— in der Mitte erhob ſich in einer glänzend weißen Schaale ein Springbrunnen, deſſen leiſes Geplätſcher das einzige Geräuſch war, was hier eindrang, denn die Waldpartien umgrenzten dies Haus und das kurze Moos breitete ſeinen grünen Teppich bis an die Mar⸗ morſtufen, die zu den Fenſterthüren führten. Auf einem Holz⸗ ſitz vor dem Marmor⸗Kabinet ſaß der alte eisgraue Wächter der Einſamkeit— und wie er ſo träumend, zwiſchen Wachen und Schlafen mit ſeinen langen ſchon weißen Locken und weißem Bart dort Tag für Tag Wache hielt, die Hände um die müden Knie geſchlungen— hatte ihn die Fürſtin„den getreuen Eckart“ genannt, welcher von der Nymphe, die in dem Springbrunnen wohne, bezaubert von ihrem leiſen Liebesgeſchwätz, an ihrer Schwelle gefeſſelt werde. Mechaniſch lenkten beide Männer ihre Schritte nach dieſem Hauſe. Beide wußten, wen ſie dort finden würden und Beide ſcheuten es nicht mehr— es drängte ſie der Entſcheidung entgegen. 312 In dem Bibliothekzimmer ſaß Magda vor einem kleinen Leſepulte, worauf ein Werk aufgeſchlagen war— aber ſie las nicht darin— zurückgebogen in den Lehnſtuhl, war ſie in tiefes Sinnen verſunken. Ihr ſchönes Geſicht war ungewöhnlich blaß — die ſchwarzen ſchweren Haarflechten waren tiefer herabge⸗ ſunken und umſäumten enger das feine Oval und verſtärkten zugleich die Bläſſe der Farbe— ſie trug das faltige lange ſchwarze Kleid, was um ſie her ausgebreitet lag, und um den Hals das ſchöne feine Spitzentuch, was ihre Erſcheinung ſo reizend züchtig machte. Ihr Kinn ſtützte ſie mit den zuſammen gezogenen Fingern ihrer einen ſchlanken Hand, während die andere müde mit einem weißen Tuche an ihr niederhing. Beide Männer waren ſo leiſe gekommen, daß ſie, ungeſtört und un⸗ beachtet von Magda, ſie betrachten konnten. Endlich traten ſie näher— ihren Schatten, als ſie die Thür einnahmen, fühlte Magda— ſie blickte um und als ſie Beide erkannte, ſtreckte ſie die Hand nach Thyrnau aus, und gleich traten ſie ein und waren an ihrer Seite, und ſie reichte nun auch Lach die andere Hand, und nach einem flüchtigen Blick auf Beide lächelte ſie und erröthete, und Thyrnau zog einen Stuhl dicht neben ſie, denn ſie ſagte unausſprechlich natürlich:„Geh' nicht von mir!“ Lach aber kniete vor ihr nieder, und ſein ſchönes glühendes Geſicht dicht vor ſie brin⸗ gend, ſagte er, ihre Hand feſthaltend: „Magda— Claudia ſchickt mich zu Dir— heute ſoll ich mein Herz vor Dir entlaſten und ſie hat ihren Segen über dieſe Stunde geſprochen— und der Vater führt mich zu Dir!— Darf ich ſprechen— und willſt Du mich anhören? Weißt Du, was ich will?“ „Ich weiß es,“ ſagte Magda leiſe und ſah ſtill mit höherem Erglühen in ihren Schvoß.—„Gott ſei uns Allen gnädig!“ fügte ſie hinzu—„aber ſetze Dich!“ 313 „Magda,“ ſagte Lacy, nachdem er ſich dicht vor ſie geſetzt —„ich ſah Dich an dem Tage, wo ich mich mit Claudia ver⸗ lobt hatte! Nie werde ich den Augenblick vergeſſen— Dein Anblick überwältigte mich ſo, daß ich laut hätte aufſchreien mögen— die Hände ringen! Von dieſem Augenblick an habe ich Dich geliebt— aber ich leugnete es mir— und hatte faſt ein Zürnen gegen Dich— und ſtritt mit Claudia über Dich, und wollte ihre Vorliebe für Dich ihr ausreden! Dann ſah ich Dich in voller Schönheit am Chriſtophorusbrunnen, als ich die Kinder abholte— und dann in Tein an dem verhängnißvollen Tage, der mich über meine gewachſene Liebe zu Dir außer Zweifel ließ! Von da an habe ich Dich mit Bewußtſein geliebt — aber, wie man Heilige liebt, in dem Schrein meines Herzens aufbewahrt— in keine Berührung mit der Welt gebracht— ſo nur konnte ich Dich meinem Herzen retten, Dich ihm bewahren — ſo nur nicht daran elend und unglücklich werden und das theuerſte Weſen— Claudia— vor dem doppelten Schmerz der verrathenen Hingebung und der Täuſchung an dem Manne ihrer Liebe bewahren. Claudia hat mir eine Stimme aus dem Him⸗ mel geſandt, die hat mir heut geſagt, daß ich durchgeführt, was ich beſchloſſen hatte, daß das edelſte Weſen nicht unglücklich geweſen iſt. Und dann, Magda, hatte Claudia meine Liebe zu Dir errathen; ich wußte es, obwol wir beide ſchwiegen, und heute empfange ich ihr Geſtändniß darüber durch den Vater. Ihr letzter Wunſch iſt geweſen, daß meine tugendhafte Liebe zu Dir durch Deinen Beſitz belohnt würde.— Magda, jetzt kniee ich vor Dir und flehe Dich an— erfülle den heißen Wunſch meines Herzens— ſei mein! Claudia ſegnet uns und der Vater führt mich zu Dir!“ „Ach,“ ſagte Magda und faßte ſeine flehenden Hände in die ihrigen—„ich wußte Alles, was Du mir ſagen würdeſt — und wie viel leichter haſt Du es als ich, da Du nur Dein 314 Herz durfteſt ſprechen laſſen, um gewiß zu ſein, daß Du mich und Dich glücklich machen würdeſt! Ich aber,“ ſagte ſie traurig —„ich muß gegen mein Herz, gegen Deine Wünſche ſprechen, damit wir das Rechte erkennen lernen. O, helft mir doch!“ ſagte ſie, die Hände flehend zu Thyrnau und Lach erhebend— „gebt Euch doch rechte Mühe, mich zu verſtehen, damit ich nichts auf dem Herzen behalte, da das allein meine Rettung werden kann.“ „Was kann das ſein, theure Magda?“ unterbrach ſie Lacy.—„Du biſt ſo klar und verſtändig und eben haſt Du es ſelbſt geſagt, daß Dein Herz beglückt wäre durch meine Wünſche. O denke, wie ſchwer es mir werden muß nach dieſem Ausſpruche, dem, was Du uns ſagen willſt, noch rechten Antheil zu ſchenken — laß mich wenigſtens erſt die Gewißheit fühlen, daß Du mein biſt— ſchenke Dich mir erſt ohne weitere Bedenklichkeiten — dann will ich Ruhe zu gewinnen ſuchen, um Dich ganz auszuhören.“ „Ach,“ ſagte Magda, während ſie Lach mit dem ſüßeſten Lächeln der Liebe anſah und doch Thränen aus ihren Augen floſſen—„das iſt es ja eben, daß ich denke, wir können uns endlich doch nicht heirathen, obwol es der Oheim, der Vater und auch Claudia gewollt haben!“ „Magda,“ rief Lach außer ſich—„welche Phantaſieen ergreifen die ruhige Ordnung Deines Geiſtes?— Iſt es mög⸗ lich, kannſt Du ein falſches Martyrium herauf rufen wollen, eine Selbſtquälerei, zu der weder unſer Leben noch unſer Ge⸗ wiſſen uns Veranlaſſung gegeben?“ „Ach nein,“ ſagte Magda ſanft—„ſo denke ich nicht davon— aber wir haben auch noch an Andere zu denken, als an uns— und wie ſoll ich glücklich werden, wenn mein Glück ein anderes theures Herz bricht?“ „Sprich offen!“ ſagte Thyrnau, der das ängſtliche Schwanken in Magda's Rede wohl fühlte und nicht zweifelte, 315 ſie habe den Wunſch, offen zu verfahren, und doch Be⸗ denken, Alles einzugeſtehn.—„Wie wichtig Dir auch die Entdeckung ſcheinen mag, die Du zu machen haſt, Du biſt ſie Laecy ſchuldig, deſſen Glück Dir am nächſten liegen muß, der am unabweislichſten auf Dich angewieſen iſt! Und Du, Lacy, mäßige Dich und gieb ihr durch Faſſung den Muth, ſich offen auszuſprechen.“ „Großvater!“ rief Magda, wie erleichtert.—„Bei Dei⸗ nen Worten iſt's immer, als ob ſich Bande um meine Bruſt löſten! Oft habe ich Dich ſagen hören, daß es nöthig ſei, un⸗ ſere Pflichten zu ordnen, daß wir wüßten, welche die nächſte, die höchſte wäre, die, welcher wir den Vorrang geben müßten vor den andern— der ſich dieſe fügen und unterordnen müß⸗ ten. Du haßteſt die Verwirrungen, welche daraus entſtanden, daß die Menſchen bald dieſer, bald jener Pflicht nachjagen, und indem ſie oft der fernſten mit großem Eifer ſich widmen, die vergeſſen und vernachläßigen, die ihnen zunächſt liegt.“ „Nun,“ ſagte Thyrnau lächelnd—„ſoll ich etwa meine Magda von ſo einem fernen Abjagen einholen und ihr ein wenig helfen, die Ordnung der Dinge zu erkennen?“ „Ach, Großvater,“ ſagte Magda überwältigt—„könn⸗ teſt Du mir doch ſagen, meine nächſte dringendſte Pflicht ſei, Lacy anzugehören.“* So ernſt der Augenblick war— ſo bewegt, ſo gerührt Alle waren— ein kurzes ſeliges Lachen befreite doch beide Män⸗ ner von der Beſorgniß, die ſie einen Augenblick früher empfun⸗ den hatten. Magda verbarg erſchrocken ihren Kopf in dem kleinen Mantel des Großvaters, der mit ſeinem Arm auf ihrer Stuhllehne lag. „Magda! Magda!“ rief Lach außer ſich vor Glück— „ich ſchwöre Dir bei dem Heiligſten, was ich kenne: Es iſt Deine Pflicht! Deine erſte nächſte Pflicht, den glücklich zu 316 machen, der ſo lange Dich liebt! Den Gott ſelbſt durch den Segen des edelſten Weſens, was verklärt über uns ſteht, zu Dir zurückführt! O erkenne Deine Fflichten, wenn ſie mit Deinem Herzen übereinſtimmen— zweifle dann nicht länger, es iſt Pflicht, zu gehorchen!“ „Ja,“ ſagte Magda, noch immer den Kopf verbergend, „das ſagſt Du— aber der Großvater— was ſagt der?“ „Der ſagt, daß wir dem Rathe eines rein erhaltenen Her⸗ zens folgen können, und die Pflichten, die damit über uns kommen, als von Gott gegebene anſehn und ſie heilig halten ſollen. Er ſagt Dir weiter,“ fuhr er mit wankender Stimme fort—„daß Deine Liebe zu Lacy eine ſolche iſt— und daß Du ihr folgen darfſt— und ſie Deine erſte Pflicht werden darf!“ „O Großvater!“ rief Magda und hob den Kopf empor und ſah ihn freudeſtrahlend an—„iſt das gewiß?— Und Du weinſt?“ Und weinend umſchlang ſie den Großvater, der ſeine ehr⸗ würdigen Thränen auf ihr geliebtes Haupt fließen ließ und ſie dann ſanft von ſich abbog und in Lacy's Arme ſenkte, während er ſprachlos die Hände auf beider Haupt legte und ſeine beben⸗ den Lippen, ſeine zum Himmel gehobenen Augen den Segen des Herrn herabflehten. „Meine Braut!“ ſagte Lach langſam— und was je Hochachtung und Liebe in dieſen Laut zuſammen gedrängt hat, das klang zu Magda auf und erfüllte ihr Herz mit nie gekann⸗ ter Seligkeit. Als ſie ſich ſanft aufrichtete und in lieblich nachdenkender Stellung in ihren Stuhl zurücklehnte, betrachtete ſie Lach mit einem Gefühl, welches an Ehrfurcht grenzte.— Dieſe ſtille heilige Ruhe— dieſes ſelige Ausruhn in der Liebe, dieſe voll⸗ endete jungfräuliche Schönheit, aus der die Unſchuld eines Kindes lächelte.—„Mein Heiligthum!“ ſagte er und küßte den 317 Saum ihres Kleides.—„Glaube mir! meine Jugend geht erſt an, und ich will etwas Tüchtiges werden!“ „Nein, Magda! ſieh mich nicht ſo an, als ruhten alle Schätze der Weisheit, bewacht von Deinen Augen, in Deiner leuchtenden Stirn! ich könnte ſonſt den Muth verlieren, Dir nachzukommen und den mußt Du mir erhalten!— O Magda, ſoll ich Dir das Uebermaaß meines Glückes geſtehn? Warum ich mein ganzes Herz von ſeiner bezaubernden Gewalt durch⸗ drungen fühle? Weil Claudia uns zuſammen führt— weil Claudia die Unſchuld unſerer Liebe vertreten hat und mir ihr Zeugniß heute geſendet— darum darf ich Dich heute ſo ſtark lieben als ich kann— und das iſt ſehr ſtark!“ Magda lächelte ihn ſtill und freundlich an, und verſtand ſie auch nicht ganz, wie viel Lacy durch dieſe Ueberzeugung ge⸗ wonnen, da ihre Unſchuld den Widerſpruch von ihr abgehalten hatte, theilte ſie doch ſeine Freude, da ihr Claudia's Segen unentbehrlich ſchien. Thyrnau blieb, weil er erwartete, daß nach dieſem erſten glückſeligen Ausruhen der beiden Liebenden Magda zu der Ent⸗ deckung der Zweifel ſchreiten werde, mit denen ſie ſich zu Anfang ausgerüſtet hatte, um zu widerſtehn— und welche dann ſo natürlich und ſchön in der Liebe ſelbſt untergegangen waren.— Auch brauchte er nicht lange zu warten, denn als ſie ihre Augen nur erſt gewöhnen konnte, von Lacy's ſchönem Geſicht abzu⸗ laſſen, da wandten ſie ſich auf den Großvater und ſogleich fiel ihr ein, was ſie eigentlich gewollt. „Ach, Großvater!“ rief ſie—„haſt Du denn nur eine Enkelin? Liebſt Du denn nur Deine Magda— nicht Deiner Lucretia Tochter?“ „Ich verſtehe Dich nicht, mein Kind“— ſagte Thyrnau lächelnd—„es könnte aber wohl ſein, daß Du mir näher ſtändeſt, und damit geſchähe das Natürliche und Billige, 318 ohne daß ich meinem holden Kinde Hedwiga die herzlichſte Liebe entzöge.“ „Und doch haſt Du kein Auge für ihre Zuſtände, wie ſonſt für die Deiner Magda— und darum habe ich ihr ein ganz mütterliches Herz in mir bereitet— und weiß Alles, was ſie fühlt— und“— fügte ſie erröthend hinzu—„darum wollte ich Lach entſagen.“ Als ſie ſah, daß beide Männer ſie erwartungsvoll anſahen, fuhr ſie bewegt fort.—„Ehe Du kamſt, lieber Lach, da hatte ich Alles durchgekämpft— ach mit heißen Thränen auf meinen Knien vor Gott! Hedwiga ſollte Deine Frau werden— ich wollte ſie Dir erziehn.“ „Hedwiga? das Kind, was ich als Vater anzuſehn ge⸗ wohnt bin?“ fragte Lach erſtaunt— „Das ſagſt Du jetzt,“ fuhr Magda eifrig fort—„aber als Du ſie aus den Händen der trunkenen Franzoſen befreiteſt, da erkannteſt Du nicht das Kind in ihr, ſondern ein ſchönes Fräulein, und auch als Du Hedwiga endlich in ihr wieder fan⸗ deſt, haſt Du ſie nicht ſehr als Vater bewundert— und von da an hat ſich etwas in dem Herzen des armen Kindes feſtgeſetzt — das habe ich gut verſtanden, da es die Liebe zu Dir war!“ „Mein Gott!“ rief Lacy—„wie erſchreckſt Du mich!— Magda vergieb mir— ol ſei gewiß, daß ich ahnungslos dies verſchuldet habe.“ „Ich habe Dir wenig zu vergeben, wenn ich meine Thrä⸗ nen nicht rechnen will,“ ſagte Magda—„aber wenn Du mit Deinen zärtlichen Worten in Hedwiga das Gefühl erweckt haſt, was ich nun ſeit Jahren für Dich hatte— dann weiß ich, was ſie leiden wird, wenn ſie erfährt, Du haſt mich am liebſten! Und nun werdet Ihr mich Beide wohl verſtehn, wenn ich Euch ſage, daß ich— die ich das Leiden kenne und ſeit vielen Jahren daran gewöhnt bin, hier etwas Weh mit mir herum zu tragen, 319 mich geſchickter hielt, ſo fort zu leben wie bisher, und dieſer ungetrübten Jugend damit den Schmerz abzuhalten.“ „Aber an mich dachteſt Du nicht?“ ſagte Lacy, da Thyr⸗ nau noch immer ſchweigend und milde auf Beide niederſah. „Ach,“ ſagte Magda erröthend, aber mit dem Anhauch früherer Schmerzen auf ihrem lieblichen Geſicht—„an Dich dachte ich auch! und als ich auch für Dich damit am beſten zu ſorgen hoffte, da hatte ich den größten Schmerz in mir zu be⸗ wältigen, denn ich hatte keine Hoffnung mehr auf Deine Liebe und glaubte, daß Du ganz an Hedwiga's ſchönen Augen hingeſt!“ „Mein Gott!“ rief Lacy—„wie ſoll ich mir dieſe Unbe⸗ ſonnenheit vergeben? o! Magda, denke wenigſtens nicht anders davon als ſo— glaube mir, der Mann, der ſo wie ich Dich — mit dem ganzen Inhalt ſeines Weſens liebt, der iſt immer in Gefahr, allen Mädchen, die auf die entfernteſte Weiſe mit dem Gegenſtande ſeiner Liebe in Zuſammenhang ſtehn, verliebt zu erſcheinen! Die Seligkeit, nur etwas, was zu der Geliebten gehört— vor ſich zu ſehn, läßt ihn den Kopf verlieren und giebt ihm unvorſichtig zärtliche Worte ein, die er los ſein will, wenn er noch verhindert wird, ſie der Geliebten ſelbſt zu ſagen!“ „Mein Entzücken— die Gräfin Hautois zu ſehn, wobei ich nur an Dich dachte, hätte eben ſo verdächtig ſein können— und als Hedwiga, dies von mir ſo herzlich geliebte Kind, welches ganz voll Beziehungen zu Dir ſteckte, hervortauchte, war aller⸗ dings meine Freude vielleicht das Maaß überſchreitend!“ „Ach,“ rief Magda nach dieſen Worten mit ihrem alten Pathos und hob ihre Hände und Augen zum Himmel—„könnte ich doch alle Mädchen der Erde das zur Warnung hören laſſen, was hier der tugendhafteſte Mann ſo leichtſinnig eingeſteht! Das iſt das, Vater,“ fuhr ſie zu Thyrnau fort—„was Du den tief eingewurzelten Egoismus der Männer nennſt, welche Alles thun, was ihnen Befriedigung des Augenblicks gewährt 320 und ſich ſo dazu berechtigt halten, daß die Folgen ſie als gänz⸗ lich unverſchuldet überraſchen!“ Trotz dem, daß Magda dies mit großem Ernſt ſagte, er⸗ regte ſie doch ein kurzes aufrichtiges Gelächter ihrer beiden Ge⸗ fährten.„Genug,“ ſagte Thyrnau noch mit lachendem Geſicht —„meine Weisheit hat bei Dir guten Boden gefaßt, mein Mädchen, und Du, armer Lach, machſt heute die erſte Ernte davon! Laß uns jetzt bedenken, ob die erſte Eiferſucht, die Dein Herz, gute Magda, beſchlichen hatte und welche wieder eine Cardinaltugend Eures Geſchlechtes iſt und den geſun⸗ den Boden ſo umgräbt, daß die Phantnſie darauf lauter Gift⸗ blumen aufziehen kann, die Euren klaren Sinn betäuben— ob dieſe kleine Attake Dich nicht über Hedwiga's Zuſtand ver⸗ blendet hat? Da die Sache im Ernſt aber wichtig genug iſt, da ſie meinem armen Lacy faſt einen Korb gebracht hätte, werde ich ſie ſelbſt unterſuchen und hoffe weder von dem männlichen Egoismus noch von der weiblichen Eiferſucht dabei beherrſcht zu werden. Bis dahin tretet mit Eurem Glück leiſe auf; übrigens im fünfzehnten Jahr— wenn man nicht wie Du, arme Magda, von zwei alten weiſen Thoren wie ich und Lachy mit Liebesgedan⸗ ken genährt worden iſt— haftet der Schmerz wie das Gefühl noch nicht in dem weichen Boden des Herzens ſo feſt, um über das ganze Leben zu entſcheiden. Als ſie zuſammen den Rückweg angetreten und den langen Lindenweg erreicht hatten, der zum Schloſſe führte, kam ihnen die reizendſte Cavalcade entgegen. Hedwiga hing wie die Nymphe des Waldes auf einem kleinen Eſel, den Egon am Zaume führte, und ſchon von weit her hörte man ihr lautes Lachen, Rufen und Schreien, womit ſie der Reihe nach den unerzogenen Eſel zu einem gleichmäßigen Trott bewegen wollten. Von Hedwiga's Strohhut flatterten die blauen Bänder in der Luft und der blaß⸗ rothe Stoff ihres Kleides verrieth ihre ganze ſchlanke Geſtalt. 321 „Ach, ſieh', wie ſchön ſie iſt!“ rief Magda und hielt Lach in einiger Entfernung an, um ſie zu beſchauen. „Ja,“ ſagte Lacy—„das fand ich aber, ſo oft ich ſie ſah— das war ſie, als Du zuerſt mit ihr aus dem kleinen Nachen Guntram's ausgeladen wurdeſt— das fühlte ich noch geſtern und eben jetzt— aber mit dem großen Unterſchied, daß ich jetzt erſt einſehe, daß aus dem Kinde ein Mädchen geworden iſt— dies hatte ich überſehen!“ Thyrnau wandelte dagegen mit warmen Blicken an Hed⸗ wiga hängend ihr entgegen.— Eben ſetzte ſich der Eſel in höchſt ungraziöſen Trab und nit lautem Geſchrei langte Hedwiga bei ihm an und wauf ſich ohne Bedenken von ſeinem Rücken herunter, da er jetzt eben ſo unaufhaltſam geworden war, wie früher ſtätig— laut lachend lief ſie dem Großvater in die Arme. „Wildes Mädchen!“ ſagte Lacy—„Dein ungeſtümes Lachen behältſt Du gewiß Zeit Deines Lebens!“ Hedwiga ward wie mit Purpur übergoſſen, ſie blickte Lach erſchrocken an, ſtrich die Locken aus ihrer erhitzten Stirn und ſagte dann:„Schiltſt Du mich wieder grade ſo als wie ich klein war?“ Ihr Ton war ſo kläglich, als wollte ſie weinen. Aber der grauſame Lacy ſagte freundlich wie zu einem Kinde:„Willſt Du denn ſchon groß ſein und keine Schelte mehr haben?“ Hedwiga ſchwieg und ihre Augen, dieſe wahrhaft bezau⸗ bernden großen Sterne, füllten ſich mit Thränen, die ſie ſchnell an dem Buſen des Großvaters zu verbergen ſuchte. „Laßt mir mein Mädchen zufrieden!“ rief Thyrnau lächelnd. „Geht Ihr nur nach dem Schloſſe zurück, ich komme Euch mit Hedwiga nach, denn wit müſſen uns erſt den kleinen Grauen einfangen— und Ezon beſtellt indeſſen unſere Pferde, denn mich verlangt nach einer etwas ſtärkeren Bewegung.“ Hedwiga blieb mit dem Geſicht an des Großvaters Bruſt derdeckt, bis ſie merkte, daß die Uebrigen weit ab zogen, denn Thomas Thyrnau i1. 21 322 nur ihm, dem ewig ſchonenden liebevollen Vater wollte ſie ihr verweintes Geſicht zeigen. Die durch Lacy empfangene kleine Wunde ſuchte der weiſe Greis nun unmerklich zu erweitern, indem er ſich beſtrebte, ſie leiſe auf die Grenze zwiſchen Kindheit und Jugend zurückzuleiten, welche ſie durch ihr warmes Herz verführt worden war zu über⸗ ſpringen, und welche ihre Umgebungen ſehr geneigt geweſen waren, der erlauchten jungen Gräfin, deren Schönheit über⸗ dies Alle beſtach, wirklich als überſprungen vorzuſtellen. Hedwiga fühlte unter den anſcheinend ſo abſichtsloſen Worten des Großvaters ſich plötzlich wieder als Kind, welches an vieles Lernen denken mußte, darauf Wünſche und Gedanken zu richten hatte, und von einer mädchenhaften Bildung ſich noch weit entfernt halten konnte. Als er ſie von ihrem anfänglichen Erſtaunen und ihrer kleinen Kränkung durch Thränen, die er nicht beachtete, zurück⸗ kommen ſah, öffnete er ihr den Hinblick auf Magda, welche er ihr mit einer bis zur Auszeichnung gelangten Bildung darſtellte. Das glückte ihm vollkommen, denn Hedwiga hing mit einer ſchwärmeriſchen Zärtlichkeit an ihrer Coufine und ſie fand dabei ihre alte vertrauliche Redſeligkeit wieder, weil ſie glaubte, dem Großvater noch Vieles von ihr ſagen zu können, was dieſer nicht wiſſe. Hierin ſtörte ſie Thyrnau nicht, doch wendete er ihr zuletzt den Wunſch zu, daß Magda recht glücklich werden möge, da ſie ſo oft beobachtet habe, daß dieſe weine.— So⸗ bald er ſie dahin gebracht hatte, ſagte er ihr, ſeit der Ankunft Lacy's ſei nun alle Veranlaſſung zu Thränen verſchwunden— er ſah wohl, daß Hedwiga ſtutzte, doch er fuhr ſchonungslos ſort— wie Magda durch die immer dauernde Gefahr des Gra⸗ fen, da er den Krieg ſo ernſtlich mitgemacht habe, wohl zu ent⸗ ſchuldigen ſei, wenn ſie ihrem Herzen zuweilen durch Thränen Luft gemacht. Da er ſah, daß Hedwiga vergeblich rang, eine 323 Frage zu thun, die ihr ſo nah lag, ſagte er ihr— da ſie trotz ihrer Jugend doch ſchon ein liebes verſtändiges Kind ſei, dem man eine Mittheilung machen könne, ſo wollte er ihr ſagen, daß Magda die Braut— von Lacy ſei. Es ging ihm wohl durchs Herz, als er plötzlich ſeinen Arm von den kleinen Händen Hedwiga's faſt bis zum Schmerz ge⸗ drückt fühlte; aber er zog ſie trotz des ungleicheren Schrittes ſanft mit ſich weiter und erzählte ihr ſo ſorglos wie möglich mit ſeiner milden Stimme: wie ſchön es ſein werde, wenn Magda erſt in Tein wohne und ſie dann abwechſelnd bei ihm im Dohlen⸗ neſt, von dem ſie ſchon ſo viel gehört hatte, und dann wieder bei ihrem Vater wohnen werde— und wie er auch mit ihr den Karlſtein beſuchen wolle— ihren Lieblingswunſch— und wie er überhaupt darauf rechne, er werde an ihr eine zweite Magda bekommen. Dabei begleiteten die heißeſten Thränen der armen Hedwiga dieſe liebevollen Worte, und da ſie nicht ſprechen konnte, begnügte ſie ſich, ſeinen Arm an ſich zu drücken und ſeine Schulter zu küſſen, auf der ſie mit ihrem Kopf lag und ſich faſt von ihm fort tragen ließ. Er hatte klug den Weg ſo gelenkt, daß ſie jetzt die länd⸗ lichen Gärtnerwohnungen vor ſich ſahen und zu Anfang der Baumſchule das kleine maleriſche Haus der guten Mora. Er fragte ſie, ob ſie heute ſchon bei Mora geweſen, und als ſie Nein ſtammelte, lenkte er nun ſelbſt die Schritte dahin, und wie er ſah, Hedwiga trockne ihre Thränen, kehrte er mit ihr in das, von grünem Schlinggeflecht an den Fenſtern halb däm⸗ mernd gemachte Zimmer ein, und als Hedwiga der alten Frau wie einer Mutter um den Hals fiel, ſagte Thyrnau:„Du blie⸗ beſt vielleicht gern einmal einen ganzen Tag bei Deiner alten Mora?“ Hedwiga nickte und verſuchte, den gütigen Großvater anzulächeln.—„Wenn das iſt,“ ſetzte er hinzu—„ſo will ich Dir die Erlaubniß ſchon auswirken und Du magſt heute mal 21* 3 324 der guten Alten ihre Mahlzeit kochen und der Gärtner ſoll Dir Obſt zum Nachtiſch bringen.“ Nur als er ſie jetzt zum Weggehn umarmte, wäre er faſt aus der ruhig beſchwichtigenden Rolle herausgefallen, denn er hatte die Eigenſchaft, daß wenn er Jemand weh thun mußte, ihm die Liebe zu demſelben im ſelben Maaße ſtark wuchs, und ſo hatte er Hedwiga noch nie ſo zärtlich geliebt, und er gelobte ſich in der Stille ſo oft, ſie von nun an ganz beſonders in Obhut zu nehmen, daß er es kaum laſſen konnte, es ihr ſelbſt zu ſagen.„Abends, vergiß nicht, will die Fürſtin zuerſt ein kleines Konzert haben,“ rief er ihr noch umkehrend nach—„und wenn Du fertig geſchmückt biſt, melde Dich nur bei mir, ich habe ein Andenken für Dich!“ Sie reichte ihm noch einmal den unſchuldigen betrübten Mund zum Kuſſe dar und war froh, daß Mora ſchon ſeit lange ſchwach ſah und ſo glücklich war, ihr Kind zu beſitzen, daß ſie darüber das Kind ſelbſt vergaß und nur an alle ihre Küchen⸗ vorräthe dachte— und ſchnell die Vögel zu rupfen begann, die ihr der Jäger vom Dohlenſtande mitgebracht hatte— und ſo lange von Allem ſprach, was zu bereiten ſei, daß Hedwiga endlich ſich empor riß, um zu helfen— und keinen glücklicheren Beſieger des Kummers giebt es, als das Rühren der Hände! Zu Mittag flog Egon herein— und wie konnte da nicht gelacht werden, wo er überall helfen wollte und Alles verkehrt machte.— Gegen Abend kam das kleine Fuhrwerk mit den vier zahmen Ziegenböcken, Hedwiga ſetzte ſich ein und Egon ſaß auf dem Bock— und als ſie das Schloß erreichten, war es ſchon erleuchtet und die Kammerfrau wartete bereits an der Terraſſe und that ſehr eilig— und wie ſich die erlauchte Gräfin freuen werde über den ganz neuen Anzug, den die Frau Fürſtin ge⸗ ſchickt. Und Hedwiga war fuͤnfzehn Jahr! So geſchah es denn, daß als Hedwiga in dem ſchönen neuen Anzuge zum Großvater eintrat, ſie ein etwas blaſſes, 325 aber dennoch aufgeheitertes Kinderangeſicht hatte, und als ihr Thyrnau, dem bei ihrem Anblick das theilnehmende Herz erleich⸗ tert wurde, ein ſchwarzes Sammetbändchen mit einer brillant⸗ nen Roſe um ihren ſchlanken weißen Hals legte, ſo waren das überhaupt die erſten Brillanten, die ſie beſaß, und das Kind erwachte ganz und ſie ſtieß faſt einen Freudenſchrei aus und ver⸗ gaß den fein gebauſchten Flor ihrer Robe, und hätte Alles an dem Großvater zerdrückt, hätte er es nicht ſelbſt verhütet. Als ſie mit dem übrigen Hofe ſich verſammelten und endlich die Fürſtin erſchien, in deren Gefolge auch Magda an Lachy's Seite eintrat, da ſah Thyrnau wohl, wie Hedwiga tief er⸗ röthete, und da ſie die Erſte war, die von der Gouvernante vorgeführt ward, der Fürſtin die Hand zu küſſen, ſah er, wie verlegen ſie war, und wie ſie kaum ihre Thränen zuruͤckhalten konnte. Auch war die Umarmung, mit der ſich demnach die beiden Couſinen begrüßten, ſo durchaus gegen die Déhors, ſo inbrünſtig mit beiden Armen und ſo lange dauernd, daß die alte Gräfin von Hautois ſie ſanft trennte und nicht ohne einige Erregung flüſterte:„So umarme man ſich nicht bei einer Cour— das ſei auf der Wieſe oder im Walde allenfalls er⸗ laubt.“ Von Lacy wandte ſich dagegen Hedwiga den ganzen Abend, wo er ihr auch nahe treten mochte, wie ein zürnendes Kind jedesmal ſchnell ab.— Doch war Thyrnau mit der Beobachtung dieſes Abends zufrieden und da er den ganzen Tag Magda's beſorgten fragenden Blicken ausgewichen war und ſie ihm noch immer bekümmert ſchien und dem geliebten Kinde von einer Stelle zur andern mit den Augen folgte, ſo wollte er ſie nicht ohne ein Wort der Beruhigung entlaſſen, und als die Tafel aufgehoben war und die Fürſtin ſich anſchickte, die Zim⸗ mer zu verlaſſen, wo dann Magda ſich anſchloß, ging er ihr leiſe nach und ſagte mit ſeiner gewöhnlichen guten Laune:„Wir haben keinen Leukadiſchen Felſen zu fürchten!“ — 326 „Ach, iſt das gewiß?“ rief Magda, die ihn ſogleich ver⸗ ſtand.—„Sie ſah ſo blaß aus!“ „Wie alle Kinder, die über eine zerbrochene Puppe geweint haben,“ fuhr Thyrnau lächelnd fort—„doch war es vielleicht Zeit! Die Weisheit in Liebesſachen iſt eine angeborne Eigen⸗ ſchaft in unſerer Familie; denn nicht allein, daß zwei alte Thoren mit einem jungen Mädchen darin den Anfang gemacht haben, ſie halb um ihr Lebensglück zu ſprechen und zu koſen — die Schule wirkt fort und daſſelbe Mädchen hatte nicht übel Luſt, ſich ein ganz erbauliches Martyrium zu veranſtalten, um einem fünfzehnjährigen Kinde einzureden, es werde an ſeiner erſten kindiſchen Neigung fürs Leben genug haben!“ „Ach wie gern will ich mich ſchelten laſſen, wenn Du Alles ſo wenig ernſthaft findeſt,“ ſagte Magda erquickt, indem der Athem ihr zuerſt wieder gerade aus der entlaſteten Bruſt empor ſtieg.— Als ſie jetzt Lach den Arm gab, drückte ſie ihn zuerſt an dieſem Abend leiſe— und wie glücklich machte ihn dieſes erſte Zeichen des Einverſtändniſſes, da Magda mit wahrer Pietät ſich an dem ganzen Tage, der ſie unſicher ließ über Hedwiga, jedes Zeichens ihrer neuen Stellung zu ihm enthalten hatte. Als die Fürſtin am andern Morgen— welcher durch thauige Nebel die wärmende Sonne mit herbſtlicher Friſche ſcheinen ließ— darauf beſtand, in einem kleinen Pavillon, an der gelichteten Parkſeite, der in das heitere Thal ſchaute, zu frühſtücken und dazu nur ihren Gemahl, Thyrnau, Lachy und Magda eingeladen haben wollte— ſteckte Thyrnau einen klei⸗ nen Strauß ins Knopfloch und führte dann Magda und Lach mit einer heitern Anrede dem glücklichen Fürſtenpaare vor. Wohl erlebten ſie das Erwartete— und dennoch entzückte ſie die Erfüllung— und wie nur glückliche Eheleute den voll⸗ ſten Antheil an glücklichen Brautleuten nehmen, ſo ſchien dem fürſtlichen Paare nur Glück in der Ehe möglich, von der ſie ſich ſelbſt ſo vollſtändig durch einander befriedigt fühlten, daß ihre Freude auch nicht durch den kleinſten Antheil früherer Erinnerungen geſtört wurde, obwol der Fürſt und ſeine Ge⸗ mahlin in dem Brautpaare die Gegenſtände einer früheren leb⸗ haften Neigung vor ſich ſahen. Nichts folgt anmuthiger dem glücklichen Verlöbniß der Liebenden nach— als die nun zu entwerfenden Pläne für die Zukunft, die alle in der ſeligen Berechtigung des Beiſammen⸗ ſeins ausmünden! Lachy bat Thyrnau um die Erlaubniß, das Geheimniß des Teſtaments den bewährten Freunden mittheilen zu dürfen. „Dagegen habe ich nichts,“ ſagte Thyrnau—„beſonders da ich geſonnen bin, hier mündlich gleich ein neues Teſtament zu machen, denn ich und Ihr Alle müßt nicht vergeſſen, daß Egon und Hedwiga mir eben ſo nahe ſtehn wie Magda. Halte daher Deinen Vortrag, ich ſchließe mich ihm an und wandere während dem ein wenig durch das Thal.“ Der Fürſt benutzte Thyrnau's Entfernung, als Lach ſeine Erzählung beendet hatte, die Alle tief bewegte, um den Bei⸗ ſtand der Uebrigen gegen Thyrnau aufzurufen, damit Egon und Hedwiga, die bereits von ihm reich dotirt waren, von der Erbſchaft des Großvaters ausgeſchloſſen würden. „Das wird uns Allen nicht gelingen,“ ſagte Magda, „denn es wäre etwas Ungerechtes darin, und das hat nichts mit dem Großvater gemein!“ „Wohl geſprochen!“ ſagte Thyrnau lachend, der die ganze Geſellſchaft durch ein niedriges Fenſter beobachtet hatte, ohne daß ſie ihn bemerkt.—„Uebrigens ſei ſicher, lieber Freund!“ fuhr er zum Fürſten fort—„ich werde als Göttin Gerechtigkeit nicht ein halsſtarriger alter Mann mit verbundenen Augen ſein, der in dem dürren Nachweis der Verwandſchaftsgrade eine bor⸗ nirte Gleichheit der Theilung beabſichtigt. Es ſoll jeder auf 328 ſeinem Platze wohl gewogen werden und ich will mit meinem Gute in den Händen davor ſtehn, und wo die Wage in die Höhe ſchnellt, etwas hinein werfen. Jedenfalls behält Magda unbeſtritten Tein, und die Lacy'ſchen Güter wäre ich nun end⸗ lich los und ſie gehn mich nichts mehr an! Halt!“ rief er, als Lach aufſprang und den Mund öffnete—„ehre den Schatten Deines Oheims! Ehre die Schwärmerei meines Mannesalters — ſind ſie nicht ſo viel werth als die Herrſchaft Tein?“ „Ueberdies Magda iſt die Erbin— ich habe nichts mit Dir zu thun! Iſt ſie Dir ſo wenig werth, daß Du ſie um des elenden Mammons willen aufgeben willſt— gut! ſo laſſe ich ſie noch heute als Erbin von Tein ausrufen und will ihr ſchon andere Bewerber erwecken!“ Das Lachen, was Niemand laſſen konnte, that Allen ſo wohl; es hinderte das Uebermaaß der Empfindung, es ſtellte die Sicherheit Thyrnau's ſo überwältigend heraus— und Alle wußten, er wandte die ſcherzhafte Behandlung der Dinge immer da an, wo er am unüberwindlichſten war. Was ließ ſich auch gegen einen Abſchluß des Innern vornehmen, der den Ernſt ſogar beſeitigt und nur eine heitere Erregung nachge⸗ laſſen hatte? „Dagegen“— fuhr er fort—„wenn du darauf beharrſt, die Erbin von Tein zu heirathen, ſetze ich doch feſten Fuß auf Dein Gebiet und Ihr Beide ſollt mir die alte Stammburg der Thyrnau's— das Dohlenneſt— zum freien Eigenthum ſchen⸗ ken! Nach meinem Tode ſoll ſie an Hedwiga fallen und zieht dieſe in ein anderes Land, ſoll ſie doch immer zu Zeiten dahin zurückkehren müſſen und Ihr Alle ſollt da zuweilen mit Egon und Allem, was dran hängt, einen Familien⸗Kongreß halten!“ „Von dem baaren Vermögen ſoll Magda nichts weiter bekommen, ſondern Alles Lucretia's Kinder— und iſt es nicht ſo viel als die Herrſchaft Tein, macht mir das gar keinen Kummer, denn ſie werden durch ihren Vater das Fehlende bekommen.“ Dieſe ganze Erb⸗Beſtimmungs⸗Rede hatte er durch das Fenſter in den Pavillon hinein gehalten. Jetzt nahm er den kleinen dreieckigen Hut ab, grüßte Alle mit ſeinem ſchalkhaften Lächeln und wollte davon— aber nun erhob ſich ein lautes Geſchrei ihm nach; der Fürſt zuerſt, Lacy ihm nach, ſprangen zum Fenſter hinaus und hielten ihn in ihren Armen auf, bis Magda und die Fürſtin ihn auch erreicht hatten. So wurde er wieder hinein gezogen und ſaß bald lächelnd in ihrer Mitte und freute ſich, daß aller Widerſtand aufgehört hatte, und daß er ihnen den ſchweren Augenblick, wo von Teſtament und Vermögen die Rede ſein mußte, ſo leicht aus den Händen gewunden hatte, daß keine tragiſche Scene daraus werden konnte. So kam es denn auch, daß die Glücklichen die Mittags⸗ glocke überhört hatten und mit einem Male vor den offenen Thüren die Oberhofmeiſterin der Fürſtin erſchien und ganz außer Athem und mit vielen Knixen anzeigte, die Fürſtin werde bis zur Tafel kaum Zeit haben ſich umzukleiden.— Da die Herrſchaften voll der größten Rückfichten gegen ihre Umgebun⸗ gen waren, entſchuldigte ſich die liebenswürdige Thereſe und führte die alte Dame zu einem Lehnſeſſel, um ſich auszuruhen, wonach der Fürſt ſie dann ſelbſt nach dem Schloſſe zurückführte. Das nun folgende Beiſammenſein der Freunde von Außen durch die angenehmſten Verhältniſſe begünſtigt, ſchien ſelbſt Thyrnau die glücklichſte Zeit ſeines Lebens, und der Winter, der auch über die Schrecken des Krieges eine ſcheinbare Ruhe verhängte, verflog Allen in traumartiger Schnelligkeit. Mit dem Anbruch des neuen Jahres 1759 wurde den Bitten Lacy's nachgegeben und ſeine Verlobung mit Magda— über welche kaum noch am Hofe ein Zweifel war— öffentlich erklärt. Jetzt gingen auch die Anzeigen an die Kaiſerin und an Kaunitz nach Wien, und Kaunitz verſicherte ſeinem jungen Freunde in einem höflichen Glückwünſchungsſchreiben, daß die Majeſtäten dieſe Nachricht mit beſonderem Antheil vernommen hätten. Noch war zwiſchen dem Brautpaar ſo wenig, wie zwiſchen Thyrnau und Lacy, ein Wort gewechſelt worden über ſeine Ab⸗ ſichten bei dem Wiederausbruch des Krieges, der mit dem Früh⸗ jahr unausbleiblich zu erwarten ſtand, und bald ſollte die Kaiſerin ſelbſt dieſen Punkt in Erwägung ziehn und beweiſen, wie unerſchütterlich feſt ſie einmal beſchloſſene Pläne im Auge behielt, wie viel auch die Verhältniſſe anderer Seits um ſie her häuften. Ein von ihr diktirter Brief an Lach führte ſie ihren in S. verſammelten Verehrern in ihrer vollen Redeweiſe vor und ergriff Alle, als ſei ſie unter ihnen geweſen: „An meinen getreuen Grafen von Lach Wratislaw.“ „Indem ich Euch meinen gnädigen Glückwunſch bei Eurer „Wiedervermählung ſage, will ich Euch hiermit meinen Bei⸗ „fall über Eure Wahl ausgedrückt haben, denn obwol Magda „Matielli nicht Eures Standes iſt, wogegen ſich in gewöhn⸗ „lichen Fällen viel ſagen ließe, ſo erſcheint Uns ſelbſt dies „hier von weniger importance wegen beſonderer Eigenſchaften „beſagter Eurer Verlobten, welche Wir durch eine romantiſche „Begegnung ſelbſt kennen lernten. Auch gegen Eure erſte „Vermählung waren in mancher Hinſicht Einwendungen zu „machen, doch haben Wir mit Wohlgefallen, während der Jahre „ihrer Dauer von dem muſterhaften Beſtand dieſes Verhältniſſes „vernommen und wollen es Euch und der Verſtorbenen zur „Ehre anrechnen und vielleicht Euch noch mehr wegen der „Jugend, welche gern der Thorheit Geſellſchaft leiſtet.— Da „Ihr nun durch dieſe zu erwartende Ehe in natürlichere Ver⸗ 1 „hältniſſe tretet und Wir durch das beſondere Vertrauen des „Ehrenmannes, des Thomas Thyrnau, von den bis jetzt ge⸗ „heim gehaltenen Umſtänden wohl unterrichtet ſind, welche Euch „durch dieſe Ehe in Eure alten Rechte einſetzen, ſo ſcheint es „Uns nunmehr auch paſſend, daß Ihr damit in den Stand „zurückkehrt, der dieſen Verhältniſſen gemäß iſt.“ „Nach dem Tode Eurer Gemahlin und bei Eurer auf⸗ „richtigen Witwertrauer war Euch Meinerſeits der Wunſch, in „die Armee einzutreten, nicht abzuſchlagen und hatte bis jetzt „Unſere Genehmigung. Jetzt aber habt Ihr ſelbſt durch dieſe „zweite Vermählung, welche, wie man Mir ſagt, aus großer „Liebe hervor ging, angezeigt, daß Ihr der Zerſtreuung als „Witwer nicht mehr bedürft, und nehmen daher Unſere Erlaub⸗ „niß zum Kriegsdienſte zurück und thun Euch Unſere Wünſche „kund, daß Ihr zum Verwalter großer Beſitzungen beſtimmt, „als ein gutes Beiſpiel in Böhmen unter Euren Standesge⸗ „noſſen leben wollt, und dabei durch die Gunſt des ehren⸗ „werthen Thomas Thyrnau, der, wie Wir vermuthen, ſeine „Enkelin, welche ihm eine ſo muſterhafte Treue bewieſen, jetzt „gleichfalls begleiten werde, fortfahrt, Euch in Kenntniß der „Arbeiten über Böhmiſches Recht zu ſetzen, welches Solcher bereits „zu Unſerer beifälligen Berückſichtigung ausgearbeitet hat.“ „Nach Eurer Vermählung, welche noch vor Anfang des „nächſten Feldzuges ſtattfinden möge, werde Ich Euch gern hier „ſehn— und wird dann auch durch eben dieſe Vermählung „der Schwierigkeit vorgebeugt ſein, Eure Gemahlin an den „Hof zuzulaſſen.“ „Wir bleiben Euch in Gnaden gewogen.“ 2 „Maria Thereſia.“ Aus dieſem Briefe nun ſchienen ſich wie von ſelbſt die bis ietzt umgangenen Verhältniſſe zu geſtalten und Jeder zog nach ſeiner Art eine Freude und einen Troſt daraus. Magda äußerte ganz unverholen ihr Entzücken bei dem Gedanken, daß Lacy nicht wieder in die Armee eintreten werde, und Lacy, nachdem er ſich in den Willen der Kaiſerin zu fügen erklärt hatte, machte nun Magda auf den nächſten Wunſch derſelben aufmerkſam— auf ihre abgeſchloſſene Vermählung vor Wiederausbruch des Krieges. „Wir wollen den Großvater fragen,“ ſagte Magda— „denn ihm wird das Rechte am leichteſten einfallen, und ich natürlich kann nichts dagegen haben.“ In demſelben Falle befand ſich der Großvater, und als die Sache in Gegenwart des fürſtlichen Paares zur Sprache kam, mußten die Uebrigen einwilligen, daß die Feierlichkeit ſelbſt in S. vollzogen werde und die jungen Leute ſich dann nach Wien zur Kaiſerin begeben, wogegen Thomas Thyrnau durch den Brief der Kaiſerin ſich des letzten Zwanges dieſer kleinen Landesverweiſung enthoben ſah und nunmehr beſchloß, nach Tein voranzugehn, um ſeine Kinder bei ihrer Rückkehr von Wien dort zu empfangen. „Wie ſollen wir aber an Magda's Hochzeitstage den Hof los werden?“ fragte die glückliche Thereſe, welche unter dieſen glücklichen Menſchen immer als die Glücklichſte erſchien, weil ihr der ſprudelnde Humor zu Gebot ſtand, der in den liebens⸗ würdigſten Muthwillen ausartete und alle ihre Umgebungen oft zu einer anmuthigen Ausgelaſſenheit hinriß, die in ihr Unter⸗ ſtützung oder Veranlaſſuug fand. „Das dachte ich,“ ſagte der Fürſt lachend—„o! wie gut ich Dich kenne, meine geliebte Thereſe! Das wird wieder ein Tag, an welchem Du in einem Athem lachen und weinen mußt — auf Deinen Knien beten und auf der Wieſe tanzen wirſt! Aber ich möchte Dich nicht anders, Du reizendes Feenkind— und damit Du ſiehſt, wie Ernſt es mir iſt, Dein eigenſtes Weſen zu ſchonen, ſo höre, da wir allein ſind, das Programm des Tages, was ich mir in der Stille ausgedacht habe, und dann laß' es uns gemeinſchaftlich vervollſtändigen.“ Nachdem Thereſe ihrem Gemahl aufs Liebenswürdigſte gedankt hatte, hob der Fürſt lächelnd an: Mein armer Hof darf nicht ganz leer ausgehn, denn ich bilde mir ein, Magda muß nach Dir die ſchönſte Braut der Erde ſein, und die Gräfin von Hautvis hat ſchon zu viel von ihrer koſtbaren Toilette ver⸗ rathen, als daß ich als guter Landesvater verantworten könnte, die Braut meinen Damen zu entziehn.“ „Du wirſt alſo finden, daß die Schloßkapelle ſich ſeit einigen Tagen anfängt zu erheizen, daß ein ſchöner grüner Wald von Orangenbäumen langſam ſich um den Hochaltar her⸗ ſtellt, und der Fußboden, mit rothen Teppichen verhüllt, unſere wenigen Grade noch reſtirender Winterkälte vergeſſen läßt. Von der Kapelle aus wirſt Du die Gallerie bis zu Deinem Audienz⸗ ſaal mit demſelben Teppich bedeckt finden— alſo jetzt verſtehſt Du den Weg, den ich vorzuſchlagen denke! Am Morgen nun des zwei und zwanzigſten Februars werden wir in Deinem Bou⸗ doir in unſern Morgenkleidern zuſammen frühſtücken— dann gebe ich zwei Stunden Zeit zur Toilette und um halb elf Uhr iſt der Hof in Gala in Deinem Audienzſaale verſammelt; wir führen das Brautpaar herein und von da begiebt ſich der Zug nach der Kapelle, wo uns der Pater Hieronymus erwartet!“ „Der Pater Hieronymus?“ rief die Fürſtin entzückt.— „Ja,“ ſagte der Fürſt,„morgen kommt er hier an und das iſt eine Ueberraſchung für Magda, die ich und Thyrnau uns ausgedacht haben. Unſere Geiſtlichkeit hat ſich freundlich dabei benommen und wird blos in Pontificalibus dabei reprä⸗ ſentiren. Doch unterbrich mich nicht und höre weiter. Nach der Trauung geht der ganze Zug wieder in eben der Ordnung nach dem Audienzſaal zurück. Magda bleibt an Lacy's Seite ſtehn, bis Alle eingetreten ſind— dann erwiedert ſie die 334 Begrüßung, und nun iſt der Etikettenzwang vorbei. Uns um⸗ ſchließen Deine Gemächer!— Ihr bekommt wieder Zeit, Euch umzukleiden und nun ſtehen vier Wagen bereit: in den erſten ſieigen wir Beide und die Gräfin von Hautvis: in den zweiten Pater Hieronymus, Thomas Thyrnau, und Egon und Hedwiga; in den dritten das Brautpaar— der vierte aber wird eine bunte Geſellſchaft umſchließen, und doch durſte ſie nicht fehlen. Nun höre! Mora und Gundula werden im Fond ſitzen— gegen⸗ über Veit und Bezo!“ Die Fürſtin ſchlug entzückt in die Hände und umarmte ihren Gemahl.„Stör' mich nicht,“ rief er und hielt ſie doch feſt.—„Das kleine Schlößchen“— fuhr er fort—„welches aus den bereiften Lerchenbäumen und Weimuthskiefern mit ſeinen grauen Thürmchen und ſeiner kleinen barocken Fagade herausſieht, das habe ich ſeit vier Wochen ſchon heimlich bear⸗ beiten laſſen, und es iſt jetzt der behaglichſte, wärmſte und wohnlichſte Platz geworden für Menſchen, die ſich lieben. Dahin rollen unſere Wagen— dort iſt nur ein kleiner Eßſaal und unſere heitere Hochzeitstafel hat nur neun Couverts. Im Erd⸗ geſchoß werden meine anderen Gäſte, die der vierten Kutſche, bedient— und ſo bleiben wir beiſammen— bis nach dem Souper— dann führſt Du Magda in die Zimmer, die für ſie eingerichtet ſind— wir aber fahren Alle bis auf das Brautpaar nach der Reſidenz zurück, halten den andern Tag hier großes Diner und kehren am Abend nach dem Schlößchen zurück— wo Du. und wir Alle unſere Zimmer eingerichtet finden, und wo wir bleiben, wenn Du willſt, ſo lange, bis Lacy und Magda ihre Reiſe nach Wien antreten, und das wollen wir weder hin⸗ dern noch betreiben, damit in der Freude uns nicht das Maaß fehle, dieſes Bedingniß alles Guten und Schönen!“ Wos ſollen wir jetzt noch zu dieſem glückſeligen zweiund⸗ zwanzigſten Februar des Jahres 1759 hinzufügen? Das Pro⸗ gramm des Fürſten ward mit ungetheilter Freude angenommen und auch kein Einziger wußte etwas hinzuzufügen. Magda's Hochzeitsſtaat war von Thomas Thyrnau und der Fürſtin Thereſe erdacht worden und von der Gräfin Hautois ausgeführt. Der Mode war dabei mancher Abbruch geſchehen, denn um die rabenſchwarzen Flechten Magda's ſchlang ſich das goldene Netz, welches aber faſt ein Juwelennetz war, deſſen Schlingknoten von Rubinen gehalten wurden. Ueber der Sil⸗ bertobe zeigte ſich das Mieder mit Brillanten befeſtigt und Brabant hatte einen Schleier geliefert, deſſen Rechnung Thyr⸗ nau lachend verbrannt hatte und welcher wie ein Mondſchein⸗ gewebe die ganze Geſtalt einhüllte, ohne ſie zu verbergen. Aber was ſie ſelbſt dieſem herrlichen Schmuck hinzufügte, das war der bezaubernde Nimbus, der Alle bei ihrem Anblick mit Ent⸗ zücken erfüllte— es war dies das ernſte tiefe Nachdenken, womit ſie die Heiligkeit des Tages ergriff und das ihrem Antlitz die lilienweiße Farbe, die ſtillen Züge gab, die nur zuweilen unter⸗ brochen wurden, wenn ſie die geſenkten Augen hob und die Glut religiöſer Stärke und Begeiſterung daraus hervorleuchtete und ihren Wangen einen flüchtigen Schein von Lebensglut an⸗ hauchte. Ihre Stimmung war durch nichts zu unterbrechen, nicht einmal durch Rührung.— Alle fühlten, ſie lebe in der Gegenwart des Höchſten und Alles Andere habe nur nach Ihm Raum— und von Allen ſei ſie abgezogen, ſie Alle vereinigt haltend in der großen Gemeinſchaft, in der ſie ſich fühlte. Hedwiga, welche von ihrem kurzen, zu frühen Nachtigallen⸗ geſang wieder zu dem heitern kindlichen Lerchengeſchwirre über⸗ gegangen war,— Hedwiga, die keine Schelte mehr von Lacy bekam und deren Unterrichtsſtunden von Thomas Thyrnau ver⸗ mehrt worden waren, beſtand darauf, Magda's Schleppe tragen zu wollen, und wie gern gewährte ihr der Fürſt, was er ihr laſſen durfte. 336 Uebrigens laſen ſie am andern Abend, als ſie Alle nach dem großen Diner zu dem jungen Ehepaar nach dem Wald⸗ ſchlößchen zurückgekehrt waren und um den flackernden Kamin in dem behaglichen Saal beiſammen ſaßen, das Programm des Fürſten für den Hochzeitstag durch, und es fand ſich, daß genau danach gelebt worden war—„Außer“— ſagte Thyrnau, „daß Bezo ſich durch alle vornehmen Hochzeitsgäſte bis zum Altar durchdrängte und ſich dicht neben Magda auf der Erde niederſetzte.“ „Ja,“ ſagte der Fürſt—„aber ich vervollſtändigte augen⸗ blicklich mein Programm danach, und Du haſt es mir zu danken, liebe Magda, daß man ihn ſitzen ließ und ſo eigentlich dies arme Weſen, das ſein ganzes Bewußtſein nur in Dir hat, Dir faſt mit Lach angetraut worden iſt.“ „Ja,“ ſagte Magda—„ich hoffe, er iſt an meinem oder ich an ſeinem Sterbebette; für ihn kann ich nur dankbar ſorgen, wenn ich ihm ſtill überall meine Nähe gönne.“ Sie zeigte mit dem Finger lächelnd in die Ecke des Saales— auf dem weichen Teppich deſſelben ſchlief Bezo in ſicherer Ruhe, von Lach und Magda gleich liebevoll geſchützt. Wenn wir die, die wir lieben, ein Glück erringen ſehen, wonach ſie ſich geſehnt und um das ſie den Kampf mit dem Leben eingingen und ſiegend beſtanden, ſo giebt das einen ſchönen Abſchluß mit ihnen und wir ſind geneigt, ſie ohne Be⸗ ſorgniß ihrem Schickſal zu überlaſſen. Und doch miſcht ſich in die Freude, mit der wir einen erreichten glücklichen Zuſtand vor uns ſehen, ſo leicht die Wehmuth, welche uns die Erfahrung aufnöthigt, und welche bei dem heitern Anfang einer neuen 337 Lebens⸗Epoche uns warnend zuflüſtert: Wie den theuren Weſen, welche ſo mit Glück gerüſtet der Zukunft entgegen gehn, das Leben nichts ſchuldig bleiben wird und auf der neuen Stelle, die noch geebnet vor ihnen liegt, Hinderniſſe allmälig die kleinen Erdhügel aufwerfen werden, welche die leichten Flügel beſtäubend niederdrücken. Wenn wir aber von der Erfahrung belehrt dieſe wehmüthige Zugabe erwarten müſſen, empfangen wir doch zugleich von ihr den Troſt, daß das Ungemach auch wieder das Ewige und Heilige in uns Menſchen zu ſeiner wahren Entwicklung treibt— und einen Tempel des Herrn begründet, wo wir zwar trauern und weinen, aber auch uns in Wonne er⸗ heben können.— So ſollen wir uns der Zukunft der Geliebten getröſten, welche mit frommen Herzen ein ſchönes Lebensglück ergreifen. Ihr Inneres und das Haus, das ſie begründen, wird ein Tempel des Herrn ſein, worin ſie weinen und trauern, und in Wonne ſich erheben werden, in der großen Zuverſicht ſeiner ewigen Gemeinſchaft. Was gleicht aber der Befriedigung eines theilnehmenden Freundes, wenn er nach Jahren zu denen zurückkehrt, welche er verließ, als ſie das Leben nach einem wichtigen Abſchnitt neu geſtaltet ergriffen, und er ſie in dem damals nur be⸗ ginnenden Glück vollſtändig begründet ſieht, und um ſie her eine würdige Entwicklung der ihnen zugetheilten Güter findet — einen Tempel— um das Gleichniß feſtzuhalten, in dem der Geiſt der Liebe weht— in welchen die Glücklichen und die Betrübten aus und einziehn und die Aufnahme finden für ihr Bedürfniß, von dem wir ein gedeihliches Wachſen ſeines ſich weiter ausbreitenden Baues erwarten dürfen, und in deſſen Unkteis ſich die ſammeln, die von der Liebe herangezogen wurden und die, wenn ſie weiter gehn oder die Heimat ſuchen, 7 wieder ein Haus der Liebe begründen werden, belebt von dem Geiſte des Beiſpiels, das ſie erfuhren⸗ 3 Thomas Thyrnau. II. 338 So wollen wir nach vier Jahren im Frühling des Jahres 1763— nachdem der Friede das Ungeheuer des Krieges aus den verwüſteten Gauen der Länder verjagt, zu den Lieben zurück⸗ kehren, welche wir bis hierher begleitet haben, welche den Ver⸗ wüſtungen des Krieges entgingen und ſeine Leiden und Bedräng⸗ niſſe von denen abzuhalten ſuchten oder zu lindern kräftig bemüht waren, welche als Unterthanen oder Nachbarn irgend in den Bereich ihrer Liebe zu ziehen waren. Es war im Mai. Die Buchenwände des Gartens von Tein hatten, nachdem ſie die Scheere des Gärtners erfahren, ſich mit jenem Hellgrün bedeckt, welches nur ihre zarten mit weißen Frangen beſetzten Blättchen zu miſchen vermögen, und welche nun gleich einer Tapete die rieſigen Wände der Alleen bedeckten. Drüber lag der Himmel in einer Reinheit und Fülle der Farbe, welche wir nur mit dem Blau des Ultramarins zu bezeichnen pflegen; und der Frühlingswind, ſo eigenthümlich, ſo weich und ungeſtüm, fehlte auch nicht, und entriß den träu⸗ meriſchen Blüten ihre kleinen winterlichen Mützen und half den Bienen ſchwärmen und lüftete den Nachtfaltern und blütenähn⸗ lichen gelben Schmetterlingen die Flügel. Wer frohen Herzens iſt, wird mit dem Frühling leicht wieder ein ſpielendes Kind und der Unglückliche findet leichter Thränen, wenn er die Mauern verläßt, die ſeinen Schmerz feſthielten, und der anſpruchsloſe Gegenſatz von ihm ſelbſt in der Natur, die im Frühjahr ſo glücklich ſcheint, wirkt wie tröſtendes Verſtehen, und bewirkt endlich eine ſanfte Zerſtreuung, welche den bitterſten Stachel mit fortnimmt. Es war um die Mittagszeit und ein reges Leben war faſt auf allen Punkten dieſer alten und ſchönen Beſitzung verbreitet. Die Reitbahn mußte von hohen Gäſten bewohnt ſein; alle Fenſter waren geöffnet und auf den vorſpringenden Balkonen trat bald hier bald dort eine bemerkenswerthe Geſtalt hervor. Auf der Auffahrt ſtanden viele Diener in glänzenden Livreen; Andere liefen noch hin und her: ein Paar Tragſtühle von Sammet ſchienen noch auf Damen zu warten, welche ſie nach nach dem Schloſſe führen ſollten. Auf den Terraſſen vor dem⸗ ſelben nach den Buchenwänden zu, wandelten die Bewohner des Schloſſes in der erquickenden Luſt, wie es ſchien, in Erwartung ihrer Gäſte. Jetzt war Magda dreiundzwanzig Jahr und ihre Schönheit hatte die vollkommenſte Reife ethalten. Ob ſie noch gewachſen war, ob ihre zugenommene Fülle, oder die freiere höhere Hal⸗ tung ihres ſchönen Kopfes es bewirkte— Jeder glaubte, ſie ſei größer geworden. Ihr Teint hatte noch immer die durchſichtige Klarheit und war nur durch einen ftiſchen Hauch von feinem Roth belebter, als die Jungfrau früher zeigte. Noch immer trug ſie ſich reich gekleidet, wie es nun auch ihr Gemahl liebte und der Großvater durch ſinnvolle Geſchenke unterhielt. Ihr offenes Sammetkleid von einem dunklen Pur⸗ purroth war an den Rändern mit feiner Goldſtickerei verſehen; das weiße Atlaskleid, welches ſich bei dem zurückfallenden Sammet zeigte, umſäumte über dem Mieder mit goldener Stickerei die wunderſchöne Büſte. Das Haar trug ſie auch jetzt, wie es ihre beiden Anbeter, Gatte und Großvater, liebten, mit dem goldenen Netz; heute hatte ſie auf jeder Seite, faſt hinter dem Ohr, eine dunkelrothe Sammettoſe mit brillantnen Nadeln befeſtigt. Man konnte nicht ſagen, daß der Mode gerade großer Abbruch geſchehen war, und doch glich ſie immer und in allen ihren Koſtümen mehr den ſchönen Portraitbildern eines Tizian oder van Dyck, als gerade den Figuren, welche ſich um Maria Thereſia bewegten— ſie trug ſelbſt die lang niederhängende Schnur orientaliſcher Per⸗ len, welche kaum einer Tizianſchen Schönheit fehlen darf— in den feinen Händen, welche aus den koſtbaren Manſchetten bis W 340 zum Knöchel vorſahen, hielt ſie den goldenen Fächer, und ein kleiner Veilchenſtrauß, den Lacy ihr gepflückt, ſah neugierig aus der brillantnen Schleife ihres Bruſtlatzes hervor. Wie anmuthig ſtand dieſem ſchönen Weſen die lachende Heiterkeit, mit der ſie lebhaft ſprechend daher ſchwebte! Drei Herren umgaben ſie— der Großvater in unveränderter gerader Haltung und Kräftigkeit, den Mund belebt von dem feinen Lächeln ſeiner anmuthigen NReckereien und Scherze, die gebietende Jupiterſtirn mit den weißen Ambroſiſchen Locken, wie Herr von Pölten ſagte, auch nicht mit einer Runzel vermehrt. Dieſer anbetende Bewunderer des alten Herrn ging jetzt an Magda's Seite und ausgeſöhnt mit ſeinen Freunden und ſeiner Thorheit, entwickelte er den ganzen Schatz anmuthiger Manieren und unſchuldiger Frivolitäten, welche er an dem Hofe eingelernt hatte, der ſeinen tiefen moraliſchen Fall unter den noch immer erhaltenen eleganten Formen und Witzfunken des Hofes Ludwigs des Vierzehnten zu verbergen verſuchte und welche jetzt mit kluger Berückſichtigung des Terrains vor der unbefangenen Magda ausgekramt wurden und die zwei an⸗ muthigen Grübchen ihrer Wangen immer gerundet erhielten und von dem Großvater und Lach zu den muthwilligſten Neckereien für die junge Frau benutzt wurden, welche ſich nach allen Seiten hin zu wehren hatte. Lacy's ganzes Weſen mußte dagegen denen, welche ihn früher gekannt, zu einem überraſchenden Anblick geworden ſein! Er war von jedem Hauche eines ſchwermüthigen träumeriſchen Jünglings befreit, eine vollkommen männlich entwickelte Er⸗ ſcheinung! Er war ſtärker geworden, die Bruſt gehoben, hatte den ſchönen Kopf höher gerichtet. Der Gang war raſch, elegant und energiſch, ſein Auge hatte die Schärfe des Blicks, den ſonſt nur ſchwarze Augen zu haben pflegen— ſein Kopf eine ſtolze Anmuth, ſich zu wenden— er war im vollſten Sinne ein „ 341 vornehmer Mann und flößte einen tiefen Reſpekt und eine völlige Hingebung ein. Auch ſeine Sprache war raſcher, ge⸗ legentlich lauter geworden; nur gegen Magda hatte er einen ganz andern ſanften Sprachlaut und ein Beugen des ſtolzen Nackens, das unbewußt allein für ſie hervortrat. Er hatte ſich der ganzen Verwaltung ſeiner Herrſchaft mit Energie ange⸗ nommen, und handhabte ſie jetzt mit ernſter Sicherheit, mit raſcher leichter Umſicht. Den Winter war er daneben in Wien an der Seite Thyr⸗ nau's ein ganzer Staatsmann geworden und es hätte nur von ihm abgehangen, auch irgend einen Rang dafür von der Kai⸗ ſerin zu erhalten— aber er blieb ſeinen Anſichten treu ſeine Unterthanen und Böhmen behielten den Vorrang. Was er mit dieſer behaupteten Freiheit der Kaiſerin nutzen konnte, gab er freiwillig ohne Lohn und beſtimmte Form, nichts deſtoweniger mit Eifer und treuer Hingebung, und die Kaiſerin ließ ſich die ungewöhnliche Art gefallen, da ſie vor allen Dingen die Kon⸗ ſequenz im Menſchen liebte und mit allen Verhältniſſen Lacy's wohl bekannt, ſich heimlich fteute, daß er feſt hielt an dem, was ſie ſelbſt ſeine erſte Pflicht nannte. Von dieſen großen ent⸗ wickelnden Verhältniſſen trug ſein Aeußeres nun vollkommen das Gepräge, und der Anhauch von Selbſtgefühl, der nicht überſehen werden konnte, paßte ſich zu der ſchönen männlichen Würde, welche ebenſo Kraft und Güte wie kindliche Wahrhaftig⸗ keit vereinigte. Während dieſes heitern Luſtwandelns bog in den hohen Lindenweg von der Reitbahn her ein Zug von Gäſten ein, welche die Bewohner derſelben waren, und ſehr anmuthig ſehen wir die Fürſtin Thereſe in einem der vorerwähnten Tragſtühle den Zug eröffnen. Sie war noch etwas ſtärker geworden, aber von eben ſo jugendlicher Fiiſche, als wir ſie verließen. Der Pater Hieronymus ging an ihrer Seite und ſie wußte ihre heitere Redeweiſe dem Bedürfniß des ehrwürdigen Herrn anzupaſſen. Magda hatte endlich den alten Freund des Hauſes beſiegt; er war aus dem Orden der Prämonſtra⸗ tenſer ausgetreten. Jetzt bewohnte er ein eigens für ihn erbautes Häuschen mitten im Schloßgarten unfern des Siechenhauſes neben einer von Magda errichteten Kapelle, welche durch einen bedeckten Gang mit dem Siechenhauſe in Verbindung ſtand. Er war Magda's Beiſtand bei der neuen Einrichtung und größe⸗ ren Ausdehnung deſſelben, er war zugleich Seelſorger und Arzt und höchſt glücklich durch das thätige und nützliche Beiſammen⸗ leben mit den Menſchen, die er am meiſten auf der Welt liebte. Hinter der Fürſtin wurde die alte Gräfin von Hautois getragen, welche auf ihrem Schooß die reizende kleine Maria Thereſia hatte, welche die Lebhaftigkeit ihrer Mutter und die Schönheit beider Aeltern geerbt zu haben ſchien. Die alte Gräfin, welche jedes Ungemach ertrug, um dies von ihr an⸗ gebetete Kind im Arm halten zu können, mußte es ertragen, daß alle Augenblicke eine kleine Wolke von Puder aus ihrer Friſur in die Luft flog, da Maria Thereſia ſich mit Egon und Hedwiga neckte, welche zu beiden Seiten der kleinen Schweſter gehend, unter tauſend Scherzen ihr allerlei kleine Liebesdienſte erzeigten, und dadurch das holde Kind bald rechts, bald links in die Höhe fahren ließen. Egon war der ſchlankſte junge Hauptmann der kaiſer⸗ lichen Armee; einen tüchtigen Degen nannten ihn ſeine Vor⸗ geſetzten. Er glich auffallend ſeinem Vater, und Alle, die ihn kannten, liebten ihn, denn er war treu und redlich und hatte dabei eine kleine Ader von ironiſcher Beobachtung, einen glücklichen praktiſchen Takt, was ihm erſetzte, daß alle wiſſenſchaftliche Bildung ihm ſchwer wurde und daher auch wenig darin erreicht ward. 343 Hedwiga hatte jetzt das achtzehnte Jahr vollendet. Sie war eine Hebe, wie die Begeiſterung des Dichters ſie nur je geträumt. Sie hatte daſſelbe holde Kindergeſicht, die unbe⸗ ſchreiblichen Augen; aber ſie war nun, vollendet durch das vorgeſchrittene Alter, eine bezaubernde Jungfrau. Hinter dem Zuge ging der Fürſt, und an ſeinem Arm hing Georg Prey, der Bewohner von Tein im Sommer und des Palaſtes Morani im Winter. Lebhaft unterhielten ſich beide, und doch wurde der alte ehrwürdige Herr zuweilen etwas zerſtreut, denn Hedwiga war noch immer ſeine beſte Freundin, und als wollte ſie ihn heute an ihre erſte Be⸗ kanntſchaft erinnern, trug ſie eine lange Ranke der zarten blaßgrünen Winde mit ihren weißen Florblüten in der Hand und machte oft einen reizenden Seitenſprung, um die kleinen behaarten Händchen der Ranke an dem plüſchenen Staatsrock des alten Herrn ſich anhängen zu laſſen. Er drohte ihr dann und ſie mußte ſich lachend mit ihm zu thun machen, um ihn wieder zu befreien. 4 Dieſem Zuge nun ging der Graf von Lacy von der Ter⸗ raſſe entgegen, und jetzt machte die vereinigte Geſellſchaft auf der Platform ein reizendes Tableau. Doch waren, wie es ſchien, noch nicht alle Gäſte beiſammen, denn man fuhr fort, in ein⸗ zelnen Gruppen ſtehend oder gehend ſich die Zeit zu vertreiben. Dabei richteten ſich oft die Blicke nach den Gittern der großen Allee, hinter welchen die Landſtraße zu ſehen war. End⸗ üch eilte Laey, welcher eben ſcharf ausgeſehn hatte, zu Magda— verbeugte ſich tief und zeigte nach dem Eingang der Allee. Alle eilten gegen den Rand der Terraſſe— die Gitter waren geöffnet und es lenkte ein ſtattlicher Zug von Reitern in den Lindenweg ein. Das lebhafteſte Vergnügen zeigte ſich auf allen Geſichtern; Magda wehte mit ihrem weißen Taſchentuche 344 und der Herr, der an der Spitze ritt, ward dadurch ſehr leb⸗ haft, gab ein Kommando⸗Wort ab und Alle ſetzten ſich in einen ſtolz courbettirenden Galopp und hatten bald den Fuß der Terraſſe erreicht, an der ſie von den Herren empfangen wurden. Als ſie hielten und die berittenen Diener die Pferde wegführten, welche die Ankommenden ſchnell verlaſſen hatten, ſtieg zuerſt an Thyrnau's Seite die Stufen hinan— Seine Excellenz der Graf von Podiebrad, dereinſtiger Gouverneur des unüberwindlichen Karlſtein. Ihm folgte der Freiherr von Galbes an Lacy's Seite— und aus Egon's, des treuen Kriegs⸗ kameraden, herzlicher Umarmung erhob ſich Georg von Traut⸗ ſohn mit leuchtenden Augen, und beide waren in zwei Sprün⸗ gen den Uebrigen nach. Noch immer ſtand Magda unter der Anrede gefangen, in welcher der Graf von Podiebrad die geſammten Begebenheiten ſeit der Entführung derſelben vom Karlſtein, zu begreifen be⸗ müht war; da er ſich aber innerlich ſtark auf dieſen Beſuch ge⸗ freut hatte, und wirklich gerührt war über die herzliche Auf⸗ nahme Aller, geſchah es ihm, daß ſeine eignen Worte ſeine Rührung ſo vervollſtändigten, daß ihm plötzlich die Rede ab⸗ ſchnappte— und er ſich verbeugen mußte, um dies ihn beſchä⸗ mende Ereigniß der Aufmerkſamkeit zu entziehn. „Ach, ſagte nun Magda und faßte ihn treuherzig bei der zuckenden Hand— wie habe ich mir das gewünſcht, was ich endlich heute erlebe, alle die lieben Freunde einmal wieder bei⸗ ſammen zu ſehn! Wenn Ihr, Graf Podiebrad, nicht nachge⸗ geben hättet und unſere Einladung zurückgewieſen, hätte uns viel aus unſerer wichtigſten Lebensepoche gefehlt— und das ſage ich auch Euch, Freiherr von Galbes, und Dir, mein lieber Spielkamerad, mein lieber Freund Trautſohn!“ Dieſer blieb faſt zu lange auf Magda's Hand ruhen— als er aufſah, war er glühend roth— dicke Thränen ſtanden 345 in ſeinen Augen und er rief ganz in ihrem Anſchaun verloren: „Dachte ich doch nicht, daß Du noch ſchöner hätteſt werden können!— Großer Gott! Du haſt mir immer vor Augen ge⸗ ſtanden, wie ein himmliſcher Engel, aber nun ſiehſt Du wie eine Himmelskönigin aus!“ „Auch Du,“ ſagte Magda lachend—„biſt ein ganzer Mann geworden, und noch gewachſen, und ſo breit in den Schultern; aber Dein liebes Geſicht iſt noch ganz das alte geblie⸗ ben, und damit thuſt Du nir einen rechten Gefallen, denn ſo hatte ich Dich lieb, und iſt nun nichts Fremdes zwiſchen uns gekommen 1* „Ja,“ antwortete Trautſohn—„das magſt Du ſagen— aber Du vergißt, daß Du Dich indeſſen verheirathet haſt, da ſoll es mir denn wohl nicht leicht werden, zu denken, es ſei nichts zwiſchen uns gekommen.“ „Aber mit wem?“ fragte Magda naiv—„mit Lachy!“ „Nun,“ ſagte Trautſohn—„er iſt mir grade genug! Aber ſieh, liebe Magda,— wenn Du noch erlaubſt, daß ich ſo ſagen darf— ich habe es mal bei einer rührenden Veranlaſſung, die ich nicht in Deinen Gedanken hervorrufen will, der Kaiſerin zugeſchworen, wie es auch kommen möchte: Das Glück, Dich zu kennen, ſollte nie zu einem Unglück für mich umſchlagen— und das habe ich bewieſen, ſeit ich erfuhr, Du habeſt Lacy lieber gehabt als den armen Trautſohn.“ Bravo!“ rief Lach und umfaßte ihn herzlich—„das nenne ich Magda's Werth gerecht werden! Sie nur zu kennen iſt ſchon ein Glück, welches uns über manche andere trübe Erfahrung hinweg hilft.“ „Ja,“ ſagte Trautſohn, indem er Lach's Umarmung er⸗ wiederte,„Dir wird dieſe Verſicherung freilich nicht ſchwer werden.“ „Auch Dir nicht,“ rief Lacy lachend—„und ich habe gar nichts dagegen, daß Du ihr Bild in Deinem Heil genſchrein auſſtellſt.“ 346 Die Tafel ward nun angekündigt und Magda verſicherte ſich des Armes vom Grafen Podiebrad, während Lach die Für⸗ ſtin führte— und als ſie nun Alle wohlgeordnet um die Tafel in dem ſchönen Kuppelſaale ſaßen, da mochte wohl nicht leicht eine frohere Geſellſchaft zu denken ſein, von Menſchen, welche mehr und wichtigere und heiterere Beziehungen zu einander haben konnnten. Die Unterhaltung war dem gemäß und als der Graf von Podiebrad in fröhlicher Zerſtreuung einige Fla⸗ ſchen Rheinwein geleert, brachte er mehrere Geſundheiten aus — auch die auf Karl den Vierten, den Erbauer des Karl⸗ ſteins— worin ihn Niemand ſtörte, weil Alle das ſprachen und ſagten, wovon ihnen das Herz voll war. Am Abend, als man etwas ruhiger zu werden begann, nahmen Magda und die Prinzeſſin deu ungewöhnlich ge⸗ ſprächigen Podiebrad in ihre Mitte und baten ihn, ſeinen beſten Freunden eine genaue Darſtellung ſeines jetzigen Le⸗ bens zu machen. „Meine edlen Freundinnen,“ ſagte er darauf nach einiger Sammlung— Podiebrad's Haare ſind nicht umſonſt in⸗ deſſen gebleicht! Er hat harte Erfahrungen gemacht. Nicht wohlberathen muß ich die edle Nachfolgerin Karl's des Vier⸗ ten, unſere erhabene Kaiſerin, nennen, denn ſie hat einen Edelſtein ihrer Krone aus der Faſſung gebrochen und ihn als ein werthloſes Spielzeug kindiſchen Händen zugeworfen. Die hohe Bedeutung des Karlſteins verkennend, hat ſie— ich bitte um Vergebung, wenn die Lippe ſich weigert, herüber zu laſſen, was einen ſchmerzlichen Mißgriff in dem Hauſe Oeſter⸗ reich bezeichnet— doch es ſei— auch Podiebrad muß lernen, das Unwahrſcheinlichſte auszuſprechen: der Karlſtein ward als Feſte ſeines Ranges entſetzt— die Beſatzung aufgelöſt und die Revenüen der ihm zugehörenden Ländereien liefern jetzt den kleinen Damen des Fräuleinſtiftes zu Prag ihre Steck⸗ nadeln und Handſchuhe!“— Der Graf von Podiebrad hielt hier mit einem ſtarken Verſchnaufen inne und ließ ſeine inhalts⸗ ſchweren Worte erſt ihre Wirkung thun, ehe er fortfuhr:„Von dieſem Ereigniß tief getroffen, habe ich zuerſt in unterthäni⸗ gem Widerſpruch meine Pflicht gethan, und als dies ohne Erfolg blieb, wenn auch durch gnädige Entgegnung und ge⸗ rechte Anerkennung meiner Geſinnungen in etwas erleichtert, habe ich die Getreuen der Beſatzung als mein Eigen erklärt und bin mit ihnen Allen nach meiner großen Herrſchaft Po⸗ diebrad in Böhmen gezogen. Freilich blieb mir nur noch der Freiherr von Galbes und der Marcheſe Pacheco, da der Graf von Thurn und der Graf Caſtiglione von Paſterau im Felde ehrenvoll geblieben ſind. Dagegen folgten mir zwanzig Un⸗ tergebene, theils bejahrte Männer, welche nicht wünſchen konn⸗ ten, nachdem ſie als Wächter des Karlſteins den ehrenvollſten Dienſt des Landes verſehn und dadurch ſich in einem höhern Range fühlten, in der Armee einzutreten.“ „Es befand ſich Raum für alle dieſe auf meiner großen Herrſchaft,“ fuhr er mit gehobenem Stolze fort, ohne ſeine edle Handlung verdecken zu können— bich ſtiftete ein In⸗ validenhaus, worin ſie ein ſo anſtändiges Unterkommen fan⸗ den, wie es den Dienern des Karlſteins geziemt; ſetzte Frau Grimſchütz als Schaffnerin an die Spitze des Haushalts und habe dieſer Anſtalt, welche ich mit einiger Annehmlichkeit ein⸗ zurichten trachtete, den Namen des großen Kaiſers beizulegen mich erdreiſtet, unter deſſen Banner wir uns bisher allein zu befinden ſchienen— es heißt: Das Haus Karls des Vierten.“ „Mein Schloß nahm meine beiden Hauptleute auf, und es konnte nicht ſchwer werden, daß wir bei den Mitteln, die mir zu Gebote ſtehn, in vollkommener Freiheit unſere veränderte Lebensordnung nach dem Muſter jener edlen —— —— une„— 348 Disciplin, welche unſer erhabener Stifter Karl der Vierte uns hinterlaſſen, fortzuführen im Stande waren. Wir ſind Alle beritten, unſere Uniformen wohl erhalten, und wir hoffen noch immer der Schutz und die Hilfe der ganzen Gegend zu ſein.“ Er endigte dieſen Vortrag, indem er ſich tief vor den Damen verneigte, als wolle er ihnen ſeine Bereitwilligkeit an⸗ zeigen, auch über ſie ſeinen Schutz auszudehnen, und Magda verneigte ſich dagegen von ihrem Sitz aus mit vielem Ernſt und großer Achtung, was ſogleich das Lächeln der Fürſtin er⸗ ſtickte.„Gott weiß,“ ſagte Magda dann faſt gerührt— „wenn Ihr auch die Dinge anders angreift, als gewöhnlich iſt, Ihr ſeid ein ſolcher Ehrenmann, daß das Rechte doch durch⸗ kommt, wenn es auch äußerlich anders ausſieht, als der Rock, den die Zeit trägt.“ Podiebrad verſtand zwar nicht ganz, was Magda faſt laut denkend ausgeſprochen hatte, aber er war ſich bewußt, es müſſe zu ſeinem Lobe ſein, und nahm es alſo mit dankbarem Bezei⸗ gen von ihr an, indem er zugleich den Marcheſe Pacheco ent⸗ ſchuldigte, welcher in ſeiner Abweſenheit jederzeit als Schloß⸗ hauptmann das Kommando führe, da ſeine Geſundheit ihm überdies keine Freuden der Geſelligkeit mehr geſtatte. Dies Geſpräch ward von Hedwiga unterbrochen, welche mit glühenden Wangen daher geflogen kam:„Ich bitte Dich, Magda, komm! Mama, komm, komm! Sieh nur, was die Allee herauf kömmt— ſo etwas haſt Du noch nie geſehn — es iſt ein Geſchenk für Dich, Magda, von dem lieben Trautſohn.“ Trautſohn folgte ihr ſchon und die Herren kamen, wie es ſchien, in ſehr guter Laune, um die Damen abzuholen; Traut⸗ ſohn aber führte Magda voran und ſagte unterwegs:„Magda, ich ſehe wohl, daß Du ſehr glücklich biſt und ich liebe Dich ſo 349 ſehr, daß mich das mit Dir ganz froh und leicht ums Herz macht, obwol ich immer denken muß, ich hätte es auch fertig gekriegt, Dich glücklich zu machen, denn ich habe nun meine große Herrſchaft in Mähren übernommen, und ich kann ſagen, wenn man da geliebt worden wäre, wie ich Dich geliebt hätte, wäre das Glück wohl ſchwerlich ausgeblieben— denn— tau⸗ ſend! es iſt ſchön und echt fürſtlich, wie für Dich gemacht!“ „Ach,“ ſagte Magda—„Du mußt nun endlich davon aufhören und einſehn, daß, weil es einmal ganz unpaſſend war, es beſſer iſt, daß es unterblieb. Erſtlich iſt es gewiß⸗ daß es gar kein Spaß in der Ehe ſein muß, wenn der eine Theil alle Liebe beſorgen ſoll— und ich hätte Dich nicht mehr und nicht ſtärker lieben können wie jeßt— das heißt, wie meinen Bruder oder faſt wie meinen Sohn!“ „Oho!“ unterbrach ſie Trautſohn—„das wäre fteilich kurios geweſen!“ „ünd dann weiter! Denke Dir den Unſinn mit der Standeserhöhung— ich hätte ſollen meinen lieben Aeltern⸗ namen hergeben, daß ſie mir was dran gehangen hätten, wo⸗ von der Ehrenmann, mein Vater, nichts gewußt. Sieh! das hätte mir das Herz gebrochen, und wär ich nie dahin zu bringen geweſen, denn aus Deinem Fürſten machte ich mir überdies nichts.“ „Ja“— ſagte Trautſohn—„ich habe das auch immer gefürchtet und ſagte der Kaiſerin oft:„Wenn Magda nur wol⸗ len wird! Aber da ich doch einmal ſo unglücklich war, all das Ahnenzeug nöthig zu machen, was war da zu thun? und dann — geſtehe nur— wenn ich Lach geweſen wäre——“ Magda warf unwillkürlich den Kopf hintenüber— aber ſie erſchrak faſt vor der verrätheriſchen Bewegung und ſchwieg; doch Trautſohn hatte ſie wohl verſtanden und ſagte ſogleich: „Siehſt Du! wenn man liebt, kommt einem auch das Unge⸗ 350 möglich vor— darum ſei nicht ſo hartherzig gegen mich!“ „Nein, guter Trautſohn,“ ſagte Magda innig—„nur ſollſt Du endlich an was Anderes als an mich denken lernen — denn Du mußt heirathen— auf Deiner großen Herrſchaft in Mähren kannſt Du nicht allein leben— Du haſt mir das ſo oft geſagt.“ „Freilich,“ ſagte Trautſohn—„meinte ich Dich immer nur, wenn ich das ſagte. Aber Recht haſt Du— wenn ich all die Pracht und Herrlichkeit auf meiner Herrſchaft anſah, da konnte ich mich ſchon jetzt oft recht nach einer Frau ſehnen, die ein bischen Leben hinein brächte!— Wenn ich nur eine fände, die Dir ein Bischen ähnlich ſähe!“ „Ich will Dir ſuchen helfen,“ ſagte Magda zutraulich— und unwillkürlich ſah ſie ſich um, denn ſie hörte Hedwiga, die mit Thyrnau hinter ihr ging, einen Schrei der Freude aus⸗ ſtoßen. Sie waren nämlich aus dem Schloſſe getreten und ſich dem Rande der Terraſſe nähernd, ſahen ſie einen ſeltſamen Zug den Weg daher kommen. Sechs ſtarke Ochſen waren vor einen Wagen geſpannt, der eine Art fahrendes Haus zu ſein ſchien; näher kommend erkannte man eine kleine Hütte mit einem Moosdach— dann zeigte ſich, daß die Wände Gitter waren, um die man junges Laub gewunden hatte.— Der Anblick wurde immer reizender — Magda wurde immer neugieriger— ſie zog Trautſohn die Stufen hinunter dem Zuge entgegen und Alle folgten. „Ach“— ſagte Trautſohn und ſchauderte ordentlich vor Luſt zuſammen—„wenn es Dir doch nur Freude machte!“ Als ſie ganz nahe waren— nahm er einem Diener ein Kiſſen ab und reichte es Magda— darauf lag eine Taſche mit ge⸗ pflücktem Brot und eine kleine ſilberne Pfeife. Magda ſtieß einen Freudenſchrei aus, griff nach Beidem und ſetzte augen⸗ 351 blicklich die Pfeife an den Mund. Da fuhren bei dem hellen Ton die grünen Gitter aus einander und auf dem weichſten grünen Mooſe lag eine ſchöne weiße Hirſchkuh und um ſie her drei kleine Zicklein, worunter ein ſchwarzes Böcklein war! „Ach! ach! meine Hirſchkuh— meine Zicklein!“ rief Magda ganz außer ſich vor Freude.—„O Lachy!“ rief ſie dann, als könnte ſie die Freude nicht allein tragen und ſchon ſtand der Glückliche, der ihr erſter Gedanke war, an ihrer Seite und ſie ſank weinend an ſeine Bruſt, denn was regte dieſer Anblick nicht für Erinnerungen in ihr auf! Aber nicht lange vergaß ſie den liebevollen Urheber dieſer Gefühle.„Rufe ihn,“ ſagte ſie zärtlich zu Lacy, und dieſer ſtreckte dem bewegt Harrenden die Hand entgegen und er kniete jetzt vor Magda hin und dieſe bog ſich über ihn und legte beide Hände auf ſeine Schultern und ließ ihn ihre Freudenthränen ſehn und blickte ihn ſo innig an und küßte dann feierlich ſeine Stirn und ſagte:„Trautſohn, Du biſt gewiß der beſte gute Menſch, den ich kenne— und Du mußt noch ſehr glücklich werden— und das Mädchen, was Deine Frau wird, muß dem Himmel danken!“ „O Magda,“ ſagte Trautſohn und verbarg noch immer knieend ſein gerührtes Geſicht in ihren Händen. „Und damit ſei die Rührung nun abgethan,“ rief jetzt der Großvater, und Alle bekamen wieder Leben von der heitern 3 Stimme. Sie wandten ſich nun der kleinen Hütte zu und Freude— Gelächter— Erſtaunen— Fragen— Alles wech⸗ ſelte bunt durch einander. Ganz ſo wie ſonſt blieb die ſchöne Hirſchkuh ruhig liegen, während das ſchwarze Böcklein, wie es in der Natur wohl liegen mußte, ſchnuppernd an den Eingang geſprungen kam, bereit, den Satz heraus zu wagen, da es, wie es ſchien, ſehr wohl den Brodbeutel kannte, den Magda in Händen hielt. „Sie ſind hungrig,“ ſagte Trautſohn—„Du ſollſt den Spaß haben ſie zu füttern.“ Da trat Magda näher und warf die Flocken Brod hinein und es begann ſogleich ein munteres Leben, die Zicklein warfen ſich drüber, das Böcklein vor Allen, während die Hirſchkuh in vornehmer Ruhe von ihrem Platze zu⸗ ſah. Jetzt trat Magda der alten Hirſchkuh näher und ſchüttete ihr von dem Brote vor, aber im ſelben Augenblick ward ihr der Beutel aus der Hand geriſſen, das ſchwarze Böcklein hatte ihn auf ſeine Hörner genommen und jagte damit in den fern⸗ ſten Winkel. Das große Gelächter, in welches Podiebrad ſelbſt, ſich ganz vergeſſend, ſchallend einſtimmte, konnte ſich kaum legen. „Aber,“ ſagte Magda, die Hand an die Stirn legend—„wie iſt mir denn, guter Trautſohn— geſteh es nur— Du führſt mich doch eigentlich an— das ſind ja lange Jahre her, daß meine Zicklein klein waren und mein Böcklein unartig? Ich muß glauben, das ſind große Geſellen geworden und waren ſchon damals nicht mehr ſo niedlich wie dieſe hier!“ Trautſohn lachte.„Ja,“ ſagte er—„ſo viel Wiſſen⸗ ſchaft von der Jägerei mußte ich Dir freilich zutrauen! Aber Du weißt, daß Jagdgeſchichten immer einen ganz unerklärlichen wunderbaren Zuſammenhang haben, der an den Glauben der Menſchen ungewöhnliche Anſprüche macht. So laß es denn bei dieſem Vorrecht bewenden— ich verlange nun einmal, Du ſollſt glauben, das iſt Deine Hirſchkuh und das Deine Zicklein vom Karlſtein und damit mache ich keinen größeren Anſpruch an Wahrhaftigkeit, als die meiſten Jagd⸗ geſchichten es thun— und nun frage ich Dich überdies, ob Du mir an all den lieben Thieren eine fremde Stelle nach⸗ weiſen kannſt?“ „Ach nein! ach nein!“ rief Magda—„Es ſind meine lieben Gefaͤhrten— ich will mir die Jahre xein aus dem 353 Kopf ſchlagen, an nichts Glauben behalten, als daß Du das Beſte getroffen haſt, um mir eine rechte Freude zu machen!“ Am andern Morgen, als die ganze Geſellſchaft das ge⸗ neinſchaftliche Frühſtück im Freien eingenommen hatte, berieth Lacy mit Magda die große Frage, wohin die reizende Hütte mit der Familie Hirſchkuh gefahren werden ſollte, und endlich ent⸗ ſchieden ſich Beide für eins der lieblichen Blättereloſetts am See, dem Marmorfitz Magda's gegenüber. Alle brachen nun nach der Allee auf, wo die kleine Familie die Nacht verblieben war, und hier zeigte ſich, daß Hedwiga und Trautſohn Beide in die Hütte hinein gekrochen waren und in ihrem Eifer und in ihrem Lachen mit den munteren Kleinen gar nicht bemerkt hatten, daß ſie dicht neben einander ſaßen und die Zicklein auf ihrem Schooße fütterten. Als die Geſellſchaft plötzlich vor der Hütte ſtand, flog Hedwiga mit einem Satze aus ihrem Verſteck auf und hinaus, und die Fürſtin, die ihre Verlegenheit mit⸗ leidig ſah, klopfte ihr das Moos aus dem Kleide und brachte ſie damit wieder ins Gleis, wonach ſich der Transport in Be⸗ wegung ſetzte und Alle die kleine Familie bis zu ihrer neuen Anſiedlung begleiteten. An dieſem Tage begab man ſich zu Mittag nach dem Dohlenneſte, wo heute Thomas Thyrnau die Gäſte be⸗ wirthete. Zu Pferde und in Tragſtühlen machte ſich die heitere Geſellſchaft auf den Weg— durch den Laubwald, deſſen erſtes ſanftes Grün noch die mächtigen Stämme un⸗ verhüllt zeigte und den grünen Raſen durchſchimmern ließ, welcher neu belebt die murmelnden Bäche über bemooſte Steine ſchlüpfen ließ. Magda ritt an Lacy's Seite einige Schritt den Andern voraus, und nie zog ſie des Weges, ohne der Zeit ihrer Thomas Thyrnan. III. 23 Schmerzen zu gedenken mit Dank gegen Gott, der Alles hinter ſie gebracht. „Sieh,“ ſagte Lach, das Geſpräch fortſetzend—„der Zug geliebter Menſchen hinter uns iſt wie der Ueberblick unſers ganzen vergangenen Lebens! An einem jeden Einzelnen haftet ein wichtiger Abſchnitt deſſelben; ſie haben es begleitet, getheilt und eines Jeden Einfluß darauf wollen wir uns um ſo weniger leugnen, da er überall uns ihren Werth herausſtellt und meinen alten Glauben zu Ehren bringt, daß die meiſten Menſchen weit geneigter ſind, ſich wohl als weh zu thun— daß die Verwick⸗ lungen, die uns treffen, wohl zergliedert, viel öfter Zeugniß von kleinen, als von großen Vergehungen ablegen— daß wir uns daher nicht damit brüſten ſollen, kein Böſewicht zu ſein, keinem böſen Willen gefolgt zu ſein— da das ungeſtrafte Durchſchlüpfen kleiner Thorheiten, Fehler und Leidenſchaften in der Fortſetzung ganz dieſelben nachtheiligen Wirkungen auf unſer und anderer Leben ausüben können, die wir irrthümlich dann mit dem poſitiv gewollten Böſen zu bezeichnen pflegen.“ Thomas Thyrnau hatte die prächtige Tafel vor dem Doh⸗ lenneſt unter dem jungen Schatten der Linden, auf dem weichen Mooſe des Waldgrundes decken laſſen und empfing ſeine Gäſte mit der bezaubernden Heiterkeit, die gleich in Jedem die Freiheit erweckt, das Beſte, was in ihm werden kann, hervor⸗ treten zu laſſen. Veit ſtand ſchon, vortrefflich geſchmückt, vor der Tafel, welche das Kunſtwerk ſeiner Anordnungen war, wenn auch dem alternden Diener jetzt unter dem Titel eines Hausmeiſters der aktive Dienſt genommen und in jüngere Hände gelegt worden war. Eben ſo waren im Innern des Dohlenneſtes um Gundula rüſtigere Hände in Thätigkeit, während ſie ſauber geputzt am ————— —— 50 wichtigſten Perſonen ſeine Bewerbungen gern ſahen, da über⸗ dies Hedwiga eine wahre Leidenſchaft für die Hirſchkuh und die Zicklein faßte und immer haſtig und zerſtreut war, bis ſich Trautſohn an ihrer Seite befand, ſo lächelten die An⸗ dern, und Thereſe und Magda machten ihre Pläne für die Zu⸗ kunft und theilten ſich in den Beſitz der geliebten jungen Leute. Wir wollen uns nun von dieſem Kreiſe trennen. Nach⸗ dem wir das Schickſal der betheiligten Perſonen durch die größten und einflußreichſten Begebenheiten ihres Lebens ver⸗ folgt haben, wollen wir uns freuen, daß wir ſie in einen Hafen der Ruhe eingeführt, und— indem wir uns ihrer äußeren Verhältniſſe getröſten dürfen, doch als den ſichern Bürgen ihres Beſtehens ihre geiſtige Entwicklung feſthalten, welche allein den Widerſtand gegen das äußere Leben ent⸗ hält und womit wir es zuletzt beherrſchen. Es ſind nur noch einzelne Punkte leicht hinweiſend zu be⸗ rühren, die ſogar überflüſſig ſcheinen könnten— wenn man nicht gern von alten Freunden erzählen hörte. Trautſohn ſtellte wirklich im nächſten Winter der Kai⸗ ſerin Hedwiga, die erlauchte Gräfin von Thyrnau— als Fürſtin Trautſohn vor und mit dem Fürſten und der Fürſtin von S nahmen Alle den größten Theil des Winters in dem Palaſt Morani Platz. Die Fürſtin Thereſe ſchenkte dem Lande den Erbprinzen, und Egon hielt Wort. Bis in das höchſte Alter gab es keine innigeren Freunde als dieſe Brüder. Egon vermählte ſich nie. Er blieb in Oeſterreichiſchen Dienſten und erreichte eine hohe militairiſche Würde. Sein Vermögen theilten, ſeiner Beſtim⸗ mung gemäß, nach ſeinem Tode die Kinder Magda's und Hedwiga's, welche Letztere ſich beſonders einer reichen Nach⸗ kommenſchaft erfteute. 360 Wenn die Familien im Winter nach Wien kamen, hatte die Frau Kloſterpächterin Bäbili Oberhofer jedesmal die Ehre, daß Alle bei ihr vorfuhren und in dem Refektorium, Ange⸗ ſichts des Chriſtophorus⸗Brunnens ſich von der beglückten Frau mit den Erzeugniſſen ihrer Milchkammer bewirthen ließen. Dann ſtreiften die hier einſt ſo verhängnißvoll zuſammen Ge⸗ führten durch das kleine Terrain, ſo rührend und erinnerungs⸗ voll, und unterſuchten ſelbſt, ob auch die kleine Hütte im Stande gehalten werde, denn ſie ſollte Allen ein lang be⸗ wahrtes Andenken bleiben. Guntram war als Leibjäger des Fürſten endlich als För⸗ ſter in das Waldſchlößchen und zugleich als deſſen Kaſtellan eingetreten. Als er der Einſamkeit dort müde war, begleitete er die Fürſtlichen Herrſchaften einmal nach Wien und be⸗ ſuchte Frau Bäbili. Sie ſahen bald ein, daß ſie ſich zu viel zu ſagen hatten, um auf Beſuch damit fertig zu werden. Der Fürſt hatte ſchon lange in den ſchönen Waldwieſen eine Meierei anlegen wollen— genung, die Herrſchaften machten der Frau Bäbili bei dem bewußten Beſuch ſelbſt den Antrag, dieſe mit ihren ſchweizeriſchen Erfahrungen ein⸗ zurichten. Nun zierte ſich Frau Bäbili grade vierundzwanzig Stun⸗ den lang und brachte es in dieſer Zeit vom völligen Abſchlagen bis zum völligen Einwilligen, ſogar weiter, als der erſte An⸗ trag lautete, denn ſie ging nach vier Wochen als Guntrams angetraute Frau nach der neuen Heimath ab und Beide ſollen dieſen Schritt nie bereut haben, und was ſie einrichteten, ward eine Muſterwirthſchaft genannt, und zu jeder Zeit konnte man dort einkehren und fand Guntram und Bäbilt und das ganze Haus bis auf die Ställe in glänzender Ordnung, und ſogar in einer gewiſſen koketten Eleganz. . Die Kaiſerin blieb den Familien, die ſie als Muſter eines tugendhaften Lebens aufſte lite, ſtets in großen Gnaden gewo⸗ gen und ſchenkte ihnen gern jede Vergünſtigung, welche die unabhängigen Verhältniſſe derſelben zu laſſen wollten. Thomas Thyrnau endlich blieb bis zu ſeinem Ende der Mittelpunkt Aller, die ſich ſeine Kin der nannten, in den Ver⸗ band ſeiner Liebe aufgenommen ſein wollten und auf das Bei⸗ ſammenſein mit ihm einen ſo hohen Werth legten, daß— als er den Wunſch ausſprach, das Dohllen neſt nicht mehr zu ver⸗ laſſen, Alle den Winterfrenden Wiens entſagten und ſich um ihn in Tein verſammelten. Er erreichte ein hohes Alter bei völlig ungeſchwächten Geiſteskräften. Er war der ſchönſte Greis und ſeine Haltung aufgerichtet, und ſeine Stirn heiter bis zu ſeiner letzten kurzen Krankheit. Sein Verhältniß zur Kaiſerin und zu Kaunitz blieb ſehr ausgezeichnet und doch ſehr eigenthümlich— Er korreſpondirte mit Beiden. Sie zogen ihn zu Rathe und ſelten ward in Bezug auf Böhmen etwas unternommen, ohne daß man es ihm zur Prüfung übergab— und er hatte die Genugthuung, zu ſehen, daß man weder ſeinen Rath überſah, noch ſeine Erfahrungen gering achtete. Niemals jedoch empfing Thomas Thyrnau eine öffentliche Anerkennung oder Auszeichnung— und als er einſtmals den kleinen erregten Bemerkungen ſeiner Familie darüber lächelnd zugehört hatte— ließ er ſich das uns bekannte Portefeuille der Prinzeſſin Thereſe geben und nahm einige Briefe von Kaunitz und Maria Thereſia heraus, wie auch das Konzept eines Ant⸗ wortſchreibens ſeinerſeits an die Kaiſerin. „Da Ihr geneigt werdet, meiner großſinnigen Freundin Unrecht zu thun,“ ſagte er lächelnd—„ſo wird es wohl an der Zeit ſein, daß ich Euch mittheile, was gerade über den Thomas Thyrnau. uI. 24 „ Punkt, den Ihr von ihr überſehen glaubt, zwiſchen uns unter⸗ handelt worden iſt.“ 2 Es ergab ſich aus einem Handbillet der Kaiſerin an Kaunitz, daß ſie nach dem Frieden bei der Regulirung ihrer innern Angelegenheiten Kaunitz aufgefordert hatte, ihr Vor⸗ ſchläge zu thun, auf welche Weiſe ſie ſich gegen Thomas Thyr⸗ nau dankbar bezeigen könne. Sie hatte aber in ihrer Lebhaf⸗ tigkeit die Antwort ihres vorſichtigen Miniſters nicht abgewartet, ſondern ihm ſelbſt— wie ſich Kaunitz darüber äußerte— alle möglichen Vorſchläge dazu mündlich gemacht. Dazu gehörten unter andern:„Titel ohne Anſtellung, aber mit Gehalt! der Adel! oder ein Orden!“ Dieſe Vorſchläge wurden Thyrnau gemacht und er geſtand ein, daß dieſer Eifer der Kaiſerin ihn um ſo mehr gefreut hätte, da ſie offenbar dadurch faſt aus ihrer vorſichtigen Mäßigung herausgegangen wäre, und ihm dadurch die Gewißheit gewor⸗ den ſei, wie ſie ihn in ihrem großen Herzen von aller Schuld freigeſprochen habe und jetzt auch dieſer Ueberzeugung ein Opfer bringen wolle. Thyrnau fühlte aber gerade darum die vollſtändigſte Sicherheit, jedes äußere Zeichen ihrer Gunſt von ſich abzu⸗ lehnen, da er zu ſeiner Befriedigung nichts bedurſte, als die Gewißheit, dieſe zu beſitzen. Er ſelbſt machte ſie ſchonend auf ſeine Stellung aufmerkſam— er zeigte ihr die Mißdeutungen, die eine öffentliche Belohnung desjenigen nach ſich ziehen könnte, den man ziemlich weit verbreitet als das Haupt einer Partei bezeichnet, welche an dem Loßreißen des Königreichs Böhmen ernſtlich gearbeitet habe. Er ſprach ihr unverholen die Beſorgniß aus, daß eine ſolche Handlung ihrerſeits dem roheren Theil— von dem man immer allein zu fürchten habe — ein Eingeſtändniß mangelhafter Zuſtände ſein könnte, ſſy 8 9 10 11 12