Der Verfaſſerin von Hodwie⸗ Caſtle ſimmtliche Roman. Achter Pand. Chomas Chyrnau. Zweiter Theil. Preslau, im Verlage bei Joſef Max und Komp. 1855. Chomas Chyrnau. Von der Berfaszerin von Golwie-Cnstle. Zweiter Theil. Preslau, im Verlage bei Joſef Max und Komp. 1855. Ey. die Grafen Wratislaw auf ihrer Herrſchaft Tein das neue Herrenhaus erbauten, war die alte Teinburg nicht viel mehr als ein Obdach für geſellige Mahle oder für ein kurzes Nachtlager, wenn die Beſitzer mit ihrem Gefolge und ihren heitern Gäſten die großen Forſten zum fröhlichen Waidmannswerke beſuchten. Daher kam es darauf an, daß ſich ein großer Raum vorfinde, der die oft ſehr zahlreichen Geſellſchaftszüge, an denen faſt immer Frauen Theil nahmen, beim Gelage zu faſſen vermochte. Da⸗ gegen ward man mit den Nachtlagern leichter fertig; hier fand man oft wunderliche Verſchläge ausreichend, weil überhaupt der Ruhe da wenig Antheil ward, wo der erſte Strahl des Ta⸗ ges die Jäger hinaus lockte, um dem behaglich den Thau lecken⸗ den Wilde auch dieſe kurze Feierſtunde zu ſchmälern. Als mit den wechſelnden Bedürfniſſen der Zeit dieſe ein⸗ fache Behauſung nicht mehr ausreichen wollte, und die Herren und Damen in Seide und Sammet zur Jagd zogen, ließ der reiche Beſitzer von Tein das größere Schloß emporſteigen, welches zwiſchen zwei Flügeln ein ſchönes Hauptgebäude zeigte. Dem Walde ward rund herum von der Kultur nachgeholfen, und bald ſah man ihn zu jenen ernſten majeſtätiſchen Gar⸗ tenanlagen umgeſchaffen, die ſich mit den Terraſſen in Ver⸗ bindung ſetzten und von Laubwänden geſchützte offene Säle bildeten, in denen Kaskaden und Marmorſitze, von der ganzen Schaar der alten Götterwelt bevölkert, ihre reizvollen Räume den Feſten ihres Beſitzers darboten. Thomas Thyrnau. II. 1 Es iſt jedoch vorläufig nicht dieſer glänzende Schauplatz, wie Manches er auch für unſere ſpäteren Mittheilungen enthal⸗ ten mag, der unſere Aufmerkſamkeit feſſelt; wir bleiben zuerſt bei dem beſcheidneren Aufenthalte ſtehn, der den Vorfahren jener prachtliebenden Nachkommen für ihre Anſprüche ausrei⸗ chend ſchien. Wie ſchon geſagt, fragte es ſich dabei nur um einen gro⸗ ßen Raum, der einen vielverſprechenden Heerd enthielt und in welchem die Tafeln Platz hatten, an denen der lebhaft erregte Appetit bei lauten Scherzen Befriedigung fand. Dieſer Zweck zeigte ſich hier in einer merkwürdigen Aus⸗ dehnung erreicht, und wie wenig auch die damaligen Herren nachftagten, wie dies alte Haus, von wem und zu welchem Zwecke es erbaut ſein möchte?— zufrieden, daß es da war und ſich ausreichend erwies,— der ſpätere Beobachter, welcher der grauen Vorzeit nur noch als grübelnder Forſcher angehörte, mußte voll Erſtaunen nachfragen, zu welcher Zeit und welchem Dienſte geweiht, es entſtanden ſein konnte. Es gab hierüber ſo viel Meinungen als Forſcher. Alle kamen aber darin überein, daß es einer vorchriſtlichen Zeit ſeine Entſtehung danke. Eben ſo trat es hervor, daß es ſpäter ſeine Beſtimmung geändert habe. Es wollten ſich Konſtruktionen zeigen, die nach und nach hinzugefügt, allen Scharffinn ver⸗ wirrten, denn während immer der letzte Beſitzer die Anſprüche und Einrichtungen des Vorgängers wenig beachtet, oder ſie noch weniger verſtanden hatte, waren neben und durch einander die ſeltſamſten ſich widerſprechendſten Motive gehäuft, und da keine ſchriftliche Urkunden vorhanden waren, wäre es nöthig geweſen, daß die alten Mauern ſelbſt die Kronik ihres Daſeins und der Veränderungen, welche ſie erleiden mußten, er⸗ zählt hätten, denn ihre Forſcher ſcheiterten an unlösbaren Problemen. = Dies alte Haus lag am Rande des Waldes, in deſſen Mitte ſich das neue Schloß gelagert hatte, und war von der einen Seite nur durch einige mit Gräben umzogene und von einzelnen Baumgruppen bedeckte Weideplätze von der Dorf⸗ oder Landſtraße getrennt, die neben der ganzen Vernachläßigung früherer Zeiten doch eine Art Leben zeigte, da der Ort ſelbſt in Folge mancher Vergünſtigungen ſeiner Herren ſich gehoben hatte. Durch einige Handeltreibende und mehrere Werkſtellen von Handwerkern zeigte ſich hier eine größere Thätigkeit, und die Nachbardörfer, die keine Aufmunterung zu ſolchen Unternehmun⸗ gen erhielten, traten in einen lebhaften Verkehr mit den Be⸗ wohnern von Tein, welche ihnen manches Bedürfniß zu liefern vermochten, was ſie ſonſt aus der entfernteren Stadt bezogen hatten. Nach dieſer Dorſſtraße nun lag die vordere Seite des Hau⸗ ſes; die hintere Seite lag dagegen ganz in den uralten Ulmen⸗ bäumen, die es hier wie ein Gürtel umſchloſſen. Die Ausſicht aus den wenigen Fenſtern reichte hier nur bis in ihre dicht ver⸗ wachſenen Blätterkronen, oder auf die ſchonend gehauenen Wildwege, oder ließ die einzelnen Weideplätze mit ihrem ſchim⸗ mernden, helleren Grün durch die dunklen Stämme der alten Rieſenbäume hindurch leuchten. Auch trug das Haus hier einen noch viel älteren Karakter. Es waren nur wenige Fenſter zu ſehen, und dieſe nicht an der Hauptfront, ſondern in den Thürmen, die das Haus an allen vier Ecken zeigte. Die Haupt⸗ wand aber war von großen Steinmaſſen an einander gefügt und zwar im wunderlichſten Gemiſch, denn der Unterbau, ſchwer und breit austragend, war von ſorgfältig behauenen Granitblöcken, und darüber lagen die Wände in Sandſtein ge⸗ ſchichtet, und Karnieſe und Rundbögen, die auf niedrigen halb hervortretenden Säulen ruhten, waren von Marmor, wiewol jetzt verwittert und vielleicht nie von ſorgfältiger Arbeit und 1* Politur. Dieſe Wand ſchien allerdings die Behauptung zu rechtfertigen, daß hier zuerſt ein Tempel beabſichtigt war, denn ſelbſt die Ausfüllungen zwiſchen den Säulen konnten ſpäteren Urſprungs ſein.] Jedenfalls gehörten aber die vier runden Thürme, die an den Ecken aufgeführt waren, einer neueren Zeit an, denn ſie waren von gebrannten Ziegeln in die Höhe geführt und hatten eine Mauerkrone, wie ſie zuerſt an römiſchen Kaſtellen ſichtbar wurde. Dieſe Thürme nun gaben die Veranlaſſung, daß der am längſten gekannte Name des alten Hauſes, nämlich der der Teinburg, unterging, denn ſeit undenklichen Zeiten horſteten auf den beiden Thürmen, die an der eben beſchriebenen Wald⸗ ſeite lagen, zwei Dohlen⸗Familien, die durch die Länge der Zeit und durch den Umſtand, daß dies alte Haus nie regel⸗ mäßig beſucht und oft eine Reihe von Jahren ganz leer geſtan⸗ den, ein ſolches Uebergewicht erlangt hatten, daß man ihren Bau ſchon aus der Ferne ſehen konnte und ihr Geſchrei oft weit⸗ hin vernahm. So war ihr Beſitzthum unter dem Namen des Dohlenneſtes in der ganzen Gegend bekannt geworden, und als endlich wieder namhafte Beſitzer einzogen, hatte die Ge⸗ wohnheit bereits den früheren Namen ſo verdrängt, daß es nun dabei verblieb, und ſo ſagte Jeder: Herr Thomas Thyrnau ſei ins Dohlenneſt gezogen, als dieſer treue Freund des Grafen von Laey das alte feſte Haus für ſich und ſeine Familie zu einem Sommer⸗Aufenthalt einzurichten verſuchte. Dieſe, durch ihn bewirkte, allerſpäteſte Ausſtattung, die noch jetzt vollſtändig erhalten war, hatte freilich am meiſten die Spuren verlöſcht, welche früher Neugierde und Forſchung an⸗ regten. Deſſenungeachtet behielt das Ganze auch von Innen ſtets ein merkwürdiges und abweichendes Anſehn. Das ganze Haus bildete nämlich einen einzigen viereckigen Raum ohne Zwiſchenwände, und als Stützpuntt ſeiner darüber ruhenden — runden Gewölbe diente ein koloſſaler Pfeiler, der, in der Mitte des Vierecks ſtehend, der Träger dieſes ſchweren Deckengewölbes war. Von ihm, wie von einem Palmbaume, ſtiegen die Zweige des Gewölbes in die Höhe und ließen ſich dann an den vier Wänden auf regelmäßig vertheilte, halb eingemauerte Säulen nieder. Die Höhe des Raumes war bedeutend, und dachte man ſich die Gewölbe ohne die Zugaben, die jetzt die Form verwirr⸗ ten, konnte man kaum anders glauben, als daß er bei ſeiner erſten Beſtimmung dem heidniſchen Tempeldienſte angehört habe. Jetzt war der mittlere Pfeiler bis zu den Gewölben mit Eichen⸗ holz bekleidet, und von ihm aus hob ſich ein Holzgeflecht nach allen Seiten in die Höhe, das ſich anfangs den Gewölben an⸗ fügte, dann aber, wo dieſe ſich rundeten, ſie verließ und in gothiſchen Spitzbogen emporſtieg. Obwol das Eichenholz von der Länge der Zeit zu einer an ſchwarzen Marmor erinnernden Subſtanz verwandelt war, hatte doch der geſchützte Raum die reiche Schnitzarbeit daran wol erhalten, und ſo gab es ein Tage langes Studium, die phantaſtiſchen Bildungen zu ver⸗ folgen, die, wie aus heißen Fieberträumen entſtanden, die ſchauderhafteſten Ungeheuer halb Menſch, halb Thier zwiſchen den lieblichſten Blumengeflechten, der treueſten Nachbildung zahmer Hausthiere oder Waldbewohner, bei kenntnißreicher An⸗ wendung architektoniſcher Ornamente hier aufs kunſtreichſte ver⸗ einigt darſtellten. So hatte die Familie des Advokaten den Raum gefunden, denn mehreres hatten die fröhlichen Jäger, die vor ihnen hier zuweilen gehauſt, nicht bedurft. Doch müſſen wir noch einer großen wohl eingerichteten Feuerſtelle gedenken, welche man damals, als die Grafen von Wratislaw hier raſten wollten, beim Wegräumen eines Berges von Schutt entdeckt hatte, und welche rechts vom Eingang die Mitte der Wand in ziemlicher Ausdehnung einnahm. Der Eingang nun war eine große Thür von Eichenholz mit zwei Flügeln, zu der man von Außen durch einen kleinen Vorbau gelangte, wie man wol an Kopellen findet, worin das Glöckchen wie in einem Schreine hängt und Heilige aufgeſtellt ſind. Auch hier bildete das Kreuz, an welches ſich die Doppel⸗ thüren anſchloſſen, einen kunſtreich geſchnitzten Pfeiler, auf dem die Himmelskönigin ſtand mit der Krone auf dem Haupte und dem Jeſuskinde im Arme; unter den Füßen befand ſich verſil⸗ bert die Sichel des Mondes. Es war eine jener anmuthigen farbigen Holzſculpturen, die hier durch ſchön gelungenen Aus⸗ druck und harmoniſche Färbung ein ſehr anſprechendes Kunſt⸗ werk ward. Die breite Schwelle davor war von ſchwarzem Marmor ſo wie die Pfoſten der Thür, an der— wie herausge⸗ wachſen— das Becken zum Weihwaſſer hing. Das Erſte, was die Aufmerkſamkeit feſſelte, ſobald man über die Schwelle ge⸗ treten, war der Fußboden im Innern, welcher nach ſonderbaren hieroglyphiſchen Formen in ſchwarz und weißen Marmor gelegt, offenbar aus einer Zeit mit den Holzbogen der Decke war. An den Wänden zeigte ſich bis zu einer mäßigen Höhe eichenes Täfelwerk, wodurch der kalte ſteinerne Raum bedeutend wärmer und behaglicher geworden war, und an den drei Wänden der Thür gegenüber liefen vom ſelben Holze Gallerieen herum, an denen auf der hinterſten Wand zwei ſpiralförmige Treppen hinauf führten, deren fein durchbrochene Geländer, wie die der Gallerieen, zu einer Zierde des Raumes dienten. Die Treppen führten zu den Thurmzimmern, die ſonſt nur von Außen durch jetzt verfallene Stufen, die daran gebaut waren, erreicht werden konnten, nun aber für das feinere Be⸗ dürfniß der ſpäteren Bewohner durch dieſe inneren Treppen viel zweckmäßiger geworden waren. Jeder Thurm hatte zwei über einander liegende Räume; im oberen waren die Schlaf⸗ und Gheimzimmer der Herrſchaft, im unteren waren Schlafſtellen 7 für die Dienerſchaft und Gelaß für die wirthſchaftlichen Vor⸗ räthe. Die kleinen Eingangsthüren lagen in dem Täfelwerk verſteckt. Zwei große Fenſter zu beiden Seiten der Hausthür reichten nicht hin, dieſen weiten Raum zu erhellen; aber im Sommer öffnete man noch die mächtigen Flügel dieſer großen Thür und gewann dann Licht genug zu dem leichteren Verkehr, dem dieſer Raum beſtimmt war. Im Winter zeigte man ſich um ſo mehr befriedigt, da der Kamin und die Lampe bald und gern in Thätigkeit geſetzt wurden. Dieſer Kamin, der zugleich der Heerd war, ſpielte eine große Rolle, und in Wahrheit, der kirchenartige Raum des Hauſes, in dem ſein Anſehn behauptet ward, mußte ſo groß ſein, damit ſein oft ſehr anmaßliches Treiben doch faſt unbeachtet vorüber gehen konnte. Sein hoher gemauerter Rauchfang ſtieg bis in die Gewölbe der Decke empor und ihn umbaute die um ihn geſchwungene fortlaufende Gallerie im abenteuerlichen Zu⸗ ſchnitt. Um die Fortſchritte der Küchenherrſchaft etwas einzu⸗ ſchränken, waren Gitter gezogen, die dieſen Raum in einem regelmäßigen Viereck abzweigten und ganz verſchloſſen werden konnten, ebenfalls durch Gitterthüren, gewöhnlich aber nach dem mittelſten Pfeiler zu, der dem Kamin gegenüber lag, ge⸗ öffnet ſtanden. Um den Pfeiler hetum liefen Bänke, und es ſtand davor, nach dem Kamin zu, eine lange Tafel von polir⸗ tem Eichenholz mit dazu gehörenden Stühlen. Dieſer Platz ward jedoch mehr für Wintertage und für die Abendzeit benutzt. Der Hauptruheplatz der Familie war aber linker Hand von der Thür unter dem einen der ſchon erwähnten großen Fenſter. Zwiſchen der Thür und dieſem Fenſter trat eine Wand in den größeren Raum, vielleicht zwölf Fuß weit, hinein. Sie war eben ſo hoch und von demſelben Getäfel, wie das, welches die Wände unzog, und endete in einem zierlich gewundenen Säulchen. Wenig mehr als einen Schirm beab⸗ 8 ſichtigend, bildete ſie durch ihr feſtes Material doch ein kleineres Zimmer, was wieder nach Vorn offen in den großen Hausraum ausmündete. Ein langer ſchmaler Tiſch von köſtlicher Arbeit, mit den ſeltenſten Hölzern eingelegt, ſtand in der Mitte; blanke Beſchläge ließen ſich an den ſchönen Fußgeſtellen und den da⸗ runter weglaufenden Fächern ſehen— um dieſen Tiſch ſtanden zwölf eben ſo kunſtreich gearbeitete Lehnſtühle mit roth ſammet⸗ nen Kiſſen belegt, und den Fußboden bedeckte ein türkiſcher Teppich von großer Schönheit. An dem Fenſter befand ſich in vergoldeten Ringen ein ſchwerer Damaſtvorhang von dunkel⸗ rother Farbe, und in ſeinem Schatten ſtanden in der tiefen und breiten Fenſterniſche leichtere Lehnſtühle und ein kleiner Schrein, in welchem Frauenarbeiten, Andachtsbücher oder die Hiſtorien aufbewahrt wurden, welche die langen Winterabende verkür⸗ zen halfen. Hier verſammelte man ſich zum Frühſtück und Mittags⸗ tiſch, empfing ſeine Gäſte und betrieb die leichteren Arbeiten, bei denen man nicht ganz der Geſelligkeit entbehren wollte. Die Thurmzimmer dagegen waren nach dem Bedürfniß der Familienglieder vertheilt, und wir werden ſie ſpäter kennen lernen. Es war gegen die Mittagszeit, als an dem Heerde, den wir ſo eben beſchrieben, eine wachſende Thätigkeit das Heran⸗ nahen der Tafelſtunde verkündigte. Ein lieblicher Duft verbrei⸗ tete ſich in ſeiner Nähe, und neben ſiedenden Töpfen und Keſſeln drehte ſich der Bratſpieß mit dem zarten Rücken des jungen Reh's, während in kupfernen Gefäßen die fetten Wachteln zwiſchen jungen Kräutern in ihrem eigenen Fette dämpften und eben die Kellen ſich arbeitend rührten, die feineren Back⸗ werke zu bereiten, ohne die eine ſüddeutſche Tafel zu keiner Zeit herzuſtellen war. In dieſem lebhaften Treiben führte eine bejahrte Frau die Oberaufſicht, die durch ihr ſtilles leiſes Weſen um ſich her eine — Herrſchaft übte, die weit von dem gewöhnlichen Verkehr in einer thätig beſorgten Küche abwich. Dabei ſchien es weder Furcht noch Trübſinn, was hier waltete; denn der Knabe, der den Bratenwender beſorgte, ergötzte ſich dabei, indem er bald pfiff, bald mit großer Täuſchung die Stimmen von Vögeln oder von verſchiedenen Hausthieren nachmachte, und zwei Mägde unter⸗ hielten ſich bei ihrer Arbeit, zwar mit leiſer Stimme, doch oft durch lautes Gelächter unterbrochen. Dies Alles ging an der würdigen Dame, welche von Allen Frau Gundula genannt wurde, unbeachtet vorüber. Sie be⸗ wegte ſich ruhig von einem Ort zum andern, rührte hier in einem Topfe oder Keſſel, legte dort das Holz zurecht, blickte in die Schüſſel, in der die eine Magd einen Teig rührte, und warnte die andere, den Fiſch ſorgſam zu ſchuppen. Zuweilen verließ ſie, dazwiſchen das Gitter des Küchenreviers und richtete ihre Blicke auf die kleine Tafel, die unter dem oben erwähnten Fenſter zu drei Gedecken von einem Diener zugerüſtet ward. Hierbei erhob ſie hin und wieder ihre ſonore Stimme zu einigen Worten oder öffnete mit dem an ihrer Seite hängenden Schlüſ⸗ ſelbunde eins der Schränkchen, die in dem Getäfel verborgen waren, um einen ſchönen Pokal oder ein fein geformtes Silber⸗ gefäß zu irgend einem Gebrauch der Tafel dem alten Diener zu übergeben, der mit beſonderer Aufmerkſamkeit ſein Geſchäft zu treiben ſchien. Jetzt ſetzte er noch, mit der größten Sorgfalt bemüht, die Mitte der oberen Tafel zu treffen, das kunſtreich in Silber ge⸗ triebene Salzfaß auf, und nachdem ſein Blick wohlgefällig über jeden Gegenſtand hinweg glitt, rieb er ſich die Hände und nickte vergnügt mit dem Kopfe.. „Ich denk', es iſt nun ohne Tadel,“ ſagte er—„und wenn wir auch nur im Walde hauſen und von den vornehmen Wienerſchen Leuten nichts abſehen können— wir wiſſen doch 10 zu leben, und der Hochmuth kann auch nicht weiter, als Alles haben, was er braucht! und ich denke, hier ſoll nichts fehlen — Alles wohl und genügend ſich finden!“ Er richtete dieſe letzten Worte an Frau Gundula, und dieſe überſah mit ihm die wohlgerüſtete Tafel und nickte ebenfalls wohlgefällig.„Ohne Tadel! ohne Tadel! mein lieber Veit! Alles an ſeinem Ort,“ ſagte ſie dann—„nur daß wir nicht die Flaſchen zu kühlen vergeſſen!“ „Nun, Madame!“ ſagte Veit, ſchon etwas beleidigt— „da hätte Ihr gehorſamer Diener denn freilich die Hauptſache 3 vergeſſen und möchte wohl wiſſen, wie der Herr Doktor Hiero⸗ nymus den Mund ziehen würde, wenn der alte Johannisberger flau wäre.“ „Ja!“ ſagte Gundula—„und der Herr verſteht auch kei⸗ nen Spaß, wenn's einen andern gilt.“ „Der Herr, ja, der Herr, Madame,“— fuhr Veit nach⸗ denkend fort—„heute wird er es merken, wenn der Wein kühl. iſt und Euer Braten ſaftig und die Tafel vollſtändig— aber ſagt ſelbſt— thäten wir's nicht alle Tage zu unſerm eignen Vergnügen, würde er es merken, wenn wir's unterließen!“ „Ich möcht's nicht verſuchen!“ entgegnete Gundula— „das Ungehörige hat er überall ſchnell fort, das Gute aber iſt ihm bequem. Er darf es fordern, es fällt ihm nicht auf, daß es da iſt— warum ſoll er es erwähnen?“ „Ja! ja!“ ſagte Veit—„es muß ſich immer Alles von ſelbſt bei ihm verſtehen, und Alles findet ſeinen Platz. Ißt er — denkt man, er thäte nie Anderes und Lieberes als Eſſen— ſchläft er— o Himmel! ein alter Herr— und ich wollte meine lauteſte Jagdflinte an ſeinem Bette losknallen— er thät wie nach einer Fliege ſchlagen und ſchlief weiter.“ 5„Dafür iſt er auch mäßiger als der jüngſte Mann,“ erwie⸗ derte Frau Gundula—„und wie oft er auch mit dem Leben von Vorne hat anfangen müſſen, immer kommt er wieder oben auf.“ „Ja! er hat ſeine Kräfte alle Tage nöthig gehabt! Er hat viel erlebt, Frau Gundula— und wir Beide mit ihm.“ Gundula ſeufte.„Wenn ich die Tafel zwiſchen ſonſt und heute denke— wie viel Plätze hier leer ſind— ach Veit! als wir nach der langen Trennung hier zuerſt wieder einzogen, da war's mir anfangs, als könnte ich es bei meinem alten Herrn nicht aushalten. Fort wollte ich, weit von ihm fort, um hier dem Schmerz zu entlaufen, all die leeren Stellen zu ſehn, wo meine Engel ſonſt lebten. Aber beſſrer Rath kam von Oben. Mußte er es doch tragen, der gute Herr— und trug es leich⸗ ter, wenn er uns alte treue Diener Alles in die gewohnte Ordnung bringen ſah.“ „Das ſoll wohl ſein!“ erwiederte Veit— er hat aber nicht, ſo wie wir, nur die eine Stelle. Was uns hier fehlt, das fehlt unſerm ganzen Leben. Er aber— fehlt's hier— ſo blieb es ihm vielleicht wo anders. Wo iſt ſeine Heimat— wiſſen wir's. Iſt ſie hier— iſt ſie in Prag— iſt ſie auf dem Schloſſe— iſt ſie gar drüben bei den franzöſiſchen Herren? Wir wiſſen's nicht!“ „Wir wiſſen es nicht,“ wiederholte Gundula—„doch denke ich immer, das iſt des Menſchen Heimat! wo er Weib und Kind anſiedelte und wohin er das trägt, was er lieb hat.“ „Freilich, man ſollte es denken,“ ſagte Veit—„und was Liebes hat er freilich wieder nach Hauſe gebracht. Wie ſie ihrer Mutter gleicht— nicht!“ „Wohl! wohl!“ ſagte Gundula—„ich ſehe Gottes Wun⸗ der. Wer hat ſie's gelehrt— wo hat ſie's abgeſehn? Wenn ſie Gundula ruft, ſo glaube ich, ihre Tante zu hören— der⸗ ſelbe Ton der ſüßen Stimme— wenn ſie niederduckt, daß ich ſuchen ſoll, von welcher Seite ſie ruft— gerade wie ihre 12 Mutter. Die kleinen Füße, wenn ſie die Treppe herunter ſpringt und bei den letzten Stufen ſich an das Geländer hängt und wie ein abgeſchoſſener Pfeil hinunter fliegt, wer hat ihr geſagt, daß es ihre Mutter eben ſo machte? Dann— wenn ſie was haben will, die Augen— wie ſie blitzen von Ungeduld! Sie bittet wohl, aber ſchon wird ſie unruhig und denkt böſe zu werden, wenn man nicht gleich nachgiebt.“ Im ſelben Augenblick flog eine dunkelrothe Nelke wohl gezielt der alten Frau Gundula in das hoch geſteifte weiß leinene Buſentuch.„Marie und Joſeph!“ ſchrie die erſchreckte Frau hell auf— und ein kurzes leiſes Gekicher über ihrem Haupte lenkte ihre Blicke nach der Gallerie empor. Magda's reizender Kopf ſah über das Geländer lachend herüber. „Siehſt Du! alte Verläumderin!“ rief ſie—„da haſt Du Deine Strafe! Ihr beiden alten Böſewichter! da ſteht Ihr und redet von Eurer armen Herrſchaft, daß ihr auch kein gutes Haar bleibt. Wartetz das ſoll Euch heim kommen! Erſt Euren alten Herrn durchgehechelt— und nun ward Ihr bei mir ange⸗ kommen. He? ſollte ich demüthig zuhören, wie viel Sünden Ihr mir auf mein altes Regiſter zuſchriebet? Schämt Euch, Ihr alten Gevattern! Fort! fort an Euren Platz Du, ſieh nach meinem Gebacknen— und Du alter Veit vor die Thür— hinaus mit Dir— es kommen Reiter über die Dorfſtraße, gleich werden ſie herein ſein!“ „Wir gehen ſchon, mein Liebchen,“ rief Gundula entgegen, während Veit dienernd und viel fteundliche Worte murmelnd ſich dem Eingang näherte.„Komm auch bald hernieder, mein Liebchen!“ fuhr Gundula fort—„ſieh nur, wie ſchön wir Dir's hier zurecht gemacht haben.“ „Denkſt Du,“ rief Magda—„ich guckte hier mit blinden Augen? Längſt ſah ich Dein Putzen und Trippeln und Rücken und Streichen— und doch haſt Du's Beſte vergeſſen— Du alter Leichtſinn!“ 13 „Hilf Himmel! was denn mein Püppchen?“ rief Gundula, die Augen forſchend über den Tiſch ſendend. Doch im ſelben Augenblick flog ein ſolcher Regen von Blumen über die Alte her, daß ihr das Sehen verging, und als ſie ſich abgeſtreift und abgeſchüttelt hatte, ſtand Magda ſchon vor ihr und hielt ein zierliches Gefäß von Silber in den Händen, worin die ſchönſten Blumen geordnet waren. „Siehſt Du,“ rief Magda— wenn ich nicht an's Beſte dächte— wo bliebe es dann? Die ſchönſte Tafel, die Du da mit Deinen ſchwerfälligen Geſchirren beladen haſt, iſt todtes Gerüſte ohne dieſes hier. Mitten im Sommereine Tafel ohne Blumen! Fort damit demalten Salzfaß— dahin müſſen meine Blumen kommen!“ „Ach, Du Herzensſchätzchen!“ rief Gundula—„Das haſt Du ſchön gemacht. Sieh! ſieh! was das gut thut, wenn ein junges ftiſches Leben hinzu kömmt, wo ſo alte Leute ſteif und grau mit einander werden.“ „Siehſt Du! Du alte böſe Frau Dwl“ rief Magda, und ſchnell ſchlang ſie beide Arme um ihren Hals und drückte ſie ungeſtüm an ſich.„Alte Verläumderin!“ fuhr ſie fort—„ſag! machſt Du mir heute auch meine Sahnentörtchen?“ „Ja! ja! mein Engel! ſie backen ſchon! rief Gundula, leuchtend vor Freude.„Run ſag' mir nur, Schätzchen— Du biſt doch nicht im Ernſt böſe?“. Magda ſah ihr ſo neckend in die Augen, als ergötze ſie ſich an der Ungewißheit der Alten. Eben wollte ſie ihr ant⸗ worten, da ging die Thür auf, und vor Veit, der die Flügel weit aufriß, trat der Gaſt ein, deſſen Ankunft Magda verkün⸗ digt. Aber nicht der erwartete Pater Hieronymus, der Arzt des Hauſes und der Gegend war es, ſondern ein Anderer; ein Fremder, wie es Allen ſchien. Wer aber, ohne viele Nachfrage, wie es ſchien, geſonnen war, hier Herberge zu nehmen, blieb eine ziemlich ſchwierige 14 Aufgabe zu enträthſeln, da es nicht in ſeinem Plan zu liegen ſchien, ſich ſelbſt bekannt zu machen. Unwirſch ftagte er nach Herrn Thomas Thyrnau, und als man ihm ſagte, er werde zu Mittag erwartet, brummte er etwas Uebellauniges in den Bart und befahl dem alten Veit, ſein Pferd zu beſorgen und ihm einen Becher Wein zu bringen. Veit verneigte ſich und ſagte, der Reitknecht habe bereits das Pferd in den Stall gezogen und der Wein ſtehe zu Befehl. Während dieſer Worte ſchritt die breite muskulöſe Geſtalt des Fremden mit dreiſten Schritten durch den ganzen Hausraum bis zum Tragpfeiler dem Kamin gegenüber, und die Stühle zurück werfend, die ihn hinderten, ſetzte er ſich auf die Bank, die um den Pfeiler herlief, nahm ſeinen runden Jagdhut vom Kopfe, warf ihn auf den Tiſch und ſtemmte dann beide Arme auf denſelben, in die ſtarken Hände von beiden Seiten den Kopf ſtützend. Es lag eine Sicherheit, eine Bequemlichkeit in ſeinem ganzen Weſen, die den alten erfahrenen Dienern, trotz manches Widerſpruches in ſeiner Erſcheinung, doch zu dem Glauben verhalf, ſie hätten es mit einem vornehmen Manne zu thun. Sein kurzer Jagdrock von Brabanter Tuch war zwar ohne Stickerei, aber von der feinſten Qualität; eben ſo war der Hut ohne Treſſen und Federn, aber der Hirſchfänger, den er ſo eben heftig mit ſammt dem Gurte abnahm und zum Hute auf den Tiſch warf, war von koſtbarer Arbeit in Gold, Silber und Elfen⸗ bein, und ein Saum von farbigen Edelſteinen faßte den Rand der Scheide ein. An den großen über die Knie reichenden Rei⸗ terſtiefeln hatte Veit goldene Sporen bemerkt, und Gundula ſah an dem Ringfinger einen geſchnittenen Stein, ebenfalls reich in Gold gefaßt. Als ihm Veit den Becher mit Wein brachte, den er begehrt, zog et die Hände vom Kopfe und zeigte ſein ſtarkes gefurchtes 15 Geſicht, was nach Art der Jäger von Luft, Sonne und ſtarken Getränken, welche zur Jagdluſt gerechnet werden, in dunkler Farbe glühte. Seine Stirn war breit, aber niedrig gebaut, die Naſe kurz und mit dicken beweglichen Nüſtern. Er hatte volle aufgeworfene Lippen, die ſich trotzig in den Winkeln ſenkten, ein Zeichen hochmüthiger Geſinnung. Die Augen lagen tief in beiden Augenliedern und hatten die undeutliche Farbe, die den Stern des Auges mit dem Augapfel verſchwim⸗ men macht. Hier war der ſonſt weiße Grund faſt immer röthlich unterlaufen, der Blick hatte ein ſtolzes Ueberhinfahren; faßte er aber, ſo fühlte man ihn wie einen Stich und fragte ſich, wo man verletzt worden. Sein Haar war ohne Perücke oder Puder, wie die Herren es wohl bei der Jagd trugen, rund um den Kopf gleich lang geſchnitten; es ergraute bereits ſtark und überhaupt mußtemanihnfüreine Mann halten, derüberſechszigJahrezählte. Nachdem er den Becher in einem Zuge zur Hälfte geleert, ſetzte er ihn auf den ſilbernen Teller, den Veit hielt, und ſenkte ſein umherirrendes Auge auf den alten Diener. „Das iſt das alte Dohlenneſt?“ ſagte er dann mit rauher Stimme, und ein heiſeres Lachen entſtellte ihn ungemein nach dieſen Worten. „Ja, Herr!“ erwiederte Veit, und dem Beherzten graute vor dem höhniſchen Ausdruck, der dieſe Worte begleitete.„Das Volk hier umher hat das Haus meines Herrn, ehe er es be⸗ wohnte, ſo getauft. Danach iſt es ſo geblieben.“ „Aber für ein Reſt, denke ich, iſt es ziemlich leer,“ fuhr die höhnende Stimme fort.„Die alte Dohle hat ihre Brut nicht gut beiſammen gehalten und iſt ſelbſt unſtät geworden; ſonſt, will mir ſcheinen, paßt das alte Reſt gut für derlei Kreatur!“ Bei dieſen Worten ließ ſich ein kurzes Dohlengeſchrei hören und der Fremde fuhr nach allen Seiten mit dem Kopfe herum; 16 da es aber ſchon verſtummte und er in den Zügen des Dieners keine Auskunft fand, blickte er mürriſch vor ſich nieder. „Herr, begehrt Ihr noch zu trinken?“ rief hier der alte Veit, dem das Herz vor Unwillen ſchwoll und der es vielleicht ſehr ſtolz fand, daß der ungerufene Gaſt ihn wie einen leib⸗ eignen Diener den Becher halten ließ. Alter Burſch!“ rief der Fremde mit einem zornigen Augen⸗ blitz—„haſt Du Geſchäfte, wenn Du die Ehre haſt mich zu bedienen?“ Da ich nicht weiß, wer meine Dienſte begehrt,“ entgegnete Veit mürriſch, kann ich keine große Ehre drin erkennen. In⸗ deſſen wird es Euch an billiger Höflichkeit nicht fehlen, da Ihr das Gaſtrecht in meines Herrn Hauſe anſprecht.“ Ein kurzes ſpöttiſches Lachen brach aus dem Fremden her⸗ vor.„Gottes Blitz!“ rief er—„alter Narr, Du biſt ſehr herab⸗ laſſend. Nun gieb den Reſt her— ich will den Becher ausleeren auf die blühende Nachkommenſchaft des Herrn Thomas Thyrnau — auf die alten und die jungen Dohlen dieſes Neſtes! Es ſchnitt dem Alten wie Meſſer durchs Herz und traurig ſenkte er den Kopf und ſchwieg, während Jener trinkend über den Becher ihn beobachtete. Doch im ſelben Augenblick ließ ſich das Dohlengeſchrei viel lauter hören, ja! es war, als ob zu gleicher Zeit Mehrere ſich heftig zankten. Anfänglich ſchaute der Fremde wieder umher, dann ſchien er ſich über ſeine eigne Aufmerkſamkeit zu ärgern und fuhr höhniſch fort:„Nun, hab' ich's noch nicht recht gemacht?“ rief er in roh neckendem Tone. „Sag', Alter, wie viel Nachkommen zählt jetzt Dein Herr? Ich denke, er muß Schwiegerſöhne und Enkel in Fülle haben, daß dies ganze Neſt davon voll werden kann.“ „Der Wille des Himmels hat es anders gewollt!“ erwie⸗ derte der Alte düſter—„mein Herr hat wenig von ſeinem reichen Stamme und ſeinem Familienglück übrig behalten.“ 17 „So“— ſagte der Fremde—„kam ein mächtigerer Stoß⸗ vogel unter die junge Brut, vor dem die alte Dohle ſie nicht decken konnte?“ Doch während dieſer Worte ſah er, daß der Diener die Augen nach der Decke erhob, und unwillkürlich folgte er derſelben Richtung und ſah jetzt grade vor ſich auf einer offnen Gallerie, die über dem Rauchfang des Kamins ſchwebte, ein ſo ſchönes, junges und phantaſtiſch gekleidetes Mädchen, daß ihm das Wort ausging, und er erſtaunt mit ſeinen Blicken an der reizenden Erſcheinung haften blieb. Dieſe dagegen ſchien, des Eindrucks ſicher, bemüht, ihn durch ihre ſtolze feſte Haltung noch zu verſtärken. Ihr Auge ruhte zürnend unter leicht zuſammengezogenen Brauen auf dem anmaßenden Gaſte, und ihre Haltung drückte eine ſtumme doch unverkennbare Wichtigkeit aus. Der Fremde erhob ſich, nahm ſeinen Hut und wedelte damit, während er den ſteifen Rücken zu krümmen ſuchte, wie zu einem mißglückenden Gruße. Das Mädchen hob die Hand auf und machte eine ſo ſtolze Bewegung damit, wie etwa Maria Thereſia auf dem Throne ihrer Väter. „Wert wer iſt die Dame?“ ſagte der Fremde eifrig, ſeine Augen unverwandt auf ſie geheftet. „Es iſt die letzte Dohlenbrut, die der Stoßvogel ver⸗ ſchonte!“ antwortete ſtatt des Dieners das Mädchen von Oben herab nit einer ernſten ſonoren Stimme, die den Fremden ſo erſchreckte, daß er zurück fuhr und mit beiden Händen die nie⸗ drige geheimnißvolle Stirn beſtrich, wodurch der eiſerne, an⸗ maßende Mann faſt den Anſchein von Verlegenheit oder Schrecken erhielt. Die Stimmung ſchien ihm fremd; er konnte ſich nicht begreifen; er hob den Blick entſchloſſen zu der Gallerie empor— da ſtand daſſelbe Mädchen noch eben ſo ruhig wie vorher und ihren ſcharfen Angen war die Wirkung ihrer Worte Thomas Thyrnan. II. 2 18 nicht entgangen. Es ſchien ihren Muth zu heben, daß ſie den rauhen Gaſt verblöden ſah. „Nun? wollt Ihr vielleicht der Stoßvogel ſein, der in das Dohlenneſt eindringt, die junge Brut zu vertilgen?“ fuhr ſie fort.„Verſucht's! wenn Ihr Uebung habt und erhebt Euch— denn jetzt ſteht die Dohle über dem Geier! Der offene Kampf wird ſchwer, denn Eure Flügel ſind wohl nicht mehr die geſchwingteſten?“ „Ha!“ rief der Fremde ungeſtüm—„was wagſt Du? Mädchen! Mädchen: welche Sprache!“ Er war glühend roth geworden und die wildeſte Ader, die der Jähzorn gebildet, ſchoß wie eine ringelnde Schlange auf der Stirn hervor. Er hoffte ſie mit ſeinen Blicken zu erſchrecken, aber er ſchoß ſie vergeblich hinauf. Jetzt erſt legte Magda ihre beiden runden Arme auf die bunte Brüſtung des Geländers und ſchaute hinab, wie in ein Schauſpiel, und eine Laune, aus Zorn und neckendem Muthwillen gemiſcht, lockte ſie zur Verfolgung des unbändigen Mannes. „Was meinſt Du, Herr Stoßvogel, daß ich wage? Dachteſt Du, Dohlen hätten keine ſcharfe Schnäbel— könnten ſich vor giftigem Biß nicht wehren? Sahſt Du den Augenblick aus, wo das Neſt leer von dem alten Dohlenvater iſt— und biſt nun verwundert, daß die junge Brut auch mit den Flügeln ſchlagen kann?“ „Wildes, unbändiges Mädchen!“ rief der Fremde zornig. „Hüte Dich, den Stoßvogel zu reizen! Er iſt mächtig genug, ſich zu erheben, und Du— die Letzte der alten verwünſchten Dohlenbrut, wirſt ihm nicht zu hoch ſtehn, Dich zu erreichen; denn Der, den Du höhneſt, hat auf derlei Geſchmeiß einen ſicher erprobten Stoß.“ „Ja!“ rief Magda lachend—„ſo ſiehſt Du aus— und träfe ich den Herrn Stoßvogel im Walde, flöge ich, wo das 19 Rohr am dickſten iſt. Doch hier ſchien es mir Zeit, daß dem Herrn gelehrt würde, er horſte nicht im eignen Neſte, ſondern wo die Dohlen das Regieren und Befehlen haben. He! Fleder⸗ mäuſe und Käuze, meine getreuen Diener, herbei! ſchenkt dem Herrn Stoßvogel noch einmal den Becher voll! Solche hoch⸗ ziehende Herren haben immer Durſt! Auf Wiederſehn!“ Bei dieſen Worten verſchwand Magda und ließ den erzürnten Gaſt in einem Zuſtande zurück, den er ſelbſt nicht deutlich zu faſſen vermochte. Das Mädchen hatte ihn auf eine Weiſe gereizt, als wiſſe ſie die empfindlichſten Stellen ſeines Innern. Er war durch Umſtände, die nur zu mächtig in ſein Leben eingeſchnitten, bis zur Wildheit durch ihr ganzes Weſen erſchüttert worden. Er haßte ſich wegen der Niederlage, die er erfahren, aber er ballte zugleich die Fauſt und drohte ihr nach, als ſie verſchwand. Und dennoch war es ſo unglaublich, daß ſie gerade ſo ihn habe treffen wollen! Es war Zufall, mußte er ſich eingeſtehn. Plötzlich ſprang ſeine ganze Stimmung um, und er fand es höchſt beluſtigend, was hier vorgefallen; ſogleich brach ein lautes rohes Gelächter aus ſeinem Munde und der alte Veit, der ihm ſo eben den zweiten Becher Wein brachte, fuhr erſchrocken zuſammen. „Nun, Herr Kauz!“ rief er—„Deine Herrin iſt eine wilde Hexe, die ihr Neſt gut vertheidigt, und Du ſcheinſt nicht halb ſo viel Courage zu haben.“ „Ich habe ſo viel, als es einem Diener zukommt, Herr! Mit Worten geziemt es uns nicht in den Krieg zu gehn!“ „Geht! Alle geht! ſagte der Fremde verächtlich—„laßt mich in Frieden, ich bin müde und will ſchlafen, bis Euer Herr kommt, dann könnt Ihr mich wecken.“ Hiermit ſchlug er die Arme in einander, zog die Schul⸗ tern in die Höhe und bald trat das unliebliche Schlummern eines von Luft und Anſtrengung erhitzten Reiſenden ein. Sein 2* 20 Athem war ſchwer und dumpf töchelnd, als koche es in der breiten Bruſt, und die Rüſtern ſchnauften, als entlüden ſich durch ſie Rauchſäulen von dieſem glühenden Heerde. Die alten Diener fühlten ſich durch dieſen Gaſt ungemein in ihrer Würde gekränkt. So ungebührlich das Haus ihres Herrn in Anſpruch zu nehmen, ſchien ihnen eine Beleidigung, die ſie um ſo mehr mit Abneigung vergalten, da ihnen keine andere Gegenwehr zuſtand. Aber das kleine Gitter am Heerde faßte ſie nun Alle zuſammen, um ſich ihre Freude auszuſprechen, daß der Liebling Aller, ihre junge Sn ſo muthig einge⸗ ſchritten war. „Das iſt ein Kind,“ ſagte Veit—„immer auf dem Platz! Nichts läßt ſie ſich gefallen, immer kennt ſie ihr und der Andern Recht und hilt es feſt und weiß es zu handhaben!“ „Ja,“ ſagte Gundula—„warum iſt ſie ein Mädchen geworden! Die müßte den Namen des alten Herrn fortpflanzen — da könnte die Welt noch einen Thomas Thyrnau erleben.“ Vom Bratenwender her ertönte ein leiſes Dohlengeſchrei. „Bezo,“ ſagte Frau Gundula—„laß die Thorheiten! Wir ſind, denke ich, Alle froh, daß der Eindringling ſchläft. Wecke ihn nicht durch Dein Gekrächze.“ „Stoßvogel kratzen Augen aus— für Magda“— rief der arme halb blödfinnige Menſch.„Magda, junger Bachſtelz— wie die Sonne hell— alten Stoßvogel würgen!“ Alle lachten.„Seh' nur Eins den Buben!“ ſagte die Großmagd—„da denkt man, er hat ſeine Sinne nicht, und oft weiß man nicht, ob er nicht klüger iſt, wie ein Begabter.“ „Dem ſitzt der Verſtand in ſeinem treuen Herzen,“ ſagte Gundula—„Oft ſchon habe ich bemerkt, daß es ſeine Sinne weckt, wenn er den Namen derjenigen hört, die er liebt— und dann iſt's wieder vorbei, ſo ſchnell wie es kam. Sceht ihn jetzt einmal an, wie mehr als kindiſch, wie 21 ganz blöde er vor ſich hinſtarrt; jetzt iſt der Jagdhund an ſeiner Seite klüger als er.“ Das war eine traurige Wahrheit.— Bezo war eine Waiſe — ein Findling, wie der Krieg ſie oft auf ſeine Straße ſtreut. War es frühere Verwahrloſung, waren ſpätere ſchreckliche Ein⸗ drücke aus den Verheerungen dieſer Zeit, Veranlaſſung— man fand ihn den wilden Thieren ähnlich, von Wurzeln lebend, unter den Bewohnern des Waldes, die ihn duldeten wie einen Gefährten, deren Futter er theilte, unter denen er wie unter ſeines Gleichen ſchlief. Jäger hatten ihn gegen den Winter auf den Futterplätzen entdeckt und nach vieler Mühe endlich eingefangen. Menſchenfreundlich hatten die Bewohner des Dohlenneſtes ihn aufgenommen. Lange dauerte es, ehe er nur die Sprache wiederfand, ehe er es ertrug, unter Menſchen, unter einem ſchützenden Dach, in wärmenden Kleidern zu leben. Nach und nach tagte ſein Bewußtſein; aber, obwol fortgeſetzt gütig behandelt, erhob ſich ſein Verſtand doch nur bis zu den Verrichtungen und Beobachtungen eines klugen Hausthieres. Dennoch war er von Allen geliebt, denn er hatte auch alle Tu⸗ genden dieſer Thiere— anhänglich, wachſam, aufopfernd, unverdroſſen; und ſo bildete ſich bald ein kleiner Kreis für ihn, in welchem er thätig ward und worin, durch das ſich immer mehr entfaltende Bewußtſein des Herzens, ſich oft Blitze eines höhern Zuſtandes zeigten, die, freilich ohne Zuſammenhang, auch nichts in ihm förderten, weshalb man ihn endlich gewähren ließ, erwartend, was er ſelbſt gelegentlich an ſich entfalten würde. Wie alt er ſein mochte, war ſchwer zu beſtimmen. Seine Natur war zurückgedrängt, die Beine ktumm und dünn, die Arme lang und der eine kürzer als der andere. Das Geſicht war gelb, alt und von thieriſchem Ausdruck; dennoch ſchätzte ihn der Arzt jetzt erſt höchſtens zwanzig Jahr und ein Fremder wußte beim erſten Anblick nicht, ob er ein Kind oder einen Greis ſah. Bezo hatte er ſich ſelbſt getauft, denn es war das erſte Wort, das er zum Menſchen zurückkehrend herausſtieß. Dabei war er ein Meiſter im Rennen, Klettern, Springen und außer⸗ dem lernte er manche Geſchicklichkeiten; er ſchnitt zierlich in Holz aus, er putzte die Gemüſe, er ſäuberte und pflegte die Hunde und Vögel, er war unſchätzbar auf der Jagd und ſchoß, als ſei es ihm angeboren, mit einer Schärfe des Blicks und einer Schlauigkeit der Berechnung, daß ihn kein indianiſcher Wilder hätte zu übertreffen vermocht. Dagegen liefen Magda's Be⸗ mühungen, ihn leſen zu lehren, ſchlecht ab; er ſah ſie immer ſtarr an und lachte wie ein Wahnſinniger zu ihren Bitten, ihr zuzuhören. Doch hatte ſie ihm einige Gebete beigebracht, die er zuweilen herſagte, wenn er ſie ſah, und regelmäßig jeden Morgen und Abend auf ſeinem Lager. Sie hoffte, er habe durch ihr Bemühen eine Ahnung von dem höchſten Weſen, wozu Alle liebevoll ſchwiegen, obwol es den Meiſten ſchien, daß er Magda für das hielt, was ſie als erwachendes Bewußtſein für die Güte Gottes auffaßte. Seine Liebe zu ihr war die entwickeltſte Erſcheinung in ihm, und da Magda ſie nicht ahnte und in ihrem menſchen⸗ freundlichen Eifer ſeine Erziehung im Sinne hatte, fehlte es nicht, daß ſich ihren Bemühungen oft überraſchende Zeichen er⸗ weckten Bewußtſeins zeigten. Er hatte ſie bei ihrer Anweſen⸗ heit immer im Auge, ja er nahm ihre Nähe mit einer Schärfe der Sinne wahr, die über die Verrichtungen des Gehörs und Auges gingen, und zeigte ihre Annäherung immer durch eine ſeiner neckiſchen Nachahmungskünſte an, ent⸗ weder durch das Nachſingen eines Vogels oder durch Bellen und Miauen. Er, der ihren Bedürfniſſen ſo fern ſtand, erkannte oft Beziehungen, die ihr läſtig oder hinderlich werden konnten, mit einer inſtinktartigen Schärfe, und die Art, mit der er ſich anſchickte, ſie davon zu befreien, belehrte erſt 23 darüber, daß ſein Geiſt ſelbſt eine gewiſſe Liſt und Schlauheit entwickeln konnte. Doch waren alle Verſuche dieſe Entwickelung, die Magda in ihrer Gewalt hatte, auf andere Gegenſtände zu übertragen, vergeblich! Für die übrige Welt blieb er taub und blödfinnig, und ſeine Treue, Güte und Unſicht erhob ſich, wie geſagt, nicht über die eines gelehrigen Hausthieres, wozu noch nach Magda's Entfernung jeder Zeit eine höchſt trübe Periode ein⸗ trat, in der man ihn zwingen mußte zu eſſen, um ihn gegen Verhungern zu ſchützen, und wo das Aufblitzen intelligenter Kräfte völlig wieder zurücktrat. Auch jetzt war er wieder in die gleichgültige Ruhe verſenkt, aus welcher er dann nur durch Magda zu wecken war, und dieſe hatte ſich auf die Plattform ihres Thurmzimmers zurückgezogen; ſie beobachtete den Weg, den der Großvater kommen mußte, und den ſie über die Wipfel des Waldes hinweg ein Stück in das Dorf hinein von dort aus verfolgen konnte. Jedoch ſah ſie den Erwarteten nicht; ſtatt ſeiner aber den Pater Hierony⸗ mus, den alten Arzt, ihren Reiſegefährten. Seine Ankunft war ihr ein Troſt; denn unheimlich hatte ſie der fremde Gaſt aufgeregt, und trotz dem, daß ſie ihn ſo mit all den kleinen Wortgeſchützen, die ihr zu Gebote ſtanden, angegriffen hatte, fühlte ſie doch keineswegs— und vielleicht eben darum nicht, weil ſie ſich zu Anfang gleich ſo verſchoſſen hatte— eine große Sicherheit, und ſie lief daher die kleine halsbrechende Treppe, die, in ganz rohe Stufe gehauen, ſich von Außen her um den Thurm herumzog, eilig herab, und durch den Wald einen Sei⸗ tenweg nehmend, erreichte ſie das Maulthier des guten Hiero⸗ nymus, ehe er ſich dem Vorplatz des Hauſes nähern konnte. Bei ihrem Anblick ſtieg der Alte ſogleich von ſeinem Sattel, und dem Maulthiere die Zügel überwerfend, ſicher, daß es allein den bekannten Stall finden werde, folgte er ſeinem 24 geliebten Pflegling durch einen kleinen Waldweg, der ſie der Beobachtung entzog. Hier erzählte ihm Magda in fliegenden Worten von dem unheimlichen Fremden und ihrer Neckerei mit ihm, und begehrte, er ſolle jetzt voran gehn und ihn ernſtlich fragen, wer er ſei und was er wolle. „Aha! meine Tochter!“ ſagte der Arzt lachend—„bei aller Keckheit fürchten wir uns jetzt ein wenig und wollen lieber im Hinterhalt bleiben, nachdem wir anfangs ſo muthwillig geplän⸗ kelt haben.“ 5. „Du magſt ſagen, was Du willſt,“ rief Magda—„Furcht iſt es nicht! Ich könnte jetzt zu ihm gehn, ihn aufrütteln aus ſeinem bärenhaften Gegrunze— ich kännte ihm ſagen, wie widerwärtig, wie bös, wie gottlos er mir vorkommt— ich könnte ihm Vorwürfe machen— und da ich nicht weiß, worüber, weshalb— ſo würde ich ihm Vorwürfe machen, daß er über⸗ haupt lebt— und wenn ich mir denke, er führe auf mich los wie ein wildes Thier, ſo lache ich vor Trot, denn ich wollte ihn doch treffen und ihm gebieten, dünkt mir!“ „Und doch ſoll ich es für Dich thun, doch bleibſt Du im Rückhalt! Der große Muth ſitzt alſo doch wol nur in Deiner kecken Einbildung?“ „Nein, Hieronymus! Du biſt alt und mußt Jedem Rede ſtehn, dem Guten wie dem Sünder, das hat Dich Dein Amt gelehrt. Du kannſt es eher thun! Ich— nun ja— ich bin mir zu gut dazu— ich fühl's, wie eine Befleckung mit ihm— ich fühl' ein Grauen vor ihm. Das iſt nicht Mangel an Ver⸗ trauen zu meinem Muthe, das iſt, daß ich ihn meines Muthes nicht werth halte!“ Hieronymus lachte laut auf und ſein väterliches Auge ſtreifte den Liebling mit Wohlgefallen.„Mädchen,“ rief er— Dein Verſtand hat Schliche! da kommt ein Anderer nicht nach. Aber Du machſt Dir Alles zurecht, wie Du's brauchen kannſt 25 — gieb Acht, da keiner die Erziehung bei Dir übernommen hat, wird das Leben ſelber kommen und wird Dein Lehrmeiſter werden.“ „Das glaube ich ſelbſt,“ ſagte Magda ernſt— und ich warte darauf, denn was Anderes lenkt und beugt mich nicht. Es möge aber nur kommen; ich habe immer die Gedanken, daß ich darauf eigentlich warte.“ „Behüte Dich Gott,“ ſagte Hieronymus— und lenke Dein Herz, daß es nicht in eitlem Selbſtvertrauen verhärtet. Mädchen! Mädchen! Du haſt ein ſtolzes fündhaftes Vertrauen auf Deine Kraft; das iſt aber der Stab, der zuerſt bricht oder Dich an Abgründe und ſchwindelnde Höhen hinlockt, wo der Untergang Dir gewiß iſt.“ „Du thuſt mir bitter Unrecht, Hieronymus!“ rief Magda und faltete ihre Hände über die Bruſt zuſammen.—„Was Du Selbſtvertrauen nennſt, iſt nichts Anderes als Vertrauen zu Gott, um Heß Willen ich den inbrünſtigen innern Trieb fühle zu leben, ſo recht wie es fein Wille iſt. Das kann ich nicht ohne ſeine Hülfe, darum kommt mir meine Seele vor, als läge ſie immer in meinem geheimſten Innern vor Gott und bäte ihn, nit ihr zu ſein! Dieſer vor Gott betenden Seele thue ich aber nie genug, nie das Rechte— wie ſollte mir alſo Selbſtvertrauen kommen? Hörſt Du es wohl? Selbſtvertrauen iſt es nicht! Aber Vertrauen, daß alles, was das Leben thun kann— ein Grashalm unter meinem Fuße wird, wenn Gott mit mir iſt.“ „Das iſt ſo übel nicht,“ erwiederte Hieronymus und ver⸗ barg ſeine Rührung unter gleichgültigem Weſen.„Beten iſt freilich die einzige Hülfe— und ſo laß denn nur Deine Seele vor Gott liegen; nimm Dich aber in Acht, daß Magda ſie da nicht liegen läßt und indeß was Anderes thut.“ „Ja, Du haſt Recht, Hieronymus! Magda thut oft ganz was Anderes, als die Seele will, die vor Gott liegt. Ich 26 höre ihren Ruf— ich fühle, ſie weint— und ich ſtehe ganz verhärtet dabei und ſehe zu, wie ich mich von ihr getrennt habe. Das iſt dann ordentlich ſchrecklich! Ich richte meine Augen ſo angſtvoll darauf hin, und kann doch nicht wieder mit ihr zu⸗ ſammen kommen— und ſehe, wie ſie ringt und kämpft, um ſich mit mir zu vereinigen, und wie ich leblos, todt, eine bloße leere Hülle, athmend ohne Leben, davor ſtehe! Das dauert oft ſeine Zeit— dann hat ſie mich doch endlich los gebeten— mit eins geſchieht das Wunder— ich bin wieder mit ihr ver⸗ einigt und ſie iſt dann voll göttlichen Odems— und mir ſchwillt von unausſprechlicher Seligkeit die Bruſt. Ich ſtürze dann hin in meinem Glücke und dann betet Magda oder die Seele— das iſt dann gleich— aber es iſt ein Jubel von Dank, was ich bete! Was denkſt Du, Hieronymus? Glaubſt Du, daß das Selbſtvertrauen auf dieſem Wege wächſt? O ſo klein wird es— ſo klein! wie dies Würmchen, welches unter dem Mooſe vor⸗ kriecht, um ein wenig Sonne zu erhaſchen.“. „Nun,“ ſagte Hieronymus—„immer habe ich gedacht, Gott bliebe ſelbſt den Irrthümern gnädig, mit denen die Men⸗ ſchen ſich oft belaſten, um den Weg zu ihm anzutreten. Gläube an ihn— ſo wird er Dein Warten nicht trügen.“ Sie waren tiefer in den Wald eingedrungen, als ſie gewollt.. Jetzt hatten ſie einen um ſo längeren Rückweg; Hieronymus ging wegen der Mittagsſtunde langſamer und Magda war ſtill geworden und trieb auch nicht zum ſchnelleren Gehen. Daher kam es, daß, als ſie ſich dem Hauſe näherten, ſie erfuhren, der Herrſei ſchon eine Zeit lang zurück und wünſche allein zu bleiben, und als ſie an der Hausthür vorüber gingen, ſtanden die Flügel derſelben beide geöffnet, wie es Thomas Thyrnau liebte, und man ſah ihn an der Seite des Fremden lebhaft redend im Innern auf und nieder wandeln. — 27 Kaum war ein größerer Kontraſt zu denken, als beide Männer, die vielleicht im Alter wenig unterſchieden waren. Thomas Thyrnau war freilich eben wie ſein Gaſt das Bild der Männlichkeit, aber es war nicht wie bei ſeinem Gefährten, das der rohen Kraft, der Ausdruck unbeugſamer Leidenſchaft. Tho⸗ mas Thyrnau war größer als der Fremde, kräftig und breit in Bruſt und Schultern gebaut; wenn aber der Fremde auch ſtarke wohlgebaute Beine hatte, waren ſie doch durch Vernachläſſigung oder vom vielen Reiten gekrümmt und ſein Gang hatte die un⸗ gleiche Bewegung, welche davon entſteht. Im Gegentheil waren bei Thomas Thyrnau Bein und Fuß von vollkommen eleganter Haltung; ſein Gang hatte eine militäriſche Genauigkeit; er ſchritt weit aus und ſein Kreuz wie ſeine ganze Geſtalt war ge⸗ rade und feſt gebaut. Dabei ließ er jedoch gern den Kopf etwas auf die Bruſt ſinken und trug— wie auch eben jetzt— beim Gehen gewöhnlich die Hände gefaltet auf dem Rücken. Sein Haar war zurückgeſtrichen und fein gepudert; es erhob ſich ein wenig toupirt an den Schläfen und war in einemkleinen ſchwarz ſeidenen Catalion im Nacken zuſammengefaßt. Niemals wäre Thomas Thyrnau auf irgend einem Platz der Erde zu überſehn geweſen. Wo er erſchien, erregte er Aufmerkſamkeit, und un⸗ willkürlich richtete man auf ihn die Blicke, wenn man ſprach und etwas Wichtiges zu ſagen glaubte. Er war immer unge⸗ ſucht, doch elegant gekleidet und trug auch heute einen vollſtän⸗ dig wohlerhaltenen Anzug von dunkler Farbe, den Sammet ſeines Rockes mit einer feinen Goldſtickerei eingefaßt. Sein Geſicht war bis auf eine grade edle Naſe weder regelmäßig noch ſchön; aber ſeine feurigen ſchwarzen Augen, die unter ſtarken weißlichen Augenbrauen hervorleuchteten, beherrſchten ſein Ge⸗ ſicht ſo, daß man dem Uebrigen wenig nachfragte. Seine Farbe war ſehr dunkel, nur die Stirn war merklich weißer; ſie trug vorzüglich den Stempel einer ungemeinen Kraft, hatte in der 23 Mitte den antiken Spalt und die Furchen, die wir an der Ju⸗ piterſtirn kennen lernten— wogegen der Untertheil des Geſichts, wenn es ohne Aufregung war, eine große Güte und eine Jo⸗ vialität ausdrückte, die dann in den Winkeln der Augen ein eigenthümliches Zwicken erregte und dieſe Feuerbälle umwan⸗ delte, als wären ſie nur zum Lachen da. Dieſe Eigenthümlichkeit trat in dem Augenblick, wo er an der Seite des Fremden auf und nieder wandelte, nicht hervor. Heftig ſchritten ſie beide hin und her; die Stirn von Thomas Thyrnau war gefurcht und ſein Mund trat leidenſchaftlich vor; doch bot er einen milden Anblick gegen den Fremden, den tobende Empfindungen ganz zu zerreißen ſchienen. „Welch' ein Recht könnt Ihr haben“— führte der Fremde das angefangene Geſpräch weiter—„gerade jetzt Euch von der entſchiedenen Mitwirkung loszumachen, da der günſtigſte Augen⸗ blick da iſt? Ueberall brennt das Feuer unter der Aſche— Preußen rüſtet— ſeine Abſichten ſind unverkennbar und geben der Kaiſerin in Schleſien vorläufig genug zu thun. Auf keinem Punkte iſt es ſicherer. In Italien ſtehen eben ſo viel verletzte Intereſſen als Staaten, und Oeſterreichs Kampf mit Spanien ſucht immer dort das Schlachtfeld. Beide hoffen daſelbſt ihr Reich zu befeſtigen und verſchlingen die kleinen Staaten, die ihnen im Wege liegen, wenn ſie zu ſchwach ſind, Widerſtand zu leiſten. Aber dafür laſſen ſie auch lauter rauchende Krater hinter ſich, und dieſe Eroberungen müſſen bewacht werden und theilen die Kräfte. Denkt an Genua und an den fünften De⸗ cember 1746— und ſo iſt es überall! Holland und England — die Kaiſerin in ihren Anſprüchen beſchränkend und bedro⸗ hend ſtehen beide hungrig vor den Niederlanden, und die Ant⸗ wort möchte ihr jetzt ſchwer werden, was ſie— wenn es losbricht — zuerſt feſthalten will! Da braucht ſich ihr alter Feind— Frankreich— nicht mehr zu geniren, wenn er das thun will, 29 was ihm gefällt— ſo denke ich! Wie könnt Ihr mir alſo ſagen, dies hochſinnige Unternehmen ſei in Richts zerfallen? Was habt Ihr mir zu antworten auf den Zuſtand der Politik, den ich Euch kurz und bündig dargelegt?“ „Daß er ein etwas veraltetes Ding iſt und für die Zu⸗ ſtände der Gegenwart nur wenig paſſen will“— erwiederte Thomas Thyrnau.„Ihr habt die Verhältniſſe von 1748, wie ſie nach dem Aachener Frieden waren, theilweis recht gut in Eurem Kopfe aufgenommen. Dabei ſeid Ihr aber ſtehn geblie⸗ ben, und indeſſen hat unſer großer Kaunitz einen Umſchwung in der Politik bewirkt, der die Hälfte dieſer Kombinationen auf⸗ hebt. Bald, hoffe ich, werden wir die theuren überſeeiſchen Nachbarn nicht mehr nöthig haben— alsdann werden die Engländer ihre deutſchen Beſitzungen gegen Frankreich zu ſchützen haben— und Holland wird ohne dieſen Alliirten nicht mehr in Rede ſtehn!“ „Halt! halt!“ unterbrach ihn der Fremde, indem er ſtehen blieb und ihn wild anſah— welch' tolle Anſichten bringt Ihr da zur Sprache, und was für Gründe habt Ihr, mich hier mit Euren unhaltbaren Träumen zu foppen, Herr? Denkt Ihr, ich bin von Sinnen?“ „Ueber ſolchen Zuſtand eunube ich mir ſelbſt in den drin⸗ gendſten Fällen kein entſchiedenes Urtheil,“ erwiederte Thomas Thyrnau mit kalter Ironie, indem er die Hand des Fremden von ſeinem Aermel ſchüttelte—„doch über das, was ich Euch ſo eben mittheilte, wird bald ganz Europa mit Euch erſtaunen, und ehe es ſich in den neuen Zuſtand findet, wird manches von Seiten der klugen Kaiſerin geſchehen ſein, was ihren Vortheil ſichert.“ „Und wenn dieſer tolle wahnſinnige Gedanke wahr iſt,“ ſchrie der Fremde—„was hindert das uns? Habe ich mit Feiglingen— mit Wortbrüchigen zu thun— die um dieſes 30 Mährchens willen den lang genährten, wohl vorbereiteten Plan, den vieljährige Anſtrengungen fördern halfen— in Nichts zer⸗ fallen laſſen? Denkt Ihr, daß ſelbſt ein ſolcher Umſturz alter, bewährter Politik, zu etwas Anderem dienen könne, als die Abſichten zu verdecken, die Frankreich deſto entſchiedener auf Böhmen richten wird?“ „Jeder legt ſich die Politik des Tages nach ſeiner Eigen⸗ thümlichkeit aus,“ ſagte Thomas Thyrnau—„der Eine ſieht in Allem das Mittel zu neuen Betrügereien, der Andere glaubt an die Heiligkeit der Verträge. Ich gehöre zu den Letzteren und halte die Sache, die Ihr betreiben wollt, auch von franzöſiſcher Seite für aufgegeben.“ „Aufgegeben?“ höhnte der Andere—„aufgegeben? Ihr, der Ihr in dem Boudoir der Marquiſe Pompadour Eure Reve⸗ renzen machtet, ſprecht von dem Aufgeben eines Planes, den einmal dieſer Kopf erfaßte?“ „Vielleicht,“ fuhr Thomas Thyrnau kalt fort—„viel⸗ leicht begreife ich, gerade weil ich ſie kenne, ſo gut, daß es nur einer Wendung der Dinge bedarf, wie ſie jetzt eingetreten iſt, und von der ſie ſich größere Befriedigung verſpricht, als ſie von unſern früheren Plänen hoffte— um zu wiſſen, daß ſie ſchneller als ſie einen Kopfputz mit dem andern wechſelt, ſo auch ihre Politik wechſeln wird.“ „Pah!“ rief der Fremde—„lehrt mich die Weiber nicht kennen. Wäre Maria Thereſia ein Mann, ſo wollte ich Euch glauben; aber daß ein Weib— und wenn zehnmal Kaiſerin— ſich anmaßt, ihr gegenüber ihr Reich regieren und vertheidigen zu wollen, während ſie auf ſich allein die Blicke Europa's ge⸗ richtet ſehen will— daß dies Weib Kaiſerin und ſchön iſt, geiſtvoll und toll genug, ſelbſt ihrem Manne getreu zu ſein, das ſind Alles Beleidigungen, die ſie ihr nicht vergeben wird, ungerechnet— was allein entſcheidend wäre— daß dies Weib 31 mit Verachtung auf ſie herab ſieht, ihren Einfluß leugnet, und ihm nichts zu danken haben will— wenn das Alles ein ſünd⸗ haftes Weib einer Prüden vergiebt, dann ſollt Ihr Recht haben und ich Unrecht!“ Trotz des zornigen Lachens der Herausforderung, womit dieſe Rede geſchloſſen ward, ſtörte ſie Thomas Thyrnau in ſeiner Ruhe nicht.„Freilich,“ ſagte er, nachdem der Fremde ausge⸗ lacht—„ſo mußte es kommen! Eine Verſöhnung dieſer beiden Feindinnen wird nothwendig ſein, um den franzöſiſchen Wider⸗ ſtand zu beſiegen; und dieſe zu vermitteln, kann nur dem klügſten Staatsmann, dem wahrſten Patrioten gelingen. So etwas würde nur Kaunitz vermögen— das iſt unbezweifelt.“ „Kaunitz eine Verſöhnung zwiſchen Maria Thereſia und der Marquiſe von Pompadour? Ha! iſt dieſer feine glatte Hof⸗ mann auch Alchymiſt? Hat er ein Elixir gebraut, welches dieſe widerſtrebenden Elemente bindet?“ „Und dennoch wird dies nicht unmöglich ſein!“ erwiederte Thomas Thyrnau. Der Fremde bekam einen Ausdruck, der von einer Stim⸗ mung zeugte, wie er ſie gewiß nur ſelten kannte. Es war ein völliges Verdummen! Die kleinen Augen ſchienen aus dem Kopfe zu treten, der breite Mund blieb geöffnet und er ver⸗ mochte nicht weiter zu gehn. Dieſer Ausdruck ging aber bald in einen ihm natürlicheren über; er bog ſich vor und ſah einem gehörnten Thiere nicht unähnlich, welches der inneren Wuth durch ein Niederrennen ſeines Gegners los werden will. Tho⸗ mas Thyrnau wandte ſich von ihm. Es ſchien, der widrige Anblick verletze ihn, und er ſah umher, als wolle er indeſſen etwas Anderes thun. „Halt!“ rief der Fremde—„ſteht mir Rede. Sagt— wollt Ihr damit ausdrücken— die Kaiſerin habe ſich mit der Marquiſe Pompadour beteits verſöhnt?“ „Macht Euch Eure eigenen Schlüſſe!“ ſagte Thyrnau oben hin. „Wißt Ihr, daß dies eine Beleidigung der Kaiſerin iſt,“ rief der Fremde,„die Euch ein lebenslängliches ſicheres Plätz⸗ chen in irgend einer Citadelle verſchaffen kann? Und,“ fuhr er fort, da der Advokat blos achſelzuckend an ihm vorüber ſtreifte—„wißt Ihr, wofür ich Eure Erzählung halte? Für einen ausgedachten Theaterſtreich, mich mit der Pritſche von der Bühne zu vertreiben!— Ihr habt— wodurch weiß ich nicht— an unſerm Unternehmen die Luſt verloren, und nun ſoll es nicht gehen können! Jetzt habt Ihr ſo viel Gründe da⸗ 5 gegen, wie früher dafür! Denn wenn Ihr es noch wolltet, ſo glaube ich, zwänget Ihr die Pompadour, Wort zu halten, ſelbſt wenn Euer Mährchen wahr wäre.“ „Denkt von dem, was Ihr mein Mährchen nennt, wie es Euch beliebt,“ erwiederte der Advokat gleichgültig.„Die nächſte Zeit wird mir die Mühe erſparen, Euch weiter zu antworten. Was aber meine Meinung über die Sache ſelbſt betrifft, ſo habt Ihr Recht— ich habe meine Anſichten geändert, ich habe die Pläne aufgegeben, für deren Erfüllung ich gelebt. Und wißt Ihr, wer dieſe Umänderung bewirkt? Maria Thereſia ſelbſt, meine erhabene Monarchin!“ „Ach,“ höhnte der Fremde—„ alſo dort habt Ihr En⸗ trée gefunden! Das Boudoir der franzöſiſchen Maitreſſe habt Ihr mit dem Boudoir der deutſchen Kaiſerin vertauſcht? Seht Euch vor— ſeht Euch vor, daß der Boden Euch dort nicht zu glatt wird— und dies könnte bald der Fall werden, wenn man erführe, von woher Ihr kommt.“ „Ich denke, eben daher, wo auch Euer Gnaden ſo lange wa⸗ ren,“ ſagte Thyrnau kalt—„ſchwerlich wird zu erweiſen ſein, daß ich allein dort war— und Euer Gnaden werden mit zu den Ueber⸗ raſchungen gehören, welche die Kaiſerin jberhaupt erfahren wird.“ 33 „Herr!“ rief der Fremde wild—„vergeßt nicht, mit wem Ihr ſprecht. Zu lange ſchon, denke ich, erdulde ich Euer übermüthiges Betragen— es muß zu Ende gehn— Ihr vergeßt Euch.“ „Wollte Gott, ich vergäße mich“— rief hier plötzlich Thomas Thyrnau mit einer Energie, vor welcher ſelbſt die auf⸗ brauſende Wuth ſeines Gegners zuſammen fiel—„oder ich könnte vergeſſen, vor wem ich ſtehe. Erinnert mich nicht da⸗ ran! Ihr habt dieſe Schwelle ohne meine Einwilligung über⸗ ſchritten— ich weiß, daß Euch dies Dach ſchützen muß, ſo lange es über Euch iſt— aber reizt mich nicht— ich bin ein Menſch— ein tief gekränkter Menſch— und bin's durch Euch!“ Seine Stimme, die ſich in höchſter Heftigkeit und Kraft zu An⸗ fang erhoben hatte, erſtarb gegen das Ende der Rede zu einem kaum verſtändlichen Gemurmel. Und dennoch veränderte ſich die dunkle Glut auf dem An⸗ Leſichte des Fremden zu einer grauen, ſtreifigen Bläſſe, und er ſtund dem zürnenden Ankläger nicht ſtill, ſondern rannte wie gejagt vor ihm auf und nieder, während Thomas Thyrnau feſt ſtehen blieb und mit dem Ausdruck höchſten Schmerzes in die Ferne ſtarrte. „Alſo auch Ihr,“ rief der Fremde endlich mit unſicherer Stimme—„auch Ihr glaubt dem böſen Leumunde, den ein ungerathener Sohn, den Gott richten wird, über den Vater auszubreiten wußte? Ich weiß, was Ihr ſagen wollt— aber Ihr vergeßt, was ich ſagen könnte. Anzuklagen wagt Ihr; aber das überſeht Ihr, was ich, der Vater, der Fürſt, erlitten — welche Beleidigungen ich zu rächen hätte.“ „Um Gotteswillen rührt die Vergangenheit nicht auf!“ ſchrie Thomas Thyrnau, und ſeine Stimme klang wie ein Don⸗ ner, der dem Blitze folgt, der über unſerm Haupte zündet. „Jetzt halte ich die Erinnerung daran nieder, um Eure Nähe Thomas Thyrnau. II. 3 34 ertragen zu können— weckt ſie nicht oder Ihr verlaßt nicht lebendig dieſes Haus.“ Der Andere warf einen Blick zu den offenen Thüren hinaus, als ſuche er eine dienſtwillige Hand— als frage er— ob er hier wirklich allein ſei— denn es mochte etwas in ſeinem Geiſte erweckt ſein, was ſeine Kraft lähmte, der er ſonſt ſchon geneigt war zu vertrauen.— Auf dem kurzen grünen Raſenteppich, der vor den Thüren ausgebreitet lag, und auf welchem nur der leichte Mittagsſchatten der einzelnen großen Eichen ruhte, ſah er das ſchöne Mädchen, das an der Seite eines alten Mannes in einiger Entfernung wandelte und jetzt, von der Stimme des Großvaters aufgeſchreckt, wie ein flüchtiges Reh dem Hauſe zu⸗ flog. Beide ſahen ſie daher eilen, und wie verſchieden auch ihr Gefühl war, Beide wollten ihre Gegenwart nicht. Aber die Stimmung war zu leidenſchaftlich, um es auf geignete Weiſe zu bewirken. „Fort! fort!“ rief Thomas Thyrnau, mit vor Heftigkeit bebender Stimme—„wie kannſt Du es wagen, hier einzu⸗ dringen, da ich befohlen, allein bleiben zu wollen.“ „Befiehl Du, was Du willſt,“— rief dagegen Magda und ſtürzte an ſeine Bruſt—„ich laſſe Dich nicht! Denn er wagt es, Dich zu kränken, und wenn Du ihn nicht fortſchickſt, ſo will ich es thun.“ Sie wandte den Kopf, der von Unwillen ſtrahlte, ſie hob ſich und ihre Hand ſtreckte ſich abwehrend gegen ihn aus. „Geh! geh! Du finſtrer Geiſt— wer Du auch biſt, Du haſt Antheil am Böſen! Fort mit Dir von hier, wo mein guter Großvater iſt.“ Dieſer war in ihren Armen wie verſtrickt. Faſt unſanft machte er ſich von ihr los.„Mein Herr,“ ſagte er mit ge⸗ preßter Stimme—„machen Euer Gnaden dieſer Scene ein Ende— ich bitte. Einzuſehn iſt bald, uns kann nicht lange 35 daſſelbe Dach decken, aber ich bitte jetzt noch— daß Euer Gnaden mich verlaſſen!“ Doch Jener ſtand und ſtarrte Magda an. Dann ſagte er, als habe er von Allem, was um ihn her vorging, nichts ver⸗ nommen:„Wer— wer iſt das? Iſt doch Eins übrig geblie⸗ ben? Biſt Du ihre Tochter?“ „Entferne Dich, Magda!“ rief ihr Großvater mit einer ſo ernſten und ruhigen Würde, daß ſie nachgab und ſchaudernd an dem unheimlichen Gaſt vorüber aus dem Hauſe eilte. Als ſie fort war, kehrte dem Fremden die Beſinnung zurück. „Ich will wiſſen, wer dies Mädchen iſt,“ rief er mit wiederkehrender Brutalität in Ton und Weſen.„Wen nährſt Du hier in der Stille? Welche Pläne haſt Du mit dieſem Mäd⸗ chen? He, alter Sünder, bekenne.“ „Ihr ſeid von Sinnen,“ rief Thomas Thyrnau mit Ueber⸗ legenheit,„und ich will die Blößen, die Ihr gebt, nicht benutzen, wie ich könnte. Aber noch einmal— unſer Zuſam⸗ mentreffen muß hier ein Ende haben! Euer Gnaden kennen meine unumſtößliche Meinung. Die Pläne, die uns einſt ver⸗ einigten, ſind in Nichts zerfallen— ſie ſind unmöglich durch die politiſche Stellung des Augenblicks— ſie ſind es noch mehr dadurch, daß ſie unnöthig geworden ſind. Wir haben alfo nie wieder eine gemeinſchaftliche Berührung— merkt Euch dieſe meine Erklärung, dann will ich verſuchen, Euch zu vergeſſen.“ „Aber ich— ich werde Euch nicht vergeſſen! Ich werde dieſes Tages— dieſer fortgeſetzten Beleidigungen gedenken und mich rächen— das ſchwöre ich Dir und mir! Und was Du auch im Schilde führen magſt mit dieſem Mädchen— ſei ſicher, ich werde Dich heraus finden— und zweifle nicht, ich werde WVittel haben, ſie zu zerſtören.“ „Ich zweifle nicht,“ erwiederte Thomas Thyrnau—„denn Ihr habt es bewieſen, daß Ihr vor keinem Mittel zurückbebt.“ 3* 36 Noch einmal hob der Fremde drohend die Fauſt gegen ihn auf— dann ſtürzte er in wilder Haſt zur Thür hinaus. Pater Hieronymus hatte, längſt das Ende dieſer Unter⸗ redung vorausſehend, das Pferd des Fremden herbei bringen laſſen. Der Reitknecht führte es ihm jetzt entgegen. Thomas Thyrnan, obwol bleich und von dem innern Streite verändert, folgte ihm doch mit der Ueberwindung und Ruhe, die er dem Gaſtrecht glaubte ſchuldig zu ſein, und blieb ſtehn, bis der Fremde ſich in den Sattel geworfen. Als dieſer hier noch einmal eine zweideutige Bewegung mit der Hand machte, die wenigſtens eine geballte Fauſt, zum Abſchiedsgruße geſchwenkt, zu einer zweifelhaften Sache machte,— verneigte ſich Thomas Thyrnau, wie man vor einem Vornehmen zu thun pflegt. Der Fremde jagte davon, und als er über den Graben ſetzte, der die Dorfſtraße von dem Wieſengrunde trennte, ſah man erſt, daß ein kleiner Trupp bewaffneter Diener aus einem Gebüſch hervorritt und ſich dem wild davon jagenden Fremden anſchloß. Ein ſtolzes verächtliches Lächeln zog um Thyrnau's Mund, als er ihm nachſah; dann ſiel ſein Auge auf Magda und Hieronymus, die ſich ihm nahten. „Einen Augenblick,“ rief er ihnen zu, mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Ausdruck Magda betrachtend—„dann eſſen wir zuſammen.“ Er verſchwand in das Innere des Dohlenneſtes und man ſah ihn die Treppen zu ſeinem Thurmzimmer hinanſteigen, wo⸗ hin er für einige Zeit ſich zurückzog. „Und wenn Du mir nicht ſagen willſt, wer der Fremde iſt, ſo ſoll es der Großvater thun— denn ich will es wiſſen,“ rief Magda. „Bezwinge Deine Neugier,“ rief Hieronymus—„und denke daran, den Großvater zu ſchonen. Nur zu heftig muß ihn dies Zuſammentreffen erſchüttert haben, und er verließ uns 37 nur, um ſeine Faſſung wieder zu erhalten. Willſt Du ihn, wenn er in der Hoffnung zurückkehrt, ſich mit uns zu erholen, ſogleich durch Deine neugierigen Fragen in die traurige Bahn alter ſchmerzlicher Gedanken zurück lenken?“ „Das will ich nicht— und heute kann ich davon ſchwei⸗ gen, ſo unnatürlich es iſt, und ſo ſicher, daß er wiſſen wird, wie ich mich nur verſtelle; aber gelegentlich werde ich ihn doch fragen, denn ich will nicht weiter an ihn denken— drum muß ich erfahren, wer er iſt— dann kann ich ihn vergeſſen.“ „Das möchte Dir dann ſchwerer werden, als Du jetzt denkſt,“ erwiederte Hieronymus. Beide traten in den Haus⸗ raum, und während Hieronymus dem Geſundheitszuſtande der Hausbewohner nachfragte, entſchlüpfte Magda auf einem andern Treppchen in ihr Zimmer. Doch nicht lange ward dieſe Trennung ausgedehnt. Tho⸗ mas Thyrnau war nicht der Mann, der viel Zeit brauchte, um mit ſeinen Gefühlen fertig zu werden; bald trat er aus ſeinem Zimmer auf die Gallerie, und in den Küchenraum hinabſehend fragte er Gundula: ob ihr Braten fertig ſei? Es war dieſelbe heiter ſcherzende Sprache, die bei dem erſten Ton die Herzen ſeiner Umgebungen zum Frohſinn anregte und doppelt heute— da, wenn auch der Raum zu groß war, um den zurückgezoge⸗ nen Dienern den Inhalt des Geſprächs zu verrathen, welches ihr Herr mit dem Fremden geführt, doch Alle überzeugt waren, die Stimme ihres Herrn erhöbe ſich nie zu ſo zürnender Stärke, wenn nicht eine bedeutende Veranlaſſung dazu vorhanden ſei. So war es denn, als ob mit ſeiner wiederkehrenden Heiterkeit Allen ein Stein vom Herzen rollte, und Frau Gundula ver⸗ ſicherte, Alles harre nur ſeines Winkes. Der blinkende Suppen⸗ napf füllte ſich zugleich mit der duftenden Bouillon, während Bezo ſich eilig an den Strang der Glocke hing, und durch ſeine gleichmäßigen Sprünge das wohl bekannte Tiſchgeläut 38 veranſtaltete, auf deſſen Töne Alt und Jung, Vornehm oder Gering, herbeiſtrömten. „Nun, Alter,“ rief Thomas Thyrnau dem Doktor Hiero⸗ nymus zu, indem er ihn von hinten zärtlich umfaßte—„Du bekömmſt heut einen ſpäten Gruß von mir, und wenn Frau Gundula nicht Wunder thut, ſo fürchte ich, wird die lange Verzögerung unſeres Mahles Dich wünſchen laſſen, Du habeſt den Fleiſchtöpfen, welche in Deinem Kloſter unter dem Schutze des heiligen Franziskus dampfen, nicht den Rücken gekehrt!“ „Ja! ja! ſo biſt Du“— ſagte Hieronymus—„nun ſoll ich mit Dir ſcherzen und Dir bei der Tafel genug thun— und weiß doch, wie Dir zu Sinn iſt. Geh! geh! ich bin Dir böſe! Konnteſt Du auf der Schwelle nicht umkehren, als Du ſaheſt, der böſe Feind habe das Haus inne?“ „So was wäre wohl geſchehen,“ entgegnete der Advokat. „Aber da lag das alte Unthier im Hinterhalt und grunzte in ſeinem ſchweren Schlaf— und Niemand kannte ihn und ſie führten mich hin, als ſolle ich ein Ungeheuer ſehen. Da hörte er meine Stimme, und die muß noch immer eine beſondere Ge⸗ walt über ihn ausüben, denn er ſprang aus ſeinem wüſten Schlaf empor, als höre er die Poſaunen des jüngſten Gerichts. Da— natürlich floh ich nicht vor ihm, und das möchteſt Du wohl ſelbſt nicht gerathen haben.“ „Das könnte wohl ſein,“ ſagte Hieronymus, indem er die weiße damaſtne Serviette über ſeine wohlbeleibte Geſtalt aus⸗ breitete. Er zog alsdann die ſilberne Suppenſchaale mit ihrem kräftigen Inhalt heran und füllte ſelbſt mit der Miene eines Kenners Jedem einen hinlänglichen Theil auf die dargereich⸗ ten Teller. Nun erſt traf Magda ein, und als Thomas Thyrau ſie ſo leicht und mit ſo lieber Freundlichkeit daher fliegen ſah, legte er den Löffel weg, zog ſie an ſein Herz, ſah ihr zärtlich in die Augen und ſchien keine ſeiner Neckereien finden zu können; alles war in die Frage aufgelöſt: ob er ſie denn wirklich habe — ſie im Arme ſicher und als ſein Eigenthum halte? „Wildes Mädchen!“ ſagte er endlich lächelnd— blos um nicht die zärtlichſten Namen auszuſprechen, und um einen Ueber⸗ gang zu finden zu der Heiterkeit, die ihm bei Tiſche nicht fehlen durfte—„was ſoll ich wohl mit Deinem Trotzkopf machen?“ „Laß ihn mir nur,“ lachte Magda—„er iſt ſo wild und trotzig nicht, wie Du denkſt— und was davon dran iſt— bringt mir Keiner weg— wer weiß, wozu ich's Noth habe! Aber gieb her, Vater, laß mich eſſen, denn ich fühle, man hat das auch nöthig. Ach! Gundula, Gundula! wenn meine Törtchen verdorben ſind!“ „Sie werden Dir auf der Zunge zergehn, mein Püppchen,“ erwiederte die Alte vom Ende des Tiſches her, wo ſie ſtets einen erhöhten Sitz einnahm, um die Speiſen zu zerlegen und ihren Umlauf mit gehöriger Ordnung zu bewirken.„Rimm indeſſen dieſe kleine rothgefleckte Forelle; Bezo hat ihr einen Schilf⸗ ſtreifen in die Floßfedern geklemmt, weil er ſagt, er hätte ſie für Dich gefangen.“ „Nun Magda, wie weit biſt Du mit Deinem Schüler Bezo?“ rief der Advokat neckend.„Betet er das Brevier und ſagt die Litanei oder kann er die Mutter Maria und meine kleine Magda noch immer nicht von einander unterſcheiden?“ „Schweig Du nur,“ entgegnete Magda—„und verſpotte mir ihn nicht! Wer weiß, wer beſſer ſein Brevier kann, Du oder er— und auf Kenntniß der Heiligen wirſt Du wohl den Wettſtreit vollends mit ihm nicht eingehn!“ „Weiß Gott, Mädchen! trotz Deiner lehrreichen Nähe fürchte ich, ſteht es mit Beidem nicht ſehr feſt— und ein Glück, daß die geiſtlichen Gerichte unſers unerbittlichen Kaiſer Fer⸗ dinand— rechtgläubigen Andenkens— abgeſchafft ſind, ich hätte ſonſt eine Vorladung zu erwarten, die vielleicht ein ſchlechtes Ende nähme.“ „Siehſt Du wohl!“ ſagte Magda—„darum laß mir den armen Bezo nur zufrieden— in dem ſteckt noch mehr, als ihr Alle denkt, und wohin ſein Geiſt auch mitunter ſich verkriecht, er kommt auch oft auf eine Art wieder, daß man glauben könnte, er habe noch etwas über das hinaus bekommen, was Andere ihre fünf Sinn nennen.“ Alle lachten.„Ja,“ rief Magda, im Eifer der Gegenrede die Warnung des alten Hieronymus vergeſſend—„Ihr glaubt es nicht— und doch war er es, der mich heute auf dem Thurme Wache halten ließ und mir verſtändlich machte, es käme ein böſer Gaſt.“ Doch ſchnell brach ſie hier ab und fuhr haſtig fort—„Und was er weiter Alles kann, wie er geſchickt iſt, wie ſein Auge ſo ſcharf iſt, und ſein Ohr ſo fein hört, daß er von Dingen weiß, die uns entgehn!“ „Ei ja!“ ſagte Gundula—„es iſt viel dran, meine Herten! Aber Magda vergißt, daß er das Alles nur iſt, ſo lange ſie ſelbſt hier iſt. Die übrigen Monate verſchläft er, oder was ſchlimmer iſt, er wacht— aber jedes Hausthier iſt alsdann klüger als er.“ „Nun ſieh, meine Magda,“ ſagte der alte Herr Thyrnau lachend—„da hab' ich doch einen Vorzug vor ihm! Ich bin das ganze Jahr lang munter und vergnügt— ein echter Czeche, dem das heitere Blut der alten Vormänner in den Adern läuft und dem ihr Volksliedchen noch immer aus der Seele geſungen iſt:„Mein Liebchen, ſei luſtig, wenn Du auch kein Körnchen „geſäet haſt!“. „Sag' mir nur!“ rief Magda—„habe ich denn nicht daſſelbe heitere Blut als Du“ Sieh'— mir iſt immer, als wenn ich es im Innern hüpfen fühlte— als ſehne es ſich nach ſeiner Befreiung, aber davor liegt noch etwas Anderes, das 41 läßt es nicht ſo heraus, wie bei Dir— ſag' mir doch, wie geht das zu?“ „Weil Du einen Antheil ſchwereren Blutes haſt, als ich. Vater und Mutter waren bei mir von echtem Czechen-Blute und von dieſem alten Stamme rühmen die Kroniken:„Immer frohen Sinnes— Gaſtfrei— Offenherzig— Sorglos und zum Scherze bereit! „Ja,“ rief Magda—„danach biſt Du ein ganzer Czeche, das iſt als ob die alten Kroniken Dich ſelbſt geſchildert hätten!“ Hieronymus lachte auch behaglich, obwol er bei Tiſch zu ſehr beſchäftigt war, um die Unterhaltung zu vermehren. Da man aber unter ähnlichen Geſprächen bis zu den Törtchen, die Magda beſtellt hatte, gekommen war, ſo ward das Tiſchtuch von der kunſtreich eingelegten Tafel weggezogen, und in einem Kühlgefäß von ſchön getriebenem Silber ſtand eine ganz be⸗ ſchlagene Flaſche, deren Etikette der alte Weinkenner ſchnell mit einem ſchmunzelnden Blicke überlief und das grüne blitzende Glas, was für ihn und ſeinen Wirth daneben ſtand, wohl⸗ gefällig gegen das Fenſter ſchillern ließ. „Nun verläumde mich noch weiter,“ rief Thyrnau heiter, während er unter gewichtigen Schlägen den ſchwer verpichten Rand der Flaſche ſpringen ließ—„daß ich den Heiligen nicht diene— und einen Zweiten will ich doch ſehn, der mit mehr Devotion ſich dem Dienſt des heiligen Johannes widmet als ich. Seinen ganzen Felſen, auf deſſen Spitze er thront und in die Rheingauen ſchaut, will ich, wenn's verlangt wird, in Demuth übernehmen, ihm zu Ehren jede Rebe pflegen, die ſich an ſeinem Rande hinaufſchlängelt und feierlich geloben, nie einen andern Tropfen zu trinken, als der unter dem Schirm meines Heiligen reift!“ Hieronymus lachte wieder wohlbehaglich bei der ketzeriſchen Apoſtrophe ſeines alten Freundes, denn er hatte bereits das erſte Glas köſtlichen Johannisberger ausgeleert und fühlte ſich ſelbſt zu jedem Gelübde der Art aufrichtig geneigt. Magda aber hatte ihren lieblichen Kopf auf den linken Arm des Großvaters gelehnt, und da ihr der Scherz deſſelben gelten ſollte, drohte ſie ihm mit ihrem ſchlanken Finger und rief:„Sei ruhig— und reize mich nicht. Der heil'ge Johannes wird Dich wohl nicht ſtrafen, weil er ſieht, Dein Czechenblut treibt neben dem Spott auch Dein anderes Gute zu Tage. Aber Deine Heil gen⸗ verehrung, die laß' nur ruhn. Meinſt Du, der Wein des hei⸗ ligen Johannes würde Dir weniger gut ſchmecken, wenn der alte Gott der Czechen Bog dort reſidirte— oder Wuda— oder Law und Mir— und wie alle Deine alten Czechengötter heißen!“ „Still Liebchen!“ rief Thomas Thyrnau geheimnißvoll —„führe einen ehrlichen Czechen nicht in Verſuchung, die alten Heil'gen ſeines Stammes wieder anzubeten— und be⸗ ſonders hier! Weißt Du nicht, daß ich alle mögliche Urſache habe, das Dohlenneſt für den erſten Hauptſitz des alten maje⸗ ſtätiſchen Bog zu halten? Wer weiß, in welchem Tragpfeiler, auf welchem Steinblock des Fundaments noch der Altar des⸗ alten Czechen⸗Gottes ruht? Hörteſt Du nicht, daß ſpäter hier Libuſſa prophezeite und ihrem Volke die Ackerländer in allen Himmelsgegenden angab— die Gold, Silber und Eiſenadern in der Erde erkannte und die Salz und Mineralquellen bezeich⸗ nete, die ſie von der Felswand verdeckt im Innern ſprudeln hörte?“ Ja!“ fuhr Magda lachend auf„das weißt Du! Aber vergeſſen haſt Du, daß all' der heidniſche Unfug hier endlich geſühnt ward, durch Ludmilla, die fromme Märtyrerin, die nach ihres Gemahls des Königs Borziwog's Tode erſtlich zu Tettin bei Beraun lebte und dort Spitignew und Wratislaw, ihre beiden Söhne, erzog; ſpäter aber, als ihr Wratislaw nach 43 dem Tode ſeines Bruders und bei dem Herannahen des ſeinigen, ſeine beiden Söhne anvertraute, da, ſagt man, verließ ſie oft das Wiſchrader Schloß, wo ſie mit Drahomira, ihrer böſen Schwiegertochter, der Chriſtenfeindin, Hof hielt und fand hier in einem alten Heidentempel, der im Walde von Kaurzim lag, ihre Prieſter und hielt mit ihnen ihre Andacht und empfing ihren Rath und Troſt, weil ſie in Tettin nicht mehr ſicher war.“ „O Du Wunder von Gelehrſamkeit,“ rief der Advokat laut lachend—„ſag', aus welcher alten Kronik beteſt Du Deine Weisheit her? Kannſt Du nicht noch mehr?“ „Hätteſt Du mich nicht geſtört, ſo hätte ich Dir noch erzählt, wie Ludmilla endlich doch auf Drahomira's Geheiß in Tettin ermordet ward, nachdem ſie ſich auf dem Wege von Kaurzim durch das Austreten der Moldau verſpätet hatte, und bei böſem Wetter aus Mitleiden gegen die wenigen Diener, die ſie begleiteten, in Tettin zur Nacht verweilte.— Das können wir jetzt nicht mehr hindern— gewiß aber bleibt es, daß das Dohlenneſt im Kaurzimer Walde liegt, einſt ein Heidentempel war, und Ludmilla's Bet⸗ und Andachtshaus!“ „Nun,“ rief der Advokat—„Deine Weisheit iſt ſo im Steigen, daß ich ganz ſchüchtern werde hinzuzufügen, daß im Schloß zu Tein eine freilich unverbürgte Familiennachricht ver⸗ ſichert, daß Wratislaw, der Sohn der Ludmilla, der Stamm⸗ vater der Grafen Wratislaw iſt, von denen dieſe ganze Beſitung zu den Lachy's überging.“ „Das paßt alſo gut!“ ſagte Magda plötzlich erröthend. —„Doch ſag, reiten wir heute nicht nach Tein? Ich habe dort mit dem Gärtner Geſchäfte und habe lange nicht des Grafen Zimmer beſorgt— heute iſt gerade ein ſchöner heiterer Nachmittag!“ „So beſtelle die Pferde, mein Mädchen! während wir nachforſchen, was auf dem Grund der Flaſche des heiligen Johannes geſchrieben ſteht.“ 44 Magda drohte ihm mit dem Finger, ſchlang dann beide Arme feſt um ſeinen Hals, drückte und küßte ihn und blickte dazwiſchen in ſein leuchtendes Geſicht. Dann flog ſie hinaus und klopfte in die Hände, und bald ſammelten ſich die dienſt⸗ baren Geiſter des Hauſes um ſie her, denn Alle liebten das ſchöne junge Weſen, Allen that ſie unter tauſend Neckereien alles Gute, was ſie nur erdenken konnte, und das mit der ver⸗ ſchwenderiſchſten Güte, die eine nie zu erſchöpfende Quelle in Thomas Thyrnau fand, der ſelbſt kein Ziel und Maaß für ſeine Wohlthaten kannte. Da man nun wußte, Magda liebe vor allen Dingen die größte Schnelligkeit bei Ausführung ihrer Be⸗ fehle, ſo flog Alles nach den Ställen, während Magda ſich mit Bezo neckte, welcher in der Sonne kauerte und grinſend zu ihr aufſehend vergeblich die Aufforderung von ihr empfing, auf⸗ zuſtehn und mit ihr zu tanzen. Er verſtand ſie nicht, oder er fühlte den Uebergang vom Verſtehen zum Ausüben nicht heraus, und Magda lief endlich ungeduldig in das Haus zurück, wo ſie die beiden alten Herren bei der leeren Flaſche und in bei weitem ernſterer Stimmung fand, als vorher. Sie war deshalb im Begriff ſich zurückzuziehn, der Großvater aber, der ſie erblickte, ſtreckte den Arm nach ihr aus. Sicher nun, daß ſie bleiben dürfe, drückte ſie ſich an ſeine Seite, während beide Männer in ihren Mittheilungen unbehindert fortfuhren. „Ich weiß es recht gut, daß dies Feuer, welches ſeit meiner frühſten Jugend in mir genährt worden iſt, mich ietzt, da ich es löſchen möchte, in Aſche legen kann— und dennoch, alter Freund, bereue ich nichts— ja! mit warmer reiner Begeiſte⸗ rung gedenke ich der ganzen Vergangenheit, der großen Män⸗ ner, mit denen ich gelebt, gearbeitet und, wenn Du willſt, geſchwärmt habe. Es waren hochherzige Gefühle, denen ich niemals untreu werden will! O Hieronymus! hätteſt Du mei⸗ nen Vater gekannt! Den edelſten, den reinſten und größten 45 Menſchen, unter deſſen Obhut meine Jugend verfloß! An Leopolds Hofe lebte ſein theuerſter Freund, als der Erſte, ja der Einzige, der je wahrhaften Einfluß— das heißt guten— erlangt hat. Wenzel Euſebius von Lobkowitz widmete ſich nur der einen großen Idee, den unerhörten Druck aufzuheben, un⸗ ter dem Bauer⸗ und Bürgerſtand ſeufzte. Obwol er lange vor mir dahinging, wurzelt doch meine ganze Entwicklung in ihm und in ſeinen Grundſätzen, die auf meinen Vater übergingen. Er iſt mein Schickſal geweſen und nie— nie will ich es bekla⸗ gen!— Er ward früh mit meinem Vater befreundet, den er als einen geſchickten Advokaten gern um Rath fragte, und bald verband ſie das höchſte Intereſſe, als die innigſten Freunde. Welchen Antheil er und Lobkowitz an dem Bauernkriege gehabt, ich weiß es nicht;— aber ſchon damals waren Beide eines Sinnes, und ich ward von meinem Vater erzogen, für die Rechte der Menſchheit zu glühen, nichts tiefer zu haſſen als Un⸗ terdrückung, als jene elende ſtolze Verleugnung der göttlichen Natur des Menſchen, wenn ihn auch ein grobes Wamms be⸗ kleidet und die Hütte ſein Obdach iſt.— Fünf Jahre nur theilte mein Vater mit ihm ſeine große einflußreiche Stellung an der Seite Leopolds. Dann mußte der Fürſt dem verdorbenen Geiſte der Zeit weichen. Voll Entſetzen ſahen die Finſterlinge dieſen lichtvollen Geiſt den Weg über ſie dahin nehmen und das alte Bollwerk ihrer Vorrechte, mit der Fackel der Wahrheit beleuch⸗ tet, in ſo fratzenhaft abſcheulicher Geſtalt auftauchen, daß ſie davor erröthen mußten. Da ſehnten ſie die alte Finſterniß her⸗ bei, die Alles ſtill verhüllte und nun galt es Kampf gegen Den, der das unwillkommene Licht angezündet. Es war nicht ſchwer, ihn zu ſtürzen— er ſtand allein— ſein Einfluß war wie ein Wunder! Er ſah ihn ſelbſt ſo an, und rechnete nie auf ſeine Dauer. Deshalb war er raſtlos, ſo lange er ihn beſaß, um die Bande damit zu lockern, die ſein edles Vaterland in Knecht⸗ ſchaft hielten. Aber Leopold ſtand von Jeſuiten umſchaart und das Aufblitzen eines freieren Zuſtandes, den ihm Lobkowitz in die Arme führte, war bald wieder durch die ſpitzfindigen Be⸗ denklichkeiten gelöſcht, mit denen dieſe geiſtlichen Rathgeber jede Neuerung beleuchteten, und ſtatt des erhabenen Zieles eines freien menſchlichen und gottgefälligen Zuſtandes— einen Ab⸗ weg darin ſahen von Gott und ſeiner heiligen Kirche.— Ach, edler Mann! was wäre mein Vaterland geworden, wenn Du ſein Schirmvoigt geblieben! Ja! Du ſtandeſt mit Frankreich in Verbindung! Aber mit Fenélon, mit Boſſuet, mit Paſcal, mit Racine und Corneille! Deine Briefe, die Du offen empfin⸗ geſt und verſandteſt, ſie waren nur für die in Chiffern geſchrieben, denen der Schlüſſel eines höheren Geiſtes fehlte. Aber Du ſoll⸗ teſt fallen! Und wie ward der große Mann entlaſſen? Ohne Anklage, ohne Vertheidigung, ohne fragen zu dürfen— wie ein gemeiner Verbrecher, in derſelben Karoſſe, die ihn zum geheimen Rath tragen ſollte, mußte er bei Androhung von Todesſtrafe entfliehn.— Mein Bater theilte abwechſelnd ſeine Verbannung und half ihm niederſchreiben, was er von Erfahrungen und Erinnerungen in ſeinem Leben ge⸗ ſammelt hatte. Das Zimmer, worin ſie arbeiteten, war zur Hälfte ein Prunkgemach, zur Hälfte eine Bauernhütte— ſo ſollten ihm die beiden wichtigſten Gegenſätze ſeines Lebens vor Augen bleiben.“ „O Vater!“ rief Magda, als jetzt Veit meldete, daß die Pferde bereit wären—„laß uns hier bleiben und erzähle uns noch weiter von all dieſen Dingen!“ „Nein, Magda,“ ſagte Thyrnau, indem er auſſtund— „ich habe Dir jetzt genug erzählt. Auch mir hat das wohl ge⸗ than, denn nichts heilt die Seele beſſer, wenn ſie mit dem Schlechten in Berührung kommt, als das Andenken an einen großen Menſchen!“ 47 „Aber, Vater,“ bat Magda—„morgen oder heute viel⸗ leicht noch, wenn wir im Schloſſe in der Bibliothek zuſammen ſind— da erzählſt Du mehr.“ „Vielleicht!“ antwortete Thyrnau—„jetzt laß uns zu Pferde ſteigen. Mich verlangt nach einem munteren Ritt durch den ſchönen Wald.“ Mit jugendlicher Lebendigkeit ſchritt Thomas Thyrnau aus dem Hauſe und auf ſein Lieblingspferd zu, das ihm wiehernd und ſcharrend das Erkennungszeichen gab. Eben ſo lebendig trabte das zierliche Damenpferdchen herbei, welches die leichte Geſtalt ſeiner Enkelin tragen ſollte, während Hieronymus ſein ſanftes Maulthier beſtieg und in etwas raſcherem Trabe, als gewöhnlich, den munter voran ſprengenden Reitern folgte. Doch nahmen die breiten Wege des ſchattigen Waldes bald die in einer Reihe Reitenden auf, und unter freundlichem Scherze, wie ſich die Gelegenheit bei harmloſen Menſchen leicht findet, genoß man die Schönheit des Waldes, der in dem Glanze der über ihm ſtehenden Sonne im ſieblichen Wechſel bald tief grüne Schatten, bald goldene Zweige an dem hohen Dome ſeiner Laubgewölbe miſchte. Der Wald mündete endlich an einem Gehege aus, wo hinter Wieſen mit ſauber gehaltenen Wegen und graden Alleen von Fruchtbäumen die Annäherung der Schloßbeſitzung ſich an⸗ kündigte, und am Ende dieſes Wieſengrundes zeigte ſich die weiße Mauer des großen Hirſchparkes, deſſen hohe Bäume ihre Wipfel darüber erhoben. Hier lenkten ſie wieder in die Land⸗ ſtraße ein, welche um einen Theil der Beſitzungen herlief und die Reitenden jett zu dem Hauptthor des Gartens führte, an ſen Seiten zwei kleine Thürme dem Thorwächter Wohnung gaben. Durch die große Gitterthür ſah man die hohe Buchenwand hinab, die unter der Hand der Gartenſcheere von oben bis unten gleich voll und kräftig, einer gemauerten Einfaſſung des breiten Kiesweges glich, der in der Ferne das Schloß zeigte, das auf einer niedrigen Terraſſe mäßig in die Höhe ſtieg. Herr Thomas Thyrnau ward hier faſt wie der Beſitzer ſelbſt verehrt, und in Wahrheit übte er jede Gewalt deſſelben ſo ſicher und unbehindert aus, daß das Recht dazu ihm von Allen zu⸗ geſtanden ward. An der erſten Terraſſe ſtiegen die Reitenden ab und über⸗ ließen ihre Pferde dem Reitknechte, während ſie über die weni⸗ gen Stufen gingen, die nach der Platform führten, auf welcher das Schloß lag. Dieſes war nicht von ſo ausgedehnter Größe, als es auf den böhmiſchen Beſitzungen der damaligen Zeit ge⸗ wöhnlich war. Aber rechts von dem Schloſſe lag in dem Garten ein faſt eben ſo großes Gebäude, welches im untern Geſchoß die Reitbahn umſchloß, im obern aber ganz zur Aufnahme von Fremden auf das koſtbarſte ausgeſtattet war. Dieſem Gebäude gegenüber zur linken Seite des Schloſſes lag, durch einen waldartigen Theil des Gartens davon getrennt, das Siechenhaus. Ein ſchöner ſtattlicher Bau, der von der Gartenſeite durch verſchloſſene Gitter abgeſondert lag, und auf der Rückſeite durch kleine Gemüſegärten mit der Mauer verbun⸗ den blieb, durch die auch die Pforte nach der Landſtraße ge⸗ brochen war. Ueber der Glocke, die hier Einlaß verſchaffte, ſah man die Worte:„Kehret ein, die ihr mühſelig und beladen ſeid, ich will Euch tröſten!“ Dies Haus war eine Stiſtung der Gräfin von Wratislaw, einer Tochter des Grafen von Wratislaw, welcher nach Joſeph des Erſten Tode bis zur Ankunft Karls des Sechſten aus Spanien, auf Joſephs Befehl die Lande als Regent verwaltete. Sie war mit dem Grafen von Lach, dem Großvater des jetzigen Be⸗ ſitzers, vermählt, wodurch ſchon die dritte Vermählung zwiſchen einem Lacy und einer Wratislaw geſchloſſen war. Dieſe wahrhaft 49 ehrwürdige Stiftung wurde mit der größten Pietät verwaltet und war nicht allein ein Krankenhaus, ſondern zugleich ein Hospiz für jeden müden und dürftigen Wanderer, der hier ge⸗ ſtärkt, gepflegt und mit Kleidung und Geld unterſtützt wieder entlaſſen ward. Auffallend und das Nachdenken erregend mußte man die Einrichtung nennen, daß die ſchön dekorirte Fronte des Siechen⸗ hauſes gerade der Fronte des ſchloßartigen Fremdenhauſes oder der Reitbahn gegenüber lag, ſo daß beide Gebände die Per⸗ ſpektive auf einander hatten und nur durch eine lange Allee ge⸗ trennt waren, die ebenfalls wie die Allee, die nach dem Schloſſe führte, von hohen beſchnittenen Buchenwänden eingefaßt war, und dieſe in der Mitte durchſchnitt. In dem Frontiſpiz des Fremdenhauſes aber ſtanden die Worte:„In Deiner Freude gedenke der Armen!“— So ſchien es nicht ohne Abſicht, daß das Haus des Leidens und der Wohlthätigkeit dem Hauſe hei⸗ terer Geſelligkeit als eine fromme Ermahnung gegenüber lag. Das Schloß war dagegen immer nur für die jedesmalige Familie des Beſitzers beſtimmt geweſen, denn es war verhält⸗ nißmäßig nur klein und hatte von der Rückſeite eine Etage, von der Terraſſenſeite dagegen deren zwei, weil es gegen eine An⸗ höhe erbaut war. Zwei kleine Flügel, die man ſpäter hinzu⸗ gefügt, dienten mehr zu wirthſchaftlichen Angelegenheiten; auch ſah man ſie nur von der Terraſſenſeite. Die Eigenthümlichkeit ſeiner Lage gegen einen halb abge⸗ tragenen Hügel machte, daß man zu der zweiten Etage hinauf⸗ ſtieg und aus ihren Fenſterthüren unnittelbar in den Garten trat. Hier lagen die Wohnzimmer der Familie, und in den Er⸗ kern, die an jedem Ende des Gebändes hervortraten, befanden ſich die Bibliothek und eine kleine ausgezeichnete Gemäldeſamm⸗ lung; an dieſe ſtießen die Gemächer der Gräfin, an die Bi⸗ bliothek die des Grafen Lach.. Thomas Thyrnau. II. 4 Ein runder Saal von weißem Marmor, deſſen fein geho⸗ bene Kuppel zierlich von korinthiſchen Säulen getragen ward, vereinigte dieſe Zimmerreihe in der Mitte. Gegenüber, mit den Fenſtern nach der Terraſſe, lagen die Geſellſchaftsſäle. In der unteren Etage waren die Wohnungen der Kinder und ihrer Aufſeher, ihre Spiel⸗ und Tanzſäle. So klein dies Schlößchen war, ſagte man doch, Graf Wratislaw habe verordnet, nach ſeiner Beendigung die Rechnungen über den Bau verbrennen zu laſſen. Allerdings ſchien es, man habe hier jeden Thür⸗ und Fenſterpfoſten zu einem Kunſtwerk machen wollen, und wie die Arbeiten vom Fußboden bis zur Decke Meiſterwerke waren, ſo hatte man auch nur das edelſte Material dazu ge⸗ wählt, und die reichſten Malereien und Marmor und Hölzer in allen Farben, ſchwere Vergoldungen nächſt den koſtbarſten Stoffen in Seide und Sammet waren ohne Einſchränkung verwendet. Das Bibliothekzimmer, wohin ſich die eben Angekommenen verfügt hatten, bildete, wie erwähnt, die Ecke des Hauſes. Der Erker trat an der Spitze in einem reizenden runden Kabi⸗ net hervor, und mit ſeinen drei ſchmalen hohen Fenſtern be⸗ herrſchte er die ſchönſten Punkte der anmuthigen Ausſicht, wäh⸗ rend die herumlaufenden Ruhebetten und kleinen zierlichen Leſe⸗ pulte zur Durchſicht der koſtbaren Werke aufforderten, welche die Wände ringsumher bedeckten. Dieſes Zimmer hatte außer dem Erker noch zwei Fenſterthüren nach Süden und zwei nach Abend. In den nach Süden liegenden Ausgängen zu ſitzen, war Magda's Lieblingsvergnügen, und ſo wie ſie ſich nur am Eingangsthore zeigte, eilte man ſchon, die Thüren in dieſem Zimmer zu öffnen und Erfriſchungen wie Alles, was ſonſt zu ihrem Behagen dienen konnte, herbei zu ſchaffen. Auch war dieſer Aufenthalt mit ſeinem Garten⸗Tableau, als habe die Göttin der Einſamkeit hier ihr Reich begründet. 51 In kaum merklichem Abfall ſenkte ſich von den breiten weißen Marmorſtufen vor den Thüren der Boden, mit dem weichſten Raſen bedeckt, bis zu einem kleinen See, der überall von geſchnittenen Buchenwänden umſchloſſen war, welche bald in hervorſpringenden Pfeilern, bald mit nach dem See zu ge⸗ öffneten Wänden runde oder winkliche Blätterkloſets bildeten, in denen ſich in eben ſo zuſammengefügten Niſchen anmuthige Geſtalten oder antik geformte Sitze in weißem Marmor zeigten. Die Buchenwände zogen ſich bis zum Schloſſe hinauf, wodurch dieſe Partie völlig begrenzt ward, während der dahinter liegende Wildgarten nach allen Seiten die verſchiedenartigſten Baum⸗ wipfel in ihrer ungeſtörten Eigenthümlichkeit erhob und ſo auch den Horizont begrenzte, der, wie an dem eben bezeichneten Tage, im tieſſten Blau wolkenlos darüber ruhte. Aber nichts ging für Magda über den Zauber des kleinen See's, der immer hell und klar ſeine leiſen Bewegungen wie unter dem Siegel des Stillſchweigens fortſetzte, während um die hohen Schilfgruppen am gegenüber liegenden Ufer ein Kranz von Nymphen, in breiten grünen Blättern ruhend, ſich um ſeinen Rand ſchlang. Dies Stillleben ward nur von den ewig ſchweigenden Seglern ſtiller Fluten, von zwei glänzend weißen Schwänen, unterbrochen, die ihre blinkenden Furchen ihm ge⸗ räuſchlos eingruben. Hier verſank Magda in jenes lautloſe Träumen, welches in ihrer Seele ein tiefes, ppetiſches Bedürfniß erweckte, dem ſie nachgab, ohne ſich zu verſtehn, und das ihr den Reichthum des Geiſtes aufſchloß, der die Welt wieder gebiert und ihr die lichtvolle Reinheit zutheilt, für die der über die Zerwürfniſſe der Menſchen hinaus erhobene Geiſt das Verſtändniß findet. Den Rand des See's umgaben nach dem Schloſſe zu weiße Marmorſitze, deren Stufen von dem leiſen Andringen des Waſſers, wie von einem fanften Athem getrieben, beſpült 4* wurden. Hier ſaß Magda ſtundenlang und ahnte nicht, daß ſie dem gegenüber ruhenden Wanderer leicht als die Nymphe erſcheinen konnte, die hier den ſtillen Zauber feſthielt. Auch heute ſah man ſie bald hinunter eilen und ihren Traumſitz ein⸗ nehmen, wie ihn Thomas Thyrnau nannte, weil er mit ſeinem Scharfblick die Stimmung erkannt hatte, mit der Magda ſich dieſem Platze entgegen drängte. Sie ſchien dort die Träume⸗ reien zu erwarten, nach deren Löſung ſie ſich ſehnte, da ihr brütender Verſtand ihnen keine klare Benennung geben konnte, und ſie immer nur aufs Neue erſtaunte, daß ihr gerade dort, auf dieſer Stelle immer daſſelbe geſchah. Sie fragte dem Wun⸗ der ſo lange nach, bis ſie dort war— und alles dann über das Wunder ſelbſt vergaß. Sie wußte nicht, wie das Jugendleben jedes edlen phantaſtiſchen Träumers immer eine Stelle zu be⸗ zeichnen hat, wo die zufällig gefundene äußere Geſtaltung mit dem inneren unbewußt vorbereiteten Bedürfniß zuſammenfällt. In der Harmonie, welche der Seele dadurch zu Theil wird, erzeugt ſich die ſchaffende Kraft, die uns in ein neues Gebiet des Geiſtes führt, dem wir näher zu kommen ringen, von allen Schauern und Entzückungen ergriffen, welche die Begleiterinnen der lehrenden Pſyche find. In dem luftigen Bogen der Thüren ſaßen indeß die Män⸗ ner— Hieronymus und Thyrnau— und der Erſtere äußerte ſein liebevolles Bedenken über die Lage des Andern. „Ich ſehe ſelbſt Verlegenheiten vor mir!“ ſagte Thyrnau mit der Sicherheit, die ihm ſo eigen war,„und wünſche blos Veranlaſſung zu haben, mein ganzes Glaubensbekenntniß ab⸗ legen zu können. Selbſt wenn man mich dann doch ſtrafbar finden ſollte, wollte ich dieſen Ausſpruch nicht beklagen, um des Glückes willen, vor der großen Seele der Kaiſerin Gedan⸗ ken entwickeln zu können, die wie Funken in Zunder fallen müßten. Meine Treue als Unterthan hat allerdings eine Art 53 Krebsgang gemacht; zuerſt war ich meinem armen gemißhandel⸗ ten Vaterlande getreu, hatte aber für ſeine aufgedrungenen Beherrſcher wenig Andacht, und dies Vaterland ſelbſt mußte es ſein, was mich nun auch zu einem treuen Unterthanen machte. Ja! es iſt wahr, ich habe Leopold den Erſten, ich habe Karl den Sechsten faſt gehaßt— denn ich will von Joſeph nicht ſprechen. Gott wollte nicht, daß ſeine Regierung ſo lange dauerte, bis ſeine edlen Abſichten zum Leben erſtarkten, ſonſt wäre ich ſchon damals ein Unterthan geworden. So aber mußte ich die Qualen des langen ungleichen Kampfes, welchen helleres und beſſeres Bewußtſein mit böſem Willen und beſchränkten An⸗ ſichten durchmachen muß, erleiden. O Hieronymus, es iſt ein ſchmerzlicheres Loos, als die Großen der Erde glauben wollen, wenn der in ſeinen heiligſten Rechten gekränkte Unterthan ſich unter dem Joche ſchüttelt, welches ihm den Nacken wund drückt, und um jeden Preis Befreiung wollend, nach der fremden Hand ſucht, die ſtark genug iſt, es ihm zu lüften. Ich will es ihr nicht leugnen meiner großen Kaiſerin— wenn ſie mich fragt— ich will es ihr ſagen, wie ich getrachtet habe, uns armen Czechen einen Herrſcher zu geben, der an der Schwelle unſeres ſchönen Landes gelobte, uns zum ungekränkten Beſitz unſerer unſchul⸗ digen menſchlichen Rechte zu verhelfen. Ich habe für dieſe Ge⸗ danken gelebt, gelitten, und mit den Beſten, die ich kannte, da⸗ nach geſtrebt! Dies alte Zimmer,“ rief er, indem er zurück blickte in die hohen Räume der Bibliothek— weiß davon zu erzählen! Ludwig der Vierzehnte war der Mann dazu, in dem Lande des Feindes Unruhen und Abfall zu begünſtigen. Aber er hatte ſich dennoch in uns geirrt! Als er uns den franzöſiſchen Prinzen anbieten ließ, um Böhmen damit zu einem unabhängigen Lande zu erheben, that er es in einer Weiſe, die uns vor uns ſelbſt herabſetzte und uns gegen unſere Pläne faſt mit Abſchen erfüllte. Wir wollten fteie Männer mit den Rechten unſerer alten uns * 54 gemäßen Geſetze werden— er wollte aus uns Bundesgenoſſen gegen Oeſterreich machen; rächen ſollten wir ihn an dem be⸗ neideten Nachbarlande! Mit Entrüſtung wurde dieſe Bedingung verworfen und mißtrauiſch gegen unſer Vorhaben geworden, ließen wir es lange ruhen.“ „Wie war das,“ ſagte Hieronymus,„führteſt Du indeſſen die Geſchäfte des Fürſten von Z.?“—„oder warſt Du damals in Prag?“ „Beides!“ antwortete Thyrnan.—„Als wir uns nach dem an Frankreich gegebenen Beſcheid hier trennten und einen Plan aufgeben wollten, der uns zu gemeinen Verräthern zu machen drohte, ging Jeder den eignen Weg und wir gelobten uns, Unrecht zu hindern, Recht zu pflanzen auf der Stelle, wohin uns Geburt und Beruf gewieſen. So ging ich nach Prag und ward mit dem Namen, der durch meinen Vater ſchon einen günſtigen Klang hatte, ein geſuchter Advokat. Es gab viel auszugleichen; geſchickte Männer, die von allen Bedräng⸗ niſſen des Landes unterrichtet waren, thaten Noth in einer Zeit, die ſo viel Willkür, ſo viel Parteien, ſo viel verſchobene und gekränkte Rechte zeigte. Ich hatte Glück, gewann Vermögen und bedeutende Stellung; mir wurden aus allen Nachbarſtaaten Rechtsfälle, die ſchwierig ſchienen, zugeſchickt. Die kleinen Fürſten des Reichs ſuchten beſonders meinen Rath und ſo kam es, daß ich am häufigſten dem Kaiſer gegenüber ſtand. Zur ſelben Zeit war ich ein glücklicher Gatte und Vater und hatte in Lach einen Freund, der jede Lücke meiner Seele ausfüllte. Mein theures Weib empfing ich aus den Händen der Gräfin Lach. Sie war die Tochter eines Intendanten der Wratislaw⸗ ſchen Güter, und ihr Vater ein Pole von dem dort häufigen Adel; ſie war mit der Gräfin erzogen und begleitete dieſe nach ihrer Verheirathung nach Tein. Nachdem ſie mein Weib ge⸗ worden, ſchienen wir vollends nur eine Familie. Wir wohnten, 3* 55 ſo viel es meine Geſchäfte zuließen, zuſammen und ich bezog das Dohlenneſt anfangs für die Tage des Sommers, dann dauerten meine Abweſenheiten länger und meine Familie blieb auch den Winter; endlich waren wir nur dort noch heimiſch— und welche Einigkeit, welch' Glück war das!“ „Ein ſonderbarer Gedanke,“ ſagte Hieronymus—„das alte Habs zum Wohnort zu wählen! Bot Dir denn Dein Gönner üicht ſein eignes Schloß oder das Fremdenhaus an?“ „Gönner?“ fragte Thomas Thyrnau, indem er ſcharf auf⸗ blickte— ein ſatyriſches Lächeln flog um ſein ganzes ſich etwas röthendes Geſicht—„Gönner?“ wiederholte er dann langſam —„hör' alter Freund! es hat mir immer ſcheinen wollen, dieſe Benennung paſſe nicht für Jemand, der mit mir verkehre, am wenigſten für einen dieſer vornehmen Herren. Ich habe ſie bald gelehrt, daß, auf einer Höhe der Bildung ſtehen, den Unterſchied des Standes auslöſcht, und nie geliebt, aus der Unabhängigkeit, die ich mir erworben, zu bedingten Verhältniſſen herab zu ſteigen. Das Dohlenneſt war mir gerade recht, weil ich es dem Beſitzer faſt wieder gab durch die Koſten, die ich daran wendete, um es wohnbar zu machen. Er aß ſo oft an meinem Tiſch, als ich an dem ſeinigen, und er wußte wohl, wie ich über ſeine ſogenannten Vorrechte dachte!“ „Aber Lach war als ein adelſtolzer Mann bekannt,“ fuhr Hieronymus fort.„So bekehrteſt Du ihn doch wohl eigentlich nicht— ſondern er verbarg Dir nur den Dünkel?“ „So freilich treiben es die Meiſten,“ ſagte Thyrnau faſt heftig.„Sie ſchämen ſich, dem hoch begabten Manne des Bürgerſtandes gegenüber, die feſtgeprägte Idee ihrer höheren Berechtigung geltend zu machen— und getröſten ſich für den Zwang, den ſie ſich auferlegen, in den Kreiſen ihrer Standes⸗. genoſſen, wo ſie deſto offener dann den Eindringling verſpotten 56 können, von ihrem Anhange unterſtützt, der die Anſichten gern hört, die er um jeden Preis will ſiegen machen!“ „Halt! halt, Freund!“ fiel Hieronymus ein—„Du er⸗ ſchreckſt mich ordentlich. Standeſt Du ſo mit dem Grafen Lach? Wie reimt ſich das mit manchem Verhältniß, von dem ich weiß?“ Thyrnau's Aufregung war vorüber. Schwermüthig war ſein Kopf geſunken, und ſeine Augen wurzelten an dem Gold⸗ netze, das Magda's reichen Haarwuchs umſchloß und das über die Lehne des Marmorſitzes blinkte, der ſie verbarg. „Wir waren Beide ein paar ſcharfkantige Eckſteine,“ ſagte er dann finnend—„%je ſchwerer die Aufgabe war, ſolchen Sinn zu beugen, je mehr reizte ſie uns gegenſeitig. Aber wir liebten uns mit der ſchönen Kraft, die alle Hinderniſſe überwindet. Wir trennten uns oft— harte Zeiten— troſtloſe Ereigniſſe traten zwiſchen uns— dennoch hab' ich ihm die Augen zuge⸗ drückt und er verlobte Magda mit ſeinem Neffen— dem ein⸗ zigen Nachkommen!“ „Nun!“ rief Hieronymus lebhaft—„ſie paßt zum Gebie⸗ ten über Glanz und Reichthum— ſie iſt eine würdige Beſitzerin von Tein. Doch ſag' mir— weiß ſie es?“ „Sie weiß es! Auf ſeinen Knieen ſchaukelte der alte Lach das Kind— anbeten faſt mußte er das heranblühende Mädchen — ſie gab ſeinen Vorurtheilen den letzten Stoß! Wenn er ſie fragte: was willſt Du werden? So rief ſie in die Hände ſchlagend: Beſitzerin von Tein! Wen willſt Du heirathen? Keinen Andern wie den Grafen Lacy. Da lachte er zuletzt freudig und wollte nicht minder, daß es ſo ſei.“ „Aber ſag' mir doch,“ fuhr Hieronymus fort—„wie kam es denn damals, daß die unſeligen Unterhandlungen mit Frank⸗ reich wieder aufgenommen wurden?“ .„Du weißt, Lacy hatte einen Sohn“ erwiederte Thyrnau ernſt.„Stephan, ſein einziger Sohn— ſein Stolz— ſeine 57 Hoffnung! Es konnte nicht fehlen, daß er in denſelben Grund⸗ ſätzen aufwuchs; er war von unſern Anſichten unterrichtet. Schon hatten wir all unſere Pläne aufgegeben— da kehrte er plötzlich aus Frankreich zurück, wo er einige Jahre gelebt. Er legte ſeinem Vater einen Plan vor, der von dem früher erwähl⸗ ten Prinzen entworfen und von allen Feinden Oeſterreichs unterſtützt, ein Höllengewebe der Verrätherei war und nur ſchwache Stützen enthielt für das einzige heil'ge Gut, um deſſ' Willen wir die Trennung möglich gehalten. Das Entſetzen ſeines Vaters war groß! Stephan, der in die Schlinge gefallen, die ihm gelegt, hatte dem Prinzen einen Kredit eröffnet, wofür bereits ein Corps geworben war, welches dem Prinzen zur Be⸗ deckung dienen ſollte, da er den franzöſiſchen Truppen mißtraute, die damals anſcheinend für den Exkaiſer Karl den Siebenten Böhmen beſetzt hatten. Bald überſah mein alter Freund, daß er Hilfe bedürfe, und vor Allem mußten die Stimmen zum Schweigen gebracht werden, die uns von dorther verrathen konnten. Dazu waren größere Mittel erforderlich, als er damals beſaß; denn auf ſeinen Gütern hatte er langſam das große Werk begonnen, was wir für unſer ganzes Vaterland zu errei⸗ chen uns aufgegeben hatten. Leibeigenſchaft war der That nach dort nicht mehr gekannt; aber er konnte nur helfen, wo er zu gebieten hatte, und als er mir ſein Vertrauen ſchenkte, zeigte es ſich, er habe mich nöthig, um die nicht zu verlaſſen oder in andere Hände und in aite leidenvolle Zuſtände übergehen zu ſehen, die durch ihn Menſchen geworden— beſſere Verhältniſſe kennen gelernt hatten!“ „Ich weiß,“ ſagte Hieronymus—„Du opferteſt Dein ganzes Vermögen, um ihn zu retten; er hatte gegen mich kein Hehl darüber. Aber, obwol er mir damals ſeine Verlegenheiten vertraute, ſind doch Jahre ſeitdem verfloſſen, und mein langer Aufenthalt in Ungarn hat manches aus meinem Kopfe verdrängt. 58 Sag' mir, waren es dieſe Verpflichtungen gegen Frankreich, die ſein fürſtliches Vermögen ſo herab brachten?“ „Die großmüthigen Opfer, die mein edler Freund ge⸗ bracht,“ ſagte Thyrnau—„freie, an Leib und Leben, Gut und Blut geſicherte Menſchen um ſich her zu erziehen— ſie hatten ſeine Einkünfte verkürzt und das Kapitalvermögen bereits belaſtet. Er konnte die ungeheuren Verpflichtungen nicht löſen, die ſein Sohn eingegangen. Damals war ich als Bevollmäch⸗ tigter des Fürſten von Z. am Hofe des Fürſten von S.— Lacy und ich waren ſeit einiger Zeit aus aller perſönlichen Be⸗ rührung getreten— längſt waren unſere Weiber begraben— was mir von häuslichem Glück geblieben, hatte ich unter die Pflege meiner ehrwürdigen Schweſter, der Barbara Hülshofen, geſtellt. Das Dohlenneſt war ſeit Jahren verödet— und wir grollten uns— und der damit verbundene Schmerz hielt uns auseinander. Dennoch war ich ſein Geſchäftsmann und Keiner mißtraute dem Andern. Als dieſe Noth kam, dachte er zuerſt an mich— und hatte keinen Zweifel an meiner Hilfe— und wollte ſie von keinem Andern! O Lach! edle große Seele— nie— nie vergeſſe ich dieſe Liebe! Du verſtandeſt mich— Du haſt mich geliebt!“ „Es vermehrte das Unangenehme unſerer Lage,“ fuhr Thyrnau nach einem kurzen wehmüthigen Schweigen fort— „daß ich zur ſelben Zeit erfuhr, der Fürſt von S. ſei von Sei⸗ ten Frankreichs für dieſen Plan gewonnen und im Beſitz unſeres Geheimniſſes— mit ihm hätten ſich zum Vortheile Frankreichs Andere bereits ziemlich unumwunden durch Hilfsgelder der fran⸗ zöſiſchen Sache verpflichtet. Es galt hier— ihr Geheimniß ſo ſicher und erwieſen in die Hände zu bekommen, als ſie das Unſrige beſaßen— ein Schwert mußte das andere in der Scheide halten!— Ich bot mich ihnen als Vermittler an— und ſie wählten mich, um ihrer Aller Angelegenheit in Frank⸗ 59 reich zu betreiben. Meine Lage war hier verwickelt und gefähr⸗ lich. Lacy und ich hatten uns das heil'ge Wort gegeben, um jeden Preis, jede Verbindung mit Frankreich abzubrechen; denn ſchon ging das große Geſtirn— Maria Thereſia— über un⸗ ſerm Vaterlande auf, und wir wollten ihr vertrauen— nicht ihrer.nahen Regierung vermehrte Hinderniſſe bereiten!“ „Nachdem ich in Paris das Terrain eine Zeitlang beob⸗ achtet hatte, faßte ich einen tollen gewagten Entſchluß, von dem ich allein noch Rettung hoffen konnte. Ich drängte mich an die Marquiſe von Pompadour, ich hatte erfahren, daß ſie den Prinzen, der unſer König werden wollte, haßte, und für die Verachtung, mit der er gewagt, ſie zu behandeln, ihn mit dem grenzenloſeſten Spotte verfolgte und jedes Ridicüle über ihn zu bringen ſuchte, was ſich entdecken ließ.— Darauf war mein Plan begründet. Dies Weib, das ſchönſte und geiſtreichſte der Erde, erholte ſich zuweilen von dem Zwange, den ihre Größe und ihre ſchwierigen Verhältniſſe ihr auferlegten, in einem kleinen ganz geheim gehaltenen Kreiſe alter Bekannter, welcher ſich in einem abgeſonderten Theile des Schloſſes bei einer ihrer Kammerfrauen verſammelte, und wohin auch die Perſonen wol geführt wurden, die ſie nicht öffentlich empfangen wollte. Dieſe Frau kannte ich ſeit lange und bearbeitete ſie jetzt für meine Pläne! Von ihr erfuhr ich die Abneigung der Marquiſe gegen den Prinzen, die ich nur zu lebhaft theilte, ſeit ich ihn perſön⸗ lich kennen gelernt.— Damals war Witz und Heiterkeit meine tägliche Laune— ich verwandte ſie hier zu meinen Zwecken. Die Marquiſe ward neugierig, mich zu ſehn, und von da an gehörte ich dem kleinen Kreiſe an. Nach ihrem erſten Witz über den Prinzen äußerte ich ihr mein grenzenloſes Erſtaunen und Lab vor, daß ich ſie für ſeine Verbündete gehalten habe.— Sie lachte eine Stunde lang in einem Athem— und jetzt bat ich um eine geheime Unterredung. Ich entdeckte ihr den ganzen Plan und bat ſie um Schutz und Hilfe, da— ſeit ich den Prinzen kennen gelernt— ich ihn nur noch auslachen könnte, aber nie mehr ſeine Wünſche fördern. Das war, was ſie brauchte, und jetzt hatte ich faſt nurzuzuſehen, wie ſie mit der Geſchicklichkeit, um die ſie jeder Diplomat beneidet hätte, Einen mit dem An⸗ dern täuſchte— und wie der Prinz endlich vom Könige die mündliche Weiſung erhielt— bei Strafe einer Wohnung in der Baſtille— die Sache aufzugeben, die man in dieſem Falle vergeſſen wolle.— Jetzt war der Prinz in der Nothwendigkeit, Alles abbrechen zu müſſen. Wir wurden über Hals über Kopf abgewieſen— das franzöſiſche Kabinet wollte nichts geſagt, nichts gethan haben— Alles war eine Grille des Prinzen, eine Intrigue der böhmiſchen Großen!“ „Der Fürſt von S., dem meine Unterhandlungen zu lange währten, kam ſelbſt nach Paris. Auch er wollte die Marquiſe in das Intereſſe ziehn, und ſie myſtificirte ihn, indem ſie den Plan als ihrem Schutze übergeben erklärte und ihm ſagte, auch ich habe mich bemüht, ihre wirkſamſte Fürſprache zu erreichen; er ſolle ſich gar nicht mehr darum bekümmern— ſie wolle Alles allein durchſetzen!— Jetzt war er überzeugt, die Sache wäre, wie ſie ſein müſſe— und reiſte befriedigt zurück.“ „Auch ich durfte dies ſein, aber leider nur in der Haupt⸗ ſache; denn die Verlegenheiten für die Abſchließung der Geld⸗ verpflichtungen ſtiegen immer höher. Auch die Marquiſe pflegte nichts umſonſt zu thun, und ich bekam zuweilen Anweiſungen von ihr zugeſchickt, als ſei ich ihr Banquier— und durfte mich nicht einen Augenblick beſinnen, ſie zu bezahlen.“ „Die übrigen Verhältniſſe brachten mich aber zuweilen zur Verzweiflung. Ich ſah die Ungerechtigkeit, die Ehrloſigkeit der Forderung ein, in welcher der Prinz, ſeine Umgebungen, ſeine Helfershelfer ſich förmlich überboten— und wenn ich voll Ent⸗ rüſtung alle Unterhandlungen abbrechen wollte— gab mir der 61 nächſte Augenblick ruhiger Ueberlegung die feſte Ueberzeugung, ich habe nirgends Schutz, nirgends Gerechtigkeit zu ſuchen— und mehr wie Vermögen ſei hier zu retten— der bedrohte Name Lach! Ich legte die Unſtände endlich dem unglücklichen Vater vor— ich durfte ihn nicht länger ſchonen, denn jede Zögerung vermehrte das Uebel.“ „Die Kaiſerin vertheidigte ihren vielfach angegriffenen Thron. Wir ertrugen beide die falſche Lage zu der großherzigen Frau nicht, und Lach ſchlug mir endlich vor, ſeine Güter zu verkaufen und ſeinem Sohne nach Italien zu folgen, wo er in völliger Zurückgezogenheit ſeine wahre Lage zu verbergen hoffte. Dahin wollte ich ihn haben, um ihm endlich helfen zu können, wie ich wollte, denn hartnäckig hatte er bisher jedes Anerbieten meines Vermögens abgewieſen.“ „Einekürzlich erſchienene Verordnung der Kaiſerin erlauhte den vermögenden Bürgerlichen, adeliche Güter anzukaufen. Ich benutzte ſie ſogleich für mich— und ward der Eigenthümer von Tein. Doch nur unter der einen Bedingung, daß dieſe Erwerbung ein tiefes, unverbrüchliches Geheimniß zwiſchen uns beiden bliebe — Lachy nach wie vor im Beſitz erſcheine— als Verwalter der ganzen Herrſchaft öffentlich jede Autorität behielte. Stephan war auf einem fernen Gute geſtorben, wohin er nach dem Un⸗ glück, das er angerichtet, ging. Lach erzog den Sohn ſeines jüngeren Bruders, den die Eltern ihm bei ihrem faſt zu gleicher Zeit erfolgten Tode anvertraut. Dies Kind wurde der Balſam ſeines verwundeten Herzens.“— Thyrnau ſchwieg. Hieronymus wiſchte mit ſeinem Aermel über die Augen. „Alter braver Thyrnau,“ ſagte er dann— ja, ja, ich wußte wohl, ich liebte Dich nicht umſonſt! Auch erinnere ich nich, Lach hat es mir damals erzählt— aber ſo nicht. Denn es war in ſeinen letzten Tagen, und er konnte immer vor Liebe und Anbetung nicht zu Worte kommen. Auch war es ihm bei N 62 ſeiner Mittheilung die Hauptſache, daß ich eine Art Zeuge oder Mitwiſſer für die Vermögens⸗Verhältniſſe würde.“ „Ja,“ ſagte Thyrnau—„und er wird Dir auch nicht erzählt haben, welche Noth er mir gemacht hat, ehe er ſich fügte. Niemals hätte er eingewilligt, hätte ich nicht ſeinen Lieblings⸗ plan— dieſe von ihm und mir nie aus den Augen verlorene Freimachung der Bauern,— zu Hülfe aufgerufen. Ich konnte damals die Herrſchaft Tein weder bewohnen noch verwalten; verließ er ſie, mußte das Gute, was bereits im Keimen war, wieder zu Grunde gehn; denn noch waren wir unter den Großen Böhmens mit dieſen Plänen iſolirt. Ihre Privilegien, ihr ſelbſtſtändiges Anſehn wollten ſie wieder erlangen, darum waren ſie leicht gereizt und geneigt, fremden Einflüſterungen zu horchen. Was uns im Sinne lag— die entſetzliche, ſchmach⸗ volle Lage der Geringeren zu heben— das ſahen ſie als Thor⸗ heit mit tadelnden Blicken an, und ſuchten zu hindern, ſo viel als möglich.— Da ich weder nach Tein— noch er nach Paris kommen konnte, wählten wir auf halbem Wege einen kleinen Ort, an welchem ſich ein Gericht befand, und hier ſtellten wir nach langen gegenſeitigen Kämpfen unſere Verhältniſſe feſt.“ „Ich ward Beſitzer von Tein und bezahlte die Forderungen in Paris, welche die vorläufig aufgebrachten Summen noch überſtiegen. Jetzt beleuchteten wir, was ihm blieb. Es war der Palaſt in Prag— es war ein kleines Allodium von der Gräfin Wratislaw, ſeiner Gemahlin, die ihm nur geringes Vermögen zubrachte. Bei dieſer Angelenheit entſtand der Kampf. Ich wollte nur Darleiher, nicht Beſitzer werden— Lacy's Neffe, den ich zwar nicht kannte, aber hetzlich liebte, weil er ſein Troſt war, ſollte unſer Beider Sohn ſein. Welche Kämpfe waren das, che ich ſiegte! Endlich— nach vier⸗ wöchentlichen Berathungen— ſchloſſen wir den merkwürdigen und geheimnißvollen Vertrag ab. Er kehrte zurück als unbe⸗ argwöhnter Herr der Beſitzungen, und ich hatte ihm mein Wort gegeben, ſobald als möglich zu ihm nach Tein zu kommen— was ich zwei Jahre ſpäter auch wirklich that.“ „Nun?“ ſagte Hieronymus—„und wie ſteht es denn jetzt? Bin ich hier bei Thomas Thyrnau oder bei dem Grafen von Lach?“ 1 „Ich weiß es nicht,“ ſagte Thyrnau—„gewiß aber iſt, daß ich die Herrſchaft nicht bedarf. Mein Vermögen iſt nicht groß, aber ich habe genug. Lacy hätte auch wohl die Schuld getilgt wäre der Krieg nicht gekommen. Wie ſollte er aber bei dieſen fürchterlichen Zerſtörungen und Abgaben, bei der Noth ſeiner Unterthanen, welche die Lage ihres Herrn nicht kannten und Hülfe von ihm begehrten, ſolche Schulden tilgen können?“ „Wir wohnten damals ſchon wieder zuſammen und als er nach einem plötzlichen Schlaganfall ſein Leben für bedroht hielt, wuchs die Sorge, dem geliebten Neffen, der in der Erwartung eines großen Beſitzes erzogen ward, nach ſeinem Tode die Ent⸗ deckung machen zu laſſen, daß er für einen Namen, wie er ihn führte, faſt arm zu nennen war. Da kam es im täglichen Bei⸗ ſammenſein, im langſamen Getriebe von Frage, Antwort, Beob⸗ achtung und Geſtändniß endlich dahin, daß wir ein gegenſeitiges Teſtament machten. In dem meinigen war Magda— die Einzige, die mir geblieben— Erhin meines ganzes Vermögens, — alſo, wenn Du willſt— der Herrſchaft Tein. Doch unter der Bedingung, daß ſie keinem Andern als dem Grafen Lach ihre Hand gäbe— und in dieſem Falle wurde ſie verpflichtet, nie dieſe Herrſchaft als ihr disponibles Eigenthum anzuſehn, ſondern nur den Theil meines Vermögens dafür zu halten, der ein davon unabhängiges Kapital war. Sollte ſie eine andere Heirath ſchließen, ſo ginge die Herrſchaft Tein unbeſtritten an den Grafen von Lach über und ſie habe daran keine weitere Anſprüche zu machen.“ „Im Teſtamente Lach's waren dieſelben Bedingungen: nämlich— die als letzter Wille befohlene Ehe mit Magda. Da dies Teſtament jedoch eine mögliche Oeffentlichkeit erhalten konnte, und dieſe die wahren Verhältniſſe meines edlen Freundes unnützen Schwätzern Preis gegeben haben würde, ward blos darauf hingewieſen, daß dies eine dringende Forderung ſei, und mir blieb die Vollmacht überlaſſen, die Gründe dafür dem Erben außudecken.“ „Nun,“ ſagte Hieronymus—„mit Deiner Erbin biſt Du grade nicht großmüthig umgegangen; das iſt ja eine Art Enterbung, wenn dieſe Heirath nicht zu Stande kommt!“ „Iſt das denkbar? rief Thomas Thyrnau begeiſtert.— „Sieh das Mädchen an— iſt ſie nicht wie eine Blume des Paradieſes— ein Juwel, für den man die Faſſung in einer Krone ſuchen möchte? Wer kann ſie ſehn, ohne ſie zu lieben — wer dürfte nicht mit Entzücken denken, daß ſie die Stamm⸗ mutter eines blühenden Geſchlechtes werden könne? Auch gefällt mir Lacy's Neffe— und obwol ich ihn nie ſah, da er kurz vor meiner Rückkehr nach Tein die Univerſität bezog, haben doch ſeine Briefe das Bild beſtätigt, welches mein alter Freund ſtets von ihm entwarf. Und Magda? Ich habe ſie den Gefahren der Welt nicht ausgeſetzt— hier— oder in der klöſterlichen Zucht der Frau Barbara, wo ſie den nöthigen Unterricht der Nonnen von St. Urſula genoß— iſt ſie groß geworden. Sie hat keinen Mann geſehn und Lach iſt eben ſo ſchön als liebens⸗ würdig.“ „Das iſt wahrſcheinlich genug,“ erwiederte Hieronymus —„aber— wenn er ſie nun doch zurückwieſe? Solche Ehen ſind doch immer noch in der vornehmen Welt ein wenig anſtößig.“ „Dann,“ rief Thomas Thyrnau, indem er heftig auf⸗ ſprang,„iſt ſie Beſitzerin von Tein und bedarf der Grafenkrone 65 nicht! Denn nur im Fall ſie dieſe Ehe zurückweiſet und einen Andern heirathet, verliert ſie das Recht an dieſem Beſitz.“ Ich weiß das längſt!“ ſagte Magda, die bei den letzten Worten aus dem Studierzimmer des Grafen von Lach trat, wohin ſie von den Männern unbemerkt durch die Fenſterthüren des Gartens gegangen war—„und Du haſt von mir nichts zu fürchten! Aber ich ſage Dir noch einmal, ich will nicht, daß ich oder der Graf gedrängt werden— Du mußt mir darin meinen Willen laſſen, denn Du biſt ſchon viel zu raſch geweſen!“ Thomas Thyrnau lachte über den Verweis, den er bekam und rief ihr munter zu:„Da er in ſeiner Jugend keinen Hof⸗ meiſter gehabt, würde es ihm in ſeinen alten Tagen nachgeholt.“ Magda flog lachend auf ihn zu und ſtrich ſeine Wangen, wäh⸗ rend er ſie an die Bruſt drückte. Doch plötzlich fuhr ſie in ſeinen Armen empor:„Laß mich,“ rief ſie—„ich kam Dir zu ſagen, daß ein Fremder hier iſt! Erſt ſah ich ihn gegenüber am See, als er kleine Steine hineinwarf und die Schwäne davon aufſchreckten, die zu mir kamen— dann war er mir aus den Augen, als ich ſie rief und ihrem haſtigen Segeln zuſah. — Jetzt aber, wie ich die Blumen von der Terraſſe holte für das Zimmer Lacy's, da ſah ich ihn von der Reitbahn her um die Terraſſe nach den Stufen zu gehn.“ „Da werden wir gleich die Ehre haben, ihn zu ſehn,“ tief Thomas Thyrnau— fuhr aber etwas zuſammen, als ein Diener eintrat und mit höchſt bewegter Stimme den Grafen von Lach anmeldete. Magda ward blaß und ſtreckte unwillkürlich die Hand nach Hieronymus aus, der aus ſeiner gewöhnlichen Ruhe erwachend liebevoll ihre Hand ergriff:„Komm, mein liebes Mädchen, wit wollen zuerſt noch ein wenig nach dem Krankenhauſe gehn,“ ſagte er—„dort wünſchen ſie mich zu ſprechen und Du haſt dort auch zu thun. Dann halten wir das Gebet zuſammen.“ Thomas Thyrnau. 1. 5 0 66 Dies war Allen Recht, und Magda ließ ſich willenlos auf einen Weg führen, auf dem ſie dem Grafen nicht begegnen konnte. Hieronymus verſuchte, aber vergeblich, als ſie zuſammen gingen, ſeiner Gefährtin in harmloſen Bemerkungen Rede abzu⸗ gewinnen. Magda wandelte mit geſenktem Kopfe neben ihm, und ihr Athem war ſo ungleich und heftig, daß er ſie einlud, im Bosket, wo Sitze waren, ein wenig auszuruhn. Hier ſank die friſche leichtfüßige Magda, die von ihrem Großvater oft Atalanta genannt wurde, wie völlig erſchöpft nieder und die Bläſſe ihres Geſichtes, die ſo jäh mit glühender Röthe wechſelte, machte den alten Arzt beſorgt, der ſeinen Finger an ihren Puls legte und ängſtlich fragte, ob ſie auch weiter gehen könnte. „O ja! weiter!“ rief Magda, indem ſie entſchloſſen, aber mit Anſtrengung, aufſtand—„ich will heute nicht nach dem Schloſſe zurück. Die Pferde können außen vor dem Krankenhauſe auf die Landſtraße geführt werden— und Du guter Hieronymus reiteſt mit mir voran.“ Der Alte glaubte Magda's Zartgefühl zu verſtehn und verſprach, was ſie wünſchte, mit der Bedingung, daß ſie erſt ſeine Geſchäfte im Krankenhauſe abmachen laſſe. So wandelten ſie fort bis unter das Portal des Sbuſs. wo die Schaffnerin mit einigen von den Aufwärterinnen unter vielem Lachen im lauten Geſpräch begriffen ſtand. Hieronymus fragte etwas ungeduldig, was es hier gäbe— und die Schaff⸗ nerin, die ſich auch nicht gern ſo aus ihrer ſonſt angenommenen ernſten Würde vor den Angekommenen heraus gefallen ſah, ſuchte wenigſtens die Veranlaſſung zu ihrer eigenen Rechtferti⸗ gung zu übertreiben. „Ah! wo ſind denn Euer Ehrwürden hergekommen?“ rief ſie und küßte ihm und Magda die Hand—„daß Sie den gnädigen Herrn nicht geſehen haben? Es iſt noch keine Stunde her, da ſtand er hier vor mir, der junge Herr Graf von Lach! 67 Ach, welch' ein ſchöner junger Herr! aufgewachſen wie eine Tanne— wie eine Roſe am Zweige ſo friſch und ſchön! Ganz das Ebenbild ſeines hochſeligen Herrn Oheims.“ „Schon gut! ſchon gut!“ ſagte Hieronymus—„immer ſche ich nur den Grund zum Lachen und Toben nicht, Frau Grete!“ „Heiliger Gott! Euer Hochwürden! ſo lang ſind wir armen Leut' ohne den gnädigen Herrn verblieben— ſoll uns das Herz nicht lachen, wenn Seine Gnaden endlich eintreffen und dabei ſelbſt mit Lachen und Schetzen ihren Einzug nehmen? Ach, war' denn nicht auch komiſch genug, daß Seine Gnaden den Eingang vergeſſen hatten, und anſtatt vor dem Thorpfört⸗ chen, hier vor unſerm Hauſe vom Pferde ſtiegen, nicht anders denkend— als dies große Haus mit Gitter und Einfahrt ſei das Schloß?“. „Was fagſt Du, Grete? rief Magda hier ſchnell vor⸗ tretend und mit fragendem Erſtaunen ihre Hand auf Grete's Arm legend—„der Graf von Lach glaubte, das Krankenhaus hier ſei das Schloß?“ „Ja! lieb Fräulein,— denken Sie nur! Darum lachten wir auch noch ſo ſehr, und ich erzählte an Kathrin' und Stina, was die lange Abweſenheit nicht thut. Zu Michaelis müſſen es juſt zehn Jahr ſein, daß Seine Gnaden— ein blaſſes ſchlankes Bürſchchen— nach der hohen Schule abgingen. Ja! zehn Jahre ſind eine liebe lange Zeit und wirken aufs Gedächtniß! Hätte ich in dem ſchönen rothwangigen jungen Herrn nimmer⸗ mehr das blaſſe ſchmächtige Herrchen wieder erkannt, was damals von uns ging. Da ſagte er nun ſelbſt— es wär' ihm auch nicht ganz wie recht erſchienen— aber er hätte gedacht, irgendwo fände er ſchon Einlaß.“ Magda las der guten Grete die Worte aus dem Munde. Doch Hieronymus unterbrach die geſprächige Frau und that 5* 68 nöthige Fragen über die Kranken. Magda erwachte nun aus ihrem Nachdenken und trat ihre gewöhnliche Wanderung an nach dem Viertel des Hauſes, wo die Alten und die Kinder beiſammen lebten, zu gegenſeitiger Dienſtleiſtung auf einander angewieſen. Hier war Magda immer gewiß, die höchſte Freude durch ihren Beſuch zu erregen. Jung und Alt ſtreckte die Hände nach ihr aus, und hier zeigte ſich ihre ganze Eigenthümlichkeit; denn ſcherzend und neckend, ſcheltend und befehlend ging ſie von Einem zum Andern. Aber mit halbem Blick ſah ſie dabei, wo es fehle— was Erleichterung, Hülfe oder Troſt gewähren konnte— und dann zog ſie es das nächſte Mal aus der Taſche — oder Frau Grete wurde beordert, es her zu geben, und da Niemand ihr zu widerſtehn vermochte, mußte auch Frau Grete manche wohl überlegte Einſchränkung aufgeben, wenn Magda in ihrer Weiſe, die keinen Widerſpruch duldete, ihr Regiment hier führte. Doch heute hätte man denken können, Magda wandre blos aus Angewöhnung hier umher. Sie nickte mit dem Kopfe jedem Gruße entgegen— aber Niemand hätte gewagt, ſie anzureden. Selbſt die Kinder kicherten nur in ihrem Spielwinkel, und es ſchien Allen ungewiß, ob es Magda ſei, ihr Schutz und Schirm— ihre heitere Gefährtin. Auch ging ſie nur durch den Saal, der Alle bei Tage verſammelte, um in das Gemach der alten Angela zu kommen; denn dieſe ihre alte Kinderfrau, jetzt blind und nah an achtzig Jahr, ſaß hier in einem kleinen wohnlich eingerichteten Gemach, welches ein Fenſter nach dem Wildgarten zu hatte, in deſſen Niſche Angela Tag vor Tag ihr Rädchen drehte und das feinſte Garn im ganzen Hauſe ſpann. „Nun, Alte,“ ſagte Magda—„haſt Du Deinen Wocken noch nicht leer? Mußt Du immer arbeiten wie um's liebe Brot?“ 69 „Schmäle nur!“ entgegnete die Alte— ich thu's auch um's Brot— denn es ſchmeckt mir nicht, wenn ich nicht drum gearbeitet!“ „Du ſollſt aber aufhören,“ rief Magda—„ich will nicht, wenn ich bei Dir bin, daß Du halb an Deinen Faden, halb an die Worte denkſt, die Du mit mir redeſt.“ „Nun, Du biſt heute wieder wirrſch,“ ſagte Angela,„haſt wieder Deinen Trotzkopf aufgeſetzt! Geh! geh! ſo mag ich Dich nicht leiden!“ Damit ſchob ſie aber doch das Rädchen fort und Magda fragte ſogleich:„Sag', war meine Mutter auch ſo trotzig wie ich?“. „Das ſoll wohl ſein,“ erwiederte die Alte—„doch wie frägſt Du danach? Laß die verſtorbenen Leut' ihre Sache ge⸗ macht haben in der Welt— mach' Du nur Dein Theil klüger!“ „Du ſollſt mir aber von ihr erzählen, Angela! ſag' mir nur — hieß der Graf Lach, der ſie ſo ſehr liebte, nicht Stephan?“ „Stephan! Stephan! Mein Kind! das war eine Liebe — mein Gott, wie groß! hat ihm auch das Leben gekoſtet! Aber, was war Deine Mutter auch für'n Mädchen! Und das ſahen die Alten wol ein— aber es war immer Stahl und Eiſen beiſammen— unſer alter Thomas, der hatte auch ſein Dün⸗ kelchen! Da ſollte der große Herr Graf herabſteigen, in das Dohlenneſt kommen und um die Ehre bitten, daß die Tochter des Bürger und Advokaten Thyrnau Frau Gräfin von Lach werde. Ja ſieh! ſo was geht denn nicht nach Wunſch! Wir Bürgersleute bleiben immer über die Achſel angeſehen von den althergebrachten Leuten! Ich hab' mein' Zeit viel geſehn— aber nie hat ſo was glücken wollen.“ „Und ſie Beide— auf die es ankam,“ rief Magda— „Stephan liebte die ſchöne Mutter— aber ſie— ſag' mir, ſie— liebte ſie ihn denn?“ „Ach, was das nun ſo ſchwätzt,“ fuhr Angela auf— „lieben und lieben! Ein junger Herr, wie gedrechſelt— warum ſollte ſie ihn denn nicht lieben? Hat's ihm doch das Leben gekoſtet, als er hörte, ſie wäre vermählt und auf und davon!“ „Das Leben?“ rief Magda, die Hände zuſammenſchlagend, „der arme, arme Stephan! Ja, das kann ich begreifen— lieber ſterben.“ „Was haſt Du Dich denn ſo, Magda?“ rief die alte Frau, verdrießlich über den ungewöhnlichen Ton des jungen Mädchens.—„Was kannſt Du davon begreifen? Männern bricht all Zeit das Herz um das, was ſie nicht erreichen können! Ich hab' ihn oft geſcholten, oft weggejagt, wenn er vor dem. Thurme, wo das arme Kind ſchlief, die halbe Nacht im feuch⸗ ten Thau lag und immer blaſſer und elender ward. Sie hat ſo übel nicht gethan, als ſie ſo plötzlich fort ging.„„Angela,““ ſagte ſie—„„hier iſt nichts als Unfrieden und Feindſchaft— ich bin die Urſach'— bin ich aus dem Wege, wird Jeder ſich wieder finden.““ Aber darin hatte ſie Unrecht! Denn nun ging erſt ein unnatürliches Haben an— der Sohn machte dem Vater Vorwürfe, der Vater dem Sohn— unſer alter Herr Thomas ſagte, der Graf habe ihm die Tochter geraubt— der ſagte wieder, der Sohn werde das Opfer!“ „Ach! und darin hatte er Recht,“ rief Magda—„denn meine Mutter war doch— wenn auch nur kurze Zeit— doch war ſie glücklich!“ „Das ſoll wol wahr ſein,“ ſagte Angela—„denn hier war kein Glück mehr— Alles ſtob aus einander— das Doh⸗ lenneſt ſtand leer— Herr Stephan ſtarb endlich auf einem klei⸗ nen Gute ſeiner verſtorbenen Mutter. Was da noch hinzu ge⸗ kommen?— Man ſagte viel! Wovon ich aber nichts ſah, das weiß ich auch nicht— genug, bald war's vorbei— der ſchöne 71 ſchmucke Herr ließ den Vater an ſein Sterbebett fordern— ja! da kam die Reue zu ſpät— Tod kennt kein Gebot!“ „Und doch freut es mich,“ rief Magda—„daß er meine ſchöne gute bürgerliche Mutter ſo geliebt hat, dieſer vornehme Graf von Lacy.“ „Was das ein Unverſtand iſt!“ rief Angela—„da hat ſie wol groß Glück gehabt! Und der arme Herr ſelber! Das iſt auch zum fteuen, wenn Einer das Leben dran giebt— geh' mir doch mit Deiner Freude!“ Ehe Magda antworten konnte, trat Frau Grete ein und ſagte, Pater Hieronymus wäre im Betſaal und Alle ſchon um ihn verſammelt. Angela ſtand ſogleich mühſelig von ihrem Sorgenſtuhle auf und Magda gab ihr den Arm, an den ſie ſich hängte. Im Hinausgehen ſagte Magda aber:„Deine Hände ſind ganz kalt, Angela! Du mußt noch immer des Abends ein wenig Feuer im Kamin machen laſſen; das thut in Deinen Jahren nicht gut, ſo kalt zu werden. Grete ſorge mir, daß Angela des Abends ihr Kaminfeuer hat— die Sonne kommt gar nicht durch bei dem Waldfenſter.“ „Was das klug thut,“ entgegnete Angela—„als wüßte ſie, was alten Leuten Roth thut! Ru! nu! wie Deine Mutter! Die hatte auch für alle Menſchen was übrig in ihrem guten Herzen.“ „Wollte Gott, ich glich ihr!“ ſagte Magda raſch, und alle Drei traten in den Betſaal ein. Das Gebet hatte begonnen; als Hieronymus aber ſeinen Liebling an Angela's Seite ſo trübe und gedrückt daher kommen ſah, da erhob er die Stimme und rief mit großer Bewegung: „Kommet Alle, die Ihr mühſelig und beladen ſeid, ich will Euch tröſten! Aber,“ fuhr er fort,„wenn Ihr der Einladung des Herrn folgt, der Euch ruft, ſo bedenket, vor wen Ihr ge⸗ fordert werdet, und wenn Ihr voll Vertrauen ſeiner Hülfe Euch 72 * entgegen dränget, ſo laſſet vor Allem den eignen Willen Eures ſündigen Herzens vor der Thür. Damit der Herr Euch helfen könne, ſaget vor Allem: Dein Wille geſchehe! denn wol glaubt Ihr, von thörichten Einbildungen unſtrickt, von Euch gelte, wenn es heißt: Mühſelig und beladen! Aber wißt Ihr auch, ob das, was Ihr vor Ihn hinſchleppt— wofür Ihr Troſt oder Hülfe begehrt— ob es nicht blos die eingebildeten Uebel ſind, die Euer eignes Herz erzeugt? Empfindet Ihr ſie nicht blos darum, weil Euer Hetz ſich feſtklammert an die Güter dieſer Erde— ſeid Ihr nicht darum beladen, weil Ihr nicht aufgeben könnt und mögt, was Eure Begierden reizt— leidet Ihr nicht, weil Ihr nicht entbehren, nicht tragen, nicht dulden wollt? Seid Ihr nicht mühſelig, weil das Joch der Leidenſchaften auf Euch liegt, weil Euer Auge blind iſt für das Gute, was Ihr habt, und hellſehend für das, was Euch verſagt iſt? Darum ſage ich Euch, wer dem Rufe des Herrn folgt— der Keinen täuſcht— der erwarte nicht, daß die verheißne Hülfe, der Troſt — der Balſam wird für jegliches Uebel— den erreichen wird, der mühſelig und beladen von irdiſchen Wünſchen vor ihn tritt. Er hat ſeinen Theil dahin! Er wird weiter keuchen unter dem ſelbſt gewählten Joch, denn der Herr unſer Gott und Heiland hat nicht Raum in ihm, ſeine Gnade wirken zu laſſen. Sein Gebet wird ein unfruchtbares Werk des Mundes ſein— ein ſchnöder Handel um die thörichten Wünſche des Herzens, und er ward in Gottes Allmacht und Gerechtigkeit zweifeln, weil nicht erfüllt ward, was er von ihm begehrt! Wer aber müh⸗ ſelig und beladen mit einem demüthigen Herzen vor den Herrn kommt, der wird des unvergänglichen Troſtes inne werden, der bei Ihm iſt und Keinen je getäuſcht! Aber Dein Herz muß ein leer Gefäß ſein, worein Er ſeine Gnade ausgießen kann— auf Deine Leiden mußt Du blicken mit der Bitte: vergieb mir meinen Antheil daran— auf Deine Hoffnungen und Wünſche 8 mit dem Begehren: nicht mein Wille, Herr, geſchehe, ſondern der Deinige! Dann machſt Du den Herrn mächtig in Dir und Großes wird er bewirken— denn für Dich ſteht geſchrieben: die auf Ihn hoffen, haben nicht auf Sand gebaut, ſondern auf Felſengrund!“ Als Magda nach beendigtem Gebet im Vorflur mit Hiero⸗ nhmus zuſammentraf, hatte ihr Auge und ganzes Antlitz den alten Glanz wieder und als er ſie forſchend anblickte, ſagte ſie: „Das that mir grade Noth! Du haſt mich tüchtig gerüttelt und geſchüttelt— nun iſt mir aber viel beſſer!“ „Ja,“ ſagte Hieronymus—„der Schlaf der Seele iſt bald da; wir können uns nicht oft genug zurufen! Wachet und betet!“ Im ſelbigen Augenblick hörten ſie die Stimme des Herrn Thomas Thyrnau. Er hielt ſchon zu Pferde auf der Landſtraße vor dem Garten, und Magda's Pferd und Hieronymus Maul⸗ thier hielt der Reitknecht daneben. „Kommt! kommt!“ rief er—„Ihr ſeid heute ſehr lange beſchäftigt geweſen! Die Sonne iſt kein langer Gaſt mehr— ſie geht ſchon unter und es iſt Zeit zum Abendbrot!“ Schnell beſtieg Magda ihr kleines ſchönes Pferd, und ihm einen leichten Schlag mit der Gerte gebend, flog ſie den Män⸗ nern voran und flüchtig wie ein gejagtes Reh in den Wald hinein. „Nun,“ ſagte Hieronymus—„wie gefällt Dir Deine neue Bekanntſchaft— der Herr Graf von Lach?“ „Hm!“ entgegnete der alte Advokat—„das iſt ein komiſch Ding! Warum er jetzt gerade kommt, ohne ſich vorher anzu⸗ melden— ſo übereilt in Allem— ſo unruhig— ſo obenhin — ſo fremd und zerſtreut— dahinter ſteckt was! Es iſt in ihm oder in ſeinen Verhältniſſen etwas nicht in Ordnung. Aber er will mit der Sprache nicht heraus. Sonſt könnte er mir wohl gefallen— es iſt ein ſchöner offner freundlicher Burſche, dem man ſchon gut ſein kann, wenn er erſt das verwirrte Weſen ab⸗ gelegt hat. Aber, Alter! was Magda wol zu ihm ſagen wird? Ich wollt' darauf ſchwören, ſie hat ihn ſich anders gedacht!“ „War denn von ihr die Rede?“ fragte Hieronymus. „Das war das tollſte,“ fuhr Thyrnau fort—„daß er auf einmal wie beſeſſen auf ſie iſt! Er hat ſie wol länger, als ſie denkt, am See belauſcht und iſt wie raſend in das Mädchen verliebt— ich glaube, er ließe ſich morgen mit ihr trauen!“ „Das will mir gerade nicht ſehr gefallen,“ entgegnete Hieronymus, das ſchadet ihm auch eher bei dem Mädchen, als daß es ihm hilft.“ „Die Wahrheit zu ſagen,“ entgegnete Thyrnau—„mir gefällt es auch nicht ſehr. Ueberhaupt, ich habe ihn mir auch anders gedacht— obwol er mir nicht mißfällt.“ „Er war bei Frau Grete abgeſtiegen,“ erzählte jetzt Hiero⸗ nymus—„weil er das Schloß verfehlt hatte. Sie ſchwatzte viel von ſeiner Aehnlichkeit mit dem ſeel'gen Oheim! Iſt das wahr?“ „Die Närrin!“ lachte Thyrnau—„auch kein Zug! Die Größe mag er haben und auch braune Augen— aber ſonſt kei⸗ nen Zug! Nun, Du wirſt ihn bald genug ſehn! Morgen will er im Dohlenneſte zu Mittag eſſen— am Vormittag will ich hinüber und Du reiteſt lieber mit und hilfſt mir gelegentlich! Sieh! der Eindruck iſt unklar, den mir der Junge macht. Es iſt ſonderbar, wenn man von Jemand nur die Handſchrift kennt und nach Art und Weiſe der Worte, Gedanken und Gefühle ſich überredet, wie der ausſehen müſſe, der ſie niederſchrieb. Tritt nun ein ganz Anderer vor uns als der, den wir erwarte⸗ ten, ſo geben wir die Schuld nicht unſerer thörichten Einbil⸗ dung, ſondern wir möchten es dem zurechnen, der uns darin täuſchte. Wir ſehen ihn mißtrauiſch an, als wäre er nicht der Rechte!“ 75 „Ja! ja! ſagte Hieronymus—„der Menſch iſt ein eigen⸗ ſinnig rechthaberiſch Ding und die Zugeſtändniſſe, die er ſich ſelbſt macht, ſind immer die weitreichendſten; ſeine Einbildun⸗ gen ſollen allemal mit der Wahrheit zuſammen ſtimmen und wenn ſie uns den Gefallen nicht thun will, glauben wir lieber, die Wahrheit irre ſich, als wir!“ Jetzt hatten ſie Magda erreicht, die, nachdem ſie in den Wald eingelenkt war, ihrem Pferde die Zügel über den Hals geworfen hatte und es ihm überließ, langſam den Weg zu ſuchen. Sie ſelbſt indeſſen hing ſo träumeriſch im Sattel, als habe ſie dafür keine Gedanken. „Nun, Feenkind!“ rief Thomas Thyrnau—„hat Dich der Erlenkönig nicht beſucht— tanzen die Elfen nicht im Moor — hörſt Du Titanien's Ballmuſik zu?“ „Von Allem ein wenig,“ ſagte Magda—„Mondſchein und Herbſtnacht webt der Feen Feſtgewand! Da flüſtert's in allen Zweigen, da rauſcht es im welken Laube, da haben die Quellen zu viel und die Bächlein reiſen weiter als ihr Bett. Wer ſich niederlegt aufs linke Ohr, der träumt, er habe zu wenig; wer's auf dem rechten verſucht, dem erfüllen ſich alle Wünſche; wer auf dem Rücken liegt, der weiß, daß die Elfen lügen und hört, wie ſie lachen.“ „Das haſt Du Dir gewiß ſelber ausgedacht,“ ſagte Tho⸗ mas Thyrnau—„oder ſaß Dir Frau Mab auf der Naſe und wollte Dich zu ihrem luſtigen Hofſtaat werben?“ „Hätte ſie ſich die Mühe gegeben, ich wäre ihr gefolgt; denn luſtig muß es ſein, wo der winzige Kelch des Farrenkräut⸗ leins ein behaglich Ruhebettchen für die Frau Königin iſt, und das Blatt der Waſſerlilie die Inſel, wo das Bankett gehalten wird; wo die Leuchtwürmer angeſtellt ſind, die Illumination zu beſorgen, und ſich an dem Tropfen Honig, den die Biene beim Vorüberfliegen verlor und den die ſorgliche Schaffnerin in dem 76 mächtigen Schlauch eines leeren Ameiſenei's auffing, die ganze Geſellſchaft berauſcht! Das nenne ich mir, ohne viel Aufwand. luſtig ſein! Was haſt Du dagegen für Noth und Frau Gun⸗ dula und Bezo und Veit und wie ſie all heißen, um ſo viel Gäſte zu ſpeiſen, als in Deinen kleinen Gitterſtuhl im Dohlen⸗ neſt hineingehn.“ „Darum brauch ich dabei auch ſo weiſe Leute zu Rath und Hülfe, die Abends im Walde von den Elfen und Feen Lection nehmen— und gerade zur rechten Stunde haſt Du Audienz bei ihnen gehabt, um mir morgen mein Mahl einzurichten, wenn uns der neue Herr von Tein ſeine Aufwartung machen wird im Dohlenneſt. Doch bitte ich Dich, verändere etwas Deinen Maaßſtab und nimm zu dem Tropfen Honig— auch Anderes zu Hilfe!“ Das dachte ich,“ ſagte Magda—„deshalb lockte mich der Wald heute Abend ſo ſehr und ließ mich mehr verſtehn als ſonſt— und verſprach mir all ſeine Geheimniſſe, wenn ich ihm folgen wollte und das Andere laſſen, was nichts verſpricht als Herzeleid.— Hör' Großvater! ich muß Dir ſagen, meine ganze Freude zn Deinem Grafen Lacy iſt weg, nun er uns ſo nah kommt; ich möchte ihm am liebſten ſein Tein laſſen und mit Dir durch die Welt ziehn oder bei Tante Barbara den Staub kehren und den Kaffee kochen!“ „Nun,“ rief der Großvater zurück—„das iſt nicht ſehr ſchmeichelhaft für den armen Jungen da droben; denn Kaffee kochen und Staub kehren, iſt, denke ich, Dein letztes Ver⸗ gnügen.“ „Wenn nur beides für den Rechten iſt!“ erwiederte Magda. „Die Muhme verſteht es, aus Allem was zu machen; ich glaube, es war mir nie bei ihr zur Laſt und hier möchte ich's mir nicht nah kommen laſſen. Aber ſag' mir doch, wie gefiel Dir der junge Herr?“ 77 „Aha!“ lachte der Advokat—„ſind wir dahin gelangt mit allen unſern Umwegen? So keck und gleichgültig zuerſt— und dann wollen wir doch wiſſen, wie er ausſieht!“ „Das brauch' ich von Dir nicht zu erfahren,“ rief Magda —„Gieb Acht, ich will es Dir ſagen: Da ſtandeſt Du nun in der Bibliothek allein und hatteſt nicht den Muth, ihm ent⸗ gegen zu gehn— und da that ſich die Thür auf— und Du fuhreſt zurück— denn herein trat das lebendig gewordene Bild Deines alten Freundes, wie er als achtundzwanzigjähriger Herr gemalt in dem Kabinet hängt. Und da that er den Mund auf und das war die ſanfte Stimme des ſel'gen Herrn— und da ſtürzteſt Du auf ihn ein und haſt ihn geherzt und gedrückt.“ „Siehſt Du,“ rief Thyrnau, ſich zu Hieronymus wen⸗ dend—„das Mädchen hat ſich ihn gerade ſo gedacht als ich. Das habe ich wohl gefürchtet!“ Doch Magda hörte nichts mehr. Beim Dohlenneſte ange⸗ kommen, ſtieg ſie vom Pferde und als die alten Herren eintra⸗ ten, rief ſie ihnen ſchon von der Gallerie einen Nachtgruß zu und verſchwand in ihr Thurmzimmer. Wenn Magda am andern Morgen den Kopf zu ihrer Thür hinausſtreckte, ſo hörte ſie, wie Gundula's ſanfte Stimme ſich zuweilen ſtärker als gewöhnlich erhob, um außerordentliche Zu⸗ rüſtungen ins Leben zu rufen. Schnell zog ſie dann den Kopf zurück und mochte nicht hinunter in den Tumult und noch weniger die alten Herren ſehen, die heiter und redſelig bei dem ſchönen Herbſtwetter vor der Thür ſaßen und das reichliche Früh⸗ ſtück verzehrten. Ueberall mochte ſie ſich nicht zeigen, denn ſie war unſicher mit ſich ſelbſt geworden und fühlte, gerade heute thue ihr eine ſichere und ruhige Haltung Noth. Wohl ſah ſie ſonſt gern, wenn ſich Alles um Ihre kleine Perſon drehte— heute ward ſie wund von dem Gedanken, daß Alle auf ſie ſahen, daß Jeder wußte, es ſei ein wichtiger Tag für ſie. 78 Dazu kam, daß ſie ſich nie hatte überwinden können, dem Großvater zu entdecken, wie ſie ihren Verlobten bereits kenne und daß, obwol es zu dieſem Geſtändniß noch Zeit ſchien, ihr es doch heute völlig unmöglich ward. Sie fürchtete die Ent⸗ deckung, als habe ſie eine große Schuld auf dem Herzen, und ſie wollte lieber den Großvater nicht ſehen, den ſie glaubte be⸗ trogen zu haben. Dabei ward Alles zum Wegreiten der alten Herrn gerüſtet und ſie konnte ihren Abzug gleich nach Been⸗ digung des Frühſtücks erwarten, wo ſie denn vielleicht in der Ruhe der Abweſenheit die Faſſung wieder gewann, die ſie ſo ungern vermißte. Es fand ſich, wie ſie es wünſchte. Thomas Thyrnau erhob ſich nach gehaltenem Frühſtück, und da er von Frau Gundula vernommen, es rege ſich noch nichts in Magda's Thurm, ſo wollte er ihre vorausgeſetzte Ruhe nicht ſtören. Beide alte Herren beſtiegen die bereit ſtehenden Pferde und ritten nach Tein, ihre Rückkehr mit dem Gaſt zur Mittagszeit verheißend. Der nunmehrige Bewohner von Tein hatte indeſſen, den Beſuch erwartend, ſich auf ſeinen Empfang ſo gut wie möglich vorbereitet, und obwol er die nöthigen Dinge, die zu verhan⸗ deln waren, etwas ſcheute, hatte er doch Zeit gefunden, das kleine anmuthige Schloß mit ſeinen reizenden Umgebungen zu durchwandern. Er war eben wieder in das hohe großartige Bibliothekgemach getreten, wo er Thomas Thyrnau zuerſt ſah, als dieſer in ſeiner raſchen lebendigen Weiſe, von Hieronymus begleitet, ſchon bei ihm eintrat und, wie es dem Bewohner von Tein ſchien, etwas ſteifer und förmlicher als am Abend vorher ihn begrüßte und Hieronymus vorſtellte. Dies Mißbehagen war in der That vorhanden und bezog ſich auf Einiges, was der Advokat beim Eintritt in das Schloß von den alten Dienern deſſelben vernommen hatte. 79 „Mein Herr Graf,“ ſagte der Advokat, indem ſein großes feuriges Auge durchbohrend auf dem Angeredeten ruhte—„ich habe bei meinem Eintritt in das Schloß nichts als Klagen über Euer Gnaden gehört und habe nach alter Leute Art gleichfalls Luſt, etwas zu ſchmählen, welches der Freund Ihres ſel'gen Oheims, denke ich, wohl wagen darf.“ „Jedes Ihrer Worte, belehrend, tadelnd oder welcher Na⸗ tur ſonſt,“ ſagte der junge Mann mit aufrichtiger Empfindung in Ton und Ausdruck—„wird mir von Werth ſein. Daher bitte ich, ſagen Sie mir, was hab ich gethan, was Ihnen mißfällt. Ich denke, es ſoll mir nicht ſchwer werden, es wie⸗ der gut zu machen.“ „Hm,“ ſagte der Advokat, dem die Aufrichtigkeit der Ent⸗ gegnung nicht entging, in etwas milderem Ton—„mit mir per⸗ ſönlich haben Sie es nicht zu thun! Aber die alten Diener Ihres Herrn Oheims, dieſe Diener, die Euer Gnaden gekannt und geliebt haben und den achtzehnjährigen Jüngling, der da⸗ mals dies Schloß verließ, keinen Tag ihres Lebens vergeſſen haben, ſie empfinden es jetzt ſchwer, daß ihr junger Herr, der nach zehn Jahren zurückkehrt, keine Erinnerung— keine Theil⸗ nahme für ſie hat; von ſeinem eignen fremden Kammerdiener ſich bedienen läßt, nach Keinem fragt und ihr unterthäniges Geſuch, ſich ihm vorſtellen zu dürfen, zurück weiſt.“ „Ah! iſt es das?“ rief der junge Mann, ganz erleichtert lachend—„nun das wollen wir bald wieder gut machen. Und Sie, mein würdiger Freund! ſehen Sie es der Jugend, der langen Abweſenheit nach! Gewiß, ich mache das wieder gut, und die alten Leute ſollen zufrieden ſein. Es iſt wahr,“ fuhr er theilnehmend fort—„ich fragte noch nicht. Sagen Sie mir doch etwas— nennen Sie mir doch die Leute— wer lebt von ihnen noch, der mich damals kannte? Sie werden mich verändert finden!“ 80 „Es iſt Keiner geſtorben,“ entgegnete der Advokat— „und ſo werde ich ſie Ihnen wohl nicht zu nennen brauchen; denn wenn auch der Herr Graf ſich in zehn Jahren verändert haben können, bin ich doch ſehr ſicher, dieſe alten Leute wer⸗ den nicht Gleiches erfahren haben, und der Herr Graf müſſen, wie ſehr auch zerſtreut und abgezogen, die lang gekannten Diener wieder herausfinden.“ „O gewiß, gewiß!“ rief der junge Mann—„ich würde es mir wenigſtens zum Vorwurf machen, wenn mir mein Ge⸗ dächtniß hier Streiche ſpielte!“ „Das halte ich für unmöglich!“ entgegnete der Advo⸗ kat mit entſchiedenem Tone—„und ſo wollen wir, denke ich, zu andern Angelegenheiten übergehn, und ich muß nach Ihren Abſichten bei dieſem ſchnellen, unvorbereiteten Beſuch fragen, da noch Ihre letzte Antwort auf meine dringenden Aufforderun⸗ gen entſchieden abweiſend war— laſſen Sie mich hinzuſetzen: mit dem Vorſatz geſchrieben ſchien— mir jede Hoffnung zu einer friedlichen Ausgleichung zu nehmen.“ „Wenn es nun die Abſicht geweſen wäre, Ihre Enkelin ſelbſt kennen zu lernen? Wenn ich nun dieſer Verſtimmung herzlich überdrüßig, den geheimnißvollen Vorbehalt, den der würdige verſtorbene Herr entgegenſtellt, endlich kennen lernen wollte— wären das nicht Gründe genug?“ „Ich muß das zugeben,“ erwiederte der Advokat—„aber es thut mir leid, ſagen zu müſſen, dieſe Ueberlegung hätte — etwas früher eintretend— manchen unangenehmen Ein⸗ druck erſpart.“ „Und doch beſſer ſpät als gar nicht! Alſo laſſen Sie ſie gelten, und ſtören Sie mich in Nichts. Das heißt, ſtören Sie mein Bemühen nicht, die Liebe Ihrer Enkelin zu erwerben. Gewiß, ich meine es redlich, und gelingt es mir, ſo wird dieſe Vereinigung allen Hader, alle Verlegenheiten ausgleichen.“ 81 „Das iſt gewiß!“ rief Thomas Thyrnau—„und weiß ich keinen andern Rath. So ſonderbar dieſe Maaßregeln ſind, zu denen Ihr Oheim ſich bei Abfaſſung ſeines Teſtaments ver⸗ anlaßt ſah, werden Sie dieſe doch natürlich finden, wenn Sie die Veranlaſſung kennen und ſich den Karakter Ihres ehrwür⸗ digen Oheims zurückrufen. Er war auf keine andere Weiſe zu retten.“ „Zu retten?“ rief der junge Mann in lebhafter Ueber⸗ raſchung—„ſo ernſthaft war die Sache! Zu retten! von was?— Ich erſtaune! Was konnte die Veranlaſſung ſo ern⸗ ſter Beziehungen werden?“ „Kein Kinderſpiel! keine Thorheit! keine geträumte Wich⸗ tigkeit, junger Herr,“ rief Thomas Thyrnau gereizt—„das glauben Sie mir! Doch laſſen wir das heute. Sie kennen das Mädchen nicht— das Mädchen Sie nicht. Ehe Ihr Beide ent⸗ ſchieden habt, bleiben meine Mittheilungen auf Warnungen beſchränkt. Meine Enkelin hörte dieſelben ſo gut, wie Sie. Jetzt lernt Euch kennen! Laſſen Sie uns indeſſen zu den nö⸗ thigen Geſchäften übergehen; laſſen Sie uns die Maaßregeln vornehmen, die nothwendig ſind, Sie hier als Herrn anzuer⸗ kennen. Die Gerichtsperſonen der Grafſchaft ſind noch geſtern Abend benachrichtigt und um dieſe Stunde hierher beſtellt. Ich werde in ihrer Gegenwart Euer Gnaden die bisher geführte Verwaltung übergeben und erwarte dagegen eine eigenhändig geſchriebene Erklärung Ihrer Seits, daß dies nach aller Form geſchehen iſt, wonach Sie Ihr Privatſiegel hinzu fügen werden — welche Formalität Sie dann vorläufig in Ihre Rechte einſetzt.“ „Ach! nur heute noch keine Geſchäfte!“ rief der junge Mann—„ich dachte, ich wäre Ihr Gaſt im Dohlenneſt? Sind die Herren von der Feder angekommen, ſo wollen wir ſie hier ausruhen und pflegen laſſen. Aber ehe ich mich Ihrer Enkelin vorgeſtellt, ehe ich dies ſchöne bezanbernde Weſen, was mich Thomas Thhrngu. II. 6 in der Ferne entzückt, auch in der Nähe erblickte, mag ich hier nicht eingeführt ſein. Bis dahin habe ich für nichts Anderes Andacht!“ Wir überlaſſen den hieraus entſtehenden Streit den dabei Betheiligten. Als Thomas Thyrnau endlich nachgab, dieſe An⸗ gelegenheit, die ihm in mehr als einer Beziehung wichtig ſchien, bis zum andern Tage zu verſchieben, können wir nicht ſagen, daß es ſeine gute Laune vermehrt habe. Er zog ſich eine ziem⸗ lich lange Zeit mit den eingetroffenen Gerichtsperſonen zurück, und ein Brief, den er verfaßte, ging noch denſelben Vormittag bis zum nächſten Poſthauſe, von wo eine Stafette ihn ſogleich nach Wien beförderte. Der junge Mann konnte nicht müde werden, mit Hiero⸗ nymus über Magda zu ſprechen und wußte in die Unterredung mit vielem Geſchick eine Menge Fragen einzuweben über Tho⸗ mas Thyrnau ſowol, wie über die beſondern Verhältniſſe des⸗ ſelben. Hieronymus ließ ſich lächelnd auf dieſe Gegenſtände ein und hatte ſein Vergnügen an der Schlauheit des jungen Man⸗ nes und ſeinen geſchickten Anſpielungen. Ob er deſſen unge⸗ achtet damit ſehr viel weiter kam, wollen wir nicht behaupten, denn die träumeriſche Gutmüthigkeit in dem Aeußeren des alten Herrn verbarg eine ſehr ausreichende Schlauheit. Unterdeſſen hatte Magda alle Mittel angewendet, um in die Stimmung zu kommen, die ihr dem Gaſte gegenüber, der in ſo beſonderen Beziehungen zu ihr ſtand, würdig ſchien. Sie hatte endlich in der uns bekannten reichen Kleidung der Prager Bürgermädchen, die ſie immer tragen mußte, wenn ſie im Dohlenneſte war, ihren Thurm verlaſſen, und nachdem ſie wie gewöhnlich mit Allen ein Wort nach ihrer Art geſprochen hatte, ging ſie zum Hauſe hinaus und wanderte, in einiger Entfer⸗ nung von Bezo gefolgt, in den Wald, der an das Landſtädtchen. Kaurzim ſtieß, indem ſie einige Geſchenke für die Kinder des Dorfes Tein kaufen wollte. Warum ſie gerade heute dieſen Weg nahm, wußte ſie ſehr genau. Sie wollte ihn nicht er⸗ warten; ſie wollte ſich mit etwas beſchäftigen, was ihr Herz erleichtern ſollte. Bezo trug ihr einen großen Korb auf dem Kopfe nach und jodelte dabei die lächerlichſten Nachahmungen aller möglichen Kreaturen. Doch dies Mal ohne Magda's Auf⸗ merkſamkeit zu erregen, was doch allein ſeine Abſicht ſchien. In der kleinen Stadt angelangt, ſah ſie bald, daß eine ungewöhnliche Aufregung in ihr herrſchte. Gruppen von Män⸗ nern und Frauen waren aus den Häuſern getreten und redeten und ſchienen etwas zu erwarten, oder etwas erlebt zu haben, was ſie der leeren Straße noch anſehen wollten. Denn ihre Augen und Hände waren beredt wie ihre Worte, einander etwas zu erklären oder anſchaulich zu machen, was nit der Straße in Verbindung ſtand. Magda war von Allen gekannt; der Korb auf Bezo's Kopfe verrieth ihre Abſicht, und wer nur irgend in ſeinem kleinen Laden einen Gegenſtand zu beſitzen hoffen konnte, der ſich für eine ſolche Einkäuferin paßte, trat mit fragendem Blick voll Erwartung in die Thür zurück, ſeine Bereitwilligkeit anzeigend oder den Gegenſtand nennend, den er für ſie paſſend hielt. Magda ſchien auch geneigt, von Vielen Einiges zu kaufen, und ſo kehrte ſie bald da ein, wo vor der Thür an einer Schnur einige Dutzend kleiner rundgeſteppter Kindermützen hingen, die in Winde hin und her wehend und in allerliebſten muntern Farben wie kleine runde Kinderköpfchen ausſahen. Die ganze Schnur ſpazierte in Bezo's Korb hinein, und dieſer ſchlug ein wildes Freudengeſchrei auf und machte augenblicklich alle mögliche ſchreiende und jubelnde Kinderſtimmen nach. Der nächſte Laden lieferte bunte Tücher; dann kamen Röckchen, und endlich an dem vornehmſten Hauſe der Stadt, zwei Stockwerk hoch und am Markte gelegen, ſollte Spielzeug gekauft werden. Als Magda aber um die Ecke der erſten Straße bog, die dahin 6* 84 führte, ſah ſie viel neugierige Gaffer um das Haus, zu dem ſie wollte, verſammelt, und mehrere Diener in reichen Livreen, die ein ſchönes Pferd am Zügel hielten, das ſeinen Herrn noch zu erwarten hatte. Magda wäre lieber zurück getreten, aber ſo wie ſie ſich zeigte, ward ihr Platz gemacht und ſie gegen ihren Willen ge⸗ nöthigt, in der kleinen Straße, die ſich öffnete, vorzuſchreiten. So ſtand ſie vor dem Hausflur und gedachte ſchnell einzutreten und den Laden, welcher rechts vom Hausflur lag, zu erreichen, als die auch dort verſammelten Menſchen herausliefen und Magda, im ſelben Augenblick zurücktretend, plötzlich den war⸗ men Kopf des Pferdes, welches die Diener näher geführt hatten, auf ihrer Schulter fühlte. Sie ſchaute ſich raſch um, aber es war ein Augenblick, wo Niemand ausweichen konnte, ſo viel der Diener ſich auch darum bemühte— und Magda— obwol ſie es ſelbſt nicht fand, ſchien in Gefahr. Ehe ſich ihr aber dieſe Verwirrung mittheilte, hörte ſie eine lebhafte männliche Stimme ſcheltend ſich Bahn machen, und faſt eben ſo ſchnell ward ſie ergriffen und ſtand geſichert auf der Schwelle des Hauſes. „Mein liebes Mädchen,“ ſagte dieſelbe Stimme—„es iſt Dir doch nichts zu Leide geſchehn?“ 5 Magda ſchlug jetzt die großen Augen zu der Stimme auf, die ihr in der Seele wohl that, und ſah in das ſchöne edle Geſicht eines Mannes, deſſen erhabene Geſtalt ſich liebevoll zu ihr niedergebogen hatte und nit forſchender Güte ihr in die Augen ſah. Magda's Blick blieb an dem Antlitz haften, das ihr ſo wohlwollend nahe war und ſie fragte ſich: Wo biſt Du mir ſchon erſchienen? wo haſt Du mir wohl oder weh gethan? Dieſe ganz in Liebe glühenden blauen Augen, dieſe niedrige geheim⸗ nißvolle Stirn, dieſe ganze Geſichtsbildung?— Magda er⸗ wachte erſt bei dem Lächeln, womit der Fremde die kluge 85⁵ Muſterung des ſchönen Mädchens hinnahm. Da erröthete ſie tief und raſch ſich von ihm losmachend, ſagte ſie:„Nein! nein! mir geſchah nichts!“ und floh nach der Thür des Ladens, der ſie ſogleich verbarg. Der Fremde ſah ihr nach. Er hätte gern gewußt, wer ſie war, und als er umher ſah, ſchien es ihm, als könne ſie hier Niemand kennen. Sinnend beſtieg er ſein Pferd; ſein Auge blieb an den Fenſtern des Ladens haften; aber das Weinlaub hing zu dicht darüber hin— er ſah nichts mehr— und nun wandte er langſam ſein Pferd und ritt durch die kleine Stadt, hinter ſich die Einwohner, die ſo weit als möglich den vorneh⸗ men Herrn begleiten wollten. Indeß trat Frau München, die Eigenthümerin des Hau⸗ ſes, zu Magda heran, welche noch hinter den Blättern des Weingeländers ſtand und nachſann, wer der ſchöne Fremde in der reichen Generals-Uniform ſein möchte. „Ach, lieb Jüngferchen!“ rief ſie—„nehmt's nicht übel, daß ich ſo verwirrt bin! Aber ſeht, auf mir laſtet Alles— die Noth ſeit geſtern Abend— wer hat ſolch' Haus in dem alten Kaurzim als ich? Wer alſo Nachtlager haben will, wie ein vor⸗ nehmer Herr, der klopft hier an. Na! dieſe Noth!— Alles ſchon zu Bett— da kommen erſt die voranreitenden Polizei's oder Stadtwachen und melden den vornehmen Herrn— einen Fürſten, denkt Euch! Ach, den Namen? Der ſteht auf dem Briefe, der ſchon aufs Rathhaus geſchickt iſt— alſo die Angſt! Wäre der Herr ſelbſt nicht ſo gut geweſen, ich hätt' meiner Unruh kein Ende gewußt— ſo aber ging's beſſer, als man denken ſollte. Alles nannte er gut— ſchön— hinrei⸗ chend— ſolche Worte machen Muth und kleiden den Vor⸗ nehmen prächtig. Da fällt einem auch ein kluger Gedanke bei und ſie kriegen mehr, als wenn man vor Schreck ſeine ganze Habſeligkeit vergißt!“ 86 „Und Du weißt nicht, wer es iſt, Frau München?“ fragte Magda. „Nein, lieb Jüngferchen— den Namen nicht. Aber ein Fürſt iſt er— ach! und ein vornehmer General. Ach, meine Tochter! es ſteht ſchlimm mit uns. Alle ſagen, er iſt gekommen und rüſtet den Krieg. Es ſteht nicht gut, überall ſoll's wieder losgehn; Alle wollen ſie wieder über unſere gnädigſte Frau Kaiſerin her und ſo ſoll der vornehme Herr voran und ſoll, was man einen Riegel vorſchieben heißt, denn was wird's ſein? In unſerm armen Böhmerland ſoll's wieder anheben. Aber ſie ſagen, gegen den kleinen König von Preußen, den wir ſchon mal gehabt, gegen den ſoll nichts helfen. Es iſt ein Ketzer, lieb Schätzchen! und da hat er denn auch die Hülfe von da her, wo ſie kein frommer Chriſt hernehmen kann. Aber diesmal ſoll die Geiſtlichkeit voranziehen mit dem Allerheiligſten und dem Kreuze— und da wird ſich's denn zeigen— da können ſie dann nicht weiter— und wird greulich anzuſehn ſein— wie der Erzfeind davor fliehen muß.“ „Und den Namen weißt Du nicht?“ ſragte Magda noch einmal, alles Andere überhörend. „Nein! nein! mein Jüngferchen! Aber ein Prinz iſt er, ſo wahr ich hier ſtehe! Und weiter geht er durch's ganze Land und läßt die Wälle bemannen und die Feuerſchlangen zurecht legen. Bereit wollen ſie Alles wohl machen— was dann hilft, wird ſich zeigen— denn noch letzten Sonntag hat der Abt von St. Brigitte geſagt, die Preußen ſeien alle Ketzer und mit dem Teufel im Bunde.“ „Ich will gehn,“ rief Magda, ſich aufrüttelnd.„Schütte nur dem Bezo den Korb voll Spielzeug und gieb ihm braunen Zucker und Honigkuchen für die Dorfkinder, auch Mandeln und was Du ſonſt haſt. Hier haſt Du ein Goldſtück; was übrig iſt, das ſtecke doch in die Armenbüchſe.“ 87 „Schön, ſchön, mein Püppchen! Gottes Segen, mein artig Kind! Das Beſte, was ich habe, iſt für ſo ein wohl⸗ thätig Närrchen! Alles will ich beſorgen und der Heller, den ich mir nehme, wie mir als einer redlichen Handelsfrau zukommt — glühe in meiner Hand wie eine Kohle! Magda hörte ſie nicht mehr. Es trieb ſie fort, den Weg zurück; ſie wußte nicht, wie ihr der Fremde ſo wichtig war. Erſt als der tiefgrüne Wald mit ſeinen rieſelnden kühligen Waſſern ſie aufnahm, fühlte ſie, daß ſie ſehr raſch gegangen ſei. Sie ſuchte ſeitwärts den Platz unter hohen Buchen, wo der Moos⸗ grund wie ein Teppich war, um ſich auszuruhen. Als ſie ſich aber aus dem kleinen dichten Haſelnußgeſträuch vordrängte, befand ſie ſich neben dem Fremden, der mit übereinander ge⸗ ſchlagenen Armen unter einem Baume ſtand, während ſeine Leute in einiger Entfernung mit ſeinem Pferde beſchäftigt waren, dem ſie das loſe gewordene Hufeiſen feſtklopften. Beide ſahen ſich verwundert und nit ſichtlicher Freude an. „Das dachte ich,“ rief der Fremde—„daß ich Dich wieder⸗ ſehen würde! Darum mochte ich unter den Menſchen dort gar nicht weiter mit Dir reden. Ich wußte gleich, Du könnteſt nicht zu ihnen gehören.“ Magda ſah ihn abwechſelnd an, bald ſchlug ſie die Angen zur Erde; endlich ſagte ſie, als ſein freundlich dringender Blick ſie immer lebhafter zum Sprechen aufforderte:„Ich erwartete Sie hier nicht! Aber auf dem Wege, dachte ich, würde ich Sie ſehen.“ Der Fremde hütete ſich wohl, ihr zu verrathen, daß ſie ihm mit dieſer Entgegnung geſtanden, ſie habe ihn auch wieder ſehen wollen und ſein warmer theilnehmender Blick enthielt nicht den Ausdruck beftiedigter Eitelkeit. Es war ein durchaus edles männliches Weſen in ihm. „Nun,“ ſagte er ſanft—„da wir uns zuſammen gefunden, wollen wir uns erſt ein wenig ausruhn und dann wirſt Du mir 88 vielleicht ſagen können, wie ich hier durch den Kaurzimer Wald bis nach Tein komme, oder eigentlich bis zum Dohlenneſt, wenn Du das Haus kennſt, was ſo heißt.“ „Ob ich?“ rief Magda freudig—„da komme ich her und bin dort zu Hauſe.“ „Zu Hauſe?“ rief der Fremde— und wunderbar ſchnell ſchwand alle Farbe von ſeinem Antlitz. Er faßte Magda's Hände— und die ſeinigen zitterten— und der ganze kräftige Mann war bis auf den Grund erſchüttert.„Mädchen, liebes Mädchen, ſprich! O Gett! ſprich— wer biſt Du?“ „Magda bin ich— die Enkelin des Thomas Thyrnau!“ „Heil'ger Gott!“ rief der Fremde, ſchlug beide Hände vor die Augen— riß ſie eben ſo ſchnell wieder weg— blickte das erſtaunte Mädchen entzückt an— breitete die Arme aus, als wollte er ſie umarmen und wandte ſich dann plötzlich mit einer ſchmerzlichen Bewegung von ihr— verhüllte ſein Geſicht und ging abwärts von ihr in den Wald hinein. Unruhig blickte ihm Magda nach. Wie gern hätte ſie ihn getröſtet, da ſie ſah, er habe Kummer. Aber ſie konnte nicht faſſen, warum ſie dies Gefühl in ihm erregt, und deshalb blie⸗ ben auch die Worte aus, denn ſie fand keins, was ihr wie das rechte erſchien. Er überließ ſie auch nicht lange ihren Zweifeln — gefaßt kehrte er zurück. „Mein liebes, liebes Mädchen!“ rief er—„führe Du mich nach dem Dohlenneſt. Ich gehe mit Dir; meine Leute können langſam mit dem Pferde folgen.“ Magda war dazu bereit, er gab ſeine Befehle und ſie drängten ſich nun Beide den Weg zurück, den Magda gekommen und wandelten den Waldpfad, der am Rande des kleinen Baches jirtußend⸗ vor ihnen aus⸗ gebreitet lag. „Sie kennen alſo wohl meinen lieben Großvater?“ fragte Magda. 89 „Ja,“ ſagte der Fremde— ſeit lange kenne ich ihn. Viel Zeit iſt vergangen, in der wir uns nicht ſahen. O erzähl' mir von ihm, liebes Mädchen! Werde ich ihn treffen— werde ich ihn geſund finden? Sag' mir— biſt Du immer bei ihm— war er ſo glück⸗ lich, Dich zu erziehn? Liebſt Du ihn— liebſt Du ihn recht herzlich?“ „Ob ich ihn liebe? O Herr— wie anders? Aber er iſt auch ſo recht ein Mann zum lieben— und ſo recht für junge Leute! Es gefällt mir immer, was er thut, ſo gut, daß ich nich ſchon im Voraus auf Alles freuen muß, was vorkommen wird, denn es iſt mir allemal aus dem eignen Herzen geſchält.“ „So! ſo!“ ſagte der Fremde— ich glaube Dir, ſchönes edles Mädchen. Deine Seele muß groß ſein— Dein Herz frei, wie das ſeinige.“ „Nein,“ rief Magda abwehrend—„glauben Sie das nicht! Es iſt nicht ſo leicht, zu ſein wie er— und Manches kann ich ja gar nicht faſſen, wie es in ihn kommt— ſo anders wie in Andere— und ein halbes Kind wie ich bin! Aber oft merke ich ſelbſt, daß ich ihn beſſer verſtehe als Hieronymus, oder andere Männer. Das macht, wenn ich allein bin, muß ich immer denken:„Was würde er hierzu ſagen, oder damit thun““ — und kann nicht ruhn, bis ich es ungefähr fertig habe, wie er es machen würde, und ſo wie ich es ihm abgemerkt. Verſteht nich!“ ſagte ſie und blieb ſtehn—„das iſt wie eine Uebung auf ſeine Gedanken! Iſt er nun dabei und kann ich's haben, es ſelbſt mit anzuſehn, ſo hilft mir die Uebung; ich eile förmlich und bin oft in Gedanken eben ſo ſchnell mit dem fertig, was er thun wird, wie er ſelber, ſo daß ich dann das bloße Zuſehn habe. Und wenn er nun ſagt oder thut, wie ich dachte— das iſt eine Herzensfreude!“ „Ha!“ rief der Fremde—„Du weißt zu lieben. Der Mann, der Dich einſt gewinnt— er wird beneidenswerth ſein. Doch wer wird es verdienen?“ 90 Magda ſenkte den Kopf. Sie war erglüht, daß er den Purpur bis in den Nacken ſteigen ſah.„Sei mir nicht böſe,“ bat er ſanft.„Ich bin unbeſonnen, unbeſcheiden geweſen, denke deshalb nichts Uebles von mir.“ „Nein gewiß nicht,“ ſagte Magda und blickte ihm voll und groß in die Augen—„ich könnte nie von Ihnen Uebles denken! Wenn ich nur wüßte, wo ich Sie ſchon geſehen habe und warum mir das halb wohl, halb weh thut? Waren Sie vielleicht in Wien?“ „Ja, liebes Mädchen, oft und lange. Sollteſt Du mich dort geſehen haben?“ „Wenn Sie in St. Urſula waren,— ſonſt weiß ich's nicht.“ „Nein, da war ich nicht,“ entgegnete der Fremde—„doch wozu brauchen wir den Rachweis! Uns zieht es Beide zu einander hin, und wir können es allein in unſern Herzen er⸗ gründen; denn auch ich empfinde Dich wie mein Eigenthum. Als einen theuren Schatz für mein ganzes Leben fühle ich das Glück, Dich gefunden zu haben, und dennoch kann ich es nicht faſſen— und wie nah Du mir vielleicht ſtehſt, will ich nicht denken, denn es überwältigt mich ganz.“ Magda ſah ihn verwirrt von der Seite an. Das war ihr zu viel! Er war ſo leidenſchaftlich und noch zu jung, um ſie nicht verblöden zu können. Doch er bedachte den Eindruck nicht, den er machte.„Theures Mädchen,“ ſagte er daher ſogleich —„ſag' mir offen,— ſage mir, liebſt Du ſchon? Haſt Du den Mann ſchon geſehen, dem Du, nach Deinem Großvater ganz innig vertrauen könnteſt? O ſei offen und zürne mir nicht! Geſtehe es nur ein, wir können das gewöhnliche Maaß für Be⸗ kanntſchaften bei uns nicht anlegen! Sag' es mir, wie ich es Dir ſage— wir ſind bekannt— Du vertraueſt mir, wie ich Dir.“ So wunderbar gedrängt, war doch wohl mehr darin nach Magda's Art, als ſie ſelbſt wußte, denn ſie dachte:„Das iſt 91 All' wahr, was er ſagt; gerade ſo fühle ich es.“— Endlich ſagte ſie laut: Wie ich in dem Großvater, ſo wiſſen Sie in mir zu erkennen, wie es hergeht! Es iſt ſo— und doch, wenn wir uns umſehn— dort von der großen Eiche bis hierher iſt nicht weit— und ſo lang iſt doch nur unſere Bekanntſchaft!“ Plötzlich mußte ſie lachen— der Fremde ſtimmte ein. „Was thut das?“ ſagte er endlich.—„Haſt Du noch nie plötzliches Vertrauen zu Jemand gefühlt? Weißt Du nichts von den Beſtimmungen der Seelen, die uranfänglich für einander da ſind und ſo lange ſich verhüllt umkreiſen, bis der Augenblick erſcheint, in dem ſie ſich erkennen?“ „Glaubſt Du daran?“ rief Magda, von ſeiner vertraulichen Benennung hingeriſſen.—„Sieh, das iſt der ſchönſte Glaube, den es giebt— und ich glaube ihn! Da iſt denn kein Irren möglich— das iſt ewig— uranfänglich, wie Du ſagſt, und dann immer bis zu Ende. Das— uranfänglich— iſt ein ſchönes Wort— es hat mir gefehlt— ich danke Dir! Nun kann ich das nennen, wenn man fühlt: wir beſaßen etwas ſchon lange— da ſchon— wo wir früher waren— das hat mit uns Erinnerungen, Gefühle, Gedanken gemein gehabt— da iſt ſchon viel ganz Gleiches geweſen— verſtehſt Du mich? Ganz Gleiches! Nun liegt dazwiſchen das Geheimniß— die Trennung— die Umwandlung— oder der Tod— ich weiß nicht, wie ich es nennen ſoll. Gieb einmal Acht, was Dir gerade Alles einfällt, wenn Du jung biſt und noch nichts erlebt haſt. Das geht oft in Deiner Seele wie Schläge, wovor Du erſchrickſt, wenn Dir das uranfängliche Leben wieder zuträgt, was dort fertig ward und Dir nun hier zu Gute kömmt. Und wenn dann die Seelen kommen, die beiſammen waren, wo ſie's nicht nachweiſen können, dann iſt es gleich fertig— von Allem wiſſen ſie, wie's in dem Andern iſt, und ſehen ſich an— und möchten es ſich aus den Augen leſen, wo ſie ſich ſchon nahe 92 waren. Aber des Wort fehlt; denn vielleicht, wo ſie ſich ſahen, verſtändigten ſie ſich anders. Aber was thut's? Ihnen iſt doch wohl und ſie können dann doch nie mehr von einander?“ „Mädchen! Schwärmerin!“ rief der Fremde—„wer lehrte Dich das— wer hat dies Alles in Dir entwickelt und angeregt?“ „Ich muß ſo viel ſtill vor mich hinſehen,“ ſagte Magda treuherzig—„da fällt mir das,— Eins nach dem Wbti ein— und dann erlebt' ich das Letzte.“ „Du erlebteſt es?“ rief der Fremde raſch und bewegt, „wo? wie erlebteſt Du es? mit wem?“ „Mit dem— von dem mir iſt, als würden wir uns immer blos anſehn und wiſſen von dem uranfänglichen Leben!“ erwiederte Magda ſinnend.„O das ſchöne Wort— das ſtillt den Durſt nach der rechten Bezeichnung. Laß es mich auch ver⸗ ſchweigen, was Du wiſſen willſt. Bald wird Dir der Groß⸗ vater davon erzählen, denn er hat es beſchloſſen, ehe er wußte, daß es wirklich wahr iſt, was er will. Aber ob das ge⸗ ſchieht, was ihm das Wichtigſte iſt, weiß ich nicht— darum bleibt es doch daſſelbe in alle Ewigkeit und ich habe mein Glück daran.“ Der Fremde ſah ſie an, wie ſie ernſt und nit heiligem Frieden neben ihm ging, das ſchöne Haupt mit der herrlichen Linie des Profils auf die Bruſt geſenkt. Er unterdrückte jede Frage in ſich, er ehrte das junge Mädchen durch Schweigen. Plötzlich horchte ſie lächelnd auf. Ganz deutlich hörte man den Ruf der Dohlen.„Ah,“ ſagte der Fremde,„wir ſind am Ziel. Die Thurmwächter Deines Schloſſes ſignali⸗ ſiren uns.“ „Ja,“ antwortete Magda—„gieb nur Acht— eine Dohle iſt es aus dem dortigen Neſt, aber ſie fliegt uns nach.“ Der Ruf wiederholte ſich ganz nah und aus einem Seitenwege 93 drängte ſich Bezo durch das Gebüſch vor, mit dem ſchwer be⸗ ladenen Korbe auf dem Rücken. „Bezo,“ rief Magda—„warum kommſt Du mit der ſchweren Laſt durch den Buſchweg? Sieh, wie Du keuchſt und elend biſt. Und an den Zweigen werden meine Geſchenke hän⸗ gen,— meine Puppen, meine Mützchen; meine Tücher.“ „Nein— nein, Magda,“ ſtammelte der blödſinnige Burſche—„nein, Magda— iſt Alles da— nichts verloren.“ „Aber warum biſt Du nicht den großen Weg gegangen und haſt Dich ſo abgehetzt? Armer Schelm, wie Du ausſiehſt! Setz' den Korb ab und ruh' Dich aus. Du kannſt langſam nachkommen.“ Bezo ſtieß ein lautes Dohlengeſchrei aus und mit ſo wil⸗ der Verzerrung des thieriſchen Geſichtes, daß der Fremde zu⸗ ſammen ſchreckte. „Was haſt Du?“ fragte dagegen Magda, an ſeine Sprache gewöhnt, ruhig—„ich bin ganz ſicher— warum ſchreiſt Du ſo?“ Er wiederholte jedoch den wilden Ton mit faſt vermehrter Heftigkeit und Magda blickte nach allen Seiten forſchend umher. „Der arme Knabe irrt ſich ſelten,“ ſagte ſie—„er muß in der Nähe irgend etwas geſehen haben, was ihn beſorgt macht für mich.“ „Beſorgt?“ wiederholte der Fremde—„was kann Dir hier drohen? und was es auch ſei— bei mir biſt Du ſicher.“ Bezo hörte ſo angeſtrengt zu, daß ihm die Augen faſt aus dem Kopfe traten.„Männer,“ ſagte er und zeigte ins Gebüſch; dann machte er das Laden der Gewehre nach, kniete nieder und legte ſeinen Dornenſtock an, indem er auf den Fremden zielte. „Haben Sie Feinde in der Nähe?“ fragte Magda—„ich weiß, was er ſagen will. Er meint, man habe ein Gewehr auf Sie angelegt— Sie können ihm glauben— er irtt ſich ſelten.“ 94 „Das iſt unmöglich,“ entgegnete der Fremde—„doch iſt der Zeit, die ſo viel Unruhen brütet, nicht zu trauen. Viel herum ziehendes Volk, was durch die neuen Anwerbungen her⸗ bei gelockt wird, durchſtreift wol gerade die Grenzgegenden, und Raub und Plünderung liegt da leider immer nah. Du ſollteſt ſo ohne Begleitung nicht allein umher ſchweifen!“ „Ich habe hier nichts zu fürchten; Bezo begleitet mich immer, und dies gute wilde Thier würde Jeden zerreißen, der mir nahe käme. Bezo antwortete durch ein wunderlich natürliches Bellen, denn Magda verſtand er in den meiſten Fällen. „An ſeinem Willen zweifle ich nicht,“ ſagte der Fremde —„aber an ſeinen Kräften!“ „Wenigſtens hier bin ich ſicher,“ erwiederte Magda— „denn wir ſind im Bereiche des Dohlenneſtes!“ Als der Fremde aufblickte, traten ſie auf eine gelichte te Stelle des Waldes hinaus, wo eine niedrige Mauer mit einem Graben den Bezirk des Dohlenneſtes von dem Walde trennte. Der Fremde ſah die hintere Seite des merkwürdigen Gebäudes ſich darüber erheben, welches man von hier aus leicht für eine Felſenmaſſe hätte halten können, ſo grau und ſo mit Schling⸗ kraut und Epheu beſponnen war ſein unförmlicher Bau. Nach⸗ dem ſie ſich aber der Fronte des Hauſes genähert, ſahen ſie mehrere Pferde, die von Dienern herumgeführt wurden, und ſogleich eilte Veit ihnen aus der Eingangsthür entgegen. Magda's ſtattlicher Gefährte zog wol einen Augenblick die Auf⸗ merkſamkeit des alten Dieners auf ſich, aber ſichtlich hatte er etwas Bedeutenderes erlebt, denn er freute ſich über Magda's Rücktehr auf eine Weiſe, als ſei ſie beſonders nöthig, und ſagte dann:„Dem Herrn Grafen, der ſo eben mit dem Herrn Großvater angekommen, iſt ein Unglück begegnet, deſſen Ver⸗ lauf uns noch nicht bekannt! Sicher jedoch iſt eine Verwundung 95 in der rechten Schulter, aus der Pater Hieronymus die Kugel aber bereits heraus geſchnitten hat und keine Gefahr vorhan⸗ den hält.“ „Heil ger Gott!“ rief der fremde Offizier in zorniger Auf⸗ wallung— was geht denn hier vor? Stecken dieſe Wälder denn voll Raub⸗ und Mordgeſindel? So wie meine Leute kommen, ſoll eine Abtheilung Infanterie befehligt werden, dies Revier zu ſäubern. Es iſt ja eine unerhörte Frechheit! So hatte Dein Bezo alſo doch Recht“— rief er jetzt, ſich zu Magda wendend, die todtenbleich da ſtand, mit den Augen an Veit's Munde hängend.„Armes Kind,“ fuhr er fort, zärtlich ihre kalte Hand faſſend—„wie Du erſchrocken biſt. Fürchte aber nichts! Ich werde dafür ſorgen, daß Du in vollſtändiger Sicherheit hier leben kannſt. Die Sache muß ſtreng unterſucht werden; denn noch iſt ungewiß, wem es galt!“ „Laſſen Sie uns näher treten,“ ſagte das Mädchen mit erſtarrtem Blick— und als ſie ſich dem Eingang näherten, trat Thyrnau ihnen entgegen, von Veit ſchnell herbeigerufen; ſeine Züge waren verfinſtert von dem Erlebten und er ging in ſteifer Haltung dem vornehmen Offizier entgegen. Doch dieſer, als er ihn jetzt erkannte, ſtürzte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu; auch Thyrnau erkannte ihn und dieſer erſte Augenblick, als ſie ſich feſt umklammerten, war nur durch undeutliche Laute bezeichnet. Es ſchien über Beide die höchſte Erſchütterung gekommen!. „Thyrnau!“ rief der Fremde—„mein Vater— mein Wohlthäter! geliebteſter der Menſchen!“ „O mein Prinz! mein Freund! mein Liebling entgegnete Thyrnau. Sie hielten ſich, Keiner den Andern loslaſſend, von ein⸗ ander ab, um ſich anblicken zu können. Was mochten ſie leſen in den bewegten Zügen? Den ſtarken Männern rollten Thränen über die glühenden Wangen— der Prinz ſank ſchluchzend an Thyrnau's Bruſt! als die erſte Erſchütterung vorüber war und der Prinz ſich aufrichtete, führte Thyrnau ihn ſeitwärts unter die ſchattigen Buchen, die dem Hauſe zunächſt ſtanden. Aber der Prinz blieb vor Magda ſtehen und mit ſchwärmeriſchem Ent⸗ zücken die Hände des blaſſen erſchütterten Mädchens faſſend, rief er, zu Thomas Thyrnau gewendet:„Und dieſe— dies Weſen, zu der mein ganzes Herz mich hintreibt— ſag', o ſage, was iſt ſie mir?“ Ruhig!“ etwiederte Thyrnau—„Mäßige Dich, gelieb⸗ ter Ernſt— folge mir— wir haben uns viel zu ſagen!“ Er führte ihn fort, obwol er faſt ungern das Mädchen verließ, mit dem er in der kurzen Stunde des Beiſammenſeins eine lang nicht gekannte ſelige Befriedigung empfunden hatte. Magda ſah ihnen nach und erſt, als ſie in den Schatten der Bäume verſchwanden, kehrten ihre Gedanken zu den Ereig⸗ niſſen zurück, die ihr jetzt zunächſt lagen. Sie wagte es nicht über die Schwelle zu treten, ſie war unſicher und verſchüchtert. Endlich kauerte ſie ſich matt und ermüdet in den Steinſitz der Mauer. Auch war ſie hier nicht lange, als Frau Gundula hervör⸗ trat und, ſie ängſtlich ſuchend, erſtaunt war, ſie hier zu finden. „Ach, mein Kind, tritt doch herein und ruhe Dich aus in dem kühlen Hausraum! Sieh', wie Du beſtürzt ausſiehſt, mein liebes Liebchen! Sei doch nur ruhig: Pater Hieronymus ver⸗ ſichert, es ſei nichts Edleres verletzt. Die Kugel hat ſich blos ins Fleiſch geſchlichen, wie er ſagt; und wäre der Blutverluſt nicht geweſen, und der Ritt hierher, die Ohnmacht wäre dann auch nicht ſo ſtark geweſen. Jetzt liegt er in dem Fremdenthurm und ſchläft— Hieronymus wacht bei ihm.“ „Aber wie kam das, Gundula?“ fragte Magda—„Giebt es hier wirklich Räuber? War denn ein offenes Gefecht und iſt 90 der Großvater und Hieronymus nicht auch dabei in Gefahr gekommen?“ „Ja, ſieh mein Kind! ſo was iſt noch nicht vorgefallen, ſo lange wir denken können! Zur. Kriegszeit natürlich— nun da waren wir in Prag und haben dort nit gelitten und mit ge⸗ tragen— und als Friede war, nun da gab es Diebe und Bett⸗ ler in Hüll' und Fülle und wir bauten den Schoppen über dem Graben; da wurden die Nothleidenden beköſtigt und ihnen das Nothdürftigſte gereicht— und wenn auch viel Zulauf war, denn großes Elend war im Lande— doch gaben wir freiwillig, und wenig kann ich von Diebſtahl nachſagen— und Gewaltthat haben wir Alle nicht erlebt!“ „Ja, Gundula, das war damals! Aber jetzt— wie ge⸗ ſchah es jetzt? Das wollte ich wiſſen!“ „Sie ſchoſſen auf ihn!“ rief Gundula—„aus dem Ge⸗ büſche kam der Schuß. Der Hert Graf ließ den Großvater in der Mitte reiten, auf der andern Seite Hieronymus; dahinter ritten vier Bediente des gnädigen Herrn in ihren koſtbaren Röcken, wie das ſo Sitte iſt bei den Lach's! Wer ſollte nun ſo was für möglich halten? Solch'Gefolge! Sieben Männer!— Ja! die Böſewichter! Offenen Kampf haben ſie auch nicht gewagt— mit Eins fiel der Schuß gerade wie der Herr Graf zum Groß⸗ vater ſprachen. Da ſank der edle Herr auf den Sattelknopf vorn über——“ „Großer Gott!“ rief Magda—„er lebt doch?“ „Ja, mein Kind! Denke Dir, das Blut übergoß das ſchöne blau ſeidene Kleid im Augenblick; aber der edle junge Herr richteten ſich auf und ſagten: Das thut nichts; es iſt nur eine Verwundung! Und der Herr Großvater und der Herr Pater Hieronymus, nun die haben geſchrien und die Hände gerun⸗ gen— und Alle die Köpfe verloren! Nun lange dauert das beim Großpapa nicht— da kamen die Diener— da mußten Thomas Thyrnau. II. 7 98 zwei in die Gebüſche und nachſuchen— Einer voraus nach einem Tragſeſſel. Dann hoben ſie ihn vom Pferde und Hieronymus that das Seine. Aber der junge Herr wollten nach dem Schloſſe zurück, während der Großvater darauf beſtand, ihn hierher zu führen, weil ſie ſchon ganz nahe waren. Da iſt er ohnmächtig geworden und das Streiten war vorbei; ſie trugen ihn auf dem Tragſeſſel hierher— ach! wie eine Leiche war er anzuſehn!“ „Barmherziger Gott!“ rief Magda, während Thränen über ihr blaſſes Geſicht ſchlichen—„Du wirſt ihn retten, ihn ſchützen und behüten!“ „Gewiß! gewiß wird er das, mein liebes Püppchen! Du mußt Dich nur nicht ſo bangen. Sage Du mir doch dagegen, wer der Gaſt iſt, den Du uns heute mitgebracht haſt; ein gar ſtattlicher Hert— und die Dienerſchaft mit Gold bedeckt— und die ſchönen Pferde!“ „Gott weiß!“ entgegnete Magda—„Das hörte ich wol, daß ihn der Großvater Prinz nannte— und gut iſt er dazu genug— eine rechte Königsſeele!“ „Nu! nu! Du biſt ja ſehr eingenommen! Wie haſt Du denn das Alles ſo ſchnell erfahren?“ „Ach!“ ſagte Magda—„wenn nur Einer was Rechtes iſt. da habe ich gemerkt, er kann's eben ſo wenig verſtecken, wie Andere das, was ihnen fehlt. Von der Miene an, und wie ſie gehn, und wie der Ton klingt, mit dem ſie ſprechen, das Alles gehört zuſammen, ſo daß es einem wohl thut zum Auf⸗ jauchzen!“ „Herr, Du mein Gott! wie Du wieder lebhaft biſt! Mein Lebtag' habe ich gehört: Trau' nicht dem erſten Schein!“ „Schein! Schein! Ja! wenn ders iſt, wie ſoll der Dich entzücken? Aber wenn's der Menſch ſelber iſt, durch und durch, nach Gottes Ebenbild— das bloß ausſtrahlt, was aufgehäuft liegt? Das macht eben Keiner nach— das kann nur der, 99 der's iſt! Das ſagte auch Barbara— das wußte ſie gut und hat mir's oft gezeigt“ „Ja freilich, ſie wird's beſſer verſtehn als ich. Und jetzt gehe ich, denn da kommen die Herren; nun wird angerichtet werden.“ Magda wandte ſich zu ihnen. Das lebhafte Geſpräch mit Gundula hatte die Farbe auf ihre Wangen zurückgerufen. Sie ſah, daß der Großvater ihr winke; ſie eilte auf ihn zu, denn ſie verlangte nach der beruhigenden ganz ausreichenden Bruſt des geliebten Beſchützers. Aber der Fremde kam ihr um einige Schritte entgegen— ſein ſchönes Geſicht glühte in Liebe und Rührung; er breitete die Arme aus— „Laß' es geſchehn, Magda,“ ſagte der Großvater—„er ſteht Dir nah' und hat ein Recht auf Deine Liebe.“ Magda ſah' ihn freundlich an; er umſchlang ſie, drückte ſie an ſeine Bruſt und küßte zärtlich und wiederholt ihre ſchönen Wangen.„Mädchen! geliebtes Mädchen! mein Herz konnte ſich nicht täuſchen— o nimm mich auf unter die, welche Du zu Dir zählſt!“ „Das hab' ich ſchon gethan,“ ſagte Magda mit befriedig⸗ tem Lächeln—„und freue mich nur, daß ich mich nicht irrte!“ „Irren?“ rief der Prinz—„wie könnteſt Du Dich irren? In Dir iſt Alles Wahrheit— was Du aufnimmſt, muß es ſein, ſonſt findet es nicht Raum in Dir.“ „Mache mir das Mädchen nicht toll und verwirrt mit Dei⸗ ner Bewunderung!“ rief Thomas Thyrnau dazwiſchen. Magda flog nun in ſeine Arme, und ihr bewegtes Ge⸗ ſichtchen lachte wieder, und mit den ſchlanken Fingern ihrer Hand ſtrich ſie über ſein feuriges Antlis und ſchaute ihm neckend in die Augen. „Weißt Du denn, ob mir's gefällt, was er jetzt ſagt?“ fragte ſie leiſe.— 7* 100 „Ach!“ antwortete Thomas Thyrnau,„lehr' mich die Weiber nicht kennen! Etwas Anbetung nehmen ſie Alle gern hin— haben auch immer ſchon einen kleinen Thron in Bereit⸗ ſchaft, den ſie ſogleich hervorziehn und— in ſolchen Fällen ſchnell genug beſteigen.“ „Diesmal iſt der Thron in meinem Herzen,“ ſagte der Prinz—„und ich habe ihn Dir erbaut— Du haſt mir aber die Mittel gegeben, ihn außurichten!“ „Zu Tiſche! zu Tiſche!“ rief Thyrnau und drängte das Mädchen von ihrem anbetenden Freunde fort, bis Alle die kühle Halle des Hauſes aufnahm. Hier trat ihnen Hierouymus ent⸗ gegen, der eben ſeinen Kranken verlaſſen hatte, deſſen augen⸗ blicklicher Zuſtand nur Ruhe erheiſchte. Er hatte ſich von dem Kammerdiener des Grafen ablöſen laſſen, um jetzt nach den erfahrenen Anſtrengungen den Freuden der Tafel zuzuſprechen, und lächelte wohlgefällig der großen ſilbernen Suppenſchaale entgegen, welche mit Veit ſo eben ihren Weg nach dem Eftiſche nahm. Der Prinz bat ſich jedoch noch einen Augenblick Zeit aus, um eine Anzeige des Vorgefallenen ſogleich an den Stadt⸗ hauptmann von Prag zu ſenden, mit dem Erſuchen, eine Ab⸗ theilung Infanterie nach dem Walde von Kaurzim zu ſchicken, um die Aufhebung des darin verborgenen Gefindels zu bewirken. Thomas Thyrnau dagegen beſprach den Vorgang mit dem Schulzen von Tein, wie mit dem Förſter der Herrſchaft, und nahm mit mehr Vertraun, als er dem Prinzen ausſprechen wollte, ihre ſchnelle Einwirkung in Anſpruch, die ausdrücklich darauf gerichtet ſein ſollte, mit den nöthigen dazu aufzubieten⸗ den Leuten das Waldgebiet zu durchſtreifen. Beide, gewandte Männer auf ihrem Platz, theilten Thomas Thyrnau mit, daß ſie bereits verdächtigen Perſonen begegnet wären, die im Dorfe gezecht, viel Geld gezeigt und zugleich erklärt hatten, das Nacht⸗ lager im Walde jeder andern Ruheſtätte vorzuziehn. 101 Magda theilte dem Großvater mit, was Bezo angedeutet, und ihr ward das Verhör des Burſchen aufgetragen, da ſie allein die Gabe beſaß, ſeine Gedanken zu ſammeln. Es ergab ſich denn auch nach vielem Hin⸗ und Herfragen, daß Bezo die Männer, welche den Ueberfall auf eine Perſon verabredet, nicht zur Zeit der Rückkehr mit Magda geſehen hatte, ſondern am frühen Morgen, wo er immer umher ſchweifte; daß dies ihm aber erſt wieder eingefallen, äls er bei der Rückkehr von Kaurzim an dieſelbe Stelle gekommen war, wo er ſie am Morgen beobachtet, und daß ſeine Treue und Liebe gegen Magda ihm inſtinktartig die Angſt um ihre Sicherheit ein⸗ geflößt, die ihn ſo angeſtrengt zu ihr eilen ließ. Es ward demnach beſchloſſen, daß er den Förſter und Schulzen begleiten ſollte, theils um die bezeichnete Stelle zu finden, theils weil ſein außerordentliches Gehör und ſein ſcharfes Auge brauch⸗ bar werden konnte. „Auffallend bleibt die ganze Sache,“ ſagte Thyrnau, nachdem ſich Alle zu dem ungeduldigen Pater Hieronymus um den Eßtiſch geſetzt hatten—„denn der Angriff trägt durchaus den Karakter einer perſönlichen Abſicht! Es fiel ein einziger Schuß— kein anderer Verſuch zeigte ſich, uns zu beunruhigen, und der Graf ſank ſogleich vorn über, zeigte alſo, daß er ge⸗ troffen. Ein Raubanfall auf ſieben Männer konnte doch nur in großer Anzahl verſucht werden. Und nun bei hellem Mittag, in der Nähe des Hauſes— welch' ein wahnſinniges Unterneh⸗ men, wenn ſie an Beute dachten! Auch iſt nichts geſchehn, was darauf hindeutet.“ „Dies wird ſehr wahrſcheinlich,“ entgegnete der Erbprinz von S., der ſich eben als ſolcher mit Hieronymus bekannt ge⸗ macht hatte— und vielleicht hätten wir beſſer gethan, den Privatverhältniſſen des jungen Herrn Grafen nachzufragen, als die Sache gleich ſo öffentlich zu machen.“ 102 „Dazu iſt er jetzt nicht fähig!“ ſagte Hieronymus.— „Der Blutverluſt hat ihn erſchöpft— und die Wunde iſt ſchmerzhaft!“ „Gleichviel,“ ſagte Thomas Thyrnau—„ich haſſe das Schonen unreiner Verhältniſſe. Hat er dieſe und ſogar ſolche, die ein Attentat ſo abſcheulicher Art veranlaßten, mag er die Folgen davon aufgedeckt ſehn. Glaubt mir, nichts bringt junge Leute tiefer in ihr Verderben, als das Zudecken, das Schonen ihrer leichtfinnigen Streiche! Ließe man ſie gleich leiden, wo ſie es verſchulden, würden ſie den Rauſch, dem ſie ſich hinge⸗ ben, weniger reizend finden. Aber die Eitelkeit von Aeltern und Etziehern, die ſich nicht eingeſtehen wollen, daß ſie einen Taugenichts haben heranwachſen laſſen— die iſt es, die immer wieder abwendet und zubaut, wodurch dem Leichtſinn der Muth wächſt, alle Lüſte und Thorheiten durch zu verſuchen, die ihm noch irgend ſchmackhaft ſcheinen.“ „So ſtreng, mein alter Freund?“ ſagte der Prinz lächelnd —„und doch einſt ſo milde und verzeihend?“ „Der Vorwurf von Beidem trifft mich nicht,“ entgegnete Thyrnau—„nur Wahrheit will ich! und je älter ich werde, je mehr ich ihren Mangel kennen lerne, je dringender fordete ich ſie, denn es iſt der Erzfeind der Menſchen, der in tauſend Geſtalten verhüllt über die Erde ſchleicht, und dem die Beſten noch eine Verkappung ſtehlen, um irgend eine Eitelkeit hinein zu wickeln. Wie weit wir zu dem abſoluten Begriff der Wahr⸗ heit auf dieſer Welt durchdringen, das wage ich nicht zu be⸗ ſtimmen; eben ſo wenig, wie nah oder wie fern ich oder An⸗ dere davon ſind— aber die Wahrheit, die von jedem Menſchen zu fordern iſt, und die gerade am häufigſten umſchlichen wird, iſt die gegen uns ſelbſt. Dies ewige Heucheln von Motiven, die wir unſern ſchwachen thörichten Handlungen unterlegen, um ſie vor uns ſelbſt heraus zu ſtutzen, damit wir wenigſtens, 103 wenn uns die ſchlechten Reſultate überraſchen, ſagen können, wir hatten die edelſten Abſichten und ſind in nichts verantwortlich zu machen— dies ewige Heucheln mit uns ſelbſt iſt es, was mir das Blut mit Galle verſetzt und wogegen ich ſtreng erſcheine. Es entſteht daraus ſelbſt in den von Natur gut gearteten Men⸗ ſchen ein ſo hartnäckiges Täuſchungsſyſtem, daß ihm faſt gar nicht beizukommen iſt, und die ſanfteſten bußfertigſten Seelen werden gerade zuletzt zugeben, daß ſie ſich ſelbſt und ihrer Eitelkeit dienten, während ſie ſich gewöhnten, all ihre Motive umzutaufen — und im vollſtändigen Gefühl unverſchuldeten Märtyrthums ſich für berechtigt halten, mit dem Schickſal zu grollen!“ Der Prinz lächelte und nickte dem feurigen Greiſe beifällig zu. Lebhaft fuhr dieſer fort: Wie weit man eben ſei, das ge⸗ ſtehe man muthig ein— auch daß man ſich ein paar Lieblings⸗ ſünden noch aufgehoben habe— in Gottes Namen! Nur nicht die Lieblinge umtaufen, damit wir ſie ohne Vorwürfe behalten können! Ich habe noch Zeitlebens gefunden, die Lügen, mit denen wir uns ſelbſt betrügen, ſind viel häufiger als die gegen Andere.“ „Wenigſtens,“ ſagte der Prinz—„machen wir uns über die Lügen gegen Andere Vorwürfe; über die gegen uns ſelbſt aber empfinden wir nicht einmal Reue— und doch iſt das Gefühl der Reue die wahre Wiedergeburt der Seele, der Ab⸗ ſchluß mit der Vergangenheit, die Stärkung beim Beginn eines neuen Lebensabſchnittes!“ „Ja ſo kann es ſein!“ entgegnete Thomas Thyrnau,„und ich denke nicht geringer von der wahren Reue; aber ich ſehe ſcharf zu, was unter dieſer Benennung gemeint iſt. Ich habe mir die ſogenannte Reue etwas verleidet. Die am leichteſten ſich anklagten, am heftigſten ihre Fehler bejammerten, behielten ſie gerade für ewige Zeiten. Entweder fanden ſie Narren, die bereit waren, ihnen zu verſichern: es ſei nicht ſo toll und ſie ſeien der Bewunderung würdig für ihre demüthigen Bekennt⸗ 104 niſſe— oder ſie ſelbſt beſorgten dieſe ſchmeichelhafte Verſicherung gegen ſich und genoſſen damit alle Selbſterhebung, die ſie für ihre kurze Demüthigung tröſten konnte. Aber damit war die Sache auch abgethan; ſie behielten ihre Fehler als ein nöthi⸗ ges Schaugerüſt für ihre Reue und zuletzt hatten ſie eine Uebung darin, daß ſie eben ſo oft und leicht ſich anklagten und bereuten, wie wir den Hut abziehn, wenn wir alten Bekannten begegnen. — Ich habe dieſe coquetten Reumüthigen gern in Verlegenheit geſetzt, indem ich that, als wenn ich ihnen Alles glaubte, was ſie über ſich ausſtießen. Anfänglich ſtutzten ſie und meinten, ich hörte nicht recht; ſie wiederholten, ſie erhöhten ihren Buß⸗ geſang endlich bis zur tollſten Uebertreibung. Wenn ſie aber nur mein Erſtaunen über die Böswilligkeit der menſchlichen Natur erregen konnten, mich nur Beifall geben ſahen ihren Bußgedanken, dann brachte ich ſie endlich dahin, daß ſie ſelbſt alle Entſchuldigungen hervorſuchten, die ſie von mir erwartet hatten; und behielt ich Zeit, ſo hatten ſie ſich endlich ſo weiß gewaſchen, daß nichts als eine kleine liebenswürdige Schwäche übrig blieb.— Wer dagegen tief und ſchwer die Gebrechlichkeit ſeiner menſchlichen Natur empfindet, wer gern mit Gott ein Sieger werden möchte, der fühlt die begangene Sünde wie eine brennende Wunde in der Bruſt, und in der Sicherheit, daß nur Einer ihn befähigen kann, ſie auszutheilen, wird er vor Ihn ſeine Schmerzen und ſeine Reue tragen! Von dort wird ihm die Befähigung kommen, abzuſchließen und wiedergeboren von Neuem anzufangen. Ein Solcher, meine Freunde! wird ſelten vor Menſchen ſich reuig bekennen— heil'ge Schaam vor dem wirklich erkannten Fehler wird ihm kein Zungenbekenntniß er⸗ lauben; aber ſein geſenktes Auge, ſeine ſich röthende Stirn wird mich tiefer rühren, als das Geheul der Andern.“ „Mein Vater!“ rief der Erbprinz tief bewegt—„ſage mir, ob ich Dich verſtanden habe?“ 105 Thomas Thyrnau erhob ſich, und als Alle aufſtanden, umfaßte er den Erbprinzen und küßte ſeine Stirn und ſein Auge leuchtete und er glich dem Erzvater, deſſen Berührung den von Oben verkündigten Segen ertheilt. Aber er war zu bewegt, um zu ſprechen. Er ſchritt den offnen Thüren zu, und als ihm der Erbprinz folgte, faßte er ſeinen Arm und trat mit ihm hinaus, und jetzt theilten ſich die Männer, auf und nieder wandelnd, Vieles mit, wozu ſie nur ſich Beide als Zuhörer wünſchten. Der Prinz erzählte Thomas Thyrnau alsdann von dem gütigen Empfange der kaiſerlichen Herrſchaften, und daß er dem Anerbieten, ſich der Armee wieder anzuſchließen, ſich um ſo weniger habe entziehen können, da der augenblickliche Stand der Dinge den baldigen Ausbruch des Krieges erwarten ließe. Für Böhmen ſei natürlich die Wahrſcheinlichkeit eines erſten Angriffes am meiſten zu fürchten, und er ſei daher befehligt, dort die Grenzen zu bereiſen und namentlich für die ausreichende Befeſtigung von Prag die nöthigen Anordnungen zu treffen.— Sein General⸗Stab war in Prag geblieben, während er bei der erſten Muße nach Kaurzim geeilt war, um in Tein den Freund aufzuſuchen. „Jedenfalls iſt es gut, daß Sie nicht um einen Tag früher kamen, denn geſtern ward ich von dem Beſuch Ihres Herrn Vaters überraſcht!“ Mein Vater?— Mein Vater hier in der Nähe?“ rief der Prinz— und ein Entſetzen, was er unfähig war zu bezwingen, drückte ſich auf ſeiner ganzen Geſtalt aus. Er kam, nich an unſere alten Ideen über Böhmen zu erinnern,“ ſagte Thyrnau—„und hielt in ſeiner kurzſichtigen Politik den gegenwärtigen Augenblick für ſehr günſtig, unſere Verbindungen mit Frankreich wieder anzuknüpfen. Es über⸗ raſchte ihn etwas unſanft, zu vernehmen, daß Madame de Pompadour eher geſonnen wäre, den Handſchuh der Kaiſerin in ihr Wappen aufzunehmen, als gegen ſie in die Schranken zu treten. Er kam mir geiſtig ſehr zurückgekommen vor; ich habe wenig Gründe an ihn gewendet und hatte mich zu be⸗ wahren, um nicht zu vergeſſen, daß er unter dem Schutze eines alten Czechen⸗Hauſes war, und da er in meiner Abweſenheit über die Schwelle gekommen war, mußte er ungekränkt darüber zurück treten, und doch fühlte ich die Gefahr immer höher ſtei⸗ gen, da er ſelbſt unbeſonnen die wunden Stellen reizte.“ „Welcher Wahnſinn jetzt noch an dieſe Pläne zu denken,“ rief der Prinz.— Wie verließ er Dich aber— haſt Du ihn zur Ruhe gebracht?“ „Zur Ruhe— ihn?“ entgegnete Thyrnau.—„Er ent⸗ fernte ſich wie ein halb erlegter Stier, der den abgebrochenen Speer, der ihn traf, mitſchleppt und durch Brüllen zu erkennen giebt, daß er auch halb beſiegt noch ſeine eigenſte Natur, ſeine Wildheit behalten hat! Er drohte mir und er denkt gewiß da⸗ ran, ſich zu rächen.“ Wollte Gott! er hätte weniger Mittel dazu in Händen, als es der Fall iſt!“ ſagte der Prinz—„Deine Sorgloſigkeit hierüber geht vielleicht zu weit.“ „Denke das nicht. Ich bin vertraut mit der Gefahr, die mir droht, deshalb beunruhigt ſie mich nicht mehr. Was Dir Sorgloſigkeit erſcheint, iſt die Ruhe, die aus einer ganz klar durchdachten Angelegenheit entſpringt. Es kann mich nichts mehr überraſchen— ich bin mit Gott und mit nir ſelbſt ſeit lange darüber fertig; ich laſſe jetzt die Menſchen damit machen, was ſie können, was ſie müſſen; aber da ich es ziemlich voraus weiß, ſpannt es nicht einmal meine Erwartung, und ich ver⸗ folge daher bis zu dem Angenblick, der zuverläſſig eintreten wird, meine Lebenszwecke mit ungeſtörter Ruhe. Ich bin oft dankbar, daß mich, nachdem ich eine ſolche Gefahr herauf beſchworen habe, die Folgen nicht ſtörten, und mir bis an ein ſo fernes Lebensziel Ruhe gegönnt ward. Sollen Sie mich dennoch treffen— wohlan— ich möchte ſagen— jetzt habe ich endlich Zeit! In meinem Alter hört die Arbeit für uns ſelbſt auf, wichtig zu ſein. Der Wahn der Jugend, durch den man ſich vor Anderen berufen hält, Bedeutendes hervor zu rufen, zu entwickeln, zu vollenden— der legt ſich friedlich ausgeglichen zu der Ueberzeugung, daß wir nur der Geſammtwirkung Vieler unſere Erfolge verdanken; daß Keiner ganz fertig wird, der über die Pläne für Haus und Hof, über den leichten Verkehr des Lebens hinaus ſich wagte; daß er nur anregen konnte, einen Stein hinzutragen zu dem Bau, den die Zeit dann in ihre unhemmbare Verwaltung aufnimmt! In dem Maaße, wie durch dieſe Ueberzeugung die Menſchen um und neben uns an Geltung gewinnen, vermindert ſie ſich ſelbſt gegen uns. Das giebt Gleichgewicht, mein Freund! und erweitert den Umkreis. Was ich mit den Edelſten im Verein angeregt— es war nicht umſonſt. Wie ich es gewollt, iſt es mißglückt— und faſt habe ich mich über nichts in meinem Leben mehr zu freuen, als daß mißglückt iſt, wie ich es gewollt! Die Geburt einer Idee gleicht in ihren Schickſalen der Geburt eines Menſchen! Von der Wiege an, in der ſie noch ſchlummernd ruht, iſt ſie der willige Träger aller Hoffnungen und Pläne für die Zukunft, die wir ihr beſtimmt yaben, für die Wirkſamkeit, die wir von ihr erwarten. Sie ſcheint uns in nichts zu widerſprechen— ſie lebt, ſie athmet, ſie hat Kopf, Händ' und Füße; ſie ſchreit ſo laut wie jede andere. Was fehlt ihr? denken wir. Alles iſt da, was von jeher nöthig war, und erfüllen muß ſie, was wir ihr zugedacht. Aber ſie wächſt jetzt aus der kleinen Wiege un⸗ ſerer Stirn, worin wir ſie ſchaukelten, heraus; ſie wird jetzt ſo groß, daß wir ſie nicht länger bergen können. Das iſt uns zu Anfang ganz recht; wir wollen, daß ſie ſich entwickelt, 108 wachſend vor uns ſtellt; wir rufen die herbei, welche mit uns der Geburt begierig harrten, ſich nach ihrem Wachsthum ſehnten — und jetzt warten wir nur ab, daß ihre Füße aus dem Schwanken heraus zum feſten Gehen übertreten ſollen. Auch hierzu fördern, ebnen wir den Weg und entfernen alle Hinder⸗ niſſe! Aber, Freund! wie oft überraſcht uns dann der Lauf, der nun beginnt! Wo bleibt die Bahn, die wir angewieſen— wo bleibt im raſchen Laufe die Kleidung, die wir ihr paſſend hielten? Bald hier bald da blieb ſie ſich überrennend hängen; hier fiel dies, dort jenes von ihr ab. Wir wollen nach, ſie lenken, einfangen, ſie zurück führen; wir jagen hinterher und erſtaunen, daß die Zeit indeß den Weg verändert hat; wir wollen ſie nun wieder einholen, ſie anders lenken, aber welch' Glück, wenn es noch in unſere Macht gegeben iſt; wenn nicht während des eigenmächtigen Laufes ſich unſere Herrſchaft über ſie verloren hat und wir ſie ſchon ſo geſtaltet ſehn, ehe wir ſie erreichen, daß wir erröthend zurücktreten und ſagen dürfen: wir erkennen Dich nicht mehr, wir haben Anderes gewollt!— Es thut nicht gut, in blinder Liebe das Eine feſthalten und vergeſſen, wie der Boden ſich indeß umgeſtaltet, auf den wir ſein Daſein berech⸗ neten! Vetzeih' das lange Gleichniß! Es trifft zu. Als wir das Kind noch in unſerer Stirn ſchaukelten, war es ein Engels⸗ bild, und wir glaubten an ſeine Flügel. Als es aus uns her⸗ austrat und mit dem Leben in Berührung kam, da erkannten wir es nicht wieder, und ganz mußte es zur Ruhe verwieſen werden, als Maria Thereſia, dieſe wahre Selbſtbeherrſcherin, den Thron beſtieg. Da ward ſie die Idee, für die wir geſchwärmt, und wir ſtanden auf ihrer Seite! „O Thyrnau! wenn ſie Dich kennte!“ rief der Prinz. „Laß das. Es iſt zu ſpät. Wenn ſie mich kennen lernt, wird ſie mich nur kennen lernen, um mich zu verdammen— aber auch dafür werde ich ſie lieben! Bleibt mir nur Zeit, ihr 109 das Engelskind zu zeigen, was einſt hier ſchaukelte, behalt' ich nur Zeit, ihr zu ſagen, ich hab' es ſpäter, als es verwandelt aus mir heraustrat, nicht anerkannt— dann ſoll es ein ſchöner Lebensabend ſein! In dieſer Kaiſerin Stirn liegt Zündſtoff aufgehäuft, das Reinigungsfeuer für die Welt anzufachen, und ich will ihr meine kühnen Jugendpläne nicht unterſchlagen, weil dieſe Entwürfe mich durch ihre Ausführung ſtrafbar gemacht haben würden; ſie werde die Trägerin dieſer Gedanken! Zwiſchen zwei Generationen ſteht ſie mitten inne; ſie hat die Erfahrungen der ſchwindenden in ihrem Gedächtniß einge⸗ graben; ſie gehört der werdenden mit jedem Gefühl ihrer hoch⸗ herzigen Bruſt, mit jedem Gedanken ihres beſchwingten Geiſtes! Klein ſieht das Kleinliche und ſpielt mit dem lieblichen Spott der ewigen Jugend, den die Gottheit ihren Lieblingen erhält, mit den leiſe vor ihr ausgebreiteten Netzen und überſpringt ſie plötzlich und läßt ſie am Boden verfaulen, kaum ihr Daſein annehmend. Und drüber weg ſchreitet ihr geharniſchter Fuß, den nichts aufhält, und mit Siegerblicken ſchaut ſie freudig der Zeit in die Augen und ruft ihr zu:„Komm mit mir! Du biſt mir recht in allen Deinen Erſcheinungen, denn ich bin Dir ge⸗ wachſen!“ Was können Beide vereint nicht erreichen!— Sie fühlt Athem genug in der hohen Bruſt, um jener Schritt zu halten— und was ſie hervorruft, wird ſie kräftig faſſen und wird es für ihr Eigenthum erklären!“ Der Prinz blickte in das Angeſicht des Greiſes, der ſtille ſtehend und die Augen in die Luft gerichtet ſprach, als ſähe er den Triumphzug der Zeit an der Seite der Monarchin!— Er hatte vergeſſen, wo er war— überhaupt, daß er ſprach. „Jüngling,“ rief der Prinz,„wiger Jüngling!“ Thomas ſenkte den Blick auf ihn nieder; man ſah, er ſammelte ſich. Es trat, als er ſich wieder fand, ein Anflug von Verlegenheit, von Beſchämung in ihm hervor. Er wat ſich ſelbſt zu ſehr hingeriſſen worden— er wollte dem Manne, dem Greiſe dieſen ſchwärmeriſchen Ausbruch nicht geſtatten. Schweigend ging er neben dem Prinzen her, den Kopf geſenkt, die Hände gekreuzt auf dem Rücken. Der Prinz fühlte das und ſuchte ihn abzulenken:„Glaubſt Du, daß mein Vater meine Anweſenheit in Böhmen kennt?“ fragte er ihn im Weiterwandeln. „Du darſſt nicht zweifeln, und ich erſtaune, daß Ihr Euch entginget; denn er nahm ſeinen Weg über Prag und hatte ein Gefolge bei ſich, was nicht leicht überſehen wird.“ „Es erklärt mir Manches und— ich will wünſchen, daß wir nicht mehr entdecken, als uns lieb iſt! Ich hatte nur vier meiner Leute bei mir; Einer machte mir die Meldung, daß er von einem Unbekannten über alle Einzelheiten meiner Reiſe in's Verhör genommen ward. Der ehrliche Burſche wußte ſelbſt wenig zu verrathen und iſt lange genug in meinem Dienſt, um neugieriges Ausforſchen abzuweiſen. Dennoch behauptet er, daß wir auf unſerm Wege beobachtet wurden.“ Thomas Thyrnau blieb ſtehn— und beide Männer blickten ſich mit aufgeregten fragenden Augen an.„Wär' es möglich?“ rief Thyrnau.— Der Prinz zuckte die Achſeln.„Es wäre nur der zu er⸗ wartende Fortſchritt auf der längſt betretenen Bahn!“ Thomas Thyrnau ſchauderte zuſammen.„Ich weiß,“ fuhr der Prinz fort,—„daß er von den Majeſtäten großes Unrecht bekommen; ich habe dagegen eine Stellung erhalten, die von der unveränderten Geſinnung der hohen Herrſchaften zeugt.“ „Es iſt genug!“ rief Thyrnau—„wir müſſen vorſichtig ſein. Alle Gefangene, die noch gemacht werden könnten, müſſen erſt vor uns geführt werden.“ „Und ich,“ ſagte der Prinz—„werde einen zweiten Befehl nach Prag ſchicken, der den erſten widerruft; wir haben die 111 Sache nicht mehr in unſerer Hand, wenn die Behörden von dort aus ſich hinein miſchen.“ Beide Männer nahmen in dieſer Abſicht den Rückweg nach dem Dohlenneſt, von dem ſie ſich im Eifer der Unterredung ziemlich weit entfernt hatten. Als Thomas Thyrnau aber einen Richtweg durch kleines Unterholz einſchlug, bemerkten ſie mit einem Male eine menſchliche Geſtalt, welche auf dem Leibe lie⸗ gend faſt das Anſehn eines Todten hatte. Beide Männer eilten raſch darauf zu; ehe ſie ihr aber ganz nahe waren, bekam ſie Leben, und beim Aufſpringen und Davonlaufen erkannten ſie Bezo. „Ha!“ rief der Advokat ſtehen bleibend—„er lag auf der Lauer! Faſt wollte ich wetten, der Feind iſt noch in der Nähe!. Wenn dies unglückliche Geſchöpf im Stande wäre, ſeine Wahr⸗ nehmungen auszudrücken, würden wir erſtaunenswerthe Erfolge von ſeiner inſtinktartigen Beobachtungsgabe hören. Doch ſo werden wir ſchwerlich etwas von ihm erfahren; wir können nur ſchließen, daß, wo er auf der Lauer liegt, etwas vorgeht.“ „Ich bin nicht begierig, zu finden,“ ſagte der Prinz ſchmerzlich lächelnd—„laſſ' uns unſern Weg verfolgen.“ Doch einige Schritte weiter gegangen, ſahen ſie den För⸗ ſter mit einem ſeiner Gehilfen Bezo zurück führen und denſelben Weg einſchlagen, den dieſer ſo eben verlaſſen. Der Förſter näherte ſich ſogleich den beiden Herrn und zeigte ihnen an, daß ſie Urſach hätten zu glauben, daß ſich hier eine verdächtige Per⸗ aufhalte, da Bezo dieſen Theil des Waldes nicht verlaſſen wolle. „So wollen wir Euch noch einige Diener zur Umſtellung der Ausgänge ſenden,“ ſagte der Prinz lebhaft—„und wen Ihr findet, ſorgt dafür, daß er augenblicklich nach dem Dorf⸗ gefängniß gebracht wird, ohne daß erſt ein unzeitiges Verhör erfolgt, bis Ihr uns Anzeige davon gemacht habt.“ Der Prinz entfernte ſich raſch nach dieſen Worten und Thomas Thyrnau folgte ihm nach einigem Nachdenken, obwol es ſeinem lebhaften Geiſte vielleicht zuſagender geweſen wäre, im Walde ſelbſt anordnend gegenwärtig zu bleiben. Doch ſchien es faſt, Bezo's Inſtinkt, dem Alle geneigt waren zu vertrauen, habe ihn irre geführt; denn bei der ſorg⸗ fältigſten Nachforſchung fanden ſich nur die Spuren von zer⸗ brochenen Zweigen und zertretenem Graſe, aber kein menſchliches Weſen mehr, und ſo glaubten die Suchenden, daß Bezo's Witterung die vorhandenen Spuren entdeckt und deshalb hart⸗ näckig auf der einen Stelle verblieben ſei. Man überließ ihn daher ſich ſelbſt und hatte ſich ſchon ziemlich weit entfernt, als ein fürchterliches Angſtgeſchrei in die Ohren der Suchenden drang und ſie ſchnell nach der eben verlaſſenen Gegend zurück trieb. Bezo's Geſchrei, denn als ſolches erkannten ſie es bald, ſchien aus den Lüften zu dringen, bald merkte der erfahrene Förſter, daß es aus dem Wipfel eines Baumes kam. Schnell war der Platz erreicht und ſie ſahen Bezo perpendikulär zwiſchen den Zweigen einer mächtigen Ulme herunter hängen, während Füße und Arme an ihm niederhingen, ſo daß es im erſten Augenblick, da wegen des dicken Laubes keine genaue An⸗ ſicht möglich war, ganz unbegreiflich ſchien, wie er ſich in dieſer Lage ohne allen Dienſt von Armen und Beinen erhalten konnte. Als der Förſter ſich jedoch, einen andern Zuſammen⸗ hang annehmend, nach dem Stamm des Baumes ſchlich, ſah er, daß Bezo am Kragen ſeines Wamſes von einer mächtigen Fauſt in der Luft ſchwebend gehalten ward, und daß ein zweiter dunkler Körper in der hohen Krone des Baumes dies bewerk⸗ ſtelligte. Bezo's Lage rechtfertigte ſein Angſtgeſchrei; denn ließ die Fauſt los, die ihn doch wahrſcheinlich nicht aus Wohlwollen in dieſer Schwebe erhielt, ſo ſtürzte der arme Knabe von der 113 beträchtlichen Höhe auf ein knorriges Wurzelgeflecht herab und konnte das Genick brechen oder doch ganz zerſchlagen werden. Es war keine Zeit zu verlieren; der Förſter machte ſeinen jetzt ſich ſammelnden Gehilfen ſchnell ſeine Meinung kund, und in⸗ dem ſie ſich dicht zuſammengedrängt unter Bezols ſchwebender Geſtalt vereinigten, forderten ſie den Feind auf, ſich zu er⸗ geben. Es erfolgte lange keine Antwort; aber das Geſchrei des Unglücklichen verwandelte ſich jetzt in ein ſchmerzhaft ſtöh⸗ nendes Röcheln, und Alle fürchteten, der arme Knabe werde erdroſſelt. Augenblicklich richtete der Förſter ſeine Flinte auf den fremden Körper und rief hinauf, daß er ſchießen würde, wenn er dem Burſchen ein Leid thäte. Kaum war das geſagt, ſo ſtürzte Bezo von Oben herunter, wurde aber von den Jäger⸗ burſchen aufgefangen, die den faſt entſeelten Körper, der blau und roth im entſtellten Geſicht kaum noch einem Lebenden glich, vor dem Zerſchellen behüteten. Dennoch durften ſie dem armen Hilfebedürftigen noch keine Aufmerkſamkeit ſchenken, denn mit der größten Kraft und Gewandtheit ließ ſich jetzt eine männ⸗ liche Geſtalt pfeilſchnell von der entgegengeſetzten Seite des Baumes herunter und wollte die augenblickliche Störung, die das Herabfallen des Burſchen verurſacht hatte, benutzen, um das Dickicht des Waldes zu erreichen. Doch war dies ein zu verzweifeltes Unternehmen, ſo gewandten und mit dem Wald ſo vertrauten Burſchen gegenüber, und es ſchien auch, der Flüchtling ſelbſt gäbe ſich verloren, denn bald eingeholt, ver⸗ ſuchte er keine Gegenwehr mehr und ließ ſich feſthalten und zurückführen. „Beſtien!“ ſagte er, wild um ſich blickend—„hätte ich noch eine Kugel in meiner Flinte gehabt und ein Paar Körner Pulver, ihr Alle hättet das Nachpfeifen gehabt, aber ſicher mich nicht ergriffen. Das elende Gewürm!“ rief er jetzt und ſtieß verächtlich an Bezo's Körper, der noch bewußtlos am. Thomas Thyrnau. II. 8 114 Boden lag.—„Was für eine hölliſche Katze habt Ihr denn auf mich abgerichtet? Das Thier kletterte bis in den Wipfel, um mich heraus zu holen.“ Niemand antwortete ihm. Selbſt die beiden Burſchen, die ihn hielten, blickten auf Bezo und dachten nur des armen Knaben, mit welchem der Förſter und die Andern ſich liebevoll beſchäftigten. „Todt iſt er Gottlob nicht!“ ſagte endlich der Erſtere— „nehmt ihn abwechſelnd auf die Schultern und tragt ihn nach dem Dohlenneſt; hier kann er keine Hilfe bekommen! Ha! Du tückiſcher Geſell,“ rief er dann heſtig dem Arreſtanten zu— „Dir ſoll es ſchlimm gehn, wenn der arme Menſch ſtirbt!“ „Iſt das ein Menſch?“ rief höhniſch lachend der Andere —„Nun, dafür hält ihn Keiner, der ihn zuerſt ſieht. Ich dachte, Eure Wälder brüteten Affen und Meerkatzen aus, wie das Gewürm den Stamm herauf lief, als hätte es Klauen an den Pfoten!“ Fort,“ ſagte der Förſter und ſtieß ihn vorwärts—„und vergiß nicht, daß wir Kugeln in den Büchſen haben.“ „Jetzt will ich mit Euch gehn!“ erwiederte der Andere— „ſonſt ſollten mich Eure Drohungen nicht jagen!“ Sie ſchlugen den Dorfweg ein, und während Zwei der Jäger Bezo nach dem Dohlenneſt trugen und die Meldung von dem Auffinden des muthmaßlichen Mörders machten, ward dieſer in das Gefängniß des Dorfes abgeliefert, und nachdem er wohl verſchloſſen worden, bewachten zwei dazu vom Schulzen befehligte Burſche, mit Musketen bewaffnet, die ſtarke Thür. Man erwartete aber, zum Erſtaunen des verſammelten Dorfgerichts, vergeblich den ſonſt ſo ſchnell einſchreitenden Herrn Thomas Thyrnau, und ſchon wollte man bei einbrechen⸗ der Nacht aus einander gehn, als der Advokat an der Seite eines andern Herrn, deſſen tiefer Hut ihn der Beobachtung 115 entzog, in die Wohnung des Schulzen trat. Mit Schärfe und Genauigkeit that er ſogleich die nöthigen Fragen, beſtimmte daun am ftühen Morgen das eigentliche Verhör, forderte dem Schulzen die Schlüſſel zum Gefängniß ab, was ein wohl ver⸗ wahrtes maſſives Gemach neben dem Gerichtszimmer war, und entließ die ſchon über die Zeit hinaus wach gebliebenen Landleute. Als beide Männer allein waren, nahm der Prinz, der den Advokaten begleitet hatte, ihm die Schlüſſel aus der Hand: „Laß nich allein zu dem Gefangenen gehen— Du nicht— ich bitte Dich, Du nicht.“ Der Advokat zögerte„Wenn wir uns nicht irren— ſo iſt es nicht ohne Gefahr für Dich!“ ſagte er endlich. Der Prinz lächelte.„Phyſiſch habe ich Kraft genug, dem Feind zu begegnen! Laß mich— ſchone mich!“ Thomas Thyrnau trat zurück der Prinz nahm die Schlüſ⸗ ſel.„Auf dem Dorfwege finde ich Dich!“ ſagte er. Der Ad⸗ vokat nickte und verließ das Haus. Der Prinz ging durch das Gerichtszimmer nach einem kleinen Gange, der nach der Hoſſeite offen war, in welchem die Thür zu dem Gefängniſſe lag. Er fand hier zwei handfeſte Burſche des Dorfes mit ihren Büchſen auf und nieder wandelnd, und ſie vertraten ihm mannhaft den Weg, bis der Prinz ihnen die Schlüſſel zeigte und damit ihre Bedenklichkeiten beſiegte. Der Prinz trat in das kleine gewölbte Gemach, worin eine Lampe ihn den Gefangenen erkennen ließ und verſchloß die Thüren hinter ſich. Die Burſche waren über den ſpäten Beſucher, in welchen ſie den vornehmen Gaſt aus dem Dohlenneſt erkannt, nicht wenig verwundert und zogen ſich ehrerbietig bis vor den Ein⸗ Lang nach dem Hofe zurück. Doch ward ihre Verwunderung noch geſteigert durch die lange Dauer des Beſuchs. Endlich klirrten die Schlöſſer; es währte lang, ehe der Heraustretende 8* 16 mit Auf⸗ und Zuſchließen fertig ward, dann trat der ſchöne, leutſelige Herr zu den Burſchen und übergab ihnen den Schlüſ⸗ ſel.„Habt Ihr die Nachtwache, meine ehrlichen Leute?“ redete ſie der Prinz an. „Ja, Euer Gnaden,“ antwortete der Eine— wir Beide bleiben die Nacht hier, obwol es immer ſchwer wird, wenn der Tag ſeine Laſt hatte— was bei der Heuernte ſchon vorkommt.“ „So gehe Einer von Euch ins Dorf und hole für Euch Beide ein Paar Flaſchen Wein. Das hilft die Nacht verkürzen.“ Die Burſchen griffen erfreut nach dem dargereichten Gelde, und der Prinz verließ ſie. Als er auf den Dorfweg trat, ſah er Thomas Thyrnau vor ſich herwandeln und ſich die Hände reiben, was er bei Ver⸗ anlaſſung erregter Ungeduld zu thun pflegte.„Ach,“ ſagte er, ſichtlich erleichtert, als er den Prinzen ſah—„das war ein langes Verhör, mein Lieber!“ Verzeih!“ ſagte der Prinz ſanft und mit erſchöpfter Stimme— es ging nicht anders. Doch laſſ uns zurückkehren, ich habe Ruhe nöthig.“ Als ſie das Dohlenneſt erteicht hatten und der Schein der Kerzen auf den Prinzen fiel, zweifelte Thomas Thyrnau nicht länger, daß ſein Gaſt der Ruhe bedürfe, denn ſein Ge⸗ ſicht war ungewöhnlich blaß und er ſah tief traurig und er⸗ ſchüttert aus. Beide drückten ſich ſtumm die Hände und der Abend war für die Geſelligkeit der Hausbewohner geſchloſſen. Der friſche Morgen, der nach und nach alle Bewohnet des Dohlenneſtes unter den ſchattigen Bäumen vor der Haus⸗ thür verſammelte, brachte manche tröſtliche Nachrichten, die vorzüglich von Hieronymus ausgingen, der ſowol über den 117 Grafen von Lach wie über Bezo die beſten Berichte abſtattete. Der Prinz kündigte dagegen ſeine Rückkehr nach Prag an und ſuchte zu beobachten, in welchem Grade der Theilnahme er hoffen könne in Magda's Andenken zurückzubleiben. Ihre dun⸗ klen Augen prüften ihn mit dem eigenthümlichen Blitzen ſchalk⸗ hafter Lebendigkeit, und ſie reichte ihm gern die ſchlanke Hand, und jede Miene zeigte, daß ſie ſeinen Worten nicht abhold blieb; aber ſchon war ſie Mädchen genug, um ihn über ihre Geſinnungen in Zweifel zu laſſen. Als die Pferde vorgeführt wurden, ſah man eine Gruppe Bauern über den Dorfweg kommen und ſich dem Dohlenneſte nahen. Thyrnau ging ihnen entgegen und man ſah aus der Ferne, daß es ein haſtiges Geſpräch vieler verworren unter einander Kämpfender war, unter denen der Advokat ſich endlich mit ein Paar entſchiedenen Worten Bahn machte. Jetzt erſt redeten Einzelne, und bald darauf entließ ſie Thomas Thyrnau mit einem kurzen Beſcheid, dem ſie ohne Gegenrede folgten und ſich nun ſtill des Weges zurückzogen, den ſie gekommen waren. Der Advokat trat jetzt zurückkehrend auf den Prinzen zu, der ſich mit Magda und Hieronymus unterhielt.„Euer Durch⸗ laucht habe ich die Pflicht zu melden, daß der Arreſtant, der geſtern Abend des beabſichtigten Mordes verdächtig in dem Dorfgefängniß wohl verwahrt ward, in der Nacht Mittel und Wege gefunden hat, zu entkommen.“ Thomas Thyrnau verbeugte ſich dabei vor dem Prinzen, und die Feierlichkeit ſeines Weſens hatte einen unverkennbaren Karakter von Fronie. Der Prinz wußte offenbar nicht die rechte Haltung zu treffen, verbeugte ſich ebenfalls und ver⸗ mied die großen feurigen Augen des Advokaten, während er einige unbedeutende Worte erwiederte. Wir könnten jetzt immer noch den Arreſtanten verfolgen laſſen,— fuhr der Advokat fort— 118 „Wozu das?“ rief der Prinz haſtig—„r wird gewiß die Grenze ſuchen und wir haben ſchwerlich weitere iſiens von ihm zu fürchten.“ „Wenn Euer Durchlaucht ſo meinen,“ entgegnete der Andere,„ſo werde ich für diesmal der Entſcheidung folgen.“ Raſch umarmte jetzt der Prinz den Advokaten und Beide blickten ſich dann einen Augenblick ernſt und prüfend in die Augen. Sie mußten ſich viel mit dieſem Blick geſagt haben, denn Beide konnten ihre Bewegung nicht unterdrücken. Der Prinz nahm flüchtig Abſchied und ſchnell ſah man ihn an der Spitze ſeiner Diener über den Wieſengrund davon jagen. Jetzt folgte im Dohlenneſt eine von den unangenehmen Zeiten, wo man durch ein bedeutendes Ereigniß aus dem ge⸗ wöhnlichen Gange der Tage getrieben iſt, und welches doch ſtatt der geſtörten Ordnung unſere Thätigkeit nicht genug in Anſpruch nimmt, um uns zur Zerſtreuung zu dienen. Magda fühlte die unſichtbare Nähe des Grafen Lach, von dem Hieronymus noch immer unbewegliche Ruhe forderte, als läge der Alp auf ihr, und wenn ſie von ihrem eignen gedrückten Zuſtand aufſah, in der Hoffnung, bei ihrem Großvater Erhebung zu finden, ſah ſie leicht ein, daß auch er in etwas ſeine heitere Ruhe eingebüßt. hatte, und ſelbſt mit ihr nachdenklicher war, und auch ſeine ſonſt neckende Zärtlichkeit einen ernſteren weicheren Karakter hatte. Es war daher eine wohlthätige Erſchütterung für Alle, als Hieroymus eines Tages erklärte, er werde zu Mittag den Kranken herunter und in die Luft führen. Magda wäre freilich am liebſten in ihrem Thurm zwiſchen den Baumwipfeln ſitzen geblieben; aber ihr ſtolzer Sinn haderte ſo lang mit ihrem verzagten Herzen, daß ſie ſich endlich überwand und muthig zur ſelben Stunde hinunter ſtieg. Hinter der Holzwand, in dem tiefen Fenſter, halb von dem Vorhange geſchützt, hörte ſie, wie Thomas Thyrnau und 119 Hieronymus den Kranken die Treppe hinunter führten, und ſie unterſchied alle Stimmen. Sie näherten ſich dem Eßtiſch, an welchem man ſogleich Platz nehmen wollte, und jetzt hörte ſie deutlich, wie der Kranke klagte, daß ihm das Gehen ſchwerer werde, als er erwartet habe. Sie horchte hoch auf und bog ſich aufſtehend vor— da ſtanden ſie alle Drei am Ende des Eß⸗ tiſches ihr gegenüber. „Ach!“ rief der Kranke—„das iſt Eure Enkelin. Die Nymphe des See's!“ „Es iſt Magda,“ ſagte Thyrnau—„und hier, liebes Mädchen, ſiehſt Du den Neffen Deines beſten Freundes, den Grafen von Lacy.“ Magda blieb unbeweglich ohne Gruß und Entgegnung ſtehn; nur ihre leuchtenden Augen durchbohrten faſt den Kranken.— Dieſer war indeſſen um den Tiſch herum ihr näher getreten; er wollte ihre Hand ergreifen, aber Magda zog ſie raſch fort und ſagte zurücktretend:„Rein! nein! zum Faſt⸗ nachtsſpiel iſt Magda zu gut!“ Thomas Thyrnau erlebte, was er gefürchtet hatte. Er ſah, Magda habe ſich ihn anders gedacht und wollte ihn jetzt nicht anerkennen. Er lachte daher lauter als die Veranlaſſung for⸗ derte, bemüht, die verlegene Scene zum Scherz auszulegen. „Da haben Sie ein Pröbchen von dem kleinen Trotzkopf und meiner guten Erziehung. Nun ſehen Sie zu, wie Sie mit ihr fertig werden, denn ich bekomme ſelbſt gelegentlich Schelte von ihr.“ WMagda ſah ihren Großvater forſchend an. Heute konnte ſie nicht in ſeiner Seele leſen; ſie verſtand ihn nicht; aber ſie glaubte, es ſei Alles auf Scherz abgeſehen, und plötzlich fühlte ſie, es ſei ja nun gar keine Veranlaſſung zum Ernſt; ihr fiel ein Stein vom Herzen und ſie beſchloß, auf den Scherz einzu⸗ gehen und ſie Alle zu necken, da ſie annahm, dies habe man eben mit ihr vor. So lachte ſie ſchneller, als der Großvater gehofft, und dem Grafen die Hand reichend rief ſie:„Jetzt will ich zeigen, daß mich der Großvater verleumdet! Mein Herr Graf von Lach, Ihr ſollt ein Muſter von guter Erziehung in mir kennen lernen.“ Sie war wunderſchön in dieſem Augenblick. Es lag ein Glanz von Muthwillen und Spott auf ihren Zügen, wohinter noch ein geheimes Feuer lauſchte, das wie Zorn und Wildheit glühte. Thomas Thyrnau verſtand ſie auch nicht; aber es war ihm ſchon recht, daß ſie ſo lebhaft angeregt war, ſo im vollen Beſitz ihrer Geiſtesktaft, er durfte ihrer ſcharfen Beobachtung vertrauen. So nahm man Platz und die Erregung der drei Haupt⸗ perſonen verfehlte nicht, dem Zuſammenſein Reiz und Leben zu geben. Das Beſtreben des Gaſtes, Magda in die Unterhaltung zu ziehen, glückte ihm ſehr bald, denn das Mädchen war wie geſtachelt von Muthwillen. Nur ſagte der Advokat zuweilen in ſich hinein:„Sie iſt ſo keck und wegwerfend luſtig! das iſt nicht die Stimmung, in der ein Mädchen anfängt ſich zu verlieben!“ „Und wenn Krieg wird, bleibe ich gerade hier,“ fuhr Magda im Geſpräch fort.—„Erſtlich fürchte ich mich nicht— zweitens will ich Ordnung halten— dann ſollen ſich alle Frauen in Tein bewaffnen und ich will ſie anführen— und dann vertheidigen wir das Dorf.“ „Heil ger Gott!“ entgegnete ihr junger Anbeter—„ich glaube, liebe Magda, Sie können Alles, was Sie wollen! Doch warum nicht lieber Verwundete pflegen, Kranke aufnehmen — der Krieg verheert in allen Geſtalten.“ „Erſt will ich, ſo viel ich kann, verhüten, daß ſie mir den Heerd zerſtören, an welchem ich pflegen und warten ſoll.“ „Nun ſo nehmen Sie mich als den Vertheidiger Ihres Heerdes an und pflegen Sie daheim, während ich das Dach beſchütze, unter welchem Sie athmen.“ 121 „Ihr— daheim? Wenn meine ſchöne Kaiſerin ihre Unter⸗ thanen tuft— wenn Alle herbeiſtürzen— das ganze Volk ein wehrhafter Mann wird— vor dem der Feind ſich beugt? Seid Ihr ein Lacy? rief ſie ſich vorbeugend und ihre blitzenden Augen ihm aufnöthigend.—„Geht! geht! Ihr habt den Namen geborgt— das iſt nicht der Lacy Art, daß ſie bei dem Gedanken an Krieg und Waffen nur an Vertheidigung des Heerdes denken, damit ein einfältig Mädchen ruhig daheim ſeine Spitzen klöpfeln kann.“ Der junge Mann lachte unter glühendem Erröthen. „Denken Sie, daß Sie einen in jeder Beziehung Wunden und Beſiegten vor ſich haben! Denken Sie deshalb nicht gleich ſchlechter von mir, weil der Heerd, wo ich Sie ſchützen könnte, mir theurer wäre als aller Ruhm und alle Heldenthaten der Erde. Jedes Gefühl hat ſeine Zeit und in ihr ſein Recht! Jetzt iſt meine ſchönſte ſeligſte Zeit, denn ich will nichts als Sie lieben, bewundern und anbeten.“ „Vielleicht dürft Ihr das eben ſo wenig ſagen, als ich anhören— und da Alles ſeine Zeit hat— ſo iſt jetzt meine Zeit, daß ich's nicht leiden will. Was meinſt Du, Großvater, was der ſel'ge Graf von Lach ſagen würde, wenn ich dem jungen Herrn hier zuhörte?“ „Nun,“ ſagte der Alte lachend, aber aufmerkſam dem Verfahren des Mädchens zuſehend—„er würde, denke ich, wie ſo oft Dich in Deiner kecken Weiſe gewähren laſſen und zugeben, daß Du Dich allein zum Verſtändniß mit Dir ſelbſt durchfühlteſt.“ „Das denke ich auch,“ antwortete ſie lebhaft—„Mädchen! würde er ſagen— Du haſt lange genug mit Lacy's gelebt, um ihre Art und Weiſe zu kennen. Jetzt prüfe und finde heraus, ob der vor Dir von ächter Art iſt!“ So blind die auflodernde Liebe den jungen Mann auch für Magda's Unarten machte ſichtlich ſchienen ihn dieſe letzten 12 Worte zu verletzen. Er ſah von ihr weg auf den Advokaten hin und traf hier auf eben ſo ſchlau prüfende Blicke, ſo daß dieſe den Eindruck von Magda's Worten noch verſtärkten. „Würde er nicht ſagen,“ rief er bewegt:„kränke kein Herz, was Dir in Liebe naht? Höher als den Stamm und den Glanz aller Geſchlechter laß Dir ein Herz gelten, dem Du vertrauen kannſt— das von allen Rechten und Verträgen nichts kennt und weiß— das ein Herz ſucht— um ein Herz wirbt.“ Magda hörte erſtaunt zu; ſie ſenkte endlich verlegen den Blick und erröthete. Das war kein Scherz, was die Stimme des jungen Mannes beben ließ und die Worte ſo wahr und ge⸗ müthlich hervorrief. Einen Augenblick ward ſie unſicher, was den Zauber mädchenhafter Schüchternheit über ihr Geſicht goß, und dieſer hatte ihr noch bis jetzt gefehlt, und er kam nur hinzu, um die Niederlage des jungen Mannes zu vollenden. Wie ſchnell ſind Männer verſöhnt, wenn ſie ein Herz gewinnen wollen! Nur wenn ſie es endlich beſitzen, prüfen Sie, wie viel Sie daran gewendet. „O, zürnen Sie nicht meinem ſchwerfälligen Ernſt!“ fuhr er ſogleich fort—„wie nich zu tadeln, daß ich den. Scherz von dieſer kindli irn verſcheucht habe! O lächeln Sie wieder, holde Magda! Ich unterwerfe mich Ihrer Prüfung und wenn Sie auch dann Keinen würdig des Namens Lach gefunden, ſo wird doch noch Manches übrig bleiben, was den Frieden wieder unter uns vermittelt.“ „Halt! halt!“ rief Thomas Thyrnau,„dies Tiſchgeſpräch wird für unſere alten Ohren zu rührend! Junges Volk, vergeßt nicht, daß wir an Eurem Geſchwätz unſern Antheil wollen. Hieronymus, laß einen Augenblick Deine Wachteln in Ruhe und hülf mir die Unterhaltung aus dem tiefen Gleiſe der Empfind⸗ ſamkeit wieder herausheben!“ 123 „Du fürchteſt heute ſehr den Ernſt, Großvater!“ ſagte Magda, zu ihrer alten Stimmung zurückkehrend,„und da Du drauf ausgehſt, meine Laune zu prüfen, ſo ſoll ſie Dich auch nicht täuſchen, obwol Du mir mehr Scherzluſt als Verſtand zu⸗ trauſt— und dafür werde ich mich ſchon gelegentlich rächen.“ So fuhr man fort zu ſcherzen und zu necken, doch blieb es ſichtlich, daß der junge Mann beſtrebt war, aus dieſer Bahn zu dem Ernſte einzulenken, der wenigſtens zu Anfang einer ent⸗ ſtehenden Neigung den Männern ſo natürlich iſt. Magda aber ſchien, ſobald ſie den Verſuch merkte, dadurch zu einem Ueber⸗ muth gereizt zu werden, der faſt in ſeiner Heftigkeit etwas Zor⸗ niges hatte. Thomas Thyrnau mochte deshalb nicht, wie es ſonſt ſeine Art war, die Tiſchzeit verlängern und als er die Tafel aufhob, ſchien auch Magda von einer großen Laſt befreit und ſchnell von Allen ſich losmachend, ſuchte ſie ihren Thurm zu erreichen. Kaum aber hatte ſie die Thür ſicher verwahrt, als ſie in ein maßloſes Weinen ausbrach und ſich in dem Gefühl einer erlebten unausſprechlichen Kränkung auf ihre Knie warf und ihr glühendes Geſicht in die Polſter ihres Bettes drängte. Hier brachte ſie den Reſt des Tages zu. Trotz der Thränen, die ihr erleichternd entfloſſen, ſchien doch das Herz ſeine Laſt zu behal⸗ ten, und die noch wenige Stunden vorher ſo hoffnungsvolle glückliche Magda ſuchte während dieſer fieberhaften Qualen mit dem Leben abzuſchließen und große hochherzige ſtolze Beſchlüſſe von ſich zu erringen. Gundula ward von der verſchloſſenen Thür weggeſchickt und als die Sterne endlich das dunkle Zimmer erhellten, eilte Magda auf die Platform ihres Thurmgemaches, um der gepreßten Bruſt Luft zu ſchenken— und in die mond⸗ Loſe Nacht gehüllt ſchien ihr der vertraute Wald mit allen ſeinen von ihr ſo wohlgekannten Freuden ein ſtilles weiches Grab, in welches ſie niederſinken werde, um ihr tiefes Weh zu vergeſſen. 124 Schon neigten ſich die Sterne ihrem Untergange, ehe Magda auf der gefährlichen Stelle in einen ſchweren unerquick⸗ lichen Schlaf fiel. Als ſie erwachte, erſchreckte ſie der ſpäte Morgen, deſſen Fortſchritte ſie nach dem Stand der Sonne leicht beobachten konnte. Sie hatte vom Thau durchnäßte Klei⸗ der— ſie lag halb umgeſunken auf dem kalten feuchten Boden des Thurms und ihr Körper war ſchwer und ſteif. Aber ſie brauchte nur wenige Augenblicke, um die Urſachen dieſes unge⸗ wöhnlichen Zuſtandes zuſammen zu finden, und dieſe weckten den Feuerſtrom ihres Blutes, daß er belebend durch den erlahm⸗ ten Körper fuhr. Sie war ſpäter bis in ihre letzten Lebenstage ſich dieſes Morgens bewußt, und bezeichnete ihn als einen Wendepunkt ihres Lebens. Sie kam ſich anders vor; ſie ſtand auf und dachte, ſie ſei gewachſen— ſie war ſanft und ſtill in ihrem Innern, und wünſchte nur nie mehr ſprechen zu dürfen, nie mehr ihren Thurm verlaſſen zu müſſen. Sie dachte an Barbara mit großer Liebe und ſehnte ſich zu ihr zurück. Während dem that ſie Alles ſtill, wie ſie es dort gewohnt war, kleidete ſich ohne Gundula's Hülfe mit großer Ruhe und Sorgfalt um, räumte ihr kleines ſchönes Gemach ſelbſt auf⸗ betete lange ohne Worte vor ihrem kleinen Betaltar und ſchlüpfte dann mit den gelenkigen Schritten und Sprüngen, die dazu nöthig waren, die äußere, faſt verfallene Thurmtreppe hinab in den thauigen Wald. Hier bekam ſie zuerſt den alten freien Athem wieder, und die geſchwollenen Augenlieder erquickten ſich und das Auge blickte wieder klar.„Vielleicht iſt es beſſer, als Du denkſt,“ ſagte die Hoffnung leiſe zu ihr— aber ſie fühlte als Antwort einen Stich in der Bruſt. Da raffte ſie ſich zu⸗ ſammen und wollte nun blos ſo handeln, wie ſie geſtern be⸗ ſchloſſen. Doch wo ſollte ihre Jugend die traurige Geſchicklich⸗ keit erlernt haben, um das, was ſie vor hatte, nun auch recht 125 anzufangen. Sinnend darüber hätte ſie faſt Bezo getreten, der ſchon längſt geneſen an der Thurmtreppe kauerte, da ihm ſein Inſtinkt geſagt haben mußte, wo Magda die Nacht geſchlafen. „Bezo,“ ſagte ſie—„wie kommſt Du hierher— biſt Du in der Küche ſchon fertig?“ Bezo zeigte mit dem Finger nach der Sonne.„Du meinſt, es iſt ſchon ſpät?“ fuhr Magda fort—„Nika noch mal melken,“ ſagte Bezo—„So?“ entgegnete Magda—„meine Milch iſt ſchon kalt geworden— nun da muß es ſpät ſein.“ „Magda hat Weh!“ rief Bezo traurig, ſie mit ſeinen blöd⸗ ſinnigen Augen anſtarrend. „Warum glaubſt Du das, Bezo?“ Bezo aber wiederholte traurig ſeine Worte. „Iſt der Großvater noch beim Frühſtück fragte Magda — Bezo lachte heiſer auf.„Liſe groß Pferd— Krips klein Pferd— Bleck ſchön— da— da— erzeigte den Waldweg und machte einige unvollkommene Verſuche, das Reiten dar⸗ zuſtellen. „Alle fortgeritten?“ fragte Magda erſtaunt.— Schnell ging ſie um den Thurm herum nach dem Eingang des Hauſes. Gundula kam ihr entgegen, aber obwol Magda's Aeußeres der guten Frau tauſend Fragen in den Mund legte, unterdrückte dieſe ſie doch alle, indem ſie raſch fragte:„Wann— und nit wem der Großvater abgeritten ſei?“ „Nun mit wem anders als mit dem Herrn Grafen von Lacy und dem Pater Hieronymus! Es iſt ja heute die Ueber⸗ gabe auf Tein; da mußten ſie früh aufbrechen, damit der Herr Graf langſam und in der Kühlung ritten. Sie kommen auch nicht zu Tiſch zurück wegen der Mittagshitze— es wird auf Tein getafelt— und der Herr Graf bleiben dann dort. Der Großvater hat befohlen, dies an lieb' Magda zu beſtellen, die ſich heut' allein vergnügen muß.“ 126 Mit glühenden Blicken,— als läge hinter den Worten der Alten das tieſſte Geheimniß verborgen— ſo ſchien Magda jedes Wort prüfend in ſich aufzunehmen. Als die Alte ſchwieg, athmete Magda tief auf, wandte ſich raſch auf der Schwelle um, und klopfte laut in die Hände.„Schnell,“ rief ſie dem herbeieilenden Reitknecht zu—„ſattle mein und Veits Pferd! Aber ſchnell— ich bitte Dich, ſchnell!“ „Mein Gott! mein Liebchen,“— rief Gundula—„der Großvater hat nichts von Nachreiten geſagt“— „Ich weiß wohl,“ antwortete Magda zerſtreut—„dennoch muß ich hin.“ „Auch wollte ich wohl bemerken,“ ſetzte Gundula unſicher hinzu—„daß Tein für mein Liebchen— als junges Fräulein — jetzt nicht mehr ſo ganz zugänglich ſein möchte, als da es unbewohnt war.“ „Ich danke Dir, Gundula,“ ſagte Magda im ſelben Ton —„ich würde das ſicher ein ander Mal auch denken— aber heute— muß ich dennoch hin.“ „Nun, Du wirſt es am Beſten wiſſen“— antwortete Gundula, jeden Widerſpruch gegen Magda leicht aufgebend— „aber thu' mir die Lieb und frühſtücke etwas; Du haſt es ja“ heut' ganz verſäumt.“ „Wie Du willſt, liebe Gundula,“ ſagte Magda und ſetzte ſich auf den Thürſitz—„aber beeile Dich! O beeilt Euch!“ rief ſie mit wahrer Seelenangſt, und klopfte noch einmal in die Hände. Schon brachte Gundula Milch, Kuchen und Obſt, und obwol Magda haſtig von Allem etwas genoß, ſchien ſie doch kaum zu wiſſen, was ſie that.„Gewiß hat der Großvater.etwas vergeſſen, daß Du ſo eilſt, mein gutes Kind“— ſagte Gun⸗ dula, die ihr von Allem, was ſie zum Frühſtück herbei geholt, vorlegte—„aber haſte Dich nur nicht zu ſehr— ich will nicht ſagen, daß Veit es guch hätte überbringen können.“ 127 „Nein! nein!“ ſagte Magda—„glaub' mir, liebe Gun⸗ dula, ich— ich muß ſelbſt dort ſein!“ und ſchon wurden die Pferde vorgeführt; ſchnell ſaß Magda im Sattel und ſeufzend ſah ihr Gundula nach— denn ihre Warnung ſchien vergeſſen. Magda war in voller Haſt, und das muntere Pferd trabte in dem kühligen Schatten des Waldes ſo ſchnell, als die Reiterin es wollte. Schon am Abend vorher, als Magda die Herren verließ, hatte der junge Mann, der ſich für völlig geneſen erklärte, von Thomas Thyrnau die endliche Beſprechung über das Teſtament des alten Grafen von Lach verlangt. Sonderbar war es, daß Thomas Thyrnau, früher ſo bereit, dieſe Angelegenheit zur Sprache zu bringen, dies jetzt ſtets zurückzuhalten verſuchte und es bisher auch ſo beſtimmt verweigert hatte, daß als er aufs Neue die Anſprüche des jungen Mannes erfuhr, er ſelbſt in Hieronymus einen Widerſacher fand, da dieſer ihm offen heraus ſagte, er habe gar kein Recht, es dem Grafen Lach länger zu verweigern. Wie ungern Thomas Thyrnau nachgab, war leicht zu erkennen; aber ihm ſchienen doch Gründe für das weitere Abweiſen dieſer Anſprüche zu fehlen; er willigte ein, am andern Tage mit Beiden nach Tein zu gehn, denn dort nur, erklärte er, befänden ſich die nöthigen Dokumente. Er ſendete aber denſelben Abend noch Boten nach Kaurzim, der erſten Poſt⸗ ſtation, und ſogar noch weiter, da er Briefe zu erwarten ſchien, und brach am andern Morgen nicht eher auf, als bis auch der am weiteſten geſendete Bote, wie es ſchien, ohne Briefe zurück gekehrt war. Der Ritt nach Tein wurde nicht durch Geſpräche gekürzt. Thomas Thyrnau blieb kalt und abweiſend und ſein Nachdenken entzog ihn auch dem, was ſeine Gefährten ſich ſparſam mittheilten. Als man an der Terraſſe abſtieg, hatten ſich dort alle Diener des Hauſes in großer Livree verſammelt, um ihrem jun⸗ „ 128 gen Herrn, von ſeiner Ankunft unterrichtet, die gehörigen Ehrenbezeigungen zu machen. Der junge Mann nahm auch diesmal dieſe an ſo viel Güte gewöhnten Leute nicht ſo auf, wie es Thomas Thyrnau für Recht hielt. Verlegen, flüchtig Alle nur grüßend und anredend, doch Keinen bei Namen nen⸗ nend, was grade ſo wohl thut und das Andenken verbürgt, entſchuldigte er ſich faſt gegen ſie, daß er das Schloß zu erreichen wünſche wegen ſeines durch den Ritt ſchmerzhafter gewordenen Armes und ſtreifte leicht an ihnen vorüber. Thomas Thyrnau ſtand am Eingang und hatte die jetzt beendigte Scene genau beobachtet. Er empfing den jungen Mann mit einem Blick, der ſeltſam ſcharf und ſtechend war, daß dem ſo Angegriffenen eine feurige Röthe aufſtieg, und als ſie neben einander in das Schloß eintraten, ſahen die nach⸗ ſchauenden Diener, daß Thomas Thyrnau ſchnell, aber heftig, den Kopf ſchüttelte. Als man in der Bibliothek Platz genommen, verlangte Thomas Thyrnau, daß zuerſt die eigentliche Uebergabe des Teſtaments, welches in einem verſchloſſenen Käſtchen von ihm herbeigebracht war, atteſtirt werde. Hieronymus war dazu als Zeuge beſtellt, zwei Gerichtsperſonen warteten im Vorzimmer, wo ſie den kleinen Akt aufgeſchrieben hatten, um ihm Rechts⸗ kraft zu geben, und es fehle nun nichts— ſetzte der Advokat hinzu— als daß der Herr Graf ſowol als Hieronymus und er ſelbſt dieſe Erklärung unterzeichne, nachdem ſich Alle von dem wirklichen Vorhandenſein der in Rede ſtehenden Dokumente überzeugt haben würden. „Mein alter Freund!“ ſagte der junge Mann—„wozu dieſe Förmlichkeiten? Sind wir uns denn nicht genug— iſt unter Freunden ſo etwas zuläſſig?“ „Auch unter Freunden bliebe dies nöthig,“ entgegnete Thomas Thyrnau—„und ſelbſt wenn dieſe Benennung auf uns anwendbar wäre! Iſt es doch die Frage, ob nach den Ver⸗ handlungen, die uns bevorſtehn, wir Freunde bleiben! Ver⸗ geſſen Sie überdies nicht, daß dies der einzige gerichtliche Schritt ſein wird, den die Lage der Sache zuläßt; daß das hohe Intereſſe, was an das vollſtändigſte Geheimhalten geknüpft iſt, Ihnen wie mir jede gerichtliche Zuziehung ſpäter unmöglich machen wird!“ „Ach, entgegnete der Andere,„iſt nicht eher zu hoffen, daß dies unangenehme läſtige Geheimniß dadurch in Nichts zer⸗ fallen wird, daß ſein Inhalt aufgedeckt wird?“ Junger Herr!“ ſagte Thomas Thyrnau—„was ein Mann wie der verſtorbene Graf Lacy— ja— ich muß hinzu⸗ ſetzen— was ich ſelbſt als eine dringende Nothwendigkeit anſah, das ſollte billig Ihnen den Eindruck machen, an ſeine Wichtig⸗ keit Glauben zu haben! Wir hatten Beide ein Alter erreicht, das Erfahrung zutheilt— und an unſerer Einſicht iſt ſelten ge⸗ zweifelt worden. Ich wiederhole Ihnen hiermit, daß dies Ge⸗ heimniß von einer Wichtigkeit iſt, daß ich Jeden, der außer den genannten Perſonen durch Zufall oder unberufene Neugier die Gewiſſenloſigkeit haben könnte, ſich hinein zu drängen, für einen Ehrloſen erklären würde und ihn vor meine alte, aber ſichere Hand fordern— gleichviel, ob ſie mit dem Degen oder der Piſtole ſich bewaffnen müßte— denn ich würde glauben, daß ein ſolcher Schurke nicht leben dürfe, um die edlen Abſich⸗ ten zweier redlicher Männer zu zerſtören.“ „Halt,“ rief der junge Mann und ſein Auge ſprühte Feuer, während Todtenbläſſe ſich über ſein Antlitz verbreitete—„Eure Drohungen— Eure Heftigkeit ſind nicht am rechten Ort. Für ſo unfehlbar darf ſich Niemand in ſeinen Beſchlüſſen halten, daß er die Handlungsweiſe des Andern völlig unterjochen will! Was auch der Graf von Lach füt ſich und Euch beſtimmen mochte, erkonnte daſſelbe nicht auf den Willen ſeines Nachkommen Thomas Thyrnau. IM. 9 ausdehnen, dem es unbezweifelt zuſteht, ſein Vertrauen eben⸗ falls zu übertragen— ſich eben ſo, wie er in Euch, einen Freund und Vertrauten zu wählen— und welche unerhörte Anmaßung müßte es dann für Euch werden, gegen einen Solchen mit Euern eben ausgeſprochenen Beleidigungen auf⸗ zutreten!“ „Und dennoch, mein Herr!“ ſagte der Advokat—„wür⸗ den dieſelben vollſtändig gerechtfertigt ſein und ſich gegen den Erben des ehrwürdigen Grafen von Lach, meines Freundes, ſelbſt mit allem Rechte richten, wenn er die Aufforderung eines ſterbenden Greiſes— ſeines Wohlthäters— im Stande wäre ſo wenig zu achten, daß er das von ihm geforderte Geheimniß geringſchätzig verſchleudern und der Beurtheilung eines Andern Preis geben könnte, ehe er es ſelbſt kennt! Ha! womit hätte der ehrwürdigſte der Menſchen dieſen Verrath an ſeinem Ver⸗ trauen, dieſen Mangel an Achtung vor ſeinem Willen gerade von dem verdient, der bisher zu jung und unbedeutend war, um die Wohlthaten, die er von ſeiner Kindheit an erfuhr, in etwas Anderem als in Worten bezahlen zu können? Und was ſtände dem Anderes zu, der der Theilnehmer jener edeln und geheimen Beſchlüſſe war und eben ſo berufen, ſie ins Leben einzuführen, als ſie gegen die leichtſinnigen Pläne jugendlicher Uebereilung zu ſchützen— oder ſie zu rächen, wenn das Erſtere mißglücken ſollte!“ „Halten wir ein,“ rief der Andere tief bewegt—„wir ſind Beide zu heftig geweſen. Laſſen wir einen Augenblick dieſe Unterhandlungen, die ſo erregend ſind und ſo wenig zu der Stellung paſſen, nach der ich mich allein ſehne! Sagt mir nur, ob Ihr mir Magda geben wollt, wenn ich im Stande bin, ihre Liebe zu gewinnen? Ich kann nichts Anderes vecht denken, als dies Eine, und fühle, daß die Wichtigkeit dieſer einen Er⸗ füllung mich zu Allem fähig machen könnte.“ „Wenn Magda die Beſtimmungen des Teſtaments erfüllen will, iſt meine Einwilligung darin eingeſchloſſen!“ „So haltet noch inne,“ ſagte der junge Mann bewegt— „ich muß mich etwas zu erholen ſuchen. Ein kurzer Weg an den See wird mich kräftigen!“ Er entfernte ſich und Thomas Thyrnau ſah ihm düſter nach.„Wenn es möglich wäre, Hieronymus? Wenn es möglich wäre,“ rief er dann heftig—„daß er mich ſo höhnte, ſo ver⸗ riethe? Heil'ger Gott! mein armes Mädchen!“ „Seid vorſichtig“ ſagte Hieronymus, ohne aufzuſehn. Der Advokat hob den kleinen Schlüſſel zu dem Käſtchen empor und rief leiſe, aber feſt:„Noch habe ich ihn!“ Hieronymus nickte und Beide blieben ſtumm einander gegenüber ſitzen, die Rückkehr des Andern erwartend. Als er wieder zu ihnen eintrat, ſagte er zu Thomas Thyrnau:„Laßt jetzt die gerichtlichen Un⸗ terhandlungen beginnen, da Ihr dieſelben nöthig haltet.“ Der Advokat rührte die Glocke und die Gerichtsherren traten ein; die Verhandlungen gingen mit aller Förmlichkeit vor ſich. Der Advokat ſchloß das Käſtchen auf, alle Anweſenden überzeugten ſich von dem darin enthaltenen wohlverſiegelten Teſtament. Nach dieſer Anſicht verſchloß der Advokat daſſelbe wieder und ſteckte den Schlüſſel zu ſich. Man war bis zu den Unterſchriften fertig. „Wir haben nicht überlegt, daß ich nicht ſchreiben kann,“ ſagte jetzt der junge Mann und zeigte die geſchwollene rechte Hand, die mit dem Arm noch in der Binde ruhte. „Dieſe Anſtrengung wird möglich ſein, ohne nachtheilige Folgen,“ entgegnete der Advokat ruhig. „Es wird ſich zeigen,“ rief der Andere gereizt—„ich bitte um eine Feder!“ Sie ward ihm gereicht— gerade die drei erſten Finger waren unbeweglich. Es mußte auch dem Laien einleuchten, daß es nicht ging. 132 „Ich will das Wappen der Lach dabei drücken,“ rief er, —„es mag meine Berechtigung zu dieſem Akt beweiſen.“ Der Advokat ließ dieſe unſtatthafte Procedur ohne weitere Bemerkungen zu. Er ward blaſſer und immer feſter und beeilte das Ende des gerichtlichen Verfahrens. Nachdem die Uebrigen unterzeichnet, entließ der Advokat die beiden Gerichtsperſonen, welche augenblicklich wieder ab⸗ reiſten.— Die drei Herren waren jetzt allein und es entſtand eine Pauſe, die Niemand zuerſt zu unterbrechen Luſt zeigte. Beide Hände auf den Tiſch gepreßt, ſtand der Advokat ruhig da, und die vorige Heftigkeit hatte einem tiefen Ausdruck von Kummer Platz gemacht. Zwiſchen ſeinen auf den Tiſch geſtemm⸗ ten Armen ſtand das Käſtchen, auf dem ſeine Blicke mit dem eben bezeichneten Ausdruck ruhten. Jetzt richtete er ſich mit einem ſchweren Athemzuge auf, er nahm den Schlüſſel und zog das verhängnißvolle Teſtament hervor. In ſeinen Händen wog er es, als ſchiene es ihm von ſeinem Inhalt ſchwer— dann ſchlug er ſeine großen ernſten Augen auf und ſie wurzelten auf dem bleichen jungen Manne, der ihm gegenüber erſchöpft in einen Seſſel zurückgeſunken war. „Der Augenblick iſt gekommen, wo ich den Inhalt dieſer Blätter Ihnen nicht mehr entziehen kann. Ich wiederhole noch einmal, daß das Teſtament von großer Wichtigkeit iſt— daß kein Menſch die Kenntniß deſſelben erlangen darf als der— welcher ſich Nachkomme des Grafen Laey nennen darf, der den Inhalt deſſelben entwarf. Wie ich geſchworen habe, dies Geheimniß vor Entweihung zu ſchützen und Alles zu thun, was möglich iſt, um ihm ſichere Folgeleiſtung zu verſchaffen, der Abſicht des Verewigten gemäß— ſo ſchwöre ich eben ſo feierlich, den Ver⸗ rath deſſelben gegen Jedenzurächen, ohne Anſehn der Perſon!— Jetzt beſtimmen Sie ſelbſt, ob ich die Siegel löſen ſoll, und noch einmal— nur ein Lacy dayf den Inhalt kennen lernen!“ — 133 Der Advokat ergriff die Schnur, woran die Siegel hingen, bereit, ſie aufzubrechen; aber der junge Mann ſprang auf und drückte mit ſeiner linken Hand die Hand des Advokaten nieder. „Halt,“ rief er—„bis hierher“— Er wollte weiter ſprechen— da hörten ſie haſtige Schritte über den Vorſaal eilen— die Thüren flogen auf und Magda ſtürzte herein— bleich“ athemlos, am ganzen Körper zitternd. Mit einem Blick überſah ſie, daß der verhängnißvolle Augenblick über Allen ſchwebte. Sie ſah den zürnend aus⸗ ſehenden Großvater nicht, ſie hörte ihren Namen faſt von Allen ausſprechen, aber ſie beachtete es nicht und flog nur auf ihren Großvater zu.—„Verrath' ihm nichts,“ rief ſie ſtockend, als wolle ſie erſticken,—„um Gotteswillen verrath' ihm nichts! Er betrügt Dich— er iſt kein Lach!“ „O Magda! welch' Gericht!“ rief der junge Mann und ſank, ſein Geſicht verhüllend, in ſeinen Stuhl zurück.— „Meine Ahnung,“ ſetzte Thomas Thyrnau hinzu—„aber,“ rief er ſchnell gefaßt—„wo haſt Du die Kunde her,— wer ſagte Dir das?“ „O Großvater,“ rief Magda angſtvoll, während alles Blut des gepreßten Herzens in ihre Wangen flog—„ich habe ihn geſehn— ich kenne ihn— und ſo ſieht er aus— ſo—“ und ſie eilte nach der Thür, die in das Seitenzimmer führte, wo des alten Grafen Bild, wie er als Jüngling gemalt war, hing— doch indem ſie die Thüren aufſtieß und noch einmal rief:„So ſieht der Graf von Lach aus,“ that ſie einen lauten Schrei, taumelte zurück und ward von Hieronymus aufgefangen, der ihr zunächſt ſtund und die brechenden Knie gewahrte. Aus dem Innern des Zimmers trat in dieſem Augenblick ein junger Mann hervor, der das lebendig gewordene Bildniß ſchien, was Magda ſo eben zum Zeugniß aufgerufen. Er ſchien aber weder Magda noch dieſe ſeltſame Einführung zu beachten; 134 in großer Bewegung ſchritt er vor und ſein Auge überflog un⸗ ruhig den ganzen Kreis; dann haftete es vorwurfsvoll auf dem verwundeten Jünglinge, den Magda ſo eben des Betruges beſchuldigt.„O,“ rief er ſchmerzlich, zu ihm gewendet—„was haſt Du gethan— wie weit über das Ziel hinaus haſt Du Dich gewagt— was haſt Du mir hier bereitet?“ Thomas Thyrnau hatte mit der Erfahrung, die ihn leicht die Zuſtände erkennen ließ, ſelbſt wenn ihm dazwiſchen vieles dunkel blieb, eine ſchnelle Ueberſicht gewonnen und außer allen Zweifel geſtellt, daß jetzt erſt der Graf von Lach vor ihm ſtehe. Jeder Zug— die ſchöne Geſtalt— der Ton der Stimme— Alles rief ihm das Bild des geliebten Jugendfreundes zurück. Das Herz ſchwoll ihm auf— er hätte ihn gern an ſeine Bruſt gedrückt aber er bezwang den Zug ſeines Herzens, denn es ſtand ein Zweifel zwiſchen ihnen: Hatte er um den Betrug gewußt oder war er wie Alle der Betrogene? Dies mußte ausgeglichen werden, ehe er dem Hetzen zu reden geſtattete. Auch ſchien der Angekommene ſich dazu von ſelbſt zu treiben— und Tho⸗ mas Thyrnau fühlte, er werde mit ſeiner Erkenntniß weiter kommen, wenn er ſich einige Ruhe und bloß Beobachtung ab⸗ gewönne. Schon hatte ſich der verwundete junge Mann in die Arme des Angekommenen geſtürzt und Thomas Thyrnau horchte ſei⸗ nen Worten: Vergieb mir, geliebter Lacy! vergieb mir meine Thorheit!“ hörte er ihn rufen—„Es iſt die größte meines Lebens. Ich ahnte, als ich ſie erdachte, nicht, wie hier Alles ſtand.— Ja,“ rief er, indem er ſich aus Lach's Armen riß und auf Thyrnau zueilte— ich ahnte nicht, daß dies wunder⸗ bare Geheimniß mir Ehrfurcht einflößen würde, da es von einem ſo edeln, hochbegabten Manne beſchützt iſt— ich ahnte nicht, daß das Mädchen, welches der Preis ſein ſoll, mich ſo völlig um den Reſt meines Verſtandes bringen würde.“— 135 Thyrnau gab einen Augenblick ſeine kalte, ſtolze Haltung auf, um ſich zu überzeugen, daß Hieronymus Magda entfernt habe. Dann wurzelte ſein Auge aufs Neue mit ernſter Ruhe auf beiden jungen Männern. „Thyrnau!“ rief Lachy, tief bewegt auf ihn zugehend— verkennt mich nicht! Laßt den erſten Augenblick, der den Neffen Eures Freundes zu Euch führt, nicht durch Mißtrauen getrübt werden— blickt mich an— ſind das nicht die Züge Eures Freundes? Werden ſie lügen?“ Welch ein Zeugniß ruft Ihr auf!“ ſagte Thyrnau ſtark und feierlich—„und gegen wen? Wenn Ihr die Züge deſſen tragt, in deſſen Seele kein falſcher Hauch war, der von der Bahn des Rechtes keinen Zoll breit abwich, ſo denkt, wie ich, der Gefährte ſeines Lebens, den Neffen anſehen muß, der mit. ſeinen Zügen dieſen Karakter fortpflanzen ſoll, und in deſſen erſte Schritte ins Leben ich Zweifel ſetzen muß— deſſen erſte Begegnung mich von ihm abſtößt und eine traurige Beleidigung zu werden ſcheint! Denn was auch dieſer leichtſinnige junge Mann hier mehr gethan, als verabredet war— die Abſicht einer Täuſchung meinerſeits war jedenfalls verabredet.“ „Hört mich,“ ſagte Lacy und drängte die Andern von Thyrnau fort—„laßt mich allein ſprechen! Der Freund mei⸗ nes Oheims hat Rechenſchaft von mir zu fordern; ich werde ihm die Wahrheit ſagen, er mag dann ſelbſt das Maaß meines Unrechts beſtimmen.— Der Baron von Pölten, den Ihr hier vor Euch ſeht, iſt mein Freund, er beſitzt mein Vertrauen und nie bis jetzt hatte ich es zu bereuen. Wir haben oft über die Forderung des Teſtaments geſprochen, die mir eine Gemahlin beſtimmt, ohne meiner Neigung nachzuftagen. Meine Verhält⸗ niſſe machten es mir in der letzten Zeit ſchwieriger, dieſe Ver⸗ pflichtungen zu erfüllen. Ich wünſchte Euch zu ſprechen— eine Annäherung an die Kaiſerin in Bezug auf einige Verbeſſe⸗ rungen in Böhmen, die Euch ebenfalls theuer ſind, feſſelte mich an Wien. Mein Freund erbot ſich, zu Euch zu reiſen und mit Euch ſelbſt als mein Bevollmächtigter zu ſprechen. Ich unterrichtete ihn von allen Umſtänden, die ich kannte— ich wünſchte, Ihr möchtet ihm die Gründe der oft erwähnten, ſo nöthigen Vermählung darthun. Er reiſte ſchneller ab, als ich erwartet— ich kann ſagen in dem Augenblick, als einige Aeußerungen von ihm mich fürchten ließen, er könne dieſe An⸗ gelegenheit mit einem Leichtſinn behandeln, der Euch beleidigen würde. Seine Abreiſe ohne Abſchied verhinderte meinen beab⸗ ſichtigten ernſten Einſpruch— doch ſendete ich nach Prag, wohin er früher zu gehen dachte, eine ernſte Mahnung und dringende Forderung über die Art ſeines Verhaltens. Dieſer Brief wird, wie ich fürchte, noch in Prag liegen, denn er war früher hier, als ich erwarten konnte. Dies mag er uns Allen ſpäter ſelbſt erklären! Ihr faßtet Verdacht im erſten Augenblick und Eure Stafette mit der Anfrage, ob ich in Wien oder wo ſonſt zu finden ſei, erreichte mich ſelbſt und ich hatte über den unglücklichen Plan des Barons keinen Zweifel mehr, als ich las: es ſei ein junger Mann hier eingetroffen, der ſich für den Grafen von Lach ausgebe.“ Daß nur ich ſelbſt die mögli⸗⸗ cher Weiſe Euch widerfahrene Beleidigung gut machen könne, ſah ich ein. Kaunitz übernahm, im Fall der Nachfrage, meine Abreiſe bei der Kaiſerin zu entſchuldigen— und ich hoffe, ich bin noch zur rechten Zeit eingetroffen, um Euch zu verſöhnen!“ Thomas Thyrnau hatte mit feſtgeſchloſſenen Lippen und mit kaltem, ſtrengem Ausdruck die Erklärung des Grafen an⸗ gehört, und auch nachdem er ſchwieg, zeigte ſich wenig Verän⸗ derung auf dem ſtolzen Geficht. Von der Täuſchung, die hier verſucht worden, mußte er ihn losſprechen; aber ſeine Recht⸗ fertigung enthielt mehr wie einmal den alten Widerſpruch gegen die beabſichtigte Vermählung; ſie erwähnte ſogar Hinderniſſe, die 137 hinzu gekommen und die Sache ſchwieriger gemacht haben ſoll⸗ ten. Thomas Thyrnau konnte ſich wenig erleichtert fühlen, und zu erfahren ſtand nur, ob ſein Stolz oder ſeine edle Ab⸗ ſicht am meiſten gekränkt werden ſollte. Er mußte daher noch immer unentſchieden laſſen, ob er dem Neffen ſeines Lach als Freund oder als Feind gegenüber ſtehen werde. „Jetzt,“ rief der unglückliche Pölten, als Lach ſchwieg, —„jetzt hört auch mich! Ich möchte mir ſelbſt das Duell an⸗ ſagen, womit Ihr mich bedroht habt, ehrwürdiger Thyrnau— meine Thorheit, mein Leichtſinn war grenzenlos! Nur das Eine glaubt mir, eben dieſen Morgen im Angenblick, als Ihr die Siegel brechen wolltet, hielt ich Eure Hand feſt, um Euch daran zu verhindern und Euch Alles zu entdecken. Ich wußte, daß Ihr Lacy nicht kanntet; ich glaubte, wenn ich als Lach hier aufträte, in der erſten Unterredung ſogleich Euer Geheim⸗ niß zu erfahren und fürchtete kaum, von Euch der Verzeihung zu bedürfen, noch mit Lacy nicht darüber fertig zu werden, wenn ich die Sache für ihn ausgeglichen. Da ſah ich zuerſt am See Eure Enkelin, und dies änderte meinen Plan. Ich faßte eine tolle, raſende Leidenſchaft für dies herrliche Mädchen und beſchloß um ſie zu werben, und wenn ich ihre Neigung gewonnen, mich zu entdecken und als Erſatz für Lach anzu⸗ bieten.— Sagt nichts,“ fuhr er bittend fort—„ich richte mich ſelber ſtärker, als Ihr es könnt! Oft während dieſer Zeit habe ich den ganzen Plan verwünſcht und ein hoffnungsvolles Wort aus Eurer Enkelin Munde hätte mich Euch Alles entdecken laſſen. Doch, glaubt mir— ich haſſe, ich verabſcheue mich um dieſer Thorheit willen, die noch ein trauriger Nachlaß jener Verſailler Schule iſt, der ich zu lange überlaſſen war. Thomas Thyrnau richtete einen Augenblick mit kaum unterdrückter Verachtung das Auge auf ihn, grüßte ihn kurz und wandte ihm den Fücken. 138 „Herr Graf,“ ſagte er darauf kalt zu Lacy—„da es einer ſo außerordentlichen Veranlaſſung bedurfte, Sie hierher zu führen, wo Sie die letzten Wünſche Ihres verewigten Oheims erfahren ſollten, frage ich an, ob Sie geneigt ſind, dieſe zu⸗ fällige Veranlaſſung zu benutzen und mir ſo viel Zeit gönnen wollen, als nöthig iſt, um Ihnen die geheimen Artikel des be⸗ ſagten Teſtaments vorzulegen?“ „Zweifelt nicht, verehrter Herr,“ rief der Graf mit Wärme —„daß ich jetzt mit voller Achtſamkeit mich allen Angelegen⸗ heiten widmen werde, die ſich darauf beziehen und nur mit Euch ſelbſt Alles überlegen will, was ſich dabei ergeben wird. Möchte es nur dem edlen Thomas Thyrnau möglich ſein, den Neffen ſeines Freundes auch als einen ſolchen anzunehmen!“ Die Hand, die Lacy faſſen wollte, entzog ſich ihm in einer kurzen Verbeugung. Mein Herr Graf,“ entgegnete Thyrnau dann im vorigen Ton—„unleugbar fühlen wir Beide, daß noch zu viel zwiſchen uns liegt, ehe wir über unſere Stellung zu einander entſcheiden können. Wir wollen uns nicht voreilig Freunde nennen, ehe wir wiſſen, ob wir es bleiben können!“ „Dennoch wünſche ich zu erfahren,“ ſagte Lach etwas ge⸗ reizt—„ob Herr Thomas Thyrnau an meinem ihm dargelegten Verhältniß Zweifel hegt oder ob ich auf Glauben an meine Worte bei ihm rechnen darf?“ „Vollkommen!“ entgegnete Thyrnau kalt und mit einem Tone, der hinlänglich anzeigte: wir ſind darum nicht weiter! „Vielleicht erſuchen Sie den Herrn Baron Pölten, uns jetzt allein zu laſſen.“ Er rührte indeſſen die Glocke und befahl, den Pater Hieronymus herbei zu rufen. Lach führte den un⸗ glücklichen Pölten nach der Terraſſe und konnte ſich nicht ent⸗ halten, ihn zu tröſten, wie unzufrieden er auch mit ihm war, da die Verzweiflung des jungen Mannes ihn nicht ohne Rüh⸗ rung ließ. 139 Als er zurück kam, ſah er Thomas Thyrnau vor dem Tiſche ſitzen, auf dem das verhängnißvolle Käſtchen ſtand. Er konnte nicht ohne tiefe Bewegung das würdevolle Antlitz des Mannes betrachten, deſſen Namen ſeit ſeiner Kindheit, vereint mit allen theuren Namen ſeiner Familie, ihm ins Ohr geklungen — dem er ſo tief verpflichtet war— den einzigen ihm noch übrig gebliebenen Freund dieſes verehrten Oheims. An ſeiner Seite ſaß bereits Hieronymus, welchen ihm Thyrnau bei ſeinem Eintritt ſogleich vorſtellte.— Auf dem Unſchlage des Teſtaments ſtand geſchrieben, daß Hieronymus als Zeuge gegenwärtig ſein ſolle— im Falle des Ablebens von Thomas Thyrnau ſolle aber der Pater Prämonſtratenſer, Doktor Hieronymus, der Exekutor ſein— nach deſſen Tode ſolle die Enkelin des Thomas Thyrnau, Magdalena Matielli, die ein⸗ zige Berechtigte ſein, um dieſe Siegel zu erbrechen und den ihr bereits bekannten Inhalt dem Erben des Grafen Lachy mit⸗ zutheilen. „Sie werden die Handſchrift Ihres Oheims erkennen,“ fuhr der Advokat zum Grafen gewendet fort, nachdem er die Aufſchrift geleſen. „Eure Handſchrift wäre eben ſo genügend,“ entgegnete der Graf, ohne hinzuſehn, denn es zog ihn mit wahrer Liebes⸗ gewalt zu dem alten ſtolzen Manne hin, und er wollte ihm jeden Beweis von Vertrauen und Achtung geben. „Mein Herr,“ hob Thyrnau jetzt an—„dies Dokument entſtand in einer ſchweren, höchſt traurigen Lebensepoche des Verewigten. Es iſt nach langen Kämpfen unter uns Beiden aufgeſetzt, und als wir es endlich ſo abſchloſſen, wie ſie es nun hören ſollen, hatten wir nach vierwöchentlichem reiflichem Nachdenken keine andere Auskunft für uns Beide entdecken können. Ich muß bedauern, daß von mir hier eben ſo viel die Rede ſein muß, wie von dem edlen Hauſe Lacy. Sie werden dieſe Entſchuldigung gelten laſſen, um Ihre Ungeduld zu zügeln, bis Sie den Inhalt kennen, denn die mündlichen Verſprechungen an meinen verſtorbenen Freund legen mir die Verpflichtung auf, Ihnen vor der Eröffnung des Teſtamentes Magdalena Matielli, vorzuſtellen, die Tochter des Bildhauer Matielli, und Sie zu fragen, ob Sie auf den bloßen Wunſch Ihres Oheims hin das Mädchen zur Gattin wählen wollen, welches Ihr Oheim Ihnen, abgeſehen von jeder andern Rückſicht, dazu erwählt hatte.“ Lacy wollte antworten. Aber Thomas Thyrnau erhob ſich mit einer ſo ſtolzen drohenden Miene von ſeinem Stuhl, ging ſo feſten Schrittes nach der Thür, daß es Lacy war, als bliebe ihm der Athem in der Bruſt ſtecken. Er öffnete ſie indeſſen, und das Zimmer nicht verlaſſend, rief er ſeine Enkelin. Ohne Zögern erſchien dieſe in der Thür und jetzt ſtand an der Seite von Thomas Thyrnau vor dem Grafen Lacy— Magda— das wunderbare Mädchen, welches ihm bereits bekannt war. „Magda,“ rief er faſt überwältigt von Ueberraſchung— „Magda— Du— Du biſt die Enkelin von Thomas Thyrnau? — Du— Du biſt—“ Er vollendete nicht. Er drückte beide Hände vor ſein Geſicht, als wolle er ſich der Wahrheit entziehn. Thyrnau feierte im tiefſten Innern einen ſüßen Triumph. Er glaubte, die Sprache eines Herzens zu erkennen, das von dem Zauber der Liebe überwältigt iſt. Doch hielt er ſein Gefühl verſchloſſen. Die Entwicklung wollte er mit kaltem Sinne erwarten; er war durch das bis jetzt Erfahrene mißtrauiſch aufgeregt. „Es ſcheint, Herr Graf“ hob er deshalb ruhig an— „meine Enkelin iſt Ihnen nicht unbekannt! Etwas früher ſchon nahm ich wahr, daß Magda Sie kenne, da ſie die Erſte war, die den Betrug des Baron Pölten aufklärte und, um IhrAeußeres zu ſchildern, uns das Bildniß Ihres Oheims zeigen wollte.“ „O Magda,“ rief Lach und zog die Hände vom Geſicht —„jetzt verſtehe ich Dich! Du erkannteſt mich damals an der Aehnlichkeit— deshalb Dein Schreck— Deine tiefe Bewegung. O meine arme Magda,“ rief er und ergriff ihre kalten Hände —„und der, den es ſo nah anging, ſtand Dir fremd und ohne Theilnahme gegenüber.“ Seine Blicke wurzelten in Magda's bezauberndem Antlitz, welches blaß und mienenlos, mit den unbeweglichen Augen auf Lachy gerichtet, einem Marmorbilde glich. Ihre Lippen blieben geſchloſſen— ſie bebten zwar, aber kein Laut drang hervor. „Ich hatte alſo in dieſem Punkt das Vertrauen meiner Enkelin verloren?“ ſagte der Großvater mit einem ſanften Vor⸗ wurf im Ton. Magda zuckte zuſammen und ſchlug die Augen flehend zu ihm auf.„Bei der Fürſtin Morani ſah ich ihn zuerſt,“ ſtammelte ſie dann faſt undeutlich. Lach ließ bei dieſen Worten Magda's Hände fallen und auf ſeinem Geſicht zeigte ſich eine große Veränderung, Thyrnau ſah dies, ohne es zu verſtehn. „Graf Lach,“ fuhr jetzt Thyrnau in einem freieren Tone fort—„ich habe mein Wort erfüllt und muß Sie jetzt in Magda's Gegenwatt fragen: Ob Sie dieſe Ihnen von Ihrem Oheim beſtimmte Braut aus meinen Händen annehmen wollen?“ Lach fuhr zurück— er faßte die Lehne ſeines Stuhles und ſeine Wangen ſanken ein unter der tödtlichen Bläſſe ſeines Ge⸗ ſichts. Aber er ſchwieg und ſein Auge haftete düſter am Boden. Thyrnau⸗ s Angeſicht glühte auf— er glaubte die Zurückweiſung in den Zügen des Grafen zu leſen.—„Entferne Dich,“ rief er Magda ſtreng zu—„entferne Dich!“ Er trat an Lach heran und wiederholte mit feſter Stimme ſeine eben ausge⸗ ſprochenen Worte. Lacy richtete ſich auf; er ergriff den Arm des zürnenden Alten und ſenkte ſein erloſchenes troſtloſes Auge mit einem ſolchen in die glühenden Blicke ſeines Gegners, daß die beredteſten Worte an dieſer Sprache zu Schanden wurden.„Thomas Thyrnau,“ ſagte er gebrochen, aber feſt—„mein Oheim und Ihr— Beide habt Ihr nicht recht an mir gehandelt. Warum habt Ihr den jungen feurigen Mann ungewarnt in die Welt geſtürzt, ohne ihm zu zeigen, was er verlieren konnte? Wie habt Ihr hoffen können, das freie bedürftige Herz des Jünglings zu feſſeln durch die geheimniß⸗ volle Ankündigung einer Beſtimmung über ihn, die, ſo lange er nicht den Gegenſtand kannte, der Euch vollſtändig recht⸗ fertigte, ihm eine Feſſel werden mußte, die er abzuwerfen, gering zu achten berechtigt ſchien, und wozu ihn der Ungeſtüm der Jugend und alle angewöhnten Vorurtheile ſeines Standes in jedem Augenblick verführen mußten? Wir werden nun Alle un⸗ glücklich und unſer einziger Troſt wird ſein— daß wir irrten, aber nicht ſündigten!— Magda,“ rief er innig, ſich gegen dieſe wendend, die noch auf derſelben Stelle ſtand—„Magda, Du biſt das koſtbarſte Vermächtniß meines Oheims— und auf meinen Knien würde ich ihm dafür danken und glauben, daß der Grafenkrone der Lach's nie eine ſchönere, reinere Perle ein⸗ geſetzt ward. Aber es iſt für mich ein verlorenes Gut— ich bin nicht mehr frei— ſeit dem Tage, wo ich Dich zuerſt ſah— bin ich verlobt mit der Fürſtin Morani.“ Wer beſchreibt die Gewalt des Augenblicks, der dieſe große Entſcheidung enthielt? Alle erlagen unter dem Gewicht deſſelben, ohne Kraft der Gegenwehr. Magda hatte ſich mit ihrem bleichen Angeſicht zu ihm übergebogen und die auſtush Qual ihres Innern lag in ihren Augen ausgedrückt, aus denen wie große Perlen eine Thräne nach der andern ſchwer und heiß über die bleichen Wangen floß. Sie ließ Lacy willenlos ihre kalte Hand, und drängte mit der andern mit allen ihr noch bleibenden Kräften den Großvater zurück, als wolle ſie mit Lachy allein den ſchweren Augenblick durchleben. Auch feſſelten ihre Bewegungen den brauſenden alten Mann, denn ſeine Liebe zu ihr beherrſchte ihn ganz, bei dem Anblick ihrer Aufregung. „Verlobt! verlobt!“ das waren die erſten Worte, die ſie leiſe hervorhauchte, ſo daß nur die lautloſe Stille des Gemaches ſie verſtändlich machten.„Ach,“ ſagte ſie dann, wie im Traume und der Welt entrückt—„Dein Oheim hatte mich ſo lieb— ſo lieb wie Dich— von Kindheit an ſagte er mir, ich ſolle recht glücklich werden durch Dich. Und nun bin ich noch ſo jung— muß noch ſo lange leben— und Du willſt die gute alte Fürſtin heirathen— und Dein Oheim hat ſie Dir doch nicht gewählt.“ Selbſt Thyrnau entglitt der Zorn aus dem Herzen, als er ſie hörte— als er ſah, wie ſie nun auch ihre zweite Hand auf Lacy's Hände legte— und ihm immer näher kam— ihn immer rührender anblickte— und ihr ganzes Herz wie eine Sterbende vor ihm enthüllte. Hätte Thyrnau an Rache denken können— wie hätte er ſie ſich beſſer erſinnen ſollen? Lach ſchien unter ihren Worten wie vom Tode getroffen— ſeine Seele drängte ſich in ſeine Augen— und dieſe war voll anbetender Hin⸗ gebung. Er wehrte es nicht, daß die aufſteigenden Thränen ſich ihr zeigten,— aber das Wort fand er nicht. Wie mußte er es auch fürchten, da es ihn hier oder dort zum Verräther machen konnte. Auch fühlte er vielleicht nur Magda's Gegen⸗ wart— er ſchien den Moment feſſeln zu wollen, der ihn mit ihr vereinte— fürs ganze Leben wollte er ihr Bild in ſich auf⸗ nehmen— er faßte die ſchönen kalten Hände immer feſter und feſter und Beide blickten ſich an, als wollten ſie das Glück ergründen, was ihnen ihr Anblick gewährte. „Aber,“ ſagte Magda dann träumeriſch weiter—„der arme alte Großvater, dem verderben wir nun ſeine ganze Freude — und er hat es ſo gut mit uns gemeint.“ „O Thyrnau,“ rief Lacy jetzt erwachend—„endet dieſe Qual, rettet mich! Bis jetzt war ich blos thöricht,— ſchützt 144 mich, daß ich kein Verbrecher werde!“ Er ließ Magda los— er überwältigte den Alten, dem es noch halb und halb ſchien, als müſſe er blos ihr zuhören, und ſtürzte weinend in ſeine Arme, ehe er ihn zurück weiſen konnte. Da widerſtand Thyrnau nicht, denn ihn hatte innerlich nach dem Ebenbilde ſeines Freundes verlangt; er drückte ihn an ſich und ſenkte ſein Geſicht auf den Jüngling, der ihn feſt umklammert hielt. „Ich fürchte ſelbſt,“ ſagte Thyrnau dann langſam, indem er ſich ſanft von ihm los machte—„daß wir nun Alle unglück⸗ lich ſind. Aber wir müſſen die Uebel befragen, die uns quälen. Das Hinderniß, was zwiſchen uns tritt, zerſtört zu viel hoch⸗ wichtige Intereſſen, als daß wir ſeine Rechte nicht erſt prüfen müßten, denn wir dürfen uns nur im äußerſten Falle ergeben.“ „Ach,“ entgegnete Lacy—„worauf hofft Ihr noch— welche Entſcheidung ſteht mir noch zu?“ „Vielleicht könnte ich Ihnen antworten?“ ſagte Thyrnau, „daß Ihnen gar keine Entſcheidung zuſtand, und da der Vor⸗ wurf aus Ihrem Munde kam, daß wir Sie ungewarnt Ihren Weg verfolgen ließen, ſo iſt dies erſtlich nicht ſo ganz der Fall geweſen, daß wir die gegebenen Warnungen, durch die Achtung vor dem Willen Ihres Oheims verſtärkt, nicht hätten ausreichend halten dürfen; und zweitens möchte dieſer Sinn der Eigen⸗ mächtigkeit ſchwerlich ſo entſchieden gewirkt haben, wenn die angedrohte Braut nicht ein bürgerliches Mädchen, nicht die Enkelin des Advokaten Thyrnau war.“ „Ich muß dies zugeben,“ ſagte Lach ſchon mit mehr Ruhe als vorher—„und wenn ich darüber Eure Vorwürfe erfahre, muß ich Euch an die Erziehung erinnern, die ich empfing, und ob der Lach, den Ihr Euren Freund nennt und deſſen Grund⸗ ſätze mich leiteten, an eine Verbindung ungleicher Stände je anders als mit Unwillen denken konnte? Daß er dieſer Abſichten nie ſelbſt gegen mich erwähnte, gab mir die heimliche Hoffnung, 145 er wolle mir einen Widerſpruch überlaſſen, den gegen Euch zu führen ihn ſeine Liebe verhinderte.“ „Das führt zu nichts!“ ſagte Thyrnau gereizt—„die Sache iſt, daß dieſe Verbindung nothwendig war, um das durch⸗ zuſetzen, was Euren Vetter rettete— Euren Oheim vor—“ Bei dieſen Worten bekam Magda, die in den Lehnſtuhl ihres Großvaters geſunken war, plötzlich Leben. Sie ſprang auf und legte beide Hände auf das vor ihnen liegende Teſtament und ihr Auge blickte drohend auf den Großvater. „Rede nicht weiter, Großvater!“ rief ſie heftig—„denn er darf nichts weiter wiſſen. Das,“ fuhr ſie fort, auf das Teſtament zeigend—„iſt nun Alles vorbei. Er kann es nicht brauchen und wir auch nicht. Ich will es verbrennen, ehe es Schaden anrichtet,“ ſetzte ſie hinzu und nahm es auf, als wolle ſie damit fortgehn. Thomas Thyrnau fühlte dieſe Worte wie den troſtloſeſten Schmerz ſeines Lebens. Dies Mädchen— dies Kind hatte das ausgeſprochen, was ihm von dem ganzen langgenährten theuren Plane— was ihm von den großen Opfern der hingebendſten Freundſchaft übrig geblieben war. Ehe jedoch der erſchütterte Greis zu einem Entſchluß kommen konnte, trat Lach auf Magda zu und hielt ſie auf, als ſie wie eine Träumende fort wandeln wollte. „Nein,“ ſagte er—„jetzt darf mir nichts mehr vorent⸗ halten werden— ich fordere meinen Antheil als ein Recht! Die Worte, Thyrnau, die Ihr ſo eben geſprochen, machen es uner⸗ läßlich, daß ich Alles erfahre, und ich bin Mann genug, um iedes Verhältniß kennen zu lernen, welchen Einfluß es auch auf mein Schickſal haben mag. Ihr habt von Rechten über mein Vermögen geſprochen— Ihr nennt ſogar den Namen Lach bedroht— wenn ich die eine Bedingung unerfüllt ließe— ſprecht es aus— und Du, Magda,“ ſetzte er im weichſten Tone Thomas Thyrnau. II. 10 146 hinzu—„Du fürchte nicht für Deinen Freund! Er wird Alles ertragen und Du wirſt ſein Schutzgeiſt ſein.“ Magda hatte ſich von ihm halten laſſen, aber ſie drückte das Teſtament mit beiden Händen feſt gegen ihre Bruſt, während ihre Augen groß und ſchwermüthig auf ihn gerichtet blieben.— Thomas Thyrnau hatte ſich niedergeſetzt und war in trübes Nachdenken verfallen. „Und dennoch,“ ſagte Magda endlich—„dürft Ihr es niemals kennen lernen— ich habe ein Recht darauf— und wenn ich es will— wer kann dann dagegen.“ Graf Lacy,“ ſagte Thyrnau entſchloſſen—„erklären Sie ſich, ob die Verbindung, von der Sie ſprechen, unwiderruflich iſt! Ich ſage Ihnen, daß Gründe in Ihre Macht geſtellt werden können, die wichtiger find, als Sie noch immer geneigt ſcheinen zu glauben— Gründe— die wenigſtens vor Ihrem eignen Gewiſſen Sie frei ſprechen würden.“ „Ha!“ rief Lacy—„laſſen wir dieſe Räthſelſprache, die nicht mehr poſſend iſt unter uns. Noch einmal— man darf mir den Willen meines Oheims nicht vorenthalten und ich will ihn kennen lernen!“ „Und entſagen Sie jener Verbindung,“ fragte Thyrnau,. „die Sie leichtſinnig und thöricht geſchloſſen?“ „Halt, mein Herr!“ entgegnete Lach lebhaft—„ich habe Ihnen geſagt, daß ich verlobt bin. Ein Lach hat noch nie ſein Wort zurückgenommen— die Verbindung iſt die ehreſteethtſe ſie ward aus reiner Neigung geſchloſſen— ich bin der Gegen⸗ liebe gewiß— und ich liebe die Fürſtin!“ Magda hatte ſich über die Arme des Großvaters gelehnt und blickte zu Lach mit einem Ausdruck empor, der ihn vielleicht ſeinen Muth gekoſtet hätte, wenn er nicht ſeine Angen in dem düſtern ſtolzen Antlitz des alten Thyrnau hätte wurzeln laſſen. Jedes ſeiner Worte dyrchzuckte ihren Körper wie elektriſche Schläge, und die letzten drängten einen Schrei über ihre Lippen, der wie das Zerreißen eines menſchlichen Innern klang. Ihr Kopf ſank über Ihre Hände, ſie lag über den Armen Thyrnau's, wie gebrochen. „Nun,“ rief dieſer halb traurig halb zornig—„ſo kann ich Ihr ſelbſtgewähltes Schickſal nicht länger aufhalten, denn ich habe nicht allein Ihre, ich habe Magda's Rechte zu wahren, und handele nach dem feierlich gelobten Vertrage zwiſchen Ihrem Oheim und mir.“ Er erſchrak aber faſt, als Magda jetzt von ſeinen Händen auffuhr und er in ihr plötzlich glühendes Antlit ſah.—„Was willſt Du machen, Großvater?“ rief ſie.—„Weißt Du denn nicht, daß Alles vorüber iſt? Ich bleibe nun bei Dir— Du haſt mich nun ganz allein, und für Dein ganzes Leben muß ich Dir allein Freude machen, und dafür ſorgſt Du für mich! Und bleibe ich leben— da will ich werden, wie Barbara— aber er — oh er iſt ja ein Lacy, dem Tein angehört! Denke doch, wer ſoll hier herrſchen und befehlen können, als ein Lach?— Groß⸗ vater!“ rief ſie, und ihre Aufregung hatte etwas Aengſtliches, ſie glühte wie im Fieber und hielt den Alten auf ſeinem Stuhl feſt, obwol er immer verſuchte, ſie abzuwehren—„Großvater! ich will Dein Gewiſſen befreien.— ich will Lach verwerfen! ich will ihm ſagen, daß ich ihm nie angehören will!“ Dann richtete ſie ſich auf, als ſie aber den Grafen anſah, der tief erſchüttert an ihrem Anblick hing, fuhr ſie mit der Hand nach dem Herzen— ihre Lippen wurden weiß— und ſie lehnte den geknickten Kopf einen Augenblick an die Stuhllehne. Kaum aber fühlte ſie, daß Thomas Thyrnau ſich zum Aufſtehn anſchicke, da blickte ſie wieder auf und ihre Kräfte ſammelnd rief ſie: „Graf von Lach! gegen den Willen Deines Oheims und gegen den Willen meines Großvaters verwerfe ich Dich!— ich will Dir nicht angehören, ich verwerfe Dich hiermit feierlich! 10* 148 Da wurde dies von den tiefſten Schmerzen gezeichnete Ge⸗ ſicht plötzlich von dem ſüßeſten Lächeln der Entzückung übergoſſen — freudeſtrahlend ſchlug ſie die Hände zuſammen— triumphi⸗ rend ſah ſie Alle an, die wie unter einem Zauber gebannt vor ihr ſtanden.„Nun,“ fuhr ſie immer holder lächelnd fort— „nun iſt alle Verwirrung gelöſt, Vater Lacy!“ rief ſie, als ſähe ſie ihn—„Magda hat nun doch Alle gerettet! Dich hat ſie doch glücklich gemacht,“ rief ſie dem Grafen zu—„und von Dir, Großvater, alle Sorge genommen.— Ach, wie bin ich glücklich! glücklich!“ rief ſie in ſteigender Aufregung, die einen gefährlich überreizten Geiſteszuſtand andeutete.„Hierony⸗ mus, hörſt Du ſie ſingen? Das find Deine Engel! Hör', wie ſie ſo ſüß ſingen— ſie bringen kühle Luft mit, weil mein Kopf ſo brennt. Nein nein! ſie kommen von Vater Lacy— er will das ſchwere heiße Teſtament haben— o! ſieh nur, wie er die Arme ausſtreckt! Ja, er hat mich lieb— ich hab's ihm recht gemacht! Komm— komm Hieronymus! rede Du die Engel an— Du biſt ein heil'ger Mann— ach, wie ſchön, wie ſüß das iſt— wie ich ſo glücklich, ſo ſelig bin!“ „Um Gotteswillen,“ ſchrie Lach, vor ihr niederſtürzend und ihre Hände an ſeine Bruſt drückend—„Magda, erwache! ſammle Deinen abirrenden Geiſt— oder ich muß zu Deinen Füßen ſterben!“ Magda erſchrak bei ſeiner Stimme und legte die Hand an ihre Stirn. Dann ſetzte ſie ſich ſtill nieder und hielt mit ihren beiden Händen Lacy's Hände feſt und lächelte den Knie⸗ enden, über deſſen Geſicht unaufhaltſam Thränen ſtürzten, wie ein Engel an. „Ach! wie hatte ich's mir ſo oft gedacht, wie es ſein würde, wenn wir uns zuerſt ſähen,“ fuhr ſie fort—„und dann wie mich Egon da vor Dich hinſtellte— das war lächerlich!“ ſie lachte wie ein Kind dabei—„und wie ich nur allein wußte, * 149 Du ſei'ſt mein lieber Bräutigam— ach! war das nicht traurig? Da bekam ich zuerſt den kleinen Stich am Herzen— der heute nun ſo groß geworden iſt wie die Sonne, wenn ſie brennt!— Und dann hier in Tein— was weißt Du wohl von hier? Aber ich— jeden Weg kenne ich— jeden Baum— jede Blume— und Dein Bild daneben! Es iſt Dein Oheim— aber ich wußte wohl, daß Du ſo ausſäheſt. Da habe ich Dich geſchmückt, Jahr aus Jahr ein— mit den Blumen, die die ſchönſten waren. Ach, es wäre wohl nöthig, daß wir das ganze Leben beiſammen blieben— ich dachte es immer, wir würden nie fertig mit all' der Freude, die hier ſteckt.“ Lacy verbarg ſein Geſicht in ihrem Schooß— er fühlte den größten Schmerz ſeines Lebens. „Faſſe Dich, Magda,“ ſagte Thomas Thyrnau ſanft— „Dir iſt vielleicht nicht wohl— wir wollen nach dem Dohlen⸗ neſt zurück— gieb mir oder Hieroymus das Teſtament.“ „Ach nein,“ ſagte Magda—„laſſ' mich hier— es iſt hier ſo ſchön! Ich kann ja doch mit ihm umher gehn— wenn er auch die gute alte Fürſtin heirathet.— Ach! ich hatte mich doch ſo lange darauf gefreut, ihn umher zu führen— ſoll ich denn nichts behalten?“ Sie fing plötzlich an zu weinen und die beiden alten Männer wendeten ſich rathlos von ihr ab, während Lacy ſchluchzend zu ihren Füßen liegen blieb. Ohne ſich ſtören zu laſſen, fuhr Magda wieder fort—„Ihr ſeid Alle ſo ſtumm— und ich fühle wohl, ich mache Euch Sorge. Aber wenn Ihr wollt, daß ich nicht an den Schmerzen hier ſter⸗ ben ſoll, dann müſſet Ihr Alle zuſehn, wie ich es mache, damit ſie ſanfter werden. Ich weiß Alles— ich bin gar nicht von Sin⸗ nen— ich weiß, daß ich ihm ganz entſagt habe— danit ihn nichts kränkt und ich die Schuld habe. Das habe ich mir ſchon die Nacht ausgedacht, wie der Betrüger kam, und ich dachte, Lach achtete uns ſo gering— und wollte mich an ihn verrathen.“ 150 „O nein!“ rief Lacy—„nein, Magda! nie hätte ich unredlich gehandelt. Doch ich bitte Euch, Thyrnau— wenn ich den Verſtand behalten ſoll, ſo endet dieſe Qualen— ſchrei⸗ tet ein— entſcheidet!“ „Sie hat entſchieden!“ ſagte Thyrnau ernſt, aber milde.— „In ihrer reinen Seele iſt kein Irrthum— ihr tüchtiger Ver⸗ ſtand reifte in der Qual dieſer Stunde, Sie hat Recht, und da ſie Euch entſagt, durch ihren Willen ſich dem Teſtamente widerſetzt, ſo ſeid Ihr frei, und dies iſt ein umſonſt beſchrie⸗ benes Stück Papier.“ Ein bitteres Lächeln ſchwebte um des Alten Mundwinkel— er nahm Magda das Pergament weg und reichte es mit dem brennenden Lichte Hieronymus, dem er einige Worte zuflüſterte. Aufmerkſam und ruhiger als vorher hatte Magda ihm zu⸗ gehört. Jetzt ſprang ſie auf und warf ſich dem Großvater in die Arme.„Dich hatte ich ſo gefürchtet— und nun biſt Du ſo gut! Jetzt bring' mich fort— ich wollte ihn nur nicht ver⸗ laſſen, weil ich dachte, dann kämeſt Du hervor mit Allem. Nun kann ich aber gehn— o ſieh! ſieh! wie es brennt!“ rief ſie aufjauchzend. Im Kamin hatte Hieronymus das Teſtament angezündet. — Alle wandten ſich der Flamme zu. „Mein alter Freund!“ ſagte Thomas Thyrnau, indem er zum Himmel ſah—„das ſind die Entwürfe der Men⸗ ſchen!— Graf Lach,“ fuhr er fort— jetzt ſind Sie der Beſitzer von Tein!“ „Es iſt nicht der Augenblick, um einer Erklärung nach⸗ zufragen,“ erwiederte der Graf—„och werdet Ihr gewiß fühlen, daß ſie mir nicht fehlen darf.— Magda muß aber unſer erſtes Intereſſe ſein!“ „Für ſie hab' ich fortan allein zu ſorgen,“ rief Thyrnau mit der alten Energie. 151 „Magda,“ flehte Lacy—„geh' nicht fort, ohne mir den Troſt zu geben, daß Du mir verzeihſt! Nenne das, was hier geſchehen, nicht Verwerfung— ich kannte Dich nicht! O ver⸗ giß das nie. Als ich die unüberſteigliche Scheidewand zwiſchen uns aufbaute, glaubte ich einer Grille entgegen zu treten.— Denen, welche mein Glück beabſichtigten, mißtraute ich— Magda, das ſind meine Fehler— und meine grauſame Strafe— daß ich Dir nicht angehören kann! Aber merk' es wohl, Dich, Dich habe ich nicht verworfen! O verzeihe mir— verzeihe mir.“ Magda's Kopf ruhte auf der Schulter des Großvaters; die Anſpannung ſchien ſie zu verlaſſen; ſie glühte wie eine Roſe, aber ihre Glieder waren gebrochen. Hieronymus hatte ihre müde niederhängende Hand erfaßt; er prüfte ihren Puls. Den⸗ noch ſtrengte ſie ſich an, Lach zuzuhören, und ihre Augen ſuch⸗ ten ſein Bild feſtzuhalten. Sie entzog Hieronymus ihre Hand, ſie drückte ſie an ihre Stirn und ſagte:„Es wird mir ſo ſchwer, zu denken, was nöthig iſt.— Sage nicht, daß Du mir nicht angehören kannſt— ich— ich habe das geſagt— ich habe Dich verworfen! Ach! nimm es doch ſo an, Lieber— ſonſt kann der Großvater nicht ruhig werden— und ich habe nur noch wenig Zeit zum Denken.— Und verzeihen ſoll ich Dir? Ach, ich weiß nicht was! Zwiſchen uns ſteht etwas— das ſind aber Engel, die uns lieben, und die ſtören uns nicht— die tragen Deine Liebe zu mir und meine zu Dir.— Heirathe Du doch, wen Du willſt— ich kann Dir ja doch bleiben. Die Engel lächeln, wenn ich weinen will— dann fingen ſie und ich bin dabei ſo ſelig, denn ich verſtehe wohl: ſie finden das Alles nicht traurig, was ich heut' erlebt habe. Ach ſie ſingen mich in Schlaf— das thut gut— jetzt wird es Nacht! Sieh, die Sterne kommen vom Himmel— wie ſie glänzen! Gieb mir Deinen— da— hier haſt Du meinen!“ Sie ſchwankte— ſie griff lächelnd in die Luft— in dieſem Augenblick fing Lach ſie in ſeinen Armen auf, denn ihre Knie brachen zuſammen. Er drückte ſie feſt an ſeine Bruſt und ſie legte unſchuldig ſicher die Hand unter ihre Wange, als wolle ſie nun ſchlafen. Doch trat Hieronymus hinzu, denn Thyrnau ſah im ſtummen Schmerz die anwachſende Krankheit des allzu heftig erſchütterten Mädchens. „Wir können ſie in dieſem Zuſtande und bei der Glut der Mit⸗ tagsſonne nicht von hier fortbringen,“ ſagte Hieronymus— „ein Aderlaß iſt das Nöthigſte. Graf Lacy, gebt Befehl, daß die Zimmer der verſtorbenen Gräfin Lacy geöffnet werden— und weibliche Bedienung herbei komme.“ Befehlt Alles, was Euch nöthig ſcheint,“ ſagte Lacy— ich will ſie hinüber tragen.“ Lach hob ſie wie ein Kind auf ſeinen Arm, denn ſie hatte jetzt die Beſinnung verloren, und trug ſie fort, den Weg, den er ſo wohl kannte, nach dem Schlafzimmer der alten Gräfin. Thyrnau folgte, ohne ein Wort zu ſprechen, und Hieronymus ſah ihm kopfſchüttelnd nach, denn die Stille in ſeinem Weſen ließ ihn auf den hohen Grad ſeiner Erſchütterung ſchließen. Nach dem Aderlaß war Magda erwacht, aber das Fieber mit großer Stärke ausgebrochen. Sie ſang mit einem wahr⸗ haft ſeraphartigen Schwung der Stimme, und Hieronymus ſtand Niemand Rede und that alle Handreichungen ſelbſt. Mit dem Untergang der Sonne ſank die höchſte Glut des Fiebers; ſie ſchlief abwechſelnd oder lag in einem ſtillen halb bewußtloſen Zuſtande. Die Kaſtellanin von Tein, die Tochter Angela's bekam nun ihren Wachtpoſten am Bette. Hieronymus löſte ſich endlich ab, denn der ehrliche Alte fühlte, daß er den ganzen Tag keine Nahrung zu ſich genommen.— Er führte die beiden Unglück⸗ lichen, die im Vorzimmer den heftigen Zuſtand der Kranken belauſchten, mit ſich in den mittlern Saal, wo die unbenutzte Mittagstafel ſtand. Erſt als er hier die Thüren nach dem Garten 153 aufgeriſſen und die Kühlung des Abends eingeathmet hatte, ſtand er den dringenden Fragen der Beiden Rede. „Ich ſage Euch, ſie kam ſchon im Fieber her. Ich hab's wohl gedacht; die ganze Nacht iſt ſie nicht im Bett geweſen, ſondern auf dem Thurm über dem feuchten Walde. Das iſt ſo, wenn man die Kinder erzieht, daß ihnen alle unvernünftigen Neigungen durchgehn. Ich konnte es gut wahrnehmen, daß ſie um Mitternacht noch umher wandelte; aber Gundula wurde von der verſchloſſenen Thür weggeſchickt: was war da zu thun? Ich konnte die Thurmtreppe nicht erklettern wie eine Katze; da holt' ich den Bezo— nun, das arme Thier verſteht's gleich, wenns ſich um Magda dreht. Aber was half es viel, als daß er hinauf kletterte und ſie anſah, wieder herab kam und immer zeigte, Magda ſei da! Erſt gegen Morgen iſt ſie eingeſchlafen, aber in den Kleidern und oben in der tödtlichen Nachtluft ich konnte ihr nicht helfen!— Was nun wird, müſſen wir ab⸗ warten— das Eine, ſage ich aber, habe ich nöthig: Keinen Lärm, keine dumme Hätſchelei oder Pflege, keine Gemüths⸗ bewegungen! Wie viel ich von Allem will, werde ich ſelbſt an⸗ wenden— jetzt aber will ich eſſen, denn ſeit dem Frühſtück iſt hier eine große Lücke entſtanden.“ Er rührte die Glocke und befahl anzurichten. Man nahm Platz und Jeder verſuchte, ſo viel die vorwaltende Stimmung zuließ, ſich nach dem erſchüt⸗ ternden Tage etwas zu ſtärken; doch ſelbſt Hieronymus brachte es darin nicht ſo weit wie ſonſt, und Wein verſagte er ſich ganz, damit die Kranke, zu der er die Nacht zurückkehrte, durch den Geruch nicht beläſtigt werde. Als er ſich zurückgezogen und verſprochen, von Zeit zu Zeit Nachricht zu bringen, traten beide Männer in die beſchwich⸗ tigende Nacht hinaus, die einen dunklen Himmel mit glänzenden Sternen über ihnen ausbreitete. Sie waren Beide ftoh, daß ſie den glühenden Blicken ihrer Angen nicht mehr begegneten 154 und äußerlich ſo ſanft vor einander verhüllt, erkannten ſie jetzt erſt klar ihr Inneres, und als ſich Lach überwältigt an Thyr⸗ nau's Bruſt ſtürzte, drückte der alte bekümmerte Mann ihn feſt an ſich, und dieſe ſtumme Umarmung löſte die ſchreckliche Span⸗ nung ihrer Herzen, und Beide entſchloſſen ſich in ihrem Innern, ſich grenzenlos zu lieben. „Wenn ich leben ſoll,“ rief der junge Mann,„ſo mußt Du mir vergeben, Du mußt mich lieben, wie Deinen Sohn, Du mußt mir das Leben überwinden helfen— das ſelbſt Be⸗ reitete mich lehren zu ertragen.“ „So wird es ſein müſſen,“ entgegnete Thyrnau ſanft— „ich fühlte es längſt— ohne Liebe kommen wir aus dieſen Schmerzen nicht heraus. Das fühlte Magda ſchon, die nichts zwiſchen ſich und Dir als Engel ſah, die ihr nicht zu weinen erlauben wollten. O! mein Sohn,— ſie hat uns Großes ge⸗ lehrt in ihrem Irrwahn!“ „Laſſ mir den Namen Sohn,“ bat Lacy—„die Looſe ſind anders gefallen, aber dies haben wir noch in unſerer Gewalt. O! ſei mir nie weniger als ein Vater, und Du wirſt die Lücke ausfüllen, die ich ſeit des Alten Tode fühle. Ich muß Dein Sohn ſein, Magda's Bruder, dann können wir vielleicht ſo viel durch mich geſchaffenen Schmerz ertragen.“ „Es iſt ſeit dieſem Tage vieles zerſtört, was ich mit Deinem Dheim aufbaute; aber das Eine will ich feſt halten— und das war— daß wir Dich Beide adoptirten, daß wir uns gleiche Rechte an Dir zugeſtanden, daß, wie er Magda ſich zueignete, ich zu Dir berechtigt ſein ſollte, daß wir unſer Eigenthum zu⸗ ſammen warfen, Dir an dem meinigen, ihr an dem ſeinigen das gleiche Recht zuſtehen ſollte.“ „O mein Vater,“ rief Lacy—„halte das feſt dann iſt Magda und bleibt ſie Herrin hier und überall, wo ich ſelbſt bin. O dann wird Gott dem ſchwachen Herzen gnädig bleiben und wir noch Alle glückiich werden.“ „Noch,“ ſagte der Alte mit bebender Stimme—„ſteht ſelbſt ihr Leben in Frage— bleibt ſie uns erhalten, dann wird ſie wohl viel einzuwenden haben, und nie konnte ich ſie über⸗ reden; ſie hat eine Unbezwinglichkeit, vor der ſie ſelbſt nicht weiter kann.— Doch laſſ uns die Racht benutzen und ſage mir viel von Dir und laß mich Dir geſtehn, daß mich Deine Ver⸗ lobung in doppelter Beziehung traurig überraſcht. Du warſt nicht ganz unbeobachtet und bliebſt nur ungewarnt, weil ich wußte, Du habeſt nirgends Dein Herz gefeſſelt. Keine Frau rang Dir auch nur flüchtige Theilnahme ab, und vollends hielt ich Dich geſichert, als ich erfuhr, nur das Haus der Fürſtin Morani beſuchteſt Du täglich— unter dem Schutz dieſer tugend⸗ haften Dame hielt ich Dich ſo ſicher bewahrt!“ „Nur das Eine, theurer Vater, eh'ich zu erzählen anfange; laſſ keinen Argwohn auf die fallen, die jetzt zwiſchen Deine Pläne tritt. Nicht durch die Künſte der Gefallſucht, womit ältere Frauen dem ungezügelten Herzen noch in ſpäteren Jahren jüngere Männer zu erwerben ſuchen, hat die Fürſtin meine Rei⸗ gung gewonnen. Ich darf kühn ſagen: ich habe ſie früher ge⸗ liebt, als ſie mich! Ich liebte die Reize, die ſie nicht verbergen konnte— dieſen edlen geläuterten Sinn— dies Herz voll Güte und Weisheit, das in jedem Augenblick hervortrat. Die Schuld, die hier in mir entſtand, trifft mich allein— lange widerſtrebte ſie meinen Bitten— und als ſie einwilligte, fühlte ich mich vielleicht glücklicher, als ſie.“ Lacy fuhr nun fort, mit der Offenheit eines Sohnes alle ſeine Verhältniſſe dem neu gewonnenen Freunde darzulegen, und dieſer fühlte am Ende dieſer Mittheilung, daß ſeine Hoff⸗ nung, noch eine Wendung darin zu finden, welche die Dinge anders zu geſtalten vermöchte, vergeblich war, und daß, wenn 156 er nicht über den eben gewonnenen Sohn ein tiefes, nie gekanntes Leiden bringen ſolle, er ihm für's Leben den Ver⸗ luſt des Vermögens verbergen müſſe, auf deſſen Beſitz er bei der Verbindung mit der verarmten Fürſtin ſo ſicher ge⸗ rechnet hatte. „Sie wird genug haben, wenn ſie's überlebt,“ ſagte er in ſich hinein—„und ich, der arme bürgerliche Advokat, rette das ſtolze Haus Lacy!“ Doch war des Advokaten Stellung nicht ſo leicht wie die des Grafen, dem es vergönnt war, ſein ganzes Innere offen aufzudecken. Thyrnau empfand eine faſt unüberwindliche Ab⸗ neigung, von ſeinen und des Oheims Jugendplänen zu ſprechen, die ohne die entſchuldigende Kenntniß der damaligen Verhält⸗ niſſe jetzt etwas Beleidigendes für das Gefühl des Unterthanen haben konnten— und überdies— wie ſchwer war es, der da⸗ raus entſtandenen Verwickelungen zu gedenken und die Mittel zu umgehen, welche dieſe löſten? Thyrnau fühlte, er dürfte ſich nicht überraſchen laſſen und fürchtete auch ſeine Stimmung, die durch den Gedanken an Magda's gefahrvollen Zuſtand zerſtreut war. Dieſer letzte Grund, deſſen Wahrheit Lach fühlte, weil. er ihn theilte, überhob ihn der näheren Erklärung, und da Beide durch die Mittheilungen des alten Hieronymus ruhiger wurden, die Nacht auch vor dem röthlichen Lichte, welches im Oſten aufſtieg, verſchwand, nahmen ſie, von der Erſchöpfung überwältigt, die der erſchütternde Tag nach ſich führte, auf den Sopha's des mittleren Saales Platz und genoſſen einer kurzen Ruhe. Hietvnymus hatte ihnen am Morgen über Magda guten Troſt zu bringen; doch verſagte er jedem Andern den Eintritt zu ihr, da der halb bewußtloſe Zuſtand, in welchem ihre Schwäche ſich erhielt, durch Nichts unterbrochen werden ſollte, und ſelbſt die weinende Gundula wurde zurück geſchickt, weil das fremdere Geſicht der Kaſtellanin ihm weniger aufregend erſchien. Thyrnau und Lach ergriffen jetzt mit muthigem Geiſt die geſtörte Stellung nach Außen. Pölten erhielt von Thyrnau Verzeihung. Die Abſichten des jungen Mannes hatten etwas Verſöhnendes— ſeine Strafe war nicht gering— auch konnte man annehmen, daß er die Täuſchung bis zu dem ehrloſen Ein⸗ ſchleichen in die Geheimniſſe des Teſtaments nicht würde ge⸗ trieben haben. Thyrnau gab ihm unaufgefordert dieſes Zeugniß, und war ſeit dem Mittage im Dohlenneſt ſchon, wie Magda, vollkommen überzeugt geweſen von dem Betruge, der geſpielt ward. Gleich am erſten Tage hatte er Verdacht geſchöpft, aber er hielt Pölten für keinen Ehrloſen; er erkannte in ihm den blos leichtſinnigen Thoren und ſuchte durch ſeine feierliche Weiſe am letzten Morgen das ſchlummernde Ehrgefühl zu wecken. Die Hand, die Pölten in dem Augenblick, wo Thyrnau anſcheinend die Siegel erbrechen wollte, verhindernd gegen ihn ausgeſtreckt, beſtätigte die gute Meinung des Advokaten und verſchaffte Pöl⸗ tens Verſicherung vollen Glauben, daß er entſchloſſen geweſen wäre, Alles zu geſtehen, wenn Magda's Erſcheinen dies nicht verhindert hätte. Der junge Mann fühlte jedoch, daß er hier nicht bleiben könne, und nahm daher nach dieſen Erklärungen Abſchied, um jetzt die Reiſe nach Ungarn anzutreten, die er in Prag bei ſei⸗ nen dortigen Geſchäftsfreunden als wichtig erkannt hatte. Erſt nachdem Pölten das Schloß verlaſſen, übernahm es Thyrnau, den verſammelten Dienern des Hauſes anzuzeigen, daß jetzt ihr junger Herr eingetroffen ſei, indem er das Erſcheinen des Barons in einige Worte hüllte, die der Reſpekt der alten Leute verhinderte, unverſtändlich zu finden, und die auch bald in der Freude vergeſſen wurden, als ihr junget Herr jetzt unter ſie trat, Alle kannte, bei Namen nannte, nach allen Verhält⸗ niſſen mit gutem Gedächtniß fragte, und als die ſchöne, voll⸗ ſtändig entwickelte Aehnlichkeit mit ihrem ſel'gen Herrn ihnen die gute alte Zeit wieder zu bringen verhieß. „Ach,“ ſagte ſich Thyrnau, der ein nachdenklicher Zeuge dieſer Scene war—„womit könnte ich ihnen das erſetzen? Wie vergeblich würden meine und Magda's Rechte hier auf Beſtätigung warten; wie würde ich ihnen immer wenig mehr als der Räuber dieſer Rechte ſein! Ein langer Befitz, von Vater auf Kinder ſich vererbend, iſt ein Heiligthum, für deſſen Erhaltung in jedes Nachkommen Bruſt der wärmſte Eifer leben ſollte. Es iſt das einzige Verhältniß, was noch die patriar⸗ chaliſchen Elemente einer verſchwundenen Zeit enthält; die ge⸗ ſchonte Pflanzſtätte uneigennütziger Liebe und Treue, wo der ſchöne Traum moraliſchen Einfluſſes auf die uns zugegebenen geringeren Stände ſo weit Wahrheit wird, als der Werth in uns es iſt. Hier tritt uns ein Glauben entgegen, den wir muthwillig zerſtören müſſen, wenn er uns nicht eine Stütze werden ſoll, die wir mit dem Namen und Beſitz ererbten, der zugleich der Beſitz dieſer Armen iſt, die ihn fortgeerbt ſehen wollen an den, dem ſie gehorchen ſollen. Auch war kein Zweifel mehr in dem großmüthigen und entſchiedenen Karakter Thyrnau's. Er, der die Rechte des An⸗ dern ehrte, bis zu der Laune, die ihn hier oder dorthin trieb, ſobald er einer ſtrafloſen Richtung der Seele folgte; er hielt den äußern Beſitz ſo gering, daß er keinen Skrupel empfand, Magda ihres bedeutenden Vermögens zu berauben. Thomas Thyrnau hatte ſchnell heraus gefühlt, was von ſeinem Entſchluß und ſeiner Thätigkeit abhing; aber er fühlte, daß dies nur äußere Verhältniſſe ſicherte und erſt, nachdem dieſem genügt war und eine geräuſchloſe Feſtſtellung derſelben das bedrohliche Auſſehn abgewendet, kehrte der Blick nach 159 Innen zurück und forſchte, was hier nach ſo vielen Verluſten geblieben war. Es gehörte ein entſchloſſenes Herz dazu, um mit ſcharfer Erwägung der Wahrheit durchzudringen, das Re⸗ ſultat zuſammen zu faſſen und ſich mit ſeiner neuen Geſtalt zu verſöhnen. Die wundeſte Stelle nach dieſem Verfahren blieb für Thyrnau Magda's Schickſal. „Sie wird aus der Bahn damit gedrängt ſein,“ ſagte er ſeufzend,„und den beklagenswerthen Frauen angehören, die nicht auf dem natürlichen Wege ihrer Beſtimmung den Reich⸗ thum ihres Innern entwickeln können. Nachdem ihr die ſchönſte Beſtimmung verloren geht, wird ſie ſich in Verſuchen abmühn, ſich ſelbſt genug zu thun— aber wenn der Bogen des Friedens ſich einſt über ihr wölbt, ſo wird er den langen Regentag an⸗ deuten, deſſen ſcheidende Sonne erſt die fallenden Tropfen verſchönt!“ Dabei ließ ihn ſeine Achtung vor der Freiheit jedes Einzelnen gar keine Pläne für Magda machen. Er liebte in dieſem jungen Weſen die Entſchiedenheit des Sinnes, die ihr immer auf ihre Weiſe Bahn machte, und erwartete, ohne ſich zum Einſchreiten Berechtigung zuzugeſtehn, wie dieſe große Umwälzung ſich in ihr geſtalten werde. Aber— er wäre lieber allein unglücklich geweſen. Da er ſeine eigne ſchöne Natur nicht ſo vollſtändig erkannte, als ſie ſich doch gerade hierbei bethätigte, erſtaunte er faſt, daß er das Scheitern des alten, wohl erſonnenen Plans und den damit verbundenen ſtillſchwei⸗ gend und unerkannt geopferten Verluſt ſeines großen Vermögens ſo wenig empfand oder nur mit dem wehmüthigen Lächeln des Philoſophen begleitete, der den Erſcheinungen des Lebens mit dem Antheil zuſieht, der ihm die Kurzſichtigkeit menſchlicher Beſchlüſſe verräth, die in ihrer nothwendigen Entwicklung dem Einſchreiten der Zeit verfallen. Daß wenigſtens die Rettung des Namens Lach erreicht war— das Beſitzthum des adoptirten Jünglings— des Neffen des geliebten Freundes geſichert— 160 und damit dem verklärten Geiſt genug geſchehen, war der Troſt, der ſein großmüthiges Herz befriedigte. Er fühlte ſich bei ſeiner vielgeprüften Erfahrung überdies nicht ſicher, ob den jungen Mann— abgeſehen von dem äußeren jetzt feſtgeſtellten Beſitz— nicht ein größerer Verluſt an Glück getroffen, als die Zeit gut zu machen vermöchte. Er hatte ſeine Mittheilung mit großer Selbſtbeherrſchung angehört, und Thomas Thyrnau war der Einzige bis jetzt, der nicht geſtrebt hatte, Lacy das Ge⸗ wagte und Unpaſſende ſeiner beabſichtigten Verbindung vorzu⸗ ſtellen. Aber dies Benehmen entſprang aus der an Schreck grenzenden Ueberzeugung, welchen Gefahren der junge Mann mit der Unſchuld der Unerfahrenheit entgegen ging Sein ſtarkes Ehrgefühl zeigte ihm dabei das eingeleitete Verhältniß als unauflöslich, und er glich dem zärtlichen Vater, der vor dem Laut zittert, der den nachtwandelnden Sohn an dem Rande des Abgrunds wecken könnte, ihm die gefahrvolle Tiefe auf⸗ deckend, an der er ſorglos vorüber geht. Er dachte nur daran, wie er ihn ſtützen wolle— und bewahren helfen— und mußte ſich ſagen, ſchon möge durch jenes Zuſammentreffen mit Magda, durch die gefährlichen Beziehungen zu ihr, das unberührte Herz, was ſich ſo ſchnell dem Anbeten der Tugend gewidmet. hatte, von der Ahnung beſchlichen ſein, daß der Jugend eine Entzückung aufbehalten iſt, die keinen Verſtand zu ihrer Er⸗ klärung braucht, weil in der Harmonie des Eindrucks die zweifel⸗ loſeſte Befriedigung liegt— die Glück iſt!—„O, Jugend,“ ſagte Thyrnau— äche nicht zu ſchwer die Schuld, die an Deinen Rechten begangen iſt— fordere nicht Deinen Tribut nach— denn Du erhältſt ihn nur, indem Du das Individuum aufopferſt.“ Er wünſchte in Lacyh den Gedanken zu erregen, daß es ſeine Stellung, wie die hochwichtigen Intereſſen Böh⸗ mens nöthig machten, daß er nach Wien zurückkehre. Er wollte ihn auf dieſe Weiſe von der leidenſchaftlichen Theilnahme 161. zerſtreuen, die Magda's Krankheit in ihm erregt hatte und er benutzte Hieronymus Ausſagen, um ihn zu erinnern, daß eine Erkältung des eigenwilligen Kindes und ein ſchon vorhandenes Fieber dem darauf Folgenden zu ſo großem Einfluß verholfen habe, und die Krankheit eigentlich da geweſen ſei ohne die blos vermehrend wirkenden Gemüthsbewegungen. Wie viel Lach davon glaubte, konnte Thyrnau nicht erkennen; wie über⸗ haupt die Stimmung des jungen Mannes nach der offenſten Hingebung des Vertrauens jetzt wieder in eine Zurückhaltung übergegangen war, die einen tieferen Blick in ſeinen Herzens⸗ zuſtand von ſich abwies. Er hatte ſich, wie es ſelbſt Thyrnau ſchien, nach den erlebten Erſchütterungen äußerlich verändert. Außer ſeiner Bläſſe waren ſeine Augenlieder geſenkt und ſeine Stimme hatte einen leiſen nach Innen gedrängten Ton. Aber was es auch ſein mochte, Thyrnau ſah mit innigem Wohl⸗ gefallen, er ſei Keiner, der mit unnützen Worten die innere Kraft beim Kampf zerſplittere, und freute ſich der Beſtätigung ſeiner wachſenden Liebe. Gegen Ende des Tages wußte er ihn zu dem Entſchluß zu ermuthigen, am andern Morgen nach Wien zurückzukehren, in welchen Vorſchlag Lach zwar einging, jedoch abermals um Erklärung der vielfach vernommenen Drohung bat, die ihm ſein Vermögen in Zweifel geſtellt hatte. Obwol dieſer Antrag Thyrnau nicht unerwartet kommen mußte, fühlte er ſich doch nicht vorbereitet darauf. Haſtig griff er nach beiden Händen Lach's, und indem er ſie heftig drückte, rief er, faſt von ſich ſelbſt überraſcht:„Was willſt Du? Da Du eingewilligt haſt, mein Sohn zu ſein, ſo ſage ich Dir, iſt Alles in meine Willkür geſtellt und ich, Dein Vater, verſichere Dich— Dein Vermögen iſt unbedroht, unangerührt. Das war ein Geheimniß, was nun werthlos geworden iſt— im Kamin iſt ſeine letzte Spur verglimmt.“ Thomas Thyrnau. II. 11 „Aber,“ entgegnete Lach—„Magda kennt es— Hiero⸗ nymus kennt es. Darf ich es zugeben, der Einzige zu ſein, der darüber unwiſſend bleibt? O mein Vater, prüfe genau, darf ein Lach es ſich gefallen laſſen— iſt nichts dahinter, was edler wäre, ſelbſt als Nachtheil ertragen zu werden, als un⸗ wiſſend Andere darüber entſcheiden zu laſſen?“ „Sei ruhig,“ ſagte Thyrnau bewegt—„der Name Lach iſt Dir nicht theurer als mir; er iſt bei meinem Verfahren voll⸗ kommen geſichert— ſtreite nicht weiter darüber. Viel habe ich ſeit geſtern aufgeben müſſen, Du biſt mir eine kleine Genug⸗ thuung ſchuldig, und ſie beſteht darin, daß Du Dich jetzt fügſt wie ein Sohn, der ſeinem Vater vertraut.“ Thyrnau war aus ſeinem Karakter heraus gegangen, in⸗ dem er, um zu ſeinem Zweck zu kommen, den Andern erweicht hatte. Er fühlte das, und nachdem ſie ſich ſtumm aber in großer Rührung und Zärtlichkeit umarmt hatten, eilte Thyrnau dieſe Zuſammenkunft zu beendigen. Hieronymus' Ausſagen ließen Magda's Zuſtand eher ge⸗ fahrloſer erſcheinen; Lacy wollte deshalb ſchon die Nacht zu ſeiner Abreiſe benutzen, und die Männer beſchloſſen, bis dahin zuſammen zu bleiben. Thyrnau gewann bald die Geiſtes⸗ freiheit wieder, die ihn geſchickt machte, Lacy über ſeine ver⸗ legen verhehlten nächſten Schritte zu befragen. Mit großer Gemüthsbewegung hörte er, daß die Fürſtin Morani den Bitten des Jünglings nachgegeben und ihn bei ſeiner Rück⸗ kehr die vorbereitete Hochzeit erwarte. Aber auch hierbei zuckte bloß Thyrnau's Herz; ſein Aeußeres drückte wahren Antheil aus und Lach, der das edelſte und klügſte Ver⸗ fahren, was ihm bisher zu Theil geworden— tief er⸗ kannte, fühlte, wie wohl begründet ein ſolcher Mann die Liebe genießen mußte, die ihm überall zu Theil ward. 163 Ein ſchwerer Seufzer rang ſich aber aus Thyrnau's Bruſt, als der Augenblick der Abreiſe gekommen war und Graf Lachy eine Gemüthsbewegung zeigte, die ihn ſeine ſtreng behauptete Haltung zu koſten ſchien. Hieronymus hatte ihm die letzte Nach⸗ richt, daß Magda feſt ſchlafe, ſchon einige Male wiederholt und immer ſtand er blaß und forſchenden Blickes vor dem alten Manne. Plötzlich rief er heftig und dringend:„Ich bitte Euch um Gotteswillen, laßt ſie mich noch einmal ſehen— ich werde dann ruhiger ſein und leichter abreiſen.“ Die beiden Alten erſchracken über die unerwartet hervor⸗ tretende Aufregung, doch ſuchten ſie ihn abzuhalten. Aber es ging hier wie überall, wo ein beſtimmter Wille ſo lange gegen Gründe das Ohr verſchließt, bis er eine Einwilligung erzwingt, die er allein zu verſtehen ſcheint. Hieronymus kehrte, von Lacy auf dem Fuße gefolgt, nach dem Krankenzimmer zurück, und als er Magda noch ſchlafend fand, trat er zur Seite und — Lacy ſtand jetzt vor dem Bette. Das Zimmer war nicht ſo traurig verdüſtert, wie Kranken⸗ zimmer gewöhnlich, und die ſchweren grün damaſtnen Bett⸗ gardinen waren zurückgeſchlagen. Magda's Kopf ruhte auf dem weißen Kiſſen und die langen ſchwarzen Flechten hingen auf beiden Seiten nieder. Die geſchloßnen Augenlieder zeigten die breiten dunklen Wimpern; das ſonſt von keinem Kranken⸗ zug entſtellte Geſicht hatte eine Marmorweiße und bloß um die Augen einen tiefen Rand, das Zeichen des Leidens. Lach betrachtete ſie lange; dann kniete er nieder. Er ſah die ſchöne längliche Hand, die ſo ſtill gebettet am Rande hing — dann bog er ſich leiſe nieder— küßte die Fingerſpitzen und verließ das Zimmer mit ſichereren Schritten, als er es betreten hatte.— Aber er ſprach zu Keinem ein Wort mehr. Stumm umarmte er Thyrnau und eilte den Wagen zu erreichen, der ihn in die verſchwiegene Nacht hinein trug. Wenn der Fürſt Morani aus ſeiner Gruft geſtiegen wäre, um ſeinen Palaſt, den Schauplatz heiterer Launen, zu durch⸗ wandern, würde er mit Wohlgefallen die neue Ausſtattung betrachtet haben, deren Gediegenheit und wirklich höheren Kunſtwerth er ſehr wohl zu ſchätzen vermocht, wenn er auch gern die Frivolitäten ſeines lüſternen Sinnes noch hinzugefügt haben würde. Von dieſem waren die Spuren wie auf ſtill⸗ ſchweigend ergangene Zauberformeln überall verſchwunden. Obwol man den heitern Bacchiſchen Zug des Daniel Gran an dem hohen Kuppelgewölbe des Audienzſaales gelaſſen, waren doch purpurrothe Sammettapeten in die goldenen Rahmen ge⸗ ſpannt, welche dieſe frivolen Gegenſtände früher in eine belei⸗ digende Nähe brachten, der man ſich in den Zimmern kaum entziehen konnte— und ſchon ſchmückten ſtatt deſſen einige werthvolle Landſchaften von Ruysdal und Claude Lorrain die einfachen Wände. Die Fürſtin ſah mit großer Genugthuung dieſen Schöpfungen zu, die ihr jetzt erſt— den Verhältniſſen vollkommen entſprechend, eine wahre Freude gewährten, und ihr feiner gebildeter Geſchmack gab immer den günſtigſten Aus⸗ ſchlag, wo in irgend einer Hinſicht Zweifel entſtanden. Sie ertrug daher, ſo angenehm beſchäftigt, die Abweſenheit des Grafen, deſſen Reiſe ſie ſo nöthig hielt als er ſelbſt, mit vieler Ruhe und betrieb, ungeſtört von der geliebten Gegenwart, Alles was nöthig war, um bei ſeiner Rückkehr ihr Verſprechen erfüllen und den Hochzeitstag ihm anzeigen zu können. Der Graf von Lacy ließ ſich in ſeinem Reiſewagen vor die Hof⸗ und Staatskanzlei fahren, um dem Grafen Kaunitz ſeine Rückkehr ſogleich anzuzeigen und war ſo glücklich, dem Staats⸗ kanzler auf der Treppe zu begegnen, als er eben im Begriff war, der Kaiſerin aufzuwarten. „Ach, ſagte Kaunitz—„ich erkannte Sie nicht gleich — ſind Sie krank geweſen? Sie ſehen übel aus, vielleicht 165 haben Sie ſich bei der Reiſe übereilt. Nun, ich hoffe, Sie ſind mit Ihrem Vormund, dem Herrn Advokaten Thyrnau, jetzt völlig abgefunden.“ „Vollkommen mit ihm einverſtanden vielmehr, und mehr wie je von ſeiner Güte und ſeinem hohen Werth durchdrun⸗ gen!“ erwiederte Lach. „Ich gratulire dazu,“ ſagte der Staatskanzler froſtig— „und freue mich, Ihrer Majeſtät der Kaiſerin ſagen zu können, daß Sie ihrer Befehle harren.“ Lacy ſandte einen Diener nach dem Palaſt Morani und ließ ſich zur Mittagstafel anmelden, dann eilte er ſeiner Wohnung zu, um die Kleidung zu ändern, und hier war es, wo er ſelbſt einen Augenblick erſtaunt ſein Bild im Spie⸗ gel auffaßte und leicht erkannte, wie der Staatskanzler zu ſeinen Bemerkungen gekommen war. Er war daher ſorg⸗ fältiger wie gewöhnlich bemüht, durch ſeine Kleidung ſein Aeußeres vortheilhafter darzuſtellen, als es ſeine Farbe zu⸗ laſſen wollte. So wie er nur in den Hof des Palaſtes Morani trat, war es ihm, als fielen Centnerlaſten von ſeinem Herzen. Die unverhehlte Freude der alten und neuen Diener rührte ihn tief, und als die Thüren des Gartenſaals ſich hinter ihm ſchloſſen und die edle Fürſtin an ſeine Bruſt ſank, da fühlte er eine Begeiſterung, daß er die Hände über ihrem Haupte zum Himmel hob und Gott laut anflehte, Er möge ihm Kraft geben, ſie ſo glücklich zu machen, als ſie es verdiene. Seine Zärtlichkeit hatte etwas leidenſchaftliches— er kniete vor ihr— bedeckte ihre Hände mit Küſſen und ſeine Augen ſchwammen in Thrä⸗ nen. Er zeigte eine ernſte tiefe Aufregung des ganzen Weſens, die ſein ſchönes Geſicht ſo oft veränderte, daß die Fürſtin es nicht überſehen konnte. Aber eine Frau, die dem geliebten Manne eingeſtehen ſoll, daß ſie den Hochzeitstag feſtgeſetzt hat, nimmt einen etwas erhöhten Ausdruck der Liebe ſeinerſeits gern an, und ſo fühlte ſich die Fürſtin ungeſtört glücklich. „Nach der Hochzeit, geliebte Claudia, erzähle ich Ihnen alles in Tein Erlebte mit der treuſten Wahrheit,“ ſo beant⸗ wortete er ihre Nachfragen über ſeine Reiſe—„vorher ver⸗ ſchonen ſie mich! Ich habe ſchwere Stunden verlebt und Sie ſollen meine Vertraute ſein. Sagen Sie mir jetzt, ob dieſer Tag auf morgen feſtgeſetzt iſt?“ „Ich habe nichts dagegen,“ ſagte die Fürſtin—„die Ein⸗ richtungen ſind getroffen— die Prinzeſſin Thereſe wird meine Brautjungfer ſein— der Graf von Reutenberg will Sie beglei⸗ ten— Georg Prey wird uns in der Jeſuiter⸗Kirche in der früheſten Morgenſtunde trauen. Die mir zugedachten Ehren der Kaiſerin habe ich dankbar abgelehnt, damit iſt jeder andere Anſpruch abgewieſen, und dieſer heil'ge Tag gehört uns ganz.“ „Gottlob, meine theure Claudia! denn wahrlich, ich ſehne mich nach einer recht tiefen Stille an Ihrer Seite. Die erfahrenen Auftegungen wollen wieder an ihren Platz verwieſen ſein; es kommt mir vor, als wäre eine Art Unordnung in mir, die Sie mir aufräumen helfen müßten.“ „Und,“ fragte die Fürſtin—„reiſen wir dann denſelben Tag nach Tein ab?“ „Nach Tein?“ rief Lach und ſchreckte empor, als ob er das oft Beſprochene zuerſt hörte—„nein, Claudia, nach Tein können wir nicht!“ Die Fürſtin verſchwieg ihr Erſtaunen. War doch ſeit lange von nichts Anderem die Rede geweſen, als nach Tein zu gehn; war dieſe Reiſe und der Aufenthalt dort, den Lach für ihre Geſundheit nöthig hielt, doch mit der Grund zu einer ſo nahen Beſtimmung des Hochzeitstages geweſen! Doch drängte ſich ihr damit die Ueberzeugung auf, daß Lach dort Unange⸗ nehmes erlebt habe, und daß dieſer veränderte Plan mit dem Verhältniß zu Thomas Thyrnau in Verbindung ſtehe, über welches ſie nach der Hochzeit ſein Vertrauen erwarten durfte. „Wohin denken Sie alsdann, lieber Lach,“ hob ſie daher ruhig an—„Sie wiſſen, die Sitte erfordert eine kurze Abweſenheit?“ „Laſſen Sie uns nach Prag gehen!“ rief Lacy—„Ich beſitze dort einen ſchönen Palaſt mit intereſſanten Sammlungen und werthvollen Familien⸗Andenken. Es ſind ſchöne Gärten dabei, die Luft iſt herrlich und geſund— doch laſſen wir über⸗ haupt die Pläne bis nach der Hochzeit— ich habe Ihnen ſo viel zu ſagen, meine theure Claudia!“ Mit einem wehmüthigen Lächeln blickte die Fürſtin ihn an. Ihr ward plötzlich ſo bang vor dieſen Mittheilungen— ſie fühlte die Haſtigkeit in Lacy's Weſen— wie viel mußte er erlebt haben, was ſein ſchönes ruhiges Gleichgewicht ſo aufzu⸗ heben vermochte! Doch behielt ſie nicht viel Zeit zum Nach⸗ denken, denn der Tag, der dieſer wichtigen Veränderung voran⸗ ging, führte noch manche Pflichten mit ſich, welche die Zeit und die Gedanken der Fürſtin in anderer Beziehung in An⸗ ſpruch nahmen. Der erſte Duft des Morgens ruhte noch um den klaren Himmel; die Straßen Wiens waren noch ſtill von dem Geräuſch der Werkthätigkeit. Nur das Geläut der zahlreichen Glocken dieſer frommen Stadt rief die Gläubigen zu dem erſten Dienſt des Tages in das Haus des Herrn, um ſich in der Frühmeſſe den Segen zu holen für den Betrieb des Tages. Zwiſchen dieſen ſtillen Fußwanderern fuhren zur ſelben Stunde vier prachtvolle Karoſſen hindurch und hielten an dem 168 Hinterpförtchen des Profeßhauſes der Jeſuiten, welches durch einen kleinen Baumgarten unmittelbar in die Kirche Königin der Engel führte. In reicher Kleidung ſtiegen zwei Herren aus dem erſten Wagen, welche an der Pforte ſtehen bleibend uns den Grafen von Lach und den Grafen von Reutenberg zeigen. Aus dem zweiten Wagen, den ſie erwarten, ſteigt die Prinzeſſin Thereſe und ihr folgt die Fürſtin Morani, die über ihrer Silberrobe einen den ganzen Kopf verhüllenden Schleier trägt, der bis auf ihre Füße niederfließt. Der Wagen der Prinzeſſin, der nun folgt, enthält die Gräfin Hautois und Gertrud in koſtbarer Seidenrobe, der vierte Wagen iſt leer und gehört dem Reutenberg. Graf Lach ergreift die zitternde Hand der Fünſin und führt ſie in den Baumgang hinein, an deſſen Ende die offnen Thüren der Kirche ihnen den Hochaltar im Glanze der Kerzen zeigen. Die Bewegung Beider macht ſie ſtumm; aber Lach hält die Hand der Fürſtin viel feſter als nöthig iſt, und ihr dringt durch dieſe feſt gepreßten Fingerſpitzen ein füßer Troſt ins Herz. Dagegen ſchreiten die beiden Folgenden in offner Fehde hinter ihnen her. Die Prinzeſſin iſt in Roſa⸗Silberſtoff, das Haar mit Roſen durchwebt, ſchön wie die Göttin des Tages; aber ſie hat glühende Wangen und ungewöhnlich dunkle blitzende Augen; ſie bekämpft mit Mühe den Sturm in der wogenden Bruſt. In dem Grafen von Reutenberg erkennt ſie ihren ſcharf beobachtenden ſpöttel nden Gegner. Er iſt ſo keck wie ſie ſelbſt; er ſagt ihr, daß ſie in Lacy verliebt iſt, daß ſie ihn nicht aufgeben wird. Er ſieht wie durch einen Flor die Abſichten der Prinzeſſin; ſogar hi guten Gefühle kennt er und neckt ſie, daß ſie eben nicht wiſſe, ob ſie gut oder böſe ſein ſolle, und halb zornig, halb ze ſei. Die Prinzeſſin entgegnet nicht wie ſonſt; ſie 169 iſt zerſtreut, ſie möchte Zeit haben, die vor ihr her Gehenden zu beobachten. Der Graf bleibt im Vortheil und ſie merkt es nicht, wodurch ihm das Vergnügen daran verdorben wird. Georg Prey empfängt die Verlobten an der Schwelle der Kirche— die Fürſtin ſinkt überwältigt vor ihm auf ihre Knie. Er ſegnet ſie und ſeine Stimme bebt und die Fürſtin ſieht einen hellen Tropfen auf ihre Hände fallen. Eine ſanfte Muſik hebt ſo eben an— Lacy führt ſie zum Altar. Georg Prey hat ſeine Faſſung wieder erhalten, er ſpricht rührende kräftige Worte mit ernſter und tiefer Stimme— er legt ihre Hände zuſammen und ſegnet den Ehebund für dieſe Zeitlichkeit unauflöslich ein.— Die Ceremonie iſt vorüber— Lach kniet einen Augenblick vor Claudia hin und küßt ihre Hand. Er iſt todtenbleich, aber er hat nur Augen für Claudia, welche ſeine ganze Sorgfalt bedarf, da ihre Erſchütterung ihr die Kräfte raubt. Er fährt mit ihr in einem Wagen zurück— ſie iſt nun ſein. Er ſagt ihr das ſo oft, daß ihre Thränen in einem Lächeln untergehy— und das Glück, von allen ſeinen läſtigen Vorbereitungen befreit, nun⸗ mehr ſeinen ungetrübten Einzug in ihr Herz hält. Die Prinzeſſin Thereſe ſteht nachdenkend vor dem jungen Manne, der ſie als Herr des Hauſes an der Schwelle empfängt und wie ein Knabe mit allen ſeinen neuen Pflichten anmuthig ſcherzend, Alle in kindlicher Heiterkeit mit ſich fortreißt. Sie verſteht ihn nicht, denn ſie hält ihn dennoch für verändert! Um ſeinen Mund iſt eine fremde Spannung— eine Ermüdung; ſeine Farbe ändert oft und die Augenbrauen ſind tiefer geſenkt — bei Tiſch entſinkt ihm das Glas, woraus er trinken will und er fühlt es nicht, er ſpringt auf, ſeinem Kammerdiener entgegen eilend, der ihm einen Brief bringt. Er lieſt ihn ſogleich; dann erſt ſcheint er ſein auffallendes Betragen zu füh⸗ len; er kehrt zurück und beklagt jetzt erſt die verdorbene Silber⸗ robe der Braut, die dieſe lächelnd ihm präſentirt. 170 Die Prinzeſſin erlebt die Empörung, daß Georg Prey ihr zuflüſtert:„Verliebter ſah ich im Leben keinen Mann!“ ſie muß wahrnehmen, daß die Fürſtin ſeine Meinung zu theilen ſcheint und iſt außer ſich über dieſe unverſchämte Sicherheit, während ſie auf dem Wege iſt, ein Geheimniß anzunehmen, und ihre Gedanken umher kreiſen läßt, die rechte Spur zu finden. Aber die Prinzeſſin war nicht zugegen, als der andere Morgen die Neuvermählten unter dem Schatten hoher Buchen um ihren Frühſtückstiſch vereinte und Lach der edlen Gattin ſein ganzes Herz eröffnete. Die nunmehrige Gräfin Lach erleichterte ihrem Gemahl während dieſer ſchweren und auf⸗ regenden Mittheilung dieſelbe durch den rührendſten Ausdruck der Theilnahme und eine höchſt verſtändige und feine Auffaſſung der beſondern Umſtände. Sie war tief bewegt durch die Nach⸗ richt, daß ihr Liebling— Magda— die ihrem Gemahl zuge⸗ dachte Braut geweſen, und Beide vertieften ſich in der Erin⸗ nerung des Zuſtandes, in welchen Magda an jenem Abend gerathen, als ſie plötzlich in Lach den ihr zugedachten Bräutigam erkannte. Magda's Krankheit bewegte die Gräfin unausſprechlich. Ohne daß Lach es vermocht hätte anzudeuten, ohne daß ſie es ihm ausſprach, verſtanden ſich doch Beide über die rührende Urſache ihres Zuſtandes— und durch Claudia's Seele zog ein tiefes Weh. Die ſtolze Frau fühlte die Schranke der Stände nicht mehr; die Menſchen, die ihr Lach mit ſolchem Feuer ge⸗ ſchildert, wurden ihr zu ſo erhabenen Weſen, daß ſie ihr jeden Vorzug, den ſie bisher anerkannt, weit hinter ſich zu laſſen ſchienen. Magda— Thyrnau waren nun andere Menſchen, zu denen ſie hinauf ſah, und welche ſie innig zu lieben und zu verehren beſchloß. „Ob Thyrnau meiner äußeren Lage ſogar Opfer gebracht, die das Teſtament mir darthun ſollte— ſind Fragen, deren Erledigung ich von einem ſpäteren, ruhigeren Zuſtande erwarten 171 muß. Ihn zu dieſer Mittheilung zu zwingen, in dieſer uns Alle ſo erſchütternden Zeit, da er meine Unterwerfung unter ſeinen Willen als einen Erſatz, als einen Troſt von mir forderte, ſchien mir ſo unedel, daß ich es gewiß unterlaſſen hätte, ſelbſt wenn mein tiefes Gefühl für das Erlebte es mir nicht faſt gleichgültig gemacht hätte.“ „O Lacy,“ ſagte die Gräfin—„unterſtützen Sie mich bei dem Verſuche, mich dieſen edlen Menſchen anzuſchließen— helſen Sie mir die Freundſchaft dieſes Thyrnau zu erringen. Ich aber will mit dem Beſten, was in mir iſt, ſtreben, um die Liebe dieſer herrlichen Magda zu gewinnen, in der ich mich nicht täuſchte, als ich ſie ſo früh ſchon liebte— ach— und die ich nicht ahnte ſo grauſam beraubt zu haben! O Lach, welch' eine würdige Gefährtin wäre ſie Ihnen geweſen!“ Bei dieſen Worten ſtand ſie überflutet von den ange⸗ ſchwollenen Gefühlen ihres Herzens auf und Lacy ſah, daß eine große Qual ſie erſchüttere. Er eilte ihr liebevoll nach und nahm ſie zärtlich in ſeine Arme.„Claudia,“ ſagte er dann ernſt und eiftig—„gehen wir ruhig und feſt auf dem Wege der Wahrheit und geben wir es Beide nicht zu, daß wir in Träumereien gerathen, wie ſich die Verhältniſſe auch anders hätten geſtalten können! Daß es grade Magda war, dies, wie ich erkennen muß, edle und ungewöhnliche Weſen, welche mir von meinem Oheim und dieſem herrlichen Thyrnau zur Gattin beſtimmt ward, ſtellt das reine Verhältniß meiner Hochachtung und meines Vertrauens zu ihrer Einſicht ſo ſchön in meinem Herzen wieder her, daß ich in Wahrheit ſagen kann, ich hätte mir keine voll⸗ ſtändigere Auflöſung denken können. Danit ſchließe ich aber jede weitere Betrachtung ab, und dies Gefühl theilte mein edler Thyrnau eben ſo wie Magda, ſo vollſtändig, daß ich nach mei⸗ nem Bekenntniß unſerer Verlobung auch kein Wort mehr gehört habe, was mich noch an Verbindlichkeiten erinnern konnte, die Thyrnau doch früher ſo geneigt war, gegen mich geltend zu machen.“ Ach,“ entgegnete Claudia,„müßten wir nicht zu ihr, mein Freund?— Ich müßte ſie pflegen, ich müßte ſie über⸗ zeugen, daß wir fortan nur eine Familie ſein können, daß ſie unſerm Glück nicht fehlen darf!“ „Nein,“ rief Lacy lebhaft ſich wegwendend, indem ſein ganzes Geſicht erröthete—„das kann nicht ſein! Das wäre weder klug noch ſchonend für uns Alle! Wir müſſen der Zeit nicht voran eilen wollen; ſie wird gewiß mildernd für uns ein⸗ ſchreiten und, wie ich zu Gott hoffe, das endlich herbeiführen, was Sie, meine edle Freundin wünſchen. Aber jetzt dieſes Reſultat erzwingen wollen, würde es vielleicht für immer un⸗ möglich machen!“ Die Gräfin ſchwieg. Sie bedachte, wie edel und zart Alle gegen ſie gehandelt; ſie wußte, daß dieſe Mittheilung ihres Gemahls— vierundzwanzig Stunden früher— ſie zum ent⸗ ſchiedenſten Widerſpruch gegen ihre Vermählung mit ihm ver⸗ mocht haben würde, und ſah leicht ein, daß er daſſelbe denkend ſie eben deshalb bis zu dem Augenblick verzögert, wo das heiligſte Verhältniß unter Beiden unwiderruflich geworden war. O— ſeufzte ihr Herz— möge, was ihn leitete, nicht blos Ehren⸗ haftigkeit geweſen ſein! Sie hob ihre Augen ſchüchtern zu ihm auf. Er hatte den Kopf in die Hand geſtützt und ſah nachden⸗ kend auf den kleinen Tiſch, an den ſie ſich wieder geſetzt. Wie ſchön war er und wie ruhig war dieſer Ausdruck trotz der Schwer⸗ muth, die ſeine Stirn bewölkte! Aber er fühlte ihren Blick— er richtete ſich ſanft ihr entgegen und ſagte faſt ſchüchtern:„Wollen wir nach Prag gehn— ihrem Schmerzenslager ſo viel näher?“ „O ja! nach Prag!“ rief ſeine Gemahlin— wir wollen ſie wie unſichtbare Freunde umſchweben! Kommt dann die Zeit, die Sie noch erwarten wollen, dann dürfen wir ſagen: So nah⸗ 173 als wir durften, haben wir Dich umgeben— Du warſt, wenn auch äußerlich getrennt, doch innerlich mit uns vereint und be⸗ ſtimmteſt unſere Handlungen.“ Mit inniger Zärtlichkeit nahm Lach dieſe Entgegnung ſeiner Gemahlin hin und man beſchloß am Abend abzureiſen und Hedwiga und Georg Prey, deſſen Schülerin ſie geworden war, mitzunehmen, da Egon bereits in Wien gefeſſelt war. Die Kaiſerin hatte nämlich, von Claudia's Ahnungen und einigen von ihr ſelbſt gehegten Vermuthungen geleitet, beſchloſſen, die Gelegenheit zu geben, welche Egon eine adliche Erziehung ver⸗ ſchaffen konnte, und da ſeine unbekannte Geburt den Eintritt in ein ſolches militäriſches Lehrinſtitut nicht auf gewöhnlichen Wegen zuläſſig machte, befahl die Kaiſerin ſeine Aufnahme als kuaiſerlichen Penſionär ohne weitere Nachfrage ſeiner Geburt, für welche ſie ſelbſt die Bürgſchaft übernahm. Dies war eine hohe Gunſt; denn das adliche Inſtitut, nach welchem er ſogleich in militäriſcher Kleidung verſetzt ward, gehörte zu den beſten vorhandenen, und dem Befähigten war jede Gelegenheit gegeben, die Bildung zu erreichen, durch die man ſich damals auszeichnen konnte. Auch war Egon mit wahrem Heißhunger über all die herrlichen Dinge hergefallen, die ihm dort geboten wurden, und das kaiſerliche Geheimniß, wie man ihn bald in der Anſtalt nannte, machte den Anlauf, wenigſtens Feldmarſchall zu werden. Lacy fühlte ſich nach der Mittheilung an ſeine Gemahlin ungemein erleichtert und das lebhaft erneute Gefühl, welch' eine edle ausreichende Freundin er in ihr befitze, welch' ein ſchönes Verſtändniß ſich immer aufs Neue unter ihnen befeſtige, war der ſanfteſte Troſt, den er nach ſo ſchmerzlicher Aufregung er⸗ fahren konnte. Der ſehnlich erwartete erſte Brief von Thomas Thyrnau, den er geſtern an ſeinem Hochzeitstage empfangen, gab Hoffnung für die Geneſung Magda's, und wenn dieſe ſchreck⸗ liche Verantwortung nur von ſeiner Seele genommen war, Magda nur dem Leben erhalten blieb, dann— hoffte er— würde auch ihm die alte Geſtalt der Dinge zurück kehren und er das Glück genießen können, von dem er ſich jetzt in einer Art Pietät gegen die dadurch verſchuldeten Leiden verſchüchtert fühlte. Im Begriff, ſich nach dem Militair⸗Inſtitut zu begeben, wo Egon erzogen ward, um Abſchied von ihm zu nehmen, hielt ihn eine Sendung des Staatskanzlers davon zurück, welche ihn aufforderte, ſich in derſelben Stunde nach der Staatskanzlei zu begeben. Solches Gebot hatte der Graf, obwol in keinem ausge⸗ ſprochenen Dienſtverhältniß, dennoch ſtets mit der Ehrerbietung aufgenommen, welche Kaunitz ihm einflößte, und er eilte daher ohne Aufenthalt nach der kaiſerlichen Staatskanzlei, welche zu⸗ gleich das Hotel des Miniſters war. Kaunitz empfing den Grafen in ſeiner kleinen Bibliothek, welches Zimmer er immer zu Konferenzen in beſonders geheimen Angelegenheiten benutzte, und Lach konnte auf den erſten Blick bemerken, daß der Graf in einer gereizten und geſpannten Stimmung war, denn ſeine breiten Lippen waren in ſolchen Fällen zuſammengezogen und ſo nach Innen gekniffen, daß der Mund eine Linie bildete. Er hielt ſich dann noch etwas weiter hinten über gebogen und ſein ohnehin ſehr mienenloſes Geſicht ſchien ſich ganz zu verſteinern. „Mein gnädigſter Graf,“ rief Lach, als er ihn ſo da ſtehen und ihn mit durchdringenden Augen beobachten ſah—„ich will hoffen, es iſt nichts Unangenehmes vorgefallen?“ „Wie kommen Sie ſogleich darauf, Herr Graft“ entgeg⸗ nete Kaunitz kalt und ohne ſeine Stellung zu ändern—„er⸗ warten Sie etwas Unangenehmes, da Sie es überall ohne weitere Veranlaſſung ſehen?“ 175 Der Graf wußte ſogleich, daß er eine Unbeſonnenheit be⸗ gangen habe; denn der Staatskanzler, welcher ſich mit vollem Rechte für den ausgezeichnetſten Diplomaten der damaligen Zeit hielt, rechnete dazu vor Allem eine vollkommene Beherrſchung des Aeußeren, er glaubte ſie im höchſten Grade zu beſitzen und fühlte ſich durch nichts leichter verletzt, als durch eine Andeu⸗ tung, als habe man an ſeinem Aeußern eine Wahrnehmung machen können. „Die Stunde, in welcher Euer Gnaden mich befohlen haben,“ ſagte Lacy—„ſchien mir ungewöhnlich! Es iſt, denke ich, die Zeit, welche die Kaiſerin ſonſt in Anſpruch nimmt.“ Bei dieſen Worten veränderte Kaunitz zuerſt ſeine bisherige ſteife Stellung und indem er ſich einem Lehnſtuhl nahte, winkte er dem Grafen ſich niederzulaſſen, indem er ſelbſt Platz nahm und ein Paket Papiere, die er in der Hand hielt, auf einem Tiſche neben ſich niederlegte. „So iſt es allerdings in der Regel der Fall,“ ſagte er dann trocken—„Ihro Majeſtät haben aber in Ihrer heutigen Stim⸗ mung für gut befunden, unſer Beiſammenſein abzukürzen, damit mir Zeit bleibe, die Auskunft zu erlangen, welche die Kaiſerin ſogleich zu erhalten wünſcht.“ Er hielt inne und ſchien eine Frage oder eine Aeußerung des Grafen zu erwarten. Dieſer fühlte aber zu genau, er habe es heute nur mit dem Miniſter zu thun, und hatte ſich daher in die kalte Stellung zurückgezogen welche ihm jede Abweiſung von dem ſtolzen Manne erſparte, da er ſelbſt zu ſtolz und leicht gereizt war, um der ſteifen Haltung des Grafen gegenüber ſich vollſtändige Ruhe zutrauen zu dürfen. Kauniß begann daher ſeine goldene Tabatiere zwiſchen den Fingern herum zu drehen und heftete dann ſeine Augen durch⸗ dringend auf den Grafen. Mein Herr,“ hob er dann an— „Sie haben mich nach Frankreich begleitet, Sie haben mein 176 Vertrauen beſeſſen und ſind zu Geſchäften gebraucht worden, die wichtig waren und zu denen Ihre unabhängige Stellung mir gerade wohlgefiel und mein Vertrauen vermehrte.“ Der Graf verneigte ſich kalt. „Sie haben dadurch den Schlüſſel zu dem politiſchen Syſtem bekommen, welches ich entſchloſſen bin fortan meinem Vater⸗ lande ſtatt des bisher befolgten zu geben. Dies Syſtem, mein Herr, gebietet einen offnen und vollkommenen Anſchluß an Frankreich; die nöthigen Schritte wurden ſeit lange von mir dazu vorbereitet— und Sie wiſſen das zum Theil! Meine er⸗ habene Herrſcherin ergriff mit ihrem großen Geiſte den wahr⸗ haften Vortheil dieſer politiſchen Umänderung, obwol ſie viel darüber mit alten tief wurzelnden Anſichten in ſich ſelbſt zu kämpfen hatte; aber ſie war dennoch die einzige Unterſtützung, die ich hier fand. Das alte Gleis,“ ſetzte er ſarkaſtiſch hinzu— „worin man ſich bewegt, iſt ausgetreten, die Füße ſtecken darin feſt; weil man zu ungeſchickt iſt, ſie herauszuziehn und den Weg einzuſchlagen, der noch neu, keine Spuren eines Votgän⸗ gers zeigt, glaubt man, es ſei ein Irrweg! Man erträgt lieber jedes Uebel und rechnet es einem unvermeidlichen vom Himmel fallenden Unglück zu, als daß man der natürlichen Ausle⸗ gung folgt und ein altes Joch abſchüttelt, das uns eben nieder hält und die Freiheit beſchränkt, unſere Kräfte brauchen zu können.“ „Selbſt der Kaiſer iſt mein entſchiedener Gegner; alle Miniſter, alle Generale, der ganze Staatsrath rebellirt gegen mich. Genug, ich habe nur eine Stütze— und das iſt die Kaiſerin— und dennoch iſt ſie beſtändig und von allen Seiten und von den liebſten Seiten angegriffen, und fühlt dann aufs Neue Zweifel entſtehn; denn auch ſie iſt in dem Syſtem erzogen, das ſchönſte Nachbarland, Frankreich, ihren natürlichen Alliir⸗ ten, mehr zu fürchten als ihm zu vertraun.“ 177 „Deſſen ungeachtet war ich auf einen Punkt gekommen, der mich zum Sieger erklärte. Die Kaiſerin hatte im Staats⸗ rath mit der Energie ihres Geiſtes mein Syſtem verfochten; ſie war ſelbſt da noch ſtandhaft geblieben, als der Kaiſer mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug und dieſe Allianz unnatürlich nannte; und mir war demnach volle Freiheit gegeben, die höchſt geheim zu haltenden Unterhandlungen fortzuſetzen. Wichtiger als alles Andere war es jetzt, das Vertrauen der Kaiſerin gegen Frank⸗ reich ungeſtört zu erhalten. Was ſagen Sie dazu, mein Herr! war es ſo?“ Der Graf konnte ſein Erſtaunen bei dieſer Frage kaum unterdrücken. Der Staatskanzler hatte bei Berührung der großen politiſchen Kombinationen, von denen Lach wußte, daß ſie ſeinen Geiſt als das wichtigſte Ereigniß der Zeit berührten. wieder die Vertraulichkeit des Tons bekommen, die er gegen ihn ſeit ihrer Anweſenheit in Paris anzunehmen gewohnt war, und Lach, der die großen Gedanken des Miniſters ſympathetiſch getheilt hatte, vergaß, ihm zuhörend, die Sonderbarkeit dieſer überſichtlichen Mittheilung, da der Staatskanzler ihn ſchon als unterrichtet kannte, und theilte nur aufs Neue die Bewegung, mit der er den Widerſtand ſah, den dieſer große Staatsmann erfahren mußte und der, wie es ſchien, nicht ermüden wollte. Dagegen ließ dieſe letzte Frage und der Ton, wonit ſie ausge⸗ ſprochen ward, zuſammenfallend mit dem Empfang des Mini⸗ ſters, den Verdacht in ihm entſtehn, dies Beides eigentlich ſei die Urſache ſeiner Berufung und jener Zwiſchenſatz eine Art Hingebung, die er mehr der Gewohnheit des Grafen verdanke, darüber mit ihm zu reden. Ganz im Unklaren, was er eigent⸗ lich wolle, blieb Laey ſtumm und ſuchte nur durch eine eingehende Bewegung anzudeuten, daß er ganz der Meinung des Miniſters ſei. »Mein Herr,“ rief Graf Kaunitz lebhaft auſſtehend—„ich glaube, ich frug Sie um Ihre Meinung, ob das Vertrauen der Thomas Thyrnau. H. 12 178 Kaiſerin gegen Frankreich zu erhalten jetzt wichtig ſei? Warum beehren Sie mich mit keiner Antwort? Wird ſie Ihnen ſchwer mir zu geben, da Sie vielleicht ſchon ahnen, daß ich von Allem unterrichtet bin, was von Böhmen aus geſchehen iſt, dies kaum entſtandene Vertrauen der hohen Kaiſerin zu er⸗ ſchüttern?“ „Euer Gnaden,“ ſagte Lach kalt und ebenfalls aufſtehend — müſſen die Gewogenheit haben, ſich deutlicher zu erklären. Es wird ſich hier um wichtigere Antworten handeln, als die, welche Sie eben fordern, da Euer Gnaden nach den Jahre lang von mir getheilten Bemühungen grade bei dieſem Gegenſtand keinen Zweifel über meine Antwort haben können, und dies ein unpaſſendes und jeden Falls zu ſpät kommendes Examen über meine Geſinnungen ſein würde.“ Der Staatskanzier biß ſich in die Lippen. Aber als er den Grafen ſo unerſchrocken vor ſich aufgerichtet ſtehen ſah, mit ſo ernſtem Angeſicht, wendete er ſich um und wandelte langſam bis an das Ende des Zimmers, indem er eine große Portion Spaniol ſchnupfte und die Doſe pfeifend auf und zu ſchlug. Als er ſich wieder umdrehte, hatte er ſeine volle Selbſtbeherr⸗ ſchung zurück; er näherte ſich dem Tiſche.—„Dieſes Mißtrauen⸗ mein Herr Graf,“ fuhr er gemeſſen fort— iſt in dieſem Augen⸗ blick mit großer Bitterkeit in Ihrer Majeſtät wieder erregt wor⸗ den. Es wird Ihnen nicht unbekannt ſein, wie vor Jahren, noch bei Lebzeiten des hochſeligen Kaiſers, ein nie ganz aufge⸗ klärter Verdacht auf Böhmen ruhte, als ob durch ſeine übelge⸗ ſinnten Großen vermittelt, es einem Plane zu einem ſelbſtſtän⸗ digen Königreiche unter der Oberherrlichkeit eines franzöſiſchen Prinzen beigetreten ſei. Die Sache iſt mehr unterdrückt als unterſucht worden; aber es blieb dieſer Verdacht ein Stachel in der Bruſt der Kaiſerin, den ſie bei der leiſeſten Berührung fühlte, und ſie gegen den Adel Böhmens, den ſie außerdem 179 immer widerſpenſtig fand, ſiets mißtrauiſch bleiben ließ, zugleich aber einen Vorwurf gegen Frankreich in ihr unterhielt, den ſie geneigt war, bei vielen Gelegenheiten durchblicken zu laſſen.“ „Nach den von mir gemachten Erfahrungen glaubte ich mit Entſchiedenheit dieſen Anſichten entgegen treten zu können. Aber die Partei, die, antiftanzöſiſch geſonnen, alles aufſucht, einen möglichen Anſchluß an dieſe Macht zu verhindern, hat Nittheilungen zu ſammeln geſucht; und von einem kleinen be⸗ nachbarten Hofe, vom alten Fürſten von S., gehen plötzlich Nachrichten ein über dieſen böhmiſchen Hochverrath, und indem man eilt, wie man hinter meinem Rücken geſammelt, ſo auch hinter meinem Rücken der Kaiſerin die Verdachtsgründe beizu⸗ bringen, nennt man zugleich den Namen, den ich erſt vor kur⸗ zer Zeit der Kaiſerin als empfehlenswerth bezeichnete.“ Der Staatskanzler hielt wieder inne und ſeine kalten durch⸗ bohrenden Blicke wurzelten auf Lach. „Mein gnädiger Graf,“ rief dieſer—„Sie können es nicht verantworten, mich ſo zu quälen! Hier muß von wichtigen Ver⸗ dachtsgründen die Rede ſein, bei denen auf irgend eine Weiſe mein Name genannt ſein muß, da Euer Gnaden nicht anſtehn, in ſo ſonderbarem Tone mit mir zu ſprechen. Auf das Drin⸗ gendſte bitte ich um eine Erklärung!“ „Sie ſoll Ihnen werden,“ entgegnete Kaunitz—„und die Kaiſerin hat mir befohlen, ſie von Ihnen zu fordern.“ Er nahm ein kleines Blatt unter den vorerwähnten Papieren, wor⸗ auf ohne Zweifel ein resumé deſſen ſtand, was der Graf zur Sprache bringen wollte.„Hier zeigt ſich“— ſprach er dann weiter—„daß der Fürſt von S. von einer geheimen Unter⸗ handlung unterrichtet iſt, welche der böhmiſche Adel mit Frank⸗ reich angeknüpft, und welche ein verſchlagener gewandter Mann, der damals an ſeinem Hofe vom Nachbarſtaate accreditirt war, leitete. Es ſcheint, der Fürſt hatte Urſache gegen dieſen Mann 12* Verdacht zu hegen, und er wußte die Briefe, die an ihn ein⸗ trafen, ſelbſt wenn ſie Couriere brachten, früher zu leſen, als der Eigenthümer. Er ſah daraus, daß dieſer Mann tief in jenen Plan verwickelt war, und all ſeine übrigen Angelegen⸗ heiten und offenbaren Funktionen nur zum Schein betrieb, um ſo unentdeckter jene Angelegenheit dahinter zu leiten. An der Spitze dieſer hochverrätheriſchen Verſchwörung ſtand Graf Lach Wratislaw, Ihr Oheim, mein Herr!“ „Ha!“ rief der Graf—„mein würdiger Oheim? Wer wagt das zu behaupten?“ Der Miniſter hatte ihn mit angehaltenem Athem beobachtet. Als er ihn bleich und außer ſich auf ſich zu ſtürzen ſah, als wolle er ihn zur Rechenſchaft ziehn, ward ſein Geſicht milder. „Ruhig! ruhig, junger Mann!“ ſagte er im ſelben Tone —„Sie werden Zeit behalten zur Rechtfertigung, darum hören Sie weiter! Der Agent des Grafen von Lach, derjenige, der als Abgeſandter bei dem Fürſten von S. lebte— war Herr Thomas Thyrnau, der Vertraute Ihrer Familie, derſelbe Mann, der noch jetzt eine ſo große Gewalt über Sie ausübt, daß Sie ſich, wie es ſcheint, von ihm bedroht fühlen.“ Der Graf wechſelte jetzt die Farbe bis zum glühendſten Roth.„Euer Gnaden ſind im Irrthum! Als ich Dieſelben noch mit väterlichen Geſinnungen mir zugethan denken konnte, habe ich eine vertrauliche Mittheilung über dieſen ſonderbaren Mann nir zu machen erlaubt. Euer Gnaden ſind geneigt, dies Vertrauen jetzt gegen mich benutzen zu wollen, indem Sie ſich der Thatſachen nicht vollſtändig zu erinnern ſcheinen. Nicht abhängig fühle ich mich von Thomas Thyrnau, und mein geſtriger Schritt— indem ich meine Vermählung mit der Fürſtin Morani vollzog— widerlegt eine ſo beleidigende Abhängigkeit, als hier angedeutet wird, da dieſer ftühere Anſpruch mich zum Gemahl ſeiner Enkelin beſtimmte!“ 181 „Gewiß muß dieſer Anſpruch auffallen,“ erwiederte Kaunitz — er läßt durchaus auf geheime und ſehr gebieteriſche Umſtände ſchließen, die Ihren Oheim, von dem Sie mir, denke ich, ſelbſt ſagten, er ſei ein adelſtolzer Mann geweſen, bewegen konnten, eine ſo ungleiche Verbindung knüpfen zu wollen, die unmöglich mit ſeinen Grundſätzen übereinſtimmen konnte.“ „Ich kenne auch noch jetzt die Gründe nicht, welche meinen Dheim zu einer Beſtimmung veranlaßten, die mindeſtens auf⸗ fallend iſt, und nachdem ich meine Freiheit bei Thomas Thyrnau unverkürzt fand, habe ich ſeinen Wunſch erfüllt und die Erklä⸗ rung über ſeine früheren Anſprüche nicht von ihm begehrt.“ „Deſſen ungeachtet kann Ihnen die Stellung und die Wirkſamkeit dieſes Mannes nicht fremd geblieben ſein?“ fragte der Staatskanzler forſchend— Lacy ſchwieg— er ſenkte die Augen zur Erde— es war eine peinliche Pauſe. „Empfingen Sie nicht bei Ihrer Abreiſe nach Paris von Thomas Thyrnau Empfehlungsſchreiben dorthin, die Sie alle abgaben, und Gelder und Geſchenke an wichtige Perſonen?“ Nach einer abermaligen Pauſe ſagte der Graf:„Ja, dies war der Fall!“ „Das geſtehen Sie ein?“ rief Kaunitz mit einer Heftigkeit, die doch vom Schmerz kaum zu unterſcheiden war—„und wiſſen Sie, daß dieſe Menſchen Alle verdächtig waren? Daß ſie die bezeichneten Agenten dieſer franzöſiſchen Intrigue waren?“ „Davon habe ich keine Kenntniß gehabt,“ erwiederte Lach ruhig—„Ich habe dieſe Aufträge ausgerichtet, von denen mir geſagt ward, daß ſie wichtig wären. Mit den Perſonen, die ſie empfingen, bin ich in keine weitere Verbindung ge⸗ treten; ſie haben mich weder außufinden geſucht, noch habe ich in den Verhältniſſen, die mir näher ſtanden, Veranlaſſung gehabt, ſie wiederzuſehn.“ „Und können Sie ſagen,“ entgegnete Kaunitz ſtreng— „daß Ihnen die Verhältniſſe völlig fremd waren, in denen dieſer Thyrnau zu den Briefempfängern ſtand?“ „Dieſe Frage, Herr Staatskanzler, führt zu weit! Ob ich verpflichtet werden kann, ſie zu beantworten, muß ich der Zeit überlaſſen. Ich habe hier nurzu ſagen, was ſich auf mein perſönliches Verhältniß bezieht— dies iſt geſchehn!“ „Mein Herr,“ erwiederte Kaunitz mit Kälte—„ich hatte den Wunſch, Ihre unangenehme Lage gegen die ſtreng anbe⸗ fohlenen Maaßregeln ihrer Majeſtät zu ſchützen. Vielleicht hoffte ich, in Ihrer offenen Erklärung bloß Unbeſonnenheit zu finden wie die Möglichkeit, die Folgen für Sie zu mildern. Die Zu⸗ rückhaltung, mit der Sie mein Vertrauen vergelten, lähmt meinen Einfluß! Die Kaiſerin hat befohlen, alle dabei kompro⸗ mittirte Perſonen zu verhaften; der wachthabende Offizier im Vorzimmer wird Ihren Degen empfangen.“ Lacy fuhr auf.„Und Thomas Thyrnau? Was wird ihm geſchehen?“ „Er wird in den nächſten Tagen verhaftet werden. Das Specialgericht, welches auf Befehl der Kaiſerin zuſammen be⸗ rufen, wird dieſe Sache mit aller Strenge zu richten haben und ich werde ſelbſt Alles anwenden, um dieſes ſo lang im Finſtern geſponnene Gewebe ans Tageslicht zu ziehn.“ „Und können Eure Gnaden dieſen über mich verhängten Ausſpruch nicht mildern? Wenn Thomas Thyrnau verhaftet werden muß, ſo iſt es für mich von unſchätzbarem Werth, meine Freiheit zu behalten. Ich muß dann nach Prag— ſelbſt nach Tein— die Folgen können ſchrecklich ſein!“ „Sie wiſſen nicht, was Sie ſprechen,“ ſagte Kaunitz hart—„was Sie mir ſo eben vorſchlagen, iſt eine ſehr naive Propoſition für den, der ſich als verdächtigt an einem hochver⸗ rätheriſchen Komplott anſehen muß!“ 183 „Es iſt nicht möglich, daß Sie das denken!“ rief Lach⸗ ganz außer ſich auf Kaunitz zuſtürzend.„Sagen Sie mir, wie es möglich war, gegen mich Verdacht aufzufinden— ſagen Sie mir, was Sie gegen mich ſtimmen konnte? Ich will Alles ſo offen und treu beantworten, als ſtände ich vor meinem Vater, und dann wird wenigſtens die Kränkung, ſich in mir geirrt zu haben, von Ihrer edeln Seele genommen ſein, und das iſt mir jetzt ſo viel werth als meine Freiheit!“ Kaunitz ſenkte den feſten durchbohrenden Blick, womit er jedes Wort des jungen Mannes zu erſchüttern geſucht, jetzt auf den Boden.„Was habe ich ſeit geſtern gelitten,“ ſagte er dann, wie zu ſich ſelbſt—„ich glaube nicht daran! Es ſind entweder Lügen oder verjährte Thorheiten! Aber Andere wollen daran glauben, weil es das wirkſamſte Mittel iſt, die Kaiſerin in ihren günſtigeren Entſchlüſſen für Frankreich zu er⸗ ſchüttern, und ſo iſt— ſo wird es wichtig genug!“ „Aber Sie ſprachen von Dokumenten,“ rief Lach—„wer kann dieſe geſchmiedet haben? Wie kamen ſie in die Hände des Fürſten von S.? Warum glaubt man ihm, da er wenig ehrenvoll bekannt iſt, und die hohen Herrſchaften ſelbſt den Sohn gegen ihn in Schutz nehmen?“ „Junger Mann,“ ſagte Kaunitz mit einem verächtlichen Zucken des Mundes—„wer bleibt der Wahrheit treu, wenn ſie nicht mehr unſern Abſichten dienen will? So lange die Dinge gleichgültig ſind, außer Beziehung ſtehen zu den in uns verfolgten Intereſſen, laſſen wir ihnen ihre Geltung— gut odet übel.— Die Lüge aber wird zur Wahrheit, der wir fol⸗ gen, wenn ſie ausſagt, was unſerer Leidenſchaft dient!— Dieſer Fürſt von S.iſt plötzlich ein wichtiger Mann geworden! Sein Sohn hat einen Auftrag bekommen, der ihn noch länger von Wien entfernt hält, um den Vater, der ſich als ein ge⸗ treuer Reichsfürſt zeigt, nicht unangenehm zu berühren. Die 184 Prinzeſſin Thereſe hat ihn empfangen müſſen— und— doch wozu das?“ unterbrach er ſich, und dieſe Mittheilung ſchien ihn faſt gegen ſich ſelbſt zu erzürnen—„Alle Dieſe werden dennoch erfahren, daß Recht und Wahrheit in ſtarker Hand ruhen.“ „O,“ rief Lach, tief erregt von der Lage des großen Mannes—„jetzt, jetzt, wo es ſo nöthig iſt, daß treue, zu⸗ verläſſige Männer Ihnen nahe ſind, jetzt laſſen Sie mich mei⸗ nen alten Platz einnehmen, mit Ihnen arbeiten, forſchen und die Wahrheit zu Ehren bringen.“ „Das bietet mir ein Lach an!“ rief Kaunitz—„deſſen Name bezichtigt wird, durch drei Generationen immer ein und denſelben Plan verfolgt zu haben— gerade dieſen Plan, Böh⸗ men durch einen franzöſiſchen Prinzen zu einem von Oeſterreich unabhängigen Königreich zu erheben? Ihr Großvater— Ihr Dheim— Ihr Vetter— Sie ſelbſt ſtehen auf der Liſte!“ „So find wir durch drei Generationen hindurch verläum⸗ det worden und ich, der Letzte dieſer gemißhandelten Lacy's, werde den geſchmähten Namen zu vertheidigen wiſſen. Wäre der. Augenblick da, wo ich meinem Richter ſtehen könnte!“ „O,“ ſagte Kaunitz mit mehr Theilnahme, als er zeigen wollte—„man hat Sie getäuſcht! Wenn Sie unſchuldig ſind, ſo gehen Sie ſelbſt großen Entdeckungen entgegen. Aber meine perſönliche Anſicht darf hier nicht entſcheiden. Dieſe Unterredung iſt mir zugeſtanden, um Ihre Schuld zu entdecken, nicht den Verdacht gegen Sie zu entkräften. Sie wird fürs Erſte unſere letzte ſein; doch darf ich Ihnen das Recht Ihrer Geburt zugeſtehn— Sie werden auf Ihr Ehrenwort Haus⸗ atreſt erhalten.“ „Und dies Ehrenwort, mich jeden Augenblick jeder Ver⸗ fügung ſogleich zu ſtellen, wird es nir nicht geſtatten, jetzt nach Tein zu gehn, jetzt, wo Thyrnau es ſo bald verlaſſen wird, und ſeine Enkelin in Lebensgefahr iſt?“ 185 „Dieſer Gegenſtand verwirrt jedesmal Ihre Einſicht,“ ſagte Kaunitz—„Wie wäre dies möglich? Denken Sie doch — zu Thomas Thyrnau nach Böhmen! Den Heerd der Ver⸗ ſchwörung, wie man wähnt— zu dem Hauptanführer!“ „Ja, es iſt unmöglich,“ ſagte Lacy mit einem tiefen Seufzer—„ſo ſei uns denn Gott gnädig!“ Der Ausdruck ſchmerzlichen Kummers, der ſich auf dem Angeſichte des jungen Mannes zeigte, gehörte offenbar ſeinem Privatintereſſe an, und Kaunitz war ein zu tiefer Menſchen⸗ kenner, um dies nicht außzufaſſen; aber es war ihm in jeder Hinſicht unangenehm, den jungen Mann ſo haltungslos zu finden. Er wollte dies zu ſolcher Wichtigkeit erhobene Komplott in Richts zerfallen ſehn, und hätte alle Betheiligte mit ſeinem Geiſt, mit ſeiner ſcharfen Polemik durchdringen mögen; denn er mit ſeinem feſten Blick und ſeiner großartigen Sicherheit fürchtete kein Komplott gegen den Staat. Er fürchtete jetzt nichts, als daß frühere Thorheiten dieſer Art vielleicht nicht vollſtändig genug als aufgelöſt dargethan werden könnten, und ſo war er heimlich darauf bedacht, indem er dem Komplott nachzuſpüren alle Sorgfalt anwendete, zugleich die Vertheidi⸗ gungsmittel aufufinden, die den Angeklagten zugänglich zu machen ihm nöthig ſchien. Der Staatsmann dominirte dabei den Menſchen. Das Komplott ſoll ſich unbedeutend und beſei⸗ tigt erweiſen. Die Betheiligten der Strafe zu entziehen, fiel ihm nicht ein, und, ausgenommen gegen Lach, den er zu retten wünſchte, weil er ihm ein näheres Intereſſe einflößte, wollte er die größte Strenge anwenden; denn er wußte ſich der arg⸗ wöhniſchen Beobachtung bloßgeſtellt, und hatte dieſe Stimmung ſelbſt von der maaßlos erzürnten Kaiſerin zu erwarten, welche ſich durch einige entgegen kommende Schritte gegen Frankreich ſchon jetzt außerordentlich kompromittirt hielt und Kaunitz da⸗ raus einen ſein Anſehn bedrohenden Vorwurf machte. Er hatte gehofft, durch Lacy ſogleich einige Aufklärungen zu bekommen; ihn wenigſtens, den er der Kaiſerin ſo warm empfohlen, vollſtändig von den Verdächtigen trennen zu können. Seine moraliſche Ueberzeugung abgerechnet, hat er dies Reſultat nicht erreicht, und er mußte fürchten, der junge Mann werde, durch ſeine eignen Angelegenheiten niedergedrückt, der rechten Faſſung entbehren, die er ihm doch in jeder Beziehung wünſchte. „Ich muß Sie jetzt entlaſſen,“ ſagte er daher, nachdem er dem trüben Selbſtvergeſſen des jungen Mannes ein Weilchen zugeſehn—„und fordere Sie dringend auf, ſich zu ſammeln und Ihre Gedanken von jedem anderen Intereſſe abzuziehn, allein es dieſer wichtigen Angelegenheit zuzuwenden. Denken Sie, daß es dem Namen Lacy gilt, daß die Männer, die Ihnen am nächſten ſtanden, in Ihnen ihren Vertheidiger haben müſſen, da der Tod ihre eigne Macht gebrochen. Denken Sie auch, daß ich nichts erwieſen wiſſen will, als daß Alles Nichts — Thorheit— oder antifranzöſiſche Kabale iſt.“ Lacy richtete ſich wie ein Kranker auf, der bemüht iſt, der Schwäche entgegen zu wirken, die ihn niederbeugt.„Ich werde das heilige Intereſſe, was ich zu vertreten habe, nicht verkennen,“ ſagte er mit Faſſung—„und bitte jetzt über mich zu verfügen.“ 3 Kaunitz rührte die Glocke. Er befahl den Offizier, der im Vorzimmer die Wache hatte. „Mein Herr,“ ſagte er zu dem Eintretenden—„Sie werden die Ehre haben, den Grafen von Lacy nach ſeinem Palais zu begleiten, dort ſeinen Degen im Empfang nehmen und ihn mir ausliefern.“ Er grüßte Lach mit der Hand und zog ſich nach ſeinem Kabinet zurück. Im nächſten Augenblick ſaßen Lach und der Offizier im Wagen und beide fuhren bald darauf in den Palaſt Morani 187 ein, wo die Linden noch blühten und die Bienen in ihren Blüthen ſchwelgten; wo Hedwiga mit Gertraud vor einem offenen Reiſewagen ſtand, deſſen innere Schönheit ſie jubelnd bewunderten, während die Diener die Koffer daran zu befe⸗ ſtigen ſuchten. Lacy's Herz ſchwoll, und ein tiefer Schmerz durchzuckte es. Jetzt betrat er die Stelle, wo ſo Viele durch ihn glücklich waren, und im nächſten Augenblick mußte er ſie Alle betrüben. Hedwiga hatte, ihren geliebten Lacy erkennend, ſich ſo⸗ gleich von Gertraud losgeriſſen, und auf dem niederfallenden Tritt des Wagens ſtreckte ſie ihm ſchon ihre Atme entgegen und hing ſich um ſeinen Hals— ſeiner Zärtlichkeit ſo gewiß! Als er ſie an ſeine Bruſt drückte, fühlte er ſeine Augen ſich näſſen. „O Hedwiga,“ rief er, ſie mit dem heißeſten Schmerz betrach⸗ tend—„Du biſt die einzige Gerettete! und jetzt bin ich machtlos und muß alles Andere vergehen laſſen in Leid und Krankheit!“ Das Kind verſtand ihn nicht! Sie ſtrich und küßte ihn; doch wünſchte ſie ſich von ihm, durch den fremden Offizier verblödet. Lach übergab ſie Gertraud und eilte dem Offizier voran in ſeine Gemächer. Der ſchwere Augenblick war gekommen. Dieſen Degen— dies unanrührbar geachtete Zeichen ſeines Standes— dies Andenken an ſeinen Oheim, dem er gehörte — er ſollte ihn abgeben! Er blieb finnend ſtehn. Der Offi⸗ zier beobachtete gleichfalls ein ehrfurchtsvolles Schweigen, bis Lacy aufſchreckte, ſchnell die Degenkuppel löſte und den Degen dem Harrenden entgegen hielt. „Nehmen Sie, mein Herr,“ ſagte er mit heftig bewegter Stimme—„ich bin auf mein Ehrenwort verhaftet, aber ich hoffe, Sie, deſſen ehrenvolle Begleitung ich zu ſchätzen wußte, werden mir bald den Degen zurück bringen, welcher der unent⸗ 188 weihte Gefährte meines edlen Oheims war, den ich ohne Vor⸗ wurf führte und von dem mich zu trennen die ſchmerzlichſte Noth⸗ wendigkeit meines Lebens iſt.“ „Möge es Euer Gnaden beſchwichtigen,“ erwiederte der Offizier—„daß ich mit Erfurcht den Degen eines Lach empfange und es für unmöglich halte, daß er lange an Ihrer Seite fehlen könne.“ Es war vorüber: er war allein— aber wie verändert fuͤhlte er ſich in den Räumen, die ihn noch vor wenig Stunden frei und unabhängig unſchloſſen. Er ließ ſeinen innern Blick über all' ſeine Verhältniſſe gleiten und forſchte den Veränderun⸗ gen nach, die ſie durch ſeine gegenwärtige Stellung erleiden mußten, und von allen kehrte er mit tiefem Schmerz zurück. „O Claudia,“ rief er endlich— das iſt das ruhige Glück an meiner Seite, was ich Dir im übermüthigen Jugendmuth ver⸗ hieß. Auch nicht einen Tag der Glückſeligkeit, die Du erwar⸗ teteſt, konnte ich Dir geben! Schon geſtern mußte ich Deine Ruhe trüben, und heute? wie wird Deine Liebe zu mir Dich leiden laſſen! Und doch— einen ſüßen Troſt will ich dieſem Engelherzen geben— ſie ſoll es wiſſen, daß die Leiden, die ſie um mich häufen, mit ihr zu tragen, ſie mir erleichtern.“ Er fühlte mit einer tiefen Erkräftigung die Heiligkeit dieſes ehelichen Bandes, welches zwei Menſchen vereinigte, um mit ver⸗ doppelter Kraft dem Leben feſtzuſtehn; und der Schmerz um das ge⸗ trübte Glück der Geliebten milderte ſich, wenn erihrer edlen Faſſung gedachte und der Gewißheit ihrer liebenden Hingebung. Er fühlte nun den Muth, ſie außzuſuchen, und doch zögerte ſein Fuß an der Schwelle, denn er hörte ſie mit Hedwiga im großen Saale koſen und hörte ihr ſeltenes eigenthümlich anmuthiges Lachen, was ihn zu anderer Zeit ſo glücklich gemacht hätte— was ihm jetzt aber einen tiefen Seußzer entlockte, denn er war gewiß, er würde es nun für lange Zeit zuletzt gehört haben. Als er eintrat, eilte Claudia ihm ſogleich entgegen. Aber die ſanfte Röthe der Freude, die ihr Geſicht einen Augenblick bei ſeinem Anblick bedeckte, ſchwand ſogleich, als ſie ſein ver⸗ ändertes Aeußere ſah. Die Gemüthsbewegungen der letzten Stunden hatten zu heftig auf ihn eingewirkt. Die Herrſchaft, die er über ſeine Gefühle wieder erlangt hatte, konnte die Spu⸗ ren auf ſeinem Antlitz nicht auslöſchen, die ſich tiefer eingeprägt hatten, als er es ahnte. „Sagen Sie es mir gleich, was geſchehen iſt,“ ſagte Clau⸗ dia und ergriff ſeinen Arm—„Sie können mich nicht täuſchen. Das Lächeln, womit Sie mich beruhigen wollen, paßt nicht zu Ihrem leidenvollen Geſicht.“ Lacy's Auge ſtreifte ſeine linke Seite. Es ſchien ihm, Jeder müſſe ſogleich die leere Stelle ſehn. Claudia ſah aber nur ſein blaſſes eingefallenes Geſicht. Er führte ſie gegen einen Lehnſtuhl, und da Hedwiga von Gertraud mit in den Garten genommen war, beſchloß er, ihr ſogleich alles Vorgefallene zu ſagen. Meine Berufung zum Staatskanzler war wichtiger, als ich dachte, theure Claudia!“ hob er an.—„Man hat ſich be⸗ müht, ſeine großen politiſchen Machinationen zu durchkreuzen und hat dazu Mittel gewählt, die mich vorläufig, bis der Augen⸗ blick der Rechtfertigung kommen wird, unangenehm berühren. Aus meiner Jugend fallen mir Erinnerungen zu, als hätten einſt die Großen Böhmens wirklich den Plan der Selbſtſtändig⸗ keit und Freiheit durch den Abfall von Oeſterreich bezweckt, und Frankreich dazu die Hand geboten und einen ſeiner Prinzen zum König von Böhmen vorgeſchlagen. Wie weit dieſer gediehen, ſeit wie lange aufgegeben, wer dabei kompromittirt— das hat mich nie beſchäftigt, denn es ſind Erinnerungen, die mir wie abgemachte geſchichtliche Zuſtände in Gedanken liegen und deren Kenntniß ich nicht einer mir gemachten Mittheilung verdanke, ſondern dem Zufall, daß vielleicht Andere ſich in meinem Bei⸗ ſein darüber beſprachen. Gewiß iſt, daß dem Staatskanzler die Namen Lach und Thyrnau verdächtigt ſind, und daß dies Alles mit dem Schein großer Wichtigkeit gerade jetzt geweckt worden iſt, um das ſich gegen Frankreich neigende Vertrauen der Kaiſerin zu erſchüttern.“ „Aber Sie,“ ſagte Claudia, wie kann man ſie darein verwickeln?“ „Man hat mich gegen meinen Willen eine Handlung be⸗ gehen laſſen, die mich verdächtigt,“ erwiederte ihr Gemahl.— „Von einer Perſon, die im Vertrauen Thyrnau's war, wurden mir bei meiner Abreiſe nach Paris Briefe und Beſorgungen übertragen, die mir als wichtig empfohlen wurden und zu deren eigenhändiger Ablieferung man mich eifrig aufforderte. Dies habe ich gethan und kann nicht läugnen, daß ich von dieſen Perſonen Andeutungen erhielt, die mich wieder an jene ftüheren Pläne erinnerten. Um ſo entſchiedener wies ich jedes Vertrauen zurück, da ich von dieſer Sache, ſelbſt wenn ſie, wie es mir erſchien, aufgegeben war, nicht unterrichtet ſein wollte. Doch,“ fuhr Lacy lebhafter fort—„dieſe Dinge werde ich Gelegenheit finden, ſpäter aufzuklären; es liegt weniger daran für mich, als für Thyrnau. Gegen ihn richten ſich zunächſt die läſtigſten Angriffe, und ich erfuhr ſo eben durch Kaunitz ſelbſt, daß Thyrnau verhaftet werden wird und bald aufdem Wege nach Wien ſein kann.“ „Großer Gott,“ rief die Gräſin und ſtand erſchüttert von ihrem Platze auf—„dann laſſen Sie uns noch früher als dieſen Abend abreiſen, dann laſſen Sie uns gleich nach Tein zu Magda gehen. Keine andere Rückſicht darf uns halten— ſie hat uns dann nöthig, und wir wollen es keinem Andern überlaſſen ihr Troſt und Hülfe zu geben!“ Mit welchem tiefen Gefühl von Liebe betrachtete Lacy ſeine edle Gemahlin, und wie empfand er es ſo ſchwer, daß er ihr nun noch den letzten Schmerz geben mußte. Ihre Blicke trafen ſich; ſie war erſtaunt, ihn noch zögern zu ſehn, während Lach nach den mildeſten Worten ſuchte, ihr das Unvermeidliche zu ſagen. „Claudia,“ rief er—„mein edles theures Weib! meine beſondere Stellung zu dieſer Angelegenheit macht mir die Reiſe unmöglich. Ein kaiſerlicher Offizier begleitete mich hier⸗ her— er brachte dem Staatskanzler meinen Degen zurück— ich bin bis zur Entſcheidung dieſer Angelegenheit auf mein Ehrenwort in dieſem Hauſe ein Gefangener!“ „Verhaftet!“ ſagte die Gräfin mit ſo hinſterbendem Tone, daß Lacy aufſprang und ſie in ſeine Arme faßte. Jetzt erſt ging ihr die Wichtigkeit der ganzen Sache auf, die Lacy noch immer vermocht hatte in ruhige Worte zu hüllen, und die ſie nun plötzlich als eine wirkliche Gefahr für den Liebling ihrer Seele erkannte.„Weſſen ſind Sie angeklagt,“ ſtammelte ſie— „was droht Ihnen, Lacy— ich will zur Kaiſerin— ſie iſt ge⸗ täuſcht— ſie wird mich hören— rüſten Sie mich mit Ihrer Vertheidigung aus— ich habe auch Muth— in dieſer Sache gewiß!“ Sie ſchwankte; Laey führte ſie tief gerührt zu einem Ruhebett und jetzt erleichterte ein Thränenſtrom die ſchmerzlich erſchütterte Frau. „Ja, theure Claudia! Sie haben den wahren weiblichen Muth, den Muth der Liebe! Dieſen ſchönen Muth, der jede weibliche Seele in ihrer heiligen Reinheit erhält und, indem er die Tiefen ihrer Befähigung weckt, ſie über all' ihre Schwächen erhebt. Vergeben Sie mir,“ ſagte er zärtlich—„daß ich mehr an das Glück denke, Sie in dieſer ſchönen Kraft erkannt zu haben, als an die Veranlaſſung dazu, und glauben Sie mir, daß Sie ſo erſchrecken, iſt mehr durch die Seltenheit ſolcher Er⸗ fahrungen entſtanden, als daß in der Sache ſelbſt etwas Be⸗ drohliches läge.— Was in Wahrheit uns ſchmerzen muß, und 192 was mir meine Stellung ſo ſchwer macht, iſt die Lage, in der wir Thyrnau wiſſen und Magda! Wie unmöglich faſt wird es ihm werden, ſie in ihrem gefahrvollen Zuſtande zu verlaſſen, und wenn ihre anfangende Geneſung ſie der Qual ausſetzte, Thyrnau's Verhaftung zu erfahren, ſo möchten die Folgen nicht zu überſehen ſein.“ „O, ſagte Claudia, ihre Thränen trocknend— zweifeln Sie nicht, mein Freund! daß ich dieſen Schmerz tief mit Ihnen empfinde. Aber Sie— Sie Lach! Wie bedenklich muß Ihre Lage ſein, da man Sie zu verhaften wagt!“ „Nein, Claudia! es iſt die gewöhnliche Form, der auch der älteſte und angeſehenſte Edelmann ſich fügen muß. Sie iſt kein Beweis für meine ungünſtige Stellung zur Sache, und ich habe dieſe in Wahrheit nicht zu fürchten. Geben Sie mir den erſten Beweis Ihres Vertrauens, indem Sie mir glauben und jetzt ruhiger werden wollen.“ „Gott wird mir Kraft geben, daß ich Ihre Leiden nicht durch meine Stimmung vermehre,“ erwiederte die Gräfin.— „Et prüfte ſchnell den Segen, der geſtern über unſere treue Vereinigung geſprochen ward— und ſo wollen wir uns Seiner Einwirkung gewiß halten, wo uns Sein Beiſtand ſo nöthig wird! Aber laſſen Sie uns nun mit dieſer Vorausſetzung prü⸗ fen, ob in Wahrheit nichts zu thun für mich übrig bleibt, da Ihre Schritte nach Außen gebunden ſind.“ „Theure Claudia!“ erwiederte Lacy—„ich will durchaus keinen Schritt zu meinen Gunſten gethan wiſſen. Die erzürnte Stimmung der Kaiſerin ſoll durch nichts als durch die Wahrheit der Sache ſelbſt beſchwichtigt werden; ich habe nichts zu thun, als mich bis zu dem Augenblick ruhig zu verhalten, wo man meine Vertheidigung fordern wird. In dieſem ruhigen Ver⸗ halten liegt freilich jetzt für mich die härteſte Aufgabe, denn es ſcheint mir oft, als könnte es keine heiligere Pflicht geben, als 193 nach Tein zu fliegen, ja, jede andere Gefahr würde ich gering achten, wäre nicht mein gegebenes Ehrenwort die abweiſende Antwort auf all' dieſe Wünſche!“ „Nun,“ rief Claudia, während alle Farbe, die ſo ſchnell von ihrem Geſichte verſchwunden war, dahin zurückkehrte— ſo laſſen Sie mich ſtatt Ihrer nach Tein gehn! Ich will Magda tröſten, ihre Geneſung abwarten und ſie dann zu uns her leiten, wenn uns das gemeinſame Geſchick hier Alle vereinigt.“ Lacy war tief bewegt von der Größe des Opfers, das die edle Claudia ihm anbot, und doch war es das Ausreichendſte, was erdacht werden konnte. Er fühlte dies auch ſo überzeugend, daß es ihm unmöglich war es abzulehnen. Als Claudia den Dank des geliebten Mannes empfing, als ſie ſeine Bewunderung, ſeine Verehrung in jedem Worte, in jedem Zuge ſeines Geſichtes ausgedrückt fühlte, da ſchien ihr das Opfer der Trennung von ihm leichter zu werden, obwol es der ſchwerſte Theil ihres Unter⸗ nehmens war, und ſie trennten ſich, um die begonnenen Reiſe⸗ anſtalten dem neuen Zwecke gemäß umändern zu laſſen. Auf den Terraſſen von Tein wandelten drei ſehr verſchie⸗ dene Geſtalten. Die Sonne war von dem Theil der Platform vor dem mittlern Saal ſo eben verſchwunden und hatte nur den wohlthuend durchwärmten Boden zurückgelaſſen, der die ſanfteſte Heilung für den Kranken oder Geneſenden enthält. Seit dem vorigen Tage verließ Magda wieder das Bett, und die Jahres⸗ zeit begünſtigte das Verlangen nach Luft, das ihr erſtes Bedürf⸗ niß ſchien. Sie verſuchte zu gehen und war erſtaunt, dieſe ſo natürliche Bewegung nur ſo ſchwierig herſtellen zu können. An der einen Seite ſtützte ſie Thomas Thyrnau mit einer Sorgfalt, die ſeine Liebe verrieth, an der andern Seite die! Kaſtellanin von Tein, die unverholen ſtill vor ſich hin weinte, da das jugendliche Weſen zwiſchen den beiden Bejahrten Thomas Thyrnau. 11. 13 194 hintaumelte, als hätte die Krankheit für immer die zarten Glieder geknickt. Was Magda empfinden mochte, ließ ſich ſchwer beſtimmen. Sie war ſehr mager geworden und offenbar gewachſen; die energiſche Farbe ihrer Haut war weißer und feiner. Ihre Rei⸗ gung, den ſchönen Hals ſo über zu beugen, daß der Kopf ſich ſenkte, war durch die Schwäche mehr hervorgetreten, alle Con⸗ toure des edlen Geſichtes waren noch zarter geworden, die Lippen nur wenig gefärbt. Dabei lag das glänzende ſchwarze Haar um dies weiche Leidensgeſicht wie ein Trauerrand, da das übrige Haar unter weißen Binden feſt verhüllt um den Kopf war. Sie hatte ihre einfache Prager Bürgertracht an. von ſchwatzer Seide, ohne Prunk. Sie war ein Wunder von Schönheit in dieſer abſichtslos phantaſtiſch zuſammengefügten Kleidung. Ihren Begleitern wollte das Herz brechen vor Weh⸗ muth! Magda war dabei mit Eifer beſtrebt, die über einander ſchlagenden Füße zu lenken und ſich aufzuraffen, wenn ſie ein⸗ ſank. Sie hatte am Ende der Terraſſe einen Ruheſitz ins Auge gefaßt, der den Blick nach dem See hatte und wo Weiden mit ihren hängenden Zweigen ein Dach bildeten. Dahin trieb ſie, ohne es zu ſagen, und ihre Begleiter widerſtrebten nicht, weil Beide nicht zu ſprechen wagten, aus Furcht, ihre bebende Stimme zu verrathen. Nach großer Anſtrengung erreichte man den Platz und die Kaſtellanin bedeckte die Bank mit den mitgenommenen Kiſſen; die Erſchöpfte ſank hinein und die Augen ſchloſſen ſich. der Schwäche nachgebend. Thomas Thyrnau ſetzte ſich auf einen kleinen Feldſtuhl vor ihr nieder und das Rohr, worauf er ſich gelehnt, in die Erde ſtoßend, ſenkte er ſchwermüthig den Kopf auf die darüber liegen⸗ den Hände; während die Kaſtellanin weg ſchlich, um ungeſtört zu weinen, denn ſie glaubte nach Art ſolcher Leute leichter das Unglück, und hielt das ſchöne Kind, das Alle liebten, für verloren. Dies fürchtete wohl Thomas Thyrnau nach dem Ausſpruch des alten Hieronymus nicht. Aber er überdachte mit einem tiefen Weh, was aus ihrem Leben geworden war und zagte— ſich ihrer Geneſung zu freuen. Welch' eine unverzeihliche Thor⸗ heit— welch' eine Herausforderung an die Wechſelfälle des Lebens ſchien ihm jetzt ſein und des alten Lach kühn verfolgter Plan! Wie tief vor Allem beklagte er, daß er dem Freunde nicht gewehrt, als dieſer in ſeiner Zärtlichkeit für Magda das Kind mit ſeinen Plänen gewiegt und Beide in der Einſamkeit von dem Zauber ihres jungen kühnen Geiſtes beherrſcht, ſie zu einem Vertrauen herangezogen, wie es ein ihnen gleich ſtehender Mann kaum verdient hätte. So mußte Magda erſt mit dieſen Plänen ſpielen und ſpäter darum wie um den Kern ihres Da⸗ ſeins ihr ganzes übriges Leben ſpinnen lernen! „Ach,“ dachte er traurig weiter,„wird ſie, nachdem all' dieſe Fäden ſo plötzlich zerriſſen, noch lernen ein anderes Leben zu beginnen? Werde ich nicht zuſehn müſſen, wie ſie langſam an meiner Seite verwelkt und werde ich zu dieſem Schmetz nicht den Vorwurf fügen müſſen, daß ich es verſchulden half?“ Er hatte nicht bemerkt, daß Magda, aus ihrem leichten Schlummer erwacht, ihre großen Augen prüfend auf ihn gerich⸗ tet hielt. Ihre Stimme weckte ihn.„Sieh' nur nicht ſo boden⸗ los traurig aus!“ ſagte ſie mit einem leichten Anklang ihres früheren entſchiedenen Weſens.—„Ich weiß Alles, was Du denkſt, und es quält mich darum ſo arg, es mit anzuſehn, weil es mit noch in der Bruſt fehlt, um reden zu können. Aber ſei Du nur getroſt— die Krankheit war eine rechte Gnade von Gott! da ſchickt Gott ſeine Engel in Perſon— denn wo käme es ſonſt her?“ Ach was ging bei dieſen Worten in Thyrnau vor! Viel⸗ leicht dachte er, ſie ſei ſelbſt ein Engel geworden. Ihm wenigſtens; ſein Engel des Troſtes war ſie gewiß; denn ihre 13* 196 Worte legten Zeugniß ab, daß ſie innerlich ſchon eine Stütze gefunden, daß ſie nicht an dem Erlebten zu Grunde gehen wollte und ihn zu tröſten dachte. „Magda! mein braves Mädchen,“ ſagte er leiſe, um ſeine Rührung zu beherrſchen—„ich werde nur ſo lange traurig ſein, als ich fürchten muß, daß Deine Kraft Dich verläßt. Bin ich Deines inneren Muthes ſicher, ſo will ich getroſt ſein.“ „So ſei getroſt!“ ſagte Magda—„denn Du wirſt es er⸗ leben, ich werde jetzt ganz was Anderes— aber ich kann mich ſchon darauf fteuen, denn es ſoll was Tüchtiges werden. Aber anders iſt nun die ganze Welt— und ich muß warten, bis mein Herz wieder zuſammenwächſt— denn Du kannſt es glauben, es iſt mitten von einander geweſen— und ehe man es nicht ganz fühlt, da kann kein Menſch was.“ „Kann ich nicht etwas thun, meine Magda,“ fragte Thyr⸗ nau zum Erſticken erweicht—„daß die Wunde ſich ſchließt oder ſie Dich weniger ſchmerzt?“ Ja,“ entgegnete Magda mit einem Engelslächeln—„laß mich wieder Dein liebes heiteres Geſicht ſehn! Lächle mir zu — oder lache einmal— ſprich einmal wieder ſo hart und laut wie im Dohlenneſt! Ich denke, das müßte mich mehr ſtärken, als die Tropfen, die mir Hieronymus giebt.“ Thomas Thyrnau hob den Kopf mit dem Verſuch zu lächeln. Als er aber den Engelskopf ſah mit dem Lächeln, was ihn beleben ſollte, brach die Kraft des alten Mannes zuſammen. Er ſtürzte vor ihr nieder, ſchloß ſie in ſeine Arme und ein Strom von Thränen löſte die Spannung ſeiner Bruſt. Magda lieb⸗ koſte ihn dabei in ſtiller Faſſung, aber ſie weinte nicht— über ihn gebeugt, ſagte ſie:„Oft denke ich, wenn man weinen kann, iſt viel vorüber. Allen Schmerz, den ich bis jetzt hatte, das war Thränenſchmerz— dann kommt der Schmerz, den Gott allein kennt und den er dann auch allein theilt— da weinen 197 wir nicht— der Schmerz und der Theilnehmer— Beide ſind zu groß dazu. Was erfährt man da Alles!— Weißt Du was,“ — fuhr ſie fort, als Thyrnan ſich aufrichtete und in ihrem An⸗ ſchaun verloren vor ihr ſaß—„erzähle mir jetzt, was Du mir immer erzählen wollteſt— erzähle mir von meiner Mutter— was ſie erlebt hat, und wie Du einmal ſo lange mit Lachy zürnteſt.“ „Magda,“ ſagte Thyrnau—„werde ich das dürfen? Wird es Dich nicht zu ſehr bewegen? Spreche ich mit Dir, ſo kann ich nichts verſchweigen, denn Du ſollſt ein treues Bild der Wahrheit von ihr in Dir auffaſſen, und doch iſt viel Bewegliches dabei.“ „Ach, um ſo beſſer,“ ſagte Magda—„ich möchte gern aus mir heraus bewegt werden— möchte gern in Anderer Leben die Schickſale erkennen, die Gott ſendet!“ „Ich will Dir nicht widerſtehn“— erwiederte Thyrnau mit zurückkehrender Kraft in Stimmung und Haltung—„Dich treibt Gott, das fühle ich mit tiefer Rührung, und ich will mich mit treiben laſſen, denn was iſt es— und was wird aus dem, was der eigenſinnige Wille des Menſchen betreibt.“ „Meine beiden Söhne raubte mir der Tod. Erſt ſpäter ſchenkte mir Gott zwei Töchter, wovon die jüngſte— Deine Tante— Deiner Großmutter das Leben koſtete. Barbara, meine einzige Schweſter, welche an Jakob Hülshof verheirathet war, einen der ausgezeichnetſten Baumeiſter, der mit Buonoceini und Imanuel Fiſcher die Bauten in Wien leitete— lebte nach dem Tode ihres einzigen Kindes in Wien in günſtiger Lage. Ihr edler und gebildeter Geiſt war mir eine ſichere Bürgſchaft für Alles, was ſie that, ſie nahm beide Kinder zu ſich und erzog ſie. Nach meiner Anſicht— muß ich hinzufügen— denn ſie fand meinen Erziehungsplan weit über den Stand der Mädchen hinausgehend und tadelte ihn unverholen, obwol ſie ſich meiner 198 Gewalt als Vater fügte und ſich beſchränkte, den Geſinnungen meiner Töchter ihren altbürgerlichen Sinn für Einfachheit und Anſpruchloſigkeit einzuflößen, der ihr die allerbeſte Sicherheit gegen die Anforderungen des Lebens erſchien.“ „Das Haus meines Schwagers war, wenn auch ſtets ein⸗ fach, doch durch Wohlhabenheit und Gaſtfreundlichkeit in gut begründetem Rufe; fremde Künſtler ſeines Faches oder der Bild⸗ hauerei und Malerkunſt fanden ſich um den gaſtlichen Tiſch des heiteren und geiſtvollen Hülshof ein, und es konnte nicht fehlen, daß dadurch eine erhöhtere Bildung, eine lebendigere Theil⸗ nahme in geiſtiger Beziehung ſich anregte, der ſich Barbara nicht entzog, da es ganz mit ihren Anſichten übereinſtimmte, in mäßiger Form die Gaben des Wohlſtandes mit Andern zu theilen und gerade hier ſich ihrem Wohlthätigkeitsfinne die beſte Gelegenheit zeigte, da die jungen Wanderer aus weiter Ferne oft nichts mitbrachten, als ihr Talent, und da die Zeit, bis dieſes ihnen zinsbar werden wollte, häufig ſchwer zu überſtehen war. Barbara's beſte Freundin war die Frau eines aus Italien herüber gekommenen Bildhauers, der bei der damals von Kaiſer Leopold zu errichtenden Dreifaltigkeitsſäule beſchäftigt ward und ſpäter die beiden Statuen über dem Springbrunnen verfertigte, — Cornelius Matielli—“ „Matielli?“ rief Magda— „Ja, Magda,“ erwiederte Thomas Thyrnau—„es war Dein Großvater! Bei der Aufrichtung dieſer Statuen ſtürzte er von einem Gerüſt und ſtarb, ohne mit den Sakramenten der Kirche verſehen worden zu ſein. Dieſen Schmerz zog ſich ſeine Gattin heftig zu Sinne. Sie konnte in der Welt keine Ruhe finden und beſchwor ihre Freundin bei ihrem einzigen Sohne Mutterſtelle zu vertreten; ſie ſelbſt aber nahm nach dem von Barbara empfangenen Zugeſtändniß den Schleier in dem Kloſter der Büßerinnen zu Mailand, dem Geburtsort ihres Gatten, wohin auch ſeine Leiche geſchafft war. Francesco dagegen lebte wie der eigne Sohn in dem Hauſe Barbara's; er ward Bild⸗ hauer wie ſein Vater, und durch größere Gaben und ſorgfältigere Erziehung ein bedeutender Künſtler.— Die Natur hatte ihn höchlichſt ausgeſtattet; die Liebe der Menſchen ſchien ihm über⸗ all mit dem erſten Gruße zu gehören. Er war ſchön. Aber ſein Karakter war ſo anziehend gemiſcht zwiſchen Ernſt und Scherz, zwiſchen Feuer und Milde, daß ſeine Erfolge bei den Menſchen gerechtfertigt ſchienen.“ „Meine beiden Mädchen lebten bei ihrem Heranblühen oft Monate lang in Tein im Dohlenneſt, und nur, wenn ich ab⸗ weſend war, kehrten ſie zu Barbara zurück.— Graf Lach, mein edler Freund, deſſen unglückliche Liebe zur Prinzeſſin von D. Du durch ihn ſelbſt kennſt, hatte ſich erſt ſpäter vermählt und ein Sohn blühte ihm zu großer Hoffnung an der Seite. Stephan war der Gegenſtand unſerer großen Pläne und wir vereinigten uns Beide, ſeine Erziehung ſo ſorgfältig als möglich zu leiten; ſo kann ich ſagen, Stephan gehörte ſo zu mir wie zu ſeinem Vater. Kamen nun meine Mädchen, ſo war es ein gar glück⸗ liches Leben, und die edle Gräfin Lach machte unter meinen Töchtern und ihrem Sohne ebenſo wenig einen Unterſchied, wie ich ihn zu machen vermochte— Als Stephan ſeine Studien⸗ jahre zurückgelegt hatte und von der Univerſität Göttingen wiederkehrte, bewohnten Magdalene und Lucretia, meine bei⸗. den Töchter, mit mir das Dohlenneſt. Magdalene, Deine Mutter, war ſechzehn Jahr und wunderſchön. Stephan faßte ſogleich die glühendſte Liebe zu ihr.“— „Was jetzt folgt, iſt nur noch eine ſchwere Kette von Lei⸗ den und harten Vergehungen, in der faſt Keiner dieſer bis jetzt glücklichen und tugendhaften Menſchen rein von Schuld blieb. Als wir die Reigung des Jünglings erkannten, trat die Kehr⸗ ſeite unſerer Verhältniſſe ein, und ich mußte einſehn lernen, 200 daß der Mann, der ſo lange Herz und Seele mit mir getheilt — deſſen Autorität ich war, der mich tauſendmal über ſich ge⸗ ſtellt— dem ich der Triumph eines Menſchen hieß— er, der meine Töchter eines ſolchen Vaters werth erklärt hatte, daß er doch einen ſolchen Mann weit aus der Möglichkeit hielt. mit ſeiner Familie verbunden zu werden.“ „Was ſoll ich Dir die Marter der Jahre beſchreiben, die dieſer Entdeckung folgten! Zur ſelben Zeit kehrte Gerhard von Lach, ſein jüngerer Bruder, mit ſeiner Gemahlin und ſeinem kleinen Sohne aus Italien zurück. Er war vorurtheilsfreier und liebte ſeinen Neffen, der von der unbezwinglichen Leidenſchaft beherrſcht, einem Wahnſinnigen glich. Aber Lach und ich waren harten Sinnes! Schon war die Scheidung unter uns geſchehen; ich hatte ſeine Familie der meinen nicht werth geſchätzt und ihm in einer langen Reihe Vorfahren lauter würdige ehrenhafte Männer nennen können, wogegen der Rang und der Name es oft nur vermocht hatten, unwürdige Männer der ſeinigen vor öffentlichem Tadel zu bewahren. Er erkannte die Wahrheit, aber er haßte den, der das Recht hatte, ihn daran zu erinnern.— Ich verließ Tein und lebte in Prag mit meinen Mädchen; aber ich hatte die Heimat verloren; ich hatte mit dem Freunde meiner Jugend den ganzen Kern meines Lebens verloren und konnte nicht mehr froh ſein. Doch auch dahin verfolgte uns die raſt⸗ loſe Leidenſchaft des Jünglings, und als des Grafen Gerhard Bemühungen ganz umſonſt waren, unſere ſtarren Köpfe zu ver⸗ ſöhnen, mußte ich Stephan, den Liebling meines Herzens, den Sohn meines einzigen Freundes, von meiner Schwelle jagen, und als dies nichts half, brachte ich das letzte Opfer, ich trennte mich von Magdalena und übergab ſie aufs Neue Barbara, die indeß Wittwe geworden. Wenn Magdalena in ihrem Verhalten bei den Stürmen, die ſie ſo unſchuldig veranlaßt, mir immer Zweifel gegen ihre Geſinnung für Stephan erregt hatte, ſo 201 ſchien es mir in Wien bald, daß ihr Herz wohl nur dem Mit⸗ gefühl für ihn, nicht der eigentlichen Liebe, unterlegen war; denn ich erkannte leicht, daß Francesco Matielli ihr mit einer offenen Darlegung ſeiner Liebe nahte und ſie dieſen ganz anders aufnahm, als den unglücklichen Stephan.“ „Nicht lange nach unſerer Ankunft zeigte ſie mir an, Ste⸗ phan ſei ihr auch nach Wien gefolgt, und Angela, ihre alte Amme, jage ihn hier wie zu Tein und Prag Nachts unter ihrem Fenſter fort. Sie ſah mich auf dieſe Nachricht in rathloſen Schmerz verſinken, und jetzt ſchlug ſie mir ſelbſt als einziges Mittel, ihm auf immer jede Hoffnung zu benehmen, vor, ſie mit Francesco Matielli zu verheirathen. Bei näherer Nachfor⸗ ſchung ſah ich, daß dieſer Vorſchlag in allen Köpfen meiner Umgebung Wurzel geſchlagen hatte, Francesco übte auch über mich ſeine ſchon erwähnte Gewalt, und ich mußte einſehen, daß es kein wirkſameres Mittel gegen die troſtloſe Lage des un⸗ glücklichen Stephan gab, von dem es ſehr beſtimmt zu fürchten war, er werde ſonſt nie der Hoffnung ganz entſagen.“ „Magdalena wurde in aller Stille mit Francesco Matielli vermählt und reiſte Tags darauf nach Mailand ab, wo ſich Beide den Segen der armen Mutter holen und erſt nach einigen Jahren nach Wien zurück kehren wollten.“ „Die Wirkung dieſer Nachricht auf Stephan war entſetzlich. Er erkrankte zum Tode und ſeiner Aeltern Herz ward von Reue zerriſſen. Jetzt glaubte der ſtolze Lacy mir ſelbſt darum zür⸗ nen zu müſſen, daß ich ſeine Reue unwirkſam gemacht hatte, und wir blieben äußerlich Feinde. Hieronymus rettete Stephan und der Vater hing ſich an den Jüngling und ſuchte ihn zu erwecken für vaterländiſche Zwecke, für unſere Lieblingspläne! Er ſchlug ihm Reiſen vor; er forderte faſt einen längern Auf⸗ enthalt in Frankreich, um ihn von dem Ort ſeiner Leiden fern zu halten. Aber dort, wohin ihn ſein Vater trieb, war er beſtimmt, ſich gegen ſeinen Willen ſchrecklich an dieſem zu rächen und dadurch endlich unſere durch nichts mehr getrennte Ver⸗ einigung wieder herzuſtellen.“ „Doch zurück zu Deiner Mutter! Sie war ſehr glücklich verheirathet, und obgleich ihr erſtes Kind, ein Knabe, geſtor⸗ ben war, brachte ſie doch Dich als neugebornes Kind zu uns zurück.— Meine Stellung rief mich damals als Anwalt des Zeſchen Hofes zu dem regierenden Fürſten von S. zur Feſtſtellung einer Succeſſionsfrage. Barbara war mir ſeit Magdalenens Vermählung überall gefolgt; ſie führte Aufſicht über Lucretia, die, ſo ſchön wie Deine Mutter, von mir mit Allem ausgeſtattet ward, was Reichthum und Bildung nur an dem ſchönſten fähig⸗ ſten Naturell zu vollenden vermag. Als mein Aufenthalt in S. ſich zu verlängern drohte, rief ich Barbara und Lucretia zu mir — es war der Anfang tiefer maaßloſer Schmerzen— bald ſandte ich beide zurück und hielt ſie in einem Landhauſe bei Prag geſichert.“ „Da traf die Nachricht dort ein, daß Deine Mutter und Du ſelbſt an den Pocken tödtlich erkrankt danieder lägen. Lu⸗ cretia's Bitten entſchieden Barbara zu einer Reiſe, auf der Lucretia ſie wegen der Anſteckung nicht begleiten durfte. Deine Mutter erlag der fürchterlichen Krankheit, die Dich dagegen nur leicht erfaßt hatte. Barbara aber blieb an Prag gebunden, da Francesco ſie mit großer Beſorgniß erfüllte, indem ſein Schmerz ſie von ihrem eignen Kummer abzog und er vor Allen die größte Aufmerkſamkeit bedurfte. Lucretia blieb daher allein, nur von Angela und ihren Dienern umgeben, auf dem Landſitz, den ich ihr angewieſen. Dieſe traurigen Rachrichten trafen mich alle in Paris, wohin eben die Dir bekannten Angelegenheiten Ste⸗ phan Lacy's mich gerufen. Vorher, nach vierjähriger Trennung, war unſere Verſöhnung erfolgt, und mit neuer inniger Hinge⸗ bung widmete ich mich dem wiedergewonnenen Freunde.— 203 Doch hiermit iſt meine Erzählung aus, Magda! denn Deine unvorſichtigen alten Freunde haben nicht unterlaſſen, Dich in ihre Geheimniſſe einzuweihen— die freilich Dich früher gezeitigt haben als gut iſt!“ „Ja!“ ſagte Magda—„und doch gehſt Du abermals um das Leben meiner alten Tante Lucretia herum— und aber⸗ mals ſcheinſt Du mir nicht ſagen zu wollen, was aus ihr ward; denn weiter als bis zum Landhauſe, wo Du mich auch jetzt läßt, bin ich noch nie gekommen!“ „So denke, daß es mir zu ſchwer ward, weiter zu gehen,“ ſagte Thyrnau mit ſeiner alten Strenge—„und fordere mich nicht auf, den ſchweren Weg noch einmal zurückzulegen. Der Tod hat auch ihre Lichtgeſtalt unſerm Auge entzogen— und die Unſtände waren hinreichend, das Herz des Vaters zu verwun⸗ den. Hätteſt Du mir nicht gelebt, hätte Barbara nicht verſtan⸗ den, Dich mir zuzuweiſen als ein meiner Sorgfalt anheim fallendes Weſen, ſo hätte von da an der Trübſinn über mich geherrſcht; denn Francesco verließ uns bald und ſtarb wenige Jahre nachher in Mailand. Hier aber wüthete der Tod und ließ mir nur Schmerzen und Erinnerungen!“ „Und Deine Magda?“ ſagte das blaſſe Kind und ver⸗ ſuchte es, ihn zärtlich und ermuthigend anzublicken—„Deine Magda— die nun nichts auf der Welt mehr hat, als Dich— die nur für dich leben und ſich gar nicht mehr von Dir trennen will. O Du lieber Guter— ſage mir doch, wie haſt Du es gemacht, nach ſo viel Kummer— nach ſo viel erfahrenem Un⸗ recht, ſo heiter zu bleiben? Wie oft rühmte ich Das gegen Bar⸗ bara, der das Leben wahre Grabesſpuren eingeätzt hat— und Du bliebeſt immer derſelbe!“ „Magda,“ erwiederte Thyrnau—„ich bin nicht heiter geblieben—„ich bin es wieder geworden! Wir müſſen mit dem Kummer abſchließen und uns blos die Erinnerung be⸗ 204 wahren können. Geſunde Geiſter, welche Zeit hatten, zu einer kräftigen Anſchauung des Lebens zu gelangen, werden nie der eigenſinnigen Hingebung an erfahrene Verluſte oder erlitte⸗ nes Unrecht überlaſſen bleiben. Ich glaube, daß ich zu dieſen Kräftigen gehörte. Von Jugend auf lag ein tiefes Bedürfniß nach Klarheit und ſcharfer Conſequenz in meinem Karakter. Es war dieſer Trieb ein Gegengewicht gegen ein glühend leiden⸗ ſchaftliches Gemüth, das mich bei jeder Veranlaſſung in Ver⸗ wirrung zu ſtürzen drohte. Dieſer Trieb machte mich zu einem fleißigen Arbeiter in mir ſelbſt; ich war mir ein ſcharfer Beob⸗ achter; ich räumte immer wieder auf und brachte Alles an ſeinen Platz, wenn dazwiſchen die Windsbraut der Leidenſchaft Alles über einander geworfen— und ich hatte eine Stütze, Magda! meine Gedanken ſtanden von Jugend auf vor Gott!— Es war das lebendigſte Leben der Gegenſeitigkeit, wenn ich das pro⸗ fane Wort gebrauchen darf; ich ſendete zu ihm meine ganze Seele, mit ihrem Ungeſtüm, mit ihren heißen Wünſchen, mit ihren Schmerzen— und wie ich ſie ihm hingab mit der kindlichen In⸗ brunſt, von Ihm jede Weiſung, jede Linderung fordernd als mein unveräußerliches Recht an Ihn— ſo empfing ich ſie in dieſem Kämpfen und Ringen zurück; oft wunderbar verändert, aber am häufigſten mit einer Begeiſterung für das Leben erfüllt, das ich aus ſeiner Hand empfing, und das mir nun mit ſeinen heiligen Leiden und Schmerzen doch von der unvergleichlichſten Schönheit und Herrlichkeit erſchien und in meinem Geiſte eine geheimnißvolle Anſchauung der Dinge eröffnete, die dem Grabe ſeinen Stachel, der Kränkung ihre Dornen nahm.“ „Wer ſich eines reinen, tiefen Gefühls bewußt iſt, fürchtet nie von demſelben einen Abſchluß mit dem Erfahrenen zu be⸗ gehren, welches ſeinen ganzen Menſchen der Welt zurück giebt, deren laute Anforderungen er erkennt, weil er Gottes herrliche Offenbarung in ihr ſieht— und ſo findet es ſich, daß wir oft 205 zum Abſchließen gezwungen leichter die Stützpunkte wieder ge⸗ winnen, nach denen wir zuerſt gegriffen; und endlich liegt die Welt der Schmerzen, die wir durchliefen, wie ein ſchönes Eiland hinter uns, worauf wir jede Stelle mit Liebesblicken grüßen und dort zu landen pflegen, wenn unſere Seele in Freiheit und Frieden mit uns ſelbſt lebt! Dann kommt das von ſelbſt zurück, was Du Heiterkeit nennſt. Wir üben uns und lernen endlich die Gläſer, durch die wir das Leben betrach⸗ ten, zuſammen zu ſetzen, wie die großen Mechaniker. Nicht wie in der Jugend greifen wir bloß nach dem Vergrößerungsglaſe unſerer Leiden und Thaten; nicht, wie in ſpäteren Jahren dann oft folgt, nur nach dem Verkleinerungsglaſe; ſondern wir fügen mit der erlangten Erfahrung das Eine zum Anderen an den Anfang und das Ende des dunklen Raumes, der dazwiſchen liegt und den unſer Auge ſuchend durchirrt— und freuen uns dann des klarer gewordenen Bildes, welches wir durch ſein Näherrücken in ſeiner wahren Geſtalt auffaſſen und erkennen lernen!“ „Ach,“ ſagte Magda— ich kann Dich gut verſtehen— Du biſt mir herzſtärkend! Aber ſage mir nur das Eine! Das, was Du hier ausſprichſt— das haſt Du als Mann gekannt — erfahren— aber wir— ein Mädchen— was hältſt Du davon?“ „Was ich erfahren, habe ich als Menſch erfahren,“ er⸗ wiederte Thyrnau—„unſere Stellung zu Gott, unſere Gemein⸗ ſchaft mit ihm iſt durch kein Geſchlechtsverhältniß bedingt, wenn auch die Wirkungen deſſelben durch unſer äußeres Leben verſchiedene Geſtalt annehmen. Das, worauf es ankommt: die Offenbarnng in unſerm Geiſte, der Glaube an dieſe in⸗ brünſtige Gemeinſchaft mit ihm, das iſt das Gut der Menſch⸗ heit, die dadurch von den Feſſeln der Erde befreit und im Geiſte wiedergeboren des Sieges mächtig ward! Und ich ſage 206 es Dir— Magda, mein heißgeliebtes Kind— Du wirſt des Sieges theilhaftig werden.“ Magda ſenkte den Kopf zur Erde, als ob ſie den Worten nachſpürte in ihrem Innern.„Ach,“ ſagte ſie umherblickend— „welch ein Wunder iſt der Schmerz! Wenn Du meinſt, ich könnte wieder werden wie ſonſt, da möchte ich doch nie ver⸗ geſſen, wie mir jetzt iſt.“ Sie ſah mit troſtloſen Augen umher und ſchien nicht zu fühlen, wie Thränenſtröme aus den geho⸗ benen Augen über ihre Wangen floſſen.„Magda,“ ſagte Thyrnau weich— eben faßte ich Hoffnung für Dich und nun, ſcheint es, ſoll nichts davon in Erfüllung gehen. Haben wir denn ganz vergeblich geredet, hat nichts davon Deine Ueber⸗ zeugung erreicht?“ „Alles! Alles! Vater,“ ſagte Magda—„aber es iſt zweierlei in mir. Ich kann wie eben in die Zukunft blicken und darin auch für mich einen andern Zuſtand erkennen. Aber es iſt ein Weg dahin, ein langer dunkler Weg, an deſſen Ende ich wieder die Sonne ſehe, wie ſie auf eine grüne Erde ſcheint — nur jetzt, Vater— iſt keine Sonne— keine grüne Erde da. Ich ſtrenge mich an, Alles wieder zu erkennen— aber wo iſt es! Alles wußte ich auswendig hier— Alles wollte ich ihm zeigen. Er ſollte mit mir hören, was der See da unten ſo lange Zeit zu mir geredet— er ſollte ſehn, wie die Wege ſo ſchattig und lang ſind— und das Wild ſo neugierig— und wie über den Blätterſälen und kleinen Kammern, wo die Mar⸗ morbilder ſtehen, der Himmel immer viel blauer und wie eine ſchöne Decke ruht. Und nun das Schloß und das Siechenhaus, was ich ganz umändern wollte— und die Gemälde und die ſchönen Bücher— ach! er findet ſich nie ohne mich zurecht— und ich kann ihn nie mehr zurecht weiſen, denn ich habe ſelbſt Alles verloren und kann nichts wieder finden. Wenn ich nach dem See ſehe— ſo iſt er gar nicht mehr einſam— und die 207 Schwäne ſind nicht mehr ſtill— und das Schilf hat keinen Nympheen⸗Rand und die ſonſt ſo lieben Blätterkämmerchen— da— und überall da hat was drin gehauſt! Ich erkenne es nicht wieder— mein altes Heiligthum iſt es nicht mehr, aber wenn mir davor graut und ich denke— wo anders willſt Du hin— wo's ſo ſchön ſonſt war— da iſt es überall daſſelbe— es thut Alles fremd mit mir— ſieh! als ob dieſe ſeelenloſen Dinge wüßten, daß er mich verworfen hat, ſo ſtoßen ſie mich alle aus und meinen Antheil an ihnen habe ich nicht mehr zu fordern! Und,“ fuhr ſie eifrig fort, da ſie ſah, Thyrnau wollte ihr etwas entgegnen—„vom Dohlenneſt rede mir nur nicht! Da will ich nie wieder hin. Die Mauern fielen zu⸗ ſammen und deckten mich wie Leichenſteine— und nach Wien will ich nicht und zu Barbara will ich gar nicht— da war er auch— da hatte ich ſolch Glück! Aber wohin ich nun ſoll vors Erſte— das mag Gott wiſſen.“ Thyrnau hatte ihr mit tiefem Schmerz und einigem Er⸗ ſtaunen zugehört. Der Anfang ihres Geſprächs hatte ihn zu größeren Erwartungen berechtigt; er ſah, wie unfaſſend die Erfahrung getäuſchter Hoffnung ſich ihres ganzen Lebens be⸗ mächtigt hatte, und Alles verändert und umgeſtürzt; er mußte über die Kraft ihres Geiſtes erſtaunen, der wie durch Offen⸗ barung mit Seherblick dieſen Zuſtand überſchaute und ſich die Kraft bewahrt hielt, ein anderes neues Leben zu beginnen. Ein ſtilles Gelübde ſtieg aus ſeiner Bruſt zum Himmel, ſie keinen Augenblick zu verlaſſen, Alles für ſie zu erdenken, was die Erfahrung ihm als Hilfsmittel gelehrt, um Seelenſchmerzen zu lindern, um ſo ihr die erſte Zeit erträglich zu machen. „Sammle nur noch etwas Deine Körperkräfte, mein Mäd⸗ chen,“ ſagte er, als ſie ſinnend ſchwieg—„dann verlaſſen wir dieſe Gegend und ich reiſe weit weg mit Dir und zeige Dir die ſchönen warmen Länder jenſeits der Berge, wo Dein Vater herſtammte, Dir noch Verwandte leben und die Natur das ganze Jahr nicht zu Grabe geht, und Keiner, der dort lebt, auf ſie zu warten braucht, weil ſie immer zum heitern Genuß des Lebens geſchmückt ſteht und Jeder eingeladen iſt, die glücklichen Stunden zu theilen.“ „Rede lieber noch nicht von Glück,“ ſagte Magda ängſt⸗ lich und legte die Hand aufs Herz—„ich kann es noch nicht vertragen. Aber ich will Dir folgen, wohin Du gehſt— denn hätte ich Dich nicht, dann wäre es bald mit mir vorbei. Doch ſage mir, lieber Großvater, ob wir nun wirklich arm geworden ſind und künftig ſo dürftig leben müſſen wie Barbara?“ „Nein, Magda,“entgegnete Thyrnau—„das haben wir nicht nöthig; aber wir haben aufgehört, reich zu ſein. Mein Vater hinterließ ein großes Vermögen, welches er nur dem Sohne hinterlaſſen wollte und Barbara mit einem Fflichttheile abgefunden hielt, welches die edle ſtolze Seele mir nie direkt zu vergrößern geſtatten wollte; dies Vermögen ward durch mein eignes bewegtes und thätiges Leben, welches mir nie große Bedürfniſſe zu hegen erlaubte, bedeutend vermehrt. Aber ich habe alle Kapitalien meines väterlichen Erbtheils damals auf⸗ genommen, als Stephans unglückliche Uebereilung uns Alle an den Rand des Abgrunds geführt hatte, und ſie gegen den Beſitz der Herrſchaft Tein nach Frankreich geliefert. Dieſer Theil meines Vermögens iſt daher verloren und jeder meiner Anſprüche daran iſt mit den Dokumenten in dem kleinen Kamin begraben, an deſſen traulicher Flamme ich und Lacy ſo oft die Freude überlegten, all die Anſprüche auf Dich übertragen zu haben, die er mir jetzt nach unſerer innigen Vereinigung ſo gern ſchuldete.“ „Ach,“ ſagte Magda—„das iſt der einzige Lichtpunkt dieſes Schreckentages! Die Aſche dieſes Teſtamentes, die hole ich mir immer in Gedanken aus dem Kamin und lege ſie auf 209 mein Herz— ſie hat Balſam in ſich— jedes Mal thut ſie mir wohl!“ „Wie ich Dich ſo gut kannte,“ erwiederte Thyrnau—„ich wußte das vorher!— Das war, was wir retten konnten; denn was wäre uns der Beſitz weiter geworden als ein tiefes Weh, von dem wir uns ohne dieſen ſchnellen Entſchluß nie mehr zu befreien vermocht hätten; denn wenn dieſer edle ſtolze Jüngling einen Blick in dieſe Dokumente gethan, ſo hätte kein Gott ihn vermocht, auf ſeine Armuth zu verzichten!“ „Und haſt Du ſein Forſchen jetzt noch bezwungen?“ fragte Magda ſchüchtern.— „Deine Krankheit erſtickte jedes andere Intereſſe. Selbſt als die erſte Gefahr vorüber war, fügte er ſich meinen Bitten, nicht in mich zu dringen, denn er bedurfte wie ich der Schonung. — Aber wie ich ſpäter ſeinen Forſchungen entgehen werde, muß ich erſt lernen, und vorerſt denke ich ihnen zu entfliehen, da ich unſere Reiſe betreiben will, ſobald Deine Geneſung es erlaubt.“ „Das wird bald ſein,“ erwiederte Magda in großer Auf⸗ regung, indem ſich ihre Wangen fieberhaft rötheten—„denn dies Geſpräch mit Dir hat mich recht geſtärkt, plötzlich fühle ich meine alten Kräfte— mir wird ſo warm ums Herz, ſo klar, ich bin gewiß mit eins geneſen. Wenn Du Dich eilſt, kann ich übermorgen reiſen. Ich ſehe ſie vor mir die langen ſonnigen Wege zwiſchen himmelhohen Felſen, worauf Mauerkronen liegen und von den Thürmen Glocken läuten und bunte Züge mit Fahnen und Baldachin und gnadenreichen Bildern den geboge⸗ nen Fußweg ziehen— und Cypreſſenwälder decken ſie— und grüne Wieſen— auf denen edles Wild in zahmer Ruhe weidet — die ſind an unſern Wegen! Und am Meere liegt die Bucht, wo Gondeln ſchaukeln und die Schiffer ſingen Taſſo's Stanzen und Alle landen an der Marmortreppe, die hinauf führt zu der Thomas Thyrnau. II. 14 210 Säulenhalle, wo im Abendſchein die purpurrothen Wände leuchten, auf denen roſig ſchimmernd Marmorbilder ſtehen. Und wir nicken hinauf aus dem Nachen, der uns trägt; Kin⸗ der mit blonden Locken werfen uns mit Blumen— und wir zählen, wie die Sterne kommen in der blauen Nacht— und wir laſſen alle Städte, alle Schlöſſer— ich ſchlaf auf Deinem Schvoß und Du weckſt mich, wenn die Sonne kömmt; und wieder weiter geht es auf den bequemen Pferden durch die grü⸗ nen Wälder mit dem bleichen Laube— und durch die feuchten Thäler, wo die dunklen Myrten blühen— da iſt es kühl— da iſt es ſtill— da iſt der Marmorbrunnen, wo wir trinken — da— ſiehſt Du wohl?“ „Magda, halt ein, erwache!“ rief Sewen Erſchrocken ſtand er auf, denn Magda hatte ſich erhoben und ſchien Alles vor ſich zu ſehen— ſie wollte ſchreiten und fiel in tiefer Ohn⸗ macht zurück. Der Ausdruck, der Thyrnau hier entfuhr, rief die Nahen herbei, Hieronymus und die Kaſtellanin ſtanden bald an ſeiner Seite. ₰h habt wieder vergeſſen, daß ſie geſchont werden muß“ — ſagte Hieronymus ſchmählend zu Thyrnau—„das lange Geſchwätz um dasjenige, was ihr das Herz brach, ſoll ihr wohl bekommen! he?— Wo iſt Eure Weisheit, mein Herr Thyrnau?“ Niemand antwortete ihm, denn geſchickt und überlegt bündelte er während dieſer Worte das arme bleiche Kind in ihre Decken ein, wobei die beiden Andern ihm behülflich waren und lud ſie ſich dann mit ſeiner Rieſenkraft auf die Arme und ging raſchen feſten Schrittes dem Schloſſe mit ihr zu. Doch nicht, wie Thyrnau in vorwurfsvoller Angſt es er⸗ wartete, kam Magda durch dieſe allerdings bis zum Delirium geſteigerte Aufregung in ihrer Geneſung zurück; nein— man hätte denken können, ſie habe ſich damit gewaltſam aus dem müden ſchlaffen Zuſtande, der ſie vorher beherrſchte, empor ge⸗ riſſen. Hieronymus ſchüttelte ſelbſt den Kopf, als ſie ihn von da an Schritt vor Schritt aus ſeiner beherrſchenden Poſition verdrängte und er endlich einſah, er habe das Schickſal der Andern getheilt, die auch am Ende nur zuließen, was Magda ſich ſelbſt erdachte.„Sie hat einen feſten Inſtinkt!“ pflegte er zu murmeln— man kann gerade nicht ſagen, daß ihr das ſchadet, was ſie wie von innerem Bedürfniß getrieben ergreift; obwol es meiſtens der gewonnenen Erfahrung der Vernünftigen widerſpricht.“ Thyrnau betrieb unterdeſſen, ſo ſchnell es die Umſtände zuließen, die beabſichtigte Reiſe; denn die Nachricht von Lacy's Vermählung hatte er ſchon durch ihn ſelbſt erhalten und er wünſchte ſo ſehnlich, wie Magda ſelbſt, all dieſen Anregungen zu entfliehen. Er ordnete und überlieferte dann alle noch noth⸗ wendigen Papiere an Hieronymus, ihn mit den Vollmachten ausrüſtend, die ihn und ſeine Anweſenheit für Lacy nicht mehr nöthig machen ſollten. Dieſe wichtigen Einrichtungen konnten ihn keinen Augen⸗ blick von ſeinen Beobachtungen über Magda abziehen. Er fühlte, wie muthig das junge Weſen mit dem Schmerze kämpfte, um ihm genug zu thun, und wie dieſe Anſtrengungen ſie zu den ungleichſten Zuſtänden hintrieben. Aber er ſah daraus ganz neue Seelenkräfte ſich entwickeln, und Magda jetzt erſt die Stufe der Kindheit verlaſſen und in den geheimnißvollen Bereich der Jugend eintreten, wo die Füße von dem irdiſchen Boden ſich lüften und die Krone in den Himmel wächſt. Sie war von poetiſchen Träumen, die oft an Dilirium ſtreiften, wie von unſichtbaren Geiſtern umwoben, und er ſchützte mit weiſer Schonung die Stille, die ihr Zeit laſſen konnte, den Weg ins Leben zurück zu finden, ohne durch zu jähe Anforde⸗ rungen in Widerſprüche zu gerathen. Er hoffte viel von der 14* 212 Reiſe, dieſer glücklichen Unthätigkeit, die ſelbſt den Unglück⸗ lichen keinen Augenblick unbeſchäftigt läßt und ſich gegen unſern Willen unſerer Gedanken bemächtigt, weil ſie uns überall eine andere Geſtalt zeigt, als die war, vor der wir uns gekränkt zurückzogen. Am Morgen des dritten Tages nach dem uns bekannten Geſpräch mit Magda wandelte Thomas Thyrnau, ſie nur noch leicht am Arm ſtützend, mit ihr durch den hohen beſchnittenen Buchenweg nach dem Eingangsthor und erzählte ihr von der morgenden Abreiſe und welchen Weg ſie nehmen wollten, Prag und Wien zu vermeiden. Ueber die Wieſen kam ein würziger Duft von den aufgethürmten Heuhaufen zu ihnen, und Magda überſchritt zuerſt die Schwelle der Gartenpforte und lenkte der ſchönen ſchattigen Weidenallee zu, welche die Landſtraße bildete und an den Wieſen vorüber führte. Sie hatte heute einen kurzen, bewegten Athem und obwol der Kopf nach ihrer eigen⸗ thümlichen Art geſenkt war, ſchreckte ſie doch oft von Innen heraus zuſammen und ihre Augen ſuchten nach allen Seiten uniher.„Iſt Dir übler geworden, mein Kind?“ fragte Thyr⸗ nau.—„Biſt Du vielleicht zu weit gegangen— willſt Du ausruhen? ücke ſi i le Dich ein wenig!“ Sie ſetzte ſich ſtill nieder und betrachtete vor ſich die Erde, als dränge ihr Auge bis zu den tiefſten Schachten. Der un⸗ ruhige Athem legte ſich und der Ausdruck des lieblichen Ange⸗ ſichts ward wieder ſtill.„Wenn mir mit einem Male die Augen geöffnet würden,“ flüſterte ſie dann leiſe, als ſpräche ſie in ſich hinein—„und ich Alles ſähe, was viel mehr iſt als die Worte! — Zu Anfang war dos Wort und das Wort war bei Gott! Das iſt— was ich meine! Das Wort iſt bei Gott geblieben und wir müſſen zu Gott, dann haben wir das Wort, was leuchtet— dann erleuchtet es die Pracht, die in uns iſt— wir 213 erkennen die Pracht und find ſelig!— Die Lilien, die ſpinnen nicht und ſäen nicht; ſie warten in der Knospe— die hat den innern Trieb und den Schmerz der Sehnſucht, den braucht ſie und hat ihn, und davon wächſt ſie, und jeden Tag ſtellt ſie ſich der Sonne hin und ihre Seufzer ſchwellen ſie an, bis der Strahl kömmt, der Feuer iſt und ſie aufbricht, damit er ſie durchglühe. Und dann offenbart ſie ihre Herrlichkeit und hat nichts zu thun, wie zu blühen— denn Gott iſt in ihr und ſie hat ihre Seeligkeit im Duften!— Du ſollſt in mir Wohnung nehmen, dann bedarf ich kein Geſetz— der Selige hat Gott und Alles iſt aufgelöſt— denn das Wort iſt bei Gott!“ „Richt wahr, Vater, jedem Menſchen wird einmal offen⸗ bart? Warum fürchteſt Du Dich— weil auf Dich die Gefahr wartet— was kann Dir geſchehen, ſagt Chriſtus, wenn Du aus mir ſie erleben mußt! Sie ſtehen in dem Nachen, in ihren langen Kleidern, und die Sonne, von Wolken wie von Gebir⸗ gen umſäumt, in einem Feuerharniſch ſchießt Strahlen wie Pfeile, und die Wellen ſpringen erſchrocken auf und bäumen ſich, als ſtreckten ſie Hände aus zur Abwehr. Dann reißen ſie Abgründe auf und ſchleudern Berge in die Höhe und der Nachen muß ihnen dahin folgen! Die Welle ſinkt zuſammen— wie ſein Fuß ſie betritt, und der ſtille helle Weg liegt geebnet— es ſinkt Keiner unter! Komm,“ fuhr Magda fort und blickte den Weg hinab—„was mögen ſie wollen— wir müſſen ſie fragen?“ Thyrnau hatte ſich ſchweigend in Magda's Phantaſien vertieft. Er ſtörte ſie nie und glaubte auch kein Wort dagegen zu haben. Jetzt ſtand er jedoch mit ihr auf und blickte wie ſie den Weg hinab. Da ſah er einen Trupp Reiter mit einem Offizier an der Spitze; Alle ſchienen ſich ziemlich zu beeilen; eine unbeholfene Karroſſe kam hinten nach. Als ſie an der Brücke die beiden Harrenden ſahen, ritt der Offizier vor und bat . 2¹4 Thyrnau, ihm den Weg zu zeigen nach einem hier im Teiner Walde liegenden alten Herrenſitz, den man das Dohlenneſt nenne. Thyrnau warf ſeine durchdringenden Augen über den ganzen Zug und wußte augenblicklich ihr Vorhaben. Um Mag⸗ da's willen ſchien es ihm jedoch großer Gewinn, ſie nach dem Dohlenneſte ablenken zu können; er ſtreckte die Hand aus und bezeichnete ihnen den Weg abwärts zum Walde. Es war aber wegen des ſchmalen Dammes, auf dem ſich Alle befanden, nöthig, daß Thyrnau mit Magda ſtehen blieb und ſo mußte der ganze Zug vorüber. In dem Wagen erkannte er zwei Gerichtsperſonen der Wiener Stadtpolizei und dieſe ſahen ihn kaum, als ſie den Zug anzuhalten befahlen, und im ſelben Augenblick wurden auf einen Wink an den kommandirenden Offizier Thyrnau und Magda von den berittenen Soldaten um⸗ zingelt. Die Wagenthür öffnete ſich und ehe Thyrnau zu einem Worte Zeit behielt, ſtanden die beiden Inſaſſen deſſelben vor ihm und der Eine, indem er die Hand auf ſeinen Arm legte, ſagte: „Thomas Thyrnau! ich verhafte Sie auf Befehl unſerer allergnädigſten Kaiſerin wegen Hochverraths!“ Ein gellender Schrei erſchütterte Alle. Magda ſtieß ihn aus und drängte ſich zwiſchen ihren Großvater und die Gerichts⸗ perſonen; ihre Arme um ſeine Schultern ſchlingend, rief ſie: Fort! fort!“ Dann ließ ſie ihn los und vor den erſchrockenen Beamten tretend, ſagte ſie raſch:„Ich weiß, was Hochverrath iſt, darum weiſe ich Euch ab; denn lieber ſolltet Ihr ihn zum Kronenwächter machen, wie vormals die Beſten und Tapferſten dazu kamen— als Hochvertath nennen— an dem Tage, wo ihr ſeinen Namen ausgeſprochen!“ „Magda,“ unterbrach ſie Thyrnau ſchnell— das ſind die Dinge, von denen ich Dir ſagte, eine Frau müſſe ſich von ihnen zurückhalten. Tritt weg,“ befahl er in einem Tone, dem das unglückliche Kind trotz ihrer Aufregung nicht zu widerſtehen vermochte—„und warte meiner Entſcheidung!“ „Ich bitte um Ihre Vollmacht,“ ſagte Thyrnau und er hatte nur nöthig, die Hand nach dem ſchon entfalteten Perga⸗ ment auszuſtrecken. Mit Ruhe überlas er den Kabinetsbefehl, welcher ihn wegen Hochverraths verhaftete, von der Kaiſerin mit wilden Buchſtaben unterzeichnet; gefaßt ſenkte er ſeine Augen auf das Blatt, das ihm ſein lang erwartetes, nun erfülltes Verhängniß verkündigte. Er wendete ſich in dieſem kurzen Augenblick der entgegengeſetzten Seite ſeines Lebens zu und ſtreifte das weiche träumeriſche Glück, für ein holdes Kind in einem ſchöneren Lande leben zu wollen, mit muthiger Hand ſich ab.— Es galt jetzt ſeine volle Mannhaftigkeit. Er brauchte ſie nicht erſt zu wecken.— Aller Augen hingen an ihm und die Ruhe und erhöhte Würde, die auf ſeinem ganzen Weſen hervortrat, machte einen vortheilhaften Eindruck. Magda verſchlang jeden ſeiner Athemzüge; aberſie ſchwieg, denn ſie wußte, er werde reden. „Meine Herren,“ ſagte er—„Sie haben den Weg nach dem Dohlenneſt erſpart; ich bewohne eben das Schloß Tein, wohin ich Sie bitte mir zu folgen.“ Unſere Inſtruktionen lauten dahin: ſowol im Dohlenneſt als im Schloſſe Tein alle Ihnen zugehörige Papiere in Beſchlag zu nehmen. Wir werden alſo den Weg nach dem Dohlenneſte nicht erſparen können.“ „Sie ſollen in Nichts gehindert werden, was ſich aus dieſer Maßregel herleiten läßt. Doch ruhen Sie von Ihrer Reiſe zuerſt in Tein aus!“ „Ich muß bemerken,“ ſagte der Beamte—„daß wir gehalten ſind— Sie— wo wir Sie finden ſollten, zur augen⸗ blicklichen Abreiſe mit uns zu nöthigen!“ „Ich werde nich nicht weigern,“ entgegnete Thyrnau— „doch möchte dieſe den Pferden gegönnte Raſt keine Verſäumniß 216 zu nennen ſein, und die für Sie alle damit verbundene Er⸗ quickung mir wenigſtens zu einer kleinen Beſtimmung für dies junge Mädchen— meine Enkelin— Zeit laſſen; der einzige mir zuſtehende Wunſch— an deſſen Erfüllung mir die Gegen⸗ wart dieſer Herren nicht hinderlich ſein wird.“ „Vater,“ rief Magda—„willſt Du einwilligen, mit ihnen zu gehen? Du! Du villſt ihre Anklage annehmen?“ „Ruhig, Magda!“ entgegnete Thyrnau.—„Hier iſt nicht mein Gericht! Ich habe hier keine Zugeſtändniſſe, keine Weigerung zu machen. Da es ſo weit gekommen, iſt dies Blatt mein beſter Freund, denn es führt mich dahin, wo ich mich rechtfertigen kann.“ „Ha!“ rief Magda—„jetzt verſtehe ich Dich! Du haſt nun nichts mehr von mir zu fürchten— ich werde die Reiſe wohl ertragen und in Wien Alles leicht mit Dir beſtehen.“ Thyrnau's Blicke trafen hier mit unverholenem Schmerz das theure Weſen, das keinen Augenblick zweifelhaft geblieben war, mit ihm auch dort ihr Geſchick zu vereinigen. Er fürchtete, man werde ihr dies Zugeſtändniß verſagen, und überſah den Eindruck hiervon auf ſie mit großer Beſorgniß. „Du wirſt nichts wollen, Magda,“ fagte er im ernſten Ton—„was meine Lage erſchweren würde. Ich vertraue Dir ganz; ich verlaſſe mich auf Dich! Meine Herren, geben Sie uns Raum; ich gehe mit meiner Enkelin zu Fuß voran; Ihre Pferde bürgen für die Sicherheit des Arreſtanten.“ Die Herren ſtiegen ein; der Officier theilte achtungsvoll ſeinen Reitertrupp, ließ Beide durchgehn und folgte in einer ſchicklichen Entfernung ſo langſam, als Magda's ſchwache Füße ſie zu fördern vermochten. Sie gingen an dem Sitz vorüber, wo Magda ſo eben noch laut und wunderbar ahnungsvoll gedacht hatte, und er ſah zu ihr nieder, aber ſie wußte nichts davon. Tief war der Kopf 217 geſenkt; doch war es keine Aufregung mehr, die ſich in ihr aus⸗ drückte; ſie war ſtill und ruhig mit ſich ſelbſt. „Ach,“ dachte Thyrnau—„es iſt doch gut, daß wir beide alte Thoren ſie von Jugend auf an Allem Theil nehmen ließen, was wir vollführten, es kommt ihr nun das immer Er⸗ wartete nicht unvorbereitet. Als ſie durch das Gitterthor in den großen Buchenweg einlenkten, trafen ſie auf Hieronymus, der mit zwei Dienern und einem Tragſeſſel für Magda ihnen nachgegangen war. „Alter Leichtſinn!“ ſagte er ſcheltend zu Thyrnau—„Bei der zunehmenden Hitze ſo unnütz ihre Kräfte zu erſchöpfen— als wenn wir ſo viel übrig hätten. He! iſt das vernünftig?“ Mit welchem Ausdruck von Liebe blickte Thyrnau dagegen dem alten ſchmählenden Freunde in das ehrliche Angeſicht— welch' ein Troſt ward ihm in dieſer Stunde ſeine zärtliche Sorgfalt für Magda.„Ja wohl,“ entgegnete er,„Du biſt ihr immer ein verſtändigerer Freund geweſen als ich! Wie wird ſie Dich bald ſo nöthig haben und wie bitte ich Dich, den Dingen, die über uns gekommen ſind, mit Ruhe und Faſſung zu begegnen.“ Hieronymus hatte zu keiner Frage Zeit, als er aufblickte, um zu ſehen, ob Magda, die tödtlich erſchöpft ſchon in den Stuhl geſunken war, auch ſeiner Hülfe bedürfe, rückte der nachfolgende Zug, der Thyrnau hierher geleitet, in die Thore ein. Er blieb ſtarr ſtehen und ſah mit ſtetem Wechſel der Farbe auf die Ankommenden; dann ſuchte ſein Auge den Freund, der ihn erwartete.„Es iſt ſo, mein alter Freund!“ ſagte Thyrnau. „Es iſt das Ende des Drama's, in welchem ich das ganze Leben geſpielt— laß uns hoffen, es werde kein Trauerſpiel werden!“ Er faßte Hieronymus Arm, wendete ihn um und Beide gingen dem Tragſtuhl nach, der den Gegenſtand ihrer zärtlichſten Sorge 218 trug.„Bleib' bei ihr,“ bat Thyrnau—„und tröſte ſie— ich muß ſogleich fort.“ „Verhaftet biſt Du?“ rief jetzt Hieronymus—„Iſt es möglich? Verhaftet— wie kann dies jetzt ausbrechen— wer kann der Verräther ſein?“ „Darüber bin ich außer Zweifel! Vergißt Du den Beſuch, den ich vom Fürſten von S hatte? Vergißt Du das Attentat im Walde von Tein? Dem jungen Thoren, den es traf, galt es nicht, aber dem Erbprinzen und zwar von ſeinem Vater! Ernſt hat es mir nicht eingeſtanden; aber ich wußte es ſo gut, wie er ſelbſt, und er ließ den Gefangenen entſpringen, um das grauenhafte Verbrechen der Oeffentlichkeit zu entziehen.“ „Iſt ein ſolcher Haß zu begreifen?“ rief Hieronymus. Für wie ſchlecht ich auch den alten Sünder hielt; dieſe teufliſche Unnatur überraſcht mich doch!“ „Er hat ſich noch nie überzeugen laſſen, daß es ſein Sohn iſt, und als er den Beweiſen dafür nichts entgegen zu ſtellen wußte, hat er doch den allerhöchſten Eid geſchworen, daß er ihn nicht dafür anſehe und Alles thun werde, dieſen Baſtard von der Erbfolge zu entfernen. Dieſe wahnſinnige Verblendung rettet doch in etwas die menſchliche Natur— er hält ſich doch wenigſtens nicht für den Vater.“ „Wie aber kann er als Dein Ankläger auftreten, da er ſelbſt eine mitſpielende Perſon iſt?“ „Seine Lage iſt beſſer als die meinige, das iſt gewiß, und der Angeber wird im Vortheil ſein, vielleicht ſchon Zugeſtänd⸗ niſſe empfangen haben. Doch zu Magda zurück. Du biſt meine einzige Stütze für ſie; denn Barbara hat mir aus Mailand ge⸗ ſchrieben:— ſie hat ihre alte Wanderung zu Francesco's Mut⸗ ter angetreten und lebt für einige Zeit als Penſionärin im Kloſter der Büßerinnen. Dagegen hofft Magda bis jetzt noch mich be⸗ gleiten zu können, und die Ruhe, in der Du ſie ſiehſt, iſt blos 219 eine Folge dieſes Entſchluſſes, dieſer Hoffnung! Bereite ſie auf die Unmöglichkeit vor, der ſie ſich wird fügen müſſen— ich will indeſſen Alles zuſammen ſuchen, was ſich noch an Papieren über dieſe Sache vorfindet. Gott ſchütze das unglückliche Kind, auf das die Schläge des Schickſals ſich jetzt häufen.“ „Das wird harte Stürme geben!“ ſagte Hieronymus. „Und dabei ihre erſchütterte Geſundheit— ſie hat eine Reizbar⸗ keit, die wenig Nachhülfe bedarf, ſo phantaſirt ſie ohne Fieber — und dann renke ein, wer kann!“ Magda hatte befohlen, auf der Terraſſe Halt zu machen; ſie wartete, bis alle Nachfolgenden hier verſammelt waren. Die Gerichtsherren erklärten, des Hieronymus kurze Unterredung mit Thyrnau habe auch ihn zu ihrem Gefangenen gemacht, bis die Beſchlagnahme der Papiere vollzogen ſei, und beide Männer ſahen nun kein rechtes Mittel mehr, Magda zu entfernen, welche vielleicht nur den Bitten Hieronymus nachgegeben hätte. Sie ertheilte in ihrer Gegenwart der Kaſtellanin Anweiſung, ihre Reiſekleider zu dem Gepäck des Großvaters zu fügen, und wen⸗ dete dann wieder ihre ganze Aufmerkſamkeit ausſchließlich jeder Bewegung zu, welche Thyrnau und die beiden Gerichtsherren machten. Die Herren theilten ſich nach dem kurzen Frühſtück, das ſie ſtehend eingenommen. Der Eine begab ſich mit der Hälfte der Mannſchaft nach dem Dohlenneſte, während der Andere mit Thyrnau, Hieroymus, Magda und dem Offizier des Komman⸗ do's die Zimmer durchſtreifte und alle ſich vorfindenden Papiere in Verwahrung nahm. Thyrnau war den Herren hierbei auf eine unbefangene Weiſe behülflich und zeigte die Ruhe und Sicherheit, die ſich keineswegs mit einer Anklage, die den ernſten Namen des Hochverraths trug, zu vereinigen ſchien. Nach Beendigung dieſes Geſchäfts trat eine läſtige Zeit der Ruhe ein, da die Rückkehr der Andern vom Dohlenneſte erwartet werden mußte. Thyrnau ſah ein, daß der Augenblick gekom⸗ men ſei, der ihn zwinge, nun ſelbſt den Kampf mit Magda an⸗ zufangen, von dem er fühlte, daß er überſtanden werden mußte. Aber das herausfordernde Wort kehrte immer wieder in ſein be⸗ wegtes Herz zurück, wenn er auf das bleiche Mädchen ſah, die ohne Thränen mit der feſteſten Entſchloſſenheit auf dem ſchönen Antlitz neben ihm ſaß, ihren Arm unter den ſeinigen geſteckt und mit großen Augen jede Bewegung der beiden fremden Män⸗ ner bewachend, als wolle ſie Den abwehren, der ihm zu nahe kommen könnte.„Magda,“ ſagte er faſt ſchüchtern—„ich habe Dich an Hieronymus übergeben“— er hielt inne, denn er be⸗ gegnete dem großen, ruhig ſich zu ihm wendenden Auge Mag⸗ da's.—„Geht Hieronymus mit uns?“ fragte ſie— mit Mühe die feſt gepreßten Lippen öffnend.— „Nein, Magda! Hieronymus bleibt hier und deshalb ſagte ich— daß ich Dich ihm übergeben habe—“ „Was ſoll mir das?“ entgegnete Magda, während eine feine Röthe auf ihren Wangen aufſtieg—„da ich mit Dir gehe!“ „Das wünſche ich weder,“ ſagte Thyrnau— och iſt es möglich! Ein Verhafteter kann nie einen ſeiner Verwandten bei ſich haben.“ „Aber ein junges Mädchen,“ ſagte Magda— ein halbes Kind, wie Du immer meinſt— die nichts will, als bei Dir ſein oder Dich bedienen— die laſſen ſie überall mit ein, das kannſt Du glauben!“ Es lag ſo viel Sanftmuth, ſo viel tiefer Kummer in ihrem Ton, daß Thyrnau ſich umſah, wie nach Hülfe. Sein Ange ſtreifte den Gerichtsherrn, der wegen ſeines Amtes ihnen hatte nah bleiben müſſen. „Es thut mir leid,“ ſagte dieſer, Thyrnau verſtehend, „das arme junge Mädchen betrüben zu müſſen. Aber allerdings hat der Herr Großvater Recht, wir dürfen Ihre Begleitung nicht 22¹ geſtatten. Außer uns darf Niemand in dem Wagen bei ihm einſitzen!“ Sie hatte ihren Arm zurückgezogen und beide Hände feſt in ihren Schooß gepreßt; ſie zählte die Worte aus dem Munde des Fremden— dann ſagte ſie:„Ach, das thut nichts! Ich bin ſchon wieder geſund genug— ich habe ein kleines Pferd, darauf kann ich gut nebenher reiten— das läuft ſo ſchnell wie Ihre großen Pferde.“ Dies richtete ſie an den Offizier, der ſich ſtumm vor ihr verbeugte. Sie ſtand ſogleich auf, denn ſie hoffte nun, alle Urſach' ihres großen Schreckens ſei vorüber und ſeufzte tief auf, als wolle ſie ſich entlaſten— und als ſie Thyrnau anſah, lächelte ſie zuerſt ſeit langer Zeit, fiel vor ihm nieder und küßte ſeine Hände. Dieſe muthigen Männer, die ſich rühmten, Jedem Widerſtand leiſten zu können, wußte Alle nicht das Wort zu finden und Einer erwartete vom Andern den Widerſpruch, der hier nothwendig eintreten mußte. Thyrnau zerriß endlich ſein gepreßtes Herz.„Muthig, Magda! muthig! Sei mir jetzt die Stütze, die Du oft gelobt — die ich in Dir zu finden erwartet habe.— Du kannſt mir nicht folgen— Du mufßt mir verſprechen, hier unter dem Schutze von Hieronymus ruhig Deine Geneſung abzuwarten— Du mußt mir verſprechen——“ „Ich will Dir verſprechen,“ rief Magda— wie eine Feder von der Erde aufſpringend—„Dir überall zu folgen, wohin die böſen Menſchen Dich treiben werden! Ich will Dir ver⸗ ſprechen, daß Dir Dein Schatten nicht treuer ſein ſoll, als Deine Magda— und ich will ſehen, wer Kraft und Recht hat, es mir zu wehren! Ol wie mochteſt Du denken, daß es anders ſein könnte— wie mochteſt Du denken, die leeren Einwände könnten mich abhalten! Guter Herr! betrübt Euch nicht um Eure Kutſche,“ rief ſie—„die müßt Ihr mir abſchlagen— das kann ſein— aber weiter braucht Ihr nicht zu gehn!“ „O Magda! faſſe Dich,“ rief Thyrnau ſchmerzlich— „mache Dir und mir das Unvermeidliche nicht ſo ſchwer!“ „Nein! nein!“ fuhr Magda in ſteigender Aufregung fort —„ſieh Du nur ein, was unvermeidlich iſt! Unvermeidlich iſt, daß ich Dir folge in die große Wüſte hinein, wo ſie Alle zornig ſtehn und auf Dich warten, wie reißende Thiere. Wie Du nur nicht einſehen willſt, daß ich da mit Dir gehen muß— denkſt Du, daß ich ſie fürchte? Sieh', ich ſehe Deine blauäugige Kaiſerin— Deine Thereſia— mit dem ſchönen ſtolzen Hals, der ſo wogt wie ihre Gedanken— aber der Muth ſinkt mir nicht, ſondern ich fühle ihn erſt recht! Gut, daß ich ein Kind bin, wie Du mich oft bezeichnet— das hat alle Thüren auf— die Ihrige auch! Was will ſie wohl machen vor der großen Wahr⸗ heit, die ich ihr ſagen kann? Siehſt Du's nun ein?“ fragte ſie— immer noch hoffend, ſie wäre fertig mit dem Widerſtande. „Nein! Magda, denn Du irrſt Dich, wenn Du hoffſt, Duwürdeſt zur Kaiſerin dringen können. Auch wird Alles, was mich vertheidigen kann, vor die Kaiſerin kommen— ſo ſicher— als ſagteſt Du es ihr ſelbſt.“ „Deſto beſſer!“ fuhr Magda fort—„dann brauche ich mich gar nicht von Dir zu trennen— dann bleibe ich den gan⸗ zen Tag bei Dir und wir können uns recht viel erzählen.“ „Das geht eben nicht, mein liebes Kind,“ ſagte der Ge⸗ richtsherr—„denn unter den Umſtänden, wo der Herr Groß⸗ vater nach Wien geführt werden, darf Niemand ihn begleiten— ich muß das ſtreng unterſagen.“ „Unterſagen,“ wiederholte Magda— undllachte erſchreckend wild dabei auf—„unterſagen müßt Ihr es? Habt Ihr auch Gewalt, es zu unterſagen? Ich werde ihm folgen wie die Luft, die Euch umſtrömt— ich werde ihm nah ſein wie das Laub der Bäume, das um Euren Wagen ſchlägt— wie der Vogel, den Ihr am Wege aufſcheucht und der Euch nachfliegt— könnt Ihr es ihm unterſagen? Die Blüte, die Euch in den Schooß fällt und dann mit fährt, der Sonnenſtrahl, der Eure Schläfe brennt — könnt Ihr es ihnen unterſagen? Und ſo wird Magda ſein! Magda wird ihrem Großvater folgen— ſie wird bei ihm bleiben und Ihr werdet leichter den Epheu aus dem alten Eichenſtamm reißen, wohinein er die langen Wurzeln ſenkte— als Magda von ſeiner Seite.“ Alle waren aufgeſtanden, Magda ergriff wieder den Arm des Großvaters, und indem ſie ſich daran feſt klammerte, war es ihm, als habe ſie übermenſchliche Kräfte. Wangen und Augen glühten; ſie blickte bald den Gerichtsherrn, bald den Offizier mit einer Strenge an, als wollte ſie ſie warnen, mit ihr den Kampf zu beginnen.— Auf dem Geſichte Thyrnau's drückte ſich der tiefe Gram aus, den der Zuſtand des geliebten Kindes ihm verurſachte. Wie rathlos fühlte er ſeinen Verſtand, wie unbedingt hätte er in ihr Begehren eingewilligt, da er die unbezwingliche Gewalt ihres Verlangens ſo wohl verſtand, hätte er nicht eingeſehen, daß die Beamten ſich widerſetzen mußten. „Herr Thomas Thyrnau,“ redete ihn in dieſem Augenblick der Gerichtsherr wieder an—„Sie werden am Beſten den Ge⸗ horſam ihrer Enkelin in einer Sache bewirken können, die Sie als Geſchäftsmann ſo gut einſehen werden als wir ſelbſt; ver⸗ hüten Sie es durch Ihren Zuſpruch, daß wir dem lieben Kinde wehe thun müſſen.“ Der Beamte wie der Offizier traten in die Thüren und blickten in den Garten, um dem alten Herrn eine freiere Mit⸗ theilung zu geſtatten. Thyrnau ſeußte tief auf.„Magda,“ ſagte er—„der ſchwerſte Theil deſſen, was mir dieſe Zeit an Leiden brachte, iſt Dein maaßloſer Widerſtand in dieſem Augen⸗ blick! Denke Dir, wie verletzt mein Herz ſein würde, wenn ich —— 24 meine ganze Strenge gegen Dich hervorrufen müßte, um Deinen ſtarren Sinn zu brechen, da doch Dein Unrecht nur der Unver⸗ ſtand Deiner mir ſo theuren kindlichen Liebe iſt.“ „So glaube an Nichts als an dieſe Liebe,“ ſagte Magda, raſch ſich vor ihm niederwerfend und ſeine Füße umſchlingend— „denkſt Du, es ängſtige mich nicht, ſo ſtreiten zu müſſen? Hu! es iſt ſogar ſchrecklich. Darum nimm den Streit von mir, denn ich kann nicht anders! Sieh', ich habe es vorher verſucht, Dir nicht zu folgen— ich dachte es einen Augenblick— bleibe hier, weil er es will— aber das denke ich nie wieder, denn Höllen⸗ geiſter ſind nicht ſchlimmer, als das böſe Gelächter, was da Alles in mir aufſchlug!“ „So muß ich denn Deinen Streit beendigen,“ rief Thyr⸗ nau, von ſeinem tiefen Herzensſchmerz zu ſeiner alten Energie gettieben.„Ich will Deinen Streit beendigen, denn ich will Dir keinen Willen laſſen. Ich befehle Dir zu bleiben!“ rief er und hob ſie wie eine Feder vom Boden auf—„So wie Hiero⸗ nymus nach Tein zurück kommt, wirſt Du ihm folgen und Dich unbedingt in dieſe Anordnung finden, wenn Du es verweigerſt, die Nothwendigkeit davon einzuſehen.“ Es entſtand eine Todtenſtille. Er hatte ſie in einen Lehn⸗ ſtuhl geſetzt und ging, die Hände auf dem Rücken, in einer Be⸗ wegung auf und nieder, die zornig hätte ſcheinen können und doch nur Schmerz war. Als er ſich wieder umwandte und den Kopf hob, als lauſche er einem Geräuſch im Vorzimmer, er⸗ ſchrak er vor Magda's Anblick. Sie war ſo ſitzen geblieben, wie er ſie hingeſetzt hatte, aber ſie machte ihm einen ſchrecklichen Eindruck! Ihre erſtarrten Züge, ihr farbloſes Geſicht, ihre un⸗ beweglichen und völlig lebloſen Augen hatten den Ausdruck des Blödſinns. Er mußte denken, ſeine Heftigkeit habe ihr den Verſtand geraubt. Er ſchauderte und eilte durch das Zimmer bis zu ihr hin. 225 Seitwärts öffnete ſich die Thür; er hörte es nicht. Die Gräfin von Lach trat ein, ihr Blick überflog wie ein Blitz die Anweſenden— ſie wußte Alles— und als ſie Magda erkannte, die faſt unkenntlich ſich ſcheu vor ihrem jetzt vor ihr knieenden Großvater zuſammen kauerte, entfuhr ihren Lippen ein Schrei und ſie ſtürzte auf Magda zu und hatte ihre Arme um ſie ge⸗ ſchlungen, ehe noch Beide ſie geſehn. Magda behielt den Großvater mit allen Zeichen der Furcht im Auge; ſie zog die Füße auf den Stuhl hinauf und drückte ſich, ohne die Gräfin anzuſehen, ganz in ihre Arme hinein. „Magda,“ rief Thyrnau außer ſich—„erkenne mich doch — ich bin es ja— Dein Großvater! O fürchte Dich doch nicht vor mir— gieb mir doch Deine Hand!“ Doch, als er ſie faſſen wollte, ſtieß Magda einen herzzerreißenden Schrei aus und mit einer Schnelligkeit und Kraft, die ſie augenblicklich befreite, ſprang ſie über die Seitenlehne des Stuhls und ſtürzte ſich ge⸗ gen die Gartenthür. Doch weiter konnte ſie nicht, ſie taumelte. Die Gräfin, die alle Beſonnenheit behalten, hielt ſie ſchon in ihren Armen.— Dieſe Ohnmacht— die den Zuſtand vielleicht brach, war eine Wohlthat für den unglücklichen Thyrnau; er half der Gräfin ſie auf ein Ruhebett tragen, er hielt ihre kalten Hände, die ſie ihm nicht mehr entzog, und ſuchte ſie zu erwärmen— und ihr in dem Schlaf der Ohnmacht ſanft beruhigtes Geſicht zeigte nicht mehr die Verzerrung, die ihn vorher erſchreckte. Wunderbar war es, daß dieſe Beiden, die ſich in Magda's Pflege unter⸗ ſtützten, ganz dieſem einen Intereſſe hingegeben waren und mit keinem Worte oder Zeichen ſich befrugen— wer es war, der ſich dem Andern zugeſellt. Ob Beide es ahnten— ob nur die Gräfin — ob es überhaupt ſchon zu dieſer Frage in ihrem Innern gekom⸗ men war— es blieb noch unentſchieden. Aber wer ſie beobach⸗ tete, hätte ſie für alte längſt vereinigte Freunde halten müſſen.— Thomas Thyrnau. IM. 15 Auch rief das Flacon der Gräſin Magda ſchnell ins Leben zurück und zu Thyrnau's unſäglichem Entzücken lächelte ſie Beide an— richtete ſich auf ihrer einen Hand empor und ſagte ſanft: Wie mag das Alles zugehn— wie kommt die liebe Fürſtin Morani hierher— und warum biſt Du ſo traurig, Großvaters“ Die Gräfin erröthete; Thomas Thyrnau ſtand gefaßt auf, aber Beide fühlten einen peinlichen Augenblick. Die Gräfin war indeſſen gekommen, um zu ſprechen; ſie fand das Wort zuerſt. Sie reichte Thyrnau mit einem faſt bittenden Blicke die Hand und wandte ſich mit rührender Zärtlichkeit zu Magda⸗ „Wir erfuhren in Wien die Maaßregel, die Dich heute ſo er⸗ ſchreckt hat, mein liebes Mädchen, und da Lacy— durch die⸗ ſelben Umſtände verhindert ward, ſelbſt nach Tein zu kommen, beſchloß ich, ſtatt ſeiner die Reiſe zu machen, da Du unſer größ⸗ ter Kummer warſt, weil wir Dich noch krank wußten und uns Deinen Schmerz und Deine Sorge lebhaft denken konnten!“ Die Gräfin fühlte hier, daß Thyrnau ihre Hand warm drückte und es that ihr innig wohl. „Das gab Ihnen Gott ein, gnädigſte Gräfin,“ ſagte Thyrnau—„denn Sie finden uns in Wahrheit grade um dies theure Kind in großer Sorge. Wie leicht verfehlt ein Mann die Art und Weiſe, wie ſo tiefer Aufregung zu begegnen iſt, während die bloße Nähe einer Frau ſchon lindernd wirkt.“ „Ich danke Ihnen für dies Vertrauen,“ ſagte die Gräfin gerührt—„möchte es Magda theilen— möchte ſie fühlen, wie wir um ſie ſorgten— wie wir es als unſere heiligſte und nächſte Pflicht anſahen, ihr zu helfen— möchte meine Nähe, meine Pflege doch etwas die herbe Trennung von Ihnen vergüten können.“ Magda hatte geſpannt zugehört und jedes Wort wohl er⸗ wogen. Vieles mochte ihr in der kurzen Zeit klar geworden ſein, und von ſo tiefem Weh erſchüttert, ward ſie kaum noch von dem 227 neuen Zuwachs dieſer Gefühle überraſcht. Auch hatte ſie die Wahrheit gegen ſich ſelbſt gehabt, ſich keiner Hoffnung, keiner Träumerei mehr hinzugeben, ſeit Lach's erſtem Geſtändniß, und ſo fragte ſie ſich faſt hart: warum ſie nicht ſolle ſehen können, was ſie wiſſe? Sie blickte deshalb Claudia feſt an und die alte Liebe ſiegte; ja! wie ſie den gütigen Ton der Stimme, die wohlwollenden Geſinnungen ausſprechen hörte, ſehnte ſie ſich nach ihr; ſie ſetzte beide Füße zur Erde und dann lag ſie plötz⸗ lich an dem Buſen der Gräfin. Mit welcher Liebe drückte die edle Frau das theure Kind an ſich; wie hob dieſe innige Um⸗ armung ſo viel unter ihnen auf, was ſie beängſtigen wollte und gönnte der Liebe ihre freie Entwicklung. „Du nimmſt mich alſo an, meine Magda,“ ſagte ſie zärt⸗ lich— und ich ſoll bei Dir bleiben— und hier Dich tröſten?“ „Ja,“ ſagte Magda—„bei Ihnen will ich bleiben— und tröſten werden Sie mich können. Aber nicht hier— jetzt iſt das letzte Hinderniß entſchwunden! Es wird Ihnen Niemand wehren können, hinter dem Großvater her zu fahren oder voran. Dann bin ich, wo er iſt— und kann ihn täglich ſehn, wenn er ausſteigt oder der Wagen hält, durch das Wagenfenſter, und in Wien will ich ſchon Alles erreichen, was ſein muß— und darum ſendet Sie gewiß Gott; denn ſie hätten mich nicht mit⸗ gelaſſen und Gott wußte doch, daß ich nicht bleiben konnte.“ Die Augen der Gräfin ſtreiften Thomas Thyrnau.„Ich überlaſſe die Entſcheidung Ihnen, Frau Gräfin,“ ſagte er- „Zu lange habe ich ſchon den Wunſch des armen Kindes beſtritten; jetzt weiß ich nicht, ob mein Widerſtand noch Grund hat; da Sie mit dem großmüthigen Wunſche gekom⸗ men ſind zu helfen, ſo willigen Sie ein, dies arme Mädchen in Ihren Schutz zu nehmen. Und— Magda— ich hoffe, Du wirſt Dich zu dem lenken laſſen, was die edle Gräfin für Dich beſtimmt.“ Magda ſchwieg; als die Gräfin ſich aber zu ihr ſetze und ſie umſchlang, da hob Magda das blaſſe Geſicht zu ihr auf und mit einem leiſen Verſuch zu lächeln ſah ſie ſo bittend, ſo un⸗ widerſtehlich überzeugt, zu ihr hin, daß Claudia bloß ihre Stirn küßte und jeiſe fragte:„Wirſt Du auch die Reiſe aushalten? Du ſiehſt noch ſo krank aus, Du biſt ſo ſchwach, ſo reizbar und heftig zugleich; das deutet Alles darauf hin, daß Du noch krank biſt.“ „Ich will ſanft ſein wie ein Lamm,“ ſagte Magda leiſe— wenn ich nur mit ihm kann. Davon bin ich wieder ſo krank geworden, daß Alle dachten, ich könnte es laſſen, wie ſie es mir befahlen!“ „Nun,“ entgegnete die Gräfin—„ſo ſoll Dir nichts weiter in den Weg gelegt werden und wir überlegen dann in Wien das Nöthige. So nehmen Sie uns denn mit, Herr Thomas Thyrnau,“ fuhr ſie fort, ſich gegen ihn wendend—„dann ſind wenigſtens Alle, die ein gemeinſames Geſchick umſchlingt, beiſammen, und Sie wiſſen Magda bei mir und Lach in ſichern Händen“ „Nein, ſagte Magda— ich gehe ſogleich zu Barbara, meiner Tante, nach dem Urſulinerhof!“ „Sie iſt in Mailand bei Deiner Großmutter,“ erwiederte Thyrnau, ſie ſcharf beobachtend— Magda ſenkte erſchrocken den Kopf. Der alte Palaſt Mo⸗ rani iſt Deine wahre Heimat,“ ſagte die Gräfin gütig—„von dort aus bleibſt Du am Beſten mit Allem in Verbindung, was Deinen Großvater betreffen wird und Deinen Abſichten förder⸗ lich ſein kann.“ „Iſt das auch Gottes Wille?“ rief Magda lebhaft und blickte Beide ernſt und forſchend an.— Sie blieben ihr die Antwort ſchuldig, denn ſo eben traten Hieronymus und die nach dem Dohlenneſt Verſendeten mit ihrem Auftrag fertig zu ihnen in den Saal. Hieronymus wurde ſo⸗ gleich von dem Willen Magda's unterrichtet und obwol er oft⸗ mals mit dem Kopf ſchüttelte und viel Widerſtrebendes in den Bart murmelte, kannte er doch Magda zu gut, um den Sturm, nachdem ſie anfing einige Ruhe zu genießen, noch einmal an⸗ regen zu wollen. Er beſchäftigte ſich daher blos damit, ſo weit es ſeine eigne Lage geſtattete, alle Reiſemaaßregeln vorſichtig einzuleiten und von den Kommiſſarien auszuwirken, daß die ganze Abreiſe erſt gegen Abend unternommen werde und bis da⸗ hin Jedem— unter den ihnen nöthig ſcheinenden Vorſichts⸗ maaßregeln— eine abgeſonderte Ruhe im eignen Zimmer zu⸗ geſtanden werde. Die Gräfin Lach nahm dieſen Vorſchlag nicht minder dankbar an, als alle Uebrigen, da ſie ſich bei der Hin⸗ reiſe keine Raſt gegönnt und ſie jetzt den unmittelbaren Aufbruch als das Beſte und Allen Hülfreichſte anſehen mußte und feſt entſchloſſen war, durch keine Rückſicht auf ſich ſelbſt ein Hinder⸗ niß eintreten zu laſſen. Das Beſtreben der antifranzöſiſchen Partei, die aufgefun⸗ dene Konſpiration ſo öffentlich wie möglich zu machen, um da⸗ durch aus der vertrauenderen begütigenden Stellung, die nach⸗ gerade zwiſchen den beiden betheiligten Höfen eingetreten war, in eine drohende überzugehen, ward mit allen Waffen, die Kaunitz noch in dieſem wüſten unüberlegten Andrang zu gebrau⸗ chen vermochte, bekämpft. Aber die Kaiſerin ſträubte ſich gegen ihre eigene höhere Einſicht, um ſich endlich einmal mit allem Rechte, wie ſie wünſchte, über eine Angelegenheit erzürnen zu dürfen, die immer in der Stille ſie dazu gereizt hatte und wozu ihr beſtändig und namentlich von Kaunitz das Recht nicht zu⸗ geſtanden worden war. Sie zeigte jetzt eine Aufregung, die ſie 230 an Allen ausließ, die ſie in dieſer Angelegenheit früher auf⸗ gehalten oder ſie ſpäter zugleich zu annähernden Schritten ver⸗ leitet, und da dies leider nur wenige waren, ſo bekamen Kau⸗ nitz und die Prinzeſſin Thereſe ihr volles Theil.— Es hätte ſcheinen können, daß Kaunitz ihr ganzes Vertrauen verloren habe, ſo ſtachelte ſie ihre Rede bei jeder nöthigen Erörterung mit ihm— und doch blieb der große Menſchenkenner dieſen Erſcheinungen gegenüber gefaßt und, ſich und was er augen⸗ blicklich zu leiden hatte, gänzlich vergeſſend, nur darauf ge⸗ richtet, ſeine angebetete Kaiſerin in dieſer Zeit ihres unbezähm⸗ ten Zürnens zu bewachen, damit keine Handlungen ins Leben treten konnten, von denen er gewiß war, ihr erleuchteter Geiſt werde ſie bei wieder gewonnener Ruhe zu bedauern haben. Seine Lage war um ſo ſchwerer, da er allein ſtand und die Kaiſerin von Keinem wiederholen oder beſtätigen hörte, was Kaunitz mit der wahrhaft ungeſtümen Inbrunſt eines treuen Dieners von ihr forderte. Sie hatte den Grafen Bartenſtein und Uhlefeld, ihren beiden Miniſtern des früheren Syſtems, die Einrichtung einer Special-Kommiſſion übertragen, in der dieſe ganze Sache verhandelt werden ſollte. Sie mußte wiſſen, wie tief ſie Kaunitz durch einen Schritt kränke, der ihn bei einem ſo wichtigen Vorfalle faſt zum Beiſitzenden machte und dieſe Sache in die Hände einer Partei legte, die, wenn auch von ehrenhaf⸗ ter Geſinnung, doch völlig bornirt in einem dem ſeinigen ent⸗ gegengeſetzten Syſtem, ganz natürlich geneigt ſein mußte, dieſe Entdeckungen als Belege ihrer feſt behaupteten Grundſätze an⸗ zuſehn, und deren Unparteilichkeit daher in ſo arge Verſuchung geführt ward, daß die Sache ſelbſt dadurch bedroht werden mußte. Doch hielt Kaunitz in dieſen täglich ſich häufenden Uebelſtänden an der Seite der Kaiſerin muthig aus, umtzu retten, was ſich ihrer Aufregung entziehen ließ. Auch lag oft in den Blicken der Kaiſerin ein Etwas, was ihn kräftigte— es war 231 ein Feuerblick, mit dem ſie durch ihr verdüſtertes Auge plötzlich durchzudringen ſchien und der wie gegen ihren Willen dem uner⸗ ſchütterlich treuen Unterthanen zurief: Du biſt doch ein tüchtiger Menſch!— Er war vielleicht nie größer, nie edler! verdiente vielleicht die Bürgerkrone und die goldenen Sporen nie mehr, als indem er Unbill erlitt und ſich ihr nicht entzog, um ſchwere Dienſte ſeiner Herrſcherin, ſeinem Vaterlande leiſten zu können! Er mußte es ſchon als einen Sieg dieſer nicht wankenden Treue anſehn, daß die Kaiſerin endlich den Befehl unter⸗ zeichnete, daß die ganze Unterhandlung bis zu ihrem Ende ein Staatsgeheimniß bleiben, auch die Unterſuchungen nicht öffent⸗ lich in dem Staatsarchiv gehalten werden ſollten, ſondern in einigen feſten Gemächern der Hofburg, und daß der eingebrachte Gefangene nicht nach dem öffentlichen Zuchthausgefängniß, ſondern nach einem jener befeſtigten Gemächer geführt werden ſollte; welche Auskunft die Angelegenheit aus dem Bereiche einer Menge unberufener Neugieriger zog und eine leiſe Hoff⸗ nung des Grafen Kaunitz nährte, daß dies Gericht— in die Nähe der Kaiſerin gebracht— vielleicht ihre eigene Theilnahie gewinnen könnte. Daß er dies wünſchte, zeigte, wie hoch er ſie ehrte, wie gut er ſie kannte! Ihre ungeduldige Lebhaftigkeit ſollte ſie zu dem Schritte verführen; von ihrem großen Geiſte, von ihrem wahrhaftigen Karakter hoffte er dann die Unterſtützung zu erhalten, die ihn nicht mehr allein zu ſtehn fürchten ließ. Die Zeit, die nothwendig hingehen mußte, ehe dieſe Ein⸗ richtungen bis zu der Form eines zu eröffnenden Gerichtes vor⸗ ſchritten, blieb bei der Stimmung der Kaiſerin auch nicht ganz ohne Einfluß; da ſie genöthigt war, während dieſer Zeit mit Kaunitz über die laufenden Geſchäfte zu unterhandeln, trat theilweiſe das alte Verhältniß in ſeine Rechte und der Graf freute ſich oft, wenn er wahrnahm, wie ſie ſich erſt darauf be⸗ ſinnen mußte, daß ſie ihm zürnen wolle. 232 Bartenſtein und Uhlefeld benutzten dagegen dieſe Zeit, um ſich von den Umſtänden zu unterrichten; ſie hatten mit dem Fürſten von S., welcher vorläufig der Träger dieſes ganzen Aufruhrs war, täglich Konferenzen und ordneten danach den Gang, den der Prozeß zu nehmen habe. Wie viel Lücken ihnen blieben, mochten ſie ſich kaum eingeſtehen, oder hofften doch, ſie durch das Erſcheinen der beiden Angeklagten, des Grafen von Lach und des Advokaten Thyrnau, gelöſt zu ſehen. Die Hauptbeweiſe blieben zunächſt der Nachweis, daß durch Thomas Thyrnau die bedeutendſten Summen nach Frankreich gegangen waren und daß die Gegenſtände, wofür dieſe Zahlungen er⸗ folgten, einen ſehr verdächtigen Namen führten, der nothwen⸗ dig eine wirkſame Stütze der übrigen Anſchuldigungen werden mußte. Daß dieſe Zahlungen ſogar durch den jüngeren Grafen Lacy gegangen waren, ließ ſich nachweiſen, und ſelbſt noch ſpätere Zahlungen ſchienen die Dauer dieſer verdächtigen Ver⸗ hältniſſe bis in die Gegenwart hineinziehen zu wollen. Nach der Untertedung mit Lach, die ſo unbefriedigend ausgefallen, während die Erlaubniß dazu der Kaiſerin ſchon faſt gegen ihren Willen von Kaunitz entriſſen war und ihr der ſchlechte Erfolg derſelben gar nicht zu entziehen blieb, wodurch ſie ſich noch mehr erbittert hatte— enthielt ſich Kaunitz jeder geheimen Unterredung, von der er überzengt ſein konnte, ſie werde beobachtet und verrathen. Nur Stahrenberg, der wür⸗ dige Gefährte ſeiner großen Pläne, ward von dieſer ſtörenden Epiſode unterrichtet und zu wohl berechneten Nachforſchungen auf ſeinem Platze als Geſandter am Verſailler Hof aufgefordert; er durfte hoffen, daß dieſer kluge und vorgeſchrittene Staats⸗ mann geneigt ſein werde, auch das zu entdecken, was die Vor⸗ ausſetzungen widerlegen oder entkräften könne, mit welchen ſeine miniſteriellen Inſtruktionen ihm die Richtung zu geben ſuchten. Auch bei dieſen Inſtruktionen hatte es der ganzen klugen Be⸗ 233 redtſamkeit und der eiſernen Feſtigkeit des Staatskanzlers bedurft, um das äußerlich eingeleitete Verhältniß zu Frankreich nicht damit zu verderben. Er hatte darauf gedrungen, ſich des tief⸗ ſten Geheimniſſes zu bedienen, um Zeit zu gewinnen, die durch Graf Stahrenberg verlangte Auskunft erſt mit dem erregten Verdacht zu vergleichen, ehe man ihm Einfluß nach Außen ge⸗ ſtattete. Eben ſo hatte man endlich nachgegeben, die im Lande ſelbſt vom Fürſten von S. bezeichneten Perſonen unangefochten zu laſſen, da durch ihre Verhaftung ein Aufſehn erregt werden mußte, welches Kaunitz ſo lange als möglich verhindern wollte. Lacy's Verhaftung auf Ehrenwort war wenig auffallend, und— da er verſprochen, ſie, ſo weit es thunlich war, der Aufmerkſamkeit zu entziehen— ſo kam ihm die Abreiſe ſeiner Gemahlin, mit der man die ſeinige verbunden hielt, dabei zu Hilfe. Kaunitz fühlte, daß Alles auf dieſen ſo oft genannten Thomas Thyrnau ankomme; er erwartete ihn deshalb mit eben ſo viel Ungeduld als ſteigendem Mißbehagen, und hatte ſich von ihm faſt gegen die geltendſten Zeugniſſe ein ungünſtiges Bild zuſammen getragen und fand ſich aufs Höchſte gereizt, weil er annahm, daß die Thorheiten eines mit müßigen Träumen angefüllten Kopfes ſeine ſo hochwichtigen Pläne durchkreuzt hätten. Er fürchtete nur zu ſehr, daß der lange mißleitete franzöſiſche Hof in die Schlingen eines Ränkemachers habe fallen können, der nun vielleicht die Mittel beſitze, jene Unbeſonnen⸗ heiten zu erweiſen, um ſich auf Rechnung derſelben der ſchweren Verantwortung zu entziehen, die in der gemachten Anklage lag. Thomas Thyrnau war aber bekannt genug, um jede Nachfor⸗ ſchung über ihn zu erleichtern; ſchon der Name ſeines Vaters war ehrenvoll bekannt, der Sohn hatte das Anſehn ſeines Va⸗ ters geerbt; er ſtand überall ohne Tadel, und Kaunitz kannte ſeine Standesgenoſſen zu wohl, um nicht zu wiſſen, was er von der hochmüthigen Gleichgültigkeit zu denken habe, mit der man ihn paſſiren ließ. Er mußte ſich eine ſehr tadelloſe Stel⸗ lung zu gewinnen gewußt haben, da dieſe durch jede Bedeuten⸗ heit außer den Kreiſen ihres Standes faſt Beleidigten ihn blos verleugneten, obwol gelegentlich entſchlüpfte Aeußerungen an⸗ deuteten, wie nöthig Viele ihn gehabt hatten. Deſſen unge⸗ achtet glaubte Kaunitz die Eigenſchaften eines geſchickten Advo⸗ katen, eines fähigen Rathgebers möchten ſich ſehr wohl mit einem intriguanten Kopf und hochſtrebendem Ehrgeiz vertragen, und gewiß war es kaum möglich, in der Kaunitz entgegen ge⸗ ſetzten Partei entſchiedene Vorurtheile gegen Thomas Thyrnau zu nähren, als dies bei dem Einzigen der Fall war, der doch lebhaft wünſchte, er möge ſich und die Sache als unſchuldig beweiſen zu können. Endlich waren die Vorbereitungen mit der Ankunft des Beklagten beendigt und die Herren baten um eine Audienz bei der Kaiſerin, um ihr Anzeige davon machen zu dürfen und ihre weiteren Befehle zu erbitten. „Kaunitz ſah, wie das ſtolze Blut der ſanguiniſchen Frau ihr Angeſicht überflog, als der Graf Bartenſtein als Vorſitzen⸗ der dieſe Rede an ſie richtete: aus ihren großen Augen ſchoß ein Blick wie ein Pfeil, als dürfe ſie keine Gelegenheit ver⸗ ſäumen, Kaunitz jede Verantwortlichkeit für die ihr auferlegten Kränkungen in Erinnerung zu bringen. Als ſie wie gewöhnlich dafür den ruhig kalten Blick ihres Staatskanzlers im Empfang genommen, wandte ſie ſich zu den Grafen Bartenſtein und Uhlefeld und ſagte kurz und ſtreng:„Ich hoffe, ich habe dieſe Sache in die Hände von Männern gelegt! Ich hoffe, Ihr werdet meinen Willen, dieſe Angelegenheit mit aller Strenge und Genauigkeit bis zu ihren Wurzeln zu verfolgen, hinreichend erkannt haben— und ich mache Euch für jede Verſäumniß oder Uebereilung derſelben bei meiner Ungnade verantwortlich— —— 235 ich bin,“ fuhr ſie, die Fronte etwas gegen Kaunitz nehmend, fort—„s durchaus müde, mich mit Freundſchaftsbetheue⸗ rungen meiner falſchen Nachbarn täuſchen zu laſſen und will dieſe Sache klar dargelegt haben— und werde dann meiner eignen Ueberzeugung folgen, die mich alle aufgenöthigten Neue⸗ rungen ihrem wahren Gehalte nach wird durchſchauen laſſen, um ſie demnach wieder dahin zu verweiſen, wo meine erhabenen Vorfahren ſie bis jetzt— mit gutem Grunde denke ich— zu erhalten wußten.“ „Wenn Euer Kaiſerliche Majeſtät zu geſtatten geruhen,“ ſagte Graf Bartenſtein—„ſo werden wir morgen das erſte Verhör beginnen.“ „So ſei es,“ erwiederte die Kaiſerin—„jedes Protokoll foll mir nach jedem geſchloſſenen Verhör überbracht werden; über jedes Einzelne verlange ich Euren jedesmaligen Vortrag, denn ich will dieſen Schlangenwegen jetzt Schritt vor Schritt ſelbſt folgen, mich nicht wieder überreden laſſen, daß ich den Träumen einer milzſüchtigen Frau nachhänge, ſondern mich überzeugt halten, wie gerade die Fehler, die man mich hat machen laſſen, jetzt meine Erfahrung gewitzigt haben, um Euch damit zu Hilfe kommen zu können.“ Obwol ſie Alles hatte ſagen müſſen, wozu ihr choleriſches Blut ſie trieb, machte ſie doch, nachdem ſie ihm genug gethan, die alte Erfahrung, daß ſie wiederum den Andern ihren Tri⸗ umph über Kaunitz nicht gönnte, und als ſie ihn gerade und ruhig in ſeinem einfachen und doch ſo ausgezeichnet feinem Weſen mit den großen geöffneten Augen und dem blaſſen mienenloſen Geſicht, woran alle Beobachtung zu Schanden ward, vor ſich ſtehen ſah, ihren Worten ohne das kleinſte Zei⸗ chen der Kränkung lauſchend, ſagte ihr großes gerades Herz: „er ſteht Dir doch am nächſten,“ und ſie ſenkte nachdenkend ihr Auge, und viel leiſer und milder als alles Frühere ſetzte ſie dann hinzu„Verſteht ſich, Graf Kaunitz, daß ich dabei Eure Anſicht nicht entbehren will, denn noch nie hat es der Ergrün⸗ dung der Wahrheit geſchadet, wenn wir aus einem geiſtreichen Kopfe und wahrhaftigen Munde entgegengeſetzte Meinungen hörten. Wir werden wiſſen, zwiſchen beiden die unſrige zu beſtimmen, denn hier haben alle Anweſende mein gleiches Vertrauen.“ Ihr raſches Kopfnicken beurlaubte die drei Miniſter; ihr Auge lag auf Kaunitz und es war, als erwartete ſie, daß das ſeinige einen Augenblick länger, als nöthig war, auf ihr ruhen werde. Das bezeichnete Special⸗Gericht hatte ſich jetzt gebildet und beſtand aus dem Grafen Bartenſtein als Vorſitzendem, aus den Grafen Uhlefeld und Kaunitz, aus dem Baron Binder und den beiden Miniſter⸗Sekretären Dorn und Kallenbach. Die Anklage des Fürſten von S. nebſt den ſchriftlichen Beweiſen, welche er zur Unterſtützung ſeiner Ausſagen übergeben hatte, lagen der Verhandlung als Aktenſtücke zu Grunde. Nach der Prüfung derſelben war man darin überein gekommen, das gerichtliche Verfahren, welches man auf den von Kaunitz be⸗ wirkten Befehl der Kaiſerin in das tiefſte Geheimniß zu hüllen genöthigt war, jetzt auch von den gerichtlichen Umſchweifen los⸗ zumachen, die dem gewöhnlichen Gange der Gerichtshöfe an⸗ hingen und jede Verhandlung in ein Meer von Formalitäten ſtürzten, welche ſie in nicht zu berechnende Verzögerungen ver⸗ wickelten. Es war zufällig das Intereſſe Aller, daß ſich das zu er⸗ wartende Reſultat ſobald als möglich zur Entſcheidung heraus⸗ ſtellen möchte; denn keinem der Mitwiſſenden war zugleich unbekannt, wie die politiſchen Verwicklungen theils eine ent⸗ ſcheidende Stellung zu Frankreich nothwendig machten, theils die Thätigkeit Aller nur mit Nachtheil den wichtigeren Geſchäften 237 entzogen werden konnte, die der aufs Neue bedrohte Zuſtand des Vaterlandes von allen Seiten mehrte. Jeder hoffte freilich, aus dieſer ſchnellen Beendigung des Allen wichtigen Vorfalls, für das Intereſſe Vortheil zu ziehn, dem er beſoders ergeben war, und vielleicht blieb die Kaiſerin trotz ihres äußerlich dar⸗ gelegten Zürnens auf Kaunitz doch die Einzige, die nicht ſchon im Voraus beſtimmt wünſchte, welche Entſcheidung ſich ergeben ſollte. Sie beſchloß, beide Parteien mit größter Strenge zu überwachen und ſich durch Nichts in der Handhabung des Rechts irren zu laſſen. Am liebſten hätte ſie ſelbſt zu Gericht geſeſſen und Allen merklich hatte ſie den Verhältniſſen, unter denen ſo etwas— ohne ihrer hohen Perſon zu nahe zu treten— möglich war, nachzuforſchen geſucht; auch hatte Kaunitz ihr mit der Miene, als habe er ſie nicht entfernt errathen, dazu eine Brücke gebaut, indem er es wirklich durchzuſetzen gewußt hatte, daß man für den Gefangenen wie für das Gericht ſelbſt die alten feſten Gemächer, die in den Buggraben gingen und doch durch die bewußten ehmaligen Zimmer der Prinzeſſin Thereſe mit dem von der Kaiſerin bewohnten Zimmer in Verbindung lagen, angewieſen hatte. Es war am V0ſten September des Jahres 1755, als das oben erwähnte Perſonal des Special⸗Gerichts ſich in dem alten Gemache verſammelte, auf welches in der Stille einige Sorgfalt verwendet worden war, und das bei hellem Kaminfeuer einen würdigen Anblick gewährte. Eine große Tafel, mit vier Lehn⸗ ſtühlen und zwei Tabourets für die Sekretäre umgeben, erhob ſich gegen die Fenſterwand; gegenüber befand ſich eine Reihe Stühle, die man nicht aus ihrer Ordnung gerückt; ein ſammetner Fauteuil war für den Fürſten von S. der Tafel gegenüber geſtellt; in den Wänden rechts und links befanden ſich Thüren. Die eine führte in die Gemächer, in deren Ende der Gefangene untergebracht war; die andere Thür führte nach 238 einer Art Vorzimmer. Die Herren begaben ſich durch daſſelbe zur Verſammlung. Die Thüren dahin blieben geöffnet und nur ein Vorhang trennte beide Gemächer. Man hatte an den Fenſtern dieſes Zimmers Vorhänge angebracht, den Kamin in Glut geſetzt, einen Teppich auf dem vernachläſſigten Fußboden ausgebreitet und mehrere bequeme Lehnſeſſel herbeigeſchafft, und die Herren, die ſich darin ſammelten, richteten, nachdem Jeder die beſondere Ausſtattung wohl in Augenſchein genommen, Blicke auf einander, die eine Frage enthielten, welche jedoch Niemand ausſprach. Später als Alle erſchienen Graf Kaunitz und Baron Binder; der erſtere entſchuldigte ſich ſogleich gegen die Wartenden und nöthigte den Grafen Bartenſtein den Vor⸗ tritt zu nehmen, während er ſich mit Graf Uhlefeld und Baron Binder anſchloß. Der Fürſt von S. erwartete die Herren bereits in dem Gerichtszimmer und der beſchloſſene Gang der Verhandlungen beſtimmte, daß in dieſer erſten Sitzung den beiden Vorgeladenen — Lacy und Thrnau— die Anklage des Fürſten von S. aus den darüber aufgenommenen Akten und von dem Fürſten ſelbſt ergänzt, vorgetragen werden ſollte. Als man daher Platz genommen, gab der Graf von Bar⸗ tenſtein den Befehl, die Angeklagten einzuführen und die Ge⸗ richtsboten entfernten ſich nach beiden Seiten. Der junge Graf von Lach trat zuerſt ein und ſeine Geſtalt ſchien auf den Fürſten von S. einen lebhaften Eindruck zu machen; er ward noch braunrother als vorher, und ſeine Angen maßen mit ſtolz zurück⸗ gebogenem Halſe den ſchönen jungen Mann, während dieſer mit Ehrerbietung die Herren an der Tafel grüßte. Als er ſich um⸗ wendete, um auf der gegenüber liegenden Stuhlreihe Platz zu nehmen, begegnete er dem unverſchämt prüfenden Blick des Fürſten, und da er ſogleich ſtehen blieb und in ſeiner Haltung die ſtolze Frage des Edelmanns hewortrat, ſagte der Fürſt leicht 239 mit dem Kopfe, nickend:„Sie gleichen Ihrem Ohm in ſeiner Jugend wie aus den Augen geſchnitten!“ „Da Eure Durchlaucht mir durch Ihr dreiſtes Anblicken dies ehrenvolle Zeugniß ertheilen wollen,“ erwiederte Lach, „glaube ich es überſehen zu können!“ „Oho!“ rief der Fürſt—„es ſcheint, ich muß Euer Gnaden um Verzeihung bitten für meine Augen, die ſich herausnehmen, Ihre werthe Perſon zu berühren.“ Die Antwort des Grafen blieb aus, denn eben öffnete ſich die Thür, die nach den Zimmern des Gefangenen führte und Thomas Thyrnau ward Allen, die ihn mit Ungeduld erwartet hatten, ſichtbar. Von jedem Bedenken verlaſſen, eilte der Graf von Lach auf ſeinen edlen Freund zu, und Vater und Sohn konnten ſich nicht inniger umſchlingen als dieſe beiden Schwergeprüften. „Und Magda?“ fragte Thyrnau, ſich aus Lacy's Armen zurückbiegend. „Sie iſt ein Engel in ihrem heil'gen Schmerz— und eine Heldin in ihren Entſchlüſſen!“ „Behüte ſie!“ ſagte Thyrnau—„und laſſ' uns jetzt zurücktreten, wir dürfen nicht zuſammen ſprechen.“ „Es ſchien, als habe Thyrnau ſelbſt das Gericht an ſeine Rechte erinnern müſſen. NRit einiger Beſchämung hörten die Herren die Worte des Advokaten und fühlten, daß ſie ſich Alle einem neugierigen Anſtaunen überlaſſen hatten, denn Thomas Thyrnau war ihnen auch außer der jetzt vorwaltenden Beziehung als ein ausgezeichneter Mann, berühmter Advokat und ſehr reicher Capitaliſt wohl bekannt und erregte ganz die Aufmerk⸗ ſamkeit, als wollten ſie nun den Vergleich zwiſchen ſeiner Perſon und dieſem auffallenden Ruf anſtellen. Thomas Thyrnau eilte aus den Armen Lacy's mit raſchen und kräftigen Schritten der Gerichtstafel zu und grüßte alle Anweſende mit Ruhe und Achtung. „Er weiß ſich zu beherrſchen,“ ſagte Kaunitz mit großem Vergnügen zu ſich ſelbſt. Er begleitete ihn mit den Augen bis zu ſeinem Stuhl, und es freute ihn noch mehr, als er ſah, daß der Fürſt von S., der ſichtlich ungeſchickt auf ſeinem Seſſel umher rückte, um ſeine Verlegenheit zu verbergen, von Thyrnau ſo ruhig angeblickt wurde, als ſei er ein leeres Meuble, an das ſein Kleid nicht rühren dürfe. Als beide Angeklagte ihre Plätze eingenommen hatten, traten die Gerichtsdiener zwiſchen ſie und der Sekretär Kallen⸗ bach empfing das Aktenſtück, um es laut vorzuleſen, woraus wir das unſerer Mittheilung nöthige Reſumé heraus heben. Der Fürſt von S. hatte damit angefangen, das Erziehungs⸗ inſtitut des verſtorbenen Advokaten Caſpar Euſebius Thyrnau als eine Pflanzſchule unpatriotiſcher und höchſt gefährlicher Grundſätze und Beſtrebungen darzuſtellen. Er hatte dies mit der ſichtlichen Abſicht hervorgehoben, um danit zu erklären oder zu entſchuldigen, wie er ſelbſt zur Kenntniß und Theilnahme des hochverrätheriſchen Komplotts verführt worden, das er zu er⸗ weiſen bemüht war. Dieſer Caſpar Euſebins Thyrnau ward als ein Freund des Fürſten Wenzel Lobkowitz bezeichnet, und der Fürſt von S. hatte ein Käſtchen Briefe eingereicht, deren Inhalt der Schlüſſel werden ſollte zu der unter Leopold dem Erſten ſtattgehabten Ungnade dieſes früher in ſo hoher Gunſt geſtandenen Miniſters. Dieſe Briefe ſollten einen Verdacht konſtatiren, der, obwol er durch den Tod beider Briefführer wie überhaupt durch die Zeit gleichgültig zu werden begann, doch die Wurzel des Gedankens zu ſein ſchien, der nun um ſo leichter als ein von franzöſiſcher Seite aufgegebener ſich darſtellte und den Namen Thyrnau in der erſten Generation ſchon verdächtigte. Die Briefe, deren Durchſicht ſich der Graf Bartenſtein ſelbſt unter⸗ zogen, bewieſen zuerſt die zärtlichſte Freundſchaft beider Männer, dann einen glühenden Enthuſiasmus für die Beförderung einer 241 höheren Volksentwicklung, einen tiefen Groll gegen den Des⸗ potismus des allmächtigen Jeſuiterorden, der ſich mit der ſchlauſten Feinheit aller öffentlichen Schulen und Bildungs⸗ anſtalten verſichert hatte, und gegen das hohle Wiſſen, was dort getrieben ward, um als Deckmantel zu dienen für den nie aufgegebenen Plan, durch geiſtigen Druck und abergläubiſche Beherrſchung der Gemüther die Maſſen zu ihren ultramontanen Zwecken ſich bequem zu erhalten. Beide Freunde ſprachen dabei ihre Hinneigung zu dem damaligen Zuſtande Frankreichs aus, das in einer kurzen geiſtigen Blüte unter Colberts Verwaltung große Früchte für die Zukunft verſprach. Damals aber ſuchten die beiden befreundeten Männer Alles auf, um die dort erſchei⸗ nende geiſtige Entwicklung auf das ſo weit zurückſtehende Vater⸗ land zu übertragen, und in Böhmen ſollte eben unter Caſpar Euſebius Thyrnau jene Bildungsſchule erſtehen, in der die Häupter großer Familien, ſelbſt die Prinzen kleinerer Staaten, eine höhere Bildung gewönnen, die ihnen das Bedürfniß geben ſollte, die dort erworbene Einſicht um ſich her weiter zu ver⸗ breiten. Dies hatte das Anſehn des Fürſten Lobkowitz wie die Klugheit Thyrnau's durchzuſetzen gewußt, und die Anſtalt war in einer Blüte und zu einer Berühmtheit gelangt, welche die Wache haltenden Jeſuiten, die vergeblich bemüht geweſen waren, dieſelbe ganz zu unterdrücken, zu einer nicht raſtenden Verfol⸗ gung antrieb, und beide Männer theilten ſich in voller Empörung die Hinderniſſe mit, die, wie Fußangeln, ſtill und geräuſchlos um alle ihre Schritte gelegt wurden. Unumwunden ſprachen Beide auch ihren Unwillen über den geringen Schutz aus, der ihnen von Seiten des Hofes ward.— Die Herrſchaft der Jeſuiten über Kaiſer Leopold war ſo entſchieden, daß er wohl in einzelnen Augenblicken, wo ihn der Geiſt des Lobkowitz belebt und zu freierer Anſchauung verholfen, den Druck, unter dem man ihn erhielt, fühlen konnte, aber dennoch unfähig blieb und Thomas Thhyrnau. II. 16 unfähig gelaſſen wurde, ſich zu einer Handlungsweiſe zu erheben, die von den Grundſätzen abwich, unter deren Bann dieſe wach⸗ ſame Partei ihn zu erhalten beſtrebt war. Hier kamen nun Briefe, die dem in Frage ſtehenden Punkte näher rückten. Die erwähnten Verhältniſſe wurden mit dem ſchonungsloſeſten Spotte verfolgt, der beſonders die unſchöne Gemahlin Leopolds oft ziemlich ſtark traf. Es mußten ſehr entgegen kommende Schritte von Seiten Frankreichs erfolgt ſein; ſie wurden be⸗ ſprochen, die Vortheile geprüft und erwogen und der Enthu⸗ ſiasmus für ihre großartigen Bildungspläne mochte Gedanken erzeugt haben, die vielleicht Beide unbewußt über die feine Grenze getrieben hatten, deren Ueberſchreitung der Unterthan zu fürchten hat, in deſſen Bruſt der freiere Strom der Erkenntniß ſich ergießt, an der er ſein Vaterland wünſcht Theil nehmen zu ſehen. Vertreibung der Jeſuiten, freie Religionsübung, Beſchrän⸗ kung der adeligen Vorrechte, Entlaſtung der Bauern, freie Bil⸗ dungsanſtalten, Aufhebung der willkürlichen Steuern, Berufung der Stände zur Prüfung der Geſetze, dieſe Staatsverfaſſung, Böhmens Zuſtänden mit größter Weisheit und Unſicht ange⸗ paßt— dies war eine an ſich höchſt ausgezeichnete und lobens⸗ werthe Arbeit des Caſpar Euſebius Thyrnau, mit vielen Rand⸗ bemerkungen des Fürſten Lobkowitz verſehen. Aber ſie war auch zugleich das Concept einer Erwiderung an das franzöſiſche Ka⸗ binet, welche hinreichend andeutete, was ſie beantwortete, ob⸗ wol ſich die Vorſchläge Frankreichs nicht vorfanden. Indem man den nicht genannten franzöſiſchen Prinzen als minorenn bezeichnete, verlangte man, die Vörmundſchaft deſſelben aus böhmiſchen Großen zu bilden, und hier ſtand wieder der Name Lacy, der Großvater des jetzigen, an der Spitze und auch Thyr⸗ nau's Name fehlte nicht. Dagegen ſchien man den Gedanken einer völligen Trennung von Oeſterreich nicht eigentlich zu 243 beabſichtigen, und hierüber lag ein merkwürdiger Aufſatz bei, an deſſen Anwendbarkeit und möglicher Ausführung Glauben faſſen zu können, von dem Enthuſiasmus zeugte, der für die zu er⸗ reichende Idee dieſe Männer an allen ihren Erfahrungen vor⸗ übergeführt hatte und ihnen entweder das Anſehn einer abſicht⸗ lichen Selbſttäuſchung, oder einer durch leidenſchaftlichen Eifer bornirten Einſicht verlieh. Man wollte bei Oeſterreich in einer politiſchen Anhängigkeit bleiben— deſſen Rechte gegen das Ausland vertreten helfen und dazu eine, alten Verpflichtungen entſprechende Heeresmacht ſtellen— man wollte eine jährliche Kontribution als einen Abtretungstribut an Oeſterreich zahlen, der durch den geſammten Grundbeſitz Böhmens garantirt wurde — man wollte als Staatsgeſetz ewige Freundſchaft für das Haus Habsburg aufſtellen und nichts dafür einhandeln, als die Freiheit, auf der Bahn der Civiliſativn das Banner für ganz Deutſchland voran tragen und der Einmiſchung Oeſterreichs ſich entziehen zu dürfen, unter deſſen ſtarren Formen jeder neue Aufſchwung erliegen mußte! Dieſe letzteren Vorſchläge hatten aber, wie zu ewarten war, im franzöſiſchen Kabinette die Würdigung gefunden, welche allerdings die Kluft zeigte, die hier auszufüllen war, da von beiden Seiten ganz verſchiedene Zwecke beabſichtigt wurden. Hier trat in dem Berichte wieder eine Lücke ein, welche vielleicht im Zuſammenhang ſtand mit der Ungnade des Fürſten Lobkowitz; denn die Verlegenheiten Oeſterreichs, die durch den Aufſtand in Ungarn und den Einfall der Türken, wie durch die Belagerung Wiens erwuchſen, waren vorübergangen, ohne daß der Plan wieder aufgenommen worden wäre. Böhmen that ſogar wichtige Dienſte und ſtellte bedeutende Männer.— Viel⸗ leicht aber zog der Ausbruch der Peſt, der 100,000 Opfer koſtete, die Gedanken von dieſen Plänen ab. 16* Nach dem Ryßwicker Frieden waren die Unterhandlungen zuerſt wieder aufgenommen. Daß dieſe Beſitznahme Böhmens nur mit franzöſiſchen Waffen erreicht werden konnte, war ein von beiden Seiten ein⸗ geſehenes Zugeſtändniß, obwol eine bedeutende Partei im Lande ſelbſt aufzuſtehn bereit war, um die zu gewinnenden Rechte zu behaupten. Dagegen dachte Frankreich an Nichts, als Oeſter⸗ reichs europäiſchen Einfluß durch dieſen Abfall Böhmens zu ſchwächen, franzöſiſche Truppen dort feſtzuſetzen, ſo Oeſterreich zu hedrohen und mit dem leichteſten Erfolg zu beunruhigen, da die ferne ſpaniſche Succeſſionsfrage es höchſt wichtig machte, die Anſprüche des Hauſes Habsburg durch eigne Verlegenheit in ihrer Wichtigkeit zu lähmen. Doch war auch hier die Unterhandlung abgebrochen, oder die Nothwendigkeit, alle Kräfte Frankreichs für den ſpaniſchen Succeſſionskrieg zu vereinigen, verſchlang dies kleinere Intereſſe, welches man vielleicht nebenher zu erreichen hoffte. „Wenn es uns nun nicht befremden kann, meine Herren,“ nähm hier Graf Bartenſtein ſelbſt das Wort—„daß Frank⸗ reichs Abſichten auf Böhmen trotz des Ryßwicker Friedens den⸗ noch wieder hervortreten, da wir Alle wiſſen, daß es zu den zahlloſen habſüchtigen Plänen des Auslandes auf Böhmen jeder⸗ zeit begierig die Hand bot; ſo muß es doch unſere ſchmerzliche Aufmerkſamkeit wecken, wenn wir die Beweiſe vorfinden, daß in Böhmen während eines Zeitraumes von 82 Jahren der Heerd dieſer hochverrätheriſchen Verſchwörung fortbeſtand und daher ſeine Stellung zu den Kaiſerſtaaten ſtets eine ſchwierige und verdroſſene blieb, die ſich der Segnungen unwürdig zeigte, welche die erhabenen Herrſcher des Hauſes Habsburg ihm ange⸗ deihen zu laſſen überall bemüht waren. Wenn wir den Feind nach Außen bis jetzt immer richtig zu erkennen uns erleuchtet fühlten, hat doch der Feind im Innern unſer großmüthig wieder 245 aufgelebtes Vertrauen ſo zu täuſchen gewußt, daß es des ge⸗ ehrten Fürſten von S. edelmüthiges Intereſſe für das erlauchte kaiſerliche Haus bedurfte, um uns mit großer Aufopferung ſeinerſeits auf die im Dunkeln ſchleichenden Umtriebe und Ver⸗ bindungen zwiſchen Böhmen und Frankreich aufmerkſam zu machen. Zur Anerkennung dieſes bedeutenden Dienſtes hat Ihre Majeſtät zu befehlen geruht, daß jede Frage oder Hin⸗ weiſung— durch welche Wege oder Verhältniſſe Seine Durch⸗ laucht zu dieſer Kenntniß gekommen, in ſo fern Sie ſelbſt ſich nicht geneigt zeigen, ſie anzuführen, als Ihrer Majeſtät Hin⸗ länglich bekannt— für unſtatthaft hiermit erklärt werden, wo⸗ bei zu bemerken, daß dieſe Seiner Durchlaucht zugeſtandene Freiheit der Vertheidigung der Angeklagten keinen Nachtheil bringen ſoll, weil die höchſte Gerechtigkeit bei allen Vorkommen⸗ heiten wachen wird.“ „Seine Durchlaucht ſind nun mitzutheilen geneigt geweſen, daß Sie in dem erwähnten Inſtitute des Euſebius Thyrnau ſich vom ſiebzehnten bis zum zwanzigſten Jahre während der Win⸗ termonate aufhielten und dort den Studien der Staatswiſſen⸗ ſchaft, der alten Klaſſiker und der neuen franzöſiſchen Literatur oblagen. Seine Durchlaucht ſchloſſen in dieſer Zeit Freund⸗ ſchaft mit dem einzigen Sohne des ſchon bejahrten Euſebius Thyrnau— mit dem anweſenden Thomas Thyrnau— welcher damals ſieben und zwanzig Jahre alt, ein Mitarbeiter des Vaters war, und ſowol durch Collegia im Inſtitute ſelbſt, wie durch eine bedeutende Advokatur ſchon einen anerkannten Ruf genoß. Mit ihm befanden ſich noch zwei Prinzen dort, der Erbprinz von D. und der Erbprinz von Z., ſehr viele Söhne der bedeutendſten Familien Böhmens, darunter der Graf von Lacy, der Oheim des Angeklagten, mehrere ungariſche Edle, einige Deutſche, kein einziger Oeſterreicher! Obwol dies In⸗ ſtitut ſeit der Verbannung des berühmten Fürſten Lobkowitz in 246 ihm ſeinen unmittelbaren Beſchützer verloren, hatte es ſich doch faſt in gleicher Bedeutendheit erhalten, und alle Verſuche der Jeſuiten, daſſelbe zu verdächtigen und zu ſtürzen, waren dies⸗ mal an Kaiſer Leopold und an ſeines Sohnes und Nachfolgers Willen geſcheitert. Seine Durchlaucht erwähnen dieſer erwie⸗ ſenen Thatſache als einer Merkwürdigkeit und führen das dar⸗ über umgehende Gerücht an:„Es habe nämlich in dem groß⸗ müthigen Herzen Kaiſer Leopolds ſtets für den verbannten Fürſten Lobkowitz eine Stimme geſprochen, und als die ge⸗ pflogenen Unterſuchungen nichts ergeben wollten, habe ſich der Wunſch gezeigt, den Verbannten zu begnadigen. Solches habe jedoch vielen Widerſtand gefunden; Kaiſers Majeſtät habe aber auf eine Anſprache des verbannten Fürſten gewartet und ſo mit vielem Vergnügen ein ihm heimlich zugegangenes Briefchen deſſelben empfangen. Dieſes habe aber nichts enthalten, als die dringende Bitte, das Inſtitut des Euſebius Thyrnau zu ſchützen und es beſtehn zu laſſen gegen alle dawider erhobenen Einwände, und habe es als die ſegensreichſte Schöpfung des Herrn Fürſten— und Thyrnau— als ſeinen würdigſten Ver⸗ treter geſchildert.“ „Von da an ſollen Seine Majeſtät jeden Nachtheil davon abzuwenden bemüht geweſen ſein, und Thyrnau ein Handbillet beſeſſen haben, welches ihm im dringenden Falle bei der Maje⸗ ſtät ſelbſt Schutz zu ſuchen geſtattete, und als Kaiſer Leopold die Regierung in die Hände Joſephs ſeines Erſtgebornen legte, empfahl er ihm dies Inſtitut, und auch Kaiſer Joſeph ſchützte es während ſeiner ſechsjährigen Regierung.“ „Seine Durchlaucht waren aüßerdem am genauſten mit dem Erbgrafen von Lacy befreundet, welcher an Alter dem Für⸗ ſten näher ſtand als Thomas Thyrnau, und ſie wurden bald in das Vertrauen gezogen, welches ihm einen beſtimmten Plan aufdeckte, zu deſſen Verwirklichung die jungen Männer hier herangebildet werden ſollten. Böhmen trachtete ſtets nach Wiedererlangung ſeiner alten Vorrechte und Inſtitutionen, vor⸗ nehmlich nach Gewiſſensfreiheit, und ſein Adel wollte Anſprüche machen, die mit der Oberhoheit Oeſterreichs nicht verträglich waren. Königswahl und Selbſtbewaffnung konnten Böhmen nicht mehr zuſtehn, blieben aber immer noch das heimliche Streben der Adligen. Um das Volk für dieſe Pläne zu gewin⸗ nen, wurde es über ſeine eigene Lage aufgeregt und empfing Zuſagen über zu machende Bewilligungen, die aber immer erſt in den wieder zu erlangenden alten Vorrechten ihre Erledigung finden konnten. Die Erziehungsweiſe in dem oft angedeuteten Inſtitut ging nun darauf hin, die jungen Böhmen vorzüglich mit den Zuſtänden bekannt zu machen, die zur Zeit ehemaliger Selbſtſtändigkeit dem Lande Vorzüge gewährten. Und man be⸗ ſchränkte ſich nicht auf dieſe gefährliche Lehre, ſondern man ſuchte ihr noch eine ſogenannte Ausbildung zu geben, indem man ihr ein neues Bauernrecht anhing, nach welchem dieſem Stande eine faſt bürgerliche Freiheit zugeſprochen wurde, und Jeder zu einem freien Manne auf ſeiner Scholle erhoben werden ſollte. Frankreich nun, welches, ſtets feindlich gegen Oeſterreich geſonnen, jede Bewegung Böhmens überwachte, was ſchon öfter ſo bereitwillig zum Verrath die Hand geboten, hatte bald die beiden Thyrnau's, wie die bedeutendſten der für Neuerungen gewonnenen jungen Edelleute ins Auge gefaßt, und abermals ſchlichen ſich Agenten König Ludwigs des Vierzehnten in den Kern dieſer Länder ein, um ihnen Schutz und Hülfe gegen ihren rechtmäßigen Landesherrn anzubieten und den Krieg, den der Raſtadter Frieden im Jahre 1713 beendigt, jetzt im Geheimen gegen den immer beneideten Nachbarſtaat fortzuſetzen.“ „Wir ſehen aus den Mittheilungen Seiner Durchlaucht, daß der Tod des Herrn Euſebius Thyrnau, der einſt der Unter⸗ händler war, keinen Unterſchied für die Betreibung dieſer Pläne 248 machte; denn derſelbe Geiſt lebte in dem Sohne fort. Es zeigt ſich, daß ihm von den jungen Männern des Inſtituts, wie von deren Familien, ein grenzenloſes Vertrauen und eine blinde Anhänglichkeit gezollt ward. Ihm ſtand eine Macht über die Gemüther zu, die ſelbſt die fürſtlichen Jünglinge, welche unter ſeinem Einfluſſe lebten, nicht unbetheiligt ließ, und Alle ver⸗ pflichteten ſich mit hohen Eiden: Böhmen zur Wiedererlan⸗ gung ſeiner beabſichtigten Rechte behülflich werden zu wol⸗ len, und zwar mit allen Mitteln, die ihnen früher oder ſpäter zu Gebote ſtehen würden. Keiner war jedoch, nächſt Thyrnau ſelbſt, thätiger dabei geweſen als deſſen Freund, Graf Joſeph Lach, der Oheim des hier anweſenden Grafen ſelbigen Namens.“ „Er hatte ſich zu verſchiedenen Malen ſelbſt nach Frankreich begeben, und nur der frühe Tod Karls, Herzogs von Berry, den man als König von Böhmen proklamiren wollte, verſchob den vorbereiteten Aufſtand. Bald darauf finden ſich aus den letzten Lebensjahren Ludwigs des Vierzehnten neue Vorſchläge, und hier wird zuerſt der natürliche Sohn Ludwigs des Vierzehn⸗ ten, Ludwig Auguſt von Bourbon, Herzog von Maine, ge⸗ nannt. Das abermalige Wüthen der Peſt in Böhmen, ſo wie der Tod des Königs von Frankreich und die bis zum Jahre 1723 dauernde Regentſchaft bis zur Thronbeſteigung Ludwigs des Fünßzehnten ſcheint die ganze Angelegenheit zur Ruhe verwieſen zu haben.“ „Wir haben bis hierher die hochverrätheriſchen Pläne unter den vorangegangenen Regierungen beleuchtet, welche als Vor⸗ bereitung der Beſchuldigungen dienen, die wir jetzt hervorzu⸗ heben haben, da dieſe uns einen traurigen Beleg geben, daß die aufrühreriſchen Ideen in Böhmen von denſelben Perſonen genährt, fortdauerten und bis zur neuſten Zeit und bei anſchei⸗ nend annähernden Schritten der Verſöhnung gegen unſere er⸗ 249 habene Kaiſerin dort in der Stille eine fortlaufende Unter⸗ ſtützung fanden.“ Es zeigt ſich hier zuerſt, daß Stephan, Graf von Lach, der einzige zwanzigjährige Sohn des früher bei derſelben Ver⸗ ſchwörung ſchon bezeichneten Grafen von Lacy Wratislaw, des Freundes von Thomas Thyrnau, im Jahr 1741 über Italien nach Frankteich ging und in dieſer ſchweren Zeit, wo unſere erhabene Herrſcherin von allen ihren Unterthanen die hinge⸗ bendſte Unterſtützung erfuhr, wo Frankreich auf das Treuloſeſte die Garantie für die pragmatiſche Sanktion brach und ſich mit den Feinden der erhabenen Habsburgiſchen Dynaſtie verband, um Oeſterreich zu zerſtückeln, zu berauben— daß dieſer Jüng⸗ ling, ſage ich, zur ſelben Zeit die alten Intriguen im Lande des Feindes aufnahm und in noch ausgedehnterem Maaße als früher, die empörendſten hochverrätheriſchen Anknüpfungen be⸗ gann. Hier liegen die allertraurigſten Belege vor uns. Obwol der Name des anverwandten Prinzen, der nun zu Böhmens Königsthron Begehr zeigte, nirgends genannt iſt, ſo wird dies unweſentlich, wenn wir dagegen die Schmach vernehmen, daß dieſer Prinz trotz dem, daß Böhmen ſchon von franzöſiſchen Truppen beſetzt war, dennoch ein eignes Truppencorps mit böhmiſchem Gelde anwirbt, an deſſen Spitze er wie ein Glücks⸗ ritter, das von jeder Kriegsdrangſal zerriſſene Böhmen in Be⸗ ſitz nehmen wollte, und dazu die ungeheuerſten Summen durch die Hände dieſes jüngern Lach aus Böhmen geliefert bekam. Wahrſcheinlich zeigte ſich jedoch der jüngere Agent hierzu nicht thätig genug, und wir ſehen bei ſeiner Abreiſe nun den alten Feind der Ordnung und des Rechts, dieſen Anhänger all der heimtückiſchen franzöſiſchen Pläne, dieſen Thomas Thyrnau aufs Neue auftreten und dieſen jungen Lach durch einen frühen Tod der verbrecheriſchen Laufbahn entzogen werden. Zu ſeiner ſtren⸗ geren Beobachtung ſtellte ſich der Fürſt von S. zur ſelben Zeit 250 in Paris ein. Der Advokat Thyrnau fand Zutritt bei Madame de Pompadour, und durch ſie wußte er auf die Geſinnungen Ludwigs des Fünßzehnten einzuwirken und behielt freie Hand zu jeglicher Dispoſition. Er blieb einige Jahre in Paris, und es iſt der Feigheit des böſen Gewiſſens zuzurechnen, daß dennoch nach ſo vielen Opfern und Anſtrengungen der Schlag nicht ge⸗ ſchah, der bei der bedrängten Lage des Landes ein nur zu ſicheres Gelingen hatte vermuthen laſſen,“ „Auch dieſer Thyrnau kehrte noch vor dem Aachner Frieden zurück, und die letzte Berührung, die uns das immer noch dauernde Fortbeſtehn der habſüchtigen franzöſiſchen Pläne ver⸗ bürgt, ſind die Beweiſe, daß zur Zeit der Anweſenheit des Herrn Grafen von Kaunitz als Geſandter in Paris, der in ſei⸗ nem Gefolge ſich befindende Graf Lacy Wratislaw, der Vetter des damals ſchon verſtorbenen letzten Unterhändlers, wieder eine bedeutende Zahlung an ein dortiges Handlungshaus machte, welches für Rechnung des Prinzen, deſſen Name nicht genannt iſt, darüber quittirte. Fünf Jahre ſpäter empfing daſſelbe Haus noch einmal von dieſem Thyrnau eine Zahlung zu gleichen Zwecken, und Seine Durchlaucht halten ſich überzeugt, daß der Advokat Thomas Thyrnau ſowol wie der hier gegenwärtige Graf von Lach noch in dieſem Augenblick Träger und Unter⸗ händler des immer fortbeſtehenden hochverrätheriſchen Komplotts ſind, welches Frankreich, unbehindert des Friedens und einiger in der letzten Zeit äußerlich annähernd erſcheinenden Schritte, dennoch fortzuführen keine Scheu getragen hat.“ Der Graf von Bartenſtein endigte hiermit den mündlichen Vortrag; die Angeklagten wurden vorgerufen und man ſtellte ihnen folgende Fragen: Ob ſie die mit angehörte Anklage, in ſo fern ſie ſich auf ſie bezöge, für richtig anerkennten— ob ſie einen gerichtlichen Vertheidiger ihrer Rechte begehrten— und wie viel Zeit ſie zu ihrer Vorbereitung bedürfen würden. Der Graf von Lach, dem wegen ſeines Ranges die erſte Antwort zuſtand, entgegnete darauf:„Bei der Stellung der Anklage ſcheint mir von ſelbſt hervorzugehen, daß meinem hoch⸗ würdigen Freunde Thomas Thyrnau das Recht zuſteht, zuerſt ſeine Erklärung abzugeben. Sehr wahrſcheinlich wird Alles hierin mit begriffen ſein, was ich zum Erweis meiner gänzlichen Unſchuld nöthig haben werde, und es wird dann leicht ſein, meinerſeits das hinzuzufügen, was dieſe Behauptung voll⸗ ſtändig rechtfertigen wird. Ich erkläre demgemäß für meine Perſon die vernommene Anklage auf Mitwiſſenſchaft eines hoch⸗ verrätheriſchen Planes für gänzlich grundlos— ich fordere zur Darlegung dieſer Behauptung keinen gerichtlichen Vertheidiger und wünſche keinen Aufſchub meiner Erwiederungen, als den, welchen mein hochwürdiger Freund Thomas Thyrnau zu ſeiner bei weitem ſchwierigeren Vertheidigung für nöthig halten wird.“ Als dieſe Erklärung zu Protokoll genommen und von Lach unterzeichnet war, trat er zurück, und Thomas Thyrnau ward zur Beantwortung der drei Fragen aufgefordert. Alle die, welche die Gerichtstafel umgaben, durchbohrten mit ihren Augen den Mann, deſſen gefährliche Richtung ſeit einem Menſchenleben eben dargethan worden war, und Jeder ſuchte mit ſeiner Erfahrung und Menſchenkenntniß die Ausbeute auf ſeinem Geſichte zu machen, die nach ſo harten Anſchuldi⸗ gungen vielleicht verrathen möchte, welche Beſtätigung man zu erwarten habe. Aber als der Angeklagte bis zur Tafel vortrat, ſchien Alle ihre Vorausſicht zu verlaſſen— ſie verſtanden ihn Alle nicht. Die kräftige und edle Geſtalt war von der tiefſten Ruhe durchdrungen und gehoben, und die vorzüglich ſchöne Stirn, deren antike Furchen ihr den Ausdruck hoher geiſtiger Kraft gaben, leuchtete in mehr als Ruhe— man hätte es Heiterkeit 1 nennen können! Dagegen war die Bläſſe des Geſichts unge⸗ wöhnlich und Mund und Augen wehmüthig und ernſt. „Es iſt mir nicht vergönnt,“ hob er mit feſter Stimme an —„wie mein junger Freund mit wenigen Worten alle die Fra⸗ gen zu erörtern, die das hohe Gericht uns zur Beantwortung zugeſteht. Die Anklage abzuweiſen, bin ich nicht im Stande — ich erwartete ſie Zeit meines Lebens. Ich werde Aufſchluß geben über alles hier vorgekommene, dann wird ſich die Frage — ſchuldig oder unſchuldig— von ſelbſt beantwortet finden. Wollte ich mich vertheidigen, dürfte ich vielleicht mit einigem Selbſtvertrauen glauben, ich wäre mir dazu genug— ich will mich aber nicht vertheidigen, von Niemand vertheidigt ſein! Aufſchub bedarf ich nicht; die Wahrheit, die ich ſagen will, iſt meinem Gedächtniß nicht entzogen und ſie erfordert keine Vor⸗ bereitung— ich danke daher meinem jungen Freunde für das mir zugeſtandene von ſich abgelehnte Recht der Verzögerung, und da ich ſehr wohl überſehe, daß eine baldige Beendigung der ganzen Sache dem hohen Gerichte wichtig ſein muß, bitte ich, den nächſten Termin anzuſetzen.“ Nachdem auch dieſe Erklärung zu Protokoll genommen und unterzeichnet war, trat Thomas Thyrnau zurück und die Herren der Tafel beriethen eine kurze Zeit, worauf die Ver⸗ theidigung für den andern Tag feſtgeſetzt ward und Alle Anwe⸗ ſende das Gerichtszimmer verließen. Die Miniſter begaben ſich nach Beendigung dieſer Konferenz zur Kaiſerin; ſie hörte ihren Vortrag mit ſtrenger Zurückhaltung an und nur, als man ihr die Protokolle, welche die Entgeg⸗ nung der Angeklagten enthielten, vorlegte, griff ſie mit einiger Haſt ſelber danach und durchlief mit Blitzesſchnelle die abge⸗ gebenen Antworten. „Wir werden ſehn! wir werden ſehn!“ rief ſie dann und wies ein paar Mal auf Thyrnau's Antwort, die ſie zuerſt geleſen—„hier iſt eingeſtandene Schuld und doch eine hoch⸗ müthige Sicherheit, die unſer Mißfallen erregt. Wir befehlen, daß das Verhör nach dem Staatsrathe, dem deshalb keine Auf⸗ merkſamkeit entzogen werden darf, ſeinen Anfang habe, und werden Gelegenheit nehmen, uns morgen noch näher darüber zu erklären. Bis dahin erlauben wir, daß, da der Graf von Lach ſich ſeines Vorrechts begeben, der Advokat Thomas Thyr⸗ nau mit ſeinen Geſtändniſſen den Anfang machen darf.“ Und an dieſem Tage bekam kein Menſch mehr ein gütiges Wort und die Herren zogen ſich zurück. Lacy wurde nach dieſem erſten Verhör in den Palaſt Morani zurückgebracht und von ſeiner Gemahlin mit der tiefen Bewegung empfangen, von der ſie nicht verlaſſen ward, ſeit ſie das Lebensglück des heißgeliebten Mannes bedroht ſah. Aber ſie kannte Alles, was ihn ſchmerzen oder um ſie beun⸗ ruhigen konnte, und wußte ihm das Vertrauen zu erleichtern, das ſie immer mit ruhiger Haltung entgegen nahm; und ſo durfte er ihr jede ihr im Stillen vielleicht drückend werdende Sorge mittheilen. „Ach,“ ſagte Lacy—„theure Claudia— wie tief habe ich heute die ſchmerzliche Lage Thyrnau's erkannt! Jetzt— jetzt, wo das Alter ſeine Locken gebleicht und die Pläne einer feurigen Jugend hinter ihm liegen— jetzt muß er von ihnen Rechenſchaft geben und iſt der Einzige geworden, auf den die Strafe fallen wird— und Alle, die mit ihm die Verantwot⸗ tung tragen ſollten, ſind dahin gegangen, wo dieſe irdiſche Gerechtigkeit ſie nicht mehr erreichen wird!“ Er ir hinter ſich einen tiefen Seufzer und blickte er⸗ ſchrocken um, denn ſeine trüben Gedanken hatten ihn Claudia's 254 Händedruck, womit ſie ihn auf Magda's Annäherung hatte aufmerkſam machen wollen, mißverſtehen laſſen. „Magda!“ ſagte er und erſchrack vor ihrem Anblick— „Gott erhält den Großvater bei ſeiner vollen Geiſtes⸗ und Körperkraft!“ „Das konnte ich denken!“ entgegnete ſie ruhig und glitt leiſe um ſeinen Stuhl herum.„Sagen Sie mir jetzt, wie er ſprach— was Sie zu ihm ſagten— und was er mir ſagen läßt.“ Sie ſetzte ſich auf einen niedrigen Stuhl vor Lach und Claudia hin und faltete die Hände um ihre Knie, während ihr Kopf ſchwermüthig auf die Bruſt ſank. Magda feſſelte das Auge — Lacy betrachtete ſie— ſie war ſo wunderbar ſchön! Nach der Krankheit war ſie gewachſen;— Claudia hatte andere Kleider beſorgt; mit weiſer Umſicht hatte ſie dem jungen Mäd⸗ chen, das ſie in Allem gewähren ließ, aus den beiden Wider⸗ ſprüchen ihrer Toilette heraus geholfen. Sie war jetzt weder puritaniſch gekleidet noch ſo reizend phantaſtiſch wie der Groß⸗ vater es gewünſcht. Sie hatte lange Kleider von ſchwarzem Seidenſtoff bekommen mit der üblichen Miedertaille, darüber das ſauber gefaltete Tuch, welches doch die wunderſchöne Schwa⸗ nenwölbung von Hals und Nacken zeigte— ſie hatte das Alles gehorſam und mit der Gleichgültigkeit des Kummers angelegt; nur von ihrem Haar wies ſie immer mit derſelben unwiderſteh⸗ lichen Handbewegung jeden Verſuch zurück, es zu der herrſchen⸗ den Mode umzugeſtalten. Daher trug ſie, jeden Schmuck zurücklegend, um das glänzend geflochtene dunkelbraune Haar ein einfaches Käppchen von ſchwarzem Sammet, deſſen Ränder mit der dazu gehörigen goldenen Treſſe beſetzt waren; drunter hingen die breiten Flechten um die ſchönen eirunden Wangen und berührten den Hals, ehe ſie in den Knoten verſchlungen waren, der das Hinterhaar hielt. Denn Magda hatte keine Gedanken mehr, die zierlichen Schnecken, die ſie ſonſt in heitern Tagen mit goldenen Nadeln an ihren Ohren drehte, zu bauen — er, der ſeine Luſt daran hatte und die ſchönſten Perlen und Steine dazu verwandte— er ſah es ja nicht mehr— was ſollte es ihr da? Aber ſie wußte nicht, daß Alles nur da ſchien, ihre Schönheit zu erhöhen— denn die Krankheit und der Schmerz hatten dieſe Knospe erbrochen, und wenn ihr noch die Farbe fehlte, ſo glich ſie gerade ſo noch mehr dem erſten Entfalten der Blume und ihr liebliches Angeſicht, auf dem ein Spiel ihrer tiefen Empfindung immer neue Erſcheinungen hervorrief, war wie ein Netz, worin ſich die Blicke fingen, und aus dem kaum loszukommen war. „Magda,“ ſagte Lacy—„der Vater ſcheint getroſt, daß Du bei uns biſt— Dein Name war ſein erſtes Wort— dann ſagte er mir: Behüte ſie!“ „Und begehrte er nicht nach mir, hat er mich nicht gerufen — können wir denn in ſo großem Schmerz von einander blei⸗ ben?“ fragte ſie weiter, immer ihre Stellung behaltend.— „Er wünſcht ſich ungeſtörte Ruhe, bis das morgende Ver⸗ hör vorüber iſt— er ſammelt ſich dazu und ſagte mir dies beim Abſchied, gewiß, daß ich Dich damit tröſten ſolle.“ „Glauben Sie ihm nicht,“ ſagte Magda jetzt und löſte die Hände los und blickte ihn lebhaft an—„das haben Sie mißverſtanden— oder es war ihm nicht Ernſt! Ich ſtörte ihn nie, wie ich auch jünger war— das war immer daſſelbe— ich hatte ſtill ſein gelernt und ihm war wohler, wenn ich vor ihm ſaß und er immer und immer wieder mein weiches Haar ſtrich. Und jetzt,“ fuhr ſie fort—„jetzt vollends! Kurz vor⸗ her, als ſie ihn fortführten, da haben wir es uns feſt gelobt, uns nie zu trennen— nichts mehr auf der ganzen Welt zu wollen, als bei einander zu bleiben bis zum Tode— alſo wo bliebe das, wenn er nun ſchon lieber allein ſein wollte?“ Sie war aufgeſtanden und hatte einen ſo energiſchen Ernſt in ihrem 256 Weſen ausgedrückt, daß Lacy und Claudia mit Wehmuth die Blicke wechſelten. „Ich glaube Dir gern,“ ſagte Lach ſanft—„aber es giebt ein Geſetz, welches verbietet, daß der Angeklagte mit denen in Verbindung trete, die ihm angehören; dieſem iſt auch der Großvater unterworfen, und es hat Dauer, bis das Gericht entſcheidet, ob der Angeklagte loszuſprechen iſt oder nicht.“ „Ach,“ erwiederte Magda und ſetzte ſich kummervoll wie⸗ der—„das iſt ein traurig Geſetz— und da ich doch die Kaiſerin ſprechen muß, ſo will ich ſie bitten, daß ſie das un⸗ natürliche Geſetz aufhebt— aber nicht allein für mich, ſondern für alle Andern auch!— Wenn man unglücklich wird, was giebt es da für irdiſchen Troſt, als daß uns noch Jemand lieb hat— und wie das wol kommt, daß ein großer gewaltiger Schmerz uns das Gebet erſtarren läßt in der Bruſt— nicht daß es nicht da wäre, aber daß es nicht wirken kann, weil es eine Art Tod iſt, wenn das Unglück ſehr groß iſt— was hat da Gewalt, als ein Auge, das alte Liebesmacht über uns hat? — Haſt Du wohl geſehen, wenn ein kleines Kind weint— ſo bitterlich und troſtlos— aber nun kommt die Mutter und faßt es, und blickt es an, und da lacht es ſo ſchnell, daß ihm die Thränen noch über das Lächeln fließen— das iſt Alles, weil die Menſchen ſo mächtig ſind durch ihre Liebe zu einander! Gott will das auch— er wirkt es in jedem Menſchen, daß er durch die Liebe den Bedürftigen gebe—“ Claudia faßte ſanft weinend die niederhängende Hand des armen Kindes— die ihr blutendes Innere denen zeigte, die ſich ſelbſt der erſten Wunden ſchuldig hielten. Magda rückte näher und legte beide Arme auf Claudia's Schooß.—„Ach, Claudia! ſolche rettende Augen hat der Großvater— wenn Alles weh thut, woran wir ſonſt gern dachten— wenn die Erin⸗ nerung erſtarrt iſt an das ganze Leben— an Gott ſelbſt— 257 dann ſehen ſolche Augen ſo lange hin, bis Wärme wiederkehrt — und ſie erwecken vom Tode— ſie haben Auferſtehungskraft! Und das Alles thut blos die Liebe; alſo kann ich es auch— ich kann es ihm thun wie er mir— und alle Menſchen können es un⸗ ter einander— und darum iſt es ach! wie ſo ſehr grauſam, daß es ein Geſetz giebt, was die trennt bei tiefer Noth, die ſich lie⸗ ben.“ Lacy ſtand hier raſch auf und eilte in den Garten hinein. „Holde Schwärmerin,“ ſagte Claudia—„ich wollte, die Kaiſerin hörte Dich— ſie höbe das Geſetz ſicherlich auf — doch wenigſtens für Dich!“ „Morgen gehe ich nach dem Profeßhauſe der Jeſuiten,“ entgegnete Magda—„und werde ſie dort erwarten. Georg Prey hat es erzählt— an Hedwiga, daß ſie jährlich am zwan⸗ zigſten September dorthin kommt und an dem Marianiſchen Mutter Gottesbild der Andacht beiwohnt. Da nimmt ſie viel Bittſchriften an und ſpricht ſelbſt mit denen, die ſie anreden!“ „Aber, Magda,“ fragte Lacy, der indeſſen wieder näher gekommen war—„biſt Du auch auf die Möglichkeit gefaßt, daß ſie es Dir abſchlägt?“ „Nein,“ ſagte Magda—„darauf bin ich gar nicht ge⸗ faßt, denn ſie darf es nicht thun, und ſie wird es nicht thun — ich fürchte mich gar nicht vor ihr— und werde ſie ſo lange bitten, bis ſie einwilligt!“ „Und Claudia würde ſo gern mit Dir gehn,“ fuhr Lach fort—„ſie iſt ja nicht an dieſe Mauern gefeſſelt wie ich. Wer — wenn ich frei wäre— dürfte Dich ſonſt führen und ſchützen als ich— Dein Bruder— Dein nächſter Freund!“ Magda ſeußte tief auf— ſenkte den Kopf in Claudia's Schooß und antwortete nicht. „Willige ein, meine geliebte Magda“— ſagte Claudia ſanft—„nimm mich mit— es wird Dir vielleicht Vortheil bringen, denn ich kenne die Kaiſerin.“ Thomas Thyrnau. U. 17 1 3 3 258 Einen Augenblick ſchwieg Magda noch— dann richtete ſie das milde Schmerzensantlitz zu Claudia auf und ſchüttelte den Kopf.—„Verzeih, wenn ich Dir widerſpreche, wo ich ſo unerfahren ſein muß gegen Dich. Aber ich kann der Erkenntniß nicht widerſtreben, die mir irgend woher kömmt— und die will, ich ſoll es allein thun! Wenn die Kaiſerin Dich ſieht, wird ſie weg zu kommen ſuchen, weil ſie weiß, in welchem In⸗ tereſſe Du ſein mußt— aber ein ſo junges Mädchen, die bloß ihren Großvater ſehen will— das kommt ihr wohl leicht vor und ſie ſteht mir Rede— ich darf auch— glaube ich— länger bitten wie Du.“ „Magda hat Recht!“ ſagte Lacy—„aus ihrem reinen Herzen fließt die Weisheit, die unſere Erfahrung überholt— ſie muß handeln, wie der innere Sinn ſie treibt.“ „So ſoll wenigſtens Georg Prey Dich überwachen, Du theures Kind,“ ſagte Claudia, ſie zärtlich an ſich drückend. „Und weißt Du denn,“ flüſterte Magda leiſe—„wie nöthig Du noch ſelbſt die Anſprache der Kaiſerin haſt?“— Die Frauen drückten ſich feſt an einander und jetzt weinten Beide, und Lacy enteilte mit ſeinem tief angegriffenen Herzen. Am ein und zwanzigſten September brach ein Morgen an — ſo glühend roth, ſo überfüllt von reichem perlenden Thau, ſo tief ſtill, ſo mooſig duftend nach dem Laube, was ſchon von früh entblätterten Bäumen auf der noch belebten Erde zwiſchen den Kräutern und dem Graſe unverwelkt blieb. Die Nebel, welche niederfallend die Erde ſo köſtlich erfriſcht, hingen noch in ihrem letzten Flor um die Ferne und riefen jene wunderbare Farbenpracht hervor, deren ſcharfe Kontraſte von Blau und Roth und Violet und dem dazwiſchen ſo viel markiger erſchei⸗ nenden Grün der Bäume und Raſen nur die Natur in Harmonie zu bringen vermag, und die keine Leinwand, kein Pinſel uns wiedergeben kann. 2⁵9 So früh noch war es, daß das Leben in der großen Stadt nicht erwacht war und die Straßen den Frieden zeigten, der einer ſchönen ſtillen Nacht folgt, welche noch über dieſe erſten Stunden ihre Erquickung ausgebreitet hat. Aber die Kaiſerin war ſchon, aller Pflichten dieſes Tages gedenkend, in voller Kleidung bereit nach dem Profeßhauſe der Jeſuiten zu fahren, um die jährliche Andacht vor dem Marianiſchen Gnadenbilde nicht über die ſpäteren Pflichten ihres erhabenen Berufes ver⸗ ſäumen zu müſſen. Von dem hohen Beſuche unterrichtet, empfing die Geiſt⸗ lichkeit ſie in Prozeſſion an der großen, nur für ſie ſich öffnenden Pforte, und ſie war in ſolchen Augenblicken nur die demüthige Unterthanin eines höheren Reiches. Das Portal der berühmten Jeſuiterkirche glänzte in den Strahlen der Morgenſonne, welche die vier über einander ſich tragenden Säulenſtellungen prachtvoll hervorhob und zwiſchen deren ſtolz empor ſtrebendem Bau ſich in der Mitte der unterſten Säulenſtellung von korinthiſcher Ordnung die faſt mit über⸗ ladenem Prunk ausgeſtattete Eingangspforte der Kirche zeigte. Die Kaiſerin machte nur ſelten von ihrem Vorrechte Gebrauch, vor dieſer Kirchenpforte vorfahren zu können. Sie ſtieg in der Regel in ihrer demüthigen Weiſe vor dem Gitter aus, welches die Kirchenbefitzungen gegen die Straße abzweigte, und ging zu Fuß den gepflaſterten Weg, der mit einer ſteinernen Ein⸗ faſſung, auf welcher Heil'gen⸗Statuen ſtanden, bis zum Ein⸗ gang der Kirche führte. An dieſem Morgen, den wir eben bezeichnet haben, blieb die Kaiſerin, nachdem ſie den Wagen verlaſſen, einen Augenblick ſtehn und genoß die Anſicht des ſtolzen Bau's, deſſen Fagade die aufſteigende Sonne mit einem düſtern Purpurlicht magiſch färbte, während die ſchlanken herr⸗ lich und kunſtreich gebauten Thürme in dem blauen Morgenduft ſchwebten, und das ſanfte melodiſche Spiel der Glocken ſich 17* 260 weit hin verbreitete.— Im prachtvollſten Schmuck der Kirche erglänzte in dieſer wahrhaft zauberiſchen Beleuchtung die an der Schwelle aufgeſtellte Prieſterſchaar; über Alle hiuaus das goldene Kreuz, um das ſich die blauen Wölkchen der Rauchbecken ſchlängelten. Auf beiden Seiten des Weges knieten Arme, Kranke, Blinde und Lahme, und murmelten Gebete und flüſter⸗ ten Segenswünſche auf Maria Thereſia herab, denn Alle wuß⸗ ten, daß ſie nach Beendigung der Meſſe Almoſen und Gnaden von ihr zu erwarten hatten. Langſam ſchritt die große Frau auf ihrem Wege vor, und ihr Auge ſchien die Unglücklichen um ihre Leiden zu befragen und ſie machte auf dieſem Gange die Wunder wieder lebendig, die eine noch nicht ferne Vergangen⸗ heit durch Heilkraft des Blickes oder der Handauflegung der hohen Herrſcherin zugeſtand. Neben der letzten Statue ward der Kaiſerin Auge durch ein junges Mädchen gefeſſelt, die dicht neben den Prieſtern etwas von dem großen Haufen getrennt kniete. Als die Kaiſerin ſich nahte, ſtand ſie auf, und Maria Thereſia erſtaunte über ihre Schönheit und den wunderbar er⸗ habenen Ausdruck dieſes Geſichts. Sicher, daß ſie ihr etwas zu ſagen haben werde, hielt ſie einen Augenblick an und ihr großes Auge ruhte auffordernd auf ihr— doch ein Prieſter drückte das Mädchen leiſe nieder, denn Alle wußten, daß die Kaiſerin nicht gern vor der Meſſe ſprach. Das Mädchen ſank wieder auf die Knie und Maria Thereſia beugte das Haupt vor dem heil gen Kreuze, netzte die Stirn mit dem ihr dargebotenen Weihwaſſer und folgte dann dem Zuge der Prieſter in die Hallen der Kirche. Nachdem die Kaiſerin mit ihrem Gefolge auf den ſammet⸗ nen Stühlen vor dem Hochaltare Platz genommen hatte, ſah ſie daſſelbe Mädchen, von einem einfach gekleideten Prieſter Jeſu geleitet, leiſe durch die Menge ſich drängen und ſobald ſie den ihr von dem Prieſter gebahnten freien Platz ſeitwärts an den Stufen des Hochaltars erreicht, auf ihre Kniee ſich werfen und, 261 die Arme über die Bruſt gekreuzt, ſich mit einer Inbrunſt nie⸗ derbeugen, die ihren Kopf faſt auf die Stufen des Altars neigte. Ein tiefer Schmerz war in dem ganzen ſchönen Weſen und auf dem todtenblaſſen Antlitz ausgedrückt— die Kaiſerin wendete jetzt raſch und faſt mit Vorwurf den Blick von ihr, denn ſie fühlte, ſie habe ſie zerſtreut. Die Meſſe war beendigt und jetzt begann die Prozeſſion, in der das berühmte wunderthätige Marianiſche Mutter Gottes⸗ bild durch die Kirche getragen ward, um endlich am Hochaltar, in einem beſonders dazu erbauten Häuschen vier und zwanzig Stunden lang der Andacht ſichtbar zu bleiben, worauf es ſich in die ihm eigens beſtimmte Kapelle hinter verſchloſſene Thüren zurück begab. Die Kaiſerin folgte mit ihrem Hoſſtaat der Pro⸗ zeſſion und kehrte mit dem Bilde ſelbſt vor den Hochaltar zurück. Ihr Auge ſuchte unwillkürlich die Stelle, wo das Mädchen vor⸗ her betete; ſie ſaß jetzt wie eine geknickte Blume auf derſelben Stufe, auf der ſie gekniet; als ſich die Prozeſſion jedoch nahte und ſie ihre Devotion davor verrichtet hatte, blieb ſie aufge⸗ richtet ſtehn und Leben und Kraft ſchien in die von Kummer müden Glieder zu treten.— Um die Kaiſerin gegen den An⸗ drang des Volkes zu ſchützen, war es nur einem kleinen Theile der Andächtigen geſtattet worden, mit ihr zugleich die Gitter des Chors zu paſſiren, und ſie behielt nach Beendigung der An⸗ dacht Raum, die Geiſtlichkeit in gnädigen Worten anzureden und von derſelben einige ſtets mit vieler Submiſſion bereit gehaltene Wünſche in Gegenempfang zu nehmen— als ſie ihnen eine huldreiche Gewährung geſchenkt, grüßte ſie zum Weggehn bereit, und— es überraſchte ſie nicht, wie ſie bei dieſer Wendung das Mädchen vor ſich ſah, das ihre Aufmerkſamkeit gefeſſelt hatte. „Vor dem Angeſicht der heil'gen Mutter Gottes laß Dein Herz für mich Erbarmen fühlen!“ ſagte das junge Mädchen und kniete vor ihr nieder.— 262 „Du haſt ſchweren Kummer, meine Tochter— das ſeh' ich Dir an“— ſagte die Kaiſerin, die ſchnell überſah, daß ſie keine Dürftige vor ſich habe—„doch hier knieen wir nicht vor Menſchen— ſteh' auf und rede, ob wir Dir helfen können, wie unſer Herz es für jeden Leidenden wünſcht!“ „Ja, Du kannſt es,“ ſagte das Mädchen, ſich aufrichtend, feſt und ruhig—„Du biſt ja die, aus deren großem Geiſte die Geſetze fließen, die Dein Land aus der Finſterniß und Er⸗ ſtarrung retten, in der es die langen Mißbräuche hielten!“ „Wer iſt das Mädchen?“ rief die Kaiſerin lebhaft. Rie⸗ mand antwortete. „Ach,“ fuhr dieſe fort—„ich bin tief betrübt, eben um ein Geſetz, was Du noch vergeſſen haſt und was deshalb ſo roh und unmenſchlich geblieben iſt— ich will Dich nun inbrün⸗ ſtiglich bitten, Du ſolleſt dies traurige Geſetz auch noch beden⸗ ken und dann aufheben und mich gleich eintreten laſſen unter den neuen Segen.“ „Nun,“ rief die Kaiſerin, indem ſie ihre Umgebung lä⸗ chelnd anſah—„das iſt mir mein Lebtag noch nicht begegnet!“ Da aber das Mädchen ſchwieg und alle Andern wohl wußten, ſie liebe keine unberufene Einmiſchung, ſo fuhr ſie, zu dem Gegenſtande ihres Erſtaunens gewendet, fort:„Hör', Du biſt ein dreiſtes ſeltſames Mädchen— hüte Dich, mich zu er⸗ zürnen und ſage mir ohne Unſchweife, die hier nicht her ge⸗ hören, was Du willſt.“ „Was ich ſagte, große Kaiſerin— das gehörte Alles hierher,“ entgegnete das junge Mädchen ſanft und traurig— „wenn Du aber mit Deinem Zürnen drohſt, ſo wirſt Du nie die Wahrheit erfahren und mir kann nicht geholfen werden.“ „Ich bitte Euch,“ ſagte die Kaiſerin, plötzlich ganz ernſt und verändert, zum Sakriſtan der Kirche—„öffnet uns die Gitter und ebnet uns den Weg nach dem Kapitelſaal. Unfehlbar 263 wollen wir dies Mädchen anhören— denn die gne eie Mutter hat ihr Herz wahrſcheinlich zu ſo ſeltſam R gerüſtet— an ihrem geheiligten Tage wollen wir uns um das Verſtändniß ihres gnädigen Willens bemühen! Doch ſoll die Menge nicht länger durch uns von ihrer Andacht abgehalten werden.“ Es geſchah, wie ſie befahl; zie Geiſtlichen traten voran, die Kaiſerin folgte und zwiſchen ihr und den Hoſchargen ging das junge traurige Mädchen. Als ſie in das Kapitel eingetreten waren, ſagte die Kaiſerin:„Jetzt ſprich ohne Furcht— wir werden Keinem zürnen, der uns die Wahrheit ſagt.“ „Nun ſo bitte ich Dich, große Kaiſerin, hebe das unnatür⸗ liche Geſetz auf, das verbietet— wenn Jemand um böſen Ver⸗ dachtes willen gefangen gehalten wird— daß die nicht bei ihm bleiben dürfen, die ihn lieben.“ „Wie!“ rief die Kaiſerin—„das war es?“— ſie firirte das Mädchen und ſagte dann ſanfter:„Du biſt wohl in dieſem Falle— Du haſt wohl wen in ſolcher Lage?“ „Ja,“ erwiederte das junge Mädchen—„das, was ich am liebſten habe auf dieſer Erde— meinen Großvater— den haben ſie um ſchmählichen Verdachtes willen gefangen geſetzt— und ich, ſein beſter Troſt, ſoll von ihm fern bleiben, weil das böſe alte Geſetz noch beſteht, von dem ich Dir eben ſagte.“ „So,“ ſagte die Kaiſerin—„und wer iſt denn Dein Großvater, den Du ſo lieb haſt, daß Dir ein Gefängniß ein etwünſchter Aufenthalt ſcheint— ſonſt doch kein paſſender Ort für Dein Geſchlecht und Deine Jugend?“ „Ja; aber für meine Liebe! Die iſt es ja!— Wie man ihn liebt— das kommt nicht oft in der Welt vor— wie er ſelbſt nicht zweimal da iſt!“ „Nun! den Namen!“ ſagte die Kaiſerin, faſt 5— „Sein Name iſt Thomas Thyrnau!“ 264 „Thomas Thyrnau!“— rief die Kaiſerin ſchnell aufſtehend —„der Landesverräther? Für den bitteſt Du?— Dich wagt man mir in den Weg zu ſtellen? Von welcher Seite kommt mir das?— Hoho! meine Herrſchaften— wer hat denn Luſt, mich hier gegen Recht und Vernunft zu beſtechen durch das glatte Ge⸗ ſicht und das aberwitzge Geſchwätz dieſer Gauklerin? O, gnadenreiche Mutter Gottes!“ rief ſie ſich bekreuzigend—„ver⸗ gieb, daß man es wagt, deinen heil'gen Einfluß auf mein de⸗ müthiges Hetz zu benutzen, um mich ſchwach zu machen gegen meine Pflichten— ich werde erfahren, wer dieſe Komödie in meinen Andachtsmorgen zu ſchieben wagte!“ Zürnend ſchritt ſie vor und ihr Auge fiel drohend und ſuchend auf alle Anweſende. Sie eilte dem Eingange zu, aber ſie blieb plötzlich voll Schrecken ſtehen, denn ſie fühlte ſich mit ſtarker obwol kleiner Hand gehalten und ahnete, daß ihre geheiligte Perſon von dem geringen Mädchen berührt werde, welches ſie eben hinter ſich gelaſſen hatte. Hier bedurfte es nur eines Augenblickes und ihr großer Geiſt, ihr richtiges Gefühl hatte entſchieden. Sie hörte den Schrei des Unwillens aus aller Munde, ſie wußte augenblicklich, daß kein Verräther unter dieſen war, und ſie fühlte, daß dies Wagniß die Eingebung der Verzweiflung ſei, daß eine Gauklerin vor ihrem Zorn zurückgewichen wäre, und daß ſie allein das Weſen ſchützen könne, das ſich ſo ſehr vergangen. Sie wendete ſchnell den Kopf nach der Seite, wo ſie den Druck ihres Armes fühlte und ſchaute damit in das von Schmerz und Angſt ent⸗ ſtellte Geſicht des jungen Mädchens. „Mädchen! was wagſt du?“ ſagte ſie ernſt, aber ruhig —„weißt Du, daß Du nich nicht berühren darfſt, ohne ſtraf⸗ fällig zu werden?“ „Du wirſt mich nicht ſtrafen, weil ich in Todesangſt bin,“ ſagte nun Magda—„das weiß ich ganz gewiß— denn Du 265 biſt ſo menſchlich und gerecht wie Thomas Thyrnau ſelbſt— was ſollte ich aber machen, da du fort wollteſt und Du doch erſt meine Bitte erfüllen mußt, wenn Du nicht willſt, daß ich ſterbe!“ „Gutenberg,“ ſagte die Kaiſerin zu der alten Dame, die vor ihren Augen ſtand—„nimm Dich des armen Kindes an— es iſt ſehr verſtört— der erſte Kummer hat es hart angegriffen.“ „Und ich ſoll ihn ſehn! nicht wahr? ich darf zu ihm,“ rief Magda— „Mein Gott!“ ſagte die Kaiſerin—„es kann doch ſo viel darauf nicht ankommen, ob das arme Kind ſeinen Willen be⸗ kommt— morgen! ja morgen ſollſt Du ihn ſehen!“ Magda ſtieß einen Schrei aus, der ließ kein Auge trocken, dann ſank ſie vor der Kaiſerin nieder, drückte ihr Kleid an ihre Lippen und ſprang wie von Federn gehoben in die Höhe. „O Kaiſerin des Himmels!“ rief ſie und hob ihre Arme in die Höhe—„Gott der Barmherzigkeit, ſegne ſie— und wenn Du ihr den tiefen Kummer ſchickſt, in dem das Herz erſtarrt, dann ſende ihr auch das Auge voll Liebe, was ſie anblickt, bis ihr wohl wird— und das auch darum, weil ſie ſich meiner erbarmt hat.“ Die Umgebungen ſahen, daß die Kaiſerin mit Aufmerk⸗ ſamkeit das erſchütterte Mädchen prüfte—„Mädchen,“ ſagte ſie dann—„Du wirſt Deinen Glauben an Thomas Thyrnau ſchwer auf Andere verpflanzen können— er hat ſich ſehr ver⸗ gangen und verdient nicht, daß wir uns ihm durch Dich gnädig zeigen.“ „Ach, warte nur noch ein Weniges, liebe Frau Kaiſerin,“ entgegnete Magda innig—„da wirſt Du in ſein Herz blicken und wirſt ihn lieb gewinnen, wie ich ſelbſt— wie biſt Du es mit Deiner großen Seele ſo werth, die ſeinige zu erkennen, und wie hat er es ſich gewünſcht, Dir nur einmal ſagen zu dürfen, 266 wie er das Alles gemeint hat, woraus ſie ihm jetzt ein Verbrechen machen wollen.“ Die Kaiſerin ſchüttelte den Kopf und da ſie jetzt um ſich ſah und ziemlich verwunderte Geſichter bemerkte, nickte ſie ſchnell allen Anweſenden und verließ, in tiefes Nachdenken verſunken durch die Menge wandelnd, das Kloſter. Die Herren des Special⸗Gerichts verſammelten ſich mit lebhaft erregter Erwartung der bevorſtehenden Konferenz, in der endlich Thomas Thyrnau zum Reden kommen und, wie ſie nicht zweifelten, ſeine Vertheidigung beginnen werde, obwol er dies gerade von ſich abgewieſen hatte und nach Maaßgabe ihres be⸗ ſonderen Intereſſes zeigte ſich die Spannung in dem Verhalten der Verſammlung. Auffallend war Kaunitz das Betragen des Fürſten von S., und er machte ſich ein Vergnügen daraus, ſeine großen hellen Augen hinter ihm hergehen zu laſſen, und wer den Fürſten mit ſeinem rothbraunen Geſicht, ſeiner breiten bäuriſchen Geſtalt, die Arme auf den Rücken gezwängt, in dem kleinen Raume des Vorzimmers auf und nieder rennen ſah, die Blicke am Boden und die dicken Lippen grollend aufgerollt, und den blaſſen graden Grafen daneben ſo ironiſch unbeweglich, blos mit den Augen dieſelbe Linie ziehend als der Fürſt, der hätte an die Menagerien denken müſſen— deren Wächter ſich, wie man ſagt, allein der Macht ihrer Augen bedienen, das wil⸗ deſte Thier ſich unterzuordnen. Der Fürſt fühlte dieſen Blick und er reizte ihn bis zum Aufſchreien, aber er bezwang ſich, denn er fühlte den Stärkeren über ſich. Graf Bartenſtein war der Letzte— er hatte ſchon das Ereigniß in der Jeſuiterkirche erfahren und theilte es dem ————— 267 Grafen Uhlefeld heimlich mit— man ſchien unſicher, ob man es Kaunitz ſagen ſolle; als man es endlich verſuchte, verneigte er ſich bei den erſten Worten, um anzudeuten, daß er es wüßte, und fügte, die zurückgehaltenen Gedanken der beiden Andern ausſprechend, hinzu: es ließe ſich nicht annehmen, daß Ihro Majeſtät dem Ereigniß auf ihre Geſinnungen Einfluß geſtatten werde, da Verwandtenliebe ſehr wohl verdient ſein könne, ohne Verbrechen gegen den Staat zu vertreten. Die Herren ärgerten ſich nun, daß er ihre verhehlten Befürchtungen errathen hatte, und man ging jetzt ziemlich übellaunig in das Konferenz⸗ Zimmer, in welches, nachdem ſie Platz genommen, ſogleich die beiden Angeklagten, der Graf von Lacy und Thomas Thyrnau, eingeführt wurden. „Meine Herren,“ hob Thomas Thyrnau an, indem er ruhig ſich ſeinen Richtern gegenüber ſtellte—„der ſehr ausführliche und weit in die Vergangenheit reichende Bericht Sr. Durch⸗ laucht giebt mir den Faden an die Hand, deſſen Anfangspunkt ich aufſuchen muß, um mein Leben und ſeine reichen und mannigfachen Beziehungen zu erklären. Ich darf annehmen, meine Herten, daß ich von Ihnen Allen der Aelteſte bin, daß mir Erfahrungen möglich waren zu machen, die Ihre Jahre oder die Entfernung von dem Boden, worauf ſie zu machen waren, Sie verhinderte. Indem ich mein Alter anführe, weiſe ich mit Erwähnung meiner Jugend auf eine Zeit hin, welche der gegenwärtigen ſehr unähnlich iſt— um aber den Erſchei⸗ nungen derſelben, welche ich jetzt erklären ſoll, gerecht werden zu können, wird es nöthig bleiben, den Zuſtänden nachzufragen, welche damals Geltung hatten. Ich werde von den Handlungen meiner Jugend, welche mich als einen Schuldigen vorfordern, mit der Begeiſterung ſprechen müſſen, welche nur ein tiefes heiliges Recht einzuflößen vermag, und die ich doch der Zeit verfallen erklären muß, und denen ich ohne Vorwurf zwar und 268 mit vollem Antheil nachſehe, jedoch jetzt mich ſtolz und froh fühlend, ihrer nicht mehr zu bedürfen.“ In dieſem Augenblick unterbrach die Erſcheinung einer kleinen alten Dame in ſteifer Tracht mit feinen klugen Zügen aber beſcheidener Haltung die Rede Thyrnau's.— Sie näherte ſich mit vielen Knipen der Tafel und dem Fürſten v. S. und ſagte jedem Einzelnen der Herren, die ſich jedesmal bei ihrer Annäherung ehrfurchtsvoll erhoben, ein paar Worte unhörbar ins Ohr, worauf ſich Jeder tief verbeugte und ſie mit tiefen Knixen weiter zog, bis ſie endlich mit Allen fertig in gleicher Devotion das Zimmer verließ und der Vorhang ſich wieder ſchloß.— Kaunitz ſchnitt ſogleich die Feder weiter, die er ſchon vorher bearbeitet hatte, und die Blicke der Andern, die einen Augenblick geſpannt auf ihm ruhten, gingen an der wichtigen Miene verloren, mit der er eben die Feder auf den Daumnagel legte, um die Spitze zu ſchneiden. Thyrnau, welcher die Unterbrechung beendigt hielt, fuhr ohne Aufforderung ſogleich fort. „Ich fühle meine Bruſt von einem warmen Lebensſtrom durch⸗ glüht, von einem heilgen Stolz gehoben, wenn ich denke, daß mein ganzes Leben tief begründet in dem Leben meines edlen Vaters iſt, daß es daraus herworgegangen iſt wie die Frucht von dem Baume— ich war der einzige Sohn einer ſpät ge⸗ ſchloſſenen kurzen, höchſt glücklichen Ehe.“ „Seine Kindheit fällt in die letzte Zeit des dreißigjährigen Krieges, und ich würde zu weit zurückgehen, wenn ich dieſe Periode, die ſchon als abgerundetes Bild der Geſchichte über⸗ geben iſt, ſchildern wollte. Der Weſtphäliſche Friede war vors Erſte nur ein Damm, hinter dem das veranlaßte Elend zum Bewußtſein aller Völker kam. Böhmens Schickſal war viel früher ſchon mit der Schlacht am weißen Berge entſchieden, dieſer Friedensſchluß änderte ſeine Lage nicht mehr. Ferdinand 269 der Dritte behielt die Willkür zu ſtrafen und die katholiſche Kirche geltend zu machen und verfolgte das zugeſtandene Recht mit grauſamer Härte. Alle volksthümlichen Gefühle wurden tief verletzt— die Auswanderungen dauerten fort und das Land ward der nützlichſten und thätigſten Einwohner beraubt, und die, welche durch Armuth und Elend verhindert wurden dem Beiſpiel zu folgen, blieben immer ſchutzloſer der Willkür hin⸗ gegeben.“ „Die Prieſter miſchten ſich in alles Oeffentliche und Ge⸗ heime— die großen Beſitzungen des Hochadels wurden ver⸗ mehrt, indem man ihnen die Güter der Geächteten und Hinge⸗ richteten gegeben— viele Fremde wurden mit den Gütern unglücklicher Böhmen bereichert, welche jetzt Spanier, Italier und Frländer durch Krieg herbei gezogen unter ſich ſahen.“ „Das Schickſal der Städte und Dörfer war gräßlich. Es gab keine Stadt, welche nicht wenigſtens einmal gebrandſchatzt oder eingeäſchert worden. Sechzehn Meilen um Prag lag Alles wüſt, denn der dritte Theil von Böhmen hatte in Flammen geſtanden.“ „Das war das äußere Schickſal Böhmens, und welcher moraliſche Verfall damit verbunden ſein mußte, iſt einleuchtend — dennoch lebt Etwas in der Bruſt des alten Czechen⸗Stam⸗ mes, was ihn vor gänzlicher Entartung ſchützt, und das iſt ein tiefes nationales Bedürfniß, eine feurige Anhänglichkeit an ſeine von langher ihn ſchützenden Geſetze, eine nie ganz zu erſtickende Sehnſucht nach ſeinen ſouverainen Freiheiten, und darum eine Richtung behaltend, welche der aufkeimenden Kraft ihren Platz anweiſt.“ „Dieſes tief begründete, durch das gehäufte Elend nur geſteigerte, Gefühl für eine den volksthümlichen Bedürfniſſen gemäße Handhabung ihrer Regierung blieb ihnen überall uner⸗ füllt. Bei der hierdurch erregten tiefen Erbitterung zeigte ſich 270 allgemeiner Unwillen und die drohendſten Ausſichten für die Zukunft, und wer befriedigt ſchien, zog die Verachtung ſeiner Landsleute auf ſich und hatte ſie in den meiſten Fällen verdient, denn die Bereicherung Einzelner auf Koſten der Gerechtigkeit gegen Andere war das Abſcheu erregende Mittel von Oben, den Gemeinſinn zu trennen und die Demoraliſation zu vollenden.“ „So entſtand Aufſtand und Verſchwörung überall und Niemand wollte dem tief verletzten Zuſtande zu Hülfe kommen, die Gewalthaber wollten ihn nur unterdrücken, und ſchauder⸗ haft gemißbraucht erhob ſich das Panier des Glaubens, um die Greuelthaten des Haſſes und der Ungerechtigkeit zu decken, die alle um des Zweckes Willen gerechtfertigt gehalten wurden.“ „Nur ein kleiner Kern ſich bewährender Männer blieb in dieſem verbreiteten Elend ſich ſelbſt getreu. In dem Heiligthum ihrer Herzen bewahrten ſie das alte volksthümliche Leben, unter deſſen weiſen Vorſchriften Böhmen einſt Deutſchland voraus, blühend in Reichthum und geiſtiger Kultur, das Land der Lie⸗ der und des Gedankens war.“ „Sie gingen mit blutendem Herzen wie der gute Hirte durch das Land und ſuchten zu ſammeln, was der Zerſtörung entging.“ „Aber Böhmen, vormals reich an den goldenen Schätzen der Kunſt und Wiſſenſchaft, an denkenden Geiſtern und begei⸗ ſterten Sängern— Böhmen, ſonſt reich an betriebſamen Ar⸗ beitern, erfindungsreichen Handwerkern, war eine Wüſte ge⸗ worden, die keine Kunde gab von dem früheren Zuſtande, deſſen Träger theils das Land verlaſſen, theils umgekommen, theils von dem Druck der nun waltenden Regierung niedergehalten, an dem Wiederaufleben beſſerer Zeiten verzweifelten.“ „Da bildete ſich ein heil'ger Haß in dem Buſen dieſer Wenigen; auf den rauchenden Trümmern ihres Vaterlandes reichten ſie ſich die Hände und gelobten ſich, dem entweihten Boden ſeine Kinder wieder zuzuführen, das erſtorbene Leben 271 der Wiſſenſchaft und Kunſt, des Gewerbfleißes und des Acker⸗ baues wieder hervor zu rufen, es zu ſchützen und zu vertreten mit allen Kräften, ſelbſt mit allem erdenklichen Widerſtand ge⸗ gen die herrſchende Regierung, die kein Herz zu ihnen herüber brachte, die ein fremder Zuchtmeiſter blieb, fremd und ohne Antheil dem Verſinken eines edlen Volkes zuſah, welches ſie nicht anders zu ſich rechnen wollte, als um es auszuſaugen und zu belaſten. „Die Namen dieſer Edelſten der Nation, dieſer Ehren⸗ ſäulen des Vaterlandes waren in einer langen Reihenfolge von Jahren Wenzel Euſebius Lobkowitz— Caspar Euſebius Thyr⸗ nau— Joſeph Erbgraf von Lacy Wratislaw, der Großvater dieſes Lacy. Kein Rittel blieb unverſucht, Oeſterreich auf die wahren Bedürfniſſe des unterjochten Landes aufmerkſam zu machen, kein Verſuch der Nachgiebigkeit unterblieb bei ewig ver⸗ fehlten Maaßregeln, Ruhe und Einigkeit und Bewahrung des geleiſteten Unterthanen⸗Eides zu erhalten.“ „Jedes Mittel blieb umſonſt, und mein Vater hat die Aktenſtücke, die dies belegen, wohl geſammelt, und ſie werden ein leuchtendes Zeugniß der Wahrheit meiner Worte ſein. So kamen dieſe Männer endlich zu der traurigen Gewißheit, von Oeſterreich nie verſtanden und vertreten zu werden, und das alte Recht der Souverainität lebte ſo, von den Beherrſchern ſelbſt geweckt, in dieſen Männern wieder auf, und ſie wollten den König, der ſie gegen heilloſe⸗Bedrückungen ſchützen könnte, ſich ſelbſt wählen und ihn auf den Thron ihrer alten Rechte ſetzen. Nicht übereilt, nicht ohne Zweifel, nicht ohne der Zeit ihre großen Rechte zuzugeſtehn, traten dieſe großen Entſchlüſſe ins Leben.“ „Gehindert und verfolgt auf allen Wegen, ſammelten ſie die umher Irrenden und ſuchten auf allen Punkten unter allen Ständen Träger ihrer großen Abſichten außzurufen, den alten 27 Fleiß, den früheren Geiſt der Forſchung, den veredelnden Ein⸗ fluß der Künſte ſuchten ſie zu wecken und die Jugend ihnen zu⸗ zuführen. Ja! ſie revoltirten, meine Herren— aber gegen Rohheit und Entſittlichung— gegen Müßiggang und Aber⸗ glauben, ſie wollten Unterthanen bleiben, aber nicht um den Preis ihrer Seele, nicht um den Preis ihres alten Geiſtes⸗ glanzes! Frankreich blühte indeſſen— ſie holten von dort den Saamen herüber, den ſie in die Aſche des Vaterlandes ſtreu⸗ ten.— Als er aufging, wollten ſie auch den Gärtner von dort⸗ her holen, er müßte, dachten ſie, verſtehn, was aus jenem Saamen heranwuchs!“ „O! hüten wir uns des Wortes Hochverrath, wenn wir dem leidenvollen Kampfe eines edlen Volkes zuſehn, das von Dem zur Gegenwehr getrieben wird, der es bewahren ſollte.“ „Gern bleibt ein Volk im ſtillen treuen Gleiſe— und baut mit Fleiß, wozu der Geiſt es treibt, und wahrt ein dank⸗ bar Herz dem Herrſcher, der es in ſeinem Treiben ſchützt, und vergilt es, bereit zu deſſen Wohl das ſtill Erworbene zu be⸗ nutzen.— Nur wer das Buch der Geſchichte zuſchlägt und ſeinen Inhalt leugnet, wird ſagen dürfen, vom Volke ging der Kampf aus, und es ſei geſinnungslos und ohne Treue, leicht dieſer oder jener Fremdmacht zugewandt, die ihm den verſagten Vor⸗ theil böte.— Es läßt im Gegentheil mit vollem Bewußtſein die Unbill geſchehen, die vom alten lang angeſtammten Herr⸗ ſcher ihm geſchieht, es keucht in ſeinen Leiden hin— es giebt die wohlerworbene Habe, es bietet ſich und ſeine Kinder ohne Murren zum Schutze dar— und ob es gleich der Noth kein Ende ſieht, will es doch die Hülfe nur von Dem, der ihm die Noth gelaſſen. Volksaufruhr iſt das Gericht der Fürſten, es hat ſeine Urſache da, wohin zuletzt die lang verhaltene Strafe zurückfällt— es iſt der Pfeil, der abgeſchoſſen von der Scheibe zurückprallt und den Schützen tödtet!“ „Die Reihefolge aller Verſuche Böhmens, ſich ſelbſtſtändig herzuſtellen— oder, wie es meinen Richtern erſcheinen muß. die immer wiederholt angeknüpften hochverrätheriſchen Verſchwé⸗ rungen— ſind in ihrer Zeitfolge der Wahrheit gemäß dargelegt worden. Auch find die Urſachen richtig angegeben; warum man dieſe Unterhandlungen ſo oft abbrach— unſere Bedingungen wurden verworfen, da ſie nicht den Verrath Oeſterreichs um⸗ ſchloſſen— auch war Frankreich in der Periode Colberts nicht ſo tief geſunken, den ſich ſchützen wollenden Böhmen den Ver⸗ rath Oeſterreich anzubieten: man überließ uns lieber unſerm Schickſal und zog ſich kalt zurück. Als im Jahr 1705 Joſeph den Thron beſtieg, ſtand das arme Böhmen voll Hoffnung in der Eigenhülfe ſtill und blickte vertrauend zu dem neuen Sterne auf.“ „Er hätte uns nicht getäuſcht!— Und die Andeutungen, welche die ſechs kurzen Jahre ſeiner Regierung gaben, beſtätig⸗ ten das warme Vertrauen, mit dem wir auf ſeine Hülfe harrten. Doch der unglückliche ſpaniſche Erbfolgekrieg, den er ununter⸗ brochen für ſeinen Bruder Karl führte, entzog uns die Segnun⸗ gen, die ſein aufgeklärter Geiſt, ſein milder Karakter uns hoffen ließen. Aber ſo blieb es nicht, als Karl der Sechſte nach ſeinem Bruder den Thron beſtieg; mit ihm zog das düſtere Gefolge der Jeſuiten und der ſpaniſchen Etikette über uns her.“— Es entſtand eine Pauſe, und wie ſie veranlaßt ward, blieb unentſchieden.— Es war ſchon einige Male bei den küh⸗ neren Wendungen in Thyrnau's Rede bei den vorſitzenden Herren eine Art Unruhe entſtanden, die allein Kaunitz nicht zu theilen ſchien, ſondern im Gegentheil mit einem fragenden Blicke zu beſchwören ſuchte.— Jetzt nahte man ſich der Periode, welche der gegenwärtigen ſo nah vorangegangen war, daß man die Gegenwart, wie es ſchien, in ihr mit beleidigen konnte.— Ob das Thyrnau ſelbſt fühlte, ob die Mimik vor ihm ſeine Gedan⸗ Thomas Thyrnau. Il. 18 274 ken darauf richtete— genug, es trat eine Pauſe ein, die doch von der Gegenpartei, wie billig zu verwundern ſtand, nicht zu einigen Ermahnungen benutzt ward. Thyrnau weckte es aus ſeinen Selbſtbetrachtungen, daß es ihm war, als habe plötzlich der Kopf der alten Dame durch die Vorhänge der Thür geſehn— als er aufblickte, ſah er, daß alle Herren bis auf Kaunitz, welcher mit dem Rücken dahin ſaß, die Augen nach derſelben Richtung gewendet hatten, doch ſchon war Alles verſchwunden und Graf Bartenſtein ſagte haſtig: „Fahren Sie fort.— Kaunitz prüfte die geſchnittene Feder auf einem kleinen Blättchen Papier und malte mit der wohl⸗ gerathenen Feder die Namenszüge der Kaiſerin. Thyrnau konnte kaum ein Lächeln wehren— wie wohl geſiel ihm die ironiſche Ruhe des großen Mannes. „Wir hatten Frieden behalten,“ fuhr er dann fort— „Böhmens Grenzen waren geſchont geblieben und der Boden, der ſo lange von Blut und Trümmerhaufen geraucht, zeigte wogende Kornfelder, duftende Wieſen, und Heerden weideten, wo Kriegsrotten gekämpft, Städte und Dörfer zeigten ihre empor wachſenden Häuſer— wer vorüber wanderte, mußte den geſeg⸗ neten Anblick des Landes preiſen. Aber die verderbliche Auf⸗ löſung, die es erfahren, gährte noch durch alle Verhältniſſe fort, und der wahre Patriot ſtand mit bekümmertem Herzen un⸗ ter den Segnungen, die der ſchöne Boden des Landes darbot und einen Wohlſtand erzeugte, der kein Heil für das höhere Leben ſeiner Bewohner darbot. „Die Inguiſition, dieſe finſtere ſcheußliche Ausgeburt des Despotismus, welche unſere mehr ſpaniſchen als deutſchen Herr⸗ ſcher aus ihrem Geburtslande zu uns herüber geführt, ſie ward den einſt fteien Böhmen aufgebürdet und trat mit ſchrankenloſer Willkür in ihr tödtendes Amt.— Es gab weder Freiheit des Gedankens noch des Beſitzes und regte auf verdammliche Weiſe 275 die Sündhaftigkeit der Menſchen an, welche erſt anfingen, aus der Verſunkenheit, die ſo langes Krieges⸗ und Despoten⸗Elend über ſie verhängt, in einzelnen hoffnungsvollen Symptomen aufzutauchen, die der edle Männerbund genährt und geſchützt. Der Adel war tiefer ſchon verderbt durch ſeine habſüchtigen Be⸗ reicherungen, die er durch gefügige Schritte gegen den Hof und die herrſchende Prieſterpartei zu erhalten trachtete. Er war da⸗ bei gemiſcht durch die mit dem Kriege veranlaßte Ueberſiedelung fremder Edelleute, denen man in Böhmen die confiscirten Be⸗ ſitzungen überlaſſen hatte, ihre Dienſte zu bezahlen— ſie miſch⸗ ten vollends ohne Liebe für das neue Vaterland ihre verderbten Sitten in den aufgelöſten moraliſchen Zuſtand, den ſie vorfan⸗ den, und ſetzten rohe Gewalt den ſchwach beſchützenden Geſetzen entgegen. Die Bauern wurden aufs Neue den empörendſten Bedrückungen Preis gegeben und ihnen kaum menſchliche Rechte zugeſtanden. Ihre alten Privilegien blieben ihnen entzogen, der Gutsherr blieb ihr Henker und ihr Gerichtshof— und wo die Verzweiflung ſie nicht zu Böſewichtern machte oder zu Auf⸗ ſtänden führte, die neue verſtärkte Strafgerichte nach ſich zogen — verſanken ſie unter den dumpfen Druck des Unglücks und wurden bald, nicht ohne Grund, nicht höher angeſchlagen als die Bewohner der Ställe und Weiden. Um ſo weniger war hier auf Abhülfe von Oben zu hoffen, da dieſe großen Grund⸗ beſitzer, die ſo verfuhren, als brauchbare Zwingherren einer Maſſe, welche ſich ſchon oft furchtbar gezeigt, angeſehen wurden, und da noch der Grundſatz galt, daß der Geringere gegen den Vornehmeren Unrecht habe. Zwiſchen dieſen Konflikten war der Mittelſtand gewachſen— der Ritterſtand hatte ſich ihm ange⸗ ſchloſſen und die edlen Großen Böhmens, die nicht mit unrecht⸗ mäßigem Zuwachs ihren alten Erbſitz belaſtet, ſchloſſen ſich nach und nach ihnen an. Dies war der ehrenwerthe Kern der Nation — er war zugleich der Gegenſtand der Verfolgung, als der 18* 276 einzige, der zu fürchten war, auf den ſich die Späherblicke der Inquiſition richteten, um ihn in ſich zu trennen, zu entzweien und die Einzelnen zu vernichten!“ „Das Inſtitut, welches man ohne unſer Zuthun die Für⸗ ſtenſchule nannte, war der erſte Gegenſtand der Verfolgung. Die Feinde einer freien menſchlichen Entwicklung hatten voll⸗ kommen Recht, dieſe Schule zu fürchten, denn von ihr hatten ſich bereits bedeutende Menſchen verbreitet, welche die empfan⸗ gene Geſinnung weiter pflanzten, und in ſeinem Schooße wur⸗ den fortwährend die Keime der Geiſtesentwicklung genährt, die noch keinen Boden fanden in der Geſammtmaſſe.“ „Die Geiſter, die in Deutſchland, England, Frankreich und Holland damals aufſtanden, befruchteten mit ihren Lehren das kleine Gebiet, das dies Inſtitut umſchloß. Leibnitz, als Weltweiſer und Seelenforſcher— Newton, der die Geheimniſſe des Himmels und der Natur ergründete— Montesquieu, als Staatslehrer und Bürgerrechts⸗Freund— Börhave, als Schei⸗ dekünſtler und Arzneiverſtändiger— Bayle, als Mährchenzer⸗ trümmerer und Geſchichtsbegründer— ihnen Allen war der Altar in dem kleinen Kreiſe aufgerichtet, an dem die heranrei⸗ ſende Jugend dem heiligen Dienſte für das Wiederaufleben des Vaterlandes geweiht ward.“ „Die Jeſuiten, ſo lange als die berühmteſten Schullehrer bekannt, ſahen mit Haß und Entſetzen die eben genannten gro⸗ ßen Geiſter erſtehen, die in ſo kurzer Zeit alle ihre Erfolge weit hinter ſich ließen, und wer ihnen anhing, den traf ihre Ver⸗ folgung. Mein Vater und der Graf von Lach erlebten den Schmerz nicht mehr, das Inſtitut vernichtet zu ſehn, von dem ſie mit Recht ſo Großes gehofft. Ohne Widerſtand befolgte ich den Befehl, es aufzulöſen, und horchte des Schrei's, den die⸗ ſer Gewaltſtreich unter meinen Anhängern verbreitete. Doch wenn ich die Leiden und Bedrückungen hier andeute, die wir 277 unter Karl dem Sechſten erlitten, iſt mir die Unbefangenheit geblieben, ihn ſelbſt von dieſen Erfolgen zu trennen— er hat das Gute überall gewollt, ſelbſt gegen dies ewig gemißhandelte Böhmen, und er hat vielleicht geglaubt, ſeine Geſinnung habe ausgereicht— aber ihn trennten zwei furchtbare Mächte von den warm pulſirenden Herzen ſeiner Unterthanen: die unüberwind⸗ liche Etikette und der nothwendig damit verknüpfte ſtarre Ein⸗ fluß einzelner dadurch bevorrechteter Perſonen, welche die zur ausgedehnteſten Hingebung beſtimmte Weſenheit des Fürſten, zu der Einmauerung eines Gefangenen verurtheilen und ihn mit den tauſend Bannformeln dieſer Etiquette an jedem natür⸗ lichen Zugeſtändniß vorüber führen. Dieſe werden es einſt vor dem höchſten Richterſtuhle zu verantworten haben, daß ſie mit ihren erlogenen Rechten den von Gott berufenen Fürſten von ſeinem Platz verdrängt und das natürliche Verhältniß des Menſchen durch Abſonderung und Menſchengeringſchätzung von ihm abgehalten.“ „Wehe dem Fürſten, dem die Stimme fehlt, die ihm zu⸗ ruft: Sei erſt Menſch— wenn Du Fürſt ſein willſt— frage die Gebräuche, mit denen man Dich ummauern will, ob ſie ſittlich begründet— ob ſie Dich nicht von Gottes Wegen ab⸗ lenken, wenn ſie Dich auf eine Höhe leiten wollen, die Deine Natur mit knechtiſcher Ueberredung zu entmenſchlichen verſucht — und den Segen, den Gott unfehlbar auf die Häupter ſeiner Fürſten legt, den finde in der Kraft, die Dich— und nähmeſt Du den Reifen vom Haupte— als Fürſten belaſſen würde! Karl der Sechſte fand dieſe Stimme nicht— er ſah durch fremde Augen— er hörte die fern gehaltene Stimme ſeiner Untertha⸗ nen nicht— als redeten ſie eine andere Sprache, ſo kannte er ihre Worte nur in der Ueberſetzung, welche die Hoſſprache ihm zutrug. Wir waren gut unterrichtet und wußten, daß wir in den Steppen Aſiens nicht entfernter von ihm liegen konnten. Seine Krönung in Prag änderte hierin nichts— nur feſteren Fuß faßte die Bedrückung, und das Elend des Bauernſtandes wuchs in eben dem Maaße, und bald war die kurze Hoffnung und der damit verbundene Volksjubel verſchwunden.“ Im Jahr 1727 ging ich zuerſt mit Joſeph von Lach nach Paris, denn Lach und Thyrnau die Väter lebten in den Söhnen fort. Fleury ſtand an der Spitze der Geſchäfte und er kannte unſere Lage, ehe wir ſie ihm vortrugen. Die Dokumente über dieſe Zeit finden ſich vor. Wir wollten aufs Neue die Unter⸗ handlungen um einen franzöſiſchen König anknüpfen, unter denſelben Bedingungen, die uns gegen Oeſterreich unabhängig aber nicht feindlich ſtellen ſollten. Fleury verwarf dieſe Bedin⸗ gung gänzlich, und wir trachteten nach dem Ohr des Königs, von dem wir über dieſen Punkt größere Nachgiebigkeit hofften. Der Weg zu ihm ging nur durch das Boudoir der Herzogin von Chateaur Roux— ſie verſprach uns Unterſtützung und wir reiſten ab. Fleury wollte Zeit gewinnen; er hoffte, die Ver⸗ folgungen, vermehrt durch Einflüſterungen über dieſe beabſich⸗ tigte Verſchwötung ſollten den Haß ſteigern und uns geneigter machen, unſere Bedingungen zu verlaſſen. Oft noch kehrte ich dahin zurück, und obwol ich noch der Träger dieſer Unterhand⸗ lungen war und Alle mich als ihren Bevollmächtigten anſahen, kehrte ich doch jedes Mal weniger dafür geneigt zurück, und dies aus dem doppelten Grunde, weil ich die Abſichten Frankreichs immer deutlicher erkannte und immer tiefer verachten lernte, und auf der andern Seite in Böhmen ſelbſt eine Veränderung vorging, die mir nach und nach eine andere Hoffnung auf⸗ gehen ließ.“ „In der Zeit liegt eine Selbſthülfe, gegen die noch kein Despotismus die Schranke gefunden hat— und der Wider⸗ ſtand gegen ihre Entwicklung wird oft grade das Mittel zu ihrer Förderung.— Das Land zeigte ſeine tiefe, ihm einwohnende 2¹0 Thätigkeit auch unter dem geiſtigen Drucke der auflauernden Beſchränkung, die es überall erſt zu überwinden fand. In den Städten regte ſich ein Leben, das die herrſchende Partei nicht wollte und das doch fort wuchs und eine Macht heran bildete, die gerade bekämpft ward und doch zunahm— ein unſicht⸗ barer Geiſt verbreitete überall das Getriebe des Geiſtes, der unterdrückt werden ſollte, und überall ſeine Zeichen wahr⸗ nehmen ließ. Schon ſeit der Auflöſung des Inſtituts waren meine und Lach's Kräfte vereinigt, um für den Wohlſtand der unterdrückteſten, hilfloſeſten Klaſſe unſerer Landsleute— für den Bauernſtand zu wirken. Laey hatte angefangen auf ſeinen Beſitzungen das Elend zu mildern und dieſe Unglücklichen als Menſchen herzuſtellen. Es war mit dem großmüthigen Willen hierbei nicht abgethan— dieſe tief geſunkene Klaſſe war der Wohlthat kaum empfänglich, die vorhandene Generation zeigte ſich wenig bildungsfähig. Rohheit oder Stumpfſinn verhinderte iede freiere Anſicht. Wir mußten uns der Jugend bemächtigen, uns erſt Menſchen erziehen, um ihnen nur den Willen nach Freiheit einflößen zu können— außerdem fanden wir die feind⸗ lichſten Anfechtungen bei Lach's Standesgenoſſen— Auftrei⸗ zungen der blödſinnigen Menge gegen uns, und um nicht Alles zu verlieren, mußten wir die größten Opfer, die edelſten Pläne geheim halten und Mittel erdenken, gegen den Willen der ſchwer Bedrückten ſie zu entlaſten.“ „Während dieſer Zeit hatten wir entſchieden jede Bezie⸗ hung zu Frankreich abgebrochen und vertrauten den langſam nach Innen wachſenden Kräften.“ „Hier trat eine Zeit der Trennung zwiſchen mir und Lach ein, unſere freundſchaftlichen Beziehungen hatten aufgehört— ich lebte theils in Prag, theils an verſchiedenen kleineren deut⸗ ſchen Höfen und zuletzt an dem Hofe Sr. Durchlaucht des hier anweſenden Fürſten von S., indem ich die Angelegenheiten 280 dieſes Fürſten mit dem Nachbarſtaate des Fürſten von Z. zu reguliren übernommen hatte.“ „Dieſe Verhältniſſe währten einige Jahre und nahe an ihrem Abſchluß entriß mich eine höhere Pflicht ihnen für immer.“ „Lacy, der edle Freund meiner Jugend, rief mich zu ſeiner Hilfe herbei. Was uns getrennt, ſollte uns aufs Neue und von da an fürs Leben vereinigen. Lacy beſaß einen Sohn.— Die beſonderen Verhältniſſe deſſelben zu meiner Familie hatten früher die Väter entzweit.— Eine tiefe melancholiſche Stim⸗ mung, welche danach dem jungen Manne geblieben, zu zer⸗ ſtreuen, da ſie an ſeinem Leben nagte, ſchickte ihn der Vater nach Italien, und ſeine Rückreiſe führte ihn durch Frankreich.“ „Dieſer Jüngling war unter unſern Augen erwachſen und vom Knaben an ward er genährt mit der Vaterlandsliebe, die ihm ſeine nationale Czechenliebe ſichern ſollte. Unzertrennlich von uns Beiden, kannte er alle unſere früheren Pläne mit Frankreich, und da er uns oft als Sekretair gedient und ein vortreffliches Gedächtniß beſaß, waren ihm jene Verhältniſſe ſo gegenwärtig als uns ſelbſt. Die Veranlaſſung unſerer Tren⸗ nung hatte dagegen dem jungen Manne nur eine Richtung der Gedanken und Gefühle gelaſſen; jede politiſche Beziehung, je⸗ des vaterländiſche Intereſſe war davon verdrängt, und ſo muß ich annehmen, daß ihm unſere gänzlich aufgelöſten Verhältniſſe zu Frankreich und die Hoffnungen für unſer Vaterland, die uns dazu berechtigten, unbekannt blieben oder doch von ſeiner völ⸗ lichen Gleichgültigkeit gegen Alles, was ihn umgab, überſehen wurden.“ „Als mich mein Freund Lach, der Vater des jungen Mannes, mit den Worten berief: Gedenke nicht meines Un⸗ rechts, ſondern unſerer alten Freundſchaft und unſeres Vater⸗ landes!— fand ich ihn in Verhätniſſen, die, wenn uns nicht das Gefühl unſerer Wiedervereinigung aufrecht erhalten hätte, 281 uns kaum den erforderlichen Muth zu dem, was nun über uns kam, gelaſſen hätten.“ „Der Jüngling— den ich eingeweiht nannte in alle un⸗ ſere Verbindungen mit Frankreich— war auf dieſem gefähr⸗ lichen Boden angekommen und mit völliger Unkenntniß des augenblicklichen Standpunktes der Dinge in die Schlingen ge⸗ gangen, die man ihm gelegt. Er war dabei pekuniäre Ver⸗ pflichtungen eingegangen, die darum ſo ungeheuer waren, da ſie früher vor der Auflöſung des Männerbundes von den bedeu⸗ tendſten Kapitaliſten mit ihrem Vermögen und ihren Verbin⸗ dungen geſtützt, jetzt auf den einen Namen Lach garantirt waren. Er hatte mit der raſtloſen Wildheit und Ungeduld eines Unglücklichen gehandelt, er hatte unſeres Rathes nicht mehr zu bedürfen geglaubt, ſein Name, der ſchon ſo wohl bekannt in dieſen Unterhandlungen war, hatte ihm ſeine Unbeſonnenheiten erleichtert.— Was bereits geſchehen war, hatte die Sache zu einem Punkte getrieben, auf dem ſie früher noch nicht geſtanden, er hatte ungeheure Schulden gemacht, um dem Prinzen, der ſich zu unſerer vermeintlichen Rettung an die Spitze ſtellen wollte, ein Truppenkorps zu geben, mit dem er ſich in dem von franzöſi⸗ ſchen und preußiſchen Truppen, für Karl Albrecht vorläufig beſetzten Böhmen feſtſetzen wollte, in der ſicheren Erwartung, daſſelbe werde alsdann ſogleich zu ſeinen Gunſten aufſtehn. Ja es mußte uns wahrſcheinlich werden, daß wir mit dieſer ſcheußlichen und einfältigen politiſchen Mißgeburt durch die Ausführung ſelbſt überraſcht worden wären, wenn die Schulden und die eben ſo großen Verpflichtungen, die der unglückliche junge Mann gemacht, ihn nicht gezwungen, uns von dem Stande der Dinge in Kenntniß zu ſetzen und die Geldmittel zu fordern, die, wie er wußte, früher für dieſen Zweck bereit gelegen hatten.“ „Unſere erſte Handlung war, ihn zurück zu rufen; wir enthielten uns dabei jeder ſchriftlichen Erklärung über die 282 gethanenen Schritte und forderten blos ſeine Gegenwart.— Er leiſtete unſerm Willen Folge und traf ein, ehe wir noch zu einem feſten Entſchluſſe gekommen waren, ehe wir überſehen konnten, auf welche Weiſe wir dem Uebel zu ſteuern im Stande ſein würden; denn, meine Herren jetzt hielten wir ſelbſt jeden Schritt der Art für Hochverrath, und kein Gerichtshof der Erde hätte uns ſtärker verklagen können als wir ſelbſt, wenn noch ein Hauch in uns dieſe Pläne begünſtigt hätte.“ „Durchaus verändert war der Zuſtand des Landes; denn Böhmen und Oeſterreich waren ein Vaterland geworden, ſie hatten einen Herrſcher— einen Herrſcher, wie Gott ſie nur ſelten in großen und wichtigen Entwickelungsmomenten der Weltgeſchichte auf den höchſten Standpunkt beruft, in ihrem Geiſt ihnen die Gewalt ſichernd, mit der ſie der harrenden Zeit ihre Hüllen abſtreifen.“ „Die Schranken unſeres Vaterlandes waren geöffnet Maria Thereſia ſtand im vollen Waffenſchmuck, und ihre Worte waren die Herolde, die dem ſtaunenden Europa verkündigten: daß ein Fürſtenherz, das ſich ſeiner heiligen Beſtimmung be⸗ wußt iſt, ſich unbeſiegbar fühlt und verſichert, daß das Rechte ſein Ziel erreicht! Wenn wir ſchon in der letzten Zeit der Re⸗ gierung Karls des Sechſten ſchweigend der Zukunft geharrt, ſo war es die Ahnung, daß in der jungen Fürſtin, die ihm folgen ſollte, ein großes Herz ſchlüge. Wie war dieſe Hoffnung ge⸗ rechtfertigt, als ſie auf dem großen Schauplatz ihrer Thaten erſchien und jeder Schritt eine wichtige Handlung war, jede Begebenheit ein Mißgeſchick, an dem ſich ihre Kraft entwickelte.“ „O! wer geſchmachtet hat nach dem Ideal einer Herrſcher⸗ größe, die das Leben nicht zur Wahrheit machen will, wer mit Schmerz und Widerſtreben ſich in anderer, von ihm ſelbſt faſt angefeindeter Richtung nach dem Schutz umſah, den er ſo gern allein von dieſer wirkſamſten höchſten Stelle empfangen hätte 283 — wer nach dieſem Kampfe plötzlich erlöſt wird durch das Wahrwerden des erſehnten Traumes, der wird mich verſtehen, wenn ich ſage: jetzt fühlten wir uns Alle wiedergeboren! Ein Jeder durfte ſich in ſeiner Kraft bekennen— Alles, was ihn getrieben, durchdrungen, was er entwickelt, wonach er mit In⸗ brunſt ſich geſehnt, es fand jetzt ſeinen Platz: denn das gött⸗ liche Gefühl der Vaterlandsliebe erweckt und fördert die edelſten Kräfte des Menſchen, und wenn es zuſammen fällt mit der heil'gen Liebe zu einem großen Herrſcher, der ſeine Zeit verſteht, dann iſt dies Gefühl der Triumph der Menſchheit, dann ſehen wir ein Volk die Rieſenſchritte thun, die es an die Spitze der Nationen führen und einen Sieger aus ihm werden, unter deſſen Panier die Edlen aller Länder ſich ſammeln möchten, um der Freiheit theilhaftig zu werden, die kein Widerſtand mehr iſt!“ „Mit welcher Luſt fühlten wir, daß Maria Thereſia uns ſelbſt von aller Schuld entlaſtet hatte— daß nicht mehr Sünde und Hochverrath genannt werden konnte, was ſie ſelbſt als Frucht der Zeit erkennend mit ſicherer Hand vom Baume der Erkenntniß brach— daß Jeder ihr die vergrabenen Schätze zu⸗ tragen durfte, verſichert, ſie werde Gold erkennen und ihm den Stempel aufdrücken, der es beglaubigt.“ „So fühlten wir und mit uns Alle, die noch von dem ehe⸗ maligen Männerbunde der Tod verſchont. Kurz vorher hatten wir die ſchönſte Vereinigung getroffen,— die, auf Tod und Leben, mit allen unſern Kräften, mit Gut und Blut Maria Thereſia uns zu weihen— und Den, der davon abweichen würde, unter uns als Hochverräther zu bezeichnen— ihn aus⸗ zuſtoßen aus dem heil'gen Bund; ihn unſchädlich zu machen auf jede Weiſe!“ „Und um dieſe Zeit traf Lach, den treueſten Anhänger dieſes Bundes, der entſetzliche Schlag, daß ſein Sohn der Erſte war, den der Name Hochverräther traf.— Nachdem wir Alles, 284 was uns von dem wahnfinnigen Plane des jungen Lacy vorlag, wohl erwogen, rief ich dem gebeugten Vater zu: Wohlan! wir haben gelobt, Jeden, der von der Richtung abweicht, die wir jetzt allein für recht und ehrenhaft erkennen— unſchädlich zu machen auf jede Weiſe— das Wort wollen wir uns halten und müßten wir Beide Alles daran ſetzen, was wir beſitzen!“ „Als der junge Mann uns mündlich ſeine Pläne und ſeine Anordnungen enthüllt, war es nicht ſchwer, ihm die Thorheit derſelben zu zeigen, und als er, getrennt von den Verführern, die ſeine Schritte geleitet, ſchnell an der klaren Auseinander⸗ ſetzung unſerer Gegengründe bis zur Erkenntniß ſeiner maaß⸗ loſen Verſchuldung kam, war dieſe Erkenntniß zu viel für den erſchütterten Jüngling. Schaudernd wandte er ſich von ſich ſelber ab und bald überzeugten wir uns, er werde unfähig ſein, die unglückliche Angelegenheit, die auf das grauſamſte verwickelt war, zu beendigen, und da keine Zeit zu verlieren war, indem der augenblickliche, durch den Krieg ſehr unglücklich gewordene Zuſtand Böhmens benutzt werden ſollte, entſchloß ich mich, nach Paris zu gehen und um jeden Preis dieſe verderblichen Pläne zu hintertreiben.“ Der Fürſt von S. hatte während des letzten Theils der Erzählung Thyrnau's nicht geringe Unruhe gezeigt und mit Blicken und ironiſchem Lächeln und Zucken von Kopf und Schultern gegen die Tafel hin ungeſchickte Andeutungen verſucht, die Rede Thomas Thyrnau's zu verdächtigen. Da die Herren ſich überhaupt jeder beſchränkenden Einmiſchung enthielten, war ihm dies ohne Störung hingegangen— jetzt verlor er jedoch ſeine Mäßigung völlig.—„Hintertreiben,“ ſchrie er mit dem Lachen des Hohn's.—„O! Du alter Kumpan! Du haſt Deine Fuchsrolle gut auswendig gelernt— von der Leiter zum Galgen wirſt Du Dich noch herunter lügen— gut haſt Du die Sache gewendet, aber ich bin auch noch da und war mit 285 Dir zur ſelben Zeit an Ort und Stelle und habe Deine Wege bewacht!“ „Und ich die Ihrigen unſchädlich gemacht,“ ſagte Tho⸗ mas Thyrnau mit der Ruhe der Ueberlegenheit, und ſein Hoheit ſprühendes Auge überlief den wiederwärtig tumultuariſchen Zu⸗ ſtand, in dem der Fürſt von S ſich zeigte.„Euer Durchlaucht würden es ſich ſelbſt zuzurechnen haben, wenn ich meine Mit⸗ theilungen an Dinge ſtreifen ließe, die Euer Gnaden nicht wünſchen würden, in ihrem wahren Lichte dargeſtellt zu ſehen — ſeien Euer Durchlaucht aber überzeugt, daß ich dieſer Dinge nur gedenken werde, wenn ſie nothwendig im Zuſammenhange liegen— es hat ſehr wenig Intereſſe für mich, das Leben eines Mannes ans Licht zu ziehen, deſſen Daſein zu vergeſſen meine Aufgabe als Chriſt iſt.“ „Oho!“ rief der Fürſt—„Herr Advokat, wir ſind noch ſehr ſtolz in unſern Entgegnungen— das Ende wird uns demüthiger machen.“ Ich glaube,“ entgegnete Thyrnau—„es iſt hier nicht der Ort, ein Wortgefecht zu halten, ich muß um Raum bitten, meine Erklärungen abgeben zu können!“ „Euer Durchlaucht wollen ſich geneigteſt zurückhalten,“ ſagte der Graf von Bartenſtein. „Gut! gut!“ rief der Fürſt—„ich kann ſchweigen— die Rede wird wieder an mich kommen und dann wird ſich Alles finden.“ „Herr Thomas Thyrnau,“ ſagte der Baron Binder— „Sie haben das Wort!“ Nach einer Pauſe des Nachdenkens fuhr Thyrnau fort: „Ich fand die Angelegenheit bei meiner Ankunft in Paris ſchlimmer und beſſer, als ich dachte. Die hohe Perſon, die ſich als König von Böhmen zu zeigen geneigt war, hing weder mit dem Hofe noch mit den Miniſtern des Königs— einen Einzigen ausgenommen— zuſammen, glaubte aber beim Hervortreten der Abſicht auf Aller Schutz rechnen zu können. Meine Unter⸗ handlungen richteten ſich zuerſt auf dieſen Prinzen, und indem ich mich ſo ſchonend als möglich bemühte, die Unbeſonnenheit aufzudecken, die ihn ſelbſt verleitet hatte, mußte ich doch zugleich den Jüngling berückſichtigen, deſſen Name mir ſo theuer war als mein eigner— auch durfte ich die erwähnte hohe Perſon durch meinen Widerſpruch nicht ſo reizen, daß ſie ſich geneigt fühlen konnte, meine Unterhandlungen abzulehnen, denn Alles lag uns daran, die völlig blosgeſtellte Ehre des Jünglings zu ſchonen, die mit der Bekanntwerdung dieſes Planes an unſere früheren Verbündeten faſt unwiderruflich verloren ſchien.“ „Wir hatten uns das Wort gegeben, jedes Opfer zu brin⸗ gen, um den ſchmählichen Verdacht dieſes jetzt abſcheulichen Complotts von dem Namen Lach abzuwenden, und ich fand dadurch gehäufte Schwierigkeiten— denn ich entdeckte jetzt, die Sache immer genauer ergründend, daß viele höchſt unbeſonnene Verbindungen mit den kleinen deutſchen Fürſten angeknüpft waren, welche gegen anſehnliche Verſprechungen ſich verpflichtet hatten, dieſen Plan zu unterſtützen. Es war daher die große Schwierigkeit zu löſen, Alle in ein und daſſelbe Intereſſe zu verwickeln und Alle in dieſelbe Gefahr zu bringen, ſobald die Sache entdeckt ward.“ „Meine erlaubt mir jetzt, in Sprüngen zu be⸗ richten, da ich hier nicht mit der Abſicht ſtehe, anzuklagen, ſondern die Wahrheit bloß den gemachten Anſchuldigungen ent⸗ gegen zu halten. Es gelang mir durch einen kühnen Entſchluß, die einflußreichſte Perſon Frankreichs für alle meine Verlegen⸗ heiten zu intereſſiren. Die Feindſchaft derſelben zu dem erwähn⸗ ten Prätendenten half mir. Ludwig der Funßzehnte bedrohte, von ihr unterrichtet, den Prinzen mit ſeiner Ungnade, wenn nicht jede Unterhandlung abgebrochen werde, und jetzt ward ich 287 ſelbſi erſucht, die Sache zu beendigen, allerdings mit der Ver⸗ pflichtung, die bereits beſtehenden Verbindlichkeiten einzulöſen.“ „Ha!“ rief Kaunitz hier und drückte die ſorgfältig ge⸗ ſchnittene Feder ſo heftig auf den Tiſch, daß der Spalt aus⸗ einander fuhr—„ſo iſt das Reſumé: daß der König von Frankteich und ſeine Umgebungen ſchon damals, als der Krieg noch untet uns ſtattfand,— die Abſicht dieſer Hochverräther nicht unterſtützten.“ „Wir haben dafür das Zeugniß des Angeklagten,“ ent⸗ gegnete der Graf von Bartenſtein—„ich werde nicht nöthig haben, Euer Gnaden darauf aufmerkſam zu machen, daß dies uns erſt als Beweis dienen kann, wenn wir ſeine Richtigkeit ermittelt haben. Auch möchte die damalige Stimmung Frankreichs gegen Oeſterreich von wenigem Belang ſein: die Feindſeligkeit war ausgeſprochen, offen ward der ſogenannte Karl der Sie⸗ bente von Frankreich begünſtigt, Böhmen war im ſelben Augen⸗ blick der Kriegsſchauplatz; ob man es für Karl Albrecht, den Kurfürſten von Baiern, oder für ſich ſelber zu rauben dachte, blieb ziemlich gleichgültig.— Aber wichtiger muß es ſcheinen, daß wir Belege finden, wie noch bis in die neueſte Zeit die Verbindungen fortbeſtehen und ungemein große Zahlungen durch den Advokaten Thyrnau und den Grafen Lacy geleiſtet wurden, welche ein Fortbeſtehen von Beſtechungen zu uner⸗ laubten Zwecken darzulegen ſcheinen.“ „Dies iſt vollkommen richtig,“ entgegnete Kaunitz— „und Sie, mein Herr Advokat Thyrnau, werden Sie ausrei⸗ chende Gründe anführen können, welche nachweiſen, wie Sie bis zu unſerer Zeit in ſo auffallendem Verhältniß zu Frankreich blieben?“ „Es kann darüber kein Zweifel ſein,“ erwiederte Thyrnau —„die Handelshäuſer und Lieferanten, die bei den Zahlungen vetheiligt ſind, haben dargethan, wofür die Summen, die ſie empfangen, bezahlt worden ſind. Es iſt hier nicht das kleinſte weiter gehende Einverſtändniß nachzuweiſen, es zeigt ſich überall nur das Verhältniß eines Privatgeſchäfts, und ich habe ſoeben erzählt, wie die unglückliche Intrigue des jüngeren Grafen von Lacy das Aufgebot großer Geldmittel, welche ſeine unbeſonnenen Verpflichtungen geräuſchlos tilgten, nöthig machten, um den Namen Lacy vor dem traurigſten, gewiß unaustilgbarſten Ver⸗ dacht zu ſchützen.“ „Wer gab dieſe Geldmittel?“ fragte hier der Graf von Uhlefeld.—„Sie ſagen, daß Sie dieſe Sache der Kenntniß der früheren vermögenden Verbündeten entzogen haben, daß ſie unter dem Grafen von Lach und Ihnen abgemacht worden iſt — aber wir wiſſen ſehr genau, daß der Graf Lacy damals nicht über ſo große Geldmittel zu gebieten hatte, da die Neuerungen auf ſeinen Gütern den Ertrag geſchmälert und das Kriegsun⸗ glück überdies ſein Vermögen zurückgebracht hatte.“ „Sollte die Beantwortung dieſer Frage wirklich zur Sache gehören?“ ſagte Thyrnau plötzlich in etwas ſtolzem und gereizten Tone.—„Wenn aus denen Ihnen zu Gebote ſtehenden Be⸗ weiſen hervorgeht, daß dieſe Zahlungen ein Privatgeſchäft ſind und keinen andern Zweck als den angegebenen hatten, was kann es für Wichtigkeit haben, woher dieſe Mittel floſſen?— ich werde mich der Beantwortung keiner Frage entziehen, dieſe aber entweder gar nicht oder unter beſondern Bedingungen beantworten.“ „Wir müſſen Ihnen zu bedenken geben,“ erwiederte Graf Bartenſtein,—„daß nur die größte Offenheit, die klarſte Dar⸗ legung der ganzen Sache Ihnen nützlich werden kann.“ „Nützlich?“ betonte Thyrnau.— Meine Herren, was mir nützlich oder nachtheilig werden kann, iſt hier nicht die Hauptſache. Die Wichtigkeit meiner Ausſagen haben bloß den Werth, ob ſie in dieſem Augenblick eine neue pelitiſche Treuloſigkeit Frankreichs erweiſen können oder ihren Ungrund beſtätigen— dazu werden meine Ausſagen nützlich ſein, und das iſt der Werth, den ich ſelbſt noch habe. Es kann hart ſcheinen, daß ich im ſiebenzigſten Jahre von Handlungen meiner Jugend Rechenſchaft geben ſoll. Doch ich kann das kaum finden — indem ich ſie jetzt eingeſtehe, kann ich ſie doch nicht ver⸗ dammen, ja ich halte ſie für ein damals edles begründetes Rechtsgefühl, und nenne ſie ſo mit Achtung und Ueberzeugung in einem Augenblicke, wo ich mich ihres Mißlingens freue und jedes ähnliche Unternehmen jetzt mit vollem tiefen Unwillen: Hochverrath nennen würde!“ „Meine Papiere ſind in Ihren Händen— die Lücken darin bin ich bereit auszufüllen— wenn ich dies geleiſtet, ſehe ich mit der Ruhe, die mir ſeit lange über dieſe Angelegenheit inne wohnt, den Erfolgen für mich entgegen. Meine Wünſche für dieſe Welt ſind nur noch auf ein zartes junges Leben angewieſen, das mir anhängt— wird es in meinen Fall verwickelt, ſo hat Gott das Senkblei für ſeine Leiden— ich habe dieſen Augen⸗ blick erwartet und es erfüllt mich mit Dank, daß ich erſt ſo ſpät und zu einer Zeit in meinem Berufe geſtört werde, wo ich ihn ſelbſt als aufgehoben anſehe— ſelbſt nur noch ein Zuſchauer mich fühle, den großen Kataſtrophen gegenüber, denen mein Vaterland entgegen eilt!“ „Warum aber weigern Sie ſich, anzugeben, woher dieſe Geldmittel ſtrömten, die zu einem bedeutenden Vermögen zu berechnen ſind?“ ſagte Graf Bartenſtein.—„Es iſt nicht gut, daß Sie dabei ein Geheimniß zu verbergen haben— ich kann Ihnen nicht vorenthalten, daß dadurch der Verdacht verſtärkt wird, als haben die früheren Verbindungen noch denſelben Fortbeſtand. Wir wiſſen, daß Sie mit einer ſehr einflußreichen Perſon am franzöſiſchen Hofe in Korreſpondenz ſind, daß dieſe ſelbſt durch den anweſenden Grafen von Lacy eine bedeutende Thomas Thyrnau. M. 19 Summe Geldes erhielt, wodurch derſelbe in den Verdacht ge⸗ rathen, der ihn vor's Erſte zu Ihrem Mitſchuldigen zu machen ſcheint!“ „Ich danke Euer Durchlaucht,“ ſagte Thomas Thyrnau, ſich gegen den Fürſten von S. verneigend—„Ihr Antheil an meinen Angelegenheiten iſt ſehr groß geweſen. Nachdem ich es Ihnen unmöglich gemacht habe, Ihre für einen deutſchen Reichs⸗ fürſten wenig paſſenden Pläne auszuführen, iſt es Ihnen wohl gelungen, die Schritte eines Mannes auszuforſchen, den Sie im Gefühl Ihrer eignen Handlungen zu kompromittiren hofften.“ „Ich muß aufs Neue bemerken, daß der Glaube an die Ausſagen dieſes Redners Sie nicht irre führen dürfen,“ rief hier der Fürſt von S.—„Meine Schuld an der Sache habe ich eingeſtanden— Euer Gnaden haben die Namen⸗Liſten der damals ſo wie ich verführten jungen Fürſten geſehn— ich will daher nicht leugnen, daß wir dieſen Herrn Thyrnau zu unſerm Advokaten in Paris gemacht hatten, ich muß außerdem ſagen, daß ich das Vertrauen der Frau Marquiſe von Pompadour genoß., und immer daraus die Schritte des Herrn Advokaten beobachten konnte, welcher ſich gleichfalls das Ohr dieſer ein⸗ flußreichen Dame erſchlichen hatte, welche mir immer ſagte, ſie hoffe mit Hülfe Thyrnau's jene Angelegenheit glücklich zu Ende zu führen. Thyrnaus's Angeſicht überflog ein Lächeln— er ließ den haſtig Redenden vollenden.—„Ich werde meine Verbindung mit der geiſtreichſten Frau Frankreichs nicht leugnen, und ich bin überzeugt, die geehrten Anweſenden haben ſchon vorher voll⸗ kommen verſtanden, daß ich nur ſie meinen konnte, als ich des Beiſtandes einer einflußreichen Perſon gedachte. Doch habe ich über die Art dieſer Verbindung keine Beweiſe.— Wir haben theils alles Wichtige mündlich verhandelt, und der ſcherzhafte Wechſel kleiner Billets, die hin und her flogen und freilich nicht 21 mehr in meiner Hand ſind, würden doch auch in ihrer heitern Form noch darthun, daß ich nur Agent Seiner Durchlaucht, und einiger ſeiner Standesgenoſſen ward, damit es kein Anderer werden konnte— daß die Frau Marquiſe durch meine Klagen über die ungedulige Betriebſamkeit Seiner Durchlaucht vermocht ward, ihn ſelbſt darüber zu beruhigen.— Daß ſie dies jedoch mit der neckenden Weiſe that, die Ihr eigen iſt, und daß Seine Durchlaucht gerade dadurch geneigt wurde, das Gegentheil von dem zu glauben, was wirklich geſchah, muß ich in der That ablehnen zu vertreten.“ Das Lächeln, was hier von Kaunitz, dem dieſer Thomas Thyrnau mit jedem Augenblick lieber ward, nicht unterdrückt werden konnte, reizte den Fürſten zu einem ungeſtümen Auf⸗ brauſen des Zornes. Wiet“ rief er wild in die Höhe fahrend—„wollt Ihr andeuten, ich ſei von dem liederlichen Weibe betrogen, verlacht, hinter's Licht geführt worden? Wollt Ihr mit dieſer groben Lüge Eure eignen falſchen Wege verdecken— hofft Ihr den Schlingen zu entgehn, indem Ihr ſie um andere Füße legt— hutet Euch! ich habe geſchworen, Euch an den Galgen zu bringen— ſeid ſicher, ich halte es!“ Schon hatte Thyrnau den Mund geöffnet, um zu ant⸗ worten, ſchon zeigte die lebhafte Bewegung der Gerichtsherren die gleiche Abſicht,— als Alle von ihren Seſſeln aufſprangen, und Todtenſtille das Gemach erfüllte.— Die Vorhänge des Nebenzimmers waren von der kleinen Dame zurück geſchoben worden und mit ihrem vollen erhabenen Anſtande und glühend vor innerer Auftegung trat die Kaiſerin in das Gemach.— „Vor Allem, rief ſie mit ihrer tönenden Stimme—„ver⸗ geßt nicht, Hert Fürſt von S., daß ich Euch meine Gegenwart habe anzeigen laſſen! Wer wagt es, hier einem meiner Unter⸗ 19* thanen zu drohen, ſo lange wir und das Recht nicht über ihn entſchieden? Der Mann,“ ſagte ſie, und ihr blitzendes Auge überlief Thomas Thyrnau—„hat viel Gutes geſagt, und es will uns ſcheinen, daß wir dem ſchechten Dank wiſſen werden, der uns mit ſo alten Verſchuldungen beläſtigt hat, wie Euer Durchlaucht gethan. Wie dazu ſonderliche Luſt bei Euer Gnaden ſein konnte, ſteht überdies billig zu verwundern, da Sie, denk' ich, ſelbſt tief genug hinein gerathen waren.“ „Meine Herren,“ fuhr ſie fort, ſich gegen die Tafel wen⸗ dend und den Lehnſeſſel einnehmend, den Frau Gutenberg ihr nachgerollt—„ich denke, das ſind veraltete Geſchichten— und in der Art und Weiſe des Angeklagten liegt viel, woran man Glauben faſſen kann. Die vergangenen Zuſtände, die er aufge⸗ führt, zeigen uns leider manches wahre Bild— und wir be⸗ greifen, daß dieſe Anklagen von ſeinem Standpunkte aus noch gerechtfertigter erſcheinen mögen, denn wir können uns eher zu der Bedrängniß des Unterthanen herablaſſen, als dieſer umge⸗ kehrt ſich zu unſerm erhabenen Standpunkt erheben kann und die Bedingniſſe einſehn, unter denen wir zu handeln oft ge⸗ zwungen ſind, warum wir veraltete Uebel nicht gleich über den Haufen rennen, da es ſehr häufig darauf ankommt, in welcher Ordnung wir unſre Reformen vornehmen, und dazu eben die Ueberſicht gehört, die nur wir beſitzen können. Wir müſſen es daher geſchehen laſſen, daß Jeder gleich ſich für vergeſſen und überſehen hält, weil gerade die kleine Stelle, die er überſieht, nach unſerer höheren Ordnung noch nicht an der Reihe war. Daher iſt— bei dieſer unleugbaren Wahrheit— Unterthanen⸗ treue, das heißt: feſter Glaube an die Gerechtigkeit und aus⸗ reichende Fürſorge des Fürſten, eine über Alles nöthige Pflicht des Unterthanen, und die Uebertretung derſelben iſt, wie billig, von Alters her als die größte Vergehung mit den härteſten Strafen belegt worden.“ „Denn wie Gott ſchon mit dem Regieren unter günſtigen Umſtänden den Herrſchern der Erde ein ſchweres Amt über⸗ tragen, ſo möchte ich fragen, wie auszukommen ſei mit Menſchen⸗ kräften, wenn jeder Unterthan gedächte, es ſolle nach Plänen gehen, die er in ſeinem kleinen Bereich erdacht. Ein Refor⸗ miren, was wir Jedem gern zugeſtehen, und was uns Hülfe bringen kann, das heißt: auf dem Platze, wo er ſteht, ſeines Amtes mit Verſtand und Fleiß warten— was meint man— wird daraus nicht endlich das wahre Reformiren erwachſen?— und wird überdies leichter ſein, als was uns übertragen iſt: Reformen zu beſchließen und auszuführen, die Keiner verſteht und daher Alle zu tadeln Gelüſt haben— die wir durchführen müſſen und wohl wiſſen, erſt nach Jahren werde ſich darthun, warum wir juſt ſo hinein griffen und die unbeholfenen und übelwollenden Klügler, deren Reden wir gar wohl kennen, werden indeſſen ſo viel Zweifel dagegen erregen, als möglich iſt, um der Sache zu ſchaden, die ſie nicht verſtanden haben. Das iſt Regentenplage, die wohl arg zu nennen iſt, und wo⸗ gegen uns nur die uns von Gott gegebene heil'ge Geduld ſchützt, die uns lehrt, Menſchenbeifall entbehren, wenn uns große, Gott gefällige Zwecke vor Augen liegen.“ Wunderbar bewegt von dem, was ſie ſprach, hatte die Kaiſerin ſich wahrſcheinlich, wie Alle einſahen, gegen ihren Willen in der Mitte ihrer Rede gegen Thomas Thyrnau ge⸗ wendet, welcher glühend mit dem Ausdruck der Begeiſterung. hoch aufgerichtet von Freude und Stolz, auf Maria Thereſia, ſeine große Gegnerin, blickte und ihre Worte mit ſeinen Blicken zu verſchlingen ſchien. Kaunis überſah dieſe merkwürdige Scene mit einem Jubel, der ihm faſt die Bruſt ſprengte. Auf ſeine Knie hätte er vor Maria Thereſia ſinken mögen und den Saum ihres Kleides küſſen— dies Selbſtvergeſſen— dieſe Gegenrede, die ſie dem angeklagten Advokaten Thyrnau hielt, gegen alle Ordnung ihres erhabenen Standes— hingeriſſen von dem höheren Geiſte, der vor ihr die Schwingen gerührt und deſſen Gewalt ſie anerkannte in dem geringen Bürgerlichen, den ſie werth genug hielt, um ihm zu entgegnen, daß er Verſtändniß gewönne ihrer Anſicht— dies ſchien ihm eine Größe des Geiſtes, wie ſie noch kein Thron beſeſſen, und er gelobte ſich, ihr zu dienen mit allen ſeinen Kräften, möge dieſer Geiſt auch neben ſeiner Größe ihn treffen wollen mit ſeinen elektriſchen Schlägen. Er wußte, das Alles, was hier vorging, gegen ihren Willen war— er wußte, ſie hatte ſich allein von Frau Gutenberg im tiefſten Geheimniß in das Vorzimmer begleiten laſſen, und ob⸗ wol ſie den Herren ihre unſichtbare Gegenwart ankündigen ließ und befohlen hatte, die Verhandlung durch keine Einreden zu beſchränken, war ſie doch feſt entſchloſſen, ſich eben ſo geräuſch⸗ los zu entfernen. Sie hatte ſich alſo ſelbſt vergeſſen— und grade daß ſie das gekonnt, ſchien Kaunitz der herrlichſte Triumph ihrer Größe und erhabener— mehr Kaiſerin als jetzt— war ſie ihm auf ihrem Thron noch nie erſchienen. Auch war ſie noch nicht fertig. „Ihr habt ſchlimme Zeiten erlebt,“— fuhr ſie fort— „gar wohl weiß ich das! Aber Euer Unverſtand war groß, als Ihr Euer Böhmen abreißen wolltet und es dem verderbten Frank⸗ reich hingeben— wär's was Anderes worden als eine fran⸗ zöſiſche Provinz? hattet Ihr Macht, das zu hindern?— und hat Frankreich je an ſolche Zugeſtändniſſe für ſeine Provinzen gedacht, als Ihr in Eurer Ueberſpannung erlangen wolltet? Dieſe eitlen Thoren haben nur immer eine Puppe gehabt, die ſie herausputzten, um ſie dem Auslande vorzuhalten und dieſe Puppe hieß Paris.— Da waren Conceſſionen zu erlangen, da ward an Aufſchwung in Kunſt und Wiſſenſchaft gedacht und die Beſtrebungen fanden Beachtung— aber die Provinzen— 295 da lag tiefe Noth, da waltete barbariſche Willkür, da verſtummte der geiſtige Aufſchwung, und Finſterniß lag über großen Ver⸗ ſchuldungen. Armer Mann! was habt Ihr geträumt von ſitt⸗ licher Würde, um deren Begründung Ihr ranget— habt Ihr vergeſſen, warum mein Ahnherr Leopold dies franzöſiſche Weſen ſo tief verabſcheute?— Weil dieſer Heros der feinen Sitte und Kultur, dieſer Ludwig der Vierzehnte, Rotten von Mordbren⸗ nern aus ſeinen Unterthanen bildete, die Euer Böhmen zu öden Brandſtätten umwandelten! Unſere Archive bewahren noch die ſchrecklichen Beweiſe dieſer nie genug zu verabſcheuen⸗ den Politik.“ „Euer Lobkowitz hat uns auch ein Beſſerer geſchienen, als das damalige Verfahren anließ, obwol ihm auch ſchwerlich der Preis gebührt, den Ihr ihm gern zugeſtehen möchtet, und ſein franzöſiſch Weſen ihn in große Verwirtung ſtürzte und Euren Vater mit hinein zog, woraus Euch von Jugend an das rebel⸗ liſche Blut kam.“ „Bei Euch und Eurem Treiben iſt Spreu vom Waizen ſchwer zu unterſcheiden— Ihr hättet Nutzen ſtiften können— das ſind die Köpfe, die Herrſcher oft vergeblich ſuchen und wor⸗ auf Ihre Ungebungen, die ihnen ſuchen helfen ſollten, nicht eher die Augen des Herrſchers lenken, als bis es zu ſtrafen giebt, bis der Geiſt, der ſich ſo ungewöhnlich regt und dem die rechte Bahn der Thätigkeit verſchloſſen blieb, in einer ſelbſt gewählten Richtung ſich bemerkbar macht, die dann oft mehr unſern Tadel als unſern Beifall fordert. Nicht Allen kommt zur rechten Stunde noch die beſſere Einſicht!— Ihr habt keck und unverholen Euch geäußert, doch wußtet Ihr nicht, daß ich Euch hörte.“ „O! hätt ich es gewußt!“ rief Thyrnau hier mit einer Stimme, gepreßt von überfließendem Gefühl—„dann hätte ich die Stunde mit Bewußtſein erlebt, welche mir ſeit lange der Preis ſchien, um den es ſich zu leben lohne.“ 296 „So!“ ſagte die Kaiſerin und der Mund zuckte faſt, als verberge er ein Lächeln—„Ihr ſeid ein gefaßter Mann! Ihr wollt mir andeuten, daß Ihr ſelbſt die Kaiſerin nicht fürchtet.“ „Und hatt' ich ſie zu fürchten?“ rief Thyrnau faſt zu leb⸗ haft.—„Wer hat unſere große Kaiſerin zu fürchten, der Zeit⸗ lebens vor dem Thron eines großen Gedankens ſtand und über dem düſtern Drucke ſeiner Zeit dem höhern Glauben ſeine Kräfte weihte, es ſei ein edles Volk beſtimmt, die in ihm wohnende Kraft zu höherer Einſicht, freierer Erkenntniß zu entwickeln! Darf der Erfolg— darf ſelbſt der Irrthum— darf überhaupt die äußere Geſtaltung deſſen, was er gewollt, den Muth ihm rauben, der erhabenen Idee, der er ſein Leben weihte, mit warmem Hetzſchlag getreu zu bleiben?— Kann er den Muth verlieren und eben dann, wenn mit dieſer Idee vertrieben, ver⸗ folgt durchs ganze Leben, er endlich mit ihr vor dem Hafen an⸗ langt, der ſie rettend aufnimmt? Kann er den Sturm noch fürchten, der nur die Planken des Fahrzeugs auseinanderreißt, auf denen ſie ſo lang getragen ward?“ Die Kaiſerin hatte mit einem leiſen Nicken die Worte be⸗ gleitet— dann wandte ſie das königliche Haupt nach Kaunitz um— und ſah ihn an und nickte. O! welch ein Ehrenſtern ſchien dieſer Blick dem edlen treuen Diener! Er wußte es ganz gewiß, an Allen vorüber, die ihrem eignen Gelüſt in der Sache bis dahin geſchmeichelt, an Allen vorüber glitt ihr Blick und ſuchte Den, der ihr mit unverdroßenem Muthe widerſtrebt, dem ſie gezürnt und mit dem ſie jetzt das Verſtändniß zu theilen ſicher war. „Thomas Thyrnau, ſagte die Kaiſerin—„Ihr ſeid ein Schwärmer!— Das ſind die wunderbaren Frevler, die dem Monarchen aufſtoßen: ſie würden ihren Leib für den in ihrem Sinn handelnden Herrſcher mit Jubelhymnen zum Tode ſchlep⸗ pen— und um die Idee zu ſchützen, die in ihrem heißen Kopfe brennt, würden ſie gegen eben dieſen Herrſcher den Fehdehand⸗ ſchuh ziehen, wenn er dieſelbe zu bedrohen ſchiene!— Und was folgt nun? Sollen wir mit ſolchen Schwärmern Gemeinſchaft machen?“ „Maria Thereſia kann es; und wäre ſie das erſte gekrönte Haupt, das es verſucht! Denn das Wort, das im Munde der Menge den müſſigen Träumer anzudeuten ſcheint, wird ihr den ahnungsvollen Geiſt bezeichnen, der voran der ſchweren Zeit⸗ entwickelung das Prognoſticon den Sternen abgelauſcht und die Feuerſäule prophetiſch zeigt, welche die Maſſe durch die glücklich erlauſchte Furth zum andern Ufer— zum gelobten Lande führt. Das iſt der Schwärmer, mit dem Maria Thereſia Gemeinſchaft halten kann— ſie iſt es ſelbſt! Sie iſt es geweſen vom erſten Schritte zum beſtrittenen Thron der Väter— und von uns atmen geſcholtenen Schwärmern iſt ſeitdem die Sünde genom⸗ men, die man uns angeheftet, zur Wahrheit iſt mit ihr gewor⸗ den, was wir gewollt— was wir bekennen.“ Maria Thereſia ſenkte das Haupt— es entſtand eine tiefe Stille— ſie dachte nach— ob ſchon jemand ſo kühn zu ihr geredet habe— es kam ihr vor, als habe ſie ihn ſchon gehört — vielleicht geträumt von ihm— er hatte in ihr großes Herz geſchaut! Plötzlich ſtand ſie auf— ſie ſchritt gegen die Tafel vor und ſagte mit ihrer hohen Würde: Ich will, daß man die alten halb verjährten Geſchichten, welche dieſem Manne zur Laſt ge⸗ legt werden ſollen, mit Rückſicht auf ſeine jetzigen Geſinnungen anſieht. Man thut uns ſchlechte Dienſte, wenn man damit die Erinnerung an Zuſtände weckt, die uns eben ſo wenig gefallen, als Denen, die damals darunter litten. Dieſe letzte Geſchichte vom Jahr 1741 muß dagegen noch klarer dargethan werden— dieſer Thyrnau iſt anzuhalten, alle Wege anzugeben, die ſeine bis jetzt fortbeſtehende Verbindung mit— der ſogenannten ein⸗ 298 flußreichen Perſon am franzöſiſchen Hofe darthun— dann muß ſich ergeben, wie der junge Graf von Lach hinein kam— und endlich iſt auf ſeine Weigerung, nachzuweiſen, wo die bedeu⸗ tenden Geldſummen herfloſſen, nicht einzugehn.“ „Erlaſſen Euer Majeſtät mir nur dies Eine,“ rief Thyr⸗ nau mit ehrerbietigem Tone—„ſo werden alle übrigen Beweiſe aufzufinden ſein— die Abzahlung dieſer Summe iſt durchaus ein Privatgeheimniß!“ Die Kaiſerin ſagte, ohne ihn anzuſehn:„Thörichter Vor⸗ behalt— Ihr könnt ſelbſt nicht denken, daß Euch das zuge⸗ ſtanden wird— und was wollt Ihr— es iſt ja zu Eurem Beſten!“ „Vielleicht,“ ſagte ſie, indem ihr Auge wieder Kaunitz ſtreifte—„vielleicht wäre ihm zu geſtatten, da er von Privat⸗ verhältniſſen ſpricht, die wir gern ſchonen, daß er einen meiner hier anweſenden Räthe ſich erwählte, der ihm beſonderes Ver⸗ trauen einflößt, um ihm ein Geſtändniß zu machen, worüber wir von ſelbigem nachher blos ein allgemeines Gutachten ent⸗ gegen nehmen könnten.“ „Dieſem würde auf Befehl Euer Majeſtät nichts entgegen ſtehn, entgegnete ehrfurchtsvoll der Graf von Bartenſtein. Und dennoch kann ich dieſe tief empfundene Gnade meiner erhabenen Kaiſerin und wäre ſelbſt der Graf von Kaunitz der, welcher ſich zu meinem Vertrauten hingeben wollte, nicht annehmen!“ „Ha,“ rief die Kaiſerin, ſich in ihrer lebhaften Weiſe wieder zu ihm wendend—„Ihr ſeid ein hartnäckiger Mann!“ „Wenn Euer Majeſtät wüßten, was mich beſtimmt, ſo zu handeln, Sie würden ſagen: es iſt ein ehrlicher Mann!“ „Aber,“ fuhr er fort, indem er der Kaiſerin ehrfurchtsvoll näher trat—„ich kenne eine Stelle auf dieſer Welt, wo ſich mein Vorſatz ändern würde— eine Perſon, der ich Alles ſagen könnte, wenn ſie ſich herabließe, das Bekenntniß zu empfangen.“ 299 „Nun! nun!“ rief die Kaiſerin faſt zornig.— Thomas Thyrnau beugte das Knie und blieb mit geſenktem Haupte in dieſer Stellung vor der Kaiſerin. „Was?“ rief dieſe—„mich meint Ihr?— Ich ſoll Euer Beichtvater ſein— dem Advokaten Thyrnau ſoll ich ſeine Ge⸗ heimniſſe abfragen? Mann!— ſolche Dreiſtigkeit ward mir noch nicht geboten und wohl ſehe ich ein, daß ich Unrecht hatte, mich hierher zu begeben— hier wird meine Perſon arg mißkannt.“ Doch ward es ihr faſt ſchwer die letzten Worte ihres Zornes auszuſtoßen, denn Thyrnau hatte ſich erhoben und ſtand ihr ſo ruhig und feſt aufgerichtet gegenüber, daß ſie den Glutblick, womit er ſie durchdrang, faſt nicht zu ertragen ver⸗ mochte. „Ja!“ ſagte er mit ſanfter ruhiger Stimme—„ich meinte Euer Majeſtät, als ich die einzige Perſon nannte, der ich das heiligſte Geheimniß meines Lebens anvertrauen wollte— habe ich zu viel begehrt, ſo wird Euer Majeſtät mir vergeben— und dies Geheimniß möge meine Sache erſchweren, wie es will, es wird in meiner Bruſt begraben bleiben— nimmermehr aber darf meine erhabene Kaiſerin denken, Ihre erhabene Perſon ſei von Ihrem treueſten Knecht verkannt worden— er im Gegen⸗ theil glaubte ſie in Wahrheit zu erkennen, ja ihr faſt göttliche Ehren zu erweiſen, indem er das vor ihr gelobte auszuſprechen, was Keiner, was von nun an Keiner theilen darf, als Gott!⸗ „In Wahrheit, Kaunitz“ ſagte die Kaiſerin milde, ja faſt lächelnd auf ihren Stuhl zugehend—„in Monarch muß ſich wie die Gottheit ſelbſt die allerabſonderlichſten Sorten der Ver⸗ ehrung gefallen laſſen und lernen die Abſicht zu erkennen, die oft in der unpaſſendſten Form verborgen liegt. Dieſer heftige Mann will immer Recht behalten und ſein weißes Haar räth uns Nachſicht gegen ihn!“ 300 Kaunitz hatte ſich lächelnd verbeugt und wie ein Kammer⸗ herr den Stuhl geſchoben— ihm war jeder Augenblick, den ſie länger blieb, unbezahlbar, und er vertraute ihrem herrlichen ſanguiniſchen Gemüth, welches ſie fortzureißen verſprach, ſelbſt das Richteramt fortzuſetzen— er ſegnete alle ſo geräuſchlos ge⸗ troffenen Maaßregeln, die ſie dazu verführten und hätte den Geiſtes⸗ und Herzens⸗kühnen Thyrnau an ſeine Bruſt drücken mögen; denn er wußte ſehr wohl, daß er es war, der die er⸗ habene Frau feſſelte, daß ſie von neugierigem Erſtaunen vor einer ſo ſeltenen Erſcheinung getrieben ward, immer wieder ihr Angeſicht ihm zuzuwenden— ſeinen Worten noch immer mit Achtſamkeit und heimlichem Vergnügen zu lauſchen. Schon ſah Kaunitz, wie ſie aufs Neue ihr ausdrucksvolles Auge dem kühnen Sprecher zuwendete, und ſchon hoffte er, dieſe geheim⸗ nißvolle Audienz gewährt zu hören, da ſprach eine leiſe Stimme: „Ich kann ſie nicht länger zurückhalten, ſie weint ſo ſehr!“ Dies ſagte die Gutenberg zur Kaiſerin—„Wer?“ rief dieſe entgegen— heftig auffahrend.— „Ach Gott, da iſt ſie ſchon ſelbſt,“ erwiederte die alte Dame und machte der Prinzeſſin Thereſe mit einem tiefen Knipe Platz. „Erhabene Kaiſerin,“ rief dieſe und ſiel mit beiden Armen in den Schooß derſelben—„macht mit mir, was Ihr wollt! ſchickt mich hinterher in ein Kloſter— in eine Feſtung, wenn Ihr wollt— aber hört mich— ich bin jetzt keine leichtſinnige Thörin, die Ihr immer zu ſchelten habt— ich bin ganz ver⸗ nünftig und bodenlos traurig!“ Dies mußte man ihr glauben— die friſchen Züge dieſer Schönheit waren blaß und ſo entſtellt, daß ſie ſich kaum ähn⸗ lich ſah— und ihre Augen verweint und noch mit Thränen angefüllt— ihre herrliche Geſtalt zeigte ſich dagegen in der vernachläßigten Toilette noch ſchöner, und die Kaiſerin deckte, 301 freilich mit wenigem Erfolg, ehe ſie noch ein Wort erwiederte, den Kantenſchleier um die herrliche Büſte. „Was wollt Ihr hier, Prinzeſſin?“ ſagte ſie dabei,„was Ihr mir zu ſagen haben könnt, gehört für eine andere Zeit— wer kann Euch verrathen haben, daß ich hier bin?— es iſt ſehr unpaſſend— wir ſind kein Freund von Scenen, und un⸗ ſete Perſon muß damit nicht behelligt werden.“ „Ach, laßt das Alles!“ rief die Prinzeſſin noch immer wie ein Kind, das nichts von nöthigen Formen weiß, in dem Schooß der Kaiſerin liegend—„nur zügelt Eure Strenge, da⸗ mit ich reden darf, ſonſt mache ich Thorheiten, ſonſt werdet Ihr bereuen, Eure arme Muhme nicht gehört zu haben—“ ſie brach dabei aufs Neue in Thränen aus. Harte oder leichtſinnige Menſchen erfahren durch ihre ge⸗ legentlichen Rührungen immer großen Erfolg— man wird ſchon vorher für das eingenommen und hält es für wichtig, was ſie ſo aus ſich heraus zu treiben vermochte, und eine kleine Zu⸗ gabe von Neugier erleichtert es ihnen, Gehör zu finden. „Aber hier!“ ſagte die Kaiſerin mild—„hier— was kann denn ſo dringend ſein, um uns hierher zu verfolgen und und unſere Geſchäfte zu unterbrechen?“ „Weil Alles, was ich zu ſagen habe, dazu gehört— weil Ew. Majeſtät meinen Thyrnau nicht ſtrafen dürft, bis Ihr mich gehört habt und dies hier geleſen!“ Danit zog ſie ein kleines Portefeuille aus ihrer Taſche.—„Da, da! das ſind all ſeine Briefe an die Pompadour und die Ihrigen dazu— dieſe hat mir Thyrnau geſchenkt, und um jene habe ich ſo lange gebettelt, bis ſie mir ſie gab, und ſie war viel zu leichtſinnig, um noch daran zu denken, wie viel von dieſem Ehrenmanne quittirte Rechnungen darin lagen— mich aber trieb die Ahnung, als ich ſie dabei ließ— obwol mich nur die Luſt an dieſen Briefen und ihren anmuthigen Scherzen dazu antrieb.“ 302 „Aber was habt Ihr denn mit dieſem Thyrnau,“ ſagte die Kaiſerin—„der iſt ja ein wahrer Hexenmeiſter und mit allen Menſchen in Familiarität.“ „Ach,“ ſagte die Prinzeſſin—„ich denke oft, ich verdanke ihm mehr, als ich noch jetzt überſehen kann— gewiß iſt es aber, daß er der einzige Menſch iſt, der mich jemals gekannt hat, der es wahrhaft wohl mit mir gemeint! Von den Kinder⸗ ſchuhen an hat er mich beobachtet und Gutes mir zugedacht; als es ihm mißglückte, was er für mich beſchloſſen, ließ er mich nicht aus dem Auge, und als wir uns wiederfanden auf dem ſündhaften Boden Frankreichs, wohin die weiſe Politik meiner hohen Verwandten mich geſtoßen— da hat er oft mit Gewalt die Binde von meinen thörichten Augen geriſſen— mich aus Verlegenheiten gezogen, in die mein Leichtſinn mich geſtürzt, und ſtets in mir ſelbſt das Beſſere geweckt und es erhalten, indem er in mir das heiligſte Gefühl, das ich je gekannt, zu erhalten ſtrebte. An ihm iſt kein Falſch zu finden— kein un⸗ edler Gedanke hat je ſein edles Blut erregt, und man muß ſo in wüſten Leidenſchaften grau geworden ſein wie ſein Gegner, um ihn haſſen zu können.“ „Nun wahrlich,“ ſagte die Kaiſerin—„der Herr Thomas Thyrnau hat ſich einen ſonderbaren aber eifrigen Advokaten er⸗ worben! Mäßigt Euch jetzt— Ihr ſeid immer zu heftig bei allen Euren Vorhaben.“ Sie öffnete indeſſen das Portefeuille — zuerſt fiel eine quittirte Rechnung über zwei Brillantarm⸗ bänder heraus— acceptirt von Thomas Thyrnau und mit der Jahreszahl 1741.—„Aha,“ ſagte die Kaiſerin—„wir ſehn, umſonſt wurden hier keine Dienſte geleiſtet— doch,“ fuhr ſie fort, Alles zuſammen faſſend und es über ihre Schulter hinüber an Kaunitz reichend—„Das iſt Amuſement für Euch— das iſt Euer berühmtes franzöſiſches Witzhaſchen— hier werdet Ihr von Eurer merkwürdigen Frau— einige Chatullen⸗Geheim⸗ 303 niſſe erfahren, nach denen wir nicht begierig find— das Re⸗ ſumé, welches ſich auf die uns vorliegende Sache des Thyrnau bezieht, werdet Ihr uns alsdann nittheilen.“ „Ja,“ ſagte die Prinzeſſin, indem ſie aufſtand und Kaunitz feſt anblickte—„thut das und findet Ihr darin etwas Anderes als die Beſtätigung deſſen, was er geſagt, dann ſollt Ihr es mit mir zu thun haben.“ „Prinzeſſin,“ ſagte Thyrnau leiſe—„ich bitte Euer Durchlaucht ſich zu mäßigen.“ „Und ich,“ ſagte der Fürſt von S., ſich gegen die Prin⸗ zeſſin wendend—„muß billig mein Erſtaunen zu erkennen geben, daß Euer Durchlaucht bei dem obwaltenden Verhältniß unter uns ſich zur Vertheidigung eines Mannes hergeben, der uns ſo bedeutende Veranlaſſung zur Unzufriedenheit gab, uns zwang, die Gerechtigkeit ſeines Vaterlandes gegen ihn auf⸗ zurufen.“ „Laßt mich in Frieden und gebt Euch nicht das Anſehn von zugeſtandenen Verhältniſſen unter uns— ich erkenne nichts an— als das Recht, mich von Euch loszumachen!“ „Wird das möglich ſein? Euer Gnaden überſehen gauz die beſondere Stellung Ihrer Angelegenheiten zu den meinigen — wir haben zu Zeiten ein ſehr ausreichendes Vertrauen zu einander gehabt— Ihre damals mitgetheilten unſchätzbaren ſchriftlichen Mittheilungen enthalten ſo viel, was ein fortbe⸗ ſtehendes vertrauliches Verhältniß unter uns nöthig zu machen ſcheint, daß ich faſt glauben möchte, es ſei überflüſſig, Euer Gnaden daran zu erinnern.“ So wie er das letzte Wort ausgeſprochen, ſank die Prin⸗ zeſſin aufs Neue vor der Kaiſerin aufs Knie„Hören Euer Majeſtät! er wagt mir zu drohen! Aber was ich auch verdient haben mag, leiden Euer Majeſtät nicht, daß ich ihm deshalb zum Opfer falle. Ich will jeden Vorwurf von Euch ertragen, 304 jede Demüthigung hinnehmen, die mein Leichtſinn verſchuldet — jedes Bekenntniß ablegen, was darthut, mein leichtſinniger Mund habe ſich ſelbſt gegen Eure geheiligte Perſon in loſen Scherzen vergangen— Alles das, womit er mir droht, wo⸗ durch er Gewalt über mich zu behaupten hofft— das will ich ſelbſt bekennen— aber indem ich jede Strafe von Euer Maje⸗ ſtät geduldig hinnehmen will, ſei doch die nicht dabei, die Ihr in Eurem Zorn ausgeſprochen habt, die— das thörichte, einſt mit ihm geſchloſſene Verlöbniß zu vollziehen— denn ſo wahr Gott über uns iſt und mich hört, ich werde mich dieſem Aus⸗ ſpruch nicht unterziehn, und zwingt man mich dazu, ſo ſtelle ich mich unter den Schutz meines Vetters in Frankreich— oder ich ermorde ihn!“ „Muhme! Muhme!“ rief die Kaiſerin, ſie heftig vom Boden aufziehend, indem ſie ihr das zürnende Geſicht dicht vorhielt—„iſt ſolche Scene geeignet, meine Nachſicht zu erhalten? Euer Betragen macht mir viel zu ſchaffen und Eure Reden ſind noch viel unbeſonnener als Eure Handlungen— denn, weine Herren! ich will hiermit bemerkt haben— an den Sitten dieſer Prinzeſſin, der Muhme des erlauchten Hauſes Lothringen, hängt auch nicht der kleinſte Makel— aber ſie giebt den Beweis, wie ſelbſt eine Dame von ſo hoher Geburt, auf dem frivolen Boden des franzöſiſchen Hofes in mancherlei Anfechtungen verfallen konnte. Prinzeſſin! ver⸗ geſſen Sie Ihre Stellung nicht— ich gebe Ihnen mein Wort, daß die Anſprüche des Fürſten geprüft werden ſollen und Sie Niemand zwingen wird, gegen Ihre Neigung zu handeln.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ ſagte die Prinzeſſin—„Eure Abſichten, Herr Fürſt von S., werden alle ſcheitern, wie ich es Euch vorher geſagt; denn unbeſonnen und thöricht war ich, aber nicht hinterliſtig und falſch!“ 305 „Euer Majeſtät,“ rief der Fürſt, bebend vor Zorn— „die Prinzeſſin Thereſe wird mich zwingen, ihre Handlungen aufzudecken— ſelbſt ihr Verhältniß zu dieſem Thyrnau—“ „Herr,“ unterbrach ihn die Kaiſerin—„wir wollen Ihnen zu bedenken geben, wozu Sie unſere Gegenwart zu miß⸗ brauchen wagen. Viel zu lange ſchenke ich dieſer Privatange⸗ legenheit mein Ohr, ſehr abweichend von dem, was ich hier zu erfahren hatte, ſcheint mir, ſind dieſe gegenſeitigen Reden, und ſehr geneigt ſind Euer Liebden Beide zu vergeſſen, in weſſen Gegenwart Ihr Euch ungezügelt Euern Leidenſchaften überlaßt.“ „Das trifft Alles mit großem Rechte den Fürſten,“ er⸗ wiederte die Prinzeſſin—„was ich aber dagegen gethan, war ja ganz im Intereſſe der Sache, welcher Euer Majeſtät Ihr Ohr geſchenkt. Iſt es denn nicht außerdem, daß ich die Briefe des ehrlichen Thyrnau und der Pompadour eingereicht, aus denen ſo klar hervorgeht, daß ſeine Ausſagen wahr ſind— iſt es denn nicht außerdem wichtig zu erfahren, daß der Ankläger ſich an dem Verklagten zu rächen trachtet dafür, daß Jener zur rechten Zeit einſchritt und dem bereits gelieferten Opfer die Schlinge löſte, aus der es noch zu entwiſchen vermochte?— Ich habe es geſagt, daß Thomas Thyrnau über mich gewacht, mich nicht aus den Augen verloren hat— ich ſetze hinzu: er hat Vater und Mutter bei mir erſetzt, und nicht ſeine Schuld iſt es, wenn er nicht alle meine Thorheiten verhindern konnte. Als ich aber von meinem tief verletzten Gefühl verführt ward, den Heirathsanträgen des Fürſten Gehör zu geben und mit kindiſchen Eigenſinn das durchzuſetzen ſuchte, wogegen ich von Allen Widerſtand fand, da eilte er zu meiner Rettung herbei und enthüllte mir den Karakter Desjenigen, den freilich Niemand beſſer kannte als er ſelbſt. Für das großmüthige Opfer dieſer Entdeckung, welches die Wunden Thomas Thyrnau. IM. 306 ſeiner Bruſt auftegte, habe ich ihm ſchlecht gedankt, denn mein Ungeſtüm riß mich hin, dem zudringlichen Fürſten in meinem Zorn Alles zu verrathen, und er ſchwur im ſelben Augenblick, ſich um jeden Preis an dem Urheber dieſer Entdeckung rächen zu wollen.“. „Das lautet Alles ſehr übel,“ ſagte die Kaiſerin, den Kopf ſchüttelnd—„und ich denke, man iſt ſehr leichtſinnig in der Inſtruktion dieſer Angelegenheit geweſen.“ „Beſonders nachdem ich mir die Durchſicht dieſer Papiere erlaubt habe,“ fiel jetzt Kaunitz lebhaft ein.—„Es iſt eine Sammlung von Billets, die während der von Thomas Thyrnau erwähnten Angelegenheit mit der Marquiſe von Pompadour gewechſelt wurden— und außerdem, daß ſie das Muſter humo⸗ riſtiſcher Eleganz ſind, thun ſie beſtimmt dar, daß der Fürſt von S. ſich bei wirklicher Verfolgung des oft erwähnten Kom⸗ plotts in dem Falle befand, ſowol von Thyrnau wie von der liebenswürdigen Marquiſe arg perfiflirt worden zu ſein“ „Hölle und Teufel!“ ſchrie der Fürſt und ſprang wie ein wüthendes Thier in die Höhe—„ich erdroßle den Böſewicht — ich will mich rächen!“ „Fort! fort!“ rief die Kaiſerin—„wer wagt ſich ſo in meiner Gegenwart zu vergehen!“ und mit lautem Gemurmel des Unwillens war er im ſelben Augenblick von den anweſenden Herren umgeben und nach dem Nebenzimmer zugedrängt. Als die Vorhänge ſich hinter ihm ſchloſſen und die Miniſter wieder ſtehend ihre Plätze eingenommen, ſagte die Kaiſerin, aus ihrem mißmuthigen Nachdenken erwachend:„Es ſcheint mir, daß mir bei beſſerem Willen und größerer Einſicht ſehr viel Unange⸗ nehmes hätte erſpart werden können. Ich will jetzt Niemand Vorwürfe machen, da ich vielleicht ſelbſt zu haſtig den vorge⸗ faßten Anſichten Gehör gab und den vorſichtigeren Rath andrer Seits unbeachtet ließ. Der Angeklagte iſt nicht gerade frei zu ſprechen, doch wollen wir uns durch ſeine Gegenwart nicht hindern laſſen zu bemerken, daß wir gerade eine Verſchuldung gegen unſere Perſon und gegen unſere Regierung nicht wohl herauszufinden wiſſen— wenn— ſtelle ich die unerläßliche Bedingung— Thomas Thyrnau ſich entſchließt, den Nachweis zu geben, woher die Geldmittel floſſen, die ſo bedeutenden Rückhalt andeuten— und wenn ſich bei genauer Unterſuchung darthut, daß ſie zur Tilgung der damals vom Grafen von Lacy gegen den Willen der Betheiligten unternommenen Ver⸗ pflichtungen dienten. In dieſem Falle ſehe ich dann einigen mil⸗ dernden Vorſchlägen meiner Miniſter über das fernere Schickſal eines Mannes entgegen, den wir geneigt ſein werden, mehr für unbeſonnen als ſchuldig zu halten.“ „So werde ich verurtheilt bleiben,“ ſagte Thyrnau ruhig und feſt—„denn ſo Gott mir helfe, werde ich nur in dem einen Falle, den ich gewagt auszuſprechen, dieſe Erklärung abgeben!“ „Heil'ger Himmel, welch ein hartnäckiger Mann!“ rief die Kaiſerin lebhaft—„ſo müſſen wir ganz aufgeben, ihn unſere Milde erfahren zu laſſen.“ Jetzt trat Kaunitz vor—„Ich wage Eure Majeſtät an Dero eigene Worte zu erinnern— daß ein Monarch wie die Gottheit ſelbſt ſich die abſonderlichſten Formen der Verehrung muß gefallen laſſen— Euer Majeſtät haben immer nur das höchſte Vorbild vor Augen— wo wäre ein Zeichen zu finden, daß der Geringſte weg gewieſen würde von der höchſten Stelle, wo er ſich zu entlaſten denkt.“ „Und Thomas Thyrnau!“ ſagte die Prinzeſſin. „Auch Ihr?“ unterbrach ſie die Kaiſerin und blickte milde auf Beide.— „O! ich,“ fuhr die Prinzeſſin bewegt fort—„wer hat denn auch mehr Recht, für ihn zu bitten— Hört ihn, meine 20* erhabene Kaiſerin— wahrlich, er wird mit ſeiner Entdeckung Euer Majeſtät um einen neuen herrlichen Zug des Menſchen⸗ herzens bereichern.“ „So wißt Ihr darum?“ fragte die Kaiſerin ſcharf. „Nein,“ ſagte die Prinzeſſin,„ich weiß nichts davon— aber alle Handlungen dieſes Mannes tragen den Stempel der Erhabenheit und Güte!“ Die Kaiſerin ſchwieg und langſam hob ſie dann ihr mildes prüfendes Auge zu dem Manne auf, als wolle ſie ihn noch ein⸗ mal mit den eben gehörten Worten vergleichen. Seine ehr⸗ würdige Geſtalt drückte zugleich Kraft und Beſcheidenheit aus — es war kein übermüthiges Entgegenſtellen ſeiner Perſon, keine Herausforderung in dieſen ſanften edlen Mienen— es war die Hoheit der Seele darin ausgeſprochen, die den Men⸗ ſchen ſo ſtill zu ſich ſelber ſtellt, daß er des Eindrucks nicht mehr gedenkt, den er hervorrufen könnte! Als die Kaiſerin ihn ſo einen Augenblick vor ſich geſehn — winkte ſie mit der Hand und ſagte ruhig und gefaßt:„Man laſſe mich mit dieſem Manne allein!“ „Jetzt, ſagte die Kaiſerin, als der Vorhang Alle im Vorzimmer abſonderte—„ſollt Ihr Euren Willen haben— was hielt Euch aber ab, einem dieſer ehrenwerthen Männer Euer Vertrauen zu ſchenken— warum gerade uns?“ „Warum gerade Euer Majeſtät? Darauf gäbe es viele Antworten,“ ſagte Thyrnau bewegt—„aber ich habe nur meinen tiefſten ehrfurchtsvollſten Dank auszudrücken, das Euer Majeſtät mir dieſe höchſte Wohlthat gewähren. Das Geheim⸗ niß, was ich auszuſprechen habe, iſt nicht allein das meinige — es unſchließt die zeitliche Exiſtenz des edlen jungen Man⸗ nes, der unverſchuldet meine Verhaftung theilt.— Ihm muß dieſe Entdeckung geheim bleiben, wenn ich ihn nicht den nutz⸗ loſeſten Verwirrungen hingegeben ſehen will.“ „Sonderbar!“ ſagte die Kaiſerin—„doch Kaunitz hätte Euch an Verſchwiegenheit ſicher ſein müſſen!“ „Aber er iſt ein Edelmann wie Lacy ſelbſt, und ich durfte nicht dulden, daß es Einen gab, ſelbſt den Edelſten nicht, der um die beſondere Stellung des Grafen Lach wußte, die ich gewagt, ihm zu verbergen. Nur Euer Majeſtät auf dem er⸗ habenen Standpunkt, der Sie zugleich iſolirt und über alle Verhältniſſe Ihrer Unterthanen ſtellt, nur Euer Majeſtät durfte ich dieſes leicht verletzliche Schickſal des jungen Mannes anvertrauen— hier allein hörte jedes Zuſammentreffen der Intereſſen auf.“ Thomas Thyrnau entwickelte nun mit Klarheit und Ein⸗ fachheit den Gang der Begebenheiten, die wir bereits kennen. Die Aufopferung ſeines Vermögens, um die Verpflichtung in Frankreich zu tilgen— und dafür die Uebernahme der Herr⸗ ſchaft Tein! Wie er getrachtet, Lach an ſeine Beſitzungen zu feſſeln, wo er ſo nützlich zur Förderung ihrer Pläne geweſen, wie endlich unter ihnen der Heirathsplan entſtanden ſei, den ſie durch gegenſeitige Teſtamente geſichert, wodurch die Erbin von Tein die Gemahlin des letzten Lach werden ſollte und die Be⸗ ſitzungen dadurch in dieſelben Hände zurückgekehrt wären. Er ſchildertete der Kaiſerin ſodann mit der Wärme des Gefühls den verhängnißvollen Tag, wo Lach in Tein ankam und ſein Verlöbniß mit der Fürſtin Morani eingeſtand. „Es war ein ſchwerer Augenblick,“ fuhr Thomas Thyr⸗ nau fort—„aber er enthielt, während er all meine Pläne und Hoffnungen zertrümmerte, einen herrlichen Lohn in ſich— das Mädchen, das ihm beſtimmt war, die wir Beide mit unſerer Liebe, mit unſerer Geſinnung und allem Geiſte, der in mir und Lacy lebte, genährt— ſie bewährte ſich in ihrem erſten und größten Seelenſchmerz! Noch früher als ich ſelbſt entſchied ihr richtiges Gefühl, was uns aus ſo drohend aufſteigender Gefahr retten konnte— und ehe Lach von dem Geheimniß, was vor ihm in einem verſiegelten Käſtchen lag, Kenntniß neh⸗ men konnte, forderte ſie von mir ſeine Vernichtung, und bevor der junge Mann zur Beſinnung kam, loderten die beiden Teſta⸗ mente und all' die wichtigen Dokumente, die dazu gehörten, im Kamin in hellen Flammen auf.“ „Heil'ger Gott!“ rief die Kaiſerin—„verſteh ich recht, ſo war das Euer ganzes Vermögen!“ „Es war der bei weitem größte Theil deſſelben— es war der Werth der Herrſchaft Tein! Mein Vater beſaß großes Ver⸗ mögen— ich hatte es vermehrt— es deckte kaum die zu löſenden Verpflichtungen— Lacy hatte dazu noch einige, nicht zur Herr⸗ ſchaſt Tein gehörige kleinere Güter verkauft— nur dies große Beſitzthum, wo wir ſchon unſere Pläne in der zweiten jetzt heran⸗ wachſenden Generation anfingen verwirklicht zu ſehn— nur dieſes wollten wir nicht wieder in die Hände fremder Willkür und Rohheit zurückfallen ſehen, daher kaufte ich es, und mein alter Freund nannte ſich ſeitdem nur noch meinen Intendanten.“ „Mann,“ rief die Kaiſerin—„Ihr alſo ſeid der Beſitzer von Tein— arm iſt dieſer Lacy— und Ihr habt ihm dieſe Beſitzung zurück geſchenkt und er weiß nichts davon— und Ihr ſeid jetzt vielleicht der Arme? Hört! Ihr ſeid Einer wie mir ſelten vorgekommen— ſeht— mehr Unrecht wie Recht kommt uns vor, und was Ihr thatet, iſt ſo unglaublich!“ „Ja!“ unterbrach Thyrnau ſie faſt—„ich will Euer Majeſtät einen Zeugen ſtellen— unter dem Siegel der Beichte kannte der Pater Hieronymus vom Prämonſtratenſer Orden zu Prag das Geheimniß, denn das Mädchen, was damit genährt ward von uns Beiden— will ich Euer Majeſtät nicht nennen!“ „Doch! doch!“ ſagte die Kaiſerin—„ich kenne das Mäd⸗ chen— geſtern redete ſie mich auf meinem Kirchweg an und bat mich, Euer Gefängniß theilen zu dürfen. Ihr ſeid Beide ————— 311 ungewöhnliche Menſchen— und obwol wir nur Euer Wort haben, möchten wir doch gern an dem Ungewöhnlichen Glauben faſſen!— Und iſt es denn noch immer Euer Vorſatz, in dem großen Opfer zu beharren— iſt Euch bis dahin denn keine Reue gekommen? Richt das Bedenken, daß Ihr Euch eines fürſtlichen Einkommens— Eure Enkelin ſo großer Anſprüche beraubt? Seid Ihr ſicher, daß dieſe Geſinnung bei Euch vor⸗ hält— denkt Ihr nicht wenigſtens darun, dieſe Anſprüche in der Stille wieder herzuſtellen, ſelbſt wenn Ihr anſtändet, ſogleich damit hevorzutreten?“ „Nein! nein, Euer Majeſtät! ganz anders iſt unſer beider Gefühl darüber: wie die größte Gnade von Gott empfinden wir es, gleich im erſten Augenblick das Rechte erkannt zu haben. Dieſe Handlung hat Alles gerettet, was zu retten war, und Alles, was uns tröſten kann, iſt erreicht, ſo lange ſie verborgen bleibt— würde eine Ahnung in dem jungen Mann hierüber ertegt, ſo wäre es ferner in keine menſchliche Macht geſtellt, ihn in ſeinen angeſtammten Beſitzungen zu erhalten!“ Die Kaiſerin ſchwieg wieder ſinnend— dann ſagte ſie: Ich muß ſagen, daß ich Euch Euren ganzen Bericht glaube— deſſen ungeachtet erheiſcht unſer kaiſerliches Anſehn, daß wir nicht leichtſinnig uns durch dieſen unſern Glauben beſtimmen laſſen— ich will alſo dieſen Pater Hieronymus darüber ſprechen, dann werde ich— wenn Euer Geheimniß von ihm beſtätigt wird— ſolches verſchweigen helfen und denken, daß ich des Vertrauens eines edlen Mannes theilhaftig ward. Eure Lage iſt ſonderbar— ich habe nicht mehr, wie ich möchte, volle Gewalt darüber— kann Euch nicht verſprechen, ob Ihr ganz frei weg kommen werdet— um ſo mehr aber werde ich ſo milde als thunlich einſchreiten, wenn Ihr jetzt ohne Rückhalt geſtehen wollt, warum ihr fortfuhrt, mit dieſer franzöſiſchen Marquiſe in Verbindung zu ſtehen und ſie noch zuletzt durch den jungen 312 Lacy, als er Kaunitz begleitete, ſo große Geſchenke von Euch empfing.“ „Allein dem Einfluß dieſer Dame verdanken wir es, daß uns zur Tilgung unſerer dortigen Verpflichtungen ſo viele Jahre Friſt geſtattet wurden. Was ich an baarem Gelde durch Ban⸗ quierhäuſer von meinem Vermögen ſchnell in die Hände bekommen konnte, tilgte die dringendſten Forderungen— mein übriges Vermögen war Grundbeſitz— der Moment, ihn zu veräußern, höchſt ungünſtig, da Böhmen vom Kriege bedrückt ward. Um nicht durch übergroße Eile zu viel zu verlieren, war es nöthig, die Forderungen auf Zinſen zu bringen, mit langſamer Abtra⸗ gung des Kapitals fortfahren zu können; dazu gehörte eine Für⸗ ſprache, die mir damals ſo ſchwer zu erlangen war, da ich jedes Vertrauen ſcheuen mußte, was ſo leicht Verrath werden konnte. Die Marquiſe Pompadour übernahm die Garantien, die wir nöthig hatten und die uns aus großen Verlegenheiten riſſen; aber ich geſtehe es, obwol ungern, da ich ihr nicht in den Augen Euer Majeſtät ſchaden möchte— ſie hat die Naivität, nicht gern etwas umſonſt zu thun— ſie fordert dafür, was ihr wieder ein Vergnügen zu verſprechen ſcheint.“ „Und was liegt Euch daran, wie meine Meinung von dieſer Frau iſt?“ ſagte die Kaiſerin etwas trocken. „Ich bin in ihrem Vertrauen— und ich weiß, ſie würde eine ihrer ſchönen weißen Hände darum geben, wenn ſie mit der andern den Saum dieſes Kleides faſſen könnte— Niemand, der die gegenwärtigen Zuſtände dieſes unglücklichen Frankreichs kennt, kann zweifeln, daß dieſe Frau den Scepter des Landes hält. Sie hat ſich dieſes Heiligthums nicht bemächtigen können, ohne daß etwas von einer höheren Stimmung in ſie überge⸗ gangen wäre.— Sie hat es ſeit lange gewagt, die Blicke zu Euer Majeſtät zu erheben— ſie möchte etwas Großes für ihr Vaterland thun— ſie erkennt, daß dies Große eine Allianz 313 mit Euer Majeſtät wäre— dieſe Idee verfolgt ſie mit ihrem feurigen Gemüth und ſeit den empfangenen Hoffnungen dazu—“ „Wer hat ihr dazu Hoffnungen gemacht?“ fragte die Kai⸗ ſerin ſtreng—„was wißt Ihr davon?“ „Ich bin ihr Vertrauter, ſie hält mich für einen guten Unterthan— ſie will von mir über mein Vaterland hören!“ „Ha,“ rief die Kaiſerin—„das wagt ſie— und Ihr macht ihren Spion?“ Thyrnau trat einen Schritt zurück— es entſtand eine Pauſe.—„Wenn Euer Majeſtät das Wort gebrauchen wollen für die treuſten Dienſte eines Unterthanen?— Seit Dero großer Miniſter Kaunitz dieſen Gedanken in ihr angeregt, theile ich ihre Gedanken darüber und ſuche die Thorheiten zu bezwingen, die immer dazwiſchen ihren herrlichen Verſtund untergraben, und da Graf Kaunitz das größere Feld der Politik vor ihr ent⸗ faltet, habe ich es unternommen, dieſen großen Plänen in ihrem Kopfe Stetigkeit zu geben und ſie in die Sprache zu überſetzen, die ihr am leichteſten zugänglich iſt— und jetzt, glaube ich, iſt ſie zu der wichtigen Ueberzeugung gekommen, daß ſie den Abbé Bernis nicht länger werde halten können. Ihre Anftage des⸗ halb an mich habe ich noch Zeit gehabt zu beantworten— ich habe ihr noch einmal die Unhaltbarkeit ihres bis jetzt mit Bernis verfolgten Syſtems auseinander geſetzt und ihr dagegen alle Vortheile gezeigt, die der Miniſterwechſel mit dem Herzog von Choiſeul herbei führen müßte— dieſer Brief muß jetzt in ihren Händen ſein— er ging einen Tag vor meiner Verhaftung ab.“ „Nun wahrlich,“ rief die Kaiſerin—„wir haben da ein ſchönes Staatsgeheimniß!— Aber jetzt antwortet mir eins auf Euer Gewiſſen! und tretet näher herbei,“ fügte ſie hinzu, ihr großes Auge auf ihn heftend—„ſeid Ihr mit Kaunitz im Bunde?— Die Wahrheit, ſage ich— dann will ich nicht zürnen— hört Ihr?“ 314 „Den Grafen Kaunitz kannte ich ſo wenig, daß es für mich ein beſonderes Intereſſe hatte, ihn unter den Miniſtern, die ich vor mir ſah, heraus zu finden. Ich war nicht lange im Zweifel!— Graf Kaunitz kennt eben ſo wenig meine Verbin⸗ dung mit Madame de Pompadour— die Marquiſe wollte, was ſich bei den Unterhandlungen mit ihm herausſtellte, als ihre eigne Anſicht darſtellen; ſie wollte nicht, daß Graf Kaunitz mit mir zuſammen träfe und er vielleicht dadurch erriethe, woher manche ihrer Anſichten ſtammten. Ich geſtattete ihr gern dieſen kleinen Vorbehalt, und wollte redlich gegen ſie bleiben, darum vermied ich die Entdeckung unſerer Verbindung!“ „Ihr ſeid ein merkwürdiger Mann,“ ſagte die Kaiſerin— „und wir erſtaunen, wie wir fünfzehn Jahr regieren konnten, ohne von Euch zu hören— Ihr tüchtigen Köpfe, was thut ihr uns Herrſchern der Erde für Schaden, daß Ihr nie unſere Pläne zu verſtehen ſucht und Eure Fähigkeiten anwenden wollt, die⸗ ſelben zu fördern und uns die ſchwere Arbeit zu erleichtern.— Ihr ſcheint Euren Geiſt nur zu haben, um uns mißzuverſtehn und in entgegengeſetzter Richtung etwas anzufangen, woran Ihr Euch abmüht, um endlich in Widerſprüche und auf dunkle Wege zu gerathen, die uns— wenn ſie zu unſerer Kenntniß kommen, beſorgt machen müſſen, und worin wir dann oft nicht mehr den guten Kopf erkennen, der vielleicht dennoch unſere Beachtung verdiente.“ „Dies iſt nur eine ſcheinbare Wahrheit, Euer Majeſtät! und am wenigſten paſſend für unſere große Kaiſerin! Hat ein Regent wirklich wohlthätige Pläne für ſein Volk, iſt er bis auf den Grund bewegt von dem großen Beruf, es zu veredeln, ſeine Zuſtände zu heben, dann ſteht er an der Spitze der Nation und darf weder auf die großen Geiſter deſſelben warten, noch darf er fürchten, von ihnen mißverſtanden zu werden. Der freiſte Sinn wird ſich der Beſchränkung unterwerfen, die dem 315 Mitarbeiter von dem Erfinder des Gedankens auferlegt wird — ſeine Beſtrebungen werden zuſammenfallen mit dem gro⸗ ßen Geiſte, der ihm vorangeht— er wird dann alles das ſein, was Euer Majeſtät von einem begabten Unterthan fordern— er wird helfend, fördernd, arbeitend ſich dem Guten zeigen, das bald verſtändlich ſein wird, weil es Wahrheit iſt!“ „Mein guter Enthuſiaſt!“ ſagte die Kaiſerin wohlwollend — es dauert lange, ehe ſelbſt Wahrheit verſtanden wird— die Uebelwollenden, die Tadelnden ſind die Maſſe und langſam erſt bildet ſich ein kleiner Kern der Beſſeren, die nicht allzu viel vermögen, denn alles Neue und ſei es das Wohlthätigſte— ſei es das hingebendſte Opfer des Fürſten— es fällt zuerſt in den Mund der müßigen Schwätzer, die dadurch aus ihrem Schlendrian geriſſen, ſich erzürnen, daß es anders wird, als ſie es gewohnt waren. „Aber die Beſſeren,“— ſagte Thyrnau bewegt—„die ſchaaren ſich indeſſen und Einer zieht den Andern herbei zum Verſtändniß der Wahrheit— dieſer Kern wird wachſen und er verdient allein den Namen des Volkes— die gährende Maſſe wird er ausſtoßen und ſeine Läuterung damit ſelbſt bewirken. O! behüte Gott jeden Herrſcher, der wie Euer Majeſtät vor dem höheren Thron der Wahrheit ſteht, vor dem Zweifel an dem zu erreichenden Einverſtändniß mit ſeinem Volke— wer dieſen Zweifel erregt, wer ihn zu nähren wagt, das iſt der Hochverräther! In ſeinem eigenen Herzen iſt die Verſchwörung gegen ſeinen Fürſten, gegen das Gute, gegen das Volk, dem er angehört!“ „Ihr habt Gedanken, Thyrnau,“ ſagte die Kaiſerin— „und einen Menſchen„erfahrenen Blick— dabei ſeid Ihr mit Eurem weißen Haar ſo feurig wie ein Jüngling!— Euer Pro⸗ zeß, ſcheint mir, iſt zum Spruche reif,“ fuhr ſie fort—„das 316 junge Mädchen, das ſo eifrig iſt als Ihr ſelbſt, ſoll zu Euch gelaſſen werden— was auch über Euch entſchieden wird, Ihr werdet der Gnade Eurer Kaiferin Euch gewiß halten dürfen — wie ſie ſich zu Euren Gunſten wird äußern können, werde ich erſt erfahren nach der Berathung mit meinen Miniſtern.“ Sie rührte eine Glocke, auf deren erſten Ton die Guten⸗ berg erſchien.—„Die Miniſter!“ ſagte die Kaiſerin—„und der Graf von Lacy!“ Als Alle ſich ehrfurchtsvoll um ſie herum geſtellt, hob ſie „Der Fall mit dem Nachweis der Zahlungen an Frankreich iſt erledigt— doch bleibt der Spruch über den Angeklagten ausgeſetzt, bis ich eine gewiſſe Perſon geſprochen, die noch zu ermitteln iſt— danach werde ich meine Meinung über die Sache vollends ausſprechen. An dem Grafen von Lach kann ich kein Unrecht finden— überlaſſe dies jedoch dem Special-Gericht zur Entſcheidung. Jedenfalls iſt ſein Arreſt aufzuheben.— Ich freue mich, Graf Lach, daß Ihr den Degen Eures edlen Oheims ſobald zurück empfangen werdet.“— „Euch, Graf Kaunitz, erwarte ich nach der Sitzung in meinem Kabinet— Graf Bartenſtein— Graf Uhlefeld— Baron Binder— ich lobe Euer Aller Eifer und hoffe, wir werden ihn von heute an auf ernſtere Angelegenheiten rich⸗ ten können“ „Thomas Thyrnau,— nach dem Erkenntniß werdet Ihr mehr von uns hören! Wir werden Euch wohlwollend ein⸗ gedenk bleiben.“ Jetzt erhob ſie ſich und Alle mit dem Nicken ihres Kopfes grüßend verließ ſie das Zimmer.. 317 Da der Pater Hieronymus in Wien anweſend war und Thyrnau Zeit behalten, den Grafen Kaunitz davon zu unter⸗ richten, meldete ſich derſelbe, von ihm dazu aufgefordert, bei der Kaiſerin. Sie ſchenkte ihm ein ruhiges, aufmerkſames Gehör; er theilte ihr nach ſeiner Art den Hergang der Sache, den er von beiden Freunden ſo genau kannte, eben ſo mit, als ſie ihn be⸗ reits von Thyrnau vernommen und drang durch dieſe Erzählung noch tiefer in die edle Handlungsweiſe des Angeklagten ein. Demgemäß erhielt der Graf von Bartenſtein die Anzeige, daß die Hernahme des an Frankreich gezahlten Geldes gänzlich er⸗ wieſen und keinen Verdacht weiter zuließe, daher auf das Er⸗ kenntniß mildernd einzuwirken habe. Nach einigen Tagen legte der Graf von Bartenſtein der Kaiſerin die Entſcheidung des Special⸗Gerichtes vor. Es ſprach den Grafen von Lach gänzlich frei— erklärte die Ver⸗ bindungen mit Frankreich ſeit dem Antritt der jetzt regierenden Kaiſerin für unverdächtig— die in die Zeit der hochſeligen Majeſtät Karl des Sechſten fallenden Thatſachen erklärte das Gericht auf völliges Zugeſtändniß des Verklagten als hochver⸗ rätheriſche Abſicht bezeichnen zu müſſen. Wegen mildernder Um⸗ ſtände und des faſt herangerückten Termins der Verjährung glaubte das Gericht jedoch die Begnadigung von der vorgeſchrie⸗ benen Strafe empfehlen zu dürfen und beantragte daher einen Feſtungsarreſt von zehn Jahren für Thomas Thyrnau. Ueber die Betheiligung des Fürſten von S. und des obwaltenden Ver⸗ hältniſſes als Reichsfürſt, erwartete das Gericht die Befehle der Kaiſerin. Maria Thereſia ſchrieb eigenhändig darunter„Urtheil über den Grafen Lach wird hiermit beſtätigt— Thomas Thyr⸗ nau iſt ſiebzig Jahr— hat zu zehn Jahr Feſtungsarreſt keine Zeit mehr— mildernde Umſtände, die auch uns einleuchten, 318 beſtimmen ihm fünf Jahr dieſer Strafe. Dabei iſt es unſerer Wahl genehm, ihn auf dieſe fünf Jahr nach dem Karlſtein in Böhmen zu verweiſen— werden dem Gouverneur deſſelben ſeine Inſtruktionen zukommen laſſen und iſt ihm anſtändiges Geleit dahin zu geben! Der Reichsfürſt von S. wird unſern Beſcheid durch uns ſelbſt erfahren.“ Niemand vielleicht als Frau Gutenberg hätte ſagen können, was in der Audienz vorſiel, die darauf die Kaiſerin mit beſag⸗ tem Fürſten hatte. Als er über die Vorzimmer zurückkehrte, war kein Zollbreit an ihm von anderer als dunkelrother Farbe, ſelbſt das Auge ſchimmerte, wie es ſchien, aus Blut hervor. Er ließ den Kopf auf die Bruſt hängen und erwiederte die neu⸗ gierige Höflichkeit der Hofleute mit einem dumpfen Grunzen, und da einige bedienſtliche Perſonen bei Gelegenheit nach dem Hotel gingen, in welchem er abgetreten war, ſahen ſie mit großer Eile Reiſeanſtalten treffen, und am andern Tage meldete die Polizei ſeine Abreiſe. Mit verweinten Augen, aber Jeden mit dem Ausdruck des Glückes anlächelnd, ging am ſelben Morgen die Prinzeſſin Thereſe zur Kaiſerin— ſie hatte ſchon die Abreiſe erfahren. Jeder freute ſich, daß die ſchöne Dame damit, wie zu hoffen ſtand, von dem allgemein verhaßten Fürſten erlöſt war— denn einige Wochen früher, als dieſer im Geheim ſeine erſten Ent⸗ deckungen gemacht, hatte ſich das Gerücht verbreitet, die Kai⸗ ſerin habe der Prinzeſſin befohlen, ihr leichtſinnig gegebenes Wort dem Fürſten zu halten. Als das Schlafzimmer der Kaiſerin ſich aufthat, fühlte ſie wohl, ſie habe noch einen Sturm zu beſtehen, denn ihre hohe Muhme ſchaute von den vor ihr liegenden Papieren auf und ſogleich wieder darauf nieder, ohne die Prinzeſſin zu grüßen. Aber die Gutenberg ſaß hinter der Kaiſerin und ftiſirte auf einem 319 Haubenſtock, der mit einem Kopfe und Kammſtrich bedeckt war, eine Haube ihrer erhabenen Gebieterin, und dieſe nickte und ſchüttelte begütigend mit dem Kopfe und fuhr mit den kleinen Händen durch die Luft, um der Prinzeſſin Muth zu machen. „Wie ich von ihrem Betragen denke, brauche ich Ihnen, princesse, wohl nicht zu ſagen,“ begann jetzt die Kaiſerin, ohne aufzuſehen.— Da die Pauſe, die eintrat, etwas lange dauerte, ſagte die Prinzeſſin leiſe und demüthig:„Nein, ge⸗ wiß nicht— ich weiß es Alles!“ „Wenn man eine deutſche Prinzeſſin iſt, aus ſo edlem Hauſe, wie Ihr ſollte man wenigſtens den Namen, den einem Gott gegeben, nicht öffentlich an Zweideuteleien Preis geben, ſich nicht überall mit Männern leichtſinnig einlaſſen und dann ein gegebenes Wort durch unbeſonnenes, Aufſehn erregendes Mißfallen daran wieder zu löſen ſuchen— wodurch eine Dame von ſo hohem Range und ſo hoher Anverwandtſchaft in den Mund der Menge kömmt und nothwendig beurtheilt wird, wie jede andere Frau geringeren Standes! Von Euren Thorheiten Euch zu heilen, möchte ſchwere Arbeit ſein— aber Eure Ver⸗ wandte könnten billig fordern, daß Ihr ſie für Euch behieltet und die Welt nicht daran Theil nehmen ließet.“ „Ach,“ ſagte die Prinzeſſin, auf der andern Seite des Tiſches, der Kaiſerin dicht vor die Augen auf ein Paar Kiſſen niederknieend— das iſt eben Zeit meines Lebens das Unglück geweſen, daß ich nicht wie andere ehrliche Leute meine Sünden habe im Geheim abmachen können— Jeder, der Luſt hatte, konnte daran Theil nehmen und nur meine Tugenden blieben einſam und unbemerkt, und ich allein hatte das dürre Ver⸗ gnügen daran.“ „Ihr verſucht es zwar, in Euren alten übermüthigen Ton zu verfallen,“ entgegnete die Kaiſerin—„aber Ihr ſagt Ern⸗ ſteres, als Ihr denkt, und gerade das, wodurch ich geneigt bin, in ſo großer Nachſicht mich gegen Euch zu verhalten. Ich könnte Euch jetzt zurückſchicken nach D. und ſo jede Verantwort⸗ lichkeit von mir ablehnen— aber ich habe beſchloſſen, die vielen Mißgriffe, die man gegen Euch von Jugend auf begangen hat, nicht dadurch fortzuſetzen, daß auch ich Euch wieder dem Zufall und Eurer angebornen Thorheit überlaſſe. Macht es mir jedoch nicht zu ſchwer, ſonſt zwingt Ihr mich, Euch eine ſtrenge Ge⸗ ſellſchafterin zu werden.“ Es lag eine ſo ernſte milde Güte, eine ſo mütterliche Theilnahme in den Worten der Kaiſerin, daß ſie das ganze Herz der Prinzeſſin ergriff. Ihr Kopf ſank auf den Tiſch, vor dem ſie kniete, und ſie ſchluchzte laut.—„Ich habe viel dar⸗ über nachgedacht, ob ich Euch jetzt beſſer auf Beſuch ſchickte zu einem unſerer Verwandten— aber es könnte ſcheinen, Ihr bekämet dadurch größeres Unrecht in den Augen der Welt, als ich Euch zurechnen will— man könnte es für meine Ungnade halten—“ „Darf ich herum kommen?“ rief die Prinzeſſin, lauter ſchluchzend— und im ſelben Augenblick lag ſie ſchon vor der Kaiſerin und bedeckte mit ihren Thränen und Küſſen deren Knie und Hände. „Ich denke alſo, Ihr bleibt bei uns,“ fuhr dieſe milde fort—„und zieht mit uns, wohin der Hof ſich grade begiebt. Wir haben Euch freilich nicht viel Annehmlichkeiten zu bieten, denn, wie Ihr wißt, leben wir noch immer von der abgetrage⸗ nen Eleganz, die unſere Vorfahren aus Spanien mit herüber contrebandirten— und Eure beſte Freundin, die vor Euch ſitzende Kaiſerin, putzt ſich mit einigen alten verblichenen ſpa⸗ niſchen Roben gleich einer Königin auf den Gobelintapeten aus— aber—“ „Um Gotteswillen ſchweigt!“ rief die Prinzeſſin, die un⸗ ter den Worten der Kaiſerin wie unter Nadeiſtichen gezuckt 321 hatte.—„Eure Strafe iſt zu hart! Denkt— in dem Augen⸗ blick, wo ich Euch anbete, wo ich zuerſt einen Vater, eine Mutter habe, in dieſem Augenblick daran erinnert zu werden, daß ich ſie verunglimpfte, wie ein gottloſes Kind!— das Hei⸗ ligſte, das Theuerſte mit kindiſchem Spotte antaſtete— erbarmt Euch— Ihr müßt es ja wiſſen, daß kein Hauch mehr von die⸗ ſer Miſſethat in meinem Herzen lebt!“ „So denke ich wirklich,“ ſagte die Kaiſerin, und als die Prinzeſſin zu ihr aufſah, bemerkte ſie das herzlichſte Lächeln um ihren Mund.„Wir haben diesmal die Rollen getauſcht— ich habe meine Muhme Thereſe etwas necken wollen; wenn es zugleich eine kleine Strafe war, ſo ſind wir doch nun damit fertig. Da unſere Muhme aber ſo viel an unſerer Toilette und ſonſtigen Einrichtungen auszuſetzen hat, ſo haben wir beſchloſſen, ihr eine kleine Beſchäftigung und unſerer lieben alten Gräfin von Fuchs eine kleine Erleichterung zu verſchaffen, indem wir ihr das Amt einer eben neu geſtifteten Palaſtdame anbieten, einer Dame, die von hohem Range ſein muß, da ſie uns über die nöthig erkannten Anſchaffungen, Verſchönerungen oder zeitgemäßen Vergnügungen unmittelbar Vortrag zu machen haben wird, und wozu wir im Ernſt nach den empfangenen Zurechtweiſungen unſerer lieben Muhme und deren am franzö⸗ ſiſchen Areopagus gebildeten Geſchmack keine paſſendere Perſon uns denken konnten, als Euer Liebden ſelbſt.“ „Das ſoll ich werden?“ rief die Prinzeſſin, freudig in die Höhe ſpringend—„Euch ſoll ich dienen dürfen? O! wenn Ihr mich doch zu Eurem Bettmädchen machtet, daß ich Euch Euer Lager weich ſchütteln und klopfen— Eure Nachthaube falteln, Eure Pantoffeln zurecht ſchieben könnte— Mutter!“ rief ſie mit einem Male in der höchſten Eraltation— und ſtürzte der Kaiſerin knieend in die Arme—„Du haſt ein Thomas Thyrnau. M. 21 322 thöricht Herz vom Verderben gerettet— es ahnet mir, daß ein Gedanke an Dich künftig mich von allen Thorheiten ab⸗ halten wird!“ Die Kaiſerin küßte die Stirn der Prinzeſſin und es ſtahl ſich eine Thräne aus ihren ſchönen Augen. Es war ihr ſo wohl gelungen, was ſie gehofft, zu erreichen— und heftige Perſonen fühlen ſich immer am glücklichſten, wenn ſie ſich ſagen dürfen, blos milde geweſen zu ſein.—„Es freut mich, The⸗ reſe, daß Du mir ſo zugethan ſein willſt— ich werde da den Namen Mutter, den ich gern von Dir höre, verdienen können — denn ohne die Liebe, das Vertrauen eines Kindes erreicht keine Mutter ihre guten Abſichten.“ „Beides! beides! wird der Inhalt meines Herzens blei⸗ ben für meine angebetete Kaiſerin, ſo lange ich lebe— aber noch bin ich betäubt und außer mir über die große Gnade Euer Majeſtät, und Alles, was ich thue und ſage, wird ganz unpaſſend ſein—“ „Faſſe Dich, mein Kind!“ erwiederte die Kaiſerin— „und Du, Gutenberg, ſitze da nicht im Winkel und weine Dir die Augen blind, ſondern ſtecke Deinem Liebling das Haar zurecht, ſonſt glauben die guten Hofleute, wir haben unſere Muhme gezauſt— während dem Prinzeſſin werdet Ihr Euch beſinnen, wenn Ihr noch etwas auf dem Her⸗ zen habt.“ „Ich hatte in Wahrheit viel darauf, als ich kam,“ ſagte die Prinzeſſin unter den Händen der Gutenberg—„und ge⸗ wiß, mein Dank für die Abreiſe des Fürſten von S. war die Hauptſache— außerdem dachte ich daran, Euer Majeſtät wür⸗ den froh ſein, mich los zu werden— da ich nun um keinen Preis wieder nach Paris wollte oder nach D., wo wir den Fürſten von S. nah' haben, wollte ich Euer Majeſtät bitten, ———— mich zur Geſellſchaft meines bis heute— einzigen Freundes, meines Thomas Thyrnau, nach dem Karlſtein zu ſchicken, da⸗ mit ich ihm durch meine Erheiterungen meinen Dank, meine Reue ausdrücken könnte, da ſeine großmüthige Aufopferung für mich ihm den Haß und die rachſüchtige Verfolgung des Fürſten von S. zugezogen hat.“ „Das war ein Gedanke, der Eurem Herzen mehr Ehre bringt als Eurem Kopf,“ ſagte die Kaiſerin—„denn die Eskorte unſerer Muhme für einen Staatsgefangenen, einen Mann, der nur ſo eben ſchwerer Anklage entronnen und fünf Jahren Arreſt ſich unterziehen muß, möchte ein zu auffallender Widerſpruch ſein, um ihn auf uns laden zu dürfen. Da der Karlſtein jedoch kein Gefängniß iſt, ſondern ein feſtes Schloß unſerer Vorfahren, möchte um ſo eher ein Beſuch von Euch ſpäter dahin einzuleiten ſein, da ich mit dem jungen Grafen von Lach einige Pläne auf Thomas Thyrnau und deſſen Aufenthalt im Karlſtein gefaßt habe— und da er ein jun⸗ ger Ehemann iſt und die Gattin Luſt haben könnte, ihrem Gemahl zu folgen, ſo könntet Ihr ſie wohl begleiten, da Ihr ja ohnehin verwandt ſeid.“ Das Blut ſtieg der Prinzeſſin bei dieſer Rede ſo mäch⸗ tig empor, daß die Kaiſerin es ſicher gewahrt hätte; da aber Frau Gutenberg eben den Kammſtrich der Prinzeſſin reſtaurirte, ſtand ſie mit ihrer ganzen Breite vor derſelben und entzog ſie ſo der Beobachtung. „Das junge Mädchen,“ fuhr die Kaiſerin fort—„die — Enkelin des alten Thyrnau, hat mich aber durch Kaunitz bitten laſſen, ihren Großvater nach Karlſtein begleiten zu dürfen, und das habe ich geſtattet, und es wird vorläufig Eure Sorge um Thyrnau's Einſamkeit mildern— auch, denke ich, ſoll der junge Lach ihm bald folgen. Kennt Ihr das Mädchen?“ 1* „Nein,“ ſagte die Prinzeſſin— und obwol ſie eben erſt alle Thorheiten abgeſchworen hatte, betraf ſie ſich doch in ſtarker Verſuchung, denn ſie ahnete augenblicklich eine Nebenbuhlerin. „So könnt Ihr bleiben, bis ich ſie geſehn,“ fuhr die Kaiſerin fort—„die Gutenberg wird ſie herauf führen. Ich wollte durch ſie dem alten ſonderbaren Manne wohl⸗ thun, der mir näher gekommen iſt, als ich vorerſt einge⸗ ſtehen darf.“ Die Gutenberg war ſchon durch die Garderobe verſchwun⸗ den und die Prinzeſſin verſchlang mit eiferſüchtigem Herzen die kleine Tapetenthür, durch die ſie gegangen war. Ihre Ahnung trog ſie auch nicht; die alte Dame führte ein Mädchen herein, welches durch die ſanfte Schwermuth, von der ihr Weſen durchdrungen war, gegen die beengende Schüchternheit geſchützt blieb, die vor ſo hohen Perſonen einzutreten pflegt— der geſenkte Kopf gab ſich ſogleich als eine Eigenthümlichkeit ihrer feinen elaſtiſchen Geſtalt, ohne der edlen Freiheit des Ausdrucks zu ſchaden. Sie verneigte ſich tief vor der Kaiſerin und dieſe rief ſie näher. Die Prinzeſſin ſah ihr voll Erſtaunen nach— ſie trug heute über dem glänzend ſchwarzen Haare das goldene Netz mit Juwelen verziert, die Flechten waren im Nacken verſchlungen, und dagegen zeigte ſich noch herrlicher die ſchöne Form des⸗ ſelben, die das in Falten geſteckte weiße Tuch vollſtändig ver⸗ rieth— dazu trug ſie ein Mieder von ſchwarzem Sammet mit ſeidenen Aermeln und ein offenes Kleid mit dazu gehörigem Rock von ſchwerer ſchwarzer Seide. Man hatte die ſchöne Eigenthümlichkeit ihrer Tracht nicht zerſtört, und doch ſah die Prinzeſſin, eine geſchickte und erfahrne Hand hatte den Anzug geordnet, daß er paſſend vor der Kaiſerin war. S——————— 325 Dieſe blickte ſie auch wohlgefällig lange an, dann ſagte ſie lächelnd:„Wie ſtehn wir denn jetzt mit einander? Du wirſt mir wohl bitter böſe ſein, daß ich Dir Deinen Großvater nicht nach Tein zurückſchicke?“ „Er ſagt, Du wäreſt überaus gütig gegen ihn geweſen und hätteſt ganz ſo groß gehandelt, als er es Dir immer zuge⸗ traut hätte,“ erwiederte das Mädchen. „Nun, das freut mich,“ ſagte die Kaiſerin—„aber Du, mein Kind! findeſt Du mich auch ſo gütig?“ Magda ſchüttelte unwillkürlich den Kopf— doch erröthete ſie und ſagte etwas leiſer:„Ich glaube ihm nur!“ „So?“ fuhr die Kaiſerin fort—„Deine Ueberzeu⸗ gung iſt das nicht!— Was dachteſt Du denn, daß mir zuſtände zu thun?“ Magda öffnete zuerſt ihre großen Augen ganz, indem ſie ſie auf die Kaiſerin heftete, dann ſagte ſie:„Ich dachte, wenn Du ihn geſehn und gehört hätteſt, da müßteſt Du ihn für den Größten und Beſten erkannt haben, und dann, dachte ich, Du würdeſt ihn nicht wieder von Dir laſſen, denn wo willſt Du einen Beſſern finden als ihn, wen haſt Du, der ſich mit ihm meſſen kann; er, dachte ich, müßte für Dich eine wahre Wohlthat ſein, weil Du ihn verſtehen kannſt und er Dich!“ Die Prinzeſſin ſchlug die Hände zuſammen— die Kaiſerin winkte ihr zu ſchweigen. „Und wenn Du darin Recht hätteſt, daß ich Deinen Groß⸗ vater wohl zu ſchätzen gewußt, haſt Du nie gehört, daß wir Großen der Erde oft genöthigt ſind, die Handlungen Derer zu ſtrafen, die wir innerlich hochſchätzen, um anderer Eigen⸗ ſchaften willen.“ „Nein,“ ſagte Magda—„das habe ich nie gehört— ich dachte, Du hätteſt ein ſchönes Recht, was wohl göttlicher Ableitung zu nennen iſt— Du könnteſt, wenn Du tiefer ſäheſt, als die Andern, ohne Rechenſchaft und ohne daß es Dir Jemand wehren dürfte— begnadigen!“ „Das habe ich auch,“ fuhr die Kaiſerin fort—„und habe es angewandt für Deinen Großvater, und in lichem Maaße!“ „Das ſagt er auch,“ entgegnete Magda ruhig.— „Und Du glaubſt uns beiden nicht?“ fragte die Kaiſerin. „Gewiß glaube ich Euch,“ ſagte Magda—„ich hatte es mir nur anders gedacht und ſo viel ſchöner! Es macht mich nun traurig, daß eine Kaiſerin nicht ſo kann, wie ich es mir gedacht!“ „Du haſt auch wohl zu viel vorausgeſetzt,“ ſagte die Kaiſerin mit großer Milde.— „Ja wohl!“ rief Magda—„aber wie ich Dich zuerſt er⸗ blickte, da glaubte ich erſt Alles recht! Du ſaheſt ſo göttlich aus mit Deinem weißen Geſicht und den großen blauen Augen — die Sonne folgte Dir, obwol Du von ihr gewendet gin⸗ geſt— aber der ſchöne purpurrothe Sammetmantel, der um Deine Schultern hing, der glühte in ihren Strahlen— und es war, als ob Dich ein glänzender Schein umgab— das Thor, dem Du Dich näherteſt, das glühte auch in einem wunderbaren Lichte, ich traute Dir zu, daß Deine Annähe⸗ rung es erleuchtete— und das Kreuz grüßte Dich— und die Geiſtlichen wurden geſegnet von Dir!— ach! wie war ich ſo froh, daß meine Kaiſerin, wie ich ſie mir gedacht, zurückſtehen mußte gegen Dich!“ „Mädchen,“ ſagte Maria Thereſia mit großer —„Du biſt eine Schmärmerin.“— „Warum nicht?“ ſagte das Mädchen.—„Denkſt Du nicht gut von Schwärmern? ich bin es gewiß!— immer muß 327 ich mir lange vorher, ehe es an mich kommt, Alles vorſtellen, wie es ſein könnte— der Großvater ſagt, es geräth auf dieſe Weiſe immer ſchöner, als es ſich hinterher ausweiſt— und doch räth er mir nicht ab davon— es iſt gut, ſagt er, mit dem Beſten anfangen— man kann es lang behüten, glaubt er, und das Geringe kann ſich nicht wohl daneben einrichten!“ „Gott behüte Dich, mein Kind,“ ſagte die Kaiſerin und ſtrich mit der Hand über die Augen—„auch darin iſt Thomas Tyyrnau ein ungewöhnlicher Menſch, daß er ein Mädchen er⸗ ziehen konnte wie Dich. Sag' mir, hat Dir der Graf Kaunitz ſchon geſagt, daß ich Dir erlaube, mit Deinem Großvater nach dem Karlſtein zu gehn?“ „Ach, ja wohl!“ rief Magda—„ich wollte Dir ſo gern dafür die Hand küſſen.“ „Mein Kind,“ rief die Gutenberg—„das darf Nie⸗ mand.“ „Laß das, Gutenberg,“ unterbrach ſie die Kaiſerin, „komm näher, und hier haſt Du meine Hand— bin ich auch nicht ſo göttlicher Natur, als Deine Phantaſie geträumt, ſollſt Du Dich doch nicht ſo gar bitter getäuſcht finden, daß Du auf dem Felſen der Etiquette ſcheiterteſt“— damit reichte ſie ihr die Hand, die Magda knieend aber zweimal inbrünſtig küßte— dann zog die Kaiſerin eine goldene Miedernadel aus einem Futteral und gab ſie ihr—„damit Du ein Andenken haſt von mir,“ fuhr ſie fort—„und das merke Dir— was Dir auch vorkommen mag im Leben, Du ſollſt immer das Recht haben, Dich an mich unmittelbar wenden zu können, und wo eine Kaiſerin helfen kann, da ſoll es Dir geſchehen! Das ſage auch Deinem Großvater,— und wenn es ihm tröſtlich iſt, dann füge hinzu, daß ich es auch um ſeinet⸗ willen thue.“ Dies ſchien ein Abſchied, wenn Magda ihn verſtanden hätte— ſie blieb aber ſtehn und ſchaute die Kaiſerin ſinnend an und nach der Zurückweiſung, welche die Gutenberg erfahren, wollte Niemand einſchreiten, am wenigſten die Prinzeſſin, die begierig war, das Mädchen zu ergründen. Die Kaiſerin aber war von der Neuheit dieſer Begegnung ſo eingenommen, daß ſie abzuwarten ſchien, ob ſie nicht noch etwas Anderes mit ihr erleben werde. „Du haſt noch etwas auf dem Herzen,“ ſagte ſie nach einer kleinen Pauſe—„ich erlaube Dir, Dich frei zu äußern.“ Magda ſchmiegte ſich ungemein lieblich vorn über— in⸗ dem ſie ihr Geſicht mit faſt bittender Miene aufhob, ſagte ſie: „Ich möchte ſo gern wiſſen, was Du mit meinem Großvater machen willſt?“ „Nun,“ ſagte dieſe lächelnd—„ich ſchicke ihn vorerſt mehr wie einen Prinzen, denn wie einen Staatsgefangenen nach einem meiner feſten Schlöſſer!“ „Auf fünf Jahre,“ ſagte Magda ſchnell—„aber dann — wirſt Du ihn dann bei Dir behalten, wird er in Deinem Rathe ſitzen und ſeine Weisheit verkündigen— wird er dann an der rechten Stelle die großen erhabenen Pläne für ſein Vaterland ausführen können, die ſein ganzes Leben erfüllt haben? Sage mir das, große Kaiſerin, und wenn Du ſo eine rechte Kaiſerin biſt, wie Du gewiß danach ausſiehſt— dann nimm Dir doch ja das Beſte, was Du haben kannſt, weil, was von Dir ausgeht, dann auch das Beſte werden wird.“ „Meinſt Du,“ ſagte Maria Thereſia weich—„glaubſt Du, daß wir ſo glücklich und begünſtigt ſind, daß wir bloß das Gute zu kennen brauchen, um dann uns in ſeinen Beſitz zu ſetzen?“ „Ja, das meine ich,“ entgegnete Magda, die Hände vor der Bruſt faltend—„und wenn Du das Gute erſt kennſt und es bis zu Dir gelangt iſt, dann iſt gar kein Verlieren mehr möglich, dann hältſt Du es in Deiner ſtarken Hand und Dein Geiſt hat Vergnügen daran— darum denke ich—“ Sie ſchwieg.„Nun,“ ſagte die Kaiſerin—„was denkſt Du?“ „Ich denke es nicht,“— ſagte Magda, die Augen ſen⸗ kend—„mir hat es geträumt— Du ſaßeſt in einem Dom, der hatte himmelhohe Gewölbe und wo ſie ſich ſchloſſen an der Decke, da ſtanden Sterne, die leuchteten— ſonſt war wenig Licht— nur der Altar hatte viele tauſend Kerzen, und Du ſaßeſt ſtill andächtig davor und hatteſt die Krone auf und den Mantel mit Sternen beſäet, und den Scepter, den hielteſt Du mit den gefalteten Händen gegen die Bruſt gedrückt. Die Kirche aber lebte und wogte von gar vielen Menſchen und Alle waren in dem Halbdunkel eine Maſſe. Da hobeſt Du das Haupt von der Bruſt und die Augen zur Decke— das ſahen die Sterne an den Gewölben, und jeder, den die Reihe traf, der ſandte Dir einen Strahl, der fiel in Deine Krone, und jedesmal leuchtete Dein Haupt davon— dann nahmſt Du das Scepter und wieſeſt in die wogende Maſſe— und dann ward die Stelle hell und erleuchtete ein Menſchenantlitz— dann trat ein Mann oder eine Frau hervor— die grüßten Dich und ſetzten ſich ſtill um Dich her und ſie hatten alle weiße Mäntel an. Und als Du das oſt wiederholt und alle Plätze im Kreiſe um Dich gefüllt, da war dieſe Stelle, als ginge nun das Licht von ihr aus, und klärte das Dunkel auf, das in dem Dome lag— und Du ſprachſt nicht mit Worten, ſondern mit dem Scepter; bald faßteſt Du ihn kürzer, bald länger, bald zeigteſt Du ſanft, bald zuckteſt Du damit, daß es blitzte ſo deutlich —— wußte ich, was er ſagte. Immer war es nur der Scepter; aber welche verſtändliche ſchöne Rede ging von ihm aus; er hatte ſeine tief von Gott ihm ertheilte Macht wieder gewonnen und ſein Geiſt war Allen verſtändlich. Und die Herbeigerufenen erhoben ſich und kehrten zurück in die Maſſen und nun hob Muſik an— und ſchöner, als die irdiſchen Mufiker machen, ſo daß die Sterne ſich bewegten und lange Strahlen wie Liebes⸗ blicke von ihnen ausgingen und Alle fielen in Deiner Krone zuſammen— und Du ſaheſt göttlich ſchön aus— und als Du die Arme ausſtreckteſt, da ſah ich, daß Du wie die Mater dolorosa Schwerter in der Bruſt ſtecken hatteſt, und daß ſie nun wie leuchtende Blitze eines nach dem andern aus Deiner Bruſt fortflogen und dann— ſtandeſt Du auf und wareſt ſehr groß, und Deinen Mantel hielteſt Du mit Deinen Armen auf, und da löſten ſich die Maſſen aus dem Nebel und die Weißen, die Du berufen und verſendet, kamen wieder und Jeder führte ſchöne bunte Züge an. Da war Alles voll Leben drinnen und Jeder für ſich ganz deutlich ein Menſch, der Alles bei ſich führte, was ihm nöthig war, doch weiß ich nicht zu ſagen, was das immer war, denn ich verſtand nicht Alles— auch erwachte ich über einem lauten Schrei, den ich ſelbſt ausſtieß; denn einer der Weißen war der Großvater und unter dem weißen Mantel hatte er das alte Czechen⸗Kleid!“ „Ha,“ rief die Kaiſerin, die angeſtrengt vorgebogen zu⸗ gehört hatte—„das war Böhmen, was er anführte.“ „NRicht wahr?“ rief Magda——— Jetzt erſt kam die Kaiſerin zu ſich— ſie fühlte, es war ihr ſonderbar ergangen— ſie hatte ſich in das Verſtändniß des Traumes ganz verloren— ſie blickte ein wenig beſchämt umher⸗ und es tröſtete ſie, daß Frau Gutenberg mit offnem Munde ganz gegen die Dehors über einen Stuhl gebogen lag, und 331 die Prinzeſſin wie ein Jäger auf dem Anſtand die Arme auf den Rücken gebogen hatte, und daß Beide eben ſo wenig wie ſie ſelbſt, etwas anderes als das Traumbild des jungen Mädchens verfolgt hatten. Sie gewann Zeit, ſich zuerſt zu faſſen, und wer könnte den ſchnellen Gedanken⸗ wechſel des raſchen Geiſtes verfolgen— mit einemmal ſagte ſie:„Haſt Du den Traum ſchon einmal erzählt, etwa dem Großvater?“ „Ich träumte ihn dieſe Nacht,“ ſagte Magda, aus einem ſüßen, lächelnden Nachdenken erwachend—„aber gewiß danke ich ihn dem Großvater, denn herrliche troſtreiche Worte hatte er geſtern zu mir geſprochen, und als er mich entließ und mir den Segen gab, da leuchtete ſein Angeſicht gans ſo wie ich ihn darauf in der Nacht ſah!“ Die Kaiſerin ſchwieg ſinnend— dann ſtand ſie auf und machte das Zeichen des Kreuzes über Magda's Stirn.—„Geh' jetzt! und Gott behüte Dich— Du haſt mich gefragt, ob ich Deines Großvaters nach fünf Jahren noch gedenken werde— ich antworte Dir: ich werde ihn nicht vergeſſen! Nun, Guten⸗ berg, ſorge dafür, daß dies ſchöne Kind ſicher dahin kommt, wohin es ſie treibt!“— Dann grüßte ſie die Prinzeſſin und zog ſich in ihre Bibliothek zurück. As die Prinzeſſin ſich mit den Beiden allein ſah, lief ſie auf Magda zu, umſchlang ſie mit Inbrunſt und küßte ſie wie eine Schweſter.„Magda— Magda— Thyrnau's Enkelin— bete für mich— liebe mich! ich bin Thereſe von D., die Deinem Großvater ſo viel verdankt!“ „Die Prinzeſſin?“ fragte Magda— und als dieſe bejahte, bog ſie ſich zu ihr und küßte ſie ebenfalls herzlich. „Jetzt aber gehen wir Beide zum Großvater,“ rief die Prinzeſſin. ————— 332 Der Befehl der Kaiſerin, Thomas Thyrnau mit der größten Rückſicht zu behandeln, war um ſo eher erfüllt worden, da dieſe ganze Angelegenheit wieder in die Hände des Grafen von Kaunitz übergegangen war, der, wie es ſchien, eben durch das, was er über dieſe Angelegenheit hatte leiden müſſen, jetzt als Lohn des treuen feſten Aushaltens dieſes Sturmes höher wie jemals in der Gunſt der Kaiſerin ſtand. Dieſer fühlte dagegen, daß er den glücklichen Ausgang allein der unvergleichlichen Perſönlich⸗ keit dieſes Thyrnau verdankte und dem Gelingen, die Kaiſerin, welche ihn zu verſtehen vermochte, zur Zuhörerin gemacht zu haben, und er fühlte eine ſo kebhafte Zuneigung zu Thomas Thyrnau, daß er die wenigen Tage, welche derſelbe noch in der Haft des Schloſſes blieb, ihn täglich beſuchte und in dem hellen erfahrenen Verſtande dieſes Mannes und ſeiner ausgebreiteten Kenntniß aller obwaltenden Verhältniſſe ein Verſtändniß fand, deſſen er ſich noch nicht zu erfteuen gehabt hatte. Wir enthalten uns jedoch, ihre einſichtigen Geſpräche wieder zu geben; was davon auf das Leben des Thomas Thyrnau Einfluß gewann, werden wir im Verlauf dieſer Mittheilungen erfahren. Magda fand bei dieſen Geſprächen einen ungewöhnlichen Platz. Mit dem unbeſiegbaren Widerſtand eines unbezwinglichen Gefühls war ſie nicht mehr von ihrem Großvater zu trennen. Wie ein ſchönes Standbild ſaß ſie unbeweglich mit ihren tiefen ernſten Zügen und dem durchdringenden langen Blick ihrer Augen zu den Füßen Thomas Thyrnau's auf einem nie⸗ drigen Bänkchen und hörte beiden Männern zu, als wäre ſie ihr höchſter Richter. Kaunitz hatte ſich über dieſen ſonderbaren Zeugen mit Thyrnau lateiniſch erklärt— dieſer hatte ihn abge⸗ halten, auf ihrer Entfernung zu beſtehen und ihm mit wenigen Worten ein Bild ihres ungewöhnlichen Karakters entworfen, 333 ihn von der Gemeinſchaft unterrichtet, die Magda mit ihm und Lacy gehalten, und wie Beide den ernſten Sinn des jungen Mädchens über Gebühr genährt, um des Vergnügens willen, die Anſichten zu belauſchen, die ſich in dieſem jungen unbeſtech⸗ lichen Geiſte bildeten. So geſtattete Kaunitz, der überdies in beſonders hingebender Stimmung dem Außergewöhnlichen em⸗ pfänglicher als ſonſt war, nicht allein Magda's Gegenwart, ſondern er gefiel ſich zuletzt, in ihr ſchönes Antlitz zu ſchauen, und ſah und hörte mit Erſtaunen und ſteigendem Intereſſe, wie ſie oft mit begeiſterten Blicken die Reden des alten Herrn begleitete und auch wieder mit einzelnen klaren Worten ihn unterbrach und zurecht wies, wenn ſich die kleinſte Ab⸗ weichung oder unſichere Angabe bei den ihr wohlbekannten Umſtänden zeigte. um im Palaſt Morani von Allen Abſchied zu nehmen, kehrte daher Magda nur auf einige Stunden dahin zurück und erbat ſich hier Egon's und Hedwiga's Gegenwart. Sie hatte die Prinzeſſin Thereſe mitgebracht, denn dieſer Ab⸗ ſchiedsmorgen war derſelbe, an dem ſie die Kaiſerin geſehn, und Beide hatten ſich von Thomas Thyrnau nach dem Palaſt Morani begeben. Als ſie in den Saal traten, worin ſie von Allen erwartet wurden— nahm Magda ruhig den Vortritt und die Prinzeſſin folgte ihr und war damit zufrieden, denn ihre Augen wurzelten auf dem Grafen von Lach, der mit ſeiner Gemahlin und den beiden Kindern Egon und Hedwiga ihr entgegen kam. Es ſchien aber Allen, als habe ſich Magda ſehr verändert— ſie hatte den tiefruhigen Ausdruck, den nur große Gemüthszuſtände geben und der die Seele auf einen Höhenpunkt führt, daß ſie jedes Glied, jede Bewegung beherrſcht. Dabei war ſie blaß wie von Marmor und ſprach nur leiſe und nur wenig. Sie eilte in die Arme Claudia's und ruhte an ihrem Buſen, während ſie Lacy die Hand hinſtreckte, die dieſer ehrerbietig faßte und ſanft ihre Fingerſpitzen küßte. „Lebt wohl!“ ſagte ſie, ſich aufrichtend, mit leiſer Stimme —„morgen reiſe ich mit dem Großvater— und Gott ſegne Euch um des Guten willen, das Ihr an mir gethan.“ Ihr Blick haftete einen Augenblick auf Lacy— er ſah ſie mit dem tiefſten unverhohlenſten S an— ihre Bruſt hob ſich zum Zerſpringen— die Farbe ihres Geſichts wechſelte und ihr Kopf ſank ergeben auf ihre Bruſt— dann ſagte ſie—„Wenn Sie nach Tein kommen!“— ach, wie fühlte er es, daß er der Ein⸗ zige war, den ſie nicht mit ihrem naiven Du anredete—„wenn Sie nach Tein kommen, ſo laſſen Sie ſich durch Hieronymus ſagen, für wen ich zu ſorgen pflegte. Thun Sie es jetzt! Auch das Dohlenneſt—“ ihre Stimme brach— ſie ſchwieg— das Zittern ihrer Glieder ward ſichtbar— ſie blickte weg— und ſah die Prinzeſſin mit angehaltenem Athem ſtehn— ſie ſtreckte die Hand nach ihr aus und lag im ſelben Augenblick mit brechen⸗ den Knieen in den ſie umſchlingenden Armen. Claudia zog raſch einen Lehnſtuhl herbei— die Prinzeſſin ſetzte ſie ſorg⸗ ſam hinein— Lacy rührte ſich nicht— er ſtand wie ein⸗ gewurzelt und der Schmerz, den er litt, raubte ihm faſt die Beſinnung. Egon und Hedwiga waren vor Magda nieder gekniet und vergeblich rang Egon mit den hervorſtürzenden Thränen, die Hedwiga ſchluchzend laufen ließ— auch war Magda nicht ohn⸗ mächtig geworden, ſie ſah ſtill auf die Kinder und ſtrich Hedwiga die Locken. „Es iſt nun Alles erfüllt, Kinder!“ ſagte ſie dann leiſe — die Gräfin Lacy ſorgt für Euch— und Tein wird Eure Heimat!“ H! was lag in dieſen Worten für die, welche ihr Schickſal kannten— Claudia ſank weinend neben dem Stuhle nieder, während Lach mit einem dumpfen Laut ſeine Hände vor ſeine Augen drückte. „O Magda!“ rief die Gräfin Lacy—„und Du— und Du?“—„Ich erfülle auch mein Geſchick!“ ſagte Magda mit einem ſanften Lächeln—„ich bleibe bei dem Großvater!“ Sie richtete Egon's Kopf in die Höhe, ſtrich ihm die Locken von der Stirn und blickte ihn lange ſinnend an— dann ſagte ſie:„Ich wollte, ich könnte Dich zum Großvater mitnehmen, Egon! ich weiß, wo ich Deine Stirn geſehen habe— auch er würde es ſogleich wiſſen, und wenn zwei ein Geheimniß haben, kann's ſein, daß, wenn ſie zuſammentreffen, es ſich aufklärt.“ Ihr Auge traf auf Lach's Auge und Beide errötheten. Da ſtand ſie ſchnell auf und begehrte, ihre Reiſebefehle zu geben, und als Claudia ſie wegführte, wußte die Prinzeſſin die Haupt⸗ ſache, und als ſie den Grafen anſah und Beider Blicke ſich be⸗ gegneten, fühlte er, wie weit die Prinzeſſin einzudringen ſuchte, und er erhielt ſeine ganze Faſſung wieder. Er bot ihr den Arm und führte ſie zur Terraſſe und die Prinzeſſin verdeckte mit einem Lächeln ihr ſtürmiſch bewegtes Herz. Ende des zweiten Theiles. „ Freund's Druckerei in Breslau. — — * — — ſ 1 9 10 11 22 13 14 15 16 17