Der Verfaſſerin von Jodwie⸗Caſtle ſämmtliche Romanr. Hirbenter Pund. Chomas Thyrnau. Erſter Theil. Preslau, im Verlage bei Joſef Max und Komp. 1855. — as Chyrnau. 2. . Cho Von der Verfusterin von Golwie-Cnstle. Erſter Theil. Preslau, im Verlage bei Joſef Max und Komp. 1855. In einem Thurmgemache der alten Hofburg zu Wien, welches in großartiger aber einfacher Ausſtattung ſich der Bewohnerin würdig zeigte, ſaß um das Jahr 1755 in einer Fenſterniſche die Kaiſerin Maria Thereſia und las mit Aufmerkſamkeit in einem mäßig ſtarken Aktenſtücke, welches von dem vor ihr ſtehenden Arbeitstiſche genommen ſchien, auf welchen in großer Ordnung Papiere, Bücher, Karten und Pergamentrollen lagen, die das Arbeitszimmer der hohen Frau erkeunen ließen. Sie war in der vollen Reife des mittleren Frauenalters und die Schönheit, die ſie auszeichnete, trug den beſonders feſten und kräftigen Ausdruck eines edlen, geſicherten Selbſt⸗ gefühls, welches jedem Zuge eine plaſtiſche Ruhe und eine Rein⸗ heit der Form erhielt, die faſt an die Unvergänglichkeit dieſer Reize glauben ließ. Die Mode der damaligen Zeit ließ keines der kleinen anmuthigen Mittel zu, womit die Mängel der Form hinter Locken, oder den Vortheilen verſchiedenartiger Kopfbe⸗ deckungen ſich zu verbergen vermögen. Die Kaiſerin, wie alle Damen jener Zeit, gab ihr Geſicht von allem Haar entblößt der Anſchauung Preis, und die hochgewölbten Haarfriſuren wurden nur gekrönt durch kleine darauf ſchwebende Aufſätze, verſchieden in ihrer Ausſtattung nach Rang und Vermögen der Beſitzerin. Bei Maria Thereſia trat hierdurch die reinſte ovale Geſichtsform hervor, die durch die Fülle einer unerſchütterlichen Geſundheit ſtark in den Wangen und in dem Unterkinn pezeich⸗ net war, ohne doch das Maaß der Schönheit zu verletzen. Sie hatte vollkommen das Anſehn; was wir mit hiſtoriſch zu bezeichnen Thomas Thyrnau. 1. 1 yflegen. Wer ſie aufgerichtet ſtehen ſah, mit der hochgehobenen graden Haltung des Hauptes, welches auf dem ſchönen runden Halſe wie auf einer Säule ruhte, mit dem klaren Blick ihrer glänzenden blauen Augen und der redneriſchen Fülle des ſchön gewölbten Mundes— der mußte fühlen, ſie gehöre zu den Gipfelpunkten ihrer Zeit, ſie ſei ein ſtrebendes und ſchaffendes Werkzeug für die Entwickelung ihres Landes und ihr ſcharfes Erkenntnißvermögen habe in ihrem feſten Willen die Stütze, die Gedanken— Thaten werden läßt. Die Zeit, in welcher die hohe Frau ſich ſo eben befand, war ein Ruhepunkt ihres bewegten Lebens. Sie konnte mit ſtolzem Bewußtſein auf die Reſultate ihres ſichern Willens ſehen und ſich in ſeltenem Maaße das Zugeſtändniß machen, daß ſie den Sieg über die gehäufteſten Hinderniſſe ſich ſelbſt ſchulde. Der Aachner Friede hatte ihre erblichen Rechte anerkannt, ihre Grenzen geſichert, die kriegeriſche Aufregung von ganz Europa zur Ruhe verwieſen, und ſie mußte ſich ſagen, daß ſie mit der Energie, welche ſie entwickelt, ſich ſelbſt zu einem ge⸗ fürchteten und geachteten Oberhaupte Deutſchlands gemacht habe, ihren Gatten zum Kaiſer erhoben, und in dem erlangten Beſitz ſo vieler Vorzüge eine Garantie für die ſtalzen Pläne ihrer Zukunft erreicht habe. Doch täuſchte ſie ſich nicht über den augenblicklich friedlich erſcheinenden Zuſtand Europa's. Zu wohl durch Kaunit, ihren würdigen Repräſentanten bei den Friedensunterhandlungen zu Aachen, unterrichtet, ſah ſie in den ſchwachen Banden, die hier geknüpft waren, ſchon den Zündſtoff neuer, unausbleiblicher Zwiſtigkeiten, und den Krieg erwartend, nutzte ſie die trüge⸗ riſche Ruhe, die wenigſtens einen Blick auf das innere Leben ihres Staates zuließ, um mit muthiger Hand die Wunden heilend zu berühren, die der langjährige, bis in das Herz ihrer Länder dringende Krieg überall geſchlagen. S Die Größe der Schwierigkeiten ſchreckte die in voller Kraft ſich fühlende Herrſcherin nicht zurück, und in dem Kreiſe ihrer Unterthanen umherſchauend, entdeckte ſie bald die Geiſter, die ihr eine Stütze werden mußten, indem ſie ihre Kräfte zu leiten und zu nutzen wußte. Schon durfte ſie bei den reichen Naturkräften des Landes in den fünf Jahren des Friedens ſich der Symptome wieder⸗ kehrenden Wohlſtandes freuen, und mit mütterlichem Eifer jede Beſtrebung unterſtützend, die irgend bleibend ſich für das Wohl des Landes erweiſen konnte, in welcher Richtung und Weiſe ſie auch ſein mochte, griff ſie mit ſcharffinnigem Geiſte die Uebel an, gegen welche das Volk der Abhülfe von Oben harten mußte. Dieſe waren vorzüglich eine unvollkommene Verwal⸗ tung, die bei dem Mangel an einer geordneten Juſtizpflege und klaren Geſetzgebung tauſend Leiden und Störungen verbreiteten, welche das Wohlſein des Landes aufhielten und der Rohheit und Willkür ein noch unverwehrtes Feld zum Spiel⸗ raum ließen. Die verſchiedenen Elemente, aus denen ihr Reich zuſammen⸗ geſetzt war, vergrößerten die Mühſeligkeit dieſer Abhülfe. Die Provinzen des Kaiſerreichs waren faſt ſelbſtſtändige Länder zu nennen. Jede hatte ihre alten Gerechtſame, die häufig auf Naturbedürfniſſe geſtützt, mit Schonung beleuchtet werden mußten. Die Betheiligten fühlten wohl hin und wieder Be⸗ drückungen; aber die Bildung fehlte, um die Urſache zu erken⸗ nen; am wenigſten wollte man ſie alten, bequem gewordenen Gebräuchen zuſchreiben, und war geneigt, dieſe zu ſchützen und eine Erleichterung zu bezweifeln, die zu Anfang nothwendig eine Neuerung ſein mußte, wie denn auch ſelbſt die Verſchiedenheit der Sprachen eine leichte Verſtändigung aufhielt. Dennoch gab die große Kaiſerin den Plan nicht auf, dieſe Schwierigkei⸗ ten zu beſiegen und ihr ganzes Reich unter dem Segen einet 1* gleichmäßigen, weiſen und jedes Individuum wahrhaft ſchützen⸗ den Geſetzgebung zu vereinigen. Sie verfuhr dabei wie eine gute Mutter mit verwöhnten Kindern. Sie beſtrebte ſich, ihr wahres Bedürfniß in allen Beziehungen kennen zu lernen und die Berichte, die ſie von Seiten der verſchiedenſten Perſonen zu veranlaſſen wußte, prü⸗ fend mit einander zu vergleichen, um ſelbſt in der Seele der bewußtlos mit Uebeln Kämpfenden für die Hülfe zu entſcheiden, die ſie für ſie als gut erkennen mußte. Sobald ſie aber bis zu dieſem Punkte der Entſcheidung gelangt war, handelte ſie auch mit der ſtolzen Wahrhaftigkeit und Entſchiedenheit ihres Karakters; ſie ſprach aus, was ſie geben und nehmen wollte, forderte Ge⸗ horſam, und erzwang ihn, wo er unverſtändig verweigert wurde. Das Aktenſtück, welches in dieſem Augenblicke die Auf⸗ merkſamkeit der Kaiſerin feſſelte, enthielt die Anſicht eines jun⸗ gen Adligen über Böhmen, ein Land, welches vorzugsweiſe das Nachdenken der Kaiſerin in Anſpruch nahm, da es bedeutend im Kriege gelitten und von innern Hemmungen an einem ſchnelle⸗ ren Aufſchwung, ungeachtet der vorhandenen Hülfsmittel, ge⸗ hindert ſchien. Sie hatte die ſorgfältige Durchſicht der Schrift beendigt und indem ſie ſich erhob, zeigten ihre Züge den ruhig klaren Ausdruck, der von einer innern Befriedigung entſtehend, jedes Angeſicht verſchönt. Ihr helles Auge richtete ſich auf die Ein⸗ gangsthür wie fragend, warum ſie ſich nicht öffne, und man hätte dieſem Blicke wol die Zauberkraft zutrauen mögen, die der Zufall herbeiführte, denn die Thür öffnete ſich wirklich, und der Graf von Kaunitz, dieſer große und würdige Theil⸗ nehmer ihrer erhabenen Herrſcherpläne, trat, wie es ihm geſtattet war, unangemeldet in dies Heiligthum ſeiner Gebieterin. „Ihr kommt zur rechten Zeit,“ rief die Kaiſerin ſogleich, rich habe ſo eben die Durchſicht der Denkſchrift beendigt, die Ihr mir brachtet. In der That, ſie iſt gut— es iſt Schärfe der Auffaſſung drinnen— nicht unnützer Wortkram— die Dinge treten heraus— es iſt nicht der Verfaſſer, oder dieſer und jener, der das bemerkt und darthut— es iſt die Sache ſelbſt, die redet und ſich erklärt.“ Während dieſer Anrede war der Graf, der niemals eine Sache die andere übereilen ließ, mit den drei vorgeſchriebenen Verbeugungen fertig, und ſtand jetzt mit ſeiner geraden, feſten Geſtalt vor dem Schreibtiſche der Kaiſerin, der Beide trennte, und während aus dem blaſſen, mienenloſen Geſichte ſein Auge mit der Schärfe eines Adlers ſchaute, ſagte er mit der ihm eigenthümlich deutlichen und ſcharfen Betonung:„So dachte ich,— und wagte daher dieſen Aufſatz, der keinen officiellen Karakter hat, der nur ein Studium, eine Uebung des jungen Mannes zu nennen iſt, dem hinzuzufügen, was Euer Majeſtät bereits über dieſen Gegenſtand geſammelt haben.“ „Es iſt vielleicht das Brauchbarſte,“ ſagte Maria Thereſia — weil es eben ohne den Gedanken geſchrieben iſt, vor unſer Auge zu kommen. Der junge Mann iſt feſtzuhalten, Kaunitz— ubeſchäftigen— Ihr ſolltet ihn Euchzuziehen— er muß empfäng⸗ lich ſein für eine große Schule— ſein Kopf iſt aufgeräumt!“ „Er begleitete mich nach Paris und Aachen,“ erwiederte der Graf.„Ich war geneigt, ihn die Dinge arbeiten zu laſſen, zu denen ich perſönliches und geſichertes Vertrauen bedurfte. Er verſtand, die Notizen, die ich während der Konferenzen in meine Gedächtnißtafel zeichnete, mir geordnet an einander zu reihen.“ Ah!“ rief die Kaiſerin—„r hat alſo ſchon ſeinen Platz gefunden!— Und dürfen wir ſeinen Namen wiſſen?“ „Es iſt der Graf von Lacy!“ erwiederte Kaunitz. Wie?“ fragte die Kaiſerin,„Lach? Lacy? Ein Bruder unſers tapfern Hauptmanns? Iſt dieſe Familie ſo reich an aus⸗ gezeichneten Männern?“ „Er iſt nur weitläufig mit unſerm tapfern Reiter⸗Haupt⸗ mann verwandt,“ ſagte Kaunitz.„Auch ſeine Voreltern leiten ihre Familie aus der Zeit Wilhelm des Eroberers her, und längere Zeit muß die Familie des jungen Mannes in England verblieben ſein. Erſt ſein Urgroßvater übernahm, mit all' den Seinigen England verlaſſend, die Beſitzungen in Böhmen, die ihm von ſeiner Mutter, einer böhmiſchen Fürſtin Wratislaw, überkommen waren. Außer dieſen erſten, ſich ähnlichen Stammnachrichten haben aber beide Familien keine Verwandt⸗ ſchaft nachzuweiſen.“ Nachſinnend fuhr die Kaiſerin fort, den Namen wie für ſich zu wiederholen. Ich glaube,“ ſagte ſie dann lauter,„die Prinzeſſin Thereſe hat mir den jungen Mann genannt, und ich vermuthe, er iſt ſchön, oder galant, oder etwas der Art.“ „Ihre Durchlaucht die Prinzeſſin ſind allerdings Kennerin! ſonſt würde ich ihn nur für jung und ſchön halten; übrigens für zu ſolide faſt— überhaupt für einen Sonderling,“ erwie⸗ derte Kaunitz. „Doch warum zeigt ſich der junge Mann ſo wenig bei Hofe, daß wir dadurch in den Fall kommen, uns ſeiner nicht erinnern zu können?“ Weil er ein Sonderling iſt, Euer Majeſtät, aber einer von den Brauchbaren, die eben deshalb ein weiteres Feld über⸗ ſehen lernten, auf welchem ſie durch Anſtrengungen einheimiſch werden wollen. Er macht pedantiſche Forderungen an ſich ſelbſt, und wenn ich ihn nutzen will, muß ich ihn zugleich gewähren laſſen. Ich kann ihn nicht feſſeln, wie Andere wohl; er iſt zu unabhängig, und hat die unangenehme Eigenſchaft nichts zu wollen.“ Die Kaiſerin lächelte, obwol ſich auf dem Antlitz des Gra⸗ fen keine Miene zeigte, die dies veranlaſſen wollte.„In Wahr⸗ heit, das iſt eine unbequeme Eigenſchaft,“ ſagte ſie dann. „Doch ſind wir wegen der Seltenheit derſelben geſonnen, ihm ſelbſt unſere Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Ihr werdet ihm ſagen, daß ich dieſen Aufſatz geleſen habe und mit ihm darüber ſprechen will. Seine Anſichten über die theilweiſe Aufhebung der Leib⸗ eigenſchaft in Böhmen gewinnen dadurch an Wahrheitskraft, daß er als Grundbeſitzer die Nachtheile empfinden würde, wenn das Geſchrei wahr ſein ſollte, womit man die Anregung dieſer Sache von jenen großen Herren beantwortet hören muß.“ „Es iſt allerdings wichtig, einen aus ihrer Mitte bei glei⸗ chen Intereſſen von der Anſicht abfallen zu ſehn, die ſie als gerechtfertigt durch alle ihre Anſprüche geltend machen wollen. Auch, glaube ich, weiß er ſeine Geſinnungen zu vertreten.“ „Sonderbar, Graf Kaunitz.“ ſagte die Kaiſerin, und eine dem Grafen ſehr verſtändliche Röthe, die jede kleine Wallung der ſanguiniſchen Frau verrieth, trat auf ihrer hohen Stirn hervor—„ſonderbar, daß Ihr Euch jetzt erſt erinnert, wie es zu unſern Wünſchen gehörte, bei einer ſo ſchwierigen Aufgabe und nach dem erfahrenen Widerſpruch, uns unter den dortigen Großen einen Beiſtund aufzufinden. Ihr theiltet, denke ich, unſere Freude über die Hoffnung, welche uns ein ehrwürdiger böhmiſcher Prälat machte, ſpäter vielleicht mit gutem Beiſpiel voran zu gehen, und ſahet Euch mit uns nach dem Edelmanne um, der uns gleiche Unterſtützung böte— und doch hattet Ihr bereits verwirklicht erfahren, woran Eure Kaiſerin indeſſen als an eine Schwierigkeit zu denken genöthigt war.“ „Eins nach dem Andern, Euer Majeſtät,“ entgegnete Kaunitz unerſchüttert.„Die Proben, denen ich den jungen Mann unterwarf, um den Grad ſeiner Zuverläßigkeit zu erfahren und aus ihnen zu entnehmen, ob dieſe Anſichten ſich würdig zeigten, die Aufmerkſamkeit Eurer Majeſtät zu wecken, mußte ich glauben, ſei ein paſſenderes Geſchäft für den Diener Eurer Majeſtät. Jetzt erſt, nachdem ich den jungen Mann bewährt — gefunden, erſt ſeitdem ich ihn zu dieſem ſchriftlichen Aufſatz er⸗ muthigt und von ſeiner klaren Darſtellung auf die Wahrheit ſeiner Ueberzeugungen zu ſchließen Urſache fand, erſt ſeitdem abe ich geglaubt, könne ſeine Perſon ein Recht zur Berückſich⸗ tigung Eurer Majeſtät finden.“ Die Kaiſerin hörte mit leiſem Nicken des Kopfes der ſiche⸗ ren Entgegnung ihres Miniſters zu. Ihr eignes großes Herz war bis auf den Grund von dem vorherrſchenden deutſchen Nationalzuge, von Wahrheit und Offenheit, durchdrungen, und wo ſie ihn bei ihren Umgebungen ohne Anmaßung und Rohheit hervortreten fand, hatte er ſich ihrer Nachſicht, ja ihres Beifalls zu erfteuen. Die hohe Achtung, die Kaunitz ihr dabei mit vollem Rechte einflößte, die oft erlebte Ueberzeugung von dem Werthe ſeiner Rathſchläge und Beſ chlüſſe, ſelbſt wenn ſie dieſelben anfänglich nicht einſehen konnte, ließ ſie, faſt immer ſchon mit der Hoffnung, ihm beitreten zu können, auf ſeine Verthei⸗ digungen horchen, und gerade für ihn ſchien ſie ſich dies verräthe⸗ riſche Ricken mit dem Kopfe angewöhnt zu haben, worin der Graf ſeine Anerkennung erkannte, noch ehe ſie die Lippen öffnete. „Es will uns ſelbſt ſo als am zweckmäßigſten einleuchten,“ ſagte ſie dann mit dem Lächeln der Genehmigung,„und wir wollen ſehn, ob wir jetzt dieſen Mann ſo geſ chickt benutzen kön⸗ nen, als Ihr, mein lieber Graf, ihn uns geſchickt vorbereitet habt. Vielleicht ſchlägt er es doch uns nicht ab, irgend eine Stelle anzunehmen, die ihn uns bequemer nähert.“ Dazu iſt in dieſem Augenblick noch wenig Ausſicht,“ ſagte der Graf.„Er iſt, wenn auch ftei und unabhängig durch ſeine bedeutenden Beſitzungen, doch nicht unabhängig von ſeinen Familien⸗Verhältniſſen, wie es ſcheint. Dieſe ſtellen ihn unter auffallende Bedingungen, und ich habe nicht erfahren, ob ſie für ihn ſelbſt in geheimnißvolles Dunkel gehüllt ſind, oder ob er ſie mir nur ſo erſcheinen läßt.“ „Nun! nun! wie läßt ſich denn das an?“ rief die Kaiſe⸗ rin, ſich eifrig vorbiegend—„was glaubt Ihr denn— oder was ſagte er darüber? Hat er noch Eltern oder Geſchwiſter?“ „Weder das Eine noch das Andere,“ erwiederte Kaunitz. Mir hat ihn Baron Binder zuerſt empfohlen. Er ſtudirte damals zu Regensburg die Reichspraxis, zu welcher er bereits in Leipzig und Leyden einen guten Grund gelegt; und da er geſonnen war, einen letzten Kurſus zu Wien abzuhalten, lud ihn Baron Binder in ſein Haus, wo er ihn ſo vortheilhaft kennen lernte, daß er ihn mir empfahl. Auch ich theilte bald die Vorliebe des Barons, und da er die lebhafteſte Neigung empfand, zu reiſen, ſchlug ich ihm vor, mich nach Paris zu begleiten. Er willigte ein, und ein näheres perſönliches Ver⸗ hältniß entſtand nun, welches mich beſtimmte, ihn mit mir nach Aachen zu nehmen. Um ihn mir hier nützlicher zu machen, nahm er auf meinen Wunſch eine Art Titel an, und hier erſt,“ bei ſeiner entſchiedenen Weigerung Gehalt zu nehmen, erfuhr ich, daß er keine bindende Verpflichtungen eingehen dürfe, ver⸗ möge teſtamentariſcher Verfügungen ſeines Oheims, deſſen unmittelbarer Erbe er war, da ſein Vater und der einzige Sohn ſeines Oheims früher ſtarben. Seit unſerer Rückkehr hat er mir mehr geſtanden und meine Nachrichten über ihn lauten ſonderbar genug. Er hat ſich einer Dame gewidmet, von der man kaum glauben ſollte, daß ſie den ſchönſten Kavalier, den jugendlichen Mann von acht und zwanzig Jahren, zu feſſeln vermöchte.“ „Alſo eine Liebesgeſchichte,“ ſagte die Kaiſerin kalt.„Das alte Hinderniß aller jungen Leute!“ „Ob man es ſo nennen darf, möchte ich doch kaum wagen zu behaupten. Euer Majeſtät mögen ſelbſt urtheilen: Es iſt die einzige nachgelaſſene Tochter des alten Fürſten Morani, des Kammerherten Seiner hochſeligen Majeſtät des Kaiſers.“ 10 „Die Fürſtin Morani!“ rief die Kaiſerin— mit ihrer leb⸗ haften Weiſe die Hände zuſammenſchlagend—„Geht— geht— Kaunitz— wo habt Ihr Euren klugen Kopf— ſie iſt ja älter als ich— war mir ein Spielftäulein— iſt nie ſchön, kaum hübſch geweſen— die entführt uns den jungen Herrn nicht; denn Vermögen hat ſie auch nicht, das wißt Ihr am beſten, denn Ihr laßt ihr die bewilligte Penſion auszahlen und weiſet die Rechnungen für die Baukoſten in dem alten Palaſt Morani auf meine Chatulle an, damit er ihr nicht über dem Kopf zuſammen bricht— alſo woraus ſoll denn da ein Liebesver⸗ hältniß werden?“ „Euer Majeſtät haben die Dame wohl ganz aus den Augen verloren?“ „Sie bat nach dem Tode ihres Vaters um Erlaubniß, ſich vom Hofe zurück ziehen zu dürfen. Ich ſah ſie ſeitdem »nicht. Prinzeſſin Thereſe iſt durch ihre Mutter mit ihr cousine germaine— ſie beſucht ſie und erzählt mir oft von ihr— ſie ſcheint gern bei ihr zu ſein— aber, mein lieber Graf, die Zeit hat noch nie die Fehler eines unſchönen Geſichts bei einer Frau verbeſſert, ſie wirkt ſogar zu unſerm Nachtheil da, wo die Natur den Vorzug der Schönheit verliehen hat.“ „Euer Majeſtät wiſſen,“ erwiederte der Graf, ſich vernei⸗ gend—„daß ich darin völlig unerfahren bin. Doch höre ich durch den Pater Franz und Georg Prey, daß ſie ſehr mit ihrer Geiſtesbildung beſchäftigt iſt, und ich dachte, dies könnten ihre Reize ſein!“ „Eine Gelehrte alſo!“ rief die Kaiſerin ſpöttiſch.„O! Graf Kaunitz, was man auch von Eurem zärtlichen Herzen zur Zeit geſprochen hat, es muß lange her ſein, daß Ihr meinem Ge⸗ ſchlecht Eure Aufmerkſamkeit geſchenkt, denn ſonſt würdet Ihr wiſſen, daß ſelbſt van Swieten kein beſſeres Rezept gegen die Liebe ſchreiben könnte, als die Gelehrſamkeit einer Frau! Doch 11 genug, Herr Staatskanzler,“ ſprach ſie plötzlich, ganz Kaiſerin werdend— wir wollen dieſe Mirakel nicht zum Nachtheil unſerer heutigen Geſchäfte weiter verfolgen— wir erwarten Euren Vortrag!“ Der Graf ordnete die mitgebrachten Papiere, und der Vortrag nahm ſeinen Anfang. Der Gegenſtand der eben mitgetheilten Unterredung, der junge Graf von Lach— Wratislaw— wie die Familie ſich jetzt zu Ehren der böhmiſchen Beſitzungen der Aeltermutter nannte— war am ſelben Tage in ſeinem Arbeitszimmer und las mit gefurchter Stirn in einem langen, eng geſchriebenen Briefe, deſſen Inhalt keineswegs leichter oder erfreulicher Art ſein konnte, denn es waren in dem ſchönen jugendlichen Ange⸗ ſichte alle Zeichen unangenehmer Aufregung ausgedrückt. Jetzt ſchien er damit zu Ende gekommen, er ſtand unmuthig auf, öffnete ein Fenſter und ſah nachdenkend in den kleinen Garten des Hauſes; er wandelte dann wieder durch das Zimmer, ſetzte ſich nieder, ſah einzelne Stellen im Briefe nach— es ſchien aber daſſelbe zu bleiben.* Doch beſaß er nur ſehr ſelten die Eigenheit, in Selbſtge⸗ ſprächen ſich zu erleichtern, und ſo blieb dem Uneingeweihten ſein Zuſtand ein Geheimniß, bis ſich die Thür des Kabinets raſch öffnete und der junge Baron von Pölten leicht und fröhlich herein ſchlüpfte. „Für mich gilt doch die Parole nicht, die Du an Deinen Kammerdiener gegeben! rief er heiter—„für mich biſt Du doch zu Hauſe?“ „Wenn Du nicht ſelbſt vor meinem finſtern Geſicht ent⸗ fliehſt!“ erwiederte Lach, ſichtlich durch des Barons Eintreten erleichtert. Aber ich bin in einer Stimmung, die ich in Wahrheit Anſtand nehmen muß mit einem Andern als mit mir ſelbſt zu theilen, und liebe Freunde ladet man am wenigſten dazu ein.“ „Theilen!“ lachte der Baron— dafür behüte mich auch Gott, wenn theilen hier heißt: die Hälfte nehmen; auch nicht den kleinſten Theil Deiner Stirnrünzeln will ich haben— aber ſie Dir verjagen helfen, dazu bin ich der Mann! Alſo beichte! beichte! ich wette, die ewig krächzende alte Eule, Dein Herr Vormund, hat wieder geſchrieben, und da ich nun ſeit Jahr und Tag es ertragen muß, bloß zu erfahren, daß er Dich quält, ſo will ich endlich auch erfahren, warum er Dich quält— wo er die Autorität dazu her nimmt, gegen den acht und zwanzigjährigen mündigen Mann! He! willſt Du beichten und Dich überzeugen, daß ich der luſtigſte, ausgelaſſenſte und dennoch der treueſte Freund meiner Freunde bin?“ „Davon bin ich feſt überzeugt,“ antwortete Lach—„doch denke ich, ſetzte er lächelnd hinzu— ich verſchulde es nicht, wenn Du nicht früher alles über meine Verhältniſſe erfahren, was mir ſelbſt bekannt iſt; denn dieſe wirklich kennen zu wollen, hat Deine flüchtige Lauge Dir nie wünſchenswerth gemacht, und ich lege wenig Wer auf den Troſt, den wir von unſern Freunden durch die Mittheilung unſerer Schickſale empfangen. Troſt erhalten wir, wenn wir uns geiſtig frei regen können mit denen, die uns verſtehen— dieſen hatteſt Du immer für mich bereit!“ „Nun ja! ungefähr ſo würde ich auch gedacht haben,“ ſagte der Baron—„wenn ich mir Zeit genommen hätte, daran zu denken. Jetzt aber will ich mehr wiſſen, denn dieſe Falten auf Deiner Stirn müſſen fort, ehe Du der ſ chönen Baroneſſe Binder heut Abend die Aufwartung machſt— deshalb— was hat dieſer alte Advokat für Rechte über Dich?“ 13 Lach nahm den Brief vom Tiſche und ſagte:„Das Recht, mich zum armen Manne zu machen, wenn ich nicht zurückkehre und ſeine ſechzehnjährige Enkelin heirathe!“ Der Baron warf ſich mit lautem Gelächter auf einen Seſſel. „Verzeih!“ rief er dann—„biſt Du nicht der Graf Lach? Rechtmäßiger Erbe der Herrſchaft Wratislaw? Das iſt zu toll!“ „Es ſind Räthſel,“ ſagte Lacy.„Aber Du wirſt mir zutraun, daß ich nicht lammftomm ihnen gegenüber ſtehen blieb. Bei meiner Majorennität empfing ich mit der Uebergabe der bedeutendſten Einkünfte, einer klaren, muſterhaften Darlegung meiner Verhältniſſe, aller Rechnungen und Verwaltungs⸗Maaß⸗ regeln ſeit dem Tode meines Oheims, zu gleicher Zeit die Klauſel in ſeinem Teſtamente— des ſtolzeſten, Ahnenberechtigtſten Mannes der Erde— die Enkelin des alten Herrn Thomas Thyrnau zur Gräfin von Lach und meiner Gemahlin zu erheben, oder zu gewärtigen, daß Thomas Thyrnau mir die Verhältniſſe darlegen werde, die mich des bedeutendſten Theiles meiner Be⸗ ſitzungen berauben würden. Nicht umſonſt hatte ich indeſſen drei Univerſitäten beſucht, um Reichsrecht zu ſtudiren, und ent⸗ ſchieden wies ich die Zumuthung dieſer Klauſel zurück, die mich in einem Grade empörte, wie es von einem jungen, ſtolzen Menſchen zu erwarten war, der in dem Augenblicke, wo er glaubt, die größte Freiheit erreicht zu haben, in einen neuen unerträglichen Zwang gerathen ſoll, der ihm beleidigend, unge⸗ recht erſchien, entehrend und was Du noch ſonſt willſt, um das Maaß eines unleidlichen Zuſtandes voll zu machen. Ich for⸗ derte Herrn Thomas Thyrnau auf, ſich näher zu erklären, indem ich ihm mein gutes Recht entgegen hielt. Dies gute Recht be⸗ ſtritt er nicht; aber er warnte mich zu widerſtehn und wieder⸗ holte:; das Recht, die Andeutungen des Teſtaments zu ver⸗ wirklichen, ſei deſſenungeachtet da, er würde aber nie damit hervortreten, wenn ich ſeine Enkelin heirathete.“ „Lieber ließe ich mich zerhacken und zerſtampfen,“ rief der Baron—„oder zöge als Bänkelſänger durch's Land, oder ginge unter Trenks Panduren, oder ſchnitte dem erlauchten Grafen von Kaunitz die Federn und zöge ſeine zwanzig franzöſiſchen Uhren auf! Herzensliebſter Lacy! Du wirſt Dich doch von Advokaten⸗Kniffen nicht einſchüchtern— nicht um Dein unver⸗ letzbares rechtmäßiges Eigenthum betrügen laſſen?“ Die Stirn des jungen Grafen röthete ſich etwas.„Ich fühle mich nicht eingeſchüchtert,“ ſagte er mit etwas gepreßter Stimme—„und denke, dies Gefühl ſoll mir immer fremd bleiben. Verwechſele damit nicht die Scheu, den letzten Willen eines Mannes anzugreifen, dem ich alles verdanke, was ich bin. Mein Oheim war der edelſte, großartigſte Mann, den die Erde tragen kann. Seine Fehler ſelbſt, das heiße Blut der Lacy, ward bei ihm die Treibhausglut ſeiner Tugenden. Aber er war zugleich der adelſtolzeſte Mann; vergraben unter Stammbäumen und Geſchlechtsregiſtern und von den Ahnen unſeres Hauſes, wie von einer Schaar geharniſchter Geiſter umgeben. Aber wenn das Gefühl, auf eine lange Reihe ausgezeichneter Vor⸗ fahren blicken zu können, zu der Veredelung eines Nachkommen beittagen kann, ſo ſah ich bis zum achtzehnten Jahre, wo ich ſeinen Ungang genoß, dies in dem erhabenen Greiſe verwirk⸗ licht; und wenn dieſe Jugendeindrücke und jedes ſeiner Worte mich auf dieſe ſtolze Stellung hingewieſen haben, ſo wirſt Du vielleicht jetzt beſſer den Eindruck erkennen, den mir ſein letzter Wille machen muß, der allen Ueberzeugungen ſeines Lebens ſchroff gegenüber ſteht.⸗ 2 „Um ſo mehr würde ich an der Wahrheit dieſes letzten Willens zweifeln— um ſo mehr alles dieſem Thomas Thyr⸗ nau zuſchieben! Gerade was Du mir eben mitgetheilt, be⸗ ſimmt mich noch mehr, die ganze Sache für einen Advokaten⸗ Streich zu halten, beſonders da Du bei ſeinem Tode abweſend 15 warſt und das ganze Teſtament in geiſtesſchwachen Stunden abgefaßt ſein kann.“ Der junge Graf ging ein paar Mal nachdenkend durch's Zimmer, dann blieb er vor ſeinem Freunde ſtehen und ſagte, ſeine ernſten Augen lebhaft zu ihm aufſchlagend:„Ich kann nicht! Es iſt mir unmöglich, dieſem Thyrnau ein ſolches Ver⸗ brechen zuzutrauen! Wir kennen uns beide nicht perſönlich, denn obwol er der Rechtsanwalt unſerer Familien war, ſo lange er überhaupt praktizirte, war doch in den früheren Jahren meiner Anweſenheit bei meinem Oheim, eine Entfremdung zwiſchen Beiden eingetreten, die ihren geſelligen Verkehr aufgehoben hatte. Aber deſſenungeachtet ſprach mein Oheim von Thomas Thyrnau nie anders, als von einem theuren Jugendfreunde; nie anders als mit der größten Hochachtung von ſeinem Karak⸗ ter, ſeinen Fähigkeiten, ſeinen hohen Tugenden! Freilich be⸗ zeichnete er oft einen einzigen Fehler, einen Fehler, den er nie unterließ, an die große Kette der Lobeserhebungen zu reihen, die er ſtets ſeinem Namen hinzufügte— und dieſer einzige Fehler macht mich jetzt, trotz der Abneigung, die ich gegen die⸗ ſen Verdacht empfinde, gegen einen Mann mißtrauiſch, an welchem ſonſt kein Makel zu finden iſt. Dieſer Fehler iſt Stolz! Eitelkeit ſelbſt nannte ihn mein Oheim; ein unbegrenztes An⸗ kämpfen gegen die Vorrechte unſeres Standes; ein dünkelvolles Erheben des perſönlichen Verdienſtes, und unter dieſen Bedin⸗ gungen ein gewiſſes Gleichſtellen, das mein adelſtolzer Oheim nicht immer in der Laune wgr, ertragen zu können. Ob die Kälte und Zurückhaltung, die damals unter beiden Männern vorherrſchte, in ſolchen Reibungen ihren Grund hatte, oder, wie ich geneigter bin zu glauben, in einer bedeutenderen Störung zwiſchen ihnen liegen mochte, habe ich nie erfahren. Doch er⸗ zählte mir mein Oheim oft, wie die Familie des Advokaten und die unftige früher in ſo großer Einigkeit gelebt, daß, obwol 16 Thomas Thyrnau von ſeinen Geſchäften getrieben oft in Prag ſeinen Aufenthalt nehmen mußte, ſeine Familie dennoch zuletzt auf dem Stammgute bei meinem Oheim ganz einheimiſch wurde und der Advokat immer mit der alten Freude dorthin zurück⸗ kehrte. Sehr wohl erinnere ich mich noch des alten Hauſes, wo ſie gewohnt hatten; es lag am Ende des großen Thiergar⸗ tens und ſtand zu meiner Zeit leer. Wenn wir jagten oder ſpazieren gingen, zeigte mir mein Oheim ſtets von fern dies Haus, welches das Dohlenneſt genannt ward; aber nie ging er vorüber oder trat ihm näher. Hatte er mir erzählt, wie einig er einſt mit deſſen Bewohnern gelebt, ſchwieg er dann nur um ſo länger ſtill, und als ich anfing zu beobachten, ſah ich, wie das wehmüthigſte Nachdenken ſich auf ſeiner Stirn lagerte, und wie er an ſolchen Tagen ſich ſtets in ſeine Zimmer zurückzog. Nur einmal fragte ich ihn: wo denn alle dieſe lieben Menſchen geblieben wären? Da ſagte er mit allen Zeichen unverjährten Kummers:„Todt!— Todt! Alle todt! Ich und Thomas, wir haben Beide Weib und Kinder begraben ſehen, und ſind unter tauſend Schmerzen alt geworden!““ Seitdem fragte ich ihn nie wieder, denn ich konnte die Trauer nicht vergeſſen, die ſein Angeſicht ausdrückte, als er dies ſprach.“ „Das ſind wirklich ſeltſam widerſprechende Umſtände,“ rief der junge Baron ernſter als ſeine Art war—„denn dieſe Tren⸗ nung der beiden Freunde läßt doch kaum den Verdacht zu, daß das ſonderbare Teſtament unter dem perſönlichen Einfluſſe von Thomas Thyrnau entſtanden ſein könnte. „Ich verließ meinen Oheim in meinem achtzehnten Jahre, und fing meine Studien auf der Univerſität Leipzig an, und zwar mußte ich meinem Oheim verſprechen, ohne Unterbrechung die drei Univerſitäten zu beſuchen, die er für mich gewählt hatte. Ich mußte mich von ihm und von der Heimath auf ſo lange trennen, als meine Styudien dauern ſollten.“ 17 „Er hatte Dich alſo für den Staatsdienſt beſtimmt?“ fragte ihn der Baron. Im Gegentheil! Er forderte von mir, nie eine dauernde oder bindende Stellung im Staate anzunehmen. Er wollte, daß ich das große Werk, was in ſeinem Kopfe entſtanden war, einſt ausführen ſollte; er wollte mit einem Worte, daß ich theil⸗ weiſe das Joch der Leibeigenſchaft, nach den weiſen Grundſätzen, die er entwickelt in ſeinem Kopfe trug, auf unſerer großen Herrſchaft aufheben ſollte, und um mich zu allen damit verbun⸗ denen Rechtshändeln auszurüſten, ließ er mich ſtudiren und ordnete meine Studien ſo, daß ich befähigt ſein könnte, der⸗ einſt mir und meinen Untergebenen ſelbſt den nöthigen Rath, nach den Geſetzen des Landes zu ertheilen.“ Der Baron lächelte.„Er wollte Dich alſo unabhängig machen von Advokaten und Gerichtshöfen! Er rüſtete Dich alſo aus, um das Unrecht mit der eigenen Kenntniß der Geſetze bekämpfen zu können! Sollte das nicht ſchon Mißtrauen andeuten gegen den Rath, dem er ſich in Thomas Thyrnau unterziehen mußte? von dem er Dich unabhängig machen wollte?“ „Ich kann dies um ſo weniger glauben, als ihr Verhält⸗ niß nach meiner Abreiſe bald die vorige Innigkeit wiedergewann! Thomas Thyrnau gab Prag und ſeine dortigen Geſchäfte auf und bezog das alte Dohlenneſt, und mein Oheim war bald wieder ſo zu Hauſe dort, wie in dem eigenen Schloſſe.“ „Nun,“ rief der Baron,„ſiehſt Du nicht ein, daß dann der Verdacht auch wieder wächſt? Gewann er ſeinen alten mächtigen Einfluß aufs Neue, wie leicht konnte er ihn dann mißbrauchen, und gewiß liegt in dem vorliegenden Falle der bezeichnete Fehler— und ſei es ſein Einziger— klar und deutlich aufgedeckt. Seine Eitelkeit treibt ihn, ſeine Enkelin zur Gräfin Lacy zu erheben. Oder ſein bürgerlicher Stolz, um Thomas Thhrnau. 1. . zu beweiſen, daß ſein perſönliches Verdienſt an jeden Vor⸗ zug reiche, den Rang und vornehme Herkunft zu geben ver⸗ mögen.“ Wieder ſchritt Lacy nachdenkend umher; endlich aber ſagte er, wie zu ſich ſelbſt:„Ich dachte das auch— oder vielmehr ich denke es noch— ja ich muß fortfahren, es zu denken, um gegen die unfinnige Forderung dieſes Teſtaments feſt zu bleiben. Aber ich will ſo wenig mit Dir heucheln, wie ich es mit mir ſelbſt gethan;— ich glaube es dennoch nicht!“ „Nun“— rief Pölten lachend—„beſter Freund! ſo gehe hin und heirathe! Heirathe die rothwangige Dorſſchönheit von ſechszehn Jahren— ſie iſt vielleicht ſo übel nicht! In Rückſicht des Adels, der ihr fehlt, wirſt Du doch nicht ſtrenger ſein als Dein alter Oheim.“ „Wer weiß,“ ſagte der Graf ſinnend,„was ich gethan hätte, wäre der wunderliche Alte früher ſo dringend geworden als jetzt! Aber nach der erſten Mittheilung hierüber, welche das Teſtament nöthig machte, verharrte er lange in einem ſtol⸗ zen Schweigen, welches mich mit der Hoffnung einwiegte: er ſelbſt gäbe eine Forderung auf, die ſo gegen alle Sitten und Gebräuche unſerer vornehmen Familien ſtreitet, daß ich dieſe Bedingung nie zu einer Sorge für mich werden ließ. Ich hatte nie an meiner perſönlichen Freiheit gezweifelt; ich habe demge⸗ mäß gehandelt— ſelbſtändig entſchieden, jetzt kann ich die Forderung von Thomas Thyrnau nicht mehr erfüllen— weder Neigung noch Ehre erlauben es mir!“ Mit Heftigkeit faſt hatte ſich der junge Graf von ſeinem Freunde abgewendet. Er ſtand am Fenſter und blickte über die Ufer der Donau hinüber und genoß den heitern Anblick der großartigen Stadt, die über dem kleinen Gärtchen ausgebreitet lag. Plötzlich wendete er ſich nach ſeinem Freunde zurück und ſagte:„Du haſt mich ſchon ſo oft gebeten, Dich der Fürſtin 19 Morani votzuſtellen, haſt Du heute Zeit und Neigung dazu, ſo bin ich bereit, Dich dort einzuführen.“ Pölten ſah ihm lächelnd in die Augen; dann verneigte er ſich tief und ſagte:„Es iſt eine Gunſt, um die ich ſo oft ver⸗ geblich gebeten habe, daß ich nicht mehr darauf zu rechnen wagte. Um ſo mehr weiß ich es zu ſchätzen, daß endlich Dein felſenfeſtes Herz bricht und Du Deinen beſten Freund Dein Glück willſt theilen laſſen, an welchem Du bisher, wie es ſchien, Niemandem Antheil gönnteſt.“ Ohne die ironiſche Rede beachten zu wollen, ſagte der Graf leichthin, daß die Fürſtin ſehr eingezogen lebe, bis auf einige gelehrte Freunde Niemand ſehe, und es ihm daher nicht zugeſtanden, ſeine Bekannte dort einzuführen.„Jetzt aber,“ rief er mit einem warmen Blick auf ſeinen Freund—„jetzt wünſche ich ſelbſt, daß Du ſie kennen lernſt.“ Schnell unterbrach er den Verſuch des Barons, ihm zu antworten, indem er fortfuhr, als verſtünde eine Erklärung ſich von ſelbſt:„Meine Bekanntſchaft mit der Fürſtin entſtand noch bei Lebzeiten ihres Vaters. Ich hatte eine Empfehlung an ihn von meinem Oheim; doch damals verließ er ſchon das Zimmer nicht mehr, aus welchem er ein Jahr ſpäter als Leiche getragen ward. Hier lernte ich die edle Tochter kennen, deren Ingend in dem Krankenzimmer des Vaters verblüht war. Aber an der Seite des hochgebildeten Mannes, der in den ſchwierigſten Weltverhältniſſen, an fremden Höfen, in ehrenvollen und wich⸗ tigen Sendungen alt geworden war, hatte ſie dagegen einen Schatz von Bildung und Kenntniſſen eingetauſcht, in dieſer Einſamkeit eine Güte und Reinheit der Geſinnung erhalten, und eine Weisheit der Weltanſchauung erlangt, wie ſie wenigen Frauen zu Theil werden kann. Ich habe ſie in ſehr verwickelten Verhältniſſen, unter den nagendſten Sorgen aller Art mit dem Muthe eines Mannes, mit der Zartheit einer Frau handeln ſehen, und,“ ſetzte er bewegt hinzu,„ich verdanke ihr ſehr viel!— Als mich der Fürſt bei ſich aufnahm, geſchah es aus Liebe zu ſeinem alten Freunde, deſſen Neffe ich war. Bald gewöhnte er ſich an mich, und als er nur noch des Mittags einen Kreis mit ihm alt gewordener Freunde ſehen konnte, waren mir und ſeiner Tochter die Abende überlaſſen und ich half ihr oft die langen Nächte hindurch den Leidenden durch Lektüre und Unterhaltung zu zerſtreuen.“ Der Baron ehrte die ernſte und achtungsvolle Haltung, mit der ſein Freund ſprach; endlich ſagte er:„Worin beſtanden die großen Schwierigkeiten der Tochter? Ihre eigne edle und ernſte Richtung mußte ihr dies Leben nicht ſo erſchweren, dächte ich.“„ „Der Fürſt war Einer aus der fröhlichen alten Schule, die nicht begreifen wollen, daß man nur das ausgeben ſoll, was man hat. Er fragte immer nur: Was kommt mir zu, als Fürſt Morani auszugeben? Das mußte da ſein, und er hoffte dabei auf eine Ausgleichung, die um ſo mehr ausbleiben mußte, als Krankheit und Alter ihn nachgerade von all' den öffentlichen Stellungen verdrängten, die in früheren Zeiten häufig den Aus⸗ fall gedeckt, den ſeine ungebundenen Neigungen veranlaßten. Zur Zeit, als ich Vater und Tochter kennen lernte, hatte Letz⸗ tere die Verwaltung des Ganzen übernommen. Sie zahlte heim⸗ lich Schulden ab, und erhielt ihm, in dem beſchränkten Kreiſe, den er noch überſehen konnte, allen Schein des alten Glanzes, ohne den er ſich nicht anders als entwürdigt zu denken vermochte. Sie raubte mit ruhigem Bewußtſein ihrer Zukunft jede Stütze, jede Ausſicht auf ein anſtändiges, ſorgenfreies Leben, und legte ſich ſchon in dieſer Zeit jede Entbehrung auf, die ſeinen argwöhniſchen Augen zu e war. So hat ſie ihren groß⸗ müthigen Zweck erreicht! Er ſtarb, umgeben von allen ange⸗ wöhnten koſtſpieligen Bedürfniſſen ſeines langen Lebens, und als fie ſein von ihm ſelbſt angeordnetes fürſtliches Begräbniß bezahlt hatte— war ſie in dem fürſtlichen Palaſt Morani— am Bettelſtabe!“ Lebhaft rückte der Baron bei dieſen Worten ſeinen Seſſel näher zu dem Freunde hin, und blickte ihn mit ſo geſpannter Erwartung an, daß ſein ſchönes jugendliches Geſicht in höherer Farbe glühte. Graf Lacy ſtand dagegen auf und indem er wie⸗ der das Zimmer zu durchwandern begann, ſagte er kurz:„Der edle Graf von Kaunitz erfuhr die Lage der Fürſtin; er fühlte die Verpflichtung der Kaiſerin, welche ihr ſogleich in huldvollen Ausdrücken eine Penſion ſicherte und auch fortfährt, die Lage der verwaiſ'ten Fürſtin zu erleichtern.“ Auch Baron Pölten erhob ſich jetzt. Beide Freunde nahmen eine kurze Verabredung für den Abend und trennten ſich, in dieſe bezugloſen Worte eine Wärme des Ausdrucks legend, die ſie, ohne daß ſie es beachteten, hinriß, ſich zu umarmen, was ſie ſonſt nie thaten. Der Juli⸗Abend war weit vorgerückt, als der Graf Lacy endlich ſeinen Spaziergang beendigte und ſich der Häuſerreihe zuwendete, die an der Wallſeite nach dem Neuthore zu aufhörte eine zuſammenhängende Straße zu bilden, da ſich hier mehrere der bedeutendſten Paläſte der in Wien anſäßigen Familien be⸗ fanden, die von ihren weitläuftigen Gärten, und von den kleinen Gebäuden umgeben waren, wie man ſie für die zuge⸗ hörenden Dienſtleute zu benutzen pflegte. Der Graf nahte ſich dem Palaſt Morani, welcher ſich durch ſeine düſtere, ſchwerfällige Architektur und durch den alten Baumwuchs auszeichnete, der ſich, ohne von der Hand des Gärtners mehr geſtört zu werden, über die eiſernen Gitterthore des Vorplatzes erhob und das höhere Alter dieſer Beſitzung be⸗ zeugen half. Er zog die Glocke, und da kein Portier mehr das leere Eingangs⸗Häuschen bewohnte, er auch genau wußte, daß der einzige hochbetagte Diener dieſes Hauſes nur langſam den Weg über den gepflaſterten Vorplatz zurücklegen könne, lehnte er ſich gegen das Gitter des Hofes und blickte unter dem Schutz einer alten Linde ſinnend in die vor ihm ausgebreitete Landſchaft. Der warme Sommertag wich jetzt der duftigen Kühle des Abends, aber die ganze Natur ſtand noch lautlos ſtill, erſchöpft von den glühenden Strahlen der Sonne, die der wolkenloſe Himmel während des langen Tages ohne Unterbrechung aus⸗ gegoſſen. Die Zweige der alten Lindenbäume, die das Innere des Hofes im Halbkreis umzogen, hingen ſchwer von duftenden Blüten nach allen Seiten hernieder; die Bienen nahmen ſchei⸗ dend mit wohlbehaglichem Summen die letzten Tröpfchen zu ihrer reichen Ausbeute, und man ſah ſie dann gegen den klaren Abendhimmel, den die finkende Sonne am Rande glühend um⸗ ſäumte, die Reiſe heimwärts antreten. Jenſeit des Fahrweges in dem Gärtchen vor dem Hauſe des Jägers ſtanden die Roſen in voller Blüthe; über das niedere Dach hinweg ſah man in ein Kleefeld, deſſen volle violette Blumen den erquickenden Ge⸗ ruch von Waſſer und Kühlung ausathmeten. Dahinter zeigte ſich der ſchmale Streif eines Kornfeldes, deſſen reife Aehren in den letzten Sonnenſtrahlen wie Gold glänzten. Ueberall war der Ausdruck eines überſchwenglich reichen Naturlebens. Alles ſchien fertig, ſchien den höchſten Punkt ſeiner Entwickelung erreicht zu haben, und indem man faſt berauſcht von dieſer ver⸗ ſchwenderiſchen Fülle und Schönheit war, fühlte man zugleich mit einer Art Wehmuth, es ſei der Höhepunkt des Sommers mit allen ſeinen Reizen erreicht, und umgeben von ſeiner Vol⸗ lendung habe man nichts mehr zu erwarten, als Abſchied neh⸗ mend dem langſamen Verſchwinden ſeiner Schätze zuzuſehen. 23 Der junge Graf genoß mit vollen Zügen den Eindruck dieſes ſchönen Momentes und indem er die Erhebung fühlte, die einer tieferen Auffaſſung der Natur ſelten fehlen wird, verſchwanden die Schatten, die ſich um ſeine Stirn gelagert hatten, und er bekam das alte belebende Gefühl ſeiner glücklichen und bedeu⸗ tenden Stellung zur Welt. Kräftig richteten ſich alle groß⸗ artigen Pläne und Wünſche in ihm auf und gaben ihm eine freudige Erhebung. Er wendete ſich nach dem Gitter zurück, und da der alte Diener den erſten Schellenzug überhört zu haben ſchien, wiederholte er ihn jetzt noch einmal, und ließ das Auge auf der Eingangsthür des dahinter ſich erhebenden Schloſſes ruhen. Dieſes war ein langes Beſitzthum der, eigentlich vene⸗ tianiſchen Urſprungs ſich rühmenden Familie Morani. Es war zu Anfang des ſiebenzehnten Jahrhunderts von Octavio Bur⸗ naccini und im Karakter der damaligen Mode erbaut. Die Hauptfront, die nach dem Hofe, und die gegenüber liegende, die unmittelbar an den Garten ſtieß, waren von röthlichem ſalzburgiſchen Marmor, und die ſchwerfälligen Verzierungen von grauem und weißem Marmor. Die Zeit hatte nicht geſäumt, die grellen Kontraſte dieſes Materials in eine übereinſtimmendere Farbe unzuwandeln und trug wohlthätig dazu bei, dieſe gleich⸗ mäßig verbreitete Vermiſchung, wie die überladene Ausſtattung ieder einzelnen architektoniſchen Vnie, zu einer größeren Maſſe zu verſchmelzen. Wellenartig bogen ſich an der Hauptfront des Bauwerks, in der Mitte und an den Seiten einzelne Theile vor, bildeten in Innern halbrunde Zimmer und gaben die eirunde Form des Flurs, in welchem die künſtlich geſchwungenen Trep⸗ pen emporſtiegen. Die Eingangsthür war von einigen ver⸗ fänglichen Säulen geſtützt, deren gemiſchte Ordnung keine große Strenge verrieth; ſie waren aber auch mit einer ſolchen Ueber⸗ ladung heraldiſcher Zeichen und dieſe durch ſo ſchwerfällige Blumenketten und Engelgeſtalten verherrlicht, daß von ihrem Daſein wenig zum Bewußtſein der Beſchauer kam. In dem⸗ ſelben Geſchmacke waren alle Fenſter des erſten und zweiten Stockwerks verziert, während unter einem flochen Dache nur hier und da ein kleines oeuil de boeuf angebracht war, und über der ſchwerfälligen Einfaſſung der Platform zahlloſe Mar⸗ morfiguren in regelloſen Gruppen die reizloſen Geſtalten er⸗ hoben. Von allen Seiten ſah aber der dahinter liegende Garten hervor und ſchloß ſich, obwol durch das Gitter geſondert, doch mit ſeinen Laubkronen an die Lindenallee, die den Hof umzog. Das Palais, das, wenn auch nicht zu den größten gehörend, da es ohne Flügel und nur von zwei Stockwerken war, doch von der Prachtliebe und den früheren Anſprüchen ſeiner Beſitzer zeugte, machte jedes Mal einen ganz beſondern Eindruck auf den Grafen Lach; denn es war ihm ein Zeichen, wie die Zeit ſchonungslos die Umgeſtaltungen bewirkt, gegen die der ſcolze Sinn des Menſchen ſich zur Zeit des vollen Beſitzes bis an die fernſte Zukunft geſichert hält. Die hochmüthige Geringachtung, mit der die Mittel verſchwendet werden, die ein großes Eigen⸗ thum darbietet, und die ein mäßiger Gebrauch und eine klare Ueberſicht den ſtolzen Anſprüchen erhalten hätten, arbeitet der Zeit in die Hände, die jede Verſäumniß rächt, und ihre ver⸗ derblichen Erfolge überraſchen den ſicher gewordenen Hochmuth erſt, wenn er ſchon im Begriff ſteht, unter ihnen vergraben zu werden. So hatte der Fürſt gelebt und hatte längſt aufgehört, den wahren Anſpruch an einen rechtlichen und ehrenhaften Na⸗ men zu beſitzen, und dennoch durch den angemaßten Schein davon, das Gefühl behalten, als ſei ein ſolcher ganz unzer⸗ trennlich von ſeiner Perſon, da er die zahlloſen Bedrückungen und Wortbrüchigkeiten, womit er die Mittel erkaufte, um ſein geträumtes Anrecht an Glanz und Ueberfluß zu erhalten, nicht zu den Ueberſchreitungen der Grundſätze rechnete, die er als Edelmann zu ſeinem privilegirten Beſitze zählte. Der Graf hatte die einflußreichſten Erfahrungen in dem jetzt verödet vor ihm da liegenden Palaſte gemacht, und ſein Oheim, dieſer wahrhafte Ehrenmann, der keine Beziehung des Lebens kannte, die ihn von der Strenge und Rechtlichkeit, die ſein ganzes Weſen durchdrang, abzulöſen vermochte, ahnte nicht, wie der Fürſt Morani, den er von gleichen Geſinnungen erfüllt hielt, ſeinem Neffen die Lehre geben würde, daß hinter einem liebenswürdi⸗ gen, geiſtvollen Aeußern ein hartes Herz und die größte Ge⸗ wiſſenloſigkeit liegen könne. Als die verkauften und verpfändeten Beſitzungen des einſt ſo reichen Hauſes Morani keine Hülfsmittel mehr darbieten wollten für die Summen, die immer wieder auf⸗ genommen werden mußten, um den angewöhnten Glanz zu behaupten, wurden mit lachendem Munde die unwürdigſten Täuſchungen wie Scherze erdacht, die Darleiher damit ihres Eigenthums beraubt und zahlloſe Perſonen in unverſchuldetes Unglück geſtürzt. Seine edle Tochter, die mehrere Heiraths⸗ anträge ablehnen mußte, um die Lage ihres Vaters nicht fremder Einſicht bloß zu ſtellen, ſah er an ſeiner Seite ohne alle Vor⸗ würfe verblühen, nichts bedenkend, als daß ſie ihm für den Augenblick die angenehmſte und bequemſte Gefährtin war, und als er endlich durch Krankheit gefeſſelt ſeine Angelegenheiten in ihre Hände niederlegen mußte, forderte er von ihr die Erhal⸗ tung deſſelben frevelhaften Aufwandes, obwol er wußte, er be⸗ raube ſie damit jeder Stütze für die Zukunft, und werde ſie bei ſeinem Ende, was er vorausſah, am Bettelſtabe zurück laſſen. Aber neben dieſen Schattenſeiten beſaß er hinreißend liebens⸗ würdige Eigenſchaften und war durch ſeine Freigebigkeit und Gefälligkeit, durch ſeine Sanftmuth und anſcheinende Güte ein Gegenſtand der Liebe und Verehrung. Während der Graf mit der fliegenden Schnelligkeit des Gedankens dies Bild des Verſtorbenen, welches ſich ihm in einem jahrelangen, faſt täglichen Umgange offenbart hatte, durchlief— richtete er die Blicke zu den hohen Fenſtern hinauf, die einſt von tauſend Wachskerzen leuchteten und jetzt nur noch den glühenden Strahlen der Sonne einen kurzen Lichtglanz verdankten. Er wußte, hinter ihrem trügeriſchen Scheine ver⸗ bargen ſich leere Wände; Bibliothek, Gemälde⸗ und Statuen⸗ Sammlungen, prachtvolles Hausgeräth, Kunſtgegenſtände und Antiquitäten, wie die Bedürfniſſe üppiger Tafelausſtattungen — Alles war allmälig ſchon bei Lebzeiten des Fürſten verſchwun⸗ den. Krankheit hinderte ihn, dieſe Räume zu betreten, und nur die wenigen Zimmer im Erdgeſchoß blieben ihm in ihrem alten Glanze erhalten, von denen aus er ſich noch zuweilen durch die Gärten tragen ließ, oder bei geöffneten Fenſterthüren den Duft ſeiner Orangerie genoß. Nach ſeinem Tode waren auch dieſe letzten glänzend eingerichteten Gemächer leer gewor⸗ den, und die klöſterliche Einfachheit, die ſchon ſeit lange die Zimmer der Fürſtin ausgezeichnet hatte, war nunmehr die ein⸗ zige Ausſtattung der ſtolzen Wohnung. Bei dieſer Betrachtung öffnete der alte Diener mühſam das ſchwere Gitterthor und empfing mit tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugungen den willkommenen Gaſt des leer gewordenen Hauſes, den einzigen Schutz der beiden trauernden Diener, ihren heimlichen Wohlthäter, den Gegenſtand ihrer Wünſche und Hoffnungen. „Mein lieber Alter,“ ſagte der Graf—„bleibe einen Augenblick an der Pforte; es folgt mir bald ein Freund, den die Fürſtin erlaubt hat ihr vorzuſtellen. Ich finde allein den Weg.“ „Zu Befehl, Euer Gnaden,“ entgegnete der alte Diener —„Ihre Durchlaucht wandeln im Garten.“ Der Graf ſchritt grüßend vorüber und trat im ſelben Augen blick in den Flur des Palaſtes, als die Kammerfrau der Fürſtin langſam und mit einem trüben, kummervollen Ausdruck ihres 27 kränklichen Geſichts darüber hin ſchlich. Sie blieb ſ ogleich ſtehen, als ſie den Grafen erkannte, gewiß erwartend, er werde ſie an⸗ reden, ſie etwas zu fragen, oder ihr ein tröſtliches Wort zu ſagen haben. „Du wirſt mir doch erzählen, wie es hier ſteht, meine gute Gertraud,“ rief der Graf vertraulich— wirſt doch an einem alten Freunde nicht ohne Gruß vorüber wollen?“ „Ach! nein,“ ſagte Gertraud langſam— das liebe Ge⸗ ſicht Euer Gnaden iſt der beſte Troſt für mich arme Frau.“ „Möchteſt Du wahr reden! Aber was nutzen mir und Dir Deine guten Worte, wenn Du Dich immer hinter dem Berge hältſt, mir nicht durch offenes Vertrauen zeigſt, daß Dir mein liebes Geſicht das Geſicht eines Freundes iſt?“ Er bog ſich da⸗ bei zu ihr nieder, in der Hoffnung, ihr ein Lächeln abzuringen; aber er ſah, daß ſie den Kopf tiefer ſenkte und Thränen, welche die ernſte Frau ſelten weinte, über ihre Wangen floſſen. „Was giebt es?“ rief der Graf jetzt ernſtlich beunruhigt. „Sind neue Veranlaſſungen zu Kummer und Sorge, und will man ſie mir wieder verheimlichen? Bin ich hier noch immer ein Fremdling?“ „Zürnen Sie nicht, Herr Graf!“ erwiederte Gertraud. „Ich weiß wohl, was Sie uns Allen hier ſind. Unſer Schutz⸗ geiſt! unſer rettender Engel!“ „Laß das!“ rief der Graf ungeduldig—„weder das Eine noch das Andere bin ich. Aber an meinem guten Willen darfſt Du eben ſo wenig, als ein Anderer zweifeln. Iſt der Fürſtin etwas geſchehen? Sprich! Ich will es wiſſen!“ „Sein Sie nur nicht ſo heftig, Herr Graf!“ rief Gertraud. „Täglich geſchieht ihr zu Leide— täglich— täglich. Sehen Sie es denn nicht, wie ſie dem Grabe immer mehr entgegen welkt? Und wie kann das anders ſein! Hat ſie nicht ſchon ſeit vier Wochen Hieronymus, den alten ehrlichen Koch, der ohne 28 Lohn, bloß um der Ehre willen ihr dienen wollte, verabſchiedet? „Hieronymus,“ hieß es—„Du biſt zu geſchickt für meinen Dienſt; Du kochſt zu gut; ich kann Deine Küche nicht vertra⸗ gen; ich darf nur einfache Koſt genießen!“ Aber ſo einfach er nun auch kochte, immer noch war es zu gut, zu ſchwer zu ver⸗ dauen. Endlich überraſchte ſie ihn eines Tages; heimlich hatte ſie ihm eine Stelle in der kaiſerlichen Küche ausgewirkt. Aber nun hätten Sie den alten Hieronymus ſehen ſollen; er weinte wie ein Kind, und obwol die Frau Fürſtin unerſchüttert that — ich weiß es beſſer!“ „Großer Gott!“ rief der Graf—„ſo muß ſie ja darben!“ „Faſt ſo gut wie das,“ entgegnete dieſe;„denn ich habe Zeit meines Lebens weiter nichts gethan wie bügeln und falteln und die Fürſtin kleiden. Aber was ſoll ich machen? Sie hätte wol ganz vergeſſen, kochen zu laſſen, obwol ſie alle Tage frägt, ob wir auch genug haben. Deshalb gehe ich ungeſchickte Frau nun an den Heerd, und da bringen wir denn täglich die kleine Mahlzeit ſo wieder von der Tafel, wie wir ſie auftrugen, ob⸗ gleich ſie nie unterläßt, davon auf ihren Teller zu thun, und wenn ſie aufſteht, ſagt ſie:„Wo haſt Du die Kochkunſt gelernt? Du machſt es ja wie Hieronymus!“ Wie einem ſo etwas das Herz durchſchneidet,“ rief ſie ſchluchzend—„die Fürſtin Morani — für welche ihre Kammerfrau kocht— das iſt noch nie vor⸗ gekommen! Aber ich weiß wohl, warum das Alles geſchieht! Sie kann mich mit ihrem gleichgültigen Geſicht nicht dumm machen! Der Herr Pater Prey der muß durch die ganze Stadt ziehn und auskundſchaften, wo die ſelige Durchlaucht noch ein Reſtchen hat; und wenn dann die weißen Blätter ankommen, da macht ſie ein ſo freundliches Geſicht, als geſchehe ihr was Gutes, und dann heißt es gleich:„Kaufe nichts für meinen Anzug, ohne mich zu fragen; es iſt ſo viel überflüſſiger Putz vorhanden!“ Daß Gott erbarm'! ich finde nichts mehr. Aber — 29 dann ſollen freilich die brillantnen Schuhſchnallen drücken und Georg Prey trägt ſie fort. Und die Zitternadeln und Buſen⸗ ſchleifen, die großen echten Perlen, alles von der ſel'gen Frau Mutter noch, und ihr ans Herz gewachſen, wo iſt es? Die Käſtchen freilich ſtehen da, aber wo iſt der Inhalt?“ Immer blaſſer und blaſſer wurde das edle Geſicht des jungen Grafen bei der Rede der Kammerfrau. Er ſah ſich den wachſenden Leiden dieſer Dulderin machtlos gegenüber und fühlte einen ſo ungeſtümen Schmerz, daß er ihn der Sprache beraubte. Heftig die Hände in einander gepreßt, ſtarrte er die traurige Erzählerin an, und dieſe, die nun endlich dem Strom der Rede zu fließen geſtattete und des Antheils bei ihrem jungen Liebchen ſicher war, fuhr— ihm näher tretend— fort:„Und damit wird es nicht genug ſein! Es werden noch andere Pläne gemacht. Ja! ja! Und doch wäre ihr gerade das Gegentheil Noth; auf das Land müßte ſie um dieſe Zeit, wie ſie es ſonſt mit der ſeligen Fürſtin that. Das bekam ihr; da hätten Euer Gnaden die Roſen ſehen ſollen auf ihrem vollen Geſicht. Seit⸗ dem das, Jahr aus Jahr ein, in der Stadt bleiben heißt, iſt ſie nicht wiederzu erkennen— und nun gar ein Kloſter in Wien!“ „Ein Kloſter!“ ſchrie der Graf, dem dieſer Schreck die Lippen brach.„Was ſoll das heißen? Die Fürſtin will in ein Kloſter gehen!“ „Schreien Euer Gnaden nicht ſo!“ fuhr Gertraud leben⸗ dig fort—„wenn es aber möglich iſt, geben Sie's nicht zu— reden Sie ab, oder thun Sie, ich weiß nicht was; genug geben Sie's nicht zu, denn in ein paar Jahren wäre ſie des Todes!“ Sie wurden durch den Einttitt des Baron Pölten unter⸗ brochen, der zugleich dem Grafen die Faſſung zurückgab, die er fühlte nöthig zu haben. Gertraud verſchwand durch eine Seiten⸗ thür, und obwol der Baron die tiefe Bewegung ſeines Freundes im erſten Angenblick erlauſcht hatte, war der Graf doch zu bald 30 Herr ſeiner Empfindungen geworden, um dem Baron Gelegen⸗ heit zu einer Frage zu geſtatten. Der alte Diener öffnete eine Flügelthür, welche ſich in der Mitte zwiſchen den ſchönen Trep⸗ pen befand und Beide traten in einen großen Gartenſaal, deſſen gegenüber liegende, geöffnete Thüren den Blick in den, nach franzöſiſchem Geſchmack eingerichteten Garten zuließen, den die Sonne ſo eben mit dem rothen, duftigen Glanz des heißen Sommerabends färbte. Doch folgte der Baron von Pölten ſeinem Freunde nicht ſo ſchnell, als ihn der forſchend nach dem Garten gerichtete Blick dazu aufforderte, denn eben, daß Nie⸗ mand gegenwärtig, ſchien ihm erwünſcht, um einen Blick auf dieſen Saal zu werfen, den Zeugen früherer glänzender Feſte, von denen er oft gehört, die aber vor ſeiner Geſellſchaftszeit in Wien ſtattfanden. Der Graf gab auch, ſein Verlangen beherr⸗ ſchend, augenblicklich nach und ward ihm ſelbſt zum Cicerone, als er die umherſchweifenden Augen des Barons bemerkte. „Das Deckenſtück,“ ſagte der Graf— wird für ein Meiſter⸗ werk von Daniel Gran gehalten. Es iſt eine von den oft wieder⸗ holten Darſtellungen des Bacchus und der Ariadne auf einem von Panthern gezogenen Wagen.„Der Fürſt,“ ſetzte er mit einer, niemals von Pölten wahrgenommenen Bitterkeit hinzu, „liebte die Attribute ſeines Lebens in den dazu paſſenden Allego⸗ rien zu verewigen. Du wirſt dieſen ganzen Saal in Ueberein⸗ ſtimmung finden mit dem bacchantiſchen Zuge dieſes ſchwelgen⸗ den königlichen Paares dort oben!“ Der Baron ſah, daß die Wände in Art des Deckengewöl⸗ bes fortgeführt waren. Zwiſchen koſtbaren Spiegeln, die in reichen goldenen Einfaſſungen in den Wänden eingelaſſen waren, fanden ſich Wandgemälde angebracht, die dem frivolen Sinne des überſiedelten franzöſiſchen Geſchmackes huldigend, auf ſehr rückſichtsloſe Weiſe die bekannten Liebesſcenen der alten Götter⸗ welt darſtellten. Wo dieſe Bilder die Wände nicht bedeckten, 31 zeigten ſie den reinſten karariſchen Marmor, von welchem das Auge herabgleitend auf dem Fußboden haften blieb, der eine kunſtreiche Moſaik von vielfarbigem Marmor darſtellte. Aber dieſe Wande, die mit ihrer üppigen Ausſtattung der Zeit noch eine Weile zu trotzen verhießen, waren auch der einzige Ueberreſt von Einrichtung in dieſem großen Raume. Sonſt befand ſich kein Meuble mehr darin, und nur innerhalb der Gartenthüren lag ein kleiner dürftiger Teppich, auf welchem einige alte ver⸗ ſchoſſene Seſſel und ein kleines Tiſchchen von Ebenholz mit einſt vergoldeten Füßen ſtanden. „Welch' königliche Räume!“ rief der Baron im Anſchauen „Ja,“ ſagte der Graf mit gepreßter Stimme, die von ſeiner großen Bewegung zeugte—„ein Kontraſt, der das Blut in den Adern erſtarren macht und unſern alten Scherz:„daß jeder Menſch irgend eine Seite habe, wo er dem Wahnſinn unter⸗ worfen ſei,“ hier zu einer traurigen Wahrheit umgeſtaltet. Du hätteſt den Fürſten kennen ſollen! So lange er lebte, war es nicht möglich, ihn zu haſſen. Ganz überſah ich auch damals ſeine Vergehungen nicht; jetzt aber, jetzt halte ich ihn entweder für einen Böſewicht oder für einen Wahnſinnigen— und jetzt,“ ſetzte er gereizt hinzu—„fühle ich eine lebhafte Neigung, den verſäumten Haß nachzuholen. Pölten lächelte verlegen. Er wußte nicht recht in die Stimmung des Freundes einzugehen; der Boden, auf dem er ſich mit ihm befand, war ihm fremd; es war ihm daher will⸗ kommen, daß ein Blick in den Garten ihn eine Dame gewahren ließ, die an der Seite eines Herrn langſam um den Spring⸗ brunnen herumwandelte, der in der Mitte des baumreichen Gar⸗ tens auf einem freien Blumen Parterre ſeine kühlenden Strahlen in die Luft hinausſandte.„Iſt das die Fürſtin Morani?“ rief er und zog den Freund gegen die Thür. 32 „Sie iſt es,“ ſagte der Graf mit völlig verändertem Ge⸗ ſicht und eilte zur Thüre hinaus, von ſeinem Freunde in nicht mäßigem Erſtaunen gefolgt. Die Fürſtin ſah bei einer Wendung des Weges ihre beiden Gäſte und richtete ihre Schritte ihnen entgegen. Der Baron von Pölten bekam dadurch Gelegenheit, ſich mit dem Aeußeren der Dame bekannt zu machen, ehe er ihr vorgeſtellt wurde; denn obwohl ſie einander entgegen gingen, war der Weg doch lang genug, um zu jeder Beobachtung Zeit zu laſſen. Die Fürſtin war etwas über mittlere Größe und erſchien vielleicht noch größer durch die Geradheit ihrer Haltung, die ihren Kopf beſonders hoch gehoben zeigte. Sie hatte einen kleinen ſchmalen Fuß, der ſich beim Gehen mit großer Gleich⸗ mäßigkeit hob und ſenkte, doch behielt ihre Figur dabei etwas unbewegliches. Schon in dieſer Entfernung konnte er bemerken, daß alle Anſprüche der Jugend hinter ihr lagen; ſpäter ent⸗ ſchied er ſich für ſechs bis acht und dreißig Jahr. Sie trug ein ſchwarzes Moorkleid und obwohl ſie in ihrer Einſamkeit den kleinen Reifrock abgelegt hatte, ohne welchen man in Geſellſchaft nicht erſcheinen konnte, behielt ihr Kleid dennoch die bauſchige Rundung, die der Mode etwas nachkam. Ihr Geſicht hatte ſtarke, marquirte Züge; ihre Stirn war zu hoch und ohne Rundung ſtark an den Seiten, wodurch ſie mehr breit erſchien; ihre Naſe war groß, gebogen, und trat ſehr aus dem Geſicht hervor. Wie alle Leute von ſtarker Naſe hatte ſie einen kleinen Mund; aber ihre dünnen Lippen gaben dieſem Vorzug keinen Reiz. Das ganze Geſicht war lang und ſchmal, obwohl die Umriſſe und das feine Kinn das hübſcheſte waren. Sie trug nur den kleinen Kammſtrich mit Puder und einige Locken um den Nacken; darkber war ein kleines ſchwarzes Flortuch genom⸗ men und unter dem Kinne leicht in einander geſchlungen. Ein weißes dreieckiges Spitzentuch war um ihren Hals ſauber feſt⸗ 33 geſteckt und aus den weißen Manſchetten ihrer Aermelkamen runde. wohlgeformte Arme, deren Weiße, gewiß ſehr abſichtslos, durch einen kurzen ſchwarz ſeidenen Handſchuh gehoben wurde, aus denen eine große, aber gleichfalls ſchön geformte Hand hervor⸗ ſah. Sie trug den unentbehrlichen Fächer, und wenn gleich ihr aller Schmuck fehlte, ohne welchen man damals ſelten eine Dame angezogen ſah, und weder Jugend noch Schönheit dieſen Mangel erſetzte, fühlte der Baron doch, daß die ganze Erſchei⸗ nung etwas imponirendes, durchaus edles und anziehendes habe. Als er ihr näher kam, ward dies Gefühl durch Theil⸗ nahme bei dem Anblick ihres kränklichen Ausſehens unterſtützt. Ihre Haut hatte die gelbliche Bleiche und todte Färbung einer Wachsmaske und ihre tief liegenden ſanften Augen einen Ausdruck des Leidens, der durch die geſenkten ſtarken Augen⸗ brauen noch vermehrt wurde, die faſt über der Stirn zuſam⸗ men liefen. Der Graf war ihm vorangeeilt; er ſah, wie ſie ihn mit einem feinen Lächeln und plötzlichen Erröthen empfing, und nachdem ſie ſeine Worte angehört, dem neuen Gaſt ſogleich entgegen ging, mit einer verbindlichen Beſchleunigung ihrer Schritte. „Es iſt mir ſchwer geworden, Herr Baron,“ hob ſie an, ſo wie ſie ſich ſo weit genaht, daß er ſie verſtehen konnte— „dem Grafen Lach die lange Vernachläßigung meines Wunſches nach Ihrer Bekanntſchaft zu verzeihen. Sie, fürchte ich, wer⸗ den ihren Freund vertheidigen wollen und geſtehen müßen, daß Sie ſich ſelbſt geweigert haben, dies einſame Haus zu betreten.“ Welche Strafe müßte dann der gegenwärtige Augenblick ſein, der mich das volle Gewicht einer ſolchen Vernachläßigung würde fühlen laſſen,“ rief der Baron mit einer lebhaften Ver⸗ ehrung in Ton und Blick.„Ich wage jetzt nicht einmal meinen Freund anzuklagen, wenn er mich ſo lange dieſes Glückes Thomas Thhrnau. I. 3 unwerth erkannte, indem ich mir ſelbſt in dieſem Augenblicke das Recht dazu abſprechen möchte.“ „Sie ſind zu höflich, um wahr ſein zu können,“ erwiederte die Fürſtin lächelnd.„Wir wollen lieber bekennen, daß unſer vermittelnder Freund uns genug von einander geſagt hat, um unſere neue Bekanntſchaft mit der Hoffnung auf ein freundliches Beiſammenſein beginnen zu können. Sein Sie mir daher will⸗ kommen, und erlauben Sie mir, Ihnen den ehrwürdigen Prieſter vom Orden Jeſu, Herrn Georg Prey von Luſeneck, vorzuſtellen.“ Die Herren begrüßten ſich und die Fürſtin fuhr ſogleich fort: Wir werden es dem ehrwürdigen Herrn zu danken haben, wenn die glorreiche Geſchichte eines Theiles unſers Vaterlandes— ich meine unſer ſchönes Ungarn— einſt in ihrer vollen Wahr⸗ heit auch unſeren Nachkommen gegenwärtig wird. Herr Preh beſchäftigt ſich, die großen Quellen, die unſere Archive und Bibliotheken enthalten, zu einem Geſammtwerke zu vereinigen, welches uns eine vollſtändige Ueberſicht gewähren wird. Ein lang gefühltes, dringendes Bedürfniß dieſes Landes!“ Der Baron Pölten begann eine Unterhaltung mit dem ſo ehrenvoll Bezeichneten, deſſen ſanftes, ſchüchternes Weſen wie ſein verkümmertes Aeußere ganz den großen Preis verrieth, um den er in ununterbrochener Anſtrengung das verdienſtlichſte Geſchichtswerk der damaligen Zeit entſtehen ließ. Da der Baron einen Aufenthalt in Ungarn gemacht und eine beſondere Vor⸗ liebe für dies ſchöne Land nährte, welches das Vaterland ſeiner Mutter war, ward er bald mit dem würdigen Gelehrten in ein anziehendes Geſpräch verflochten. Man erſtieg indeß die weni⸗ gen Stufen, die zu der mäßig über den Garten erhobenen Platform führten, auf welcher das Schloß ſtand. Es machte ſich von ſelbſt, daß der Graf und die Fürſtin vorangehend, dadurch ein wenig von den beiden Folgenden getrennt wurden, und indem ſie bei der eintretenden Kühlung dort auf und nieder wandelten, der Graf Gelegenheit fand, die Fürſtin mit größerer Freiheit anzureden.. „Theure Claudia,“ ſagte er,—„der heutige Abend, der in ſeiner faſt verſchwenderiſchen Schönheit alle Schätze des Sommers vor uns ausbreitet, er erinnert mich daran, daß wir die Mitte deſſelben erlebt haben, und daß Sie noch nichts über die wichtigen Pläne entſchieden haben, die ich Ihnen vor einigen Wochen vorlegte, die im Verlauf Ihres Befindens immer drin⸗ gender geworden ſind und die ich mit Schmerz, faſt möchte ich ſagen mit Vorwurf gegen Sie, ſo gleichgültig und unbeachtet von Ihnen ſehen muß. Die Fürſtin ſchwieg einen Augenblick und der Wechſel ihrer Farbe, den des Grafen ſpähendes Auge erlauſchte, verrieth ihm ihre tiefe Bewegung. „Lieber edler Freund!“ ſagte ſie nach einer Pauſe ſehr leiſe,„ich glaube, die Zeit zu dieſen Plänen iſt vorüber— auch dachte ich, Sie hätten dies ſelbſt eingeſehen— und wenn ich ſie nicht weiter erwähnte, durfte ich deshalb fürchten, auch Sie würden mich mißverſtehen?“ „Claudia,“ ſagte der Graf,„Sie haben mich ſeit längerer Zeit nicht mehr allein empfangen. Ich werde entweder nicht angenommen, oder ich finde den Pater Franz oder Georg Prey bei Ihnen. Mit vollem Herzen komme ich und gehe mit be⸗ kümmertem von Ihnen. Habe ich alle Rechte über Sie verloren? Haben Sie mir Ihr Vertrauen entzogen und wollen Sie mir nicht einmal ſagen, wonit ich ein ſo ſchmerzliches Loos ver⸗ dient habe?“ „Ich habe Ihnen mein Vertrauen nicht entzogen,“ ent⸗ gegnete die Fürſtin ruhig.„Es iſt feſt begründet in all den traurigen und dennoch theuren Erfahrungen, die ich mit Ihnen zugleich machte. Sie ſollten meine Weiſe, die Sie ſo wohl 3* 36 kennen, die zurückhaltend iſt, die es nicht zur Freundſchaft zählt, alle kleinen Vorfälle des Lebens zu beſprechen, beſſer verſtehn— denn Sie können es. Wenn ich Sie in der Gegenwart unſerer edlen und gelehrten Freunde ſehe, fühle ich nicht minder das Vergnügen Ihrer Nähe. Der Graf ſeußte und ſchwieg. Er empfand ihr Bemühen, ihn von ſich abzuhalten, und ein Gefühl von Ungeduld, eine Heftigkeit ergriff ihn, wie er ſie ſelten kannte. Ehe er jedoch Zeit fand, ihr zu antworten, wendete ſie ſich zu den beiden nach⸗ folgenden Herrn und richtete ihre Worte an den Baron von Pölten, ihm die ſchöne Ausſicht zeigend, die man von der Ter⸗ raſſe aus genoß.„Es iſt ein Vorzug, den dies Palais dadurch genießt, daß es außerhalb der eigentlichen Stadt, in den Linien liegt, und zwar in dem Theile, der eine ſo ſchöne Anſicht der Do⸗ nau gewährt. Als dies Palais erbaut ward, waren die Vor⸗ ſtädte noch nicht befeſtigt; um dieſe Beſitzung lagen Felder, Wieſen und ein kleines Dorf, welches zum Schloſſe gehörte. Doch waren Ihre Freunde, die Ungarn, bei ihrer früher oft übellaunigen Stimmung in nicht ganz angemeſſene Weiſe bis unter die Thore der Stadt gedrungen, und die armen wehrloſen Vorſtädte hatten, wie zur Zeit des Türkenkrieges, ein gleich trauriges Schickſal zu erfahren. Der Kaiſer Leopold ließ daher im Jahre 1704 dieſe Vorſtädte befeſtigen, und obwohl wir viel von unſerm Grund und Boden verloren, und namentlich unſer Dörſchen verſchwunden iſt, hat die Anſicht von dieſer Terraſſe doch einige hübſche Punkte auf die entſtandenen Baſtionen, wie überhaupt dieſer Theil zwiſchen der neuen Baſtion und dem Thore gleichen Namens der ſchönſte zu nennen iſt— und einige Wieſen und Felder haben wir ja noch immer behalten!“ „Meine Vaterſtadt iſt mir leider noch fremder, als jeder andere Ort meines bisherigen Aufenthaltes,“ erwiederte der Baron,„und ich bin deshalb beſonders dankbar für jede Aus⸗ kunft; denn um nicht ganz beſchämt vor den bekannteſten Ge⸗ genſtänden zu ſtehen, muß ich in Wahrheit anfangen, die Chro⸗ nik dieſer Stadt zu ſtudiren.“ Ich wußte das,“ ſagte die Fürſtin.„Aber wollen Sie mir erzählen, wie es kam, daß man votzog, Ihre Erziehung ganz in Paris zu vollenden?“ „Weil mein Vater in Paris noch die Reſte der Glanz⸗ periode Ludwig des Vierzehnten erlebt hatte, und dagegen bei der Rückkehr ſein Vaterland für ſo wild und barbariſch erklärte, daß er es wohl zum Abrichten von Bären und zur Hetze wilder Thiere, aber nicht zur Erziehung eines Menſchen geeignet hielt. Mein Vater vermählte ſich daher nach dem Beſchluſſe der Fa⸗ milie; aber einige Jahre nach meiner Geburt kehrte er mit ſeiner Gemahlin und mir nach Paris zurück, und ich bin bis auf einige Beſuche, die wir dem Vaterlande abſtatteten, mit Gewalt zum Franzoſen gemacht worden.“ „Sollte das unſern Feinden wirklich gelungen ſein?“ lächelte die Fürſtin„ſo hätten wir Sie bei den Friedens⸗ Traktaten billig mit einſchließen ſollen, als zur Rückgabe unrecht⸗ mäßigen Eigenthums gehörend!“ „Es würde dabei gegangen ſein, wie bei der ganzen Aachner Friedensunterhandlung,“ miſchte der Graf ein, beſtrebt, ſeine Stimmung zu bewältigen.—„Es würden Grenzſtreitig⸗ keiten eingetreten ſein und ſchwer zu entſcheiden, wem man das Recht zuzugeſtehen habe, da der augenblickliche Inhaber kaum ſelbſt darüber Aufſchluß zu geben vermocht hätte.“ „Meinen Sie, lieber Graf?“ ſagte die Fürſtin, mit einer ſichtlichen Erheiterung ſeine Einmiſchung empfindend—„nun, ſo müſſen wir eben ſo wie unſere große Kaiſerin für ihre Grenzen, uns bemühen alles zu ſammeln und geltend zu machen, was uns unſer Recht an den Beſitz Ihres Freundes ſichert; und ich bin jetzt ſo ſtolz auf mein Vaterland, daß 38 ich hoffe, die Mittel die uns zu Gebote ſtehen, ſind nicht gering.“ „Das ſind ſie in Wahrheit nicht!“ rief der Graf lebhaft— „und ſie wachſen täglich in dem großen Geiſt unſerer erhabenen Kaiſerin, in dem Beiſtande des ausgezeichnetſten Staatsmannes, des edelſten Menſchen, des herrlichen Kaunitz! Deſſen Geiſt Colberts und Richelieus Eigenſchaften vereinigt, der das Aus⸗ land und all' unſere Feinde beherrſchen und im Innern die Quellen ſegensreicher Induſtrie, weiſer Aufklärung und wiſſen⸗ ſchaftlicher Blüte entwickeln wird! Er iſt der Träger der großen Gedanken, die in der ſchönen Stirn unſerer Pallas Thereſia entſpringen. Er weiß, wenn er ſie empfängt, auf welchem Bo⸗ den ſie wurzeln können, und verpflanzt ſie nach ſeiner weiſen Kenntniß der Kultur— und bald wird man die Früchte ſehen, wenn uns der Frieden bleibt.“ Ja Frieden!“ ſagte Georg Prey—„Frieden, wird durch ſo jähe Sprünge in der Aufklärungsmethode, wie der Herr Fürſt von Kaunitz belieben, nicht ſonderlich geſichert. Ich denke, die weltliche Einmiſchung in die Erziehung, in die Wiſſenſchaften wird ſich beſtrafen; ſie wäre uneingeſchränkt der geiſtlichen Sorgfalt anheim zu ſtellen geweſen, welche die Aufklärung nie auf Unkoſten der allgemeinen kirchlichen Wirkſamkeit verbreitet, und den Zügel des Gehorſams über die Gemüther der Menſchen dabei zu halten weiß.“ „Wir können nur erſtarken, und mächtig uns dem andrän⸗ genden Geiſte der Zeit entgegen ſtellen,“ rief der Graf— „wenn wir überall friſche Elemente der Thätigkeit verbreiten. Kaunitz iſt auch darin unübertroffen groß, daß er nicht in dün⸗ kelvoller Ruhe leidliche Zuſtände für unverbeſſerliche hält; daß er, furchtlos wie ein Löwe, dennoch den Feind groß nennt, wenn er es iſt! Wie ſchön iſt zum Beiſpiel ſeine Bewun⸗ derung für Friedrich, den König von Preußen. Er weiß daß 39 er unſer größter Feind iſt, unſer gefährlichſter; aber dies hindert ihn nicht, dieſes außerordentliche Genie auf dem Throne anzuer⸗ kennen; ja! wenn er mit Einem die Herrſchaft Deutſchlands theilen möchte, wäre es mil ihm, denn er hat nicht nöthig, ſeinen Feind zu verkleinern; er freut ſich ſeiner Größe in dem Gefühl des Widerſtandes, deſſen er in ſeinen eignen Kräften ſich bewußt iſt!“ „Wir wollen ſehn, wohin dies eigenmächtige Streben nach Neuerungen führen wird,“ nahm Georg Prey wieder das Wort.—„Der beſte Rath kommt doch immer von der Quelle der erleuchtetſten Weisheit, in der ſeit Jahrhunderten die Kennt⸗ niſſe aller Reiche der Welt zuſammen ſtrömten. Rom und ſein erchabenes Oberhaupt trägt die Schickſale der Völker am Herzen, wie die Mutter das Kind.“ „Aber Rom kann nicht allen ſeinen Kindern gleich nahe ſein,“ ſagte der Graf—„und aus der Ferne mißkennt man leicht das Bedürfniß in einer oder anderer Hinſicht. Die fromme Kaiſerin und Kaunitz, die beide keine Größe verkennen, wollen ſicher nie dem Schutze ſich entziehn, den ſie in Rom als väter⸗ liche Autorität verehren. Aber ſie müſſen eben deshalb anneh⸗ men, daß Alles, was ſie zum Wohl des eignen Landes ver⸗ fügen und vollbringen, des Beifalls von dorther geſichert ſein muß, da Rom ja nichts zu wollen vorgiebt, als eben das Wohl ſeiner Kinder in Chriſto.“ „Aber ſteht darüber dem Laien ſo ſichere Entſcheidung zu,“ rief Georg Prey—„daß Ihre Majeſtät ſogar die kteinen väter⸗ lichen Ermahnungen Roms, die durch unſere geheiligten Bi⸗ ſchöfe zur Stärkung der Geiſtlichen in ihrem Berufe, verbreitet werden, und die als Ausflüſſe väterlicher Ermahnungen und Rügen nicht vor das Auge einer weltlichen Macht gehören, zu verbieten wagt; oder ſie erſt ihrer Anſicht unterwirft, als könnten nur von ihr, der weltlichen Behörde, die Beſtimmungen für unſer heiliges Reich im Staate ausgehn, wie dies deutlich ihr letzter Erlaß vom Jahre 1749 darthut, durch welchen die Bekanntmachung jeder päpſtlichen Bulle ohne kaiſerliches Pla⸗ citum ſtreng unterſagt wird. Es möchte jedoch, wie wir mit bekümmertem Herzen ſehn, ſchwerlich hiermit ſein Bewenden haben, da noch außerdem eine verderbliche Neigung nach ſelbſt⸗ ſtändiger Einmiſchung in das Reich des heiligen Roms ſich in dieſem Lande kund giebt.“ „Ich könnte nur das eben Ausgeſprochene wiederholen,“ ſagte der Graf,—„die phyſiſche Unmöglichkeit thut ſich dar, daß Rom das innere Bedürfniß unſeres Landes ſo kennen ſollte, wie die Regentin deſſelben und ihr eben ſo unterrichteter Mi⸗ niſter. Jede Verordnung des Papſtes iſt ja ihrer Aufnahme ſicher, wenn ſie nicht gegen dies Bedürfniß ſtreitet, was Rom doch allein mit ſeiner väterlichen Gewalt befördern will. Warum dies Zürnen, wenn man wirklich nichts weiter will als das Wohl des Landes?“ „Herr Graf, Sie ſind nicht umſonſt ſo lange in Frankreich geweſen!“ ſagte Georg Prey mit einem ironiſchen Lächeln. „Kann ſein!“ erwiederte er.„Gewiß wenigſtens hat Frankreich einige Zeit früher uns dieſelbe Anordnung vorge⸗ macht; denn Ludwig der Vierzehnte war es, der den Erzbiſchof von Paris nach Vincennes ſchickte, da er gegen das Gebot des Königs eine Bulle des Papſtes direkt empfing und verheimlichte. Glaubt man Deutſchland noch nicht die Mündigkeit zugeſtehen zu dürfen, deren Erklärung man ſich von Frankreich einige ſechs⸗ zig Jahre früher mußte gefallen laſſen?“ Die Fürſtin, die ungern die Unterhaltung zum Streit werden ſah, ging ihrem alten Diener einige Schritte entgegen, der, aus dem Schloſſe kommend, ihnen nahte, und eine Mel⸗ dung an ſie zu haben ſchien. Er verneigte ſich jedoch nur und ging vorüber, um ſich an den Grafen Lacy zu wenden. 41 —— „Es befindet ſich ein kaiſerlicher Lakai im Votzimmer, welcher Euer Gnaden zu morgen früh neun Uhr auf die Burg zu Ihrer Majeſtät der Kaiſerin befiehlt.“ Einen Augenblick ſah man, daß der Graf erſtaunte; dann gab er ſeine ehrfurchtsvolle Antwort und wollte die Unterredung fortſetzen, als der alte Diener hinzufügte: auch der Fürſt von Kaunitz habe geſchickt und bäte den Grafen, noch dieſen Abend nach der Hof⸗ und Staatskanzlei zu kommen. Dies ließ den Grafen einſehn, daß er den Abend nicht bleiben könne, und er fühlte ſich ſo aufgeregt, daß er kaum wußte, ob er es wünſchen „ſolle. Nach kurzem Nachdenken war er entſchloſſen, ſich zu ent⸗ fernen. Sein Auge ſuchte die Fürſtin; ſchon ruhte das ihrige mit einem Ausdruck von Sorge auf ihm, der ſeinem verwun⸗ deten Herzen wohl that. „Ich muß um die Gnade bitten, mich zu entlaſſen,“ ſagte er, ſich ehrfurchtsvoll ihr nahend.„Doch kann ich mich heute nicht entfernen, ohne um eine Stunde zu bitten, in der ich Euer Durchlaucht einige Nachrichten mittheilen darf, die mich um Rath bitten laſſen.“ Die Fürſtin ſchwieg verlegen; dann ſagte ſie ausweichend: Wie ſoll ich eine Stunde beſtinmen? Sie wiſſen ja, daß mein Haus Ihnen immer offen ſteht.“ Wieder fühlte der Graf, daß ſie ſich ihm entziehen wolle, und der ſchmetzliche, vorwurfsvolle Blick, den er auf ſie richtete, erſchütterte ſie ſo, daß ſie die Augen zur Erde ſenkte. Doch der Graf überwand auch dies Mal die Entmuthigung, und ſich ſchnell entſchließend, erwiederte er raſch:„So laſſen Sie mich Sie morgen nach der Audienz bei der Kaiſerin allein finden!“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, verbeugte er ſich, und da Herr von Pölten zu gleicher Zeit Abſchied nahm, gewann er Raum, auf Georg Prey zuzugehen, und indem er ſeine Hand herzlich ſchüttelte, rief er:„Nicht wahr, mein lieber Prey, wir ſtreiten wol und treten uns tapfer entgegen, aber Freunde bleiben wir doch!“ Der ſanfte und wohlwollende Georg Prey, der nur über die Vorrechte ſeines Standes allzu reizbar wachte, und trotz ſeiner Studien, die wol geeignet waren, ihm in dem Buche der Geſchichte die Wahrheiten aufzudecken, die ſeine Bande hätten locker machen können, war dennoch zu tief und zu ſehr von Jugend auf in das blinde Gehorſams⸗Syſtem der Jeſuiten ein⸗ gewöhnt, um ſich ihm entziehen zu können. Doch hatte er in mehr als einer Hinſicht eine beſondere Vorliebe für den jungen Grafen, und er ſah ihm ſo freundlich in die Augen, daß an, einer Verſöhnung nicht zu zweifeln war, obwol er jäh in allen Entgegnungen, nicht gleich das rechte Wort fand. Als aber der Graf die Hand los ließ, um ſich zu entfernen, ſtotterte er leiſe und eifrig:„Auch ich, Herr Graf, fände mich benöthigt, ein Wort des Vertrauens über die Fürſtin Claudia mit Ihnen zu ſprechen!“ „Wann ehe?“ entgegnete der Graf eben ſo leiſe, denn Pölten war jetzt, Abſchied nehmend, mit der Fürſtin herangetreten. „Ehe Sie morgen zur Fürſtin gehen, nach der Audienz — im Profeß⸗Hauſe— am Hofe zu Maria Königin der Engel.“ Er wendete ſich dann ſchneller, als ihm gewöhnlich war, und bat die Fürſtin um Erlaubniß, die Nacht auf der Platform des Daches einige aſtronomiſche Beobachtungen anſtellen zu dürfen.. Die Fürſtin neigte anmuthig bejahend das Haupt, und die Herren empfahlen ſich ihr zu gleicher Zeit. Als ſich die Thüren ſchloſſen und die Fürſtin ſich allein ſah, ſetzte ſie ihre Wanderung auf der ſchönen freien Terraſſe langſam fort, und wer ſie dahin gehen ſah, hätte das tiefſte und gefühlvollſte Herz verkennen und wähnen müſſen, ſie wäre ohne Theilnahme für die Schönheit der Natur, ohne Empfäng⸗ 43 lichkeit für die Reize dieſes Abends, der unter dem ſternenhellen Himmel alle Düfte der zahlloſen Blüten, alle erquickenden Lüfte, die der Strom über Wieſen und Felder drängte, verſchwende⸗ riſch verbreitete. Plötzlich blieb ſie ſtehen, von einer neuen Erſcheinung dieſer wunderbaren Nacht geblendet. Der Voll⸗ mond zeigte ſich über den waldigen Wipfeln des Gartens, und Claudia wartete mit angehaltenem Athem, bis die glänzende Scheibe vollſtändig an dem reinen Gewölbe des Himmels empor⸗ geſtiegen war. In dieſem Augenblicke klangen durch die ſtille Nacht die Töne einer ſanften fernen Muſik an ihr Ohr. Hörner und Flöten löſ'ten einen mehrſtimmigen Geſang bald ab, bald begleiteten ſie ihn. Horchend wendete ſich die Fürſtin gegen den Rand der Terraſſe. Auf dem waſſerreichen Befeſtigungsgraben, der am Fuße des ſich ſanft niederſenkenden Gartens hinfloß und nur durch eine wallartige Untermauerung von oben nicht ſichtbar, ihn begrenzte, glitt, von dem klaren Licht des Mondes wie am Tage erhellt, ein großer offner Nachen dahin, in welchem eine heitere Geſellſchaft verſammelt war, die den ſchönen Abend durch Geſang und Spiel feierte. Die Fürſtin hörte deutlich jede Wendung der anmuthigen Muſik; ſelbſt einzelne Worte des Textes gldubte ſie zu verſtehen und als die Sänger endlich ſchwiegen, drang heiteres Geſchwätz und fröhliches Lachen zu ihr empor. Lange blieb die Fürſtin ſtumm und lehnte ſich in unbeweglicher Stellung an eine große Blumenvaſe. Plötzlich ſchien die Spannung in ihr den höchſten Punkt erreicht zu haben; raſch wendete ſie ſich, und die Hände ſchmerzlich in einander ringend, rief ſie:„Und ich bin allein! verlaſſen, verarmt an allen Banden, die Liebe und Natur um tauſend Menſchen ſchlingen! Wie ein Schatten, der vor Jahrhunderten lebte und in eine ausgeſtorbene Welt zurückkehrt, um keinen Anklang mehr zu finden— ſo ſtehe ich da!“. Ihre Augen ſtreiften das Palais, das im Glanz des Mondes ſich heiter erhellt zeigte. Die Fürſtin verhüllte ihr Geſicht.„Leer! leer!“ ſeufzte ſie—„leer wie dieſes Schloß, die ganze Welt! O mein Gott, warum gabſt Du mir dies warme, liebebedürftige Herz?“ In dieſem Augenblick ſchwollen die ſanften Töne des fern⸗ hin gleitenden Nachens wieder zu ihr empor. Sie brach in Thränen aus.„Und er“— ſprach ſie ſo weich, als begleitete ſie die Töne des Geſanges—„er— der mir ein Herz anbietet — eine Heimat— ach! mehr wie das Alles— die Seligkeit, mit ihm, für ihn leben zu können! Er, der mich das Geheim⸗ niß einer tiefen heißen Liebe lehrte.— Ihn, dem ich den warmen Pulsſchlag der Jugend verdanke, das Aufblühn eines erdrückten Herzens— ihn ſoll ich aufgeben! Aufgeben müſſen— weil ich mich dieſes Glückes unwerth erklären muß; weil ich ſo arm, ſo leer an Jugend, Schönheit und Glück geworden bin, daß ich erröthen muß, an eine Gemeinſchaft mit ihm zu denken! O mein Gott; wie habe ich Deinen Beiſtand nöthig, wenn ich ſiegen ſoll. O laſſe das Gefühl meines Unwerthes hell und lebendig in mir bleiben und vergieb mir den heißen Schmerz, den ich erleide. Freudig kann ich nicht ſein— nur gehorſam!“ Sanfte Thränen floſſen jetzt ungeſtört über die bleichen Wan⸗ gen; immer leiſer, immer ferner tönte die fortgleitende Muſik an ihr Ohr. Endlich ruhte die ſchöne Nacht in ihrer hehren Stille noch allein um die Trauernde und die Thränen verſiegten und ſie fühlte ihr ergebenes Herz ruhiger ſchlagen, und das große Vorhaben ewiger Entſagung, was ſie als Scheidewand zwiſchen ſich und dem liebevollen Ungeſtüm, der ihre Vorſätze bedrohte, auffuͤhren wollte, trat wieder vor ſie hin und ſie ver⸗ ſprach ſich aufs Neue, ihm treu zu bleiben. „Dich werde ich auch dort behalten!“ rief ſie, ihre Arme gegen die Natur ausſtreckend—„auch dort wirſt Du blühen und grünen, herrliche⸗Natur— und Deine Sterne bleiben über 45 mir, und Dein Mondenlicht leuchtet jedem Unglücklichen. Wo anders als hier werde ich ruhiget fühlen, denn das zehrende Weh der Sehnſucht haftet hier an jedem Stein, an jedes Baumes Wipfel, in dem Kelche jeder Blume, in jedem hüpfen⸗ den Tropfen der Fontaine. O dieſer Zauber, den Du mit grauſamer Schönheit vor mir ausbreiteſt, er fand erſt in mir durch ihn ſein Daſein— durch dieſe tiefe, Alles verklärende Liebe!— Und ihn werde ich behalten— und mit der Zeit ohne Schmerzen!“ „Täuſche Dich nicht, meine Tochter!“ ſagte plötzlich eine leiſe und gerührte Stimme, und als die Fürſtin erſchrocken auf⸗ ſah, ſtand Georg Prey in ſo demüthiger Stellung an ihrer Seite, mit ſo ernſter trauriger Miene, daß die Fürſtin, die augenblickliche Verlegenheit überwindend, ihm kindlich die Hand reichte. Ernſt fuhr der Geiſtliche fort:„Du kämpfeſt vergeblich gegen die Wünſche Deines erwachten Herzens, und ſie wider⸗ ſtehen Dir, weil ſie unſchuldig ſind, und weil die Gründe, mit denen Du ſie zu beſiegen denkſt, erkünſtelte ſind, von Natur und Wahrheit gleich weit entfernt.“ „O ehrwürdiger Vater!“ rief die Fürſtin—„wiederholt Eure verführeriſchen Worte nicht! Dies iſt das Einzige, worin ich Euch nicht trauen darf, denn Ihr kennt die Welt nicht. Ihr wißt nicht, wie jede ungleiche Verbindung im Verlauf der Zeit ſich rächt für die Unnatur, die ihr aufgebürdet wird; Ihr habt nicht geſehen, wie die Welt mit ihrem Hohn und ihren tyranniſchen Gewohnheiten bereit iſt, jede, von ihrer herge⸗ brachten Regel abweichende Weiſe zu züchtigen, und wie ſie nach und nach die beſſere Ueberzeugung, wie lebhaft ſie auch im An⸗ fang entgegen ſtehen mag, umſtützt und untergräbt. Aber was iſt die Welt gegen das Weh, was ſich nir in ihm ſelbſt bereiten könnte, wenn ich fühlte, daß ich ihn um die Freuden betrogen hätte, die allein Jugend dem jugendlichen Manne gewähren 46 kann; wenn ich ihn darben ſähe, ihn, der zur reichſten Ausbeute des Lebens berufen iſt!“ „Und dennoch liebſt Du ihn, meine Tochter! Dennoch liebt er Dich mit der vollen ſchönen Energie, die all' ſeine Ge⸗ fühle, all ſeine Handlungen bezeichnet. Und iſt das nicht das erſte Erforderniß einer Gott gefälligen Ehe? Sollte ſie nicht aushalten dürfen für zwei Menſchen, die ſo viel zu ihrer Erhal⸗ tung beſitzen? „Ja bei mir!“ rief die Fürſtin—„bei mir wird dieſe Liebe aushalten bis ans Ende meines Lebens; denn ich ſah es oft, was ich jetzt ſelbſt erfahre— wenn die Liebe im ſpätern Alter noch einmal unſer Herz ergreift, iſt ſie ſtärker und unzerſtörbarer, als in allen früheren Lebensperioden. Keine Erwartung, keine Hoffnung, kein neues Erlebniß, wie es in der Jugend ſich in unſere Empfindungen theilt, unſere Gedanken abzieht oder durch andere Hoffnungen zerſtreut, tritt im ſpäteren Alter, wo all dieſe Ausſichten hinter uns liegen, ihr entgegen. Unſere reifere Erkenntniß giebt im Gegentheil dieſem Gefühl ein Bewußtſein, was jeden Wechſel macht.“ Georg Prey ſeufzte, als die Fürſtin am Ende dieſer feuri⸗ gen Erörterung in Thränen ausbrach.„Und mit dieſem leiden⸗ ſchaftlichen Grunde Deines Herzens willſt Du in ein Kloſter treten? Was heißt das? Und was glaubſt Du damit Gutes oder Lobenswerthes zu thun? Prüfe Dich; ich wiederhole es Dir, prüfe Dich; denn Du biſt auf alle Weiſe im Irrthum! Deine Eutſagung iſt von Stolz und Eitelkeit der Welt durchdrungen! Du willſt den Mann nicht beglücken, den Du liebeſt, weil Du fürchteſt, die Welt könnte auf Dich zeigen und Dir den Mangel an Jugend, Reichthum und Schönheit zum Vorwurf machen! Dein Trieb nach der heiligen Ruheſtätte des Kloſters iſt nicht das demüthige Verlangen nach ungeſtörter Gemeinſchaft mit Gott und ſeinen Heiligen— Du willſt auch hier dem Götzen 47 Deines Herzens dienen und in irdiſche Schmerzen verſenkt, Gottes heilige Freiſtätte blos bewohnen, um Dich gegen die äußeren Verführungen Deines Herzens zu ſichern. Aber hoffe nicht auf Frieden! Es folgen uns die Leidenſchaften, dieſer Fluch der Erbſünde, an jeden Platz der Erde, und der Ort iſt es nicht, dem wir die Errettung davon ſchuldig werden.— Claudia! meine geiſtliche Tochter, mit väterlicher Liebe ſage ich Dir, ich gebe vorläufig meine Einwilligung zu Deiner Ein⸗ kleidung nicht! Viel lieber zu Deiner Vermählung mit dem edlen Lacy!“ „Vater! Vater!“ ſagte die Fürſtin bebend—„welchen Streit facht Ihr aufs Neue in meinem Geiſte an? Von Euch, meinem Beichtvater, hoffte ich Stärkung, Ermunterung zu meinen Vorſätzen, und Ihr wendet Euch von mir, Ihr tretet auf die Seite meines ſchwachen Herzens?“ „Ich kann irren,“ antwortete Georg Prey ſanft und ruhig, „denn ich bin ein Menſch, trotz des ehrwürdigen Prieſtergewan⸗ des. Aber Du haſt Dich meiner Einſicht anvertraut; ich habe Dir gegeben, was ſie entſcheidet. Thue nun, wozu der Geiſt Dich treibt und bitte Gott, Dich zu erleuchten.“ Er gab ihr den Segen und verließ ſie.— Die Fürſtin war nun wieder allein und richtete ſich empor.— Sie blickte aufs Neue um ſich her; es war dieſelbe großartige und ſchwei⸗ gende Natur. Der Nachen kam zurück; die Hörner klangen in heiteren Weiſen, dazwiſchen ward gelacht und geſcherzt; auch dies war daſſelbe wie noch vor wenigen Augenblicken, aber die Fürſtin weinte nicht mehr; ihr Herz klopfte laut; ſie bog ſich über den Rand der Terraſſe und ſuchte die Glücklichen, und ein Lächeln ſpielte um ihren Mund. Sie fühlte ſich nicht mehr allein— denn wir horchen ſchnell der Lehre, die uns Befrie⸗ digung für unſer Herz verheißt, und glauben ihr, ehe unſer Verſtand es zugiebt. 48 In einem einfachen, aber prächtigen Hof⸗Koſtüm harrte der Graf von Lacy vor dem Kabinet der Kaiſerin Maria Thereſia. Vom Grafen von Kaunitz am Abend vorher über die Abſichten der Kaiſerin unterrichtet, fühlte er bei dem Gedanken, der er⸗ habenen Frau ſeine heiligſten und theuerſten Gefühle vortragen zu dürfen, und bei ihrer einſtigen Verwirklichung ihres Schutzes genießen zu ſollen— eine warme und freudige Glut durch ſein Inneres ſtrömen; und vor Allem ſtand das Bild des edlen vrerklärten Greiſes an ſeiner Seite, der dieſen Herzſchlag in ihm geweckt hatte. Er fühlte, er werde mit ihm kämpfen und ſein Andenken werde aus ihm reden, wie der edle Oheim gedacht. Niemals durften die beſtellten Perſonen lange warten, denn die Kaiſerin hatte jene weiſe Zeiteintheilung, die jedem Geſchäft ſeinen unbeſtrittenen Raum zuläßt, und ſo öffnete ſich auch jetzt die Thür und der Graf von Lach ward hineingerufen. Wieder ruhte die Kaiſerin in einem Lehnſtuhl vor ihrem Schreibtiſch; da ſie ſich aber nach dieſer Audienz in den Staats⸗ rath begab, ſo war ſie im vollen Koſtüm, welches ihrer natür⸗ lichen und majeſtätiſchen Schönheit etwas ſo Großartiges gab, daß Jeder fühlen mußte, die Natur habe hier Alles vereinigt, eine Herrſcherin datzuſtellen. Lach fühlte mit Entzücken dieſen Eindruck. Die volle Begeiſterung eines Unterthanen ſchwellte ſein Herz, und der prüfende Blick der Kaiſerin war vielleicht nicht minder mit dem Unterthan zufrieden, deſſen Züge nicht verloren durch die warme Sprache des Herzens. „Lachy!“ hob die Kaiſerin an—„Graf Lacy! der Name hat einen guten Klang in unſerm Ohre— wir ſind geneigt, vortheilhafte Vorausſetzungen zu machen! Doch höre ich, Ihr habt keinen Anſpruch auf Verwandtſchaft mit dem tapfern Lacy, dem Schrecken meiner Feinde.“ „Wir finden die Wurzeln unſeres Stammbaums in Eng⸗ land, und unſere Ahnherren fochten mit Wilhelm dem Eroberer,“ 49 erwiederte der Graf.„Dieſelben Angaben hat, wie ich höre, der tapfere Graf von Lach über den Urſprung ſeiner Familie. Die verwandtſchaftlichen Grade wurden verſäumt nachzuftagen; ſpäter wird dies immer ſchwieriger; wir halten uns jetzt blos für Namensvettern.“ „Und es ſcheint,“ ſagte die Kaiſerin huldvoll lächelnd, „ich ſoll im Frieden in dem Namen Lacy einen eben ſo tapfern Vorkämpfer bekommen wie im Kriege. Der Staatskanzler wird Euch geſagt haben, daß ich Euren Aufſatz über Leibeigenſchaft geleſen. Er trifft mit den Abſichten zuſammen, die ich ſpäter für mein ſchönes Böhmen auszuführen denke, und ich ſehe mit Wohlgefallen, daß der gute Geiſt, den ich dazu in den reichen Grundbeſitzern vorfinden müßte, und der mir bis jetzt noch ſehr gefehlt hat, ſich in Einigen wenigſtens zu regen beginnt. Könnt Ihr mir noch andere unter Euren Landsleuten nennen, in denen achtbare Geſinnungen der Art ſich zeigen, oder in denen ſie vielleicht durch in Betracht zu nehmende Mittel angeregt werden könnten?“ „Wenn dieſe Geſinnung nicht eigentlich als eine ausge⸗ ſprochene zu bezeichnen iſt, und Perſonen in dieſer Hinſicht nicht nahmhaft zu machen wären,“ ſagte der Graf—„dürfte doch dem Geiſte zu vertrauen ſein— dem wahrhaften Unterthanen⸗ Sinn, der in Böhmen verbreitet iſ Die Kaiſerin wiegte den Kopf leiſe von einer Seite zur andern.„Wir ſind immer geneigt, das Beſte bei unſern lieben Böhmen vorauszuſetzen,“ ſagte ſie dann,„doch iſt, nach un⸗ ſern Erfahrungen, nicht gerathen, die Geſammtzahl nach dem Beiſpiel zu beurtheilen, was Ihr und Euer Oheim, wie es ſcheint, zu geben geneigt waret. Geſteht es! Ihr habt bei Euren Standesgenoſſen wenig Anklang gefunden? Man müßte uns denn falſch berichtet haben, was jedoch auch bei Euch der Full ſein könnte, und was wir Euch empfehlen, nicht zu Thomas Thyrnau. I. 4 verſuchen, ſelbſt wenn Ihr damit unſere Hoffnungen für das Wohl unſerer Unterthanen nähren wolltet.“ Bis zur Stirn erröthend, trat der junge Graf unwillkürlich einen Schritt zurück, dann hob er den ſchönen Kopf zur Kai⸗ ſerin empor und die Bewegung hatte ihn ungewöhnlich gefärbt. Bald wieder gefaßt, ſagte er ruhig:„Meine Ueberzeugung, der Eüre Majeſtät die Gnade hatten nachzuftagen, iſt die eben ausgeſprochene Meinung: daß in der Geſammtgeſinnung meiner Landsleute ſich der Geiſt befindet, der zum Bewußtſein geführt, im Stande ſein wird, die Segnungen zu erkennen, die Eure Majeſtät beabſichtigen. Ich wollte damit nicht ſagen, daß der Wunſch danach oder die annähernden Ideen dafür bereits vor⸗ handen ſeien. Ging dies aus meinen Worten hervor, ſo habe ich mich falſch ausgedrückt, und Eure Majeſtät wollen es meinen Worten, nicht meiner Geſinnung zurechnen, welche den Ge⸗ danken einer Täuſchung auf jedem Platz der Erde verabſcheuen würde.“ „Nun, nun!“ ſagte die Kaiſerin lächelnd—„wir ſind leicht zu verletzen, wie ich merke, wir haben kriegeriſches Blut, wenn auch mit der Feder in der Hand, ſtatt des Degens.“ Sie wollte fortfahren, als die Thür ſich hinter ihr öffnete und ein ſchöner großer Mann eintrat, den Lacy ſogleich für den Kaiſer erkannte. „Sie kommen zur rechten Zeit, mein Gemahl,“ ſagte Maria Thereſia mit der holdeſten Freundlichkeit, ſich ſogleich erhebend und ihm entgegen gehend.—„Wir haben hier einen von unſern böhmiſchen Großen, den Grafen Lach, der uns überreden will, ſeine Landsleute warteten nur unſerer gnädigen Hand, um ihre alten verroſteten Vorrechte und Privilegien hinein zu legen. Aber er verleugnet dabei das hitzige Blut der Böhmen nicht, denn ich fürchte, wir haben ihn eben beleidigt und er wird bei Eurer Majeſtät Recht verlangen gegen uns.“ 51 Die unverkennbar gute Laune der hohen Frau konnte über den Sinn der Worte nicht in Zweifel laſſen. Der Kaiſer neigte daher huldvoll den Kopf und ſagte, die Hand ſeiner Ge⸗ mahlin ergreifend:„Nun, Graf Lacy! auf welche Weiſe können wir Euch Recht ſchaffen gegen unſere Gemahlin?“ Sie ſtanden jetzt beide neben einander, und vielleicht gab es nie ein vollkommeneres Paar als Franz den Erſten und Maria Thereſia. Die vollendetſte Schönheit, die höchſte Würde und der unausſprechliche Zauber, den ein hoher Geiſt, ein edles Herz nach außen hin verbreitet, war hier vereinigt, und der junge Graf, der ſie nie ſo nah und neben einander geſehen hatte, mußte den Tribut der Bewunderung zahlen, der ſich in den Herzen aller ihrer Unterthanen vorfand. Vielleicht hatte er ſchon zu lange geſchwiegen. Aber das kaiſerliche Paar ſah mit Wohlgefallen auf den jungen Mann, und Beide waren nicht geneigt, ſein Schweigen zu ſeinem Nachtheil auszulegen. Der Graf ließ ſie auch nicht länger warten; ſchon hatte er den Kaiſer begrüßt; ſein Herz wallte über in einem unbeſchreiblichen Gefühl der Begeiſterung.„Ich kann bei Euren Majeſtäten kein Urtheil erwarten über das einzige Gefühl der Erde, welches Ihnen entzogen iſt.“ „Wie?“ ſagte die Kaiſerin ein wenig überraſcht—„Ihr ſeid nicht blöde— und wir wollen lieber aufhören in Räthſeln zu ſprechen, wenns Euch beliebt; wir erfahren dann vielleicht, an welches Gefühl wir keine Anſprüche zu machen haben.“ „An das der Unterthanen⸗Liebe!“ rief der Graf raſch und mit einem glühenden Blick ſeiner ausdrucksvollen Augen—„an das ſchönſte, reinſte Gefühl der menſchlichen Bruſt! Eine Liebe, welche lebt, ohne die gewöhnliche Nahrung der Erwiederung zu bedürfen— ein Gefühl, das leer iſt von jedem Egoismus, das nichts will und nöthig hat, als das Glück, zu lieben, um Leben, Gut und Blut frendig darzubringen. Dies Gefühl, 4 52 deſſen höchſte Reinheit ich als den Triumpf der menſchlichen Be⸗ fähigung erkenne— dies Gefühl iſt es, weshalb ich mich in dieſem Augenblick vor Euren Majeſtäten zu beneiden wage, wenn ich auch zugleich ahne, daß— dies Gefühl einflößen zu können, vielleicht meinem ſtolz empfundenen Vorrecht die Waage hält!“ Die Augen der Kaiſerin ſtreiften mit einem zierlichen Lächeln ihren Gemahl. Sie hatte ſchon die letzten Worte des Grafen mit dem Takt haltenden Nicken ihres Kopfes begleitet, jetzt ſagte ſie:„Ihr ſeid ein Schwärmer, Graf! Was fangen wir mit Euch an? Einen ruhig beſonnenen Geſchäftsmann dachte ich zu finden— von Euren Akten und von Eurer Reichspraxis wollte ich hören— und jetzt— ich glaube— ich muß nach Euren Verſen fragen!“ Ich würde dieſe Frage nur mit dem Geſtändniß meiner Unfähigkeit beantworten können. Vergeben mir Eure Majeſtät den lebhaften Ausdruck dieſes heiligen Gefühls! Der Gedanke riß mich hin: wenn Eure Majeſtät die Unterthanen⸗Liebe kenn⸗ ten, würde ich nicht den Verdacht erregt haben, Eure Majeſtät täuſchen zu wollen.“ „Dahin alſo mündet Euer ſchöner Pathos aus!“ rief die Kaiſerin, ſich zu ihrem Gemahl wendend und ihm liebevoll in die Augen ſehend—„Ihr ſeid ein ſtolzes, reizbares Herz! Aber,“ fuhr ſie freundlich fort, plötzlich auf ihn zutretend: „Ihr ſeid von guter Art— und jede Weiſe findet Gnade bei uns, wenn ſie auf reinen Grund ſchließen läßt. Ein redlich Herz zweifelt ungern nur an der Redlichkeit des Andern. Eure Kaiſerin wird fürder nicht geneigt ſein, Euch der Täuſchung zu bezüchtigen. Wir ſind entſchloſſen, Euch über die Angelegen⸗ heiten in unſerm Königreich Böhmen in Rath zu nehmen“— fuhr ſie fort—„und dachten Euch in unſerer Hof⸗ und Staats⸗ kanzlei eine Anſtellung zu verleihen, da der Graf von Kaunitz 53 Euch uns bezeichnete, als im Geſchäftsſtyl ſchon erfahren, und auf den tauglichen Univerſitäten für die Reichspraxis vorbereitet. Wns ſagt Ihr zu unſerm Vorſchlag?“ „Daß ich mein Geſchick beklage!“ rief der Graf— und wer hätte zweifeln dürfen, daß er es beklagte?„Aber,“ fuhr er, in Ehrfurcht ſich der Kaiſerin nahend, fort,—„ich darf einer Verfügung— ja mehr noch— ich darf eines feierlich ge⸗ gebenen Wortes wegen, nicht in bindende Verhältniſſe zum Staatsdienſt treten.“ Die Kaiſerin hörte, wie wir wiſſen, das Erwartete. Doch hatte die kurze Unterredung mit dem jungen Manne ihren Wunſch, ihn zu benutzen, eher vermehrt als verringert. „Iſt das die praktiſche Auslegung Eures patriotiſchen Enthuſiasmus?“ ſagte ſie daher ſcharf, in der Abſicht, ihn heraus zu locken. „Ich glaube ja, Euer Majeſtät!“ entgegnete der junge Mann.„Es iſt gewiß dieſelbe Unterthanen⸗Liebe die nichts zu ihrer Nahrung nöthig hat, und dennoch in weiter Ferne dem erhabenen Monarchen ein warmherziger Arbeiter bleibt für jede Anregung, die von dieſer Höhe aus die Thätigkeit der Treuen fordert— um große Gedanken ins Leben einzuführen.“ Die Kaiſerin wandelte jetzt langſam auf und nieder und ihr lichtes Auge ſtreifte bald ihren Gemahl, bald den Grafen. „Ihr wollt uns damit ſagen,“ ſprach ſie nach einem kurzen Schweigen—„wir bedürften auf jeder Stelle Unterthanen, die uns zu verſtehen vermöchten, um unſern Willen auszu⸗ führen! Wir hatten ſelbſt darin einige Erfahrungen gemacht und es iſt Zeit, uns daran zu erinnern!“ „Doch ſcheint es mir,“ fiel hier der Kaiſer ein— „daß ein ſo guter Unterthan als Ihr, Graf Lach, es billig der Kaiſerin überlaſſen müßte, wo ſie ihn am nütz⸗ lichſten erachtete.“ 54 „Euer Majeſtät!— ich habe die Freiheit verloren, irgend Jemandem, wer er auch ſei, dies Recht über mich zuzugeſtehn. Eure Majeſtät wollen deshalb Ihrem getreuen Unterthan nicht zürnen!“ „Euer Oheim erzog Euch?“ fragte die Kaiſerin—„warum bliebet Ihr nicht bei Euren Aeltern?“ „Ich verlor Beide in meiner Jugend“— erwiederte der Graf. „Wir wollen“— hob die Kaiſerin ſich gegen ihren Ge⸗ mahl wendend an—„wenn Euer Liebden nichts dagegen haben, uns ſeine Familien⸗Verhältniſſe erzählen laſſen.“ Beide ſetzten ſich nieder und der junge Graf mußte daran denken, die einfachſten Thatſachen, wie es ihm ſchien, zu einer Erzählung für ſeine hohen Zuhörer einzurichten. „Mein Großvater hatte zwei Söhne, von denen der jüngſte mein Vater war. Er vermählte ſich früh mit meiner Mutter, einer Gräfin Protikoh; meine Aeltern hielten ſich meiſt in Italien auf, und nur wenige Jahre vor ihrem Tode kamen ſie mit mir nach Deutſchland zurück, und wir lebten in Tein bei meinem Oheim, oder in Prag, wo meine Aeltern ſtarben. Vor ihrem Ende übergaben ſie mich der Sorgfalt meines Oheims, bei welchem damals noch ſein einziger Sohn, mein Vetter, lebte. Ich weiß nicht zu ſagen, warum dieſer es zurückwies, ſich zu vermählen; doch entſtand hieraus oder aus andern, mir unbekannten Gründen eine Spannung zwiſchen Vater und Sohn, und mein Vetter, den ich unendlich liebte, lebte auf einem fernen Gute, von allen Menſchen zurückgezogen, und als ich in Regensburg ſtudirte, erreichte mich die Nachricht ſeines Todes. Dem vereinſamten Vater trat ich von da an in alle Sohnes⸗ rechte, und indem ich ſein Erbe ward, machte er mich zum Trä⸗ ger all der großen und ſchönen Pläne, die er⸗für die Veredlung 55 und Entwicklung ſeiner Unterthanen entworfen und theilweis ſchon auszuüben ſuchte, und verlangte von mir, daß ich mich dieſem ſelben Berufe ausſchließlich widmen, nie eine andere Stellung im Leben annehmen, mich allein hierzu ausrüſten ſolle.“ „So ſcheint es,“ hob der Kaiſer an—„daß die Anſich⸗ ten über die nothwendige, theilweiſe Aufhebung der Leibeigen⸗ ſchaft in dem Kopfe dieſes Eures Oheims entſtanden?“ „Dieſer Gedanke war der Kern ſeines Lebens!“ rief der Graf mit Wärme—„und vorbereitend ſuchte er auf ſeinen Gütern die Empfänglichkeit dafür zu wecken.“ „Und habt Ihr im ſelben guten Geiſte fortgewirkt?“ ſagte der Kaiſer.„Iſt der verſtändigen Anſicht darüber ſchon zu ver⸗ traun? Erkennen Eure Unterthanen den Vortheil, der Ihnen damit zugeſtanden wird?“ „Ich war ſeit zehn Jahren nicht auf meinen Gütern, Euer Majeſtät! Streng und wohlüberlegt, wie mein Oheim in allen ſeinen Beſchlüſſen war, verlangte er von mir ein ununterbrochenes Studium der mir vorgeſchriebenen Reichspraxis. Selbſt ſein Tod durfte mich nicht zurückführen, und er billigte meine da⸗ maligen Reiſen mit dem jetzigen Grafen Staatskanzler, da er ſie für keine bindende Anſtellung hielt und mit jedem Mittel zu meiner Entwickelung wol zufrieden war.“ „Da möchte Eure eigne Bekanntſchaft mit Euren Gütern,“ ſprach der Kaiſer—„wol nöthiger ſein, wie Euch Eure Uner⸗ fahrenheit glauben läßt. Ihr könnt große Veränderungen finden, und, wie anzunehmen iſt, ungünſtige; denn die Abweſenheit des Herrn kann bei beabſichtigten Neuerungen nicht vortheilhaft wirken.“ „Meine Abweſenheit ward, wie ich erkennen muß, viel⸗ leicht mit größerem Erfolge gekrönt, als meine junge Erfahrung zu erreichen gewußt hätte. Ich bin nicht fremd geblieben mit dem Zuſtande meiner Unterthanen. Ein ausgezeichneter Mann — ein Freund meines Oheims, ſtand an der Spitze aller meiner Geſchäfte, und er vermochte es, im Geiſte meines Oheims fort⸗ zuwirken. Ich werde ihm nur nachzuahmen haben, wenn ich an ſeine Stelle trete.“ „Seid Ihr des Mannes ſicher? Habt Ihr ſo ausreichen⸗ des Vertrauen zu ihm?“ fragte die Kaiſerin raſch—„Kennen wir ihn?“ „Es iſt ein Advokat, Euer Majeſtät! Thomas Thyrnau iſt ſein Namen.“ „Der Name iſt uns bekannt,“ fuhr die Kaiſerin fort.— „Er muß irgend einen Anſpruch an unſer Gedächtniß machen — ich denke, er gehört zu den Männern, die wie Horneck— Juſti— Sonnenfels— ſich mit Staatswirthſchaft und höherer Induſtrie zu meinem Wohlgefallen beſchäftigen. Doch jetzt will ich wiſſen, wie Ihr mit ihm ſteht?“ Der Graf ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er mit gedämpfter Stimme:„Ich weiß es nicht! Es liegt ein Ge⸗ heimniß zwiſchen uns, was mich von ihm zurückſtößt— mich mißtrauiſch und kalt gegen ihn macht, wenn ich mich anderſeits von ſeinem Geiſte und ſeinem edlen Karakter hingeriſſen fühle.“ „Dürfen wir im Vertrauen ſein?“ ſagte die Kaiſerin.— „Bis der Zeiger hierher weiſt,“ fuhr ſie fort, auf eine Pendule zeigend—„können wir Euch noch Zeit gönnen.“ Der Graf fühlte ſich überraſcht. Er gehörte nicht zu den Menſchen, die gern und leicht über ihre Privatverhältniſſe ſprechen, und er würde jedem Andern ausgewichen ſein; aber in der Gegenwart dieſer beiden hochgeſtellten Perſonen überkam ihn ein Gefühl von Iſolirung, das mehr wie an jeder andern Stelle das Vertrauen zu ſichern ſchien, da jede Verbindung aufhören mußte, wo ſo verſchiedene Verhältniſſe obwalteten. Dies kleine feſte Gemach, vor jedem Lauſcher geſichert, ſchien eine Heimat für jedes Geheimniß.— Der Graf fand ſich bald 57 zurecht und mit der Offenheit, die ihm eben ſo natürlich war, erzählte er den Inhalt der uns bekannten Unterredung mit dem Baron Pölten. Das Erſtaunen der beiden hohen Herrſchaften war ſehr groß und hatte etwas ſo wohlwollendes, daß der Graf ſich ſeines Vertrauens freute. Bald unterbrach ihn jedoch die leb⸗ hafte Kaigerin mit der Frage:„was er beſchloſſen?“ Ich werde mich in keinem Falle mit der Enkelin von Thomas Thyrnau vermählen!“ rief der Graf mit mehr Heftig⸗ keit, als paſſend war.„Mein Oheim hat mir nie perfönlich von dieſem Plan geſprochen— mich bindet kein ihm gegebenes Wort!“ Die kluge Kaiſerin blickte ſcharf nach dem Grafen hin, dann ſagte ſie:„Ihr ſeid wahrſcheinlich ſchon anderweitig ge⸗ bunden— habt die Gemahlin ſchon gewählt, ohne Zuthun von Thomas Thyrnau?“ Dies war zu viel für den Grafen. Eine dunkle Röthe überzog ſein Geſicht. Als er ſchweigend die Augen erhob, ſtreiften ſie die Pendule; eben ſtand der Zeiger auf der bezeich⸗ neten Stelle; er verneigte ſich tief. Die Kaiſerin verſtand ihn — ſie lächelte.„Die willkommene Minute auf dieſer Pendule, wollt Ihr ſagen, überhebt Euch der Antwort. So geht denn für heute. Ich wünſche Euch jedoch an den Cour⸗Tagen zu ſehen— meldet Euch beim Oberhofmeiſter— ich werde die Zeit beſtimmen, um Euch über die Angelegenheiten Böhmens zu vernehmen. Wollen Euer Liebden die Gnade haben, den Grafen zu empfangen?“ ſagte ſie zu ihrem Gemahl. „Die Empfehlung der Kaiſerin macht mir Vergnügen und ich denke, wir wollen Euch gewogen und behülflich bleiben, wo Ihr unſeres Schutes bedürfen könntet.“ Beide Herrſchaften entließen den Grafen. 58 Die Audienz hatte länger gedauert, als zu erwarten ſtand. Der Graf befahl dem Kutſcher nach dem Wiener Viertel, auf den Hof, in das Profeß⸗Haus der Jeſuiten zu Maria Königin der Engel zu fahren, und trotz dem, was er eben erlebt, und trotz der großen Lebhaftigkeit, mit der er es erlebt, war es doch in dem Augenblick, als er den Weg nach dem Profeß⸗Hauſe einſchlug, rein aus ſeiner Seele verſchwunden, und nur was Georg Prey ihm über die Fürſtin Morani zu ſagen haben könnte, erfüllte ſeine Seele. Aber Georg Prey hatte den Grafen nicht erwarten können. Er hielt einen Vortrag über Polemik und durfte ſein Auditorium nur in der gebräuchlichen Pauſe verlaſſen. Der Graf harrte in der quälendſten Unruhe im Vorzimmer, mit dem Auge die Thür bewachend, aus der Georg Prey hervortreten ſollte. Endlich öffnete ſie ſich; aber mit ihm kamen mehrere ſeiner Zuhörer, die zugleich Bekannte des Grafen waren, da dies Kollegium auch von Laien beſucht ward. Georg Prey, der nicht das kleinſte Geſchick beſaß, ſich aus Verlegenheiten zu ziehen, ſtand in dieſem Kreiſe mit unruhigen Mienen und Bewegungen. Schon läutetete die Glocke zum Anfange des zweiten Theils der Vorleſung, als der Graf ſich raſch aus der Unterhaltung mit ſeinen Bekannten losmachte, gerade auf Georg Prey zuging, dieſen am Arm nahm und ihn in eine Fenſterniſche führte. „Gottlob! daß Sie mich erlöſt!“ rief der arme geängſtigte Pater,„doch haben wir gar wenig Zeit zu unſerm wichtigen Geſpräch, deshalb hören Sie mich ſchnell an. Die Fürſtin hat hinter meinem Rücken bei dem Herrn Erzbiſchof von Wien Schritte gethan, um ihre Aufnahme bei den Karmeliterinnen zu bewirken. Da hierzu aber noch kaiſerliche Verfügung und ſowol weltliche— als Zeugniſſe des jedesmaligen Beichtvaters von nöthen ſind, war die Fürſtin in dem Falle, ſich an mich wenden zu müſſen, und ſo erfuhr ich— wie ich hoffe zur rechten Zeit— ihr Vorhaben, welches ich ſeitdem redlich bekämpft habe, da es gegen meine Ueberzeugung iſt, daß ſie in dem der⸗ maligen Zuſtande ihres Herzens ſich zur frommen Gemeinſchaft in dieſem heil'gen Hauſe eignet. Da ich glaubte, Sie, Herr Graf, könnten auch bei lang beſtehender Freundſchaft einen näheren Antheil an dieſer Nachricht nehmen, wollte ich ſie Ihnen nicht vorenthalten. Vielleicht daß ihhrer Stimmung für die Fürſtin das wirkſamſte Gegenmittel fo gewagter Schritte liegt, welches ich Ihrer Einſicht überlaſſe, doch jede zweckdienliche Hülfe dabei im Voraus verſpreche.“ Abermals läutete die Glocke. Der Vorſaal war bereits leer— und der Graf drückte bis zum Schmerze die Hände des treuen Freundes.„Steht mir bei— ich eile jetzt zu ihr— hoffentlich berede ich ſie, dem Kloſter zu entſagen, und dann ſind wir Alle glücklich!“ Ein Lächeln— dieſe ſeltene Erſcheinung auf dem ehrlichen Geſichte Georg Prey's— glitt darüber hin und er eilte mit kleinen kurzen Schritten ſchnell von dem Grafen fort und in den Hörſaal zurück. Dieſer ſtieg in ſeinen Wagen und trat bald da⸗ rauf in den uns bekannten Gartenſaal der Fürſtin Morani ein. Die Fürſtin ſaß in dem Hintergrunde des Saales, auf den jetzt die Sonne ihre glühenden Strahlen ſenkte. Aber der kühle Marmor der Wände und des Fußbodens ſicherte ſelbſt in dieſer heißeſten Jahreszeit den Bewohnern einen lieblichen Auf⸗ enthalt. Die Fürſtin ſaß in derſelben Kleidung wie am ver⸗ gangenen Abend vor einem kleinen Tiſchchen und ſchien zu leſen, behauptete dieſen Schein jedoch nicht länger, als der Graf ein⸗ trat, ſondern zeigte ihm unverholen ihr erröthendes Geſicht. „Claudia! liebe Claudia!“ rief dieſer lebhaft und zärtlich und ſaß im ſelben Augenblick neben ihr und küßte die Hand, die ſie ihm entgegenſtreckte.„Gottlob!“ fuhr er fort—„daß ich Sie allein finde! Ich habe Ihnen viel zu ſagen.“ „Ol erſt von der Kaiſerin!“ ſprach die Fürſtin,„ich hoffe doch, es iſt Ihnen nichts unangenehmes begegnet? Ich habe Sorge empfunden— ich konnte ſie nicht beherrſchen,“ fuhr ſie fort, indem plötzlich ihre Augen in Thränen ſchwammen. Der Graf erblickte dieſe Zeugen ihres tiefen Gefühls mit einer ſüßen Befriedigung und ehe ſie Zeit hatte, ſich zu faſſen, rief er überwältigt:„Clähdia! Sie wollen mich verlaſſen und lieben mich doch! In ein Kloſter wollen Sie gehen und wiſſen, daß ich unglücklich werde, wenn Sie mein Schickſal von dem Ihrigen trennen!“ Die Fürſtin verhüllte ihr Geſicht und ſchluchzte laut.„Ich bin entſchloſſen,“ fuhr der Graf nun ernſt und bewegt fort, micht eher Sie zu verlaſſen, als bis ich Ihre Einwilligung zu unſerer Verlobung habe. Ich beſitze bereits das Theuerſte— das Nöthigſte— Sie können nicht zurücknehmen und Sie werden ſo grauſam nicht ſein, zurücknehmen zu wollen, was Sie mir in Ihrer Liebe gegeben. Sie können an der meinigen nicht zweifeln; Sie wiſſen, daß ſie begründet iſt in Ihrem Werth und geſichert durch meinen feſten Karakter. Welche Serupel ſind es, mit denen Sie immer wieder aufs Neue mein Glück verzögern, da die Nothwendigkeit, der Welt unſer Verhältniß darzulegen, von Tag zu Tag dringender wird; da das Bedürf⸗ niß, Ihnen Schutz und ausreichender Beiſtand zu werden, immer mehr hervortritt?“ „Ach!“ rief die Fürſtin—„das iſt es— das verführt Sie eben! Sie fühlen, wie elend, wie unglücklich und ver⸗ laſſen ich in der Welt da ſtehe— und Mitleiden täuſcht Sie über unſer Verhältniß!“ „Nein, Claudia!“ ſagte der Graf feſt—„nicht Mitleiden, ſondern das egoviſtiſche Gefühl, ohne Sie nicht mehr glücklich ſein zu können! Mein Verſtand, mein Herz, meine ganze Denkungsweiſe iſt ſo mit der Ihrigen verwebt, daß ich oft kaum 61 weiß, ob Sie oder ich das Eine oder das Andere geäußert; uns von einander trennen, hieße, den vollkommenſten Seelen⸗ bund auflöſen, den je Menſchen knüpften, die nicht durch die Bande der Natur auf einander angewieſen ſind!“ Dies empfinde ich auch,“ ſtammelte die Fürſtin—„und ich bin deshalb ſo weit gegangen, Ihnen die Schwäche meines Herzens zu bekennen. Aber dies Gefühl ſchließt noch nicht die Nothwendigkeit einer näheren Verbindung in ſich, denn dieſe würde gerade den Gegenſatz hervorheben— die Ungleichheit, die in unſeren äußeren Verhältniſſen liegt. Mein Alter— meine Kränklichkeit— der Mangel jedes äußern Reizes— ja laſſen Sie mich hinzuſetzen— meine Armuth! Wo ſoll ich die Kraft hernehmen, dieſe Dinge gering zu achten? zu ertragen, wenn ich dadurch Ihr Leben, Ihre Zukunft bedroht ſehe? Sie betrogen halten muß um die Freuden der Jugend und eines Geſammtlebens, das Ihnen dieſe Anſprüche mit einer Ihrem Alter angemeſſenen Gefährtin in allen Beziehungen zu ſichern vermöchte?“ „Claudia!“ ſagte der Graf ruhig— vich höre dieſe Ein⸗ würfe eines uneigennützigen Selbſtgefühls nicht zum erſten Male. O ſein Sie nicht zu ſtolz auf meine Unkoſten— dann will ich Ihnen noch einmal wiederholen, was Sie jedoch ſchon wiſſen: es wäre mir unmöglich, eine jüngere Frau ohne Reife des Geiſtes und Karakters zu lieben. Der hochmüthige Wunſch der meiſten Männer, ein junges unentwickeltes Weſen zu wählen, um ſich gewiſſermaßen einen Spielball ihrer Launen zu erziehn, und in der Unerfahrenheit, in der geringen Bildungsſtufe eines ſolchen unmündigen Weſens ſich den Tribut für eine Anerkennung oder ſelbſt Bewunderung zu ſichern, die ihnen eine gereifte edle Frau verſagen würde, dieſen Wunſch habe ich nie gehegt— und wäre mit ſolchen Eigenſchaften der höchſte äußere Reiz ver⸗ bunden— ich würde in ſeiner Befriedigung kein Glück finden. Ja! ich bin ſtolz genug zu glauben, daß ich die Nähe einer reifen und ausgezeichneten Frau nicht zu fürchten habe. O! Claudia— wollen Sie mich anders lehren?“ Die Fürſtin ſchwieg— und der Graf fuhr fort:„Ihre Geſundheit wird ſich erholen, wenn Sie erſt dem zärtlichſten, ſorgſamſten Gatten die Pflege dafür überlaſſen werden. Ob Sie ſchön ſind— oder nicht— ich weiß es nicht, theure Claudia! Aber das weiß ich, daß ich Sie mit unbeſchreiblichem Vergnü⸗ gen anſehe— daß in Ihren Zügen Ihr Karakter ausgedrückt iſt D dieſer ſchöne edle Karakter, der mir mein Glück verheißt, wenn Sie einwilligen, mir anzugehören. Auch bin ich vielleicht weniger für weibliche Schönheit empfänglich, als Andere meines Geſchlechts; ſie iſt für mich erſt dann vorhanden, wenn ſie ſich durch den innen wohnenden Geiſt belebt— und ich fand ihn noch nie mit Jugend und Schönheit vereinigt. Ich bin daher zu dem Glauben gekommen, daß die Eigenſchaften, die mein Herz befriedigen können, ſich nur im ſpäteren Alter beiſammen finden— und es ſcheint mir, daß dieſe Anforderung meiner⸗ ſeits einen Anſpruch enthält, der viel ſeltener und ſchwerer zu befriedigen iſt, als wenn meine Wahl von Jugend und Schön⸗ heit bedingt wäre.“ Noch immer ſchwieg die Fürſtin; aber die Thränen ver⸗ ſiegten. Der Graf nahm noch einmal das Wort:„Habe ich nun abermals Ihre Einwendungen beſiegt? Werden Sie end⸗ lich jeden Zweifel beſeitigt finden, oder wollen Sie es noch erwähnen, daß Sie mein fürſtliches Vermögen nicht durch das Ihrige vermehren können?“ „Nein! nein!“ rief die Fürſtin lebhaft—„dies unver⸗ ſchuldete Unglück will ich mir nicht aufbürden. Mein Beſitz war einſt darin dem Ihrigen gleich und wie es mein Rang erfordert. Aber, theurer Freund! Sie— Sie ſind achtundzwanzig Jahr! Das iſt ein Einwurf, den Sie nicht zu beantworten vermögen— 63 der wie die Zeit ein Geheimniß umſchließt, deſſen Entwickelung Sie nicht vorher ſagen können. Jetzt! jetzt fühlen Sie dies Alles— jetzt iſt alles Wahrheit in Ihnen. Aber— ich bin achtunddreißig Jahr— und als Frau habe ich Erfahrungen geſammelt, die mir ſagen: Ein Mann erlebt erſt nach dieſem Alter ſeine volle, beſtimmte Entwickelung; die Lebenserfahrun⸗ gen gehen erſt an, wenn die Studienjahre vorüber ſind.“ Der junge Mann bekämpfte nicht ohne ſichtliche Bewegung ſeine aufſteigende Empfindlichkeit. Doch ſammelte er ſich bald und ſagte lebhaft:„Wenn dies wäre— wenn Sie mir blos die Erfahrungen eines Schulknaben zugeſtehn— was hat es mit meiner Bewerbung zu thun? Warum ſoll ich nicht an Ihrer Seite die Lebenserfahrungen machen können, die Sie für mich erſt angehend glauben?“ „Weil dieſe Erfahrungen alsdann ſehr leicht einer feſten Verbindung mit mir ſich feindlich zeigen können— und iſt dieſe dann unauflöslich,— einen ſchmerzlichen Widerſpruch erzeugen würden, den durch meine Einwilligung veranlaßt zu haben ich mir zum Vorwurf machen müßte!“ „Es iſt genug, Claudia!“ ſagte der Graf, faſt heftig aufſpringend.„Ich fühle, worauf Sie hindeuten— ich habe umſonſt an Ihrer Seite gelebt— Sie widerrufen das Zeugniß, das Sie mir einſt zu geben pflegten— und das, was früher in Ihrem Herzen für mich redete, iſt jetzt daraus verſchwunden!“ Er hatte ſich erhoben und von ihr gewendet. Sein Auge ſchaute glühend in den ſonnenhellen Garten, der unter den heißen Strahlen, mit ſich ſenkenden Blüten da ſtand— leidend unter dieſer unentbehrlichen brütenden Hitze, die das Maaß des Bedürfniſſes faſt überſchritt. Es rührte ſich kein Lüftchen. Am unteren Horizont ſchwebte ein gelblicher Dunſt, der die glühende Atmoſphäre andeutete. Nur über den nächſten Punkten, wo die dunklen, kräftig entgegen ſtehenden Baumgruppen ihre 64 Kronen erhoben, zeigte ſich der Himmel im tiefen Blau ohne das leichteſte Wölkchen. Des Grafen Gefühl war ſo gebildet für Naturſchönheit, daß er unter allen Umſtänden ein Auge dafür behielt. Auch jetzt verſenkte ihn dies reife, vollendete Sommerbild in ein wohlthätiges Träumen. Ein Zug Tauben flog wie glänzende Flocken über den Garten und bei der tiefen Stille, die ringsum herrſchte, hörte man ſelbſt die zahllos ſum⸗ menden Inſekten, die jeden Kelch, jedes Blatt beſuchten. Sonſt regte ſich nichts um die beiden tief bewegten Menſchen, die— wie die Natur— der Glut ihrer Gefühle unterliegend, das Haupt in ſtummen Leiden neigten. Da hörte der Graf an dem Rauſchen ihres Kleides, daß ſich die Fürſtin erhob. Er wendete ſich raſch.„Lacy!“ ſagte ſie kaum hörbar— und ſtreckte ihm mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Liebe und Schmerz die Hand entgegen—„Lach! ſoll ich Ihr Schickſal ſein?“ „Wenn Sie wollen, daß es ein glückliches ſei!“ rief er— ihre Hand mit Freude ſtrahlenden Blicken faſſend. Sie antwortete nicht, aber ſie zitterte heftig, daß er ſie umfaßte— und ſie war nun nicht mehr allein!— Der Mann, den ſie zuerſt und mit dem Feuer der Jugend liebte— ſtützte ihre brechende Kraft und ihr Haupt ruhte an ſeiner Bruſt. „Heute verlaſſe ich Sie nicht wieder,“ rief Lach, nachdem der heilige Ernſt des erſten Augenblicks in jugendliche Heiterkeit übergegangen war.„Laſſen Sie mich zu Gertrand und zu dem alten Bernhard gehen; ſie ſollen mein Glück erfahren, und Gertraud muß ihren Küchenzettel füͤr den geringen Appetit erweitern, den mir die Freude gelaſſen hat.“ „So bin ich denn alſo gänzlich verrathen?“ ſagte die Fürſtin lächelnd.„Auch meinen neuen Koch kennen Sie ſchon?“ Nichts Seligeres für ein weibliches Herz, als in der Nähe des Geliebten eine kurze Trennung! Nach vollſtändig erlangter Sicherheit ein einſames Ausruhn in dem Gefühl des Beſitzes!— Die Fürſtin fühlte erſt, wie der Graf ſich entfernte, den ganzen zauberhaften Umſchwung ihres Lebens. Sie enteilte in ihr Kabinet und ſank vor ihrem Betpult nieder— und ihre Ge⸗ danken— ihr klopfendes Herz waren Gebete! Sie fühlte ſich namenlos ſelig.— Sie ſchaute umher und grüßte die ganze Welt mit dem Gruß der Liebe und Verſöhnung. Selbſt ihr Wunſch nach Jugend und Schönheit ſchien erfüllt; ſie fühlte ſie in ſich; ſie dachte nicht mehr daran, wie viel oder wenig ihr nach Außen zugetheilt war Als ob von ihm, dem über⸗ ſchwenglich Reichen, auch dieſe Gaben abhängen würden, ſo vertrauensvoll übertrug ſie Alles in das Gefühl, ihm anzugehören. Der Graf ſandte ſeine Equipage nach dem Profeßhauſe an Georg Prey, denn die alte glückliche Gertraud erklärte, auch den ehrwürdigen Herrn Pater noch ſatt machen zu können. Nachdem die beiden treuen Diener durch des Grafen Vermit⸗ telung der theuren Gebieterin ihren Glückwunſch dargebracht, ergriff ſie wirklich der alte Geiſt des Hauſes, die Verſchwendung; denn während Gertraud alles zu braten und zu kochen begann, was ihr in den Weg kam, ſammelte Bernhard die Reſte ehema⸗ liger Tafelausſtattung, und chineſiſche Vaſen, freilich von ungleicher Größe, mit den reichen Blumen des Gartens ge⸗ ſchmückt, ſtanden neben Séver Porzellantellern und Meißner Püppchen, die in Blumenkörben Salz und Pfeffer hielten; dazwiſchen geſpartes Silbergeſchirr—„und Gottlob!“ ſeufzte er— noch drei ſilberne Beſtecke!“ Das ſchöne Obſt des Gartens ließ die Tafel ſogar reich erſcheinen, und in dem Eiſe, das der lang vergeſſene Eiskeller ſpendete, kühlten ſich ein paar ſtaubige Flaſchen aus einem kleinen Winkel der ſonſt reich gefüllten Kellergewölbe. „Ich bin ſelbſt von meinem Reichthume überraſcht!“ ſagte die Fürſtin freundlich lächelnd, als ſie zwiſchen Lach und Georg Prey Platz genommen hatte.„Ich ſehe, mein ehrwürdiger Thomas Thyrnau. 1. 5 66 Freund, wir haben noch viel übrig gelaſſen! Graf Lach be⸗ kommt eine reiche Braut.“ „Sie ſpotten zwar,“ rief Lacy—„aber ich muß gleich mit dem Bekenntniß herausrücken, daß ich mich der Mitgabe freue, die Sie mir hoffentlich nicht entziehen werden— ich meine den Palaſt Morani! Ich liebe dies ſchöne kleine Palais ganz vorzüglich und ſehe es nie, ohne es in Gedanken mit meinen Bau⸗ oder ſonſtigen Plänen in Verbindung zu bringen. Ich bin Enthuſiaſt für dieſe alten koſtbaren Architekturen, und wie willig ich auch den Tadel des Sachverſtändigen anhöre— über darin enthaltene Ueberladung— vermiſchte Ordnung— verfehlte Verhältniſſe,— es raubt mir nicht das innige Wohl⸗ behagen, womit ich mich an der glücklichen Laune des Erbauers ergötze, der an nichts zu denken genöthigt ſchien, als an das Zuſammenhäufen von allem, was die Welt an Motiven wie an Material und Form ihm Schönes dalzubieten vermochte, und es unbekümmert neben einander Platz nehmen ließ— eine bunte und dennoch nicht reizloſe Erinnerung alles bekannten Schönen! Dieſe ſchwerfälligen Genien, die ihre verzeichneten Beine in die Luft ſtrecken und die großen Blumenketten, wie Wurfſcheiben gefaßt haltend, auf uns damit zu zielen ſcheinen, ſind lächerlich, unſchön ſogar; aber ſie machen an dem unförmlichen Kuppel⸗ gewölbe, das plötzlich oben abdacht, in der Geſammtheit einen reichen, belebten Eindruck. Ich weile dann mit um ſo mehr Genuß auf den herrlichen Masken, die dazwiſchen wie Wappen⸗ ſchilder angebracht wurden und den ſchönſten Motiven des Alter⸗ thums entnommen ſind. Dieſe Thürſtücke, die mit der Decke korreſpondiren, auf buntem Grunde ihre Schnörkel von weißem oder grauem Matmor tragen und irgend ein Familienbildniß umkränzon, um deſſen Schönheit oder Aehnlichkeit man ſich wenig zu kümmern geſchienen hat, zeigen plötzlich zwiſchen dem Wahnſinn allegoriſcher Attribute, Raphaeliſche Verzierungen, 67 dem Vatican entraubt, die ſich mit der höchſten Anmuth und Schönheit hindurch ſchlingen. Ja ſelbſt dieſe Wellenlinien in den Fagaden, welche wie halbe Erker, unfertige Tempel erſchei⸗ nen und dem gebildeten Baukünſtler Konvulſionen machen— wie anmuthig ſtellen ſie ſich im Innern zum Bedürfniß des Wohnens zurecht! Man könnte denken, ein behaglicher Beſitzer habe im übermüthigen Beſtreben, von dem Mittelpunkte ſeines Gemaches in die Runde ſchauen zu können, die Wände langſam vorgedrängt— gerade ſo viel, um drei Anſichten zu gewinnen— und wenig genug, um den klimatiſchen Nachtheilen entzogen zu bleiben. Ja! unſer Klima und zugleich unſere ehrenwerthe deutſche Bildung, die mit keinem Vorzug des Auslandes unbe⸗ kannt blieb, hat dieſe kleinen Verſchrobenheiten, glaube ich, erzeugt! Die gothiſchen, zehn Fuß dicken Mauern, in denen man freilich auf Felsſpitzen ſchwebend gegen Sturm und Wetter geſichert war, mußten mit der Ueberſiedelung unſerer Vorfahren nach den Städten ſich verlieren, wo aller Grund für dieſe Bauart aufhörte. Mit den leichteren, helleren Räumen dieſer ſpäteren Wohnungen traten Bedürfniſſe der Ausſtattung ein, die wir alle ſchon in dem, durch ſeinen ewig klaren Himmel und ſeine alte Kultur begünſtigten Italien vorfanden. Da zogen wir nun herüber, was uns bei unſerm empfänglichen Bildungstriebe anſprach, und hier an Ort und Stelle traten die Beſchränkungen erſt hervor, denen wir uns, von Klima und abweichendem Bedürfniß erzeugt, unterwerfen mußten. Für mich iſt ein ſolcher Palaſt— und der Palaſt Morani iſt gerade ein ſolcher— eine Geſchichte unſerer Kultur in der anmuthig verſchlungenen Chiffre⸗Sprache dieſer vermiſchten Motive.“ „Sie erinnern mich daran,“ ſagte die Fürſtin—„wie ich nach meiner Rückkehr aus Italien, wo mein Vater die Her⸗ ſtellung ſeiner Geſundheit hoffte, von dem Anblick dieſes Palaſtes 5* 68 mich überraſcht fühlte, obwohl ich ihn von Kindheit an bewohnt und mich an ſeine Eigenthümlichkeit gewöhnt hatte. Jetzt erſt war mir das Auge geſchärft für dieſe barocke Miſchung, und ich beſchäftigte mich oft damit, unter dem Wuſt verſchrobener Auf⸗ faſſungen die ſchönen Vorbilder heraus zu finden, die darin verſchlungen waren. Doch wiſſen Sie, daß ich kaum noch ein geſichertes Anrecht daran habe? Der edle Graf von Kaunitz, deſſen gnädiger Verwendung ich meine Penſion von der Kaiſerin verdanke, fühlte wohl, daß ſie nicht ausreichen würde, den Palaſt Morani auf feſten Füßen zu erhalten. Er ſagte mir daher, daß die Kaiſerin wünſche, ihrer Stadt Wien den Schmuck dieſes ſchönen Hauſes zu ſichern, und da ich als Frau mit bau⸗ lichen Gegenſtänden wenig Beſcheid wiſſen würde, habe ſie ihrem Hof⸗Bau⸗Amt aufgetragen, ihn unter Aufſicht zu nehmen. In Folge dieſer gütigen Weiſe, mir eine Laſt zu erleichtern, haben ſich denn in verſchiedenen Zwiſchenräumen Arbeiter aller Art eingefunden, um das Ganze klopfend und hämmernd im wohnlichen Zuſtande zu erhalten.“ „Nun,“ ſagte der Graf lächelnd—„wenn die Kaiſerin erſt mein Recht an die Beſitzerin kennt, wird ſie, denke ich, nicht abgeneigt ſein, mich auch als Bau⸗Commiſſion anzu⸗ erkennen.“ „O! Graf! woran erinnern Sie mich“— rief die Für⸗ ſtin—„das unerträgliche Aufſehn, was unſere Verbindung machen wird— wie ſoll ich es überſtehn!“ „Deshalb nehmen Sie meinen früheren Vorſchlag an, und gehn Sie nach Schloß Tein, wo Sie in der Ruhe des Landlebens ungeſtört die erſte Bekanntmachung unſerer Verlo⸗ bung abwarten können, während ich hier alle Verhältniſſe ſo ſtelle, wie ſie Ihnen alsdann bequem ſein können.“ „Thun Sie das, Frau Fürſtin!“ ſagte Georg Prey— „und damit ſich Ihre Serupel über die Schicklichkeit des Schrittes 69 heben mögen, will ich mich zu Ihrem Begleitet anbieten; denn mein demüthiges Geſuch an meine hochwürdigen Oberen, mich von meinem Lehramt zu entbinden, um nich ungeſtört dem Studium der zu ſammelnden Urkunden überlaſſen zu können, iſt mir huldreichſt gerade heutigen Tages bewilligt worden. Da ein vorläufiges Copiren alter Handſchriften mir zunächſt liegt, welche mir voll Vertrauen zu einem längeren Gebrauch überlaſſen ſind — denke ich'— werden ſich diefe nach Schloß Tein mitführen laſſen, und unter Ihrem wohlgewogenen Schutz möchten ſich Landluft und grüne Wieſen erquicklich zeigen für meine etwas angeſtrengten Augen.“ Wirklich hörte die Fürſtin dieſen Vorſchlag mit ungemeinem Vergnügen. Sie wünſchte, ſich dem erſten Aufſehn zu entziehn, dem ſie nicht entgehn zu können einſah,— und fürchtete doch, indem ſie das Schloß des Grafen zu ihrem Landaufenthalt wählte, einen unzarten Schritt zu thun, der ſie der Nachrede ausſetzen könne. „Um ſo weniger wird dies der Fall ſein,“ fuhr der Graf mit ſeinen Ueberredungen fort—„wenn, wie es meine jetzige Stellung erfordert, mich alle Welt am Hofe gegenwärtig ſieht; wobei wir nicht nnterlaſſen dürfen, uns die Billigung der Kai⸗ ſerin zu ſichern, womit dann der Maſſe augenblicklich die Anſicht gegeben iſt. Erlauben Sie mir daher nur, dieſen einen höchſt wichtigen Schritt einzuleiten, ſo ſollen Sie mit allem Uebrigen verſchont bleiben.“ Die Fürſtin willigte ein, alles der Kaiſerin anheim zu geben, und der Graf bat nun, ihm eine genauere Darlegung ſeiner Lage zu erlauben, da ſich für den Augenblick einige ſonder⸗ bare Umſtände zeigten, die, wenn auch ohne eigentlichen Ein⸗ fluß, dennoch der theuren Braut nicht unbekannt bleiben durften. Da aber indeſſen die Sonne den Garten verlaſſen hatte und ein leichter Oſtwind die Luft kühlte, verließ die kleine Ge⸗ ſellſchaft den Eßſaal und ſtieg in den Garten hinab, deſſen ſanft geſenkter Boden an einer Brüſtung endete, über die man in den breiten waſſerreichen Graben ſah, der, als eine Ableitung der Donau, beſtändig einen ſchönen Waſſerſpiegel hatte. Am an⸗ dern Ufer zeigten ſich Wieſen, Felder und kleine Wohnungen, die, wenn ſie von geringerem Werth waren, außerhalb der Feſtungslinien der Vorſtädte angelegt werden durften, und die zwiſchen leicht wachſenden Fruchtbäumen und niedekem Weiden⸗ gebüſch gar anmuthig gelagert erſchienen. In einer ſeitwärts erquickend geordneten Schattenpartie des Gartens befand ſich auf der Mauerbrüſtung ein tempelartig herausgebauter Balkon, den der ſel'ge Fürſt zum Angeln benutzt hatte. Noch jetzt war er ein wohl erhaltener Aufenthalt für ſeine Tochter, den der alte Bernhard nicht verſäumte ſorgſam zu ſäubern, mit blühenden Gewächſen zu ſchmücken, die alten brokatnen Kiſſen, mit denen die Marmorſitze belegt wurden, vorſichtig zu hegen und nur während der Stunden auszulegen, wo er den Beſuch der Fürſtin daſelbſt erwarten durfte. Auch jetzt fanden die langſam dieſem Lieblingsſitz entgegen Wandeln⸗ den den alten Bernhard ſchon ihrer wartend, indem er ihnen den trefflich duftenden Kaffee bereit hielt. Man nahm Platz, und als Bernhard entlaſſen war, er⸗ zählte der Graf ſeinen aufmerkſamen Zuhörern von den ſonder⸗ baren Anſprüchen des Herrn Thomas Thyrnau und von ſeiner hinzugefügten Drohung. Weit weniger, als wir vielleicht mit dem gewiſſenhaften und ängſtlichen Karakter der Fürſtin verträglich finden möchten, wirkte dieſe Nachricht auf ſie. Wer jedoch die Zeit beachten will, in der die Fürſtin ihre Erziehung erhalten hatte und in der ſie lebte, wird begreifen, daß ihr eine Vermählung des Grafen Lach mit der Enkelin des Advokaten Thyrnau ſo durchaus un⸗ möglich ſchien, daß ſie die Sache ſelbſt kaum der Ueberlegung werth halten konnte, dieſe auch gar nicht bei der Fortſetzung des Geſprächs erwähnte, ſondern nur über die Sonderbarkeit eines Mannes wie Thomas Thyrnau, deſſen Werth ſie ſchon längſt durch den Grafen kannte, ihr Erſtaunen äußerte. „So muß ich es auch anſehn!“ entgegnete der Graf.— „Eine unbegreifliche Sonderbarkeit iſt es— die ich nur erklären kann, wenn ich des einzigen Fehlers— ſeiner großen Eitelkeit gedenke, die ihn hartnäckig gegen den Unterſchied der Stände ankämpfen ließ und die ewige, ungelöſte Streitfrage zwiſchen meinem Oheim und ihm war— und wozu ihm ſein allerdings großer eigner Werth viel Veranlaſſung gab.“ Wer wollte auch die Möglichkeit einzelner, bevorzugter Menſchen in jenen Kreiſen der Geſellſchaft leugnen!“ ſagte die Fürſtin.„Beſonders danken wir den Männern der Wiſſen⸗ ſchaften und Künſte recht ſchätzenswerthe Zeugniſſe ihrer gleichen Geiſtesbegabtheit; und auch Frauen zeigten auf ihrem Platze Verdienſt und Würde, die ihnen unbeſtritten verblieben; aber dies kann doch kein Grund werden, ſie für unſere Zirkel paſſend zu halten, für die ihnen immer die angeerbte Gewohnheit höherer Geſinnungen und äußerer Formen fehlen muß.“ „Claudia! Claudia!“ rief der Graf lächelnd—„fordern Sie mich nicht in die Schranken, daß ich Ihnen entgegne, was ich von Thomas Thyrnau gelernt habe! Ganz ſtehe ich dem alten Freigeiſt nicht ab— und Sie, meine edle Freundin, dürfen Ihren ſchönen Schweſtern aus dem Bürgerſtande noch manche Rechte zugeſtehn, ohne an Ihrem hohen Stande zur Verräthe⸗ rin zu werden.“ „Ich bin gewiß nicht abgeneigt, nich beſſer zu unterrich⸗ ten,“ entgegnete die Fürſtin—„und danke Ihnen ſchon eine große Erweiterung meines Geſichtskreiſes. Die Schranken, welche die Erziehung um mich gezogen, ſind in vieler Hinſicht eng geweſen; ich bin mehr mit den ergrauten Geſchichten der „ 72 Völker bekannt, wie mit der Geſchichte unſerer Tage, und end⸗ lich mehr vertraut mit Italiens jetzigem Zuſtande, als mit dem meines Vaterlandes.“ „Sie dürfen auch Italien eben ſo gut Ihr Vaterland nennen, wie dies alte Kaiſerreich,“ ſagte Georg Prey.— „Schon der Name verräth den Urſprung, und die hochſelige Frau Fürſtin waren ja von venetianiſchen Nobilis abſtammend.“ „Auch habe ich oft und lange in dieſem ſchönen Lande ge⸗ lebt,“ ſagte die Fürſtin—„und meine Liebe dafür iſt gewiß treu, denn ſie iſt mit meinen Jugenderinnerungen verwebt.“ „Machen Sie mich nicht eiferſüchtig, Claudia!“ ſagte der Graf, von ſeiner inneren Zufriedenheit zum Scherz getrieben — ich verlange, dies ſoll Ihre Jugendzeit ſein— hier ſollen Ihre liebſten Erinnerungen wurzeln!“ „Es wird ſein, wie Sie wünſchen, lieber Lach! Ich will die ſpäte Blüte meines Lebens gewiß nicht niederbeugen, weil ſie etwas die Zeit verſäumt hat; denn ich fühle es, ſie iſt darum doch aus meinem tiefſten Daſein entſproſſen und trägt alle Ele⸗ mente ihrer Entwickelung in ſich— als wäre es Frühling!“ ſetzte ſie lächelnd hinzu.„Wenn Gott fortfährt, ſie mit etwas Sonnenſchein zu begünſtigen, ſoll ſie neben den Beſten gelten können.“ Der Graf küßte faſt mit Andacht die Hand der geliebten Braut. Man fuhr dann fort, die näheren Umſtände ihrer beider⸗ ſeitigen Verhältniſſe zu bereden, und der Graf ſah mit großer Erleichterung, daß die Fürſtin Morani durch das geheimniß⸗ volle Andringen von Thomas Thyrnau gar nicht beunruhigt ward und ihm daher nur die eigne Sorge übrig blieb. Dieſe Unterredung ward plötzlich durch einen langſam näher rückenden dreiſtimmigen Geſang unterbrochen, der von der Waſſerſeite herkam. Es hörte ſich bald heraus, daß es Kinder⸗ ſtimmen waren, die unentwickelt, blos richtig ſangen. Und 73 doch lag ein Zauber in dem Geſange! Die jugendliche Kraft der Töne, die durch keine Kunſt gemildert ward und die aus der Tiefe hervordringend, wie das Geſchmetter der Nachtigall, in der ganzen Herausgabe ihrer Töne ſich kaum genug zu thun ſchien, dieſe Ingendluſt, die darin lag, feſſelte die Zuhörer in lautloſem Aufhorchen!— Es war eins von den eigenthüm⸗ lichen Volksliedern der Oeſtreicher, die zwiſchen neckender Nai⸗ vität und ſentimentalem Ernſt mitten inne ſtehn. Der Refrain war immer:„Frag' nur den Kuckuck, der ſagt Dir Dein Die Fürſtin begleitete lächelnd und mit dem Fächer Takt ſchlagend das Lied; als es aber unter dem Balkon verhallte, erhob ſie ſich lebhaft und ihr ganzes Geſicht erheiterte ſich, als ſie nach dem Waſſer hinunter blickte. „Dürfen wir? dürfen wir?“ ſchallte es von unten herauf. „O ja! Kommt geſchwind!“ rief die Fürſtin— während Lacy ſchon an ihrer Seite ſtand und erſtaunt den Inhalt eines kleinen hölzernen Nachens betrachtete, der ſo eng und gebrechlich, ſo ſchwankend und unſicher erſchien, daß er das ängſtliche Geſicht der gütigen Claudia vollkommen begriff, die halb ſcheltend, halb zur Vorſicht ermahnend, unruhig dem Landen einer kleinen Geſellſchaft zuſah. Es waren drei Kinder von verſchiedenem Alter— ein Knabe, ein älteres und ein jüngeres Mädchen. Erſt hob man das kleine Mädchen heraus, dann entſtand ein Streit zwiſchen den beiden Zurückbleibenden, die in gleichem Alter ſein konnten, wodurch aber gerade das Mädchen ſich mehr dünkte, und ver⸗ langte, der Knabe ſolle zuerſt folgen— was das Leichtere war — ſie wolle den Kahn mit dem Ruder feſthalten. Doch mit der ganzen knabenhaften Wildheit ſetzte ſich jener zur Wehre und nach einem kurzen Kampf um das Ruder, was Beide hielten, ließ der Knabe plötzlich los, und als das Mädchen dadurch tau⸗ 74 melte, umſchlang er ſie im ſelben Augenblick mit Kraft und Geſchick, und trotz des lauten Schrei's aus ihrem Munde, that er mit ihr einen gewagten aber glücklichen Sprung bis auf die erſte Stufe der Marmortreppe, die zu dem Balkon empor führte. „Du wirſt ſie umbringen!“ ſchrie die Kleinere, die voran gekommen war. Ich werde es Frau Barbara ſagen, wie ab⸗ ſcheulich Du biſt gegen die arme Magda; die wird ſehr böſe ſein!“ „Kinder ſprechen nicht mit!“ rief der Knabe freudig und triumphirend umher blickend.„Es iſt ihr kein Leid geſchehen und ſie ſoll ſchon ſehn, was meine Arme vermögen!“ „Artig!“ rief Magda, die Aelteſte.„Es iſt nun ſo gut! Aber künftig wird Herr Egon nicht vergeſſen, mit wem er es zu thun hat.“ Mit einem Mädchen!“ rief lachend der Knabe—„die wol nicht ſtärker ſein will als ich?“ Alle lachten wie Kinder, die ſchnell mit ihrem Witze zu⸗ frieden ſind— dann flogen ſie die Treppe hinauf, der Fürſtin entgegen. Die Mädchen ſtanden leuchtend vor Freude und knixend vor ihr, während der Knabe, mit einem Fuße in der Hand, auf dem andern vor Luſt und Freude hüpfte. Der Graf konnte nun auf ebenem Boden die Gruppe be⸗ trachten, und ſein Erſtaunen war in mehr als einer Hinſicht ſehr groß. Die Kinder ſchienen aus den niedrigſten Ständen; ihre Kleidung war ganz gering, obwol bei der Aelteren, wie aus dem Bürgerſtande. Aber was hatte dagegen die Natur für Veichthümer über ſie ausgeſchüttet! Das kleine Mädchen mochte zehn Jahr alt ſein. Sie war ſehr fein und ſchmächtig gebaut und ihr Engelsantlitz hatte die verrätheriſche Feinheit der Farbe, die den Keim körperlicher Schwäche andeutet. Aber wer hätte an ſpätere Gefahr denken können, wer ihr ins Antlitz ſah! Dieſe weiße mit blauen Adern durchzogne Stirn, an welcher 75 die kleine durchſichtig feine Naſe mit plaſtiſcher Schärfe ange⸗ ſchloſſen war; dieſer Engelsmund, voll und roth; die Grübchen in Kinn und Wangen, und die dicken goldblonden Locken, die nicht zuſammen gehalten von der kleinen rothen Tuchkappe, die darüber ſaß, dieſe faſt vergruben. Aber vor allem ihre blauen Augen mit dem großen ſchwarzen Augenſterne— dieſer runde volle Schnitt und der lachende Blick!— Das Röckchen war kurz, von ſchwarz und grauer Wolle, wie arme Leute ſelbſt zu ſpinnen und zu weben pflegen; das Mieder war von grobem blauem Tuche, ihr fehlte das Jäckchen; ein weißes aber grobes Hemdchen war um den Hals zugebunden und an den Armen in einen Aufſchlag über den Oberarm gelegt. Blaue, grobe Strümpfe und ſchwere Schuhe mit dicken Sohlen machten ihren ganzen Anzug aus, von dem man noch außerdem das Gefühl hatte, es ſei ihr beſter, denn er trug keine Spur von Gebrauch. Das Kind war ſauber, bis zu der geſchwärzten Sohle des gro⸗ ben Schuhes. Gleich war zu erkennen, daß der Knabe ihr Bruder ſei. Die Aehnlichkeit trat hervor; auch er war blond, nur hatte er die Färbung der Geſundheit, die man in der Luft bekömmt, und das gebräunte Geſicht zeigte ſich deſto auffallender gegen den blendend weißen kräftigen Hals, den das offene Hemd ver⸗ rieth. Er hatte nicht, wie die Schweſter, die hohe verklärte Stirn; im Gegentheil karakteriſirte dies ſeine Eigenthümlichkeit, daß ſeine Stirn kräftig gewölbt, aber niedrig war, und die glühenden blauen Augen zu drücken ſchien. Dies gab ihm aber gerade etwas außergewöhnliches— etwas geheimnißvolles.— Es war ein Zug, an welchem man oft durch viele Generationen hindurch die Mitglieder einer Familie erkennt. Auch Lach fragte ſich, wo er dieſe Züge ſchon geſehn?— Der Knabe hatte von demſelben Wollenzeug wie ſeine Schweſter ein kurzes Höschen und eine kleine offne Jacke an; die Strümpfe waren auch von 76 blauem Zwirn, die Schuhe grob und auf die Dauer gemacht. Auch ihm fehlte jede Ausſtattung der Wohlhabenheit; keine Schnallen an den Knieriemen und Schuhen, keine blanken Knöpfe, die damals kaum dem Geringſten fehlten. Dieſe Kin⸗ der ſchienen nichts der äußeren Zuthat verdanken zu ſollen und ihre Schönheit war nur um ſo auffallender. Eben ſo bei dem Größeren der Mädchen. Sie war älter als ihre beiden Gefährten und in dem erſten Aufblühn jung⸗ fräulicher Schönheit, aber wunderlich verpuppt in einer faſt puritaniſchen Kleidung. Sie hatte eine große geſteifte Haube von Kammertuch auf, die mit Backen, die ſteif betollt waren, faſt bis auf den Hals reichte. Aus nun blickte ihrzau⸗ bervolles bräunliches Angeſicht hervor, mit einem Saum von ra⸗ benſchwarzem glänzendem Haareingefaßt, deſſen Fülleden bauſchi⸗ gen Haubenkopf veranlaßt hatte, durch den man in einander gedrehte Zöpfe Ihr ganzer Kopf, von der Stirn bis zum Kinn wie gemeißelt, hatte die eirunde Form, über deren Schönheit uns die Antike belehrt; alle inneren Theile waren fein und regelmäßig; vorzüglich war die Naſe gerade und vollendet ſchön; nur der Mund war faſt zu geſchloſſen, und die Mundwinkel ſenkten ſich etwas. Man verſtand dieſen feſten Mund aber erſt, wenn man die tiefen, ernſten braunen Augen ſah, die klug und ſeelenvoll blickend, wie die Verkündigung eines ungewöhnlichen Karakters ausſahen. Ihr Kleid war von ſchwarzer Serge; es war ziemlich lang und in ſteife Falten ge⸗ legt; das Mieder ſchien noch immer zu weit für die ſchlanke Taille, und über die fein gerundete Büſte war ein ſauberes weißes Tuch von geſteifter Leinwand feſt mit Nadeln geſteckt. Die Aermel reichten bis zur Hand, die braun und ungeſchont, aber vollkommen ſchön und länglich ſchmal war. „Aber“— rief die gütige Fürſtin, Allen ihre Hände zum ehrerbietigen Kuſſe überlaſſend—„wieder ſeid Ihr auf 77 dem gebrechlichen Kahn gekommen. Habt Ihr Euch denn nicht vor Schelte gefürchtet?“ „Er iſt ja nicht gebrechlich,“ rief der Knabe—„Ihr denkt es nur, weil Ihr es nicht verſteht. Der Meiſter Guntram gäbe ihn uns gar nicht, wenn er nicht ſicher wäre!“ „Und daß Ihr nicht ſchelten ſolltet,“ rief Hedwiga, das kleinere Mädchen, mit einem zärtlichen Anſchmiegen ihres Köpf⸗ chens—„darum ſangen wir. War das nicht ſchön?“ Die Fürſtin lachte ſo verſöhnlich, daß das gute Einver⸗ ſtändniß nicht zu bezweifeln ſchien; aber indem ſie ſich von Hedwiga aufrichtete, gewahrte ſie mit einigem Erſtaunen, daß Magda wie eingewurzelt ſtand und ihre ernſten dunklen Augen unverwandt auf den Grafen Lacy richtete, während ein geheim⸗ nißvoller Ausdruck von Forſchen, Schrecken und Verwirrung ihre Augenlieder zitternd auf und nieder hob. „Magda! Magda!“ rief die Fürſtin zwei Mal, ehe das Mädchen ſie hörte. Dann fuhr es erſchrocken zuſammen, ſah Alle im Kreiſe lebhaft an, wandte ſich um und machte einen Verſuch, die kleine Stiege nach dem Waſſer hinunter zu laufen. Doch Egon warf ſich ihr in den Weg, die Fürſtin rief ſie mit Hedwiga vereint, und wie zur Beſinnung kommend, ſah man— obwohl ſie noch mit dem Rücken nach Allen gewendet ſtand— daß ſie ſich aufrichtete, wie um Athem zu ſchöpfen; dann drehte ſie ſich raſch auf dem Abſatz um, an Allen vorüber ſchaute ſie noch einmal auf den Grafen Lach, und dann deckte Purpurröthe ihr Angeſicht; und ſie ſah zur Erde— und ihr kämpfender Buſen zeigte eine heftige innere Erregung. Mittleidig, obwohl nicht wenig überraſcht, ſtellte ſich die Fürſtin vor ſie und hob ihr liebliches Geſicht, worauf ein Chaos von Gefühlen ſpielte, ſanft empor.„Du haſt mir ſicher von der Frau Aebtiſſin etwas zu beſtellen,“ ſagte ſie liebreich, und 28 ſie umſchlingend führte ſie das bebende Wädchen in den Schatten der nächſten Gebüſche. Indeſſen war der Graf nicht minder von dem kleinen Vor⸗ fall überraſcht; ſeine Augen folgten den beiden Davongehenden, und als er von hinten den eulenartigen Putz des jungen Mäd⸗ chens ſah, rief er faſt laut:„Wer ſollte dieſes Engelsantlitz in der tollen Verpuppung ſuchen!“ Doch Georg Prey, der mit der Zeit eine eiferſüchtige Dekonomie trieb, hatte ein kleines Büchelchen und einen Sil⸗ berſtift zur Hand genommen, denn es ſchien ihm, daß er hier ganz überflüßig werde. So ſah ſich der Graf mit ſeinem Aus⸗ ruf und den beiden andern Kindern allein, auf die er ſchnell zuging, denn ſie ſchienen ihm alle reizende Weſen. Der Knabe lag hinten über gegen die Brüſtung des Balkons und ſchlug mit einer Weidenruthe in die Luft. Sein Ausdruck war düſter und trotzig, und ſeine Augen hafteten an dem Gebüſche, in welchem ſeine junge Gefährtin ſo eben mit der Fürſtin verſchwun⸗ den war. Hedwiga aber hatte ſich neben ihm gebückt und holte durch die durchbrochene Brüſtung eine weiße Windenranke herein. „Biſt Du denn ſchon ein alter Bekannter von der Fürſtin Morani?“ fragte der Graf den Knaben, während er Hedwiga ſcherzend an ihren dicken Locken zog. Der Knabe ſah zum Grafen empor— ſo trotzig und wild, als wolle er ihm nicht Rede ſtehen. Mißmuthig und rauh ſagte er dann nach einem Weilchen und warf den Kopf dabei in die Höhe:„Lang genug!“ Der Graf lächelte. Er bog ſich nieder und half Hedwiga die Ranke herein ziehen. Freudig ſchlug dieſe in die Hände, als er ſie ihr abgepflückt reichte, und er ſetzte ſich nun und zog die Kinder zu ſich heran. „Erzähl' mir doch, Hedwiga— haſt Du noch Aeltern?— Wo wohnſt Du denn?“ 79 „Am Walle“— rief Hedwiga—„bei Frau Bäbili, der Kloſterpächterin, welche die Kühe hält. Wir haben Mora— aber nicht unſere Mutter.“ „Aber Egon iſt Dein Bruder?“ fuhr der Graf fort. „Komm' Hedwiga,“ rief der Knabe auffahrend—„wir wollen nach Hauſe!“ „Ohne Magda?“ fragte die Kleine erſchrocken und ergriff des Grafen Arm—„Du willſt doch nicht ohne Magda fort?“ „Doch! doch!“ ſagte Egon und ſchaute glühend und unverwandt in das Gebüſch.„Magda iſt ganz thöricht— ich habe ihr nichts gethan— nein! nein! nicht einmal gedrückt habe ich ſie— und da läuft ſie fort und thut ſo bös mit uns!“ „Magda war ja nicht bös“— ſagte begütigend Lacy— „gleich kommt ſie wieder.“ „Warum ſah ſie Euch denn ſo ſtarr an“— rief hervor⸗ brechend der Knabe—„was habt ihr denn mit ihr? Warum hat ſie ſich denn vor Euch erſchrocken?“ Der Graf blickte erſtaunt auf den wilden Knaben, der plötzlich ſein ganzes Innere und vielleicht mehr als er ſelbſt wußte, verrieth, und mit dem Scharfſinn ſeiner kindiſchen Liebe zu Magda auf den Blick eiferſüchtig war, den ſie dem Grafen gegönnt. „Du biſt ein thranniſcher Burſche! ſagte der Graf lachend. „Dir thäte wohl gut, in ſtrengere Zucht zu kommen! Haſt Du einen Herrn, oder was treibſt Du? Sitte fehlt Dir noch!“ Der Knabe ſchlug ſein glühendes Auge auf, vielleicht noch mit der Neigung zu trotziger Erwiderung. Aber es lag in dem Aeußern des Grafen eine Miſchung von Strenge und Güte, die den Uebermuth niederdrückte. Er wandte ſich daher blos halb zur Seite und blickte ſtumm auf ſeine Schweſter. „So ſprich doch!“ ſagte Hedwiga.„Wir ſind bei Mora, und Egon lernt Leſen beim Kloſtervoigt— und dann helfen 80 wir Mora Wolle krempeln— und Guntram, der Waffenſchmied, lehrt ihn die Waffen ſchmieden, und dann fechten ſie mit den Degen, die Guntram ſchmiedet.“ „So!“ ſagte der Graf und vertiefte ſich in die himmliſchen Augen des jungen Kindes, deſſen klare Engelsblicke ihn ganz bezauberten. Er glaubte nun Alles zu verſtehen— die hilfloſe Armuth der Kinder, welche die Fürſtin in ihrer Lage nicht erleichtern konnte— und doch, von den reizenden Weſen ange⸗ zogen, ihnen ihre Liebe geſchenkt hatte. Schnell dachte er an Mittel, ihr zu Hilfe zu kommen; er blickte noch einmal auf den trotzigen Knaben und ihre Augen begegneten ſich. Sein ſchönes anziehendes Geſicht war wieder ruhiger geworden; die geheim⸗ nißvolle Stirn zog den Grafen an, als müſſe er ſie ergründen. Es lag ſo viel Kraft und Entſchiedenheit in dieſem Weſen— und ſein erfahrner Blick erkannn den ächten Jünglingsſinn. Er bedachte ſeine Worte— ihm nur erſt Rede abzugewinnen, ſchien ihm das Nöthigſte. „Du liebſt alſo, die Waffen zu ſchmieden?“ ſagte er freundlich. „Ja, Herr!“ erwiederte der Knabe—„aber ich liebe mehr, damit zu fechten, als ſie zu ſchmieden.“ „Du biſt klug!“ ſagte der Graf lachend.„Damit wirſt Du es aber in Deiner Kunſt nicht weit bringen. Biſt Du in der Lehre bei Meiſter Guntram?“ „In der Lehre?“ fragte der Knabe erſtaunt—„Wo denkt Ihr hin? Nein, ich beſuche ihn und lerne ihm manches ab— und ruht er aus, dann fechten wir.“ „Willſt Du denn nicht etwas Tüchtiges lernen? Du biſt doch alt genug dazu! Haſt Du denn keine männliche Ver⸗ wandte?“ „Das iſt es eben. Mora will von nichts hören“— erwiederte der Knabe, immer offener und freier ſich dem 81 erweckten Intereſſe hingebend.„Wäre ſie ein Mann, würde ſie mich ſchon in der Kriegskunſt üben laſſen, damit ich auch dabei wäre, wenn ſie wieder kämen die Herren Preußen und Franzoſen. Das ſollte was werden!“ „Ich bin der Graf Lacy— willſt Du in meine Dienſte treten?“ ſagte dieſer raſch entſchloſſen. „In Ihre Dienſte?“ fragte der Knabe wieder ganz er⸗ ſtaunt.—„Ich diene nicht“— ſetzte er beſtimmt hinzu. „Nun! Du biſt ein merkwürdiger Geſell“— rief Lacy, faſt unangenehm überraſcht. „Aber“— unterbrach ihn der Knabe—„ich will Mora fragen, ob ich einem Grafen dienen kann?“ Thue das!“ entgegnete Lacy,„höre, ob Du Deine erha⸗ bene Perſon ſo weit herablaſſen darſſt?“ Der Knabe fühlte den Spott und ward roth. Doch plötz⸗ lich zeigte ſich die Fürſtin mit Magda er ſah ſie früher als der Graf und ſchien im ſelben Augenblick alles Andere zu vergeſſen. Magda hatte ihre gleichmäßige bräunliche Geſichtsfarbe mit einem glühenden Roth der Wangen vertauſcht. Die Augen⸗ wimpern glänzten in kaum getrockneten Thränen und die ſchöne Eigenthümlichkeit dieſer länglichen Augen— mit den halbge⸗ ſchloſſenen Augenliedern lieblich zu zucken, als ob kleine Blitze herausführen— war noch auffallender nach den deutlichen Spuren vergoſſener Thränen. Sie ging auf Egon zu, legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte:„Egon, willſt Du wohl gleich wieder mit mir nach Hauſe fahren? Ich— ich habe etwas zu beſorgen.“ Der Graf horchte auf jedes Wort dieſes kleinen Geheim⸗ niſſes. Die Stimme war ängſtlich gepreßt, aber von einer Melodie, daß er jedes Wort klingen fühlte. Er nahte ſich ihr und ſagte:„Liebes Mädchen— Du haſt einen jungen trotzigen Thomas Thyrnau. 1. 6 — Freund! Willſt Du ihn mir nicht geneigt zu machen ſuchen? Du haſt wohl mehr Gewalt über ihn als Andere?“ Das Mädchen erſtarrte bei Lacy's Anrede wieder zur Bild⸗ ſäule. Dann ſchüttelte ſie haſtig den Kopf und ſagte: Rein! nein! ich habe keine Gewalt über ihn! Er iſt blöde— nicht trotzig— Ihr könnt leicht mit ihm verkehren.“ Die Fürſtin ſchritt hier ein.„Geht jetzt, liebe Kinder,“ ſagte ſie. Man ſah ſich nach Hedwiga um. Sie ſaß neben Georg Prey, und ihre Lieblichkeit hatte ſelbſt den abgeſchloſſenen Denker aufgeſtört. Er zeigte ihr das Titelblatt des kleinen Buches, in welchem er geleſen, das mit Vergoldung und bunten Farben ein ſchönes Wappen und große Schrift zeigte. Entzückt ſah ſie bei jeder Erklärung zu ihm auf, und er blickte erſtaunt in ihre blauen Augen, und ſeine verſteinerten Züge waren glatt und weich vor Wohlgefallen; er hielt ſorgfältig die Ranke, die ſie ihm zum Halten gegeben und ftützte ſie ſelbſt, damit ſie beguem ſehen könne. Lacy und die Fürſtin wechſelten lächelnd Blicke des Ein⸗ verſtändniſſes, als ſie die Gruppe gewahrten; Georg Prey erröthete bis an die Schläfe, als er ſich ſo beobachtet ſah und wollte eben Hedwiga auf die Erde heben, als dieſe— jetzt hörend, daß ſie Abſchied nehmen ſollte— ihren Arm um ſeinen Hals ſchlang und ihm einen Kuß auf die Stirn gab. Georg Prey prallte zurück, als habe er einen Stich be⸗ kommen. Hedwiga aber fuhr herzlich fort, ihm zu danken und fragte, ob er immer hier ſei— und ſagte, ſie werde bald wie⸗ derkommen— und was des kindiſchen Geſchwätzes mehr war, wobei ſie ſo lieblich lächelte, daß Georg Prey alles vergaß und immer mit dem Kopfe nickend ſagte:„Komm nur— komm! ich werde ſchon da ſein.“ Jetzt ſprang ſie zur Fürſtin, die ſie mit den andern Kin⸗ dern entließ. Aber als der kleine gebrechliche Nachen nun ab⸗ 83³ fuhr, war Egon der einzige Thätige. Magda ſaß ſtumm und unbeweglich mit dem Rücken nach dem Balkon gewendet; nur Hedwiga hielt ſie mit den Händen vor ſich feſt. Aber vergeblich bat dieſe, noch einmal zu ſingen. Die kleine Geſellſchaft blieb ſtumm und entſchwand bald den Augen der Nachſchauenden. Es ſchien, als müſſe erſt dem Auge ganz genügt werden. Denn Beide, Lacy und die Fürſtin, blieben ſtumm, bis der kleine Nachen verſchwunden war— dann rief der Graf zuerſt: „Aber um Gotteswillen, beſte Claudia, wo haben Sie dieſe drei Feenkinder her? Die haben die Elfen aus einer Königs⸗ wiege geſtohlen, und ſie dem armen Manne zugetragen. Haben Sie größere Schönheit und mehr wie dies, größeren geiſtigen Zauber geſehn? Das braune Mädchen— und Hedwiga dieſes Engelsbild— und Egon— er hat mich zwar behandelt, als wäre er meines Gleichen und könne mich zum Zweikampf for⸗ dern— aber welch' ein prächtiger Junge iſt es! Wo haben Sie denn die Götterkinder gefunden?“ „Das freut mich! das freut mich!“ rief Claudia—„den Eindruck erwartete ich. Eben ſo groß war mein Erſtaunen, als ich ſie zuerſt ſah. Sie kamen ſingend auf dem Kahn hier vorüber; und als ſie zu mir heraufſahen, verloren ſie die Rich⸗ tung des Kahns und ſtießen an die Treppe. Ich hatte keine andere Hülfe als mich ſelbſt, ich lief hinunter; Magda reichte mir augenblicklich Hedwiga, während Egon den Kahn aufrecht zu halten ſuchte. Doch rief ich Bernhard zu Hülfe und ließ ſie Alle ausſteigen. Wie ich ſie vor mir ſah, war mein Erſtaunen ſo groß als das Ihrige, ich war ganz bezaubert und quälte ſie mit Fragen, die aber wenig eintrugen. Es ſind keine Feen⸗ kinder, lieber Graf! Die Wiege des armen Mannes iſt von der Natur mit dieſen Schätzen beſchenkt worden. Alle wohnen im Bereich des Urſulinerhofes; Magda bei einer Baſe, die ſie Frau Barbara nennt. Die Kinder nennen ihre Pflegerin Mora, 6* 84 wahrſcheinlich die kindiſche Umdrehung eines andern Namens. Ob Magda arm iſt, weiß ich nicht; die Geſchwiſter ſind es, das iſt gewiß; doch fragte ich nicht weiter nach— ich wollte nicht Armuth kennen, die ich nicht zu lindern vermochte,“ ſetzte ſie ſanft und wehmüthig hinzu.„Aber unſere Freundſchaft war ſeitdem entſchieden, und oft kommen ſie ſingend daher geſchwom⸗ men; dann iſt immer eine große Freude unter uns, denn ſo ſchön ſie ſind, ſo wohlgeſittet ſind ſie zugleich, und bei aller naiven Unkenntniß unſerer Formen ſcheint ihnen doch das Ge⸗ meine völlig fremd zu ſein.“ Der Graf ſchwieg, denn er konnte nichts Anderes ſprechen; ſeine Gedanken hingen wie gebannt an dem eben Erlebten, und er wünſchte noch eine Frage zu thun: aber eine ihm ſelbſt uner⸗ Kärliche Scheu hielt die Worte in ihm zurück. Doch ſah er plötzlich, über ſeine Zerſtreuung verlegen, vom Boden auf zur Fürſtin und dieſe— ſei es, daß ſie ihn errieth, ſei es, daß es ſie ſelbſt trieb— ſagte:„Und heute das wunderliche Weſen von Magda! Sie haben wohl geſehn, welche Bewegung Ihr Anblick ihr erregte— aber ich habe nicht erfahren, was es war. Sie war ſo verlegen, daß ſie weinte; aber ſo entſchieden ſie ſonſt iſt, es kam keine verſtändige Antwort heraus.“ „Das iſt nicht ſchmeichelhaft für mich!“ ſagte Lach erröthend. „War meine Erſcheinung ihr ſo abſchreckend, ſo muß ich eine ſchlechte Meinung von mir faſſen.“ „Das war es nicht. Sie ſagte ein paar Mal„„Ihr ſeid ſonſt immer allein, und ich weiß nicht, warum ich ihn kenne— und warum er ſo ausſieht wie ein Bekannter.““ Doch ließ ich bald das Fragen und trachtete nur danach, ihre Thränen zu ſtillen, indem ich ihr Blumen zeigte, die ſie liebt. Aber dennoch bat ſie mich immer, ich ſolle ſie fort laſſen, ſie ſchäme ſich ſo ſehr.— Erinnern Sie ſich des Mädchens?“fragte die Fürſtin dann, zum Grafen gewendet.—„Sahen Sie das liebe Kind ſchon?“ — „Nein! nein! erwiederte Lacy—„ich ſah ſie gewiß nie, denn man kann ſie nicht vergeſſen, wenn man ſie einmal ſah. Ich glaube, ſie iſt wunderſchön— und doch iſt ihre Farbe ſo ungewöhnlich braun.“ „Aber die dunkeln Augen und das ſchwarze Haar erklären dies hinreichend“— fuhr die Fürſtin fort. Sie iſt eine von den Schönheiten Italiens, die wir Nordländer zu Anfang gar nicht begreifen, eben weil ihnen der Farbenreiz fehlt, den wir erſt nach und nach in dieſer braunen Färbung entdecken lernen. Wie rein ſind die Formen ihres Kopfes und vorzüglich ihre antike Naſenbildung. Hedwiga dagegen iſt die vollſtändige Blüte des Nordens— dieſe Farbenpracht— dieſe goldnen Locken und die großen blauen Augen.“ „Daß ihr Zauber mächtig iſt,“ erwiederte der Graf„ſahen wir an Georg Prey. Geſteht es, ehrwürdiger Herr, das kleine Engelsmädchen wird ſich in Eure frommen Betrachtungen drängen. Und vollends der Kuß— der Kuß! Ihr müßt ihn beichten gehn und einige Pönitenz dafür diktirt bekommen.“ Georg Prey lächelte zu dem gutmüthigen Scherze und ſagte dann„Wenig habe ich das Weib in ſeiner vielerwähnten Schönheit zum Gegenſtande meiner Betrachtungen gemacht; aber wenn ſolche Augen nicht unter den Verſuchungen des heiligen Antonius waren, ſo konnte er ſchon ſiegen! Das wäre ein Köpfchen zu einem Bilde der heiligen Katharina— das findet ſich nicht oft.“ Scherzend über die beſondere Bewunderung des ehrwür⸗ digen Herrn, verließ man den Garten und trennte ſich für den Reſt des Abends. 86 Wie männlich ſich auch der Graf Lach ſeiner Freiheit und Unabhängigkeit bewußt blieb, die Sorge, die er über die gegen die Fürſtin erwähnten Verhältniſſe empfand, war vorhanden und lag beſonders in der Furcht, hier auf irgend einen phan⸗ taſtiſchen Plan von Thomas Thyrnau zu treffen, in welchen er den alten Grafen Lach verflochten und der— wenn auch un⸗ ausführbar— ihnen doch nicht ſo erſchienen war. Jeder Wider⸗ ſpruch konnte daher unangenehme Aufregung veranlaſſen und eine Beleidigung werden, die ihm— dem Freunde und dem An⸗ denken ſeines Oheims gegenüber— unendlich ſchmerzhaft ſchien. Am liebſten wäre er der Aufforderung des alten Mannes gefolgt und ſelbſt nach Tein gegangen. Aber er konnte Wien nicht in einem Augenblicke verlaſſen, wo die Kaiſerin gewiſſermaßen Beſchlag auf ihn gelegt, und ſo dachte er daran, ihm aus⸗ führlich zu ſchreiben, als ihm aufs Neue ein Brief von Herrn Thomas Thyrnau übergeben ward. „Warum fahren Sie fort, ſich mir zu entziehen,“ lautete eine Stelle dieſes Briefes.„Das ſind falſche Maaßregeln, die „ihnen zu nichts helfen und mir die Laune verderben. Sie müſſen „jetzt hierher kommen; die Eröffnung des Teſtamentes, die Er⸗ „füllung der darin enthaltenen Bedingungen darf nicht länger erſchoben werden. Ich habe Ihnen noch vorher Wichtiges zu „ſagen, und trotz meiner Aufforderungen widerſtehen Sie, als „ob Sie mit einer Beleidigung bedroht würden. „Das iſt nicht der Geiſt, den Ihr ehrwürdiger Oheim in „Ihnen vorzufinden hoffte, und ich kann, in ſeinem Geiſte „denkend und handelnd, damit nicht zufrieden ſein.“— Dann kamen wieder viele Angelegenheiten der Verwaltung— ſpäter fuhr er fort:„So lang ich Vormund war, ging das recht gut, »ich konnte und mußte für Sie einſtehn; aber jetzt, wo Sie „ſchon ſo lange mündig ſind und Alle das wiſſen, da will ich icht mehr auf die zweifelhaften Geſichter ſtoßen, die mein 87 „gutes Recht nur halb anerkennen. Thomas Thyrnau hat nicht vnöthig, Verſicherungen ſeiner Wahrhaftigkeit zu geben!“ Obwol der Graf an den rauhen, faſt befehlshaberiſchen Ton in den Briefen von Thomas Thyrnau gewöhnt war und ihn mit der Ruhe ertrug, die ihm ſeine eigne Tüchtigkeit gab, reizte er ihn doch immer bis zum ſtolzeſten Widerſpruch, ſo wie er die Angelegenheit berührte, die dem Grafen eine unbezweifelt tolle Anmaßung über ſeine Freiheit erſchien. Lebhaft eilte er im Zimmer auf und nieder, den Unmuth bekämpfend, den er ſo ſtark in ſich erregt fühlte, und aufs Neue ſchien es ihm drin⸗ gend nöthig, ſelbſt nach Tein zu gehen und dem alten verwöhn⸗ ten Manne durch ſeine perſönliche Erſcheinung die Täuſchung zu nehmen, er habe noch mit dem achtzehnjährigen Jünglinge zu thun. Auch hoffte er durch die ſchonende und dennoch be⸗ ſtimmte Entgegnung, mit der er jede Einmiſchung in ſeine Privat⸗Angelegenheiten abweiſen und ihm ſeine jetzt entſchiedene Verlobung dagegen ſtellen wollte, dem alten anmaßlichen Herrn die Luſt zu weiterer Verfolgung zu nehmen. Dies endlich für das Nöthigſte erkennend, fiel es ihm ein, dem Grafen Kaunitz, der ihm ſo ausgezeichnetes Wohlwollen bewies, ſeine ſonderbare Lage offen zu entdecken, in der Hoffnung, der Graf werde ihm entweder zu einer ſchnelleren Audienz bei der Kaiſerin verhelfen, oder ihm die Erlaubniß zu ſeiner kurzen Abweſenheit verſchaffen. Bis dahin mit ſeinen Beſchlüſſen gekommen, überraſchte ihn der Eintritt des Baron von Pölten, wie immer wohlthuend; denn trotz des jugendlichen Leichtſinns des Barons, wußte er doch, welch ein rechtlicher und treuer Karakter in ihm lag. „Ich komme von Deiner Braut, mein Lieber!“ rief er— „und bringe Dir ihre Grüße. Nimm Dich in Acht! ich fange an, Deinen Wahnſinn zu begreifen und verliebe mich vielleicht für die Stunden, wo Du nicht dabei biſt, in dieſe Geiſtes⸗ Schöne!“ 88 Der Graf lachte.„Du ſtellſt Dein Lob in ſo ſichere Gren⸗ zen, daß mir gewiß kein Zweifel bleibt, bis wie weit Du ihr nur das Recht ihres Geſchlechts— ich meine das der Schönheit— zu⸗ geſtehſt, und ſo glaube ich, biſt Du mir wenig gefährlich, denn ohne den Gürtel der Venus wird Dich keine Frau in Gefahr bringen.“ „Das iſt wahr, Lach! und du weißt, daß ich Dich faſt haßte bei der Nachricht von dieſer wahnſinnigen Verlobung. Ja! wenn ich die Fürſtin nicht ſehe, ſcheint es mir noch immer beſſer, ich entführe Dich— oder tödte Dich im Duell— oder überzeuge Kaunitz, daß Du das Vaterland verräthſt, und laſſe Dich zehn Jahre nach der Feſtung bringen— denn über kurz oder lang mußt Du ihr doch davonlaufen, und dann haſt Du die Schuld! Jetzt käme alles auf die Rechnung Deines tollen Freundes, deſſen Sündenregiſter ſchon ſo groß iſt, daß es nicht viel verſchlägt, wenn noch mehr hinzu kommt.“ „O!“ ſagte der Graf—„der kürzeſte Weg wäre ja immer, wenn Du mich an meinen anmaßlichen, weiland Vormund ver⸗ rietheſt und ihn und ſeine Enkelin mir in den Weg führteſt. Sieh hier, mein Freund! da iſt wieder ein Pröbchen von der Redekunſt des alten Herrn— müſſen kommt in jeder Zeile vor, und wenn ich acht Jahr alt wäre und die Schule nicht beſuchte, in der er mich ſehen wollte, könnte ich kaum beſtimm⸗ ter zurecht gewieſen werden!“ Kopfſchüttelnd las der Baron den ihm dargereichten Brief des alten Herrn und ernſter, als ſeine Art war, ſagte er dann: „Daß die Alten doch immer vergeſſen, daß Kinder, die ſie erzo⸗ gen, endlich auch Männer werden. Sie wollen das, aber ſie überſehen, wann die Zeit dazu herangekommen iſt, und fahren in ihrer Weiſe fort, als wäre noch erſt zu erwarten, was doch nur auf ihre Anerkennung harrt.“ „Daraus entſtehen ſo viel unglückliche Spannungen zwi⸗ ſchen dem Alter und der Jugend,“ fuhr der Graf fort—„eine 89 nothwendige Trennung, da der junge reifende Geiſt ſich dem Drucke entziehen muß, der ſeine ſelbſtſtändige Entwickelung hindert. Wie ſchön könnte ein ehrendes Vertrauen des Alters wirken, kaum entwickelte Keime zu pflegen! Die glühende Sehn⸗ ſucht zum Beiſpiel, die in einem Jünglinge lebt, ein Mann zu werden, und die ihn ſo reizbar, ſo wild, ſo excentriſch macht und tauſend Verwechslungen der Kraft mit der Roheit, der Freiheit mit der Zügelloſigkeit gebiert— wie könnte ſie in die rechte Bahn gelenkt werden, wenn ihm frühzeitig ein ehrendes und anerkennendes Vertrauen entgegen käme, das ſeinen Hoff⸗ nungen Erxfüllung verhieße! Wie manche Thorheit würde er ſich nehmen laſſen, wenn er ſich gehoben und anerkannt fühlte in dem kleinen ſchon errungenen Beſitz! So war mein Oheim! So iſt Thomas Thyrnau nicht!“ „Schüttle ihn Dir ab,“ rief der Baron—„ſeine Weiſe wird immer unerträglicher!“ Der Graf ſagte ihm dagegen, was er beſchloſſen, und forderte ſeinen Rath. „Hoffe nicht, jetzt fort zu kommen!“ entgegnete ihm Pölten. „Hat die Kaiſerin einmal ihr Auge auf Jemand gerichtet, ſo muß er ihr ſtehn. Auch iſt das billig, denn es kreiſt manches in ihrem Kopf und ſie, wie ihr großer Miniſter, bewirken nur des⸗ halb ſo viel, weil ſie die Kunſt beſitzen, beſtändig das Nöthigſte, das, was zuerſt geſchehen muß, zu erkennen und es durch nichts aus dem Bereich ihrer Thätigkeit verdrängen zu laſſen. Wenn Du an der Reihe biſt, kömmſt Du heran und nicht früher, nicht ſpäter— das glaube mir. Aber Du ſollſt darauf warten, damit Du zwar, aber nicht die Kaiſerin einen Augenblick Zeit verliert.“ „Ih fürchte, es iſt ſo!“ ſagte der Graf.„Aber es bringt unleugbar für mich Verlegenheiten mit ſich und macht mein Ver⸗ hältniß zu dem alten Despoten immer ſchlimmer.“ „Glaubſt Du,“ ſagte der Baron,„daß es Dir nützlich werden köonte, wenn ich nach Tein ginge! Vielleicht bringe ich 90 den Alten zur Vernunft; vielleicht kann es Dir nützen, von mir zu hören, wie dort Alles ſteht. Nach Prag wollte ich über⸗ dies; Urlaub kann ich jetzt leicht bekommen, denn Graf Nadaſti ſammelt erſt gegen den Herbſt ſeine Kavallerie⸗Regimenter und Alles iſt beurlaubt, was darum anhält.“ Beide Freunde wurden durch den Gedanken lebhaft erregt. Er ſchien manches Gute zu verſprechen, wenigſtens vermittelnd einzuſchreiten. Bevor ſich Beide trennten, ward die Reiſe des Barons feſt beſchloſſen. Der Graf bat ihn, über ſeinen Palaſt in Prag zu beſtimmen und wollte, ohne den zu nennen, der käme, Befehle ertheilen, Alles in Stand zu ſetzen. Das glorreiche Haus Habsburg hat ſeinen alten Ruf großer Frömmigkeit in der katholiſchen Chriſtenheit auch dadurch an den Tag zu legen geſucht, daß es in der Hauptſtadt ſeines Reiches einen großen Flächenraum an die geiſtlichen Stiftungen der verſchiedenſten Ordens⸗Bekenntniſſe überließ und dieſe ausge⸗ dehnten Beſitzungen, die in allen Richtungen Wiens vertheilt lagen, mitallen Begünſtigungen ausſtattete, die dieſen Stand da⸗ mals über jedes andere Unterthanenverhältniß erhoben. Zwiſchen gewerbtreibenden Stadttheilen zeigten ſich die weitläuftigen An⸗ ſiedlungen dieſer Klöſter, die hinter wohlverwahrenden Mauer⸗ einfaſſungen ihre großen Beſitzungen zu ſchützen wußten, und obwol nach Innen der lebendigſten Thätigkeit nicht entbehrend, doch als Inſaſſen einer Stadt, dieſer durch ihre Abſonderung von der Straße, ſtets in dem großſtädtiſchen und volkreichen Anſehn, welches man von einer Reſidenz erwartet, Abbruch thaten. Später, bei zunehmenden Zugeſtändniſſen und in Folge der induſtriellen Beſtrebungen dieſer geiſtlichen Corporationen fand ſich für ſolche Zwecke das Grundſtück des Kloſter⸗ oder 91 Stifts⸗Gutes beſſer durch Bauten benutzt. Man fing an, im⸗ Innern abgrenzende Mauern zu ziehen, die zunächſt das Kloſter⸗ gebäude mit Kirche, Gärten und den nöthigen Dienſtwohnungen umſchloſſen, und führte dann auf den zwiſchen beiden Mauern liegenden Grundſtücken kleinere und größere Wohnungen auf, die ſich bei gleichzeitigen Anpflanzungen und Gartenanlagen ſehr wohl verzinsten, und da hiermit das Oeffnen des erſten Kloſterthores verbunden war, nach und nach anfingen auch dieſen Beſitzungen den Karakter ſtädtiſchen Lebens zu geben. Nach Maaßgabe des Reichthums ſolcher Kloſtergüter wurden dieſe äußeren Höfe zu vornehmeren oder geringeren Wohnungen eingerichtet; immer aber blieben ſie von der unbemittelteren Klaſſe geſucht, da der Miethzins im Ganzen geringer war, und kleinere Gewerbe leicht Abſatz fanden, theils für das Kloſter ſelbſt, theils bei den zahlreichen Beſuchern deſſelben; denn beſondere Feſte der Heiligen, oder der Beſitz von gnadenreichen Bildern und Reliquien, durfte kaum in irgend einem Kloſter fehlen. Man nannte dieſe Wohnungen nach dem Kloſter, zu dem ſie gehörten, als zum Beiſpiel: zum Kapuziner⸗, Benedik⸗ tiner- oder Jeſuiten-Hof— und es iſt eben ein ſolcher Hof, und zwar der Urſuliner-Hof, in deſſen inneren Raum wir, dem Zuſammenhange unſerer Erzählung gemäß, jetzt unſere Mit⸗ theilung verlegen müſſen. Das Urſuliner-Stift war nicht reich, aber das Grundſtück des Kloſters, an der Wallſeite gegen das Neuthor zu gelegen, war weitläuftig, und nachdem die frommen Frauen einen be⸗ deutenden Theil für ſich abgezweigt hatten, blieb ihnen zu ihren finanziellen Spekulationen noch ein großer Raum, der jedoch nur mit kleinen Büdner- und Handwerker⸗Wohnungen und mit den gebräuchlichen Budenreihen beſetzt ward, in denen an Kloſter-Feſttagen, welche nicht ſelten eintraten, eine beliebige Ausſtellung kleiner Waaren zu finden war, die von den herbei⸗ ziehenden Landleuten bei ihrer Rückkehr gern gekauft wurden, und welche die Handwerker und Kaufleute des benachbarten Viertels an ſolchen Tagen dahin brachten. Durch eine wohl beſchnittene Hecke getrennt, ſtieß an dieſe kleine Hüttenreihe die Wohnung der Kloſterpächterin oder Meierin. Dies Haus war gemauert und mit einem ſpitzen Schieferdach verſehen, unter welchem ſich der Speicher befand. Der Obſtgarten lag davor, und die Kuhſtälle umſchloß daſſelbe Dach, denn ſie ſtanden alle mit dem großen mittlern Hausraum in Verbindung; ebenſo die Milchkammern, in denen die Päch⸗ terin, eine Schweizerin, berühmte Butter und Sahnenkäſe für die ehrwürdigen Frauen bereitète, und was über das Bedürfniß reichte, an bevorzugte Stellen in der Stadt verkaufte. Ein jährlicher Käſe von füßer Sahne und ganz beſonderer Zube⸗ reitung gehörte dabei zu den Merkwürdigkeiten, an die ſich Ge⸗ danken und Erzählungen fürs ganze Jahr anknüpften. Dieſer eine Käſe, welcher nur im Auguſt herzuſtellen war, ward als⸗ dann, nach geſchehener Anfrage und erhaltener Erlaubniß, der hohen Frau Kaiſerin ſelbſt überſendet und zwar mit immer neuen Erfindungen der guten kindlichen Nönnchen verbunden, welche dieſe Gabe mit echt ſüddeutſchem Humor in allerlei Ver⸗ kleidungen und Verſtecke hüllten, wobei gewöhnlich zierlich ge⸗ flochtene Körbchen, fein geſtickte Decken und immer herrlich gepflegte Blumen des Kloſtergartens die Hauptrolle ſpielten. Zu Ueberbringern wählte man aber ein oder zwei der ſchönſten Kinder aus der Kloſterſchule, welche zu Engeln umgeſtaltet wurden und dann die Gabe mit einigen Verſen überreichten, die aus ihren Geſangbüchern entlehnt waren, oder gar aus dem Kopfe einer begabten Kloſterſtau hervorgingen. Die Frau Kaiſerin verſäumte nie, das Geſchenk huldvoll ſelbſt in Empfang zu nehmen, und was ſie dabei that und ſagte, und was ſie trug, und wo ſie ſich befand, das wurde ſo 93 oft erzählt und wieder erzählt, zuletzt ſo verändert, daß nicht viel fehlte, daß man ſogar einige Wunder erlebt zu haben glaubte, zu welchem Glauben die phantaſtiſche Tracht der kleinen Ueberbringer nicht wenig beitrug. Außerdem erlebte man immer noch ein für die ganze Gegend höchſt erbauliches Nachſpiel. Denn bald nach dieſem empfangenen Geſchenk des Kloſters er⸗ innerte ſich die Kaiſerin, daß die Aebtiſſin deſſelben ihr Spiel⸗ Fräulein geweſen und an einem Feſttage, der bald darauf ge⸗ feiert ward, erſchien die Kaiſerin mit ihren Damen in mehreren Karoſſen, hielt ihre Andacht dort, nahm bei der Frau Aebtiſſin hernach eine kleine Collation ein und ließ ein bedeutendes Ge⸗ ſchenk in der Armenbüchſe zurück. Niemals aber verſäumte die Pächterin, Frau Bäbili Oberhofer, in ihrer reichen Berner Tracht im innern Kloſterhofe ſich hinter den Nonnen zu zeigen, und die Kaiſerin, die unter den dunklen Geſtalten leicht die ſchmucke, in grelle Farben gekleidete Frau erkannte, lächelte jedesmal mit holdem Kopfnicken und ſagte:„Aha! Frau Ober⸗ hofer! der Käſe hat gut geſchmeckt— macht ihn keiner der Frau Schweizerin nach!“ Nach dieſen Worten glitten einige Goldſtücke im ſelben Augenblick zum Boden, als Frau Oberhofer ſtrahlend vor Entzücken ſich auf die Erde beugte, um den fern⸗ ſten Rand der Schleppe Ihrer Majeſtät zu küſſen. Wenn Frau Bäbili nach ſolcher Scene mit glühendem Geſicht und ſtrahlend vor Luſt und Wonne, aber nit geſenkten Augen, als könne ſie vorerſt nichts Anderes ſehen, in den äußeren Hof zu⸗ rücktrat, war ihre Perſon bei allen ihren Nachbarn zu einer ſol⸗ chen Wichtigkeit erhoben, daß die Volksgruppen, die vor der ver⸗ ſchloſſenen Thür der kaiſerlichen Rückfahrt harrten, ihr ehrerbietig Platz machten, denn Jeder wußte jetzt— die Worte der Kaiſerin ruhten auf ihr, und ihre Lippen hatten die Schleppe berührt! Langſam ging ſie und wie getragen von ihrer Erhebung durch die Reihen, und Niemand konnte auf ihrem hübſchen 94 glatten Geſicht Stolz oder Hochmuth entdecken. Nur ein ſcharfer Beobachter hätte herausgefunden, daß ſie die derben Füße mit den blauen, roth geſtickten Strümpfen und den blanken Leder⸗ ſchuhen mit ſilbernen Buckelſchnallen ungewöhnlich auswärts ſetzte, und dadurch in den kurzen weiten Rock von feinem roth wollnen Zeuge, hinten einen kleinen hochmüthigen Schwung brachte, der einen ſelbſtgefälligen Zuſtand verrieth, der ſich des Raums bewußt iſt, den man ſeinen Schwingungen zugeſteht. Niemand redete ſie an auf dem Wege bis zur erſten Pforte, wo ſie neben dem Eckſteine Platz nahm, um der abfahrenden Kaiſe⸗ rin ſich noch einmal tief knixend zu präſentiren, obwol dies zu den ſonſt gern gelittenen Dingen bei Frau Oberhofer gehörte — denn wagte dies einmal eine ihrer Bekanntinnen, über⸗ wältigt von Reugierde, dann ſagte Frau Oberhofer, wie die Kaiſerin ſelbſt mit der Hand abwehrend:„Jetzt nicht, Frau Nachbarin, Ihro Kaiſerliche Majeſtät ſind noch im Bereich!“ Kaum war aber die letzte Räderſpur verſchwunden, dann drängte ſich Alles um die Hochbegnadigte herum— und dann hieß es nicht mehr:„Frau Nachbarin!“— ſondern:„Drück⸗ chen, hätte Sie geſehn! Stinchen, ſo was hörte Sie nie!“ und von Allen begleitet zog ſie nun unter die Linden und an den aufgedeckten Buden hin, welche ſie mit ſichern Blicken prüfte, während ſie immer wieder aufs Neue das Erlebte er⸗ zählte und die kleinen Handelsleute zur Verzweiflung brachte, die ſich mit dem halben Leib aus der Bude herausbogen, um Frau Oberhofer zum Herantreten zu bewegen, denn erſtlich wußten ſie, daß in ihrer Taſche heute Goldſtücke klimperten, zweitens, daß dieſer Tag nie hinging, ohne daß Frau Ober⸗ hofer— wie ſie ſagte— ein Andenken zu Ehren Ihrer Kaiſer⸗ lichen Majeſtät für ihre ſtets ausgeſuchte Toilette kaufte. Es konnte nicht fehlen, daß durch dieſe jährlich ſich wieder⸗ holenden Scenen Frau Bäbili Oberhofer unter der kleinen 95 Kolonie des Urſuliner⸗ Hofs ein bedeutendes Anſehn erlangte, da man ihr die Veranlaſſung zu ſo ausgezeichneten Ehren zurech⸗ nen mußte. Auch war es nicht ſchwer, mit Frau Bäbili, wie ſie Alltags genannt wurde, auf gutem Fuße zu ſtehn, denn ihr ſtarkes, geſichertes Selbſtgefühl war doch ohne kleinlichen Dünkel und ge⸗ häſſigen Argwohn. Harmlos nahm ſie an, daß ihr überall der Vorrang gebühre, und von dieſem beruhigenden Standpunkte aus fühlte ſie mit ihren Umgebungen ein frommes Mitleiden und ſchritt, gerufen oder ungerufen, überall rathend und helfend ein. So war Frau Bäbili's rothes Geſicht, ihre helle Stimme für den ganzen Kloſterhof eine willkommene Erſcheinung, und man überſah leicht, daß ſie raſch und befehlshaberiſch einſchritt, wo ihr etwas nicht nach Sinn ging; denn ihr mitleidiges: „Die armen Faſels hab' das Einſeh' nit“ blieb faſt nie ohne eine kleine thätige Aushülfe, die das Verſtändniß beſſer öffnete. Wenn aber der Sommerabend kam, dachte Frau Bäbili unter den Linden nie an Rangſtreit, wenn die ganze kleine Kolonie mit Alten und Jungen, Kindern und Greiſen zuſammen war, und nach guter, heitrer, ſüddeutſcher Weiſe ſich an allen Ecken eine Fidel oder Querpfeife rührte, um zum Tanz außzufordern. Auch hierbei liebte Frau Bäbili nicht überſehn zu werden. Ihre hübſche runde Geſtalt bewegte ſich voll Kraft und Geſund⸗ heit und trotz ihrer fünfundvierzig Jahre mit großer Leichtigkeit. Ihr jederzeit ſauberer Anzug, deſſen Schnitt dabei noch überher der Sitte ihres geliebten Vaterlandes treu blieb, machte ſie ohne Zweifel ſelbſt unter den Jüngeren faſt zur angenehmſten Tänze⸗ rin. Und kam nur der Rechte und zog ſie zum Tanze auf, da ſchoß die heitere Frau, wie ein Kreiſel von der Schnur, durch die Reihen hin und Alles wich ihr aus, denn man mußte auf feſten Füßen ſtehn, wenn man Frau Bäbili's kräftigen Anſtoß aushalten ſollte. Dieſer Rechte war aber ein Inſaſſe der kleinen Kolonie jenſeits der Kloſterpforte, der in ſeinem Viertel als Mann Frau Oberhofer repräſentirte, faſt eben ſo viel Anſehn genoß als ſie, und gleich ihr, außer ſeiner Perſönlichkeit, in ſeinem größeren Wohlſtande ein bedeutendes Argument führte. Dies war Meiſter Guntram, der Waffenſchmid, deſſen rauchende Eſſe vom frühen Morgen an die geſchäftigen Arbeiter verrieth, die um den ſauſenden Blaſebalg und den ſprühenden Ambos mit rüſtiger Hand den Hammer ſchwangen. Meiſter Guntram aber galt für eine Art Herenmeiſter, denn er war, wie die Geſellen ſagten, mit einer glücklichen Hand geboren; das Eiſen und das Feuer, der Hammer und die Feile, alles thäte, was er wollte— er habe nur das An⸗ faſſen, da wär' es ſchon gethan!— Er lachte ſtolz über ihren oft verrathenen Glauben, und that nichts, ihn zu widerlegen, während er vor ihren Augen das Gröbſte und Schwerſte, das Feinſte und Mühſamſte mit gleichem Erfolge vollbrachte. Noch war er unverheirathet, und ſchon ſchätzte man ihn auf 45 Jahr. „Die Feuereſſe läßt nicht Raum für Weib und Kind,“ pflegte er die Anrede darauf zu erwiedern—„der Waffenſchmid wird zuletzt ein rauher Geſell wie Eiſen und Stahl; er weiß mit den Weibern nicht mehr umzugehn!“ Dabei lachte er mit ſeinen weißen Zähnen und ſchaute mit ſeinen kleinen glänzenden Augen unter den buſchigen Augenbrauen ſo kindlich gut hervor, daß Niemand denken konnte, er ſei ſelbſt bei der Arbeit verhärtet. — Dieſer nun war es, mit dem Frau Bäbili am liebſten län⸗ derte, denn dieſer ſtand doch feſt auf den Füßen und war dabei leicht wie eine Springfeder. Frau Oberhofer bewohnte indeſſen ihr geräumiges Haus nicht allein. Es ſchien ihr zu groß für ihre dermalige Lage und ſie hatte ſeit den Jahren, die ſie hier regierte, eine alte Frau eingenommen, welche die eine Hälfte des Hauſes in Beſitz hatte und mit ihrer Nichte von der Frau Pächterin wohlgelitten, ſich keine beſſere Hauswirthin hätte wünſchen können. 97 Die Mietherin, Frau Barbara Hülshofen, hatte ein gro⸗ ßes Gemach im Erdgeſchoß inne und drüber im Erker noch den⸗ ſelben Raum, deſſen Fenſter über die Kloſtermauer ſahen in den mit hohen Tarushecken bis zum Graben hinunter reichenden Kloſtergarten. Die Pachterwohnung hieß ſonſt das Hoſpitium, als ſtatt der Urſulinerinnen— rämonſtratenſer Mönche das Klo⸗ ſter inne hatten. Seitdem Nonnen eingezogen, war das Hoſpi⸗ tium durch die Mauer abgezweigt worden und der Milchwirth⸗ ſchaft überlaſſen. Da nun hinter dem Hauſe bis zum Graben hinunter die fetten Wieſen lagen, die ein Eigenthum des Kloſters Swaren, ſo paßte ſich dieſe Einrichtung für die Zucht der Kühe ganz vortrefflich, ohne doch die ehrwürdigen Damen weiterzu beläſtigen. Das lange ſchmale Gemach, wo Frau Hülshofen Jahr aus Jahr ein wohnte, hatte zwei einander gegenüber liegende große und oben gerundete Fenſter; das eine ſah nach dem Obſt⸗ garten der Frau Bäbili hinaus, das andere nach den Wieſen mit der weiten Ferne, die jenſeit des Grabens ausgebreitet lag, während näher am Hauſe ſich ein ſchöner ſteinerner Brunnen befand, in welchem die Figur des heiligen Chriſtophorus abge⸗ bildet war. Das plätſchernde Baſſin, worin der Heilige ſtand, mußte mit den kleinen Quellen, die um ſeine Füße ſpielten, das rothe Meer darſtellen. Das Kinderfigürchen des Heilands mit der goldenen Strahlenkrone, auf ſeiner Schulter ſitzend, war aber eine liebliche Darſtellung, und dieſer Heilige ward von allen Hausbewohnern an jedem Morgen zuerſt mit gebührender Devotion begrüßt. Steinerne Bänke liefen rund um den Brun⸗ nen und nicht weit davon ſtand eine eben ſolche Tafel— beides noch Ueberreſte der früheren Beſtimmung, als Hoſpitium des Kloſters. Hier fanden früher die Pilger zuerſt Ruhe und Er⸗ quickung, denn dies Plätzchen war auch bei heißem Mittage kühl und geſchützt, weil die hohe Kloſterkirche ihre Preiten Schatten darüber hinwarf. Thomas Thhrngn. 1. 7 98 Das andere Fenſter gewährte dagegen keine Ausſicht. Frau Bäbili hatte von oben bis unten ein dichtes Rebengelän⸗ der hinübergezogen, und obwol die Sonne, da es nach der MWittagsſeite lag, hindurch zu ſcheinen ſuchte, erreichte ſie doch nichts, als eben dieſe grüne Blätterwand mit ihren Strahlen zu erhellen, und einzelne Blitze in das Innere des Zimmers zu werfen. Das Gemach war das ehemalige Refectorium geweſen. Es war ſchmal, aber lang, denn es durchmaß das ganze Haus, und hatte zwei Thüren, die beide in den großen Hausraum führten, welcher die Küche und der Speiſeſaal der jetzigen Be⸗ wohnerin war. Zwiſchen dieſen Thüren befand ſich ein großer Ofen, unten von Eiſen, oben mit einer Pyramide von bunten Kacheln. In der Mitte des Zimmers ſah man einen langen eichnen Tiſch, der zu Allem diente, wozu man eines Tiſches bedarf, und am Wieſen⸗Fenſter ſtand ein Lehnſtuhl, mit dunk⸗ lem Plüſch bezogen, davor das immer ſummende Rädchen der alten Frau Hülshofen. Die Wände waren leer und, wo ſie nicht von Eichenholz waren, wie bei der Fenſterwand, mit bun⸗ ten Kacheln belegt. Die Decke hatte das gewöhnliche Balken⸗ geflecht der früheren Bauart; ſie ſchien von der Zeit geſchwärzt und man war nie bis zu ihrer Anfriſchung empor geſtiegen. Die Hauptwand, dem Ofen und den Thüren gegenüber, zeigte eine wunderlich gemiſchte Aufſtellung. von allen Bedürfniſſen des kleinen Haushalts. Urſprünglich liefen hier unter einer eichnen Holzlehne Bänke entlang, dieſe waren jedoch nur noch theilweiſe zu ſehen, und von den Bänken hauten ſich nach und nach hinzugefügte Börtchen und Schränke in die Höhe, die den Bedarf der Wirthſchaft theils zeigten, theils hinter Vorhängen verſteckten. Es war an demſelben Tage, wo der Graf von Lach ſich verlobte, und die Kloſterglocken hatten die Vesper eingeläutet. Die Sonne wich immer weiter von dem Wieſengrunde zurück und die Kühe waren ſchon eingetrieben. Nach dem Tumult, den dies erregte, dem Schreien der Mägde, dem Brüllen des Viehs, trat allmälig immer größere Ruhe ein, denn Frau Bäbili liebte ſehr, ſich allein zu hören, und verwies bald jeden unnützen Lärm in die gehörigen Schranken. Eine Zeit lang noch klap⸗ perten die Milcheimer— dann trat das Heranſchieben der Bänke an den Eftiſch ein. Frau Bäbili erhob jetzt ihre Stimme und ſagte ein kurzes Gebet her, in welches die Mägde und Adrian, der alte Schweizer, den ſie mitgebracht, am Schluſſe einſtimm⸗ ten, und nun folgte wieder eine kurze Stille, denn der wichtige Augenblick war da, wo die Ermüdeten die treffliche Suppe zu ſich nahmen, welche die Hausfrau, in allen ihren Geſchäften geſchickt und rechtlich, für ihre Dienerſchaft be⸗ reitet hatte. Mit ſtillem Aufhorchen hatte Frau Barbara Hülshofen an dem Fenſter ihres dunkelnden Gemaches dieſem fernen Lärmen zugehört und daraus den längſt bekannten Gang der häuslichen Angelegenheiten verfolgt. Mehr aber als dieſe Beobachtung ſchien ſie das Vorrücken der kleinen hötzernen Pendeluhr zu be⸗ ſchäftigen; unaufhörlich blickte ſie wieder hin, und ihr Erſtau⸗ nen ſchien zu wachſen, denn Magda, ihre Nichte, blieb noch immer aus. Dieſe Unruhe wuchs, als Frau Oberhofer, bei ihrer Mahl⸗ zeit zur Ruhe gekommen, von ähnlichen Gedanken ergriffen ſchien, da ſie plötzlich die Thür aufmachte, und im Zimmer nach Seiten umſpähend, ausrief:„Alſo iſt ſie noch nicht zurück? „Was kann die Veranlaſſung ſein?“ rie nun Frau Bar⸗ bara, ſchnell aufſtehend.„Guntram hat den Kahn geliehen an die Nachbarskinder. Sie werden doch kein Unglück gehabt haben?“ 7* 100 Behüt's Gott! warum denn Unglück?“ ſagte Frau Bäbili. Doch das läßt ſich erfahren; ich werde gehn und hören, ob die Kinder nebenan zu Hauſe ſind.“ Schnell wie ihre Gedanken ſchritt ſie zur Thür hinaus, während Frau Barbara nach dem großen Hausraum ging, um die Treppe nach den beiden oberen Schlafkammern hinaußzuſtei⸗ gen, von wo ſich eine weitreichende Ausſicht über einen Theil des Grabens und bis an das Ende des Wieſengrundes zeigté. Aber ſo viel ſie auch ſpähte, es blieb Alles ſtill und unbewegt. Die Sonne war ſchon untergegangen, man ſah nur den pur⸗ purrothen Gürtel an dem klaren Himmel ausgeſpannt, der die Stelle bezeichnete, wo ſie niederſank. Im ſelben Augenblick erhob ſich der Geſang der Nonnen aus dem nahen Kloſter. Frau Barbara wendete ſich und be⸗ merkte jetzt die beiden großen Kirchenfenſter, die im Hinter⸗ grunde des Chors waren, von den Kerzen des Altars hell et⸗ leuchtet, während der Abendhimmel die grauen Pfeiler mit ihren architektoniſchen Verzierungen röthlich anhauchte. Von dem hohen Fenſter, an welchem Frau Barbara ſtand, reichte der Blick über die Mauer und zwiſchen den Tarushecken hindurch in den Blumengarten der Nonnen, wo zierlich, wie mit dem girkel gemeſſen, jeder einzelnen Pflanze ihr Plätzchen gegönnt war und Alles ſich in einer ſolchen Friſche und Vollſtändigkeit zeigte, als hätten die gewöhnlichen Hinderniſſe gegen Wachſen und Blühen hier keine Gewalt. An vielen Stellen waren mar⸗ morne Baſſins, in deren Mitte ſich immer eine größere oder kleinere Sculptur befand, die entweder als Brunnen das Waſſer niedertröpfeln ließ, oder als Träger eines förmlichen Spring⸗ prunnens den Strahl in die Luft ſendete und in Schaalen, die von Figuren gehalten wurden, wieder auffing. Um den weißen Marmorrand dieſer Baſſins grünte der Raſen wie mit Gold laſirt, und hob das tiefe Blangrün der Cypreſſenbäume, die 101. zierlich beſchnitten und bis zur Wurzel bewachſen, ausſahen wie Nönnchen in ihre Schleier gehüllt, und die in regelmäßigen Entfernungen jedes Baſſin im Kreiſe umgaben und die Rücklehne für die Steinſitze bildeten, die an ihrem Fuße weiß hervor leuchteten. Es war eine wunderbare Ruhe über dieſes Gärtchen aus⸗ gebreitet, von welchem der lieblichſte Duft in die Höhe ſtieg. Selbſt die Vögel ſchwiegen; ja, das Waſſer ſchien geräuſchlos nieder zu fallen und das röthliche Abendlicht, womit es von Außen umſäumt war, erhöhte im Innern die friſche Farbe des Grüns. Hätte Frau Barbara von den anmuthigen Fabeln ge⸗ wußt, die von bezauberten Gärten, durch Feen geſchmückt und behütet, uns erzählen, ſie hätte das Erſtaunen dann vielleicht auszudrücken vermocht, womit ſie das oft bewunderte Gärtchen jetzt ſo überraſcht anblickte. Dieſe Betrachtungen hatten ſie für einen Augenblick von ihrer Unruhe abgezogen, und jetzt verſchwand ſie völlig, denn ſie erkannte die Geſtalt ihrer Nichte Magda, welche vor einem großen Baſſin auf einem Steinfitze ſtill und unbeweglich ſaß, als ob ſie die ruhende Natur um ſich her nicht ſtören wolle. Warum ſie nicht zur Kirche ging“— murmelte Barbara. Wieder ſah ſie auf das Mädchen hin und jetzt bemerkte ſie, daß Magda ihr weißes Taſchentuch unter der Schürze hervorzog und das Geſicht damit verhüllte, ohne Zweifel in heftigem Weinen begriffen.„Was iſt denn das?“ fuhr Barbara fort—„was hat ſie nur?“— Ein Geräuſch mußte ſich hören laſſen— die Vesper war zu Ende, und die Nonnen gingen durch den Gar⸗ ten nach dem Refectorium zum Abendeſſen.— Magda ſprang auf wie ein gejagtes Reh und war augenblicklich in der entgegen⸗ geſetzten Richtung verſchwunden. Indeſſen war Frau Oberhofer aus dem Gartenthore hin⸗ aus gegangen und hatte ſich rechts um daſſelbe herum geſ chwungen 102 * wo ein ſchmaler Gang zwiſchen ihrer Gartenhecke und dem Un⸗ terbau der Kirche bis zu einem kleinen Hüttchen fortlief, das kaum mehr als ein befeſtigter Schuppen war. Nach dem Gange heraus ſah man gar keine Fenſter; die Lehmwände hatten nur eine ſchmale hölzerne Thür. Das Häuschen ſah auf der andern Seite ebenfalls nach den Wieſen, aber eine halb zuſammen ge⸗ ſunkene Bretterwand trennte es von dem Revier der Frau Bäbili und ließ einen abgeſonderten Raum entſtehn, wo ſonſt Reiſig aufgeſchichtet war, was man aber jetzt fortgeſchafft hatte. Dies bildete einen kleinen Hof oder Garten, auf dem das Gras und ein gelegentlich gepflanztes Blümchen beſonders gut fortkam. In der Mitte ſtand eine Linde, die ihre breiten Aeſte ausruhend über das bemooſte Dach der Hütte legte, daß es faſt wie ein Neſt in ihren Zweigen ruhte. Auch auf dieſer Seite war nur ein kleines Schiebfenſter und die Thür, die nach dem eben be⸗ zeichneten Hofraum führte, welche aber freilich als einzige Licht⸗ und Luftſpenderin ziemlich immer geöffnet erhalten ward. Das Innere zeigte die größte Armuth, die nur auf die allererſten Bedürfniſſe des Lebens beſchränkt iſt. Die Lehm⸗ wände waren von innen ſo unbekleidet wie von außen; der kleine Heerd mit dem Rauchfang drüber war die beſte Stelle, und nur eine Bank, die durch zwei Klötze und ein Brett ge⸗ bildet war, ſtand davor. Auf niedrigem Fachwerk gab es einige Töpfe und Teller, drunter einen kleinen ſchwankenden Tiſch. Außerdem enthielt der Raum drei Schlafſtellen von Heu mit ein paar Decken und Kopfliſſen; die eine lag hinter einem roh ge⸗ zimmerten Bretterverſchlage. Der Fußboden war wenig über die Straße erhöht und von bloßem Lehm feſtgetreten. Der größte Vorrath dieſer Hütte ſchien eine Menge ge⸗ krempelter Wolle, die auf hölzernen Pflöcken an den Wänden hing, nebſt einem Vorrath roher Wolle, der noch des Fleißes harrte und am Boden aufgehäuft war. 103 So tiefe Armuth hier nun ſichtlich vor Augen lag, hatte dieſer Raum doch einen Vorzug, der ſelten mit Armuth vereint iſt; er war auffallend rein und eine geſunde Luft wehte dem Eintretenden darin entgegen. Das Feuer brannte am ſpäten Abend auf dem Heerde und ein kleiner brodelnder Keſſel enthielt die Hoffnung für drei hungrige Magen. Aber wer hätte noch an das Gefolge der Ar⸗ muth, den Trübſinn, denken können, wer die ältliche Frau erblickte, die auf der Bank ſaß— und Hedwiga, die auf einem Häufchen Wolle vor ihr kniete und ihr lachend und lebhaft ge⸗ ſtikulirend von der heutigen Kahnfahrt erzählte. Die Frau blickte mit lachendem Geſichte zu dem Kinde nieder, während ſie, mit einer Hand den Kochlöffel haltend, in dem Keſſel rührte und ihn nie ganz aus den Augen verlor. „Mora!“ ſchloß Hedwiga ihre Erzählung—„ſo haſt Du die Magda nie geſehen! Wie ein kleines Kind hat ſie ſich gehabt!“ „Das vornehme Volk hat's ihr angethan,“ entgegnete Mora lachend.„Die ſind auch der Mühe werth, vor ihnen zu erblöden.“. Indem trat Egon, der im Hofraum Holz geſpalten hatte, mit ſeinem Bündel auf dem Kopfe ein, ſo leicht und zierlich ſchreitend, als trüge er eine Blumenkrone. „Hier, Mora, haſt Du Vorrath,“ rief er—„und nun ſieh“ wie ſchön ich's gemacht! Ein Stückchen iſt wie das an⸗ dere, und glatt wie gehobelt; da will ich ſehen, ob Ihr wieder Splitter in die Finger kriegen werdet.“ „Gut,“ ſagte Mora,„Du biſt ein tüchtiger Geſell! da ſollſt Du auch belobt werden und wirſt, denke ich, nicht bös ſein, daß die Suppe gerade fertig iſt.“ „Komm, Egon,“ rief Hedwiga— hilf mir, eh' wir Suppe eſſen, das Holz packen!“ Und ſchon kniete ſie und legte 104 ſo geſchickt und zierlich die Stückchen über einander, daß ihr Aufbau zugleich ein beſcheidner Schmuck dieſer reizloſen Woh⸗ nung ſcheinen konnte. Unterdeſſen ſtellte Mora drei Teller auf den kleinen Tiſch, und vertheilte ſorgſam die grobe Brotſuppe, den Inhalt des Keſſels, zu deſſen Würdigung der gute Appetit der Jugend gehörte. Als die Kinder dann ihr Geſchäft beendet, ſprach Mora ein Gebet und fröhlich fuhren ſie nun über ihre Teller her, welche in kurzer Zeit geleert waren. In dieſem Augenblick ward die Thür aufgeriſſen und Bä⸗ bili rief ohne weitere Einladung:„Aber wenn Ihr da ſeid, wo habt Ihr denn Magda gelaſſen?“ Alle ſprangen auf und Hedwiga warf ſich der guten Päch⸗ terin in die Arme, während dieſe ſie umſchlang und an ſich drückte, doch ohne viel auf Antwort zu hören, immer wieder⸗ holte:„Wo habt Ihr denn Magda gelaſſen?“ „Denkſt Du, Bäbili, ich kann das unartige Mädchen hüten?“ rief Egon vortretend.„Den ganzen Spaß hat ſie uns verdorben, nicht von der Stelle ſind wir gekommen, ich habe weder die Rehe, noch Hedwiga die Vögel geſehen— und an der Fürſtin lag nicht die Schuld, die hätte gethan wie immer; aber Magda hat Alles verdorben! Solche dicke Augen hatte ſie ſich geweint— gleich wieder fort wollte ſie— und immer ſtarrte ſie den ſchönen jungen Herrn an. Dann trieb ſie in den Kahn hinein, als wenn wir forigeſchickt würden— da bin ich zwar mitgefahren, aber reden thue ich nicht mehr mit ihr, ich ſehe ſie nicht wieder an. Sie kann ihren jungen Herrn be⸗ trachten, wenn ihr der ſo gut gefällt.“ Dieſe erzürnte Rede ward durch ein lautes Gelächter von Frau Bäbili unterbrochen, wobei ſie ſich niederſetzte und die Hände immerfort zuſammenſchlug.„O über das ſpaßige Ding von Jungen! Der Bube iſt eiferſüchtig— ſo Gott lebt! das Kernherz iſt ganz toll und wild!“ ſo rief Frau Bäbili ohne 105 Aufhören in der beſten Lanne, und Mora lachte auch und ſagte: „Das wär' mir was Schönes— Liebelei anfangen!“ Egon wollte aus der Haut fahren vor Zorn und Beſchä⸗ mung. Er ſah mit wilden Augen bald auf Bäbili, bald auf Mora und achtete nicht auf Hedwiga, die den Sturm ahnte und ſich ängſtlich an ihn ſchmiegte. Mit einem Male ſtürzte er vor, und beide Hände von Bäbili wüthend zuſammendrückend, ſchrie er:„Lache nicht, Bäbili— ſchweig' oder ich erwürge Dich!“ „Großmächtiger Gott! Heiliger Chriſtophorus, ſchütze mich!“ ſchrie Frau Bäbili—„der Bube thut mir ein Leid!“ Aber ſie behielt kaum Zeit zum Erſchrecken, denn ſo ſchnell wie Egon ſie gepackt, ſo ſchnell ließ er ſie fahren und war nit einem Satze zum Hauſe hinaus, über den Hof hinweg, über den Bretterzaun hinüber, in dem weit vor ihm daliegenden kühligen Wieſengrunde. Frau Bäbili, welche gewohnt war, daß man ihren Zuſtänden viel Aufmerkſamkeit ſchenkte, blickte nach dieſer eiligen Flucht auf Frau Mora mit der Hoffnung ihrer beſonderen Theilnahme; ſie ſah aber, daß dieſe Theilnahme eine andere Richtung hatte, denn ſchnell, wie es die Art der rüſtigen Frau war, ſprang ſie auf und verfolgte von der Haus⸗ thür aus den Füchtling mit den Augen, deſſen Gefühle ſie ſich ſehr wohl vorſtellen konnte. Die Pächterin ſchickte ſich daher in die Umſtände und richtete ſich ſelbſt mit ihrem höchſt unbedeutenden Erſchrecken ein. Da ſie von Hedwiga erfahren hatte, daß Magda an der Kloſter⸗ pforte von den Kindern Abſchied genommen, alſo in Sicherheit war, erinnerte ſie ſich, daß nach dem Abendeſſen ihre Plauder⸗ ſtunde gekommen ſei, und die Atme in einander ſchlagend, ſagte ſie zu Frau Mora, die den Knaben noch immer mit den Augen verfolgte:„Hört! hört! Nachbarin! Der Bub' wächſt Euch über den Kopf! Halt, Frauchen, das geht nit mehr, der Rücken wird ihm zu grad'— hat keine Laſt, keine Müh' darauf. Jung 106 gewohnt, alt gethan. Frauensleute haben keine Hand für die Buben— die Natur iſt zu ſtark in ihrem Blut! Ihr müßt das Joch wo anders ſuchen— und die Hand, die es ihm auf⸗ legt, muß von dem andern Geſchlecht ſein!“ Ja, ja!“ ſagte Mora, noch immer hinaus ſchauend, „das ſagt ſich bald, Frau Bäbili. Aber wo— wo ſteckt die Gelegenheit, die ſich für den Burſchen paßt?“ „Heiliger Chriſtophorus, ſchütze mein Dach!“ rief Frau Bäbili und äußerte nun ein grenzenloſes Erſtaunen über Frau Mora's Antwort, obwol ſie dieſen Gegenſtand genau mit den⸗ ſelben Antworten wöchentlich einige Male zu beſprechen pflegte, immer mit demſelben Erfolge, ohne daß dadurch die freundliche Gemeinſchaft beider Nachbarinnen geſtört worden wäre, denn Frau Bäbili war viel zu ſehr in die Angelegenheiten des ganzen Kloſterhofs verſenkt, um einem Einzelnen ihre ausſchließliche Aufmerkſamkeit ſchenken zu können. Mehr aber noch lag das wohlbewahrte Einverſtändniß der beiden Frauen darin, daß Frau Mora noch viel entſchiedener, als Frau Bäbili war, und dieſe daher gewöhnt, blos ihre Reden frei zu haben, übrigens aber immer zuſehen zu müſſen, wie die kecke Frau Mora die Dinge nach ihrer Art handhabte. Dabei war für Frau Mora das Maaß der Verpflichtung gegen die gutmüthige Pächterin ſo ungewöhnlich, daß eine grö⸗ ßere Nachgiebigkeit nur natürlich erſchienen wäre.— Die Be⸗ kanntſchaft Beider war ſo entſtanden, daß Frau Bäbili an einem regnichten und ſtürmiſchen Novemberabende ſpät von einem Be⸗ ſuche zurückgekehrt war und in dem trockenen Graben vor der Mauer des erſten Kloſterhofes das klägliche Weinen von Kinder⸗ ſtimmen vernommen hatte. Beim Nähertreten hatte ſie ein armes Weib gefunden, welches zwei Kinder gegen Kälte und Regen mit ihrem eigenen Körper zu ſchützen ſuchte, und auf die mitleidige Anftage der gutmüthigen Pächterin, folgte der un⸗ 107 glücklichen Frau flehende Bitte um Schutz und Hülfe. Dieſe Frau war Mora und die halbverhungerten und erfrornen Kinder Egon und Hedwiga. Kaum hatte Frau Oberhofer bei dem Schein ihrer kleinen Blendlaterne den kläglichen Zuſtand dieſer Hilfsbedürftigen er⸗ kannt, als ſie ſich unter Thränen des Mitgefühls ihrem Heiligen empfahl und Mora hieß, ihr mit Egon zu folgen, während ſie das bleiche Engelspüppchen, wie ſie ſich ausdrückte, die kleine verſchmachtete Hedwiga unter ihren Regenmantel nahm und mit Allen ohne weitere Ueberlegung der Pächterei zuſchritt, wo die Flamme, die den Hausraum ſchon wohlthuend erwärmt hatte, jetzt die großen Töpfe dampfen machte, in denen die reichliche Koſt für den Abend harrte. Schnell wußte Frau Bäbili den Antheil für ihre Find⸗ linge auch in Frau Barbara zu wecken und Magda pflegte nicht zu fragen, wenn eine Idee ſie beherrſchte. Sie ſchleppte Wäſche und Kleider herbei und Hedwiga lag bald in trockner Wäſche von Magda und in einen roth wollnen Rock von Frau Bäbili gehüllt, in dem Schooß derſelben und aß einen Teller lange nicht gekoſteter Suppe, während die ſchönen vertrauend blicken⸗ den Aeuglein mit dem Schlafe kämpften und das Köpfchen immer wieder das weiche Ruhekiſſen ſuchte, worin ein immer zärtlicheres Herz ihr entgegenſchlug. Der Knabe lag dagegen im heftigſten Fieber, und ſeine ängſtlichen Bitten an Mora, Hedwiga zu retten, ſie ihn tragen zu laſſen— ſeine Furcht, den warmen Thee zu trinken, die trocknen Kleider anzulegen, immer weil er alles an Mora und Hedwiga geben wollte, bewieſen die Anſtrengung, mit der er bis jett die Widerwärtigkeiten ertragen. Frau Bäbili's Augen enifielen Thränen auf Thränen und ſie rief immer aufs Neue: „Das herzge Bübchen! Da hat mich der Herr zur rechten Stund' geſchickt!“ 108 Erſt als ſich die erſte Hitze des Fiebers brach und er auf dem weichen Heu in Decken gehüllt, vom Schlaf überwältigt verſtummt war, Hedwiga im eignen Bette der Frau Bäbili ruhig wie in der Heimat ſchlief, nahm Frau Mora Hülfe an. Wie nöthig ſie ihr war, zeigte ſich bald, denn auch ſie hatte ihre Kräfte über Vermögen angeſtrengt und wunde Füße, zerriſſene naſſe Kleider, ein nicht mehr zu bekämpfendes Gefühl des Hungers trat ſo gebieteriſch hervor, daß die tiefe Noth der Unglücklichen Allen vor Augen lag. Auch ihr wurden trockne Kleider gegeben, die Füße gebadet und verbunden, und nach⸗ dem der Hunger geſtillt, ſank ſie überwältigt neben dem Knaben auf das weiche Heulager hin. So viel auch Frau Oberhofer zu ordnen gehabt, ſie hatte doch Zeit behalten, zu bemerken, daß ihre Schutzbefohlenen keine Einheimiſche waren. Sie ſprachen ein anderes Deutſch, und da ſie einmal durch Franken gekommen war, glaubte ſie, daß ſie daher ſeien.„Gewiß Wallfahrer,“ ſeufzte ſie—„die irgend ein Gelübde zu löſen haben! Es iſt halt gut mit der Frömmig⸗ keit, aber die Heil'gen ſpinnen und pflügen nicht, indeß wir ſingend die Landſtraße ziehn!“ Dies war ihr Denkſpruch, der nach ihrem Sinn einen leiſen Schatten auf die andächtigen Wallfahrer warf. rdentliche und geſchäftige Leute tragen aber Sorge, jede Störung in ihrem Wirkungskreiſe auf irgend eine Weiſe auszu⸗ gleichen; entweder— ſich von dem Gegenſtande los zu machen oder ihn einzufügen, damit er den gewohnten Gang mitgehe und die hergebrachte Ordnung nicht länger geſtört werde. Bald war die Sorge für dieſe Familie in Frau Bäbili's Tagesordnung eingeſchaltet und endlich gab ſie faſt ungern zu, daß Mora ſich in der aufgefundenen Hutte mit den Kindern einrichtete. Bäbili's Schuld war es auch wahrlich nicht, wenn die Spuren der Ar⸗ muth daraus nicht ſichtlicher verſchwinden wollten! Aber mit 109 den wiederkehrenden Kräften der ſtets fleißigen und geſunden WMora kehrte auch ihr ſelbſtſtändiger Sinn zurück und ſie zeigte nun, daß ſie arbeiten könne— und nur durch Arbeit für ihre Schutzbefohlenen ſorgen wolle. Ließ ſie auch Geſchenke an Kleidern und Wäſche für die Kinder zu— mußte dies doch ſelten, ſparſam und mit guter Art geſchehen, wenn es nicht ihre Zurückweiſung erfahren ſollte. Längſt aber wußte Frau Bäbili, daß ihre Findlinge keine Wallfahrer waren; aber zu gleicher Zeit erfuhr ſie wenig mehr. Frau Mora war nicht die Mutter.„Der Krieg! der Krieg!“ war die ſtete Antwort, und was lag nicht in der Phantaſie der guten Pächterin über dieſen Gegenſtand aufgeſchichtet! Die abenteuerlichſten Zuſtände, die ſie hätte erfahren können, würden Raum darin gefunden haben. Da ſie überdies von den Bewohnern der kleinen Kolonie gedrängt ward, über ihre Schützlinge Rechenſchaft zu geben, und es faſt kränkend empfand, ſo wenig von ihnen ſagen zu können, war ihr nach und nach eine kleine Geſchichte ihrer eignen Erfindung entriſſen worden, die von Kriegsunglück, Mord, Brand und Hunger handelte und von Allen willig geglaubt ward, da ſie in die Geſchichte der kaum überſtandenen Zeit vollkommen paßte. So ſchlich ſich das oft Erzählte zuletzt in die eigne Ueberzeugung der guten Frau ein, und es würde ihr nach einiger Zeit ſehr ſchwer geworden ſein, heraus zu finden, was wahr und was von ihr hinzugefügt worden ſei. Frau Mora übernahm nie das Geſchäft, den oft in ihrer Gegenwart wiederholten Wuſt aufzu⸗ räumen; aber mit einem unendlich komiſchen Ausdruck ihres gutmüthigen Geſichts ſtieß ſie ein kurzes Lachen aus und pflegte zu ſagen:„Ja! ja! wer deutſch redet, weiß, was Krieg heißt!“ Zeder nahm dies für eine Beſtätigung, und die Sache behielt ihren Beſtand. Dagegen traten nun viele Eigenthümlichteiten hervor. Mora arbeitete Tag und Nacht für die Erhaltung der Kinder, 110⁰ aber ſie blieb wie angenagelt in ihrer Hütte. Kaum wußten ihre nächſten Nachbarn, wie Frau Mora ausſah. Alle Arbeit, die in feinem Nähen, in beſonders reinem Krempeln der Wolle, in einer ſauberen Stickerei von Zwickeln, Gürteltaſchen und Pan⸗ toffeln beſtand, ging durch Frau Bäbilis Hände. Nie wollte ſie an den Abendzuſammenkünften der kleinen Kloſterkolonie Antheil nehmen, noch weniger den Kindern geſtatten, Frau Bäbili dahin zu begleiten. Sie ſelbſt ſpielte mit den Kindern, lehrte ſie Lieder und oft trieb ſie ſolche Poſſen mit ihnen, daß Frau Bäbili das Lachen bis zum Brunnen hörte und dann, ſelbſt erheitert, ihr rothes Geſicht über den kleinen Zaun ſteckte, wo ſich dann gleich großes Freudengeſchrei erhob und ſie nicht ſelten eine Theilnehmerin der munteren Geſellſchaft ward. Doch daß Mora auch ernſt ſein konnte, zeigte ſich am deutlichſten, wenn ſie ihre ſeltenen Beſuche bei Frau Hülshofen machte. Aus allem dieſem entſtanden Zugeſtändniſſe, die Bäbili gern ſah und ihrem Fürwort zurechnete; wie denn auch die Gemeinſchaft von Magda mit den beiden armen Nachbarkindern, Egon und Hedwiga, daraus hervorging. Was Magda bei den Kloſter⸗ frauen lernte, lehrte ſie die Kinder wieder, meiſt geſchah es unter Frau Barbara's Aufſicht und am häufigſten mit ihrer Unterſtützung. Beide lernten leſen, und nach einem Beſuch der Frau Barbara im Kloſter, ging Egon eines Tags zum Klo⸗ ſtervvigt und nahm ſeitdem an dem Unterricht Theil, den Jener dort einer kleinen Anzahl Knaben ertheilen durfte, und der, wie gering auch immer, doch die erſten Elemente des Wiſſens enthielt. Hedwiga dagegen malte mit unermüdlichem Fleiße die zierlichen Buchſtaben nach, die Magda ihr vorzeichnete, und es war Hoffnung, daß ſie in einigen Jahren werbe ſchreiben lernen. Zu dieſen Anordnungen der drei Frauen für die Er⸗ ziehung der hoffnungsvollen Kinder fügte Egon noch aus eigner Machtvollkommenheit den Unterticht hinzu, den ihm die Bekannt⸗ 111 ſchaft mit Guntram, dem Waffenſchmid, verſchaffte. Sein Weg zum Kloſtervoigt, deſſen Wohnung außerhalb der innern Kloſtermauer auf der andern Seite der kleinen Kolonie lag, führte ihn täglich an der Schmiede vorüber, und täglich blieb er ſtehn und ſah dem Entſtehn der kunſtreichen Werke zu, die für ihn mit faſt zauberhafter Gewalt aus der Glut des Feuers hervorgingen. Wenn er zurückkam und Mora und Hedwiga von dem erzählte, was er eben geſehn, ſo glühte ſeine Stirn und er geſtikulirte mit Händen und Füßen, um die Wunder anſchaulich zu machen, die, wie er glaubte, dort geſchahen. Wie konnte es fehlen, daß der ſcharfblickende Guntram bald auf den ſchönen Knaben aufmerkſam wurde, der an der Schwelle der Schmiede lehnend jeden Erfolg mit ſeinen glänzenden Augen verſchlang, und bald dreiſt und ſelbſtvergeſſen mitten unter ihm und ſeinen Geſellen ſtand und laut jauchzte, wenn der Hammer das ziſchende Eiſen beugte. Bald ſchaute Guntram nach dem Knaben aus, wenn die Schulſtunde vorüber war, und ſpäter hätte es ſcheinen können, des Meiſters Freiſtunde fiele immer mit der des Knaben zuſam⸗ men, denn wie an einem Eichbaum kletterte Egon an Guntram hinauf, ſo wie er ihn in fröhlichen Sätzen erreicht hatte, und dann ärbeitete Jener nur noch, um dem Knaben den Hammer führen zu'lehren, oder in der Polirkammer den Gebrauch der Feile und des Boſſirbeins. Zuletzt aber blieb ihr vorherrſchendes Ver⸗ gnügen, die Rapiere mit einander zu führen, und nachdem der Meiſter für Egon mit eignen Händen ein paſſendes geſchmiedet, zeigte es ſich, daß er in guter Schule es ſchwingen gelernt hatte. Wie gern ſtanden die Geſellen und ſahen fröhlich zu, wenn Guntram und Egon, nicht unähnlich dem David und Goliath, auf dem Raſen des Gärtchens hinter der Schmiede ſich tummelten! Dieſe Beſuche Egon's geſtattete Mora; ja ſie hörte wohl⸗ gefällig lachend ſeinen Erzählungen zu und rief:„Sieh Hähn⸗ chen! lernſt Du krähen?“ Bald faßte ſie Vertrauen zu Guntram, obwol ſie ihn nie ſah, und die Zugeſtändniſſe erweiterten ſich. Egon nahm nach tüchtiger Waffenübung Theil an dem kräftigen Mahle des Meiſter Guntram, und die Stunden der Erholung nach dem Eſſen füllte er dann mit Erzählungen eines früheren unruhigen Lebens aus, in denen Mittheilungen aus der Welt enthalten waren, denen Egon mit angehaltenem Athem zuhörte. Guntram war früher in einem kleinen Fürſtenthume bei dem Hofſtaate des Erbprinzen als Waffenſchmid angeſtellt geweſen, dann mit in den Krieg gezogen, als der kleine Staat Hülfs⸗ truppen für Oeſtreich ſtellte. Und was hatte er nun nicht Alles im Kriege erlebt, und wie wußte er anſchaulich zu erzählen und jene Bilder hochherziger Tapferkeit und männlicher Kraft und Ausdauer mit den ihn ſelbſt immer tief bewegenden Erinnerun⸗ gen an die Heimat zu verflechten, an die erſte Zeit der Jugend, an die milden friedlichen Zuſtände einer glücklichen Lage unter dem Schutze eines geliebten und gütigen Herrn! „Und watum kamſt Du hierher?“ rief Egon ſo heftig, daß der Waffenſchmid den Druck der kleinen derben Hand auf ſeinem Arm fühlte.„Warum haſt Du Deinen guten gütigen Herrn verlaſſen, Da er Dir ſo viel zu Liebe that?“ Nur einmal führten ſie das Geſpräch, was jetzt folgte, und deshalb heben wir es aus den täglichen Erzählungen her⸗ vor, da es hinreichend zeigt, wie nah ſich Guntram den Knaben hatte kommen laſſen, wie dieſer ihm zum Vertrauten heran gewachſen war. Guntrams Augen blitzten auf, als Egon die kühne, faſt zürnende Frage that; er ſchien ihm erwiedern zu wollen, wie ein Mann dem andern bei läſtigem Einſpruch. Aber als er den ſchönen Knaben anſah, verlor er ſich in dem Gedanken, wie zart und jung er ſei, und wie tüchtig und furchtlos zugleich. Knabe,“ ſagte er—„Du haſt kecke Weiſe! Doch will 113 ich Dir antworten,“ fügte er nach einer kleinen Pauſe ernſt inzu. „Was weiß ich, was Du ſprichſt!“ ſagte Egon.„Aber erzählen mußt Du mir, warum Du nicht treu bei ihm aushielteſt, der Dein Herr war, Dir Gutes that und den Du liebteſt?“ „Egon,“ erwiederte Guntram,„mein Herr blieb ſelbſt nicht in der Heimath— er verwünſchte den Boden, auf dem er ge⸗ boren— das Vaterhaus, das ihn gepflegt! So ſtürzte er fort in die Welt hinein und ich wollte auch nicht bleiben, wo man ihn ſo tief gekränkt; dem alten böſen Vater meines jungen Herrn, der noch regierte, dem wollte ich auch nicht dienen. Da räumte ich zuſammen, verkaufte die alte Feuerſtelle und baute hier die Eſſe wieder auf!“ „Alſo der Vater war böſe und vertrieb den Sohn, und Du wollteſt dem nicht dienen, der Deinen Herrn kränkte?“ Froh ſchlug Egon bei dieſen Worten in die Hände, dann drückte er ſich an Guntrams Arm und verſuchte den Rieſen zu ſchütteln, was ſo viel Erfolg hatte, als ob er die Eiche umſchlungen hätte, unter der ſie ſaßen. Guntram aber fühlte den Beifall des Kna⸗ ben mit einer Beftiedigung, die von ſeiner Liebe zu ihm zeigte, und Beide ſahen ſich wie Vater und Sohn in die Augen. „Aber was that denn der alte böſe Mann Deinem jungen Herrn?“ fragte Egon unbefangen weiter. Doch jetzt fuhr Guntram in die Höhe, als ſtäche ihn eine Natter.„Schweig!“ ſchrie er mit rothem Geſicht, in dem die Adern ſchwollen, während der Mund bebte—„ſchweig— und frage mich nie danach!“ Der Knabe blickte trotzig auf. Aber Guntram war ein zu tüchtiger Mann, um dem Knaben nicht Achtung einflößen zu können. Die Entgegnung unterblieb, aber das Beiſammenſein war geſtört. Guntram ſtand auf und ging in die Schmiede, er nahm dem nächſten Geſellen den Hammer aus der Hand und Thomas Thyrnau. 8 114 als er das glühende Eſſen unter ſeinen gewichtigen Schlägen ſich krümmen ſah, ſchien ihm das Herz erſt wieder leicht zu werden. Er ſchaute nicht um nach dem Knaben; er wußte, daß er fort war, denn er vertrug kein rauhes Wort und er liebte ihn darum nicht minder. Aber der Tag ward ihm ohne den Knaben zu lang und der nächſte Morgen, bis die Schule beim Kloſtervoigt aus war, ließ ihn unruhig und ungeduldig. Als er ihn von fern kommen ſah, ſtellte er ſich vor die Thür und feilte etwas an dem Rapier, was Egon gehörte; dieſer ſah es und wollte doch nichts darauf geben. Er konnte aber auch nicht vor dem Hauſe vorbei, ſo langſam er heute auch ging, und endlich blieb er ſtehn und ſah nach dem Storchneſt auf dem Dache, als ſähe er den Meiſter nicht.* „So,“ ſagte Guntram, der lächelnd alles bemerkte, und legte die Feile weg— mun wird's beſſer ſein. Das lähmte Dir immer die Hand. Komm mal, wir wollen's gleich verſuchen.“ Er ging hinein. Da konnte Egon nicht länger wider⸗ ſtehn; er nahm das Rapier und folgte ihm auf den Grasplatz hinaus, wo ſie immer zu fechten pflegten. Wie die glänzenden Klingen in der Luft flogen, ſo flog die Verſtimmung des Kna⸗ ben dahin und er war ein Muſter an Gewandtheit, Vorſicht und ſchlauem Scharfblick. Erſt als der Schweiß Beiden von der Stirne perlte, ruhten ſie aus und jetzt ſahen ſie ſich mit den alten Augen an und Guntram ſagte:„Ich hab' Dir einen Fleiſchpudding und Knö⸗ deln machen laſſen; da muß die Frau Mora heute wol allein eſſen!“ Egon aber hing ſich lächelnd an ſeinen Arm und trat mit ihm in die kleine kühle Stube, deren Fenſter von Weinlaub verhangen waren, und wo es nach Nußbaumholz roch, weil die halbe Wand mit eingelegten Schränken bekleidet war. Auch die alte blitzende Kommode und der Eßtiſch, auf dem die blanken 115 zinnernen Teller und Becher ſtanden, und die ſteifen hochlehni⸗ gen Schemel ringsumher— alles war von demſelben blankge⸗ bohnten Holze. Als ſie nur erſt neben einander ſaßen, da zeigte es ſich bald, daß die alte Freundſchaft nichts verloren hatte. Ja die kleine Pauſe hatteein Egon faſt eine größere Liebe erweckt! Er hörte mit leuchtenden Augen, was aus Guntrams klugen Munde kam, und machte dabei geſchickt die Kunſtſtücke nach, welche dieſer mit Meſſer und Gabel vormachte, nachdem ſie ihr Werk an dem Fleiſchpudding und den Knödeln vollführt hatten. Daß Guntram auch für ein Vergnügen des Knaben ſorgte, worein er die Mädchen verflechten konnte, haben wir an der Waſſenfahrt geſehn, denn Guntrams Garten ſtieß ebenfalls an den Graben. Ihm gehörte der Kahn; er lehrte ihn Egon führen und durfte ihn endlich ihm allein überlaſſen, weil er hinläng⸗ lich Kraft und Geſchick dazu zeigte, und da die Kinder die lieb⸗ lichſten Geſänge mit einander erlernt hatten, wurden ſie auf dieſe Weiſe mit der gütigen Fürſtin Morani bekannt. So nachgebend ſich nun Mora gegen Egons Umgang mit Guntram, dem Waffenſchmied, zeigte, ſo halsſtarrig widerſtand ſie, wenn Frau Bäbili ſie aufforderte, den Knaben ganz bei dem Meiſter in die Lehre zu geben, und es gehörte zu dem regel⸗ mäßigen Gezänk der beiden Frauen, welches jedesmal mit dem grenzenlos erſtaunt ſcheinenden Ausrufe der Frau Bäbili endete: Auf was für einen Ehrenplatz denn Frau Mora für den großen ungezogenen Jungen warte!“ „Kommt Zeit, kommt Rath!“ ſagte Mora— dienen ſoll er nicht, ſo lang'ich noch Finger habe zum Nähen und Krempeln!“ Auch an jenem Abende, wo Bäbili Egons Heftigkeit er⸗ fahren, kam das Geſpräch beider Frauen bald auf den Gegen⸗ ſtand ihres Streites zurück, und die hellen Stimmen kämpften muthig mit Wiederholung der längſt bekannten Gründe für und 8* u wider, wobei Mora ſtets im Nachtheil erſchien, da ihre hart⸗ näckige Weigerung haarer Unſinn ohne alle Gründe, blos ihren Willen kund gab, während Bäbili's Entgegnungen in die Augen fallenden Rechtsgrund hatten. „Hört, Mora,“ ſagte endlich Bäbili—„Behüt's Gott, aber auf dem einen Punkt iſt's nit richtig mit Euch! Da ſeid Ihr ein Faſel wie eins!“ „Mag's drum ſein!“ erwiederte Mora— Iſt wenig Ver⸗ dienſt, wenn die Leute ihr Bischen Hirn behalten; Anderen dagegen möchte es ausſchwitzen von aller erfahrnen Noth!“ Solche Wendung verfehlte nie, der guten Bäbili zu Her⸗ zen zu gehn und ſtimmte den Ton herab, mit dem ſie ſonſt un⸗ geduldig einſprach.„Denkt Ihr denn nichts Anderes aus für den Buben?“ fragte ſie deshalb im milderen Tone. Mora ſeufzte und ſchwieg, dann ſagte ſie in ſich hinein und wie zu ſich ſelbſt:„Er ſpeiſt die Raben unter dem Zelte des Himmels— er kleidet die Lilien auf dem Felde— ſollte er die Kinder vergeſſen, die Keinen haben als ihn? Ich will warten auf die Gnade des Herrn! Amen.“ Frau Bäbili trocknete die Thränen mit dem Zipfel ihrer Schürze und zog Hedwiga auf ihren Schooß und ſtrich ihr Köpfchen und drückte ſie an ſich.„Still! ſtill! Mora. Der, den ihr anruft, weiß ſchon, was gut iſt. Hat er mich doch ge⸗ ſchickt zur Zeit der höchſten Noth— er weiß immer die Stunde! Und nun hört nur gleich, was ich noch nicht ausplaudern wollt' — doch geſcheh' es, daß Ihr Troſt habt. Ich hab' mit der Hedwiga was vor—— ja! ja, mein Aeuli,“ fuhr ſie fort, „die Frau Aebtiſſin Gnaden will Dich klein Gemschen ſehn und — und— rath mal? Was thut die Bäbili alle Jahre Großes — Schönes— zu hohen Ehren verrichten?“ „Einen Käſe machen!“ jauchzte Hedwiga, denn dies Ereigniß erwarteten die Kinder kaum mit weniger Sehnſucht 117 als Frau Bäbili ſelbſt, da hierbei tauſend kleine Freuden für ſie mit einliefen. „O du ſchmuckes Aeuli,“ rief Frau Bäbili und herzte das Kind— was es ſchlau iſt. Aber was weiter mein Lieb? Rathe! Was hat die Frau Aebtiſſin Gnaden der Frau Bäbili, die ein Wort mitreden darf, zugeſtanden? Nu?— nu?“ Doch hier war Hedwiga's Schlauheit zu Ende; ſie ſchwieg beſchämt.„Nu,“ fuhr Bäbili fort— was thun die ehrwür⸗ digen Kloſterfrauen denn alljährlich? Wenn wir halt dies Jahr das weiße Röckchen— und die Flügel— und den Roſenkran für mein kleines Schätzchen, für Hedwiga, machten.“ Ein lautes Gejauchze der überraſchten Kleinen war die Antwort. Sie war mit einem Satze von Bäbili's Schooß und hatte ſich jubelnd an Mora's Hals geklammert. Erſt lachte das arme Weib bei dem Anblick des glücklichen Kindes, dann kehrten andere Gedanken ein und ſie ſagte traurig:„Setzt Ihr keine Späße in den Kopf, Frau Bäbili!“ „Späße! Späße!“ rief dieſe—„daß Gott behüt! Bin ich ein Faſel? He? Wo habt Ihr die Kunde her? Frau Bäbili täuſcht Keins! Was Bäbili ſagt, iſt wahr, wie Schweizer Art! Längſt,“ fuhr ſie nun eifrig fort,„hab' ich der Frau Aebtiſſin Gnaden das Gemsli hier empfohlen— aber die Gnaden hatten zu viel Zudrang— die Kloſterſchule immer noch ein wollig Schäfchen, das von dieſer oder jener Kloſterfrau Vorſchub genoß— und bald ſoll's ein Schulkind ſein— bald ſoll's von Eltern ſein, die zu nennen— und was da all war! Aber diesmal fing ich früh an— und that mir's zur Gnade er⸗ bitten, daß ich das kleine Englein erwählen thät'— und da hab' ich's denn bis aufs Anſehn fertig. Nu, Liebli, ziehſt Du morgen das gute Röckchen an und ſet'ſt die rothe Kappe auf und dann woll wir ſehn, ob die Bäbili Recht bekömmt? denn ich ſelbſt führe Dich vor Ihro Gnaden, die Frau Aebtiſſin.“ 118 Es mochte ſich jetzt etwas in Mora's Sinn wenden, und ſo wenig ſie auf Bäbili's Worte zu achten ſchien, verrieth ihre nachdenkende Miene doch, ſie habe den Fall erwogen. Sie blickte das Kind an, was noch in ihrem Arm hing, mit einem Ausdruck, in welchem eine Fülle von Liebe und Schmerz lag, dann ſagte ſie:„Halte, wer kann, wenn die Zeit kommt, die's weg nimmt. Weiß ich, wohin'“s führt? Iſt doch viel Gutes dabei!“ „So denk' ich,“ ſagte Bäbili—„und freut' mich, daß Euch daß Verſtändniß kommt. Nu! ſo wär's denn beſprochen; und Ihr wißt, wozu ich das Herzli morgen abhole.“ Damit erhob ſie ſich und kehrte nach dem Hoſpitium zurück. Kaum hatte ſie den Rücken gewendet, ſo kniſterte der Bretterzaun und Hedwiga, die das kleinſte Geräuſch hörte, flog zur Hausthür hinaus und Egon entgegen, der über die Bretter⸗ wand ſtieg, die Ziege hinter ſich her zerrend, die er glücklicher Weiſe noch auf der Wieſe gefunden hatte, und die er nun be⸗ nutzte, um ſeine Rückkehr vor dem Ausdruck der Verlegenheit zu ſchützen, die er nach ſeinem ungeſtümen Betragen nur zu lebhaft fühlte. Sonſt freilich wurde die gute Ziege, die Freun⸗ din und Wohlthäterin der Kinder, durch's Haus der Frau Oberhofer geführt, da der Bretterzaun keine Thür hatte, und ſie mochte wol ſehr erſtaunt ſein, daß ihr Führer an dieſem Abende verlangte, ſie ſolle über den ziemlich hohen Zaun klettern. Deſſen ungeachtet verſuchte ſie, was mit knabenhaftem Ungeſtüm von Egon gefordert ward; ſie ſtand auf den Hinter⸗ füßen hoch aufgerichtet und ſteckte ihren bärtigen Kopf mit leiſem Gemecker über den Rand des Zauns, während Egon immerfort den Sprung verlangte, den das alte ſteife Thier nicht mehr zu machen verſtand. Auch Hedwiga redete der armen Ziege zu und hielt ihr Klee und ſogar eine Rinde Brot vor; aber wenn ſie auch zuweilen ihre ſteifen Füße mühſam in die Höhe ſchob, fiel 119 ſie doch wieder zurück und ſie gab dann ihre Gegenvorſtellungen durch ein klägliches Gemecker zu verſtehn. Nun ſchmolz Hed⸗ wiga's Herz; ſie verlangte, Egon ſollte zurück ſteigen und die Ziege durch Frau Oberhofers Haus führen, wie dies ſonſt immer geſchah. Dieſer Vorſchlag aber hieß Egons wunde Stellen be⸗ rühren, denn in jenem Hauſe war Alles, was ihm heut weh gethan, und woran er ſich verfündigt hatte. „Das thue ich nicht!“ rief er— in das Haus gehe ich nicht— niemals, niemals gehe ich wieder hinein. Die Ziege ſoll herüber klettern!“ Und damit ſchwang er ſich über den Zaun zurück und ergriff die gute alte Ziege an den Hinterfüßen und da ſie dadurch gehoben ward, ſtand ſie unter jämmerlichem Ge⸗ mecker wieder auf den Vorderfüßen und ſchaute traurig zu Hed⸗ wiga hinüber, die ihr die ſchönſten guten Worte gab und ſie immerfort mit ihren kleinen ſchnalzenden Fingern lockte, da ſie Egon genug kannte, um zu wiſſen, er werde nicht davon ab⸗ ſtehen. Doch mit einem Male nahm dieſer hinter ihr all ſeine Kräfte zuſammen, hob die Ziege in die Höhe und ſtürzte ſie über den Zaun hinüber. Auf dieſen letzten Akt der Gewalt war weder Hedwiga noch die Ziege gefaßt, ihr blieb keine Zeit zum Springen, der Kleinen keine Zeit zu entſchlüpfen, und ſo ſtürzte das alte ſteife Thier auf Hedwiga, warf ſie um und blieb, nach einigen mißglückten Verſuchen ſich aufzuraffen, auf ihr liegen. Nit einem Satze war Egon nun herüber und ihm ent⸗ gegen ſtürzte ſchon Frau Mora, die eben mit einem Kruge Waſſer aus dem Chriſtophorus⸗Brunnen zurückkehrte. „Unſelig Kind, was haſt Du gemacht?“ ſchrie ſie außer ſich und zog Hedwiga unier der Ziege hervor, da dieſe unbe⸗ weglich mit ängſtlich ſich hebendem Leibe dalag und keinen Ver⸗ ſuch machte, ihren kleinen Liebling von ihrer Laſt zu befreien. Hedwiga's Wange blutete und der Schreck machte ihren zarten Körper unter dem Schluchzen zucken. Egon hatte ihre Hände ergriffen und ſchrie ihren Namen ſo wehklagend und ver⸗ zweifelnd, daß das arme Kind ſeine Schmerzen zu überwinden ſuchte, ſein Aermchen loswand und ihn um den Hals faßte, und nun an ſeiner Bruſt weinte. Mora zog das Kind aus Egons Armen, und klug überlegend, was ſeinem troſtloſen Zu⸗ ſtande zu Hülfe kommen könnte, forderte ſie ihn auf, ſelbſt die kühlenden Umſchläge zu beſorgen, und nachdem ſie ſich über⸗ zeugte, daß die Wunde nicht tief ging, ſondern wahrſcheinlich von dem Horn oder der Klaue der Ziege gekommen ſein müſſe, trug ſie das jetzt ſanft ſchweigende Kind nach der Hütte auf ihr Lager und beorderte Egon, die Unſchläge zu erneuen. Heimlich glaubte nämlich Frau Mora noch einen Kranken entdeckt zu haben, und das war die arme Ziege ſelbſt, die ſtill und regungslos auf dem Platze liegen blieb, wohin ſie durch Egons Gewaltthat geſchleudert worden war.— Es fand ſich, wie ſie fürchtete. Vergeblich ſuchte Mora ſie auf die Füße zu bringen— beide Vorderbeine waren gebrochen. Welch' ein Verluſt war dies— abgeſehen von dem Mitgefühl für das lang beſeſſene Thier, das die Hauptſtütze der kleinen Wirthſchaft war und außerdem das Gluck der Kinder, der Gegenſtand ihrer Sorgfalt, ihrer Be⸗ ſchäftigungen— ihr beſter Spielkamerad, ihr geduldiger Ge⸗ fährte bei all' ihren kleinen abenteuerlichen Späßen. In einem Augenblick hatte Mora die Eigenſchaften der alten guten Ziege überdacht und kaum konnte ſie anders als Egon zürnen, deſſen trotziger Uebermuth, wie ſie ſogleich einſah, alles dies veranlaßt hatte. Der Junge wird zu keck unter Deiner Hand, ſeußte ſie und vielleicht fielen ihr Frau Bäbilis gute Gründe, die ſie noch eben ſo lebhaft bekämpft, mahnend wieder ein, denn ſtill weinend trug ſie die leiſe ſtöhnende Ziege nach ihrem kleinen Stalle, ſicher glaubend, das Alter des Thieres werde Heilung verhindern, und dann der Verluſt da ſein, ohne Hoffnung des Erſatzes. Auch konnte Egon das neue Unglück nicht lange verborgen bleiben, denn da Hedwiga etwas Milch begehrte, ſtürzte er mit einem Töpfchen nach dem Stalle; er fand nun die von ihm ſo ſchwer Beleidigte unter Mora's wohlthätigen Händen ſtöhnend auf ihrem Lager, und die beiden verbundenen Pfoten zeigten, was er angerichtet. Erſt ſtand er ganz erſtarrt von dem ſich häufenden Unglück, dann brach ſein ſtolzer trotziger Muth zu⸗ ſammen und er umklammerte die arme traurige Mora und weinte mit neuer Stärke ſein tiefes Herzeleid aus. „Ja, Egon!“ ſagte Mora—„das gute Thier, das uns ſo lange nährte, werden wir jetzt verlieren. Die Füße heilen nicht wieder— ſchon iſt die Milch vergangen— ſie ſtirbt ge⸗ wiß— und zum Wiederkaufen haben wir noch lange kein Geld.“ Ein härteres Strafgericht war noch nie über den unglück⸗ lichen Knaben ergangen. Was er auch ſpäter erleben mochte, troſtloſer, ſtrafwürdiger fühlte er ſich nie, wie an dieſem Wende⸗ punkte ſeiner Kinderjahre.— Doch übergehen wir die weiteren Ausbrüche ſeiner leidenſchaftlichen Aufregung und erzählen nur, wie er es mit den zärtlichſten Bitten bei Mora durchſetzte, daß ſie ſich endlich auf ihr Lager niederlegte; und wie er nun die ganze Nacht aufblieb, und bald an Hedwiga's, bald an der alten Ziege Seite ſaß, und nachdem die Kleine ſanft einge⸗ ſchlafen, nicht mehr geſtört werden durfte, nun der armen ſeuf⸗ zenden Ziege ein zärtlicher Geſellſchafter war, ihr das Heu auf⸗ ſchüttelte, die Umſchläge näßte, Waſſer zum Trinken reichte und alle Viertelſtunden verſuchte, ob ſie nicht Klee eſſen werde, den er ihr jedesmal friſch von der Wieſe, mit einem Satz über den Zaun ſpringend, herüberholte. Auch ſchien das Thier die Wohlthaten ſeines kleinen Gefährten zu fühlen; immer noch ſchlug es die Augen zu ihm auf und leckte zuweilen die Hand des Knaben, als wollte es ihn tröſten für die Unmöglichkeit, den Klee zu eſſen. Wir verlaſſen hier die Hütte, um zu Frau Barbara Hüls⸗ hofen zurückzukehren, welche nach der gewonnenen Ueberzeugung von Magda's Sicherheit, mit der ihr eigenthümlichen Ruhe zu ihrem Lehnſtuhl zurückgegangen war, ſicher, den Gegenſtand ihrer Sorgen bald ſelbſt eintreten zu ſehen. Es war auch kaum Zeit, den Abendſegen auszuleſen, da trat ſchon Magda mit leichten ſichern Schritten in die Thür, dem Wieſenfenſter zu⸗ nächſt, und ſagte ſogleich:„Ich bleibe länger, als Du dachteſt — heut ging es aber nicht anders.“ Frau Barbara ſchwieg— und in ihrem Schweigen lag gerade die Aufforderung, mehr zu ſagen. Magda ging auch vor, als wäre ſie gerufen worden, bis zu dem Lehnſtuhl der alten Frau, dann ſagte ſie:„Ich habe heute genug erlebt.“ „Dagegen habe ich nichts!“ erwiederte Frau Barbara ruhig,„aber das unnatürliche Weinen, welches ich ſah, als ich Dich ſuchte und im Kloſtergarten ſitzen fand— mißfällt mir.“ Schnell blitzten Magda's Augen auf— dann ſchoß eine glühende Röthe in ihr blaſſes Geſicht, und nach einer Pauſe ſagte ſie:„Mir gefällt's auch nicht, Baſe, und darum wollte ich es heimlich abthun.“ „Es giebt nichts Heimliches— Einer ſieht es immer— ſelbſt wenn Menſchenaugen nicht bis zu uns reichen, entgeg⸗ nete Barbara. „Den Einen fürchte ich nicht! Mein Weinen wird nicht ſo wenig Urſach vor ihm haben, denn Er weiß den Zuſammenhang.“ Auch dieſe Aeußerung führte noch zu keiner Frage, obwol ein forſchender Blick der Alten das Mädchen ſtreifte.„Thue jetzt das Verſäumte,“ ſagte ſie dann ruhig. Im Augenblick flog Magda dahin. Raſch und mit Geſchick ſetzte ſie Teller auf den Tiſch in der Mitte des Zimmers. Dann eilte ſie hinaus, da in Frau Bäbili's Bereich ſich noch ein Raum für die Vorräthe der alten Frau Hülshofen befand, und bald 123 trug ſie den Napf nit geſäuerter Milch, das kräftige Brot und die glänzende Butter auf. An dem Brunnen ſchöpfte ſie dann die blinkende Kanne voll Waſſer und ſtellte die kleinen Becher daneben; dann kniete ſie vor Barbara hin, ſprach ein kurzes Gebet und Beide ſetzten ſich an den Eßtiſch in dem heimlich dämmernden Zimmer, vor dem der Abendhimmel mit auftauchen⸗ den Sternen lag. Die Alte aß ihr gewöhnliches Maaß, ohne zu ſprechen und ohne aufzublicken; Magda dagegen ließ ihren Teller leer und ihre Augen ſahen feſt durch das Fenſter. „Sollen wir nicht zuſammen eſſen?“ fragte Barbara, als ſie das Mädchen ein Weilchen betrachtet hatte—„Warum ſind Deine Gedanken nicht bei Dir? Willſt Du ein Mädchen werden, die Alles halb thut? Willſt Du nicht wiſſen, wo Du biſt? Sollen Deine Hände ohne den Lenker Deiner Gedanken wirr und ungerathen Halbes verrichten? Soll ich Deinen Leib ſehen und denken, Deine Seele habe ihn verlaſſen? Iſt das Sitte und Recht?“ Magda hatte ſich zu ihr gewendet und ſog die Worte von ihrem Munde. Plötzlich ſtand fie auf, richtete ſich in die Höhe, athmete tief auf und ſagte dann: Rein, Baſe! weder Recht noch Sitte— und ſoll es ſo nicht bleiben, ſo wahr ich Magda heiße! Gleich werde ich anders ſein— gieb Acht! Ich räume ſchon weg mit meinen Gedanken, ſo gut wie mit meinen Hän⸗ den Ja! eſſen will ich auch— nein! nein! es ſoll mir nichts anhaben!“ Doch ſtürzten bei dieſen Worten dicke Thränen über ihre Wangen. Wie ich das haſſe, Baſe!“ fuhr ſie eifrig fort und ſtrich mit der ſchlanken Hand die Tropfen von den Wangen —„ſo wie Du ſagſt— nicht bei ſich ſein! Das iſt ſo recht, wie dann die Menſchen ſchwach werden— und Jeder mit Solchen machen kann, was er will. Nein! nein! Baſe, ich will nicht ſchwach ſein— da ſollen ſie nur machen können, was ich will 124 — und ich will bei mir ſein— die Augen, die aus mir ſehen, ſollen von meinen Gedanken wiſſen!“ Sie aß während dem haſtig die gewöhnliche Portion, und zwar mit einem Eifer, wie man eine Arbeit abthut. Ihr blaſſes Geſicht färbte ſich, und wenn ſie nicht zu tief in ihre eigne Ge⸗ danken verſunken geweſen wäre, hätte ſie bemerken können, daß jetzt erſt Barbara's Augen unruhig und erſtaunt ihrem haſtigen Weſen folgten. Doch war die ſchweigſame Frau mit der Anre⸗ gung zufrieden, die ſich in Magda kund gab; ſie liebte nicht zu ſtören und ſah lieber zu, wie ſich die Menſchen um ſie her von ſelbſt einrichteten. Als Frau Barbara hinter den Vorhängen ihres Bettes in der oberen Schlafkammer lag und das leiſe Tappen und Kniſtern verfolgte, womit auch die ſchweigende Magda ſich zur Nachtruhe rüſtete, war ihr Herz ſorgenvoller, als ſie ſich gern zugeſtand, denn ſie wußte, Magda würde noch an ihr Bett kommen und beten, und ihr gute Nacht ſagen. Jetzt war es ſo weit. Magda ſchob die Vorhänge zurück. Die puritaniſche Haube war verſchwunden, die rabenſchwarzen Zöpfe hingen lang über den Rücken hinunter, eine kleine weiße Kappe war um den reizend geformten Kopf gezogen und unter dem Kinne feſt gebunden. Sie trug um den Oberkörper nichts als das weiße Hemd, das zugebunden die Schönheit der jugend⸗ lichen Formen zeigte; ein Röckchen von buntem Damaſt machte die übrige Bekleidung. Sie betete ernſt und ihre Stimme ward immer feſter und ruhiger— dann kniete ſie zum Segen hin— küßte die alte Barbara und wünſchte ihr gute Nacht. Jetzt zog ſie mit der einen Hand die Vorhänge zu— Bar⸗ bara horchte— ſie blieb ſtehn— leiſe öffnete ſie noch einmal den Vorhang— ſie ſteckte den Kopf hinein und ſuchte die Alte — dieſe ſaß noch aufrecht—„Baſe,“ ſagte ſie dann—„ich habe heute den Grafen Lach geſehn!“ 125 Die Alte fuhr zuſammen, als fühlte ſie einen Stich— ſchon hingen die Vorhänge geſchloſſen ruhig neben einander, und ein leiſes Kniſtern und das Erlöſchen der Lampe verrieth, daß Magda zu Bett ging. Auch in dem armen Hüttchen der Frau Mora ſank der Schlaf wohlthuend auf die Augen der Müden nieder, und es war eine ſonnenhelle Morgenſtunde, als Frau Mora erwachte und Hedwiga noch ſo ſanft ſchlafend an ihrer Seite fand, daß ſie ſich leiſe wegſchlich, um nach Egon und der Ziege zu ſehn. Wie lange auch der Knabe wachend ausgehalten haben mochte, endlich hatte ihn doch die Ruhe der Nacht überwältigt. Er lag tief eingeſchlafen auf dem Bündelchen Heu, was er vielleicht kurz zuvor für die Ziege aufgeſchüttelt hatte. Dieſe lag dicht neben ihm; ſein einer Arm, der jetzt zwrückgeſunken war, hatte ſie wahrſcheinlich geſtützt; ihr Kopf lag auf ſeiner Bruſt, aber die ſteif ausgeſtreckten Pfoten ließen Mora ahnen, was hier geſchehen. Sie bog ſich nieder— das arme Thier war kalt, kein Athem hob mehr den Körper, ſie war in Egon's Armen während ſeines Schlafes geſtorben. Wie tief mußte der arme Knabe, der dies Unglück verſchuldet hatte, ſein Vergehn empfinden! Sie blickte mit Theilnahme auf den ſanft Schlummernden, den die Ruhe und der Schlaf verſchönte, und neben den Seufzern ihrer Bruſt drangen auch die Thränen aus ihren Augen. Doch that es ihr weh, den Knaben neben dem todten Thiere liegen zu ſehn; ſie hob den Leichnam auf, trug ihn aus dem Stalle und legte ihn leicht mit Heu überſchüttet neben der Hütte ins hohe Gras. Jetzt war Egon unruhig geworden; er arbeitete ſich aus dem Schlafe empor und ſaß, gerade mit dem Erwachen kämpfend, aufrecht, als Mora zurückkehrte. Sogleich kam ihm die Beſinnung wieder— er blickte neben ſich, und als er die Ziege vermißte, ſprang er auf und 126 rief fteudig, auf Mora zuſtürzend:„O! ſag', iſt ſie wieder geſund— iſt ſie auf der Weide?“ „Nein, Egon,“ erwiederte ihm Mora— ſie geht nicht mehr nach der Weide.“ „So hol' ich ihr künftig den Klee und füttre ſie ſo ſatt, als wenn ſie auf der Weide wäre. O, liebe Mora, ſie ſoll es recht gut haben die arme alte Ziege— recht gut! und Adrian wird mir Salbe geben für ihre kranken Füße!“ „Sie hat es ſchon gut, Egon, und bedarf der Salbe nicht mehr. Aber willſt Du jetzt wohl dran denken, daß Du Dich immer weniger von mir leiten läßt und Dein Starrſinn und Dein heftiges Weſen immer zunimmt? Weißt Du auch, daß mir alle Menſchen ſagen, Du thäteſt nicht mehr gut im Hauſe? Ich ſoll Dich hinaus thun unter Männer⸗Zucht, wo Du gehor⸗ chen lernſt und Dich in Anderer Weiſe ſchicken. Egon hörte mit klugen Augen aufmerkſam der Rede zu, dann ſagte er:„Du willſt aber nicht, daß ich dienen ſoll— wo ſoll ich das nun erfahren, was Du willſt, daß ich lerne?“ „Wär' es nur eine rechte Stelle,“ ſeufzte Mora—„ſo möchte es drum ſein! Was kann ich dagegen? Es wächſt Alles an, und wenn die Frucht reif iſt, dann will ſie fort vom Stamme. Aber unter den rohen Geſellen bei Guntram, was ſoll da aus Dir werden?“ „Aber Guntram ſelbſt“— rief Egon— zu Guntram ginge ich am liebſten, wenn Du mich fortſchicken willſt.“ „Willſt?“ rief Mora faſt ärgerlich— ich will nicht! Aber Du zwingſt mich dazu. Lange ſchon ſehe ich Dir den Sinn über Gebühr wachſen, und immer ließ ich es hingehn. Aber geſtern da iſt es mir ſelbſt ſicher geworden, daß Du mir ent⸗ wachſen biſt; auch werde ich Dich ſchwerlich ernähren können, wenn uns die Ziege fehlt, und gut wäre es, wenn Du Nahrung 127 und Kleidung bekämeſt. Hedwiga bringe ich mit meiner Hände Arbeit eher durch.“ Egon ließ ſie ausreden, denn obwohl er jetzt ahnte, die Ziege ſei todt, ſo war er doch ſo erſchüttert, daß er eine Zeit⸗ lang ſchweigen mußte. Er kam ſich wie ein Mörder vor— und ſeine Sünden ſchienen ihm das Maaß zu ſehr zu über⸗ ſchreiten, um verziehen werden zu können. „Ja! ja!“ rief er endlich abgebrochen—„laß mich fort! ich will dienen— ich will arbeiten für Dich, Mora, für Hed⸗ wiga— denn ich habe Alles verſchuldet— die Ziege umge⸗ bracht— und bin ein Böſewicht!“ Er warf ſich auf die Erde, in das Heu des kleinen Stalles, der das Sprachzimmer dieſer betrübten Menſchen war— und der Schmerz ſchüttelte ſeinen ganzen Körper. Mora ſah ihm ſtilltraurig zu; der Augenblick betrübte ſie weniger, weil ſie mehr auf das ſah, was ihr nun nah gerückt war, was ihr Trennung von dem ungeſtümen Liebling verkün⸗ dete, wenn auch die Art und Weiſe noch dunkel vor ihr lag. Jetzt kam Hedwiga leiſe herbeigeſchlichen, und als auch ſie den Tod der Ziege erfahren, ſtillte Egon ſeine Thränen, um Hedwiga zu beruhigen, und bald verließen Alle den kleinen Stall, den Schauplatz ihrer Leiden, und als ſie hinaustraten, da lag der Sommermorgen mit ſeinem ganzen Reichthum um die ärmliche Hütte! Die Linde duftete mit ihren vollen Blüten— und die Vögel ſangen in ihren Zweigen. Von der Wieſe her⸗ über wogte ein thauiger Nebel empor, und auf der Schulter des ſteinernen Chriſtophorus, deſſen Figur über den Bretter⸗ zaun ragte, leuchtete das Chriſtuskind von der Morgenſonne vergoldet. In der Kloſterkirche aber, zu deren Füßen ſich die kleine Anſiedlung befand, ertönten die erſten leiſen Akkorde der Orgel und des Geſanges, wonit die frommen Frauen des Ur⸗ ſulinerſtifts ihre Frühmeſſe begingen. Das arme bekümmerte Weib, die traurigen Kinder blickten umher und es ward milde in ihnen, ſie wußten vielleicht nicht, warum. Hedwiga zeigte lächelnd, noch mit Thränen in den Augen, nach dem kleinen Neſte in den untern Zweigen der Linde, was beide Kinder wie ihren Schatz behüteten und worin eben ein lebhaftes Gezwitſcher zwiſchen den zahlreichen Inſaſſen deſſelben entſtanden war. Mora aber legte die gefalteten Hände auf die Bretterwand und richtete ein inbrünſtiges Gebet an das glühende Bild des kleinen Erlöſers, während Egon's Augen ſich von Einem zum Andern wandten und er ſeinen kräftigen Geiſt aufrief, Hülfe zu ſchaffen für die Uebel, die er verſchuldet. In dieſen Gedanken hörte er es vielleicht zuerſt, daß auf dem Pachthofe der Frau Oberhofer ſich die Ställe öffneten und Adrian, der alte Schweizerknecht die Kühe ins Freie trieb. Augenblicklich flog er ins Haus, kam mit einem Töpfchen zurück und war nun mit einem Satze über den Zaun, um ſeinen alten Freund Adrian aufzuſuchen. Frau Mora ſah ſtill zu, was der Knabe vollführte; wußte ſie ſich doch auch keinen beſſeren Rath, um ihren armen Kindern das nöthige Frühſtück zu verſchaffen. Auch hatte Adrian das Vertrauen des Knaben nicht getäuſcht. Er kam ſogar mit ihm und trug einen kleinen Milcheimer, voll eben gemol⸗ kener Milch, der das Töpfchen Egon's mehrere Male zu füllen ver⸗ ſprach, und reichte ihn der Frau Mora hinüber, während er ſelbſt bedächtig nachſtieg, um die Ziege zu unterſuchen, über deren plötz⸗ lichen Tod er nicht geringes Bedauern und Erſtaunen ausdrückte. „Nu! nu! Frau Mora,“ ſagte er tröſtend—„laß Sie ſichs nicht ſo zu Herzen gehn. Alt war ſie— die Milch hat den Kindern nicht mehr g'taugt— das iſt alles Schickung— damit der Ueberfluß bei uns nicht uméomme!“ „Adrian,“ erwiederte Mora— ich danke Euch heute für die Aushülfe— doch jeder ſorge für ſich— der Ueberfluß bleibt für Euch.“ 129 Adrian kannte dergleichen abweichende Erwiderungen und ließ ſie lieber ohne Antwort, da er nach Art alter Viehzüchter neugierig war, den Tod der Ziege zu ergründen. Er unter⸗ ſuchte den Körper hin und her und erklärte endlich, der Leib ſei ſtark geſchwollen— ſie habe nach der fetten Weide ſich beim Falle etwas im Leibe geſprengt und dies ſei wohl die nächſte Urſach' ihres Todes, obwol der Bruch beider Beine ihn ſpäter doch veranlaßt hätte. Die Kinder ſahen traurig der Todtenſchau zu, und es ſchien ihnen nun erſt ſicher und gewiß, die Ziege werde nicht wieder erwachen. Doch Adrian wollte ſie tröſten und ſagte, beim Schreiner auf dem Kloſterhofe ſtünden drei Ziegen; der wolle gern eine verkaufen,— und das würde ſich ſchon paſſen. „Ja,“ ſagte Frau Mora mit etwas rauhem Ton und mit dem Unwillen, den der Dürftige empfindet, wenn ihm zu der leichteſten Art, erfahrne Noth abzuhelfen, die der Wohlhabende vorſchlägt, die Mittel fehlen.—„Ja! Adrian,— das iſt Aus⸗ hülfe für die Reichen, nicht für Mora, die dazu noch keinen Batzen liegen hat.“ Da war Egon mit der gährenden Angſt in ſeinem Innern bis zum Entſchluß durchgedrungen. Er ergriff den Arm des alten Schweizers—„Hör', Adrian,“ ſagte er haſtig— frag, was die Ziege koſten ſoll— Mora ſoll eine Ziege haben— wenn ich weiß, wie viel Geld wir dazu brauchen, gehe ich zur Fürſtin Morani und laſſe es mir geben— und dann diene ich es ab— und werde Page bei ihr, oder Laufer, oder Gärtner, oder was ſie will! Das kann man thun— davon hat mir Guntram vft erzählt.“ „Ach,“ rief Hedwiga—„warum gehſt Du nicht lieber zu dem ſchönen guten Herrn, der Dich fragte, ob Du bei ihm dienen wollteſt? Der giebt Dir Alles, was Du brauchſt und mir auch. Mora, bitte ihn, daß er zu dem ſchönen Thomas Thyrngu. 1. à 130 jungen Herrn geht, denn er wollte Egon ſogleich in Dienſt nehmen.“ „Ich aber will ihm nicht dienen!“ rief Egon—„ich will nur der Fürſtin dienen, und Du brauchſt ihn gar nicht ſo lieb zu haben— und er ſoll Dir nichts geben— gar nichts; hörſt Du?“ Erſchrocken über ſeine Heftigkeit, flog Hedwiga zu Mora, und dieſe hatte jetzt genug durch den Knaben gelitten.„Unge⸗ rathner Bube!“ rief ſie heftig—„ann all' das Unglück Dich nicht beugen, was Du angerichtet? Mußt Du immer noch Dich wie toll gebärden? Ja, fort mußt Du— fort ſollſt Du, unter ſcharfe Zucht— nicht wieder unter Weiberhand!“ Erzürnt wandte ſie ihm den Rücken und trat in das Haus zurück. Die beiden kleinen, einander ſo nah gerückten Familien ſollten zu einer und derſelben Zeit eine Unterbrechung ihrer Lebensordnung erfahren. Zwar hätte man Magda unverändert nennen müſſen, wenn man nur flüchtig beobachtend dem Weſen des jungen Mädchens zuſah; denn wie gewöhnlich ſtand ſie früher auf als Frau Barbara Hülshofen und traf noch mit der aufwartenden Magd zuſammen, die den Fußboden des Zimmers kehrte. So wie ſie ging, trat Magda's Wirkſamkeit ein. Sie ſtellte die verſchobenen Stühle und Tiſche an ihren Platz, und mit ſchnellen leichten Schritten umherſtreifend, ſäuberte ſie mit geſchickter Hand alle Gegenſtände vom Staube. Dann breitete ſie ein feines gewirktes Tuch über den großen Tiſch und ſchlüpfte nun nach der Küche, die eine Taſſe Kaffee zu bereiten, die Frau Hülshofen ſich jeden Morgen zum Frühſtück erlaubte, während für Magda die friſch gemolkene Milch bereit ſtand. Als nun neben der kleinen Taſſe von Meißner Porzellan die friſchen Waizenbrötchen lagen und auf dem Lehnſtuhl das Andachtsbuch, ſchlüpfte ſie die kleine Stiege hinauf in das Schlafgemach der Frau Barbara und legte die letzte Hand an den Putz der alten Dame. Denn nie verließ Frau Barbara dieſes Zimmer, ohne jene feſte ſteife Kleidung der damaligen Zeit angelegt zu haben, und es verſtärkte den Eindruck ihrer kalten abgeſchloſſenen Erſcheinung, daß man ſie nie anders im Hauſe ſah, als mit der blendend weißen ſteifen Flügelhaube und dem ſauber in Falten gelegten Halstuche, mit dem ſchweren bauſchigen Rock von geſteppter Serge, und der dazu gehörigen Kontuſche mit breit über den Rücken auslaufenden Falten. Um den Hals trug ſie aber eine anſchließende Erbskette von reinem Dukatengolde, an der ein goldnes Schauſtück hing. Nachdem an jenem Morgen Frau Hülshofen ihrer Nichte gegenüber ſaß und das Frühſtück der Andacht gefolgt war, erhoben ſich die ernſten Blicke der alten Frau zuweilen mit be⸗ ſonderem Ausdruck zu Magda, und ihr ſelbſt wollte dünken, das Mädchen habe die geſtern erfahrene Erſchütterung verſchlafen, denn dieſe zarten rundlichen Formen, dieſe tiefen warmen Augen — alles war ſo unverändert, ſo ohne Eindruck, daß der Waſſer⸗ tropfen nicht ſpurloſer über das liebliche Geſicht hätte gleiten können. Auch aß und trank ſie mit gutem Appetit und ſchwatzte leichthin ein paar Worte— Alles ſchien daſſelbe und Frau Barbara erwog noch einmal in ihrem Geiſte, ob es wirklich nöthig ſei, ſich von ihrem Lieblinge zu trennen— denn dieſen großen und ſchweren Entſchluß hatte ſie während der Nacht ge⸗ faßt und ihn ſogleich einzuleiten gedacht. Doch ſchien es, als bemerke Magda ihre nachdenklichen Blicke und als errege dies in ihr nun erſt Unruhe; denn das Licht ihrer Wangen fing an zu wechſeln zwiſchen Bläſſe und Röthe, und dieſer Anblick trieb die Worte faſt unwillkürlich aus Barbara's Munde. „Schon vor einigen Tagen hatte ich einen Brief von meinem Bruder, Magda— er fordert ſein Eigenthum zurück— die Zeit ſei gekommen, meint er! Sage es den Kloſterftauen und der Frau Aebtiſſin Gnaden, denn ich gebe meine Einwilligung.“ 9* Magda ſah mit der größten Spannung in die Augen der alten Barbara— höher und höher ſtieg das Roth auf ihren Wangen— plötzlich fuhr ſie auf—„Du mißtrauſt mir, Baſe! darum ſchickſt Du mich fort, ehe die Kloſterfrauen abſchließen. Du fürchteſt, daß ich ihn wiederſehe, da Du nun weißt, wie ich von ihm denke!“ „Ich weiß nicht, wie Du von ihm denkſt,“ erwiederte Bar⸗ bara,„und was nutzt es, wenn ich es wüßte. Mir iſt keine Gewalt gelaſſen über Dich und die Pläne des ſtarren Mannes! Was ich in Deine Seele legte von grader Anſicht der Dinge, iſt was ich Dir nutzen konnte: Warnungen ſind Spreu, die der Wind der Leidenſchaften verweht— wir leugnen, was wir erlebt, oder Andere erleben ſahn, um zu thun, was uns behagt, und die Erfahrung höhnt den Klügſten! In einer andern Kappe erkennen wir das oft geſehene nicht wieder oder überreden uns, ſo gerade mit ihm fertig werden zu können. Drum halte ich Dich nicht auf und mag nicht einſchreiten, denn es iſt müßige Arbeit!“ „Ich aber,“ rief Magda, weiß, was Du meinſt! Lieber höre ich auf Deinen Bruder, denn er ſteht mir viel näher als Du und Dein begrenztes Bürgerleben, und was mir da alles läſtig nah kömmt, das möchte ich mit einem Sprunge über⸗ holen! Aber doch biſt Du mir ſicherer; ich kann denken, man müßte das immer behalten, was Du für beſſer hältſt, wenn man das Andere auch gern hat. Doch laß das nur gehn; wenn ich auch viel mehr wünſche als Du, und es mich oft ganz ungeduldig macht, wie Du feſt ſitzeſt— doch gehöre ich Deinem Bruder nicht ſo ganz an, daß ich nicht wüßte, Du wärſt ſogar mäßiger als er. Aber leben muß ich erſt— und weiß noch nicht wie— vielleicht anders, als Ihr Beide wollt!“ „Das weiß ich zu meinem Troſt! ſagte Barbara, beſonders erweicht—„Denn wenn ich feſt halte an meiner Weiſe, und 133 mir bewußt bin, ſie iſt eine von den tüchtigen Stützen der gebrechlichen Welt, möchte ich nicht die Jugend in ſelber Art abſchließen ſehn. Ich war nicht immer wie heute, und Du darfſt vielleicht nicht jetzt ſein wie ich. Es ſind viele Wege zum Ziele— wir verſuchen oft verſchiedene— wir glauben, bald dieſer, bald jener ſei der nächſte— dann verirren wir uns— das thut am Ende Alles nicht viel, die Hauptſache iſt, daß wir ein Ziel unverrückt im Auge haben.“ Ich kann Dich gut verſtehen, Baſe!“ nahm Magda wieder das Wort—„Du haſt in Deiner Art, was mir ſo recht nach Sinn iſt; ich glaube, Dich hat kein Menſch gewendet, wenn Du dachteſt, es ſei recht. Feſt möchte ich auch ſein— und furchtlos dazu! Geſtern, Baſe! bin ich mir in keinem Stücke recht geweſen— das werde ich mir nicht vergeben und Du brauchſt mich nicht zu ſchelten— ich hab's Alles von ſelber. Ganz anders, dachte ich, müßte es ſein, wenn ich ihn zuerſt ſähe und hundertmal hatte ich mir's überlegt, wie's zuſammen treffen ſollte— und nun ſchleppt mich Egon wie ein Bündel ans Land und wie ich denke, mit der guten alten Fürſtin zu lachen,— da ſteht er mit eins da! Sieh! grad' als ob das Bild von ſeinem Oheim, wie der auch noch jung und ſchön war— als ob der aus dem Rahmen träte. Da habe ich mich denn ſicher zuerſt gegraut, denn Du glaubſt nicht, wie mir wurde, und dann wollte ich davon laufen— denke nur! ich drehte mich um und wollte fort— ins Waſſer hinein— ertrunken wär ich am liebſten— ſo heiß und angſt war mir! Ich glaube, ſie hielten mich; aber wie ich mich umſah, ſtand er wieder da, und nun wußte ich, daß er es war und Alles fiel mir zugleich ein! Ach und daß Keiner wußte, was mir einfiel— daß ich ganz allein, ganz verlaſſen daſtand— nein, Baſe! das war mir, als zerſchnitte es mir das Herz. Als mich dann die gute alte Fürſtin wegführte und mich fragte, warum ich 134 mich ſo vor dem guten Grafen Lach erſchrocken hätte, da mußte ich weinen, als wäre Alles todt und begraben und wir gingen zur Leiche!“ „Häßlich! häßlich!“ ſagte Barbara—„was iſt das für ein wüſter Zuſtand! Du mußt Dir recht läſtig damit ſein.“ „Ja, Baſe! ſo läſtig, daß ich heute Alles todt mache in mir; und nicht ungelegen kommt es mir, daß Du mich fort⸗ ſchickſt, denn ich mag zur Fürſtin nicht— und thuſt Du's nur nicht aus Mißtraun, da iſt es mir ganz recht! Sieh! lange Reden halte ich dem Großvater ſchon in Gedanken; da kann's denn nicht ſchaden, daß eine an ihn kömmt.“ „Was das träumt!“ ſagte Barbara, unwillkürlich die Augen gen Himmel ſchlagend—„Du wirſt ſeinen Sinn nicht beugen.“ „Wer weiß, ob ich das wollen werde,“ entgegnete Magda. „Denn ſieh! lieb habe ich ihn ſehr, den alten prächtigen Groß⸗ vater! Warm wird mir's vom Kopfe bis zum Fuß, wenn ich nur an ihn denke. Was mir bei dem einfällt, fällt mir nirgends ein; vier Ohren möchte ich haben, um Alles zu hören; über meinen Kopf noch einen drauf, der mir denken hülfe— denn er hat Verſtand für zwei. Und dann, wie luſtig kann man ſein! und dann das ſchöne alte Dohlenneſt— die Thürmchen — die ſchönen Bilder— die koſtbaren Meubles und Geſchirre — ſieh! das iſt Alles viel mehr nach meinem Sinn als hier, und ich denke immer: Etwas möchte ich davon behalten mein ganzes Leben lang!“ Ja! ja!“ ſagte Barbara—„es liegt Dir im Blut! Ich hab' mein Blut wo anders her— es hat mich nie dahin getrieben.“ „Ja!“ ſagte Magda,„ſonſt könnteſt Du's haben wie Einer! Aber ſoll ich Dir ſagen, wie ich denke? Es iſt mir was werth, daß Du ganz anders biſt. Dein Leben kann ich nicht leiden, es iſt mir zu gering; aber Du ſelbſt biſt ſo— ich weiß 135 nicht, wie ich ſagen ſoll— Dein Leben wird was, weil Du es führſt! Ich ſeuße oft, wie Alles ſo beſchränkt iſt— ſehe ich Dich aber an, dann iſt es mir ſo lieb, als wäre es was Rechtes. Dunthuſt ſo eigen mit Allem, und ich muß oft lachen, wenn ich Dir's nachmache— denn wenn Du's für was hältſt, habe ich ordentlich Achtung davor; doch blos, weil Du es ſo anſiehſt.“ Barbara hatte ein weiches Geſicht unter Magda's Worten bekommen.„Laß Dir den Eindruck lieb ſein; er hilft Dir ein⸗ mal irgendwo,“ ſagte ſie. „So iſt es ſchon,“ antwortete Magda.—„Nie denke ich öfter und lieber an Dich, als dort, wo es ſo viel ſchöner iſt. Da liebe ich Deinen kleinen knappen Haushalt recht und die Ruhe, die bei Dir iſt, wo man ſich ordentlich gut vorkömmt! Denn hier, wo ich ſo gern das Geringe arbeite, weil es für Dich iſt, bleibt Alles in mir ruhig— aber dort, wo ich Alles gethan bekomme und mit dem Finger tippe, oder rufe, oder be⸗ fehle und dann Alles da iſt, ohne daß ich mich bemühe, werde ich oft unruhig, denn ich weiß, Du ſäheſt dem mit Widerwillen zu.“ „Du mußt nicht ſo leicht über etwas unruhig werden— das iſt immer vom Uebel und heißt den Dingen Gewalt geben über uns. Auch ſolchen Zuſtänden, wie die dortigen, mußt Du gelaſſen zuſehn; wenn's Dir gefällt, ſo laſſe Dir dienen; es iſt nicht größerer Schaden dabei als bei manchem Andern. Nur die Unruhe muß man abhalten.“ Magda verſank in Gedanken. Dann ſagte ſie;„Wie mir jetzt Alles dort vorkommen wird, nun ich ihn geſehen habe? Heute Morgen, ehe ich die Augen aufthat, dachte ich: Wie wird's nur heute ausſehn! Ich glaubte, es müßte Alles an⸗ ders ſein!“ „Und da wirſt Du denn geſehen haben, daß es Alles beim Alten iſt.“ Es hing mehr erwartende Frage an dieſen Worten Barbara's, als ſie ſelbſt verrathen wollte. „Doch blos darum, weil ich es will!“ ſagte Magda raſch, faſt heftig.„Ich zwinge mich, daß Alles daſſelbe ſein ſoll— aber mir ſchwindelt oft der Kopf. Sag, Baſe! wann ſoll ich fort? und zieht Käthe auch indeſſen zu Dir?“ „Der Großvater wartet auf Antwort. Doch kannſt Du mit Hieronymus, dem Arzte, bis Prag reiſen. Von dort machſt Du's ja in wenigen Stunden, und der Großvater ſchickt Dir die eignen Leute. Du biſt dann früher da, als er Dich erwar⸗ tet— Käthe zieht zu mir, ſo bald ich's fordere!“ „So will ich auch noch recht bei Dir bleiben die kurze Zeit,“ rief Magda.„Auch nach dem Kloſter gehe mit mir; die Nonnen werden's nicht gern ſehen, daß ich reiſe. Ich habe was gelernt die Zeit! Da war die Wahl auf mich gefallen— ich ſollte der Frau Kaiſerin das Gedicht ſagen, wenn ſie zum Dank für den Kloſterkäſe hieher kömmt— und gern hätt' ich's gethan. Es geht mir nichts über ihre große Augen und wie ſie lächelt— und wenn ſie geht und der ſchöne lange Hals ſo wogt. Gern hätt' ich ein Lächeln und einen Blick ganz für mich allein gehabt!“ „Das kannſt Du Dir überlegen und nach Gefallen ein⸗ richten; der Großvater erwartet Dich noch nicht.“ Nach dieſem Geſpräch trat die alte Ruhe und Leichtigkeit des Verſtändniſſes zwiſchen beiden Frauen wieder ein, und als Magda geſchickt und raſch die kleinen Dienſte des Hauſes ver⸗ richtete, und Barbara's Auge mit dem Geleitsbrief irgend einer unbedeutenden Anrede dem lieblichen Weſen zu folgen trachtete, ſagte ſie ſich tröſtend:„Sie wird nie ganz unglücklich werden; ſie hat Luſt, das Leben zu handhäben. Es wird in ihr einen gefaßten Gegner finden!“ 137 Der Graf von Kaunitz hatte die Verlobungsanzeige des Grafen Lach von ihm ſelbſt empfangen, und es gehörte die kalte Ruhe des großen Staatsmannes dazu, um das Erſtaunen zu unterdrücken, welches Jeder bei der Nachricht einer ſo ungleichen Verbindung empfinden mußte. Er kannte die Fürſtin und war in früheren Zeiten mit dem Vater derſelben vertraut geweſen. Wie Jeder, der dieſe gute Tochter beobachten konnte, mußte auch er ihr das Zeugniß eines edlen Karakters und eines mit Kenntniſſen bereicherten Geiſtes ertheilen. Aber ihr vorgeſchrit⸗ tenes Alter, ihr ſtets reizloſes Aeußere ſchien doch ſelbſt dem Grafen, obwol er wenig ſolche Dinge beachtete, ein auffallen⸗ des Mißverhältniß. Der Graf von Lacy bemerkte ſehr wohl den Anflug von Erſtaunen auf dem Geſichte ſeines von ihm ſo wahrhaft hoch⸗ verehrten Gönners— aber er hatte dieſen Schritt zu oft mit zu großer Ruhe in allen ſeinen Folgen überlegt, als daß er jetzt etwas unerwartetes erfahren konnte, und dieſe Sicherheit, dieſe innige Zufriedenheit drückte ſich ſo beſtimmt in ſeinem Weſen aus, daß der Graf ſie bald mit ihm zu theilen begann. Nach den erfolgten Beglückwünſchungen bat ihn Lach, der Kaiſerin die vorläufige Anzeige zu machen, und in Folge deſſen um eine Audienz für ſich und die Fürſtin zu bitten. Als ihm der Graf auch dies verſprochen, ſchien Lacy dennoch nicht am Ende mit ſeinen Wünſchen, und Kaunitz, der den Grafen als ſeinen wohlgerathenen Schüler faſt zu ſich zählte, fragte ihn, was er noch wünſche, und erinnerte ihn, daß ſo eben die Stunde ge⸗ ſchlagen habe, die ihn zur Kaiſerin riefe. Gedrängt von dieſer offenen Anmahnung, ſich zu erklären, überwand Lacy jede Bedenklichkeit. Euer Gnaden wiſſen, in welcher Lage der Fürſt Morani ſeine Tochter hinterlaſſen hat, und Sie ſind es bis jetzt geweſen, der den dringendſten Mangel von der edlen Dulderin abgehalten haben. Es gehört nicht zu den kleinſten Freuden, welche mir die Zukunft an ihrer Seite verſpricht, ſie in alle Verhältniſſe wieder einführen zu können, die Geburt und Erziehung ihr an⸗ weiſen, denn die Lacy's beſitzen ein fürſtliches Einkommen. Aber jetzt— in dieſem Augenblick leidet ſie Mangel— an dem Nothwendigſten Mangel! Denn die Schulden des Fürſten bis auf die kleinſte Anforderung zu tilgen, war die großmüthige Aufgabe der edlen Tochter; und ſie hat ſich von Allem nach⸗ gerade losgemacht, was noch einen Werth hatte, und ſteht jetzt in jeder Beziehung von jedem Bedürfniß ihres Ranges, wenn ſie als Braut in der Welt erſcheinen ſoll, entblößt da.“ „Der Fürſt Morani hat dem Staate ſtets mit der groß⸗ artigen Liberalität, die ſein Karakter war— zu verſchiedenen Zeiten an ftemden Höfen gedient.„„Unerledigte Verbindlich⸗ keiten gegen denſelben““ das war, denke ich, die Form, unter der Euer Gnaden ſchon damals der Tochter die Penſion zahlen ließen, die ihre Armuth verbergen half. Sollte nicht jetzt ſich noch im Auswärtigen Bureau eine unbeachtete Verpflichtung finden, die vielleicht vier bis fünf Tauſend Gulden— die ich hier bei mir führe— der Fürſtin gerade jetzt in die Hände ſpielte?“ Der Graf war bei den letzten Worten ſo glühend roth ge⸗ worden, daß Kaunitz ſich einen Augenblick umwendete, um das verletzte Zartgefühl des jungen Mannes zu ſchonen. Aber leb⸗ haft eilte ihm Lach nach.„Graf Kaunitz,“ rief er—„keinem Menſchen auf der ganzen Erde würde ich ein ähnliches Vertrauen ſchenken! Es mußte der edelſte, der ehrenhafteſte Mann ſein, den ich kenne, um ein ſo edles Weſen wie die Fürſtin Morani in ihren Verhältniſſen Preis zu geben.“ Der Graf Kaunitz wendete ſich zu ihm. Die ſchöne Wärme des Wohlwollens lag auf ſeinem Geſicht— er reichte dem ge⸗ beugt vor ihm ſtehenden Lach die Hand.„Sie haben die 139 Fürſtin in keine Gefahr gebracht. Ihr Vertrauen, wie Ihr Wunſch — obgleich ſeltſam genug— findet bei mir eine verſtehende Aufnahme. Die Form würde ſich auch finden laſſen zu der Aus⸗ führung— aber eins muß ich als Bedingung hinzüfügen— ich muß Freiheit behalten, im Fall die Sache das Ohr der Kaiſerin erreicht, mich durch die Wahrheit gegen ſie erklären zu dürfen.“ Lacy ſchwieg.„Und iſt dies als beſtimmt zu erwarten?“ fragte er nach einer Pauſe. „Nein,“ erwiederte der Staatskanzler.„Im Gegentheil! Sie haben, denke ich, mit Ihrem Freunde geſprochen, nicht mit dem Miniſter der Kaiſerin. Ich werde die Form daher ſo einrichten können, daß ſie wie ein Privatgeſchäft von der Für⸗ ſtin angeſehen wird, und eine Andeutung möchte hinzuzufügen ſein, die jede Dankſagung gegen die Kaiſerin zurückhält.“ „Euer Gnaden werden mir damit eine ſchwere Laſt vom Herzen nehmen, und zu den großen Verpflichtungen der Dank⸗ barkeit, welche mein ganzes vergangenes Leben bereits enthält, eine neue nicht minder große hinzufügen. Alles Uebrige über⸗ laſſe ich ohne Einſchränkung Ihrem Ermeſſen.“ Mit großem Wohlwollen entließ der Staatskanzler den Grafen und am Abend deſſelben Tages erhielt die Fürſtin Mo⸗ rani ein Taſchenbuch mit 3000 Gulden und eine Berechnung über den nothwendigen geſandſchaftlichen Aufwand des Fürſten, als er nach dem Tode des letzten Medicis, als Bevollmächtigter des damaligen Herzogs von Lothringen, des jetzigen Kaiſers, nach Toscana geſandt ward, welche Liquidation vom Fürſten, großmüthig vergeſſen worden war und jetzt mit den landes⸗ üblichen Zinſen gerade die überſchickte Summe betrug, über die der Graf Kaunitz, da er ſie als ein Verſäumniß ſeinerſeits an⸗ ſehen müſſe— ohne weitere Erwähnung, blos um die Unter⸗ zeichnung einer beigefügten Quittung bat, welche nichts enthielt, als die Beſcheinigung: Aus den Händen des Grafen von Kau⸗ nitz 5000 Gulden empfangen zu haben. Wer es kennen gelernt hat, auf einem Höhepunkte der bürgerlichen Geſellſchaft zu ſtehen, und mit Anſprüchen verfolgt zu werden, die zu wurzeln ſcheinen, wo ſie einmal angenommen ſind, der wird ſich des qualvollen Zuſtandes bewußt ſein, wenn die Mittel verſchwunden ſind, die einſt dieſe Anforderungen be⸗ friedigten, und ein ſich immer wiederholendes Eingeſtändniß der Armuth verlangt wird, wogegen ſich die ſtolzen Gewohn⸗ heiten eines früheren Lebens ſträuben. Die edle Fürſtin hatte nicht minder dieſen Widerſpruch empfunden, weil ſie ihn mit der größten Ergebung zu ertragen verſucht hatte, und die kurze Dauer ihres jetzigen Brautſtandes ließ ſie die Beläſtigung nur tiefer fühlen, da ihre bisherige ſtrenge Zurückgezogenheit ſie nicht der Beobachtung blos geſtellt hatte. Es war daher, als ſie die Sendung des edlen Grafen von Kaunitz empfangen, als ob ein Stein ſich von ihrem Her⸗ zen wälzte, und ſie dankte Gott für eine Schickung, die das Andenken ihres Vaters ferner vor dem Spott oder Tadel der Welt zu ſchützen verhieß. Nur ihm, der ihre ganze Lage kannte, an deſſen zarte Sorgfalt ſie, von dem Gedanken ihrer Hülfloſigkeit geängſtigt, denken mußte— nur ihm wollte ſie dieſe Erleichterung mit⸗ theilen, und zwar mit dem edlen Stolze, ſie ihrem Vater zu danken! Nie war ine großmüthige Täuſchung beſſer gelungen, nie mehr zur rechten Zeit auf dem ſchonendſten Wege Hülfe erreicht — und dennoch konnte Lach kaum dieſe Unterredung ertragen; ſie beugte ihn nieder wie einen Verbrecher, und hätten Zweifel über ſeine Theilnahme bei der Fürſtin entſtehen können, ſein verlegenes ausweichendes Betragen hätte es vollſtändig ge⸗ rechtfertigt. 141 Sie hörte mit mehr Faſſung als bei der erſten Erwähnung, daß die Kaiſerin bereits ihr Verhältniß zum Grafen kenne und am Ende der eben angetretenen Woche eine Privat⸗Audienz für Beide erlaubt habe. Noch an demſelben Tage hatte ſie eine Unterredung mit Georg Prey, der ihr, eben ſo erheitert als ſie ſelbſt, verſprach, die theuren Gegenſtände aus dem Schmuck ihrer Mutter, die ſie zuletzt geopfert, um die noch übrig ge⸗ bliebenen Forderungen zu tilgen, wieder zu verſchaffen. Sie durfte ihre alte Kammerfrau aus dem. Küchenzwange erlöſen, und der alte Hieronymus, der in der kaiſerlichen Küche nicht acht Tage ausgehalten hatte, nahm ihre Stelle wieder ein. Ja es fanden ſich, nach den Wanderungen der hochbeglückten Kam⸗ merfrau durch die Kaufläden Wiens, die verſchiedenſten Handels⸗ leute mit den reichen Kleiderſtoffen ein, die damals zur Aus⸗ ſtattung einer Frauenkleidung nöthig waren, und die Fürſtin wählte mit dem ihr eigenthümlichen Geſchmacke Spitzen und tickereien, wie ſie zu ihrer damaligen Lage paßten, und wußte dabei in Farbe und Schnitt mit großem Takt die feine Grenz⸗ linie zwiſchen Jugend und Alter zu halten, und den unverkenn⸗ baren Wunſch zu gefallen, mit edler weiblicher Beſcheidenheit zu vereinigen. So kam es, daß der Graf von Lach, als er an dem zur Andienz bei der Kaiſerin beſtimmten Morgen im glänzenden Hof⸗Koſtüm zu ihr eintrat, von ihrem Anblick überraſcht ſtehen blieb, und mit Entzücken auf ſie zueilend rief, indem er ihre Hand küßte:„Ich wußte nicht, daß Sie ſo ſchön wären!“ Claudia bebte vor der füßen Schmeichelei zuſammen. Es war eine ſpäte Jugend, die, von dem heiß geliebten Manne erweckt, ihr ſchwellendes Herz faſt überwältigte. Lach ſah ſie ſchnell erhlaſſen— und als er ſie nach einem Seſſel führte und beſorgt nach ihrem Befinden fragte, traten Thränen in ihre Augen. „Fürchten Sie nicht,“ ſagte ſie ſanft lächelnd—„mich allzu glücklich zu machen? Dies Herz mußte auf einem kalten Boden leben lernen— jetzt— beſchienen von der Sonne des Glücks, treibt es Keime empor, die es faſt überfüllen. Ich kann denken, daß ich an dieſen Empfindungen ſterben könnte.“ „Claudia!“ rief der Graf zärtlich—„müſſen Sie mit einem ſo ſchmerzlichen Schluſſe Ihrer Worte das Glück halb zurücknehmen, was mir der Anfang derſelben gab?“ „Ach!“ ſagte die Fürſtin—„ſo zu ſterben— ſo im vollen Beſitz Ihrer Liebe— unberührt vom Leben— von der Ein⸗ miſchung der Welt— vergeben Sie, Lach, wenn ich träume, es wäre das Höchſte, was die arme Claudia erleben könnte!“ „Nein, Claudia!“ rief der Graf mit dem heiterſten Tone der Liebe—„ich kann Ihre nonnenhafte Schwärmerei nicht theilen. Meine Hoffnungen gehören dem Leben— dem langen Leben mit Ihnen an. Nicht fertig bin ich, wie glücklich auch ſchon heute, mit meinen Wünſchen; ich habe ſo viel vor, in Alles ſind Sie verwebt, überall bedarf ich Sie, und fühle Alles, was ich beſitze, erſt recht in ſeinem Werthe, wenn ich denke, daß es Ihnen gehören wird, wie mir. Morgen, Claudia, lege ich Ihnen die Pläne eines geſchickten Architekten vor über die Ausſchmückung dieſes ſchönen kleinen Palaſtes; Sie ſollen annehmen und verwerfen; Ihnen will ich es, Ihrem Geſchmacke verdanken, wenn ich mich hier von allen Schätzen der Kunſt und Induſtrie umgeben ſehe. Ich bin ſehr reich und habe ſeit lange wenig gebraucht; es liegen große Revenüen aufgehäuft, die ſich ſehnen, ihre Verwandlung zu erfahren, in dieſe einzig werthvollen Schätze, und Sie, theure Claudia, ſollen die Zau⸗ berin ſein, die das todte Metall verwandelt. Dann entwerfen wir unſern Lebensplan— wir müſſen vertraut werden mit den Beſitzungen, die uns in Böhmen gehören. Nicht wahr, Clau⸗ dia, wir wollen nicht in vornehmer Kälte am Hofe die Einkünfte 143 verzehren, die uns aus einem unbekannten Beſitze zuſtrömen? An Ort und Stelle wollen wir die Quellen ſehen, aus denen unſer Wohlſtand fließt; wir wollen den Boden und ſeine Be⸗ wohner lieben lernen und ihnen etwas ſein— und was wir Gutes in uns tragen, dort ins Leben rufen. Doch eben ſo wollen wir dem großen Sterne nahe bleiben, der über unſerm Vaterlande ſteht. Maria Thereſia muß ich zu meinem Leben rechnen können und eine Zeit des Jahres bringen wir in Wien zu. Und jetzt zu ihr, theure Clandia! und nicht wahr, mit leichtem Herzen!“ Der Blick der Fürſtin, mit dem ſie ſich erhob und ihm ihre Hand reichte, ſagte, daß ſie ſeine gelehrige Schülerin ge⸗ weſen war. Der Kaiſer hatte in einer frühen Morgenſtunde dem Erb⸗ prinzen von S. in ſeinem Kabinet eine Audienz zugeſagt. Das Gefolge und die Hofchargen hatten Befehl erhalten, im Vor⸗ zimmer die Herrſchaften zu erwarten. Der Erbprinz von S. kam aus Italien. Man wußte, daß der Kaiſer ſeine endliche Rückkehr veranlaßt habe. Beide waren ſeit ihren jüngeren Jahren innig befreundet, und da aus der langen Abweſenheit des Erbprinzen Uebelſtände zu erwachſen anfingen, hatte der Kaiſer— zur Vermittelung aufgefordert— es übernommen, den Erbprinzen aufmerkſam darauf zu machen und ſeine Rückkehr zu bewirken. Der Erbprinz war, ohne ſein Vaterland zu beruͤhren, nach Wien gekommen, da er ſelbſt ſich gegen den Kaiſer vertheidigen wollte über die Anſchuldigungen, die ſeiner dort warteten. Er hatte in Folge ihres alten innigen Verhältniſſes eine Privat⸗ Audienz vom Kaiſer erbeten, und ihm war dieſe frühe Morgen⸗ 144 ſtunde, die Franz der Erſte immer ſeinen eigenen Angelegen⸗ heiten widmete, beſtimmt worden. Die Hofchargen, die den Erbprinzen von S. im Namen des Kaiſers bewillkommten, erklärten ihn für einen der ſchön⸗ ſten Männer. Er war einige dreißig Jahr, und die kräftigſte Geſundheit erhöhte die Schönheit regelmäßiger Geſichtszüge und einer hohen edlen Geſtalt. Er trug die öſterreichiſche Generals⸗ Uniform, denn er hatte in dem verfloſſenen Kriege ein bedeu⸗ tendes Commando gehabt. Sein Ausdruck war, wenn er ſchwieg, ſehr ernſt, ja ſtreng; beim Sprechen milderte er ſich und ver⸗ wandelte ſich oft in die anziehendſte Freundlichkeit; dann blieb nur ein Hauch von Schwermuth, der auf frühen Kummer ſchließen ließ und ihn nur noch anziehender machte. Er genoß bei Allen, die ihn näher kannten, die höchſte Achtung; er flößte eine Liebe und Hingebung ein, die er kaum zu fordern, noch ſeltner zu erwiedern ſchien. Seine Tapferkeit, ſeine Um⸗ ſicht als Anführer war anerkannt; ſeine wiſſenſchaftliche Bildung ſollte ihn auch in dieſem Gebiete auszeichnen. Als er langſam durch die Vorzimmer ging, Bekannte be⸗ grüßte, Fremde ſich vorſtellen ließ, bezauberte er Alle durch die ruhige Wahrheit und natürliche Würde ſeines Weſens, die Jeden ehrte und Keinen verletzte, und als ſich die Thüren des Kabinets öffneten und man noch Zeit behielt, zu ſehn, daß der Kaiſer ihn wie einen Bruder umarmte, fand Jeder die Aus⸗ zeichnung erwünſcht und natürlich. Beide Männer waren gerührt, als ſie ſich aus den Armen ließen und in die Augen blickten,„Ernſt!“ ſagte Franz der Erſte—„vergiß den Kaiſer— laß uns hier wenigſtens die alten Jugendfreunde ſein!“ Der Prinz war tief erſchüttert, als er ſich ehrfurchtsvoll verbeugte. Sehr verſchieden war Beider Vergangenheit geweſen! Weckte die Erinnerung beim Kaiſer nur heitre Bilder— ſchien 14⁵ ſie in Prinzen einen Strudel leidenſchaftlicher Bewegung auf⸗ zuregen. Die Adern der Stirn ſchwollen ihm und ſeine Farbe wechſelte, obwol der Mann ſichtlich in ihm rang, die Herrſchaft zu gewinnen. Mit kaum hörbarer Stimme begann er zu ſprechen: „Dies Wohlwollen, dieſe alten theuren Gefühle, die uns als Jünglinge verbanden— ich ſcheine ſie doppelt nöthig zu haben, und ich zitterte, ſie geſtört zu finden nach den Bemühungen, die man verſucht hat, um mich bei Euer Majeſtät zu ver⸗ dächtigen.“ „Darum biſt Du ja hier, Ernſt!“ rief der Kaiſer und zog ihn vertraulich zu einem Fenſterſitze, von wo aus ihnen ein großartiger Anblick Wiens geſtattet war—„darum nimmt Dich zuerſt der Freund an und dieſer ſoll erſt den Kaiſer lehren, was zu thun ihm gebührt. Biſt Du danit zufrieden?“ „H!“ rief der Prinz,„mein edler, großmüthiger err“—— „Und Freund! hoffe ich,“ ſetzte der Kaiſer hinzu.„Ich weiß, wie Du biſt; wie es mir immer zufiel, Dich erſt zu er⸗ wärmen, ehe unſere Seelen in Fluß kamen. Dü biſt noch nicht hingebender, wie mir ſcheint; Dein Antlitz hat traurige Spuren, daß Du noch abgezogener, noch finſterer geworden biſt.“ „Ich muß um Vergebung bitten,“ ſagte der Prinz— „ich hielt mich für ſtärker, als ich bin. Das Wiederſehen Eurer Majeſtät überwältigt mein ſchwer bekämpftes Herz. Ich möchte grade hier wie ein Menſch empfinden können, und das Aufleben ſo vieler theuren Gefühle erſtickt mich— denn ſie ſind alle der Fluch meines Daſeins geworden und hätten mich zum Böſe⸗ wicht gemacht, wenn Gottes Hand den Unſchuldigen nicht be⸗ ſchirmt hätte.“ „Faſſe Dich!“ ſagte der Kaiſer nach einer ernſten Pauſe und zog die Hand des Prinzen von ſeinem erhitzten Geſicht, „ich habe viel über Dich gehört, aber der Zuſammenhang fehlt Thomas Thurnau. 1. 10 146 mir, denn ich konnte leicht fühlen, daß mir nur geſagt ward, was mich zu ihren Zwecken ſtimmen ſollte. Von Dir werde ich Wahrheit hören— und dann gedenke des mächtigen Schutzes, der Dir ſicher iſt, ſowol von mir, wie von meiner Gemahlin!“ „Ach! er iſt machtlos gegen das unwiderrufliche Elend der Vergangenheit!“ rief der Prinz ungeſtüm.„Er iſt machtlos für meine elende Zukunft, denn ich darf das ewig ſtachelnde Gefühl des erlittenen Unrechts nicht rächen, ich muß dem ent⸗ ſchiedenſten Verbrechen gegenüber ſchweigen und darf weder Hülfe ſuchen noch annehmen, denn— ich habe einen Mann zu ſchonen, den die Welt meinen Vater nennt!“ „Ernſt! mein Freund!“ rief der Kaiſer erſchüttert—„Du biſt außer Dir— Du weißt nicht, was Du ſprichſt!“ „Ich fühle mit Beſchämung meine Stimmung,“ erwiederte der Prinz, mit großer Anſtrengung ſich faſſend—„ſie iſt nicht gemacht, das Vertrauen Euer Majeſtät zu gewinnen und ſie iſt mir um ſo ſchmerzlicher, da ſie mich ſelbſt überraſcht. Bezähmter hielt ich den Gram in meiner Bruſt; aber ich erfahre die herbe Lehre, daß die Schmerzen, die wir nicht verſöhnen, ihren Stachel behalten; daß ſie durch Schweigen und Abwenden zwar zurücktreten— aber alsdann aufs Neue berührt mit vollen Kräften wie Dämonen aus der Tiefe aufſpringen.“ „Etzähle mir,“ ſagte der Kaiſer,„erzähle mir Alles, was Du erfahren, ſeit wir uns trennten; Vertrauen wird Dich ru⸗ higer machen und ich hoffe, Du fühlſt nichts in Dir, was ſich gegen dies Vertrauen ſträubt.“ Mein gnädigſter Herr!“ rief der Prinz—„es iſt mein ehrlicher wahrhaftiger Wille, ſo Ihr es erlaubt, mein ganzes Herz vor Eurer Majeſtät auszuſchätten. Ich will die Wahrheit ſagen, wo ſie meine Fehler darthut, und will ſie nicht ver⸗ ſchweigen, wo ſie die Verbrechen Anderer enthüllt. Dann treffe 147 mich der Tadel,— das Mitleid, weiß ich, kann mir nicht ausbleiben!“ Der Kaiſer drückte ihm die Hand und neigte das Haupt, der Prinz begann: „Eure Majeſtät kennen meine Jugend, meine Etziehung! Ich hätte ſie nicht nöthig zu erwähnen, aber je älter wir werden, je mehr ſich die Begebenheiten unſers Lebens hinter uns ſammeln, je öfter führt uns unſer Nachdenken auf die Zeit hin, die wie der Aufzug auf dem Webſtuhl die Fäden anknüpft, durch welche nachher das Webſchiff des Lebens fliegt und das Gewebe ent⸗ ſtehen läßt, wie der Aufzug es bedingt!— Bei mir lagen rauhe harte Fäden, mit feinen, glänzend weichen, traurig verknüpft — und ſo iſt auch das Gewebe geworden— verzeihen Euer Majeſtät die Gleichnißrede— ſo bin auch ich zwiſchen Böſe und Gut herangewachſen, und Gott laſſe das Erſtere nicht das Stär⸗ kere ſein. Aber, wenn ich noch beten kann, ſo iſt es, weil das Engelsantlitz meiner Mutter ſich vom Himmel zu mir niederbeugt — wenn ich der Jahre gedenke, wo ſie meine kleinen Hände in einander legte und mich Gebete lehrte, die noch jetzt in ſchweren Stunden wie Engel, die ſie ſendet, zu mir treten— und— ich erröthe nicht, es einzugeſtehn, wo ich dann dieſe Kinder⸗ gebete wieder bete, und wo ſie oft viel mit fortnehmen!— Meine unglückliche Mutter war eine Prinzeſſin aus dem Hauſe D. Das kleine Fürſtenthum hatte wenig Anſprüche zu machen, und es war Hoffnung, daß meine Mutter ihrem Herzen würde folgen können und die Gemahlin des Grafen Lach werden, den ſie, von ihm aufs Heißeſte geliebt, wieder liebte. Schon waren durch die geſchickten Unterhandlungen eines Freundes und ſehr gewandten Advokaten die Hoffnungen Beider der Erfüllung nah, da ſah mein Vater, der damalige Erbprinz, meine Mutter bei einem Beſuche, den er von Prag aus, wo er mit dem Gra⸗ fen Lach und dem Bruder meiner Mutter ſich in demſelben Erziehungs⸗Inſtitute befand, von Beiden begleitet an dem Deſchen Hofe machte. Er ſah die Liebe von Lach und meiner Mutter! Ja er war im Vertraun— aber er gab ſich deſſenun⸗ geachtet der wildeſten Leidenſchaft zu ihr hin. Er bewarb ſich trotz ſeiner großen Ingend um ſie, und ſein Antrag zeigte ſo große und unerwartete Vortheile, daß meine Mutter nach lan⸗ gem Widerſtreben endlich ihrer Familie das Opfer brachte und, nur ein Jahr jünger als er ſelbſt, die Gemahlin des neunzehn⸗ jährigen Prinzen ward. Aber er dankte es ihr nicht! Obwol Lacy das Vaterland floh und meine Mutter wie eine Heilige lebte, verfolgte doch entehrendes Mißtrauen ihre Schritte— und dieſes Mißtrauen traf auch mich! Von Jugend auf hatte ich in dem Vater einen Feind, einen grauſamen Verfolger. Als ob bitterer Haß an die Stelle der ſonſt natürlichen Liebe getteten, ſo zitterte ich als Knabe bei ſeinem Anblick und ver⸗ galt als Jüngling mit bitterem Trotz das eingeleitete Mißver⸗ hältniß. Als die Mutter aus dem martervollen Leben, das ſie führte, hinweg genommen ward, blieb ich allein, ohne Troſt, ohne Anhalt dem übelwollenden Vater gegenüber. Ihr Tod ver⸗ härtete ſeinen natürlichen Karakter noch mehr; er ward dem armen Lande eine Geißel, und nur wer ſeinen Leidenſchaften diente, konnte um ihn bleiben. „Erlaſſen mir Euer Majeſtät, ein Bild weiter zu vollen⸗ den, in welchem ich mit tiefem Schmerze zuletzt doch meinen Vater erkennen müßte. Alles, was ich ſtumm mit anſah, er⸗ regte eine ſteigende Erbitterung gegen Verfolgung und Willkür in mir, und unverholen ſprach ich aus, was in mir gährte. Mir war von der Mutter ein liebebedürftiges Herz gegeben! Ich ſehnte mich unausſprechlich nach einem Ruhepunkte, einem Anhalt zur Ausgleichung ſo vieler Schmetzen. Auch blieb mir Zeit, der eignen Neigung nachzugehn, denn da mein Vater den Geiſt des Widerſpruchs in mir ſich rühren ſah, da Alles, 149 was ich that, theils von ihm ſelbſt, theils von denen, die ihm gern im Böſen dienten, entſtellt ward, folgte eine Art von Verbannung vom Hofe, und ich lebte an anderen Höfen oder auf einem Schloſſe unfern der Hauptſtadt, wenn dieſe Reiſen ihm noch eine zu große Gunſt erſchienen. In dieſe Zeit fällt meine erſte unvergeßliche Bekanntſchaft mit Franz von Lothrin⸗ gen, die der römiſche Kaiſer nicht vergeſſen hat!“ „Es waren ſchöne Jahre!“ rief der Kaiſer—„und damals beſiegte Dein froher Jugendmuth noch die Laſt, die Du daheim zu tragen hatteſt. Du ließeſt mich nicht fremd mit dem Zwie⸗ ſpalt in der Heimat, und wir Alle kannten Deinen Vater; ja! oftmals hatten ſich ſchon Unterthanen⸗Klagen bis zum Throne meines Schwiegervaters erhoben, und gern ſah der Kaiſer, daß Du mildere Sitten an ſeinem Hofe kennen lernteſt und in Dei⸗ nem ganzen Weſen dafür empfänglich warſt.“ „Zurückgerufen nach einer ſo glücklichen Zeit,“ nahm der Prinz die Erzählung wieder auf—„mußte ich bei Hofe erſchei⸗ nen und fand hier einen berühmten Rechtsgelehrten, der als Abgeſandter von dem benachbarten Fürſten von Z. gekommen war, um eine Streitigkeit auszugleichen, die meinen Vater ſchon lange beſchäftigte. Sie betraf unbegreiflicher Weiſe eine gegenſeitige Succeſſionsfrage, die mein Vater als höchſt wichtig anſah zu reguliren, und zwar eine Frage, wodurch nach meinem Ableben das Land an Z. überging, da der umgekehrte Fall, wenn auch ſtipulirt, doch faſt nicht anzunehmen war, da der Fürſt von Z. zehn blühende Kinder und unter ihnen ſechs Söhne hatte. Da ich der einzige Sohn war, blieb die Möglichkeit der Erledigung unſerer Seits allerdings wahrſcheinlicher, aber ge⸗ wiß mußte es auffallen, daß ein Fürſt, der einen geſunden her⸗ angewachſenen Erbprinzen beſitzt, mit dem verwandten Hofe Verhandlungen anfängt, die an das Ableben dieſes Sohnes erinnern und jener andern Linie den Beſitz ſichern ſollen. „Dieſer Abgeſandte des Z.ſchen Hofes war Thomas Thyr⸗ nau, der berühmte Rechtsgelehrte, der vielleicht ſelbſt Euer Majeſtät nicht ganz unbekannt geblieben iſt. Sein Name war auch mir nicht fremd. Er kannte meinen Vater, der zur Zeit ſeiner Jugend mit mehreren vornehmen jungen Adligen in der noch unter Lobkowitz entſtandenen Stiftung des alten Caspar Thyrnau, ſeines Vaters, einen längeren Aufenthalt zu Prag machte, der dazu beſtimmt war, jungen Männern, die ſpäter Land und Leute zu erwarten hatten, in den Rechtsſtudien und im Staatshaushalte eine belehrende Ueberſicht zu geben. Von dieſer Zeit datirte ſich die Bekanntſchaft meines Vaters mit dem Sohne, eben dieſem Thomas Thyrnau. Schon mehrere Male waren Beide wieder zuſammengetroffen, denn meine unglückliche Mutter hatte dieſen Mann auch zu ihren Freunden gezählt, und er hatte ihr bei einem wichtigen Streit, den die Unglückliche gegen meinen Vater führen mußte, um meine Rechte zu ſchützen, bedeutende Dienſte geleiſtet. Es war derſelbe junge Advokat, der Freund ihres früheren Geliebten, des Grafen Lach, der damals ihre gehoffte Vermählung bei ihren Eltern faſt bis zum Abſchluß durchgeſetzt hatte. Deſſenungeachtet behielt er einen günſtigen Einfluß auf meinen Vater, der von ihm noch am meiſten geneigt war ſich lenken zu laſſen, und ſo wählte ihn denn auch der Fürſt von Z. mit ganzer Zuſtimmung meines Vaters. Bis jetzt hatte Thomas Thyrnau mich nur als Kind und in meinen erſten Jugendjahren geſehen. Nun erſt ſollte er mich kennen lernen. Da mein Vater zur ſelben Zeit an den heftigſten Gichtanfällen litt, blieb uns zu einem näheren Umgange Muße genug, und dieſer Umgang wurde für mein ganzes übriges Leben entſcheidend. Er ſuchte mich über die Folgen der Verhandlun⸗ gen zu beruhigen, die ihm ſehr wenig erſprießlich für den Hof von Z. ſchienen, und denen blos die Abſicht meines Vaters zum Grunde lag, mich zu kränken, und bei meiner erlangten Majorennität mich in eine möglichſt größere Abhängigkeit zurück⸗ zuführen. Auch hoffte Thyrnau, mich mit der Prinzeſſin Thereſe, der jüngſten Tochter des Fürſten von Z., zu vermählen und ſchlug mir dieſe jüngſte Tochter vor, die damals noch ein Kind war, um mir durch dies Verlöbniß noch mehrere Jahre der Frei⸗ heit zu ſichern.„„Ich habe meinem Hofe die Unwahrſcheinlich⸗ keit eines zu erringenden Vortheils dargelegt,“ ſagte er mir, „aber einmal angeregt, ſieht derſelbe dennoch in dem öffentlich ausgeſprochenen Vertrage eine ſein Anſehn vermehrende Stellung und wünſcht die Unterhandlungen fortzuſetzen. Dieſe werden ſich aber ſehr in die Länge ziehn und um ſo mehr, da ich nach dem Wunſche Ihres Vaters bei dieſer Gelegenheit einige zweifel⸗ hafte Grenzſtreitigkeiten unterſuchen ſoll, wozu auch mein Hof ſeine Zuſtimmung gegeben hat, da er dies ſchon als in ſeinem Intereſſe liegend anſieht.““ Dieſe Verzögerungen beſtimmten Thomas Thyrnau, ſeine Familie nachkommen zu laſſen, welche in einer Tochter und einer alten Verwandtin beſtand. Die Erſtere ward bei einem Hoffeſte in dem Range als Tochter eines Bevollmächtigten vom Z.ſchen Hofe meinem Vater vorgeſtellt und machte durch ihre ausgezeich⸗ nete Schönheit, durch den bezaubernden Ausdruck ihrer Züge und durch ihr ganzes Betragen einen ſolchen Eindruck auf meinen Vater, daß der alternde Mann für alles Uebrige jede Theilnahme verlor.“— Der Prinz hielt hier ein— heftig hob ſich ſeine Bruſt— ſchmerzliche Erinnerungen ſchienen ihn faſt niederzu⸗ beugen, und der Kaiſer fühlte, er ſei an den Punkt gekommen, der den Leben des Freundes ſo verhängnißvoll geworden. Nach einer Pauſe rief der Prinz: Laſſen mich Euer Majeſtät in Sprün⸗ gen erzählen— ich kann, ich darf mich nicht in die Einzelnheiten vertiefen, die das Glück und das Elend meines ganzen Lebens ge⸗ worden ſind! Der Sohn und der Vater liebten zugleich denſelben Gegenſtand. Als es Thomas Thyrnau gewahr wurde, entſagte er 152 dem Glück, die Tochter um ſich zu haben— ſie verſchwand vom Hofe unter dem Vorwande einer nöthigen Krankenpflege im Hauſe einer Verwandtin.— Mein Vater vertröſtete ſich mit der Hoffnung ihrer Rückkehr, denn er häufte Ehren und Auszeich⸗ nungen auf Thomas Thyrnau und gab die Abſicht nicht auf, ihn ganz ſeinem Staate zu gewinnen, obwol er beſtändige ab⸗ ſchlägige Antworten erhielt und Thomas Thyrnau ſich ſeine volle Unabhängigkeit bewahrte. Ich ſuchte und fand die Geliebte. Da ihre ſtrenge Ver⸗ wandtin nicht mehr bei ihr war, lebte ſie mit ihrer Dienerſchaft allein in einem Landhauſe auf der Grenze des Z.ſchen Fürſten⸗ thums. Ich hatte nur einen Gedanken— ſie mir für immer zu ſichern und ſie den unlauteren Plänen meines Vaters zu entziehn! Der Erzieher meiner erſten Jugend, den meine Mutter einſt wählte und nur wenige Jahre gegen die Verfolgungen meines Vaters mir zu erhalten vermochte, lebte jetzt im Z ſchen Lande als Geiſtlicher. Ihn überredete ich, mir nach dem Auf⸗ enthalte der Geliebten zu folgen; er und Joſeph von Lach, der Sohn des Mannes, der einſt meine Mutter liebte, den ich, von allem andern Verkehr mit der Welt getrennt, doch aus ganz beſondern Gründen als einen treuen Freund der Geliebten kennen lernte, waren die Zeugen dieſer kirchlichen Einſegnung. Vorläufig folgte ſie dem Grafen nach ſeinem einſamen Gute in Böhmen, und ich ſuchte ihren Vater zu verſöhnen, welcher da⸗ mals nicht mehr an dem Hofe meines Vaters anweſend war, weshalb ich ihm ſchriftlich unſer Geheimniß entdecken mußte. Es war eine ſchwere Aufgabe, ihn zu verſöhnen, denn gewiß bleibt es, daß er anfänglich an der Rechtlichkeit meiner Geſin⸗ nungen, an der Heiligkeit dieſer Ehe zweifelte Als er anfing, ruhiger darüber zu werden, ſtützte ihn ſein Selbſtgefühl, denn er hielt die Tochter ſo hoch, daß er ſie jedes. werth geachtet hätte. 153 Nachdem ſie das erſte Kind auf dem Gute des Grafen Lach ge⸗ boren hatte, ertrug ich die weite Trennung nicht länger. Sie folgte mir nach dem Schloſſe, wohin ich zuweilen verbannt ward, und das immer unbeachtet von der ganzen Welt, mir überlaſſen blieb. Da genoß ich fürs ganze Leben das höchſte aber kurze Glück! Mein Vater hatte nie aufgehört, dem Gegenſtande, der ihn ſo ſpät entzündet hatte, nachzuſpüren, und die Vergeblich⸗ keit ſeiner Nachforſchungen ſteigerte nur ſeinen ungeſtümen Sinn. Er fing an, Thomas Thyrnau zu mißtrauen und wendete ſich wieder zu ſeinen alten Günſtlingen. Sie waren nur zu ge⸗ ſchickt, ihm zu dienen! Meine Gemahlin hatte mir eine Tochter und dann einen Knaben geboren— da ward ihr Aufenthalt meinem Vater entdeckt, und er erkannte jetzt in dem nie gelieb⸗ ten Sohne den Nebenbuhler. Sein Zorn war ungemeſſen, aber man hielt die Machtgebote, die ihm die wünſchenswertheſten waren, zurück. Man fürchtete den mündigen Erbprinzen. Mein Vater ſelbſt hatte Wahrnehmungen an mir gemacht, die ihn fürchten ließen, ich könne, bei offnem Angriff, offnen Wider⸗ ſtand leiſten, und ſchon war mir die Gnade Eurer Majeſtät ein Schutz, den man ungern hervor gerufen hätte. So wurden andre Waffen verſucht. Ich erhielt Befehl, mich mit der Prin⸗ zeſſin Thereſe zu vermählen, deren große Jugend man nicht mehr gelten laſſen wollte— die ich nie geſehn hatte und aus allen dieſen Gründen öffentlich und ganz beſtimmt verwarf. Euer Majeſtät kennen dieſe Angelegenheit, ich mußte damals auch dem gnädigſten Befehl widerſtreben, und meine beſtimmte Weigerung überzeugte jetzt den Fürſten, daß ich vermählt ſei. Er hatte mich nicht fangen können und hätte dies lieber gethan, als das Weib angreifen, das er nicht vergeſſen konnte— gegen das er jede Gewaltthat zurückhielt.“ „Da hatte man mit unbegreiflicher Liſt unter die treuen Diener, die meine Gemahlin umgaben, einige andere zu miſchen gewußt. Eines Abends lagen meine beiden Kinder nach ge⸗ noſſener Milch im Sterben! In derſelben Stunde kam ich an — und, wie es immer meine Gewohnheit war, von meinem treuen Arzte begleitet— er erklärte ſie für vergiftet— und rettete nur den Knaben, der am wenigſten genoſſen— mein älteſtes blühendes Mädchen erwachte nicht mehr! Meine Gemah⸗ lin hatte durch Zufall von der täglichen Speiſe nicht genoſſen!“ Der Prinz ſprang auf und öffnete das Fenſter. Der Kaiſer trat zu ihm und faßte ihn in ſeine Arme.„Ernſt!“ ſagte er dann—„ich bemitleide Dich aus voller Seele— und ich hoffe, Deine Erzählung iſt am Ende!“ „Nein! nein!“ ſchrie der Prinz und ſchlug ſich verzweifelt an die Stirn—„ſie iſt nicht zu Ende! Ich entfloh mit Weib und Kindern nach Böhmen— unter dem Schutz des Grafen Lach wollte ich ſie retten! Er hatte bis dahin von ſeiner Familie getrennt, noch immer einſam auf einem Schloſſe in Böhmen gelebt. Ich fand ſeine Leiche.“ Maria Thereſia hatte indeſſen den Thron ihrer Väter be⸗ ſtiegen. Bedrängt von Seiten ihrer treuloſen Feinde wüthete der Krieg ſchon mehrere Jahre und erforderte das Aufgebot aller Mittel! Ehrenvoll und unabweislich riefen mich Euer Majeſtät zur Armee. In einer kleinen deutſchen Landſtadt barg ich die troſtloſe Mutter mit ihren Kindern. Eine Zeit lang erhielt ich nur gute Nachricht— ſie hatte mir noch eine Tochter geboren — dann verfiel die Geſundheit der erſchütterten Mutter. Wäh⸗ rend einer kleinen Pauſe des Krieges, als die Armeen ruhten, nahm ich Urlaub und eilte nach dem Landgute, welches ſie ſpäter bezogen. Das Haus war verödet— und nur ein alter, an ſchwerer Krankheit darnieder liegender Diener erzählte mir das Ende. Mein Vater hatte den Aufenthalt meines Weibes entdeckt und war ſelbſt gekommen, ſie zu ſehen. Was bei dieſer Zuſammenkunft geſchehen, wußte Niemand. Nach acht Tagen war ein Abgeordneter erſchienen— er hatte Antwort gefordert, weiter wußte der Greis mir nichts zu ſagen. Meine Gemahlin fing an, ihrer ganzen Dienerſchaft zu mißtrauen— Tag und Nacht behütete ſie ihre Kinder allein— nur von einer geringen Kinderfrau und dem alten Diener unterſtützt. Es half ihr nichts. Jetzt haßte mein Vater ſie auch, und plötzlich endete ſie unter Konvulſionen ihr Daſein— aber als ſie verſchied, lagen ſchon meine Kinder vor ihr im Sterben.“ „Entſetzlich! entſetzlich!“ rief der Kaiſer und verhüllte ſein Geſicht. Der Prinz ſank zuſammen und ſchien der Erinne⸗ rung zu unterliegen. „Und ihr Vater?“ fragte der Kaiſer—„Thomas Thyr⸗ nau— wo war er?“ „Er war noch immer in Frankreich— er hatte dort Ge⸗ ſchäfte, und ich erfuhr nicht, wo er war. Der Krieg trennte gänzlich jede Verbindung— er erfuhr die veränderten Verhält⸗ niſſe, die er völlig geſichert hielt, erſt als Alles verloren war.“ „Es iſt genug, um die Seele eines Mannes zu trüben,“ ſagte der Kaiſer mit tiefer Wehmuth.„Armer Ernſt, Dein Leben iſt früh erſchüttert. Doch ermanne Dich! Ich weiß, Du biſt mit Deiner Etzählung noch nicht fertig; aber ich begreife ſchon im Voraus, wie das Verhältniß zu Deinem Vater ſo ſchlimm werden konnte.“ Der Prinz ſtand auf, und allmälig trat die Kraft in alle ſeine Glieder zurück. Er hob die gepreßte Bruſt und ſein Ge⸗ ſicht bekam einen heftigen— zürnenden Ausdruck:„Von dem Grabe meines Weibes, noch mit den Flecken der Erde von ihrem Hügel an meinem Kleide, flog ich mit Kourierpferden nach S. Ich fuhr in den Schloßhof ein— Alle drängte ich zurück, die mir entgegen eilten— man hielt mich für wahnſinnig! Vor dem Kabinet meines Vaters ſtanden die Teufel Wache, die ihm geholfen— ſie ſtürzten ſich mir in den Weg, um mich außzu⸗ 156 halten— ich ſtieß ſie weg wie ein Gewürm, was uns den Fuß beſchmutzt. Die Thür war verſchloſſen— ich rannte ſie auf— ich ſtand vor dem Verbrecher— ich ließ ihm keine Zeit— ich ſagte ihm, daß ich von ihrem Grabe käme— ich nannte ihn Mörder— Giftmiſcher und verfluchte den Boden, worauf er ſtand. Dann verließ ich ihn und das entehrte Land, und die⸗ ſelben Kourierpferde brachten mich zur Armee!— hörte ich meine Tapferkeit loben——“ „Du warſt ein Löwe!“ rief der Kaiſer.— „Aber keine Kugel traf mich,“— ſagte der Prinz gepreßt —„keine Klinge war für mich geſchliffen, und als der Frieden Jedem die Heimat zurückgab— floh ich die meinige und habe in Italien gelebt— wenn das leben heißen kann!“ In großer Gemüthsbewegung ſchritt der Kaiſer auf und nieder, und in Gedanken vertieft, blickte der Prinz an den Fenſterſitz gelehnt, über das im Morgenlicht heiter leuchtende Wien. Endlich fühlte er die Hand des Kaiſers auf ſeiner Schul⸗ ter— er hob ſich achtungsvoll empor. Der gewaltſamen Auf⸗ regung war die müde Ruhe gefolgt, die widerſtandslos ſich dem Augenblicke ergiebt. „Ernſt!“ ſagte der Kaiſer—„ich wollte Dich bereden, nach Deinem ſchönen kleinen Lande zurückzukehren; ich wollte Dich bitten, der edlen Prinzeſſin Thereſe, die zugleich meine Verwandte iſt, Deine Hand zu reichen— aber ich habe zu Allem den Muth verloren.“4 „O mein gnidigſtet Herr! mein theuerſter Freund!“ rief der Prinz.— „Das Einzige, was ich von Dir erbitte, iſt, daß Du bei mir bleibſt, daß Du an einem deutſchen Hofe, unter Deutſchen dem Vaterlande nicht ganz entfremdet werdeſt und die Zer⸗ ſtreuungen ohne Widerſtand auf Dich wirken läßt, die hier un⸗ geſucht für Dich in dem großen Wirkungskreiſe meiner Gemahlin 157 und Deines Freundes liegen. Sage mir, ob Du mit dieſem Vorſchlage glaubſt ausreichen zu können— und überlaſſe es dann mir, Dich vollſtändig gegen jede Beläſtigung des Fürſten von S. zu ſchützen.“ „Als ich dem Rufe Eurer Majeſtät folgte,“ erwiederte der Prinz—„faßte ich den feſten Entſchluß, mein trauriges Schickſal der Wahrheit nach außudecken und mich dann in Alles zu finden, was Euer Majeſtät über mich beſchließen wür⸗ den. Die Entſcheidung, die mein großmüthiger Herr und Kai⸗ ſer ſo eben über mich ausgeſprochen, iſt eine Gunſt, die ich nicht hoffte. Sie iſt ſchonend, wie das gefühlvollſte Herz ſie nur erdenken konnte, und ſie iſt weiſe zugleich, um die Kraft zu prüfen, die ſich vielleicht noch gerettet; denn der Zweifel gehört nicht zu den kleinſten Dämonen, die mich verfolgen.“ „So dachte ich,“ erwiederte der Kaiſer.„Du wirſt aber abſchließen mit der Vergangenheit und dann es mit Freude em⸗ pfinden lernen, daß, wenn hundert Tauſend Menſchen mit ihrem Wohl und Wehe auf unſere Tugenden angewieſen ſind, wir noch etwas Höheres zu fühlen haben, als unſer eignes Schickſal, und— auch Glück iſt Dir vielleicht noch nicht ganz und für immer verloren.“ Sie wurden durch das Geräuſch an einer inneren Thür unterbrochen, und der Kaiſer, der es augenblicklich zu verneh⸗ men ſchien, eilte ſchnell, dieſelbe zu öffnen. Vor ihm ſtand Maria Thereſia, ſchon in dem vollen Koſtüm, in welchem ſie dem Staatsrathe zu präſidiren pflegte. Lange hatte der Prinz ſie nicht geſehn. Die hohe Voll⸗ endung ihrer ſchönen und großartigen Erſcheinung ſchien ihn ganz zu überwältigen. Die Kaiſerin trat indeſſen ein; ihr folgten zwei jüngere Damen, ihre Hofftäulein, die der Kaiſer nun ebenfalls begrüßte, während die Kaiſerin gegen den Prinzen vorſchritt. 158 „Der Erbprinz von S. iſt uns in gutem Andenken ge⸗ blieben,“ ſagte ſie mit einem holden Neigen ihres Kopfes, während ihr lieblicher Mund mit der ſanfteſten Freund⸗ lichkeit lächelte.—„Ich denke, unſere Armee wird eben ſo wie wir ſelbſt ſich des guten Einfluſſes erinnern, welchen die beſondere Hingebung und Tapferkeit Euer Durchlaucht bewirkte. Es macht uns daher Vergnügen, Sie willkommen zu heißen— und auch der Kaiſer wird ſich gefreut haben, Sie wiederzuſehn!“ „Eure Majeſtät erhöhen durch Ihre Gnade das Glück, welches mir die gnädige Aufnahme des Kaiſers ſchenkte und das treue verehrende Herz, das ich wieder mitbrachte, ſcheint mir zu gering für ſo viel Huld und Güte.“ „Wir wollen es uns dennoch lieb ſein laſſen,“ lächelte die Kaiſerin—„denn es ſteigt dagegen wohl mit Grund einiger Zweifel auf, wenn man, wie Euer Durchlaucht beliebten, Jahre⸗ lang das deutſche Vaterland verläßt und in einem fremden Lande Zeit, Kräfte und Mittel zu verwenden vorzieht.“ Der Prinz ſchwieg und die Kaiſerin, die leicht warm ward, ſetzte hinzu: Nicht Recht will uns bedünken, daß ein Erbprinz ſeinem Lande fremd wird— und die Klagen, die wir darüber gehört, ſcheinen uns nicht ungegründet.“ „Ich bin angeklagt,“ erwiederte der Prinz mit Ruhe— und habe den Schein gegen mich. Aber die gerechteſte Fürſtin, deren Blick die Tiefen der Menſchen durchdringt, wird nicht über den Ungehörten richten wollen.“ „Dies, hoffe ich in Wahrheit, iſt nicht unſere Art!“ ſagte die Kaiſerin in milderem Ton— und eben trat ihr Gemahl, der mit den Damen ſprechend erſt jetzt die gefährliche Wendung der Unterredung vernommen hatte, zu Beiden heran. „Und vielleicht“— ſagte er freundlich ernſt—„nimmt mich meine Gemahlin indeſſen als Bürgen an, da ich bereits 159 alle Verhältniſſe des Prinzen kenne und ihn Ihrer Gnade empfehle, mit der Ueberzeugung, wie ſehr er ſie verdient.“ „Das höre ich gern,“ erwiederte die Kaiſerin—„und es iſt für den Angenblick ganz ausreichend. Jetzt aber wollen wir uns mit der Bitte an Eure Majeſtät wenden, um die wir Sie ſchon ſo früh beläſtigen. Unſer wartet im Vorzimmer ein kleiner Faſtnachtsſchetz! Die Kloſterfrauen von St. Urſula ſchicken uns wieder ihren jährlichen Tribut, einen unvergleich⸗ lichen Käſe, den wir ſtets geneigt ſind mit gebührendem Lobe hinzunehmen und den die guten Nönnchen mit allerlei Verklei⸗ dungen umhüllen und dabei Monate lang allen Humor, wie er in einem Kloſter ſich vorfinden will, verwenden, um ein nie dageweſenes Schauſpiel datzuſtellen. Wollen Euer Majeſtät mir die Ehre erzeigen, mich zu begleiten? Ich weiß, daß dies die Freude der guten Damen, wenn ſie es erfahren, ſehr erhöhen wird.“ „Das iſt in Wahrheit ein ſehr willkommener Vorſchlag!“ entgegnete der Kaiſer.—„Nur ſetzen wir die Bedingung, daß Euer Majeſtät eben ſo bereitwillig ſind, mit uns nachher den ſchönen Käſe zu theilen, wie jetzt uns beim Empfang deſſelben zuzulaſſen. „Wir wollen ſehen!“ erwiederte die Kaiſerin—„und vielleicht werden Sie dann einräumen müſſen, daß er es ver⸗ dient, wenn wir uns ſtets die Form, in der man uns dieſe Gabe darbringt, gefallen laſſen und uns gern dankbar dafür bezeigen. Fordern Sie den Erbprinzen auf, uns zu begleiten— er wird dann erfahren, daß der Süddeutſche ſchon Phantaſie und Laune genug beſitzt für kleine Mummereien, wie er ſie in Italien fand— und welchen Werth ſie überdies noch haben durch den Grund harmloſer Biederkeit, treuer kindlicher Ge⸗ ſinnung gegen ihren angeſtammten Oberherrn— und wie es von dem wohlthuendſten Einfluß iſt, ſich ſolche kleine Scenen 160 des Volkslebens nahe kommen zu laſſen— nicht allein für das Volk, was dadurch ſich inniger anſchließt— ſondern zugleich für uns ſelbſt, die wir den Karakter deſſelben daran erkennen lernen. Eine höchſt wichtige Erfahrung für Alle, die regieren wollen!“ Der Kaiſer bot ſeiner Gemahlin den Arm, nachdem er dem Prinzen einen Wink gegeben hatte, einer hinter der Kaiſerin ſtehenden jungen Dame den Arm zu geben, während die zweite Dame die Schleppe der Kaiſerin mit den Fingerſpitzen faßte und ſo zwiſchen beide Paare trat. Der Prinz war zu zerſtreut und abgezogen, um gegen die Dame, die er führte, mehr als ein höflicher Begleiter ſein zu können— plötzlich redete ihn dieſelbe an.„Der Weg iſt zu lang, um ihn ganz ſtumm zürück zu legen; wollen Sie mir ſagen, an weſſen Arm mich die Fürſorge des Kaiſers verwies?“ Der Prinz blickte erſtaunt auf.„Ich glaubte, Euer Gna⸗ den hätten gehört, daß ich der Erbprinz von S. bin?“ Er fühlte den ſchönen Arm in dem ſeinigen zucken, und ſah, daß die junge Dame ſich entfärbte.„Nun in Wahrheit,“ erwiederte ſie lebhaft—„Seine Majeſtät ſind ſehr vorſorglich! So viel iſt gewiß, mein Geſpräch mit dem Kaiſer hat mich ver⸗ hindert es zu hören, daß die Kaiſerin Euer Durchlaucht viel⸗ leicht ſchon nannte.“ „Aber“— ſagte der Erprinz—„ich will hoffen, Euer Gnaden ſind nicht ſchon im Voraus gegen den Beſitzer des Namens— den Sie befahlen kennen zu lernen— eingenommen und ich habe dadurch einigen Anſpruch erlangt, denjenigen zu erfahren, den meine Gefährtin trägt?“ „Ganz und gar nicht,“ rief das Fräulein lebhaſt,— „denn— hätte ich nicht die gewöhnliche Rolle der Frauen über⸗ nommen— nämlich die der Neugierde— ich wette, Euer Durch⸗ laucht gingen noch in derſelben angenehmen Zerſtrenung an meiner Seite wie zu Anfang, und dieſe abgenöthigte Theil⸗ nahme, die ich jetzt erfahre, will ich nicht an meine Perſon gefeſſelt ſehen, die Sie dann künftig mit Namen nennen könnten, um ihre Thorheit zu belächeln.“ „Sie ſind ſehr ſtreng, meine Gnädige,“ ſagte der Prinz, unwillkürlich ungezogen durch ihr harmloſes lebhaftes Weſen. „Sie werden mich zwingen, andern Rath zu holen, denn unmög⸗ lich können Sie verlangen, daß ein Mann nur wenige Minuten Ihrer Rede horchte, ohne das lebhafte Verlangen, ſo großen Genuß an eine Perſon zu knüpfen, die er künftig nennen darf.“ „Mit meinem Willen ſollen Sie das nie erfahren,“ fuhr das Fräulein ſogleich heraus—„und wenn Euer Durchlaucht anfangen, mir Höflichkeiten zu ſagen, ſo werde ich untröſtlich ſein; denn nichts wird mich von dem Vorwurf frei ſprechen, ſie ſelbſt faſt mit Gewalt herbeigeführt zu haben.“ „Meine Gnädigſte,“ ſagte der Prinz—„ich geſtehe ein, daß in dem Augenblick, wo mir das Glück Ihrer Bekanntſchaft zu Theil ward, ich zu tief erſchüttert war, um mich dem höchſten Reiz des Lebens hingeben zu können. Ich muß dies ausſprechen, wie ſchwer es mir auch wird, um mich gegen den unnatürlichen Vorwurf zu ſichern, daß ich an dem Arm einer ſolchen Dame meine Zerſtreuung beibehielt? Beleid'gen mich Euer Gnaden nicht, indem Sie mir dies abermals als Höflichkeit anrechnen.“ „Genug denn!“ erwiederte das Fräulein—„wir wollen abbrechen, wenn ich auch noch nicht beſtimmen möchte, ob das Waffenſtillſtand oder Frieden heißt?“ „Laſſen Sie es Frieden ſein!“ rief der Prinz mit mehr Wärme, als er begreifen konnte. „Still! wir kommen in die Zimmer der Kaiſerin,“ flüſterte das Fräulein.„Geben Sie doch Acht, es find ſchon lauter beobachtende Augen um uns her, und ich will nicht beobachtet Thomas Thyrnau. I. 11 102 ſein,“ ſetzte ſie raſch hinzu, verließ miti großer Schnelligkeit ſeinen Arm und verſchwand durch eine Seitenthür. Noch ruhte das Erſtaunen auf dem Angeſichte des Prinzen, als der Kaiſer ſich jetzt von ſeiner Gemahlin wendend, etwas überraſcht den Prinzen allein ſtehen ſah. „Nun!“— ſprach er—„hat Ihre Dame Sie ver⸗ laſſen?“— „In Wahrheit fühlt man ſich verlaſſen;“ ſagte der Prinz— „wenn ein ſo lebhafter Geiſt ſich von uns entfernt, und ich bedauere nur, daß ich ſie nicht habe bewegen können, mir ihren Namen zu ſagen.“ „Hat ſie Ihnen gefallen?“ ſagte der Kaiſer lächelnd. „Ja! daran erkenne ich ſie— wahrſcheinlich ſagten Sie ihr Ihren Namen, was ich ihr vorher verweigerte!“ „Dazu hatte ich kein Recht, ſobald ſie ihn zu hören be⸗ fahl,“ erwiederte der Prinz. Während dem wurden die Thüren nach der Bilder⸗Gallerie geöffnet, worin die Kaiſerin heute beſtimmt hatte, den Kloſter⸗ käſe zu empfangen. Der Saal war ſchon mit einem Kreiſe von Perſonen aus der Hofgeſellſchaft angefüllt, die Alle das Ver⸗ gnügen dieſer kleinen Maskerade ſeit langer Zeit mit der Kai⸗ ſerin zu theilen pflegten und aus deren Mitte der junge Erzher⸗ zog Joſeph ſogleich ſeinen Eltern entgegeneilte. „Mein Lieber!“ ſagte die Kaiſerin, indem ſie ihn küßte— „ich freue mich, daß Sie heut Gelegenheit haben werden zu ſehn, welch eine Aufheiterung es gewährt, die unſchuldigen Beweiſe von der Liebe unſerer Unterthanen entgegen zu nehmen.“ „O!“ ſagte der Erzherzog—„das weiß ich ſchon lange! Die Volksfeſte ſind mir viel lieber, als die Hoffeſte.“ „Ihre Lebhaftigkeit verleitet Sie immer zu irgend einer Uebertreibung,“ erwiederte die Kaiſerin mit erhöhter Farbe— „wir müſſen unterſcheiden lernen zwiſchen dem Vergnügen, was 163 für uns paßt, und dem, welchem wir wohlwollend beiwohnen dürfen, ohne es zu einer Liebhaberei zu machen. Wir wollen, wenn's beliebt, Platz nehmen“— ſagte ſie darauf, gegen ihren Gemahl gewandt—„und Erlaubniß ertheilen, den kleinen Mummenſchanz einzuführen.“ 8 Während dieſer Zeit war die Dame wieder erſchienen, die der Erbprinz geführt. Sie grüßte vornehm, aber freundlich, welches ſehr achtungsvoll erwiedert ward, und nahm in der Reihe hinter der Kaiſerin ihren Platz. Der Prinz betrachtete ſie nun erſt genauer. Sie hatte die ausgebildete Schönheit eines Mädchens von ſechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, eine volle ſchöne Geſtalt über mittlere Größe, freundliche länglich geſchnittene blaue Augen, eine kleine, feine, etwas gehobene Naſe, aber zu dem klugen friſchen Geſicht ungemein paſſend, einen wunderſchönen vollen Mund mit glänzenden Zähnen und die reizendſte und zarteſte Geſichtsfarbe, wodurch die dunklen, etwas ſtarken Augenbrauen ſich noch mehr hoben. Jede Bewe⸗ gung war Leben und Ungezwungenheit, und der Ausdruck von Verſtand und Karakter war gewiß die erſte Wahrnehmung eines Jeden, der ſie anſah. Der Prinz hatte über dieſen Beobachtungen vergeſſen, daß er ihren Namen ſogleich erfahren könne, denn ſie ſchien von Allen gekannt. Als ſie ſich aber plötzlich umſah und ein ſpötti⸗ ſches Lächeln ihn herausfordernd traf, wandte er ſich im ſelben Augenblick an den Herzog von Lothringen, neben dem er ſtand und rief faſt zu laut:„Können mir Euer Hoheit ſagen, wer die Dame hinter der Kaiſerin iſt?“ Die, welche uns anſieht und eben gegen Sie oder gegen mich den Finger aufhebt?“ fragte der Herzog. „Dieſelbe,“ entgegnete der Prinz—„obwol ſie eben wieder, vielleicht keinem Andern wahrnehmbar, mit dem Fin⸗ ger drohte.“ 11* 164 „Das iſt die Prinzeſſin Thereſe!“ erwiederte nun der Her⸗ zog— unſere Couſine, und Sie beweiſen Ihren Geſchmack, mein lieber Prinz, gerade nach ihr die Frage zu ſtellen. Nun,“ ſetzte er lachend hinzu—„ich kann Ihnen den Troſt geben, daß eſie weder verlobt noch verſprochen iſt.“ Der Prinz behielt nicht Zeit zu antworten; Alle drängten ſich im ſelben Augenblick vor, denn die Thüren nach dem Vor⸗ zimmer öffneten ſich und es zeigte ſich ein reizender Anblick, der die Augen Aller feſſelte und jede Unterredung unterbrach. Es kam nämlich ein kleiner Wagen angerollt, den zwei ſchneeweiße Lämmer zogen, welche wieder von zwei Kindern ge⸗ führt wurden, die in Engelskleidern, mit bunten Flügeln und Myrthenkränzen im Haar, auf jeder Seite der ziehenden Läm⸗ mer gingen. Ein Kunſtwerk aber war der kleine Muſchelartige Wagen, der von Moos und Blumen gewebt ſchien; in der Wahl der Farben und Blumen war eine ſo ſinnreiche Ordnung zu erkennen, daß die Zuſammenſtellung die ſchönſte Arabeske bildete, die den äußeren Rand der Muſchel umſchloß. Im In⸗ nern war ſie dagegen mit ſchönem hellgrünem Mooſe ausge⸗ füttert, und in der Mitte erhob ſich ein junger Lorbeerbaum, deſſen reiche und vollbelaubte Zweige geſchickt gebogen waren und ein kleines Laubdach bildeten über einem Engelchen, welches hier neben einem runden Korbe ſtand, der den bewußten Kloſter⸗ käſe enthielt, verhüllt mit Blättern und Blumen. So ſehr dieſe Ausſtattung auch an ſich die Aufmerkſamkeit feſſelte, ſo war doch der Anblick des Engelchens, welches in der Mitte des kleinen Wagens ſtand, bald der Hauptgegenſtand aller Bewunderung. Das Kind war wirklich von einer Schön⸗ heit, die an's Ueberirdiſche grenzte, und als der kleine Wagen nun leicht und langſam daher fuhr, und endlich dicht vor der Kaiſerin halten blieb, ſchlug dieſe, alles Andere vergeſſend, in die Hände, und rief ihrem Gemahl lachend zu:„Nun, 165 das iſt wahr, die guten Kloſterfrauen machen mir heute paß!“ Als dies das Kind hörte, fing es ſo freundlich und unbe⸗ fangen an zu lächeln, daß neues Erſtaunen die Kaiſerin er⸗ griff. Mein ſüßes Kind!“ rief ſie,„komm doch her zu mir!“ Wie es aber ſogleich lebendig ward und die kleinen ſchönen Füße, die— wie an Engelbildern— mit Sandalen bekleidet waren, auf den Rand der Muſchel ſetzte, ſprang der kleine Erz⸗ herzog Joſeph vor und reichte die Hand zur Unterſtützung. Das Kind wehrte ihn aber ab und ſagte:„O geh' doch! ich muß es ja allein machen.“ Im ſelben Augenbick ſprang es nieder und ſtand dicht vor der Kaiſerin. Aber wer beſchreibt dieſes klare zärtliche Anblicken des holden Geſchöpfes, dies Lachen der Freude, das den kleinen Mund öffnete, dieſen ganzen ſelig befriedigten furchtloſen Ausdruck des Kindes. „Da müßte man doch wirklich denken, es ſei ein Engel!“ fuhr die Kaiſerin heraus und blickte rechts und links und hinter ſich, als wollte ſie von Allen ihre Bewunderung getheilt ſehn; und diesmal bedurfte es nicht des kaiſerlichen Aufrufs. Alle waren hingeriſſen, wie ſie ſelbſt. „Mein artig Kind,“ ſagte die Kaiſerin—„Dein Anblick macht mir viel Vergnügen!“ „Nicht wahr?“ ſagte das Kind—„ſehe ich nicht genau wie ein Engel aus? Fühle nur die Flügel, die ſind ordentlich mit Federn beklebt— und ſieh nur das Himmelsröckchen mit Sternen, und das himmelblaue Kreuzband mit Gold geſtickt! Das haben alle Engel, ſo viel ich noch geſehen habe.“ Franz und Thereſia lachten laut auf und die Kaiſerin war ſo entzückt, daß ſie das Kind an ſich zog und es küßte. „O noch nicht,“ rief das Kind— erſt kommt der Käſe — und dann ſage ich den Vers her— und dann meinten die Kloſterfrauen ſelbſt, Du würdeſt mich vielleicht küſſen.“ 166 Nein!“ rief der Kaiſer—„einen ſolchen Engel haben meine Augen nie geſehen! Wer biſt Du denn— wie heißen Deine Eltern?“ Das Kind winkte ihm, etwas von der Kaiſerin abgewen⸗ det, als ſolle er ſchweigen.„Hab' ich's nicht recht gemacht?“ ſagte der gute Kaiſer— und ſeine Gemahlin rief neckend: „Run, ſag' doch, was haſt Du denn Geheimes?“ Das Kind aber blickte ſichtlich verlegen zur Erde.— Nun,“ fuhr die Kaiſerin fort—„ſag' offen, was Du haſt!“ Ach!“ ſagte das Kind—„Du ſollteſt es ja eben nicht wiſſen. Deshalb hätten ſie mich ja beinahe gar nicht zum En⸗ gel genommen und nur meine blonden Locken haben es durch⸗ geſetzt— ich habe ja gar keine Eltern.“ „Sagt' ich es nicht?“ rief die Kaiſerin, immer mehr be⸗ luſtigt—„Es iſt wirklich ein Engel!“ „Ach ja! ach ja!“ rief das Kind, und ſchlug die kleinen Hände zuſammen—„das glaube doch nur— dann ſind die Nönnchen gar zu vergnügt!“ „Das Mädchen behert uns,“ ſagte die Kaiſerin— „Hör', mein Liebchen, ich glaube, Du biſt ganz aus der Rolle gekommen— nun ſag' mal ſelbſt, ſollteſt Du mit mir ſchwatzen?“ Nein,“ ſagte das Kind—„davon ſprach kein Menſch ein Wort. Aber Du haſt ja angefangen,“ ſetzte es ſchalkhaft hinzu —„denn die Ordnung war ganz anders. Wie ich's lernte, ſtellte die Frau Aebtiſſin Gnaden Dich, liebe Frau Kaiſerin, vor,— da that ich denn erſt den Sprung— dann ſagte ich den Vers,— und dann reichte ich Dir den Käſe.“ „Nun, ſo fange denn einmal von vorne an“— rief die Kaiſerin ermunternd, und augenblicklich ſprang das Kind zurück auf den Rand des kleinen Wagens, machte aufs Neue ſeinen Sprung und ſagte nun mit der rührendſten Stimme und be⸗ gleitet von ſeelenvollen Mienen und dem ſüßeſten Lächeln den folgenden Vers: „Großmächtigſte Kaiſerin! „Schau' mit gnädigem Sinn „Auf Sanct Urſuld fromme Schaar: „Sie bringt Dir einen Käſe dar.“ „Die Gab' iſt wahrlich viel zu klein,. „Doch liegt ein großer Sinn darein:„ „Auch David Käſekuchen trug,*) „Davon ward er ſtark genug, „Daß er den großen Feind erſchlug. „So ſoll der Käſ' Dir auch gedeihn „Und Deinen Feinden zum Schaden ſein!“ Die Kaiſerin hörte mit einem Beifall zu, der ihre ſchönen glänzenden Augen immer wieder zu ihrem Gemahl hinlenkte, der, eben ſo freundlich wie ſie ſelbſt geſtimmt, ſein Ergötzen lebhaft darlegte. Als die letzten Zeilen geſprochen waren, wandte ſich das Kind gegen den kleinen Wagen, um nun den im Korbe verhüllten Käſe zu überreichen. Aber jetzt trat ein Umſtand ein, den die guten Nönnchen in ihrem Eifer nicht berechnet hatten. Das Kind hatte Alles wohl eingelernt mit dem leeren Korbe; aber jetzt lag der vollwichtige Käſe darin und vergeblich ſtrengte es ſich an, ihn empor zu heben. Ein Weilchen dauerte die ver⸗ gebliche Anſtrengung, dann ſchlug es plötzlich verzweifelnd die Händchen zuſammen, und während große Thränen über ſeine Wangen floſſen, rief es, ſich kläglich zur Kaiſerin wendend: „Er iſt ja zu ſchwer— viel zu ſchwer— ich kann ihn Dir nicht bringen!“ „Ol wer hilft meinem Engel?“ rief die Kaiſerin heiter. Wol hundert Hände und Füße regten ſich im ſelben Augenblick; ſelbſt der Kaiſer machte eine Bewegung, außuſtehen und der * 1. Sam. 17. 18.— von Kopiſch. 168 Fürſt Batthyany, der Oberhofmeiſter des Prinzen Joſeph, mußte dieſen feſt bei der Hand halten, um ſein Hinzuſpringen zu ver⸗ hindern. Doch Alle kamen zu ſpät. Schnell und gewandt war die Prinzeſſin Thereſe hinter dem Stuhle der Kaiſerin vorge⸗ ſchlüpft, und ehe nur ein Anderer nahen konnte, hatte ſie den Korb in Händen; geſchickt faßte ſie das Kind vor ſich in ihre Arme und kniete mit dem Korbe vor der Kaiſerin nieder, ihn ſo ihr überreichend, daß der Engel noch immer ſeine Rolle da⸗ bei behielt. „O, meine geſchickte gütige Muhme!“ ſagte die Kaiſerin ſehr huldvoll und küßte die Stirn der Prinzeſſin, die dann das Kind einen Augenblick zärtlich an ihre Bruſt drückte und eben ſo raſch, wie ſie ihn verlaſſen, wieder hinter der Kaiſerin ihren Platz einnahm. Dieſe aber betrachtete die ſchönen Blumen, ſchob ſie etwas zurück, um des Käſes wirklich anſichtig zu wer⸗ den und übergab ihn dann der Oberhofmeiſterin, die ihn wieder in den Wagen ſenkte. Freundlich wandte ſie ſich nun zu dem armen betrübten Engel. „Weine nicht, mein Kind!“ ſagte ſie ſanft—„erzähle nur meiner Freundin, der Frau Aebtiſſin, ich hätte faſt noch nie ſo viel Vergnügen bei ihren Geſchenken gehabt, wie diesmal, und würde mich demnächſt ſelbſt dankbar bezeigen. Dir aber, mein liebes Kind, Dir möchte ich gern eine beſondere Freude machen— willſt Du mir daher ſagen, ob Du einen rechten Herzenswunſch haſt, da will ich ihn Dir erfüllen, wenn's in meiner Macht ſteht.“ „Ach!“ rief das Kind, plötzlich ſonnenhell vor Freude auf⸗ leuchtend—„wenn das wäre! Ach, ich habe einen rechten Herzenswunſch, wie Du ſagſt— Du könnteſt mir eine große Freude machen!“ „Nun, ſo ſprich— was haſt Du im Sinn— was möchteſt Du gern haben?“ 169 „Ach!“ ſagte die Kleine, zutraulich näher tretend,— „kauf' mir eine Ziege! Unſere arme alte Ziege iſt geſtorben, weil Egon ſie über den Zaun geſtürzt hat, und nun haben wir keine Milch— und Mora weint darum, und Egon will bei der Fürſtin Morani in Dienſt gehn, damit er Geld ſchafft zu einer andern Ziege. Aber wenn Du ſie uns ſchenkſt, ſo kann Egon bei uns bleiben und dann ſind wir wieder Alle recht glücklich!“ „Weiß Gott!“ rief die Kaiſerin—„Du ſollſt eine Ziege haben, und ſollte ich ſie Dir ſelber käufen.“ Jetzt bedachte ſich das Kind keinen Augenblick, ſondern eh' die Kaiſerin es ſich verſah, flog es in ihre Arme, ſchlang die Aermchen um ihren Hals und küßte ſie ohne weitere Erlaubniß. Die Kaiſerin ſchien dieſe ganze Scene aus dem Bereich des Hoßwanges erklärt zu haben; denn ſie ſtieß ihren Engel— wie ſie ſagte— nicht zurück, ſondern küßte ihn und erhob ſich dann— womit die Sache beendigt war. Sie empfing ſogleich von der Oberhofmeiſterin eine Meldung, und gerade als der kleine Blumenwagen über den Vorſaal fuhr, trat die Fürſtin Morani an der Seite des Grafen Lacy ein. „Iſt es möglich? Iſt das nicht Hedwiga?“ rief die Fürſtin freudig überraſcht. „O komm her! komm her!“ rief dieſe und ſtreckte beide Arme aus dem Wägelchen nach ihr hin—„ich habe Dir ſo viel zu erzählen.“ Aber die Oberhofmeiſterin winkte leiſe und wandte ſich mit der Anzeige an die Fürſtin, daß die Kaiſerin ſie erwarte— und ſo rollte Hedwiga's Wägelchen trotz ihrer Bitten unaufhalt⸗ ſam fort bis zu dem kleinen Nebenzimmer, wo die Kinder eine Erfriſchung bekamen und die Geſchenke vorläufig aufbewahrt wurden. .„Geliebte Claudia!“ ſagte der Graf—„dies Kind bezwingt mich ganz. Ich denke, wenn ich täglich in dieſe Augen ſehen 170 könnte, das müßte mir das Herz reinigen wie die Fürbitte eines Engels! Claudia,“— fuhr er fort—„wollen Sie nicht dies Kind aus ſeiner Beſchränkung und Armuth retten? Sie ſind ja reich“— ſetzte er mit einer innigen Zärtlichkeit hinzu— nehmen Sie das Kind zu ſich— laſſen Sie dieſen göttlichen Körper von einer eben ſolchen Seele bewohnt werden. Was müßte unter Ihrer Leitung für ein bezauberndes Weſen daraus werden.“ Die Fürſtin blickte vielleicht mit einigem Erſtaunen auf die lebhafte Erregung des Grafen— aber er ſprach ihres Her⸗ zens Meinung aus und ſie drückte leiſe ſeinen Arm.„Hab' ich Ihre Einwilligung“— ſagte ſie—„ſo iſt mein eigner Wunſch erfüllt und Hedwiga von heute an mein Kind.“ „O wie herrlich!“ rief der Graf—„und ich nehme ſo⸗ gleich Egon zu mir.“— Die Vorſäle waren aber zur ſelben Zeit durchſchritten und Beide traten in die Bilder-Gallerie, wo ſie zu ihrer Ueberraſchung die Kaiſerin nicht allein fanden, ſon⸗ dern umgeben von einem ausgeſuchten Zirkel des Hofes. Die Fürſtin Morani war ſo lange nicht bei Hofe erſchienen, daß ſie kaum wieder erkannt ward, und beſonders erregte es Erſtaunen, daß fſie an der Seite des Grafen Lach eintrat. Dieſes Erſtaunen verminderte ſich nicht, als man erfuhr, ſie ſei mit ihm verlobt. Es war kaum möglich, die Mienen der Verwunderung zu beherrſchen— und mehr wie das— zeigte ſich eine Miſchung von Ironie, Neid und Täuſchung— ja! ſelbſt wo dieſe An⸗ regungen nicht vorwalteten, trat doch eine Mißbilligung ein, die nur zu ſehr von gewonnenen Erfahrungen unterſtützt war und ſelbſt den Wohlwollenden ein Kopfſchütteln abnöthigte. Die Fürſtin wußte dies Alles, und ſie bedurfte ihrer ganzen Selbſtbeherrſchung, um bei dem unbehaglichen Gefühl, gerade ſo von Allen angeſehen zu werden, die nöthige Haltung zu be⸗ haupten. Sie fand es nicht gütig von der Kaiſerin, ihre Bitte 171 um Privat⸗Audienz ſo überſehn zu haben und ihr Stolz, der ſich durch dies Ueberſehen ihrer Bitte etwas gekränkt fühlte, ſtählte für den Augenblick ihre Kraft. Auch empfing ſie die Kai⸗ ſerin mit einer ſo wahrhaften Güte, ſo theilnehmend und ver⸗ bindlich, daß die Fürſtin darin einen Troſt fand, der ſie gegen die übrige Welt ſtützte. „Sie finden uns hier, meine liebe Fürſtin“— fuhr die Kaiſerin nach der ſehr freundlichen Begrüßung fort—„in einer wahren Aufregung um ein kleines Mädchen, welches uns eben den bewußten Kloſterkäſe gebracht hat, welcher Gebrauch Ihnen wol noch von ſonſt her erinnerlich ſein wird. Nie ſahen meine Augen was Schöneres— was einer Mutter doch ſchwer werden ſoll einzugeſtehen— als dies arme fremde Kind. Wenn ich die guten Frauen zu St. Urſula beſuche, werde ich erfahren, wer das Kind iſt, und womit ihm vielleicht zu dienen— das hat einen Geleitsbrief auf dem Geſicht, der ruft einen auf, ihre Seele zu ſichern!“ „Dann darf ich hoffen, Euer Majeſtät Segen zu empfan⸗ gen,“ ſagte die Fürſtin ſchnell—„denn eben habe ich meinem Wunſche nachgegeben und den Entſchluß gefaßt, dies arme älternloſe Kind zu mir zu nehmen und ſeine Etziehung ſo viel als möglich unter meiner Aufſicht zu leiten.“ „Nun,“ ſagte die Kaiſerin, da übertreffen Sie uns Alle! Es heißt Gottes Segen herbei ziehen, wenn man ſo ſchnell be⸗ reit iſt zu einem Werke der Wohlthätigkeit. So etwas hat un⸗ ſern ganzen Beifall— während wir geſprochen, haben Sie gehandelt. Wir wollen Sie in unſerm Kabinet verabſchieden,“ fuhr ſie fort— gegen die Anweſenden eine Handbewegung machend—„und entlaſſen unſern Hof zu geneigtem Wieder⸗ ſehen.“ Dann ſchritt ſie grüßend durch die Verſammlung und Niemand folgte ihr nach ihrem Kabinet, als die Fürſtin und Graf Lacy. Ehe ſie es aber erreichte, blieb ſie einen Augenblick ſtehen und blickte auf ihren Gemahl, welcher lebhaft mit dem Erbprinzen von S. ſprechend, ihr abgewendet war, während der Prinz gegen ſie gewendet ſtand. Sie erſtaunte über die Todtenbläſſe ſeines Geſichts und den Ausdruck von Verſtörung, der ſeine Züge faſt unkenntlich machte, und konnte ſich nicht entſchließen, weiter zu gehen, weil ſie irgend ein beſonderes Ereigniß annehmen mußte. Indem verneigte ſich der Erbprinz vor dem Kaiſer und ging, ohne die Kaiſerin zu bemerken, langſam und wie ein Kranker, der ſich kaum auf den Füßen erhält, aus der Gallerie. „Was iſt geſchehen?“ fragte Maria ihren Ge⸗ mahl, als er jetzt auf ſie zukam.„Was hat der Prinz— iſt ihm ein Unglück wiederfahren?“ „Sie müſſen mir darüber eine ausführlichere Antwort ge⸗ ſtatten,“ erwiederte der Kaiſer.—„Um den Prinzen in dieſem Augenblick zu verſtehn, müſſen Sie ſein ganzes Schickſal kennen lernen.“ „Eure Majeſtät werden mich verbinden,“ antwortete die Kaiſerin.„Dieſen Mann des Geheimniſſes kennen zu lernen, ſpannt ungemein meine Erwartung.“ „Und Sie werden die aufrichtigſte Theilnahme empfinden“ — entgegnete der Kaiſer—„denn eben durch dieſe iſt er an Ihr ganzes Geſchlecht verwieſen.“ „Nun,“— ſagte Maria Thereſia—„ſo will ich blos wünſchen, daß ihm die Kaiſerin dabei nicht in den Weg tritt. Nicht immer ſind wir in dem glücklichen Falle, den Naturberech⸗ tigungen unſeres Geſchlechts nachgeben zu dürfen.“ Ich hoffe, Sie werden hierbei in keinen Widerſpruch ge⸗ rathen,“ erwiederte ihr Gemahl und grüßend verſchwand die Kaiſerin in ihr Kabinet. „Jetzt, meine liebe Claudia,“ rief ſie, als die Thüren ſich hinter den Dreien geſchloſſen—„muß ich Ihnen offen 173 ſagen, daß ich ſowol Ihren als des Grafen Lacy Entſchluß höchſt auffallend, gefährlich, ja unüberlegt finde. Ich kann ſo ein Weniges rechnen und weiß ungefähr wie viel älter Sie ſind als ich— und doch würde ſelbſt ich anſtehn, einen ſo viel jüngeren Mann als dieſer zu ehelichen. Mein Kind, was wider die Natur iſt, das rächt ſich; jetzt geht das— weil einmal die Liebhaberei dieſes Herrn darauf die Wendung hat und alle Män⸗ ner an dem feſt halten, wobei ſie Widerſtand finden oder erwar⸗ ten. Aber ſpäter, wenn ihnen ſelbſt die Luſt daran vergeht, dann fällt ihnen Alles ein, was ſie früher dagegen hörten, und ſie ſind alsdann geneigt, das ſelbſt als ihre Entſchuldigung anzuführen, was ſie früher als nicht auf ſie anwendbar zurück⸗ wieſen.— Mein Graf Lacy— ich bin eine offne deutſche Frau und halte dafür, die Wahrheit vorher zu ſagen; wenn's ge⸗ ſchehn, ſieht ſie jeder Thor ein, und wir haben nicht die Art, nachher in die Hände zu klopfen und zu ſagen: Ich hatte Recht! Außerdem, meine Liebe, iſt Geſundheit und Lebenskraft bei Ihnen gebrochen. Sie werden dem Hauſe Lach keine Nach⸗ kommen geben— und doch wäre dies wichtig und wird ſpäter in die Wagſchale fallen.“ Die Kaiſerin war in ihrem Eifer, bei ihren klugen und ſcharfſinnigen Kombinationen, gewiß noch lange nicht fertig. Aber Lach's Bruſt kämpfte mit einem Unwillen, mit einem Schmerz über die ſchonungsloſe Weiſe der Kaiſerin, welche die Farbe auf dem hinſterbenden Geſicht der armen Claudia ſo ſchnell wechſeln machte, daß er plötzlich die tief veletzte Geliebte in ſeine Arme faßte— und ſie gegen einen Stuhl führend, mit dem höchſten Ausdruck ſeines Gefühls rief:„Wollen Eure Majeſtät ſie tödten?“ Die Fürſtin verlor einen Augenblick alle Beſinnung und ſank todtenbleich auf den Stuhl, wohin Lacy ſie geführt. Die Kaiſetin blickte erſtaunt auf Beide— aber ihr gutes edles Herz 174 ſiegte, und obwol dies Verfahren in den meiſten Fällen die Un⸗ gnade des Betheiligten würde herbeigezogen haben, entſchied ſie hier anders.„Gehen Sie, Graf Lach,“ ſagte ſie mild—„das verſteht eine Frau beſſer! Holen Sie mein Flacon von jenem Tiſch.“ Während dieſer Worte unſchlang ſie die Fürſtin ſelbſt und lehnte ihren Kopf in ihren Arm.„Armes Kind,“ ſagte ſie—„habe ich Dich erſchreckt? Wir haben ſo viel Unrecht zu hindern— für die Folgen jeder Unbeſonnenheit einzuſtehn, welche um uns her geſchieht, daß wir eine Gefahr leichter ſehn als Andere — ohne dabei in Abrede ſtellen zu wollen, daß ein redlicher Wille von der einen Seite und beſondere Tugenden von der andern Seite auch einen ſolchen Schritt wohl mit gutem Erfolg krönen können.“ Lach beugte ein Knie vor der Kaiſerin, als er ihr das Flacon reichte.„Euer Majeſtät haben mir meinen Ungeſtüm vergeben, ich fühle es in Ihren gnädigen Worten. Möge mein Schmerz bei dem Bilde, welches Euer Majeſtät darſtellten und durch welches dieſe edle Dulderin ſo erſchüttert wurde— zugleich eine Bürgſchaſt ſein für die wohlgeprüfte Stärke unſeres Gefühls und meiner ſicheren Ueberzeugung, daß ſolches Elend von mir nie verſchuldet werden wird— die edle Fürſtin es durch mich nie erfahren kann!“ „Recht ſchön— ich bin ganz zufrieden!“ entgegnete die Kaiſerin und zog den Arm zurück, da die Fürſtin ihre augen⸗ blickliche Schwäche überwunden hatte und ſtill weinend ſich auf die Hand der Kaiſerin niederbeugte, die ſie wiederholt küſſen durfte.—„Auch muß ich Euch ſagen, Graf Lach,— obgleich Ihr die dehors gegen Eure Kaiſerin überſchritten habt— iſt es doch der vielleicht einzige Fall, wo dieſer Euer Fehler Eure Sache thätlich vertreten hat, Wir vergeben Euch demnach— und wollen Eurem ſelbſt gewählten Glücke durch unſere Serupel nicht weiter hinderlich werden, ſondern Euch Beiden im Gegen⸗ theil unſere Glückwünſche ertheilen.— Doch müſſen wir be⸗ 175 merken, daß uns unſere Pendule Vorwürfe macht, indem wir uns heute ſchon ſehr viel mit unſerm Vergnügen beſchäftigten und unſer Staatsrath uns erwarten wird. Wir nehmen daher Abſchied und rathen Euch, die Fürſtin heute allein zu laſſen, daß ſie ſich völlig von der Erſchütterung erhole, welche wir ver⸗ ſchuldet.“ Sie lächelte dabei mit der Güte einer Mutter und küßte die Fürſtin zum Abſchiede. Lach verließ aber an dieſem Tage die Fürſtin keine Stunde, und wußte durch ſein ganzes innig verehrendes Betragen die Wunden zu heilen, die ſie empfangen. Nach ihrem Diner mit Georg Prey erſchien der Baron von Pölten mit dem jungen Architekten Valacro, der mit den übrigen die Wanderung durch das ganze Palais antrat. Gewiß war dies keine geringe Anforderung an die Stand⸗ haftigkeit der Fürſtin, denn dieſe völlig leeren Räume zeigten nur zu deutlich den gänzlichen Verfall ihrer Glücksunſtände. Aber ſie überwand dieſe Schwäche und gab nun ſelbſt an, welche Beſtimmungen die Räume früher gehabt hatten, und indem ſie dies that, fühlte Jeder, der gebildete Geſchmack des ſeligen Fürſten habe überall ſo zweckmäßig entſchieden, daß ihm bei den neuen Einrichtungen nur nachzukommen ſei, wenn man das Palais ſeiner ſchönen früheren Beſtimmung zurückgeben wolle. Dies hob das Gefühl der Fürſtin, und Lach, der nur zu wohl die edle Tochter errieth, verſtärkte dies Gefühl, ſo viel es ſeine Ueberzengung zulaſſen wollte. Dieſer Ueberſicht folgte eine Berathung über die nächſten Ankäufe von Kunſtwerken, welche zur erſten Auswahl dem jungen Architekten überlaſſen wurden. Später, als die Liebenden allein waren, trug Lacy darauf an, mit der Aufnahme der beiden Kinder nicht länger zu zögern, und erbot ſich, ſie ſelbſt aufzu⸗ ſuchen, um ſich an Ort und Stelle von ihrer ganzen Lage zu überzeugen. „Und glauben Sie,“ fuhr er fort—„daß das ſeltſame ſchwarze Mädchen mit zu ihnen gehört?“ „Nein,“ ſagte die Fürſtin— ſie iſt, glaube ich, bei einer Verwandtin, und von Mangel iſt dort nicht die Rede, das iſt ſichtlich! Die Kinder hängen wie Geſchwiſter aneinander und ich glaube, ſie ſehn ſich oft— wo aber— das hab' ich nicht gefragt, vermuthe aber, Magda wohnt in der Nähe und giebt eine Art Lehrerin für Hedwiga ab.“ „Nun,“ rief der Graf, lebhaft aufſtehend—„auf keinen Fall nehmen wir dies Mädchen auch ins Haus! Bedarf ſie es, ſo können wir ſie unterſtützen— aber nur nicht ins Haus.“ „Macht ſie Ihnen einen unangenehmen Eindruck?“ fragte die Fürſtin überraſcht.„Ich hatte ein Gefühl für dieſes Mäd⸗ chen, wie ich es nicht beſchreiben kann. Ihre Schönheit iſt ein Räthſel für mich, worin ich mich ganz vertiefen könnte. Dabei ihre Sprache— dies Mienenſpiel— ich könnte mir denken, daß ſie, auf einem hohen Standpunkt geboren, eine Kaiſerin ſein könnte wie die unſrige. Sie dürfen meinen Liebling nicht ſo verwerfen! Sehn Sie dies herrliche Geſicht nur erſt recht an, und laſſen Sie ſich die Laune nicht verderben durch die häßliche puritaniſche Haube!“ „Ja!“ rief Lacy—„die Haube wird es ſein! Nein! nein! verlangen Sie nicht, daß ich das Mädchen anſehe— ich will ſie, wenn's möglich iſt, gar nicht wiederſehen— aber Alles für die andern Kinder thun, was nur Ihr Hetz erfreuen kann.“ „Gut,“ entgegnete die Fürſtin heiter—„fangen wir damit an. Vielleicht verſöhne ich Sie ſpäter mit meiner Magda.“ Als der Graf die Fürſtin verließ, lag der ſpäte Abend mit ſeinen Schatten um ihn ausgebreitet. Zu dunklen Maſſen waren die Laub⸗ und Blumenpartieen des Weges verſchmolzen; die kleinen Häuſer, die dazwiſchen ſtanden, verloren ſich, und nur 177 gegen den hellen, von tauſend ſchimmernden Sternen belebten Horizont zeichneten ſich ihre beſcheidenen Conture ab. Der Graf war jederzeit ein aufmerkſamer Beobachter der Natur— er ging langſam— er blieb zuweilen ſtehn— er ſog den Duft ein, den das Meer von Blüten um ihn her in leichtem Nacht⸗ ſchlummer träumend aushauchte. Es machte ihm Freude, trotz der Dunkelheit, die ihre lieblichen Geſtaltungen verhüllte, ſie Alle an ihren Düften zu erkennen, und er mußte ſie, vorüber⸗ wandelnd, innerlich anrufen, wie man geliebte Schläfer ruft, nicht um ſie zu wecken, ſondern in dem beglückenden Gefühle ihrer Nähe. Doch begleitet die Natur nur das Innere des Menſchen, wie das Saitenſpiel die Worte des Sängers— die Accorde werden verſchlungen von der Bedeutung des Textes.— So war die Natur die begleitende Melodie, welche ſich der Stimmung des Grafen anſchloß, aber ſie wirkte nicht allein in ihm. Die Einſamkeit macht an beſſere Menſchen immer zuerſt den Anſpruch, in ſich einzukehren und dem Verſtändniſſe mit ſich ſelbſt nachzuftagen. So gingen die Bilder des jüngſt Er⸗ lebten an ſeinem Innern vorüber, wie die Blumen und Ge⸗ büſche des Weges an dem langſam vorüber Wandelnden. Vieles hatte ſich nun nach ſeinem Wunſche, nach lang gehegter Abſicht geſtaltet. Eine ſüße Befriedigung ging durch ſeine Seele, wenn er ſich ſagte: Claudia's Leben ſei nun end⸗ lich ſicher geſtellt, ſie ſei gerettet aus allen Kämpfen und Wider⸗ ſprüchen ihrer unglücklichen Lage, und ihre Aufopferung, ihre Liebe gegen den egviſtiſchen Vater werde nun belohnt werden. Um ſo weniger konnte er der Kaiſerin ihr heutiges Einſchreiten verzeihn. Er wollte nicht wiſſen, daß ein Anderer das denken könne, was er nur der Geliebten geſtattet hatte zu ſagen, mit der Gewißheit ſiegreicher Widerlegung! Auf dieſem Punkte ruhig und überzeugt, blickte er auf Thomas Thyrnau's wunder⸗ liche Anſprüche vielleicht mit etwas zu viel Ruhe hin. Immer Thomas Thyrnau. I. 12 178 mehr geneigt, ſie für eine Grille zu halten, die ſich werde be⸗ ſchwichtigen laſſen, hoffte er von einer mündlichen Beſprechung mit dem alten ſonderbaren Manne eine genügende Ausgleichung. Die geſtörte Audienz bei der Kaiſerin hatte ihm die gehoffte Erwähnung der böhmiſchen Angelegenheiten nicht geſtattet, und er ſah ſich abermals zu einem müßigen Warten verdammt, da er ſeinen edlen Gönner, den Grafen Kaunitz, den er unge⸗ wöhnlich beſchäftigt wußte, mit der Betreibung dieſer Audienz unmöglich behelligen konnte. Tröſtlich war ihm daher die Ab⸗ reiſe des Baron Pölten; doch wollte er ihn morgen noch etwas über ſeine Pläne ausholen. Denn ſo edel und gut der junge Mann im Ganzen war, ſo wenig es ihm an Ernſt fehlte, wo er ihn haben wollte, ſo ausgelaſſen und muthwillig, ja aben⸗ teuerlich konnte er zuweilen in ſeinen Plänen und gelegentlichen Handlungen ſein und mit dem gedankenloſeſten Leichtſinn die Folgen überſehen, wenn ſie ihm eine augenblickliche Ausſicht zu abenteuerlichem Vergnügen darbot. Er hatte Andeutungen ge⸗ macht, die dem Grafen aufgefallen waren— die ihn fürchten ließen, es habe ſich in ſeinem Kopf irgend ein toller Plan ent⸗ wickelt; denn er hatte ihm das Wort abgenommen, in der ganzen Zeit, bis er ſelbſt es ihm anders anzeigen werde, nicht direkt an Thomas Thyrnau zu ſchreiben, damit er nicht gegen das, was er auszurichten gedenke, ungeſchickt einwirke. Eben ſo wolle er keine Briefe von ihm empfangen— ſie ſollten wenigſtens nicht nach Tein geſchickt, ſondern in Prag deponirt werden, woher er ſie ſich durch eigne Boten von Zeit zu Zeit zu verſchaffen hoffe. Dies Alles war unter Lachen und Scherzen aus dem leichtſinnigen Munde des liebenswürdigen jungen Mannes hervorgegangen, und der Graf glaubte den Schalk dahinter verborgen erkannt zu haben. Um keinen Preis aber wollte er den Freund ſeines Oheims auf irgend eine Weiſe der Willkür eines jugendlichen Scherzes ausgeſetzt ſehn, und wenn 179 ihm Pölten nicht ſein Ehrenwort gäbe, ſeinen Muthwillen bei Seite zu ſchieben, damit die ausgezeichneten Gaben des Herzens wie des Verſtandes bei ihm hervortreten könnten, wollte er ihm die ganze Sache ausreden, wozu er ihn leicht zu ſtimmen hoffte. Pölten mußte ſeine Reiſe nach Tein mit einem großen Umwege machen, weil ihm in Ungarn, dem Vaterlande ſeiner Mutter, plötzlich die Hoffnung zu einer kleinen Erbſchaft gemacht war, die er bei geringem Vermögen nicht verſäumen durfte zu erreichen, da ſich ihm vielleicht zu einer vortheilhaften Heirath dabei Ge⸗ legenheit zeigte, welches ein Hauptwunſch des ſonderbaren jungen Mannes war. Indeſſen kehrten Lach's Gedanken bald zu ſeinen nächſten Angelegenheiten zurück, und bei dem liebſten Theile derſelben verweilend, bei dem Glücke, womit er Claudia überſchütten wollte, lehnte er ſich an eine Linde, die ihre ſchweren Blüten⸗ zweige über ihn bog, und ſeine Gedanken blieben ſtehn vor Luſt, als neben ihm in dem niedrigen Gezweige junger Buchen plötz⸗ lich eine Nachtigall ihre einzelnen, ſüßen, langgezogenen Töne hören ließ. Es war dem Grafen, als höre er ſie zum erſten Male— er folgte dem überſchwänglichen Gefühl von Liebe in dieſem Tone, als würde ſie ihn das unergründlich tiefe Geheim⸗ niß eines ganz hingegebenen Herzens lehren— und wenn die kleine Kehle mit der Athemkraft, die keine Menſchenbruſt um⸗ ſchließt, ihren pulſirend bewegten Ton in einem Crescendo erhob, als wolle ſie ihr ganzes Leben dahinein ausſtrömen, ſo war es dem Grafen, als höre er die Geſchichte der Liebe erzählen— als wären die Worte dazu:— Mein ganzes Daſein löſt ſich auf in der Hingebung an das Deinige! Er fühlte ein Entzücken, welches ſeine Bruſt faſt eben ſo überſchwänglich ſpannte. Er wollte an Claudia denken— die Nachtigall ſang noch immer denſelben Ton— zwei braune Angen traten aus ſeiner Erinnerung hervor— jetzt wußte er 12* 180 das Räthſel, das er nicht ergründen gekonnt. Dieſe tiefen Augen, die unaufhaltſam bis in jeden Raum des Innern ein⸗ drangen— dieſe Augen waren wie die Töne der Nachtigall— ſie hatten einen Urtext— und warum ſie ihn angeblickt— das glaubte er plötzlich zu wiſſen. Da ſchwieg die Nachtigall und der Graf fuhr auf, als erwache er aus einem tiefen Traum. Verſtört blickte er umher— er ſtreckte den Arm vor ſich hin, als wehre er von ſich etwas ab. Er raffte ſich auf und richtete ſich ſo kühn empor, als erwartete er einen Feind, und als er aus dieſer unwillkürlichen Aufregung zurückkehrte, that er einen ernſten vorwurfsvollen Blick in ſein Inneres. Ihm graute vor den Tiefen der menſchlichen Bruſt, wie neben dem Einen, was wir laut nennen und zu dem wir uns mit allen Kräften be⸗ kennen, das Andere ſich leiſe einſchleicht und ſtumm, wie um nie zu erwachen, ſich ſchlafend niederlegt, bis der Ton von Außen eindringt, der es weckt, und wir es wie ſanfte flehende Blicke fühlen, die fragen, ob es bleiben dürfe, und die uns jetzt erſt erkennen laſſen, daß wir es beherbergten, ohne uns ſeines Einzugs bewußt geworden zu ſein. „Ha!“ rief der Graf—„aber ich bin es noch ſelbſt— gerüſtet ſollſt Du mich finden, denn mich gelüſtet nach dem Streite mit der feigen Schwäche! Nein, Kaiſerin— Du wirſt nicht Recht haben— und Du— Du—!“ Er nannte Clau⸗ dia's Namen nicht— aber ſie ſtieg wie eine Heilige ſo eben auf den Thron ſeines Herzens. Als er am andern Morgen erwachte, belächelte er die Auf⸗ regung des vergangenen Abends, wie man ſich an Fieberphan⸗ taſien erinnert, die in den wirklich vorhandenen Zuſtänden keinen Grund haben. Er fühlte eine reine und innige Hinge⸗ bung an Claudia und beſchloß, nach dem Beſuche beim Baron von Pölten ſich nach dem Kloſterhofe zu begeben, um ihr wo möglich noch heute Hedwiga zuzuführen. ——— Doch ward er in der Wohnung des Baron von Pölten ſehr unangenehm durch die Nachricht überraſcht, derſelbe ſei in der Nacht bereits abgereiſt. In dem Briefe, den er für ihn zurückge⸗ laſſen, fand er die Urſache dieſer ſchnellen Abreiſe nur flüchtig erwähnt, aber in Zuſammenhang ſtehend mit den aus Ungarn erhaltenen Nachrichten über jene Erbſchafts⸗Angelegenheit. Außerdem äußerte er mit naiver Sicherheit ſeine Freude, daß ſie am Abend vorher über die ſpätere Reiſe nach Böhmen alles Nöthige beſprochen hätten, weshalb ſeine Abreiſe jetzt ohne Zögerung hätte vor ſich gehen können. So wenig nun der Graf dieſe Meinung theilte, mußte er ſich doch entſchließen, die Sache aufzugeben. Er nahm ſich dagegen vor, ſeine Willensmeinung ſogleich in einem Briefe nach Prag zu ſenden, wohin der Baron zuerſt gehen wollte, und in ſeinem Palais, wo er auszuruhn verſprochen, noch zeitig genug von ſeinen Bitten erreicht werden konnte.. Langſam wandte er ſich um nach den Wall⸗Linien, worin das Urſuliner-Kloſter mit den Vorderhöfen lag, in denen er ſeine jungen Schützlinge ſuchen ſollte. Der vornehme junge Herr erregte bei ſeinem Eintritt in den mit ſpielenden Kindern angefüllten Kloſterhof kein geringes Erſtaunen, und als er nach Hedwiga und Egon fragte, waren wohl zwanzig kleine Führer bereit, ihm den Weg zu zeigen. Denn ſchon mit ihm gehn zu können, ſchien eine Gunſt, und Lacy's Liebe zu Kindern, die ſich in jedem Blick, in jeder neckenden oder liebkoſenden Bewegungzeigte, war nicht dazu gemacht, die kleinen Nachzügler zu verſcheuchen. So hatten ſie bald den ſchmalen Weg zwiſchen der Hecke von Bäbili's Garten und der Kloſtermauer erreicht, und Lach vergaß jetzt Alles um ſich her, als die kleine ſtallartige Hütte, in welcher die bezaubernde Schönheit Hedwiga's blühte, vor ſeinen Augen lag. Allein gelaſſen von den Kindern, die ſelbſt unter ſeinem Geleit nicht Muth hatten, der ſtrengen Frau Mora näher zu kommen, ſchritt Lacy der Hütte entgegen, und fand ſie bei ſeinem Eintritt völlig leer. Egon war zum Kloſtervoigt ge⸗ gangen— Mora und Hedwiga zu Frau Bäbili. Nachdem er mit wehmüthigem Blicke die tiefe Armuth der Hütte überſchaut, ſchritt er zur offenen Hofthür hinaus auf den Lindenbaum zu, und hier hatte die Natur eine ſo liebliche Ein⸗ richtung für die Armen getroffen, daß Lacy ſich daran erholte und die Augen umher ſchweifen ließ nach allen Richtungen. Vor ſich ſah er den Wieſengrund, auf der andern Seite den ſchönen Chor der Kloſterkirche mit der daran ſtoßenden dunklen Taxuswand, und als er ſich wendete, erſtaunte er über die große Bronze⸗Statue des heiligen Chriſtophorus, der mit ſeiner heiligen Bürde über den Bretterverſchlag glänzend herüber leuchtete. Er trat näher— die Augen empor gehoben und ſich auf den Rand des Zaunes lehnend, blickte er, ſich ganz vertiefend, auf das liebliche Kinderantlitz des kleinen Chriſtus. Die ruhige Stille des Morgens ließ ihn jetzt das Plätſchern des Brunnens hören, und die Beſtimmung der Statue errathend, ſenkte er das Auge zu dem großen ſteinernen Becken, worin ſie in Mitte der kleinen Quellen ſtand. Hier ſaß Magda. Mit beiden Händen hielt ſie ein Buch auf ihren Knieen feſt, als wollte ſie ſich ſeine Gegenwart ſichern, während ihr Auge tief ſinnend darüber weg in die kleinen ſprin⸗ genden Quellen des Brunnens blickte. Hals und Nacken waren gebogen, ihr Kopf geſenkt; nur die reine Linie ihres Profils war ſichtbar, und ihr Mund, halb geöffnet, zeigte das kindliche Lauſchen der Lippen— den Zug einſamen Nachdenkens. Ihr Anzug war ganz verändert, und der Graf mußte ſie länger betrachten, als er ſonſt gemocht hätte, denn er wußte zu Anfang nicht, ob ſie es wirklich ſei. Dann dachte er darüber nach, daß ihre Tracht die der Prager Bürgermädchen ſei, welche 183 er oft beobachtet hatte mit der Bemerkung, daß ſie ſich ſtets nach dem Geſchmack der Trägerin oder nach ihrem Reichthum zu fügen hatte, doch bei allen Veränderungen immer die Grundidee höchſt reizend beibehielt. Schöner glaubte er ſie nie geſehen zu haben. Ein Theil von Magda's langen glänzenden Flechten war am Hinterkopf in einen griechiſchen Knoten geſchlungen und darüber ein Netz von ſtarken Goldfäden geſpannt, was mit ſeinem reichen Inhalt auf dem ſchönen ſchlanken Halſe ruhte. Dicht ſchloß ſich die halbe Haube an, an welcher der ganze Hoch⸗ muth eines Prager Bürgermädchens zu haften pflegte, und der auch hier über Magda's Vermögen keinen Zweifel ließ. Es war ein flacher handbreiter Streifen von Goldbrokat, der aufs reichſte geſtickt mit einzelnen, in Blumen gefaßten farbigen Steinen, Perlen und erhabener Goldarbeit verziert war. Bei Magda war dieſer Streifen, der, genau an das Netz ſich wie eine halbe Kappe anſchließend, den Kopf umſpannte, mit einem Rande von Perlen beſetzt, der über den Schläfen durch eine kleine gol⸗ dene Klammer an dem glänzend glatt gekämmten Scheitel be⸗ feſtigt war. Ueber dem Ohr wurden von den reichen Enden des Vorderhaares die Flechten in eine Schnecke gedreht und mit einer goldenen Nadel durchſtochen und gehalten; die langen ſchweren goldenen Ohrgehänge vollendeten den Kopfputz. Die Kleidung war ſchwarz, das Mieder von ſtarkem Seidenzeuge mit Gold geſtickt; aus ſeinem Rande hob ſich in feinen Falten ein geſteif⸗ tes Tuch vom feinſten Linon, das in ſehr ſaubern Kniffen hin⸗ ten auf dem Nacken zuſammengeſteckt war. Drüber ſaß die an⸗ ſchließende offene Jacke, die Magda von ſchwarzem Sammt trug, mit purpurrothem Damaſt gefüttert; die engen Aermel reichten etwas über den Ellenbogen, waren mit weißen Spitzen beſetzt und am Rande eben ſo wie alle Näthe mit Gold geſtickt. Der Rock war ſchweres ſchwarzes Seidenzeug mit durchbrochener Goldborte, die Strümpfe von ſchwarzer Seide mit rothen Zwickeln 184 und die Schuh von ſchwarzem Sammt mit goldnen Haken und blitzenden Schnallen. Dazu gehörte noch eine reichgeſtickte Bü⸗ geltaſche, die an einer koſtbaren goldenen Spange ſeitwärts niederfiel. Graf Lachy brauchte vielleicht eben ſo viel Zeit, die Ein⸗ zelheiten dieſer ſchönen Kleidung zu prüfen, als wir, ſie zu ſchildern, und vorzüglich blickte er voll Bewunderung auf die ſchöne Linie des Profils, die ſich auf der dunklen Steinlehne der rund um den Brunnen laufenden Bank abſetzte. Ihre Farbe war vielleicht von dem ungewöhnlichen Putz ein wenig erhöht, und das Dunkle ihrer reinen ſchönen Hautfarbe ward dadurch gehoben,— ſie war vergraben in Gedanken, und gewiß ſah ſie die kleinen ſchäumenden Sprudel nicht, auf denen ihre Augen ruhten. Aus dieſem Anſchauen weckte ſich der Graf mit der Betrach⸗ tung, ſie werde ſicher wiſſen, wo die Kinder zu ffinden wären, die er ſuchte. Aber er wußte nicht, wie er ſie anreden ſollte. Das arme, abenteuerlich verpuppte Mädchen, die Gefährtin armer Kinder, war das nicht mehr— auch zeigte ihre Schön⸗ heit wol das Alter von ſechszehn Jahren an.—„Mein Kind!“ — ſo konnte er ſie nicht anrufen—„Magda!“— beim Vor⸗ namen nannte man nur ganz geringe oder ganz befreundete Mädchen. Zwiſchen dem Sinnen darüber blickte er ſie immer an— und dann zerſtreute ihn ihre tiefe Ruhe— er fürchtete einen ſo ſeltenen Zuſtand— einen ſo anmuthigen Anblick zu ſtören. Wie es endlich kam, daß er dennoch ihren Namen nannte, wußte er wol ſelbſt nicht. Magda hörte den leiſen Ruf ihres Namens— ſie beugte ſich aber dem Becken des Brunnens zu und ein Lächeln umſpielte ihren Mund, als glaube ſie, die kleinen Quellen haben ſie gerufen. Jetzt rief der Graf noch einmal— vielleicht etwas lau⸗ ter.— Wie ein geſcheuchtes Reh ſprang Magda auf und ſchaute 185 raſch umher— da ſah ſie ihn über den Zaun herüber gelehnt. Einen Augenblick blieb ſie unbeweglich ſtehen und ſah ihn feſt an, dann ſenkte ſie die Augen und er rief noch einmal:„Liebe Magda! willſt Du mir wol über etwas Auskunft geben?“ Magda legte das Buch zuſammen und auf den Steinſitz. Leicht und anmuthig ſchritt ſie dann gerade auf ihn zu, ſo, daß, als ſie in ihrer ganzen Pracht immer näher kam, der Graf zu⸗ rückwich und ſich unwillkürlich vor ihr verneigte. „Ihr wollt die Kinder haben“— ſagte ſie leiſe, aber feſt. „Hedwiga kann ich Euch ſchicken, aber Egon, um den's ſein wird, der iſt beim Kloſtervoigt.“ „Da will ich zuerſt zum Voigt gehn,“— entgegnete Lach, „und komme nit ihm hierher zuruͤck, während Du, liebes Mäd⸗ chen, Hedwiga herbei rufſt.“ „Macht das lieber anders,“ ſagte Magda nachſinnend. „Mit Egon iſt ſchwer thun, wie man will— und beſſer, Ihr ſprecht erſt Mora und ſie willigt ein, den Knaben zu rufen.“ „Sollte er denn nicht geneigt ſein, mit mir zu gehn? Ich will ihn ganz zu mir nehmen, ihn erziehen, ſeinen Fähigkeiten nach, und dann weiter für ihn ſorgen.“ „Eure gute Meinung wird Euch nichts helfen,“ erwiederte Magda—„denn er will zu Euch nicht gehn— eben zu Euch nicht.“ „Iſt es möglich!“ rief der Graf.—„Was habe ich denn dem ſtörrigen Knaben gethan? Weißt Du, warum er Wider⸗ willen gegen mich hat?“ Magda erglühte bei dieſen Worten bis in den Nacken hin⸗ ein. Ihre bis jetzt mit Ruhe auf den Grafen gerichteten Augen ſanken zur Erde, doch dauerte der Kampf nicht lange Als ſie aufſah, war ſie wieder geſammelt.„Ich weiß es“— ſagte ſie—„aber ich werde es nicht ſagen, denn es iſt unnöthig, daß Ihr es wißt, und der Knabe würde es leugnen.“ 186 Der Graf ſchwieg, in phyſiognomiſche Betrachtungen ver⸗ tieft. Er wolle das füße ernſte Räthſel— das holde niß in den Zügen des Mädchens leſen.— Dieſe fuhk fort: „Mir liegt aber viel daran, daß die Kinder fortkommen, ehe ich ſie ſelbſt verlaſſen muß, denn ſie thun hier nicht gut bei Mora; alſo will ich Euch helfen, wenn Ihr mir verſprecht, für Hedwiga auch zu ſorgen. Ihr könntet mir den Gang abnehmen zu der guten alten Fürſtin Morani; der wollte ich Hedwiga gern empfehlen, aber ich mag nicht wieder hingehn, wo es mir das letzte Mal ſo weh that.“ Wieder ward Magda roth. Dann blickte ſie mit großen in Thränen ſchwimmenden Augen zu ihm auf und ſagte mit Heftigkeit:„Ich will Euch um Verzeihung bitten, da ich Euch nun doch wiederſehe— ſpäter ſollt Ihr er⸗ fahren, warum ich ſo vor Euch erſchrak und mich wie ein alber⸗ nes Kind betrug. Jetzt vergebt mir, ohne den Grund zu kennen.“ Es war ein dringender, heftiger, faſt befehlender Ton, in dem ſie ſprach. Aber es war nur für ihre innere Beſchämung, für ihren ſich beugenden weiblichen Stolz die ungeſchickte Sprache. Lacy verſtand das und blickte mit Rührung auf das Mädchen, in der es ſo ungeſtüm aufbrauſte im Streite mit ihrer Willenskraft. „Mein liebes Mädchen,“ ſagte er ſanft—„verſprich mir, daß Du ruhig ſein willſt. Wie könnte ich Dir etwas zu ver⸗ zeihen haben? Wol verſtehe ich nicht, wie ich Dir Schrecken einflößen konnte— aber ich habe ja kein Recht, Dir angenehm zu ſein— und vielleicht, weil Du nich nicht bei der Fürſtin erwarteteſt—— „Das weiß Gott!“ ſagte Magda ihn unterbrechend,„daß ich Euch nicht erwartete. Aber laßt das jetzt“— fuhr ſie ruhig und ſanft fort—„wir werden wol darüber einmal mehr ſprechen. Jetzt ſind die Kinder die Hauptſache. Egon wollte auch zur Fürſtin, wollte ihr Page werden, dafür ſollte ſie an Mora eine Ziege ſchenken, weil er die vorige mit ſeinem Ungeſtüm getödtet 187 hat.— Da hat die Kaiſerin geſtern Hedwiga die Ziege verſpro⸗ chen, und nun wollen ſie Alle wieder beiſammen bleiben, und das wil ich eben nicht leiden, weil ich fort muß und die Kinder dann vor Niemand Reſpekt haben.“ Lacy würde zu jeder andern Zeit über das junge Kind ge⸗ lächelt haben, das ſich hier mit ſo ruhigem Selbſtgefühl, als einzigen Gegenſtand des Reſpektes verkündigte, aber er fragte, dies überſpringend:„Wo willſt Du hin, liebe Magda? Warum bleibſt Du nicht hier?“ Das Mädchen ſah ihm lang und tief in die Augen, dann wandte ſie den Kopf mit einem ſchweren Athemzuge weg und ſagte:„Ich bin hier nicht zu Hauſe.“ „Du trägſt die ſchöne Tracht der Prager Bürgermädchen; — biſt Du eine Böhmin?“ „So iſt es,“ ſagte Magda gepreßt und ſich immer mehr zur Seite wendend. Wie heißeſt Du?“ fragte der Graf und ſeine Stimme bebte, ihm unbewußt. Magda blickte ihn raſch an, als wollte ſie ihm heftig ent⸗ gegnen— dann faßte ſie ſich—„Magda Matielli nennt man mich,“ ſagte ſie— und indem ſie ſich wandte, grüßte ſie den Grafen ſtolz mit dem Neigen des Kopfes und ging auf den Pachthof zu, um Hedwiga zu rufen. Der Graf blieb unbeweglich ſtehen. Er ſah ihr nach und bewunderte den ſichern leichten Schritt des jungen Mädchens. „Das iſt ein ſehr ungewöhnliches Weſen,“ ſagte er dann zu ſich ſelbſt.—„Es iſt gut, daß ſie ihren Platz in der Welt ge⸗ funden hat— und daß ſie wohlhabend iſt— wer könnte die⸗ ſem Mädchen ein Almoſen anbieten? Wie richtig hat Claudia ſie geſchätzt! Man könnte denken, ſie wäre eine Fürſtin und die Tracht des Bürgerſtandes erhöht bei ihr faſt den Ausdruck einer ſtolzen Beſtimmung. 188 Dieſe Gedanken wurden durch Hedwiga unterbrochen, die wie ein Pfeil aus dem Hauſe hervorſchoß und in vollen Sprün⸗ gen auf den Grafen zukam. Sie war heute wieder mit ihrem ärmlichen Röckchen und einer kleinen Jacke von demſelben Zeuge reinlich, unverſehrt und unbeſchadet ihrer Schönheit bekleidet. „Kannſt Du nicht herüber klettern?“ ſagte ſie ſogleich— „dann ſind wir Alle beiſammen und Du kannſt Dich auch an den Brunnen niederſetzen.“ Dies leuchtete dem Grafen ein. Leicht ſchwang er ſich über den Zaun und fand ein eignes Behagen darin, ſich auf dieſem Boden zu finden und auf der Bank, wohin ihn Hedwiga zog, neben ihr Platz zu nehmen. „Hör', Hedwiga! die Fürſtin Morani ſchickt mich. Sie will Dich zu ſich nehmen— Du ſollſt ihr Kind ſein— Du ſollſt etwas lernen, um ein braves fleißiges Mädchen zu werden. Willſt Du mit mir gehn?“ „Und Mora?“ fragte das Kind, ihn mit ſeitwärts gebo⸗ genem Kopf anblickend—„Egon ſoll auch ein Mann werden und nicht daheim bleiben— trotz dem, daß wir eine neue Ziege bekommen— wo bleibt denn aber meine Mora?“ „Ich werde mit ihr ſelbſt ſprechen,“ ſagte der Graf— „gewiß muß für ſie geſorgt werden! Willſt Du dann mit mir gehn?“ „Das will ich, denn Mora erlaubt es ſchon ſeit lange. Wenn ich was lernen ſoll, dann iſt es Zeit, meint ſie, und der guten alten Fürſtin, der wollten wir's anbieten— und Egon will auch zu ihr.“ Als der Graf antworten wollte, ſtanden Mora und Magda vor ihm. Die Frau war alt, und obwol ihr Geſicht friſch und gutmüthig ausſah, waren doch alle Züge gemein. Der Graf war überzeugt, die Kinder könnten nicht ihre eigenen ſein. „Ihr ſeid Frau Mora,“ ſagte er freundlich, indem er ihr 189 entgegentrat. Das Weib bejahte die Frage und ihr Auge ruhte forſchend auf ihm. Mit einfachen Worten theilte er ihr jetzt ſeine Abſicht mit und forderte von ihr die Erklärung, wer die Kinder wären, da ſie unmöglich die ihrigen ſein könnten. Mora blickte mit düſterem Ausdruck auf den Grafen, dann ſagte ſie:„Der Armuth und dem Unglück traut man nie viel zu — die Vornehmen denken, das Gute wäre all' für ſie allein. Daß Ihr und die Fürſtin die Kinder nehmt und was daraus erzieht nach Eurer Weiſe, dagegen habe ich nichts, denn ſie ſind es werth von Innen und von Außen, und Ihr werdet es nicht bereuen. Aber nicht ganz darf ich die Hand von ihnen ziehen und will ich auch nicht mit ihnen gehn, was ihnen nicht gut thun würde, will ich doch wiſſen, wo ſie bleiben und nach⸗ ſehen dürfen, wie es ihnen ergeht. Wenn Ihr ſie nehmt, ſo denkt, daß es armer Leute Kinder ſind, die ihre Eltern ver⸗ loren, daß ihre Mutter meine Tochter war. Wir kamen aus Franken, wo uns Brandunglück verfolgte, als Bettler hierher, und ſind wenig mehr geworden— die Kirche, das Pfarrhaus brannte mit ab— Beweiſe kann ich Euch nicht ſchaffen— auf das, was ich ſage, müßt Ihr ſie hinnehmen.“ Die etwas rohe Art der alten Frau trug dennoch den Ka⸗ rakter des Unbezwinglichen an ſich. Der Beſitz der Kinder war dem Grafen die Hauptſache; das Geheimnißvolle, was in ihrer Exiſtenz lag, ſchien ihm mit ihrem Beſitz nothwendig zuzufallen — die Erklärung durfte er der Zeit überlaſſen und der milden Freundin, in deren Hände er ſie jetzt zu übergeben trachtete. Ebenſo mußte er ſich in Mora's Willen fügen, welche es rauh verſagte, ſie ihm nitzugeben und dagegen verſprach, ſie den Abend zu bringen. Als er hiermit fertig, ſich nach Magda umſah, war dieſe verſchwunden. Sein erſtes Gefühl war, nach ihr zu fragen— von ihr Abſchied zu nehmen. Wie es kam, daß er im nächſten 190 Augenblick über den Bretterzaun ſprang und in Frau Mora's Hof ſtand, wußte er ſelbſt nicht— er verließ das Urſulinerſtift, ohne ſie geſehn zu haben, ohne Nachfrage nach ihr zu halten. Am Abend deſſelben Tages befand ſich eine Dame in vor⸗ nehmer Tracht, von dunkler Farbe, wie es den gealterten Zügen paſſend war, in einem großen düſtern Gemach der kaiferlichen Burg, welches im Erdgeſchoſſe liegend, ſchwerfällig gewölbt und mit tiefen Fenſterniſchen, mehr einem Kloſter als dem heitern Aufenthalt eines kaiſerlichen Hofſtaates zuzugehören ſchien. Der Sommer half dieſen Räumen nicht viel, die Sonne drang nicht durch die unbeſchnittenen dicken Lindenbäume, die in dieſem ganz vergeſſenen Theile des kleinen Burggartens ſich feſt in ein⸗ ander verſchränkt hatten, und an denen aus dem feuchten Grunde ein dichtes Geflecht von kleinem Unterholze und Epheu mit wilden Weingewinden ſich wuchernd in die Höhe drängte. Die Luft in dieſen Gemächern blieb immer düſter und nebel⸗ artig, feucht und kalt, und in den großen Kaminen brannte mitten im Sommer— ſobald ſie bewohnt waren— ein begü⸗ tigendes Feuer. Die alte Dame hatte ſich ſo eben bemüht, von dem reich⸗ lichen Holzvorrathe die finkende Glut des Kamins zu erhöhn, um ſich dann in einem Lehnſtuhl an der belebten Luft zu pflegen, als die Uhr hinter ihrem Rücken eilf ſchlug und die alte Dame nun etwas unzufrieden den Kopf ſchüttelte und einen leer vor ihr ſtehenden Lehnſtuhl noch näher zum Feuer ſchob, den mit Pelz gefütterten Sammetmantel, der darüber hing, ausbreitete und das ſeidne Fußkiſſen dicht davor ſchob. Sie erwartete Je⸗ mand, das war leicht zu bemerken, und, wie es ſchien, nicht vergeblich, denn im ſelben Angenblick hörte man Thüren ſchla⸗ 191 gen laute Stimmen im Vorzimmer und, die Flügelthüren auf⸗ ſtoßend, mit dem Armleuchter vorleuchtend, trat ein kaiſerlicher Lakai voran. Ihm folgte in großer Galla eine Dame, welche zwei Fingerſpitzen auf den ſeidnen Rockärmel des Grafen von Reutenberg, des Kammerherrn Seiner Majeſtät, gelegt hatte, welcher mit abgezogenem Hute die ſchöne Dame bis hierher ge⸗ leitete. Jetzt fragte er unter tiefen Verbeugungen, ob Ihro Durchlaucht noch irgend einen Befehl für ihren unterthänigſten Knecht habe, oder an Seine Majeſtät? Ohne ihm zu antworten, ſchritt die Dame dem Kamine zu, erwiederte die ehrfurchtsvolle Verneigung der alten Dame eben ſo wenig, ſondern hob ihre beiden ſchönen Arme hoch in die Luft und knipste dabei eigen⸗ thümlich mit den Fingern der aufgehobenen Hände. Augen⸗ blicklich flogen zwei Kammerfräulein herbei, und mit äußerſter Schnelligkeit war die ſchwere Robe von Silberbrokat, in der das Geheimniß von ein paar bauſchigen Bouffanten ruhte— gelöſt, und das koſtbare Unterkleid von weißem Atlas, mit bunten Blu⸗ men durchwirkt, zeigte die volle Schönheit eines jugendlichen Körpers, der zu ſeiner Rundung der entſtellenden Mode nicht bedurfte. Der Graf von Reutenberg ſtand wie bezaubert als Zuſchauer dieſer reizenden Umwandlung, deren Zeuge er ſo un⸗ erwartet und ſo überraſchend ward, daß er immer fürchtete, er müſſe davon laufen, obwol er noch nicht beurlaubt war, oder — man habe ihn blos vergeſſen. Die Dame, die ſich alſo er⸗ leichtert hatte, ſank nun in den Armſtuhl, der ſo vorſorglich bereitet war, zog den Sammetmantel um ihre reizende Geſtalt, ſchleuderte die hochhakigen ſeidnen Schuhe mit den blitzenden Schnallen von den kleinen Füßen und bettete dieſe neben ein⸗ ander in den weichen Flaum des ſeidenen Kiſſens. Dann glitt über das friſche Antlit ein ſchalkhaft boshaftes Lächeln, was den Kommentar für die kecke Weiſe des eben Voll⸗ führten gab, und dieſem Lächeln folgte das Aufſchlagen ihrer 192 lebhaften blauen Augen, die den Grafen ſo herausfordernd trafen, daß er es wagte, ſich, eben ſo lächelnd, tief vor ihr zu verbeugen. „Wie?“ fragte ſie jetzt mit einer hellen Stimme,„ich ſollte Euch befehlen? Ach!“ fuhr ſie fort—„ſchade, daß es ſchon ſo ſpät iſt; ich werde heute nicht mehr mit Allem fertig. WMein erhabener Vetter hat in dem paradieſiſchen Aufenthalt dieſer Götterburg ſo alle Genüſſe der Erde vereinigt, daß na⸗ türlich das Salz des Lebens, der Gährſtoff langweiliger Stun⸗ den, das Räderwerk, was unſere ablaufende Weisheit wieder aufzieht, das Geheimniß des ganzen Daſeins— ich meine Wünſche— unbefriedigte Wünſche!— daß er natürlich dieſe Nektartropfen ſeinen Gäſten nicht von den Lippen zieht, ſon⸗ dern ſie in dieſen reizenden Gemächern in vollen Bechern kre⸗ denzen läßt.“ „Wie anmuthig, meine Liebe!“ fuhr ſie fort, ſich mit der größten Freundlichkeit gegen die alte Dame wendend,„daß Du an dieſem warmen Juliabend ein ſo ſchönes Kaminfeuer unter⸗ halten haſt und meinen Pelzmantel erwärmt! Man wird ſelten in dieſem Monat ſo angenehmen Wechſel erleben können, als er mir jeden Tag aufgehoben iſt. Wenn ich aus den ſonnen⸗ hellen Salons Ihrer Majeſtäten, wo weder Vorhänge noch Jolouſieen uns einen einzigen Strahl auf Kopf und Nacken er⸗ ſparen, halb gebraten in dieſe reizenden Gewölbe niederſteige, glaube ich zu den Ahnen des Hauſes Habsburg einzugehen. Ich empfinde die erhabenen Schauer, die uns bei dem Anblick von Katafalken und Sarkophagen ergreifen— ſelbſt der feuchte Moderduft, der ein beſtändiger Bewohner dieſer Gemächer iſt, trägt dazu bei, die Illuſion zu erhalten. Doch plötzlich dringt durch die bläulichen Nebel der Schein einer traulichen Flamme — alle erhabenen Schauer ſind verflogen— die anmuthige Häuslichkeit eines Winterabends breitet ihre heiteren Schwingen 193 über uns aus— an dem kniſternden Feuer trocknen wir unſere feuchten Kleider und erluſtigen uns, wenn die fleißige Flamme von den Wänden die Kryſtalliſationen in zarte Tröpfchen auf⸗ löſt, die— wie der Thau auf Blumen— auf unſern Scheitel niederſinken.“ Schaudernd wickelte ſich die lebhafte Spötterin bei dieſen Worten noch tiefer in ihren Pelz und Graf Reutenberg benutzte gewandt dieſe Pauſe, um zu fragen, was eigentlich, nach einer ſo bezaubernden Auffaſſung der vorhandenen Zuſtände, der Allerdurchlauchtigſten noch übrig bliebe von dem, was ſie mit dem Namen„Wünſche“ bezeichnet habe. „Ja!“ rief die Schöne, laut auflachend.—„Ihr habt wohl recht, dieſe Frage zu thun! Aber ſeht, das iſt der Unter⸗ ſchied zwiſchen mir und meinen erhabenen Verwandten in dem Lande der Holters! Dieſe lieben ehrlichen Leute ſind hier ſo eingebürgert und von Jugend auf an ihre beabſichtigten Be⸗ quemlichkeiten gewöhnt, daß ſie mit Recht den Genuß entbehren, ſich etwas Beſſeres denken zu können, als was ihnen von den Reſten Alt⸗Kaſtilianiſchen Glanzes in dem Nachlaß Ferdinand des Katholiſchen über die Pyrenäen zugeführt wurde. Es iſt ſchön! rührend! Das Alte iſt ſo ehrwürdig! Aber ſeht! ich bin durch die Fülle meiner hohen Verwandten in einer eigenen Lage. Das Haus Lothringen, dem ich durch meine Mama an⸗ gehöre, hat ſeine Vettern in allen Ländern— ich mußte daher mit meinem Vetter Ludwig dem Fünfzehnten in Verſailles tanzen — und bei meinem Vetter, dem römiſchen Kaiſer in Wien, Dampfnudeln eſſen— iſt das nicht ſehr komiſch?“ rief ſie lachend.—„Doch ich halte Euch unnütz auf mein lieber Graf! Seht ſeht! Ei hebt doch die Füße auf— es war eine Ratte an Euren Schuhſchnäbeln! die lieben Dinger ſind hier Alle ganz zahm— ſie frühſtücken mit uns und theilen alle Mahl⸗ zeiten— ſogar unſere Betten. Oder war es ein lieblicher kleiner Thomas Thyrnau. 1. 13 Froſch? O! wir haben hier ſehr viele. Ich fange ſie zuweilen und ſchicke ſie dem Koch zu Frikaſſees.„Aber holter! er weiß nit, waſch er mit macke ſoll.““ Er backt nur ſeine alten Ka⸗ paunen in dem ſchweren Mehlteig ſeiner Paſteten.“ Hier ward die Dame von einem ſo ſchallenden Gelächter des Grafen von Reutenberg unterbrochen, daß ſie trotz dem Fluße ihrer Rede genöthigt war, inne zu halten und, bald ge⸗ tröſtet, nicht üble Zeichen machte, die fröhliche Laune des Grafen durch ihre perſiflirenden Gebärden zu unterſtützen. Dieſer kniete ſogleich vor ihr nieder, hob das Kreuz ſeines koſtbaren Galanterie⸗Degens in die Höhe und rief, noch immer von Lachen unterbrochen:„Ich ſchwöre bei dem Griff meiner untadligen Klinge, daß ich jedes Wort dieſes ſchönen erlauchten Mundes morgen Seiner Majeſtät beim erſten Frühſtück ſerviren will, und wenn er nicht eine eben ſo herrliche Erſchütterung des Zwergfells davon trägt, als ich, glücklicher Sterblicher, ſo will ich giauben, daß Seiner Majeſtät Lothringiſches Blut unter dem Alt⸗Kaſtilianiſchen Pompe ſeiner Vorgänger erſtarrt iſt.“ „Sollte dies möglich ſein,“ rief die Dame lachend— „dann hätten wir wahrlich großes Verdienſt um unſern erlauchten Vetter, und wenigſtens wäre für morgen einige Hoffnung, daß er ſein anmuthiges Cichorienwaſſer und ſeine Wiener Pladen ohne Magendrücken beſeitigte. Doch hört! ſchont das Haus Habsburg dabei. Das erhabene Geſchlecht dieſes Stammes ſieht allen Scherz für Contrebande an, und beſteuert möchte ich nicht gern werden von ihrem hohen Tugendgericht.— Gute Nacht! gute Nacht!“ Nach dieſem Abſchiede drückte ſie ihre kleinen weißen Hände vor die Augen, wie ein unartigesKind, was keiner Form ſichweiter fügen will, und der Graf ging ſo amüſirt von dannen, daß ihn dies kleine Nachſpiel vollkommen entſchädigte für die Langeweiledes eben über⸗ ſtandenen Cour⸗und Spiel⸗Abends bei Ihrer Majeſtät derKaiſerin. 195 So wie ſie jedoch die Thür ins Schloß fallen hörte, zog ſie die Hände von den Augen und warf einen ſchnellen liſtigen Blick auf die alte Dame am Kamin, welche mit ziemlich ſtrenger Miene ein ſtummer Zeuge der vorigen Scene geweſen war. Da dieſelbe noch immer ein nachdenkliches Schweigen beobachtete, trat aufs Neue das ſpöttiſche Lächeln hervor, was dieſem rei⸗ zenden Antlitze ſo beſonders eigen ſchien, und mühſam ſich erhebend, zog ſie den ſchwerfülligen Stuhl dicht neben den Sitz der alten Dame, und indem ſie neckend das Geſicht auf ihre Hand ſtemmte, rief ſie:„Was wette ich, Du maulſt mit mir?“ Die alte Dame ſah auf und in das lachende Geſicht — und die Strenge des Ausdrucks ließ ſogleich bedeu⸗ tend nach:„Wann, ma Princesse, haben Sie das erlebt? Wenn Ihre älteſte Freundin oft über Ihr Betragen betrübt iſt, verdient das einen andern, ich darf ſagen einen beſſeren Namen.“ „Ich bitte Dich— und wenn Du willſt— auf meinen Knieen, ſei nicht ſo fürchterlich höflich und ſanftmüthig. Da⸗ gegen habe ich keine Waffen. Schelte mich— poltere— ver⸗ giß Dich und den gehörigen Reſpekt gegen mich ein Dutzend Mal in Deiner Rede; aber wenn Du anfängſt, ma princesse — und mit bloßer Betrübniß ſchließeſt— da machſt Du mich toll— bringſt mich außer mir— reizeſt mich— machſt, daß ich Dich ſchelten werde— ja ſchlagen,“— und im ſelben Augenblick warf ſie ſich mit ſo ungeſtümer Zärtlichkeit der alten Dame um den Hals, daß dieſer nichts anderes übrig blieb, als ſie jetzt ſelbſt feſt zu halten. Sie that es mit den ſchnellen Uebergängen einer faſt mütterlichen Zärtlichkeit und gab ihrem Liebling damit volle Sicherheit, daß ihr anſcheinendes Zürnen ihr eine ſchwere pflichtſchuldige Aufgabe geweſen, von der ſie ſich jetzt ſo bald als möglich zu erlöſen ſuchte. 13* 196 „Du weißt, Thereſe,“ ſagte ſie—„daß Du mich nur immer allzu ſchwach findeſt— allzu nachgiebig gegen Deine ſprudelnden Thorheiten.“ „Sprudelnde Thorheiten!“ rief die Prinzeſſin fröhlich lachend—„Geliebte Hautois! Du wirſt witzig! was ſind das für köſtliche Ausdrücke für die angenehmen Einfälle Deines Lieblings! O verdiente ich doch dieſe Bezeichnung— es reizt mich förmlich!“ „Ich bitte Dich, Thereſe!“ rief die alte Gräfin von Hautois, ihre Gouvernante—„Du erſchreckſt mich förmlich! Gewiß, Du biſt zu lebhaft, und ich ſehe nicht ein, wie Du durchkommen willſt— beſonders hier an dieſem ſtrengen Hofe, den eine ſo tugendhafte Kaiſerin beherrſcht.“ „Da haſt Du recht! meine Alte,“ ſagte die Prinzeſſin und ſtreckte ihre reizenden Glieder, den Mantel zurückſchlagend, auf dem rieſigen Armſtuhl—„ich ſehe es auch nicht ein, und wir haben uns heute ſchon recht artige Sachen geſagt, dieſe tugend⸗ hafte Frau Kaiſerin und ihre unterthänige kleine Couſine.“ Welche Unbeſonnenheit, beſtes Kind! Sie laſſen nicht ab, ſich die größten Verwirrungen zuzuziehn und haben förmlich ihre Luſt daran, ſich bis über den Hals hinein zu ſtecken.“ „Deshalb war es Zeit, daß ich meine erhabene Baſe wieder daran erinnerte, mit wem ſie es zu thun hatte. Sie nahm wieder ihren Anlauf, in der Hoffnung, mich zu überrennen, und das ſage ich Dir: iſt ein Weib einmal herrſchſüchtig, dann bleibt ſie's bis an's Ende ihres Lebens und wenn ſie alle ihre andern Laſter abſchwört, für dieſen allerwiderwärtigſten Fehler webt ſie immer einen neuen, einen wärmeren Mantel, damit er ſich ja conſervire. Niemals wird ſie ſagen: Ich kann es nicht ertragen, wenn ſich irgend wer unterſteht, andere Gedanken und Anſichten zu haben als ich— in meinem Bereich ſoll man nur für gut und recht halten, was ich dafür anſehe, alſo was . 197 mir angenehm und bequem iſt— und es mag Dir leicht oder ſchwer werden, es mag Dich glücklich oder unglücklich machen, Du mußt Dich darein fügen, denn ich kann mich nicht irren und habe das vollkommene Recht, von allen Menſchen zu for⸗ dern, daß ſie dies anerkennen.— Niemals ſagt der abſcheuliche hochmüthige Lügenbalg alſo— ſondern er ſagt: Ich habe Menſchenkenntniß und weiß, wie es hergeht in der Welt— ich kann nicht zugeben, daß Dieſer oder Jener dieſen oder jenen dummen Streich macht— nach der Vernunft muß jederzeit ge⸗ handelt werden(d. h. nach meiner Vernunft)— Jeder muß ſeine Pflicht erfüllen, und ſieht er das von ſelbſt nicht ein, ſo muß man ihn dazu zwingen.“ Dann kommt noch der Nachſatz, die Klage, der Vormund aller Menſchen ſein zu müſſen, da doch Jeder, der es wagen würde, ſich ſelbſt lenken zu wollen, augenblicklich von ihrer Mißbilligung, ihrer böslichen Anſchul⸗ digung, oder geht das nicht an, von der gänzlichſten Vernach⸗ läſſigung und der vornehmſten Geringachtung verfolgt werden würde. Sieh, Alte! ich könnte dieſe herrſchſüchtigen Hochmuths⸗ teufel züchtigen wie kleine Kinder, denn ſie ſind eben ſo unbe⸗ zwinglich hartnäckig und allen Gegengründen verſchloſſen, als die ungezogenen Bälger, die auch nur nachgeben, wenn ſie Gewalt fühlen, die eben ſo ſtark iſt als ihr Sinn.“ „Nun ich danke für die Aufgabe dieſer Züchtigung!“ ſagte die alte Gräfin. „Ich nicht! mich reizt es, ihnen eben ſo viel unbezwing⸗ lichen Geiſt entgegen zu halten. Denn ich will lieber einem Weibe die Arme öffnen, das ſo viel tollen Spuk in der Liebe getrieben hat, als Jugend und Schönheit fertig bringt— als ſolch einem ſtarren Hochmuths⸗Weibe, das jede eigne Jugend⸗ verführung ſchnell vergißt, um ſie an andern ſtreng zu richten. Glaub' mir, liebe Alte! die Magdalenen ſind ſo übel nicht. Da bleibt ein ewig rinnender Born der Liebe und wenn die Wangen 198 welken und die Locken erbleichen, da lieben ſie noch die halbe Menſchheit und weinen um jeden Irrenden, und haben den Schleier für jeden Sünder in der Hand.“ „Nun! nun! es iſt auch nicht die rechte Art, dies ewige Bemänteln und Verſchleiern des Böſen in der Welt. Man ſoll die Dinge beim Namen nennen, ſonſt fürchtet ſich keiner mehr davor, und es geht wie in der Fabel dem Kinde— das dem Löwen in den Rachen lief, weil in der Fibel nur von ſeiner Großmuth und Schönheit— nichts von ſeiner Gefräßigkeit and.“ „Will ich Anderes?“ rief die Prinzeſſin—„Aber Jeder ſoll's mit ſich abmachen. Du ſprichſt von der Fibel— ich mußte heute immer vor meiner kaiſerlichen Muhme im Stillen dekla⸗ miren:„Gar grimmig iſt der wilde Bär— wenn er vom Honig⸗ baum kommt her.“— Ich hatte ſie auf was gehetzt— was gerade ſo recht ihre Art und Weiſe war; da hatte ſie ſich wahr⸗ ſcheinlich übernommen und im heiligen Eifer führte ihr choleri⸗ ſches Blut ſie zu weit. Sie natürlich konnte keine Schuld haben— da fand ſie bald denjenigen, der den Pfeil auf den Bogen gelegt hatte.“ „Was haſt Du denn wieder vor,“— rief die alte Gräfin, was iſt denn das?“ „Ach! was wird es ſein?“ entgegnete die Prinzeſſin. „Kannſt Du Dir denken, daß meine alte vierzigjährige Muhme Morani, die wie eine Puppe von vergoldetem Pergament aus⸗ ſieht, den Gedanken faßt, den ſchönen, reichen, jungen Gra⸗ fen Lach zu heirathen?“ „Du ſcherzeſt!“ rief die Gräfin Hautvis lachend—„ſolche Verirrung wäre in Iſrael nicht zum zweiten Mal zu finden!“ „Das dachte ich auch— und da ich bei meinen öfteren Beſuchen die alte Taube girrend fand und den ſchönſten jungen Mann in einer gewiſſen Tugendanbetung vor ihr— dachte ich 199 wol, man müſſe den preßhaften Umſtänden der alten Jungfer zu Hülfe kommen und flößte ihr nach und nach ſehr gottſelige Gedanken über das Kloſterleben ein. Denn, lächerlich genug, die alte Dame ſchwankte ſchon ſeit lange über die Wahl zwiſchen dem Brautkranz und dem ewigen Jungfrauenſchleier. Faſt glaubte ich ſo weit zu ſein, wie ich ſein wollte— da plötzlich ſchlägt die ganze Geſchichte um. Georg Prey— dieſer alte Sünder— der ſeinem heiligen Stande nicht genug Opfer ſollte ſammeln können— der ward mein größter Widerſacher, und wie ich eines Morgens zu meiner holden Couſine eintrete, iſt ſie couleur de rose vom Kopf bis zu den Füßen, und weiß vor zimperlicher Freude gar nicht Worte zu finden, um mir end⸗ lich zu geſtehn— ſie ſei die Braut des Grafen Lacy!— Gott! ſie iſt mir unausſtehlich!“ „Hem!“ ſagte die alte Gräfin—„darf man wol fragen, wem Dein ungewöhnlicher Zorn am meiſten gilt? Der alten Couſine, oder dem ſchönen jungen Grafen?“ „O Du alte Liſtige!“ rief die Prinzeſſin lachend— haſt Du mich wieder weg? War's nicht empörend, daß ich in der Nähe dieſer alten Holzpuppe überſehen werden konnte? Ja, er iſt ſchön und der Mühe werth, ihn ſich zu unterwerfen, denn er leiſtet Widerſtand, iſt geiſtvoll, ſtolz, kritiſch— genug— gerade wie ich die Männer liebe, die zu beſiegen ich mich herablaſſe!“ „O Thereſe!“ rief Frau von Hautois.— „Still!“ unterbrach ſie die Prinzeſſin—„höre erſt, wie ich darauf mit der Kaiſerin zuſammenkam. Claudia fühlte das Unpaſſende und Lächerliche ihres Schrittes; ſie fürchtete das Gerede der Menſchen, vorzüglich die Kaiſerin. Dies benutzte ich, machte Ihrer Majeſtät einen Bericht, daß ſie ſich die Sei⸗ ten hielt— doch lange hält ihre Lachluſt nicht vor, das wußte ich wol, und dann ſetzt ſie ſich auf ihr hohes Pferd, und nun 200 war bald die ganze Sache mit den ſtärkſten Ausdrücken bezeich⸗ net— Skandal— Lächerlichkeit— Unvernunft waren die milden Benennungen.— Genug! es ſtieg zu einer bedeutenden Entrüſtungshöhe— man hätte denken können, es ſei eine per⸗ ſönliche Beleidigung ihrer erhabenen Perſon. Nun hätte ich mir gern etwas die Seiten gehalten. Es verging mir aber auch, als ich hörte, das Brautpaar werde anderen Tages ſchon ſeine Antrittsaudienz haben. Das war meinen Plänen nicht günſtig; war die Sache ſchon ſo weit vorgerückt, mußte ich den Widerſtand des Grafen und die Nachgiebigkeit der Kaiſerin fürchten. Doch war der Empfang nicht ſehr huldvoll, und als Beide nach ihrem Kabinet entboten wurden und jene gewiſſe Ader auf der Stirn der Kaiſerin ſichtbar hervortrat, ſchien es mir nicht ganz umſonſt. Doch durften wir nicht folgen, mußten uns im Vorſaal poſtiren, da die Kaiſerin gleich nach dem Staatsrathe wollte, wohin wir ſie immer bis zur Schwelle be⸗ gleiten müſſen. Was daher im Innern vorgefallen, weiß ich nicht genau; als meine hohe Couſine aber aus ihrem Kabinet trat, glühte Dero ganzes Geſicht; ihre Augen ſuchten mich, und ſie nickte dazu drohend mit dem Haupte, und ich ward herbei gewinkt.„Ma princesse ſind ſehr übereilt in Ihrem Bericht über Dero Couſine, die Fürſtin Morani, und deren beabſichtigte Vermählung geweſen. Die Verbindung ſtellt ſich nach unſerer eignen Anſicht der Sache jetzt ganz anders heraus.“ „O,“ unterbrach ich ſie, ſo freundlich als möglich— iſt meine holde Couſine unterdeſſen jünger geworden? oder ſchöner? hat ſich die Macht des gnädigen Blicks bei Euer Majeſtät aufs Neue bewährt und meine liebe Verwandte von allen ihren Ge⸗ brechen geheilt?“ „Sieh, meine alte Hautois, eine Gewalt habe ich über dieſe erhabene Potentatin, der ſie ſich nie ganz entziehen kann — ich weiß ſie zuweilen gegen ihren Willen zum Lachen zu 201 reizen. Auch jetzt ſah ich das verrätheriſche Zucken um den Mund, aber ihr Zorn heizte nach.“ „Nein, Prinzeß Thereſe,“— ſagte ſie—„ſolche Wun⸗ der waren nicht nöthig, um mich zu überzeugen, daß ein ver⸗ nünftiger Mann, wie Graf Lacy, eine aufrichtige und beſtän⸗ dige Zuneigung zu einer Dame faſſen kann, von ſo hohen weiblichen Tugenden, als die Fürſtin Morani beſitzt, wenn ihr auch die erſte Jugend und eine üppige Schönheit abgeht— welche Eigenſchaften nicht immer zum wahren Heil unſeres Ge⸗ ſchlechts gereichen.“ „Dies ſollte nun ein niederſchmetternder Hieb auf mich ſein! Ich aber bog mich auf ihre Robe, küßte ſie und ſagte ihr, wie dankbar ich wäre für dies meiner Baſe ertheilte Lob— und wie nun mein Gewiſſen leicht aufathme, weil ich nichts Anderes gefürchtet habe, als gegen mein eignes Blut ſelbſt die Hand aufheben zu müſſen, um es vor dem hohen Tugendgericht Ihrer Majeſtät anzuklagen. Verzeihen mir Euer Majeſtät mein einfäl⸗ tiges Urtheil, fügte ich hinzu— aber wer eine Zeit lang an dieſem erhabenen Hofe lebt, gewinnt eine ganz neue Anſchauung von Tu⸗ gend und Recht, und glaubt immer vor dem ehrwürdigen Gerichts⸗ hof zu ſtehen, der ſeinen Maaßſtab allen Zuſtänden anlegt.“ „Nun mußt Du wiſſen, daß meine ſchöne Muhme über dieſe hochmüthige Einrichtung— ich meine das Tugendgericht — nicht ganz einig mit ſich iſt, und wie es eines Theils ihrer Herrſucht zuſagt, fürchtet ſie doch heimlich, es wittere dahinter ein klein Weniges von Lächerlichem. Sie ahnt, was hinter ihrem Rücken für loſe Reden darüber geführt werden, und ſo kommt es, daß ſie Zeitenweis es ganz verläugnet, ſeine Exiſtenz kaum anerkennt, und keiner ihrer Hofleute, ohne ſtarke Ent⸗ gegnungen ſie daran würde erinnern dürfen, wenn ihre eigne Heftigkeit ſie nicht zuweilen wieder hinriß, es geltend hervor⸗ treten zu laſſen.“ 202 „Du kannſt daher denken, daß ſie meine Bosheit ſogleich erkannte und fühlte, daß ſie eine gefaßte Gegnerin habe. Du hätteſt die Blicke ihrer feurigen Augen ſehen ſollen, mit denen ſie mich während meiner kecken Rede überlief— und welche Ge⸗ walt es ſie koſtete, in Gegenwart ihrer Hofdamen die Muhme ihres Gemahls nicht wie ein Gänſemädel auszuſchmähen. Aber ſie überwand ſich, und während ſie ſo mit ihrem wilden Blute kämpfte, bekämpfte ſie mich mit; denn ich mußte, mitten in dieſem jetzt ſtummen Gezänk unter uns, mir geſtehn, ſie ſei ein tüchtiges ſtarkes Weib und ſchon der Mühe werth, den Kampf mit ihr zu beſtehen. Ja ich glaube, ich hatte ſie lieb und hätte ihr gern den ſchönen ſchmollenden Mund geküßt; aber meine Zeit war noch nicht wiedergekommen. Sie wendete ſich von mir ab und redete die alte Oberhofmeiſterin Gräfin von Fuchs an, die ſchon zitterte, nur von fern den Zorn der Geſtrengen zu beobachten.„Meine Liebe,“ ſagte ſie— deklariren Sie doch meinem Hofſtaate die mir ſehr wohlgefällige Verlobung meiner lieben Fürſtin Morani mit dem Grafen Lacy. Sie wer⸗ den das Brautpaar in meinem Namen im Palais Morani be⸗ komplimentiren, und es iſt zu erwarten, daß die Fürſtin viel Beſuch von meinem Adel bekommen wird.“ „Und wie war ſie denn dieſen Abend gegen Dich?“ fragte die Gräfin Hautois beſorgt.— „Als hätte ſie gar kein Gedächtniß für die Unarten ihrer holden Muhme.„Prinzeſſin“— ſagte ſie—„ich ſehe Sie faſt am liebſten in weißen Stoffen! Sie haben den merkwür⸗ digen Teint, der das verträgt. Doch ſollten Sie billig nicht ſo ſchöne Toilette machen! meine armen Cavaliere bekommen Alle das Herzweh davon.“ Du mußt geſtehn, das war faſt eine frivole Rede in dieſem Munde!“ „Ja,“ unterbrach ſie die Gräfin Hautois—„ſchade nur, daß ſie glauben muß, es ſei der beſte Ton, Sie zu verſöhnen!“ 203 „Nun,“ lachte die Prinzeſſin—„ich kann mich nicht beklagen, daß Du nicht gelehrig ſeiſt— jetzt biſt Du grob ge⸗ nug. Aber ich hab's gern von Dir. Aendern will ich mich einmal nicht, und da müßte es Dir ja das Herz abſtoßen, wenn Du nicht mitunter über mich herfieleſt mit Deinen böſen Stachel⸗ reden.“ Behaglich löſte ſie dabei ein bindendes Stückchen ihrer Toilette nach dem andern und beſchaute mit anmuthiger Ironie ihre ſchönen Arme. „Ach, Thereſe,“ ſagte die Gräfin traurig,„alle Andern können auch Deinen Thorheiten ruhiger zuſehn als ich— die ich den Titel Deiner Gouvernante führe. Welch ein Vorwurf für mein ganzes Leben iſt jede unerlaubte Handlung Deiner Seits, der ich zuſehen muß, als hätte ich keinen Antheil an Dir. Wie verwickelt ſind jetzt wieder Deine Angelegenheiten, und wie ſchwer wirſt Du einmal für all' die Intriguen geſtraft werden, deren ſo viele ſind, daß Du eine mit der andern ver⸗ wechſeln könnteſt!“ „D, Du biſt heute gar zu witzig, liebe Alte!“ rief die Prinzeſſin—„doch geſtehe nur— wer von meinen Anbetern hat Dir die Laune ſo verdorben? Ach! ich errathe— es war mein junger leichtfüßiger regierender Fürſt von S.!“ „Ja, ſpotte nur! Es war dieſer alte Thor, der doch viel⸗ leicht zu fürchten iſt, wenn er erſt einſieht, daß Du Dein Spiel mit ihm treibſt“ „Liebe!“ rief die Prinzeſſin—„glaubſt Du, er zweifle noch daran? Iſt eine ſolche Laſt denkbar? Alſo müßte ich ihn noch lächerlicher machen, noch toller foppen, ehe es durch ſein dummes Verſtändniß dränge, daß ich ihn zum Beſten habe?“ Willſt Du mich auch täuſchen? Soll ich nicht wiſſen, daß Du wirklich daran gedacht, ihm Deine Hand zu geben? War es nicht deshalb, daß man Dich aus Z. hierher verſetzte, um dieſe tolle Verbindung Dir aus dem Sinne zu bringen?“ 204 „Es kann ſein!“ ſagte die Prinzeſſin in beſter Laune— Aber warum ſoll ich es noch wollen, wenn mir die Luſt daran vergangen iſt? Gerade weil dieſe klugen Leute ſich einbildeten, ſie könnten mich von etwas abhalten und nach ihrem Sinne lenken, gerade das reizte mich, ihnen unter den Augen alles zu thun, wovon ſie mich abhalten wollten. Ja, hätte der alte Thor nur damals Muth gehabt, mich zu entführen, ich hätte mich auf der Grenze mit ihm trauen laſſen, blos um die Andern für ihre Klugheit zu ſtrafen. Jetzt habe ich mich anders be⸗ ſonnen. Ich fange an, mich— trotz dieſer Katakomben, in welche die Gaſtfreundſchaft meiner erhabenen Verwandten mich eingeſperrt hat— zu amüſiren! Ich muß noch Einiges hier mit anſehn— betreiben— es fangen einige luſtige Verwicke⸗ lungen an.“ „Alſo wieder etwas Neues?“ ſeußzte die Gräfin. „Neues oder Altes, wie Du willſt. Der Erbprinz iſt hier und ich habe ihn ſeit fünfzehn Jahren zum erſten Mal wieder⸗ geſehen.“ „Iſt es möglich?“ rief die Gräfin, wie verklärt aufſtehend —„Der Erbprinz von S.? O, geliebte Thereſe! ſagen Sie mir— wie benahm er ſich gegen Sie?“ „Laß das,“ ſagte die Prinzeſſin—„ich habe etwas An⸗ deres vor— und das iſt der ſtolze hartherzige Lacy, der, glaube ich, noch immer nicht weiß, ob mich weißer Stoff wegen meines merkwürdigen Teints am Beſten kleidet!“ „Aber Prinzeſſin, der Verlobte Ihrer Couſine?“ „Das iſt es eben. Ich muß ins Mittel treten, dieſe liebe tugendhafte alberne Couſine von der größten Bötiſe ihres Le⸗ bens abzuhalten. Ich muß das großmüthige Opfer bringen, dieſem ſchönen Knaben die Augen zu öffnen für meine Ver⸗ dienſte, damit die arme alte Thörin Zeit behält, in ein Kloſter zu gehn!“ „Abſcheulich! abſcheulich! Chère princesse. O, wer Sie nicht kennt, wie ich— der muß Sie für die böſeſte hart⸗ herzigſte Perſon der Erde halten— und doch ſind Sie blos— „Was denn? was bin ich denn blos—?“ „Coquette!“ rief die alte Gräfin mit einer Verachtung in dem Ton ihrer Stimme, daß die Prinzeſſin plötzlich die Augen aufſchlug und mit einiger Unſicherheit das Antlitz ihrer ſchwer geprüften Gefährtin ſuchte. „Coquette?“ wiederholte ſie ſinnend—„brauchſt Du denn dazu ſo verächtlich auszuſehn? Iſt es denn ein ſo großes Ver⸗ brechen? Was kann ich dafür, daß die Männer zu ſo elendem Spielzeug brauchbar ſind? Es iſt wahr, es reizt mich, meine Macht an ihnen zu verſuchen— ich muß es heraus haben, auf welche Art ich ſie ſchwach finden kann. Ich belauſche mit kin⸗ diſchem Vergnügen ihre kleinen Niederlagen, bis ſie ſich endlich mir ganz übergeben. Weiß ich's dann, daß ich mit ihnen machen kann, was ich will, daß ſie mich anbeten, wie die Heiden ihre Pagoden, was ſoll ich dann weiter mit ihnen? Dann ſind ſie alle langweilig. Oder willſt Du, daß ich eben⸗ falls verliebt werden ſoll? Wie ein Schäfermädchen ſeußzen und ſtöhnen— oder gar mit Einigen davon laufen und eine Idylle aufführen zwiſchen Fels und Thal?“ „Wollte Gott, Thereſe“— ſagte die alte Dame—„Du hätteſt lieber eine ſolche Thorheit gemacht! Lieber ſähe ich Dich einer ſolchen Leidenſchaft anheim fallen— ſähe Dich lieber leiden und ſeußen, als Dein kaltes herzloſes Treiben, in wel⸗ chem Du bis zur größeſten Härte und Gewiſſenloſigkeit vor⸗ ſchreiteſt. Fühlſt Du nicht, wie Du zwiſchen der tieſſten Entwürdigung Deiner Weiblichkeit, und der gewiſſenloſeſten Gleichgültigkeit gegen das Schickſal Anderer mitten inne ſtehſt? Thoren nennſt Du die Männer, die ſich Dir ſo leicht ergeben? Aber ſind ſie das, wenn ſie nicht Kraft haben, dem loſen Spiel 206 einer Frau zu widerſtehen— was wird dann das Weib, das ſeine heil'gen Reize von der Seele trennt, um ſie in Cours zu bringen gegen einen Mann, den ſie verachtet und doch feſſeln will? Wie nun, Thereſe? Iſt ein ſolches Weib etwa weniger der Spielball des andern Geſchlechts? Und da, wo Du Wider⸗ ſtand ſiehſt— wo Dir Werth— Karakterwürde entgegen tritt — wo Du den Mann findeſt, der ſein Herz nur um edeln Preis geben will, der in Dir die Gefahr fürchtet und Dir ausweicht — wenn Du ihn deſſen ungeachtet verfolgſt— ihn ſo lange umſchleichſt, bis Du den ſchwachen Punkt gefunden, und nun Dir die Täuſchung dient, das Herz aus ſeinem Verſteck hervor zu locken! Wenn es Dir dann mit der Wärme zugeeignet wird, die ein edler Mann erwiedert hofft— und Du dann, ſo weit gekommen, ihm herzlos den Rücken kehrſt, weil Du Deine Ab⸗ ſicht erreicht und nun gelangweilt biſt— fühlſt Du nicht, wie Du da um Deines Spielwerks Willen ein ganzes Daſein ver⸗ giftet haben kannſt— und doch am Ende nicht Siegerin wur⸗ deſt, das heißt, keinen Preis davon trugeſt, ſondern, ſelbſt durch Deine Sucht beherrſcht, die Beute dieſer Sucht— an jeden Mann verwieſen biſt, der in Deinen Bereich kommt? O laß mich ſchweigen! Ich ſchaudere, daß ich Dein Bild gezeichnet!“ Es entſtand eine Pauſe nach dieſer Rede, die ſo lang be⸗ kämpfter Schmerz hervorgerufen. Die ſchöne Sünderin lag mit geſchloſſenen Augen hinten über— ihr Geſicht glühte— ihre Arme hingen ſchlaff danieder.— Schon lauſchte die alte ſchwache Dame mit Sorge ob des auffallenden Zuſtandes. Jetzt drangen Thränen durch die geſenkten Augenlider und fielen auf den ungleich athmenden Buſen. Die alte Freundin hielt ſich nicht mehr; ſchluchzend ſtand ſie auf, umfaßte den Liebling und drückte ihn zärtlich an ihre Bruſt. Die Prinzeſſin weinte fort und preßte ihr Geſicht an den mütterlichen Buſen, der neben 207 allem Zorn der Liebe alle Weichheit derſelben und das ganze Heer von Entſchuldigungen barg, die immer verſöhnend das alte Verhältniß wieder herſtellten.„O Thereſe, weine nicht! Mein armes liebes Kind, weine nicht— es bricht mir das Herz!“ „Laß mich weinen!“ ſagte die Prinzeſſin mit einem ſo dumpfen und traurigen Tone, daß die helle lachende Stimme nicht wieder zu erkennen war.„Ich weine um mich— um die Thereſe— die einſt rein an Herz und Gedanken war— um die Thereſe— die ſie Dir entführt haben, um Dir dies kalte, höhnende Schattenbild zurück zu geben, was Du eben ſo fürch⸗ terlich geſchildert haſt und doch an Deinen mütterlichen Buſen aufnimmſt. Hätte er mich geliebt— den ich in dem Heiligthume meiner erſten jugendlichen Empfindung aufnahm, mit der gan⸗ zen Kraft dieſer Jugend und meines angeſtammten Karakters — hätte er mich geliebt— wär' ich ſein Weib geworden— ſo wäre ich gerettet geweſen!— Ich habe ſeitdem nicht wieder ge⸗ liebt— vielleicht weil ich nicht aufhörte zu lieben. Aber die Glut, die ſo früh dadurch in mir entwickelt ward, nährt jetzt ſtatt Engel— Dämonen.“ Mit einer leidenſchaftlichen Aufregung riß ſie ſich jetzt aus den Armen der Gräfin und ihre Thränen trocknend rief ſie heftig:„Was ſchiltſt Du mich und machſt mich vor mir ſelbſt ergrauen? Schelte das eiſerne Verhängniß, das über mir ſteht, und wundere Dich, daß ich ſo tugendhaft geblieben. Als mich die Amme überlieferte, ward mir ſchon das Lied von meinem Bräutigam— dieſem ſchönen Götterknaben— dieſem Prinzen von S. geſungen. Meine Puppen hießen Ernſt und Thereſe — mein Papagei lernte ſeinen Namen— meine Blumen— meine Vögel— mein Zimmer— mein kleiner Garten— Alles hieß nach ihm— war ſein Fürſtenthum! Und als er nun zu⸗ erſt mit ſeiner Mutter kam, und das zehnjährige Mädchen vor dem erwachſenen Jüngling ſtand, da faßte dies junge Hetz ſein 208 Bild auf mit der ganzen Glut, mit der ganzen früh empfun⸗ denen Energie dieſes Herzens. So ward ich fünfzehn Jahr, um alsdann auf das Schnödeſte von ihm verſchmäht zu werden.“ „Ha, dieſer Augenblick,“ rief ſie nun und ſtand plötzlich hoch aufgerichtet, zitternd und glühend vor der alten bewegten Dame—„r hat über mein Leben entſchieden! Frage Dein Gedächtniß und rufe das Bild der Thereſe zurück, die ſich für die Braut dieſes heißgeliebten Jünglings hielt— war ein Miß⸗ ton in der heitern glücklichen Harmonie dieſes jugendlichen Weſens? War ich ſtolz— war ich eitel— boshaft oder gerin⸗ gen Gemüthes? Nein! nein! ich weiß es, Du ſagſt Nein! ich war nicht Coquette, nicht wie Du es eben geſagt.“ Mit beiden Händen verhüllte ſie ihr Geſicht und brach in ein ſo heftiges krampfhaftes Schluchzen aus, daß die arme Gräfin ſich ihr beſchwichtigend aufs Neue nahen wollte. Aber die Prin⸗ zeſſin war in einer Aufregung, die ſie nichts wahrnehmen ließ, als den eignen Strom der Gedanken. Sie blickte mit ihren glänzenden Augen über alles ſie Umgebende hinaus in die dunkle Tiefe des Gemachs, als ob ſie dort ihr Schickſal gewahre und ihm zürnend die von ihm erlebte Unbill vorbehalten wolle. „Wer hat den Sturm beſchworen, wer hat nachgefragt, wie das gekränkte Herz ſich retten könnte?“ rief ſie immer heftiger— „Ohne Vorſicht und Bedacht hatte man die Gewalt wachſen laſſen und ſie tändelnd genährt. Als er mich verwarf und das ganze Leben zertrümmert zu meinen Füßen lag, da war ich ihnen blos das Kind, deſſen Gefühlen nicht nachzufragen iſt, und ſo bekamen ſie, was ſie verdienten: meinen bittern Haß — meinen feſteſten Trotz! Da war ich ihnen ein wilder Gaſt geworden und nicht eine weiſe Hand ſtreckte ſich nach dem todt⸗ wunden jungen Kinde aus, das im Fieber tobte. Los wollten ſie mich ſein— und o der Weisheit— der frommen Güte— ſoll ich ſie nicht preiſen und mich verdammen? Nach Frankteich 209 zur lieben Muhme Orleans, auf den tugendhafteſten Boden die⸗ ſer Erde, ward ich geſchleudert. Hier, wo jeder Greul des Laſters ſeine Freiſtatt hatte und mit einem Scherz— mit einem Witz der Hölle bezeichnet ward— hier, wo die Luft ſchon die reinen Blüten des Weibes zum Welken bringen mußte— wo das ganze Geſchlecht zu einer Waare herabgeſunken war, die nur nach ihrem äußern Reize Geltung fand— dahin, du fin⸗ ſtres, furchtbares Schickſal, ſtießeſt Du das liebekranke Mädchen, das wild in die Schneide des Schwertes griff, um ſich zu rächen für den heißen Schmerz— und das nicht fühlte, wie die Seh⸗ nen des geſunden Gliedes zerſchnitten wurden und es ſtatt Rache, Blut und Zerſtümmlung fand! Ja, ich haßte alle Männer, denn ich konnte keinen lieben wie ihn— und von dem ſchönen Ludwig mit der Krone bis zu dem Knaben, der meine Schleppe trug, mußten ſie ſeufzen lernen vor der deut⸗ ſchen Schönheit! O! öde Luſt, die keine Einſamkeit mit ihren Bildern ſchmückt— die das einmal ihr verfallne Weib mit Sturmwinds Haſt aus allen Tempeln jagt, wohin umſonſt der Schrei der innern Kränkung es zurück zu rufen ſcheint. O! öde Luſt! bewundert ſein von denen, die du haſſeſt und verachteſt? O öde Luſt des Glanzes dieſer Feſte, die Schande bergen follen und den Geber wie den Empfänger brandmarken! ich kenne dich! Lehrmeiſter fand ich hier auf jedem Schritt, und lehrbegierig ward ich bald. Ach! ich ſtand allein! Du warſt zu alt, zu ungelenk, um den glatten Boden dort mit mir zu betreten— Du wurdeſt von mir getrennt. Lenora, die kalte Buhlerin, am Hofe zu Verſailles nur zu bekannt, ward meine Gouvernante. Genug! genug! Doch ſchilt nicht mein kaltes Herz und daß ich lernte, Scherz mit Männern treiben. Danke Gott, daß ich's gelernt. Haſt Du denn nicht den Ruhm gehört, der mir aus jenem Lande folgte? Die tugendhafte Deutſche hieß ich ihnen! und dieſe tugendhafte Deutſche hatte doch das ganze Heiligthum Thomas Thyrnau. I. 14 210 ihrer Seele Preis gegeben— war vor ſich ſelbſt entwürdigt— haßte die Menſchen nicht ſtärker als ſich ſelbſt— und hielt ſich mit dem jungfräulichen Leibe doch aus dieſem heil'gen Reiche verbannt. Wenn Du fragſt, warum ich dennoch der Sklave jener Welt geblieben bin, ſo will ich Dich das Geheimniß lehren, was mich bezwang, und Du kannſt ſchwören, daß es das ſieg⸗ reichſte Mittel der Hölle iſt— man hatte mich langſam daran gewöhnt!“ „Um Gotteswillen halte ein!“ rief hier die Gräfin Hautois —„Du ſprichſt in Wahnſinn und regſt Dich auf— daß ich davor erbebe!“ „Wahrlich Du haſt Recht!“ entgegnete die Prinzeſſin, tief aufathmend—„ich rede im Wahnſinn! Nun,“ fuhr ſie fort und ließ ſich gemächlich in ihren Lehnſtuhl nieder—„es iſt Schlafenszeit. Gehe zu Bett, meine liebe Alte— Du wirſt müde ſein— und Deine Mäuſe werden ſchon nach ihrem lieben Schlafkumpan verlangen. Die Mädchen können in meinem Zimmer angekleidet ſchlafen; ich wecke ſie, wenn ich ſie brauche.“ „Und Du, die Du der Ruhe ſo ſehr bedürftig biſt, willſt Du nicht ſchlafen gehn?“ Vorerſt noch nicht— ich habe noch Geſchäfte! Sieh! ein Gutes haben dieſe Grabgewölbe; ſie beſitzen ſo viel geheime Thüren— Gänge— Treppen— wie ein Inquiſitionspalaſt. Ich habe aber meine Kunſt in Paris gelernt; überall kenne ich bald das Terrain und ſehe, welche Gänge mir zu eröffnen bequem ſind.“ „Was ſoll das bedeuten?“ ſagte die Gräfin mit traurigem Ton— was habe ich wieder aufs Reue zu fürchten?“ „O nichts auf der Welt, meine Liebe!“ rief die Prinzeſſin bitter lachend—„ich erwarte Beſuch— und da es eine etwas verdächtige Perſon iſt, die namentlich jetzt von den Majeſtäten nicht wohl gelitten ſein würde, ſo wird ſie um die Stunde der — Geiſter in ihrer ätheriſchen Herrlichkeit hier aus dieſer Holzwand — unter dieſem mittlern Fenſter hervortreten— denn es hat ſich gezeigt, daß von Außen zwiſchen Dornen und Diſteln ein verborgenes Treppchen hinaufſteigt und an einem Pförtchen endet, was juſt hier hinein führt.“ „O Prinzeſſin!“ rief die Gräfin—„wenn das verrathen wird, ſind Sie um ihren ganzen Ruf!“ „Ohne Zweifel bin ich das! Doch denke ich, wenn mein Ruf die Gefahr dieſer Nacht überlebt, wird er demnach jeder weiteren Beunruhigung überhoben ſein— denn ich habe be⸗ ſchloſſen, es ſoll die letzte ſein.“ „Wollte Gott, es wäre ſo! Aber bedenken Sie, theure Thereſe— kann nicht dieſe auch vermieden werden? O beden⸗ ken Sie, was Sie thun.“ „Ich bedachte!“ rief die Prinzeſſin entſchloſſen.„Dieſer Brief wird Dir ſagen, daß ich einen letzten entſcheidenden Schritt mit Seiner Durchlaucht thun muß, wenn ich ſeinen Beläſtigungen nicht fortdauernd ausgeſetzt ſein ſoll. Geh jetzt zu Bett; helfen kann ich mir nur allein. Doch laß die Thür nach Deinem Schlafzimmer auf— das wird dem ſchönen Organ Seiner Gnaden etwas zu Hülfe kommen, denn ich werde ihn mit der Furcht quälen, daß Du erwachſt, wenn er wie gewöhn⸗ lich in eine Art wilden Grunzens übergeht. Doch bitte, ver⸗ wahre die Vorzimmer.“ Nur wer die auffallende Bläſſe des ſchönen Geſichtes ſah, das jetzt wieder in den Kiſſen des Lehnſtuhls ruhte, konnte ahnen, daß dieſes ſtille, ſanft athmende Weſen dieſelbe Prin⸗ zeſſin Thereſe war, die noch eben von ſo tief gehenden Leiden⸗ ſchaften durchwühlt, gegen ſich und ihr Geſchick in ſo bittere Anklagen ausgebrochen war. Die Gräfin, von dem Verſchließen der äußeren Thüren zurückkehrend— blieb ſeufzend einen Augen⸗ blick vor ihr ſtehen. Da ſie aber keine Zeichen der Theilnahme 14* 212 erhielt, wußte ſie, daß ihr nichts übrig blieb, als das alte Loos— nachzugeben. Sie ſchlich traurig ihrem Schlafgemache zu— und jetzt war die Prinzeſſin mit dem Glockenſchlage zwölf allein. Als der letzte Schlag der alten raſſelnden Uhr ausgeklun⸗ gen, richtete ſie ſich auf und blieb ſinnend und horchend vorge⸗ beugt. Ein leiſes Kniſtern ward gehört— die Prinzeſſin ſchauderte und lehnte ſich dann, feſt in ihren Mantel gehüllt, in den Stuhl zurück. Hinter ihrem Rücken ſchob ſich die Wand unter dem mitt⸗ lern Fenſter von einander, und aus dem dunklen Raume, der ſich jetzt zeigte, hob ſich eine ſtämmige Geſtalt hervor, an der nichts leuchtete, als ein breites Geſicht, deſſen rothe Farbe von der Flamme des Kamins einen erhöhteren Glanz bekam. Die Geſtalt blieb in gebückter Stellung lauſchend ſtehen, unſicher, wie es ſchien, ob ſie vorſchreiten ſollte, und nach allen Seiten vorſichtig das düſtere Zimmer überblickend. „Ich bitte Euch, macht Eure Rattenfalle ſchnell hinter Euch zu, ich fühle die Moderluft, die Euch nachzieht, bis hier⸗ her,“— ſo rief plötzlich die kalte verächtliche Stimme der Prin⸗ zeſſin— und alsbald ſtand der unterirdiſche Gaſt in dem Gemach und verſchloß vorſichtig die hölzernen Wände. „Nehmt Euch in Acht und ſtreift nicht die Spinnweben mit Euren Aermeln von den Wänden! Spinnen ſind das ein⸗ zige Hausthier, was mir hier noch fehlt, und ich fürchte, Ihr bringt ſie mit.“ „Ma déesse iſt in beſter Laune!“ ertwiederte eine rauhe, heiſere Stimme mit kurzem Lachen, und die düſter verhüllte Geſtalt des Mannes trat nun hervor und näherte ſich dem Stuhl der Prinzeſſin. Als ſie ihn vor ſich ſah, überlief noch einmal ein Schauer ihren Körper und ſie wandte das Haupt nach einer andern Seite. 213 „Lobt es nicht vor dem Ende,“ ſagte ſie dann bitter; „meine Laune iſt mir zwar die rechte, ob aber Euch die beſte, werdet Ihr ausreichender beurtheilen, wenn Ihr Euren Rückzug antretet. Was ſoll es eigentlich bedeuten mit Eurer ewigen Beläſtigung? Ich bin ihrer herzlich ſatt und ließ Euch blos hierher kommen, um Euch dies zu ſagen. Von morgen an wird man mir, wie ich nicht zweifeln darf, andere Zimmer anweiſen, und dann ſind wir ohnehin jeder Möglichkeit für ſolche Zuſammenkünfte beraubt.“ „Ich bin ganz beſtürzt über dieſe Erklärung,“ erwiederte der Verhüllte—„wie ſoll ich dieſelbe aufnehmen, nach dem unter uns beſtehenden Verhältniß?“ „Verhältniß?“ rief die Prinzeſſin.—„Es beſteht aller⸗ dings ein ſolches, ich muß es einräumen; aber das Verhältniß verträgt ſich eben genau mit dem, was ich geſagt habe, und eine andere Auslegung kenne ich nicht.“ Der Fremde zog bei dieſen Worten den Lehnſtuhl der alten Gräfin von Hautois vor den Sitz der Prinzeſſin, nahm ruhig Platz und ſagte dann mit vieler Vertraulichkeit:„Nun, mein ſchönes, launiſches Kind, ſo werde ich es Ihnen in Ihr Ge⸗ dächtniß zurückrufen, denn zufällig bin ich auch etwas feſter Sinnesart, gerade wie meine kleine Angebetete— daher auch keineswegs durch einige ſchnöde und launenhafte Redensarten aus dem Gleiſe zu bringen. Dies Verhältniß beſteht in meiner förmlichen, aufrichtigen Bewerbung um die ſchöne Hand der Prinzeſſin von Z.— in einer Bewerbung, welche dieſelbe nicht nur geſtattet, ſondern ich darf mit Stolz ſagen, ermuntert, und dem gealterten Mann, deſſen billige Schüchternheit der prangenden Schönheit gegenüber natürlich war, unumwun⸗ den ihre Bereitwilligkeit ausgedrückt hat, den alten Mann und das junge ſchöne Fürſtenthum— durch ihre Perſon zu beglücken.“ 214 Die Prinzeſſin lachte bei dieſer Rede heftig auf und rief mit höhnendem Uebermuth:„Wahrlich! wenn Ihr Recht habt, ſo iſt das die brillanteſte Thorheit meines Lebens.“ „Das wird ſie erſt werden, meine Gnädigſte, wenn Sie ſich einbilden, mit jenen Verſprechungen ſo leichtſinnig umgehen zu können, wie vielleicht mit manchen früheren; denn ich bin feſt entſchloſſen, meine bereits gewonnenen Rechte gegen Euer Gnaden ſowol wie gegen die ganze Welt zu vertheidigen.“ „Und was denkt Ihr davon für Vortheil zu ziehen?“ fragte die Prinzeſſin. „Den Vortheil, den ich über Alles ſchätze, Euch, meine Gnädigſte, zur Gemahlin zu beſitzen und meinem verweiſ'ten Lande legitime Nachkommen zu ſchenken.“ Die Prinzeſſin fuhr auf, als ob ſie einen Stich fühlte. „Abſcheulich! Abſcheulich! Der Vater eines Erbprinzen, wie Ihr ihn beſitzt! Nein! nein! Dazu werde ich nie das Werkzeug.“ Ein mißtönendes Lachen, welches die überdeckte Heftigkeit ihres Gegners verrieth, unterbrach ihre Antwort. „Was, meine Huldin, war denn früher Ihre Abſicht?“ fuhr er fort—„Ihr werdet mich ſtolz machen. Sollte ich es wirklich mir allein zuzurechnen haben, daß Ihr früher mit ſo vielem Eifer meine Bewerbung aufnahmt? Ich alſo war es— ich alſo hatte dies feurige Herz ſo in Flammen geſteckt— Liebe alſo war es, was die ſchöne ſtolze Deutſche auf dem fröhlichen Boden Frankreichs ſo entgegenkommend machte? Denkt, in welchen Irrthum mich meine Beſcheidenheit ſtürzte!. Ich hatte den Verdacht, es miſche ſich ſo ein kleines Reſtchen von Rachluſt in dieſe Vergünſtigungen, da es eben der Erbprinz von S. war, der zehn Jahre früher ſich der Ehre weigerte, der ſchönen Prinzeſfin Thereſe ſeine Hand zu geben! Bleibt ruhig ſitzen, mein Engel!“ ſprach er höhnend weiter, als die Prinzeſſin hier in ihrer Heftigkeit aufſprang und ſich raſchen Schrittes aus 21⁵5 ſeiner Nähe zu entfernen begann— Perſonen, die in ſo nahe Verbindung treten werden, wie wir, ſind genöthigt, ſich die größte Offenheit zu bezeigen, und da ich jetzt überzeugt bin, daß meine holde Braut ſich all der Gründe erinnert, die uns zu einander führen, wird ſie es auch mit Vergnügen hören, daß Alles zu unſerer Vermählung vorbereitet iſt, und dieſe heutige Unterredung keinen andern Zweck haben ſollte, als den der ge⸗ meinſchaftlichen Uebereinkunft des Hochzeittages.“ „Wißt Ihr auch,“ rief hier die Prinzeſſin geiſterbleich her⸗ vortretend—„daß der Erbprinz hier angekommen iſt? Bereits ſeine erſte ganz geheime Audienz beim Kaiſer hatte— und ich es ſelbſt hörte, wie er gegen die Kaiſerin die Garantie für den Erbprinzen übernahm.“ „Wohl weiß ich das, meine Liebe! und eben deshalb eilte ich, die letzten Schritte zu thun, an denen alsdann die Macht aller Majeſtäten ſcheitern wird, denn der liſtige Bube beſitzt die Gabe der Rede— und Dero erlauchter Vetter Franz verſteht ſich viel beſſer auf Conto und Disconto, als auf die Kenntniß menſchlicher Herzen!“ „Aber er ſelbſt hat ein Herz, und ein edles Herz,“ rief die Prinzeſſin.„Zutrauensvoll hat er mich hier an ſeinem Hofe aufgenommen und ich werde ihn nicht in dem Augenblick be⸗ trügen, wo er mich durch ſeine Güte an ſich gefeſſelt glaubt.“ „Ein ſchönes, edles Zartgefühl! Aber wahrlich Prinzeſſin, Ihr koſtet meinem Gedächtniß große Anſtrengung! Gut, daß ich zu Hauſe Eure reizenden Briefe habe, voll der anmuthigſten Scherze über dieſen lieben Franz, und über ſeine Gemahlin, in den abgetragenen ſpaniſchen Roben der Aeltermutter, worin Ihr ſie ſo ähnlich am Rande abzeichnetet. Denn dieſe hoch⸗ müthig langweiligen Vormünder für ihre Anmaßung zu ſtrafen — und gerade dafür zu ſtrafen, ſich unſerer Vermählung wider⸗ ſetzt zu haben— das, denke ich, belebte unſere kleine Intrigue gerade ſo anmuthig und gab mir ſo bald die Mittel in die Hände, um zum Ziel zu gelangen.“ „Ihr ſeid durch und durch roh und unverſchämt!“ rief hier die Prinzeſſin mit überwallendem Zorn.„Vergeblich iſt Euer Bemühen mich einzuſchüchtern. Die Unbeſonnenheit, mich einem gewiſſenloſen Manne übergeben zu haben, erkenne ich jetzt ganz. Ihr droht mir aber mit dieſen Thorheiten vergeblich! Ihr habt Euch in meinem Karakter geirrt. Im äußerſten Falle würde ich lieber alle dieſe meine jämmerlichen Handlungen ein⸗ geſtehn, als nach gewonnener anderer Ueberzeugung mich zu Verpflichtungen zwingen laſſen, die ich nicht mehr in mir aner⸗ kenne. Vergeßt nicht, daß ich manche Eurer Umtriebe in Frank⸗ reich kenne, vielleicht beſſer als Ihr denkt, da ich zu dem Spiel⸗ zeug der Frau Marquiſe von Pompadour gehörte. Denkt, daß ein Wort dieſer Art an der rechten Stelle, mich augenblicklich ſichern würde, und Eure jetzige ungünſtige Lage am Hofe in eine Verbannung— wenn nicht ſchlimmere Ahndung verwan⸗ deln würde.“ Die Prinzeſſin konnte mit ihrer ſcharfen Beobachtung wohl ſehen, daß dieſe Worte nicht ganz ohne Eindruck blieben und ihr Gegner einen Augenblick überraſcht, die wahre Auslegung des Gehörten auf ihrem Geſicht zu ſuchen trachtete. Aber bald hatte er ſich gefaßt und ihrem aufmerkenden Auge die Richtung ſeiner Gedanken entzogen. „Meine Schönheit,“ fuhr er ſogleich fort—„die kleinen Unterhaltungen, die ich mit der Madame de Pompadour hatte, waren gerade ſo zugeſchnitten, wie ſie für den kleinen, ſtets überfließenden Mund einer ſolchen Dame paßten— ich fürchte die Mittheilungen an ihr liebenswürdiges Schooßkind nicht!“ „Leicht möglich, daß Ihr vorſichtig genug ward. Aber die Sache, die Ihr damals wieder aufzuregen trachtetet, war von der ſtaatsklugen Frau genau gekannt. Thomas Thyrnau, 217 der berühmte Advokat, hatte dieſe Angelegenheit, die unter Karls des Sechſten Regierung unbeſonnen— zu Maria Thereſia's Zeit ein Frevel war— in die Hände der edlen Her⸗ zogin von Chateauroux gelegt und ſie durch ſie beendigt. Der König Ludwig lernte durch ſie die heimlich angeſtiftete Thorheit kennen und die Marquiſe Pompadour wußte all dieſe Dinge durch den König ſelbſt bis auf jeden einzelnen Namen.“ „Es iſt ſo übel nicht, daß Ihr von dieſen Dingen unter⸗ richtet ſeid,“ erwiederte er,„Ihr werdet finden, daß Ihr da noch Andere als mich zu ſchonen habt. Ihr intereſſirt Euch, denke ich, für dieſen Thomas Thyrnau— für den Namen Lach. Sie fehlen jener Liſte nicht, und als Unterthanen Ihrer Majeſtät möchte es ſich für ſie anders herausſtellen, wenn die bewußte Sache höheren Orts zur Sprache käme.“ „Thomas Thyrnau gehörte zur Zeit Maria Thereſia's die⸗ ſem Komplott nicht mehr an,“ rief die Prinzeſſin;„er ſuchte im Gegentheil auch den Namen Lacy aus dieſen Verwickelungen zu reißen. Ihr habt Recht! Ihn würde ich ſchonen, und es kann ſein auch den Namen Lacy. Denn ihm, dem Einzigen, der mich verſtand, der ſich bemühte— wenn auch vergeblich— mich von gefahrvollen Wegen abzulenken, ihn würde ich ſcho⸗ nen, wenn es nöthig wäre. Aber es iſt nicht nöthig; er iſt unſchuldig.“ „Wenn er es beweiſen kann,“ rief der Fremde ſtolz.„Ich aber weiß, er kann es nicht.“ „Traut nicht ſo feſt darauf und fürchtet meine Entſchloſſen⸗ heit. Ihr tragt den bittern Haß im Herzen gegen dieſe Lacy's — gegen dieſen Thyrnau, der Euch am Verbrechen hinderte. Nie vergebt Ihr ihm den Schutz, den Euer edles verfolgtes Weib von ihm erhielt— nie die kluge Unſicht, mit der er die Beweiſe führte für die Legitimität Eures Sohnes, mit der er zugleich den Namen dieſes Lach frei ſprach.— Ihr würdet für 218 Euch ſelbſt die Gefahr dieſer Entdeckung bereitwillig beſtehn, wenn Ihr damit Schande, Unglück und Verfolgung über dieſe Namen bringen könntet.“ „Und ich ſchwöre Euch, ich werde es vollbringen, wenn Ihr Euch weigert, mein Weib zu werden!“ unterbrach ſie hier im wildeſten Ausbruch des Zornes der Fremde.„Heuchelt jetzt, ſo viel Ihr wollt, Ihr wollt daſſelbe, was ich will! Ja, Rache will ich an dem langen Zwang, unter dem ich geſeufzt— Rache an dem Baſtard, der mein Feind war ſeit der Geburt, die ihn zu meinem Sohne erlog— Rache an Thomas Thyrnau, der ihn auf dieſem Platze erhielt— Rache an dieſem ſtolzen öſter⸗ reichiſchen Hofe, der unabhängige Fürſten in ihrem Reiche zu beſchränken wagt, und ſie will zittern machen durch den Schutz, den er ſich unterfängt, ihren Widerſachern zu verleihen— Rache will ich, und kann ſie am beſten durch Euch erzielen. Darum will ich Euch!“ „Weich' von mir, Ungeheuer!“ rief die Prinzeſſin zurück⸗ fahrend, als er jetzt wie ein wildes Thier auf ſie einſtürzte. Da ſtand plötzlich eine Geſtalt zwiſchen ihnen, die den in lange weiße Gewänder gehüllten Arm drohend zu ihm aufhob. Er wich zurück und ſah erſchrocken in die alten bleichen Züge, die ihm einem Geſpenſte zu gleichen ſchienen. Fort! fort von hier! Denke an Claudia de Hautois und glaube, daß ſie ſich zwiſchen jedes Gelingen Deines Lebens mit ihrem Fluche drängen wird.“ Der ſtarke Mann erbebte und verlor die Kraft des Willens, die ihn bis hieher beherrſchte. Er wich noch immer vor der langſam vorſchreitenden Geſtalt zurück, welche ihn ſo gegen die Fenſterthür des geheimen Ausgangs trieb. Hier jedoch, als er die Feder mit dem Fuße aufgedrückt, blieb er widerſtrebend ſtehn.„Welch ein Höllenſpuk hier getrieben wird, ich weiß es nicht! Aber er ſchreckt mich nicht,“ rief er mit bebender Stimme —„ich gebe meine Anſprüche nicht auf— und ſeid ſicher, ich durchſchaue Euren nächſten Plan, bloß um ihn zu vereiteln. Der ſogenannte Erbprinz wird nicht Euer Gemahl! ich gelobe es.“— Fort! fort!“ rief dumpf die drohende Geſtalt— und die Thüren ſchloſſen ſich hinter dem unheimlichen Gaſt. Die Prinzeſſin Thereſe ſtürzte vor und befeſtigte ſchnell eine kleine metallne Schraube vor dem ſchlau verborgenen Schloß der Thür, welche das Oeffnen von Außen hinderte. Dann erſt wandte ſie ſich und flog in die Arme ihrer alten Freundin, der Gräfin von Hautois, die, in ihre Nachtkleidung gehüllt, zum Schutz des Lieblings herbei gekommen war, und durch die Kenntniß einer ſchmachvollen Jugendperiode des Be⸗ drohten, im Stande geweſen war, ihn zu erſchüttern und zu vertreiben. „O Du liebes prächtiges Geſpenſt,“ rief die Prinzeſſin ſo heiter, als hätte ſie nichts Anderes erlebt—„wie gut ſtand Dir Dein Pathos! O dieſes grenzenloſen Jubels, das alte Unthier ſo von ein paar weißen Lappen verſchüchtert zu ſehn! Nun wahrlich! und wenn ich ihn liebte, wie einſt ſeinen Sohn — jetzt jagte ich ihn mit meinem ſeidnen Pantoffel zum Tempel hinaus. Ein Mann, der ſich vor Geſpenſtern fürchtet! O dieſe Scene giebt mir ein unbezahlbares Uebergewicht— doch hoffe ich freilich, ihn nie wieder zu ſehn!“ „Ach, Thereſe!“ ſeufzte die alte Dame—„was ihn er⸗ ſchütterte, waren nicht allein dieſe weißen Gewänder— es war das befleckte Gewiſſen, was von meinen Worten aufge⸗ ſchreckt ward. Claudia von Hautois war die Schweſter mei⸗ nes Gemahls— er verführte ſie unter anderm Namen— und verließ ſie als Prinz. Sie ſtarb— und vorher verfluchte ſie ihn!“ „Ha! ſo will ich dieſe Claudia an ihm rächen!“ rief die Prinzeſſin.— 2 „Verzeih,“ erwiederte die Gräfin—„dieſe Rache fällt nur mit Deinen Abſichten zuſammen— täuſche Dich darüber nicht.— Auch ich zweifle keinen Augenblick, Du haſt jetzt an⸗ dere Pläne. Entweder beſchäftigt Dich dieſer Graf Lachy oder der Erbprinz.“ „Beide! meine Theure! Beide werden Luſt haben, mir zu widerſtehn. An Beiden muß ich mich verſuchen. Sage, daß ich hungern, durſten oder ſterben ſoll— ich will mich dar⸗ ein fügen— ſage aber nicht, daß ich Beiden ihr hochmüthiges Ueberſehen ſchenken ſoll! Das kann ich nicht, denn ich will es nicht.“ „Ich kenne das Geheimniß der Hölle, was Dich bindet,“ rief die alte Gräfin.—„Man hatDich langſam daran gewöhnt.“ „So iſt es. Gute Nacht! Schicke meine Frauen— ich glaube, die Vögel fangen ſchon an zu ſingen. Wer kann auch hier daran denken, daß es ſchon Juli iſt!“ Es war nicht möglich, liebenswürdiger zu ſein als die Prinzeſſin Thereſe. Man hätte von ihr ſagen können, daß ſie die Kunſt der Coquetterie bis zur höchſten Vollkommenheit ent⸗ wickelt habe. Ihr ſchönes Naturell kam ihr dabei zu Hülfe. Sie war gefühlvoll, der edelſten Geſinnungen fähig. Dieſe Naturgaben, die ſie über die Schwächen ihres Geſchlechts hätten erheben können, waren jetzt untergeordnet unter den alles be⸗ herrſchenden Geiſt der Intrigue und des unbezwingbaren Hanges, die Beherrſcherin aller Männer zu werden. Aber ſie ſchimmer⸗ ten dennoch, die Frivolität ihrer Beſitzerin oft ſelbſt überraſchend, durch die Thorheiten ihrer Handlungen hindurch und veranlaß⸗ ten das getheilte Urtheil über ſie, welches zwiſchen„Gut“ und „Böſe“ noch immer ſchwankte. Ihr glänzender Verſtand ward B1 dagegen durch die Gabe des Witzes nur noch hervorleuchtender, und dieſer überwucherte— unbehindert von weiblichem Zart⸗ gefühl oder ſchonender Güte— zuletzt faſt alle ihre Gedanken. Es gab namentlich kein Ereigniß, was ihr läſtig war, oder ihrer Eitelkeit, ihrem Egoismus gefährlich, gegen welches ſie nicht augenblicklich die Waffen ihres Witzes richtete. Sie kannte die oberflächliche Erregbarkeit der Maſſe zu gut, um nicht zu wiſſen, wie ihr dadurch der Sieg des Augenblicks faſt immer zufiel, da ein gedankenloſes Lachen im beſten Falle, eine kleine befriedigte Bosheit bei den Meiſten, dem kühnen oder beißen⸗ den Worte lohnt— und das moraliſche Erröthen der Beſſeren doch ſelten von dem muthigen Wort der Zurückweiſung beglei⸗ tet iſt. Sie kannte ſehr wohl dieſe tugendhafte Schwäche der Ge⸗ ſellſchaft und wagte ſich, wie der luſtigſte Freibeuter, bis unter die Kanonen der gerüſtetſten Feſtung, ſicher, daß man viel zu viel Zeit zum„Richten“ und„Feuern“ bedürfen würde, um den weiter ſchwärmenden Feind noch erreichen zu können. „Ach,“ rief ſie oft lachend—„wenn dieſe tugendhaften Leute doch nur nicht mit ihren Schätzen von Redensarten wie hinter verquollenen Thüren eingeſperrt ſäßen! Sie hören, wie wir ſie mit unſern loſen Witzen zur Vertheidigung herausfordern, und wiſſen, ſie dürfen nur ihre vorräthigen Waffen ergreifen und heraus ſtürmen, ſo ſind wir geliefert— aber ſie kommen eben nicht heraus! Sie rennen gegen die verquollenen Thüren und prallen gleich wieder zurück— denn eben zu ſelten geöffnet zum Kampfe, widerſtehen ſie. Glücklich, wenn ſie ganz drinn blei⸗ ben; denn längſt iſt der neckende Feind entſprungen, wenn ſie mit erbostem Antlitz ihm noch nachſprengen wollen und die Nachbarn ſchon vergeſſen haben, wer gejagt werden ſoll, und ihr Zorn dann gerade zur unpaſſendſten Stunde hervortritt. Miüſſen denn doch tugendhafte Leute exiſtiren, ſo müßten ſie 222 Alle zur Fähigkeit ſchneller Gegenrede erzogen werden. Der Boshafte müßte über ſie nicht den kleinſten Vortheil erringen. Wenn ich alt ſein werde,“ pflegte ſie hinzu zu ſetzen—„dann werde ich eine Erziehungsart proklamiren, wie tugendhafte Leute den Muth behalten können, der leichtfertigen Bosheit gegen⸗ über ihre ſchwer fertigen Worte hervortreten zu laſſen; denn ich werde ihnen beweiſen, daß der Böſe Recht behalten wird, ſo lange ſie blos innerlich zürnen.“ Ihre große Schönheit hatte ihr ein langmüthiges Publi⸗ kum geſchaffen. Sie war ſo rückſichtslos den größten Verfüh⸗ rungen Preis gegeben geweſen, daß eben dies urſprünglich edle und ſtolze Naturell dazu gehörte, um ſie auch über das Laſter in gewiſſem Sinne herrſchen zu laſſen und ihr ſelbſt den Ruf einer tugendhaften Prinzeſſin zu erhalten. Dieſer Ruf ſicherte ihr eine ehrenvolle Aufnahme, als ſie an den Hof ihres Verwandten, des Kaiſers, geſchickt ward, um den Bewerbungen des Fürſten von S. entzogen zu werden. Beide Majeſtäten hatten ſich über die mögliche Annahme ſolcher Anträge ſo mißfällig geäußert, daß ſie abgebrochen wurden, aber zugleich die Wünſche des Fürſten von Z.,„der Prinzeſfin eine Zeitlang den Beſuch des Kaiſerlichen Hofes zu geſtatten,“ huldvoll gewährt. Die Prinzeſſin hielt, gepeinigt von Langer⸗ weile, trotz ihres Schmollens dieſen Aufenthalt doch für eine leidlichere Poſition als den kleinen Hof ihres Vaters. Sie hatte mitdem größten Scharfblick ſogleich ihre Stellung erkannt und übte eigentlich über Alle eine Herrſchaft aus, der ſich nach und nach Niemand zu entziehen wußte. Selbſt Maria Thereſia lag etwas unter dem Bann dieſes ſchönen Dämons, der auch ihr ſchnell die ſchwachen Seiten abgelauſcht hatte. Sie war durch ihre Stellung als Verwandte über manche Etikette erhaben und benutzte dies, um die Kaiſerin mit einem Freimuth und einer Sicherheit ihrer Anſprüche zu überraſchen, worauf 223 dieſe nicht vorbereitet ſein mochte, und die, einmal aus Ueber⸗ raſchung ihr zugeſtanden, ihr nicht wieder zu entreißen waren, da ſie die gewöhnlichen Verſuche dazu, wie völlig ihr nicht gel⸗ tend, auch gar nicht beachtete. Die Kaiſerin, welche die Ver⸗ wandte vor ihren Hofleuten nicht angreifen wollte, ließ dem wunderlichen Weſen dies ſeltſame Treiben, gewöhnte ſich zuletzt daran, und konnte ſpäterhin förmlich auf die Scherze der ſtets munteren Thereſe warten, da es denn nicht ſelten vorkam, daß ſie ſich nach einer kleinen Unterbrechung der tödtenden Hofredensarten ſehnte, mit denen von früh bis ſpät ihre cere⸗ moniöſen Hofleute ſie bedienten. Dies ging ſo weit, daß man die Kaiſerin faſt hätte bemüht nennen können, die launige Muhme in guter Stimmung zu erhalten. Denn, hatte die ſan⸗ guiniſche Natur der Kaiſerin ſie hingeriſſen, auch der Prinzeſſin ihr Mißfallen zu bezeigen, ſo war ſie die Erſte, die ihr wieder Worte oder Scherze abzugewinnen verſtand, unbeſchadet, daß dieſe dann oft ein wohl berechnetes Schmollen eintreten ließ, was jedoch zur rechten Zeit in die alte gute Laune überging. Die neidiſchen Beobachter, die Verſtand genug hatten, dies Verhältniß zu beurtheilen, ſagten: Die Kaiſerin bemühe ſich um die gute Meinung der Prinzeſſin. Und etwas war daran! Die Kaiſerin mußte von Kaunitz ſo viel von der geſchickten Handhabung des Lebens in Frankreich hören, ſie ſah dieſen ernſten Geiſt, der die Intereſſen Oeſterreichs über jedes Andere ſtellte, doch ſo imponirt von den häuslichen und geſelligen An⸗ nehmlichkeiten und den wohnlichen Einrichtungen dieſes Landes, daß— wie es ſchien— der Mangel dieſer Vorzüge, den er im Vaterlande immer rügte, ihn bis zur Unduldſamkeit empfind⸗ lich machte, und ihn, in ſeinem Hauſe wenigſtens, alles nach jenen Vorbildern hatte umwandeln laſſen, die ihm allein zur würdigen Umgebung eines hohen Standes geziemend erſchienen. Nun reizte es die Neugier der Kaiſerin, eine Prinzeſſin zu beob⸗ 224 achten, die eine ſo lange Zeit an dieſem eleganten Hofe gelebt, dort ein beſonderes Anſehn erlangt und gewiß die Geheimniſſe dieſer von Kaunitz angebeteten Eleganz inne hatte. Mit dieſer hervorzutreten und jeden Mangel der Kaiſerlichen Haushaltung dadurch wie von ſelbſt an's Licht zu ziehn, gehörte nur zu den kleinen ſchlau benutzten Ergötzlichkeiten der Prinzeſſin. Hier war es, wo die weibliche Eitelkeit der erhabenen deutſchen Kaiſerin einen kleinen Streich ſpielte, denn ſie ſuchte ganz in der Stille manchem Mangel feinerer Ausſtattung nachzuhelfen und pflegte wol, wenn ſie zum Bewußtſein ihres Verfahrens kam, zu ſagen: Man muß auch von ſeinem Feinde lernen! Da bei Maria Thereſia aber hinter dem, was der Beurtheilung vor Augen lag, ſehr häufig noch ein höherer und feinerer Beweg⸗ grund ihrer Handlungen ruhte, über den die Menge unaufge⸗ klärt blieb, ſo war es auch diesmal der Fall, und die Prinzeſ⸗ ſin zu ſchlau, um die hohe, offne, deutſche Frau nicht in dem ſchwierigſten Kampfe mit ihren Gefühlen bald errathen zu haben. Kaunitz war ſeit dem Aachner Frieden mit der völligen Umgeſtaltung der bis dahin befolgten öſterreichiſchen Politik be⸗ ſchäftigt, und feſt entſchloſſen, die Kaiſerin zu ſeiner Anſicht überzuführen, hörte er ne auf, ſie zu den nöthigen Schritten zu bereden. Der Krieg, den der Aachner Friede endigte, hatte dieſen klugen Staatsmann die betheiligten Mächte näher kennen ge⸗ lehrt. Die Bundesgenoſſen hatten nicht immer treu— die Feinde nicht immer feindſelig gehandelt. Um der Niederlande willen hatte Oeſterreich bisher die Freundſchaft Englands und Hollands geſucht und gepflegt, und es thun müſſen. Allein ſchon im ſpaniſchen Succeſſionskriege hatte eine theure Erfah⸗ rung gezeigt, daß beide Mächte mehr darauf bedacht waren, durch die Niederlande ſich als Oeſterreich zu ſchützen. Ueberdies waten dieſe abgeriſſenen, entfernten Lande gewöhnlich 225 erobert als vertheidigt, und ſo glaubte Kaunitz die allzu theu⸗ ren Vertheidiger entbehren zu können, wenn das feindliche Ver⸗ hältniß zu Frankreich aufgehoben ſei. Um dieſe Umwandlung aller bisher befolgten politiſchen Prinzipien zu bewirken, war die Bekämpfung tief eingeprägter und durch lange Gewohnheit befeſtigter National⸗Vorurtheile nöthig. Kaunitz mußte ſich geſtehn, daß er die Patrioten beider Länder gegen ſich haben werde, und daß das Verſailler Kabinet überdies von der Mar⸗ quiſe von Pompadour, der eitelſten, intriguanteſten Frau, be⸗ herrſcht ſei, die der Kaiſerin als Frau zu grollen wage und jeden entgegen kommenden Schritt Oeſterreichs zurückweiſen werde, ſo lange die ſtolze Verachtung der Kaiſerin gegen ſie daure. Seine Anweſenheit in Paris hatte ihn alle dieſe Schwierigkeiten vollkommen erkennen laſſen. Aber ſie konnten ſeinen entſchloſſe⸗ nen und unermüdlichen Sinn nicht von dem Verfolgen dieſes ihm ſo wichtig erſcheinenden Planes abwendig machen, und er rechnete— für die erſte Beſeitigung der größten Schwierigkei⸗ ten— auf zwei gleich hartnäckige Frauen— die er jedoch Beide mit den verſchiedenſten Mitteln zu gewinnen hoffte. „Vieles wird nicht gewagt, weil es ſchwer ſcheint— weit „mehr iſt nur darum ſchwer, weil es nicht gewagt wird!“ Das waren die tiefſinnigen Worte, mit denen er den erſchrocke⸗ nen Muth ſeiner erhabenen Kaiſerin für die ihr ſo fremd ſchei⸗ nenden Anſichten zu beleben ſuchte, gegen die faſt ein angebor⸗ ner Widerwille in ihr kämpfte. Er wufßte, ſie war jedes Opfers fähig für die Sicherheit und Ruhe ihres Landes, und einſichtig und ſtaatsklug genug, um die bedeutenden Vortheile, wenn er ihre Erreichung ihr möglich zeigte, einzuſehen. Aber die Kaiſerin war zugleich eine auf ihre Tugend ſtolze Frau, von den reinſten weiblichen Gefinnungen und von einem unerſchüt⸗ terlichen Abſcheu gegen die Sitten des franzöſiſchen Hofes und ſeiner jetzigen Beherrſcherin— der Madame de Pompadour— Thomas Thyrnau. I. 15 226 erfüllt. Dennoch war an kein Gelingen dieſer Unterhandlun⸗ gen zu denken, ſo lange die Kaiſerin nicht ihrer Widerſacherin ſelbſt einige verſöhnende Schritte entgegen that. Hierzu bear⸗ beitete Kaunitz ſie mit allen Werkzeugen ſeiner ſchlauen Politik, und hierzu war ihm die Prinzeſſin Thereſe eine willkommene Allürte; denn die übermüthige Schöne zögerte nicht, in Ge⸗ genwart der Kaiſerin von Madame de Pompadour als von einer ausgezeichneten Frau— der Retterin Frankreichs wie des willen⸗ loſen Königs— zu ſprechen und ihre Eigenſchaften zu einer ſolchen Ungewöhnlichkeit zu erheben, daß ihre Schattenſeiten ſich dagegen in den Hintergrund drängten. Gewiß hätte Nie⸗ mand unter andern Unſtänden daſſelbe wagen dürfen, und die nächſten Umgebungen, die das Staatsgeheimniß, das noch nicht den Hof erreicht hatte, nicht ahneten, ſahen voll Erſtau⸗ nen, wie die Kaiſerin nicht allein die übermüthige Redeweiſe der Muhme nicht ſtrafte, ſondern mit halb ſcherzendem Wider⸗ ſpruch immer mehr aus dem freigebigen Munde heraus ſprudeln ließ. Die erhabene Frau prüfte aber in der Stille, und mehr wie alles Andere erſchütterten dieſe Geſpräche in etwas die an Abſcheu grenzende Abneigung gegen die Marquiſe. Obwol nun die Prinzeſſin durch Kaunitz von ſeiner Abſicht, dieſe Verſöhnung zu erreichen, unterrichtet war, wurde ſie doch nicht ſein Werkzeug, ſondern trieb auch dies, weil es ihr zuſagte, und wie es ihr zuſagte, und hielt den feinen Mann in beſtändiger Spannung und Ungewißheit über ihr Verfahren. Doch verriethen mehrere Aeußerungen der Kaiſerin ihm ihre mildere Stimmung und er erkannte durch ſie die Wirkſamkeit der Prinzeſſin. Alles mußte ſich immer vereinigen, die leichtſinnige Fürſtin in ihren Intri⸗ guen zu unterſtützen. Auch bei dieſer Angelegenheit ſah ſie ſich in ihrem perſönlichen Intereſſe gefördert, denn auch ſie war eine entſchiedene Feindin des Abbe Bernis, des damaligen franzöſiſchen Premier⸗Miniſters, der ſich einer früher von ihr 27 begünſtigten Intrigue entgegen geſtellt. Sie hatte ihm in ihrem Uebermuthe gedroht, er ſolle binnen zwei Jahren aufgehört haben Premier⸗Miniſter zu ſein und dagegen Choiſeul an ſeine Stelle treten. Dieſe Drohung, die er damals wie die Poſſen eines unartigen Kindes verlacht hatte, wollte ſie jetzt um jeden Preis in Erfüllung bringen, denn ſie wußte, daß jede Unter⸗ handlung des Wiener Kabinets mit Bernis Entlaſſung begin⸗ nen müßte. Als die Prinzeſſin am Morgen nach jener ſtürmiſchen Nacht, ihr Frühſtück einzunehmen, in eine reizende Kapuze von roſa Seidenſtoff gehüllt, in ihrem Armſtuhl ruhte und wie ein Kind von vier Jahten ihre ſeidenen Pantoffeln auf den kleinen Füßen hüpfen ließ, ward ihr Frau Gutenberg, die allvermö⸗ gende Kammerfrau der Kaiſerin, angemeldet, und kaum hatte ſie die Schwelle überſchritten, ſo lief ihr die Prinzeſſin mit offnen Armen entgegen und küßte ſie auf das Zärtlichſte, obwol ihr jeder Kuß unendlich erſchwert ward durch die tiefen Verbeu⸗ gungen der alten ceremoniöſen Dame.„Mein Mütterchen,“ rief ſie dabei—„ſag mir doch, wie Du ſo lieb und gut ſein kannſt, in dieſe Katakomben herabzuſteigen? Ich bitte Dich, ſetze Dich in meinen Lehnſtuhl und thu' mir die Liebe und trinke von meiner franzöſiſchen Chocolade. Ich ſchwör' Dir, ſie iſt beſſer als Deine ſtark gewürzte ſpaniſche, die den Teint verdirbt und im dreißigſten Jahre rothe Naſen macht! Nun ſetz' Dich— ich bitte Dich!“. Faſt mit Gewalt ward die alte wohlgefällig lächelnde Dame in den Armſtuhl der Fürſtin gedrückt, und dieſe zog ein Rollſtühlchen für ſich der alten Dame ſo nah, daß ſie den Zwie⸗ back, womit ſie ihre Chocolade verbrauchen wollte, wie ein ſpielendes Kind auf die Kniee der Frau Gutenberg legte. „Nun, liebe Alte,“ rief die Prinzeſſin endlich, nachdem ſie unter tauſend Poſſen der guten Dame die Chocolade einge⸗ 15* 28 nöthigt hatte—„jetzt ſage mir, was Du eigentlich willſt, denn ſo umſonſt, oder um mich in Pantoffeln und Nachtkon⸗ tuſche zu ſehn, haſt Du auch nicht die weite Reiſe hierher gemacht.“ „Ach, meine Allergnädigſte Durchlaucht, wahrlich nicht! So kühn zu ſein würde ich mir nie erlauben, und meine gnä⸗ dige Prinzeſſin haben es ſich ſelbſt mit ihrem unwiderſtehlichen agrémento zuzurechnen, wenn ich mir einen großen Fehler habe zu Schulden kommen laſſen, denn ich bin auf Befehl mei⸗ ner allergnädigſten Frau Kaiſerin hier und hätte billig von nichts Anderem reden ſollen als von ihren Befehlen.“ „Du erſchreckſt mich, meine liebe alte Aja! Bin ich un⸗ artig geweſen, kommſt Du, um mich zu ſchelten! Will meine erhabene Muhme mich hier einſchließen laſſen bei Waſſer und Brot?“ „O, liebe ſcherzhafte Durchlaucht,“ entgegnete Frau Gu⸗ tenberg ſehr beluſtigt—„welch ein Verdacht gegen die Zärt⸗ lichkeit der Frau Kaiſerin! Mein beglückender Auftrag dreht ſich wieder blos um das Wohlbefinden der lieben Durchlaucht, die Sereniſſime wie eine geliebte Tochter in ihrem Herzen tragen. Es iſt nämlich der Majeſtät zu maaßloſem Erſtaunen kund ge⸗ worden, daß ihre liebe Muhme Durchlaucht in den erſten Ab⸗ ſteigegemächern verblieben ſind, welche blos zur erſten Entrée aus dem Reiſewagen angewieſen waren.“ „Du ſcherzeſt, liebe Gutenberg,“ rief die Prinzeſſin.— „Solche Gunſt macht mich ſchwindeln— beſonders nach den Erlebniſſen dieſer Nacht, die ich faſt im Sturmhut und mit der Hellebarde bewaffnet zubrachte. Wahrlich Du gehſt mit Deinem gnädigen Auftrag— wenn nämlich das Ende mich aus dieſer gefahrvollen Wohnung erlöſen ſoll— wie die Sonne an mei⸗ nem düſtern Morgen auf, denn was war das bisher Erlebte— verſtockte Kleider, verſchimmelte Pantoffeln, beſchlagne Juwelen, 229 die liebe Geſellſchaft von Ratten und Mäuſen, Fröſchen und Spinnen, woran man ſich zuletzt doch gewöhnt und ſeine Freude daran hat— was war das Alles gegen die Gefahren dieſer Nacht?“ „Barmherziger Gott!“ ſchrie Frau Gutenberg—„was war es denn, Durchlauchtigſte? Das iſt ja hier eine wahre Vorhölle!“ „Ja, wer könnte ſagen, was es war! Aber entweder waren es Geiſter, die ihr ehemaliges Revier wieder einnehmen wollten, oder— noch ſchrecklicher— Diebe, wenn nicht gar Mörder! Denn ſieh! es hat dort unter dem Fenſter geruſchelt und geknackt, die Zweige ſind gebrochen, als wenn ein Bär ſich durch den Wald ſchleicht. Dann habe ich Menſchentritte gehört, die von großen plebejiſchen Füßen herrührten— dann hat es an der Holzwand geſchoben und gedreht——“ „Um Gotteswillen, Prinzeſſin, ſchweigen Sie,“ rief hier die alte Gräfin Hautvis eintretend und ſehr erſchrocken über die dreiſte Spötterin. „Du ſiehſt,“ fuhr die Prinzeſſin lachend fort—„die Gräfin wird halb ohnmächtig bei der bloßen Erinnerung! Und nun kannſt Du denken, wie ſie in der Nacht war— ein leib⸗ haftiges Geſpenſt! Feſt entſchloſſen war ich, den Majeſtäten heute einen Fußfall zu thun, um zu bitten, daß ſie einige Hellebardiere die Nacht hierher poſtiren möchten, da ich unmög⸗ lich Nachts meinen eignen Wachtdienſt beſorgen kann!“ „Nun iſt mir alles klar!“ rief Frau Gutenberg—„Mein Gott, wie werden Sereniſſime erſchrecken! Als nämlich heute Morgen der Nachtrapport überbracht ward, lautete der Bericht, daß nach dieſem Flügel zu ſich eine verdächtige Perſon über die Mauer des Burggartens geſchwungen habe, und der Runde, nachdem ſie augenblicklich geeilt, den Baumplatz zu durchſuchen, dennoch ſpurlos entkommen ſei. Doch behauptet eine der aufgeſtellten Wachen, nach Verlauf einer Stunde eine ähnliche Geſtalt geſehn zu haben, welche an der Mauer entlang mit großer Schnelligkeit forteilte und den Anruf der Wachen nicht beantwortete.“ „O mein Gott!“ rief die Gräfin Hautois—„ſei uns gnädig!“ „Siehſt Du!“ rief dagegen die Prinzeſſin frohlockend— „das konnte ich mir vorher denken! Es war ja Mondſchein, und ſo hell wie bei Tage. Nichts gewiſſer, als daß die Wachen den Strauchdieb entdecken mußten. Das war gleich mein Troſt und ich deshalb entſchloſſen, die Kaiſerin um Schutz anzuſprechen. Doch muß dies Zimmer unterſucht werden— es finden ſich ge⸗ wiß geheime Zugänge, die vermauert werden müſſen. Ehe ſehe ich keine Sicherheit in dieſen Räumen.“ „Gewiß— gewiß! Durchlauchtchen! Alles wird geſchehn, um Sicherheit herzuſtellen. Aber Euer Gnaden werden nicht mehr drunter leiden, denn die Frau Kaiſerin haben befohlen, daß Ihnen augenblicklich die Zimmer weiland des Herrn Herzogs Franz von Lothringen— jetzt unſerer geliebten kaiſerlichen Ma⸗ jeſtät— übergeben werden ſollen. Dieſelben liegen ungemein luftig und heiter und ſtehen in genauer Verbindung mit der großen Treppe zu den kaiſerlichen Gemächern.“ „Ja! das weiß ich wohl,“— ſagte die ſchöne Schmeich⸗ lerin—„wenn Dich die liebe Frau Kaiſerin ſchickt, dann hat ſie immer einen recht angenehmen Auftrag auszurichten, denn Niemand thut ſo gern Andern was zu Liebe, als meine alte Gutenberg. Ich werde meiner theuren Majeſtät die Hand küſſen. Schildere Du ihr mein Entzücken, nachdem ich eine ſchlafloſe Nacht unter tauſend Aengſten verbracht habe.“ Ees war nicht genau zu erkennen, ob die Kaiſerin die Er⸗ zählung der alten Frau Gutenberg, die übrigens das Vorrecht hatte, ihr Alles ſagen zu dürfen, eben ſo gläubig aufnahm, 231 als dieſe ſie aus dem Munde der holden Verführerin empfangen hatte. Ihr fehlte vielleicht die Laune, von der Prinzeſſin viel zu hören, denn ſie hatte ihr halb gezwungen dieſen Morgen die Begünſtigung der neuen Einrichtung zugeſtehen müſſen und wollte nicht überführt ſein, daß das bisher Gewährte wirklich tadelnswürdig zu nennen war. Die Kaiſerin zeigte ſich nur bei großen Staatszwecken, und für die Männer, die ihr dabei dienten, freigebig. Im Gegenſatz konnte ſie auch mit Gunſt und Gaben karg ſein. Die Freude kannte ſie nicht, die den eigentlich wohlwollenden und hingebenden Karakter bezeichnet: über das Nothwendige hinaus, auch das blos Erfreuliche, den Wunſch, die Phantaſie des Andern zu befriedigen. Dieſen Reiz des Lebens geſtand ſie weder Andern zu, noch fand ſie ihn für ſich in ſolcher Freigebigkeit. Sie hatte kein Auge für dies feinere Bedürfniß des Glücks, und oft eine übellaunige Wahr⸗ nehmung, wo es ihr aufgenöthigt ward, die froſtige Härte, mit der ſie ſolche Anforderungen unter die unnützen Dinge der Erde verweiſen konnte, hätte über die Güte ihres Herzens Zweifel erregen können, hätte nicht, wie billig, ihre großartige Stel⸗ lung in der Welt ihr zur Entſchuldigung gereichen müſſen, wenn ſie dieſen feineren Sinn für kleinere Intereſſen von ſich abhielt. Doch war es gewiß, daß ſie den Anſpruch machte, daß ihr keine Einſicht der Art abgehe und daß ſie jeden Beweis dagegen mit großer Härte zurück wies, und es für ihre Um⸗ gebungen ſehr gewagt machte, ein ſolches Verſäumniß außu⸗ decken. Nun hatte der Kaiſer diesmal ſelbſt die Wohnungs⸗ Angelegenheit der Prinzeſſin zur Sprache gebracht, und die Kaiſerin hatte mit ihrem beſondern Takt augenblicklich ihrem Gemahl beigeſtimmt und andere Einrichtungen befohlen, zugleich jedoch es ganz in Abrede geſtellt, daß die bisherige Wohnung derſelben ſo ſchlecht geweſen ſei, wie die Luſtigkeit der Prinzeſſin es herausſtellte; denn Recht mußte ſie wenigſtens behalten, 232 wenn ſie auch nachgab, und wohl ließ ſie es an einem gewiſſen übellaunigen Schweigen nicht fehlen, welches hinreichend be⸗ zeugte, ihre Meinung ſei eine andere. Frau Gutenberg hatte aber einmal das Vorrecht, Alles ausſprechen zu dürfen; die Kaiſerin ward durch nichts, was ſie ſagte, erzürnt oder ungeduldig, obwol ſie ihr oft auf ihre läng⸗ ſten Mittheilungen keine Antwort gab, als einen Blick, ein Schütteln oder Nicken des Hauptes. Dies ſtörte aber die Laune der alten Dame nicht, denn ſie wußte ſich, wo es galt, auf eine merkwürdige Weiſe Antwort zu verſchaffen und fand dann bei ihrem hohen Pflegekinde oft größere Nachgiebigkeit, als ir⸗ gend ein Anderer ſich rühmen durfte. Deshalb war die Guten⸗ berg im ganzen Lande, ja ſelbſt an fremden Höfen, wohlbekannt und nach Umſtänden geliebt und gefürchtet. Denn ihre Treue war unbeſtechlich, und obwol ſie oft die größten Geſchenke er⸗ hielt und annahm, trug ſie dieſelben doch ſogleich der Kaiſerin zur Anſicht zu und pflegte dann zu ſagen:„Majeſtätchen muß das wiſſen— ich kenne die Capacitäten nicht— wollen viel⸗ leicht was durch mich erluchſen.“ Sagte nun die Kaiſerin: „Behalts nur und erinnere mich gelegentlich daran,“ dann hatte ſie ihre Freude darüber und zeigte ſich gern erkenntlich. Sagte aber die Kaiſerin:„Pfui! die wollen Dich beſtechen— ich will nichts von ihnen wiſſen,“— dann wanderte das ſchönſte und koſtbarſte Geſchenk in derſelben Stunde noch deſſelbi⸗ gen Wegs zurück, und ſie nannte den Namen nicht mehr. Doch hatte ſie, wie begreiflich, ihre Lieblinge und ihre Antipathieen — und zu den Erſteren gehörte jetzt Prinzeſſin Thereſe, deren un⸗ widerſtehliche und tändelnde Laune die alte Dame in beſtändig angenehmer Aufregung erhielt. Durch ihren Beifall hatte ſie auch eigentlich in der Gunſt der Kaiſerin zuerſt Platz genommen. „Sie ſind eine kleine verwöhnte Perſon!“ ſagte die Kai⸗ ſerin am Abend, als die Prinzeſſin ihr die Händ küßte, um ſich 233 zu bedanken.—„Von den eingebildeten oder wirklichen Uebel⸗ ſtänden ihrer Wohnung ſind Sie nun befreit; dagegen wünſche ich mir lebhaft, nichts mehr von Geiſtern, Räubern oder Die⸗ ben zu hören. Zu derlei Dingen iſt Frankreich ein paſſenderer Boden, und ich werde meinen Hellebardieren befehlen, auf Jeden Feuer zu geben, der zur unpaſſenden Stunde bei Ihren Gemächern geſehen wird.“ „Gottlob!“ rief die Prinzeſſin—„welch' ein Leben wird das werden in dieſer Sicherheit künftig! Ich habe förmlich ab⸗ genommen wegen der Nachtwachen, und immer die Nachtmütze auf einem Ohr gehabt, um die nahende Gefahr nur beſſer hören zu können! Glauben Euer Majeſtät aber wirklich, daß ſo er⸗ ſchreckliche Dinge in Frankreich vorgehn?“ Die unverſchämte Frage beantwortete die Kaiſerin mit einer vollen Ladung ihrer ſchönen drohenden Augen, dann ſagte ſie kalt:„Ich habe wenig nachgefragt, was ſich in Frankreich zuzutragen pflegt, denn jedenfalls weicht es ſehr ab von deutſcher Sitte. Doch wünſche ich, die Perſonen, die mich hier umgeben, mögen das dort vielleicht Erlernte nicht anzuwenden ſuchen, denn der gerade deutſche Blick ſieht ſcharf, und es ſind uns viele Dinge Gottlob! hier noch ein Unrecht, die in Frankreich zu den blos geſelligen Scherzen ge⸗ hören.“ „Ja wohl! ja wohl!“ rief die Prinzeſſin—„wie tief fühle ich dieſen ſchönen Unterſchied! Ich verſichere Euer Maje⸗ ſtät, ich bin hier ſchon ſo vorſichtig und bedenklich geworden, daß ich heute Morgen erſchrak, wie die Gutenberg eintrat, weil ich eben meine Pantoffeln auf den Fußſpitzen hatte gegen ein⸗ ander tanzen laſſen. Ich dachte, ſie würden ſich bei der lieben Alten beklagen und ich würde Schelte bekommen.“ „Sie ſind ein unverbeſſerlicher Leichtſinn,“ ſagte die Kaiſerin, und konnte das Lachen nicht unterdrücken.„Ich ſehe 234 nicht ein, warum ich mir die Laune durch Ihre Thorheiten ſoll verderben laſſen!“ In dieſem Augenblick nahte ſich der Graf von Kaunitz, vielleicht in der Hoffnung, von der Kaiſerin angeredet zu wer⸗ den. Sie erhob auch ſogleich die Stimme und rief mit heiterm Tone:„Wahrlich, Kaunitz! ich habe hier ein Pröbchen Eurer angebeteten franzöſiſchen Manieren. Da ſehe ich wohl, wir armen deutſchen Hausfrauen können das nicht mehr lernen— und es thut wahrlich nicht gut und gereicht Euren Plänen nicht zum Vortheil, daß ich meine luſtige Muhme aus Frankreich hier ſo in der Nähe kennen lerne. Was könnte mich wohl reizen, mit einem Lande Freundſchaft zu ſchließen, das über Alles lacht und ſcherzt?“ „Das, wozu Euer Majeſtät überhaupt in Europa berufen ſind!“ erwiederte der Graf—„jedem Lande, jedem Regenten ein Vorbild all der Tugenden zu werden, die einen Thron zieren ſollten. Je weniger ein Land, ein Regent davon zu haben ſcheint, je mehr bedarf es der Allianz mit ſolchen Vorbildern; und je weniger haben Euer Majeſtät zu fürchten— denn die moraliſche Kraft, in der ein Land mit ſeinem Herrſcher zu⸗ ſammen wächſt, iſt die unüberwindliche Armada dem Auslande gegenüber.“ „Das klingt wohl ſchön!“ ſagte die Kaiſerin—„aber es iſt ſehr auf Schrauben geſtellt und macht uns zu einer Art Gouvernante, pour le fautes des pays étrangérs. Auch will uns gerade dieſem Lande gegenüber nicht aus den Gedanken kommen, daß vor nicht gar langer Zeit der hochſelige Kaiſer— mein gnädiger Herr Vater— ein Pröbchen von den langen Fingern des lieben Frankreichs zu erleben hatte. Wahr⸗ lich, ihre Liebhaberei war nicht Schuld daran, wenn in unſerm wankelmüthigen Böhmen uns nicht einer von ihren vielen ille⸗ gitimen oder legitimen Prinzen— wer, darüber war nie Licht 235 zu bekommen— mit der Krone dieſes Landes geziert und eine Muſterkarte ſehr unbeſonnener Bewilligungen präfentirend, uns als unberufener Nachbar überraſchte! So was vergißt ſich nicht, mein Herr Graf von Kaunitz!“ Der Staatskanzler wußte, daß, auf dieſen Punkt zurück gekommen, der Kaiſerin jedesmal die Galle überlief, und dieſe faſt nie vollſtändig bewieſene Intrigue des franzöſiſchen Hofes noch immer ihr Mißtrauen und ihren Widerwillen gegen eine Allianz mit Frankreich unterhalten half. Auch wäre der Graf von Kaunitz vielleicht nicht ſo leichtfinnig über dieſen Gegen⸗ ſtand geweſen, der ſeine ſonſt wohl überlegende Ruhe hätte auf⸗ regen müſſen. Da allerdings erwieſene Thatſachen für das Daſein einer ſolchen Verſchwörung vorhanden waren, hätte er nicht mit einem gewiſſen Stolz angenommen, daß, ſelbſt bei dem Fortbeſtehen ſolcher Abſichten, dieſe doch in ſich ſelbſt zu⸗ ſammen fallen müßten unter der gegenwärtigen Regierung. Sie hatte ſich an die Spitze aller Fortſchritte geſtellt und offen und ehrlich Raum gewährt für die mit Verbeſſerungen und Ab⸗ hülfen beſchwerten Köpfe. Er konnte daher bei dieſer Angele⸗ genheit ungeduldig genannt werden, beſonders da die Kaiſerin wieder durch ſeine leichte Behandlung der Sache gereizt ward, und zum Gegenſatz größeres Mißtrauen zeigte. Seit ihrer Thronbeſteigung hatte die Kaiſerin mehrere Male auf anonymen Wegen Warnungen bekommen, Hinwei⸗ ſungen, als ob eine derartige Aufregung noch nicht, wie Kau⸗ nitz glauben wollte, zu den Träumen ealtirter Köpfe gehörte, die man am Beſten nicht zu beachten habe, um ihnen zum Ver⸗ dampfen Zeit zu gönnen. Sie traute Kaunitz über dieſen Punkt nicht mehr, hatte die Mittheilungen für ſich behalten und ſuchte, ihn umgehend, ſich über dieſe Warnungen Auf⸗ ſchluß zu verſchaffen, zu ihrem Verdruß aber bis jetzt ohne Erfolg. Daß die Kaiſerin jedoch immer noch mit dieſem Gedanken 236 beſchäftigt war, mußte Kaunitz häufig erfahren. Sie benutzte dies und Anderes, um ihre Empfindlichkeit zu äußern, wenn Kaunitz ſie mit ſeiner höheren, freieren politiſchen Anſicht, zu der ſie ſich erſt nach und nach erhob, überraſchte, und mit ihrem richtigen Verſtande das Urtheil abnöthigte, er ſei ihr in ſeiner Weltanſchauung voraus. Da ſie die edle Herrſchaft über ſich beſaß, ihn anzuerkennen und ihm zu folgen, wo ſie den Nutzen einſah, geſtand ſie ſich für dieſe Selbſtbeherrſchung um ſo ſiche⸗ rer den kleinen mißtrauiſchen Tadel zu, den er bald hier, bald dort für einen Leichtſinn, oder gelegentliche Verſäumniß, oder zu raſchen und zu wenig überlegten Fortſchritt hinnehmen mußte. Kaunitz hatte eine ſehr hochmüthige Geduld für dieſe Neckereien, denn er rechnete ſie zu den unumgänglich nothwen⸗ digen Schwächen einer Frau, die keine Beachtung verdienten, und liebte dieſe Frau, die er in ihrem vollen Werthe anerkannte, doch mit der ganzen Zärtlichkeit und Begeiſterung eines großen Staatsmannes und treuen Unterthans; denn wie gehoben auch ſein eignes Selbſtgefühl ſein mochte, wußte er doch eben ſo genau, daß er ohne eine Herrſcherin, wie Maria Thereſia, den Geiſt, der ihn trieb, in Feſſeln ſehen würde. Er wußte, daß ſie in ihrem ganzen Reiche immer die Erſte war, die ihn verſtand, ja er ließ ihr die Gerechtigkeit widerfahren, daß ſie ſeine eignen Ideen oft zur Entwicklung brachte und die Ausführung mit männlicher Energie und mit dem tiefen eigenthümlichen Seher⸗ blick einer Frau betpieb. Was konnten ihm daher im Allgemeinen dieſe kleinen Kriege thun, die er überdies in Frieden zu verwandeln tauſend Nittel hatte, und dabei eben ſo oft den verwöhnten, unentbehr⸗ lichen Staatsmann zeigte, als den gelenkigen Hofmann. Er mußte ſie an jenem Abend für beſonders aufgeregt halten, da er ſie den Morgen mit der franzöſiſchen Allianz ge⸗ drängt hatte und namentlich mit dem nothwendigſten erſten 237 Schritt, mit dieſer verabſcheuten Annäherung an die Marquiſe Pompadvur. Er hatte dabei auf die Prinzeſſin Thereſe, deren kluger Einſicht zu vertrauen ſei, hingewieſen und die Kaiſerin aufgefordert, ihre Kenntniß der dortigen Zuſtände zu benutzen, um über die ungewöhnliche Frau— wie er die Marquiſe nannte— ein unparteiiſches weibliches Urtheil zu hören. Als er die Kaiſerin mit der Prinzeſſin antraf und ihre laute Anrede an ihn hörte, war er ſicher, ſie wolle eben den Gegenſtand erörtern, dem ſie ſich abgeneigt zeigte, und er winkte der Prin⸗ zeſfin, ihr zu folgen, da die Kaiſerin in dem Geſellſchaftskreiſe, der ſie umgab, ihre Umwandlung hielt und eben damit fertig, wie es ſchien, einer tiefen Niſche zuſchritt, in welcher ihr Lehn⸗ ſtuhl ſtand, den ſie an Abenden einnahm, wo ſie nicht ſpielte, und wohin ihr nur auf Einladung der Eine oder Andere folgen durfte. Als ſie ſich niedergelaſſen, ſchien ſie nicht überraſcht, daß Kaunitz ihre Abſicht errathen; ſie winkte der Prinzeſſin, ſich auf ein Tabouret neben ihr niederzulaſſen, während Kaunitz an der andern Seite ſtehen blieb, und ſagte ſogleich mit vieler guter Laune:„Habt Ihr denn zugeſehen, Muhme, wie mein Geſandter Kaunitz ſich damals anſtellte, als er in die Frau Marquiſe— Ihr wißt ſchon— verliebt war?“ „Ach!“ rief die Prinzeſſin—„ungeſchickt wie immer! Wie ſoll ihm wohl die Liebe ſtehn? Wenn er ihre Hand küßte, ſah man ihm an, er berechnete, wie viel tauſend Mann Truppen oder wie viel Millionen Subſidien dieſer weiße Flaum wohl den Muth haben würde, für Oeſterreich zu unterſchreiben— küßte er gar ihre ſchönen Lippen, ſo war es, als wollte er ihnen alle diplomatiſchen Pfiffigkeiten einhauchen, daß ſie meinen Vetter Ludwig mit Allianz⸗Gedanken anſtecken ſollten beim erſten Mor⸗ gengruß— genug, ich hätte einem ſolchen Liebhaber ein Conto⸗ buch ſtatt einem Billet⸗doux überreicht.“ 238 Die Kaiſerin lachte und ſah Kaunitz von der Seite an, der mit ſeiner Rolle ungemein zufrieden war, und der liſtigen Prinzeſſin heimlich dankte, denn er wußte ſehr wohl, daß die Kaiſerin wiſſen wollte, ob er wirklich in die franzöſiſche Schöne verliebt geweſen ſei. „Jeder hat ſeine Weiſe, Prinzeſſin,“ ſagte Kaunitz— „und könnt Ihr leugnen, daß dies Verfahren meiner ſchönen Marquiſe oft ſehr ſchmeichelhaft war?“ „Ja! ſie hatte beſondern Geſchmack,“ entgegnete die Prinzeſſin—„und eine kurioſe Ambition, in den Berichten des Herrn Geſandten zu paradiren. Wenn er ihr des Morgens ein Billet ſchickte auf roſa Atlaspapier, die Ränder mit Blumen bemalt und mit dem Ambra des Orients durchduftet, lachte die Marquiſe wohlgefällig und ließ den Kammerherrn des Königs, der fragen wollte, wie ihr die Chokolade bekommen, im Vor⸗ zimmer ſtehen, um dies Billet zu leſen und zu beantworten. „„Ach,““ rief ſie, wenn es ihr gebracht ward—„„eine Oeſterreichiſche Depeſche!““— Aber was ſtand drin? Ob Jocco, der grüne Papagei, nicht an der Mandel geſtorben ſei, die er Tags vorher entwendet— ob Prinz Biron, dem Affen, der Splitter operirt wäre, den er geſtern beim Tanzen einge⸗ treten? Dann kamen einige ſchwere dunſtige Komplimente. Man wollte zweifeln, daß ſo viel Witz, Schönheit und Geiſt, als geſtern in einer Sterblichen vereinigt geweſen, etwas anders als ein durch Zaubermittel gewonnener vorübergehender Zuſtand geweſen— man ſeußzte, Depeſchen ſchreiben zu müſſen, da man die ganze Nacht von den beiden Grübchen geträumt habe, welche die Begleiter des himmliſcheſten Lächelns geweſen.“ Die Kaiſerin lachte wieder.„Und das ließ ſich die hoch⸗ müthige Närrin bieten?“rief ſie dann mit einem gewiſſen Triumph. „Was hätte ſie ſich nicht bieten laſſen um der Hoffnung willen, Kaunitz werde ihren Namen in einer Depeſche an Eure 239 Majeſtät nennen! Ich glaube, ſie hielt es möglich, er könne eins ihrer antwortenden Billets einſchicken, denn wahrlich, ſie wendete zu viel Witz und Anmuth daran, als daß ich denken könnte, es hätte Kaunitz gegolten.“ „Hielt ſie es denn für möglich, daß dies mein Miniſter wagen würde? Daß überhaupt von einer ſolchen Perſon gegen mich die Rede ſein dürfte?“ Die Prinzeſſin wagte es, hier ſo gegen den Reſpekt zu lachen, daß die Kaiſerin faſt über dieſe Unverſchämtheit erſchrak. Da ſie aber aus Erfahrung wußte, wie wenig mit dieſem un⸗ verbeſſerlichen Weſen anzufangen war, überwand ſie ſich und ſagte blos zu Kaunitz:„So etwas bewundert Ihr nun?“ „Laſſen mir denn Euer Majeſtät ein Recht zum Gegen⸗ theil?“ erwiederte Kaunitz. Als die Kaiſerin ſich wieder zur Prinzeſſin wandte, fuhr dieſe aus ihrem Lachen auf, als habe ſie nichts bemerkt, und ſetzte hinzu:„Wer das ſchöne mächtige Frankreich beherrſcht, und ſeinem Könige alle Tage vorſchreibt, was er thun oder laſſen ſoll, der hält ſich für wichtig genug, um in den Kabinetten der andern Mächte eine Rolle zu ſpielen. Aber er hält nicht jedes Kabinet der Ehrewerth⸗ſich hierzu wichtig genugzuerachten.“ „Abſcheulich! Abſcheulich!“ rief die Kaiſerin— bei ſo tiefer Verderbtheit dieſe Anmaßung, dieſe auf die grauſamſte Schwäche baſirte Wichtigkeit! Wohin muß der König, wohin das Land unter ſolchen Umſtänden kommen— der Abgrund muß ſchon aufgedeckt ſein, der es verſchlingen wird.“ „Und wenn es von dem Sprunge hinein noch aufgehalten werden ſollte, ſo wird dies die kleine, ſeidenweiche Hand eben dieſer Marquiſe bewirken,“ ſagte die Prinzeſſin gemächlich— „denn das Beſte, was ſeit hundert Jahren in Frankreich ge⸗ ſchehen iſt, das bewirkt eben dieſe— wie mein Herr, der Graf von Kaunitz ſagt— dieſe ungewöhnliche Frau.“ 240 Kaunitz verneigte ſich lächelnd. Er wollte nicht mit ein⸗ reden; Alles, was ſie ſagte, war ihm recht und beſonders war ihm lieb, daß es ein Anderer als er ſelbſt ſagte. „Ach,“ entgegnete die Kaiſerin—„was ſo eine junge Perſon Alles beurtheilen will!— Ihr Friſeur und ihre Kam⸗ merjungfer werden die Würden des Reichs vertheilen— wenn ihre Affen tanzen lernen, ſo wird ſie glauben, die Künſte zu beleben— für gelehrt wird ſie den halten, der ihre Sünden am beſten vertheidigt, und ihm werden die Belohnungen zu⸗ fallen. Das heißt dann eine ungewöhnliche Frau!“ „Ich habe nie an ihrer Einſicht gezweifelt,“ ſagte die Prinzeſſin gleichgültig—„denn ſie hat mich verſichert, die Kaiſerin Maria Thereſia wäre die erſte Herrſcherin auf einem Throne und ſie wäre ihr in allen ihren Regententugenden ein Vorbild, welches ſie mit dem bitterſten Neide und dem glühendſten Nacheifer erfüllte.“ „Es iſt weit gekommen,“ ſagte die Kaiſerin merklich milder —„daß wir, die eingeborne Fürſtin eines Reiches, uns als ein Vorbild denken müſſen für die Maitreſſe eines pflichtver⸗ geſſenen franzöſiſchen Königs.“ „Ja, das dachte ich auch,“ rief die Prinzeſſin—„und verſchwieg es ihr nicht. Aber da ward ſie ſo wüthend, daß ſie ihren Fußſchemel umſtieß und ihr heiße Thränen ausbrachen. Sie nannte mich, glaube ich, ein Tigerherz, einen kalten deutſchen Marmelſtein, daß ich nicht gleich fühlen könne, wie viel größer ihr Verdienſt ſei, da jedem guten Willen, jeder höheren Einſicht, die ſie ins Leben wolle übergehen laſſen, dieſer ewige Makel aufgedrückt ſei und einen Widerſpruch etzeuge, der immer da am ſtärkſten hervortrete, wo die ſchäd⸗ lichſten Mißbräuche aufgehoben werden ſollten, die in dem Eigennutze Einzelner zu wurzeln pflegten. Wie ſie wohl Schmähungen und Vorwürfe für die Uebel erlitte, die ſie nicht 241 verſchuldet, aber keinen Dank, keinen Segen ernte für das Gute, was ſie hervorgerufen.“ Die Prinzeſſin fuhr fort, als ſie ſah, daß die Kaiſerin aufmerkſam zuhörte und ſogar einige Sätze mit dem Nicken ihres Kopfes zu begleiten anfing.„Ich wußte in ganz Paris keinen ſchicklicheren Platz als hinter ihrem Armſtuhl. Was war das für ein Vergnügen, ſolchen Morgen mit ihr zu durchleben! Was da Alles vorkam— die alte Amme, die in ſchwarze Serge gekleidet an ihrem Stabe die Höhlen des Unglücks und der Schande durchſtreifte, und jeden Morgen den leeren ſeidenen Beutel wiederbrachte, den ſie gefüllt mit ſich nahm. Dieſe Berathung, ob nicht noch andere Hülfe als Geld nöthig wäre— und der Polizei⸗Lieutenant, der dann ſeine Aviſo's bekam, oder Berichte machte— und dann der ſchleichende Abbé Bernis, der ſich ſeine Inſtruktionen holte und den ſie tauſend Mal mit ihrem glänzenden Geiſt überflügelte, um die Maaßregeln zu hindern, die eigentlich nur zu ſeinem Vortheil ergriffen werden ſollten. Dann der liebenswürdigſte Sterbliche in der Geſtalt eines raſirten Pavians— ich meine Voltaire— der mit ſeinem univerſen Geiſt, mit ſeinen gött⸗ lichen Poeſien und dem nie verſiegenden Quell ewig neuen friſchen Witzes in ganz Frankteich nur in ihr das nöthige Ver⸗ ſtändniß findet, und ſtets eine Liſte von neuen Vergünſtigungen für Künſte und Wiſſenſchaften in der Taſche hat, die ſie ins Leben rufen ſoll. Glaubt man ſie von dem Eifer ermüdet, womit ſie ſich allen dieſen Intereſſen hingiebt, dann tritt ſie in einen Saal— da liegen Stoffe und Erfindungen vor ihr aus⸗ gebreitet, und Berichte machend ſtehen Fabrikanten, Mechaniker und Handwerker aller Art um ſie her; ſie läßt ſich belehren und prüft und unterſcheidet und giebt Urtheile, die oft den Gewandteſten überraſchen. Und wenn ſie den Troß entläßt, ſo verbreiten ſich von dieſem kleinen Salon, wie von dem Knäul des Webers, die Fäden weit hinaus, und neue Kraft— neue Thätigkeit erwacht!“ Thomas Thyrnau. I.. 16 242 Die Kaiſerin hatte mit ſo ſteigendem Beifall zugehört, daß ſie nicht mehr wußte, von wem die Rede war. Jetzt fiel ihr der Fächer hin— als die Prinzeſſin ihn aufhob, rief ſie, wie aus einem Traume erwachend:„Was! was, Muhme! von wem redet Ihr? Wer ſoll das ſein, den Ihr ſo geſchildert?“ „Die Marquiſe de Pompadour,“ erwiederte die Prinzeſſin obenhin. „Kaunitz,“ ſagte die Kaiſerin—„Ihr habt es ſie aus⸗ wendig gelehrt!“ „Die Prinzeſſin Thereſe lernt nur, was ihr eigner Kopf ihr berichtet,“ erwiederte Kaunitz—„ſelbſt wenn ich des klein⸗ lichen Mittels fähig wäre.“ Die Kaiſerin fühlte die Wahrheit dieſer Entgegnung. „Dann iſt dieſe Marquuiſe Pompadvur,“ ſprach ſie aufſtehend —„ein unglückliches Weib, dem wir unſere Theilnahme nicht verſagen können!“ Sie hatte das göttliche Leuchten des Blickes, welches ſtets nach einem innern Siege, nach irgend einem edlen erhebenden Eindruck ſo entzückend ſchön hervortrat. Sanft nickte ſie dem Grafen und der Prinzeſſin zu, und ihr Hofſtaat trat hervor, in deſſen Mitte ſie die Geſellſchaftszimmer verließ. Das wird Ihnen Oeſterreich einſt danken, und Kaunitz wird ſich an Macht und Einfluß noch zu arm halten, wenn die Prinzeſſin Thereſe jemals einen Wunſch für ihn hat,“ rief er faſt mit Entzücken— und die Prinzeſſin ſah, mit ironiſchem Lächeln ihn muſternd, daß dies die Liebeserklärung eines Mi⸗ niſters war. „Ich verliere meine Schuhſchnalle,“ rief ſie und ſtemmte den ſchönſten Fuß ſo ungeſtüm auf den Fußſchemel der Kaiſerin, daß davon vielleicht eben die Zacken aufſprangen. Da beugte Kaunitz den geraden ſtolzen Rücken und drückte die Schnalle zuſammen. Als er wieder in die Höhe ſah, lachte ſie laut auf und rief;„Nicht auf Eure Art ſollt Ihr mir huldigen, Herr 243 Miniſter— ſondern auf die, welche mir bequem iſt! Was bildet Ihr Euch ein? Denkt Ihr, ich könnte es in Eurem lang⸗ weiligen Deutſchland aushalten, ohne meine lieben franzöſiſchen Erinnerungen? Zu meinem Vergnügen habe ich mir das eben vorerzählt. Daß es gerade traf, iſt mir ganz gleich. Ihr werdet doch zu allen Allianzen mit dieſem Lande zu ungeſchickt ſein und ich will nichts damit zu thun haben.“ „Sie machen mir das nicht weiß, Durchlauchtigſte,“ ſagte Kaunitz—„Sie wollen damit zu thun haben und bemühen ſich bereits darum— wäre es auch nur, um ſich an Monſieur de Bernis zu rächen! Diesmal gehen Sie wider Ihren Willen mit mir denſelben Weg— und ich hoffe, wir haben den böſeſten Theil deſſelben zurückgelegt. Wenn,“ ſetzte er lächelnd hinzu, indem er ſie ſcharf fixirte—„wenn nicht eine gewiſſe Verſchwö⸗ rung uns wieder aufhält.“ 4 „Was brauchen Sie von dieſer Verſchwörung ſo gering⸗ ſchätzig zu ſprechen, als ſei es etwa eine Geiſtererſcheinung, die in dem Kopfe eines liebekranken Mädchens entſtanden. Hüten Sie ſich! ich fürchte, ſie macht Ihnen noch üble Laune!“ „Gewiß!“ lächelte Kaunitz—„wenn ſie auf das aller Entfernteſte die Ruhe der ſchönſten Prinzeſſin ſtört— ja, wäre es auch nur die einer Ihrer Anbeter.“ „Pah!“ rief die Prinzeſſin, indem ſie aufſtand und den Arm der Gräfin von Hautois nahm—„die Ruhe meiner An⸗ beter iſt noch nie ein Gegenſtand meiner Betrachtungen oder meiner Theilnahme geworden. Ich gebe ſie Ihnen Alle Preis!“ „Armer Kaunitz!“ rief der Miniſter lachend—„ich ſehe, die Liebe ſteht mir hier ſo ſchlecht, wie in Frankreich!“ „Das macht,“ erwiederte die Prinzeſſin—„weil die Liebe nur den ziert, der ſich ihr um ihrer ſelbſt willen ergiebt. Eure Liebe iſt für Euch nichts Anderes als eins Eurer hundert tauſend Mittel, irgend einen Zweck zu erreichen, und wenn Eure 16* 244 diplomatiſche Feinheit die ganze Welt betrügt, werdet Ihr doch von einem Weibe errathen werden, ſelbſt wenn ſie ein Neuling — eine von ihrer erſten Liebe ſo eben erſt Geneſene wäre.“ „Wie viel mehr alſo“— ergänzte Kaunitz. Doch die Prirzeſſin brachte ihn um den Triumph ſeiner boshaften Ent⸗ gegnung— denn ſie war verſchwunden. Am andern Morgen nach der Audienz bei der Kaiſerin, erſchien Frau Gutenberg in dem Palaſt der Fürſtin Morani, um ſich in Namen der Frau Kaiſerin nach dem Befinden der lieben Braut zu erkundigen. Aus jedem Worte der alten Vertrauten leuchtete der Fürſtin der verſöhnende Wille der hohen Frau ent⸗ gegen, und endlich überreichte ſie ihr einen ſo einfachen goldenen Ring mit dem Namenszuge der Kaiſerin, daß die Fürſtin wohl fühlte, wie hoch ſie ſich geehrt halten durfte. „Majeſtätchen meinen nur, die liebe Spielgefährtin damit ihrer unveränderten Geſinnung zu vetſichern. Die Frau Ober⸗ hofmeiſterin, Gräfin von Fuchs, werden nachher die kaiſerlichen Glückwünſche en gala überbringen.“ „Ach, meine erhabene großmüthige Herrſcherin! rief die Fürſtin und drückte zärtlich die Hände der lieben alten Frau, „wie tief empfinde ich dieſe Güte! O, meine liebe Gutenberg, leiht mir Eure Worte, um der Kaiſerin auszuſprechen, was ich ſo tief fühle.“ „Will ſchon! will ſchon! mein liebes Durchlauchtchen!— Brauche ja nur zu erzählen, was meine Augen wahrnahmen, um Sereniſſime zu enchantiren.“ Nach dieſem Beſuche fuhr zur angemeſſenen Stunde die Oberhofmeiſterin Gräfin von Fuchs nit einigen Hofdamen und Kavalieren der Kaiſerin vor. Ihr folgte eine ununterbrochene 245 Kette der in Wien anweſenden Notabilitäten, die nach der An⸗ zeige der Gräfin von Fuchs ihre Anweiſung zu dieſem Beſuch empfangen hatten. Es gereichte der Fuͤrſtin ſehr zum Troſte, daß ſie Mittel beſeſſen, um in kürzeſter Zeit die Ausſtattung des leer gewordenen Audienzſaales zu bewirken. Sie konnte nun ohne Erröthen ihre Standesgenoſſen an dem Orte empfan⸗ gen, den ſie in ſeiner Beraubung nicht geſehn und jetzt in ſeiner alten Pracht wieder fanden, und vielleicht war es dieſe innere Genugthuung, die der Fürſtin über manches Andere ihrer pein⸗ lichen Gefühle hinweg half. Nach dieſem anſtrengenden Tage gereichte ihr der Abend, der ihr den Grafen Lach und einige wenige Freunde zuführte, zu einer ungemeinen Erquickung, denn ſie fühlte, ſie habe den ſchwerſten Theil ihres Verhältniſſes hinter ſich, und das Glück ihres Herzens trat immer muthiger aus der Verborgenheit hervor und verbreitete eine anmuthige Lebendigkeit über ihre Züge. Lacy ſah es mit großer Freude und fühlte ſich dadurch ſelbſt in allen ſeinen Hoffnungen geſteigert.„O,“ rief er, indem er der Prinzeſſin Thereſe näher rückte, die ſich, ſchön wie ein blühender Roſenzweig, in ihrem Fauteuil wiegte—„jetzt, da Sie meine liebe Muhme werden, müſſen Sie mir auch bei⸗ ſtehn, wo ich einer recht wirkſamen Hülfe gegen meine Claudia bedarf.“ „Gegen? gegen? rief die Prinzeſſin—„fängt das ſchon an? Kaum das Ziel erreicht und ſchon gegen?“ „Gegen heißt hier— für ihr Beſtes,“ fuhr Lacy fort— „ich will, ſie ſoll in unſere ſchnelle Vermählung willigen, damit ich ſie ohne alles Bedenken dieſer Stadt entführen kann und dieſer Sommer nicht vorüber geht, ohne daß die Landluft ihre erſchütterte Geſundheit geſtärkt hat.“ „Und dazu ſoll ich die Hand bieten?“ rief die Prinzeſſin.— „Nein, mein holder Vetter in Spe— nimmermehr, jedes 246 Verlöbniß durchrieſelt mich ſchon mit den Schauern der tieſſten Schwermuth— aber fördern— zureden— könnte ich um die Welt nicht! Wie ein Geſpenſt würde die Zukunft vor mir auf⸗ tauchen— ich würde mir zurufen hören: Thereſe, warum haſt Du zugeredet, daß dies Joch über mich geworfen? Ich würde die erbosten Blicke ſehen, die mich dann verfolgen würden. Die Tauben, die ich jetzt auf einer Stange ſchnäbelnd ſitzen ſah, die würde ich dann wüſt mit den Flügeln gegen einander ſchlagen ſehen, und bald das Reſt der Einen auf dem Eichbaum — das andere in der Dachſparre angeflickt! Nein! ich habe zu viel Ehen geſehn, um nicht jede im Voraus für getäuſcht zu hal⸗ ten, die mit der thörichten Hoffnung auf Glück anfängt.“ Lacy lachte laut. Seitdem er glücklich war, fand er die Prinzeſſin, die er früher nicht ſehr geliebt hatte, als eine rei⸗ zende Zugabe und ihre heitere Laune wie geſchaffen, die gute Claudia zu unterhalten. Auch ihre Schönheit konnte er nicht wol überfehen, denn ſie hatte die große Gabe, gerade ſo ſchön zu ſein, als es paſſend war. „Verſuchen Sie es, Prinzeſſin!“ rief er—„Wenn ich Sie in Ihrer meiſterhaften Ausſtattung vor mir ſehe, begreife ich, daß Sie ſich ſelbſt für zu gut halten, um der Preis eines liebenden Herzens werden zu wollen. Aber gewiß müſſen Sie doch einſt, wenn auch gegen Ihren Willen, die Widerlegung Ihrer Behauptung werden— und zuerſt gehe ich Ihnen mit Claudia als gutes Beiſpiel voran— machen Sie es dann bald nach! Es reizt mich, Sie überwunden zu ſehn.“ Die Prinzeſſin war viel zu ſcharfſichtig, um hinter dieſen galanten Worten mehr zu ſuchen, als die gewöhnlichen Redens⸗ arten der großen Welt. Aber es war ihr doch Recht, daß ſie etwas Terrain gewonnen. Sie verließ ſich auf den Zauber fort⸗ geſetzter Neckereien und wußte, wie wenig die gute Fürſtin Mo⸗ rani darin mit ihr rivaliſiren könne. Dieſe trat ſo eben auf die Terraſſe, auf der man ſich befand, hinaus, und führte zwei Kinder an ihrer Hand, in denen der Graf ſeine kleinen Lieblinge aus dem Urſulinerhof erkannte. Beide ſahen verweint aus. Egon's hochfahrendes Weſen hatte ihn für diesmal verlaſſen; die Trennung von Mora hatte in ihm blos die Zärtlichkeit des Kindes erregt. Er weinte zwar nicht mehr, aber es war eine ſo tieſe theilnahmloſe Traurigkeit über ſeine Züge verbreitet, daß er gegen nichts Widerſtand zu leiſten ſuchte. Noch trugen ſie ihre beſcheidnen Kleider, und als Lach ihnen entgegen ging und Egon die Hand bot, hielt dieſer ſie feſt und drängte ſich an ſeinen Arm, als fühle er, daß er eines neuen Schutzes bedürfe nach der ſchmerzlichen Tren⸗ nung von Mora. Jeder ſuchte nun nach ſeiner Art ſich mit den neuen An⸗ kömmlingen zu beſchäftigen. Die Prinzeſſin liebkoſte Hedwiga, die ſie als den Engel mit dem Kloſterkäſe wieder erkannte; Georg Prey redete zu Beiden, um den Stand ihrer Kenntniſſe zu erfahren, und Lach und die Fürſtin beriethen ſich leiſer redend immer aufs Neue über ihre Erziehungspläne, wobei ſie mehr als einmal fürchteten, von der erwachenden Liebe für ihre Schütz⸗ linge zu weit geführt zu werden. „Es iſt zwar wahr,“ fuhr der Graf fort—„daß wir über ihre Herkunft nichts wiſſen, und daß dieſe zuletzt einer Er⸗ ziehung ſich nicht angemeſſen zeigen kann, wie wir Beide ge⸗ neigt ſind ſie ihnen zu geben; aber wir müſſen uns zugleich ge⸗ ſtehn, daß es nur von uns abhängt, ihre Zukunft gegen Hülfloſigkeit und entehrende Verhältniſſe zu ſchützen. Die Be⸗ günſtigungen der Natur ſind hier ſo ſichtlich, daß es uns ein immerwährender Vorwurf ſcheinen müßte, wenn wir nicht ihr Werk durch eine Erziehung vollenden wollten, die ihnen kaum zu verſagen ſcheint. Hedwiga wird, zu Ihrer Geſellſchafterin erzogen, grade den Platz, denke ich, einnehmen, der zu große 248 Anſprüche abhält und doch jeden Vorzug geiſtiger Entwicklung zuläßt, ſogar nöthig macht. Egon muß militairiſche Kenntniſſe bekommen; der Krieg, der nicht auf ſich wird warten laſſen, giebt ihm Gelegenheit, ſich einen Namen zu machen, wenn das Schickſal ihm wirklich dieſe erſte Begründung des Lebens verſagt haben ſollte. Die ganze Zeit fordert mehr Zugeſtänd⸗ niſſe, als unſere vornehme Verwöhnung noch überall einräumen möchte, denen wir aber doch zu unſerer Befriedigung diesmal Geltung verſchaffen dürfen.“ Die Fürſtin lächelte ihrem Verlobten freundlich entgegen — es war ihr jedes Wort aus dem Herzen genommen.„Ich würde die Widerſprüche, in die ich bei der Befolgung eines an⸗ dern Plans geriethe, auch kaum ertragen können,“ ſagte die Fürſtin—„und dann erſt würde Hedwiga zu bedauern ſein, denn ſie würde durch meine Liebe halb mein Kind ſein und dann, durch geringe Verhältniſſe herabgedrückt, vielleicht an ihrem Karakter Schaden leiden. O wie oft habe ich dieſe vornehmen Spielpuppen beklagt, die aus niederm Stande, oder durch ſon⸗ ſtige Verhältniſſe bloßgeſtellt, ein ſchönes Aeußere und Schutz⸗ loſigkeit in die Hände vornehmen Müßiggangs überführte, um entweder mit den Affen und Hündchen der Boudoirs um die Wette durch Thorheiten die Langeweile leerer Stunden zu vertreiben— oder als Probe irgend einer verworrenen Er⸗ ziehungsmethode planlos durch den ganzen Jammer un⸗ zweckmäßiger Studien oder naturwidrigen Zwanges den verſchrobenen Vorſtellungen ihrer Erzieher zu dienen. Die traurigen Reſultate, die daraus erwachſen und die dieſe grauſamen Beſchützer ſich allein zu danken haben, überraſchen ſie dann. Sie glauben ein Recht zu haben zum Zürnen, und meinen, es ſtehe ihnen zu, ein alſo entartetes Weſen in die Verhältniſſe zurückſtoßen zu dürfen, denen ſie mühſam entftem⸗ det wurden. . * 249 „Davor wollen wir denn unſere Schützlinge behüten,“ rief der Graf mit Rührung, den ſchönen Eiſer Claudia's fühlend. „Ihr Bild iſt wahr und ich habe es oft erkannt, daß wir nur wohl thun, wenn wir das Individuum ſeinen Geburtsverhält⸗ niſſen nicht entfremden. Das Genie, welches ſich ſelbſt die Bahn bricht und am Ende keinem Stande mehr angehört, macht natürlich die Ausnahme, zu der es ſelbſt gehört, und es wird — was wir äußerlich Begabten da geben können— ſchon von ſelbſt in der Form von uns fordern, die es brauchen kann. Aber bei unſern Schützlingen haben wir freie Hand, ſo lange das Geheimniß der Frau Mora nicht unſer iſt. Doch bliebe es immer wünſchenswerth, wenn Sie, theure Claudia, mit Ihrer unwiderſtehlichen Liebenswürdigkeit der alten Frau das Herz öffneten, denn ich glaube nun einmal nicht, daß ſie dem Stande der Frau Mora angehören.“ „Was haben Sie dagegen, wenn ſie dennoch von ſo niedri⸗ ger Geburt wären,“ erwiederte lächelnd die Fürſtin.„Soll ich Sie nicht endlich doch für ſtolzer geſonnen halten, als mich ſelbſt, da Sie die holden Kinder durchaus nobilitiren wollen, und meine ältere Freundſchaft mit ihnen doch nur mit den armen Kindern des unterſten Standes geſchloſſen ward.“ Ach, ſagte der Graf,—„Sie wollen meine Freiſin⸗ nigkeit perſifliren und doch habe ich viel für mich anzuführen. Mir iſt dieſe Vorausſetzung höherer Geburtsanſprüche nicht noth⸗ wendig, um dieſe merkwürdigen Kinder zu lieben und ihnen meine volle Theilnahme zu ſchenken; aber ich kann die Wahr⸗ heit nicht leugnen, daß mit der Armuth auch am häufigſten der tiefe Geiſtesdruck dieſer Klaſſe eintritt und auf die Fortpflanzung den Stempel drückt, der mit ſeinen Aehnlichkeiten an den trau⸗ rigen Rückſchritt zur Thierwelt erinnert. Glauben Sie aber mit dieſem Bekenntniß keinen Triumph über meinen liberaleren Sinn zu gewinnen; denn iſt es auch wahr, daß die Armuth, 2⁵⁰ die ſchlechte Nahrung, der Mangel geiſtiger Entwicklung den Stempel der Rohheit auf die Bildungen der Kinder überträgt: ſo ſtraft die gerechte Natur doch in allen Ständen die geiſtige Rohheit, und wir ſehen, wie auch in unſern Kreiſen ganze Ge⸗ ſchlechter in Verkrüpplung, widriger Bildung oder Geiſtes⸗ ſchwäche die Vernachläſſigungen zur Schau tragen, die hier vielleicht eben ſo dem Uebermaaße äußerer Begünſtigungen zu⸗ zurechnen wären, als dort der Beraubung derſelben.“ „Ja wol,“ ſagte die Fürſtin faſt traurig—„Denken Sie nur daran, was für Eindrücke wir oft durch die Geſchichte ein⸗ zelner Nationen in uns tragen. Berühmt iſt der Adel mancher Länder durch ſeine Schönheit, die der Träger großartiger Ge⸗ ſinnungen ſcheint, und dem Ruhm eines Landes als Bürgſchaft dient. Aber wie erſchrecken wir, wenn wir vergeſſen haben, daß wir die Geſchichte, wie ſie vor vielen hundert Jahren ſich begab, in unſere Einbildungskraft aufnahmen, und nun zur Selbſtanſchauung gelangt dem kläglichen Geſchlechte begegnen, das bis zu den Formen des Körpers hinab, nicht einmal die Schattenbilder der Heroen vorſtellen könnte, die einſt die Paläſte bewohnten, und die blühenden Fluren ruhmgekrönt beherrſchten, die nun ſelbſt da ſtehn, als führten ſie bittere Klagen über die Bewohner, die ſie dulden müſſen.“ Ha!“ rief der Graf lächelnd—„Claudia, Ihre traurige Wahrheit iſt Selbſtanſchauung geweſen— Sie ſchildern Ihr Vateriand— Sie ſchildern Italien!“ Ja!“ ſagte die Fürſtin—„ich habe genug dabei gelitten. Wie klangen die erhabenen Namen in mein Ohr, welche die Trä⸗ ger großer Begebenheiten, mich mit tiefer Ehrfurcht vor dem Nachkommen erfüllten, in deſſen Zügen ich noch den Ruhm zu leſen hoffte, der ſeinen Namen verherrlichte! Ach! wenn ich mit klopfendem Herzen durch die Räume wandelte, die einſt dem hohen Bedürfniß eines ſolchen Geiſtes genügend, zu ſeinen 251 täglichen Erforderniſſen gehörten— wenn ich den Geiſt mit Be⸗ wundrung anſtaunte, der die Pracht durch die Kunſt veredelte und ſich als den Mittelpunkt ihrer Gaben fühlte, wie ward mir dann ſo ahnungsvoll und bang, wenn ich die marmornen Pforten, welche in ihrem Portikus die Götter der alten Welt beſchirmten, mit rohen Bohlen verſchlagen fand, und durch ein Seitenpförtchen in den Götterſitz eingelaſſen, die träge Luft des Staubes und des Moders in den weiten Räumen fand, die der Nachkomme nicht mehr zu ſeinem täglichen Bedürfniß zählte. Spinngewebe hingen um die hohen Wände und verhüllten die Bilder jener ewigen Meiſter— der Moder brach das Moſaik des Fußbodens— der Thyrſusſtab des heitern Faun's lag am Bo⸗ den, und die Hand der Venus, die frohlockend den Apfel hob, war bis zum Gelenk verſchwunden. Ein roher Holzklotz trug den Muſageten, deſſen zuſammengeſunkenes Piedeſtal vergeblich ſeine Erhebung hoffte, während die verſtaubten Töchter Niko⸗ medes traurig darauf niederſahen. Hier ſollte ich den Nachkom⸗ men des Geſchlechtes finden, das dieſe Herrlichkeit erſchuf! Ich zweifelte. Für einen Irrthum hielt ich unſere Einladung!— Er mußte weit weg ſein, verbannt, unfähig, den heiligen Be⸗ ſitz zu ſchützen! Dann weckte mich die Stimme des Vaters— er war ſchon daran gewöhnt. Ich hörte den großen Namen— umſchauend wollte ich den Beſitzer finden— er ſtand ſchon vor mir! Ja, wie Ihr ſagtet, theurer Lach! in Verkrüpplung, widriger Bildung ſtraft die gerechte Natur unter den Wundern des Geiſtes um ſo ergreifender die Roheit der Seele, die dem Uebermaaße äußerer Begünſtigungen blos den materiellen An⸗ theil abzugewinnen verſtand. Ein ferner Flügel des Palaſtes war mit dürftigem Modewerk ausgeſtattet— die kleine Seele war hier froh und fühlte ſich behaglich. Sprach man von jenen Schätzen, da war es, als ſpreche man von den Geſpenſtern des Hauſes, die Niemand rechtkennen wollte, gern auf andere Dinge übergehend.“ „Dieſen Geheimniſſen des Rückſchrittes frägt man viel zu wenig nach,“ ſagte der Graf—„Wir ſehen einzelne Geſchlech⸗ ter, wir ſehen ganze Länder, oder bald dieſen, bald jenen Stand in einer Nation ausarten; von großem Anſehn herab⸗ ſinken bis zur tiefſten Erniedrigung, und die Geſchichte des Adels zieht eben darum unſere Aufmerkſamkeit ſo auf ſich, da derſelbe durch das erlangte Vorrecht berufen iſt, an der Spitze des Volkes zu ſtehen.“ „Ja,“ ſagte die Fürſtin—„wie iſt es zu begreifen, daß die erſte Entſtehung ſolcher Vorrechte, die Erhebung aus dem Dunkel, das Erringen von Macht, Rang und Anſehn ſo häufig von einem höheren geiſtigen Aufſchwung, von einem edleren Bedürfniß uns Zeugniß ablegt, als wir dann ſpäter erhalten ſehen, wo die Geburt das Individuum ſchon begünſtigt auf den Höhenpunkt ſtellt, der die vollkommenſte Aufrechthaltung des Geiſtes und Gemüthes erwarten ließe. Sollten wir es nicht natürlicher finden, daß unter einer ſolchen geſicherten Einwir⸗ kung das Individuum— getrennt von jedem gemeinen Einfluß — zu einer höheren und reineren Entwicklung gelangen müßte? Doch iſt es ſo oft der Fall, daß wir dort die größten Täuſchun⸗ gen erfahren!“ „Es iſt auch nicht ſo unerklärlich, liebe Claudia!“ ſagte der Graf—„Wer ſeine Exiſtenz ſich erſchafft, der hat in Wahr⸗ heit den Beruf und die Befähigung dazu von der Natur bekom⸗ men, und er ergreift den Beſitz noch mit der geprüften Kraft, mit dem entwickelten Geiſte, der ihn eben zum Beſitz befähigte. Solche Eigenſchaften laſſen ſich, trotz der hochmüthigen Voraus⸗ ſetzung unſeres Standes dennoch nicht vererben. Abgeſehen davon, daß die Natur hier oft mit einem geheimnißvollen Eigenſinn verfährt, würde es doch bei gründlicherer Prüfung oft mehr eine unbeſtechliche Gerechtigkeit derſelben zeigen, wenn ſie die Frucht nicht ſchöner reifen läßt, als der morſch gewordene 25⁵3 Stamm die Kraft dazu beſitzt. Der errungene Beſitz iſt immer ein Stillſtand und dieſer die größte Verführung für die Schwä⸗ chen der menſchlichen Natur. Was von dem Beſitz großer Mittel ausgehend, zuerſt eine fröhliche und oft mit ſo viel Geiſt ver⸗ bundene üppige Benutzung des Lebens iſt, wird, durch mehrere Generationen hindurch verfolgt, dennoch leiſe abwärts führen. Freigebigkeit wird Verſchwendung, der hohe, Glanz liebende Kunſtſinn wird in elende Prunkſucht oder in die Ueppigkeit aus⸗ arten, die mehr leibliche als geiſtige Genüſſe befriediget. Die Zeit wird als das läſtigſte Material des Lebens mit allen Mit⸗ teln der Ueppigkeit um ihren Antheil betrogen. Phyſiſche und moraliſche Entartung, von den Vorrechten noch bedeckt, welche die Tugenden der Vorfahren erringen halfen, wird in dieſer Ungeſtörtheit fortwuchern, und nach und nach werden uns die Individuen überraſchen, die aus dieſer nach Außen noch geſi⸗ cherten Verderbtheit ins Leben treten und den Namen, den ſie tragen, um alle daran geknüpften ehrenden Erinnerungen zu betrügen ſcheinen.“ „Ach, welch' trauriges Bild!“ rief Claudia bewegt.„Es müßte ja Zweifel erregen an dem ſchönen Stolze, ſich einer alten Familie zugehörend zu wiſſen!“ „Wir werden wenigſtens erkennen lernen, theure Claudia, daß wenn wir Urſach zu dieſem Stolze haben, wir es Denen danken, welche mit ſtrenger Weisheit erkannten, daß es eben ſo viel Kraft, Thätigkeit und Mäßigung in den dargebotenen Genüſſen bedarf, das Errungene zu erhalten, als ſeine Ent⸗ ſtehung zu begründen; daß Vorzüge der Geburt immer aufs Neue von jedem einzelnen Individuum durch Verdienſte beſtä⸗ tigt werden müſſen, wenn ſie nicht eine Uſurpation des Vor⸗ rechts werden ſollen, welches dann ihr ſtärkſter Ankläger werden wird, und den Spott wie die Verachtung rückſichtslos auf ſich lenken muß. Aber wenn wir einzelne Familien ſo betrachten 254 und uns damit ihre endlichen uns befremdenden Schickſale er⸗ klären, ſo gilt daſſelbe von den Schickſalen ganzer Stände, ganzer Nationen! Sie behaupten ſich, von innerer Verderbniß untergraben, in ihren Rechten nur ſcheinbar nach Außen, bis die heilſamen Welterſchütterungen, die wie rächende Engel ihren Umzug halten und endlich an jedem morſch gewordenen Gebäude rütteln, es zuſammen ſtürzen und wenigſtens die große Wahr⸗ heit dem verſinkenden Moder entſteigen laſſen, daß es keinen ewigen Beſitz giebt. Nur der immer wiederkehrende Frühling des menſchlichen Geiſtes, der auch auf dem Aſchenhaufen, den die zerſtörende Lava über die verlorene Pracht ſtreut, ſich aufs Neue anſiedelt, übt die Kraft aus, den Beſitzſtand des Men⸗ ſchen im Allgemeinen auf dieſer Erde zu verewigen.“ „Ei! ei!“ ſagte Georg Prey—„wo habt Ihr die Er⸗ fahrung des Greiſes hergenommen? Das ſind ſchwere hoch⸗ wichtige Betrachtungen, von denen es ſich fragt, ob es gut iſt, ſie ſo ſcharf zu beleuchten und den daraus gefolgerten Schlüſſen eine Anwendung zu geben, die vielleicht dem höchſten Willen entgegen iſt.“ Was uns der Wahrheit nahe bringt,“ entgegnete Lach, „was zur Erkenntniß unſerer gebrechlichen menſchlichen Natur führt, kann nie mit dem höchſten Willen in Widerſpruch ſtehn, denn alle Vorſchriften für unſer Heil laufen in der großen Er⸗ mahnung aus: Erkenne Dich ſelbſt! So lange wir uns ſcheuen werden, den Uebeln bis an ihre Wurzel nachzuſpüren, ſo lange unſer hochmüthiger Korporationsgeiſt nur dahin wirken wird, die Rohheiten unſeres Gleichen zu bemänteln, ſie zu läugnen, ſie anderer Natur finden zu wollen, ſie eher zu dem geziemenden heitern Uebermuth zu zählen, den wir uns gern zugeſtehn, als ſie zu den Gemeinheiten zu rechnen, die wir nur für eine an⸗ dere Klaſſe der Geſellſchaft möglich halten wollen— ſo lange wird das Gift, an dem die höheren Lebensrichtungen erſterben, 25⁵ nicht in den erſten Erſcheinungen erſtickt werden! Es wird ſich allmälig Denen leiſe mittheilen, die zuerſt nichts wollen, als den Stand gegen eine entehrende Beſchuldigung ſchützen, in⸗ dem ſie aber das entehrte Individuum in ſeinen Rechten zu erhalten ſuchen, den erſten Schritt von der moraliſchen Höhe abwärts thun, der ſie bald ſelbſt in Zweideutigkeiten verwickelt, die ſie nicht mehr vor einem reinen Bewußtſein verantworten können. Nur durch verdoppelten Hochmuth ſuchen ſie ſich dann an Denen zu rächen, deren ſtrafendes Urtheil ſie von ſich damit abzuhalten ſtreben, während ſie bald in ihren verderbten Ge⸗ noſſen die Unterſtützung und Gemeinſchaft finden, die ſie über die geſunkene Stellung täuſcht.“ „Wo aber, beſter Lach, iſt hier bei uns Veranlaſſung, ſo ſchwermüthige Erfahrungen zu machen! Sie erſchrecken mich mit dem traurigen Bilde, wie mit der Stimmung, in die Sie dieſe Betrachtungen verſetzen. Geſtehen Sie es ein, nicht hier, ſondern in Ihrem Frankreich machten Sie dieſe Bemerkungen!“ „Ach, theure Claudia! wir wollen uns nicht zu ſehr auf Koſten unſerer Nachbarn erheben. Vielleicht iſt der ganze Un⸗ terſchied zwiſchen uns, daß dort dieſer Sinn eine völlig aner⸗ kannte Berechtigung des Adels iſt, welcher ſich vor dem Gericht der öffentlichen Meinung nicht mehr zu fürchten hat, weil ein großes allgemeines Verderben die Mehrzahl erfaßt und nament⸗ lich den Hofadel zu einer Verbrüderung geführt hat, die ihnen unter einander jede Entſchuldigung ſichert, wenn derſelben noch nachgefragt würde. Wohin wir gelangen könnten, regierte uns ein Ludwig der Fünfzehnte ſtatt Maria Thereſia, das wollen wir nicht allzu genau aus den Symptomen, die uns vorliegen, zu prophezeihen wagen; denn die Verſuche werden ſich immer wiederholen, mit dem alten Fauſtrecht gelegentlich einen Platz zu behaupten, den— durch ausgezeichnetere Geſittung ſich zu⸗ erkannt zu ſehen— die Gaben oft fehlen. Schnell würde der 25⁵6 Korporationsgeiſt die Mauer ziehen, durchbräche das höhere Bedürfniß der Herrſcherin zu ihrem maaßloſen Schrecken nicht immer aufs Neue dieſe Befeſtigungsverſuche und reichte ihr ſcharfes Auge nicht weiter, als die Wappenſchilder decken. Die⸗ ſer Blick, deſſen unbeſtechliche Klarheit Sie kennen, läßt die Maſſe ſich bändigen und zwingt die, welche den hochmüthigen Trotz haben, ſelbſt mit ihrer Herrſcherin den Kampf um ihre Vorrechte einzugehn, dieſe vor ihr, ja vor ſich ſelber durch An⸗ ſprüche zu vertreten, die ihre höhere Natur beweiſen ſollen. Sie würden es nicht wagen einzugeſtehn, es ſei daſſelbe alte Gelüſt nach Willkür und Unverantwortlichkeit, das ihnen noch immer die eigentlichſte Auslegung ihrer Wappen und Perga⸗ mente ſcheint.“ „Ketzer!“ ſagte die Prinzeſſin, die mit den Kindern ſpie⸗ lend die Terraſſen verlaſſen hatte und gegen das Ende von Lacy's lebhafter Mittheilung zurückgekehrt war.„Wem wagt Ihr denn hier Eure ſauren Aepfel anzubieten? Gehört Ihr nicht ſelbſt zu den allerliebſten Leuten, denen Ihr ſie in den Mund ſtopfen wollt? Iſt denn Eure Maria Thereſia nicht eine alte Edelfrau? Und iſt nicht der größte Theil ihres Adels ſo alten Urſprungs als ſie ſelbſt? Wer ſoll denn dem Andern die Strafe für Ver⸗ gehungen außählen, die er doch bei Gelegenheit Luſt bekömmt, ſelbſt zu begehen? Laßt einmal die Frau Kaiſerin den Verſuch machen, dieſe allerliebſten Leute etwas mehr zu geniren, als ihnen bequem iſt— ich glaube, ſie würden ſie auf Piſtolen fordern und ſich echteren Adels halten, als die, welche ihres Landes Krone trägt!“ „Ja,“ rief Lach lachend—„da habt Ihr Recht! Der echte Ariſtokrat iſt immer ein ſchlechter Unterthan, wenn das Intereſſe des Landes und ſeines Herrſchers von dem ſeines Standes abweicht. An nichts Anderem erkenne ich mehr das Prädikat der Herrſcher— von Gottes Gnaden— als daß ſie 257 ſich, wie eben jetzt wieder unſere Kaiſerin, über den ganzen Troß erheben können und die einſame Bahn ſiegreich ziehen, die über Aller Köpfe wegläuft.“ „Ja! ja!“ lachte die Prinzeſſin,„ſie kommen ihr nur doch mit den Köpfen nach und ſtrecken ſie ihr oft in den Weg. Mein lieber Vetter Ludwig in Frankreich iſt blos ſo liederlich geworden aus Angſt, ſein eleganter Adel würde ihn nicht für reines Blut halten, wenn er es ihnen nicht gleich thäte, oder gar ſie überträfe! Und Eure Kaiſerin? Holt' ich hab' ſie weg Laufe erröthend inne hält, und lauernd rechts und links ſchaut, ob ihr ſteif zuſehender Adel auch nicht ſaure Geſichter macht. Sie kann ſeinen Beifall doch nicht entbehren, obwol ſie ihn innerlich verachtet; denn er iſt nun einmal das Publikum, was ihr ebenbürtig näher ſteht, und wenn ſie kleine Rückſchritte thut oder zuläßt, da iſt es immer die alte Knappmannſchaft, die ſie damit ſchonen will, oder eine alte Tonſur oder Kaputze, die immer mit jenen einen Strang ziehen.“ „Nun ſeid Ihr doch wieder mit gutem Winde bei uns an⸗ gelangt,“ ſagte Georg Prey lächelnd, denn er war gewohnt, ſtets von ihr auf ſeinem Felde beunruhigt zu werden, und doch konnte er ihr eben ſo wenig wie Andern deshalb eigentlich gram ſein. „Wer könnte Euch auch vergeſſen,“ entgegnete ihm ſogleich die Prinzeſſin—„wenn von den Gebrechen des Adels die Rede iſt? Das iſt ein fein verzweigtes Ding, mein George Prey! und Ihr in Eurem geiſtlichen Schafspelz ſeht blos ſo lamms⸗ müthig zu, weil Ihr wohl wißt, keinen beſſern Schutz giebts für Mitra und Kapuze, als das abſolutiſtiſche Streben Furer adlichen Confratres. Ihr wollt daſſelbe: Das Volk am Gängel⸗ bande leiten, den Geiſt beſchneiden, daß er zu Euren Vor⸗ rechten demüthig verſtummt. Beide habt Ihr alten verjährten Thomas Thhrnau. 1. 17 258 Moder zu beſchützen! Da findet Ihr Euch überall auf Euren Wegen und das Wort, was das Eine ſchützt, hilft das Andere erhalten. Ihr ſeid ſchlau, Ihr ſeid es Euch bewußt, daß es ſo iſt, wenn man Jene oft zum Lachen getäuſcht ſieht, indem ſie Euch nichts nachzugeben hoffen und doch daſſelbe Prinzip vertheidigen, unter dem Ihr gedeiht. Ihr ſeid eben ſo ſchlechte Unterthanen, als Ariſtokraten. Euer Landesherr ſitzt nicht hier — er droht Euch jenſeit der Berge mit dem Krummſtabe und Jene bezweifeln das reine Blut ihres Landesherrn, wenn er es wagt, gegen ihre alten Vorrechte zu verſtoßen, ja! Widerſpruch und Hinderniſſe aller Art wird er finden, wenn er es unter⸗ nimmt, Reformen zu beſchließen, die eine allgemeine Begün⸗ ſtigung beabſichtigen.“ „Wem macht die liebe Prinzeſſin dieſe Vorwürfe— und nach welcher eben erlebten Epoche?“ ſagte Georg Prey, dem ſie ihre Worte zuwandte.„Stand nicht der ganze Adel in Waffen und brachte Gut und Blut ſeiner Kaiſerin dar, als ihre Rechte angegriffen wurden? Hat er ſie verlaſſen, oder Hinderniſſe erregt, als ſie von ſeiner muthigen Hülfe die Mitwirkung begehrte?“ „Erſtlich,“ fuhr die unerbittliche Prinzeſſin fort—„war das eine Lebensfrage für Alles, was öſterreichiſch hieß— zwei⸗ tens wird es einem deutſchen Edelmanne nie an Muth fehlen — drittens war eine ſolche Epoche recht eigentlich Ihr Element! Denn dieſe materielle Treue gegen ihren Herrſcher, das iſt das, womit ſie zugleich ihre alten Vorrechte vertheidigen, und von ſolcher Zeit erwarten ſie gerade hinterher ein neues Anrecht, oder vollkommene Beſtätigung des Alten.“ Sie hatte ſich bei dieſem letzten Satze dem alten Herrn ſo vor die Augen geſetzt, daß dieſer, von ihrer Schönheit verlegen gemacht, zur Seite blickte und einiges entgegen murmelte, was ſchwer zu verſtehen war.* 2⁵9 Was murmelt Ihr da?“ rief ſie, ihn weiter guälend. „Nun Euch die Gründe ausgehn, wollt Ihr heimlich Recht haben!“ „Nur das Eine bemerke ich,“ rief Lacy—„warum ich denn ſo eben Ketzer genannt ward, der ſeine Genoſſen mit ſauren Aepfeln ſtopfen will, da meine holde Gegnerin, wie mir ſcheint, mit mir völlig einer Meinung iſt, und noch Einiges hinzufügt, wozu mir nicht Zeit blieb!“ „Ach,“ ſagte die Prinzeſſin— mir iſt nur meines Her⸗ zens Meinung entwiſcht, und findet Ihr mich unter den Andern, da bin ich gerade wie ſie, und habe noch mehr Uebermuth, noch mehr Hochmuth, denn ich ſchäme mich nicht vor meinem böſen Willen, wie Jene, die ſich leidlich zurück halten, aber heimlich daſſelbe betreiben. Ihr aber, Vetter Lach, könntet die Tollheit begehn, wirklich ſo handeln zu wollen, wie Ihr denkt, und dann allerdings wäret Ihr ein Abtrünniger, ein Ketzer, den unſere gerechten Vorwürfe treffen müßten, denn wir müſſen Alle zuſammen halten. Alles, wie es iſt, ſchlecht und gut— eine Maſſe— dann ſchlägt das Scepter ſelbſt vergeblich dage⸗ gen und wir werden noch lange ein geſegnetes Bollwerk gegen jeden allzu raſchen Fortſchritt bleiben. Doch laſſen wir das Geſchwätz! Wir ſind Alle Mohren, die Keiner weiß waſchen wird, ſelbſt wenn die ſogenannten Weltbegebenheiten zuweilen mit einer Striegel über uns weg gehn. Ich will nicht mehr davon ſprechen; denn es iſt mir läſtig— aber das ſage ich Dir, Claudia, Dein Hoſſtaat iſt artig vermehrt durch dieſe zauber⸗ haften Creaturen Egon und Hedwiga, und ich brenne vor Be⸗ gierde, ſie erſt abgerichtet zu ſehen, wie ſie Deine Schleppe tragen, Deine Hunde tanzen laſſen, Deine Diener necken und Ihren Lehrern ein Bein ſtellen.“ Claudia lachte.„Du hältſt mir einen artigen Spiegel vor, um die Mißgeburten zu erblicken, in die ſie durch meine weiſe Erziehung verwandelt werden könnten. Ich glaube, Du willſt 17* 260 zu Gunſten Deiner Lieblinge mich erſt etziehn. Mein Vater machte es ähnlich mit meinem früh verſtorbenen Bruder; ward er heftig und ungeduldig, rieth er ihm, augenblicklich in die höchſte Wuth zu gerathen, zu ſchlagen, zu ſchimpfen, ſich zur Erde zu werfen. Das alterirte den Knaben. Erſtaunt hörte er zu. Er ſah plötzlich, wohin er hätte kommen können, und weil er das natürlich nicht gewollt hatte, bekam er gegen den Fehler, der ihm ſo grell vorgemalt ward, Abſcheu! Ich ſah ihn nach ſolchem Korrektionsmittel ſich meinem Vater in die Arme ftürzen und ihn weinend liebkoſen und ſeinen Fehler abſchwören.“ Ich habe gegen eine zärtliche Umarmung Deinerſeits gar nichts, meine liebe Claudia,“ erwiederte die Prinzeſſin—„ſehe aber nicht ein, was Du anderes mit Deinem Spielzeug anfan⸗ gen willſt. Dieſe Erſcheinung iſt mir auch ſo wenig neu, daß ich Dich verſichern kann, es werden jährlich einige hundert Kinder in Frankreich zu dieſen Zwecken verbraucht.“ Verbraucht!“ rief Claudia ſchaudernd—„Du biſt eine fürchterliche Moraliſtin mit Deiner Jronie.“ „Verbraucht ſage ich deshalb, weil ich nicht eigentlich glaube, daß aus ſo Etwas Menſchen werden. Ich denke, ſie kommen um; ich weiß nicht, ob an Mandeln, an Roſinen— oder Fußttitten. Ich fragte eine Herzogin: wo der allerliebſte Page ſei, der ihre Füße wärmte und ihre Apfelſinen ſchälte? Sie klingelte ihter Kammerfrau, denn ſie konnte ſich nicht darauf beſinnen, wo er hingekommen. Dieſe kramte, wie nach alten Bändern und Spitzen, in ihrem Kopfe herum; dann ging ſie zum Haushofmeiſter und fragte nach dem ſchönen Kinde, deſſen Locken die Herzogin vor noch nicht vier Wochen geringelt und ihn joli mignon und mon petit coeur genannt hatte.— Der arme Knabe war erkrankt— man hatte ihn nach dem Waiſenhauſe ge⸗ bracht, dort war er geſtorben.„Ach pfui!“ rief die Herzogin ihrer Kammerfrau zu—„wie kannſt Du mir ſo Widriges erzählen!“ 261 „O Thereſe!“ rief Claudia—„wie haſt Du es mit Deinem weichen Herzen unter dieſen übertünchten Barbaren ausgehalten?“ „Sehr gut!“ ſagte die Prinzeſſin—„das war für mich das allerbequemſte Mittel, eine gute Meinung von mir zu bekommen. Ich kam mir einige Male vortrefflich vor. Es iſt erſtaunlich leicht, mit geringer Tugend auf ſolchem Boden zu leben; ich war ihnen Allen ſehr verbunden— ſie ſchienen ſich um Meinet⸗ willen zu bemühn!“ „O Lach!“ ſagte Claudia—„wüßten Sie ſo gut als ich, wie ganz anders ſie iſt, als ihre loſen Worte! Warum hat man Deinem ſchönen Munde nicht die heil'ge Scheu vor unheiligen Worten eingeflößt, die nur aus Deinem frevelnden Kopfe, nicht aus Deinem lauteren Herzen kommen?“ Die Prinzeſſin lachte hell auf und ihr ſchlauer Blick ſah, daß Lacy's Auge mit Intereſſe und Vergnügen an ihr hing. „Wenn ich Dich täuſchte, bin ich ganz zufrieden,“ rief ſie— „denn freilich iſt dieſe Deine Meinung die einzige Entrée, die mir den Palaſt Morani öffnet. Doch nimm Dich in Acht! ich warne Dich— und verlaß Dich drauf— ich tauge nichts!“ Dann zog ſie Egon zu ſich und blickte ihn lange und tief⸗ ſinnig an.„Liebliches Geheimniß!“ fuhr ſie weicher wie ge⸗ wöhnlich fort— wer biſt Du? Wer gab Dir dieſe feſte Stirn, die ſo trotzig die Locken von ihrer niedern Wölbung in die Höhe treibt? Und dieſe tiefen blauen Augen— wo haben ſie mich ſchon einmal angeblickt?“ „Ich habe Dich noch nicht geſehn!“ entgegnete Egon, der an dem fremden Orte all ſeinen Trotz in kindliche Bangigkeit umgeſetzt hatte—„aber ich möchte gern wiſſen, ob alle Prin⸗ zeſſinnen ſo— ſo ausſehn— wie Du?“ Alle lachten. Jeder fühlte, der Knabe hatte blos nicht das Wort für ſeine Huldigungen. Die Prinzeſſin ließ es ſich 262 gefallen; ſie hatte ein Gefühl für den Knaben, das ſie ſelbſt überraſchte.„Dagegen,“ ſagte ſie— ängſtigt mich Hedwiga's Schönheit! Ich glaube, ich bin eiferſüchtig auf ſo viel Aus⸗ ſicht zu Eroberungen— ich möchte Ihr was anhaben— es iſt mir, als würde ſie ſich an mir vergehen— ja, als hätte ſie ſich ſchon an mir vergangen!“„Komm“— rief ſie der neben Georg Prey Stehenden zu—„komm, ſieh, ich habe Roſen für Dich gepflückt, ich will Dich noch ſchöner machen; Du ſollſt mich überwältigen, damit ich den Entſchluß faſſe, Dich zu lieben!“ Mit ihrem eigenthümlichen Geſchick ordnete ſie die Roſen um das rothe Käppchen des holden Kindes und ſteckte ihr dann eine in das graue Mieder, band ihre Florſchürze ab und hing ſie dem Kinde über den Kopf, daß dieſer wie aus einer Wolke ſchaute. Es war ein reizender Anblick— und das Kind lächelte freudig zu ihrer ſchönen Kammerfrau empor. Wer hätte nicht denken müſſen, der Entſchluß, ſie zu lieben, könne nicht ſchwer werden! Doch die Prinzeſſin blickte ernſt, ja faſt ſtreng auf ſie nieder; dann drückte ſie plötzlich ihre Hände vor die Augen und rief:„Geh! geh! noch haſt Du's nicht fertig— Du biſt mir ein Hinderniß, eine Laſt!“ Hedwiga verſtand nur, daß ſie gehen ſollte und ſo lief ſie zur Fürſtin, die ſie an ſich zog und ſie liebkoſte. „Alſo ſo ſchwer iſt Ihre Liebe zu gewinnen— ſo unbere⸗ chenbar— ſo unabhängig von natürlichem Anſpruch?“ hob Lach an, der ihr wenigſtens den Tribut zahlen mußte, durch ihr launenhaftes Treiben beſchäftigt zu werden. „Ja!“ ſagte Claudia und entließ Hedwiga aus ihren Armen —„ſo hat ſie es Zeitlebens mit der Liebe getrieben. Ich will ſie anklagen, damit Sie mir helfen, ſie zu bekehren. Alle Herzen hat ſie gerührt— aber von keinem iſt ſie wieder gerührt wor⸗ den, und hat ſo Verzweiflung geſäet, ſtatt Glück und Freude.“ 263 Die Prinzeſſin warf ihr einen düſter glühenden Blick zu. Die herausfordernde Sicherheit der argloſen Muhme reizte ihr böſes Blut.„Ha!“ rief ſie innerlich—„nicht einmal Furcht hat ſie, ihn zu meiner Bekehrung aufzufordern, und ſpricht von den Wirkungen meiner Reize, wie von denen einer längſt be⸗ grabenen Großmutter!“ Es trat eine Bitterkeit in ihr Herz, daß ſie hätte weinen können. Sie wollte nicht allein ſchaden, ſie wollte ſich erzürnen— ob über ſich, über ihr Geſchick— ſie wußte es nicht. Aber faſt gegen ihren Willen floß ihr Mund im tragiſchen Tone über:„Klage mich nur an, daß mein ganzes Leben ein fortgeſetzter Irrthum iſt, der— müſſen Andere auch darunter leiden— doch Keinem tiefere Wunden ſchlägt, als mir ſelbſt. Wenn Du die Beſchützerin der Herzen ſein willſt, die ſich mir unerwidert ergaben— haſt Du da nie gedacht, wer dies Herz beſchützte, wenn es dem Irrthum, dieſem Fluche meines Lebens, eben ſo unterlag wie Jene? Die Thoren haben mich geliebt und Gegenliebe gefordert, und ich ſah ihnen arglos beluſtigt zu, oder ich machte aus Angſt vor ihrer Liebe mechaniſch ein wenig ihre Kapriolen nach. Es war ein dummes Mitleiden, vielleicht ein wenig Schaam in ihrer Seele. Ausgeglichener ſchien mir ihr thörichtes Weſen, wenn ich es zu theilen ſtrebte. Aber wer hielte die Lüge aus, wenn ſie nur dem Andern Vor⸗ theil bringt? Wenn der Ueberdruß kam und ich die Schellen⸗ kappe abſtreifte und ſie mit bitterem Hohne jagte— dann hieß es— wie ich die zu feſſeln ſuche, die ich doch nicht liebe. Und wo gab es ein wilderes Ungeheuer in der Natur als mich? Sieh', Claudia! mit wenigen Worten ſei's geſagt: Wo ich liebte, ward ich nicht wieder geliebt— wo ich geliebt ward, liebte ich nicht wieder!— Willſt Du nicht um mich weinen, fronme Seele?“ Wer könnte beſchreiben, mit welchem erſchütternden Aus⸗ druck von Wahrheit ſie dieſe Worte ſprach— und welche Em⸗ pfindungen gerade dieſe Klage neben dem Eindruck ihres Geiſtes 264 erregte! Sie hatte ſich ſeitwärts über die Lehne ihres Stuhls gebogen; ihre Augen waren von der tiefen Bewegung ſo glühend blau; ſie konnte vielleicht nicht ſchöner ſein. Claudia blickte unbeſchreiblich gerührt zu ihr hin. Sie reichte ihr die Hand, ſie ſah ſie zärtlich an.„O, Thereſe,“ ſagte ſie dann ſanft—„wie ſchwer machſt Du es uns, gerade ſo, wie wir Dich vor uns ſehen, an Deine Behauptung zu glauben. Wer hätte Dich nicht lieben müſſen, wem Du vollends das Glück Deiner Erwiderung ſchenkteſt!“ „Und doch iſt es ſo!“ ſagte die Prinzeſſin in ihrer wun⸗ derlich tragiſchen Offenherzigkeit gedankenlos weiter redend.— „Erfaßte mich der Gegenſtand, zwang er meinem Gefühl dieſe Hingebung ab, dann liebte ich auch mit allen Kräften meiner Natur. Dann war dieſe Liebe das lückenloſeſte Zellengewebe des Gefühls— dann hätte aus meiner Liebe das Gefühl ſelbſt deducirt werden können und dann belebte ich mit dieſer voll⸗ ſtändig entwickelten Gewalt eine Zeitlang den Gegenſtand zu meiner eignen Täuſchung, bis mir plötzllich, von dem alten Fluche, der mich verfolgte, der Blitzſtrahl der Erkenntniß kam und die Gewißheit, nicht geliebt zu ſein. Ach!“ rief ſie— „eine Frau muß zu ihrem eigenen Vergnügen— um der Liebe willen muß ſie lieben lernen— ſonſt muß ſie verzweifeln!“ Sie ſtand bei dieſen Worten auf, um zur Kaiſerin zurück zu fahren, winkte Allen mit der Hand, ihr nicht zu folgen, und ſchwebte mit einem ſo erhabenen Anſtand an ihnen vorüber, daß ihr Alle ſtumm und mit den Augen an ſie gefeſſelt nachſahen, bis ſie in dem Hintergrunde des Saales verſchwand. Als der Wagenſchlag zugedrückt war, riß ſie die Blenden vor den Fenſtern nieder und verhüllte dann mit beiden Händen ihr Geſicht, indem ſie in ein heftiges bitteres Weinen ausbrach. „Ach! ach!“ rief ſie dazwiſchen,„wie elend bin ich— wie elend! Schön bin ich— begabt bin ich, wie es Wenige ſind 265 — vornehm bin ich— und dennoch wie elend! wie elend! Ach, dieſer verwegene Feind in mir, der es wagt, mir mein eigenes Bild ſo klar vor die Augen zu ſtellen! Wie ich mich haſſe, daß ich zu der elenden Intrigue bereit bin, ihn ihr zu rauben— und wie ich doch ihn— ſie— mich haſſe, daß es erſt nöthig iſt, ihn mir zu erringen, daß er nicht ſchon mein iſt! O, warum giebt es keinen Mann, der den Trieb fühlt, der uns arme Wei⸗ ber zu Heiligen macht gegen ſie— der uns zu den Verderbten hintreibt, daß wir ſie heilen von ihren Sünden und dem Leben wieder verſöhnen. Warum will Keiner dem verlockten Weibe die Hand reichen und es heilen und retten? Warum wvill ſelbſt der größte Sünder die Fleckenloſeſte— warum der Edelſte nie der Retter ſein?— Ich habe demnach Recht, ſie zu haſſen, ſie zu ſtrafen, zu verlocken; denn Keiner wagt über die eherne Mauer des Egoismus einen Schritt hinaus! Nun wohl, ſo will ich leben, um ihnen das Widerſpiel zu halten, und das tiefe Elend, was ich mir damit bereite, ſei die Kraft, die mich treibt!“ Der Wagen hielt. Sie eilte zu den Gemächern der Kai⸗ ſerin.„Ohne Schürze! en demi habillée?“ ſagte die Gräfin von Fuchs, mit einem tiefen Knix zwiſchen die Prinzeſſin und die Kaiſerin tretend. „Gnade! Gnade!“ rief die Prinzeſſin, die Hände über die alte Gräfin hinweg nach der Kaiſerin ausſtreckend—„ich habe den Käſe⸗Engel Eurer Majeſtät hinein geſteckt!“ „Sie iſt doch die intereſſanteſte Perſon am ganzen Hofe!“ ſagte Franz der Erſte.„Es fällt immer etwas mit ihr vor. Wenn ſie erſcheint, denke ich oft: nun, was wird's heute ſein?“ Wie ſehr waren augenblicklich alle Männer des Kaiſers Meinung, während die Damen überlegten, wie ſie es machen könnten, daß auch mit ihnen etwas vorfalle. Die Kaiſerin ließ ſich unterdeſſen von der Prinzeſſin den Abend bei den Brautleuten erzählen, und hatte keinen Zorn 266 über die verlorne Schürze, denn die Prinzeſſin würzte ihre Mit⸗ theilung mit einer ſolchen Fülle anmuthiger Scherze, daß die hohe Frau ihr mehr wie ein Mal den Tribut eines Lächelns zahlen mußte. Am andern Morgen aber erhielt die Prinzeſſin eine neue koſtbare Schürze von der Kaiſerin, und in der Taſche ſteckte ein Röllchen Gold, worauf die Worte ſtanden:„Für meinen Käſe⸗Engel zu Wämmschen und Rock.“ S „Das dachte ich,“ rief die Prinzeſſin lachend—„O dieſe kluge Kaiſerin! gleich ſieht ſie ein, daß, wenn ich meine Flor⸗ ſchürze opfere, um die groben Kleider der Kleinen zu verhüllen, es ihr zuſteht, etwas weiter zu gehen. Wie ſoll es auch die arme Claudia machen? Ich ſtehe dafür, ſie nimmt noch nichts von Lach an, und hat am Ende Schulden gemacht zu ihrer jetzigen Ausſtattung; denn was ſie mir da fabelt von Summen, die der Herr Fürſt Papa noch verdient haben ſoll und die jetzt vom Himmel gefallen— das glaube, wer kann!“ Mit welcher Rührung überlegten unterdeſſen die edlen Freunde im Palaſt Morani den Zuſtand der Prinzeſſin Thereſe, der ſie Alle auf verſchiedene Weiſe angezogen und bewegt hatte. „Ach,“ rief Claudia—„und dies Weſen— ganz Gefühl — ganz Seele! das wird in der Welt herzlos— coquett— boshaft genannt, und iſt jeder Verläumdung Preis gegeben!“ „Theure Beichttochter,“ ſagte Georg Prey—„es hat Vieles neben einander im Menſchen Platz! Vielleicht haben Jene, welche die liebe Prinzeſſin alſo züchtigen, eben ſo wenig ganz unrecht, als wir, die wir derſelben im Grunde ihres In⸗ nern ein zum Guten befähigtes Herz und eine große Gabe des Geiſtes zutrauen. An beiden Ausſprüchen ſchuldet die ſchöne Dame ihr Theil, und weder wir, noch Jene werden von ihr berechtigt, den Sieg davon zu tragen.“ „Aber die,“ fuhr Lach fort, als der gute Pater ſchwieg —„die dies ungemein befähigte Weſen ſich ſelbſt überließen 267 und auf den gefährlichſten Standpunkt der Erde verſetzten, die werden es zu verantworten haben, daß dieſer Streit zwiſchen Recht und Unrecht jetzt ſchon in ſo böſen Gewohnheiten wurzelt, daß der Sieg für das Gute eine zweifelhafte Hoffnung bleibt.“ „O nein! o nein!“ rief Claudia.„O ſein Sie nicht zu hart! Sie iſt der ſchönſten Entwicklung fähig, ſie iſt vielmehr reif dazu! Dieſe Gewohnheiten find nur kleine äußere Uebel⸗ ſtände und hemmen, ihr ſelbſt zum Ueberdruß, ihre freie Ent⸗ wicklung. Ach, wollte Gott, daß ihr ein edles männliches Herz erweckt würde, das ihr ſchönes reiches Weſen erkennen und lieben lernte, und um den viel größeren Beſitz dieſes Schatzes es getroſt mit den kleinen Mängeln aufzunehmen beſchlöſſe, die dann ſich als ſolche in Wahrheit zeigen und von ihr abfallen wjrden, wie ein entſtellendes Gewand von einem ſchönen Körper. O Lach! es bleibt ein Vorwurf, den ich nicht unterdrücken kann— daß ſie Niemand ſo liebte!“ Sie ſah ihren Verlobten bei dieſer edlen Entgegnung mit ſo wunderbar bewegten Blicken an, daß er lächelnd ihre Hand faßte und ausrief:„Macht mir meine Claudia denn daraus einen Vorwurf, daß ich ſie nicht geliebt habe?“ „O Lacy,“ ſagte die Fürſtin noch in derſelben Stimmung —„ich habe es möglich gehalten, daß Sie ſie liebten, und habe ſie Ihnen gegönnt! Waos kann ich Höheres für meine Ueberzeugung von ihr ſagen? Ihr hattet Euch in Frankreich kennen gelernt— durch ſie— durch ihre Briefe erfuhr ich zuerſt von Ihnen. Daß ſie von Ihnen in einem andern Tone ſprach, als von der Maſſe, die ſie umgab, das ließ mich hoffen, ſie werde in Ihnen ihren Meiſter finden. Ich ſah Sie dann ſelbſt — und obwol durch Sie mein ganzes inneres Weſen ver⸗ wandelt ward, ſo geſtattete ich doch den Wünſchen meines Her⸗ zens keinen Raum für's Leben— und als Ihr Euch endlich hier bei mir wiederſahet, da knüpfte ich, mit der reinſten Re⸗ 268 ſignation für mich, die Hoffnung für Euer Beider Glück an dieſes Wiederſehn.“ „Nun dieſe Probe hätte ich alſo, ahnungslos daß ich ihr unterworfen war, beſtanden?“ rief Lacy lachend. „Das kann ich kaum ſagen,“ entgegnete die Fürſtin, ebenfalls lächelnd—„denn Sie wiſſen am Beſten, wie bald der geſellige Verkehr dieſes Hauſes durch die wachſende Krank⸗ heit meines Vaters unterbrochen werden mußte und ſo ward Ihnen die holde Verſucherin auch entzogen.— Sie hatten nun Zeit, fern von jeder Vergleichung mit Schöneren und Beſſeren, die arme bleiche Claudia zu bemerken, die feſt beſchloſſen hatte, ſo wenig wie möglich Ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln.“ „Ach, Claudia,“ ſagte der Graf—„ohne daß Sie es wollen, geben Sie da unſerm Glück die ſchönſte Beſtätigung. Der Himmel ſelbſt ſchirmte uns und ließ mich einer Verführung aus dem Wege gehn, die mir vielleicht eine glänzendere, aber immer ſehr zweifelhafte Zukunft gegeben; denn ich bin offen ge⸗ nug, zu geſtehen, daß ein Mann mit freiem Herzen und der Gelegenheit, die Prinzeſſin öfter zu ſehn, in große Gefahr kommen kann. Außerdem iſt grade etwas von dem Sinn in mir, den Sie für nöthig halten; ich könnte mit Intereſſe und Liebe, ein ſo edel organiſirtes Weſen von ihren Irrungen zu⸗ rück zu führen, für einen ſchönen Lebensberuf anſehn.“ „Ach,“ ſagte Claudia—„wenn Ihr liebenswürdiger Eigenſinn Sie nun daran vorüber geführt hat und Sie kein Gefühl der Art mehr zu verſchenken haben, warum können wir Beide durch die gleich ſchöne Kraft der Freundſchaft nicht noch für die theure Verirrte wirken? Im Ganzen haben Männer auf meine Couſine größeren Einfluß als Frauen. Bemühen Sie ſich um die Freundſchaft des verirrten Weſens, theurer Lacy, und dann wollen wir ihr vereint zu Hülfe kommen. Vielleicht gelingt uns noch Manches.“ 269 „Sie ſind noch immer unſchuldig und unerfahren wie ein Kind, liebe Fürſtin,“ ſagte Georg Prey—„und nehmen nach dieſem Sinn auch Ihre Maaßregeln. Es iſt dem Geiſtlichen, der das Ohr der Beichte leihen muß, nicht geſtattet, ſich den Sinn alſo zu erhalten: denn während er die Sünder anhören muß, um ihnen den Troſt und die Heiligungen der Kirche an⸗ gedeihn zu laſſen, wird er leider davon unterrichtet, in welchen Verzweigungen und Verſuchungen das Böſe über die Erde ſchleicht, und in tiefer Demuth befeſtigt ſich da die Ueberzeugung von der großen Schwäche der menſchlichen Natur. Schön iſt es, mit der Verſuchung kämpfen, wenn ſie ohne unſer Zuthun uns erreicht. Aber,“ ſetzte er lächelnd und faſt beſchämt hinzu, „ich rathe immer, ihr aus dem Wege zu gehn, oder doch zu fragen, ob unſere Verhältniſſe ein gefährliches Wagniß geſtat⸗ ten. Zu dieſen Fällen würde ich rechnen, wenn ein verhei⸗ ratheter oder verlobter Mann ſich berufen fühlen ſollte, eine ſchöne Sünderin durch die an ſie verwendete Freundſchaft von ihren Verirrungen zurück zu führen; beſonders wenn beſagter Gegenſtand gerade im Fache der Liebe von auffallenden Erfol⸗ gen war und von nicht ſtrenger Gewiſſenhaftigkeit.“ Lach mußte laut auflachen, denn es war ein Anflug von Humor in der Entgegnung des alten Herrn, der mit der ſchlauen Warnung auf komiſche Weiſe zuſammentraf. Selbſt die Fürſtin lachte ein wenig, und da der alte Bernhard ſo eben die Abend⸗ tafel anmeldete, reichte ſie dem geiſtlichen Herrn die Hand und bald ſaßen ſie ſich an der kleinen Tafel in beſter Stimmung gegenüber. Ehe der Graf den Palaſt Morani verließ, brachte er noch ſeine Wünſche über eine ſchnelle Vermählung und ihre Abreiſe nach Tein vor, die er namentlich für die Geſundheit der Fürſtin ſo nöthig hielt. Er traf aber hier auf den entſchiedenſten Wider⸗ ſtand. Meine Geſundheit,“ ſetzte die Fürſtin hinzu—„wird 270 ſich hier auch befeſtigen. Vertrauen Sie dem Gefühl von Glück, welches das ſchönſte Belebungsvermögen der phyſiſchen Natur iſt. Es ſcheint mir, ich bin ſchon geſund; es glüht ſchon neue Lebenskraft in meinen Adern! Komme ich mir doch faſt jünger und hübſcher vor, ſeit ich mich als Ihre Braut ſchmücke.“ Lacy küßte entzückt ihre ihm zärtlich dargereichte Hand. „Geſtatten Sie mir nur, theurer Lacy,“ fuhr ſie fort—„die Mäßigung auch öffentlich darzulegen, mit der ich mich ſchüchtern einem für mein Alter ſo ungewöhnlichem Verhältniſſe nahe. Sie würden mit Ihrer Jugend Ihrer alten Freundin keine Ent⸗ ſchuldigung ſein— ja, man würde eben von mir das fordern, was man Ihnen billig zu Gute halten müßte.“ „Ich will Ihnen nicht länger widerſtehn,“ ſagte Lacy— „Sie ſind mir ſelbſt da, wo ich anders empfinde, doch in allen Ihren Gefühlen heilig. Ich will Sie ſogar nicht ſtören, wenn Sie fortfahren, mich immer an Ihr Alter zu erinnern, denn es hat für mich ſo gar nichts Störendes, es iſt mir ein ſo ver⸗ trauter lieber Gedanke, daß ich gern zuhöre, wenn Sie ihn noch in alle ihre Beſchlüſſe verweben, ſicher genug, daß Sie ihn zu⸗ letzt wie ich ſelbſt vergeſſen werden.“ Gertraud erſchien jetzt mit vielen Knixen und machte der Fürſtin eine Meldung.„Kommen Sie, meine Herren,“ ſagte ſie jetzt—„Sie ſollen ſehen, wo meine kleinen Zöglinge ihren erſten Schlaf unter dem neuen Dache halten. Gertraud meldet mir, daß ſie jetzt Beide in tiefem Schlummer liegen.“ Die Herren folgten der Fürſtin über die Terraſſe, um von Außen die Zimmer der Kinder zu erreichen, die nach Innen nur durch die Schlafzimmer der Fürſtin und der alten Kammer⸗ frau einen Eingang hatten. Es war die ſchönſte Sommernacht. Der Mond war eben aufgegangen; Die Baumpartieen des Gartens traten aus der duntlen Maſſe hervor und waren mit dem ſanften Glanz über⸗ 271 goſſen, der ihnen zwar die Farbenpracht raubt, aber ihre For⸗ men an Rundung und Fülle zu verſchönern ſcheint. Sie wen⸗ deten ſich rechts nach der Abendſeite des Schloſſes, wo die Blumengärten lagen, die nur durch einen Kiesweg und ein kleines Baſſin von den Zimmern getrennt waren, die hier hin⸗ aus ihre Fenſterthüren öffneten. Der Baumwuchs, der den übrigen Garten ſehr ſchattig machte, trat hier zurück und ſchützte nur in gemeſſener Entfernung die kleineren Sträuche und die Blumenparterre's gegen den Wind. Dieſe Zimmer hatten die ſchönſte Luft und wurden für die geſundeſten des Hauſes gehal⸗ ten. Die beiden Kabinette, in denen die armen Kinder ihre Schlafſtätten gefunden, lagen neben einander; durch eine Thür im Innern verbunden, hatte jedes nach dem Blumengarten noch eine Flügelthür, die mit ihren Scheiben dem Zimmer Licht gab. Beide waren auf gleiche Weiſe in feinem Holze getäfelt und durch zierliche Vergoldungen verſchönt. Alle Meubles waren in der⸗ ſelben Art wie die Wände; einfach für die Anſicht der gewohn⸗ ten Ausſtattung, glänzend für die Lage, der die Kinder ſo eben erſt entrückt waren. Beide waren nach einem behaglichen Bade zuerſt in die Kleider gehüllt worden, die ihnen nun zugetheilt werden ſoll⸗ ten, und es war das feine Gefühl der Fürſtin zu erkennen, daß die erſte Veränderung darin in dem ſchmuckloſen, blendend⸗ weißen Nachtkleide beſtand, welches die ſchönen Geſtalten wie Engelsgewänder von den Schultern an in weiten Falten ver⸗ hüllte. Man trat vom Garten aus zuerſt in die geöffnete Thür, die nach Hedwiga's Zimmer führte, welches dicht neben dem Schlafgemach der Fürſtin lag. Im Hintergrunde ſtand das kleine Bett, von dem die Vorhänge weit aufgeſchlagen waren; der Mond erhellte die duftenden Blumenbeete vor dem Zimmer mit ſeinem klaren Licht, und der Widerſchein beleuchtete das ſchöne Kind. Die warme Nacht und der Schlaf nach dem 272 auftegenden Tage hatten die Wangen und Lippen des Kindes mit dem glühendſten Roth gefärbt. Die Decke war zurückgeſchlagen und es hatte unendlich leblich ſeinen kleinen roſenrothen Fuß in die Hand genommen, wodurch es ſo leicht und gehoben ruhte, als habe es tanzend der Schlaf überraſcht. Das wunderſchöne Köpfchen lag mit geöffneten Lippen hintenüber, ſo daß man unter dem Kinn die reizenden Linien des feinen Halſes ſah. Die Augen hatten den verklärten Ausdruck, als ſähen ſie unter den geſchloſſenen Augenlidern nach oben, und jeden Augen⸗ blick ſchien es, als müſſe ſich die leichte Decke öffnen. Die Roſen der Prinzeſſin waren ſo dicht in die vollen Locken geneſtelt, daß die alte Kammerfrau ſie auf Bitten des Kindes darin ge⸗ laſſen hatte; ſie drängten ſich um die Schläfe vor, als wären ſie neugierig, ein Kind zu ſehn, das ſo ſchön als ſie ſelber war. Die, welche das Mieder geziert, hatte das Kind feſt mit dem andern weißen Händchen gepackt und drückte ſie an die Bruſt. Die ſelige Ruhe des Schlafes war über dies bezaubernde Bild gegoſſen, und doch ſchien es, als ſei es davon mitten im Tan⸗ zen überraſcht, mitten im Aufjauchzen holdſeliger Freude. Stumm und gerührt blickten Alle auf ſie hin und Lach namentlich ſchien, völlig in ihren Anblick verloren, nichts um ſich her weiter zu beachten.„Gott ſegne Dich, mein liebes Kind,“ ſagte endlich die Fürſtin mit ſanfter, thränenbewegter Stimme. Sie bog ſich nieder und küßte die leuchtende Sirn; als ſie aber zu Lach umblickte und ihm die Hand reichte, rief dieſer:„Ich glaube mich endlich zur Klarheit durchgerungen zu haben, warum dies Kind mich mit Erinnerungen peinigt und ſolche Gewalt über mich ausübt. Die jetzige Ruhe ſeines An⸗ blicks zeigt mir die große und auffallende Aehnlichkeit des Kin⸗ des mit einem Bilde, welches in dem Schlafgemache meines Oheims hing. Es ward von ihm wie ein Heiligthum gehegt und erweckte in mir als Knaben eine ſo leidenſchaftliche Bewunderung, daß ich ſagen kann, es war meine erſte Liebe. Das Bild ſtellte die Prinzeſſin von D. vor, von der es hieß, mein Oheim habe ſie geliebt und ſogar Hoffnung zu ihrem Be⸗ ſitz gehabt.“ „Sie muß ſehr ſchön geweſen ſein,“ erwiederte die Fürſtin —„und Sie werden mich auf Hedwiga eiferſüchtig machen; darum kommen Sie zu dem Knaben, wir müſſen beide Kinder in ihrer Ruhe belauſchen; ſie verräth ſo viel von der augenblick⸗ lichen Geſinnung— und ich muß wiſſen, ob es Ihnen ſo recht iſt— ob Ihnen meine Einrichtung gefällt.“ Der Knabe lag grade ausgeſtreckt auf dem Rücken. Sein kleines, von Guntram verfertigtes Rapier, das ihn begleitet hatte und das er gewohnt war mit zu Bett zu nehmen, lag auch jetzt, die Spitze zwiſchen den Zehen beider Füße, das Kreuz des Griffes auf der Bruſt, darüber die geſchloſſenen Hände. Die gerade feſte Stellung, das lange weiße Nachtkleid, das ſchöne ernſte Geſicht des Knaben machte auf Alle einen lebhaf⸗ ten Eindruck. Er ſieht wie der Denkſtein auf dem Grabe eines jungen Ritters aus!“ ſagte Georg Prey. „O nein!“ entgegnete die Fürſtin—„und doch fühle ich mich auch an ein ſchönes Denkmal erinnert.“ „Wie ein junger Ritter, der ſeine erſte Waffenwache hält, ſieht er aus!“ fügte Lacy hinzu.„Ich wollte nicht rathen, ihm das D Degenkreuz zu entwinden!“ „Ach nein,“ hob Gertraud ſchüchtern an—„ich gab nur nach, daß er es mit zu Bette nahm, weil mir Bernhard ſagte, wir könnten es ihm leicht nehmen, wenn er ſchliefe. Aber als wir es jetzt verſuchten, da hat ex es noch viel feſter gepackt und er hat noch die Falten auf der Stirn— ſo zornig zog ſich das feſt ſchlafende Geſicht.“ „Claudia,“ ſagte der Graf, als er ſie zurück führte— „laſſen Sie morgen Frau Mora rufen und ſuchen Sie das Thomas Thyrnau. 1. 18 Geheimniß zu enthüllen, das über dieſen Kindern ſchwebt. Meine Ahnung täuſcht mich ſicher nicht. Wir werden etwas Anderes erfahren, als bis jetzt vorgegeben ward.“ Ich kann mich derſelben Meinung nicht entziehn,“ erwie⸗ derte die Fürſtin—„und bin Ihnen in meiner Ueberzeugung näher, als meine Neckereien Ihnen bisher zugeſtanden.“ Dennoch ſollte die Hoffnung einer zu erlangenden näheren Nachricht noch für längere Zeit unbefriedigt bleiben; denn Ger⸗ traud, welche ſich anderen Tages nach dem Urſuliner⸗Hof begab, um Frau Mora zur Fürſtin zu beſtellen, fand die Hütte leer und verſchloſſen, und erhielt von der weinenden Bäbili den Beſcheid, daß Mora von ihr Abſchied genommen und ohne ihr über den Zweck ihrer Entfernung Auskunft zu geben, ſie noch am vorigen Abend verlaſſen habe, allerdings mit der Zuſiche⸗ rung, dereinſt wiederzukehren. Eben ſo waren Frau Barbara Hülshofen und Magda Tags vorher abgereiſt; wie Bäbili ver⸗ ſicherte, die eine nach Nord, die Andere nach Süd, und Bäbili's Thränen über dieſe plötzliche Vereinſamung floſſen ſo heftig, daß Gertraud es aufgab, mehr von ihr zu erfahren. Ende des erſten Theiles. Freund's Druckerei in Breslau. 3 m mmnfffffffüſn ſſſiſſſſſſſſſ 8 9 10 11 14 15 16 17 18 8 E F L 5 5 L 55 3 4