— eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 Ednurd Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von den angenommen.. 3. Cuution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme beträgt S für nchentiich 2 Bücher: 4 ßBücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: S Mt.— Pf. 1 Wet. 5 Pf. 2 Ver.—= Pf. ²„ der ücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eee „welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben⸗ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 0 5„* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 1 Thomus Thyrnan. Dritter Theil. ———— 3 5. * . Thomus Thyrnan. Von der Verfaſſerin von Godwie⸗Caſtle. Dritter Theil. Pritte verbeſſerte Auflage. ————— Breslan, im Verlage bei Joſef Max und Komp. 1845. Der October-Morgen lag mit ſeinem vollen magiſchen Reichthum uͤber der Erde ausgebreitet— der Boden war mit Thauperlen beſaͤet und der Raſen von dem ſaftigſten Gruͤn. An den Raͤndern der Baͤche naͤhrte ſich noch die reichſte Blumenpracht und die niedern Fel⸗ ſenwaͤnde zeigten ihre farbige Vegetation, erfriſcht von. dem belebenden Thau, in lebhafteren Farben. Die Waͤlder prangten in der fabelhaften Verwandlung, wo goldene Laubkronen mit purpurnem Schatten neben F. dem ewigen Gruͤn der Kiefern und Lerg LEi mE ent⸗ Aa ſtehen, und die gruͤne Winde mit ihren tanzenden e bluͤten, und das Schlingkraut mit ſeinen fleißigen kleinen Haͤnden ſich um jeden Stamm klammert, und die blaßgruͤnen Ranken ſo lange in der Luft huͤpfen, bis ſie den Nachbarzweig erhaſchen, mit dem ſie nun Freundſchaft unterhalten, und von ihm geduldet, ſich weiter ſchlaͤngeln, bis die Feſtons ihres zarten Geglie⸗ ders die wahre Waldgemeinſchaft bewirken. Dazwi⸗ ſchen, wo der Waldweg zuruckwich, oder die Durchſicht die Ferne zeigte— lagen die Nebelſchichten der Sonne entgegen, die ſie theils niederdruckte, theils in feine Dunſtſtreifen verfluͤchtigte, indem ſie ihre leichten Maſ⸗ ſen gegen die dunklen Koͤrper der Felſen in violetten und roſenrothen Faͤrbungen zeigte— waͤhrend einzelne Stellen ſchon von den warmen Strahlen der Sonne durchbrochen wie gluͤckſelige Inſeln in paradieſiſcher Ueppigkeit zu leuchten ſchienen. Die Wanderer, die den thauigen Weg, der auf fel⸗ ſigem Boden eine unebene Landſtraße darbot, hinan klommen, waren ſo ſtill als die Natur, die ihre heiteren Bewohner bereits entbehrte; nur zuweilen hoͤrte man den Specht durch den Wald oder das Kaͤuzchen— oder die Kaͤfer und die wilde Biene ſchoſſen ſummend voruber. Die tiefe Stille paßte, wie es ſchien, gut zu den Wanderern, denn Beide waren auch lautlos, und es ſchien zweifelhaft, ob der herrliche Morgen Herrſchaft habe uͤber ihr Gemuͤth. Thomas Thyrnau ging ſeitwaͤrts etwas zuruͤck⸗ bleibend gegen Magda, und ſein beſorgtes Auge ſuchte auch nur in der ganzen Natur das eine theure Weſen, welches mit tief geſenktem Kopfe muͤhſam vor ihm her ſtieg und Alles unbeachtet am Wege ließ, was ſonſt ihre leichte kindliche Geſtalt in tauſend Nebenſpruͤngen vor ihm wuͤrde hergejagt haben. Der Abſchied von Wien 7 hatte ihr das Herz gebrochen— ſeitdem erſt ſchien ſie ihr veraͤndertes Schickſal ganz zu fuͤhlen, und die Kraft war aus ihrer Bruſt gefloſſen; Magda hatte ſich erſt begriffen, als die Angſt fuͤr Andere ſie verlaſſen. Mit welcher tiefen Sorge dachte Thyrnau nun des Aufent⸗ halts, dem ſie ſich nahten, der dem verwoͤhnten leiden⸗ den Kinde ein Gefaͤngniß werden ſollte. Er dachte nicht mehr ſie zu entfernen, denn was daruͤber zu denken und zu thun war, das hatte ſich Alles vergeblich gezeigt an dem unbeſiegbaren Willen des feſten Kindes— und indem ſein Auge ſie muthlos bewachte, war es das muͤßige und doch nie aufgegebene Beſtreben der väter⸗ lichen Liebe, die wunde Stelle zu entdecken, auf der ein Liebesblick das Weh zu lindern vermoͤchte. Oft— wo der Weg anſtieg und die Natur ſich einladend zeigte, hatten ſie den Wagen verlaſſen, und bei der achtungsvollen Schonung, die blos einen Reiter zu ihrer Bewachung geſtellt— fand jede Einrichtung Gehor, die der Gefangene vorſchlagen wollte. Vor ihnen klomm der ſchwerfaͤllige verſchloſſene Wagen Berg an und Thyrnau erfuhr, daß dieſer Fels⸗ weg auf eine der vier Berghoͤhen fuͤhrte, in deren Keſ⸗ ſel das Plateau ſich erhob, auf dem der merkwuͤrdige und hiſtoriſch bedeutende Karlſtein erbaut war. Es war alſo der letzte Tag ihrer Freiheit, in einer Stunde 6 umſchloß ſie vielleicht ſchon die feſte Burg des alten Koͤnigſitzes, und es war ihm, als muͤſſe er das geliebte Kind noch feſt halten in der lieblichen Natur, ſie noch gegen die belebenden Strahlen der Sonne wenden, ihr noch Blumen pflucken, ſie auf Moos ruhen ſehen. Da bemerkte er, wie ſie einem Baume zuſchritt und ſich dann erſchoͤpft gegen ſeinen Stamm lehnte. So unbedeutend konnte das ſcheinen und es zerſchnitt Thyr⸗ nau's Herz— hatte ſie jemals Ermudung gekannt— war ihr ein Weg je zu hoch, zu ſteil, zu lang erſchienen? und heute verließ ſie ſchon die Kraft, und ſo kurz zuvor erſt hatten ſie das Nachtlager verlaſſen, ſo viel kuͤrzere Zeit noch war ſie gegangen. „Biſt Du ermuͤdet, mein Kind!“ redete ſie Thyr⸗ nau an—„ruhe hier auf meinem Mantel im Mooſe — das iſt ſo weich!“ „Laß das, Großvater!— ich denke, wir ſind bald dort, da kann ich lange ruhen— ich weiß nicht, ob ich muͤde bin, der Athem nur hat keinen freien Zug— ich wollte mich grade ruͤcken an dem Saun mein Fopf iſt ſo muͤde!“ „Schau umher, mein Midchen! ſagte in— „der Morgen iſt ſo ſchoͤn und der Weg hat ſ Reize!“ „Ich ſehe wol!“ ſagte Magda und ſchlug die Augen ——.— nach fluͤchtigem Umblicken zur Erde—„aber mir wird wohler ſein hinter Mauern.— So viel Schoͤnes kann recht aͤngſtigen, es will nichts umſonſt ſein, wir ſollen auch geben, eben Freude daran— es ſtraft uns, wenn wir nichts davon haben— glaub' mir, eben dieſe Schoͤn⸗ heit macht mir die Bruſt ſo weh und beklommen!“ „Vielleicht,“ ſagte Thyrnau milde—„wuͤrdeſt Du von der guͤtigen Natur anders denken, wenn Du ſie nicht fuͤrchteteſt. Du machſt aus ihr ein eitles ge⸗ fallſuchtiges Weſen, was ſtrafen will, wenn man ihr die Huldigung verſagt— und doch iſt ſie die ſanfte wohl⸗ thuende Mutter, die ihre weichen Arme grade ihren muͤ⸗ den kranken Kindern ausbreitet und ſie austraͤumen laͤßt an ihrem Buſen und ſie anſpruchlos von ihren Schaͤtzen naͤhrt, uneingedenk, ob ſie die Groͤße und Gute ihrer Gaben im vollen Maaße ſchaͤtzen und ihr danken werden.“ Unter Magda's Augenliedern perlten ein paar Thraͤ⸗ nen hervor. Sie ſtreckte die Hand nach ihm aus und ſagte:„Dann wird es wol anders ſein, vielleicht darf ich mich nicht erweichen— ich kann denken, gaͤbe ich der ſuͤßen, milden Natur nach, da braͤchen die letzten Stuͤtzen weg— ſo muͤſſen Baͤche entſtehn— die Sonne lockt die duͤnne Rinde weg, da ſtuͤrzt der Quell hervor — ach! Großvater, Deine Magda loſte ſich auf, ſie 10 wuͤrde ein Baͤchlein, das vor Deinen Fuͤßen weg⸗ floͤſſe.—“ Wie weh thaten ihm dieſe Worte— aber er laͤchelte und ſagte:„Was Du wol fuͤr huͤbſche Blumen an Deinem Rande bluͤhen ließeſt— ſieh nur, gewiß dieſe blauen mit dem lieben Namen die waͤren fuͤr mich, und den Crocus mit violetten und gelben Blumen, und die rothen Rande—“ „Die Maaßliebchen!“ ſagte Magda und laͤchelte wie ein Kind, dem man von ſeinem Spielzeug erzaͤhlt „weißt Du wol,“ ſagte ſie noch laͤchelnd—„um den See in Tein?“ Doch kaum war der geliebte Name, der ihre heim⸗ liche Sehnſucht umſchloß, uber ihre Lippen, ſo ſtieß ſie einen Schrei aus, als zerriſſe ihr Herz und ſtuͤrzte ſich an Thyrnau's Bruſt, der ſie ſtumm mit ſeinem Armen umſchloß. „Denke Deinen Schmerz nur recht aus, mein lie⸗ bes, liebes Maͤdchen,“ ſagte Thyrnau ſanft—„dann wird Dir beſſer werden und Du kommſt auf den Grund Deines Grams und dann ſteigſt Du wieder in die Hoͤhe und ſtehſt daruͤber.“ Magda aber weinte und ihre Bruſt bebte zum Er⸗ weiße Nymphea, die ließeſt Du tanzen auf Deinen Wellen— und die kleinen weißen Sterne mit dem 11 ſticken krampfhaft und uͤber dieſen heftigen Sturm fuhr Thyrnau fort, ſanfte Worte zu ihr zu ſprechen, froh, daß der Schmerz ſich einen Ausbruch verſchafft hatte und hoffend, daß ſeine Staͤrke damit nachlaſſe. Auch ſank ſie endlich faſt muͤde in ſich zuſammen, und Thyrnau breitete ſeinen Mantel unter ihr aus, und gegen den Baum gelehnt, von ihm geſtutzt, verſank ſie in einen kurzen Schlaf. Er dauerte nicht lange und hatte ſie doch erquickt— ſie ſtand auf und dankte dem Großvater und hing ſich wie ſonſt an ſeinen Arm und war beſorgt, daß der Wagen ſchon verſchwunden war. Auch war ihr berittener Begleiter umgekehrt, um den Grund ihrer Zoͤgerung zu erfahren, und ritt, als er ſie erblickte, langſam vor ihnen her bis zu dem hoͤchſten Punkt, wo er ſie erwartend ſtill hielt. Schon ehe ſie den Standpunkt, wo er ſich befand, der uͤberdies mit hohen Kiefern bewachſen war, errei⸗ chen konnten, wies er mit der Hand in die Ferne, und als ſie ſich naͤherten, ſtiegen die Thurmzinnen des maͤch⸗ tigen Farlſteins vor ihnen auf, und jetzt, wo ſie neben ihrem Begleiter ſtanden, lag er auf der Platform des mittlern Felſens von den vier Bergen, welche umher lagen, wie von ſeinen Vaſallen umgeben, vor ihren Blicken da. Beide wurden lebhaft von ſeinem Anblick angeregt, denn trotz dem Verlauf der Zeit und manchen 12 erlittenen Verwuͤſtungen wohnte ihm dennoch ein un⸗ zerſtoͤrbares Gepraͤge der Erhabenheit bei, und ſeine ho⸗ hen feſten Thuͤrme trugen einen ſtolzen Karakter, waͤh⸗ rend ihre verſchiedenen Geſtalten etwas Geheimnißvolles hatten, als waͤren ſie die Chiffern⸗Sprache einer wichti⸗ gen Erzaͤhlung, die nur der myſtiſche Geiſt ſeines gro⸗ ßen Erbauers verſtanden, und deren Bewahrung durch das Leben jedes Waͤchters verbuͤrgt ward. Der gewun⸗ dene Weg, der in den Felſen gehauen vor ihnen lag, war zugleich der einzige, der in das Innere fuͤhrte, und ſein Eingangsthor, uͤber dem ſich des erſten Waͤchters Behauſung erhob, war mit einem Fallgitter verſchloſ⸗ ſen. Schweigend blickten unſere Wanderer auf ihre zukunftige Wohnung und horten den Erklaͤrungen zu, die ihr Begleiter ihnen zu machen ſuchte. Die vier Hoͤhen, die das Schloß umgaben, waren befeſtigt und beherrſchten das ganze Berauner Thal— auf den hoͤch⸗ ſten Punkten befanden ſich kleine Wachthaͤuschen, worin ſonſt Tag und Nacht die alle Stunden abgeloͤſten Wäch⸗ ter unverwandt in die Ferne blicken mußten, und bei Lebensſtrafe gehalten waren, keinen Fremden nahen zu laſſen.— Bei jeder Abloͤſung toͤnte der ernſte Ruf in die Berge hinab:„Fern ab von der Feſte! daß kein ungluͤck geſchehe!“— und die Nachbarn der heil⸗ gen Feſte kannten dieſen Todesruf, der, unbeachtet ge⸗ 13 laſſen, einen ſichern Pfeil aus dem geſpannten Bogen nach ſich zog. Jetzt— wo dies einſt ſo drohend be⸗ ſchuͤtzte Heiligthum dem Einfluſſe der Zeit ſich hatte uͤberliefern muͤſſen— waren die Befeſtigungen unbe⸗ wacht und zeigten dem erfahrenen Auge ihren unbeach— teten Verfall, wer aber von ihrem Ruͤcken auf den groß⸗ artigen Bau ſchauen und ſich in das tiefſinnige Gemuͤth Karls des Vierten, ſeines großen Erbauers, verſenken konnte, dem mußte noch immer ſcheinen, der Geiſt eines großartigen Geheimniſſes ſei hier dem rieſigen Geſtein auf eine unzerſtoͤrbare Weiſe eingepraͤgt, und dem Ein⸗ geweihten werde ſich ein Zeugniß zu erkennen geben, welches dem profanen Auge in myſtiſches Dunkel ge⸗ hullt bliebe. Thomas Thyrnau ſah mit tiefer Bewe⸗ gung auf das Haus des einſt ſo maͤchtigen Meiſters— er kannte den Dienſt, dem auch er angehoͤrte, und ver⸗ ſtand die Loͤſung der Zeichen, die er zu finden gewiß war. Das ahnungsvolle Kind an ſeiner Seite fuͤhlte ſogleich dieſen Einfluß—„Ach! ach!“ ſtammelte ſie und ſtreckte ihre Arme gegen die Feſte aus—„was wirſt Du in Deinem heil'gen Bereich bewahren!— was wirſt Du mir zu ſagen haben, was ich noch nie hoͤrte und wonach vielleicht mein Herz ſo ſehnſuchtsvoll ſchlaͤgt— was fuͤr Geheimniſſe mußt Du umſchließen, die ich vielleicht ewig umſonſt befragen werde?“ 14 Thomas Thyrnau blickte geruͤhrt zu dem uͤberreiz⸗ ten Kinde hin, aber jede Erſcheinung in ihr war ihm lieb, die Hoffnung ließ, daß ſie aus ihrem dumpfen in⸗ nern Grame nach Außen treten werde. Er ſtand nicht an zu erwidern:„Du ahneſt recht meine Tochter!— Karl der Vierte ſtand als Großmeiſter an der Spitze eines maͤchtigen Ordens, den uns der Orient in heil'gen Ueberlieferungen zufuͤhrte, und deſſen tiefſinniger Dienſt und großer Einfluß auf das Wohl der Menſchen in ein unverbruͤchliches Geheimniß gehuͤllt iſt, welches nur dem Eingeweihten den Ritus erkennen laͤßt, der dem Profanen unverſtaͤndliches Zeichen bleibt— und ich bin gewiß, die Anzeichen zu finden, daß er die heiligen Ri⸗ tuale hier uͤbte und bewahrte!“ „Ha!“ rief Magda, die mit ihren klugen Augen ſeine Worte verſchlungen hatte—„da wirſt Du mich ſie erkennen lehren— da werde ich recht was Großes, Tiefes erleben koͤnnen!“ „Nein, Magda,“ erwiderte Thyrnau—„jede Frau iſt von der Mitwiſſenſchaft dieſes heil'gen Or⸗ dens ausgeſchloſſen— ohne des Meineids ſchuldig zu werden, duͤrfte Dir kein Eingeweihter Aufſchluß geben.“ „Ha,“ rief Magda—„da hat Dein heil ger Or⸗ den, wie Du ihn nennſt, eine ſchwache Stelle! Wa⸗ rum wagt ihr Menſchen, Geſetze zu machen, die ein Geſchoͤpf Gottes, von ihm ſo hoch begabt wie das andere, auszuſchließen wagt als unberechtigt?“ „Bezaͤhme Deinen ſchlagfertigen Verſtand,“ ſagte Thyrnau ſtreng—„ich koͤnnte Dir viel darauf entgeg⸗ nen, was dieſe Beſtimmung rechtfertigt, wenn es ſich ziemen wollte. Eins aber wird Dir einleuchten und vielleicht war es der Anfangsgrund dieſes Geſetzes: in jener fernen Vorzeit waltete nur ein ſehr geringes gei⸗ ſtiges Verhaͤltniß zu den Frauen ob— die Barbarei der Zeit hatte ſie in eine Sphaͤre gedraͤngt, worin ihre volle Naturberechtigung erdruͤckt, ſie den Anſchein nie⸗ derer Befaͤhigung trugen und dadurch zu den Maͤn⸗ nern nur in einem ganz rohen phyſiſchen Verhaͤltniß blieben, welches doch grade von unſerm leicht verfuͤhr⸗ baren Geſchlechte abgehalten werden ſollte.“ Thyrnau hatte Magda mit dieſer Entgegnung zum Schweigen gebracht, aber ihrem arbeitenden Geiſte die Betrachtung dieſer neuen Erſcheinung zu entziehen, wollte er eben ſo wenig, als er es vermocht haͤtte. „Sieh,“ fuhr er fort—„wie lieblich hier das Thal ausmuͤndet und an den Ufern der Beraun ſich hin⸗ zieht bis zu dem kleinen Staͤdtchen Budnian, welches um ſeine Kirche, wie eine ſchlechte Einfaſſung um ein Juwel, liegt.“ 16 „Ja,“ ſeufzte Magda bewegt auf—„hier iſt Ruhel hier verſtehe ich zuerſt, was einſam iſt!— Ob hier wol Voͤgel ſingen? Ob die Forelle hier wol im Bache rauſcht?— Ob der Wind hier eine Stimme hat und der Regen nicht die Tropfen anhaͤlt, ehe ſie nieder⸗ fallen? Denkſt Du nicht, das welke Blatt muͤſſe ſich beſinnen, ehe es zur Erde ſinkt, und die Bienen muͤß⸗ ten umkehren an den vier Bergen, uͤber denen noch im⸗ mer das geheimnißvolle:„Fern ab von der Feſte!“ er⸗ klingt.“ „Wir werden es ja erfahren“— ſagte laͤchelnd Thyrnau, denn er freute ſich, daß die verſtummte Magda in ihre alten Rhapſodien verfiel. Schon ſahen ſie, daß der Wagen in das erſte Git⸗ terthor eingelaſſen ward, und ihr Begleiter forderte ſie nun auf, denſelben Weg anzutreten. Als ſie niederſtiegen in das Thal, umfing ſie eine feuchte Kaͤlte; die Sonne ſtand noch niedrig, die hohen Berge hielten ihre Strahlen ab. Der Weg fuͤhrte durch das Gitterthor bis zur zweiten Eingangspforte durch einen in den Felſen gehauenen, mit Mauerwerk und Schießſcharten verſehenen Weg zum Haupteingang und einem gigantiſchen Thore, an welchem das ungeheure Schloß Magda's Erſtaunen anregte. Ueber dieſem Thore erhoben ſich die baufaͤlligen Truͤmmer der Wenzel⸗ ——— ————— — 17 Kapelle, auf der nur noch das goldene Kreuz, von neue⸗ ren Balken geſtutzt, zu ſehen war. Durch dieſes Thor traten ſie in den Vorhof der Feſte, wo die Wohnung der Burggrafen ſich zeigte, die jetzt von der minder wichti⸗ gen Perſon eines Gouverneurs eingenommen war, und hier fuͤhrte ſie ihr Begleiter in einen mit dem Hof durch offene Thuͤren verbundenen Wachtſaal, in welchem ſich ein Offizier und einige Mann der Beſatzung befanden. Als der Begleiter der Gefangenen ſeine Meldung gemacht, uͤberlief der Offizier Beide mit einem hochmuͤ⸗ thigen Blick, und lachend vor Magda ſtehen bleibend rief er mit wegwerfender Zutraulichkeit:„Nun Kleine, Du biſt ein ſeltenes Stuͤck Beſatzung fuͤr den Karlſtein — weißt Du nicht, daß den Weiberroͤcken verwehrt iſt, hier zu fegen? Daß wir Dich werden ausquartieren muͤſſen, oder auf der hoͤchſten Zinne baumeln laſſen, da⸗ mit der Frevel geſuͤhnt wird?“ „Mein Herr,“ ſagte Thyrnau, waͤhrend Magda entſetzt zuruͤckwich—„habt die Guͤte, uns nicht mit Euren Scherzen zu belaͤſtigen, ſondern meldet uns bei dem Herrn Gouverneur— wir werden ihn allein anzu⸗ hoͤren haben.“ „Tod und Teufel!“ rief der beleidigte Offizier— „ſoll ſo ein Taugenichts, der Strafzeit erleidet, trans⸗ portirt wird fuͤr Gott weiß was fur ein Verbrechen, den Thomas Thyrnau IIMI. 3te Aufl. 2 18 Mund gegen uns, die allvermoͤgenden Herren der koͤnig⸗ lichen Feſte Farlſtein, aufthun? der erſten im Lande — des glorreichſten Dienſtes im Staate? Kannſt Du leſen, alter Burſche, ſo ſollſt Du die erlauchten Ge⸗ ſchlechter verzeichnet ſehn, die einſt hier den Dienſt der Wache mit einem Zeichen in ihrem Wappen verewig⸗ ten!— Denkſt Du, die Gewohnheit ſei herunter ge⸗ kommen? Wiſſe, daß noch immer nur Maͤnner vom vollbluͤtigſten Adel hierher berufen werden, und erfahre zu Deiner tiefen Beſchamung, daß Du mit dem zweit⸗ geborenen Sohne des erlauchten graflichen Hauſes Ca⸗ ſtiglione Paſterau zu ſprechen die Ehre haſt!“ Thyrnau hatte Magda ruhig gegen den Kamin ge⸗ fuhrt und ſie auf einer Bank niederſitzen laſſen, da Furcht und Käͤlte ihren zarten Korper ſchuttelten— und vor ihr ſtehend, ſo daß er ſie den unverſchaͤmten Blicken des Offiziers entzog, wandte er ſich jetzt zu ihm und ſagte ruhig:„Deſto beſſer, mein Herr, wenn Sie ſich eines edlen Namens zu ruͤhmen haben, ſo werden Sie das Ungluck und die Unſchuld nicht ſchmaͤhen wollen.“ „Ja, Ungluck!“ rief Paſterau—„alle Verbrecher ſind blos ungluͤcklich— das iſt die alte Geſchichte!— und ſolche Maͤdchen, die auf der Landſtraße nachziehen, und zur Beſatzung einer Feſtung gethan werden, deren Unſchuld ſollen wir anbeten?— Du biſt ein alter 19 Schwachkopf, und ich werde Dich lehren, wie wir's mit Dir und ſolchen Dingern von Maͤdchen hier halten!“ „Genug!“ ſchrie Thyrnau hier mit einer ſolchen Donnerſtimme, daß Paſterau zuruͤck prallte und die Soldaten von ihrer Bank in die Hoͤhe fuhren, als haͤt⸗ ten ſie den Signalſchuß gehoͤrt—„Ihr Betragen uͤber⸗ ſchreitet vollig Sitte und Recht— und ich werde mich daruͤber beklagen, wenn Sie nicht augenblicklich uns vor den Gouverneur fuͤhren, der Ihrer Rohheit Einhalt thun wird.“ „Schmeißt ihn hinaus! ſchmeißt ihn in den Felſen⸗ keller!“ rief der Offizier wuͤthend, denn das erſte Fruͤh⸗ ſtuͤck hatte ſchon mit einer zu reichlichen Portion geleer⸗ ter Flaſchen ſeine Sinne umnebelt.— Thyrnau aber rief den Soldaten zu, ſich zu huͤten, indem er einen hoͤlzernen Schemel mit ſolcher Leichtigkeit in der Luft ſchwenkte, daß ein ſehr gegruͤndetes Bedenken bei der Mannſchaft eintrat, ihm zu nahen. Jetzt naͤherte ſich der bisherige Begleiter des Thomas Thyrnau und bat ihn, mit ſeiner Enkelin den Raum zu verlaſſen, er wolle dann den jungen Herrn wo moͤglich zur Ruhe ſprechen. Thyrnau folgte um ſo lieber dieſem Rathe, da Magda ſehr zu leiden ſchien und der trunkene Zuſtand des jungen Herrn den Streit mit ihm ſo wenig ehren⸗ haft machte. Beide folgten daher ihrem Fuͤhrer uͤber 2* 20 den Burghof, wo er ſie in ein niedriges Gebaͤude ein⸗ fuhrte, welches ein Wirthſchaftshaus ſchien, und worin er ihnen ein Zimmer oͤffnete,— ein wuͤſter Raum mit Tiſchen und Baͤnken, der ein Gaſtzimmer des unterſten Ranges andeutete. Aber es war leer und dies machte es gegen das eben verlaſſene zur groͤßten Wohlthat. Als ſich Beide allein ſahen, zog Thyrnau die zitternde Magda in ſeine Arme— ſie war todtenkalt und der Froſt ſchut⸗ telte ſie— aber Keiner ſprach ein Wort.— Magda's Herz ſtockte vor Entſetzen— Thyrnau fuͤhlte ſich ſelbſt uͤberraſcht uͤber den rohen Empfang, und dachte mit einiger Unſicherheit an die Verhaͤltniſſe, die ihn erwar— ten konnten. Er bat Magda, ihn los zu laſſen, um fuͤr etwas Feuer ſorgen zu können, und obwol ſie ſchau⸗ derte, ſeinen ſchuͤtzenden Arm zu verlieren, blickte ſie doch mit einigem Verlangen nach dem kalten Heerde, auf dem kein Fuͤnkchen gluͤhte.— Thyrnau ging indeſ⸗ ſen uber einen kleinen Flur in ein gegenuber liegendes Gemach, welches ſo mit Gegenſtaͤnden uͤberfuͤllt war, daß er im erſten Augenblick die Bewohner nicht heraus⸗ finden konnte. In der Mitte ſtanden zwei angezapfte Tonnen, mit zinnernen Kruͤgen und Weinglaͤſern umgeben. An den Waͤnden waren Faͤcher, welche alle Beſtandtheile einer Victualien⸗Handlung enthielten. Von der Decke herab 21 hingen Wuͤrſte, Schinken, Speckſeiten, Tabak, Lichte, Stricke, Flachs— und Leinwand und grobe Tuchſtuͤcken ſtanden in Ballen an der einen Seite der Wand; auch hier liefen Baͤnke umher, und im Heerde brannte Feuer und Keſſel und Toͤpfe waren im vollen Kochen. Als er bis zu der Flamme vorgedrungen, rief eine grobe weib⸗ liche Stimme:„Was beliebt? was beliebt? was gedenkt der Herr hier im fremden Eigenthum?“ Eine breite vierſchroͤtige Geſtalt erhob ſich hinter ihm und ein Paar kaum ſichtbare Augen blickten neugierig und muͤrriſch zu ihm auf. „Liebe Frau!“ ſagte Thyrnau—„beſorgt etwas Feuer in den Heerd Eures Gaſtzimmers, und koͤnnt Ihr, ſo bereitet uns ein erwaͤrmendes Getraͤnk— habt Ihr nicht Thee oder Kaffee? druͤben friert ein junges Maͤdchen.“ Das Weib ſtarrte ihn an, als ſpraͤche er eine andere Sprache— dann ſchwoll ihr Geſicht, welches ſchwarz⸗ braun und von Pockennarben zerriſſen war, hochroth auf, und als ſie das erſte Ausrufungszeichen, ihren dicken Arm in die Seite geſtemmt, ſagte ſie in grobem hoͤhniſchen Ton:„Ihr ſeid wol ein Prinz, Herr Land⸗ ſtreicher, und habt nur ſo das Befehlen? Das ſind mir ja ſchlaue Gewohnheiten— ein eignes Feuer im Gaſt⸗ zimmer und Thee oder Kaffee— und dann ſeid Ihr 22 wol von den Hoͤflichen ohne Geld in den Taſchen, fuͤr die unſer eins arbeiten muß, und ſich bedanken, wenn's beliebt aufzueſſen, was wir verdient?“ „Nehmt dies Geldſtuͤck vorweg,“ ſagte xhhrn Alles uͤberhoͤrend, allein beſtrebt zum Ziele zu kommen— „und ſchafft nur, was ich begehre.“ Die Hand des Weibes ſchnappte uͤber dem Gelde zu, wie der Deckel uber eine Kanne faͤllt; dann ſagte ſie:„Koͤnnt Ihr Euch denn hier nicht waͤrmen—'s iſt fur ein junges Ding von Maͤdchen doch wol Platz genug?“ „Nein,“ ſagte Thyrnau, der den uͤberwaͤltigenden Geruch dieſer Vorrathshoͤhle fuͤr Magda fuͤrchtete— „Ihr muͤßt uns dort Feuer machen und, was wir brau⸗ chen, dahin liefern.“ „Nun ſo hort, Mann!“ rief das Weib entſchloſſen —„daß ich das nicht thun werde! In dem Heerd da druͤben wird nur Abends, wenn die Wache abloͤſt und den Nachtimbiß nimmt, Feuer gemacht— fuͤr Leute im dunkeln Rock ſind ſolche Feierlichkeiten nicht! Kaffee koͤnnt Ihr haben, und zwar wie Alles, was hier verab⸗ reicht wird, auf's Beſte, aber die Dirne wird ihn hier trinken, oder Ihr koͤnnt Euch auf dem Farlſtein ein anderes Gaſthaus ſuchen!“ Ein rauhes Auflachen bewies ihre Sicherheit, daß dies nicht moͤglich ſei, ud Thyrnau, ſogleich uͤberſehend, wie nutzlos der Wider⸗ ſtand ſein werde, verließ augenblicklich das Zimmer, um Magda den Verſuch machen zu laſſen, da er ihr Waͤrme am Noͤthigſten hielt. Er fand ſie, den Kopf auf den Armen vornuͤber, auf einem der harten Tiſche liegen— liebevoll richtete er ſie auf und fuͤhrte ſie hinuͤber. Sie ſchauderte, als ſie eintrat, aber ſie ließ ſich willig bis zum Heerde lei⸗ ten, wo der Zug des Feuers die Luft etwas klaͤrte und die Waͤrme das arme erſtarrte Kind wohlthaͤtig be⸗ ruͤhrte. Thyrnau bereitete ihr einen leidlichen Sitz und ſchob ſich ſelbſt einen Schemel an ihre Seite, um ſie in ſeinen Armen zu ſchuͤtzen. Das Weib beſorgte in⸗ deſſen, ohne im mindeſten fuͤr die Einrichtung ihrer Gaͤſte zu ſorgen, das Getraͤnk, welches ſie Kaffee nannte, und Magda trank mit einer Art von Begierde davon, denn ſie fuͤhlte eine Erſtarrung in ſich, daß ſie die Flamme haͤtte trinken moͤgen— dann ſank ſie an der treuen Bruſt zuſammen, in der ſie vorerſt die be⸗ deutendſte Sorge war. Trotz dem, daß das Weib ohne“ alle Ruͤckſicht ihre Kuͤchengeſchaͤfte trieb, oder ihren knar⸗ renden Haspel drehte, ſchlief Magda doch ein und Thyrnau lauſchte ſorgenvoll ihren leiſen kurzen Athem⸗ zuͤgen. Doch nicht lange waͤhrte dieſe Ruhe, da hoͤrte er laute Schritte, die uͤber den Flur toͤnten, und als das Zimmer druͤben ſich leer zeigte, trat neben ihrem 24 Reiſebegleiter ein junger Offizier ein, in welchem Thyr⸗ nau zu ſeinem Troſte wenigſtens einen Andern als den Herrn Caſtiglione Paſterau erkannte. Er hatte eine ſchoͤne ausgezeichnete Geſtalt, ein ed⸗ les ſtolzes Geſicht, in welchem der Ernſt an hochmuͤ⸗ chige Strenge grenzte; aber auf den erſten Blick wußte Thyrnau, er habe von dieſem nichts Gemeines zu be⸗ furchten, und dies machte ihm ſeine Erſcheinung zu einer wahren Wohlthat. Der Offizier ſchien, als er zu Thyrnau und dem bleichen ſchlafenden Kinde an ſeiner Bruſt hintrat, einen Augenblick von der ausgezeichneten Perſoͤnlichkeit Beider uͤberraſcht zu ſein, aber der Vorſatz einer ſtolzen Selbſtbeherrſchung ließ ihn ſchnell uͤber dieſen Eindruck ſiegen. „Iſt das der Mann?“ fragte er mit kurzer ernſter Weiſe den Begleiter—„den Ihr vorgebt unter dem Namen des Advokaten Thyrnau, als Gefangenen in den Gewahrſam der Feſte Karlſtein bringen zu ſollen?“ „Ja! gnaͤdiger Herr!“ erwiderte Jener—„ich kann bei meinem Dienſteid ſchwoͤren, daß ich zu dem Privat⸗Polizei⸗Buͤreau Sr. Excellenz des Staatskanz⸗ lers Grafen von Kaunitz gehore, daß ich dieſen Geleits⸗ ſchein daher bekam, der mir als Regierungsboten auch die Thore des Karlſtein oͤffnete.“ „Daß Ihr dazu gehoͤrt, iſt bereits erwieſen, da⸗ von iſt nicht mehr die Rede, eben ſo daß Euch von allen Behoͤrden in den zu paſſirenden Staͤdten und Plaͤtzen bei der Begleitung des gefangenen Advokaten Thomas Thyrnau der noͤthig ſcheinende Vorſchub geleiſtet wer⸗ den ſoll, dies enthaͤlt Euer Geleitsſchein— Ihr habt die Eintrittskarte uͤberdies, die Euch die Thore der Feſte Karlſtein oͤffnet; aber dieſe enthaͤlt nichts von Euren Gefangenen, und ohne alle Inſtruction hieruͤber, wie Ihr ſeid, muͤſſen Seine Gnaden der Herr Gouverneur ſich entſchieden weigern, ein feſtes konigliches Schloß, welches wie der Karlſtein zu den ehrenvollſten Dienſt⸗ ſtellungen des Landes gehoͤrt und bis jetzt nur in den ſeltenſten Faͤllen fuͤr die hoͤchſten Perſonen eine Art Verweiſungsort ward, zu einem Gefaͤngniß fuͤr unbe⸗ kannte Perſonen geringerer Staͤnde ſich umwandeln zu laſſen, wodurch ſowol die Wuͤrde des Orts als die Perſon des Befehlshabers herabgeſetzt wuͤrde.“ „Mein Herr!“ ſagte Thomas Thyrnau jetzt— „ich muß ſehr erſtaunen, daß Seine Excellenz der Herr Gouverneur von meiner Ankunft ununterrichtet iſt, da einen Tag vor meiner Abreiſe der Kourier hierher ab⸗ geſchickt wurde, der die Befehle der Kaiſerin uͤber meine Aufnahme zu uͤberbringen hatte. Wir ſind wegen der Begleitung meiner Enkelin nur langſam gereiſt und der 26 kaiſerliche Bote mußte einige Tage vor mir hier haben eintreffen koͤnnen.“ „Es iſt ein ſolcher Befehl oder ſolcher Bote hier nicht eingetroffen,“ entgegnete der Offizier—„und Seine Excellenz wollen die Moͤglichkeit eines ſolchen Befehls bezweifeln!“ Thomas Thyrnau ſchwieg einen Augenblick, denn Magda war von den Sprechenden erweckt worden, und ihre großen muͤden Augen hefteten ſich jetzt auf den jungen Mann, der dieſe letzten Worte ausſprach. „Vielleicht“— ſetzte er hinzu—„iſt bei der Abfer⸗ tigung des Polizeiboten ein Verſehn vorgefallen, man hat vorgehabt, Euch nach einer andern Feſtung zu brin⸗ gen, wohin der Befehl gelangt ſein mag, Euch aufzu⸗ nehmen— ein anderer Bote mag von der Majeſtät beordert worden ſein, dem Herrn Gouverneur Mitthei⸗ lungen von der Majeſtaͤt zu uberbringen, dieſe ſind theilweis verwechſelt worden und Ihr habt nun irr⸗ thuͤmlich einen Gefangenen hierher gebracht.“ „Dies Alles kann nicht der Fall ſein,“ entgegnete Thyrnau—„da ich ſelbſt die Handſchrift der Kaiſerin geſehen habe, welche dem Erkenntniß des Gerichts uͤber mich hinzugefuͤgt hatte, daß ſie mir den Karlſtein in Boͤhmen— meiner Heimath— angewieſen habe.“ Der Offizier ſah Thyrnau mit einem ſeltſamen Läͤcheln an; es ergaͤnzte das vornehme Schweigen, womit er dieſe Entgegnung aufnahm— er fugte hin⸗ zu:„Alle dieſe Umſtaͤnde koͤnnen kein Grund werden, den Farlſtein zu einem Gefaͤngniß herabzuſetzen und der Herr Gouverneur halten dieſes Eindringen fuͤr etwas Unzulaͤſſiges!“ „Kann ich den Herrn Gouverneur nicht ſelbſt ſpre⸗ chen?“ fragte Thyrnau—„vielleicht wuͤrde eine ſolche Mittheilung uns beſſer verſtaͤndigen!“ „Ich glaube nicht, daß der Herr Gouverneur an⸗ dere Perſonen ſpricht, als die dazu durch Rang oder Dienſtſtellung autoriſirt ſind,“ entgegnete der Offizier. Jetzt uͤberzog Thyrnau's Geſicht das Laͤcheln des unverkennbaren Spottes und der junge Mann, deſſen ſcharfer Blick dies ſogleich auffaßte, erroͤthete einen Augenblick.—„Wollen Sie mir dann erklaͤren, was der Herr Gouverneur in dieſem beſondern Falle be⸗ ſchloſſen haben?“ fragte er, und das ſorgloſe Laͤcheln des Spottes begleitete noch immer dieſe Worte— „Sie werden mir zugeſtehn, daß es ein eigner Fall iſt, daß ein Gefangener um die Aufnahme in ſeinem Ge⸗ fangniß ſuppliciren muß; es koͤnnte ſcheinen, daß ihm die Freiheit von ſelbſt wieder zufiele, wenn man ſich weigere, ſie ihm zu nehmen.“ „Ueber das Recht, dieſe Freiheit Ihnen zu neh⸗ 28 men,“entgegnete der Offizier kalt—„trage ich keinen Zweifel— nur uͤber das Recht dieſes königliche, hochſt angeſehene Schloß zu einem Gefaͤngniß der Art zu ſtempeln, habe ich den Auftrag, Ihnen die Meinung des Gouverneurs zu ſagen, und vielleicht durfte ich bei einem gebornen Boͤhmen ein eingehenderes Verſtändniß vorausſetzen, denn der Farlſtein iſt der Stolz des Lan⸗ des— und ſeine beſonderen Berechtigungen, ſeine un⸗ umſtoͤßlichen Geſetze, die— willkuͤrlich zu aͤndern ſelbſt nicht in die Macht der oſtreichiſchen Herrſcher gelegt ſcheinen will, ſollten, denke ich, jedem Boͤhmen be⸗ kannt und ehrwuͤrdig ſein.“ „Ich kann mich trotz dieſes weißen Haares nicht ruͤhmen, zu der glorreichen Epoche Karls des Vierten zu gehoͤren— aber ich habe in meiner Bibliothek eine vergelbte Kronik gefunden, in welcher die Verfaſſung des Karlſteins bei ſeiner Einweihung vor vierhundert Jahren juſt ſo verzeichnet ſteht, wie Sie mein Herr ſie jetzt noch anzunehmen geneigt ſind. Damals ver⸗ dienten alle Maͤnner der Bewachung den Namen der Kronenwaͤchter— doch Ferdinand der Zweite hat auch dieſes hohe Amt durch die Wegfuͤhrung dieſer Schätze in ſich aufgehoben und ſeit hundert Jahren, denke ich, haben die Herren der Beſatzung nur die Erinnerung zu bewachen.“ 29 „Ich könnte Ihnen antworten, daß dies fur einen Edelmann, deſſen Vorfahren an des glorreichen Karls des Vierten Seite als bewaͤhrte Stuͤtzen des Thrones dieſer Einweihung vor vierhundert Jahren beiwohnten, Grund genug iſt, die Heiligkeit eines ſolchen Ortes vor Entwuͤrdigung zu ſchuͤtzen— aber ich darf nicht anneh⸗ men, daß Sie mich verſtehen werden und moͤchte be— zweifeln, daß dieſe Unterredung nicht eine muͤſſige ſei.“ „Ohnfehlbar, mein Herr, iſt ſie das!“ rief Thyr⸗ nau—„und ich habe in dieſen Mauern ſchon zu viel Anmaßung erduldet, um die Fortſetzung von Unter⸗ handlungen zu wuͤnſchen, die mich nur in ſo fern etwas angehn koͤnnen, als ſie mich und meine Enkelin aus einer ganz unpaſſenden Lage ziehen ſollen. Ich muß bitten, daß Sie ſich ſogleich erklaͤren, welches Verhal⸗ ten gegen mich Sie glauben verantworten zu koͤnnen, und Sie— welchem als Polizeiboten meine Perſon uͤbergeben worden iſt— Sie werden dafuͤr ſorgen, daß man mir, wie mir zugeſtanden worden iſt, eine anſtaͤn⸗ dige Behandlung widerfahren laͤßt, wozu eine Woh⸗ nung fuͤr mich und meine Enkelin gehoͤrt, in der wir nicht den Rohheiten fremder Menſchen ausgeſetzt ſind. Dies verlange ich augenblicklich; uͤber mein laͤngeres oder kuͤrzeres Bleiben ſteht Ihnen dann zu die Unter⸗ 30 handlungen zu fuͤhren, die fuͤr mich von keinem Be⸗ lang ſind.“ „Mein Herr!“ ſagte der Polizeibote und unter⸗ brach damit die vielleicht heftige Entgegnung des jungen Offiziers—„die gegenwaͤrtige Lage iſt durch irgend eine Zufaͤlligkeit unangenehm geworden; ich glaube je⸗ doch, daß ich durch mein Verhalten waͤhrend der Reiſe mir nicht das Mißtrauen des geehrten Herrn verdient habe. Ich ſehe ein, daß der Herr Gouverneur mit der offiziellen Aufnahme in den Karlſtein zogern werden, bis der unbegreiflich ausbleibende kaiſerliche Kourier hier eintreffen wird, da meine Inſtruktion leider nichts daruͤber enthaͤlt und Alles zu ſehr auf den vorangehen⸗ den Befehl berechnet war. Ich werde noch einmal ver⸗ ſuchen, den Herrn Gouverneur um eine Auskunft zu bitten, indem Sie ſich vielleicht bewegen laſſen, dies Haus, welches auf keine Weiſe mit dem Schloß in Verbindung ſteht, als neutralen Boden anſehn zu wol⸗ len und zu erlauben geruhen, daß einige Zimmer, welche Frau Grimſchuͤtz nach der Gartenſeite hin be⸗ ſitzt, vorlaͤufig fuͤr den Herrn und ſeine Enkelin einge⸗ richtet werden.“ „Ich bin mit dieſer Einrichtung vorläufig zufrie⸗ den, entgegnete Thyrnau, der bei zu erwartender An⸗ kunft des Boten einer ſchnellen Ausgleichung entgegen 31 ſah—„nur fordere ich, daß dies ohne Zoͤgerung ge⸗ ſchehe.“ „Ich muß jedoch bemerken,“ ſagte der Offizier— „daß der Herr Gouverneur beſonders die Zulaſſung eines jungeren Frauenzimmers durchaus unzulaͤſſig haͤlt und auf deren Entfernung vor Nacht entſchieden dringt und die Erfuͤllung dieſer Forderung jeder andern voran⸗ gehen muͤßte, wenn der Herr Gouverneur auch dann vielleicht die Aufnahme des Gefangenen in dieſem Wirthshauſe zuließe.“ „Huͤten Sie ſich, mein Herr!“— rief Thyrnau— „mich läͤnger mit Ihren veralteten und uͤber die Gren⸗ zen dieſer Mauern hinaus laͤcherlich gewordenen Rech⸗ ten zu belaͤſtigen! Ich bin nicht hierher geſandt, mit verjaͤhrten Vorurtheilen einen Kampf zu beſtehn und ich wuͤnſche, um des Herrn Gouverneurs ſelbſt willen, daß er ſich bald geneigt zeige, mich anſtaͤndig zu behan⸗ deln— dieſe meine Enkelin wird ſich nicht von mir trennen— und ich werde vorlaͤufig dieſe unwuͤrdige Wohnung annehmen, denn die Ausgleichung durch den kaiſerlichen Kourier kann nicht lange ausblei⸗ ben!“ „Sie werden ſich Unannehmlichkeiten zuziehn,“ ent⸗ gegnete der Offizier—„ich werde dem Herrn Gouver⸗ neur pflichtſchuldige Meldung machen und verweigere 32 indeſſen nicht, daß Frau Grimſchutz fuͤr ihre Erholung Sorge trage.“ Er verließ mit kurzem hochmuͤthigen Gruß das Ge⸗ mach und der Polizeibote zogerte nur noch ſo lange, ihm zu folgen, bis er der, argwoͤhniſch die ganze Scene be⸗ horchenden Frau Grimſchuͤtz mit einer ihr verſtändli⸗ chern Sprache angedeutet, augenblicklich die Zimmer fuͤr ſeine Schutzbefohlenen einzurichten und ihnen alle Huͤlfe zu leiſten, die ſie beduͤrfen wurden. Thyrnau ſuchte nun Magda, die in ſprachloſem Er⸗ ſtaunen und Schrecken zuerſt in ihrem Leben von der Haͤrte und Rohheit der Menſchen beruͤhrt ward, zu be⸗ ruhigen, und folgte dann der alten widerwilligen Frau in die ihnen zugedachten Zimmer. Sie waren von der tiefſten Armſeligkeit und dem wuͤſteſten Anſehn— aber . ein dunkler Gang trennte ſie von dem uͤbrigen Hauſe und ſicherte ihnen Stille— und ein kleiner Garten be⸗ grenzt von den gruͤnen Waͤllen der Befeſtigungen, an denen junges Weidengeſtraͤuch mit ſeinem beweglichen Laube ſpielte, lag vor den Fenſtern ausgebreitet, und er wußte, dieſer Anblick werde Magda's Herz erleichtern. Als nun Frau Grimſchuͤtz anfing einzuſehen, daß ihr Widerſtand gegen hoͤhere Perſonen ſich richten 4 muͤſſe, als die bisherigen Gegenſtaͤnde ihrer uͤblen Laune, gab ſie nach, und da eine gewiſſe ihr inwoh⸗ 33 nende Tuͤchtigkeit nicht zuließ, die Dinge halb anzufan⸗ gen, wurden Thyrnau's Befehle mit einer ziemlichen Geſchicklichkeit ausgefuͤhrt. Als die Zimmer gekehrt, Tiſche, Stuͤhle und Fen⸗ ſter gewaſchen waren und die Glut der Kamine in bei⸗ den Zimmern die Luft zu verbeſſern anfing, fuͤhrte Thyrnau endlich die erſchoͤpfte Magda in ihre neue Be⸗ hauſung und, wie er vorher gedacht, war ihre erſte Be⸗ wegung, nach den Fenſtern zu eilen und mit einem tiefen erleichternden Athemzuge auszurufen:„Ach wie gruͤn und ſtill!“ Von da an war ihr Alles recht! Sie ſtand ihrer duſtern Frau Wirthin mit ſo anmuthsvoller Behendig⸗ keit bei ihren Beſorgungen bei, daß dieſe etwas von ihrer groben Unfreundlichkeit nachließ, und als Thyrnau einen Theil des noͤthigſten Gepaͤckes von dem Wagen raͤumen ließ und Magda mit ihrer Huͤlfe die ſchoͤnen Betten, das feine Leinen und die ſilbernen Geſchirre des taglichen Ge⸗ brauchs auspackte, ſtieg in ihr eine Art Reſpekt auf, und ſie fuhlte den Widerſpruch mit dem Begriff, den ſie bis⸗ her von Gefangenen hatte geglaubt naͤhren zu muͤſſen. Als die Dinge ſo unter Magda's erwachtem Ver— ſchoͤnerungsgeiſt ein erfreulicheres Anſehn gewonnen hatten, oͤffnete ſich plotzlich die Thuͤr und der junge Offizier trat mit ſeinen feſten ſtolzen Schritten ein. Thomas Thyrnau IIl. 3te Aufl. 3 34 Magda kniete auf dem Boden vor einem zierlichen Kof⸗ fer, aus dem ſie einige Buͤcher auspackte; als er aber einttat, ſprang ſie augenblicklich in die Hoͤhe, lief auf ihren Großvater zu, umklammerte ihn mit beiden Ar⸗ men und richtete ihre großen dunkeln Augen ſo ernſt und beobachtend auf den jungen Mann, daß dieſer un⸗ willkuͤrlich einen Schritt zuruͤcktrat, ſich vor ihr verneigte und einen Augenblick ſeine Rede vergeſſen hatte. Thyrnau, dem der kleine Triumph Magda's ein La⸗ cheln koſtete, und der das ſchoͤne ſtolze Geſicht des Juͤng⸗ lings mit dem Wohlwollen eines alten Mannes ſah, erhob freundlicher als vorher die Stimme und ſagte; er hoffe, daß er ihm beſſere Nachrichten bringe. Schon hatte der junge Mann den Stolz wieder, der an Hoch⸗ muth grenzte.„Mein Herr,“ ſagte er kalt—„Seine Epcellenz wollen ſich entſchließen, dieſe ganze Angelegen⸗ heit als vorlaͤufig nicht exiſtirend anzuſehn, ſie werden Ihre und die Gegenwart eines jungen Frauenzimmers vergeſſen und es bloß der Wirthin dieſes Hauſes ohne Verantwortung hingehen laſſen, Ihnen hier eine Wohn⸗ ſtaͤtte gegeben zu haben.“ Thyrnau lachte kurz und hell auf, dann ſagte er, ohne ſich durch das feierliche guͤrnen des Juͤnglings irre machen zu laſſen:„Mein lieber junger Mann, ich muß Sr. Excellenz zu ihrer Gabe, die Dinge zu vergeſſen, 35 die ihr nicht anſtehn, Gluͤck wuͤnſchen. Dieſer merk⸗ wuͤrdige alte Karlſtein behauptet noch immer ſein Recht, die Menſchen etwas uͤber das Maaß der Vernunft hin⸗ aus zu treiben: Cervantes wuͤrde an den Rittern des Karlſteins, denke ich, einen artigen Stoff zu einer neuen Novelle finden, ſeiner bereits weltverbreiteten ein wuͤr⸗ diges Pendant liefern.“ Ein Gluͤck vielleicht, daß Beleſenheit in dem Stande des jungen Mannes nicht grade zu den Haupteigenſchaf⸗ ten deſſelben gehoͤrte, ſonſt moͤchte dem alten kecken Thyrnau ſeine Anſpielung viel Unangenehmes zugezo⸗ gen haben. Auch jetzt fuͤhlte der junge Offizier mit gro⸗ ßer Gereiztheit, daß dieſem ihm ſo untergeordneten Manne ſchwer zu imponiren war, und daß er eine Rede⸗ weiſe habe, der eine große Sicherheit beiwohne. Er war daher froh, ſich ihm ganz entziehen zu koͤnnen, deu⸗ tete ihm blos an, daß er das Zimmer nicht verlaſſen duͤrfe und entfernte ſich mit ſtolzem Weſen.„Weiß Gott, Magda,“ ſagte Thyrnau—„dort oben, vermuthe ich, halten dieſe alten Edelleute mit den Geiſtern, welche dieſe Burg beherrſchen, Gemeinſchaft, und ſind vereidet, den ſeit vierhundert Jahren eingeſetzten Dienſt auf den Trummerhaufen dieſer einſt hier waltenden Groͤße fortzuſetzen. Nach dem ernſten Geſicht, daß dieſer junge Degen zu ſeinen laͤcherlichen Forderungen macht, 3* bin ich ſicher, er glaubt mit ſeinem verbuͤndeten Gouver⸗ neur und vielleicht noch Einigen gleicher Stimmung, daß ſie die Jahrhunderte zu ihrem Ruckſchritt beſchwoͤ⸗ ren koͤnnen und zweifeln nicht, daß der Ernſt, mit dem ſie ihren Wahnſinn treiben, demſelben Glauben und An⸗ ſehn verſchaffen ſoll!“ „Aber,“ ſagte Magda—„dieſer thut uns nichts zu Leide.“ „Glaubſt Du?“ laͤchelte Thyrnau— und bewun⸗ derte den feinen Inſtinkt der Frauen, gleich den aus⸗ geuͤbten Einfluß zu erkennen. „Nein,“ ſagte Magda—„er iſt ſtolz, aber er wuͤrde nicht roh ſein, wie der betrunkene Caſtiglione von Pa⸗ ſterau— er wuͤrde mich gegen ihn beſchutzen, wie hoch⸗ muͤthig er mich auch anſieht! Jetzt ſage mir aber, warum keine Frauen auf dem Karlſtein bleiben ſollen und er⸗ zaͤhle mir uͤberhaupt ſo viel Du davon weißt.“ „Da ich nicht zweifle, daß wir noch Bewohner des Schloſſes werden und dann der Arreſt aufgehoben ſein wird, da mir der Befehl der Kaiſerin freien Gebrauch des Karlſteins zugeſteht, ſo werde ich beſſer alsdann in den Raͤumen ſelbſt meine Erzaͤhlungen machen; jetzt nur ſo viel, daß Karl der Vierte hier einen Schatz von Reliquien herfuͤhrte und ſeine fromme ſchwärmeriſche Seele ſich bis in die hoͤchſten Subtilitaͤten verſtieg, um 37 ihnen vollkommene Ehren anzuthun! Ein Biſchof und die hoͤchſten Kirchendiener verſahen den Dienſt in den Kapellen und verbreiteten eine Art moͤnchiſcher Zucht— aber vielleicht hatte Karl dieſen aͤußeren Gebraͤuchen der Kirche noch einen geheimen ihm eben ſo wichtigen Dienſt untergelegt, von dem ſelbſt dieſe Herren nichts ahneten und die Beſtimmungen, keine Frauen aufzu⸗ nehmen, beziehen ſich wol eben ſo auf die ſtrengen Or⸗ densregeln, denen er als Meiſter vorſtand. Selbſt die Kaiſerin Eleonora verließ zur Mahlzeit die Feſte und er hatte ihr eine Burg in der Naͤhe bauen laſſen, welche Karlick hieß und die jetzt in Truͤmmern zerfaͤllt. Dieſe Beſtimmungen hatten alle einen ehrwuͤrdigen Grund in wirklich vorhandenen, zur heiligſten Ueber⸗ wachung hier vereinigten Gegenſtaͤnden. Es waren hohe Verpflichtungen eines tief eingeweihten Ordens⸗ meiſters— es war die in der Zeit vollſtändig gerecht⸗ fertigte Froͤmmigkeit, die den vorhandenen Reliquien einen myſtiſchen Dienſt weihte— es war uͤberdies die Schaßkammer des Reichs; die Kronjuwelen, die wich⸗ tigſten Dokumente des Landes wurden in jener unſichern Zeit hinter den Waͤllen des Karlſteins verwahrt, da man dieſe Feſte nach den damaligen Begriffen und bei der Wahl eines zuverlaͤſſigen Befehlshabers fuͤr un⸗ nehmbar hielt. So kam es, daß dieſe Stelle fuͤr das hoͤchſte Ehrenamt des Reichs gehalten ward und die Burggrafen aus den vornehmſten Geſchlechtern des Landes gewaͤhlt wurden, und in demſelben Maaße wa⸗ ren die Offiziere und die Mannſchaft die Elite der Ar⸗ mee— ſie hielten ſich wegen der Groͤße ihrer Verant⸗ wortlichkeit, der Wichtigkeit ihres Dienſtes, fur hoͤhere Weſen, wozu eine Art fanatiſcher Schwaͤrmerei hinzu⸗ trat, welche die Geiſtlichkeit anzufachen verſtand und allerdings als ein Erbtheil des großen Erbauers ſeinen Nachfolgern zu verbleiben ſchien. Jahrhunderte nach dem Tode Farls des Vierten erhielt ſich dieſer Geiſt und kaum mag ſich ein beruͤhmtes Geſchlecht des Landes finden, daß nicht einen Burggrafen des Farlſteins unter ſeine Ahnen zaͤhlen kann.“ „Aber der Menſch baut den Einfluͤſſen der Zeit ver⸗ geblich unbeſiegbare Feſten— darum ſei es die Auf⸗ gabe jedes Redlichen, die Beduͤrfniſſe der Zeit, in der er lebt, zu verſtehen, denn— widerſtrebt er ihr, ſo wird ſie uͤber ihn weggehen, er wird iſolirt ein leeres Gefecht beſtehn, welches ihn zum Quaͤler ſeiner Ver⸗ haͤltniſſe machen wird und ihn als veraͤchtlich oder laͤcher⸗ lich ſeiner Wirkſamkeit berauben muß. Nach dem, was ſich mir hier bis jetzt zeigt, zu ſchließen, ſuchen dieſe Herrn der Beſatzung eine Wichtigkeit feſtzuhalten, von der ſie in den Kroniken ihrer Familien geleſen haben, glaubend, es haͤnge von ihrem Willen ab, dieſe Aner⸗ kennung auch der Außenwelt aufzunoͤthigen. Es ſteht aber nicht ſo ſchlimm mit der Welt, wie ſolche graͤm⸗ liche Egoiſten, die wenig Anerkennung finden und ſich uberall gekraͤnkt halten, moͤchten glauben machen. Was da auch fuͤr ein Wuſt von Suͤnde, Unverſtand und Ver⸗ wirrung aller Art aufgehaͤuft wird— Gott rettet immer in Einzelnen, die er zu den Traͤgern ſeines Willens macht, den goͤttlichen Schatz der Wahrheit, und von ih⸗ nen aus bildet ſich eine unſichtbare und ſiegreiche Gewalt, an der zuletzt doch das zerſchellt, was leer geworden iſt und noch Widerſtand leiſtet gegen die Wahrhaftigkeit großer Zeitentwickelungen.“ „Wenn dieſe Herrn von ſich die Meinung abhalten wollen, die ſchon laͤngſt ſich uber ſie befeſtigt hat, wenn ſie ſich der Beurtheilung damit zu entziehn hoffen, ſo vergeſſen ſie, daß Alles aus dem Bereich, den ſie be⸗ wachen, verſchwunden iſt, was mit dem Zuſtande der Zeit damals uͤbereinſtimmend, ihren Vorfahren ihre hohe Wichtigkeit ſicherte. Der Feind zerſtoͤrte ihre Hei⸗ ligthuͤmer, die Herrſcher nahmen ihre Reichskleinodien in eignen Verwahr, der Ordensdienſt, deſſen Großmei⸗ ſter hier herrſchten, iſt entfernt, und es ſind, wie ich nach den mir zugekommenen Nachrichten glaube, nur noch die gepluͤnderten beziehungsloſen Raͤume uͤbrig ge⸗ 3 140 blieben. Wie ich aus der prahleriſchen Anzeige des zweitgebornen Sohnes des Grafen Caſtiglione von Paſterau entnehme, wie aus der hochmuͤthigen Weiſe des jungen Mannes, der uns ſo eben verließ, haben ſich hier bei der Beſatzung Mitglieder alter Familien vereinigt und haben in ihrer langweiligen Ruhe ſich ei⸗ nen Opferdienſt vor dem Aitar ihres Hochmuths errichtet, wo ſie ihre Wichtigkeit und ihre ehemaligen Vorrechte anbeten und ſie zu beſchuͤtzen geloben. Es iſt wunderbar, wie dieſer ſtarre Widerſtandsgeiſt, wenigſtens in Ein⸗ zelnen, am ſchroffſten dann auftaucht, wenn es am we⸗ nigſten Zeit dazu ſcheint.— Aber dieſe Kaſte darf nur einen freien Geiſt auf dem Throne wittern, den ſie ge⸗ wohnt ſind wie ihr Eigenthum auf ihren Schildern zu tragen, dann fuͤrchtet ſie gleich einen Gegner in ihm und fucht, ſich zum Schutz und Trutz, ihre alten beſtaubten Waffen gegen ihn zu richten! Wir werden wol noch Zuſchauer werden, und da mir die kleine Kohorte mein Vaterland nicht beherrſchen wird, ſo ſoll es mir die Laune nicht verderben, ihren ernſthaften Laͤcherlichkeiten zuzuſehn!“ Bis wir es jedoch erleben, daß Thomas Thyrnau als Zeuge ſich unterrichtet, wollen wir unſer Vorrecht benutzen und in das ſo ſtreng bewachte Heiligthum ein⸗ dringen, da ein paar Stunden ihres vor uns entwickel⸗ 41 ten Lebens uns hinreichend zeigen werden, ob Thomas Thyrnau Recht oder Unrecht hat. Die Vesperglocken riefen die Beſatzung zum Be⸗ ſchluß des Tages in die Kapelle des heiligen Kreuzes, wo der Dechant des Karlſteins mit ſeinen Diakonen und zugeordneten Gehuͤlfen den Dienſt verrichtete. Dies groͤßte Heiligthum der koniglichen Feſte lag auf der hoͤchſten Hoͤhe des Felſens in dem maͤchtigſten ſeiner Thuͤrme, welcher hunderteinundzwanzig Fuß hoch em⸗ porragte und deſſen funfzehn Fuß dicke Mauern ihn als einen Trotz gegen die Zeit erſcheinen ließen. Ueber eine Zugbruͤcke und durch zwei feſt verwahrte Thore, welche jedoch, jetzt ohne Schloͤſſer, die nicht mehr zu erhebende Zugbruͤcke ſchlecht vertheidigt haͤtten, gelangte man in die untere gewoͤlbte Halle, in der die breiten Wendeltreppen hinauf ſtiegen, welche die fuͤnf Etagen dieſes Thurmes verbanden. In der dritten Etage be⸗ fand ſich die heilige Kreuz⸗Kapelle, und vier Thuͤren mit neun ungemein feſten und kuͤnſtlichen Schloͤſſern wahr⸗ ten den Eintritt. Seitdem die fruͤhere Wohnung des Dechanten zer⸗ ſtort war, bewohnte derſelbe mit ſeinen Geiſtlichen die Raͤume des Thurmes uͤber der Kreuz⸗Kapelle, wo ſich auch die Bibliothek und unter der Wohnung des Dechan⸗ 42 ten in der erſten Etage das Refektorium und die Kuͤche befanden. Wenn der Gouverneur und ſeine Offiziere mit ent⸗ bloͤßtem Haupte und allen Zeichen tiefer Devotion durch die vier Thuͤren, zu denen allein der Dechant die Schuͤſſel fuhrte, durchgegangen waren, ſo traten ſie in die im Oblongum gebaute Kapelle und verrichteten an der Schwelle eine Art Reinigungsgebet, indem ſie ſich zugleich mit Weihwaſſer netzten. Goldene Gitter, in deren kunſtreichem Geflechte noch Reſte von Edelſteinen glaͤnzten, welche einſt dies Kunſtwerk zierten, trennten die Kapelle in zwei Theile— der hintere Theil um⸗ ſchloß den Altar und war der geheiligteſte Platz. Ein Prieſter offnete den Harrenden die Gitter und ſie ſchloſ⸗ ſen ſich nach ihrem Eintritt, und waͤhrend nun der Gouverneur mit ſeinen Offizieren auf den unterſten Stufen des Altars hinter den Geiſtlichen niederkniete, fuͤrte ſich der Raum vor den Gittern mit der Mann⸗ ſchaft des Schloſſes, welche nicht durch den aͤußern Wachtdienſt beſchaͤftigt war. Was auch der Krieg mit ſeinen Pluͤnderungen an dieſem einſt ſo hochgeſtellten Heiligthume gethan, ſeine Prachtanlagen waren nicht ſo ganz zu zerſtoͤren geweſen und noch immer blieb der Raum, wo der Hochaltar ſtand, mit ſeinen azurblauen mit goldenen Sternen be⸗ ſaͤeten Gewoͤlben, denen ſich die vergoldeten Waͤnde an⸗ ſchloſſen, auf welchen ſich die Geſtalten der Apoſtel zeig⸗ ten, eine erhabene und prachtvolle Ausſtattung. Unter dieſen Gemaͤlden liefen von beiden Seiten des Altars Bäͤnke mit geſchnittenen Lehnen aus den Cedern des Libanons herum— die Sitze waren aufzuheben und unter ihrem Verſchluß ſoll man einſt die Kronjuwelen verwahrt haben. Ueber dem Hochalter aber befand ſich der durch viele beſonders hochgeſchaͤtzte Reliquien ge⸗ ehrte hochwichtige Verſchluß, in welchem die Boͤhmiſche Koͤnigskrone verwahrt ward— ein Bild, welches Chri⸗ ſtus zwiſchen Maria und Johannes vorſtellte, deckte den nun leeren Schrein. Ueber der Eingangsthuͤr befand ſich ein Raum, welcher durch einen Gang zu er⸗ reichen war, und welcher die Ausſicht in die Kapelle hatte; hier durften ſich die Bewohner des Karlſteins einfinden, die nicht zu der Mannſchaft gehoͤrten, denn dieſer nur ſtand das Recht zu, den heil'gen Boden der Kapelle ſelbſt zu betreten. Der Abendgottesdienſt war mit militäriſcher Dis⸗ ciplin und tiefer Devotion abgehalten, und hinter der Geiſtlichkeit ſchritt der Gouverneur und ſeine Offiziere durch die aufgereihte Mannſchaft, welche ſich dann ih⸗ nen anſchloß, bis der dienſtthuende Diakon die Lichter ausloͤſchte und die neun kunſtreichen Schlöſſer der vier * 44 Thuͤren verſchloß, und obgleich der Letzte in dieſem Zuge doch die Ehre genoß, daß der Gouverneur und das ganze Gefolge mit entbloͤßtem Haupte im Refekkorium ſeine Ankunft erwarteten, und erſt wenn er die heil'gen Schluͤſſel dem Dechanten uberliefert, beurlaubten ſich Alle und zogen denſelben Weg zuruͤck in die Wohnung der Burggrafen, welche das weitlaͤufigſte Gebaude des Schloſſes war. Ein mit Eichenholz ſchwerfaͤllig getaͤfeltes Vorzim⸗ mer nahm die Offiziere hier auf, und da der Gouver⸗ neur ſich regelmaͤßig nach der Vesper in ſeine Zimmer zuruͤckzog, wurde die Luft etwas freier und die Verſchie⸗ denheit der Karaktere trat ungehinderter hervor. Herr Caſtiglione von Paſterau zeigte keine Spur mehr von der Trunkenheit des Morgens, aber die Abſpannung, welche der Schwelgerei folgt, lag uͤber ſeinen nichts⸗ ſagenden Zuͤgen, und er hatte ſich in eine Fenſterniſche gedraͤngt und hoͤrte halb ermuͤdet dem Geſpraͤch ſeiner Kameraden zu. „So lange wir einen ſolchen Befehlshaber beſitzen,“ ſagte ein kleiner derber Mann, welcher uͤber die erſte Jugend hinaus ein feurig rothes Angeſicht mit unge⸗ heuer großem blonden Knebelbart zeigte, und der Haupt⸗ mann des Corps war—„ſo lange werden wir unſere Stellung rein erhalten koͤnnen und ſie gegen die An⸗ maßungen ſchuͤtzen, die von dort Oben immer ein hoch⸗ muͤthiges Vergeſſen unſeres Ranges und unſerer Vor—⸗ rechte andeuten wollen.“ „Aber zu beklagen iſt es, daß wir uns wehren muͤſſen!“ fuͤgte der ſchoͤne junge Mann hinzu, den wir bereits kennen und der jetzt in natuͤrlicherer Stimmung den vollendetſten Ausdruck eines ſtolzen Schwaͤrmers zeigte.—„Welch' ein Schatz! welch' ein Juwel in der Krone eines Reiches muͤßte ein Heiligthum ſein, an dem eine ſo unzerſtoͤrbare geſchichtliche Wuͤrdigkeit haf⸗ tet, als an dieſem heil'gen Schloß. Es muͤßte ſein ge⸗ weihter Boden das Saamenkorn aufnehmen, das von den Fuͤrſten des Landes ſelbſt hier verſenkt, ihm die ech⸗ ten Triebe ritterlicher Tugenden und chriſtlichen Sinnes lieferte, welche von hier ausgehend die allein vor Gott und dem Ritterthume beſtehenden Geſetze in der Welt verkuͤndigten, welche in trauriger Ausartung dieſes Bei— ſpiels ſo benoͤthigt ware.“ „Ja!“ ſagte ein hagerer duͤſterer Krieger, deſſen ſtark ausgearbeitete Zuge, wie der haarloſe Schaͤdel und der leere linke Aermel, der in dem Buͤffelkoller befe— ſtigt war, ihn als einem vom Leben Gepruͤften ſtem⸗ pelten—„ja! wenn nicht die Zeit gekommen waͤre, wo treue Dienſte vergeſſen ſind, und hohe Namen, deren Klang allein Armeen zu ſchlagen vermoͤchte, in dem Moder ihrer zuſammenſtuͤrzenden Burgen begra⸗ ben wuͤrden!“ „Es gehen unbegreifliche Dinge vor,“ ſagte der Hauptmann—„ und mit Schmerz muͤſſen wir geſtehen, daß uns ein launiſcher Weiberkopf regiert und da kom⸗ men neue Moden auf und ſie denkt von einem alten Edelmanne, von einem ihm angeſtammten Rechte, ſo veraͤchtlich wie von einem alten Kopfzeuge und von ihren vergelbten Manſchetten!“ Ein ziemlich lautes Lachen ſchreckte die duͤſtern Sprecher faſt auf— ſie richteten den Blick auf einen jungen rothwangigen Kornet, der ſo ploͤtzlich die gemeſ⸗ ſene Sprechweiſe ſeiner Gefaͤhrten unterbrochen hatte. Es war der junge Fuͤrſt von Trautſohn, der zu ſeinem Oheim, dem erlauchten Grafen Georg von Podiebrad, den Gouverneur des Karlſteins, von ſeinem Vormunde hierher geſchickt worden war, um bei der bekannten ſtrengen Disciplin, die dort herrſchte, ſein ungeſtuͤmes Weſen zugeln zu lernen. Er ſaß auf dem Rande des weit herausgemauerten Kamins und liebkoſ'te ein ſchoͤnes weißes Windſpiel, welches zugleich von ihm dreſſirt ward, die Biſſen, die er in die Luft warf, wieder aufzufangen. Er war von ſo weichen Zuͤgen, von ſo runden roſigen Wangen, ſo weißer Stirn und vollen blonden Locken, daß man ihn 47 fuͤr ein holdes Mägdlein haͤtte halten koͤnnen, wenn nicht in der jungen kraͤftigen Geſtalt ſchon die Maͤnn⸗ lichkeit des Bau's hervorgetreten waͤre.„O Galbes! mein theurer Emanuel, vergieb mir, daß ich Deine Worte mit meinem ungeſchickten Lachen ſchloß,“ hob er an—„aber wenn, wie Du ſagſt, meine ſuͤße Muhme, die Kaiſerin Thereſia, die Veraͤnderung liebt, ſo lacht mir das Herz vor Freude in der Bruſt, denn dann werde ich Gnade vor ihr finden, wenn ich meinen har⸗ ten Vormund verklage, der mich armes weltliches Kind unter dem Scepter ſo unvergleichlich mannhafter, ritter⸗ lich chriſtlicher Tugend eingeſperrt haͤlt, als ich hier vor mir ſehe!“ Sein froͤhlicher Scherz fand ſogleich Anklang bei zwei juͤngeren Offizieren, die dem Himmel dankten, daß ihr junger durch Rang und Verwandtſchaft etwas ver⸗ zogener Gefaͤhrte auszuſprechen wagte, was der Inhalt ihres heimlichen Verlangens warz das Laͤcheln jedoch, was ſich auf ihren Lippen zeigte, trat ſchnell zuruͤck vor dem ernſten Blick, mit dem der Graf Matthias von Thurn, der ſtolze junge Offizier, den wir ſchon oͤfter er⸗ waͤhnt, Beide anblickte, indem er den jungen Trautſohn im ernſten Tone zurechtwies. „Huͤte Dich,“ ſagte er ihm—„durch Deine leicht⸗ fertigen Reden den Geiſt anzutaſten, der uns Alle hier beleben muß, der ohne Unruhe und mit vollem inneren Frieden uns treibt den heil'gen Waffendienſt zu ehren, der das hochſte und reinſte Beſitzthum unſerer Herrſcherin, dieſe Feſte vor Entweihung bewahrt.— Was will, was darf ein Edelmann fur Freuden ſuchen, als die Pflichten ſeines Standes mit dem Dienſte unſerer heiligen Kirche vereinigen? Laß' morgen dieſe Burg vom Feinde be⸗ lagert werden, und Du wirſt dann erkennen, daß alſo geſtaͤhlte Ritter eine Armee von ihren Waͤllen abhalten koͤnnen.“ „Wollte Gott! Du ſchoͤner lieber Matthias, Du haͤtteſt Recht!“ ſagte der Juͤngling—„und wir erlebten wenigſtens eine Belagerung, obwol ich zweifle, daß Dein in Ehre und frommer Begeiſterung geſtaͤhlter Arm un— ſere morſchen Mauern ſtuͤtzen und m verſunkenen Waͤlle aufrichten wuͤrde!“ Ehe Matthias antworten konnte, trat der Haushof⸗ meiſter ein und meldete die ſervirte Tafel. Saͤmmtliche Offiziere begaben ſich nun ihrem Range nach in das anſtoßende Zimmer, welches ein eben ſo finſteres gewoͤlbtes Gemach mit großem Kamin und engen Fenſtern war als das fruͤhere, nur daß hier die Waͤnde mit bunten Ledertapeten bedeckt waren, und die mit reichem Silbergeſchirr bediente Tafel bei hellem Kerzenſchein einen erheiternden Anblick gewaͤhrte. Alle 49 ſtellten ſich mit ihren Federhuͤten in der Hand hinter die ihnen ſeit lange angewieſenen Plaͤtze, und nach einer kleinen Pauſe offnete ſich am oberen Ende der Tafel die Thuͤr und es zeigte ſich Seine Excellenz der Gou⸗ verneur des Karlſteins, der erlauchte Graf von Po⸗ diebrad. Alle Anweſenden verneigten ſich bis zur Erde, dann trat der Graf bis zu ſeinem Platze vor, der Kammer⸗ diener zog den Stuhl und erſt als er vor dieſen getreten war, erwiderte er huldvoll den Gruß ſeiner Offiziere. Georg von Podiebrad war der Nachkomme des zweiten Burggrafen des Farlſteins, welcher noch von Karl dem Vierten eingeſetzt worden; und da deſſen Vor⸗ gaͤnger, der erſte Burggraf, Johann Markgraf von Boͤhmen war, ſo leuchtete die Wichtigkeit der Familie, aus der ein Individuum zu ſo hohem Range und zum Nachfolger eines Anverwandten des Kaiſers berufen werden konnte, ſchon vor vierhundert Jahren Jedem ein; und genaͤhrt mit dieſem Stolze hatte die Familie gerade in dem eben erwaͤhnten Nachkommen den empfänglichſten Vertreter gefunden. Er zweifelte nicht, daß die Wiedervereinigung der Namen Podiebrad und Karlſtein die Gewalt enthielte, das geſunkene Anſehn herzuſtellen, und ſein eignes Vermoͤgen, die Gunſt, welche er bei Karl dem Sechſten genoß, hatte den Ver⸗ Thomas Thyrnau In. zte Auflage. 4 50 fall unbezweifelt aufgehalten, dem dieſes beruͤhmte ge⸗ ſchichtliche Monument bei ſeiner erſten Uebernahme raſch entgegen ging. Was er aber dafur erreicht, hatte ihn blind gemacht fuͤr das, was nicht wieder herzuſtellen war; er lebte in Annahmen, die nur Erinnerungen waren von dem, was allerdings ſeine Familien⸗Archive in Fuͤlle enthielten. Sein ungemeſſener Stolz, die Strenge, mit der er alle ſeine Umgebungen beherrſchte, hielt die Wahrheit von ihm ab, die nur aͤhnlichen Schwaͤr⸗ mern entzogen bleiben konnte, und den profanen Be⸗ wohnern des Schloſſes ein Gegenſtand des Spottes und des Hohnes war, wenn ſie ſich vor Verrath ſicher hielten. Georg von Podiebrad hatte um der Chimaͤre willen, die ſein Leben jetzt erfuͤllte, große Opfer gebracht. Obwol es ihm geſtattet war, die Uebernahme des Karlſteins mit allen Verhaͤltniſſen eines ehelichen Familienlebens! zu vereinigen, hatte er doch eine ſchoͤne Braut, wie pr es nannte, auf dem Altare des Vaterlandes niedergelegt, weil es fuͤr einen Gottesfrevel hielt, daß ein Podiebrad die heiligen Geſetze des Karlſteins übertreten ſolle. Eben ſo verlangte er, daß ſeine Offiziere unbeweibt blieben, und indem er dem Karlſtein ſeine geiſtlichen Vorrechte wieder zu verſchaffen gewußt hatte, war nach und nach eine Art Moͤnchs⸗Ritterweſen eingekehrt, an dem er ein großes Behagen fand und welches er mit allerlei mythiſchen Traͤumen und Gebraͤuchen aus der Geſchichte der Kreuzzuge wieder auszuſtatten ſuchte. Seine Per⸗ ſönlichkeit unterſtuͤtzte im hohen Grade ſeine Anſpruͤche. Er war mindeſtens ſechs Fuchs hoch und ſeine magere Geſtalt, ſein ausdrucksvolles, ſtolzes und ſchwaͤrmeriſches Geſicht bewieſen ſein ascetiſches Leben. Es war ihm eine hohe Wuͤrde beigegeben und er beſaß durch meiſter⸗ hafte ritterliche Uebungen eine feine Gewandtheit und ſtolze Courtoiſie, die er zu den noͤthigen ritterlichen Tugenden zaͤhlte. Jeder, der ihn zuerſt ſah, wurde gewiß durch die herablaſſende Guͤte und edle Wuͤrde, die er zu vereinigen wußte, angezogen und mußte in ihm einen Repräſentanten laͤngſt verſchwundener Zeiten be⸗ wundern, da er mehr einem Ritter unter Gottfried von Bouillon als einem Feſtungsgouverneur unter Maria Thereſia glich.— Nachdem Podiebrad ſeine Offiziere auf beſchriebene Weiſe mit großer Achtung gegruͤßt hatte, blieb er und Alle um ihn her dennoch ſtehn, denn man ließ nun eine alte heiſere Thurmuhr acht Mal aus⸗ ſchlagen, worauf ſich die Ausgangsthuͤren am Ende der Tafel oͤffneten und der dienſtthuende Offizier von zwei Mann gefolgt eintrat und mit großer Gravität auf einem Kiſſen, welches der Kammerdiener ſogleich vorhielt, die Schluͤſſel der Feſtung vor Podiebrad niederlegte, indem er mit lauter Stimme rief:„Alles in Frieden und Ruh 4* 52 — Gott und ſeine Heiligen ſchuͤtzen die Burg!“ Dieſe Worte waren vierhundert Jahr alt. „Amen,“ ſagte der Graf von Podiebrad, die Mel⸗ dung zog ab, und jetzt erſt, nachdem der Kammerdiener die Schluͤſſel in die Zimmer ſeines Herrn getragen, nahm der Gouverneur Platz und lud ſeine Offiziere zu gleicher Freiheit ein. Die einfachen aber kraͤftigen Speiſen umkreiſten die Tafel und ein maͤßiger Gebrauch der Becher war ebenfalls geſtattet. Aber dies war auch vielleicht die groͤßte Freiheit, die geſtattet war, denn der Graf von Podiebrad war der Meinung, daß es ſich in ſeiner Gegenwart uͤberhaupt nicht ſchicken wolle, zu ſprechen— da hierdurch aber eine Einfoͤrmigkeit entſtand, die er bei aller Abtoͤdtung doch zuweilen als ſehr laͤſtig empfinden mußte, da er nicht wie ſeine Offiziere ſich in kameradſchaftlichem Bei⸗ ſammenſein entſchaͤdigen konnte, ſondern nach dem vor⸗ geſchriebenen Beiſammenſein wieder mit ſich, alſo mit demſelben allein war, dem er eben allein zu ſprechen ge⸗ ſtattet hatte, ſo hatte er ein Fragegeſpraͤch eingefuͤhrt, worauf Alle paſſen mußten, um vollkommen geſammelt * antworten zu koͤnnen. Nur der blonde Juͤngling ward vergeblich mit der ganzen Autorität des Oheims be⸗ kaͤmpft, und hatte dieſe Autoritat ein paar Mal in ſolche Gefahr gebracht, daß der erlauchte Graf den Entſchluß faßte, den Neffen und ſeine Thorheiten in zweifelhaften Faͤllen nicht zu bemerken. Auch heute war die Ceremo⸗ nie der Schluſſelubergabe kaum voruͤber, als er dem Caſtiglione von Paſterau, ſeinem Nachbar, zufluſterte: „Mutter Grimſchutz ihre Kuh habe durchaus verwei⸗ gert, auf das Oeffnen und Schließen der Thore zu war⸗ ten und habe zum Hohn ſeines erlauchten Oheims vor ſeinen Augen aus ihrem Stalle den Weg uͤber die un⸗ bezwinglichen Waͤlle genommen, welche Eiſengatter und Balken am Eingange verſchloͤſſen.“ „Nun ſeit heute“— fluſterte Paſterau—„ſteht unſer ganzes Stift auf dem Wendepunkt, denn das ſchoͤnſte Maͤdchen der Chriſtenheit iſt eingezogen, und wenn ſie Quartier behaͤlt, ſo iſt es um die Wuͤrde Oheims geſchehn.“ „Ich hoffe, er wird muͤſſen einwilligen, denn die Kaiſerin wird ſich nicht um den Wahnſinn kuͤmmern, der hier ausgeheckt wird, und der Polizeibote ſchwort, daß ſie Befehl dazu ertheilt hat— hätt' ich ſie nur erſt geſehn!“ „Sie hat eine Art Bullenbeißer zu ihrer Bewachung bei ſich, er nennt ſich ihren Großvater,“ entgegnete Pa⸗ ſterau—„aber ſolche alte Kerle lieben ein Gläschen, und damit wollen wir ihn ſchon kirren.“ 54 „Das ſind die einzigen Mittel, die Du kennſt“— rief hier Trautſohn etwas zu laut—„ weil ſie die un⸗ truglichſten fuͤr Dich ſind— huͤte Dich, daß Seine Ercellenz dahinter kommt, wie Du Deine Morgen⸗ und Nachtſtunden zubringſt.“ „Herr Graf von Paſterau, darf man ftagen, zu welchen hoͤchſt wichtigen Mittheilungen Sie unſere Ge⸗ genwart benutzen?“ rief hier die ſtrenge Stimme des Gouverneurs. „Ach! mein erlauchter Oheim“— nahm Traut⸗ ſohn das Wort„ich konnte bei Paſterau keinen Glau⸗ ben finden, da ich ihm eben erzaͤhlte, welch' ein wunder⸗ barer Luftſpringer die Kuh von Mutter Grimſchuͤtz iſt, die jeden Morgen das feſte Schloß verlaͤßt, ohne auf das Oeffnen der Thore zu warten.“ Faſt bereute aber der muthwillige Juͤngling den unbarmherzigen Spott, da plötzlich das ſtrenge Antlitz des ſtolzen Oheims ſich ver⸗ änderte und ein ſchmerzlicher Zug des Nachdenkens und des Kummers ſich daraufzeigte. Das hatte er nicht gewollt, da er das beſte Herz hatte und ſeinen Oheim ehrte und liebte, und nun einſah, wie tief der Wahnſinn der Tau⸗ ſchung ihn erfaßt, da ein Strahl der Wahrheit ihn faſt niederwarf. Dieſe auffallende Stimmung verhinderte auch, daß der Verweis ausgeſprochen ward, der gewiß nicht gefehlt haben wuͤrde, und eine tiefe Stille eintrat. 55 Endlich war der Graf von Podiebrad mit der alten Tauſchung fertig, daß der Karlſtein dennoch eine ſtarke Feſtung ſei, und jetzt erhob er die ernſte melancholiſche Stimme. „Freiherr von Gatbes,“ ſagte er zu dem Haupt⸗ mann, der ihm zunaͤchſt ſaß—„es war heute ein boͤſer Tag voll unſchicklicher Zumuthungen. Haben Sie den Polizeiboten beſtimmt, morgen mit den ihm anvertrau⸗ ten Perſonen die Feſte zu verlaſſen?“ „Euer Epcellenz halten zu Gnaden— dazu iſt er in keiner Weiſe zu bewegenz er wagt zu behaupten, daß ſeine Inſtruktionen hierher lauten, daß er ſie erfullt und nun Alles Euer Epcellenz anheim ſtellen muß. Bereit iſt er aber, ſo ſchnell als moͤglich nach Wien zuruck zu kehren, auf dem Wege alle moͤglichen Nach⸗ forſchungen nach dem Kourier, auf den er ſich bezieht, anzuſtellen und von dort aus zu veranlaſſen, daß Euer Excellenz auf's Schnellſte uͤber dieſen beſondern aufgeklaͤrt werden.“ „Aber was ſoll aus den Gefangenen werden?“ rief der Graf von Podiebrad erſchrocken—„er muß ſie bis dahin nach Budnian fuͤhren, ſie dort einſperren laſſen, der Karlſtein iſt kein Gefaͤngniß fuͤr Verbrecher.“ Er blickte hierbei rechts und links fragend umher, und Matthias von Thurn fäßte Muth zu entgegnen: 56 „Es muß eine eigne Bewandtniß mit dieſen Gefange⸗ nen haben.“ „Reden Sie, Herr Graf von Thurn,“ ſprach Po⸗ diebrad herablaſſend—„Sie fuͤhrten die Unterhandlun⸗ gen— ich halte dafuͤr, es ſind gemeine Leute— Advo⸗ katen ſind in der Regel Betruͤger aus der Hefe des Volkes!“ „Euer Excellenz werden darin die groͤßere Erfahrung haben,“ entgegnete Thurn zuruͤckhaltend—„gewiß iſt aber dieſer alte Mann nicht ganz ohne Bildung— er hat vielleicht dadurch, daß Vornehmere ihn brauchten, etwas von ihrer Art und Weiſe abgeſehen.“ „Und ſeine Enkelin iſt wunderſchoͤn!“ rief Traut⸗ ſohn— „Durchlaucht! Du wirſt ſchweigen, bis die Rede an Dich kommt“— rief Podiebrad ſtreng—„es ziemt ſich nicht, hier von dem Weibe zu ſprechen mit der eben vernommenen Bezeichnung. Sie wird eine gemeine Perſon aus der dienenden Klaſſe ſein,“ fuhr er fragend fort. Thurn ward wieder verlegen, dann ſagte er:„Sie iſt wol ſchwerlich gemeiner Klaſſe— es iſt Alles ſo ge⸗ heimnißvoll— ich hoͤre, ſie erwartet eine Kammerfrau — der Bote verlangte auch fuͤr ſie Einlaß.“ „Dies uͤberſteigt allen Glauben,“ rief der Gouver⸗ 57 neur von Erſtaunen uͤberwaͤltigt—„eine Gefangene ſo geringen Standes und maafßtſich die Vorrechte der Frauen von Geburt an; und dieſe— ich mochte ſagen, dieſe Zer⸗ ſtreuung— hierher zwei Frauen gelangen zu laſſen— es muß durchaus ein Irrthum ſein, Graf Matthias.— Sie ſind nach einer Feſtung beſtimmt, die dazu paſſend ſein mag— der Karlſtein hat nur Gefaͤngniſſe fur ſeine eignen Bewohner, woruͤber uns die Entſcheidung zuſteht, und zu verſchiedenen Malen wurden einige hohe Per⸗ ſonen hierher verwieſen, welche wir jedoch, da ſie Kava⸗ liere waren und auf ihr Ehrenwort hierher geſandt, nicht als Gefangene, ſondern als Gaͤſte zu betrachten hatten. Dieſen freilich wurden im Innern der Burg die Zim⸗ mer unter des Koͤnigs Wohnung und unter der Niclas⸗ oder Ritterkapelle angewieſen, und die ehemaligen Au⸗ dienzſaͤle der Herrſcher waren ihre Speiſe⸗ und Empfang⸗ ſaͤle— doch alles dieſes auf beſonderen Befehl und bei Perſonen hoͤchſten Ranges, deren Namen mir allein be⸗ kannt ward. Dies waren Umſtaͤnde, wodurch die Wuͤrde dieſer alten Koͤnigsburg nicht beeintraͤchtigt ward, und ich ſah darin die Beachtung des Ranges, den ſie einnimmt. Was ſoll uns aber hier ein gemeiner Verbrecher?— Wir ehren nur die Einſicht unſeres hohen Kaiſerhofes, indem wir ſogleich als Irrthum bezeichnen, was als wahr anzunehmen eine Beleidigung ſein muͤßte.“ 58 „Graf von Thurn, Sie werden darauf beſtehn, daß der Polizeibote, ehe er abreiſt, ſeine Gefangenen in das Stadtgefaͤngniß zu Budnian einſperren laͤßt— er kann dann ſeine Inſtruktionen in Wien berichtigen laſſen, und ſie von dort nach der Feſtung abholen, fuͤr die ſie eigentlich beſtimmt waren.— Wir wollen ihm gnaͤ⸗ digſt verzeihen, werden aber unſere Beſchwerde am kai⸗ ſerlichen Hofe ſelbſt einreichen— und unſer ſehr ge⸗ ſchätzter Freund, der Graf von Kaunitz, wird nicht er⸗ mangeln, uns Satisfaction zu geben.“ „Dieſen erlauchten Namen fuͤhrte der Gefangene auch im Munde,“ entgegnete der Graf Matthias— „er ſagt aus, daß der Herr Graf von Kaunitz ihm ſelbſt verſichert habe, der Kourier an Euer Epcellenz mit allen noͤthigen Inſtruktionen ſei abgegangen und er habe da⸗ her annehmen muͤſſen, alles zu ſeinem Empfang bereit zu finden.“ Graf Podiebrad fuhr ein wenig zuſammen und ver⸗ fiel alsdann in ein tiefes Nachdenken— mit der Miene eines erfahrenen Mannes, der einen wichtigen Gedan⸗ ken zu verbergen hat und ſeine Umgebungen auszufor⸗ ſchen denkt, richtete er ſeine Augen durchdringend auf den Grafen Matthias und ſagte:„Ihr erwaͤhntet— der Gefangene habe Euch nicht ohne Bildung geſchienen — ſprach er ein reines Deutſch oder die Volksſprache?“ „Ein reines gewaͤhltes Deutſch!“ „So! ſo!— war ſein Haar in der Gewohnheit des Puders, und friſirt, und ſeine Kleidung fein— und die Wäſche, Herr! die Waͤſche!“ „Er traͤgt ſein Haar wie das Portrait Sr. Excellenz des Miniſters Grafen von Kaunitz in Dero Kabinet— ſein Kleid war ohne Stickerei, aber von feinem dunklem Tuche— die Waͤſche ſchien von eben dieſer Guͤte, er hatte ſchoͤne Haͤnde, die ich ſah, als er ſeine Enkelin damit umfaßt hielt— dieſe war in Seide gekleidet!“ „Hem! hem!“ ſagte der Graf von Podiebrad ſin⸗ nend—„das waͤre ein denkbarer Fall!— dergleichen iſt ſchon vorgekommen! Meine Herren,“ fuhr er lauter fort, ſich gegen Alle mit belehrendem Tone wendend— „weiß einer unter Ihnen mir zu beantworten, was ein Inkognito iſt?— Iſt Ihnen ein ſolcher Fall ſchon be⸗ gegnet?“ Ehe noch eine Entgegnung eintreten konnte, fuhr der Graf fort—„Nun ſo werde ich es Ihnen erklaͤren! Es treten bei ſehr hochgeſtellten Perſonen, welche durch Rang und Namen in dem Fall ſind, uͤberall gekannt zu ſein, oft Umſtaͤnde ein, welche ſie zwingen, zur Errei⸗ chung hoher Abſichten und Plaͤne ihre hochgeſtellte Per⸗ ſon unter dem Deckmantel der Niedrigkeit zu verbergen und mit unbekanntem, geringem Namen ſich die Ver⸗ 60 borgenheit zu ſichern, die ihr wirklicher Stand ihnen un⸗ moͤglich machen wuͤrde; ſolche Perſonen koͤnnen dadurch in Verwicklungen gerathen, wie ſie dem geringeren Stande zufallen, und koͤnnen durch große Entſchluſſe dennoch gehindert werden, den groben Mantel, der ſie verhuͤllt, abzuwerfen und durch die Macht ihres wirk⸗ lichen Namens ſich von ſolchen Verhaͤltniſſen zu be⸗ freien.—“ Er ſah Alle der Reihe nach an und nickte, als wollte er fragen:„Koͤnnt Ihr mir nachklimmen auf der hohen Staffel meiner Gedanken?“ Es iſt anzunehmen, daß ſie es konnten, denn ſie verneigten ſich Alle. „Wenn der Kourier, von dem dieſer Polizeibediente ſpricht, mir Aufſchluͤſſe zu bringen beordert geweſen waͤre, die eben mir nur Aufſchluß uber die geheim⸗ nißvolle Perſon des Gefangenen geben ſollten, ſo konnte der beſondere Fall eingetreten ſein, daß eine hohe Per⸗ ſon in das niedere Gewand eines Advokaten gehuͤllt, die Schmach einer damit verbundenen Behandlung ruhig tragen muͤßte, da wir verweigert, ihn vor uns zu laſſen und eine bedeutende Ruͤckſicht ihn hindern kann, dies Vertrauen wem anders als mir zu ſchenken!— Frei⸗ herr von Galbes und Graf Thurn, wir erlauben Euch, Eure Anſicht daruͤber zu aͤußern— Wachthabender Of⸗ fizier von dieſem Morgen, Graf von Paſterau, Ihr 61 hatte ſogar Streit mit dieſer geheimnißvollen Perſon, der Euch jedoch nicht zur Laſt faͤllt, da Ihr blos die un⸗ beſcheidene Forderung zuruͤckwieſet, zu unſerer Perſon vordringen zu wollen— aber ein Streit iſt ſehr verraͤ⸗ cheriſch— haͤttet Ihr Beobachtung und Erfahrung, Ihr muͤßtet an ſeinem Verhalten dabei augenblicklich den Mann von Geburt von dem Unberechtigten haben un⸗ terſcheiden können. Doch will ich Euch belehren!“ fuhr er fort,„merket wohl auf!— ſuchte er durch demuͤthige Bitten Euch zu bereden?— wich er verſchuͤchtert zuruck, als Ihr ihm Euren Unwillen zeigtet? oder fuͤhrte er hef⸗ tige Worte— drohte er— entfuhr ihm vielleicht ein Ausbruch des Zorns, den wir nicht wiederholen wollen — eine unpaſſende Betheurung, meine ich——“ „Einen Fluch meinen Euer Gnaden!“ fuhr Paſte⸗ rau mit ſeiner rauhen Weinſtimme heraus—„Ja! das fehlte in Wahrheit nur noch!— Es iſt ein Kerl wie ein Bullenbeißer— meine ganze Wachtmannſchaft fuhr von den Baͤnken in die Höhe— ſo hat er aufge⸗ brullt, und als ich ihn heraus werfen laſſen wollte, hat er einen hoͤlzernen Schemel in der Luft geſchwungen, wie ich dieſen leeren Becher ſchwinge, und wer ſich ihm genaht haͤtte, dem haͤtte er den Kopf zerſchlagen.“ Graf Podiebrad hoͤrte mit freudeſtrahlenden Augen den Bericht an— er nickte dieſen Symptomen, die ihm durchaus die erwarteten ſchienen, beifaͤllig zu, und ein ſeltenes Laͤcheln uͤber ſeinen gerechtfertigten Scharfſinn umſpielte ſeinen Mund und er klopfte mit den Fingern der rechten Hand in die Linke und winkte herablaſſend ſcherzend dem Kammerdiener zu, den leeren Becher noch einmal zu fuͤllen. „Verſtehen Sie mich, meine Herren?“ fuhr er jetzt heraus—„ſteigt die Wahrſcheinlichkeit nach der Be⸗ lehrung, die ich Ihnen ſo eben ertheilt?“ Alle verneigten ſich wieder.—„Und Ihr, Graf Thurn, was habt Ihr beobachtet?“ „Mir ſind mit einem Male alle Räthſel geloͤſt,“ erwiderte der junge Mann—„denn ein trotzigeres, ſi⸗ chereres und anmaßenderes Benehmen iſt mir noch nie vorgekommen, und meine grenzenloſe Empoͤrung, daß. ein Advokat mit dem buͤrgerlichen Namen Thomas Thyrnau mir gegenuͤber dieſen Ton behaupten konnte, iſt geloͤſt, wenn ich annehme, daß ein Edelmann dem Andern gegenuͤber ſtand und der Kampf ein gegenſeitig berechtigter war.— Auch die feinen Zuͤge des Maͤd⸗ chens— Alles iſt dann erklaͤrt und mir faͤllt damit ein Stein vom Herzen.“ „Sehr richtig! ſehr gefuhlt und bemerkt!“ ſagte der Graf Podiebrad—„Und wir haben jetzt die geeigneten Masßregeln zu ergreifen, die Sache auf's —— ——— 63 Reine zu bringen, ehe der zu erwartende Kourier unſerm Scharfſinn die Loͤſung raubt.— Mit dieſen ſich haͤu⸗ fenden Wahrſcheinlichkeiten werden wir uns wol nichts zu vergeben fuͤrchten duͤrfen, wenn wir Euch, Graf Matthias, morgen fruͤh zu dem geheimnißvollen Manne ſenden, und Ihr ihn in unſerm Namen befragt, ob er uns nicht irgend ein Zeichen zu ſenden habe— ſei es ein Ring, ein Brief von einer uns bekannten Perſon— oder— irgend ein Zeichen der Art. Iſt er der, ſo wir ahnen— ſo wird er uns augenblicklich verſtehen und dann keinen Anſtand nehmen, ſich uns zu entdecken— kann er es nicht— ſo haben wir uns nicht zu weit ge⸗ gen ihn herabgelaſſen und der Polizeibote muß dann unſere Befehle erfullen.“ Ein Beifallsgemurmel ſchloß ſich dieſer Rede an, und da der Kammerdiener eine Meldung machte, erho⸗ ben ſich die Herren und traten, der Gouverneur an ihrer Spitze, in das Vorzimmer zuruͤck, wo ein Diakon des Karlſteins die Herren empfing und das Abendgebet und den Segen las, wonach erſt der Gouverneur ſeine Offi⸗ ziere beurlaubte, diesmal in ſo ungewoͤhnlich guter Laune, daß er die Durchlaucht Trautſohn an dem Ohrlaͤppchen zupfte und ihn Perci Heißſporn nannte. 64 Der ruhige Schlaf einer ſtillen Nacht hatte jede Spur des unheimlichen Tages von Magda's Stirn ver⸗ ſcheucht— und daß der Morgen in die Fenſter ohne Vorhaͤnge ſchon fruͤh erhellend blickte, machte, daß ſie erwacht war. Angeregt von der ungewoͤhnlichen Situa⸗ tion hatte ſie ſich gekleidet, die Fenſter geoͤffnet und war endlich von dem niedern Fenſterbrett, von dem aus ſie mit der Hand den Garten erreichen konnte, hinab ge⸗ ſprungen und durchforſchte nun mit eiligen Schritten das ganze Terrain, welches ſie ſich zuzueignen dachte. Das Gaͤrtchen war verwildert. Kuͤchenkraͤuter waren ſelbſt ſchlecht gepflegt, und von Blumen zeigte ſich nur, was ſich von ſelbſt geſaͤet hatte, und dieſes erſtickt unter Windhalm und Diſtel oder halb niedergetreten, um Wege zu bahnen. Dagegen ſah der Wall, von dem das Gaͤrtchen be⸗ grenzt ward, mit ſeinem kurzen Raſen und nickenden Weidenbuͤſchen reizend heruͤber, und ohne weiteres Be⸗ denken erklomm Magda ſeine zuſammengeſunkenen Waͤnde, und als ſie den Rand erſtiegen, ſtieß ſie einen Freudenſchrei aus, denn die ganze Schoͤnheit des Be⸗ rauner Thales lag vor ihr ausgebreitet. Das kleine ſil— berhelle Fluͤßchen, wonach es den Namen fuͤhrte, ſchlaͤn⸗ 65 gelte ſich mit ſeinen anmuthigen Windungen unter der Felſengruppe hervor, welche den Karlſtein trug und er⸗ ſchien hier wegen des jungen Laubholzes, welches in ſei⸗ nen bunten herbſtlichen Faͤrbungen die Hoͤhen bis zu ih⸗ rem Fuße beſetzt hatte, als ob es ſeinen Urſprung aus dem Schooße dieſer Felſen habe. Weiterhin nun lag auf ſeinen beiden Ufern das kleine Stäͤdtchen Budnian, von den herrlichſten Wieſen und von Laubholz eingefaßt, und mit ſeinen niedrigen Haͤuſern die herrliche gothiſche Kirche St. Palmatius umgebend, die hier Karl der Vierte ſchon erbauen ließ. Hinter dem Staͤdtchen ward das reizende Thal mit ſeinem lieblichen Fluͤßchen immer romantiſcher, einzelne Strohdaͤcher tauchten aus dem Gebuͤſche auf, Gehege umgaben ſie, wo das Vieh ſich lagerte, kleine Muͤhlen zeigten ſich mit ihren kuͤnſtlichen Waſſerfaͤllen, weiterhin eine Fiſcherkolonie mit Nachen und ausgeſpannten Netzen am Ufer— und dies lebhaf⸗ tere Bild verlor ſich endlich in die tiefen Schluchten der Berge, wo die Wohnungen aufhoͤrten und das herrliche Laubholz des Mittelgebirges ſich begrenzt fand von den hoͤheren Felsgruppen, auf denen die dunkeln Kiefern und Lerchenbäume eine blaugruͤne Maſſe gegen den tief blauen Himmel bildeten. Die Morgenſonne ſchien grade in das Thal hinein, ihr zauberhafter Glanz ver⸗ klaͤrte Alles und ihre belebende Waͤrme weckte den kraͤf⸗ Thomas Thyrnau R 3te A ufl 5 66 tigen herbſtlichen Duft und verbreitete eine balſamiſche Luft umher. Magda's ſechzehnjaͤhriges Herz jauchzte laut auf und ihr Auge ſuchte einen Weg, um hinab zu ſteigen. Etwas weiter bergab lauſchte eine mooſige Felsſpitze hervor— nach der trachtete ſie— welch' ein ſchoner traͤumeriſcher Sitz! Gleitend, ſpringend und wieder hinan kletternd hatte ſie ihn erreicht, da fuhr ſie erſchrocken zuruͤck, denn an ſeinem Fuße von dem wei⸗ chen hochgethuͤrmten Mooſe fuhr plotzlich eine ſchnee⸗ weiße Hirſchkuh empor und floh mit vier kleinen Zicklein in die Gebuͤſche hinein. Wie entzuckt blickte ihr Magda nach und erklomm nun ihren ſteilen Sitz, der ſie weit uͤber das Holz erhob und ihr einen Ueberblick goͤnnte, der ihr eine tiefe Waldeinſamkeit zur Anſchauung brachte, in der das Fluͤßchen Beraun mit ſeinem geſpreng⸗ ten gruͤnen Thale das einzige Bild des Lebens war. Magda hatte durch den geſtrigen Kampf mit Wider⸗ waͤrtigkeiten und die ihr zugefallene Thaͤtigkeit ſich ſelbſt wiedergefunden, und ein Zeichen ihrer Geneſung war die kraͤftige Luſt, mit der ſie die Schoͤnheit der Natur genoß. Zuruͤckgedraͤngt lag das ſchwer Erlebte— hier ſchien es weit ab von der ganzen Welt, wo ſie gelitten, und als ob ihr die ſtille Waldesruh um ſie her verſpraͤche, ihr nicht wieder weh zu thun, ſo dankbar laͤchelnd blickte ſie auf ſie hin! Noch ſteigern ſollte ſich ihre Luſt, als ſie plotzlich die Zweige unter ſich kniſtern hoͤrte, das Laub beben ſah und jetzt den ſchoͤnen ſchlanken Hals der Hirſchkuh ge⸗ wahrte, die vorſichtig ſchauend ſich wieder ihres Ruhe⸗ platzes zu bemaͤchtigen dachte.— Da ſie Magda auf ihrem Felſenſitz nicht ſah, ſtieß ſie einen ſanften zittern⸗ den Ton aus und ſchritt ſchnell aus dem Gebuͤſche her⸗ vor, waͤhrend ihr auf dem Fuße, ſich draͤngend, ſtoßend und Spruͤnge machend, die vier reizenden Zicklein folg⸗ ten. Die Hirſchkuh lagerte ſich wieder behaglich auf dem weichen Moosbette, von dem Magda's Annähe⸗ rung ſie verſcheucht hatte, und die kleinen Zicklein rich⸗ teten ſich um ſie her ein, indem das Eine klug aufge⸗ richtet wie ein Huͤndchen in die Ferne guckte— das An⸗ dere die dummſten Kletterverſuche machte und dann lä⸗ cherlich ausgleitend ſich rund um kugelte— das Dritte zwiſchen den Vorderlaͤufen der Mutter ſich zum Schla⸗ fen gekauert hatte— und das Vierte— ein ſchwarzes Boͤcklein mit der zudringlichſten Zaͤrtlichkeit aufgerichtet die Hirſchkuh liebkoſte und bald um ihren Hals hing, bald uͤber ihren Kopf wegpurzelnd auf ihrem Ruͤcken hockte. Mit der wuͤrdevollen Ruhe einer Mutter gab ſich die ſchoͤne weiße Hirſchkuh dem perſchiedenſten An⸗ ſinnen dieſer kleinen Sproͤßlein hin, und es ſchien Magda, als habe ſie nie ein ſuͤßeres Geheimniß erlauſcht, nie etwas Lieblicheres geſehn— ſie furchtete den Athem ih⸗ rer Bruſt, als ob er ſie ſtoren koͤnnte, und wollte lieber den ganzen Tag auf ihrer Felſenſpitze haͤngen bleiben, als dieſe gluͤckliche Familie noch einmal aufſcheuchen. Da ward ihr Auge ploͤtzlich geblendet von dem Auftau⸗ chen eines von der Sonne beſchienenen Gegenſtandes vor ihr, und das Haupt der Gorgone haͤtte ſie nicht mehr verſteinern und in Entſetzen verſetzen koͤnnen, als der Anblick eines Gewehrs, welches eben aus dem Gebuͤſche hervorleuchtend ſich vor der ſorgloſen kleinen Familie zeigte. Der Schreck raubte ihr faſt die Beſinnung— und waͤhrend ſie ſprachlos auf den Gegenſtand ihres Entſetzens blickte, ſah ſie an dieſem Gewehr einen Juͤng⸗ ling knien, den wir nicht weiter beſchreiben wollen, da es Georg von Trautſohn war, der in einfacher Jaͤger⸗ tracht ſein ſchoͤnes Angeſicht zu Magda empor gehoben hielt. Haͤtte Magda Beſonnenheit gehabt, ſo wurde ſie geſehen haben, daß er ſie, aber nicht die Hirſchkuh auf dem Korn hatte; ſo aber ſah ſie nur die Gefahr, die jener drohte, und die Haͤnde in der Luft ringend rief ſie fluͤſternd herunter:„Du wirſt doch nicht ſo ein Un⸗ menſch ſein und ſie todten?— Denke doch! denke doch!“ fuhr ſie fort—„wie ſchrecklich! erbarme Dich doch! Du waͤrſt ja ein Moͤrder an Gottes ſchoͤnſtem Gluͤck!“ 69 Obwol ſie aus Furcht, die Hirſchkuh zu ſcheuchen, nur halblaut gefluͤſtert, hatte der Juͤngling ſie doch ver⸗ ſtanden, und jetzt beruhigte ſie ſein ſanftes Läͤcheln und das Zeichen mit der Hand und das Niederlegen der Flinte. „Sei doch ruhig,“ ſagte er hinauf—„ich thue ihr nichts! es iſt ja meine Familie!“ und indem offnete er die Waidtaſche und eine Hand voll gezupften Brotes flog unter die kleinen muntern Geſellen. Nun ſah Magda den Zuſammenhang— Alle waren bekannt mit dem Jaͤger und fturzten ſich mit den luſtigſten Spruͤn⸗ gen uͤber das ſehr beliebte Futter, als er es noch ein paar Mal wiederholt hatte, ſtand er auf, ging dicht an ihnen voruͤber, ohne daß die Hirſchkuh oder eins der Kleinen ihm nur aus dem Weg getreten waͤre, und war in zwei Saͤtzen neben Magda auf dem Felſenſitz. Magda ſah ihn groß an, aber er ſetzte ſich bequem zu ihr, oͤffnete wieder die Jagdtaſche und holte von dem gepfluͤckten Brot heraus.„Nun futtere Du ſie einmal!“ ſagte er zutraulich. Augenblicklich ſteckte Magda ihre ſchlanken Finger in die gefullte Hand des Juͤnglings und ſchleu⸗ derte mit Freude das Futter hinab— das ſchwarze Boͤcklein ſchaute ordentlich empor, woher die neue Gabe kam und Magda jauchzte vor Luſt, und ohne ſich weiter um ihren neuen Nachbar zu kuͤmmern, fuhr ſie nur im⸗ mer wieder in die Hand des Juͤnglings, ſo lange noch ein Bröckchen darin vorhanden war. Dabei lachten Beide wie zwei Kinder uber die Luſt der Kleinen, beſonders äber das Bocklein, das dazwiſchen wie ein verzogener ausgelaſſener Junge alle Augenblick der Alten um den Hals fiel, uber ſie wegpurzelte und dann mit einem Satz wieder unter die Andern ſprang. „Nun hab' ich leider nichts mehr,“ rief der Jung⸗ ling endlich traurig—„ aber morgen bringe ich Dir ein ganzes Brot mit, da ſollen die Kleinen eſſen, bis ſie nicht mehr koͤnnen.“ „Und ich auch,“ rief Magda—„ich bringe auch was mit— und fur die liebe weiße Mutter ganz beſon⸗ ders, denn ſieh! ſie hat kein Broͤckchen genommen!“ „Ja!“ ſagte der Jaͤger—„das iſt ein Gemuͤth!. davon koͤnnten Menſchen lernen. Denkſt Du, daß ihr außer dem ſchwarzen Bocklein die Zicklein eigen gehoͤren? Die Muͤtter von den Andern ſind todt oder Gott weiß wo, da halten ſich die kleinen Dinger zu ihr, und ſie verpflegt ſie.— Glaubſt Du, daß ſie was anruͤhrt, ehe die Jungen nicht aufhoͤren zu freſſen? und ehe die klei⸗ nen Gierhaͤlſe genug haben, das dauert lange— und ſehe ich mich nicht vor, bekoͤmmt ſie gar nichts!“ „Haſt Du noch was?“ fragte Magda— und er hoͤtte ſeine Hand zu Brot verwandeln moͤgen, ſo lieb⸗ ——— ——— lich freundlich fragte ſie ihn— aber er durchſuchte ver⸗ geblich die ganze Taſche— es fand ſich nichts! „Dann wollen wir was holen,“ rief Magda— „der Großvater wird jetzt ſchon aufgeſtanden ſein, da können wir Brot bekommen.“— Sogleich ſtreckte ſie den ſchmalen zierlichen Fuß vor und verſuchte hinab zu gleiten; das gelang auch und der Jaͤger war eben ſo ſchnell neben ihr und zeigte ihr einen Fußſteig hinter dem Felsblock, wo ſie die vordere Gruppe nicht zu ſto⸗ ren brauchten. „Du biſt gewiß das gefangene Maͤdchen?“ ſagte Trautſohn, als er ſo neben ihr wandelte. Magda lachte—„Ja! wenn Du willſt?— ich bin aber frei— ich gehoͤre blos zu dem Gefangenen!“ „So?“ ſagte Trautſohn—„wie heißt Du denn?— ich denke, Dein Name muß recht lieblich klingen!“ „Magda!“ ſagte ſie—„wenn Dir der gefaͤllt, iſt's mir recht— ſonſt kann ich Dir nicht helfen— und Du!“ „Ich heiße Georg!— aber wenn Dir der nicht ge⸗ fallt, ſo nenne mich Trautſohn.“ „Der Erſte iſt gut— der Andere iſt ſo lang,“ er⸗ widerte Magda.„Biſt Du im Schloſſe zu Hauſe?“ „Nein! Gott im Himmel ſei Dank— wo ich hin⸗ gehoͤre, iſt es lauter Schoͤnheit und Lieblichkeit! Hier 72 in das alte Eulenneſt haben ſie mich nur ein Weilchen eingeſperrt, weil ich ein bischen luſtig bin— und viel rede— und meinen eignen Willen habe.“ „Aha,“ ſagte Magda—„Du ſagſt wol lieber Nein— wie Ja!“ Beide lachten—„So ſoll es geweſen ſein!“ rief Georg—„und da droben geht es ſtreng her— da hat Einer den Willen fuͤr Alle.“ Eben hatten ſie den Wall erſtiegen und ſchauten in den wuͤſten Garten hinein, an den die offnen Fenſter der beiden Hinterzimmer der Mutter Grimſchutz ſtießen. „Und in dieſem Palaſt wohnſt Du?“ rief Georg— Magda blickte ſelbſt erſtaunt darauf hin.— Aus der f makelloſen Schoͤnheit der Natur zuruͤckkehrend ſchien dieſe elende Menſchenwohnung wie ein Gebrechen— wie ein Unrecht gegen die Bewohner. „Iſt es moͤglich, daß der Großvater in ſolcher ſchmach⸗ voller umgebung ſchlafen mußte?“ rief ſie bewegt— aber ſchnell glitt ſie an den Weidengebuͤſchen hinab, denn eben hatte ſie die geliebte Geſtalt des theuren Groß⸗ vaters entdeckt, welcher an dem offnen Fenſter ſeines Zim⸗ mers Platz nahm und mit Frau Grimſchuͤtz Anordnungen traf, wie ſie den Fruhſtuͤckstiſch decken, und was ſie dazu herbei bringen und bereiten ſollte, um das geliebte Kind, das er noch ſchlafend glaubte, zu erquicken. ———— Im ſelben Augenblick fuhlte er ſich von hinten um⸗ faßt, und das friſche von der Luft und der unſchuldigen Freude erheiterte Geſicht ſeiner Magda ſchaute uber ſeine Schulter. Mit welchem Entzucken verlor er ſich in ih⸗ rem Anblick und kuͤßte dann die ſchoͤne lichte Stirn! Sogleich erzaͤhlte ſie ihm mit fliegenden Worten, was ſie erlebt und was ſie nun wollte,„und hier iſt der Jaͤ⸗ ger,“ fuhr ſie fort— denn eben trat er neben ſie hin. Thyrnau war dies Alles ſo recht. Er fuͤhlte ſich beſorgt fuͤr den kommenden Morgen, und ſchon hatte er ſich angebaut mit lieblichen Eindruͤcken und einem klei⸗ nen heitern Abenteuer; wie ward er ſo froh— und wie herzlich hieß er den Juͤngling willkommen, und da Magda ſchon zum naͤchſten Fenſter hinein geſprungen war, hieß er ihn, es ihr nach thun, und erſt mit ihnen zu fruͤhſtucken, ehe er den Ruͤckweg antrate. Dies war bald befolgt, und als er neben Magda vor ihm ſaß und tapfer und mit anmuthigen Manieren es ſich ſchmecken ließ, erſtaunte er uͤber die Verſchieden⸗ heit und dennoch gleich große Schoͤnheit beider jungen Leute und mufßte ſich geſtehn, daß er am wenigſten er⸗ wartet habe, am naͤchſten Morgen an Magda's Seite einen ſchoͤnen gewandten jungen Mann zu ſehn, der ohne Zweifel und ohne alle Saͤumniß ſich in Magda verliebt hatte, obwol ihm Thyrnau dies am wenigſten verdenken konnte und gewiß war, daß Magda keine Ahnung davon habe. Magda ſammelte jedes Brotkruͤmchen in ihr Koͤrb⸗ chen, und war eben bereit, ihren jungen Gefaͤhrten zur Ruͤckkehr nach dem Felsſitz aufzufordern, als nach einem kurzen Klopfen die große ſchlanke Geſtalt des Grafen Thurn ſich zeigte, welcher bei ſeinem Einrritt zu ſeinem grenzenloſen Erſtaunen den Fuͤrſten Traut⸗ ſohn in der vertrauteſten Haͤuslichkeit mit dem Gefang⸗ nen vor ſich ſah. Da er als Kornet bei ſeiner Mannſchaft ſtand und er ihm eine Art Requetenmeiſter war, haftete ſein Blick mit vorwurfsvoller Strenge auf ihm, und Trautſohn grußte ihn militaͤriſch ehrerbietig und erroͤthete bis uͤber die Stirn. Thyrnau bewillkommte den jungen Mann und lud ihn ein, auf einem Schemel neben ſich Platz zu neh⸗ men, und der Graf, der gekommen war, auszufor⸗ ſchen, ſah ein, daß er ſich bei dem gefaßten Argwohn des Incognito's zu einiger Herablaſſung verſtehen muͤſſe. „Nun,“ ſagte Thyrnau jovial—„hat die Nacht beſſern Rath gebracht? Kommen Sie, mein lieber junger Herr, um mir anzukuͤndigen, daß man meine Haft anerkennen und mir dafuͤr anſtändigen Gewahr⸗ ſam geben will?“ * 75 „Da dies von Seiner Excellenz dem Herrn Gou⸗ verneur abhaͤngen wird, ſo kann ich nichts darauf er⸗ widern,“ ſagte Thurn.—„Die große Humanitaͤt Sei⸗ ner Epcellenz haben ihn aber beſtimmt, an dieſe Sto⸗ rung zu denken, und obwol Ihre Anſicht uͤber die Ver⸗ haͤltniſſe dieſes Koͤniglichen Schloſſes unveraͤndert die⸗ ſelbe geblieben und Ihr bisheriges Verfahren die Wuͤrde deſſelben behauptete, ſo' haben Dieſelben ſich doch zu erinnern gewußt, daß dieſe Feſte, wenn auch nicht als Gefaͤngniß, doch als ein Ort benutzt ward, wohin eine Art von Verbannung hochgeſtellter Per⸗ ſonen moͤglich war. Oder, daß ganz beſondere Ver⸗ haͤltniſſe, hochgeſtellte Perſonen zu Beſtimmungen veranlaßt, die ſich als vollkommen ſtatthaft erweiſen, wenn groͤßeres Vertrauen eintritt. Daher ſoll ich den Herrn fragen, ob es in ſeine Macht gegeben iſt, eine Angabe zu machen, Sr. Excellenz ein Zeichen zu ſchik⸗ ken, welches Sie berechtigte, in naͤhere Verhaͤltniſſe zu demſelben einzugehen.“ Es war gewiß keine kleine Aufgabe fuͤr den jungen WMann, dieſe Rede zu beendigen, denn— genoͤthigt, Thomas Thyrnau anzuſehn, traf er hier auf einen ſo ungemein jovialen, ſpoͤttiſchen Ausdruck, daß Zorn und Verlegenheit ſich in ſeine Beſinnung theilten und es ihm ſchwer wurde, den Faden zu behalten. —— 76 „Mein Herr,“ ſagte Thyrnau dann laͤchelnd— „dieſe beſondern Verhaͤltniſſe ſind allerdings da, und gewiß bringt es dem Scharfſinn Sr. Excellenz Ehre, zu dieſer Anſicht gekommen zu ſein— ich kann Ihnen verſichern, daß mein Verhaͤltniß nicht das eines ge⸗ woͤhnlichen Staatsgefangenen iſt, daß ich gewiß im Karlſtein bleiben werde und zwar in den ehrenvollſten Verhaͤltniſſen, ſobald der bewußte Kourier hier eintref⸗ fen wird.“ „Dieſe Zeit, ehe Se. Epcellenz offiziell unterrichtet wird, konnte aber abgekuͤrzt werden, wenn der Herr Gefangene irgend einen Beweis geben koͤnnte, zu wel⸗ chem Range er eigentlich gehoͤrt.— Da Sie im Be⸗ ſitz all' Ihres Gepaͤckes ſind, durfte dies vielleicht nicht ſchwer werden.“ Thyrnau wollte laͤchelnd etwas erwidernz dann ſchwieg er einen Augenblick ſinnend, zuckte unwillkuͤr⸗ lich mit den Achſeln und hieß Magda ihm ſein Porte⸗ feuille bringen. Es war ein Andenken der Prinzeſſin Thereſe, ihr Wappen war darauf von ihr ſelbſt geſtickt, es war reich in Gold gefaßt, und an dem Schloſſe be⸗ fanden ſich vier Smaragde. Thomas Thyrnau oͤffnete das Portefeuille, waͤhrend die Blicke des jungen Man⸗ nes mit großem Antheil dies Aeußere uͤberliefen, und eine feine Roͤthe das milder werdende Antlitz uberzog. —— Thomas Thyrnau blaͤtterte in den darin enthaltenen Schriften und zog endlich ein kleines Billet auf fran⸗ zoͤſiſchem roſa Seidenpapier hervor, pruͤfte es ſinnend noch einmal und richtete dann die Augen auf den jungen Mann, der jede ſeiner Bewegungen verfolgte.„Glau⸗ ben Sie,“ fragte er dann,„daß der Herr Gouverneur die Handſchrift des Grafen von Kaunitz kennt?“ „Ich zweifle nicht daran, denn er nennt ihn ſeinen Freund.“ „Nun ſo ſei es. Geben Sie ihm dies Billet zur Anſicht.“ Der junge Graf Matthias zweifelte nun keinen Augenblick mehr, daß er eine hochgeſtellte Perſon in⸗ cognito vor ſich haben werde, und dies ſprach ſich ſo⸗ gleich in ſeiner Haltung aus— ja! er wagte es jetzt zuerſt, ſeine Augen laͤnger auf Magda zu richten, die er nun mit ruhigerem Bewußtſein bewunderte, da ihre Schoͤnheit bei ihrem geringen Stande ihn fruͤher foͤrm⸗ lich beleidigt hatte. Als er gehen wollte, machte er eine einladende Be⸗ wegung an den jungen Fuͤrſten von Trautſohn, ihn zu begleiten. Dieſer gruͤßte aber nur und ſtellte ſich wie ein trotziges Kind mit dem Ruͤcken gegen das Fenſter, und Graf Matthias ſah ſogleich ein, daß er nachgeben muͤſſe, um nicht eine unangenehme Scene zu veranlaſſen. 78 Kaum hatte er ſich aus dem Zimmer entfernt, ſo reichte Magda an Georg Trautſohn das Koͤrbchen mit dem Brote und ſagte:„Geh' Du nur jetzt allein zu der Hirſchkuh— ich bleibe bei meinem Großvater, denn es iſt wieder was im Werke mit ihm, und da will ich wenigſtens hier ſein.“ „Wir konnen ja ein ander Mal gehen,“ erwiderte Trautſohn—„wenn Du nicht mitgehſt, macht es mir keinen Spaß!“ „Auf Deinen S kommt es auch gar nicht an,“ ſagte Magda eifrig,—„ſondern, daß das gute Thier nicht hungert, waͤhrend das junge Volk ſich ſatt gefreſ⸗ ſen hat— wenn Du jetzt nicht gehſt,— dann gehe ich gewiß nie wieder mit Dir hin.“ „Du biſt auch ſehr ſtreng,“ ſagte der Juͤngling— „aber gieb nur her; wenn Du es willſt, ſo kann ich wol thun.“ Magda ſaß ſchon neben dem Großvater und Georg hatte nicht einmal die Belohnung, daß ſeine ſeltene Nachgiebigkeit anerkannt wurde, denn ſie ließ ihn, ohne weiter einen Blick auf ihn zu richten, ſeinen Weg zum Fenſter hinaus nehmen. „Was denkſt Du?“ fragte ſie ſogteich— bn ſie wieder mit Dir vor?“ „Magda,“ ſagte Thyrnau—„ich denke, daß ſie 79 Alle Narren ſind und der Hochmuthsteufel da oben mit ihnen Komoͤdie ſpielt. Gieb Acht! ſie haben die Wit⸗ terung, ich waͤre ein ganzer Kerl, weil ich auf mein Recht trotze— da denken ſie nun, ich koͤnne wol mehr ſein, als ſo ein armes Subjekt— ſo ein bloßer Advo⸗ kat, und das wollen ſie heraus haben, ehe ſie ſich auf etwas mit mir einlaſſen.“ „Es iſt mir nicht recht,“ ſagte Magda—„daß Du etwas von Kaunitz weggegeben haſt— er hatte Dich lieb — was gehoͤrt das unter die Narren!“ „Magda,“ ſagte er—„Du darfſt mir darum nicht Vorwuͤrfe machen— ich uͤberwand es um Deinet⸗ willen— Du haſt hier eine elende Exiſtenz; laſſen ſie ſich durch das Zeugniß unſerer Bekanntſchaft dazu be⸗ wegen, uns beſſere Wohnung zu geben, will ich es um Deinetwillen nicht bereuen.“ Magda kuͤßte ihn und ſagte:„Dachte ich's doch; aber liebe mich künftig ſo, daß Du nicht mehr nach⸗ giebſt aus Ruͤckſicht fuͤr mich! Was fehlt mir, wo Du biſt? und dann,“ fuhr ſie fort und deutete gegen die Waͤlle,—„da iſt eine ganze Schatzkammer von Schoͤnheit und Luſt— ich denke, ich kann das hier lange aushalten, wenn ich das daneben habe.“ Der Graf von Thurn kehrte mit dem Beſcheide zu⸗ ruͤck: der Gouverneur wuͤnſche den Mann kennen zu 80 lernen, an den der Graf von Kaunitz das uͤberſendete Billet geſchrieben habe. Magda und Thyrnau tauſchten Blicke, und da er nach ſeiner ſtrengen Gewohnheit bereits vollſtaͤndig ge⸗ kleidet war, hatte er nichts zu thun, als ſein Huͤtchen zu nehmen, Magda's Hand zu ſchuͤtteln und dem jun⸗ gen Manne zu folgen. Unterdeſſen hatte der Gouverneur in ſeinem Kabi⸗ nette auf und nieder wandelnd, ſchon wer weiß wie oft, das Billet des Grafen Kaunitz geleſen— es traf Alles ein— Kaunitz bediente ſich, vielleicht in ganz Oeſtreich der Einzige, dieſes feinen bunten franzoͤſiſchen Papiers, des goldenen Streuſandes und des farbigen Siegellacks zu ſeiner Privatkorreſpondenz; es war ſein Wappen, ſein mit franzoͤſiſchen Worten durchmiſchtes Deutſch—. ſeine eigenthuͤmliche Unterſchrift— die Adreſſe war: à Monsieur Monsieur Thyrnau. Dann ſtand wieder uͤber dem Billet:„mon chèr Thyrnau! Ich habe die Satisfaction, Ihnen zu melden, daß heute Mor⸗ gen der Courier nach dem Karlſtein abgefertigt worden iſt, der Ihre Ankunft anmonciren und Ihnen alle aisance vorbereiten wird, welche die Umſtaͤnde conso— lidrien ſollen. Da ich Sie noch heute beſuche, ſo ſollen dieſe Zeilen nur noch Ihrer Enkelin meinen Morgen⸗ gruß bringen.“ „Wer ſchreibt ein ſo vertrauliches Billet an wen anders als ſeines Gleichen!“ rief der Graf von Podie⸗ brad, ſo wie er es wieder durchgeleſen hatte.„Die Weiſung nach dem Farlſtein iſt auch entſchieden darin ausgeſprochen, und iſt das Billet nicht geſtohlen, iſt der alte Burſche nicht etwa der Bediente dieſes Thyrnau incognito, ſo iſt es klar, daß ich meines Gleichen vor mir habe.“ Als er zu wiederholten Malen mit dieſer Selbſter⸗ klaͤrung fertig war, oͤffnete ſich die Thuͤr und der Graf von Thurn fuͤhrte Thomas Thyrnau herein. Wer aber ſein Betragen von ſo vielen kuͤnſtlichen Vorſchriften abhaͤngig macht, wie der Graf von Podie⸗ brad, der verliert ſehr leicht damit den ſichern Takt, der nur aus einem geſunden einfachen Innern ſtets die Haltung giebt, der wir benoͤthigt ſind. Der Graf von Podiebrad war nicht in dieſem Falle, und ſo kam es, daß er trotz enen Ueberlegungen jetzt un⸗ ſicher und verlegen ward, und da er zweifelhaft war, ob er ſtolz oder herablaſſend ſein ſollte, blos unbeholfen und ungeſchickt wurde. „Euer Excellenz haben dem kleinen Zeugniß da in Ihrer Hand die Buͤrgſchaft zugeſtanden, mich endlich ſelbſt empfangen zu wollen,“ ſagte Thyrnau indeſſen mit ruhiger Wuͤrde—„ich bin mit Vergnuͤgen erſchie⸗ Thomas Thyrnau III. 3te Aufl. 6 5 82 nen, hoffend, es werde ſich nun jedes Mißverſtaͤndniß ausgleichen und meine Stellung hier endlich die richtige werden.“ „Ja, ja!“ ſagte Podiebrad, angeſtrengt den Ad⸗ vokaten pruͤfend, der es gewagt hatte, ihn anzureden. —„Mißverſtaͤndniſſe koͤnnen ſehr wohl obwalten bei gewiſſenhafter Beobachtung der unſerm Vertrauen ent⸗ zogenen wahren Enthuͤllung ungewoͤhnlicher Rechte— welche dies Schloß— wie bekannt ſehr ausſchließlich, und den Anſpruͤchen genuͤgend entzieht, wo Unberech⸗ tigte ſich anmaßen koͤnnten—“ DDieſe voͤllig verworrene Rede beantwortete Thyrnau gar nicht, denn er wußte bei der erſten Phraſe, daß der Urheber in den Stricken ſeines Hochmuths ſtolperte. „Ich bedaure,“ hob Thyrnau nach einer Pauſe an —„daß der Kourier, der alle Zweifel heben koͤnnte, ausbleibt und bin nur meiner Enkelin 6 uͤber meine gegenwärtige Lage etwas ungeduldig.“ „Da ich ſo weit gegangen,“ ſagte Graf Podiebrad mit wiederkehrender Faſſung—„muß ich bemerken, daß es nur von Ihnen, mein Herr, abhaͤngen wird, ob Sie durch ausreichendes Vertrauen gegen einen alten Edelmann, der ſchon oft Namen und Umſtaͤnde von Wichtigkeit zu verſchweigen hatte, das unangenehme Ausbleihen des Kouriers ergänzen wollen.“ 1 „ 83 „Ganz gewiß, Euer Excellenz,“ ſagte Thyrnau— „ich glaube, daß ich um dieſe Ehre vom erſten Augen⸗ blick an gebeten habe— ich habe gar keinen Grund zu verſchweigen, daß ich wegen fruͤherer Verhaͤltniſſe zum Staate angeklagt wurde, daß meine Richter mich zu zehn Jahr Feſtungsſtrafe verdammten, welche die Kai⸗ ſerin auf fuͤnf Jahre reducirte, mit der Hinzufuͤgung, daß keine gewoͤhnliche Feſtung, ſonderngder Karlſtein mein Aufenthaltsort ſein ſollte.“ „Das iſt eine offne ehrenhafte Erklaͤrung,“ ent⸗ gegnete der Graf von Podiebrad mit einem feinen La⸗ cheln—„erlauben Sie mir hinzuzuſetzen,“ fuhr er fort, indem er ſich dem Advokaten verbindlich nahte— „es iſt die Erklaͤrung eines ganzen Edelmanns. Dieſe Sprache, mein Herr, iſt unter Gleichen leicht verſtaͤnd⸗ lich.— Sie haben ſich verrathen, oder vielmehr Sie haben vergeſſen, daß das Auge eines alten Edelmannes ſcharf ſieht, und der Name den nicht taͤuſchen kann, der den guten unverfaͤlſchten Inſtinkt hat, der ſich da vor⸗ findet, wo wir unſern Umgang rein erhalten. Ich werde den in Rede ſtehenden Kourier nicht abwarten — ich werde Ihnen, mein Herr— und da es ſein muß— auch einem Fraͤulein— Ihrer Enkelin— Wohnung im Schloß anweiſen laſſen, und auch Ihre 6* 1 Dienerſchaft, welche Sie, wie ich hoͤre, erwarten, wird einpaſſiren.“ 6 „Mein Herr Graf,“ entgegnete Thomas Thyrnau lächelnd„dies ſind allerdings Zugeſtaͤndniſſe, wie ich ſie hier erwartete— aber ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß ich ſie jetzt einem Irrthum ver⸗ danken ſoll.— Euer Epcellenz ſehn in mir den Advo⸗ katen Thomas Thyrnau— dieſem ſollten nach dem Willen der Kaiſerin alle Zugeſtaͤndniſſe gemacht werden, die Euer Excellenz mir eben bewilligten, und dieſer Advo⸗ kat Thomas Thyrnau nur kann und wird ſie annehmen.“ Etwas beleidigt zuckte der Gouverneur zuruͤck und ging mit ebenen Schritten ein Mal durch das Zimmer. „Ich habe nicht das Recht, Ihr Vertrauen zu erzwin⸗ gen,“ ſagte er dann, ſich vor Thomas Thyrnau hin⸗ ſtellend—„aber ich darf ſagen, ich haͤtte es verdient, und es wäre nicht das erſte Mal en, daß es mir in durchaus aͤhnlichem Falle zu Theil ward. Ich muß nur bemerken, daß unſere Lage dadurch nicht von Ver⸗ legenheiten befreit wird. Nur dem Edelmanne, der eine Verbannung zu erleiden hat, ſteht die Wohnung des Schloſſes frei, und ich darf, bis ich hiervon durch das Vertrauen eines Edelmannes uͤberzeugt werde, keine Ausnahme machen, welche die Rechte des Karlſteins beleidigen wuͤrde“ 85 „Nun wohl,“ ſagte Thyrnau,„ſo bleibe ich in der Huͤtte, die ich jetzt bewohne— ich muß aber darauf be⸗ ſtehen, daß der Polizeibote, welcher mich hierher ge⸗ bracht hat, augenblicklich mit dem Bericht dieſer Um⸗ ſtaͤnde nach Wien geſchickt wird, da ich, wie es ſcheint, nur von dorther Huͤlfe zu erwarten habe.“ „Sie machen es mir ſehr ſchwer, Ihnen nuͤtzlich ſein zu koͤnnen,“ ſagte der Graf—„und ich muß we⸗ gen dieſer Hartnaͤckigkeit Ihrerſeits jede Verantwortung ablehnen. In einer Stunde wird der Polizeibote ab⸗ gehn, und ich ſtelle es Ihnen anheim, Ihren Bericht zu machen— der Graf von Podiebrad wird ſeine Hand⸗ lungsweiſe zu vertheidigen wiſſen.“ „Ich habe dem Boten keinen Bericht zu machen,“ ſagte Thyrnau, der wol wußte, daß dieſer Maͤrtyrer altadeliger Geſinnungen die Sache nicht entſtellen werde —„Euer Epglenz werden durch Ihre Mittheilung, ohne mein Züch meine unangenehme Lage hinrei⸗ chend ſchildern, um eine ſchnelle Abhuͤlfe von dorther zu veranlaſſen.“ Podiebrad laͤchelte geſchmeichelt.„Jetzt darf ich ſagen, mein Herr, daß Sie mir gerecht ſind— Er⸗ lauben Sie mir hinzuzuſetzen, Herr Advokat Tho⸗ mas Thyrnau,“ fuhr er ſpoͤttelnd fort—„daß es das Vertrauen eines wahrhaftigen Edelmannes iſt. 4 „Nun, mein Herr Gouverneur,“ ſagte Thyrnau ungeduldig—„ſo lernen n von dieſem Advo⸗ katen, den ſie durchaus nobilitiren wollen, daß edle Ge⸗ ſinnung dem Ehrenmanne in allen Staͤnden natuͤrlich iſt.“ Mit dieſen Worten gruͤßte er raſch und ſtolz und der Graf von Thurn begleitete den unerbittlichen Alten zur Thuͤr ſeiner Huͤtte zuruck, wo ſie ſich trennten. Nachdem er Magda ſeine Unterredung mitgetheilt, ſahen Beide ein, daß ſie ſich fur einige Zeit in ihrer jetzigen Wohnung wuͤrden behelfen muͤſſen, und dieſe Nothwendigkeit weckte augenblicklich in Magda ihre volle weibliche Thätigkeit. Die große Kutſche, in wel⸗ cher ſich manche Gegenſtaͤnde der Bequemlichkeit vor⸗ fanden, wie ſie die beſorgte Liebe Claudia's und Lacy's zu erdenken vermochte, wurde nun ganz ihres Inhalts entkleidet und Magda beſtand aus des Groß⸗ vaters Zimmer den Salon zu mach pich auf den Steinen des Fußbot bi teiten, uͤber die hoͤlzernen Tiſche die kleinen Wret Gewebe zu dek⸗ ken und von den Wagenkiſſen ein Ruhebett zu bauen. Dabei verließ ſie ſich auf die Ankunft von Gundula und Veit, welche gewiß noch manches mitfuͤhren wuͤrden, was ihrer Einrichtung zu Gute kommen konnte, und ſo vermochte auch die Beeintraͤchtigung in der erwarte⸗ ten Annahme ihre Laune nicht zu ſtoͤren, und der Ge⸗ 87 nuß, bei einander zu ſein, legte ſich ausgleichend uͤber jeden Mangel. Thyrnau bemuͤhte ſich noch außerdem eine Zeitein⸗ theilung einzufuͤhren, die Magda verhindern ſollte, in ein muͤßiges Traͤumen zu verſinken, und er benutzte ihren Hang fuͤr geſchichtliche Ueberlieferungen, um ihr einen ausreichenderen und geordneteren Unterricht darin zu ertheilen, als die guten Nonnen des Urſulinerſtifts es vermocht hatten. Dazwiſchen aber theilte er ihre Wanderungen laͤngs der Waͤlle ſeines Gefaͤngniſſes, welches Niemand zu hindern unternahm, da ſeit ſeiner Zuſammenkunft mit dem Grafen von Podiebrad eine Art Fehme auf ihm lag, indem kein Menſch ſein Daſein wahrzunehmen ſchien. Hiervon machte im Hauſe Frau Grimſchuͤtz eine Ausnahme„ demſelben der junge Trautſohn, Graf Thurn und der Herr Caſtiglione von Paſterau— freilich Alle auf ſehr verſchiedene Weiſe. Frau Grim⸗ ſchutz hatte ihren Vortheil bald eingeſehn und Magda's unwiderſtehliche Herrſchaft ſo anerkannt, daß dieſe mit ihrer kecken entſchiedenen Art Alles fordern konnte, was ihr noͤthig war, und das Fehlerhafte ſo oft verwarf, bis Frau Grimſchutz ſich ergab und einſah, es ſei nicht hinreichend, daß es ihr gut erſcheine, was ſie leiſten 88 habe. Dabei war das beſte Einverſtaͤndniß unter Beiden; die Alte hatte ihr haͤßliches Geſicht be⸗ ſtaͤndig vor Lachen in die Breite gezogen und Magda kannte bald jedes Beduͤrfniß der fleißigen Frau und wußte ihrem Erwerb auch den reichlichen Gewinn zu ſichern. Mit Trautſohn kam ſie dagegen— wie Kinder auf ihrem Spielplatz— faſt jeden Morgen bei dem Felsſitz zuſammen, wo ſie die Hirſchkuh mit ihren Zicklein fut⸗ terten. Schon laͤngſt war Magda in den Bund des Vertrauens aufgenommen, die Kleinen wie die Alte fraßen aus ihrer Hand und die Zicklein huͤpften in ih⸗ ren Schooß und ließen ſich liebkoſen und hatten Alle ein Baͤndchen um von verſchiedener Seidenfarbe, wo⸗ bei das luſtige ſchwarze Boͤcklein, das Eigenthum der weißen Hirſchkuh, ihr Liebling blieb. Dabei ſprachen ſie wie alte Leute von ihrem Leben, und beſonders erzaͤhlte Trautſohn ihr von ſeiner ſchoͤnen Herrſchaft in Mähren— wie beide Eltern in Prag an der Peſt geſtorben ſeien— und er der einzige Erbe und erſt achtzehn Jahr— und von dem ſtrengen Vormund an Podiebrad geſchickt, um Gehorſam und den Soldatendienſt zu lernen. So mißfaͤllig ihm das auch war, liebte er doch den Oheim, den Bruder ſeiner Mutter und beſonders ſei⸗ nen ſtrengen Requetenmeiſter, den jungen Grafen Mat⸗ 89 thias von Thurn, obwol ſeine Feſtigkeit, ſein Ernſt, und ſeine unbeugſame Gerechtigkeit dem jungen Wild⸗ fang, der immer uͤber die Schnur hieb, immer etwas that, was der Andere fuͤr unpaſſend hielt oder verboten hatte, oft unbeſchreiblich laͤſtig ward. Sein umgang mit Magda und das gelegentliche Fruhſtuͤck, was er ſich alsdann oft bei dem alten Thyrnau holte, der ſei⸗ nen Vater gekannt und dem Juͤngling gewogen wurde — waren hauptſaͤchlich vom Grafen Matthias ſtark ge⸗ mißbilligte Dinge. Er belauerte dieſes Beiſammenſein auf eine ungewoͤhnliche Weiſe, er ſuchte ihn um dieſe Zeit im Dienſt zu beſchaͤftigen, und fand ſich der Juͤng⸗ ling durch beides geaͤrgert und gereizt, doch geneigt ſeine Befehle zu umgehen und dem einzigen Vergnuͤgen zu folgen, was ſich ihm darbot, ſo traf er in dem ſonſt ſo ruhig ernſten Matthias einen faſt heftigen Richter, der mit einem Stolz und einer Verachtung von dem umgange mit einem buͤrgerlichen Maͤdchen ſprach, wie der Juͤngling noch niemals von dem edlen Thurn ver⸗ nommen hatte. Die, welche ihre Abneigung dem Andern einfloͤßen wollen, ſollten nie vergeſſen, ihre leidenſchaftliche Ueber⸗ treibung zu beherrſchen; ſo wie der Angegriffene dieſe fuhlt, ſchlaͤgt er ſich die ganze Sache, die er innerlich vertheidigt, aus dem Sinn und behaͤlt nichts als die 90 Uebertreibungen, die er gehoͤrt, die ihn berechtigen, den Andern als vollſtaͤndig im Unrecht zu erklaͤren. So wenig Magda von Beiden zu fuͤrchten hatte, ſtand dagegen der Herr von Paſterau wie ein drohendes Gewitter an ihrem Horizont, und ſie wurde nur von ihrer Ahnungsloſigkeit bis jetzt noch in ihrer Unbefan⸗ genheit erhalten. Er war zuweilen Zeuge von der ver⸗ ächtlichen Weiſe, mit der dies Muſter edler Geſinnung — Graf Matthias naͤmlich— von dem Umgang mit einem buͤrgerlichen Maͤdchen ſprach, und ſeiner Natur gemaͤß machte er daraus den Schluß, den Graf Mat⸗ thias zu denken verabſcheut haͤtte, naͤmlich den, daß ein ſolches Maͤdchen zu nichts anderem da ſei, als die Stunden eines luſtigen Kavaliers zu verſuͤßen, und bei ihrer veraͤchtlichen Stellung zur Geſellſchaft dies recht eigentlich als ein Gluͤck anzuſehen habe und ohne vielen Widerſtand genehmigen werde. Er fand nun Magda ſo ſchoͤn, daß er ſie ſeiner Bewerbung werth hielt und es hatte bis jetzt blos die Gelegenheit gefehlt, ihr ſeine Abſichten kund zu thun. Er mußte naͤmlich bemerken, daß Magda dadurch, daß der junge Trautſohn vom Grafen Matthias bewacht wurde, es unabſichtlich ſelbſt war, und daß ſich alſo die Mufe fur ihn nicht zeigen wollte, da ein geheimes Etwas ihm ſagte, was er im Schilde fuͤhre, werde 91 eben ſo wenig von dem ſtrengen jungen Manne gebil⸗ ligt werden, und obgleich er nicht unter ſeinen Befeh⸗ len ſtand wie Trautſohn, ſo wuͤrde die Anzeige an ih⸗ ren ehrenhaften Hauptmann Galbes ihm gleiches Schick⸗ ſal zuziehn. Der October war aber in dieſen ſchuͤtzenden Bergen ein wahres Wunder von Lieblichkeit und Friſche, und jeden Morgen ſchien die ganze Natur aus dem blinken⸗ den Thau des leichten Nachtreifes in verjuͤngter Schoͤn⸗ heit wieder aufzutauchen. Schon hatte Magda den Weg in das Thal hinabgefunden, und war bekannt, und von Kindern und Alten erwartet, wenn ihre reich⸗ liche Wohlthaͤtigkeit ſie in dem kleinen Staͤdchen Bud⸗ nian mit allen Kleinigkeiten verſehen hatte, die der Arme ſo ſelten beſitzt, und die zu den Sonnenblicken gehoͤren, die ihn das reiche Fuͤllhorn des glucklichen Ueberfluſſes ahnen laſſen. Magda putzte ſich ihre Ar⸗ men, wenn ſie ſie ſatt gemacht hatte; ſie ſpaͤhte dem heitern Blicke nach, der in dem truͤben Auge aufſtieg, wenn das neue warme Tuch zugleich bunt war, oder die Kappe ein heiteres Band hatte, oder eine kleine Spitze.„Ach! ſatt ſein iſt wol gut,“ ſagte Magda— „aber das weckt nicht ihren Geiſt, und ich kann nicht eher ablaſſen, bis ich ſehe, ob ich nicht die arme ver⸗ kroͤchene Seele durch irgend etwas wecken kann— wiſ⸗ 92 ſen ſie doch mal, wie es lieblich thut, uͤber das Noͤthige was zu haben!“ Waͤhrend ſie ſo oft des Nachmittags abſchweifte und den Großvater bis zum Abend bei ſeinen Arbeiten allein ließ, bluhte in dieſer reinen Gebirgsluft ihre Ge⸗ ſundheit wieder auf und eine ſchoͤne ſtille Feierlichkeit war in ihrem Innern an die Stelle der herben muth⸗ loſen Pein getreten. Kehrte ſie dann aus dem Thale zuruck, ſo ſetzte ſie ſich auf den Felsſitz und wenn die Schatten laͤnger wurden und das Abendgelaͤut aus St. Palmatius herauf toͤnte und ſich mit den wunderbar ernſten und metallreichen Glockenklaͤngen der heil'gen Kreuz⸗Kapelle verband, ſo ſtimmte Magda in frommer Begeiſterung eines ihrer eigenthuͤmlichen Lieder an, von degen ſie ſelbſt nicht wußte, woher ſie kamen, wo ihr die Worte in hoher Begeiſterung zugefluſtert wur⸗ den und die Toͤne dazu gezogen kamen, als wären es die Luͤfte, die ſie eingeathmet! Wer dieſen Geſang hoͤrte, mochte an David denken, wie er den verirrten Geiſt des kranken Koͤnigs bis zum ſtillen andaͤchtigen Aufhorchen bezwang, denn er ſchien die Offenbarung einer Prophetin— die tiefe andaͤchtige Aufregung, die ſie hervor rief, gab der wunderbar ſchoͤnen Stimme den maͤchtigen Klang und die Bildung, die Kunſt genannt wird. 93 Um dieſe Zeit wußte ſie alle Offiziere in der Ka⸗ pelle verſammelt und ſie war dann auch vor Georg's Beſuchen geſichert. Denn ſo mußte ſie ſich fuhlen, wenn der Geiſt in ihr frei werden ſollte. Lange hatte an dieſem Abend der Geſang gedauert, dazwiſchen war ſie wieder in tiefes Nachdenken verſun⸗ ken— als ſie die Zweige hinter ſich kniſtern hoͤrte, und fuͤr gewiß haltend, es ſei die Hirſchkuh, die ihre Nacht⸗ herberge hier ſuche, blickte ſie nicht um, als ſie plotzlich in ihrer Naͤhe ein Weſen fuͤhlte und im ſelben Augen⸗ blick ſich von zwei ſtarken Armen umſchloſſen ſah. Das Entſetzen hemmte den Schrei in ihrer Bruſt— bleich wie der Tod ſtieß ſie den Gegenſtand ungeſtuͤm zuruͤck und erkannte jetzt den verhaßten Caſtiglione von Paſterau. „Elender!“ ſagte ſie mit einer Fuͤlle von Verachtung in ihrem ſtolzen Geſicht, vor dem Paſterau ganz erſtaunt und verdutzt ſtehen blieb. Da er durch den heftigen Stoß von dem kleinen Felsſitz herabgeglitten war, ehe er des ploͤtzlichen Widerſtandes Herr wurde, ſo ſtand er vor dem einzigen Wege, wo es moͤglich war, hinauf und herunter zu kommen— und Magda erhob ſich nun zoͤgernd auf der Hoͤhe und uͤberlegte den ungeheuern Sprung auf der andern Seite herunter, der ſelbſt ih⸗ rem muthigen Geiſte bedenklich ſchien. „Fleine Sirene!“ rief er jedoch bald genug gefaßt 94 —„warum lockſt Du denn mit Deiner hellen Stimme. Komm— komm herab und hab' Dich nicht ſo ſproͤde! Wenn Du den jungen Burſchen, den Trautſohn, zum Liebſten haben kannſt, dann nimm mich auch noch dazu— ich bin doch ſchon Einer, der Bart ums Kinn hat.“ Magda ſchauderte blos kurz zuſammen; zum Ant⸗ worten hatte ſie keine Stimme, ſie uͤberlegte nur, wie ſie hinab kommen ſollte, ohne Paſterau zu beruͤhren. „Geh' fort da!“ rief ſie endlich mit dumpfer Stimme—„weit fort— damit ich hinunter ſteigen kann.“ „Ja! komm Du nur erſt herab— dann gehe ich auch mit Dir, wohin Du willſt.“ „Ungeheuer,“ rief Magda jetzt voll Verzweiflung,„ „entferne Dich oder ich ſtuͤrze mich von dem Felſen herab.“ „Nein! nein!“ entgegnete ihr Peiniger—„dann ſturze Dich lieber in meine Arme,“ und im ſelben Au⸗ genblick ſtuͤrmte er den kleinen Weg hinan, zum Felsſitz empor, doch eben ſo ſchnell wagte Magda von der andern Seite den hohen Sprung. Sie kam unver⸗ letzt, aber fallend zur Erde und die Erſchuͤtterung war ſo groß, daß ſie einen Augenblick die Beſinnung verlor. Sie konnte nun nicht, wie ſie es gehofft, entfliehn und ſo ſtand Paſterau ſchon neben ihr, ehe ſie ſich aufrichten konnte, im Begriff, ſie in ſeinen Armen empor zu heben. Obwol Magda mit der Ge⸗ walt der Verzweiflung ihn zuruͤck ſtieß, hielt er doch ihre Haͤnde feſt und der Kampf war zu ungleich, um Magda's Flucht hoffen zu laſſen— da ſtieß ſie ver⸗ zweiflungsvolle Huͤlferufe aus und ploͤtzlich war es ihr, als ob ein wohlbekanntes Dohlengeſchrei ihr antwor⸗ tete. Doch dieſe augenblickliche Zerſtreuung haͤtte Pa⸗ ſterau faſt den Vortheil gegoͤnnt, ſie zu umfaſſen, als er ſelbſt hinterruͤcks angefallen ward, und zwar mit einer ſolchen Wuth und auf ſo ungewoͤhnliche Weiſe, daß es ihm ſchien, ein Ungeheuer ſei auf ſei⸗ nen Ruͤcken geſprungen und er wußte nicht, ob er ſich vor Kratzen, Beißen oder Wuͤrgen zuerſt zu ſchuͤtzen habe. Magda aber war, von ſeinen Haͤnden befreit, gegen einen Baum getaumelt und ſah zu ihrem namen⸗ loſen Entzuͤcken, daß Bezo, durch ein Wunder hier erſchienen, ihr Retter geworden war. Ihre kluge Faſ⸗ ſung ſagte ihr bald, daß auch er Huͤlfe gegen den wuͤ⸗ thenden Paſterau beduͤrfen werde, der ſchon an ſeinem Degen arbeitete, und ſo wiederholte Magda ihr Angſt⸗ geſchrei und ſturzte nach dem Walle zu, um ihren Großvater zu erreichen. Aber ihr entgegen flog eine beſſere Huͤlfe und Mogda ſtuͤrzte ſich faſt in die Arme 96 des Grafen Matthias, der wieder Georg zu beob⸗ achten getrachtet, und zu dem kein Huͤlferuf vergeb⸗ lich drang. „Rette! rette uns Beide!“ rief ſie außer ſich— „ſonſt erſticht er meinen armen Bezo.“ „Wer? wer?“ rief Matthias angſtvoll, und hielt Magda's Haͤnde in den ſeinigen feſt— „O frage nicht— ſondern komm und eile Dich!“ Jetzt flog Magda vor ihm her, und Matthias hoͤrte das wuͤthende Gebruͤll aus der Ferne, was ſo klang, als balgten ſich wilde Thiere. Als er das letzte Geſtraͤuch durchbrochen, ſah er Paſterau mit dem gezogenen Degen in der Luft fegen, wahrend auf ſeinem Ruͤcken eine unfoͤrmliche Maſſe hockte, welche mit langen ſchlangenartigen Armen und⸗ klauenhaften Haͤnden das Geſicht des ungluͤcklichen Pa⸗ ſterau ſo zugerichtet hatte, daß das Blut davon herab floß, waͤhrend er faſt erſtickt ſchien und von heftigen Stoͤßen, die ihm Bezo mit dem Knie in den Ruͤcken gab, hin und her taumelte. Magda ſturzte auf Bezo zu, waͤhrend Thurn mit einer geſchickten Seitenbewegung es erreichte, dem wuͤ⸗ thenden Kaͤmpfer den Degen zu entwinden; dann erſt war es möglich, ihm zu Huͤlfe zu kommen und Thurn's kraͤftige Hand erloͤſte den Gewuͤrgten zuerſt von der 97 furchterlichen Fauſt, die ihm die Kehle zudruͤckte. Mehr wie Thurn's Kraft wirkte aber Magda's Stimme, welche flehend ſich zu Bezo erhob, um ihn zum Los⸗ laſſen ſeines Dpfers zu bewegen. „Ich bin gerettet, Bezo!“ rief ſie—„komm doch nur herab— laß ab— laß ab!“ Dabei zauſte ſie an ſeiner Jacke, an ſeinen Armen, bis er endlich von ihm abließ. Als er zur Erde nieder fiel, ſo ſchwerfaͤllig wie ein Thier, lief Thurn auf Magda zu und deckte ſie mit ſeinem Koͤrper. „Fliehe, ungluͤckliches Maͤdchen,“ ſagte er außer ſich—„ich halte Dir das Ungeheuer ab.—„O!“ rief er mit einem edlen Schmerz—„moͤchte die eben gemachte Erfahrung Dich warnen! So ſchoͤn und jung, wie beſtimmt zu etwas Edlerem und Beſſeren, und doch ſo leichtſinnig! Dein goͤttlicher Geſang, der wie der Erguß einer Heiligen klingt, den mißbrauchſt Du, um die leichtſinnigen Thoren herbei zu locken, die Dich ver⸗ derben werden.“ Er ſprach dies Alles ſo haſtig, ſo außer ſich, dai es keine Sekunde Zeit wegnahm und Magda keine zur Antworten behielt, denn Paſterau hatte ſich das Blut aus den Augen gewiſcht und ſturzte jetzt auf Bezo ein, der nach vollbrachter That ganz ruhig neben Magda auf der Erde ſaß und bemuͤht war, eine große papierne Thomas Thyrnau. III. 3te Aufl. 7 98 Duͤte in Ordnung zu bringen, worin er die zweite Frucht der Erdbeeren geſammelt hatte, von denen der Wald duftete. Magda beugte ſich aber uͤber Bezo, und ihn mit ihrem ganzen Koͤrper ſchuͤtzend, rief ſie:„Fort, Elen⸗ der!— wie willſt Du ihn ſtrafen, da er Dir die ge⸗ rechte Vergeltung Deiner Bosheit gab. Schoͤtzt ihn, ſagte ſie zu Matthias—„er iſt ein armer blodſin⸗ niger Knabe und tauſend Mal beſſer als dieſer Boͤ⸗ ſewicht.“ „Wie kommt das Geſchoͤpf hierher?“ fragte Mat⸗ chias und ließ das wuͤthende Gepolter des Grafen Pa⸗ ſterau unberuͤckſichtigt, indem er ihn mit ſeinen ſtarken Armen von dem Knaben abhielt. „Ich weiß es noch nicht,“ entgegnete Magda,„und es wuͤrde zu nichts fuͤhren, wenn ich ihn jetzt befragen wollte, denn er iſt wieder in ſeine Dumpfheit verfallen — aber gewiß hat Gott ihn geſendet in meiner tiefen Noth, denn er verlaͤßt nie die Unſchuldigen.“ „Wie kannſt Du auf göttliche Huͤlfe noch Anſpruch inwilli it di ſt i machen, wenn Du einwilligeſt, mit dieſem ausſchwei⸗ fenden Manne zuſammen zu kommen?“ ſagte Matthias 9 mit duͤſtrem vorwurfsvollem Tone. „Stolzer und ungerechter Mann,“ rief Magda *..— zuͤrnend—„es wird Dir leicht, das Boͤſe von mir zu ——,— — 99 denken, weil ich in Deinen Augen ein geringes Maͤdchen bin— aber ich ſage Dir, daß Du ein ſo ſchlechter Chriſt deshalb biſt, als jener Mann, den Du verdammſt. Ich verſtehe nicht ganz, was Du mir vorwirfſt, aber wenn es heißen ſoll, ich habe dieſen Mann hier erwartet, ſo iſt das ein Gedanke, den eben ſo wenig ein edler Juͤng⸗ ling denken ſollte, als er die ſchnoͤdeſte Luge iſt.“ „Magda,“ rief Thurn—„wenn das wahr waͤre?“ „Geh,“ ſagte ſie ſtolz—„ich habe Dir keine Re⸗ chenſchaft zu geben, denn Du haſt kein edles Verſtaͤnd⸗ niß, ſonſt wuͤrdeſt Du Dich nicht ſo irren koͤnnen. Steh auf, Bezo,“ fuhr ſie fort—„und folge mir.— Weich' von ihm,“ rief ſie herriſch, als ſich Paſterau auf ihn ſtuͤrzen wollte—„wage es nicht, dies arme bloͤdſinnige Weſen zu kraͤnken, und nimm ſeine Strafe hin, die Du ſo wol verdient haſt.“ Sie wollte gehn, da reichte ihr Bezo dumm lachend ſeine große Duͤte hin, die ihm wahrſcheinlich ein Ande⸗ rer gedreht hatte, und die bei dem Kampfe aufgegangen war, ſo daß er die Erdbeeren nicht mehr zu bergen ver⸗ mochte. Aber Magda, zu tief verletzt, um ſeine Ab⸗ ſichten wie ſonſt zu errathen, wandte ſich, um zu gehen, und Graf Matthias, der betaͤubt von den Vorwuͤrfen des jungen Maͤdchens und mit ſeinen Empfindungen 7 100 kaͤmpfend zwiſchen ihnen ſtand, nahm ſie ihm ab, da er ſie ihm hinhielt.—„Fuͤr Magda feſt drehen“— ſtammelte er hervor. Graf Matthias richtete ſeine Augen auf das Papier, um faſt gedankenlos, wie er war, die Forderung des Knaben zu erfuͤllen— da ſah er mit großen Buchſtaben geſchrieben: An Seine Excel⸗ lenz den Gouverneur des Koͤniglichen Schloſſes Karl⸗ ſtein, Grafen Georg von Podiebrad.—„Was iſt das?“ rief er lebhaft— er erkannte ſogleich das halb zerbrochene kaiſerliche Siegel, und da, wo die Erdbeeren mit ihren rothen Spuren gebettet waren, ſah er zwei eng geſchriebene Seiten und daruͤber eine Anrede an den Gouverneur in uͤblicher Kanzleiform— den lau⸗ fenden Monat und die Jahreszahl erkannte er auch. Ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, riß der Graf Matthias die ganze Duͤte auseinander und erkannte bald, daß es eine Depeſche und daß der Name Thomas Thyrnau mehrere Male darin zu leſen war. Waͤhrend dieſes Augenblicks ſah Bezo den ganzen Vorrath ſchoͤner Erdbeeren in das Moos fallen und ſtieß einen ſolchen Schmerzensruf aus, daß Magda ſich umwendete, und da ſie ihn weinend auf der Erde hocken ſah, kaͤmpfte ſie einen Augenblick, ob ſie nicht umkeh⸗ ren ſollte— als aber Thurn ihr mit dem roth gefaͤrbten Blatte entgegen ſturzte, wollte ſie weiter gehn, bis er 101 ſie bat, nur ein Wort noch anzuhoͤren, und da ſie ſah, daß Paſterau ſich entfernt hatte, blieb ſie ſtehn, und das blaſſe Geſicht, das kalte ernſte Auge, was ihn maaß, krampfte ſeine Bruſt zuſammen. „Der Knabe,“ ſagte er bewegt—„hat die De⸗ peſche gefunden, die der Kourier bringen ſollte, und wenn auch ſchrecklich beſudelt, iſt die Handſchrift doch ganz kenntlich, und hier unten in dem Ende, was zu⸗ ſammen gedreht war, da ſteht der Name der Kaiſerin und Kaunitz, Uhlefeld und Bartenſtein.“ „Dann iſt es richtig,“ rief Magda—„das ſind die drei Richter, die uͤber ihm ſaßen— ſo bringe das Blatt dem Gouverneur, damit er endlich erfaͤhrt, was er zu thun hat.“ „Aber in dieſem Zuſtande?“ fragte Matthias— „und wie kommt der Knabe dazu— und wer iſt er— welchen Zuſammenhang kann das haben?“ „Das iſt Alles wunderbar genug,“ erwiderte Magda,„und Ihr koͤnnt es ergruͤnden, denn dies geht Euch an— der Knabe aber gehoͤrt zu uns und ich will ihn ausforſchen, wenn er ſich ausgeruht hat.“ Wieder ging ſie weiter und klopfte raſch und eigenthuͤmlich in die Haͤnde, wodurch Bezo aufſchreckte und ihr nachlief. Als ſie uͤber den Wall ſtieg und die Fenſter vor ihr lagen, an denen Thyrnau ihrer harrend ſaß, brach Magda in Thränen aus. Die Unbill, die ſie erlitten, hatte ihr Herz erſchreckt, faſt verſtockt— als ſie aber den wieder ſah, der ſo viel Liebe fuͤr ſie hatte, deſſen Guͤte und Fuͤrſorge ihr ſo ſicher war und ſo ausrei⸗ chend, da ſchmolz die Eisrinde und ſie weinte recht er⸗ leichternde Thraͤnen. Nachdem ſie ihren alten Weg durch das Fenſter ge⸗ nommen und ſtill an ſeiner Bruſt lag und weinte, war Thyrnau verlegen, der Urſache dieſer Thraͤnen nachzu⸗ forſchen, denn gewiß hatte Magda keinen wunden Fleck im Herzen, den er nicht in dem eignen fuhlte und viel⸗ leicht mehr daran dachte und ſich ſchwerer in ihr Schick⸗ ſal fand, als ſie ſelbſt. Da ſprang ein dunkles kleines Geſchoͤpf ihr nach in das Zimmer, und Magda ſagte nun ihre Thranen trock⸗ nend:„Bezo iſt da, Großvater!“ Der alte Mann fuhr luſtig in die Hoͤhe und der arme Knabe winſelte vor Freude, und bellte, und miaute, und als er wie die Dohlen rief, wandte ſich der ehrwuͤrdige Greis geruhrt ab, denn die wohlbekannten Tone der Heimat erſchuͤtterten ſein feſtes Herz. Magda ſah dies Alles, und obwol ſie durch die Schmach, die ſie erfahren, ſich innerlich troſtlos fuͤhlte, erregte doch vorzuglich Bezo's Wiederſehn alte tiefe 103 Schmerzen, uͤber welche die Entfernung ſich nur be⸗ ſaͤnftigend gelegt hatte. „Begreifſt Du denn, wo Bezo herkommt?“ fragte der Großvater.— „Nein,“ ſagte Magda—„doch wie kann er an⸗ ders hier ſein, als mit Gundula und Veit— ſie ſind ſicher in der Nahe Bezo iſt ihnen wie gewoͤhnlich entlaufen.“ „Ja! da er Dein guter Spuͤrhund iſt, ſo hat er Dich im Walde entdeckt,“ ſagte Thyrnau. „Gottlob ja!“ ſeufzte Magda—„er hat gewiß mein Geſchrei gehoͤrt.“ Jetzt wurde Thyrnau aufmerkſam und Magda ver⸗ traute ihm unter Stroͤmen von Thraͤnen, geſchuͤtzt von der dunklen Stube, die erfahrene Beleidigung und ihre durch Bezo bewirkte Rettung. Hoch ſchwoll Thyrnau's Bruſt empor und heftig ſprang er auf, in der Abſicht, augenblicklich Genug⸗ thuung und ausreichenden Schutz dem Gouverneur zu fordern.„Ha,“ rief er—„es Aſt 3 Zeit, daß dieſe Tollhaͤusler aus ihrem Wahn geweckt werden und man ſie lehrt, worin wahrhaft adlige Geſinnung beſteht. Sie ſollen es durch mich erführen, wenn ihreRitterlichkeit ihnen blos dazu verylft, Anſtand und Rechtlichkeit mit Fuͤßen zu treten, wo ſie keine Gegner ihres Ranges vorfinden.“ 104 Aber Magda war ſo erſchuͤttert, ſo um ihre gute vernuͤnftige Faſſung gebracht, daß ſie ſich laut aufſchreiend in ſeine Arme warf und taub blieb gegen ſeine Ermah⸗ nungen; beſorgt ſah er endlich, daß ſie eine Art Fieber„ ſchuͤttelte und Froſt und Hitze ſo jaͤh wechſelten, daß ihr Geiſt davon mit Schreckniſſen erfullt war. Da fuͤhlte er mit tiefer Wehmuth, daß ſie Niemand habe als ihn, und daß er ſie krank nicht verlaſſen duͤrfe. Er bewog ſie, ſich niederzulegen und verordnete ihr kuhle Getraͤnke, die er ihr ſelbſt bereitete, dann ließ er ihr ſeine Hand, die ihr Sicherheit zu geben ſchien, und blieb den groͤß⸗ ten Theil der Nacht vor ihrem Bette ſitzen, ihren angſt⸗ vollen Schlummer bewachend, in welchem ſie noch oft ſchluchzte und einzelne unruhige Worte ausſtieß. Dagegen hatte Graf Matthias unſchluͤſſig uͤberlegt, was er mit dem alſo entweihten kaiſerlichen Befehl ma⸗ chen ſolle. Ihn in dem erwaͤhnten Zuſtande dem Gou⸗ verneur vorzulegen, hielt er bei der genauen Kenntniß ſeines Karakters fuͤr ſehr gewagt— die Meldung dieſes Vorganges durfte er aber eben ſo wenig unterlaſſen, da er an dieſem Tage wachthabender Offizier war, und un⸗ ſicher, wie er ſich fuhlte, kam es ihm zu Hilfe, daß der Gouverneur mit einem kleinen Gefolge von einem kur⸗ zen Abendritt zuruͤckkehrte, als Matthias in den Burg⸗ hof trat. Indem er dem Grafen die Honneurs beim — — Abſteigen machte, verſetzte er ihn damit in herablaſ⸗ ſende Laune. Graf Podiebrad lehnte ſich auf ſeine Schulter und ſagte:„Ein herrlicher Bau, der Karl⸗ ſtein— ein Juwel in guͤldener Faſſung— ganz der hohen Weisheit des Erbauers wuͤrdig.“ „Und gegen die Pfeilſchuͤtzen und Schleuderer der damaligen Bewaffnung vollkommen geſichert,“ ſagte der junge Trautſohn, welcher uͤbler Laune war, daß er durch den langweiligen Ritt verhindert worden, Magda zu be⸗ lauſchen—„aber mit zwei Kanonen ſchieße ich jetzt das ganze Neſt zuſammen— denn die guͤldene Faſſung iſt jetzt nichts mehr und nichts weniger als Kanonenwaͤlle, worauf der Feind ſein Geſchuͤtz auffahren laſſen kann.“ „Durchlaucht,“ ſagte Podiebrad—„ein weiſes Schweigen macht es der Jugend allein moͤglich, ihre Unwiſſenheit und Unbeſonnenheit dem weiſeren Manne zu entziehn, daher dieſes auch nicht oft genug denen empfohlen werden kann, die Neigung zu leichtfertiger Rede haben. Graf von Thurn— mein Wachthaben⸗ der!“ ſagte er alsdann zu dieſem—„habt Ihr uns uͤber ein in unſerer Abweſenheit vorgefallenes Ereigniß Meldung zu machen?“ Dieſe Frage, welche jeden Abend wiederholt wurde und welche ſeit Jahren mit einem„Nein“ beantwortet werden mußte, erregte faſt unter den devoteſten ſeiner Untergebenen einen gelinden Ueberdruß; aber die Erge⸗ bung, mit der deſſenungeachtet Alle derſelben zuhoͤrten, ſollte heute belohnt werden, denn Graf Matthias ver⸗ beugte ſich tief und erwiderte, er habe eine Meldung von Wichtigkeit zu machen. Der Gouverneur hatte ſich in der langweiligen Er⸗ wartung der ſeit Jahren wiederholten Antwort ſchon etwas abſeits gewendet, als dieſe unerwarteten Worte an ſein Ohr drangen. Zweifelhaft richteten ſich ſeine Augen wieder auf Thurn— da dieſer aber in ſeiner devoten Melde⸗Stellung verblieb, wuchs auch augen⸗ blicklich das chimariſche Gefuͤhl ſeiner Wichtigkeit in dem Gouverneur, und Allen das Zeichen der Entlaſ⸗ ſung machend, ſchritt er der Burgpforte zu, nur vom Grafen Matthias gefolgt. „Ich erwarte Ihre Meldung, Herr Wachthaben⸗ der,“ ſagte er, in ſeinem Kabinette angelangt, in voll⸗ kommen militariſcher Haltung ſich aufrichtend. „Euer Excellenz haben Kenntniß genommen von der Behauptung des Gefangenen wie von der des Po⸗ lizeibeamten, daß ein kaiſerlicher Erlaß mit ſchuldiger Meldung an Euer Gnaden durch einen Kourier hierher abgeſchickt worden ſei. Ein Zufall hat mir dieſen kai⸗ ſerlichen Befehl unter den auffallendſten Umſtaͤnden in die Haͤnde geſpielt!“ 107 „Dieſen Befehl?“ rief Podiebrad—„Ihr wollt ſagen, der Kourier ſei angekommen? Und doch ſehe ich den Brief nicht in Eurer Hand, um ihn mir zu uͤber⸗ liefern.“ „Eben daß der Kourier nicht angekommen iſt, daß ich auf ganz andern Wegen zu dieſer Kenntniß kam, macht mich unſicher, ob ich es wagen darf, Euer Gna⸗ den den Brief zu uͤbergeben.“ Podiebrad wurde wahrhaft verlegenz ſelten war Je⸗ mand noch aͤngſtlicher in Wahrnehmung der Form, als er, und doch konnte er nicht wol einſehn, wie er den Hergang erfahren und zugleich der Gefahr entgehen ſollte, ſeiner Wuͤrde etwas zu vergeben. Endlich ent⸗ fuhr ihm das Natuͤrlichſte— er ſagte: er habe ihn nicht verſtanden. „Ich habe naͤmlich dieſen kaiſerlichen Brief, von Ihro Majeſtaͤt und drei Miniſtern unterſchrieben, er⸗ brochen gefunden,“ erwiderte Graf Matthias—„mit der Adreſſe an Euer Epcellenz.“ „Heil'ger Gott!“ ſchrie der Gouverneur—„wer hat dies unerhoͤrte Attentat begangen? Eilen Sie, ſich zu erklaͤren, dies bedroht unſere Ehre.“ „Der Hergang iſt bis jetzt unerklaͤrt,“ erwiderte Thurn,„ich muß Alles der Beſtimmung Eurer Excel⸗ lenz uͤberlaſſen.“ 108 „Sehr wol, mein Sohn, ſehr wol,“ ſagte Podie⸗ brad,„aber warum empfange ich dieſen entweihten Brief nicht— es waͤre der nothigſte, der erſte Schritt.“ „Er iſt ſo zerknittert, ſo beſudelt durch Erdbeeren, die ein Knabe darin ſammelte, daß ich anſtand, ob es noch der Wurde Eurer Epcellenz genehm waͤre, ihn zu empfangen.“ Das Erſtaunen des Grafen Podiebrad hemmte faſt den Gang ſeiner Gedanken und hielt auch den Unwillen zuruck, der noch keinen rechten Gegenſtand finden konnte. „Erklaͤren Sie ſich,“ ſagte er zerſtreut.— Graf Thurn erzaͤhlte jetzt mit leichter Umgehung von Paſterau's Verſchuldung, wie er zu dem Beſitz des wich⸗ tigen Briefes gekommen war, und wie das Maͤdchen, welches ſich die Enkelin des Gefangenen nenne, den Knaben als zu ihrem Hausſtand gehoͤrend, erklaͤrt habe. „So muß an dem Knaben, an dieſem jungen Boͤſe⸗ wicht ein entſetzliches Beiſpiel ſtatuirt werden,“ rief der Gouverneur, froh, nur eine Richtung, einen Gedanken faſſen zu koͤnnen—„haben Sie ihn augenblicklich arre⸗ tiren und in den Kerker des Schloſſes werfen laſſen?“ „Das ungluͤckliche Weſen, welches ſich alſo vergan⸗ gen,“ entgegnete Matthias,„iſt ein voͤllig verkruͤppel⸗ tes, gaͤnzlich blodſinniges Geſchoͤpf, vom Thiere wenig zu unterſcheiden; es hatte von dem Verbrechen, welches es beging, keine Ahnung und iſt geſetzlich dadurch frei⸗ geſprochen.“ Wieder mußte der Graf von Podiebrad von ſeinem ſtolzen Pferde abſteigen, auf dem er ſchon zu galoppiren begann.—„Was nun?“ entfuhr ihm unbewacht— „was fuͤr Wege koͤnnen wir verfolgen, die erfahrene Beleidigung abzuwaſchen?“ „Gnädiger Herr!“ ſagte Thurn,—„der Inhalt des kaiſerlichen Befehls wird doch gewiß wichtig ſein— wollen Euer Gnaden nicht befehlen, auf welche Art Sie davon Kenntniß nehmen wollen;— denn ein zer⸗ knittertes beflecktes Papier habe ich nicht gewagt, ſo⸗ gleich zu uͤberbringen.“ Podiebrad ſah ein, daß ſein junger Freund, indem er ihm von dem erſten hohen Pferde herab geholfen, ihm jetzt ein zweites Turnierpferd vorfuͤhre, auf wel⸗ ches er nur aufzuſteigen brauche— und hierzu war er immer der vollkommen geſchulte Cavalier. Nach einem tiefſinnigen Stillſchweigen erhob er die Stimme und ſagte:„Wir werden einen Kriegsrath ver⸗ ſammeln, lieber Wachthabender— dieſer Fall, der mit beſonders feiner Diſtinction behandelt werden muß, ſoll in der Geſammtanſicht unſerer Untergebenen, welches Alles untruͤgliche Edelleute ſind, ſeine Erledigung fin⸗ den. Sie werden die Herrn im Vorzimmer verſammelt ſehn, und vor der Ankuͤndigung der Nachtmahlzeit koͤn⸗ nen wir mit der Diskuſſion zu Ende ſein. Wenn die Verſammlung konſtituirt iſt, werden Sie mir Meldung machen—“ ſetzte er hinzu, Entlaſſung winkend. Graf Matthias begab ſich in das bekannte mit Holz getaͤfelte Vorzimmer, wo er die Herren der Beſatzung fand, welche von der Hoffnung eines Erlebniſſes ſo an⸗ geregt waren, daß ſie Alle dem Grafen entgegen traten, eine ungewoͤhnliche Erklärung von ihm erwartend. Um die Eßtafel des Nebenzimmers, welche noch nicht gedeckt war, verſammelten ſich nach dem Gebot des Gouverneurs ſaͤmmtliche Herren der Beſatzung, und Graf Matthias uberbrachte denſelben die befohlene Meldung. Als er unter den gewohnlichen Erforderniſſen Platz genommen hatte und alle Anweſende nach ſeiner Erlaub⸗ niß ein Gleiches gethan, fuhlte der Graf Podiebrad eine Art von Unſicherheit uͤber die Einleitung ſeines Vor⸗ trages.„Meine Herren,“ hob er an und pauſirte dann —„meine Herren,“ wiederholte er—„unſere feier⸗ liche Ruhe iſt bedroht, unſere reine, ehrenhafte, un⸗ tadlige, unvermiſchte Stellung iſt angegriffen. Wenn ſonſt die Fahne, welcher die Edlen unſerer Vorfahren folgten und die von irgend einem Koͤnige oder Kaiſer verliehen war, heruntergeriſſen, beſudelt, in den Staub getreten war, ſo wurde— war dies nicht im Mißhe⸗ ſchick eines Krieges erfolgt— der Thaͤter zum Tode verurtheilt, und da dies immer nur Einer aus dem Poͤ⸗ bel zu thun vermochte, ſo ward ein Solcher vorher ge⸗ ſtaͤupt, die rechte Hand ihm abgehauen oder er gar ge⸗ viertheilt. Gleichzeitig ward, was von der alſo beſchimpf⸗ ten heiligen Fahne uͤbrig geblieben von der Befleckung, durch geiſtliche Funktionen abgenommen und dieſe Reſte in geweihter Erde beſtattet.“ Graf Matthias athmete kaum vor Schrecken, als er hoͤrte, auf welcher Redeflut das Pathos des erlauch⸗ ten Grafen hintrieb. Dieſer fuhr fort:„Ein aͤhnliches Attentat hat ſich im Bereich unſeres ehrwuͤrdigen Dien⸗ ſtes zugetragen, und da in dem Gegenſtande blos die Abweichung liegt, ſind wir genoͤthigt, mit Zuziehung unſerer braven Standesgenoſſen den Fall zu eroͤrtern.“ „Nach Behauptung des eingegangenen Gefangenen und deſſen polizeilichen Begleiters war von einem Kou⸗ rier die Rede, welcher uns hohe Befehle von hoher Hand zu uͤberbringen haben wuͤrde. Wir mußten bei deſſen Ausbleiben die Sache bezweifeln— jetzt aber iſt dem Grafen Matthias von Thurn ein entſetzlicher Aufſchluß uͤber die Wahrheit dieſer Behauptung gekommen— er war genöthigt, in entweihter Hand, beſchimpft, befleckt und zu dem elendeſten Gebrauche herabgewuͤrdigt, ein 112 durch die Unterſchrift unſerer allergnaͤdigſten Kaiſerin und dreier erlauchter Miniſter geheiligtes Dokument er⸗ kennen zu muͤſſen! Ein Bube, ein Verwahrloſter, ein Kruͤppel an Leib und Seele, und dieſem Gefangenen dennoch zugehoͤrend, hat dies mit kaiſerlichem Siegel verſchloſſen geweſene Dokument erbrochen und— ich muß anſtehn auszuſprechen, was er damit gethan— doch— Sie muͤſſen das ganze Verbrechen kennen ler⸗ nen,“ ſetzte er nach einer Pauſe tief aufſeufzend hinzu —„nun denn, meine Herren,— er hat gewagt davon eine Duͤte zu machen, um Erdbeeren darin zu verwahren.“ Die Wirkung dieſer Ersffnung auf die Anweſenden war ſehr verſchieden. Die Juͤngeren, und unter ihnen zuerſt Georg Trautſohn, fuhlten den ſchnellen Krampf eines kaum bezwingbaren Lachens, waͤhrend die Aelte⸗ ren, ganz in die Gedankenweiſe ihres Chefs eingeweiht, lebhafte Zeichen ihres Entſetzens abgaben. Nach einer Pauſe fuhr der Graf von Podiebrad fort:„So iſt es, meine Herren— Ihr vollſtaͤndig ge⸗ rechtes, maaßloſes Entſetzen zeigt mir, Sie erkennen die Wichtigkeit des ſtrafwuͤrdigen Attentats, und ich werde, um Sie Alle über die erfahrene Beleidigung zu beruhi⸗ gen, morgen einen Gerichtstag eroͤffnen, der uns Ge⸗ nugthuung verſchaffen wird; jetzt aber gebe ich Ihnen Allen Redefreiheit, denn es handelt ſich darum, was wir —— — ——— 113 mit dem alſo entweihten Gegenſtande anzufangen haben, den der Graf von Thurn mit loͤblichem Bedenken uns vorzulegen bisher nicht ſchicklich hielt.— Wir muͤſſen zugeben, daß es wichtig wäre, den Inhalt zu kennen, ja es ſcheint uns, als muͤßten wir einen geeigneten Weg zu erdenken ſuchen, auf welchem dies Dokument von der Beſudlung und Entweihung, die es erlitten, befreit wer⸗ den und alsdann zu unſerer Kenntniß gelangen koͤnnte.“ „Aber, erlauchter Oheim,“ ſagte Trautſohn— „wenn Du die Duͤte, wie die Reſte der Fahnen, von denen Du erzaͤhlſt, entſuͤndigen laſſen willſt und dann begraben— erfaͤhrſt Du ja den Inhalt nicht!“ „Dies wäre alſo eine Maaßregel, die nicht nach dem erwaͤhnten Beiſpiel vollfuͤhrt werden koͤnnte,“ ſagte Podiebrad—„Deine Unerfahrenheit, Durchlaucht, hat Dich nicht einſehen laſſen, daß wir mit der Erwaͤhnung dieſer ſonſt uͤblichen Verfahrungsart blos dem Geiſt un⸗ ſerer Untergebenen die wuͤrdige Stimmung zu ertheilen dachten, in der eine ſolche Berathung ſie finden mußte.“ „Ich bin der Meinung,“ ſagte der Marcheſe Pa⸗ checo—„daß wir dem Herrn Dechanten die Sache morgen fruͤh vor der Meſſe mittheilen und es ſeinem Verfahren uͤberlaſſen, das Bewußte wieder zu einem Stuͤck Papier umzuwandeln, welches ſich paßt in die Haͤnde unſeres gnaͤdigen Chefs uͤberzugehn.“ Thomas Thyrnau MMI. 3te Aufl. 8 „Theurer Marcheſe,“ rief Trautſohn—„was mu⸗ thet Ihr dem Dechanten zu! Ihr hoͤrt ja, es iſt eine Duͤte mit Erdbeeren geworden.“ „Durchlaucht, Du mißbrauchſt die Redefreiheit,“ ſagte Podiebrad—„von dem Juͤngſten haben wir genug gehoͤrt.“ „Euer Excellenz,“ ſagte Galbes—„ich trete der Anſicht des Marcheſe Pacheco bei, wenn nicht Euer Gnaden vorziehn, das Papier erſt zu leſen und ſich ſelbſt dann durch den Herrn Dechanten purificiren zu laſſen.“ „Aber,“ ſagte Podiebrad—„wir ſind verpflichtet, das entweihte Papier ſelbſt zu ſeinem natuͤrlichen Zu⸗ ſtande zuruͤckzufuͤhren, denn ſolche kaiſerliche Depeſchen gehoͤren in das Archiv des Karlſteins, weil daraus ſeine Geſchichte entſteht, an deren Fortbildung jeder erlauchte Burggraf gearbeitet hat, von Johann, Markgraf von Maͤhren, dem erſten Burggrafen, und dem zweiten Burggrafen, Georg von Podiebrad, an bis vierhundert Jahr ſpaterhin zü ſeinem demuͤthigen Nachkommen, den des Himmels Weisheit zum Huͤter dieſes Heiligthums wieder hierher berufen; daher werde ich die Meinung meines verſtaͤndigen Grafen von Thurn abwarten und dann die Entſcheidung ausſprechen.“ Thurn fuͤhlte waͤhrend der ganzen Unterhandlung einen ſonſt nicht in ihm aufkommenden Widerſpruch— — — 115 immer neckte ihn das Geſicht von Thomas Thyrnau, deſſen unerträgliches Lächeln er fortwaͤhrend zu ſehen glaubte. Die Sache nahm eine Wendung, die er nicht erwartet hatte— er bereute faſt ſeine zu große Beruͤck⸗ ſichtigung; er machte ſich Vorwuͤrfe, die Bedenklichkei⸗ ten aufgeregt zu haben, und ſah doch jetzt kein Mittel, eine natuͤrlichere Maaßregel geltend zu machen.„Ich werde mich der Mehrheit anſchließen,“ ſagte er endlich duͤſter, und Alle waren feſt von ſeiner Beiſtimmung uͤberzeugt, da ſie ſonſt nie fehlte, ſich den ſtrengſten oder ſchwaͤrmeriſcheſten Masßregeln anzuſchließen. Der Graf von Podiebrad erhob ſich und ſagte:„So befehlen wir Euch, Graf von Thurn, das Bewußte noch in dieſer Stunde dem Herrn Dechanten des Karlſteins zu uͤberbringen und ihm den Geſammtbeſchluß des bera⸗ thenden Kriegsgerichts anzukundigen, den Ihr vernom⸗ men, und uns dadurch bis morgen nach der Meſſe in den Stand zu ſetzen, die Befehle unſerer Allergnaͤdigſten Kaiſerin entgegennehmen zu koͤnnen. Das Kriegs⸗ gericht uͤber den Verbrecher verſammelt ſich nach der Meſſe.“ Die Diskuſſion war, wie der Graf von Podiebrad vorhergeſagt, vor der Nachtmahlzeit beendigt. 116 Da Magda gegen Morgen endlich in einen tieferen Schlaf gefallen war und die Zeit des Aufſtehens damit uberſchritt, vertraute Thyrnau ſie dem Schutze der alten Frau Grimſchutz und dem des ehrlichen Bezo an, von welchem er uͤberzeugt ſein durfte, daß er keine feindliche Annaͤherung an Magda dulden wuͤrde; da ihn die zeit⸗ herige Erfahrung gelehrt hatte, daß die Herrn der Burg aus der Meſſe zuruck ſein mußten, begab er ſich nach der Burggrafen⸗Wohnung, feſt entſchloſſen, da er den Weg jetzt kannte, ſich durch Niemand abhalten zu laſſen und dem Gouverneur ſelbſt ſeine Klagen uͤber die Magda widerfahrene Schmach vorzubringen. Er kam in dem merkwuͤrdigen Augenblick dort an, als der Dechant von ſeinen Diakonen begleitet, dem Gouverneur in voller Verſammlung den Brief der Kai⸗ ſerin zuruckgab, mit der Verſicherung, er duͤrfe ihn jetzt ohne Nachtheil fuͤr ſeine Ehre leſen und ohne Entwei⸗ hung des Heiligthums fuͤrchten zu duͤrfen, ſpaͤter ihn zu den Dokumenten des Archivs legen, welche die heil'ge Geiſt⸗Kapelle verwahrte. Demnach beorderte der Graf von Podiebrad einen Kornet und zwei Mann, um ſich des Thaͤters, eben die⸗ ſes Bezo, zu verſichern und ihn vor Gericht fuͤhren zu 117 laſſen. Als der Kornet zu dieſem Behuf das Gemach verließ, trat Thomas Thyrnau zu derſelben noch offnen Thuͤr zum masßloſen Erſtaunen der Verſammel⸗ ten herein. „Mein Herr Gouverneur,“ ſagte Thyrnau, mit einem kalt hoͤflichen Gruße bis dicht vor denſelben hin⸗ gehend—„ich komme in der Abſicht, von Euer Excel⸗ lenz Schutz und Beiſtand zu verlangen, da man es ge⸗ wagt hat, meine Enkelin in dem Bereich dieſer Burg auf das rohſte und unwuͤrdigſte zu beleidigen. Zugleich trage ich darauf an, daß dieſer Herr hier— ich glaube ein Graf von Paſterau— des edeln Namens wenig wuͤrdig— entweder wegen der veruͤbten Rohheit und Unſittlichkeit ganz aus dieſem Schloſſe entfernt, oder ihm die ſtrengſte Zurechtweiſung zuertheilt und er in wachſame Zucht genommen werde.“ Es wird kaum noͤthig ſein, den Eindruck zu ſchil⸗ dern, den dieſe ſtolze und unbedenkliche Sprache in Al⸗ len erregte. Der Graf von Podiebrad glaubte, ſeine letzte Stunde ſei gekommen, und der Zorn petſchirte ihm fuͤr einen Augenblick die Zunge— dann aber ſprang er auf und rief:„Wer iſt es, der es wagt, hier mit eben ſo unerhoͤrten Anklagen als Vorſchriften aufzutreten? Wer hat Ihnen nur die ungemeſſ'ne Freiheit erlaubt, ungerufen hier einzudringen, wo ein Gericht verſammelt 1 iſt, um ein Attentat zu beſtrafen, welches Sie mit verdäͤchtigt und welches unſern hoͤchſten Unwillen er⸗ regt hat?“ „Aus dem, was Sie hier aͤußern, Herr Gouverneur,“ ſagte Thyrnau ruhig, die Sitzenden mit den Augen uberlaufend—„geht hervor, daß Ihnen das At⸗ tentat, welches der Graf von Paſterau geſtern zu ver⸗ uben trachtete, noch unbekannt iſt, ſonſt wuͤrden Sie, jeder andern Angelegenheit voran, ſtrenge Rechenſchaft von ihm gefordert haben, und dieſer Herr wuͤrde nicht als Mitrichtender hier ſitzen, ſondern als Schuldiger vor ſeinem Anklaͤger ſtehn. So bin ich denn zur rechten Stunde gekommen, Ihre Taͤuſchung aufzuheben— ſtehn Sie auf, Herr Graf von Paſterau, und wenn Sie wirk⸗ lich ein Edelmann ſind, ſo erzaͤhlen Sie ſelbſt Ihr rohes und unwuͤrdiges Betragen.“ „Gewiß dies uͤberſteigt alles bisher Erlebte,“ rief Podiebrad wuͤthend—„und wenn Sie zehntauſendmal ein Edelmann ſind, ſo uberſteigt dieſe Anmaaßung doch Alles, was man unter dieſer Bezeichnung verſteht.“ „Mäaͤßigen Sie ſich, Herr Gouverneur,“ ſagte Thyrnau,„Sie werden ganz andrer Meinung ſein, wenn Sie das erfahren, worüber ich mich beklage, dern Sie ſind zu ſehr ein Ehrenmann, um nicht gerecht ſein zu koͤnnen.“ ———————— „ — „Mäͤßigen Sie ſich, Epcellenz,“ ſagte nun auch der Herr Dechant zu ihm herantretend,„ich darf ver⸗ burgen, daß dieſer Herr ein anerkannter Mann iſt, der gehoͤrt zu werden verdient.“— Wahrſcheinlich hatte der Herr Dechant nicht umhin gekonnt, bei Wiederher⸗ ſtellung der Depeſche ſich von dem Inhalte zu unter⸗ richten. „Was verlangen Euer Gnaden von mir,“ rief der Gouverneur um vieles milder—„ſoll ich an dieſem Orte irgend einen Mann der Erde uͤber mir erkennen? und nimmt dieſer Mann mir nicht meine Rechte weg? indem er Perſonen anklagt, die zu mir gehoͤren und mein Verhalten dabei faſt anzudeuten wagt? Wißt Ihr denn, daß durch eine Kreatur, die zu Euch zu gehoͤren vor⸗ giebt,“ fuhr er gegen Thyrnau gewendet fort—„ein unerhoͤrtes Attentat begangen iſt? Ihr wagt es anzu⸗ klagen und ich— ich muß den hohen kaiſerlichen Befehl entweiht, entehrt und beſudelt wiſſen von einem ſchaͤnd⸗ lichen Geſchoͤpfe, das Euer Diener ſein will?“ In dieſem Augenblick ging die Thuͤr auf und das arme Geſchoͤpf, welches der Gegenſtand dieſer zornigen Rede war, ward hereingefuͤhrt, und ſein trauriger See⸗ lenzuſtand konnte denen unmoͤglich verborgen bleiben, die ihn anſahen— doch rief Podiebrad vom erſten Zorn verblendet ihm entgegen, die Wahrheit zu bekennen. 120 Aber als Bezo, vergnuͤgt werdend uͤber die vielen bunt gekleideten Maͤnner, in die Hoͤhe ſprang, hell auflachte und ſich dann ſtill auf die Erde niederſetzte, da ſank ſelbſt ihm der Muth, dies ungluͤckliche Weſen zur Rechenſchaft zu ziehen. „Glauben Euer Excellenz noch, daß dies arme We⸗ ſen mein Diener ſein kann?“ fragte Thyrnau mild— „glauben Sie außerdem, daß ihm irgend eine Handlung, die er begeht, anzurechnen iſt?“ „Wie aber iſt er in den Beſitz dieſes hoͤchſt wichti⸗ gen Dokuments gekommen?“ rief der Gouverneur, ge⸗ noͤthigt abzulenken. „Dies, mein Herr,“ ſagte Thomas Thyrnau, „ſcheint mir allerdings die Frage, die Ihnen zunaͤchſt liegen muß, und die ich erſtaune hier an mich gerichtet zu ſehn, da nach den Umſtänden, unter denen ſie zu Ihrer Kenntniß gelangte, die Schlußfolge ſehr leicht iſt, daß dem Kourier, der zum Ueberbringer beſtimmt war, ein Ungluͤck zugeſtoßen ſein muß, welches gewiß verdient, die Nachforſchung und ganze Thaͤtigkeit deſſen zu erre⸗ gen, an den dieſe Depeſche gerichtet war.“ Da die Pauſe, welche entſtand, nur mit unange⸗ nehmen Gefuͤhlen ausgefuͤllt ward, und Thyrnau die ſichtliche Verlegenheit Aller ſah, die ihn nur uͤberzeugte, wie Recht er hatte anzunehmen, daß der Herr Gouver⸗ 121 neur wie die ſaͤmmtlichen Herrn das Noͤthige vergeſſen hatten, um in ganz unweſentlichen Nebendingen pomp⸗ haft einher zu ſtolziren— erfaßte ihn eine Art Mitleid und er fuhr ſogleich mit ſeiner raſchen Weiſe fort? „Dem Kourier muß entweder abſichtlich durch boͤſen Willen oder durch einen Zufall gewoͤhnlicher Art in dem Bereiche dieſes Schloſſes ein Ungluͤck zugeſtoßen ſein, da der Knabe wahrſcheinlich die Depeſche im Walde beim Suchen der Erdbeeren gefunden hat, und bei ſei⸗ ner Gewohnheit, ſich zum Sammeln derſelben Papier zuzueignen, von ihm ſogleich zu dem ihn anſprechenden Gebrauch verwendet worden iſt— und gewiß muͤſſen ſich bei ſchneller Nachforſchung noch Spuren des Ver⸗ ungluckten finden laſſen.“ Graf Matthias ſprang belebt und aus dem todten Dienſt, dem er ſich untergeordnet, wie durch friſche Le⸗ benskraft erweckt, auf; Trautſohn that daſſelbe, und Beide baten den Gouverneur, mit einigen von der Mannſchaft den Wall und die Gegend durchſuchen zu duͤrfen.„Bleiben Sie, meine Herren, bis ich Sie zu gehen heiße,“ ſagte Podiebrad, der ſich viel vorzuneh⸗ men ſchien—„Alles muß ſeine Erledigung finden vor uns. Dieſer Mann hat angeklagt— er ſoll ge⸗ hoͤrt werden— was hat der Graf von Paſterau mir mitzutheilen?“ 122 Schon hatte Paſterau gehofft, die ſtolze Art, mit der Thomas Thyrnau ſein Recht begehrte, werde eine ſo unverzeihliche Beleidigung fuͤr Podiebrad ſein, daß es ihm gelingen koͤnne, darunter wegzuſchluͤpfen; aber er irrte ſich. Was auch fuͤr gemiſchte Empfindungen in dieſem ſonderbaren Manne zuſammen wirken moch⸗ ten, wie ſehr einige Winke des Dechanten dazu beitru⸗ gen, gewiß bleibt es, daß wir ihm ein vollkommen ehren⸗ haftes Gefuͤhl zugeſtehen muͤſſen, welches ſein Herz vor jeder boͤswilligen Verhaͤrtung bewahrt hatte. Er konnte nicht aus dem kleinen Geſichtskreis eines beſchraͤnkten Geiſtes heraustreten, er geſtaltete in dieſem kleinen Kreiſe die Zuſtaͤnde zu der abenteuerlichen Form, die ſeinem Verſtande als Wahrheit erſchien. Aber er glaubte an die Prinzipien, die er aufſtellte, und dies erhielt ihn ſo ehrenwerth, als ein bornirter Traͤumer es in den Augen Aufgeklärter bleiben kann, und ſicherte allen ſeinen Uebergaͤngen zu einem naturlichen Gefuͤhle eine wohlwollende Aufnahme. Paſterau ſah nach dieſen an ihn gerichteten Worten des Gouverneurs, daß ihm gar keine Moͤglichkeit blieb, zu entkommen. Er ſtand daher mit aͤußerſter Anma⸗ ßung auf, uberlief Thyrnau mit hochmoͤthigen Blicken und ſtellte ſich nur dem Gouverneur, ihn beſtechend durch alle Zeichen tiefſter Devotion. — — —,—— — „Ich bin wahrhaft empoͤrt,“ hob er dann an,„daß man es wagt, Euer Excellenz mit einem Scherze zu unterhalten und ihm Wichtigkeit zu geben ſucht, den das zufaͤllige Begegnen mit dieſer Buͤrgerdirne veran⸗ laßte. Ihre ungeſittete Auffuͤhrung bei meiner Anrede machte, daß ich ſie zu ſtrafen ſuchte, und waͤhrend ich mich von ihr losmachen wollte, rief ihr Geſchrei dies Unthier herbei, welches mir auf den Ruͤcken ſprang und mich ſogar verwundete“— bei dieſen Worten wandte er ſein gekratztes und geſchwollenes Geſicht gegen das Licht, welches Podiebrad mit ernſter Gravitaͤt be⸗ trachtete. „Anklaͤger,“ ſagte er dann zu Thyrnau—„was habt Ihr darauf zu erwidern?“ „Daß man es gewagt, Euer Epcellenz die Unwahr⸗ heit zu ſagen, daß meine Enkelin, von der leider hier die Rede iſt, in ihrer unſchuldigen Weiſe ſingend auf einer Felsſpitze hinter den Waͤllen ſaß und dort von dieſem Manne uͤberfallen ward, der es wagte, ihr die unſittlichſten Dinge zu ſagen. Da ſie, um ſich zu retten, von der andern Seite des Felſenſtuͤckes herab ſprang und ihr die Erſchuͤtterung fuͤr einen Augenblick die Beſinnung raubte, ſah ſie ſich aufs Neue von die⸗ ſem Herrn uͤberfallen und an den Haͤnden feſtgehalten, als dies arme Geſchoͤpf zu ihrer Rettung herbei kam und ihr Zeit blieb zu entfliehen. Podiebrad heftete zuͤrnende Blicke auf Paſterau und rief noch einmal:„Koͤnnt Ihr Euch entſchuldigen?“ „Wollen Euer Excellenz zwiſchen dieſem alten Tho⸗ ren, einem leichtſinnigen Maädchen und mir zu meinen ungunſten entſcheiden?“ fragte Paſterau— Da hielt ſich der junge Trautſohn nicht laͤnger, mit einem geraͤuſchvollen Satz war er an Paſterau's Seite: „Nenne das Maͤdchen, von dem hier die Rede iſt, nicht leichtſinnig— nicht ungeſittet— ſie iſt beides nicht, ſondern ein Engel von Reinheit und Guͤte, und kluͤger als Du's Dir traͤumen laͤßt. So wie ſie hier eintrat, haſt Du ſie beleidigt und ihr ſeitdem aufgelauert und längſt ſchon haͤtteſt Du ſie verfolgt, haͤtte ich ſie nicht bewacht. Waͤre der verdammte Ritt geſtern Abend nicht geweſen, ſo haͤtte es Dir ſchwer werden ſollen, ſie zu beleidigen; aber ich verließ mich auf Matthias, der auch herbei kommt, wenn ſie ihren himmliſchen Ge⸗ ſang haͤlt.“ „Ich kam auch,“ ſagte Matthias zoͤgernd—„aber erſt, als ſie floh— ich weiß alſo den Hergang nicht.“ Podiebrad ſtrich ſich in immer heftigerer Bewegung ſeinen maͤchtigen Knebelbart, denn wenn er beſchloſſen hatte, Paſterau fur die bloße Bekanntſchaft mit dieſem 125 Maͤdchen zu beſtrafen, ſo mußte er nun erfahren, daß ſein Neffe Trautſohn ſich zu ihrem Ritter aufwarf, und ſelbſt Graf Matthias, dieſer kalte zuͤchtige Juͤngling, dem Maͤdchen nachſchlich. In dieſer Ueberraſchung und der daraus erwachſen— den Verlegenheit naͤherte ſich ihm Seine Gnaden der Herr Dechant und ſagte ihm, er moͤge Kenntniß neh⸗ men von den Befehlen der Kaiſerin, daraus werde ihm eine beſſere Aufſicht uͤber die Gefangenen erwachſen. Faſt gedankenlos nickte Podiebrad mit dem Kopfe und rief dem geiſtlichen Herr zu:„Leſt! leſ't, ehrwuͤrdiger Herr! wir wollen Alle mit Reſpekt hoͤren.“ Dieſer griff nach dem auf der Tafel liegenden ge⸗ glätteten und moͤglichſt geſäuberten Briefe, von dem, wie begreiflich, die Erdbeerſpuren nicht zu verwiſchen geweſen waren und las mit lauter Stimme wie folgt: „An unſern lieben Getreuen den Grafen Georg Podiebrad, Gouverneur unſerer Feſte Karlſtein.“ Podiebrad erhob ſich bei dieſen Worten mit Ge⸗ raͤuſch, ergriff ſeinen Federhut und blieb in einer Stel⸗ lung ſtehn, als habe er Audienz bei der Kaiſerin ſelbſt. — Alle Offiziere machten es ihm augenblicklich nach— der Dechant fuhr fort:„Wir ſenden Euch zuerſt un⸗ ſern gnaͤdigen Gruß und wollen Euch alsdann unſern Befehl zu beachten geben in Bezug unſerer Abſichten mit einem bald nach dieſem eintreffenden Gefangenen, unter dem Namen Thomas Thyrnau. Wir befehlen, daß ihm und ſeiner Enkelin die Zimmer in unſerm Schloſſe Karlſtein eingeraͤumt werden, die ſich Ange⸗ ſichts dieſes am beſten im Stande zeigen und ihm und ſeiner Enkelin Magda Matielli am meiſten zuſagen werden. Seine Freiheit ſoll, wenn ihr ſein Ehren⸗ wort empfangen habt, daß er den Karlſtein bis zur feſt⸗ geſetzten Zeit als ſeine Wohnung anſehn will, in keiner Weiſe beſchraͤnkt werden; Ihr habt ihn als unſern Gaſt anzuſehen, fuͤr deſſen Mehr-⸗Aufwand wir einzuſtehen haben— Seine Bedienung iſt zuzulaſſen— Eure Kuͤche wird ihm Alles liefern, wie Ihr es ſelbſt be⸗ duͤrft, und es wird von ihm abhaͤngen, ob er an Eure Tafel kommen will oder in ſeinem Zimmer verbleiben. Er darf in keiner Weiſe beſchraͤnkt, beunruhigt oder gekraͤnkt werden, und ich habe Euch hiermit dafuͤr ver⸗ antwortlich gemacht.“ „Ihr werdet außerdem Befehl geben, daß die dazu tauglichſten Zimmer in moͤglichſt beſten Stand fuͤr an⸗ derweitig eintreffenden Beſuch geſetzt werden, wobei im Auge zu behalten, daß ſie ſich leicht dem Gebrauch von Frauen anpaſſen laſſen muͤſſen.“ „Eures Gehorſams gewiß, bleiben wir Euch in Gnaden gewogen.“ — Hier folgten die Unterſchriften. Podiebrad wußte augenblicklich, was er zu thun hatte. Erſt verneigte er ſich bis zur Erde, welches ſeine Offiziere ihm nach⸗ thaten, dann rief er mit lauter Stimme: „Freiherr von Galbes, Hauptmann des Karlſteins, nehmen Sie dem Grafen von Paſterau ſeinen Degen ab und geleiten Sie ihn nach dem Arreſtthurme bis auf weiteren Befehl.“ Er blieb, waͤhrend dies vollfuͤhrt ward, lautlos ſtehn— als Galbes den Arreſtanten einlud zu folgen, rief Podiebrad ein donnerndes: Halt! „Meine Herren!“ ſagte er dann,„geben Sie wol Acht— was eben geſchieht— es wird einen Jeden treffen, welcher gegen die Befehle Ihrer Majeſtaͤt, un⸗ ſerer allergnaͤdigſten Kaiſerin ſich vergeht. Der hier ſich vor uns befindende Herr Gefangene, auf Ihrer Majeſtaͤt hohen Befehl Thomas Thyrnau genannt, wird von dieſem Augenblick an, durch dieſe hohen Befehle zu einem Range erhoben, den der Wille der erhabenen Monarchin zu beſtimmen hat, da ſie allein die wahre Kenntniß deſſelben ſich vorzubehalten beſchloſſen hat. Ihre Beſtimmungen machen ihn dazu faͤhig, unter uns aufgenommen zu werden, und wir muͤſſen ihn als un⸗ ſeres Gleichen anſehn. Eben ſo muͤſſen wir annehmen, daß Ihro Majeſtaͤt einen hochſt wichtigen politiſchen 128 Grund hat, die Geſetze ihres frommen Ahnherrn Karls des Vierten aufzuheben und dieſer heiligen Feſte die Zu⸗ gabe einer weiblichen Bewohnerin anzubefehlen.“ „Wir werden das Fraͤulein, welches ſie auf dieſe Weiſe ehrt, mit der ritterlichen Ehrerbietung behandeln, welche dem untadeligen Edelmanne zukommt,— wir werden uns aber dabei der großen Vorbilder unſerer Ahnen er⸗ innern, welche, um ein nahliegendes Beiſpiel zu neh⸗ men, waͤhrend der Kreuzzuͤge oft Jahre lang mit na⸗ menloſen Opfern und Gefahren eine fromme Prinzeſſin oder hohe Dame beſchuͤtzten, ohne in ihr das Weib zu erkennen, oder uͤber den Dienſt des Schutzes hinaus ſich ihr nahen zu wollen.“ „Dieſelbe Maaßregel habe ich hier zu empfehlen, und indem ich die bisherigen Abweichungen uͤbergehe,„ da uns eine Anſicht uͤber unſeren Gefangenen fehlte, zeige ich an dem verirrten Grafen von Paſterau, wie ich nach der Kenntniß der kaiſerlichen ſolche Handlungen beſtrafen werde.“ Er winkte— und der Hauptmann des Kartſtein, Freiherr von Galbes, entfernte ſich mit ſeinem Ar⸗ reſtanten. So wie er ſich entfernt, naͤherte ſich der Gouver⸗ neur Thomas Thyrnau, der mit unbeſchreiblichem Er⸗ gotzen dieſer Scene zugeſehn, und ſich hoͤflich vor ihm 129 neigend ſagte er:„Darf ich hoffen, daß der Gouver⸗ neur des Farlſteins ſeine Pflicht gethan hat?“ „Vollkommen,“ entgegnete Thyrnau, ohne das Laͤcheln bemeiſtern zu koͤnnen, welches die Verzweif⸗ lung des Grafen von Thurn war—„und ich bin jetzt gewiß, daß ich keine Beleidigung mehr zu furchten habe.“ „Mein Wort wird die Richtſchnur meiner Unter⸗ gebenen ſein,“ ſagte der Graf Podiebrad—„ich hebe dieſe Verſammlung jetzt auf, um mich der Beſichtigung der Zimmer zu unterziehen, welche ſich in dem St. Niclas⸗Thurm vorfinden und ſchon ehemals zu beſon⸗ derem und aͤhnlichem Gebrauch benutzt wurden. Meine Vorſchriften werden dann Euer Gnaden,“ fuhr er zu Thyrnau fort—„in den Stand ſetzen, noch heute Ih⸗ ren Umzug zu halten. Sogleich aber werde ich Ih⸗ rem Gefolge, welches laut Meldung vor den Pforten der Burg des Einlaſſes harrt, die Erlaubniß des Ein⸗ tritts geſtatten.“ Thyrnau hatte fuͤr ein Mal an dieſem Verkehr ge⸗ nugz er verzichtete fur den Augenblick darauf, die uner⸗ ſchuͤtterliche Bornirtheit des Herrn Gouverneurs zu bekaͤmpfen, und zufrieden, daß ihm nun endlich eine anſtaͤndige Exiſtenz zugeſtanden ward, trieb ihn ſein Herz zu Magda zuruͤck. Als er in die kleinen Gemacher eintrat, ſah er Thomas Thyrnau III. 3te Aufl. 9 Magda außerhalb des Bettes, zaͤrtlich an dem Buſen einer alten Frau ruhend, die ſie ſanft umfaßt hielt, und bald erkannte er Gundula, und Veit trat aus einer Fenſter⸗ niſche, und Beider Freude, ihren geliebten Herrn wie⸗ derzuſehn, war doch mit ſo viel Schmerz untermiſcht, ihn ſo wiederzuſehn, daß Thraͤnenſtroͤme der erſte Aus⸗ druck waren. Der heitere Ton, mit dem Thyrnau dieſe Gefuhle unterbrach, maͤßigte jedoch die vorhandene Stimmung, und ſelbſt ein herzliches Lachen fehlte nicht, als Thyr⸗ nau erfuhr, daß der Befehl, der Dienerſchaft die Thore des Karlſteins zu oͤffnen, laͤngſt umgangen war, da beide alte Leute den Weg ohne Beſchwerde gefunden hatten, den die Kuh der Mutter Grimſchuͤtz jeden Mor⸗ gen zuruͤcklegte. Dagegen mußte das Gepaͤck, welches“ die alten Leute uͤber das Maaß hinaus vermehrt hatten, und welches in zwei Wagen wirklich vor den Thoren des Farlſteins harrte, das Oeffnen der Pforten er— warten. Wie viel auch Thyrnau in anderm Falle gegen die Vorſorge der alten Leute, welche die Ausſtattung eines ganzes Hauſes mit ſich geſchleppt hatten, einzuwenden gehabt haͤtte— jetzt mußte er doch eine Foͤrderung ſei⸗ nes Planes darin erkennen, ſich ſo unabhaͤngig wie moͤglich von dem thoͤrichten Treiben des Gouverneurs * 134 und der Beſatzung zu machen, und Magda, welche nun durch Gundula eine weibliche Gefaͤhrtin gewonnen hatte, ſicher zu ſtellen gegen jede Art der Gemeinſchaft mit dieſen jungen Männern. Er wuͤnſchte daher auch die Tiſchgenoſſenſchaft ablehnen zu koͤnnen, und ſchloß noch zur ſelben Zeit eine Art Kontrakt mit der alten Grim⸗ ſchuͤtz ab, welche ſich ſehr geneigt fuͤhlte, unter Gundula's Aufſicht und nach ihren Vorſchriften die Bekoͤſtigung ſeines ganzen Hausſtandes zu uͤber⸗ nehmen. Der Gouverneur ſtellte den Niclas-Thurm zur Verfuͤgung des Gefangenen. Thyrnau hatte bald ſeine Einrichtung getroffen. Neben ſeinem groͤßeren Arbeits⸗ zimmer wurde ein reizender Erker, der den Blick uͤber das Thal bis nach Budnian hatte, fuͤr Magda einge⸗ richtet; dicht daran ſtieß ein Schlafzimmer fuͤr Gun⸗ dula und Magda, eine Etage tiefer war ein kleiner Saal mit Erker und Balkon, hier wollte man die Eßſtunden abhalten— daneben hatte Thyrnau ſein Schlafzimmer. Veit wurde mit dem haͤuslichen Be⸗ trieb und mit Bezo auch genuͤgend untergebracht, und ſo hatte Thyrnau ſeinen Anſpruͤchen gemaͤß ge⸗ nug und uͤberließ dem Gouverneur zu deſſen großer Erleichterung die ſogenannten koͤniglichen Zimmer, um ſie der Ankuͤndigung des zu erwartenden hoͤheren Be⸗ 9* 132 ſuchs gemaͤß mit Allem auszuſtatten, was ſein luru⸗ riſer Geſchmack dafur zu erſinnen vermochte.. ℳ Thyrnau athmete eigentlich erſt auf, als er ſeinen Schreibtiſch eingerichtet ſah, und die Buͤcher um ſich aufgeſtellt hatte, die ihm zu der Arbeit nöthig waren, welche die Kaiſerin ihm uͤbertragen und die ihn inner⸗. lich mit einer Befriedigung erfuͤllte, die ihm fur ſeine Perſon dieſe anſcheinende Gefangenſchaft zu der wohl⸗ thuendſten Auskunft machte, da ſie ihm ungeſtoͤrte Ruhe und Zeit zu goͤnnen verſprach. Waͤre Magda's Schickſal nicht damit noch ſo viel trauriger geworden, als es die umſtaͤnde ohnedies ver⸗ haͤngt hatten, ſo wuͤrde er keine Entbehrung gefuͤhlt haben; doch dies theure Weſen beſchwerte ſein Herz und hielt ihm die Ruhe ab, da er immer fuͤrchtete, etwas zu uͤberſehen oder zu verſäͤumen, womit er ihrem Leben zu Huͤlfe kommen koͤnnte. Magda kannte dieſe Sorge in ihm— und fuͤhlte ſie, daß er ſie mehr beobachte, ſo ſtellte ſie ihn auch lie⸗ bevoll zur Rede und legte dann die Zufriedenheit vor ihm aus, die er ihr wuͤnſchte; aber nicht immer beob— achtete er ſie und dann verſank auch Magda in eine wehmuͤthige Stille, die von tauſend innern und äußern Urſachen genaͤhrt, ihre heitere Jugendlichkeit bedrohte. ———— Die Kaiſerin hatte, ergriffen von der ungemeinen Perſoͤnlichkeit Thomas Thyrnau's, den Entſchluß ge⸗ faßt, ihm die Sammlung der boͤhmiſchen Geſetze zu uͤbertragen, und von ihm eine auf den Grund des Vorhandenen geſtuͤtzte Umarbeitung zu veranlaſſen, welche ihr auf leicht zugaͤngliche Weiſe zur Pruͤfung vorgelegt werden koͤnnte. Sie hatte ſich nicht geſcheut, denjenigen dazu zu waͤhlen, der einſt mit ſo parteili⸗ chem Eifer fuͤr ſein Vaterland erfullt war, daß er ſelbſt angeſchuldigt war, den Unterthan daruͤber vergeſſen zu haben; denn ſie wußte, welche Schuld ihre Vorgaäͤn⸗ ger an dieſer Anklage hatten, und durfte dem Stolz nachgeben, welcher ihr ſagte: ſie habe von aufgeklaͤr⸗ ten Koͤpfen nichts mehr zu fuͤrchten! Nach einem ſol⸗ chen Geiſte, wie Thomas Thyrnau vor ihr entfaltete, hatte ſie in der Stille geſucht, und daß er, bei dem Alter des Greiſes, mit deſſen Erfahrung und erprobter Kenntniß aller Beduͤrfniſſe ſeines Vaterlandes die Ruͤ⸗ ſtigkeit des Juͤnglings vereinigte, war mehr, als ſie fuͤr moͤglich gehalten hatte. Deſſenungeachtet war dies hohe Alter der Grund, warum ſie von ihm einen Schuͤler gebildet haben wollte— warum ſie wollte, daß Lacy, den ſie vorbereitet wußte, von ihm weiter ge⸗ fuhrt werden ſollte. Sie hatte daher beſchloſſen, daß, wenn die Vorarbeiten von Thyrnau ſich bis auf einen gewiſſen Punkt entwickelt, Lacy mit ihm arbeiten ſollte, um in ihm, dem Juͤngeren, einen Traͤger ſeiner Erfah⸗ rungen und Anſichten zu haben, deſſen ſich die Kaiſerin dann laͤnger zu bedienen hoffen konnte. Dies waren die Umſtaͤnde, unter denen Thyrnau eine ſo gnadenreiche Gefangenſchaft erlitt, da die Kai⸗ ſerin ſie ihm nicht abzunehmen vermocht hatte, ohne ihre Miniſter, die ſie ſelbſt zü ſo großer Strenge ange⸗ halten, zu beleidigen, und ein gefaͤhrliches Licht auf ihre eignen Geſinnungen zu werfen. Nur Kaunitz war der Mitwiſſer dieſes Planes und hatte in ſeinen erwaͤhnten Unterredungen mit Thyrnau ſich uͤber die Abſicht der Kaiſerin und die am beſten zu erwaͤhlende Form, dieſe zu erreichen und ihr zuganglich zu machen, vollig mit ihm verſtändigt. Magda, welche dieſe Unterredungen getheilt, hatte ſich mit ihrem gruͤbelnden Verſtande ganz in die Auf⸗ gabe, die ihrem Großvater gegeben war, verſenkt, und ſie theilte auch jetzt ſein Intereſſe dafuͤr, und ward die Vertraute ſeiner entſtehenden Vorarbeiten, und ihre ſchone zierliche Handſchrift trug die kuͤhnen und hoch⸗ herzigen Gedanken des feurigen Greiſes ſehr oft auf das Papier nieder, wenn ſie ihn ruhend haben wollte, oder der weiſe Alte ſie aus dem traͤumeriſchen Bruͤten heraus zu reißen trachtete, welches keiner andern als dieſer ihren 135 Geiſt und ihr Gefuͤhl gleich maͤchtig anregenden Be⸗ ſchaͤftigung gelingen wollte. So hatte der Winter ſie leiſe uͤberſchlichen— die Spaziergaͤnge mit Gundula, Veit oder Thyrnau ſelbſt wurden ſeltener— und von ihrem Erker herab ſah ſie endlich den erſten Schnee fallen und das kleine Fluͤß⸗ chen Beraun zu einer ſtarren Spiegelflaͤche ſich um⸗ wandeln. Der Graf von Podiebrad hatte nach dem erfolgten Einzuge des Gefangenen ihm mit allen ſeinen Offizieren einen Beſuch gemacht und um die Ehre gebeten, dem Fraͤulein Matielli vorgeſtellt zu werden. In ihrer wachſenden Schoͤnheit und nach dem Wunſche des Großvaters räglich in der reichen Tracht gekleidet, wie wir ſie bei der Kaiſerin ſahen, war ſie mit ihrer einfachen ernſten Miene auf Thyrnau's Ge⸗ heiß aus ihrem Kabinet hervorgetreten, und Podiebrad glaubte, er ſehe die Kaiſerin Eleonora, der einſt ſein Ahnherr vor vierhundert Jahren die Honneurs des Farlſtein machte.— Seine vorgenommene ritterliche Ehrerbietung bekam etwas ſo Ueberſchwaͤngliches und Sentimentales, daß Thurn die zuͤrnenden Augen auf Thyrnau geheftet hielt, als wolle er damit das unbe⸗ ſchreiblich laͤſtige Lacheln des alten Herrn zuruͤckdraͤngen. Mit vieler Feinheit hatte er Paſterau von dieſem — —— Ehrenbeſuche ausgeſchloſſen. Er ſtellte ihr alle Offi⸗ ziere einzeln beim Namen vor und ſagte:„Nur Einer habe nicht gewagt, ſich ihr vorzuſtellen, denn er habe das Gluck ihres geſegneten Anblicks verſcherzt, indem er die hohen ritterlichen Pflichten gegen ſie vergeſſen und nun dafuͤr in der Ausſchließung von dieſer Vorſtellung buͤße. Er— Graf von Podiebrad— werde die Zeit der Korrektion nicht abkuͤrzen, da er das Attentat noch tiefer verabſcheuen muͤſſe, ſeit er den Gegenſtand der Beleidigung die Ehre habe zu kennen— ſeine gemiß⸗ brauchte Freiheit ſollte ihm entzogen bleiben, bis ihn die Reue gebeſſert habe.“ „Ach,“ ſagte Magda mit ihrer ſanften ernſten Stimme—„Ihr meint den Grafen Paſterau— gebt ihm doch lieber ſeine Freiheit wieder— es iſt ſo trau⸗ rig, gefangen ſein. Er wird mir nichts wieder thun und wie ſollte ich ihm nicht vergeben koͤnnen, da er gar kein Verſtandniß hat von edler Sitte— er wird es nie beſſer lernen.“ Podiebrad war etwas außer Faſſung— er wollte tadeln, ſtrafen und eine unpaſſende Handlung einge⸗ ſtehn zu Gunſten dieſer Schoͤnheit und ſeiner Disci⸗ plin— aber daß einem Grafen von Paſterau ruhig mitleidig jede Beſſerung abgeſprochen ward, weil ihm alle Sitte fehle, das ruͤttelte etwas ſtark an der Vor⸗ 137 ausſetzung, daß dieſe ſchon dem Edelmanne angeboren werde, und doch ſchwieg der Graf von Podiebrad— wie er ſpaͤter ſagte— aus ritterlicher Nachſicht gegen die natuͤrliche Kurzſichtigkeit der Frauen. Als dagegen der junge Fuͤrſt von Trautſohn Magda vorgeſtellt wurde, ging ſie auf ihn zu und gab ihm die Hand, die er augenblicklich knieend kuͤßte.„Du biſt der Beſte,“ ſagte ſie—„und von Dir hatte ich nie zu furchten; aber ich kann nun nicht mehr auf die Fel⸗ ſenſpitze kommen, wo man mich ſo unwuͤrdig behandelt hat und Du mußt die liebe Hirſchkuh und die kleinen Zicklein nun allein fuͤttern. Ach! verſprich mir nur das Eine, daß Du immer ſo viel Brot mitnehmen willſt, daß die Kleinen genug bekommen und die gute Mutter was uͤbrig behaͤlt.“ „Bei Gott und meiner Ehre ſchwoͤre ich das!“— ſchrie der Juͤngling und hielt ſein Schwert gegen die Bruſt—„aber ſage nicht, daß Du nicht wiederkom⸗ men willſt! Wir wollen Alle einen Eid leiſten, daß Dein Felſenſitz gefeit ſein ſoll, und wer ihm ohne Deine Bewilligung der ſoll vor unſere Klinge gefordert werden.“ „Ach nein,“ ſagte Magda—„wenn es erſt ſo angefangen werden muß, da hat es keine Stille mehr — ich koͤnnte mich doch nie mehr allein fuͤhlen. Du —————————— guter Trautſohn— ich danke Dir und vertraue Dir, daß Du meine Bitte erfuͤllen wirſt.“ „Erlaubt nur, daß ich Euch die andern Herren noch vorſtellen darf,“— unterbrach Podiebrad die Gegen⸗ rede des gluhenden Juͤnglings,„dann werde ich Euch unſer Aller Beſchluß ausſprechen.“ Als er jedoch jetzt den Grafen Matthias von Thurn aufrief, ſchreckte Magda ſtolz empor, und ihn ſtreng anblickend ſagte ſie ſogleich:„Ich bin uͤberraſcht, Euch hier zu ſehn!“ Es entſtand eine Pauſe, die Matthias vergeblich zu unterbrechen ſuchte— mit ſtolzer Kaͤlte ſtand er ſtumm vor ſeiner ſchoͤnen Richterin. Da trat Traut⸗ ſohn vor und ſagte:„Vergieb ihm, liebe Magda— glaube mir, der Boͤſe ſelbſt muß ihn verblendet haben, daß er Dich beleidigen konnte— er iſt ſo edel, ſo gut, als jemals Einer, der verdiente, die Sporen zu tragen — ſieh! ich habe ihn am allerliebſten, und kann es nicht ertragen, wenn Du ihn niedrig hältſt.“ „Dann will ich ihm um Deinetwillen, und weil Du mich nie beleidigt haſt, vergeben,“ ſagte Magda —„und mich bemuͤhen, von ihm beſſer zu denken, als er verdient hat.“ Matthias zog klirrend den Degen an und trat ſtolz zuruͤck. Podiebrad hielt es fur beſſer, der Urſache die⸗ ſes kleinen Intermezzo's nicht nachzufragen, und trat jetzt zum Abſchiedsgruße vor, indem er feierlich ſagte: „Und alle dieſe Herren, welche die erlauchteſten Namen des Landes fuͤhren, Mitglieder der edelſten Familien ſind, geloben hier mit mir bereit zu ſein zu jeglichem Dienſte, den der Schutz und die Huͤlfe eines edlen Fraͤuleins erfordern wird, und welcher ſich vereinigen laͤßt mit dem heil'gen Dienſte unſeres Berufs und mit der frommen Disciplin des Karlſteins, welche nach vier⸗ hundertjahriger Dauer fort zu erhalten uns vom Gluͤck aufgehoben ward.“ Dann verneigte er ſich und ging, aͤußerſt zufrieden, daß er durch ſeine Abſchiedsrede dargethan hatte, wie er wolle, daß ſeine Untergebenen ihre Stellung zu die⸗ ſer weiblichen Bewohnerin des Karlſteins anſehen ſollten. Mit der ſtrengſten Beobachtung der Etiquette wurde Thyrnau zur Tafel eingeladen, und Podiebrad hatte beſchloſſen, daß der Gaſt der Kaiſerin an ſeiner rechten Seite ſitzen und ihm zuerſt ſervirt werden ſolle. Die guten Vorſaͤtze zerfielen in Nichts, als er den hoflichen Beſcheid zuruͤck erhielt, Thyrnau werde in ſeinem Zim⸗ mer eſſen, und habe die Sorge dafuͤr ſelbſt uͤbernommen. Podiebrad hatte einen ganzen Tag damit zu thun, daß es Jemand fuͤr moͤglich gehalten, die Ehre einer 140 Einladung an ſeiner Tafel abzulehnen. Bevor er ſein Lager beſtieg und den Roſenkranz betete, ſagte er zu ſich: Er iſt entweder ſehr vornehm, oder ſo ein dummer burgerlicher Patron, der nicht verſteht, was ich ihm fur Ehre damit erzeigt— dann betete er den Roſenkranz und ſchlief augenblicklich ein. Dagegen theilte Thyrnau die Andachtsſtunden in der Heiligen⸗Geiſt-Kapelle, und uͤber der Pforte ward auf ſeinen Wunſch der ſeit lange unbenutzte Raum, welcher in die Kapelle niederſah, zu einer anſtaͤndigen Loge eingerichtet, und wenn die Herren in dem untern Raum der Kapelle verſammelt waren, horchten die Juͤngeren mit angehaltenem Athem auf das leiſe Anein⸗ anderſchlagen der Metallringe, an denen der Vorhang der Loge befeſtigt war, und der zuruͤck gezogen wurde, wenn Magda ihre Knie auf die Kiſſen der Broͤſtung ſenkte— ſchaute dann der Eine oder Andere um, ſo ſah man in dem dunklen Raum das ſchoͤne marmor⸗ weiße Geſicht, von dem reichen ſchwarzen Haarwuchs eingefaßt, mit dem glaͤnzenden Goldnetz gehalten, und neben ihr die weiße Haarfriſur der Frau Gundula mit irgend einem ſchwebenden Bonnet. Dies war auch die Zeit bei der Vesper, wo der Gouverneur es paſſend hielt, die Gegenwart des Fraͤu⸗ leins anzunehmen. Sobald die Feierlichkeit voruber 141 war, trat er aus dem Gitter hervor, verneigte ſich tief und ſagte jedesmal:„Hat das gnädige Fraͤulein einen Befehl fuͤr den Grafen von Podiebrad oder ſeine Of⸗ fiziere?“ Magda neigte ſich dann, nicht unahnlich einer Hei⸗ ligen, ohne Worte— und winkte einen Gruß mit ihrer feinen Hand hinunter. Aber dies war auch die einzige Verbindung, die gegenſeitig geſtattet war, denn es mußte zu den Zu⸗ faͤlligkeiten gerechnet werden, daß man Trautſohn auf den Promenaden zuweilen begegnete; doch Magda an⸗ zureden wagte er nur, wenn Thyrnau bei ihr war. Dann erzaͤhlte er ihr, daß er der Hirſchkuh und den Zicklein hochrothe Halsbaͤnder hatte machen laſſen von ſtarkem Leder, und allen Jagdgenoſſen des Karlſteins das Eh⸗ renwort abgenommen war, ein ſo gezeichnetes Wild nicht zu ſchießen, und wie ſehr alle Zicklein gewachſen ſeien; das ſchwarze Boͤcklein aber bliebe oft Tage lang auf dem Futterplatze aus, waͤre aber noch immer, wenn es wieder käme, ſehr dreiſt und luſtig. Dabei labte er ſich daran, wie Magda's Augen dann ſo freudig glaͤnz⸗ ten und ſie ſogar lachend in die Haͤnde klopfte, wenn er eine Anekdote von dem luſtigen ſchwarzen Boͤcklein er⸗ zaͤhlte. Oft ſagte Magda dann:„Großvater, Trautſohn iſt gewiß der allerbeſte junge Menſch, den man nur fin⸗ den kann— mit ihm wollte ich ganz allein Meilen weit gehen.“— Ach wie gern haͤtte ihr Thyrnau den heitern unſchuldigen Gefaͤhrten zugetheiltz aber war er auch ih⸗ res Herzens ſicher, mußte er doch den Juͤngling ſchonen, von dem er mehr, als Magda es ahnte, wußte, wie er ſie umkreiſte und wie dieſe jugendliche Liebe in der Einfoͤrmigkeit des uͤber ihn verhaͤngten Lebens zu wach⸗ ſen drohte. Doch wir muͤſſen ſie verlaſſen, waͤhrend der Win⸗ ter ſeine lautloſe Stille um ſie legt und Magda aus ihrem Erker nichts mehr ſieht, als die weiße Decke des Schnees, aus der die Baͤume des Waldes wie glaͤn⸗ zende Pyramiden ihre bereiften Haͤupter gen Himmel heben und ein Raubvogel, der mit wildem Ruf uͤber' die Flaͤche kreiſt, ſchon eine Begebenheit iſt und das heiſere Geſchrei der Kraͤhen unterbricht, die ihre Neſter in den hohen Thurmzinnen haben und auf dem feſt ge⸗ frornen Schnee des kleinen Balkons herum huͤpfen, der an Magda's Erker haͤngt, wo ſie ſich das Futter holen, was dieſe ihnen ſtreut. 143 Seit der Abreiſe Thyrnau's und Magda's erſchienen auf ausdruͤcklichen Wunſch der Kaiſerin Lacy und Clau⸗ dia oͤfter bei Hofe, und genoſſen dort alle Auszeichnungen, welche die ſichtlich geaͤußerte Gnade derſelben mit ſich fuͤhrte. Beiden war dieſe Stellung jetzt willkommen— ſie bedurften einer Zerſtreuung— ihr Verhaͤltniß hatte gleich in ſeiner erſten Begruͤndung Erſchuͤtterungen er⸗ litten, die es zu keiner feſten Form hatten kommen laſſen. Der Kummer, den Beide empfunden, war auf eine gefaͤhrliche Weiſe mit Beziehungen vermiſcht, die dem Verhaͤltniß, das ſie geſchloſſen, zu nahe treten konnten— Lacy mußte um die zu ſpaͤt erkannte ſchoͤne Braut Kummer empfinden, der ihren anderweitigen Erlebniſſen gelten konnte— Claudia, indem ſie alle dieſe Urſachen zur Bekuͤmmerniß theilte, konnte doch mit ihrer ſtillen Trauer mißtrauiſch ſein gegen das Gluͤck, das ſie angenommen. Beide waren nicht ganz ſicher uͤber die vorwaltenden Urſachen, deshalb waren ſie nicht ganz offen— vielleicht konnten ſie es nicht ſein, vielleicht wollten ſie durch die Zeit, die ſie ſich goͤnnten, das beſte Verſtandniß abwarten. Es lag auch natuͤrlich in dem edlen Gefuͤhl Beider, daß ſie kaum wuͤnſchten, ſich ſehr gluͤcklich zu fuͤhlen, waͤhrend uͤber 144 die ihnen ſo nahe ſtehenden theuren Menſchen ein ſo ſtsrendes Schickſal verhaͤngt worden war. Von Tein war nicht mehr die Rede— Beide ſehnten ſich nicht dahin— Lacy beſchaͤftigte ſich ſehr angelegentlich mit Vorſtudien zu der großen Arbeit, welche er ſpaͤter mit Thyrnau betreiben ſollte— Hedwiga's Erziehung machte die Hauptbeſchaͤftigung Claudia's aus. Dazwiſchen wuß⸗ ten ſie eine angenehme Geſelligkeit um ſich zu vereini⸗ gen, die nur ſeltener von groͤßeren Feſten, die ſie ihrem Range ſchuldig waren, unterbrochen wurde. Bei dieſen wie bei den kleinen Kreiſen war die Prinzeſſin Thereſe eine willkommene und ſtets dominirende Erſcheinung — beiden Gatten gleich angenehm. Dagegen ſcheiterte die Prinzeſſin mit ihrer Beob⸗ achtungsgabe an Lacy und Claudia. Beide hatten nicht den heitern Ausdruck des Gluͤcks und doch konnte die urſache nicht in ihrem Verhaͤltniß liegen. Claudia aͤn⸗ derte die Farbe, wenn Lacy eintrat, und die reinſte Liebe leuchtete aus den Augen, mit denen ſie ihn uͤberall hin begleitete— Lacy dagegen ſah Claudia uͤberall zuerſt, und war ihre Trennung auch nur kurz geweſen, ſchien ein großer Stoff zur Mittheilung ſich angeſam⸗ melt zu haben, und Beide vergaßen oft die ganze Welt um ſich her, aber, was ſchlimmer war, ſie vergaßen die Prinzeſſin Thereſe, die fuͤr Lach umſonſt ſchoͤn war. 145 Kam die Prinzeſſin zu andern, als zu den Geſellſchafts⸗ ſtunden, ſo fand ſie vollends lauter haͤusliche Scenen — entweder war Claudia in Lacy's Kabinet und hoͤrte zu, wenn er ihr ſeine Arbeiten vorlas, oder Lach war bei Claudia und Beide unterrichteten Hedwiga. Dieſe war der Gegenſtand ihrer zaͤrtlichſten Liebe — in der ſorgſamen Pflege, die Koͤrper und Geiſt ge⸗ noß, entwickelte ſich auch dieſe von dem Druck der Um⸗ ſtande zuruͤckgehaltene zarte Blume mit uͤberraſchender Schnelligkeit. Da Niemand ihr Alter wußte, ſchwankte man zwiſchen zehn und zwoͤlf Jahren, da man ihr doch das erſtere Alter fruͤher kaum zugeſtanden hatte. Ge⸗ wiß aber war es, ſie machte ſich der Liebe Beider wuͤr⸗ dig und erwiderte ſie mit ſchwaͤrmeriſcher Zaͤrtlichkeit. Wenn die Prinzeſſin ſo ihre Beobachtungen in ihrem Innern zuſammen trug, rief ſie oft zum groͤßten Schrecken der alten Graͤfin von Hautois:„Ich glaube wahrhaftig, er liebt ſie!“ „Was denn, was denn, meine Liebe? von welcher Liebſchaft ſprechen Sie denn?“ „Von der allertollſten, eigenwilligſten, unbegruͤn⸗ detſten, die je ein altes haͤßliches Weib geglaubt, ein vizarrer Maͤnnerkopf durchzufuͤhren geſucht hat— ich meine Claudia und Lach.“ Wie erſtaunlich verſtaͤndig nun auch die Repliquen Thomas Thyrnau iMl. 3te Auflage. 10 146 der alten Dame waren, ſie vermochten die Prinzeſſin nicht abzuhalten, ihre Beobachtungen an Beiden fort⸗ zuſetzen, denn Lacy's unerſchutterliche Ruhe war ein immerwaͤhrender Gegenſtand ihrer Kraͤnkung, und in⸗ dem ſie ſich eingeſtand, in ihn verliebt zu ſein, reizte grade dieſe Ueberzeugung ihren Wunſch, ihn dafuͤr zu beſtrafen. Gegen das Fruͤhjahr vermehrten ſich von allen Sei⸗ ten Anzeichen, die den Wiederausbruch des Krieges wahrſcheinlich machten.— Die Stirn der Kaiſerin zeigte ſich oft umwoͤlkt, und ſie aͤußerte ſich auch zu ihren Vertrauten uͤber die heranziehende Gefahr. Die zunaͤchſt liegende, dringendſte blieb immer der Koͤnig von Preußen. Die Kaiſerin konnte Schleſien nicht vergeſſen; ſie ſtuͤtzte ihre gekraͤnkte Herrſcherehre durch“ die Gefuhle, welche ihr heilig ſchienen und die ſie ver⸗ antwortlich machten, die ihr zugehoͤrenden Unterthanen aufgegeben zu haben. Sie konnte nicht ohne eiferſuͤch⸗ tige Wallungen des großen Genie's dieſes Koͤnigs ge⸗ denken, der mit ſo geringen Mitteln ihre Macht ge⸗ beugt; und wie ſie ihn mit Recht als ihren gefaͤhrlichſten Feind erkannte, wußte auch Friedrich ſehr wohl, daß ſie, ihm mit ihrem Geiſte gewachſen, ihm weder trauen noch vergeben werde, und ihr ietzt geſchloſſener Friede blos ein Waffenſtillſtand war. 147 Dagegen hinderte die Kaiſerin in nichts mehr ihren großen Miniſter an ſeinen neu erſtehenden franzoſi⸗ ſchen Allianz⸗Plaͤnen und ließ eben ſo wenig den Ein⸗ fluß Anderer darauf gelten. Es war nicht mehr ein Majeſtaͤtsverbrechen, den Namen der Marquiſe Pom⸗ padour in Gegenwart der Kaiſerin auszuſprechen, und man fing an, von der Ungnade des Abbé Bernis zu fluſtern und ſich des liebenswuͤrdigen franzoͤſiſchen Ge⸗ ſandten am Oeſtreichiſchen Hofe, des Herzogs von Choiſeul, zu erinnern. Die Kaiſerin nahm es gut auf, wenn ihre Adligen von ihren Guͤtern, wo ſie die Ruhe des Friedens beſchaͤftigt hatte, an den Hof kamen und Neigung zeigten, in die Armee einzutreten, oder in der Stille kleine Corps zu bilden, die ſich den groͤ⸗ ßeren Abtheilungen anſchließen ſollten. Lacy wechſelte ſeit dem Fruͤhjahr haͤufiger Briefe mit Thyrnau— er ſehnte ſich, Dienſte in der Armee' zu nehmen und berieth ſich mit dem gepruͤften Freunde, in wie weit dieſes Verlangen ſich mit dem Willen des edlen Verſtorbenen vertruͤge, deſſen andere Beſtimmung fur ihn ſeinem Verlangen entgegen ſtand. Thyrnau war ihm ein milder eingehender Rath⸗ geber— die Gefahren ſolcher lang einſchreitenden Wil⸗ lensbeſchraͤnkungen waren ihm vollkommen einleuchtend und er glaubte, es ſei eine geringe Anſicht von dem ver⸗ 10* 148 klaͤrten Zuſtand eines hinuͤbergegangenen Geiſtes, wenn man ihn fuͤr beleidigt und zurnend halten wolle uber die Aufhebung ſeiner mit menſchlicher Kurzſichtigkeit ge⸗ machten Beſtimmungen, wenn ſolche im Laufe der Zeit ſich in Widerſpruch zeigten mit den Zwecken, die grade erreicht werden ſollten. Thyrnau wußte, daß ſein alter Freund das Gluͤck des geliebten Neffen be⸗ zweckt hatte, und daß die Beſtimmung, auf ſeinen Guͤ⸗ tern zu leben, ſehr wohl dazu beigetragen haͤtte, wenn Lacy den erſten Wunſch zu erfuͤllen vermocht haͤtte, und an Magda's Seite ein natuͤrliches durch Kinder begluͤck⸗ tes Leben eingetreten waͤre, welches ihm ſchoͤne Pflich⸗ ten und ein befriedigtes Herz gewährt hätte. Thyrnau hatte zwar von ihm abgehalten, was ihm moͤglich geweſen, als die erſte Erſchuͤtterung der geheg⸗“ ten Plaͤne einbrach, aber er fuͤrchtete, daß Lacy den⸗ noch einen gefaͤhrlichen Feind ſeines Gluͤckes in ſich trug, den Thyrnau nicht von ihm abhalten konnte, da er ihm Magda nicht zu entziehen vermocht hatte, und dies beſtimmte ihn, um ſo vorſichtiger die Wuͤnſche des jungen Mannes zu erwaͤgen, da es ihm er werde kaum um etwas Anderes, als um ſich ſelbſt zu entgehn, uͤberhaupt dieſen Plan gefaßt haben. Er gab daher ſehr annaͤhernde Antwort, ohne das keuſch verhuͤllte Herz des jungen Mannes zu belaſten, und ſchrieb ihm endlich:„Waͤre der Zuſtand Boͤhmens damals ſo an das Licht gezogen worden, wie es jetzt ſeine Koͤnigin thut, ſo waͤren alle heimlichen Verbrude⸗ rungen ein unnuͤtzer Plunder geweſen, mit dem ſich einige eitle Gecken ausſtaffirt haͤtten. Jetzt wird, was ſich als noͤthig herausſtellen muß, auf der breiten geebneten Straße der Oeffentlichkeit eingefuͤhrt werden, und der boͤſe Widerſtand wird zuruͤckweichen muͤſſen, und die ſchlummernden Kraͤfte werden geweckt ein freies Bewußtſein mit ſich fuͤhren. Geſetze werden die Ver⸗ beſſerungen ſchuͤtzen, die wir— Dein Oheim und ich— wie ein Geheimniß einfuͤhren mußten, um ſie gegen den traurigſten Widerſpruch, gegen Verfolgung und Zerſtorung zu ſchuͤtzen. Laß uns erkennen, daß hier⸗ durch der Einzelne an Wichtigkeit verliert und daß er ſich deſſen freuen ſoll.“ „Was wir auf Deiner Herrſchaft anfingen, beſteht ſchon in der zweiten Generation, und das giebt erſt Sicherheit, ſo viel Zeit muß Jeder den Neuerungen goͤnnen, denen er Bahn bricht. Mir iſt das ſeltene Gluͤck geworden, es zu erleben— wie Viele muͤſſen vorher fort und haben blos den Troſt, die Beſtatigung werde nicht ausbleiben.“ „Daß ſein alter Thyrnau, dem das Schwert des Damokles immer uͤber dem Scheitel hing, jetzt hier in 15⁰ einer alten Feſtung ſitzt und daſſelbe Schwert, das ihn tödten ſollte, in der Hand haͤlt, als ſei er die heil'ge Themis ſelbſt— das traͤumte Deinem Oheim nicht, aber ich glaube, er wuͤrde ſagen: Fuͤr unſer Werk iſt nichts mehr zu fuͤrchten, und da es ſo ſteht, ſo denke ich, wir laſſen unſern lieben Jungen etwas das Kriegs⸗ handwerk treiben, denn, wenn er uns nur danach ge⸗ lobt wieder zu dem alten Goͤtterſitz des eignen Heerdes zuruͤckzukehren, ſo werden die Penaten ihm wol indeſſen nicht gram werden.“ „Das große Geſchäft, was die Kaiſerin mir aufge⸗ tragen, ruͤckt kraͤftig vor und ſollteſt Du Deinen Leh⸗ rer nicht mehr finden, ſo wirſt Du doch ſein Werk ver⸗ ſtehn und immer noch der Nachfolger des Greiſes werden konnen, zu welchem Dich die Kaiſerin beſtimmt hat.“ Thyrnau hielt es nach dieſen Erklaͤrungen fuͤr ge⸗ wiß, daß Lacy's naͤchſter Brief ſeinen Eintritt in die Armee melden werde, und vielleicht hielt Lacy ſelbſt nach dieſem Brief die groͤßten Bedenklichkeiten beſeitigt und beredete mit Claudia die naͤchſten Schritte bei der Kaiſerin, welche dieſe edle Seele zu unterſtutzen wuͤnſchte, da ſie wenigſtens gegen Lacy das groͤßte In⸗ tereſſe fuͤr ſeinen Wunſch zeigte, der auch allerdings ein ſo allgemein verbreiteter Gedanke geworden war, daß er jeden Schein des Auffallenden verloren hatte. 151 Bei der Kaiſerin ſelbſt aber ſollten ſich die Hinder⸗ niſſe zeigen, welche dieſe Plaͤne zerſtoͤrten. Wos ſie bei allen Andern hochſt gnaͤdig aufgenommen, erfullte ſie bei Lacy's Mittheilung mit Erſtaunen, ja mit un⸗ verhehlter Empfindlichkeit. „Ich kann nicht recht dieſe ſeltſame Propoſition verſtehn,“ ſagte ſie mit aufſteigender Roͤthe—„und vielleicht hat meine ſehr gute Meinung von Euch mich zweifelhaft gemacht, ob ich recht hoͤrte. Erſtlich, denke ich, ſeid Ihr durch den letzten Willen eines Verſtorbe⸗ nen gebunden, Euch des Staatsdienſtes zu enthalten, und da ſehe ich nicht wol ein, wenn Euch dieſer Wille, wie er ſollte, jemals heilig war, wie er jetzt aufhoͤren kann es Euch zu ſein. Wir wenigſtens hatten, indem wir Euch mit den Angelegenheiten Boͤhmens zu beſchaͤftigen dachten, immer dieſe heil'ge Verpflichtung im Auge be⸗ halten, und Eure Wirkſamkeit fuͤr den Staat zuſam⸗ menfallend gedacht mit den Plaͤnen Eures Oheims fuͤr Boͤhmen, wofuͤr er Euch erzogen hatte. Vielleicht dachten wir auch, unſer Euch ſchon bekannter Wille, Euch dieſem Zwecke zu widmen, wuͤrde einigen Einfluß auf die Beſtimmungen uͤber Eure Perſon haben.“ „Wenn Euer Majeſtät meiner Bitte dieſe Ausle⸗ gung geben,“ ſagte Lacy warm—„ſo bitte ich unter⸗ thoͤnigſt ſie als ungeſagt anſehn zu wollen. Aber ſelbſt Thyrnau, dieſer Theilnehmer aller Gedanken meines Oheims, den ich zu Rathe zog, findet in dieſem Augen⸗ blick die Verhaͤltniſſe hinreichend veraͤndert, um mir einige Jahre dieſer ruͤſtigen Thaͤtigkeit fuͤr mein Vater⸗ land zugeſtehn zu duͤrfen, ohne daß er fuͤrchtet, ich koͤnnte dem Zwecke fremd werden, zu deſſen Gunſten ich dies Geloͤbniß machen mußte. Ich werde den Kriegs⸗ dienſt nicht fuͤr meinen Beruf anſehn, aber ich wuͤrde jetzt— jetzt, da ich das Gluͤck genieße, Euer Majeſtaͤt naͤher zu kennen, ungern unter den Maͤnnern fehlen, die Euer Majeſtaͤt zur Verſtaͤrkung Ihrer Armeen ſich ſammeln laſſen.“ „Hoͤrt,“ ſagte die Kaiſerin—„vermehrt nicht noch die Noth, die uns viele verdrehte Koͤpfe ſchon machen. Das iſt eine große Laſt fuͤr uns Herrſcher, daß wir nur“ eine uns wohlgefaͤllige Richtung andeuten duͤrfen, da⸗ mit Alle darauf losſtuͤrzen ohne Maaß und Ziel, und wir die Ergebenheit merken ſollen. Fahrt nur nicht auf mit Eurer großen Reizbarkeit, wovon wir einige Proben habenz denn ich meine Euch nicht! Aber wenn es ſein kann— zu unſerem tiefen Schmerz— daß wir einige Soldaten mehr brauchen werden, als fuͤr den Wachtdienſt noͤthig waren, ſo frage ich nur, ob denn in einem Staate, der Krieg fuͤhrt, nichts anderes zu thun bleibt, als Kanonen laden und Gewehre abſchießen. 1— Darum laßt Euch diesmal nicht in den Strudel reißen, und wenn Ihr's wiſſen wollt, es iſt mir vorerſt lieber, Ihr geht nun bald nach dem Karlſtein ab und werdet des alten Thyrnau Schuͤler und, ſo weit das geht, ein eben ſo guter Czeche als der lebhafte Alte— denn hoͤrt Freund! was Ihr lernen wollt, das muß bald geſchehn, denn Euer Lehrer iſt 70 Jahr.“ Dieſe wohlwollende, muͤtterlich vertrauliche Rede der Kaiſerin verfehlte nicht, auf Lacy den beabſichtigten Ein⸗ druck zu machen. Er ſtellte mit der wahren Devotion des Herzens ſein ganzes Schickſal ihr zur Verfuͤgung, ja er zweifelte nicht laͤnger, daß— ihr nachgeben— die einzige Pflicht ſei, der er zu folgen habe und daß ſie damit ſein Schickſal geworden ſei, der Wille des Himmels ihm dadurch offenbart werde. Die Kaiſerin hoͤrte mit Vergnuͤgen, als er ſich in dieſem Sinne vor ihr ausſprach, und ſagte ihm, daß Kaunitz einen Bericht von Thyrnau erhalten, der ihn mit Erſtannen erfullt habe uͤber den Fleiß und die That⸗ kraft des Greiſes—„und das, muß ich Euch ſagen, bedeutet viel,“ ſetzte ſie hinzu—„denn Kaunitz iſt ſelbſt ein ſtarker Abeiter und es erfordert viel, um ihn zufrieden zu ſtellen. Da hoͤrte ich nun, er wuͤnſcht, Ihr ginget zu ihm, und ich hatte vor, Euch rufen zu laſſen, um Euch meine Willensmeinung kund zu thun.“ 154 „Der Karlſtein iſt freilich kein koͤnigliches Luſtſchloß von beſonderer Importance— aber wir haben Befehl geben laſſen, daß alle ſogenannten koͤniglichen Zimmer in beſten Stand geſetzt werden, und ſo ſoll es wol gehn, daß Ihr die Graͤfin mit nehmt, beſonders da Prag und Tein nah genug iſt, daß Ihr auch dorthin, oder ſie allein zum Beſuch dahin gehen kann, wenn es ihr dort zu enge wird.“ Da die Kaiſerin ſehr liebte, den Leuten ihre Ange⸗ legenheiten zu ordnen, wurde ſie ganz behaglich bei ihrer Rede und verſprach der guten Claudia noch mehr Rath zu geben, wenn dieſe ſie beſuchen werde. Sſehr viel weiter fuͤhrte indeſſen das Geſpraͤch der beiden Ehegatten, als Lach zu Claudia zuruͤckkehrend derſelben die Unterredung mit der Kaiſerin erzaͤhlte, und es hatte etwas unbeſchreiblich Beruhigendes fuͤr Lacy, als ſie mit ihrer klaren und edlen Denkweiſe ganz ihm beiſtimmte, daß jetzt das Gebot der Kaiſerin zu er⸗ fuͤllen ihre erſte Pflicht ſei. Claudia war entſchloſſen, mit ihrem Gemahl uͤber Prag nach dem Karlſtein zu gehn und erſt von dort aus, und vielleicht von Magda begleitet, Tein zu beſuchen. Dagegen entſchloſſen ſich Beide, Hedwiga dieſem zweifelhaften Leben nicht auszuſetzen, und Claudia hoffte ihr durch Vermittelung der Kaiſerin einen Platz in 155 einem ſehr beruͤhmten Fraͤuleinſtifte zu verſchaffen, in welchem ihre Ausbildung vollendet werden konnte. Lach wurde bei dieſem verſtändigen Geſpraͤche im⸗ mer ruhiger und ſeine Liebe und Achtung fuͤr Claudia ſchien ſich immer auf's Neue wieder zu vermehrenz an ihrer Seite, kam es ihm zuletzt vor, muͤſſe er gegen jede Verſuchung ſtark bleiben. Deſſenungeachtet war es ihm lieb, als die Prinzeſſin Thereſe augenblicklich er⸗ klaͤrte, Beide begleiten zu wollen, um ihrem alten Freunde Thyrnau ihre Huldigung darzubringen, denn er wußte, daß, wo ſie war, ein traͤumeriſches Still⸗ leben nicht wol moͤglich ſei, und ſah dieſe großere ge⸗ ſellige Regſamkeit nicht ungern. Auch die Kaiſerin gedachte ihres alten Verſprechens, und willigte in den Wunſch der Prinzeſſin, und ſo ward denn die Abreiſe nach dem Karlſtein fuͤr die Mitte des Mai feſtgeſetzt, und auf's Neue gingen Boten dahin, die den großen Beſuch verkuͤndigten und eine ſo ſtarke Dienerzahl außer den Herrſchaften auffuͤhrten, daß ſich jeder verfallene Winkel des Schloſſes mußte zum Ge⸗ brauch umſchaffen laſſen, und daß es dem Grafen von Podiebrad zum erſten Mal erſchien, er ſei nicht der allgebietende Herr der heil'gen Feſte, welche nun von einer Schaar von Frauen heimgeſucht werden ſollte. Deſſenungeachtet ſteigerte es ſeinen ſtillen Glauben an 156 die verkappte Groͤße ſeines Gefangenen, da er uͤber⸗ zeugt war, alle dieſe Perſonen waͤren hohe Verwandte deſſelben. Sehr ſchwer wurde beiden Gatten der Abſchied von Hedwiga, welche in Verzweiflung war, ſich von ihren Wohlthäͤtern trennen zu ſollen, beſonders da Egon ſchon als Kornet bei einem Reiter-Regiment eingetreten war und Wien bereits verlaſſen hatte. Lacy fuͤhlte dieſe Trennung eben ſo ſchmerzlich als Claudia, und wenn Hedwiga ihre blauen Augen vorwurfsvoll faſt zu ihm erhob, ſagte er ſpaͤter oft:„Ich weiß nicht, wie ich den Anblick dieſer Augen entbehren ſoll— ſie ſind mir ſo nothig als das Einathmen der Luft und ſie kraͤftigen auch ſo mein Herz— ich koͤnnte mich uͤberreden, ſie mein eignes Kind.“ „Oder ihre Schweſter,“ ſagte Claudia lůchelnd— „denn mein Gemahl moͤchte doch ein etwas zu junger Vater geweſen ſein, als dies holde Kind ihm muͤßte geboren worden ſein— ich glaube aber, Hedwiga fuͤhlt daſſelbe fuͤr Sie, denn liebt ſie mich auch— von Ihnen haͤngt doch ihr Gluͤck ab.“ Mit ſehr gemiſchten Empfindungen erfuhr Thyrnau die veraͤnderten Plaͤne ſeines jungen Freundes. Daß die tiefe Einſamkeit des Winters auf Beiden oft gelaſtet hatte, daß Magda's Ernſt und Gedankenſchwere na⸗ mentlich weit uͤber das Zugeſtandniß der Jugend ging und durch die Anweſenheit der Freunde hier eine Unter⸗ brechung bewirkt werden koͤnne, das erwog er gegen die heimlichen Befuͤrchtungen uͤber Magda und Lach, die er jedoch durch nichts eigentlich beſtaͤtigt wußte, als* durch die Berechnungen eines welterfahrenen Geiſtes. Es war aber ſeinem kraͤftigen Karakter gemaͤß, die Zuſtände, welche ſich ihm aufnoͤthigten, zu pruͤfen und nach ſcharfer Zergliederung zu einem Abſchluß mit ihnen zu kommen, welcher ihm dann ſeine innere Ruhe und Kraft zuruͤckgab. Er machte bald das Reſumé, daß weder Lacy ſich der Forderung der Kaiſerin habe ent⸗ ziehen koͤnnen, noch von ſeiner Seite etwas zur Ab⸗ wehr der gefuͤrchteten Verhaͤltniſſe geſchehen koͤnne, da — Magda von ſich zu trennen, ſelbſt wenn ſie, wie nicht zu erwarten war, einwilligen moͤchte ihn zu ver⸗ laſſen, eine zweifelhafte Maaßregel blieb, weil er durch die Abweſenheit ſeiner Schweſter der Frau Barbara Huͤlshofen um jede Zuflucht gebracht war, die ſich fuͤr Magda zutraͤglich zeigen wollte. Da Magda jedoch durch den groͤßéren Verkehr im Nielas⸗Thurm aufmerkſam ward, glaubte er ſie vor⸗ bereitet und beſchloß, ihr endlich die erwartete Ankunft mitzutheilen. Er rief ſie ab, um den ſchoͤnen Fruͤhlingsabend zu 158 genießen, und ſie trat mit dem muͤden Lächeln auf dem ſchoͤnen Geſicht hervor, welches nicht Nahrung findet in dem bewegten Innern. Als ſie in den Hof traten, ſahen ſie Trautſohn, der an einen Baum gelehnt ſeine Augen auf den Niclas-Thurm gerichtet hielt, als er⸗ warte er ſie. Auch trat er ihnen ſogleich entgegen und war ſehr roth und verlegen.„Nehmt mich heute mit,“ ſagte er endlich zu Thyrnau—„ich wollte Euch einen ſchoͤnen Weg fuͤhren, den Abhang hinab, wo Ihr noch nicht waret und der nach Budnian ſieht.“ „So kommt denn, lieber Prinz!“ ſagte Thyrnau, der jedenfalls verbergen wollte, daß er ihn vermied— „der Abend iſt ſchoͤn und Magda muß ihre blaſſe Win⸗ terfarbe verlieren, ehe die Gaͤſte kommen, die bald den Karlſtein beleben werden.“ „Von wem ſprichſt Du,“ fragte Magda, ſich an ſeinen Arm haͤngend und etwas heiterer zwiſchen Bei⸗ den fortſchreitend—„wer ſagte Dir von Gaͤſten?“ „Haſt Du denn nicht gehoͤrt davon?“ ſagte Traut⸗ ſohn—„Mein Oheim hat aus Prag ſchoͤne Sachen kommen laſſen, um die etwas verfallenen koͤniglichen Zimmer auszuſtatten.“ „Ja,“ ſagte Magda—„das ſah ich und habe oft zugeſehn, wie ſchoͤn und geſchickt ſie Alles ord⸗ nen— es koͤnnen jetzt wol Koͤnige drin wohnen und der gute Kaiſer Karl hatte es ſicher nicht ſo glänzend.“ „Nun, es ſoll auch eine Prinzeſſin dabei ſein und viele andere Leute—“ „Was wollen ſie denn hier?“ fragte Magda wieder. „Ich glaube, ſie wollen zu uns,“ ſagte Thyrnau, und jetzt fuͤhlte er an dem ploͤtzlichen Zucken von Magda's Arm, daß ſie die Wahrheit ahnete.—„Ich glaube,“ fuͤgte Thyrnau ſchnell hinzu—„die Prin⸗ zeſſin Thereſe iſt dabei.“ „So?“ ſagte Magda— aber ſie ſchwieg und ſenkte den Kopf, und Thyrnau verflocht den Juͤngling in ein Geſpraͤch uͤber ſeine eigenen Intereſſen und wiederholte, was er immer aufs Neue verſuchte, ihn zu dem Ent⸗ ſchluß, in die Armee einzutreten, aufzuregen, welches Begehr ſicher von ſeinem Vormund nicht abgelehnt werden koͤnnte. „Ja,“ ſagte Trautſohn—„das ſagt Matthias alle Tage, aber warum thut er es nicht ſelbſt? Wenn es ſo leicht iſt, den Karlſtein zu verlaſſen, was hindert ihn denn, da mein Oheim ſicher Niemand zuruckhalten wuͤrde, der bei den Kriegsausſichten in der Armee die⸗ nen wollte. Ich— das muß ich Euch ſagen, Herr Thyrnau— halte mich hier nicht fur ſo ganz uberfluͤſſig. Der Oheim iſt ein guter ehrlicher Mann, aber es muß immer Einer ſein, der ihn ein wenig zuruͤckholt, wenn er ſich als in die neueſte Periode der wahrhaft adligen Zuſtaͤnde, in die Zeiten der Kreuzzuͤge, verlaͤuft, und dorther ſeine Richtſchnur fuͤr den gegenwaͤrtigen Zu⸗ ſtand herholt. Das kann ſo leicht Keiner wagen, als der Sohn ſeiner Schweſter, und ſo bin ich hier nicht ganz unnuͤtz.“ „Das kann ſein,“ ſagte Thyrnau—„aber es fragt ſich, ob dies deſſenungeachtet eine paſſende Thätigkeit fur einen Juͤngling von neunzehn Jahren iſt. Nehmt's mir nicht uͤbel— aber, aufrichtig geſtanden, kommt nicht viel mehr darauf an, was Euer Oheim in ſeiner abgeſchiedenen Stellung thut oder laͤßt, denn die Zeit wird ihm nicht mehr den Gefallen erzeigen, ſich darum zu kuͤmmern. Wenn Ihr in der Welt ihn vor den Spoͤtteleien Anderer zu huͤten haͤttet, ſo waͤre das an⸗ ders; aber hier faͤllt das ganz weg, wo einige eben ſo geſtaltete Koͤpfe ihm ſogar Glauben ſchenken.“ Der Juͤngling wußte nicht recht darauf zu entgeg⸗ nen und das verſtimmte ihn; dabei fuhrte er ſie durch das Ausgangsthor in das Laubholzwaͤldchen, welches nach Budnian hin lag und lenkte dann in einen Sei⸗ tenweg ein, der wohl behauen und geebnet eine neue Anlage ſchien. Ploͤtzlich ſtieß Magda einen Schrei der Ueber⸗ 161 raſchung aus, denn der Weg, der ſchmal und von jun⸗ gem Laubholz eng eingefaßt, wie ein gruͤnes Maͤntelchen um ihre Schultern hing, bog ſich auf einmal, und nun woͤlbte ſich am Ende deſſelben ein kleines Felsthor und in ſeinem Rahmen lag in dem Glanze des Abendſcheins das reizende Thal von Budnian mit dem glaͤnzenden Silberbande der froͤhlich dahin rauſchenden Beraun. „Ach! ach,“ rief Magda voreilend—„welch' ein Wunder von Schoͤnheit!“ Sie trat durch das kleine Felſenthor und befand ſich auf einem abgeſtumpften Fels⸗ kegel, der von der Natur zierlich zur Plattform gerundet und geebnet, jetzt von der Kunſt durch ein kleines Ge⸗ hege von geflochtenen Weiden eingefaßt war. Neben dem Thore, grade wo der Blick in das Thal hinab am ſchoͤnſten, waren Raſenſitze angebracht; ein kleiner Tiſch von Holz— ein Fußbaͤnkchen und ein paar kunſtloſe Stuͤhle aus den Eichenſtaͤmmen des Waldes meublirten das reizende luftige Gemach, welches von keiner Seite zugaͤnglich ſchien als durch das Felſenthor, welches ſogar mit einer kleinen Thuͤr verſchloſſen werden konnte.— Dabei reichten die Baumwipfel aus dem Abhang herauf und leichte Birken woͤlbten mit ihrem glaͤnzenden tan⸗ zenden Laube eine ſanft ſchirmende Decke. „O mein Gott,“ rief Magda ganz außer ſich— „Großvater, welch' ein Wunder von Schonheit iſt dies! Thomas Thyrnau IIl. 3te Aufl. 11 162 Nein— hier muß es am ſchoͤnſten auf der ganzen Welt ſein.“— Sie flog von einem Platz zum andern, dann wandte ſie ſich dem im verhaltenen Jubel lauſchenden Juͤnglinge zu:„Du Trautſohn! Du haſt das bereitet— ich— weiß es gewiß Du! Du! der der beſte gute Menſch iſt— Du biſt der Anſtifter!“ „Und Dir wird es nun ganz allein gehoͤren,“ rief Trautſohn—„und hier haſt Du den Schuͤſſel zur Felſenthuͤr— wenn Du dieſe verwahrſt, ſo ſchwebſt Du faſt in der Luft— denn Alles, was angraͤnzt, iſt durch einen tiefen Abhang von Dir getrennt— darum haben wir das Plaͤtzchen gewählt, nachdem wir weit und breit den Wald durchſtreift und keins gefunden wie dies — wo Du Dich ſo recht einſam fuͤhlen kannſt. Aber ich bitte Dich nun auch, fuͤhle Dich wieder ſicher und allein— und dann ſinge wieder zu den Abendglocken, denn Du kannſt ſie hier eben ſo gut hoͤren, als fruͤher.“ Magda nickte freundlich und fuhr fort, ſich bald hier bald dort zu ſetzen— der Großvater lobte den jungen Mann und freute ſich mit Ruͤhrung, daß Magda ein⸗ mal wieder ganz wie ſonſt das heitere Kind war. Da ſah ſie auf dem Tiſche eine Jagdtaſche liegen und dane⸗ ben ein ſilbernes Pfeifchen.„Was haſt Du denn da?“ rief ſie luſtig und ſetzte die kleine Pfeife wie ein Kind an den Mund und lockte helle Toͤne heraus.— Traut⸗ 163 ſohn lachte ſchelmiſch und duckte Magda und den Alten auf den Moosſitz hin, ihnen ſeitwaͤrts den Abhang des Berges zeigend, an den der Wald reichte.—„Noch einmal!“ rief er. Magda ließ ſich das gern gebieten und pfiff ſo laut ſie konnte— da ſprudelte ploͤtzlich mit großer Haſt auf dem Abhang ein kleines Rudel Wild hervor, ſchaute ſich um und kam dicht an den Abhang, der zwiſchen Magda's Felsblock lag— da jauchzte dieſe auf, denn es war die weiße Hirſchkuh mit allen Zick⸗ lein— aber wie groß waren dieſe geworden.—„Nun! nun!“ rief Trautſohn—„noch einmal!“— und Magda pfiff— und mit einem leichten Satz war die Hirſchkuh heruͤber und alle Zicklein ihr nach. Nun reichte ihr der gluckliche Juͤngling, dem alle ſeine kleinen lang vorbe⸗ reiteten Ueberraſchungen ſo wohl gelungen waren, die Jagdtaſche und ſie ſtreute das Brot— und das junge Volk war, obwol ſehr groß geworden— nicht weniger begierig als ſonſt. Was war das eine Wonne! Trautſohn ſaß wieder neben ihr und erklaͤrte ihr, damit ſie Alle einzeln wie⸗ derfand, welche ſie ſonſt wohl unterſchieden hatte, die ihr aber jetzt faſt fremd geworden waren— nur das Kleinſte, was immer bei der Hirſchkuh lag, war geſtorben waͤhrend des Winters. Dagegen war das ſchwarze Bocklein ein wilder Geſell gewordenz es lief ganz noch, ſo wie ſonſt, 11 164 immer vom Futter wieder weg und ſprang dann mit den Vorderpfoten auf den Rand des Geheges und guckte mit langem Halſe neugierig in die Tiefe— dann lief es ſo wild zuruͤck gegen die Zicklein, daß es ſie uͤber⸗ rannte, und fraß ſchneller und mehr in kurzer Zeit, als dieſe nachzuholen vermochten— alle hatten noch die Halsbaͤnder und ein Zicklein ward weiß wie die Hirſch⸗ kuh— und das Bocklein hatte ein paar allerliebſte blanke Hoͤrnchen bekommen— auch drehte die ruhende weiße Hirſchkuh immer nach ihm— dem luſtigen Patron— den Kopf hin und her, recht wie Muͤtter auf ihre verzo⸗ genen Knaben die meiſten Liebesblicke richten. Am fruh⸗ ſten auch lief es fort und ſprang, ohne den belehrenden Vorſprung der Alten abzuwarten, ſo ungeſtuͤm uͤber den Abhang, daß es abglitt und den Berg etwas hinabpur⸗ zelte— das verſchlug ihm aber wenig, und bald war es wieder oben und ſetzte nun in den Wald hinein. Das gab viel Lachen! „Ach,“ ſagte Magda, als Alle ſatt waren—„ſolche Freude habe ich lange nicht gehabt und du biſt doch ſeelengut, lieber Trautſohn, ſo viel fur mich zu thun— ſag' nur, wie haſt Du auch das Wild hierher gewoͤhnen koͤnnen?“ „Ja,“ ſagte Trautſohn—„wie wir nur erſt das Pläͤtzchen hatten, da nahmen wir uns gleich vor, Du — — — 165 ſollteſt auch hier Deine Zicklein wiederfinden, und ich ſtellte mich mit Futter hierher und Matthias trieb ſie— aber die Alte weigerte ſich lang und wir ließen es oft wieder ſein, denn wir wußten wol, ſie hielt die Kleinen noch nicht ſtark genug— endlich aber that ſie den Sprung vor, Musje Boͤcklein hinterher und die Zicklein. dann auch— und wie ſie es nur einmal gethan, da war keine Noth mehr!“ „Matthias,“ fragte Magda—„Matthias hat Dir geholfen?“ „Ja wol! ja wol! der gute Matthias!“ rief Traut⸗ ſohn,„wenn Du wuͤßteſt, wie gut er iſt— wir haben ja Alles faſt allein gemacht, damit es die An⸗ dern nicht merkten und Dir ſo recht ſtill hier werden konnte.“ „Und warum iſt er nicht hier?“ rief der wohlwol⸗ lende Thyrnau—„daß wir ihm danken koͤnnen—“ „Ach,“ ſagte Trautſohn—„er meinte, wenn Magda ihn hier faͤnde, verduͤrbe ihr das die ganze Freude.“ „Nein! nein!“ ſagte Magda—„ich habe das Al⸗ les vergeſſen, warum ich ihm zuͤrnte und jetzt moͤchte ich ihm gern danken.“ „Nun gelegentlich,“ erwiderte Trautſohn—„es iſt auch nicht ſo leicht, wie Du denkſt, mit ihm zu ver⸗ 166 kehren— Du haſt ihn hart angelaſſen vor all' den An⸗ dern— da wollt' er Dich wol entſchaͤdigen fuͤr Deinen Felsſitz— aber er will darum doch nichts mit Dir zu thun haben.“ Am Abend in der Kapelle ſuchte Magda zuerſt den Grafen Matthias, und faſt war ſie unſicher, ob der bleiche magere Juͤngling, der ſo gar ſehr veraͤndert war, der ſchoͤne Graf Thurn ſei, von dem ſie zuerſt ſo gut ge⸗ dacht. Sie ſah, daß nach dem Gottesdienſt Thyrnau ihn mit ſeiner großen Freundlichkeit anredete, und ſah, wie ſtolz der Juͤngling ihn faſt zuruͤckwies und die Hand, die der feurige Alte ergriffen, bald los machte. Es ſchien Magda, er ſpraͤche kein Wort, aͤnderte keine Miene und ſie ward nicht boͤſe, ſondern traurig— ſie behielt ihn immer im Auge und hoͤrte nicht die alte Hoͤf⸗ lichkeit des Grafen von Podiebrad, ſondern ſah, wie der Graf Matthias zuruck blieb und auf ſein Schwert ge⸗ ſtuͤtzt vor dem Bilde des heil'gen Andreas im tiefen Nachdenken oder Gebet ſtehen blieb und erſt von dem Diakon erinnert werden mußte, daß die Kapelle leer ſei und er ſie ſchließen muͤſſe. Er hob die gebeugte Geſtalt empor, um dem Dia⸗ kon zu folgen, da lehnte ſich Magda uͤber die Bruͤſtung der Loge und redete ihn ſanft und bewegt an— und Matthias fuhr zuſammen, daß das Schwert klirrend 167 auf den Boden aufſtieß— aber er hob den Kopf nicht zu ihr auf. „Du biſt immer noch boͤſe, Graf Matthias,“ ſagte ſie ſanft,„und doch iſt es ſo lange her, wie ich Dich geſcholten habe, daß ich Deine unziemlichen Reden ſchon ganz vergeſſen habe— und heute will ich Dir ſo gern danken, weil Du wie ein Bruder fur mich geſorgt haſt mit Trautſohn— und mir ſo große Freude gemacht haſt.“ Waͤhrend ſie ſprach, gewann ſie Muth, denn er hob den Kopf zu ihr auf und ſein Blick erhellte ſich, und ein Laͤcheln ſchwebte um ſeinen Mund, aber er ſprach nicht. „Rede zu mir,“ ſagte ſie mitleidig—„Du ſiehſt ſo krank aus— ſage mir, daß Du wieder verſoͤhnt mit mir biſt— es iſt nicht recht, nachtragend zu ſein— habe ich Dich damals gekraͤnkt, hatteſt Du es doch ver⸗ dient und deſſen mußt Du gedenken, denn rechnen wir uns keine Schuld bei, da ſind wir auch leicht unver⸗ ſoͤhnlich.“ Matthias ſchwieg noch immer— da bog ſich Magda noch mehr vor und ſtreckte die Hand heruͤber, als wollte ſie dieſe ihm reichen— bei dieſer Bewegung fſiel ein Strauß von den ſparſamen Feldblumen, die ihr Traut⸗ ſohn gepfluͤckt, aus ihrem Mieder und ſo, daß er die Degenkuppel des Juͤnglings ſtreifte, zur Erde— da 168 ſtieß er einen ſonderbar wilden Ton aus, riß die Blicke von Magda los und ſtampfte wuͤthend mit dem Fuß auf den Strauß, der vor ihm lag. „Ha! Verſuchung der Holle!“ ſchrie er—„fort! fort. Welch' ein Blendwerk biſt Du, um den feſten Muth zu verhoͤhnen? Ich biete Dir Trotz, Du holl⸗ ſches Phantom, Du ſollſt mich nicht verfuͤhren! An⸗ dreas! ſteh' mir bei— ſei maͤchtig in mir, daß ich der Hoͤlle entfliehe.“ Eein lauter Schrei fuhr aus Magda's Mund— er ſah empor— ſie war verſchwunden— er ſtand ſprach⸗ los ſtill— er wiſchte ſich den kalten Schweiß von der Stirn— er ſeufzte tief, er taumelte faſt, als er weiter gehen wollte— aber er ſah auf die zertretenen Blu⸗ men— ſtoͤhnte laut— dann hob er ſie vom Boden auf und ſturzte an dem verwunderten Diakon voruͤber aus der Kapelle. Als Magda wie ein gejagtes Reh aus der Kapelle in den Hof ſtuͤrzte, ſah ſie ihn angefullt mit Menſchen und Pferden und großem Gepaͤck; aber ihre Furcht vor dem Wahnſinnigen— dafur hielt ſie Matthias— machte ſie dagegen gleichgultig— ſie flog nach dem Ni⸗ klas⸗Thurm, wo ſie ihren Schutz wußte und eilte die Treppen hinauf, und als ſie auf der erſten Stiege die geoͤffneten Koͤnigszimmer ſah, flog ſie hinein, denn ſie — 169 ſah unter vielen Anweſenden den Großvater. Sein blo⸗ ßer Anblick gab ihr ſchon Sicherheit und Faſſung, und im ſelben Augenblick ſah ſie Lach, der mit ihrem Na⸗ men auf den Lippen ihr entgegentrat.— Es ging ein umſchwung in ihr vor— ihr Kopf ſchwindelte und ſie blieb betaͤubt ſtehn.„Magda! theure Magda,“ rief Lacy—„haſt Du kein Wort fuͤr Deinen Freund— Deinen Bruder?“ „Willkommen,“ ſagte Magda leiſe und mechaniſch und reichte ihm ihre todtkalten Haͤnde. „Du biſt ſo blaß,“ fuhr Lacy ſchmerzlich fort— „ſag', Thyrnau, iſt ſie krank? Ach ihre ſchoͤne Jugend,“ ſagte er troſtlos—„mein Gott, wenn ſie kraͤnkelt, dann muß ſie hier fort.“ „Fort? vom Großvater fort?“ rief Magda, aus ihrer Erſtarrung erwachend—„nein, nimmermehr! O Lachy, biſt Du darum gekommen, um mich hier zu vertreiben?“ Zum erſten Male nannte ſie ihn mit ihrem Du, das ſie fur alle Menſchen ſonſt hatte, nur fur ihn bisher nicht. „Magda, verkenne mich nicht,“ ſagte er und druͤckte ihre beiden Haͤnde an ſeine Bruſt—„wenn Du bleiben willſt, dann wollen wir Alle, die wir uns ſo wie ſonſt hier um Dich verſammeln werden,— Alles thun, was moͤglich iſt, um Deine Geſundheit herzuſtellen.“ 170 „Ich bin nicht krank,“ ſagte Magda—„ich hatte nur einen Schreck, ehe ich hierher kam, denn ich fuͤrchte, Großvater, Graf Matthias iſt ploͤtzlich wahnſinnig ge⸗ worden.“ Sie fuͤhrte beide Maͤnner tiefer in das Gemach hin⸗ ein, wo die geſchaftigen Diener ſie nicht belaͤſtigten und erzaͤhlte ihnen mit ihrer naiven und ſo lebendigen Art das Erlebte. Thyrnau hoͤrte nachdenkend der beſondern, ja auf⸗ fallenden Erzaͤhlung zu, und beide Maͤnner tauſchten dann einen Blick des Einverſtaͤndniſſes, der Lacy's Wangen roͤthete und den Magda nicht bemerkte. „Ich ſage Dir, Lach,“ hob dann Thyrnau leichter an—„Du kommſt hier unter ein Kommando, daß ich hoffe, Du fuͤhlſt Dich ein ganzer Edelmann, ſonſt er⸗ kennen ſie Dich nicht an. Aeltere Namen hat die deutſche Chriſtenheit nicht, als die feuerfeſten Waͤchter des Karlſteins— das untadelige Corps von einigen Aus⸗ erwaͤhlten. Sie bedienen noch immer die Geiſter, die vor drei⸗ oder vierhundert Jahren hier mit geheimniß⸗ vollem Todesruf die Feſte ſchuͤtzten— worin damals etwas zu ſchuͤtzen war, namlich die Krone und gelegent⸗ lich der Kaiſer ſelbſt— und mir iſt es immer, als wenn ich auswendig gelernte Scenen aus einer alten Kronik aufgefuhrt ſaͤhe, deren Sitten uns mit neugierigem Er⸗ 171 ſtaunen erfullen, und die fuͤr unſere Zeit endlich los zu ſein, uns ein heiteres Behagen erregt. Dieſe aber traͤumen in ihrer bornirten Gravitaͤt nicht, daß ſie auch nicht den leiſeſten Schatten von Wichtigkeit um ſich verbreiten koͤnnen, und jede Beruͤhrung mit dem wirk⸗ lichen Leben ſie laͤcherlich macht und ihre Beſchraͤnktheit beweiſt. Doch was draͤnge ich Dir meine ſchwachen Worte auf— ich ſehe, man wird Dich gleich ſelbſt von dieſer merkwuͤrdigen Erſcheinung unterrichten, denn dort ſteht der Graf von Podiebrad mit ſeinem ganzen Offiziercorps und dieſer Kornet wird ſie Dir anmelden — ich aber entfliehe mit Magda dieſer Scene und er⸗ warte Dich zum Nachteſſen an meinem Tiſch, wo wir mehr von Dir hoͤren wollen.“ Als der alterthuͤmliche, aber hoͤchſt wohnliche Eß⸗ ſaal des alten Thyrnau die drei Freunde vereinigte, und Gundula und Veit die reichlich beſetzte Tafel gegen die Glut des Kamins ſchoben, um die ſich Magda, Thyr⸗ nau und Lacy niederſetzten, mußte dieſer erſt ſein Herz erleichtern uͤber die eben erlebte Zuſammenkunft mit dem Grafen Podiebrad. Er fand Alles beſtaͤtigt, was Thyrnau ihm geſagt, aber zugleich zog ihn ſo viel Aben⸗ teuerlichkeit durch die Perſoͤnlichkeit der Einzelnen an. Er nannte den Grafen Matthias, der zu Magda's groͤß⸗ tem Erſtaunen in der ruhigſten Haltung dabei geweſen 172 war, und indem er ſein ſchoͤnes abgezehrtes Geſicht, ſeine fanatiſirten Augen ſchilderte und die edle ſtolze Haltung ſeines ganzen Weſens, rief er:„O! dieſer Juͤngling waͤre wol werth gerettet zu werden, denn bleibt er noch lange unter dieſem phantaſtiſchen Zauber befangen, ſo kann in Wahrheit geſchehen, was Du heute ſchon angedeutet fandeſt— dieſer Schwaͤrmer kann den Verſtand verlieren.“ „Alſo hoffſt Du, daß es noch nicht ſo iſt?“ fragte Magda—„aber wie kannſt Du es denn erklaͤren, was er heut gethan?“ ſetzte ſie naiv hinzu. „Ach,“ ſagte Lacy,„dazu haͤtte ich viel Auslegun⸗ gen, die doch alle ſeine unnatuͤrliche Stimmung beweiſen. Laß es Dir nicht zu Herzen gehen, liebe Magda— Du darfſt es Dir ſicher nicht zum Vorwurf machen.“ „Dann,“ fuhr er fort—„kam der Marcheſe Pa⸗ checo, welcher wie das Eiſen im Feuer, ein vollig in die⸗ ſem Fanatismus gehaͤrtetes Weſen iſt— und Galbes, der mir ſehr einfaͤltig ſcheint und immer die letzten Worte ſeines Vorgaͤngers wiederholt— aber dann kam der Sohn des verſtorbenen Fuͤrſten von Trautſohn—“ „Ach,“ unterbrach ihn Magda freudig—„da biſt Du bei dem Beſten! So gut wie dieſer liebe Menſch iſt keiner im ganzen Karlſtein.“ Lacy's Blicke wurzelten auf Magda's belebtem An⸗ 173 tlitz bei dieſen Worten und eine neue tiefere Roͤthe ſtieg auf ſeine Stirn.„Haſt Du dieſen ſchoͤnen Juͤngling ſo lieb?“ fragte er ſie mit innigem Ton, ſich zu ihr biegend.— „Sehr, ſehr,— denn er iſt ſo gut wie ein Kind,“ entgegnete Magda—„und ich werde Dir nachher er— zaͤhlen, was er mir heute entdeckt hat, was gewiß be⸗ weiſt, wie gut er iſt, und wie lieb er mich hat.“ Lacy ſah fragend auf Thyrnau. Von der Wichtig⸗ keit dieſer Entdeckung, wie er vermuthete, zeigte ſich keine Spur auf des Alten Geſicht, ſondern ein wohlwollendes Laͤcheln, womit er Magda's Gefuͤhl harmlos zu theilen ſchien. Endlich erfuhr nun Magda, daß die Graͤfin mit der Prinzeſſin noch in Prag verblieben und erſt in einigen Tagen ihm folgen wuͤrde, und als noch Vieles gefragt und beghtwortet war, ſtanden Alle auf und Magda offnete die Thuͤren nach dem kleinen Balken, der auf der andern Seite weit ins Land ſah— und Lacy trat ihr nach und Beide blickten in die tiefe ſtille Waldesruh, die unter ihnen lag— und von dem hellſten Mond⸗ ſchein ubergoſſen ſahen ſie ſeitwärts den maͤchtigſten Thurm der Feſtung, in deſſen Hoͤhe die Heil'ge-Geiſt⸗ Kapelle ſchwebte. Magda ſetzte ſich auf einen kleinen Steinſitz in der Bruͤſtung des Altans. 174 „Wenn Du oͤnger hier biſt,“ hob ſie an—„dann wirſt Du einſehn, wie das alte Schloß mit ſeinen Erin⸗ nerungen recht bezaubern kann. Der Großvater mit ſeiner feſten Klarheit, der kann das Alles nicht begrei⸗ fen, der bringt Alles an ſeinen Platz— die Erinnerung haͤlt er hoch in Ehren, aber ſie darf ihm nicht den klein⸗ ſten Spuk machen in der Gegenwart. Das nennt er maͤnnlich und darum lacht er die hieſigen Ritter alle aus, die eben, wie er ſagt, in der Gegenwart un⸗ maͤnnlich taumeln, weil ſie ſich uͤber die Natur aus⸗ recken, um noch mit der Vergangenheit zuſammen zu reichen.— Wer aber hier einzieht, ſchon mit der Ab⸗ ſicht, alte Erinnerungen zu hegen und zu pflegen, der kann verſtrickt werden in dem, was er vorfindet, wenn er ſonſt nicht geſtoͤrt wird— und etwas davon iſt an mir ſelbſt wahr geworden!— Dieſer Karl, auf den alle Boͤhmen ſo viel halten, dieſer echte Czeche— dieſer Sohn der edlen Przemyslide— der hat dem Schloſſe ſein innerſtes Weſen eingepraͤgt, denn— bringt man die Liebe fuͤr ihn mit, dann klingen alle Mauern wie⸗ der, die gefeiten Geiſter treten auf dies Zeichen hervor, und man haͤlt mit ihnen Gemeinſchaft, ehe man viel nachfragt, wie es zugeht. Auf dieſem Sitz hier, da ſoll Karl der Vierte Stunden lang geſeſſen haben, und in der Heilgen⸗Katharinen⸗Kapelle da hat er Tage 175 lang ſeine Andacht gehalten bei verſchloſſenen Thuͤrenz die wenige Koſt, die er zur Erhaltung des Lebens brauchte, die ward ihm ſtumm durch ein kleines Fen⸗ ſterchen in der Wand zugereicht— dahin durfte die Sorge der Welt ihm nicht folgen— fur dieſe ſtillen Tage mußte das Reich ſich ſelbſt regieren und ſein Ge⸗ bet ſchirmte es!“ „Wie muß ich immer forſchen, was er wol gedacht hat und empfunden— und da kommen mir oft ſo wunderliche Anſchauungen von dem Getriebe der Welt, daß ich erſchrecke, wenn ich mir bewußt werde, daß ich es gedacht habe, und denke, ſeine Gedanken haben ſich losgeloͤſt durch mein Nachdenken und ſind zu mir ge⸗ kommen.“ „Ja,“ ſagte Lacy theilnehmend—„es iſt an der Stelle, wo ausgezeichnete Menſchen lebten, ein unzer⸗ ſtoͤrbares Zeugniß ihres Daſeins eingepraͤgt, welches jeden ſpaͤter hinzukommenden verwandten Geiſt wieder in Gemeinſchaft mit ihnen ſetzt.“ „Und wie ich das tiefe lange Nachdenken begreife,“ fuhr Magda fort—„wie ihm das noͤthig ſein mußte, da er ein Monarch war, den ſie ſo ſelten allein laſſen — und neben dem Wichtigen, was viel zu ſagen macht, ſo viel Unnuͤtzes vorkommt, woran er blos muͤde wird. Weißt Du,“ fuhr ſie fort—„daß auch Pe⸗ trarka, ſein poetiſcher Freund, hier einige Zeit mit ihm lebte, als er in Prag bei ihm zum Beſuch war?“ „Das wußte ich nicht,“ ſagte Lacy—„obwol ich ſeine Freundſchaft und ſeinen Briefwechſel kannte, nicht allein mit ſondern mit Boeccaccio und Zeno⸗ bia di Strada— „Und mit Saſſoferato,“ ſetzte Magda pin— „aber denke nur, Keiner weiß hier etwas davon, und Keiner kann mir zeigen, wo er gewohnt hat. Da denke ich denn: Hier vielleicht! oder bin ich in meinem Erker, da denke ich wieder: Hier vielleicht! Podie⸗ brad, den ich zu mir deshalb rufen ließ, der that vol⸗ lends, als waͤre wol Petrarka nie in der Geſellſchaft des Kaiſers geweſen, wenn er ſich auch haͤtte ſeine Schreibereien gefallen laſſen— aber ich glaube, ich weiß beſſer in dem Leben der heil'gen Kreuzfahrer Be⸗ ſcheid, als er in dem Leben des Petrarka. Denke Dir, wenn ſie ſo Beide hier in der mondhellen Nacht ſaßen, und uber die tiefe Ruhe des Waldes in die fern ab lie⸗ gende Welt blickten— da haben ſie ſicher den Weg da⸗ hin an dem weit geſpannten Bogen des Himmels ge⸗ — und die glaͤnzenden Sterne haben ihnen geleuch⸗ „daß ſie den rechten Weg nicht verfehlten— dann ihnen danach das Kleine klein— das Große groß erſchienen ſein— glaubſt Du nicht auch?“ * 177 „Ja,“ ſagte Lacy bewegt—„und weißt Du auch, daß Karl der Vierte Petrarka fragte, welche Lebensweiſe er vorziehen werde? und dieſer ihm antwortete: Das einſame Leben!— Kein anderes iſt ſo ſicher— keins iſt mir angenehmer und eignet ſich beſſer fuͤr mich als dieſeg ich werde es ſuchen, wie ich bereits that, in Waͤldern und Bergen— wo nicht— werde ich mir dies Gluͤck ſelbſt in dem Gewuͤhl der Städte zu erhal⸗ ten ſuchen.“ „Ach,“ rief Magda—„deshalb ging er auch hier mit ihm her!— da konnten ſie ganz erfahren, was einſam iſt.“ „Und war es Dir nicht zu einſam?“ fragte Lacy ſchuͤchtern. „Ich weiß nicht, ob es davon kam,“ ſagte Mogda natuͤrlich—„aber mir war oft ſo bang— und ich haͤtte lieber etwas erlebt— meine Gedanken thaten mir oft alle weh.“ Nach dieſen Worten ſtand Magda auf, trat an die Bruͤſtung des Balkons und zeigte in der Ferne auf ein kleines graues Mauerwerk hin.„Da,“ ſagte ſie— „da liegt Karlik, wo die Kaiſerin wohnte— er konnte es von hier ſehen— man ſagt auch, ſie habe einen Er⸗ ker gehabt, von dem ſah man nach dem Karlſtein— da ſaß ſie und blickte hierher— ſo waren ſie doch nicht Thomas Thyrnau Ill. 3te Aufl. 12 *2 178 getrennt, wenn auch das fromme Geluͤbde ſie von ein⸗ ander hielt.“ Lacy ſtand neben ihr— Beide ſahen ſich an bei Magda's Worten.— Beide erroͤtheten. Gte Nacht,“ ſagte Lacy—, gute Nacht, liebe Magda!“— dann eilte er in das Zimmer zuruͤck, beurlaubte ſich ſchnell von Thyrnau und begab ſich in ſeine Wohnung. Magda aber blieb unbeweglich auf ihrer Stelle ſtehen und blickte mit trocknen Augen nach Karlik hin, und ſie verſtand ſich in keiner Art— ſie wollte ſich etwas anhaben, und wußte doch nicht um was— es war, als ſpraͤche ein Anderer in ihr, der ſie nicht ver⸗ ſtäͤnde, wie im Leben Menſchen, die auf uns einreden, und Alles ſo verkehren, daß wir vergeſſen muͤſſen, was ſie ſagten, um uns nicht ungerecht zu werden.„Ein⸗ ſam, einſam!“ ſagte ſie endlich—„was will ich denn, darf ich denn nicht gern ſein, wo er iſt?— weiter will ich ja nichts— ich moͤchte ihm ſo gern Alles erzahlen — wie wohl mir meine Gedanken thun, wenn ich ſie ihm ſagen kann. Wenn Claudia kommt, dann will ich ſie um Rath fragen.“ Sie ſetzte ſich wieder ſtill in ihren Steinſit und ihr ward ſehr wohl— ſie fuhlte recht, wie leicht ihr die Bruſt geworden war. Ein ſanfter warmer Suͤdwind trug den Bluͤtenduft hinauf, und bisher hatte ſie nicht gehoͤrt, daß in dem Gebuͤſch — 179 der Waͤlle zwei Nachtigallen einen Wechſelgeſang hiel⸗ ten, der faſt ein Wettkampf zu ſein ſchien, ſo ſteigerte ſich jedesmal die Antwort.„Wie wonnig iſt das Al⸗ les!“ rief ſie.—„Der Mai kann vor Luſt und Blu⸗ hen und Duften nicht einmal ſchlafen— die ganze Thaͤ⸗ tigkeit ſchleicht ſich in die Nacht hinein und was bei Tage in der Sonne fertig geworden iſt, das wirft in der Nacht die kleinen Muͤtzen ab, und ſteckt die weißen Knoͤspchen unverwahrt in die Mondnacht hinein, oder rollt ſein gruͤnes Blättchen auf und halt es dem Thau hin, daß es morgen vor der Sonne ſchon mit Schatten prahlen kann. Und Du ſchlaͤfſt auch nicht?“ ſagte ſie in ein Neſtchen hinein, wo die Mauerſchwalbe mit glaͤnzenden Augen den Reichthum der kleinen Eier ſchutzte, den ihr heißes Herzblut zu beleben ſtrebte, und welche Magda als ihre Beſchuͤtzerin ohne Furcht anſah, weil ſie ihr das Neſt hatte ausfuttern helfen. Da rief der Großvater von innen heraus und folgte bald ſelbſt— und wollte ſie zuruͤck haben und zu Bett — ſie hing ſich aber um ſeinen Hals und ſagte ihm, er ſolle nur horchen, es ſchliefe ja Keiner in ſo warmer Mainacht.„Alles will fertig ſein, um dann ſo recht ſchoͤn und vollſtaͤndig genießen zu koͤnnen— und da arbeiten ſie die ganze Nacht, damit ſie morgen fruͤh die Sonne recht uͤberraſchen koͤnnen. Wenn ich doch das 12 180 Ohr haͤtte, was all' das Rauſchen hoͤren koͤnnte von dem Wachſen und Aufbluͤhen— die kleinen Hammer⸗ ſchlaͤge in den Knospen, den kleinen Schuß, wenn ſie aufſpringen— und was die Käfer und die Wuͤrmer und die Tauſende von kleinen geflugelten Leuten dazu ſagen moͤgen— und wie ſie die ſtaubgroßen Flugelchen vor Luſt ruͤhren, daß ſie ſo ſchoͤne Spaziergaͤnge machen koͤnnen— wer das hoͤren konnte, Großvater, der muͤßte die ſchoͤnſten Verſe, die ſchoͤnſten Tone dazu hoͤren!“ Thomas Thyrnau freute ſich ihrer belebten Stim⸗ mung, die ihm ein Anklang ihrer fruͤheren kindlichen Heiterkeit ſchien, aber ſeine Augen waren ſeitwaͤrts ge⸗ wandt, wo die breite vom Monde erhellte Landſtraße nach Prag lag. Es ſchien ihm ſich etwas darauf zu bewegen, und nach einiger Zeit kam es naͤher, und er glaubte nun einen Trupp Reiter zu erkennen. Dies beſtaͤtigte ſich; es waren vielleicht ſechs Reiter in zwei geſchloſſenen Reihen, und voran ritt wahrſcheinlich der Anfuͤhrer und ein Offizier an ſeiner Seite. Sie ſchienen die ſchoͤne Nacht zu genießen. Alle ritten langſam, und die Pferde gingen bequem, als ob ſie Niemand lenke. Als ſie naͤher kamen, ſagte Thyr⸗ nau laͤchelnd:„Podiebrad! Podiebrad! es naht ſich ein Ueberfalls⸗Corps der Feſte Karlſtein, und Du und 181 Deine Ritter ruhen in dem weichen Flaum des Bettes — wo ſind die Waͤchter, die ihr Tod verheißendes „Fern! fern von der Feſte, daß Dich kein Pfeil er⸗ reicht!“ hinaus rufen? Wenn dieſe Schaar die Gatter und Thore verfehlt und den Weg erblickt, den Mutter Grimſchuͤtzens Kuh ſo ſanft geebnet, ſo iſt die Feſte uͤberrumpelt und Podiebrad wird im Nachtrock Ge⸗ fangener.“ Die beiden voran reitenden Offiziere waren in die Betrachtung des Karlſteins vertieft, der auch wahr⸗ ſcheinlich in dem hellen Mondſchein gegen den Wald gelehnt, mit ſeinen impoſanten Maſſen einen herrlichen Anblick gewaͤhren mochte. Sie hielten die Pferde an, um den Anblick zu genießen, und der Erker, wo Thyr⸗ nau und Magda ſtanden, der im Schatten des Schloſ⸗ ſes gelegen und die erleuchteten Fenſter hinter ihnen hob, ſchien ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln— der eine Herr nahm ein Fernglas— dann ſchlug er den Man⸗ tel zuruck und wehte mit einem weißen Tuche. „Ich weiß, wer es iſt,“ ſagte Magda—„wer ihn einmal ſah, vergißt ihn nicht! Es iſt der Erbprinz — gieb Acht, er hat uns auch erkannt.“ Der Offizier gab ſeinem Gefolge ein Zeichen— ſogleich ertoͤnte eine luſtige Fanfare aus einer Trompete, er ſetzte ſein Pferd in kurzen Galopp und war bald un⸗ 182 ter dem Erker— doch war die Hoͤhe zu bedeutend, um der Mittheilung mehr als Ausrufungen zu geſtatten, die kaum verſtaͤndlich waren, und ſo flog denn unter dem Geſchmetter der Trompeten der ganze Trupp um das Schloß herum nach dem Eingang. Hier befand ſich die Mannſchaft, welche auf Wache war, ſchlecht armirt und mehr von Neugier als Dienſt⸗ eifer getrieben in einem bunten Haufen beiſammen. Der Graf von Paſterau, der zufaͤllig ihr Wachthaben⸗ der fur dieſe Nacht ſein ſollte, hatte ſie ſchnoͤde verlaſ⸗ ſen, da er den Weg nach Budnian der langweiligen Nacht im Wachtzimmer vorgezogen, und ſo beſchloſſen ſie arglos, und ohne Zweifel, die wahre Lage der guten Feſte beſſer erkennend, als ihre Oberen, den fremden Gaͤſten die Pforten zu offnen. Dieſe zogen nun ſaͤmmtlich in den Hof und ſo wie der Befehlshaber vom Pferde geſprungen war, rief er mit dem Tone, der uͤberall Gehorſam findet, man ſolle ihn nach der Wohnung des Herrn Thomas Thyrnau fuͤhren. Magda hatte ſich nicht geirrt— wenige Augen⸗ blicke ſpäter dräͤckte der Erbprinz von S. ſie und Thyr⸗ nau an ſeine Bruſt und ſeine zaͤrtliche Freude fand keine Worte— immer nur blickte er Beide an, als koͤnne er das Gluͤck ihres Anblicks nicht auskoſten. 183 Unterdeſſen hatte ſich die Fanfare der Trompete in die Traͤume des Grafen von Podiebrad eingeſchlichen und hatte aus einigen alltäglichen Gebilden des Tages ihm glucklich zu einem hoͤchſt heftigen Angriff der ſieben Baſtionen vor Jeruſalem verholfen, als die Fanfare im Hofe ihn auch dieſer muthigen Scene beraubte und er in ſeine Decken gehuͤllt ſich auf ſeinem weichen Lager erwachend fand. Noch einmal wiederholte ſich der Ton und ſogleich ſprang Podiebrad mit zwei Saͤtzen bis zum Fenſter und hier— o welch' ein Augenblick!— hier zeigte ſich der Anblick fremder, bewaffneter Truppen, untermiſcht mit der Beſatzung, welche entwaffnet war. „Heil'ger Gott!“ ſchrie Podiabrad—„wer that mir das? Die Feſte iſt genommen, waͤhrend Podiebrad der Ruhe pflegte— mein Kopf dem Beil verfallen!“ Der ungluckliche Traͤumer erlebte wirklich die Qua⸗ len, die nur vor vierhundert Jahren mit allen damals vorhandenen Gruͤnden das Herz ſeines Ahnherrn zu durchdringen vermocht hätten, und es war ſein nach⸗ ſtes Gefuhl, ſeine Kleider uͤberzuwerfen und mit dem Degen in der Fauſt Alle zu vertreiben, die eingedrun⸗ gen, und vielleicht ſo durch einen ehrenvollen Tod die Schmach zu loſchen, die er jetzt an ſeinem Namen haf⸗ ten ſah. 184 Im Begriff jedoch, den Degen umzuſchnallen, oͤffnete ſich die Thuͤr und von den Licht tragenden Die⸗ nern gefolgt trat der Erbprinz von S. zu ihm ein, der Thyrnau's Wunſche nachgegeben hatte und jetzt ſelbſt kam, um dem Grafen von Podiebrad, deſſen ganzen Zu⸗ ſtand ſich Thyrnau denken konnte, ſeine Entſchuldigun⸗ gen und Aufklaͤrungen zu bringen. Podiebrad war ſeit zu langer Zeit aus der Welt verſchwunden geweſen, um den Erbprinzen zu kennen— er richtete ſich alſo wild empor und die Hand am Degen ſtuͤrzte er auf den Prinzen zu und rief faſt erſtickt von Bewegung:„Heran Verraͤther— hier bin ich, um Re⸗ chenſchaft zu fordern und mit meinem Leben dieſe Schmach abzuwaſchen und Jeden zu vertreiben mit meiner eignen Fauſt und dieſer Klinge, der es gewagt, die heil'ge Feſte zu uͤberrumpeln.“ „Gemach! gemach, mein alter Kamerad!“ ſagte der Prinz mit ſeiner hellen klaren Stimme, die ſo menſchlich friſch gegen den duͤſtern Ton des erhitzten Traͤumers klang, daß Podiebrod dadurch noch mehr als fruͤher einem Geſpenſte aͤhnlich ward. „In Wahrheit ſeid Ihr, mein beſter Graf von Podiebrad, in dieſem Augenblick noch eben ſo unbe⸗ ſtritten der ehrenwerthe und alleinige Gouverneur des Karlſteins, als da Ihr Euch geſtern zur Ruhe begabt, 185 denn ich, der Erbprinz von S., komme blos hieher, einen alten Freund zu beſuchen, und will Euer Excel⸗ lenz Gaſtfreundſchaft in Anſpruch nehmen, wozu ich außerdem die Erlaubniß Ihrer Majeſtaͤt habe.“ Podiebrad ſchleppte den gezogenen Degen auf der Erde und es ging viel Unangenehmes in ihm vor, denn es ward ihm unendlich viel ſchwerer, ſich in die einfachen Zuſtaͤnde, wie ſie ſich wirklich zutrugen, zu finden, als in die kuͤnſtlich erſchaffenen, in die er ſich hinein gewohnt. „Wenn die Sache ſo iſt,“ ſagte er langſam— „und ich den Erbprinzen von S. vor mir ſehe, ſo haͤtte ich blos zu wuͤnſchen gehabt, daß mich ein Vorangehen⸗ der Eurer Mannſchaft benachrichtigt haͤtte, und gewiß wuͤrde ich einen Empfang eingeleitet haben, der Ehre wuͤrdig.“ „Mit deshalb, um Euch nicht zu belaͤſtigen,“ ſagte der Prinz—„bin ich ſo unerwartet gekommen. Habt die Gͤte, mich zu entſchuldigen und fuͤr mein Gefolge das Noͤthige zu beſtimmen— ich ſelbſt habe ſchon Quartier gefunden bei meinem alten Freunde Thyrnau.“ Der Prinz eilte dieſer Ceremonie ſich zu entziehn und theilte fuͤr dieſe Nacht das Schlafzimmer Thyr⸗ nau's, waͤhrend Podiebrad immer feſter uͤberzeugt ward, 186 daß der Gefangene eine hohe Perſon ſei— wobei er mit vieler Empfindlichkeit das Mißtrauen erwog, was man ihm allein zeige, indem er noch immer nicht im Stande war zu ergruͤnden, wen er vor ſich habe, da auch das junge Weib— wie er annahm, zu eitler Ge⸗ ſchwaͤtzigkeit geboren— ſich durch nichts verrieth und eben ſo die alten Diener. „ 6 3 Der Prinz, der Lacy noch nicht kannte, machte am andern Morgen in dem Fruͤhſtuͤcksſaal ihres gemein⸗ ſamen Freundes mit großem Vergnuͤgen deſſen Be⸗ kanntſchaft, und erzaͤhlte nun auch Thyrnau, daß der Kourier, welche damals ſeine Ankunft auf dem Karl⸗ ſtein habe melden ſollen, nach langer Abweſenheit erſt nach Wien gekommen ſei, und zwar in einem ſo elen⸗ den Zuſtande, daß er den ganzen Winter krank gelegen. Er habe ausgeſagt, daß er in der Gegend von Karl⸗ ſtein uberfallen worden, daß man ihm ſeine Depeſche abgefordert und als er ſie verweigert zu geben, von den Raͤubern ſo grauſam gemißhandelt worden ſei, daß man ihn wahrſcheinlich fur todt gehalten. Als ihn Land⸗ leute fanden, war er gaͤnzlich entkleidet, aber die Klei⸗ der wieder uͤber ihn geworfen und nichts fehlte ihm als die Depeſche. Die Leute, die ihn fanden, hatten ihn auch verpflegt und ſo war es ihm endlich gelungen, nach Wien zuruͤck zu kehren. „Dies Attentat hat den Karakter einer Perſoͤnlich⸗ keit gegen Thyrnau,“ ſagte Lacy—„es ſcheint, als ob man Dich dadurch in Verlegenheit habe bringen wol⸗ len, was denn auch hinreichend erfolgt iſt Thyrnau lachte herzlich auf und ſagte dann:„Ich muß Euch nur geſtehn, daß ich längſt daruͤber außer Zweifel bin. Als ich hierher reiſte, habe ich oft bei beſchwerlichen Wegen mit Magda, der das Gehen mehr zuſagte, Fußpfade geſucht, und unter den Perſonen, denen wir dort begegneten und zweimal ſogar in den Haͤuſern, wo wir anhielten, war ein alter ſehr ver⸗ daͤchtiger Bekannter, den die beſonders weiſe Gerechtig⸗ keitspflege eines gewiſſen Prinzen neuerdings bei drin⸗ gendem Verdacht eines Mordverſuches vorzog, entſprin⸗ gen zu laſſen.“ „Iſt es moͤglich? was ſagſt Du?“ rief der Erb⸗ prinz lebhaft—„von dorther ſollte dies kommen?“ „Nun ja,“ ſagte Thyrnau—„ich zweifle nicht— außerdem ſcheint es mir, werden wir, obgleich hier jetzt inſtallirt und vollſtaͤndig geſichert, doch nicht unbeobach⸗ tet gelaſſen.“ „Haſt Du das auch gemerkt?“ tief Magda— 188 „Bin ich allein mit Gundula gegangen, iſt mir immer derſelbe Bettler begegnet, der mich immer bereden wollte, mit ihm Wald einwaͤrts zu ſeiner Huͤtte zu gehn und ſeiner kranken Frau ſelbſt Huͤlfe zu bringen. Aber ihm habe ich das, was ich Niemand abſchlagen wuͤrde, immer verweigert, denn ich hatte Scheu vor ſeinem ſonderbaren Blick, der ſo wild war und ſo ſehr ſich noch verduͤſterte, wenn ich mich weigerte mit zu gehn. Gundula hatte auch Furcht vor dem Geſellen und Beide glaubten wir ihn ſchon geſehn zu haben— jetzt weiß ich auch wo.“ „Um Gotteswillen! dann iſt ja Magda in Gefahr,“ rief der Prinz—„ſicher hat man Abſichten auf Dich, mein geliebtes Maͤdchen— und warum verſchwiegſt Du das Deinem Großvater?“ fuhr er vorwurfsvoll fort—„er wuͤrde Dich ſicher alsdann beſſer behuͤtet haben und Dich nie in ſo geringer Begleitung haben gehen laſſen.“ „Bezo iſt immer in der Naͤhe, wo ich bin,“ ſagte Magda gleichgultig— wozu ſollte ich meinen lieben Alten aͤngſtigen— ich konnte mich ſelbſt bewahren.“ „Auch hat Magda hier im Schloſſe, wo Alles nach den Sitten der Kreuzfahrer gethan wird,“ ſagte Thyr⸗ nau—„eine unſichtbare Escorte, die das Geluͤbde gethan hat, die Jungfrau, welche dieſer Feſte anver⸗ 189 traut iſt, vor jeder Unbill maͤnniglich mit allen Waffen zu Fuß und zu Roß zu uͤberwachen— da vermuthet ſie denn nicht ohne Grund immer irgend einen Ritter in ihrer Naͤhe, welcher mehr auf den gehofften Huͤlferuf aus ihrer Kehle horchen wuͤrde, als auf die ſuͤßen Toͤne der Nachtigall.“ „Du! Du!“ rief Magda lachend—„da verſpot⸗ teſt Du mir wieder meinen Trautſohn! O,“ ſagte ſie lieblich zum Prinzen gewendet—„wenn Du den ken⸗ nen wirſt und hoͤren, wie gut er gegen mich iſt, dann nimm ihn in Schutz gegen den Großvater, der ihn im⸗ mer neckt, wenn er nicht dabei iſt— denn das glaube nur, wenn er ihn ſieht, da hat er ihn ſo lieb als ich— wer koͤnnte auch anders?“ Der Prinz uͤberließ ſich ganz der Seligkeit mit den Beiden zu leben, die ihm jetzt noch die Theuerſten auf der Erde waren, und es konnte nicht ausbleiben, daß dadurch Lacy's ſo ſchwer in's Gewicht fallende Gegen⸗ wart ein wenig neutraliſirt wurde, wodurch denn Alle mit leichterer Art in das gehoͤrige Gleichgewicht kamen. Dagegen trat bei Thyrnau und Lacy eine andere Befuͤrchtung hervor, naͤmlich die, daß der Prinz von ſeiner Zaͤrtlichkeit fuͤr Magda zu Wuͤnſchen verfuͤhrt werden moͤchte, die ihn ſowol wie dieſes theure Weſen zu neuen Stuͤrmen fuͤhren mußten. Es ſchien zuletzt, 6„ 190 er ſaͤhe nichts mehr als ſie, und das unendlich Epcen⸗ triſche, gluͤhend Leidenſchaftliche, welches ſein ganzes Weſen von Jugend auf durchdrang— ſeine Gering⸗ ſchaͤtzung gegen den Unterſchied der Staͤnde, die er ſchon einmal bewieſen— Alles ließ dieſe Befurchtung nicht unbegruͤndet erſcheinen. Es kam endlich unter Lacy und Thyrnau zur Sprache, und Lacy machte ſei⸗ nem alten Freund faſt Vorwuͤrfe, daß er den dazu ſo leicht verfuͤhrbaren Prinzen bewogen hatte, ſeinen Auf⸗ enthalt zu verlaͤngern, da dies Magda's Ruhe mit be⸗ drohte und der Prinz vielleicht bei Verlaͤngerung der Verſuchung in ihrer Naͤhe ſich ihr entdecken und ſie dann ihre ruhige Unbefangenheit verlieren werde. Thyr⸗ nau ſagte ihm dagegen, er habe dieſe Bitte doch wol berechnet und vielleicht fuͤr all' dieſe verkehrten Rich⸗ tungen die beſte Auskunft damit veranlaßt. Lacy hielt aber die Gefahr fuͤr Magda's Ruhe ſo dringend, daß Thyrnau ihm das Waͤchteramt uͤbertrug, dem ſich Lacy mit einiger Verlegenheit unterzog. Seufzend ſah ihm Thyrnau nach, als er ihn verließ.„Keine großere Ge⸗ fahr,“ ſagte er dann leiſe—„als das Weſen vor un⸗ ſern Augen angebetet zu ſehn, dem wir beſchließen mußten zu entſagen!“ So kam es denn, daß Magda mit Lacy, dem Prin⸗ zen und Trautſohn, der ſich jetzt etwas dreiſter anſchloß, 191 auf ihrem Felſenſitz war und die Mutter Hirſchkuh mit den Zicklein gefuttert wurden, und das heitere, lebhafte beziehungsvolle Treiben waltete, das bei ſo viel bethei⸗ ligten Herzen ſtatt finden mußte und jede aͤußere Veran⸗ laſſung, zu einem Dienſte umwandelte fuͤr das lebhaft erregte Gefuͤhl.— Das ſchwarze Boͤcklein machte wie immer den Luſtigmacher und hatte ſich gar verwegen angenommen, mit ſeinen immer hoͤher ſproſſenden Hoͤrn⸗ lein zu zucken, welches ihm faſt Mienenſpiel gab und dem klugen Geſellen ſtand, als wiſſe er, daß man ihn zum Spaßmacher erſehn habe. Er hatte ſich angewoͤhnt, von dem Futter, wie er immer that, fortzuſchießen und heute durch die kleine Feisthuͤr den Laubweg hinunter zu jagen. Dies hatte denn viel Gelaͤchter erregt, und er that es immer wieder und kam dann eben ſo ſchnell zu⸗ ruͤck— das letzte mal aber mit einem ſolchen Luftſprung, daß es ſchien, er werde gejagt— ſogleich hoͤrte man in die Haͤnde klopfen, und nun ſprang faſt eben ſo raſch als das gejagte Boͤcklein eine junge Dame ihm nach, welche alles Andere uͤberſehend laut jubelnd S 2 „Da iſt es! Da iſt es!“ Das Boͤcklein aber ſetzte uͤber die Briſtuns und war im Nu auf dem Abhange, der von der Plattform getrennt lag— jetzt wandte ſich die Bame und Alle er⸗ kannten die ſchöne Prinzeſſin Thereſe.— Magda ſaß „ 192 neben der weißen Hirſchkuh und hielt ihr das Futter vor, welches der Prinz, der niedergekniet war, ihr bereit hielt— Trautſohn ſaß dicht neben ihr— und Lacy ſtand mit über einander geſchlagenen Armen vor der Gruppe und ſeine Augen wurzelten darauf. „Welche Idylle!“ rief die Prinzeſſin und erkannte augenblicklich den Herzenszuſtand aller Anweſenden— beinah heftig rief ſie dann:„Magda, erkennſt Du mich nicht?“ Dieſe war ſchon aufgeſprungen und lief ihr eben in die Arme— ihre Freude war ſo rein— ſo zaͤrtlich — ſo lange hatte ſie den Anblick einer befreundeten Frau entbehrt und die Prinzeſſin war eben ſo ſchoͤn! Das ſagte ihr Magda— und ließ ſie los, als muͤſſe ſie ſie recht betrachten— dann ſah ſie ſich um und die Haͤnde zuſammenſchlagend, rief ſie dem Prinzen zu:„Ach! wie ihr das kleidet, ſo praͤchtig zu ſein hier auf dem Felſen unter den Baͤumen!“— Daß Magda das ſagte, nahm den Staar von des Prinzen Auge fort— er erkannte jetzt, daß ſie entzuckend ſchoͤn ſei— und der Prinzeſ⸗ ſin war es ſchon recht, wie kagda ſie empfing— ſie lachte anmuthig und ſtrich die langen gruͤnen Federn ihres Reiſehutes uͤber die Schultern, die aus dem gruͤ⸗ nen Sammt der Jagdrobe wie Blutenſchnee auftauch⸗ ten, und gruͤßte Alle mit jener ſcherzenden Gravität, die ihr ſo wohl ſtand, den Ton mit ihr gleich anzudeuten ſchien und jede Spannung aufhob.„Und Claudia?“ fragte Lacy, ſich ihr nahend—„ich hoffe, ſie iſt hier, und ich werde ſie gleich ſehen koͤnnen.“ „Wenn Sie ſich umwenden,“ ſagte eine geliebte Stimme— und Claudia und Thyrnau waren zu den Uebrigen getreten. Lacy begruͤßte ſeine Gemahlin mit einer Innigkeit und Liebe, daß die ſanfte Claudia, die mit einem erhoh⸗ teren Herzſchlag ihren Gemahl in Magda's Nahe wie⸗ der zu ſehn kam, kaum die Thranen zuruckdraͤngen konnte und die Prinzeſſin abermals leiſe ſagte:„Ich glaube wahrhaftig, er liebt ſie!“ Auch Magda hatte fur dieſen Empfang Augen ge⸗ habt, und ſie ſagte mit einem tiefen Seufzer:„Wie glucklich muß man durch ſeine Liebe werden koͤnnen.“ Die geſellſchaftlichen Formen, die bei der Vereini⸗ gung ſo vieler Weltmenſchen augenblicklich eintreten mußten, begannen ihr Nivellirungsgeſchaͤft uͤber das wellenartig geſtaltete Teßpain des Innern auszuuͤben. Jeder war faſt in einer geſpannten oder leidenſchaft⸗ lichen Aufregung— Alle hatten etwas zu verbergen— Viele ſtrebten einem Ziel entgegen und beobachteten, was ſie hindern oder foͤrdern koͤnnte. Vor Allen aber bemaͤchtigte ſich die Prinzeſſin Thereſe der ge⸗ Thomas Thyrnau II. 3te Aufl 3 13 194 ſelligen Ordnung; ſie that es am freiſten und un⸗ befangenſten, denn ſie ſchonte die Wahrheit am wenig⸗ ſten, und obwol ihre innere Aufregung nicht die geringſte war, beherrſchte ſie doch— zu Anfang mindeſtens— ihr tief ergriffenes Gefuͤhl, und nur die verſchwiegene, mit muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit ihr hin⸗ gegebene Graͤfin von Hautois haͤtte uͤber den aͤußerlich leicht und heiter erſcheinenden Zuſtand der Prinzeſſin andere Auskunft geben koͤnnen. Da der Graf von Podiebrad durch den hohen und alten Rang ſeiner neuen Beſatzung verſoͤhnt ward mit deren Gegenwart, dachte er in der großen Aufregung, welche ihm ſo ungewohnte Verhaͤltniſſe machten, nur daran, wie er ſich ihnen gemaͤß mit der vollen Behaup⸗ tung ſeiner Wuͤrde zeigen wollte, und da ſein Vermo⸗ gen ihm keine Beſchraͤnkungen auferlegte, wollte er dem Prinzen und der Prinzeſſin Feſte geben, wenigſtens große Tafel halten und die Letztere, welche ſich unend⸗ lich amuͤſirt zeigte durch die Turnier-Courbetten des untadligen Beſatzungscorps, beſtand darauf, daß man Alles annehme und die Herren ſo viel als moͤglich in den Bereich der anberaumten Geſellſchaftsſtunden hinein⸗ zoͤge. So war der ſtille Sit der Froͤmmigkeit, der tiefſinnigſten und erhabenſten Geluͤbde, das vollendetſte Myſterium der Einſamkeit, umgewandelt zu einem Tummelplatz zaͤrtlicher Leidenſchaften, getragen und ver⸗ borgen unter einer Geſelligkeit, welche die verſchieden⸗ artigſten Individualitaͤten umſchloß und vielleicht grade darum ein nicht erlahmendes Intereſſe unterhielt. Thyrnau, der ſich durch nichts aus ſeinem Gleiſe bringen ließ, hatte doch fuͤr Alles Zeit— und am un⸗ eigennuͤtzigſten und faſt von Allen blos um ſein ſelbſt willen geliebt, war er immer der Mittelpunkt, um den ſich Alle ſammelten und der mit ſcharfer und ſchneller Beobachtung und der ihm voͤllig ſichern Erfahrung in faſt allen Zuſtaͤnden des Lebens, die um ihn ſich bilden⸗ den Verhältniſſe durchkreuzte, ſie zurecht ruckte oder ihnen nachhalf. Magda's Zuſtand war ihm dabei immer das Wichtigſte; er hatte vor ihren Gefuͤhlen eine Art Achtung, wozu noch ihr entſchiedener und ungewoͤhn⸗ licher Karakter kam, der ſehr haͤufig ſeine Erfahrungen durchkreuzte, ihn oft in Spannung und Erwartung hielt und keineswegs vorher beſtimmen ließ, wie ſie die Dinge nehmen werde. Er ſah ſie belebt und erhei⸗ tert, oft wie von einem neuen Feuer gluͤhend und ver⸗ klärt und als waͤre ſie mitten in einer großen geiſtigen Entwicklungsepoche, welche auf die Entfaltung ihrer Schoͤnheit, ihrer Jugend Einfluß ausuͤbe. Aber ſie war zugleich, wie ſie von den Mainaͤchten geſagt hatte, in ihnen mit ihrem innern Triebe verſenkt, und er ge⸗ 13* 196 wahrte ſie oft in tiefes Lauſchen verſunken und ſah, wie der nahende Morgen ihr erſt Ruhe gab. Wenn ſie dann andern Tages aus ihrem Schlafzimmer in Thyr⸗ nau's Arbeitszimmer trat, ſchwebte ein tiefer heil'ger Ernſt um ihre Zuͤge, und wenn Thyrnau ſie mit ihrem langen Nachtwachen neckte, ſenkte ſie ihr Auge in das ſeinige und ſagte einmal:„Ich habe das nothig, denn mir fehlt das Geſchick in dem lauten Leben da unten, wo Alle ſprechend denken, ſo wohl geordnet zu bleiben wie die Andern vielleicht, die daran gewoͤhnt find— ehe ich dann aufgeraͤumt habe, kommt mir der Schlaf nicht, und das Gebet vorher wird mir geſtoͤrt.“— So wie ſie ſich ſelbſt verwahrte, durfte er ſie aber auch wal⸗ ten laſſen; er zweifelte nicht, daß Lacy's Gegenwart ihr Gefuͤhl fuͤr ihn vermehre, und oft ſah er, wie ein unbe⸗ ſchreiblicher Zug von Wehmuth und Melancholie ihr Antlitz beſchlich, wenn ſie aus dem gluͤcklichen Gefuͤhl der Gemeinſchaft mit ihm, wie es ihr das geſellige Le⸗ ben darbot, erweckt wurde— durch eintretende Bezie⸗ hungen zu ſeiner edlen Gemahlin. Zwiſchen dieſer und Magda war ein ſcheuer Liebesverkehr eingetreten— ſie wagten oft kaum ſich ſo zu bezeigen, als ſie es wuͤnſch⸗ ten und fuͤhlten— ſie waren innig zaͤrtlich— und flohen dann wieder einander: das vorwaltendſte Ele⸗ ment ihrer Bruſt mußten ſie vor einander verbergen, — dieſe groͤßte Uebereinſtimmung ihrer Gefuͤhle wollten und durften ſie ſich nicht eingeſtehn. Wo aber Magda Rath und weiblichen Beiſtand bedurfte, floh ſie zu Claudia, und dieſe hegte das geliebte Weſen und wandte im Voraus von ihr ab, was ſie in Verlegenheit bringen konnte. Dazu fand ſich manche Veranlaſſung, denn Magda war das Augenmerk von Vielen, und ſtets von der herausfordernden Prinzeſſin blosgeſtellt, fuͤhlte ſie ſich oft verletzt, ohne ſich ſchnell und geſchickt helfen zu koͤnnen. Die Laune der Prinzeſſin war von ſo wunder⸗ barem Wechſel von Guͤte, Muthwillen, edlem Geiſte und trivialem Weltgeſchwaͤtze, daß Magda ſich von ihr ange⸗ zogen und beſchaͤftigt fuͤhlte, und oft ihr Erſtaunen und ihre Bewunderung nicht zu unterdruͤcken vermochte, wenn ſie ihr auch in nichts nachzuahmen wuͤnſchte, oder vermocht haͤtte. Nach einer langen und ernſten Unter⸗ redung des Prinzen mit Thyrnau, die dieſer ſchon an demſelben Abend veranlaßte, wo die Damen angekom⸗ men waren, ſah man den Prinzen zu Anfang in tiefe Traurigkeit verſinken und ihn dann zu der liebenswuͤr⸗ digen Ruhe zuruͤckkehren, die ſeine Gegenwart ſo anzie⸗ hend machte, da ihr eine hohe Waͤrme des Herzens zum Grunde lag und ein ſprudelnder Enthuſiasmus ſie er⸗ heiternd unterbrach. Die Prinzeſſin hatte gegen ihn eine Nuance, die ihr kein Anderer abgewannz ſie hatte 198 eine leichte Schuchternheit mit ihm— eine Stille ſchien in ihr einzutreten, wenn ſie in unmittelbare Beziehung zu ihm trat— ſie war nachdenkend und ſagte dann oft Dinge, die ihren hohen Geiſt, ihr edles Herz ver⸗ riethen. Lacy ſchien an ihrer Theilnahme zu verlie⸗ ren und dieſer behielt alle Zeit, ſich mit Claudia zu beſchaͤftigen, die neben zwei der ſchoͤnſten weiblichen Weſen immer denſelben Rang in dem Herzen ihres Gatten zu behaupten ſchien und dadurch alle Verſcho⸗ nerungen des Gluͤcks erfuhr, und die Freiheit des Geiſtes behielt, die ihre liebenswurdigen Fäͤhigkeiten ſich ent⸗ wickeln ließ. Dazwiſchen trat nun Podiebrad mit dem Beſtreben, ſeine Disciplin feſtzuhalten und ſeine Niederlagen vor dem Zauber dieſes lang entbehrten weiblichen Umgangs mit alten Anfuͤhrungen aus den Statuten der Kreuz⸗, Tempel⸗ und Malteſer⸗Ritter, in welche er ſich in den Zwiſchenzeiten begrub, zu erklaͤren und in das Licht ihm obliegender Pflichten zu ſtellen. Wie oft ihn nun auch die Prinzeſſin mit dem ganzen Verhau, den er muͤhſam aufgebaut, uͤber den Haufen rannte und ihn dann fortriß, Alles zu thun und geſchehn zu laſſen, grade wie ſie es wollte— er fand ſich nach geſchehener That immer wieder auf dem alten Standpunkt ein und dies war auch eigentlich, was die Prinzeſſin wollte. 199 Entſetzlich war es Magda, daß ſie nun auch den Grafen Matthias wiederſehen mußte, vor dem ſie eine große Scheu empfand. Der naͤchſte Tag naͤmlich ver⸗ ſammelte die ganze Geſellſchaft bei dem Gouverneur zum feierlichen Banket und hier erſchien der Graf Matthias unter den Andern. Aber wenn keiner der hoͤchſt ehrenfeſten Ritter des Karlſteins dem lang ent⸗ behrten Vergnuͤgen einer ſolchen Geſellſchaft widerſtand und man an Allen ein veraͤndertes und von dem ſelbſt beſchaͤftigten Podiebrad uͤberſehenes Betragen wahr⸗ nehmen konnte— trat dieſer Fall doch nicht bei dem Grafen Matthias ein, welcher trotz ſeiner Jugend und Schoͤnheit dem Grabe verfallen ſchien und auf deſſen bleichem Antlitz ſich ein duͤſterer Ausdruck von abge⸗ ſchloſſener Menſchenfeindlichkeit und fanatiſchem Eigen⸗ ſinn zeigte. Er blickte faſt nicht vom dem Kreuze ſeines Degens auf und zog ſich auf eine Weiſe zuruͤck, die ſelbſt dem Alles beachtenden, fuͤr Jeden ein ausreichen⸗ des Wort findenden Thyrnau ein naͤheres Geſpraͤch mit ihm unmoͤglich machte. Deſſenungeachtet ſah Thyrnau, daß Magda's Stimme, wenn ſie zu ſeinem Ohre drang, ihn zuſammen ſchaudern machte, ja er ſah, wie er oft von dieſem Ton verfuͤhrt ihren Anblick ſuchte, um dann wieder in ſein duſteres Bruͤten zuruckzufallen. Noch am ſelben Abend forderte er es vom Prinzen, dieſem jungen Manne ein Kommando zu verſchaffen, welches ihn mit Gewalt aus dem Farlſtein entferne, und laͤ⸗ chelnd ſah der Menſchenkenner, wie beſonders bereit⸗ willig ſich der Prinz dazu zeigte, da er ihm zugleich die Beziehung deſſelben zu Magda anvertraut hatte. Nach dieſem feierlichen Tage bei Podiebrad erfolg⸗ ten abwechſelnde Einladungen und die Prinzeſſin wollte nun auch ihr Feſt geben und nachdem ſie den Tag vor⸗ her mit Lacy, dem Freiherrn von Galbes und Trautſohn ausgeritten war, erklaͤrte ſie: ihr Feſt ſolle im Freien ſtatt finden und Alles muſſe ſich zu Pferde dahin be⸗ geben. Mehr konnte wol der Mai ein Feſt nicht beguͤnſti⸗ gen, wozu man ihn als Decorateur und Lampier er⸗ korenz denn die Luft war von elaſtiſcher Friſche, die Strahlen der Sonne noch willkommen und belebend hinter dem leichten gelbgruͤnen Laube des Waldes, die Erde ſchon geſchmuͤckt mit den bunteſten Blumen, und das dunkle Moos mit den zarten hellgruͤnen Schoͤß⸗ lingen des Fruͤhlings gemiſcht. Ein Luͤftchen ruͤhrte ſich blos, wie es ſchien, um die Schleier der Damen anmuthig in der Luft zu kraͤuſeln und die Federhuͤte der Herren wogen zu laſſen, und als der Zug an dem Rande des Waldes bald durch ihn hin, bald auf der davor liegenden Wieſe, mit den ſchoͤnen Pferden und 201 in den heitern koſtbaren Koſtuͤmen dahin tanzte, ſchien es, der Mai habe ſie Alle zu ſeinem Dienſte er⸗ koren. Wohin die Prinzeſſin ſie fuͤhren wuͤrde, das erregte Neugier und Scherze, die ſie immer nach allen Seiten parirte— Alle aber wußten, daß ſchon geſtern große Wagen aus der Feſte nach dem geheim gehaltenen Luſt⸗ orte abgegangen waren, und noch immer kamen von Zeit zu Zeit geheimnißvolle Meldungen an die Prin⸗ zeſſin— und endlich als man in die Tiefe des Waldes eingebogen war, uͤbergab ſie Trautſohn das Kommando des Zuges und ſprengte, von Lach und Galbes beglei⸗ tet, in den Wald und ihren Gaͤſten voran. Trautſohn ritt dicht neben Magda, neben dieſer wieder Claudia, vom Prinzen von S. begleitet. Magda hatte heute ihre ſchwarze Kleidung mit einem ſchoͤnen Anzuge von Roſa⸗Seidenſtoff vertauſcht, den ihr die Prinzeſſin mitgebracht hatte und an ihrem Goldnetz einen luftigen Schleier befeſtigt, da ihr ſchoͤnes Haupt durch Thyrnau's Willen gegen die Mode bewahrt blieb, und ſie weder Haube, noch, wie heute die Damen Alle, Huͤte tragen durfte. Schon laͤngſt aber hatte der Graf von Podiebrad Magda ein Geſchenk uͤberreicht, welches einer ſeiner Ahnherrn auf einer merkwuͤrdigen Eppe⸗ dition aus China mitgebracht und welches an wunder⸗ bar zierlich gedrechſeltem Elfenbeinſtiel einen kleinen Schirm in bunter Seide mit wunderlichen Malereien verziert, wie ein Dach gegen die Strahlen der Sonne in die Luft hielt. Dieſes Geſchenks hatte ſich Magda heute zu Podiebrad's Ehre bedient und Trautſohn, der erſt tief aufathmen mußte, als er ſie ſah, ſo hatte ſie ihm den Athem verſetzt, ſagte:„Wenn Du das Ding haͤltſt, wirſt Du ſchlecht mit den Zuͤgeln fertig werden, gieb ſie nur her, daß Dir kein Ungluͤck geſchieht.“ Damit hatte er ſie ſchon gefaßt und ritt freilich nun an ihrer Seite. „Magda,“ ſagte Claudia wohlgefaͤllig—„Du ſiehſt aus wie ein Gedicht, was ich las, wo die Fabel in den Wald ritt zur Winterzeit, und uͤberall, wo ſie ſich nur von fern zeigte, bluͤhte Alles auf und in dem ganzen Walde wurde Fruͤhling— denn, ſagt mein⸗ Dichter— ihre Augen waren belebend wie die Sonne, und ihr Athem wie der Thau des Himmels.“ „Das macht mein Kopfputz,“ ſagte Magda— „der ſo fremd iſt jetzt, und dann vollends mein kleines Zauberdach uͤber mir, und das farbige Kleid— das Alles biſt Du nicht an mir gewohnt und mag wol fa⸗ belhaft ausſehn.“ „Nun das nicht allein,“ fiel raiuſuhn ein—„ich glaube, Frau Graͤfin, Magda koͤnnte es mit der Fabel 203 aufnehmen— wollte ſie nur einmal, der Winter wi⸗ derſtaͤnde ihr auch nicht!“ Alle lachten und Trautſohn lenkte nun in eine Schlucht ein, die wallartig einen Hohlweg bildete, der mit feinem Nadelholz bewachſen warz dann ſtieg der Weg immer zwiſchen hohen Kiefern und Lerchenbaͤu⸗ men ſich hindurch ziehend, und ploͤtzlich lenkte er um eine maͤßige Felswand und vor der uͤberraſchten Geſell— ſchaft hielten ſie vor einem ſanft anſteigenden Felſen⸗ plateau, auf deſſen ſammtgruͤnem Moosgrunde eine kleine graue Burg emporſtieg, welche Alle mit dem Ausruf: Karlik— begruͤßten. Alle ſammelten ſich, auf das Angenehmſte äber⸗ raſcht, auf dem Punkte, von welchem man den reizen⸗ den Anblick genoß, und laut rief man der Prinzeſſin Beifall zu, denn man ſah, hierhin habe ſie ihr Feſt verlegt und ſie ſelbſt zeigte ſich auch ihren Gaͤſten ſchon als Inhaberin der Burg. Dieſe lag aber noch jenſeit eines waſſerreichen Grabens, welcher mit den jetzt ver⸗ ſunkenen Waͤllen einſt die Wohnung der Kaiſerinnen geſchutzt hatte, und die kleine Zugbrucke, die daruͤber wegfuͤhrte und nach der andern Seite zu lag, ſenkte ſich erſt, als laute Trompeten⸗Fanfaren die Ankunft der Gaͤſte verkuͤndigten⸗ Es gab nichts romantiſcheres, als dieſe kleine Burg, 204 die nicht viel mehr als eine Ruine war und grade nur ſo viel aufrecht erhalten hatte, um eine augenblickliche Taͤuſchung uͤber ihre Epiſtenz zu geben. Der Wald umhegte ſie nach den drei groͤßten Sei⸗ ten, nur der hoͤchſte und am beſten erhaltene Thurm trat auf einer breiten Lichtung des Waldes hervor, welche zugleich zeigte, daß hier die Burg auf einer be⸗ deutenden Hoͤhe lag und den Wald wie die angrenzende reizende Gegend beherrſchte. Dieſer Thurm grenzte an das Hauptgebaͤude und hatte den Erker, von dem man den Karlſtein ſehen konnte. Vor ſeinem Fuße ward die Zugbruͤcke ſichtbar, uber welche die Geſellſchaft jetzt mit heiterm Sinne zog, die reizende Prinzeſſin begruͤßend, welche, Lach und Galbes an ihrer Seite, von dem klei⸗ nen Erker hernieder ihre Gaͤſte willkommen hieß. „Es giebt nichts liebenswuͤrdigeres, als die Prin⸗ zeſſin,“ ſagte der Erbprinz von S. zu Frau von Hau⸗ tois, welche mit Thyrnau eben die Bruͤcke paſſirte— „dieſe Friſche des Geiſtes hat den Zauber, den nur ein ſchoͤnes Herz verleiht.“ „Ja,“ ſagte die alte Dame raſch und feurig— „nur wer ihrem Herzen vertraut, wird den ganzen Werth dieſes herrlichen Weſens begreifen koͤnnen.“ Als ſie Thyrnau vom Pferde hob, druckte ſie ihm ſchnell die Hand und ſagte leiſe:„Endlich!“ Thyrnau lachte und ſagte:„Ihr alten Damen be⸗ kommt immer noch einmal alle Schauer und alle Qualen der Liebe, welche die Jugend hinter Euch legt, wenn Ihr irgend eine Tochter oder einen Pflegling mit gehoͤ⸗ rigem Erfolg in dieſelbe Sphaͤre hinein jagen moͤchtet.“ Indeſſen traten ſie in den gothiſchen Spitzbogen der Eingangspforte und befanden ſich, nachdem ſie eine ge⸗ woͤlbte Vorhalle durchſchritten, auf dem Burghof, um den ſonſt die Gemaͤcher der Frauen herum liefen. Die zierlichen Spitzbogen ihrer Fenſter zeigten ſich jetzt ohne Scheiben, aus ihren Rahmen hingen Epheu und Schlinggewaͤchſe nieder, oder die leicht ſich ſaͤende Birke und Weide regte ihr lispelndes Laub an der Stelle, wo ſonſt das muntere Geſpraͤch der Jugend ſich hoͤren ließ. Der Raſen war kurz geſchoren und mit großem Geſchick hatte man junge Birken gefaͤllt, und durch eingegrabene Baͤume gehalten war eine Naturtreppe gebildet, die gleich in ein breiteres Fenſter, welches bis zum Fuß⸗ boden erweitert war, den Eingang zu dem gewoͤlbten Banketſaal eroͤffnete, da die nach innen laufende Treppe zu verfallen war, um im Verlauf weniger Stunden hergeſtellt werden zu koͤnnen. An dieſem zur Thuͤr verwandelten Fenſter ſtand die Prinzeſſin und reichte mit der jubelnden Luſtigkeit eines Kindes der edlen Claudia die Hand, welche, von dem Erbprinzen unterſtuͤtzt, die etwas ſchwierige Treppe hinanſtieg.. Wie angenehm war aber auch die Ueberraſchung, die dieſer ungewoͤhnliche Raum darbot! Jeder ſtieß einen Ruf aus, der ſein Entzuͤcken oder ſeine Ueber⸗ raſchung bezeigte, und die Prinzeſſin war außer ſich vor Luſt, daß ihr Alles ſo wohl gelungen war. Der Eßſaal, der ſeine fruͤhere Beſtimmung noch vollſtändig verrieth, war ein laͤngliches Viereck und hatte nach beiden gegenuͤber liegenden Seiten fuͤnf Fen⸗ ſter, von denen das mittlere, woran jetzt die Natur⸗ treppe angelegt war, ſicher fruͤher einen Balkon trug, da es groͤßer und breiter als die uͤbrigen war. Was auch die Zeit, von der Vernachlaͤſſigung beguͤnſtigt, hier bewirkt, die Waͤnde hatten noch ziemlich ihr Getaͤfel von ſtarkem Eichenholz erhalten und es zeigten ſich noch an einigen Stellen die feſten Baͤnke, die in den Waͤn⸗ den eingelaſſen waren. Die Fenſter waren zwar ohne Scheiben, aber die Kunſt haͤtte mit allem Vorhaben der Verſchoͤnerung nicht lieblichere Gewinde bilden koͤnnen, als hier der Epheu und die Brombeere mit ihren weißen Bluͤten und der Weißdorn mit ſeinen roſigen Knospen um die zierlichen architektoniſchen Formen ſchlang. Allen, die eintraten, zeigte ſich zuerſt dieſe Fenſter⸗ reihe und dahinter der maigruͤne Wald, den die Sonne 207 beſchien! Rechts aber am Ende des Saales war die Mauerwand ganz eingeſtuͤrzt und es hatte ſich nur noch der gewoͤlbte Bogen erhalten, in welchem ſie geruht und der wie durch ein breites Thor, umſpielt von der fleißig an ihm hinauf geklommenen Vegetation, den Blick in die Wieſengruͤnde zeigte, die mit den maleri⸗ ſchen Baumgruppen abwechſelten. Links aber grenzte der Saal an das beſt erhaltene Zimmer der Burg, an das Erkerzimmer der Kaiſerin, das die Ausſicht nach dem Karlſtein hatte. Was aber dieſen Eßſaal ſo eigen⸗ thuͤmlich heiter und erquicklich machte, das war— daß ſein Dach laͤngſt verſchwunden und der blaue Himmel das Ganze uͤberwoͤlbte. Unter dem Schutze ſeiner rei⸗ nen tiefblauen Decke hatte die Prinzeſſin die Tafel zu⸗ richten laſſen und nachdem man Schutt und Moder in der verfloſſenen mondhellen Nacht von ſeinem Fußboden geſaͤubert, hatte man Teppiche ausgebreitet, Lehnſtuͤhle und Schenktiſche mit reichem Geraͤth herbei geſchafft und dieſen phantaſtiſchen Raum— wo die Erinnerung an ſeine ehemaligen Bewohner die Phantaſie ſogleich ergriff— zu einer Taͤuſchung erhoben, die faſt mit der Luſt zugleich eine Art Feierlichkeit und Ruͤhrung in Allen hervorrief. Podiebrad litt am ſtärkſten unter dieſer Anfechtung und kaͤmpfte mit einem Wuſt von Erinnerungen, die ihm— Podiebrad den Burggrafen vor vierhundert Jahren vor Eleonora der Kaiſerin zeigten, wie er zu ihr in den Erker getreten war und im ſelbigen Saale zur Tafel geſeſſen. Er haͤtte ſich gern auf etwas Er⸗ zaͤhlbares beſonnen, was ſeine beſondere Berechtigung, die er in dieſem Revier ſich zugeſtand, auch den An⸗ dern darlegen ſollte, aber es entſchluͤpfte ihm Alles wieder in der Regſamkeit um ihn her und bei der Un⸗ zugaͤnglichkeit der Prinzeſſin, die ſeinen beabſichtigten Anlauf ahnend, ihn immer, ehe er im Buͤgel ſaß, ſchon wieder aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. „Ach! Du biſt praͤchtig!“ rief dagegen Magda, die Prinzeſſin liebkoſend—„Dir dient Alles! Die Vergangenheit leihet Dir ihre Traͤume und Du zau— berſt eine Gegenwart daraus, wie ſie kein Anderer. moͤglich haͤlt, wie ſie nun Jeder wenigſtens moͤchte ge⸗ traͤumt haben und die doch ein Zauberkreis iſt, den Du allein um uns zu ziehen wußteſt.“ Beide waren ſo ſchoͤn neben einander— die Prin⸗ zeſſin horchte immer auf Magda's Lob— ſie ſah ſich gern von Frauen gelobt— Maͤnnerlob hatte ſie uͤber⸗ hin— jenes gewann ſie ſchwerer und nur von ganz unſchuldigen oder ganz Hochgebildeten. Dazwiſchen lag aber die Menge, die am allerſchnellſten verurtheilt. Jeder trat in Eleonora's Erker— wo noch der 209 Kamin von grauem Marmor und die Holzwaͤnde und der Fußboden erhalten waren, weil die dicken Mauern des Thurms ſie geſchuͤtzt und gedeckt— man auch zu verſchiedenen Zeiten die Fenſter erneuert hatte. Ein Betpult mit dem Kniebaͤnkchen war noch vorhanden und ein Schraͤnkchen klaffte ohne Schloß aus der Wand ent⸗ gegen— in einer Niſche ſah man noch eine eiſerne Stange mit Ringen, an denen ganz oben einige Laͤpp⸗ chen farbloſen Damaſtes hingen. Das war die Schlaf⸗ ſtelle der hohen Frau, und nur Eins truͤbte Magda's Intereſſe an Allem— Thomas Thyrnau noͤthigte ihr ſchonungslos auf, daß der Kaiſer Karl der Vierte auch vier Frauen gehabt hatte, die Alle nach einander hier Platz gefunden. „Ach, Du wirſt Dich irren,“ ſagte ſie faſt bit⸗ tend—„wie ſollte ein ſo guter echter Czeche ſo vielmal ſein Herz haben verſchenken koͤnnen— er war ja ſo gluͤcklich mit der edlen Eleonora!“ „Grade deshalb,“ ſagte der unerbittliche Thyrnau. —„Weißt Du nicht, daß die Maͤnner am ſchnellſten wieder heirathen, die am gluͤcklichſten waren? Sie hal⸗ ten es nicht mehr aus allein in der Welt, und oft iſt ein ſchnell ſich folgender Verſuch der Art eine wahre Leichenrede des Lobes auf die Verſtorbene— ja ich glaube ſelbſt an die makelloſe Treue des Herzens unter Thomas Thyrnau. II. 3te Aufl. 14 ſolchen Umſtaͤnden— dagegen der zweite Verſuch ſicher geſcheut wird, wo das Herz ſich betrogen fand und nur 5 traurige Erinnerungen die ganze Bedeutung ſolcher Verhaͤltniſſe verſchuͤtten.“ „Ach, ſage, was Du willſt,“ rief Magda—„es iſt doch ſchoöner, wenn das Alles nur einmal moͤglich iſt und ungluͤcklich braucht Keiner zu werden, auch nicht einſam braucht ſich der Verlaſſene zu fuͤhlen— nur ge— wiß muß er es haben, daß er geliebt war, dann hat er genug, auch ohne den Beſitz.“ Magda glaubte ſich mit Thyrnau allein, als ſie ſo ſprachen, aber tief ſinnend hatten Claudig und Lacy im Erker gelauſcht, ſie ſtanden nun Beide hinter ihnen und 6 Alle ſahen ſich bewegt an, und Magda gluͤhte auf, und Claudia kuͤßte ſie und fuhrte ſie in den Eßſaal, wo eben die Speiſen aufgetragen wurden. Der Abend, der der heiter verlaͤngerten Tafel folgte, war ſo bezaubernd ſchoͤn, daß man beſchloß, den Mond⸗ ſchein zur Heimkehr abzuwarten, und da fur keine Art von Beleuchtung Anſtalt zu treffen war und die Burg⸗ raͤume zu dunkeln begannen, nahm man auf dem Fel— ſenplateau ſelbſt, welches mit kurzem trocknem Mooſe bedeckt war, Platz und genoß auf der gelichteten Stelle 2 des Waldes den Sonnenuntergang und den Zauber der Daͤmmerung in Erwartung der glaͤnzenden Him⸗ 4 melserſcheinung, welche ihnen den Heimweg beleuch⸗ ten ſollte. Da ließen ſich die Fanfaren der Trompeter hoͤren; es ward gemeldet, daß ein Reiter, von einem Boten begleitet, Einlaß begehre, und da Podiebrad an der Seite der Prinzeſſin dem Eingang zu dem Burghof zunaͤchſt ſtand und die Meldung empfing, hießen Beide die Zugbruͤcke niederlaſſen und den Fremden einfuͤhren. „Iſt der Prinz von S. hier?“ rief ſchon in der Vorhalle eine jugendliche befehlshaberiſche Stimme— und ſogleich trat ein Juͤngling im Reiterkollet und der leichten befiederten Reiſemuͤtze, mit klirrendem Schwert an der Seite, auf den Burghof, der etwas uͤberraſcht bei dem Anblick der Prinzeſſin ſchnell ſeine Muͤtze ab⸗ zog und in Podiebrad den hoͤheren Offizier erkennend, ihm ſeinen ehrerbietigen militairiſchen Gruß machte und ihn befrug, ob er der Prinz von S. ſei. „Nein, mein Herr,“ ſagte der Graf—„aber er befindet ſich in der hier verſammelten Geſellſchaft, und ich werde ihn nicht hindern, in meiner Gegenwart die Meldung zu empfangen, die Sie vielleicht ihm zu ma⸗ chen haben.“ „Ich habe Sr. Durchlaucht eine Meldung des Stadthauptmanns von Prag zu machen,“ ſagte der Juͤngling—„und dieſen Brief zu uͤbergeben.“ 212 „Dort, mein Herr!“ ſagte Podiebrad mit feier⸗ licher Vornehmheit—„begeben Sie ſich dort zu der Geſellſchaft, meine Offiziere werden Sie dem Prinzen vorſtellen.“ Der Juͤngling verbeugte ſich kurz und wollte ſich eben umwenden, als die Prinzeſſin Thereſe mit ihrer Beobachtung zu Ende gekommen war, und waͤhrend ſie ihm die Hand auf den Arm legte, ſagte ſie:„Halt, mein junger Herr! erſt haben wir noch ein Woͤrtchen zuſammen zu reden, denn trotz des ledernen Kollers, der ungeheuren Reiterſtiefeln und des langen Schwertes ſind wir wol alte Bekannte, und ich werde mir ſelbſt die Ehre geben, Sie zu praſentiren, denn ich vermuthe, Sie werden hier viel alte Bekannte finden.“ Der Juͤngling ſah mit einem Blitz von Freude aus ſeinen feurigen blauen Augen die Prinzeſſin an und ſchuttelte das ſtarke blonde Haar von der tiefen geheim⸗ nißvollen Stirn. „Nun ja!“ lachte die Prinzeſſin—„dacht' ich's doch— er iſt es leibhaftig ſelbſt!— So kommt denn, es wird große Freude geben.“ Zum groͤßten Erſtaunen Podiebrad's nahm ſie den Reiterjuͤngling bei der Hand und naͤherte ſich der in einer Gruppe ſitzenden und ſtehenden Geſellſchaft. Es ſchien Allen, die ſie daher kommen ſahen— ſo feierlich, 213 ſo laͤchelnd und gluͤcklich zugleich— ſie habe einen ihrer ſchoͤnſten Momente. Der Juͤngling neben ihr wurde immer gluͤhender und ſeine Augen funkelten und ſein Mund zeigte das Lachen der Freude. Da ſtieß Magda einen Schrei aus und flog auf den Juͤngling zu— und dieſer ſtuͤrzte vor ihr in's Knie und druͤckte ſein Geſicht in ihre Kleider. „Egon! Egon! mein geliebter Egon!“ rief Magda. „Claudia! Lacy! es iſt unſer Egon“— und dieſe hat⸗ ten ihn auch erkannt. Er ſtuͤrzte an Lacy's Bruſt und verbarg die ſchnell hervorbrechenden Thraͤnen des Ent⸗ zuͤckens— und dieſer entließ ihn nur, damit ihn Clau⸗ dia wie ihren Sohn umarmte— dazwiſchen ward ge⸗ fragt, erzaͤhlt, gejubelt und die Prinzeſſin war wie die holde Fee, die dieſes Gluͤck bereitet hatte, ganz außer ſich und wie das lieblichſte Kind.„Doch jetzt,“ fuhr ſie auf, als ſie ſah, daß der Prinz von S. ein nach⸗ denklicher Zuſchauer dieſer Scene geworden war— „jetzt, mein junger Herr, haben wir Dienſtpflichten zu erfuͤllen.“ Damit machte ſie ihn aus Magda's Haͤn⸗ den los, die ihn nicht genug anſehen konnte und fragen, und ſeine ungeſtuͤmen Gegenfragen beantworten, und eben als ſie ihn zum Großvater fuͤhren wollte, drehte ihn die Prinzeſſin um und fuͤhrte ihn dem Prinzen vor: „Hier, Durchlaucht, ſtelle ich Ihnen meinen Adoptiv⸗ 5 214 3 ſohn vor, der in dieſem Augenblick von Prag aus an Sie geſendet ward— dies, mein Sohn,“ fuhr ſie fort—„iſt der Erbprinz von S.“ Egon faßte ſchnell ſeinen Degen und indem er ſich in vollſtandig militairiſche Haltung begab, uberreichte er dem Erbprinzen von S. den erwaͤhnten Brief. Der Prinz nahm das Schreiben, aber ſein Auge wurzelte auf dem Juͤnglinge, der es ihm gab, und als ſich Beide gegenuͤber ſtanden und die Prinzeſſin von einem zum Andern blickte, ward ſie plotzlich ſehr blaß — und das Geheimniß in Egons Zuͤgen, das ſie ſo tief ergriffen hatte, war ihr geloſt. Ob des Prinzen Auge magnetiſche Gewalt uͤbte, genug Egon, ſchien es, konnte ſich an dem ſchoͤnen Prinzen nicht ſatt ſehn, und dieſer legte ihm endlich die Hand auf die Schulter und ſagte:„Egon heißt Du? Egon! ein ſchoͤner theurer Name! Doch Deinen Zu⸗ namen, mein Sohn, ſag' mir.“ Egon wurde gluͤhendroth— er ſenkte den Blick zur Erde und ſchwieg, waͤhrend der Prinz ſchon die Frage vergeſſen zu haben ſchien, nur immer wieder ihn an⸗ blickend und an beiden Schultern feſthaltend. Da fuͤhrte Magda den Großvater hinzu und ſagte zu Egon:„Sieh hier, Egon, das iſt Thomas Thyrnau— mein Großvater, von dem ich Dir ſo viel erzaͤhlt habe.“ —, Der Prinz aber ließ die Arme von Egon's Schul⸗ tern ſinken und Thyrnau lebhaft ergreifend, rief er: „Sieh, ſieh! Thyrnau, ſieh dieſen Knaben!“ Thyrnau hatte nicht die heitere Iovialität des Grußes, die ihm ſo wohl ſtand und die Magda ſo ſehr fur ihren Liebling gewuͤnſcht haͤtte; er ſchuttelte ihm die Hand, er wußte ihm ſein Wohlwollen auszudruͤcken, aber er war zerſtreut und ein wehmuͤthiges Nachdenken druckte ſich in ſeinen Zuͤgen aus, und verſenkte ihn for⸗ ſchend in den Anblick des Juͤnglings. So ziemlich wußten nun die Anweſenden, daß der junge Kornet mit Allen befreundet, ein Pflegeſohn der edlen Graͤfin Lacy ſei und in einem zu Prag ſtationi⸗ renden Reiter-Regiment diene; das kleine Ereigniß hatte das Feſt noch einmal belebt, und waͤhrend beide Lacy's und Magda zunaͤchſt um Egon ſaßen, hatte die Prinzeſſin ihre Faſſung wieder bekommen und befohlen, daß man ihm noch eine moͤglichſt reichliche Mahlzeit ſervire, wobei ſie ſich dann ſelbſt niederließ und mit der liebenswuͤrdigſten Gutmuͤthigkeit den hungrigen Juͤng⸗ ling zum Eſſen antrieb. Dagegen gingen Thyrnau und der Prinz nachdenk⸗ lich vor der Gruppe auf und nieder und ihre Augen haf⸗ teten immer wieder auf dem jetzt freier ſich fuͤhlenden Egon, der ſeine innere Gluͤckſeligkeit bei dieſer großen 216 und unerwarteten Ueberraſchung in tauſend kleinen Auf⸗ merkſamkeiten ausließ, die zugleich ſeine entwickelte Er⸗ ziehung bewieſen und Magda auf ihren fruhſten Schuͤ⸗ ler ganz ſtolz machten. Indeſſen hatte der Mond Alles gethan, was man wollte, und der klare Himmel, an dem er aufgegangen, ſchien faſt Tageshelle zu verbreiten.— Jetzt ſagte jeder der Anweſenheit der Prinzeſſin einige Worte des Dan⸗ kes und der Anerkennung, und die Pferde wurden vor⸗ gefuͤhrt, und der Zug fing an ſich zu ordnen. Trautſohn brachte Magda ihr Pferd.—„Ach,“ rief dieſe, die ihn bis jetzt ganz vergeſſen hatte—„haſt Du Dich nicht auch recht daruber gefreut, daß ich mei⸗ nen lieben Egon wiedergeſehn habe?“ „Was geht mich der fremde Junge an,“ ſagte Trautſohn muͤrriſch—„er iſt ja, wie ich hoͤre, nicht einmal Dein Bruder, obwol Du grade ſo zaͤrtlich mit ihm thuſt, als war' er's— da hab' ich wenig Freude daran, wenn Dir andere junge Burſche ſo gut gefallen, daß Du keinen anſiehſt.“ „Pfui!“ rief Magda—„wie biſt Du ſchlecht und unartig! Immer Du— und Du! als ob das die Hauptſache waͤre— kannſt Du Dich nicht freuen, weil ich mich freue? Wenn Du eine Schweſter haͤtteſt oder nur eine Pflegeſchweſter, wie wollte ich ſie lieb haben, 217 grade darum, weil Du ſie lieb haͤtteſt.“ Sie nahm ihm die Zuͤgel fort und trieb ihr Pferd allein an, uͤber die Bruͤcke zu gehen. Voran ritt ſchon der Prinz mit der Prinzeſſin und der Graͤfin Hautois, ihnen folgtén Claudia, Lacy und Podiebrad und hinter ihnen lenkte Magda ihr Pferd ein, waͤhrend Thyrnau den jungen Egon an ſeine Seite rief und die Herren der Beſatzung mit dem zuruͤckgewieſenen Trautſohn hinterher ritten. Trotz des Mondſcheins und vielleicht gerade deshalb neckte der Schatten des Waldes, der Wechſel mit dem ſcharfen Lichte, den kleinen Reiterzug, und der Prinz, der bis jetzt vorangeritten, erkannte bald, da er uͤber⸗ dies etwas zerſtreut war, daß er ſich ſchlecht dazu paſſe, die rechte Spur des Weges zu erkennen und man machte Halt, um einen Jaͤger aus dem Nachtrab als Fuͤhrer voran reiten zu laſſen. Dadurch war der Zug einen Augenblick aufgeloͤſt, und als man ſich wieder ordnete, hatte ſich Trautſohn an Magda's Seite eingefunden, und obwol Beide ſchwiegen und einige Schritte zwiſchen ihnen lagen, ſahen ſie ſich doch zufaͤllig zuweilen an und als Beide zu gleicher Zeit uͤber ein Eichkaͤtzchen lachen mußten, welches vor ihnen den Baum hinauf lief und lange mit dem krauſen Schweife wedelte, ritt er wieder dicht neben ihr und ſagte endlich, indem er in ihre loſen Zuͤgel griff:„Dein Pferd geht boch nicht ſo ſicher als ich dachte, und bei Nacht und bei den Wurzeln muß man die Zuͤgel immer feſthalten.“ „Nun, ſo nimm ſie,“ ſagte Magda und ſchlug bequem die Arme in einander—„ich bin auch muͤde genug und ſoll mich noch mit dem Pferde quaͤlen.“ „Siehſt Du,“ ſagte Trautſohn.—„Wenn ich aber Dein Herr Pflegebruder waͤre, der jetzt vollends mit dem Großvater zuletzt reitet, da haͤtte mir kein An⸗ derer Dein Pferd fuͤhren ſollen— und ich muß mich ſehr uͤber dieſen jungen Herrn wundern.“ „Wundere Du Dich nur uͤber Dich ſelbſt,“ ſagte Magda—„da kannſt Du ſehn, wie lieb man ſich haben kann, ohne immer der Einzige ſein zu wollen. Das iſt das wahre Liebhaben!“ „Nun, das lerne ich denn im Leben nicht!“ rief Trautſohn—„denn ich mochte Allen die Beine entzwei ſchlagen, die um Dich her taͤnzeln, und koͤnnte ich Dich ganz allein haben, ſo wollte ich gar nicht betrubt ſein, der Einzige zu ſein, und das ſchwoͤre ich Dir, es ſollte Dir an nichts fehlen. Und habe ich nur erſt meine ſchone Herrſchaft in Maͤhren mit den vielen Schloſſern und Burgen— ich glaube, es ſind ſechſe an der Zahl — da ſollſt Du hinkommen mit dem Großvater und ſehn, was ich leiſten kann.“ Obwol nach dieſer Erklaͤrung eigentlich nur noch der Prieſter fehlte, hatten doch Beide kein Arg daraus und ein dumpfer Ausruf und ein ſtrauchelndes Pferd zeigte ihnen den Grafen Matthias, der hinter ihnen ritt. „Was iſt geſchehen, Matthias?“ rief Trautſohn augenblicklich an ſeiner Seite reitend—„iſt Dein Pferd nicht ſicher?“ Doch dieſer winkte ihm abwehrend mit der Hand, gab ſeinem Pferde die Sporen und jagte an dem Zuge voruͤber, bald in dem Walde verſchwindend. „Ach,“ rief Magda—„das mußt Du doch ſagen, der Matthias iſt ein unheimlicher Geſell— ich habe rechte Herzensfurcht vor ihm.“ „Ja, Herzensfurcht habe ich auch um ihn,“ ſagte Trautſohn mit tiefem Gefuͤhl im Ton—„aber aus Liebe zu ihm und weil ich weiß, daß er ſo ungluͤcklich iſt, wie wenige Menſchen ſein moͤgen, und daß daran halb der Oheim Schuld iſt, der ſeine Natur verdreht hat, daß ihm Alles zur Suͤnde wird, was Andern zum Gluck gereicht. Geht der verloren, Magda— dann kannſt Du nur um ihn weinen, denn Du haſt auch Dein Theil daran— und im Grabe wird es ihm noch wohl thun, wenn Du um ihn weinſt.“ „Das klingt ja recht traurig,“ ſagte Magda— „aber wie ſoll das wahr ſein koͤnnen, was Du ſagſt, wenn es ſichtlich iſt, daß er mich haßt.“ 220 „Ach,“ ſagte Trautſohn altklug—„Du verſtehſt das nur nicht und haſt keine Erfahrung— er liebt Dich ſichtlich und denkt, es iſt eine Suͤnde, weil ihm der Oheim eine Art Geluͤbde abgenommen hat wie dem Pacheco und dem Galbes, von ewiger Keuſchheit nen⸗ nen ſie es— das ſoll heißen, daß ſie weder lieben noch heirathen duͤrfen.“ „Gott behuͤte,“ rief Magda—„als ob das eine Suͤnde ſei, da es doch die Beſten gethan haben! Aber Du biſt doch frei— Dir haben ſie es doch nicht zuge⸗ muthet?“ „Nein, das habe ich mir verbeten,“ ſagte Traut⸗ ſohn—„denke Dir, wie das auch fuͤr mich paßte, wenn ich meine große Herrſchaft bekomme und darauf allein leben ſollte ohne Frau und viele Kinder— die ſich dann Alle des Lebens freuen koͤnnen.“ „Ja wol, ja wol!“ ſagte Magda.—„Nun— wenn's ſo weit iſt, da komme ich ſicher und beſuche Dich.“ Trautſohn lachte laut— dann ſagte er ihr noch naͤ⸗ her ruͤckend:„Das ſchwöre ich Dir, Du mußt dabei ſein, wenn's mir Spaß machen ſoll! Denke Dir nur, Matthias warnt mich immer vor Dir und ſagt, Du waͤrſt ein Buͤrgermaͤdchen, gar nicht zum Heirathen fuͤr einen Edelmann!“ —,— 221 Jetzt lachte Magda und ſagte:„Ja, da hat er Recht— ich bin ein Buͤrgermaͤdchen und gar nicht zum Heirathen.“ „Nun ſei Du, was Du willſt— Du biſt mir doch die Liebſte, und da Dich die Kaiſerin ſo lieb hat, ſo weiß ich wol, was ich thue, wenn's ſo weit iſt. Aber eins bitte ich Dich— ſuche doch den armen Matthias etwas ſanfter zu machen und nimm ihm den Glauben, daß Du ein wahrer Daͤmon biſt.“ „Aber ich fuͤrchte mich ſo,“ ſagte Magda—„wenn er mir nur nichts thut.“ „Ach, ſei doch nicht ſo furchtſam,“ entgegnete Trautſohn—„ich will Dich ſchon behuͤten; auch kannſt Du ſicher ſein, daß er Dir nichts thut— Du mußt nur nicht fliehen, wenn er zu Anfang ſo ſchrecklich aus⸗ ſieht, oder verworrenes Zeug redet.“ „Ich will ihm gern wohl thun, wenn ich kann,“ erwiderte Magda— und eben hielt der vordere Zug vor den Thoren des Karlſteins an, und die Trompeten blie⸗ ſen um Einlaß, den der Graf von Paſterau, der als Befehlshaber zuruͤck geblieben war, augenblicklich er⸗ theilte. Als der Prinz von S. die Prinzeſſin Thereſe vom Pferde hob, ſagte er, indem er ſie in das Schloß fuͤhrte:„Es ſcheint mir, Keiner hat Ihnen mehr zu . 222 danken als ich.— Es iſt mir, als ob es einer der wich⸗ tigſten Tage meines Lebens geweſen wäre. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen ſpaͤter uͤber Alles, was ich heute in meinem Innern und auch vielleicht von Außen erfuhr— mein Herz ausſchuͤtten darf.“ Sie ſtiegen waͤhrend dieſer Worte die dunkle Wen⸗ deltreppe des Thurmes empor; die Prinzeſſin ſchwieg, und im ſelben Augenblick verfehlte ſie eine Stufe— der Prinz fing ſie in ſeinen Armen auf— ein leiſer Schrei drang uͤber ihre Lippen.„Thereſe,“ ſagte er— einen Moment hatte er ſie an ſeine Bruſt gedruͤckt— ſie ſchwieg noch immer.„Nur ein Wort!“ bat er leiſe. „Ich werde Sie anhoͤren,“ ſtammelte die Prinzeſ⸗ ſin kaum verſtaͤndlich. Die Thuͤren ihres Zimmers oͤffneten ſich— ſie war verſchwunden. Die Graͤfin von Hautois ſaß ſchon er⸗ mattet in einem Lehnſtuhl— die Prinzeſſin ſchwankte auf ſie zu, fiel vor ihr nieder und verbarg ihr Geſicht laut ſchluchzend in den Schooß der muͤtterlichen Freundin. Als die Nacht gaͤnzliche Ruhe im Schloſſe verbreitet hatte, ging Thomas Thyrnau noch an der Seite eines geringen Mannes in ſeinem Eßzimmer auf und nieder. Dieſer Mann war in mittleren Jahren, und obwol er jetzt das Koller des Dragoner⸗Regiments trug, welches dem Prinzen von S. beſonders gehoͤrte, und er mit — dem kleinen Kommando gekommen war, welches den Prinzen hierher begleitet hatte, konnte es doch nicht ſchwer halten, in der kraͤftigen und geſchickten Geſtalt, in dem eigenthuͤmlich klugen und doch gutmuͤthigen Ge⸗ ſicht des Mannes, Guntram den Waffenſchmid zu er⸗ kennen, welcher ſeiner alten Neigung gefolgt war, als er hoͤrte, ſein geliebter ehemaliger Herr, der Erbprinz von S., ſammle aufs Neue ſein altes treues und tapfe⸗ res Regiment. Thomas Thyrnau hatte den Ruͤckweg benutzt, um aus Egon, ſo viel er ſelbſt wußte, uͤber ſeine Lage heraus zu bringen, und als er bei der Ruͤckkehr im Hofe ſah, daß dieſer mit Guntram eine Erkennungs⸗ ſcene hatte, die von großer Liebe und beſonderem Ein⸗ verſtaͤndniß zeugte, wußte er ſich, als die Burg in Ruhe ſchien, den Beſuch Guntrams zu verſchaffen. Es zeigte ſich bei dieſer Unterredung bald, daß es Thyrnau geſtattet war, mit dem klugen und ſinnigen Guntram offen zu unterhandeln; denn es fand ſich bei der erſten Anregung, die Thyrnau gab, daß Guntram von den Verhaͤltniſſen des Prinzen wohl unterrichtet war, und ſeine Vermaͤhlung wie das grauenvolle Schick⸗ ſal derſelben kannte, wenn ihm auch fremd geblieben war, wer die Gemahlin ſeines Herrn geweſen. „Gott weiß, mein Herr!“ fuhr er fort—„ob ber 224 Knabe, als er juͤnger war, die Aehnlichkeit nicht ſo zeigte als jetzt, oder ob ich thorichter Mann erſt den lieben gnaͤ⸗ digen Herrn daneben ſehen mußte— genug— es iſt mir fruͤher nicht klar geworden, obwol ich ihn oft anſah, und zu ergruͤnden ſuchte, wem er gliche— wodurch mir das Herz immer mehr zu ihm hinſtand, was ohnehin ſchon wie behert durch den Knaben war. Gewiß iſt es aber, daß ſich Frau Mora nie vor mir ſehen ließ, und Frau Baͤbili doch ſicher war, daß die beiden Kinder we⸗ der zu ihr ſelbſt, noch zu ihrer Familie gehoͤrten.“ „Nach dem Tage aber, wo dieſe in das Haus der Fuͤrſtin Morani uͤbergingen, iſt die Frau Mora von dem Kloſterhof verſchwunden— und immer denke ich, ſie kommt wieder, und wird doch am Ende die Einzige bleiben, die Aufſchluß geben kann.“ Dies hatte Thyrnau laͤngſt eingeſehen und entließ jetzt Guntram, weil er den Prinzen noch erwartete. Beide waren in großer Bewegung, als ſie ſich wie⸗ der ſahen, und das wenige Licht, welches Guntram zu geben vermocht hatte, konnte ihre erwachten Hoffnun⸗ gen nicht niederſchlagen. Der Prinz ward nun uͤber ſo vieles in ſeinen Erinnerungen unſicher, daß er den Wunſch aͤußerte, nach dem kleinen Landhauſe hin zu reiſen, welches er angekauft und von einem alten treuen Diener verwalten ließ, um die Graͤber der theuren Opfer zu ſchuͤtzen. Er erinnerte ſich jetzt, daß er nur ein Grab gefunden, daß der damals ſchon im Sterben liegende Diener, welcher auch gleich nach der Abreiſe des Prinzen ſtarb, ihm nur von dieſem einen Grabe geſprochen habe, und daß er in Verzweiflung angenom⸗ men oder gehoͤrt habe, daß Mutter und Kinder ein Grab umſchloͤſſe. „Ich weiß nicht, wie Du in anderer Weiſe hieruͤber Sicherheit bekommen willſt,“ ſagte Thyrnau—„als indem Du Dich der entſetzlichen Aufgabe unterziehſt, die Gruft oͤffnen zu laſſen. Dieſe Maaßregel wuͤrde aller⸗ dings feſtſtellen, ob das Grab einen oder drei Koͤrper umſchloſſen habe— aber doch nicht erweiſen, ob die Kin⸗ der, die jener Diener Dir als ſchon vor dem Tode der Mutter geſtorben ſchilderte, nicht wo anders begraben wurden, woruͤber Du ſelbſt nachzuforſchen vergaßeſt, da Du die erſte Idee feſtgehalten hatteſt.“ „Dazu kommt— außer daß mein Sohn Egon und meine Tochter Hedwiga getauft wurden— daß ich die dunkle Erinnerung eines Namens, wie Mora, unter der Dienerſchaft habe.“ „Ich glaube ſogar,“ fiel Thyrnau ein—„daß meine Tochter eine ſolche Perſon in ihren Dienſten hatte, waͤhrend jener Zeit, wo ſie mit Barbara auf dem Lande lebte— aber ich bin gegen unſere Erinnerungen Thomas Thyrnau M. 3te Aufl. 15 226 wie gegen uns Beide mißtrauiſch, denn der Wunſch, daß unſere Ahnung ſich erfullen moͤge, reißt uns Beide zu Schluͤſſen hin, die vielleicht weit die Wahrſcheinlich⸗ keit uͤberbieten. Lacy und ſeine Gemahlin theilen uͤbrigens ganz unſere Hoffnungen, nachdem ſie den Zu⸗ ſammenhang erfahren, und obwol ſie nichts Beſtimmtes wiſſen, hat Lacy doch den Gedanken angeregt, meine Schweſter Barbara daruͤber auszuforſchen, da es ihm moͤglich ſcheint, ſie könne Mora's Vertrauen mehr als Bäbili beſeſſen haben. Denke ich dabei ihres ſtillen verſchloſſenen Sinnes, ihres Widerwillens, Unruhe an⸗ zuregen, ja vielleicht auch ihrer Abneigung, die Kinder in groͤßere Verhaͤltniſſe uͤbergehen zu ſehen, gegen die ſie nun einmal eingenommen iſt, ſo waͤre es nicht un⸗ moͤglich, daß ſie erſt meiner Aufforderung nachgäbe, auszuſprechen, was ſie wuͤßte oder ahnte.“ Gegen die augenblickliche Reiſe, obwol der Ort nicht ſehr entfernt an der boͤhmiſch,ſaͤchſiſchen Grenze lag, traten einige Bedenken ein durch die Nachricht, die der Prinz eben durch ſeinen Freund, den Stadthauptmann von Prag, den Freiherrn von Proſegk, erhalten hatte, und welche die unter der Hand empfangene Anzeige ent⸗ hielt, den Fuͤrſten von S. habe der Schlag geruͤhrt und man wiſſe nicht, ob er, zwar noch lebend, es uͤberſtehen werde.„Proſegk ſchreibt mir zwar, daß der ungluͤckliche 3 Mann das tiefſte Geheimniß uͤber die Sache befohlen habe— eben um mich abzuhalten— denke Dir aber,“ rief der Prinz,„wenn dennoch in den letzten Augen⸗ blicken Gott ſein Herz ruͤhrte, er mich ſehen wollte und ich ihm dieſe Verſöhnung unmoͤglich gemacht haͤtte!“ Thyrnau mußte ſeine Ueberzeugung, daß dieſer Fall nie eintreten werde, unterdruͤcken, um dem Sohn nicht weh zu thun, deſſen Herz immer beſtrebt war, die menſchliche Hoffnung feſtzuhalten. Er rieth ihm daher, naͤhere Nachrichten abzuwarten, die gewiß nicht lange ausbleiben wuͤrden, da mit wenigen Ausnahmen das ganze Land mit Liebe und Hoffnung an ſeinem Erbprin⸗ zen haͤnge. „Denke indeſſen nicht daran,“ fuhr Thyrnau fort— „ſelbſt im Falle, daß dieſer praͤchtige Juͤngling Dein Sohn iſt und Du die Freiheit bekommſt, zu thun, was Du willſt, ihn dem Lande als Geſchenk mitzubringen das waͤre in jeder Art unweiſe. Die Mutter kann nicht mehr zu einem Stande erhoben werden, der dem Sohne Legitimitat gabe— das Land wird ſich keinen andern Nachfolger gefallen laſſen und Du wuͤrdeſt dadurch au⸗ genblicklich in das traurigſte Zerwuͤrfniß mit ihm gera⸗ then— noch einmal ſage ich Dir, Du mußt heirathen und dem Lande von einer ebenboͤrtigen Gemahlin Erben verſchaffen, das iſt Deine Pflicht! und“— fuhr er la⸗ 15* chelnd fort—„ich glaube, Du haſt jetzt weniger wie ſonſt etwas dagegen, wenn ich den Brautwerber mache.“ „So wenig,“ ſagte der Prinz, ihm zaͤrtlich die Hand druͤckend—„daß, wenn Du erlaubſt, ich ihn morgen ſelbſt mache!“ „O,“ rief Thyrnau—„ſo biſt Du mir recht! Das habe ich mir gewuͤnſcht— das wußte ich, konnte nicht ausbleiben, wenn Du ihr naͤher kaͤmeſt— und ſei gewiß, ſie wird Dich nicht taͤuſchen— ſie iſt ein ed⸗ les reich begabtes Weſen, gegen das Du viel gut zu machen haſt— deren Thorheiten Du haſt verſchulden helfen, die ſie doch nur wie einen laͤſtigen Zeitvertreib betrieb.“ „Ich habe mich dieſer Ueberzeugung nicht laͤnger entziehen koͤnnen,“ ſagte der Prinz—„aber als ich ſie heut neben Egon auf uns zukommen ſah, als ſie ihn mir ſpaͤter vorſtellte und ihn ihren Sohn nannte, da habe ich gefuhlt, daß dies der Moment der Entſcheidung war— von dem Augenblick war ich entſchloſſen, ihr mein Herz anzuvertrauen. Wenn ich denke,“ fuhr er ſinnend fort—„daß ich ſie zuerſt wiederſah, als ich dem Kaiſer mein grauſames Schickſal entdeckte und ſie ſpaͤter vor meinen Augen das Goͤtterkind, welches der Kaiſerin den Kloſterſcherz brachte und welches mich ganz bezau⸗ berte, in ihren Armen hielt und ihm Beiſtand leiſtete, 229 wie heute Egon— wenn ich denke, dies Engelskind koͤnnte meine Hedwiga ſein— ſo hat Gott ſie mir zwei⸗ mal als die Mutter meiner Kinder gezeigt— und giebt ſie auch dem Lande den legitimen Erben— ſie wird die⸗ ſen Kindern eine Mutter ſein— ſie wird ſie nicht von dem ehrenvollen Platz verdraͤngen wollen, den ich ihnen einraͤumen werde.“ „O,“ rief Thyrnau—„wohin verirren wir uns, da wir nicht wiſſen, ob nicht der eine Huͤgel die Gebeine der drei Geliebten umſchließt.“ Am andern Tage fertigte der Prinz einen Boten mit einem Briefe an ſeinen Freund, den Stadthaupt⸗ mann von Prag, ab und bat ihn am Ende deſſelben, den Kornet Egon ihm zu uͤberlaſſen, und deßhalb das Nothige bei Egons Regiment zu vermitteln, da er ihn als Lieutenant in ſeinem eignen Regiment anſtellen wolle und ihn demgemaͤß um ſich zu behalten wuͤnſche. „Mag er ſein, wer er will! ich trenne mich nicht mehr von ihm,“ ſagte der Prinz dabei zu Thyrnau. Dann hatte er eine lange Unterredung mit der Prinzeſſin, welche nicht zum Fruͤhſtuck erſchienen war. Er entdeckte ihr alle ſeine fruͤheren Verhaͤltniſſe, die ſie zwar ſchon kannte, aber von ihm gern noch einmal anhoͤrte— und bat ſie dann um ihre Hand. Mit edlem Freimuth willigte die Prinzeſſin ein und mit der tiefſten Gemuͤthsbewegung legte ſie ihm nun ihrerſeits ein Bekenntniß ihres vergangenen Lebens ab, ohne ſich zu ſchonen, ohne der Wahrheit zu nahe zu tre⸗ ten.„Mit dieſem Bekenntniß“— fuhr ſie dann fort —„befreie ich mich nun von der Laſt meiner Thorhei⸗ ten und“— ſetzte ſie mit der groͤßten Anmuth laͤchelnd hinzu—„Sie muͤßten es arg verſchulden, wenn ſie mir jemals wieder einfallen ſollten.“* Sie waren nun verlobt! Die Fruͤhverlobten— ſo lang Getrennten— ſie fuhlten ſich jetzt ſehr gluͤcklich. Eben ſo war Egon mit Magda ſehr glucklich und ſie mit ihm. Er folgte ihr nun aufallen ihren Wegen, und Trautſohn, der ihn ſich heute bei Tageslicht angeſehn hatte und fand, daß er drei Jahre juͤnger als er ſelbſt war, hielt ihn nun lieber fur ein halbes Kind und ließ ihn mitgehn, da es Magda gern hatte. Dagegen war Egon, der dies Uebergewicht empfand, ſchwer zu be⸗ ruhigen, und immerfort hatte ſie ihn zu ſchelten, zu zer⸗ ſtreun, oder durch kleine Verguͤnſtigungen zu verſoͤhnen. Da man an dieſem Mittage bei Graf Lacy aß, er⸗ ſchien auch der Graf von Podiebrad mit ſeinen Offizie⸗ ren, und zum groͤßten Erſtaunen Lacy's ſetzte ſich Magda bei Tafel zwiſchen Trautſohn und den Grafen Matthias. Dieſer hatte ſich wie gewoͤhnlich ſtumm und geſenkten Blickes auf ſeinen Platz niedergeſetzt, als er ploͤtzlich das Rauſchen von Magda's Kleid hoͤrte— und im ſelben Augenblick ſaß ſie neben ihm. Es war ganz deutlich zu ſehn, daß er anfangs unſchluſſig ſchwankte, ob er nicht aufſpringen und davon laufen ſollte: was in ihm ſiegte— er haͤtte es nicht zu ſagen vermocht— aber er blieb ſitzen. „Ach,“ ſagte Magda—„es wird Dir unlieb ſein, bei mir zu ſitzen, lieber Graf Matthias! aber ich bitte Dich, halte aus! Vielleicht verſohne ich Dich waͤhrend der Tafel, denn es iſt mir eine wahre Buͤrde, daß Du mir ſo nachdruͤcklich zurnſt, da das laͤngſt vergeſſen ſein muͤßte, was geſchah, und ich ſogar gegen den armen Paſterau keinen Groll mehr habe.“ „Womit habe ich dieſe Anklage verdient,“ ſagte leiſe der Graf Matthias—„da ich gegen Niemand als gegen mich ſelbſt Groll hege und nur einer hoͤheren Vor⸗ ſchrift gehorche, wenn ich der geſelligen Freude mich zu entziehen ſuche, die hier ploͤtzlich ganz gegen die Disci⸗ plin des Karlſteins ihren Einzug haͤlt.“ „Ach, guter Graf Matthias,“ ſagte Magda— „Du biſt ja noch ſo jung, es iſt nicht Recht, daß Du eben ſo reden willſt, als der gute alte Podiebrad, der ſein Leben in der Welt abgethan hat und thun kann, was ihm Freude macht, ohne daß es ihm uͤbel genommen wird— aber— ich weiß nicht, wie Du Dir ein maͤnn⸗ lich Weſen grade ſo vorſtellen kannſt, daß in ihm gar kein Vertrauen lebt zu der Seele Feſtigkeit und des Herzens Reinheit! Beteſt Du denn nicht das Vater Unſer? Da ſteht ja Alles drinnen— und wenn Du recht fromm biſt, mußt Du doch fuͤhlen, daß Dir nichts mehr helfen kann, als daß Du feſt glaubeſt, daß es Dir helfen werde.“ „O, Magda,“ ſagte der Juͤngling—„Du kennſt wol keine Verſuchungen?“ „Da kannſt Du Recht haben, denn es kommt mir Alles ſo naturlich vor— aber vielleicht iſt es blos darum ſo, weil ich feſt hoffe, Gott werde mich vor Verſuchung bewahren— da behuͤtet Er uns auch! Mir fallt nie⸗ mals ſo wildes teufliſches Zeug ein, wie Dir letzthin in der Kapelle.“ „Magda,“ ſagte Matthias—„Du ſprichſt wie ein Engel, und vielleicht will Gott, daß ich Dich hoͤre — aber vielleicht biſt Du auch grade das Werkzeug, mich in die hoͤchſte Verſuchung zu bringen.“ „O pfui,“ rief Magda—„wie kannſt Du ſo un⸗ ritterlich und unzart ſprechen— ich weiß es nicht, als ich Dich zuerſt ſah, kamſt Du mir ganz anders vor— Du gefielſt mir, denn ich ſah gleich, daß Du von beſſe⸗ ren Sitten warſt als Paſterau, und uͤber Deinen ſicht⸗ lichen Hochmuth lachte ich.“ „Du lachteſt?“ rief Matthias—„Du verſpotte⸗ teſt mich— Du— die Enkelin von Thyrnau?“ „Das buͤrgerliche Maͤdchen?“ fuhr dieſe lachend fort—„Ja ſieh! guter Graf Matthias— Dein Hoch⸗ muth iſt es gewiß, der Dich ſo ſeltſam veraͤndert hat, und Du ſollteſt dieſen fuͤr Deine hoͤchſte Verſuchung anſehn, dann wuͤrdeſt Du nachher finden, daß Alles, was um Dich her geſchieht, gar unſchuldig iſt und nur dem zur Suͤnde wird, der ſie hinein legt.“ Matthias hoͤrte ſtill zu— er richtete ſeine geſenkte Stellung auf, aber er zuckte wie von einem Schmerze zuſammen, und es erſchien eine ſchnelle brennende Roͤthe auf ſeinem blaſſen Geſicht.„Am Ende biſt Du krank?“ ſagte Magda—„Du ſiehſt ſo blaß aus und hatteſt ge⸗ wiß eben Schmerzen?“ „Ach laß ſie mir,“ ſagte der Juͤngling bewegt— „ſie werden mir helfen.“ „Hoͤr',“ ſagte Magda—„mit einem Male werden wir Beide nicht fertig— aber wir wollen uns nun nicht mehr vor einander furchten, ſondern wollen haͤufiger mit einander ſprechen, da vertreibe ich Dir vielleicht noch die Grillen.“ Obwol der Erbprinz an der Seite ſeiner ſchonen Braut ſaß, hatte er doch ſehr wol die beſonders eifrige Unterredung der beiden jungen Leute beobachtet, und es 234 ſchien ihm nun doppelt noͤthig, an ſein Verſprechen ge⸗ gen Thyrnau zu denken und fuͤr die Entfernung des Juͤnglings zu ſorgen. Er benutzte die Zeit nach der Tafel, wo die Geſellſchaft ſich miſchte, um Matthias anzureden, und er verſtand es mit beſonderer Feinheit, den Juͤngling auf die erwachende Thaͤtigkeit aufmerk⸗ ſam zu machen, welche den öſtreichiſchen Adel um ſeine Kaiſerin zu ſammeln anfinge und eine faſt unabweis⸗ liche Anforderung an die adelige Jugend enthalte. Es gelang ihm auch, die traͤumeriſche Zerſtreutheit des Juͤnglings zu feſſeln— wie aus einem Traume erwa⸗ chend ſchienen ihm langſam die Verhaͤltniſſe der Welt einzufallen, und der Prinz ſchlug ihm endlich vor, ſich dem Armeecorps anzuſchließen, bei welchem er ſelbſt ſtand. So nahe geruͤckt ſah er in dem jungen Manne die aͤngſtlichſte Aufregung entſtehn, und der Prinz, der ſo wohlwollend bemuͤht war, ihn ganz zu begreifen, zeigte ihm nun ſelbſt den Weg, der ihm pffen ſtandz denn er bemerkte, daß dieſe traurige Abſchließung, dies traͤumeriſche Bruͤten, den armen Matthias um alle Thatkraft gebracht hatte. „Und glauben Euer Durchlaucht wirklich,“ ſagte er endlich ſeufzend—„daß ich dieſen ehrenvollen Dienſt als Offizier des Karlſteins aufgeben darf, um mich der aktiven Armee anzuſchließen? Alle, die ſich hier ver⸗ 235 einigt haben, ſind faſt durch ein hoͤheres Gelubde ge⸗ bunden, ihr Leben der wurdigen Erhaltung dieſer Feſte zu weihen— und ich habe bis jetzt nicht an der Wuͤr⸗ digkeit dieſer Beſtimmung gezweifelt— und gewiß auch jetzt „Laſſen wir das vorlaͤufig,“ unterbrach der Prinz den erſchutterten Juͤngling guͤtig—„wir können ſelten die Verhaͤltniſſe richtig beurtheilen, an die uns eine lange Gewohnheit feſſelt, denn dieſe verſoͤhnt uns ſelbſt mit ihren Maͤngeln. Aber die Zeit der Jugend fordert durchaus von einem Manne, der es bleiben will, daß er ſich den Anſpruͤchen der Zeit in der Außenwelt hin⸗ giebt, ſich ihnen mit ſeinen Kraͤften anſchließt, um eine muͤßige Unthaͤtigkeit von ſich abzuhalten, die ſo leicht in uberſpannte Traͤumereien ausartet, und welche dem Le⸗ ben entfremdet. 4 „Ach,“ ſagte der Juͤngling—„ich werde ihm nie wieder vertraut werden! Der Trieb zu dem, was Euer Durchlaucht heute ausſprechen, lag ſchon lange in mirz aber ich konnte mir ſelbſt kein Zeugniß werden, ob er nicht als großes Unrecht in mir zu bekämpfen war. Was uns von den uͤbernommenen Pflichten ablenkt— kann das Recht ſein?“ „Wenn es wirklich Pflichten ſind, die auf uns an⸗ gewieſen ſind,“ entgegnete der Prinz—„dann ſicher 236 nicht— aber dies iſt der Fall hier nicht! Oeffnen Sie die Augen, junger Mann— welchen Werth fuͤr den Staat, oder fuͤr ihr Vaterland Boͤhmen kann die Be⸗ wachung des Karlſteins haben?— ihn als wichtig ge⸗ nug anſehn zu wollen, um eine hoffnungsvolle Jugend ſeinem Dienſte aufzuopfern, hieße einer Chimaͤre dienen, welche wenig ehrenhaft waͤre.“ Graf Matthias zuckte zuſammen. Der grade An⸗ griff des Prinzen auf das bisher gehegte Kleinod ſeines Lebens, die Gewalt der Wahrheit, die immer im gele⸗ genen Moment den Trug beſiegt— Alles zugleich traf den Juͤngling jetzt mit einer Aufregung, die ihn faſt uͤberwaͤltigte, aber den duͤſtern Stillſtand, den ſein toͤd⸗ tendes Bruͤten uͤber ihn verhaͤngt, in ein natuͤrlicheres jugendliches Zuͤrnen verwandelte. „Euer Durchlaucht haben ein raſches Wort ausge⸗ ſprochen!“ ſagte er und der ſchnelle Griff, womit er ſein langes Kreuzſchwert vor ſich auf dem Boden klirren ließ, deutete ſein verletztes Ehrgefuͤhl an.—„Es ſind hier lauter Ehrenmaͤnner verſammelt— ich bin der Ge⸗ ringſte unter ihnen, aber dem Knaben genug entwach⸗ ſen, um zu fuͤhlen, daß in der Geſellſchaft ſolcher Maͤn⸗ ner nichts Ehrenruͤhriges liegen kann.“ „Verzeihung, mein junger Freund,“ entgegnete der Prinz—„ich wollte nichts ſagen, was dies ſchoͤne Ge⸗ fuhl grade in Ihnen verletzte! Wie koͤnnte ich nur wuͤn⸗ ſchen, daß Sie von den Verhaltniſſen anders dachten, in denen Sie ohne weitere Nachfrage Ihr edles begei⸗ ſtertes Innere niederlegten— ich will vorlaͤufig nichts, als Sie uͤberzeugen, daß der Dienſt des Karlſteins kein bindendes Verhaͤltniß fuͤr Sie ſein kann, daß ſeine Behauptung auch nach Ihrer Entfernung unbeſtritten bleiben wird, da kein Intereſſe mehr denkbar iſt, ihn ſeiner ruhigen Poſition zu berauben.“ „Ich habe nie auf meine Perſon den Werth gelegt, um zu glauben, ich ſei hier wichtig,“ entgegnete der verwundete Matthias—„aber— es ſagt mir eine traurige innere Ueberzeugung, daß ich auf keinem an⸗ dern Platze nuͤtzlicher ſein werde.“ „Wollen Sie mir den Verſuch mit Ihnen erlau⸗ ben,“ ſagte der Prinz guͤtig laͤchelnd und hielt ihm die Hand hin.— Graf von Thurn ſchlug die großen melancholiſchen Augen mit ſolchem Ausdruck tiefer Trauer zu ihm auf, daß der Prinz geruͤhrt wurde und feſt beſchloß, den Juͤngling zu retten, deſſen edles Weſen in der friſchen Thaͤtigkeit der Welt ſich unfehlbar zu einer tůchen Maͤnnlichkeit entwickeln mußte. Matthias ſchlug in die Hand des Prinzen ein, und verließ dann ſchnell die Geſellſchaft. Es war ein Chaos — 238 in ihm aufgeregt— er fuhlte ſich tief verletzt von dem, der ihm doch zugleich wohlgethan und dem folgen zu können, er ſich heimlich ſehnte— aber der Gedanke, ſeine Stellung aufzugeben, war ihm noch nie ſo nah geruͤckt worden, und daß dieſe Anregung von Außen kam, erſchutterte ihn ſo, weil ſie zuſammenfiel mit ſei⸗ nen geheimen und doch immer wieder bekaͤmpften Ge⸗ danken. Ach! wie viel brennende Qual lag noch neben dieſem in ihm— mit welcher Verzweiflung fuͤhlte er, daß er noch viel gegen den Prinzen hatte verſchweigen muͤſſen, was ſeine Muthloſigkeit beſtimmen half, und was er vom Prinzen unverſtanden hoffte. Dieſer verſaͤumte indeſſen nicht, die angeregte Stimmung des Juͤnglings durch die geeigneten Schritte bei Podiebrad fort zu entwickeln und es konnte nicht fehlen, daß er bei den offen da liegenden Schwaͤchen deſſelben leicht den Ton traf, durch den er ihn fuͤr ſeine Anſichten gewinnen mußte. Podiebrad glaubte zuletzt doch mehr durch ſein eignes Zuthun, daß es eine ihm obliegende Pflicht ſei, der Armee ein paar Juͤnglinge aus ſeiner untadligen Schule als Vorbilder der wahren Disciplin und reinen Ritterlichkeit zuzuſenden, und der Prinz hatte zu viel Guͤte und Ueberlegenheit, als daß er es verſucht haͤtte, ihn ſeiner Vorausſetzungen zu berauben. 239 Dagegen hatten ſich die Damen in dem Zimmer der Graͤfin von Hautois verſammelt und hier erfuhr Magda die Verlobung,der Prinzeſſin Thereſe mit dem Erbprinzen von S. Ihre grenzenloſe kindiſche Freude bei dieſer Nachricht nahm den letzten kleinen Mißton aus dem Herzen der Prinzeſſin, denn ſie ſah nun erſt mit Gewißheit, daß Magda die Anbetung des Prinzen nicht getheilt habe, und ſie war erfahren genug, um zu wiſſen, daß dies die ſicherſte Beſchwichtigung fuͤr Ge⸗ fuͤhle dieſer Art iſt. Auch empfand die Prinzeſſin ein inneres Gluͤck, wie ſie es vielleicht noch nicht gekannt hatte. Ihre erſte und ſo fruͤhe Liebe zum Prinzen war der Hintergrund ihres ganzen Lebens geweſen; mit der Pein der Verwerfung hatte ſie ſich als treibende Glut in ihr feſtgeſetzt und ſie zu den Verirrungen geſtachelt, die ihr Leben bis jetzt verwirrt hatten. Seit ſie der Liebe des Prinzen gewiß war nnd ſich als die Gefaͤhrtin dieſes edlen Mannes anſehn durfte, ſchien es ihr, als waͤre ſie von aller Noth des Lebens erloͤſt und ihre ruͤh⸗ renden Bekenntniſſe hieruͤber bewieſen, daß ſie dies auf ſich einwirkend fuͤhlte, als ob ſie einem Wunder verfal— len waͤre. Ihre natuͤrliche Großmuth trieb ſie zunaͤchſt an, den Prinzen zur groͤßten Offenheit uͤber Egon zu veranlaſſen, da ſie ihm mit dem Geſtaͤndniß zuvorkam, wie ſie in dem Moment, wie ſie ihm auf Karlik Egon zugefuͤhrt und Beide einander gegenuͤber geſehn habe, von der Aehnlichkeit durchdrungen worden waͤre und daß ihr im ſelben Augenblicke eine Stimme geſagt habe: Es iſt ſein Sohn! Lacy hatte vorgeſchlagen, Hedwiga kommen zu laſ⸗ ſen, da der Prinz jetzt aus Boͤhmen nicht fort konntez aber Claudia lehnte es ab und ſtellte die Frage, ob ſie dadurch weiter kommen wuͤrden, da Hedwiga's Anblick nur das beſtätigen koͤnnte, was ſie bereits wuͤßten, naͤmlich, daß ſie Egons Schweſter ſei. Sie wuͤnſchte nicht, ſie der Ruhe zu entziehn, die ihr das Fraͤulein⸗ ſtift neben dem noͤthigen Unterricht ſicherte, und die Ungewißheit in der Lage des Prinzen, die ihn einen baldigen Wechſel ſeines Aufenthaltes vorausſehen ließ, beſtimmte endlich Alle, zu Claudia's Meinung uͤberzu⸗ gehn. Die Briefe an Barbara— an Frau Baͤbili durch Guntram, welcher nach Mora's Ruͤckkehr for⸗ ſchen ſollte— waren abgeſendet und man mußte ihre Beantwortung abwarten, ehe man weitere Schritte thun konnte, wozu noch kam, daß der Prinz jeden Au⸗ genblick eine Staffette über das Befinden ſeines Vaters erwartete, die ſeine ſchnelle Abreiſe noͤthig machen konnte. Die Brautleute hatten auch dem Kaiſer und der Kaiſerin geſchrieben und um ihre Einwilligung gebeten, 5— 241 denn es that ihnen wohl, dieſe beiden edlen Beſchuͤtzer, die ſo aufrichtig ihr Gluͤck und dieſe Verbindung ge⸗ wuͤnſcht hatten, nun ganz als ihre Eltern anzuſehn, denn obwol Beide noch ihren rechten Vater beſaßen, fuͤhlten ſie doch blos bei dieſen die Schuldigkeit der zu beobachtenden Form. Dieſe auch gegen den alten Fuͤrſten von S. zu beobachten, ſchien dem Prinzen waͤhrend ſeines bedenk⸗ lichen Zuſtandes gefäͤhrlich, da er genugſam die Aufre⸗ gung vorausſehen konnte, welche ihm die Anzeige dieſer Verbindung geben mußte, da ihm die Macht nicht ge⸗ blieben war, ſie zu hindern, ſobald die kaiſerlichen Herrſchaften ſie unter ihren Schutz nahmen. Bald jedoch trafen guͤnſtigere Nachrichten einz der Fuͤrſt war bereits außer Bett und fing an, ſein gewohn⸗ tes Leben zu fuͤhren, und die Vertrauten des Prinzen baten dieſen nun ſelbſt, mit der Anzeige nicht zu zoͤgern, da es keine Frage ſei, daß der Fuͤrſt alle Perſonen, die er mit ſeinem Haß verfolge, auch mit Spionen um⸗ gaͤbe, die ihm gute Nachrichten zu verſchaffen verſtuͤn⸗ den, da er oft uͤberraſchende Details ihres Lebens be⸗ ſaͤße, die ſein ewig zorniges Bruͤten daruber ihm zu⸗ weilen entriſſe. Er kannte das Zuſammentreffen der jetzigen Bewohner des Karlſteins, er kannte ihr Leben, ihre Zeiteintheilung, und hatte immer Racheplaͤne im Thoias Thyrnau 1II. 3te Aufl. 16 Sinne, die er durch heftige Drohungen verrieth, wobei unter anderm das Feſt auf Karlik hervorgehoben ward, welches ihn in die ungemeſſenſte Wuth verſetzt hatte, da er gegen unbekannte Perſonen fuͤrchterliche Fluͤche ausgeſtoßen hatte und ſie einer großen Verſaumniß an⸗ geklagt. Dieſe Nachrichten, die der Prinz mit Thyr⸗ nau und Lacy beſprach, erregten wieder ihre Beſorg⸗ niſſe fuͤr Magda, welche ſchon mehrere Male von ver— daͤchtigen Perſonen aufgehalten worden war, und zuerſt erweckte die Entfernung ihrer jungen Anbeter einiges Bedenken, da ſie— ihr unbewußt— uͤberall eine Es⸗ corte bildeten, die ſie vor den unbekannten boͤſen Ab⸗ ſichten ſchuͤtzen konnte. Es ſchien ihnen gewagt, ſie ſelbſt zur Vorſicht aufzufordern oder ihre Freiheit und ihre Neigung zur Einſamkeit zu beſchraͤnken, da dieſe doch grade den einzigen ihr jetzt zuſtehenden Lebensge⸗ nuß bildeten, und ihr die ſchoͤne Zeit des Sommers, in der ſie wieder aufzubluͤhen begann, ſo ſehr zu goͤn⸗ nen war. Thyrnau's muthiges Herz verzagte faſt, wenn er an den Winter dachte, da er nicht hoffen konnte, ſie von ſich zu entfernen, wenn dieſe beſſere Lage ſie zwaͤnge, ihn zu verlaſſen. Jedenfalls mußte die Verlobungsanzeige an den Vater des Prinzen jetzt gewagt werden, und er beſchloß ſpaͤter mit Lacy, Egon und Guntram und von Podie⸗ „—— — —— ——————.— 243 brad's Autoritaͤt unterſtuͤtzt, alsdann eine ſtrenge Unter⸗ ſuchung der Gegend vorzunehmen, alles irgend verdaͤch⸗ tige Geſindel aufzuheben und eine regelmaͤßige Bewa⸗ chung der Waͤlder wie aller unſicheren Wohnungen durch die Beſatzung des Schloſſes einzuleiten. Dazwiſchen rief ihn ſein dienſtliches Verhaͤltniß oft nach Prag und den angrenzenden Punkten, wo ſein Corps vertheilt ſtand, welches eine Abtheilung des Brownſchen Armeecorps war, und bei dieſen Zuͤgen be⸗ gleitete ihn bereits der Graf Matthias als Adjutant, und Egon, zum Lieutenant avancirt, war ein thaͤtiger, ſich immer nuͤtzlich machender Galopin, obwol ſeine Keckheit ihm manchen Verweis zuzog, wobei doch jedes Mal das hoffende Herz des Prinzen mit Entzuͤcken dem verwegenen Muth des Knaben entgegen ſchlug. Dage⸗ gen hatte Trautſohn die Erlaubniß ſeines Vormundes nicht erhalten, welcher ſich hierzu nicht autoriſirt fuͤhlte, da er verpflichtet war, den S 8. en ſeiner großen Herrſchaft zu erhalten— er verwie de Aufforderung der Art auf die Majorennitat Sin jungen Fuͤrſten, die mit dem zwanzigſten Jahr eintrat, wo ihm dann Alles frei ſtand zu thun, wozu ſein eigner Wille ihn trieb. Magda konnte ihre Freude nicht unterdruͤcken, als ſie hoͤrte, daß er noch bei ihr bleiben werde, und eben ſo dachte Trautſohn, und weder der Graf von Podie⸗ 244 brad noch einer der Andern hinderte den Juͤngling, welcher nun mit der Sicherheit eines unbeſtrittenen Rechtes Magda uͤberall begleitete. Der Graf von Podiebrad war uͤberhaupt auf eine ſo hoͤfliche und unwiderſtehliche Weiſe aus ſeiner Poſi⸗ tion gedraͤngt, daß er ſie nicht wieder finden konnte, oft in ein erſtaunliches Nachdenken verfiel uͤber die Um⸗ geſtaltung ſeiner Lage, aber niemals zu einer recht ſicheren Annahme daruͤber kommen konnte, da ſeine Thaͤtigkeit ſich ſo vermehrt fand durch die gehaͤuften Anſpruͤche und Vergnuͤgungen, daß er bei ohnehin muͤh⸗ ſamer Gedankenentwicklung ſeine Gruͤbeleien immer wieder abſchnappen fuͤhlte, eben wenn er hoffte, ihnen ein hoͤheres Reſſort eroͤffnet zu haben. Lacy dagegen hatte ſich ſein Leben und ſeine Stu⸗ dien mit Thyrnau zu einer Aufgabe gemacht, der er ſich mit dem vollſten Eifer hingab, da es nicht ſein Wunſch war, den Winter auf dem Karlſtein zuzu⸗ bringen, indem Claudia ihm eine Hoffnung eroͤffnet hatte welche ihr gegen die Zeit des Winters die An⸗ nehmlichkeit des eignen Hauſes, und bei ihrem vorge⸗ ruͤckten Alter den Beiſtand erfahrener Aerzte nöthig machte. Nachdem Thyrnau dieſe Nachricht erfahren, trachtete er nur danach, ihn in ſeinen Planen zu unter⸗ 6 Se ſtuͤtzen, und von dem Augenblick an, daß Lacy die ——— 245 Hoffnung eines Nachkommen naͤhren durfte— blieb ſein Widerſtand, die kleinſte Auskunft uber fruͤhere Andeutungen zu geben, noch viel entſchiedener— und trotz der Befurchtungen, die Lacy daruͤber faſt nicht unterdruͤcken konnte, war es ihm doch voͤllig unmoͤg⸗ lich, eine Spur zu entdecken, welche mit ſeinen Ah⸗ nungen uͤberein gekommen waͤre. Thyrnau aber hatte ſeitdem ein Gefuͤhl, als habe Magda jetzt erſt unwider⸗ ruflich ihr Gluͤck und ihr Vermoͤgen verloren und er erſtaunte uͤber ſich ſelbſt, da er ſich geſtehen mußte, daß es ihm mit all ſeiner klaren Offenheit gegen ſich doch nicht gelungen war, dieſen geheimen Ruͤckhalt ganz zu verlieren. Auch beunruhigte ihn die entſchie⸗ dene Neigung, die Trautſohn fur Magda zeigte, denn bei der nahen Unabhaͤngigkeit des Juͤnglings mußte er fuͤrchten, daß er Magda's Stand vergeſſen werde und hieraus abermalige laſtige Verwirrungen entſtehen wůr⸗ den, die den alten Kampf der Geburtsverſchiedenheit erneuern muͤßten. Dabei lehrte ihn die Beobachtung, daß Magda auch nicht entfernt die Zaͤrtl ichkeit des jun⸗ gen Mannes theilte— und hier kam ihm faſt der Wunſch, es moͤchte ſo nicht ſein: es waͤre ihm troͤſt⸗ licher erſchienen, haͤtte Magda damit eine Umwand⸗ lung ihrer Gefuͤhle als möglich gezeigt, waͤhrend er ſich nun ſagen mußte, daß ihr Herz in einer Richtung unerſchuͤttert dem einen von Kindheit an genaͤhrten Gefuͤhle zugewendet blieb. Jetzt war ſie nicht un⸗ gluͤcklich— ja ſie fuhlte gewiß keinen eigentlichen Ver⸗ luſt, weil Lacy da war und ſich nach und nach ein un⸗ befangeneres Verhaͤltniß unter ihnen in der Geſellſchaft der Andern gemacht hatte. Die Rechte, die ſie an ihn haben wollte, trugen den Karakter der reinen Unſchuld ihres ganzen Weſens: ihn ſehen und hoͤren zu koͤnnen, ſeiner Theilnahme gewiß ſein zu duͤrfen— das war ſo viel, daß ſie dem Großvater ſagte, es ſei nun doch ſo gekommen, wie ſie es gewuͤnſcht und ſie waͤren nicht getrennt von Lacy, ſondern in ſeiner Naͤhe Alle wie eine Familie. Er ſtoͤrte ſie nicht; aber mit welcher Sorge dachte er an die Zeit, wenn Lacy ſie verlaſſen werde, wo ſie dann den maͤchtigen Unterſchied des Beſitzes erſt erken⸗ nen mußte. Doch er durfte an Magda's Schickſal nicht allein denken, und kein Widerſpruch der aͤußeren Anzeichen konnte ihn von der Meinung abbringen, daß Lacy in eben ſo großer Gefahr ſei wie Magda— und, wie gluͤcklich ſeine Gemahlin ſich auch jetzt noch ſchaͤtzen mußte, die beſondere Lage dieſer Ehe ſie doch dem Arg⸗ wohn empfaͤnglich halten mußte.—„So magſt Du, mein Gott, denn Alles fuͤhren nach Deiner väterlichen Guͤte und mich lehren, welches die Wege ſind, die zum — Guten lenken“— ſo ſchloß er ſein menſchlich beſorgtes „ Nachdenken, mit dem er doch nicht zu einem beſſeren Beſchluſſe zu kommen wußte, wonach er ſich immer . wieder ruhiger gefaßt fand. Die Kaiſerin hatte indeſſen die huldvollſte Gewaͤh⸗ rung ihrer Einwilligung geſendet, aber zugleich gefor⸗ dert, daß die Prinzeſſin bis zum Abſchluß ihrer Ver⸗ maͤhlung nach Wien an den Hof zuruͤckkehren ſolle. Dieſem Gebot mußte die Prinzeſſin ſich fugen, und ſie that es um ſo leichter, da der Beruf des Prinzen ihn ebenfalls noͤthigte, den Karlſtein zu verlaſſen, und er ſogar hoffte, er werde der Aufforderung des Kaiſers, ſich ihm als Braͤutigam zu praͤſentiren, bald Folge lei⸗ ſten koͤnnen. So ward das geſellige Leben, was einige Monate des ſchoͤnen Sommers die ausgezeichnetſten Menſchen, die durch ungewoͤhnliche Fuͤgung gegenſeitig auf das innigſte verbunden waren, in der ſchoͤnen und roman⸗ tiſchen Situation vereinigt gehalten hatte, nach und nach aufgeloͤſt, und endlich ſahen ſich Claudia und Magda einander gegenuͤber und ihre Geſelligkeit beſtand aus Thyrnau, Lacy und Trautſohn, da Podiebrad nach der Abreiſe. der furſtlichen Perſonen ſeinen Rang wieder zu pruͤfen begann und ſeine Nachgiebigkeit zu beſchraͤn⸗ ken beſchloß, wodurch es ihm verborgen blieb, daß der ſeine ſchwerfaͤllige Geſellſchaft ferner zu ſuchen und nun erſt ein haͤuslich zuruckgezogenes Leben begann, indem man mit vieler Faſſung ſich der Theilnahme der ritter⸗ lichen Beſatzung entzog. Die beiden Frauen machten ihre Promenaden und Spazierritte nur in Begleitung der Maͤnner oder ruh⸗ ten unter Trautſohns Schutz auf Magda's Felſenſitz, um die Familie der Hirſchkuh zu fuͤttern. Bezo ſchlich auch ſtets hervor, ſo wie Magda das Schloß verließ, und folgte ihr nach, und jetzt veranlaßte auch noch der Prinz von S. die Entfernung Paſterau's, deſſen Naͤhe ihm fuͤr Magda's Ruhe gefäͤhrlich ſchien und deſſen Entfernung ihm leicht zu bewirken war, da der Hoch⸗ muth des armen Podiebrad die neue Richtung einge⸗ ſchlagen hatte, die Offiziere, die er der Armee uͤberlie⸗ ferte, als wahre Stuͤtzen des Thrones anzuſehen, als Vorbilder unvergleichlicher Eigenſchaften der Disciplin und Ritterlichkeit. So ſchien das Leben, von allen Seiten friedlich ge⸗ ſichert, einen Genuß darzubieten, der durch die Stille und Abgeſchiedenheit der Situation alle Elemente des Gluͤckes enthielt und eine Annaͤherung der zuſammen Lebenden vermittelte, die beſonders uͤber Magda's noch am wenigſten gekanntes Weſen uͤberraſchende Aufſchluͤſſe kleine zuruͤckgebliebene Kreis ſich nicht geneigt fuhlte, 249 gab, und aus Claudia's uneigennuͤtzigem Munde gegen — ihren Gemahl oft die gefaͤhrlichen Worte hervorrief: ⁰„Wie waͤre ſie Ihrer ſo wuͤrdig geweſen!“ Dann ant⸗ . wortete ihr Lach oft, daß er das gern hoͤre, weil es ihm den Schatten ſeines Oheims zu ehren ſcheine. Wir finden jetzt den Boden des Landes, auf dem die Begebenheiten ſich entwickeln, die wir bisher mit⸗ theilten, auf's Neue erſchuttert durch den Ausbruch des denkwuͤrdigen ſiebenj ährigen Krieges; und obwol es uns bei der Aufgabe, die wir uns mit dieſer Erzaͤhlung geſtellt, nicht einfallen kann, dies große geſchichtliche Tableau fuͤr den kleinen Raum einer romantiſchen Dar⸗ ſtellung zuzuſchneiden, können wir doch unmoglich die bisher erwaͤhnten Perſonen ihrer Stellung gemaͤß fort⸗ leben laſſen, ohne nicht ſelbſt bei der groͤßten Discre⸗ tion die Beziehungen zum Kriege anzudeuten, welche nothwendig auf die Epiſtenz eines Jeden Einfluß haben mußten, welcher dem Kriegsſchauplatz nahe war. Thyrnau und Lacy blieben trotz ihrer ſcheinbaren Abgeſchiedenheit wohl unterrichtet und Thyrnau zwei⸗ felte nicht, daß Friedrich der Zweite den Krieg eroͤffnen wuͤrde, da er eigentlich keinen beſſeren Alliirten hatte, als die unentſchloſſene Maſſe ſeiner Gegner, die, ſo 3 3 rieſenhaft ihm gegenuͤber auch ihre vereinten Krafte waren, doch des hoͤchſten Vorzuges eines einigen Wil⸗ lens entbehrten. Nicht unaͤhnlich der großen Rieſen⸗ ſchlange, wenn ſie von den gepluͤnderten Heerden ge⸗ naͤhrt mit uͤberfulltem Leibe ausgeſtreckt liegt, ihrer zermalmenden Gewalt eben beraubt durch die Mittel, die ihre Staͤrke bezeichnen, ſo lagen die Allirten in be⸗ ſchwerter Ruhe, in ihren Bewegungen gehemmt, ihren materiellen Kraͤften mit traͤgem Stolze vertrauend und den Anfangspunkt des Angriffs oder der Vertheidigung verſchiebend, oder ſeine Wichtigkeit uͤberſehend. Der Ausruf der großen Kaiſerin, der Einzigen vielleicht, welche dieſe Maſſen beherrſcht und zur rechten Zeit in Thaͤtigkeit gebracht, dieſer Ausruf, der in der verhaͤng⸗ nißvollen Periode ſo oft ihr Herz verrieth, lautete:„O, waͤr' ich ein Mann!“ Sie ahnte immer zuerſt, was eine ſo kuͤhne Hel⸗ denſeele wie Friedrich der Zweite vollfuͤhren werde, und ſie fuͤhlte es, ſie waͤre der Geiſt geweſen, der auch dem Feldherrn zu widerſtehn vermocht. Die ſcheinbare Neutralitat Sachſens taͤuſchte Fried⸗ rich den Zweiten nicht. Die damals fuͤr erlaubt gehal⸗ tenen Mittel, welche die Politik fuͤr ein, den morali⸗ ſchen Prinzipien entrucktes Feld erklaͤrten, hatten dem großen Koͤnig den Einblick in die Archive des ſaͤchſiſchen Kabinets eroͤffnet, und er beſann ſich keinen Augen⸗ blick, fuͤr die feindlichen Abſichten, welche unausge⸗ fuͤhrt doch beſchloſſen waren, ſogleich die Strafe an Sachſen zu vollziehen, und ſo eroͤffnete er den blutigen ſiebenjaͤhrigen Krieg mit dem ſiegreichen Einfall in Sachſen und der Eroberung Dresdens. Die Geſchichte hat uns den ungeheuren Aufruhr geſchildert, den dieſe raſche That des Heldenkoͤnigs uͤber Europa verbreitete— es war ein Schrei des Schreckens und der Entruͤſtung, der in einem langen Echo nachtoͤnte. Aber die große Gewalt des Genie's iſt die: zu han⸗ deln, wo Andere berathen— die Kraft, durch alle Verwicklungen durchzublicken, den Anfangspunkt zu er⸗ kennen und zu ergreifen. Sechzigtauſend Mann, durch ihre erſte That zu Siegern und Eroberern eines reichen Landes gemacht, waren eine unuͤberwindliche Maſſe ge⸗ worden, der erſchrockenen, planloſen Armee der Alliirten gegenuͤber, obwol uͤberlegen an Köpfen. Thyrnau's Karakter ließ nicht zu, dieſe gewaltige That blos als Unterthan zu beurtheilen; der Menſch, und der frei entwickelte Geiſt in ihm erfaßte die Dinge immer zuerſt in ihrer allgemeinen Bedeutung— und das feurige Herz wallte dem kuͤhnen Herrſcher entgegen, der keinen Alliirten als ſein Genie und deſſen ſtolze ——— 252 Rathſchlage hatte. Ein mitleidiges Laͤcheln zuckte um ſeinen Mund, wenn er jetzt hoͤren mußte, wie man die Waffen der Moralität gegen eine That zu Huͤlfe rief, gegen die andere Waffen unterlegen waren. Von Ver⸗ rath— Bruch der Vertraͤge— Heiligkeit der Allian⸗ zen— toͤnte die Welt wieder. „O,“ rief Thyrnau—„wer ſollte zweifeln, daß Friedrich der Zweite der Tugend gegenuͤber das boͤſe Princip iſt, wer die ſchwachkopfigen Reden ſeiner Geg⸗ ner hoͤrt— und doch haͤtte den Theil der That, den ſie Verrath nennen, grade Jeder von ihnen am leichte⸗ ſten vollfuhrt; nur das Genie: den Moment dazu und die nothwendige Wirkung davon zu erkennen, haͤtte Keiner beſeſſen und das erfuͤllt ſie jetzt mit dieſem dum⸗ men neidvollen Erſtaunen. Gieb Acht“— ſagte er zu Lacy—„ihre moraliſche Entruͤſtung wird dennoch keine moraliſche Staͤrkez ſie werden in albernen Beſchloͤſſen untergehen, waͤhrend dieſer Beſieger nicht alleinihrer Armee'n, ſondern ſeiner Zeit uͤberhaupt, den Weg un⸗ bekuͤmmert gehen wird, wie der Geiſt ihn treibt, der ihn zum Vorkaͤmpfer einer ſich umſchwingenden Periode gemacht hat.“ „Nur unſere Kaiſerin erfuͤllt mein Herz mit Schmerz,“— ſagte Lacy—„denn ſie ſteht dem ge⸗ genuͤber, der allein wuͤrdig waͤre, an ihrer Seite zu * „ ——— —— ſtehn. Und ſage, was Du willſt, von den Ausnahmen, welche die Politik der Moral geſtattet— bei ihr iſt das nie geheiligt, was Betrug bleibt; weder ihr Verſtand noch ihr Herz laͤßt ſich taͤuſchen, und wird ſie dennoch auf dieſen Wegen getrieben, ſo zieht ſich ihr Herz zu⸗ ſammen und ſie vielleicht iſt die Einzige, welche dieſer Handlung des kuͤhnen Koͤnigs den Makel anhaͤngen darf, den dieſe Schwaͤchlinge ausſchreien, denn ſie empfindet es ſo, und wird den Vortheil ſtets gering halten auf dem Wege des Verraths.“ „Dieſe Stimmung theile ich“— ſagte Thyrnau— „und danken wir ihrem Verſtande, der ſie einſehn laͤßt, daß dieſe edlen Geſinnungen vielleicht um hundert Jahr zu fruͤh da ſind! Oder vielmehr,“— ſetzte er laͤchelnd hinzu—„danken wir Kaunitz, der dieſe Erklaͤrung an ihrer ſtatt uͤbernimmt, und den ſie gewaͤhren laͤßt, wo ſie nicht ſelbſt handeln will. Doch eins bedenke jetzt, mein Freund— wenn dieſer Handſtreich mit Dresden dem Koͤnige auch ein angenehmer und noͤthiger Anfang ſeiner Unternehmungen iſt: Sachſen iſt ihm doch nur der Weg nach Boͤhmen und Maͤhren, und wir duͤrfen nicht zweifeln, daß er fruher hier ſein wird, als unſere Huͤlfe. Schon ſteht er vor dem Lager bei Pirna— und er wird dort bald fertig ſein, und der Degen wird dort nicht viel zu thun haben, denn wenn die Aufgabe 254 geſtellt waͤre: wie es anzufangen ſei, um in kuͤrzeſter Zeit in einem befeſtigten Lager eine Hungersnoth aus⸗ brechen zu laſſen; man muͤßte die Maaßregeln bei Pirna als Muſter aufſtellen! Glaube mir, er hat ſchon in Dresden daruͤber gelacht und wir werden ihn bald naͤher haben, dann aber denke daran, daß Deine Gemahlin eine langſame und beſchwerliche Reiſe fruͤher antrirt, ehe der Feind ihr auf den Ferſen ſitzt.“ „Und Du, mein alter Freund?“— rief Lacy— und Thyrnau fuͤhlte in dem Ton, wie der Gedanke ihn bewegt hatte—„und Magda,“ ſetzte er hinzu— „Euch ſoll ich zuruͤcklaſſen in einer Feſtung ohne Waͤlle und von dieſem phantaſtiſchen Thoren bewacht?“ „Laß Du mir meinen Karlſtein und ſeine Befehls⸗ haber ungeſchmaͤht,“ ſagte Thyrnau lachend—„die Preußen haben ganz andere Abſichten, als den Karlſtein zu belagern— und einem Handſtreich zu widerſtehn iſt die alte Feſte in Wahrheit noch ſtark genug— und da⸗ fuͤr ſtehe ich, Podiebrad iſt ein ſo unzweifelhaft tapferes Herz, daß er ſich eher unter dem Schutt begraben laßt, als die Vertheidigung aufgiebt, ſo lange noch ein Mann lebt. Geſtehe,“ fuhr er gegen den ſchweigenden Lacy fort—„Du haſt das auch gedacht.“ „Meine groͤßte Beruhigung wird doch die ſein,“ antwortete Lacy—„daß Koͤnig Friedrich Deiner Mei⸗ nung ſein wird und ſchwerlich, um den Karlſtein zu erobern, ſeine kleine Potsdam'ſche Wachtparade, wie ſich Herr von Belleisle vorwitzig ausdruͤckt, zerſplittern wird, da in dieſem Zuſammenhalten ſeiner Macht und ihrer ploͤtzlichen Vereinigung auf einem Punkte, mit das Geheimniß ſeiner großen Erfolge beruht. Und den⸗ noch iſt Trennung in ſolcher Zeit verhaͤngnißvoll.“ „Pah!“ rief Thyrnau—„nicht mehr und nicht anders, als wenn wir zur Nachtzeit unſere verſchiedenen Thurm⸗Etagen beziehn. Wir haben weder den naͤch⸗ ſten Augenblick noch die naͤchſten Jahre in unſerer Ge⸗ walt— und mich erhaͤlt das grade friſch. Du haͤltſt mich zwar fur einen Heiden, ich weiß es“— fuͤgte er laͤchelnd hinzu,„aber ſei gewiß, mir wohnt ein tiefer unerſchutterlicher Glaube ein, daß wir hier Alle zu einem großen Dienſte vereinigt ſind, der uͤber die Schranken dieſes ſchoͤnen Daſeins hinaus ſeine Zwecke erfullen wird, daß uns der Geiſt von daher koͤmmt, und unſere Erkenntniß nur ſo viel werth iſt, als unſere Ueberzeugung davon feſt geworden. Das befluͤgelt mir das Herz, daß es nicht nach bejahrter Leute Art zuſam⸗ men klappt wie ein alter ausgedienter Burſche, der im⸗ mer nur von Schlaf und Aufhoͤren ſchwatzt mit der ſchmaͤhlichſten Undankbarkeit.— Sieh, mein Sohn! mir iſt das Leben eine herrliche Erfullung!— Ich habe 256 es erkannt mit ſeinem hoͤchſten Gluͤcke, mit ſeinen hei⸗ ligen Schmerzen— ich habe die Kaͤmpfe mit meinen Leidenſchaften und ihrem ſtachelnden Widerſpruch durch⸗ gemacht— ich kenne die Marter kleiner neckender Wi⸗ derwaͤrtigkeiten, denen man ſtill halten muß— den bittern Kelch des Lebens, wenn das Ungluͤck und der boͤſe Wille der Menſchen unſere Stunden vergiftet, unſere beſſeren Plaͤne zerſtoͤrt. Aber die Kraft, die Gott in meine Seele gelegt, hat mich eine wunderbar tiefe innige Theilnahme mit all' dieſen Zuſtaͤnden empfinden laſſen— ich— ich gehoͤrte zu Allem hinzu — ich war mit meinen Bruͤdern, wie auch ihre Abwei⸗ chungen erſcheinen mußten, innig verzweigt— der Groll— die Bitterkeit— dieſe Geburt des Duͤn⸗ kels und der Selbſttaͤuſchung, welche zur Iſolirung fuͤhrt, in der endlich das Herz verhaͤrtet und der Hoch⸗ muth waͤchſt— o! wie waren dieſe Feinde des Men⸗ ſchen mir dadurch ſo fern! Wie ein Schiffbruͤchiger lag ich oft, ausgeſpuͤlt von dem Meere, das meine liebſten Guͤter verſchlungen, am oͤden Strande, und wenn ich aus der Betaͤubung erwachte, ſah ich, das bis dahin errungene und beſeſſene Leben lag hinter mir, und ich hatte nichts behalten.— Der Kraͤftige ertraͤgt das nicht lang'— und der Geiſt, zu dem er aus der tiefen Ver⸗ armung aufſchaut, beruͤhrt die harrende Seele! Ha! wenn wir zuerſt fuͤhlen, wir koͤnnen neugeboren dem Leben noch andere Kraͤfte darbringen, als die eben ver— brauchten und mit ihren Erfolgen verſunkenen— wie gottlich ſchoͤn, wie reich und groß wird uns da die hei⸗ lige Welt, in der wir andaͤchtig vorſchreiten, wie in einem Gotteshaus und worin unſere Schritte immer feſter werden, weil wir uns und unſer kleines Intereſſe vergeſſen lernen, und unſer Ziel nicht mehr auf dieſer Welt ſteckt.“ „O Thyrnau!“ rief Lacy bewegt.— „Laß das,“ ſagte dieſer.—„Aber Du, der Du noch im Vorhof des Lebens ſtehſt, verſprich mir, nie gering vom Leben zu denken! Dich nie uͤber Deine Bruͤder zu erheben, ihren Irrthuͤmern und Verkehrt⸗ heiten nie Deine Tugenden entgegen halten zu wollen. — Du biſt ohne Zweifel auf dem allergefaͤhrlichſten Abwege, wenn Du das Eine oder Andere in Dir ſpuͤrſt. Du biſt ſchlaff und in ſinnliche Unthaͤtigkeit verfallen, wenn Du das Leben verachteſt— Du biſt in hochmuͤthige Selbſttäͤuſchung uͤber Dich verſunken, wenn Du auf Deine Bruͤder herabſiehſt, und Deine Tugenden werden nichts anderes, als hartnaͤckige Ver⸗ ſtocktheit ſein, die Dich blind macht, und, wenn Du heute aufrecht ſtehſt, wirſt Du morgen ſchon gefallen ſein, und eben darum! Ol ich ſage Dir, es hat Thomas Thyrnau iM. 3te Auflage. 17 — 258 kein Menſch Recht, ſich uber das zu beklagen, was er erdulden mußte, denn ein ehrlich Bekenntniß zeigt die Große unſers Antheils daran und— Bitterkeit iſt durch kein Erlebniß zu entſchuldigen— ſie bleibt das traurige Zeichen, daß der Menſch ſich von Gott entfernt.“ „Lebenserfahrener!“ ſagte Lacy, ihn mit inniger Liebe betrachtend—„ſo milde— ſo erquickt am Abend des Lebens, als waͤre es Thau des Himmels geworden, was als heißer Schmerzenstropfen Deine Wange furchte!“ „Ha! wozu wird man denn alt?“ rief Thyrnau feurig.—„Wozu laͤßt uns Gott das lange Leben er⸗ fahren, wenn es nicht endlich mit allen ſeinen Zuſtan⸗ den in geiſtiger Harmonie hervortreten ſollte und unſer Selbſt abloͤſen von der druͤckenden, materiellen Gemein⸗ ſchaft, die unſere Jugend verwirrt und die haſtige Thaͤ⸗ tigkeit und die getaͤuſchten Wuͤnſche erzeugt: ſo wird endlich aus dem harten Geſtein die Goldader erloſt, die es in ſeinem Schooße verſchließt, und um die der ganze Kampf galt mit dem ſtarren Element.“ „Auch mir wird das Leben nichts ſchuldig bleiben,“ ſagte Lacy ernſt—„und ſei gewiß— ich bin gefaßt, ihm muthig die Stirn zu bieten. Schon hat es viel an mir verſucht— um ſo mehr vielleicht, da mein Haar noch nicht erbleichte. Aber die Kraft, die Einſicht, die 259 mir koͤmmt, die iſt der Geiſt, nach dem ich rufe, weil ich mir ſelbſt zu ohnmaͤchtig ſcheine— und die Kraft, die ich empfangen, iſt die rechte, denn ſie verbreitet Frieden in mir und um mich her.— Wir haben einen großen Feind an unſerer Phantaſie; das Herz ſteht mit ihr im Bunde; ſie haben ſich beide viel zu ſagen — und leiden wir das Zwiegeſpraͤch, ſo wird die Erſtere die Staͤrkere. Zu unwiderſtehlichen Bildern, die uns hinreißen, ſchmuͤckt ſie die Geheimniſſe des Innern aus— und das verrathene Herz taucht in dem Zauber unter!— Aber ich habe fruh dieſe leiſ' anſchleichende Gewalt erkannt und auf ſie wie auf einen giftigen Wurm zuͤrnend den Fuß geſtellt.“ „O Thyrnau! es laͤßt ſich Vielem maͤnnlich Wider⸗ derſtand leiſten: dem Ehrgeiz, dem Haß, der Rache— aber dem Menſchen, der Dich erfaßt mit dem Zauber ſeiner Tugenden, deren Abdruck die goͤttliche Geſtalt verklaͤrt, dem Du mit vollem Rechte bewundernd Dich hingeben mußt— dem zu widerſtehn, wenn dies Bild mit ſeinem Reize Deine Phantaſie erfullt und wie Dein Schatten Dich uberall an Dein theuerſtes Selbſt erin⸗ nert— dem zu widerſtehen, wenn Du mußt,— das iſt Gigantenarbeit und der Staͤrkſte darf ermuͤden in ſolchem Kampf!“ Nach einer Pauſe ſagte Lthenn gluͤhend und 473 260 heftig:„Bete und arbeite!“— Dann trennten ſie ſich ſchnell. In dieſer Zeit begann Claudia zu kraͤnkeln und war Tage lang auf die Ruhe ihres Zimmers angewieſen. Magda war faſt die groͤßte Zeit des Tages um ſie, und es bedurfte immer Claudia's dringender Bitten, daß ſie ſich nicht ganz der Luft entzog. Lacy hatte mit Magda verabredet, daß ſie ſich bei Claudia abloͤſen wollten; er blieb bei ſeiner Gemahlin, waͤhrend ſie ihre Promena⸗ den machte und ging erſt an ſeine Arbeiten, wenn ſie zuruͤckkehrte. Als dies ſich eine Zeit fortſetzte, fuhlte Magda ein Weh in ihrem Herzen entſtehn, von dem ſie ſich keine Rechenſchaft zu geben vermochte. Waͤh⸗ rend ſie dahin wandelte, floh ſie die Beobachtung der Menſchenz ſie wendete Liſt an, um Trautſohn zu ent⸗ gehn, und indem ſie mit einer Art von ſchmerzlichem Trotz die Gefahren verachtete, die der Wald in ſeiner groͤßeren Entfernung ihr bieten konnte, gewaͤhrte ihr die tiefe Einſamkeit dort Erleichterung, denn oft brach ſie in ein maaßloſes Weinen aus, und indem ihr Ge⸗ ſicht ſich in das gruͤne kuhlende Moos barg, machte ſich ein Schmerz Luft, der nur in der Erſchoͤpfung ſeine Kraft verlor. Unfaͤhig war ſie, klar aneinander zu rei⸗ hen, was dieſen Zuſtand in ihr bewirkte; aber ſei es Trug der Unſchuld und Unerfahrenheit, ſei es das Ver⸗ 261 huͤllen, womit die Leidenſchaft vor dem Gewiſſen ſich zu ſchutzen ſucht— ſie ſagte ſich: Lach habe jetzt Wi⸗ derwillen gegen ſie gefaßt— all' ihr ſchoͤnes Gluͤck ſei nun dahin, denn ſie habe in ihm keinen Bruder, kei⸗ nen Freund mehr— allein nur Claudia erfulle ſein Herz und ſeine Gedanken— ihr Schickſal, ihr Wohl und Weh laͤge weit ab von ſeinem Herzen. Dann dachte ſie daran, wie er nun Stunden lang mit Clau⸗ dia allein war, ihr vorlas, oder ſie in ſeinen Armen haltend unterhielt, und fuͤr ihre Bequemlichkeit und Pflege Sorge trug. Ein unbeſchreiblicher Schmerz zerriß ihr Herz bei dieſem Gedanken und ſie entſetzte ſich vor dem lauten Schrei, den ſie zuweilen uͤber ihre Lippen preßte. Es ſchien, als ahnete Niemand den heftigen Zu⸗ ſtand des armen Kindes— wenigſtens glaubte Magda ſich vollig unbeobachtet und vergeſſen, und wirklich trat bei ihrem Großvater der ungewoͤhnliche Fall ein, daß bei dem Gedanken an Lacy's nahe Abreiſe ſein Eifer ihn trieb, bis zu einem von ihm ſich geſtellten Ziele vorzuſchreiten, und dies die Stunden des Umgangs ſehr abkurzte und ihn zu einem abgezogenen, zerſtreuten Geſellſchafter machte. Nur Lacy ſah die veraͤnderte Stimmung Magda's, und die ſchuͤchterne Kaͤlte, mit der ſie àn ihm voruber . ſtreifte, glaubte er zwar veranlaßt zu haben, aber ſein reizbares Ehrgefuͤhl verdeckte ihm die Wahrheit— er fuͤrchtete, Magda bis dahin zu vertraulich, zu entge⸗ genkommend behandelt zu habenz er glaubte, ſie wolle ihm andeuten, wie zuruͤckgezogen von einander ſie ſtehen muͤßten— und ſo trat oft mit maͤnnlicher Uebertrei⸗ bung eine ungewoͤhnliche Kaͤlte gegen ſie hervor. Ach! Beide ahneten nicht, wie gefaͤhrlich gerade dieſer ſtille Krieg ihrer Gedanken war, da er ſie zu einer viel an⸗ haltenderen Aufmerkſamkeit auf einander hinzog und einen unruhigen Wechſel ihrer Stimmungen hervorrief, der ſehr verraͤtheriſche Symptome von Freude und Schmerz enthielt. Wie ſchrak er oft zuſammen, wenn ſie von ihren einſamen Promenaden zuruͤckkehrend, mit dem blaſſen, ausgeweinten, muͤden Geſicht in Claudia's Krankenzimmer trat, die matte bebende Stimme erhob, und ſie wie ein Bild der Ergebung dahin glitt. Kein Blick traf ihn, kein Zeichen verrieth ſeinem ſuchenden Auge, daß ſie nur ſeine Gegenwart wiſſe, und endlich verließ er das Zimmer und ſagte ſich troſtlos: Was hab' ich denn gethan, daß ſie mich haſſen und ver⸗ achten darf, daß ſie mich zuruckweiſen muß von der Stelle, die ich einnehmen durſt⸗ als ihr Freund— als ihr Bruder! Claudia war ein zu ſchoͤnes, zu edles weibliches— 263- Gemuͤth, um mit argwoͤhniſcher Beobachtung oder mit brutaler Einmiſchung das ungewoͤhnliche Verhaͤltniß zu betaſten, welches die Umſtaͤnde auf gefaͤhrliche Weiſe zuſammen gefuͤhrt. Sie hatte ſich mit ernſter Faſ⸗ ſung und Wahrhaftigkeit die Moͤglichkeit gedacht, daß ihr Gatte von der bruͤderlichen Waͤrme gegen Magda zu einer hoher geſteigerten Empfindung uͤbergehen koͤnnte, wie ſie laͤngſt uͤberzeugt war, daß dies bei Magda der Fall war— und voll tiefer zaͤrtlicher Theilnahme be⸗ ſchloſſen, ihn vor dem namenloſen Weh und den grau⸗ ſamen Widerſpruͤchen zu bewahren, die unausbleiblich werden, wenn die Gattin ſich zuͤrnend von den Verir⸗ rungen ihres Gatten abwendet. Sie hatte ein edles Vertrauen zu Lacy ſowol wie zu ihrem Verhaͤltniß; ſie wußte es, nie konnte ſie ſein Herz ganz verlieren— der Schatz von Achtung und Vertrauen, der unbeſtritten ihr Theil blieb, mußte ihn glucklich machen, wenn ſie ſich beſtrebte, nicht ungluͤck⸗ lich zu werden— und ſie liebte ihn mit ſo ſchoͤner un⸗ eigennuͤtziger Waͤrme, daß ſie beſchloß, um ſeinetwillen gluͤcklich zu bleiben. Die Aufgabe war nicht klein! Es war ihr uͤber die aͤußeren Verhaͤltniſſe keine Macht gegeben; ſie mußte mit Ruhe erwarten, daß durch die bevorſtehende Tren⸗ nung den Zuſtaͤnden zu Huͤlfe gekommen werde. Sie 264 hatte die edle weibliche Haltung, welche jede heftige Leidenſchaftlichkeit zu beherrſchen weiß, und indem ſie Gott bat, uͤber die geliebten Weſen zu wachen, die in ſo großer Verſuchung ſtanden, ſah ſie ſich ſelbſt als ein Werkzeug an, dieſen Schutz auszuuͤben, und der Friede, der dadurch uber ſie kam, machte ſie zu dem Engel, vor dem die Glut jedesmal niederzubrennen ſchien, ſo daß ihr ganzes Dazwiſchenſtehn Linderung und Verſoͤhnung ward. Wie viel davon zum Bewußtſein von Lach und Magda kam, iſt nicht zu ermeſſen— Eins nur trat entſchieden in Beiden hervor: ſie fuͤhlten ſich am ruhigſten, am glucklichſten bei ihr— und ihre Liebe zu Claudia war ſo rein und innig, als wahr und un⸗ verſtellt. „Ich werde ſie ſo retten,“ ſagte Claudia dann oft geruͤhrt in ſich hinein, wenn ſie dieſen Einfluß empfand —„ich werde ſo die Leiden von ihnen abhalten, die Vorwuͤrfe ihnen geben wuͤrden, und unter deren jaͤher Aufregung das unſchuldigſte Gefuͤhl zur fuͤndvollſten Leidenſchaft aufbrauſen kann.“ Briefe vom Prinzen von S. zeigten an, daß Gun⸗ tram von Frau Baͤbili die Nachricht erhalten habe, wie Frau Mora noch nicht zuruͤckgekehrt und keine Nach⸗ richt von ihr eingetroffen ſei. Die einzige Moͤglichkeit, der Wahrheit naͤher zu ruͤcken, ſchien dem Prinzen die Eroͤffnung der Graͤber; aber ſeine Stellung machte in dieſer Zeit einen Urlaub oder eigenmaͤchtige Entfernung von der Armee unmoͤglich, und Bevollmaͤchtigte dahin zu ſchicken, war durch das Vorruͤcken der Preußen ſchwierig geworden, da dies kleine Beſitthum in dem Mittelpunkt der preußiſchen Armee lag. Dies erfuͤllte ihn um ſo mehr mit Truͤbſinn und Ungeduld, da Egon's Naͤhe ſeine Liebe zu ihm ſteigerte und der Juͤngling eine Entwickelung zeigte, die ſeinen Beſitz immer wuͤn⸗ ſchenswerther machte. Der Graf von Podiebrad fuhlte indeſſen bei den Kriegsnachrichten, was man von dem alten Wein im Faſſe ſagt, wenn die Blutezeit der Rebe eintritt— er ruͤhrte ſich und wollte ſchaͤumen, das heißt: den Karl⸗ ſtein in Belagerungszuſtand verſetzen. Nach einer langen Berathung mit den Offizieren der Beſatzung und nach vielen ſchlafloſen Naͤchten hatte er ein Dokument verfaßt, welches an den kaiſerlichen Hof⸗Kriegsrath abgehen ſollte, und da er nicht glaubte, einen der aͤltern Offiziere der Beſchuͤtzung des Karl⸗ ſteins entziehen zu duͤrfen, weil fuͤr Thurn und Paſterau kein Erſatz eingetreten war, erhob er in geheimer Sitzung die Durchlaucht von Trautſohn zu ſeinem Ad⸗ jutanten und kuͤndigte ihm ſolches öffentlich an mit der Weiſung, dies wichtige Reſeript nach Wien zu bringen, mit vorheriger Meldung bei Sr. Excellenz dem General en Chef Brown, welcher das Armeecorps fuͤr Bohmen kommandirte. „Was habe ich Dir geſagt?“ ſagte Thyrnau la⸗ chend zu Lacy, als Trautſohn ſich zum Abſchiednehmen traurig bei ſeinen Freunden meldete—„dieſer alte De⸗ gen wird ſein Neſt ſchon vertheidigen! Gieb Acht— im Fall der Noth beſteigt er ſein gutes Roß und haͤlt mit gezogenem Degen vor den Thoren der unangreif⸗ baren Feſte, jeden zum Kampf herausfordernd, der es wagen moͤchte, ſich derſelben feindlich zu nahen! Ich muß lachen— und doch hat es etwas, was mir gefaͤllt — es iſt die eiſerne Konſequenz, die ſelbſt im Wahn⸗ ſinn noch einen Mann kleidet!“ Trautſohn war dagegen wenig zum Scherzen ge⸗ neigt; ſeine innige Zaͤrtlichkeit fuͤr Magda hatte durch die Art, wie ſie ſich ihm entzog, den Antheil von Leiden⸗ ſchaftlichkeit bekommen, womit die heftigſten Schmer⸗ zen der Jugend heraufbeſchworen ſind, und er dachte an Nichts, als an Krieg, Ueberfall, Vertheidiguug auf Leben und Tod, wobei er hoffte, zu Magda's Fuͤßen zu ſterben, oder ſie doch wenigſtens aus großer Gefahr zu befreien, und ihr Herz damit zu ruͤhren und ſich wieder zuzuwenden. Der unruͤhmliche, ja vielleicht „ lächerliche Auftrag des Oheims war ihm daher ein Don⸗ nerſchlag, und es koſtete ihm viel Zeit und Kampf, um ſich den Gehorſam abzuzwingen, den er fuͤhlte nicht verweigern zu duͤrfen. Um ſich aber dadurch nicht ganz von ſeinen Plaͤnen auf Magda zu entfernen, beſchloß er, auch dieſe Reiſe ſolle ihm fuͤr die Zukunft dienen, und durch Kaunitz oder die Prinzeß Thereſe wolle er bei der Kaiſerin Audienz nachſuchen und ſie gleich bitten, Magda dereinſt zu einem ſeinem Stande gemaͤßen Range zu er⸗ heben, daß, wenn er majorenn wuͤrde, er ihr ohne Ein⸗ ſpruch ſeiner ſtolzen Familie ſeine Hand antragen koͤnne. Er ſammelte daher ſo viel Briefe an die Prin⸗ zeſſin, als ſeine Freunde auf dem KFarlſtein ihm geben wollten, und erlangte auch von Lacy einen Brief an Kaunitz, von deſſen Vermittelung— da er Magda kannte— er ſich ſehr viel verſprach. Dies machte ihm die Abreiſe ertraͤglich, ſeine Stimmung ward zuletzt ſo⸗ gar heiter, und Magda hatte viel von ſeinen verworre⸗ nen Reden zu leiden, welche voll von Anſpielungen wa⸗ ren, die ihr gaͤnzlich unverſtaͤndlich blieben. „Himmel“— rief ſie endlich—„Trautſohn ſchaffe Dir auf Deiner Reiſe einen klaren Kopf an— denn ſo einfaͤltiges Zeug haſt Du noch nie geſprochen als jeßt, und ich erkenne Dich gar nicht wieder, da Du ſonſt ein ſo lieber verſtaͤndiger Menſch wareſt.“ „Du wirſt es ſchon einmal erfahren, warum ich Dir jetzt nur Alles halb ſage,“ erwiderte Trautſohn freudig—„und dann wirſt Du einſehn, daß juſt um Deinetwillen Alles nicht klarer ſein durfte; aber wenn Du an mich denkſt, dann habe mich lieb, und komme ich zuruͤck, dann denke, daß, was ich auch erlebe, Gluͤck⸗ liches und Schoͤnes, Dein Anblick doch Alles aufwiegen wird, da Dich doch Keiner mehr liebt, als ich!“ „O ja!“ ſagte Magda—„der Großvater liebt mich doch mehr als Du— und ich liebe ihn auch mehr als Dich— obwol Du ſehr lieb und gut biſt und der Liebe ſchon werth! Sonſt freilich— da haſt Du Recht— ſonſt liebt mich hier Keiner ſehr!“ und hier ſtarb ihre Stimme hin und ſie brach in heiße Thraͤ⸗ nen aus. Damit war nun dem armen Trautſohn ſeine Ab⸗ ſchieds⸗Audienz bei Magda vorbei, denn ſie ließ ihn ihre Hand kuͤſſen und drucken und entfloh ihm dann, um ihre Thraͤnen zu verbergen. Der arme Juͤngling aber, der die Urſache nicht ahnte, ſagte ihr ganz ent⸗ ſchloſſen nach:„Warte nur, gute Magda— bin ich erſt majorenn und wir ſind verheirathet und Du haſt alle meine Schloͤſſer und ſchoͤnen Guͤter im Beſitz, da will ich Dich ſchon lehren, daß ich Dich lieber habe, als Dein alter Großvater— und ſo wahr ich Georg —— 269 Traurſohn heiße, Du ſollſt nicht mehr weinen, ſondern lachen und Dich freun den lieben langen Tag!“ Dieſer Vorſatz troͤſtete ihn ſehr und er reiſte deſſelbigen Tages guten Muthes ſeiner Beſtimmung entgegen. Am andern Morgen trat Magda in Claudia's Zim⸗ mer, und da ſie es leer fand, ſetzte ſie ſich ſtill und ge⸗ dankenvoll auf die Mauerbruͤſtung des Erkers, und ſah ohne Aufmerkſamkeit in das Thal hinab und auf die Landſtraße, die nach Prag fuͤhrte.— Da war indeſſen in das anſtoßende Zimmer Claudia mit Lach eingetreten, und Magda hatte durch kein Zeichen verrathen, daß ſie da war, weil ſie wo moͤglich unbemerkt bleiben wollte, bis Lacy ſich entfernt hatte— da ward ihr Name ge⸗ nannt— ſchon wollte ſie aufſtehn und eintreten— als Lacy mit bebender Stimme ſagte:„Sie flieht vor mir mit ſo ſichtlichen Zeichen der Abneigung, daß ich, um ſie zu ſchonem ſie vermeide, wo ich kann. Das ſchmerzt mich nun, denn ich liebe ſie wie eine Schweſter, und da⸗ durch entſteht denn wol, was Sie tadeln, liebe Ciaudia, und was Ihnen zu große Zuruckhaltung ſcheint und was— ich fuͤhle es wol recht ſchmerzlich— uns immer mehr auseinander fuͤhrt.“ „Magda iſt ganz Natur,“ ſagte Claudia—„Sie, mein Lieber, haben die Menſchenkenntniß und Erfah⸗ rung voraus— Sie muͤſſen leichter die Mittel finden, das verſcheuchte Vertrauen zuruͤckzufuhren. Denken Sie, daß unſere Verhaͤltniſſe ungewoͤhnlich ſind— un⸗ ſere theuerſte Aufgabe muß ſein, Magda zu behuͤten und zu bewahren— und ſchon leidet ſie unter der eingetre⸗ tenen Kaͤlte, die ſie nicht nachzuweiſen vermag, und was Sie, theurer Lacy, Abneigung nennen, das iſt das langſam wachſende Mißverſtaͤndniß, welches aufzuklaͤren Ihnen zufaͤllt.“ Magda ſtand waͤhrend dieſer Worte wie durch einen Zauber gebannt, ſprachlos, ganz erſtarrt gegen die Mauer gelehnt; ihr Bewußtſein haftete nur in den Worten, die ſie hoͤrte, ubrigens lag jede andere Betrach⸗ tung weit ab von ihr. Als die Stimmen ſchwiegen, da Claudia das Zimmer verlaſſen, verſuchte ſie die Fuͤße zu heben, denn der Gedanke an Flucht brach durch ihre Er⸗ ſtarrung; aber ſie war wie gelaͤhmt und der Athem ſelbſt regte ſich nur ſchwach in ihrer Bruſt. Da trat Lacy in die Thuͤr nach dem Altan und plotzich ſtanden ſie vor einander. Er erkannte ſie mit dem Erbeben, womit uns die ungewoͤhnliche Fuͤgung gefaͤhrlicher Umſtaͤnde uͤberraſcht, uns verfuͤhrt, ſie fuͤr hoͤheren Willen zu hal⸗ ten und der Taͤuſchung verfallen laͤßt, vor ihrer Gewalt nicht mehr entfliehen zu koͤnnen. „Magda,“ rief er mit einem Tone, der plotzlich die ganze Kluft ihrer bisherigen Trennung uͤberſprang— „Magda, haſt Du mich gehoͤrt?“— Er hielt ihre kal⸗ ten lebloſen Haͤnde— „Ich wollte fort,“ ſtammelte ſie gebrochen—„aber ich bin wol gelaͤhmt, denn ich kann nicht.“ Da ſchlug es gluͤhend heiß in Lacy's Bruſt zuſam⸗ men— außer ſich faßte er das bleiche zuſammenbre⸗ chende Maͤdchen in ſeine Arme— feſt druͤckte er ſie an ſeine Bruſt und rief leiſe und bebend:„Magda— Magda! kannſt Du an meiner Liebe zweifeln? Hat Claudia Recht? verkennſt Du mich? Haſt Du Dich von mir gewendet in Mißtrauen gegen mich? Weißt Du nicht, wie grenzenlos innig mit allen Kraͤften mei⸗ ner Seele ich Dich liebe— liebe! wie es mir Gott ver⸗ geben muß, um unſeres Schickſals willen!“ Magda antwortete nicht, aber ſie blieb ſtill mit ih⸗ rem Kopf, wohin Lach ſie gelegt, auf ſeiner Bruſt lie⸗ gen und ein himmliſcher Frieden und die Seeligkeit der Engel erfullte je laͤnger je mehr ihr Herz. Unſchuldig ſchweiften ihre Gedanken von dem heißen Moment ab, der uͤber ihr ſtand, und ſie dachte an ihren Traum von der Kaiſerin— und wie die Schwerter jener aus der durchſtochenen Bruſt weg geflogen waren, ſo, glaubte ſie, geſchah ihr— und alle Wunden fielen zu und ſie war ganz geheilt— und wenn ſie ſich aufrichtete, hoffte ſie 272 gläcklich zu bleiben. Aber Beide verzoͤgerten den Au⸗ genblick— o! die kalte Entfernung von einander hatte ihnen ſo weh gethan— dieſer Moment, ſchien es, ſollte ihre Wiedervereinigung ihnen erſt zum vollſten Bewußt⸗ ſein bringen.„Antworte mir!“ ſagte Lacy dabei oft leiſe, von dem Wahnſinn eines Gluͤckes getrieben, uͤber deſſen Bedeutnng er noch nicht nachdachte. Magda rang mit der ſtillen betaͤubenden Seligkeit ihres Herzens und dem Wunſche, ihm zu antworten— endlich ſagte ſie:„Ich dachte immer, wie waͤre Sterben ſo ſuͤß!— Aber Du weißt wol, wir duͤrfen nicht ſterben, wenn Gott nicht will— und denke auch nur den Großvater— da mußt' ich wol leben!“ Lach ward von jedem Worte bis in das Innerſte ſeines Lebens erſchuͤttert— denn was Magda nicht ahnte zu bekennen— wußte er jetzt: ſie liebte ihn mit der ganzen Gewalt ihres unſchuldigen Herzens und ihr Zweifel an ihn hatte ſie zum Tode betrubt. „Magda,“ ſtammelte er, faſt außer ſich—„welche Seligkeit iſt dieſer Augenblick. Er iſt meine Jugend — das ganze Leben erfuͤllt ſich in ihm! Du gehoͤrſt mir — Du biſt mein! Sag' es doch nur, biſt Du nicht ſelig?“ „Ich bin gewiß ſelig,“ antwortete Magda und ruͤckte ganz leiſe etwas den Kopf in die Hohe, mit dem Ver⸗ 273 ſuch ihn anzuſehn—„aber ich habe nicht Muth, mich aufzurichten, ich denke, die Seligkeit haͤngt mit der Stelle zuſammen, wo mein Kopf liegt und koͤnnte weg ſein, wenn ich ihn aufhebe.— Er ſchloß ſie an ſeine Bruſt, als koͤnnte dies der letzte Augenblick von Beider Leben ſein; er betaͤubte ſich in dem Gefuͤhl der Gegenwart und doch entſchwand ſie ihm ſchon— der Rauſch verfluchtigte ſich ſchon, und indem er fuͤhlte, wohin er gerathen, druckte er noch die Augen davor zu, als ob er der Wahrheit entfliehen koͤnnte. Magda weckte ihn— „Jetzt,“ ſagte ſie—„jetzt werden wir uns nie wie⸗ der mißverſtehn— jetzt haben wir uns ſicher fuͤrs Le⸗ ben!“ Damit richtete ſie ſich auf, löſte ſich ſelbſt aus ſeinen Armen, druͤckte dann beide gefaltete Haͤnde an ihre Bruſt und ſah ihn mit einem Engelslaͤcheln an, das vollſtandig ausdruͤckte, wie alle ihre Wuͤnſche er⸗ fullt waren. Im ſelben Augenblick hoͤrte Lach im Nebenzimmer, daß Claudia zuruͤckgekehrt war— da fuͤhlte er den ſtechenden Schmerz in ſeinem Herzen, den der her⸗ vorgetretene Widerſpruch giebt, und es trat der Moment ein, der ſo nah an Verzweiflung grenzt, der uns zeigt, daß wir die alte Stelle verlaſſen und auf die neue nicht hingehoͤren. Sein ſchrecklicher Zu⸗ Thomas Thyrnau 1II. 3te Aufl. 18 — ſtand lag auf ſeinem Geſichte ausgepraͤgt, als Claudia zu ihnen trat. „Claudia“— ſagte Magda ſogleich—„wir ſind verſoͤhnt“— ſie wollte auf ſie zutreten, aber dieſe ſah nur Lacy.—„O,“ rief ſie mit dem ruͤhrendſten Ton des Schmerzes ſich ihm nähernd—„um welchen Preis aber!“ Magda kam jetzt erſt zur Beſinnung— ſie erkannte den heftigen Zuſtand Lacy's, und ſeine auf ſie gerichte⸗ ten Augen beruͤhrten ſie mit einer Furcht, die Claudia's Ausruf erhoͤhte. Dieſe erfaßte ſeine Haͤnde und fuhrte ihn ſanft mit ſich fort, und als Magda ſah, wie troſtlos Claudia auf ihn blickte, blieb ſie lange ſinnend ſtehn und rief endlich von der heißeſten Angſt uͤberflutet:„Vielleicht durften wir uns ſo nicht lieben!“ Ihre Gedanken irrten umher — ſie wollte Alles bedenken— ſie fragte nach Erfahrun⸗ gen umher— ſie wollte endlich zum Großvater— und dazwiſchen hatte ſie weinen koͤnnen, daß ein Gluͤck, wie ſie es nie empfunden, ſo ſchnell verſchwunden war und einem Zweifel Platz machte, der ſelbſt die Erinnerung unterdruͤckte. Als ſie ſich von dem Balkon wegwenden wollte, ſah ſie zufaͤllig druber hin auf die Landſtraße nach Prag. Ihr Auge blieb an der Geſtalt einer alten Bauerin haf⸗ 275 ten, welche dem Balkon gegenuͤber ſtand und fortwaͤh⸗ rend mit einem weißen Tuche zu ihr hinauf winkte. Magda bemuͤhte ſich bei der Hoͤhe, die ſie trennte, ver⸗ geblich die Frau zu erkennen, die ihr doch etwas Be⸗ kanntes hatte; ploͤtzlich fiel aber das arme Weib auf die Knie und hob die Haͤnde ringend zu ihr auf— nun beſann ſie ſich keinen Augenblick, unterſuchte blos, ob ihre Taſche Geld enthielt und eilte die Stiegen hinab, nachdem ſie der Frau das Zeichen gemacht, ſie werde kommen. Als ſie das Schloß hinter ſich und die Landſtraße erreicht hatte, ſah ſie das Weib jenſeits derſelben halb im Walde verſteckt, ſchuͤchtern noch einmal das Zeichen wie⸗ derholen und jetzt tauchte Magda eine Ahnung auf, wer es ſein koͤnne, und nur deſto eifriger eilte ſie ihr nach. In einem dichten Geſtraͤuch junger Buchen kauerte das arme Weib, und jetzt dicht vor ihr ſah Magda ihre Vermuthungen beſtaͤtigt und trotz der ſichtlichſten Spu⸗ ren des Elends und des Mangels erkannte ſie Mora, die treue Pflegerin von Egon und Hedwiga. „O“— rief Magda außer ſich vor Freude und Ueberraſchung—„welch' ein Engel ſendet Dich zu uns zuruͤck? Mora— Mora! wie biſt Du uns ſo noͤthig! Wie haben wir uns Alle bemuͤht, Deine Spur zu ent⸗ decken und ſind ſo traurig geweſen, als es vergeblich war — o! ſprich, arme Mora— wo biſt Du ſo lange ge⸗ 18* 276 weſen? und warum iſt es Dir ſo ſchlecht gegangen, wie ich deutlich ſehe? „Ach Magda,“ ſagte das arme Weib ſchluchzend, „ich wußte wol, daß ich noͤthig war— aber daß das andere boͤſe Menſchen auch wußten, das war ein Un⸗ gluͤck und darum ſiehſt Du mich in dieſem Elende vor Dir als Bettlerin und halb verhungert.“ „Halb verhungert?“ ſchrie Magda—„großer Gott! wie ſchrecklich! O! ſtehe auf und folge mir; ietzt ſollſt Du Alles in Fuͤlle haben; ich will Dich ſelbſt pflegen und der Großvater wird Alles fuͤr Dich thun.“ „Nein, Magda,“ ſ—„ſo kann ich nicht vor den Großvater treten, der mich wol kennt und dem— ich Wichtiges zu ſagen habe.— Eine Bettlerin und halb verhungert!— Du mufßt mir hierher erſt Hilfe ſchaffen, Kleider und Nahrung, daß ich ein Menſch werde, denn dies Elend habe ich nicht verſchuldet und will das Gepraͤge davon nicht den Leuten zur Schau tragen.“ Magda kannte den ſtolzen und unbeugſamen Karak⸗ ter von Mora viel zu gut, um ihr Vorſtellungen zu ma⸗ chen, und beſchloß daher ſogleich ihre Forderungen zu erfuͤllen, da ſie alsdann die Hoffnung hegen durfte, die wichtige Perſon dem Großvater vorzufuͤhren. ———— † Sie leitete daher Mora noch tiefer in den Wald hinein zu einem ihr von Bezo bereiteten weichen Moos⸗ lager und eilte dann in das Schloß zuruͤck, in deſſen Hofe ihr Bezo ſchon entgegen trat, der immer ihrer Spur nachging, da er ſie inſtinktartig vermißte. Sie nahm ihn ſogleich mit ſich und eilte nach den Wirth⸗ ſchaftsgebaͤuden zu Mutter Grimſchutz. Das Verhaͤltniß zu dieſer war ſeit dem erſten rau⸗ hen Empfange durch alle Grade der Verſoͤhnung bis zu einer widerſtandsloſen Zaͤrtlichkeit hindurch gegangen und Magda's Wunſch oder Wille war jetzt immer ſtatt aller Gruͤnde geltend, Frau Grimſchuͤtz zu Allem zu bewegen, was in ihrer Macht ſtand. Mit ihrer natuͤrlichen Sicherheit machte ihr daher Magda den Antrag, ihr von ihrer Waͤſche und ihren Kleidern zu einem vollſtaͤndigen Anzuge zu geben und fuͤr Bezo einen Korb mit Wein und Speiſen zu packen und dies ſo ſchnell als moͤglich und mit der groͤßten Ver⸗ ſchwiegenheit. Obwol nun Frau Grimſchuͤtz uͤber die⸗ ſen Antrag in masßloſes Erſtaunen gerieth, wollte ihr doch Magda ſelbſt zu dieſem keine Zeit laſſen, ſondern legte ohne viel Nachfrage um die Genehmigung der Frau Grimſchuͤtz Hand an die Wahl der Gegenſtaͤnde, die ihr noͤthig ſchienen, und zog dann alſo beladen mit Bezo unbemerkt durch kleine Umwege nach dem Platze hin, 278 wo ſie das arme Weib in tiefen Schlaf verſunken wie⸗ derfand. Sie richtete nun mit Bezo die kleine Tafel an, ließ ihn aus dem Bache Waſſer holen, damit die Ungluͤck⸗ liche ſich reinigen könne und weckte ſie dann, um ſie all' dieſe Erquickungen genießen zu laſſen. Das arme Weib vergoß Thränen, als ſie Magda's Vorſorge erkannte, und waͤhrend dieſe ſich mit Bezo zuruͤck zog, eilte die gute Mora, ſich ſo ſchnell als moͤglich zu reinigen und umzukleiden, und als Magda in der Ungeduld, welche ihre herrſchende Laune war, zuruckkehrte, fand ſie in ihr eine anſtaͤndig ausſehende Bäͤuerin, welche jetzt auch ih⸗ ren qualvollen Hunger mit den kraͤftigen Speiſen und dem Weine zu ſtillen ſuchte. Als auch dies beſeitigt war, bat ſie Magda, ihr nur in wenigen Worten zu ſagen, wie ſie in ſo elenden Zuſtand gekommen ſei, und warum ſie in ſo langer Zeit nichts habe von ſich hoͤren laſſen. „Ach“— ſagte Mora—„aus was fuͤr Grund, als um der armen Kinderchen kuͤnftiges Schickſall ſollte ich wol ausziehn? Fuͤr uns arme Leute giebt es keine Feder und Papier.“ „Still,“ ſagte Magda zu Bezo, welcher eben in ein ſonderbares Geſchrei ausbrach und winkte ihm, ſich zur Erde zu ſeten— er fuhr aber, wild wie eine Katze, auf das Gebuͤſch los, was in einiger Entfernung hinter 279 Magda lag, und dieſe bat Mora fortzufahren, gewiß, der Knabe ſaͤhe ein Eichkätzchen oder ſonſt ein Thier des Waldes. Als dieſe jedoch den Mund oͤffnen wollte, ſtieß Bezo aufs Neue ein ſo ſchmerzliches Angſtgeſchrei aus, daß beide Frauen in die Hoͤhe und dem Knaben entgegen ſprangen, der taumelnd und mit blutendem Kopf ein paar Schritte vorthat und dann niederſtuͤrzte. „Großer Gott!“ rief Magda erſchrocken—„der arme Knabe iſt verwundet! Hilf Mora,— hilf, daß wir ihn dorthin tragen.“ Beide knieten neben ihn nie⸗ der, bemuͤht ſeine Verwundung zu erkennen, als— faſt im ſelben Augenblick— ſie von hinten an den Ar⸗ men ergriffen wurden, und ehe ihnen nur die Beſin⸗ nung zum Widerſtande kam, ihre Arme auf dem Ruͤk⸗ ken gebunden und um ihre Fuͤße eine Schlinge gezogen wurde, die jede Bewegung verhinderte. Mora war von zwei wild ausſehenden Maͤnnern uberfallen worden; Magda zu halten, genuͤgte ein Ein⸗ zelner, der etwas mehr bedeuten mochte als Jenez zwei Andere aber ſtanden noch einige Schritte von ihnen. „Ruhig,“ ſagte der, welcher, Magda hielt—„wenn Ihr uns ohne Widerſtand folgt, ſo wird Euch nichts zu Leide geſchehn, wo nicht“— ſetzte er hoͤhnend hinzu —„ſo verſucht, ob Ihr uns uberwaͤltigen koͤnnt.“ 280 „Das werde ich“— ſchrie Mora, die ſtarke Frau, und rang mit ihren Banden—„denn ich kenne Dich ſehr wol, Du Boͤſewicht, und wenn ich es verhuͤten kann, ſollſt Du weder mich noch dies arme Maͤdchen in das Elend fuͤhren, was Du uns gewiß zudenkſt.“ „Stopft Ihr den Mund!“ ſchrie der Angeredete entgegen, und im Augenblick hatte Mora einen verſchloſ⸗ ſenen Mund und lag am Boden, und Magda erkannte unter den Raͤubern den Bettler, der ihr ſchon lange nach⸗ geſchlichen war, und eine Ahnung uͤber die Große ihrer Gefahr machte ihr Herz beben. Aber dies Herz war nicht ſo leicht zu entmuthigen, als die zarte jugendliche Huͤlle ſchließen ließ, und ſo rief ſie mit ſo gebietender Stimme als das Beben ihres Korpers möglich machte, von jeder Gewaltthaͤtigkeit abzulaſſen und ihr zu ſagen, was ſie von ihnen wollten. „Nichts Anderes, Euer Gnaden,“ ſagte der, wel⸗ cher Magda uͤberfallen—„als Sie einzuladen zu einem Beſuch bei meinem Herrn, der ſich ſehr nach Ihrer naͤheren Bekanntſchaft ſehnt! Zu dem Ende hat er Euer Gnaden ſogar eine Futſche mit vier ruͤſtigen Pferden geſendet, in der Sie Platz nehmen werden, wie eine Prinzeſſin gehalten und bedient. Alles un⸗ ter der Einen Bedingung, daß Sie ſich nicht wei⸗ gern, uns zu folgen.“ „Und wenn ich entſchloſſen waͤre, dies nicht zu thun?“— rief Magda—„denkt, es iſt heller Tag— kaum zweihundert Schritt ſind wir von der Landſtraße entfernt— jeder Schrei, den ich ausſtoße, kann Huͤlfe bringen und dann ſeid Ihr verloren.“ „Es iſt nicht ſehr wahrſcheinlich,“ ſagte der Andere lachend—„daß fuͤnf ſolcher Geſellen wie wir, gleich verloren ſind, ſelbſt wenn irgend ein Wanderer, der des Weges ginge, ſo dumm ſein ſollte, ſich hier einzu⸗ miſchenz aber auch wirkſamere Huͤlfe als hier zu erwar⸗ ten, wuͤrde uns blos zwingen zu zeigen, wer der Staͤr⸗ kere iſt.“ „Aber,“ fuhr Magda fort—„da Ihr zu ſo ſchlechten Streichen Euch gebrauchen laßt, thut Ihr es wol wegen Eures Vortheils— Ihr bekommt gewiß Geld dafuͤr, wenn Ihr mich abliefert. Nun will ich Euch auch Geld geben und mehr, als Euch der gebo⸗ ten, der Euch gedungen— Ihr ſollt nur fordern duͤrfen!“ „Du biſt ein kluges Maͤdchen,“ ſagte der Anfuͤh⸗ rer—„ich muß Dir aber ſagen, daß es mehr koſten konnte als Geld, wenn wir Dich nicht braͤchten, und daß mit Allem, was Du uns geben koͤnnteſt, wir nicht leicht ein ruhiges Plätzchen vor der Rache Desjenigen finden wuͤrden, der nun einmal Dich haben will.“ Magda blickte umher, als ſuche ſie nach Rath und Huͤlfe. Leiſe hatte ſie die Schlinge von ihren feinen Fuͤßen, waͤhrend ihres Geſpraͤchs, das Alle beſchäftigte, abgeſtreift— jetzt flog ſie mit der Leichtigkeit des Reh's und einem lauten Huͤlfegeſchrei dem Ausgange des Waldes zu. Aber der kuͤhne Verſuch blieb ohne Erfolg! Ihr Verfolger war jung und leichtfußig wie ſie ſelbſt, die gebundenen Arme hinderten ſie uͤberdies. Mit namen⸗ loſem Entſetzen fuhlte ſie ſich ergriffen und als ſie halb aus Schreck noch einmal laut aufſchrie, war ſie im Nu uͤberwaͤltigt und auch ihr ein Tuch in den Mund ge⸗ ſtopft. Unter heftigen Drohungen ward ſie zuruͤckge⸗ fuͤhrt und hier ſollten ſich ihre Seelenleiden noch ver⸗ mehren, denn Bezo, der aus der Betaͤubung, in die der Schlag des Raͤubers ihn verſetzt, bei Magda's Stimme erwacht war, hatte ſich mit wildem Gebruͤll ihr nachgeſturzt und jetzt ſah ihn Magda unter den Haͤnden der Boͤſewichter auf der Erde liegen, und von den Schlägen und Stoͤßen, die ſie ihm gaben, floß das Blut aus ſeinem Munde und er ſchien ſchon halb eine Leiche. Dies brach den bis jetzt krampfhaft bewahrten Muth der armen Magda— aufgeloͤſt in Thranen ent⸗ riß ſie ſich ihrem Verfolger und ſtuͤrzte uͤber Bezo her, ihn mit ihrem Koͤrper gegen weitere Mißhandlungen ſchuͤtzend.— Er hob und ſchloß die Augen und ſtoͤhnte leiſer und ſie fuhlte, daß er ſie erkannte. „Das Thier duͤrfen wir nicht lebend zurucklaſſen,“ ſagte der Anfuͤhrer—„gieb ihm noch einen Schlag, dann hat er genug— es darf keine Spur bleiben— verſtehſt Du mich?“ Magda richtete ſich, von dieſen entſetzlichen Wor⸗ ten wieder aufgeruttelt, empor; mit verzweiflungsvol⸗ ler Anſtrengung hatte ſie ihren einen Arm befreit; ſie riß das Tuch aus ihrem Munde, druͤckte das arme be⸗ drohte Geſchoͤpf feſt an ſich und rief:„Halt! halt! um Gotteswillen habt Erbarmen! Ich will Euch folgen, wohin Ihr wollt, ohne Widerſtand— denn Ihr wer⸗ det mich doch nicht weiter fuhren, als es Gottes Wille iſt— aber gelobt mir, dies arme Geſchoͤpf zu ſchonen, und da Ihr es nicht zuruck laſſen wollt, ſo nehmt es mit mir, trennt es nicht von mir, mißhandelt es nicht, denn es iſt elend und ſchwach und muß unterliegen— aber gebt mir Freiheit, ihn zu pflegen, und alles An⸗ dere will ich vorlaͤufig ertragen.“ Ein rauhes Lachen war die Antwort auf dieſe ruͤh⸗ rende Beſchwoͤrung.„Nun“— rief der Anfuͤhrer— „nie hab' ich geſehen, daß ſolch' ſchoͤnes Maͤdchen eine ſo wilde Beſtie zum Liebſten hatte, und ſchon um des Scherzes willen ſollſt Du mit: ich glaube, das bringt unſern Alten zum Lachen trotz ſeiner wilden Laune! Jetzt auf denn!“ fuhr er fort—„wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Magda, die um Bezo's Leben zu retten, entſchloſ⸗ ſen war, jetzt auch ihr abgerungenes Wort zu halten, ſtand auf und da der arme Knabe keine Beſinnung hatte, lud ihn der eine Raͤuber auf die Schulter und Magda ſchloß ſich ſogleich dieſem an. Doch erſtaunte ſie, als ſie fand, daß Mora eben ſo wie ſie ſelbſt fort⸗ gefuͤhrt ward und ſie ſah wol ein, wie ſorgſam man verhuͤtete, daß Einer zuruͤckbleibe, der von ihrem Raube Nachricht geben könnte. Wie ſchwer ward es der ungluͤcklichen Magda, die unablaͤſſig zur Eile getrieben ward, ihre Schritte zu befluͤgeln, um ſich damit immer weiter von jeder Ret⸗ tung und von dem Ort, der ihre Beſchuͤtzer umſchloß, ſelbſt zu trennen— obgleich halb betaͤubt, dachte ſie doch an einen Zufall, der ſie retten ſollte; ſie glaubte, es ſei unmoͤglich, daß ſie wirklich entfuͤhrt werden koͤnne, und doch hatte das Erlebte ihren Geiſt verwirrt und ſie nahm Alles um ſich her nur wie im halben Traume wahr! Zuletzt ſchien der Weg ihr fremd zu werden, ſie hoͤrte bei ſchwaͤcher werdenden Kraͤften Mora den Vor⸗ ſchlag machen, daß man ihre Arme loͤſen ſolle, um das Fraͤulein zu tragen. Es ſchien ihr dann, ſie werde getragen; ihre volle Beſinnung bekam ſie erſt zuruͤck in einem ſchnell davon eilenden Wagen. Sie ſah ſich in Mora's Armen liegen, die ſie ſo ſanft wie moͤglich zu betten ſuchte; vor ihr auf dem Boden des Wagens mit Kiſſen geſtuͤtzt lag Bezo. Mora's wohlthaͤtige Hand hatte ſchon ſeine Wunden verbunden; er hatte die bloͤdſinnigen Augen in Verwunderung, wie es ſchien, auf Magda gerichtet, und als ſie erwachte, ſtieß er einen kurzen Schrei aus und rief ein paar Mal wie die Dohlen. Ach! dies arme Weſen war Alles, was dem un⸗ glucklichen Maͤdchen von dem reichen Liebeskreiſe geblie⸗ ben war, aus dem ſie ſo jammervoll geriſſen ward, einer bedrohten Zukunft entgegen gehend, und einen Schmerz hinter ſich laſſend, den ſie ſich nicht groß genug denken konnte, wenn ihre Entfuͤhrung entdeckt wurde. „Ach, Mora,“ ſagte ſie traurig—„begreifſt Du das Alles? Warum will man mich denn entfuͤhren— wer kann das wollen und wohin werden wir ge⸗ bracht?“ „Ach!“ ſchluchzte Mora—„ich begreife es nur zu wohl, und ſicher werdet Ihr an den Ort gefuͤhrt, woher ich entflohen bin, um Euch und die armen Kin⸗ der zu warnen; denn das alte Ungeheuer wird eher 286 keine Ruhe haben, als bis er Euch Alle ſeiner Rache aufgeopfert hat.“ „Wer iſt denn das?“ rief Magda— und trotz der verſchloſſenen Kutſche wagte Mora doch nur leiſe zu fluͤſtern:„Der alte Fuͤrſt von S.“ „Großer Gott!“ ſagte Magda—„der boͤſe alte Mann— den hab' ich im Dohlenneſt geſehn— er will ſich an mir um meines Spottes willen raͤchen!“ „Ach! ſage lieber, er will ſich an Thomas Thyr⸗ nau raͤchen— und ein Irrthum, in welchem er uͤber Dich beharrt, macht ihn ſo wild, Dich in ſeinen Beſitz zu bekommen!“ „Du mußt mir das Alles erzaͤhlen!“ rief Magda —„Schickt Gott uns wirklich keine Huͤlfe bis dahin — muͤſſen wir wirklich zu dem alten boͤſen Mann, ſo will ich wenigſtens wiſſen, was mir bevorſteht und was dieſer Mann fuͤr Urſachen hat, mich zu verfolgen.“ „Du kannſt Recht haben,“ erwiderte Mora,„und ich will Dir erzaͤhlen, was ich ſelbſt weiß. Ich bin von je her nur ein geringes Weib geweſen, aber ich gehoͤrte einſt zu dem Haushalt Deines Großvaters, und als Deine Tante, die ſchoͤne Lucretia, ſich mit dem Prinzen von S. heimlich verheirathete und das Haus des alten Thyrnau verließ, der damals weit ab war, da hatte mir ein Zufall Alles verrathen und ich flehte ſie 287 an, mich mitzunehmen, denn ich liebte das ſchoͤne En⸗ gelsweſen mehr als mein Leben!“ Magda unterbrach hier durch ihr lebhaftes Erſtau⸗ nen Mora's Erzahlung, welche ihr nun zugleich Auf⸗ ſchluß gab uͤber das ganze Verhaltniß des Großvaters zum Prinzen und uͤber ſein hartnaͤckiges Schweigen, wenn die Rede auf Lucretia kam. Dies maͤchtig erregte Intereſſe ließ ſie faſt ihre Lage vergeſſen und Mora fuhr fort, ihr den Tod von Lucretien's erſtem Kinde, einem Maͤdchen, und von der damaligen Erhaltung Egon's zu erzählen, und dann von der Geburt Hedwiga's bis zu der entſetzlichen Kataſtrophe von Lucretia's Tod. „Der widrige alte Herr hatte eine niedrige Leiden⸗ ſchaft zu Deiner Tante gefaßt, und Menſchen, die in ſeinem Dienſt immer zu allem Boͤſen bereit waren, was er ſich ausdachte, hatten endlich unſern Aufenthalt, ſo verborgen ſich die arme Lucretia auch hielt, entdeckt. Ach! nie werde ich den entſetzlichen Tag vergeſſen, wo er zuerſt unvorbereitet in den kleinen Gartenſaal trat, in welchem wir mit den beiden Kindern waren! Was ſoll ich Dir das Herz ſchwer machen— obwol ich mit den Kindern das Zimmer verließ, hoͤrte ich, was die arme Mutter zu leiden hatte, wie ſchaͤndlich er ſie be⸗ nannte und verlangte, ſie ſollte ſeine ſchlechte Liebe erwidern und ihm folgenz als ſie dies Alles mit Ab⸗ 288 ſcheu verwarf, drohte er ihr mit ſeiner Rache und ſagte ihr, er wuͤrde nach vierzehn Tagen wiederkommen, bis dahin ſolle ſie ſich bedenken, und durch keine Flucht ihm zu entgehen hoffen. Ach! an Flucht war nicht zu denken— Egon bekam in derſelben Nacht die Roͤtheln und ſo pflegte die Ungluͤckliche das Kind mit der Ge⸗ wißheit, verlaſſen ſeiner Verfolgung blos zu ſtehn; denn der Krieg wuͤthete eben und ſie wußte nie, wo der Prinz war, und ihre Boten, die wenigſtens bis zu dem Armeecorps, bei dem er ſtand, durchdrangen, brachten ihr die Nachricht, er ſei verſendet— keiner wußte wohin.— Dein Großvater war in Paris und alle andern Verwandten in Boͤhmen, das durch den Feind von uns getrennt war.“ „Der ſchreckliche Tag kam. Obwol ſie ſchon damals wie eine Sterbende war, wollte ſie doch mit ihm allein bleiben. Ich hielt mich aber in ihrer Naͤhe, weil ich dachte, er koͤnnte ſie gleich mit eignen Haͤnden umbrin⸗ gen. Sie blieb immer der heilge Engel— ſelbſt gegen dies Ungeheuer!— Aber er— da er ſah, daß all' ſeine Ueberredungen vergeblich waren und ſie ihren Ab⸗ ſcheu dagegen ausdruͤckte— uͤberließ ſich nun der ſchrecklichſten Wuth, und haͤtte ich mich nicht dazwiſchen geſtuͤrzt, er haͤtte ſie erwurgt. Er verfluchte ſie— den Sohn und ihre Kinder und ſchwor ihr die fuͤrchter⸗ 289 lichſte Rache, die ſie erreichen ſolle, wohin ſie ſich auch verbergen werde. Von da an war das Herz Deiner armen Tante gebrochen— ſie erwartete ihren Tod und mißtraute außer mir all' ihren Leuten, die ſie Alle ent⸗ ließ.„Ach,“ ſagte ſie oft, wenn ich ſie troͤſten wollte —„er hat ſchon ſeinen Willen— mich hat er ſchon getoͤdtet— ich kann mich nie wieder erholen.“ Sie bekam nur zu bald Recht.“ „Er hatte beſchloſſen, Alle umbringen zu laſſen,“ fuhr Mora fort—„der Gaͤrtner war ſein beſtochener Henker. Das Obſt, was er eines Tages der ungluͤck⸗ lichen Mutter und den Kindern brachte, war vergiftet. Mich trieb immer ſeit dem Tode des erſten Kindes eine mißtrauiſche Angſt, die Kinder zu bewachen— und doch rettete ſie nur der Zufall. Schon hatten ſie, mit ihrem kleinen Hunde ſpielend, etwas von den Fruͤchten genoſſen und ſie ließen das Huͤndchen an jeder Frucht lecken, um es zu fuͤttern— da drehte ſich das arme Thierchen ploͤtzlich ſchaͤumend im Kreiſe herum und ſturzte dann zuckend zuſammen. Ich kam auf das Ge⸗ ſchrei aus dem Nebenzimmer. Jetzt wirkte das Gift auch bei den Kindern— ihre Farbe verſchwand, ſie fielen in Kraͤmpfe und ich hoͤrte— voll Verzweiflung uͤber ſie gebeugt— nicht die Glocke, die mich zu Deiner Tante rief. Da ſtuͤrzte ſie ſchwankend, bleich und fuͤrchterlich Thomas Thyrnau Ml. 3te Aufl. 19 — 290 entſtellt in das Gemach.„Mora!“ ſtohnte ſie—„die Fruchte waren vergiftet, ich ſterbe— o rette die Kin⸗ der!“ Aber ein Blick ihrer halb gebrochenen Augen ſagte ihr, was vorging, und dies beſchleunigte ihr Ende.— Laß mich ſchnell erzahlen— das ſchreckliche ungluck taugt doch nicht fuͤr Deine Ohren. Ihre Leiche lag vor den ſterbenden Kindern— wir hatten nur noch einen alten Diener— ich konnte keine Huͤlfe finden, und ich ſchauderte davor zuruͤck. Da hatte Egon in der Angſt ſeine Decke halb verſchlungen, und dies brachte plotzlich Erbrechen hervor— ein Fingerzeig Gottes war es— auf eben dieſe Weiſe brachte ich Hedwiga zum Erbrechen und unterhielt den Zuſtand durch Milch.“ „Als die Kinder endlich in einen Schlaf fielen, der mir ſagte, daß ſie gerettet waren, faßte ich den Ent⸗ ſchluß, mit ihnen zu entfliehn und ſo viel als moͤglich jede Spur ihres Daſeins zu vertilgen. Ich ging zu dem alten kranken Diener, der vielleicht ehrlich war, aber ich hatte mir gelobt, Niemand mehr zu trauen; ich ſagte ihm, alle Drei ſeien Tod— durch Gift, welches im Obſte verborgen— jetzt muͤſſe er mir helfen ſie be— graben, denn ich wollte nicht, daß noch ihre Leiber gemiß⸗ handelt wuͤrden.— Er verließ ſein Lager— und wir gruben die halbe Nacht an der Grube fur die Als ſie mir tief genug ſchien, kehrte ich nach dem Hauſe — 291 zuruͤck— huͤllte die Leiche der armen Mutter in Decken und trug ſie in ihr letztes Bett— vorgebend, daß die Kinderleichen bei der Mutter läͤgen. Als das Grab fertig war und wir die Stelle, ſo gut wir konnten, mit Raſen verborgen hatten, fuͤhrte ich den alten Diener faſt ſterbend zu ſeinem Bette zuruͤck und nachdem ich ein kleines Maͤdchen aus der Nachbarſchaft ihm zur Pflege gegeben und Alles herbeigeſchafft hatte, nebſt etwas Geld, was ich ihm zuſteckte, ging ich an mein großes Werk, welches mir der Reſt der Nacht noch ausfuͤhren helfen ſollte. Ich machte ein Buͤndel, ſo wie ich es hoffen konnte zu tragen, ſteckte alles Geld zu mir, was ich fand, und weckte dann die ermatteten Kin⸗ der, packte Hedwiga in eine Kiepe und nahm ſie auf den Ruͤcken, Egon auf den Arm.“ „Durch welche Schule des Elends wir gingen— davon laß' mich ſchweigen! Ich wollte zum Erbprinzen — ich hoͤrte, er ſei in Wien beim Kaiſer— dort wollte ich hin— Du weißt, wie uns Baͤbili fand— der Erbprinz war in Italien. Jetzt dachte ich nur daran, die Kinder zu verbergenz ich ſah in allen Menſchen nur Spione des ſchrecklichen Mannes, welche ſie mir rauben oder toͤdten wollten.“ „Aber,“ rief Magda, die faſt in Thraͤnen und Schmerz vergehend dieſe traurige Geſchichte hoͤrte ₰ 19* 292 „aber warum entdeckteſt Du Dich nicht Barbara— der guten Großtante dieſer Kinder?“ „Barbara kannte mich nicht und ich ſie nicht. Ich gehoͤrte auf das Gut, was ſie nur kurze Zeit mit Lu⸗ cretia bewohnte und kam erſt als Kuͤchenmagd in den Dienſt des Hauſes, als Frau Huͤlshofen nach Prag ge⸗ gangen war, wo Du mit Deiner Mutter, der Frau Matielli, an den Pocken krank lageſt.— Spaͤter faßte ich ſo viel Vertrauen zu ihr, daß ich ihr ſagte: ſie ſolle mir helfen, fuͤr die Erziehung der Kinder zu ſorgen— ſie ſeien vornehmer Geburt— aber es ruhe ein tiefes Geheimniß uͤber ihrem Schickſal. Sie that nun zwar, warum ich ſie bat— aber ſie hatte ein ſtolz veraͤcht⸗ liches Weſen gegen alles Heimliche— ſie blickte, denke ich, noch hochmuͤthiger als ſonſt auf die armen Kinder. Da ſchnitt ſie mir das Vertrauen ab, was ſo ſchon nicht ſo leicht bei mir zu erringen war, und ich wollte nicht, daß die Kinder ihr was zu danken haͤtten; ja als Du ſpaͤter einmal den Großvater nannteſt und ich wol denken konnte, es ſei derſelbe auch Großvater meiner armen Waiſen, wollte ich ihn doch nicht um Schutz bitten, da ſie ihren rechten Vater hatten, der maͤchtiger war als Alle, und ich nicht wußte, wie der alte Herr uͤber die Kinder denken werde, da er die Heirath. billigt hatte— und ſie verachtet zu ſehn— und mir . ¹ 293 vielleicht weggenommen— unter anderes Volk gebracht, das ſie lieblos behandelt haͤtte, das wollte ich nicht er⸗ leben und haͤtte doch kein Recht gehabt, es zu hindern, wenn einer von den Verwandten uͤber ſie gekommen wäre.“ „Da kam denn die Zeit, wo die Fuͤrſtin Morani und der Graf Lacy zutraten und das hielt ich den Kin⸗ dern ſchicklich und gab ſie hin, feſt beſchließend, ſobald ich ſie in Sicherheit wiſſe, nach dem Fuͤrſtenthume S. zu wandern und mir den Erbprinzen ſelbſt zu ſuchen.“ „Aber wie es immer armen Leuten geht; ihnen fehlt viel, um Ungluck zu vermeidenz ich war zu ein⸗ fäͤltig, um die Gefahr zu ſehen, in die ich ging, dachte, das arme Weib ſollte dem boͤſen Manne aus den Gedanken ſein. Es war nicht ſo. Unbeſonnen um⸗ ſchlich ich das Schloß, da zu dieſer Zeit alle Menſchen dort ſagten, der Prinz werde jeden Tag erwartet. Ihn ſah ich nicht; aber der Alte hatte ein Fenſter, von da belauſchte er, hinter Vorhaͤngen halb verborgen, ſeine Unterthanen. Da hatte ich armes dummes Weib mich ihm auch hingeſtellt, und er hatte uͤber mein taͤglich Wiederkommen und mein ſeltſam Weſen ſo lang gegru⸗ belt, bis er mich erkannt. Nun ward ich in's Schloß gelockt, und da ich auch hierbei nach dem Erbprinzen forſchte, ward ich plotzlich zu ihm gefuͤhrt. Das uz 294 ein ſchreckliches Wiederſehn. Ich war nur ein armes geringes Weib, und er ein reicher maͤchtiger Fuͤrſt, aber er ſtand doch als der Geringere vor mir, und mußte es ertragen, daß ich mir vor Abſcheu das Geſicht vor ihm verdeckte und ihm ſagte: Gottes Blitz der Vergeltung werde ihn noch treffen.— Dann faßte ich mich und be⸗ ſchloß, ihm das Leben der Kinder nicht zu verrathen, und wenn er mich auf die Folter ſpannen ließe. Das hatte ich nun nicht zu fuͤrchten, denn die ihm gedient, waren um des Lohnes willen bemuͤht geweſen, Alles ihm als wohlgelungen vorzuſtellen— er hielt ſie Alle im ſelben Grabe gebettet— aber er hatte was anderes im Sinne, und das warſt Du!“ „Dich hatte er indeſſen bei Deinem Großvater ge⸗ ſehn, und da Du, wie ich oft bemerkt, mit der Tante Lucretia Aehnlichkeit haſt, ſo war ihm der Gedanke ge⸗ kommen, Du koͤnnteſt das aͤlteſte Maͤdchen ſeines Soh⸗ nes ſein, durch irgend einen Zufall von dem Dir zuge⸗ dachten Tode gerettet, dem Egon damals, wie er wußte, entronnen war. Dies ſollte ich ihm entdecken; denn er wußte, daß ich die Wahrheit kennen mußte. Da ich es nun mit ganzer Ueberzeugung leugnete, hielt er es fuͤr Verſtellung und Luͤge und beſchloß, mich durch Kerker⸗ haft und Leiden, dann wieder durch Pflege und Ver⸗ eungen zum Geſtaͤndniß zu bringen.“ — 295 „Dabei ſagte er mir, um mir zu zeigen, Du wer⸗ deſt ihm doch nicht entgehn, wo Du lebteſt und wie Du von ſeinen Knechten umſtellt wareſt— und wahrlich, ein Wunder oder die Feigheit ſeines Dieners, der es leiten ſollte, hat Dich visher geſchutzt. Endlich ward er der Verzoͤgerung uͤberdruſſig; er waͤhlte einen andern Boͤſewicht, der ihm faͤhiger ſchien— da gelang es mir, unbemerkt zu entfliehn, und ſo habe ich mich bettelnd hierher geſchleppt, um Dich zu warnen und wo moͤglich die naͤchſte Gefahr auch von den Kindern abzuwenden; denn er ſagte mir, daß der Graf und die Graͤfin Lacy hier waren, und ich fuͤrchtete daher auch fuͤr meine ar⸗ men Kinder.“ „Alſo“— ſagte Magda ſchaudernd—„bin ich zum Tode beſtimmt wie Egon und Hedwiga, und ich werde keine Mora haben, die mich ſchutzt. Heiliger Gottl warum haͤltſt Du den Sunder nicht auf in ſei⸗ nem Lauf? Mora“— ſetzte ſie hinzu—„mir iſt, als ob ich von Deiner Erzaͤhlung ſchrecklich alt geworden wäre.— Der Großvater verſchwieg mir Lucretia's Schickſal, weil er wohl wußte, wie ſolche Erfahrung den Jugendmuth bricht— und nun hat es doch geſche⸗ hen muͤſſen, und ich fuhle die Wirkung.— Aber es wird auch dieſes gut ſein, denn wozu ſoll der Glaube, daß die Sunde erlogen iſt, wie ich bis jetzt dachte, wenn 296 ſie doch wirklich da iſt! Ich will nun kurz vor meinem Tode nicht betruͤbt ſein, daß ich erfahren mußte, was ſo Viele wiſſen, die aͤlter werden und doch ſo gut bleiben, wie zum Beiſpiel der Großvater.“ „Verzweifle nicht,“ ſagte Mora—„ich kann nicht glauben, daß er Hand an Dich legt— und man wird auch Deine Entfuͤhrung nicht ruhig geſchehen laſſen. Huͤlfe kann Dir nicht fehlen! Wenn Gott will, trifft Alles zuſammen und dann koͤmmt die rechte Stunde der Rettung!“ „Ja, Mora,“ ſagte Magda—„ſo wird es ſein, und ich will mich nicht beugen laſſen und muthig blei⸗ ben, und da ich beides ſo noͤthig habe, will ich ſo wenig als moͤglich an den Großvater und an den Karlſtein denken; denn das, fuhle ich wohl, bricht mir mehr das Herz, als wenn ſie mich jetzt vor den alten Böſewicht fuͤhren werden.“ Ihre Reiſe ging waͤhrend dieſer Mittheilungen un⸗ unterbrochen fort; der Wagen ward oft mit friſchen Pferden verſorgt, und nur als die Nacht anbrach, oͤff⸗ nete man von Außen die Wagenfenſter, um Luft ein⸗ zulaſſen. Mit Nahrung wurden ſie reichlich verſehn, und man ſchien uͤberdies ſich gegen Magda hoͤflich be⸗ zeigen zu wollen; denn auf ihre Forderung, daß man Bezo's Wunden mit friſchem Waſſer baden ſolle und 297 aufs Neue verbinden, gab man ihr darin nach, und mit ihrer natuͤrlichen Anlage zum Befehlen wußte ſie es bald dahin zu bringen, daß Bezo, obwol von leich⸗ tem Wundfieber befallen, doch ſanft gebettet und er⸗ quickt zu ihren Fuͤßen lag, und daß ſie außer ihrer Freiheit, ziemlich fordern konnte, was ſie wollte, wenn ihr auch nur ein muͤrriſcher Gehorſam zu Theil wurde. Bezo verlor trotz des Fiebers, was ihn ſchuͤttelte, nicht ſein ſparſames Bewußtſein, und ſein traurig⸗bloͤdſinni⸗ ges Grinſen trat ſogleich hervor, wenn Magda ſich zu ihm bog, oder er ihre Pflege fuͤhlte— und dieſe war ſo arm an Liebesbeweiſen geworden, daß ihr die Naͤhe des treuen befreundeten Knaben, der kein klareres Gefuͤhl hatte, als das eben dieſer Treue gegen ſie, der groͤßte Troſt war, den ſie empfinden konnte. Auch Mora war ihr eine Stuͤtze; obwol ſie kaum hoffen konnte, mit ihr vereinigt zu bleiben, beſchloß ſie doch Alles anzuwenden, um dies zu erlangen, und das verwoͤhnte Kind, das den Widerſpruch noch nicht kannte, hoffte ſeinen Willen durchzuſetzen. Ihre Reiſe blieb ungeſtoͤrt und es war bei der Eile und guten Vorbereitung leicht zu denken, daß, wenn Magda's Verſchwinden entdeckt ward, und bis zu der ueberzeugung geleitet hatte, daß ſie entfuͤhrt ſei, die Zeit zu einem großen Vorſprung gewonnen war, den 298 ihre Begleiter mit allen ihnen zu Gebote ſtehenden Mitteln zu benutzen ſuchten.„Wer weiß, ob ſie uber⸗ dies jemals die rechte Spur entdecken— und dann werde ich vielleicht niemals die Sorge kennen lernen, die ſie um mich getragen haben,“ ſetzte Magda ſchwer⸗ muͤthig hinzu— und wie doppelt weh ward ihr dabei ums Herz, da ſie ſich ſo eben mit neuen Lebensbanden an Lacy geknuͤpft fuͤhlte— wenige Augenblicke vor die⸗ ſer Kataſtrophe eine feſte Hoffnung auf wieder gewon⸗ nenes Gluͤck gefaßt hatte. Sie irrte ſich nicht in der Vorausſetzung, daß ihre Entfuͤhrung lange der Beobachtung entzogen blieb. Zu gewohnt waren Gundula und der Großvater, ſie nach dem mit ihnen genoſſenen Fruͤhſtuͤck bis zur Mittags⸗ tafel nicht wiederzuſehn, als daß man ſie an dieſem Tage vermißt haben ſollte. Man vermuthete ſie wie gewöhnlich bei Claudia, und dieſe blieb an dem er⸗ wahnten Morgen Allen unſichtbar in ihren Zimmern. Als Claudia ſich zu Mittag entſchuldigen ließ, nicht in dem gemeinſchaftlichen Eßſaal zu erſcheinen, nahm man wieder an, daß Magda, wie dann gewohnlich, mit Claudia eſſen werde. Claudia's Kammerfrau be⸗ diente die Graͤfin— ſo blieb es Thyrnau's Leuten ver⸗ borgen, daß ſie auch dort nicht war. Lacy erſchien zwar bei Thyrnau zu Tiſche, aber er fand Magda's ——— Abweſenheit nicht allein erklaͤrlich, ſondern ſie war ihm eine Wohlthat, die er ihr glaubte danken zu muͤſſen, und er am wenigſten that die Frage nach ihr, die Alles auf⸗ geklaͤrt haͤtte. So ruͤckte der Abend heran, und erſt als ſie auch da nicht erſchien, nachdem die Graͤfin Lach zur Ruhe gegangen war und ihre Kammerfrau bei Gundula den Abendbeſuch machte, ergab es ſich aus zufaͤlligen Nach⸗ fragen, daß Magda ſeit den fruͤhen Morgenſtunden nicht bei der Graͤfin geweſen war. Jetzt gingen Fra⸗ gen von Einem zum Andern und endlich kam man zu Thyrnau, der mit Lacy in ſeinem Arbeitszimmer ſůß und es verſuchte, dem einſilbigen Gaſt einiges Intereſſe abzugewinnen. „Magda iſt auch nicht bei Euch, lieber Herr?“ ſagte Gundula—„wo iſt ſie denn eigentlich? Veit kommt ſo eben vom Felsſitz, da iſt ſie auch nicht.“ „Magda?“ riefen ſogleich beide Maͤnner, von ih⸗ ren Sitzen aufſpringend—„ſie wird noch bei der Graͤ⸗ fin ſein!“ „Nein, Herr!“ ſagte Gundula ſtockend—„dort war ſie nicht ſeit der Morgenſtunde— allerdings haben wir dies Alle gedacht und ſie deshalb nicht geſucht.“ „Und hier“— rief Thyrnau—„in ihrem Zim⸗ 300 mer war ſie auch nicht?“— Er wußte es gewiß— doch riß er haſtig die Thuͤr auf, um zu ſehn, was er erwartet hatte. Der kleine zierliche Raum, mit einem Blick zu uͤberſehn, lag in ſeiner ſtillen Ordnung einſam vor ihm.„Nun!“ rief er, ſich noch immer beherr⸗ ſchend—„ſie ſchweift wieder umher. Laßt uns die naͤchſten Umgebungen durchſuchen.“ Als ſich beide Maͤnner bei dieſen Worten ahnungsvoll anblickten, ſa⸗ hen Beide, daß ſie blaß und veraͤndert waren, und Lacy erweiterte im ſelben Augenblick Thyrnau's Vorſchlag noch, indem er in faſt krampfhafter Heftigkeit dem al⸗ ten Veit zurief, ſogleich die Pferde ſatteln zu laſſen, und den Grafen Podiebrad in den Schloßhof hinab zu bitten. Thyrnau griff nach der Lehne eines Stuhls und ſagte kaum hoͤrbar:„Was denkſt Du, Lacy?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte dieſer heftig—„aber wir muͤſſen auf Alles gefaßt ſein. Laß uns hinunter gehn— wir muͤſſen alle Hausbewohner fragen— Po⸗ diebrad muß ſeine Leute aufſitzen laſſen.“ „Vielleicht kommt ſie noch,“ ſagte Thyrnau ver⸗ wirrt und ſchwach, faſt gedankenlos Lacy's Arm neh⸗ mend, der ihn mit ſich die Treppen hinunter zog. Die Nachricht hatte ſich mit reißender Schnelligkeit im Schloſſe verbreitet; der Hof war mit allen Be⸗ ———— — 301 wohnern erfuͤllt und eben kam die wichtigſte Perſon, Mutter Grimſchuͤtz, mit der Schuͤrze vor den Augen laut ſchluchzend in den Hof, und als ſie die beiden Herren aus dem Schloſſe treten ſah, und Podiebrad gleichfalls mit vollkommen natuͤrlicher Beſorgniß, ſein ganzes Pathos vergeſſend, aus ſeiner Thuͤr hervor⸗ rannte, warf ſie ſich vor Thyrnau nieder und ſchrie mit ihrer rauhen heiſern Stimme um Gnade und betheuerte ihre Unſchuld, ohne daß ihren Worten der geringſte Zuſammenhang abzumerken war, obwol es Allen klar ward, daß ein Ungluͤck geſchehen, von dem dieſe Frau Kenntniß habe. Thyrnau beobachtete ein trauriges Schweigen; aber niemals ſahen ſeine Getreuen ſein edles Geſicht ſo farb⸗ los und von ſo troſtloſem Schmerze erſtartt. Er blickte auf das Weib nieder, ohne Frage oder Antwort— waͤhrend Lacy in einer Aufregung, die an Wuth grenzte, hinzu ſprang, ſie vom Boden aufriß und zu einer deut⸗ lichen Sprache noͤthigte. „Ja, Herr! mißhandelt mich nur,“ ſchrie Mutter Grimſchuͤtz—„ich habe es wol verdient und weigere mich nicht, Euch zur Erleichterung zu dienen— aber ſetzt ihr nur nach— thut nur Alles, um ſie einzuholen, denn ſie iſt fort! fort! in meinen Kleidern iſt ſie fort! und Bezo traͤgt nur wenig Mundvorrath, ſo daß ſie ſogar bald Hunger leiden wird— aber wie ſollte ich ihr mehr geben, da ich nicht wußte, daß ſie entfliehen wollte?“ „Schweig!“ rief Thyrnau hier mit einem faſt fremden Ton der Stimme, aber doch zum Leben zuruck⸗ kehrend.„Es iſt anders! das begreifſt Du!“ fuhr er zu Lacy fort, der plotzlich verſtummt einen neuen Schreck zu erleben ſchien—„aber ich furchte trauriger.“ „Sammle Dich,“ ſagte er dann wieder zu Frau Grimſchuͤtz gewendet—„erzaͤhle, was Du weißt!“ Dies geſchah nun in einiger Ordnung und obwol der Bericht verworren uud raͤthſelhaft genug blieb, er⸗ fuhren ſie doch, daß Magda mit jenen Sachen und Bezo das Schloß verlaſſen habe und nicht zuruckgekehrt ſei. Die traurigſte Ueberzeugung fuͤr Alle war, daß dies ſchon am fruͤhen Morgen geſchehen ſei, daher ein Zeitverluſt eingetreten war, welcher die gefaͤhrlichſten Folgen haben konnte. Lacy fuͤhlte ſich von Befuͤrch⸗ tungen beſtuͤrmt, die er weder gleich prufen noch in Zu⸗ ſammenhang zu bringen vermochte— aber nach dem, was er am Morgen mit ihr erlebt, nach Claudia's Er⸗ ſcheinen, welches ſie getrennt und wodurch ſie ſich ſelbſt uͤberlaſſen blieb in einer Stimmung, die ſich vielleicht geaͤndert hatte durch irgend eine Befurchtung uͤber Claudia— hatte ihn ſelbſt die thoͤrichte Behauptung der Alten: Magda ſei entflohn! tief erſchuttert. Thyr⸗ 303 nau's feſter Ausſpruch erloͤſte ihn hiervon und doch mußte er ſich ſagen, dieſer kannte nicht, wie er, den beſonderen Gemuͤthszuſtand des theuren Kindes, und ſein Gewiſſen fluſterte ihm zu:„dies ware nicht ge⸗ ſchehn, wenn Du Dich pflichtgetreu beherrſcht.“ „Alles bleibt ein Raͤthſel!“ rief Thyrnau nach den letzten Worten der alten Frau—„aber irgend eine Handlung der Wohlthaͤtigkeit, zu der ihr eignes Trei⸗ ben oder fremde boͤſe Abſicht ſie verlockt, iſt die Veran⸗ laſſung. Schrecklich iſt die verloren gegangene Zeit!“ „Dort kommen die Pferde!“ rief Lacy erleichtert— „ich denke, der Wald bis Karlik, dann der Weg nach Budnian und die Stadt ſelbſt muſſen unterſucht werden.“ In dieſem Augenblick hoͤrten ſie Podiebrad's Stimme, welcher kommandirte— und hervor ritt er an der Spitze der aufgeſeſſenen Beſatzung mit gezoge⸗ nem Degen. „Meine Herrn!“ ſagte er, den Degen ſenkend, „dieſer Raub des edlen Fraͤuleins, welches der Obhut des Karlſteins uͤbergeben war, iſt ein Ehrenpunkt fuͤr uns Alle, und, muß ich wegen beſonderer Verdienſte des Fraͤuleins hinzuſetzen, auch ein Herzenspunkt im keuſcheſten Sinne des Worts.“ Hier bebte dem ehr⸗ lichen Kaͤmpen ſein maͤchtiger Zwickelbart ſo ſtark, daß er ſeine Rede kurz abbrach und einen auffordernden 304 Blick ruckwaͤrts warf, in welchem, wegen der Daͤmme⸗ rung, Niemand die beſondere Feuchtigkeit zu bemerken vermochte. Dann fuhr er zu Lacy und Thyrnau ge⸗ wendet fort, welche ihre Pferde ſo eben beſtiegen: „Laſſen Sie uns unſern Plan machen und die Mann⸗ ſchaft vertheilen— es ſind ſtarke Pferde— nichts darf geſchont werden— Gott und Galbes werden unter⸗ deſſen den Karlſtein ſchutzen!“ Lacy und Thyrnau druckten ihm geruͤhrt die Hand und nachdem die Verabredung getroffen, ſetzten ſich alle Reiter in großer Eile in Bewegung nach den verſchie⸗ denſten Seiten des Karlſteins. Thyrnau hatte den Wald vor dem Karlſtein zu durchſuchen uͤbernommen, und ſeine Stimme rief oft den beſonderen Aufruf in den Wald, den er und Magda zum Wiederfinden bei ihren Streifereien angenommen hatten. Aber die Antwort blieb naturlich aus, und Thyrnau hatte ſchon lange ſein Pferd verlaſſen und durchſtreifte mit Veit die kleinen Gebuͤſche, welche ih⸗ nen zum Troſt der Mond erhellte, als Thyrnau zuerſt ein Buͤndel Kleidungsſtucke entdeckte, die einer Frau gehoͤrt hatten. Dies ſchien ihm ſogleich mit den Aus⸗ ſagen der Mutter Grimſchuͤtz in Zuſammenhang zu tre⸗ ten— haſtig unterſuchte er den Platz weiter und fand den Korb mit Lebensmitteln und eine angebrochene Flaſche Wein. Hier alſo war ſein theures Kind ge⸗ weſen. Hoffnung und Schmerz kaͤmpften in ſeiner Bruſt; aber die erſtere erſtarb faſt, als ihm Veit bleich und ſtumm ein weißes Tuch reichte, welches Magda zugehoͤrte— es war noch feucht von reichlich darin ver⸗ goſſenem Blute. Er ſtuͤrzte nach der Stelle hin, wo Veit es gefunden— hier zeigten ſich noch beſtimmter die Spuren der Gewaltthat. Stricke lagen umher, der Boden war unterwuͤhlt von vielen ſchweren Fußtritten, die in Anſtrengung geweſen ſein mußten, und das Moos war an einer Stelle ſchwarz gefaͤrbt und es zeigte ſich, daß es Blut war. Hier verließ Thomas Thyrnau die bis zum ſiebenzigſten Jahre unerſchuͤtterte Mannes⸗ kraft— mit einem tiefen Aufſtohnen ſank er an Veit's Bruſt, ſeine Knie brachen und ſeine Augen umhuͤllten ſich truͤbe. Veit leitete den faſt bewußtloſen Greis bis zu einem Baumſtamme, welcher umgeworfen vor einer maͤchti⸗ gen Eiche liegend, einen Lehnſitz gewaͤhrte. Abgeſpannt ſank Thyrnau darauf hin und fuͤhlte ohne klares Be⸗ wußtſein blos ein unabweislich tiefes Herzensweh. Veit eilte in die gelichteten Wege zuruͤck und rief den Reitern, welche dort warteten, zu, augenblicklich den Grafen Lach von dem Wege nach Budnian hierher zu holen. Thomas Thyrnau. III. 3te Aufl. 20 Zuruͤckkehrend fand er ſeinen armen Herrn noch in derſelben Stellung, Magda's Tuch feſt in die Hand geklemmt und halb bewußtlos auf den Boden ſtatrend. Ach! wie zerriß dieſer Anblick um ſo mehr ſein Herz, da er ſeinen theuren Herrn noch nie ſo ſeiner Kraft be⸗ raubt geſehen hatte. Er kniete vor ihm nieder, er ſprach mit ihm, er weinte— aber Thyrnau ſah ihn ſchwer ſeufzend an, druͤckte das Tuch zuſammen und konnte ſich nicht empor ringen. Da hoͤrte der alte Diener endlich raſche Hufſchlaͤge, Thyrnau ſelbſt ſchrak empor— Lacy theilte die Ge⸗ buͤſche und ftuͤrzte auf Thyrnau zu, der im ſelben Au⸗ genblick wie durch ſeinen Anblick belebt ward und auf⸗ ſtehend ihm entgegen ſchwankte.. „Sieh! ſieh! Lacy“ rief er—„hier iſt ihr Blut gefloſſen— wir haben nichts von ihr als dieſes Tuch!“ Er ſtreckte die Arme nach ihm aus— Lacy umfaßte ihn und jetzt brach der gefaͤhrliche Zuſtand Thyrnau's in ein heftiges Schluchzen aus.“ O Magda, haͤtteſt Du gefuhlt, welche tiefe Ge⸗ walt der Liebe fuͤr Dich die beiden Herzen durchdrang, die der hoͤchſte Schmerz jetzt an einander preßte, Du haͤtteſt Dich auf Deiner rauhen Bahn gehoben gefuͤhlt und ermuthigt, Dich ihnen zu erhalten. Das Gefuͤhl wollte ſein Recht in beiden Maͤnnern — 307 erſt geltend machen, ehe es der Beſinnung Raum gab. Lange konnte die Ueberzeugung nicht ausbleiben, daß es hier die moͤglichſt ſchnelle Faſſung galt— denn wenn ſich ihre Leiche nirgends fand, ſo mußte ſelbſt dieſe entfuͤhrt ſein— auch ſagte ploͤtzlich Veit:„Wer weiß, ob es grade Magda's Blut iſt?“ „Meinſt Du, Alter?“ ſchrie Thyrnau bei dieſen Worten auf, daß der alte Diener zuruͤckfuhr— und dieſer warme Hoffnungsſtrahl entzuͤndete das erloſchene Feuer in des ſtarken Mannes Bruſt und mit veraͤnder⸗ ten und belebten Zuͤgen rief er immer wieder:„Wer weiß, ob es Magda's Blut iſt?“ Gewiß war dies fuͤr Alle ſehr ruͤhrend und Lacy dachte daran bei der gefaͤhrlichen Aufregung, in der er ihn ſah, ihn von dem Verfolgen der Spur abzuhalten, aber bald ließ er davon ab, denn er ſah, daß Thyrnau ſeine Hindeutungen gar nicht verſtand und mußte daher Gott vertrauen und ihn gewaͤhren laſſen. Wir wollen ſie nicht auf ihrer troſtloſen Verfol⸗ gung begleiten, welche ſie einige Wochen lang mit raſt⸗ loſer Thaͤtigkeit fort trieb. Durch einzelne aufgefun⸗ dene Spuren immer weiter gelockt, erreichten ſie endlich die Mitte des Armeecorps, welches in Erwartung einer Schlacht bei Lowoſitz aufgeſtellt war. Hier erſt fuͤhl⸗ ten Beide, daß Thyrnau als Gefangener des Karlſteins 20 308 unmoͤglich ſeine Reiſe weiter ausdehnen konnte bei der Gefahr, vom Feinde aufgefangen zu werden; und ſo abweichend ſein Verhaͤltniß von dem gewoͤhnlichen der Gefangenen war, ſah Thyrnau ein, daß er namentlich bei Podiebrad's Geſinnung eine Anzeige ſeiner Entfer⸗ nung hoͤhern Orts zu erwarten habe. Er beſchloß daher, mit ſeinem kummerbeladenen Herzen zuruͤckzukehren, waͤhrend Lacy es feſtſtellte, ſich nach der Schlacht einen Weg durchzubahnen, da er eben ſo wie ſein edler Freund nicht laͤnger zweifelte, Magda ſei von dem Fuͤrſten von S. entfuͤhrt worden. Zwei Vorfalle aͤnderten dieſen Plan. Ein Bote mit Briefen von Karlſtein erreichte ſie. Ein kleiner offner Brief von Magda, den ein Bote gebracht, lag in dem einen.„Ich lebe“— hießen die unſchaͤtzbaren Worte—„und werde anſtaͤndig behandelt. Ihr wer⸗ det wieder Nachricht von mir bekommen, und dieſe Zeilen an Euch zu ſchreiben, habe ich mit dem Verſpre⸗ chen erkauft, nicht zu fliehen. Thut keinen Schritt wei⸗ ter, ehe Ihr von mir hoͤrt.“ Der zweite Brief enthielt einige Zeilen von Clau⸗ dia, welche ſchon laͤnger geſchrieben waren. Sie be⸗ lebten mit liebevollen wehmuͤthigen Worten den Muth ihres Gemahls, Magda's Spur zu verfolgen und rie⸗ fen den Segen des Himmels uͤber ſein Unternehmen —,———— — —— herab.— Aber die Handſchrift war veraͤndert und Lacy ahnete aus dieſen Zeilen, obwol ſie kein Wort davon enthielten, daß Claudia krank ſei. Thyrnau bekam einen Brief von Podiebrad— es war eine ernſte feier⸗ liche Anrede, ihn zuruͤck zu rufen. Ueberraſcht waren Beide durch einen Brief von fremder Hand und, wie ſich auswies, von einem der Diakonen des Karlſteins geſchrieben, welchen Gundula diktirt und an den Grafen Lacy gerichtet hatte. Sie entdeckte ihm den bedenk⸗ lichen Zuſtand ſeiner Gemahlin und bat ihn, wo moͤg⸗ lich, zuruͤckzukehren, da vielleicht ſeine Naͤhe ſie ſtaͤrken werde und ihre Leiden ertraͤglicher machen. Ein Blick, den beide Maͤnner nach Durchleſung dieſer Briefe auf einander richteten, verrieth ihnen ihre Meinung.„Wir kehren zuſammen zuruͤck!“ ſagte Thyrnau.—„Ja,“— entgegnete Lach bewegt— „nach dem Troſte, den wir durch Magda ſelbſt bekom⸗ men, ruft mich meine Pflicht zu Claudia.“ Am andern Tage weckte ſie der Donner der Kano⸗ nen. Die Oeſtreicher verloren an dieſem Tage die denk⸗ wuͤrdige Schlacht bei Lowoſitz, die Friedrich den Zwei⸗ ten wieder feſten Fuß in Boͤhmen faſſen ließ. Lacy und Thyrnau wurden in die Flucht der ge⸗ ſchlagenen Armee verwickelt und mit ihr fortgetrieben. Dies traurige Ereigniß verzoͤgerte ihre Ruͤckkehr und 310 vollendete die truͤbe Stimmung ihrer Seele. Denn es lag ein entmuthigender Erfolg in den Operationen des koͤniglichen Feldherrn, und Beide konnten nicht ohne tiefen Schmerz an die Gefuͤhle der großen Kaiſerin den⸗ ken, die ſich durch dieſe Erfolge aufs tiefſte verletzt fuͤh⸗ len mußte, um ſo mehr, da ſie die Urſachen dieſer Nie⸗ derlagen mit ihrem ſcharfen Verſtande beſſer einſah, als die Meiſten der Betheiligten. Es war zu Anfang Oktobers, als Thyrnau und Lacy eines Morgens uͤber die bereiften Felswege zu dem Berauner Thal hinabritten, und endlich die von der Sonne erhellten Mauern und Thuͤrme des Karl⸗ ſteins vor ihnen aufſtiegen. Mit welchen Gefuͤhlen ruhten ihre Augen auf dieſem unveraͤnderten imponirenden Bauwerk, dem ſie ſich nun Beide mit der unabweislichen Ueberzeugung nahten, in ihrem Inneren eine zu große Erſchutterung erlitten zu haben, um den Eindruck davon nicht unwillkurlich auf alle aͤußeren Zuſtaͤnde uͤbertragen zu ſehn. Vergeblich käͤmpften ſie gegen eine Veraͤnderung, welche zu ihren fruͤheren Empfindungen ihnen wie eine obwaltende Ver⸗ zauberung erſchien. Je naͤher ſie kamen, je lebhafter draͤngte ſich dieſe Wahrnehmung ihnem entgegen und ihr trauriges Stillſchweigen ließ ihnen doch kaum einen Zweifel uͤber ihre gegenſeitigen Gedanken. ————— 311 „Ach“— ſagte Lacy—„dieſe lebloſen Gegen⸗ ſtaͤnde, die immer wieder in ihrer unveraͤnderten Ge⸗ ſtalt vor uns hintreten und uns dieſelben Eindruͤcke ab⸗ zufordern ſcheinen— was wir auch indeſſen fuͤr Umge⸗ ſtaltungen in unſerm Innern erfahren haben, machen uns faſt Vorwuͤrfe und verkleinern unſern Muth und unſern Duͤnkel auf gewonnene Feſtigkeit der Geſin⸗ nung.“ „Ja“— entgegnete Thyrnau, mit den Augen ſin⸗ nend an der Burg haftend—„dieſe alten feſten Bau⸗ werke reden oft eine wunderlich verſtaͤndliche und ergrei⸗ fende Sprache zu uns. Wie viel Zuſtaͤnde ſahen ſie heranziehen und verſchwinden— wie viele Menſchen mit ihren Freuden und ihren Seufzern nahmen in ih⸗ ren Mauern Platz— und ihre Spur iſt verwiſcht und Andere, die ihnen folgten, theilten ihr Schickſal— und nur die Zeit, welche die kleinen Durchzuͤge des menſchlichen Daſeins bezeichnet und ihre geringen Spu⸗ ren eingräbt, erinnert endlich ein ſolches unerſchuͤtter⸗ lich ſcheinendes Werk daran, daß es mit ſeinem feſten Daſein ihr angehort. Aber es iſt mir immer, als ſaͤhe ich das philoſophiſche Laͤcheln des Weiſen um die ge⸗ ſchwaͤrzten Zinnen ſpielen, welches dem beladenen troſt⸗ loſen Pilger, der an ſeinem Fuße hinkeucht und von der unerhoͤrten Wichtigkeit ſeiner Leiden traͤumt, zu⸗ 312 laͤchelt:„Daß Alles ſchon da war und Alles voruber⸗ ging, nicht an Generationen allein, ſondern auch an demſelben Menſchen!“ „Ach“— rief Lacy—„an demſelben Men⸗ ſchen!— Aber dieſem geht es, wie Du von den Bau⸗ werken ſagteſt— die Zeit bezeichnet die Durchzuͤge, die er erfuhr, und gravirt ihre Spuren, die ihn endlich er⸗ ſchuͤttern und zuſammenbrechen laſſen.“ „Ja bezeichnen!“ entgegnete Thyrnau ſanft— „doch Narben entkraͤften den tuͤchtigen Streiter nicht— koͤmmt ſpaͤter der Friede, ſo zaͤhlt er die einſt blutenden Wunden und laͤßt uns merken, wie ſchwer der Kampf war, wie heiß das Lebensblut ihm entſtroͤmte, und wie er doch die Scheide nicht fruͤher ſuchte, als der Sieg erfochten.“ „So iſt es“— ſagte Lacy ſich empor ringend— und um ſein blaſſes veraͤndertes Geſicht ſpielte ein Lä⸗ cheln, welches die Augen belebte, die er zaͤrtlich auf Thyrnau heftete, der nichts zu bemerken ſchien wegen Obſervirung des Karlſteins. „Ich glaube“— ſagte Thyrnau, den erſten Ge⸗ dankenſtrom ablenkend—„Podiebrad hat einige her⸗ ausfordernde Kriegszeichen aufgepflanzt, denn ich ſehe, wenn ich mich nicht irre, eine Fahne vom Niklas⸗ Thurme wehen und eine Wache ausſtehen, und taͤuſcht ——— — mich nicht mein Ohr, ſo hoͤre ich Trompetenfanfaren, die unſere Annaͤherung verkuͤndigen. Gott erleuchte unſern edlen Befehlshaber, daß wir ihn nicht im vol⸗ len Waffenſchmuck vor den Waͤllen harrend finden und er uns aus dem Sattel rennt, ehe wir uns noch zu Ge⸗ fangenen ergeben koͤnnen.“ Sie ſetzten jedoch ihre Pferde in leichten Galopp und waren bald unter den Waͤllen der Feſtung, von der abermals die gelbe Fahne mit dem Doppeladler wehte und ein Trompeter die heftigen Signale des Angriffs blies, worauf ein hinter den Mauern vorſichtig verſteck⸗ ter Boller ſich ploͤtzlich entlud und ſeinen gefahrloſen Donner durch die gefaͤlligen Berge ſandte, welche die ſchwache Herausforderung mit dem Echo einer ganzen Kanonade zuruͤckzahlten. „Ein majeſtätiſches Vergnuͤgen hat ſich der alte Herr ausgedacht“— lachte Thyrnau, von ſeiner fruͤ⸗ heren Heiterkeit beruͤhrt, und hielt ſein Pferd an, bis das Echo wie in einem fernen Musketenfeuer ver⸗ ſtummte—„aber wie ſollen wir ihm klar machen, daß er damit wirklich eine Gefahr fuͤr dies alte Feſtungs⸗ phantom herbeizieht? Nach ſolcher Schlacht, wo ſelbſt die ſiegreiche Armee an Aufloͤſung leidet, ziehen ganze Streifcorps umher, denen dieſe Toͤne aus der Ferne lockend genug ſein koͤnnten, und ſchwerlich werden die 314 guten Berge dann ihre Antworten zu unſern Gunſten mit Kugeln zuruͤckgeben. „Wenn Du ihm das ausredeſt, will ich Dich fuͤr einen großen Zauberer halten“— ſagte Lacy—„denn gewiß iſt dieſe Einrichtung das Reſultat der untadligen rein ritterlichen Geſinnungen, die ihn lenkten, da ſich Rath zu holen, wo Richard Loͤwenherz oder Ludwig der Heilige in aͤhnlicher Situation— d. h. ohne Pulver und Blei— ſich einem ganzen Heere mit herausfor⸗ dernder Kuͤhnheit entgegen ſtellten.“ Jü erwiderte Thyrnau,„von Gefahr duͤrfen wir wenigſtens nicht ſprechenz denn dieſe iſt es eben, die er ſucht— und welche andere Seite laͤßt ſich finden, die er nicht hoffen wuͤrde durch eine wahnſinnige An⸗ fuͤhrung ſolcher Begebenheiten zu widerlegen?“ Lacy ließ Thyrnau die Empfangsfeierlichkeiten uͤber⸗ ſtehen, die ihm die im Hof verſammelten Inſaſſen der Burg nicht erſparten und eilte mit klopfendem Herzen die Treppen hinauf, die nach Claudia's Zimmer fuͤhr⸗ ten. Gertraud kam ihm mit freudeſtrahlendem Geſicht im Vorzimmer entgegen und ſeine Ungeduld voraus⸗ ſetzend, eilte ſie, das Kabinet zu oͤffnen, an deſſen Thuͤr auch ſogleich Claudia in ſeine Arme ſank. Sie hatten ſich in dem gefahrvollſten Augenblick ih⸗ res bisherigen Beiſammenlebens getrennt, und was ſich 315 daran anſchloß und dieſe Trennung veranlaßte, mußte aller Wahrſcheinlichkeit nach die Gefahr, die ihnen nahe gekommen war, vergroͤßern. Jetzt waren ſie wieder vereinigt und ſie genoſſen Beide in vollen Zuͤgen den Segen einer ſolchen Vereinigung. Die Liebe, die ſie fuͤr einander gefaßt hatten, war, wie verſchiedener Na⸗ tur auch, dennoch beherrſcht und genaͤhrt von zwei voͤl⸗ lig edlen und feinfuͤhlenden Seelen; ſie hatte dadurch etwas Unverletzliches, etwas Ewiges bekommen, was ſie den Verwirrungen, die ſie bedrohten, mit dem ſanften Zauber des Vertrauens entgegen treten ließ, und indem Keiner das Herz des Andern zu belaſten wuͤnſchte, Beiden die Kraft erwachſen ließ, zu geneſen. Als ſie ſich losließen und in das unverhuͤllte Antlitz blickten, fuͤhlten Beide, wie viel ſie gelitten. Aber je⸗ der gedachte nur mit tiefem Schmerze, daß der Andere gelitten, Beide beſchloſſen, ohne Worte, ſich mit heilen⸗ der Liebe beizuſtehn. Es kann dem maͤnnlichen Herzen nichts Schoͤneres zu Huͤlfe kommen, als das Gefuͤhl, fuͤr ein ſanft leidendes weibliches Weſen thaͤtig ein⸗ Bſchreiten zu koͤnnen, fuͤr die Verbeſſerung ihrer Lage alle Gedanken in Bewegung ſetzen zu muͤſſen und in dem glaͤubigen Aufblicken einer ſolchen ſich in Schutz begebenden Seele die belebende Zuſage zu finden, daß ſie Alles von dem geliebten Gegenſtande hofft und erwartet. In dieſer ſchoͤnen und natuͤrlichen weiblichen Stim⸗ mung war Claudia, und uͤberließ ſich ihr mit dem fei⸗ nen Takt, der ihr ſagte, wie gern Lacy fuͤr ſie ſorgen werde. Sie irrte ſich nicht. Er faßte ihre ganze Lage, ihre erſchuͤtterte Geſundheit unter den beſondern Umſtaͤnden mit einer ſo ausreichenden Umſicht, ſo ganz verſtehenden Sorgfalt auf, daß ihr keine eigne uͤbrig blieb und ſie ſich ganz dem Zauber uberließ, ſo viel Liebesbeweiſe von dem Manne zu empfangen, den ſie allein und am mei⸗ ſten auf der Welt liebte. Sie glaubte dabei an die Wahrheit ſeiner Gefuhle fur ſie, denn ſie hatte ein gro⸗ ßes Herz und war eine gebildete Menſchenkennerin. Wenn ſie nicht zweifelte, daß er in ſeinen Gefuͤhlen fuͤr Magda das jugendliche poetiſche Gluͤck der Liebe erkannt habe, ſo wußte ſie doch, er liebe ſie vielleicht noch mit derſelben Liebe, mit der er um ſie geworben, und ſie durfte ſich ſagen: ſie habe dieſe Liebe durch nichts ver⸗ ſcherzt, ſie habe es ihm leicht gemacht, ſie ihr zu bewah⸗ ren! So blieb dies Verhaͤltniß frei von Mißtrauen— Lacy durfte ihr ſo viel Liebe zeigen, als er konnte, und das war nicht wenig, denn er ſah dieſe Aeußerungen nie beſchaͤmt und verletzt durch ein abweiſendes oder miß⸗ trauiſches Wort, was ſein redliches Herz zum Luͤgner machen wollte, und ſo erreichten Beide, was ſie ſo ſehnſuͤchtig wuͤnſchten: Sie gewannen Vertrauen zu neuem Gluͤck! Was Laey zunaͤchſt zu beſchließen hatte, war Clau⸗ dia's Abreiſe und ihre bequeme Einrichtung in ſeinem ſchoͤnen Palaſt in Prag; denn der um Rath befragte Arzt erklaͤrte ziemlich beſtimmt, daß an die weitere Reiſe bis Wien nicht zu denken ſei, wenn damit nicht der Zu⸗ ſtand der Graͤfin in dringende Gefahr gebracht werden ſolle. Lacy handelte, ſobald dieſer Ausſpruch entſchie⸗ den hatte, mit der Sicherheit, die alle andern Verhaͤlt⸗ niſſe zuruͤckſetzt. Was er auch empfinden mußte, Thyr⸗ nau in der Einſamkeit, die ſeiner harrte, allein zu laſ⸗ ſen, bedroht von dem Kummer um Magda's Lage, und zur Unthaͤtigkeit verdammt durch den Namen eines Staatsgefangenen, er fuͤhlte, es durfte keinen Einfluß ausuͤben bei der Beſtimmung uͤber Claudia's Lage; und bei der edlen Offenheit, die ſich unter allen herzuſtellen begann, zweifelte er nicht, daß ihm aus der Erfuͤllung dieſer erſten heiligen Pflicht die Mittel zuſtroͤmen wuͤr⸗ den, auch Denen nuͤtzlich zu werden, die nach dieſer ihm zunaͤchſt ſtanden. Kaum halten wir es fuͤr noͤthig zu erwaͤhnen, daß Thyrnau in der ſchoͤnſten Faſſung die Beſtrebungen ſeines jungen Freundes unterſtutzte und ihm ſelbſt Ausſichten eroffnete, welche die moͤglicher Weiſe aufſteigenden Sor⸗ 0 8 gen beſchwichtigen helfen ſollten. Thyrnau war naͤmlich zu dem Entſchluß gekommen, Magda's Anweſenheit in dem Fuͤrſtenthume S. und ihre Entfuhrung durch den alten Fuͤrſten von S. als entſchieden anzunehmen und ſeine Maaßregeln danach einzurichten. Wie unguͤnſtig der Moment auch durch die trauri⸗ gen Niederlagen der oſtreichiſchen Armee und die da⸗ durch erregte Stimmung bei Kaunitz und der Kaiſerin ſein mochte, er vertraute der großherzigen Faſſung Bei⸗ der, welche ſie ſich bewahren mußten, um neben den wichtigen Kriegsoperationen die Verwaltung des Landes feſt zu halten, und er ſchloß nach ſich ſelbſt richtig ge⸗ nug, daß ſie das Schickſal des Einzelnen nicht geringer achten durften, weil das groͤßere Intereſſe ſie in An⸗ ſpruch nahm. So kurz wie moͤglich, und ſo klar als es ihm eigen war, trug Thyrnau daher Magda's Ent⸗ fuͤhrung wie ſeine Verdachtsgruͤnde dem Grafen Kau⸗ nitz vor und bat ihn um geeignete Perſonen, welche an ſeiner Statt den fuͤrſtlichen Raͤuber zum Geſtaͤndniß und zur Herausgabe der armen Entfuͤhrten zwingen koͤnnten. Zugleich enthielt dieſer Brief eine leiſe Hin⸗ deutung, ob der Farlſtein bei dem Naͤherruͤcken des Friegsſchauplatzes noch ein geſicherter Ort fuͤr die wich⸗ tigen Dokumente und Arbeiten bleiben möchte, welche bereits zu einem Ganzen zuſammen zu wachſen begoͤn⸗ —— 319 nen.—„Vielleicht!“ ſagte Thyrnau,„verſteht mich Kaunitz, und dann iſt es moͤglich, daß ich Dir im Win⸗ ter nach Prag folge; jedenfalls das wuͤnſchenswertheſte, denn wenn wir Magda bis dahin zuruͤck erhalten, darf ſie doch unter keiner Bedingung wieder Bewohnerin des Karlſteins werden, und ſollte ich ſie nach Wien ſchicken zur Prinzeſſin Thereſe, oder nach Mailand zu meiner Schweſter Barbara.“ „Gott wird uns nicht lange trennen“— ſagte Clau⸗ dia ſanft—„denn wir gehoͤren zuſammen durch alle Bande, die das Familienleben bilden. Sie aber ſind unſer Aller Vater, und wir werden Sie kindlich herbei⸗ ſehnen und immer das Recht behalten, Ihr Schickſal zu theilen.“ Lacy eilte nach dieſen Beſchluͤſſen ſelbſt nach Prag zuruͤck, um die Einrichtungen zu pruͤfen, die ſeine Dienerſchaft zu dem Empfange ſeiner Gemahlin treffen ſollte, und es that ihm unendlich wohl, als er ſich des lang nicht benutzten Beſitzthums in ſeiner ganzen Schoͤn⸗ heit bewußt ward, da es ihm mit ſeinen reichen Mitteln verſprach, Claudia pflegen zu helfen. Alles was un⸗ ter Thyrnau's Verwaltung geſtanden, erwies ſich nicht allein ſtets als wohlerhalten, ſondern als fortgeſchritten durch Verbeſſerungen jeder Art. So zeigten ſich hier die Gärten in großer Schoͤnheit und von einer noch we⸗ nig verbreiteten Kultur, unter der Leitung eines Gaͤrt⸗ ners, den Thyrnau nach einem von ihm entworfenen Plane hatte ſtudiren laſſen. Zu Anfang Oktobers trat Claudia endlich in dem be⸗ quemſten Wagen und von Lacy's Sorgfalt bewacht die kurze Reiſe nach Prag an, und Thyrnau wußte durch ſeine dargelegte heitere und ruhige Stimmung und durch die Ausſichten, die er in ſeinen beiden Freunden unter⸗ hielt, den Abſchied von ihm ſo zu erleichtern, daß es ſelbſt Claudia, welche ſich kuͤnftig an Prag gefeſſelt an⸗ ſehen mußte, keine zu lange Trennung erſchien. Es war ein heiterer Oktobertag; gegen Mittag ver⸗ breitete die Sonne eine taͤuſchende Fruͤhlingswaͤrme; die Vegetation war noch ſchoͤn erhalten, und obwol der Weg, nachdem ſie die Waͤlder des Karlſteins hinter ſich gelaſſen, ziemlich oͤde und reizlos wurde, fuͤhlte Claudia doch an der Seite Lacy's eine unbeſchreibliche Befriedi⸗ gung, und lange von Luft und Sonne und wohlthuen⸗ der Bewegung getrennt, erheiterte ſie ſich mit jedem Augenblicke mehr, und ihr Gemahl fuͤhlte das Gluͤck, welches ſie durchdrang, als einen großen Troſt. Der Palaſt Wratislaw lag auf der Kleinſeite von Prag am Fuße des Hradſchin, mit ſeiner grandioſen Vorderfronte nach einem der bedeutendſten Plaͤtze hin⸗ aus, und in der Nachbarſchaft der groͤßten und ſchoͤnſten 321 Palaͤſte der Stadt. Eine breite Allee hochgewoͤlbter Linden umgab dieſen Platz und diente zu der eigentli⸗ chen Paſſage, waͤhrend die großen Beſitzer mit ariſto⸗ kratiſcher Pracht die Einfahrten zu ihren Palaͤſten von dort aus eingeleitet und durch vorſpringende Gitter und reiche Portale einen Vorhof erhalten hatten, der um ſo weniger beim Volke, welches dadurch auf den Fahrweg eingeſchraͤnkt blieb, Widerſpruch fand, da dieſe vor⸗ ſpringenden Hoͤfe eine Zierde des Platzes wurden und gewoͤhnlich neben kuͤnſtlichem Pflaſter, Statuen, ſprin⸗ gende Waſſer und Gartenanlagen umſchloſſen. Der alte Wratislaw'ſche Palaſt war ein wahres Vorbild dieſer Anordnungen und an ihm alle Pracht eines bei ſeiner Entſtehung kaum zu uͤberſehenden Ver⸗ moͤgens verſchwendet. Claudia war bezaubert, als der Wagen aus der lieblich ſchattigen Allee in dieſen Vorhof einlenkte und donnernd unter einer Colonnade von doppelten Saͤulen vor einem marmornen Treppenſaal hielt, durch deſſen Glasthuͤren der Blick, ſeine ganze Tiefe durchdringend, jenſeits auf den gruͤnen Terraſſen des Gartens haften blieb. Lacy fuͤhrte die guͤtige Herrin durch die in ehr⸗ furchtsvoller Freude aufgeſtellte Dienerſchaft, und nach⸗ dem ſie Jedem mit einem paſſenden Worte das Herz erfreut hatte, fuͤhrte ſie Lacy in die ſchoͤnen ſonnen— Thomas Thyrnau Il. 3te Aufl. 21 322 hellen Gemaͤcher, die nach dem praͤchtigen Garten aus⸗ gebreitet lagen. Sie waren mit allem Reichthum langen Beſitzes und mit aller Sorgfalt der ihr gerade nöthigen Bequemlichkeit eingerichtet und ließen ſie ne⸗ ben dem Vergnuͤgen an lang erhaltener Pracht das Entzuͤcken dieſer eben erſt hinzugekommenen Hand der Liebe empfinden. Claudia fand Alles bereit, um einige Stunden ungeſtoͤrter Ruhe zu genießen; dann verſprach ſie einem kleinen Souper beizuwohnen, bei dem Lacy einige alte Freunde ſeiner Familie und jetzt naͤchſte Nachbarn ihr vorſtellen wollte, unter denen die Graͤfin ſelbſt einige Verwandte zaͤhlte, mit deren Frauen ſie wenigſtens aus der Ferne bekannt war. Wir haben hiermit die Richtung angedeutet, welche Lacy ſeinem und Claudia's Leben geben wollte; indem er ſein Herz vor ſich und allen Andern verhuͤllte, ward das Gluͤck Claudia's ſeine Leidenſchaft und die einzige, in der er ſich genug that. Es vergingen deſſenungeach⸗ tet oft nur wenige Tage, ohne daß er den Weg nach dem Karlſtein einſchlug und ſtundenlang bei Thomas Thyrnau verweilte. Was auf dieſem Wege in ihm vorgehen mochte, verrieth er nie— er fuhlte ſich aber vielleicht nur hier einſam— nur allein— und oft, wenn Thyrnau durch die nicht abgeſtellten Trompeten auf den Waͤllen des Karlſteins ſeine Ankunft errathend, ihm ſchon in dem Hofe entgegen trat, blieb das Auge des weiſen Menſchenkenners traurig an den blaſſen ein⸗ gefallenen Wangen ſeines jungen Freundes haͤngen, und da ſich im Laufe des Beiſammenſeins dieſe beun⸗ ruhigende Erſcheinung wieder verlor, wußte der erfah⸗ rene Greis, daß dieſer einſame Ritt vielleicht die einzige Zeit war, wo er ſich von ſeinen Gedanken uͤberwaͤlti⸗ gen ließ. Von Magda traf gegen Mitte des Oktobers ein la⸗ koniſches Briefchen ein.„Ich darf nicht daran denken, „daß ich Dir ſchreibe, Großvater— hieß es darin— „ſonſt behielte ich weder Beſinnung noch Kraft, Dir „das zu ſagen, was Dir noͤthig iſt. Wenn Dich aber „Deine Magda bittet, ruhig zu ſein, ſo ſei es!— „Gott hat das vorgehabt! Das halte feſt. Er iſt „erſtaunenswuͤrdig in ſeinen Abſichten— erſtaunens⸗ „wuͤrdig zugleich und ſehr gnaͤdig, daß er ſie mich er⸗ „kennen laͤßt. Was willſt Du mehr? Ich koͤnnte „jetzt ſchon zu Dir zuruͤckkehren— und bleibe doch! „Von Dir und Lacy und Claudia erfahre ich alle acht „Tage das Noͤthige. Graͤme Dich nicht! ſonſt komme „ich und handle gegen Gottes Willen damit. Siehſt „Du— das iſt eine ſchreckliche Drohung! Deine, „Magda.“ „Und kannſt Du Dich dabei beruhigen?“ fragte 21 324 Lacy.—„Unter welcher Taͤuſchung kann ſie ſtehn, mit welcher Gewalt kann ihr dieſer Brief abgerungen ſein, der Deinen Eifer aufhalten ſoll!“ „Nein! nein!“ ſagte Thyrnau—„Dein natür⸗ lich richtiges Urtheil verlaͤßt Dich jetzt, denn ſonſt muͤß⸗ teſt Du fuͤhlen: Magda hat dieſen Brief in vollkommen ſelbſtſtändiger Freiheit geſchrieben— ſie kann ſich uber das, was ſie vor hat, ein wenig exaltiren, aber ſie hat offenbar eine Stellung zu ihren neuen Verhaͤltniſſen genommen, und wie ihr eigen— eine thaͤtige!“ „Wie kannſt Du ſo ruhig ſein bei dem Gedanken, daß dies zarte Weſen, dieſe verblendende Schoͤnheit in andere Dir fremde Gewalt uͤbergegangen iſt, die Du nicht allein nicht kennſt, ſondern der Du mit großem Recht mißtrauen mußt, da ſie mit dieſem unerhoͤrten Raub anfangen konnte?“ „Ob ich ruhig bin“— fagte Thyrnau laͤchelnd— „iſt etwas Anderes. Aber denke, daß ich ſie nach den erſten Anzeichen todt halten mußte; dann— wenig⸗ ſtens in der rohen verletzenden Gewalt eines Boͤſe⸗ wichts. Jetzt weiß ich, ſie lebt! Aus ihren Worten ſpricht mich ihr altes unverletztes Weſen an, ſie warnt mich vor allzu ſtarkem Gram, ſie nennt ſich ſogar frei, und nur ihre Anſicht der Lage, in der ſie ſich befindet, hindert ihre Ruͤckkehr. Meinſt Du nicht, ich habe viel 325 Troſt empfangen ſeit dem Augenblick, wo ich ihr blu⸗ tiges Schnupftuch fand? Ich denke es— und bin ein okonomiſcher Mann, der mit Wenigem haushalten ge⸗ lernt hat. Auch ſage ich Dir, ich habe Achtung vor Magda! Unverbildet an Geiſt und Herz iſt ſie mit vieler Eigenmaͤchtigkeit an meiner Seite aufgewachſen — aber ſieh, es liegt davon ſo viel in mir ſelbſt, daß es mir wohlgethan hat, daß der junge Baum von Art zeigte. Die duͤnkelvolle Anmaaßung, zu glauben, daß ich dazu berufen ſei, ihre Bildung zu leiten und zu vollenden, weil ſie meines Blutes iſt und ich ihre Kind⸗ heit geſchuͤtzt— die hat mich nie beruͤhrt; denn nichts iſt ſo wichtig, wenn wir nicht verkruͤppelte Menſchen entſtehen ſehen wollen, als uns die Grenze zu ſtecken fuͤr unſern Erziehungsdespotismus, der entweder ge⸗ waltſames Losreißen von uns, nicht ſelten mit Bitter⸗ keit oder Haß verbunden, bewirkt, oder uns ſelbſt ſtraft durch die Fehler einer ſchwachen unklaren Natur, die wir erziehen halfen, indem wir ihre Entwicklung verhinderten und die uns dann ſelbſt ſehr laͤſtig wird.“ „Du haͤtteſt doch dem Prinzen von S. Alles mit⸗ theilen ſollen,“ fuhr Lacy getroͤſteter fort. „Damit er irgend einen tollen Streich gemacht haͤtte, wozu ihm ſein ſanguiniſches Blut immer am ſchnellſten raͤth. Vergiß nicht, daß er die ungluͤckliche 326 Schlacht bei Lowoſitz mit gefochten hat, alſo in einer Poſition ſtand, die ihm jeden abweichenden Schritt zum Ehrenpunkt machte— und ſelbſt bei der Moͤglich⸗ keit, ſich los zu machen, was hatten wir dann zu er⸗ warten? Er wäre nur mit dem Vater in eine neue Fehde getreten, alle Greuel der Vergangenheit haͤtten ſie wieder wach geſchrien und die fuͤrchterliche Unnatur ihres Verhaͤltniſſes, welches die Trennung verdeckt, waͤre auf's Neue an's Licht getreten.“ „Ich ergebe mich Deiner Weisheit,“ ſagte Lacy —„obwol es mir ſchwer wird. Verzeih, daß ich Dich ſo aufregte; Claudia's Unruhe unterhaͤlt die meinige — wir machen ſo viel Plaͤne— und wahrlich ihre Schuld iſt es nicht, wenn ich nicht ſchon wieder auf der Reiſe bin.“ „Das ungluͤckliche Gefecht vom funfzehnten Okto⸗ ber hat jede Verbindung dorthin abgeſchnitten,“ ſagte Thyrnau;„Du duͤrfteſt nichts von dieſem Unterneh⸗ men erwarten, als perſoͤnliche Unannehmlichkeiten und wuͤrdeſt doch nicht zum Ziele gelangen.“ „Das wuͤrde ich nicht ſcheuen,“ erwiderte Lacy, „und es ließen ſich Mittel dazu auffinden; aber ich darf Claudia nicht verlaſſen. Wie ſehr ſie ſich auch be⸗ herrſcht, um ihren Zuſtand zu bewaͤltigen, ihre Kraͤfte ſchwinden auffallend und ihr Blut iſt immer zu fieber⸗ 327 hafter Wallung geneigt; ich muß ſie fortwaͤhrend beob⸗ achten, denn das Auge des Arztes will immer ge⸗ ſchaͤrft und gelenkt ſein durch das Auge der Liebe, wel⸗ ches den Kranken überacht.“ 2„. œ—— . S 4 7 Die Morgenſonne ſchien in ein großes Bogenfen⸗ ſter, welches faſt die ganze ſchmale Seite eines langen und hohen Gemaches einnahm. Der Garten mit ſei⸗ nen herrlichen Baͤumen, ſchimmernden Blumen und Raſenpartien lag in dem Rahmen des hohen Fenſters, welches faſt bis auf den Fußboden niederreichte, nur durch eine kleine Bank vor demſelben davon getrennt. Die Fenſterflugel waren nach Außen geoͤffnet und nach dem Zimmer zu rankten ſich bluͤhende Gewaͤchſe um die Stucatur der Niſche und ſingende Voͤgel huͤpften in goldenen Gittern. Eine große Marmorſchaale auf dem Ruͤcken eines Delphins ſtand in der Mitte des tie⸗ fen Fenſterbogens, darin ſchlugen goldene und ſilberne Fiſche luſtig in dem klaren Waſſer kleine Wellen, die dem Marmor zuweilen einen harmoniſchen Ton entlockten. Vor einem Tabouret von purpurrothem Sammt ſtand eine goldne Harfe. Das Zimmer war getäͤfelt und von oben bis un⸗ ten mit Gemaͤlden bedeckt. Dem Fenſter gegenuͤber ſtand ein breites Ruhebett, woruͤber eine Art Thron⸗ himmel mit aufgeſchlagenen Vorhaͤngen von rothem Sammt hing. Auf dieſem Ruhebette lag die Geſtalt eines alten Mannes, welcher, in einen gruͤnen Sammtpelz gehullt, ſich gegen ein paar Kiſſen ſtuͤtzte und alle Spuren der Krankheit in ſeinem traurig gefurchten Angeſichte trug. Wer jedoch den Fuͤrſten von S. je gekannt, mußte ihn auch in dieſer Geſtalt wieder erkennen; aber das Haar, das ſtark und dem Alter zum Trotz lange ſchwarz ge⸗ blieben war, zeigte ſich faſt erbleicht, die Fuͤlle des breiten Koͤrpers war verſchwunden, das Geſicht einge⸗ ſunken und aſchfarben und die Miene entbehrte den duſtern Ausdruck böswilliger Feſtigkeit, der ihr fruͤher eigen war. Die Augen irrten unruhig umher, es war die Aufregung der Krankheit, die Huͤlfe ſucht und von Ermattung gelaͤhmt iſt. In einem hohen Lehnſtuhl am Fußende des Ruhe⸗ bettes lag ein junges Maͤdchen, in deren blaſſem, etwas laͤnglicher gewordenem Geſicht wir dennoch Magda er⸗ kennen. Der Schlaf hatte ſie am fruͤhen Morgen im Angeſicht der hellen Sonne uͤberwaͤltigt; ihr Kopf lag reizend geknickt auf der Bruſt, und aus den niederhaͤn⸗ 329 genden Haͤnden war ein kleines Buch geraͤuſchlos auf den weichen Teppich gefallen, auf welchem die zierlichen Fuͤße gekreuzt zu ſehen waren, da die geſunkene Stel⸗ lung das faltige ſchwarze Kleid zuruck geſchoben hatte. Ein ſuͤßes Laͤcheln ſpielte um die Lippen, und der Athem war ſo ruhig, als ſchliefe ſie an dem Buſen der Mutter. Deutlich war zu erkennen, daß dieſe Situation die Fortſetzung der Nacht warz geloͤſchte Lichter ſtanden auf einem Tiſchchen mit Glaͤſern und Violen und goldenen Bechern neben dem Kopfende des Bettes; und Mag⸗ da's ungewoͤhnlicher Schlummer um dieſe Stunde ließ ſchließen, daß ſie in der Nacht vielleicht dieſe Erquickung entbehrt habe. Unruhig zwar und ſichtlich gepeinigt ruͤckte der alte Fuͤrſt von S. auf ſeinem Ruhebette umher, aber er rich⸗ tete immer wieder die Augen auf Magda's Geſtalt, ob dieſe auch nicht durch ſeine Bewegungen geſtoͤrt werde, und ſichtlich bezaͤhmte er ſich, um dies zu vermeiden, obwol ſeine Qualen dadurch zu ſteigen ſchienen und er endlich wie uͤberwaͤltigt die Haͤnde in einander druckte und ſie angſtvoll uͤber ſeinem Kopfe zu ringen begann. Im ſelben Augenblick erwachte Magda und ſogleich ſich aufrichtend, haftete ihr Auge auf dem Fuͤrſten, der wie verlegen die Haͤnde ſinken ließ. 330⁰ „Nun“— ſagte Magda—„hat mich der Schlaf doch beſchlichen? Ich dachte, ich waͤr' ihn los, als die Sonne aufging und ich die Lichter ausloͤſchte.“ Jetzt faßte ſie den Furſten genauer ins Auge.—„Und wie mir ſcheint“— fuhr ſie fort—„haſt Du beſſer wie ich dem Schlafe gewehrt, aber Du haſt eben ſo gut Deine Aufgabe verfehlt.“ „Schlafen! ſchlafen!— Wer kann ſagen, daß das leicht iſt!“ ſagte der Fuͤrſt duͤſter—„ich ſchlafe, als ſtuͤnde ein Wächter daneben, der mir einen Schlag giebt, ſobald das Augenlied niederſinkt.“ Magda ſah ihn einen Augenblick ſinnend und faſt mitleidig an, dann ſagte ſie:„Ich habe davon gehoͤrt. Das muß gar traurig ſein, denn es iſt eine liebliche Erfindung der Natur das leiſe Hinuͤbergehn in den ſuͤ⸗ ßen feſten Schlaf, der unſere Seelenkraͤfte einhullt, daß der Koͤrper Oberhand bekommt und ſein Gedeihen beſorgt.“ „Ja! ja! das ſagſt Du— aber Traͤume ſind oft eben ſo ſchlechte Geſellen als das Leben, die nagen auch.“ „Traͤume?“ erwiderte Magda und rollte ſich mit ihrem Stuhl dicht vor ihn—„haſt Du getraͤumt? Erzaͤhle mir Deine Traͤume; ich will wiſſen, was Du traͤumſt.“ „Magda“— ſagte der Fuͤrſt„verlange nicht danach, ich habe Dir ſchon zu viel erzaͤhlt! Was ich erzaͤhlt, waren keine Traͤume,— aber das Erlebte wird eine Geißel fuͤr meine Traͤume.“ „Ja,“ ſagte Magda—„wenn ich Dich nur erſt auf einem etwas beſſeren Wege haͤtte— wenn Du nur einmal Deine Haͤnde falten wollteſt, nur den Wunſch faſſen, daß Du einmal beten moͤchteſt— dann wuͤrdeſt Du etwas ſpuͤren, das gaͤbe Dir den Glauben an die Entlaſtung der Seele— durch Beten!“ „Laß das, Magda! Das iſt Alles ſo in Deinem unſchuldigen Kinderkopf gut und wahr— aber was ſoll ich alter Suͤnder damit? Was ich gethan, das iſt unwiderruflich! Daß es nicht gut war, das hab' ich Dir ja eingeſtanden— aber ſieh', all' meine Reue und all' mein Beten und was Du mir da Alles vorredeſt, das ruft nicht eine Stunde zuruͤck, nicht eine Handlung hebt es auf— nicht Einer von Allen, die ich habe ſeufzen machen, wird wieder lachen. Siehſt Du? Die Meiſten ſind ſchon Staub und Moder— was ſoll denn da mein Beten nutzen? Es flickt ſie nicht wieder zu⸗ ſammen— he! ſiehſt Du?“ „Du biſt ein harter Kopf“— ſagte Magda— „und er liegt mit ſeinen Luͤgen vor Deinem Herzen wie ein Felsblock, ſo daß von der alten Tuͤcke nichts heraus 332 kann und nichts Gutes hinein. Das, was Du eben geſagt, iſt eigentlich Alles leeres dummes Zeug, obwol es Dir klug ſcheint und nach der Wahrheit berechnet— ſo einfaͤltig und kurzſichtig macht das Ding, was die Menſchen den Verſtand nennen, wenn ihm gar weiter nichts zu Huͤlfe kommt. Habe ich Dich etwa uͤberreden wollen, daß Du kein Suͤnder biſt und kein abſcheulich Leben gefuͤhrt haſt— meine Entfuͤhrung mit einge⸗ ſchloſſen? Daran iſt nichts gut zu machen, da haſt Du recht, und das ſollſt Du erſt recht fuͤhlen, denn jetzt ſchwatzeſt Du noch mit dem Munde von Deinen Suͤnden und dann biſt Du fertig und ſagſt ſo ruhig, als waͤr' es gar nichts:„Ich bin nun einmal ein Suͤn⸗ der und damit iſt es gut!“ Ich aber ſage Dir trotz meines Kinderkopfes— Du haſt es noch nie recht ge⸗ fuͤhlt, wie ſchlecht Du gethan, noch nie recht bange ge⸗ dacht: hatte ich es doch anders gemacht; ſondern, weil Du die Vergangenheit nicht umkehren kannſt, denkſt Du, es gabe nichts weiter! Wahre Reue, wahre Erkenntniß der begangenen Suͤnden haſt Du noch nie recht empfunden, denn das geht wie Blitz und Schlag! Du fuͤhlſt Dich die elendſte verlorenſte Kreatur— es ſteigt Dir wie das Waſſer dem Ertrinkenden bis an die Kehle— es will Dich die Qual erſticken— Du fuͤhlſt, Selbſthulfe iſt vorbei— da ſchreiſt Du nach Huͤlfe— 333 und Du biſt gerettet!— Ja! ja! ſchuͤttle nur den Kopf— gerettet ſage ich Dir; denn um Dich her ſtehen die rettenden Engel, die warten auf Dich— und Er, von dem ich Dir erzaͤhlt— Er, der dem am Kreuze ſchmachtenden Verbrecher auf den erſten Laut der Reue die Zuſicherung des Himmelreiches gab— Er ſteigt in Dein Herz und erloͤſt Dich von Deiner Qual, wenn Du zu ihm aufrufeſt um Huͤlfe.“ Der Fuͤrſt ſchnitt bei dieſer Rede der unerbittlichen Magda ſo furchterliche Grimaſſen, daß es des heiligen Eifers ihres frommen Herzens bedurfte, um auszu⸗ halten, oder vielmehr— wenig darauf zu geben. Er fuͤhlte die Geißelhiebe ihrer Worte und halb lehnte ſich ſein ungeſtuͤmes Blut dagegen auf, halb beherrſchte ihn das Erſtaunen uͤber den Muth des ſchutz⸗ loſen ſchwachen Kindes, das ſo furchtlos Alles wagte, von dem es hoffte, daß es ihn zu dem Glauben bekeh⸗ ren koͤnnte, den es allein als ſeinen Retter ſchilderte. Dabei hatte er durch Magda ſelbſt faſt Wunder an ſich erlebt, denn ſie hatte ihn vom erſten Augenblick be⸗ herrſcht, ſie hatte nicht allein damit alle ſeine Plaͤne auf ſie ſelbſt in Vergeſſenheit gebracht, ſie hatte ihm das Reinſte eingefloͤßt, was er je empfunden,— eine un⸗ eigennuͤtzige Liebe blos um des Gegenſtandes willen, eine Hingebung, die ihn widerſtandslos zwang, ihr die 334 Wahrheit zu antworten, als ſie ihn auf ſeinem leiden⸗ vollen Krankenlager um ſeine Suͤnden befrug und ihm ein Zuhorchen ihrer Worte abnothigte, ſelbſt da noch, als ſie ſich eifrig bemuͤhte, ihm ſeine Suͤnden recht groß und abſcheulich vorzuſtellen.— Zugleich aber er⸗ lebte er das nie Gekannte durch die Wohlthat ihrer Naͤhe. Thaͤtig wie ſie war, ergriff ſie das Kranken⸗ waͤrteramt; zum Herrſchen wie geboren, befehligte ſie vald den ganzen Troß beſoldeter Diener und brachte Al⸗ les in ein dem Kranken wohlthuenderes Gleis. Dabei wurde ſie ſchnell geliebt, denn ſie ſtellte ſich uͤberall vor und ſchuͤtzte das Recht, wenn der alte Fuͤrſt, in der langen Gewohnheit unbezaͤhmter Heftigkeit, uͤber die Diener herfuhr.„Da mache ich Dir lieber Alles al⸗ lein,“ ſagte ſie zuͤrnend zu ihm—„ehe ich Dich ſo ab⸗ ſcheulich entſtellt und gottlos ſehe mit den armen Die⸗ nern.“— Und er war am meiſten verwundert uͤber die Sicherheit, mit der ſie ihm zeigte, daß ſie ſich ausge⸗ nommen hielt von den Ausbruͤchen ſeines Zorns— und eine ſonderbare Scheu hielt ihn auf, ihr dieſen Glauben zu nehmen; er bezwang ſich, wenn ſie ſprach, obwol ihre Worte ihm zu Anfang wahre Nadelſtiche ſchienen und er oft uͤberlegte, ob er ſie nicht mit eignen Haͤnden zum Fenſter hinauswerfen ſollte. Aber wenn ſie vielleicht im ſelben Augenblick mit der hoͤchſten Ruhe 335 zu ihm aufblickte, oder eine ſorgfaͤltige Handreichung that— fiel ſein Zorn erſchrocken zuſammen, und er gewoͤhnte ſich, ihr zuzuhoͤren, und endlich ihr zu ant⸗ worten, mit ihr zu ſtreiten, ſich ſogar von ihr Beweiſe aus dem heiligen Buche vorleſen zu laſſen, was ihm ein fremder, verſpotteter Gegenſtand geweſen Zeit des Lebens— und dies Alles, um ſie nur bei ſich zu behal⸗ ten, wozu Gott ihm die Gnade einer Krankheit ſendete, die ihn an ſein Lager feſſelte. Magda wollte nun mit ihrer jugendlichen Strenge, er ſollte ſich durchaus erſt bekehren, ehe ſie ihm etwas von ſeinen Verbrechen abnehmen und ihm das Leben der Kinder Egon und Hedwiga eingeſtehn wollte.„Ich kann auch viel hoffen“— ſagte ſie ſich—„da er ganz ein Heide iſt— alſo man nicht ſagen kann, das Hoͤchſte hat nicht auf ihn gewirkt, ſondern er kennt es uͤberhaupt nicht!“— Sie hatte daher beſchloſſen, bei ihm zu bleiben und zweifelte gar nicht, er werde ſchon durchkommen; hielt ſich aber auch dazu beſtimmt, dies zu bewirken, und ſo entſagte ſie ſelbſt dem Groß⸗ vater—„denn natuͤrlich“— redete ſie zu ſich—„das geht vor!“ Die Qualen eines unleidlichen Uebels, welches ſeine Bruſt mit tauſend Aengſten fuͤllte, ſchienen das Ende des Fuͤrſten mit raſchen Schritten herbei zu fuͤhren. Er 336 verleugnete ſich jedoch mit der Energie ſeines Karakters die Ueberzeugung, die ihm jeder Tag beſtimmter auf⸗ noͤthigte, und hielt auch mit ſtarker Hand die Zugel der Regierung ſeines kleinen Landes. Mochten ſeine Naͤchte noch ſo leidenvoll geweſen ſein, mochten ſeine Wande⸗ rungen und ſein Suchen nach Ruhe ihn noch ſo lange aus einem Zimmer in das andere getrieben haben— kam die Stunde, die ſeine Miniſter herbei fuͤhrte, ſo war er noch immer der Anſtrengung gewachſen, ſie zu hoͤren und mit der alten Schaͤrfe der Beurtheilung die Angelegenheiten des Landes zu lenken. Magda, die ſo viele dieſer Naͤchte theilte, Magda, die wenigſtens, wenn ſie ſich Nachtruhe zugeſtanden, ſchon bei dem er⸗ ſten Sonnenſtrahl den Boten vor ihrer Thuͤr fand, der ſie zum Fuͤrſten rief, Magda blieb mit der ruhigen Sicherheit, die ihr ſo eigen, auch gegenwaͤrtig, wenn die etwas erſtaunten Herren des Kabinets ihren Vortrag halten wollten, und der Fuͤrſt hatte ihre Zweifel laͤngſt beruhigt, indem er ihnen zurief:„Laßt ſie mir in Frie⸗ den! Sie iſt was anderes als Ihr ſonſt von Frauens⸗ leuten erlebt— und ſag' ich das, ſo ſoll es Euch ge⸗ nug ſein!“ Magda beſchaͤftigten dieſe Stunden und ſie hoͤrte aufmerkſam zu, wenn die Verwaltung beſprochen und die Mittel berathen wurden. Nicht fremd waren der 337 Enkelin Thyrnau's ſolche Gegenſtaͤnde, und ihr kluger Geiſt redete mit und half das Noͤthige erwaͤgen, wenn auch ihr Mund beſcheiden ſchwieg, da ſie ihre Stellung wohl erkannte. Auch heute ward das oben angefuͤhrte Geſpraͤch un⸗ terbrochen, indem der Kammerdiener anfragte, wann die Miniſter vorgelaſſen werden koͤnnten. Magda, welche die Ordnung nun kannte, ſtand ſogleich auf und begab ſich nach ihrem Zimmer, um ſich umzukleiden, was der Fuͤrſt indeſſen auch that; dann vereinigten ſich Beide wieder in einem Nebenſaal, wo der Fuͤrſt ſich auf einem friſchen Lager bettete und ſie das Fruͤhſtuͤck einnahmen, wonach die Conferenz in demſelben Zimmer vor dem Ruhebette des Fuͤrſten und in Magda's Ge⸗ genwart anhub. Als der Fuͤrſt von der Anſtrengung erſchoͤpft die Sitzung ſchloß und nach einem unruhigen Schlummer erwachte, ſuchte ſein Auge ſogleich Magda, welche er leſend an ſeiner Seite fand, und ohne ſie gleich zu ſto⸗ ren, betrachtete er die ſchoͤnen ernſten Zuͤge und ſeine Gedanken fielen auf Lucretia, ſein ung uͤckliches Opfer, die ihr an Schoͤnheit ſo aͤhnlich geweſen und nur der Kraft und des Feuers entbehrt hatte, welches Magda uberdies noch zu der beſonders großen Gewalt uͤber die Gemuͤther der Menſchen verhalf. Er ſeufzte unwill⸗ Thomas Thyrnau In. zte Aufl. 22 kuͤrlich und ſogleich richtete Magda die Augen zu ihm auf, legte das Buch nieder und nahte ſich ihm. „Ich dachte, Du faͤndeſt etwas Ruhe,“ ſagte ſie freundlich—„ich dachte auch, Du haͤtteſt es etwas verdient! Es iſt in Dir ein beſonderes Geſchick fuͤr dieſe Außendinge, und indem es mich freut, daß Du wenigſtens etwas ſo Verdienſtliches leiſten kannſt, faͤllt mir doch ein, wie es Dich uͤber Dich taͤuſchen und Dich glauben machen konnte, Du waäreſt damit etwas— oder koͤnnteſt damit das Andere gut machen.“ „So“— ſagte der Fuͤrſt muͤrriſch, der immer mit dem Vorſatz anfing, uͤber ihre Reden boͤſe zu werden und ſie von ſich abzuhalten—„alſo fuͤr Dich iſt wol kein anderes Verdienſt vorhanden, und findet Deinen Beifall, als nur das Eine, was Du da aus einem alten Kronikenbuche herleiteſt!“ „Verdienſt?“ ſagte Magda.—„Du willſt Dir immer was bereit halten, wovon Du ſagen koͤnnteſt: Das habe ich zu Gute, dafur geht das auf, was ich ganz ſchlecht machte. Aber ich moͤchte wol wiſſen, ob Du mir Ja antworten kannſt, wenn ich Dich frage: Ob Du Freude haſt an dem, was Du ſo klug und geſchickt machſt, wie ich Dir eben zugeſtand?“ „Freude?“ ſagte der Fuͤrſt—„Freude? das ſind Jugendgedanken! Wie ſoll ich wol Freude haben, ——— 339 wenn ich das thue, was ich nun ſchon uͤber vierzig Jahre und druͤber thue— womit ich alle Tage geplagt und geaͤrgert werde, um damit elendem ſchlechtem Volke, das keines Gedankens von mir werth iſt, zu Wohlſtand und Ruhe zu verhelfen, damit ſie mir die Zaͤhne weiſen, wenn ich von ihnen etwas zuruͤck fordere, auch nur zu ihrem Beſten. Wo ſoll denn da Freude herkommen, wo ich keinen Lohn erwarte und es nur thue, weil ich nun einmal Fuͤrſt dieſes Landes bin und nicht will, daß ſie mir auf der Naſe ſpielen.“ „Daß dachte ich wol!“ rief Magda.—„Ja! Du haſt enge Grenzen und keuchſt unter Deiner Laſt fort, denn Du forderſt Alles von Menſchen und giebſt ihnen Alles um Dein ſelbſt willen. Aber ſo öde Du giebſt, ſo ötWinpfangſt Du zuruͤck. Sieh! es giebt nun ganz andere Menſchen; die haben in ſich die Offenbarungen der goͤttlichen Liebe empfangen, und das iſt der Anfang in ihnen, und von ihm aus ſtroͤmt nun das, was Du Handlungen nennſt. Sie wiſſen, daß Alles, was ſie thun, mangelhaft iſt und daß ſie nur in der tiefen in⸗ bruͤnſtigen Sehnſucht nach Ihm, unſerm Heiland und Erloͤſer,— in dem Glauben, daß Er in uns das Aus⸗ gleichen und Vollbringen bewirken wird— zum Troſte uͤber ſich ſelbſt gelangen konnenz ſolche Menſchen werden davon freudig— ihnen iſt das Herz leicht, denn 22½ 340 ſie ſind demuͤthig— ſie fuͤhlen ihre Unzulaͤnglichkeit und wiſſen, daß ihre eigne Kraft ein duͤrres Rohr iſt. Ihre Scle iſt nun ein Auf⸗ und Niederſteigen des Gebets und des Segens, den ſie holen, ſie thun nichts mehr um der Sache willen, ſondern die Sache wird ihnen die Aufgabe Gottes und die Kraft, mit der ſie ſolche betreiben, iſt ihnen nicht eigne, ſondern ſeine Kraft. Gelingen oder Mißlingen ſind ihnen Antwor⸗ ten, auf die ſie horchen— und die Liebe, die ſie fuh⸗ len, iſt der Glaube an ihren Erloͤſer und die irdiſche Seligkeit, die ihnen Gott verleiht— in Ihm verklaͤrt ſich ihnen die Welt, daß ſie ſie in hoher Entzuͤckung anſtaunen— in Ihm verklaͤren ſich ihnen die Menſchen, die ſie dann Bruͤder nennen— in Ihm lebt die hinge⸗ bendſte Verzeihung fur Alles, was ſie erlitten, fur Al⸗ les, was an ihnen verſchuldet ward— und in Ihm lebt die gottliche erloͤſende Hoffnung, daß ihnen wie⸗ derum vergeben werde, was ſie verſchuldet. Der Fuͤrſt ſchwieg und ſein Kopf ſank raſch athmend auf ſeine Bruſt.“ „Sieh! ich gebe Dich nicht auf, ſo verſtockt Du auch noch biſt— und da Du noch nicht beten kannſt, ſo bete ich fuͤr Dich und flehe zu Gott, Er ſoll mein Gebet fuͤr das Deinige gelten laſſen. Da ſteige ich denn in Deine Bruſt hinab und denke mir, wie Du —ee. 341 beten muͤßteſt! Erſt— daß er Dir recht tiefen Abſcheu vor Deinen Suͤnden geben ſoll, dann den Glauben, daß Du nichts gut machen kannſt— dann laß ich Dich um das Wunder aufſchrein, daß Du mit eins wiſſeſt: Mur er koͤnne Dich retten!— Wenn ich Dich ſo arm und huͤlflos in meinem Gebete vor Gott fuͤhre, dann kommt jedesmal ein Augenblick der ſeligſten Freude und dieſen empfinde ich als eine Antwort auf mein Gebet — dieſe Antwort iſt die Gewißheit, daß ich Dich los⸗ bitten werde, daß Du nicht in Deinen Suͤnden dahin gehen wirſt.“ „Magda! mein Kind!“ ſagte der Fuͤrſt mit ge⸗ brochener Stimme—„Du biſt ſehr gut! Womit habe ich Deine Sorge um mich verdient? Ach! haͤtteſt Du doch Recht— gaͤbe es doch etwas anderes, als die eigne Rechtfertigung, die nichts hinweg nimmt. Es iſt ein oͤdes wuͤſtes Treiben in mir— hart wollte ich dagegen ſein und dachte, das hielte vor— aber die Kraft ſtirbt fruͤher, als der Leib, den ſie verlaͤßt!— Was dann? ja! ja! darin haſt Du Recht— die Grenze iſt eng— ſind wir davor angekommen, bleibt die Frage uͤbrig, wohin nun weiter— aber Du— ein Kind— ſo jung und unerfahren— wie kannſt Du mir den Weg zeigen — wie kann ich denken, es ſei das Rechte?“ „Weil Du nicht weißt, daß keine alte Weisheit— N 342 kein langes Leben und ſeine Erfahrungen das geben koͤnnen, was ein freies Geſchenk Gottes iſt! Er ſenkt es in die Bruſt des unerfahrenen Kindes und giebt ihm damit die Weisheit, welche die Klugheit der Welt uber⸗ windet, und Er laͤßt die Klugheit alt werden, die ſeine Wege muͤhſam emraͤthſeln will, und verſagt ihr das Wort der Loͤſung.„Glaube mir!“ rief ſie und ſank auf ihren Knieen vor ihm hin—„bis Du den einen Glauben findeſt, der alles Andere unnutz macht!— Bete! bete! falte die Haͤnde!— ſo— gieb mir Deine Haͤnde— ſo— lege ſie zuſammen!— Horche in Dir! Will Dir die Bruſt nicht zerſpringen? Es iſt der Schrei um Erloͤſung, der ringt in Dir mit Deinem verhaͤrte⸗ ten Menſchen!— Komm, ich will Deine Haͤnde in meine gefalteten Haͤnde einſchließen! Jetzt— Gott“ rief ſie—„mein Erloͤſer zoͤgere nicht! komm! komm! — Bete: wo bleibſt Du? bete: Vater Unſer! ſprich es mir nach: Vater Unſer!“ Zitternd ſprach der Fuͤrſt „Vater Unſer— Gott!— Magda, die Bruſt ſpringt mir— ich ſterbe!“ ſchrie er ploͤtzlich außer ſich, empor fahrend—„Gott, erbarme Dich— erloͤſe— erloͤſe mich von meiner Suͤnde!“ Er ſturzte zuſammen— Magda, das betende Maͤdchen, hielt den lebloſen Kör⸗ per in ihrem Schooße—„Vater,“ ſagte ſie mit der 343 Ruhe einer Heiligen—„Gedenke des Verbrechers am Kreuze— ſeine letzten Worte retteten ihn!“ Dann ſtand ſie auf und legte ihn ſanft auf den Boden und es ſchien ihr, als hoͤrte ſie ein leiſes Roͤcheln in ſeiner Bruſt.„Er lebt noch!“ ſchrie ſie und ſturzte nach dem Vorſaal, wo der dienſtthuende Arzt ſich befand. Nach einigen Stunden kehrte zwar ſein Leben und ſeine Beſinnung zuruͤck, aber nicht ſeine Sprache. Sein erſter Blick ſuchte Magda und als er ſie fand, ſtreckte er die Arme nach ihr aus und zog ſie naͤher und druͤckte ihre kleinen ſchlanken Haͤnde vor ſein Angeſicht und weinte die heißeſten, die wohlthuendſten Thraͤnen ſeines Lebens. Er winkte Allen, ihn zu verlaſſen— dann legte er ſelbſt Magda's Hoͤnde um die ſeinigen und fal⸗ tete ſie. Magda's Stimme ward zwar von ihren Thraͤ⸗ nen oft bewaͤltigt, aber ſie hielt ſich doch tapfer und betete mit einer Inbrunſt das unterbrochene„Vater Unſer“ zu Ende, daß der Gewalt ihres Glaubens kein Zweifel blieb, er werde nun gerettet ſein und Alles an ſich erfahren.— Der alte Fuͤrſt ſchluchzte, als ob ihm das Herz brechen wollte und hob immer wieder die Haͤnde zum Himmel auf. Dann bezeichnete er, ſchrei⸗ ben zu wollen— und auf dem Blättchen ſtand:„Ich glaube, Du haſt mich frei gebeten, ich glaube, daß in 344 mir eine andere Macht lebendig geworden iſt— ich werde in Frieden ſterben.“ Da der Arzt Magda geſagt, wie er dem Fuͤrſten nur noch wenige Tage gaͤbe bis zu ſeinem Ende, und wie die Miniſter wuͤnſchten, daß der Erbprinz davon unterrichtet werde, antwortete ihm dieſe, daß ſie hoffe, der Fuͤrſt werde ſich noch mit ihm verſoͤhnen. Man moͤchte ſogleich eilen, den Erbprinzen von Allem zu un⸗ terrichten und ſeine ſchnelle Ankunft bewirken, damit der Fuͤrſt dieſen letzten Troſt nicht verliere, nach dem er noch großes Verlangen zeigen werde, die Erlaub⸗ niß dazu verſtunde ſich von ſelbſt.— Natͤrlich fand Magda bei dieſer Hoffnung keinen Glauben— doch bat man ſie, den Fuͤrſten um ſeine Einwilligung zu der Einberufung des Erbprinzen zu erſuchen.— Dabei ſah ſie ſo wenig Schwierigkeit, daß ſie die Abſendung des Kouriers gleich begehrte— und die Herrn ſehr nachdenkend wurden uͤber die Sicherheit eines ſo jungen Maͤdchens, da wo ſie oft den Maͤnnermuth verloren hatten.— Der ungluͤcktiche Furſt zeigte fortwäͤhrend Verlangen nach Magda und ſobald ſie erſchienen war, winkte er Allen abzutreten, und dieſe erkannte wol, wie ſich das Verlangen nach Gebet in ihm mehrte— und wenn ſie auf dem Rande ſeines Bettes ſitzend die Haͤnde faltete, that er es auch und lauſchte dann ihren Worten. — Jetzt fragte ſie ihn, ob er auch recht an das Gebet des Herrn glaube und Alles einzeln durchgedacht. Er nickte. „Vergieb mir meine Schuld, wie ich vergebe mei⸗ nen Schuldigern“— haſt Du das recht bedacht?“ fuhr ſie fort. Er nickte.—„So gebe denn Gott, daß Dein Sohn zur rechten Zeit kommt und Dir Dein Unrecht an ihm vergeben kann und Deinen Segen em⸗ pfangen.“ Des Fuͤrſten blaſſes Geſicht rothete ſich etwas bei dieſen Worten und Magda ſagte wieder: „Fuͤhre mich nicht in Verſuchung, ſondern erloͤſe mich von dem Boͤſen“— der Fuͤrſt ſeufzte tief und nickte ihr zu.—„Nicht wahr?“ ſagte Magda—„da eben regte ſich der alte Groll in Dir— aber Gott hat Dich, als Du beteteſt, wieder davon erloͤſt.“ Der Fuͤrſt fal⸗ tete ſelbſt die Haͤnde— Magda hoffte, er danke Gott. „Jetzt denke an Alle, die Du gehaßt— ob Du Alle ſegnen kannſt— an Thomas Thyrnau denke— an die Prinzeſſin Thereſe!“ Er aͤnderte wieder die Farbe und lag lange ſtumm.„Es wird Dir ſchwer,“ ſagte ſie dann—„vielleicht denkſt Du aber, Thomas Thyrnau werde Dir nicht vergeben, da Du ſo Großes an ihm verbrochen— und doch darfſt Du feſt darauf bauen, denn ſeine Seele iſt rein von dem gehaͤſſigen Schmutz des Haſſes und der Rache— er wuͤrde Gott mit mir bitten, Dir zu vergeben.— Auch ſollſt Du jetzt erfah⸗ ren, daß Gott das Maaß Deiner Schuld verringert hat; denn es gefiel Ihm, die beiden unſchuldigen Kinder— Egon und Hedwiga— zu retten und durch die Hand Mora's, des armen Weibes, welches Du hier auffangen ließeſt, um ihr ein Geſtaͤndniß uͤber mich und Deinen ungegruͤndeten Verdacht zu erpreſſen, daß dieſe die armen Kinder rettete und erzog, bis ſie in die Haͤnde des Grafen und der Graͤfin Lacy uͤber⸗ gingen.“ Der Fuͤrſt verſchlang Magda's Worte und ſeine bebenden Lippen zeigten, wie ſchmerzlich er die Kraft. vermiſſe, ſich ausdruͤcken zu koͤnnen— dann ſchlug er die Haͤnde zuſammen und richtete ſeine Augen zur Decke. „Nun ſieh' die wunderbaren Fuͤgungen Gottes“— fuhr Magda fort—„Lacy iſt der Neffe des Mannes, dem Du ſo großes Unrecht gethan und um deswillen Du Deine edle Gemahlin ſo hart verfolgt, wie Du mir ſelbſt eingeſtanden haſt— er nimmt die Kinder Deines Sohnes, die Du zum Tode beſtimmt, auf und verfaͤhrt mit ihnen, als waͤren es eigene. Ich, die Enkelin des⸗ Mannes, dem Du die Tochter geraubt— ich finde die Kinder meiner Tante, ohne ſie zu erkennen und erweiſe ihnen Liebe und Du laͤßt mich in boͤſer Abſicht, um —, 347 Thomas Thyrnau, Deinen Sohn und Alle die an mir haͤngen, zu kraͤnken, hierher fuͤhren— und ich fuhle durch Gottes Willen ſo großes Erbarmen mit Dir, daß ich den Großvater und Alle, die ich liebe, verlaſſe, um fuͤr Dich zu beten.“ Es zeigte ſich die groͤßte Aufregung auf dem Ge⸗ ſichte des Fuͤrſten und er bemuͤhte ſich alsdann, ſeine Ruͤhrung, ſeinen Dank und ſeine Erſchuͤtterung vor Gott auszudruͤcken. Aber ſeine Kraͤfte und ſein Bewußtſein ſanken von da an immer ſchneller, und Magda hatte bald das Ge⸗ fuͤhl, daß er ſie auch nur noch ſelten erkannte, aber wie ruͤhrte es ſie, daß er dies Erkennungszeichen jedes⸗ mal durch das muͤhſame Falten der Haͤnde andeutete und wenn ſie laut betete, ein Lächeln des Friedens auf ſein hinſterbendes Antlitz trat. Am Abend des vierten Tages erwarteten Alle, die ſein Lager umſtanden, ſein Ende. Magda lag weinend und erſchoͤpft mit dem Kopfe auf ſeinen Decken, denn ſeine letzte Bewegung war noch die geweſen, ſeine Hand auf ihren Kopf zu legen— da ward es im Hofe un⸗ ruhig— die Unruhe verbreitete ſich im Vorzimmor und die Anweſenden machten dem hinzuſtuͤrzenden Erbprin⸗ zen Platz. Magda riß ſich empor.„Komm“— rief ſie ihm 348 zu—„Deinem Vater ſind durch Gottes Barmherzig⸗ keit ſeine Suͤnden vergeben und er will dieſe Welt nicht verlaſſen, ohne daß Du ihm auch vergebeſt und ſeinen Segen empfangeſt!“ Der Erbprinz ſtuͤrzte uͤber ſeinen Vater und rief ihn laut und ſchmerzlich bei dieſem ſo lange verleugne⸗ ten Namen. Der Fuͤrſt erhob ſich ploͤtzlich von ſeinen Kiſſen— der gebrochene Blick des Sterbenden ſuchte den Sohn, deſſen heiße Thraͤnen ſein Geſicht bethaut. Er rang mit fuͤrchterlicher Anſtrengung— der letzte Augenblick loͤſte ſeine Zunge noch einmal, er druͤckte den Prinzen mit ſtarker Hand an ſeine Bruſt—„vergieb mir! vergieb mir, mein theurer Sohn!“ rief er mit gewaltiger aber fremder Stimme—„wie Gott und mein Heiland mir vergeben— und ſegne meinen Engel, den er mir geſandt!“— Mit Todesangſt zog er Magda an ſich— im ſelben Augenblick ſanken ſeine Arme und er fiel hinten uͤber— der kurze Todeskampf war in einem lauten Seufzer beendigt.“ „O“— rief der Prinz außer ſich—„mein Va⸗ ter! mein Vater! lebe— erhalte Dich mir!— O— mein ganzes Leben verwaiſt und nur einen Augenblick einen Vater! Sagt— ſagt— hat er mich anerkannt, hat er mich Sohn genannt? Hat er Alles widerru⸗ fen?“— Er wandte ſich mit dieſem tiefen Ausdruck 349 des Schmerzes an die treuen Diener, die um ihn her ſtanden, und wollte ihre Antwort. Alle wiederholten ihm die troͤſtliche Verſicherung, daß das Herz des Fuͤrſten ſich in dieſen letzten Tagen ihm zugewendet— und noch einmal ſank der erſchuͤtterte Sohn uͤber die Leiche des Vaters und blieb lange im ſtummen Gebete liegen. Magda's Kraft ſchien mit der ernſten Beendigung des großen Auftrages, den ſie empfangen zu haben glaubte, gebrochen. Aus den erſtarrten Haͤnden des Fuͤrſten ſank ſie widerſtandslos in die Arme Mora's, die beſtaͤndig in ihrer Naͤhe, ſie bewacht hatte. Die Anſtrenguug der letzten Tage war fuͤr die zarte Natur Magda's zu groß geweſen; ſie ward unter Mora's ſorgſamen Haͤnden bewußtlos in ihr Bett getragen, und es gehoͤrte das Vertrauen dieſer alten erfahrenen Frau dazu, um trotz der Wohlthat des bald eintretenden Schlafes dennoch ohne Sorge vor dem marmorbleichen Geſichte Magda's zu ſitzen, und von den faſt unmerk⸗ lichen Athemzuͤgen dieſer ermatteten Bruſt die wieder⸗ kehrende Kraft zu hoffen. Mora hatte aber den geſunden richtigen Sinn ſol⸗ cher Leute, welche die Dinge einfach und natuͤrlich auf⸗ faſſen.—„Was iſt denn dem jungen Dinge weiter geſchehen, als Uebermuͤdung an Leib und Seele! Will 35⁰ ſehn, wer aushaͤlt, Monate lang vor einem alten ver⸗ haͤrteten Suͤnder zu beten und die Aengſte ſeiner kran⸗ ken Naͤchte ihm tragen zu helfen, damit er nicht in ſei⸗ nen Suͤnden dahin ſtirbt.— Was hat ſie denn weni⸗ ger gethan, als alle die Heiligen, die ihr anbetet— und wenn ſie nicht ſoll hinſterben wie dieſe, ſo laßt ſie jetzt in Frieden! Schlaf muß ſie haben— Ruhe— kein ander Geſicht als mein altes gewohntes muß ſie ſehen— da wird das Leben ſchon wieder anwachſen.“ — Damit hielt ſie Alle ab, die den Anlauf auf Magda machten, denn der Tod des Fuͤrſten hatte ihr Anſehen nicht verringert. Als der Nachfolger am andern Tage daruͤber zum Bewußtſein kam, daß es Magda geweſen, welche den Segen des Sterbenden mit ihm empfangen, ſuchte er fur ſein grenzenloſes Erſtauneh Aufſchluß bei ſeinen umgebungen, und hier hielt Niemand zuruͤck, ihm das beſondere Verhaͤltniß des jungen Maͤdchens zu ſeinem Vater zu enthuͤllen, denn noch waren Alle erweicht und erwaͤrmt von dem, was Magda nach Aller Meinung vollbracht hatte. Doch auch der Fuͤrſt, der fur ſein uͤberſtroͤmendes Gefuͤhl keine andere Erleichterung kannte als zu Magda's Fuͤßen ihr zu danken, ward ſtreng von der alten Waͤrterin zuruͤckgewieſen, da es ſich ihren klu⸗ gen Augen darſtellte, daß Magda noch keinesweges aus „ 63 8 dem Zuſtande eines halben Bewußtſeins zwiſchen Schlaf und Ohnmacht herausgetreten war.„Schlaͤft ſie erſt,“ ſagte ſie zu dem Arzt des Fuͤrſten, dem ſie Rede ſtand— „und hat ein geſegnetes Erwachen, dann moͤgt Ihr ſehn, ob noch Mipturen noͤthig ſind, doch, denke ich, ſoll dann das Beſte geſchehen ſein.“ Sie hat Recht!“ beſchwichtigte der Fuͤrſt nun ſelbſt den empfindlichen Arzt— und da er durch naͤhe⸗ res Forſchen ſogleich auf Thyrnau hingelenkt ward, ging am ſelben Tage noch ein Kourier an dieſen ab, welcher ihm alle vorhandenen Umſtaͤnde meldete, ihm die bruͤ⸗ derlichſte Pflege fuͤr Magda verhieß und ihren Zuſtand ſo milde ſchilderte, daß ihrem Großvater keine Sorge daraus erwachſen konnte. Nachdem jedoch der Augenblick eingetreten war, den Mora erwartet hatte, und Magda's Zuſtand in Schlaf uͤbergegangen war, uͤberließ ſie ihren Waͤchterpoſten einer ihr ſchon bekannt gewordenen zuverlaͤſſigen Die⸗ nerin und ließ ſich bei dem Fuͤrſten melden. Wos ſie dieſem Hochwichtiges mitzutheilen hatte, koͤnnen wir uns denken, da wir es bereits wiſſen. Das Entzucken des Fuͤrſten uͤber das, was er beſtätigen hoͤrte, war aber um ſo reiner, da er wußte, die Prinzeſſin Thereſe werde ſeine Gefuhle theilen. Die Beiſetzung der fuͤrſtlichen Leiche mit allen noͤ⸗ 352 thigen Ceremonien zu vollziehn, nahm vorerſt die Zeit Aller in Anſpruch. Da ſie erſt am neunten Tage nach ſeinem Tode erfolgte, hatte Magda Zeit, ſich zu erholen, und die Beſuche des Fuͤrſten zu empfangen. Zwei zaͤrtliche Geſchwiſter koͤnnen unmoͤglich dieſen Moment ruͤhrender feiern! Der Fuͤrſt fuͤhlte ſich ihr auf eine Weiſe verpflichtet, daß ſein feuriges Herz faſt davon ſeine Haltung verlor. Magda's kuͤhle und un⸗ ſchuldige Schweſterliebe zu ihm, ihre eifrigen und from⸗ men Erzaͤhlungen des mit dem Verſtorbenen Erlebten brachten jedoch ſeine Gefuhle wieder in die feſten Gleiſe zuruͤck, in denen er ſich nun ſelbſt erſt ganz wohl fuͤhlte. Da aber Magda der Trauerfeierlichkeit beiwohnen wollte, waͤhlte der Fuͤrſt unter den vornehmſten und geachtetſten Damen ſeines Hofes zwei aus, welche er Magda zu Begleiterinnen gab, ſie als ſeine Anver⸗ wandte bezeichnend. Sie ging in der tiefen Trauerklei⸗ dung einer naͤchſten Anverwandtin des Fuͤrſten, hinter dieſem mit den ſie begleitenden Damen im Trauerzuge, und ihre natuͤrliche Anſchauung der Dinge ließ ihr uͤber ihre Berechtigung dazu keinen Zweifel, da ſie ſich bei der Nachrechnung ja ſelbſt ſagen mufßte, ſie ſei die Nichte des Fuͤrſten. Die Antwort, die indeſſen von Thomas Thyrnau eingetroffen war, begluͤckte Magda's Herz auf's Hoͤchſte. 353 Er billigte in faſt achtungsvollen Ausdruͤcken ihr ganzes Verfahren und gab ihr dafuͤr ſeinen Segen. Weiter⸗ hin forderte er von ihr, daß ſie bis zu einer vollſtaͤndi⸗ gen Herſtellung ihrer Geſundheit ruhig beim Fürſten von S. bleiben ſolle und dort ſeine Beſtimmungen er⸗ warten. Daſſelbe ſchrieb er dem Fuͤrſten und fugte einiges hinzu, was dem Freunde als Fingerzeig dienen konnte, wie er waͤhrend dieſer Zeit Magda's Stellung gehalten haben wollte. Ihm vertraute er die Hoffnung, daß die Kaiſerin ihm vielleicht Prag als Aufenthalt anweiſen werde, und wie er dann erſt dort Magda zu ſich zuruck⸗ rufen wolle, da er ihre Ruͤckkehr nach dem Karlſtein, wo er auch Trautſohn alsbald zu erwarten habe, nicht wuͤnſche, und ihre Einwilligung zu dieſer verlaͤngerten Trennung, da ſie einmal geſchehn, nicht zu bezwei⸗ feln ſei. Der Fuͤrſt beſtimmte nach dieſem Briefe augenblick⸗ lich, daß ein vor der Reſidenzſtadt liegendes Luſtſchloß fur Magda's Aufenthalt in Bereitſchaft geſetzt werde. Die Damen, welche vom Fuͤrſten ſchon fruͤher fuͤr Magda erwaͤhlt worden und unter denen die Gemahlin ſeines erſten Miniſters, eine Dame von hohem Ruf und großer Froͤmmigkeit und im vorgeruckten Alter war, verſprachen dem Fuͤrſten auf ſeine perſoͤnliche Bitte Thomas Thyrnau IIl. 3te Aufl. 23 354 darum, dort einige Wochen des ſchoͤnen Spaͤtherbſtes mit Magda zu verleben, denn der Ruf von dem, was ſie geleiſtet, hatte ihr allgemeine Achtung erworben und die naͤchſten Schritte des Fuͤrſten beſtatigten oͤffentlich Magda's Rang als ſeine Nichte. Da mit dem ungluͤcklichen Gefecht des funfzehnten Oktobers, welches den Feldmarſchall Brown verwundet nach Prag gefuͤhrt und den Feldzug dieſes Jahres been⸗ digt, die Entlaſſung des Fuͤrſten aus dem aktiven Dienſt um ſo ſchneller bewilligt worden war, als die Kaiſerin vor allen Dingen Niemanden, und am wenigſten den ihr lieb gewordenen Fuͤrſten, an Uebernahme ſeiner Re⸗ gentenpflichten hindern wollte, ergriff er nun mit der ſchoͤnſten Energie die Zuͤgel der Regierung und rief zu dem Ende ſeine vornehmen Unterthanen an den Hof und bildete ſich im Vereine mit ſeinen Mi⸗ niſtern und Räthen eine Verſammlung ſeinen Abſichten gemaͤß. Mit großer Feierlichkeit eroͤffnete er dieſe Zuſam⸗ menkunft und mit einer klaren und doch edel ſchonen⸗ den Beleuchtung ſeines bisherigen Verhaͤltniſſes zum Lande entwickelte er ſeine darauf Bezug habenden Pri⸗ vatverhaͤltniſſe. Er erklaͤrte ſeine erſte Vermaͤhlung mit Lucretia Thyrnau, er legte die Beweiſe der kirchlichen Vermaͤhlung vor und ließ ſie durch den noch lebenden Geiſtlichen beſtaͤtigen, den er zu dieſem Zwecke nach ſei⸗ nem Lande berufen. Ohne die traurigen Beziehungen zu enthuͤllen, in denen ſein Vater zu dieſem Verhaͤltniß geſtanden, zeigte er den Verſammelten in großer Gemuͤthsbewegung ih⸗ ren Tod an— und zugleich, daß Gott ihm Kinder aus dieſer Ehe erhalten, welche zu einer ſtandesmaͤßigen Entwicklung gelangt waͤren. Weiter eroͤffnete er ſeinen getreuen Unterthanen ſeine Verlobung mit der Prinzeſſin von D. und ſeine Abſicht, vor Wiederanfang des Krieges ſich in aller Stille, wie das Ableben ſeines Vaters und die Landes⸗ trauer dies erheiſche, mit ihr zu vermaͤhlen. Er be⸗ merkte dabei, daß dieſe Vermaͤhlung mit dem Zuſatze geſchloſſen werden ſolle:„Nach Ableben der erſten recht⸗ maͤßigen Gemahlin, Lucretia Thyrnau— wieder ver⸗ maͤhlt mit der Durchlauchtigen Prinzeſſin Thereſe von D.“— Egon und Hedwiga, ſeine ehelichen Kinder, ſoll⸗ ten in den Grafenſtand mit dem Titel Erlaucht erhoben werden— ihre Dotirung behalte er ſich vor, zu beſtim⸗ men. Ihr Rang ſolle den Kindern zweiter Ehe nach⸗ ſtehn und nur in dem Falle, daß dieſe Ehe ohne Erben bleibe, ſolle dieſer aͤlteſte eheliche Sohn Egon auf die Rechte der Nachfolge Anſpruch haben und mit kaiſer⸗ licher Sanktion die Sache rechtskraͤftig gemacht werden. 23* Aus ewiger tiefer Verehrung und Liebe gegen dieſe ſeine verſtorbene Gemahlin lege er bis dahin ſeinen geliebten Kindern den Namen ihrer Mutter bei und ſollten ſie dadurch das neue Geſchlecht der Grafen von Thyrnau begruͤnden. Alle dieſe Beſtimmungen wuͤrden durch die Gnade des Kaiſers und der Kaiſerin ihre volle Rechts⸗ kraͤftigkeit erhalten und ſolle uͤber die gegenwaͤrtige Mit⸗ theilung an ſeine getreuen Unterthanen ein Dokument aufgenommen werden, welches von allen Anweſenden unterſchrieben, in die Reichsarchive gelegt, und dadurch nicht allein volle Guͤltigkeit, ſondern volle Verpflichtung der Aufrechthaltung gegen unberufenen Einſpruch fuͤr alle Unterzeichnete enthalten ſolle. Dieſe Erklaͤrung, die mit der ruhigen Sicherheit eines feſten Beſchluſſes gemacht wurde, erregte nicht allein keinen Widerſpruch, ſondern die groͤßte Theil⸗ nahme und das lebhafteſte Beſtreben, dieſen Mitthei⸗ lungen ſo hingebend als moͤglich entgegen zu kommen. Der verſtorbene Fuͤrſt hatte die Achtung keines Men⸗ ſchen genoſſen und ſein unnatuͤrliches und grauſames Betragen gegen ſeine tugendhafte Gemahlin und dann gegen ſeinen Sohn hatte die allgemeinſte Empoͤrung erregt, und es war eine natuͤrliche Folge davon, daß man die heimliche Vermaͤhlung des Fuͤrſten, von der ſchon manches verlautet war, aus dem Grunde dieſer ci Vernachlaͤſſigung zu entſchuldigen fand, und die Ach⸗ tung, mit der der Fuͤrſt dies durch den Tod geloͤſte Verhaͤltniß zu ehren beſtrebt war, als eine hoͤchſt un⸗ ſchaͤdliche Beruhigung ſeines Ehrgefuͤhls anſah, welche um ſo weniger Bedenken erregte, da man bei der an⸗ gekuͤndigten Verlobung mit der Prinzeſſin Thereſe kei⸗ nen Grund hatte, das Ausbleiben legitimer Erben zu fuͤrchten. Eine Abſchrift dieſer ſogleich doppelt ausgefertigten urkunde ſchickte der Fuͤrſt alsdann ſeinem nun offen anerkannten Schwiegervater Thomas Thyrnau mit der Nachricht, auf welche Weiſe er fuͤr Magda geſorgt, bis die Kaiſerin uͤber den Aufenthalt ihres Staatsgefange⸗ nen entſchieden haben werde. Gleichzeitig ließ er Egon nach S. rufen und nachdem er ihm ſein beſonderes Ver⸗ haͤltniß mitgetheilt, ſtellte er ihn der erwaͤhnten Ver⸗ ſammlung als ſeinen Sohn, den erlauchten Grafen von Thyrnau vor, und fuͤhrte ihn dann zu Magda, welche ihn nun zuerſt als ihren Vetter umarmte. Nach Beendigung dieſer Pflichten, die dem Herzen des Fuͤrſten ein Tribut ſchienen, ohne den er ſeiner neuen Stellung nimmer glaubte froh werden zu koͤn⸗ nen, ſetzte er ſich mit geſchickter Umſicht in Kenntniß von dem augenblicklichen Zuſtande des Landes, wobei es ihm zum Troſt gereichte, ſeinem ungluͤcklichen Vater wenigſtens das Zugeſtaͤndniß eines trefflichen Haushal⸗ ters machen zu koͤnnen, da er die Geſchaͤfte uͤberall in guten und erfahrenen Haͤnden, und trotz der Uebel⸗ ſtaͤnde, welche die Kriege der großen Staaten uͤber jedes in ihrem Bereich liegende kleinere Land verbreiten muß⸗ ten, einen uͤber Erwarten gefullten Schatz fand. Nachdem er das Noͤthige angeordnet, ſendete er Egon zu ſeinem Großvater, deſſen Namen er jetzt trug, und eilte dann in ziemlich ſtarken Tagereiſen nach Wien zu ſeiner furſtlichen Braut. Obwol nun die Kaiſerin, wie allgemein bekannt, von großen und ſchweren Sorgen bedraͤngt war und dies auch unverkennbar in ihrem etwas veraͤnderten Aeußern ausgedruckt lag, hatte ſie doch vollkommen die große Eigenſchaft der Fuͤrſten, ſich den Anliegen, die zu ihrer Kenntniß kommen mußten, mit unverkuͤrztem Antheil hinzugeben und ihrer vorwaltenden truͤben Stimmung keinen Einfluß darauf zu geſtatten. Sie empfing den Fuͤrſten, ebenſo wie ihr Gemahl, mit der groͤßten Guͤte, und Beide hoͤrten der ihm ge⸗ ſtatteten Erzaͤhlung aller ſeiner fruͤheren Verhaͤltniſſe und der darauf jetzt ſich beziehenden Wuͤnſche mit An⸗ theil und Aufmerkſamkeit zu und verſprachen ihm end⸗ lich, ſeine— als ſelbſtaͤndiger Fuͤrſt— gemachten Beſchluſſe, die mit Allem uͤbereinſtimmten, was Red⸗ ——————— 359 4 lichkeit und Gefuͤhl nur fordern konnten, durch ihre allerhoͤchſten Garantien in Schutz zu nehmen und die noͤthigen Feſtſtellungen daruͤber zu befehlen. Sein naͤchſter Schritt war, die Einwilligung der Prinzeſſin Thereſe zu ihrer baldigen und den Verhaͤlt⸗ niſſen gemaͤßen prunkloſen Vermaͤhlung zu erlangen. Es lag nicht in dem offnen Karakter der Prinzeſſin Thereſe, den ſo wohl begruͤndeten Wuͤnſchen des Fuͤr⸗ ſten durch kleinliche Bedenklichkeiten entgegen zu treten. Sein Wiederſehn mit ihr war ſehr ruͤhrend und unend⸗ lich troͤſtlich und begluͤckend durch die Fuͤlle von ver⸗ ſtehender Liebe, die ihm aus dem Herzen ſeiner Braut entgegen kam. Dies Herz, was die Natur geruͤſtet hatte viel zu geben und zu nehmen, welches mit ſeinem Reichthum bis dahin nicht gewußt, wohin es ſich wen⸗ den ſollte, um ihn los zu werden, und in die verfuͤh⸗ reriſchen Netze ihres lebhaften ungeregelten Verſtandes gefallen war, dies Herz hatte nun, in die rechte Bahn eingelenkt, einen uͤberſchwenglichen Vorrath von Ge⸗ fuhl fuͤr alle Zuſtaͤnde, die ihr darauf begegneten. Al⸗ les, was bei gewoͤhnlichen Frauen ſo unwahrſcheinlich geweſen waͤre, ihre Freude uͤber die beiden Kinder ih⸗ res Braͤutigams, uͤber die Anerkennung, die er dem Andenken ſeiner verſtorbenen Gemahlin gewidmet— dies Alles war in ihr wahr und der Fuͤrſt fuͤhlte das ohne allen Zweifel. Daß damit Thyrnau eine ſpaͤte Genugthuung bekam, war ihr uͤberdies ein Triumph, und ſie beſchloß, an ihrem Hochzeittage die Kaiſerin um die Gnade zu bitten, Thyrnau vollig frei zu ſpre⸗ chen, oder ihn doch aus dem Karlſtein zu erlöſen. Es ſchien ihr dann nichts naturlicher, als daß Magda nicht zu ihm, ſondern er zu Magda zoͤge, und wenn nicht fuͤr immer, doch als an eine zu ihm gehoͤrende Heimat ſich an ihr Fuͤrſtenthum gefeſſelt faͤnde. Der Fuͤrſt war uber die Ausdehnung ſeiner Plane durch den Mund der Einzigen, welche hatte dagegen ſein konnen, ubergluck⸗ lich, und ſo verließ er ſie, um von der Kaiſerin die Feſt⸗ ſetzung des Hochzeittages und die Erlaubniß zu begeh⸗ ren, daß die Ceremonie in einer zu beſtimmenden Kirche Wiens und mit Beobachtung des groͤßten Incognito's vor ſich gehen duͤrfe. Die Kaiſerin waͤhlte voll Ruͤckſicht fur den Fuͤrſten St. Stephan und die Stunde nach der Fruͤhmeſſe und meldete ſich und ihren Gemahl als Zeu⸗ gen dieſer hohen Einſegnung an. Am Abend vorher hatte ſie großen Zirkel bei ſich, eine ſtillſchweigende Feier der Hochzeit, von der Alle wußten und Niemand ſprach. Sie war an dieſem Abend ganz Huld und Liebe und verſammelte endlich nach aufgehobenem Spiel in ihrer kleinen Niſche einige Perſonen, zu denen außer dem Brautpaar, ihrem 4 Gemahl und Kaunitz auch der junge Fuͤrſt von Traut⸗ ſohn gehoͤrte, der zu ſeiner masßloſen Qual und aus ihm unbekannten Gruͤnden noch immer in Wien zuruͤck gehalten wurde, waͤhrend der erlauchte Graf von Podie⸗ brad laͤngſt den Beſcheid erhalten hatte:„Man habe „jetzo wichtigere Ausgaben, als ein altes, gar nicht „mehr als Feſtung angenommenes Schloß in koſtſpie⸗ „lige Wehrhaftigkeit zu verſetzen, da es Niemand ein⸗ „fallen koͤnne, dieſe noch auf die Probe zu ſtellen. Die „Kaiſerin habe dagegen beſchloſſen, die ganze Beſitzung „mit allen Revenuen dem Fraͤuleinſtift in Prag als „Eigenthum zu uͤbergeben und es laͤge nur an der paſ⸗ „ſenden Zeit, dies zur Ausfuͤhrung zu bringen.“ Von dieſem Beſcheid wußte Trautſohn nichts und eben ſo wenig wußte er, daß die Kaiſerin um ſeinen Ein⸗ tritt in die Armee mit ſeinem Vormund unterhandelte; denn Trautſohn hatte ihr ſo wenig ein Geheimniß von ſeinen Abſichten auf Magda gemacht und ihr dabei ſo romantiſche Vorſchlaͤge zu ſeiner Huͤlfe gethan, daß ſie beſchloß, den verliebten Juͤngling ſolle das Leben, die Zerſtreuungen und die Plagen des Krieges erſt etwas durcharbeiten und nachher dann beleuchtet werden, was von ſeinen Abſichten uͤbrig geblieben. Sie war im Ganzen ſolchen forcirten Heirathen, wie ſie die im Stande verſchiedenen nannte, von Herzen 4 362 gram; aber ſie konnte ſich den ungewoͤhnlichen Ein⸗ druck nicht leugnen, den dies Maͤdchen auch auf ſie ge⸗ macht— ſie nannte ihr ganzes Zuſammentreffen mit Thomas Thyrnau und Magda eine romantiſche Epiſode ihres Lebens— und ſchloß richtig und entſchuldigend, wie es danach wol einem ſo lebhaften Juͤnglinge er⸗ gangen ſein muͤſſe. Der junge Fuͤrſt von Trautſohn hatte die Kaiſerin bitten laſſen, mit einer ſchwarzen Trauerbinde erſcheinen, und ihr allein die Urſache ſagen zu duͤrfen. So zeigte er auch eine beſonders melancholiſche Miene, und eben jetzt ließ ihn die Kaiſerin heranrufen. „Ihr wolltet uns ſelbſt ſagen“— redete ſie ihn an —„warum Ihr dies Zeichen der Trauer tragt, und ich will Euch jetzt daruͤber anhoͤren.“ „Ich haͤtte Euer Majeſtat gern den ganzen Verlauf erzaͤhlt,“ ſagte Trautſohn—„aber wenn Ihr auch ganz danach geweſen waͤret es zu hoͤren, habe ich doch Beden⸗ ken, es jetzt zu thun.“ Die Kaiſerin verzog den Mund zum Lächeln, dann ſagte ſie:„Wir haben ſelten mit Jemand ſo viel Ge⸗ heimniſſe zu beſtehn gehabt, als mit dieſer jungen Durchlaucht da. Immer ſollen wir nur ganz allein ſeine Berichte hoͤren— und dabei iſt Kuͤrze nicht ſein Fehler!“ 363 „Wenn man die Mutter aller ſeiner Unterthanen iſt“— ſagte die Prinzeſſin, die den ganzen Abend zwi⸗ ſchen Lachen und Weinen war, und ſo oft ſie konnte, die Hand der Kaiſerin kuͤßte—„ſollte man ſich billig daruͤber nicht beklagen!“ Die Prinzeſſin konnte dieſe Worte kaum vor Thraͤnen herausbringen und die Kai⸗ ſerin bog ſich zu ihr und kuͤßte ſie und ſagte dann ſanft: „Das wollen wir auch nicht, Muhme— ſondern blos den jungen Fuͤrſten bitten, zu unſern naͤchſten Freun⸗ den ſo viel Vertrauen zu haben, wie zu uns ſelbſt.“ Trautſohn war ſehr erwaͤrmt durch das Betragen der Prinzeſſin. Er kniete und kuͤßte den Rock der Kai⸗ ſerin, dann ſagte er:„Das will ich denn! Auch denke ich, haben ihn der Fuͤrſt und ſeine Braut gekannt und geliebt und ſie werden ſein Andenken ehren, was ich mir von Sr. Excellenz von Kaunitz auch hiermit aus⸗ bitte.“ Kaunitz verneigte ſich etwas ironiſch— der Juͤngling fuhr fort:„Matthias Graf von Thurn iſt in dem letzten ungluͤcklichen Gefecht vom funfzehnten October an der Seite des Fuͤrſten Piccolomini gefallen, nachdem er wie ein Loͤwe kaͤmpfend und wie ein Held ſiegend vier Mal eine feindliche Schanze angegriffen und ſie endlich nehmend auf ihrem Rande aus zehn Wunden ſein kuͤhnes Leben verblutete.“ „Ha“— rief die Kaiſerin theilnehmend—„der 364 Juͤngling iſt in dem Tagesberichte beſonders ehrenvoll erwaͤhnt! Ihr habt Recht um ihn zu trauern; wenn er Euer Freund war, wollen wir Eure Trauer ehren und Euch mit unſerer dankbaren Anerkennung dabei helfen. Gebt uns die Krepproſe von Eurem Armband“ — fuhr ſie lebhaft fort—„wir haben es nicht mehr in unſerer Gewalt, ihn zu belohnen, und wollen dieſe Roſe heut' Abend als Anerkennung tragen— was Ihr ſeinen Eltern, wenn er ſolche hat, melden koͤnnt.“ Trautſohn kniete abermals nieder und dichte Thraͤ⸗ nen rollten unverhohlen uͤber ſeine Wangen, die Nie⸗ mand ſah, da Allen die Augen ſchimmerten. Die Prinzeſſin Thereſe loͤſte die Krepproſe von dem ſchwar⸗ zen Armbande des Juͤnglings und befeſtigte ſie der Kai⸗ ſerin an der linken Schulter. „Das ſoll ſeinen Leichenſtein zieren“— ſagte Trautſohn und ſah die Kaiſerin begeiſtert an—„und jetzt will ich auch Alles von ihm ſagen, denn Alles ehrt ihn und es wird uͤberdies Euer Majeſtaͤt zeigen, daß ich nicht der Einzige bin, der bis zum Tode empfindet, wovon ich Euer Majeſtat ſprach.“ „Hoͤren wir ihn an!“ ſagte die Kaiſerin, ſich faſt bittend zu ihrem Gemahl wendend.— „Matthias von Thurn hat keine Eltern mehr“— fuhr Trautſohn fort—„jung kam er zu meinem Oheim, dem Grafen von Podiebrad nach dem Karlſtein, denn ſie waren verwandt. Da iſt viel geſchehn, um eine grade natuͤrliche Richtung zu verdrehen, aber er war trotz ſeiner Schwaͤrmerei ein herrlicher Menſch, ausge⸗ ſoͤhnt mit ſeiner Lage und ganz in ſie verſenkt. Da kam Magda Matielli nach dem Karlſtein und von da an war er ruhelos. Das— was ſo natuͤrlich war wie die Sonne am Himmel— daß er ſolch herrliches Maͤd⸗ chen nicht ſehen konnte, ohne ſie zu lieben, das ſchien ihm, wegen gewiſſer Verdrehtheiten, die man ihm ein⸗ geredet, eine Suͤnde und er konnte den boͤſen Feind nicht angſtvoller fliehn— und erlebte doch alle Tage neue Niederlagen, da er nicht leben konnte, ohne ſie, wenn auch nur aus weiter Ferne, zu ſehn. Ich habe viel mit ihm ausgeſtanden! Aus guten Gruͤnden— die Euer Majeſtaͤt wol errathen werden— konnte ich gut verſtehn, was ihm war, und ich wollte ihm we⸗ nigſtens gern ausreden, daß ſeine Liebe zu dieſem En⸗ gel eine Suͤnde waͤre. Aber am beſten that ihm doch, daß der Herr Fuͤrſt von S. ihn beredete, in die Armee einzutreten— da hatte er Zerſtreuung und ich dachte, er koͤnnte gerettet werden.“ „Nun“— ſagte die Kaiſerin—„das Maͤdchen ſtiftete ja viel Unheil mit ihrem ſchoͤnen Geſicht!“ „Gott moͤge es denen vergeben, die dadurch Unheil 366 erfahren“— rief Trautſohn—„denn ſie verkuͤmmern ſich ſelbſt den groͤßten Segen ihres Lebens. Das ſchwoͤre ich Euer Majeſtaͤt, bekomme ich ſie, oder be⸗ komme ich ſie nicht, was Gott verhuͤte! Magda wird das Gluͤck und der Segen meines ganzen Lebens bleiben.“ „Trautſohn! Trautſohn!“ rief die Kaiſerin la⸗ chelnd—„Halt! halt! wo bleiben unſere Geheimniſſe?“ „Nun“— ſagte Trautſohn—„es iſt einmal her⸗ aus und mag ſo beſſer ſein. Alle, die Euer Majeſtat hier Ihre Freunde nennen, kennen das Wunder von Maͤdchen und ich will ſie Alle auf ihr Gewiſſen fragen, ob Trautſohns Fuͤrſtenkrone nicht faſt zu klein iſt fuͤr Magda's Engelshaupt! Haͤtte ich nicht dabei das Herz, dem ich ſchon vertrauen kann und das ſie ſelbſt gut nennt, wie koͤnnte ich Muth haben, mich ihr anzu⸗ bieten!“ Alle laͤchelten wohlgefaͤllig— das hohe Paar am huldvollſten.„Nun“— ſagte die Kaiſerin—„das nenne ich eine echte Liebe!“ „Ach“— ſagte Trautſohn—„und doch kommt ſie mir gegen Thurns Liebe gering vor. Er hat ſie wie eine Heilige geliebt— und auf dem Herzen, wie eine Reliquie, das Einzige getragen, was er von ihr beſaß! Dies iſt ihm von der durchbohrten kalten Bruſt genom⸗ —,————— men worden!“ Er holte ein gefaltetes Blatt Papier heraus und gab es der Kaiſerin— darauf ſtand;„Nach meinem Tode an Magda— das Einzige, was ich von ihr beſaß!“— Es war ein Strauß vertrockneter Wie⸗ ſenblumen.— Trautſohn erzaͤhlte, wie er Magda in der Kapelle entfallen ſei, und ſeitdem auf dem Herzen des armen Matthias geruht habe, bis man ihn von ſei⸗ ner Leiche genommen. Die Kaiſerin gab das Blatt mit einem ſehr ernſten Geſicht zuruͤck. Jeder fuͤhlte, ſie wolle auch dies geehrt haben und Keinem ward das ſchwer. „Weißt Du, Trautſohn, daß Magda kuͤnftig meine Nichte ſein wird?“ ſagte die Prinzeſſin Thereſe zu ihm. —„Sie iſt die Schweſtertochter der erſten rechtmaͤßigen Gemahlin des Fuͤrſten von S., welches eine Tochter von Thomas Thyrnau war.“ Trautſohn ward blutroth und ſah dann die Kaiſerin ſehr herausfordernd anz als dieſe laͤchelnd ſchwieg, hielt er ſich nicht laͤnger.„Sehn Euer Majeſtät“— ſagte er—„da waͤren wir ja ſchon mit einem Fuß im Buͤ⸗ gel! Es kann bei einiger Gnade von Ihrer Seite nicht ſehr ſchwer fallen, ihr das bischen Ahnenwerk noch nachzugeben, was die Ttautſohns noͤthig haben.“ „Mein guter Trautſohn“— ſagte die Kaiſerin— „ich habe Deine Eltern wol gekannt und Deine Mut⸗ 368 ter gar lieb gehabt. Das giebt mir die Neigung, den Sohn ſtatt ihrer muͤtterlich zu uͤberwachen. Erſt will ich Dich in beiden Buͤgeln feſt haben— das heißt— Du ſollſt Dir erſt etwas Tuͤchtiges verſuchen in der Welt und dazu giebt leider unſer armes Land jetzt viel Gelegenheit.“ „Wenn Euer Majeſtaͤt einen Soldaten aus mir machen wollen im offnen Felde, ſo iſt mir der Gedanke aus der Seele genommen und ich bin ganz dabei— auch um Magda's willen— denn ſie fordert was von den Leuten und iſt nicht leicht zu befriedigen. So ſchoͤn es iſt, wenn ſie die Muhme des Fuͤrſten von S. iſt— da wird ſie ſich doch wenig daraus machen, ebenſo wie aus meinem Fuͤrſtenrange, und ich kann ſagen, es mag leichter ſein, um ein gekroͤntes Haupt zu werben, als um Magda, die ſich immer ſelbſt genug iſt!“ Alle lachten uͤber den tragiſchen Humor des Juͤng⸗ lings und die Kaiſerin bot ihrem Gemahl den Arm, um ſich zur Abendrafel zu begeben. Am andern Morgen nach der Fruͤhmeſſe legte der Graf von Trautſohn, zur Zeit Erzbiſchof von Wien, in St. Stephan die Haͤnde des Brautpaares ineinander. Die Prinzeſſin Thereſe war an der Seite der Kai⸗ ſerin dahin gefahren, dieſelbe Ehre hatte der Fuͤrſt vom Kaiſer genoſſen. Nach der vollzogenen Ceremonie, bei 369 der nur Kaunitz, der erſte Miniſter des Fuͤrſten, der Bruder der Prinzeſſin Thereſe, der junge Fuͤrſt von Trautſohn, die Graͤfinnen von Fuchs und Hautois, und auf ausdruͤcklichen Wunſch der Braut, Frau Gu⸗ tenberg, ganz begraben in grauer Seide und Bruͤſſeler Spitzen— zugegen waren, gingen ſaäͤmmtliche Herr⸗ ſchaften nach dem Kapitelſaal des Doms, wo der Ab⸗ ſchied erfolgen ſollte, indem die Reiſewagen des ver⸗ maͤhlten Paares vor dem Dome harrten. Die Kaiſerin trat mit der Braut nach den uͤblichen Gluͤckwuͤnſchen hinter einen Vorhang, und Frau Gutenberg hatte hier die hohe Ehre, das Diadem und die uͤbrigen Staatsklei⸗ der abzunehmen und ihr den prachtvollen Reiſeuͤberwurf anzulegen, welcher ein Geſchenk der Kaiſerin war, und womit die Prinzeſſin uͤberraſcht wurde. Dabei war die erhabene Frau von einer mutterlichen Guͤte und ihre Ruͤhrung ſtieg immer mehr, als der Augenblick des Abſchieds nahte und die Prinzeſſin in ihrer leidenſchaftlichen Lebendigkeit ſich in Thränen auf⸗ gelöſt zu den Fuͤßen der Kaiſerin warf und in den gloͤ⸗ hendſten Worten des Dankes ihr faſt eine an Anbetung grenzende Liebe ausdruckte. Sie liebkoſte ſie mit ſeltener Zaͤrtlichkeit und wieder⸗ holte immer:„Du haſt an mir, ſo lange ich lebe, eine Mutter! ſag' mir, ob Du noch einen Wunſch haſt!“ Thomas Thyrnau III. 3te Auflage. 24 Da wagte die Prinzeſſin Thereſe die Bitte fur die Freilaſſung von Thomas Thyrnau. „Es iſt huͤbſch von Dir, daß Du ſein gedenkſt“— ſag die Kaiſerin—„denn gerade heute mußt Du fuh⸗ len, wie viel Dank Du ihm ſchuldig biſt, da er Dich in Wahrheit aus großen Gefahren errettete. Doch ſei ſei⸗ nethalben außer Sorge, es iſt bereits uber ihn verfugt, und Du wirſt erfahren, daß ich ſelbſt nur zu geneigt bin, keine Strenge gegen ihn zu beobachten.“ Dann fuͤhrte ſie die erſchuͤtterte Prinzeſſin ſelbſt dem Fuͤrſten von S. zu, und nach allgemeinem Abſchiede verließ die Kaiſerin mit ihrem Gemahl und Hofſtaat St. Stephan, und die Reiſewagen nahmen die Neu⸗ vermaͤhlten auf, um ſie der Heimat entgegen zu fuͤhren. Wir uͤbergehn das ſehr innige Begegnen von Magda und der Fuͤrſtin von S. Es ſchien der Letzteren, als koͤnne ſie nicht mehr ohne dies geliebte Weſen leben und ſie machte mit ihrem Gemahl tauſend Plaͤne, Magda's Einwilligung zu erlangen. Dieſe war jedoch nicht zu erweichen, denn ſo glucklich ſie ſich auch in ſo ausgezeich⸗ neten Verhaͤltniſſen finden mußte, ihr Herz hing immer nach ihrem Großvater hin, und ſie kampfte einen ſchwe⸗ — ren Kampf mit ihrem Gehorſam gegen ihn, den ſie nicht wagte ihm aufzukuͤndigen, wenn uͤber ſeinen Willen ſo wenig Zweifel war wie hier. Es war daher ein nicht zu unterdruͤckender Jubelruf Magda's, als ihr im Februar des folgenden Jahres 1757 die Nachricht wurde, die Kaiſerin habe die Haft des Thomas Thyrnau im Karlſtein mit dem Aufenthalt in Prag vertauſcht, wohin er ſich auf ſein Ehrenwort als Gefangener zu begeben habe. Nun hielt Magda nichts mehr zuruͤck; denn Tho⸗ mas Thyrnau— wie gern er ſie auch noch von ſich ent⸗ fernt gehalten haͤtte— wagte ihrer Sehnſucht nach Wiedervereinigung mit ihm dennoch nicht langer ent⸗ gegen zu treten; und ſo willigten ihre zaͤrtlichen Freunde ein, ſich der Zierde ihres haͤuslichen Kreiſes zu berauben, und in Begleitung von Mora und Bezo, ihren unzer⸗ trennlichen Gefaͤhrten, trat Magda, die vom Fuͤrſten ſelbſt mit allen moͤglichen Sicherheitsmaaßregeln aus⸗ geſtattete Reiſe nach Prag an. So manches Bedenken nun Thyrnau gehabt hatte, die ihm zugeſtandene Freiheit, innerhalb Prags nach Gefallen ſeine Wohnung zu waͤhlen, dahin auszudeh⸗ nen, daß er den Wratislaw'ſchen Palaſt als eine ſolche anſehen ſolle, wußte er doch gar nicht, wie er ſeine Wei⸗ gerung ausdruͤcken ſollte, da Claudia und Lach auch 24* 372 nicht entfernt an die Moͤglichkeit dachten, daß es anders ſein konne, und fuͤr ihn und Magda gleich die ſchoͤnſten Raͤume in Bereitſchaft geſetzt worden waren, ſo ohne Anfrage und mit ſolchem Ausdruck inniger Freude und erfuͤllter Wunſche, daß Thyrnau in ſeiner weiſen Maͤ⸗ ßigung uberlegte, ob ſeine offen geaͤußerte Weigerung nicht ein gefährliches Hinweiſen auf den einzigen ſchwa⸗ chen Punkt ihres Verhaͤltniſſes werden und dies erſt Gefahren entwickeln koͤnnte, die ſo vielleicht verdeckt blie⸗ ben von dem Willen und der Unſchuld der edelſten Men⸗ ſchen. Auch mußte er die Verhaͤltniſſe veraͤndert erken⸗ nen.— Claudia hatte unter großen Gefahren einem Maͤdchen das Leben gegeben, und obgleich die Zeit uber noch an ihr Lager gefeſſelt, wohnte doch durch dies kaum gehoffte Geſchenk des Himmels ein ſo erhohtes Gluck, eine ſo vollendete Gattenliebe in Beiden, daß Thyr⸗ nau hoffen durfte, ein Gegengewicht ſei dadurch ent⸗ ſtanden. Magda's Ankunft beſtatigte dieſe Hoffnung. Ihre namenloſe Freude, ihren Großvater wieder zu beſitzen, erhoͤhte ſich immer noch in den Gemaͤchern Claudia's, wo ſie mit Lacy und der gluͤcklichen Mutter wie gebannt uͤber der Wiege des kleinen Maͤdchens hockte und den Wundern nachſah, welche dieſe kleine Kreatur Aller Meinung nach taͤglich zur Schau ſtellte. So, ſchien 273 es, ſollten die ſchwierigſten und gewagteſten Verhaͤlt⸗ niſſe durch die edle Geſinnung der betheiligten Menſchen blos den Zuwachs an Gluͤck und Zufriedenheit hervor⸗ treten laſſen, der neben dieſer Gefahr im hohen Grade vorhanden war. Der Winter verſtrich unter Umſtaͤnden, die ſich we⸗ nig aͤnderten, nur mit der Abwechslung kleiner geſelliger Kreiſe, welche doch, dem Befinden Claudia's angepaßt, nur aus wenigen Perſonen beſtehen konnten. Dies Befinden erfullte Lacy heimlich mit Sorge. Wenn ſie in ihrem vorgeruͤckten Alter die Erſchuͤtterun⸗ gen einer ſo heftigen Kataſtrophe, als die eben durch⸗ lebte, nicht ſo ſchnell zu uͤberwinden erwarten durfte, als juͤngere Muͤtter— ſchien die Geneſung und Er⸗ kraͤftigung doch zu lange ausbleiben zu wollen, und ein kurzer trockener Huſten, der ihre Naͤchte beunruhigte und von dem auch ihr Kind befallen ward, hinderte die Wirkſamkeit aͤrztlicher Hilfe. Das Fruͤhjahr, worauf unter dieſen Umſtäͤnden Alle hofften, ſchien ſich nicht guͤnſtig zu zeigen; ein rauher Oſt⸗Wind hielt die Vegetation zuruck, und die Kranken waren kaum im Zimmer gegen ſeinen Einfluß geſchutzt. Magda, welche die erſte Pflegerin von Mutter und Kind war, aͤußerte zuerſt ihr Bedenken uͤber Claudia's Zuſtand dem Großvater, und immer in ihren Pflichten 374 das Noͤthigſte erkennend und ihre Handlungen danach beſtimmend, war ſie jetzt weniger bei dem Großvater, nur bemuͤht, Claudia durch ihre Gegenwart von den wehmuͤthigen Ahnungen abzuziehen, welche dieſer dauern⸗ den Schwaͤche nothwendig folgen mußten. Ebenſo war das Kind nicht ſtark, und Geneſung und Wiedererkran⸗ ken erhielten ein nachtheilige Spannung fuͤr die leidende Mutter, welche ihr nicht abzuhalten war. Lacy ſchien dagegen jedes Eingeſtäͤndniß uͤber Claudia's Zuſtand ver⸗ meiden zu wollen; er redete ſich oft Anzeichen aus dem Sinne, welche die Andern beunruhigten,— und Magda ließ ihn gern in ſeinen Hoffnungen— was nuͤtzte der Sache die Erkenntniß der Wahrheit! In dem Maaße, daß Claudia's korperliche Kraͤfte ſanken, ſteigerte ſich die ſchone geiſtige Harmonie ihres Innern. Inniger noch ſchloß ſie ſich an Magda an, welche ihr unſchuldig ihr ganzes Herz verrieth, und auf deren weibliche Richtung ſie einen wohlthuenden Einfluß ausubte, deſſen ſich Beide nicht bewußt waren, indem Jede von der Andern die hochſte Meinung hatte. In der Mitte des April brach aber eine doppelt be⸗ unruhigende Zeit an, in der die Graͤfin das Bett huͤten mußte, und wo das von Allen gefurchtete täͤgliche Fie⸗ ber eintrat. Eine tiefe Beſorgniß fur das Leben der Graͤfin verbreitete ſich über alle Schloßbewohner, und 375 man vermied offnes Ausſprechen, und die Lebensweiſe eines Jeden geſtaltete ſich nach dem Grade der Annaͤhe⸗ rung, den die Verhaͤltniſſe bei ihr geſtatteten. An Magda's Geſellſchaft hing die Graͤfin mit dem feinen Egoismus der Liebe, der dem Herzen des Andern ſo wohlthuend wird. In dieſer Zeit ließ Thyrnau eines Tages Magda zu ſich rufen, und nachdem ſie ihm die bewegtere Stim⸗ mung auf den erſten Blick angefuͤhlt hatte, und außer Zweifel war, es werde ihm das, was er ihr zu ſagen habe, ſchwer— draͤngte ſie ihn mit dem holden kindli⸗ chen Ungeſtuͤm, der die tragiſche Spitze brechen ſollte, zu reden. „Nun“— ſagte Thyrnau—„ich darf nicht zwei⸗ feln, Du werdeſt mir bald ſagen koͤnnen, was das Rechte iſt— dies Rechte muß ſich unabhaͤngig in Deinem Ge⸗ fuhl entſcheiden, und ich verſpreche Dir, ſeinem Aus⸗ ſpruche meine volle Beruͤckſichtigung zu ſchenken.“ „Kaunitz ſchreibt mir, daß die Kaiſerin befiehlt, daß ich mich im tiefſten Inkognito nach Wien begeben und in der Burg die erſten Zimmer der Prinzeſſin Thereſe, die ganz der Aufmerkſamkeit entzogen werden koͤnnen, einnehmen ſoll, von wo aus ſie mich in den ihr noch gegoͤnnten Freiſtunden zu ſich rufen laſſen kann, um meine Arbeiten kennen zu lernen. Mit ihrer alten 376 Huld“— fuhr er fort, da er ſah, daß Magda erblaßte und ſich ſchnell niederſetzte—„mit ihrer alten Huld gedenkt ſie dabei Deiner!“ „Sie wuͤnſcht es nicht, daß Du mich jetzt begleiteſt — ſie haͤlt das Geheimniß, was ſie durchaus behauptet haben will, durch die Begleitung eines jungen Maͤd⸗ chens bedroht, welches ſchwerer der Aufmerkſamkeit zu entziehen ſei. Sollte es Dir aber heftigen Kummer machen, ſo ſollteſt Du zwar nicht mit mir ankommen, aber bei ſicherer Begleitung hinter mir her reiſen, im Palaſt Morani wohnen und durch Frau Gutenbergs Vermittlung mich dann taͤglich ſehen koͤnnen.“ „Das iſt eine Frau!“ rief Magda aufſpringend und den Großvater umarmend—„da will man gleich auch auf ſeine Art was Rechtes thun— Alles waͤchſt in einem!“ Dann fing ſie plotzlich heftig an zu weinen und vergrub ſich an den Buſen des getreuen Freundes. „Ach“ ſagte ſie dann und hob den Kopf empor— „ich dachte, Claudia's Krankheit waͤre genug Leiden— und daß Du da wareſt— uͤber den Saal hinuͤber— daß ich Dich an mein Herz drucken konnte, ſo oft es mir weh that— was war das— und nun ſollſt Du fort— fort von mir!“ „Jedenfalls waͤhrt das nicht lang“— ſagte Thyr⸗ nau—„und es iſt kein Exil, wovor Du Furcht zu 377 haben brauchteſt, ſondern eine gluͤckliche Situation, in der am beſten das Werk gefoͤrdert werden kann, welches meinem theuren Vaterlande wichtig werden ſoll.“ „Das iſt die Hauptſache!“ ſagte Magda—„da wird Dich nichts kraͤnken, ſondern Dein großes Werk wird zu Ende und zu Ehren kommen!— Darum will ich das auch noch hinzunehmen, was mir Deine Abwe⸗ ſenheit ſein wird, und will der großen Kaiſerin zeigen, daß Magda ſich auch uͤberwinden kann, um der großen Sache willen— und Das kannſt Du ihr nur von mei⸗ netwegen ſagen!— Außerdem Großvater! wie haͤtte ich Claudia verlaſſen koͤnnen, die mich den ganzen Tag noͤthig hat— wenigſtens als Botin zwiſchen ſich und dem kraͤnkelnden Kinde— wie koͤnnte mich Lach entbeh⸗ ren, da er abweſend ſein muß, und dann nur Troſt fin⸗ det, wenn ich bei ihr bleibe!“ „Ich habe Deine Entſcheidung nicht anders erwar⸗ tet“— ſagte Thyrnau—„denn ich ſehe ſehr wohl ein, wie wichtig Du fuͤr Lach und Claudia biſt und zweifelte nicht, Du werdeſt davon Dein altes ehrliches Bewußt⸗ ſein haben— doch war die Nachricht fur Dich eine Pruͤfung, wie ſchnell die Beſonnenheit uͤber das erregte Gefuͤhl ſiegen werde.“ „Jetzt,“ entgegnete Magda,„laß uns nur ſorgen, daß Claudia die Sache milde erfaͤhrt, daß ſie nicht er⸗ ſchrickt uber den Gedanken der Trennung von mir, und es ihr nicht als Opfer fur ſie erſcheint, wenn ſie erfaͤhrt, daß ich bleibe. Dieſe Vorſaͤtze wurden mit dem großten Geſchick ausgefuͤhrt, und wie ſehr Claudia den alten Thyrnau liebte, wie ahnungsvoll ihre Zukunft ſie zugleich be⸗ drohte, das zeigte ſich Allen auffallend durch die tiefe Betruͤbniß, mit der ſie ſeine Abreiſe herannahen ſah. Ehe er Prag verließ, bat ſie ihn noch um eine Un⸗ terredung mit ihm allein— es war eine lange ernſte Unterredung— die Grafin ſah an dieſem Tage Nie⸗ mand mehr und Thyrnau hatte den gehobenen Kopf und die blaſſe Farbe, welches oft die einzigen Symptome großer Gemuͤthsbewegung bei ihm waren. Am andern Morgen reiſte Thyrnau ab, und als Magda ihre verweinten Augen in ihrem Zimmer ver⸗ bergen wollte, uberraſchte ſie Claudia, von ihren Frauen gefuͤhrt, welche das Bett verlaſſen hatte, um ihren Liebling zu troͤſten. Seit dieſem Tage kehrten neue Hoffnungen bei allen ein— auch das Kind hatte eine beſſere Zeit, und ſo war, trotz der Abweſenheit Thyr⸗ nau's, der zu aller Gluͤck ſo noͤthig war, eine groͤßere Heiterkeit uͤber Alle verbreitet, und man war ſchnell bereit, von der Zukunft noch mehr zu erwarten. Nicht ſo friedlich und beruhigend ſtellten ſich die —— —,— 379 aͤußern Verhaͤltniſſe, und das Naheruͤcken des geſeg⸗ neten Fruͤhjahrs koſtete jetzt tauſend Herzen ſchwere Seufzer, denn wie blos von dem ſtarren Elemente das Ungeheuer des Krieges gefeſſelt worden war, ſo brach es jetzt mit erneuerter Heftigkeit hervor, und immer zuerſt lenkten ſich die Augen auf Friedrich den Großen, der in impoſanter Haltung die Winterquartiere bezogen. Schon den zehnten April war er in Boͤhmen eingebro⸗ chen, hatte den ein und zwanzigſten April ein ſiegrei⸗ ches Gefecht bei Reichenbach geliefert, und ſtand jetzt, am vierten Mai, hart an der Hauptſtadt Prag, der oͤſtreichiſchen Armee mit ſieggewohnten Truppen ge⸗ genuͤber. Mit unbeſchreiblicher Bewegung ſahen die Bewoh⸗ ner Prag's die unausbleibliche Kataſtrophe einer Schlacht ſich nahe geruckt, da ihr Schickſal nothwendig mit darin begriffen ſein mußte, und ein leider begruͤndetes Miß⸗ trauen gegen den Widerſtand, welchen der ſiegreiche Koͤnig finden werde, dieſe Erwartung zu einer trauri⸗ gen Befurchtung machen mußte. Der ſechſte Mai weckte die Bewohner der Haupt⸗ ſtadt durch den Kanonendonner, welcher die entſcheidende Schlacht bei Prag einleitete. Obwol der Anfang dieſer Schlacht den Preußen unguͤnſtig ſchien, die Infanterie, ſelbſt die Grenadiere 380 geſchlagen wurden, und Friedrich der Zweite ſeinen be⸗ ruͤhmteſten General, den drei und ſiebenzigjaͤhrigen Feldmarſchall Schwerin in dem Augenblick verlor, als er ſein Regiment auf's Neue in's Feuer fuͤhrte, gelang es doch dem wachſamen Auge dieſes Heldenfuͤrſten, den ſchwachen Punkt der Gegner zu entdecken. Der rechte Fluͤgel der Oeſtreicher trennte ſich in Verfolgung des feindlichen linken zu weit von dem Centrum, und eilends warf Friedrich mehrere Regi⸗ menter in die breite Luͤcke. Jener Fluͤgel ward bis Beneſchau verfolgt, der linke von der preußiſchen Hauptmacht angegriffen und gezwungen, ſich nach Prag hinein zu werfen. Vierzig tauſend Mann mit dem Prinzen von Lothringen und dem toͤdtlich verwun⸗ deten Feldmarſchall Brown waren in Prag einge⸗ ſchloſſen. Oeſtreichs Lage war nach dieſem Tage verzweif⸗ lungsvoll; Boͤhmen war ſo gut wie verloren, Maͤhren und Oeſtreich nah bedroht. Man hatte Friedrich nichts entgegen zu ſetzen, als die Truͤmmer des geſchlagenen rechten Fluͤgels; Daun's Corps von zwanzig bis vier⸗ zig tauſend Mann, in Maͤhren poſtirt, und die in den Erblanden zerſtreuten Rekruten, die noch keine Mus⸗ kete getragen hatten. Deſſenungeachtet wurden in Un⸗ garn wie in allen Erbſtaaten die Werbungen eifrig fort⸗ 381 geſetzt, und ſo waren in vier Wochen ſiebenzigtauſend Oeſtreicher beiſammen, uͤber die der Feldmarſchall Graf Daun den Oberbefehl erhielt, und in denen die letzte Kraft, die letzte Hoffnung der Monarchie beruhte. Unterdeſſen ward Prag durch die Preußen auf's furchterlichſte bombardiert und ſo eng eingeſchloſſen, daß jede Zufuhr unmoͤglich wurde. Man hatte wol an die Befeſtigung der Stadt gedacht, aber nicht an ihre Ver⸗ proviantirung, und was ſich vorfand, reichte um ſo weniger aus, da die Einwohnerzahl durch vierzigtauſend Mann Truppen vermehrt war. Der Mangel zeigte ſich bald in jedem Artikel fuͤhlbar und verſchonte weder den Armen noch den Reichen, der ſein Gold nicht in Brot oder Fleiſch zu verwandeln vermochte. Das Elend wuchs zu einer grauenhaften Hoͤhe. Die erſchoͤpften Krieger, die muthloſen Buͤrger mit dem Hunger und ſeinem Gefolge, den ſchrecklichſten Seu⸗ chen kaͤmpfend, ſahen ihre Haͤuſer in Schutthaufen ver⸗ wandelt, die muͤhſam behaupteten Waͤlle von kraͤftigen Feinden, die an Nichts Mangel litten, jeden Tag auf's Neue angegriffen— hinter ſich Feuer, Schutthaufen, Hunger und Krankheit, ſturzten ſie ſich verzweifelnd den Feinden zur Vertheidigung entgegen, die gluͤcklich prei⸗ ſend, welche ihren Tod mit dem Degen in der Hand fanden. Bald nahmen die Truppen ſo ab, daß der Feldmarſchall Brown von ſeinem Sterbebette aus die wehrhaften Maͤnner Prag's unter die Waffen rief, zur Ergaͤnzung der taͤglich mehr abnehmenden Soldaten. Dieſem Rufe ſchloſſen ſich die in Prag anweſenden Edelleute an, um den fuͤhlbaren Mangel an dienftfaͤhi⸗ gen Offizieren zu erſetzen, und unter ihnen durfte der Graf von Lacy nicht fehlen, wie unguͤnſtig auch fuͤr den Augenblick ſeine uͤbrigen Verhaͤltniſſe dazu paßten. Die Schreckniſſe einer Schlacht, deren fuͤrchterli⸗ cher Kanonendonner immer naͤher ruͤckte und zuletzt mit dem ſtuͤrmiſchen Einzuge einer fluͤchtenden Armee en⸗ digte, hatte auf Claudia und Magdaheftig eingewirkt, und beſonders die erſchuͤtterte Geſundheit der Erſteren, trotz ihrer moͤglichſt behaupteten Geiſtesſtaͤrke, ſo ergriffen, daß ſchon am zweiten Tage ein heftiges Bluterbrechen eintrat, welches zwar bald geſtillt, keine augenblickliche Gefahr nachließ, nichtsdeſtoweniger die Kranke an ihr Bett feſſelte und einen ſchon bedenklichen Zuſtand ſtei⸗ gerte, beſonders da die nun folgende Belagerung jede Ruhe unmoͤglich machte. Dieſes Steigen der Gefahr, dieſes nſt Elend, erloͤſte Magda von ihrer vorher ſo lebhaft empfundenen Angſt und machte ſie ſtark und feſt, der Noth zu be⸗ gegnen, die bald Keinem mehr zu entziehen war. Als eine Bombe, ohne zu zuͤnden, den Fluͤgel des Schloſſes zerſtoͤrte, den der Großvater bewohnt hatte, ſturzte ſie, Gott inbrunſtig dankend, auf ihre Knie und eilte dann, mit ihren muthigen, kraͤftigenden Worten die erſchuͤt⸗ terten Domeſtiken zu beleben. Was'nur von maͤnnlichen Dienſtboten das Haus beſeſſen, war ſchon unter die Waffen getreten und jetzt fehlte auch Lacy ſo oft, ſo Naͤchte lang, kam ſo er⸗ ſchoͤpft, ſo gluhend oft nach Hauſe, daß Magda zu ah⸗ nen begann, wohin auch er von ſeiner Pflicht gerufen ward. Dabei nahm der Mangel auf drohende Weiſe im Hauſe zu, und jetzt erkrankten einige Dienerinnen und ſtarben mit verdaͤchtigen Symptomen.— Andere ver⸗ ließen das Haus, um nicht wieder zu kommen, entwe⸗ der von Krankheit oder von Kugeln, die ſo viele Men⸗ ſchenleben auf den Straßen endigten, ereilt. Bald blieben in dem großen, noch kurz vorher ſo belebten Palaſt Wratislaw nur noch die Amme des Kindes, Mora, Bezo und Magda— denn Gertraud war bereits einem ſchnellen und ſchmerzhaften Tode er⸗ legen, und Gundula hatte Magda nicht nach Prag be⸗ gleitet, ſondern das Dohlenneſt wieder in Obhut ge⸗ nommen. Magda theilte nun mit Mora die Pflege der Graͤ⸗ fin, deren Zuſtand mit jedem Tage bedenklicher wurde. Was aber dieſe Pflege ſo troſtlos erſchwerte, war, daß nachgrade alle Mittel fehlten, der Kranken die noͤthige Erquickung zu verſchaffen. Brot fehlte ſchon lange und die Mehlvorraͤthe des Hauſes wurden von Mora be⸗ nutzt, kleine Broͤtchen fuͤr die Kranke wie fuͤr die er⸗ mattete Amme zu backen. Milch gab es gar nicht mehr, denn jede Kuh war nach den oͤffentlichen Schlacht⸗ haͤuſern geſchickt— und doch exiſtirte kein Fleiſch mehr. Unbeſchreibliche Dienſte leiſtete Bezo in dieſer Zeit; ſein Inſtinkt ſchien ſich zu Begriffen zu entwickeln, wenn Magda ihn zu Dienſtleiſtungen aufforderte. Er verſchwand dann oft Stunden lang und kam zerriſſen, blutig und todtmuͤde zuruͤck; aber er brachte immer et⸗ was mit, einen todten Vogel, ein paar Eier, eine Duͤte voll Waldbeeren. Er beſaß ein wunderbares Ta⸗ lent, Tauben zu locken, die oft in zerriſſenen Zuͤgen oder einzeln die alte Stadt umkreiſten und die Woh⸗ nungen ſuchten, von denen ſie durch das ſchreckliche Praſſeln des Bombardements verſcheucht waren— und was war eine Taube fur ein Gluck fur die voͤllig mit⸗ telloſe Haushaltung der armen Magda. Lacy hatte endlich Claudia geſtanden, daß er Offi⸗ zierdienſte thaͤte; vorlaͤufig bei der innern Bewachung der Stadt, wo es an Exceſſen nicht fehlte, welche der verzweiflungsvollen Noth des Volkes immer zur Seite 385 gehn. Er genoß niemals etwas von Magda's kleinen Vorraͤthen, er erklaͤrte, Soldatenkoſt außer dem Hauſe zu bekommenz; er brachte ihr im Gegentheil oft noch einige Nahrungsmittel mit und noͤthigte ſie, in ſeiner Gegenwart davon zu genießen, denn ſelten waren ſie von ſo feiner Natur, um Claudia angeboten werden zu können. Aber mit welchem wilden Schmerz ſah er täg⸗ lich die Noth fur die geliebten ihm anvertrauten Weſen ſteigen, ohne ihr abhelfen zu koͤnnen— und ſich dabei in Verhaͤltniſſe gezwungen, die ihn von der troͤſtlichen Gemeinſchaft mit ihnen trennten. Eines Abends ſagte Lacy zu Magda, als ſie Clau⸗ dia zur Nachtruhe verlaſſen hatten, und beide von den wachſenden Leiden betaͤubt, ſtumm mit einander auf die Terraſſe hinaus traten, wo der mildeſte Abend uͤber Bäumen und Straͤuchern lag, welche ungeſtoͤrt ihr wohlgenaͤhrtes Leben fortfuͤhrten und bei dem augen⸗ blicklichen Schweigen der Geſchutze ſich eine tiefe Ruhe ausgebreitet hatte.„Magda, ich muß dieſe Nacht fort und werde vielleicht den morgenden Tag nicht zu⸗ ruͤckkehren— ich muß einen entfernteren Poſten be⸗ ſetzen helfen, der nicht ſehr exponirt iſt, aber mir doch die Ruͤckkehr fur morgen unmoͤglich macht.— Ich fuͤrch⸗ tete, es werde Claudia's Nachtruhe ſtören, wenn ich es ihr ſagte— entziehe ihr die Nachricht, ſolange Du kannſt.“ Thomas Thyrnau IlI. 3te Aufl. 25 386 „Ach Lach!“ ſagte Magda— und war unfaͤhig, ihre Thraͤnen zuruͤckzuhalten— und Lacy fuͤhlte den Sinn dieſes tief klagenden Tones. „Und Du!“ rief er faſt heftig ihre Haͤnde faſſend —„Du mußt Alles tragen— fuͤr Dich habe ich keine Schonung, keine Huͤlfe— Dich ſehe ich verſchmachten und habe keine Erquickung— Dich ſehe ich in Angſt und Gefahren und muß ſie alle uͤber Dich zuſammen⸗ brechen laſſen— Dich! Dich!“— ſeine Stimme brach— laut ſchluchzend druckte er ſein Geſicht in ihre Haͤnde, und der lang bezwungene Schmerz brach her⸗ vor und erſchuͤtterte ſein ganzes Weſen. Magda konnte ihn auch nicht ſtuͤtzen; ihre phyſiſchen Kraͤfte waren durch den Mangel an Nahrung geſchwaͤcht, ihr Geiſt durch die Schreckniſſe des Bombardements erſchuttert, ihr Herz empfindlich angegriffen durch die Anzeige La⸗ cy's, daß er jetzt den aͤußern Dienſt antreten muͤſſe. „Ach Lacy!“— ſagte ſie—„ein ganzer Tag ohne Dich— das raubt mir die letzte Kraft!“ Da riß ſie Lacy außer ſich an ſeine Bruſt und beide weinten— ſtumm und feſt ſich umſchlingend. Als ſie endlich ſich aufrichteten, ſahen ſie Bezo, der ſich ſtill zu ihren Fuͤßen geſetzt hatte und einer noch blu⸗ tenden Taube die Federn ausrupfte. So groß war die Noth, daß dieſer Anblick Magda einen Freudenſchrei 387 entlockte, und ſie Alles vergeſſend neben ihn nieder⸗ kniete und ſeinen Kopf ſtrich.—„Ach!“ rief ſie mit Thraͤnen zu Lacy aufſehend—„nun haben Claudia und die Amme morgen eine Suppe! Ach, Lacy! ich hatte Nichts mehr— ich bat Gott den ganzen Tag um Rettung— ach! zum erſten Male hätte ihr die Suppe gefehlt— bis jetzt ahnt ſie noch nicht unſere Noth.“ Bezo war außer ſich vor Freude, denn er verſtand Magda's Freude,— aber ſchaudernd faſt ſah ſie, daß er jede Feder ausſog und zuweilen an dem blutigen Kopfe der Taube verſtohlen leckte. „Gott!“— rief Magda—„das arme Geſchoͤpf — es muß auch Hunger leiden!“— Lacy verhuͤllte ſein Geſicht, er ſtuͤrzte fort und ſie ſahen ihn dahin ei⸗ len, fort aus dem Schloſſe und uͤber den Vorhof ver⸗ ſchwinden. Da ſetzte ſie ſich neben Bezo auf die Erde und weinte, wie ſie noch nie geweint— als wollte ihr das Herz brechen— das ganze Leben ihr entſchwinden. Dann ſank ſie neben ihm ins Gras und ein tiefer Schlaf endigte die toͤdtliche Erſchoͤpfung. Als ſie erwachte und ſich erquickt aufrichtete, ſtand der Mond uͤber der Terraſſe. Bezo ſaß noch dicht neben ihr, und bemuͤhte ſich, von Magda's Schnupftuch und von den Federn der Taube, die er kahl gerupft, ein kleines Bett zu machen, das er unter ihren Kopf ſchob. 25* 388 Von dieſen wenig berechneten Bemuͤhungen war Magda auch vielleicht erwacht und ſah jetzt Mora, welche auch ihre geſunde Farbe verloren hatte, gegen einen Baum lehnen. Magda richtete ſich auf, die Alte unterſtuͤtzte ſie, traurig ſahen ſich Beide an.„Schlafen die Andern, Mora?“ fragte Magda. „Gottlob! daß Du etwas Ruhe fandeſt“— ſagte die alte Frau traurig—„vielleicht hat es Dir Kraft gegeben zu neuen Leiden!“ „Neue Leiden“— ſaßte Magda—„iſt etwas noch hinzugekommen? Sag' mir die Wahrheit, Mora, — Gott hat das Maaß! es wird doch nicht mehr ſein, als ich tragen kann.“ 4 „So halte Dich recht felt an dieſen Glauben“— erwiderte Mora—„denn vor einer Stunde iſt das Kind geſtorben.“ „Das Kind! Claudia's Kind!“ rief Magda und fuͤhlte wie ihre Knie brachen.— Mora fuͤhrte ſie zu einer Gartenbank.—„Faſſe Dich“— ſagte ſie— „es iſt beſſer, als daß wir es muͤßten verhungern ſehn!“. Eine dumpfe Kaͤtte ſchlich durch Magda's Inneres — ein Aufhoͤren von Leiden in betaͤubender Gefuͤhllo⸗ ſigkeit! Sie ſtand bald auf und ging nach dem Schloſſe 389 und wollte in das Zimmer des verſtorbenen Kindes ein⸗ treten; Mora hielt ſie noch zuruͤck.„Du kannſt den⸗ ken, Magda, daß das Kind nicht allein ſterben konnte — die Amme bekam Kraͤmpfe— ſie hatte das unreife Obſt gegeſſen, die Arme— ſie ſtarb in Zeit einer Viertelſtunde— ein Schlagfluß endigte ihre Leiden. Das Kind war ſchon geſtern eine halbe Leiche und ſtarb ihr ſanft nach.“ „Und das Alles in der Zeit, waͤhrend ich mit Lacy das Schloß verließ?“ ſagte Magda dumpf. „Gottlob ja!“ erwiderte Mora—„wenigſtens das konnte ich allein durchmachen. Du wirſt morgen noch genug mit Claudia zu leiden haben— denn wie ſollen wir es ihr verbergen?“ Beide blieben in traurigem dumpfem Nachdenken in einem Kabinet vor dem Schlafzimmer Claudia's ſitzen. Dieſes reizende Boudoir ſtrahlte in dem Glanze einer verſchwenderiſchen Ausſtattung, welche mit Pracht den gebildetſten Geſchmack vereinigte. Koſtbare Gemalde deckten die vergoldeten Waͤnde, ſchoͤne Marmor⸗Sculp⸗ turen waren in Niſchen aufgeſtellt, kunſtreiche Holz⸗ arbeiten lieferten die kleinen Geraͤthſchaften zu Claudia's Beſchaͤftigungen, und dies kaum neun Monate be⸗ wohnte Schloß, deſſen ubrige Einrichtung in ſo vollſtän⸗ diger Harmonie hierzu ſtand, war jetzt leer, und die we⸗ 390 nigen Perſonen, die noch neben zwei Leichen Wache hielten, ſahen ihren Hungertod herannahen. Weder Magda noch Mora ſprachen; zuweilen ſchliefen ſie beide; zuweilen erwachten ſie mit dem jaͤhen Schreck, der ihre Nerven erſchuͤtterte, und bei dem Mangel an Nahrung ein tiefes Weh des Magens er⸗ zeugte, das die Kräfte lähmte und den Kopf betaͤubte. Gegen Morgen, noch ehe die Sonne aufging, hoͤr⸗ ten ſie fern die Thuͤren klappen, es ſchlich ſich ein Maͤn⸗ nerſchritt naͤher und Mora erhob ſich muͤhſam und öff⸗ nete die Thuͤr, um zu ſehn, wer das oͤde Haus betreten habe. Der Arzt trat ihr entgegen— er trug ein Paͤckchen im Arm— und ſetzte ſich gleich nieder, denn auch er war erſchoͤpft. Magda trat ihm entgegen und erzaͤhlte ihm mit ſchrecklicher Gleichgultigkeit, was ge⸗ ſchehen war. Der Arzt horte ſie ſtill an— wie viel Elend ging nicht an ihm voruͤber.— Kalt ſagte er: „Das koſtet der Graͤfin das Leben.“ Magda ſchauderte 6 einmal, dann ward ſie wieder gleichgultig und ſetzte ſich ſtill neben ihn. Dem Arzte war die Ruhe eine Wohlthat. Er ſtarrte vor ſich hin, er hatte vergeſſen, was er wollte, fuͤhlloſe Erſtarrung war das Loos aller ungluͤcklichen Einwohner Prag's— und am meiſten ſolcher Maͤnner, denen das Elend mit Gewalt aufgedraͤngt ward, von — 391 denen Alle Huͤlfe wollten, die von einer Schreckensſcene zur andern geriſſen wurden. Endlich durchzitterte ein Kanonenſchuß die Luft und beide ſchreckten auf.—„Geht es ſchon an?“ ſagte der Arzt—„heute iſt ein Tag, der über uns Alle entſchei⸗ det— Daun ruͤckt heran— vielleicht giebt ihm Gott den Sieg, ſonſt ſind wir Alle verloren. Brown hat geſchworen, die ſchimpflichen Bedingungen nicht einzu⸗ gehen, welche ihm von dem Preußen⸗Koͤnige gemacht wurden, als er das arme Prag uͤbergeben wollte. Nun draͤngt ſich heute noch einmal Alles auf die Wälle zum letzten Widerſtand, und man ſagt, Daun wird endlich ſeine Unentſchloſſenheit aufgeben und dem Koͤnige die Schlacht anbieten. Wer daher den heutigen Tag uͤber⸗ lebt, kann vielleicht hoffen! Magda,“— ſagte er jetzt ſich aufraffend—„Lacy ſchickt Dir hier ſeine heutige Portion— ein Kamerad hat mit ihm getheilt— er glaubt heute genug zu haben.“ Der Arzt wickelte ein großes Stuck hartes Kommiß⸗ brot aus.—„Er ſagt“ fuhr er fort—„Du habeſt noch Wein— gieb mir etwas— damit ich wieder zu⸗ ruͤck kommen kann.“ „Ja,“ ſagte Magda—„da das Kind todt iſt, magſt Du ihn haben— ich wuſch es damit und auch Claudia— die aber auch bald todt ſein wird.“ 392 Sie nahm, ehe ſie ging, um den Wein zu holen, etwas von dem harten Brote und verzehrte es begierig. Der Arzt ſah traurig zu— als ſie fort war, ſchuttelte er ein paar Kruͤmchen, die ihr entfallen, in die Hand und verſchlang ſie, und dann haftete ſein Auge ſo be⸗ gierig auf dem Brote, daß er endlich einen Brocken ab⸗ brach. Magda kam zuruͤck mit Mora und Bezo, denen ſie ſogleich vom Brote reichte. Der Arzt aber trank ein Glas Wein und noͤthigte auch den Andern davon auf. „Ja“— ſagte Mora—„davon leben wir— die Weinkeller waren hier gut verſorgt. Bis auf dies kleine Reſtchen, was der Graf zuruͤck behielt, mußte Alles abgeliefert werden— doch nun iſt es bald zu Ende.“ „Nehmt dieſe volle Flaſche an Lacy mit“— ſagte Magda—„es iſt noch eine im Keller. Der Arzt ſenkte ſie in ſeine Taſche— da pfiff ein ſchreiender Laut durch die Luft— praſſelnd ſtuͤrzte eine Bombe durch das Dach— Fenſter und Thuͤren ſprangen auf, und Alle ſtuͤrzten betaͤubt zu Boden. Als die erſte Erſchuͤtterung voruͤber war, hoͤrten ſie leiſe und klaͤglich rufen:„Mein Kind! mein Kind!“ Einer nach dem Andern richtete ſich auf. Magda ſah zuerſt die einer Leiche aͤhnliche Geſtalt Claudia's, welche in ihre Decken gehuͤllt, gegen die Thuͤre lehnte, die zu 393 ihrem Schlafzimmer fuͤhrte und aus den Angeln geriſ⸗ ſen auf dem Boden lag. Magda ſturzte auf ſie zu und umfaßte ſie angſtvoll— Claudia aber rang ſich los und zeigte nach der gegenuber liegenden zertruͤmmerten Thuͤr, vergeblich bemuͤht, ſie zu erreichen. Aller Augen folg⸗ ten der Richtung— das ganze Gemach war in Rauch und Staub gehuͤllt; aber ſchon war zu erkennen, daß hier die Bombe eingedrungen war und die Decke des Zimmers zertruͤmmert auf dem Fußboden lag. „Gottlob!“ ſagte Mora—„daß das Kind ſchon geſtern Nacht ſtarb!“ „Starb? todt?“ Mit dieſem Jammerlaute ſank Claudia bewußtlos in die Arme der Hinzueilenden. Muͤhſam trugen die Erſchoͤpften die Graͤfin auf ihr Krankenbett und beſtrebten ſich, die ſtarren Glieder ein⸗ zuhuͤllen. Unthaͤtig ſah der Arzt auf das bleiche Geſicht der Graͤfin, und ihm, der das Elend und die Qual der Menſchen in ſo grauenhafter Geſtalt kannte, ſchien dieſe Ruhe, die ſie vielleicht leiſe hinuͤberrief, ſo wohl⸗ thuend, daß er ſich nicht uͤberwinden konnte, die Lebens⸗ verſuche zu machen, die ſie zum Bewußtſein ihrer Lei⸗ den wecken ſollten. Eben ſo ſtumm ſaß Magda— nur Mora hatte in dem Kamin eines nahen Zimmers mit Bezo's Huͤlfe Feuer angemacht und begann die Taube zu kochen. 394 Dazwiſchen brach von allen Seiten das fuͤrchter⸗ lichſte Bombardement los, womit der Feldmarſchall Keith vor Prag die denkwuͤrdige Schlacht des achtzehn⸗ ten Juni, welche die Kraͤfte des Daunſchen Corps gegen die des ſiegreichen Preußiſchen Heeres maß, ſeinerſeits begleitete. Die Belagerung der Stadt ward durch dieſe heftigen Angriffe zu einer noch nicht dageweſenen Hoͤhe getrieben— gluͤhende Kugeln— zerſpringende Bom⸗ ben ließen das Feuer an allen Orten ausbrechen und ohne Widerſtand um ſich greifen, da die Erſchoͤpfung der Weiber, Greiſe und Kinder, faſt der einzigen zu⸗ ruckgebliebenen Einwohner, ſie unfaͤhig zum Loͤſchen oder Retten machte. Dreimal ſchlugen noch Bomben in das Wratislawſche Palais— eine zerſtoͤrte den Trep⸗ penſaal und haͤufte einen Berg von Schutt vor die un⸗ beſchuͤtzten Thore— eine zweite riß einen kleinen Glok⸗ kenthurm nieder— die dritte fiel auf die Terraſſe vor Claudia's Zimmer und riß ein Stuͤck von der Vorder⸗ ddes Zimmers ein. * Lange vor dieſen Verwuͤſtungen hatte der Arzt ſchon das Palais verlaſſen, dahin zuruͤck eilend, wohin ihn ſeine Pflicht rief. Unmoͤglich war es ihm, Lacy zu er⸗ reichen, der mit einem Ausfallscorps mitten in die Schlacht verwickelt war, und Sterbende, Verwundete 395 und Erſchopfte theilten ſich in die Flaſche, welche fur Lacy beſtimmt war. In Mitte dieſer Zerſtoͤrungen ſaß Magda, zum Tode erſchoͤpft, in jenes dumpfe gefuͤhlloſe Bruͤten ver⸗ ſenkt, welches die unausbleibliche Folge langer Nah⸗ rungsloſigkeit iſt. Zuweilen richtete ſie ihre Augen auf Claudia, die zwar erwacht war, aber vielleicht des kla⸗ ren Bewußtſeins beraubt, denn ſie hatte noch nicht geſprochen. Als ob es ſich von ſelbſt verſtuͤnde, ſo ruhig hoͤrten ſie das Einſturzen des Hauſes, das fuͤrchterliche Praſ⸗ ſeln der ſpringenden Bomben,— ſahen ſie den Rauch, die Staubwolken, welche durch die ſcheibenloſen Fenſter eindrangen; nur als die Zimmerwand einſturzte, ſan⸗ ken Beide in Ohnmacht. Da ſich Keiner um ſie be⸗ kuͤmmerte, erwachten ſie endlich Beide— zuerſt Magda — und kaum konnte ſie ihre Beſinnung wieder finden, denn das Zimmer ſtand noch voll dicker Staubwolken. Mora war neben ihrz mit dem Inhalt der letzten Fla⸗ ſche Wein wuſch ſie die Schlaͤfe und Pulſe des armen Kindes. Als ſie erwachte, nahm ſie gedankenlos etwas Brot und Wein, was Mora ihr noch aufgeſpart hatte, und ihr Leben kehrte wieder und ſogar ihre Beſinnung und ihre Theilnahme fuͤr Claudia. Auch dieſe ward durch etwas Wein ins Leben zuruck 396 gerufen und Magda dachte daran, ſie aus dem zerſtoͤr⸗ ten Gemache zu bringen Aber dies mußte ſelbſt Mora mit richtigerer Schaͤtzung ihrer geſchwaͤchten Kraͤfte ab⸗ lehnen, und bald ſchien es ihnen auch, als naͤhme Claudia wenig von dem Zuſtande um ſie her wahr. Deſſen ungeachtet ward ihr etwas von der Tauben⸗ ſuppe eingefloͤßt, welches ſie bewußtlos zuließ— dann theilten die drei Leidensgefaͤhrten den kleinen uͤbrig blei⸗ benden Reſt der Mahlzeit mit dem Gefuͤhl, es ſei nun das Letzte. Gegen Mittag ließ das Bombardement etwas nach, aber das Entſetzen in der Stadt ſtieg durch das uͤber⸗ hand nehmende Feuer der brennenden Haͤuſer. Obwol es ein wolkenloſer Junitag war, ließ ſich doch um Mit⸗ tag kaum unterſcheiden, welche Tageszeit es war, denn eine aus Rauch und Staub gemiſchte ſchwere Wolken⸗ ſchicht hing dicht uͤber die Haͤupter nieder und bekam nur grauenvolle Lebendigkeit durch das Sauſen des ſturmwindartigen Feuers, welches die Maſſe oft zu⸗ ſammenballte und mit gluͤhender Faͤrbung ſeine ſchreck⸗ liche Erſcheinung erhoͤhte. Die Luft war zum Erſticken mit dieſem ſchweren Inhalt angefuͤllt— außer der na⸗ tuͤrlichen Qual, die jeder litt, ſchien die Atmoſphaͤre mit jedem Athemzuge den Tod bringen zu wollen, und erhoͤht wurde dieſer Zuſtand noch durch die in der gan⸗ 397 zen Stadt zertruͤmmerten Fenſter und Thuͤren, welche keinen Raum mehr zeigten, der die Stickluft abhielt. So widerſtandslos dem Schrecken dieſes Tages hin⸗ gegeben, kehrte in Magda erſt gegen Abend, wo ein kurzer, aber heftiger Gewitterregen die entſetzliche Luft durchbrochen hatte, etwas mehr Leben zuruͤck und ſie ſetzte ſich auf Claudia's Bett und nahm ihre kalte Hand und nannte ihren Namen— endlich hoͤrte ſie den ih⸗ rigen von Claudia leiſe nennen— dann fuhr die Kranke abgebrochen fort—„Magda, ſind wir allein uͤbrig ge⸗ blieben in dieſem furchtbaren Leben?— Iſt Lacy auch todt?— oder wo— wo iſt er?“ Ach, dieſe Frage, die der Inhalt von Allem war, was an dieſem Tage noch Magda's erſtarrtes Herz be⸗ wegt hatte— ſie konnte ſie nicht beantworten und ſagte Claudia endlich die Wahrheit und da gab ihnen Gott Thraͤnen, und Magda ſank auf Claudia's Bett und ſie ſchliefen endlich den Schlaf der Erſchoͤpfung. Und wieder ſank die Nacht herab.— Das Bom⸗ bardement ſchwieg, und durch die Stadt verbreitete ſich die Nachricht des Sieges, des Ruͤckzuges der Preußen nach Nimburg, und der Aufhebung der Belagerung. Brown, ſterbend zwar, doch immer von ſeinen Pflich⸗ ten erfullt, befahl nun zur Loͤſchung des Feuers in der Stadt, die Hauseigenthuͤmer, die auf den Schanzen 398 thaͤtig waren, abzuloͤſen. Schon war eine Kommuni⸗ kation von dem Daunſchen Corps eroͤffnet, welches ſiegreich vordringend den Feldmarſchall Keith aus einer Poſition in die andere draͤngte, und Daun ſendete eine Pionier-Kompagnie, welche waͤhrend der Schlacht noch ziemlich geſchont geblieben, in die ungluͤckliche Stadt, um die Loſchanſtalten zu unterſtuͤtzen. Die Nachricht des Sieges, der Befreiung der Stadt, welche ſich mit ihnen verbreitete, belebte augenſcheinlich die ſinkenden Kraͤfte der unglucklichen Buͤrger— jetzt ſchien es Jedem der Muͤhe werth, ſich und ſein Eigenthum zu retten, die Kraͤfte zu erhalten, die einer Staͤrkung entgegen ſahen; wo die Noth mit dem naͤchſten Morgen vor— uber ſein mußte, ſchien ſie Jeder weniger zu fuͤhlen. Auch machte den edlen Feldherrn, der zuerſt den un⸗ ſterblichen Ruhm errungen, den bis dahin unuͤberwind⸗ lich daſtehenden großen Preußen-Koͤnig beſiegt zu ha⸗ ben, das Gluͤck nicht trunken, und die hochherzige Freude, Boͤhmens Erretter zu ſein, gab ihm zu⸗ gleich das tiefſte Mitgefuͤhl fuͤr die vorhandenen Leiden. Seine erſte Maaßregel war, der ungluͤcklichen ausgehun⸗ gerten Stadt eine Heerde von Rindvieh und Kaͤlbern, und hochaufgethuͤrmte Wagen mit Brot und trockenem Gemuͤſe zufuͤhren zu laſſen, und erſt nach dieſem Gruße des Friedens zog er ſelbſt in die Stadt, welche — 399 die Groͤße ihrer Noth wenigſtens fuͤr den Augenblick zu vergeſſen ſchien, wo ſie dem edlen Befreier ihren Dank zujauchzen konnte. Daun hatte an ſeiner Seite einen jungen Mann, der wie das ganze Corps des Feldmarſchalls mit Blut und Staub bedeckt, noch die Zeichen des anſtrengenden Schlachttages um ſo mehr zeigte, da er von Hunger und Gram erſchoͤpfte Kraͤfte dahin mitbrachte. Es war der Graf von Lacy, welcher nach jener oben erwaͤhnten erſchuͤtternden Trennung zu dem verzweifelten Unter⸗ nehmen ſchritt, wo moͤglich, mit einigen ihm vertrauen⸗ den Maͤnnern einen Ausfall zu bewirken, um der Stadt Zufuhr zu verſchaffen. Dies von der Verzweiflung eingegebene Unternehmen mußte an der Uebermacht und der Wachſamkeit des Feindes ſcheitern. Mit Loͤwen⸗ muth ſchlug ſich jedoch Lacy und ſeine Gefaͤhrten durch, um wenigſtens der Gefangenſchaft zu entgehn und faß⸗ ten den Entſchluß, ſich dem Daunſchen Corps anzu⸗ ſchließen, von dem eine Entſetzung Prags ſchon lange erwartet wurde. Die Nacht beguͤnſtigte ihre Flucht und fuͤhrte ſie dem großen Tage entgegen, an dem die Schlacht zwiſchen Collin und Planian ſich entwickelte und ihn und ſein kleines Corps mit fortriß. Da dem Feldmarſchall Daun zwei Adjutanten erſchoſſen und zwei verwundet wurden, nahm er ohne Bedenken die Dienſte Lacy's an, den er kannte, und welcher ſich ſogleich bei ihm meldete, und ſo ergriff dieſen der ge⸗ waltige Enthuſiasmus eines Schlachttages, und ſeine Kuͤhnheit, ſeine Blitzesſchnelligkeit entgingen dem Gra⸗ fen Daun ſelbſt in der Verrwirrung eines ſolchen Tages nicht. Als der Sieg entſchieden, ernannte er ihn auf dem Schlachtfelde zum Hauptmann und da er den Feld⸗ marſchall in einem gefaͤhrlichen Augenblick, wo derſelbe ein Defilée paſſiren wollte, welches Lacy's ſcharfes Auge fur unſicher hielt, davon mit der groͤßten Ener⸗ gie abrieth— auch von dieſem ſpäter ſelbſt als eine große Gefahr erkannt ward, da es ihn von dem Haupt⸗ punkte abgeſchnitten haben wuͤrde, ſo erklaͤrte er dieſen wichtigen Dienſt oͤffentlich— und Lacy hielt an ſeiner Seite den Einzug in Prag. Daun hielt erſt vor der Thuͤr des ſterbenden Feld⸗ marſchall Brown ſein Pferd an— er kam, um deſſen Segenswuͤnſche zu empfangen und ihm die Augen zu⸗ zudruͤcken. Lacy beurlaubte ſich von ſeinem Feldherrn; und nachdem er von dem Kuͤchenmeiſter deſſelben ein paar Reiter hatte befrachten laſſen, jagte er mit ihnen, ſo ſchnell die muͤden Pferde noch wollten, dem Palaſte Wratislaw zu. Sein gluͤhendes Auge ſtrengte ſich an, die ſchwere druͤckende Atmoſphaͤre zu durchdringen, welche bis auf 401 wenige Schritte die Gegenſtande verhuͤllte. Er erkannte, als er dem Palaſt gegenuͤber in Mitte des Platzes war, die ſchwerfaͤllige Form des Daches, aber den Glocken⸗ thurm der ſtets daruͤber empor ſah, vermißte er ſogleich — faſt war es ein Schrei, der ſeiner Bruſt entfuhr— er ſetzte dem ſtolpernden Pferde noch einmal die Sporen in die Seiten und hielt nun vor dem Hofraum, in wel⸗ chem er ſogleich die erſte Zerſtoͤrung und den verſiegten Springbrunnen wahrnahm. Außer ſich ſprang er vom Pferde— außer ſich ſtuͤrzte er gegen die Treppenflur— aber hier hemmte ihn ein Wall von Schutt. Von einer zertruͤmmerten Thuͤr zur andern ſturzte erz endlich kehrte ihm ſo viel Beſinnung zuruͤck, daß er durch den unverletzten Sei⸗ tenfluͤgel drang und in den Corridor eintrat, an den die Zimmer Claudia's anſtießen. Hier waren alle Fenſter, alle Thuͤren zerſtoͤrt, und ließen einen grauenhaften Blick in das Innere der Gemaͤcher thun. Er fuͤhlte, wie ſeine Knie zu brechen drohten, und als er vor dem Schlafgemache ſeines Kindes ſtand, welches in einen Berg von Schutt verwandelt war, mußte er einen ſchwankenden Thuͤrpfoſten ergreifen, um nicht nieder zu ſinken. Was in ihm vorging, war ein duͤſtres, unklares Gefuͤhl namenloſen Ungluͤcks, welches Raum in ihm nehmen konnte, da ſeine phyſiſchen Kraͤfte ſo zerſtoͤrt Thomas Thyrnau. III. 3te Aufl. 26 402 waren, daß ſie ſeinen Geiſt unterdruͤcken halfen. Im⸗ mer ſchwebte der Gedanke vor ihm— wenige Schritte weiter findeſt Du in Claudia's Zimmer daſſelbe. Tod⸗ tenſtille erfuͤllte dabei dieſen Ort der Verwuͤſtung— kein Laut drang zu ihm—„Alle— Alle ſind hier be⸗ graben— Du biſt allein unter ihren Leichen“— das rief ſein brechendes Herz ihm zu. Faſt wider Willen ſchleppte er ſich endlich weiter. Das Zimmer dazwiſchen war beſſer erhalten— dieſer kleine Hoffnungsſtrahl belebte ihn— er ſturzte fort und ſein erſter Blick ſah durch Claudia's Zimmer in den Garten— das eine Fenſter war mit der Wand fortge⸗ riſſen— aber die Decke hing noch. Er trat ein— das große Gardinenbett Claudia's ſtand unverletzt, aber es deckte mit ſeinen breiten Waͤnden die Ueberſicht des Zimmers. Wieder ſtand er horchend ſtill— er glaubte Toͤne zu hoͤren— eine ſchluchzende Stimme— dann wieder ein leiſes Vogelgepfeife— mit einmal den alten Dohlenſchrei! „Bezo!“ ſchrie Lacy— es war ihm der Geſang eines Engels— er ſturzte vor und uͤberſah mit einem Blick, was ihm geblieben. Claudia lag im Bett— ob todt— ob ſchlafend, war nicht zu unterſcheiden— Magda hing halb uͤber das Bett, halb lag ſie auf der Erde in gleichem Zuſtande— Mora lag auf dem Ge⸗ — — 403 ſicht faſt vor der Thuͤr, zu der Lacy eingetreten— allein Bezo regte ſich. Er ſaß vor Magda auf der Erde und ſtieß unter bittern Thraͤnen die alten Toͤne aus, mit de⸗ nen er ſie ſonſt zum Scherz oder Laͤcheln gebracht und welches noch die ganze Kraft ſeiner geiſtigen Thaͤtigkeit umſchloß. Dabei bemuͤhte er ſich, ein Ei in Magda's Hand zu druͤcken und ward nicht muͤde, ihre lebloſen Finger darum zu legen, damit ſie es behielt. Er kannte Lacy nicht, als er eintrat, und ſtreckte gleich die Hand wie eine Kralle nach ihm aus, als wolle er ihn von Magda abwehren. „Bezo!“ ſagte Lacy—„kennſt Du mich nicht?“ Jetzt ſtarrte der Arme den Grafen an, bis er aufſprin⸗ gend einen wilden Schrei der Freude ausſtieß, aber dann ſogleich und mit ſeinem Ei,— dem letzten Schatz, den er fuͤr Magda geſucht— zur Erde kollerte. Den armen treuen Knaben hatte nur die Wachſamkeit fuͤr Magda noch gegen die Wirkung des Hungers aufrecht erhalten; ſo wie er inſtinktartig in Lacy den neuen Beſchutzer erkannte, brach ſein Koͤrper zuſammen und mit ihm ſein Ei, welches er ſich ſo ſtandhaft verſagt hatte. So wenig das, was Lacy vor ſich ſah, ſeinen Muth beleben konnte, lag doch in dem Anblick der geliebten Weſen, in ihren wenigſtens unzerſtoͤrten Koͤrpern ein 26* Troſt, von dem er die Hoffnung nicht trennen konnte, die ihn zu neuen Anſtrengungen belebte. Die vier Reiter, die ihm gefolgt waren mit den Lebensmitteln und worunter zwei ſeiner eigenen Leute waren, gereichten ihm zum Troſt. Er befahl einem der fremden Reiter, mit einem leeren Handpferde zu⸗ ruͤck zu reiten und aus dem Hauſe des Feldmarſchalls ſogleich einen Arzt mit den noͤthigen Mitteln zur Wie⸗ derbelebung herbeizuholen. Die beiden Diener des Hauſes, welche gut genaͤhrt bei vollen Kraͤften waren, hoben nun Mora und Bezo von der Erde auf und tru⸗ gen ſie in den anſtoßenden Saal, der unverletzt, nur mit Kalkſtaub uͤberzogen war. Sie wandten einige ſtarke Mittel zu Mora's Belebung an, und floͤßten ihr Wein ein, welches nach einiger Zeit die Folge hatte, daß ſie ebenſo wie Bezo erwachte. Doch kehrte ihre Beſinnung erſt nach einigen Stunden zuruͤck, nachdem ihr mit Vorſicht einige Nahrungsmittel beigebracht waren. Unterdeſſen hatte Lach Magda, deren weicher und noch theilweis warmer Koͤrper ihm einige Hoffnung gab, auf ein neben Claudia's Bett ſtehendes Ruhebett gelegt und nachdem er auch Claudia nicht fuͤr todt hal⸗ len zu koͤnnen glaubte, kam wieder Muth und Ueber⸗ legung in ihn. Er ließ im Kamin des Nebenzimmers —— 405 Feuer anzuͤnden, ließ Wein gluͤhend machen, er be⸗ deckte ihnen Geſicht und Haͤnde mit Tuͤchern, welche darin getraͤnkt waren— und als ſich Magda's Mund wie von ſelbſt oͤffnete, floͤßte er ihr ebenfalls Wein und ſtaͤrkende Bouillon ein. Unermuͤdlich ſetzte er dieſe Beſtrebungen fort, und als Mora ihm nach einigen Stunden zu Huͤlfe kam und Magda nun entkleidet werden konnte, ſchien es Beiden, daß ein leiſes Athmen wiederkehre, welches noch fruͤher bei Claudia ſichtbar wurde, und als der Arzt endlich gegen Mittag erſchien und einige einſchreitende Mittel anwendete, öffnete Claudia die Augen und das— mit dem vollen Ge⸗ brauch der Sinne. Bei dieſem Anblick ſtuͤrzte Lacy auf ſeine Knie, und die Haͤnde zum Himmel hebend konnte er nichts rufen als:„Ich danke Dir! mein Vater! ich danke Dir!“ Claudia laͤchelte ihm wie eine Verklaͤrte zu— aber ſprechen konnte ſie noch nicht— die Welt ihrer Gedan⸗ ken und Gefuhle ſchien begrenzt in Lacy's Anblick— und das Gluͤck, ihn zu ſehn und in ſeinem erſten Laut den Ausdruck der unerſchutterlichen Liebe zu ihr zu ver⸗ nehmen, gab ihrem halb aufgeloͤſten Zuſtande den Frie⸗ den einer Seligen. Lacy's naͤchſter Gedanke war nun, die Zimmer zu wechſeln, um die Scene des Jammers, die ſie erlebt, 406 aus ihrer Erinnerung zu bringen. Der rechte Fluͤgel des Palais, der die Fremdenzimmer enthielt, war un⸗ verſehrt und ſogar in einer Reihe Zimmer, die nach einem Kaſtanienwaͤldchen zu lagen, die Fenſter erhalten und dadurch eine reinere gegen die uͤbrigen Raͤume hoͤchſt wohlthuende Luft. Hierhin ließ Lach die Kran⸗ ken tragen, und dieſe Maaßregel hatte die belohnende Folge, daß Magda ebenfalls erwachte und ſogleich in Thraͤnen ausbrach, deren Urſache ſie nicht anzugeben wußte, da ihr ganzes Bewufßtſein gelitten, damit aber die wohlthuendſte Erleichterung fur ihren ganzen Zu⸗ ſtand erfuhr. Der Arzt wollte aber beide Frauen getrennt und jede Aufregung von ihnen abgehalten wiſſen, und ſo uͤberwand Lacy ſein Verlangen, ſie zu ſehn, und goͤnnte es Mora, ihr nach und nach die Dinge zuruͤckzurufen, die ſie erlebt, und ſie auf Lacy's Ruͤckkehr vorzube⸗ reiten. Das Wratislawſche Palais fing am ſelben Tage noch an, ſich mit ſeinen ruͤckkehrenden Bewohnern zu beleben, und dies waren nicht allein die nicht gebliebe⸗ nen oder verwundeten maͤnnlichen Diener, welche zur Beſetzung der Waͤlle damals aufgeboten waren, als auch der Theil der weiblichen Dienerſchaft, welcher in blinder Furcht bei den Zerſtoͤrungen der erſten Bombe 407 von dem Geruͤchte verjagt worden waren, daß das Wra⸗ tislawſche Palais wegen ſeiner Hoͤhe und ſeiner Thuͤrme zum Ziel aller Bomben dienen werde. Lebensmittel wurden nun in Fuͤlle herbeigefuͤhrt und glichen bald die hohlen Augen und matten Glieder der ſchwer Gepruͤften wieder aus. Lacy gab nach den erſten Worten Claudia's, welche ſeinen uͤberreizten Zuſtand bald erkannte, ihren Wuͤn⸗ ſchen nach, und ein ſtaͤrkendes Bad, zweckmaͤßige Nah⸗ rung und ein tiefer ungeſtoͤrter Schlaf veraͤnderte ihn aͤußerlich und innerlich hoͤchſt wohlthuend und gab ihm ſeine volle geiſtige Kraft zuruͤck. Dieſe ſollte ihn jedoch nur uͤberzeugen, daß er neuen Schmerzen entgegen ging, denn Claudia hing nur noch mit ſchwachen Faͤden am Leben, und die ſchmerz⸗ loſe Stille ihrer Seele, die verklaͤrte Ruhe, mit der ſie ihres verſtorbenen Kindes gedachte, uͤberzeugte Lacy, daß das Leben hinter ihr lag und ſie nur noch in der Liebe zu ihm auf der Welt recht ſtaͤtig war. Lacy hatte nach einem Geſpraͤche mit dem edlen Grafen von Daun, worin er ihm den augenblicklichen Zuſtand ſeines Hauſes ſchilderte, die vorlaͤufige Entbin⸗ dung von jeder Pflicht gegen ihn erhalten, und außerdem eine Zuſicherung fuͤr die Zukunft, welche ihm die einzige Rettung ſchien bei dem, was ihm immer naͤher ruckte. Sein naͤchſtes Geſchaͤft war, die Arbeiter anzuſtel⸗ len, die das Schloß von Schutt reinigten, und vor Al— lem das Sterbezimmer ſeines Kindes aufraͤumten. Die traurigſten Ueberreſte, die ſich vorfanden, ließ er ſtill in das Erbbegraͤbniß der Lacy einſenken und ſtellte dann die geſchickteſten Bauleute an, die Raͤume in ihrer al— ten Ausſtattung herzuſtellen. Am dritten Tage machte der Arzt ihm kein Ge⸗ heimniß daraus, daß die Graͤfin den Abend nicht erle⸗ ben werde und als er, um ſich zu faſſen, nach einem kurzen Gange durch den Garten zuruͤckkehrte, lag Magda in den Armen der Sterbenden. Claudia hatte ſie ſelbſt rufen und ſich in ihren Betten aufrichten laſſen und hielt das geliebte Weſen mit matten Armen an ihre Bruſt gedruckt. Als Lacy eintrat, ſtreckte ſie ihm die Hand ent⸗ gegen, und Magda richtete ſich auf und Lacy ſah, daß ſie ſehr mager geworden war, und mit dem weißen Ge⸗ ſicht und dem tiefen Ausdruck der Klage darin mehr einem verſchiedenen Engel als einem lebenden Weſen glich. „Lacy“— ſagte Claudia—„denke mit Ruhe daran, daß ich ſterben werde!“ Schluchzend ſturzte er auf ihre Hand und auf ſeine Knie nieder—„denke an mich Zeit Deines Lebens mit dem Gefuͤhl, wie gluck lich Du mich gemacht haſt!— Ja, Lacy— Du haſt mir Wort gehalten— das Gefuͤhl, mit dem Du um mich warbeſt, das haſt Du mir erhalten— ich habe unter ſeinem Einfluß mich glucklich gefuͤhlt und täglich Gott fuͤr Deinen Beſitz gedankt, an den die ſußeſten und heiligſten Gefuͤhle meines Lebens geknuͤpft waren.“ „Auch Dir, Magda, danke ich fuͤr den Schutz Deiner Liebe— fuͤr die Rechte, die Du mir gegoͤnnt und die mich oft beſeligten— da Du die Reinheit eines Engels haſt. Gebt Thyrnau meinen letzten Gruß— in ſeine Bruſt habe ich meine irdiſchen Wuͤnſche nie⸗ dergelegt.“ Sie hatte dieſe Worte ohne Anſtoß mit matter, aber deutlicher Stimme ausgeſprochen. Nachdem ſie ſchwieg, veraͤnderte ſich ihr Angeſicht ſehr auffallend— aber als ſie die angſtvoll auf ſie gerichteten Blicke Bei⸗ der ſah, verſuchte ſie noch ein Laͤcheln— faltete die Haͤnde und ſchlief hinber ohne das leiſeſte Zucken des Todeskampfes, als habe ſie das Laͤcheln hinweg genom⸗ men, was immer reiner hervortrat und ihr ganzes Ge⸗ ſicht verklärte. Lacy verließ das Zimmer nicht, nachdem er von dem Arzt ihren Tod beſtaͤtigen hoͤrte. In einen ſtillen, wuͤrdigen Schmerz verſenkt, verrichtete er ſelbſt die erſte Todtenwache bei der geliebten Verſtorbenen, und in der tiefen Stille der Nacht, nur vor ihrem ſanft laͤchelnden Antlitz, richtete er ſeine Augen mit maͤnnlicher Feſtig⸗ keit auf ſein ganzes Leben, und ſtellte ſich die Zukunft zurecht mit Wahrheit gegen ſich ſelbſt, und mit dem feſten Glauben, Gott werde ihn lenken und ſchutzen, und er werde von ihm die Kraft des Vollbringens em⸗ pfangen. Magda hatte man ſanft dem Sterbezimmer ent⸗ fuͤhrt. Betaubt von dem neuen Schmerz, ſaß ſie bei ſinkendem Abend allein in ihrem weiten Gemach— da rauſchte hinter ihr ein ſeidenes Gewand und ſie fuhlte ſich von weichen Armen ſanft umſchlungen.—„Ach, Thereſe!“ rief ſie—„das biſt Du!“ „Ja ich bin es“— ſagte die Furſtin von S. leiſe weinend—„ich bleibe nun bei Dir, bis Du mit mir gehen kannſt.“ Der Fuͤrſt von S. hatte die Schlacht von Collin mit gemacht und ſeine Gemahlin, voll tiefer Beſorgniß uͤber die Gefahren, die allen ihren Lieben drohten, war ihm ſo nah gefolgt, daß ſie ſchon am dritten Tage nach dem Einzug der Truppen in Prag eintraf. Sie kam zu ſpaͤt, um Claudia's letzte Stunde mit zu erleben, aber augenblicklich die beſondere Lage Magda's uͤberſehend, nahm ſie ihre Wohnung im Pa⸗ laſt Wratislaw und beſchloß, ſich dem geliebten Weſen 411 ganz zu widmen und ſie an ſich zu feſſeln, ſo weit dies moͤglich ſein werde. Die Graͤfin wurde, ſo weit der noch immer ſo traurige Zuſtand der Stadt eine ſolche Feierlichkeit aus⸗ zudehnen ſchicklich machte, mit allen Ehren ihres hohen Ranges in die Gruft der Lacy zu ihrem Kinde beige⸗ ſetzt— welcher Feierlichkeit der Fuͤrſt von S. und ſeine Gemahlin beiwohnten. Einige Tage ſpaͤter erklaͤrte Lacy ſeinen Freunden, daß er durch Thyrnau's Vermittelung von der Kaiſe⸗ rin die Erlaubniß erhalten habe, in dem Daunſchen Corps mit dem Range, den ihm der Feldmarſchall auf dem Schlachtfelde ertheilt, eintreten zu duͤrfen, und daß er als Adjutant des edlen Grafen Daun genoͤthigt ſei, am andern Morgen demſelben aus Prag zu fol⸗ gen.— Er gab Magda einen Brief ihres Großvaters, welcher ſie aufforderte, ſich unter den Schutz der Fuͤrſtin von S. zu begeben und ihr nach S. zu folgen, bis er im Stande ſein werde, ihre gegenwaͤrtige Lage zu uͤberſehn und ihre Wiedervereinigung zu bewirken; zugleich theilte er ihr mit, daß Barbara in dem Kloſter zu Mailand, wohin ſie ſich begeben, eines ſanften Todes verſtor⸗ ben ſei. Der Abſchied, den Lacy von ſeinen Freunden nahm, war kurz und hatte die vollkommene Faſſung, hinter der 412 ſo ausgezeichnete Menſchen die allzu tiefe Erregung ih⸗ res Innern zu verbergen wiſſen. Keiner zweifelte an den Gefuͤhlen des Andern, Alle ſchonten ſich, indem ſie ſie beherrſchten. Einige Tage ſpaͤter trat die Fuͤrſtin von S. mit Magda ihre Reiſe nach S. anz Letztere ward von Mora und Bezo begleitet, welche Beide Gegenſtaͤnde der wohl⸗ wollendſten Aufmerkſamkeit von Seiten der Fuͤrſtin ge⸗ worden waren, und da Bezo nur ein Gluͤck, ein Wohlbehagen auf der Welt kannte, ſo wurde ihm dies willig zugeſtanden, indem man ihn nicht mehr hinderte, Magda uͤberall hin zu begleiten. Dieſe verließ den Palaſt Wratislaw mit dem Ge⸗ fuͤhl, daß der wichtigſte Abſchnitt ihres Lebens und ih⸗ rer Jugend hinter ihr laͤge. Die Erfahrungen, die ſie gemacht, hatten ihr Inneres zu einer ungewoͤhnlichen Reife getrieben, aber damit auch zu fruͤh die Bluͤthen abgeſtreift. Sie fuͤhlte dies wol nicht, um es nennen zu koͤnnen, aber ſie fuͤhlte einen ungewoͤhnlichen Ernſt, den ſie darum ſehr richtig fuͤr unvergaͤnglich hielt, weil er weder mit Kummer noch mit Muthloſigkeit gemiſcht war. Sie war ſo viel zarter und juͤnger als die Fuͤr⸗ ſtin, doch viel alter als dieſe, denn was auch an Theil⸗ nahme und Mitleid das Herz derſelben bewegen mochte, ihr Gluͤck ſtand auf der andern Seite in zu voller Bluͤthe — —— —— 1413 und ihre gluͤhende Liebe fuͤr ihren Gemahl gab ihr den ganzen Zauber der Jugend— ſelbſt bis auf ſeine leiden⸗ ſchaftlichen Sorgen oder Zerſtreutheiten. Von allem dieſen war in Magda nichts— und ſo ward die Fuͤrſtin oft von ihrer ſtilleren Einſicht uͤberholt und ſie nahm bald die Stelle einer Rathgeberin ein. Als ſie nach einigen Wochen der Erholung auf dem reizenden Luſtſchloſſe, welches die Fuͤrſtin nach ihrer Ruͤckkehr bezog, zu einer weiteren Anſicht der Zukunft kamen— aͤußerte die Fuͤrſtin den Wunſch, jetzt nach dem Tode der Graͤfin Lacy Hedwiga zu ſich nach S. zu berufen und ſie ganz in ihre Obhut zu nehmen. Dies war der heimliche Wunſch Magda's, die ſich oft unbeſchreiblich wie nach einer juͤngeren Schweſter nach dieſer Tochter ihrer Tante Lukretia ſehnte. Sie wartete zur Ausfuͤhrung ihres Plans die Ruͤck⸗ kehr des Fuͤrſten ab, welcher alle ſiegreichen Gefechte des Daunſchen Corps mitgemacht hatte, ſich jetzt aber waͤhrend der beabſichtigten Belagerung von Breslau nach ſeinem Lande zuruͤckbegeben wollte, da ſeine Stel⸗ lung bei der Armee eine durchaus freiwillige war. Welch' eine erfreuliche Nachricht dem Fuͤrſten die⸗ ſer ausgeſprochene Wunſch ſeiner Gemahlin war, trat um ſo deutlicher hervor, da er ihn ſelbſt lange genaͤhrt und doch Bedenken getragen, ihn zu aͤußern. Auch 414 zeigten ſich in der geographiſchen Lage des Fuͤrſten⸗ thums zu Wien geringe Schwierigkeiten, da der Weg dahin vom Feinde frei war und dieſe Gegend blos von dem franzoͤſiſchen Armeecorps beſetzt war, das ſich un⸗ ter dem Marſchall d'Etrées heranzog. Der Fuͤrſt wußte daher durch eine angemeſſene Be⸗ gleitung und durch voran geſendete Kouriere, welche den Grafen d'Etrées um ſicheres Geleit baten, Alles ſo einzuleiten, daß Hedwiga's Reiſe ohne Schwierigkeit bewirkt werden konnte. Wos jedoch Allen die groͤßte Beruhigung gewaͤhrte, war, daß ſich die Graͤfin von Hautois, welche der Fuͤr⸗ ſtin gefolgt und ohne Funktionen als Freundin bei Hofe lebte, erbot, die Reiſe nach Wien mit anzutreten und die junge Graͤfin von Thyrnau ſelbſt ihren durchlauchtigen Eltern zuzufuͤhren. Ihr wurde noch Mora zugeſellt, welcher das Herz faſt vor Stolz und Gluͤck aus der Bruſt ſchwoll, und ſo zog die kleine wohlausgeſtattete Karavane aus, um das junge Weſen ſeiner neuen Be⸗ ſtimmung zuzufuͤhren. Lacy ſtand in einem lebhaften Briefwechſel mit ſei⸗ nen Freunden, und da bald der Fuͤrſt, bald die Fuͤrſtin Briefe von ihm erhielten, konnte es nicht fehlen, daß auch Magda ſolche empfing und wieder zuruck ſandte. Alle dieſe Briefe waren ein Gemeingut und ihr Inhalt ———— voͤllig frei von jeder perſoͤnlichen Beziehung. Die Nach⸗ richt, daß Hedwiga zu ihnen berufen ſei, welche Magda ihm mitzutheilen hatte, erfuͤllte ihn mit großer Beruhi⸗ gung; er ſagte, daß es ſein innigſter Wunſch geweſen ſei, dies theure Weſen, welches ihm ſtets das lebhafteſte Intereſſe eingefloͤßt habe, in Magda's Naͤhe zu wiſſen, daß er nur durch ſie die grade unverdorbene Entwicklung des begabten Maͤdchens hoffen könnte, und damit gewiß Claudia's Wunſch im Himmel erfullt werde, da ſie alle Maͤdchen ſo wie Magda gebildet gewuͤnſcht hätte. Mit einer Verſtaͤrkung des Belagerungscorps von Breslau kam auch eine kleine Abtheilung Cavallerie, woran der Feldmarſchall bis jetzt auf fuͤhlbare Weiſe Mangel gelitten hatte, und der Rittmeiſter, welcher die aus Ungarn beſtehende Abtheilung fuͤhrte, meldete ſich am Abend ſeiner Ankunft bei dem Dienſt thuenden Ad⸗ jutanten, dem Grafen von Lacy.— Dieſer nahm die ceremonioſe Meldung des fremden Offiziers mit eben ſo ſteifer militaͤriſcher Haltung an und fragte, wen er dem Feldmarſchall zu melden habe. „Sei ſo gut“— ſagte ploͤtzlich der Angeredete mit voͤllig bekannten Sprachlauten—„und melde dem Grafen Daun Deinen davon gejagten leichtfinnigen Freund, der bei Nacht und Nebel kommt, um Dir nicht ſein beſchaͤmtes Antlitz zu zeigen.“ 416 „Poͤlten! Poͤlten!“ rief Lacy— und Beide waren ſich im Augenblick mit der innigſten Zaͤrtlichkeit in die Arme gefallen. „Alſo Du nimmſt mich wieder an, theurer Lacy,“ ſagte der Baron Poͤlten und riß freudig die ungariſche Muͤtze vom Kopfe, um dem geliebten Freund recht in die Augen blicken zu koͤnnen—„und Du haſt mir wenigſtens verziehn?“ „Ich bitte Dich,“ rief Lacy—„gedenke mit kei⸗ nem Wort dieſer Thorheit!— Vergiß nicht, daß wenn ſich auch Alle daruͤber zu beklagen Urſach' haͤtten, ich doch der Letzte waͤre, der es duͤrfte, da Deine Liebe, Dein Wunſch, mir zu helfen, doch eigentlich Alles in Deinem Kopf ausbruͤten half.“ „Es iſt mir ſchon recht,“ ſagte Poͤlten—„daß Du Dir die Sache ſo verſchoͤnerſt und mir dadurch we⸗ nigſtens das Herz gegen Dich leicht machſt! Aber ſo viel iſt gewiß, koͤnnte ich den Streich aus meinem Le⸗ ben ausloͤſchen— ich duͤrfte an mein Alter mit mehr Ruhe denken, ſo aber, furchte ich, wird der Gedanke daran, wenn ich mit weißem Scheitel auf meinem Sorgenſtuhl ſitze, mich toller zwicken und in die Luft ſprengen, als ſaͤße mir das Podagra in den Gliedern.“ Lacy wurde von der Wahrheit dieſer Worte etwas erlegen gemacht, denn er fuͤhlte, ihm wuͤrde das eben ſo erſcheinen, und doch wuͤnſchte er ſo ſehnlich, das Selbſtgefuhl des ſonſt ſo trefflichen Freundes zu retten. Poͤlten errieth den Freund und ihn ſanft auf die Achſel klopfend, ſagte er laͤchelnd:„Jetzt, Herr Adjutant, thun Sie Ihre Schuldigkeit und machen Sie Ihre Meldung.— Nachher ſollſt Du den Freund hoͤren und ich will mich von Dir troͤſten laſſen!“ Als die dienſtlichen Angelegenheiten beſeitigt waren, vereinigten ſich beide Freunde in dem kleinen Block⸗ hauſe, worin Lacy in der Naͤhe des Feldmarſchalls ſeine Wohnung genommen hatte. Poͤlten war von dem Tode der Graͤfin bereits un⸗ terrichtet und der warme Tribut der Verehrung, den er ihr zollte, that dem Herzen Lacy's unendlich wohl. Wer beide Freunde beobachtete, konnte leicht wahr⸗ nehmen, daß ſie um den Gegenſtand, der ihnen nahe lag, herum gingen, und bis jetzt hatte noch Keiner den Namen Thyrnau oder Magda genannt. Lacy forderte ſeinen Freund auf, ihm ſeine Schick⸗ ſale ſeit ihrer Trennung zu erzaͤhlen, da er daruͤber vollig unwiſſend geblieben, indem Poͤlten keinen Brief des Grafen Lacy beantwortet hatte und damit endlich die Verbindung unter ihnen aufgeloͤſt blieb. „Vergieb mir!“ ſagte Poͤlten, in Erinnerung dieſes hartnaͤckigen Schweigens.„Sollte ich nach dem in Thomas Thyrnau MI. 3te Aufl. 27 418 Tein Erlebten mich wiederfinden, ſollte ich es ertragen lernen und an mich ſelbſt wieder Glauben faſſen, mußte ich auch mit Dir eine Zeitlang abſchließen, auf ganz neuen Boden mich begeben, nicht immer die Wunden aufgeriſſen fuhlen, die ich mit Gewalt zudruͤckte, um ihren Schmerz zu betaͤuben! Lach!“— ſagte er faſt weich—„es iſt ein Wendepunkt in meinem Leben ge⸗ worden— ich bin empfindlich beſtraft worden, darum ſo empfindlich, weil ich mir immer ſagen mußte: Du haſt es verdient.— Dieſer Alte mit ſeinen feurigen Augen und ſeiner Jupiterſtirn, um die die weißen am⸗ broſiſchen Locken zu Berge ſtiegen, als er mir die Luͤge aus der Seele riß— der hat vor mir geſtanden wie ein drohender Bote des Hoͤchſten. Es war mir, als ver⸗ ſtunde ich erſt ſeitdem dies lau uns angeborene Wort „Ehre“, was wir hinter uns herſchleppen und alle Augenblicke gewoͤhnt werden, es im Munde zu verhu⸗ deln, waͤhrend es uns nicht hindert, uns allerlei zu ge⸗ ſtatten, was niederbrennen wuͤrde, wenn uns das wahre Feuer der Ehre durchgluͤhte.— Und welche Schickung blieb mir dieſer Thyrnau, da ich uͤberall ſeine Spur fand; wenn man nur erſt ſeinen Namen kennt— da hoͤrt man ihn bald uͤberall— und nun vollends in Frankreich! Die Pompadour iſt noch heut zu Tage ſo begeiſtert von ihm, daß ſie ihn uns immer abbetteln —,ͤ—— 41¹9 moͤchte— wir ſollen ihr immer eingeſtehn, er ſei kein Deutſcher, er ſei wenigſtens in Frankreich erzogen; das deutſche Baͤrenland ſoll ſolche Zierde der menſchli⸗ chen Geſellſchaft nicht haben entwickeln koͤnnen.“ „Wie?“— fragte Lacy—„Du warſt unterdeſſen in Paris?“ ² „Vergiß nicht, daß es mehr meine Heimath iſt als Deutſchland! Meine Revenuͤen waren gut im Stande, als ich die Erbſchaft in Ungarn angetreten hatte und meine Angelegenheiten danach geordnet. In Ungarn mich aber anzuſiedeln, hätte ich nicht vermocht; nach Oeſtreich zuruͤckzukehren, fehlte mir noch die Kraft; da zog der alte Zauber mich mit der Verheißung des beſſe⸗ ren Troſtes nach der Heimath meiner Kindheit und Ju⸗ gend, und er hat mir Wort gehalten; der allzu ſtarke Druck ward mir von der Seele genommen und die alte Kraft lebte wieder auf. Aber Du kannſt denken, daß nach dem, was mir die Pompadour, in deren Boudoir ich freien Zutritt erhielt, noch von unſerm alten Thyr⸗ nau erzaͤhlte, meine Bewunderung fur ihn immer hoͤher ſtieg, ſo hoch endlich, daß es mir ſchien, vor ſolch' einem Manne muͤſſe man immer gedemuͤthigt ſtehn!— Doch dieſen Theil Deiner Verhaͤltniſſe kenne ich noch nichtz ſage mir, beſter Lach! wie ſtehn Deine Vermoͤgens⸗ Angelegenheiten? Ich darf jetzt danach fragen, da ich 27 420 ſelbſt reich geworden bin und viel bei Dir gut zu ma⸗ chen habe.“ „Meine Vermoͤgens⸗Angelegenheiten?“ ſagte Lacy etwas erſtaunt—„Du kannſt denken, daß ich viel mehr habe, als ich brauchez die Guͤter ſind durch Thyr⸗ nau's Verwaltung im Werthe geſtiegen; ſo freigebig, ja verſchwenderiſch ſowol Claudia als ich lebten, haben wir ſie noch nicht verbrauchen koͤnnen.“ „Wie meinſt Du das?“ fragte Poͤlten naͤher ruͤk⸗ kend.„Sprichſt Du von den Wratislawſchen Guͤtern?“ „Ja“— ſagte Lacy—„ich war ja laͤngſt im Be⸗ ſitz derſelben! Du haſt das wieder vergeſſen, ich hatte ja ſeit meiner Majorennitat alle Revenuͤen in Gebrauch.“ „Was?“— rief Poͤlten—„und Du biſt darin geblieben? Sprich! ſelbſt Tein gehoͤrt Dir?“ „Lieber Poͤlten“— ſagte Lacy—„Tein iſt ja die Hauptherrſchaft— natuͤrlich gehort ſie mir!“ „Gehoͤrt Dir?“— rief Poͤlten—„Dir, Lacy? — Heil'ger Gott! und wovon lebt denn Thyrnau und ſeine Enkelin— dieſe goͤttliche Magda? Haſt Du ih⸗ nen ausgezahlt oder zahlſt Du langſam ab?“ „Poͤlten!“— rief Lacy aufgeregt in die Hoͤhe ſprin⸗ gend—„was bedeuten dieſe mir voͤllig unverſtaͤndli⸗ chen Reden? erklaͤre Dich!— Mir blieb uͤber meine Angelegenheiten, nachdem ich Magda's Hand ausſchla⸗ 421¹ gen mußte, ein unergruͤndliches Dunkel; oft hat mich der Verdacht gequaͤlt, mir werde irgend ein wichtiges Geheimniß entzogen, aber alle meine Bemuͤhungen blieben fruchtlos— was weißt Du davon?“ „Oh Lach!“— rief Poͤlten—„ſo erfahre durch mich, daß es eine menſchliche Groͤße giebt, an der alle Lockungen des Lebens gebrochen niederſinken— einen Mann, der dem lockendſten Feinde der Erde, dem Mammon, widerſteht, um eine große edle Idee zu retten, die Niemand kennt als er ſelbſt— wofuͤr ihm Keiner dankt, als ſein Bewußtſein!“ „Und wenn Dich die Nachricht zum Bettler machte, ſo wirſt Du ſie mir danken, denn Du wirſt ſie einhan⸗ deln um den Beſitz des groͤßten und edelſten Menſchen. Tein gehoͤrt Dir nicht!— Tein gehoͤrt Thomas Thyr⸗ nau! Die Herrſchaft war ihm verpfaͤndet fur ſein gro⸗ ßes Vermoͤgen, welches er hingab, um die wahnſinni⸗ gen Schulden zu decken, die Dein Vetter in Frankreich gemacht hatte.“ „Meine Ahnung!“ rief Lach aufſpringend— „Heil'ger Gott! welche Aufklaͤrung!— Jetzt— jetzt iſt Alles aufgedeckt— darum ſollte ich Magda heira⸗ then, damit mein ehmaliges Erbe mit ihr auf mich zu⸗ ruckfiele— und darum die ganze ſchreckliche, unvergeß⸗ liche, uͤber mein Leben entſcheidende Scene an jenem 422 Tage, wo wir uns in Tein trafen!— Weißt Du, was ſie thaten? Weißt Du, daß ſie das Teſtament 5 verbrannten, ehe ich zur Beſinnung kam? Ich ſpreche von Beiden, Poͤlten! denn es iſt gewiß, das hochher⸗ zige Maͤdchen hat Alles gewußt, ſo gut wie Thyrnau — ihr Entſchluß daruͤber war ſogar fruͤher gefaßt als der ſeinige! O wie iſt mir Alles jetzt ſo ſonnenklar! Darum die Weigerung bei dem Prozeß, die Summen nachzuweiſen, die er ausgezahlt— darum das Ge⸗ heimniß mit der Kaiſerin, nachdem er alle Andern als Vertraute zuruͤckgewieſen— darum das Beſtreben, mir das Gefuͤhl klar zu machen, er habe Vaterrechte auf mich! Dies war fuͤr den Fall, daß mir das ungefaͤhr den wahren Zuſammenhang aufdeckte, die Bruͤcke, mich im Beſitz zu erhalten! O Thyrnau! welch' ein Menſch biſt Du— o Magda! wie weit uͤberragſt Du Dein Geſchlecht!— Claudia! wenn Du dieſen Triumph der Menſchheit erlebt haͤtteſt, Du waͤrſt gern arm geworden!— uUund doch giebt mir mein jetziges Alleinſtehn groͤßere Freiheit— macht Alles leichter. Etwas wird mir noch gehoͤren— mein Gehalt als Hauptmann dazu— das macht mich voͤllig ſelbſtſtaͤndig. Reiche ich nicht, Poͤlten, dann will ich mir von dieſem edlen Thyrnau Almoſen geben laſſen — ja! weh' der kleinſten Regung von Stolz gegen „— 423 ihn— weh' mir, wenn mein Herz nicht ſtets ein de⸗ muͤthiges Kinderherz gegen ihn bleibt!“ „Nun“— ſagte Poͤlten—„dann vergiß nicht, daß Du ihm mit nichts weher thun kannſt, als wenn Du ihm Alles zuruͤck giebſt und ſeine großmuͤthigen Plaͤne zerſtoͤrſt.“ „Still, mein Freund“— ſagte Lacy—„Du kennſt ihn nicht! So beſtimmt wie er fuͤhlt, was er ſelbſt zu thun hat, ſo beſtimmt fuͤhlt er auch in der Seele des Andern. Aber Du hatteſt Recht! Wuͤrde ich auch zum Bettler, dieſe Entdeckung ſchwellt mein Herz mit einem Entzucken, daß ich mir reicher erſcheine als vorher! O Thyrnau— ich gehoͤre Dir an.“ „Ach,“ ſagte Poͤlten—„geſtehe es, ich bin dazu beſtimmt, Dich in ſchmerzliche Beruͤhrungen mit dieſem edlen Greis zu bringen. O häͤtte ich geſchwiegen!“ „Um Gotteswillen! beklage das nicht— zweifle nicht, es war grade Gottes Wille, daß ich es erfuhr — aber ſage mir, auf welche Weiſe Du dieſe Ent⸗ deckung machteſt.“ „Ich mußte der Pompadour Alles von Thomas Thyrnau erzaͤhlen, was ich nur wußte,“ fuhr Polten fort—„und ich erzaͤhlte ihr meinen wahnſinnigen Streich— und die Veranlaſſung dazu: Deine Ver⸗ maͤhlung. Es kam ihr vor, als habe ſie ſchon ein⸗ 424 mal etwas daruͤber gehoͤrt; aber ihr geht viel durch den Kopf, und neben einzelnen außerordentlichen Eigenſchaf⸗ ten haͤuft ſich der Plunder, den ihr eitles Leben abſetzt, immer ſtaͤrker um ſie her. Sie bekam aber oͤfter Nach⸗ richten von Thyrnau, und das friſchte immer ihr Gruͤ⸗ beln uͤber die Kenntniß, die ſie von der Sache hatte, wieder an. Endlich war ſie dahingekommen zu glau⸗ ben, daß ihre Kenntniß aus einem Briefe Deines Oheims kaͤme— und ſie zeigte mir in ihrem Akten⸗ zimmer ein Fach, wo alle Unterhandlungen mit Lacy und Thyrnau in großer Unordnung aufgeſchichtet lagen. Einmal von einer Idee erfaßt, geht ſie nicht wieder da⸗ von ab— ſie ließ ſich auf einem Fauteuil in das Zim⸗ mer rollen und ein Page und eine Kammerfrau muß⸗ ten nun Alles heraus reißen und vor ihr ausbreiten. Faſt mit Gewalt machte ich mich zu ihrem Sekretair und entriß ſo den neugierigen Blicken der beiden Unbe⸗ rufenen, was ich vermochte. Da fand ſich ein Buͤndel Briefe vom Grafen Lacy— wir offneten ſie— und unter vielen unbedeutenden lag der eine— verzeih mir — ſehr unbeſonnene Brief Deines Oheims. Er war bei Thyrnau's letzter Anweſenheit in Paris ſgeſchrieben, nachdem das wunderbare Abkommen unter ihnen feſt⸗ geſtellt war.— Vermuthlich war Thyrnau auf eine druͤckende Weiſe von den Glaͤubigern belaͤſtigt worden, 425 und die Marquiſe, welche ihn bis dahin geſchutzt, hatte in leichtſinniger Zerſtreuung unterlaſſen, dieſen Schutz fortzuſetzen. Thyrnau— wie aus dem Briefe hervor⸗ ging— hatte die Geduld verloren und Lacy aufgefor⸗ dert, um jeden Preis einen vorgeſchlagenen, doch hochſt unguͤnſtigen Handel uͤber Thyrnau's Grundſtuͤcke in Prag abzuſchließen, um ihm Geld zu ſchaffen.“ „Da hatte Dein Oheim der Marquiſe dieſen Brief geſchrieben, um ſie aufs Neue zu erwärmen und ihren maͤchtigen Schutz zur Abwehrung der laͤſtigen Glaͤubiger zu erlangen; indem er ſie beſchwor, dieſen Brief Thyrnau zu verheimlichen, hatte er in einem gluͤhenden Enthuſiasmus ihr das ganze großmuͤ⸗ thige Opfer deſſelben und ihr Abkommen daruͤber entdeckt.“ „Sie hielt ihm Wort. Thyrnau empfand bald wieder die Macht ihres Schutzes; auch erfuhr er nie von dieſem Briefe, denn ſie ſagte ſelbſt: Ich hatte ihn ſeitdem lieber als meinen Affen! So troſtete Deinen Oheim wol der gluͤckliche Erfolg uͤber dieſe heimliche Handlung.— Uebrigens fuge ich noch hinzu, daß ich ihren Liebling Joco am ſelben Morgen durch allerlei Neckereien ſo reizte, daß er ſaͤmmtliche Akten und Briefe in Fetzen zerriß, waͤhrend ſeine Gebieterin Thraͤnen lachte und ich endlich alle Schnitzeln zu einem großen 426 Ball zuſammen rollte und in den Kamin warf, wofuͤr Joco mich furchterlich biß und ich von ſeiner Gebieterin den Affenorden bekam, da das wuͤthende Thier den feu⸗ rigen Ballen wieder herausreißen wollte, ich ihn aber abhielt mit Schaufel und Zange und dadurch dies theure Leben rettete.“ „Alſo Thyrnau weiß es ſelbſt nicht!“ ſagte Lacy— „Thyrnau kann nicht ahnen, woher mir der Aufſchluß kommt!— Edler— edler Freund! Moͤchte Dich die Nachricht nicht zu tief betruͤben, da ich ſie Dir nicht erſparen kann!“ Mit einem Kourier nach Wien ging Lacy's Brief an Thyrnau ab, der den letzten Reſt der einſt ſo wohl⸗ erſonnenen Plaͤne zerſtoͤrte und gegen den großmuͤthigen Willen der Menſchen doch der Wahrheit— der ſieg⸗ reichſten Gewalt der Erde— zu ihrem Recht verhalf. Nach einiger Zeit erhielt Lacy von Thyrnau eine Antwort.„Was duͤrfen wir uns wundern,“ ſchrieb er—„wenn wir erfahren, daß alles Menſchenwerk auf „gebrechlichen Fuͤßen ſteht? Duͤrfen wir darum ge⸗ „ringer von den Werken denken, die wir aufzurichten „ſtrebten? Duͤrfen wir auch ſagen, ſie waren um⸗ „ſonſt, wenn wir ſie verfallen ſehn und von der Ge⸗ „ſtalt, die wir ihnen geben wollten, nichts uͤbrig bleibt? „Ich ſage nein! Was auf die Oberflaͤche der Erſchei⸗ 427 „nungen einwirkt, ihre eigentliche materielle Geſtaltung, „iſt nicht die Hauptſache. Etwas Ewiges liegt in der „Idee, die der Menſch faßt, fuͤr deren Entwicklung er „lebt, und dieſe Idee iſt unzerſtoͤrbar, wenn die Erſchei⸗ „nung auch ohne weſentlich dauernde Exiſtenz bleibt. „Es iſt das geiſtige Fluidum, das Geiſter nährt, die „Atmoſphaͤre, worin der große Geiſt, der uns Alle „treibt, die unſichtbare Kirche erbaut hat, in der ſich „ſammelt, wer die Erde von den Flugeln ſtaͤubt!“ „Denke nicht, daß ich bei Deiner Nachricht Schmerz „empfand. Was ſoll uns die Luͤge— uns ſage ich „— denn die Welt behalte ihr Theil davon, wenn ſie „kann!— So gering kam mir das oft vor, was ich „Dir verbarg, daß ich mich davor ſchaͤmte— und viel⸗ „leicht haͤtte ich es Dir ſelbſt gelegentlich geſagt; aber „es war mir nicht wichtig genug in der bewegten Zeit, „in der wir lebten, Dich durch neue Betrachtungen ab⸗ „zuziehn, wo Du all' Deine Kraft bedurfteſt.“ „Wos iſt denn nun geſchehn? Du weißt, wie die „alten Leute geſchwaͤrmt haben und Luftſchloͤſſer gebaut „fuͤr ihre Kinder— war das nicht ſchoͤn? Iſt der „Geiſt der Liebe, den wir naͤhrten, verloren gegangen? „Liebſt Du mich nicht mit einer Staͤrke, die wie Son⸗ „nenſchein auf meinen weißen Scheitel gluͤht? Hat „uns Alle— Claudia— Magda— und uns Beide 428 „nicht ein reiner heil'ger Geiſt der Liebe feſt umſchlun⸗ „gen und allen unſern aͤußern Verhaͤltniſſen ihren Ka⸗ „rakter und ihren Werth verliehen? Sieh! das Letzte „von meinem Plane iſt heute vor meinen Augen zer⸗ „ſtoͤrt und in Nichts verſunken— und eine warmher⸗ „zige Freude hat mich durchſtroͤmt und ich habe ihm ru⸗ „hig nachgeſehn, als waͤre mir nichts damit genommen „und ich durfte ihm nachrufen: Du warſt doch echter „Art, denn in Dir wehte der unzerſtoͤrbare Odem der „Liebe und dieſer ſteigt druͤber und bleibt uns!“ „Ich habe nichts dagegen, wenn Du verlangſt, daß „mir die Guͤter jetzt gehoͤren, obwol ich Dir einen ſcho⸗ „nen Prozeß anhaͤngen koͤnnte, denn alle Dokumente „ſind zerſtoͤrt, und es ſollte Dir ſchwer genug werden, „mir zu beweiſen, daß ſie mir gehoͤren. Du haſt „aber doch Recht— die ganze Herrſchaft Tein gehoͤrt „mir— fuͤr Dich war nur das kleine Gut zu retten, „wo Dein Vetter ſtarb.— Aber was haben wir denn „nun damit Außerordentliches erreicht oder— welche „Veraͤnderung ſoll dadurch eintreten? Lebten wir „denn nicht in einer Gemeinſchaft, die das Gefuͤhl des „einzelnen Eigenthums ziemlich aufhob? Fuͤr den Fall „Deines Todes, der bei Deinem neuen Handwerk moͤg⸗ „lich waͤre, hat Hieronymus der Kaiſerin im Vertrauen „ein Dokument Deines Oheims gezeigt, welches der 429 „alte vorſichtige Mann mir unbewußt dort niederlegte. „Es wuͤrde meine Anſpruche ziemlich darthun und „meiner Magda Vermoͤgen nach meinem Tode „ſichern!“ „Du wirſt nicht verlangen, daß ich in meiner jetzi⸗ „gen Lage die Verwaltung dieſes großen Vermoͤgens „uͤbernehme— bin ich ſo lang Dein Haushalter ge⸗ „weſen, ſo ſei Du es jetzt fuͤr mich! Nach einem „Jahre, wenn wir leben, fordere ich von Dir in „Claudia's Namen eine Unterredung; nach dieſer erſt „faſſen wir neue Plaͤne fuͤr die Zukunft— bis dahin „fordere ich von Dir mit der Autoritaͤt eines Vaters, „die Du mir zugeſtanden, daß Du uͤber das eben Er⸗ „fahrene das tiefſte Geheimniß beobachteſt, und voͤllig „der Herr dieſer meiner Beſitzungen bleibſt. Ich for⸗ „dere dies mit um ſo groͤßerem Rechte, da ich ohnfehl⸗ „bar dem Neffen das Verhaͤltniß anbieten darf, welches „ſein Oheim, der ehrenhafteſte Mann der Erde, zu „tragen vermochte— und ich will bis dahin, wo ich „Dich binnen einem Jahre zu der angekuͤndigten Un⸗ „terredung auffordere, kein Wort des Widerſpruchs „hoͤren— bei meinem väterlichen Zorn!“ „Vielleicht thut es Dir wohl, zu erfahren, daß „Claudia bei unſerm Abſchied, von dem wir beide „wußten, daß er fuͤrs Leben war, mein volles Ver⸗ 430 „trauen auch daruͤber erhielt— und daß ich dagegen „ihre letzten Wuͤnſche fuͤr Dich empfing!“ „Und ſo ſegne Dich denn Gott, mein theurer „Sohn! Jetzt iſt kein Geheimniß mehr zwiſchen uns, „und ich empfinde Ruhe und Freude und danke Gott „fuͤr Alles, was er zerſtoͤrt— fuͤr Alles, was er er⸗ „halten, gleich inbruͤnſtig.“ Als Lacy dieſen Brief Thyrnau's geleſen, ſchien ihm die Wichtigkeit des Ereigniſſes, welches er noch eben ſo tief empfunden hatte, gaͤnzlich verſchwunden— die Trennung der Vechaͤltniſſe, die er gefuͤhlt, war 3 nicht mehr da— wirklich gleichguͤltig ſchien es ihm, wer Tein beſaͤße! Jedes Wort dieſes vaͤterlichen Brie⸗ fes hatte ſeine Abſicht erreicht; es hatte ihn uͤberwaͤl⸗ tigt durch die Macht der Liebe, die allein noch als Hauptſache, als Inhalt, als Weſen ihres ganzen Ver⸗ haͤltniſſes hervortrat.— Aber ſeine Gedanken hafteten mit viel groͤßerer Erſchoͤtterung, als er bei Polten's Nachricht empfunden, auf den Worten Thyrnau's, die ihn binnen einem Jahre vorluden, die Wuͤnſche Clau⸗ dia's zu vernehmen. Muthig riß er ſich von dieſem Gedanken los— er eilte, dem ihm aufs Neue theuer gewordenen Poͤlten den Brief Thyrnau's mitzutheilen, und dieſer ſchwur in faſt andaͤchtiger Feierlichkeit, den Willen des — — 1431 edlen Greiſes ehren zu helfen durch unverbruͤchliches Schweigen. Dann theilte er in einem langen Briefe an Magda derſelben ſchonend, wie es ihr beſonderes Verhaͤltniß verlangte, Alles mit, was er erfahren und jetzt beſchloſ⸗ ſen hatte, und erſt nach Erfullung dieſer Pflicht ergriff er ſeinen neuen Beruf mit doppelter Energie. 6, 4 (* .—— 11. Es war im Herbſt deſſeben Jahres, da wandelten 1 zwei jugendliche Geſtalten auf den Terraſſen des Schloß⸗ gartens in der Reſidenz S. Hinter ihnen lagen die 65 Saͤle, in denen ein kleines Hoffeſt die geſchmuͤckten 1 Gaͤſte zeigte; und obwol die Thuͤren gesffnet waren,* 4 hatten doch nur die beiden jungen Damen, welche nicht“ unter dem Zwange der Etikette zu ſtehen ſchienen, es X= gewagt, ſich der friſchen Abendluft auszuſetzen. Sie waren beide ausgezeichnet ſchoͤn, und dennoch ſo ver⸗ ſchieden, daß unmoͤglich ein groͤßerer Gegenſatz zu den⸗ ken war, wenn man auch nicht den Unterſchied des Alters dazu rechnen wollte. Magda, die eine der jungen Damen, naͤherte ſich dem Alter jungfraͤulicher Schoͤnheit, von dem wir ſagen: die volle Bluͤte habe ſich erſchloſſen. Hedwiga dagegen war eine von den durchſichtig zarten Erſchei⸗ nungen der erſten Jugend, wo man der ſchnell ſich ent⸗ wickelnden jungfräulichen Schoͤnheit mit einer Art Be⸗ furchtung zuſieht. Wir glauben ein zu raſches Treiben zu ſehn, die Natur, ſcheint uns, uͤbereile ſich und werde den Zauber, den ſie entwickelt, nicht feſthalten koͤnnen. Jetzt wußte man, daß Hedwiga das vierzehnte Jahr vollendet habe; der Fuͤrſt hatte die noͤthigen Nach⸗ weiſungen zu geben gewußt, und Kirche und Kirchen⸗ buch hatten dieſe beſtaͤtigt. Aber ſie war, nachdem ſie ihre kärgliche Epiſtenz verlaſſen und in gedeihlichere Verhaͤltniſſe uͤbergegangen war, ſo nachholend gewach⸗ ſen, daß man ſie fuͤr ſechszehn Jahre alt halten konnte, und ihre Hoͤhe die ihrer Muhme Magda uͤberragte. Dabei war ſie von der groͤßten Feinheit und Schlank⸗ heit der Formen, und ihre Haut und die Farbe, welche die ſchimmernde Weiße derſelben erhob, zart und durch⸗ ſichtig. Aber wie ſchoͤn auch jede einzelne Form in ihrem Geſicht war, vor Allem waren es doch ihre wun⸗ derbar ſeelenvollen, großen, dunkelblauen Augen, die Aller Herzen bezauberten und ſie zu der hohen Schoͤn⸗ heit erhoben, welche ihr bald allgemein zugeſtanden ward. Hedwiga hatte in dieſem Augenblick die ſpielende 433 Zärtlichkeit, welche die Jugend ſo reizend karakteriſirt — ſie erzaͤhlte Magda etwas mit großer Luſtigkeit, waͤhrend ſie bald einen Schritt vortanzte, bald ſie um⸗ ſchlang, bald mit großer Lebhaftigkeit durch Bewegun⸗ gen etwas nachzuahmen ſuchte, was ihre ganze Phan⸗ taſie in Aufruhr gebracht zu haben ſchien. Dabei lachte das ganze liebliche Geſicht, und zwiſchen den vollen ro— then Lippen glaͤnzten immer die weißen Perlenreihen ihrer Zaͤhne durch. Magda dagegen ging mit geſenktem Kopf, die Arme hingen von den Haͤnden gehalten vorn herniepet — ſie war vielleicht ſchoͤner als jemals, denn ihr ſtand eine reiche Toilette beſonders gut und ſie war eben ſo edel und geſchmackvoll, als koſtbar gekleidet— auch lag ein bezaubernd ſanftes Laͤcheln um ihren Mund, aber auf der Stirn war ein tiefes ernſtes Nachdenken aus⸗ gedruͤckt, und wenn ſie zuweilen durch Hedwiga's Be⸗ wegungen aufgehalten ſtehen blieb und die langen ſchwarzen Augenwimpern ſich theilten, um dieſe anzu⸗ blicken, dann lag in der tiefen Glut ihres ſchoͤnen Blik⸗ kes ein unverkennbarer Ausdruck von Schwermuth und Schmerz.— „Nun bat ich ſie immer,“ fuhr Hedwiga fotte „ruhig zu ſein, denn am Ende thaten uns die guten betrunkenen Franzoſen doch weiter nichts, als daß ſie Thomas Thyrnau III. 3te Aufl. 28 434 neben dem Wagen herjagten und einmal uͤber das an⸗ dere hinein guckten und uns Blumen zuwarfen und mich bis in den Himmel erhoben, weil ſie mich ſo ſchoͤn fandenz aber die arme alte Graͤfin bebte wie Espenlaub und ſagte immer: Dabei bleibt es nicht, dabei bleibt es nicht!“ „Nun kannſt Du Dir die Noth denken— bitten, flehen mußte ich, daß ſie nicht durch ihre heftigen Reden die luſtigen Leute erzuͤrnte; dann konnte ich kaum wie⸗ der das Lachen laſſen, wenn ſie ſchworen, ſie wollten mich bis ans Ende der Welt eskortiren; aus einer gan⸗ zen Armee wollten ſie mich heraus hauen, und wenn der Koͤnig Friedrich mein Vorreiter ware, wollten ſie doch die Pferde lenken, wohin ich wollte. Nun! rief ich mit einmal, thut meinen Willen! reitet zu Hauſe— ich fahre durch das Hauptquartier und Graf d'Etrées hat mir einen Geleitbrief gegeben!— Nun war es die Sache, daß es lauter Offiziere waren, die eben von dorther kamen und an der Tafel des Feldmarſchalls zu viel getrunken hatten— das wurde nun mit lautem Jubel aufgenommen. Sie brachten dem Marſchall ein Lebehoch und waren in ihrem trunkenen Muth uͤber⸗ zeugt, ſie wuͤrden von ihm belohnt werden. Es ware vielleicht Alles gut gegangen, wenn ſie nicht in ihrer Tollheit beſchloſſen haͤtten, unſern Poſtillon und Be⸗ dienten abſteigen zu laſſen und ſich auf die Pferde zu ſchwingen und den Bock zu beſteigen. Jetzt gerieth die arme Hautois in ſolche Verzweiflung, daß ſie nicht auf⸗ hoͤrte, um Huͤlfe zu ſchreien, und mir wurde doch auch nicht wohl, denn die Wege ſind ſchlecht und dieſe tollen Pferdelenker wurden immer berauſchter, der Wagen hopſte auf und nieder, bald hier, bald dahin fliegend— bis ein quer uͤber den Weg laufender Graben dem Spaß ein Ende machte. Dieſe guten Kavalleriſten wollten ihre Pferde hinuͤberſetzen laſſen und vergaßen, daß die große ſchwere Kutſche ihnen auf dem Nacken ſaß.“ „Nun kannſt Du Dir den Ruck denken! Im Au⸗ genblick lagen wir Alle, von den Sitzen herunter gewor⸗ fen— die Graͤfin ſaß auf der armen Mora wie auf einem Sattel— ich hatte die Haube der Kammerfrau im Munde und wir Alle ſchrien, was wir konnten.“ „Wie lange das dauerte, weiß ich nicht— wir merkten aber wol, daß Keiner geſtorben oder verwundet war, und richteten uns auf und horchten ein wenig— da hoͤrte ich zuerſt die geliebte unvergeßliche Stimme. Sieh, Magda! wenn er ſpricht, dann fuͤhle ich es hier!“ Sie legte die Hand auf ihre Bruſt.—„Als wenn hier Saiten gezogen waͤren, welche die Stim⸗ mung des klingenden Tons haͤtten, der durch die Luft dringt, wenn er ſpricht— gleich bewegt es ſich— dann 28* 436 iſt ein Jauchzen in mir— ich konnte ſingen— oder weinen— oder lachen!“ Magda blieb ſtehn; ſie druckte einen Augenblick die Hand gegen die Stirn und blickte Hedwiga an— ſie war ſo blaß geworden, jetzt erroͤthete ſie ploͤtzlich tief; dann ließ ſie die Hand ſinken und ſetzte ihren Weg fort. „Das iſt Lacy!“ rief ich ſogleich und die Fenſter niederlaſſend rief ich ihn laut bei Namen. Er ſprach eifrig mit den Offizieren— Du weißt, Magda, kein Menſch kann ſo wuͤrdevoll, ſo ernſt gebietend ausſehn als er.— Er hielt vor den franzoͤſiſchen Herren und ich ſah, wie er mit dem hoͤflichſten Ernſt ſie auf ihr Be⸗ tragen aufmerkſam machte, denn unſere Leute hatten ihm Alles erzaͤhlt. Ich hätte den ſehen wollen, der ihm widerſtanden häͤtte— Magda, haſt Du ihn wol geſehn, ſeit er Soldat geworden iſt?“ Magda ſchuͤt⸗ telte leiſe den Kopf. „Sieh, Magda!— er muͤßte der Feldherr der Kai⸗ ſerin werden, da ſiegte ſie ſicher uberall!— Er iſt, glaube ich, gewachſen— er nimmt ſo viel Platz ein— die Augen ſind ſo groß und dunkelblau— ſo erquick⸗ lich hinein zu ſehen— dann iſt ſein Geſicht ſo ſchoͤn roth und braun auch— das kann man recht ſehn, wenn er den Hut abnimmt, die Stirn iſt dagegen ſo weiß wie Deine Hand! Nun hat er jetzt nicht viel —,———— — Zeit zum Pudern, da ſollteſt Du ſehen, was er fur ſchoͤnes hellbraunes Haar hat, faſt blond und als wollte es ſich von ſelbſt locken— und nun rathe, was er noch hat?“ „Nun,“ ſagte Magda leiſe und lächelte, ohne auf⸗ zuſehn. „Von demſelben Haar— alſo ſchoͤn hellbraun, einen großen langen Bart uͤber den Mund“— rief Hedwiga und ſchlug lachend dazu in die Haͤnde. Magda nickte auch lächelnd— Hedwiga erzahlte weiter:„Nun rief die gute Graͤfin Hautois immer zum Wagen hinaus: „Herr Graf von Lacy retten Sie uns! Um Gotteswil⸗ len, retten Sie uns!“ „Endlich gruͤßte er die Herren ſehr ernſt und ſprengte an die Seite des Wagens, wo die Graͤfin ſaß, indem er ſie herzlich begruͤßte und ſie bat, ruhig zu ſein, da er vom Feldmarſchall Daun zum Grafen d'Etrees beordert ſei, alſo das Vergnuͤgen haben werde, den Wagen ſelbſt nach dem Hauptquartier zu bringen. Das ſagte er Alles ſo ſchnell, mit ſolcher lieben Freund⸗ lichkeit, daß ich vor Hören und Sehen nicht reden konnte. Doch nun denke Dir den Spaß— er kannte mich nicht!„„Uebrigens, mein Fraͤulein,““ fuhr er lächelnd fort und ſah uber die Graͤfin weg nach mir hin —„„haben Sie mit Ihrer unvergleichlichen Schoͤn⸗ 438 heit all' dies Unheil angerichtet, und ich werde, nun ich ſo glucklich bin, Sie zu ſehn, nachſichtiger gegen meine armen Kameraden, die allerdings Alle den Ver⸗ ſtand verloren haben.““— Sieh, Magda! werde ich hundert Jahr, ſo vergeſſe ich dieſe Worte nicht! Ich weiß nicht, warum es mich ſo ſehr freute, daß er mich nicht gleich kannte und daß er mich ſo ſchoͤn fand. Ich ſagte auch nichts, aber ich ſah ihn immerfort an, und er mich auch— und mit eins rief er:„Dieſe Augen— mein Gott! das ſind Hedwiga's Augen!“—„Laey! Lacy! rief ich nun— ja! ja! ich bin Deine Hedwiga!— Er ſtuͤrzte nun um den Wagen herum— ich weiß nicht, wie er vom Pferde gekommen iſt— er riß den Schlag auf und ich fiel ihm mit beiden Armen um den Hals.“ Magda ſetzte ſich eben auf einen Sitz, uͤber dem duf⸗ tende Orangen ſtanden.—„Fahr fort, Liebe!“ ſagte ſie ſanft—„ich werde muͤde.“ „Ja,“ ſagte Hedwiga, ſich zu ihr ſetzend—„von der Freude kannſt Du Dir keine Vorſtellung machen!“ „Seit Claudia's Tode“— ſagte er—„haͤtte er ſein Herz nicht ſchlagen fuͤhlen; aber mich ſo wiederzuſehn, mache ihn ganz ſelig. Immer haͤtte er gedacht, meine Augen muͤßten einmal die ſchoͤnſte Zugabe eines Maͤd⸗ chens ſein— aber ſo haͤtte er doch meine Entwickelung . nicht gehofft! Erkennſt Du Lacy wol wieder?“ fragte hier Hedwiga lachend. „Nein!“ ſagte Magda kaum hoͤrbar—„er muß außer ſich geweſen ſein!“— Jene fuhr fort:„Sonſt hieß es immer— Hedwiga, ſpringe nicht ſo hoch— lache nicht ſo laut— miſche Dich nicht in Alles! Wie hatte ſich das umgeaͤndert— und zum erſten Mal kam ich mir erwachſen vor und wollte recht fein und wuͤrdig ſein, und nicht ſehr lachen, und verſtändig reden— und als wir im Hauptquartier ausſtiegen, ſprang ich den Tritt nicht von oben herunter, ſondern ich ſetzte, wie Graͤfin Hautois, einen Fuß vor den andern!— Nun das Weitere weißt Du— das war ein gluͤcklicher Abend, als wir zuſammen blieben, und wie er ging, ſagte er mir: Dies Begegnen werde ihm unvergeßlich ſein!“„ Gegen Ende dieſer Erzaͤhlung war die Fuͤrſtin von mehreren Perſonen begleitet auf die Terraſſe hinaus getreten und hatte dieſe verlaſſend ſich den beiden Maͤd⸗ chen genaͤhert. Sinnend blieb ſie ſtehn und betrachtete Magda's Geſicht waͤhrend der Erzaͤhlung, da dieſe ſie nicht bemerkte.* Dann ſchnitt ſie beinahe Hedwiga's letzte Worte ab, indem ſie raſch auf Magda zutrat und die faſt Er⸗ ſchreckende von dem Sitze aufzog und mit einem be⸗ wegten ungeduldigen Ton ſagte:„Die kleine Schwaͤtze⸗ rin wird Schuld ſein, wenn Du Dich erkalteſt— auf einem Marmorſitz ſo lange nach Sonnenuntergang! Komm, Liebe! das Konzert ſoll gleich angehn und im Saal habe ich die Kamine zu heizen befohlen. Auch Du, Liebe!“ ſagte ſie zu Hedwiga guͤtiger—„ſollteſt Dich nicht ſo leicht gekleidet hier ſo lange aufhalten— Kinder in Deinem Alter, wo das Wachſen ſo uͤberhand nimmt, muͤſſen ſehr vorſichtig ſein.“ Hedwiga ſchlug ihre kleine Schuͤrze um den Nacken und lief dann und kußte der Fuͤrſtin die ſchoͤne Schulter.„Sei nicht boͤſe, liebe Mama!“ ſagte ſie hold—„aber wenn wir von Lacy reden, vergeſſen wir die ganze Welt!“ Die Fuͤrſtin hielt ſie einen Augenblick feſt und ſah ihr mit pruͤfenden Blicken in die weichen Zuͤge, die von der Liebe ihre Form und ihren Reiz entlehnt zu haben ſchienen— dann, als wuͤrde ſie ſelbſt davon uͤberwäl⸗ tigt, kußte ſie ſie ſchnell und ſagte freunblich:„Lauf Du, liebes Kind!“ Hedwiga flog dahin— langſam folgten beide Frauen— aber die gewandte Fuͤrſtin The⸗ reſe ſuchte vergeblich nach einem Worte, was die Stille unterbrechen ſollte, und ſo erreichten ſie die Hofleute, und als Magda ſchauderte, erzaͤhlte ſie die Unvorſich⸗ tigkeit mit der marmornen Bank und fragte, ob ſie ſich unwohl fuhle. 441 „Nein,“ ſagte Magda—„aber Ruhe waͤre mir beſſer!“ „So gehe denn,“ rief die Fuͤrſtin und fuͤhrte ſie ſelbſt in den Saal, von dem aus ſich Magda nach ih⸗ ren Zimmern begab. Das Feſt hatte alles Leben in dem andern Theile des Schloſſes vereinigt. Auch ihre Zimmer waren leer und die Lichter brannten nicht. Aber der Mond erhellte, gerade davor ſtehend, alle Raͤume, und als ſie in ihr ſchoͤnes Wohnzimmer trat, lag Bezo auf dem Teppich an der Thur und ſchlief ſanft. Magda glitt leiſe uͤber ihn weg und eilte dem Fenſter zu, welches geoͤffnet den Blick uber die ſchoͤne Gegend hinaus hatte. Sie ſank in den Lehnſeſſel, der in der Fenſterniſche ſtand und fuͤhlte ſich ſehr ermudet und ihren Athem ſo gepreßt, ih⸗ ren Kopf ſo eingenommen. Sie blickte immer ſtill hin⸗ aus und fuhlte, daß ſie zu keiner Klarheit mit ſich kam. Aus dem Hauptgebaͤude des Schloſſes erhob ſich jetzt das Konzert— einzelne Tonſchichten beſonders, von den langhin ſich tragenden Blasinſtrumenten, erreichten ſie. Plotzich brach ſie in Thranen aus— ſie weinte ein Gefuͤhl aus, dem ſie keinen Namen geben konnte. Die Toͤne verſtummten— ihre Kammerfrau kehrte zuruͤck, es war ſpaͤt geworden.„Liebe“— ſagte Magda— „zunde nur die Nachtlampe an und entkleide mich. Ich — glaube, ich bin ſehr muͤde.“—— Als ſie im Bette lag und die Vorhaͤnge deſſelben uͤber der Einſamen zu⸗ fielen, ſagte Magda ploͤtzlich laut:„Sie liebt ihn!— und er?“— ſie ſchwieg— dann betete ſie das demuͤ⸗ thigſte Gebet chriſtlicher Liebe und und ſanft ein.— Ein Jahr nach dem Tode Claudia's ſchrieb Thyr⸗ nau dem Grafen Lacy, daß ſich der Tag nahe, an wel⸗ chem er durch ihn ihren letzten Willen erfahren ſolle; doch mußte der Graf die Zuſammenkunft bis zur Been⸗ digung des Feldzuges ablehnen, da die Plaͤne des Gra⸗ fen Daun, die er mit Enthuſiasmus theilte, eine ſolche Entfernung unmoͤglich machten. Thyrnau wufßte dies vorher und hatte blos Claudia's Willen erfullt, indem ſie vier Wochen nach ihrem Todestage, den ſie damals ſchon nahe fuͤhlte, zur Beſprechung mit ihrem Gemahl feſtgeſetzt hatte. Thyrnau's Lage hatte ſich indeſſen geaͤndert. Er hatte mit großem Fleiß und mit der raſchen Ueberſicht, die ihm eigen war, das große Geſchaͤft, welches ihm die Kaiſerin uͤbertragen, bis zu einem Punkte vorberei⸗ tet, daß nur noch muͤndliche Vortrage fehlten, um 443 dem Ganzen ſeine Beſtaͤtigung und Vollendung zu geben. Die Kaiſerin hatte zwar die Abſicht gehabt, indem ſie Thyrnau nach Wien berief, dieſe Beſtätigung hin⸗ zuzufuͤgen; aber ſo klar Thyrnau auch das große Werk, wobei ihm die Beſtrebungen ſeines ganzen Lebens zu Huͤlfe gekommen waren, im Stande war der Kaiſerin vorzulegen— die Zeitepoche, in der ſie ſich befand, nahm um ſo mehr ihren Geiſt in Anſpruch, da ihr Ge⸗ muͤth wie ihr Herz in eben dem Maaße ergriffen wa⸗ ren, und obwol ſie bis zur beendigten Darlegung des ganzen Werkes ihre Aufmerkſamkeit mit lobenswerther Geiſtesſtaͤrke darauf richtete, lehnte ſie doch alsdann die Erorterungen daruͤber entſchieden ab, welche der Sache noch ihr eigentliches Leben geben mußten, da der Frie⸗ den erſt den Boden ſichern ſollte, auf dem dies Leben erbluͤhen konnte.„Ach, Frieden! Frieden, mein ehr⸗ licher Thyrnau!“ ſagte ſie zu ihm—„dann will ich den Tempel des Janus mit drei doppelten Thuͤren ver⸗ ſchließen laſſen— und dann will ich Boͤhmen an mein Mutterherz nehmen und ſeine Wunden ſelbſt verbinden. Gott wolle Euch das Leben bis dahin erhalten! Ihr ſeid ein ruſtiger Arbeiter geweſen und obwol wegen Eu⸗ rer fruͤheren Jugendhandlungen, die jedoch mehr mei⸗ nen Vorfahren als mir ſelbſt galten, mir nicht recht 444 zuſteht, Euch jetzt ſchon oͤffentlich auszuzeichnen, moͤchte ich Euch doch deutliche Beweiſe meiner Geſinnung geben— und da Ihr mit einer Arbeit fertig ſeid, die ſich nicht grade unpaſſend zu Eurer milden Gefangen⸗ ſchaft verhielt, weshalb wir ſie bis dahin nicht abzu⸗ kuͤrzen ſuchten— wollen wir doch jetzo Eure Freiheit nicht weiter beſchraͤnken und der Graf von Kaunitz wird Euch daruͤber einhaͤndigen, was unſern Willen kund thut. Wie ich nicht zweifle und was vorlaͤufig das Beſte ſein moͤchte, um Euch der Aufmerkſamkeit zu entziehn— wird dann von Euch ſelbſt eine kleine Lan⸗ desverweiſung genehmigt werden, wozu uns die naͤchſte Veranlaſſung die Liebesbriefe der Fuͤrſtin von S., un⸗ ſerer Muhme Thereſe, ſcheinen, an der wir große Freude erleben— und welche uns eben als Pathin zu ihrem erſten Kinde, einer Tochter, einladet— und da⸗ bei beſtaͤndig nach Euch ein Verlangen trägt, daß ich den Fuͤrſten ſehr dreiſt finde, der dieſe Wuͤnſche lebhaft unterſtuͤtzt!— Nun habe ich beſchloſſen, Ihr ſollt den Brief, worin ich die Pathenſtelle annehme, der Fuͤrſtin ſelbſt uͤberbringen, womit ich mich Euch Allen geneigt zu machen denke!“ Dieſe Rede, in der ihr wohlwollendes Herz allein ſich ausdruͤckte, ward noch durch das jetzt ſo ſeltene Laͤcheln des Scherzes verſchoͤnert, welches andeutete, 445 daß ſie ganz die Gegenwart vergeſſen habe, die ihre Stirn oft furchte und der melancholiſche Inhalt ihrer Reden war. Nachdem ihr Thyrnau mit großer Ruͤhrung ge⸗ dankt hatte, unterbrach ſie ihn ploͤtzlich, indem ſie leb⸗ haft rief: „Doch halt!— Sagt mir als ein ehrlicher Mann, was das fur eine Geſchichte iſt mit dem Trautſohn und Eurer Enkelin, der Magda Matielli? Wie habt Ihr denn dem ſo zuſehen koͤnnen, als ein weiſer Mann?“ „Nicht als ein weiſer Mann, Euer Majeſtaͤt!“ ſagte Thyrnau laͤchelnd—„ſondern als ein gefangener Mann. Die Verhaͤltniſſe waren gegeben, ich hatte keine Gewalt daruͤber, und was ich dagegen zu thun verſuchte, gelang nicht durch die beſondere Stellung des Juͤnglings zu ſeinem Vormund, der ſich erſt dem Wil⸗ len Euer Majeſtät gebeugt hat. Uebrigens war nur immer der eine Fall zu beachten, nämlich den Juͤngling von Magda fern zu halten, denn dieſe hatte ſo wenig Acht auf ihn und ſeine Liebe fuͤr ſie, daß ſie ihn wie ihren Spielkameraden behandelte.“ Die Kaiſerin laͤchelte und indem ſie zur Gutenberg umſah, ſagte ſie:„Das iſt das ſonderbarſte Maͤdchen, das mir je vorgekommen iſt! Und wir wiſſen wol, daß bei ungewoͤhnlichen Handlungen, wie ſie uns zugemu⸗ thet werden, ungewoͤhnliche Tugenden der betheiligten Perſonen unſern Entſchluß beſtimmen muͤſſen.— Ihr Vater war ein Bildhauer— die Matielli waren aber wol nur ehrliche buͤrgerliche Florentiner?“ fragte ſie weiter.— „So iſt es!“ ſagte Thyrnau—„und Magda hat einen gewiſſen Stolz auf dieſe buͤrgerliche Stellung— genug— ſie iſt unter meinen Augen aufgewachſen“— fugte er lächelnd hinzu. „Hem!“ ſagte die Kaiſerin—„ich weiß recht gut, daß der Liebe Gott ſich nicht alle Wiegen mit Wappenſchildern ausſucht, um ſeine Genie's hinein zu legen; aber es hat doch beſſer Art, wenn die alte Ord⸗ nung des Lebens erhalten wird, und das durch einander heirathen, um der tollen Liebesanfechtungen willen, ein wenig erſchwert bleibt.“ „Das denke ich auch,“ entgegnete Thyrnau frei⸗ muͤthig—„und Magda iſt derſelben Meinung! Wider meinen Willen iſt mein Leben eine ſeltſame Muſter⸗ karte ſolcher geſchloſſenen und projektirten Heirathen geworden; aber wenn ich obigen Grundſatz feſthalte, iſt er mir doch immer ſehr gering erſchienen, da wo edle Menſchen durch wahres Gefuͤhl zu einander hingezo⸗ gen wurden, und durch dieſen im Allgemeinen richtig ſcheinenden Grundſatz getrennt werden ſollten. Dieſe ſind . aber auch weit entfernt von toller Liebesanfechtung!— Wie ihr Gefuhl ſelbſt eine Ausnahme iſt, veredlen ſie die Ausnahme, welche ſie den Verhaͤltniſſen abfordern und nothigen uns Achtung davor ab, weil ein ſolches Gefuͤhl in ſeinem Entſtehn und ſeinem Inhalt nach nur aus einer hoͤheren geiſtigen Stellung der Individuen hervorgehen kann und eine Wiederholung ſo hohe Eigen⸗ ſchaften bedingt, daß, wenn ſie oft moͤglich waͤre, was ich bezweifle, auf dieſem Wege vervielfaͤltigt ſie jeder Kor⸗ poration zur Bereicherung und Veredlung dienen wuͤrde.“ „Ja, ja!“ ſagte die Kaiſerin—„mein guter Thyrnau, Ihr habt fuͤr alle Dinge, die Ihr vertheidi⸗ gen wollt, einen beſonders ſchoͤnen Redefluß.“ „Wenn Euer Majeſtät der Meinung ſind, ſo hoffe ich, daß es daher entſteht, daß ich die Dinge frei ihrer Natur nach beurtheile und mich und mein Intereſſe nicht hinein verflechte. Auch hierbei muß ich bemerken, daß, wie auch die Plaͤne, welche der junge Fuͤrſt von Trautſohn Euer Majeſtaͤt vorgetragen haben mag, ſein moͤgen, ſie gegen meine Wuͤnſche und mein Intereſſe ſind.“.. „Das haben wir jetzt nicht zu beſprechen,“ ſagte die Kaiſerin.—„Laudon hat den jungen Herrn in die Schule genommen und es kommen immer gute Berichte uͤber ihn. Ehe der Mann aber nicht weiß, was er dem Leben werden kann, ſoll er nicht voreilig verſprechen wollen, einem Weibe Alles zu ſein— drum werden wir ihn uns noch etwas abhalten mit ſeinen anderweiti⸗ gen Plaͤnen.“ Sie entließ Thyrnau auf das Gnaͤdigſte— und dieſer fuͤhlte bei aller Weisheit und Ruhe, die ihm eigen war, dennoch ein wunderbares Behagen, als er ſich im Beſitz ſeiner vollen Freiheit auf dem Wege zu ſeiner geliebten Magda ſah— und das mit dem Ge⸗ fuhl, freier zu ſein als fruͤher, da nichts mehr im Hin⸗ tergrunde ſeines Lebens lauerte, was im Stande war, ſeine aͤußere Exiſtenz zu bedrohen. Unbeſchreiblich war das Entzuͤcken, mit dem er bei dem Fuͤrſten von S. empfangen wurde, wo jede der vier Hauptperſonen auf eine beſonders innige Weiſe an ihn gefeſſelt war. Die Fuͤrſtin erſchien nach ihrer Entbindung noch nicht wieder öffentlich und ſo geſtaltete ſich ungeſtoͤrt in ihren Zimmern das innigſte Familienleben; nur Lacy fehlte dieſem Kreiſe und ward von den Unbefangenen oft laut vermißt und ſeine Ankunft herbei gewuͤnſcht. Egon dagegen machte ſeinem Großvater einen kur⸗ zen Beſuch, und Alle freuten ſich ſeiner Stattlichkeit und ſeines gutmuͤthigen edlen Benehmens. Die Fuͤrſtin Thereſe war aber auch die liebenswuͤr⸗ 449 digſte Stiefmurter, die zu denken warz als ſie Egon ihr kleines Maͤdchen zeigte, ſagte ſie hold lachend: „Sieh! diesmal habe ich Dir den Gefallen gethan, Dir eine Schweſter zu ſchenken; aber ſage aufrichtig, wenn es nun ein kleiner Erbprinz geworden, waͤreſt Du mir nicht abhold geworden?“ „O Mutter,“ rief Egon und nahm ziemlich herz⸗ haft die kleine Schweſter in ſeine Arme—„ſchenke mir noch ſechs Bruͤder und Du ſollſt ſehn, ob ſie einen zaͤrtlicheren Bruder und einen treueren Unterthan als mich finden koͤnnen! Der Großvater hat mir lang aus⸗ einander geſetzt, daß es beſſer waͤre, wenn Du dem Lande den Erbprinzen gäbeſt, und ihm kann man doch wol in Allem vertrauen!“ „Du biſt ein wackrer Menſch,“ rief die Fuͤrſtin mit Thraͤnen in den Augen—„erdruͤcke mir aber nicht aus bruͤderlicher Liebe meine kleine Maria There⸗ ſia— denn ſie iſt mir vorlaͤufig ſo lieb als ein Erb⸗ prinz— und ſoll es mich nicht graͤmen, wenn Du der einzige bleibſt!“ Egon bekam von ſeinem Vater Erlaubniß, ſeiner von beiden Kindern zaͤrtlich geliebten Mora fuͤr ihre Zukunft einen Platz einzurichten, wie er ihm paſſend ſchiene. Neben der Gärtnerwohnung im Schloßgarten ſelbſt ward denn auch ein kleines Haͤuschen eingerichtet, Thomas Thyrnau Iil. 31e Aufl. 29 45⁰ wobei ein Huͤhnerhof, ein Blumengarten und ein Zie⸗ genſtall war. Das Innere wurde von Hedwiga und Magda mit Leinen und Betten, Schraͤnken und Stuͤh⸗ len verſehn, und neben dem großen Gardinenbett an dem behaglichen Kamin ſtand vor einem gefutterten Lehnſtuhl das Wollrad— und am Fenſter, das über den Garten hinweg ſah, da lag ſo viel Vorrath zum Sticken von Guͤrteltaſchen und Pantoffeln, wie ſie ſonſt immer vergeblich gewuͤnſcht. Magda fuͤhrte die alte, noch immer ruͤſtige Frau nach der neuen Beſitzung und dort empfingen ſie die beiden durch ihre Liebe geretteten Kinder. Beide hat⸗ ten eine Kleidung angelegt, wie Mora ſie ihnen damals ſelbſt erwarb, von grober Wolle— und Egon ſtand im Hof und ſpaltete ihr das erſte Holz fur die kleine Kuͤche und Hedwiga futterte die Ziege, die aus ihrem zierlichen kleinen Stall luſtig hervorſah. Das arme Weib erlag faſt dieſem Anblick und die Kinder hielten ſich nicht, obwol ſie ernſthaft fortfahren wollten— ſie ſtuͤrzten uͤber ſie her und weinten mit unter den zaͤrtlichſten Liebkoſungen. Dann ward ſie umher geſchleppt durchs ganze Haus — in Kuͤche und Keller und uͤberall hin; hier wie in allen Schraͤnken waren reiche Vorraͤthe gehaͤuft, was ihr nun Alles zu eigen war— und eine junge Dirne 451 war ihr in einem eigenen Kaͤmmerchen zugeſellt, damit ſie Pflege habe.„Das Beſte thue ich aber allein,“ rief Hedwiga—„denn alle Tage beſuche ich Dich!“ Nun wurden Alle ſehr luſtig, Egon machte mit Gewalt ſelber Feuer an und Mora mußte in dem klei⸗ nen Keſſel, der genau nachgemacht am Heerde hing, die bewußte Brotſuppe kochen, die ihnen ſo oft den Hunger vertrieben. Als ſie Alle um den Tiſch ſaßen und aßen, und tauſend Geſchichten aus der Vergangenheit ſich erzaͤhl⸗ ten, oͤffnete ſich die Thuͤr und Thyrnau, der Fuͤrſt und Lacy traten zu den Gluͤcklichen ein. Dies erhoͤhte nun den Jubel und brachte Alle leichter uͤber das Wiederſehn fort in die alten Gleiſe der Liebe und des Vertrauens. Der Fuͤrſt beſtätigte der alten Frau dabei ein Gnaden⸗ gehalt, woran er Thyrnau den halben Antheil hatte ge⸗ ſtatten muͤſſen, welches ihr ein reichliches Auskommen fur ihre ubrigen Lebenstage ſicherte. Lacy hatte nach der wichtigen Niederlage des Koͤnigs von Preußen bei Hochkirch um ſo eher ur⸗ laub erhalten koͤnnen, da Daun nach dem Schlage, welchen er dem Feinde beigebracht, mit ſeinem gewoͤhn⸗ lichen Phlegma ſich anſchickte, alle Operationen fuͤr dieſes Jahr einzuſtellen, und auch in der That das Jahr 1758 mit dieſer allerdings großen kriegeriſchen 29* That beendigt wurde, womit er den Widerſtand ſeines großen Gegners auf's Neue belebte. Lacy entſprach in Wahrheit der Beſchreibung Hed⸗ wiga's. Seine volle maͤnnliche Schönheit war erſt in dem ganzen Gebrauch ſeiner Kraͤfte und der angemeſſe⸗ nen Thaäͤtigkeit hervorgetreten und dieſe hatten ihn zum vollendet ſchoͤnen Manne gemacht. Dabei war ſeine Stimmung ſo ungemein erhoͤht, ſo lebhaft, ſo von in⸗ nerem Glucke bewegt, ſo hingebend gegen alle die Lie⸗ ben, die er verſammelt fand, daß ein Jeder ſeiner Naͤhe froh ward und ſich Keiner auf Koſten des Andern beguͤnſtigt hielt. Thyrnau und Lacy waren von dem Gefuͤhl, daß in⸗ zwiſchen viel Wichtiges vorgegangen war, noch Wich⸗ tigeres ihnen bevorſtand, doppelt bewegt, und Thyrnau ſah oft laͤchelnd, wie ſein junger Freund faſt eben ſo vor ihm floh, als ihm dann wieder mit offnen Armen entgegen eilte, zwiſchen Furcht und Hoffnung die Ent⸗ ſcheidung eben ſo erſehnend als vermeidend. In einer fruͤhen Morgenſtunde endlich ſchlangen ſie wie verabredet die Arme in einander und wanderten in den ſtillen herbſtlichen Garten hinaus, durch deſſen nur noch wenig belaubte Baͤume die Sonne den be⸗ reiften Boden erquickte und die růſtigen Suſgänger waͤrmte. 453 „Vater,“ ſagte Lacy, nachdem ſie eine Zeit lang fortgewandert waren—„willſt Du jetzt, wo Du frei biſt, endlich unrecht Gut von meinen Schultern nehmen?“ „Davon nachher;“ unterbrach ihn Thyrnau— „denn es faͤllt von ſelbſt aus, wie es muß, wenn wir das Wichtigere feſtgeſtellt haben. Zuerſt von Claudia's letzten Wuͤnſchen fuͤr Dich— es iſt ihr letzter Liebes⸗ gruß an Dich!“ „Als ich damals nach Wien abging und ſie ſich zu⸗ vor mit mir im Geheim unterredete, zweifelte ſie an ihrer nahen Aufloͤſung nicht mehr— und voͤllig ver⸗ ſoͤhnt mit dieſem Gedanken, warſt Du die einzige irdi⸗ ſche Sorge, die ſie zuruͤck ließ. Mit ihrer feinfuhlen⸗ den Seele haßte ſie vollkommen die Scenen an Sterbe⸗ betten, wo den Zuruͤckbleibenden ſo oft von den Ster⸗ benden die unzarteſten Beſtimmungen fuͤr ihr ferneres Leben aufgenoͤthigt werden. Dich damit und in jenen Augenblicken nicht zu kraͤnken, war ſie feſt entſchloſſen, und wollte daher, daß ich— und zwar erſt nach einem Jahre— damit Dein Herz ihrem Andenken jede Dir noͤthige Genugthuung ſchenken konne, daß ich Dir als⸗ dann ſagen moͤchte— daß der heißeſte Wunſch, den ſie auf Erden zuruͤckließe, Deine dereinſtige Vermaͤhlung mit Magda ſei!“ „O Thyrnau!“ rief Lach und ſtuͤrzte bewegt in ſeine Arme. Beide hielten ſich einen Augenblick ſchwei⸗ gend umfaßt, dann fuhr Thyrnau fort: „Sie bat mich, Dir noch einmal zu ſagen, daß Du ſie ſehr gluͤcklich gemacht hätteſt— daß ſie feſt uͤberzeugt ſei— Dein Gefuͤhl fur ſie habe ſich nie geaͤndert oder gemindert!“ „O! Sie hatte Recht!“ rief Lacy, hier lebhaft Thyrnau unterbrechend—„Sie hatte Recht! Nur er⸗ fuhr ich, wie viel im Menſchen neben einander Platz hat!“ „Das waren ihre Worte. Mehr, als ich verhin⸗ dern konnte, ſagte ſie mir, hat es ihn gequaͤlt, daß deſſenungeachtet ſein Herz fuͤr Magda in die ſchone jugendliche Schwaͤrmerei der Liebe gerieth!— Ich glaubte nie durch das Geluͤbde, was ich empfangen, die Beherrſcherin ſeines ganzen Menſchen geworden zu ſein— ich hatte die Ehe, die er gegen meine Ueberzeu⸗ gung, aber von der heißeſten Liebe meines Herzens ver⸗ fuͤhrt, mit mir einging, mit wahrer Demuth ange⸗ nommen, mit dem begluͤckenden Gefuͤhl, an ſeiner Seite leben zu koͤnnen, und mit der Ahnung, daß dem juͤngeren Manne noch Erfahrungen aufgehoben ſein koͤnnten, die ich ihm dann tragen helfen koͤnnte. Den Morgen nach unſerer Hochzeit, als er mir den Inhalt ſeiner Reiſe nach Tein mittheilte, wußte ich, daß ſein 4⁵⁵ Herz eine Erſchuͤtterung erfahren, die vielleicht Mag⸗ da's erſter Anblick ſchon in ihm vorbereitet hatte. Ich will nicht leugnen, daß ich da den Schmerz kennen lernte— aber nicht lange— denn die Liebe beſiegte ihn und ich dachte nur daran, durch das hingebendſte Vertrauen ihn ruhig zu erhalten, und indem ich den natuͤrlichen Andrang der Verhaͤltniſſe, die mich bedroh⸗ ten, in ihrer Nothwendigkeit anerkannte, vereinigte ich mich ſelbſt mit ihnen, und erweckte denſelben An⸗ theil dafuͤr in mir, den Lacy dafuͤr empfinden mußte.“ „Er fuͤhlte ſich nun nicht verlaſſen und allein— und das war das wahre Eheband, was ich mit ihm ſchloß, daß er in mir uͤberall die Gefaͤhrtin, die Theil⸗ nehmerin fuͤhlte. Gewiß habe ich dadurch das leiden⸗ ſchaftliche Wachſen ſeiner Liebe zuruͤckgehalten, denn in ſolcher Lage ruft der Streit nach Außen die gefaͤhrlichen Geſtaͤndniſſe nach Innen hervor, welche alsdann ver⸗ ſchloſſen und in Widerſpruch tretend zu den taglichen Verhaͤltniſſen die leidenſchaftlichen Zuſtaͤnde nothwendig erzeugen, die alle Betheiligte wenigſtens in Gefuͤhls⸗ ſuͤnde verſtricken. Das ſind ihre Worte, Lacy,“ fuhr Thyrnau geruͤhrt fort—„und wir werden Beide ge⸗ ſtehn muͤſſen— ſelten war das Leben eines Menſchen vollſtaͤndiger mit ſeinen Worten in Uebereinſtimmung — als dies bei Claudia der Fall war!“ „So iſt es!“ rief Lacy begeiſtert—„und ſetze noch hinzu— daß ihre wahre Große barin noch ihre Beſtätigung erhielt, daß ſie es nie zu einem Bekennt⸗ niſſe meinerſeits kommen ließ, daß ſie nie eine Scene veranlaßte, daß ſie mich bei dem innigſten Vertrauen ſtets in Zweifel erhielt, wie weit ſie mich durchſchaut — dadurch gab ſie mir eine Schranke, hinter der ich meine Gefuhle oft ſo verbarg, daß ich mir ihrer kaum noch bewußt wurde und vn ſtets ein maͤßiger Ka⸗ rakter bewahrt blieb!“ 5 „Auf ihre Frage uͤber Deines Oheims Verfuͤgun⸗ gen in Bezug auf Deine und Magda's Verbindung— gab ich der edlen Freundin Aufſchluß. Schon damals ſtellte ich es ihr frei, ob ſie Dich davon unterrichten wolle oder nicht. Wie geſagt— unſer Verhaͤltniß ſchien mir eine hoͤhere Begruͤndung zu zeigen, als daß ich es noch erſchuttert oder veraͤndert haͤtte furchten koͤn⸗ nen durch die geringe Frage über pekuniaͤren Beſitz. Aber ſie lehnte es von ſich ab, obwol ſie meiner Mei⸗ nung war, und wuͤnſchte, den naturlichen Gang nicht zu veraͤndern, der Dir mit Magda's dereinſtigem Beſitz Alles unbeſtritten zukommen ließ.— Auch wollte ſie in der Zeit, wo ſie ſichtlich dem Tode entgegen ging und Du Dich hart faſt von allen Gefuͤhlen los zu machen ſuchteſt, die ihr zu nahe treten konnten, auch wollte ſie 457 Dich da nicht verletzen durch eine Unterredung, in der nur zu leicht verrathen werden konnte, Du habeſt ihr dennoch Dein Gefuͤhl fuͤr Magda nicht entziehen koͤnnen.“ „O Engel!“ rief Lacy, begeiſtert ſeine Haͤnde zum Himmel hebend, als ſuche er ſie dort—„o Triumph weiblicher Weisheit und Guͤte! O! wie haſt Du mir nun Recht gegeben— wie iſt meine erſte jugendliche Liebe, indem ſie auf Dich fiel, als die reinſte richtigſte Erkenntniß Deines hohen ausreichenden Werthes beſtäͤ⸗ tigt! Ja ich darf es ſagen, das Gefuͤhl, mit dem ich um Dich warb, es ward nicht geſchwaͤcht, ſondern ſtaͤr⸗ ker, inniger, je laͤnger je mehr— und indem ich die volle jugendliche Schwaͤrmerei der Liebe kennen lernte, habe ich Dich doch fort geliebt und fuͤhlte Dich ſo noth⸗ wendig zu meinem Gluͤcke, wie ich lebenslang eine hei⸗ ligende Trauer um Dich empfinden werde!“ Lacy hatte die Gegenwart vergeſſen. Er redete zu Claudia— er fuhlte ihre Naͤhe— ſie neigte ſich laͤchelnd zu ihm— das Band, was ſie vereint, war auf der Erde nicht beſchaͤdigt, durch den Tod nicht zerriſſen. Beide gingen eine Zeit lang ſtumm neben einander. Am Ende der Allee ſtand ein Gebaͤude von einer Etage — es hieß: die Einſamkeit! Eine Bibliothek war in dem mittleren Saale aufgeſtellt, auf der einen Seite 458 lag ein Kabinet mit einigen herrlichen Bildern, auf der andern Seite war ein Marmorkabinet mit vier ſchoͤnen Marmorſtatuen— in der Mitte erhob ſich in einer glänzend weißen Schaale ein Springbrunnen, deſſen leiſes Geplaͤtſcher das einzige Geraͤuſch war, was hier eindrang, denn die Waldpartieen umgrenzten dies Haus und das kurze Moos breitete ſeinen gruͤnen Teppich bis an die Marmorſtufen, die zu den Fenſterthuͤren fuͤhrten. Auf einem Holzſitz vor dem Marmor-Kabinet ſaß der alte eisgraue Waͤchter der Einſamkeit— und wie er ſo traͤumend, zwiſchen Wachen und Schlafen mit ſeinen langen ſchon weißen Locken und weißem Bart dort Tag fuͤr Tag Wache hielt, die Haͤnde um die muͤden Knie geſchlungen— hatte ihn die Fuͤrſtin„den getreuen Eckart“ genannt, welcher von der Nymphe, die in dem Springbrunnen wohne, bezaubert von ihrem leiſen Liebesgeſchwaͤtz, an ihrer Schwelle gefeſſelt werde. Mechaniſch lenkten beide Maͤnner ihre Schritte nach dieſem Hauſe. Beide wußten, wen ſie dort fin⸗ den wuͤrden und Beide ſcheuten es nicht mehr— es draͤngte ſie der Entſcheidung entgegen. In dem Bibliothekzimmer ſaß Magda vor einem kleinen Leſepulte, worauf ein Werk aufgeſchlagen war — aber ſie las nicht darin— zuruͤckgebogen in den Lehnſtuhl, war ſie in tiefes Sinnen verſunken. Ihr 4⁵9 ſchönes Geſicht war ungewoͤhnlich blaß— die ſchwarzen ſchweren Haarflechten waren tiefer herabgeſunken und umſaͤumten enger das feine Oval und verſtaͤrkten zu⸗ gleich die Blaͤſſe der Farbe— ſie trug das faltige lange ſchwarze Kleid, was um ſie her ausgebreitet lag, und um den Hals das ſchoͤne feine Spitzentuch, was ihre Erſcheinung ſo reizend zuͤchtig machte. Ihr Kinn ſtutzte ſie mit den zuſammen gezogenen Fingern ihrer einen ſchlanken Hand, waͤhrend die andere muͤde mit ei⸗ nem weißen Tuche an ihr niederhing. Beide Maͤnner waren ſo leiſe gekommen, daß ſie, ungeſtoͤrt und unbe⸗ achtet von Magda, ſie betrachten konnten. Endlich traten ſie naͤher— ihren Schatten, als ſie die Thuͤr einnahmen, fuͤhlte Magda— ſie blickte um und als ſie Beide erkannte, ſtreckte ſie die Hand nach Thyrnau aus, und gleich traten ſie ein und waren an ihrer Seite, und ſie reichte nun auch Lacy die andere Hand, und nach einem fluchtigen Blick auf Beide la⸗ chelte ſie und erroͤthete, und Thyrnau zog einen Stuhl dicht neben ſie, denn ſie ſagte unausſprechlich natuͤrlich: „Geh' nicht von mir!“ Lacy aber kniete vor ihr nieder, und ſein ſchoͤnes gluͤhendes Geſicht dicht vor ſie brin⸗ gend, ſagte er, ihre Hand feſthaltend: „Magda— Claudia ſchickt mich zu Dir— heute ſoll ich mein Herz vor Dir entlaſten und ſie hat ihren 460 Segen uͤber dieſe Stunde geſprochen— und der Vater fuͤhrt mich zu Dir!— Darf ich ſprechen— und willſt Du mich anhoͤren? Weißt Du, was ich will?“ „Ich weiß es,“ ſagte Magda leiſe und ſah ſtill mit hoͤherem Ergluͤhen in ihren Schooß.—„Gott ſei uns Allen gnaͤdig!“ fuͤgte ſie hinzu—„aber ſetze Dich!“ „Magda,“ ſagte Lacy, nachdem er ſich dicht vor ſie geſetzt—„ich ſah Dich an dem Tage, wo ich mich mit Claudia verlobt hatte! Nie werde ich den Augen⸗ blick vergeſſen— Dein Anblick uͤberwaͤltigte mich ſo, daß ich laut haͤtte aufſchreien moͤgen— die Haͤnde rin⸗ gen! Von dieſem Augenblick an habe ich Dich geliebt — aber ich leugnete es mir— und hatte faſt ein Zuͤr⸗ nen gegen Dich— und ſtritt mit Claudia uͤber Dich, und wollte ihre Vorliebe fuͤr Dich ihr ausreden! Dann ſah ich Dich in voller Schoͤnheit am Chriſtophorusbrun⸗ nen, als ich die Kinder abholte— und dann in Tein an dem verhaͤngnißvollen Tage, der mich uͤber meine gewachſene Liebe zu Dir außer Zweifel ließ! Von da an habe ich Dich mit Bewußtſein geliebt— aber, wie man Heilige liebt, in dem Schrein meines Herzens aufbewahrt— in keine Beruͤhrung mit der Welt ge⸗ bracht— ſo nur konnte ich Dich meinem Herzen ret⸗ ten, Dich ihm bewahren— ſo nur nicht daran elend 461 und unglcklich werden und das theuerſte Weſen— Claudia— vor dem doppelten Schmerz der verrathenen Hingebung und der Taͤuſchung an dem Manne ihrer Liebe bewahren. Claudia hat mir eine Stimme aus dem Himmel geſandt, die hat mir heut geſagt, daß ich durchgefuͤhrt, was ich beſchloſſen hatte, daß das edelſte Weſen nicht unglucklich geweſen iſt. Und dann, Magda, hatte Claudia meine Liebe zu Dir errathen; ich wußte es, obwol wir beide ſchwiegen, und heute empfange ich ihr Geſtaͤndniß daruͤber durch den Vater. Ihr letzter Wunſch iſt geweſen, daß meine tugendhafte Liebe zu Dir durch Deinen Beſitz belohnt wuͤrde.— Magda, jetzt kniee ich vor Dir und flehe Dich an— erfuͤlle den heißen Wunſch meines Herzens— ſei mein! Claudia ſegnet uns und der Vater fuͤhrt mich zu Dir!“ „Ach,“ ſagte Magda und faßte ſeine flehenden Haͤnde in die ihrigen—„ich wußte Alles, was Du mir ſagen wuͤrdeſt— und wie viel leichter haſt Du es als ich, da Du nur Dein Herz durfteſt ſprechen laſſen, um gewiß zu ſein, daß Du mich und Dich gluͤcklich machen wuͤrdeſt! Ich aber,“ ſagte ſie traurig—„ich muß gegen mein Herz, gegen Deine Wuͤnſche ſprechen, damit wir das Rechte erkennen lernen. O, helft mir doch!“ ſagte ſie, die Haͤnde flehend zu Thyrnau und Locy erhebend—„gebt Euch doch rechte Muͤhe, mich 462 zu verſtehen, damit ich nichts auf dem Herzen behalte, da das allein meine Rettung werden kann.“ „Was kann das ſein, theure Magda?“ unterbrach ſie Lacy.—„Du biſt ſo klar und verſtaͤndig— und eben haſt Du es ſelbſt geſagt, daß Dein Herz begluͤckt waͤre durch meine Wuͤnſche. O denke, wie ſchwer es mir werden muß nach dieſem Ausſpruche, dem, was Du uns ſagen willſt, noch rechten Antheil zu ſchenken — laß mich wenigſtens erſt die Gewißheit fuͤhlen, daß Du mein biſt— ſchenke Dich mir erſt ohne weitere Bedenklichkeiten— dann will ich Ruhe zu gewinnen ſuchen, um Dich ganz auszuhoͤren.“ „Ach,“ ſagte Magda, waͤhrend ſie Lacy mit dem ſuͤßeſten Laͤcheln der Liebe anſah und doch Thraͤnen aus ihren Augen floſſen—„das iſt es ja eben, daß ich denke, wir koͤnnen uns endlich doch nicht heirathen, ob⸗ wol es der Oheim, der Vater und auch Claudia ge⸗ wollt haben!“ „Magda,“ rief Lacy außer ſich—„welche Phan⸗ taſieen ergreifen die ruhige Ordnung Deines Geiſtes? — Iſt es moͤglich, kannſt Du ein falſches Martyrium herauf rufen wollen, eine Selbſtquaͤlerei, zu der weder unſer Leben noch unſer Gewiſſen uns Veranlaſſung gegeben?“ „Ach nein,“ ſagte Magda ſanft—„ſo denke ich 463 nicht davon— aber wir haben auch noch an Andere zu denken, als an uns— und wie ſoll ich gluͤcklich wer⸗ den, wenn mein Gluck ein anderes theures Herz bricht?“ „Sprich offen!“ ſagte Thyrnau, der das aͤngſt⸗ liche Schwanken in Magda's Rede wol fuͤhlte und nicht zweifelte, ſie habe den Wunſch, offen zu verfahren, und doch Bedenken, Alles einzugeſtehn.—„Wie wich⸗ tig Dir auch die Entdeckung ſcheinen mag, die Du zu machen haſt, Du biſt ſie Lacy ſchuldig, deſſen Gluͤck Dir am naͤchſten liegen muß, der am unabweislichſten auf Dich angewieſen iſt! Und Du, Lacy, maͤßige Dich und gieb ihr durch Faſſung den Muth, ſich offen auszuſprechen.“ „Großvater!“ rief Magda, wie erleichtert.—„Bei Deinen Worten iſt's immer, als ob ſich Bande um meine Bruſt loͤſten! Oft habe ich Dich ſagen hoͤren, daß es nothig ſei, unſere Pflichten zu ordnen, däß wir wußten, welche die naͤchſte, die hoͤchſte waͤre, die, wel⸗ cher wir den Vorrang geben muͤßten vor den andern— der ſich dieſe fugen und unterordnen muͤßten. Du haß⸗ teſt die Verwirrungen, welche daraus entſtanden, daß die Menſchen bald dieſer, bald jener Pflicht nachjagen, und indem ſie oft der fernſten mit großem Eifer ſich widmen, die vergeſſen und vernachlaͤßigen, die ihnen zunaͤchſt liegt.“ * 464 „Nun,“ ſagte Thyrnau laͤchelnd—„ſoll ich etwa meine Magda von ſo einem fernen Abjagen einholen und ihr ein wenig helfen, die Ordnung der Dinge zu erkennen?“ „Ach, Großvater,“ ſagte Magda uͤberwaͤltigt— „koͤnnteſt Du mir doch ſagen, meine naͤchſte dringendſte Pflicht ſei, Lacy anzugehoͤren.“ So ernſt der Augenblick war— ſo bewegt, ſo ge⸗ ruͤhrt Alle waren— ein kurzes ſeliges Lachen befreite doch beide Maͤnner von der Beſorgniß, die ſie einen Augenblick fruͤher empfunden hatten. Magda verbarg erſchrocken ihren Kopf in dem kleinen Mantel des Groß⸗ vaters, der mit ſeinem Arm auf ihrer Stuhllehne lag. „Magda! Magda!“ rief Lacy außer ſich vor Gluͤck —„ich ſchwoͤre Dir bei dem Heiligſten, was ich kenne: Es iſt Deine Pflicht! Deine erſte naͤchſte Pflicht, den gluͤcklich zu machen, der ſo lange Dich liebt! Den Gott ſelbſt durch den Segen des edelſten Weſens, was ver⸗ klaͤrt uͤber uns ſteht, zu Dir zuruͤckfuͤhrt! O erkenne Deine Pflichten, wenn ſie mit Deinem Herzen uͤberein⸗ ſtimmen— zweifle dann nicht laͤnger, es iſt Pflicht, zu gehorchen!“ „Ja,“ ſagte Magda, noch immer den Kopf ver⸗ bergend,„das ſagſt Du— aber der Großvater— was ſagt der?“ 465 „Der ſagt, daß wir dem Rathe eines rein erhal⸗ tenen Herzens folgen koͤnnen, und die Pflichten, die damit uͤber uns kommen, als von Gott gegebene an⸗ ſehn und ſie heilig halten ſollen. Er ſagt Dir weiter,“ fuhr er mit wankender Stimme fort—„daß Deine Liebe zu Lacy eine ſolche iſt— und daß Du ihr folgen darfſt— und ſie Deine erſte Pflicht werden darf!“ „O Großvater!“ rief Magda und hob den Kopf empor und ſah ihn freudeſtrahlend an—„iſt das ge⸗ wiß?— Und Du weinſt?“ Und weinend umſchlang ſie den Großvater, der ſeine ehrwuͤrdigen Thraͤnen auf ihr geliebtes Haupt fließen ließ und ſie dann ſanft von ſich abbog und in Lacy's Arme ſenkte, waͤhrend er ſprachlos die Haͤnde auf beider Haupt legte und ſeine bebenden Lippen, ſeine zum Himmel gehobenen Augen den Segen des Herrn herab⸗* flehten. „Meine Braut!“ ſagte Lach langſam— und„ was je Hochachtung und Liebe in dieſen Laut zuſammen gedraͤngt hat, das klang zu Magda auf und erfuͤllte ihr Herz mit nie gekannter Seligkeit. Als ſie ſich ſanft aufrichtete und in lieblich nachden⸗ kender Stellung in ihren Stuhl zuruͤcklehnte, betrach⸗ tete ſie Lacyh mit einem Gefuͤhl, welches an Ehrfurcht grenzte.— Dieſe ſtille heilige Ruhe— dieſes ſelige Thomas Thyrnau III. 3te Aufl. 30 Ausruhn in der Liebe, dieſe vollendete jungfraͤuliche Schönheit, aus der die Unſchuld eines Kindes laͤchelte. —„Mein Heiligthum!“ ſagte er und kuͤßte den Saum ihres Kleides.—„Glaube mir! meine Jugend geht erſt an, und ich will etwas Tuͤchtiges werden!“ „Nein, Magda! ſieh mich nicht ſo an, als ruhten alle Schaͤtze der Weisheit, bewacht von Deinen Augen, in Deiner leuchtenden Stirn! ich koͤnnte ſonſt den Muth verlieren, Dir nachzukommen und den mußt Du mir erhalten!— O Magda, ſoll ich Dir das Ueber⸗ maaß meines Gluͤckes geſtehn? Warum ich mein gan⸗ zes Herz von ſeiner bezaubernden Gewalt durchdrungen fuͤhle? Weil Claudia uns zuſammen fuͤhrt— weil Claudia die Unſchuld unſerer Liebe vertrete hat und mir ihr Zeugniß heute geſendet— darum darf ich Dich heute ſo ſtark lieben als ich kann— und das iſt ſehr ſtark!“ Magda laͤchelte ihn ſtill und freundlich an, und verſtand ſie auch nicht ganz, wie viel Lacy durch dieſe Ueberzeugung gewonnen, da ihre Unſchuld den Wider⸗ ſpruch von ihr abgehalten hatte, theilte ſie doch ſeine Freude, da ihr Claudia's Segen unentbehrlich ſchien. Thyrnau blieb, weil er erwartete, daß nach dieſem erſten gluckſeligen Ausruhen der beiden Liebenden Magda zu der Entdeckung der Zweifel ſchreiten werde, mit denen 467 ſie ſich zu Anfang ausgeruͤſtet hatte, um zu widerſtehn — und welche dann ſo natuͤrlich und ſchoͤn in der Liebe ſelbſt untergegangen waren.— Auch brauchte er nicht lange zu warten, denn als ſie ihre Augen nur erſt ge⸗ woͤhnen konnte, von Lacy's ſchoͤnem Geſicht abzulaſſen, da wandten ſie ſich auf den Großvater und ſogleich fiel ihr ein, was ſie eigentlich gewollt. „Ach, Großvater!“ rief ſie—„haſt Du denn nur eine Enkelin? Liebſt Du denn nur Deine Magda — nicht Deiner Lucretia Tochter?“ „Ich verſtehe Dich nicht, mein Kind“— ſagte Thyrnau laͤchelnd—„es koͤnnte aber wol ſein, daß Du mir naͤher ſtaͤndeſt, und damit geſchaͤhe das Natuͤr⸗ liche und Billige, ohne daß ich meinem holden Kinde Hedwiga die herzlichſte Liebe entzoͤge.“ „Und doch haſt Du kein Auge fuͤr ihre Zuſtaͤnde, wie ſonſt fuͤr die Deiner Magda— und darum habe ich ihr ein ganz muͤtterliches Herz in mir bereitet— und weiß Alles, was ſie fuͤhlt— und“— fuͤgte ſie erroͤthend hinzu—„darum wollte ich Lacy entſagen.“ Als ſie ſah, daß beide Maͤnner ſie erwartungsvoll anſahen, fuhr ſie bewegt fort.—„Ehe Du kamſt, lie⸗ ber Lacy, da hatte ich Alles durchgekampft— ach mit heißen Thraͤnen auf meinen Knien vor Gott! Hedwiga ſollte Deine Frau werden— ich wollte ſie Dir erziehn.“ 30* 6 468 „Hedwiga? das Kind, was ich als Vater muſcn gewohnt bin?“ fragte Lacy erſtaunt— 4 „Das ſagſt Du jetzt,“ fuhr Magda eifrig ſer— „aber als Du ſie aus den Haͤnden der trunkenen Fran⸗ zoſen befreiteſt, da erkannteſt Du nicht das Kind in ihr, ſondern ein ſchoͤnes Fraͤulein, und auch als Du Hedwiga endlich in ihr wiederfandeſt, haſt Du ſie nicht ſehr als Vater bewundert— und von da an hat ſich etwas in dem Herzen des armen Kindes feſtgeſetzt— das habe ich gut verſtanden, da es die Liebe zu Dir war!“ „Mein Gott!“ rief Lacy—„wie erſchreckſt Du mich!— Magda vergieb mir— oh! ſei gewiß, daß ich ahnungslos dies verſchuldet habe.“ „Ich habe Dir wenig zu vergeben, wenn ich meine Thraͤnen nicht rechnen will,“ ſagte Magda—„aber wenn Du mit Deinen zaͤrtlichen Worten in Hedwiga das Gefuhl erweckt haſt, was ich nun ſeit Jahren fuͤr Dich hatte— dann weiß ich, was ſie leiden wird, wenn ſie erfaͤhrt, Du haſt mich am liebſten! Und nun wer⸗ det Ihr mich Beide wol verſtehn, wenn ich Euch ſage, daß ich— die ich das Leiden kenne und ſeit vielen Jah⸗ ren daran gewoͤhnt bin, hier etwas Weh mit mir herum zu tragen, mich geſchickter hielt, ſo fort zu leben wie bisher, und dieſer ungetruͤbten Jugend damit den Schmerz abzuhalten.“ 469 „„Aber an mich dachteſt Du nicht?“ ſagte Lacy, da Thyrnau noch immer ſchweigend und milde auf Beide niederſah. „Ach,“ ſagte Magda erroͤthend, aber mit dem An⸗ hauch fruͤherer Schmerzen auf ihrem lieblichen Geſicht— „an Dich dachte ich auch! und als ich auch fuͤr Dich damit am beſten zu ſorgen hoffte, da hatte ich den groͤß⸗ ten Schmerz in mir zu bewaͤltigen, denn ich hatte keine Hoffnung mehr auf deine Liebe und glaubte, daß Du ganz an Hedwiga's ſchoͤnen Augen hingeſt!“ „Mein Gott!“ rief Lacy—„wie ſoll ich mir dieſe Unbeſonnenheit vergeben? o! Magda, denke wenigſtens nicht anders davon als ſo— glaube mir, der Mann, der ſo wie ich Dich— mit dem ganzen Inhalt ſeines Weſens liebt, der iſt immer in Gefahr, allen Maͤdchen, die auf die entfernteſte Weiſe mit dem Gegenſtande ſei⸗ ner Liebe in Zuſammenhang ſtehn, verliebt zu erſchei⸗ nen! Die Seligkeit, nur etwas, was zu der Geliebten gehoͤrt— vor ſich zu ſehn, laͤßt ihn den Kopf verlieren und giebt ihm unvorſichtig zartliche Worte ein, die er los ſein will, wenn er noch verhindert wied, ſie der Ge⸗ liebten ſelbſt zu ſagen!“ „Mein Entzuͤcken— die Graͤfin Hautois zu ſehn, wobei ich nur an Dich dachte, haͤtte eben ſo verdächtig ſein koͤnnen— und als Hedwiga, dies von mir ſo herz⸗ lich geliebte Kind, welches ganz voll Beziehungen zu Dir ſteckte, hervortauchte, war allerdings meine Freude viel⸗ leicht das Maaß uͤberſchreitend!“ „Ach,“ rief Magda nach dieſen Worten mit ihrem alten Pathos und hob ihre Haͤnde und Augen zum Him⸗ mel—„koͤnnte ich doch alle Maͤdchen der Erde das zur Warnung hoͤren laſſen, was hier der tugendhafteſte Mann ſo leichtſinnig eingeſteht! Das iſt das, Vater,“ fuhr ſie zu Thyrnau fort—„was Du den tief einge⸗ wurzelten Egoismus der Maͤnner' nennſt, welche Alles thun, was ihnen Befriedigung des Augenblicks gewaͤhrt und ſich ſo dazu berechtigt halten, daß die Folgen ſie als gaͤnzlich unverſchuldet uͤberraſchen!“ Trotz dem, daß Magda dies mit großem Ernſt ſagte, erregte ſie doch ein kurzes aufrichtiges Gelaͤchter ihrer beiden Gefaͤhrten.„Genug,“ ſagte Thyrnau noch mit lachendem Geſicht—„meine Weisheit hat bei Dir gu⸗ ten Boden gefaßt, mein Mädchen, und Du, armer Lach, machſt heute die erſte Ernte davon! Laß uns jetzt bedenken, ob die erſte Eiferſucht, die Dein Herz, gute Magda, beſchlichen hatte und welche wieder eine Cardinaltugend Eures Geſchlechtes iſt und den geſunden Boden ſo umgraͤbt, daß die Phantaſie darauf lauter Giftblumen aufziehen kann, die Euren klaren Sinn betaͤuben— ob dieſe kleine Attake Dich nicht 471 uͤber Hedwiga's Zuſtand verblendet hat? Da die Sache im Ernſt aber wichtig genug iſt, da ſie meinem armen Lacy faſt einen Korb gebracht haͤtte, werde ich ſie ſelbſt unterſuchen und hoffe weder von dem maͤnnlichen Egois⸗ mus noch von der weiblichen Eiferſucht dabei beherrſcht zu werden. Bis dahin tretet mit Eurem Gluͤck leiſe auf; uͤbrigens im funfzehnten Jahr— wenn man nicht wie Du, arme Magda, von zwei alten weiſen Thoren wie ich und Lacy mit Liebesgedanken genaͤhrt worden iſt— haftet der Schmerz wie das Gefuhl noch nicht in dem weichen Boden des Herzens ſo feſt, um uͤber das ganze Leben zu entſcheiden.“ Als ſie zuſammen den Ruͤckweg angetreten und den langen Lindenweg erreicht hatten, der zum Schloſſe fuͤhrte, kam ihnen die reizendſte Cavalcade entgegen. Hedwiga'hing wie die Nymphe des Waldes auf einem kleinen Eſel, den Egon am Zaune fuͤhrte, und ſchon von weit her hoͤrte man ihr lautes Lachen, Rufen und Schreien, womit ſie der Reihe nach den unerzogenen Eſel zu einem gleichmaͤßigen Trott bewegen wollten. Von Hedwiga's Strohhut flatterten die blauen Baͤnder in der Luft und der blaßrothe Stoff ihres Kleides ver⸗ rieth ihre ganze ſchlanke Geſtalt. „Ach, ſieh', wie ſchoͤn ſie iſt!“ rief Magda und hielt Lacy in einiger Entfernung an, um ſie zu beſchauen. 472 „Ja,“ ſagte Lacy—„das fand ich aber, ſo oſch ich ſie ſah— das war ſie, als Du zuerſt mit ihr aus dem kleinen Nachen Guntram's ausgeladen wurdeſt— das fuhlte ich noch geſtern und eben jetzt— aber mit dem gro⸗ ßenUnterſchied, daß ich jetzt erſt einſehe, daß aus dem Kinde ein Madchen geworden iſt— dies hatte ich uͤberſehen!“ Thyrnau wandelte dagegen mit warmen Blicken an Hedwiga haͤngend ihr entgegen.— Eben ſetzte ſich der Eſel in hoͤchſt ungrazioſen Trab und mit lautem Ge⸗ ſchrei langte Hedwiga bei ihm an und warf ſich ohne Bedenken von ſeinem Ruͤcken herunter, da er jetzt eben ſo unaufhaltſam geworden war, wie fruͤher ſtätig— laut lachend lief ſie dem Großvater in die Arme. „Wildes Maͤdchen!“ ſagte Lacy—„Dein unge⸗ ſtuͤmes Lachen behaͤltſt Du gewiß Zeit Deines Lebens!“ Hedwiga ward wie mit Purpur uͤbergoſſen, ſie blickte Lacy erſchrocken an, ſtrich die Locken aus ihrer er⸗ hitzten Stirn und ſagte dann:„Schiltſt Du mich wie⸗ der grade ſo als wie ich klein war?“ Ihr Ton war ſo klaͤglich, als wollte ſie weinen. Aber der grauſame Lacy ſagte freundlich wie zu einem Kinde:„Willſt Du denn ſchon groß ſein und keine Schelte mehr haben?“ Hedwiga ſchwieg und ihre Augen, dieſe wahrhaft be⸗ zaubernden großen Sterne, fullten ſich mit Thraͤnen, die ſie ſchnell an dem Buſen des Großvaters zu verbergen ſuchte. 473 * „Laßt mir mein Maͤdchen zuftieden!“ rief Thyrnau lächelnd.„Geht Ihr nur nach dem Schloſſe zuruͤck, ich komme Euch mit Hedwiga nach, denn wir muͤſſen uns erſt den kleinen Grauen einfangen— und Egon beſtellt indeſſen unſere Pferde, denn mich verlangt nach einer etwas ſtaͤrkeren Bewegung.“ Hedwiga blieb mit dem Geſicht an des Großvaters Bruſt verdeckt, bis ſie merkte, daß die Uebrigen weit ab zogen, denn nur ihm, dem ewig ſchonenden liebevollen Vater wollte ſie ihr verweintes Geſicht zeigen. Die durch Lacy empfangene kleine Wunde ſuchte der weiſe Greis nun unmerklich zu erweitern, indem er ſich beſtrebte, ſie leiſe auf die Grenze zwiſchen Kindheit und Jugend zuruͤckzuleiten, welche ſie durch ihr warmes Herz verfuͤhrt worden war zu uͤberſpringen, und welche ihre umgebungen ſehr geneigt geweſen waren, der erlauchten jungen Graͤfin, deren Schonheit uberdies Alle beſtach, wirklich als uͤberſprungen vorzuſtellen. Hedwiga fuͤhlte unter den anſcheinend ſo abſichtslo⸗ ſen Worten des Großvaters ſich plotzlich wieder als Kind, welches an vieles Lernen denken mußte, darauf Wuͤnſche und Gedanken zu richten hatte, und von einer maͤdchenhaften Bildung ſich noch weit entfernt halten konnte. Als er ſie von ihrem anfaͤnglichen Erſtaunen und ihrer kleinen Kraͤnkung durch Thraͤnen, die er nicht beachtete, zuruͤckkommen ſah, oͤffnete er ihr den Hinblick auf Magda, welche er ihr mit einer bis zur Auszeichnung gelangten Bildung darſtellte. Das gluͤckte ihm vollkom⸗ men, denn Hedwiga hing mit einer ſchwaͤrmeriſchen Zaͤrtlichkeit an ihrer Couſine und ſie fand dabei ihre alte vertrauliche Redſeligkeit wieder, weil ſie glaubte, dem Großvater noch Vieles von ihr ſagen zu koͤnnen, was dieſer nicht wiſſe. Hierin ſtoͤrte ſie Thyrnau nicht, doch wendete er ihr zuletzt den Wunſch zu, daß Magda recht glucklich werden moge, da ſie ſo oft beobachtet habe, daß dieſe weine.— Sobald er ſie dahin gebracht hatte, ſagte er ihr, ſeit der Ankunft Lacy's ſei nun alle Veranlaſſung zu Thraͤnen verſchwunden— er ſah wol, daß Hedwiga ſtutzte, doch er fuhr ſchonungslos fort— wie Magda durch die immer dauernde Gefahr des Grafen, da er den Krieg ſo ernſtlich mitgemacht habe, wol zu entſchuldigen ſei, wenn ſie ihrem Herzen zuweilen durch Thraͤnen Luft gemacht. Da er ſah, daß Hedwiga vergeblich rang, eine Frage zu thun, die ihr ſo nah lag, ſagte er ihr— da ſie trotz ihrer Jugend doch ſchon ein liebes verſtaͤndi⸗ ges Kind ſei, dem man eine Mittheilung machen koͤnne, ſo wollte er ihr ſagen, daß Magda die Braut— von Laey ſei. Es ging ihm wol durchs Herz, als er plotzlich ſeinen 475 Arm von den kleinen Haͤnden Hedwiga's faſt bis zum Schmerz gedruͤckt fuͤhlte; aber er zog ſie trotz des unglei⸗ cheren Schrittes ſanft mit ſich weiter und erzaͤhlte ihr ſo ſorglos wie moͤglich mit ſeiner milden Stimme: wie ſchoͤn es ſein werde, wenn Magda erſt in Tein wohne und ſie dann abwechſelnd bei ihm im Dohlenneſt, von dem ſie ſchon ſo viel gehoͤrt hatte, und dann wieder bei ihrem Vater wohnen werde— und wie er auch mit ihr den Karlſtein beſuchen wolle— ihren Lieblingswunſch — und wie er uͤberhaupt darauf rechne, er werde an ihr eine zweite Magda bekommen. Dabei begleiteten die heißeſten Thraͤnen der armen Hedwiga dieſe liebevol⸗ len Worte, und da ſie nicht ſprechen konnte, begnuͤgte ſie ſich, ſeinen Arm an ſich zu druͤcken und ſeine Schulter zu kuͤſſen, auf der ſie mit ihrem Kopf lag und ſich faſt von ihm fort tragen ließ. Er hatte klug den Weg ſo gelenkt, daß ſie jetzt die laͤndlichen Gaͤrtnerwohnungen vor ſich ſahen und zu An⸗ fang der Baumſchule das kleine maleriſche Haus der guten Mora. Er fragte ſie, ob ſie heute ſchon bei Mora geweſen, und als ſie Nein ſtammelte, lenkte er nun ſelbſt die Schritte dahin, und wie er ſah, Hedwiga trockne ihre Thraͤnen, kehrte er mit ihr in das, von gruͤ⸗ nem Schlinggeflecht an den Fenſtern halb daͤmmernd gemachte 3i ein, und als Hedwiga der a lten Frau 476 wie einer Mutter um den Hals fiel, ſagte Thyrnau: „Du bliebeſt vielleicht gern einmal einen ganzen Tag bei Deiner alten Mora?“ Hedwiga nickte und ver⸗ ſuchte, den guͤtigen Großvater anzulaͤcheln.—„Wenn das iſt,“ ſetzte er hinzu—„ſo will ich Dir die Erlaub⸗ niß ſchon auswirken und Du magſt heute mal der guten Alten ihre Mahlzeit kochen und der Gartner ſoll Dir Obſt zum Nachtiſch bringen.“ Nur als er ſie jetzt zum Weggehn umarmte, wäre er faſt aus der ruhig be⸗ ſchwichtigenden Rolle herausgefallen, denn er hatte die Eigenſchaft, daß wenn er Jemand weh thun mußte, ihm die Liebe zu demſelben im ſelben Maaße ſtark wuchs, und ſo hatte er Hedwiga noch nie ſo zaͤrtlich geliebt, und er gelobte ſich in der Stille ſo oft, ſie von nun an ganz beſonders in Obhut zu nehmen, daß er es kaum laſſen konnte, es ihr ſelbſt zu ſagen.„Abends, vergiß nicht, will die Fuͤrſtin zuerſt ein kleines Konzert haben,“ rief er ihr noch umkehrend nach—„und wenn Du fertig geſchmuckt biſt, melde Dich nur bei mir, ich habe ein Andenken fuͤr Dich!“ Sie reichte ihm noch einmal den unſchuldigen be⸗ truͤbten Mund zum Kuſſe dar und war froh, daß Mora ſchon ſeit lange ſchwach ſah und ſo gluͤcklich war, ihr Kind zu beſitzen, daß ſie daruͤber das Kind ſelbſt ver⸗ gaß und nur an alle ihre Kuͤchenvorrathe dachte— und 6 477 ſchnell die Voͤgel zu rupfen begann, die ihr der Jͤger vom Dohlenſtande mitgebracht hatte— und ſo lange von Allem ſprach, was zu bereiten ſei, daß Hedwiga endlich ſich empor riß, um zu helfen— und keinen gluͤcklicheren Beſieger des Kummers giebt es, als das Ruͤhren der Haͤnde! Zu Mittag flog Egon herein— und wie konnte da nicht gelacht werden, wo er uͤberall helfen wollte und Alles verkehrt machte.— Gegen Abend kam das kleine Fuhrwerk mit den vier zahmen Ziegenboͤcken, Hedwiga ſetzte ſich ein und Egon ſaß auf dem Bock— und als ſie das Schloß erreichten, war es ſchon erleuchtet und die Kammerfrau wartete bereits an der Terraſſe und that ſehr eilig— und wie ſich die erlauchte Graͤfin freuen werde uͤber den ganz neuen Anzug, den die Frau Fuͤrſtin geſchickt. Und Hedwiga war funfzehn Jahr! So geſchah es denn, daß als Hedwiga in dem ſchoͤ⸗ nen neuen Anzuge zum Großvater eintrat, ſie ein etwas blaſſes, aber dennoch aufgeheitertes Kinderangeſicht hatte, und als ihr Thyrnau, dem bei ihrem Anblick das theilnehmende Herz erleichtert wurde, ein ſchwarzes Sammtbaͤndchen mit einer brillantnen Roſe um ihren ſchlanken weißen Hals legte, ſo waren das uͤberhaupt die erſten Brillanten, die ſie beſaß, und das Kind er⸗ wachte ganz und ſie ſtieß faſt einen Freudenſchrei aus 478 und vergaß den fein gebauſchten Flor ihrer Robe, und haͤtte Alles an dem Großvater zerdruͤckt, haͤtte er es nicht ſelbſt verhuͤtet. Als ſie mit dem uͤbrigen Hofe ſich verſammelten und endlich die Fuͤrſtin erſchien, in deren Gefolge auch Magda an Lacy's Seite eintrat, da ſah Thyrnau wol, wie Hedwiga tief errothete, und da ſie die Erſte war, die von der Gouvernante vorgefuͤhrt ward, der Fuͤrſtin die Hand zu kuͤſſen, ſah er, wie verlegen ſie war, und wie ſie kaum ihre Thraͤnen zuruͤckhalten konnte. Auch war die Umarmung, mit der ſich demnach die beiden Coufinen begruͤßten, ſo durchaus gegen die Dehors, ſo inbruͤnſtig mit beiden Armen und ſo lange dauernd, daß die alte Graͤfin von Hautois ſie fanft trennte und nicht ohne einige Erregung fluͤſterte:„So umarme man ſich nicht bei einer Cour— das ſei auf der Wieſe oder im Walde allenfalls erlaubt.“ Von Lacy wandte ſich dagegen Hedwiga den ganzen Abend, wo er ihr auch nahe treten mochte, wie ein zurnendes Kind jedes⸗ mal ſchnell ab.— Doch war Thyrnau mit der Beob⸗ achtung dieſes Abends zufrieden und da er den ganzen Tag Magda's beſorgten fragenden Blicken ausgewichen war und ſie ihm noch immer bekuͤmmert ſchien und dem geliebten Kinde von einer Stelle zur andern mit den Augen folgte, ſo wollte er ſie nicht ohne ein Wort — 479 der Beruhigung entlaſſen, und als die Tafel aufgeho⸗ ben war und die Fuͤrſtin ſich anſchickte, die Zimmer zu verlaſſen, wo dann Magda ſich anſchloß, ging er ihr leiſe nach und ſagte mit ſeiner gewoͤhnlichen guten Laune:„Wir haben keinen Leukadiſchen Felſen zu fuͤrchten!“ „Ach, iſt das gewiß?“ rief Magda, die ihn ſogleich verſtand.—„Sie ſah ſo blaß aus!“ „Wie alle Kinder, die uber eine zerbrochene Puppe geweint haben,“ fuhr Thyrnau laͤchelnd fort—„doch war es vielleicht Zeit! Die Weisheit in Liebesſachen iſt eine angeborne Eigenſchaft in unſerer Familie; denn nicht allein, daß zwei alte Thoren mit einem jungen Maͤdchen darin den Anfang gemacht haben, ſie halb um ihr Lebensgluck zu ſprechen und zu koſen— die Schule wirkt fort und daſſelbe Maͤdchen hatte nicht uͤbel Luſt, ſich ein ganz erbauliches Martyrium zu veranſtalten, um einem fuͤnfzehnjaͤhrigen Kinde einzureden, es werde an ſeiner erſten kindiſchen Neigung fuͤr's Leben genug haben!“ „Ach wie gern will ich mich ſchelten laſſen, wenn Du Alles ſo wenig ernſthaft findeſt,“ ſagte Magda er⸗ quickt, indem der Athem ihr zuerſt wieder grade aus der entlaſteten Bruſt empor ſtieg.— Als ſie jetzt Lacy den Arm gab, druͤckte ſie ihn zuerſt an dieſem Abend 480 leiſe— und wie glucklich machte ihn dieſes erſte Zeichen des Einverſtaͤndniſſes, da Magda mit wahrer Pietät„ ſich an dem ganzen Tage, der ſie unſicher ließ uͤber Hed⸗ wiga, jedes Zeichens ihrer neuen Stellung zu ihm ent⸗ halten hatte. Als die Fuͤrſtin am andern Morgen— welcher durch thauige Nebel die waͤrmende Sonne mit herbſtlicher Friſche ſcheinen ließ— darauf beſtand, in einem kleinen Pavillon, an der gelichteten Parkſeite, der in das heitere Thal ſchaute, zu fruͤhſtuͤcken und dazu nur ihren Ge⸗ mahl, Thyrnau, Lacy und Magda eingeladen haben wollte — ſteckte Thyrnau einen kleinen Strauß ins Knopfloch und fuͤhrte dann Magda und Lacy mit einer heiteren Anrede dem glucklichen Furſtenpaare vor. Wol erlebten ſie das Erwartete— und dennoch ent⸗ zuͤckte ſie die Erfuͤllung— und wie nur gluͤckliche Ehe⸗ leute den vollſten Antheil an gluͤcklichen Brautleuten nehmen, ſo ſchien dem fuͤrſtlichen Paare uberhaupt nur Gluͤck in der Ehe möglich, von der ſie ſich ſelbſt ſo voll— ſtaͤndig durch einander befriedigt fuͤhlten, daß ihre Freude auch nicht durch den kleinſten Antheil fruͤherer Erinnerun⸗ gen geſtort wurde, obwol der Fuͤrſt und ſeine Gemahlin in dem Brautpaare die Gegenſtaͤnde einer früheren leb⸗ haften Neigung vor ſich ſahen. Nichts folgt anmuthiger dem gluͤcklichen Verlobniß † 481 der Liebenden nach— als die nun zu entwerfenden Plaͤne fuͤr die Zukunft, die alle in der ſeligen Berechtigung des Beiſammenſeins ausmuͤnden! Lacy bat Thyrnau um die Erlaubniß, das Geheimniß des Teſtaments den be⸗ waͤhrten Freunden mittheilen zu duͤrfen. „Dagegen habe ich nichts,“ ſagte Thyrnau—„be⸗ ſonders da ich geſonnen bin, hier muͤndlich gleich ein neues Teſtament zu machen, denn ich und Ihr Alle muͤßt nicht vergeſſen, daß Egon und Hedwiga mir eben ſo nahe ſtehn wie Magda. Halte daher Deinen Vortrag, ich ſchließe mich ihm an und wandere waͤhrend dem ein wenig durch das Thal.“ Der Fuͤrſt benutzte Thyrnau's Entfernung, als Lacy ſeine Erzaͤhlung beendet hatte, die Alle tief bewegte, um den Beiſtand der Uebrigen gegen Thyrnau aufzurufen, damit Egon und Hedwiga, die bereits von ihm reich dotirt waren, von der Erbſchaft des Großvaters ausge⸗ ſchloſſen wuͤrden. „Das wird uns Allen nicht gelingen,“ ſagte Magda, „denn es waͤre etwas Ungerechtes darin, und das hat nichts mit dem Großvater gemein!“ „Wohlgeſprochen!“ ſagte Thyrnau lachend, der die ganze Geſellſchaft durch ein niedriges Fenſter beobachtet hatte, ohne daß ſie ihn bemerkt.—„Uebrigens ſei ſicher, lieber Freund!“ fuhr er zum Fuͤrſten fort— Thomas Thyrnau 10. 3te Aufl. 31 482 „ich werde als Goͤttin Gerechtigkeit nicht ein halsſtar⸗ riger alter Mann mit verbundenen Augen ſein, der in dem duͤrren Nachweis der Verwandſchaftsgrade eine bornirte Gleichheit der Theilung beabſichtigt. Es ſoll jeder auf ſeinem Platze wohl gewogen werden und ich will mit meinem Gute in den Haͤnden davor ſtehn, und wo die Wage in die Hoͤhe ſchnellt, etwas hinein wer⸗ fen. Jedenfalls behaͤlt Magda unbeſtritten Tein, und die Lacy'ſchen Guͤter waͤre ich nun endlich los und ſie gehn mich nichts mehr an! Halt!“ rief er, als Lacy aufſprang und den Mund oͤffnete—„ehre den Schat⸗ ten Deines Oheims! Ehre die Schwaͤrmerei meines Mannesalters— ſind ſie nicht ſo viel werth als die Herrſchaft Tein?“ „Ueberdies Magda iſt die Erbin— ich habe nichts mit Dir zu thun! Iſt ſie Dir ſo wenig werth, daß Du ſie um des elenden Mammons willen aufgeben willſt— gut! ſo laſſe ich ſie noch heute als Erbin von Tein ausrufen und will ihr ſchon andere Bewerber erwecken!“ Das Lachen, was Niemand laſſen konnte, that Al⸗ len ſo wohl; es hinderte das Uebermaaß der Empfin⸗ dung, es ſtellte die Sicherheit Thyrnau's ſo uͤberwalti⸗ gend heraus— und Alle wußten, er wandte die ſcherz⸗ hafte Behandlung der Dinge immer da an, wo er am 483 unuͤberwindlichſten war. Was ließ ſich auch gegen einen Abſchluß des Innern vornehmen, der den Ernſt ſogar beſeitigt und nur eine heitere Erregung nachgelaſſen hatte? „Dagegen“— fuhr er fort—„wenn Du darauf beharrſt, die Erbin von Tein zu heirathen, ſetze ich doch feſten Fuß auf Dein Gebiet und Ihr Beide ſollt mir die alte Stammburg der Thyrnau's— das Doh⸗ lenneſt— zum freien Eigenthum ſchenken! Nach mei⸗ nem Tode ſoll ſie an Hedwiga fallen und zieht dieſe in ein anderes Land, ſoll ſie doch immer zu Zeiten dahin zuruͤckkehren muͤſſen und Ihr Alle ſollt da zuweilen mit Egon und Allem, was dran haͤngt, einen Familien⸗ Kongreß halten!“ „Von dem baaren Vermoͤgen ſoll Magda nichts weiter bekommen, ſondern Alles Lucretia's Kinder— und iſt es nicht ſo viel als die Herrſchaft Tein, macht mir das gar keinen Kummer, denn ſie werden durch ihren Vater das Fehlende bekommen. Dieſe ganze Erb⸗Beſtimmungs⸗Rede hatte er durch das Fenſter in den Pavillon hinein gehalten. Jetzt nahm er den kleinen dreieckigen Hut ab, gruͤßte Alle mit ſei⸗ nem ſchalkhaften Laͤcheln und wollte davon— aber nun erhob ſich ein lautes Geſchrei ihm nach; der Fuͤrſt zuerſt, Lacy ihm nach, ſprangen zum Fenſter hinaus und hiel⸗ 31* 484 ten ihn in ihren Armen auf, bis Magda und die Für⸗ ſtin ihn auch erreicht hatten. So wurde er wieder hin⸗ ein gezogen und ſaß bald laͤchelnd in ihrer Mitte und freute ſich, daß aller Widerſtand aufgehoͤrt hatte, und daß er ihnen den ſchweren Augenblick, wo von Teſtament und Vermoͤgen die Rede ſein mußte, ſo leicht aus den Haͤnden gewunden hatte, daß keine tragiſche Scene daraus werden konnte. So kam es denn auch, daß die Glͤcklichen die Mittagsglocke uberhoͤrt hatten und mit einem Male vor den offenen Thuͤren die Oberhofmeiſterin der Furſtin er⸗ ſchien und ganz außer Athem und mit vielen Knixen anzeigte, die Fuͤrſtin werde bis zur Tafel kaum Zeit haben ſich umzukleiden.— Da die Herrſchaften voll der groͤßten Ruckſichten gegen ihre Umgebungen waren, ent⸗ ſchuldigte ſich die liebenswuͤrdige Thereſe und fuͤhrte die alte Dame zu einem Lehnſeſſel, um ſich auszuruhen, wonach der Fuͤrſt ſie dann ſelbſt nach dem Schloſſe zu⸗ ruͤckfuͤhrte. Das nun folgende Beiſammenſein der Freunde von Außen durch die angenehmſten Verhaͤltniſſe beguͤnſtigt, ſchien ſelbſt Thyrnau die gluͤcklichſte Zeit ſeines Lebens, und der Winter, der auch uber die Schrecken des Krieges eine ſcheinbare Ruhe verhaͤngte, verflog Allen in traum⸗ artiger Schnelligkeit. 485 Mit dem Anbruch des neuen Jahres 1759 wurde den Bitten Lacy's nachgegeben und ſeine Verlobung mit Magda— uͤber welche kaum noch am Hofe ein Zweifel war— oͤffentlich erklaͤrt. Jetzt gingen auch die Anzeigen an die Kaiſerin und an Kaunit nach Wien, und Kaunitz verſicherte ſeinem jungen Freunde in einem hoͤflichen Gluͤckwuͤnſchungs⸗ ſchreiben, daß die Majeſtaͤten dieſe Nachricht mit beſon⸗ derem Antheil vernommen haͤtten. Noch war zwiſchen dem Brautpaar ſo wenig, wie zwiſchen Thyrnau und Lach, ein Wort gewechſelt wor⸗ den uͤber ſeine Abſichten bei dem Wiederausbruch des Krieges, der mit dem Fruͤhjahr unausbleiblich zu er⸗ warten ſtand, und bald ſollte die Kaiſerin ſelbſt dieſen Punkt in Erwaͤgung ziehn und beweiſen, wie uner⸗ ſchutterlich feſt ſie einmal beſchloſſene Plaͤne im Auge behielt, wie viel auch die Verhaͤltniſſe anderer Seits um ſie her haͤuften. Ein von ihr diktirter Brief an Laey fuhrte ſie ihren in S. verſammelten Verehrern in ihrer vollen Redeweiſe vor und ergriff Alle, als ſei ſie unter ihnen geweſen: „An meinen getreuen Grafen von Lacy Wratislaw.“ „Indem ich Euch meinen gnädigen Gluͤckwunſch „bei Eurer Wiedervermaͤhlung ſage, will ich Euch hier⸗ 486 „mit meinen Beifall uͤber Eure Wahl n⸗ „ben, denn obwol Magda Matielli nicht Eures Stan⸗ „des iſt, wogegen ſich in gewoͤhnlichen Fällen viel ſagen „ließe, ſo erſcheint Uns ſelbſt dies hier von weniger „importance wegen beſonderer Eigenſchaften beſagter „Eurer Verlobten, welche Wir durch eine romantiſche „Begegnung ſelbſt kennen lernten. Auch gegen Eure „erſte Vermaͤhlung waren in mancher Hinſicht Einwen⸗ „dungen zu machen, doch haben Wir mit Wohlgefallen, „waͤhrend der Jahre ihrer Dauer von dem muſterhaf⸗ „ten Beſtand dieſes Verhaͤltniſſes vernommen und wol⸗ „len es Euch und der Verſtorbenen zur Ehre anrechnen „und vielleicht Euch noch mehr wegen der Jugend, „welche gern der Thorheit Geſellſchaft leiſtet.— Da „Ihr nun durch dieſe zu erwartende Ehe in natuͤrlichere „Verhaͤltniſſe tretet und Wir durch das beſondere Ver⸗ „trauen des Ehrenmannes, des Thomas Thyrnau, von „den bis jetzt geheim göhaltenen Umſtaͤnden wohl unter⸗ „richtet ſind, welche Euch durch dieſe Ehe in Eure alten „Rechte einſetzen, ſo ſcheint es Uns nunmehr auch paſ⸗ „ſend, daß Ihr damit in den Stand zuruͤckkehrt, der „dieſen Verhaͤltniſſen gemaͤß iſt.“ „Nach dem Tode Eurer Gemahlin und bei Eurer „aufrichtigen Wittwertrauer war Euch Meinerſeits der „Wunſch, in die Armee einzutreten, nicht abzuſchlagen 487 „und hatte bis jetzt Unſere Genehmigung. Jetzt aber „habt Ihr ſelbſt durch dieſe zweite Vermaͤhlung, welche, „wie man Mir ſagt, aus großer Liebe hervorging, an⸗ „gezeigt, daß Ihr der Zerſtreuung als Wittwer nicht „mehr beduͤrft, und nehmen daher Unſere Erlaubniß „zum Kriegsdienſte zuruck und thun Euch Unſere Wuͤn⸗ „ſche kund, daß Ihr zum Verwalter großer Beſitzun⸗ „gen beſtimmt, als ein gutes Beiſpiel in Boͤhmen unter „Euren Standesgenoſſen leben wollt, und dabei durch „die Gunſt des ehrenwerthen Thomas Thyrnau, der, „wie Wir vermuthen, ſeine Enkelin, welche ihm eine „ſo muſterhafte Treue bewieſen, jetzt gleichfalls beglei⸗ „ten werde, fortfahrt, Euch in Kenntniß der Arbeiten „uͤber Boͤhmiſches Recht zu ſetzen, welches Solcher be⸗ „reits zu Unſerer beifaͤlligen Beruckſichtigung ausgear⸗ „beitet hat.“ „Nach Eurer Vermaͤhlung, welche noch vor Anfang „des naͤchſten Feldzuges ſtattfinden moͤge, werde Ich Euch „gern hier ſehn— und wird dann auch durch eben dieſe „Vermaͤhlung der Schwierigkeit vorgebeugt ſein, Eure „Gemahlin an den Hof zuzulaſſen.“ „Wir bleiben Euch in Gnaden gewogen.“ „Maria Thereſia.“ Aus dieſem Briefe nun ſchienen ſich wie von ſelbſt die bis jetzt umgangenen Verhaͤltniſſe zu geſtalten und Jeder zog nach ſeiner Art eine Freude und einen Troſt daraus. Magda aͤußerte ganz unverholen ihr Ent⸗ zuͤcken bei dem Gedanken, daß Lacy nicht wieder in die Armee eintreten werde, und Lacy, nachdem er ſich in den Willen der Kaiſerin zu fugen erklaͤrt hatte, machte nun Magda auf den naͤchſten Wunſch derſelben aufmerkſam — auf ihre abgeſchloſſene Vermaͤhlung vor Wiederaus⸗ bruch des Krieges. „Wir wollen den Großvater fragen,“ ſagte Magda —„denn ihm wird das Rechte am leichteſten einfallen, und ich natuͤrlich kann nichts dagegen haben.“ In demſelben Falle befand ſich der Großvater, und als die Sache in Gegenwart des furſtlichen Paares zur Sprache kam, mußten die Uebrigen einwilligen, daß die Feierlichkeit ſelbſt in S. vollzogen werde und die jungen Leute ſich dann nach Wien zur Kaiſerin begäben, wo⸗ gegen Thomas Thyrnau durch den Brief der Kaiſerin ſich des letzten Zwanges dieſer kleinen Landesverweiſung enthoben ſah und nunmehr beſchloß, nach Tein voran⸗ zugehn, um ſeine Kinder bei ihrer Ruͤckkehr von Wien dort zu empfangen. „Wie ſollen wir aber an Magda's Hochzeitstage den Hof los werden?“ fragte die gluͤckliche Thereſe, welche unter dieſen gluͤcklichen Menſchen immer als die Gluͤcklichſte erſchien, weil ihr der ſprudelnde Humor zu Gebot ſtand, der in den liebenswuͤrdigſten Muthwillen ausartete und alle ihre Umgebungen oft zu einer anmu⸗ thigen Ausgelaſſenheit hinriß, die in ihr Unterſtutzung oder Veranlaſſung fand. „Das dachte ich,“ ſagte der Fuͤrſt lachend—„o! wie gut ich Dich kenne, meine geliebte Thereſe! Das wird wieder ein Tag, an welchem Du in einem Athem lachen und weinen mußt— auf Deinen Knien beten und auf der Wieſe tanzen wirſt! Aber ich moͤchte Dich nicht anders, Du reizendes Feenkind— und damit Du ſiehſt, wie Ernſt es mir iſt, Dein eigenſtes Weſen zu ſchonen, ſo hoͤre, da wir allein ſind, das Programm des Tages, was ich mir in der Stille ausgedacht habe, und dann laß' es uns gemeinſchaftlich vervollſtaͤndigen.“ Nachdem Thereſe ihrem Gemahl aufs Liebenswuͤr⸗ digſte gedankt hatte, hob der Fuͤrſt laͤchelnd an:„Mein armer Hof darf nicht ganz leer ausgehn, denn ich bilde mir ein, Magda muß nach Dir die ſchoͤnſte Braut der Erde ſein, und die Graͤfin von Hautois hat ſchon zu viel von ihrer koſtbaren Toilette verrathen, als daß ich als guter Landesvater verantworten koͤnnte Braut meinen Damen zu entziehn.“ „Du wirſt alſo finden, daß die Schloßkapelle ſich 490 * ſeit einigen Tagen anfaͤngt zu erheizen, daß ein ſchoner gruͤner Wald von Orangenbaͤumen langſam ſich um den Hochaltar herſtellt, und der Fußboden, mit rothen Tep⸗ pichen verhuͤllt, unſere wenigen Grade noch reſtirender Winterkaͤlte vergeſſen laßt. Von der Kapelle aus wirſt Du die Galerie bis zu Deinem Audienzſaal mit dem⸗ ſelben Teppich bedeckt finden— alſo jetzt verſtehſt Du den Weg, den ich vorzuſchlagen denke! Am Morgen nun des zwei und zwanzigſten Februars werden wir in Deinem Boudoir in unſern Morgenkleidern zuſammen fruͤhſtuͤcken— dann gebe ich zwei Stunden Zeit zur Toilette und um halb elf Uhr iſt der Hof in Gala in Deinem Audienzſaale verſammelt; wir fuͤhren das Brautpaar herein und von da begiebt ſich der Zug nach der Kapelle, wo uns der Pater Hieronymus erwartet!“ „Der Pater Hieronymus?“ rief die Fuͤrſtin ent⸗ zůck „Ja,“ ſagte der Fuͤrſt,„morgen kommt er hier an und das iſt eine Ueberraſchung fuͤr Magda, die ich und Thyrnau uns ausgedacht haben. Unſere Geiſtlich⸗ keit hat ſich freundlich dabei benommen und wird blos in Pontiſicalibus dabei repraͤſentiren. Doch unter⸗ brich mich nicht und hoͤre weiter. Nach der Trauung geht der ganze Zug wieder in eben der Ordnung nach dem Andienzſagl zuruͤck. Magda bleibt an Lacy's Seite 49¹ ſtehn, bis Alle eingetreten ſind— dann erwidert ſie die Begruͤßung, und nun iſt der Etikettenzwang vor⸗ bei. Uns umſchließen Deine Gemaͤcher!— Ihr be⸗ kommt wieder Zeit, Euch umzukleiden und nun ſtehen vier Wagen bereit: in den erſten ſteigen wir Beide und die Graͤfin von Hautois: in den zweiten Pater Hieronymus, Thomas Thyrnau, und Egon und Hed⸗ wiga; in den dritten das Brautpaar— der vierte aber wird eine bunte Geſellſchaft umſchließen, und doch durfte ſie nicht fehlen. Nun hoͤre! Mora und Gun⸗ dula werden im Fond ſitzen— gegenuͤber Veit und Bezo!“ Die Fuͤrſtin ſchlug entzuckt in die Haͤnde und um⸗ armte ihren Gemahl.„Stoͤr' mich nicht,“ rief er und hielt ſie doch feſt.—„Das kleine Schloͤßchen“— fuhr er fort—„welches aus den bereiften Lerchenbaͤumen und Weimuthskiefern mit ſeinen grauen Thuͤrmchen und ſeiner kleinen barocken Fagade herausſieht, das habe ich ſeit vier Wochen ſchon heimlich bearbeiten laſ⸗ fen, und es iſt jetzt der behaglichſte, waͤrmſte und wohnlichſte Plätz geworden fuͤr Menſchen, die ſich lie⸗ ben. Dahin rollen unſere Wagen— dort iſt nur ein kleiner Eßſaal und unſere heitere Hochzeitstafel hat nur neun Couverts. Im Erdgeſchoß werden meine anderen Gaͤſte, die der vierten Kutſche, bedient— und ſo 492 bleiben wir beiſammen— bis nach dem Souper— dann fuͤhrſt Du Magda in die Zimmer, die fuͤr ſie ein⸗ gerichtet ſind— wir aber fahren Alle bis auf das Brautpaar nach der Reſidenz zuruͤck, halten den an⸗ dern Tag hier großes Diner und kehren am Abend nach dem Schloͤßchen zuruͤck— wo Du und wir Alle unſere Zimmer eingerichtet finden, und wo wir bleiben, wenn Du willſt, ſo lange, bis Lach und Magda ihre Reiſe nach Wien antreten, und das wollen wir weder hindern noch betreiben, damit in der Freude uns nicht das Maaß fehle, dieſes Bedingniß alles Guten und Schoͤnen!“ Waos ſollen wir jetzt noch zu dieſem gluͤckſeligen zweiundzwanzigſten Februar des Jahres 1759 hinzufuͤ⸗ gen? Das Programm des Fuͤrſten ward mit unge⸗ theilter Freude angenommen und auch kein Einziger wußte etwas hinzuzufuͤgen. Magda's Hochzeitsſtaat war von Thomas Thyrnau und der Fuͤrſtin Thereſe erdacht worden und von der Gräfin Hautois ausgefuͤhrt. Der Mode war dabei mancher Abbruch geſchehen, denn um die rabenſchwar⸗ zen Flechten Magdas ſchlang ſich das goldene Netz, welches aber faſt ein Juwelennetz war, deſſen Schling⸗ knoten von Rubinen gehalten wurden. Ueber der Sil⸗ berrobe zeigte ſich das Mieder mit Brillanten befeſtigt 493 und Brabant hatte einen Schleier geliefert, deſſen Rech⸗ nung Thyrnau lachend verbrannt hatte und welcher wie ein Mondſcheingewebe die ganze Geſtalt einhuͤllte, ohne ſie zu verbergen. Aber was ſie ſelbſt dieſem herrlichen Schmuck hinzufuͤgte, das war der bezaubernde Nimbus, der Alle bei ihrem Anblick mit Entzuͤcken erfuͤllte— es war dies das ernſte tiefe Nachdenken, womit ſie die Heiligkeit des Tages ergriff und das ihrem Antlitz die lilienweiße Farbe, die ſtillen Zuͤge gab, die nur zuwei⸗ len unterbrochen wurden, wenn ſie die geſenkten Augen hob und die Glut religioͤſer Stärke und Begeiſterung daraus hervorleuchtete und ihren Wangen einen fluͤchti⸗ gen Schein von Lebensglut anhauchte. Ihre Stim⸗ mung war durch nichts zu unterbrechen, nicht einmal durch Ruͤhrung.— Alle fuͤhlten, ſie lebe in der Gegen⸗ wart des Hoͤchſten und alles Andere habe nur nach Ihm Raum— und von Allen ſei ſie abgezogen, ſie Alle vereinigt haltend in der großen Gemeinſchaft, in der ſie ſich fuͤhlte. Hedwiga, welche von ihrem kurzen, zu fruͤhen Nach⸗ tigallengeſang wieder zu dem heitern kindlichen Lerchen⸗ geſchwirre uͤbergegangen war,— Hedwiga, die keine Schelte mehr von Lacy bekam und deren Unterrichts⸗ ſtunden von Thomas Thyrnau vermehrt worden waren, beſtand darauf, Magda's Schleppe tragen zu wollen, 494 und wie gern gewaͤhrte ihr der Fuͤrſt, was er ihr laſſen durfte. Uebrigens laſen ſie am andern Abend, als ſie Alle nach dem großen Diner zu dem jungen Ehepaar nach dem Waldſchloͤßchen zuruͤckgekehrt waren und um den flackernden Kamin in dem behaglichen Saal beiſammen ſaßen, das Programm des Fuͤrſten fuͤr den Hochzeits⸗ tag durch, und es fand ſich, daß genau danach gelebt worden war—„Außer“— ſagte Thyrnau,„daß Bezo ſich durch alle vornehmen Hochzeitsgaſte bis zum Altar durchdraͤngte und ſich dicht neben Magda auf der Erde niederſetzte.“ „Ja,“ ſagte der Fuͤrſt—„aber ich vervollſtän⸗ digte augenblicklich mein Programm danach, und Du haſt es mir zu danken, liebe Magda, daß man ihn ſitzen ließ und ſo eigentlich dies arme Weſen, das ſein ganzes Bewußtſein nur in Dir hat, Dir faſt mit Lacy angetraut worden iſt.“ „Ja,“ ſagte Magda—„ich hoffe, er iſt an mei⸗ nem oder ich an ſeinem Sterbebette; fuͤr ihn kann ich nur dankbar ſorgen, wenn ich ihm ſtill uͤberall meine Naͤhe goͤnne.“ Sie zeigte mit dem Finger lächelnd in die Ecke des Saales— auf dem weichen Teppich deſſel⸗ ben ſchlief Bezo in ſicherer Ruhe, von Lach und Magda gleich liebevoll geſchutzt. 495 Wenn wir die, die wir lieben, ein Gluͤck erringen ſehen, wonach ſie ſich geſehnt und um das ſie den Kampf mit dem Leben eingingen und ſiegend beſtanden, ſo giebt das einen ſchoͤnen Abſchluß mit ihnen und wir ſind geneigt, ſie ohne Beſorgniß ihrem Schickſal zu uͤberlaſſen. Und doch miſcht ſich in die Freude, mit der wir einen erreichten gluͤcklichen Zuſtand vor uns ſehen, ſo leicht die Wehmuth, welche uns die Erfah⸗ rung aufnoͤthigt, und welche bei dem heitern Anfang einer neuen Lebens⸗Epoche uns warnend zufluͤſtert: Wie den theuren Weſen, welche ſo mit Gluͤck geruͤſtet der Zukunft entgegen gehn, das Leben nichts ſchuldig bleiben wird und auf der neuen Stelle, die noch geebnet vor ihnen liegt, Hinderniſſe allmaͤlig die kleinen Erd⸗ huͤgel aufwerfen werden, welche die leichten Fluͤgel beſtäubend niederdruͤcken. Wenn wir aber von der Er⸗ fahrung belehrt dieſe wehmuͤthige Zugabe erwarten muͤſſen, empfangen wir doch zugleich von ihr den Troſt, daß das Ungemach auch wieder das Ewige und Heilige in uns Menſchen zu ſeiner wahren Entwicklung treibt — und einen Tempel des Herrn begruͤndet, wo wir 496 zwar trauern und weinen, aber auch uns in Wonne erheben koͤnnen.— So ſollen wir uns der Zukunft der Geliebten getroͤſten, welche mit frommen Herzen ein ſchoͤnes Lebensgluͤck ergreifen. Ihr Inneres und das Haus, das ſie begruͤnden, wird ein Tempel des Herrn ſein, worin ſie weinen und trauern, und in Wonne ſich erheben werden, in der großen Zuverſicht ſeiner ewigen Gemeinſchaft. Waos gleicht aber der Befriedigung eines theilneh⸗ menden Freundes, wenn er nach Jahren zu denen zu⸗ ruͤckkehrt, welche er verließ, als ſie das Leben nach einem wichtigen Abſchnitt neu geſtaltet ergriffen, und er ſie in dem damals nur beginnenden Gluͤck vollſtaͤndig begruͤndet ſieht, und um ſie her eine wuͤrdige Entwick⸗ lung der ihnen zugetheilten Guͤter findet— einen Tem⸗ pel— um das Gleichniß feſtzuhalten, in dem der Geiſt der Liebe weht— in welchen die Gluͤcklichen und die Betruͤbten aus und einziehn und die Aufnahme finden fur ihr Bedurfniß, von dem wir ein gedeihliches Wach⸗ ſen ſeines ſich weiter ausbreitenden Baues erwarten duͤrfen, und in deſſen Umkreis ſich die ſammeln, die von der Liebe herangezogen wurden und die, wenn ſie weiter gehn oder die Heimath ſuchen, wieder ein Haus der Liebe begruͤnden werden, belebt von dem Geiſte des Beiſpiels, das ſie erfuhren. So wollen wir nach vier Jahren im Fruͤhling des Jahres 1763— nachdem der Friede das Ungeheuer des Krieges aus den verwuͤſteten Gauen der Laͤnder verjagt, zu den Lieben zuruͤckkehren, welche wir bis hierher begleitet haben, welche den Verwuͤſtungen des Krieges entgingen und ſeine Leiden und Bedraͤngniſſe von denen abzuhalten ſuchten oder zu lindern kräftig bemuͤht waren, welche als Unterthanen oder Nachbarn irgend in den Bereich ihrer Liebe zu ziehen waren. Es war im Mai. Die Buchenwaͤnde des Gartens von Tein hatten, nachdem ſie die Scheere des Gaͤrtners erfahren, ſich mit jenem Hellgruͤn bedeckt, welches nur ihre zarten mit weißen Frangen beſetzten Blaͤttchen zu miſchen vermoͤgen, und welche nun gleich einer Tapete die rieſigen Waͤnde der Alleen bedeckten. Druͤber lag der Himmel in einer Reinheit und Fuͤlle der Farbe, welche wir nur mit dem Blau des Ultramarins zu be⸗ zeichnen pflegen; und der Fruͤhlingswind, ſo eigen⸗ thuͤmlich, ſo weich und ungeſtuͤm, fehlte auch nicht, und entriß den trumeriſchen Bluͤthen ihre kleinen winter⸗ lichen Muͤtzen und half den Bienen ſchwaͤrmen und luͤftete den Nachtfaltern und bluͤthenaͤhnlichen gelben Schmetterlingen die Fluͤgel. Wer frohen Herzens iſt, wird mit dem Fruͤhling leicht wieder ein ſpielendes Kind und der Ungluͤckliche findet leichter Thraͤnen, wenn er Thomas Thyrnau IUM. 3te Auflage. 32 498 die Mauern verlaͤßt, die ſeinen Schmerz feſthielten, und der anſpruchsloſe Gegenſatz von ihm ſelbſt in der Natur, die im Fruͤhjahr ſo gluͤcklich ſcheint, wirkt wie troͤſtendes Verſtehen, und bewirkt endlich eine ſanfte Zerſtreuung, welche den bitterſten Stachel mit fortnimmt.. Es war um die Mittagszeit und ein reges Leben war faſt auf allen Punkten dieſer alten und ſchoͤnen Be⸗ ſitzung verbreitet. Die Reitbahn mußte von hohen Gaͤſten bewohnt ſein; alle Fenſter waren geoffnet und auf den vorſpringenden Balkonen trat bald hier bald dort eine bemerkenswerthe Geſtalt hervor. Auf der Auffahrt ſtanden viele Diener in glaͤnzenden Livreen; Andere liefen noch hin und herz ein Paar Tragſtuͤhle von Sammt ſchienen noch auf Damen zu warten, welche ſie nach dem Schloſſe fuͤhren ſollten. Auf den Terraſſen vor demſelben nach den Buchenwaͤnden zu, wandelten die Bewohner des Schloſſes in der erquicken⸗ den Luft, wie es ſchien, in Erwartung ihrer Gaͤſte. etzt war Magda dreiundzwanzig Jahr und ihre Schoͤnheit hatte die vollkommenſte Reife erhalten. Ob ſie noch gewachſen war, ob ihre zugenommene Fuͤlle, oder die freiere hohere Haltung ihres ſchonen Kopfes es bewirkte— Jeder glaubte, ſie ſei groͤßer geworden. Ihr Teint hatte noch immer die durchſichtige Klarheit und war nur durch einen friſchen Hauch von feinem Roth belebter, als die Jungfrau fruher zeigte. Noch immer trug ſie ſich reich gekleidet, wie es nun auch ihr Gemahl liebte und der Großvater durch ſinn⸗ volle Geſchenke unterhielt. Ihr offenes Sammtkleid von einem dunklen Purpurroth war an den Raͤndern mit feiner Goldſtickerei verſehen; das weiße Atlaskleid, welches ſich bei dem zuruͤckfallenden Sammt zeigte, umſaͤumte uͤber dem Mieder mit goldener Stickerei die wunderſchoͤne Buͤſte. Das Haar trug ſie auch jetzt, wie es ihre beiden Anbeter, Gatte und Großvater, liebten, mit dem gol⸗ denen Netz; heute hatte ſie auf jeder Seite, faſt hinter dem Ohr, eine dunkelrothe Sammtroſe mit brillantnen Nadeln befeſtigt. Man konnte nicht ſagen, daß der Mode gerade großer Abbruch geſchehen war, und doch glich ſie immer und in allen ihren Koſtuͤmen mehr den ſchoͤnen Portraitbildern eines Tizian oder van Dyck, als gerade den Figuren, welche ſich um Maria Thereſia be⸗ wegten— ſie trug ſelbſt die lang niederhaͤngende Schnur orientaliſcher Perlen, welche kaum einer Tizian⸗ ſchen Schoͤnheit fehlen darf— in den feinen Haͤnden, welche aus den koſtbaren Manſchetten bis zum Knoͤchel vorſahen, hielt ſie den goldenen Faͤcher, und ein kleiner Veilchenſtrauß, den Lach ihr gepfluckt, ſah 32 500 neugierig aus der brillantnen Schleife ihres Bruſtlatzes hervor. Wie anmuthig ſtand dieſem ſchoͤnen Weſen die lachende Heiterkeit, mit der ſie lebhaft ſprechend daher ſchwebte! Drei Herren umgaben ſie— der Großvater in unveraͤnderter gerader Haltung und Kraͤftigkeit, den Mund belebt von dem feinen Laͤcheln ſeiner anmuthigen Neckereien und Scherze, die gebietende Jupiterſtirn mit den weißen Ambroſiſchen Locken, wie Herr von Poͤlten ſagte, auch nicht mit einer Runzel vermehrt. Dieſer anbetende Bewunderer des alten Herrn ging jetzt an Magda's Seite und ausgeſoͤhnt mit ſeinen Freunden und ſeiner Thorheit, entwickelte er den ganzen Schatz anmuthiger Manieren und unſchuldiger Frivoli⸗ taͤten, welche er an dem Hofe eingelernt hatte, der ſeinen tiefen moraliſchen Fall unter den noch immer erhaltenen eleganten Formen und Witzfunken des Hofes Ludwigs des Vierzehnten zu verbergen verſuchte und welche jetzt mit kluger Beruͤckſichtigung des Terrains vor der unbe⸗ fangenen Magda ausgekramt wurden und die zwei an⸗ muthigen Gruͤbchen ihrer Wangen immer gerundet er⸗ hielten und von dem Großvater und Lacy zu den muth⸗ willigſten Neckereien fuͤr die junge Frau benutzt wur⸗ den, welche ſich nach allen Seiten hin zu wehren hatte. Lacy's ganzes Weſen mußte dagegen denen, welche 501 ihn fruͤher gekannt, zu einem uͤberraſchenden Anblick geworden ſein! Er war von jedem Hauche eines ſchwer⸗ muͤthigen traͤumeriſchen Juͤnglings befreit, eine voll⸗ kommen maͤnnlich entwickelte Erſcheinung! Er war ſtaͤrker geworden, die Bruſt gehoben, hatte den ſchoͤnen Kopf hoͤher gerichtet. Der Gang war raſch, elegant und energiſch, ſein Auge hatte die Schaͤrfe des Blicks, den ſonſt nur ſchwarze Augen zu haben pflegen— ſein Kopf eine ſtolze Anmuth, ſich zu wenden— er war im vollſten Sinne ein vornehmer Mann und floͤßte einen tiefen Reſpekt und eine voͤllige Hingebung ein. Auch ſeine Sprache war raſcher, gelegentlich lauter gewor⸗ den; nur gegen Magda hatte er einen ganz andern ſanften Sprachlaut und ein Beugen des ſtolzen Nackens, das unbewußt allein fur ſie hervortrat. Er hatte ſich der ganzen Verwaltung ſeiner Herrſchaft mit Energie ange⸗ nommen, und handhabte ſie jetzt mit ernſter Sicherheit, mit raſcher leichter Umſicht. Den Winter war er daneben in Wien an der Seite Thyrnau's ein ganzer Staatsmann geworden und es haͤtte nur von ihm abgehangen, auch irgend einen Rang dafuͤr von der Kaiſerin zu erhalten— aber er blieb ſei⸗ nen Anſichten treu: ſeine Unterthanen und Boͤhmen behielten den Vorrang. Was er mit dieſer behaupte⸗ ten Freiheit der Kaiſerin nutzen konnte, gab er frei⸗ 502 willig ohne Lohn und beſtimmte Form, nichts deſtowe⸗ niger mit Eifer und treuer Hingebung, und die Kaiſe⸗ rin ließ ſich die ungewoͤhnliche Art gefallen, da ſie vor allen Dingen die Konſequenz im Menſchen liebte und mit allen Verhaͤltniſſen Lacy's wohl bekannt, ſich heim⸗ lich freute, daß er feſt hielt an dem, was ſie ſelbſt ſeine erſte Pflicht nannte. Von dieſen großen entwickelnden Verhaͤltniſſen trug ſein Aeußeres nun vollkommen das Gepraͤge, und der Anhauch von Selbſtgefuͤhl, der nicht uͤberſehen werden konnte, paßte ſich zu der ſchoͤnen maͤnnlichen Wuͤrde, welche ebenſo Kraft und Guͤte wie kindliche Wahrhaftigkeit vereinigte. Waͤhrend dieſes heitern Luſtwandelns bog in den hohen Lindenweg von der Reitbahn her ein Zug von Gaͤſten ein, welche die Bewohner derſelben waren, und ſehr anmuthig ſehen wir die Fuͤrſtin Thereſe in einem der vorerwaͤhnten Tragſtuͤhle den Zug eroͤffnen. Sie war noch etwas ſtaͤrker geworden, aber von eben ſo jugendlicher Friſche, als wir ſie verließen. Der Pater Hieronymus ging an ihrer Seite und ſie wußte ihre heitere Redeweiſe dem Beduͤrfniß des ehrwuͤrdigen Herrn anzupaſſen. Magda hatte endlich den alten Freund des Hauſes beſiegt; er war aus dem Orden der Praͤmonſtratenſer ausgetreten. Jetzt be⸗ 2 wohnte er ein eigens fuͤr ihn erbautes Haͤuschen mitten im Schloßgarten unfern des Siechenhauſes neben einer von Magda errichteten Kapelle, welche durch einen bedeckten Gang mit dem Siechenhauſe in Verbindung ſtand. Er war Magda's Beiſtand bei der neuen Ein⸗ richtung und groͤßeren Ausdehnung deſſelben, er war zugleich Seelſorger und Arzt und hoͤchſt glucklich durch das thaͤtige und nuͤtzliche Beiſammenleben mit den Menſchen, die er am meiſten auf der Welt liebte. Hinter der Fuͤrſtin wurde die alte Graͤfin von Hau⸗ tois getragen, welche auf ihrem Schooß die reizende kleine Maria Thereſia hatte, welche die Lebhaftigkeit ihrer Mutter und die Schoͤnheit beider Eltern geerbt zu haben ſchien. Die alte Graͤfin, welche jedes Unge⸗ mach ertrug, um dies von ihr angebetete Kind im Arm halten zu koͤnnen, mußte es ertragen, daß alle Augen⸗ blicke eine kleine Wolke von Puder aus ihrer Friſur in die Luft flog, da Maria Thereſia ſich mit Egon und Hedwiga neckte, welche zu beiden Seiten der kleinen Schweſter gehend, unter tauſend Scherzen ihr allerlei kleine Liebesdienſte erzeigten, und dadurch das holde Kind bald rechts, bald links in die Hoͤhe fahren ließen. Egon war der ſchlankſte junge Hauptmann der kai⸗ ſerlichen Armee; einen tuͤchtigen Degen nannten ihn ſeine Vorgeſetzten. Er glich auffallend ſeinem Vater, und Alle, die ihn kannten, liebten ihn, denn er war 504 treu und redlich und hatte dabei eine kleine Ader von ironiſcher Beobachtung, einen gluͤcklichen praktiſchen Takt, was ihm erſetzte, daß alle wiſſenſchaftliche Bil⸗ dung ihm ſchwer wurde und daher auch wenig darin erreicht ward. Hedwiga hatte jetzt das achtzehnte Jahr vollendet. Sie war eine Hebe, wie die Begeiſterung des Dichters ſie nur je getraͤumt. Sie hatte daſſelbe holde Kinder⸗ geſicht, die unbeſchreiblichen Augen; aber ſie war nun, vollendet durch das vorgeſchrittene Alter, eine bezau⸗ bernde Jungfrau. Hinter dem Zuge ging der Fuͤrſt, und an ſeinem Arm hing Georg Prey, der Bewohner von Tein im Sommer und des Palaſtes Morani im Winter. Leb⸗ haft unterhielten ſich beide, und doch wurde der alte ehrwuͤrdige Herr zuweilen etwas zerſtreut, denn Hed⸗ wiga war noch immer ſeine beſte Freundin, und als wollte ſie ihn heute an ihre erſte Bekanntſchaft erin⸗ nern, trug ſie eine lange Ranke der zarten blaßgruͤnen Winde mit ihren weißen Florbluten in der Hand und machte oft einen reizenden Seitenſprung, um die klei⸗ nen behaarten Haͤndchen der Ranke an dem pluͤſchenen Staatsrock des alten Herrn ſich anhaͤngen zu laſſen. Er drohte ihr dann und ſie mußte ſich lachend mit ihm zu thun machen, um ihn wieder zu befreien. 505 Dieſem Zuge nun ging der Graf von Lach von der Terraſſe entgegen, und jetzt machte die vereinigte Ge⸗ ſellſchaft auf der Platform ein reizendes Tableau. Doch waren, wie es ſchien, noch nicht alle Gaͤſte bei⸗ ſammen, denn man fuhr fort, in einzelnen Gruppen ſtehend oder gehend ſich die Zeit zu vertreiben. Dabei richteten ſich oft die Blicke nach den Gittern der großen Allee, hinter welchen die Landſtraße zu ſehen war. Endlich eilte Lacy, welcher eben ſcharf ausgeſehn hatte, zu Magda— verbeugte ſich tief und zeigte nach dem Eingang der Allee. Alle eilten gegen den Rand der Terraſſe— die Gitter waren geoͤffnet und es lenkte ein ſtattlicher Zug von Reitern in den Lindenweg ein. Das lebhafteſte Vergnuͤgen zeigte ſich auf allen Geſichtern; Magda wehte mit ihrem weißen Taſchentuche und der Herr, der an der Spitze ritt, ward dadurch ſehr lebhaft, gab ein Kommando⸗Wort ab und Alle ſetzten ſich in einen ſtolz courbettirenden Galopp und hatten bald den Fuß der Terraſſe erreicht, an der ſie von den Herren empfan⸗ gen wurden. Als ſie hielten und die berittenen Diener die Pferde wegfuͤhrten, welche die Ankommenden ſchnell verlaſſen hatten, ſtieg zuerſt an Thyrnau's Seite die Stufen hinan— Seine Excellenz der Graf von Po⸗ diebrad, dereinſtiger Gouverneur des unuͤberwindlichen 506 Karlſtein. Ihm folgte der Freiherr von Galbes an Lacy's Seite— und aus Egon's, des treuen Kriegs⸗ kameraden, herzlicher Umarmung erhob ſich Georg von Trautſohn mit leuchtenden Augen, und beide waren in zwei Spruͤngen den Uebrigen nach. Noch immer ſtand Magda unter der Anrede gefan⸗ gen, in welcher der Graf von Podiebrad die geſammten Begebenheiten ſeit der Entfuͤhrung derſelben vom Karl⸗ ſtein, zu begreifen bemuͤht war; da er ſich aber inner⸗ lich ſtark auf dieſen Beſuch gefreut hatte, und wirklich geruͤhrt war uͤber die herzliche Aufnahme Aller, geſchah es ihm, daß ſeine eignen Worte ſeine Ruͤhrung ſo ver⸗ vollſtaͤndigten, daß ihm plotzlich die Rede abſchnappte — und er ſich verbeugen mußte, um dies ihn beſchaͤ⸗ mende Ereigniß der Aufmerkſamkeit zu entziehn. „Ach,“ ſagte nun Magda und faßte ihn treuherzig bei der zuckenden Hand—„wie habe ich mir das ge⸗ wuͤnſcht, was ich endlich heute erlebe, alle die lieben Freunde einmal wieder beiſammen zu ſehn! Wenn Ihr, Graf Podiebrad, nicht nachgegeben hättet und unſere Einladung zuruͤckgewieſen, haͤtte uns viel aus unſerer wichtigſten Lebensepoche gefehlt— und das ſage ich auch Euch, Freiherr von Galbes, und Dir, mein lieber Spielkamerad, mein lieber Freund Traut⸗ ſohn!“ 507 Dieſer blieb faſt zu lange auf Magda's Hand ruhen — als er aufſah, war er gluͤhend roth— dicke Thraͤ⸗ nen ſtanden in ſeinen Augen und er rief ganz in ihrem Anſchaun verloren:„Dachte ich doch nicht, daß Du noch ſchoͤner haͤtteſt werden koͤnnen!— Großer Gott! Du haſt mir immer vor Augen geſtanden, wie ein himmliſcher Engel, aber nun ſiehſt Du wie eine Him⸗ melskoͤnigin aus!“ „Auch Du,“ ſagte Magda lachend—„biſt ein ganzer Mann geworden, und noch gewachſen, und ſo breit in den Schultern; aber Dein liebes Geſicht iſt noch ganz das alte geblieben, und damit thuſt Du mir einen rechten Gefallen, denn ſo hatte ich Dich lieb, und iſt nun nichts Fremdes zwiſchen uns gekommen!“ „Ja,“ antwortete Trautſohn—„das magſt Du ſagen— aber Du vergißt, daß Du Dich indeſſen ver⸗ heirathet haſt, da ſoll es mir denn wol nicht leicht wer⸗ den, zu denken, es ſei nichts zwiſchen uns gekommen.“ „Aber mit wem?“ fragte Magda naiv—„mit Lacy!“ „Nun,“ ſagte Trautſohn—„er iſt mir grade ge⸗ nug! Aber ſieh, liebe Magda,— wenn Du noch erlaubſt, daß ich ſo ſagen darf— ich habe es mal bei einer ruͤhrenden Veranlaſſung, die ich nicht in Deinen Gedanken hervorrufen will, der Kaiſerin zugeſchworen, 1 508 wie es auch kommen moͤchte: Das Gluͤck, Dich zu kennen, ſollte nie zu einem Ungluͤck fuͤr mich umſchla⸗ gen— und das habe ich bewieſen, ſeit ich erfuhr, Du habeſt Lacy lieber gehabt als den armen Trautſohn.“ „Bravo!“ rief Lacy und umfaßte ihn herzlich— „das nenne ich Magda's Werth gerecht werden! Sie nur zu kennen iſt ſchon ein Gluͤck, welches uns uͤber manche andere truͤbe Erfahrung hinweg hilft.“ „Ja,“ ſagte Trautſohn, indem er Lacy's Umar⸗ mung erwiderte,„Dir wird dieſe Verſicherung freilich nicht ſchwer werden.“ „Auch Dir nicht,“ rief Lacy lachend—„und ich habe gar nichts dagegen, daß Du ihr Bild in Deinem Heil'genſchrein aufſtellſt.“ Die Tafel ward nun angekuͤndigt und Magda ver⸗ ſicherte ſich des Armes vom Grafen Podiebrad, waͤhrend Lacy die Fuͤrſtin fuͤhrte— und als ſie nun Alle wohl⸗ geordnet um die Tafel in dem ſchoͤnen Kuppelſaale ſaßen, da mochte wol nicht leicht eine frohere Geſell⸗ ſchaft zu denken ſein, von Menſchen, welche mehr und wichtigere und heiterere Beziehungen zu einander haben konnten. Die Unterhaltung war dem gemaͤß und als der Graf von Podiebrad in froͤhlicher Zerſtreuung einige Flaſchen Rheinwein geleert, brachte er mehrere Geſund⸗ heiten aus— auch die auf Karl den Vierten, den Er⸗ 509 bauer des Karlſteins— worin ihn Niemand ſtoͤrte, weil Alle das ſprachen und ſagten, wovon ihnen das Herz voll war. Am Abend, als man etwas ruhiger zu werden be⸗ gann, nahmen Magda und die Prinzeſſin den unge⸗ woͤhnlich geſpraͤchigen Podiebrad in ihre Mitte und baten ihn, ſeinen beſten Freunden eine genaue Darſtellung ſeines jetzigen Lebens zu machen. „Meine edlen Freundinnen,“ ſagte er darauf nach einiger Sammlung—„Podiebrad's Haare ſind nicht umſonſt indeſſen gebleicht! Er hat harte Erfahrungen gemacht. Nicht wohlberathen muß ich die edle Nach⸗ folgerin Karl's des Vierten, unſere erhabene Kaiſerin, nennen, denn ſie hat einen Edelſtein ihrer Krone aus der Faſſung gebrochen und ihn als ein werthloſes Spielzeug kindiſchen Haͤnden zugeworfen. Die hohe Bedeutung des Karlſteins verkennend, hat ſie— ich bitte um Vergebung, wenn die Lippe ſich weigert, her— uͤber zu laſſen, was einen ſchmerzlichen Mißgriff in dem Hauſe Oeſtreich bezeichnet— doch es ſei— auch Po⸗ diebrad muß lernen, das Unwahrſcheinlichſte auszuſpre⸗ chen: der Karlſtein ward als Feſte ſeines Ranges ent⸗ ſetzt— die Beſatzung aufgeloͤſt und die Revenuͤen der ihm zugehoͤrenden Ländereien liefern jetzt den kleinen Damen des Fraͤuleinſtiftes zu Prag ihre Stecknadeln 510 und Handſchuhe!“— Der Graf von Podiebrad hielt hier mit einem ſtarken Verſchnaufen inne und ließ ſeine inhaltsſchweren Worte erſt ihre Wirkung thun, ehe er fortfuhr:„Von dieſem Ereigniß tief getroffen, habe ich zuerſt in unterthaͤnigem Widerſpruch meine Pflicht gethan, und als dies ohne Erfolg blieb, wenn auch durch gnaͤdige Entgegnung und gerechte Anerkennung meiner Geſinnungen in etwas erleichtert, habe ich die Getreuen der Beſatzung als mein Eigen erklaͤrt und bin mit ihnen Allen nach meiner großen Herrſchaft Podie⸗ brad in Boͤhmen gezogen. Freilich blieb mir nur noch der Freiherr von Galbes und der Marcheſe Pacheco, da der Graf von Thurn und der Graf ECaſtiglione von Paſterau im Felde ehrenvoll geblieben ſind. Dagegen folgten mir zwanzig Untergebene, theils bejahrte Maͤn⸗ ner, welche nicht wuͤnſchen konnten, nachdem ſie als Waͤchter des Karlſteins den ehrenvollſten Dienſt des Landes verſehn und dadurch ſich in einem hoͤhern Range fuͤhlten, in der Armee einzutreten.“ „Es befand ſich Raum fuͤr alle dieſe auf meiner großen Herrſchaft,“ fuhr er mit gehobenem Stolze fort, ohne ſeine edle Handlung verdecken zu koͤnnen— „ich ſtiftete ein Invalidenhaus, worin ſie ein ſo anſtaͤn⸗ diges Unterkommen fanden, wie es den Dienern des Karlſteins geziemt; ſetzte Frau Grimſchuͤtz als Schaff⸗ 5 4 511 nerin an die Spitze des Haushalts und habe dieſer An⸗ ſtalt, welche ich mit einiger Annehmlichkeit einzurichten trachtete, den Namen des großen Kaiſers beizulegen mich erdreiſtet, unter deſſen Banner wir uns bisher allein zu befinden ſchienen— es heißt: Das Haus Karls des Vierten.“ „Mein Schloß nahm meine beiden Hauptleute auf, und es konnte nicht ſchwer werden, daß wir bei den Mitteln, die mir zu Gebote ſtehn, in vollkom⸗ mener Freiheit unſere veraͤnderte Lebensordnung nach dem Muſter jener edlen Disciplin, welche unſer er— habener Stifter Karl der Vierte uns hinterlaſſen, fortzufuͤhren im Stande waren. Wir ſind Alle be⸗ ritten, unſere Uniformen wohl erhalten, und wir hoffen noch immer der Schutz und die Huͤlfe der ganzen Gegend zu ſein.“ Er endigte dieſen Vortrag, indem er ſich tief vor den Damen verneigte, als wolle er ihnen ſeine Bereit⸗ willigkeit anzeigen, auch uͤber ſie ſeinen Schutz auszu⸗ dehnen, und Magda verneigte ſich dagegen von ihrem Sitz aus mit vielem Ernſt und großer Achtung, was ſogleich das Laͤcheln der Fuͤrſtin erſtickte.„Gott weiß,“ ſagte Magda dann faſt geruͤhrt—„wenn Ihr auch die Dinge anders angreift, als gewoͤhnlich iſt, Ihr ſeid ein ſolcher Ehrenmann, daß das Rechte doch durch⸗ ————— kommt, wenn es auch aͤußerlich anders ausſieht, als der Rock, den die Zeit traͤgt.“ Podiebrad verſtand zwar nicht ganz, was Magda faſt laut denkend ausgeſprochen hatte, aber er war ſich bewußt, es muͤſſe zu ſeinem Lobe ſein, und nahm es alſo mit dankbarem Bezeigen von ihr an, indem er zu⸗ gleich den Marcheſe Pacheco entſchuldigte, welcher in ſeiner Abweſenheit jederzeit als Schloßhauptmann das Kommando fuͤhre, da ſeine Geſundheit ihm uͤberdies keine Freuden der Geſelligkeit mehr geſtatte. Dies Geſpraͤch ward von Hedwiga unterbrochen, welche mit gluͤhenden Wangen daher geflogen kam: „Ich bitte Dich, Magda, komm! Mama, komm, komm! Sieh nur, was die Allee herauf köͤmmt— ſo etwas haſt Du noch nie geſehn— es iſt ein Geſchenk fur Dich, Magda, von dem lieben Trautſohn.“ Trautſohn folgte ihr ſchon und die Herren kamen, wie es ſchien, in ſehr guter Laune, um die Damen ab⸗ zuholen; Trautſohn aber fuͤhrte Magda voran und ſagte unterwegs:„Magda, ich ſehe wol, daß Du ſehr gluͤcklich biſt und ich liebe Dich ſo ſehr, daß mich das mit Dir ganz froh und leicht ums Herz macht, obwol ich immer denken muß, ich haͤtte es auch fertig gekriegt, Dich gluͤcklich zu machen, denn ich habe nun meine große Herrſchaft in Mäͤhren uͤbernommen, und ich —— . 513 kann ſagen, wenn man da geliebt worden waͤre, wie ich Dich geliebt haͤtte, waͤre das Gluͤck wol ſchwerlich aus⸗ geblieben— denn— tauſeud! es iſt ſchoͤn und echt furſt⸗ lich, wie fuͤr Dich gemacht!“ „Ach,“ ſagte Magda—„Du mußt nun endlich davon aufhoͤren und einſehn, daß, weil es einmal ganz unpaſſend war, es beſſer iſt, daß es unterblieb. Erſtlich iſt es gewiß, daß es gar kein Spaß in der Ehe ſein muß, wenn der eine Theil alle Liebe beſorgen ſoll— und ich haͤtte Dich nicht mehr und nicht ſtaͤrker lieben koͤnnen wie jetzt— das heißt, wie meinen Bruder oder faſt wie meinen Sohn!“ „Oho!“ unterbrach ſie Trautſohn—„das waͤre freilich kurios geweſen!“ 8 „Und dann weiter! Denke Dir den Unſinn mit der Standeserhoͤhung— ich hätte ſollen meinen lieben Elternnamen hergeben, daß ſie mir was dran gehangen haͤtten, wovon der Ehrenmann, mein Vater, nichts ge⸗ wußt. Sieh! das haͤtte mir das Herz gebrochen, und waͤr' ich nie dahin zu bringen geweſen, denn aus Dei⸗ nem Fuͤrſten machte ich mir uberdies nichts.“ d „Ja“— ſagte Trautſohn—„ich habe das auch immer gefuͤrchtet und ſagte der Kaiſerin oft: Wenn Magda nur wollen wird! Aber da ich doch einmal ſo ungluͤcklich war, all das Ahnenzeug noͤthig zu haben, Thomas Thyrnau. UI. 3te Aufl. 33 514 was war da zu thun? und dann— geſtehe nur— wenn ich Lacy geweſen waͤre——“ Magda warf unwillkuͤrlich den Kopf hintenuͤber— aber ſie erſchrak faſt vor der verraͤtheriſchen Bewegung und ſchwieg; doch Trautſohn hatte ſie wohl verſtanden und ſagte ſogleich:„Siehſt Du! wenn man liebt, kommt einem auch das Ungewoͤhnliche moͤglich vor— darum ſei nicht ſo hartherzig gegen mich!“ „Nein, guter Trautſohn,“ ſagte Magda innig— „nur ſollſt Du endlich an was Anderes als an mich denken lernen— denn Du mußt heirathen— auf Dei⸗ ner großen Herrſchaft in Maͤhren kannſt Du nicht allein leben— Du haſt mir das ſo oft geſagt.“ „Freilich,“ ſagte Trautſohn—„meinte ich Dich immer nur, wenn ich das ſagte. Aber Recht haſt Du — wenn ich all' die Pracht und Herrlichkeit auf meiner Herrſchaft anſah, da konnte ich mich ſchon jetzt oft recht nach einer Frau ſehnen, die ein bischen Leben hinein braͤchte!— Wenn ich nur eine faͤnde, die Dir ein bischen aͤhnlich ſaͤhe!“ „Ich will Dir ſuchen helfen,“ ſagte Magda zutrau⸗ lich— und unwillkuͤrlich ſah ſie ſich um, denn ſie hoͤrte Hedwiga, die mit Thyrnau hinter ihr ging, einen Schrei der Freude ausſtoßen. Sie waren naͤmlich aus dem Schloſſe getreten und ſich dem Rande der Terraſſe 515 naͤhernd, ſahen ſie einen ſeltſamen Zug den Weg daher kommen. Sechs ſtarke Ochſen waren vor einen Wagen ge⸗ ſpannt, der eine Art fahrendes Haus zu ſein ſchien; naͤher kommend erkannte man eine kleine Huͤtte mit einem Moosdach— dann zeigte ſich, daß die Waͤnde Gitter waren, um die man junges Laub gewunden hatte.— Der Anblick wurde immer reizender— Magda wurde immer neugieriger— ſie zog Trautſohn die Stufen hinunter dem Zuge entgegen und Alle folgten. „Ach“— ſagte Trautſohn und ſchauderte ordent⸗ lich vor Luſt zuſammen— wenn es Dir doch nur Freude machte!“ Als ſie ganz nahe waren— nahm er einem Diener ein Kiſſen ab und reichte es Magda— darauf lag eine Taſche mit gepfluͤcktem Brot und eine kleine ſilberne Pfeife! Magda ſtieß einen Freuden⸗ ſchrei aus, griff nach Beidem und ſetzte augenblicklich die Pfeife an den Mund. Da fuhren bei dem hellen Ton die gruͤnen Gitter auseinander und auf dem weich⸗ ſten gruͤnen Mooſe lag eine ſchone weiße Hirſchkuh und um ſie her drei kleine Zicklein, worunter ein ſchwarzes Boͤcklein war! „Ach! ach! meine Hirſchkuh— meine Zicklein rief Magda ganz außer ſich vor Freude.—„O Laey!“ 33* 17 rief ſie dann, als koͤnnte ſie die Freude nicht allein tra⸗ gen und ſchon ſtand der Gluͤckliche, der ihr erſter Ge⸗ danke war, an ihrer Seite und ſie ſank weinend an ſeine Bruſt, denn was regte dieſer Anblick nicht fur Erinne⸗ rungen in ihr auf! Aber nicht lange vergaß ſie den liebevollen Urheber dieſer Gefuͤhle.„Rufe ihn,“ ſagte ſie zaͤrtlich zu Lacy, und dieſer ſtreckte dem bewegt Harrenden die Hand ent⸗ gegen und er kniete jetzt vor Magda hin und dieſe bog ſich uͤber ihn und legte beide Hände auf ſeine Schultern und ließ ihn ihre Freudenthraͤnen ſehn und blickte ihn ſo innig an und kußte dann feierlich ſeine Stirn und ſagte: „Trautſohn, Du biſt gewiß der beſte gute Menſch, den ich kenne— und Du mufßt noch ſehr gluͤcklich werden— und das Madchen, was Deine Frau wird, muß dem Himmel danken!“ „O Magda,“ ſagte Trautſohn und verbarg noch immer knieend ſein geruͤhrtes Geſicht in ihren Haͤnden. „Und damit ſei die Ruͤhrung nun abgethan,“ rief jetzt der Großvater, und Alle bekamen wieder Leben von der heitern Stimme. Sie wandten ſich nun der kleinen Huͤtte zu und Freude— Gelaͤchter— Erſtaunen— Fragen— Alles wechſelte bunt durch einander. Ganz ſo wie ſonſt blieb die ſchoͤne Hirſchkuh ruhig liegen, waͤhrend das ſchwarze Boͤcklein, wie es in der 517 Natur wol liegen mußte, ſchnuppernd an den Eingang geſprungen kam, bereit, den Satz heraus zu wagen, da es, wie es ſchien, ſehr wohl den Brotbeutel kannte, den Magda in Haͤnden hielt. „Sie ſind hungrig,“ ſagte Trautſohn—„Du ſollſt den Spaß haben, ſie zu fuͤttern.“ Da trat Magda naͤher und warf die Flocken Brot hinein und es begann ſogleich ein munteres Leben, die Zicklein warfen ſich druͤber, das Bocklein vor Allen, waͤhrend die Hirſchkuh in vornehmer Ruhe von ihrem Platze zuſah. Jetzt trat Magda der alten Hirſchkuh naͤher und ſchuttete ihr von dem Brote vor, aber im ſelben Augenblick ward ihr der Beutel aus der Hand geriſſen, das ſchwarze Boͤcklein hatte ihn auf ſeine Hoͤrner genommen und jagte damit in den fernſten Winkel. Das große Gelaͤchter, in welches Podiebrad ſelbſt, ſich ganz vergeſſend, ſchallend einſtimmte, konnte ſich kaum legen.„Aber,“ ſagte Magda, die Hand an die Stirn legend—„wie iſt mir denn, guter Trautſohn— geſteh' es nur— Du fuͤhrſt mich doch eigentlich an— das ſind ja lange Jahre her, daß meine Zicklein klein waren und mein Boͤcklein unartig? Ich muß glauben, das ſind große Geſellen geworden und waren ſchon da⸗ mals nicht mehr ſo niedlich wie dieſe hier!“ Trautſohn lachte.„Ja,“ ſagte er—„ſo viel 518 Wiſſenſchaft von der Jägerei mußte ich Dir freilich zu⸗ trauen! Aber Du weißt, daß Jagdgeſchichten immer einen ganz unerklaͤrlichen wunderbaren Zuſammenhang haben, der an den Glauben der Menſchen ungewoͤhn⸗ liche Auſpruͤche macht. So laß es denn bei dieſem Vor⸗ recht bewenden— ich verlange nun einmal, Du ſollſt glauben, das iſt Deine Hirſchkuh uud das Deine Zicklein vom Karlſtein und damit mache ich keinen groͤßeren An⸗ ſpruch an Wahrhaftigkeit, als die meiſten Jagdgeſchich⸗ ten es thun— und nun frage ich Dich uͤberdies, ob Du mir an all' den lieben Thieren eine fremde Stelle nachweiſen kannſt?“ „Ach nein! ach nein!“ rief Magda—„Es ſind meine lieben Gefaͤhrten— ich will mir die Jahre rein aus dem Kopf ſchlagen, an nichts Glauben behalten, als daß Du das Beſte getroffen haſt, um mir eine rechte Freude zu machen!“ Am andern Morgen, als die ganze Geſellſchaft das gemeinſchaftliche Fruͤhſtuͤck im Freien eingenommen hatte, berieth Lacy mit Magda die große Frage, wohin die reizende Huͤtte mit der Familie Hirſchkuh gefahren werden ſollte, und endlich entſchieden ſich Beide fuͤr eins der lieblichen Blaͤttereloſetts am See, dem Marmorfitz Magda's gegenuͤber. Alle brachen nun nach der Allee auf, wo die kleine Familie die Nacht verblieben war, —— 519 und hier zeigte ſich, daß Hedwiga und Trautſohn Beide in die Huͤtte hinein gekrochen waren und in ihrem Eifer und in ihrem Lachen mit den munteren Fleinen gar nicht bemerkt hatten, daß ſie dicht neben einander ſaßen und die Zicklein auf ihrem Schooße fuͤtterten. Als die Geſellſchaft ploͤtzlich vor der Hoͤtte ſtand, flog Hedwiga mit einem Satze aus ihrem Verſteck auf und hinaus, und die Fuͤrſtin, die ihre Verlegenheit mitleidig ſah, klopfte ihr das Moos aus dem Kleide und brachte ſie damit wieder in's Gleis, wonach ſich der Transport in Bewegung ſetzte und Alle die kleine Familie bis zu ihrer neuen Anſiedlung begleiteten. An dieſem Tage begab man ſich zu Mittag nach dem Dohlenneſte, wo heute Thomas Thyrnau die Gaͤſte bewirthete. Zu Pferde und in Tragſtuͤhlen machte ſich die heitere Geſellſchaft auf den Weg— durch den Laub⸗ wald, deſſen erſtes ſanftes Grun noch die maͤchtigen Staͤmme unverhullt zeigte und den gruͤnen Raſen durch⸗ ſchimmern ließ, welcher neu belebt die murmelnden Baͤche uͤber bemooſte Steine ſchluͤpfen ließ. Magda ritt an Lacy's Seite einige Schritt den Andern voraus, und nie zog ſie des Weges, ohne der Zeit ihrer Schmerzen zu gedenken mit Dank gegen Gott, der Alles hinter ſie gebracht. „Sieh,“ ſagte Lach, das Geſpraͤch fortſetzend— 520 „der Zug geliebter Menſchen hinter uns iſt wie der Ueberblick unſers ganzen vergangenen Lebens! An einem jeden Einzelnen haftet ein wichtiger Abſchnitt deſſelben; ſie haben es begleitet, getheilt und eines Jeden Einfluß darauf wollen wir uns um ſo weniger leugnen, da er uͤberall uns ihren Werth herausſtellt und meinen alten Glauben zu Ehren bringt, daß die meiſten Menſchen weit geneigter ſind, ſich wohl als weh zu thun— daß die Verwicklungen, die uns treffen, wohl zergliedert, viel oͤfter Zeugniß von kleinen, als von großen Verge⸗ hungen ablegen— daß wir uns daher nicht damit bruͤ⸗ ſten ſollen, kein Boͤſewicht zu ſein, keinem boͤſen Wil⸗ len gefolgt zu ſein— da das ungeſtrafte Durchſchluͤpfen kleiner Thorheiten, Fehler und Leidenſchaften in der Fortſetzung ganz dieſelben nachtheiligen Wirkungen auf unſer und anderer Leben ausuben koͤnnen, die wir irr⸗ thuͤmlich dann mit dem poſitiv gewollten Boͤſen zu be⸗ zeichnen pflegen.“ Thomas Thyrnau hatte die praͤchtige Tafel vor dem Dohlenneſt unter dem jungen Schatten der Linden, auf dem weichen Mooſe des Waldgrundes decken laſſen und empfing ſeine Gaͤſte mit der bezaubernden Heiterkeit, die gleich in Jedem die Freiheit erweckt, das Beſte, was in ihm lebendig werden kann, hervortreten zu laſſen. 52¹ Veit ſtand ſchon, vortrefflich geſchmuͤckt, vor der Tafel, welche das Kunſtwerk ſeiner Anordnungen war, wenn auch dem alternden Diener jetzt unter dem Titel eines Hausmeiſters der aktive Dienſt genommen und in juͤngere Haͤnde gelegt worden war. Eben ſo waren im Innern des Dohlenneſtes um Gundula ruͤſtigere Haͤnde in Thätigkeit, waͤhrend ſie ſauber geputzt am Heerde ſaß und durch die Stimme mehr als durch die Haͤnde die vortreffliche Ordnung erhielt. So wie Magda ankam, ſtieß Bezo ein lautes Doh⸗ lengeſchrei aus, und dieſe unterließ es nicht, durch das ganze alte Haus zu ſchluͤpfen und durch ihre unveraͤn⸗ derte Art unter Lachen, Scherzen und Schelten Alles in Freude und Zufriedenheit zu verſetzen. Doch betrat Magda ihr kleines Thurmgemach ſtets mit ernſter, faſt andaͤchtiger Ruͤhrung, indem ſie der verhaͤngnißvollen Nacht gedachte, wo ſie ſich von Lacy durch Polten ver⸗ rathen glaubte, alsdann auf ihrem kleinen Pferdchen zu der entſcheidenden Verhandlung nach Tein ritt, von der ſie nicht wieder kam, und woran ſich die Jahre ſchloſ⸗ ſen, die ſo reich an Begebenheiten wurden. Die Geſellſchaft konnte ſich erſt ſpaͤt von dem in⸗ tereſſanten Aufenthalt und dem liebenswuͤrdigen Wirth trennen, welcher nicht muͤde wurde, den Abſchied ſeiner Gaͤſte zu verzoͤgern und dem es wirklich gelang, Alle bis zur ſpäten Abendſtunde zu feſſeln, wo dann der Mond ihnen den Ruͤckweg beleuchtete. Als Magda wie gewoͤhnlich zu Pferde den Zug an⸗ fuͤhrend langſamen Schrittes dahin ritt, faßte ploͤtzlich Trautſohn, ſein Pferd an ihre Seite lenkend, ihr in die Zuͤgel, und als Magda ſie ihm uͤberließ, lachten ſich Beide an, und Beide dachten daſſelbe und Trautſohn ſagte:„Weißt Du wol, wie wir von Karlick zuruͤck⸗ kehrten?“ „Ja,“ ſagte Magda—„ſo wie Du mir die Zuͤgel wegnahmeſt, dachte ich daran!“ „Wollte Gott,“ ſagte Trautſohn—„ich haͤtte da⸗ mals ſchon foͤrmlich um Dich angehalten, oder ich haͤtte Dich entfuͤhrt, damals waͤr' es eher gegluͤckt! Nun habe ich das Nachſehn— und je laͤnger ich hier bin, je trauriger wird mir das— je mehr ich das Gluͤck ſehe, was ſo eine Ehe hat, wie Du und Lacy— und der Fuͤrſt und die Muhme Thereſe— da kann ich mich dann recht nach ſolch einem gluckſeligen Eheſtande ſeh⸗ nen, wo ich auch meinerſeits zeigen koͤnnte, daß Traut⸗ ſohn es ſchon verſtehn wird, ſeine Frau gluͤcklich zu machen.“ „Nun,“ ſagte Magda lachend—„mit ſolchen Vorſaͤtzen zweifle ich gar nicht, daß Du bald zum Ziele kommen wirſt, und ich muß Dir ſagen, halte ich einen jungen Mann zum Heirathen paſſend, ſo biſt Du es— denn— wenn ich Lacy nicht von Jugend auf geliebt haͤtte, ſo daß gar kein Platz mehr in meinem Herzen fuͤr was anderes war, ſo haͤtte ich mir gewiß recht gut denken koͤnnen, daß ich Dich lieben gelernt haͤtte, weil Du ſolch gutes redliches Herz haſt und im täglichen umgange ſo angenehme Manieren und Einfaͤlle, die recht dazu gemacht ſind, ein weibliches Herz zu gewin⸗ nen und auf die Dauer zu begluͤcken.“ „Nun,“ rief Trautſohn, und ließ ihren Zuͤgel fah⸗ ren, um die Haͤnde jauchzend in die Luft zu ſchlagen— „auf dies Zeugniß von Dir will ich werben gehn— und wenn ich da keine Frau bekomme, dann bekomme ich uͤberhaupt keine!“ „Aber ſage mir, liebe Magda,“ fuhr er vertraulich fort und nahm wieder ihren Zuͤgel—„weißt Du keine Frau fuͤr mich?“ „Ach,“ ſagte Magda lachend, denn ſie hatte den Tag uͤber ihre eignen Gedanken gehabt—%ſuche Du Dir allein eine Frau— es giebt ſchoͤne und gute Maͤd⸗ chen noch genug im Lande! Komm zu uns den Win⸗ ter nach Wien. Da wird es groß hergehn und ſchoͤne Maͤdchen werden genug zu ſehen ſein.“ „Das iſt Alles gut!“ ſagte Trautſohn—„aber erſtlich denke Dir, daß der Winter noch lange hin iſt 524 und ich ungern den ganzen Sommer ſo nuͤchtern auf meiner großen Herrſchaft lebte und dann— habe ich immer eins im Sinne— ſie muͤßte etwas zu Dir ge⸗ hoͤren, Dir etwas aͤhnlich ſehen, oder doch ein menig Deine Manieren haben— oder Dich recht gut kennen und lieb haben und mit Dir vielleicht verwandt ſein.“ Magda bog ſich vor Lachen auf den Sattelknopf nieder, dann ſagte ſie:„Ja da kann ich Dir ſchwer helfen, denn erſtlich habe ich keine Schweſtern— zwei⸗ tens— gaͤbe es in dem guten Florenz noch Matielli's, was nuͤtzte Dir das? die waͤren wieder nicht ebenbuͤrtig!“ Trautſohn ſchwieg und ritt ein Weilchen ſtumm dahin— dann fing er wieder an:„Deine kleine Muhme, die Hedwiga, die hat auch rechte Freude an der Hirſchkuh und den Zicklein! Hoͤr', als ſie heute morgen die kleinen Dinger fuͤtterte und ſo lachte und ſich ſo freute wie ein Engel, da mußte ich immer an Dich denken— wahrhaftig! ſie hat was in der Art, das erinnert an Dich— auch ſieht ſie Dir unbeſtritten ſo aͤhnlich, daß man Euch fuͤr Schweſtern halten koͤnnte.“ Magda brach in ein lautes Gelaͤchter aus, worein Trautſohn aus einem unbeſtimmten Gefuͤhl von Ver⸗ gnuͤgen herzlich einſtimmte.„Nun,“ rief Magda, ſich endlich erholend—„was Tolleres habe ich im Leben nicht gehort! ich ſoll Hedwiga ähneln— dieſer blonden 525 Nymphe, deren goldene Locken, blaue Augen und roſige Wangen ſie zum vollſtaͤndigen Gegenſatz von mir machen?“ „Nun,“ ſagte Trautſohn—„ich ſage ja nicht, ſie iſt Dir Strich um Strich ganz gleich— aber wer Dich ſo kennt und liebt wie ich, der findet die Aehnlichkeit mit Dir heraus, das kannſt Du glauben!“ „Schelm!“ ſagte Magda und lenkte ihr Pferd ſchnell dicht vor ihn hin.—„Ich ſoll Dir das ſagen, was Du gern hoͤren willſt— darum umkreiſeſt Du mich jetzt mit Deinen tollen Reden von Hedwiga's Aehnlichkeit mit mir. Nun, ich will Dir den Gefallen thun, denn ich hatte mir laͤngſt vorgeſtellt, daß es ſo werden wuͤrde. Wenn Du denn eine Frau haben willſt, die mir aͤhnlich ſieht, und Dir Hedwiga den Gefallen thut— was haͤlt Dich ab, um ſie zu werben!“ „Ach, Magda!“ ſagte Trautſohn—„vor Dir gilt kein hinter dem Berge halten! Ja, Du haſt Recht! Das Maͤdchen gefaͤllt mir erſtaunlich gut, und ich denke, wenn ſie mich ein wenig lieb gewinnen koͤnnte, das ſollte die Rechte ſein, und wir wuͤrden das dritte gluckliche Ehepaar ſein und waͤren dann Alle durch ein⸗ ander verwandt und der Großvater ſaͤße dann ſo recht in der Mitte drin und wir gehoͤrten Alle zu ihm und kaͤmen recht oft zuſammen, ſo wie jetzt.“ 526 „Nun,“ ſagte Magda,„der Plan iſt ſo uͤbel nicht. Auch will ich Dir bei Allen das Wort reden— uͤbereile Dich nur nicht zu ſehr! Du haſt noch ein paar Wo⸗ chen Zeit, denn ſo lange bleiben wir beiſammen: ſelbſt Podiebrad hat es mir heute in die Hand gelobt. Poͤl⸗ ten bleibt den ganzen Sommer, alſo, ſiehſt Du, iſt die Geſellſchaft groß genug, damit Du Dich unbemerkt um Hedwiga bemuͤhen kannſt.“ Wie viel Zeit ſich nun Trautſohn in Folge dieſer Ermahnungen nahm, iſt nicht wol nachzuweiſen. Es war gerade nicht ſeine Art, mit dem, was in ihm vor⸗ ging, ſebr verborgen zu thun, und ſo war bald der groͤßte Theil der Geſellſchaft Mitwiſſer ſeiner Abſichten. Da aber eben ſo die wichtigſten Perſonen ſeine Bewer⸗ bungen gern ſahen, da uͤberdies Hedwiga eine wahre Leidenſchaft fur die Hirſchkuh und die Zicklein faßte und immer haſtig und zerſtreut war, bis ſich Trautſohn an ihrer Seite befand, ſo laͤchelten die Andern, und The⸗ reſe und Magda machten ihre Plaͤne fuͤr die Zukunft und theilten ſich in den Beſitz der geliebten jungen Leute. Wir wollen uns nun von dieſem Kreiſe trennen. Nachdem wir das Schickſal der betheiligten Perſonen durch die groͤßten und einflußreichſten Begebenheiten ihres Lebens verfolgt haben, wollen wir uns freuen, daß wir ſie in einen Hafen der Ruhe eingefuͤhrt, und— indem 527 wir uns ihrer äußeren Verhaͤltniſſe getroſten durfen, doch als den ſichern Buͤrgen ihres Beſtehens ihre geiſtige Entwicklung feſthalten, welche allein den Widerſtand gegen das aͤußere Leben enthaͤlt und womit wir es zuletzt beherrſchen. Es ſind nur noch einzelne Punkte leicht hinweiſend zu beruͤhren, die ſogar ͤberfluͤſſig ſcheinen koͤnnten— wenn man nicht gern von alten Freunden erzaͤhlen hoͤrte. Trautſohn ſtellte wirklich im naͤchſten Winter der Kaiſerin Hedwiga, die erlauchte Graͤfin von Thyrnau — als Furſtin Trautſohn vor und mit dem Fuͤrſten und der Fuͤrſtin von S. nahmen Alle den groͤßten Theil des Winters in dem Palaſt Morani Platz. Die Fuͤrſtin Thereſe ſchenkte dem Lande den Erb⸗ prinzen, und Egon hielt Wort. Bis in das hoͤchſte Alter gab es keine innigeren Freunde als dieſe Bruͤder. Egon vermaͤhlte ſich nie. Er blieb in Oeſterreichiſchen Dienſten und erreichte eine hohe militairiſche Wuͤrde. Sein Vermoͤgen theilten, ſeiner Beſtimmung gemaͤß, nach ſeinem Tode die Kinder Magda's und Hedwiga's, welche Letztere ſich beſonders einer reichen Nachkommen⸗ ſchaft erfreute. Wenn die Familien im Winter nach Wien kamen, hatte die Frau Kloſterpaͤchterin Baͤbili Oberhofer jedes⸗ mal die Ehre, daß Alle bei ihr vorfuhren und in dem Refektorium, Angeſichts des Chriſtophorus⸗Brunnens ſich von der begluͤckten Frau mit den Erzeugniſſen ihrer Milchkammer bewirthen ließen. Dann ſtreiften die hier einſt ſo verhaͤngnißvoll zuſammen Gefuͤhrten durch das kleine Terrain, ſo ruͤhrend und erinnerungsvoll, und unterſuchten ſelbſt, ob auch die kleine Huͤtte im Stande gehalten werde, denn ſie ſollte Allen ein lang bewahrtes Andenken bleiben. Guntram war als Leibjäger des Fuͤrſten endlich als Forſter in das Waldſchloßchen und zugleich als deſſen Kaſtellan eingetreten. Als er der Einſamkeit dort muͤde war, begleitete er die Fuͤrſtlichen Herrſchaften einmal nach Wien und beſuchte Frau Baͤbili. Sie ſahen bald ein, daß ſie ſich zu viel zu ſagen hatten, um auf Beſuch damit fertig zu werden. Der Fuͤrſt hatte ſchon lange in den ſchoͤnen Waldwieſen eine Meierei anlegen wol⸗ len— genug, die Herrſchaften machten der Frau Baͤ⸗ bili bei dem bewußten Beſuch ſelbſt den Antrag, dieſe mit ihren ſchweizeriſchen Erfahrungen einzurichten.„ Nun zierte ſich Frau Baͤbili gerade vierundzwanzig Stunden lang und brachte es in dieſer Zeit vom völli⸗ gen Abſchlagen bis zum voͤlligen Einwilligen, ſogar wei⸗ ter, als der erſte Antrag lautete, denn ſie ging nach vier Wochen als Guntrams angetraute Frau nach der neuen Heimath ab und Beide ſollen dieſen Schritt nie bereut 529 haben— und was ſie einrichteten, ward eine Muſter⸗ wirthſchaft genannt, und zu jeder Zeit konnte man dort einkehren und fand Guntram und Baͤbili und das ganze Haus bis auf die Staͤlle in glaͤnzender Ordnung, und ſogar in einer gewiſſen koketten Eleganz. Die Kaiſerin blieb den Familien, die ſie als Muſter eines tugendhaften Lebens aufſtellte, ſtets in großen Gnaden gewogen und ſchenkte ihnen gern jede Verguͤn⸗ ſtigung, welche die unabhaͤngigen Verhaͤltniſſe derſelben zulaſſen wollten. Thomas Thyrnau endlich blieb bis zu ſeinem Ende der Mittelpunkt Aller, die ſich ſeine Kinder nann⸗ ten, in den Verband ſeiner Liebe aufgenommen ſein wollten und auf das Beiſammenſein mit ihm einen ſo hohen Werth legten, daß— als er den Wunſch aus⸗ ſprach, das Dohlenneſt nicht mehr zu verlaſſen, Alle den Winterfreuden Wiens entſagten und ſich um ihn in Tein verſammelten. Er erreichte ein hohes Alter bei vollig ungeſchwaͤchten Geiſteskraͤften. Er war der ſchoͤnſte Greis und ſeine Haltung aufgerichtet, und ſeine Stirn heiter bis zu ſeiner letzten kurzen Krankheit. Sein Verhaͤltniß zur Kaiſerin und zu Kaunitz blieb ſehr ausgezeichnet und doch ſehr eigenthuͤmlich.— Er korreſpondirte mit Beiden. Sie zogen ihn zu Rathe und ſelten ward in Bezug auf Boͤhmen etwas unter⸗ Thomas Thyrnau III. 3te Aufl. 34 530 nommen, ohne daß man es ihm zur Pruͤfung uͤbergab — und er hatte die Genugthuung, zu ſehn, daß man weder ſeinen Rath uͤberſah, noch ſeine Erfahrungen gering achtete. Niemals jedoch empfing Thomas Thyrnau eine oͤffentliche Anerkennung oder Auszeichnung— und als er einſtmals den kleinen erregten Bemerkungen ſeiner Familie daruͤber laͤchelnd zugehoͤrt hatte— ließ er ſich das uns bekannte Portefeuille der Prinzeſſin Thereſe geben und nahm einige Briefe von Kaunitz und Maria Thereſia heraus, wie auch das Konzept eines Antwort⸗ ſchreibens ſeinerſeits an die Kaiſerin. „Da Ihr geneigt werdet, meiner großſinnigen Freundin Unrecht zu thun,“ ſagte er laͤchelnd—„ſo wird es wol an der Zeit ſein, daß ich Euch mittheile, was grade uͤber den Punkt, den Ihr von ihr uberſehen glaubt, zwiſchen uns unterhandelt worden iſt. Es ergab ſich aus einem Handbillet der Kaiſerin an Kaunitz, daß ſie nach dem Frieden bei der Regulirung ihrer innern Angelegenheiten Kaunitz aufgefordert hatte, ihr Vorſchlaͤge zu thun, auf welche Weiſe ſie ſich gegen Thomas Thyrnau dankbar bezeigen koͤnne. Sie hatte aber in ihrer Lebhaftigkeit die Antwort ihres vorſichti⸗ gen Miniſters nicht abgewartet, ſondern ihm ſelbſt— wie ſich Kaunitz daruͤber aͤußerte— alle moͤglichen ——— Vorſchlaͤge dazu muͤndlich gemacht. Dazu gehoͤrten unter andern:„Titel ohne Anſtellung, aber mit Gehalt! der Adel! oder ein Orden!“ Dieſe Vorſchlaͤge wurden Thyrnau gemacht und er geſtand ein, daß dieſer Eifer der Kaiſerin ihn um ſo mehr gefreut haͤtte, da ſie offenbar dadurch faſt aus ih⸗ rer vorſichtigen Maͤßigung herausgegangen waͤre, und ihm dadurch die Gewißheit geworden ſei, wie ſie ihn in ihrem großen Herzen von aller Schuld freigeſprochen habe und jetzt auch dieſer Ueberzeugung ein Opfer bringen wolle. Thyrnau fuhlte aber grade darum die vollſtaͤndigſte Sicherheit, jedes aͤußere Zeichen ihrer Gunſt von ſich abzulehnen, da er zu ſeiner Befriedigung nichts bedurfte, als die Gewißheit, dieſe zu beſitzen. Er ſelbſt machte ſie ſchonend auf ſeine Stellung aufmerkſam— er zeigte ihr die Mißdeutungen, die eine oͤffentliche Belohnung desjenigen nach ſich ziehen koͤnnte, den man ziemlich weit verbreitet als das Haupt einer Partei bezeichnet, welche an dem Losreißen des Koͤnigreichs Boͤhmen ernſtlich gearbeitet habe. Er ſprach ihr unverholen die Beſorgniß aus, daß eine ſolche Handlung ihrerſeits dem roheren Theil— von dem man immer allein zu furch⸗ ten habe— ein Eingeſtaͤndniß mangelhafter Zuſtaͤnde ſein könnte, womit man ſich nicht begnuͤgen werde die 34* 532 Vergangenheit zu bezeichnen, ſondern jeden unbequemen Zuſtand der Gegenwart, den die Kaiſerin bei den beab⸗ ſichtigten Veraͤnderungen vorlaͤufig nicht zweifeln durfe einzeln zu erzeugen— daß eine Entſchuldigung der Selbſthulfe darin liegen koͤnne, da die ganz beſonderen Umſtaͤnde, welche die Kaiſerin zu ihrer Nachſicht bewo⸗ gen, nie von der Menge verſtanden werden wuͤrden, und daher kluger Weiſe ihr vorenthalten bleiben muͤß⸗ ten.— Nach dieſer Auseinanderſetzung nun dankte er der Kaiſerin ehrfurchtsvoll und lehnte jede Art offent⸗ licher Auszeichnung von ſich ab, ſie dagegen um ihre ſtill fortdauernde Gunſt ehrerbietig anflehend. Darauf hatte er ein kurzes eigenhaͤndiges Billet der Kaiſerin bekommen, welches ſie— wie Kaunitz ihm meldete— augenblicklich nach Durchleſung Brie⸗ fes geſchrieben hatte. Es lautete: „Ihr ſeid ein Ehrenmann, mein getreuer Thomas „Thyrnau, ſo wahr mir Gott helfe! Und wenn ich „Euch einen Grafentitel gegeben haͤtte, er waͤre Euch „zum Ueberfluß geweſen! Viele Unterthanen werde ich „haben, die nie revoltirt haben, und werden nicht von „ſo treuer Geſinnung ſein, ihre Kaiſerin zu warnen, „wenn dieſe ihnen eine Gunſt erzeigen will, ſollte „auch der allgemeine Schaden ihnen daraus erſichtlich ſein.“ 533 „So ſoll Euch der Wille geſchehn! Aber Eure „Kaiſerin wird anſtatt des Edelmannes ſtets in Euch „einen edlen Mann ſehen, ſtatt des Ordens ein Herz „erkennen, in dem eine Ehrenhaftigkeit wohnet, fuͤr „die kein aͤußeres Zeichen noͤthig war, und die Lehre, „die Ihr daruͤber Eurer Kaiſerin gabt, ſichert Euch ihr „lebenslaͤngliches wohlwollendes Andenken!“ Seitdem wuͤnſchte keiner ſeiner Angehoͤrigen mehr dieſe oͤffentliche Gunſt der Kaiſerin— und Thomas Thyrnau ruhte am ſpaͤten Abend ſeines Lebens mit hei⸗ terem verklaͤrtem Antlitz in ſeinem Sarge und kein Or⸗ den ſchmuͤckte ſeine Bruſt— und ſeine Lieben— die Alle um ſein Sterbebett verſammelt geweſen waren, wagten kaum zu weinen— ſo heilig und erhebend war ſein Ende geweſen, und als Lach es der Kaiſerin an⸗ zeigte, rief dieſe:„Das war ein Mann!— Wir wer⸗ den den Zweiten nicht erleben!“ Druck von C. H. Storch u. Comp. in Breslau. 5 . .. . 6 ſ 7 8 9 10 11 12 13 14 1 17 18 5 16 „ — 55 2 5 3 2 5 — —— — —