vo Eduard Gltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ cLeih und Feſebedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelden entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für whchentlich 2 Bücher: 2 4 Bücher: 6 Bücher: 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Per.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Breslau, im Verlage bei Joſef Mar und Komp. 1845. ———, ——— — Ehe die Grafen Wratislaw auf ihrer Herrſchaft Tein das neue Herrenhaus erbauten, war die alte Teinburg nicht viel mehr als ein Obdach fur geſellige Mahle oder fur ein kurzes Nachtlager, wenn die Beſitzer mit ihrem Gefolge und ihren heitern Gaͤſten die großen Forſten zum frohlichen Waidmannswerke beſuchten. Daher kam es darauf an, daß ſich ein großer Raum vorfinde, der die oft ſehr zahlreichen Geſellſchaftszuge, an denen faſt immer Frauen Theil nahmen, beim Gelage zu faſſen vermochte. Dagegen ward man mit den Nacht⸗ lagern leichter fertig; hier fand man oft wunderliche Verſchlaͤge ausreichend, weil uͤberhaupt der Ruhe da wenig Antheil ward, wo der erſte Strahl des Tages die Jaͤger hinaus lockte, um dem behaglich den Thau lek⸗ kenden Wilde auch dieſe kurze Feierſtunde zu ſchmaͤlern. Als mit den wechſelnden Beduͤrfniſſen der Zeit dieſe einfache Behauſung nicht mehr ausreichen wollte, und die Herren und Damen in Seide und Sammt zur Jagd zogen, ließ der reiche Beſitzer von Tein das groͤßere Schloß emporſteigen, welches zwiſchen zwei Fluͤgeln ein 6 ſchoͤnes Hauptgebaͤude zeigte. Dem Walde ward rund herum von der Kultur nachgeholfen, und bald ſah man ihn zu jenen ernſten majeſtaͤtiſchen Gartenanlagen um⸗ geſchaffen, die ſich mit den Terraſſen in Verbindung ſetten und von Laubwaͤnden geſchuͤtzte offene Saͤle bil⸗ deten, in denen Kaskaden und Marmorſitze, von der ganzen Schaar der alten Goͤtterwelt bevolkert, ihre reizvollen Raͤume den Feſten ihres Beſitzers darboten. Es iſt jedoch vorlaͤufig nicht dieſer glaͤnzende Schauplatz, wie Manches er auch fur unſere ſpaͤte⸗ ren Mittheilungen enthalten mag, der unſere Auf⸗ merkſamkeit feſſelt; wir bleiben zuerſt bei dem beſcheid⸗ neren Aufenthalte ſtehn, der den Vorfahren jener prachtliebenden Nachkommen fuͤr ihre Anſpruͤche aus⸗ reichend ſchien. Wie ſchon geſagt, fragte es ſich dabei nur um ei⸗ nen großen Raum, der einen vielverſprechenden Heerd enthielt und in welchem die Tafeln Platz hatten, an de⸗ nen der lebhaft erregte Appetit bei lauten Scetzen Befriedigung fand. Dieſer Zweck zeigte ſich hier in einer merkwuͤrdigen Ausdehnung erreicht, und wie wenig auch die dama⸗ ligen Herren nachfragten, wie dies alte Haus, von wem und zu welchem Zwecke es erbaut ſein moͤchte? — zufrieden, daß es da war und ſich ausreichend 4 * 6 erwies,— der ſpaͤtere Beobachter, welcher der grauen Vorzeit nur noch als gruͤbelnder Forſcher angehoͤrte, mußte voll Erſtaunen nachftagen, zu welcher Zeit und welchem Dienſte geweiht, es entſtanden ſein konnte. Es gab hieruͤber ſo viel Meinungen als Forſcher. Alle kamen aber darin uͤberein, daß es einegporchriſt⸗ lichen Zeit ſeine Entſtehung danke. Eben ſo trat es hervor, daß es ſpaͤter ſeine Beſtimmung geaͤndert habe. Es wollten ſich Konſtruktionen zeigen, die nach und nach hinzugefuͤgt, allen Scharfſinn verwirrten, denn waͤhrend immer der letzte Beſitzer die Anſpruͤche und Einrichtungen des Vorgaͤngers wenig beachtet, oder ſie noch weniger verſtanden hatte, waren neben und durch einander die ſeltſamſten ſich widerſprechendſten Motive gehaͤuft, und da keine ſchriftliche Urkunden vorhanden waren, waͤre es nothig geweſen, daß die alten Mauern ſelbſt die Kronik ihres Daſeins und der Veraͤnderungen, welche ſie erleiden mußten, erzaͤhlt haͤtten, denn ihte Forſcher ſcheiterten an unloͤsbaren Problemen. Dies alte Haus lag am Rande des Waldes, in deſſen Mitte ſich das neue Schloß gelagert hatte, und war pon der einen Seite nur durch einige mit Graͤben umzogene und von einzelnen Baumgruppen bedeckte Weideplaͤtze von der Dorf— oder Landſtraße getrennt, die neben der ganzen Vernachlaͤßigung fruherer Zeiten doch 4 8 eine Art Leben zeigte, da der Ort ſelbſt in Folge man⸗ cher Verguͤnſtigung ſeiner Herren ſich gehoben hatte. Durch einige Handeltreibende und mehrere Werkſtellen von Handwerkern zeigte ſich hier eine groͤßere Thaͤtig⸗ keit, und die Nachbardoͤrfer, die keine Aufmunterung zu ſolchen Unternehmungen erhielten, traten in einen lebhaften Verkehr mit den Bewohnern von Tein, welche ihnen manches Beduͤrfniß zu liefern vermochten, was ſie ſonſt aus der entfernteren Stadt bezogen hatten. Nach dieſer Dorfſtraße nun lag die vordere Seite des Hauſes; die hintere Seite lag dagegen ganz in den uralten Ulmenbaͤumen, die es hier wie ein Guͤrtel um⸗ ſchloſſen. Die Ausſicht aus den wenigen Fenſtern reichte hier nur bis in ihre dicht verwachſenen Blaͤtter⸗ kronen, oder auf die ſchonend gehauenen Wildwege, oder ließ die einzelnen Weideplaͤtze mit ihrem ſchimmern⸗ den, helleren Gruͤn durch die dunklen Staͤmme der alten Rieſenbaͤume hindurch leuchten. Auch trug das Haus hier einen noch viel aͤlteren Karakter. Es waren nur wenige Fenſter zu ſehen, und dieſe nicht an der Hauptfront, ſondern in den Thuͤrmen, die das Haus an allen vier Ecken zeigte. Die Hauptwand aber war von großen Steinmaſſen an einander gefuͤgt und zwar im wunderlichſten Gemiſch, denn der Unterbau, ſchwer und breit austragend, war von ſorgfaͤltig behauenen Granit⸗ 8 bloͤcken, und druͤber lagen die Waͤnde in Sandſtein ge⸗ ſchichtet, und Karnieſe und Rundboͤgen, die auf niedri⸗ gen halb hervortretenden Saͤulen ruhten, waren von Marmor, wiewol jetzt verwittert und vielleicht nie von ſorgfaͤltiger Arbeit und Politur. Dieſe Wand ſchien allerdings die Behauptung zu rechtfertigen, daß hier zuerſt ein Tempel beabſichtigt war, denn ſelbſt die Aus⸗ fuͤlungen zwiſchen den Saͤulen konnten ſpaͤteren Ur⸗ ſprungs ſein. Jedenfalls gehoͤrten aber die vier runden Thuͤrme, die an den Ecken aufgefuͤhrt waren, einer neueren Zeit an, denn ſie waren von gebrannten Ziegeln in die Hoͤhe gefuhrt und hatten eine Mauerkrone, wie ſie zuerſt an roͤmiſchen Kaſtellen ſichtbar wurde. Dieſe Thuͤrme nun gaben die Veranlaſſung, daß der am laͤngſten gekannte Name des alten Hauſes, naͤmlich der der Teinburg, unterging, denn ſeit undenklichen Zeiten horſteten auf den beiden Thuͤrmen, die an der eben beſchriebenen Waldſeite lagen, zwei Dohlen-Familien, die durch die Länge der Zeit und durch den Umſtand, daß dies alte Haus nie regelmaͤßig beſucht und oft eine Reihe von Jahren ganz leer geſtanden, ein ſolches Uebergewicht erlangt hatten, daß man ihren Bau ſchon aus der Ferne ſehen konnte und ihr Geſchrei oft weithin vernahm. So war ihr Beſitzthum unter dem Namen des Dohlen⸗ — 10 neſtes in der ganzen Gegend bekannt geworden, und als endlich wieder namhafte Beſitzer einzogen, hatte die Gewohnheit bereits den fruͤheren Namen ſo verdraͤngt, daß es nun dabei verblieb, und ſo ſagte Jeder: Herr Thomas Thyrnau ſei in's Dohlenneſt gezogen, als die⸗ ſer treue Freund des Grafen von Lacy das alte feſte Haus fuͤr ſich und ſeine Familie zu einem Sommer⸗ Aufenthalt einzurichten verſuchte. Dieſe, durch ihn bewirkte, allerſpaͤteſte Ausſtattung, die noch jetzt vollſtaͤndig erhalten war, hatte freilich am meiſten die Spuren verloͤſcht, welche fruͤher Neugierde und Forſchung anregten. Deſſenungeachtet behielt das Ganze auch von Innen ſtets ein merkwuͤrdiges und ab⸗ weichendes Anſehn. Das ganze Haus bildete nämlich einen einzigen viereckigen Raum ohne Zwiſchenwaͤnde, und als Stuͤtzpunkt ſeiner daruͤber ruhenden runden Gewoͤlbe diente ein koloſſaler Pfeiler, der, in der Mitte des Vierecks ſtehend, der Traͤger dieſes ſchweren Dek⸗ kengewoͤlbes war. Von ihm, wie von einem Palm⸗ baume, ſtiegen die Zweige des Gewoͤlbes in die Hoͤhe und ließen ſich dann an den vier Waͤnden auf regel⸗ maͤßig vertheilte, halb eingemauerte Saͤulen nieder. Die Hoͤhe des Raumes war bedeutend, und dachte man ſich die Gewoͤlbe ohne die Zugaben, die jetzt die Form verwirrten, konnte man kaum anders glauben, als daß er bei ſeiner erſten Beſtimmung dem heidniſchen Tem⸗ peldienſte angehoͤrt habe. Jetzt war der mittlere Pfei⸗ ler bis zu den Gewoͤlben mit Eichenholz bekleidet, und von ihm aus hob ſich ein Holzgeflecht nach allen Seiten in die Hoͤhe, das ſich anfangs den Gewoͤlben anfuͤgte, dann aber, wo dieſe ſich rundeten, ſie verließ und in gothiſchen Spitzbogen emporſtieg. Obwol das Eichen⸗ holz von der Laͤnge der Zeit zu einer an ſchwarzen Mar⸗ mor erinnernden Subſtanz verwandelt war, hatte doch der geſchuͤtzte Raum die reiche Schnitzarbeit daran wol erhalten, und ſo gab es ein Tage langes Studium, die phantaſtiſchen Bildungen zu verfolgen, die, wie aus heißen Fiebertraͤumen entſtanden, die ſchauderhafteſten Ungeheuer halb Menſch, halb Thier zwiſchen den lieb⸗ lichſten Blumengeflechten, der treueſten Nachbildung zahmer Hausthiere oder Waldbewohner, bei kenntniß⸗ reicher Anwendung architektoniſcher Ornamente hier auf's kunſtreichſte vereinigt darſtellten. So hatte die Familie des Advokaten den Raum ge⸗ funden, denn mehreres hatten die froͤhlichen Jaͤger, die vor ihnen hier zuweilen gehauſt, nicht bedurft. Doch muͤſſen wir noch einer großen wohl eingerichteten Feuer⸗ ſtelle gedenken, welche man damals, als die Grafen von Wratislaw hier raſten wollten, beim Wegraͤumen eines Berges von Schutt entdeckt hatte, und welche rechts 12 vom Eingang die Mitte der Wand in ziemlicher Aus⸗ dehnung einnahm. Der Eingang nun war eine große Thuͤr von Eichen⸗ holz mit zwei Fluͤgeln, zu der man von Außen durch einen kleinen Vorbau gelangte, wie man wol an Ka⸗ pellen findet, worin das Gloͤckchen wie in einem Schreine haͤngt und Heilige aufgeſtellt ſind. Auch hier bildete das Kreuz, an welches ſich die Doppelthuͤren an⸗ ſchloſſen, einen kunſtreich geſchnitzten Pfeiler, auf dem die Himmelskonigin ſtand mit der Krone auf dem Haupte und dem Jeſuskinde im Arme; unter den Fu⸗ ßen befand ſich verſilbert die Sichel des Mondes. Es war eine jener anmuthigen farbigen Holzſculpturen, die hier durch ſchoͤn gelungenen Ausdruck und harmoniſche Faͤrbung ein ſehr anſprechendes Kunſtwerk ward. Die breite Schwelle davor war von ſchwarzem Marmor ſo wie die Pfoſten der Thuͤr, an der— wie herausge⸗ wachſen— das Becken zum Weihwaſſer hing. Das Erſte, was die Aufmerkſamkeit feſſelte, ſobald man uͤber die Schwelle getreten, war der Fußboden im In⸗ nern, welcher nach ſonderbaren hieroglyphiſchen Formen in ſchwarz und weißen Marmor gelegt, offenbar aus einer Zeit mit den Holzbogen der Decke war. An den Waͤnden zeigte ſich bis zu einer maͤßigen Hoͤhe eichenes Täfelwerk, wodurch der kalte ſteinerne Raum bedeutend waͤrmer und behaglicher geworden war, und an den drei Waͤnden der Thuͤr gegenuͤber liefen vom ſelben Holze Gallerieen herum, an denen auf der hinterſten Wand zwei ſpiralformige Treppen hinauf fuͤhrten, de⸗ ren fein durchbrochene Gelaͤnder, wie die der Gallerieen, zu einer Zierde des Raums dienten. Die Treppen fuͤhrten zu den Thurmzimmern, die ſonſt nur von Außen durch jetzt verfallene Stufen, die daran gebaut waren, erreicht werden konnten, nun aber fur das feinere Bedurfniß der ſpäteren Bewohner durch dieſe inneren Treppen viel zweckmaͤßiger geworden wa⸗ ren. Jeder Thurm hatte zwei uͤbereinander liegende Raͤume; im oberen waren die Schlaf- und Geheim⸗ zimmer der Herrſchaft, im unteren waren Schlafſtellen fur die Dienerſchaft und Gelaß fur die wirthſchaftlichen Vorrathe. Die kleinen Eingangsthuͤren lagen in dem Taͤfelwerk verſteckt. Zwei große Fenſter zu beiden Sei⸗ ten der Hausthuͤr reichten nicht hin, dieſen weiten Raum zu erhellen; aber im Sommer oͤffnete man noch die maͤchtigen Flugel dieſer großen Thuͤr und gewann dann Licht genug zu dem leichteren Verkehr, dem dieſer Raum beſtimmt war. Im Winter zeigte man ſich um ſo mehr befriedigt, da der Kamin und die Lampe bald und gern in Thätigkeit geſetzt wurden. Dieſer Kamin, der zugleich der Heerd war, ſpielte 14 eine große Rolle, und in Wahrheit, der kirchenartige Raum des Hauſes, in dem ſein Anſehn behauptet ward, mußte ſo groß ſein, damit ſein oft ſehr anmaßliches Treiben doch faſt unbeachtet voruͤber gehen konnte. Sein hoher gemauerter Rauchfang ſtieg bis in die Gewoͤlbe der Decke empor und ihn umbaute die um ihn ge⸗ ſchwungne fortlaufende Gallerie im abenteuerlichen Zu⸗ ſchnitt. Um die Fortſchritte der Kuͤchenherrſchaft etwas einzuſchraͤnken, waren Gitter gezogen, die dieſen Raum in einem regelmaͤßigen Viereck abzweigten und ganz ver⸗ ſchloſſen werden konnten, ebenfalls durch Gitterthuͤren, gewoͤhnlich aber nach dem mittelſten Pfeiler zu, der dem Kamin gegenuͤber lag, geoͤffnet ſtanden. Um den Pfei⸗ ler herum liefen Baͤnke, und es ſtand davor, nach dem Kamin zu, eine lange Tafel von polirtem Eichenholz mit dazu gehoͤrenden Stuͤhlen. Dieſer Platz ward jedoch mehr fuͤr Wintertage und fur die Abendzeit benutzt. Der Hauptruheplatz der Fa⸗ milie war aber linker Hand von der Thuͤr unter dem einen der ſchon erwaͤhnten großen Fenſter. Zwiſchen der Thuͤr und dieſem Fenſter trat eine Wand in den groͤßeren Raum, vielleicht zwoͤlf Fuß weit, hinein. Sie war eben ſo hoch und von demſelben Getaͤfel, wie das, welches die Waͤnde umzog, und endete in einem zierlich gewundenen Saͤulchen. Wenig mehr als einen Schirm beabſichtigend, bildete ſie durch ihr feſtes Material doch ein kleineres Zimmer, was wieder nach Vorn offen in den großen Hausraum ausmuͤndete. Ein langer ſchma⸗ ler Tiſch von koſtlicher Arbeit, mit den ſeltenſten Höl⸗ zern eingelegt, ſtand in der Mitte; blanke Beſchlaͤge lie⸗ ßen ſich an den ſchoͤnen Fußgeſtellen und den darunter weglaufenden Faͤchern ſehen— um dieſen Tiſch ſtanden zwoͤlf eben ſo kunſtreich gearbeitete Lehnſtuhle mit roth ſammtnen Kiſſen belegt, und den Fußboden bedeckte ein turkiſcher Teppich von großer Schoͤnheit. An dem Fen⸗ ſter befand ſich in vergoldeten Ringen ein ſchwerer Da⸗ maſtvorhang von dunkelrother Farbe, und in ſeinem Schatten ſtanden in der tiefen und breiten Fenſterniſche leichtere Lehnſtuhle und ein kleiner Schrein, in welchem Frauenarbeiten, Andachtsbuͤcher oder die Hiſtorien auf⸗ bewahrt wurden, welche die langen Winterabende ver⸗ kuͤrzen halfen. Hier verſammelte man ſich zum Fruͤhſtuͤck und Mit⸗ tagstiſch, empfing ſeine Gaͤſte und betrieb die leichteren Arbeiten, bei denen man nicht ganz der Geſelligkeit ent⸗ behren wollte. Die Thurmzimmer dagegen waren nach dem Be⸗ durfniß der Familienglieder vertheilt, und wir werden ſie ſpaͤter kennen lernen. Es war gegen die Mittagszeit, als an dem Heerde, 16 den wir ſo eben beſchrieben, eine wachſende Thaͤtigkeit, das Herannahen der Tafelſtunde verkuͤndigte. Ein lieb⸗ licher Duft verbreitete ſich in ſeiner Naͤhe, und neben ſiedenden Toͤpfen und Keſſeln drehte ſich der Bratſpieß mit dem zarten Ruͤcken des jungen Reh's, waͤhrend in kupfernen Gefaͤßen die fetten Wachteln zwiſchen jungen Kraͤutern in ihrem eignen Fette daͤmpften und eben die Kellen ſich arbeitend ruͤhrten, die feineren Backwerke zu bereiten, ohne die eine ſuͤddeutſche Tafel zu keiner Zeit herzuſtellen war. In dieſem lebhaften Treiben fuhrte eine bejahrte Frau die Oberaufſicht, die durch ihr ſtilles leiſes Weſen um ſich her eine Herrſchaft uͤbte, die weit von dem ge⸗ woͤhnlichen Verkehr in einer thaͤtig beſorgten Kuͤche ab⸗ wich. Dabei ſchien es weder Furcht noch Truͤbſinn, was hier waltete; denn der Knabe, der den Bratenwen⸗ der beſorgte, ergoͤtzte ſich dabei, indem er bald pfiff, bald mit großer Taͤuſchung die Stimmen von Voͤgeln oder von verſchiedenen Hausthieren nachmachte, und zwei Maͤgde unterhielten ſich bei ihrer Arbeit, zwar mit lei⸗ ſer Stimme, doch oft durch lautes Slichte unter⸗ brochen. Dies Alles ging an der wuͤrdigen Dame, welche von Allen Frau Gundula genannt wurde, unbeachtet voruͤber. Sie bewegte ſich ruhig von einem Ort zum — 5 ß 17 andern, ruͤhrte hier in einem Topfe oder Keſſel, legte dort das Holz zurecht, blickte in die Schuͤſſel, in der die eine Magd einen Teig ruͤhrte, und warnte die andere, den Fiſch ſorgſam zu ſchuppen. Zuweilen verließ ſie, dazwiſchen das Gitter des Kuͤchenreviers und richtete ihre Blicke auf die kleine Tafel, die unter dem oben er⸗ waͤhnten Fenſter zu drei Gedecken von einem Diener zugeruͤſtet ward. Hierbei erhob ſie hin und wieder ihre ſonore Stimme zu einigen Worten, oder oͤffnete mit dem an ihrer Seite haͤngenden Schluͤſſelbunde eins der Schraͤnkchen, die in dem Getaͤfel verborgen waren, um einen ſchoͤnen Pokal oder ein fein geformtes Silber⸗ gefaͤß zu irgend einem Gebrauch der Tafel dem alten Diener zu uͤbergeben, der mit beſonderer Aufmerkſam⸗ keit ſein Geſchaͤft zu treiben ſchien. Jetzt ſetzte er noch, mit der groͤßten Sorgfalt be⸗ muͤht, die Mitte der oberen Tafel zu treffen, das kunſt⸗ reich in Silber getriebene Salzfaß auf, und nachdem ſein Blick wohlgefaͤllig uͤber jeden Gegenſtand hinweg glitt, rieb er ſich die Haͤnde und nickte vergnuͤgt mit dem Kopfe. „Ich denk', es iſt nun ohne Tadel,“ ſagte er— „und wenn wir auch nur im Walde hauſen und von den vornehmen Wienerſchen Leuten nichts abſehen koͤn⸗ nen— wir wiſſen doch zu leben, und der Hochmuth Thomas Thyrnau Il. 3te Aufl. 2 18 kann auch nicht weiter, als Alles haben, was er braucht! und ich denke, hier ſoll nichts fehlen— Alles wohl und genuͤgend ſich finden!“ Er richtete dieſe letzten Worte an Frau Gundula, und dieſe uͤberſah mit ihm die wohlgeruͤſtete Tafel und nickte ebenfalls wohlgefällig.„Ohne Tadel! ohne Ta⸗ del! mein lieber Veit! Alles an ſeinem Ort,“ ſagte ſie dann—„nur daß wir nicht die Flaſchen zu kuͤhlen ver⸗ geſſen!“ „Nun, Madame!“ ſagte Veit, ſchon etwas belei⸗ digt—„da haͤtte Ihr gehorſamer Diener denn freilich die Hauptſache vergeſſen und moͤchte wol wiſſen, wie der Herr Doktor Hieronymus den Mund ziehen wuͤrde, wenn der alte Johannisberger flau waͤre.“ „Ja!“ ſagte Gundula—„und der Herr verſteht auch keinen Spaß, wenn's einen andern gilt.“ „Der Herr, ja, der Herr, Madame,“— fuhr Veit nachdenkend fort—„heute wird er es merken, wenn der Wein kuͤhl iſt und Euer Braten ſaftig und die Ta⸗ fel vollſtändig— aber ſagt ſelbſt— thaͤten wir's nicht alle Tage zu unſerm eignen Vergnuͤgen, wuͤrde er es merken, wenn wir's unterließen!“ „Ich mocht's nicht verſuchen!“ entgegnete Gundula —„das Ungehoͤrige hat er uͤberall ſchnell fort, das Gute aber iſt ihm bequem. Er darf es fordern, es faͤllt ihm nicht auf, daß es da iſt— warum ſoll er es er⸗ waͤhnen?“ „Ja! ja!“ ſagte Veit—„es muß ſich immer Al⸗ les von ſelbſt bei ihm verſtehen, und Alles findet ſeinen Platz. Ißt er— denkt man, er thaͤte nie Anderes und Lieberes als Eſſen— ſchlaͤft er— o Himmel! ein alter Herr— und ich wollte meine lauteſte Jagdflinte an ſei⸗ nem Bette losknallen— er thaͤt wie nach einer Fliege ſchlagen und ſchlief weiter.“ „Dafuͤr iſt er auch maͤßiger als der juͤngſte Mann,“ erwiderte Frau Gundula—„und wie oft er auch mit dem Leben von Vorne hat anfangen muͤſſen, immer kommt er wieder oben auf.“ „Ja! er hat ſeine Kraͤfte alle Tage noͤthig gehabt! Er hat viel erlebt, Frau Gundula— und wir Beide mit ihm.“ Gundula ſeufzte.„Wenn ich die Tafel zwiſchen ſonſt und heute denke— wie viel Plaͤtze hier leer ſind — ach Veit! als wir nach der langen Trennung hier zu⸗ erſt wieder einzogen, da war's mir anfangs, als koͤnnte ich es bei meinem alten Herrn nicht aushalten. Fort wollte ich, weit von ihm fort, um hier dem Schmerz zu entlaufen, all' die leeren Stellen zu ſehn, wo meine En⸗ gel ſonſt lebten. Aber beſſrer Rath kam von Oben. Mußte er es doch tragen, der gute Herr— und trug 2* * 20 es leichter, wenn er uns alte treue Diener Alles in die gewohnte Ordnung bringen ſah. „Das ſoll wol ſein!“ erwiderte Veit—„er hat aber nicht, ſo wie wir, nur die eine Stelle. Was uns hier fehlt, das fehlt unſerm ganzen Leben. Er aber— fehlt's hier— ſo blieb es ihm vielleicht wo anders. Wo iſt ſeine Heimat— wiſſen wir's? Iſt ſie hier— iſt ſie in Prag— iſt ſie auf dem Schloſſe— iſt ſie gar druͤ⸗ ben bei den franzoͤſiſchen Herrn? Wir wiſſen's nicht!“ „Wir wiſſen es nicht,“ wiederholte Gundula— „doch denke ich immer, das iſt des Menſchen Heimat, wo er Weib und Kind anſiedelte und wohin traͤgt, was er lieb hat.“ „Freilich, man ſollte es denken,“ ſagte Veit— „und was Liebes hat er freilich wieder nach Hauſe ge⸗ bracht. Wie ſie ihrer Mutter gleicht— nicht?“ „Wol! wol!“ ſagte Gundula—„ich ſehe Gottes Wunder. Wer hat ſie's gelehrt— wo hat ſie's abge⸗ ſehn? Wenn ſie Gundula ruft, ſo glaube ich, ihre Tante zu hoͤren— derſelbe Ton der ſuͤßen Stimme— wenn ſie niederduckt, daß ich ſuchen ſoll, von welcher Seite ſie ruft— gerade wie ihre Mutter. Die kleinen Fuͤße, wenn ſie die Treppe herunter ſpringt und bei den letzten Stufen ſich an das Gelaͤnder haͤngt und wie ein abge⸗ ſchoſſener Pfeil hinunter fliegt, wer hat ihr geſagt, daß 21 es ihre Mutter eben ſo machte? Dann— wenn ſie was haben will, die Augen— wie ſie blitzen von Unge⸗ duld! Sie bittet wol, aber ſchon wird ſie unruhig und denkt boͤſe zu werden, wenn man nicht gleich nachgiebt.“ Im ſelben Augenblick flog eine dunkelrothe Nelke wol gezielt der alten Frau Gundula in das hoch ge⸗ ſteifte weiß leinene Buſentuch.„Marie und Joſeph!“ ſchrie die erſchreckte Frau hell auf— und ein kurzes leiſes Gekicher uͤber ihrem Haupte lenkte ihre Blicke nach der Gallerie empor. Magda's reizender Kopf ſah uͤber das Gelaͤnder lachend heruͤber. „Siehſt Du! alte Verlaͤumderin!“ rief ſie—„da haſt Du Deine Strafe! Ihr beiden alten Boͤſewichter! da ſteht Ihr und redet von Eurer armen Herrſchaft, daß ihr auch kein gutes Haar bleibt. Wartet, das ſoll Euch heim kommen! Erſt Euren alten Herrn durchgehechelt — und nun wart Ihr bei mir angekommen. He? ſollte ich demuͤthig zuhoͤren, wie viel Suͤnden Ihr mir außmein altes Regiſter zuſchriebet? Schaͤmt Euch, Ihr alten Gevattern! Fort! fort an Euren Platz! Du, ſieh nach meinem Gebacknen— und Du alter Veit vor die Thuͤr— hinaus mit Dir— es kommen Reiter uͤber die Dorfſtraße, gleich werden ſie herein ſein!“ „Wir gehen ſchon, mein Liebchen,“ rief Gundula entgegen, waͤhrend Veit dienernd und viel freundliche 22 Worte murmelnd ſich dem Eingang naͤherte.„Komm auch bald hernieder, mein Liebchen!“ fuhr Gundula fort—„ſieh nur, wie ſchoͤn wir Dir's hier zurecht gemacht haben.“ „Denkſt Du,“ rief Magda—„ich guckte hier mit blinden Augen? Langſt ſah ich Dein Putzen und Trip⸗ peln und Ruͤcken und Streichen— und doch haſt Du's Beſte vergeſſen— Du alter Leichtſinn!“ „Hilf Himmel! was denn mein Puͤppchen?“ rief Gundula, die Augen forſchend uͤber den Tiſch ſendend. Doch im ſelben Augenblick flog ein ſolcher Regen von Blumen uͤber die Alte her, daß ihr das Sehen verging, und als ſie ſich abgeſtreift und abgeſchuttelt hatte, ſtand Magda ſchon vor ihr und hielt ein zierliches Gefaͤß von Silber in den Haͤnden, worin die ſchoͤnſten Blumen geordnet waren. „Siehſt Du,“ rief Magda—„wenn ich nicht an's Beſte daͤchte— wo bliebe es dann? Die ſchoͤnſte Tafel, die Du da mit Deinen ſchwerfaͤlligen Geſchirren beladen haſt, iſt todtes Geruͤſte ohne dieſes hier⸗ Mit⸗ ten im Sommer eine Tafel ohne Blumen! Fort da mit dem alten Salzfaß— dahin muͤſſen meine Blumen kommen!“ 2 „Ach, Du Herzensſchaͤtzchen!“ Lief Gundula— „Das haſt Du ſchoͤn gemacht. Sieh! ſich! was das gut thut, wenn ein junges friſches Leben hinzu koͤmmt, wo ſo alte Leute ſteif und grau mit einander werden.“ „Siehſt Du! Du alte boͤſe Frau Du!“ rief Magda, und ſchnell ſchlang ſie beide Arme um ihren Hals und druͤckte ſie ungeſtuͤm an ſich.„Alte Verlaͤumderin!“ fuhr ſie fort—„ſag! machſt Du mir heute auch meine Sahnentoͤrtchen?“ „Ja! ja! mein Engel! ſie backen ſchon!“ rief Gundula, leuchtend vor Freude.„Nun ſag' mir nur, Schaͤtzchen— Du biſt dech nicht im Ernſt boͤſe?“ Magda ſah ihr ſo neckend in die Augen, als ergoͤtze ſie ſich an der Ungewißheit der Alten. Eben wollte ſie ihr antworten, da ging die Thuͤr auf, und vor Veit, der die Fluͤgel weit aufriß, trat der Gaſt ein, deſſen Ankunft Magda verkuͤndigt. Aber nicht der erwartete Pater Hieronymus, der Arzt des Hauſes und der Ge⸗ gend war es, ſondern ein Anderer; ein Fremder, wie es Allen ſchien. Wer aber, ohne viele Nachfrage, wie es ſchien, geſonnen war, hier Herberge zu nehmen, blieb eine ziemlich ſchwierige Aufgabe zu entraͤthſeln, da es nicht in ſeinem Plan zu liegen ſchien, ſich ſelbſt bekannt zu machen. Unwirſch fragte er nach Herrn Thomas Thyrnau, und als man ihm ſagte, er werde zu Mittag erwartet, brummte er etwas Uebellauniges in den Bart und befahl dem alten Veit, ſein Pferd zu beſorgen und ihm einen Becher Wein zu bringen. Veit verneigte ſich und ſagte, der Reitknecht habe bereits das Pferd in den Stall gezogen und der Wein ſtehe zu Befehl. Waͤhrend dieſer Worte ſchritt die breite muskuloͤſe Geſtalt des Fremden mit dreiſten Schritten durch den ganzen Hausraum bis zum Tragpfeiler dem Kamin gegenuͤber, und die Stuhle zuruͤck werfend, die ihn hin⸗ derten, ſetzte er ſich auf die Bank, die um den Pfeiler herlief, nahm ſeinen runden Jagdhut vom Kopfe, warf ihn auf den Tiſch und ſtemmte dann beide Arme auf denſelben, in die ſtarken Haͤnde von beiden Seiten den Kopf ſtutzend. 5 Es lag eine Sicherheit, eine Bequemlichkeit in ſei⸗ nem ganzen Weſen, die den alten erfahrenen Dienern, trotz manches Widerſpruches in ſeiner Erſcheinung, doch zu dem Glauben verhalf, ſie haͤtten es mit einem vor⸗ nehmen Manne zu thun. Sein kurzer Jagdrock von Brabanter Tuch war zwar ohne Stickerei, aber von der feinſten Qualitaͤt; eben ſo war der Hut ohne Treſſen und Federn, aber der Hirſchfaͤnger, den er ſo eben hef⸗ tig mit ſammt dem Gurte abnahm und zum Hute zuf den Tiſch warf, war von koſtbarer Arbeit in Gold, Sil⸗ ber und Elfenbein, und ein Saum von farbigen Edel⸗ —— ——— 25 ſteinen faßte den Rand der Scheide ein. An den gro⸗ ßen uͤber die Knie reichenden Reiterſtiefeln hatte Veit goldene Sporen bemerkt, und Gundula ſah an dem Ringfinger einen geſchnittenen Stein, ebenfalls reich in Gold gefaßt. Als ihm Veit den Becher mit Wein brachte, den er begehrt, zog er die Hände vom Kopfe und zeigte ſein ſtarkes gefurchtes Geſicht, was nach Art der Jaͤger von Luft, Sonne und ſtarken Getraͤnken, welche zur Jagd⸗ luſt in dunkler Farbe gluͤhte. Seine Stirn war breit, aber niedrig gebaut, die Naſe kurz und mit dicken beweglichen Nuͤſtern. Er hatte volle aufgeworfene Lippen, die ſich trotzig in den Winkeln ſenkten, ein Zeichen hochmuͤthiger Geſinnung. Die Augen lagen tief in beiden Augenliedern und hatten die undeutliche Farbe, die den Stern des Auges mit dem Augapfel verſchwimmen macht. Hier war der ſonſt weiße Grund faſt immer roͤthlich unterlaufen, der Blick hatte ein ſtolzes Ueberhinfahrenz faßte er aber, ſo fuͤhlte man ihn wie einen Stich und fragte ſich, wo man ver⸗ letzt worden. Sein Haar war ohne Peruͤcke oder Pu⸗ der, wie die Herren es wol bei der Jagd trugen, rund um den Kopf gleich lang geſchnitten; es ergraute be⸗ reits ſtark und uͤberhaupt mußte man ihn fuͤr einen Mann halten, der uͤber ſechszig Jahre zaͤhlte. Nachdem er den Becher in einem Zuge zur Haͤlfte geleert, ſetzte er ihn auf den ſilbernen Teller, den Veit hielt, und ſenkte ſein umherirrendes Auge a den alten Diener. „Das iſt das alte Dohlenneſt?“ ſagte er dann mit rauher Stimme, und ein heiſeres Lachen entſtellte ihn ungemein nach dieſen Worten. „Ja, Herr!“ erwiderte Veit, und dem Beherzten graute vor dem hoͤhniſchen Ausdruck, der dieſe Worte begleitete.„Das Volk hier umher hat das Haus mei⸗ nes Herrn, ehe er es bewohnte, ſo getauft. Danach iſt es ſo geblieben.“ „Aber fur ein Neſt, denke ich, iſt es ziemlich leer,“ fuhr die hoͤhnende Stimme fort.„Die alte Dohle hat ihre Brut nicht gut beiſammen gehalten und iſt ſelbſt unſtaͤt gewordenz ſonſt, will mir ſcheinen, paßt das alte Neſt gut fur derlei Kreatur!“. Bei dieſen Worten ließ ſich ein kurzes Dohlenge⸗ ſchrei hoͤren und der Fremde fuhr nach allen Seiten mit dem Kopfe herumz da es aber ſchon verſtummte und er in den Zuͤgen des Dieners keine Auskunft fand, buckte er muͤrriſch vor ſich nieder..* „Herr, begehrt Ihr noch zu trinken 2“ rief hier der alte Veit, dem das Herz vor Unwillen ſchwoll uhd der es vielleicht ſehr ſtolz fand, daß der angerufſſ 27 Gaſt ihn wie einen leibeignen Diener den Becher hal⸗ ten ließ. „Alter Burſch!“ rief der Fremde mit einem zorni⸗ gen Augenblitz—„haſt Du Geſchaͤfte, wenn Du die Ehre haſt mich zu bedienen?“ „Da ich nicht weiß, wer meine Dienſte begehrt,“ entgegnete Veit muͤrriſch,„kann ich keine große Ehre drin erkennen. Indeſſen wird es Euch an billiger Hoͤf⸗ lichkeit nicht fehlen, da Ihr das Gaſtrecht in meines Herrn Hauſe anſprecht.“ Ein kurzes ſpottiſches Lachen brach aus dem Frem⸗ den hervor.„Gottes Blitz!“ rief er—„alter Narr, Du biſt ſehr herablaſſend. Nun gieb den Reſt her— ich will den Becher ausleeren auf die bluͤhende Nach⸗ kommenſchaft des Herrn Thomas Thyrnau— auf die alten und die jungen Dohlen dieſes Neſtes!“ Es ſchnitt dem Alten wie Meſſer durch's Herz und traurig ſenkte er den Kopf und ſchwieg, waͤhrend Jener trinkend uͤber den Becher ihn beobachtete. Doch im ſelben Augenblick ließ ſich das Dohlengeſchrei viel lau⸗ ter hoͤren, ja! es war, als ob zu gleicher Zeit Mehrere ſich Heftig zankten. Anfaͤnglich ſchaute der Fremde wieder umher, dann ſchien er ſich uber ſeine eigne Auf⸗ mierkſamkeit zu aͤrgern und fuhr hoͤhniſch fort:„Nun, hab' ich's noch nicht recht gemacht?“ rief er in roh nek⸗ kendem Tone.„Sag', Alter, wie viel Nachkommen zaͤhlt jetzt Dein Herr? Ich denke, er muß Schwieger⸗ ſoͤhne und Enkel in Fuͤlle haben, daß dies ganze Neſt davon voll werden kann.“ „Der Wille des Himmels hat es anders gewollt!“ erwiderte der Alte duͤſter—„mein Herr hat wenig von ſeinem reichen Stamme und ſeinem Familiengluͤck uͤbrig behalten.“ „So“— ſagte der Fremde—„kam ein mächti⸗ gerer Stoßvogel unter die junge Brut, vor dem die alte Dohle ſie nicht decken konnte?“ Doch waͤhrend dieſer Worte ſah er, daß der Diener die Augen nach der Decke erhob, und unwillkürlich folgte er derſelben Richtung und ſah jetzt grade vor ſich auf einer offnen Gallerie, die uͤber dem Rauchfang des Kamins ſchwebte, ein ſo ſchoͤnes, junges und phanta⸗ ſtiſch gekleidetes Maͤdchen, daß ihm das Wort ausging, und er erſtaunt mit ſeinen Blicken an der reizenden Erſcheinung haften blieb. Dieſe dagegen ſchien, des Eindrucks ſicher, bemuͤht, ihn durch ihre ſtolze feſte Haltung noch zu verſtärken. Ihr Auge ruhte zuͤrnend unter leicht zuſammengezoge⸗ nen Brauen auf dem anmaßenden Gaſte, und ihre Hal⸗ tung. druͤckte eine ſtumme doch unverkennbare Wichtig⸗ keit aus. Der Fremde erhob ſich, nahm ſeinen Hut 29 und wedelte damit, waͤhrend er den ſteifen Ruͤcken zu kruͤmmen ſuchte, wie zu einem mißgluͤckenden Gruße. Das Maͤdchen hob die Hand auf und machte eine ſo ſtolze Bewegung damit, wie etwa Maria Thereſia auf dem Throne ihrer Vaͤter. „Wer? wer iſt die Dame?“ ſagte der Fremde eif⸗ rig, ſeine Augen unverwandt auf ſie geheftet. „Es iſt die letzte Dohlenbrut, die der Stoßvogel verſchonte!“ antwortete ſtatt des Dieners das Maͤdchen von Oben herab mit einer ernſten ſonoren Stimme, die den Fremden ſo erſchreckte, daß er zuruͤck fuhr und mit beiden Haͤnden die niedrige geheimnißvolle Stirn be⸗ ſtrich, wodurch der eiſerne, anmaßende Mann faſt den Anſchein von Verlegenheit oder Schrecken erhielt. Die Stimmung ſchien ihm fremd; er konnte ſich nicht be⸗ greifen; er hob den Blick entſchloſſen zu der Gallerie empor— da ſtand daſſelbe Maͤdchen noch eben ſo ruhig wie vorher und ihren ſcharfen Augen war die Wirkung ihrer Worte nicht entgangen. Es ſchien ihren Muth zu heben, daß ſie den rauhen Gaſt verbloͤden ſah. „Nun? wollt Ihr vielleicht der Stoßvogel ſein, der in das Dohlenneſt eindringt, die junge Brut zu vertilgen?“ fuhr ſie fort.„Verſucht's! wenn Ihr Uebung habt und erhebt Euch— denn jetzt ſteht die Dohle uͤber dem Geier! Der offene Kampf wird ſchwer, denn Eure Fluͤgel ſind wol nicht mehr die ge⸗ ſchwingteſten?“ „Ha!“ rief der Fremde ungeſtum—„was wagſt Du? Maͤdchen! Maädchen! welche Sprache!“ Er war gluhend roth geworden und die wildeſte Ader, die der Jaͤhzorn gebildet, ſchoß wie eine ringelnde Schlange auf der Stirn hervor. Er hoffte ſie mit ſeinen Blicken zu erſchrecken, aber er ſchoß ſie vergeblich hinauf. Jetzt erſt legte Magda ihre beiden runden Arme auf die bunte Bruͤſtung des Gelaͤnders und ſchaute hinab, wie in ein Schauſpiel, und eine Laune, aus Zorn und neckendem Muthwillen gemiſcht, lockte ſie zur Verfolgung des un⸗ baͤndigen Mannes. „Was meinſt Du, Herr Stoßvogel, daß ich wage? Dachteſt Du, Dohlen hätten keine ſcharfe Schnaͤbel— könnten ſich vor giftigem Biß nicht wehren? Sahſt Du den Augenblick aus, wo das Neſt leer von dem al⸗ ten Dohlenvater iſt— und biſt nun verwundert, daß die junge Brut auch mit den Fluͤgeln ſchlagen kann?“ „Wildes, unbaͤndiges Maͤdchen!“ rief der Fremde zornig.„Huͤte Dich, den Stoßvogel zu reizen! Er iſt maͤchtig genug, ſich zu erheben, und Du— die Letzte der alten verwuͤnſchten Dohlenbrut, wirſt ihm nicht zu hoch ſtehn, Dich zu erreichen; denn der, den Du hohneſt, hat auf derlei Geſchmeiß einen ſicher erprobten Stoß.“ 31 „Ja!“ rief Magda lachend—„ſo ſiehſt Du aus — und traͤfe ich den Herrn Stoßvogel im Walde, floge ich, wo das Rohr am dickſten iſt. Doch hier ſchien es mir Zeit, daß dem Herrn gelehrt wuͤrde, er horſte nicht im eignen Neſte, ſondern wo die Dohlen das Regieren und Befehlen haben. He! Fledermaͤuſe und Kaͤuze, meine getreuen Diener, herbei! ſchenkt dem Herrn Stoßvogel noch einmal den Becher voll! Solche hochziehende Herren haben immer Durſt! Auf Wie⸗ derſehn!“ Bei dieſen Worten verſchwand Magda und ließ den erzuͤrnten Gaſt in einem Zuſtande zuruͤck, den er ſelbſt nicht deutlich zu faſſen vermochte. Das Maͤdchen hatte ihn auf eine Weiſe gereizt, als wiſſe ſie die empfind⸗ lichſten Stellen ſeines Innern. Er war durch um— ſtände, die nur zu maͤchtig in ſein Leben eingeſchnitten, bis zur Wildheit durch ihr ganzes Weſen erſchuttert worden. Er haßte ſich wegen der Niederlage, die er erfahren, aber er ballte zugleich die Fauſt und drohte ihr nach, als ſie verſchwand. Und dennoch war es ſo un⸗ glaublich, daß ſie gerade ſo ihn habe treffen wollen! Es wat Zufall, mußte er ſich eingeſtehn. Plötzlich ſprang ſeine ganze Stimmung um, und er fand es hoͤchſt be⸗ luſtigend, was hier vorgefallen; ſogleich brach ein lau⸗ tes rohes Gelaͤchter aus ſeinem Munde und der alte 32 Veit, der ihm ſo eben den zweiten Becher Wein brachte, fuhr erſchrocken zuſammen. „Nun, Herr Kauz!“ rief er—„Deine Herrin iſt eine wilde Hexe, die ihr Neſt gut vertheidigt, und Du ſcheinſt nicht halb ſo viel Courage zu haben.“ „Ich habe ſo viel, als es einem Diener zukommt, Herr! Mit Worten geziemt es uns nicht in den Krieg zu gehn!“ „Geht! Alle geht!“ ſagte der Fremde veraͤchtlich— „laßt mich in Frieden, ich bin muͤde und will ſchlafen, bis Euer Herr kommt, dann koͤnnt Ihr mich wecken.“ Hiermit ſchlug er die Arme in einänder, zog die Schultern in die Hoͤhe und bald trat das unliebliche Schlummern eines von Luft und Anſtrengung erhitzten Reiſenden ein. Sein Athem war ſchwer und dumpf rochelnd, als koche es in der breiten Bruſt, und die Nuͤſtern ſchnauften, als entluͤden ſich durch ſie Rauch⸗ ſaͤulen von dieſem gluͤhenden Heerde. Die alten Diener fuͤhlten ſich durch dieſen Gaſt un⸗ gemein in ihrer Wuͤrde gekraͤnkt. So ungebuͤrlich das Haus ihres Herrn in Anſpruch zu nehmen, ſchien ihnen eine Beleidigung, die ſie um ſo mehr mit Abneigung vergalten, da ihnen keine andere Gegenwehr zuſtand. Aber das kleine Gitter am Heerde faßte ſie nun Alle zu⸗ ſammen, um ſich ihre Freude auszuſprechen, daß der „ 33 Liebling Aller, ihre junge Herrin, ſo muthig einge⸗ ſchritten war. „Das iſt ein Kind,“ ſagte Veit—„immer auf dem Platz! Nichts laͤßt ſie ſich gefallen, immer kennt ſie ihr und der Andern Recht und hält es feſt und weiß es zu 4. „Ja,“ ſagte Gundula—„warum iſt ſt ein Maͤdchen geworden! Die muͤßte den Namen des alten Herrn fortpflanzen— da koͤnnte die Welt noch einen Thomas Thyrnau erleben.“ Vom Bratenwender her ertoͤnte ein leiſes Dohlen⸗ geſchrei.„Bezo,“ ſagte Frau Gundula—„laß die Thorheiten! Wir ſind, denke ich, Alle froh, daß der Eindringling ſchlaͤft. Wecke ihn nicht durch Dein Gekraͤchze.“ „Stoßvogel kratzen Augen aus— fuͤr Magda“— rief der arme halb bloͤdſinnige Menſch.„Magda, jun⸗ ger Bachſtelz— wie die Sonne hell— alten S5 vogel wuͤrgen!“ Alle lachten.„Seh' nur Eins den Buben!“ ſagte die Großmagd—„da denkt man, er hat ſeine Sinne nicht, und oft weiß man nicht, ob er nicht kluͤger iſt, wie ein Begabter.“ „Dem ſitzt der Verſtand in ſeinem treuen Herzen,“ ſagte Gundula—„Oft ſchon habe ich bemerkt, daß es Thomas Thyrnau II. 3te Aufl. 3 ſeine Sinne weckt, wenn er den Namen derjenigen hort, die er liebt— und dann iſt's wieder vorbei, ſo ſchnell wie es kam. Seht ihn jetzt einmal an, wie mehr als kindiſch, wie ganz bloͤde er vor ſich hinſtarrtz jetzt iſt der Jagdhund an ſeiner Seite kluger als er.“ Das war eine traurige Wahrheit.— Bezo war eine Waiſe— ein Findling, wie der Krieg ſie oft auf ſeine Straße ſtreut. War es fruͤhere Verwahrloſung, waren ſpätere ſchreckliche Eindrucke aus den Verheerungen die⸗ ſer Zeit, Veranlaſſung— man fand ihn den wilden Thieren aͤhnlich, von Wurzeln lebend, unter den Be⸗ wohnern des Waldes, die ihn duldeten wie einen Ge⸗ faͤhrten, deren Futter er theilte, unter denen er wie unter ſeines Gleichen ſchlief. Jaͤger hatten ihn gegen den Winter auf den Futterplaͤtzen entdeckt und nach vie⸗ ler Muͤhe endlich eingefangen. Menſchenfreundlich hat⸗ ten die Bewohner des Dohlenneſtes ihn aufgenommen. Lange dauerte es, ehe er nur die Sprache wiederfand, ehe er es ertrug, unter Menſchen, unter einem ſchutzen⸗ den Dach, in waͤrmenden Kleidern zu leben. Nach und nach tagte ſein Bewußtſeinz aber, obwol fortgeſetzt guͤtig behandelt, erhob ſich ſein Verſtand doch nur bis zu den Verrichtungen und Beobachtungen eines klugen Hausthieres. Dennoch war er von Allen geliebt, denn er hatte auch alle Tugenden dieſer Thiere— anhaͤng⸗ 35 lich, wachſam, aufopfernd, unverdroſſen; und ſo bildete ſich bald ein kleiner Kreis fuͤr ihn, in welchem er thaͤtig ward und worin, durch das ſich immer mehr entfaltende Bewußtſein des Herzens, ſich oft Blitze eines hoͤhern Zuſtandes zeigten, die, freilich ohne Zuſammenhang, auch nichts in ihm foͤrderten, weshalb man ihn endlich gewaͤhren ließ, erwartend, was er ſelbſt gelegentlich an ſich entfalten wuͤrde. Wie alt er ſein mochte, war ſchwer zu beſtimmen. Seine Natur war zuruͤckgedraͤngt, die Beine krumm und duͤnn, die Arme lang und der eine kuͤrzer als der andere. Das Geſicht war gelb, alt und von thieriſchem Ausdruck; dennoch ſchaͤtzte ihn der Arzt jetzt erſt hoͤchſtens zwanzig Jahr und ein Fremder wußte beim erſten Anblick nicht, ob er ein Kind oder einen Greis ſah. Bezo hatte er ſich ſelbſt getauft, denn es war das erſte Wort, das er zum Menſchen zuruͤck⸗ kehrend herausſtieß. Dabei war er ein Meiſter im Rennen, Klettern, Springen und außerdem lernte er manche Geſchicklichkeiten; er ſchnitt zierlich in Holz aus, er putzte die Gemuͤſe, er ſaͤuberte und pflegte die Hunde und Voͤgel, er war unſchaͤtzbar auf der Jagd und ſchoß, als ſei es ihm angeboren, mit einer Schaͤrfe des Blicks und einer Schlauigkeit der Berechnung, daß ihn kein indianiſcher Wilder haͤtte zu uͤbertreffen vermocht. Da⸗ gegen liefen Magda's Bemuͤhungen, ihn leſen zu lehren, 36 ſchlecht ab; er ſah ſie immer ſtarr an und lachte wie ein Wahnſinniger zu ihren Bitten, ihr zuzuhoͤren. Doch hatte ſie ihm einige Gebete beigebracht, die er zuweilen herſagte, wenn er ſie ſah, und regelmaͤßig jeden Morgen und Abend auf ſeinem Lager. Sie hoffte, er habe durch ihr Bemuͤhen eine Ahnung von dem hoͤchſten Weſen, wozu Alle liebevoll ſchwiegen, obwol es den Meiſten ſchien, daß er Magda fuͤr das hielt, was ſie als etwachendes Bewußtſein fuͤr die Guͤte Gottes auffaßte. Seine Liebe zu ihr war die entwickeltſte Erſcheinung in ihm, und da Magda ſie nicht ahnte und in ihrem menſchenfreundlichen Eifer ſeine Erziehung im Sinne hatte, fehlte es nicht, daß ſich ihren Bemuͤhungen oft uberraſchende Zeichen erweckten Bewufßtſeins zeigten. Er hatte ſie bei ihrer Anweſenheit immer im Auge, ja er nahm ihre Naͤhe mit einer Schaͤrfe der Sinne wahr, die uber die Verrichtungen des Gehoͤrs und Auges gin⸗ gen, und zeigte ihre Annaͤherung immer durch eine ſei⸗ ner neckiſchen Nachahmungskuͤnſte an, entweder durch das Nachſingen eines Vogels oder durch Bellen und Miauen. Er, der ihren Beduͤrfniſſen ſo fern ſtand, erkannte oft Beziehungen, die ihr lſtig oder hinderlich werden konnten, mit einer inſtinktartigen Schaͤrfe, und die Art, mit der er ſich anſchickte, ſie davon zu befreien, 37 belehrte erſt daruber, daß ſein Geiſt ſelbſt eine gewiſſe Liſt und Schlauheit entwickeln konnte. Doch waren alle Verſuche dieſe Entwickelung, die Magda in ihrer Gewalt hatte, auf andere Gegenſtaͤnde zu uͤbertragen, vergeblich! Fuͤr die uͤbrige Welt blieb er taub und bloͤdſinnig, und ſeine Treue, Guͤte und umſicht erhob ſich, wie geſagt, nicht uͤber die eines gelehrigen Hausthieres, wozu noch nach Magda's Ent⸗ fernung jeder Zeit eine hoͤchſt truͤbe Periode eintrat, in der man ihn zwingen mußte zu eſſen, um ihn gegen Verhungern zu ſchuͤtzen, und wo das Aufblitzen intelli⸗ genter Kraͤfte voͤllig wieder zurucktrat. Auch jetzt war er wieder in die gleichguͤltige Ruhe verſenkt, aus welcher er dann nur durch Magda zu wecken war, und dieſe hatte ſich auf die Plattform ihres Thurmzimmers zuruͤckgezogen; ſie beobachtete den Weg, den der Großvater kommen mußte, und den ſie ber die Wipfel des Waldes hinweg ein Stuͤck in das Dorf hinein von dort aus verfolgen konnte. Jedoch ſah ſie den Erwarteten nicht; ſtatt ſeiner aber den Pater Hie⸗ ronymus, den alten Arzt, ihren Reiſegefaͤhrten. Seine Ankunft war ihr ein Troſt; denn unheimlich hatte ſie der fremde Gaſt aufgeregt, und trotz dem, daß ſie ihn ſo mit all den kleinen Wortgeſchutzen, die iht zu Gebote ſtanden, angegriffen hatte, fuhlte ſie doch keineswegs— 38 und vielleicht eben darum nicht, weil ſie ſich zu Anfang gleich ſo verſchoſſen hatte— eine große Sicherheit, und ſie lief daher die kleine halsbrechende Treppe, die, in ganz rohe Stufe gehauen, ſich von Außen her um den Thurm herumzog, eilig herab, und durch den Wald einen Seitenweg nehmend, erreichte ſie das Maulthier des guten Hieronymus, ehe er ſich dem Vorplatz des Hauſes naͤhern konnte. Bei ihrem Anblick ſtieg der Alte ſogleich von ſeinem Sattel, und dem Maulthiere die Zuͤgel uͤberwerfend, ſicher, daß es allein den bekannten Stall finden werde, folgte er ſeinem geliebten Pflegling durch einen kleinen Waldweg, der ſie der Beobachtung entzog. Hier er⸗ zaͤhlte ihm Magda in fliegenden Worten von dem un⸗ heimlichen Fremden und ihrer Neckerei mit ihm, und begehrte, er ſolle jetzt voran gehn und ihn eisß fra⸗ gen, wer er ſei und was er wolle. „Aha! meine Tochter!“ ſagte der Arzt lachend— „bei aller Keckheit fuͤrchten wir uns jetzt ein wenig und wollen lieber im Hinterhalt bleiben, nachdem wir an⸗ fangs ſo muthwillig geplaͤnkelt haben.“ „Du magſt ſagen, was Du willſt,“ rief Magda— „Furcht iſt es nicht! Ich koͤnnte jetzt zu ihm gehn, ihn aufruͤtteln aus ſeinem baͤrenhaften Gegrunze— ich koͤnnte ihm ſagen, wie widerwaͤrtig, wie boͤs, wie gott⸗ 39 los er mir vorkommt— ich koͤnnte ihm Vorwuͤrfe ma⸗ chen— und da ich nicht weiß, woruͤber, weshalb— ſo wuͤrde ich ihm Vorwuͤrfe machen, daß er uͤberhaupt lebt — und wenn ich mir denke, er fuͤhre auf mich los wie ein wildes Thier, ſo lache ich vor Trotz, denn ich wollte ihn doch treffen und ihm gebieten, duͤnkt mir!“ „Und doch ſoll ich es fuͤr Dich thun, doch bleibſt Du im Ruͤckhalt! Der große Muth ſitzt alſo doch wol nur in Deiner kecken Einbildung?“ „Nein, Hieronymus! Du biſt alt und mußt Jedem Rede ſtehn, dem Guten wie dem Suͤnder, das hat Dich Dein Amt gelehrt. Du kannſt es eher thun! Ich— nun ja— ich bin mir zu gut dazu— ich fuͤhl's, wie eine Befleckung mit ihm— ich fuͤhl' ein Grauen vor ihm. Das iſt nicht Mangel an Vertrauen zu meinem Muthe, das iſt, daß ich ihn meines Muthes nicht werth halte!“ Hieronymus lachte laut auf und ſein vaͤterliches Auge ſtreifte den Liebling mit Wohlgefallen.„Maͤd⸗ chen,“ rief er—„Dein Verſtand hat Schliche! da kommt ein Anderer nicht nach. Aber Du machſt Dir Alles zurecht, wie Du's brauchen kannſt— gieb Acht, da keiner die Erziehung bei Dir uͤbernommen hat, wird das Leben ſelber kommen und wird Dein Lehrmeiſter werden.“ % 40 „Das glaube ich ſelbſt,“ ſagte Magda ernſt— „und ich warte darauf, denn was Anderes lenkt und beugt mich nicht. Es moͤge aber nur kommen; ich habe immer die Gedanken, daß ich darauf eigentlich warte.“ „Behuͤte Dich Gott,“ ſagte Hieronymus—„und lenke Dein Herz, daß es nicht in eitlem Selbſtvertrauen verhaͤrtet. Maͤdchen! Maͤdchen! Du haſt ein ſtolzes ſuͤndhaftes Vertrauen auf Deine Kraft; das iſt aber der Stab, der zuerſt bricht oder Dich an Abgruͤnde und ſchwindelnde Hoͤhen hinlockt, wo der Untergeng Dir gewiß iſt.“ 65 „Du thuſt mir bitter Unrecht, Hieronymus!“ rief Magda und faltete ihre Haͤnde uͤber die Bruſt zuſam⸗ men.—„Was Du Selbſtvertrauen nennſt, iſt nichts Anderes als Vertrauen zu Gott, um deß Willen ich den inbruͤnſtigen innern Trieb fuhle zu leben, ſo recht wie es ſein Wille iſt. Das kann ich nicht ohne ſeine Huͤlfe, darum kommt mir meine Seele vor, als läge ſie immer in meinem geheimſten Innern vor Gott und baͤte ihn, mit ihr zu ſein! Dieſer vor Gott betenden Seele thue ich aber nie genug, nie das Rechte— wie ſollte mir alſo Selbſtvertrauen kommen? Hoͤrſt Du es wol? Selbſtvertrauen iſt es nicht! Aber Vertrauen, daß alles, was das Leben thun kann— ein Grashalm unter meinem Fuße wird, wenn Gott mit mir iſt.“ * „Das iſt ſo übel nicht,“ erwiderte Hieronymus und verbarg ſeine Ruͤhrung unter gleichgultigem Weſen. „Beten iſt freilich die einzige Huͤlfe— und ſo laß denn nur Deine Seele vor Gott liegen; nimm Dich aber in Acht, daß Magda ſie da nicht liegen laͤßt und. was Anderes 4 „Ja, Du haſt Recht, ncnn Magda thut oft ganz was Anderes, als die Seele will, die vor Gott liegt. Ich hoͤre ihren Ruf— ich fuhle, ſie weint— und ich ſtehe ganz verhaͤrtet dabei und ſehe zu, wie ich mich von ihr getrennt habe. Das iſt dann ordentlich ſchrecklich! Ich richte meine Augen ſo angſtvoll darauf hin, ind kann doch nicht wieder mit ihr zuſammen eomm— und ſehe, wie ſie ringt und kaͤmpft, um ſich mit mir zu vereinigen, und wie ich leblos, todt, eine 5 leere Huͤlle, athmend ohne Leben, davor ſtehe! Das dauert oft ſeine Zeit— dann hat ſie mich doch endlich los gebeten— mit eins geſchieht das Wunder— ich bin wieder mit ihr vereinigt und ſie iſt dann voll goͤttlichen Odems— und mir ſchwillt von unausſprech⸗ licher Seligkeit die Bruſt. Ich ſturze dann hin in mei⸗ nem Gluͤcke und dann betet Magda oder die Seele— das iſt dann gleich— aber es iſt ein Jubel von Dank, was ich bete! Was denkſt Du, Hieronymus? Glaubſt Du, daß das Selbſtvertrauen auf dieſem Wege ————— waͤchſt? O ſo klein wird es— ſo klein! wie dies Wuͤrinchen, welches unter dem Mooſe vorkriecht, um ein wenig Sonne zu erhaſchen.“ „Nun,“ ſagte Hieronymus—„immer habe ich gedacht, Gott bliebe ſelbſt den Irrthuͤmern gnaͤdig, mit denen die Menſchen ſich oft belaſten, um den Weg zu ihm anzutreten. Glaube an ihn— ſo wird er Dein Warten nicht truͤgen.“ Sie waren tiefer in den Wald eingedrungen, als ſie gewollt. Jetzt hatten ſie einen um ſo laͤngeren Ruͤckweg; Hieronymus ging wegen der Mittagsſtunde langſamer und Magda war ſtill geworden und trieb auch nicht zum ſchnelleren Gehen. Daher kam es, daß, als ſie ſich dem Hauſe naͤher⸗ ten, ſie erfuhren, der Herr ſei ſchon eine Zeit lang zu⸗ ruͤck und wuͤnſche allein zu bleiben, und als ſie an der Hausthur voruͤber gingen, ſtanden die Fluͤgel derſelben beide geoͤffnet, wie es Thomas Thyrnau liebte, und man ſah ihn an der Seite des Fremden lebhaft redend im Innern auf und nieder wandeln. Kaum war ein groͤßerer Kontraſt zu denken, als beide Maͤnner, die vielleicht im Alter wenig unterſchie⸗ den waren. Thomas Thyrnau war freilich eben wie ſein Gaſt das Bild der Maͤnnlichkeit, aber es war nicht wie bei ſeinem Gefaͤhrten, das der rohen Kraft, 43 der Ausdruck unbeugſamer Leidenſchaft. Thomas Thyrnau war groͤßer als der Fremde, kräftig und breit in Bruſt und Schultern gebaut; wenn aber der Fremde auch ſtarke wohlgebaute Beine hatte, waren ſie doch durch Vernachlaͤſſigung oder vom vielen Reiten gekruͤmmt und ſein Gang hatte die ungleiche Bewegung, welche davon entſteht. Im Gegentheil waren bei Tho⸗ mas Thyrnau Bein und Fuß von vollkommen eleganter Haltungz ſein Gang hatte eine militariſche Genauigkeit; er ſchritt weit aus und ſein Kreuz wie ſeine ganze Ge⸗ ſtalt war gerade und feſt gebaut. Dabei ließ er jedoch gern den Kopf etwas auf die Bruſt ſinken und trug— wie auch eben jetzt— beim Gehen gewoͤhnlich die Haͤnde gefaltet auf dem Ruͤcken. Sein Haar war zuruͤckge⸗ ſtrichen und fein gepudert; es erhob ſich ein wenig tou⸗ pirt an den Schlaͤfen und war in einem kleinen ſchwarz ſeidenen Catalion im Nacken zuſammengefaßt. Nie⸗ mals waͤre Thomas Thyrnau auf irgend einem Platz der Erde zu uͤberſehn geweſen. Wo er erſchien, erregte er Aufmerkſamkeit, und unwillkuͤrlich richtete man auf ihn die Blicke, wenn man ſprach und etwas Wichtiges zu ſagen glaubte. Er war immer ungeſucht, doch ele⸗ gant gekleidet und trug auch heute einen vollſtändig wohlerhaltenen Anzug von dunkler Farbe, den Sammet ſeines Rockes mit einer feinen Goldſtickerei eingefaßt. 44 Sein Geſicht war bis auf eine grade edle Naſe weder regelmaͤßig noch ſchoͤnz aber ſeine feurigen ſchwarzen Augen, die unter ſtarken weißlichen Augenbrauen her⸗ vorleuchteten, beherrſchten ſein Geſicht ſo, daß man dem Uebrigen wenig nachfragte. Seine Farbe war ſehr dunkel, nur die Stirn war merklich weißer; ſie trug vorzuglich den Stempel einer ungemeinen Kraft, hatte in der Mitte den antiken Spalt und die Furchen, die wir an der Jupiterſtirn kennen lernten— wogegen der Untertheil des Geſichts, wenn es ohne Aufregung war, eine große Guͤte und eine Jovialität ausdruckte, die dann in den Winkeln der Augen ein eigenthuͤmliches Zwicken erregte und dieſe Feuerbaͤlle umwandelte, als waͤren ſie nur zum Lachen da. Dieſe Eigenthuͤmlichkeit trat in dem Augenblick, wo er an der Seite des Fremden auf und nieder wan⸗ delte, nicht hervor. Heftig ſchritten ſie beide hin und her; die Stirn von Thomas Thyrnau war gefurcht und ſein Mund trat leidenſchaftlich vor; doch bot er einen milden Anblick gegen den Fremden, den tobende Empfindungen ganz zu zerreißen ſchienen. „Welch' ein Recht koͤnnt Ihr haben“— fuͤhrte der Fremde das angefangene Geſpraͤch weiter—„gerade jetzt Euch von der entſchiedenen Mitwirkung loszuma⸗ chen, da der guͤnſtigſte Augenblick da iſt? Ueberall . 4⁵ brennt das Feuer unter der Aſche— Preußen ruͤſtet — ſeine Abſichten ſind unverkennbar und geben der Kaiſerin in Schleſien vorlaͤufig genug zu thun. Auf keinem Punkte iſt es ſicherer. In Italien ſtehen eben ſo viel verletzte Intereſſen als Staaten, und Oeſtreichs Kampf mit Spanien ſucht immer dort das Schlacht⸗ feld. Beide hoffen daſelbſt ihr Reich zu befeſtigen und verſchlingen die kleinen Staaten, die ihnen im Wege liegen, wenn ſie zu ſchwach ſind, Widerſtand zu leiſten. Aber dafuͤr laſſen ſie auch lauter rau⸗ chende Krater hinter ſich, und dieſe Eroberungen muͤſſen bewacht werden und theilen die Kraͤfte. Denkt an Genua und an den fuͤnften December 1746— und ſo iſt es uͤberall! Holland und England— die Kaiſerin in ihren Anſpruͤchen beſchraͤnkend und bedro⸗ hend, ſtehen beide hungrig vor den Niederlanden, und die Antwort moͤchte ihr jetzt ſchwer werden, was ſie— wenn es los bricht— zuerſt feſthalten will! Da braucht ſich ihr alter Feind— Frankreich— nicht mehr zu ge⸗ niren, wenn er das thun will, was ihm gefaͤllt— ſo denke ich! Wie koͤnnt Ihr mir alſo ſagen, dies hoch⸗ ſinnige Unternehmen ſei in Nichts zerfallen? Was habt Ihr mir zu antworten auf den Zuſtand der Politik, den ich Euch kurz und buͤndig dargelegt?“ „Daß er ein etwas veraltetes Ding iſt und fuͤr die Zuſtaͤnde der Gegenwart nur wenig paſſen will“— er⸗ widerte Thomas Thyrnau.„Ihr habt die Verhaͤltniſſe von 1748, wie ſie nach dem Aachner Frieden waren, theilweis recht gut in Eurem Kopfe aufgenommen. Dabei ſeid Ihr aber ſtehn geblieben, und indeſſen hat unſer großer Kaunitz einen Umſchwung in der Politik bewirkt, der die Haͤlfte dieſer Kombinationen aufhebt. Bald, hoffe ich, werden wir die theuren uͤberſeeiſchen Nachbarn nicht mehr noͤthig haben— alsdann werden die Englaͤnder ihre deutſchen Beſitzungen gegen Frank⸗ reich zu ſchutzen haben— und Holland wird ohne die⸗ ſen Alliirten nicht mehr in Rede ſtehn!“ „Halt! halt!“ unterbrach ihn der Fremde, indem er ſtehen blieb und ihn wild anſah—„welch' tolle An⸗ ſichten bringt Ihr da zur Sprache, und was fuͤr Gruͤnde habt Ihr, mich hier mit Euren unhaltbaren Traͤumen zu foppen, Herr? Denkt Ihr, ich bin von Sinnen?“ „Ueber ſolchen Zuſtand erlaube ich mir ſelbſt in den dringendſten Faͤllen kein entſchiedenes Urtheil,“ erwi⸗ derte Thomas Thyrnau mit kalter Jronie, indem er die Hand des Fremden von ſeinem Aermel ſchuͤttelte— „doch uͤber das, was ich Euch ſo eben mittheilte, wird bald ganz Europa mit Euch erſtaunen, und ehe es ſich in den neuen Zuſtand findet, wird manches von Seiten 47 der klugen Kaiſerin geſchehen ſein, was ihren Vortheil ſichert.“ „Und wenn dieſer tolle wahnſinnige Gedanke wahr iſt,“ ſchrie der Fremde—„was hindert das uns? Habe ich mit Feiglingen— mit Wortbruͤchigen zu thun— die um dieſes Maͤhrchens Willen den lang ge⸗ naͤhrten, wohl vorbereiteten Plan, den vieljaͤhrige An⸗ ſtrengungen foͤrdern halfen— in Nichts zerfallen laſſen? Denkt Ihr, daß ſelbſt ein ſolcher Umſturz alter, bewaͤhrter Politik, zu etwas Anderem dienen koͤnne, als die Abſichten zu verdecken, die Frankreich deſto entſchiedener auf Boͤhmen richten wird?“ „Jeder legt ſich die Politik des Tages nach ſeiner Eigenthuͤmlichkeit aus,“ ſagte Thomas Thyrnau— „der Eine ſieht in Allem das Mittel zu neuen Betruͤ⸗ gereien, der Andere glaubt an die Heiligkeit der Ver⸗ traͤge. Ich gehoͤre zu den Letzteren und halte die Sache, die Ihr betreiben wollt, auch von franzoͤſiſcher Seite fur aufgegeben.“ „Aufgegeben?“ hoͤhnte der Andere—„ aufgegeben? Ihr, der Ihr in dem Boudoir der Marquiſe Pompa⸗ dour Eure Reverenzen machtet, ſprecht von dem Auf⸗ geben eines Planes, den einmal dieſer Kopf erfaßte?“ „Vielleicht,“ fuhr Thomas Thyrnau kalt fort— „vielleicht begreife ich, gerade weil ich ſie kenne, ſe 48 gut, daß es nur einer Wendung der Dinge bedarf, wie ſie jetzt eingetreten iſt, und von der ſie ſich großere Befriedigung verſpricht, als ſie von unſern fruͤheren Plaͤnen hoffte— um zu wiſſen, daß ſie ſchneller als ſie einen Kopfputz mit dem andern nhe ſo auch ihre Politik wechſeln wird.“ „Pah!“ rief der Fremde—„lehrt mich die Wei⸗ ber nicht kennen. Waͤre Maria Thereſia ein Mann, ſo wollte ich Euch glauben; aber daß ein Weib— und wenn zehnmal Kaiſerin— ſich anmaßt, ihr gegenuͤber ihr Reich regieren und vertheidigen zu wollen, waͤhrend ſie auf ſich allein die Blicke Europa's gerichtet ſehen will— daß dies Weib Kaiſerin und ſchoͤn iſt, geiſtvoll und toll genug, ſelbſt ihrem Manne getreu zu ſein, das ſind Alles Beleidigungen, die ſie ihr nicht vergeben wird, ungerechnet— was allein entſcheidend waͤre— daß dies Weib mit Verachtung auf ſie herab ſieht, ihren Einfluß leugnet, und ihm nichts zu danken haben will— wenn das Alles ein ſuͤndhaftes Weib einer Pruͤden vergiebt, dann ſollt Ihr Recht haben und ich Unrecht!“ Trotz des zornigen Lachens der Herausforderung, womit dieſe Rede geſchloſſen ward, ſtoͤrte ſie Thomas Thyrnau in ſeiner Ruhe nicht.„Freilich,“ fagte er, nachdem der Fremde ausgelacht—„ſo mußte es kom⸗ „ 49 men! Eine Verſoͤhnung dieſer beiden Feindinnen wird nothwendig ſein, üm den franzoͤſiſchen Widerſtand zu beſiegen; und dieſe zu vermitteln, kann nur dem klug⸗ ſten Staatsmann, dem wahrſten Patrioten gelingen. So etwas wuͤrde nur Kaunitz vermoͤgen— das iſt un⸗ bezweifelt.“ „Kaunitz eine Verſoͤhnung zwiſchen Maria Thereſia und der Marquiſe von Pompadour? Hal iſt dieſer feine glatte Hofmann auch Alchymiſt? Hat er ein Elixir gebraut, welches dieſe widerſtrebenden Elemente bindet?“ „Und dennoch wird dies nicht unmoͤglich ſein!“ er⸗ widerte Thomas Thyrnau. Der Fremde bekam einen Ausdruck, der von einer Stimmung zeugte, wie er ſie gewiß nur ſelten kannte. Es war ein voͤlliges Verdummen! Die kleinen Augen ſchienen aus dem Kopfe zu treten, der breite Mund blieb geoͤffnet und er vermochte nicht weiter zu gehn. Dieſer Ausdruck ging aber bald in einen ihm natuͤrlicheren uber; er bog ſich vor und ſah einem gehoͤrnten Thiere nicht unaͤhnlich, welches der inneren Wuth durch ein Niederrennen ſeines Gegners los werden will. Thomas Thyrnau wandte ſich von ihm. Es ſchien, der widrige Anblick verletze ihn, und er ſah umher, als wolle er in⸗ deſſen etwas Anderes thun. Thomas Thyrnau H. 3te Aufl. 4 50 „Halt!“ rief der Fremde—„ſteht mir Rede. Sagt— wollt Ihr damit ausdruͤcken— die Kaiſerin habe ſich mit der Marquiſe Pompadour bereits ver⸗ ſoͤhnt?“ „Macht Euch Eure eigenen Schluͤſſe!“ ſagte Thyr⸗ nau oben hin. „Wißt Ihr, daß dies eine Beleidigung der Kaiſerin iſt,“ rief der Fremde,„die Euch ein lebenslaͤngliches ſicheres Plaͤtzchen in irgend einer Eitadelle verſchaffen kann? Und,“ fuhr er fort, da der Advokat blos ach⸗ ſelzuckend an ihm voruͤberſtreifte—„wißt Ihr, wofuͤr ich Eure Erzaͤhlung halte? Fuͤr einen ausgedachten Theaterſtreich, mich mit der Pritſche von der Buͤhne zu vertreiben!— Ihr habt— wodurch weiß ich nicht— an unſerm Unternehmen die Luſt verloren, und nun ſoll es nicht gehen koͤnnen! Jetzt habt Ihr ſo viel Gruͤnde dagegen, wie fruͤher dafuͤr! Denn wenn Ihr es noch wolltet, ſo glaube ich, zwaͤnget Ihr die Pompadour, Wort zu halten, ſelbſt wenn Euer Maͤhrchen wahr waͤre.“ „Denkt von dem, was Ihr mein Maͤhrchen nennt, wie es Euch beliebt,“ erwiderte der Advokat gleichguͤl⸗ tig.„Die naͤchſte Zeit wird mir die Muͤhe erſparen, Euch weiter zu antworten. Was aber meine Meinung uber die Sache ſelbſt betrifft, ſo habt Ihr Recht— ich habe meine Anſichten geaͤndert, ich habe die Plaͤne auf⸗ gegeben, fuͤr deren Erfuͤllung ich gelebt. Und wißt Ihr, wer dieſe Umaͤnderung bewirkt? Maria Thereſia ſelbſt, meine erhabene Monarchin!“ „Ah!“ hoͤhnte der Fremde— alſo dort habt Ihr Entrée gefunden! Das Boudoir der franzoſiſchen Maitreſſe habt Ihr mit dem Boudoir der deutſchen Kai⸗ ſerin vertauſcht? Seht Euch vor— ſeht Euch vor, daß der Boden Euch dort nicht zu glatt wird— und dies koͤnnte bald der Fall werden, wenn man erfuͤhre, von woher Ihr kommt.“ „Ich denke, eben daher, wo auch Euer Gnaden ſo lange waren,“ ſagte Thyrnau kalt—„ſchwerlich wird zu erweiſen ſein, daß ich allein dort war— und Euer Gnaden werden mit zu den Ueberraſchungen gehoͤren, welche die Kaiſerin uͤberhaupt erfahren wird.“ „Herr!“ rief der Fremde wild—„vergeßt nicht, mit wem Ihr ſprecht. Zu lange ſchon, denke ich, er⸗ dulde ich Euer uͤbermuͤthiges Betragen— es muß zu Ende gehn— Ihr vergeßt Euch.“ „Wollte Gott, ich vergaͤße mich“— rief hier ploͤtz⸗ lich Thomas Thyrnau mit einer Energie, vor welcher ſelbſt die aufbrauſende Wuth ſeines Gegners zuſammen fiel—„oder ich koͤnnte vergeſſen, vor wem ich ſtehe. Erinnert mich nicht daran! Ihr habt dieſe Schwelle 52 ohne meine Einwilligung uͤberſchritten— ich weiß, daß Euch dies Dach ſchuͤtzen muß, ſo lange es uͤber Euch iſt— aber reizt mich nicht— ich bin ein Menſch— ein tief gekraͤnkter Menſch— und bin's durch Euch!“ Seine Stimme, die ſich in hoͤchſter Heftigkeit und Kraft zu Anfang erhoben hatte, erſtarb gegen das Ende der Rede zu einem kaum verſtaͤndlichen Gemurmel. Und dennoch veraͤnderte ſich die dunkle Glut auf dem Angeſichte des Fremden zu einer grauen, ſtreifigen Blaͤſſe, und er ſtand dem zuͤrnenden Anklaͤger nicht ſtill, ſondern rannte wie gejagt vor ihm auf und nieder, waͤh⸗ rend Thomas Thyrnau feſt ſtehen blieb und mit dem Ausdruck hoͤchſten Schmerzes in die Ferne ſtarrte. „Alſo auch Ihr,“ rief der Fremde endlich mit un⸗ ſicherer Stimme—„auch Ihr glaubt dem boͤſen Leu⸗ munde, den ein ungerathener Sohn, den Gott richten wird, uͤber den Vater auszubreiten wußte? Ich weiß, was Ihr ſagen wollt— aber Ihr vergeßt, was ich ſa⸗ gen koͤnnte. Anzuklagen wagt Ihr; aber das uͤberſehr Ihr, was ich, der Vater, der Fuͤrſt, erlitten— welche Beleidigungen ich zu raͤchen hätte.“ „Um Gotteswillen ruͤhrt die Vergangenheit nicht auf!“ ſchrie Thomas Thyrnau, und ſeine Stimme klang wie ein Donner, der dem Blitze folgt, der uber unſerm Haupte zuͤndet.„Jetzt halte ich die Erinnerung ——-, 53 daran nieder, um Eure Nähe ertragen zu können— weckt ſie nicht oder Ihr verlaßt nicht lebendig dieſes Haus.“ Der Andere warf einen Blick zu den offenen Thuͤren hinaus, als ſuche er eine dienſtwillige Hand— als frage er— ob er hier wirklich allein ſei— denn es mochte etwas in ſeinem Geiſte erweckt ſein, was ſeine Kraft laͤhmte, der er ſonſt ſchon geneigt war zu vertrauen. — Auf dem kurzen gruͤnen Raſenteppich, der vor den Thuͤren ausgebreitet lag, und auf welchem nur der leichte Mittagsſchatten der einzelnen großen Eichen ruhte, ſah er das ſchoͤne Maͤdchen, das an der Seite eines alten Mannes in einiger Entfernung wandelte und jetzt, von der Stimme des Großvaters aufgeſchreckt, wie ein fluchtiges Reh dem Hauſe zuflog. Beide ſahen ſie daher eilen, und wie verſchieden auch ihr Gefuͤhl war, Beide wollten ihre Gegenwart nicht. Aber die Stim⸗ mung war zu leidenſchaftlich, um es auf geeignete Weiſe zu bewirken. „Fort! fort!“ rief Thomas Thyrnau, mit vor Heftig⸗ keit bebender Stimme—„wie kannſt Du eswagen, hier einzudringen, da ich befohlen, allein bleiben zu wollen.“ „Beſiehl Du, was Du willſt,“— rief dagegen Magda und ſtuͤrzte an ſeine Bruſt—„ich laſſe Dich nicht! Denn er wagt es, Dich zu kraͤnken, und wenn Du ihn nicht fortſchickſt, ſo will ich es thun.“ 54 Sie wandte den Kopf, der von Unwillen ſtrahlte, ſie hob ſich und ihre Hand ſtreckte ſich abwehrend gegen ihn aus.„Geh! geh! Du finſtrer Geiſt— wer Du auch biſt, Du haſt Antheil am Boͤſen! Fort mit Dir von hier, wo mein guter Großvater iſt.“ Dieſer war in ihren Armen wie verſtrickt. Faſt unſanft machte er ſich von ihr los.„Mein Herr,“ ſagte er mit gepreßter Stimme—„machen Euer Gna⸗ den dieſer Scene ein Ende— ich bitte. Einzuſehn iſt bald, uns kann nicht lange daſſelbe Dach decken, aber ich bitte jetzt noch— daß Euer Gnaden mich ver⸗ laſſen!“ Doch Jener ſtand und ſtarrte Magda an. Dann ſagte er, als habe er von Allem, was um ihn her vor⸗ ging, nichts vernommen:„Wer— wer iſt das? Iſt doch Eins uͤbrig geblieben? Biſt Du ihre Tochters“ „Entferne Dich, Magda!“ rief ihr Großvater mit einer ſo ernſten und ruhigen Wuͤrde, daß ſie nach⸗ gab und ſchaudernd an dem unheimlichen Gaſt voruͤber aus dem Hauſe eilte. Als ſie fort war, kehrte dem Fremden die Beſinnung zuruͤck. „Ich will wiſſen, wer dies Madchen iſt,“ rief er mit wiederkehrender Brutalität in Ton und Weſen. „Wen naͤhrſt Du hier in der Stille? Welche Plaͤne haſt Du mit dieſem Maͤdchen? He, alter Sunder, bekenne.“ ———— h 55 „Ihr ſeid von Sinnen,“ rief Thomas Thyrnau mit ueberlegenheit,„und ich will die Bloͤßen, die Ihr gebt, nicht benutzen, wie ich koͤnnte. Aber noch einmal— unſer Zuſammentreffen muß hier ein Ende haben! Euer Gnaden kennen meine unumſtoͤßliche Meinung. Die Plaͤne, die uns einſt vereinigten, ſind in Nichts zerfal⸗ len— ſie ſind unmoͤglich durch die politiſche Stellung des Augenblicks— ſie ſind es noch mehr dadurch, daß ſie unnoͤthig geworden ſind. Wir haben alſo nie wie⸗ der eine gemeinſchaftliche Beruͤhrung— merkt Euch dieſe meine Erklaͤrung, dann will ich verſuchen, Euch zu vergeſſen.“ „Aber ich— ich werde Euch nicht vergeſſen! Ich werde dieſes Tages— dieſer fortgeſetzten Beleidigungen gedenken und mich raͤchen— das ſchwoͤre ich Dir und mir! Und was Du auch im Schilde fuͤhren magſt mit dieſem Maͤdchen— ſei ſicher, ich werde Dich heraus finden— und zweifle nicht, ich werde Mittel haben, ſie zu zerſtoͤren.“ „Ich zweifle nicht,“ erwiderte Thomas Thyrnau— „denn Ihr habt es bewieſen, daß Ihr vor keinem Mit⸗ tel zuruͤckbebt.“ Noch einmal hob der Fremde drohend die Fauſt ge⸗ gen ihn auf— dann ſtuͤrzte er in wilder Haſt zur Thuͤr hinaus. „ 56 Pater Hieronymus hatte, laͤngſt das Ende dieſer Unterredung vorausſehend, das Pferd des Fremden her⸗ bei bringen laſſen. Der Reitknecht fuͤhrte es ihm jetzt entgegen. Thomas Thyrnau, obwol bleich und von dem in⸗ nern Streite veraͤndert, folgte ihm doch mit der Ueber⸗ windung und Ruhe, die er dem Gaſtrecht glaubte ſchul⸗ dig zu ſein, und blieb ſtehn, bis der Fremde ſich in den Sattel geworfen. Als dieſer hier noch einmal eine zweideutige Bewegung mit der Hand machte, die we⸗ nigſtens eine geballte Fauſt, zum Abſchiedsgruße ge⸗ ſchwenkt, zu einer zweifelhaften Sache machte,— ver⸗ neigte ſich Thomas Thyrnau, wie man vor einem Vor⸗ nehmen zu thun pflegt. Der Fremde jagte davon, und als er uͤber den Graben ſetzte, der die Dorfſtraße von dem Wieſengrunde trennte, ſah man erſt, daß ein klei⸗ ner Trupp bewaffneter Diener aus einem Gebuͤſch her⸗ vorritt und ſich dem wild davon jagenden Fremden an⸗ ſchloß. Ein ſtolzes veraͤchtliches Laͤcheln zog um Thyr⸗ nau's Mund, als er ihm nachſahz dann fiel ſein Auge auf Magda und Hieronymus, die ſich ihm nahten. 5 Einen Augenblick,“ rief er ihnen zu, mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck Magda betrachtend—„dann eſſen wir zuſammen.“ Er verſchwand in das Innere des Dohlenneſtes und 57 man ſah ihn die Treppen zu ſeinem Thurmzimmer hin⸗ anſteigen, wohin er fur einige Zeit ſich zuruckzog. „Und wenn Du mir nicht ſagen willſt, wer der Fremde iſt, ſo ſoll es der Großvater thun— denn ich will es wiſſen,“ rief Magda. „Bezwinge Deine Neugier,“ rief Hieronymus— „und denke daran, den Großvater zu ſchonen. Mur zu heftig muß ihn dies Zuſammentreffen erſchuͤttert haben, und er verließ uns nur, um ſeine Faſſung wieder zu er⸗ haltet. Willſt Du ihn, wenn er in der Hoffnung zu⸗ ruͤckkehrt, ſich mit uns zu erholen, ſogleich durch Deine neugierigen Fragen in die traurige Bahn alter ſchmerz⸗ licher Gedanken zuruͤck lenken?“ „Das will ich nicht— und heute kann ich davon ſchweigen, ſo unnatuͤrlich es iſt, und ſo ſicher, daß er wiſſen wird, wie ich mich nur verſtelle; aber gelegentlich werde ich ihn doch fragen, denn ich will nicht weiter an ihn denken— drum muß ich erfahren, wer er iſt— dann kann ich ihn vergeſſen.“ „Das moͤchte Dir dann ſchwerer werden, als Du jetzt denkſt,“ erwiderte Hieronymus. Beide traten in den Hausraum, und waͤhrend Hieronymus dem Ge⸗ ſundheitszuſtande der Hausbewohner nachfragte, ent⸗ ſchlupfte Magda auf einem andern Treppchen in ihr Zimmer. 358 Doch nicht lange ward dieſe Trennung ausgedehnt. Thomas Thyrnau war nicht der Mann, der viel Zeit brauchte, um mit ſeinen Gefuͤhlen fertig zu werden; bald trat er aus ſeinem Zimmer auf die Gallerie, und in den Kuͤchenraum hinabſehend fragte er Gundula: ob ihr Braten fertig ſei? Es war dieſelbe heiter ſcherzende Sprache, die bei dem erſten Ton die Herzen ſeiner Um⸗ gebungen zum Frohſinn anregte und doppelt heute— da, wenn auch der Raum zu groß war, um den zuruͤck⸗ gezogenen Dienern den Inhalt des Geſprächs zu verra⸗ then, welches ihr Herr mit dem Fremden gefuͤhrt, doch Alle uͤberzeugt waren, die Stimme ihres Herrn erhoͤbe ſich nie zu ſo zurnender Staͤrke, wenn nicht eine bedeu⸗ tende Veranlaſſung dazu vorhanden ſei. So war es denn, als ob mit ſeiner wiederkehrenden Heiterkeit Al⸗ len ein Stein vom Herzen rollte, und Frau Gundula verſicherte, Alles harre nur ſeines Winkes. Der blin⸗ kende Suppennapf fuͤllte ſich zugleich mit der duftenden Bouillon, waͤhrend Bezo ſich eilig an den Strang der Glocke hing, und durch ſeine gleichmaͤßigen Sprunge das wohlbekannte Tiſchgelaͤut veranſtaltete, auf deſſen Toͤne Alt und Jung, Vornehm oder Gering, herbeiſtroͤmten. „Nun, Alter,“ rief Thomas Thyrnau dem Doktor Hieronymus zu, indem er ihn von hinten zaͤrtlich um⸗ faßte—„Du bekoͤmmſt heut' einen ſpaͤten Gruß von⸗ —— 59 mir, und wenn Frau Gundula nicht Wunder thut, ſo furchte ich, wird die lange Verzoͤgerung unſeres Mahles Dich wuͤnſchen laſſen, Du habeſt den Fleiſchtopfen, welche in Deinem Kloſter unter dem Schutze des heili⸗ gen Franziskus dampfen, nicht den Ruͤcken gekehrt!“ „Ja! ja! ſo biſt Du“— ſagte Hieronymus— „nun ſoll ich mit Dir ſcherzen und Dir bei der Tafel genug thun— und weiß doch, wie Dir zu Sinn iſt. Geh! geh! ich bin Dir boͤſe! Konnteſt Du auf der Schwelle nicht umkehren, als Du ſaheſt, der boͤſe Feind habe das Haus inne?“ „So was waͤre wol geſchehen,“ entgegnete der Advokat.„Aber da lag das alte Unthier im Hinterhalt und grunzte in ſeinem ſchweren Schlaf— und Nie⸗ mand kannte ihn und ſie fuͤhrten mich hin, als ſolle ich ein Ungeheuer ſehen. Da hoͤrte er meine Stimme, und die muß noch immer eine beſondere Gewalt uͤber⸗ ihn ausuͤben, denn er ſprang aus ſeinem wuͤſten Schlaf empor, als hoͤre er die Poſaunen des juͤngſten Gerichts. Da— natuͤrlich floh ich nicht vor ihm, und das möch⸗ teſt Du wol ſelbſt nicht gerathen haben.“ „Das koͤnnte wol ſein,“ ſagte Hieronymus, indem er die weiße damaſtne Serviette uͤber ſeine wohlbeleibte Geſtalt ausbreitete. Er zog alsdann die ſilberne Sup⸗ penſchaale mit ihrem kraͤftigen Inhalt heran und fullte 60 ſelbſt mit der Miene eines Kenners Jedem einen hin⸗ tänglichen Theil auf die dargereichten Teller. Nun erſt traf Magda ein, und als Thomas Thyr⸗ nau ſie ſo leicht und mit ſo lieber Freundlichkeit daher fliegen ſah, legte er den Loffel weg, zog ſie an ſein Herz, ſah ihr zaͤrtlich in die Augen und ſchien keine ſei⸗ ner Neckereien finden zu koͤnnen; alles war in die Frage aufgeloſt: ob er ſie denn wirklich habe— ſie im Arme ſicher und als ſein Eigenthum halte? „Wildes Madchen!“ ſagte er endlich laͤchelnd— blos um nicht die zärtlichſten Namen auszuſprechen, und um einen Uebergang zu finden zu der Heiterkeit, die ihm bei Tiſche nicht fehlen durfte—„was ſoll ich wol mit Deinem Trotzkopf machen?“ „Laß ihn mir nur,“ lachte Maßda—„er iſt ſo wild und trotzig nicht, wie Du denkſt— und was davon dran iſt— bringt mir Keiner weg— wer weiß, wozu ich's Noth habe! Aber gieb her, Vater, laß mich eſſen, denn ich fuhle, man hat das auch noͤthig. Ach! Gun⸗ dula, Gundula! wenn meine Toͤrtchen verdorben ſind!“ „Sie werden Dir auf der Zunge zergehn, mein Puͤppchen,“ erwiderte die Alte vom Ende des Tiſches her, wo ſie ſtets einen erhoͤhten Sitz einnahm, um die Speiſen zu zerlegen und ihren Umlauf mit gehoͤriger Ordnung zu bewirken.„Nimm indeſſen dieſe kleine —— rothgefleckte Forelle; Bezo hat ihr einen Schilfſtreifen in die Floßfedern geklemmt, weil er ſagt, er hütt⸗ ſie fuͤr Dich gefangen.“ „Nun Magda, wie weit biſt Du mit Deinem Schuͤler Bezo?“ rief der Advokat neckend.„Betet er das Brevier und ſagt die Litanei oder kann er die Mut⸗ ter Maria und meine kleine Magda noch immer nicht von einander unterſcheiden?“ „Schweig Du nur,“ entgegnete Magda—„und verſpotte mir ihn nicht! Wer weiß, wer beſſer ſein Brevier kann, Du oder er— und auf Kenntniß der Heiligen wirſt Du wol den Wettſtreit vollends mit ihm nicht eingehn!“ „Weiß Gott, Maͤdchen! trotz Deiner lehrreichen Nih⸗ furchte ich, ſteht es mit Beidem nicht ſehr feſt— und ein Gluͤck, daß die geiſtlichen Gerichte unſere s un⸗ erbittlichen Kaiſer Ferdinand— rechtglaͤubigen Anden— kens— abgeſchafft ſind, ich haͤtte ſonſt eine Vorla— dung zu erwarten, die vielleicht ein ſchlechtes Siehſt Du wohl!“ ſagte Magda—„darum mir armen Bezo nur zufrieden— in dem noch mehr, als ihr Alle denkt, und wohin ſein Geiſt auch mitunter ſich verkriecht, er kommt auch oft auf eine Art wieder, daß man glauben koͤnnte, er habe noch * 62 etwas uͤber das S was Andere ihre fuͤnf Sinne nennen.“ Alle lachten.„Ja,“ rief Magda, im Eifer der Gegenrede die Warnung des alten Hieronymus vergeſ⸗ ſend—„Ihr glaubt es nicht— und doch war er es, der mich heute auf dem Thurme Wache halten ließ und mir verſtaͤndlich machte, es kaͤme ein boͤſer Gaſt.“ Doch ſchnell brach ſie hier ab und fuhr haſtig fort—„Und was er weiter Alles kann, wie er geſchickt iſt, wie ſein Auge ſo ſcharf iſt, und ſein Ohr ſo fein hoͤrt, daß er von Dingen weiß, die uns entgehn!“ „Ei ja!“ ſagte Gundula—„es iſt viel dran, meine Herren! Aber Magda vergißt, daß er das Alles nur iſt, ſo lange ſie ſelbſt hier iſt. Die uͤbrigen Mo⸗ nate verſchlaͤft er, oder was ſchlimmer iſt, er wacht — aber jedes Hausthier iſt alsdann kluͤger als er.“ „Nun ſieh, meine Magda,“ ſagte der alte Herr Thyrnau lachend—„da hab' ich doch einen Vorzug vor ihm! Ich bin das ganze Jahr lang munter und vergnuͤgt— ein echter Czeche, dem das heitere Blut der alten Vormaͤnner in den Adern laͤuft und dem ihr Volksliedchen nuch immer aus der Seele geſungen iſt: „Mein Liebchen, ſei luſtig, wenn Du auch kein Koͤrn⸗ „chen geſaͤet haſt!“ „Sag' mir nur!“ rief Magda—„habe ich denn — 8 63 nicht daſſelbe heitere Blut als Du? Sieh— mir iſt immer, als wenn ich es im Innern huͤpfen fuͤhlte— als ſehne es ſich nach ſeiner Befreiung, aber davor liegt noch etwas Anderes, das laͤßt es nicht ſo heraus, wie bei Dir— ſag' mir doch, wie geht das zu?“ „Weil Du einen Antheil ſchwereren Blutes haſt, als ich. Vater und Mutter waren bei mir von echtem Czechen⸗Blute und von dieſem alten Stamme ruͤhmen die Kroniken:„Immer frohen Sinnes— Gaſtfrei— Offenherzig— Sorglos und zum Scherze bereit!“ „Ja,“ rief Magda—„danach biſt Du ein gan⸗ zer Czeche, das iſt als ob die alten Kroniken Dich ſelbſt geſchildert haͤtten!“ Hieronymus lachte auch behaglich, obwol er bei Tiſch zu ſehr beſchaͤftigt war, um die Unterhaltung zu vermehren. Da man aber unter aͤhnlichen Geſpraͤchen bis zu den Toͤrtchen, die Magda beſtellt hatte, gekom⸗ men war, ſo ward das Tiſchtuch von der kunſtreich ein⸗ gelegten Tafel weggezogen, und in einem Kuͤhlgefäß von ſchoͤn getriebenem Silber ſtand eine ganz beſchla⸗ gene Flaſche, deren Etiquette der alte Weinkenner ſchnell mit einem ſchmunzelnden Blicke uͤberlief und das gruͤne blitzende Glas, was fuͤr ihn und ſeinen Wirth daneben ſtand, wohlgefaͤllig gegen das Fenſter ſchillern ließ. „Nun verlaͤumde mich noch weiter,“ rief Thyrnau 64 heiter, waͤhrend er unter gewichtigen Schlaͤgen den ſchwer verpichten Rand der Flaſche ſpringen ließ— „daß ich den Heiligen nicht diene— und einen Zweiten will ich doch ſehn, der mit mehr Devotion ſich dem Dienſt des heiligen Johannes widmet als ich. Seinen ganzen Felſen, auf deſſen Spitze er thront und in die Rheingauen ſchaut, will ich, wenn's verlangt wird, in Demuth uͤbernehmen, ihm zu Ehren jede Rebe pflegen, die ſich an ſeinem Rande hinaufſchlangelt und feierlich geloben, nie einen andern Tropfen zu trinken, als der unter dem Schirm meines Heiligen reift!“ Hieronymus lachte wieder wohlbehaglich bei der etzeriſchen Apoſtrophe ſeines alten Freundes, denn er hatte bereits das erſte Glas des koͤſtlichen Johannisber⸗ ger ausgeleert und fuhlte ſich ſelbſt zu jedem Geluͤbde der Art aufrichtig geneigt. Magda aber hatte ihren lieblichen Kopf auf den linken Arm des Großvaters ge⸗ lehnt, und da ihr der Scherz deſſelben gelten ſollte, drohte ſie ihm mit ihrem ſchlanken Finger und rief: „Sei ruhig— und reize mich nicht. Der heilge Jo⸗ hannes wird Dich wol nicht ſtrafen, weil er ſieht, Dein Czechenblut treibt neben dem Spott auch Dein anderes Gute zu Tage. Aber Deine Heil genverehrung, die laß' nur ruhn. Meinſt Du, der Wein des heiligen Jo⸗ hannes wuͤrde Dir weniger zut ſchmecken, wenn der . Themas Thyrnau. 3te Aufl. 65 alte Gott der Czechen Bog dort reſidirte— oder Wuda — oder Law und Mir— und wie alle Deine alten Czechengoͤtter heißen!“ „Still Liebchen!“ rief Thomas Thyrnau geheim⸗ nißvoll—„fuͤhre einen ehrlichen Czechen nicht in Verſuchung, die alten Heil'gen ſeines Stammes wieder anzubeten— und beſonders hier! Weißt Du nicht, daß ich alle moͤgliche Urſache habe, das Dohlenneſt fuͤr den erſten Hauptſitz des alten majeſtätiſchen Bog zu halten? Wer weiß, in welchem Tragpfeiler, auf wel⸗ chem Steinblock des Fundaments noch der Altar des alten Czechen-Gottes ruht? Hoͤrteſt Du nicht, daß ſpaͤter hier Libuſſa prophezeite und ihrem Volke die Ackerlaͤnder in allen Himmelsgegenden angab— die Gold, Silber und Eiſenadern in der Erde erkannte und die Salz und Mineralquellen bezeichnete, die ſie von der Felswand verdeckt im Innern ſprudeln hoͤrte?“ „Ja!“ fuhr Magda lachend auf„das weißt Du! Aber vergeſſen haſt Du, daß all' der heidniſche Unfug hier endlich geſuͤhnt ward, durch Ludmilla, die fromme Maͤrtyrerin, die nach ihres Gemahls des Koͤnigs Bor⸗ ziwog's Tode erſtlich zu Tettin bei Beraun lebte und dort Spitignew und Wratislaw, ihre beiden Soͤhne, erzog; ſpaͤter aber, als ihr Wratislaw nach dem Tode ſeines Bruders und bei dem Herannahen des ſeinigen, 2 5 66 ſeine beiden Soͤhne anvertraute, da, ſagt man, verließ ſie oft das Wiſchrader Schloß, wo ſie mit Drahomira, ihrer boͤſen Schwiegertochter, der Chriſtenfeindin, Hof hielt und fand hier in einem alten Heidentempel, der im Walde von Kaurzim lag, ihre Prieſter und hielt mit ihnen ihre Andacht und empfing ihren Rath und Troſt, weil ſie in Tettin nicht mehr ſicher war.“ „O Du Wunder von Gelehrſamkeit,“ rief der Ad⸗ vokat laut lachend—„ſag', aus welcher alten Kronik beteſt Du Deine Weisheit her? Kannſt Du nicht noch mehr?“ „Hatteſt Du mich nicht geſtort, ſo hätte ich Dir noch erzaͤhlt, wie Ludmilla endlich doch auf Drahomira's Geheiß in Tettin ermordet ward, nachdem ſie ſich auf dem Wege von Kaurzim durch das Austreten der Mol⸗ dau verſpatet hatte, und bei boͤſem Wetter aus Mitlei⸗ den gegen die wenigen Diener, die ſie begleiteten, in Tettin zur Nacht verweilte.— Das koͤnnen wir jetzt nicht mehr hindern— gewiß aber bleibt es, daß das Dohlenneſt im Kaurzimer Walde liegt, einſt ein Hei⸗ dentempel war, und Ludmilla's Bet⸗ und Andachts⸗ haus!“ „Nun,“ rief der Advokat—„Deine Weisheit iſt ſo im Steigen, daß ich ganz ſchuͤchtern werde hinzuzu⸗ fugen, daß im Schloß zu Tein eine freilich unverbuͤrgte — 2 3 67 Familiennachricht verſichert, daß Wratislaw, der Sohn der Ludmilla, der Stammvater der Grafen Wratislaw iſt, von denen dieſe ganze Beſitzung zu den Lacy's uber⸗ ging.“ „Das paßt alſo gut!“ ſagte Magda ploͤtzlich erro— thend.—„Doch ſag', reiten wir heute nicht nach Tein? Ich habe dort mit dem Gaͤrtner Geſchaͤfte und habe lange nicht des Grafen Zimmer beſorgt— heute iſt gerade ein ſchoͤner heiterer Nachmittag!“ „So beſtelle die Pferde, mein Maͤdchen! waͤhrend wir nachforſchen, was auf dem Grund der Flaſche des heiligen Johannes geſchrieben ſteht.“ Magda drohte ihm mit dem Finger, ſchlang dann beide Arme feſt um ſeinen Hals, druͤckte und kuͤßte ihn und blickte dazwiſchen in ſein leuchtendes Geſicht. Dann flog ſie hinaus und klopfte in die Haͤnde, und bald ſammelten ſich die dienſtbaren Geiſter des Hauſes um ſie her, denn Alle liebten das ſchoͤne junge Weſen, Allen that ſie unter tauſend Neckereien alles Gute, was ſie nur erdenken konnte, und das mit der verſchwende⸗ riſchſten Guͤte, die eine nie zu erſchoͤpfende Quelle in Thomas Thyrnau fand, der ſelbſt kein Ziel und Maaß fuͤr ſeine Wohlthaten kannte. Da man nun wußte, Magda liebe vor allen Dingen die groͤßte Schnelligkeit bei Ausfuͤhrung ihrer Befehle, ſo flog Alles nach den * 5 Staͤllen, waͤhrend Magda ſich mit Bezo neckte, welcher in der Sonne kauerte und grinſend zu ihr aufſehend vergeblich die Aufforderung von ihr empfing, aufzu⸗ ſtehn und mit ihr zu tanzen. Er verſtand ſie nicht, oder er fuhlte den Uebergang vom Verſtehen zum Aus⸗ uͤben nicht heraus, und Magda lief endlich ungeduldig in das Haus zuruͤck, wo ſie die beiden alten Herrn bei der leeren Flaſche und in bei weitem ernſterer Stim⸗ mung fand, als vorher. Sie war deshalb im Begriff ſich zuruckzuziehn, der Großvater aber, der ſie erblickte, ſtreckte den Arm nach ihr aus. Sicher nun, daß ſie bleiben durfe, druckte ſie ſich an ſeine Seite, waͤhrend beide Maͤnner in ihren Mittheilungen unbehindert fort⸗ fuhren. „Ich weiß es recht gut, daß dies Feuer, welches ſeit meiner fruͤhſten Jugend in mir genäͤhrt worden iſt, mich jetzt, da ich es loſchen moͤchte, in Aſche legen kann— und dennoch, alter Freund, bereue ich nichts — ja! mit warmer reiner Begeiſterung gedenke ich der ganzen Vergangenheit, der großen Maͤnner, mit denen ich gelebt, gearbeitet und, wenn Du willſt, ge⸗ ſchwaͤrmt habe. Es waren hochherzige Gefuͤhle, denen ich niemals untreu werden will! O Hieronymus! haͤt⸗ teſt Du meinen Vater gekannt! Den edelſten, den rein⸗ ſten und groͤßten Menſchen, unter deſſen Dthu Fen⸗ 69 Jugend verfloß! An Leopolds Hofe lebte ſein theuerſter Freund, als der Erſte, ja der Einzige, der je wahrhaf⸗ ten Einfluß— das heißt guten— erlangt hat. Wen⸗ zel Euſebius von Lobkowitz widmete ſich nur der einen großen Idee, den unerhoͤrten Druck aufzuheben, unter dem Bauer⸗ und Buͤrgerſtand ſeufzte. Obwol er lange vor mir dahinging, wurzelt doch meine ganze Entwick⸗ lung in ihm und in ſeinen Grundſaͤtzen, die auf meinen Vater uͤbergingen. Er iſt mein Schickſal ge⸗ weſen und nie— nie will ich es beklagen!— Er ward fruh mit meinem Vater befreundet, den er als einen geſchickten Advokaten gern um Rath fragte, und bald verband ſie das hoͤchſte Intereſſe, als die innigſten Freunde. Welchen Antheil er und Lobkowitz an dem Bauernkriege gehabt, ich weiß es nicht;— aber ſchon damals waren Beide eines Sinnes, und ich ward von meinem Vater erzogen, fuͤr die Rechte der Menſchheit zu gluhen, nichts tiefer zu haſſen als Unterdruͤckung, als jene elende ſtolze Verleugnung der goͤttlichen Natur des Menſchen, wenn ihn auch ein grobes Wamms be⸗ kleidet und die Huͤtte ſein Obdach iſt.— Fuͤnf Jahre nur theilte mein Vater mit ihm ſeine große einflußreiche Stellung an der Seite Leopolds. Dann mußte der Fögſt dem verdorbenen Geiſte der Zeit weichen. Voll Erſetzen ſahen die Finſterlinge dieſen lichtvollen Geiſt 70 den Weg uͤber ſie dahin nehmen und das alte Bollwerk ihrer Vorrechte, mit der Fackel der Wahrheit beleuch⸗ tet, in ſo fratzenhaft abſcheulicher Geſtalt auftauchen, daß ſie davor errothen mußten. Da ſehnten ſie die alte Finſterniß herbei, die Alles ſtill verhuͤllte und nun galt es Kampf gegen Den, der das unwillkommene Licht angezuͤndet. Es war nicht ſchwer, ihn zu ſtuͤrzen — er ſtand allein— ſein Einfluß war wie ein Wun⸗ der! Er ſah ihn ſelbſt ſo an, und rechnete nie auf ſeine Dauer. Deshalb war er raſtlos, ſo lange er ihn be⸗ ſaß, um die Bande damit zu lockern, die ſein edles Vaterland in Knechtſchaft hielten. Aber Leopold ſtand von Jeſuiten umſchaart und das Aufblitzen eines freieren Zuſtandes, den ihm Lobkowitz in die Arme fuͤhrte, war bald wieder durch die ſpitzfindigen Bedenklichkeiten ge⸗ loſcht, mit denen dieſe geiſtlichen Rathgeber jede Neue⸗ rung beleuchteten, und ſtatt des erhabenen Zieles eines freien menſchlichen und gottgefaͤlligen Zuſtandes— einen Abweg darin ſahen von Gott und ſeiner heiligen Kirche.— Ach, edler Mann! was waͤre mein Vater⸗ land geworden, wenn Du ſein Schirmvoigt geblieben! Ja! Dusſtandeſt mit Frankreich in Verbindung! Aber mit Fenélon, mit Boſſuet, mit Paſcal, mit Racine und Corneille! Deine Briefe, die Du offen empfingeſt und verſandteſt, ſie waren nur fuͤr die in Chiffern ge⸗ ——————————— —— — 71 ſchrieben, denen der Schluſſel eines hoͤheren Geiſtes fehlte. Aber Du ſollteſt fallen! Und wie ward der große Mann entlaſſen? Ohne Anklage, ohne Verthei⸗ digung, ohne fragen zu duͤrfen— wie ein gemeiner Verbrecher, in derſelben Karoſſe, die ihn zum gehei⸗ men Rath tragen ſollte, mußte er bei Androhung von Todesſtrafe entfliehn.— Mein Vater theilte abwech⸗ ſelnd ſeine Verbannung und half ihm niederſchreiben, was er von Erfahrungen und Erinnerungen in ſeinem Leben geſammelt hatte. Das Zimmer, worin ſie arbei⸗ teten, war zur Haͤlfte ein Prunkgemach, zur Haͤlfte eine Bauernhuͤtte— ſo ſollten ihm die beiden wichtig⸗ ſten Gegenſaͤtze ſeines Lebens vor Augen bleiben.“ „O Vater!“ rief Magda, als jetzt Veit meldete, daß die Pferde bereit wären—„laß uns hier bleiben und erzaͤhle uns noch weiter von all' dieſen Dingen!“ „Nein, Magda,“ ſagte Thyrnau, indem er auf⸗ ſtand—„ich habe Dir jetzt genug erzaͤhlt. Auch mir hat das wohl gethan, denn nichts heilt die Seele beſſer, wenn ſie mit dem Schlechten in Beruͤhrung kommt, als das Andenken an einen großen Menſchen!“ „Aber, Vater,“ bat Magda—„morgen oder heute vielleicht noch, wenn wir im Schloſſe in der Bi⸗ bliothek zuſammen ſind— da erzählſt Du mehr.“ „Vielleicht!“ antwortete Thyrnau—„jetzt laß 72 uns zu Pferde ſteigen. Mich verlangt nach einem mun⸗ teren Ritt durch den ſchoͤnen Wald.“ Mit jugendlicher Lebendigkeit ſchritt Thomas Thyr⸗ nau aus dem Hauſe und auf ſein Lieblingspferd zu, das ihm wiehernd und ſcharrend das Erkennungszeichen gab. Eben ſo lebendig trabte das zierliche Damenpferd⸗ chen herbei, welches die leichte Geſtalt ſeiner Enkelin tragen ſollte, waͤhrend Hieronymus ſein ſanftes Maul⸗ thier beſtieg und in etwas raſcherem Trabe, als ge⸗ woͤhnlich, den munter voran ſprengenden Reitern folgte. Doch nahmen die breiten Wege des ſchattigen Wal⸗ des bald die in einer Reihe Reitenden auf, und unter freundlichem Scherze, wie ſich die Gelegenheit bei harmloſen Menſchen leicht findet, genoß man die Schoͤn⸗ heit des Waldes, der in dem Glanze der uͤber ihm ſtehenden Sonne im lieblichen Wechſel bald tief gruͤne Schatten, bald goldene Zweige an dem hohen Dome ſeiner Laubgewoͤlbe miſchte. Der Wald muͤndete endlich an einem Gehege aus, wo hinter Wieſen mit ſauber gehaltenen Wegen und graden Alleen von Fruchtbaͤumen die Annaͤherung der Schloßbeſitzung ſich ankuͤndigte, und am Ende dieſes Wieſengrundes zeigte ſich die weiße Mauer des großen Hirſchparkes, deſſen hohe Baͤume ihre Wipfel daruber erhoben. Hier lenkten ſie wieder in die Landſtraße ein, welche um einen Theil der Beſitzungen herlief und die Reitenden jetzt zu dem Hauptthor des Gartens fuͤhrte, an deſſen Seiten zwei kleine Thuͤrme dem Thorwächter Wohnung gaben. Durch die große Gitterthuͤr ſah man die hohe Bu⸗ chenwand hinab, die unter der Hand der Gartenſcheere von oben bis unten gleich voll und kraͤftig, einer ge⸗ mauerten Einfaſſung des breiten Kiesweges glich, der in der Ferne das Schloß zeigte, das auf einer niedrigen Terraſſe maͤßig in die Hoͤhe ſtieg. Herr Thomas Thyrnau ward hier faſt wie der Be⸗ ſitzer ſelbſt verehrt, und in Wahrheit ubte er jede Ge⸗ walt deſſelben ſo ſicher und unbehindert aus, daß das Recht dazu ihm von Allen zugeſtanden ward. An der erſten Terraſſe ſtiegen die Reitenden ab und uͤberließen ihre Pferde dem Reitknechte, waͤhrend ſie uͤber die wenigen Stufen gingen, die nach der Plat⸗ form fuͤhrten, auf welcher das Schloß lag. Dieſes war nicht von ſo ausgedehnter Groͤße, als es auf den boͤhmiſchen Beſitzungen der damaligen Zeit gewoͤhnlich war. Aber rechts von dem Schloſſe lag in dem Garten ein faſt eben ſo großes Gebaͤude, welches im untern Ge⸗ ſchoß die Reitbahn umſchloß, im obern aber ganz zur Auf⸗ nahme von Fremden auf das koſtbarſte ausgeſtattet war. 74 Dieſem Gebaͤude gegenuͤber zur linken Seite des Schloſſes lag, durch einen waldartigen Theil des Gar⸗ tens davon getrennt, das Siechenhaus. Ein ſchoͤner ſtattlicher Bau, der von der Gartenſeite durch verſchloſ⸗ ſene Gitter abgeſondert lag, und auf der Ruͤckſeite durch kleine Gemuͤſegaͤrten mit der Mauer verbunden blieb, durch die auch die Pforte nach der Landſtraße gebrochen war. Ueber der Glocke, die hier Einlaß verſchaffte, ſah man die Worte:„Kehret ein, die ihr muͤhſelig und 8 laden ſeid, ich will Euch troͤſten!“ Dies Haus war eine Stiftung der Graͤfin von Wratislaw, einer Tochter des Grafen von Wratis⸗ law, welcher nach Joſeph des Erſten Tode bis zur Ankunft Karls des Sechſten aus Spanien, auf Jo⸗ ſephs Befehl die Lande als Regent verwaltete. Sie war mit dem Grafen von Lach, dem Großvater des jetzigen Beſitzers, vermaͤhlt, wodurch ſchon die dritte Vermaͤhlung zwiſchen einem Lacy und einer Wratislaw geſchloſſen war. Dieſe wahrhaft ehrwuͤrdige Stiftung wurde mit der groͤßten Pietaͤt verwaltet und war nicht allein ein Krankenhaus, ſondern zugleich ein Hospiz fur jeden muͤden und duͤrftigen Wanderer, der hier ge⸗ ſtaͤrkt, gepflegt und mit Kleidung und Geld unterſtutzt wieder entlaſſen ward. Auffallend und das Nachdenken erregend mußte 75 man die Einrichtung nennen, daß die ſchoͤn dekorirte Fronte des Siechenhauſes gerade der Fronte des ſchloß⸗ artigen Fremdenhauſes oder der Reitbahn gegenuͤber lag, ſo daß beide Gebaͤude die Perſpektive auf einander hat⸗ ten und nur durch eine lange Allee getrennt waren, die ebenfalls wie die Allee, die nach dem Schloſſe fuhrte, von hohen beſchnittenen Buchenwaͤnden eingefaßt war, und dieſe in der Mitte durchſchnitt. In dem Frontiſpiz des Fremdenhauſes aber ſtanden die Worte:„In Dei⸗ ner Freude gedenke der Armen!“— So ſchien es nicht ohne Abſicht, daß das Haus des Leidens und der Wohl⸗ chaͤtigkeit dem Hauſe heiterer Geſelligkeit als eine fromme Ermahnung gegenuͤber lag. Das Schloß war dagegen immer nur fuͤr die jedes⸗ malige Familie des Beſitzers beſtimmt geweſen, denn es war verhältnißmäßig nur klein und hatte von der Ruͤckſeite eine Etage, von der Terraſſenſeite dagegen de⸗ ren zwei, weil es gegen eine Anhoͤhe erbaut war. Zwei kleine Flugel, die man ſpäter hinzugefuͤgt, dienten mehr zu wirthſchaftlichen Angelegenheiten; auch ſah man ſie nur von der Terraſſenſeite. Die Eigenthuͤmlichkeit ſeiner Lage gegen einen halb abgetragenen Huͤgel machte, daß man zu der zweiten Etage hinaufſtieg und aus ihren Fenſterthuͤren unmit⸗ telbar in den Garten trat. Hier lagen die Wohnzim⸗ mer der Familie, und in den Erkern, die an jedem Ende des Gebaͤudes hervortraten, befanden ſich die Bi⸗ bliothek und eine kleine ausgezeichnete Gemaͤldeſamm⸗ lungz an dieſe ſtießen die Gemaͤcher der Graͤfin, an die Bibliothek die des Grafen Lacy. Ein runder Saal von weißem Marmor, deſſen fein gehobene Kuppel zierlich von korinthiſchen Saͤu⸗ len getragen ward, vereinigte dieſe Zimmerreihe in der Mitte. Gegenuͤber, mit den Fenſtern nach der Terraſſe, lagen die Geſellſchaftsſaͤle. In der unteren Etage waren die Wohnungen der Kinder und ihrer Aufſeher, ihre Spiel⸗ und Tanzſaͤle. So klein dies Schloͤßchen war, ſagte man doch, Graf Wratislaw habe ehn nach ſeiner Beendigung die Rechnun⸗ gen uͤber den Bau verbrennen zu laſſen. Allerdings ſchien es, man habe hier jeden Thuͤr⸗ und Fenſterpfo⸗ ſten zu einem Kunſtwerk machen wollen, und wie die Arbeiten vom Fußboden bis zur Decke Meiſterwerke waren, ſo hatte man auch nur das edelſte Material dazu gewaͤhlt, und die reichſten Malereien und Marmor und Hoͤlzer in allen Farben, ſchwere Vergoldungen naͤchſt den koſtbarſten Stoffen in Seide und Sammt waren ohne Einſchraͤnkung verwendet. Das Bibliothekzimmer, wohin ſich die eben Ange⸗ kommenen verfugt hatten, bildete, wie erwähnt, die 77 Ecke des Hauſes. Der Erker trat an der Spitze in einem reizenden runden Kabinet hervor, und mit ſeinen drei ſchmalen hohen Fenſtern beherrſchte er die ſchoͤnſten Punkte der anmuthigen Ausſicht, waͤhrend die herum⸗ laufenden Ruhebetten und kleinen zierlichen Leſepulte zur Durchſicht der koſtbaren Werke aufforderten, welche die Waͤnde ringsumher bedeckten. Dieſes Zimmer hatte außer dem Erker noch zwei Fenſterthuͤren nach Suͤden und zwei nach Abend. In den nach Suͤden liegenden Ausgaͤngen zu ſitzen, war Magda's Lieblingsvergnuͤgen, und ſo wie ſie ſich nur am Eingangsthore zeigte, eilte man ſchon, die Thuͤren in dieſem Zimmer zu oͤffnen und Erfriſchungen wie Alles, was ſonſt zu ihrem Be⸗ hagen dienen konnte, herbei zu ſchaffen. Auch war dieſer Aufenthalt mit ſeineh Garten⸗ Tableau, als habe die Goͤttin der Einſamkeit hier ihr Reich begrundet. In kaum merklichem Abfall ſenkte ſich von den brei⸗ ten weißen Marmorſtufen vor den Thuͤren der Boden, mit dem weichſten Raſen bedeckt, bis zu einem kleinen See, der uͤberall von geſchnittenen Buchenwänden um⸗ ſchloſſen war, welche bald in hervorſpringenden Pfeilern, bald mit nach dem See zu geoͤffneten Waͤnden runde oder winkliche Blätterkloſets bildeten, in denen ſich in eben ſo zuſammengefuͤgten Niſchen anmuthige Geſtal⸗ 78 ten oder antik geformte Sitze in weißem Marmor zeig⸗ ten. Die Buchenwaͤnde zogen ſich bis zum Schloſſe hinauf, wodurch dieſe Partie vollig begrenzt ward, waͤh⸗ rend der dahinter liegende Wildgarten nach allen Seiten die verſchiedenartigſten Baumwipfel in ihrer ungeſtoͤrten Eigenthuͤmlichkeit erhob und ſo auch den Horizont be⸗ grenzte, der, wie an dem eben bezeichneten Tage, im tiefſten Blau wolkenlos daruͤber ruhte. Aber nichts ging fuͤr Magda uͤber den Zauber des kleinen See's, der immer hell und klar ſeine leiſen Be⸗ wegungen wie unter dem Siegel des Stillſchweigens fortſetzte, waͤhrend um die hohen Schilfgruppen am ge⸗ genuͤber liegenden Ufer ein Kranz von Nympheen, in breiten gruͤnen Blaͤttern ruhend, ſich um ſeinen Rand ſchlang. Dies Stillleben ward nur von den ewig ſchwei⸗ genden Seglern ſtiller Fluten, von zwei glaͤnzend wei⸗ ßen Schwaͤnen, unterbrochen, die ihre blinkenden Fur⸗ chen ihm geraͤuſchlos eingruben. Hier verſank Magda in jenes lautloſe Traͤumen, welches in ihrer Seele ein tiefes, poetiſches Beduͤrfniß erweckte, dem ſie nachgab, ohne ſich zu verſtehn, und das ihr den Reichthum des Geiſtes aufſchloß, der die Welt wieder gebiert und ihr die lichtvolle Reinheit zu⸗ cheilt, fur die der uͤber die Zerwuͤrfniſſe der Menſchen hinaus erhobene Geiſt das Verſtaͤndniß findet. 79 Den Rand des See's umgaben nach dem Schloſſe zu weiße Marmorſitze, deren Stufen von dem leiſen Andringen des Waſſers, wie von einem ſanften Athem getrieben, beſpult wurden. Hier ſaß Magda ſtunden⸗ lang und ahnte nicht, daß ſie dem gegenuͤber ruhenden Wanderer leicht als die Nymphe erſcheinen konnte, die hier den ſtillen Zauber feſthielt. Auch heute ſah man ſie bald hinunter eilen und ihren Traumſitz einnehmen, wie ihn Thomas Thyrnau nannte, weil er mit ſeinem Scharfblick die Stimmung erkannt hatte, mit der Magda ſich dieſem Plabe entgegen draͤngte. Sie ſchien dort die Traͤumereien zu erwarten, nach deren Loͤſung ſie ſich ſehnte, da ihr bruͤtender Verſtand ihnen keine klare Benennung geben konnte, und ſie immer nur auf's Neue erſtaunte, daß ihr gerade dort, auf dieſer Stelle immer daſſelbe geſchah. Sie fragte dem Wun⸗ der ſo lange nach, bis ſie dort war— und alles dann über das Wunder ſelbſt vergaß. Sie wußte nicht, wie das Jugendleben jedes edlen phantaſti⸗ ſchen Traͤumers immer eine Stelle zu bezeichnen hat, wo die zufaͤllig gefundene aͤußere Geſtaltung mit dem inneren unbewußt vorbereiteten Beduͤrfniß zuſammen⸗ menfaͤllt. In der Harmonie, welche der Seele da⸗ durch zu Theil wird, erzeugt ſich die ſchaffende Kraft, die uns in ein neues Gebiet des Geiſtes fuͤhrt, dem 80⁰ wir naͤher zu kommen ringen, von allen Schauern und Entzuͤckungen ergriffen, welche die Begleiterinnen der lehrenden Pſyche ſind. In dem luftigen Bogen der Thuͤren ſaßen indeß die Maͤnner— Hieronymus und Thyrnau— und der Erſtere aͤußerte ſein liebevolles Bedenken uͤber die Lage des Andern. „Ich ſehe ſelbſt Verlegenheiten vor mir!“ ſagte Thyrnau mit der Sicherheit, die ihm ſo eigen war, „und wuͤnſche blos Veranlaſſung zu haben, mein ganzes Glaubensbekenntniß ablegen zu koͤnnen. Selbſt wenn man mich dann doch ſtrafbar finden ſollte, wollte ich dieſen Ausſpruch nicht beklagen, um des Gläckes wil⸗ len, vor der großen Seele der Kaiſerin Gedanken ent⸗ wickeln zu koͤnnen, die wie Funken in Zunder fallen muͤßten. Meine Treue als Unterthan hat allerdings eine Art Krebsgang gemacht; zuerſt war ich meinem armen gemißhandelten Vaterlande getreu, hatte aber fur ſeine aufgedrungenen Beherrſcher wenig Andacht, und dies Vaterland ſelbſt mußte es ſein, was mich nun auch zu einem treuen Unterthanen machte. Ja! es iſt wahr, ich habe Leopold den Erſten, ich habe Karl den Sechsten faſt gehaßt— denn ich will von Joſeph nicht ſprechen. Gott wollte nicht, daß ſeine Regierung ſo lange dauerte, bis ſeine edlen Abſichten zum Leben erſtarkten, ſonſt 81 waͤre ich ſchon damals ein Unterthan geworden. So aber mußte ich die Qualen des langen ungleichen Kampfes, welchen helleres und beſſeres Bewußtſein mit böſem Willen und beſchraͤnkten Anſichten durchmachen muß, erleiden. O Hieronymus, es iſt ein ſchmerz⸗ licheres Loos, als die Großen der Erde glauben wollen, wenn der in ſeinen heiligſten Rechten gekraͤnkte Unter⸗ than ſich unter dem Joche ſchuttelt, welches ihm den Nacken wund druͤckt, und um jeden Preis Befreiung wollend, nach der fremden Hand ſucht, die ſtark genug iſt, es ihm zu luͤften. Ich will es ihr nicht leugnen meiner großen Kaiſerin— wenn ſie mich fragt— ich will es ihr ſagen, wie ich getrachtet habe, uns armen Czechen einen Herrſcher zu geben, der an der Schwelle unſeres ſchoͤnen Landes gelobte, uns zum ungekraͤnkten Beſitz unſerer unſchuldigen menſchlichen Rechte zu ver⸗ helfen. Ich habe fuͤr dieſe Gedanken gelebt, gelitten, und mit den Beſten, die ich kannte, danach geſtrebt! Dies alte Zimmer,“ rief er, indem er zuruͤck blickte in die hohen Raͤume der Bibliothek—„weiß davon zu erzaͤhlen! Ludwig der Vierzehnte war der Mann dazu, in dem Lande des Feindes Unruhen und Abfall zu be⸗ guͤnſtigen. Aber er hatte ſich dennoch in uns geirrt! Als er uns den franzoͤſiſchen Prinzen anbieten ließ, um Boͤhmen damit zu einem unabhaͤngigen Lande zu erhe⸗ Thomas Thyrnau I. 3te Aufl. 6 82 ben, that er es in einer Weiſe, die uns vor uns ſelbſt herabſetzte und uns gegen unſere Pläne faſt mit Ab⸗ ſcheu erfuͤllte. Wir wollten freie Mäͤnner mit den Rechten unſerer alten uns gemaͤßen Geſetze werden— er wollte aus uns Bundesgenoſſen gegen Oeſtreich machenz raͤchen ſollten wir ihn an dem beneideten Nach⸗ barlande! Mit Entruͤſtung wurde dieſe Bedingung ver⸗ worfen und mißtrauiſch gegen unſer Vorhaben gewor⸗ den, ließen wir es lange ruhen.“ „Wie war das,“ ſagte Hieronymus,„fuͤhrteſt Du indeſſen die Geſchaͤfte des Fuͤrſten von Z.?“—„oder warſt Du damals in Prag?“ „Beides!“ antwortete Thyrnau.—„Als wir uns nach dem an Frankreich gegebenen Beſcheid hier trenn⸗ ten und einen Plan aufgeben wollten, der uns zu ge⸗ meinen Verraͤthern zu machen drohte, ging Jeder den eignen Weg und wir gelobten uns, Unrecht zu hinderm Recht zu pflanzen auf der Stelle, wohin uns Geburt und Beruf gewieſen. So ging ich nach Prag und ward mit dem Namen, der durch meinen Vater ſchon einen guͤnſtigen Klang hatte, ein geſuchter Advokat. Es gab viel auszugleichen; geſchickte Maͤnner, die von allen Bedraͤngniſſen des Landes unterrichtet waren, thaten Noth in einer Zeit, die ſo viel Willkuͤr, ſo viel Par⸗ teien, ſo viel verſchobene und gekraͤnkte Rechte zeigke. — 83 Ich hatte Gluͤck, gewann Vermoͤgen und bedeutende Stellung; mir wurden aus allen Nachbarſtaaten Rechts⸗ falle, die ſchwierig ſchienen, zugeſchickt. Die kleinen Fuͤrſten des Reichs ſuchten beſonders meinen Rath und ſo kam es, daß ich am haͤufigſten dem Kaiſer gegenuber ſtand. Zur ſelben Zeit war ich ein gluͤcklicher Gatte und Vater und hatte in Lacy einen Freund, der jede Luͤcke meiner Seele ausfuͤllte. Mein theures Weib empfing ich aus den Haͤnden der Gräfin Lacy. Sie war die Tochter eines Intendanten der Wratislaw'ſchen Guͤter, und ihr Vater ein Pole von dem dort haͤufigen Adel; ſie war mit der Graͤfin erzogen und begleitete dieſe nach ihrer Verheirathung nach Tein. Nachdem ſie mein Weib geworden, ſchienen wir vollends nur eine Familie. Wir wohnten, ſo viel es meine Geſchaͤfte zu⸗ ließen, zuſammen und ich bezog das Dohlenneſt anfangs fur die Tage des Sommers, dann dauerten meine Ab⸗ weſenheiten laͤnger und meine Familie blieb auch den Winter; endlich waren wir nur dort noch heimiſch— und welche Einigkeit, welch'Gluͤck war das!“ „Ein ſonderbarer Gedanke,“ ſagte Hieronymus— „das alte Haus zum Wohnort zu waͤhlen! Bot Dir denn Dein Goͤnner nicht ſein eignes Schloß oder das Fremdenhaus an?“ „Goͤnner?“ fragte Thomas Thyrnau, indem er 6* 84 ſcharf aufblickte— ein ſatyriſches Laͤcheln flog um ſein ganzes ſich etwas roͤthendes Geſicht—„Goͤnner?“ wiederholte er dann langſam—„hoͤr', alter Freund! es hat mir immer ſcheinen wollen, dieſe Benennung paſſe nicht fuͤr Jemand, der mit mir verkehre, am we⸗ nigſten fuͤr einen dieſer vornehmen Herrn. Ich habe ſie bald gelehrt, daß, auf einer Hoͤhe der Bildung ſtehen, den Unterſchied des Standes ausloͤſcht, und nie geliebt, aus der Unabhaͤngigkeit, die ich mir erworben, zu bedingten Verhaͤltniſſen herab zu ſteigen. Das Doh⸗ lenneſt war mir gerade recht, weil ich es dem Beſitzer faſt wieder gab durch die Koſten, die ich daran wendete, um es wohnbar zu machen. Er aß ſo oft an meinem Tiſch, als ich an dem ſeinigen, und er wußte wol, wie ich uͤber ſeine ſogenannten Vorrechte dachte!“ „Aber Lacy war als ein adelſtolzer Mann bekannt!“ fuhr Hieronymus fort.„So bekehrteſt Du ihn doch wol eigentlich nicht— ſondern er verbarg Dir nur den Duͤnkel?“ „So freilich treiben es die Meiſten,“ ſagte Thyr⸗ nau faſt heftig.„Sie ſchaͤmen ſich, dem hochbegabten Manne des Buͤrgerſtandes gegenuͤber, die feſtgeprägte Idee ihrer hoͤheren Berechtigung geltend zu machen— und getroͤſten ſich fuͤr den Zwang, den ſie ſich auferlegen, in den Kreiſen ihrer Standesgenoſſen, wo ſie deſto offe⸗ 85 ner dann den Eindringling verſpotten koͤnnen, von ih⸗ rem Anhange unterſtuͤtzt, der die Anſichten gern hoͤrt, die er um jeden Preis will ſiegen machen!“ „Halt! halt, Freund!“ fiel Hieronymus ein— „Du erſchreckſt mich ordentlich. Standeſt Du ſo mit dem Grafen Lacy? Wie reimt ſich das mit manchem Verhaͤltniß, von dem ich weiß?“ Thyrnau's Aufregung war voruͤber. Schwermuͤthig war ſein Kopf geſunken, und ſeine Augen wurzelten an dem Goldnetze, das Magda's reichen Haarwuchs um⸗ ſchloß und das uͤber die Lehne des Marmorſitzes blinkte, der ſie verbarg. „Wir waren Beide ein paar ſcharfkantige Eckſteine,“ ſagte er dann ſinnend—„je ſchwerer die Aufgabe war, ſolchen Sinn zu beugen, je mehr reizte ſie uns gegen⸗ ſeitig. Aber wir liebten uns mit der ſchoͤnen Kraft, die alle Hinderniſſe uͤberwindet. Wir trennten uns oft— harte Zeiten— troſtloſe Ereigniſſe traten zwiſchen uns — dennoch hab' ich ihm die Augen zugedruckt und er verlobte Magda mit ſeinem Neffen— dem einzigen Nachkommen!“ „Nun!“ rief Hieronymus lebhaft—„ ſie paßt zum Gebieten uͤber Glanz und Reichthum— ſie iſt eine wuͤrdige Beſitzerin von Tein. Doch ſag' mir— weiß ſie es?“ 86 „Sie weiß es! Auf ſeinen Knieen ſchaukelte der alte Lacy das Kind— anbeten faſt mußte er das heranbluͤ⸗ hende Maͤdchen— ſie gab ſeinen Vorurtheilen den letz⸗ ten Stoß! Wenn er ſie fragte: was willſt Du werden? So rief ſie in die Haͤnde ſchlagend: Beſitzerin von Tein! Wen willſt Du heirathen? Keinen Andern wie den Grafen Lacy. Da lachte er zuletzt freudig und wollte nicht minder, daß es ſo ſei.“ „Aber ſag' mir doch,“ fuhr Hieronymus fort— „wie kam es denn damals, daß die unſeligen Unterhand⸗ lungen mit Frankreich wieder aufgenommen wurden?“ „Du weißt, Lacy hatte einen Sohn,“ erwiderte Thyrnau ernſt.„Stephan, ſein einziger Sohn— ſein Stolz— ſeine Hoffnung! Es konnte nicht fehlen, daß er in denſelben Grundſaͤtzen aufwuchs; er war von un⸗ ſern Anſichten unterrichtet. Schon hatten wir all' un⸗ ſere Plaͤne aufgegeben— da kehrte er plotzlich aus Frankreich zuruck, wo er einige Jahre gelebt. Er legte ſeinem Vater einen Plan vor, der von dem fruͤher er⸗ waͤhlten Prinzen entworfen und von allen Feinden Oeſt⸗ reichs unterſtuͤtzt, ein Hoͤllengewebe der Verratherei war und nur ſchwache Stutzen enthielt fur das einzige heilge Gut, um deſſ'Willen wir die Trennung moͤglich gehal⸗ ten. Das Entſetzen ſeines Vaters war groß! Ste⸗ phan, der in die Schlinge gefallen, die ihm gelegt, hatte 87 dem Prinzen einen Kredit eroͤffnet, wofur bereits ein Corps geworben war, welches dem Prinzen zur Bedek⸗ kung dienen ſollte, da er den franzoͤſiſchen Truppen miß⸗ traute, die damals anſcheinend fuͤr den Exkaiſer Karl den Siebenten Boͤhmen beſetzt hatten. Bald uͤberſah mein alter Freund, daß er Hilfe beduͤrfe, und vor Allem mußten die Stimmen zum Schweigen gebracht werden, die uns von dorther verrathen konnten. Dazu waren groͤßere Mittel erforderlich, als er damals beſaß; denn auf ſeinen Guͤtern hatte er langſam das große Werk be⸗ gonnen, was wir fuͤr unſer ganzes Vaterland zu errei⸗ chen uns aufgegeben hatten. Leibeigenſchaft war der That nach dort nicht mehr gekanntz aber er konnte nur helfen, wo er zu gebieten hatte, und als er mir ſein Vertrauen ſchenkte, zeigte es ſich, er habe mich noͤthig, um die nicht zu verlaſſen oder in andere Haͤnde und in alte leidenvolle Zuſtaͤnde ubergehen zu ſehen, die durch ihn Menſchen geworden— beſſere Verhaͤltniſſe kennen gelernt hatten!“ „Ich weiß,“ ſagte Hieronymus—„Du opferteſt Dein ganzes Vermoͤgen, um ihn zu rettenz er hatte ge⸗ gen mich kein Hehl daruͤber. Aber, obwol er mir da⸗ mals ſeine Verlegenheiten vertraute, ſind doch Jahre ſeitdem verfloſſen, und mein langer Aufenthalt in Un⸗ garn hat manches aus meinem Kopfe verdraͤngt. Sag' 88 mir, waren es dieſe Verpflichtungen gegen Frankreich, die ſein fuͤrſtliches Vermoͤgen ſo herab brachten?“ „Die großmuͤthigen Opfer, die mein edler Freund gebracht,“ ſagte Thyrnau—„freie, an Leib und Le⸗ ben, Gut und Blut geſicherte Menſchen um ſich her zu erziehen— ſie hatten ſeine Einkuͤnfte verkuͤrzt und das Kapitalvermoͤgen bereits belaſtet. Er konnte die unge⸗ heuren Verpflichtungen nicht loͤſen, die ſein Sohn einge⸗ gangen. Damals war ich als Bevollmaͤchtigter des Fuͤr⸗ ſten von Z. am Hofe des Fuͤrſten von S.— Lacy und ich waren ſeit einiger Zeit aus aller perſoͤnlichen Beruͤh⸗ rung getreten— längſt waren unſere Weiber begraben — was mir von haͤuslichem Gluck geblieben, hatte ich unter die Pflege meiner ehrwuͤrdigen Schweſter, der Barbara Huͤlshofen, geſtellt. Das Dohlenneſt war ſeit Jahren veroͤdet— und wir grollten uns— und der damit verbundene Schmerz hielt uns auseinander. Dennoch war ich ſein Geſchaͤftsmann und Keiner miß⸗ traute dem Andern. Als dieſe Noth kam, dachte er zu⸗ erſt an mich— und hatte keinen Zweifel an meiner Hilfe— und wollte ſie von keinem Andern! O Lacy! edle große Seele— nie— nie vergeſſe ich dieſe Liebe! Du verſtandeſt mich— Du haſt mich geliebt!“ „Es vermehrte das Unangenehme unſerer Lage,“ fuhr Thyrnau nach einem kurzen wehmuͤthigen Schwei⸗ gen fort—„daß ich zur ſelben Zeit erfuhr, der Fuͤrſt von S. ſei von Seiten Frankreichs fur dieſen Plan ge⸗ wonnen und im Beſitz unſeres Geheimniſſes— mit ihm haͤtten ſich zum Vortheile Frankreichs Andere be⸗ reits ziemlich unumwunden durch Hilfsgelder der fran⸗ zöſiſchen Sache verpflichtet. Es galt hier— ihr Ge⸗ heimniß ſo ſicher und erwieſen in die Haͤnde zu bekom⸗ men, als ſie das Unſrige beſaßen— ein Schwert mußte das andere in der Scheide halten!— Ich bot mich ihnen als Vermittler an— und ſie waͤhlten mich, um ihrer Aller Angelegenheit in Frankreich zu betreiben. Meine Lage war hier verwickelt und gefaͤhrlich. Lach und ich hatten uns das heil'lge Wort gegeben, um jeden Preis, jede Verbindung mit Frankreich abzubrechen; denn ſchon ging das große Geſtirn— Maria Thereſia — uͤber unſerm Vaterlande auf, und wir wollten ihr vertrauen— nicht ihrer nahen Regierung vermehrte Hinderniſſe bereiten!“ „Nachdem ich in Paris das Terrain eine Zeitlang beobachtet hatte, faßte ich einen tollen gewagten Ent⸗ ſchluß, von dem ich allein noch Rettung hoffen konnte. Ich draͤngte mich an die Marquiſe von Pompadour, ich hatte erfahren, daß ſie den Prinzen, der unſer Koͤ⸗ nig werden wollte, haßte, und fuͤr die Verachtung, mit der er gewagt, ſie zu behandeln, ihn mit dem grenzen⸗ 90 loſeſten Spotte verfolgte und jedes Ridicuͤle uber ihn zu bringen ſuchte, was ſich entdecken ließ.— Darauf war mein Plan begruͤndet. Dies Weib, das ſchoͤnſte, und geiſtreichſte der Erde, erholte ſich zuweilen von dem Zwange, den ihre Groͤße und ihre ſchwierigen Verhaͤlt⸗ niſſe ihr auferlegten, in einem kleinen ganz geheim ge⸗ haltenen Kreiſe alter Bekannter, welcher ſich in einem abgeſonderten Theile des Schloſſes bei einer ihrer Kam⸗ merfrauen verſammelte, und wohin auch die Perſonen wol gefuͤhrt wurden, die ſie nicht offentlich empfangen wollte. Dieſe Frau kannte ich ſeit lange und bearbeitete ſie jetzt fuͤr meine Plane! Von ihr erfuhr ich die Ab⸗ neigung der Marquiſe gegen den Prinzen, die ich nur zu lebhaft theilte, ſeit ich ihn perſoͤnlich kennen gelernt.— Damals war Witz und Heiterkeit meine tagliche Laune — ich verwandte ſie hier zu meinen Zwecken. Die Mar⸗ quiſe ward neugierig, mich zu ſehn, und von da an ge⸗ hoͤrte ich dem kleinen Kreiſe an. Nach ihrem erſten Witz uͤber den Prinzen aͤußerte ich ihr mein grenzenlo⸗ ſes Erſtaunen und gab vor, daß ich ſie fur ſeine Ver⸗ bundete gehalten habe.— Sie lachte eine Stie lang in einem Athem— und jetzt bat ich um eine geheime Unterredung. Ich entdeckte ihr den ganzen Plan und bat ſie um Schutz und Hilfe, da— ſeit ich den Prinzen„ kennen gelernt— ich ihn nur noch auslachen koͤnnte, aber nie mehr ſeine Wuͤnſche foͤrdern. Das war, was ſie brauchte, und jetzt hatte ich faſt nur zuzuſehn, wie ſie mit der Geſchicklichkeit, um die ſie jeder Diplomat beneidet haͤtte, Einen mit dem Andern taͤuſchte— und wie der Prinz endlich vom Koͤnige die muͤndliche Wei⸗ ſung erhielt— bei Strafe einer Wohnung in der Ba⸗ ſtille— die Sache aufzugeben, die man in dieſem Falle vergeſſen wolle.— Jetzt war der Prinz in der Noth⸗ wendigkeit, Alles abbrechen zu muͤſſen. Wir wurden uber Hals uͤber Kopf abgewieſen— das franzoͤſiſche Ka⸗ binet wollte nichts geſagt, nichts gethan haben— Alles war eine Grille des Prinzen, eine Intrigue der boͤhmi⸗ ſchen Großen!“ „Der Fuͤrſt von S., dem meine Unterhandlungen zu lange waͤhrten, kam ſelbſt nach Paris. Auch er wollte die Marquiſe in das Intereſſe ziehn, und ſie my⸗ ſtificirte ihn, indem ſie den Plan als ihrem Schutze uͤbergeben erklaͤrte und ihm ſagte, auch ich habe mich be⸗ muͤht, ihre wirkſamſte Fuͤrſprache zu erreichen; er ſolle ſich gar nicht mehr darum bekuͤmmern— ſie wolle Al⸗ les allein durchſetzen!— Jetzt war er uͤberzeugt, die Sache waͤre, wie ſie ſein muͤſſe— und reiſte befriedigt zuruck.“ „Auch ich durfte dies ſein, aber leider nur in der Hauptſache; denn die Verlegenheiten fur die Abſchließung 92 der Geldverpflichtungen ſtiegen immer hoͤher. Auch die Marquiſe pflegte nichts umſonſt zu thun, und ich be⸗ kam zuweilen Anweiſungen von ihr zugeſchickt, als ſei ich ihr Banquier— und durfte mich nicht einen Au⸗ genblick beſinnen, ſie zu bezahlen.“ „Die uͤbrigen Verhaͤltniſſe brachten mich aber zu⸗ weilen zur Verzweiflung. Ich ſah die Ungerechtigkeit, die Ehrloſigkeit der Forderung ein, in welcher der Prinz, ſeine Umgebungen, ſeine Helfershelfer ſich formlich uͤberboten— und wenn ich voll Entruͤſtung alle Unterhandlungen abbrechen wollte— gab mir der naͤchſte Augenblick ruhiger Ueberlegung die feſte Ueber⸗ zeugung, ich habe nirgends Schutz, nirgends Gerech⸗ tigkeit zu ſuchen— und mehr wie Vermoͤgen ſei hier zu retten— der bedrohte Name Lacy! Ich legte die umſtaͤnde endlich dem ungluͤcklichen Vater vor— ich durfte ihn nicht laͤnger ſchonen, denn jede Zoͤgerung vermehrte das Uebel.“ „Die Kaiſerin vertheidigte ihren vielfach angegriffe⸗ nen Thron. Wir ertrugen beide die falſche Lage zu der großherzigen Frau nicht, und Laey ſchlug mir endlich vor, ſeine Guͤter zu verkaufen und ſeinem Sohne nach Italien zu folgen, wo er in volliger Zuruͤckgezogenheit ſeine wahre Lage zu verbergen hoffte. Dahin wollte ich ihn haben, um ihm endlich helfen zu koͤnnen, wie ich —— wollte, denn hartnaͤckig hatte er bisher jedes Anerbieten meines Vermoͤgens abgewieſen.“ „Eine kuͤrzlich erſchienene Verordnung der Kaiſerin erlaubte den vermoͤgenden Buͤrgerlichen, adeliche Guͤter anzukaufen. Ich benutzte ſie ſogleich fuͤr mich— und ward der Eigenthuͤmer von Tein. Doch nur unter der einen Bedingung, daß dieſe Erwerbung ein tiefes, un⸗ verbruchliches Geheimniß zwiſchen uns beiden bliebe— Lacy nach wie vor im Beſitz erſcheine— als Verwalter der ganzen Herrſchaft offentlich jede Autoritaͤt behielte. Stephan war auf einem fernen Gute geſtorben, wohin er nach dem Ungluck, das er angerichtet, ging. Lacy erzog den Sohn ſeines juͤngeren Bruders, den die El⸗ tern ihm bei ihrem faſt zu gleicher Zeit erfolgten Tode anvertraut. Dies Kind wurde der Balſam ſeines ver⸗ wundeten Herzens.“— Thyrnau ſchwieg. Hieronymus wiſchte mit ſeinem Aermel uber die Au⸗ gen.„Alter braver Thyrnau,“ ſagte er dann—„ja, ja, ich wußte wol, ich liebte Dich nicht umſonſt! Auch erinnere ich mich, Lacy hat es mir damals erzaͤhlt— aber ſo nicht. Denn es war in ſeinen letzten Tagen, und er konnte immer vor Liebe und Anbetung nicht zu Worte kommen. Auch war es ihm bei ſeiner Mitthei⸗ tung die Hauptſache, daß ich eine Art Zeuge oder Mit⸗ wiſſer fur die Vermoͤgens⸗Verhaͤltniſſe wuͤrde.“ . 5 94 „Ja,“ ſagte Thyrnau—„und er wird Dir auch nicht erzaͤhlt haben, welche Noth er mir gemacht hat, ehe er ſich fuͤgte. Niemals haͤtte er eingewilligt, haͤtte ich nicht ſeinen Lieblingsplan— dieſe von ihm und mir nie aus den Augen verlorene Freimachung der Bauern, — zu Huͤlfe aufgerufen. Ich konnte damals die Herrſchaft Tein weder bewohnen noch verwalten; ver⸗ ließ er ſie, mußte das Gute, was bereits im Keimen war, wieder zu Grunde gehn; denn noch waren wir unter den Großen Boͤhmens mit dieſen Plaͤnen iſolirt. Ihre Privilegien, ihr ſelbſtſtändiges Anſehn wollten ſie wieder erlangen, darum waren ſie leicht gereizt und geneigt, fremden Einfluͤſterungen zu horchen. Was. uns im Sinne lag— die entſetzliche, ſchmachvolle Lage der Geringeren zu heben— das ſahen ſie als Thorheit mit tadelnden Blicken an, und ſuchten zu hindern, ſo viel als moͤglich.— Da ich weder nach Tein— noch er nach Paris kommen konnte, waͤhlten wir auf halbem Wege einen kleinen Ort, an welchem ſich ein Gericht befand, und hier ſtellten wir nach langen gegenſeitigen Kaͤmpfen unſere Verhaͤltniſſe feſt.“ „Ich ward Beſitzer von Tein und bezahlte die For⸗ derungen in Paris, welche die vorlaͤufig aufgebrachten Summen noch uͤberſtiegen. Jetzt beleuchteten wir, was. ihm blieb. Es war der Palaſt in Prag— es war ein 95 ———— kleines Allodium von der Graͤfin Wratislaw, ſeiner Gemahlin, die ihm nur geringes Vermoͤgen zubrachte. Bei dieſer Angelegenheit entſtand der Kampf. Ich wollte nur Darleiher, nicht Beſitzer werden— Lacy's Neffe, den ich zwar nicht kannte, aber herzlich liebte, weil er ſein Troſt war, ſollte unſer Beider Sohn ſein. Welche Kaͤmpfe waren das, ehe ich ſiegte! Endlich— nach vierwoͤchentlichen Berathungen— ſchloſſen wir den merkwuͤrdigen und geheimnißvollen Vertrag ab. Er kehrte zuruck als unbeargwoͤhnter Herr der Beſitzungen, und ich hatte ihm mein Wort gegeben, ſobald als moͤg⸗ lich zu ihm nach Tein zu kommen— was ich zwei Jahre ſpaͤter auch wirklich that.“ „Nun?“ ſagte Hieronymus—„und wie ſteht es denn jetzt? Bin ich hier bei Thomas Thyrnau oder bei dem Grafen von Lacy?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte Thyrnau—„gewiß aber iſt, daß ich die Herrſchaft nicht bedarf. Mein Vermoͤgen iſt nicht groß, aber ich habe genug. Lacy haͤtte auch wol die Schuld getilgt, waͤre der Krieg nicht gekommen. Wie ſollte er aber bei dieſen fuͤrchterlichen Zerſtoͤrungen und Abgaben, bei der Noth ſeiner Unter⸗ thanen, welche die Lage ihres Herrn nicht kannten und Huͤlfe von ihm begehrten, ſolche Schulden tilgen könmen?“ 96 „Wir wohnten damals ſchon wieder zuſammen und als er nach einem ploͤtzlichen Schlaganfall ſein Leben fuͤr bedroht hielt, wuchs die Sorge, dem geliebten Neffen, der in der Erwartung eines großen Beſitzes erzogen ward, nach ſeinem Tode die Entdeckung machen zu laſſen, daß er fuͤr einen Namen, wie er ihn fuͤhrte, faſt arm zu nennen war. Da kam es im taͤglichen Beiſam⸗ menſein, im langſamen Getriebe von Frage, Antwort, Beobachtung und Geſtaͤndniß endlich dahin, daß wir ein gegenſeitiges Teſtament machten. In dem meinigen war Magda— die Einzige, die mir geblieben— Er⸗ bin meines ganzen Vermogens,— alſo, wenn Du willſt— der Herrſchaft Tein. Doch unter der Bedin⸗ gung, daß ſie keinem Andern als dem Grafen Lacy ihre Hand gaͤbe— und in dieſem Falle wurde ſie ver⸗ pflichtet, nie dieſe Herrſchaft als ihr disponibles Eigen⸗ thum anzuſehn, ſondern nur den Theil meines Vermoͤ⸗ gens dafuͤr zu halten, der ein davon unabhaͤngiges Kapital war. Sollte ſie eine andere Heirath ſchließen, ſo ginge die Herrſchaft Tein unbeſtritten an den Grafen von Lacy uͤber und ſie habe daran keine weitere An⸗ ſpruͤche zu machen.“ „Im Teſtamente Lacy's waren dieſelben Bedingun⸗ gen: naͤmlich— die als letzter Wille befohlene Ehe. mit Magda. Da dies Teſtament jedoch eine moͤgliche N 97 Oeffentlichkeit erhalten konnte, und dieſe die wahren Verhaͤltniſſe meines edlen Freundes unnuͤtzen Schwaͤtzern Preis gegeben haben wuͤrde, ward blos darauf hinge⸗ wieſen, daß dies eine dringende Forderung ſei, und mir blieb die Vollmacht uͤberlaſſen, die Gruͤnde dafuͤr dem Erben aufzudecken.“ „Nun,“ ſagte Hieronymus—„mit Deiner Erbin biſt Du grade nicht großmuͤthig umgegangen; das iſt ja eine Art Enterbung, wenn dieſe Heirath nicht zu Stande kommt!“ „Iſt das denkbar?“ rief Thomas Thyrnau begei⸗ ſtert.—„Sieh das Maͤdchen an— iſt ſie nicht wie eine Blume des Paradieſes— ein Juwel, fuͤr den man die Faſſung in einer Krone ſuchen moͤchte? Wer kann ſie ſehn, ohne ſie zu lieben— wer duͤrfte nicht mit Entzucken denken, daß ſie die Stammmutter eines bloͤ⸗ henden Geſchlechtes werden könne? Auch gefaͤllt mir Lacy's Neffe— und obwol ich ihn nie ſah, da er kurz vor meiner Ruͤckkehr nach Tein die Univerſitaͤt bezog, haben doch ſeine Briefe das Bild beſtaͤtigt, welches mein alter Freund ſtets von ihm entwarf. Und Magda? Ich habe ſie den Gefahren der Welt nicht ausgeſetzt— hier— oder in der kloͤſterlichen Zucht der Frau Bar⸗ bara, wo ſie den nothigen Unterricht der Nonnen von St. Urſula genoß— iſt ſie größ geworden. Sie hat Thomas Thyrnau ll. 3te Auſt. 5 keinen Mann geſehn und Lacy iſt eben ſo ſchoͤn als liebenswuͤrdig.“ „Das iſt wahrſcheinlich genug,“ erwiderte Hiero⸗ nymus—„aber— wenn er ſie nun doch zuruͤckwieſe? Solche Ehen ſind doch immer noch in der vornehmen Welt ein wenig anſtoͤßig.“ „Dann,“ rief Thomas Thyrnau, indem er heftig aufſprang,„iſt ſie Beſitzerin von Tein und bedarf der Grafenkrone nicht! Denn nur im Fall ſie dieſe Ehe zuruͤckweiſet und einen Andern heirathet, verliert ſie das Recht an dieſem Beſitz.“ „Ich weiß das laͤngſt!“ ſagte Magda, die bei den letzten Worten aus dem Studierzimmer des Grafen von Lacy trat, wohin ſie von den Maͤnnern unbemerkt durch die Fenſterthuͤren des Gartens gegangen war— „und Du haſt von mir nichts zu fuͤrchten! Aber ich ſage Dir noch einmal, ich will nicht, daß ich oder der Graf gedraͤngt werden— Du mußt mir darin meinen Willen laſſen, denn Du biſt ſchon viel zu raſch ge⸗ weſen!“ Thomas Thyrnau lachte uͤber den Verweis, den er bekam und rief ihr munter zu:„Da er in ſeiner Ju⸗ gend keinen Hofmeiſter gehabt, wuͤrde es ihm in ſeinen. alten Tagen nachgeholt.“ Magda flog lachend auf ihn zu und ſtrich ſeine Wangen, waͤhrend er ſie an die 99 Bruſt druͤckte. Doch ploͤtzlich fuhr ſie in ſeinen Armen empor:„Laß mich,“ rief ſie—„ich kam Dir zu ſa⸗ gen, daß ein Fremder hier iſt! Erſt ſah ich ihn gegen⸗ uͤber am See, als er kleine Steine hineinwarf und die Schwaͤne davon aufſchreckten, die zu mir kamen— dann war er mir aus den Augen, als ich ſie rief und ihrem haſtigen Segeln zuſah.— Jetzt aber, wie ich die Blumen von der Terraſſe holte fuͤr das Zimmer Lacy's, da ſah ich ihn von der Reitbahn her um die Terraſſe nach den Stufen zu gehn.“ „Da werden wir gleich die Ehre haben, ihn zu ſehn,“ rief Thomas Thyrnau— fuhr aber etwas zu⸗ ſammen, als ein Diener eintrat und mit hoͤchſt be⸗ wegter Stimme den Grafen von Lacy anmeldete. Magda ward blaß und ſtreckte unwillkurlich die Hand nach Hieronymus aus, der aus ſeiner gewoͤhnli⸗ chen Ruhe erwachend liebevoll ihre Hand ergriff: „Komm, mein liebes Maͤdchen, wir wollen zuerſt noch ein wenig nach dem Krankenhauſe gehn,“ ſagte er— „dort wuͤnſchen ſie mich zu ſprechen und Du haſt dort auch zu thun. Dann halten wir das Gebet zuſammen.“ Dies war Allen Recht, und Magda ließ ſich wil⸗ lenlos auf einen Weg fuͤhren, auf dem ſie dem Grafen nicht begegnen konnte. Hieronymus verſuchte, aber vergeblich, als ſie zu⸗ 7* — 5 5 100 ſammen gingen, ſeiner Gefaͤhrtin in harmloſen Bemer⸗ kungen Rede abzugewinnen. Magda wandelte mit geſenktem Kopfe neben ihm, und ihr Athem war ſo ungleich und heftig, daß er ſie einlud, im Bosket, wo Sitze waren, ein wenig auszuruhn. Hier ſank die friſche leichtfuͤßige Magda, die von ihrem Großvater oft Atalanta genannt wurde, wie voͤllig erſchoͤpft nieder und die Blaͤſſe ihres Geſichtes, die ſo jaͤh mit gluͤhen⸗ der Roͤthe wechſelte, machte den alten Arzt beſorgt, der ſeinen Finger an ihren Puls legte und aͤngſtlich fragte, ob ſie auch weiter gehen koͤnnte. „O ja! weiter!“ rief Magda, indem ſie entſchloſ⸗ ſen, aber mit Anſtrengung, aufſtand—„ich will heute nicht nach dem Schloſſe zuruͤck. Die Pferde koͤnnen außen vor dem Krankenhauſe auf die Landſtraße gefuhrt werden — und Du guter Hieronymus reiteſt mit mir voran.“ Der Alte glaubte Magda's Zartgefuͤhl zu verſtehn und verſprach, was ſie wuͤnſchte, mit der Bedingung, daß ſie ihn erſt ſeine Geſchaͤfte im Krankenhauſe ab⸗ machen laſſe. So wandelten ſie fort bis unter das Portal des Hauſes, wo die Schaffnerin mit einigen von den Auf⸗ waͤrterinnen unter vielem Lachen im lauten Geſpraͤch. begriffen ſtand. Hieronymus fragte etwas ungeduldig, was es hier gaͤbe— und die Schaffnerin, die ſich auch . . 101 nicht gern ſo aus ihrer ſonſt angenommenen ernſten Wuͤrde vor den Angekommenen heraus gefallen ſah, ſuchte wenigſtens die Veranlaſſung zu ihrer eigenen Rechtfertigung zu ubertreiben. „Ah! wo ſind denn Euer Ehrwuͤrden hergekom⸗ men?“ rief ſie und kuͤßte ihm und Magda die Hand— „daß Sie den gnaͤdigen Herrn nicht geſehen haben? Es iſt noch keine Stunde her, da ſtand er hier vor mir, der junge Herr Graf von Lach! Ach, welch' ein ſchoͤner junger Herr! aufgewachſen wie eine Tanne— wie eine Roſe am Zweige ſo friſch und ſchoͤn! Ganz das Eben⸗ bild ſeines hochſeligen Herrn Oheims.“ „Schon gut! ſchon gut!“ ſagte Hieronymus— „immer ſehe ich nur den Grund zum Lachen und Toben nicht, Frau Grete!“ „Heiliger Gott! Euer Hochwuͤrden! ſo lang ſind wir armen Leut' ohne den gnaͤdigen Herrn verblieb en — ſoll uns das Herz nicht lachen, wenn Seine Gna⸗ den endlich eintreffen und dabei ſelbſt mit Lachen und Scherzen ihren Einzug nehmen? Ach, war's denn nicht auch komiſch genug, daß Seine Gnaden den Ein⸗ gang vergeſſen hatten, und anſtatt vor dem Thorpfoͤrt⸗ chen, hier vor unſerm Hauſe vom Pferde ſtiegen, nicht anders denkend— als dies große Haus mit Gitter und Einfahrt ſei das Schloß?“ 102 „Was ſagſt Du, Grete?“ rief Magda hier ſchnell vortretend und mit fragendem Erſtaunen ihre Hand auf Grete's Arm legend—„der Graf von Lacy glaubte, das Krankenhaus hier ſei das Schloß?“ „Ja! lieb Fraͤulein,— denken Sie nur! Darum lachten wir auch noch ſo ſehr, und ich erzaͤhlte an Ka⸗ thrin' und Stina, was die lange Abweſenheit nicht thut. Zu Michaelis muͤſſen es juſt zehn Jahr ſein, daß Seine Gnaden— ein blaſſes ſchlankes Buͤrſchchen— nach der hohen Schule abgingen. Ja! zehn Jahre ſind eine liebe lange Zeit und wirken auf's Gedaͤchtniß! Haͤtte ich in dem ſchoͤnen rothwangigen jungen Herrn nimmermehr das blaſſe ſchmaͤchtige Herrchen wieder er⸗ kannt, was damals von uns ging. Da ſagte er nun ſelbſt— es waͤr' ihm auch nicht ganz wie recht erſchie⸗ nen— aber er hätte gedacht, irgendwo faͤnde er ſchon Einlaß.“ Magda las der guten Grete die Worte aus dem Munde. Doch Hieronymus unterbrach die geſpraͤchige Frau und that noͤthige Fragen uͤber die Kranken. Magda erwachte nun aus ihrem Nachdenken und trat ihre gewoͤhnliche Wanderung an nach dem Viertel des Hauſes, wo die Alten und die Kinder beiſammen leb⸗ ten, zu gegenſeitiger Dienſtleiſtung auf einander an⸗ gewieſen. ———— ———— 103 Hier war Magda immer gewiß, die hoͤchſte Fbeude durch ihren Beſuch zu erregen. Jung und Alt ſtreckte die Haͤnde nach ihr aus, und hier zeigte ſich ihre ganze Eigenthuͤmlichkeit; denn ſcherzend und neckend, ſchel⸗ tend und befehlend ging ſie von Einem zum Andern. Aber mit halbem Blick ſah ſie dabei, wo es fehle— was Erleichterung, Hulfe oder Troſt gewaͤhren konnte — und dann zog ſie es das naͤchſte Mal aus der Taſche — oder Frau Grete wurde beordert, es her zu geben, und da Niemand ihr zu widerſtehn vermochte, mußte auch Frau Grete manche wol uberlegte Einſchraͤnkung aufgeben, wenn Magda in ihrer Weiſe, die keinen Widerſpruch duldete, ihr Regiment hier fuͤhrte. Doch heute haͤtte man denken koͤnnen, Magda wandre blos aus Angewöhnung hier umher. Sie nickte mit dem Kopfe jedem Gruße entgegen— aber Niemand haͤtte gewagt, ſie anzureden. Selbſt die Kinder kicherten nur in ihrem Spielwinkel, und es ſchien Allen ungewiß, ob es Magda ſei, ihr Schutz und Schirm— ihre heitere Gefaͤhrtin. Auch ging ſie nur durch den Saal, der Alle bei Tage verſammelte, um in das Gemach der alten Angela zu kommen; denn dieſe ihre alte Kinderftau, jetzt blind und nah an achtzig Jahr, ſaß hier in einem kleinen wohnlich eingerichteten Gemach, welches ein Fenſter nach dem Wildgarten zu hatte, in deſſen Niſche Angela Tag vor Tag ihr Raͤdchen drehte und das feinſte Garn im ganzen Hauſe ſpann. „Nun, Alte,“ ſagte Magda—„haſt Du Deinen Wocken noch nicht leer? Mußt Du immer arbeiten, wie um's liebe Brot?“ „Schmaͤle nur!“ entgegnete die Alte—„ich thu's auch um's Brot— denn es ſchmeckt mir nicht, wenn ich nicht drum gearbeitet!“ „Du ſollſt aber aufhoͤren,“ rief Magda—„ich will nicht, wenn ich bei Dir bin, daß Du halb an Dei⸗ nen Faden, halb an die Worte denkſt, die Du mit mir redeſt.“ „Nun, Du biſt heute wieder wirſch,“ ſagte An⸗ gela,„haſt wieder Deinen Trotzkopf aufgeſetzt! Geh! geh! ſo mag ich Dich nicht leiden!“ Damit ſchob ſie aber doch das Rädchen fort und Magda fragte ſogleich:„Sag', war meine Mutter auch ſo trotzig wie ich?“ „Das ſoll wol ſein,“ etwiderte die Alte—„doch wie fraͤgſt Du danach? Laß die verſtorbenen Leut' ihre Sache gemacht haben in der Welt— mach' Du nur Dein Theil kluͤger!“ „Du ſollſt mir aber von ihr erzaͤhlen, Angela! Sag' mir nur— hieß der Graf Lacy, der ſie ſo ſehr liebte, nicht Stephan?“ 105 „Stephan! Stephan! Mein Kind! das war eine Liebe— mein Gott, wie groß! hat ihm auch das Leben gekoſtet! Aber, was war Deine Mutter auch fuͤr'n Mädchen! Und das ſahen die Alten wol ein— aber es war immer Stahl und Eiſen beiſammen— unſer alter Thomas, der hatte auch ſein Duͤnkelchen! Da ſollte der große Herr Graf herabſteigen, in das Dohlen⸗ neſt kommen und um die Ehre bitten, daß die Tochter des Buͤrger und Advokaten Thyrnau Frau Graͤfin von Lacy werde. Ja ſieh! ſo was geht denn nicht nach Wunſch! Wir Buͤrgersleute bleiben immer uͤber die Achſel angeſehen von den althergebrachten Leuten! Ich hab' mein' Zeit viel geſehn— aber nie hat ſo was gluͤcken wollen.“ „Und ſie Beide— auf die es ankam,“ rief Magda —„Stephan liebte die ſchoͤne Mutter— aber ſie— ſag' mir, ſie— liebte ſie ihn denn?“ „Ach, was das nun ſo ſchwaͤtzt,“ fuhr Angela auf —„lieben und lieben! Ein junger Herr, wie gedrech⸗ ſelt— warum ſollte ſie ihn denn nicht lieben? Hat's ihm doch das Leben gekoſtet, als er hoͤrte, ſie waͤre ver⸗ maͤhlt und auf und davon!“ „Das Leben?“ rief Magda, die Haͤnde zuſammen⸗ ſchlagend,„der arme, arme Stephan! Ja, das kann ich begreifen— lieber ſterben.“ 106 „Was haſt Du Dich denn ſo, Magda?“ rief die alte Frau, verdrießlich uber den ungewoͤhnlichen Ton des jungen Maͤdchens.—„Wos kannſt Du davon be⸗ greifen? Maͤnnern bricht all' Zeit das Herz um das, was ſie nicht erreichen koͤnnen! Ich hab' ihn oft ge⸗ ſcholten, oft weggejagt, wenn er vor dem Thurme, wo das arme Kind ſchlief, die halbe Nacht im feuchten Thau lag und immer blaſſer und elender ward. Sie hat ſo uͤbel nicht gethan, als ſie ſo plotzlich fort ging. „„Angela,““ ſagte ſie—„„hier iſt nichts als Unfrie⸗ den und Feindſchaft— ich bin die Urſach'— bin ich aus dem Wege, wird Jeder ſich wieder finden.““ Aber darin hatte ſie Unrecht! Denn nun ging erſt ein un⸗ natuͤrliches Haben an— der Sohn machte dem Vater Vorwuͤrfe, der Vater dem Sohn— unſer alter Herr. Thomas ſagte, der Graf habe ihm die Tochter geraubt — der ſagte wieder, der Sohn werde das Opfer!“ „Ach! und darin hatte er Recht,“ rief Magda— „denn meine Mutter war doch— wenn auch nur kurze Zeit— doch war ſie gluͤcklich!“ „Das ſoll wol wahr ſein,“ ſagte Angela—„denn hier war kein Gluͤck mehr— Alles ſtob aus einander— das Dohlenneſt ſtand leer— Herr Stephan ſtarb end⸗ lich auf einem kleinen Gute ſeiner verſtorbenen Mutter. Was da noch hinzu gekommen?— Man ſagte viel! Wo⸗ . 107 von ich aber nichts ſah, das weiß ich auch nicht— genusg, pald war's vorbei— der ſchoͤne ſchmucke Herr ließ den Vater an ſein Sterbebett fordern— ja! da kam die Reue zu ſpaͤt— Tod kennt kein Gebot!“ „Und doch freut es mich,“ rief Magda—„daß er meine ſchone gute boͤrgerliche Mutter ſo geliebt hat, dieſer vornehme Graf von Lacy.“ „Was das ein unverſtand iſt!“ rief Angela— „da hat ſie wol groß Gluͤck gehabt? Und der arme Herr ſelber! Das iſt auch zum freuen, wenn Einer das Leben dran giebt— geh' mir doch mit Deiner Freude!“ Ehe Magda antworten konnte, trat Frau Grete ein und ſagte, Pater Hieronymus waͤre im Betſaal und Alle ſchon um ihn verſammelt. Angela ſtand ſogleich muͤhſelig von ihrem Sorgenſtuhle auf und Magda gab ihr den Arm, an den ſie ſich haͤngte. Im Hinaus⸗ gehen ſagte Magda aber:„Deine Haͤnde ſind ganz kalt, Angela! Du mußt noch immer des Abends ein wenig Feuer im Kamin machen laſſenz das thut in Deinen Jahren nicht gut, ſo kalt zu werden. Grete ſorge mir, daß Angela des Abends ihr Kaminfeuer hat — die Sonne kommt gar nicht durch bei dem Wald⸗ fenſter.“ „Was das klug thut,“ entgegnete Angela—„als 108 wuͤßte ſie, was alten Leuten Noth thut! Nu! nu! wie Deine Mutter! Die hatte auch fur alle Menſchen was ubrig in ihrem guten Herzen.“ „Wollte Gott, ich glich ihr!“ ſagte Magda raſch, und alle Drei traten in den Betſaal ein. Das Gebet hatte begonnen; als Hieronymus aber ſeinen Liebling an Angela's Seite ſo truͤbe und gedruckt daher kommen ſah, da erhob er die Stimme und rief mit großer Bewegung:„Kommet Alle, die Ihr muͤh⸗ ſelig und beladen ſeid, ich will Euch tröſten! Aber,“ fuhr er fort,„wenn Ihr der Einladung des Herrn folgt, der Euch ruft, ſo bedenket, vor wen Ihr gefor⸗ dert werdet, und wenn Ihr voll Vertrauen ſeiner Huͤlfe Euch entgegen draͤnget, ſo laſſet vor Allem den eignen Willen Eures ſuͤndigen Herzens vor der Thuͤr. Damit der Herr Euch helfen konne, ſaget vor Allem: Dein Wille geſchehe! denn wol glaubt Ihr, von thoͤ⸗ richten Einbildungen umſtrickt, von Euch gelte, wenn es heißt: Muͤhſelig und beladen! Aber wißt Ihr auch, ob das, was Ihr vor Ihn hinſchleppt— wofuͤr Ihr Troſt oder Huͤlfe begehrt— ob es nicht blos die einge⸗ bildeten Uebel ſind, die Euer eignes Herz erzeugt? Empfindet Ihr ſie nicht blos darum, weil Euer Herz. ſich feſtklammert an die Guͤter dieſer Erde— ſeid Ihr nicht darum beladen, weil Ihr nicht aufgeben konnt 109 und moͤgt, was Eure Begierden reizt— leidet Ihr nicht, weil Ihr nicht entbehren, nicht tragen, nicht dulden wollt? Seid Ihr nicht muͤhſelig, weil das Joch der Leidenſchaften auf Euch liegt, weil Euer Auge blind iſt fuͤr das Gute, was Ihr habt, und hellſehend fuͤr das, was Euch verſagt iſt? Darum ſage ich Euch, wer dem Rufe des Herrn folgt— der Keinen tauſcht— der erwarte nicht, daß die verheißne Huͤlfe, der Troſt — der Balſam wird fur jegliches Uebel— den er⸗ reichen wird, der muͤhſelig und beladen von irdiſchen Wuͤnſchen vor ihn tritt. Er hat ſeinen Theil dahin! Er wird weiter keuchen unter dem ſelbſt gewaͤhlten Joch, denn der Herr unſer Gott und Heiland hat nicht Raum in ihm, ſeine Gnade wirken zu laſſen. Sein Gebet wird ein unfruchtbares Werk des Mundes ſein— ein ſchnoder Handel um die thoͤrichten Wuͤnſche des Her⸗ zens, und er wird an Gottes Allmacht und Gerechtig⸗ keit zweifeln, weil nicht erfuͤllt ward, was er von ihm begehrt! Wer aber muͤhſelig und beladen mit einem demuͤthigen Herzen vor den Herrn kommt, der wird des unvergaͤnglichen Troſtes inne werden, der bei Ihm iſt und Keinen je getaͤuſcht! Aber Dein Herz muß ein leer Gefaß ſein, worein Er ſeine Gnade ausgieße kann— auf Deine Leiden mußt Du blicken mit de Bitte vergieb mir meinen Antheil daran— auf Deine Hoffnungen und Wuͤnſche mit dem Begehren: nicht mein Wille, Herr, geſchehe, ſondern der Deinige! Dann machſt Du den Herrn maͤchtig in Dir und Großes wird Er bewirken— denn fur Dich ſteht geſchrieben: die auf Ihn hoffen, haben nicht auf Sand gebaut, ſondern auf Felſengrund!“ Als Magda nach beendigtem Gebet im Vorflur mit Pieronymus zuſammentraf, hatte ihr Auge und ganzes Antlitz den alten Glanz wieder und als er ſie forſchend anblickte, ſagte ſie:„Das that mir grade Noth! Du haſt mich tuͤchtig geruͤttelt und geſchuͤttelt— nun iſt mir aber viel beſſer!“ „Ja,“ ſagte Hieronymus—„der Schlaf der Seele iſt bald da; wir koͤnnen uns nicht oft genug zu⸗ rufen! Wachet und betet!“ Im ſelbigen Augenblick hoͤrten ſie die Stimme des Herrn Thomas Thyrnau. Er hielt ſchon zu Pferde auf der Landſtraße vor dem Garten, und Magda's Pferd und Hieronymus Maulthier hielt der Reitknecht daneben. „Kommt! kommt!“ rief er—„Ihr ſeid heute ſehr lange beſchaͤftigt geweſen! Die Sonne iſt kein lan⸗ ger Gaſt mehr— ſie geht ſchon unter und es iſt Zeit zum Abendbrot!“ Schnell beſtieg Magda ihr kleines ſchoͤnes Pferd, und ihm einen leichten Schlag mit der Gerte gebend, 14 flog ſie den Maͤnnern voran und fluͤchtig wie ein gejag⸗ tes Reh in den Wald hinein. „Nun,“ ſagte Hieronymus—„wie gefaͤllt Dir Deine neue Bekanntſchaft— der Herr Graf von Lacy?“ „Hm!“ entgegnete der alte Advokat—„das iſt ein komiſch Ding! Warum er jetzt gerade kommt, ohne ſich vorher anzumelden— ſo uͤbereilt in Allem— ſo unruhig— ſo obenhin— ſo fremd und zerſtreut— dahinter ſteckt was! Es iſt in ihm oder in ſeinen Ver⸗ hältniſſen etwas nicht in Ordnung. Aber er will mit der Sprache nicht heraus. Sonſt konnte er mir wohl gefallen— es iſt ein ſchͤner offner freundlicher Bur⸗ ſche, dem man ſchon gut ſein kann, wenn er erſt das verwirrte Weſen abgelegt hat. Aber, Alter! was Magda wol zu ihm ſagen wird? Ich wollt' darauf ſchworen, ſie hat ihn ſich anders gedacht!“ „War denn von ihr die Rede?“ fragte Hieronymus. „Das war das tollſte,“ fuhr Thyrnau fort— „daß er auf einmal wie beſeſſen auf ſie iſt! Er hat ſie wol läͤnger, als ſie denkt, am See belauſcht und iſt wie raſend in das Maͤdchen verliebt— ich glaube, er ließe ſich morgen mit ihr trauen!“ „Das will mir gerade nicht ſehr gefallen,“ entgeg⸗ nete Hieronymus, das ſchadet ihm auch eher bei dem Maͤdchen, als daß es ihm hilft.“ „Die Wahrheit zu ſagen,“ entgegnete Thyrnau— „mir gefällt es auch nicht ſehr. Ueberhaupt, ich habe ihn mir auch anders gedacht— obwol er mir nicht mißfaͤllt.“ „Er war bei Frau Grete abgeſtiegen,“ erzaͤhlte jetzt Hieronymus—„weil er das Schloß verfehlt hatte. Sie ſchwatzte viel von ſeiner Aehnlichkeit mit dem ſeel⸗ gen Oheim! Iſt das wahr?“ „Die Naͤrrin!“ lachte Thyrnau—„auch kein Zug! Die Groͤße mag er haben und auch braune Au⸗ gen— aber ſonſt keinen Zug! Nun, Du wirſt ihn bald genug ſehn! Morgen will er im Dohlenneſte zu Mittag eſſen— am Vormittag will ich hinuͤber und Du rei⸗ teſt lieber mit und hilfſt mir gelegentlich! Sieh! der Eindruck iſt unklar, den mir der Junge macht. Es iſt ſonderbar, wenn man von Jemand nur die Hand⸗ ſchrift kennt und nach Art und Weiſe der Worte, Ge⸗ danken und Gefuͤhle ſich uͤberredet, wie der ausſehen muͤſſe, der ſie niederſchrieb. Tritt nun ein ganz An⸗ derer vor uns als der, den wir erwarteten, ſo geben wir die Schuld nicht unſerer thoͤrichten Einbildung, ſondern wir moͤchten es dem zurechnen, der uns darin taͤuſchte. Wir ſehen ihn mißtrauiſch an, als waͤre er nicht der Rechte!“ „Ja! ja!“ ſagte Hieronymus—„der Menſch iſt —,— 113 ein eigenſinnig rechthaberiſch Ding und die Zugeſtaͤnd⸗ niſſe, die er ſich ſelbſt macht, ſind immer die weitrei⸗ chendſten; ſeine Einbildungen ſollen allemal mit der Wahrheit zuſammen ſtimmen und wenn ſie uns den Gefallen nicht thun will, glauben wir lieber, die Wahr⸗ heit irre ſich, als wir!“ Jetzt hatten ſie Magda erreicht, die, nachdem ſie in den Wald eingelenkt war, ihrem Pferde den Zuͤgel über den Hals geworfen hatte und es ihm uͤberließ, langſam den Weg zu ſuchen. Sie ſelbſt indeſſen hing ſo traͤumeriſch im Sattel, als habe ſie dafuͤr keine Ge⸗ danken. „Nun, Feenkind!“ rief Thomas Thyrnau—„hat Dich der Erlenkoͤnig nicht beſucht— tanzen die Elfen nicht im Moor— hoͤrſt Du Titanien's Ballmuſik zu?“ „Von Allem ein wenig,“ ſagte Magda—„Mond⸗ ſchein und Herbſtnacht webt der Feen Feſtgewand! Da fluſtert's in allen Zweigen, da rauſcht es im welken Laube, da haben die Quellen zu viel und die Bäͤchlein reiſen weiter als ihr Bett. Wer ſich niederlegt auf's linke Ohr, der traͤumt, er habe zu wenig; wer's auf dem rechten verſucht, dem erfullen ſich alle Wuͤnſche; wer auf dem Ruͤcken liegt, der weiß, daß die Elfen luͤgen und hoͤrt, wie ſie lachen.“ „Das haſt Du Dir gewiß ſelber ausgedacht,“ ſagte Thomas Thyrnau II. 3te Aufl 8 114 Thomas Thyrnau—„oder ſaß Dir Frau Mab auf der Naſe und wollte Dich zu ihrem luſtigen Hofſtaat werben?“ „Haͤtte ſie ſich die Muhe gegeben, ich wäre ihr ge⸗ folgt; denn luſtig muß es ſein, wo der winzige Kelch des Farrenkraͤutleins ein behaglich Ruhebettchen fuͤr die Frau Koͤnigin iſt, und das Blatt der Waſſerlilie die Inſel, wo das Bankett gehalten wird; wo die Leucht⸗ wuͤrmer angeſtellt ſind, die Illumination zu beſorgen, und ſich an dem Tropfen Honig, den die Biene beim Voruͤberfliegen verlor und den die ſorgliche Schaffnerin in dem maͤchtigen Schlauch eines leeren Ameiſenei's auffing, die ganze Geſellſchaft berauſcht! Das nenne ich mir, ohne viel Aufwand, luſtig ſein! Was haſt Du dagegen fuͤr Noth und Frau Gundula und Bezo und Veit und wie ſie all heißen, um ſo viel Gaͤſte zu ſpei⸗ ſen, als in Deinen kleinen Gitterſtuhl im Dohlenneſt hineingehn.“ „Darum brauch' ich dabei auch ſo weiſe Leute zu Rath und Huͤlfe, die Abends im Walde von den Elfen und Feen Lection nehmen— und grade zur rechten Stunde haſt Du Audienz bei ihnen gehabt, um mir morgen mein Mahl einzurichten, wenn uns der neue Herr von Tein ſeine Aufwartung machen wird im Doh⸗ lenneſt. Doch bitte ich Dich, veraͤndere etwas Deinen —,— —————— — „ — 115⁵5 Maaßſtab und nimm zu dem Tropfen Honig— auch Anderes zu Hilfe!“ „Das dachte ich,“ ſagte Magda—„deshalb lockte mich der Wald heute Abend ſo ſehr und ließ mich mehr verſtehn als ſonſt— und verſprach mir all' ſeine Ge⸗ heimniſſe, wenn ich ihm folgen wollte und das Andere laſſen, was nichts verſpricht, als Herzeleid.— Hoͤr' Großvater! ich muß Dir ſagen, meine ganze Freude zu Deinem Grafen Lacy iſt weg, nun er uns ſo nah kommt; ich moͤchte ihm am liebſten ſein Tein laſſen und mit Dir durch die Welt ziehn oder bei Tante Bar⸗ bara den Staub kehren und den Kaffee kochen!“ „Nun,“ rief der Großvater zuruͤck—„das iſt nicht ſehr ſchmeichelhaft fuͤr den armen Jungen da dro⸗ ben; denn Kaffee kochen und Staub kehren, iſt, denke ich, Dein letztes Vergnugen.“ „Wenn nur beides fuͤr den Rechten iſt!“ erwiderte Magda.„Die Muhme verſteht es, aus Allem was zu machen; ich glaube, es war mir nie bei ihr zur Laſt und hier moͤchte ich's mir nicht nah kommen laſſen. Aber ſag' mir doch, wie gefiel Dir der junge Herr?“ „Aha!“ lachte der Advokat—„ſind wir dahin ge⸗ langt mit allen unſern umwegen? So keck und gleich⸗ guͤltig zuerſt— und dann wollen wir doch wiſſen, wie er ausſieht!“ 8* 116 „Das brauch' ich von Dir nicht zu erfahren,“ rief Magda—„Gieb Acht, ich will es Dir ſagen: Da ſtandeſt Du nun in der Bibliothek allein und hatteſt nicht den Muth, ihm entgegen zu gehn— und da that ſich die Thuͤr auf— und Du fuhreſt zuräck— denn herein trat das lebendig gewordene Bild Deines alten Freundes, wie er als achtundzwanzigjaͤhriger Herr ge⸗ malt in dem Kabinet haͤngt. Und da that er den Mund auf und das war die ſanfte Stimme des ſel'gen Herrn — und da ſturzteſt Du auf ihn ein und haſt ihn ge⸗ herzt und gedruͤckt.“ „Siehſt Du,“ rief Thyrnau, ſich zu Hieronymus wendend—„das Maͤdchen hat ſich ihn gerade ſo ge— dacht als ich. Das habe ich wol gefuͤrchtet!“ Doch Magda hoͤrte nichts mehr. Beim Dohlen⸗ neſte angekommen, ſtieg ſie vom Pferde und als die alten Herrn eintraten, rief ſie ihnen ſchon von der Gal⸗ lerie einen Nachtgruß zu und verſchwand in ihr Thurm⸗ zimmer. Wenn Magda am andern Morgen den Kopf zu ihrer Thoͤr hinausſteckte, ſo horte ſie, wie Gundula's ſanfte Stimme ſich zuweilen ſtaͤrker als gewoͤhnlich er⸗ hob, um außerordentliche Zuruͤſtungen in's Leben zu ru⸗ fen. Schnell zog ſie dann den Kopf zuruͤck und mochte⸗ nicht hinunter in den Tumult und noch weniger die 117 alten Herrn ſehen, die heiter und redſelig bei dem ſchoͤ⸗ nen Herbſtwetter vor der Thuͤr ſaßen und das reichliche Fruͤhſtuͤck verzehrten. Ueberall mochte ſie ſich nicht zei⸗ gen, denn ſie war unſicher mit ſich ſelbſt geworden und fuͤhlte, gerade heute thue ihr eine ſichere und ruhige Haltung Noth. Wol ſah ſie ſonſt gern, wenn ſich Al⸗ les um Ihre kleine Perſon drehte— heute ward ſie wund von dem Gedanken, daß Alle auf ſie ſahen, daß Jeder wußte, es ſei ein wichtiger Tag fuͤr ſie. Dazu kam, daß ſie ſich nie hatte uͤberwinden koͤnnen, dem Großvater zu entdecken, wie ſie ihren Verlobten bereits kenne und daß, obwol es zu dieſem Geſtaͤndniß noch Zeit ſchien, ihr es doch heute voͤllig unmoͤglich ward. Sie fuͤrchtete die Entdeckung, als habe ſie eine große Schuld auf dem Herzen, und ſie wollte lieber den Groß⸗ vater nicht ſehen, den ſie glaubte betrogen zu haben. Dabei ward Alles zum Wegreiten der alten Herrn geruͤ⸗ ſtet und ſie konnte ihren Abzug gleich nach Beendigung des Fruͤhſtuͤcks erwarten, wo ſie denn vielleicht in der Ruhe der Abweſenheit die Faſſung wieder gewann, die ſie ſo ungern vermißte. Es fand ſich, wie ſie es wuͤnſchte. Thomas Thyr⸗ nau erhob ſich nach gehaltenem Fruͤhſtuͤck, und da er von Frau Gundula vernommen, es rege ſich noch nichts in Magda's Thurm, ſo wollte er ihre vorausgeſetzte 118 Ruhe nicht ſtoͤren. Beide alte Herrn beſtiegen die be⸗ reit ſtehenden Pferde und ritten nach Tein, ihre Ruͤck⸗ kehr mit dem Gaſt zur Mittagszeit verheißend. Der nunmehrige Bewohner von Tein hatte indeſſen, den Beſuch erwartend, ſich auf ſeinen Empfang ſo gut wie moͤglich vorbereitet, und obwol er die noͤthigen Dinge, die zu verhandeln waren, etwas ſcheute, hatte er doch Zeit gefunden, das kleine anmuthige Schloß mit ſeinen reizenden Umgebungen zu durchwandern. Er war eben wieder in das hohe großartige Bibliothekge⸗ mach getreten, wo er Thomas Thyrnau zuerſt ſah, als dieſer in ſeiner raſchen lebendigen Weiſe, von Hierony⸗ mus begleitet, ſchon bei ihm eintrat und, wie es dem Bewohner von Tein ſchien, etwas ſteifer und foͤrmlicher als am Abend vorher ihn begruͤßte und Hieronymus vorſtellte. Dies Mißbehagen war in der That vorhan⸗ den und bezog ſich auf Einiges, was der Advokat beim Eintritt in das Schloß von den alten Dienern deſſelben vernommen hatte. „Mein Herr Graf,“ ſagte der Advokat, indem ſein großes feuriges Auge durchbohrend auf dem Angeredeten ruhte—„ich habe bei meinem Ein⸗ tritt in das Schloß nichts als Klagen uͤber Euer Gnaden gehoͤrt und habe nach alter Leute Art gleich⸗ falls Luſt, etwas zu ſchmaͤhlen, welches der Freund 119 Ihres ſeel'gen Oheims, denke ich, wol wagen darf.“ „Jedes Ihrer Worte, belehrend, tadelnd oder wel⸗ cher Natur ſonſt,“ ſagte der junge Mann mit aufrich⸗ tiger Empfindung in Ton und Ausdruck—„wird mir von Werth ſein. Daher bitte ich, ſagen Sie mir, was hab' ich gethan, was Ihnen mißfaͤllt. Ich denke, es ſoll mir nicht ſchwer werden, es wieder gut zu machen.“ „Hm,“ ſagte der Advokat, dem die Aufrichtigkeit der Entgegnung nicht entging, in etwas milderem Ton mit mir perſoͤnlich haben Sie es nicht zu thun! Aber die alten Diener Ihres Herrn Oheims, dieſe Die⸗ ner, die Euer Gnaden gekannt und geliebt haben und den achtzehnjaͤhrigen Juͤngling, der damals dies Schloß verließ, keinen Tag ihres Lebens vergeſſen haben, ſie empfinden es jetzt ſchwer, daß ihr junger Herr, der nach zehn Jahren zuruckkehrt, keine Erinnerung— keine Theilnahme fuͤr ſie hat; von ſeinem eignen fremden Kammerdiener ſich bedienen laͤßt, nach Keinem fragt und ihr unterthäniges Geſuch, ſich ihm vorſtellen zu duͤrfen, zuruͤck weiſt.“ „Ah! iſt es das?“ rief der junge Mann, ganz er⸗ leichtert lachend—„nun das wollen wir bald wieder gut machen. Und Sie, mein wuͤrdiger Freund! ſehen — 120 Sie es der Jugend, der langen Abweſenheit nach! Ge⸗ wiß, ich mache das wieder gut, und die alten Leute ſol⸗ len zufrieden ſein. Es iſt wahr,“ fuhr er theilnehmend fort—„ich fragte noch nicht. Sagen Sie mir doch etwas— nennen Sie mir doch die Leute— wer lebt von ihnen noch, der mich damals kannte? Sie werden mich veraͤndert finden!“ „Es iſt Keiner geſtorben,“ entgegnete der Advokat —„und ſo werde ich ſie Ihnen wol nicht zu nennen brauchen; denn wenn auch der Herr Graf ſich in zehn Jahren veraͤndert haben koͤnnen, bin ich doch ſehr ſicher, dieſe alten Leute werden nicht Gleiches erfahren haben, und der Herr Graf muͤſſen, wie ſehr auch zerſtreut und abgezogen, die lang gekannten Diener wieder heraus⸗ finden.“ „O gewiß, gewiß!“ rief der junge Mann—„ich wuͤrde es mir wenigſtens zum Vorwurf machen, wenn mir mein Gedaͤchtniß hier Streiche ſpielte!“ „Das halte ich fuͤr unmoͤglich!“ entgegnete der Advokat mit entſchiedenem Tone—„und ſo wollen wir, denke ich, zu andern Angelegenheiten uͤbergehn, und ich muß nach Ihren Abſichten bei dieſem ſchnellen, unvor⸗ bereiteten Beſuch fragen, da noch Ihre letzte Antwort“ auf meine dringenden Aufforderungen entſchieden abwei⸗ ſend war— laſſen Sie mich hinzuſetzen: mit dem Vor⸗ — 121 ſatz geſchrieben ſchien— mir jede Hoffnung zu einer friedlichen Ausgleichung zu nehmen.“ „Wenn es nun die Abſicht geweſen waͤre, Ihre Enkelin ſelbſt kennen zu lernen? Wenn ich nun dieſer Verſtimmung herzlich uberdrußig, den geheimnißvollen Vorbehalt, den der wuͤrdige verſtorbene Herr entgegen⸗ ſtellt, endlich kennen lernen wollte— waͤren das nicht Gruͤnde genug?“ „Ich muß das zugeben,“ erwiderte der Advokat— „aber es thut mir leid, ſagen zu muͤſſen, dieſe Ueberle⸗ gung haͤtte— etwas fruͤher eintretend— manchen un⸗ angenehmen Eindruck erſpart. 4 „Und doch beſſer ſpaͤt als gar nicht! Alſo laſſen Sie ſie gelten, und ſtören Sie mich in Nichts. Das heißt, ſtoͤren Sie mein Bemuͤhen nicht, die Liebe Ihrer Enkelin zu erwerben. Gewiß, ich meine es redlich, und gelingt es mir, ſo wird dieſe Vereinigung allen Hader, alle Verlegenheiten ausgleichen.“ „Das iſt gewiß!“ rief Thomas Thyrnau—„ und weiß ich keinen andern Rath. So ſonderbar dieſe Maaß⸗ regeln ſind, zu denen Ihr Oheim ſich bei Abfaſſung ſei⸗ nes Teſtamentes veranlaßt ſah, werden Sie dieſe doch naturlich finden, wenn Sie die Veranlaſſung kennen und ſich den Karakter Ihres ehrwuͤrdigen Oheims zu⸗ ruͤckrufen. Er war auf keine andere Weiſe zu retten.“ 122 „Zu retten?“ rief der junge Mann in lebhafter Ueberraſchung—„ſo ernſthaft war die Sache? Zu ret⸗ ten! von was?— Ich erſtaune! Was konnte die Ver⸗ anlaſſung ſo ernſter Beziehungen werden?“ „Kein Kinderſpiel! keine Thorheit! keine getraͤumte Wichtigkeit, junger Herr,“ rief Thomas Thyrnau ge⸗ reizt—„das glauben Sie mir! Doch laſſen wir das heute. Sie kennen das Maͤdchen nicht— das Mad⸗ chen Sie nicht. Ehe Ihr Beide entſchieden habt, blei⸗ ben meine Mittheilungen auf Warnungen beſchraͤnkt. Meine Enkelin hoͤrte dieſelben ſo gut, wie Sie. Jetzt lernt Euch kennen! Laſſen Sie uns indeſſen zu den noͤ⸗ thigen Geſchaͤften uͤbergehen; laſſen Sie uns die Maaß⸗ regeln vornehmen, die nothwendig ſind, Sie hier als Herrn anzuerkennen. Die Gerichtsperſonen der Graf⸗ ſchaft ſind noch geſtern Abend benachrichtigt und um dieſe Stunde hierher beſtellt. Ich werde in ihrer Gegen⸗ wart Euer Gnaden die bisher gefuͤhrte Verwaltung uͤbergeben und erwarte dagegen eine eigenhaͤndig ge⸗ ſchriebene Erklaͤrung Ihrer Seits, daß dies nach aller Form geſchehen iſt, wonach Sie Ihr Privatſiegel hinzu fuͤgen werden— welche Formalität Sie dann vorlaͤufig in Ihre Rechte einſetzt.“ „Ach! nur heute noch keine Geſchaͤfte!“ rief der junge Mann—„ich dachte, ich waͤre Ihr Gaſt im Dohlenneſt? Sind die Herrn von der Feder angekom⸗ men, ſo wollen wir ſie hier ausruhen und pflegen laſſen. Aber ehe ich mich Ihrer Enkelin vorgeſtellt, ehe ich dies ſchoͤne bezaubernde Weſen, was mich in der Ferne ent⸗ zuͤckt, auch in der Naͤhe etblickte, mag ich hier nicht ein⸗ gefuͤhrt ſein. Bis dahin habe ich fuͤr nichts Anderes Andacht!“ Wir uͤberlaſſen den hieraus entſtehenden Streit den dabei Betheiligten. Als Thomas Thyrnau endlich nach⸗ gab, dieſe Angelegenheit, die ihm in mehr als einer Be⸗ ziehung wichtig ſchien, bis zum andern Tage zu verſchie⸗ ben, koͤnnen wir nicht ſagen, daß es ſeine gute Laune vermehrt habe. Er zog ſich eine ziemlich lange Zeit mit den eingetroffenen Gerichtsperſonen zuruͤck, und ein Brief, den er verfaßte, ging noch denſelben Vormittag bis zum naͤchſten Poſthauſe, von wo eine Stafette ihn ſogleich nach Wien befoͤrderte. Der junge Mann konnte nicht muͤde werden, mit Hieronymus uͤber Magda zu ſprechen und wußte in dieſe Unterredung mit vielem Geſchick eine Menge Fra⸗ gen einzuweben uͤber Thomas Thyrnau ſowol, wie uͤber die beſondern Verhältniſſe deſſelben. Hieronymus ließ ſich lͤchelnd auf dieſe Gegenſtande ein und hatte ſein Vergnuͤgen an der Schlauheit des jungen Mannes und ſeinen geſchickten Anſpielungen. Ob er deſſenungeachtet 124 damit ſehr viel weiter kam, wollen wir nicht behaupten, denn die traͤumeriſche Gutmuͤthigkeit in dem Aeuße⸗ ren des alten Herrn verbarg eine ſehr ausreichende Schlauheit. Unterdeſſen hatte Magda alle Mittel angewendet, um in die Stimmung zu kommen, die ihr dem Gaſte gegenuͤber, der in ſo beſonderen Beziehungen zu ihr ſtand, wuͤrdig ſchien. Sie hatte endlich in der uns be⸗ kannten reichen Kleidung der Prager Buͤrgermaͤdchen, die ſie immer tragen mußte, wenn ſie im Dohlenneſte war, ihren Thurm verlaſſen, und nachdem ſie wie ge⸗ woͤhnlich mit Allen ein Wort nach ihrer Art geſprochen hatte, ging ſie zum Hauſe hinaus und wanderte, in eini⸗ ger Entfernung von Bezo gefolgt, in den Wald, der an das Landſtädtchen Kaurzim ſtieß, indem ſie einige Ge⸗ ſchenke fuͤr die Kinder des Dorfes Tein kaufen wollte. Warum ſie grade heute dieſen Weg nahm, wufßte ſie ſehr genau. Sie wollte ihn nicht erwarten; ſie wollte ſich mit etwas beſchaͤftigen, was ihr Herz erleichtern ſollte. Bezo trug ihr einen großen Korb auf dem Kopfe nach und jodelte dabei die laͤcherlichſten Nachahmungen allet moͤglichen Kreaturen. Doch dies Mal ohne Mag⸗ da's Aufmerkſamkeit zu erregen, was doch allein ſeine Abſicht ſchien. In der kleinen Stadt angelangt, ſah ſie bald, daß 125 eine ungewoͤhnliche Aufregung in ihr herrſchte. Grup⸗ pen von Maͤnnern und Frauen waren aus den Haͤuſern getreten und redeten und ſchienen etwas zu erwarten, oder etwas erlebt zu haben, was ſie der leeren Straße noch anſehen wollten. Denn ihre Augen und Haͤnde waren beredt wie ihre Worte, einander etwas zu erklaͤ⸗ ren oder anſchaulich zu machen, was mit der Straße in Verbindung ſtand. Magda war von Allen gekannt; der Korb auf Bezo's Kopfe verrieth ihre Abſicht, und wer nur irgend in ſeinem kleinen Laden einen Gegen⸗ ſtand zu beſitzen hoffen konnte, der ſich fur eine ſolche Einkaͤuferin paßte, trat mit fragendem Blick voll Er⸗ wartung in die Thuͤr zuruͤck, ſeine Bereitwilligkeit an⸗ zeigend oder den Gegenſtand nennend, den er fur ſie paſſend hielt. Magda ſchien auch geneigt, von Vielen Einiges zu kaufen, und ſo kehrte ſie bald da ein, wo vor der Thuͤr an einer Schnur einige Dutzend kleiner rund⸗ geſteppter Kindermuͤtzen hingen, die im Winde hin und her wehend und in allerliebſten muntern Farben wie kleine runde Kinderkopfchen ausſahen. Die ganze Schnur ſpazierte in Bezo's Korb hinein, und dieſer ſchlug ein wildes Freudengeſchrei auf und machte augenblicklich alle moͤgliche ſchreiende und jubelnde Kinderſtimmen nach. Der naͤchſte Laden lieferte bunte Tuͤcher; dann kamen Roͤckchen, und endlich an dem vornehmſten Hauſe 126 der Stadt, zwei Stockwerk hoch und am Markte gele⸗ gen, ſollte Spielzeug gekauft werden. Als Magda aber um die Ecke der erſten Straße bog, die dahin fuͤhrte, ſah ſie viel neugierige Gaffer um das Haus, zu dem ſie wollte, verſammelt, und mehrere Diener in reichen Li⸗ vreen, die ein ſchoͤnes Pferd am Zuͤgel hielten, das ſei⸗ nen Herrn noch zu erwarten hatte. Magda waͤre lieber zuruͤck getreten, aber ſo wie ſie ſich zeigte, ward ihr Platz gemacht und ſie gegen ihren Willen genoͤthigt, in der kleinen Straße, die ſich offnete, vorzuſchreiten. So ſtand ſie vor dem Hausflur und gedachte ſchnell einzutreten und den Laden, welcher rechts vom Hausflur lag, zu erreichen, als die auch dort ver⸗ ſammelten Menſchen herausliefen und Magda, im ſel⸗ ben Augenblick zuruͤcktretend, plötzlich den warmen Kopf des Pferdes, welches die Diener naͤher gefuhrt hatten, auf ihrer Schulter fuͤhlte. Sie ſchaute ſich raſch um, aber es war ein Augenblick, wo Niemand ausweichen konnte, ſo viel der Diener ſich auch darum bemuͤhte— und Magda— obwol ſie es ſelbſt nicht fand, ſchien in Gefahr. Ehe ſich ihr aber dieſe Verwirrung mit⸗ cheilte, hoͤrte ſie eine lebhafte maͤnnliche Stimme ſchel— tend ſich Bahn machen, und faſt eben ſo ſchnell ward ſie ergriffen und ſtand geſichert auf der Schwelle des Hauſes. „Mein liebes Maͤdchen,“ ſagte dieſelbe Stimme— „es iſt Dir doch nichts zu Leide geſchehn?“ Magda ſchlug jetzt die großen Augen zu der Stimme auf, die ihr in der Seele wohl that, und ſah in das ſchoͤne edle Geſicht eines Mannes, deſſen erhabene Ge⸗ ſtalt ſich liebevoll zu ihr niedergebogen hatte und mit forſchender Guͤte ihr in die Augen ſah. Magda's Blick blieb an dem Antlitz haften, das ihr ſo wohlwollend nahe war und ſie fragte ſich: Wo biſt Du mir ſchon erſchienen? wo haſt Du mir wohl oder weh gethan? Dieſe ganz in Liebe gluͤhenden blauen Au⸗ gen, dieſe niedrige geheimnißvolle Stirn, dieſe ganze Geſichtsbildung?— Magda erwachte erſt bei dem Laͤ⸗ cheln, womit der Fremde die kluge Muſterung des ſcho⸗ nen Maͤdchens hinnahm. Da erroͤthete ſie tief und raſch ſich von ihm losmachend, ſagte ſie:„Nein! nein! mir geſchah nichts!“ und floh nach der Thuͤr des La⸗ dens, der ſie ſogleich verbarg. Der Fremde ſah ihr nach. Er hätte gern gewußt, wer ſie war, und als er umher ſah, ſchien es ihm, als konne ſie hier Niemand kennen. Sinnend beſtieg er ſein Pferd; ſein Auge blieb an den Fenſtern des Ladens haften; aber das Weinlaub hing zu dicht daruͤber hin— er ſah nichts mehr— und nun wandte er langſam ſein Pferd und ritt durch die kleine Stadt, hinter ſich die * Einwohner, die ſo weit als moͤglich den vornehmen Herrn begleiten wollten. Indeß trat Frau Muͤnchen, die Eigenthuͤmerin des Hauſes, zu Magda heran, welche noch hinter den Blaͤt⸗ tern des Weingelaͤnders ſtand und nachſann, wer der ſchoͤne Fremde in der reichen GeneralsUniform ſein moͤchte. „Ach, lieb Juͤngferchen!“ rief ſie—„nehmt's nicht ubel, daß ich ſo verwirrt bin! Aber ſeht, auf mir laſtet Alles— die Noth ſeit geſtern Abend— wer hat ſolch' Haus in dem alten Kaurzim als ich? Wer alſo Nachtlager haben will, wie ein vornehmer Herr, der klopft hier an. Na! dieſe Noth!— Alles ſchon zu Bett— da kommen erſt die voranreitenden Polizei's oder Stadtwachen und melden den vornehmen Herrn— einen Fuͤrſten, denkt Euch! Ach, den Namen? Der ſteht auf dem Briefe, der ſchon auf's Rathhaus ge⸗ ſchickt iſt— alſo die Angſt! Waͤre der Herr ſelbſt nicht ſo gut geweſen, ich haͤtt' meiner Unruh kein Ende ge⸗ wußt— ſo aber ging's beſſer, als man denken ſollte. Alles nannte er gut— ſchoͤn— hiareichend— ſolche Worte machen Muth und kleiden den Vornehmen praͤch⸗ tig. Da faͤllt einem auch ein kluger Gedanke bei und ſie kriegen mehr, als wenn man vor Schreck ſeine ganze Habſeligkeit vergißt!“ — . — ——— —— ——,— „Und Du weißt nicht, wer es iſt, Frau Muͤnchen?“ fragte Magda. „Nein, lieb Juͤngferchen— den Namen nicht. Aber ein Fuͤrſt iſt er— äch! und ein vornehmer Gene⸗ ral. Ach, meine Tochter! es ſteht ſchlimm mit uns. Alle ſagen, er iſt gekommen und ruſtet den Krieg. Es ſteht nicht gut, uͤberall ſoll's wieder losgehn; Alle wol⸗ len ſie wieder uber unſere gnädigſte Frau Kaiſerin her und ſo ſoll der vornehme Herr voran und ſoll, was man einen Riegel vorſchieben heißt, denn was wird's ſein? In unſerm armen Boͤhmerland ſoll's wieder anheben. Aber ſie ſagen, gegen den kleinen Koͤnig von Preußen, den wir ſchon mal gehabt, gegen den ſoll nichts helfen. Es iſt ein Ketzer, lieb Schaͤtzchen! und da hat er denn auch die Huͤlfe von da her, wo ſie kein frommer Chriſt her⸗ nehmen kann. Aber diesmal ſoll die Geiſtlichkeit vor⸗ anziehen mit dem Allerheiligſten und dem Kreuze— und da wird ſich's denn zeigen— da können ſie dann nicht weiter— und wird greulich anzuſehn ſein— wie der Erzfeind davor fliehen muß.“ „Und den Namen weißt Du nicht?“ fragte Magda noch einmal, alles Andere uberhoͤrend. „Nein! nein! mein Juͤngferchen! Aber ein Prins iſt er, ſo wahr ich hier ſtehe! Und weiter geht er durch's ganze Land und läßt die Waͤlle bemannen und Thomas Thyrnau Il. 3te Auflage 9 130 die Feuerſchlangen zurecht legen. Bereit wollen ſie Al⸗ les wol machen— was dann hilft, wird ſich zeigen— denn noch letzten Sonntag hat der Abt von S. Brigitte geſagt, die Preußen ſeien alle Ketzer und mit dem Teu⸗ fel im Bunde.“ „Ich will gehn,“ rief Magda, ſich aufruttelnd. „Schutte nur dem Bezo den Korb voll Spielzeug und gieb ihm braunen Zucker und Honigkuchen fur die Dorf⸗ kinder, auch Mandeln und was Du ſonſt haſt. Hier haſt Du ein Goldſtuͤck, was ubrig iſt, das ſtecke doch in die Armenbuͤchſe.“ „Schoͤn, ſchoͤn, mein Puͤppchen! Gottes Segen, mein artig Kind! Das Beſte, was ich habe, iſt fur ſo ein wohlthätig Naͤrrchen! Alles will ich beſorgen und der Heller, den ich mehr nehme, wie mir als einer red⸗ lichen Handelsfrau zukommt— gluͤhe in meiner Hand wie eine Kohle!“ Magda hoͤrte ſie nicht mehr. Es trieb ſie fort, den Weg zuruck; ſie wußte nicht, wie ihr der Fremde ſo wichtig war. Erſt als der tiefgruͤne Wald mit ſeinen rieſelnden kuͤhligen Waſſern ſie aufnahm, fuhlte ſie, daß ſie ſehr raſch gegangen ſei. Sie ſuchte ſeitwaͤrts den Platz unter hohen Buchen, wo der Moosgrund wie ein Teppich war, um ſich auszuruhen. Als ſie ſich aber aus dem kleinen dichten Haſelnußgeſtraͤuch vordraͤngte, 1431 befand ſie ſich neben dem Fremden, der mit uͤbereinan⸗ der geſchlagenen Armen unter einem Baume ſtand, waͤhrend ſeine Leute in einiger Entfernung mit ſeinem Pferde beſchaͤftigt waren, dem ſie das loſe gewordene Hufeiſen feſtklopften.% Beide ſahen ſich verwundert ünd mit ſichtlicher Freude an.„Das dachte ich,“ rief“der Fremde— „daß ich Dich wiederſehen wuͤrde! Darum mochte ich unter den Menſchen dort gar nicht weiter mit Dir reden. Ich wußte gleich, Du koͤnnteſt nicht zu ihnen gehoͤren.“ Magda ſah ihn abwechſelnd an, bald ſchlug ſie die Augen zur Erde; endlich ſagte ſie, als ſein freundlich dringender Blick ſie immer lebhafter zum Sprechen auf⸗ forderte:„Ich erwartete Sie hier nicht! Aber auf dem Wege, dachte ich, wurde ich Sie ſehen.“ Der Fremde huͤtete ſich wol, ihr zu verrathen, daß ſie ihm mit dieſer Entgegnung geſtanden, ſie habe ihn auch wieder ſehen wollen und ſein warmer theilnehmen⸗ der Blick enthielt nicht den Ausdruck befriedigter Eitel⸗ keit. Es war ein durchaus edles maͤnnliches Weſen in ihm. „Nun,“ ſagte er ſanft—„da wir uns zuſammen gefunden, wollen wir uns erſt ein wenig ausruhn und dann wirſt Du mir vielleicht ſagen konnen, wie ich hier 9* 132 durch den Kaurzimer Wald bis nach Tein komme, oder eigentlich bis zum Dohlenneſt, wenn Du das Haus kennſt, was ſo heißt.“ „Ob ich?“ rief Magda freudig—„da komme ich her und bin dort zu Hauſe.“ „Zu Hauſe?“ rief der Fremde— und wunderbar ſchnell ſchwand alle Farbe von ſeinem Antlitz. Er faßte Magda's Haͤnde— und die ſeinigen zitterten— und der ganze kraͤftige Mann war bis auf den Grund er⸗ ſchuͤttert.„Maͤdchen, liebes Maͤdchen, ſprich! O Gott! ſprich— wer biſt Du?“ „Magda bin ich— die Enkelin des Thomas Thyr⸗ nau!“ „Heil'ger Gott!“ rief der Fremde, ſchlug beide Haͤnde vor die Augen— riß ſie eben ſo ſchnell wieder weg— blickte das erſtaunte Maͤdchen entzuͤckt an— breitete die Arme aus, als wollte er ſie umarmen und wandte ſich dann ploͤtzlich mit einer ſchmerzlichen Bewe⸗ gung von ihr— verhuͤllte ſein Geſicht und ging ab⸗ waͤrts von ihr in den Wald hinein. Unruhig blickte ihm Magda nach. Wie gern hätte ſie ihn getroͤſtet, da ſie ſah, er habe Kummer. Aber ſie konnte nicht faſſen, warum ſie dies Gefuhl in ihm erregt, und deshalb blieben auch die Worte aus, denn ſie fand keins, was ihr wie das rechte erſchien. Er uͤber⸗ 133 ließ ſie auch nicht lange ihren Zweifeln— gefaßt kehrte eor zuruͤck. „Mein liebes, liebes Maͤdchen!“ rief er—„ fuͤhre Du mich nach dem Dohlenneſt. Ich gehe mit Dir; meine Leute koͤnnen langſam mit dem Pferde folgen.“ Magda war dazu bereit, er gab ſeine Befehle und ſie drängten ſich nun Beide den Weg zuräck, den Magda ge⸗ kommen und wandelten den Waldpfad, der am Rande des kleinen Baches fortlaufend, vor ihnen ausgebreitet lag. „Sie kennen alſo wol meinen lieben Großvater?“ fragte Magda. „Ja,“ ſagte der Fremde—„ſeit lange kenne ich ihn. Viel Zeit iſt vergangen, in der wir uns nicht ſahen. O erzahl' mir von ihm, liebes Mäͤdchen! Werde ich ihn treffen— werde ich ihn geſund finden? Sag' mir— biſt Du immer bei ihm— war er ſo glucklich, Dich zu erziehn? Liebſt Du ihn— liebſt Du ihn recht herzlich?“ „Ob ich ihn liebe? O Herr— wie anders? Aber er iſt auch ſo recht ein Mann zum lieben— und ſo recht fur junge Leute! Es gefaͤllt mir immer, was er thut, ſo gut, daß ich mich ſchon im Voraus auf Alles freuen muß, was vorkommen wird, denn es iſt mir allemal aus dem eignen Herzen geſchaͤlt.“ „Sol ſo!“ ſagte der Fremde—„ich glaube Dir, 134 ſchoͤnes edles Maͤdchen. Deine Seele muß groß ſein— Dein Herz frei, wie das ſeinige.“ „Nein,“ rief Magda abwehrend—„glauben Sie das nicht! Es iſt nicht ſo leicht, zu ſein wie er— und Manches kann ich ja gar nicht faſſen, wie es in ihn kommt— ſo anders wie in Andere— und ein halbes Kind wie ich bin! Aber oft merke ich ſelbſt, daß ich ihn beſſer verſtehe als Hieronymus, oder andere Maͤnner. Das macht, wenn ich allein bin, muß ich immer denken: „„Was wuͤrde er hierzu ſagen, oder damit thun““— und kann nicht ruhn, bis ich es ungefaͤhr fertig habe, wie er es machen wuͤrde, und ſo wie ich es ihm abge⸗ merkt. Verſteht mich!“ ſagte ſie und blieb ſtehn— „das iſt wie eine Uebung auf ſeine Gedanken! Iſt er nun dabei und kann ich's haben, es ſelbſt mit anzuſehn, ſo hilft mir die Uebung; ich eile foͤrmlich und bin oft in Gedanken eben ſo ſchnell mit dem fertig, was er thun wird, wie er ſelber, ſo daß ich dann das bloße Zu⸗ ſehn habe. Und wenn er nun ſagt oder thut, wie ich dachte— das iſt eine Herzensfreude!“ „Ha!“ rief der Fremde—„Du weißt zu lieben. Der Mann, der Dich einſt gewinnt— er wird benei⸗ denswerth ſein. Doch wer wird es verdienen?“ Magda ſenkte den Kopf. Sie war ergluͤht, daß er den Purpur bis in den Nacken ſteigen ſah.„Sei mir 135 nicht boͤſe,“ bat er ſanft.„Ich bin unbeſonnen, unbe⸗ ſcheiden geweſen, denke deshalb nichts Uebles von mir.“ „Nein gewiß nicht,“ ſagte Magda und blickte ihm voll und groß in die Augen—„ich konnte nie von Ih⸗ nen Uebles denken! Wenn ich nur wuͤßte, wo ich Sie ſchon geſehen habe und warum mir das halb wohl, halb weh thut? Waren Sie vielleicht in Wien?“ „Ja, liebes Maͤdchen, oft und lange. Sollteſt Du mich dort geſehen haben?“ „Wenn Sie in St. Urſula waren,— ſonſt weiß ich's nicht.“ „Nein, da war ich nicht,“ entgegnete der Fremde —„doch wozu brauchen wir den Nachweis! Uns zieht es Beide zu einander hin, und wir koͤnnen es allein in unſern Herzen ergruͤnden; denn auch ich empfinde Dich wie mein Eigenthum. Als einen theuren Schatz fuͤr mein ganzes Leben fuͤhle ich das Gluͤck, Dich gefunden zu haben, und dennoch kann ich es nicht faſſen— und wie nah Du mir vielleicht ſtehſt, will ich nicht denken, denn es uͤberwaͤltigt mich ganz.“ Magda ſah ihn verwirrt von der Seite an. Das war ihr zu viel! Er war ſo leidenſchaftlich und noch zu jung, uin ſie nicht verbloͤden zu können. Doch er be⸗ dachte den Eindruck nicht, den er machte.„Theures Maͤdchen,“ ſagte er daher ſogleich—„ſag' mir offen, — — ſage mir, liebſt Du ſchon? Haſt Du den Mann ſchon geſehen, dem Du, nach Deinem Großvater ganz innig vertrauen koͤnnteſt? O ſei offen und zuͤrne mir nicht! Geſtehe es nur ein, wir koͤnnen das gewoͤhnliche Maaß fuͤr Bekanntſchaften bei uns nicht anlegen! Sag' es mir, wie ich es Dir ſage— wir ſind bekannt— Du vertraueſt mir, wie ich Dir.“ So wunderbar gedraͤngt, war doch wol mehr darin nach Magda's Art, als ſie ſelbſt wußte, denn ſie dachte: „Das iſt All' wahr, was er ſagtz gerade ſo fuhle ich es.“— Endlich ſagte ſie laut:„Wie ich in dem Groß⸗ vater, ſo wiſſen Sie in mir zu erkennen, wie es her⸗ geht! Es iſt ſo— und doch, wenn wir uns umſehn— dort von der großen Eiche bis hierher iſt nicht weit— und ſo lang iſt doch nur unſere Bekanntſchaft!“ Plotz⸗ lich mußte ſie lachen— der Fremde ſtimmte ein. „Was thut das?“ ſagte er endlich.—„Haſt Du noch nie ploͤtzliches Vertrauen zu Jemand gefuͤhlt? Weißt Du nichts von den Beſtimmungen der Seelen, die uranfaͤnglich fur einander da ſind und ſo lange ſich verhuͤllt umkreiſen, bis der Augenblick erſcheint, in dem ſie ſich erkennen?“ „Glaubſt Du daran?“ rief Magda, von ſeiner vertraulichen Benennung hingeriſſen.—„Sieh, das iſt der ſchoͤnſte Glaube, den es giebt— und ich glaube 137 ihn! Da iſt denn kein Irren moglich— das iſt ewig— uranfänglich, wie Du ſagſt, und dann immer bis zu Ende. Das— uranfaͤnglich— iſt ein ſchoͤnes Wort— es hat mir gefehlt— ich danke Dir! Nun kann ich das nennen, wenn man fuͤhlt: wir beſaßen et⸗ was ſchon lange— da ſchon— wo wir fruͤher waren — das hat mit uns Erinnerungen, Gefuͤhle, Gedanken gemein gehabt— da iſt ſchon viel ganz Gleiches gewe⸗ ſen— verſtehſt Du mich? Ganz Gleiches! Nun liegt dazwiſchen das Geheimniß— die Trennung— die umwandlung— oder der Tod— ich weiß nicht, wie ich es nennen ſoll. Gieb einmal Acht, was Dir gerade Alles einfaͤllt, wenn Du jung biſt und noch nichts er⸗ lebt haſt. Das geht oft in Deiner Seele wie Schlaͤge, wovor Du erſchrickſt, wenn Dir das uranfängliche Le⸗ ben wieder zutraͤgt, was dort fertig ward und Dir nun hier zu Gute koͤmmt. Und wenn dann die Seelen kom⸗ men, die beiſammen waren, wo ſie's nicht nachweiſen können, dann iſt es gleich fertig— von Allem wiſſen ſie, wie's in dem Andern iſt, und ſehen ſich an— und mochten es ſich aus den Augen leſen, wo ſie ſich ſchon nahe waren. Aber das Wort fehlt; denn vielleicht, wo ſie ſich ſahen, verſtäͤndigten ſie ſich anders. Aber was thut's? Ihnen iſt doch wohl und ſie konnen dann doch nie mehr von einander?“ 138 „Maͤdchen! Schwaͤrmerin!“ rief der Fremde— „wer lehrte Dich das— wer hat dies Alles in Dir ent⸗ wickelt und angeregt?“ „Ich muß ſo viel ſtill vor mich hinſehen,“ ſagte Magda treuherzig—„da faͤllt mir das,— Eins nach dem Andern, ein— und dann erlebt' ich das Letzte.“ „Du erlebteſt es?“ rief der Fremde raſch und be⸗ wegt,„wo? wie erlebteſt Du es? mit wem?“ „Mit dem— von dem mir iſt, als wuͤrden wir uns immer blos anſehn und wiſſen von dem uranfaͤng⸗ lichen Leben!“ erwiderte Magda ſinnend.„O das ſchoͤne Wort— das ſtillt den Durſt nach der rechten Bezeichnung. Laß es mich auch verſchweigen, was Du wiſſen willſt. Bald wird Dir der Großvater davon er⸗ zaͤhlen, denn er hat es beſchloſſen, ehe er wußte, daß es wirklich wahr iſt, was er will. Aber ob das geſchieht, was ihm das Wichtigſte iſt, weiß ich nicht— darum bleibt es doch daſſelbe in alle Ewigkeit und ich habe mein Gluͤck daran.“ Der Fremde ſah ſie an, wie e ernſt und mit heili⸗ gem Frieden neben ihm ging, das ſchoͤne Haupt mit der herrlichen Linie des Profils auf die Bruſt geſenkt. Er unterdruͤckte jede Frage in ſich, er ehrte das junge Maͤdchen durch Schweigen. Ploͤtzlich horchte ſie laͤchelnd auf. Ganz deutlich 139 hoͤrte man den Ruf der Dohlen.„Ah,“ ſagte der Fremde,„wir ſind am Ziel. Die Thurmwaͤchter Dei⸗ nes Schloſſes ſignaliſiren uns.“ „Ja,“ antwortete Magda—„gieb nur Acht— eine Dohle iſt es aus dem dortigen Neſt, aber ſie fliegt uns nach.“ Der Ruf wiederholte ſich ganz nah und aus einem Seitenwege draͤngte ſich Bezo durch das Ge⸗ buͤſch vor, mit dem ſchwer beladenen Korbe auf dem Ruͤcken. „Bezo,“ rief Magda—„warum kommſt Du mit der ſchweren Laſt durch den Buſchweg? Sieh, wie Du keuchſt und elend biſt. Und an den Zweigen werden meine Geſchenke haͤngen,— meine Puppen, meine Muͤtzchen; meine Tuͤcher.“ „Nein— nein, Magda,“ ſtammelte der bloͤdſin⸗ nige Burſche—„nein, Magda— iſt Alles da— nichts verloren.“ „Aber warum biſt Du nicht den großen Weg ge⸗ gangen und haſt Dich ſo abgehetzt? Armer Schelm, wie Du ausſiehſt! Setz' den Korb ab und ruh' Dich aus. Du kannſt langſam nachkommen.“ Bezo ſtieß ein lautes Dohlengeſchrei aus und mit ſo wilder Verzerrung des thieriſchen Geſichtes, daß der Fremde zuſammen ſchreckte. „Was haſt Du?“ fragte dagegen Magda, an ſeine 140 Sprache gewoͤhnt, ruhig—„ich bin ganz ſicher— warum ſchreiſt Du ſo?“ Er wiederholte jedoch den wilden Ton mit faſt ver⸗ mehrter Heftigkeit und Magda blickte nach allen Seiten forſchend umher.„Der arme Knabe irrt ſich ſelten,“ ſagte ſie—„er muß in der Naͤhe irgend etwas geſehen haben, was ihn beſorgt macht fuͤr mich.“ „Beſorgt?“ wiederholte der Fremde—„was kann Dir hier drohen? und was es auch ſei— bei mir biſt Du ſicher.“ Bezo hoͤrte ſo angeſtrengt zu, daß ihm die Augen faſt aus dem Kopfe traten.„Maͤnner,“ ſagte er und zeigte in's Gebuͤſch; dann machte er das Laden der Ge⸗ wehre nach, kniete nieder und legte ſeinen Dornenſtock an, indem er auf den Fremden zielte. „Haben Sie Feinde in der Naͤhe?“ fragte Magda —„ich weiß, was er ſagen will. Er meint, man habe ein Gewehr auf Sie angelegt— Sie koͤnnen ihm glau⸗ ben— er irrt ſich ſelten.“ „Das iſt unmoͤglich,“ entgegnete der Fremde— „doch iſt der Zeit, die ſo viel Unruhen bruͤtet, nicht zu trauen. Viel herum ziehendes Volk, was durch die neuen Anwerbungen herbei gelockt wird, durch⸗ ſtreift wol gerade die Grenzgegenden, und Raub und Pluͤnderung liegt da leider immer nah. Du 14¹ ſollteſt ſo ohne Begleitung nicht allein umher ſchwei⸗ fen!“ „Ich habe hier nichts zu furchten; Bezo begleitet mich immer, und dies gute wilde Thier wuͤrde Jeden zerreißen, der mir nahe kaͤme. Bezo antwortete durch ein wunderlich natuͤrliches Bellen, denn Magda verſtand er in den meiſten Faͤllen. „An ſeinem Willen zweifle ich nicht,“ ſagte der Fremde—„aber an ſeinen Kraͤften!“ „Wenigſtens hier bin ich ſicher,“ erwiderte Magda —„denn wir ſind im Bereiche des Dohlenneſtes!“ Als der Fremde aufblickte, traten ſie auf eine ge⸗ lichtete Stelle des Waldes hinaus, wo eine niedrige Mauer mit einem Graben den Bezirk des Dohlenneſtes von dem Walde trennte. Der Fremde ſah die hintere Seite des merkwuͤrdigen Gebaͤudes ſich daruͤber erheben, welches man von hier aus leicht fuͤr eine Felſenmaſſe haͤtte halten koͤnnen, ſo grau und ſo mit Schlingkraut und Epheu beſponnen war ſein unfoͤrmlicher Bau. Nachdem ſie ſich aber der Fronte des Hauſes genaͤhert, ſahen ſie mehrere Pferde, die von Dienern herumge⸗ fuͤhrt wurden, und ſogleich eilte Veit ihnen aus der Eingangsthuͤr entgegen. Magda's ſtattlicher Gefaͤhrte zog wol einen Augenblick die Aufmerkſamkeit des alten Dieners auf ſich, aber ſichtlich hatte er etwas Bedeu⸗ 142 tenderes erlebt, denn er freute ſich uͤber Magda's Ruͤck⸗ kehr auf eine Weiſe, als ſei ſie beſonders noͤthig, und ſagte dann:„Dem Herrn Grafen, der ſo eben mit dem Herrn Großvater angekommen, iſt ein Ungluck be⸗ gegnet, deſſen Verlauf uns noch nicht bekannt! Sicher jedoch iſt eine Verwundung in der rechten Schulter, aus der Pater Hieronymus die Kugel aber bereits heraus geſchnitten hat und keine Gefahr vorhanden haͤlt.“ „Heil'ger Gott!“ rief der fremde Offizier in zor⸗ niger Aufwallung— was geht denn hier vor? Stecken dieſe Waͤlder denn voll Raub- und Mordgeſindel? So wie meine Leute kommen, ſoll eine Abtheilung Infan⸗ terie befehligt werden, dies Revier zu ſaͤubern. Es iſt ja eine unerhoͤrte Frechheit! So hatte Dein Bezo alſo doch Recht“— rief er jetzt, ſich zu Magda wendend, die todtenbleich da ſtand, mit den Augen an Veit's Munde haͤngend.„Armes Kind,“ fuhr er fort, zaͤrt⸗ lich ihre kalte Hand faſſend—„wie Du erſchrocken biſt. Fuͤrchte aber nichts! Ich werde dafur ſorgen, daß Du in vollſtaͤndiger Sicherheit hier leben kannſt. Die Sache muß ſtreng unterſucht werden; denn noch iſt un⸗ gewiß, wem es galt!“ „Laſſen Sie uns naͤher treten,“ ſagte das Mäd⸗ chen mit erſtarrtem Blick— und als ſie ſich dem Ein⸗ gang naͤherten, trat Thyrnau ihnen entgegen, von Veit — 143 ſchnell herbeigerufen; ſeine Zuͤge waren verfinſtert von dem Erlebten und er ging in ſteifer Haltung dem vor⸗ nehmen Offizier entgegen. Doch dieſer, als er ihn jetzt erkannte, ſturzte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu; auch Thyrnau erkannte ihn und dieſer erſte Augen⸗ blick, als ſie ſich feſt umklammerten, war nur durch un⸗ deutliche Laute bezeichnet. Es ſchien uͤber Beide die hoͤchſte Erſchuͤtterung gekommen! „Thyrnau!“ rief der Fremde—„mein Vater— mein Wohlthaͤter! geliebteſter der Menſchen!“ „O mein Prinz! mein Freund! mein Liebling!“ entgegnete Thyrnau. Sie hielten ſich, Keiner den Andern loslaſſend, von einander ab, um ſich anblicken zu koͤnnen. Was moch⸗ ten ſie leſen in den bewegten Zuͤgen? Den ſtarken Maͤnnern rollten Thraͤnen uͤber die gluͤhenden Wangen — der Prinz ſank ſchluchzend an Thyrnau's Bruſt! Als die erſte Erſchuͤtterung voruͤber war und der Prinz ſich aufrichtete, fuͤhrte Thyrnau ihn ſeitwaͤrts unter die ſchattigen Buchen, die dem Hauſe zunaͤchſt ſtanden. Aber der Prinz blieb vor Magda ſtehen und mit ſchwaͤr⸗ meriſchem Entzuͤcken die Haͤnde des blaſſen erſchuͤtterten Maͤdchens faſſend, rief er, zu Thomas Thyrnau gewen⸗ det:„Und dieſe— dies Weſen, zu der mein ganzes Herz mich hintreibt— ſag', o ſage, was iſt ſie mir?“ „Ruhig!“ erwiderte Thyrnau—„Maäͤßige Dich, geliebter Ernſt— folge mir— wir haben uns viel zu ſagen!“ Er fuͤhrte ihn fort, obwol er faſt ungern das Madchen verließ, mit dem er in der kurzen Stunde des Beiſammenſeins eine lang nicht gekannte ſelige Be⸗ friedigung empfunden hatte. Magda ſah ihnen nach und erſt, als ſie in den Schatten der Baͤume verſchwanden, kehrten ihre Ge⸗ danken zu den Ereigniſſen zuruͤck, die ihr jetzt zunaͤchſt lagen. Sie wagte es nicht uͤber die Schwelle zu tre⸗ ten, ſie war unſicher und verſchuͤchtert. Endlich kauerte ſie ſich matt und ermuͤdet in den Steinſitz der Mauer. Auch war ſie hier nicht lange, als Frau Gundula hervortrat und, ſie aͤngſtlich ſuchend, erſtaunt war, ſie hier zu finden.„Ach, mein Kind, tritt doch herein und ruhe Dich aus in dem kuͤhlen Hausraum! Sieh', wie Du beſtuͤrzt ausſiehſt, mein liebes Liebchen! Sei doch nur ruhig: Pater Hieronymus verſichert, es ſei nichts Edleres verletzt. Die Kugel hat ſich blos in's Fleiſch geſchlichen, wie er ſagt; und waͤre der Blutver⸗ uſt nicht geweſen, und der Ritt hierher, die Ohnmacht waͤre dann auch nicht ſo ſtark geweſen. Jetzt liegt er in dem Fremdenthurm und ſchlaͤft— Hieronymus. wacht bei ihm.“ „Aber wie kam das, Gundula?“ fragte Magda— —— — „Giebt es hier wirklich Raͤuber? War denn ein offenes Gefecht und iſt der Großvater und Hieronymus nicht auch dabei in Gefahr gekommen?“ „Ja, ſieh mein Kind! ſo was iſt noch nicht vorge⸗ fallen, ſo lange wir denken koͤnnen! Zur Kriegszeit na⸗ tuͤrlich— nun da waren wir in Prag und haben dort mit gelitten und mit getragen— und als Friede war, nun da gab es Diebe und Bettler in Huͤll' und Fuͤlle und wir bauten den Schoppen uͤber dem Graben; da wurden die Nothleidenden bekoͤſtigt und ihnen das Nothduͤrftigſte gereicht— und wenn auch viel Zulauf war, denn großes Elend war im Lande— doch gaben wir freiwillig, und wenig kann ich von Diebſtahl nach⸗ ſagen— und Gewaltthat haben wir Alle nicht erlebt!“ „Ja, Gundula, das war damals! Aber jetzt— wie geſchah es jetzt? Das wollte ich wiſſen!“ „Sie ſchoſſen auf ihn!“ rief Gundula—„aus dem Gebuͤſche kam der Schuß. Der Herr Graf ließ den Großvater in der Mitte reiten, auf der andern Seite Hieronymus; dahinter ritten vier Bediente des gnaͤdigen Herrn in ihren koſtbaren Roͤcken, wie das ſo Sitte iſt bei den Lacy's! Wer ſollte nun ſo was fuͤr moͤglich halten? Solch' Gefolge! Sieben Maͤnner!— Ja! die Boͤſewichter! Offenen Kampf haben ſie auch nicht gewagt— mit Eins fiel der Schuß gerade wie Thomas Thyrnau ll. öte Aufl. 10 146 der Herr Graf zum Großvater ſprachen. Da ſank der edle Herr auf den Sattelknopf vorn uͤber——“ „Großer Gott!“ rief Magda—„er lebt doch?“ „Ja, mein Kind! Denke Dir, das Blut uͤbergoß das ſchoͤne blau ſeidene Kleid im Augenblick; aber der edle junge Herr richteten ſich auf und ſagten: Das thut nichts; es iſt nur eine Verwundung! Und der Herr Großvater und der Herr Pater Hieronymus, nun die haben geſchrien und die Haͤnde gerungen— und Alle die Koͤpfe verloren! Nun lange dauert das beim Groß⸗ papa nicht— da kamen die Diener— da mußten zwei in die Gebuͤſche und nachſuchen— Einer voraus nach einem Tragſeſſel. Dann hoben ſie ihn vom Pferde und Hieronymus that das Seine. Aber der junge Herr wollten nach dem Schloſſe zuruͤck, waͤhrend der Groß⸗ vater darauf beſtand, ihn hierher zu fuͤhren, weil ſie ſchon ganz nahe waren. Da iſt er ohnmaͤchtig gewor⸗ den und das Streiten war vorbei; ſie trugen ihn auf dem Tragſeſſel hierher— ach! wie eine Leiche war er anzuſehn!“ „Barmherziger Gott!“ rief Magda, waͤhrend Thraͤnen uber ihr blaſſes Geſicht ſchlichen—„Du wirſt ihn retten, ihn ſchuͤtzen und behuten!“ „Gewiß! gewiß wird er das, mein liebes Puͤpp⸗ chen! Du mußt Dich nur nicht ſo bangen. Sage Du — mir doch dagegen, wer der Gaſt iſt, den Du uns heute mitgebracht haſt; ein gar ſtattlicher Herr— und die Dienerſchaft mit Gold bedeckt— und die ſchoͤnen Pferde!“ „Gott weiß!“ entgegnete Magda—„Das hoͤrte ich wol, daß ihn der Großvater Prinz nannte— und gut iſt er dazu genug— eine rechte Koͤnigsſeele!“ „Nu! nu! Du biſt ja ſehr eingenommen! Wie haſt Du denn das Alles ſo ſchnell erfahren?“ „Ach!“ ſagte Magda—„wenn nur Einer was Rechtes iſt, da habe ich gemerkt, er kann's eben ſo. wenig verſtecken, wie Andere das, was ihnen fehlt. Von der Miene an, und wie ſie gehn, und wie der Ton klingt, mit dem ſie ſprechen, das Alles gehoͤrt zu⸗ ſammen, ſo daß es einem wohl thut zum Aufjauchzen!“ „Herr, Du mein Gott! wie Du wieder lebhaft biſt! Mein Lebtag' habe ich gehoͤrt: Trau' nicht dem erſten Schein!“ „Schein! Schein! Ja! wenn der's iſt, wie ſoll der Dich entzuͤcken? Aber wenn's der Menſch ſelber iſt, durch und durch, nach Gottes Ebenbild— das bloß ausſtrahlt, was aufgehaͤuft liegt? Das macht eben Keiner nach— das kann nur der, der's iſt! Das ſagte auch Barbara— das wußte ſie gut hat mir's oft gezeigt!“ 10* „Ja freilich, ſie wird's beſſer verſtehn als ich. Und jetzt gehe ich, denn da kommen die Herrn; nun wird angerichtet werden.“ Magda wandte ſich zu ihnen. Das lebhafte Ge⸗ ſpraͤch mit Gundula hatte die Farbe auf ihre Wangen zuruͤckgerufen. Sie ſah, daß der Großvater ihr winke; ſie eilte auf ihn zu, denn ſie verlangte nach der beruhi⸗ genden ganz ausreichenden Bruſt des geliebten Be⸗ ſchuͤtzers. Aber der Fremde kam ihr um einige Schritte entgegen— ſein ſchoͤnes Geſicht gluͤhte in Liebe und Ruͤhrung; er breitete die Arme aus— „Laß' es geſchehn, Magda,“ ſagte der Großvater —„er ſteht Dir nah' und hat ein Recht auf Deine Liebe.“ Magda ſah' ihn freundlich anz er umſchlang ſie, druckte ſie an ſeine Bruſt und kuͤßte zaͤrtlich und wie⸗ derholt ihre ſchoͤnen Wangen.„Maͤdchen! geliebtes Maͤdchen! mein Herz konnte ſich nicht taͤuſchen— o nimm mich auf unter die, welche Du zu Dir zahlſt!“ „Das hab' ich ſchon gethan,“ ſagte Magda mit befriedigtem Laͤcheln—„und freue mich nur, daß ich mich nicht irrte!“ „Irren?“ rief der Prinz—„wie koͤnnteſt Du Dich irren? In Dir iſt Alles Wahrheit— was Du — ———— 6 — —— 149 aufnimmſt, muß es ſein, ſonſt findet es nicht Raum in Dir.“ „Mache mir das Maͤdchen nicht toll und verwirrt mit Deiner Bewunderung!“ rief Thomas Thyrnau dazwiſchen. Magda flog nun in ſeine Arme, und ihr bewegtes Geſichtchen lachte wieder, und mit den ſchlanken Fin⸗ gern ihrer Hand ſtrich ſie uͤber ſein feuriges Antlitz und ſchaute ihm neckend in die Augen. „Weißt Du denn, ob mir's gefaͤllt, was er jetzt ſagt?“ fragte ſie leiſe.— „Ach!“ antwortete Thomas Thyrnau,„lehr' mich die Weiber nicht kennen! Etwas Anbetung nehmen ſie Alle gern hin— haben auch immer ſchon einen kleinen Thron in Bereitſchaft, den ſie ſogleich hervorziehn und — in ſolchen Faͤllen ſchnell genug beſteigen.“ „Diesmal iſt der Thron in meinem Herzen,“ ſagte der Prinz—„und ich habe ihn Dir erbaut— Du haſt mir aber die Mittel gegeben, ihn aufzurichten!“ „Zu Tiſche! zu Tiſche!“ rief Thyrnau und draͤngte das Mädchen von ihrem anbetenden Freunde fort, bis Alle die kuhle Halle des Hauſes aufnahm. Hier trat ihnen Hieronymus entgegen, der eben ſeinen Kranken verlaſſen hatte, deſſen augenblicklicher Zuſtand nur Ruhe erheiſchte. Er hatte ſich von dem Kammerdiener des Grafen abloͤſen laſſen, um jetzt nach den erfahrenen Anſtrengungen den Freuden der Tafel zuzuſprechen, und laͤchelte wohlgefällig der großen ſilbernen Suppenſchaale entgegen, welche mit Veit ſo eben ihren Weg nach dem Eßtiſche nahm. Der Prinz bat ſich jedoch noch einen Augenblick Zeit aus, um eine Anzeige des Vorgefalle⸗ nen ſogleich an den Stadthauptmann von Prag zu ſen⸗ den, mit dem Erſuchen, eine Abtheilung Infanterie nach dem Walde von Kaurzim zu ſchicken, um die Aufhebung des darin verborgenen Geſindels zu be⸗ wirken. Thomas Thyrnau dagegen beſprach den Vorgang mit dem Schulzen von Tein, wie mit dem Foͤrſter der Herrſchaft, und nahm mit mehr Vertraun, als er dem Prinzen ausſprechen wollte, ihre ſchnelle Einwirkung in Anſpruch, die ausdrucklich darauf gerichtet ſein ſollte, mit den noͤthigen dazu aufzubietenden Leuten das Wald⸗ gebiet zu durchſtreifen. Beide, gewandte Maͤnner auf ihrem Platz, theilten Herrn Thomas Thyrnau mit, daß ſie bereits verdaͤchtigen Perſonen begegnet waͤren, die im Dorfe gezecht, viel Geld gezeigt und zugleich erklaͤrt hatten, das Nachtlager im Walde jeder andern Ruhe⸗ ſtaͤtte vorzuziehn. Magda theilte dem Großvater mit, was Bezo an⸗ gedeutet, und ihr ward das Verhoͤr des Burſchen auf⸗ —— getragen, da ſie allein die Gabe beſaß, ſeine Gedanken zu ſammeln. Es ergab ſich denn auch nach vielem Hin⸗ und Herfragen, daß Bezo die Maͤnner, welche den Uebeyfall auf eine Perſon verabredet, nicht zur Zeit der Ruͤckkehr mit Magda geſehen hatte, ſondern am fruhen Morgen, wo er immer umher ſchweifte; daß dies ihm aber erſt wieder eingefallen, als er bei der Ruͤckkehr von Kaurzim an dieſelbe Stelle gekommen war, wo er ſie am Morgen beobachtet, und daß ſeine Treue und Liebe gegen Magda ihm inſtinktartig die Angſt um ihre Sicherheit eingefloßt, die ihn ſo ange⸗ ſtrengt zu ihr eilen ließ. Es ward demnach beſchloſſen, daß er den Foͤrſter und Schulzen begleiten ſollte, theils um die bezeichnete Stelle zu finden, theils weil ſein außerordentliches Gehoͤr und ſein ſcharfes Auge brauch⸗ bar werden konnte. „Auffallend bleibt die ganze Sache,“ ſagte Thyr⸗ nau, nachdem ſich Alle zu dem ungeduldigen Pater Hieronymus um den Eftiſch geſetzt hatten—„denn der Angriff traͤgt durchaus den Karakter einer perſoͤn⸗ lichen Abſicht! Es fiel ein einziger Schuß— kein an⸗ derer Verſuch zeigte ſich, uns zu beunruhigen, und der Graf ſank ſogleich vorn uͤber, zeigte alſo, daß er ge⸗ troffen. Ein Raubanfall auf ſieben Maͤnner konnte doch nur in großer Anzahl verſucht werden. Und nun 152 bei hellem Mittag, in der Naͤhe des Hauſes— welch' ein wahnſinniges Unternehmen, wenn ſie an Beute dachten! Auch iſt nichts geſchehn, was darauf hin⸗ deutet.“ „Dies wird ſehr wahrſcheinlich,“ entgegnete der Erbprinz von S., der ſich eben als ſolcher mit Hierony⸗ mus bekannt gemacht hatte—„und vielleicht haͤtten wir beſſer gethan, den Privatverhaͤltniſſen des jungen Herrn Grafen nachzufragen, als die Sache gleich ſo oͤffentlich zu machen.“ „Dazu iſt er jetzt nicht faͤhig!“ ſagte Hieronymus. —„Der Blutverluſt hat ihn erſchoͤpft— und die Wunde iſt ſchmerzhaft!“ „Gleichviel,“ ſagte Thomas Thyrnau—„ich haſſe das Schonen unreiner Verhaͤltniſſe. Hat er dieſe und ſogar ſolche, die ein Attentat ſo abſcheulicher Art ver⸗ anlaßten, mag er die Folgen davon aufgedeckt ſehn. Glaubt mir, nichts bringt junge Lente tiefer in ihr Verderben, als das Zudecken, das Schonen ihrer leicht⸗ ſinnigen Streiche! Ließe man ſie gleich leiden, wo ſie es verſchulden, wurden ſie den Rauſch, dem ſie ſich hingeben, weniger reizend finden. Aber die Eitelkeit von Eltern und Erziehern, die ſich nicht eingeſtehen wollen, daß ſie einen Taugenichts haben heranwachſen laſſen— die iſt es, die immer wieder abwendet und 153 zubaut, wodurch dem Leichtſinn der Muth wäͤchſt, alle * Luͤſte und Thorheiten durch zu verſuchen, die ihm noch irgend ſchmackhaft ſcheinen.“ „So ſtreng, mein alter Freund?“ ſagte der Prinz laͤchelnd—„und doch einſt ſo milde und verzeihend?“ „Der Vorwurf von Beidem trifft mich nicht,“ entgegnete Thyrnau—„nur Wahrheit will ich! und je aͤlter ich werde, je mehr ich ihren Mangel kennen lerne, je dringender fordere ich ſie, denn es iſt der Erz⸗ feind der Menſchen, der in tauſend Geſtalten verhullt uͤber die Erde ſchleicht, und dem die Beſten noch eine Verkappung ſtehlen, um irgend eine Eitelkeit hinein zu wickeln. Wie weit wir zu dem abſoluten Begriff der Wahrheit auf dieſer Welt durchdringen, das wage ich nicht zu beſtimmen; eben ſo wenig, wie nah oder wie fern ich oder Andere davon ſind— aber die Wahrheit, die von jedem Menſchen zu fordern iſt, und die gerade am haͤufigſten umſchlichen wird, iſt die gegen uns ſelbſt. Dies ewige Heucheln von Motiven, die wir unſern ſchwachen hoͤrichten Handlungen unterlegen, um ſie vor uns ſelbſt heraus zu ſtutzen, damit wir wenigſtens, wenn uns die ſchlechten Reſultate uͤberraſchen, ſagen koͤnnen, . X wir hatten die edelſten Abſichten und ſind in nichts ver⸗ antwortlich zu machen— dies ewige Heucheln mit uns S ſelbſt iſt es, was mir das Blut mit Galle verſetzt und 154 wogegen ich ſtreng erſcheine. Es entſteht daraus ſelbſt in den von Natur gut gearteten Menſchen ein ſo hart⸗ naͤckiges Tauſchungsſyſtem, daß ihm faſt gar nicht bei⸗ zukommen iſt, und die ſanfteſten bußfertigſten Seelen werden grade zuletzt zugeben, daß ſie ſich ſelbſt und ihrer Eitelkeit dienten, waͤhrend ſie ſich gewoͤhnten, all' ihre Motive umzutaufen— und im vollſtandigen Gefuͤhl unverſchuldeten Maͤrtyrthums ſich fur berechtigt halten, mit dem Schickſal zu grollen!“ Der Prinz laͤchelte und nickte dem feurigen Greiſe beifaͤllig zu. Lebhaft fuhr dieſer fort:„Wie weit man eben ſei, das geſtehe man muthig ein— auch daß man ſich ein paar Lieblingsſuͤnden noch aufgehoben habe— in Gottes Namen! Nur nicht die Lieblinge umtaufen, damit wir ſie ohne Vorwuͤrfe behalten können! Ich habe noch Zeitlebens gefunden, die Luͤgen, mit denen wir uns ſelbſt betrugen, ſind viel haͤufiger als die gegen Andere.“ „Wenigſtens,“ ſagte der Prinz—„machen wir uns uͤber die Luͤgen gegen Andere Vorwuͤrfe; uͤber die gegen uns ſelbſt aber empfinden wir nicht einmal Reue— und doch iſt das Gefuͤhl der Reue die wahre Wiedergeburt der Seele, der Abſchluß mit der Vergan⸗ genheit, die Staͤrkung beim Beginn eines neuen Lebens⸗ abſchnittes!“ —— — — 15⁵5 „Ja ſo kann es ſein!“ entgegnete Thomas Thyr⸗ nau,„und ich denke nicht geringer von der wahren Reue; aber ich ſehe ſcharf zu, was unter dieſer Benen⸗ nung gemeint iſt. Ich habe mir die ſogenannte Reue etwas verleidet. Die am leichteſten ſich anklagten, am heftigſten ihre Fehler bejammerten, behielten ſie grade fuͤr ewige Zeiten. Entweder fanden ſie Narren, die be⸗ reit waren, ihnen zu verſichern: es ſei nicht ſo toll und ſie ſeien der Bewunderung wuͤrdig fur ihre demuͤthigen Bekenntniſſe— oder ſie ſelbſt beſorgten dieſe ſchmeichel⸗ hafte Verſicherung gegen ſich und genoſſen damit alle Selbſterhebung, die ſie fuͤr ihre kurze Demuͤthigung troͤſten konnte. Aber damit war die Sache auch ab⸗ gethanz ſie behielten ihre Fehler als ein noͤthiges Schau⸗ geruͤſt fuͤr ihre Reue und zuletzt hatten ſie eine Uebung darin, daß ſie eben ſo oft und leicht ſich anklagten und bereuten, wie wir den Hut abziehn, wenn wir alten Be⸗ kannten begegnen.— Ich habe dieſe koketten Reu⸗ muͤthigen gern in Verlegenheit geſetzt, indem ich that, als wenn ich ihnen Alles glaubte, was ſie uber ſich aus⸗ ſtießen. Anfaͤnglich ſtutzten ſie und meinten, ich horte nicht recht; ſie wiederholten, ſie erhoͤhten ihren Buß⸗ geſang endlich bis zur tollſten Uebertreibung. Wenn ſie aber nur mein Erſtaunen uͤber die Boͤswilligkeit der menſchlichen Natur erregen konnten, mich nur Beifall geben ſahen ihren Bußgedanken, dann brachte ich ſie endlich dahin, daß ſie ſelbſt alle Entſchuldigungen her— vorſuchten, die ſie von mir erwartet hatten; und behielt ich Zeit, ſo hatten ſie ſich endlich ſo weiß gewaſchen, daß nichts als eine kleine liebenswurdige Schwaͤche uͤbrig blieb.— Wer dagegen tief und ſchwer die Gebrech⸗ lichkeit ſeiner menſchlichen Natur empfindet, wer gern mit Gott ein Sieger werden moͤchte, der fuͤhlt die be⸗ gangene Suͤnde wie eine brennende Wunde in der Bruſt, und in der Sicherheit, daß nur Einer ihn befaͤhigen kann, ſie auszuheilen, wird er vor Ihn ſeine Schmerzen und ſeine Reue tragen! Von dort wird ihm die Befuͤhi⸗ gung kommen, abzuſchließen und wiedergeboren von Neuem anzufangen. Ein Solcher, meine Freunde! wird ſelten vor Menſchen ſich reuig bekennen— heil'ge Schaam vor dem wirklich erkannten Fehler wird ihm kein Zungenbekenntniß erlauben; aber ſein geſenktes Auge, ſeine ſich rothende Stirn wird mich tiefer ruh⸗ ren, als das Geheul der Andern.“ „Mein Vater!“ rief der Erbprinz tief bewegt— „ſage mir, ob ich Dich verſtanden habe?“ Thomas Thyrnau erhob ſich, und als Alle aufſtan⸗ den, umfaßte er den Erbprinzen und kuͤßte ſeine Stirn und ſein Auge leuchtete und er glich dem Erzvater, deſſen Beruͤhrung den von Oben verkuͤndigten Segen ertheilt. 157 Aber er war zu bewegt, um zu ſprechen. Er ſchritt den offnen Thuͤren zu, und als ihm der Erbprinz folgte, faßte er ſeinen Arm und trat mit ihm hinaus, und jetzt theilten ſich die Maͤnner, auf und nieder wandelnd, Vie⸗ les mit, wozu ſie nur ſich Beide als Zuhoͤrer wuͤnſchten. Der Prinz erzaͤhlte Thomas Thyrnau alsdann von dem guͤtigen Empfange der kaiſerlichen Herrſchaften, und daß er dem Anerbieten, ſich der Armee wieder an⸗ zuſchließen, ſich um ſo weniger habe entziehen koͤnnen, da der augenblickliche Stand der Dinge den baldigen Ausbruch des Krieges erwarten ließe. Fuͤr Boͤhmen ſei naturlich die Wahrſcheinlichkeit eines erſten Angriffes am meiſten zu furchten, und er ſei daher befehligt, dort die Grenzen zu bereiſen und namentlich fuͤr die ausrei⸗ chende Befeſtigung von Prag die noͤthigen Anordnungen zu treffen.— Sein General-Stab war in Prag ge⸗ blieben, waͤhrend er bei der erſten Muße nach Kaurzim geeilt war, um in Tein den Freund aufzuſuchen. „Jedenfalls iſt es gut, daß Sie nicht um einen Tag fruher kamen, denn geſtern ward ich von dem Beſuch Ihres Herrn Vaters uberraſcht!“ „Mein Vater?— Mein Vater hier in der Naͤhe?“ rief der Prinz— und ein Entſetzen, was er unfaͤhig war zu bezwingen, druckte ſich auf ſeiner ganzen Ge⸗ ſtalt aus. „Er kam, mich an unſere alten Ideen uͤber Boͤh⸗ men zu erinnern,“ ſagte Thyrnau—„und hielt in ſeiner kurzſichtigen Politik den gegenwaͤrtigen Augen⸗ blick für ſehr guͤnſtig, unſere Verbindungen mit Frank⸗ reich wieder anzuknuͤpfen. Es uͤberraſchte ihn etwas unſanft, zu vernehmen, daß Madame de Pompadour eher geſonnen waͤre, den Handſchuh der Kaiſerin in ihr Wappen aufzunehmen, als gegen ſie in die Schran⸗ ken zu treten. Er kam mir geiſtig ſehr zuruͤckgekommen vor; ich habe wenig Gruͤnde an ihn gewendet und hatte mich zu bewahren, um nicht zu vergeſſen, daß er unter dem Schutze eines alten Czechen⸗Hauſes war, und da er in meiner Abweſenheit uber die Schwelle gekommen war, mußte er ungekraͤnkt daruͤber zuruͤck treten, und doch fuhlte ich die Gefahr immer hoher ſteigen, da er ſelbſt unbeſonnen die wunden Stellen reizte.“ „Welcher Wahnſinn! jetzt noch an dieſe Pläne zu denken,“ rief der Prinz—„Wie verließ er Dich aber — haſt Du ihn zur Ruhe gebracht?“ „Zur Ruhe— ihn?“ entgegnete Thyrnau—„ Er entfernte ſich wie ein halb erlegter Stier, der den abge⸗ brochenen Speer, der ihn traf, mitſchleppt und durch Bruͤllen zu erkennen giebt, daß er auch halb beſiegt noch ſeine eigenſte Natur, ſeine Wildheit behalten hat! Er drohte mir und er denkt gewiß daran, ſich zu raͤchen.“ 159 „Wollte Gott! er haͤtte weniger Mittel dazu in Haͤnden, als es der Fall iſt!“ ſagte der Prinz— „Deine Sorgloſigkeit hieruber geht vielleicht zu weit.“ „Denke das nicht. Ich bin vertraut mit der Ge⸗ fahr, die mir droht, deshalb beunruhigt ſie mich nicht mehr. Was Dir Sorgloſigkeit erſcheint, iſt die Ruhe, die aus einer ganz klar durchdachten Angelegenheit ent⸗ ſpringt. Es kann mich nichts mehr uͤberraſchen— ich bin mit Gott und mit mir ſelbſt ſeit lange daruber fer⸗ tigz ich laſſe jetzt die Menſchen damit machen, was ſie koͤnnen, was ſie muͤſſen; aber da ich es ziemlich vor⸗ aus weiß, ſpannt es nicht einmal meine Erwartung, und ich verfolge daher bis zu dem Augenblick, der zu⸗ verläſſig eintreten wird, meine Lebenszwecke mit unge⸗ ſtoͤrter Ruhe. Ich bin oft dankbar, daß mich, nach⸗ dem ich eine ſolche Gefehr herauf beſchworen habe, die Folgen nicht ſtoͤrten, und mir bis an ein ſo fernes Lebensziel Ruhe gegoͤnnt ward. Sollen Sie mich den⸗ noch treffen— wohlan— ich moͤchte ſagen— jetzt habe ich endlich Zeit! In meinem Alter hoͤrt die Arbeit fur uns ſelbſt auf, wichtig zu ſein. Der Wahn der Ju⸗ gend, durch den man ſich vor Anderen berufen haͤlt, Bedeutendes hervor zu rufen, zu entwickeln, zu voll⸗ enden— der legt ſich friedlich ausgeglichen zu der Ueberzeugung, daß wir nur der Geſammtwirkung 160 Vieler unſere Erfolge verdanken; daß Keiner ganz 3 fertig wird, der uͤber die Plaͤne fuͤr Haus und Hof, uͤber den leichten Verkehr des Lebens hinaus ſich wagte; daß er nur anregen konnte, einen Stein hinzu⸗ tragen zu dem Bau, den die Zeit dann in ihre un⸗ hemmbare Verwaltung aufnimmt! In dem Maaße, wie durch dieſe Ueberzeugung die Menſchen um und neben uns an Geltung gewinnen, vermindert ſie ſich gegen uns ſelbſt. Das giebt Gleichgewicht, mein Freund! und erweitert den Umkreis. Wos ich mit den Edelſten im Verein angeregt— es war nicht umſonſt. Wie ich es gewollt, iſt es mißgluͤckt— und faſt habe ich mich uber nichts in meinem Leben mehr zu freuen, als daß mißgluͤckt iſt, wie ich es gewollt! Die Geburt einer Idee gleicht in ihren Schickſalen der Ge— burt eines Menſchen! Von der Wiege an, in der ſie noch ſchlummernd ruht, iſt ſie der willige Traͤger aller Hoffnungen und Plaͤne fuͤr die Zukunft, die wir ihr beſtimmt haben, fuͤr die Wirkſamkeit, die wir von ihr erwarten. Sie ſcheint uns in nichts zu widerſprechen — ſie lebt, ſie athmet, ſie hat Kopf, Haͤnd' und Fuͤße; ſie ſchreit ſo laut wie jede andere. Was fehlt ihr? denken wir. Alles iſt da, was von jeher noͤthig war,. und erfuͤllen muß ſie, was wir ihr zugedacht. Aber ſie waͤchſt jetzt aus der kleinen Wiege unſerer Stirn, ——— —— worin wir ſie ſchaukelten, heraus; ſie wird jetzt ſo groß, daß wir ſie nicht laͤnger bergen koͤnnen. Das iſt uns zu Anfang ganz recht; wir wollen, daß ſie ſich entwickelt, wachſend vor uns ſtellt; wir rufen die herbei, welche mit uns der Geburt begierig harrten, ſich nach ihrem Wachsthum ſehnten— und jetzt warten wir nur ab, daß ihre Fuͤße aus dem Schwanken heraus zum feſten Gehen uͤbertreten ſollen. Auch hierzu foͤrdern, ebnen wir den Weg und entfernen alle Hinderniſſe! Aber, Freund! wie oft uͤberraſcht uns dann der Lauf, der nun beginnt! Wo bleibt die Bahn, die wir angewieſen— wo bleibt im raſchen Laufe die Kleidung, die wir ihr paſſend hielten? Bald hier bald da blieb ſie ſich uͤber⸗ rennend haͤngen; hier fiel dies, dort jenes von ihr ab. Wir wollen nach, ſie lenken, einfangen, ſie zuruͤck fuh⸗ ren; wir jagen hinterher und erſtaunen, daß die Zeit indeß den Weg veraͤndert hatz wir wollen ſie nun wieder einholen, ſie anders lenken, aber— welch'Gluͤck, wenn es noch in unſere Macht gegeben iſt; wenn nicht waͤhrend des eigenmaͤchtigen Laufes ſich unſere Herrſchaft uber ſie verloren hat und wir ſie ſchon ſo geſtaltet ſehn, ehe wir ſie erreichen, daß wir erroͤthend zuruͤcktreten und ſagen duͤrfen: wir erkennen Dich nicht mehr, wir haben Anderes gewollt!— Es thut nicht gut, in blinder Liebe das Eine feſthalten und vergeſſen, wie der Boden ſich Thomas Thyrnau U. 3te Aufl. 11 indeß umgeſtaltet, auf den wir ſein Daſein berechneten! Verzeih' das lange Gleichniß! Es trifft zu. Als wir das Kind noch in unſerer Stirn ſchaukelten, war es ein Engelsbild, und wir glaubten an ſeine Fluͤgel. Als es aus uns heraustrat und mit dem Leben in Beruͤhrung kam, da erkannten wir es nicht nicht wieder, und ganz mußte es zur Ruhe verwieſen werden, als Maria The⸗ reſia, dieſe wahre Selbſtbeherrſcherin, den Thron beſtieg. Da ward ſie die Idee, fur die wir geſchwaͤrmt, und wir ſtanden auf ihrer Seite!“ „O Thyrnau! wenn ſie Dich kennte!“ rief der Prinz. „Laß das. Es iſt zu ſpaͤt. Wenn ſie mich kennen lernt, wird ſie mich nur kennen lernen, um mich zu verdammen— aber auch dafuͤr werde ich ſie lieben! Bleibt mir nur Zeit, ihr das Engelskind zu zeigen, was einſt hier ſchaukelte, behalt' ich nur Zeit, ihr zu ſagen, ich hab' es ſpäter, als es verwandelt aus mir heraustrat, nicht anerkannt— dann ſoll es ein ſchoͤner Lebensabend ſein! In dieſer Kaiſerin Stirn liegt Zundſtoff aufge⸗ haͤuft, das Reinigungsfeuer fuͤr die Welt anzufachen, und ich will ihr meine kuͤhnen Jugendpläͤne nicht unter⸗ ſchlagen, weil dieſe Entwuͤrfe mich durch ihre Ausfuͤh⸗ rung ſtrafbar gemacht haben wuͤrden; ſie werde die Traͤgerin dieſer Gedanken! Zwiſchen zwei Generationen ſteht ſie mitten inne; ſie hat die Erfahrungen der ſchwin⸗ denden in ihrem Gedaͤchtniß eingegrabenz ſie gehoͤrt der S S werdenden mit jedem Gefuhl ihrer hochherzigen Bruſt, mit jedem Gedanken ihres beſchwingten Geiſtes! Klein ſieht ſie das Kleinliche und ſpielt mit dem lieblichen Spott der ewigen Jugend, den die Gottheit ihren Lieb⸗ lingen erhaͤlt, mit den leiſe vor ihr ausgebreiteten Netzen und uͤberſpringt ſie plotzlich und laͤßt ſie am Boden ver⸗ faulen, kaum ihr Daſein annehmend. Und druͤber weg ſchreitet ihr geharniſchter Fuß, den nichts aufhaͤlt, und mit Siegerblicken ſchaut ſie freudig der Zeit in die Augen und ruft ihr zu:„Komm mit mir! Du biſt mir recht in allen Deinen Erſcheinungen, denn ich bin Dir gewachſen!“ Was koͤnnen Beide vereint nicht erreichen! — Sie fuͤhlt Athem genug in der hohen Bruſt, um jener Schritt zu halten— und was ſie hervorruft, wird ſie kraͤftig faſſen und wird es fuͤr ihr Eigenthum er⸗ klaͤren!“ Der Prinz blickte in das Angeſicht des Greiſes, der ſtille ſtehend und die Augen in die Luft gerichtet ſprach, als ſähe er den Triumphzug der Zeit an der Seite der 1 Monarchin!— Er hatte vergeſſen, wo er war— 3 uͤberhaupt, daß er ſprach. 5„Juͤngling,“ rief der Prinz,„ewiger Juͤngling!“ Thomas ſenkte den Blick auf ihn nieder; man ſah, 3 er ſammelte ſich. Es trat, als er ſich wieder fand, ein 1 . 3 ₰ 6 5 * Anflug von Verlegenheit, von Beſchaͤmung in ihm her⸗ vor. Er war ſich ſelbſt zu ſehr hingeriſſen worden— er wollte dem Manne, dem Greiſe dieſen ſchwaͤrmeri⸗ ſchen Ausbruch nicht geſtatten. Schweigend ging er neben dem Prinzen her, den Kopf geſenkt, die Haͤnde gekreuzt auf dem Ruͤcken. Der Prinz fuͤhlte das und ſuchte ihn abzulenken:„Glaubſt Du, daß mein Vater meine Anweſenheit in Boͤhmen kennt?“ fragte er ihn im Weiterwandeln. „Du darfſt nicht zweifeln, und ich erſtaune, daß Ihr Euch entginget; denn er nahm ſeinen Weg uͤber Prag und hatte ein Gefolge bei ſich, was nicht leicht uͤberſehen wird.“ „Es erklaͤrt mir Manches und— ich will wuͤnſchen, daß wir nicht mehr entdecken, als uns lieb iſt! Ich hatte nur vier meiner Leute bei mir; Einer machte mir die Meldung, daß er von einem Unbekannten uͤber alle Einzelheiten meiner Reiſe in's Verhoͤr genommen ward. Der ehrliche Burſche wußte ſelbſt wenig zu verrathen und iſt lange genug in meinem Dienſt, um neugieriges Ausforſchen abzuweiſen. Dennoch behauptet er, daß wir auf unſerm Wege beobachtet wurden.“ Thomas Thyrnau blieb ſtehn— und beide Maͤnner blickten ſich mit aufgeregten fragenden Augen an.„Waͤr' es moͤglich?“ rief Thyrnau.— — 165 Der Prinz zuckte die Achſeln.„Es waͤre nur der zu erwartende Fortſchritt auf der laͤngſt betretenen Bahn!“ Thomas Thyrnau ſchauderte zuſammen.„Ich weiß,“ fuhr der Prinz fort,—„daß er von den Maje⸗ ſtaͤten großes Unrecht bekommenz; ich habe dagegen eine Stellung erhalten, die von der unveraͤnderten Geſinnung der hohen Herrſchaften zeugt.“ „Es iſt genug!“ rief Thyrnau—„wir muͤſſen vor⸗ ſichtig ſein. Alle Gefangene, die noch gemacht werden koͤnnten, muͤſſen erſt vor uns gefuͤhrt werden.“ „Und ich,“ ſagte der Prinz—„werde einen zwei⸗ ten Befehl nach Prag ſchicken, der den erſten wider⸗ ruft; wir haben die Sache nicht mehr in unſerer Hand, wenn die Behoͤrden von dort aus ſich hinein miſchen.“ Beide Maͤnner nahmen in dieſer Abſicht den Ruͤck⸗ weg nach dem Dohlenneſt, von dem ſie ſich im Eifer der Unterredung ziemlich weit entfernt hatten. Als Tho⸗ mas Thyrnau aber einen Richtweg durch kleines Unter⸗ holz einſchlug, bemerkten ſie mit einem Male eine menſchliche Geſtalt, welche auf dem Leibe liegend faſt das Anſehn eines Todten hatte. Beide Männer eilten raſch darauf zu; ehe ſie ihr aber ganz nahe waren, be⸗ kam ſie Leben, und beim Aufſpringen und Davonlaufen erkannten ſie Bezo. „Ha!“ rief der Advokat ſtehen bleibend—„er lag —— auf der Lauer! Faſt wollte ich wetten, der Feind iſt noch in der Naͤhe! Wenn dies ungluͤckliche Geſchoͤpf im Stande waͤre, ſeine Wahrnehmungen auszudruͤcken, wuͤrden wir erſtaunenswerthe Erfolge von ſeiner inſtinkt⸗ artigen Beobachtungsgabe hoͤren. Doch ſo werden wir ſchwerlich etwas von ihm erfahren; wir koͤnnen nur ſchließen, daß, wo er auf der Lauer liegt, etwas vor⸗ geht.“ „Ich bin nicht begierig, zu finden,“ ſagte der Prinz ſchmerzlich laͤchelnd—„laſſ' uns unſern Weg ver⸗ folgen.“ Doch einige Schritte weiter gegangen, ſahen ſie den Foͤrſter mit einem ſeiner Gehilfen Bezo zuruͤck fuͤhren und denſelben Weg einſchlagen, den dieſer ſo eben ver⸗ laſſen. Der Foͤrſter naͤherte ſich ſogleich den beiden Herrn und zeigte ihnen an, daß ſie Urſach haͤtten zu glau⸗ ben, daß ſich hier eine verdaͤchtige Perſon aufhalte, da Bezo dieſen Theil des Waldes nicht verlaſſen wolle. „So wollen wir Euch noch einige Diener zur Um⸗ ſtellung der Ausgaͤnge ſenden,“ ſagte der Prinz lebhaft —„und wen Ihr findet, ſorgt dafuͤr, daß er augen⸗ blicklich nach dem Dorfgefaͤngniß gebracht wird, ohne daß erſt ein unzeitiges Verhoͤr erfolgt, bis Ihr uns Anzeige davon gemacht habt.“ Der Prinz entfernte ſich raſch nach dieſen Worten 167 und Thomas Thyrnau folgte ihm nach einigem Nach⸗ denken, obwol es ſeinem lebhaften Geiſte vielleicht zu⸗ ſagender geweſen waͤre, im Walde ſelbſt anordnend ge⸗ genwaͤrtig zu bleiben. Doch ſchien es faſt, Bezo's Inſtinkt, dem Alle ge⸗ neigt waren zu vertrauen, habe ihn irre gefuͤhrt; denn bei der ſorgfaͤltigſten Nachforſchung fanden ſich nur die Spuren von zerbrochenen Zweigen und zertretenem Graſe, aber kein menſchliches Weſen mehr, und ſo glaubten die Suchenden, daß Bezo's Witterung die vor⸗ handenen Spuren entdeckt und deshalb hartnaͤckig auf der einen Stelle verblieben ſei. Man uͤber i ihn da⸗ her ſich ſelbſt und hatte ſich ſchon ziemlich weit entfernt, als ein fuͤrchterliches Angſtgeſchrei in die Ohren der Suchenden drang und ſie ſchnell nach der eben verlaſſe— nen Gegend zuruͤck trieb. Bezo's Geſchrei, denn als ſolches erkannten ſie es bald, ſchien aus den Luͤften zu dringen, und bald merkte der erfahrene Foͤrſter, daß es aus dem Wipfel eines Baumes kam. Schnell war der Platz erreicht und ſie ſahen Bezo perpendikulaͤr zwiſchen den Zweigen einer maͤchtigen Ulme herunter haͤngen, waͤhrend Fuͤße und Arme an ihm niederhingen, ſo daß es im erſten Augenbl lick, da wegen des dicken Laubes keine genaue Anſicht moͤglich war, ganz unbegreiflich ſchien, wie er ſich in dieſer Lage ohne allen Dienſt von 168 Armen und Beinen erhalten konnte. Als der Foͤrſter ſich jedoch, einen andern Zuſammenhang annehmend, nach dem Stamm des Baumes ſchlich, ſah er, daß Bezo am Kragen ſeines Wamſes von einer maͤchtigen Fauſt in der Luft ſchwebend gehalten ward, und daß ein zweiter dunk⸗ ler Koͤrper in der hohen Krone des Baumes dies bewerk⸗ ſtelligte. Bezo's Lage rechtfertigte ſein Angſtgeſchrei; denn ließ die Fauſt los, die ihn doch wahrſcheilich nicht aus Wohlwollen in dieſer Schwebe erhielt, ſo ſtuͤrzte der arme Knabe von der betraͤchtlichen Hoͤhe auf ein knorri⸗ ges Wurzelgeflecht herab und konnte das Genick brechen oder doch ganz zerſchlagen werden. Es war keine Zeit zu verlieren; der Foͤrſter machte ſeinen jetzt ſich ſammeln⸗ den Gehilfen ſchnell ſeine Meinung kund, und indem ſie ſich dicht zuſammengedraͤngt unter Bezo's ſchweben⸗ der Geſtalt vereinigten, forderten ſie den Feind auf, ſich zu ergeben. Es erfolgte lange keine Antwort; aber das Geſchrei des Ungluͤcklichen verwandelte ſich jetzt in ein ſchmerzhaft ſtoͤhnendes Roͤcheln, und Alle fuͤrchteten, der arme Knabe werde erdroſſelt. Augenblicklich richtete der Forſter ſeine Flinte auf den fremden Koͤrper und rief hinauf, daß er ſchießen wurde, wenn er dem But⸗ ſchen ein Leid thaͤte. Kaum war das geſagt, ſo ſtuͤrzte Bezo von Oben herunter, wurde aber von den Jaͤger⸗ burſchen aufgefangen, die den faſt entſeelten Koͤrper, der blau und roth im entſtellten Geſicht kaum noch einem Lebenden glich, vor dem Zerſchellen behuͤteten. Dennoch durften ſie dem armen Hilfebeduͤrftigen noch keine Auf⸗ merkſamkeit ſchenken, denn mit der groͤßten Kraft und Gewandtheit ließ ſich jetzt eine maͤnnliche Geſtalt pfeil⸗ ſchnell von der entgegengeſetzten Seite des Baumes her⸗ unter und wollte die augenblickliche Storung, die das Herabfallen des Burſchen verurſacht hatte, benutzen, um das Dickicht des Waldes zu erreichen. Doch war dies ein zu verzweifeltes Unternehmen, ſo gewandten und mit dem Wald ſo vertrauten Burſchen gegenuͤber, und es ſchien auch, der Fluchtling ſelbſt gaͤbe ſich verloren, denn bald eingeholt, verſuchte er keine Gegenwehr mehr und ließ ſich feſthalten und zuruͤckfuͤhren. „Beſtien!“ ſagte er, wild um ſich blickend— „haͤtte ich noch eine Kugel in meiner Flinte gehabt und ein Paar Koͤrner Pulver, ihr Alle hättet das Nach⸗ pfeifen gehabt, aber ſicher mich nicht ergriffen. Das elende Gewuͤrm!“ rief er jetzt und ſtieß verächtlich an Bezo's Körper, der noch bewußtlos am Boden lag.— „Was fuͤr eine hoͤlliſche Katze habt Ihr denn auf mich abgerichtet? Das Thier kletterte bis in den Wipfel, um mich heraus zu holen.“ Niemand antwortete ihm. Selbſt die beiden Bur⸗ ſchen, die ihn hielten, blickten auf Bezo und dachten nur des armen Knaben, mit welchem der Foͤrſter und die Andern ſich liebevoll beſchaͤftigten. „Todt iſt er Gottlob nicht!“ ſagte endlich der Er⸗ ſtere—„nehmt ihn abwechſelnd auf die Schultern und tragt ihn nach dem Dohlenneſt; hier kann er keine Hilfe bekommen! Ha! Du tuͤckiſcher Geſell,“ rief er dann heftig dem Arreſtanten zu—„Dir ſoll es ſchlimm gehn, wenn der arme Menſch ſtirbt!“ „Iſt das ein Menſch?“ rief hoͤhniſch lachend der Andere—„Nun dafur haͤlt ihn Keiner, der ihn zuerſt ſieht. Ich dachte, Eure Waͤlder bruͤteten Affen und Meerkatzen aus, wie das Gewuͤrm den Stamm herauf lief, als haͤtte es Klauen an den Pfoten!“ „Fort,“ ſagte der Forſter und ſtieß ihn vorwaͤrts— „und vergiß nicht, daß wir Kugeln in den Buͤchſen haben.“ „Jetzt will ich mit Euch gehn!“ erwiderte der Andere—„ſonſt ſollten mich Eure Drohungen nicht jagen!“ Sie ſchlugen den Dorfweg ein, und waͤhrend Zwei der Jaͤger Bezo nach dem Dohlenneſt trugen und die Meldung von dem Auffinden des muthmaßlichen Moͤr⸗ ders machten, ward dieſer in das Gefaͤngniß des Dor⸗ fes abgeliefert, und nachdem er wohl verſchloſſen wor⸗ „„ ——————— — — 17¹ den, bewachten zwei dazu vom Schulzen befehligte Bur⸗ ſche, mit Musketen bewaffnet, die ſtarke Thuͤr. Man erwartete aber, zum Erſtaunen des verſam⸗ melten Dorfgerichts, vergeblich den ſonſt ſo ſchnell ein⸗ ſchreitenden Herrn Thomas Thyrnau, und ſchon wollte man bei einbrechender Nacht auseinander gehn, als der Advokat an der Seite eines andern Herrn, deſſen tiefer Hut ihn der Beobachtung entzog, in die Wohnung des Schulzen trat. Mit Schaͤrfe und Genauigkeit that er ſogleich die noͤthigen Fragen, beſtimmte dann am fruͤhen Morgen das eigentliche Verhoͤr, forderte dem Schul⸗ zen die Schluͤſſel zum Gefaͤngniß ab, was ein wohlver⸗ wahrtes maſſives Gemach neben dem Gerichtszimmer war, und entließ die ſchon uͤber die Zeit hinaus wach gebliebenen Landleute. Als beide Maͤnner allein waren, nahm der Prinz, der den Advokaten begleitet hatte, ihm die Schluſſel aus der Hand:„Laß mich allein zu dem Gefangenen gehen — Du nicht— ich bitte Dich, Du nicht.“ Der Advokat zoͤgerte.„Wenn wir uns nicht ir⸗ ren— ſo iſt es nicht ohne Gefahr fuͤr Dich!“ ſagte er endlich. Der Prinz läͤchelte.„Phyſiſch habe ich Kraft ge⸗ nug, dem Feind zu begegnen! Laß mich— ſchone mich!“ 5 172 Thomas Thyrnau trat zuruͤck; der Prinz nahm die Schluͤſſel.„Auf dem Dorfwege finde ich Dich!“ ſagte er. Der Advokat nickte und verließ das Haus. Der Prinz ging durch das Gerichtszimmer nach einem kleinen Gange, der nach der Hofſeite offen war, in welchem die Thuͤr zu dem Gefaͤngniſſe lag. Er fand hier zwei handfeſte Burſche des Dorfes mit ihren Buͤch⸗ ſen auf und nieder wandelnd, und ſie vertraten ihm mannhaft den Weg, bis der Prinz ihnen die Schluͤſſel zeigte und damit ihre Bedenklichkeiten beſiegte. Der Prinz trat in das kleine gewoͤlbte Gemach, wo⸗ rin eine Lampe ihn den Gefangenen erkennen ließ und verſchloß die Thuͤren hinter ſich. Die Burſche waren uͤber den ſpaͤten Beſucher, in welchem ſie den vornehmen Gaſt aus dem Dohlenneſt erkannt, nicht wenig verwundert und zogen ſich ehrerbie⸗ tig bis vor den Eingang nach dem Hofe zuruͤck. Doch ward ihre Verwunderung noch geſteigert durch die lange Dauer des Beſuchs. Endlich klirrten die Schloͤſſer; es waͤhrte lang, ehe der Heraustretende mit Auf⸗ und Zu⸗ ſchließen fertig ward, dann trat der ſchoͤne, leutſelige Herr zu den Burſchen und uͤbergab ihnen den Schluͤſ⸗ ſel.„Habt Ihr die Nachtwache, meine ehrlichen Leute?“ redete ſie der Prinz an. „Ja, Euer Gnaden,“ antwortete der Eine—„wir 173 Beide bleiben die Nacht hier, obwol es immer ſchwer wird, wenn der Tag ſeine Laſt hatte— was bei der Heuernte ſchon vorkommt.“ „So gehe Einer von Euch in's Dorf und hole fur Euch Beide ein Paar Flaſchen Wein. Das hilft die Nacht verkuͤrzen.“ Die Burſchen griffen erfreut nach dem dargereichten Gelde, und der Prinz verließ ſie. Als er auf den Dorfweg trat, ſah er Thomas Thyr⸗ nau vor ſich herwandeln und ſich die Haͤnde reiben, was er bei Veranlaſſung erregter Ungeduld zu thun pflegte.„Ach,“ ſagte er, ſichtlich erleichtert, als er den Prinzen ſah—„das war ein langes Verhor, mein Lieber!“ „Verzeih!“ ſagte der Prinz ſanft und mit erſchoͤpf⸗ ter Stimme—„es ging nicht anders. Doch laſſ' uns zuruͤckkehren, ich habe Ruhe noͤthig.“ Als ſie das Dohlenneſt etreicht hatten und der Schein der Kerzen auf den Prinzen fiel, zweifelte Thomas Thyrnau nicht laͤnger, daß ſein Gaſt der Ruhe bedurfe, denn ſein Geſicht war ungewoͤhnlich blaß und er ſah tief traurig und erſchuͤttert aus. Beide druͤckten ſich ſtumm die Haͤnde und der Abend war fuͤr die Geſelligkeit der Hausbewohner geſchloſſen. Der friſche Morgen, der nach und nach alle Be⸗ wohner des Dohlenneſtes unter den ſchattigen Baͤu⸗ men vor der Hausthuͤr verſammelte, brachte manche troͤſtliche Nachrichten, die vorzuͤglich von Hieronymus ausgingen, der ſowol uͤber den Grafen von Lacy wie uͤber Bezo die beſten Berichte abſtattete. Der Prinz kuͤndigte dagegen ſeine Ruͤckkehr nach Prag an und ſuchte zu beobachten, in welchem Grade der Theilnahme er hoffen koͤnne in Magda's Andenken zuruͤckzubleiben. Ihre dunklen Augen pruͤften ihn mit dem eigenthuͤmli⸗ chen Blitzen ſchalkhafter Lebendigkeit, und ſie reichte ihm gern die ſchlanke Hand, und jede Miene zeigte,. daß ſie ſeinen Worten nicht abhold blieb; aber ſchon war ſie Maͤdchen genug, um ihn uͤber ihre Geſinnungen in Zweifel zu laſſen.. Als die Pferde vorgefuhrt wurden, ſah man eine Gruppe Bauern uͤber den Dorfweg kommen und ſich dem Dohlenneſte nahen. Thyrnau ging ihnen enige⸗ gen und man ſah aus der Ferne, daß es ein haſtiges Geſpraͤch vieler verworren unter einander Kaͤmpfender war, unter denen der Advokat ſich endlich mit ein Pagr entſchiedenen Worten Bahn machte. Jetzt erſt redeten* Einzelne, und bald darauf entließ ſie Thomas Thyrnau . 175 mit einem kurzen Beſcheid, dem ſie ohne Gegenrede folg⸗ ten und ſich nun ſtill des Weges zuruͤckzogen, den ſie gekommen waren. Der Advokat trat jetzt zuruckkehrend auf den Prin⸗ zen zu, der ſich mit Magda und Hieronymus unterhielt. „Euer Durchlaucht habe ich die Pflicht zu melden, daß der Arreſtant, der geſtern Abend des beabſichtigten Mor⸗ des verdaͤchtig in dem Dorfgefaͤngniß wohlverwahrt ward, in der Nacht Mittel und Wege gefunden hat, zu entkommen.“ Thomas Thyrnau verbeugte ſich dabei vor dem Prinzen, und die Feierlichkeit ſeines Weſens hatte ei⸗ nen unverkennbaren Karakter von Ironie. Der Prinz wußte offenbar nicht die rechte Haltung zu treffen, ver⸗ beugte ſich ebenfalls und vermied die großen feurigen Augen des he waͤhrend er einige unbedeutende Worte erwiderte.„Wir koͤnnten jetzt immer noch den Arreſtanten verfolgen laſſen,“— führ der Advokat fort— „Wozu das?“ rief der Prinz haſtig—„er wird gewiß die Grenze ſuchen und wir haben ſchwerlich wei⸗ tere Belaͤſtigungen von ihm zu fuͤrchten. Wenn Euer Durchlaucht ſo meinen,“ entgegnete der Fere,„ſo werde ich fuͤr diesmal der Entſcheidun 8 folgen.“ 176 Raſch umarmte jetzt der Prinz den Advokaten und Beide blickten ſich dann einen Augenblick ernſt und pru⸗ fend in die Augen. Sie mußten ſich viel mit dieſem Blick geſagt haben, denn Beide konnten ihre Bewegung nicht unterdruͤcken. Der Prinz nahm fluͤchtig Abſchied und ſchnell ſah man ihn an der Spitze ſeiner Diener uͤber den Wieſengrund davon jagen. Jetzt folgte im Dohlenneſt eine von den unangeneh⸗ men Zeiten, wo man durch ein bedeutendes Ereigniß aus dem gewoͤhnlichen Gange der Tage getrieben iſt, und welches doch ſtatt der geſtoͤrten Ordnung unſere Thaͤtigkeit nicht genug in Anſpruch nimmt, um uns zur Zerſtreuung zu dienen. Magda fuͤhlte die unſichtbare Naͤhe des Grafen Lacy, von dem Hieronymus noch im⸗ mer unbewegliche Ruhe forderte, als lage der Alp auf ihr, und wenn ſie von ihrem eignen gedruͤckten Zuſtand aufſah, in der Hoffnung, bei ihrem Großvater Erhebung zu finden, ſah ſie leicht ein, daß auch er in etwas ſeine heitere Ruhe eingebußt hatte, und ſelbſt mit ihr nach⸗ denklicher war, und auch ſeine ſonſt neckende Zaͤrtlichkeit einen ernſteren weicheren Karakter hatte.*. Es war daher eine wohlthaͤtige Erſchoͤtterung fuͤr Alle, als Hieronymus eines Tages erklaͤrte, er werde zu Mittag den Kranken herunter und in die Luft fuhren. Magda waͤre freilich am liebſten in ihrem Thurm zwi⸗ ——— 177 ſchen den Baumwipfeln ſitzen geblieben; aber ihr ſtolzer Sinn haderte ſo lang mit ihrem verzagten Herzen, daß ſie ſich endlich uͤberwand und muthig zur ſelben Stunde hinunter ſtieg. Hinter der Holzwand, in dem tiefen Fenſter, halb von dem Vorhange geſchuͤtzt, horte ſie, wie Thomas Thyrnau und Hieronymus den Kranken die Treppe hin⸗ unter fuhrten, und ſie unterſchied alle Stimmen. Sie naͤherten ſich dem Eftiſch, an welchem man ſogleich Platz nehmen wollte, und jetzt hoͤrte ſie deutlich, wie der Kranke klagte, daß ihm das Gehen ſchwerer werde, als er erwartet habe. Sie horchte hoch auf und bog ſich aufſtehend vor— da ſtanden ſie alle Drei am Ende des Eßtiſches ihr gegenuber. „Ach!“ rief der Kranke—„das iſt Eure Enkelin. Die Nymphe des See's!“ „Es iſt Magda,“ ſagte Thyrnau—„und hier, liebes Maͤdchen, ſiehſt Du den Neffen Deines beſten Freundes, den Grafen von Lacy.“ Magdablieb unbeweglich ohne Gruß und Entgegnung ſtehn; nur ihre leuchtenden Augen durchbohrten faſt den Kranken.— Dieſer war indeſſen um den Tiſch herum ihr näher getretenz er wollte ihre Hand ergreifen, aber Magda zog ſie raſch fort und fagte zuruͤcktretend:„Nein! nein! zum Faſtnachtsſpiel iſt Magda zu gut!“ Thomas Thyrnau M. zte Aufl. 12 178 Thomas Thyrnau erlebte, was er gefuͤrchtet hatte. Er ſah, Magda habe ſich ihn anders gedacht und wollte ihn jetzt nicht anerkennen. Er lachte daher lauter als die Veranlaſſung forderte, bemuͤht, die verlegene Scene zum Scherz auszulegen.„Da haben Sie ein Proͤbchen von dem kleinen Trotzkopf und meiner guten Erziehung. Nun ſehen Sie zu, wie Sie mit ihr fer⸗ tig werden, denn ich bekomme ſelbſt gelegentlich Schelte von ihr.“ Magda ſah ihren Großvater forſchend an. Heute konnte ſie nicht in ſeiner Seele leſen; ſie verſtand ihn nicht; aber ſie glaubte, es ſei Alles auf Scherz abge⸗ ſehen, und ploͤtzlich fuͤhlte ſie, es ſei ja nun gar keine Veranlaſſung zum Ernſt; ihr fiel ein Stein vom Herzen und ſie beſchloß, auf den Scherz einzugehen und ſie Alle zu necken, da ſie annahm, dies habe man eben mit ihr vor. So lachte ſie ſchneller, als der Großvater gehofft, und dem Grafen die Hand rei⸗ chend rief ſie:„Jetzt will ich zeigen, daß mich der Großvater verleumdet! Mein Herr Graf von Lach, Ihr ſollt ein Muſter von guter Erziehung in mir ken⸗ nen lernen.“ Sie war wunderſchoͤn in dieſem Augenblick. Es lag ein Glanz von Muthwillen und Spott auf ihren Zuͤgen, wohinter noch ein geheimes Feuer lauſchte, das 179 wie Zorn und Wildheit gluͤhte. Thomas Thyrnau ver⸗ ſtand ſie auch nicht;z aber es war ihm ſchon recht, daß ſie ſo lebhaft angeregt war, ſo im vollen Beſitz ihrer Geiſtes⸗ kraft, er durfte ihrer ſcharfen Beobachtung vertrauen. So nahm man Platz und die Erregung der drei Hauptperſonen verfehlte nicht, dem Zuſammenſein Reiz und Leben zu geben. Das Beſtreben des Gaſtes, Magda in die Unterhaltung zu ziehen, gluͤckte ihm ſehr bald, denn das Maͤdchen war wie geſtachelt von Muth⸗ willen. Nur ſagte der Advokat zuweilen in ſich hinein: „Sie iſt ſo keck und wegwerfend luſtig! das iſt nicht die Stimmung, in der ein Madchen anfaͤngt, ſich zu verlieben!“ „Und wenn Krieg wird, bleibe ich gerade hier,“ fuhr Magda im Geſpraͤch fort.—„ Erſtlich fuͤrchte ich mich nicht— zweitens will ich Ordnung halten— dann ſollen ſich alle Frauen in Tein bewaffnen und ich will ſie anfuͤhren— und dann vertheidigen wir das Dorf.“ „Heil'ger Gott!“ entgegnete ihr junger Anbeter— „ich glaube, liebe Magda, Sie koͤnnen Alles, was Sie wollen! Doch warum nicht lieber Verwundete pflegen, Kranke aufnehmen— der Krieg verheert in allen Geſtalten.“ „Erſt will ich, ſo viel ich kann, verhuͤten, daß ſie 12* 180 mir den Heerd zerſtoren, an welchem ich pflegen und warten ſoll.“ „Nun ſo nehmen Sie mich als den Vertheidiger Ihres Heerdes an und pflegen Sie daheim, waͤhrend ich das Dach beſchutze, unter welchem Sie athmen.“ „Ihr— daheim? Wenn meine ſchoͤne Kaiſerin ihre Unterthanen ruft— wenn Alle herbeiſtuͤrzen— das ganze Volk ein wehrhafter Mann wird— vor dem der Feind ſich beugt? Seid Ihr ein Lach?“ rief ſie ſich vorbeugend und ihre blitzenden Augen ihm auf⸗ noͤthigend.—„Geht! geht! Ihr habt den Namen ge⸗ borgt— das iſt nicht der Lacy Art, daß ſie bei dem Gedanken an Krieg und Waffen nur an Vertheidigung des Heerdes denken, damit ein einfaͤltig Maͤdchen ruhig daheim ſeine Spitzen klöpfeln kann.“ Der junge Mann lachte unter gluͤhendem Erroͤthen. „Denken Sie, daß Sie einen in jeder Beziehung Wun⸗ den und Beſiegten vor ſich haben! Denken Sie deshalb nicht gleich ſchlechter von mir, weil der Heerd, wo ich Sie ſchuͤtzen koͤnnte, mir theurer waͤre als aller Ruhm und alle Heldenthaten der Erde. Jedes Gefuhl hat ſeine Zeit und in ihr ſein Recht! Jetzt iſt meine ſchoͤnſte ſeligſte Zeit, denn ich will nichts als Sie lieben, be⸗ wundern und anbeten.“ „Vielleicht durft Ihr das eben ſo wenig ſagen, als ℳ ihei 181 ich anhoͤren— und da Alles ſeine Zeit hat— ſo iſt jetzt meine Zeit, daß ich's nicht leiden will. Was meinſt Du, Großvater, was der ſel'ge Graf von Lacy dazu ſagen wuͤrde, wenn ich dem jungen Herrn hier zuhoͤrte?“ „Nun,“ ſagte der Alte lachend, aber aufmerkſam dem Verfahren des Maͤdchens zuſehend—„er wuͤrde, denke ich, wie ſo oft, Dich in Deiner kecken Weiſe ge⸗ waͤhren laſſen und zugeben, daß Du Dich allein zum Verſtaͤndniß mit Dir ſelbſt durchfuͤhlteſt.“ „Das denke ich auch,“ antwortete ſie lebhaft— „Maͤdchen! wuͤrde er ſagen— Du haſt lange genug mit Lacy's gelebt, um ihre Art und Weiſe zu kennen. Jetzt pruͤfe und finde heraus, ob der vor Dir von aͤchter Art iſt!“ So blind die auflodernde Liebe den jungen Mann auch fuͤr Magda's Unarten machte, ſichtlich ſchienen ihn dieſe letzten Worte zu verletzen. Er ſah von ihr weg auf den Advokaten hin und traf hier auf eben ſo ſchlau prufende Blicke, ſo daß dieſe den Eindruck von Magda's Worten noch verſtärkten. „Wuͤrde er nicht ſagen,“ rief er bewegt:„kraͤnke kein Herz, was Dir in Liebe naht? Hoͤher als den Stamm und den Glanz aller Geſchlechter laß Dir ein Herz gelten, dem Du vertrauen kannſt— das von al⸗ 182 len Rechten und Vertraͤgen nichts kennt und weiß— das ein Herz ſucht— um ein Herz wirbt.“ Magda hoͤrte erſtaunt zuz ſie ſenkte endlich verlegen den Blick und erroͤthete. Das war kein Scherz, was die Stimme des jungen Mannes beben ließ und die Worte ſo wahr und gemuthlich hervorrief. Einen Au⸗ genblick ward ſie unſicher, was den Zauber maͤdchen⸗ hafter Schuͤchternheit uͤber ihr Geſicht goß, und dieſer hatte ihr noch bis jetzt gefehlt, und er kam nur hinzu, um die Niederlage des jungen Mannes zu vollenden. Wie ſchnell ſind Maͤnner verſoͤhnt, wenn ſie ein Herz gewinnen wollen! Nur wenn ſie es endlich beſitzen, pruͤfen Sie, wie viel Sie daran gewendet. „O, zuͤrnen Sie nicht meinem ſchwerfaͤlligen Ernſt!“ fuhr er ſogleich fort—„wie ſehr bin ich zu tadeln, daß ich den Scherz von dieſer kindlichen Stirn verſcheucht habe! O laͤcheln Sie wieder, holde Magda! Ich unterwerfe mich Ihrer Pruͤfung und wenn Sie auch dann Keinen wurdig des Namens Lach gefunden, ſo wird doch noch Manches uͤbrig bleiben, was den Frie⸗ den wieder unter uns vermittelt.“ „Halt! halt!“ rief Thomas Thyrnau,„dies Tiſch⸗ geſpraͤch wird fur unſere alten Ohren zu ruͤhrend! Jun⸗ ges Volk, vergeßt nicht, daß wir an Eurem Geſchwaͤtz unſern Antheil wollen. Hieronymus, laß einen Augen⸗ —————— 183 blick Deine Wachteln in Ruhe und hilf mir die Unter⸗ haltung aus dem tiefen Gleiſe der Empfindſamkeit wie⸗ der herausheben!“ „Du fuͤrchteſt heute ſehr den Ernſt, Großvater!“ ſagte Magda, zu ihrer alten Stimmung zuruͤckkehrend, „und da Du drauf ausgehſt, meine Laune zu pruͤfen, ſo ſoll ſie Dich auch nicht taͤuſchen, obwol Du mir mehr Scherzluſt als Verſtand zutrauſt— und dafuͤr werde ich mich ſchon gelegentlich raͤchen.“ So fuhr man fort zu ſcherzen und zu necken, doch blieb es ſichtlich, daß der junge Mann beſtrebt war, aus dieſer Bahn zu dem Ernſte einzulenken, der wenigſtens ⸗ zu Anfang einer entſtehenden Neigung den Maͤnnern ſo natuͤrlich iſt. Magda aber ſchien, ſobald ſie den Verſuch merkte, dadurch zu einem Uebermuth gereizt zu werden, der fat in ſeiner Heftigkeit etwas Zorniges hatte. Thomas Thymau mochte deshalb nicht, wie es ſonſt ſeine Art war, die Tiſchzeit verlaͤngern und als er die Tafel aufhob, chien auch Magda von einer großen Laſt befreit und ſchnell von Allen ſich losmachend, ſuchte ſie ihren Thurm zu erreichen. Kaum aber hatee ſie die Thuͤr ſicher verwahrt, als ſie in ein maßloſes Weinen ausbrach und ſich in dem Gefuͤhl einer erlebten unausſprechlichen Kraͤnkung auf — 184 ihre Knie warf und ihr gluͤhendes Geſicht in die Polſter ihres Bettes draͤngte. Hier brachte ſie den Reſt des Tages zu. Trotz der Thraͤnen, die ihr erleichternd ent⸗ floſſen, ſchien doch das Herz ſeine Laſt zu behalten, und die noch wenige Stunden vorher ſo hoffnungsvolle gluͤck⸗ liche Magda ſuchte waͤhrend dieſer fieberhaften Qualen mit dem Leben abzuſchließen und große hochherzige ſtolze Beſchluͤſſe von ſich zu erringen. Gundula ward von der verſchloſſenen Thuͤr weggeſchickt und als die Sterne endlich das dunkle Zimmer erhellten, eilte Magda auf die Platform ihres Thurmgemaches, um der gepreßten Bruſt Luft zu ſchenken— und in die mondloſe Nacht gehuͤllt ſchien ihr der vertraute Wald mit allen ſeinen von ihr ſo wohlgekannten Freuden ein ſtilles weiches Grab, in welches ſie niederſinken werde, um ihr tiefes Weh zu vergeſſen. Schon neigten ſich die Sterne hrem Untergange, ehe Magda auf der gefaͤhrlichen Stelle in einen ſchwe⸗ ren unerquicklichen Schlaf fiel. Als ſie erwachte, er⸗ ſchreckte ſie der ſpaͤte Morgen, deſſen Fortſchritte ſie nach dem Stand der Sonne leicht beobachten konnte. Sie hatte vom Thau durchnaͤßte Kleider— ſie lag halb umgeſunken auf dem kalten feuchten Boden des Thurms und ihr Koͤrper war ſchwer und ſteif. Aber ſie brauchte nur wenige Augenblicke, um die Urſachen dieſes unge⸗ 185 woͤhnlichen Zuſtandes zuſammen zu finden, und dieſe weckten den Feuerſtrom ihres Blutes, daß er belebend durch den erlahmten Koͤrper fuhr. Sie war ſpaͤter bis in ihre letzten Lebenstage ſich dieſes Morgens bewußt, und bezeichnete ihn als einen Wendepunkt ihres Lebens. Sie kam ſich anders vor; ſie ſtand auf und dachte, ſie ſei gewachſen— ſie war ſanft und ſtill in ihrem Innern, und wuͤnſchte nur nie mehr ſprechen zu duͤrfen, nie mehr ihren Thurm ver⸗ laſſen zu muͤſſen. Sie dachte an Barbara mit großer Liebe und ſehnte ſich zu ihr zuruͤck. Waͤhrend dem that ſie Alles ſtill, wie ſie es dort gewohnt war, kleidete ſich ohne Gundula's Hilfe mit großer Ruhe und Sorgfalt um, raͤumte ihr kleines ſchoͤnes Gemach ſelbſt auf, betete lange ohne Worte vor ihrem kleinen Betaltar und ſchluͤpfte dann mit den ge⸗ lenkigen Schritten und Spruͤngen, die dazu noͤthig wa⸗ ren, die aͤußere, faſt verfallene Thurmtrete hinab in den thauigen Wald. Hier bekam ſie zuerſt den alten freien Athem wieder, und die geſchwollenen Augenlieder erquickten ſich und das Auge blickte wieder klar.„Viel⸗ leicht iſt es beſſer, als Du denkſt,“ ſagte die Hoffnung leiſe zu ihr— aber ſie fuhlte als Antwort einen Stich in der Bruſt. Da raffte ſie ſich zuſammen und wollte nun blos ſo handeln, wie ſie geſtern beſchloſſen. Doch * 186 wo ſollte ihre Jugend die traurige Geſchicklichkeit erlernt haben, um das, was ſie vor hatte, nun auch recht an⸗ zufangen. Sinnend daruͤber haͤtte ſie faſt Bezo ge⸗ treten, der ſchon laͤngſt geneſen an der Thurmtreppe kauerte, da ihm ſein Inſtinkt geſagt haben mußte, wo Magda die Nacht geſchlafen. „Bezo,“ ſagte ſie—„wie kommſt Du hierher— biſt Du in der Kuͤche ſchon fertig?“ Bezo zeigte mit dem Finger nach der Sonne.„Du meinſt, es iſt ſchon ſpaͤt?“ fuhr Magda fort—„Nika noch mal melken,“ ſagte Bezo—„So?“ entgegnete Magda—„meine Milch iſt ſchon kalt geworden— nun da muß es ſpät ſein.“ „Magda hat Weh!“ rief Bezo traurig, ſie mit ſei⸗ nen bloͤdſinnigen Augen anſtarrend. „Warum glaubſt Du das, Bezo?“ Bezo aber wie⸗ derholte traurig ſeine Worte. „Iſt der Großvater noch beim Fruͤhſtuͤck?“ fragte Magda— Bezo lachte heiſer auf.„Liſe groß Pferd — Krips klein Pferd— Bleck ſchoͤn— da— da—“ er zeigte den Waldweg und machte einige unvollkom⸗ mene Verſuche, das Reiten darzuſtellen. „Alle fortgeritten?“ fragte Magda erſtaunt.— Schnell ging ſie um den Thurm herum nach dem Ein⸗ gang des Hauſes. Gundula kam ihr entgegen, aber — 187 obwol Magda's Aeußeres der guten Frau tauſend Fragen in den Mund legte, unterdruckte dieſe ſie doch alle, in⸗ dem ſie raſch fragte:„Wann— und mit wem der Großvater abgeritten ſei?“ „Nun mit wem anders als mit dem Herrn Grafen von Lacy und dem Pater Hieronymus! Es iſt ja heute die Uebergabe auf Tein; da mußten ſie fruͤh aufbrechen, damit der Herr Graf langſam und in der Kuͤhlung rit⸗ ten. Sie kommen auch nicht zu Tiſch zuruͤck wegen der Mittagshitze— es wird auf Tein getafelt— und der Herr Graf bleiben dann dort. Der Großvater hat be⸗ fohlen, dies an lieb' Magda zu beſtellen, die ſich heut' allein vergnugen muß.“ Mit gluͤhenden Blicken,— als laͤge hinter den Worten der Alten das tiefſte Geheimniß verborgen— ſo ſchien Magda jedes Wort pruͤfend in ſich aufzuneh⸗ men. Als die Alte ſchwieg, athmete Magda tief auf⸗ wandte ſich raſch auf der Schwelle um, und klopfte laut in die Haͤnde.„Schnell,“ rief ſie dem herbeieilenden Reitknecht zu—„ſattle mein und Veits Pferd! Aber ſchnell— ich bitte Dich, ſchnell!“ „Mein Gott! mein Liebchen,“— rief Gundula— „der Großvater hat nichts von Nachreiten geſagt“— „Ich weiß wol,“ antwortete Magda zerſtreut— „dennoch muß ich hin.“ 188 „Auch wollte ich wol bemerken,“ ſetzte Gundula unſicher hinzu—„daß Tein fuͤr mein Liebchen— als junges Fraͤulein— jetzt nicht mehr ſo ganz zugaͤnglich ſein moͤchte, als da es unbewohnt war.“ „Ich danke Dir, Gundula,“ ſagte Magda im ſel⸗ ben Ton— ich wuͤrde das ſicher ein ander Mal auch denken— aber heute— muß ich dennoch hin.“ „Nun, Du wirſt es am Beſten wiſſen“— ant⸗ wortete Gundula, jeden Widerſpruch gegen Magda leicht aufgebend—„aber thu' mir die Lieb und fruhſtuͤcke etwas; Du haſt es ja heut' ganz verſaͤumt.“ „Wie Du willſt, liebe Gundula,“ ſagte Magda und ſetzte ſich auf den Thuͤrſitz—„aber beeile Dich! O beeilt Euch!“ rief ſie mit wahrer Seelenangſt, und klopfte noch einmal in die Haͤnde. Schon brachte Gundula Milch, Kuchen und Obſt, und obwol Magda haſtig von Allem etwas genoß, ſchien ſie doch kaum zu wiſſen, was ſie that.„Gewiß hat der Großvater etwas vergeſſen, daß Du ſo eilſt, mein gutes Kind“— ſagte Gundula, die ihr von Allem, was ſie zum Fruͤhſtuͤck herbei geholt, vorlegte—„aber haſte Dich nur nicht zu ſehr— ich will nicht ſagen, S. Veit es auch haͤtte uͤberbringen koͤnnen.“ „Nein! nein!“ ſagte Magda—„glaub' mir, liebe Gundula, ich— ich muß ſelbſt dort ſein!“ und ſchon 189 wurden die Pferde vorgefuͤhrt; ſchnell ſaß Magda im Sattel und ſeufzend ſah ihr Gundula nach— denn ihre Warnung ſchien vergeſſen. Magda war in voller Haſt, und das muntere Pferd trabte in dem kuͤhligen Schat⸗ ten des Waldes ſo ſchnell, als die Reiterin es wollte. Schon am Abend vorher, als Magda die Herrn verließ, hatte der junge Mann, der ſich fur vollig geneſen erklaͤrte, von Thomas Thyrnau die endliche Beſprechung uͤber das Teſtament des alten Grafen von Lacy verlangt. Sonderbar war es, daß Thomas Thyr⸗ nau, fruͤher ſo bereit, dieſe Angelegenheit zur Sprache zu bringen, dies jetzt ſtets zuruͤckzuhalten verſuchte und es bisher auch ſo beſtimmt verweigert hatte, daß als er auf's Neue die Anſpruͤche des jungen Mannes er⸗ fuhr, er ſelbſt in Hieronymus einen Widerſacher fand, da dieſer ihm offen heraus ſagte, er habe gar kein Recht, es dem Grafen Lacy laͤnger zu perweigern. Wie ungern Thomas Thyrnau nachgab, war leicht zu erkennen; aber ihm ſchienen doch Gruͤnde fuͤr das weitere Abweiſen dieſer Anſpruͤche zu fehlen; er willigte ein, am andern Tage mit Beiden nach Tein zu gehn, denn dort nur, erklärte er, befaͤnden ſich die noͤthigen Doku⸗ mente. Er ſendete aber denſelben Abend noch Boten nach Kaurzim, der erſten Poſtſtation, und ſogar noch weiter, da er Briefe zu erwarten ſchien, und brach am 190 andern Morgen nicht eher auf, als bis auch der am weiteſten geſendete Bote, wie es ſchien, ohne Briefe zu⸗ ruck gekehrt war. Der Ritt nach Tein wurde nicht durch Geſpraͤche gekuͤrzt. Thomas Thyrnau blieb kalt und abweiſend und ſein Nachdenken entzog ihn auch dem, was ſeine Gefaͤhrten ſich ſparſam mittheilten. Als man an der Terraſſe abſtieg, hatten ſich dort alle Diener des Hauſes in großer Livree verſammelt, um ihrem jungen Herrn, von ſeiner Ankunft unterrich⸗ tet, die gehoͤrigen Ehrenbezeigungen zu machen. Dei junge Mann nahm auch diesmal dieſe an ſo viel Guͤte gewoͤhnten Leute nicht ſo auf, wie es Thomas Thyrnau fuͤr Recht hielt. Verlegen, fluͤchtig Alle nur gruͤßend und anredend, doch Keinen bei Namen nennend, was grade ſo wohl thut und das Andenken verbuͤrgt, ent⸗ ſchuldigte er ſich faſt gegen ſie, daß er das Schloß zu erreichen wuͤnſche wegen ſeines durch den Ritt ſchmerz⸗ hafter gewordenen Armes und ſtreifte leicht an ihnen voruber. Thomas Thyrnau ſtand am Eingang und hatte die jetzt beendigte Scene genau beobachtet. Er empfing den jungen Mann mit einem Blick, der ſeltſam ſcharf und ſtechend war, daß dem ſo Angegriffenen eine feurige Roͤthe aufſtieg, und als ſie neben einander in das Schloß eintraten, ſahen die nachſchauenden Diener, daß Thomas Thyrnau ſchnell, aber heftig, den Kopf ſchuttelte. Als man in der Bibliothek Platz genommen, ver⸗ langte Thomas Thyrnau, daß zuerſt die eigentliche Uebergabe des Teſtaments, welches in einem verſchloſ⸗ ſenen Kaͤſtchen von ihm herbeigebracht war, atteſtirt werde. Hieronymus⸗war dazu als Zeuge beſtellt, zwei Gerichtsperſonen warteten im Vorzimmer, wo ſie den kleinen Akt aufgeſchrieben hatten, um ihm Rechtskraft zu geben, und es fehle nun nichts— ſetzte der Advokat hinzu— als daß der Herr Graf ſowol als Hieronymus und er ſelbſt dieſe Erklaͤrung unterzeichne, nachdem ſich Alle von dem wirklichen Vorhandenſein der in Rede ſtehenden Dokumente uͤberzeugt haben wuͤrden. „Mein alter Freund!“ ſagte der junge Mann— „wozu dieſe Foͤrmlichkeiten? Sind wir uns denn nicht genug— iſt unter Freunden ſo etwas zulaͤſſig?“ „Auch unter Freunden bliebe dies noͤthig,“ entgeg⸗ nete Thomas Thyrnau—„und ſelbſt wenn dieſe Be⸗ nennung auf uns anwendbar waͤre! Iſt es doch die Frage, ob nach den Verhandlungen, die uns bevorſtehn, wir Freunde bleiben! Vergeſſen Sie uͤberdies nicht, daß dies der einzige gerichtliche Schritt ſein wird, den die Lage der Sache zulaͤßtz daß das hohe Intereſſe, was an das vollſtaͤndigſte Geheimhalten geknuͤpft iſt, Ihnen wie mir jede gerichtliche Zuziehung ſpaͤter un⸗ moͤglich machen wird!“ „Ach,“ entgegnete der Andere,„iſt nicht eher zu hoffen, daß dies unangenehme laͤſtige Geheimniß da⸗ durch in Nichts zerfallen wird, daß ſein Inhalt aufge⸗ deckt wird?“ „Junger Herr!“ ſagte Thomas Thyrnau—„was ein Mann wie der verſtorbene Graf Lacy— ja— ich muß hinzuſetzen— was ich ſelbſt als eine dringende Nothwendigkeit anſah, das ſollte billig Ihnen den Ein⸗ druck machen, an ſeine Wichtigkeit Glauben zu haben! Wir hatten Beide ein Alter erreicht, das Erfahrung zu⸗ theilt— und an unſerer Einſicht iſt ſelten gezweifelt worden. Ich wiederhole Ihnen hiermit, daß dies Ge⸗ heimniß von einer Wichtigkeit iſt, daß ich Jeden, der außer den genannten Perſonen durch Zufall oder unbe⸗ rufene Neugier die Gewiſſenloſigkeit haben koͤnnte, ſich hinein zu draͤngen, fuͤr einen Ehrloſen erklaͤren wuͤrde und ihn vor meine alte, aber ſichere Hand fordern— gleichviel, ob ſie mit dem Degen oder der Piſtole ſich bewaffnen muͤßte— denn ich wuͤrde glauben, daß ein ſolcher Schurke nicht leben duͤrfe, um die edlen Abſich⸗ ten zweier redlicher Maͤnner zu zerſtoͤren.“ „Halt,“ rief der junge Mann und ſein Auge ſpruhte 193 Feuer, waͤhrend Todtenblaͤſſe ſich uͤber ſein Antlitz ver⸗ breitete—„Eure Drohungen— Eure Heftigkeit ſind nicht am rechten Ort. Fuͤr ſo unfehlbar darf ſich Niemand in ſeinen Beſchluͤſſen halten, daß er die Handlungsweiſe des Andern voͤllig unterjochen will! Was auch der Graf von Lachy fuͤr ſich und Euch be⸗ ſtimmen mochte, er konnte daſſelbe nicht auf den Wil⸗ len ſeines Nachkommen ausdehnen, dem es unbezwei⸗ felt zuſteht, ſein Vertrauen ebenfalls zu uͤbertragen— ſich eben ſo, wie er in Euch, einen Freund und Ver⸗ trauten zu waͤhlen— und welche unerhoͤrte Anmaßung muͤßte es dann fuͤr Euch werden, gegen einen Sol⸗ chen mit Euern eben ausgeſprochenen Beleidigungen aufzutreten!“ „Und dennoch, mein Herr!“ ſagte der Advokat— „wuͤrden dieſelben vollſtaͤndig gerechfertigt ſein und ſich gegen den Erben des ehrwuͤrdigen Grafen von Lacy, meines Freundes, ſelbſt mit allem Rechte richten, wenn er die Aufforderung eines ſterbenden Greiſes— ſeines Wohlthaͤters— im Stande waͤre ſo wenig zu achten, daß er das von ihm geforderte Geheimniß geringſchaͤtzig verſchleudern und der Beurtheilung eines Andern Preis geben koͤnnte, ehe er es ſelbſt kennt! Ha! womit haͤtte der ehrwuͤrdigſte der Menſchen dieſen Verrath an ſei⸗ nem Vertrauen, dieſen Mangel an Achtung vor ſeinem Thomas Thyrnau Il. 3te Aufl. 13 194 Willen gerade von dem verdient, der bisher zu jung und unbedeutend war, um die Wohlthaten, die er von ſeiner Kindheit an erfuhr, in etwas Anderem als in Worten bezahlen zu koͤnnen? Und was ſtaͤnde dem An⸗ deres zu, der der Theilnehmer jener edeln und geheimen Beſchluͤſſe war und eben ſo berufen, ſie ins Leben ein⸗ zufuͤhren, als ſie gegen die leichtſinnigen Plaͤne jugend⸗ licher Uebereilung zu ſchuͤtzen— oder ſie zu rachen, wenn das Erſtere mißglucken ſollte!“ „Halten wir ein,“ rief der Andere tief bewegt— „wir ſind Beide zu heftig geweſen. Laſſen wir einen Augenblick dieſe Unterhandlungen, die ſo erregend ſind und ſo wenig zu der Stellung paſſen, nach der ich mich allein ſehne! Sagt mir nur, ob Ihr mir Magda geben wollt, wenn ich im Stande bin, ihre Liebe zu gewinnen? Ich kann nichts Anderes recht denken, als dies Eine, und fuͤhle, daß die Wichtigkeit dieſer einen Erfullung mich zu Allem faͤhig machen könnte.“ „Wenn Magda die Beſtimmungen des Teſta⸗ ments erfuͤllen will, iſt meine Einwilligung darin ein⸗ geſchloſſen!“ „So haltet noch inne,“ ſagte der junge Mann be⸗ wegt—„ich muß mich etwas zu erholen ſuchen. Ein kurzer Weg an den See wird mich kraͤftigen!“ Er entfernte ſich und Thomas Thyrnau ſah ihm 195 duſter nach.„Wenn es moͤglich waͤre, Hieronymus? Wenn es moͤglich waͤre,“ rief er dann heftig—„daß er mich ſo hoͤhnte, ſo verriethe? Heil'ger Gott! mein armes Maͤdchen!“ „Seid vorſichtig!“ ſagte Hieronymus, ohne aufzu⸗ ſehn. Der Advokat hob den kleinen Schluͤſſel zu dem Faͤſtchen empor und rief leiſe, aber feſt:„Noch habe ich ihn!“ Hieronymus nickte und Beide blieben ſtumm einander gegenuber ſitzen, die Ruckkehr des Andern er⸗ wartend. Als er wieder zu ihnen eintrat, ſagte er zu Thomas Thyrnau:„Laßt jetzt die gerichtlichen Un⸗ terhandlungen beginnen, da Ihr dieſelben nothig haltet.“ Der Advokat ruͤhrte die Glocke und die Gerichts⸗ herrn traten ein; die Verhandlungen gingen mit aller Formlichkeit vor ſich. Der Advokat ſchloß das Käſtchen auf, alle Anweſenden uͤberzeugten ſich von dem darin enthaltenen wohlverſiegelten Teſtament. Nach dieſer Anſicht verſchloß der Advokat daſſelbe wieder und ſteckte den Schluͤſſel zu ſich. Man war bis zu den Unter⸗ ſchriften fertig. „Wir haben nicht uͤberlegt, daß ich nicht ſchreiben kann,“ ſagte jetzt der junge Mann und zeigte die ge⸗ ſchwollene rechte Hand, die mit dem Arm noch in der Binde ruhte. 13* —— — ——— 196 „Dieſe Anſtrengung wird moͤglich ſein, ohne nach⸗ nachtheilige Folgen,“ entgegnete der Advokat ruhig. „Es wird ſich zeigen,“ rief der Andere gereizt— „ich bitte um eine Feder!“ Sie ward ihm gereicht— gerade die drei erſten Finger waren unbeweglich. Es mußte auch dem Laien einleuchten, daß es nicht ging. „Ich will das Wappen der Lacy dabei druͤcken,“ rief er,—„es mag meine Berechtigung zu dieſem Akt beweiſen. 4 Der Advokat ließ dieſe unſtatthafte Procedur ohne weitere Bemerkungen zu. Er ward blaſſer und immer feſter und beeilte das Ende des gerichtlichen Verfahrens. Nachdem die Uebrigen unterzeichnet, entließ der Ad⸗ vokat die beiden Gerichtsperſonen, welche augenblicklich wieder abreiſten.— Die drei Herrn waren jetzt allein und es entſtand eine Pauſe, die Niemand zuerſt zu un⸗ terbrechen Luſt zeigte. Beide Haͤnde auf den Tiſch ge⸗ preßt, ſtand der Advokat ruhig da, und die vorige Hef⸗ tigkeit hatte einem tiefen Ausdruck von Kummer Platz gemacht. Zwiſchen ſeinen auf den Tiſch geſtemmten Armen ſtand das Kaͤſtchen, auf dem ſeine Blicke mit dem eben bezeichneten Ausbruck ruhten. Jetzt richtete er ſich mit einem ſchweren Athemzuge auf, er nahm den Schluͤſſel und zog das verhaͤngniß⸗ volle Teſtament hervor. In ſeinen Haͤnden wog er es, ——— 197 als ſchiene es ihm von ſeinem Inhalt ſchwer— dann ſchlug er ſeine großen ernſten Augen auf und ſie wur⸗ zelten auf dem bleichen jungen Manne, der ihm gegen⸗ uͤber erſchoͤpft in einen Seſſel zuruͤckgeſunken war. „Der Augenblick iſt gekommen, wo ich den Inhalt dieſer Blaͤtter Ihnen nicht mehr entziehen kann. Ich wiederhole noch einmal, daß das Teſtament von gro— ßer Wichtigkeit iſt— daß kein Menſch die Kenntniß deſſelben erlangen darf als der— welcher ſich Nach⸗ komme des Grafen Lacy nennen darf, der den In⸗ halt deſſelben entwarf. Wie ich geſchworen habe, dies Geheimniß vor Entweihung zu ſchuͤtzen und Alles zu thun, was moͤglich iſt, um ihm ſichere Folgeleiſtung zu verſchaffen, der Abſicht des Verewigten gemaͤß— ſo ſchwoͤre ich eben ſo feierlich, den Verrath deſſelben gegen Jeden zu raͤchen, ohne Anſehn der Perſon!— Jetzt beſtimmen Sie ſelbſt, ob ich die Siegel loͤſen ſoll, und noch einmal— nur ein Lacy darf den Inhalt ken⸗ nen lernen!“ Der Advokat ergriff die Schnur, woran die Siegel hingen, bereit, ſie aufzubrechen; aber der junge Mann ſprang auf und druͤckte mit ſeiner linken Hand die Hand des Advokaten nieder.„Hält,“ rief er—„bis hierher“— Er wollte weiter ſprechen— da hoͤrten ſie haſtige 198 Schritte uͤber den Vorſaal eilen— die Thuͤren flogen auf und Magda ſtuͤrzte herein— bleich, athemlos, am ganzen Koͤrper zitternd. Mit einem Blick uͤberſah ſie, daß der verhaͤngniß⸗ volle Augenblick uͤber Allen ſchwebte. Sie ſah den zur⸗ nend ausſehenden Großvater nicht, ſie hoͤrte ihren Na⸗ men faſt von Allen ausſprechen, aber ſie beachtete es nicht und flog nur auf ihren Großvater zu.—„Ver⸗ rath' ihm nichts,“ rief ſie ſtockend, als wolle ſie er⸗ ſticken,—„um Gotteswillen verrath' ihm Er betruͤgt Dich— er iſt kein Lacy!“ „O Magda! welch' Gericht!“ rief der junge Mann und ſank, ſein Geſicht verhuͤllend, in ſeinen Stuhl zu⸗ ruͤck.—„Meine Ahnung,“ ſetzte Thomas Thyrnau hinzu—„aber,“ rief er ſchnell gefaßt—„wo haſt Du die Kunde her,— wer ſagte Dir das?“ O Großvater,“ rief Magda angſtvoll, waͤhrend alles Blut des gepreßten Herzens in ihre Wangen flog —„ich habe ihn geſehn— ich kenne ihn— und ſo ſieht er aus— ſo—“ und ſie eilte nach der Thuͤr, die in das Seitenzimmer fuͤhrte, wo des alten Grafen Bild, wie er als Juͤngling gemalt war, hing— doch indem ſie die Thuͤren aufſtieß und noch einmal rief:„So ſieht der Graf von Lacy aus,“ that ſie einen lauten Schrei, taumelte zuruͤck und ward von Hieronymus * aufgefangen, der ihr zunaͤchſt ſtand und die brechenden Knie gewahrte. Aus dem Innern des Zimmers trat in dieſem Au⸗ genblick ein junger Mann hervor, der das lebendig ge⸗ wordene Bildniß ſchien, was Magda ſo eben zum Zeug⸗ niß aufgerufen. Er ſchien aber weder Magda noch dieſe ſeltſame Einfuͤhrung zu beachten; in großer Bewegung ſchritt er vor und ſein Auge uͤberflog unruhig den ganzen Kreis; dann haftete es vorwurfsvoll auf dem verwunde⸗ ten Juͤnglinge, den Magda ſo eben des Betruges be⸗ ſchuldigt.„O,“ rief er ſchmerzlich, zu ihm gewendet— „was haſt Du gethan— wie weit uͤber das Ziel hin⸗ aus haſt Du Dich gewagt— was haſt Du mir hier bereitet?“ Thomas Thyrnau hatte mit der Erfahrung, die ihn leicht die Zuſtaͤnde erkennen ließ, ſelbſt wenn ihm da⸗ zwiſchen vieles dunkel blieb, eine ſchnelle Ueberſicht ge⸗ wonnen und außer allen Zweifel geſtellt, daß jetzt erſt der Graf von Lach vor ihm ſtehe. Jeder Zug— die ſchoͤne Geſtalt— der Ton der Stimme— Alles rief ihm das Bild des geliebten Jugendfreundes zuruͤck. Das Herz ſchwoll ihm auf— er haͤtte ihn gern an ſeine Bruſt gedruckt, aber er bezwang den Zug des Herzens, denn es ſtand ein Zweifel zwiſchen ihnen: Hatte er um den Betrug gewußt— oder war er wie Alle der Betro⸗ v 200 gene? Dies mußte ausgeglichen werden, ehe er dem Herzen zu reden geſtattete. Auch ſchien der Angekom⸗ mene ſich dazu von ſelbſt zu treiben— und Thomas Thyrnau fuͤhlte, er werde mit ſeiner Erkenntniß weiter kommen, wenn er ſich einige Ruhe und blos Beobach⸗ tung abgewoͤnne. Schon hatte ſich der verwundete junge Mann in die Arme des Angekommenen geſtuͤrzt und Thomas Thyr⸗ nau horchte ſeinen Worten:„Vergieb mir, geliebter Lacy! vergieb mir meine Thorheit!“ hoͤrte er ihn rufen —„Es iſt die groͤßte meines Lebens. Ich ahnte, als ich ſie erdachte, nicht, wie hier Alles ſtand.— Ja,“ rief er, indem er ſich aus Lacy's Armen riß und auf Thyrnau zueilte—„ich ahnte nicht, daß dies wunder⸗ bare Geheimniß mir Ehrfurcht einfloͤßen wuͤrde, da es von einem ſo edeln hochbegabten Manne beſchuͤtzt iſt— ich ahnte nicht, daß das Maͤdchen, welches der Preis ſein ſoll, mich ſo voͤllig um den Reſt meines Verſtandes bringen wuͤrde.“— Thyrnau gab einen Augenblick ſeine kalte ſtolze Haltung auf, um ſich zu uͤberzeugen, daß Hieronymus Magda entfernt habe. Dann wurzelte ſein Auge aufs Neue mit ernſter Ruhe auf beiden jungen Maͤnnern. „Thyrnau!“ rief Lacy, tief bewegt auf ihn zu⸗ gehend—„verkennt mich nicht! Laßt den erſten Augen⸗ 201 blick, der den Neffen Eures Freundes zu Euch fuͤhrt, nicht durch Mißtrauen getruͤbt werden— blickt mich an— ſind das nicht die Zuͤge Eures Freundes? Wer⸗ den ſie luͤgen?“ „Welch' Zeugniß ruft ihr auf!“ ſagte Thyrnau ſtark und feierlich—„und gegen wen? Wenn Ihr die Zuge deſſen tragt, in deſſen Seele kein falſcher Hauch war, der von der Bahn des Rechtes keinen Zoll breit abwich, ſo denkt, wie ich, der Gefaͤhrte ſeines Lebens, den Neffen anſehen muß, der mit ſeinen Zuͤgen dieſen Karakter fortpflanzen ſoll, und in deſſen erſte Schritte ins Leben ich Zweifel ſetzen muß— deſſen erſte Begeg⸗ nung mich von ihm abſtoßt und eine traurige Beleidi⸗ gung zu werden ſcheint! Denn was auch dieſer leicht⸗ ſinnige junge Mann hier mehr gethan, als verabredet war— die Abſicht einer Taͤuſchung meinerſeits war je⸗ denfalls verabredet.“ „Hoͤrt mich,“ ſagte Lach und draͤngte die Andern von Thyrnau fort—„laßt mich allein ſprechen! Der Freund meines Oheims hat Rechenſchaft von mir zu fordern; ich werde ihm die Wahrheit ſagen, er mag dann ſelbſt das Maaß meines Unrechts beſtimmen.— Der Baron von Poͤlten, den Ihr hier vor Euch ſeht, iſt mein Freund, er beſitzt mein Vertrauen und nie bis jetzt hatte ich es zu bereuen. Wir haben oft uͤber die 202 Forderung des Teſtaments geſprochen, die mir eine Ge⸗ mahlin beſtimmt, ohne meiner Neigung nachzufragen. Meine Verhaͤltniſſe machten es mir in der letzten Zeit ſchwieriger, dieſe Verpflichtungen zu erfullen. Ich wuͤnſchte Euch zu ſprechen— eine Annaͤherung an die Kaiſerin in Bezug auf einige Verbeſſerungen in Boͤh⸗ men, die Euch ebenfalls theuer ſind, feſſelte mich an Wien. Mein Freund erbot ſich, zu Euch zu reiſen und mit Euch ſelbſt als mein Bevollmaͤchtigter zu ſprechen. Ich unterrichtete ihn von allen Umſtaͤnden, die ich kannte— ich wuͤnſchte, Ihr moͤchtet ihm die Gruͤnde der oft erwaͤhnten, ſo nothigen Vermaͤhlung darthun. Er reiſte ſchneller ab, als ich erwartet— ich kann ſagen in dem Augenblick, als einige Aeußerungen von ihm mich furchten ließen, er koͤnne dieſe Angelegen⸗ heit mit einem Leichtfinn behandeln, der Euch belei⸗ digen wuͤrde. Seine Abreiſe ohne Abſchied verhinderte meinen beabſichtigten ernſten Einſpruch— doch ſen⸗ dete ich nach Prag, wohin er fruher zu gehen dachte, eine ernſte Mahnung und dringende Forderung uͤber die Art ſeines Verhaltens. Dieſer Brief wird, wie ich fuͤrchte, noch in Prag liegen, denn er war fruͤher hier, als ich erwarten konnte. Dies mag er uns Allen ſpäter ſelbſt erklaͤren! Ihr faßtet Verdacht im erſten Augenblick und Eure Stafette mit der Anfrage, ob ich — 203 in Wien oder wo ſonſt zu finden ſei, erreichte mich ſelbſt und ich hatte uͤber den unglcklichen Plan des Ba⸗ rons keinen Zweifel mehr, als ich las:„es ſei ein jun⸗ ger Mann hier eingetroffen, der ſich fuͤr den Grafen von Lach ausgebe.“ Daß nur ich ſelbſt die moͤglicher Weiſe Euch widerfahrene Beleidigung gut machen koͤnne, ſah ich ein. Kaunitz uͤbernahm, im Fall der Nachfrage, meine Abreiſe bei der Kaiſerin zu entſchuldigen— und ich hoffe, ich bin noch zur rechten Zeit eingetroffen, um Euch zu verſoͤhnen!“ Thomas Thyrnau hatte mit feſtgeſchloſſenen Lippen und mit kaltem, ſtrengem Ausdruck die Erklaͤrung des Grafen angehoͤrt, und auch nachdem er ſchwieg, zeigte ſich wenig Veraͤnderung auf dem ſtolzen Geſicht. Von der Taͤuſchung, die hier verſucht worden, mußte er ihn losſprechen; aber ſeine Rechtfertigung ethielt mehr wie einmal den alten Widerſpruch gegen die beabſichtigte Vermaͤhlung; ſie erwaͤhnte ſogar Hinderniſſe, die hinzu gekommen und die Sache ſchwieriger gemacht haben ſollten. Thomas Thyrnau konnte ſich wenig erleichtert fuͤhlen, und zu erfahren ſtand nur, ob ſein Stolz oder ſeine edle Abſicht am meiſten gekraͤnkt werden ſollte. Er mußte daher noch immer unentſchieden laſſen, ob er dem Neffen ſeines Lacy als Freund oder als Feind gegenuͤber ſtehen werde. 204 „Jetzt,“ rief der ungluͤckliche Poͤlten, als Lacy ſchwieg,—„jetzt hoͤrt auch mich! Ich moͤchte mir ſelbſt das Duell anſagen, womit Ihr mich bedroht habt, ehr⸗ wuͤrdiger Thyrnau— meine Thorheit, mein Leichtſinn war grenzenlos! Nur das Eine glaubt mir, eben dieſen Morgen im Augenblick, als Ihr die Siegel brechen wolltet, hielt ich Eure Hand feſt, um Euch daran zu verhindern und Euch Alles zu entdecken. Ich wußte, daß Ihr Lacy nicht kanntet; ich glaubte, wenn ich als Lacy hier auftraͤte, in der erſten Unterredung ſogleich Euer Geheimniß zu erfahren und fuͤrchtete kaum, von Euch der Verzeihung zu beduͤrfen, noch mit Lacy nicht daruͤber fertig zu werden, wenn ich die Sache fur ihn ausgeglichen. Da ſah ich zuerſt am See Eure Enkelin, und dies aͤnderte meinen Plan. Ich faßte eine tolle raſende Leidenſchaft fur dies herrliche Maͤdchen und be⸗ ſchloß ⸗ zu werben, und wenn ich ihre Neigung gewonnen, mich zu entdecken und als Erſatz fur Lach anzubieten.“—„Sagt nichts,“ fuhr er bittend fort— „ich richte mich ſelber ſtaͤrker, als Ihr es koͤnnt! Oft waͤhrend dieſer Zeit habe ich den ganzen Plan ver⸗ wuͤnſcht und ein hoffnungsvolles Wort aus Eurer En⸗ kelin Munde haͤtte mich Euch Alles entdecken laſſen. Doch, glaubt mir— ich haſſe, ich verabſcheue mich um dieſer Thorheit willen, die noch ein trauriger Nach⸗ 1— 205 laß jener Verſailler Schule iſt, der ich zu lange über⸗ laſſen war.“ Thomas Thyrnau richtete einen Augenblick mit kaum unterdruckter Verachtung das Auge auf ihn, gruͤßte ihn kurz und wandte ihm den Ruͤcken. „Herr Graf,“ ſagte er darauf kalt zu Lacy—„da es einer ſo außerordentlichen Veranlaſſung bedurfte, Sie hierher zu fuͤhren, wo Sie die letzten Wuͤnſche Ihres verewigten Oheims erfahren ſollten, frage ich an, ob Sie geneigt ſind, dieſe zufaͤllige Veranlaſſung zu be⸗ nutzen und mir ſo viel Zeit goͤnnen wollen, als noͤthig iſt, um Ihnen die geheimen Artikel des beſagten Teſta⸗ ments vorzulegen?“ „Zweifelt nicht, verehrter Herr,“ rief der Graf mit Waͤrme—„daß ich jetzt mit voller Achtſamkeit mich allen Angelegenheiten widmen werde, die ſich darauf be⸗ ziehen und nur mit Euch ſelbſt Alles uͤberlegen will, was ſich dabei ergeben wird. Moͤchte es nur dem edlen Thomas Thyrnau moͤglich ſein, den Neffen ſeines Freundes auch als einen ſolchen anzunehmen!“ Die Hand, die Lacy faſſen wollte, entzog ſich ihm in einer kurzen Verbeugung.„Mein Herr Graf,“ ent⸗ gegnete Thyrnau dann im vorigen Ton—„unleugbar fuͤhlen wir Beide, daß noch zu viel zwiſchen uns liegt, ehe wir uͤber unſere Stellung zu einander entſcheiden 206 koͤnnen. Wir wollen uns nicht voreilig Freunde nen⸗ nen, ehe wir wiſſen, ob wir es bleiben koͤnnen!“ „Dennoch wuͤnſche ich zu erfahren,“ ſagte Lacy, etwas gereizt—„ob Herr Thomas Thyrnau an mei⸗ nem ihm dargelegten Verhaͤltniß Zweifel hegt oder ob ich auf Glauben an meine Worte bei ihm rechnen darf?“ „Vollkommen!“ entgegnete Thyrnau kalt und mit einem Tone, der hinlaͤnglich anzeigte: wir find darum nicht weiter!„Vielleicht erſuchen Sie den Herrn Ba⸗ ron Poͤlten, uns jetzt allein zu laſſen.“ Er ruͤhrte in⸗ deſſen die Glocke und befahl, den Pater Hieronymus herbei zu rufen. Lacy fuͤhrte den unglucklichen Polten nach der Terraſſe und konnte ſich nicht enthalten, ihn zu troͤſten, wie unzufrieden er auch mit ihm war, da die Verzweiflung des jungen Mannes ihn nicht ohne Ruͤhrung ließ. Als er zuruͤckkam, ſah er Thomas Thyrnau vor dem Tiſche ſitzen, auf dem das verhaͤngnißvolle Käͤſtchen ſtand. Er konnte nicht ohne tiefe Bewegung das wuͤr⸗ devolle Antlitz des Mannes betrachten, deſſen Namen ſeit ſeiner Kindheit, vereint mit allen theuren Namen ſeiner Familie, ihm ins Ohr geklungen— dem er ſo tief verpflichtet war— den einzigen ihm noch uͤbrig ge⸗ bliebenen Freund dieſes verehrten Oheims. An ſeiner Seite ſaß bereits Hieronymus, welchen 207 ihm Thyrnau bei ſeinem Eintritt ſogleich vorſtellte.— Auf dem Umſchlage des Teſtaments ſtand geſchrieben, daß Hieronymus als Zeuge gegenwaͤrtig ſein ſolle— im Falle des Ablebens von Thomas Thyrnau ſolle aber der Pater Praͤmonſtratenſer, Doktor Hieronymus, der Exekutor ſein— nach deſſen Tode ſolle die Enkelin des Thomas Thyrnau, Magdalena Matielli, die einzige Berechtigte ſein, um dieſe Siegel zu erbrechen und den ihr bereits bekannten Inhalt dem Erben des Grafen Lacy mitzutheilen. „Sie werden die Handſchrift Ihres Oheims erken⸗ nen,“ fuhr der Advokat zum Grafen gewendet fort, nachdem er die Aufſchrift geleſen. „Eure Handſchrift waͤre eben ſo genuͤgend,“ entgeg⸗ nete der Graf, ohne hinzuſehn, denn es zog ihn mit wahrer Liebesgewalt zu dem alten ſtolzen Manne hin, und er wollte ihm jeden Beweis von Vertrauen und Achtung geben. „Mein Herr,“ hob Thyrnau jetzt an—„dies Do⸗ kument entſtand in einer ſchweren hoͤchſt traurigen Le⸗ bensepoche des Verewigten. Es iſt nach langen Kaͤmpfen unter uns Beiden aufgeſetzt, und als wir es endlich ſo abſchloſſen, wie Sie es nun hoͤren ſollen, hatten wir nach vierwoͤchentlichem reiflichem Nachdenken keine an⸗ dere Auskunft fuͤr uns Beide entdecken koͤnnen. Ich — 5 3 1 1 5 3 3 —— muß bedauern, daß von mir hier eben ſo viel die Rede ſein muß, wie von dem edlen Hauſe Lacy. Sie wer⸗ den dieſe Entſchuldigung gelten laſſen, um Ihre Unge⸗ duld zu zuͤgeln, bis Sie den Inhalt kennen, denn die muͤndlichen Verſprechungen an meinen verſtorbenen Freund legen mir die Verpflichtung auf, Ihnen vor der Eroͤffnung des Teſtamentes Magdalena Matielli vorzu⸗ ſtellen, die Tochter des Bildhauer Matielli, und Sie zu fragen, ob Sie auf den bloßen Wunſch Ihres Oheims hin das Maͤdchen zur Gattin waͤhlen wollen, welches Ihr Oheim Ihnen, abgeſehn von jeder andern Ruͤckſicht, dazu erwaͤhlt hatte.“ Lacy wollte antworten. Aber Thomas Thyrnau erhob ſich mit einer ſo ſtolzen drohenden Miene von ſei⸗ nem Stuhl, ging ſo feſten Schrittes nach der Thuͤr, daß es Lacy war, als bliebe ihm“ der Athem in der Bruſt ſtecken. Er oͤffnete ſie indeſſen, und das Zim⸗ mer nicht verlaſſend, rief er ſeine Enkelin. Ohne Zoͤ⸗ gerung erſchien dieſe in der Thuͤr und jetzt ſtand an der Seite von Thomas Thyrnau vor dem Grafen Lacy— Magda— das wunderbare Maͤdchen, welches ihm be⸗ reits bekannt war. „Magda,“ rief er faſt uͤberwaͤltigt von Ueber⸗ raſchung—„Magda— Du— Du biſt die Enkelin von Thomas Thyrnau?— Du— Du biſt—“ Er 209 vollendete nicht. Er druͤckte beide Haͤnde vor ſein Ge⸗ ſicht, als wolle er ſich der Wahrheit entziehn. Thyrnau feierte im tiefſten Innern einen ſuͤßen Triumph. Er glaubte, die Sprache eines Herzens zu erkennen, das von dem Zauber der Liebe uͤberwältigt iſt. Doch hielt er ſein Gefuͤhl verſchloſſen. Die Ent⸗ wicklung wollte er mit kaltem Sinne erwarten; er war durch das bis jetzt Erfahrene mißtrauiſch aufgeregt. „Es ſcheint, Herr Graf,“ hob er deshalb ruhig an —„meine Enkelin iſt Ihnen nicht unbekannt! Etwas fruͤher ſchon nahm ich wahr, daß Magda Sie kenne, da ſie die Erſte war, die den Betrug des Baron Polten aufklaͤrte und, um Ihr Aeußeres zu ſchildern, uns das Bildniß Ihres Oheims zeigen wollte.“ „O Magda,“ rief Lach und zog die Haͤnde vom Geſicht—„jetzt verſtehe ich Dich! Du erkannteſt mich damals an der Aehnlichkeit— deshalb Dein Schreck— Deine tiefe Bewegung. O meine arme Magda,“ rief er und ergriff ihre kalten Haͤnde—„und der, den es ſo nah anging, ſtand Dir fremd und ohne Theilnahme ge⸗ genuͤber.“ Seine Blicke wurzelten in Magda's bezau⸗ berndem Antlitz, welches vlaß und mienenlos, mit den unbeweglichen Augen auf Lach gerichtet, einem Mar⸗ morbilde glich. Ihre Lippen blieben geſchloſſen— ſie bebten zwar, aber kein Laut drang hervor. Thomas Thyrnau. IU. 3te Aufl. 14 2¹⁰ „Ich hatte alſo in dieſem Punkt das Vertrauen meiner Enkelin verloren?“ ſagte der Großvater mit einem ſanften Vorwurf im Ton. Magda zuckte zu⸗ . ſammen und ſchlug die Augen flehend zu ihm auf.„Bei der Furſtin Morani ſah ich ihn zuerſt,“ ſtammelte ſie dann faſt undeutlich. Lacy ließ bei dieſen Worten Magda's Haͤnde fallen und auf ſeinem Geſicht zeigte ſich eine große Veraͤnderung, Thyrnau ſah dies, ohne es zu verſtehn. „Graf Lacy,“ fuhr jetzt Thyrnau in einem freieren Tone fort—„ich habe mein Wort erfuͤllt und muß Sie jetzt in Magda's Gegenwart fragen: Ob Sie dieſe Ihnen von Ihrem Oheim beſtimmte Braut aus meinen Haͤnden annehmen wollen?“ Lach fuhr zuruͤck— er faßte die Lehne ſeines Stuh⸗ les und ſeine Wangen ſanken ein unter der toͤdtlichen Bläſſe ſeines Geſichts. Aber er ſchwieg und ſein Auge haftete duͤſter am Boden. Thyrnau's Angeſicht gluhte auf— er glaubte die Zuruͤckweiſung in den Zugen des Grafen zu leſen.—„Entferne Dich,“ rief er Magda ſtreng zu—„entferne Dich!“ Er trat an Lacy heran und wiederholte mit feſter Stimme ſeine eben ausge⸗ ſprochenen Worte. Lacy richtete ſich aufz er ergriff den Arm des zuͤrnenden Alten und ſenkte ſein erloſchenes troſtloſes Auge mit einem ſolchen Schmerz in die gluͤ⸗ 211 henden Blicke ſeines Gegners, daß die beredteſten Worte an dieſer Sprache zu Schanden wurden.„Thomas Thyrnau,“ ſagte er gebrochen, aber feſt—„mein Oheim und Ihr— Beide habt Ihr nicht recht an mir gehandelt. Warum habt Ihr den jungen feurigen Mann ungewarnt in die Welt geſturzt, ohne ihm zu zeigen, was er verlieren konnte? Wie habt Ihr hoffen koͤnnen, das freie bedurftige Herz des Juͤnglings zu feſſeln durch die geheimnißvolle Ankundigung einer Beſtimmung uͤber ihn, die, ſo lange er nicht den Gegenſtand kannte, der Euch vollſtaͤndig rechtfertigte, ihm eine Feſſel werden mußte, die er abzuwerfen, gering zu achten berech⸗ tigt ſchien, und wozu ihn der Ungeſtuͤm der Jugend und alle angewoͤhnten Vorurtheile ſeines Standes in jedem Augenblick verfuͤhren mußten? Wir werden nun Alle ungluͤcklich und unſer einziger Troſt wird ſein— daß wir irrten, aber nicht ſuͤndigten!— Magda,“ rief er innig, ſich gegen dieſe wendend, die noch auf derſelben Stelle ſtand—„Magda, Du biſt das koſt⸗ barſte Vermaͤchtniß meines Oheims— und auf meinen Knien wuͤrde ich ihm dafuͤr danken und glauben, daß der Grafenkrone der Lacy's nie eine ſchoͤnere, reinere Perle eingeſetzt ward. Aber es iſt fur mich ein verlore⸗ nes Gut— ich bin nicht mehr frei— ſeit dem Tage, 14* 212 wo ich Dich zuerſt ſah— bin ich verlobt mit der Fuͤr⸗ ſtin Morani.“ Wer beſchreibt die Gewalt des Augenblicks, der dieſe große Entſcheidung enthielt? Alle erlagen unter dem Gewicht deſſelben, ohne Kraft der Gegenwehr. Magda hatte ſich mit ihrem bleichen Angeſicht zu ihm uͤbergebogen und die angſtvolle Qual ihres Innern lag in ihren Augen ausgedruͤckt, aus denen wie große Per⸗ len eine Thraͤne nach der andern ſchwer und heiß uͤber die bleichen Wangen floß. Sie ließ Lacy willenlos ihre kalte Hand, und draͤngte mit der andern mit allen ihr noch bleibenden Kraͤften den Großvater zuruck, als wolle ſie mit Lacy allein den ſchweren Augenblick durchleben. Auch feſſelten ihre Bewegungen den brauſenden alten Mann, denn ſeine Liebe zu ihr beherrſchte ihn ganz, bei dem Anblick ihrer Aufregung. „Verlobt! verlobt!“ das waren die erſten Worte, die ſie leiſe hervorhauchte, ſo daß nur die lautloſe Stille des Gemaches ſie verſtaͤndlich machten.„Ach,“ ſagte ſie dann, wie im Traume und der Welt entruͤckt— „Dein Oheim hatte mich ſo lieb— ſo lieb wie Dich— von Kindheit an ſagte er mir, ich ſolle recht gluͤcklich werden durch Dich. Und nun bin ich noch ſo jung— muß noch ſo lange leben— und Du willſt die gute „ S 213 alte Fuͤrſtin heirathen— und Dein Oheim hat ſie Dir doch nicht gewaͤhlt.“ Selbſt Thyrnau entglitt der Zorn aus dem Herzen, als er ſie hoͤrte— als er ſah, wie ſie nun auch ihre zweite Hand auf Lacy's Haͤnde legte— und ihm immer naͤher kam— ihn immer ruͤhrender anblickte— und ihr ganzes Herz wie eine Sterbende vor ihm enthuͤllte. Haͤtte Thyrnau an Rache denken koͤnnen— wie haͤtte er ſie ſich beſſer erſinnen ſollen? Lacy ſchien unter ih⸗ ren Worten wie vom Tode getroffen— ſeine Seele draͤngte ſich in ſeine Augen— und dieſe war voll an⸗ betender Hingebung. Er wehrte es nicht, daß die auf⸗ ſteigenden Thraͤnen ſich ihr zeigten,— aber das Wort fand er nicht. Wie mußte er es auch fuͤrchten, da es ihn hier oder dort zum Verraͤther machen konnte. Auch fuhlte er vielleicht nur Magda's Gegenwart— er ſchien den Moment feſſeln zu wollen, der ihn mit ihr ver⸗ einte— fuͤr's ganze Leben wollte er ihr Bild in ſich aufnehmen— er faßte die ſchoͤnen kalten Haͤnde immer feſter und feſter und Beide blickten ſich an, als wollten ſie das Gluͤck ergruͤnden, was ihnen ihr Anblick gewaͤhrte. „Aber,“ ſagte Magda dann traͤumeriſch weiter— „der arme alte Großvater, dem verderben wir nun ſeine ganzeFreude— und er hat es ſo gut mit uns ge⸗ meint.“ 214 „O Thyrnau,“ rief Lacy jetzt erwachend—„endet dieſe Qual, rettet mich! Bis jetzt war ich blos thoricht, — ſchuͤtzt mich, daß ich kein Verbrecher werde!“ Er ließ Magda los— er uͤberwaͤltigte den Alten, dem es noch halb und halb ſchien, als muͤſſe er blos ihr zuhoͤ⸗ ren, und ſtuͤrzte weinend in ſeine Arme, ehe er ihn zu⸗ ruͤck weiſen konnte. Da widerſtand Thyrnau nicht, denn ihn hatte innerlich nach dem Ebenbilde ſeines Freundes verlangt; er druͤckte ihn an ſich und ſenkte ſein Geſicht auf den Juͤngling, der ihn feſt umklam⸗ mert hielt. „Ich fuͤrchte ſelbſt,“ ſagte Thyrnau dann langſam, indem er ſich ſanft von ihm los machte—„daß wir nun Alle ungluͤcklich ſind. Aber wir muͤſſen die Uebel befragen, die uns quaͤlen. Das Hinderniß, was zwi⸗ ſchen uns tritt, zerſtort zu viel hochwichtige Intereſſen, als daß wir ſeine Rechte nicht erſt pruͤfen muͤßten, denn wir duͤrfen uns nur im aͤußerſten Falle ergeben.“ „Ach,“ entgegnete Lacy—„worauf hofft Ihr noch— welche Entſcheidung ſteht mir noch zu?“ „Vielleicht koͤnnte ich Ihnen antworten?“ ſagte Thyrnau,„daß Ihnen gar keine Entſcheidung zuſtand, und da der Vorwurf aus Ihrem Munde kam, daß wir Sie ungewarnt Ihren Weg verfolgen ließen, ſo dies erſtlich nicht ſo ganz der Fall geweſen, daß wir die — 215 gegebenen Warnungen, durch die Achtung vor dem Willen Ihres Oheims verſtarkt, nicht haͤtten ausrei⸗ chend halten duͤrfen; und zweitens moͤchte dieſer Sinn der Eigenmaͤchtigkeit ſchwerlich ſo entſchieden gewirkt haben, wenn die angedrohte Braut nicht ein buͤrger⸗ liches Maͤdchen, nicht die Enkelin des Advokaten Thyr⸗ nau war.“ „Ich muß dies zugeben,“ ſagte Lacy ſchon mit mehr Ruhe als vorher—„und wenn ich daruͤber Eure Vorwuͤrfe erfahre, muß ich Euch an die Erziehung erinnern, die ich empfing, und ob der Lach, den Ihr Euren Freund nennt und deſſen Grundſaͤtze mich leite⸗ ten, an eine Verbindung ungleicher Staͤnde je anders als mit Unwillen denken konnte? Daß er dieſer Ab⸗ ſichten nie ſelbſt gegen mich erwaͤhnte, gab mir die heimliche Hoffnung, er wolle mir einen Widerſpruch uͤberlaſſen, den gegen Euch zu fuͤhren ihn ſeine Liebe verhinderte.“ „Das fuͤhrt zu nichts!“ ſagte Thyrnau gereizt— „die Sache iſt, daß dieſe Verbindung nothwendig war, um das durchzuſetzen, was Euren Vetter rettete— Eu⸗ ren Oheim vor—“ Bei dieſen Worten bekam Magda, die in den Lehn⸗ ſtuhl ihres Großvaters geſunken war, ploͤtzlich Leben. Sie ſprang auf und legte beide Haͤnde auf das vor 216 ihnen liegende Teſtament und ihr Auge blickte drohend auf den Großvater. „Rede nicht weiter, Großvater!“ rief ſie heftig „denn er darf nichts weiter wiſſen. Das,“ fuhr ſie fort, auf das Teſtament zeigend—„iſt nun Alles vor⸗ bei. Er kann es nicht brauchen und wir auch nicht. Ich will es verbrennen, ehe es Schaden anrichtet,“ ſetzte ſie hinzu und nahm es auf, als wolle ſie damit fortgehn. Thomas Thyrnau fuhlte dieſe Worte wie den troſt⸗ loſeſten Schmerz ſeines Lebens. Dies Maͤdchen— dies Kind hatte das ausgeſprochen, was ihm von dem ganzen langgenaͤhrten theuren Plane— was ihm von den großen Opfern der hingebendſten Freundſchaft ubrig geblieben war. Ehe jedoch der erſchuͤtterte Greis zu einem Entſchluß kommen konnte, trat Lacy auf Magda zu und hielt ſie auf, als ſie wie eine Traͤumende fort wandeln wollte. „Nein,“ ſagte er—„jetzt darf mir nichts mehr vorenthalten werden— ich fordere meinen Antheil als ein Recht! Die Worte, Thyrnau, die Ihr ſo eben ge⸗ ſprochen, machen es unerläßlich, daß ich Alles erfahre, und ich bin Mann genug, um jedes Verhaͤltniß kennen zu lernen, welchen Einfluß es auch auf mein Schickſal haben mag. Ihr habt von Rechten uͤber mein Verms⸗ gen geſprochen— Ihr nennt ſogar den Namen Lacy „—— — 217 bedroht— wenn ich die eine Bedingung unerfuͤllt ließe — ſprecht es aus— und Du, Magda,“ ſetzte er im weichſten Tone hinzu—„Du fuͤrchte nicht fuͤr Deinen Freund! Er wird Alles ertragen und Du wirſt ſein Schutzgeiſt ſein.“ Magda hatte ſich von ihm halten laſſen, aber ſie druͤckte das Teſtament mit beiden Haͤnden feſt gegen ihre Bruſt, waͤhrend ihre Augen groß und ſchwermuͤthig auf ihn gerichtet blieben.— Thomas Thyrnau hatte ſich niedergeſetzt und war in truͤbes Nachdenken verfallen. „Und dennoch,“ ſagte Magda endlich—„duͤrft Ihr es niemals kennen lernen— ich habe ein Recht darauf— und wenn ich es will— wer kann dann da⸗ gegen.“ „Graf Lacy,“ ſagte Thyrnau entſchloſſen—„er⸗ klaͤren Sie ſich, ob die Verbindung, von der Sie ſpre⸗ chen, unwiderruflich iſt! Ich ſage Ihnen, daß Gruͤnde in Ihre Macht geſtellt werden koͤnnen, die wichtiger ſind, als Sie noch immer geneigt ſcheinen zu glauben— Gruͤnde— die wenigſtens vor Ihrem eignen Gewiſſen Sie frei ſprechen wuͤrden.“ „Ha!“ rief Lacy—„laſſen wir dieſe Räthſel⸗ ſprache, die nicht mehr paſſend iſt unter uns. Noch einmal— man darf mir den Willen meines Oheims nicht vorenthalten und ich will ihn kennen lernen!“ 218 „Und entſagen Sie jener Verbindung,“ fragte Thyrnau,„die Sie leichtſinnig und thoͤricht geſchloſſen?“ „Halt, mein Herr!“ entgegnete Lacy lebhaft— „ich habe Ihnen geſagt, daß ich verlobt bin. Ein Lacy hat noch nie ſein Wort zuruͤckgenommen— die Verbin⸗ dung iſt die ehrenwertheſte; ſie ward aus reiner Neigung geſchloſſen— ich bin der Gegenliebe gewiß— und ich liebe die Fuͤrſtin!“ Magda hatte ſich uͤber die Arme des Großvaters ge⸗ lehnt und blickte zu Lacy mit einem Ausdruck empor, der ihn vielleicht ſeinen Muth gekoſtet haͤtte, wenn er nicht ſeine Augen in dem duͤſtern ſtolzen Antlitz des alten Thyrnau haͤtte wurzeln laſſen. Jedes ſeiner Worte durchzuckte ihren Koͤrper wie elektriſche Schlaͤge, und die letzten draͤngten einen Schrei uͤber ihre Lippen, der wie das Zerreißen eines menſchlichen Innern klang. Ihr Kopf ſank uͤber Ihre Haͤnde, ſie lag uͤber den Armen Thyrnau's, wie gebrochen. „Nun,“rief dieſer halb traurig halb zornig—„ſo kann ich Ihr ſelbſtgewaͤhltes Schickſal nicht laͤnger auf— halten, denn ich habe nicht allein Ihre, ich habe Mag⸗ da's Rechte zu wahren, und handele nach dem feier⸗ lich gelobten Vertrage zwiſchen Ihrem Oheim und i Er erſchrak aber faſt, als Magda jetzt von ſeinen 219 Huͤnden auffuhr und er in ihr plotzlich gluͤhendes Ant⸗ litz ſah.—„Was willſt Du machen, Großvater?“ rief ſie.—„Weißt Du denn nicht, daß Alles voruber iſt? Ich bleibe nun bei Dir— Du haſt mich nun ganz allein, und fuͤr Dein ganzes Leben muß ich Dir allein Freude machen, und dafuͤr ſorgſt Du fuͤr mich! und bleibe ich leben— da will ich werden, wie Barbara — aber er— ol er iſt ja ein Lacy, dem Tein ange⸗ hoͤrt! Denke doch, wer ſoll hier herrſchen und befehlen koͤnnen, als ein Lacy?— Großvater!“ rief ſie, und ihre Aufregung hatte etwas Aengſtliches, ſie gluͤhte wie im Fieber und hielt den Alten auf ſeinem Stuhl feſt, obwol er immer verſuchte, ſie abzuwehren— „Großvater! ich will Dein Gewiſſen befreien— ich will Lacy verwerfen! ich will ihm ſagen, daß ich ihm nie angehoͤren will!“ Dann richtete ſie ſich auf, als ſie aber den Grafen anſah, der tief erſchuͤttert an ihrem Anblick hing, fuhr ſie mit der Hand nach dem Herzen— ihre Lippen wurden weiß— und ſie lehnte den geknickten Kopf einen Augenblick an die Stuhl— lehne. Kaum aber fuͤhlte ſie, daß Thomas Thyrnau ſich zum Aufſtehn anſchicke, da blickte ſie wieder auf und ihre Kraͤfte ſammelnd rief ſie:„Graf von Lacy! gegen den Willen Deines Oheims und gegen den Willen meines Großvaters verwerfe ich Dich!— ich 220 will Dir nicht angehoͤren, ich verwerfe Dich hiermit feierlich! Da wurde dies von den tiefſten Schmerzen gezeich⸗ nete Geſicht ploͤtzlich von dem ſuͤßeſten Laͤcheln der Ent⸗ zuͤckung uͤbergoſſen— freudeſtrahlend ſchlug ſie die Haͤnde zuſammen— triumphirend ſah ſie Alle an, die wie unter einem Zauber gebannt vor ihr ſtanden. „Nun,“ fuhr ſie immer holder laͤchelnd fort—„nun iſt alle Verwirrung geloͤſt, Vater Lacy!“ rief ſie, als ſaͤhe ſie ihn—„Magda hat nun doch Alle gerettet! Dich hat ſie doch glucklich gemacht,“ rief ſie dem Grafen zu —„und von Dir, Großvater, alle Sorge genommen.— Ach, wie bin ich gluͤcklich! gluͤcklich!“ rief ſie in ſteigen⸗ der Aufregung, die einen gefaͤhrlich uberreizten Geiſtes⸗ zuſtand andeutete.„Hieronymus, hoͤrſt Du ſie ſingen? Das ſind Deine Engel! Hoͤr', wie ſie ſo ſuͤß ſingen— ſie bringen kuͤhle Luft mit, weil mein Kopf ſo brennt. Nein! nein! ſie kommen von Vater Lacy— er will das ſchwere heiße Teſtament haben— o! ſieh nur, wie er die Arme ausſtreckt! Ja, er hat mich lieb— ich hab's ihm recht gemacht! Komm— komm Hieronymus! rede Du die Engel an— Du biſt ein heil'ger Mann— ach, wie ſchoͤn, wie ſuß das iſt— wie ich ſo gluͤcklich, ſo ſelig bin!“ „Um Gotteswillen,“ ſchrie Lacy, vor ihr niederſtuͤr⸗ 221 zend und ihre Haͤnde an ſeine Bruſt druͤckend— „Magda, erwache! ſammle Deinen abirrenden Geiſt— oder ich muß zu Deinen Fuͤßen ſterben!“ Magda erſchrak bei ſeiner Stimme und legte die Hand an ihre Stirn. Dann ſetzte ſie ſich ſtill nieder und hielt mit ihren beiden Haͤnde Lacy's Haͤnde feſt und laͤchelte den Knieenden, uͤber deſſen Geſicht unauf⸗ haltſam Thraͤnen ſturzten, wie ein Engel an. „Ach! wie hatte ich's mir ſo oft gedacht, wie es ſein wuͤrde, wenn wir uns zuerſt ſaͤhen,“ fuhr ſie fort —„und dann wie mich Egon da vor Dich hinſtellte— das war laͤcherlich!“ ſie lachte wie ein Kind dabei— „und wie ich nur allein wußte, Du ſei'ſt mein lieber Braͤutigam— ach! war das nicht traurig? Da bekam ich zuerſt den kleinen Stich am Herzen— der heute nun ſo groß geworden iſt wie die Sonne, wenn ſie brennt!— Und dann hier in Tein— was weißt Du wol von hier? Aber ich— jeden Weg kenne ich— jeden Baum— jede Blume— und Dein Bild dane⸗ ben! Es iſt Dein Oheim— aber ich wußte wol, daß Du ſo ausſaͤheſt. Da habe ich Dich geſchmuͤckt, Jahr aus Jahr ein— mit den Blumen, die die ſchoͤnſten waren. Ach, es waͤre wol nöthig, daß wir das ganze Leben bei⸗ ſammen blieben— ich dachte es immer, wir wuͤrden nie fertig mit all der Freude, die hier ſteckt.“ 222 Lacy verbarg ſein Geſicht in ihrem Schooß— er fuhlte den groͤßten Schmerz ſeines Lebens. „Faſſe Dich, Magda,“ ſagte Thomas Thyrnau ſanft—„Dir iſt vielleicht nicht wohl— wir wollen nach dem Dohlenneſt zuruͤck— gieb mir oder Hierony⸗ mus das Teſtament.“ „Ach nein,“ ſagte Magda—„laſſ mich hier— es iſt hier ſo ſchoͤn! Ich kann ja doch mit ihm umher gehn— wenn er auch die gute alte Fuͤrſtin heirathet.— Ach! ich hatte mich doch ſo lange darauf gefteut, ihn umher zu fuͤhren— ſoll ich denn nichts behalten?“ Sie fing ploͤtzlich an zu weinen und die beiden alten Maͤnner wendeten ſich rathlos von ihr ab, waͤhrend Lacy ſchluch⸗ zend zu ihren Fuͤßen liegen blieb. Ohne ſich ſtoͤren zu laſſen, fuhr Magda wieder fort—„Ihr ſeid Alle ſo ſtumm— und ich fuͤhle wol, ich mache Euch Sorge. Aber wenn Ihr wollt, daß ich nicht an den Schmerzen hier ſterben ſoll, dann muͤſſet Ihr Alle zuſehn, wie ich es mache, damit ſie ſanfter werden. Ich weiß Alles— ich bin gar nicht von Sin⸗ nen— ich weiß, daß ich ihm ganz entſagt habe— damit ihn nichts kraͤnkt und ich die Schuld habe. Das habe ich mir ſchon die Nacht ausgedacht, wie der Be⸗ truger kam, und ich dachte, Lacy achtete uns ſo gering— und wollte mich an ihn verrathen.“ „O nein!“ rief Lacy—„nein, Magda! nie hätte ich unredlich gehandelt. Doch ich bitte Euch, Thyrnau — wenn ich den Verſtand behalten ſoll, ſo endet dieſe Qualen— ſchreitet ein— entſcheidet!“ „Sie hat entſchieden!“ ſagte Thyrnau ernſt, aber milde.—„In ihrer reinen Seele iſt kein Irrthum— ihr tuchtiger Verſtand reifte in der Qual dieſer Stunde, Sie hat Recht, und da ſie Euch entſagt, durch ihren Willen ſich dem Teſtamente widerſetzt, ſo ſeid Ihr frei, und dies iſt ein umſonſt beſchriebenes Stuͤck Papier.“ Ein bitteres Laͤcheln ſchwebte um des Alten Mundwinkel — er nahm Magda das Pergament weg und reichte es mit dem brennenden Lichte Hieronymus, dem er einige Worte zufluͤſterte. Aufmerkſam und ruhiger als vorher hatte Magda ihm zugehoͤrt. Jetzt ſprang ſie auf und warf ſich dem Großvater in die Arme.„Dich hatte ich ſo gefurchtet — und nun biſt Du ſo gut! Jetzt bring' mich fort— ich wollte ihn nur nicht verlaſſen, weil ich dachte, dann kaͤmeſt Du hervor mit Allem. Nun kann ich aber gehn — o ſieh! ſieh! wie es brennt!“ rief ſie aufjauchzend. Im Kamin hatte Hieronymus das Teſtament ange⸗ zuͤndet— Alle wandten ſich der Flamme zu. „Mein alter Freund!“ ſagte Thomas Thyrnau, in⸗ dem er zum Himmel ſah—„das ſind die Entwuͤrfe 224 der Menſchen!— Graf Lacy,“ fuhr er fort—„jetzt ſind Sie der Beſitzer von Tein!“ „Es iſt nicht der Augenblick, um einer Erklaͤrung Sufragen erwiderte der Graf—„doch werdet Ihr gewiß fuͤhlen, daß ſie mir nicht fehlen darf.— Magda muß aber unſer erſtes Intereſſe ſein!“ „Fuͤr ſie hab' ich fortan allein zu ſorgen,“ rief Thyrnau mit der alten Energie. „Magda,“ flehte Lacy—„geh' nicht fort, ohne mir den Troſt zu geben, daß Du mir verzeihſt! Nenne das, was hier geſchehen, nicht Verwerfung— ich kannte Dich nicht! O vergiß das nie. Als ich die unuͤber⸗ ſteigliche Scheidewand zwiſchen uns aufbaute, glaubte ich einer Grille entgegen zu treten.— Denen, welche mein Gluͤck beabſichtigten, mißtraute ich— Magda, das ſind meine Fehler— und meine grauſame Strafe — daß ich Dir nicht angehoͤren kann! Aber merk' es wol, Dich, Dich habe ich nicht verworfen! O verzeihe mir— verzeihe mir.“ Magda's Kopf ruhte auf der Schulter des Großva⸗ ters; die Anſpannung ſchien ſie zu verlaſſen; ſie g luͤhte wie eine Roſe, aber ihre Glieder waren gebrochen. Hie⸗ ronymus hatte ihre mude niederhaͤngende Hand erfaßt; er prufte ihren Puls. Dennoch ſtrengte ſie ſich an, Laen zuzuhoͤren, und ihre Augen ſuchten ſein Bild feſt⸗ 225 zuhalten. Sie entzog Hieronymus ihre Hand, ſie druͤckte ſie an ihre Stirn und ſagte:„Es wird mir ſo ſchwer, zu denken, was nothig iſt.— Sage nicht, daß Du mir nicht angehoͤren kannſt— ich— ich habe das geſagt— ich habe Dich verworfen! Ach! nimm es doch ſo an, Lieber— ſonſt kann der Großvater nicht ruhig werden— und ich habe nur noch wenig Zeit zum Den⸗ ken.— Und verzeihen ſoll ich Dir? Ach, ich weiß nicht was! Zwiſchen uns ſteht etwas— das ſind aber Engel, die uns lieben, und die ſtoͤren uns nicht— die tragen Deine Liebe zu mir und meine zu Dir.— Hei⸗ rathe Du doch, wen Du willſt— ich kann Dir ja doch bleiben. Die Engel laͤcheln, wenn ich weinen will— dann ſingen ſie und ich bin dabei ſo ſelig, denn ich ver⸗ ſtehe wol: ſie finden das Alles nicht traurig, was ich heut' erlebt habe. Ach ſie ſingen mich in Schlaf— das thut gut— jetzt wird es Nacht! Sieh, die Sterne kommen vom Himmel— wie ſie glaͤnzen! Gieb mir Deinen— da— hier haſt Du meinen!“ Sie ſchwankte— ſie griff laͤchelnd in die Luft— in dieſem Augenblick fing Lacy ſie in ſeinen Armen auf, denn ihre Knie brachen zuſammen. Er druckte ſie feſt an ſeine Bruſt und ſie legte unſchuldig ſicher die Hand unter ihre Wange, als wolle ſie nun ſchlafen. Doch trat Hieronymus hinzu, denn Thyrnau ſah im ſtumilen Thomas Thyrnau ll. 3te Aufl. 15 226 Schmerz die anwachſende Krankheit bes allzu heftig er⸗ ſchutterten Maͤdchens.„Wir können ſie in dieſem Zu⸗ ſtande und bei der Glut der Mittagsſonne nicht von hier fortbringen,“ ſagte Hieronymus—„ein Aderlaß iſt das Noͤthigſte. Graf Lacy, gebt Befehl, daß die Zimmer der verſtorbenen Graͤfin Lacy geoͤffnet werden— und weib⸗ liche Bedienung herbei komme.“ „Befehlt Alles, was Euch noͤthig ſcheint,“ ſagte Lacy—„ich will ſie hinuͤber tragen.“ Lacy hob ſie wie ein Kind auf ſeinen Arm, denn ſie hatte jetzt die Beſinnung verloren, und trug ſie fort, den Weg, den er ſo wohl kannte, nach dem Schlafzimmer der alten Gräfin. Thyrnau folgte, ohne ein Wort zu ſprechen, und Hieronymus ſah ihm kopfſchuttelnd nach, denn die Stille in ſeinem Weſen ließ ihn auf den hohen Grad ſeiner Erſchutterung ſchließen. Nach dem Aderlaß war Magda erwacht, aber das Fieber mit großer Staͤrke ausgebrochen. Sie ſang mit einem wahrhaft ſeraphartigen Schwung der Stimme, und Hieronymus ſtand Niemand Rede und that alle Handreichungen ſelbſt. Mit dem Untergang der Sonne ſank die hoͤchſte Glut des Fiebers; ſie ſchlief abwechſelnd oder lag in einem ſtillen halb bewußtloſen Zuſtande. Die Kaſtellanin von Tein, die Tochter Angela's be⸗ fam nun ihren Wachtpoſten am Bette. Hieronymus . — loͤſte ſich endlich ab, denn der ehrliche Alte fuͤhlte, daß er den ganzen Tag keine Nahrung zu ſich genommen.— Er fuͤhrte die beiden Unglucklichen, die im Vorzimmer den heftigen Zuſtand der Kranken belauſchten, mit ſich in den mittlern Saal, wo die unbenutzte Mittagstafel ſtand. Erſt als er hier die Thuͤren nach dem Garten aufgeriſſen und die Kuͤhlung des Abends eingeathmet hatte, ſtand er den dringenden Fragen der Beiden Rede. „Ich ſage Euch, ſie kam ſchon im Fieber her. Ich hab's wol gedacht; die ganze Nacht iſt ſie nicht im Bett geweſen, ſondern auf dem Thurm uͤber dem feuchten Walde. Das iſt ſo, wenn man die Kinder erzieht, daß ihnen alle unvernuͤnftigen Neigungen durchgehn. Ich konnte es gut wahrnehmen, daß ſie um Mitternacht noch umher wandelte; aber Gundula wurde von der ver⸗ ſchloſſenen Thuͤr weggeſchickt: was war da zu thun? Ich konnte die Thurmtreppe nicht erklettern wie eine Katze; da holt' ich den Bezo— nun, das arme Thier verſteht's gleich, wenn's ſich um Magda dreht. Aber was half es viel, als daß er hinauf kletterte und ſie an⸗ ſah, wieder herab kam und immer zeigte, Magda ſei da! Erſt gegen Morgen iſt ſie eingeſchlafen, aber in den Kleidern und oben in der todtlichen Nachtluft; ich konnte ihr nicht helfen!— Was nun wird, muͤſſen wir ab— warten— das Eine, ſage ich aber, habe ich noͤthig: 15* 228 Keinen Laͤrm, keine dumme Haͤtſchelei oder Pflege, keine Gemuͤthsbewegungen! Wie viel ich von Allem will, werde ich ſelbſt anwenden— jetzt aber will ich eſſen, denn ſeit dem Fruͤhſtuͤck iſt hier eine große Lucke entſtanden.“ Er ruͤhrte die Glocke und befahl anzurich⸗ ten. Man nahm Platz und Jeder verſuchte, ſo viel die vorwaltende Stimmung zuließ, ſich nach dem erſchuͤt⸗ ternden Tage etwas zu ſtaͤrken; doch ſelbſt Hieronymus brachte es darin nicht ſo weit wie ſonſt, und Wein ver⸗ ſagte er ſich ganz, damit die Kranke, zu der er die Nacht zuruͤckkehrte, durch den Geruch nicht belaͤſtigt werde. Als er ſich zuruͤckgezogen und verſprochen, von Zeit zu Zeit Nachricht zu bringen, traten beide Maͤnner in die beſchwichtigende Nacht hinaus, die einen dunklen Himmel mit glaͤnzenden Sternen uͤber ihnen ausbreitete. Sie waren Beide froh, daß ſie den gluͤhenden Blicken ihrer Augen nicht mehr begegneten und aͤußerlich ſo ſanft vor einander verhuͤllt, erkannten ſie jetzt erſt klar ihr In⸗ neres, und als ſich Lacy uͤberwaͤltigt an Thyrnau's Bruſt ſturzte, druͤckte der alte bekuͤmmerte Mann ihn feſt an ſich, und dieſe ſtumme Umarmung loſte die ſchreckliche Spannung ihrer Herzen, und Beide entſchloſſen ſich in. ihrem Innern, ſich grenzenlos zu lieben. „Wenn ich leben ſoll,“ rief der junge Mann,„ſo mußt Du mir vergeben, Du mußt mich lieben, wie 229 Deinen Sohn, Du mußt mir das Leben uͤberwinden helfen— das ſelbſt Bereitete mich lehren zu ertragen.“ „So wird es ſein muͤſſen,“ entgegnete Thyrnau ſanft—„ich fuͤhlte es laͤngſt— ohne Liebe kommen wir aus dieſen Schmerzen nicht heraus. Das fuͤhlte Magda ſchon, die nichts zwiſchen ſich und Dir als En⸗ gel ſah, die ihr nicht zu weinen erlauben wollten. O! mein Sohn,— ſie hat uns Großes gelehrt in ihrem Irrwahn!“ „Laſſ' mir den Namen Sohn,“ bat Lacy—„die Looſe ſind anders gefallen, aber dies haben wir noch in unſerer Gewalt. Ol ſei mir nie weniger als ein Va⸗ ter, und Du wirſt die Luͤcke ausfuͤllen, die ich ſeit des Alten Tode fuͤhle. Ich muß Dein Sohn ſein, Mag⸗ da's Bruder, dann koͤnnen wir vielleicht ſo viel durch mich geſchaffenen Schmerz ertragen.“ „Es iſt ſeit dieſem Tage vieles zerſtort, was ich mit Deinem Oheim aufbaute; aber das Eine will ich feſt halten— und das war— daß wir Dich Beide adoptir⸗ ten, daß wir uns gleiche Rechte an Dir zugeſtanden, daß, wie er Magda ſich zueignete, ich zu Dir berechtigt ſein ſollte, daß wir unſer Eigenthum zuſammen warfen, Dir an dem meinigen, ihr an dem ſeinigen das gleiche Recht zuſtehen ſollte.“ „O mein Vater,“ rief Lacy—„halte das feſt 230 dann iſt Magda und bleibt ſie Herrin hier und uͤberall, wo ich ſelbſt bin. O dann wird Gott dem ſchwachen Herzen gnaͤdig bleiben und wir noch Alle gluͤcklich werden.“ „Noch,“ ſagte der Alte mit bebender Stimme— „ſteht ſelbſt ihr Leben in Frage— bleibt ſie uns erhal⸗ ten, dann wird ſie wol viel einzuwenden haben, und nie konnte ich ſie uͤberreden; ſie hat eine Unbezwinglichkeit, vor der ſie ſelbſt nicht weiter kann.— Doch laſſt uns die Nacht benutzen und ſage mir viel von Dir und laß mich Dir geſtehn, daß mich Deine Verlobung in doppel⸗ ter Beziehung traurig uͤberraſcht. Du warſt nicht ganz unbeobachtet und bliebſt nur ungewarnt, weil ich wußte, Du habeſt nirgends Dein Herz gefeſſelt. Keine Frau rang Dir auch nur fluchtige Theilnahme ab, und vol⸗ lends hielt ich Dich geſichert, als ich erfuhr, nur das Haus der Fuͤrſtin Morani beſuchteſt Du täglich— un⸗ ter dem Schutz dieſer tugendhaften Dame hielt ich Dich ſo ſicher bewahrt!“ „Nur das Eine, theurer Vater, eh' ich zu erzaͤhlen anfangeß laſſ keinen Argwohn auf die fallen, die jeßt zwiſchen Deine Plaͤne tritt. Nicht durch die Kuͤnſte der Gefallſucht, womit aͤltere Frauen dem ungezugelten Her⸗ zen noch in ſpäteren Jahren juͤngere Maͤnner zu erwer⸗ ben ſuchen, hat die Fuͤrſtin meine Neigung gewonnen. 231 Ich darf kuͤhn ſagen: ich habe ſie fruher geliebt, als ſie mich! Ich liebte die Reize, die ſie nicht verbergen konnte— dieſen edlen gelaͤuterten Sinn— dies Herz voll Guͤte und Weisheit, das in jedem Augenblick her⸗ vortrat. Die Schuld, die hier in mir entſtand, trifft mich allein— lange widerſtrebte ſie meinen Bitten— und als ſie einwilligte, fuhlte ich mich vielleicht gluͤck⸗ licher, als ſie.“ Lacy fuhr nun fort, mit der Offenheit eines Soh⸗ nes alle ſeine Verhaͤltniſſe dem neu gewonnenen Freunde darzulegen, und dieſer fuͤhlte am Ende dieſer Mitthei⸗ lung, daß ſeine Hoffnung, noch eine Wendung darin zu finden, welche die Dinge anders zu geſtalten ver⸗ moͤchte, vergeblich war, und daß, wenn er nicht uͤber den eben gewonnenen Sohn ein tiefes, nie gekanntes Leiden bringen ſolle, er ihm fuͤr's Leben den Verluſt des Ver⸗ moͤgens verbergen muͤſſe, auf deſſen Beſitz er bei der Verbindung mit der verarmten Fuͤrſtin ſo ſicher gerech⸗ net hatte. „Sie wird genug haben, wenn ſie's uberlebt,“ ſagte er in ſich hinein—„und ich, der arme buͤrgerliche Advokat, rette das ſtolze Haus Lacy!“ Doch war des Advokaten Stellung nicht ſo leicht wie die des Grafen, dem es vergoͤnnt war, ſein ganzes Innere offen aufzudecken. Thyrnau empfand eine faſt 232 unuͤberwindliche Abneigung, von ſeinem und des Oheims Jugendplaͤnen zu ſprechen, die ohne die entſchuldigende Kenntniß der damaligen Verhaͤltniſſe jetzt etwas Belei⸗ digendes fuͤr das Gefuͤhl des Unterthanen haben konn⸗ ten— und uͤberdies— wie ſchwer war es, der daraus entſtandenen Verwicklungen zu gedenken und die Mittel zu umgehen, welche dieſe loͤſten? Thyrnau fuͤhlte, er durfte ſich nicht uͤberraſchen laſſen und fuͤrchtete auch ſeine Stimmung, die durch den Gedanken an Magda's gefahrvollen Zuſtand zerſtreut war.— Dieſer letzte Grund, deſſen Wahrheit Laey fuͤhlte, weil er ihn theilte, uͤberhob ihn der naͤheren Erklärung, und da Beide durch die Mittheilungen des alten Hiero⸗ nymus ruhiger wurden, die Nacht auch vor dem roͤth⸗ lichen Lichte, welches im Sſten aufſtieg, verſchwand, nahmen ſie, von der Erſchoͤpfung uͤberwältigt, die der erſchuͤtternde Tag nach ſich fuͤhrte, auf den Sopha's des mittleren Saales Platz und genoſſen einer kurzen Ruhe. Hieronymus hatte ihnen am Morgen uͤber Magda guten Troſt zu bringen; doch verſagte er jedem Andern den Eintritt zu ihr, da der halb bewußtloſe Zuſtand, in welchem ihre Schwaͤche ſich erhielt, durch nichts unter⸗ brochen werden ſollte, und ſelbſt die weinende Gundula wurde zuruͤck geſchickt, weil das fremdere Geſicht der Kaſtellanin ihm weniger aufregend erſchien. 3 Thyrnau und Laey ergriffen jetzt mit muthigem Geiſt die geſtoͤrte Stellung nach Außen. Poͤlten erhielt von Thyrnau Verzeihung. Die Abſichten des jungen Man⸗ nes hatten etwas Verſoͤhnendes— ſeine Strafe war nicht gering— auch konnte man annehmen, daß er die Taͤuſchung bis zu dem ehrloſen Einſchleichen in die Ge⸗ heimniſſe des Teſtaments nicht wurde getrieben haben. Thyrnau gab ihm unaufgefordert dieſes Zeugniß, und war ſeit dem Mittage im Dohlenneſt ſchon, wie Magda, vollkommen uͤberzeugt geweſen von dem Betruge, der geſpielt ward. Gleich am erſten Tage hatte er Ver⸗ dacht geſchoͤpft, aber er hielt Polten fur keinen Ehrlo⸗ ſen; er erkannte in ihm den blos leichtſinnigen Thoren und ſuchte durch ſeine feierliche Weiſe am letzten Mor⸗ gen das ſchlummernde Ehrgefuͤhl zu wecksn. Die Hand, die Poͤlten in dem Augenblick, wo Thyrnau anſcheinend die Siegel erbrechen wollte, verhindernd gegen ihn aus⸗ geſtreckt, beſtätigte die gute Meinung des Advokaten und verſchaffte Poͤltens Verſicherung vollen Glauben, daß er entſchloſſen geweſen waͤre, Alles zu geſtehen, wenn Magda's Erſcheinen dies nicht verhindert haͤtte. Der junge Mann fuͤhlte jedoch, daß er hier nicht bleiben koͤnne, und nahm daher nach dieſen Erklaͤrungen Abſchied, um jetzt die Reiſe nach Ungarn anzutreten, die er in Prag bei ſeinen dortigen Geſchaͤftsfreunden als 234 wichtig erkannt hatte. Erſt nachdem Poͤlten das Schloß verlaſſen, ubernahm es Thyrnau, den verſammelten Dienern des Hauſes anzuzeigen, daß jetzt ihr junger Herr eingetroffen ſei, indem er das Erſcheinen des Barons in einige Worte hullte, die der Reſpekt der alten Leute verhinderte, unverſtaͤndlich zu finden, und die auch bald in der Freude vergeſſen wurden, als ihr junger Herr jetzt unter ſie trat, Alle kannte, bei Namen nannte, nach allen Verhaͤltniſſen mit gutem Gedaͤchtniß fragte, und als die ſchoͤne vollſtäͤndig entwickelte Aehnlichkeit mit ihrem ſel'gen Herrn ihnen die gute alte Zeit wieder⸗ zubringen verhieß. „Ach,“ ſagte ſich Thyrnau, der ein nachdenklicher Zeuge dieſer Scene war—„ womit koͤnnte ich ihnen das erſetzen? Wie vergeblich wuͤrden meine und Magda's Rechte hier auf Beſtaͤtigung warten; wie wuͤrde ich ihnen immer wenig mehr als der Raͤuber dieſer Rechte ſein! Ein langer Beſitz, von Vater auf Kinder ſich vererbend, iſt ein Heiligthum, fur deſſen Erhaltung in jedes Nachkommen Bruſt der waͤrmſte Eifer leben ſollte. Es iſt das einzige Verhaͤltniß, was noch die patriarcha⸗ liſchen Elemente einer verſchwundenen Zeit enthaͤlt; die geſchonte P nzſtätte uneigennuͤtziger Liebe und Treue, wo der ſchoͤnk Traum moraliſchen Einfluſſes auf die uns zugegebenen geringeren Staͤnde ſo weit Wahrheit wird, 235 als der Werth in uns es iſt. Hier tritt uns ein Glau⸗ ben entgegen, den wir muthwillig zerſtoͤren muͤſſen, wenn er uns nicht eine Stuͤtze werden ſoll, die wir mit dem Namen und Beſitz ererbten, der zugleich der Beſitz dieſer Armen iſt, die ihn fortgeerbt ſehen wollen an den, dem ſie gehorchen ſollen. Auch war kein Zweifel mehr in dem großmuͤthigen und entſchiedenen Karakter Thyrnau's. Er, der die Rechte des Andern ehrte, bis zu der Laune, die ihn hier oder dorthin trieb, ſobald er einer ſtrafloſen Richtung der Seele folgte; er hielt den aͤußern Beſitz ſo gering, daß er keinen Skrupel empfand, Magda ihres bedeuten⸗ den Vermoͤgens zu berauben. Thomas Thyrnau hatte ſchnell heraus gefuͤhlt, was von ſeinem Entſchluß und ſeiner Thaͤtigkeit abhing; aber er fuhlte, daß dies nur aͤußere Verhaͤltniſſe ſicherte und erſt, nachdem dieſem genuͤgt war und eine geraͤuſch⸗ loſe Feſtſtellung derſelben das bedrohliche Aufſehn abge⸗ wendet, kehrte der Blick nach Innen zuruͤck und forſchte, was hier nach ſo vielen Verluſten geblieben war. Es gehoͤrte ein entſchloſſenes Herz dazu, um mit ſcharfer Erwaͤgung der Wahrheit durchzudringen, das Reſultat zuſammen zu faſſen und ſich mit ſenerglen Geſtalt zu verſoͤhnen. Die wundeſte Stelle nach dieſem Ver⸗ fahren blieb fuͤr Thyrnau Magda's Schickſal. 236 „Sie wird aus der Bahn damit gedraͤngt ſein,“ ſagte er ſeufzend,„und den beklagenswerthen Frauen angehoren, die nicht auf dem natürlichen Wege ihrer Beſtimmung den Reichthum ihres Innern entwickeln koͤnnen. Nachdem ihr die ſchoͤnſte Beſtimmung verlo⸗ ren geht, wird ſie ſich in Verſuchen abmuͤhn, ſich ſelbſt genug zu thun— aber wenn der Bogen des Friedens ſich einſt uͤber ihr woͤlbt, ſo wird er den langen Regen⸗ tag andeuten, deſſen ſcheidende Sonne erſt die fallenden Tropfen verſchoͤnt!“ Dabei ließ ihn ſeine Achtung vor der Freiheit jedes Einzelnen gar keine Plaͤne fuͤr Magda machen. Er liebte in dieſem jungen Weſen die Ent⸗ ſchiedenheit des Sinnes, die ihr immer auf ihre Weiſe Bahn machte, und erwartete, ohne ſich zum Einſchreiten Berechtigung zuzugeſtehn, wie dieſe große Umwaͤlzung ſich in ihr geſtalten werde. Aber— er waͤre lieber al⸗ lein ungluͤcklich geweſen. Da er ſeine eigne ſchoͤne Na⸗ tur nicht ſo vollſtaͤndig erkannte, als ſie ſich doch grade hierbei bethaͤtigte, erſtaunte er faſt, daß er das Schei⸗ tern des alten wohlerſonnenen Plans und den damit verbundenen ſtillſchweigend und unerkannt geopferten Verluſt ſeines großen Vermoͤgens ſo wenig empfand⸗ oder nur mit dem wehmuͤthigen Läͤcheln des Philoſophen begleitete, der den Erſcheinungen des Lebens mit dem Antheil zuſieht, der ihm die Kurzſichtigkeit menſchlichet 237 Beſchluͤſſe verraͤth, die in ihrer nothwendigen Entwick⸗ lung dem Einſchreiten der Zeit verfallen. Daß wenig⸗ ſtens die Rettung des Namens Lacy erreicht war— das Beſitzthum des adoptirten Juͤnglings— des Neffen des geliebten Freundes geſichert— und damit dem ver⸗ klaͤrten Geiſt genug geſchehen, war der Troſt, der ſein großmuͤthiges Herz befriedigte. Er fuhlte ſich bei ſeiner vielgepruͤften Erfahrung uͤberdies nicht ſicher, ob den jungen Mann— abgeſehen von dem aͤußeren jetzt feſt⸗ geſtellten Beſitz— nicht ein groͤßerer Verluſt an Gluͤck getroffen, als die Zeit gut zu machen vermoͤchte. Er hatte ſeine Mittheilung mit großer Selbſtbeherrſchung angehoͤrt, und Thomas Thyrnau war der Einzige bis jetzt, der nicht geſtrebt hatte, Lach das Gewagte und Un⸗ paſſende ſeiner beabſichtigten Verbindung vorzuſtellen. Aber dies Benehmen entſprang aus der an Schreck grenzenden Ueberzeugung, welchen Gefahren der junge Mann mit der Unſchuld der Unerfahrenheit entgegen ging. Sein ſtarkes Ehrgefuͤhl zeigte ihm dabei das eingeleitete Verhaͤltniß als unauflöslich, und er glich dem zaͤrtlichen Vater, der vor dem Laut zittert, der den nachtwandelnden Sohn an dem Rande des Abgrunds wecken koͤnnte, ihm die gefahrvolle Tiefe aufdeckend, an der er ſorglos voruͤbergeht. Er dachte nur daran, wie er ihn ſtuͤtzen wolle— und bewahren helfen— und. ¹ 238 mußte ſich ſagen, ſchon moͤge durch jenes Zuſammen⸗ treffen mit Magda, durch die gefaͤhrlichen Beziehungen zu ihr, das unberuͤhrte Herz, was ſich ſo ſchnell dem Anbeten der Tugend gewidmet hatte, von der Ahnung beſchlichen ſein, daß der Jugend eine Entzuͤckung aufbe⸗ halten iſt, die keinen Verſtand zu ihrer Erklaͤrung braucht, weil in der Harmonie des Eindrucks die zwei⸗ felloſeſte Befriedigung liegt— die Gluͤck iſt!—„O, Jugend,“ ſagte Thyrnau—„raͤche nicht zu ſchwer die Schuld, die an Deinen Rechten begangen iſt— fordere nicht Deinen Tribut nach— denn Du erhaͤltſt ihn nur, indem Du das Individuum aufopferſt.“ Er wuͤnſchte in Lacy den Gedanken zu erregen, daß es ſeine Stellung, wie die hochwichtigen Intereſſen Boͤhmens noͤthig mach⸗ ten, daß er nach Wien zuruͤckkehre. Er wollte ihn auf dieſe Weiſe von der leidenſchaftlichen Theilnahme zer⸗ ſtreuen, die Magda's Krankheit in ihm erregt hatte und er benutzte Hieronymus Ausſagen, um ihn zu erinnern, daß eine Erkaͤltung des eigenwilligen Kindes und ein ſchon vorhandenes Fieber dem darauf Folgenden zu ſo großem Einfluß verholfen habe, und die Krankheit eigentlich da geweſen ſei ohne die blos vermehrend wirkenden Gemuͤthsbewegungen. Wie viel Lacy davon glaubte, konnte Thyrnau nicht erkennen; wie uͤberhaupt die Stimmung des jungen Mannes nach der offenſten 239 Hingebung des Vertrauens jetzt wieder in eine Zuruͤck⸗ haltung uͤbergegangen war, die einen tieferen Blick in ſeinen Herzenszuſtand von ſich abwies. Er hatte ſich, wie es ſelbſt Thyrnau ſchien, nach den erlebten Erſchuͤt⸗ terungen aͤußerlich veraͤndert. Außer ſeiner Blaͤſſe wa⸗ ren ſeine Augenlieder geſenkt und ſeine Stimme hatte einen leiſen nach Innen gedraͤngten Ton. Aber was es auch ſein mochte, Thyrnau ſah mit innigem Wohl⸗ gefallen, er ſei Keiner, der mit unnuͤtzen Worten die innere Kraft beim Kampf zerſplittere, und freute ſich der Beſtatigung ſeiner wachſenden Liebe. Gegen Ende des Tages wußte er ihn zu dem Ent⸗ ſchluß zu ermuthigen, am andern Morgen nach Wien zuruckzukehren, in welchen Vorſchlag Lach zwar ein⸗ ging, jedoch abermals um Erklaͤrung der vielfach ver⸗ nommenen Drohung bat, die ihm ſein Vermoͤgen in Zweifel geſtellt hatte. Obwol dieſer Antrag Thyrnau nicht unerwartet kommen mußte, fuhlte er ſich doch nicht vorbereitet dar⸗ auf. Haſtig griff er nach beiden Haͤnden Lacy's, und indem er ſie heftig druckte, rief er, faſt von ſich ſelbſt uͤberraſcht:„Was willſt Du? Da Du eingewilligt haſt, mein Sohn zu ſein, ſo ſage ich Dir, iſt Alles in meine Willkur geſtellt und ich, Dein Vater, verſichere Dich— Dein Vermoͤgen iſt unbebroht, unangeruͤhrt. Das war ein Geheimniß, was nun werthlos geworden iſt— im Kamin iſt ſeine letzte Spur verglimmt.“ „Aber,“ entgegnete Lacy—„ Magda kennt es— Hieronymus kennt es. Darf ich es zugeben, der Ein⸗ zige zu ſein, der daruͤber unwiſſend bleibt? O mein Vater, pruͤfe genau, darf ein Lacy es ſich gefallen laſ⸗ ſen— iſt nichts dahinter, was edler waͤre, ſelbſt als Nachtheil ertragen zu werden, als unwiſſend Andere daruͤber entſcheiden zu laſſen?“ „Sei ruhig,“ ſagte Thyrnau bewegt—„der Name 3 iſt Dir nicht theurer als mir; er iſt bei meinem Verfahren vollkommen geſichert— ſtreite nicht weiter daruͤber. Viel habe ich ſeit geſtern aufgeben muͤſſen, Du biſt mir eine kleine Genugthuung ſchuldig, und ſie beſteht darin, daß Du Dich jetzt fuͤgſt wie ein Sohn, der ſeinem Vater vertraut.“ Thyrnau war aus ſeinem Karakter herausgegangen, indem er, um zu ſeinem Zweck zu kommen, den An⸗ dern erweicht hatte. Er fuͤhlte das, und nachdem ſie ſich ſtumm aber in großer Ruͤhrung und Zaͤrtlichkeit umarmt hatten, eilte Thyrnau Zuſammenkunft zu beendigen. Hieronymus Ausſagen ließen Magda's Zuſtand eher gefahrloſer erſcheinen; Lacy wollte deshalb ſchon die Nacht zu ſeiner Abreiſe benutzen, und die Maͤnner 241 beſchloſſen, bis dahin zuſammen zu bleiben. Thyrnau gewann bald die Geiſtesfreiheit wieder, die ihn geſchickt machte, Lach uͤber ſeine verlegen verhehlten naͤchſten Schritte zu befragen. Mit großer Gemuͤthsbewegung hoͤrte er, daß die Fuͤrſtin Morani den Bitten des Juͤng⸗ lings nachgegeben und ihn bei ſeiner Ruͤckkehr die vor⸗ bereitete Hochzeit erwarte. Aber auch hierbei zuckte bloß Thyrnau's Herzz ſein Aeußeres druͤckte wahren Antheil aus und Lacy, der das edelſte und klugſte Ver⸗ fahren, was ihm bisher zu Theil geworden— tief er⸗ kannte, fuͤhlte, wie wohlbegruͤndet ein ſolcher Mann die ehrfurchtsvolle Liebe genießen mußte, die ihm uͤberall zu Theil ward. Ein ſchwerer Seufzer rang ſich aber aus Thyrnau's Bruſt, als der Augenblick der Abreiſe gekommen war und Graf Lacy eine Gemuͤthsbewegung zeigte, die ihn ſeine ſtreng behauptete Haltung zu koſten ſchien. Hie⸗ ronymus hatte ihm die letzte Nachricht, daß Magda feſt ſchlafe, ſchon einige Male wiederholt und immer ſtand er blaß und forſchenden Blickes vor dem alten Manne. Plotzlich rief er heftig und dringend:„Ich bitte Euch um Gotteswillen, laßt ſie mich noch einmal ſehen— ich werde dann ruhiger ſein und leichter abreiſen.“ Die beiden Alten erſchraken uͤber die unerwartet hervortretende Aufregung, doch ſuchten ſie ihn abzuhal⸗ Thomas Thyrnau I1 3te Auflage. 16 242 ten. Aber es ging hier wie uͤberall, wo ein beſtimm⸗ ter Wille ſo lange gegen Gruͤnde das Ohr verſchließt, bis er eine Einwilligung erzwingt, die er allein zu ver⸗ ſtehen ſcheint. Hieronymus kehrte, von Lacy auf dem Fuße gefolgt, nach dem Krankenzimmer zuruͤck, und als er Magda noch ſchlafend fand, trat er zur Seite und— Lacy ſtand jetzt vor dem Bette. Das Zimmer war nicht ſo traurig verduͤſtert, wie Krankenzimmer gewoͤhnlich, und die ſchweren gruͤn da⸗ maſtnen Bettgardinen waren zuruckgeſchlagen. Mag⸗ da's Kopf ruhte auf dem weißen Kiſſen und die langen ſchwarzen Flechten hingen auf beiden Seiten nieder. Die geſchloßnen Augenlieder zeigten die breiten dunklen Wimpern; das ſonſt von keinem Krankenzug entſtellte Geſicht hatte eine Marmorweiße und blos um die Au⸗ gen einen tiefen Rand, das Zeichen des Leidens. Lacy betrachtete ſie lange; dann kniete er nieder. Er ſah die ſchoͤne langliche Hand, die ſo ſtill gebettet am Rande hing— dann bog er ſich leiſe nieder— kuͤßte die Fingerſpitzen und verließ das Zimmer mit ſichereren Schritten, als er es betreten hatte.— Aber er ſprach zu Keinem ein Wort mehr. Stumm ume. armte er Thyrnau und eilte den Wagen zu erreichen, der ihn in die verſchwiegene Nacht hinein trug. — 243 Wenn der Fuͤrſt Morani aus ſeiner Gruft geſtie⸗ gen waͤre, um ſeinen Palaſt, den Schauplatz heiterer Launen, zu durchwandern, wuͤrde er mit Wohlgefallen die neue Ausſtattung betrachtet haben, deren Gediegen⸗ heit und wirklich hoͤheren Kunſtwerth er ſehr wohl zu ſchaͤtzen vermocht, wenn er auch gern die Frivolitäten ſeines luͤſternen Sinnes noch hinzugefuͤgt haben wuͤrde. Von dieſem waren die Spuren wie auf ſtillſchwei⸗ gend ergangene Zauberformeln uͤberall verſchwunden. Obwol man den heitern Bacchiſchen Zug des Daniel Gran an dem hohen Kuppelgewoͤlbe des Audienzſaales gelaſſen, waren doch purpurrothe Sammttapeten in die goldenen Rahmen geſpannt, welche dieſe frivolen Ge⸗ genſtaͤnde fruher in eine beleidigende Naͤhe brachten, der man ſich in den Zimmern kaum entziehen konnte— und ſchon ſchmuckten ſtatt deſſen einige werthvolle Land⸗ ſchaften von Ruysdal und Claude Lorrain die einfachen Waͤnde. Die Fuͤrſtin ſah mit großer Genugthuung dieſen Schoͤpfungen zu, die ihr jetzt erſt— den Ver⸗ haͤltniſſen vollkommen entſprechend, eine wahre Freude gewaͤhrten, und ihr feiner gebildeter Geſchnack gab im⸗ mer den guͤnſtigſten Ausſchlag, wo in irgend einer Hin⸗ ſicht Zweifel entſtanden. Sie ertrug daher, ſo ange⸗ 16* 244 nehm beſchaͤftigt, die Abweſenheit des Grafen, deſſen Reiſe ſie ſo nothig hielt als er ſelbſt, mit vieler Ruhe und betrieb, ungeſtoͤrt von der geliebten Gegenwart, Alles was noͤthig war, um bei ſeiner Ruͤckkehr ihr Ver⸗ ſprechen erfullen und den Hochzeitstag ihm anzeigen zu koͤnnen. Der Graf von Lacy ließ ſich in ſeinem Reiſewagen vor die Hof⸗ und Staatskanzlei fahren, um dem Gra⸗ fen Kaunitz ſeine Ruͤckkehr ſogleich anzuzeigen und war ſo gluͤcklich, dem Staatskanzler auf der Treppe zu be⸗ gegnen, als er eben im Begriff war, der Kaiſerin aufzuwarten. „Ach,“ ſagte Kaunitz—„ich erkannte Sie nicht gleich— ſind Sie krank geweſen? Sie ſehen uͤbel aus, vielleicht haben Sie ſich bei der Reiſe üͤbereilt. Nun, ich hoffe, Sie ſind mit Ihrem Vormund, dem Herrn Advokaten Thyrnau, jetzt vollig abgefunden.“ „Vollkommen mit ihm einverſtanden vielmehr, und mehr wie je von ſeiner Guͤte und ſeinem hohen Werth durchdrungen!“ erwiderte Lacy. „Ich gratulite dazu,“ ſagte der Staatskanzler froſtig—„und freue mich, Ihrer Majeſtät der. Kaiſerin ſagen zu koͤnnen, daß Sie ihrer Befehle harren.“ Lacy ſandte einen Diener nach dem Palaſt Morani 245 und ließ ſich zur Mittagstafel anmelden, dann eilte er ſeiner Wohnung zu, um die Kleidung zu aͤndern, und hier war es, wo er ſelbſt einen Augenblick erſtaunt ſein Bild im Spiegel auffaßte und leicht erkannte, wie der Staatskanzler zu ſeinen Bemerkungen gekommen war. Er war daher ſorgfaͤltiger wie gewöhnlich bemuͤht, durch ſeine Kleidung ſein Aeußeres vortheilhafter darzuſtellen, als es ſeine Farbe zulaſſen wollte. So wie er nur in den Hof des Palaſtes Morani trat, war es ihm, als fielen Centnerlaſten von ſeinem Herzen. Die unverhehlte Freude der alten und der neuen Diener ruͤhrte ihn tief, und als die Thuͤren des Gartenſaals ſich hinter ihm ſchloſſen und die edle Fuͤr⸗ ſtin an ſeine Bruſt ſank, da fuͤhlte er eine Begeiſte⸗ rung, daß er die Haͤnde uͤber ihrem Haupte zum Him⸗ mel hob und Gott laut anflehte, Er moge ihm Kraft geben, ſie ſo glucklich zu machen, als ſie es verdiene. Seine Zaͤrtlichkeit hatte etwas leidenſchaftliches— er kniete vor ihr— bedeckte ihre Haͤnde mit Kuͤſſen und ſeine Augen ſchwammen in Thraͤnen. Er zeigte eine ernſte tiefe Aufregung des ganzen Weſens, die ſein ſcho⸗ nes Geſicht ſo oft veraͤnderte, daß die Fuͤrſtin es nicht uͤberſehen konnte. Aber eine Frau, die dem geliebten Manne eingeſtehen ſoll, daß ſie den Hochzeitstag feſt⸗ geſetzt hat, nimmt einen etwas erhoͤhten Ausdruck der Liebe ſeinerſeits gern an, und ſo fuͤhlte ſich die Fuͤrſtin ungeſtort gluͤcklich. „Nach der Hochzeit, geliebte Claudia, erzaͤhle ich Ihnen alles in Tein Erlebte mit der treuſten Wahr⸗ heit,“ ſo beantwortete er ihre Nachfragen uͤber ſeine Reiſe—„vorher verſchonen Sie mich! Ich habe ſchwere Stunden verlebt und Sie ſollen meine Ver⸗ traute ſein. Sagen Sie mir jetzt, ob dieſer Tag auf morgen feſtgeſetzt iſt?“ „Ich habe nichts dagegen,“ ſagte die Fuͤrſtin— „die Einrichtungen ſind getroffen— die Prinzeſſin Thereſe wird meine Brautjungfer ſein— der Graf von Reutenberg will Sie begleiten— Georg Prey wird uns in der Jeſuiter-Kirche in der fruͤheſten Morgen⸗ ſtunde trauen. Die mir zugedachten Ehren der Kaiſerin habe ich dankbar abgelehnt, damit iſt jeder andere An⸗ ſpruch abgewieſen, und dieſer heil'ge Tag gehoͤrt uns ganz.“ „Gottlob, meine theure Claudia! denn wahrlich, ich ſehne mich nach einer recht tiefen Stille an Ihrer Seite. Die erfahrenen Aufregungen wollen wieder an ihren Platz verwieſen ſeinz es kommt mir vor, als waͤre eine Art Unordnung in mir, die Sie mir aufraͤumen helfen muͤßten.“ „Und,“ fragte die Fuͤrſtin—„reiſen wir dann denſelben Tag nach Tein ab?“ . — 247 „Nach Tein?“ rief Lacy und ſchreckte empor, als ob er das oft Beſprochene zuerſt hoͤrte—„nein, Clau⸗ dia, nach Tein koͤnnen wir nicht!“ Die Fuͤrſtin verſchwieg ihr Erſtaunen. War doch ſeit lange von nichts Anderem die Rede geweſen, als nach Tein zu gehnz war dieſe Reiſe und der Aufenthalt dort, den Lacy fuͤr ihre Geſundheit nothig hielt, doch mit der Grund zu einer ſo nahen Beſtimmung des Hochzeitstages geweſen! Doch draͤngte ſich ihr damit die Ueberzeugung auf, daß Lach dort Unangenehmes erlebt habe, und daß dieſer veraͤnderte Plan mit dem Verhaͤlt⸗ niß zu Thomas Thyrnau in Verbindung ſtehe, uͤber welches ſie nach der Hochzeit ſein Vertrauen erwarten durfte.„Wohin denken Sie alsdann, lieber Lacy,“ hob ſie daher ruhig an—„Sie wiſſen, die Sitte er⸗ fordert eine kurze Abweſenheit?“ „Laſſen Sie uns nach Prag gehen!“ rief Lacy— „Ich beſitze dort einen ſchoͤnen Palaſt mit intereſſanten Sammlungen und werthvollen Familien⸗Andenken. Es ſind ſchoͤne Gaͤrten dabei, die Luft iſt herrlich und ge⸗ ſund— doch laſſen wir uͤberhaupt die Plaͤne bis nach der Hochzeit— ich habe Ihnen ſo viel zu ſagen, meine theure Claudia!“ Mit einem wehmuͤthigen Laͤcheln blickte die Furſtin ihn an. Ihr ward ploͤtzlich ſo bang vor dieſen Mitthei⸗ 248 lungen— ſie fuhlte die Haſtigkeit in Lacy's Weſen— wie viel mußte er erlebt haben, was ſein ſchoͤnes ruhi⸗ ges Gleichgewicht ſo aufzuheben vermochte! Doch be⸗ hielt ſie nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn der Tag, der dieſer wichtigen Veraͤnderung voranging, fuhrte noch manche Pflichten mit ſich, welche die Zeit und die Gedanken der Fuͤrſtin in anderer Beziehung in An⸗ ſpruch nahmen. Der erſte Duft des Morgens ruhte noch um den klaren Himmel; die Straßen Wiens waren noch ſtill von dem Geraͤuſch der Werkthatigkeit. Nur das Ge⸗ laͤut der zahlreichen Glocken dieſer frommen Stadt rief die Glaͤubigen zu dem erſten Dienſt des Tages in das Haus des Herrn, um ſich in der Fruͤhmeſſe den Segen zu holen fuͤr den Betrieb des Tages. . Zwiſchen dieſen ſtillen Fußwanderern fuhren zur ſel⸗ ben Stunde vier prachtvolle Karoſſen hindurch und hiel⸗ ten an dem Hinterpfoͤrtchen des Profeßhauſes der Je⸗ ſuiten, welches durch einen kleinen Baumgarten unmit⸗ telbar in die Kirche Koͤnigin der Engel fuͤhrte. In reicher Kleidung ſtiegen zwei Herren aus dem * 249 erſten Wagen, welche an der Pforte ſtehen bleibend uns den Grafen von Lacy und den Grafen von Reuten⸗ berg zeigen. Aus dem zweiten Wagen, den ſie erwar⸗ ten, ſteigt die Prinzeſſin Thereſe und ihr folgt die Fuͤr⸗ ſtin Morani, die uͤber ihrer Silberrobe einen den ganzen Kopf verhuͤllenden Schleier traͤgt, der bis auf ihre Fuͤße niederfließt. Der Wagen der Prinzeſſin, der nun folgt, enthaͤlt die Graͤfin Hautois und Gertrud in koſtbarer Seidenrobe, der vierte Wagen iſt leer und gehoͤrt dem Grafen Reutenberg. Graf Lacy ergreift die zitternde Hand der Fuͤrſtin und fuͤhrt ſie in den Baumgang hinein, an deſſen Ende die offnen Thuͤren der Kirche ihnen den Hochaltar im Glanze der Kerzen zeigen. Die Bewegung Beider macht ſie ſtumm; aber Lacy haͤlt die Hand der Fuͤrſtin viel feſter als nothig iſt, und ihr dringt durch dieſe feſt gepreßten Fingerſpitzen ein ſußer Troſt in's Herz. Dagegen ſchreiten die beiden Folgenden in offner Fehde hinter ihnen her. Die Prinzeſſin iſt in Roſa⸗ Silberſtoff, das Haar mit Roſen durchwebt, ſchoͤn wie die Goͤttin des Tages;z aber ſie hat gluͤhende Wangen und ungewoͤhnlich dunkle blitzende Augen; ſie bekaͤmpft mit Muͤhe den Sturm in der wogenden Bruſt. In dem Grafen von Reutenberg erkennt ſie ihren ſcharf beobachtenden ſpoͤttelnden Gegner. Er iſt ſo keck wie 25⁰ ſie ſelbſt; er ſagt ihr, daß ſie in Lacy verliebt iſt, daß ſie ihn nicht aufgeben wird. Er ſieht wie durch einen Flor die Abſichten der Prinzeſſin; ſogar ihre guten Ge⸗ fuͤhle kennt er und neckt ſie, daß ſie eben nicht wiſſe, ob ſie gut oder boͤſe ſein ſolle, und halb zornig, halb geruͤhrt ſei. Die Prinzeſſin entgegnet nicht wie ſonſtz ſie iſt zerſtreut, ſie moͤchte Zeit haben, die vor ihr her Gehenden zu beobachten. Der Graf bleibt im Vortheil und ſie merkt es nicht, wodurch ihm das Vergnuͤgen daran verdorben wird. Georg Prey empfaͤngt die Verlobten an der Schwelle der Kirche— die Furſtin ſinkt uberwaͤltigt vor ihm auf ihre Knie. Er ſegnet ſie und ſeine Stimme bebt und die Fuͤrſtin ſieht einen hellen Tropfen auf ihre Haͤnde fallen. Eine ſanfte Muſik hebt ſo eben an— Lacy fuͤhrt ſie zum Altar. Georg Prey hat ſeine Faſſung wieder erhalten, er ſpricht ruͤhrende kraͤftige Worte mit ernſter und tiefer Stimme— er legt ihre Haͤnde zu⸗ ſammen und ſegnet den Ehebund fur dieſe Zeitlichkeit unaufloͤslich ein.— Die Ceremonie iſt voruͤber— Lacy kniet einen Augenblick vor Claudia hin und kuͤßt ihre' Hand. Er iſt todtenbleich, aber er hat nur Augen fuͤr Claudia, welche ſeine ganze Sorgfalt bedarf, da ihre Erſchuͤtterung ihr die Kraͤfte raubt. Er faͤhrt mit ihr in einem Wagen zuruͤck— ſie iſt nun ſein. Er ſagt ihr das ſo oft, daß ihre Thraͤnen in einem Laͤcheln un⸗ tergehn— und das Gluͤck, von allen ſeinen laͤſtigen Vorbereitungen befreit, nunmehr ſeinen ungetruͤbten Einzug in ihr Herz haͤlt. Die Prinzeſſin Thereſe ſteht nachdenkend vor dem jungen Manne, der ſie als Herr des Hauſes an der Schwelle empfaͤngt und wie ein Knabe mit allen ſeinen neuen Pflichten anmuthig ſcherzend, Alle in kindlicher Heiterkeit mit ſich fortreißt. Sie verſteht ihn nicht, denn ſie haͤlt ihn dennoch fuͤr veraͤndert! Um ſeinen Mund iſt eine fremde Spannung— eine Ermuͤdungz ſeine Farbe aͤndert oft und die Augenbrauen ſind tiefer geſenkt— bei Tiſch entſinkt ihm das Glas, woraus er trinken will und er fuͤhlt es nicht, er ſpringt auf, ſei⸗ nem Kammerdiener entgegen eilend, der ihm einen Brief bringt. Er lieſt ihn ſogleich; dann erſt ſcheint er ſein auffallendes Betragen zu fuͤhlenz er kehrt zuruͤck und beklagt jetzt erſt die verdorbene Silberrobe der Braut, die dieſe laͤchelnd ihm praͤſentirt. Die Prinzeſſin erlebt die Empoͤrung, daß Georg Prey ihr zufluſtert:„Verliebter ſah ich im Leben kei⸗ nen Mann!“— ſie muß wahrnehmen, daß die Fuͤrſtin ſeine Meinung zu theilen ſcheint und iſt außer ſich uͤber dieſe unverſchaͤmte Sicherheit, waͤhrend ſie auf dem Wege iſt, ein Geheimniß anzunehmen, und ihre 252 Gedanken umher kreiſen laͤßt, die rechte Spur zu finden. Aber die Prinzeſſin war nicht zugegen, als der an⸗ dere Morgen die Neuvermaͤhlten unter dem Schatten hoher Buchen um ihren Fruͤhſtuͤckstiſch vereinte und Lacy der edlen Gatlin ſein ganzes Herz eroͤffnete. Die nunmehrige Graͤfin Lacy erleichterte ihrem Gemahl waͤh⸗ rend dieſer ſchweren und aufregenden Mittheilung die⸗ ſelbe durch den ruͤhrendſten Ausdruck der Theilnahme und eine hoͤchſt verſtaͤndige und feine Auffaſſung der be⸗ ſondern Umſtaͤnde. Sie war tief bewegt durch die Nachricht, daß ihr Liebling— Magda— die ihrem Gemahl zugedachte Braut geweſen, und Beide vertief⸗ ten ſich in der Erinnerung des Zuſtandes, in welchen Magda an jenem Abend gerathen, als ſie plotzlich in Lacy den ihr zugedachten Braͤutigam erkannte. Magda's Krankheit bewegte die Graͤfin unausſprechlich. Ohne daß Lacy es vermocht haͤtte anzudeuten, ohne daß ſie es ihm ausſprach, verſtanden ſich doch Beide uͤber die ruh⸗ rende Urſache ihres Zuſtandes— und durch Claudia's Seele zog ein tiefes Weh. Die ſtolze Frau fuͤhlte die Schranke der Staͤnde nicht mehrz die Menſchen, die ihr' Lacy mit ſolchem Feuer geſchildert, wurden ihr zu ſo erhabenen Weſen, daß ſie ihr jeden Vorzug, den ſie bisher anerkannt, weit hinter ſich zu laſſen ſchienen. Magda— Thyrnau waren nun andere Menſchen, zu denen ſie hinauf ſah, und welche ſie innig zu lieben und zu verehren beſchloß. „Ob Thyrnau meiner aͤußeren Lage ſogar Opfer gebracht, die das Teſtament mir darthun ſollte— ſind Fragen, deren Erledigung ich von einem ſpaͤteren, ru⸗ higeren Zuſtande erwarten muß. Ihn zu dieſer Mit⸗ theilung zu zwingen, in dieſer uns Alle ſo erſchuttern⸗ den Zeit, da er meine Unterwerfung unter ſeinen Willen als einen Erſatz, als einen Troſt von mir forderte, ſchien mir ſo unedel, daß ich es gewiß unterlaſſen haͤtte, ſelbſt wenn mein tiefes Gefuͤhl fuͤr das Erlebte es mir nicht faſt gleichguͤltig gemacht haͤtte.“ „O Lacy,“ ſagte die Graͤfin—„unterſtuͤtzen Sie mich bei dem Verſuche, mich dieſen edlen Menſchen an⸗ zuſchließen— helfen Sie mir die Freundſchaft dieſes Thyrnau zu erringen. Ich aber will mit dem Beſten, was in mir iſt, ſtreben, um die Liebe dieſer herrlichen Magda zu gewinnen, in der ich mich nicht täuſchte, als ich ſie ſo fruͤh ſchon liebte— ach— und die ich nicht ahnte ſo grauſam beraubt zu haben! O Lacy, welch' eine wuͤrdige Gefaͤhrtin wäre ſie Ihnen geweſen!“ Bei dieſen Worten ſtand ſie uͤberflutet von den an⸗ geſchwollenen Gefuͤhlen ihres Herzens auf und Lacy ſah, daß eine große Qual ſie erſchuͤttere. Er eilte ihr liebevoll ——— 254 nach und nahm ſie zaͤrtlich in ſeine Arme.„Claudia,“ ſagte er dann ernſt und eifrig—„gehen wir ruhig und feſt auf dem Wege der Wahrheit und geben wir es Beide nicht zu, daß wir in Traͤumereien gerathen, wie ſich die Verhäͤltniſſe auch anders haͤtten geſtalten koͤnnen! Daß es grade Magda war, dies, wie ich erkennen muß, edle und ungewoͤhnliche Weſen, welche mir von meinem Oheim und dieſem herrlichen Thyrnau zur Gattin be⸗ ſtimmt ward, ſtellt das reine Verhaͤltniß meiner Hoch⸗ achtung und meines Vertrauens zu ihrer Einſicht ſo ſchoͤn in meinem Herzen wieder her, daß ich in Wahr⸗ heit ſagen kann, ich haͤtte mir keine vollſtaͤndigere Auf⸗ loͤſung denken koͤnnen. Damit ſchließe ich aber jede weitere Betrachtung ab, und dies Gefuͤhl theilte mein edler Thyrnau eben ſo wie Magda, ſo vollſtändig, daß ich nach meinem Bekenntniß unſerer Verlobung auch kein Wort mehr gehoͤrt habe, was mich noch an Ver⸗ bindlichkeiten erinnern konnte, die Thyrnau doch fruͤher ſo geneigt war, gegen mich geltend zu machen.“ „Ach,“ entgegnete Claudia,„muͤßten wir nicht zu ihr, mein Freund?— Ich muͤßte ſie pflegen, ich muͤßte ſie uͤberzeugen, daß wir fortan nur eine Familie ſein koͤnnen, daß ſie unſerm Gluͤck nicht fehlen darf!“ „Nein,“ rief Lacy lebhaft ſich wegwendend, indem ſein ganzes Geſicht erroͤthete—„das kann nicht ſein! 25⁵ Das waͤre weder klug noch ſchonend fuͤr uns Alle! Wir muͤſſen der Zeit nicht voran eilen wollen; ſie wird gewiß mildernd fur uns einſchreiten und, wie ich zu Gott hoffe, das endlich herbeifuͤhren, was Sie, meine edle Freundin, wuͤnſchen. Aber jetzt dieſes Reſultat erzwingen wollen, wuͤrde es vielleicht fuͤr immer unmoͤglich machen!“ Die Graͤfin ſchwieg. Sie bedachte, wie edel und zart Alle gegen ſie gehandelt; ſie wußte, daß dieſe Mit⸗ theilung ihres Gemahls— vierundzwanzig Stunden fruͤher— ſie zum entſchiedenſten Widerſpruch gegen ihre Vermaͤhlung mit ihm vermocht haben wuͤrde, und ſah leicht ein, daß er daſſelbe denkend ſie eben deshalb bis zu dem Augenblick verzoͤgert, wo das heiligſte Ver⸗ haͤltniß unter Beiden unwiderruflich geworden war. O!— ſeufzte ihr Herz— moͤge, was ihn leitete, nicht blos Ehrenhaftgkeit geweſen ſein! Sie hob ihre Au⸗ gen ſchuͤchtern zu ihm auf. Er hatte den Kopf in die Hand geſtuͤtzt und ſah nachdenkend auf den kleinen Tiſch, an den ſie ſich wieder geſetzt. Wie ſchoͤn war er und wie ruhig war dieſer Ausdruck trotz der Schwermuth, die ſeine Stirn bewoͤlkte! Aber er fuͤhlte ihren Blick— er richtete ſich ſanft ihr entgegen und ſagte faſt ſchuͤch⸗ tern:„Wollen wir nach Prag gehn— ihrem Schmer⸗ zenslager ſo viel naͤher?“ „O ja! nach Prag!“ rief ſeine Gemahlin—„wir 256 wollen ſie wie unſichtbare Freunde umſchweben! Kommt dann die Zeit, die Sie noch erwarten wollen, dann duͤr⸗ fen wir ſagen: So nah, als wir durften, haben wir Dich umgeben— Du warſt, wenn auch aͤußerlich ge⸗ trennt, doch innerlich mit uns vereint und beſtimmteſt unſere Handlungen.“ Mit inniger Zaͤrtlichkeit nahm Lacy dieſe Entgeg⸗ nung ſeiner Gemahlin hin und man beſchloß am Abend abzureiſen und Hedwiga und Georg Prey, deſſen Schuͤ⸗ lerin ſie geworden war, mitzunehmen, da Egon bereits in Wien gefeſſelt war. Die Kaiſerin hatte naͤmlich, von Claudia's Ahnungen und einigen von ihr ſelbſt ge⸗ hegten Vermuthungen geleitet, beſchloſſen, die Gelegen⸗ heit zu geben, welche Egon eine adliche Erziehung ver⸗ ſchaffen konnte, und da ſeine unbekannte Geburt den Eintritt in ein ſolches militaͤriſches Lehrinſtitut nicht auf gewoͤhnlichen Wegen zulaͤſſig machte, befahl die Kaiſerin ſeine Aufnahme als kaiſerlichen Penſionaͤr ohne weitere Nachfrage ſeiner Geburt, fur welche ſie ſelbſt die Buͤrg⸗ ſchaft uͤbernahm. Dies war eine hohe Gunſt; denn das adliche Inſti⸗ tut, nach welchem er ſogleich in militäriſcher Kleidung verſetzt ward, gehoörte zu den beſten vorhandenen, und dem Befaͤhigten war jede Gelegenheit gegeben, die Bil⸗ dung zu erreichen, durch die man ſich damals auszeich⸗ * 257 nen konnte. Auch war Egon mit wahrem Heißhunger uber all' die herrlichen Dinge hergefallen, die ihm dort geboten wurden, und das kaiſerliche Geheimniß, wie man ihn bald in der Anſtalt nannte, machte den An⸗ lauf, wenigſtens Feldmarſchall zu werden. Laey fuͤhlte ſich nach der Mittheilung an ſeine Ge⸗ mahlin ungemein erleichtert und das lebhaft erneute Gefuͤhl, welch' eine edle ausreichende Freundin er in ihr beſitze, welch' ein ſchoͤnes Verſtaͤndniß ſich immer aufs Neue unter ihnen befeſtige, war der ſanfteſte Troſt, den er nach ſo ſchmerzlicher Aufregung erfahren konnte. Der ſehnlich erwartete erſte Brief von Thomas Thyr⸗ nau, den er geſtern an ſeinem Hochzeitstage empfangen, gab Hoffnung fuͤr die Geneſung Magda's, und wenn dieſe ſchreckliche Verantwortung nur von ſeiner Seele genommen war, Magda nur dem Leben erhalten blieb, dann— hoffte er— nuͤrde auch ihm die alte Geſtalt der Dinge zuruck kehren und er das Gluck genießen koͤn⸗ nen, von dem er ſich jetzt in einer Art Pietaͤt gegen die dadurch verſchuldeten Leiden verſchuͤchtert fuͤhlte. Im Begriff ſich nach dem Militair-Inſtitut zu be⸗ geben, wo Egon erzogen ward, um Abſchied von ihm zu nehmen, hielt ihn eine Sendung des Staatskanzlers davon zuruͤck, welche ihn aufforderte, ſich in derſelben Stunde nach der Staatskanzlei zu begeben. Thomas Thyrnau II. 3te Aufl. 17 —————————— 258 Solches Gebot hatte der Graf, obwol in keinem ausgeſprochenen Dienſtverhaͤltniß, dennoch ſtets mit der Ehrerbietung aufgenommen, welche Kaunitz ihm ein⸗ floßte, und er eilte daher ohne Aufenthalt nach der kai⸗ ſerlichen Staatskanzlei, welche zugleich das Hotel des Miniſters war. Kaunitz empfing den Grafen in ſeiner kleinen Bibliothek, welches Zimmer er immer zu Konferen⸗ zen in beſonders geheimen Angelegenheiten benutzte, und Lacy konnte auf den erſten Blick bemerken, daß der Graf in einer gereizten und geſpannten Stimmung war, denn ſeine breiten Lippen waren in ſolchen Faͤllen zuſammengezogen und ſo nach Innen. gekniffen, daß der Mund eine Linie bildete. Er hielt ſich dann noch etwas weiter hinten uͤber ge⸗ bogen und ſein ohnehin ſehr mienenloſes Geſicht ſchien ſich ganz zu verſteinern. „Mein gnaͤdigſter Graf,“ rief Lach, als er ihn ſo da ſtehen und ihn mit durchdringenden Augen beobachten ſah—„ich will hoffen, es iſt nichts Unangenehmes vorgefallen?“* „Wie kommen Sie ſogleich darauf, Herr Graf?“. entgegnete Kaunitz kalt und ohne ſeine Stellung zu aͤn⸗ dern—„erwarten Sie etwas Unangenehmes, da Sie es uͤberall ohne weitere Veranlaſſung ſehen?“ 259 Der Graf wußte ſogleich, daß er eine Unbeſonnen⸗ heit begangen habe; denn der Staatskanzler, welcher ſich mit vollem Rechte fuͤr den ausgezeichnetſten Diplo⸗ maten der damaligen Zeit hielt, rechnete dazu vor Allem eine vollkommene Beherrſchung des Aeußeren, er glaubte ſie im hochſten Grade zu beſitzen und fuhlte ſich durch nichts leichter verletzt, als durch eine Andeutung, als habe man an ſeinem Aeußern eine Wahrnehmung machen koͤnnen. „Die Stunde, in welcher Euer Gnaden mich be⸗ fohlen haben,“ ſagte Lach—„ſchien mir ungewoöhn⸗ lich! Es iſt, denke ich, die Zeit, welche die Kaiſerin ſonſt in Anſpruch nimmt.“ Bei dieſen Worten veraͤnderte Kaunitz zuerſt ſeine bisherige ſteife Stellung und indem er ſich einem Lehn⸗ ſtuhl nahte, winkte er dem Grafen ſich niederzulaſſen, indem er ſelbſt Platz nahm und ein Paket Papiere, die er in der Hand hielt, auf einem Tiſche neben ſich nie⸗ derlegte. „So iſt es allerdings in der Regel der Fall,“ ſagte er dann trocken—„Ihro Majeſtaͤt haben aber in Ih⸗ rer heutigen Stimmung fuͤr gut befunden, unſer Bei⸗ ſammenſein abkurzen, damit mir Zeit bleibe, die Auskunft zu erlangen, welche die Kaiſerin ſogleich zu erhalten wuͤnſcht.“ — 17* 260 Er hielt inne und ſchien eine Frage oder eine Aeu⸗ ßerung des Grafen zu erwarten. Dieſer fuͤhlte aber zu genau, er habe es heute nur mit dem Miniſter zu thun, und hatte ſich daher in die kalte Stellung zuruͤckgezogen, welche ihm jede Abweiſung von dem ſtolzen Manne er⸗ ſparte, da er ſelbſt zu ſtolz und leicht gereizt war, um der ſteifen Haltung des Grafen gegenüber ſich vollſtan⸗ dige Ruhe zutrauen zu durfen. Kaunitz begann daher ſeine goldene Tabatiere zwi⸗ ſchen den Fingern herum zu drehen und heftete dann ſeine Augen durchdringend auf den Grafen.„Mein Herr,“ hob er dann an—„ Sie haben mich nach Frankreich begleitet, Sie haben mein Vertrauen be⸗ ſeſſen und ſind zu Geſchaͤften gebraucht worden, die wichtig waren und zu denen Ihre unabhaͤngige Stellung mir gerade wohlgefiel und mein Vertrauen vermehrte.“ Der Graf verneigte ſich kalt. „Sie haben dadurch den Schloſſel zu dem politi⸗ ſchen Syſtem bekommen, welches ich entſchloſſen bin fortan meinem Vaterlande ſtatt des bisher befolgten zu geben. Dies Syſtem, mein Herr, gebietet einen offnen und vollkommenen Anſchluß an Frankreich; die noͤ⸗ thigen Schritte wurden ſeit lange von mir dazu vorbe⸗ reitet— und Sie wiſſen das zum Theil! Meine erha⸗ bene Herrſcherin ergriff mit ihrem großen Geiſte den — 261 wahrhaften Vortheil dieſer politiſchen umaͤnderung, ob⸗ wol ſie viel daruͤber mit alten tief wurzelnden Anſichten in ſich ſelbſt zu käͤmpfen hatte; aber ſie war dennoch die einzige Unterſtutzung, die ich hier fand. Das alte Gleis,“ ſetzte er ſarkaſtiſch hinzu—„worin man ſich bewegt, iſt ausgetreten, die Fuͤße ſtecken darin feſt; weil man zu ungeſchickt iſt, ſie herauszuziehn und den Weg einzuſchlagen, der noch neu, keine Spuren eines Vor⸗ gaͤngers zeigt, glaubt man, es ſei ein Irrweg! Man ertraͤgt lieber jedes Uebel und rechnet es einem unver⸗ meidlichen vom Himmel fallenden Ungluͤck zu, als daß 6 man der natuͤrlichen Auslegung folgt und ein altes Joch — abſchuͤttelt, das uns eben nieder haͤlt und die Freiheit beſchränkt, unſere Kraͤfte brauchen zu konnen.“ „Selbſt der Kaiſer iſt mein entſchiedener Gegner; alle Miniſter, alle Generale, der ganze Staatsrath re⸗ bellirt gegen mich. Genug, ich habe nur eine Stuͤtze— und das iſt die Kaiſerin— und dennoch iſt ſie beſtaͤn⸗ dig und von allen Seiten und von den liebſten Seiten angegriffen, und fuͤhlt dann aufs Neue Zweifel ent⸗ ſtehn; denn auch ſie iſt in dem Syſtem erzogen, das ſchonſte Nachbarland, Frankreich, ihren natuͤrlichen Al⸗ . liirten, mehr zu fuͤrchten als ihm zu vertraun.“ „Deſſenungeachtet war ich auf einen Punkt gekom⸗ men, der mich zum Sieger erkläͤrte. Die Kaiſerin 262 hatte im Staatsrath mit der Energie ihres Geiſtes mein Syſtem verfochten; ſie war ſelbſt da noch ſtandhaft! ge⸗ blieben, als der Kaiſer mit der Fauſt auf den Liſch ſchlug und dieſe Allianz unnatuͤrlich nannte; und mir war demnach volle Freiheit gegeben, die hoͤchſt geheim zu haltenden Unterhandlungen fortzuſetzen. Wichtiger als alles Andere war es jetzt, das Vertrauen der Kaiſe⸗ rin gegen Frankreich ungeſtoͤrt zu erhalten. Was ſagen Sie dazu, mein Herr! war es ſo?“ Der Graf konnte ſein Erſtaunen bei dieſer Frage kaum unterdruͤcken. Der Staatskanzler hatte bei Be⸗ ruͤhrung der großen politiſchen Kombinationen, von denen Lach wußte, daß ſie ſeinen Geiſt als das wich⸗ tigſte Ereigniß der Zeit beruͤhrten, wieder die Vertrau⸗ lichkeit des Tons bekommen, die er gegen ihn ſeit ihrer Anweſenheit in Paris anzunehmen gewohnt war, und Lach, der die großen Gedanken des Miniſters ſympa⸗ thetiſch getheilt hatte, vergaß, ihm zuhoͤrend, die Son⸗ derbarkeit dieſer uͤberſichtlichen Mittheilung, da der Staatskanzler ihn ſchon als unterrichtet kannte, und theilte nur aufs Neue die Bewegung, mit der er den. Widerſtand ſah, den dieſer große Staatsmann erfahren mußte und der, wie es ſchien, nicht ermuͤden wollte. Dagegen ließ dieſe letzte Frage und der Ton, womit ſie ausgeſprochen ward, zuſammenfallend mit dem Empfang 263 des Miniſtere, den Verdacht in ihm entſtehn, dies Bei⸗ des eigentlich ſei die urſache ſeiner Berufung und jener Zwiſchenſatz eine Art Hingebung, die er mehr der Ge⸗ wohnheit des Grafen verdanke, daruͤber mit ihm zu 1 reden. Ganz im Unklaren, was er eigentlich wolle, blieb Lacy ſtumm und ſuchte nur durch eine eingehende Bewegung anzudeuten, daß er ganz der Meinung des Miniſters ſei. .„Mein Herr,“ rief Graf Kaunitz lebhaft aufſtehend —„ich glaube, ich frug Sie um Ihre Meinung, ob das Vertrauen der Kaiſerin gegen Frankreich zu erhal⸗ ten jetzt wichtig ſei? Warum beehren Sie mich mit kei⸗ ner Antwort? Wird ſie Ihnen ſchwer mir zu geben, da Sie vielleicht ſchon ahnen, daß ich von Allem unterrich⸗ tet bin, was von Boͤhmen aus geſchehen iſt, dies kaum entſtandene Vertrauen der hohen Kaiſerin zu erſchuͤttern?“ „Euer Gnaden,“ ſagte Lacy kalt und ebenfalls auf⸗ ſtehend—„muͤſſen die Gewogenheit haben, ſich deut⸗ licher zu erklaͤren. Es wird ſich hier um wichtigere Antworten handeln, als die, welche Sie eben fotdern, da Euer Gnaden nach den Jahre lang von mir getheil⸗ ten Bemuͤhungen grade bei dieſem Gegenſtand keinen Zweifel uͤber meine Antwort haben koͤnnen, und dies ein unpaſſendes und jeden Falls zu ſpat kommendes Eramen uber meine Geſinnungen ſein wurde.“ 264 Der Staatskanzler biß ſich in die Lippen. Aber als er den Grafen ſo unerſchrocken vor ſich aufgerichtet ſtehen ſah, mit ſo ernſtem Angeſicht, wendete er ſich um und wandelte langſam bis an das Ende des Zim⸗ mers, indem er eine große Portion Spaniol ſcht und die Doſe pfeifend auf und zu ſchlug. Als ſich mupfte wieder umdrehte, hatte er ſeine volle Sebſtbeherrſchung zuruck; er naͤherte ſich dem Tiſche.—„Dieſes Miß⸗ trauen, mein Herr Graf,“ fuhr er gemeſſen fort „iſt in dieſem Augenblick mit großer Bitterkeit in Ih⸗ rer Majeſtät wieder erregt worden. Es wird Ihnen nicht unbekannt ſein, wie vor Jahren, noch bei Leb⸗ zeiten des hochſeligen Kaiſers, ein nie ganz aufgeklaͤrter Verdacht auf Boͤhmen ruhte, als ob durch ſeine uͤbelge⸗ ſinnten Großen vermittelt, es einem Plane zu einem ſelbſtaͤndigen Konigreiche unter der Oberherrlichkeit eines franzoͤſiſchen Prinzen beigetreten ſei. Die Sache iſt mehr unterdruckt als unterſucht worden; aber es blieb dieſer Verdacht ein Stachel in der Bruſt der Kaiſerin, den ſie bei der leiſeſten Beruͤhrung fuͤhlte, und ſie gegen den Adel Boͤhmens, den ſie außerdem immer wider⸗ ſpenſtig fand, ſtets mißtrauiſch bleiben ließ, zugleich aber einen Vorwurf gegen Frankreich in ihr unterhielt, den ſie geneigt war, bei vielen Gelegenheiten durch⸗ blicken zu laſſen.“ 265 „Nach den von mir gemachten Erfahrungen glaubte ich mit Entſchiedenheit dieſen Anſichten entgegen treten zu koͤnnen. Aber die Partei, die, antifranzoͤſiſch ge⸗ ſonnen, alles aufſucht, einen moͤglichen Anſchluß an dieſe Macht zu verhindern, hat Mittheilungen zu ſam⸗ meln geſucht; und von einem kleinen benachbarten Hofe, om alten Fuͤrſten von S., gehen ploͤtzlich Nachrichten ein uͤber dieſen bohmiſchen Hochverrath, und indem man eilt, wie man hinter meinem Ruͤcken geſammelt, ſo auch hinter meinem Ruͤcken der Kaiſerin die Ver⸗ dachtsgruͤnde beizubringen, nennt man zugleich den Na⸗ men, den ich erſt vor kurzer Zeit der Kaiſerin als em⸗ pfehlenswerth bezeichnete.“ Der Staatskanzler hielt wieder inne und ſeine kal⸗ en durchbohrenden Blicke wurzelten auf Lacy. „Mein gnaͤdiger Graf,“ rief dieſer—„Sie koͤn⸗ nen es nicht verantworten, mich ſo zu quaͤlen! Hier muß von wichtigen Verdachtsgruͤnden die Rede ſein, bei denen auf irgend eine Weiſe mein Name genannt ſein muß, da Euer Gnaden nicht anſtehn, in ſo ſonderbarem Tone mit mir zu ſprechen. Auf das Dringendſte bitte ich um eine Erklaͤrung!“ „Sie ſoll Ihnen werden,“ entgegnete Kaunitz— „und die Kaiſerin hat mir befohlen, ſie von Ihnen zu fordern.“ Er nahm ein kleines Blatt unter den vor⸗ 266 erwaͤhnten Papieren, worauf ohne Zweifel ein resums deſſen ſtand, was der Graf zur Sprache bringen wollte. „Hier zeigt ſich“— ſprach er dann weiter—„daß der Fuͤrſt von S. von einer geheimen Unterhandlung unter⸗ richtet iſt, welche der boͤhmiſche Adel mit Frankteich an⸗ geknuͤpft, und welche ein verſchlagener gewandter Mann, der damals an ſeinem Hofe vom Nachbarſtaate accredi⸗ tirt war, leitete. Es ſcheint, der Fuͤrſt hatte Urſache gegen dieſen Mann Verdacht zu hegen, und er wußte die Briefe, die an ihn eintrafen, ſelbſt wenn ſie Cou⸗ riere brachten, fruͤher zu leſen, als der Eigenthuͤmer. Er ſah daraus, daß dieſer Mann tief in jenen Plan„ verwickelt war, und all' ſeine uͤbrigen Angelegenheiten und offenbaren Funktionen nur zum Schein betpieb, um ſo unentdeckter jene Angelegenheit dahinter zu leiten. An der Spitze dieſer hochverraͤtheriſchen Verſchwoͤrung ſtand Graf Lach Wratislaw, Ihr Oheim, mein Herr!“ „Ha!“ rief der Graf—„mein wuͤrdiger Oheim? Wer wagt das zu behaupten?“ Der Miniſter hatte ihn mit angehaltenem Athem beobachtet. Als er ihn bleich und außer ſich auf ſich zu ſturzen ſah, als wolle er ihn zur Rechenſchaft ziehn, ward ſein Geſicht milder.. „Ruhig! ruhig, junger Mann!“ ſagte er im ſel⸗ ben Tone—„Sie werden Zeit behalten zur Rechtfer⸗ 267 tigung, darum hoͤren Sie weiter! Der Agent des Grafen von Lacy, derjenige, der als Abgeſandter bei dem Fuͤr⸗ ſten von S. lebte— war Herr Thomas Thyrnau, der Vertraute Ihrer Familie, derſelbe Mann, der noch jetzt eine ſo große Gewalt uͤber Sie ausuͤbt, daß Sie ſich, wie es ſcheint, von ihm bedroht fuhlen.“ Der Graf wechſelte jetzt die Farbe bis zum gluͤ⸗ hendſten Roth.„Euer Gnaden ſind im Irrthum! Als ich Dieſelben noch mit vaͤterlichen Geſinnungen mir zu⸗ gethan denken konnte, habe ich eine vertrauliche Mit⸗ theilung uͤber dieſen ſonderbaren Mann mir zu machen erlaubt. Euer Gnaden ſind geneigt, dies Vertrauen jetzt gegen mich benutzen zu wollen, indem Sie ſich der Thatſachen nicht vollſtaͤndig zu erinnern ſcheinen. Nicht abhaͤngig fuͤhle ich mich von Thomas Thyrnau, und mein geſtriger Schritt— indem ich meine Vermaͤhlung mit der Fuͤrſtin Morani vollzog— widerlegt eine ſo beleidigende Abhaͤngigkeit, als hier angedeutet wird, da dieſer fruͤhere Anſpruch mich zur Gemahlin ſeiner En⸗ kelin beſtimmte!“ „Gewiß muß dieſer Anſpruch auffallen,“ erwiderte Kaunitz— er laͤßt durchaus auf geheime und ſehr ge⸗ bieteriſche Umſtaͤnde ſchließen, die Ihren Oheim, von dem Sie mir, denke ich, ſelbſt ſagten, er ſei ein adel⸗ ſtolzer Mann geweſen, bewegen konnten, eine ſo un⸗ 268 mit ſeinen Grundſaͤtzen uͤbereinſtimmen konnte.“ gleiche Verbindung knuͤpfen zu wollen, die unmoͤglich „Ich kenne auch noch jetzt die Grunde nicht, welche meinen Oheim zu einer Beſtimmung veranlaßten, die mindeſtens auffallend iſt, und nachdem ich meine Frei⸗ heit bei Thomas Thyrnau unverkuͤrzt fand, habe ich ſeinen Wunſch erfuͤllt und die Erklärung uber ſeine froͤ⸗ heren Anſpruche nicht von ihm begehrt.“ „Deſſenungeachtet kann Ihnen die Stellung und die Wirkſamkeit dieſes Mannes nicht fremd geblieben ſein?“ fragte der Staatskanzler forſchend— Lacy ſchwieg— er ſenkte die Augen zur Erde— es war eine peinliche Pauſe. „Empfingen Sie nicht bei Ihrer Abreiſe nach Pa⸗ ris von Thomas Thyrnau Empfehlungsſchreiben dort⸗ hin, die Sie alle abgaben, und Gelder und Geſchenke an wichtige Perſonen?“ Nach einer abermaligen Pauſe ſagte der Graf: „Ja, dies war der Fall!“ „Das geſtehen Sie ein?“ rief Kaunitz mit einer Heftigkeit, die doch vom Schmerz kaum zu unterſchei⸗ den war—„und wiſſen Sie, daß dieſe Menſchen Alle“ verdaͤchtig waren? Daß ſie die bezeichneten Agenten die⸗ ſer franzoſiſchen Intrigue waren?“ „Davon habe ich keine Kenntniß gehabt,“ erwiderte — 269 Lach ruhig—„Ich habe dieſe Auftraͤge ausgerichtet, von denen mir geſagt ward, daß ſie wichtig waͤren. Mit den Perſonen, die ſie empfingen, bin ich in keine weitere Verbindung getreten; ſie haben mich weder aufzufinden geſucht, noch habe ich in den Ver⸗ haͤltniſſen, die mir näher ſtanden, Veranlaſſung gehabt, ſie wiederzuſehn.“ „Und koͤnnen Sie ſagen,“ entgegnete Kaunitz ſtreng —„daß Ihnen die Verhaͤltniſſe vollig fremd waren, in denen dieſer Thyrnau zu den Briefempfaͤngern ſtand?“ „Dieſe Frage, Herr Staatskanzler, fuͤhrt zu weit! Ob ich verpflichtet werden kann, ſie zu beantworten, 4. muß ich der Zeit uͤberlaſſen. Ich habe hier nur zu ſa⸗ gen, was ſich auf mein perſoͤnliches Verhaͤltniß bezieht — dies iſt geſchehn!“ „Mein Herr,“ erwiderte Kaunitz mit Kaͤlte— „ich hatte den Wunſch, Ihre unangenehme Lage gegen die ſtreng anbefohlenen Maaßregeln ihrer Majeſtät zu ſchuͤtzen. Vielleicht hoffte ich, in Ihrer offenen Erklaͤ⸗ rung bloß Unbeſonnenheit zu finden wie die Moͤglichkeit, die Folgen fuͤr Sie zu mildern. Die Zuruͤckhaltung, mit der Sie mein Vertrauen vergelten, laͤhmt meinen Einfluß! Die Kaiſerin hat befohlen, alle dabei kom⸗ promittirte Perſonen zu verhaften; der wachthabende— Offizier im Vorzimmer wird Ihren Degen empfangen.“ Lacy fuhr auf.„Und Thomas Thyrnau? Was wird ihm geſchehen?“ „Er wird in den naͤchſten Tagen verhaftet werden. Das Specialgericht, welches auf Befehl der Kaiſerin zuſammen berufen, wird dieſe Sache mit aller Strenge zu richten haben und ich werde ſelbſt Alles anwenden, um dieſes ſo lang im Finſtern geſponnene Gewebe an's Tageslicht zu ziehn.“ „Und koͤnnen Eure Gnaden dieſen uͤber mich ver⸗ haͤngten Ausſpruch nicht mildern? Wenn Thomas Thyrnau verhaftet werden muß, ſo iſt es fuͤr mich von unſchaͤtzbarem Werth, meine Freiheit zu behalten. Ich muß dann nach Prag— ſelbſt nach Tein— die Fol⸗ gen koͤnnen ſchrecklich ſein!“ „Sie wiſſen nicht, was Sie ſprechen,“ ſagte Kau⸗ nit hart—„was Sie mir ſo eben vorſchlagen, iſt eine ſehr naive Propoſition fuͤr den, der ſich als verdachtigt an einem hochverraͤtheriſchen Komplott anſehen muß!“ „Es iſt nicht moͤglich, daß Sie das denken!“ rief Lach, ganz außer ſich auf Kaunitz zuſtuͤrzend.„Sagen Sie mir, wie es moͤglich war, gegen mich Verdacht auf⸗ zufinden— ſagen Sie mir, was Sie gegen mich ſtim⸗ men konnte? Ich will Alles ſo offen und treu beant⸗ 8 worten, als ſtaͤnde ich vor meinem Vater, und dann wird wenigſtens die Kraͤnkung, ſich in mir geirrt zu haben, 271 von Ihrer edeln Seele genommen ſein, und das iſt mir jetzt ſo viel werth als meine Freiheit!“ Kaunitz ſenkte den feſten durchbohrenden Blick, wo⸗ mit er jedes Wort des jungen Mannes zu erſchuͤttern geſucht, jetzt auf den Boden.„Was habe ich ſeit ge⸗ ſtern gelitten,“ ſagte er dann, wie zu ſich ſelbſt—„ich glaube nicht daran! Es ſind entweder Luͤgen oder ver⸗ jaͤhrte Thorheiten! Aber Andere wollen daran glauben, weil es das wirkſamſte Mittel iſt, die Kaiſerin in ihren guͤnſtigeren Entſchluͤſſen fuͤr Frankreich zu erſchuttern, und ſo iſt— ſo wird es wichtig genug!“ „Aber Sie ſprachen von Dokumenten,“ rief Lacy— „„wer kann dieſe geſchmiedet haben? Wie kamen ſie in die Haͤnde des Fuͤrſten von S.? Warum glaubt man ihm, da er wenig ehrenvoll bekannt iſt, und die hohen Herrſchaften ſelbſt den Sohn gegen ihn in Schutz nehmen?“ „Junger Mann,“ ſagte Kaunitz mit einem veracht⸗ tchen Zucken des Mundes—„wer bleibt der Wahrheit treu, wenn ſie nicht mehr unſern Abſichten dienen will? So lange die Dinge gleichguͤltig ſind, außer Beziehung ſtehen zu den in uns verfolgten Intereſſen, laſſen wir ihnen ihre Geltung— gut oder uͤbel.— Die Luge aber „ wird zur Wahrheit, der wir folgen, wenn ſie ausſagt, was unſerer Leidenſchaft dient!— Dieſer Fuͤrſt von S. —— 8* —— —————————— 272 iſt ploͤtzlich ein wichtiger Mann geworden! Sein Sohn hat einen Auftrag bekommen, der ihn noch laͤnger von Wien entfernt haͤlt, umden Vater, der ſich als ein getreuer Reichsfurſt zeigt, nicht unangenehm zu beruͤhren. Die Prinzeſſin Thereſe hat ihn empfangen muͤſſen— und — doch wozu das?“ unterbrach er ſich, und dieſe Mit⸗ theilung ſchien ihn faſt gegen ſich ſelbſt zu erzurnen— „Alle Dieſe werden dennoch erfahren, daß Recht und Wahrheit in ſtarker Hand ruhen.“ „O,“ rief Lacy, tief erregt von der Lage des großen Mannes—„jetzt! jetzt, wo es ſo nothig iſt, daß treue zuverlaͤſſige Maͤnner Ihnen nahe ſind, jetzt laſ⸗ ſen Sie mich meinen alten Platz einnehmen, mit Ih⸗ nen arbeiten, forſchen und die Wahrheit zu Ehren bringen.“ „Das bietet mir ein Lacy an!“ rief Kaunitz—„deſ⸗ ſen Name bezichtigt wird, durch drei Generationen im⸗ mer ein und denſelben Plan verfolgt zu haben— grade dieſen Plan, Boͤhmen durch einen franzoſiſchen Prinzen zu einem von Oeſtreich unabhaͤngigen Koͤnigreich zu erheben? Ihr Großvater— Ihr Oheim— Ihr Vet⸗ ter— Sie ſelbſt ſtehen auf der Liſte!“ „So ſind wir durch drei Generationen hindurch ver⸗ leumdet worden und ich, der Letzte dieſer gemißhandelten Lacy's, werde den geſchmaͤhten Namen zu vertheidigen * wiſſen. Waͤre der Augenblick da, wo ich meinem Rich⸗ ter 3 koͤnnte!“ „O,“ ſagte Kaunitz mit mehr Theilnahme, als er zeigen wplte—„man hat Sie getaͤuſcht! Wenn Sie unſchuldig ſind, ſo gehen Sie ſelbſt großen Entdeckun⸗ gen entgegen. Aber meine perſoͤnliche Anſicht darf hier nicht entſcheiden. Dieſe Unterredung iſt mir zugeſtan⸗ den, um Ihre Schuld zu entdecken, nicht den Verdacht gegen Sie zu entkraͤften. Sie wird fur's Erſte unſere letzte ſein; doch darf ich Ihnen das Recht Ihrer Geburt zugeſtehn— Sie werden auf Ihr Ehrenwort Haus⸗ arreſt erhalten.“ „Und dies Ehrenwort, mich jeden Augenblick jeder Verfuͤgung ſogleich zu ſtellen, wird es mir nicht geſtat⸗ ten, jetzt nach Tein zu gehn, jetzt, wo Thyrnau es ſo bald verlaſſen wird, und ſeine Enkelin in Lebens⸗ fahr iſt?“ „Dieſer Gegenſtand verwirrt jedesmal Ihre Ein⸗ ſicht,“ ſagte Kaunitz—„Wie waͤre dies moͤglich? Den⸗ ken Sie doch— zu Thomas Thyrnau nach Boͤhmen! Den Heerd der Verſchwoͤrung, wie man waͤhnt— zu dem Hauptanfuͤhrer!“ „Ja, es iſt unmoͤglich,“ ſcte Lacy mit einem tie⸗ fen Seufzer—„ſo ſei uns denn Gott gnaͤdig!“ Der Ausdruck ſchmerzlichen Kummers, der ſich auf Thomas Thyrnau II. zte Aufl.. 18 1 . dem Angeſichte des jungen Mannes zeigte, gehoͤrte offen⸗ bar ſeinem Privatintereſſe an, und Kaunitz war ein zu tiefer Menſchenkenner, um dies nicht aufzufaſſen; aber es war ihm in jeder Hinſicht unangenehm, den jungen Mann ſo haltungslos zu finden. Er wollte dies zu ſol⸗ cher Wichtigkeit echobene Komplott in Nichts zerfallen ſehn, und haͤtte alle Betheiligte mit ſeinem Geiſt, mit ſeiner ſcharfen Polemik durchdringen moͤgen; denn er mit ſeinem feſten Blick und ſeiner großartigen Sicher⸗ heit fuͤrchtete kein Komplott gegen den Staat. Er furchtete jetzt nichts, als das fruͤhere Thorheiten dieſer Art vielleicht nicht vollſtaͤndig genug als aufgeloſt darge⸗ than werden koͤnnten, und ſo war er heimlich darauf be⸗ dacht, indem er dem Komplott nachzuſpuͤren alle Sorg⸗ falt anwendete, zugleich die Vertheidigungsmittel aufzu⸗ finden, die den Angeklagten zugaͤnglich zu machen ihm noͤ⸗ thig ſchien. Der Staatsmann dominirte dabei den Men⸗ ſchen. Das Komplott ſoll ſich unbedeutend und beſei⸗ tigt erweiſen. Die Betheiligten der Strafe zu entzie⸗ hen, fiel ihm nicht ein, und, ausgenommen gegen Lacy, den er zu retten wuͤnſchte, weil er ihm ein naͤheres In⸗ tereſſe einfloßte, wollte er die groͤßte Strenge anwenden; denn er wußte ſich der argwoͤhniſchen Beobachtung bloß⸗ geſtellt, und hatte dieſe Stimmung ſelbſt von der maaß⸗ los erzuͤrnten Kaiſerin zu erwarten, welche ſich durch . —————————————— ueee⸗Ee0 ——————————— 275 einige entgegenkommende Schritte gegen Frankreich ſchon jetzt außerordentlich kompromittirthielt und Kaunitz daraus einen ſein Anſehn bedrohenden Vorwurf machte. Er hatte gehofft, durch Lacy ſogleich einige Aufklaͤ⸗ rungen zu bekommenz ihn wenigſtens, den er der Kai⸗ ſerin ſo warm empfohlen, vollſtaͤndig von den Verdaͤch— tigen trennen zu können. Seine moraliſche Ueberzeu⸗ gung abgerechnet, hat er dies Reſultat nicht erreicht, und er mußte fuͤrchten, der junge Mann werde, durch ſeine eignen Angelegenheiten niedergedruckt, der rechten Faſſung entbehren, die er ihm doch in jeder Beziehung wuͤnſchte. „Ich muß Sie jetzt entlaſſen,“ ſagte er daher, nach⸗ dem er dem truͤben Selbſtvergeſſen des jungen Mannes ein Weilchen zugeſehn—„und fordere Sie dringend auf, ſich zu ſammeln und Ihre Gedanken von jedem anderen Intereſſe abzuziehn, allein es dieſer wichtigen Angelegen⸗ heit zuzuwenden. Denken Sie, daß es dem Namen Lacy gilt, daß die Maͤnner, die ihnen am nächſten ſtan⸗ den, in Ihnen ihren Vertheidiger haben muͤſſen, da der Tod ihre eigne Macht gebrochen. Denken Sie auch, daß ich nichts erwieſen wiſſen will, als daß Alles Nichts — Thorheit— oder antifranzöſiſche Kabale iſt.“ Lacy richtete ſich wie ein Kranker auf, der bemüht .— E 4„„. iſt, der Schwaͤche entgegen zu wirken, die ihn nieder⸗ ————————— beugt.„Ich werde das heilige Intereſſe, was ich zu vertreten habe, nicht verkennen,“ ſagte er mit Faſſung —„und bitte jetzt uber mich zu verfuͤgen.“ Kaunitz ruͤhrte die Glocke. Er befahl den Offizier, der im Vorzimmer die Wache hatte. „Mein Herr,“ ſagte er zu dem Eintretenden— „Sie werden die Ehre haben, den Grafen von Lacy nach ſeinem Palais zu begleiten, dort ſeinen Degen in Em⸗ pfang nehmen und ihn mir ausliefern.“ Er gruͤßte Lacy mit der Hand und zog ſich nach ſei⸗ nem Kabinet zuruͤck. Im naͤchſten Augenblick ſaßen Lacy und der Offizier im Wagen und beide fuhren bald darauf in den Palaſt Morani ein, wo die Linden noch bluͤhten und die Bie⸗ nen in ihren Bluͤthen ſchwelgten; wo Hedwiga mit Ger⸗ traud vor einem offnen Reiſewagen ſtand, deſſen innere Schoͤnheit ſie jubelnd bewunderten, waͤhrend die Die⸗ ner die Koffer daran zu befeſtigen ſuchten. Lacy's Hetz ſchwoll, und ein tiefer Schmerz durch⸗ zuckte es. Jetzt betrat er die Stelle, wo ſo Viele durch ihn gluͤcklich waren, und im naͤchſten Augenblick mußte er ſie Alle betruͤben. Hedwiga hatte, ihren geliebten Lacy erkennend, ſich ſogleich von Gertraud losgeriſſen, und auf dem nieder⸗ fallenden Tritt des Wagens ſtreckte ſie ihm ſchon ihre —Mn.enne— —————— Arme entgegen und hing ſich um ſeinen Hals— ſeiner Zaͤrtlichkeit ſo gewiß! Als er ſie an ſeine Bruſt druͤckte, fuhlte er ſeine Augen ſich naͤſſen.„O Hedwiga,“ rief er, ſie mit dem heißeſten Schmerz betrachtend—„Du biſt die einzige Gerettete! und jetzt bin ich machtlos und muß alles Andere vergehen laſſen in Leid und Krankheit!“ Das Kind verſtand ihn nicht! Sie ſtrich und kuͤßte ihnz doch wuͤnſchte ſie ſich von ihm, durch den fremden Offizier verblodet. Lacy uͤbergab ſie Gertraud und eilte dem Offizier voran in ſeine Gemaͤcher. Der ſchwere Augenblick war gekommen. Dieſen Degen— dies unanruͤhrbar geach⸗ tete Zeichen ſeines Standes— dies Andenken an ſeinen Oheim, dem er gehoͤrte— er ſollte ihn abgeben! Er blieb ſinnend ſtehn. Der Offizier beobachtete gleichfalls ein ehrfurchtsvolles Schweigen, bis Lacy aufſchreckte, ſchnell die Degenkuppel loͤſte and den Degen dem Har⸗ renden entgegen hielt. „Nehmen Sie, mein Herr,“ ſagte er mit heftig be⸗ wegter Stimme—„ich bin auf mein Ehrenwort ver⸗ haftet, aber ich hoffe, Sie, deſſen ehrenvolle Begleitung ich zu ſchaͤtzen wußte, werden mir bald den Degen zu⸗ ruck bringen, welcher der unentweihte Gefaͤhrte meines edlen Oheims war, den ich ohne Vorwurf fuͤhrte und von dem mich zu trennen die ſchmerzlichſte Nothwendig⸗ keit meines Lebens iſt.“ „Moͤge es Euer Gnaden beſchwichtigen,“ erwiderte der Offizier—„daß ich mit Ehrfurcht den Degen eines Lach empfange und es fuͤr unmoͤglich halte, daß er lange an Ihrer Seite fehlen koͤnne.“ Es war voruͤber: er war allein— aber wie veraͤn⸗ dert fuhlte er ſich in den Raͤumen, die ihn noch vor we⸗ nig Stunden frei und unabhaͤngig umſchloſſen. Er ließ ſeinen innern Blick uͤber all' ſeine Verhaͤltniſſe gleiten und forſchte den Veraͤnderungen nach, die ſie durch ſeine gegenwaͤrtige Stellung erleiden mußten, und von allen kehrte er mit tiefem Schmerz zuruͤck.„O Claudia,“ rief er endlich—„das iſt das ruhige Gluͤck an meiner Seite, was ich Dir im uͤbermuͤthigen Jugendmuth ver⸗ hieß. Auch nicht einen Tag der Gluͤckſeligkeit, die Du erwarteteſt, konnte ich Dir geben! Schon geſtern mußte ich Deine Ruhe truͤben, und heute? wie wird Deine Liebe zu mir Dich leiden laſſen! Und doch— einen ſuͤßen Troſt will ich dieſem Engelherzen geben— ſie ſoll es wiſſen, daß die Leiden, die ſie um mich haͤu⸗ fen, mit ihr zu tragen, ſie mir erleichtern.“ Er fuhlte mit einer tiefen Erkraͤftigung die Heilig⸗ keit dieſes ehelichen Bandes, welches zwei Menſchen vereinigte, um mit verdoppelter Kraft dem Leben feſtzu⸗ 2 ſtehn; und der Schmerz um das getruͤbte Gluͤck der Ge⸗ liebten milderte ſich, wenn er ihrer edlen Faſſung ge⸗ dachte und der Gewißheit ihrer liebenden Hingebung. Er fuͤhlte nun den Muth, ſie aufzuſuchen, und doch zo⸗ gerte ſein Fuß an der Schwelle, denn er hoͤrte ſie mit Hedwiga im großen Saale koſen und hoͤrte ihr ſeltenes eigenthuͤmlich anmuthiges Lachen, was ihn zu anderer Zeit ſo gluͤcklich gemacht haͤtte— was ihm jetzt aber einen tiefen Seufzer entlockte, denn er war gewiß, er wurde es nun fuͤr lange Zeit zuletzt gehoͤrt haben. Als er eintrat, eilte Claudia ihm ſogleich entgegen. Aber die ſanfte Roͤthe der Freude, die ihr Geſicht einen Augenblick bei ſeinem Anblick bedeckte, ſchwand ſogleich, als ſie ſein veraͤndertes Aeußere ſah. Die Gemuͤths⸗ bewegungen der letzten Stunden hatten zu heftig auf ihn eingewirkt. Die Herrſchaft, die er uber ſeine Gefuhle wieder erlangt hatte, konnte die Spuren auf ſeinem Antlit nicht ausloͤſchen, die ſich tiefer eingepraͤgt hatten, als er es ahnte. „Sagen Sie es mir gleich, was geſchehen iſt,“ ſagte Claudia und ergriff ſeinen Arm—„Sie koͤnnen mich nicht taͤuſchen. Das Lächeln, womit Sie mich beruhi⸗ gen wollen, paßt nicht zu Ihrem leidenvollen Geſicht.“ Lacy's Auge ſtreifte ſeine linke Seite. Es ſchien ihm, Jeder muͤſſe ſogleich die leere Stelle ſehn. Claudia 7 ſah aber nur ſein blaſſes eingefallenes Geſicht. Er fuͤhrte ſie gegen einen Lehnſtuhl, und da Hedwiga von Gertraud mit in den Garten genommen war, beſchloß er, ihr ſogleich alles Vorgefallene zu ſagen. „Meine Berufung zum Staatskanzler war wichti⸗ ger, als ich dachte, theure Claudia!“ hob er an.—„Man hat ſich bemuͤht, ſeine großen politiſchen Machinationen zu durchkreuzen und hat dazu Mittel gewaͤhlt, die mich vorlaͤufig, bis der Augenblick der Rechtfertigung kommen wird, unangenehm beruͤhren. Aus meiner Jugend fal⸗ len mir Erinnerungen zu, als haͤtten einſt die Großen Boͤhmens wirklich den Plan der Selbſtſtändigkeit und Freiheit durch den Abfall von Oeſtreich bezweckt, und Frankreich dazu die Hand geboten und einen ſeiner Prinzen zum Koͤnig von Boͤhmen vorgeſchlagen. Wie weit dieſer gediehen, ſeit wie lange aufgegeben, wer da⸗ bei kompromittirt— das hat mich nie beſchaͤftigt, denn es ſind Erinnerungen, die mir wie abgemachte geſchicht⸗ liche Zuſtaͤnde in Gedanken liegen und deren Kenntniß ich nicht einer mir gemachten Mittheilung verdanke, ſon⸗ dern dem Zufall, daß vielleicht Andere ſich in meinem Beiſein daruͤber beſprachen. Gewiß iſt, daß dem Staatskanzler die Namen Lacy und Thyrnau verdaͤch⸗ tigt ſind, und daß dies Alles mit dem Schein großer Wichtigkeit gerade jetzt geweckt worden iſt, um das ſich 281 gegen Frankreich neigende Vertrauen der Kaiſerin zu erſchuͤttern.“ „Aber Sie,“ ſagte Claudia,„wie kann man Sie darein verwickeln?“ „Man hat mich gegen meinen Willen eine Hand⸗ lung begehen laſſen, die mich verdaͤchtigt,“ erwiderte ihr Gemahl.—„Von einer Perſon, die im Vertrauen Thyrnau's war, wurden mir bei meiner Abreiſe nach Paris Briefe und Beſorgungen uͤbertragen, die mir als wichtig empfohlen wurden und zu deren eigenhaͤndiger Ablieferung man mich eifrig aufforderte. Dies habe ich gethan und kann nicht laͤugnen, daß ich von dieſen Perſonen Andeutungen erhielt, die mich wieder an jene fruͤheren Plaͤne erinnerten. Um ſo entſchiedener wies ich jedes Vertrauen zuruͤck, da ich von dieſer Sache, ſelbſt wenn ſie, wie es mir erſchien, aufgegeben war, nicht unterrichtet ſein wollte. Doch,“ fuhr Lacy leb⸗ hafter fort—„dieſe Dinge werde ich Gelegenheit fin⸗ den, ſpaͤter aufzuklaͤren; es liegt weniger daran fuͤr mich, als fuͤr Thyrnau. Gegen ihn richten ſich zunaͤchſt die läſtigſten Angriffe, und ich erfuhr ſo eben durch Kaunitz ſelbſt, daß Thyrnau verhaftet werden wird und bald auf dem Wege nach Wien ſein kann.“ „Großer Gott,“ rief die Graͤfin und ſtand erſchoͤt⸗ tert von ihrem Platze auf—„dann laſſen Sie uns noch fruͤher als dieſen Abend abreiſen, dann laſſen Sie uns gleich nach Tein zu Magda gehen. Keine andere Ruͤckſicht darf uns halten— ſie hat uns dann noͤthig, und wir wollen es keinem Andern uͤberlaſſen, ihr Troſt und Hilfe zu geben!“ Mit welchem tiefen Gefuͤhl von Liebe betrachtete Lach ſeine edle Gemahlin, und wie empfand er es ſo ſchwer, daß er ihr nun noch den letzten Schmerz geben mußte. Ihre Blicke trafen ſich; ſie war erſtaunt, ihn noch zogern zu ſehn, waͤhrend Lacy nach den mildeſten Worten ſuchte, ihr das Unvermeidliche zu ſagen. „Claudia,“ rief er—„mein edles theures Weib! meine beſondere Stellung zu dieſer Angelegenheit macht* * mir die Reiſe unmoͤglich. Ein kaiſerlicher Offizier be⸗ gleitete mich hierher— er brachte dem Staatskanzler meinen Degen zuruͤck— ich bin bis zur Entſcheidung dieſer Angelegenheit auf mein Ehrenwort in dieſem Hauſe ein Gefangener!“ „Verhaftet!“ ſagte die Gräfin mit ſo hinſterben⸗ dem Tone, daß Lacy aufſprang und ſie in ſeine Arme faßte. Jetzt erſt ging ihr die Wichtigkeit der ganzen Sache auf, die Lacy noch immer vermocht hatte in ru⸗ hige Worte zu huͤllen, und die ſie nun plotzlich als eine ₰ wirkliche Gefahr fuͤr den Liebling ihrer Seele erkannte. „Weſſen ſind Sie angeklagt,“ ſtammelte ſie—„was —————n 283 droht Ihnen, Lacy— ich will zur Kaiſerin— ſie iſt getaͤuſcht— ſie wird mich hoͤren— ruͤſten Sie mich mit Ihrer Vertheidigung aus— ich habe auch Muth— in dieſer Sache gewiß!“ Sie ſchwankte; Lacy fuͤhrte ſie tief geruͤhrt zu einem Ruhebett und jetzt erleichterte ein Thraͤnenſtrom die ſchmerzlich erſchuͤtterte Frau. „Ja, theure Claudia! Sie haben den wahren weib⸗ lichen Muth, den Muth der Liebe! Dieſen ſchoͤnen Muth, der jede weibliche Seele in ihrer heiligen Rein⸗ heit erhaͤlt und, indem er die Tiefen ihrer Befaͤhigung weckt, ſie uͤber all' ihre Schwaͤchen erhebt. Vergeben Sie mir,“ ſagte er zaͤrtlich—„daß ich mehr an das Gluͤck denke, Sie in dieſer ſchoͤnen Kraft erkannt zu ha⸗ ben, als an die Veranlaſſung dazu, und glauben Sie mir, daß Sie ſo erſchrecken, iſt mehr durch die Selten⸗ heit ſolcher Erfahrungen entſtanden, als daß in der Sache ſelbſt etwas Bedrohliches läge.— Was in Wahrheit uns ſchmerzen muß, und was mir meine Stellung ſo ſchwer macht, iſt die Lage, in der wir Thyr⸗ nau wiſſen— und Magda! Wie unmoͤglich faſt wird es ihm werden, ſie in ihrem gefahrvollen Zuſtande zu verlaſſen, und wenn ihre anfangende Geneſung ſie der Qual ausſetzte, Thyrnau's Verhaftung zu erfahren, ſo moͤchten die Folgen nicht zu uberſehen ſein.“ „O,“ ſagte Claudia, ihre Thränen trocknend— 284 „zweifeln Sie nicht, mein Freund! daß ich dieſen Schmerz tief mit Ihnen empfinde. Aber Sie— Sie Lacy! Wie bedenklich muß Ihre Lage ſein, da man Sie zu verhaften wagt!“ „Nein, Claudia! es iſt die gewoͤhnliche Form, der auch der älteſte und angeſehenſte Edelmann ſich fugen muß. Sie iſt kein Beweis fuͤr meine unguͤnſtige Stel⸗ lung zur Sache, und ich habe dieſe in Wahrheit nicht zu furchten. Geben Sie mir den erſten Beweis Ihres Vertrauens, indem Sie mir glauben und jetzt ruhiger werden wollen.“ „Gott wird mir Kraft geben, daß ich Ihre Leiden nicht durch meine Stimmung vermehre,“ erwiderte die* Graͤfin.—„Er pruͤft ſchnell den Segen, der geſtern uͤber unſere treue Vereinigung geſprochen ward— und ſo wollen wir uns Seiner Einwirkung gewiß halten, wo uns Sein Beiſtand ſo nöthig wird! Aber laſſen Sie uns nun mit dieſer Vorausſetzung pruͤfen, ob in Wahrheit nichts zu thun fur mich uͤbrig bleibt, da Ihre Schritte nach Außen gebunden ſind.“ „Theure Claudia!“ erwiderte Lacy—„ich will durchaus keinen Schritt zu meinen Gunſten gethan wiſſen. Die erzuͤrnte Stimmung der Kaiſerin ſoll durch nichts als durch die Wahrheit der Sache ſelbſt beſchwich⸗ tigt werdenzwich habe nichts zu thun, als mich bis zu „ 285 dem Augenblick ruhig zu verhalten, wo man meine Ver⸗ theidigung fordern wird. In dieſem ruhigen Verhal⸗ ten liegt freilich jetzt fur mich die haͤrteſte Aufgabe, denn es ſcheint mir oft, als koͤnnte es keine heiligere Pflicht geben, als nach Tein zu fliegen, ja, jede andere Gefahr wuͤrde ich gering achten, waͤre nicht mein gegebenes Eh⸗ renwort die abweiſende Antwort auf all' dieſe Wuͤnſche!“ „Nun,“ rief Claudia, waͤhrend alle Farbe, die ſo ſchnell von ihrem Geſichte verſchwunden war, dahin zu⸗ ruͤckkehrte—„ſo laſſen Sie mich ſtatt Ihrer nach Tein gehn! Ich will Magda troͤſten, ihre Geneſung abwar⸗ ten und ſie dann zu uns her leiten, wenn uns das ge— meinſame Geſchick hier Alle vereinigt.“ Lach war tief bewegt von der Groͤße des Opfers, das die edle Claudia ihm anbot, und doch war es das Ausreichendſte, was erdacht werden konnte. Er fuhlte dies auch ſo uberzeugend, daß es Ihm unmoͤglich war es abzulehnen. Als Claudia den Dank des geliebten Mannes empfing, als ſie ſeine Bewunderung, ſeine Verehrung in jedem Worte, in jedem Zuge ſeines Ge⸗ ſichtes ausgedruͤckt fuhlte, da ſchien ihr das Opfer der Trennung von ihm leichter zu werden, obwol es der ſchwerſte Theil ihres Unternehmens war, und ſie trenn⸗ ten ſich, um die begonnenen Reiſeanſtalten dem neuen Zwecke gemaͤß umaͤndern zu laſſen.„ — 286 Auf den Terraſſen von Tein wandelten drei ſehr verſchiedene Geſtalten. Die Sonne war von dem Theil der Platform vor dem mittlern Saal ſo eben verſchwun⸗ den und hatte nur den wohlthuend durchwaͤrmten Bo⸗ den zuruͤckgelaſſen, der die ſanfteſte Heilung fuͤr den Kranken oder Geneſenden enthaͤlt. Seit dem vorigen Tage verließ Magda wieder das Bett, und die Jahres⸗ zeit beguͤnſtigte das Verlangen nach Luft, das ihr erſtes Beduͤrfniß ſchien. Sie verſuchte zu gehen und war er— ſtaunt, dieſe ſo natuͤrliche Bewegung nur ſo ſchwierig herſtellen zu koͤnnen. An der einen Seite ſtutzte ſie Thomas Thyrnau mit einer Sorgfalt, die ſeine Liebe verrieth, an der andern Seite die Kaſtellanin von Tein, die unverholen ſtill vor ſich hin weinte, da das jugend⸗ liche Weſen zwiſchen den beiden Bejahrten hintaumelte, als haͤtte die Krankheit fuͤr immer die zarten Glieder geknickt. Was Magda empfinden mochte, ließ ſich ſchwer be⸗ ſtimmen. Sie war ſehr mager geworden und offenbar gewachſen; die energiſche Farbe ihrer Haut war weißer und feiner. Ihre Neigung, den ſchoͤnen Hals ſo uͤber zu beugen, daß der Kopf ſich ſenkte, war durch die Schwaͤche mehr hervorgetreten, alle Contoure des edlen Geſichtes waren noch zarter geworden, die Lippen nur enne—— werig gefaͤrbt. Dabei lag das glaͤnzende ſchwarze Haar um dies weiche Leidensgeſicht wie ein Trauerrand, da das übrige Haar unter weißen Binden feſt verhuͤllt um den Kopf war. Sie hatte ihre einfache Prager Buͤrger⸗ tracht an, von ſchwarzer Seide, ohne Prunk. Sie war ein Wunder von Schoͤnheit in dieſer abſichtslos phan⸗ taſtiſch zuſammengefugten Kleidung. Ihren Begleitern wollte das Herz brechen vor Wehmuth! Magda war dabei mit Eifer beſtrebt, die uͤber einander ſchlagenden Fuͤße zu lenken und ſich aufzuraffen, wenn ſie einſank. Sie hatte am Ende der Terraſſe einen Ruheſi in's Auge gefaßt, der den Blick nach dem See hatte und wo 8 Weiden mit ihren haͤngenden Zweigen ein Dach bilde⸗ „ ten, Dahin trieb ſie, ohne es zu ſagen, und ihre Be⸗ 3 6h widerſtrebten nicht, weil Beide nicht zu ſprechen wagten, aus Furcht, ihre bebende Stimme zu verra⸗ then. Nach großer Anſtrengung erreichte man den Platz und die Kaſtellanin bedeckte die Bank mit den mit⸗ genommenen Kiſſen; die Erſchoͤpfte ſank hinein und die Augen ſchloſſen ſich, der Schwäche nachgebend. Thomas Thyrnau ſetzte ſich auf einen kleinen Feld⸗ ſtuhl vor ihr nieder und das Rohr, worauf er ſich ge⸗ lehnt, in die Erde ſtoßend, ſenkte er ſchwermuͤthig den 5 Kopf auf die daruͤber liegenden Haͤndez waͤhrend die Ka⸗ ſtellanin weg ſchlich, um ungeſtort zu weinen, denn ſie 288 glaubte nach Art ſolcher Leute leichter das Ungluͤck, und hielt das ſchoͤne Kind, das Alle liebten, fuͤr verloren. Dies furchtete wol Thomas Thyrnau nach dem Aus⸗ ſpruch des alten Hieronymus nicht. Aber er uͤberdachte mit einem tiefen Weh, was aus ihrem Leben geworden war und zagte— ſich ihrer Geneſung zu freuen. Welch' eine unverzeihliche Thorheit— welch' eine Herausforde⸗ rung an die Wechſelfaͤlle des Lebens ſchien ihm jetzt ſein und des alten Lach kuͤhn verfolgter Plan! Wie tief vor Allem beklagte er, daß er dem Freunde nicht gewehrt, als dieſer in ſeiner Zaͤrtlichkeit fuͤr Magda das Kind mit ſeinen Plaͤnen gewiegt und Beide in der Einſamkeit von dem Zauber ihres jungen kuͤhnen Geiſtes beherrſcht, ſie zu einem Vertrauen herangezogen, wie es ein ihnen gleich ſtehender Mann kaum verdient haͤtte. So mußte Magda erſt mit dieſen Plaͤnen ſpielen und ſpaͤter darum wie um den Kern ihres Daſeins ihr ganzes uͤbriges Le⸗ ben ſpinnen lernen! „Ach,“ dachte er traurig weiter, eid ſie, nachdem all' dieſe Faͤden ſo ploͤtzlich zerriſſen, noch lernen ein an⸗ deres Leben zu beginnen? Werde ich nicht zuſehn muͤſ⸗ ſen, wie ſie langſam an meiner Seite verwelkt und werde ich zu dieſem Schmerz nicht den Vorwurf fuͤgen muͤſſen, daß ich es verſchulden half?“ Er hatte nicht bemerkt, daß Magda, aus ihrem ————————— 289 leichten Schlummer erwacht, ihre großen Augen pruͤfend auf ihn gerichtet hielt. Ihre Stimme weckte ihn. „Sieh' nur nicht ſo bodenlos traurig aus!“ ſagte ſie mit einem leichten Anklang ihres fruͤheren entſchiedenen Weſens.—„Ich weiß Alles, was Du denkſt, und es quaͤlt mich darum ſo arg, es mit anzuſehn, weil es mir noch in der Bruſt fehlt, um reden zu koͤnnen. Aber ſei Du nur getroſt— die Krankheit war eine rechte Gnade von Gott! da ſchickt Gott ſeine Engel in Perſon — denn wo kaͤme es ſonſt her?“ Ach, was ging bei dieſen Worten in Thyrnau vor! Vielleicht dachte er, ſie ſei ſelbſt ein Engel geworden. Ihm wenigſtens; ſein Engel des Troſtes war ſie ge⸗ wiß; denn ihre Worte legten Zeugniß ab, daß ſie inner⸗ lich ſchon eine Stuͤtze gefunden, daß ſie nicht an dem Erlebten zu Grunde gehen wollte und ihn zu troͤſten dachte. „Magda! mein braves Maͤdchen,“ ſagte er leiſe, um ſeine Ruͤhrung zu beherrſchen—„ ich werde nur ſo lange traurig ſein, als ich fuͤrchten muß, daß Deine Kraft Dich verlaͤßt. Bin ich Deines inneren Muthes ſicher, ſo will iſt getroſt ſein.“ „So ſei getroſt!“ ſagte Magda—„denn Du wirſt es erleben, ich werde jetzt ganz was Anderes— aber ich kann mich ſchon darauf freuen, denn es ſoll was Tuͤch⸗ Thomas Thyrnau U. 3te Aufl. 19 290 tiges werden. Aber anders iſt nun die ganze Welt— und ich muß warten, bis mein Herz wieder zuſammen⸗ waͤchſt— denn Du kannſt es glauben, es iſt mitten von einander geweſen— und ehe man es nicht ganz fuͤhlt, da kann kein Menſch was.“ „Kann ich nicht etwas thun, meine Magda,“ fragte Thyrnau zum Erſticken erweicht—„daß die Wunde ſich ſchließt oder ſie Dich weniger ſchmerzt?“ „Ja, entgegnete Magda mit einem Engelslaͤcheln —„laß mich wieder Dein liebes heiteres Geſicht ſehn! Lächle mir zu— oder lache einmal— ſprich einmal wieder ſo hart und laut wie im Dohlenneſt! Ich denke, das muͤßte mich mehr ſtaͤrken, als die Tropfen, die mir Hieronymus giebt.“ Thomas Thyrnau hob den Kopf mit dem Verſuch zu laͤcheln. Als er aber den Engelskopf ſah mit dem Lächeln, was ihn beleben ſollte, brach die Kraft des alten Mannes zuſammen. Er ſtuͤrzte vor ihr nie⸗ der, ſchloß ſie in ſeine Arme und ein Strom von Thraͤnen loͤſte die Spannung ſeiner Bruſt. Magda liebkoſte ihn dabei in ſtiller Faſſung, aber ſir weinte nicht— uͤber ihn gebeugt, ſagte ſie:„Oft denke ich, wenn man weinen kann, iſt viel voruͤber. Allen Schmerz, den ich bis jetzt hatte, das war Thränenſchmerz — dann kommt der Schmerz, den Gott allein kennt und 291 den er dann auch allein theilt— da weinen wir nicht— der Schmerz und der Theilnehmer— Beide ſind zu groß dazu. Was erfaͤhrt man da Alles!— Weißt Du was,“— fuhr ſie fort, als Thyrnau ſich aufrich⸗ tete und in ihrem Anſchaun verloren vor ihr ſaß— „erzaͤhle mir jetzt, was Du mir immer erzaͤhlen wollteſt — erzaͤhle mir von meiner Mutter— was ſie erlebt hat, und wie Du einmal ſo lange mit Lacy zuͤrnteſt.“ „Magda,“ ſagte Thyrnau—„werde ich das duͤr⸗ fen? Wird es Dich nicht zu ſehr bewegen? Spreche ich mit Dir, ſo kann ich nichts verſchweigen, denn Du ſollſt ein treues Bild der Wahrheit von ihr in Dir auf— faſſen, und doch iſt viel Bewegliches dabei.“ „Ach, um ſo beſſer,“ ſagte Magda—„ich moͤchte gern aus mir heraus bewegt werden— moͤchte gern in Anderer Leben die Schickſale erkennen, die Gott ſendet!“ „Ich will Dir nicht widerſtehn“— erwiderte Thyrnau mit zuruͤckkehrender Kraft in Stimmung und Haltung—„Dich treibt Gott, das fuhle ich mit tiefer Ruͤhrung, und ich will mich mit treiben laſſen, denn was iſt es— und was wird aus dem, was der eigen⸗ ſinnige Wille des Menſchen betreibt.“ „Meine beiden Soͤhne raubte mir der Tod. Erſt ſpaͤter ſchenkte mir Gott zwei Tochter, wovon die juͤngſte — Deine Tante— Deiner Großmutter das Leben 19* koſtete. Barbara, meine einzige Schweſter, welche an Jakob Huͤlshof verheirathet war, einen der aus⸗ gezeichnetſten Baumeiſter, der mit Buonoccini und Imanuel Fiſcher die Bauten in Wien leitete— lebte nach dem Tode ihres einzigen Kindes in Wien in guͤn⸗ ſtiger Lage. Ihr edler und gebildeter Geiſt war mir eine ſichere Buͤrgſchaft fuͤr Alles, was ſie that, ſie nahm beide Kinder zu ſich und erzog ſie. Nach meiner An⸗ ſicht— muß ich hinzufuͤgen— denn ſie fand meinen Erziehungsplan weit uͤber den Stand der Maͤdchen hin⸗ ausgehend und tadelte ihn unverholen, obwol ſie ſich meiner Gewalt als Vater fuͤgte und ſich beſchraͤnkte, den Geſinnungen meiner Toͤchter ihren altbuͤrgerlichen Sinn fuͤr Einfachheit und Anſpruchloſigkeit einzufloͤßen, der ihr die allerbeſte Sicherheit gegen die Anforderungen des Lebens erſchien.“ „Das Haus meines Schwagers war, wenn auch ſtets einfach, doch durch Wohlhabenheit und Gaſtfreund⸗ lichkeit in gut begruͤndetem Rufe; fremde Kuͤnſtler ſei⸗ nes Faches oder der Bildhauerei und Malerkunſt fan⸗ den ſich um den gaſtlichen Tiſch des heiteren und geiſt⸗ vollen Huͤlshof ein, und es konnte nicht fehlen, daß da⸗ durch eine erhoͤhtere Bildung, eine lebendigere Theil⸗ nahme in geiſtiger Beziehung ſich anregte, der ſich Bar⸗ bara nicht entzog, da es ganz mit ihren Anſichten uͤber— 293 einſtimmte, in maͤßiger Form die Gaben des Wohl⸗ ſtandes mit Andern zu theilen und gerade hier ſich ihrem Wohlthaͤtigkeitsſinne die beſte Gelegenheit zeigte, da die jungen Wanderer aus weiter Ferne oft nichts mitbrachten, als ihr Talent, und da die Zeit, bis dieſes ihnen zinsbar werden wollte, haͤufig ſchwer zu uͤber⸗ ſtehen war. Barbara's beſte Freundin war die Frau eines aus Italien heruͤber gekommenen Bildhauers, der bei der damals von Kaiſer Leopold zu errichtenden Dreifaltigkeitsſaͤule beſchaͤftigt ward und ſpaͤter die bei⸗ den Statuen uͤber dem Springbrunnen verfertigte,— Cornelius Matielli—“ „Matielli?“ rief Magda— „Ja, Magda,“ erwiderte Thomas Thyrnau— „es war Dein Großvater! Bei der Aufrichtung dieſer Statuen ſturzte er von einem Geruͤſt und ſtarb, ohne mit den Sakramenten der Kirche verſehen worden zu ſein. Dieſen Schmerz zog ſich ſeine Gattin heftig zu Sinne. Sie konnte in der Welt keine Ruhe finden und beſchwor ihre Freundin bei ihrem einzigen Sohne Mutterſtelle zu vertreten; ſie ſelbſt aber nahm nach dem von Barbara empfangenen Zugeſtaͤndniß den Schleier in dem Kloſter der Buͤßerinnen zu Mailand, dem Ge⸗ burtsort ihres Gatten, wohin auch ſeine Leiche geſchafft war. Francesco dagegen lebte wie der eigne Sohn in 294 dem Hauſe Barbara's; er ward Bildhauer wie ſein Vater, und durch groͤßere Gaben und ſorgfaͤltigere Er⸗ ziehung ein bedeutender Kuͤnſtler.— Die Natur hatte ihn hoͤchlichſt ausgeſtattet; die Liebe der Menſchen ſcheint ihm uͤberall mit dem erſten Gruße zu gehoͤren. Er war ſchoͤn. Aber ſein Karakter war ſo anziehend gemiſcht zwiſchen Ernſt und Scherz, zwiſchen Feuer und Milde, daß ſeine Erfolge bei den Menſchen gerechtfertigt ſchienen.“ „Meine beiden Maͤdchen lebten bei ihrem Heran⸗ bluͤhen oft Monate lang in Tein im Dohlenneſt, und nur, wenn ich abweſend war, kehrten ſie zu Barbara zuruͤck.— Graf Lacy, mein edler Freund, deſſen ungluͤck⸗ liche Liebe zur Prinzeſſin von D. Du durch ihn ſelbſt kennſt, hatte ſich erſt ſpäͤter vermaͤhlt und ein Sohn bluͤhte ihm zu großer Hoffnung an der Seite. Stephan war der Gegenſtand unſerer großen Plaͤne und wir vereinigten uns Beide, ſeine Erziehung ſo ſorgfaͤltig als moͤglich zu leiten; ſo kann ich ſagen, Stephan gehorte ſo zu mir wie zu ſeinem Vater. Kamen nun meine Madchen, ſo war es ein gar gluckliches Leben, und die edle Gräfin Lach machte unter meinen Toͤchtern und ihrem Sohne⸗ ebenſo wenig einen Unterſchied, wie ich ihn zu machen ver⸗ mochte.— Als Stephan ſeine Studienjahre zuruck⸗ gelegt hatte und von der Univerſitaͤt Goͤttingen wieder⸗ — kehrte, bewohnten Magdalene und Lucretia, meine bei⸗ den Tochter, mit mir das Dohlenneſt. Magdalene, Deine Mutter, war ſechzehn Jahr und wunderſchoͤn. Stephan faßte ſogleich die gluͤhendſte Liebe zu ihr.“— „Waos jetzt folgt, iſt nur noch eine ſchwere Kette von Leiden und harten Vergehungen, in der faſt Keiner dieſer bis jetzt glucklichen und tugendhaften Menſchen rein von Schuld blieb. Als wir die Neigung des Juͤng⸗ lings erkannten, trat die Kehrſeite unſerer Verhaͤltniſſe ein, und ich mußte einſehn lernen, daß der Mann, der ſo lange Herz und Seele mit mir getheilt— deſſen Au⸗ toritaͤt ich war, der mich tauſendmal uͤber ſich geſtellt — dem ich der Triumph eines Menſchen hieß— er, der meine Tochter eines ſolchen Vaters werth erklaͤrt hatte, daß er doch einen ſolchen Mann weit aus der Moͤglichkeit hielt, mit ſeiner Familie verbunden zu werden.“ „Was ſoll ich Dir die Marter der Jahre beſchrei⸗ ben, die dieſer Entdeckung folgten! Zur ſelben Zeit kehrte Gerhard von Lacy, ſein juͤngerer Bruder, mit ſeiner Gemahlin und ſeinem kleinen Sohne aus Italien zuruͤck. Er war vorurtheilsfreier und liebte ſeinen Nef⸗ fen, der von der unbezwinglichen Leidenſchaft beherrſcht, einem Wahnſinnigen glich. Aber Lach und ich waren harten Sinnes! Schon war die Scheidung unter uns 296 geſchehen; ich hatte ſeine Familie der meinen nicht werth geſchaͤtzt und ihm in einer langen Reihe Vorfahren lauter wuͤrdige ehrenhafte Maͤnner nennen koͤnnen, wo⸗ gegen der Rang und der Name es oft nur vermocht hatten, unwuͤrdige Maͤnner der ſeinigen vor oͤffent⸗ lichem Tadel zu bewahren. Er erkannte die Wahrheit, aber er haßte den, der das Recht hatte, ihn daran zu erinnern.— Ich verließ⸗Tein und lebte in Prag mit meinen Maͤdchen; aber ich hatte die Heimat verloren; ich hatte mit dem Freunde meiner Jugend den ganzen Kern meines Lebens verloren und konnte nicht mehr froh ſein. Doch auch dahin verfolgte uns die raſtloſe Leidenſchaft des Juͤnglings, und als des Grafen Ger⸗ hard Bemuͤhungen ganz umſonſt waren, unſere ſtarren Koͤpfe zu verſohnen, mußte ich Stephan, den Liebling meines Herzens, den Sohn meines einzigen Freundes, von meiner Schwelle jagen, und als dies nichts half, brachte ich das letzte Opfer, ich trennte mich von Mag⸗ dalena und uͤbergab ſie auf's Neue Barbara, die indeß Wittwe geworden. Wenn Magdalena in ihrem Ver⸗ halten bei den Stuͤrmen, die ſie ſo unſchuldig veranlaßt, mir immer Zweifei gegen ihre Geſinnung fuͤr Stephan erregt hatte, ſo ſchien es mir in Wien bald, daß ihr Herz wol nur dem Mitgefuͤhl fur ihn, nicht der eigentlichen Liebe, unterlegen war; denn ich erkannte leicht, daß 297 Francesco Matielli ihr mit einer offenen Darlegung ſei⸗ ner Liebe nahte und ſie dieſen ganz anders aufnahm, als den ungluͤcklichen Stephan.“ „Nicht lange nach unſerer Ankunft zeigte ſie mir an, Stephan ſei ihr auch nach Wien gefolgt, und An⸗ gela, ihre alte Amme, jage ihn hier wie zu Tein und Prag Nachts unter ihrem Fenſter fort. Sie ſah mich auf dieſe Nachricht in rathloſen Schmerz verſinken, und jetzt ſchlug ſie mir ſelbſt als einziges Mittel, ihm auf immer jede Hoffnung zu benehmen, vor, ſie mit Francesco Matielli zu verheirathen. Bei naͤherer Nach⸗ forſchung ſah ich, daß dieſer Vorſchlag in allen Koͤpfen meiner Umgebung Wurzel geſchlagen hatte, Francesco ubte auch uͤber mich ſeine ſchon erwaͤhnte Gewalt, und ich mußte einſehen, daß es kein wirkſameres Mittel ge⸗ gen die troſtloſe Lage des ungluͤcklichen Stephan gab, von dem es ſehr beſtimmt zu fuͤrchten war, er werde ſonſt nie der Hoffnung ganz entſagen.“ „Magdalena wurde in aller Stille mit Francesco Matielli vermaͤhlt und reiſte Tags darauf nach Mailand ab, wo ſich Beide den Segen der armen Mutter holen und erſt nach einigen Jahren nach Wien zuruͤck kehren wollten.“ „Die Wirkung dieſer Nachricht auf Stephan war entſetzlich. Er erkrankte zum Tode und ſeiner Eltern Herz ward von Reue zerriſſen. Jetzt glaubte der ſtolze Lacy mir ſelbſt darum zurnen zu muͤſſen, daß ich ſeine Reue unwirkſam gemacht hatte, und wir blieben aͤußer⸗ lich Feinde. Hieronymus rettete Stephan und der Va⸗ ter hing ſich an den Juͤngling und ſuchte ihn zu erwek⸗ ken fuͤr vaterlaͤndiſche Zwecke, fur unſere Lieblingsplaͤne! Er ſchlug ihm Reiſen vorz er forderte faſt einen laͤngern Aufenthalt in Frankreich, um ihn von dem Ort ſeiner Leiden fern zu halten. Aber dort, wohin ihn ſein Va⸗ ter trieb, war er beſtimmt, ſich gegen ſeinen Willen ſchrecklich an dieſem zu raͤchen und dadurch endlich un⸗ ſere durch nichts mehr getrennte Vereinigung wieder herzuſtellen.“ „Doch zuruͤck zu Deiner Mutter! Sie war fehr glucklich verheirathet, und obgleich ihr erſtes Kind, ein Knabe, geſtorben war, brachte ſie doch Dich als neuge⸗ bornes Kind zu uns zuruͤck.— Meine Stellung rief mich damals als Anwalt des Z.ſchen Hofes zu dem re⸗ gierenden Fuͤrſten von S. zur Feſtſtellung einer Succeſ⸗ ſtonsfrage. Barbara war mir ſeit Magdalenens Ver⸗ maͤhlung uberall gefolgt; ſie fuͤhrte Aufſicht uͤber Lucre⸗ tia, die, ſo ſchoͤn wie Deine Mutter, von mir mit Al⸗ lem ausgeſtattet ward, was Reichthum und Bildung nur an dem ſchoͤnſten faͤhigſtem Naturell zu Pollenden vermag. Als mein Aufenthalt in S. ſich zu vorlaͤngern drohte, rief ich Barbara und Lucretia zu mir— es war der Anfang tiefer maaßloſer Schmerzen— bald ſandte ich beide zuruͤck und hielt ſie in einem Landhauſe bei Prag geſichert.“ „Da traf die Nachricht dort ein, daß Deine Mut⸗ ter und Du ſelbſt an den Pocken todtlich erkrankt danie⸗ der lägen. Lucretia's Bitten entſchieden Barbara zu einer Reiſe, auf der Lucretia ſie wegen der Anſteckung nicht begleiten durfte. Deine Mutter erlag der fuͤrch⸗ terlichen Krankheit, die Dich dagegen nur leicht erfaßt hatte. Barbara aber blieb an Prag gebunden, da Francesco ſie mit großer Beſorgniß erfullte, indem ſein Schmerz ſie von ihrem eignen Kummer abzog und er vor Allen die groͤßte Aufmerkſamkeit bedurfte. Lucretia blieb daher allein, nur von Angela und ihren Dienern umgeben, auf dem Landſitz, den ich ihr angewieſen. Dieſe traurigen Nachrichten trafen mich alle in Paris, wohin eben die Dir bekannten Angelegenheiten Stephan Lacy's mich getufen. Vorher, nach vierjaͤhriger Tren⸗ nung, war unſere Verſoͤhnung erfolgt, und mit neuer inniger Hingebung widmete ich mich dem wiedergewon⸗ nenen Freunde.— Doch hiermit iſt meine Erzͤhlung aus, Magda! denn Deine unvorſichtigen alten Freunde haben nicht unterlaſſen, Dich in ihre Geheimniſſe einzuweihen — die freilich Dich fruͤher gezeitigt haben als gut iſt!“ 300 „Ja!“ ſagte Magda—„und doch gehſt Du aber⸗ mals um das Leben meiner alten Tante Lucretia herum — und abermals ſcheinſt Du mir nicht ſagen zu wollen, was aus ihr ward; denn weiter als bis zum Landhauſe, wo Du mich auch jetzt laßt, bin ich noch nie gekommen!“ „So denke, daß es mir zu ſchwer ward, weiter zu gehen,“ ſagte Thyrnau mit ſeiner alten Strenge— „und fordere mich nicht auf, den ſchweren Weg noch einmal zuruͤckzulegen. Der Tod hat auch ihre Licht⸗ geſtalt unſerm Auge entzogen— und die Umſtaͤnde wa⸗ ren hinreichend, das Herz des Vaters zu verwunden. Haͤtteſt Du mir nicht gelebt, haͤtte Barbara nicht ver⸗ ſtanden, Dich mir zuzuweiſen als ein meiner Sorgfalt anheim fallendes Weſen, ſo haͤtte von da an der Truͤb⸗ ſinn uͤber mich geherrſcht; denn Francesco verließ uns bald und ſtarb wenige Jahre nachher in Mailand. Hier aber wuͤthete der Tod und ließ mir nur Schmerzen und Erinnerungen!“ „Und Deine Magda?“ ſagte das blaſſe Kind und verſuchte es, ihn zaͤrtlich und ermuthigend anzublicken— „Deine Magda— die nun nichts auf der Welt mehr hat, als Dich— die nur fuͤr dich leben und ſich gar. nicht mehr von Dir trennen will. O Du lieber Guter — ſage mir doch, wie haſt Du es gemacht, nach ſo viel Kummer— nach ſo viel erfahrenem Unrecht, ſo heiter Seii ithte — 301 zu bleiben? Wie oft ruͤhmte ich Das gegen Barbara, der das Leben wahre Grabesſpuren eingeätzt hat— und Du bliebeſt immer derſelbe!“ „Magda,“ erwiderte Thyrnau—„ich bin nicht heiter geblieben—„ ich bin es wieder geworden! Wir muͤſſen mit dem Kummer abſchließen und uns blos die Erinnerung bewahren koͤnnen. Geſunde Geiſter, welche Zeit hatten, zu einer kräftigen Anſchauung des Lebens zu gelangen, werden nie der eigenſinnigen Hin⸗ gebung an erfahrene Verluſte oder erlittenes Unrecht ͤberlaſſen bleiben. Ich glaube, daß ich zu dieſen Kraͤf⸗ tigen gehoͤrte. Von Jugend auf lag ein tiefes Beduͤrf⸗ niß nach Klarheit und ſcharfer Conſequenz in meinem Karakter. Es war dieſer Trieb ein Gegengewicht gegen ein glühend leidenſchaftliches Gemuͤth, das mich bei je⸗ der Veranlaſſung in Verwirrung zu ſtuͤrzen drohte. Dieſer Trieb machte mich zu einem fleißigen Arbeiter in mir ſelbſt; ich war mir ein ſcharfer Beobachter; ich raumte immer wieder auf und brachte Alles an ſeinen Platz, wenn dazwiſchen die Windsbraut der Leidenſchaft Alles uͤber einander geworfen— und ich hatte eine Stutze, Magda! meine Gedanken ſtanden von Ju⸗ gend auf vor Gott!— Es war das lebendigſte Leben der Gegenſeitigkeit, wenn ich das profane Wort gebrau⸗ chen darfz ich ſendete zu ihm meine ganze Seele, mit 302 ihrem Ungeſtüm, mit ihrem heißen Wuͤnſchen, mit ih⸗ ren Schmerzen— und wie ich ſie ihm hingab mit der kindlichen Inbrunſt, von Ihm jede Weiſung, jede Lin⸗ derung fordernd als mein unveraͤußerliches Recht an Ihn— ſo empfing ich ſie in dieſem Kaͤmpfen und Rin⸗ gen zuruͤck; oft wunderbar veraͤndert, aber am häufig⸗ ſten mit einer Begeiſterung fuͤr das Leben erfullt, das ich aus ſeiner Hand empfing, und daß mir nun mit ſei⸗ nen heiligen Leiden und Schmerzen doch von der unver⸗ gleichlichſten Schoͤnheit und Herrlichkeit erſchien und in meinem Geiſte eine geheimnißvolle Anſchauung der Dinge eroͤffnete, die dem Grabe ſeinen Stachel, der Kraͤnkung ihre Dornen nahm.“ „Wer ſich eines reinen, tiefen Grfuͤhls bewußt iſt, furchtet nie von demſelben einen Abſchluß mit dem Er— fahrenen zu begehren, welches ſeinen ganzen Menſchen der Welt zuruͤck giebt, deren laute Anforderungen er er⸗ kennt, weil er Gottes herrliche Offenbarung in ihr ſieht — und ſo findet es ſich, daß wir oft zum Abſchl ießen gezwungen leichter die Stuͤtzpunkte wieder gewinnen, nach denen wir zuerſt gegriffen; und endlich liegt die Welt der Schmerzen, die wir durchliefen, wie ein ſcho⸗ nes Eiland hinter uns, worauf wir jede Stelle mit Lie⸗ besblicken gruͤßen und dort zu landen pflegen, wenn un⸗ ſere Seele in n Freiheit und Frieden mit uns ſelbſt lebt! 303 Dann kommt das von ſelbſt zuruͤck, was Du Heiterkeit nennſt. Wir uͤben uns und lernen endlich die Glaͤſer, durch die wir das Leben betrachten, zuſammenzuſetzen, wie die großen Mechaniker. Nicht wie in der Jugend greifen wir bloß nach dem Vergroͤßerungsglaſe unſerer Leiden und Thaten; nicht, wie in ſpaͤtern Jahren dann oft folgt, nur nach dem Verkleinerungsglaſe; ſondern wir fuͤgen mit der erlangten Erfahrung das Eine zum Anderen an den Anfang und das Ende des dunklen Rau⸗ mes, der dazwiſchen liegt und den unſer Auge ſuchend durchirrt— und freuen uns dann des klarer gewordenen Bildes, welches wir durch ſein Naͤherruͤcken in ſeiner wahren Geſtalt auffaſſen und erkennen lernen!“ „Ach,“ ſagte Magda—„ich kann Dich gut verſte⸗ hen— Du biſt mir herzſtaͤrkend! Aber ſage mir nur das Eine! Das, was Du hier ausſprichſt— das haſt Du als Mann gekannt— erfahren— aber wir— ein Maͤdchen— was haͤltſt Du davon?“ „Wos ich erfahren, habe ich als Menſch erfahren,“ erwiderte Thyrnau—„unſere Stellung zu Gott, un⸗ ſere Gemeinſchaft mit ihm iſt durch kein Geſchlechts⸗ verhaͤltniß bedingt, wenn auch die Wirkungen deſſelben durch unſer aͤußeres Leben verſchiedene Geſtalt anneh⸗ men. Das, worauf es ankommt: die Offenbarung in unſerm Geiſte, der Glaube an dieſe inbrunſtige Gemein⸗ ſchaft mit ihm, das iſt das Gut der Menſchheit, die da⸗ durch von den Feſſeln der Erde befreit und im Geiſte wiedergeboren des Sieges maͤchtig ward! Und ich ſage es Dir— Magda, mein heißgeliebtes Kind— Du wirſt des Sieges theilhaftig werden.“ Magda ſenkte den Kopf zur Erde, als ob ſie den Worten nachſpuͤrte in ihrem Innern.„Ach,“ ſagte ſie umherblickend—„welch' ein Wunder iſt der Schmerz! Wenn Du meinſt, ich koͤnnte wieder werden wie ſonſt, da moͤchte ich doch nie vergeſſen, wie mir jetzt iſt.“ Sie ſah mit troſtloſen Augen umher und ſchien nicht zu fuh⸗ len, wie Thraͤnenſtroͤme aus den gehobenen Augen uͤber ihre Wangen floſſen.„Magda,“ ſagte Thyrnau weich —„eben faßte ich Hoffnung fuͤr Dich und nun, ſcheint es, ſoll nichts davon in Erfuͤllung gehen. Haben wir denn ganz vergeblich geredet, hat nichts davon Deine Ueberzeugung erreicht?“ „Alles! Alles! Vater,“ ſagte Magda—„aber es iſt zweierlei in mir. Ich kann wie eben in die Zukunft blicken und darin auch fuͤr mich einen andern Zuſtand erkennen. Aber es iſt ein Weg dahin, ein langer dunk⸗ ler Weg, an deſſen Ende ich wieder die Sonne ſehe, wie ſie auf eine gruͤne Erde ſcheint— nur jetzt, Vater— iſt keine Sonne— keine gruͤne Erde da. Ich ſtrenge mich an, Alles wieder zu erkennen— aber wo iſt es! 305 e zeigen. Er ſollte mit mir hoͤren, was der See da unten ſo lange Zeit zu mir geredet— er ſollte ſehn, wie die Wege ſo ſchattig und lang ſind— und das Wild ſo neugierig— und wie uͤber den Blatterſaͤlen und kleinen Kammern, wo die Marmorbilder ſtehen, der Himmel immer viel blauer und wie eine ſchone Decke ruht. Und nun das Schloß und das Siechenhaus zwas ich ganz umaͤndern wollte— und die Gemaͤlde und die ſchoͤnen Buͤcher— ach! er findet ſich nie ohne mich zurecht— und ich kann ihn nie mehr zurecht weiſen, denn ich habe ſelbſt Alles verloren und kann nichts wieder finden. Wenn ich nach dem See ſehe, ſo iſt er gar nicht mehr einſam— und die Schwaͤne ſind nicht mehr ſtill— und das Schilf hat keinen Nympheen⸗Rand und die ſonſt ſo lieben Blaͤtterkaͤmmerchen— da— und uͤberall da hat was drin gehauſt! Ich erkenne es nicht wieder— mein Alles wußte ich auswendig hier— Alles wollte ich ihm h altes Heiligthum iſt es nicht mehr, aber wenn mir davor graut und ich denke— wo anders willſt Du hin— wo's ſo ſchoͤn ſonſt war— da iſt es uͤberall daſſelbe— es thut Alles fremd mit mir— ſieh! als ob dieſe ſeelenloſen Dinge wuͤßten, daß er mich verworfen hat, ſo ſtoßen ſie mich alle aus und meinen Antheil an ihnen habe ich nicht mehr zu fordern! Und,“ fuhr ſie eifrig fort, da ſie ſah, Thyrnau wollte ihr etwas entgegnen—„vom Thomas Thyrnau Il. 3te Auft. 20 3 — Dohlenneſt rede mir nur nicht! Da will ich nie wieder hin. Die Mauern fielen zuſammen und deckten mich wie Leichenſteine— und nach Wien will ich nicht und zu Barbara will ich gar nicht— da war er auch— da hatte ich ſolch' Gluͤck! Aber wohin ich nun ſoll vor's Erſte— das mag Gott wiſſen.“ Thyrnau hatte ihr mit tiefem Schmerz und einigem Erſtaunen zugehoͤrt. Der Anfang ihres Geſprächs hatte ihn zu groͤßeren Erwartungen berechtigt; er ſah, wie umfaſſend die Erfahrung getaͤuſchter Hoffnung ſich ihres ganzen Lebens bemaͤchtigt hatte, und Alles veraͤn⸗ dert und umgeſtuͤrzt; er mußte uber die Kraft ihres Gei⸗ ſtes erſtaunen, der wie durch Offenbarung mit Seher⸗ blick dieſen Zuſtand uͤberſchaute und ſich die Kraft be⸗ wahrt hielt, ein anderes neues Leben zu beginnen. Ein ſtilles Gelubde ſtieg aus ſeiner Bruſt zum Himmel, ſie keinen Augenblick zu verlaſſen, Alles fur ſie zu erden⸗ ken, was die Erfahrung ihm als Hilfsmittel gelehrt, um Seelenſchmerzen zu lindern, um ſo ihr die erſte Zeit ertraͤglich zu machen. —„Sammle nur noch etwas Deine Koͤrperkraͤfte, mein Maͤdchen,“ ſagte er, als ſie ſinnend ſchwieg— „dann verlaſſen wir dieſe Gegend und ich reiſe weit weg mit Dir und zeige Dir die ſchoͤnen warmen Lander jen⸗ ſeits der Berge, wo Dein Vater herſtammte, Dir noch 307 Verwandte leben und die Natur das ganze Jahr nicht zu Grabe geht, und Keiner, der dort lebt, auf ſie zu warten braucht, weil ſie immer zum heitern Genuß des Lebens geſchmuͤckt ſteht und Jeder engenben iſt, die gluͤcklichen Stunden zu theilen.“— „Rede lieber noch nicht von Gluͤck,“ ſagte Magda aͤngſtlich und legte die Hand auf's Herz—„ich kann es noch nicht vertragen. Aber ich will Dir folgen, wohin Du gehſt— denn haͤtte ich Dich nicht, dann wäre es bald mit mir vorbei. Doch ſage mir, lieber Großvater, ob wir nun wirklich arm geworden ſind und kuͤnftig ſo dürftis leben muͤſſen wie Barbara?“ „Nein, Magda,“ entgegnete Thyrnau—„das haben wir nicht noͤthig; aber wir haben aufgehort, reich zu ſein. Mein Vater hinterließ ein großes Vermoͤgen, welches er nur dem Sohne hinterlaſſen wollte und Bar⸗ bara mit einem Pflichttheile abgefunden hielt, welches die edle ſtolze Seele mir nie direkt zu vergroͤßern geſtat⸗ ten wollte; dies Vermoͤgen ward durch mein eignes be⸗ wegtes und thaͤtiges Leben, welches mir nie große Be⸗ durfniſſe zu hegen erlaubte, bedeutend vermehrt. Aber ich habe alle Kapitalien meines vaͤterlichen Erbtheils da⸗ mals aufgenommen, als Stephans ungluͤckliche Ueber⸗ eilung uns Alle an den Rand des Abgrunds gefuͤhrt hatte, und ſie gegen den Beſitz der Herrſchaft Tein nach 20* 308 Frankreich geliefert. Dieſer Theil meines Vermoͤgens iſt daher verloren und jeder meiner Anſpruͤche daran iſt mit den Dokumenten in dem kleinen Kamin begraben, an deſſen traulicher Flamme ich und Lacy ſo oft die Freude uͤberlegten, all die Anſpruͤche auf Dich uber⸗ tragen zu haben, die er mir jett nach unſerer innigen Vereinigung ſo gern ſchuldete.“ „Ach,“ ſagte Magda—„das iſt der einzige Licht⸗ punkt dieſes Schreckentages! Die Aſche dieſes Teſta⸗ mentes, die hole ich mir immer in Gedanken aus dem Kamin und lege ſie auf mein Herz— ſie hat Balſam in ſich— jedes Mal thut ſie mir wohl!“ „Wie ich Dich ſo gut kannte,“ erwiderte Thyr⸗ nau—„ich wußte das vorher!— Das war, was wir retten konnten; denn was waͤre uns der Beſitz weiter geworden als ein tiefes Weh, von dem wir uns ohne dieſen ſchnellen Entſchluß nie mehr zu befreien vermocht haͤtten; denn wenn dieſer edle ſtolze Juͤngling einen Blick in dieſe Dokumente gethan, ſo haͤtte kein Gort ihn vermocht, auf ſeine Armuth zu verzichten!“ „Und haſt Du ſein Forſchen jetzt noch bezwungen?“ fragte Magda ſchuͤchtern.— „Deine Krankheit erſtickte jedes andere Intereſſe. Selbſt als die erſte Gefahr voruͤber war, fuͤgte er ſich meinen Bitten, nicht in mich zu dringen, denn er be⸗ „ „—— ———— 309 durfte wie ich der Schonung.— Aber wie ich ſpäter ſeinen Forſchungen entgehen werde, muß ich erſt lernen und vorerſt denke ich ihnen zu entfliehen, da ich unſere Reiſe betreiben will, ſobald Deine Geneſung es erlaubt.“ „Das wird bald ſein,“ erwiderte Magda in großer Aufregung, indem ſich ihre Wangen fieberhaft rotheten —„denn dies Geſpraͤch mit Dir hat mich recht geſtaͤrkt, plotzlich fuͤhle ich meine alten Kraͤfte— mir wird ſo warm um's Herz, ſo klar, ich bin gewiß mit eins geneſen. Wenn Du Dich eilſt, kann ich uͤbermorgen reiſen. Ich ſehe ſie vor mir die langen ſonnigen Wege zwiſchen him⸗ melhohen Felſen, worauf Mauerkronen liegen und von den Thuͤrmen Glocken laͤuten und bunte Zuͤge mit Fah⸗ nen und Baldachin und gnadenreichen Bildern den ge⸗ bogenen Fußweg ziehen— und Cypreſſenwaͤlder decken ſie— und gruͤne Wieſen— auf denen edles Wild in zahmer Ruhe weidet— die ſind an unſern Wegen! Und am Meere liegt die Bucht, wo Gondeln ſchaukeln und die Schiffer ſingen Taſſo's Stanzen und Alle landen an der Marmortreppe, die hinauf fuͤhrt zu der Säulenhalle, wo im Abendſchein die purpurrothen Waͤnde leuchten, auf denen roſig ſchimmernd Marmorbilder ſtehen. Und wir nicken hinauf aus dem Nachen, der uns trägt; Kin⸗ der mit blonden Locken werfen uns mit Blumen— und wir zaͤhlen, wie die Sterne kommen in der blauen 31⁰ Nacht— und wir laſſen alle Staͤdte, alle Schloͤſſer— ich ſchlaf' auf Deinem Schooß und Du weckſt mich, wenn die Sonne koͤmmt; und wieder weiter geht es auf den bequemen Pferden durch die gruͤnen Wälder mit dem bleichen Laube— und durch die feuchten Thaͤler, wo die dunklen Myrten bluͤhen— da iſt es kuͤhl— da iſt es ſtill— da iſt der Marmorbrunnen, wo wir trin⸗ ken— da— ſiehſt Du wol?“ „Magda, halt ein, erwache!“ rief Thyrnau. Er⸗ ſchrocken ſtand er auf, denn Magda hatte ſich erhoben und ſchien Alles vor ſich zu ſehen— ſie wollte ſchreiten und fiel in tiefer Ohnmacht zuruͤck. Der Ausdruck, der Thyrnau hier entfuhr, rief die Nahen herbei, Hierony⸗ mus und die Kaſtellanin ſtanden bald an ſeiner Seite. „Ihr habt wieder vergeſſen, daß ſie geſchont wer⸗ den muß“— ſagte Hieronymus ſchmaͤhlend zu Thyr⸗ nau—„das lange Geſchwaͤtz um dasjenige, was ihr das Herz brach, ſoll ihr wohl bekommen! he?— Wo iſt Eure Weisheit, mein Herr Thyrnau?“ Niemand antwortete ihm, denn geſchickt und uber⸗ legt buͤndelte er waͤhrend dieſer Worte das arme bleiche Kind in ihre Decken ein, wobei die beiden Andern ihm behuͤlflich waren und lud ſie ſich dann mit ſeiner Rie⸗ ſenkraft auf die Arme und ging raſchen feſten S dem Schloſſe mit ihr zu. 311 Doch nicht, wie Thyrnau in vorwurfsvoller Angſt es erwartete, kam Magda durch dieſe allerdings bis zum Delirium geſteigerte Aufregung in ihrer Geneſung zuruͤck; nein— man haͤtte denken koͤnnen, ſie habe ſich damit gewaltſam aus dem muͤden ſchlaffen Zuſtande, der ſie vorher beherrſchte, empor geriſſen. Hieronymus ſchuttelte ſelbſt den Kopf, als ſie ihn von da an Schritt vor Schritt aus ſeiner beherrſchenden Poſition ver⸗ draͤngte und er endlich einſah, er habe das Schickſal der Andern getheilt, die auch am Ende nur zuließen, was Magda ſich ſelbſt erdachte.„Sie hat einen feſten In⸗ ſtinkt!“ pflegte er zu murmeln—„man kann gerade nicht ſagen, daß ihr das ſchadet, was ſie wie von in⸗ nerm Beduͤrfniß getrieben ergreift; obwol es meiſtens der gewonnenen Erfahrung der Vernuͤnftigen widerſpricht.“ Thyrnau betrieb unterdeſſen, ſo ſchnell es die Umſtaͤnde zuließen, die beabſichtigte Reiſe; denn die Nachricht von Lacy's Vermaͤhlung hatte er ſchon durch ihn ſelbſt er⸗ halten und er wuͤnſchte ſo ſehnlich, wie Magda ſelbſt, all' dieſen Anregungen zu entfliehen. Er ordnete und uͤber⸗ lieferte dann alle noch nothwendigen Papiere an Hiero⸗ nymus, ihn mit den Vollmachten ausruͤſtend, die ihn und ſeine Anweſenheit fuͤr Lacy nicht mehr noͤthig machen ſollten. Dieſe wichtigen Einrichtungen konnten ihn keinen Augenblick von ſeinen Beobachtungen uͤber Magda ab⸗ ziehen. Er fuhlte, wie muthig das junge Weſen mit dem Schmerze kaͤmpfte, um ihm genug zu thun, und wie dieſe Anſtrengungen ſie zu den ungleichſten Zuſtaͤnden hin⸗ trieben. Aber er ſah daraus ganz neue Seelenkraͤfte ſich entwickeln, und Magda jetzt erſt die Stufe der Kindheit verlaſſen und in den geheimnißvollen Bereich der Jugend eintreten, wo die Fuͤße von dem irdiſchen Boden ſich luͤften und die Krone in den Himmel waͤchſt. Sie war von poetiſchen Traͤumen, die oft an Dilirium ſtreiften, wie von unſichtbaren Geiſtern umwoben, und er ſchuͤtzte mit weiſer Schonung die Stille, die ihr Zeit laſſen konnte, den Weg ins Leben zuruck zu finden, ohne durch zu jahe Anforderungen in Widerſpruͤche zu gerathen. Er hoffte viel von der Reiſe, dieſer gluͤcklichen Unthaͤtigkeit, die ſelbſt den Unglucklichen keinen Augenblick unbeſchaͤftigt laͤßt und ſich gegen unſern Willen unſerer Gedanken be⸗ maͤchtigt, weil ſie uns uͤberall eine andere Geſtalt zeigt, als die war, vor der wir uns gekraͤnkt zuruckzogen. Am Morgen des dritten Tages nach dem uns be⸗ kannten Geſpraͤch mit Magda wandelte Thomas Thyr⸗ nau, ſie nur noch leicht am Arm ſtuͤtzend, mit ihr drch den hohen beſchnittenen Buchenweg nach dem Eingangs⸗ thor und erzaͤhlte ihr von der morgenden Abreiſe und welchen Weg ſie nehmen wollten, Prag und Wien zu „ vermeiden. Ueber die Wieſen lm ein wuͤrziger Duft von den aufgethuͤrmten Heuhaufen zu ihnen, und Magda uͤberſchritt zuerſt die Schwelle der Gartenpforte und lenkte der ſchoͤnen ſchattigen Weidengllee zu, welche die Landſtraße bildete und an den Wisſen doruͤber fuͤhrte. Sie hatte heute einen kurzen, Fwegten em und ob⸗ wol der Kopf nach ihrer eigiithmlichen Art geſenkt war, ſchreckte ſie doch oft von Innen heraus zuſammen und ihre Augen ſuchten nach allen Seiten umher.„Iſt Dir uͤbler geworden, mein Kind?“ fragte Thyrnau.— Biſt Du vielleicht zu weit gegangen— willſt Du aus⸗ ruhen? Dort an der Wieſenbruͤcke ſind Sitze— eyhple Dich ein wenig!“ Sie ſetzte ſich ſtill nieder und betrachtete voplich pig Erde, als draͤnge ihr Auge bis zu den tiefſten Schach⸗ ten. Der unruhige Athem legte ſich und der Ausdruck des lieblichen Angeſichts ward wieder ſtill.„Wenn mir mit einem Male die Augen geoͤffnet wuͤrden,“ fluͤ⸗ ſterte ſie dann leiſe, als ſpraͤche ſie in ſich hinein— „und ich Alles ſaͤhe, was viel mehr iſt als die Worte! — Zu Anfang war das Wort und das Wort war bei Gort! Das iſt— was ich meine! Das Wort iſt bei Gott geblieben und wir muͤſſen zu Gott, dann haben wir das Wort, was leuchtet— dann erleuchtet es die Pracht, die in uns iſt— wir erkennen die Pracht und 314 ſind ſelig!— Die Lilien, die ſpinnen nicht und ſaͤen nicht; ſie warten in der Knospe— die hat den innern Trieb und den Schmerz der Sehnſucht, den braucht ſie und hat ihn, und davon waͤchſt ſie, und jeden Tag ſtellt ſie ſich der Sonne hin und ihre Seufzer ſchwellen ſie an, bis der Strahl koͤmmt, der Feuer iſt und ſie auf⸗ bricht, damit er ſie durchgluͤhe. Und dann offenbart ſie ihre Herrlichkeit und hat nichts zu thun, wie zu bluͤ⸗ hen— denn Gott iſt in ihr und ſie hat ihre Seligkeit im Duften!— Du ſollſt in mir Wohnung nehmen, dann bedarf ich kein Geſetz— der Selige hat Gott und Alles iſt aufgeloͤſt— denn das Wort iſt bei Gott!“ „Nicht wahr, Vater, jedem Menſchen wird einmal offenbart? Warum fuͤrchteſt Du Dich— weil auf Dich die Gefahr wartet— was kann Dir geſchehen, ſagt Chriſtus, wenn Du aus mir ſie erleben mußt! Sie ſtehen in dem Nachen, in ihren langen Kleidern, und die Sonne, von Wolken wie von Gebirgen um⸗ ſaͤumt, in einem Feuerharniſch ſchießt Strahlen wie Pfeile, und die Wellen ſpringen erſchrocken auf und baͤumen ſich, als ſtreckten ſie Haͤnde aus zur Abwehr. Dann reißen ſie Abgruͤnde auf und ſchleudern Berge in die Hoͤhe und der Nachen muß ihnen dahin folgen! Die Welle ſinkt zuſammen— wie ſein Fuß ſie betritt, und der ſtille helle Weg liegt geebnet— es ſinkt Kei⸗ ——— 315 ner unter! Komm,“ fuhr Magda fort und blickte den Weg hinab—„was moͤgen ſie wollen— wir muͤſſen ſie fragen?“ 2 Thyrnau hatte ſich ſchweigend in Wdrs Phan⸗ taſieen vertieft. Er ſtoͤrte ſie nie und glaubte auch kein Wort dagegen zu haben. Jetzt ſtand er jedoch mit ihr auf und blickte wie ſie den Weg hinab. Da ſah er einen Trupp Reiter mit einem Offizier an der Spitze; Alle ſchienen ſich ziemlich zu beeilen; eine unbeholfene Kar⸗ roſſe kam hinten nach. Als ſie an der Bruͤcke die beiden Harrenden ſahen, ritt der Offizier vor und bat Thyr⸗ nau, ihm den Weg zu zeigen nach einem hier im Tei⸗ ner Walde liegenden alten Herrenſitz, den man das Dohlenneſt nenne. Thyrnau warf ſeine durchdringenden Augen uͤber den ganzen Zug und wußte augenblicklich ihr Vorhaben. Um Magda's willen ſchien es ihm jedoch großer Ge⸗ winn, ſie nach dem Dohlenneſte ablenken zu koͤnnen; er ſtreckte die Hand aus und bezeichnete ihnen den Weg abwaͤrts zum Walde. Es war aber wegen des ſchmalen Dammes, auf dem ſich Alle befanden, nothig, daß Thyrnau mit Magda ſtehen blieb und ſo mußte der ganze Zug voruͤber. In dem Wagen erkannte er zwei Gerichtsperſonen der Wiener Stadtpolizei und dieſe ſahen ihn kaum, als ſie den Zug anzuhalten befahlen, 6 und im ſelben Augenblick wurden auf einen Wink an den kommandirenden Offizier Thyrnau und Magda von den berittenen Soldaten umzingelt. Die Wagenthuͤr oͤffnete ſich und ehe Thyrnau zu einem Worte Zeit be⸗ hielt, ſtanden die beiden Inſaſſen deſſelben vor ihm und der Eine, indem er die Hand auf ſeinen Arm legte, ſagte: „Thomas Thyrnau! ich verhafte Sie auf Befehl unſerer allergnaͤdigſten Kaiſerin wegen Hochverraths!“ Ein gellender Schrei erſchuͤtterte Alle. Magda ſtieß ihn aus und draͤngte ſich zwiſchen ihren Großvater und die Gerichtsperſonen; ihre Arme um ſeine Schul⸗ tern ſchlingend, rief ſie:„Fort! fort!“ Dann ließ ſie ihn los und vor den erſchrockenen Beamten tretend, ſagte ſie raſch:„Ich weiß, was Hochverrath iſt, darum weiſe ich Euch ab; denn lieber ſolltet Ihr ihn zum Kronenwaͤchter machen, wie vormals die Beſten und Tapferſten dazu kamen— als Hochverrath nennen— an dem Tage, wo ihr ſeinen Namen ausgeſprochen!“ „Magda,“ unterbrach ſie Thyrnau ſchnell—„das ſind die Dinge, von denen ich Dir ſagte, eine Frau muͤſſe ſich von ihnen zuruͤckhalten. Tritt weg,“ be⸗ fahl er in einem Tone, dem das ungluͤckliche Kind trotz ihrer Aufregung nicht zu widerſtehen vermochte—„ und warte meiner Entſcheidung!“ —.———— — — 317 „Ich bitte um Ihre Vollmacht,“ ſagte Thyrnau— und er hatte nur noͤthig, die Hand nach dem ſchon ent⸗ falteten Pergament auszuſtrecken. Mit Ruhe uͤberlas er den Kabinetsbefehl, welcher ihn wegen Hochverraths verhaftete, von der Kaiſerin mit wilden Buchſtaben un⸗ terzeichnet; gefaßt ſenkte er ſeine Augen auf das Blatt, das ihm ſein lang erwartetes, nun erfuͤlltes Verhaͤng⸗ niß verkuͤndigte. Er wendete ſich in dieſem kurzen Au⸗ genblick der entgegengeſetzten Seite ſeines Lebens zu und ſtreifte das weiche traͤumeriſche Gluͤck, fuͤr ein holdes Kind in einem ſchoͤneren Lande leben zu wollen, mit muthiger Hand ſich ab.— Es galt jetzt ſeine volle Mannhaftigkeit. Er brauchte ſie nicht erſt zu wecken.— Aller Augen hingen an ihm und die Ruhe und erhoͤhte Wuͤrde, die auf ſeinem ganzen Weſen hervortrat, machte einen vortheilhaften Eindruck. Magda verſchlang jeden ſeiner Athemzuge; aber ſie ſchwieg, denn ſie wußte, er werde reden. „Meine Herren,“ ſagte er—„Sie haben den Weg nach dem Dohlenneſt erſpart; ich bewohne eben das Schloß Tein, wohin ich Sie bitte mir zu folgen.“ „Unſere Inſtruktionen lauten dahin: ſowol im Doh⸗ lenneſt als im Schloſſe Tein alle Ihnen zugehoͤrige Papiere in Beſchlag zu nehmen. Wir werden alſo den Weg nach dem Dohlenneſte nicht erſparen koͤnnen.“ 318 „Sie ſollen in Nichts gehindert werden, was ſich aus dieſer Maßregel herleiten laͤßt. Doch ruhen Sie von Ihrer Reiſe zuerſt in Tein aus!“ „Ich muß bemerken,“ ſagte der Beamte—„daß wir gehalten ſind— Sie— wo wir Sie fin⸗ den ſollten, zur augenblicklichen Abreiſe mit uns zu noͤthigen!“ „Ich werde mich nicht weigern,“ entgegnete Thyr⸗ nau—„doch moͤchte dieſe den Pferden gegoͤnnte Raſt keine Verſaͤumniß zu nennen ſein, und die fuͤr Sie Alle damit verbundene Erquickung mir wenigſtens zu einer kleinen Beſtimmung fuͤr dies junge Maͤdchen— meine Enkelin— Zeit laſſen; der einzige mir zuſtehende Wunſch— an deſſen Erfuͤllung mir die Gegenwart dieſer Herren nicht hinderlich ſein wird.“ „Vater,“ rief Magda—„willſt Du einwilligen, mit ihnen zu gehen? Du! Du willſt ihre Anklage an⸗ nehmen?“ „Ruhig, Magda!“ entgegnete Thyrnau.—„Hier iſt nicht mein Gericht! Ich habe hier keine Zugeſtaͤnd⸗ niſſe, keine Weigerung zu machen. Da es ſo weit ge⸗ kommen, iſt dies Blatt mein beſter Freund, denn es fuͤhrt mich dahin, wo ich mich rechtfertigen kann.“ „Ha!“ rief Magda—„jetzt verſtehe ich Dich! Du haſt nun nichts mehr von mir zu fuͤrchten— ich 319 werde die Reiſe wohl ertragen und in Wien Alles leicht mit Dir beſtehen.“ Thyrnau's Blicke trafen hier mit unverholenem Schmerz das theure Weſen, das keinen Augenblick zweifelhaft geblieben war, mit ihm auch dort ihr Ge⸗ ſchick zu vereinigen. Er fuͤrchtete, man werde ihr dies Zugeſtaͤndniß verſagen, und uͤberſah den Eindruck hier⸗ von auf ſie mit großer Beſorgniß. „Du wirſt nichts wollen, Magda,“ ſagte er im ernſten Ton—„was meine Lage erſchweren wuͤrde. Ich vertraue Dir ganz; ich verlaſſe mich auf Dich! Meine Herren, geben Sie uns Raumz ich gehe mit mei⸗ ner Enkelin zu Fuß voranz Ihre Pferde buͤrgen fuͤr die Sicherheit des Arreſtanten.“ Die Herren ſtiegen einz der Offizier theilte ach⸗ tungsvoll ſeinen Reitertrupp, ließ Beide durchgehn und folgte in einer ſchicklichen Entfernung ſo langſam, als Magda's ſchwache Fuͤße ſie zu foͤrdern vermochten. Sie gingen an dem Sitz voruͤber, wo Magda ſo eben noch laut und wunderbar ahnungsvoll gedacht hatte, und er ſah zu ihr nieder, aber ſie wußte nichts davon. Tief war der Kopf geſenkt; doch war es keine Aufregung mehr, die ſich in ihr ausdruͤckte; ſie war ſtill und ruhig mit ſich ſelbſt. „Ach,“ dachte Thyrnau—„es iſt doch gut, daß 320 wir beide alte Thoren ſie von Jugend auf an Allem Theil nehmen ließen, was wir vollfuhrten, es kommt ihr nun das immer Erwartete nicht unvorbereitet.“ Als ſie durch das Gitterthor in den großen Buchen⸗ weg einlenkten, trafen ſie auf Hieronymus, der mit zwei Dienern und einem Tragſeſſel fuͤr Magda ihnen nachgegangen war. „Alter Leichtſinn!“ ſagte er ſcheltend zu Thyrnau— „Bei der zunehmenden Hitze ſo unnuͤtz ihre Kraͤfte zu erſchoͤpfen— als wenn wir ſo viel uͤbrig haͤtten. He! iſt das vernuͤnftig?“ Mit welchem Ausdruck von Liebe blickte Thyrnau dagegen dem alten ſchmaͤhlenden Freunde in das ehrliche Angeſicht— welch' ein Troſt ward ihm in dieſer Stunde ſeine zaͤrtliche Sorgfalt fuͤr Magda.„Ja wol,“ ent⸗ gegnete er,„Du biſt ihr immer ein verſtaͤndigerer Freund geweſen als ich! Wie wird ſie Dich bald ſo noͤ⸗ thig haben und wie bitte ich Dich, den Dingen, die uͤber uns gekommen ſind, mit Ruhe und Faſſung zu begegnen.“ Hieronymus hatte zu keiner Frage Zeit, als er auf⸗ blickte, um zu ſehen, ob Magda, die toͤdtlich erſchopft ſchon in den Stuhl geſunken war, auch ſeiner Huͤlfe beduͤrfe, ruckte der nachfolgende Zug, der Thyrnau hierher geleitet, in die Thore ein. 321 Er blieb ſtarr ſtehen und ſah mit ſtetem Wechſel der Farbe auf die Ankommenden; dann ſuchte ſein Auge den Freund, der ihn erwartete.„Es iſt ſo, mein alter“ Freund!“ ſagte Thyrnau.„Es iſt das Ende des Dra⸗ ma's, in welchem ich das ganze Leben geſpielt— laß uns hoffen, es werde kein Trauerſpiel werden!“ Er faßte Hieronymus Arm, wendete ihn um und Beide gingen dem Tragſtuhl nach, der den Gegenſtand ihrer zaͤrtlichſten Sorge trug.„Bleib' bei ihr,“ bat Thyr⸗ nau—„und troſte ſie— ich muß ſogleich fort.“ „Verhaftet biſt Du?“ rief jetzt Hieronymus— „Iſt es moͤglich? Verhaftet— wie kann dies jetzt aus⸗ brechen— wer kann der Verraͤther ſein?“ „Daruͤber bin ich außer Zweifel! Vergißt Du den Beſuch, den ich vom Fuͤrſten von S. hatte? Vergißt Du das Attentat im Walde von Tein? Dem jungen Thoren, den es traf, galt es nicht, aber dem Erb⸗ prinzen und zwar von ſeinem Vater! Ernſt hat es mir nicht eingeſtanden; aber ich wußte es ſo gut, wie er ſelbſt, und er ließ den Gefangenen entſpringen, um das grauenhafte Verbrechen der Oeffentlichkeit zu ent⸗ ziehen.“ „Iſt ein ſolcher Haß zu begreifen?“ rief Hierony⸗ mus.„Fuͤr wie ſchlecht ich auch den alten Suͤnder hielt; dieſe teufliſche Unnatur uͤberraſcht mich doch!“ Thomas Thyrnau I. 3te Aufl 21 322 „Er hat ſich noch nie uͤberzeugen laſſen, daß es ſein Sohn iſt, und als er den Beweiſen dafuͤr nichts ent⸗ gegen zu ſtellen wußte, hat er doch den allerhoͤchſten Eid geſchworen, daß er ihn nicht dafuͤr anſehe und Alles thun werde, dieſen Baſtard von der Erbfolge zu ent⸗ fernen. Dieſe wahnſinnige Verblendung rettet doch in etwas die menſchliche Natur— er haͤlt ſich doch wenig⸗ ſtens nicht fur den Vater.“ „Wie aber kann er als Dein Anklaͤger auftreten, da er ſelbſt eine mitſpielende Perſon iſt?“ „Seine Lage iſt beſſer als die meinige, das iſt ge⸗ wiß, und der Angeber wird im Vortheil ſein, vielleicht ſchon Zugeſtaͤndniſſe empfangen haben. Doch zu Magda zurück. Du biſt meine einzige Stutze fur ſie; denn Barbara hat mir aus Mailand geſchrieben:— ſie hat ihre alte Wanderung zu Francesco's Mutter ange⸗ treten und lebt fuͤr einige Zeit als Penſionaͤrin im Klo⸗ ſter der Buͤßerinnen. Dagegen hofft Magda bis jetzt noch mich begleiten zu koͤnnen, und die Ruhe, in der Du ſie ſiehſt, iſt blos eine Folge dieſes Entſchluſſes, dieſer Hoffnung! Bereite ſie auf die unmoͤglichkeit vor, der ſie ſich wird fuͤgen muſſen— ich will indeſſen Alles zuſam⸗ men ſuchen, was ſich noch an Papieren uͤber dieſe Sache vorfindet. Gott ſchutze das ungluͤckliche Kind, auf das die Schlaͤge des Schickſals ſich jetzt haͤufen.“ 323 „Das wird harte Stuͤrme geben!“ ſagte Hierony⸗ mus.„Und dabei ihre erſchuͤtterte Geſundheit— ſie hat eine Reizbarkeit, die wenig Nachhuͤlfe bedarf, ſo phantaſirt ſie ohne Fieber— und dann renke ein, wer kann!“ Magda hatte befohlen, auf der Terraſſe Halt zu machen; ſie wartete, bis alle Nachfolgenden hier ver⸗ ſammelt waren. Die Gerichtsherren erklarten, des Hie⸗ ronymus kurze Unterredung mit Thyrnau habe auch ihn zu ihrem Gefangenen gemacht, bis die Beſchlagnahme der Papiere vollzogen ſei, und beide Maͤnner ſahen nun kein rechtes Mittel mehr, Magda zu entfernen, welche vielleicht nur den Bitten Hieronymus nachgegeben haͤtte. Sie ertheilte in ihrer Gegenwart der Kaſtellanin An⸗ weiſung, ihre Reiſekleider zu dem Gepaͤck des Groß⸗ vaters zu fuͤgen, und wendete dann wieder ihre ganze Aufmerkſamkeit ausſchließlich jeder Bewegung zu, welche Thyrnau und die beiden Gerichtsherren machten. Die Herren theilten ſich nach dem kurzen Fruhſtuͤck, das ſie ſtehend eingenommen. Der Eine begab ſich mit der Haͤlfte der Mannſchaft nach dem Dohlenneſte, waͤh⸗ rend der Andere mit Thyrnau, Hieronymus, Magda und dem Offizier des Kommando's die Zimmer durch⸗ ſtreifte und alle ſich vorfindenden Papiere in Verwah⸗ rung nahm. Thyrnau war den Herren hierbei auf eine 2 324 unbefangene Weiſe behuͤlflich und zeigte die Ruhe und Sicherheit, die ſich keineswegs mit einer Anklage, die den ernſten Namen des Hochverraths trug, zu vereini⸗ gen ſchien. Nach Beendigung dieſes Geſchäfts trat eine laſtige Zeit der Ruhe ein, da die Ruͤckkehr der Andern vom Dohlenneſte erwartet werden mußte. Thyrnau ſah ein, daß der Augenblick gekommen ſei, der ihn zwinge, nun ſelbſt den Kampf mit Magda anzufangen, von dem er fuhlte, daß er uͤberſtanden werden mußte. Aber das herausfordernde Wort kehrte immer wieder in ſein be⸗ wegtes Herz zuruͤck, wenn er auf das bleiche Mädchen ſah, die ohne Thraͤnen mit der feſteſten Entſchloſſenheit auf dem ſchoͤnen Antlitz neben ihm ſaß, ihren Arm un⸗ ter den ſeinigen geſteckt und mit großen Augen jede Be⸗ wegung der beiden fremden Maͤnner bewachend, als wolle ſie Den abwehren, der ihm zu nahe kommen koͤnnte.„Magda,“ ſagte er faſt ſchuͤchtern—„ich habe Dich an Hieronymus uͤbergeben“— er hielt inne, denn er begegnete dem großen, ruhig ſich zu ihm wen⸗ denden Auge Magda's.—„Geht Hieronymus mit uns?“ fragte ſie— mit Muͤhe die feſt gepreßten Lip⸗ pen oͤffnend.— „Nein, Magda! Hieronymus bleibt hier und des⸗ halb ſagte ich— daß ich Dich ihm uͤbergeben habe—“ „Was ſoll mir das?“ entgegnete Magda, waͤh⸗ 325 rend eine feine Roͤthe auf ihren Wangen aufſtieg— „da ich mit Dir gehe!“ „Das wuͤnſche ich weder,“ ſagte Thyrnau—„noch iſt es möglich! Ein Verhafteter kann nie einen ſeiner Verwandten bei ſich haben.“ „Aber ein junges Maͤdchen,“ ſagte Magda—„ein halbes Kind, wie Du immer meinſt— die nichts will, als bei Dir ſein oder Dich bedienen— die laſſen ſie uͤberall mit ein, das kannſt Du glauben!“ Es lag ſo viel Sanftmuth, ſo viel tiefer Kummer in ihrem Ton, daß Thyrnau ſich umſah, wie nach Huͤlfe. Sein Auge ſtreifte den Gerichtsherrn, der wegen ſeines Amtes ihnen hatte nah bleiben muͤſſen. „Es thut mir leid,“ ſagte dieſer, Thyrnau ver⸗ ſtehend,„das arme junge Maͤdchen betruͤben zu muͤſſen. Aber allerdings hat der Herr Großvater Recht, wir duͤr⸗ fen Ihre Begleitung nicht geſtatten. Außer uns darf Niemand in dem Wagen bei ihm einſitzen!“ Sie hatte ihren Arm zuruͤckgezogen und beide Haͤnde feſt in ihren Schooß gepreßt; ſie zaͤhlte die Worte aus dem Munde des Fremden— dann ſagte ſie:„Ach, das thut nichts! Ich bin ſchon wieder ge⸗ ſund genug— ich habe ein kleines Pferd, darauf kann ich gut nebenher reiten— das laͤuft ſo ſchnell wie Ihre 326 großen Pferde.“ Dies richtete ſie an den Offizier, der ſich ſtumm vor ihr verbeugte. Sie ſtand ſogleich auf, denn ſie hoffte nun, alle Urſach' ihres großen Schreckens ſei voruͤber und ſeufzte tief auf, als wolle ſie ſich entlaſten— und als ſie Thyrnau anſah, laͤchelte ſie zuerſt ſeit langer Zeit, fiel vor ihm nieder und kuͤßte ſeine Haͤnde. Dieſe muthigen Maͤnner, die ſich ruͤhmten, Jedem Widerſtand leiſten zu koͤnnen, wußten Alle nicht das Wort zu finden und Einer erwartete vom Andern den Widerſpruch, der hier nothwendig eintreten mußte. Thyrnau zerriß endlich ſein gepreßtes Herz.„Mu⸗ thig, Magda! muthig! Sei mir jetzt die Stutze, die Du oft gelobt— die ich in Dir zu finden erwartet habe.— Du kannſt mir nicht folgen— Du mußt mir verſprechen, hier unter dem Schutze von Hieronymus ruhig Deine Geneſung abzuwarten— Du mußt mir verſprechen——“ ⸗ „Ich will Dir verſprechen,“ rief Magda— wie eine Feder von der Erde aufſpringend—„Dir uͤberall zu folgen, wohin die boͤſen Menſchen Dich treiben wer⸗ den! Ich will Dir verſprechen, daß Dir Dein Schatten nicht treuer ſein ſoll, als Deine Magda— und ich will ſehen, wer Kraft und Recht hat, es mir zu wehren! O! wie mochteſt Du denken, daß es anders ſein 327 koͤnnte— wie mochteſt Du denken, die leeren Ein⸗ waͤnde koͤnnten mich abhalten! Guter Herr! betruͤbt Euch nicht um Eure Kutſche,“ rief ſie—„die muͤßt Ihr mir abſchlagen— das kann ſein— aber weiter braucht Ihr nicht zu gehn!“ „O Magda! faſſe Dich,“ rief Thyrnau ſchmerz⸗ lich—„mache Dir und mir das Unvermeidliche nicht ſo ſchwer!“ „Nein! nein!“ fuhr Magda in ſteigender Aufre⸗ gung fort—„ſieh Du nur ein, was unvermeidlich iſt! Unvermeidlich iſt, daß ich Dir folge in die große Wuͤſte hinein, wo ſie Alle zornig ſtehn und auf Dich warten, wie reißende Thiere. Wie Du nur nicht ein⸗ ſehen willſt, daß ich da mit Dir gehen muß— denkſt Du, daß ich ſie fuͤrchte? Sieh', ich ſehe Deine blau⸗ äugige Kaiſerin— Deine Thereſia— mit dem ſchoͤnen ſtolzen Hals, der ſo wogt wie ihre Gedanken— aber der Muth ſinkt mir nicht, ſondern ich fuͤhle ihn erſt recht! Gut, daß ich ein Kind bin, wie Du mich oft bezeichnet— das hat alle Thuͤren auf— die Ihrige auch! Was will ſie wol machen vor der großen Wahr⸗ heit, die ich ihr ſagen kann? Siehſt Du's nun ein?“ fragte ſie— immer noch hoffend, ſie waͤre fertig mit dem Widerſtande. „Nein! Magda, denn Du irrſt Dich, wenn Du 328 hoffſt, Du wuͤrdeſt zur Kaiſerin dringen koͤnnen. Auch wird Alles, was mich vertheidigen kann, vor die Kai⸗ ſerin kommen— ſo ſicher— als ſagteſt Du es ihr ſelbſt.“ „Deſto beſſer!“ fuhr Magda fort—„dann brauche ich mich gar nicht von Dir zu trennen— dann bleibe ich den ganzen Tag bei Dir und wir konnen uns recht viel erzaͤhlen.“ „Das geht eben nicht, mein liebes Kind,“ ſagte der Gerichtsherr—„denn unter den Umſtaͤnden, wo der Herr Großvater nach Wien gefuͤhrt werden, darf Niemand ihn begleiten— ich muß das ſtreng unter⸗ ſagen.“ „Unterſagen,“ wiederholte Magda— und lachte erſchreckend wild dabei auf—„unterſagen muͤßt Ihr es? Habt Ihr auch Gewalt, es zu unterſagen? Ich werde ihm folgen wie die Luft, die Euch umſtroͤmt— ich werde ihm nah ſein wie das Laub der Bäume, das um Euren Wagen ſchlägt— wie der Vogel, den Ihr am Wege aufſcheucht und der Euch nachfliegt— koͤnnt Ihr es ihm unterſagen? Die Blute, die Euch in den Schooß faͤllt und dann mit fahrt, der Sonnenſtrahl, der Eure Schlaͤfe brennt— koͤnnt Ihr es ihnen unter⸗ ſagen? Und ſo wird Magda ſein! Magda wird ihrem Großvater folgen— ſie wird bei ihm bleiben und Ihr werdet leichter den Epheu aus dem alten Eichenſtamm reißen, wohinein er die langen Wurzeln ſenkte— als Magda von ſeiner Seite.“ Alle waren aufgeſtanden, Magda ergriff wieder den Arm des Großvaters, und indem ſie ſich daran feſt klammerte, war es ihm, als habe ſie uͤbermenſchliche Kraͤfte. Wongen und Augen gluͤhten; ſie blickte bald den Gerichtsherrn, bald den Offizier mit einer Strenge an, als wollte ſie ſie warnen, mit ihr den Kampf zu beginnen.— Auf dem Geſichte Thyrnau's druckte ſich der tiefe Gram aus, den der Zuſtand des geliebten Kin⸗ des ihm verurſachte. Wie rathlos fuͤhlte er ſeinen Ver⸗ ſtand, wie unbedingt haͤtte er in ihr Begehren einge⸗ willigt, da er die unbezwingliche Gewalt ihres Verlan⸗ gens ſo wohl verſtand, haͤtte er nicht eingeſehen, daß die Beamten ſich widerſetzen mußten. „Herr Thomas Thyrnau,“ redete ihn in dieſem Augenblick der Gerichtsherr wieder an—„Sie werden am Beſten den Gehorſam ihrer Enkelin in einer Sache bewirken koͤnnen, die Sie als Geſchaͤftsmann ſo gut einſehen werden als wir ſelbſt; verhuͤten Sie es durch Ihren Zuſpruch, daß wir dem lieben Kinde wehe thun muͤſſen.“ Der Beamte wie der Offizier traten in die Thuͤren und blickten in den Garten, um dem alten Herrn eine 330 freiere Mittheilung zu geſtatten. Thyrnau ſeufzte tief auf.„Magda,“ ſagte er—„der ſchwerſte Theil deſſen, was mir dieſe Zeit an Leiden brachte, iſt Dein maaß⸗ loſer Widerſtand in dieſem Augenblick! Denke Dir, wie verletzt mein Herz ſein wuͤrde, wenn ich meine ganze Strenge gegen Dich hervorrufen muͤßte, um Dei⸗ nen ſtarren Sinn zu brechen, da doch Dein Unrecht nur der Unverſtand Deiner mir ſo theuren kindlichen Liebe iſt.“ „So glaube an Nichts als an dieſe Liebe,“ ſagte Magda, raſch ſich vor ihm niederwerfend und ſeine Fuͤße umſchlingend—„denkſt Du, es aͤngſtige mich nicht, ſo ſtreiten zu muͤſſen? Hu! es iſt ſogar ſchreck⸗ lich. Darum nimm den Streit von mir, denn ich kann nicht anders! Sieh', ich habe es vorher verſucht, Dir nicht zu folgen— ich dachte es einen Augenblick— bleibe hier, weil er es will— aber das denke ich nie wieder, denn Hoͤllengeiſter ſind nicht ſchlimmer, als das boͤſe Gelaͤchter, was da Alles in mir aufſchlug!“ „So muß ich denn Deinen Streit beendigen,“ rief Thyrnau, von ſeinem tiefen Herzensſchmerz zu ſeiner alten Energie getrieben.„Ich will Deinen Streit be⸗ endigen, denn ich will Dir keinen Willen laſſen. Ich befehle Dir zu bleiben!“ rief er und hob ſie wie eine Feder vom Boden auf—„So wie Hieronymus 331 Tein zuruͤck kommt, wirſt Du ihm folgen und Dich unbedingt in dieſe Anordnung finden, wenn Du es ver⸗ weigerſt, die Nothwendigkeit davon einzuſehen.“ Es entſtand eine Todtenſtille. Er hatte ſie in einen Lehnſtuhl geſetzt und ging, die Haͤnde auf dem Ruͤcken, in einer Bewegung auf und nieder, die zornig haͤtte ſcheinen koͤnnen und doch nur Schmerz war. Als er ſich wieder umwandte und den Kopf hob, als lauſche er einem Geraͤuſch im Vorzimmer, erſchrak er vor Magda's Anblick. Sie war ſo ſitzen geblieben, wie er ſie hinge⸗ ſetzt hatte, aber ſie machte ihm einen ſchrecklichen Ein⸗ druck! Ihre erſtarrten Zuͤge, ihr farbloſes Geſicht, ihre unbeweglichen und voͤllig lebloſen Augen hatten den Ausdruck des Bloͤdſinns. Er mußte denken, ſeine Hef⸗ tigkeit habe ihr den Verſtand geraubt. Er ſchauderte und eilte durch das Zimmer bis zu ihr hin. Seitwaͤrts oͤffnete ſich die Thuͤr; er hoͤrte es nicht. Die Graͤfin von Lacy trat ein, ihr Blick uͤberflog wie ein Blitz die Anweſenden— ſie wußte Alles— und als ſie Magda erkannte, die faſt unkenntlich ſich ſcheu vor ihrem jetzt vor ihr knieenden Großvater zuſammen kauerte, entfuhr ihren Lippen ein Schrei und ſie ſtuͤrzte auf Magda zu und hatte ihre Arme um ſie ehe noch Beide ſie geſehn. Magda behielt den Großvater mit allen geicen Furcht im Augez ſie zog die Fuͤße auf den Stuhl hin⸗ auf und druckte ſich, ohne die Graͤfin anzuſehen, ganz in ihre Arme hinein. „Magda,“ rief Thyrnau außer ſich—„erkenne mich doch— ich bin es ja— Dein Großvater! O fuͤrchte Dich doch nicht vor mir— gieb mir doch Deine Hand!“ Doch, als er ſie faſſen wollte, ſtieß Magda einen herzzerreißenden Schrei aus und mit einer Schnel⸗ ligkeit und Kraft, die ſie augenblicklich befreite, ſprang ſie uͤber die Seitenlehne des Stuhls und ſtuͤrzte ſich ge⸗ gen die Gartenthuͤr. Doch weiter konnte ſie nicht, ſie taumelte. Die Graͤfin, die alle Beſonnenheit behalten, hielt ſie ſchon in ihren Armen.— Dieſe Ohnmacht— die den Zu⸗ ſtand vielleicht brach, war eine Wohlthat fuͤr den un⸗ gluͤcklichen Thyrnau; er half der Graͤfin ſie auf ein Ruhebett tragen, er hielt ihre kalten Haͤnde, die ſie ihm nicht mehr entzog, und ſuchte ſie zu erwaͤrmen— und ihr in dem Schlaf der Ohnmacht ſanft beruhigtes Ge⸗ ſicht zeigte nicht mehr die Verzerrung, die ihn vorher erſchreckte. Wunderbar war es, daß dieſe Beiden, die ſich in Magda's Pflege unterſtutzten, ganz dieſem einen Intereſſe hingegeben waren und mit keinem Worte oder Zeichen ſich befrugen— wer es war, der ſich dem An⸗ dern zugeſellt. Ob Beide es ahnten— ob nur die ————— — 333 Graͤfin— ob es uͤberhaupt ſchon zu dieſer Frage in ih⸗ rem Innern gekommen war— es blieb noch unentſchie⸗ den. Aber wer ſie beobachtete, haͤtte ſie fur alte laͤngſt vereinigte Freunde halten muͤſſen.— Auch rief das Flacon der Graͤfin Magda ſchnell ins Leben zuruͤck und zu Thyrnau's unſaͤglichem Entzucken laͤchelte ſie Beide an— richtete ſich auf ihrer einen Hand empor und ſagte ſanft:„Wie mag das Alles zugehn— wie kommt die liebe Fuͤrſtin Morani hierher — und warum biſt Du ſo traurig, Großvater?“ Die Graͤfin erroͤthete; Thomas Thyrnau ſtand ge⸗ faßt auf, aber Beide fuͤhlten einen peinlichen Augen⸗ blick. Die Graͤfin war indeſſen gekommen, um zu ſpre⸗ chenz ſie fand das Wort zuerſt. Sie reichte Thyrnau mit einem faſt bittenden Blicke die Hand und wandte ſich mit ruͤhrender Zaͤrtlichkeit zu Magda:„Wir er⸗ fuhren in Wien die Maaßregel, die Dich heute ſo er⸗ ſchreckt hat, mein liebes Maͤdchen, und da Lacy— durch dieſelben Umſtaͤnde verhindert ward, ſelbſt nach Tein zu kommen, beſchloß ich, ſtatt ſeiner die Reiſe zu machen, da Du unſer groͤßter Kummer warſt, weil wir Dich noch krank wußten und uns Deinen Schmerz und Deine Sorge lebhaft denken konnten!“ Die Graͤfin fuhlte hier, daß Thyrnau ihre Hand warm druͤckte und es that ihr innig wohl. 334 2 „Das gab Ihnen Gott ein, gnaͤdigſte Graͤfin,“ ſagte Thyrnau—„denn Sie finden uns in Wahrheit grade um dies theure Kind in großer Sorge. Wie leicht verfehlt ein Mann die Art und Weiſe, wie ſo tiefer Aufregung zu begegnen iſt, waͤhrend die bloße Naͤhe einer Frau ſchon lindernd wirkt.“ „Ich danke Ihnen fuͤr dies Vertrauen,“ ſagte die Graͤfin geruͤhrt—„moͤchte es Magda theilen— moͤchte ſie fuͤhlen, wie wir um ſie ſorgten— wie wir es als unſere heiligſte und naͤchſte Pflicht anſahen, ihr zu hel⸗ fen— moͤchte meine Nähe, meine Pflege doch etwas die herbe Trennung von Ihnen verguͤten koͤnnen.“ Magda hatte geſpannt zugehoͤrt und jedes Wort wohl erwogen. Vieles mochte ihr in der kurzen Zeit klar geworden ſein, und von ſo tiefem Weh erſchuͤttert, ward ſie kaum noch von dem neuen Zuwachs dieſer Ge⸗ fuhle uͤberraſcht. Auch hatte ſie die Wahrheit gegen ſich ſelbſt gehabt, ſich keiner Hoffnung, keiner Traͤu⸗ merei mehr hinzugeben, ſeit Lacy's erſtem Geſtaͤndniß, und ſo fragte ſie ſich faſt hart: warum ſie nicht ſolle ſehen koͤnnen, was ſie wiſſe? Sie blickte deshalb Clau⸗ dia feſt an und die alte Liebe ſiegte; ja! wie ſie den guͤtigen Ton der Stimme, die wohlwollenden Geſin⸗ nungen ausſprechen hoͤrte, ſehnte ſie ſich nach ihr; ſie ſetzte beide Fuͤße zur Erde und dann lag ſie ploͤtzlich an ₰ 335 dem Buſen der Graͤfin. Mit welcher Liebe druͤckte die edle Frau das theure Kind an ſich; wie hob dieſe innige umarmung ſo viel unter ihnen auf, was ſie beaͤngſtigen wollte und goͤnnte der Liebe ihre freie Entwicklung. „Du nimmſt mich alſo an, meine Magda,“ ſagte ſie zaͤrtlich— und ich ſoll bei Dir bleiben— und hier Dich troͤſten?“ „Ja,“ ſagte Magda—„bei Ihnen will ich blei⸗ ben— und troͤſten werden Sie mich koͤnnen. Aber nicht hier— jetzt iſt das letzte Hinderniß entſchwunden! Es wird Ihnen Niemand wehren koͤnnen, hinter dem Großvater her zu fahren oder voran. Dann bin ich, wo er iſt— und kann ihn taͤglich ſehn, wenn er aus⸗ ſteigt oder der Wagen haͤlt, durch das Wagenfenſter, und in Wien will ich ſchon Alles erreichen, was ſein muß— und darum ſendet Sie gewiß Gott; denn ſie haͤtten mich nicht mitgelaſſen und Gott wußte doch, daß ich nicht bleiben konnte.“ Die Augen der Graͤfin ſtreiften Thomas ghe „Ich uͤberlaſſe die Entſcheidung Ihnen, Frau Graͤfin,“ ſagte er.„Zu lange habe ich ſchon den Wunſch des armen Kindes beſtritten; jetzt weiß ich nicht, ob mein Widerſtand noch Grund hat; da Sie mit dem großmuͤ⸗ thigen Wunſche gekommen ſind zu helfen, ſo willigen Sie ein, dies arme Maͤdchen in Ihren Schutz zu neh⸗ 336 men. Und— Magda— ich hoffe, Du wirſt Dich zu dem lenken laſſen, was die edle Graͤfin fuͤr Dich be⸗ ſtimmt.“ Magda ſchwieg; als die Grafin ſich aber zu ihr ſetzte und ſie umſchlang, da hob Magda das blaſſe Ge⸗ ſicht zu ihr auf und mit einem leiſen Verſuch zu laͤcheln ſah ſie ſo bittend, ſo unwiderſtehlich berzeugt, zu ihr hin, daß Claudia bloß ihre Stirn kußte und leiſe fragte: „Wirſt Du auch die Reiſe aushalten? Du ſiehſt noch ſo krank aus, Du biſt ſo ſchwach, ſo reizbar und heftig zugleich; das deutet Alles darauf hin, daß Du noch krank biſt.“ „Ich will ſanft ſein wie ein Lamm,“ ſagte Magda eiſe—„wenn ich nur mit ihm kann. Davon bin ich wieder ſo krank geworden, daß Alle dachten, ich koͤnnte es laſſen, wie ſie es mir befahlen!“ „Nun,“ entgegnete die Graͤfin—„ſo ſolt Dir nichts weiter in den Weg gelegt werden und wir uͤber⸗ legen dann in Wien das Noͤthige. So nehmen Sie uns denn mit, Herr Thomas Thyrnau,“ fuhr ſie fort, ſich gegen ihn wendend—„dann ſind wenigſtens Alle, die ein gemeinſames Geſchick umſchlingt, beiſammen, und Sie wiſſen Magda bei mir und Lacy in ſichern Haͤnden.“ „Nein,“ ſagte Magda—„ich gehe ſogleich zu Barbara, meiner Tante, nach dem urſulinerhof!“ „Sie iſt in Mailand bei Deiner Großmutter,“ er⸗ widerte Thyrnau, ſie ſcharf beobachtend— Magda ſenkte erſchrocken den Kopf.„Der alte Palaſt Morani iſt Deine wahre Heimat,“ ſagte die Graͤfin guͤtig—„von dort aus bleibſt Du am Beſten mit Allem in Verbindung, was Deinen Großvater be⸗ treffen wird und Deinen Abſichten foͤrderlich ſein kann.“ „Iſt das auch Gottes Wille?“ rief Magda leb⸗ haft und blickte Beide ernſt und forſchend an.— Sie blieben ihr die Antwort ſchuldig, denn ſo eben traten Hieronymus und die nach dem Dohlenneſt Ver⸗ ſendeten mit ihrem Auftrag fertig zu ihnen in den Saal. Hieronymus wurde ſogleich von dem Willen Magda's unterrichtet und obwol er oftmals mit dem Kopf ſchuttelte und viel Widerſtrebendes in den Bart murmelte, kannte er doch Magda zu gut, um den Sturm, nachdem ſie anfing einige Ruhe zu genießen, noch einmal anregen zu wollen. Er beſchaͤftigte ſich daher blos damit, ſo weit es ſeine eigne Lage geſtattete, alle Reiſemaaßregeln vorſichtig einzuleiten und von den 5 Kommiſſarien auszuwirken, daß die ganze Abreiſe erſt gegen Abend unternommen werde und bis dahin Jedem — unter den ihnen noͤthig ſcheinenden Vorſichtsmaaß⸗ regeln— eine abgeſonderte Ruhe im eignen Zimmer zugeſtanden werde. Die Graͤfin Lacy nahm dieſen Vor⸗ Thomas Thyrnau. I. 3te Aufl. 22 338 ſchlag nicht minder dankbar an, als alle Uebrigen, da ſie ſich bei der Hinreiſe keine Raſt gegoͤnnt und ſie jetzt den unmittelbaren Aufbruch als das Beſte und Allen Huͤlfreichſte anſehen mußte und feſt entſchloſſen war, durch keine Ruͤckſicht auf ſich ſelbſt ein ein⸗ treten zu laſſen. Das Beſtreben der antifranzoͤſiſchen Partei, die aufgefundene Konſpiration ſo öffentlich wie moͤglich zu machen, um dadurch aus der vertrauenderen beguͤtigenden Stellung, die nachgerade zwiſchen den beiden betheilig⸗ ten Hoͤfen eingetreten war, in eine drohende uͤberzu⸗ gehen, ward mit allen Waffen, die Kaunitz noch in die⸗ ſem wuͤſten unuberlegten Anbrang zu gebrauchen ver⸗ mochte, bekämpft. Aber die Kaiſerin ſtraͤubte ſich gegen ihre vigene hoͤhere Einſicht, um ſich endlich ein⸗ mal mit allem Rechte, wie ſie wuͤnſchte, uͤber eine An⸗ gelegenheit erzuͤrnen zu duͤrfen, die immer in der Stille ſie dazu gereizt hatte und wozu ihr beſtaͤndig und na⸗ mentlich von Kaunitz das Recht nicht zugeſtanden wor⸗ den war. Sie zeigte jetzt eine Aufregung, die ſie an Allen ausließ, die ſie in dieſer Angelegenheit fruher aufgehalten oder ſie ſpaͤter zugleich zu annaͤhernden 55 339 Schritten verleitet, und da dies leider nur wenige wa⸗ ren, ſo bekamen Kaunitz und die Prinzeſſin Thereſe ihr volles Theil.— Es haͤtte ſcheinen koͤnnen, daß Kaunitz ihr ganzes Vertrauen verloren habe, ſo ſtachelte ſie ihre Rede bei jeder noͤthigen Eroͤrterung mit ihm— und doch blieb der große Menſchenkenner dieſen Erſcheinun⸗ gen gegenuͤber gefaßt und, ſich und was er augenblick⸗ lich zu leiden hatte, gaͤnzlich vergeſſend, nur darauf ge⸗ richtet, ſeine angebetete Kaiſerin in dieſer Zeit ihres unbezaͤhmten Zuͤrnens zu bewachen, damit keine Hand⸗ lungen in's Leben treten konnten, von denen er gewiß war, ihr erleuchteter Geiſt werde ſie bei wieder gewon— neuer Ruhe zu bedauern haben. Seine Lage war um ſo ſchwerer, da er allein ſtand und die Kaiſerin von Keinem wiederholen oder beſtaͤtigen hoͤrte, was Kaunitz mit der wahrhaft ungeſtun en Inbrunſt eines treuen Dieners von ihr forderte. Sie hatte den Grafen Bar⸗ tenſtein und Uhlefeld, ihren beiden Miniſtern des fruͤ⸗ heren Syſtems, die Einrichtung einer Special-Kom⸗ miſſion uͤbertragen, in der dieſe ganze Sache verhandelt werden ſollte. Sie mußte wiſſen, wie tief ſie Kaunitz durch einen Schritt kraͤnke, der ihn bei einem ſo wich⸗ tigen Vorfalle faſt zum Beiſitzenden machte und dieſe Sache in die Haͤnde einer Partei legte, die, wenn auch von ehrenhafter Geſinnung, doch vollig bornirt in einem 22* 340 dem ſeinigen entgegengeſetzten Syſtem, ganz natuͤrlich geneigt ſein mußte, dieſe Entdeckungen als Belege ihrer feſt behaupteten Grundſaͤtze anzuſehn, und deren Un⸗ parteilichkeit daher in ſo arge Verſuchung gefuͤhrt ward, daß die Sache ſelbſt dadurch bedroht werden mußte. Doch hielt Kaunitz in dieſen täͤglich ſich haͤufenden Uebelſtaͤnden an der Seite der Kaiſerin muthig aus, um zu retten, was ſich ihrer Aufregung entziehen ließ. Auch lag oft in den Blicken der Kaiſerin ein Etwas, was ihn kraͤftigte— es war ein Feuerblick, mit dem ſie durch ihr verduͤſtertes Auge ploͤtzlich durchzudringen ſchien und der wie gegen ihren Willen dem unerſchuͤt⸗ terlich treuen Unterthanen zurief: Du biſt doch ein tuch⸗ tiger Menſch!— Er war vielleicht nie groͤßer, nie edler! verdiente vielleicht die Buͤrgerkrone und die gol⸗ denen Sporen nie mehr, als indem er Unbill erlitt und ſich ihr nicht entzog, unhwere Dienſte ſeiner Herr⸗ ſcherin, ſeinem Vaterlande leiſten zu koͤnnen! Er mußte es ſchon als einen Sieg dieſer nicht wan⸗ kenden Treue anſehn, daß die Kaiſerin endlich den Be⸗ fehl unterzeichnete, daß die ganze Unterhandlung bis zu ihrem Ende ein Staatsgeheimniß bleiben, auch die Un⸗ terſuchungen nicht oͤffentlich in dem Staatsarchiv gehal⸗ ten werden ſollten, ſondern in einigen feſten Gemaͤchern der Hofburg, und daß der eingebrachte Gefangene nicht —— 341 nach dem oͤffentlichen Zuchthausgefaͤngniß, ſondern nach einem jener befeſtigten Gemaͤcher gefuͤhrt werden ſollte; welche Auskunft die Angelegenheit aus dem Be⸗ reiche einer Menge unberufener Neugieriger zog und eine leiſe Hoffnung des Grafen Kaunitz naͤhrte, daß dies Gericht— in die Naͤhe der Kaiſerin gebracht— viel⸗ leicht ihre eigene Theilnahme gewinnen koͤnnte. Daß er dieß wuͤnſchte, zeigte, wie hoch er ſie ehrte, wie gut er ſie kannte! Ihre ungeduldige Lebhaftigkeit ſollte ſie zu dem Schritte verfuͤhren; von ihrem großen Geiſte, von ihrem wahrhaftigen Karakter hoffte er dann die Unter⸗ ſtutzung zu erhalten, die ihn nicht mehr allein zu ſtehn fuͤrchten ließ. Die Zeit, die nothwendig hingehen mußte, ehe dieſe Einrichtungen bis zu der Form eines zu eroͤffnenden Gerichtes vorſchritten, blieb bei der Stimmung der Kai⸗ ſerin auch nicht ganz ohne Einfluß; da ſie genoͤthigt war, waͤhrend dieſer Zeit mit Kaunitz uͤber die laufen⸗ den Geſchaͤfte zu unterhandeln, trat theilweiſe das alte Verhaͤltniß in ſeine Rechte und der Graf freute ſich oft, wenn er wahrnahm, wie ſie ſich erſt darauf beſinnen mußte, daß ſie ihm zuͤrnen wolle. Bartenſtein und Uhlefeld benutzten dagegen dieſe Zeit, um ſich von den Umſtaͤnden zu unterrichtenz ſie hatten mit dem Fuͤrſten von S., welcher vorlaͤufig der 342 Traͤger dieſes ganzen Aufruhrs war, taglich Konferen⸗ zen und ordneten danach den Gang, den der Prozeß zu nehmen habe. Wie viel Lucken ihnen blieben, mochten ſie ſich kaum eingeſtehen, oder hofften doch, ſie durch das Erſcheinen der beiden Angeklagten, des Grafen von Lacy und des Advokaten Thyrnau, geloͤſt zu ſehen. Die Hauptbeweiſe blieben zunaͤchſt der Nachweis, daß durch Thomas Thyrnau die bedeutendſten Summen nach Frankreich gegangen waren und daß die Gegenſtaͤnde, wofur dieſe Zahlungen erfolgten, einen ſehr verdaͤchti⸗ gen Namen fuͤhrten, der nothwendig eine wirkſame Stutze der uͤbrigen Anſchuldigungen werden mußte. Daß dieſe Zahlungen ſogar durch den juͤngeren Grafen Lacy gegangen waren, ließ ſich nachweiſen, und ſelbſt noch ſpaͤtere Zahlungen ſchienen die Dauer dieſer ver⸗ daͤchtigen Verhaͤltniſſe bis in die Gegenwart hineinziehen zu wollen. Nach der Unterredung mit Lacy, die ſo unbefriedi⸗ gend ausgefallen, waͤhrend die Erlaubniß dazu der Kai⸗ ſerin ſchon faſt gegen ihren Willen von Kaunitz entriſ⸗ ſen war und ihr der ſchlechte Erfolg derſelben gar nicht zu entziehen blieb, wodurch ſie ſich noch mehr erbittert hatte— enthielt ſich Kaunitz jeder geheimen Unterre⸗ dung, von der er uͤberzeugt ſein konnte, ſie werde beob⸗ achtet und verrathen. Nur Stahrenberg, der wuͤrdige Gefaͤhrte ſeiner großen Plaͤne, ward von dieſer ſtoͤren⸗ den Epiſode unterrichtet und zu wohlberechneten Nach⸗ forſchungen auf ſeinem Platze als Geſandter am Ver⸗ ſailler Hof aufgefordertz er durfte hoffen, daß dieſer kluge und vorgeſchrittene Staatsmann geneigt ſein werde, auch das zu entdecken, was die Vorausſetzungen widerlegen oder entkraͤften koͤnne, mit welchen ſeine mi⸗ niſteriellen Inſtruktionen ihm die Richtung zu geben ſuchten. Auch bei dieſen Inſtruktionen hatte es der ganzen klugen Beredtſamkeit und der eiſernen Feſtigkeit des Staatskanzlers bedurft, um das aͤußerlich eingelei⸗ tete Verhaͤltniß zu Frankreich nicht damit zu verderben. Er hatte darauf gedrungen, ſich des tiefſten Geheim⸗ niſſes zu bedienen, um Zeit zu gewinnen, die durch Graf Stahrenberg verlangte Auskunft erſt mit dem er⸗ regten Verdacht zu vergleichen, ehe man ihm Einfluß nach Außen geſtattete. Eben ſo hatte man endlich nach⸗ gegeben, die im Lande ſelbſt vom Fuͤrſten von S. bezeichneten YPerſonen unangefochten zu laſſen, da durch ihre Verhaftung ein Aufſehn erregt werden mußte, welches Kaunitz ſo lange als moͤglich verhin⸗ dern wollte. Lacy's Verhaftung auf Ehrenwort war wenig auf⸗ fallend, und— da er verſprochen, ſie, ſo weit es thunlich war, der Aufmerkſamkeit zu entziehen— ſo kam ihm 344 die Abreiſe ſeiner Gemahlin, mit der man die ſeinige verbunden hielt, dabei zu Hilfe. Kaunitz fuhlte, daß Alles auf dieſen ſo oft genann⸗ ten Thomas Thyrnau ankommez er erwartete ihn deshalb mit eben ſo viel Ungeduld als ſteigendem Mißbehagen, und hatte ſich von ihm faſt gegen die geltendſten Zeug⸗ niſſe ein unguͤnſtiges Bild zuſammengetragen und fand ſich auf's Hoͤchſte gereizt, weil er annahm, daß die Thor⸗ heiten eines mit muͤßigen Traͤumen angefullten Kopfes ſeine ſo hochwichtigen Plaͤne durchkreuzt haͤtten. Er fuͤrch⸗ tete nur zu ſehr, daß der lange mißleitete franzoſiſche Hof in die Schlingen eines Raͤnkemachers habe fallen können, der nun vielleicht die Mittel beſitze, jene Unbe⸗ ſonnenheiten zu erweiſen, um ſich auf Rechnung derſel⸗ ben der ſchweren Verantwortung zu entziehn, die in der gemachten Anklage lag. Thomas Thyrnau war aber bekannt genug, um jede Nachforſchung uͤber ihn zu erleich⸗ tern; ſchon der Name ſeines Vaters war ehrenvoll be⸗ kannt, der Sohn hatte das Anſehn ſeines Vaters geerbt; er ſtand uberall ohne Tadel, und Kaunitz kannte ſeine Standesgenoſſen zu wohl, um nicht zu wiſſen, was er von der hochmuͤthigen Gleichguͤltigkeit zu denken habe, mit der man ihn paſſiren ließ. Er mußte ſich eine ſehr tadelloſe Stellung zu gewinnen gewußt haben, da dieſe durch jede Bedeutenheit außer den Kreiſen ihres Standes faſt Be⸗ 345 leidigten ihn blos verleugneten, obwol gelegentlich ent⸗ ſchluͤpfte Aeußerungen andeuteten, wie noͤthig Viele ihn gehabt hatten. Deſſenungeachtet glaubte Kaunitz die Eigenſchaften eines geſchickten Advokaten, eines faͤhigen Rathgebers moͤchten ſich ſehr wohl mit einem intriguanten Kopf und hochſtrebendem Ehrgeiz vertragen, und gewiß war es kaum moͤglich, in der Kaunitz entgegengeſetzten Partei entſchiedene Vorurtheile gegen Thomas Thyr⸗ nau zu naͤhren, als dies bei dem Einzigen der Fall war, der doch lebhaft wuͤnſchte, er moͤge ſich und die Sache als unſchuldig beweiſen zu koͤnnen. Endlich waren die Vorbereitungen mit der Ankunft des Beklagten beendigt und die Herren baten um eine Audienz bei der Kaiſerin, um ihr Anzeige davon machen zu duͤrfen und ihre weiteren Befehle zu erbitten. Kaunitz ſah, wie das ſtolze Blut der ſanguiniſchen Frau ihr Angeſicht uͤberflog, als der Graf Barten⸗ ſtein als Vorſitzender dieſe Rede an ſie richtete: aus ihren großen Augen ſchoß ein Blick wie ein Pfeil, als duͤrfe ſie keine Gelegenheit verſaͤumen, Kaunitz jede Verantwortlichkeit fur die ihr auferlegten Kraͤnkungen in Erinnerung zu bringen. Als ſie wie gewoͤhnlich da⸗ fur den ruhig kalten Blick ihres Staatskanzlers in Em⸗ pfang genommen, wandte ſie ſich zu den Grafen Bar⸗ tenſtein und Uhlefeld und ſagte kurz und ſtreng:„Ich 346 hoffe, ich habe dieſe Sache in die Haͤnde von Maͤnnern gelegt! Ich hoffe, Ihr werdet meinen Willen, dieſe An⸗ gelegenheit mit aller Strenge und Genauigkeit bis zu ihren Wurzeln zu verfolgen, hinreichend erkannt haben — und ich mache Euch fur jede Verſaͤumniß oder Ueber⸗ eilung derſelben bei meiner ungnade verantwortlich— ich bin,“ fuhr ſie, die Fronte etwas gegen Kaunitz neh⸗ mend, fort—„es durchaus muͤde, mich mit Freund⸗ ſchaftsbetheuerungen meiner falſchen Nachbarn taͤuſchen zu laſſen und will dieſe Sache klar dargelegt haben— und werde dann meiner eignen Ueberzeugung folgen, die mich alle aufgenoͤthigten Neuerungen ihrem wahren Gehalte nach wird durchſchauen laſſen, um ſie demnach wieder dahin zu verweiſen, wo meine erhabenen Vor⸗ fahren ſie bis jetzt— mit gutem Grunde denke ich— zu erhalten wußten.“ „Wenn Euer Kaiſerliche Maſeſtät zu geſtatten ge⸗ ruhen,“ ſagte Graf Bartenſtein—„ſo werden wir morgen das erſte Verhor beginnen.“ „So ſei es,“ erwiderte die Kaiſerin—„jedes Pro⸗ tokoll ſoll mir nach jedem geſchloſſenen Verhoͤr uͤber⸗ bracht werdenz uͤber jedes Einzelne verlange ich Euren jedesmaligen Vortrag, denn ich will dieſen Schlangen⸗ wegen jetzt Schritt vor Schritt ſelbſt folgen, mich nicht wieder uͤberreden laſſen, daß ich den Träumen einer milzſuͤchtigen Frau nachhaͤnge, ſondern mich uͤberzeugt halten, wie grade die Fehler, die man mich hat machen laſſen, jetzt meine Erfahrung gewitzigt haben, um Euch damit zu Huͤlfe kommen zu koͤnnen.“ Obwol ſie Alles hatte ſagen muͤſſen, wozu ihr chole⸗ riſches Blut ſie trieb, machte ſie doch, nachdem ſie ihm genug gethan, die alte Erfahrung, daß ſie wiederum den Andern ihren Triumph uͤber Kaunitz nicht goͤnnte, und als ſie ihn grade und ruhig in ſeinem einfachen und doch ſo ausgezeichnet feinem Weſen mit den großen geoͤffne⸗ ten Augen und dem blaſſen mienenloſen Geſicht, woran alle Beobachtung zu Schanden ward, vor ſich ſtehen ſah, ihren Worten ohne das kleinſte Zeichen der Kraͤnkung lauſchend, ſagte ihr großes grades Herz:„er ſteht Dir doch am naͤchſten,“ und ſie ſenkte nachdenkend ihr Auge, und viel leiſer und milder als alles Fruͤhere ſetzte ſie dann hinzu:„Verſteht ſich, Graf Kaunitz, daß ich da⸗ bei Eure Anſicht nicht entbehren will, denn noch nie hat es der Ergruͤndung der Wahrheit geſchadet, wenn wir aus einem geiſtreichen Kopfe und wahrhaftigen Munde entgegengeſetzte Meinungen hoͤrten. Wir werden wiſſen, zwiſchen beiden die unſrige zu beſtimmen, denn hier ha⸗ ben alle Anweſende mein gleiches Vertrauen.“ Ihr raſches Kopfnicken beurlaubte die drei Mini⸗ ſter; ihr Auge lag auf Kaunitz und es war, als erwar⸗ 348 tete ſie, daß das ſeinige einen Augenblick läͤnger, als noͤthig war, auf ihr ruhen werde. Das bezeichnete Special-Gericht hatte ſich jetzt ge⸗ bildet und beſtand aus dem Grafen Bartenſtein als Vor⸗ ſitzendem, aus den Grafen Uhlefeld und Kaunitz, aus dem Baron Binder und den beiden Miniſter-Sekretä⸗ ren Dorn und Kallenbach. Die Anklage des Fuͤrſten von S. nebſt den ſchrift⸗ lichen Beweiſen, welche er zur Unterſtutzung ſeiner Ausſagen uͤbergeben hatte, lagen der Verhandlung als Aktenſtuͤcke zu Grunde. Nach der Pruͤfung derſelben war man darin uͤberein gekommen, das gerichtliche Ver⸗ fahren, welches man auf den von Kaunitz bewirkten Be⸗ fehl der Kaiſerin in das tieſſte Geheimniß zu huͤllen ge⸗ noöthigt war, jetzt auch von den gerichtlichen Umſchwei⸗ fen loszumachen, die dem gewoͤhnlichen Gange der Ge⸗ richtshoͤfe anhingen und jede Verhandlung inein Meer von Formalitäten ſturzten, welche ſie in nicht zu berech⸗ nende Verzoͤgerungen verwickelten. Es war zufuͤllig das Intereſſe Aller, daß ſich das zu erwartende Reſultat ſobald als moͤglich zur Entſchei⸗ dung herausſtellen moͤchte; denn keinem der Mitwiſſen⸗ den war zugleich unbekannt, wie die politiſchen Verwick⸗ lungen theils eine entſcheidende Stellung zu Frankreich nothwendig machten, theils die Thätigkeit Aller nur mit 349 Nachtheil den wichtigeren Geſchaͤften entzogen werden konnte, die der auf's Neue bedrohte Zuſtand des Va⸗ terlandes von allen Seiten mehrte. Jeder hoffte frei⸗ lich, aus dieſer ſchnellen Beendigung des Allen wichti⸗ gen Vorfalls, fuͤr das Intereſſe Vortheil zu ziehn, dem er beſonders ergeben war, und vielleicht blieb die Kaiſe⸗ rin trotz ihres aͤußerlich dargelegten Zuͤrnens auf Kau⸗ nitz doch die Einzige, die nicht ſchon im Voraus be⸗ ſtimmt wuͤnſchte, welche Entſcheidung ſich ergeben ſollte. Sie beſchloß, beide Parteien mit groͤßter Strenge zu uͤberwachen und ſich durch Nichts in der Handhabung des Rechts irren zu laſſen. Am liebſten haͤtte ſie ſelbſt zu Gericht geſeſſen und Allen merklich hatte ſie den Ver⸗ haͤltniſſen, unter denen ſo etwas— ohne ihrer hohen Perſon zu nahe zu treten— moͤglich war, nachzufor⸗ ſchen geſucht; auch hatte Kaunitz ihr mit der Miene, als habe eni⸗ nicht entfernt errathen, dazu eine Bruͤcke ge⸗ baut, indem er es wirklich durchzuſetzen gewußt hatte, daß man fuͤr den Gefangenen wie fuͤr das Gericht ſelbſt die alten feſten Gemaͤcher, die in den Burggraben gin⸗ gen und doch durch die bewußten ehmaligen Zimmer der Prinzeſſin Thereſe mit dem von der Kaiſerin bewohnten Zimmer in Verbindung lagen, angewieſen hatte. Es war am 2oſten September des Jahres 1755, als das oben erwaͤhnte Perſonal des Special⸗Gerichtes ſich in dem alten Gemache verſammelte, auf welches in der Stille einige Sorgfalt verwendet worden war, und das bei hellem Kaminfeuer einen wuͤrdigen Anblick gewährte. Eine große Tafel, mit vier Lehnſtuͤhlen und zwei Ta⸗ bourets fuͤr die Sekretaͤre umgeben, erhob ſich gegen die Fenſterwandz gegenuͤber befand ſich eine Reihe Stuͤhle, die man nicht aus ihrer Ordnung geruͤckt; ein ſamtenẽt Fauteuil war fur den Fuͤrſten von S. der Tafel gegen⸗ uber geſtellt; in den Waͤnden rechts und links befanden ſich Thuͤren. Die eine fuͤhrte in die Gemacher, in de⸗ ren Ende der Gefangene untergebracht war; die andere Thuͤr fuͤhrte nach einer Art Vorzimmer. Die Herren begaben ſich durch daſſelbe zur Verſammlung. Die Thuͤ⸗ ren dahin blieben geoͤffnet und nur ein Vorhang trennte beide Gemaͤcher. Man hatte an den Fenſtern dieſes Zimmers Vorhaͤnge angebracht, den Kamin in Glut geſetzt, einen Teppich auf dem vernachlaͤſſigten Fußboden ausgebreitet und mehrere bequeme Lehnſeſſel herbei⸗ geſchafft, und die Herren, die ſich darin ſammelten, rich⸗ teten, nachdem Jeder die beſondere Ausſtattung wohl in Augenſchein genommen, Blicke auf einander, die eine Frage enthielten, welche jedoch Niemand sſprach. Spaͤter als Alle erſchienen Graf Kaunitz und Baron Binder; der erſtere entſchuldigte ſich ſogleich gegen die Wartenden und nothigte den Grafen Bartenſtein den 351 Vortritt zu nehmen, waͤhrend er ſich mit Graf Uhlefeld und Baron Binder anſchloß. Der Fuͤrſt von S. erwartete die Herren bereits im dem Gerichtszimmer und der beſchloſſene Gang der Ver⸗ handlungen beſtimmte, daß in dieſer erſten Sitzung den beiden Vorgeladenen— Lachy und Thyrnau— die An⸗ klage des Fuͤrſten von S. aus den daruͤber aufgenom⸗ menen Akten und von dem Fuͤrſten ſe ergaͤnzt, vor⸗ getragen werden ſollte. Als man daher Platz genommen, gab der Graf von Bartenſtein den Befehl, die Angeklagten einzufuͤhren und die Gerichtsboten entfernten ſich nach beiden Seiten. Der junge Graf von Lacy trat zuerſt ein und ſeine Ge⸗ ſtalt ſchien auf den Fuͤrſten von S. einen lebhaften Ein⸗ druck zu machenz er ward noch braunrother als vorher, und ſeine Augen maßen mit ſtolz zuruͤckgebogenem Halſe den ſchoͤnen jungen Mann, waͤhrend dieſer mit Ehrerbietung die Herren an der Tafel gruͤßte. Als er ſich umwendete, um auf der gegenuͤber liegenden Stuhl⸗ reihe Platz zu nehmen, begegnete er dem unverſchaͤmt pruͤfenden Blick des Furſten, und da er ſogleich ſtehen blieb und in ſeiner Haltung die ſtolze Frage des Edel⸗ manns hervortrat, ſagte der Fuͤrſt leicht mit dem Kopfe, nickend:„Sie gleichen Ihrem Ohm in ſeiner Jugend wie aus den Augen geſchnitten!“ 352 Da Eure Durchlaucht mit durch Ihr dreiſtes An⸗ blicken dies ehrenvolle Zeugniß ertheilen wollen,“ erwi⸗ derte Lacy,„glaube ich es uͤberſehen zu koͤnnen!“ „Oho!“ rief der Fuͤrſt—„es ſcheint, ich muß Euer Gnaden um Verzeihung bitten fuͤr meine Augen, die ſich herausnehmen, Ihre werthe Perſon zu be⸗ ruhren.“ Die Antwort des Grafen blieb aus, denn eben off⸗ nete ſich die Thuͤr, die nach den Zimmern des Gefange⸗ nen fuͤhrte und Thomas Thyrnau ward Allen, die ihn mit Ungeduld erwartet hatten, ſichtbar. Von jedem Bedenken verlaſſen, eilte der Graf von Lacy auf ſeinen edlen Freund zu, und Vater und Sohn konnten ſich nicht inniger umſchlingen als dieſe beiden Schwerge⸗ pruͤften. „Und Magda?“ fragte Thyrnau, ſich aus Lacy's Armen zuruͤckbiegend. „Sie iſt ein Engel in ihrem heil'gen Schmerz und eine Heldin in ihren Entſchluͤſſen!“ „Behuͤte ſie!“ ſagte Thyrnau—„und laſſ' uns jetzt zuruͤcktreten, wir duͤrfen nicht zuſammen ſprechen.“ „Es ſchien, als habe Thyrnau ſelbſt das Gericht an ſeine Rechte erinnern muͤſſen. Mit einiger Beſchaͤmung hoͤrten die Herrn die Worte des Advokaten und fuͤhlten, daß ſie ſich Alle einem neugierigen Anſtaunen uͤberlaſſen 353 hatten, denn Thomas Thyrnau war ihnen auch außer der jetzt vorwaltenden Beziehung als ein ausgezeichneter Mann, beruͤhmter Advokat und ſehr reicher Capitaliſt wohl bekannt und erregte ganz die Aufmerkſamkeit, als wollten ſie nun den Vergleich zwiſchen ſeiner Perſon und dieſem auffallenden Ruf anſtellen. Thomas Thyrnau eilte aus den Armen Lacy's mit raſchen und kräftigen Schritten der Gerichtstafel zu und grußte alle Anweſende mit Ruhe und Achtung. „Er weiß ſich zu beherrſchen,“ ſagte Kaunitz mit großem Vergnuͤgen zu ſich ſelbſt. Er begleitete ihn mit den Augen bis zu ſeinem Stuhl, und es freute ihn noch mehr, als er ſah, daß der Fuͤrſt von S., der ſichtlich ungeſchickt auf ſeinem Seſſel umher ruͤckte, um ſeine Veriegenheit zu verbergen, von Thyrnau ſo ruhig ange⸗ blickt wurde, als ſei er ein leeres Meuble, an das ſein Kleid nicht ruͤhren duͤrfe. Als beide Angeklagte ihre Plaͤtze eingenommen hat⸗ ten, traten die Gerichtsdiener zwiſchen ſie und der Se⸗ kretar Kallenbach empfing das Aktenſtuͤck, um es laut vorzuleſen, woraus wir das unſerer Mittheilung noͤthige Reſumé heraus heben. Der Fuͤrſt von S. hatte damit angefangen, das Erziehungsinſtitut des verſtorbenen Advokaten Caſpar Euſebius Thyrnau als eine Pflanzſchule unpatriotiſcher Thomas Thyrnau II. 3te Aufl. 23 354 und hoͤchſt gefaͤhrlicher Grundſaͤtze und Beſtrebungen darzuſtellen. Er hatte dies mit der ſichtlichen Abſicht hervorgehoben, um damit zu erklaͤren oder zu entſchuldi⸗ gen, wie er ſelbſt zur Kenntniß und Theilnahme des hochverraͤtheriſchen Komplotts verfuͤhrt worden, das er zu erweiſen bemuͤht war. Dieſer Caſpar Euſebius Thyrnau ward als ein Freund des Fuͤrſten Wenzel Lob⸗ kowitz bezeichnet, und der Fuͤrſt von S. hatte ein Käͤſt⸗ chen Briefe eingereicht, deren Inhalt der Schluͤſſel wer⸗ den ſollte zu der unter Leopold dem Erſten ſtattgehabten Ungnade dieſes fruͤher in ſo hoher Gunſt geſtandenen Miniſters. Dieſe Briefe ſollten einen Verdacht konſta⸗ tiren, der, obwol er durch den Tod beider Brieffuͤhrer wie uͤberhaupt durch die Zeit gleichguͤltig zu werden be⸗ gann, doch die Wurzel des Gedankens zu ſein ſchien, der nun um ſo leichter als ein von franzoͤſiſcher Seite aufgegebener ſich darſtellte und den Namen Thyrnau in der erſten Generation ſchon verdaͤchtigte. Die Briefe, deren Durchſicht ſich der Graf Bartenſtein ſelbſt unter⸗ zogen, bewieſen zuerſt die zaͤrtlichſte Freundſchaft beider Maͤnner, dann einen gluͤhenden Enthuſtasmus fuͤr die Beforderung einer hoͤheren Volksentwicklung, einen tie⸗ fen Groll gegen den Despotismus des allmaͤchtigen Je⸗ ſuiterorden, der ſich mit der ſchlauſten Feinheit aller oͤffentlichen Schulen und Bildungsanſtalten verſichert hatte, und gegen das hohle Wiſſen, was dort getrieben ward, um als Deckmantel zu dihr den nie aufge⸗ gebenen Plan, durch geiſtigen Druck und aberglaͤubiſche Beherrſchung der Gemuͤther die Maſſen zu ihren ultra⸗ montanen Zwecken ſich bequem zu erhalten. Beide Freunde ſprachen dabei ihre Hinneigung zu dem dama⸗ ligen Zuſtande Frankreichs aus, das in einer kurzen geiſtigen Bluͤte unter Colberts Verwaltung große Fruͤchte fuͤr die Zukunft verſprach. Damals aber ſuchten die beiden befreundeten Maͤnner Alles auf, um die dort er⸗ ſcheinende geiſtige Entwicklung auf das ſo weit zuruͤck⸗ ſtehende Vaterland zu uͤbertragen, und in Boͤhmen ſollte eben unter Caſpar Euſebius Thyrnau jene Bildungs⸗ ſchule erſtehen, in der die Haͤupter großer Familien, ſelbſt die Prinzen kleinerer Staaten, eine hoͤhere Bil⸗ dung gewoͤnnen, die ihnen das Beduͤrfniß geben ſollte, die dort erworbene Einſicht um ſich her weiter zu ver⸗ breiten. Dies hatte das Anſehn des Fuͤrſten Lobkowitz wie die Klugheit Thyrnau's durchzuſetzen gewußt, und die Anſtalt war in einer Bluͤte und zu einer Beruͤhmt⸗ heit gelangt, welche die Wache haltenden Jeſuiten, die vergeblich bemuͤht geweſen waren, dieſelbe ganz zu unter⸗ druͤcken, zu einer nicht raſtenden Verfolgung antrieb, und beide Maͤnner theilten ſich in voller Empoͤrung die Hin⸗ derniſſe mit, die, wie Fußangeln, ſtill und geraͤuſchlos 235 356 um alle ihre Schritte gelegt wurden. Unumwunden ſprachen Beide a ihren Unwillen uͤber den geringen Schutz aus, der ihnen von Seiten des Hofes ward.— Die Herrſchaft der Jeſuiten uͤber Kaiſer Leopold war ſo entſchieden, daß er wol in einzelnen Augenblicken, wo ihn der Geiſt des Lobkowitz belebt und zu freierer An⸗ ſchauung verholfen, den Druck, unter dem man ihn er⸗ hielt, füͤhlen konnte, aber dennoch unfaͤhig blieb und un⸗ faͤhig gelaſſen wurde, ſich zu einer Handlungsweiſe zu erheben, die von den Grundſaͤtzen abwich, unter deren Bann dieſe wachſame Partei ihn zu erhalten beſtrebt war. Hier kamen nun Briefe, die dem in Frage ſte⸗ henden Punkte näher ruͤckten. Die erwaͤhnten Verhält⸗ niſſe wurden mit dem ſchonungsloſeſten Spotte verfolgt, der beſonders die unſchoͤne Gemahlin Leopolds oft ziem⸗ lich ſtark traf. Es mußten ſehr entgegen kommende Schritte von Seiten Frankreichs erfolgt ſein; ſie wur⸗ den beſprochen, die Vortheile gepruͤft und erwogen und der Enthuſiasmus fuͤr ihre großartigen Bildungsplaͤne mochte Gedanken erzeugt haben, die vielleicht Beide un⸗ bewußt uͤber die feine Grenze getrieben hatten, deren Ueberſchreitung der Unterthan zu furchten hat, in deſſen Bruſt der freiere Strom der Erkenntniß ſich ergießt, an der er ſein Vaterland wuͤnſcht Theil nehmen zu ſehen. Vertreibung der Jeſuiten, freie Religionsuͤbung, 357 Beſchraͤnkung der adeligen Vorrechte, Entlaſtung der Bauern, freie Bildungsanſtalten, Aufhebung der will⸗ kürlichen Steuern, Berufung der Staͤnde zur Pruͤfung der Geſetze, dieſe Staatsverfaſſung, Boͤhmens Zuſtän⸗ den mit groͤßter Weisheit und Umſicht angepaßt— dies war eine an ſich hoͤchſt ausgezeichnete und lobenswerthe Arbeit des Caſpar Euſebius Thyrnau, mit vielen Rand⸗ bemerkungen des Fuͤrſten Lobkowitz verſehen. Aber ſie war auch zugleich das Concept einer Erwiderung an das franzoͤſiſche Kabinet, welche hinreichend andeutete, was ſie beantwortete, obwol ſich die Vorſchläge Frankreichs nicht vorfanden. Indem man den nicht genannten franzoͤſiſchen Prinzen als minorenn bezeichnete, verlangte man, die Vormundſchaft deſſelben aus boͤhmiſchen Gro⸗ ßen zu bilden, und hier ſtand wieder der Name Lacy, der Großvater des jetzigen, an der Spitze und auch Thyrnau's Name fehlte nicht. Dagegen ſchien man den Gedanken einer volligen Trennung von Oeſtreich nicht eigentlich zu beabſichtigen, und hieruͤber lag ein merk⸗ wurdiger Aufſatz bei, an deſſen Anwendbarkeit und moͤg⸗ licher Ausfuͤhrung Glauben faſſen zu koͤnnen, von dem Enthuſiasmus zeugte, der fuͤr die zu erreichende Idee dieſe Maͤnner an allen ihren Erfahrungen voruͤbergefuͤhrt hatte und ihnen entweder das Anſehn einer abſichtlichen Selbſttuſchung, oder einer durch leidenſchaftlichen Eifer 358 . bornirten Einſicht verlieh. Man wollte bei Oeſtreich in einer politiſchen Anhaͤngigkeit bleiben— deſſen Rechte gegen das Ausland vertreten helfen und dazu eine, alten Verpflichtungen entſprechende Heeresmacht ſtellen— man wollte eine jaͤhrliche Kontribution als einen Abtre⸗ tungstribut an Oeſtreich zahlen, der durch den geſamm⸗ ten Grundbeſitz Boͤhmens garantirt wurde— man wollte als Staatsgeſetz ewige Freundſchaft fuͤr das Haus Habsburg aufſtellen und nichts dafuͤr einhandeln, als die Freiheit, auf der Bahn der Civiliſat ion das Banner. fuͤr ganz Deutſchland voran tragen und der Einmi⸗ ſchung Oeſtreichs ſich entziehen zu duͤrfen, unter deſſen ſtarren Formen jeder neue Aufſchwung erliegen mußte! Dieſe letzteren Vorſchlaͤge hatten aber, wie zu er⸗ warten war, im franzoͤſiſchen Kabinette die Wuͤrdigung gefunden, welche allerdings die Kluft zeigte, die hier auszufuͤllen war, da von beiden Seiten ganz verſchie⸗ dene Zwecke beabſichtigt wurden. Hier trat in dem Berichte wieder eine Lucke ein, ⸗ welche vielleicht im Zuſammenhang ſtand mit der Un⸗ gnade des Fuͤrſten Lobkowitz; denn die Verlegenheiten Oeſtreichs, die durch den Aufſtand in Ungarn und den Einfall der Tuͤrken, wie durch die Belagerung Wiens erwuchſen, waren voruͤbergangen, ohne daß der Plan wieder aufgenommen worden waͤre. Boͤhmen that ſo⸗ * gar wichtige Dienſte und ſtellte bedeutende Maͤnner.— Vielleicht aber zog der Ausbruch der Peſt, der 100,000 Opfer koſtete, die Gedanken von dieſen Planen ab. Nach dem Ryßwicker Frieden waren die Unterhand⸗ lungen zuerſt wieder aufgenommen. Daß dieſe Beſitznahme Boͤhmens nur mit franzoͤſi⸗ ſchen Waffen erreicht werden konnte, war ein von bei⸗ den Seiten eingeſehenes Zugeſtaͤndniß, obwol eine be⸗ deutende Partei im Lande ſelbſt aufzuſtehn bereit war, um die zu gewinnenden Rechte zu behaupten. Dagegen dachte Frankreich an Nichts, als Oeſtreichs europaͤiſchen Einfluß durch dieſen Abfall Boͤhmens zu ſchwachen, franzoſiſche Truppen dort feſtzuſetzen, ſo Oeſtreich zu be⸗ drohen und mit dem leichteſten Erfolg zu beunruhigen, da die ferne ſpaniſche Succeſſionsfrage es hoͤchſt wichtig machte, die Anſpruͤche des Hauſes Habsburg durch eigne Verlegenheit in ihrer Wichtigkeit zu lahmen. Doch war auch hier die Unterhandlung abgebrochen, oder die Nothwendigkeit, alle Kraͤfte Frankreichs fur den ſpaniſchen Succeſſionskrieg zu vereinigen, verſchlang dies kleinere Intereſſe, welches man vielleicht nebenher zu erreichen hoffte. „Wenn es uns nun nicht befremden kann, meine Herrn,“ nahm hier Graf Bartenſtein ſelbſt das Wort— „daß Frankreichs Abſichten auf Bohmen trotz des Ryß⸗ 360 wicker Friedens dennoch wieder hervortreten, da wir Alle wiſſen, daß es zu den zahlloſen habſuͤchtigen Plaͤnen des Auslandes auf Boͤhmen jederzeit begierig die Hand botz ſo muß es doch unſere ſchmerzliche Aufmerkſamkeit wecken, wenn wir die Beweiſe vorfinden, daß in Boͤh⸗ men waͤhrend eines Zeitraumes von 82 Jahren der Heerd dieſer hochverraͤtheriſchen Verſchwoͤrung fortbe⸗ ſtand und daher ſeine Stellung zu den Kaiſerſtaaten ſtets eine ſchwierige und verdroſſene blieb, die ſich der Segnungen unwuͤrdig zeigte, welche die erhabenen Herrſcher des Hauſes Habsburg ihm angedeihen zu laſ⸗ ſen uͤberall bemuͤht waren. Wenn wir den Feind nach Außen bis jetzt immer richtig zu erkennen uns erleuchtet fuhlten, hat doch der Feind im Innern unſer großmuͤ⸗ thig wieder aufgelebtes Vertrauen ſo zu taͤuſchen ge⸗ wußt, daß es des geehrten Fuͤrſten von S. edelmuͤthiges Intereſſe fuͤr das erlauchte kaiſerliche Haus bedurfte, um uns mit großer Aufopferung ſeinerſeits auf die im Dunkeln ſchleichenden Umtriebe und Verbindungen zwi⸗ ſchen Boͤhmen und Frankreich aufmerkſam zu machen. Zur Anerkennung dieſes bedeutenden Dienſtes hat Ihre Majeſtaͤt zu befehlen geruht, daß jede Frage oder Hin⸗ weiſung— durch welche Wege oder Verhältniſſe Seine Durchlaucht zu dieſer Kenntniß gekommen, in ſo fern Sie ſelbſt ſich nicht geneigt zeigen, ſie anzufuͤhren, als 361 Ihrer Majeſtaͤt hinlaͤnglich bekannt— fuͤr unſtatthaft hiermit erklaͤrt werden, wobei zu bemerken, daß dieſe Seiner Durchlaucht zugeſtandene Freiheit der Verthei⸗ digung der Angeklagten keinen Nachtheil bringen ſoll, weil die hoͤchſte Gerechtigkeit bei allen Vorkommenhei⸗ ten wachen wird.“ „Seine Durchlaucht ſind nun mitzutheilen geneigt geweſen, daß Sie in dem erwaͤhnten Inſtitute des Euſe⸗ bius Thyrnau ſich vom ſiebzehnten bis zum zwanzigſten Jahre waͤhrend der Wintermonate aufhielten und dort den Studien der Staatswiſſenſchaft, der alten Klaſſiker und der neuen franzoͤſiſchen Literatur oblagen. Seine Durchlaucht ſchloſſen in dieſer Zeit Freundſchaft mit dem einzigen Sohne des ſchon bejahrten Euſebius Thyr⸗ nau— mit dem anweſenden Thomas Thyrnau— wel⸗ cher damals ſieben und zwanzig Jahre alt, ein Mitarbei⸗ ter des Vaters war, und ſowol durch Collegia im Inſti⸗ tute ſelbſt, wie durch eine bedeutende Advokatur ſchon einen anerkannten Ruf genoß. Mit ihm befanden ſich noch zwei Prinzen dort, der Erbprinz von D. und der Erbprinz von Z., ſehr viele Soͤhne der bedeutendſten Familien Boͤhmens, darunter der Graf von Lacy, der Oheim des Angeklagten, mehrere ungariſche Edle, einige Deutſche, kein einziger Oeſtreicher! Obwohl dies Inſti⸗ tut ſeit der Verbannung des beruͤhmten Fuͤrſten Lobko⸗ 362 witz in ihm ſeinen unmittelbaren Beſchuͤtzer verloren, hatte es ſich doch faſt in gleicher Bedeutendheit erhalten, und alle Verſuche der Jeſuiten, daſſelbe zu verdaͤchtigen und zu ſtuͤrzen, waren diesmal an Kaiſer Leopold und an ſeines Sohnes und Nachfolgers Willen geſcheitert. Seine Durchlaucht erwaͤhnen dieſer erwieſenen Thatſache als einer Merkwuͤrdigkeit und fuͤhren das daruͤber um⸗ gehende Geruͤcht an:„Es habe naͤmlich in dem groß⸗ muͤthigen Herzen Kaiſer Leopolds ſtets fuͤr den verbann⸗ ten Fuͤrſten Lobkowitz eine Stimme geſprochen, und als die gepflogenen Unterſuchungen nichts ergeben wollten, habe ſich der Wunſch gezeigt, den Verbannten zu begna⸗ digen. Solches habe jedoch vielen Widerſtand gefun⸗ den; Kaiſers Majeſtaͤt habe aber auf eine Anſprache des verbannten Fuͤrſten gewartet und ſo mit vielem Ver⸗ gnuͤgen ein ihm heimlich zugegangenes Briefchen deſſel⸗ ben empfangen. Dieſes habe aber nichts enthalten, als die dringende Bitte, das Inſtitut des Euſebius Thyrnau zu ſchuͤtzen und es beſtehn zu laſſen gegen alle dawider erhobenen Einwaͤnde, und habe es als die ſegensreichſte Schoͤpfung des Herren Fuͤrſten— und Thyrnau— als ſeinen wuͤrdigſten Vertreter geſchildert.“ „Von da an ſollen Seine Majeſtaͤt jeden Nachtheil davon abzuwenden bemuͤht geweſen ſein, und Thyrnau ein Handbillet beſeſſen haben, welches ihm im dringen⸗ den Falle bei der Majeſtaͤt ſelbſt Schutz zu ſuchen geſtat⸗ tete, und als Kaiſer Leopold die Regierung in die Haͤnde Joſephs ſeines Erſtgebornen legte, empfahl er ihm dies Inſtitut, und auch Kaiſer Joſeph ſchuͤtzte es waͤhrend ſeiner ſechsjaͤhrigen Regierung.“ „Seine Durchlaucht waren außerdem am genauſten mit dem Erbgrafen von Lacy befreundet, welcher an Alter dem Fuͤrſten näher ſtand als Thomas Thyrnau, und ſie wurden bald in das Vertrauen gezogen, welches ihm einen beſtimmten Plan aufdeckte, zu deſſen Ver⸗ wirklichung die jungen Maͤnner hier herangebildet wer⸗ den ſollten. Boͤhmen trachtete ſtets nach Wiedererlan⸗ gung ſeiner alten Vorrechte und Inſtitutionen, vor⸗ nehmlich nach Gewiſſensfreiheit, und ſein Adel wollte Anſpruͤche machen, die mit der Oberhoheit Oeſtreichs nicht verträglich waren. Koͤnigswahl und Selbſtbewaff⸗ nung konnten Boͤhmen nicht mehr zuſtehn, blieben aber immer noch das heimliche Streben der Adligen. Um das Volk fur dieſe Plaͤne zu gewinnen, wurde es uͤber ſeine eigene Lage aufgeregt und empfing Zuſagen uͤber zu machende Bewilligungen, die aber immer erſt in den wieder zu erlangenden alten Vorrechten ihre Erledigung finden konnten. Die Erziehungsweiſe in dem oft an⸗ gedeuteten Inſtitut ging nun darauf hin, die jungen Boͤhmen vorzuͤglich mit den Zuſtänden bekannt zu ma⸗ 364 chen, die zur Zeit ehemaliger Selbſtſtaͤndigkeit dem Lande Vorzuͤge gewaͤhrten. Und man beſchraͤnkte ſich nicht auf dieſe gefaͤhrliche Lehre, ſondern man ſuchte ihr noch eine ſogenannte Ausbildung zu geben, indem man ihr ein neues Bauernrecht anhing, nach welchem dieſem Stande eine faſt buͤrgerliche Freiheit zugeſprochen wurde, und Jeder zu einem freien Manne auf ſeiner Scholle erhoben werden ſollte. Frankreich nun, welches, ſtets feindlich gegen Oeſtreich geſonnen, jede Bewegung Boͤh⸗ mens uͤberwachte, was ſchon oͤfter ſo bereitwillig zum Verrath die Hand geboten, hatte bald die beiden Thyr⸗ nau's, wie die bedeutendſten der fuͤr Neuerungen gewon⸗ nenen jungen Edelleute ins Auge gefaßt, und abermals ſchlichen ſich Agenten Koͤnig Ludwigs XIV. in den Kern dieſer Laͤnder ein, um ihnen Schutz und Hilfe gegen ihren rechtmaͤßigen Landesherren anzubieten und den Krieg, den der Raſtadter Frieden im Jahre 1713 been⸗ digt, jetzt im Geheimen gegen den immer beneideten Nachbarſtaat fortzuſetzen.“ „Wir ſehen aus den Mittheilungen Seiner Durch⸗ laucht, daß der Tod des Herrn Euſebius Thyrnau, der einſt der Unterhaͤndler war, keinen Unterſchied fur die Betreibung dieſer Plaͤne machte; denn derſelbe Geiſt lebte in dem Sohne fort. Es zeigt ſich, daß ihm von den jungen Maͤnnern des Inſtituts, wie von deren Familien, ein grenzenloſes Vertrauen und eine blinde Anhaͤnglich⸗ keit gezollt ward. Ihm ſtand eine Macht uͤber die Ge⸗ muͤther zu, die ſelbſt die furſtlichen Juͤnglinge, welche unter ſeinem Einfluße lebten, nicht unbetheiligt ließ, und Alle verpflichteten ſich mit hohen Eiden: Boͤhmen zur Wiedererlangung ſeiner beabſichtigten Rechte behilf⸗ lich werden zu wollen, und zwar mit allen Mitteln, die ihnen fruͤher oder ſpaͤter zu Gebote ſtehen wuͤrden. Kei⸗ ner war jedoch, naͤchſt Thyrnau ſelbſt, thaͤtiger dabei geweſen als deſſen Freund, Graf Joſeph Lacy, der Oheim des hier anweſenden Grafen ſelbigen Namens.“ „Er hatte ſich zu verſchiedenen Malen ſelbſt nach Frankreich begeben, und nur der fruͤhe Tod Farls, Herzogs von Berry, den man als Koͤnig von Boͤhmen proklamiren wollte, verſchob den vorbereiteten Aufſtand. Bald darauf finden ſich aus den letzten Lebensjahren Ludwigs XIV. neue Vorſchlaͤge, und hier wird zuerſt der naturliche Sohn Ludwigs XIV., Ludwig Auguſt von Bourbon, Herzog von Maine, genannt. Das aber⸗ malige Wuͤthen der Peſt in Boͤhmen, ſo wie der Tod des Koͤnigs von Frankreich und die bis zum Jahre 1723 dauernde Regentſchaft bis zur Thronbeſteigung Lud⸗ wigs XV. ſcheint die ganze Angelegenheit zur Ruhe verwieſen zu haben.“ „Wir haben bis hierher die hochverraͤtheriſchen Plaͤne 366 unter den vorangegangenen Regierungen beleuchtet, welche als Vorbereitung der Beſchuldigungen dienen, die wir jetzt hervorzuheben haben, da dieſe uns einen traurigen Beleg geben, daß die aufruͤhreriſchen Ideen in Boͤhmen von denſelben Perſonen genaͤhrt, fortdauer⸗ ten und bis zur neuſten Zeit und bei anſcheinend annaͤ⸗ hernden Schritten der Verſoͤhnung gegen unſere erhabene Kaiſerin dort in der Stille eine fortlaufende Unter⸗ ſtuͤtzung fanden.“ Es zeigt ſich hier zuerſt, daß Stephan, Graf von Lacy, der einzige zwanzigjährige Sohn des fruͤher bei der⸗ ſelben Verſchwoͤrung ſchon bezeichneten Grafen von Lacy Wratislaw, des Freundes von Thomas Thyrnau, im Jahr 1741 uͤber Italien nach Frankreich ging und in dieſer ſchweren Zeit, wo unſere erhabene Herrſcherin von allen ihren Unterthanen die hingebendſte Unterſtuͤtzung erfuhr, wo Frankreich auf das Treuloſeſte die Garan⸗ tie fur die pragmatiſche Sanktion brach und ſich mit den Feinden der erhabenen Habsburgiſchen Dynaſtie verband, um Oeſtreich zu zerſtuͤckeln, zu berauben— daß dieſer Juͤngling, ſage ich, zur ſelben Zeit die alten Intriguen im Lande des Feindes aufnahm und in noch ausgedehnte⸗ rem Maaße als fruͤher, die emporendſten hochverrtheri⸗ ſchen Anknuͤpfungen begann. Hier liegen die allertrau⸗ rigſten Belege vor uns. Obwol der Name des anver⸗ ——. wandten Prinzen, der nun zu Boͤhmens Koͤnigsthron Begehr zeigte, nirgends genannt iſt, ſo wird dies un⸗ weſentlich, wenn wir dagegen die Schmach vernehmen, daß dieſer Prinz trotz dem, daß Boͤhmen ſchon von fran⸗ zoͤſiſchen Truppen beſetzt war, dennoch ein eignes Trup⸗ pencorps mit boͤhmiſchem Gelde anwirbt, an deſſen Spitze er wie ein Gluͤcksritter, das von jeder Kriegsdrangſal zerriſſene Boͤhmen in Beſitz nehmen wollte, und dazu die ungeheuerſten Summen durch die Haͤnde dieſes juͤn⸗ gern Lach aus Boͤhmen geliefert bekam. Wahrſchein⸗ lich zeigte ſich jedoch der juͤngere Agent hierzu nicht thaͤ⸗ tig genug, und wir ſehen bei ſeiner Abreiſe nun den al⸗ ten Feind der Ordnung und des Rechts, dieſen Anhaͤn⸗ ger all der heimtuͤckiſchen franzoͤſiſchen Plaͤne, dieſen Thomas Thyrnau auf's Neue auftreten und dieſen jun⸗ gen Lacy durch einen fruͤhen Tod der verbrecheriſchen Laufbahn entzogen werden. Zu ſeiner ſtrengeren Beob⸗ achtung ſtellte ſich der Fuͤrſt von S. zur ſelben Zeit in Paris ein. Der Advokat Thyrnau fand Zutritt bei Madame de Pompadour, und durch ſie wußte er auf die Geſinnungen Ludwigs XV. einzuwirken und behielt freie Hand zu jeglicher Dispoſition. Er blieb einige Jahre in Paris, und es iſt der Feigheit des boͤſen Gewiſſens zuzurechnen, daß dennoch nach ſo vielen Opfern und Anſtrengungen der Schlag nicht geſchah, der bei der 368 bedraͤngten Lage des Landes ein nur zu ſicheres Gelin⸗ gen hatte vermuthen laſſen.“ „Auch dieſer Thyrnau kehrte noch vor dem Aachner Frieden zuruͤck, und die letzte Beruͤhrung, die uns das immer noch dauernde Fortbeſtehn der habſuͤchtigen fran⸗ zoͤſiſchen Pläne verbuͤrgt, ſind die Beweiſe, daß zur Zeit der Anweſenheit des Herrn Grafen von Kaunitz als Ge⸗ ſandter in Paris, der in ſeinem Gefolge ſich befindende Graf Lacy Wratislaw, der Vetter des damals ſchon ver⸗ ſtorbenen letzten Unterhaͤndlers, wieder eine bedeutende Zahlung an ein dortiges Handlungshaus machte, wel⸗ ches fuͤr Rechnung des Prinzen, deſſen Name nicht ge⸗ nannt iſt, daruͤber quittirte. Fuͤnf Jahr ſpaͤter empfing daſſelbe Haus noch einmal von dieſem Thyrnau eine Zahlung zu gleichen Zwecken, und Seine Durchlaucht halten ſich uͤberzeugt, daß der Advokat Thomas Thyrnau ſowol wie der hier gegenwaͤrtige Graf von Lacy noch in dieſem Augenblick Traͤger und Unterhaͤndler des immer fortbeſtehenden hochverraͤtheriſchen Komplotts ſind, wel⸗ ches Frankreich, unbehindert des Friedens und einiger in der letzten Zeit aͤußerlich annaͤhernd erſcheinenden Schritte, dennoch fortzufuͤhren keine Scheu getra⸗ gen hat.“ Der Graf von Bartenſtein endigte hiermit den muͤndlichen Vortrag; die Angeklagten wurden vorgeru⸗ 360 fen und man ſtellte ihnen folgende Fragen: Ob ſie die mit angehoͤrte Anklage, in ſo fern ſie ſich auf ſie bezöge, fur richtig anerkennten— ob ſie einen gerichtlichen Vertheidiger ihrer Rechte begehrten— und wie viel Zeit ſie zu ihrer Vorbereitung beduͤrfen wuͤrden. Der Graf von Lach, dem wegen ſeines Ranges die erſte Antwort zuſtand, entgegnete darauf:—„Bei der Stellung der Anklage ſcheint mir von ſelbſt hervorzuge⸗ hen, daß meinem hochwuͤrdigen Freunde Thomas Thyr⸗ nau das Recht zuſteht, zuerſt ſeine Erklaͤrung abzuge⸗ ben. Sehr wahrſcheinlich wird Alles hierin mit begrif⸗ fen ſein, was ich zum Erweis meiner gaͤnzlichen Unſchuld noͤthig haben werde, und es wird dann leicht ſein, mei⸗ nerſeits das hinzuzufuͤgen, was dieſe Behauptung voll⸗ ſtaͤndig rechtfertigen wird. Ich erkläͤre demgemaͤß fuͤr meine Perſon die vernommene Anklage auf Mitwiſſen⸗ ſchaft eines hochverraͤtheriſchen Planes fuͤr gaͤnzlich grundlos— ich fordere zur Darlegung dieſer Behaup⸗ tung keinen gerichtlichen Vertheidiger und wuͤnſche kei⸗ nen Aufſchub meiner Erwiderungen, als den, welchen mein hochwuͤrdiger Freund Thomas Thyrnau zu ſeiner bei weitem ſchwierigeren Vertheidigung fur nothig hal⸗ ten wird.“ Als dieſe Erklärung zu Protokoll genommen und von Lacy unterzeichnet war, trat er zuruͤck, und Tho⸗ 24 Thomas Thyrnau 1I. 3te Aufl. mas Thyrnau ward zur Beantwortung der drei Fragen aufgefordert. Alle die, welche die Gerichtstafel umgaben, durch⸗ bohrten mit ihren Augen den Mann, deſſen gefaͤhrliche Richtung ſeit einem Menſchenleben eben dargethan wor⸗ den war, und Jeder ſuchte mit ſeiner Erfahrung und Menſchenkenntniß die Ausbeute auf ſeinem Geſichte zu machen, die nach ſo harten Anſchuldigungen vielleicht verrathen moͤchte, welche Beſtaͤtigung man zu erwarten habe. Aber als der Angeklagte bis zur Tafel vortrat, ſchien Alle ihre Vorausſicht zu verlaſſen— ſie verſtan⸗ den ihn Alle nicht. Die kraͤftige und edle Geſtalt war von der tiefſten Ruhe durchdrungen und gehoben, und die vorzuͤglich ſchoͤne Stirn, deren antike Furchen ihr den Ausdruck hoher geiſtiger Kraft gaben, leuchtete in mehr als Ruhe — man haͤtte es Heiterkeit nennen koͤnnen! Dagegen war die Bläſſe des Geſichts ungewoͤhnlich und Mund und Augen wehmuͤthig und ernſt. „Es iſt mir nicht vergoͤnnt,“ hub er mit feſter Stimme an—„wie mein junger Freund mit wenigen Worten alle die Fragen zu eroͤrtern, die das hohe Ge⸗ richt uns zur Beantwortung zugeſteht. Die Anklage abzuweiſen, bin ich nicht im Stande— ich erwartete ſie Zeit meines Lebens. Ich werde Aufſchluß geben uͤber 371 alles hier vorgekommene, dann wird ſich die Frage— ſchuldig oder unſchuldig— von ſelbſt beantwortet finden. Wollte ich mich vertheidigen, duͤrfte ich vielleicht mit eini⸗ gem Selbſtvertrauen glauben, ich waͤre mir dazu genug — ich will mich aber nicht vertheidigen, von Nie⸗ mand vertheidigt ſein! Aufſchub bedarf ich nicht; die Wahrheit, die ich ſagen will, iſt meinem Ge⸗ daͤchtniß nicht entzogen und ſie erfordert keine Vor⸗ bereitung— ich danke daher meinem jungen Freunde fuͤr das mir zugeſtandene von ſich abgelehnte Recht der Verzoͤgerung, und da ich ſehr wol uͤberſehe, daß eine baldige Beendigung der ganzen Sache dem ho⸗ hen Gerichte wichtig ſein muß, bitte ich den naͤch⸗ ſten Termin anzuſetzen.“ Nachdem auch dieſe Erklaͤrung zu Protokoll ge⸗ nommen und unterzeichnet war, trat Thomas Thyrnau zuruͤck und die Herrn der Tafel beriethen eine kurze Zeit, worauf die Vertheidigung fuͤr den andern Tag feſtgeſetzt ward und Alle Anweſende das Gerichtszimmer verließen. Die Miniſter begaben ſich nach Beendigung die⸗ ſer Konferenz zur Kaiſerin; ſie hoͤrte ihren Vortrag mit ſtrenger Zuruͤckhaltung an und nur, als man ihr die Protokolle, welche die Entgegnung der Angeklagten enthielten, vorlegte, griff ſie mit einiger Haſt ſelber 24* . danach und durchlief mit Blitzesſchnelle die abgegebenen Antworten. „Wir werden ſehn! wir werden ſehn!“ rief ſie dann und wies ein paar Mal auf Thyrnau's Antwort, die ſie zuerſt geleſen—„hier iſt eingeſtandene Schuld und doch eine hochmuͤthige Sicherheit, die unſer Miß⸗ fallen erregt. Wir befehlen, daß das Verhoͤr nach dem Staatsrathe, dem deshalb keine Aufmerkſamkeit entzo⸗ gen werden darf, ſeinen Anfang habe, und werden Ge⸗ legenheit nehmen, uns morgen noch naͤher daruͤber zu erklaͤren. Bis dahin erlauben wir, daß, da der Graf von Laey ſich ſeines Vorrechts begeben, der Advokat Tho⸗ mas Thyrnau mit ſeinen Geſtaͤndniſſen den Anfang machen darf.“ Und an dieſem Tage bekam kein Menſch mehr ein gutiges Wort und die Herren zogen ſich zuruͤck. Lach wurde nach dieſem erſten Verhoͤr in den Pa⸗ laſt Morani zuruͤckgebracht und von ſeiner Gemahlin mit der tiefen Bewegung empfangen, von der ſie nicht verlaſſen ward, ſeit ſie das Lebensgluck des heißgelieb⸗ ten Mannes bedroht ſah. Aber ſie kannte Alles, was ihn ſchmerzen oder um ſie beunruhigen konnte, und wußte ihm das Vertrauen zu erleichtern, das ſie immer 373 mit ruhiger Haltung entgegen nahm; und ſo durfte er ihr jede ihr im Stillen vielleicht druͤckend werdende Sorge mittheilen. „Ach,“ ſagte Lacy—„theure Claudia— wie tief habe ich heute die ſchmerzliche Lage Thyrnau's erkannt! Jetzt— jetzt, wo das Alter ſeine Locken gebleicht und die Plaͤne einer feurigen Jugend hinter ihm liegen— jetzt muß er von ihnen Rechenſchaft geben und iſt der Einzige geworden, auf den die Strafe fallen wird— und Alle, die mit ihm die Verantwortung tragen ſoll⸗ ten, ſind dahin gegangen, wo dieſe irdiſche Gerechtig⸗ keit ſie nicht mehr erreichen wird!“ Er hoͤrte hinter ſich einen tiefen Seufzer und blickte erſchrocken um, denn ſeine truͤben Gedanken hatten ihn Claudia's Haͤndedruck, womit ſie ihn auf Magda's An⸗ naͤherung hatte aufmerkſam machen wollen, mißver⸗ ſtehen laſſen. „Magda!“ ſagte er und erſchrak vor ihrem Anblick —„Gott erhaͤlt den Großvater bei ſeiner vollen Gei⸗ ſtes- und Koͤrperkraft!“ „Das konnte ich denken!“ entgegnete ſie ruhig und glitt leiſe um ſeinen Stuhl herum.„Sagen Sie mir jetzt, wie er ſprach— was Sie zu ihm ſagten— und was er mir ſagen laͤßt.“ Sie ſetzte ſich auf einen niedrigen Stuhl vor Lach 374 und Claudia hin und faltete die Haͤnde um ihre Knie, waͤhrend ihr Kopf ſchwermuͤthig auf die Bruſt ſank. Magda feſſelte das Auge— Lach betrachtete ſie— ſie war ſo wunderbar ſchoͤn! Nach der Krankheit war ſie gewachſen;— Claudia hatte andere Kleider beſorgtz mit weiſer Umſicht hatte ſie dem jungen Maͤdchen, das ſie in Allem gewähren ließ, aus den beiden Widerſpruͤ⸗ chen ihrer Toilette heraus geholfen. Sie war jetzt we⸗ der puritaniſch gekleidet noch ſo reizend phantaſtiſch wie der Großvater es gewuͤnſcht. Sie hatte lange Kleider von ſchwarzem Seidenſtoff bekommen mit der uͤbli⸗ chen Miedertaille, daruͤber das ſauber gefaltete Tuch, welches doch die wunderſchoͤne Schwanenwoͤlbung von Hals und Nacken zeigte— ſie hatte das Alles gehorſam und mit der Gleichguͤltigkeit des Kummers angelegt; nur von ihrem Haar wies ſie immer mit derſelben un⸗ widerſtehlichen Handbewegung jeden Verſuch zuruͤck, es zu der herrſchenden Mode umzugeſtalten. Daher trug ſie, jeden Schmuck zuruͤcklegend, um das glaͤnzend ge⸗ flochtene dunkelbraune Haar ein einfaches Kaͤppchen von ſchwarzem Sammt, deſſen Raͤnder mit der dazu gehoͤ⸗ rigen goldenen Treſſe beſetzt waren; drunter hingen die breiten Flechten um die ſchoͤnen eirunden Wangen und beruͤhrten den Hals, ehe ſie in den Knoten verſchlungen waren, der das Hinterhaar hielt. Denn Magda hatte — keine Gedanken mehr, die zierlichen Schnecken, die ſie ſonſt in heitern Tagen mit goldenen Nadeln an ihren Ohren drehte, zu bauen— er, der ſeine Luſt daran hatte und die ſchoͤnſten Perlen und Steine dazu ver⸗ wandte— er ſah es ja nicht mehr— was ſollte es ihr da? Aber ſie wußte nicht, daß Alles nur da ſchien, ihre Schoͤnheit zu erhoͤhen— denn die Krankheit und der Schmerz hatten dieſe Knospe erbrochen, und wenn ihr noch die Farbe fehlte, ſo glich ſie grade ſo noch mehr dem erſten Entfalten der Blume und ihr liebliches An⸗ geſicht, auf dem ein Spiel ihrer tiefen Empfindung immer neue Erſcheinungen hervorrief, war wie ein Netz, worin ſich die Blicke fingen, und aus dem kaum loszukommen war. „Magda,“ ſagte Lacy—„der Vater ſcheint ge⸗ troſt, daß Du bei uns biſt— Dein Name war ſein erſtes Wort— dann ſagte er mir: Behuͤte ſie!“ „Und begehrte er nicht nach mir, hat er mich nicht gerufen— koͤnnen wir denn in ſo großem Schmerz von einander bleiben?“ fragte ſie weiter, immer ihre Stel⸗ lung behaltend.— „Er wuͤnſcht ſich ungeſtoͤrte Ruhe, bis das mor⸗ gende Verhoͤr voruber iſt— er ſammelt ſich dazu und ſagte mir dies beim Abſchied, gewiß, daß ich Dich da⸗ mit troͤſten ſolle.“ 2 3 1 „Glauben Sie ihm nicht,“ ſagte Magda jetzt und loͤſte die Haͤnde los und blickte ihn lebhaft an—„das haben Sie mißverſtanden— oder es war ihm nicht Ernſt! Ich ſtoͤrte ihn nie, wie ich auch juͤnger war — das war immer daſſelbe— ich hatte ſtill ſein ge⸗ lernt und ihm war wohler, wenn ich vor ihm ſaß und er immer und immer wieder mein weiches Haar ſtrich. Und jetzt,“ fuhr ſie fort—„jetzt vollends! Kurz vor⸗ her, als ſie ihn fortfuͤhrten, da haben wir es uns feſt gelobt, uns nie zu trennen— nichts mehr auf der ganzen Welt zu wollen, als bei einander zu bleiben bis zum Tode— alſo wo bliebe das, wenn er nun ſchon lieber allein ſein wollte?“ Sie war aufgeſtanden und hatte einen ſo energiſchen Ernſt in ihrem Weſen ausge⸗ druͤckt, daß Lacy und Claudia mit Wehmuth die Blicke wechſelten. „Ich glaube Dir gern,“ ſagte Lach ſanft—„aber es giebt ein Geſetz, welches verbietet, daß der Ange⸗ klagte mit denen in Verbindung trete, die ihm ange⸗ hoͤren; dieſem iſt auch der Großvater unterworfen, und es hat Dauer, bis das Gericht entſcheidet, ob der An⸗ geklagte loszuſprechen iſt oder nicht.“ „Ach,“ erwiderte Magda und ſetzte ſich kummer⸗ voll wieder—„das iſt ein traurig Geſetz— und da ich doch die Kaiſerin ſprechen muß, ſo will ich ſie bitten, 377 daß ſie das unnaturliche Geſetz aufhebt— aber nicht allein fuͤr mich, ſondern fuͤr alle Andern auch!— Wenn man ungluͤcklich wird, was giebt es da fur irdi⸗ ſchen Troſt, als daß uns noch Jemand lieb hat— und wie das wol kommt, daß ein großer gewaltiger Schmerz uns das Gebet erſtarren laͤßt in der Bruſt— nichtdaß es nicht da waͤre, aber daß es nicht wirken kann, weil es eine Art Tod iſt, wenn das Ungluͤck ſehr groß iſt— was hat da Gewalt, als ein Auge, das alte Liebesmacht uͤber uns hat?— Haſt Du wol geſehn, wenn ein klei⸗ nes Kind weint— ſo bitterlich und troſtlos— aber nun kommt die Mutter und faßt es, und blickt es an, und da lacht es ſo ſchnell, daß ihm die Thraͤnen noch uͤber das Lacheln fließen— das iſt Alles, weil die Menſchen ſo maͤchtig ſind durch ihre Liebe zu einander! Gott will das auch— er wirkt es in jedem Menſchen, daß er durch die Liebe den Beduͤrftigen gebe—“ Claudia faßte ſanft weinend die niederhaͤngende Hand des armen Kindes— die ihr blutendes Innere denen zeigte, die ſich ſelbſt der erſten Wunden ſchuldig hielten. Magda ruckte naͤher und legte beide Arme auf Claudia's Schooß.—„Ach, Claudia! ſolche rettende Augen hat der Großvater— wenn Alles weh' thut, woran wir ſonſt gerne dachten— wenn die Erinnerung erſtarrt iſt an das ganze Leben— an Gott ſelbſt— 378 dann ſehen ſolche Augen ſo lange hin, bis Waͤrme wiederkehrt— und ſie erwecken vom Tode— ſie haben Auferſtehungskraft! Und das Alles thut blos die Liebe; alſo kann ich es auch— ich kann es ihm thun wie er mir— und alle Menſchen koͤnnen es unter einander — und darum iſt es ach! wie ſo ſehr grauſam, daß es ein Geſetz giebt, was die trennt bei tiefer Noth, die ſich lieben.“ Lacy ſtand hier raſch auf und eilte in den Gar⸗ ten hinein. „Holde Schwaͤrmerin,“ ſagte Claudia—„ich wollte, die Kaiſerin hoͤrte Dich— ſie hoͤbe das Geſetz ſicherlich auf— doch wenigſtens fuͤr Dich!“ „Morgen gehe ich nach dem Profeßhauſe der Jeſui⸗ ten,“ entgegnete Magda—„und werde ſie dort erwar⸗ ten. Georg Prey hat es erzaͤhlt— an Hedwiga, daß ſie jaͤhrlich am zwanzigſten September dorthin kommt und an dem Marianiſchen Mutter Gottesbild der An⸗ dacht beiwohnt. Da nimmt ſie viel Bittſchriften an und ſpricht ſelbſt mit denen, die ſie anreden!“ „Aber, Magda,“ fragte Lacy, der indeſſen wieder naͤher gekommen war—„biſt Du auch auf die Moͤg⸗ lichkeit gefaßt, daß ſis es Dir abſchläͤgt?“ „Nein,“ ſagte Magda—„darauf bin ich gar nicht gefaßt, denn ſie darf es nicht thun, und ſie wird es nicht thun— ich fuͤrchte mich gar nicht vor 379 ihr— und werde ſie ſo lange bitten, bis ſie ein⸗ willigt!“ „und Claudia wuͤrde ſo gern mit Dir gehn,“ fuhr Lach fort—„ſie iſt ja nicht an dieſe Mauern gefeſſelt wie ich. Wer— wenn ich frei wäre— duͤrfte Dich ſonſt fuͤhren und ſchuͤtzen als ich— Dein Bruder— Dein nachſter Freund!“ Magda ſeufzte tief auf— ſenkte den Kopf in Clau⸗ dia's Schooß und antwortete nicht. „Willige ein, meine geliebte Magda“— ſagte Claudia ſanft—„nimm mich mit— es wird Dir vielleicht Vortheil bringen, denn ich kenne die Kaiſerin.“ Einen Augenblick ſchwieg Magda noch— dann richtete ſie das milde Schmerzensantlitz zu Claudia auf und ſchuͤttelte den Kopf.—„Verzeih, wenn ich Dir widerſpreche, wo ich ſo unerfahren ſein muß gegen Dich. Aber ich kann der Erkenntniß nicht widerſtreben, die mir irgendwoher koͤmmt— und die will, ich ſoll es allein thun! Wenn die Kaiſerin Dich ſieht, wird ſie weg zu kommen ſuchen, weil ſie weiß, in welchem Intereſſe Du ſein mußt— aber ein ſo junges Maͤdchen, die blos ihren Großvater ſehen will— das kommt ihr wol leicht vor und ſie ſteht mir Rede— ich darf auch— glaube ich— laͤnger bitten wie Du.“ „Magda hat Recht!“ ſagte Lacy—„aus ihrem 380 reinen Herzen fließt die Weisheit, die unſere Erfahrung uͤberholt— ſie muß handeln, wie der innere Sinn ſie treibt.“ „So ſoll wenigſtens Georg Prey Dich uͤberwachen, Du theures Kind,“ ſagte Claudia, ſie zaͤrtlich an ſich druckend. „Und weißt Du denn,“ fluͤſterte Magda leiſe— „wie noͤthig Du noch ſelbſt die Anſprache der Kaiſerin haſt?“— Die Frauen druͤckten ſich feſt aneinander und jetzt weinten Beide, und Lacy enteilte mit ſeinem tief angegriffenen Herzen. Am ein und zwanzigſten September brach ein Mor⸗ gen an— ſo gluͤhend roth, ſo uͤberfullt von reichem perlenden Thau, ſo tief ſtill, ſo mooſig duftend nach dem Laube, was ſchon von fruͤh entblaͤtterten Baͤumen auf der noch belebten Erde zwiſchen den Kraͤutern und dem Graſe unverwelkt blieb. Die Nebel, welche nie⸗ derfallend die Erde ſo koͤſtlich erfriſcht, hingen noch in ihrem letzten Flor um die Ferne und riefen jene wun⸗ derbare Farbenpracht hervor, deren ſcharfe Kontraſte von Blau und Roth und Violet und dem dazwiſchen ſo viel markiger erſcheinenden Gruͤn der Baͤume und Raſen nur die Natur in Harmonie zu bringen vermag, und die keine Leinwand, kein Pinſel uns wiedergeben kann. So fruͤh noch war es, daß das Leben in der großen — Stadt nicht erwacht war und die Straßen den Frieden zeigten, der einer ſchoͤnen ſtillen Nacht folgt, welche noch uber dieſe erſten Stunden ihre Erquickung ausge⸗ breitet hat. Aber die Kaiſerin war ſchon, aller Pflich⸗ ten dieſes Tages gedenkend, in voller Kleidung bereit nach dem Profeßhauſe der Jeſuiten zu fahren, um die jaͤhrliche Andacht vor dem Marianiſchen Gnadenbilde nicht uͤber die ſpäteren Pflichten ihres erhabenen Beru⸗ fes verſaͤumen zu muͤſſen. Von dem hohen Beſuche unterrichtet, empfing die Geiſtlichkeit ſie in Prozeſſion an der großen, nur fuͤr ſie ſich oͤffnenden Pforte, und ſie war in ſolchen Augenblicken nur die demuͤthige Unterthanin eines hoͤheren Reiches. Das Portal der beruͤhmten Jeſuiterkirche glaͤnzte in den Strahlen der Morgenſonne, welche die vier uͤber einander ſich tragenden Saͤulenſtellungen prachtvoll her⸗ vorhob und zwiſchen deren ſtolz empor ſtrebendem Bau ſich in der Mitte der unterſten Saͤulenſtellung von ko⸗ rinthiſcher Ordnung die faſt mit uͤberladenem Prunk ausgeſtattete Eingangspforte der Kirche zeigte. Die Kaiſerin machte nur ſelten von ihrem Vorrecht Ge⸗ brauch, vor dieſer Kirchenpforte vorfahren zu koͤnnen. Sie ſtieg in der Regel in ihrer demuͤthigen Weiſe vor dem Gitter aus, welches die Kirchenbeſitzungen gegen die Straße abzweigte, und ging zu Fuß den gepflaſter⸗ 382 ten Weg, der mit einer ſteinernen Einfaſſung, auf wel⸗ cher Heil'gen⸗Statuen ſtanden, bis zum Eingang der Kirche fuͤhrte. An dieſem Morgen, den wir eben be⸗ zeichnet haben, blieb die Kaiſerin, nachdem ſie den Wa⸗ gen verlaſſen, einen Augenblick ſtehn und genoß die Anſicht des ſtolzen Bau's, deſſen Fagade die aufſtei⸗ gende Sonne mit einem duͤſtern Purpurlicht magiſch faͤrbte, waͤhrend die ſchlanken herrlich und kunſtreich ge⸗ bauten Thuͤrme in dem blauen Morgenduft ſchwebten, und das ſanfte melodiſche Spiel der Glocken ſich weithin verbreitete.— Im prachtvollſten Schmuck der Kirche erglaͤnzte in dieſer wahrhaft zauberiſchen Beleuchtung die an der Schwelle aufgeſtellte Prieſterſchaar; uber Alle hinaus das goldene Kreuz, um das ſich die blauen Woͤlkchen der Rauchbecken ſchlaͤngelten. Auf beiden Seiten des Weges knieten Arme, Kranke, Blinde und Lahme, und murmelten Gebete und fluͤſterten Segens⸗ wuͤnſche auf Maria Thereſia herab, denn Alle wußten, daß ſie nach Beendigung der Meſſe Almoſen und Gna⸗ den von ihr zu erwarten hatten. Langſam ſchritt die große Frau auf ihrem Wege vor, und ihr Auge ſchien die Ungluͤcklichen um ihre Leiden zu befragen und ſie machte auf dieſem Gange die Wunder wieder lebendig, die eine noch nicht ferne Vergangenheit durch Heilkraft des Blickes oder der Handauflegung der hohen Hert⸗ ſcherin zugeſtand. Neben der letzten Statue ward der Kaiſerin Auge durch ein junges Madchen gefeſſelt, die dicht neben den Prieſtern etwas von dem großen Haufen getrennt kniete. Als die Kaiſerin ſich nahte, ſtand ſie auf, und Maria Thereſia erſtaunte uͤber ihre Schoͤnheit und den wunderbar erhabenen Ausdruck dieſes Geſichts. Sicher, daß ſie ihr etwas zu ſagen haben werde, hielt ſie einen Augenblick an und ihr großes Auge ruhte auf⸗ fordernd auf ihr— doch ein Prieſter druͤckte das Maͤd⸗ chen leiſe nieder, denn Alle wußten, daß die Kaiſerin nicht gern vor der Meſſe ſprach. Das Maͤdchen ſank wieder auf die Knie und Maria Thereſia beugte das Haupt vor dem heil'gen Kreuze, netzte die Stirn mit dem ihr dargebotenen Weihwaſſer und folgte dann dem Zuge der Prieſter in die Hallen der Kirche. Nachdem die Kaiſerin mit ihrem Gefolge auf den ſammtnen Stuͤhlen vor dem Hochaltare Platz genom⸗ men hatte, ſah ſie daſſelbe Maͤdchen, von einem ein⸗ fach gekleideten Prieſter Jeſu geleitet, leiſe durch die Menge ſich draͤngen und ſobald ſie den ihr von dem Prieſter gebahnten freien Platz ſeitwaͤrts an den Stufen des Hochaltars erreicht, auf ihre Kniee ſich werfen und, die Arme uͤber die Bruſt gekreuzt, ſich mit einer In⸗ brunſt niederbeugen, die ihren Kopf faſt auf die Stufen des Altars neigte. Ein tiefer Schmerz war in dem ———. ganzen ſchoͤnen Weſen und auf dem todtenblaſſen Antlitz ausgedruckt— die Kaiſerin wendete jetzt raſch und faſt mit Vorwurf den Blick von ihr, denn ſie fuͤhlte, ſie habe ſie zerſtreut. Die Meſſe war beendigt und jetzt begann die Pro⸗ zeſſion, in der das beruͤhmte wunderthatige Marianiſche Muttergottesbild durch die Kirche getragen ward, um endlich am Hochaltare in einem beſonders dazu erbauten Haͤuschen vier und zwanzig Stunden lang der Andacht ſichtbar zu bleiben, worauf es ſich in die ihm eigens be⸗ ſtimmte Kapelle hinter verſchloſſene Thuͤren zuruͤckbegab. Die Kaiſerin folgte mit ihrem Hofſtaat der Prozeſſion und kehrte mit dem Bilde ſelbſt vor den Hochaltar zu⸗ ruͤck. Ihr Auge ſuchte unwillkuͤrlich die Stelle, wo das Maͤdchen vorher betete; ſie ſaß jetzt wie eine ge⸗ knickte Blume auf derſelben Stufe, auf der ſie gekniet; als ſich die Prozeſſion jedoch nahte und ſie ihre Devotion davor verrichtet hatte, blieb ſie aufgerichtet ſtehn und Leben und Kraft ſchien in die von Kummer muͤden Glie⸗ der zu treten.— Um die Kaiſerin gegen den Andrang des Volkes zu ſchutzen, war es nur einem kleinen Theile der Andaͤchtigen geſtattet worden, mit ihr zugleich die Gitter des Chors zu paſſiren, und ſie behielt nach Been⸗ digung der Andacht Raum, die Geiſtlichkeit in gnaͤdigen Worten anzureden und von derſelben einige ſtets mit — vieler Submiſſion bereit gehaltene Wuͤnſche in Gegen⸗ empfang zu nehmen— als ſie ihnen eine huldreiche Gewaͤhrung geſchenkt, gruͤßte ſie zum Weggehn bereit, und— es uͤberraſchte ſie nicht, wie ſie bei dieſer Wen⸗ dung das Maͤdchen vor ſich ſah, das ihre Aufmerkſam⸗ keit gefeſſelt hatte. „Vor dem Angeſicht der heil'gen Mutter Gottes laß Dein Herz fuͤr mich Erbarmen fuͤhlen!“ ſagte das junge Maͤdchen und kniete vor ihr nieder.— „Du haſt ſchweren Kummer, meine Tochter— das ſeh' ich Dir an“— ſagte die Kaiſerin, die ſchnell uber⸗ ſah, daß ſie keine Duͤrftige vor ſich habe—„doch hier knieen wir nicht vor Menſchen— ſteh' auf und rede, ob wir Dir helfen koͤnnen, wie unſer Herz es fuͤr jeden Leidenden wuͤnſcht!“ „Ja, du kannſt es,“ ſagte das Maͤdchen, ſich auf⸗ richtend, feſt und ruhig—„Du biſt ja die, aus deren großem Geiſte die Geſetze fließen, die Dein Land aus der Finſterniß und Erſtarrung retten, in der es die lan⸗ gen Mißbraͤuche hielten!“ „Wer iſt das Maͤdchen?“ rief die Kaiſerin lebhaft. Niemand antwortete. „Ach,“ fuhr dieſe fort—„ich bin tief betruͤbt, eben um ein Geſetz, was Du noch vergeſſen haſt und was deshalb ſo roh und unmenſchlich geblieben iſt— Thomas Thyrnau 1l. 3te Auflage. 25 386 ich will Dich nun inbruͤnſtiglich bitten, Du ſolleſt dies traurige Geſetz auch noch bedenken und dann aufheben und mich gleich eintreten laſſen unter den neuen Segen.“ „Nun,“ rief die Kaiſerin, indem ſie ihre Umge⸗ bung laͤchelnd anſah—„das iſt mir mein Lebtag noch begegnet!“ Da aber das Maͤdchen ſchwieg und alle Andern wohl wußten, ſie liebe keine unberufene Einmiſchung, ſo fuhr ſie, zu dem ihres Erſtaunens gewen⸗ det, fort:„Hoͤr, Du biſt ein dreiſtes ſeltſames Maͤd⸗ chen— huͤte Dich, mich zu erzuͤrnen und ſage mir ohne Umſchweife, die hier nicht her gehoͤren, was Du willſt.“ „Waos ich ſagte, große Kaiſerin— das gehoͤrte Al⸗ les hierher,“ entgegnete das junge Maͤdchen ſanft und traurig—„wenn Du aber mit Deinem Zuͤrnen drohſt, ſo wirſt Du nie die Wahrheit erfahren und mir kann nicht geholfen werden.“ „Ich bitte Euch,“ ſagte die Kaiſerin, plotzlich ganz ernſt und veraͤndert, zum Sakriſtan der Kirche—„oͤff⸗ net uns die Gitter und ebnet uns den Weg nach dem Kapitelſaal. Ohnfehlbar wollen wir dies Maͤdchen an⸗ hoͤren— denn die gnadenreiche Mutter hat ihr Herz wahrſcheinlich zu ſo ſeltſamlicher Rede ausgeruͤſtet— an ihrem geheiligten Tage wollen wir uns um das Ver⸗ 387 ſtaͤndniß ihres gnädigen Willens bemuͤhen! Doch ſoll die Menge nicht laͤnger durch uns von ihrer Andacht abgehalten werden.“ Es geſchah, wie ſie befahl; die Geiſtlichen traten voran, die Kaiſerin folgte und zwiſchen ihr und den Hofchargen ging das junge traurige Maͤdchen. Als ſie in das Kapitel eingetreten waren, ſagte die Kaiſerin: „Jetzt ſprich ohne Furcht— wir werden Keinem zuͤr— nen, der uns die Wahrheit ſagt.“ „Nun ſo bitte ich Dich, große Kaiſerin, hebe das unnatuͤrliche Geſetz auf, das verbietet— wenn Jemand um boͤſen Verdachtes willen gefangen gehalten wird— daß die nicht bei ihm bleiben durfen, die ihn lieben.“ „Wie!“ rief die Kaiſerin—„das war es?“— ſie fixirte das Maͤdchen und ſagte dann ſanfter:„Du biſt wol in dieſem Falle— Du haſt wol wen in ſolcher Lage?“ „Ja,“ erwiderte das junge Maͤdchen—„das, was ich am liebſten habe auf dieſer Erde— meinen Großvater— den haben ſie um ſchmaͤhlichen Verdach⸗ tes willen gefangen geſetzt— und ich, ſein beſter Troſt, ſoll von ihm fern bleiben, weil das boͤſe alte Geſetz noch beſteht, von dem ich Dir eben ſagte.“ „So,“ ſagte die Kaiſerin—„und wer iſt denn Dein Großvater, den Du ſo lieb haſt, daß Dir ein 25* 3 388 Gefängniß ein erwuͤnſchter Aufenthalt ſcheint— ſonſt doch kein paſſender Ort fuͤr Dein Geſchlecht und Deine Jugend?“ „Jaß aber fuͤr meine Liebe! Die iſt es ja!— Wie man ihn liebt— das kommt nicht oft in der Welt vor — wie er ſelbſt nicht zweimal da iſt!“ „Nun! den Namen!“ ſagte die Kaiſerin, faſt neu⸗ gierig— „Sein Name iſt Thomas Thyrnau!“ „Thomas Thyrnau!“— rief die Kaiſerin ſchnell aufſtehend—„der Landesverraͤther? Fuͤr den bitteſt Du?— Dich wagt man mir in den Weg zu ſtellen? Von welcher Seite kommt mir das?— Hoho! meine Herrſchaften— wer hat denn Luſt, mich hier gegen Recht und Vernunft zu beſtechen durch das glatte Ge⸗ ſicht und das aberwitzige Geſchwätz dieſer Gauklerin? O, gnadenreiche Mutter Gottes!“ rief ſie ſich bekreu⸗ zigend—„vergieb, daß man es wagt, deinen heil'gen Einfluß auf mein demuͤthiges Herz zu benutzen, um mich ſchwach zu machen gegen meine Pflichten— ich werde erfahren, wer dieſe Komoͤdie in meinen Andachts⸗ morgen zu ſchieben wagte!“ Zuͤrnend ſchritt ſie vor und ihr Auge fiel drohend und ſuchend auf alle Anweſende. Sie eilte dem Ein⸗ gange zu, aber ſie blieb plotzlich voll Schrecken ſtehen, 389 denn ſie fuhlte ſich mit ſtarker obwol kleiner Hand ge⸗ halten und ahnete, daß ihre geheiligte Perſon von dem geringen Maͤdchen beruͤhrt werde, welches ſie eben hin⸗ ter ſich gelaſſen hatte. Hier bedurfte es nur eines Augenblickes und ihr großer Geiſt, ihr richtiges Gefuͤhl hatte entſchieden. Sie hoͤrte den Schrei des Unwillens aus aller Munde, ſie wußte augenblicklich, daß kein Verräther unter die⸗ ſen war, und ſie fuͤhlte, daß dies Wagniß die Einge⸗ bung der Verzweiflung ſei, daß eine Gauklerin vor ih⸗ rem Zorn zuruͤckgewichen waͤre, und daß ſie allein das Weſen ſchutzen könne, das ſich ſo ſehr vergangen. Sie wendete ſchnell den Kopf nach der Seite, wo ſie den Druck ihres Armes fuͤhlte und ſchaute damit in das von Schmerz und Angſt entſtellte Geſicht des jungen Maͤdchens. „Maͤdchen! was wagſt du?“ ſagte ſie ernſt, aber ruhig—„weißt Du, daß Du mich nicht beruͤhren darfſt, ohne ſtraffaͤllig zu werden?“ „Du wirſt mich nicht ſtrafen, weil ich in Todes⸗ angſt bin,“ ſagte nun Magda—„das weiß ich ganz gewiß— denn Du biſt ſo menſchlich und gerecht wie Thomas Thyrnau ſelbſt— was ſollte ich aber machen, da du fort wollteſt und Du doch erſt meine Bitte er⸗ füllen mußt, wenn Du nicht willſt, daß ich ſterbe!“ 390 „Gutenberg,“ ſagte die Kaiſerin zu der alten Dame, die vor ihren Augen ſtand—„nimm Dich des armen Kindes an— es iſt ſehr verſtoͤrt— der erſte Kummer hat es hart angegriffen.“ „Und ich ſoll ihn ſehn! nicht wahr? ich darf zu ihm,“ rief Magda— 6 „Mein Gott!“ ſagte die Kaiſerin—„es kann doc ſo viel darauf nicht ankommen, ob das arme Kind ſei⸗ nen Willen bekommt— morgen! ja morgen ſollſt Du ihn ſehen!“ Magda ſtieß einen Schrei aus, der ließ kein Auge trocken, dann ſank ſie vor der Kaiſerin nieder, druͤckte ihr Kleid an ihre Lippen und ſprang wie von Federn ge⸗ hoben in die Hoͤhe. „O Kaiſerin des Himmels!“ rief ſie und hob ihre Arme in die Hoͤhe—„Gott der Barmherzigkeit, ſegne ſie— und wenn Du ihr den tiefen Kummer ſchickſt, in dem das Herz erſtarrt, dann ſende ihr auch das Auge voll Liebe, was ſie anblickt, bis ihr wohl wird— und das auch darum, weil ſie ſich meiner erbarmt hat.“ Die Umgebungen ſahen, daß die Kaiſerin mit Aufmerkſamkeit das erſchutterte Maͤdchen pruͤfte— „Maͤdchen,“ ſagte ſie dann—„Du wirſt Deinen Glauben an Thomas Thyrnau ſchwer auf Andere ver⸗ pflanzen koͤnnen— er hat ſich ſehr vergangen und — — — 391 verdient nicht, daß wir uns ihm durch Dich gnaͤdig zeigen.“ „Ach, warte nur noch ein Weniges, liebe Frau Kaiſerin,“ entgegnete Magda innig—„da wirſt Du in ſein Herz blicken und wirſt ihn lieb gewinnen, wie ich ſelbſt— wie biſt Du es mit Deiner großen Seele ſo werth, die ſeinige zu erkennen, und wie hat er es ſich gewuͤnſcht, Dir nur einmal ſagen zu duͤrfen, wie er das Alles gemeint hat, woraus ſie ihm jetzt ein Ver⸗ brechen machen wollen.“ Die Kaiſerin ſchuttelte den Kopf und da ſie jetzt um ſich ſah und ziemlich verwunderte Geſichter bemerkte, nickte ſie ſchnell allen Anweſenden und verließ, in tie⸗ fes Nachdenken verſunken durch die Menge wandelnd, das Kloſter. Die Herren des Special⸗Gerichts verſammelten ſich mit lebhaft erregter Erwartung der bevorſtehenden Kon⸗ ferenz, in der endlich Thomas Thyrnau zum Reden kommen und, wie ſie nicht zweifelten, ſeine Vertheidi⸗ gung beginnen werde, obwol er dies gerade von ſich ab⸗ gewieſen hatte und nach Maaßgabe ihres beſonderen Intereſſes zeigte ſich die Spannung in dem Verhalten 392 der Verſammlung. Auffallend war Kaunitz das Be⸗ tragen des Fuͤtſten von S., und er machte ſich ein Vergnuͤgen daraus, ſeine großen hellen Augen hinter ihm hergehen zu laſſen, und wer den Fuͤrſten mit ſei⸗ nem rothbraunen Geſicht, ſeiner breiten baͤuriſchen Geſtalt, die Arme auf den Ruͤcken gezwaͤngt, in dem kleinen Raume des Vorzimmers auf und nieder rennen ſah, die Blicke am Boden und die dicken Lippen grollend aufgerollt, und den blaſſen graden Grafen daneben ſo ironiſch unbeweglich, blos mit den Augen dieſelbe Linie ziehend als der Fuͤrſt, der hätte an die Menagerien denken muͤſſen— deren Waͤchter ſich, wie man ſagt, allein der Macht ihrer Augen bedienen, das wildeſte Thier ſich unterzuordnen. Der Fuͤrſt fuhlte dieſen Blick und er reizte ihn bis zum Aufſchreien, aber er bezwang ſich, denn er fuhlte den Starkeren uber ſich. Graf Bartenſtein war der Letzte— er hatte ſchon das Ereigniß in der Jeſuiterkirche erfahren und theilte es dem Grafen Uhlefeld heimlich mit— man ſchien un⸗ ſicher, ob man es Kaunitz ſagen ſolle; als man es end⸗ lich verſuchte, verneigte er ſich bei den erſten Worten, um anzudeuten, daß er es wuͤßte, und fuͤgte, die zu⸗ ruͤckgehaltenen Gedanken der beiden Andern ausſprechend, hinzu: es ließe ſich nicht annehmen, daß Ihro Maje⸗ ſtaͤt dem Ereigniß auf ihre Geſinnungen Einfluß ge⸗ — — 2 — 393 ſtatten werde, da Verwandtenliebe ſehr wohl verdient ſein koͤnne, ohne Verbrechen gegen den Staat zu ver⸗ treten. Die Herren aͤrgerten ſich nun, daß er ihre ver⸗ hehlten Befuͤrchtungen errathen hatte, und man ging jetzt ziemlich uͤbellaunig in das Konferenz-Zimmer, in welches, nachdem ſie Platz genommen, ſogleich die bei⸗ den Angeklagten, der Graf von Lach und Thomas Thyrnau, eingefuͤhrt wurden. „Meine Herren,“ hob Thomas Thyrnau an, in⸗ dem er ruhig ſich ſeinen Richtern gegenuͤber ſtellte— „der ſehr ausfuͤhrliche und weit in die Vergangenheit reichende Bericht Sr. Durchlaucht giebt mir den Faden an die Hand, deſſen Anfangspunkt ich aufſuchen muß, um mein Leben und ſeine reichen und mannigfachen Beziehungen zu erklaͤren. Ich darf annehmen, meine Herren, daß ich von Ihnen Allen der Aelteſte bin, daß mir Erfahrungen moͤglich waren zu machen, die Ihre Jahre oder die Entfernung von dem Boden, worauf ſie zu machen waren, Sie verhinderte. Indem ich mein Alter anfuͤhre, weiſe ich mit Erwaͤhnung meiner Ju⸗ gend auf eine Zeit hin, welche der gegenwaͤrtigen ſehr unaͤhnlich iſt— um aber den Erſcheinungen derſelben, welche ich jetzt erklaͤren ſoll, gerecht werden zu konnen, wird es noͤthig bleiben, den Zuſtänden nachzufragen, welche damals Geltung hatten. Ich werde von den Handlungen meiner Jugend, welche mich als einen Schuldigen vorfordern, mit der Begeiſterung ſprechen muͤſſen, welche nur ein tiefes heiliges Recht einzufloͤßen vermag, und die ich doch der Zeit verfallen erklaͤren muß, und denen ich ohne Vorwurf zwar und mit vol⸗ lem Antheil nachſehe, jedoch jetzt mich ſtolz und froh fuͤhlend, ihrer nicht mehr zu beduͤrfen.“ In dieſem Augenblick unterbrach die Erſcheinung einer kleinen alten Dame in ſteifer Tracht mit feinen klugen Zuͤgen aber beſcheidener Haltung die Rede Thyr⸗ nau's.— Sie naͤherte ſich mit vielen Knixen der Tafel und dem Fuͤrſten v. S. und ſagte jedem Einzelnen der Herren, die ſich jedesmal bei ihrer Annaͤherung ehr⸗ furchtsvoll erhoben, ein paar Worte unhoͤrbar in's Ohr, worauf ſich Jeder tief verbeugte und ſie mit tiefen Knixen weiter zog, bis ſie endlich mit Allen fertig in gleicher Devotion das Zimmer verließ und der Vorhang ſich wieder ſchloß.— Kaunitz ſchnitt ſogleich die Feder weiter, die er ſchon vorher bearbeitet hatte, und die Blicke der Andern, die einen Augenblick geſpannt auf ihm ruhten, gingen an der wichtigen Miene verloren, mit der er eben die Feder auf den Daumnagel legte, um die Spitze zů ſchneiden. Thyrnau, welcher die Unterbrechung beendigt hielt, fuhr ohne Aufforderung ſogleich fort. 395 „Ich fuͤhle meine Bruſt von einem warmen Lebens⸗ ſtrom durchgluͤht, von einem heil'gen Stolz gehoben, wenn ich denke, daß mein ganzes Leben tief begruͤndet in dem Leben meines edlen Vaters iſt, daß es daraus hervorgegangen iſt wie die Frucht von dem Baume— ich war der einzige Sohn einer ſpaͤt geſchloſſenen kur⸗ zen, hoͤchſt gluͤcklichen Ehe.“ „Seine Kindheit faͤllt in die letzte Zeit des dreißig⸗ jaͤhrigen Krieges, und ich wuͤrde zu weit zuruckgehen, wenn ich dieſe Periode, die ſchon als abgerundetes Bild der Geſchichte uͤbergeben iſt, ſchildern wollte. Der Weſtphaͤliſche Friede war vor's Erſte nur ein Damm, hinter dem das veranlaßte Elend zum Bewußtſein aller Volker kam. Boͤhmens Schickſal war viel fruͤher ſchon mit der Schlacht am weißen Berge entſchieden, dieſer Friedensſchluß aͤnderte ſeine Lage nicht mehr. Ferdinand der Dritte behielt die Willkuͤr zu ſtrafen und die katholi⸗ ſche Kirche geltend zu machen und verfolgte das zugeſtan⸗ dene Recht mit grauſamer Haͤrte. Alle volksthuͤmlichen Gefuͤhle wurden tief verletzt— die Auswanderungen dauerten fort und das Land ward der nuͤtzlichſten und thaͤtigſten Einwohner beraubt, und die, welche durch Ar⸗ muth und Elend verhindert wurden dem Beiſpiel zu fol⸗ gen, blieben immer ſchutzloſer der Willkur hingegeben.“ „Die Prieſter miſchten ſich in alles Oeffentliche und 396 Geheime— die großen Beſitzungen des Hochadels wurden vermehrt, indem man ihnen die Guͤter der Geaͤchteten und Hingerichteten gegeben— viele Fremde wurden mit den Guͤtern ungluͤcklicher Boͤhmen berei⸗ chert, welche jetzt Spanier, Italier und Irlaͤnder durch Krieg herbei gezogen unter ſich ſahen.“ „Das Schickſal der Staͤdte und Doͤrfer war graͤß⸗ lich. Es gab keine Stadt, welche nicht wenigſtens ein⸗ mal gebrandſchatzt oder eingeaſchert worden. Sechzehn Meilen um Prag lag Alles wuͤſt, denn der dritte Theil von Boͤhmen hatte in Flammen geſtanden.“ „Das war das aͤußere Schickſal Boͤhmens, und welcher moraliſche Verfall damit verbunden ſein mufßte, iſt einleuchtend— dennoch lebt Etwas in der Bruſt des alten Czechen⸗Stammes, was ihn vor gaͤnzlicher Ent⸗ artung ſchuͤtzt, und das iſt ein tiefes nationales Beduͤrf⸗“ niß, eine feurige Anhaͤnglichkeit an ſeine von langher ihn ſchuͤtzenden Geſetze, eine nie ganz zu erſtickende Sehnſucht nach ſeinen ſouverainen Freiheiten, und darum eine Richtung behaltend, welche der aufkeimen⸗ den Kraft ihren Platz anweiſt.“ „Dieſes tief begruͤndete, durch das gehaͤufte Elend nur geſteigerte, Gefuhl fur eine den volksthuͤmlichen Be⸗ durfniſſen gemäße Handhabung ihrer Regierung blieb ihnen uͤberall unerfuͤllt. Bei der hierdurch erregten tie⸗ 397 fen Erbitterung zeigte ſich allgemeiner Unwillen und die drohendſten Ausſichten fuͤr die Zukunft, und wer befrie⸗ digt ſchien, zog die Verachtung ſeiner Landsleute auf ſich und hatte ſie in den meiſten Faͤllen verdient, denn die Bereicherung Einzelner auf Koſten der Gerechtigkeit gegen Andere war das Abſcheu erregende Mittel von Oben, den Gemeinſinn zu trennen und die Demora⸗ liſation zu vollenden.“ „So entſtand Aufſtand und Verſchwoͤrung uberall und Niemand wollte dem tief verletzten Zuſtande zu Huͤlfe kommen, die Gewalthaber wollten ihn nur unter⸗ druͤcken, und ſchauderhaft gemißbraucht erhob ſich das Panier des Glaubens, um die Greuelthaten des Haſſes und der Ungerechtigkeit zu decken, die alle um des Zweckes Willen gerechtfertigt gehalten wurden.“ ein kleiner Kern ſich bewaͤhrender Maͤnner ieb in dieſem verbreiteten Elend ſich ſelbſt getreu. In dem Heiligthum ihrer Herzen bewahrten ſie das alte volksthuͤmliche Leben, unter deſſen weiſen Vorſchriften Boͤhmen einſt Deutſchland voraus, bluͤhend in Reich⸗ thum und geiſtiger Kultur, das Land der Lieder und des Gedankens war.“ „Sie gingen mit blutendem Herzen wie der gute Hirte durch das Land und ſuchten zu was der Zerſtoͤrung entging.“ S „Aber Boͤhmen, vormals reich an den goldenen Schaͤtzen der Kunſt und Wiſſenſchaft, an denkenden Geiſtern und begeiſterten Saͤngern— Böhmen, ſonſt reich an betriebſamen Arbeitern, erfindungsreichen Handwerkern, war eine Wuͤſte geworden, die keine Kunde gab von dem fruͤheren Zuſtande, deſſen Traͤger theils das Land verlaſſen, theils umgekommen, theils von dem Druck der nun waltenden Regierung niedergehalten, an dem Wiederaufleben beſſerer Zeiten verzweifelten.“ „Da bildete ſich ein heil'ger Haß in dem Buſen dieſer Wenigen; auf den rauchenden Truͤmmern ihres Vaterlandes reichten ſie ſich die Haͤnde und gelobten ſich, dem entweihten Boden ſeine Kinder wieder zuzu⸗ fuͤhren, das erſtorbene Leben der Wiſſenſchaft und Kunſt, des Gewerbfleißes und des Ackerbaues wieder hervor zu rufen, es zu ſchuͤtzen und zu vertreten mit allen Kraͤften, ſelbſt mit allem erdenklichen Widerſtand gegen die herrſchende Regierung, die kein Herz zu ihnen heruͤber brachte, die ein fremder Zuchtmeiſter blieb, fremd und ohne Antheil dem Verſinken eines edlen Vol⸗ kes zuſah, welches ſie nicht anders zu ſich rechnen wollte, als um es auszuſaugen und zu belaſten. „Die Namen dieſer Edelſten der Nation, dieſer Ehrenſaͤulen des Vaterlandes waren in einer langen Reihenfolge von Jahren Wenzel Euſehius Lobkowitz— — 399 Caspar Euſebius Thyrnau— Joſeph Erbgraf von Lacy Wratislaw, der Großvater dieſes Lach. Kein Mit⸗ tel blieb unverſucht, Oeſtreich auf die wahren Beduͤrf⸗ niſſe des unterjochten Landes aufmerkſam zu machen, kein Verſuch der Nachgiebigkeit unterblieb bei ewig ver⸗ fehlten Maaßregeln, Ruhe und Einigkeit und Bewah⸗ rung des geleiſteten Unterthanen-Eides zu erhalten.“ „Jedes Mittel blieb umſonſt, und mein Vater hat die Aktenſtuͤcke, die dies belegen, wohl geſammelt, und ſie werden ein leuchtendes Zeugniß der Wahrheit meiner Worte ſein. So kamen dieſe Maͤnner endlich zu der traurigen Gewißheit, von Oeſtreich nie verſtanden und vertreten zu werden, und das alte Recht der Souverai⸗ nitaͤt lebte ſo, von den Beherrſchern ſelbſt geweckt, in dieſen Maͤnnern wieder auf, und ſie wollten den Koͤnig, der ſie gegen heilloſe Bedruͤckungen ſchuͤtzen koͤnnte, ſich ſelbſt waͤhlen und ihn auf den Thron ihrer alten Rechte ſetzen. Nicht uͤbereilt, nicht ohne Zweifel, nicht ohne der Zeit ihre großen Rechte zuzugeſtehn, traten dieſe großen Entſchluſſe in's Leben.“ „Gehindert und verfolgt auf allen Wegen, ſam⸗ melten ſie die umher Irrenden und ſuchten auf allen Punkten unter allen Staͤnden Traͤger ihrer großen Ab⸗ ſichten aufzurufen, den alten Fleiß, den fruͤheren Geiſt der Forſchung, den veredelnden Einfluß der Kuͤnſte 400 ſuchten ſie zu wecken und die Jugend ihnen zuzufuͤhren. Ja! ſie revoltirten, meine Herren— aber gegen Roh⸗ heit und Entſittlichung— gegen Muͤßiggang und Aber⸗ glauben, ſie wollten Unterthanen bleiben, aber nicht um den Preis ihrer Seele, nicht um den Preis ihres alten Geiſtesglanzes! Frankreich bluͤhte indeſſen— ſie holten von dort den Saamen heruͤber, den ſie in die Aſche des Vaterlandes ſtreuten.— Als er aufging, wollten ſie auch den Gaͤrtner von dorther holen, er muͤßte, dachten ſie, verſtehn, was aus jenem Saamen heranwuchs!“ „Ol huͤten wir uns des Wortes Hochverrath, wenn wir dem leidenvollen Kampfe eines edlen Volkes zuſehn, das von Dem zur Gegenwehr getrieben wird, der es bewahren ſollte.“ „Gern bleibt ein Volk im ſtillen treuen Gleiſe— und baut mit Fleiß, wozu der Geiſt es treibt, und wahrt ein dankbar Herz dem Herrſcher, der es in ſei⸗ nem Treiben ſchuͤtzt, und vergilt es, bereit zu deſſen Wohl das ſtill Erworbene zu benutzen.— Nur wer das Buch der Geſchichte zuſchlaͤgt und ſeinen Inhalt leugnet, wird ſagen duͤrfen, vom Volke ginge der Kampf aus, und es ſei geſinnungslos und ohne Treue, leicht dieſer oder jener Fremdmacht zugewandt, die ihm den verſagten Vortheil boͤte.— Es laͤßt im Gegentheil 401 mit vollem Bewußtſein die Unbill geſchehen, die vom alten lang angeſtammten Herrſcher ihm geſchieht, es keucht in ſeinen Leiden hin— es giebt die wohlerwor⸗ bene Habe, es bietet ſich und ſeine Kinder ohne Mur⸗ ren zum Schutze dar— und ob es gleich der Noth kein Ende ſieht, will es doch die Huͤlfe nur von Dem, der ihm die Noth gelaſſen. Volksaufruhr iſt das Gericht der Fuͤrſten, es hat ſeine Urſache da, wohin zuletzt die lang verhaltene Strafe zuruckfaͤllt— es iſt der Pfeil, der abgeſchoſſen von der Scheibe zuruͤckprallt und den Schuͤtzen toͤdtet!“ „Die Reihefolge aller Verſuche Boͤhmens, ſich ſelbſtſtändig herzuſtellen— oder, wie es meinen Richtern erſcheinen muß, die immer wiederholt angeknuͤpften hochverraͤtheriſchen Verſchwoͤrungen— ſind in ihrer Zeitfolge der Wahrheit gemaͤß dargelegt worden. Auch ſind die Urſachen richtig angegeben; warum man dieſe Unterhandlungen ſo oft abbrach— unſere Bedingun⸗ gen wurden verworfen, da ſie nicht den Verrath Oeſt⸗ reichs umſchloſſen— auch war Frankreich in der Pe⸗ riode Colberts nicht ſo tief geſunken, den ſich ſchuͤtzen wollenden Boͤhmen den Verrath Oeſtreich anzubieten: man uͤberließ uns lieber unſerm Schickſal und zog ſich kalt zuruͤck. Als im Jahr 1703 Joſeph den Thron beſtieg, ſtund das arme Boͤhmen voll Hoffnung in der Thomas Thyrnau Il. 3te Aufi. 26 402 Eigenhilfe ſtill und blickte vertrauend zu dem neuen Sterne auf.“ „Er haͤtte uns nicht getaͤuſcht!— Und die Andeu⸗ tungen, welche die ſechs kurzen Jahre ſeiner Regierung gaben, beſtätigten das warme Vertrauen, mit dem wir auf ſeine Hilfe harrten. Doch der ungluckliche ſpaniſche Erbfolgekrieg, den er ununterbrochen fuͤr ſeinen Bru⸗ der Karl fuͤhrte, entzog uns die Segnungen, die ſein aufgeklaͤrter Geiſt, ſein milder Karakter uns hoffen lie⸗ ßen. Aber ſo blieb es nicht, als Karl der Sechſte nach ſeinem Bruder den Thron beſtieg; mit ihm zog das duͤſtere Gefolge der Jeſuiten und der ſpaniſchen Etiquette uͤber uns her.“— Es entſtand eine Pauſe, und wie ſie veranlaßt ward, blieb unentſchieden.— Es war ſchon einige Male bei den kuͤhneren Wendungen in Thyrnau's Rede bei den vorfitzenden Herren eine Art Unruhe entſtanden, die allein Kaunitz nicht zu theilen ſchien, ſondern im Gegentheil mit einem fragenden Blicke zu beſchwoͤren ſuchte.— Jetzt nahte man ſich der Periode, welche der gegenwaͤr⸗ tigen ſo nah vorangegangen war, daß man die Gegen⸗ wart, wie es ſchien, in ihr mit beleidigen konnte.— Ob das Thyrnau ſelbſt fuͤhlte, ob die Mimik vor ihm ſeine Gedanken darauf richtete— genug, es trat eine Pauſe ein, die doch von der Gegenpartei, wie billig zu verwun⸗ 403 dern ſtand, nicht zu einigen Ermahnungen benutzt ward. Thyrnau weckte es aus ſeinen Selbſtbetrachtungen, daß es ihm war, als habe ploͤtzlich der Kopf der alten Dame durch die Vorhaͤnge der Thuͤr geſehn— als er aufblickte, ſah er, daß alle Herren bis auf Kaunitz, wel⸗ cher mit dem Ruͤcken dahin ſaß, die Augen nach derſel⸗ ben Richtung gewendet hatten, doch ſchon war Alles verſchwunden und Graf Bartenſtein ſagte haſtig:„Fah⸗ ren Sie fort.“— Kaunitz pruͤfte die geſchnittene Feder auf einem kleinen Blaͤttchen Papier und malte mit der wohlgerathenen Feder die Namenszuge der Kaiſerin. Thyrnau konnte kaum ein Lächeln wehren— wie wohl gefiel ihm die ironiſche Ruhe des großen Mannes. „Wir hatten Frieden behalten,“ fuhr er dann fort —„Boͤhmens Grenzen waren geſchont geblieben und der Boden, der ſo lange von Blut und Truͤmmerhaufen geraucht, zeigte wogende Kornfelder, duftende Wieſen, und Heerden weideten, wo Kriegsrotten gekaͤmpft, Stäͤdte und Doͤrfer zeigten ihre empor wachſenden Haͤu⸗ ſer— wer voruͤber wanderte, mußte den geſegneten An⸗ blick des Landes preiſen. Aber die verderbliche Aufloͤ⸗ ſung, die es erfahren, gaͤhrte noch durch alle Verhaͤlt⸗ niſſe fort, und der wahre Patriot ſtand mit bekuͤmmer⸗ tem Herzen unter den Segnungen, die der ſchoͤne Bo⸗ 2* den des Landes darbot und einen Wohlſtand erzeugte, der kein Heil fuͤr das hoͤhere Leben ſeiner Bewohner darbot. „Die Inquiſition, dieſe finſtere ſcheußliche Ausge⸗ burt des Despotismus, welche unſere mehr ſpaniſchen als deutſchen Herrſcher aus ihrem Geburtslande zu uns heruͤber gefuͤhrt, ſie ward den einſt freien Boͤhmen auf⸗ gebuͤrdet und trat mit ſchrankenloſer Willkur in ihr toͤdtendes Amt.— Es gab weder Freiheit des Gedan⸗ kens noch des Beſitzes und regte auf verdammliche Weiſe die Suͤndhaftigkeit der Menſchen an, welche erſt anfin⸗ gen, aus der Verſunkenheit, die ſo langes Krieges- und Despoten⸗Elend uͤber ſie verhaͤngt, in einzelnen hoff⸗ nungsvollen Symptomen aufzutauchen, die der edle Maͤnnerbund genaͤhrt und geſchuͤtzt. Der Adel war tiefer ſchon verderbt durch ſeine habſuͤchtigen Bereiche⸗ rungen, die er durch gefuͤgige Schritte gegen den Hof und die herrſchende Prieſterpartei zu erhalten trachtete. Er war dabei gemiſcht durch die mit dem Kriege veran⸗ laßte Ueberſiedelung fremder Edelleute, denen man in Boͤhmen die confiscirten Beſitzungen uͤberlaſſen hatte, ihre Dienſte zu bezahlen— ſie miſchten vollends ohne Liebe fuͤr das neue Vaterland ihre verderbten Sitten in den aufgeloͤſten moraliſchen Zuſtand, den ſie vorfanden, und ſetzten rohe Gewalt den ſchwach beſchutzenden Ge⸗ —— —— —— — ſetzen entgegen. Die Bauern wurden auf's Neue den empoͤrendſten Bedruͤckungen Preis gegeben und ihnen kaum menſchliche Rechte zugeſtanden. Ihre alten Pri⸗ vilegien blieben ihnen entzogen, der Gutsherr blieb ihr Henker und ihr Gerichtshof— und wo die Verzweif⸗ lung ſie nicht zu Boͤſewichtern machte oder zu Aufſtaͤn⸗ den fuͤhrte, die neue verſtaͤrkte Strafgerichte nach ſich zogen— verſanken ſie unter den dumpfen Druck des ungluͤcks und wurden bald, nicht ohne Grund, nicht hoͤher angeſchlagen als die Bewohner der Staͤlle und Weiden. Um ſo weniger war hier auf Abhilfe von Oben zu hoffen, da dieſe großen Grundbeſitzer, die ſo verfuhren, als brauchbare Zwingherren einer Maſſe, welche ſich ſchon oft furchtbar gezeigt, angeſehen wurden, und da noch der Grundſatz galt, daß der Geringere ge⸗ gen den Vornehmeren Unrecht habe. Zwiſchen dieſen Konflikten war der Mittelſtand gewachſen— der Ritter⸗ ſtand hatte ſich ihm angeſchloſſen und die edlen Großen Boͤhmens, die nicht mit unrechtmaͤßigem Zuwachs ih⸗ ren alten Erbſitz belaſtet, ſchloſſen ſich nach und nach ihnen an. Dies war der ehrenwertho Kern der Nation — er war zugleich der Gegenſtand der Verfolgung, als der einzige, der zu fuͤrchten war, auf den ſich die Spaͤherblicke der Inquiſition richteten, um ihn in ſich zu trennen, zu entzweien und die Einzelnen zu vernichten!“ 406 „Das Inſtitut, welches man ohne unſer Zuthun die Fuͤrſtenſchule nannte, war der erſte Gegenſtand der Verfolgung. Die Feinde einer freien menſchlichen Ent⸗ wicklung hatten vollkommen Recht, dieſe Schule zu furchten, denn von ihr hatten ſich bereits bedeutende Menſchen verbreitet, welche die empfangene Geſinnung weiter pflanzten, und in ſeinem Schooße wurden fort⸗ waͤhrend die Keime der Geiſtesentwicklung genaͤhrt, die noch keinen Boden fanden in der Geſammtmaſſe.“ „Die Geiſter, die in Deutſchland, England, Frank⸗ reich und Holland damals aufſtanden, befruchteten mit ihren Lehren das kleine Gebiet, das dies Inſtitut um⸗ ſchloß. Leibnitz, als Weltweiſer und Seelenforſcher— Newton, der die Geheimniſſe des Himmels und der Natur ergruͤndete— Montesquien, als Staatslehrer und Buͤrgerrechts⸗Freund— Boͤrhave, als Scheide⸗ kunſtler und Arzneiverſtandiger— Bayle, als Maͤhr⸗ chenzertruͤmmerer und Geſchichtsbegruͤnder— ihnen Allen war der Altar in dem kleinen Kreiſe aufgerich⸗ tet, an dem die heranreifende Jugend dem heiligen Dienſte fur das Wiederaufleben des Vaterlandes geweiht ward.“ „Die Jeſuiten, ſo lange als die beruͤhmteſten Schul⸗ lehrer bekannt, ſahen mit Haß und Entſetzen die eben genannten großen Geiſter erſtehen, die in ſo kurzer Zeit 407 alle ihre Erfolge weit hinter ſich ließen, und wer ihnen anhing, den traf ihre Verfolgung. Mein Vater und der Graf von Lacy erlebten den Schmerz nicht mehr, das Inſtitut vernichtet zu ſehn, von dem ſie mit Recht ſo Großes gehofft. Ohne Widerſtand befolgte ich den Be⸗ fehl, es aufzuloͤſen, und horchte des Schrei's, den dieſer Gewaltſtreich unter meinen Anhaͤngern verbreitete. Doch wenn ich die Leiden und Bedruͤckungen hier andeute, die wir unter Karl dem Sechſten erlitten, iſt mir die Unbe⸗ fangenheit geblieben, ihn ſelbſt von dieſen Erfolgen zu trennen— er hat das Gute uͤberall gewollt, ſelbſt gegen dies ewig gemißhandelte Boͤhmen, und er hat vielleicht geglaubt, ſeine Geſinnung habe ausgereicht— aber ihn trennten zwei furchtbare Maͤchte von den warm pulſi⸗ renden Herzen ſeiner Unterthanen: die unuͤberwindliche Etiquette und der nothwendig damit verknuͤpfte ſtarre Einfluß einzelner dadurch bevorrechteter Perſonen, welche die zur ausgedehnteſten Hingebung beſtimmte Weſen⸗ heit des Furſten, zu der Einmauerung eines Gefangenen verurtheilen und ihn mit den tauſend Bannformeln dieſer Etiquette an jedem naturlichen Zugeſtaͤnd niß vor⸗ uber fuͤhren. Dieſe werden es einſt vor dem hoͤchſten Richterſtuhle zu verantworten haben, daß ſie mit ihren erlogenen Rechten den von Gott berufenen Fuͤrſten von ſeinem Platz verdraͤngt und das natuͤrliche Verhaltniß des Menſchen durch Abſonderung und Menſchengering⸗ ſchaͤtzung von ihm abgehalten.“ „Wehe dem Fuͤrſten, dem die Stimme fehlt, die ihm zuruft: Sei erſt Menſch— wenn Du Fuͤrſt ſein willſt— frage die Gebraͤuche, mit denen man Dich ummauern will, ob ſie ſittlich begruͤndet— ob ſie Dich nicht von Gottes Wegen ablenken, wenn ſie Dich auf eine Hoͤhe leiten wollen, die Deine Natur mit knechti⸗ ſcher Ueberredung zu entmenſchlichen verſucht— und den Segen, den Gott unfehlbar auf die Haͤupter ſeiner Fuͤrſten legt, den finde in der Kraft, die Dich— und naͤhmeſt Du den Reifen vom Haupte— als Fuͤrſten belaſſen wuͤrde! Farl der Sechſte fand dieſe Stimme nicht— er ſah durch fremde Augen— er hoͤrte die fern gehaltene Stimme ſeiner Unterthanen nicht— als redeten ſie eine andere Sprache, ſo kannte er ihre Worte nur in der Ueberſetzung, welche die Hofſprache ihm zu⸗ trug. Wir waren gut unterrichtet und wußten, daß wir in den Steppen Aſiens nicht entfernter von ihm lie⸗ gen konnten. Seine Kroͤnung in Prag aͤnderte hierin nichts— nur feſteren Fuß faßte die Bedruͤckung, und das Elend des Bauernſtandes wuchs in eben dem Maaße, und bald war die kurze Hoffnung und der da⸗ mit verbundene Volksjubel verſchwunden.“ 409 Im Jahr 1727 ging ich zuerſt mit Joſeph von Lach nach Paris, denn Lach und Thyrnau die Vaͤter lebten in den Soͤhnen fort. Fleury ſtand an der Spite der Geſchaͤfte und er kannte unſere Lage, ehe wir ſie ihm vortrugen. Die Dokumente uͤber dieſe Zeit finden ſich vor. Wir wollten auf's Neue die Unterhandlungen um einen franzoͤſiſchen Koͤnig anknuͤpfen, unter denſel⸗ ben Bedingungen, die uns gegen Oeſtreich unabhaͤngig aber nicht feindlich ſtellen ſollten. Fleury verwarf dieſe Bedingung gaͤnzlich, und wir trachteten nach dem Ohr des Koͤnigs, von dem wir uͤber dieſen Punkt groͤßere Nachgiebigkeit hofften. Der Weg zu ihm ging nur durch das Boudoir der Herzogin von Chateaur Rour— ſie verſprach uns Unterſtuͤtzung und wir reiſten ab. Fleury wollte Zeit gewinnenz er hoffte, die Verfolgun⸗ gen, vermehrt durch Einfluͤſterungen uber dieſe beabſich⸗ tigte Verſchwoͤrung, ſollten den Haß ſteigern und uns geneigter machen, unſere Bedingungen zu verlaſſen. Oft noch kehrte ich dahin zuruͤck, und obwol ich noch der Träger dieſer Unterhandlungen war und Alle mich als ihren Bevollmaͤchtigten anſahen, kehrte ich doch je⸗ des Mal weniger dafuͤr geneigt zuruͤck, und dies aus dem doppelten Grunde, weil ich die Abſichten Frank⸗ reichs immer deutlicher erkannte und immer tiefer ver⸗ achten lernte, und auf der andern Seite in Boͤhmen 41⁰ ſelbſt eine Veraͤnderung vorging, die mir nach und nach eine andere Hoffnung aufgehen ließ.“ „In der Zeit liegt eine Selbſthilfe, gegen die noch kein Despotismus die Schranke gefunden hat— und der Widerſtand gegen ihre Entwicklung wird oft grade das Mittel zu ihrer Foͤrderung.— Das Land zeigte ſeine tiefe, ihm einwohnende Thaͤtigkeit auch unter dem geiſtigen Drucke der auflauernden Beſchraͤnkung, die es uͤberall erſt zu uͤberwinden fand. In den Staͤdten regte ſich ein Leben, das die herrſchende Partei nicht wollte und das doch fort wuchs und eine Macht heran bildete, die grade bekaͤmpft ward und doch zunahm— ein un⸗ ſichtbarer Geiſt verbreitete uͤberall das Getriebe des Gei⸗ ſtes, der unterdruͤckt werden ſollte, und uͤberall ſeine Zeichen wahrnehmen ließ. Schon ſeit der Auf⸗ lͤſung des Inſtituts waren meine und Lacy's Kraͤfte vereinigt, um fuͤr den Wohlſtand der unterdruͤckteſten, hilfloſeſten Klaſſe unſerer Landsleute— fuͤr den Bau⸗ ernſtand zu wirken. Lacy hatte angefangen auf ſeinen Beſitzungen das Elend zu mildern und dieſe Ungluͤck⸗ lichen als Menſchen herzuſtellen. Es war mit dem großmuͤthigen Willen hierbei nicht abgethan— dieſe tief geſunkene Klaſſe war der Wohlthat kaum empfaͤng⸗ lich, die vorhandene Generation zeigte ſich wenig bil⸗ dungsfaͤhig. Rohheit oder Stumpfſinn verhinderte jede 411 freiere Anſicht.— Wir mußten uns der Jugend be⸗ maͤchtigen, uns erſt Menſchen erziehen, um ihnen nur den Willen nach Freiheit einfloͤßen zu koͤnnen— außer⸗ dem fanden wir die feindlichſten Anfechtungen bei La⸗ cy's Standesgenoſſen— Aufreizungen der bloͤdſinnigen Menge gegen uns, und um nicht Alles zu verlieren, mußten wir die groͤßten Opfer, die edelſten Plaͤne ge⸗ heim halten und Mittel erdenken, gegen den Willen der ſchwer Bedruckten ſie zu entlaſten.“ „Waͤhrend dieſer Zeit hatten wir entſchieden jede Beziehung zu Frankreich abgebrochen und vertrauten den langſam nach Innen wachſenden Kraͤften.“ „Hier trat eine Zeit der Trennung zwiſchen mir und Lacy ein, unſere freundſchaftlichen Beziehungen hatten aufgehoͤrt— ich lebte theils in Prag theils an verſchiedenen kleineren deutſchen Hoͤfen und zuletzt an dem Hofe Sr. Durchlaucht des hier anweſenden Fuͤrſten von S., indem ich die Angelegenheiten dieſes Fuͤrſten mit dem Nachbarſtaate des Fuͤrſten von 3. zu reguliren uͤbernommen hatte.“ „Dieſe Verhaͤltniſſe waͤhrten einige Jahre und nahe an ihrem Abſchluß entriß mich eine hoͤhere Pflicht ihnen fuͤr immer.“ „Lacy, der edle Freund meiner Jugend, rief mich zu ſeiner Hilfe herbei. Was uns getrennt, ſollte uns 412 auf's Neue und von da an fuͤr's Leben vereinigen. Lacy beſaß einen Sohn.— Die beſonderen Verhaͤltniſſe deſſelben zu meiner Familie hatten fruͤher die Väter ent⸗ zweit.— Eine tiefe melancholiſche Stimmung, welche danach dem jungen Manne geblieben, zu zerſtreuen, da ſie an ſeinem Leben nagte, ſchickte ihn der Vater nach Italien, und ſeine Ruͤckreiſe fuhrte ihn durch Frank⸗ reich.“ „Dieſer Juͤngling war unter unſern Augen erwach⸗ ſen und vom Knaben an ward er genaͤhrt mit der Va⸗ terlandsliebe, die ihm ſeine nationale Czechenliebe ſichern ſollte. Unzertrennlich von uns Beiden, kannte er alle unſere fruͤheren Plaͤne mit Frankreich, und da er uns oft als Sekretaͤr gedient und ein vortreffliches Ge⸗ dächtniß beſaß, waren ihm jene Verhaͤltniſſe ſo gegen⸗ waͤrtig als uns ſelbſt. Die Veranlaſſung unſerer Trennung hatte dagegen dem jungen Manne nur eine Richtung der Gedanken und Gefuͤhle gelaſſen; jede po⸗ litiſche Beziehung, jedes vaterlaͤndiſche Intereſſe war davon verdraͤngt, und ſo muß ich annehmen, daß ihm unſere gaͤnzlich aufgeloͤſten Verhaͤltniſſe zu Frankreich und die Hoffnungen fuͤr unſer Vaterland, die uns dazu berechtigten, unbekannt blieben oder doch von ſeiner voͤl⸗ ligen Gleichguͤltigkeit gegen Alles, was ihn umgab, uͤberſehen wurden.“ 413 „Als mich mein Freund Lacy, der Vater des jun⸗ gen Mannes, mit den Worten berief: Gedenke nicht meines Unrechts, ſondern unſerer alten Freundſchaft und unſeres Vaterlandes!— fand ich ihn in Verhaͤlt⸗ niſſen, die, wenn uns nicht das Gefuͤhl unſerer Wie⸗ dervereinigung aufrecht erhalten haͤtte, uns kaum den erforderlichen Muth zu dem, was nun uͤber uns kam, gelaſſen haͤtten.“ „Der Juͤngling— den ich eingeweiht nannte in alle unſere Verbindungen mit Frankreich— war auf dieſem gefaͤhrlichen Boden angekommen und mit voͤlli⸗ ger Unkenntniß des augenblicklichen Standpunktes der Dinge in die Schlingen gegangen, die man ihm gelegt. Er war dabei pekuniare Verpflichtungen eingegangen, die darum ſo ungeheuer waren, da ſie fruͤher vor der Aufloͤſung des Maͤnnerbundes von den bedeutendſten Kapitaliſten mit ihrem Vermoͤgen und ihren Verbin⸗ dungen geſtuͤtzt, jetzt auf den einen Namen Lacy ga⸗ rantirt waren. Er hatte mit der raſtloſen Wildheit und Ungeduld eines Ungluͤcklichen gehandelt, er hatte unſe⸗ res Rathes nicht mehr zu beduͤrfen geglaubt, ſein Name, der ſchon ſo wohl bekannt in dieſen Unterhandlungen war, hatte ihm ſeine Unbeſonnenheiten erleichtert.— Was bereits geſchehen war, hatte die Sache zu einem Punkte getrieben, auf dem ſie fruͤher noch nicht geſtanden, er 414 hatte ungeheuere Schulden gemacht, um dem Prinzen, der ſich zu unſerer vermeintlichen Rettung an die Spitze ſtellen wollte, ein Truppenkorps zu geben, mit dem er ſich in dem von franzoͤſiſchen und preußiſchen Truppen, fur Karl Albrecht vorlaͤufig beſetzten Böhmen feſtſetzen wollte, in der ſicheren Erwartung, daſſelbe werde als⸗ dann ſogleich zu ſeinen Gunſten aufſtehn. Ja es mußte uns wahrſcheinlich werden, daß wir mit dieſer ſcheußlichen und einfaͤltigen politiſchen Mißgeburt durch die Ausfuͤhrung ſelbſt uberraſcht worden waͤren, wenn die Schulden und die eben ſo großen Verpflichtungen, die der ungluͤckliche junge Mann gemacht, ihn nicht ge⸗ zwungen, uns von dem Stande der Dinge in Kenntniß zu ſetzen und die Geldmittel zu fordern, die, wie er wußte, fruͤher fuͤr dieſen Zweck bereit gelegen hatten.“ „Unſere erſte Handlung war, ihn zuruͤck zu rufen; wir enthielten uns dabei jeder ſchriftlichen Etklaͤrung uͤber die gethanenen Schritte und forderten blos ſeine Gegenwart.— Er leiſtete unſerm Willen Folge und traf ein, ehe wir noch zu einem feſten Entſchluſſe ge⸗ kommen waren, ehe wir uͤberſehen konnten, auf welche Weiſe wir dem Uebel zu ſteuern im Stande ſein wuͤr⸗ denz denn, meine Herren! jetzt hielten wir ſelbſt jeden Schritt der Art fuͤr Hochverrath, und kein Gerichtshof der Erde haͤtte uns ſtarker verklagen koͤnnen als wir 41⁵ ſelbſt, wenn noch ein Hauch in uns dieſe Pläne beguͤn⸗ ſtigt haͤtte.“ „Durchaus veraͤndert war der Zuſtand des Landes; denn Boͤhmen und Oeſtreich waren ein Vaterland ge⸗ worden, ſie hatten einen Herrſcher— einen Herr⸗ ſcher, wie Gott ſie nur ſelten in großen und wichtigen Entwickelungsmomenten der Weltgeſchichte auf den hoͤchſten Standpunkt beruft, in ihrem Geiſt ihnen die Gewalt ſichernd, mit der ſie der harrenden Zeit ihre Huͤllen abſtreifen.“ „Die Schranken unſeres Vaterlandes waren gesff⸗ net— Maria Thereſia ſtand im vollen Waffenſchmuck, und ihre Worte waren die Herolde, die dem ſtaunenden Europa verkuͤndigten: daß ein Fuͤrſtenherz, das ſich ſeiner heiligen Beſtimmung bewußt iſt, ſich unbeſiegbar fuͤhlt und verſichert, daß das Rechte ſein Ziel erreicht! Wenn wir ſchon in der letzten Zeit der Regierung Karls des Sechſten ſchweigend der Zukunft geharrt, ſo war es die Ahnung, daß in der jungen Fuͤrſtin, die ihm folgen ſollte, ein großes Herz ſchluͤge. Wie war dieſe Hoff⸗ nung gerechtfertigt, als ſie auf dem großen Schauplatz ihrer Thaten erſchien und jeder Schritt eine wichtige Handlung war, jede Begebenheit ein Mißgeſchick, an dem ſich ihre Kraft entwickelte.“ „O! wer geſchmachtet hat nach dem Ideal einer 416 Herrſchergroͤße, die das Leben nicht zur Wahrheit ma⸗ chen will, wer mit Schmerz und Widerſtreben ſich in anderer, von ihm ſelbſt faſt angefeindeter Richtung nach dem Schutz umſah, den er ſo gern allein von dieſer wirk⸗ ſamſten hoͤchſten Stelle empfangen haͤtte— wer nach dieſem Kampfe ploͤtzlich erloͤſt wird durch das Wahr⸗ werden des erſehnten Traumes, der wird mich verſtehen, wenn ich ſage: jetzt fuͤhlten wir uns Alle wiedergeboren! Ein Jeder durfte ſich in ſeiner Kraft bekennen— Alles, was ihn getrieben, durchdrungen, was er entwickelt, wonach er mit Inbrunſt ſich geſehnt, es fand jetzt ſeinen Platz: denn das goͤttliche Gefuͤhl der Vaterlandsliebe er⸗ weckt und foͤrdert die edelſten Kraͤfte des Menſchen, und wenn es zuſammenfaͤllt mit der heil'gen Liebe zu einem großen Herrſcher, der ſeine Zeit verſteht, dann iſt dies Gefuͤhl der Triumph der Menſchheit, dann ſehen wir ein Volk die Rieſenſchritte thun, die es an die Spitze der Nationen fuͤhren und einen Sieger aus ihm werden, unter deſſen Panier die Edlen aller Laͤnder ſich ſam⸗ meln moͤchten, um der Freiheit cheilhaftig zu werden, die kein Widerſtand mehr iſt!“ „Mit welcher Luſt fuͤhlten wir, daß Maria There⸗ ſia uns ſelbſt von aller Schuld entlaſtet hatte— daß nicht mehr Suͤnde und Hochverrath genannt werden konnte, was ſie ſelbſt als Frucht der Zeit erkennend mit. — 417 ſicherer Hand vom Baume der Erkenntniß brach— daß Jeder ihr die vergrabenen Schaͤtze zutragen durfte, ver⸗ ſichert, ſie werde Gold erkennen und ihm den Stempel aufdrucken, der es beglaubigt.“ „So fuhlten wir und mit uns Alle, die noch von dem ehemaligen Maͤnnerbunde der Tod verſchont. Kurz vor⸗ her hatten wir die ſchoͤnſte Vereinigung getroffen,— die, auf Tod und Leben, mit allen unſern Kraͤften, mit Gut und Blut Maria Thereſia uns zu weihen— und Den, der davon abweichen wuͤrde, unter uns als Hochverraͤther zu bezeichnen— ihn auszuſtoßen aus dem heil'gen Bund; ihn unſchaͤdlich zu machen auf jede Weiſe!“ „Und um dieſe Zeit traf Lacy, den treueſten An⸗ haͤnger dieſes Bundes, der entſetzliche Schlag, daß ſein Sohn der Erſte war, den der Name Hochverrather traf. — Nachdem wir Alles, was uns von dem wahnſinni⸗ gen Plane des jungen Lacy vorlag, wohl erwogen, rief ich dem gebeugten Vater zu: Wohlan! wir haben gelobt, Jeden, der von der Richtung abweicht, die wir jetzt allein fuͤr recht und ehrenhaft erkennen— unſchäͤd⸗ lich zu machen auf jede Weiſe— das Wort wollen wir uns halten und muͤßten wir Beide Alles daran ſetzen, was wir beſitzen!“„ ₰ „Als der junge Mann uns muͤndlich ſeine Plaͤne und ſeine Anordnungen enthuͤllt, war es nicht ſchwer, Thomas Thyrnau. I. 3te Aufl. 27 ihm die Thorheit derſelben zu zeigen, und als er, ge⸗ trennt von den Verfuͤhrern, die ſeine Schritte geleitet, ſchnell an der klaren Auseinanderſetzung unſerer Ge⸗ gengruͤnde bis zur Erkenntniß ſeiner maaßloſen Ver⸗ ſchuldung kam, war dieſe Erkenntniß zu viel fuͤr den erſchuͤtterten Juͤngling. Schaudernd wandte er ſich von ſich ſelber ab und bald uͤberzeugten wir uns, er werde unfaͤhig ſein, die ungluckliche Angelegenheit, die auf das grauſamſte verwickelt war, zu beendigen, und da keine Zeit zu verlieren war, indem der augenblickliche, durch den Krieg ſehr ungluͤcklich gewordene Zuſtand Boͤhmens benutzt werden ſollte, entſchloß ich mich, nach Paris zu gehen und um jeden Preis dieſe verderblichen Plaͤne zu hintertreiben.“ „DerFuͤrſt von S. hatte waͤhrend des letzten Theils der Erzaͤhlung Thyrnau's nicht geringe Unruhe gezeigt und mit Blicken und ironiſchem Läͤcheln und Zucken von Kopf und Schultern gegen die Tafel hin ungeſchickte Andeutungen verſucht, die Rede Thomas Thyrnau's zu verdaͤchtigen. Da die Herren ſich uͤberhaupt jeder be⸗ ſchraͤnkenden Einmiſchung enthielten, war ihm dies ohne Stoͤrung hingegangen— jetzt verlor er jedoch ſeine Maͤßigung voͤllig.—„Hintertreiben,“ ſchrie er mit dem Lachen des Hohn's.—„O! Du alter Kumpan! Du haſt Deine Fuchsrolle gut auswendig gelernt— — von der Leiter zum Galgen wirſt Du Dich noch herun⸗ ter luͤgen— gut haſt Du die Sache gewendet, aber ich bin auch noch da und war mit Dir zur ſelben Zeit an Ort und Stelle und habe Deine Wege bewacht!“ „Und ich die Ihrigen unſchaͤdlich gemacht,“ ſagte Thomas Thyrnau mit der Ruhe der Ueberlegenheit, und ſein Hoheit ſpruͤhendes Auge uͤberlief den widerwaͤrtig tumultuariſchen Zuſtand, in dem der Fuͤrſt von S. ſich zeigte.„Euer Durchlaucht wuͤrden es ſich ſelbſt zuzu⸗ rechnen haben, wenn ich meine Mittheilungen an Dinge ſtreifen ließe, die Euer Gnaden nicht wuͤnſchen wuͤrden, in ihrem wahrenLichte dargeſtellt zu ſehen— ſeien Euer Durchlaucht aber uͤberzeugt, daß ich dieſer Dinge nur gedenken werde, wenn ſie nothwendig im Zuſammen⸗ hange liegen— es hat ſehr wenig Intereſſe fuͤr mich, das Leben eines Mannes ans Licht zu ziehen, deſſen Da⸗ ſein zu vergeſſen meine Aufgabe als Chriſt iſt.“ „Oho!“ rief der Fuͤrſt—„Herr Advokat, wir ſind noch ſehr ſtolz in unſern Entgegnungen— das Ende wird uns demuͤthiger machen.“ „Ich glaube,“ entgegnete Thyrnau—„es iſt hier nicht der Ort, ein Wortgefecht zu halten, ich muß um Raum bitten, meine Erklaͤrungen abgeben zu koͤnnen!“ „Euer Durchlaucht wollen ſich geneigteſt zuruͤckhal⸗ ten,“ ſagte der Graf von Bartenſtein. 420 „Gut! gut!“ rief der Fuͤrſt— ich kann ſchwei⸗ gen—„die Rede wird wieder an mich kommen und dann wird ſich Alles finden.“ „Herr Thomas Thyrnau,“ ſagte der Baron Bin⸗ der—„Sie haben das Wort!“ Nach einer Pauſe des Nachdenkens fuhr Thyrnau fort:„Ich fand die Angelegenheit bei meiner Ankunft in Paris ſchlimmer und beſſer, als ich dachte. Die hohe Perſon, die ſich als Koͤnig von Boͤhmen zu zeigen geneigt war, hing weder mit dem Hofe noch mit den Miniſtern des Koͤnigs— einen Einzigen ausgenommen — zuſammen, glaubte aber beim Hervortreten der Ab⸗ ſicht auf Aller Schutz rechnen zu koͤnnen. Meine Un⸗ terhandlungen richteten ſich zuerſt auf dieſen Prinzen, und indem ich mich ſo ſchonend als moͤglich bemuͤhte, die Unbeſonnenheit aufzudecken, die ihn ſelbſt verleitet hatte, mußte ich doch zugleich den Juͤngling beruͤckſich⸗ tigen, deſſen Name mir ſo theuer war als mein eigner — auch durfte ich die erwaͤhnte hohe Perſon durch mei⸗ nen Widerſpruch nicht ſo reizen, daß ſie ſich geneigt fuͤhlen konnte, meine Unterhandlungen abzulehnen, denn Alles lag uns daran, die voͤllig bloßgeſtellte Ehre des Juͤnglings zu ſchonen, die mit der Bekanntwerdung dieſes Planes an unſere fruͤheren Verbuͤndeten jeſt 4 un⸗ widerruflich verloren 4 — 421 „Wir hatten uns das Wort gegeben, jedes Opfer zu bringen, um den ſchmaͤhlichen Verdacht dieſes jetzt abſcheulichen Complotts von dem Namen Lacy abzu⸗ wenden, und ich fand dadurch gehaͤufte Schwierigkeiten — denn ich entdeckte jetzt, die Sache immer genauer ergruͤndend, daß viele hoͤchſt unbeſonnene Verbindungen mit den kleinen deutſchen Fuͤrſten angeknuͤpft waren, welche gegen anſehnliche Verſprechungen ſich verpflichtet hatten, dieſen Plan zu unterſtuͤtzen. Es war daher die große Schwierigkeit zu loͤſen, Alle in ein und daſſelbe Intereſſe zu verwickeln und Alle in dieſelbe Gefahr zu bringen, ſobald die Sache entdeckt ward.“ „Meine Erzaͤhlung erlaubt mir jetzt, in Sprungen zu berichten, da ich hier nicht mit der Abſicht ſtehe, an⸗ zuklagen, ſondern die Wahrheit bloß den gemachten Anſchuldigungen entgegen zu halten. Es gelang mir durch einen kuͤhnen Entſchluß, die einflußreichſte Per⸗ ſon Frankreichs fur alle meine Verlegenheiten zu inter⸗ eſſiren. Die Feindſchaft derſelben zu dem erwaͤhnten Praͤtendenten half mir. Ludwig der Funfzehnte bedrohte, von ihr unterrichtet, den Prinzen mit ſeiner Ungnade, wenn nicht jede Unterhandlung abgebrochen werde, und jetzt ward ich ſelbſt erſucht, die Sache zu beendigen, allerdings mit der Verpflichtung, die bereits beſtehenden Verbindlichkeiten einzuloͤſen.“ „Ha!“ rief Kaunitz hier und druͤckte die zfiutz geſchnittene Feder ſo heftig auf den Tiſch, daß der Spalt auseinander fuhr—„ſo iſt das Reſumé: daß der Konig von Frankreich und ſeine Umgebungen ſchon damals, als der Krieg noch unter uns ſtattfand,— die Abſicht dieſer Hochverraͤther nicht unterſtuͤtzten.“ „Wir haben dafuͤr das Zeugniß des Angeklagten,“ entgegnete der Graf von Bartenſtein—„ich werde nicht noͤthig haben, Euer Gnaden darauf aufmerkſam zu machen, daß dies uns erſt als Beweis dienen kann, wenn wir ſeine Richtigkeit ermittelt haben. Auch moͤchte die damalige Stimmung Frankreichs gegen Oeſtreich von wenigem Belang ſein: die Feindſeli geſprochen, offen ward der ſogenannte bente von Frankreich beguͤnſtigt, Boͤhment ſelben Augenblick der Kriegsſchauplatz; ob man es fuͤr Karl Albrecht, den Kurfurſten von Baiern, oder fuͤr ſich ſelber zu rauben dachte, blieb ziemlich gleichguͤltig.— Aber wichtiger muß es ſcheinen, daß wir Belege finden, wie noch bis in die neueſte Zeit die Verbindungen fortbeſte⸗ hen und ungemein große Zahlungen durch den Advoka⸗ ten Thyrnau und den Grafen Lacy geleiſtet wurden, welche ein Fortbeſtehen von Beſtechungen zu unertut⸗ ten Zwecken darzulegen ſcheinen.“ „Dies iſt vollkommen richtig,“ entgegnete Kuuniz welche ſeine 5 423 —„und Sie, mein Herr Advokat Thyrnau, werden Sie ausreichende Gruͤnde anfuͤhren koͤnnen, welche nach⸗ weiſen, wie Sie bis zu unſerer Zeit in ſo auffallendem Verhaͤltniß zu Frankreich blieben?“ „Es kann daruͤber kein Zweifel ſein,“ erwiderte Thyrnau—„die Handelshaͤuſer und Lieferanten, die bei den Zahlungen betheiligt ſind, haben dargethan, wofuͤr die Summen, die ſie empfangen, bezahlt wor⸗ den ſind. Es iſt hier nicht das kleinſte weiter gehende Einverſtaͤndniß nachzuweiſen, es zeigt ſich uͤberall nur das Verhaͤltniß eines Privatgeſchaͤfts, und ich habe ſo⸗ eben erzaͤhlt, wie die ungluͤckliche Intrigue des juͤnge⸗ ren Grafen von Lach das Aufgebot großer Geldmittel, nbeſonnenen Verpflichtungen geraͤuſchlos tilgten, nothig machten, um den Namen Lacy vor dem traurigſten, gewiß unaustilgbarſten Verdacht zu ſchuͤtzen.“ „Wer gab dieſe Geldmittel?“ fragte hier der Graf von Uhlefeld.—„Sie ſagen, daß Sie dieſe Sache der Kenntniß der fruͤheren vermoͤgenden Verbuͤndeten ent⸗ zogen haben, daß ſie unter dem Grafen von Lacy und Ihnen abgemacht worden iſt— aber wir wiſſen ſehr genau, daß der Graf Lacy damals nicht uͤber ſo große Geldmittel zu gebieten hatte, da die Neuerungen auf ſeinen Guͤtern den Ertrag geſchmaͤlert und das 424 Kriegsungluͤck uͤberdies ſein Vermogen zuruͤckgebracht hatte.“ „Sollte die Beantwortung dieſer Frage wirklich zur Sache gehoͤren?“ ſagte Thyrnau plotzlich in etwas ſtol⸗ zem und gereizten Tone.—„Wenn aus denen Ihnen zu Gebote ſtehenden Beweiſen hervorgeht, daß dieſe Zahlun⸗ gen ein Privatgeſchaͤft ſind und keinen andern Zweck als den angegebenen hatten, was kann es fur Wichtigkeit haben, woher dieſe Mittel floſſen?— ich werde mich der Beantwortung keiner Frage entziehen, dieſe aber ent⸗ weder gar nicht oder unter beſondern Bedingungen be⸗ antworten.“ k „Wir muͤſſen Ihnen zu bedenken geben,“ erwiderte Graf Bartenſtein,—„daß nur die groͤßte Offenheit, die klarſte Darlegung der ganzen Sache Ihnen nutzlich werden kann.“ „Nuͤtzlich?“ betonte Thyrnau.—„Meine Her⸗ ren, was mir nuͤtzlich oder nachtheilig werden kann, iſt hier nicht die Hauptſache. Die Wichtigkeit meiner Aus⸗ ſagen haben bloß den Werth, ob ſie in dieſem Augen⸗ blick eine neue politiſche Treuloſigkeit Frankreichs er⸗ weiſen koͤnnen oder ihren Ungrund beſtaͤtigen— dazu werden meine Ausſagen nuͤtzlich ſein, und das iſt der Werth, den ich ſelbſt noch habe. Es kann hart ſcheinen, daß ich im ſiebenzigſten Jahre von Handlungen 425 meiner Jugend Rechenſchaft geben ſoll. Doch ich kann das kaum finden— indem ich ſie jetzt eingeſtehe, kann ich ſie doch nicht verdammen, ja ich halte ſie fuͤr ein da⸗ mals edles begruͤndetes Rechtsgefuhl, und nenne ſie ſo mit Achtung und Ueberzeugung in einem Augenblicke, wo ich mich ihres Mißlingens freue und jedes aͤhnliche Un⸗ ternehmen jetzt mit vollem tiefen Unwillen: Hochverrath nennen wuͤrde!“ „Meine Papiere ſind in Ihren Haͤnden— die Lucken darin bin ich bereit auszufullen— wenn ich dies geleiſtet, ſehe ich mit der Ruhe, die mir ſeit lange uͤber dieſe Angelegenheit inne wohnt, den Erfolgen fur mich entgegen. Meine Wuͤnſche fuͤr dieſe Welt ſind nur noch auf ein zartes junges Leben angewieſen, das mir anhaͤngt— wird es in meinen Fall verwickelt, ſo hat Gott das Senkblei fuͤr ſeine Leiden— ich habe dieſen Augenblick erwartet und es erfullt mich mit Dank, daß ich erſt ſo ſpaͤt und zu einer Zeit in meinem Berufe ge⸗ ſtoͤrt werde, wo ich ihn ſelbſt als aufgehoben anſehe— ſelbſt nur noch ein Zuſchauer mich fuͤhle, den großen Kataſtrophen gegenuͤber, denen mein Vaterland entge⸗ gen eilt!“ „Warum aber weigern Sie ſich, anzugeben, wo⸗ her dieſe Geldmittel ſtroͤmten, die zu einem bedeutenden Vermoͤgen zu berechnen ſind?“ ſagte Graf Bartenſtein. 426 —„Es iſt nicht gut, daß Sie dabei ein Geheimniß zu verbergen haben— ich kann Ihnen nicht vorenthalten, daß dadurch der Verdacht verſtaͤrkt wird, als haben die fruͤheren Verbindungen noch denſelben Fortbeſtand. Wir wiſſen, daß Sie mit einer ſehr einflußreichen Per⸗ ſon am franzoͤſiſchen Hofe in Korreſpondenz ſind, daß dieſe ſelbſt durch den anweſenden Grafen von Lacy eine bedeutende Summe Geldes erhielt, wodurch derſelbe in den Verdacht gerathen, der ihn vor's Erſte zu Ihrem Mitſchuldigen zu machen ſcheint!“ „Ich danke Euer Durchlaucht,“ ſagte Thomas Thyrnau, ſich gegen den Fuͤrſten von S. verneigend „Ihr Antheil an meinen Angelegenheiten iſt ſehr groß geweſen. Nachdem ich es Ihnen unmoͤglich gemacht habe, Ihre fuͤr einen deutſchen Reichsfuͤrſten wenig paſſenden Plaͤne auszufuͤhren, iſt es Ihnen wohl gelun⸗ gen, die Schritte eines Mannes auszuforſchen, den Sie im Gefuͤhl Ihrer eignen Handlungen zu kompro— mittiren hofften.“ „Ich muß aufs Neue bemerken, daß der Glaube an die Ausſagen dieſes Redners Sie nicht irre fuͤhren duͤrfen,“ rief hier der Fuͤrſt von S.—„Meine Schuld an der Sache habe ich eingeſtanden— Euer Gnaden haben die Namen⸗ Liſten der damals ſo wie ich verfuͤhrten jungen Fuͤrſten geſehn— ich will daher nicht 427 leugnen, daß wir dieſen Herrn Thyrnau zu unſerm Advokaten in Paris gemacht hatten, ich muß außerdem ſagen, daß ich das Vertrauen der Frau Marquiſe von Pompadour genoß, und immer daraus die Schritte des Herrn Advokaten beobachten konnte, welcher ſich gleich⸗ falls das Ohr dieſer einflußreichen Dame erſchlichen hatte, welche mir immer ſagte, ſie hoffe mit Huͤlfe Thyrnau's jene Angelegenheit gluͤcklich zu Ende zu fuͤhren.“ Thyrnau's Angeſicht uͤberflog ein Laͤcheln— er ließ den haſtig Redenden vollenden.—„Ich werde meine Verbindung mit der geiſtreichſten Frau Frankreichs nicht leugnen, und ich bin uͤberzeugt, die geehrten An⸗ weſenden haben ſchon vorher vollkommen verſtanden, daß ich nur ſie meinen konnte, als ich des Beiſtandes einer einflußreichen Perſon gedachte. Doch habe ich uͤber die Art dieſer Verbindung keine Beweiſe.— Wir haben theils alles Wichtige muͤndlich verhandelt, und der ſcherzhafte Wechſel kleiner Billets, die hin und her flogen und freilich nicht mehr in meiner Hand ſind, wuͤrden doch auch in ihrer heitern Form noch darthun, daß ich nur Agent Seiner Durchlaucht, uud einiger ſei⸗ ner Standesgenoſſen ward, damit es kein Anderer wer⸗ den konnte— daß die Frau Marquiſe durch meine Klagen uͤber die ungeduldige Betriebſamkeit Seiner Durchlaucht vermocht ward, ihn ſelbſt daruber zu beru⸗ higen.— Daß ſie dies jedoch mit der neckenden Weiſe that, die Ihr eigen iſt, und daß Seine Durchlaucht gerade dadurcht geneigt wurde, das Gegentheil von dem zu glauben, was wirklich geſchah, muß ich in der That ablehnen zu vertreten.“ Das Laͤcheln, was hier von Kaunitz, dem dieſer Tho⸗ mas Thyrnau mit jedem Augenblick lieber ward, nicht unterdruͤckt werden konnte, reizte den Fuͤrſten zu einem ungeſtuͤmen Aufbrauſen des Zornes. „Wie?“ rief er wild in die Hoͤhe fahrend—„wollt Ihr andeuten, ich ſei von dem liederlichen Weibe betro⸗ gen, verlacht, hinter's Licht gefuͤhrt worden? Wollt Ihr mit dieſer groben Luͤge Eure eignen falſchen Wege verdecken— hofft Ihr den Schlingen zu entgehn, indem Ihr ſie um andere Fuͤße legt— huͤtet Euch! ich habe geſchworen, Euch an den Galgen zu bringen— ſeid ſicher, ich halte es!“ Schon hatte Thyrnau den Mund geoͤffnet, um zu antworten, ſchon zeigte die lebhafte Bewegung der Ge⸗ richtsherren die gleiche Abſicht,— als Alle von ihren Seſſeln aufſprangen, und Todtenſtille das Gemach er⸗ fuͤllte.— Die Vorhaͤnge des Nebenzimmers waren von der kleinen Dame zuruͤck geſchoben worden und mit ihrem — — — 429 vollen erhabenen Anſtande und gluͤhend vor innerer Aufregung trat die Kaiſerin in das Gemach.— „Vor Allem,“ rief ſie mit ihrer toͤnenden Stimme —„vergeßt nicht, Herr Fuͤrſt von S., daß ich Euch meine Gegenwart habe anzeigen laſſen! Wer wagt es, hier einem meiner Unterthanen zu drohen, ſo lange wir und das Recht nicht uͤber ihn entſchieden? Der Mann,“ ſagte ſie, und ihr blitzendes Auge uͤberlief Thomas Thyrnau—„hat viel Gutes geſagt, und es will uns ſcheinen, daß wir dem ſchlechten Dank wiſſen werden, der uns mit ſo alten Verſchuldungen belaͤſtigt hat, wie Euer Durchlaucht gethan. Wie dazu ſonderliche Luſt bei Euer Gnaden ſein konnte, ſteht uͤberdies billig zu verwundern, da Sie, denk' ich, ſelbſt tief genug hinein gerathen waren.“ „Meine Herren,“ fuhr ſie fort, ſich gegen die Ta⸗ fel wendend und den Lehnſeſſel einnehmend, den Frau Gutenberg ihr nachgerollt—„ich denke, das ſind ver⸗ altete Geſchichten— und in der Art und Weiſe des Angeklagten liegt viel, woran man Glauben faſſen kann. Die vergangenen Zuſtaͤnde, die er aufgefuͤhrt, zeigen uns leider manches wahre Bild— und wir be⸗ greifen, daß dieſe Anklagen von ſeinem Standpunkte aus noch gerechtfertigter erſcheinen moͤgen, denn wir können uns eher zu der Bedraͤngniß des Unterthanen 430 herablaſſen, als dieſer umgekehrt ſich zu unſerm erha— benen Standpunkt erheben kann und die Bedingniſſe einſehn, unter denen wir zu handeln oft gezwungen ſind, warum wir veraltete Uebel nicht gleich uͤber den Haufen rennen, da es ſehr haͤufig darauf ankommt, in welcher Ordnung wir unſre Reformen vornehmen, und dazu eben die Ueberſicht gehoͤrt, die nur wir be⸗ ſitzen koͤnnen. Wir muͤſſen es daher geſchehen laſſen, daß Jeder gleich ſich fuͤr vergeſſen und uͤberſehen haͤlt, weil gerade die kleine Stelle, die er uͤberſieht, nach unſerer hoͤheren Ordnung noch nicht an der Reihe war. Daher iſt— bei dieſer unleugbaren Wahrheit— Unterthanentreue, das heißt: feſter Glaube an die Ge⸗ rechtigkeit und ausreichende Fuͤrſorge des Fürſten, eine uͤber Alles noͤthige Pflicht des Unterthanen, und die Uebertretung derſelben iſt, wie billig, von Alters her als die groͤßte Vergehung mit den haͤrteſten Strafen be⸗ legt worden.“ „Denn wie Gott ſchon mit dem Regieren unter guͤnſtigen Umſtaͤnden den Herrſchern der Erde ein ſchweres Amt uͤbertragen, ſo moͤchte ich fragen, wie auszukommen ſei mit Menſchenkraͤften, wenn jeder Un⸗ terthan gedaͤchte, es ſolle nach Plaͤnen gehen, die er in ſeinem kleinen Bereich erdacht. Ein Reformiren, was wir Jedem gern zugeſtehen, und was uns Huͤlfe brin⸗ gen kann, das heißt: auf dem Platze, wo er ſteht, ſeines Amtes mit Verſtand und Fleiß warten— was meint man— wird daraus nicht endlich das wahre Reformi⸗ ren erwachſen?— und wird uͤberdies leichter ſein, als was uns uͤbertragen iſt: Reformen zu beſchließen und auszufuͤhren, die Keiner verſteht und daher Alle zu tadeln Geluͤſt haben— die wir durchfuͤhren muͤſſen und wohl wiſſen, erſt nach Jahren werde ſich darthun, warum wir juſt ſo hinein griffen und die unbeholfenen und uͤbelwollenden Kluͤgler, deren Reden wir gar wohl kennen, werden indeſſen ſo viel Zweifel dagegen erregen, als moͤglich iſt, um der Sache zu ſchaden, die ſie nicht verſtanden haben. Das iſt Regentenplage, die wol arg zu nennen iſt, und wogegen uns nur die uns von Gott gegebene heil'ge Geduld ſchutzt, die uns lehrt, Menſchen⸗ beifall entbehren, wenn uns große, Gott gefaͤllige Zwecke vor Augen liegen.“ Wunderbar bewegt von dem, was ſie ſprach, hatte die Kaiſerin ſich wahrſcheinlich, wie Alle einſahen, gegen ihren Willen in der Mitte ihrer Rede gegen Thomas Thyrnau gewendet, welcher gluͤhend mit dem Ausdruck der Begeiſterung, hoch aufgerichtet von Freude und Stolz, auf Maria Thereſia, ſeine große Gegnerin, blickte und ihre Worte mit ſeinen Blicken zu verſchlin⸗ gen ſchien. 432 Kaunitz uberſah dieſe merkwuͤrdige Scene mit einem Jubel, der ihm faſt die Bruſt ſprengte. Auf ſeine Knie haͤtte er vor Maria Thereſia ſinken moͤgen und den Saum ihres Kleides kuͤſſen— dies Selbſtvergeſſen— dieſe Gegenrede, die ſie dem angeklagten Advokaten Thyrnau hielt, gegen alle Ordnung ihres erhabenen Standes— hingeriſſen von dem hoͤheren Geiſte, der vor ihr die Schwingen geruͤhrt und deſſen Gewalt ſie anerkannte in dem geringen Buͤrgerlichen, den ſie werth genug hielt, um ihm zu entgegnen, daß er Verſtaͤndniß gewoͤnne ihrer Anſicht— dies ſchien ihm eine Groͤße des Geiſtes, wie ſie noch kein Thron beſeſſen, und er gelobte ſich, ihr zu dienen mit allen ſeinen Kraften, moͤge dieſer Geiſt auch neben ſeiner Groͤße ihn treffen wollen mit ſeinen elektriſchen Schlaͤgen. Er wußte, daß Alles, was hier vorging, gegen ihren Willen war — er wußte, ſie hatte ſich allein von Frau Gutenberg im tiefſten Geheimniß in das Vorzimmer begleiten laſſen, und obwol ſie den Herren ihre unſichtbare Gegen⸗ wart ankuͤndigen ließ und befohlen hatte, die Verhand⸗ lung durch keine Einreden zu beſchraͤnken, war ſie doch feſt entſchloſſen, ſich eben ſo geraͤuſchlos zu entfernen. Sie hatte ſich alſo ſelbſt vergeſſen— und grade daß ſie das gekonnt, ſchien Kaunitz der herrlichſte Triumph ih⸗ rer Groͤße und erhabener— mehr Kaiſerin als jetzt— 433 war ſie ihm auf ihrem Thron noch nie erſchienen. Auch war ſie noch nicht fertig. „Ihr habt ſchlimme Zeiten erlebt,“— fuhr ſie fort—„gar wohl weiß ich das! Aber Euer Unverſtand war groß, als Ihr Euer Boͤhmen abreißen wolltet und es dem verderbten Frankreich hingeben— waͤr's was Anderes worden als eine franzoͤſiſche Provinz? hattet Ihr Macht, das zu hindern?— und hat Frankreich je an ſolche Zugeſtandniſſe fuͤr ſeine Provinzen ge⸗ dacht, als Ihr in Eurer Ueberſpannung erlangen wolltet? Dieſe eitlen Thoren haben nur immer eine Puppe gehabt, die ſie herausputzten, um ſie dem Aus⸗ lande vorzuhalten und dieſe Puppe hieß Paris.— Da waren Conceſſionen zu erlangen, da ward an Auf⸗ ſchwung in Kunſt und Wiſſenſchaft gedacht und die Beſtrebungen fanden Beachtung— aber die Provin⸗ zen— da lag tiefe Noth, da waltete barbariſche Will⸗ kuͤr, da verſtummte der geiſtige Aufſchwung, und Finſterniß lag uͤber großen Verſchuldungen. Armer Mann! was habt Ihr getraͤumt von ſittlicher Wuͤrde, um deren Begruͤndung Ihr ranget— habt Ihr ver⸗ geſſen, warum mein Ahnherr Leopold dies franzöſiſche Weſen ſo tief verabſcheute?— Weil dieſer Heros der feinen Sitte und Kultur, dieſer Ludwig der Vierzehnte, Rotten von Mordbrennern aus ſeinen Unterthanen bil⸗ Thomas Thyrnau II. 3te Aufl. 28 dete, die Euer Boͤhmen zu oͤden Brandſtaͤtten umwan⸗ delten! Unſere Archive bewahren noch die ſchreckli⸗ chen Beweiſe dieſer nie genug zu verabſcheuenden Po⸗ litik.“ „Euer Lobkowitz hat uns auch ein Beſſerer geſchie⸗ nen, als das damalige Verfahren anließ, obwol ihm auch ſchwerlich der Preis gebuͤhrt, den Ihr ihm gern zugeſtehen moͤchtet, und ſein franzoſiſch Weſen ihn in große Verwirrung ſtuͤrzte und Euren Vater mit hinein zog, woraus Euch von Jugend an das rebelliſche Blut kam.“ „Bei Euch und Eurem Treiben iſt Spreu vom Waizen ſchwer zu unterſcheiden— Ihr haͤttet Nutzen ſtiften koͤnnen— das ſind die Koͤpfe, die Herrſcher oft vergeblich ſuchen und worauf Ihre Umgebungen, die ihnen ſuchen helfen ſollten, nicht eher die Augen des Herrſchers lenken, als bis es zu ſtrafen giebt, bis der Geiſt, der ſich ſo ungewoͤhnlich regt und dem die rechte Bahn der Thaͤtigkeit verſchloſſen blieb, in einer ſelbſt gewaͤhlten Richtung ſich bemerkbar macht, die dann oft mehr unſern Tadel als unſern Beifall fordert. Nicht Allen kommt zur rechten Stunde noch die beſſere Einſicht!— Ihr habt keck und unverholen Euch geaͤußert, doch wußtet Ihr nicht, daß ich Euch hoͤrte.“. „O! haͤtt' ich es gewußt!“ rief Thyrnau hier mit einer Stimme, gepreßt von uͤberfließendem Gefuͤhl— „dann haͤtte ich die Stunde mit Bewußtſein erlebt, welche mir ſeit lange der Preis ſchien, um den es ſich zu leben lohne.“ „So!“ ſagte die Kaiſerin und der Mund zuckte faſt, als verberge er ein Laͤcheln—„Ihr ſeid ein gefaßter Mann! Ihr wollt mir andeuten, daß Ihr ſelbſt die Kaiſerin nicht fuͤrchtet.“ „Und hatt' ich ſie zu fuͤrchten?“ rief Thyrnau faſt zu lebhaft.—„Wer hat unſere große Kaiſerin zu furchten, der Zeitlebens vor dem Thron eines gro⸗ ßen Gedankens ſtand und uͤber dem duͤſtern Drucke ſeiner Zeit dem hoͤhern Glauben ſeine Kraͤfte weihte, es ſei ein edles Volk beſtimmt, die in ihm wohnende Kraft zu hoͤherer Einſicht, freierer Erkenntniß zu ent⸗ wickeln! Darf der Erfolg— darf ſelbſt der Irrthum — darf uͤberhaupt die aͤußere Geſtaltung deſſen, was er gewollt, den Muth ihm rauben, der erhabenen Idee, der er ſein Leben weihte, mit warmem Hetrz⸗ ſchlag getreu zu bleiben?— Kann er den Muth ver⸗ lieren und eben dann, wenn mit dieſer Idee vertrieben, verfolgt durchs ganze Leben, er endlich mit ihr vor dem Hafen anlangt, der ſie rettend aufnimmt? Kann er den Sturm noch furchten, der nur die Planken des 28 Fahrzeugs auseinanderreißt, auf denen ſie ſo lang getragen ward?“ Die Kaiſerin hatte mit einem leiſen Nicken die Worte begleitet— dann wandte ſie das koͤnigliche Haupt nach Kaunitz um— und ſah ihn an und nickte. O! welch ein Ehrenſtern ſchien dieſer Blick dem edlen treuen Diener! Er wußte es ganz gewiß, an Allen voruͤber, die ihrem eignen Geluͤſt in der Sache bis dahin geſchmeichelt, an Allen voruͤber glitt ihr Blick und ſuchte Den, der ihr mit unverdroßnem Muthe widerſtrebt, dem ſie gezuͤrnt und mit dem ſie jetzt das Verſtaͤndniß zu theilen ſicher war. „Thomas Thyrnau,“ ſagte die Kaiſerin—„Ihr ſeid ein Schwaͤrmer!— Das ſind die wunderbaren Frevler, die dem Monarchen aufſtoßen: ſie wurden ihren Leib fur den in ihrem Sinn handelnden Herrſcher mit Jubelhymnen zum Tode ſchleppen— und um die Idee zu ſchuͤtzen, die in ihrem heißen Kopfe brennt, wuͤrden ſie gegen eben dieſen Herrſcher den Fehdehand⸗ ſchuh ziehen, wenn er dieſelbe zu bedrohen ſchiene!— Und was folgt nun? Sollen wir mit ſolchen Schwaͤr⸗ mern Gemeinſchaft machen?“ „Maria Thereſia kann es; und waͤre ſie das erſte gekroͤnte Haupt, das es verſucht! Denn das Wort, das im Munde der Menge den muͤſſigen Träumer — 437 anzudeuten ſcheint, wird ihr den ahnungsvollen Geiſt bezeichnen, der voran der ſchweren Zeitentwickelung das Prognoſticon den Sternen abgelauſcht und die Feuerſaͤule prophetiſch zeigt, welche die Maſſe durch die gluͤcklich erlauſchte Furth zum andern Ufer— zum gelobten Lande fuͤhrt. Das iſt der Schwaͤrmer, mit dem Maria Thereſia Gemeinſchaft halten kann— ſie iſt es ſelbſt! Sie iſt es geweſen vom erſten Schritte zum beſtrittenen Thron der Vaͤter— und von uns armen geſcholtenen Schwaͤrmern iſt ſeitdem die Suͤnde genommen, die man uns angeheftet, zur Wahrheit iſt mit ihr geworden, was wir gewollt— was wir be⸗ kennen.“ Maria Thereſia ſenkte das Haupt— es entſtand eine tiefe Stille— ſie dachte nach— ob ſchon jemand ſo kuͤhn zu ihr geredet habe— es kam ihr vor, als habe ſie ihn ſchon gehoͤrt— vielleicht getraͤumt von ihm — er hatte in ihr großes Herz geſchaut! Ploͤtzlich ſtand ſie auf— ſie ſchritt gegen die Tafel vor und ſagte mit ihrer hohen Wuͤrde: Ich will, daß man die alten halb verjaͤhrten Geſchichten, welche dieſem Manne zur Laſt gelegt werden ſollen, mit Ruͤckſicht auf ſeine jetzigen Geſinnungen anſieht. Man thut uns ſchlechte Dienſte, wenn man damit die Erinnerung an Zuſtaͤnde weckt, die uns eben ſo 438 „ wenig gefallen, als Denen, die damals darunter litten. Dieſe letzte Geſchichte vom Jahr 1741 muß dagegen noch klarer dargethan werden— dieſer Thyrnau iſt anzuhalten, alle Wege anzugeben, die ſeine bis jetzt fortbeſtehende Verbindung mit— der ſogenannten einflußreichen Perſon am franzoͤſiſchen Hofe darthun— dann muß ſich ergeben, wie der junge Graf von Lacy hinein kam— und endlich iſt auf ſeine Weigerung, nachzuweiſen, wo die bedeutenden Geldſummen her⸗ floſſen, nicht einzugehn.“ „Erlaſſen Euer Majeſtaͤt mir nur dies Eine,“ rief Thyrnau mit ehrerbietigem Tone—„ſo werden alle uͤbrigen Beweiſe aufzufinden ſein— die Abzahlung die⸗ ſer Summe iſt durchaus ein Privatgeheimniß!“ Die Kaiſerin ſagte, ohne ihn anzuſehn:„Thoͤrich⸗ ter Vorbehalt— Ihr koͤnnt ſelbſt nicht denken, daß Euch das zugeſtanden wird— und was wollt Ihr— es iſt ja zu Eurem Beſten!“ „Vielleicht,“ ſagte ſie, indem ihr Auge wieder Kau⸗ nitz ſtreifte—„vielleicht waͤre ihm zu geſtatten, da er von Privatverhaͤltniſſen ſpricht, die wir gern ſchonen, daß er einen meiner hier anweſenden Raͤthe ſich erwaͤhlte, der ihm beſonderes Vertrauen einfloͤßt, um ihm ein Geſtaͤnd⸗ niß zu machen, woruͤber wir von ſelbigem nachher blos ein allgemeines Gutachten entgegen nehmen koͤnnten.“ 439 „Dieſem wuͤrde auf Befehl Euer Majeſtät nichts entgegen ſtehn,“ entgegnete ehrfurchtsvoll der Graf von Bartenſtein. Und dennoch kann ich dieſe tief empfundene Gnade meiner erhabenen Kaiſerin und waͤre ſelbſt der Graf von Kaunitz der, welcher ſich zu meinem Vertrauten hingeben wollte, nicht annehmen!“ „Ha,“ rief die Kaiſerin, ſich in ihrer lebhaften Weiſe wieder zu ihm wendend—„Ihr ſeid ein hart⸗ naͤckiger Mann!“ „Wenn Euer Majeſtaͤt wuͤßten, was mich be⸗ ſtimmt, ſo zu handeln, Sie wuͤrden ſagen: es iſt ein ehrlicher Mann!“ „Aber,“ fuhr er fort, indem er der Kaiſerin ehr⸗ furchtsvoll naͤher trat—„ich kenne eine Stelle auf dieſer Welt, wo ſich mein Vorſatz aͤndern wuͤrde— eine Perſon, der ich Alles ſagen könnte, wenn ſie ſich herabließe, das Bekenntniß zu empfangen.“ „Nun! nun!“ rief die Kaiſerin faſt zornig.— Thomas Thyrnau beugte das Knie und blieb mit ge⸗ ſenktem Haupte in dieſer Stellung vor der Kaiſerin. „Was?“ rief dieſe—„mich meint Ihr?— Ich ſoll Euer Beichtvater ſein— dem Advokaten Thyrnau ſoll ich ſeine Geheimniſſe abfragen? Mann!— ſolche Dreiſtigkeit ward mir noch nicht geboten und wol ſehe 44⁰ ich ein, daß ich Unrecht hatte, mich hierher zu vgehen — hier wird meine Perſon arg mißkannt.“ Doch ward es ihr faſt ſchwer die letzten Worte ihres Zornes auszuſtoßen, denn Thyrnau hatte ſich erhoben und ſtand ihr ſo ruhig und feſt aufgerichtet gegenuͤber, daß ſie den Glutblick, womit ey ſie w faſt nicht zu ertragen vermochte. „Ja!“ ſagte er mit ſanfter ruhiger Stimme— „ich meinte Euer Majeſtaͤt, als ich die einzige Perſon nannte, der ich das heiligſte Geheimniß meines Lebens anvertrauen wollte— habe ich zu viel begehrt, ſo wird Euer Majeſtaͤt mir vergeben— und dies Geheimniß moͤge meine Sache erſchweren, wie es will, es wird in meiner Bruſt begraben bleiben— nimmermehr aber darf meine erhabene Kaiſerin denken, Ihre erhabene Perſon ſei von Ihrem treuſten Knecht verkannt wor⸗ den— er im Gegentheil glaubte ſie in Wahrheit zu erkennen, ja ihr faſt goͤttliche Ehren zu erweiſen, in⸗ dem er das vor ihr gelobte auszuſprechen, was Keiner, was von nun an Keiner theilen darf, als Gott! „In Wahrheit, Kaunitz,“ ſagte die Kaiſerin milde ja faſt laͤchelnd auf ihren Stuhl zugehend—„ein Mo⸗ narch muß ſich wie die Gottheit ſelbſt die allerabſonder⸗ lichſten Sorten der Verehrung gefallen laſſen und ler⸗ nen die Abſicht zu erkennen, die oft in der unpaſſendſten 441 Form verborgen liegt. Dieſer heftige Mann will im⸗ mer Recht behalten und ſein weißes Haar raͤth uns Nachſicht gegen ihn!“* Kaunitz hatte ſich laͤchelnd verbeugt und wie ein Kammerherr den Stuhl geſchoben— ihm war jeder Augenblick, den ſie langer blieb, unbezahlbar, und er vertraute ihrem herrlichen ſanguiniſchen Gemuͤth, wel⸗ ches ſie fortzureißen verſprach, ſelbſt das Richteramt fortzuſetzen— er ſegnete alle ſo geraͤuſchlos getroffenen Maaßregeln, die ſie dazu verfuͤhrten und haͤtte den Gei⸗ ſtes⸗ und Herzens⸗kuͤhnen Thyrnau an ſeine Bruſt druͤcken moͤgen; denn er wußte ſehr wohl, daß er es war, der die erhabene Frau feſſelte, daß ſie von neugie⸗ rigem Erſtaunen vor einer ſo ſeltenen Erſcheinung ge⸗ trieben ward, immer wieder ihr Angeſicht ihm zuzuwen⸗ den— ſeinen Worten noch immer mit Achtſamkeit und heimlichem Vergnuͤgen zu lauſchen. Schon ſah Kaunitz, wie ſie auf's Neue ihr ausdrucksvolles Auge dem kuͤh⸗ nen Sprecher zuwendete, und ſchon hoffte er, dieſe ge⸗ heimnißvolle Audienz gewaͤhrt zu hoͤren, da ſprach eine leiſe Stimme:„Ich kann ſie nicht laͤnger zuruͤckhalten, ſie weint ſo ſehr!“ Dies ſagte die Gutenberg zur Kai⸗ ſerin—„Wer?“ rief dieſe entgegen— heftig auf⸗ fahrend.— „Ach Gott, da iſt ſie ſchon ſelbſt,“ erwiderte die alte Dame und machte der Prinzeſſin Thereſe mit einem tiefen Knixe Platz. „Erhabene Kaiſerin,“ rief dieſe und fiel mit beiden Armen in den Schooß derſelben—„macht mit mir, was Ihr wollt! ſchickt mich hinterher in ein Kloſter— in eine Feſtung, wenn Ihr wollt— aber hoͤrt mich— ich bin jetzt keine leichtſinnige Thoͤrin, die Ihr immer zu ſchelten habt— ich bin ganz vernuͤnftig und boden⸗ los traurig!“ Dies mußte man ihr glauben— die friſchen Zuͤge dieſer Schoͤnheit waren blaß und ſo entſtellt, daß ſie ſich kaum aͤhnlich ſah— und ihre Augen verweint und noch mit Thraͤnen angefuͤllt— ihre herrliche Geſtalt zeigte ſich dagegen in der vernachlaͤßigten Toilette noch ſchoͤ⸗ ner, und die Kaiſerin deckte, freilich mit wenigem Er⸗ folg, ehe ſie noch ein Wort erwiderte, den Kantenſchleier uni die herrliche Buͤſte. „Was wollt Ihr hier, Prinzeſſin?“ ſagte ſie dabei, „was Ihr mir zu ſagen haben koͤnnt, gehoͤrt fur eine andere Zeit— wer kann Euch verrathen haben, daß ich hier bin?— es iſt ſehr unpaſſend— wir ſind kein Freund von Scenen, und unſere Perſon muß damit nicht behelligt werden.“ „Ach, laßt das Alles!“ rief die Prinzeſſin noch im⸗ mer wie ein Kind, das nichts von noͤthigen Formen — weiß, in dem Schooß der Kaiſerin liegend—„nur zů⸗ gelt Eure Strenge, damit ich reden darf, ſonſt mache ich Thorheiten, ſonſt werdet ihr bereuen, Eure arme Muhme nicht gehoͤrt zu haben—“ ſie brach dabei auf's Neue in Thraͤnen aus. Harte oder leichtſinnige Menſchen erfahren durch ihre gelegentlichen Ruͤhrungen immer großen Erfolg— man wird ſchon vorher fuͤr das eingenommen und haͤlt es fuͤr wichtig, was ſie ſo aus ſich heraus zu treiben vermochte, und eine kleine Zugabe von Neugier erleich⸗ tert es ihnen, Gehoͤr zu finden. „Aber hier!“ ſagte die Kaiſerin mild—„hier— was kann denn ſo dringend ſein, um uns hierher zu verfolgen und unſere Geſchaͤfte zu unterbrechen?“ „Weil Alles, was ich zu ſagen habe, dazu gehoͤrt— weil Ew. Majeſtat meinen Thyrnau nicht ſtrafen durft, bis Ihr mich gehoͤrt habt und dies hier geleſen!“ Damit zog ſie ein kleines Portefeuille aus ihrer Taſche.—„Da da! das ſind all' ſeine Briefe an die Pompadour und die Ihrigen dazu— dieſe hat mir Thyrnau geſchenkt, und um jene habe ich ſo lange gebettelt, bis ſie mir ſie gab, und ſie war viel zu leichtſinnig, um noch daran zu den⸗ ken, wie viel von dieſem Ehrenmanne quittirte Rech⸗ nungen darin lagen— mich aber trieb die Ahnung, als ich ſie dabei ließ— obwol mich nur die Luſt an dieſen — 444 Briefen und ihren anmuthigen Scherzen dazu an⸗ trieb.“ „Aber was habt Ihr denn mit dieſem Thyrnau,“ ſagte die Kaiſerin—„der iſt ja ein wahrer Hexenmei⸗ ſter und mit allen Menſchen in Familiaritat.“ „Ach,“ ſagte die Prinzeſſin—„ich denke oft, ich verdanke ihm mehr, als ich noch jetzt uͤberſehen kann— gewiß iſt es aber, daß er der einzige Menſch iſt, der mich jemals gekannt hat, der es wahrhaft wohl mit mir gemeint! Von den Kinderſchuhen an hat er mich beob⸗ achtet und Gutes mir zugedacht; als es ihm mißgluͤckte, was er fur mich beſchloſſen, ließ er mich nicht aus dem Auge, und als wir uns wiederfanden auf dem ſuͤndhaf⸗ ten Boden Frankreichs, wohin die weiſe Politik meiner hohen Verwandten mich geſtoßen— da hat er oft mit Gewalt die Binde von meinen thoͤrichten Augen geriſſen — mich aus Verlegenheiten gezogen, in die mein Leicht⸗ ſinn mich geſturzt, und ſtets in mir ſelbſt das Beſſere geweckt und es erhalten, indem er in mir das heiligſte Gefuͤhl, das ich je gekannt, zu erhalten ſtrebte. An ihm iſt kein Falſch zu finden— kein unedler Gedanke hat je ſein edles Blut erregt, und man muß ſo in wuͤſten Leidenſchaften grau geworden ſein wie ſein Gegner, um ihn haſſen zu koͤnnen.“ „Nun wahrlich,“ ſagte die Kaiſerin—„der Herr 445 Thomas Thyrnau hat ſich einen ſonderbaren aber eifri⸗ gen Advokaten erworben! Maͤßigt Euch jetzt— Ihr ſeid immer zu heftig bei allen Euren Vorhaben.“ Sie oͤffnete indeſſen das Portefeuille— zuerſt fiel eine quit⸗ tirte Rechnung uͤber zwei Brillantarmbaͤnder heraus— acteptirt von Thomas Thyrnau und mit der Jahreszahl 1741.—„Aha,“ ſagte die Kaiſerin—„wir ſehn, umſonſt wurden hier keine Dienſte geleiſtet— doch, 4. fuhr ſie fort, Alles zuſammenfaſſend und es uͤber ihre Schulter hinuͤber an Kaunitz reichend—„Das iſt Amuſement fuͤr Euch— das iſt Euer beruͤhmtes fran⸗ zoͤſiſches Witzhaſchen— hier werdet Ihr von Eurer merkwuͤrdigen Frau— einige Chatullen-Geheimniſſe erfahren, nach denen wir nicht begierig ſind— das Re⸗ ſumé, welches ſich auf die uns vorliegende Sache des Thyrnau bezieht, werdet Ihr uns alsdann mittheilen.“ Ja ſagte die Prinzeſſin, indem ſie aufſtand und uri feſt anblickte—„thut das und findet Ihr darin 38 als die Beſtaͤtigung deſſen, was er ge⸗ ſagt, daun ſollt Ihr es mit mir zu thun haben.“ „Prinzeſſin,“ ſagte Thyrnau leiſe—„ich bitte Euer Durchlaucht ſich zu maͤßigen.“ „Und ich,“ ſagte der Fuͤrſt von S., ſich gegen die Prinzeſſin wendend—„muß billig mein Erſtaunen zu erkennen geben, daß Euer Durchlaucht bei dem obwal⸗ 446 tenden Verhaͤltniß unter uns ſich zur Vertheidigung eines Mannes hergeben, der uns ſo bedeutende Veran⸗ laſſung zur Unzufriedenheit gab, uns zwang, die Ge⸗ rechtigkeit ſeines Vaterlandes gegen ihn aufzurufen.“ „Laßt mich in Frieden und gebt Euch nicht das An⸗ ſehn von zugeſtandenen Verhaͤltniſſen unter uns— ich erkenne nichts an— als das Recht, mich von Euch los⸗ zumachen!“ „Wird das moͤglich ſein? Euer Gilhen uͤberſehen ganz die beſondere Stellung Ihrer Angelegenheiten zu den meinigen— wir haben zu Zeiten ein ſehr ausrei⸗ chendes Vertrauen zu einander gehabt— Ihre damals mitgetheilten unſchaͤtzbaren ſchriftlichen Mittheilungen enthalten ſo viel, was ein fortbeſtehendes vertrauliches Verhaͤltniß unter uns nothig zu machen ſcheint, daß ich faſt glauben mochte, es ſei uͤberfluͤſſig, Euer Gnaden datan zu erinnern.“ So wie er das letzte Wort ausgeſprochen, ſank die Prinzeſſin auf's Neue vor der Kaiſerin auf's Knie: „Hoͤren Euer Majeſtaͤt! er wagt mir zu drohen! Aber was ich auch verdient haben mag, leiden Euer Majeſtät nicht, daß ich ihm deshalb zum Opfer falle. Ich will jeden Vorwurf von Euch ertragen, jede Demuͤthigung hinnehmen, die mein Leichtſinn verſchuldet— jedes Be⸗ kenntniß ablegen, was darthut, mein leichtſinniger Mund 447 habe ſich ſelbſt gegen Eure geheiligte Perſon in loſen Scherzen vergangen— Alles das, womit er mir droht, wodurch er Gewalt uͤber mich zu behaupten hofft— das will ich ſelbſt bekennen— aber indem ich jede Strafe von Euer Majeſtat geduldig hinnehmen will, ſei doch die nicht dabei, die Ihr in Eurem Zorn aus⸗ geſprochen habt, die— das thoͤrichte, einſt mit ihm ge⸗ ſchloſſene Verloͤbniß zu vollziehen— denn ſo wahr Gott äber uns iſt und mich hort, ich werde mich dieſem Aus⸗ ſpruch nicht unterziehn, und zwingt man mich dazu, ſo ſtelle ich mich unter den Schutz meines Vetters in Frank⸗ reich— oder ich ermorde ihn!“ „Muhme! Muhme!“ rief die Kaiſerin, ſie heftig vom Boden aufziehend, indem ſie ihr das zurnende Ge⸗ ſicht dicht vorhielt—„iſt ſolche Scene geeignet, meine Nachſicht zu erhalten? Euer Betragen macht mir viel zu ſchaffen und Eure Reden ſind noch viel unbeſonnener als Eure Handlungen— denn, meine Herren! ich will hiermit bemerkt haben— an den Sitten dieſer Prin⸗ zeſſin, der Muhme des erlauchten Hauſes Lothringen, haͤngt auch nicht der kleinſte Makel— aber ſie giebt den Beweis, wie ſelbſt eine Dame von ſo hoher Geburt, auf dem frivolen Boden des franzoͤſiſchen Hofes in man⸗ cherlei Anfechtungen verfallen konnte. Prinzeſſin! ver⸗ geſſen Sie Ihre Stellung nicht— ich gebe Ihnen mein 448 Wort, daß die Anſpruͤche des Fuͤrſten gepruͤft werden ſollen und Sie Niemand zwingen wird, gegen Ihre Neigung zu handeln.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ ſagte die Prinzeſſin— „Eure Abſichten, Herr Fuͤrſt von S., werden alle ſchei⸗ tern, wie ich es Euch vorher geſagt; denn unbeſonnen und thoͤricht war ich, aber nicht hinterliſtig und falſch!“ „Euer Majeſtaͤt,“ rief der Fuͤrſt, bebend vor Zorn —„die Prinzeſſin Thereſe wird mich wingen, ihre Handlungen aufzudecken— ſebſt ihr Verhaͤltniß zu die⸗ ſem Thyrnau—“ „Herr,“ unterbrach ihn die Kaiſerin—„wir wol⸗ len Ihnen zu bedenken geben, wozu Sie unſere Gegen⸗ wart zu mißbrauchen wagen. Viel zu lange ſchenke ich dieſer Privatangelegenheit mein Ohr, ſehr abweichend von dem, was ich hier zu erfahren hatte, ſcheint mir, ſind dieſe gegenſeitigen Reden, und ſehr geneigt ſind Euer Liebden Beide zu vergeſſen, in weſſen Gegenwart Ihr Euch ungezuͤgelt Euern Leidenſchaften uͤberlaßt.“ „Das trifft Alles mit großem Rechte den Fuͤrſten,“ erwiderte die Prinzeſſin—„was ich aber dagegen ge⸗ than, war ja ganz im Intereſſe der Sache, welcher Euer Majeſtaͤt Ihr Ohr geſchenkt. Iſt es denn nicht außerdem, daß ich die Briefe des ehrlichen Thyrnau und der Pompadour eingereicht, aus denen ſo klar hervor⸗ geht, daß ſeine Ausſagen wahr ſind— iſt es denn nicht außerdem wichtig zu erfahren, daß der Anklaͤger ſich an dem Verklagten zu raͤchen trachtet dafuͤr, daß Jener zur rechten Zeit einſchritt und dem bereits gelieferten Opfer die Schlinge loſte, aus der es noch zu entwiſchen ver⸗ mochte?— Ich habe es geſagt, daß Thomas Thyrnau uber mich gewacht, mich nicht aus den Augen verloren hat— ich ſetze hinzu er hat Vater und Mutter bei mir erſetzt, und nicht ſeine Schuld iſt es, wenn er nicht alle meine Thorheiten verhindern konnte. Als ich aber von meinem tief verletzten Gefuͤhl verfuhrt ward, den Hei⸗ rathsantraͤgen des Fuͤrſten Gehoͤr zu geben und mit kin⸗ diſchem Eigenſinn das durchzuſetzen ſuchte, wogegen ich von Allen Widerſtand fand, da eilte er zu meiner Ret⸗ tung herbei und enthullte mir den Karakter Desjenigen, den freilich Niemand beſſer kannte als er ſelbſt. Fuͤr das großmuthige Opfer dieſer Entdeckung, welches die ſchmerzlichſten Wunden ſeiner Bruſt aufregte, habe ich ihm ſchlecht gedankt, denn mein Ungeſtuͤm riß mich hin, dem zudringlichen Fuͤrſten in meinem Zorn Alles zu verrathen, und er ſchwur im ſelben Augenblick, ſich um jeden Preis an dem Urheber dieſer Entdeckung raͤchen zu wollen.“ „Das lautet Alles ſehr uͤbel,“ ſagte die Kaiſe⸗ rin, den Kopf ſchuͤttelnd—„und ich denke, man iſt Thomas Thyrnau I. 3te Aufl. 29 45⁰ ſehr leichtſinnig in der Inſtruktion dieſer Angelegenheit geweſen.“— 5 „Beſonders nachdem ich mir die Durchſicht dieſer Papiere erlaubt habe,“ fiel jetzt Kaunitz lebhaft ein.— „Es iſt eine Sammlung von Billets, die waͤhrend der von Thomas Thyrnau erwaͤhnten Angelegenheit mit der Marquiſe von Pompadour gewechſelt wurden— und außerdem daß ſie das Muſter humoriſtiſcher Eleganz ſind, thun ſie beſtimmt dar, daß der Fuͤrſt von S. ſich bei wirklicher Verfolgung des oft erwaͤhnten Komplotts in dem Falle befand, ſowol von Thyrnau wie von der liebenswuͤrdigen Margquiſe arg perſiflirt worden zu ſein.“ „Hölle und Teufel!“ ſchrie der Fuͤrſt und ſprang wie ein wuthendes Thier in die Höhe—„ich erdroßle den Boͤſewicht— ich will mich raͤchen!“ „Fort! fort!“ rief die Kaiſerin— wer wagt ſich ſo in meiner Gegenwart zu vergehen!“ und mit lautem Gemurmel des Unwillens war er im ſelben Augenblick von den anweſenden Herren umgeben und nach dem Ne— benzimmer zugedraͤngt. Als die Vorhaͤnge ſich hinter ihm ſchloſſen und die Miniſter wieder ſtehend ihre Plaͤtze eingenommen, ſagte die Kaiſerin, aus ihrem mißmu⸗ thigen Nachdenken erwachend:„Es ſcheint mir, daß mir bei beſſerem Willen und groͤßerer Einſſcht ſehr viel Unangenehmes haͤtte erſpart werden koͤnnen. Ich will 451 jetzt Niemand Vorwurfe machen, da ich vielleicht ſelbſt zu haſtig den vorgefaßten Anſichten Gehoͤr gab und den vorſichtigeren Rath andrer Seits unbeachtet ließ. Der Angeklagte iſt nicht gerade frei zu ſprechen, doch wollen wir uns durch ſeine Gegenwart nicht hindern laſſen zu bemerken, daß wir gerade eine Verſchuldung gegen unſere Perſon und gegen unſere Regierung nicht wol heraus⸗ zufinden wiſſen— wenn— ſtelle ich die unerlaͤßliche Bedingung— Thomas Thyrnau ſich entſchließt, den Nachweis zu geben, woher die Geldmittel floſſen, die ſo bedeutenden Ruͤckhalt andeuten— und wenn ſich bei genauer Unterſuchung darthut, daß ſie zur Tilgung der damals vom Grafen von Lach gegen den Willen der Betheiligten unternommenen Verpflichtungen dienten. In dieſem Falle ſehe ich dann einigen mildernden Vor⸗ ſchlaͤgen meiner Miniſter uͤber das fernere Schickſal eines Mannes entgegen, den wir geneigt ſeien werden, mehr fur unbeſonnen als ſchuldig zu halten.“ „So werde ich verurtheilt bleiben,“ ſagte Thyrnau ruhig und feſt—„denn ſo Gott mir helfe, werde ich nur in dem einen Falle, den ich gewagt auszuſprechen, dieſe Erklärung abgeben!“ „Heil'ger Himmel, welch' ein hartnaͤckiger Mann!“ rief die Kaiſerin lebhaft—„ſo muͤſſen wir ganz auf⸗ geben, ihn unſere Milde erfahren zu laſſen.“ 29 452 Jetzt trat Kaunitz vor—„Ich wage Eure Maje⸗ ſtät an Dero eigne Worte zu erinnern— daß ein Monarch wie die Gottheit ſelbſt ſich die abſonderlichſten Formen der Verehrung muß gefallen laſſen— Euer Majeſtaͤt haben immer nur das hoͤchſte Vorbild vor Au⸗ gen— wo waͤre ein Zeichen zu finden, daß der Ge⸗ ringſte weg gewieſen wuͤrde von der hoͤchſten Stelle, wo er ſich zu entlaſten denkt.“ „Und Thomas Thyrnau!“ ſagte die Prinzeſſin. „Auch Ihr?“ unterbrach ſie die Kaiſerin und blickte milde auf Beide.— „Ol ich,“ fuhr die Prinzeſſin bewegt fort— „wer hat denn auch mehr Recht, fuͤr ihn zu bitten— Hoͤrt ihn, meine erhabene Kaiſerin— wahrlich, er wird mit ſeiner Entdeckung Euer Majeſtaͤt um einen neuen herrlichen Zug des Menſchenherzens bereichern.“ „So wißt Ihr darum?“ fragte die Kaiſerin ſcharf. „Nein,“ ſagte die Prinzeſſin,„ich weiß nichts da⸗ von— aber alle Handlungen dieſes Mannes tragen den Stempel der Erhabenheit und Guͤte!“ Die Kaiſerin ſchwieg und langſam hob ſie dann ihr mildes pruͤfendes Auge zu dem Manne auf, als wolle ſie ihn noch einmal mit den eben gehoͤrten Worten ver⸗ gleichen. Seine ehrwuͤrdige Geſtalt druͤckte zugleich Kraft und Beſcheidenheit aus— es war kein uͤbermuͤ⸗ — 2 —,— 453 thiges Entgegenſtellen ſeiner Perſon, keine Herausfor⸗ derung in dieſen ſanften edlen Mienen— es war die Hoheit der Seele darin ausgeſprochen, die den Men⸗ ſchen ſo ſtill zu ſich ſelber ſtellt, daß er des Eindrucks nicht mehr gedenkt, den er hervorrufen koͤnnte! Als die Kaiſerin ihn ſo einen Augenblick vor ſich geſehn— winkte ſie mit der Hand und ſagte ruhig und gefaßt:„Man laſſe mich mit dieſem Manne allein!“ „Jetzt,“ ſagte die Kaiſerin, als der Vorhang Alle im Vorzimmer abſonderte—„ſollt Ihr Euren Willen haben— was hielt Euch aber ab, einem dieſer ehren⸗ werthen Maͤnner Euer Vertrauen zu ſchenken— warum grade uns?“ „Warum grade Euer Majeſtät? Darauf gaͤbe es viele Antworten,“ ſagte Thyrnau bewegt—„aber ich habe nur meinen tiefſten ehrfurchtsvollſten Dank auszu⸗ druͤcken, daß Euer Majeſtat mir dieſe hoͤchſte Wohlthat gewaͤhren. Das Geheimniß, was ich auszuſprechen habe, iſt nicht allein das meinige— es umſchließt die zeitliche Exiſtenz des edlen jungen Mannes, der unver⸗ ſchuldet meine Verhaftung theilt.— Ihm muß dieſe Entdeckung geheim bleiben, wenn ich ihn nicht den nutz⸗ loſeſten Verwirrungen hingegeben ſehen will.“ „Sonderbar!“ ſagte die Kaiſerin—„doch Kaunitz haͤtte Euch an Verſchwiegenheit ſicher ſein muͤſſen!“ 454 „Aber er iſt ein Edelmann wie Lacy ſelbſt, und ich durfte nicht dulden, daß es Einen gab, ſelbſt den Edel⸗ ſten nicht, der um die beſondere Stellung des Grafen Lacy wußte, die ich gewagt, ihm zu verbergen. Nur Euer Majeſtat auf dem erhabenen Standpunkt, der Sie zugleich iſolirt und uͤber alle Verhaͤltniſſe Ihrer Unter⸗ chanen ſtellt, nur Euer Majeſtaͤt durfte ich dieſes leicht verletzliche Schickſal des jungen Mannes anvertrauen— hier allein hoͤrte jedes Zuſammentreffen der Intereſſen auf.“ Thomas Thyrnau entwickelte nun mit Klarheit und Einfachheit den Gang der Begebenheiten, die wir be⸗ reits kennen. Die Aufopferung ſeines Vermoͤgens, um die Verpflichtung in Frankreich zu tilgen— und dafuͤr die Uebernahme der Herrſchaft Tein! Wie er getrachtet, Lacy an ſeine Beſitzungen zu feſſeln, wo er ſo nutzlich zur Foͤrderung ihrer Plaͤne geweſen, wie endlich unter ihnen der Heirathsplan entſtanden ſei, den ſie durch gegenſeitige Teſtamente geſichert, wodurch die Erbin von Tein die Gemahlin des letzten Lach werden ſollte und die Beſitzungen dadurch in dieſelben Haͤnde zuruͤck⸗ gekehrt waͤren. Er ſchilderte der Kaiſerin ſodann mit der Waͤrme des Gefuͤhls den verhaͤngnißvollen Tag, wo Lach in Tein ankam und ſein Verlöbniß mit der Fuͤr⸗ ſtin Morani eingeſtand. 45⁵⁵5 „Es war ein ſchwerer Augenblick,“ fuhr Thomas Thyrnau fort—„aber er enthielt, waͤhrend er all' meine Plaͤne und Hoffnungen zertruͤmmerte, einen herrlichen Lohn in ſich— das Maͤdchen, das ihm be⸗ ſtimmt war, die wir Beide mit unſerer Liebe, mit un⸗ ſerer Geſinnung und allem Geiſte, der in mir und Lacy lebte, genaͤhrt— ſie bewährte ſich in ihrem erſten und groͤßten Seelenſchmerz! Noch fruher als ich ſelbſt ent⸗ ſchied ihr richtiges Gefuͤhl, was uns aus ſo drohend aufſteigender Gefahr retten konnte— und ehe Lacy von dem Geheimniß, was vor ihm in einem verſiegelten Käͤſtchen lag, Kenntniß nehmen konnte, forderte ſie von mir ſeine Vernichtung, und bevor der junge Mann zur Beſinnung kam, loderten die beiden Teſtamente und all' die wichtigen Dokumente, die dazu gehoͤrten, im Kamin in hellen Flammen auf.“ „Heil'ger Gott!“ rief die Kaiſerin—„verſteh' ich recht, ſo war das Euer ganzes Vermoͤgen!“ „Es war der bei weitem großte Theil deſſelben— es war der Werth der Herrſchaft Tein! Mein Vater beſaß großes Vermoͤgen— ich hatte es vermehrt— es deckte kaum die zu loſenden Verpflichtungen— Lachy hatte dazu noch einige, nicht zur Herrſchaft Tein gehoͤ⸗ rige kleinere Guter verkauft— nur dies große Beſitz⸗ thum, wo wir ſchon unſere Plaͤne in der zweiten jetzt 456 heranwachſenden Generation anfingen verwirklicht zu ſehn— nur dieſes wollten wir nicht wieder in die Haͤnde fremder Willkur und Rohheit zuruͤckfallen ſehen, daher kaufte ich es, und mein alter Freund nannte ſich ſeitdem nur noch meinen Intendanten.“ „Mann,“ rief die Kaiſerin—„Ihr alſo ſeid der Beſitzer von Tein— arm iſt dieſer Lacy— und Ihr habt ihm dieſe Beſitzung zuruͤck geſchenkt und er weiß nichts davon— und Ihr ſeid jetzt vielleicht der Arme? Hoͤrt! Ihr ſeid Einer wie mir ſelten vorgekommen— ſeht— mehr Unrecht wie Recht kommt uns vor, und was Ihr thatet, iſt ſo unglaublich!“ „Ja!“ unterbrach Thyrnau ſie faſt—„ich will Euer Majeſtaͤt einen Zeugen ſtellen— unter dem Sie⸗ gel der Beichte kannte der Pater Hieronymus vom Praͤ⸗ monſtratenſer Orden zu Prag das Geheimniß, denn das Maͤdchen, was damit genaͤhrt ward von uns Bei⸗ den— will ich Euer Majeſtat nicht nennen!“ „Doch! doch!“ ſagte die Kaiſerin—„ich kenne das Madchen— geſtern redete ſie mich auf meinem Kirchweg an und bat mich, Euer Gefaͤngniß theilen zu durfen. Ihr ſeid Beide ungewoͤhnliche Menſchen— und obwol wir nur Euer Wort haben, moͤchten wir doch gern an dem Ungewoͤhnlichen Glauben faſſen!— Und iſt es denn noch immer Euer Vorſatz, in dem 457 großen Opfer zu beharren— iſt Euch bis dahin denn keine Reue gekommen? Nicht das Bedenken, daß Ihr Euch eines fuͤrſtlichen Einkommens— Eure Enkelin ſo großer Anſpruͤche beraubt? Seid Ihr ſicher, daß dieſe Gefinnung bei Euch vorhalt— denkt Ihr nicht wenigſtens daran, dieſe Anſpruͤche in der Stille wieder herzuſtellen, ſelbſt wenn Ihr anſtändet, ſogleich damit hervorzutreten?“ „Nein! nein, Euer Majeſtät! ganz anders iſt un⸗ ſer beider Gefuhl daruͤber: wie die groͤßte Gnade von Gott empfinden wir es, gleich im erſten Augenblick das Rechte erkannt zu haben. Dieſe Handlung hat Alles gerettet, was zu retten war, und Alles, was uns troͤ⸗ ſten kann, iſt erreicht, ſo lange ſie verborgen bleibt— wurde eine Ahnung in dem jungen Mann hieruͤber er⸗ regt, ſo waͤre es ferner in keine menſchliche Macht ge⸗ ſtellt, ihn in ſeinen angeſtammten Beſitzungen zu er⸗ halten!“ Die Kaiſerin ſchwieg wieder ſinnend— dann ſagte ſie:„Ich muß ſagen, daß ich Euch Euren ganzen Be⸗ richt glaube— deſſenungeachtet erheiſcht unſer kaiſer⸗ liches Anſehn, daß wir nicht leichtſinnig uns durch die⸗ ſen unſern Glauben beſtimmen laſſen— ich will alſo dieſen Pater Hieronymus daruͤber ſprechen, dann werde ich— wenn Euer Geheimniß von ihm beſtaͤtigt wird— 458 ſolches verſchweigen helfen und denken, daß ich des Vertrauens eines edlen Mannes theilhaftig ward. Eure Lage iſt ſonderbar— ich habe nicht mehr, wie ich moͤchte, volle Gewalt daruͤber— kann Euch nicht ver⸗ ſprechen, ob Ihr ganz frei weg kommen werdet— um ſo mehr aber werde ich ſo milde als thunlich einſchrei⸗ ten, wenn Ihr jetzt ohne Ruͤckhalt geſtehen wollt, warum Ihr fortfuhrt, mit dieſer franzoͤſiſchen Marquiſe in Verbindung zu ſtehen und ſie noch zuletzt durch den jun⸗ gen Lacy, als er Kaunitz begleitete, ſo große Geſchenke von Euch empfing.“ „Allein dem Einfluß dieſer Dame verdanken wir es, daß uns zur Tilgung unſerer dortigen Verpflich⸗ tungen ſo viele Jahre Friſt geſtattet wurden. Was ich an baarem Gelde durch Banguierhaͤuſer von meinem Vermoͤgen ſchnell in die Haͤnde bekommen konnte, tilgte die dringendſten Forderungen— mein uͤbriges Vermoͤ⸗ gen war Grundbeſitz— der Moment, ihn zu veraͤu⸗ ßern, hoͤchſt unguͤnſtig, da Boͤhmen vom Kriege be⸗ druͤckt ward. Um nicht durch uͤbergroße Eile zu viel zu verlieren, war es noͤthig, die Forderungen auf Zin⸗ ſen zu bringen, mit langſamer Abtragung des Kapitals fortfahren zu koͤnnen; dazu gehoͤrte eine Fuͤrſprache, die mir damals ſo ſchwer zu erlangen war, da ich jedes Vertrauen ſcheuen mußte, was ſo leicht Verrath 45⁵9 werden konnte. Die Marquiſe Pompadour uͤbernahm die Garantien, die wir noͤthig hatten und die uns aus großen Verlegenheiten riſſen; aber ich geſtehe es, obwol ungern, da ich ihr nicht in den Augen Euer Majeſtaͤt ſchaden moͤchte— ſie hat die Naivitat, nicht gern etwas umſonſt zu thun— ſie fordert dafuͤr, was ihr wieder ein Vergnugen zu verſprechen ſcheint.“ „Und was liegt Euch daran, wie meine Meinung von dieſer Frau iſt?“ ſagte die Kaiſerin etwas trocken. „Ich bin in ihrem Vertrauen— und ich weiß, ſie wuͤrde eine ihrer ſchoͤnen weißen Haͤnde darum geben, wenn ſie mit der andern den Saum dieſes Kleides faſ⸗ ſen koͤnnte.— Niemand, der die gegenwaͤrtigen Zu⸗ ſtaͤnde dieſes ungluͤcklichen Frankreichs kennt, kann zweifeln, daß dieſe Frau den Scepter des Landes haͤlt. Sie hat ſich dieſes Heiligthums nicht bemaͤchtigen koͤn⸗ nen, ohne daß etwas von einer hoͤheren Stimmung in ſie uͤbergegangen waͤre.— Sie hat es ſeit lange ge⸗ wagt, die Blicke zu Euer Majeſtaͤt zu erheben— ſie moͤchte etwas Großes fur ihr Vaterland thun— ſie er⸗ kennt, daß dies Große eine Allianz mit Euer Majeſtaͤt ware— dieſe Idee verfolgt ſie mit ihrem feurigen Ge⸗ muͤth und ſeit den empfangenen Hoffnungen dazu— „Wer hat ihr dazu Hoffnungen gemacht?“ fragte die Kaiſerin ſtreng—„was wißt Ihr davon?“ 460 „Ich bin ihr Vertrauter, ſie haͤlt mich fur einen guten Unterthan— ſie will von mir uͤber mein Vater⸗ land hoͤren!“ „Ha,“ rief die Kaiſerin—„das wagt ſie— und Ihr macht ihren Spion?“ Thyrnau trat einen Schritt zuruͤck— es entſtand eine Pauſe.—„Wenn Euer Majeſtaͤt das Wort ge⸗ brauchen wollen fuͤr die treuſten Dienſte eines Unter⸗ thanen?— Seit Dero großer Miniſter Kaunitz dieſen Gedanken in ihr angeregt, theile ich ihre Gedanken daruͤber und ſuche die Thorheiten zu bezwingen, die im⸗ mer dazwiſchen ihren herrlichen Verſtand untergraben, und da Graf Kaunitz das groͤßere Feld der Politik vor ihr entfaltet, habe ich es unternommen, dieſen großen Plaͤnen in ihrem Kopfe Stetigkeit zu geben und ſie in die Sprache zu uͤberſetzen, die ihr am leichteſten zugang⸗ lich iſt— und jetzt, glaube ich, iſt ſie zu der wichtigen ueberzeugung gekommen, daß ſie den Abbé Bernis nicht laͤnger werde halten koͤnnen. Ihre Anfrage des⸗ halb an mich habe ich noch Zeit gehabt zu beantworten — ich habe ihr noch einmal die Unhaltbarkeit ihres bis jetzt mit Bernis verfolgten Syſtems auseinander geſetzt und ihr dagegen alle Vortheile gezeigt, die der Mini⸗ ſterwechſel mit dem Herzog von Choiſeul herbei fuͤhren muͤßte— dieſer Brief muß jetzt in ihren Haͤnden 461 ſein— er ging einen Tag vor meiner Verhaf⸗ tung ab.“ „Nun wahrlich,“ rief die Kaiſerin—„wir haben da ein ſchoͤnes Staatsgeheimniß!— Aber jetzt antwor⸗ tet mir eins auf Euer Gewiſſen! und tretet naͤher her⸗ bei,“ fugte ſie hinzu, ihr großes Auge auf ihn hef⸗ tend—„ſeid Ihr mit Kaunitz im Bunde?— Die Wahrheit, ſage ich— dann will ich nicht zuͤrnen— hoͤrt Ihr?“ „Den Grafen Kaunitz kannte ich ſo wenig, daß es fuͤr mich ein beſonderes Intereſſe hatte, ihn unter den Miniſtern, die ich vor mir ſah, heraus zu finden. Ich war nicht lange im Zweifel!— Graf Kaunitz kennt eben ſo wenig meine Verbindung mit Madame de Pom⸗ padour— die Marquiſe wollte, was ſich bei den Un⸗ terhandlungen mit ihm herausſtellte, als ihre eigne Anſicht darſtellen; ſie wollte nicht, daß Graf Kaunitz mit mir zuſammen traͤfe und er vielleicht dadurch erriethe, woher manche ihrer Anſichten ſtammten. Ich geſtattete ihr gern dieſen kleinen Vorbehalt, und wollte redlich gegen ſie bleiben, darum vermied ich die Ent⸗ deckung unſerer Verbindung!“ „Ihr ſeid ein merkwurdiger Mann,“ ſagte die Kaiſerin—„und wir erſtaunen, wie wir fuͤnfzehn Jahr regieren konnten, ohne von Euch zu hoͤren— 462 Ihr tuͤchtigen Koͤpfe, was thut ihr uns Herrſchern der Erde fuͤr Schaden, daß Ihr nie unſere Plaͤne zu ver⸗ ſtehen ſucht und Eure Faͤhigkeiten anwenden wollt, die⸗ ſelben zu foͤrdern und uns die ſchwere Arbeit zu erleich⸗ tern.— Ihr ſcheint Euren Geiſt nur zu haben, um uns mißzuverſtehn und in entgegengeſetzter Richtung etwas anzufangen, woran Ihr Euch abmuͤht, um end⸗ lich in Widerſpruͤche und auf dunkle Wege zu gerathen, die uns— wenn ſie zu unſerer Kenntniß kommen, be⸗ ſorgt machen muͤſſen, und worin wir dann oft nicht mehr den guten Kopf erkennen, der vielleicht dennoch unſere Beachtung verdiente.“ „Dies iſt nur eine ſcheinbare Wahrheit, Euer Ma⸗ jeſtat! und am wenigſten paſſend fuͤr unſere große Kai⸗ ſerin! Hat ein Regent wirklich wohlthaͤtige Pläne fur ſein Volk, iſt er bis auf den Grund bewegt von dem großen Beruf, es zu veredeln, ſeine Zuſtände zu heben, dann ſteht er an der Spitze der Nation und darf weder auf die großen Geiſter deſſelben warten, noch darf er fuͤrchten, von ihnen mißverſtanden zu werden. Der freiſte Sinn wird ſich der Beſchraͤnkung unterwerfen, die dem Mitarbeiter von dem Erfinder des Gedankens auferlegt wird— ſeine Beſtrebungen werden zuſam⸗ menfallen mit dem großen Geiſte, der ihm vorangeht— er wird dann alles das ſein, was Euer Majeſtät von 463 einem begabten Unterthan fordern— er wird helfend, foͤrdernd, arbeitend ſich dem Guten zeigen, das bald verſtaͤndlich ſein wird, weil es Wahrheit iſt!“ „Mein guter Enthuſiaſt!“ ſagte die Kaiſerin wohl⸗ wollend—„es dauert lange, ehe ſelbſt Wahrheit ver⸗ ſtanden wird— die Uebelwollenden, die Tadelnden ſind die Maſſe und langſam erſt bildet ſich ein kleiner Kern Neue und ſei es das Wohlthaͤtigſte— ſei es das hin⸗ gebendſte Opfer des Fuͤrſten— es faͤllt zuerſt in den Mund der muͤßigen Schwaͤtzer, die dadurch aus ihrem Schlendrian geriſſen, ſich erzuͤrnen, daß es anders wird, als ſie es gewohnt waren. „Aber die Beſſeren,“— ſagte Thyrnau bewegt— „die ſchaaren ſich indeſſen und Einer zieht den Andern herbei zum Verſtaͤndniß der Wahrheit— dieſer Kern wird wachſen und er verdient allein den Namen des Volkes— die gaͤhrende Maſſe wird er ausſtoßen und ſeine Läuterung damit ſelbſt bewirken. O! behuͤte Gott jeden Herrſcher, der wie Euer Majeſtaͤt vor dem hoͤheren Thron der Wahrheit ſteht, vor dem Zweifel an dem zu erreichenden Einverſtaͤndniß mit ſeinem Volke— wer dieſen Zweifel erregt, wer ihn zu naͤhren wagt, das iſt der Hochverraͤther! In ſei⸗ nem eigenen Herzen iſt die Verſchwoͤrung gegen ſei⸗ der Beſſeren, die nicht allzu viel vermoͤgen, denn alles 464 nen Fuͤrſten, gehen das Gute, gegen das Volk, dem er angehoͤrt!“ „Ihr habt Gedanken, Thyrnau,“ ſagte die Kaiſerin —„und einen Menſchen⸗erfahrenen Blick— dabei ſeid Ihr mit Eurem weißen Haar ſo feurig wie ein Juͤngling!— Euer Prozeß, ſcheint mir, iſt zum Spruche reif,“ fuhr ſie fort—„das junge Maͤdchen, das ſo eifrig iſt als Ihr ſelbſt, ſoll zu Euch gelaſſen werden— was auch uber Euch entſchieden wird, Ihr werdet der Gnade Eurer Kaiſerin Euch gewiß halten duͤrfen— wie ſie ſich zu Euren Gunſten wird aͤußern konnen, werde ich erſt erfahren nach der Berathung mit meinen Miniſtern.“ Sie ruͤhrte eine Glocke, auf deren erſten Ton die Gutenberg erſchien.—„Die Miniſter!“ ſagte die Kai⸗ ſerin—„und der Graf von Lacy!“ Als Alle ſich ehrfurchtsvoll um ſie herum geſtellt, hob ſie an:„Der Fall mit dem Nachweis der Zahlun⸗ gen an Frankreich iſt erledigt— doch bleibt der Spruch uͤber den Angeklagten ausgeſebt, bis ich eine gewiſſe Perſon geſprochen, die noch zu ermitteln iſt— danach werde ich meine Meinung uber die Sache vollends aus⸗ ſprechen. An dem Grafen von Lach kann ich kein Unrecht finden— uͤberlaſſe dies jedoch dem Special-Gericht zur Entſcheidung. Jedenfalls iſt ſein Arreſt aufzuheben.— „ 465 Ich freue mich, Graf Lacy, daß Ihr den Degen Eures edlen Oheims ſobald zuruͤck empfangen werdet.“— „Euch, Graf Kaunitz, erwarte ich nach der Sitzung in meinem Kabinet— Graf Bartenſtein— Graf Uh⸗ lefeld— Baron Binder— ich lobe Euer Aller Eifer und hoffe, wir werden ihn von heute an auf ernſtere Angelegenheiter richten koͤnnen.“ „Thomas Thyrnau,— nach dem Erkenntniß werdet Ihr mehr von uns hoͤren! Wir werden Euch wohl⸗ wollend eingedenk bleiben.“ Jetzt erhob ſie ſich und Alle mit dem Nicken ihres Kopfes gruͤßend verließ ſie das Zimmer. Da der Pater Hieronymus in Wien anweſend war und Thyrnau Zeit behalten, den Grafen Kaunitz davon zu unterrichten, meldete ſich derſelbe, von ihm dazu aufgefordert, bei der Kaiſerin. Sie ſchenkte ihm ein ruhiges, aufmerkſames Ge⸗ hor; er theilte ihr nach ſeiner Art den Hergang der Sache, den er von beiden Freunden ſo genau kannte, eben ſo mit, als ſie ihn bereits von Thyrnau vernommen und drang durch dieſe Erzaͤhlung noch tiefer in die edle Handlungsweiſe des Angeklagten ein. Demgemaͤß er⸗ Thomas Thyrnau Il. 3te Aufl. 30 466 hielt der Graf von Bartenſtein die Anzeige, daß die Hernahme des an Frankreich gezahlten Geldes gaͤnzlich erwieſen und keinen Verdacht weiter zuließe, daher auf das Erkenntniß mildernd einzuwirken habe. Nach einigen Tagen legte der Graf von Bartenſtein der Kaiſerin die Entſcheidung des Special-Gerichtes vor. Es ſprach den Grafen von Lacy gaͤnzlich frei— erklaͤrte die Verbindungen mit Frankreich ſeit dem An⸗ tritt der jetzt regierenden Kaiſerin fuͤr unverdäͤchtig— die in die Zeit der hochſeligen Majeſtaͤt Karl des Sech⸗ ſten fallenden Thatſachen erklaͤrte das Gericht auf voͤlli⸗ ges Zugeſtändniß des Verklagten als hochverraͤtheriſche Abſicht bezeichnen zu muͤſſen. Wegen mildernder Um⸗ ſtände und des faſt herangeruckten Termins der Ver⸗ jährung glaubte das Gericht jedoch die Begnadigung von der vorgeſchriebenen Strafe empfehlen zu duͤrfen und beanträgte daher einen Feſtungsarreſt von zehn Jahren fuͤr Thomas Thyrnau. Ueber die Betheiligung des Fuͤrſten von S. und des obwaltenden Verhaͤltniſſes als Reichsfuͤrſt, erwartete das Gericht die Befehle der Kaiſerin. Maria Thereſia ſchrieb eigenhaͤndig darunter:„Ur⸗ theil uͤber den Grafen Lacy wird hiermit beſtätigt— Thomas Thyrnau iſt ſiebenzig Jahr— hat zu zehn Jahr Feſtungsarreſt keine Zeit mehr— mildernde Um⸗ 467 ſtaͤnde, die auch uns einleuchten, beſtimmen ihm fuͤnf Jahr dieſer Strafe. Dabei iſt es unſerer Wahl ge⸗ nehm, ihn auf dieſe fuͤnf Jahr nach dem Karlſtein in Boͤhmen zu verweiſen— werden dem Gouverneur deſ⸗ ſelben ſeine Inſtruktionen zukommen laſſen und iſt ihm anſtaͤndiges Geleit dahin zu geben! Der Reichsfurſt von S. wird unſern Beſcheid durch uns ſelbſt erfahren.“ Niemand vielleicht als Frau Gutenberg haͤtte ſagen können, was in der Audienz vorfiel, die darauf die Kai⸗ ſerin mit beſagtem Fuͤrſten hatte. Als er uͤber die Vorzimmer zuruͤckkehrte, war kein Zollbreit an ihm von anderer als dunkelrother Farbe, ſelbſt das Auge ſchimmerte, wie es ſchien, aus Blut hervor. Er ließ den Kopf auf die Bruſt haͤngen und erwiderte die neu⸗ gierige Hoͤflichkeit der Hofleute mit einem dumpfen Grunzen, und da einige bedienſtliche Perſonen bei Ge⸗ legenheit nach dem Hotel gingen, in welchem er abge⸗ treten war, ſahen ſie mit großer Eile Reiſeanſtalten treffen, und am andern Tage meldete die Polizei ſeine Abreiſe. Mit verweinten Augen, aber Jeden mit dem Aus⸗ druck des Gluͤckes anlaͤchelnd, ging am ſelben Morgen die Prinzeſſin Thereſe zur Kaiſerin— ſie hatte ſchon die Abreiſe erfahren. Jeder freute ſich, daß die ſchoͤne 30* — B — 468 Dame damit, wie zu hoffen ſtand, von dem allgemein verhaßten Fuͤrſten erloͤſt war— denn einige Wochen fruher, als dieſer im Geheim ſeine erſten Entdeckun⸗ gen gemacht, hatte ſich das Geruͤcht verbreitet, die Kai⸗ ſerin habe der Prinzeſſin befohlen, ihr leichtſinnig ge⸗ gebenes Wort dem Fuͤrſten zu halten. Als das Schlafzimmer der Kaiſerin ſich aufthat, fuhlte ſie wol, ſie habe noch einen Sturm zu beſtehen, denn ihre hohe Muhme ſchaute von den vor ihr liegen⸗ den Papieren auf und ſogleich wieder darauf nieder, ohne die Prinzeſſin zu gruͤßen. Aber die Gutenberg ſaß hinter der Kaiſerin und friſirte auf einem Haubenſtock, der mit einem Kopfe und Kammſtrich bedeckt war, eine Haube ihrer erhabenen Gebieterin, und dieſe nickte und ſchuttelte beguͤtigend mit dem Kopfe und fuhr mit den kleinen Haͤnden durch die Luft, um der Prinzeſſin Muth zu machen. „Wie ich von ihrem Betragen denke, brauche ich Ihnen, princesse, wol nicht zu ſagen,“ begann jetzt die Kaiſerin, ohne aufzuſehen.— Da die Pauſe, die eintrat, etwas lange dauerte, ſagte die Prinzeſſin leiſe und demuͤthig:„Nein, gewiß nicht— ich weiß es Alles!“ „Wenn man eine deutſche Prinzeſſin iſt, aus ſo edlem Hauſe, wie Ihr, ſollte man wenigſtens den Na⸗ 469 men, den einem Gott gegeben, nicht oͤffentlich an Zwei⸗ deuteleien Preis geben, ſich nicht uͤberall mit Maͤnnern leichtſinnig einlaſſen und dann ein gegebenes Wort durch unbeſonnenes, Aufſehn erregendes Mißfallen daran wieder zu loͤſen ſuchen— wodurch eine Dame von ſo hohem Range und ſo hoher Anverwandtſchaft in den Mund der Menge koͤmmt und nothwendig beurtheilt wird, wie jede andere Frau geringeren Standes! Von Euren Thorheiten Euch zu heilen, moͤchte ſchwere Ar⸗ beit ſein— aber Eure Verwandte koͤnnten billig for⸗ dern, daß Ihr ſie fur Euch behieltet und die Welt nicht daran Theil nehmen ließet.“ „Ach,“ ſagte die Prinzeſſin, auf der andern Seite des Tiſches, der Kaiſerin dicht vor die Augen auf ein Paar Kiſſen niederknieend—„das iſt eben Zeit mei⸗ nes Lebens das Ungluͤck geweſen, daß ich nicht wie andere ehrliche Leute meine Suͤnden habe im Geheim abmachen koͤnnen— Jeder, der Luſt hatte, konnte daran Theil nehmen und nur meine Tugenden blieben einſam und unbemerkt, und ich allein hatte das duͤrre Vergnuͤgen daran.“ „Ihr verſucht es zwar, in Euren alten uͤbermuͤ⸗ thigen Ton zu verfallen,“ entgegnete die Kaiſerin— „aber Ihr ſagt Ernſteres, als Ihr denkt, und gerade das, wodurch ich geneigt bin, in ſo großer Nachſicht 470 mich gegen Euch zu verhalten. Ich koͤnnte Euch jetzt zuruckſchicken nach D. und ſo jede Verantwortlichkeit von mir ablehnen— aber ich habe beſchloſſen, die vie⸗ len Mißgriffe, die man gegen Euch von Jugend auf begangen hat, nicht dadurch fortzuſetzen, daß auch ich Euch wieder dem Zufall und Eurer angebornen Thor⸗ heit uͤberlaſſe. Macht es mir jedoch nicht zu ſchwer, ſonſt zwingt Ihr mich, Euch eine ſtrenge Geſellſchaf⸗ terin zu werden.“ Es lag eine ſo ernſte milde Guͤte, eine ſo muͤtter⸗ liche Theilnahme in den Worten der Kaiſerin, daß ſie das ganze Herz der Prinzeſſin ergriff. Ihr Kopf ſank auf den Tiſch, vor dem ſie kniete, und ſie ſchluchzte laut.—„Ich habe viel daruͤber nachgedacht, ob ich Euch jetzt beſſer auf Beſuch ſchickte zu einem unſerer Verwandten— aber es koͤnnte ſcheinen, Ihr bekamet dadurch groͤßeres Unrecht in den Augen der Welt, als ich Euch zurechnen will— man koͤnnte es fuͤr meine Ungnade halten—“ „Darf ich herum kommen?“ rief die Prinzeſſin, lauter ſchluchzend— und im ſelben Augenblick lag ſie ſchon vor der Kaiſerin und bedeckte mit ihren Thraͤnen und Kuͤſſen deren Knie und Haͤnde. „Ich denke alſo, Ihr bleibt bei uns,“ fuhr dieſe milde fort—„und zieht mit uns, wohin der Hof ſich 471 grade begiebt. Wir haben Euch freilich nicht viel An⸗ nehmlichkeiten zu bieten, denn, wie Ihr wißt, leben wir noch immer von der abgetragenen Eleganz, die un⸗ ſere Vorfahren aus Spanien mit heruͤber contrebandir⸗ ten— und Eure beſte Freundin, die vor Euch ſitzende Kaiſerin, putzt ſich mit einigen alten verblichenen ſpa⸗ niſchen Roben gleich einer Koͤnigin auf den Gobelin⸗ tapeten aus— aber—“ „Um Gotteswillen ſchweigt!“ rief die Prinzeſſin, die unter den Worten der Kaiſerin wie unter Nadelſti⸗ chen gezuckt hatte.—„Eure Strafe iſt zu hart! Denkt — in dem Augenblick, wo ich Euch anbete, wo ich zu⸗ erſt einen Vater, eine Mutter habe, in dieſem Augen⸗ blick daran erinnert zu werden, daß ich ſie verun⸗ glimpfte, wie ein gottloſes Kind!— das Heiligſte, das Theuerſte mit kindiſchem Spotte antaſtete— erbarmt Euch— Ihr muͤßt es ja wiſſen, daß kein Hauch mehr von dieſer Miſſethat in meinem Herzen lebt!“ „So denke ich wirklich,“ ſagte die Kaiſerin, und als die Prinzeſſin zu ihr aufſah, bemerkte ſie das herz⸗ lichſte Läͤcheln um ihren Mund.„Wir haben diesmal die Rollen getauſcht— ich habe meine Muhme Thereſe etwas necken wollen; wenn es zugleich eine kleine Strafe war, ſo ſind mir doch nun damit fertig. Da unſere Muhme aber ſo viel an unſerer Toilette und 4172 ſonſtigen Einrichtungen auszuſetzen hat, ſo haben wir beſchloſſen, ihr eine kleine Beſchaͤftigung und unſerer lieben alten Graͤfin von Fuchs eine kleine Erleichterung zu verſchaffen, indem wir ihr das Amt einer eben neu geſtifteten Palaſtdame anbieten, einer Dame, die von hohem Range ſein muß, da ſie uns uͤber die noͤthig er⸗ kannten Anſchaffungen, Verſchoͤnerungen oder zeitge⸗ maͤßen Vergnuͤgungen unmittelbar Vortrag zu machen haben wird, und wozu wir im Ernſt nach den empfan⸗ genen Zurechtweiſungen unſerer lieben Muhme und de⸗ ren am franzoͤſiſchen Areopagus gebildeten Geſchmack keine paſſendere Perſon uns denken konnten, als Euer Liebden ſelbſt.“ „Das ſoll ich werden?“ rief die Prinzeſſin, freu⸗ dig in die Hoͤhe ſpringend—„Euch ſoll ich dienen duͤrfen? O! wenn Ihr mich doch zu Eurem Bettmaͤd⸗ chen machtet, daß ich Euch Euer Lager weich ſchuͤtteln und klopfen— Eure Nachthaube falteln, Eure Pan⸗ toffeln zurecht ſchieben koͤnnte— Mutter!“ rief ſie mit einem Male in der hoͤchſten Exaltation— und ſtuͤrzte der Kaiſerin knieend in die Arme—„Du heſt ein thoͤ⸗ richt Herz vom Verderben gerettet— es ahnet mir, daß ein Gedanke an Dich kuͤnftig mich von allen Thor⸗ heiten abhalten wird!“ Die Kaiſerin kußte die Stirn der Prinzeſſin und es ſtahl ſich eine Thraͤne aus ihren ſchoͤnen Augen. Es war ihr ſo wohl gelungen, was ſie gehofft, zu erreichen — und heftige Perſonen fuͤhlen ſich immer am gluͤck⸗ lichſten, wenn ſie ſich ſagen durfen, blos milde geweſen zu ſein.—„Es freut mich, Thereſe, daß Du mir ſo zugethan ſein willſt— ich werde da den Namen Mutter, den ich gern von Dir hore, verdienen koͤnnen — denn ohne die Liebe, das Vertrauen eines Kindes erreicht keine Mutter ihre guten Abſichten.“ „Beides! beides! wird der Inhalt meines Herzens bleiben fuͤr meine angebetete Kaiſerin, ſo lange ich lebe — aber noch bin ich betaͤubt und außer mir uͤber die große Gnade Euer Majeſtaͤt, und Alles, was ich thue und ſage, wird ganz unpaſſend ſein—“ „Faſſe Dich, mein Kind!“ erwiderte die Kaiſerin —„und Du, Gutenberg, ſitze da nicht im Winkel und weine Dir die Augen blind, ſondern ſtecke Deinem Liebling das Haar zurecht, ſonſt glauben die guten Hofleute, wir haben unſere Muhme gezauſt— waͤh⸗ rend dem Prinzeſſin werdet Ihr Euch beſinnen, wenn Ihr noch etwas auf dem Herzen habt.“ „Ich hatte in Wahrheit viel darauf, als ich kam,“ ſagte die Prinzeſſin unter den Haͤnden der Gutenberg —„und gewiß, mein Dank fur die Abreiſe des Fuͤrſten von S. war die Hauptſache— außerdem dachte ich da⸗ ran, Euer Majeſtaͤt wuͤrden froh ſein, mich los zu wer⸗ den— da ich nun um keinen Preis wieder nach Paris wollte oder nach D., wo wir den Fuͤrſten von S. nah' haben, wollte ich Euer Majeſtaͤt bitten, mich zur Geſell⸗ ſchaft meines bis heute— einzigen Freundes, meines Thomas Thyrnau, nach dem Karlſtein zu ſchicken, da⸗ mit ich ihm durch meine Erheiterungen meinen Dank, meine Reue ausdruͤcken koͤnnte, da ſeine großmuͤthige Aufopferuhi fuͤr mich ihm den Haß und die rachſuch⸗ tige Verfolgung des Fuͤrſten von S. zugezogen hat.“ „Das war ein Gedanke, der Eurem Herzen mehr Ehre bringt als Eurem Kopf,“ ſagte die Kaiſerin— „denn die Eskorte unſerer Muhme fuͤr einen Staatsge⸗ fangenen, einen Mann, der nur ſo eben ſchwerer An⸗ klage entronnen und fuͤnf Jahren Arreſt ſich unterziehen muß, moͤchte ein zu auffallender Widerſpruch ſein, um ihn auf uns laden zu duͤrfen. Da der Karlſtein jedoch kein Gefaͤngniß iſt, ſondern ein feſtes Schloß unſerer Vorfahren, moͤchte um ſo eher ein Beſuch von Euch ſpaͤter dahin einzuleiten ſein, da ich mit dem jungen Grafen von Lacy einige Plaͤne auf Thomas Thyrnau und deſſen Aufenthalt im Karlſtein gefaßt habe— und da er ein junger Ehemann iſt und die Gattin Luſt ha⸗ ben koͤnnte, ihrem Gemahl zu folgen, ſo koͤnntet Ihr ſie wol begleiten, da Ihr ja ohnehin verwandt ſeid.“ 475 Das Blut ſtieg der Prinzeſſin bei dieſer Rede ſo maͤchtig empor, daß die Kaiſerin es ſicher gewahrt hätte; da aber Frau Gutenberg eben den Kammſtrich der Prin⸗ zeſſin reſtaurirte, ſtand ſie mit ihrer ganzen Breite vor derſelben und entzog ſie ſo der Beobachtung. „Das junge Maͤdchen,“ fuhr die Kaiſerin fort— „die Enkelin des alten Thyrnau, hat mich aber durch Kaunitz bitten laſſen, ihren Großvater no Jarlſtein begleiten zu duͤrfen, und das habe ich geſtattte und es wird vorlaͤufig Eure Sorge um Thyrnau's Einſamkeit mildern— auch, denke ich, ſoll der junge Lacy ihm bald folgen. Kennt Ihr das Maͤdchen?“ „Nein,“ ſagte die Prinzeſſin— und obwol ſie eben erſt alle Thorheiten abgeſchworen hatte, betraf ſie ſich doch in ſtarker Verſuchung, denn ſie ahnete. lich eine Nebenbuhlerin. „So koͤnnt Ihr bleiben, bis ich ſie geſehn,“ fuhr die Kaiſerin fort—„die Gutenberg wird ſie herauf fuͤhren. Ich wollte durch ſie dem alten ſonderbaren Manne wohlthun, der mir naͤher gekommen iſt, als ich vorerſt eingeſtehen darf.“ Die Gutenberg war ſchon durch die Garderobe ver⸗ ſchwunden und die Prinzeſſin verſchlang mit eiferſuch⸗ tigem Herzen die kleine Tapetenthuͤr, durch die ſie ge⸗ gangen war. Ihre Ahnung trog ſie auch nicht; die 476 alte Dame fuͤhrte ein Maͤdchen herein, welches durch die ſanfte Schwermuth, von der ihr Weſen durchbrun⸗ gen war, gegen die beengende Schuͤchternheit geſchuͤtzt blieb, die vor ſo hohen Perſonen einzutreten pflegt— der geſenkte Kopf gab ſich ſogleich als eine Eigenthuͤm⸗ lichkeit ihrer feinen elaſtiſchen Geſtalt, ohne der edlen Freiheit des Ausdrucks zu ſchaden. Sie verneigte ſich tief vor der Kaiſerin und dieſe rief ſie naͤher. Die Prinzeſſin ſah ihr voll Erſtaunen nach— ſie trug heute uͤber dem glaͤnzend ſchwarzen Haare das goldene Netz mit Juwelen verziert, die Flechten waren im Nacken verſchlungen, und dagegen zeigte ſich noch herrlicher die ſchoͤne Form deſſelben, die das in Falten geſteckte weiße Tuch vollſtaͤndig verrieth — dazu trug ſie ein Mieder von ſchwarzem Sammet mit ſeidenen Aermeln und ein offenes Kleid mit dazu gehoͤrigem Rock von ſchwerer ſchwarzer Seide. Man hatte die ſchoͤne Eigenthuͤmlichkeit ihrer Tracht nicht zerſtoͤrt, und doch ſah die Prinzeſſin, eine geſchickte und erfahrne Hand hatte den Anzug geordnet, daß er paſ⸗ ſend vor der Kaiſerin war. Dieſe blickte ſie auch wohlgefaͤllig lange an, dann ſagte ſie laͤchelnd:„Wie ſtehn wir denn jetzt mit ein⸗ ander? Du wirſt mir wol bitter boͤſe ſein, daß ich Dir Deinen Großvater nicht nach Tein zuruͤckſchicke?“ 477 „Er ſagt, Du wäreſt uͤberaus guͤtig gegen ihn ge⸗ weſen und hätteſt ganz ſo groß gehandelt, als er es Dir immer zugetraut haͤtte,“ erwiderte das Maͤdchen. „Nun, das freut mich,“ ſagte die Kaiſerin—„aber Du, mein Kind! findeſt Du mich auch ſo gätig?“ Magda ſchuͤttelte unwillkuͤrlich den Kopf— doch erroͤthete ſie und ſagte etwas leiſer:„Ich glaube ihm nur!“ „So?“ fuhr die Kaiſerin fort—„Deine Ueber⸗ zeugung iſt das nicht!— Was dachteſt Du denn, daß mir zuſtaͤnde zu thun?“ Magda offnete zuerſt ihre großen Augen ganz, in⸗ dem ſie ſie auf die Kaiſerin heftete, dann ſagte ſie: „Ich dachte, wenn Du ihn geſehn und gehoͤrt haͤtteſt, da muͤßteſt Du ihn fuͤr den Groͤßten und Beſten er⸗ kannt haben, und dann, dachte ich, Du wuͤrdeſt ihn nicht wieder von Dir laſſen, denn wo wilſſt Du einen Beſſern finden als ihn, wen haſt Du, der ſich mit ihm meſſen kannz er, dachte ich, muͤßte fuͤr Dich eine wahre Wohlthat ſein, weil Du ihn verſtehen kannſt und er Dich!“ Die Prinzeſſin ſchlug die Häͤnde zuſammen— die Kaiſerin winkte ihr zu ſchweigen. „und wenn Du darin Recht haͤtteſt, daß ich Dei⸗ nen Großvater wol zu ſchaͤtzen gewußt, haſt Du nie ge⸗ — — — —— 478 hoͤrt, daß wir Großen der Erde oft genoͤthigt ſind, die Handlungen Derer zu ſtrafen, die wir innerlich hoch⸗ ſchaͤtzen, um anderer Eigenſchaften willen.“ „Nein,“ ſagte Magda—„das habe ich nie ge⸗ hoͤrt— ich dachte, Du hätteſt ein ſchoͤnes Recht, was wol goͤttlicher Ableitung zu nennen iſt— Du koͤnnteſt, wenn Du tiefer ſaͤheſt, als die Andern, ohne Rechen⸗ ſchaft und ohne daß es Dir Jemand wehren duͤrfte— begnadigen!“ „Das habe ich auch,“ fuhr die Kaiſerin fort— „und habe es angewandt fuͤr Deinen Großvater, und in ungewoͤhnlichem Maaße!“ „Das ſagt er auch,“ entgegnete Magda ruhig.— „Und Du glaubſt uns beiden nicht?“ fragte die Kaiſerin. „Gewiß glaube ich Euch,“ ſagte Magda—„ich hatte es mir nur anders gedacht und ſo viel ſchoͤner! Es macht mich nun traurig, daß eine Kaiſerin nicht ſo kann, wie ich es mir gedacht!“ „Du haſt auch wol zu viel vorausgeſetzt,“ ſagte die Kaiſerin mit großer Milde.— „Ja wol!“ rief Magda—„aber wie ich Dich zuerſt erblickte, da glaubte ich erſt Alles recht! Du ſaheſt ſo gottlich aus mit Deinem weißen Geſicht und den großen blauen Augen— die Sonne folgte Dir, 8— obwol Du von ihr gewendet gingeſt— aber der ſchoͤne purpurrothe Sammetmantel, der um Deine Schultern hing, der gluͤhte in ihren Strahlen— und es war, als ob Dich ein glaͤnzender Schein umgab— das Thor, dem Du Dich naͤherteſt, das gluͤhte auch in einem wunderbaren Lichte, ich traute Dir zu, daß Deine An⸗ naͤherung es erleuchtete— und das Kreuz grußte Dich — und die Geiſtlichen wurden geſegnet von Dir!— ach! wie war ich ſo froh, daß meine Kaiſerin, wie ich ſie mir gedacht, zuruͤckſtehen mußte gegen Dich!“ „Maͤdchen,“ ſagte Maria Thereſia mit Ruͤh⸗ rung—„Du biſt eine Schwaͤrmerin.“ „Warum nicht?“ ſagte das Maͤdchen.—„Denkſt Du nicht gut von Schwaͤrmern? ich bin es gewiß!— immer muß ich mir lange vorher, ehe es an mich kommt, Alles vorſtellen, wie es ſein konnte— der Großvater ſagt, es geraͤth auf dieſe Weiſe immer ſcho⸗ ner, als es ſich hinterher ausweiſt— und doch rath er mir nicht ab davon— es iſt gut, ſagt er, mit dem Beſten anfangen— man kann es lang' behuͤten, glaubt er, und das Geringe kann ſich nicht wol daneben ein⸗ richten!“ „Gott behuͤte Dich, mein Kind,“ ſagte die Kaiſerin und ſtrich mit der Hand uͤber die Augen—„ auch da⸗ rin iſt Thomas Thyrnau ein ungewoͤhnlicher Menſch, daß er ein Maͤdchen erziehen konnte wie Dich. Sag' mir, hat Dir der Graf Kaunitz ſchon geſagt, daß ich Dir erlaube, mit Deinem Großvater nach dem Karl⸗ ſtein zu gehn?“ „Ach, ja wol!“ rief Magda—„ich wollte Dir ſo gern dafuͤr die Hand kuͤſſen.“ „Mein Kind,“ rief die Gutenberg—„das darf Niemand.“ „Laß das, Gutenberg,“ unterbrach ſie die Kaiſerin, „komm naͤher, und hier haſt Du meine Hand— bin ich auch nicht ſo gottlicher Natur, als Deine Phantaſie getraͤumt, ſollſt Du Dich doch nicht ſo gar bitter ge⸗ taͤuſcht finden, daß Du auf dem Felſen der Etiquette ſcheiterteſt“— damit reichte ſie ihr die Hand, die Magda kniend aber zweimal inbrunſtig kuͤßte— dann zog die Kaiſerin eine goldene Miedernadel aus einem Futteral und gab ſie ihr—„damit Du ein Andenken haſt von mir,“ fuhr ſie fort—„und das merke Dir — was Dir auch vorkommen mag im Leben, Du ſollſt immer das Recht haben, Dich an mich unmittelbar wenden zu koͤnnen, und wo eine Kaiſerin helfen kann, da ſoll es Dir geſchehen! Das ſage auch Deinem Großvater,— und wenn es ihm troſtlich iſt, dann fuge hinzu, daß ich es auch um ſeinetwillen thue.“ Dies ſchien ein Abſchied, wenn Magda ihn ver⸗ 481 ſtanden haͤtte— ſie blieb aber ſtehn und ſchaute die Kaiſerin ſinnend an und nach der Zuruͤckweiſung, welche die Gutenberg erfahren, wollte Niemand einſchreiten, am wenigſten die Prinzeſſin, die begierig war, das Maͤdchen zu ergruͤnden. Die Kaiſerin aber war von der Neuheit dieſer Be⸗ gegnung ſo eingenommen, daß ſie abzuwarten ſchien, ob ſie nicht noch etwas Anderes mit ihr erleben werde. „Du haſt noch etwas auf dem Herzen,“ ſagte ſie nach einer kleinen Pauſe—„ich erlaube Dir, Dich frei zu aͤußern.“ Magda ſchmiegte ſich ungemein lieblich vorn uͤber — indem ſie ihr Geſicht mit faſt bittender Miene auf⸗ hob, ſagte ſie:„Ich moͤchte ſo gern wiſſen, was Du mit meinem Großvater machen willſt?“ „Nun,“ ſagte dieſe laͤchelnd—„ich ſchicke ihn vorerſt mehr wie einen Prinzen, denn wie einen Staats⸗ gefangenen nach einem meiner feſten Schloͤſſer!“ „Auf fuͤnf Jahre,“ ſagte Magda ſchnell—„aber dann— wirſt Du ihn dann bei Dir behalten, wird er in Deinem Rathe ſitzen und ſeine Weisheit verkuͤndigen — wird er dann an der rechten Stelle die großen er⸗ habenen Plaͤne fuͤr ſein Vaterland ausfuͤhren koͤnnen, die ſein ganzes Leben erfuͤllt haben? Sage mir das, große Kaiſerin, und wenn Du ſo eine rechte Kaiſerin Thomas Thyrnau Il. 3te Aufl. 31 482 biſt, wie Du gewiß danach ausſiehſt— dann nimm Dir doch ja das Beſte, was Du haben kannſt, weil, was von Dir ausgeht, dann auch das Beſte werden wird.“ „Meinſt Du,“ ſagte Maria Thereſia weich— „glaubſt Du, daß wir ſo gluͤcklich und beguͤnſtigt ſind, daß wir blos das Gute zu kennen brauchen, um dann uns in ſeinen Beſitz zu ſetzen?“ „Ja, das meine ich,“ entgegnete Magda, die Haͤnde vor der Bruſt faltend—„und wenn Du das Gute erſt kennſt und es bis zu Dir gelangt iſt, dann iſt gar kein Verlieren mehr moͤglich, dann haͤltſt Du es in Deiner ſtarken Hand und Dein Geiſt hat Ver⸗ gnuͤgen daran— darum denke ich—“ Sie ſchwieg.„Nun,“ ſagte die Kaiſerin—„was denkſt Du?“ „Ich denke es nicht,“— ſagte Magda, die Augen ſenkend—„mir hat es geträumt— Du ſaßeſt in einem Dom, der hatte himmelhohe Gewoͤlbe und wo ſie ſich ſchloſſen an der Decke, da ſtanden Sterne, die leuchteten— ſonſt war wenig Licht— nur der Altar hatte viele tauſend Kerzen, und Du ſaßeſt ſtill andaͤch⸗ tig davor und hatteſt die Krone auf und den Mantel mit Sternen beſaet, und den Scepter, den hielteſt Du mit den gefalteten Haͤnden gegen die Bruſt gedruͤckt. 483 Die Kirche aber lebte und wogte von gar vielen Men⸗ ſchen und Alle waren in dem Halbdunkel eine Maſſe. Da hobeſt Du das Haupt von der Bruſt und die Augen zur Decke— das ſahen die Sterne an den Gewoͤlben, und jeder, den die Reihe traf, der ſandte Dir einen Strahl, der fiel in Deine Krone, und jedesmal leuch⸗ tete Dein Haupt davon— dann nahmſt Du das Scepter und wieſeſt in die wogende Maſſe— und dann ward die Stelle hell und erleuchtete ein Menſchenantlitz — dann trat ein Mann oder eine Frau hervor— die gruͤßten Dich und ſetzten ſich ſtill um Dich her und ſie hatten alle weiße Maͤntel an. Und als Du das oft wiederholt und alle Platze im Kreiſe um Dich gefullt, da war dieſe Stelle, als ginge nun das Licht von ihr aus, und klaͤrte das Dunkel auf, das in dem Dome lag— und Du ſprachſt nicht mit Worten, ſondern mit dem Scepter; bald faßteſt Du ihn kuͤrzer, bald laͤnger, bald zeigteſt Du ſanft, bald zuckteſt Du da⸗ mit, daß es blitzte: ſo deutlich wußte ich, was er ſagte. Immer war es nur der Scepter; aber welche verſtaͤndliche ſchoͤne Rede ging von ihm aus; er hatte ſeine tief von Gott ihm ertheilte Macht wieder gewon⸗ nen und ſein Geiſt war Allen verſtaͤndlich. Und die Herbeigerufenen erhoben ſich und kehrten zuruͤck in die Maſſen und nun hob Muſik an— und ſchoͤner, als — die irdiſchen Muſiker machen, ſo daß die Sterne ſich bewegten und lange Strahlen wie Liebesblicke von ih⸗ nen ausgingen und Alle fielen in Deiner Krone zu⸗ ſammen— und Du ſaheſt goͤttlich ſchoͤn aus— und als Du die Arme ausſtreckteſt, da ſah ich, daß Du wie die Mater dolorosa Schwerter in der Bruſt ſtek⸗ ken hatteſt, und daß ſie nun wie leuchtende Blitze eines nach dem andern aus Deiner Bruſt fortflogen und dann— ſtandeſt Du auf und wareſt ſehr groß, und Deinen Mantel hielteſt Du mit Deinen Armen auf, und da loͤſten ſich die Maſſen aus dem Nebel und die Weißen, die Du berufen und verſendet, kamen wieder und Jeder fuhrte ſchoͤne bunte Zuͤge an. Da war Alles voll Leben drinnen und Jeder fuͤr ſich ganz deutlich ein Menſch, der Alles bei ſich fuͤhrte, was ihm noͤthig war, doch weiß ich nicht zu ſagen, was das immer war, denn ich verſtand nicht Alles— auch er⸗ wachte ich uber einem lauten Schrei, den ich ſelbſt ausſtieß; denn einer der Weißen war der Großvater und unter dem weißen Mantel hatte er das alte Czechen⸗Kleid!“ „Ha,“ rief die Kaiſerin, die angeſtrengt vorgebo⸗ gen zugehoͤrt hatte—„das war Boͤhmen, was er an⸗ fuͤhrte.“ „Nicht wahr?“ rief Magda——— * 485 Jetzt erſt kam die Kaiſerin zu ſich— ſie fuͤhlte, es war ihr ſonderbar ergangen— ſie hatte ſich in das Verſtaͤndniß des Traumes ganz verloren— ſie blickte ein wenig beſchaͤmt umher und es troͤſtete ſie, daß Frau Gutenberg mit offnem Munde ganz gegen die Dehors uͤber einen Stuhl gebogen lag, und die Prinzeſſin wie ein Jaͤger auf dem Anſtand die Arme auf den Ruͤcken gebogen hatte, und daß Beide eben ſo wenig wie ſie ſelbſt, etwas anderes als das Traumbild des jungen Mädchens verfolgt hatten. Sie gewann Zeit, ſich zuerſt zu faſſen, und wer koͤnnte den ſchnellen Gedankenwechſel des ra⸗ ſchen Geiſtes verfolgen— mit einemmal ſagte ſie: „Haſt Du den Traum ſchon einmal erzaͤhlt, etwa dem Großvater?“ „Ich traͤumte ihn dieſe Nacht,“ ſagte Magda, aus einem ſuͤßen, lächelnden Nachdenken erwachend— „aber gewiß danke ich ihn dem Großvater, denn herr— liche troſtreiche Worte hatte er geſtern zu mir geſpro⸗ chen, und als er mich entließ und mir den Segen gab, da leuchtete ſein Angeſicht ganz ſo wie ich ihn darauf in der Nacht ſah!“ Die Kaiſerin ſchwieg ſinnend— dann ſtand ſie auf und machte das Zeichen des Kreuzes uͤber Magda's Stirn.—„Geh' jetzt! und Gott behuͤte Dich— Du haſt mich ob ich Deines Großvaters nach fuͤnf Jahren noch gedenken werde— ich antworte Dir: ich werde ihn nicht vergeſſen! Nun, Gutenberg, ſorge da⸗ fur, daß dies ſchoͤne Kind ſicher dahin kommt, wohin es ſie treibt!“— Dann gruͤßte ſie die Prinzeſſin und zog ſich in ihre Bibliothek zuruͤck. Als die Prinzeſſin ſich mit den Beiden allein ſah, lief ſie auf Magda zu, umſchlang ſie mit Inbrunſt und eüßte ſie wie eine Schweſter.„Magda— Magda— Thyrnau's Enkelin— bete fur mich— liebe mich! ich bin Thereſe von D., die Deinem Großvater ſo viel verdankt!“ „Die Prinzeſſin?“ fragte Magda— und als dieſe bejahte, bog ſie ſich zu ihr und kußte ſie ebenfalls herzlich. „Jetzt aber gehen wir Beide zum Großvater,“ rief die Prinzeſſin. 8 Der Befehl der Kaiſerin, Thomas Thyrnau mit der groͤßten Ruͤckſicht zu behandeln, war um ſo eher er⸗ fullt worden, da dieſe ganze Angelegenheit wieder in die Hände des Grafen von Kaunit uͤbergegangen war, der, wie es ſchien, eben durch das, was er uͤber dieſe Angelegenheit hatte leiden muͤſſen, jetzt als Lohn des treuen feſten Aushaltens dieſes Sturmes hoͤher wie je⸗ mals in der Gunſt der Kaiſerin ſtand. Dieſer fuͤhlte dagegen, daß er den glucklichen der un⸗ 487 vergleichlichen Perſoͤnlichkeit dieſes Thyrnau verdankte und dem Gelingen, die Kaiſerin, welche ihn zu ver⸗ ſtehen vermochte, zur Zuhoͤrerin gemacht zu haben, und er fuͤhlte eine ſo lebhafte Zuneigung zu Thomas Thyr⸗ nau, daß er die wenigen Tage, welche derſelbe noch in der Haft des Schloſſes blieb, ihn täglich beſuchte und in dem hellen erfahrenen Verſtande dieſes Mannes und ſeiner ausgebreiteten Kenntniß aller obwaltenden Verhaͤltniſſe ein Verſtäͤndniß fand, deſſen er ſich noch nicht zu erfreuen gehabt hatte. Wir enthalten uns jedoch, ihre einſichtigen Ge⸗ ſpraͤche wieder zu geben; was davon auf das Leben des Thomas Thyrnau Einfluß gewann, werden wir im Ver⸗ lauf dieſer Mittheilungen erfahren. Magda fand bei dieſen Geſprächen einen ungewoͤhn⸗ lichen Platz. Mit dem unbeſiegbaren Widerſtand eines unbezwinglichen Gefuhls war ſie nicht mehr von ihrem Großvater zu trennen. Wie ein ſchoͤnes Standbild ſaß ſie unbeweglich mit ihren tiefen ernſten Zuͤgen und dem durchdringenden langen Blick ihrer Augen zu den Fuͤßen Thomas Thyr⸗ nau's auf einem niedrigen Baͤnkchen und hoͤrte beiden Maͤnnern zu, als waͤre ſie ihr hoͤchſter Richter. Kaunitz hatte ſich uͤber dieſen ſonderbaren Zeugen mit Thyrnau lateiniſch erkiitt— dieſer hatte ihn abgehalten, auf ih⸗ 488 rer Entfernung zu beſtehen und ihm mit wenigen Wor⸗ ten ein Bild ihres ungewoͤhnlichen Karakters entworfen, ihn von der Gemeinſchaft unterrichtet, die Magda mit ihm und Lacy gehalten, und wie Beide den ernſten Sinn des jungen Maͤdchens uͤber Gebuͤhr genaͤhrt, um des Vergnuͤgens willen, die Anſichten zu belauſchen, die ſich in dieſem jungen unbeſtechlichen Geiſte bildeten. So geſtattete Kaunitz, der uͤberdies in beſonders hin⸗ gebender Stimmung dem Außergewöhnlichen empfaͤng⸗ licher als ſonſt war, nicht allein Magda's Gegenwart, ſondern er gefiel ſich zuletzt, in ihr ſchoͤnes Antlitz zu ſchauen, und ſah und hoͤrte mit Erſtaunen und ſteigen⸗ dem Intereſſe, wie ſie oft mit begeiſterten Blicken die Reden des alten Herrn begleitete und auch wieder mit einzelnen klaren Worten ihn unterbrach und zurecht wies, wenn ſich die kleinſte Abweichung oder unſichere Angabe bei den ihr wohlbekannten Umſtaͤnden zeigte. Um im Palaſt Morani von Allen Abſchied zu neh⸗ men, kehrte daher Magda nur auf einige Stunden dahin zuruͤck und erbat ſich hier Egon's und Hedwiga's Ge⸗ genwart. Sie hatte die Prinzeſſin Thereſe mitgebracht, denn dieſer Abſchiedsmorgen war derſelbe, an dem ſie die Kaiſerin geſehn, und Beide hatten ſich von Thomas Thyrnau nach dem Palaſt Morani begeben. Als ſie in den Saal traten, worin ſie von Allen er⸗ — wartet wurden— nahm Magda ruhig den Vortritt und die Prinzeſſin folgte ihr und war damit zufrieden, denn ihre Augen wurzelten auf dem Grafen von Lacy, der mit ſeiner Gemahlin und den beiden Kindern Egon und Hedwiga ihr entgegen kam. Es ſchien aber Allen, als habe ſich Magda ſehr veraͤndert— ſie hatte den tiefruhigen Ausdruck, den nur große Gemuͤthszuſtande geben und der die Seele auf einen Hoͤhenpunkt fuͤhrt, daß ſie jedes Glied, jede Bewegung beherrſcht. Dabei war ſie blaß wie von Marmor und ſprach nur leiſe und nur wenig. Sie eilte in die Arme Claudia's und ruhte an ih⸗ rem Buſen, waͤhrend ſie Lacy die Hand hinſtreckte, die dieſer ehrerbietig faßte und ſanft ihre Fingerſpitzen kußte. „Lebt wohl!“ ſagte ſie, ſich aufrichtend, mit leiſer Stimme—„morgen reiſe ich mit dem Großvater— und Gott ſegne Euch um des Guten willen, das Ihr an mir gethan.“ Ihr Blick haftete einen Augenblick auf Lacy— er ſah ſie mit dem tiefſten unverhohlenſten Schmerz an— ihre Bruſt hob ſich zum Zerſpringen— die Farbe ihres Geſichts wechſelte und ihr Kopf ſank er⸗ geben auf ihre Bruſt— dann ſagte ſie—„Wenn Sie nach Tein kommen!“— ach, wie fuͤhlte er es, daß er der Einzige war, den ſie nicht mit ihrem naiven Du anredete—„wenn Sie nach Tein kommen, ſo laſſen Sie ſich durch Hieronymus ſagen, fuͤr wen ich zu ſor⸗ gen pflegte. Thun Sie es jetzt! Auch das Dohlen⸗ neſt—“ ihre Stimme brach— ſie ſchwieg— das Zittern ihrer Glieder ward ſichtbar— ſie blickte weg— und ſah die Prinzeſſin mit angehaltenem Athem ſtehn— ſie ſtreckte die Hand nach ihr aus und lag im ſelben Au⸗ genblick mit brechenden Knieen in den ſie umſchtingen⸗ den Armen. Claudia zog raſch einen Lehnſtuhl herbei — die Prinzeſſin ſetzte ſie ſorgſam hinein— Lacy ruhrte ſich nicht— er ſtand wie eingewurzelt und der Schmerz, den er litt, raubte ihm faſt die Beſinnung. Egon und Hedwiga waren vor Magda nieder ge⸗ kniet und vergeblich rang Egon mit den hervorſturzen⸗ den Thraͤnen, die Hedwiga ſchluchzend laufen ließ— auch war Magda nicht ohnmachtig geworden, ſie ſah 3 ſtill auf die Kinder und ſtrich Hedwiga die Locken. „Es iſt nun Alles erfuͤllt, Kinder!“ ſagte ſie dann leiſe—„die Graͤfin Laey ſorgt fuͤr Euch— und. Tein wird Eure Heimath!“ O! was lag in dieſen Worten fuͤr die, welche ihr Schickſal kannten— Claudia ſank weinend neben dem Stuhle nieder, waͤhrend Lacy mit einem dumpfen Laut ſeine Haͤnde vor ſeine Augen druͤckte. „O Magda!“ rief die Graͤfin Lacy—„und Du— und Du?“—„Ich erfulle auch mein Geſchick!“ ſagte — — — „ 491 Magda mit einem ſanften Laͤcheln—„ich bleibe bei dem Großvater!“ Sie richtete Egon's Kopf in die Hoͤhe, ſtrich ihm die Locken von der Stirn und blickte ihn lange ſinnend an— dann ſagte ſie:„Ich wollte, ich koͤnnte Dich zum Großvater mitnehmen, Egon! ich weiß, wo ich Deine Stirn geſehen habe— auch er wuͤrde es ſo⸗ gleich wiſſen, und wenn zwei ein Geheimniß haben, kann's ſein, daß, wenn ſie zuſammentreffen, es ſich aufklaͤrt.“ Ihr Auge traf auf Lacy's Auge und Beide erroͤthe⸗ ten. Da ſtand ſie ſchnell auf und begehrte, ihre Reiſe⸗ befehle zu geben, und als Claudia ſie wegfuͤhrte, wußte die Prinzeſſin die Hauptſache, und als ſie den Grafen anſah und Beider Blicke ſich begegneten, fuhlte er, wie weit die Prinzeſſin einzudringen ſuchte, und er erhielt ſeine ganze Faſſung wieder. Er bot ihr den Arm und fuͤhrte ſie zur Terraſſe und die Prinzeſſin verdeckte mit einem Laͤcheln ihr ſtuͤrmiſch bewegtes Herz. Ende des zweiten Theiles. 5 — — * 8 8 — 32 3 S B * S 9 8 * 3 5 8 8 FE G 1 ſ it 12 8 10 11 i 1 13 14 15 16 17 18 —