beträ Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenummen. S 3. Qution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe iuß voraus bezahlt werden und gt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat; 1 W— 1W W 3 Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſ mutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonder darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden da rehe rf, indem iejenigen, we von mir geliehen, auch dafür zu ſteh lche die⸗ en haben. Shomas Ehyrnan. . Erſter Theil. Thomas Thyrnan. Von der Verfaſſerin von Godwie⸗Caſtle. Erſter Theil. Pritte verbeſſerte Auflage. Mit einer Abbildung des Schloſſes Tein in Böhmen. ——— Breslaun, im Verlage bei Joſef Max und Komp. 1845. In einem Thurmgemache der alten Hofburg zu Wien, welches in großartiger aber einfacher Ausſtattung ſich der Bewohnerin wuͤrdig zeigte, ſaß um das Jahr 1755 in einer Fenſterniſche die Kaiſerin Maria Thereſia und las mit Aufmerkſamkeit in einem maͤßig ſtarken Akten⸗ ſtuͤcke, welches von dem vor ihr ſtehenden Arbeitstiſche genommen ſchien, auf welchem in großer L Ordnung Pa⸗ piere, Buͤcher, Karten und Pergamentrollen lagen, die das Arbeitszimmer der hohen Frau erkennen ließen. Sie war in der vollen Reife des mittleren Frauen⸗ alters und die Schoͤnheit, die ſie auszeichnete, trug den beſonders feſten und kraͤftigen Ausdruck eines edlen, ge⸗ ſicherten Selbſtgefuhls, welches jedem Zuge eine plaſti⸗ ſche Ruhe und eine Reinheit der Form erhielt, die faſt an die Unvergaͤnglichkeit dieſer Reize glauben ließ. Die Mode der damaligen Zeit ließ keines der kleinen anmu⸗ thigen Mittel zu, womit die Mängel der Form hinter Locken, oder den Vortheilen verſchiedenartiger Kopfbe⸗ deckungen ſich zu verbergen vermoͤgen. Die Kaiſerin, wie alle Damen jener Zeit, gab ihr Geſicht von allem 6 Haar entbloͤßt der Anſchauung Preis, und die hochge⸗ woͤlbten Haarfriſuren wurden nur gekroͤnt durch kleine darauf ſchwebende Aufſaͤtze, verſchieden in ihrer Aus⸗ ſtattung nach Rang und Vermoͤgen der Beſitzerin. Bei Maria Thereſia trat hierdurch die reinſte ovale Geſichts⸗ form hervor, die durch die Fuͤlle einer unerſchuͤtterlichen Geſundheit ſtark in den Wangen und in dem Unterkinn bezeichnet war, ohne doch das Maaß der Schoͤnheit zu verletzen. Sie hatte vollkommen das Anſehn, was wir mit hiſtoriſch zu bezeichnen pflegen. Wer ſie aufgerichtet ſtehen ſah, mit der hochgehobenen graden Haltung des Hauptes, welches auf dem ſchoͤnen runden Halſe wie auf einer Saͤule ruhte, mit dem klaren Blick ihrer glaͤnzen⸗ den blauen Augen und der redneriſchen Fuͤlle des ſchoͤn gewoͤlbten Mundes— der mußte fuhlen, ſie gehoͤre zu den Gipfelpunkten ihrer Zeit, ſie ſei ein ſtrebendes und ſchaffendes Werkzeug fur die Entwickelung ihres Landes und ihr ſcharfes Erkenntnißvermogen habe in ihrem feſten Willen die Stutze, die Gedanken— Thaten werden laͤßt. Die Zeit, in welcher die hohe Frau ſich ſo eben be⸗ fand, war ein Ruhepunkt ihres bewegten Lebens. Sie konnte mit ſtolzem Bewußtſein auf die Reſultate ihres ſichern Willens ſehen und ſich in ſeltenem Maaße das Zugeſtaͤndniß machen, daß ſie den Sieg uͤber die ge⸗ haͤufteſten Hinderniſſe ſich ſelbſt ſchulde.* —— 7 Der Aachner Friede hatte ihre erblichen Rechte an⸗ erkannt, ihre Grenzen geſichert, die kriegeriſche Auf⸗ regung von ganz Europa zur Ruhe verwieſen, und ſie mußte ſich ſagen, daß ſie mit der Energie, welche ſie entwickelt, ſich ſelbſt zu einem gefuͤrchteten und geachteten Oberhaupte Deutſchlands gemacht habe, ihren Gatten zum Kaiſer erhoben, und in dem erlangten Beſitz ſo vieler Vorzuͤge eine Garantie fuͤr die ſtelzen Plaͤne ihrer Zukunft erreicht habe. Doch taͤuſchte ſie ſich nicht uͤber den augenblicklich friedlich erſcheinenden Zuſtand Europa's. Zu wohl durch Kaunitz, ihren wuͤrdigen Repraͤſentanten bei den Frie⸗ densunterhandlungen zu Aachen, unterrichtet, ſah ſie in den ſchwachen Banden, die hier geknuͤpft waren, ſchon den Zuͤndſtoff neuer, unausbleiblicher Zwiſtig⸗ keiten, und den Krieg erwartend, nutzte ſie die truͤge⸗ riſche Ruhe, die wenigſtens einen Blick auf das innere Leben ihres Staates zukleß, um mit muthiger Hand die Wunden heilend zu beruͤhren, die der langjaͤhrige, bis in das Herz ihrer Laͤnder dringende Krieg uͤberall geſchlagen. Die Groͤße der Schwierigkeiten ſchreckte die in vol⸗ ler Kraft ſich fuͤhlende Herrſcherin nicht zuruͤck, und in dem Kreiſe ihrer Unterthanen umherſchauend, entdeckte ſie bald die Geiſter, die ihr eine Stuͤtze werden mußten, indem ſie ihre Krafte zu leiten und zu nutzen wußte⸗ 8 2 Schon durfte ſie bei den reichen Naturkraͤften des Landes in den fuͤnf Jahren des Friedens ſich der Symp⸗ tome wiederkehrenden Wohlſtandes freuen, und mit muͤt⸗ terlichem Eifer jede Beſtrebung unterſtutzend, die irgend bleibend ſich fuͤr das Wohl des Landes erweiſen konnte, in welcher Richtung und Weiſe ſie auch ſein mochte, griff ſie mit ſcharfſinnigem Geiſte die Uebel an, gegen welche das Volk der Abhuͤlfe von Oben harren mußte. Dieſe waren vorzuͤglich eine unvollkommene Verwal⸗ tung, die bei dem Mangel an einer geordneten Juſtiz⸗ pflege und klaren Geſetzgebung tauſend Leiden und Stoͤrungen verbreiteten, welche das Wohlſein des Lan⸗ des aufhielten und der Rohheit und Willkur ein noch unverwehrtes Feld zum Spielraum ließen. Die verſchiedenen Elemente, aus denen ihr Reich zuſammengeſetzt war, vergroͤßerten die Muͤhſeligkeit die⸗ ſer Abhuͤlfe. Die Provinzen d s Kaiſerreichs waren faſt ſelbſtſtändige Laͤnder zu nan Jede hatte ihre alten Gerechtſame, die haͤufig auf Naturbeduͤrfniſſe geſtutzt, mit Schonung beleuchtet werden mußten. Die Bethei⸗ ligten fuͤhlten wol hin und wieder Bedruͤckungen; aber die Bildung fehlte, um die Urſache zu erkennen; am wenigſten wollte man ſie alten, bequem gewordenen Ge⸗ braͤuchen zuſchreiben, und war geneigt, dieſe zu ſchutzen und eine Erleichterung zu bezweifeln, die zu Anfang 9 nothwendig eine Neuerung ſein mußte, wie denn auch ſelbſt die Verſchiedenheit der Sprachen eine leichte Ver⸗ ſtaͤndigung aufhielt. Dennoch gab die große Kaiſerin den Plan nicht auf, dieſe Schwierigkeiten zu beſiegen und ihr ganzes Reich unter dem Segen einer gleich⸗ maͤßigen, weiſen und jedes Individuum wahrhaft ſchuͤtzenden Geſetzgebung zu vereinigen. Sie verfuhr dabei wie eine gute Mutter mit ver⸗ woͤhnten Kindern. Sie beſtrebte ſich, ihr wahres Be⸗ duͤrfniß in allen Beziehungen kennen zu lernen und die Berichte, die ſie von Seiten der verſchiedenſten Perſo⸗ nen zu veranlaſſen wußte, pruͤfend mit einander zu ver⸗ gleichen, um ſelbſt in der Seele der bewußtlos mit Uebeln Kaͤmpfenden fuͤr die Huͤlfe zu entſcheiden, die ſie fur ſie als gut erkennen mußte. Sobald ſie aber bis zu dieſem Punkte der Entſcheidung gelangt war, handelte ſie auch mit der ſtolzen Wahrhaftigkeit und Entſchiedenheit ihres Karakters; ſie ſprach aus, was ſie geben und nehmen wollte, forderte Gehorſam, und er⸗ zwang ihn, wo er unverſtaͤndig verweigert wurde. Das Aktenſtuck, welches in dieſem Augenblicke die Aufmerkſamkeit der Kaiſerin feſſelte, enthielt die An⸗ ſicht eines jungen Adligen über Boͤhmen, ein Land, welches vorzugsweiſe das Nachdenken der Kaiſerin in Anſpruch nahm, da es bedeutend im Kriege gelitten und 10 von innern Hemmungen an einem ſchnelleren Auf⸗ ſchwung, ungeachtet der vorhandenen Huͤlfsmittel, gehindert ſchien. Sie hatte die ſorgfaͤltige Durchſicht der Schrift be⸗ endigt und indem ſie ſich erhob, zeigten ihre Zuͤge den ruhig klaren Ausdruck, der von einer innern Befriedi⸗ gung entſtehend, jedes Angeſicht verſchoͤnt. Ihr helles Auge richtete ſich auf die Eingangsthuͤr wie fragend, wa⸗ rum ſie ſich nicht oͤffne, und man haͤtte dieſem Blicke wohl die Zauberkraft zutrauen moͤgen, die der Zufall herbei⸗ fuhrte, denn die Thur öffnete ſich wirklich, und der Graf von Kaunitz, dieſer große und wuͤrdige Theilnehmer ihrer erhabenen Herrſcherplaͤne, trat, wie es ihm geſtattet war, unangemeldet in dies Heiligthum ſeiner Gebieterin. „Ihr kommt zur rechten Zeit,“ rief die Kaiſerin ſogleich,„ich habe ſo eben die Durchſicht der Denk⸗ ſchrift beendigt, die Ihr mir brachtet. In der That, ſie iſt gut— es iſt Schaͤrfe der Auffaſſung drinnen— nicht unnuͤtzer Wortkram— die Dinge treten heraus— es iſt nicht der Verfaſſer, oder dieſer und jener, der das bemerkt und darthut— es iſt die Sache ſelbſt, die redet und ſich erklaͤrt.“ Waͤhrend dieſer Anrede war der Graf, der niemals eine Sache die andere uͤbereilen ließ, mit den drei vor⸗ geſchriebenen Verbeugungen fertig, und ſtand jetzt mit 11 ſeiner geraden, feſten Geſtalt vor dem Schreibtiſche der Kaiſerin, der Beide trennte, und waͤhrend aus dem blaſſen, mienenloſen Geſichte ſein Auge mit der Schaͤrfe eines Adlers ſchaute, ſagte er mit der ihm eigenthuͤm⸗ lich deutlichen und ſcharfen Betonung:„So dachte ich, — und wagte daher dieſen Aufſatz, der keinen officiel⸗ len Karakter hat, der nur ein Studium, eine Uebung des jungen Mannes zu nennen iſt, dem hinzuzufuͤgen, was Euer Majeſtaͤt bereits uͤber dieſen Gegenſtand ge⸗ ſammelt haben.“ „Es iſt vielleicht das Brauchbarſte,“ ſagte Maria Thereſia—„weil es eben ohne den Gedanken geſchrie⸗ ben iſt, vor unſer Auge zu kommen. Der junge Mann iſt feſtzuhalten, Kaunitz— zu beſchaͤftigen— Ihr ſoll⸗ tet ihn Euch zuziehen— er muß empfaͤnglich ſein fuͤr eine große Schule— ſein Kopf iſt aufgeraͤumt!“ „Er begleitete mich nach Paris und Aachen,“ er⸗ widerte der Graf.„Ich war geneigt, ihn die Dinge arbeiten zu laſſen, zu denen ich perſoͤnliches und ge⸗ ſichertes Vertrauen bedurfte. Er verſtand, die Notizen, die ich waͤhrend der Konferenzen in meine Gedaͤchtniß⸗ tafel zeichnete, mir geordnet an einander zu reihen.“ „Ah!“ rief die Kaiſerin—„er hat alſo ſchon ſei⸗ nen Platz gefunden!— Und duͤrfen wir ſeinen Namen wiſſen?“ — 12 „Es iſt der Graf von Lacy!“ erwiderte Kaunitz. „Wie?“ fragte die Kaiſerin,„Lacy? Lacy? Ein Bruder unſers tapfern Hauptmanns? Iſt dieſe Familie ſo reich an ausgezeichneten Maͤnnern?“ „Er iſt nur weitlaͤufig mit unſerm tapfern Reiter⸗ Hauptmann verwandt,“ ſagte Kaunitz.„Auch ſeine Voreltern leiten ihre Familie aus der Zeit Wilhelm des Eroberers her, und laͤngere Zeit muß die Familie des jungen Mannes in England verblieben ſein. Erſt ſein Urgroßvater uͤbernahm, mit all' den Seinigen England verlaſſend, die Beſitzungen in Boͤhmen, die ihm von ſeiner Mutter, einer boͤhmiſchen Fuͤrſtin Wrakislaw, uͤberkommen waren. Außer dieſen erſten, ſich aͤhnlichen Stammnachrichten haben aber beide Familien keine Ver⸗ wandtſchaft nachzuweiſen.“ Nachſinnend fuhr die Kaiſerin fort, den Namen wie fur ſich zu wiederholen.„Ich glaube,“ ſagte ſie dann lauter,„die Prinzeſſin Thereſe hat mir den jun⸗ gen Mann genannt, und ich vermuthe, er iſt ſchoͤn, oder galant, oder etwas der Art.“ „Ihre Durchlaucht die Prinzeſſin ſind allerdings Kennerin! ſonſt wurde ich ihn nur fuͤr jung und ſchoͤn halten; uͤbrigens fuͤr zu ſolide faſt— uberhaupt fur einen Sonderling,“ erwiderte Kaunitz. „Doch warum zeigt ſich der junge Mann ſo wenig 13 bei Hofe, daß wir dadurch in den Fall kommen, uns ſeiner nicht erinnern zu koͤnnen?“ „Weil er ein Sonderling iſt, Euer Majeſtaͤt, aber einer von den Brauchbaren, die eben deshalb ein weite⸗ res Feld uͤberſehen lernten, auf welchem ſie durch An⸗ ſtrengungen einheimiſch werden wollen. Er macht pedantiſche Forderungen an ſich ſelbſt, und wenn ich ihn nutzen will, muß ich ihn zugleich gewaͤhren laſſen. Ich kann ihn nicht feſſeln, wie Andere wohl; er iſt zu unabhaͤngig, und hat die unangenehme Eigenſchaft nichts zu wollen.“ Die Kaiſerin laͤchelte, obwol ſich auf dem Antlitz des Grafen keine Miene zeigte, die dies veranlaſſen wollte.„In Wahrheit, das iſt eine unbequeme Eigen⸗ ſchaft,“ ſagte ſie dann.„Doch ſind wir wegen der Seltenheit derſelben geſonnen, ihm ſelbſt unſere Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken. Ihr werdet ihm ſagen, daß ich dieſen Aufſatz geleſen habe und mit ihm daruͤber ſprechen will. Seine Anſichten uber die theilweiſe Auf⸗ hebung der Leibeigenſchaft in Boͤhmen gewinnen da⸗ durch an Wahrheitskraft, daß er als Grundbeſitzer die Nachtheile empfinden wuͤrde, wenn das Geſchrei wahr ſein ſollte, womit man die Anregung dieſer Sache von jenen großen Herrn beantwortet hoͤren muß.“ „Es iſt allerdings wichtig, einen aus ihrer Mitte 14 bei gleichen Intereſſen von der Anſicht abfallen zu ſehn, die ſie als gerechtfertigt durch alle ihre Anſpruche gel⸗ tend machen wollen. Auch, glaube ich, weiß er ſeine Gefinnungen zu vertreten.“ „Sonderbar, Graf Kaunitz,“ ſagte die Kaiſerin, und eine dem Grafen ſehr verſtaͤndliche Roͤthe, die jede kleine Wallung der ſanguiniſchen Frau verrieth, trat auf ihrer hohen Stirn hervor—„ſonderbar, daß Ihr Euch jetzt erſt erinnert, wie es zu unſern Wuͤn⸗ ſchen gehoͤrte, bei einer ſo ſchwierigen Aufgabe und nach dem erfahrenen Widerſpruch, uns unter den dortigen Großen einen Beiſtand aufzufinben. Ihr theiltet, denke ich, unſere Freude uͤber die Hoffnung, welche uns ein ehrwuͤrdiger böhmiſcher Praͤlat machte, ſpäter vielleicht mit gutem Beiſpiel voran zu gehen, und ſahet Euch mit uns nach dem Edelmanne um, der uns gleiche Un⸗ terſtuͤtzung boͤte— und doch hattet Ihr bereits verwirk⸗ licht erfahren, woran Eure Kaiſerin indeſſen als an eine Schwierigkeit zu denken genoͤthigt war.“ „Eins nach dem Andern, Euer Majeſtat,“ ent⸗ gegnete Kaunitz unerſchuͤttert.„Die Proben, denen ich den jungen Mann unterwarf, um den Grad ſeiner Zuverlaͤßigkeit zu erfahren und aus ihnen zu entneh⸗ men, ob dieſe Anſichten ſich wuͤrdig zeigten, die Auf⸗ merkſamkeit Eurer Majeſtät zu wecken, mußte ich 15 glauben, ſei ein paſſenderes Geſchaͤft fuͤr den Diener Eurer Majeſtaͤt. Jetzt erſt, nachdem ich den jungen“ Mann bewäͤhrt gefunden, erſt ſeitdem ich ihn zu die⸗ ſem ſchriftlichen Aufſatz ermuthigt und von ſeiner klaren Darſtellung auf die Wahrheit ſeiner Ueberzeugungen zu ſchließen Urſache fand, erſt ſeitdem habe ich geglaubt, koͤnne ſeine Perſon ein Recht zur Beruͤckſichtigung Eu⸗ rer Majeſtaͤt finden.“ Die Kaiſerin hoͤrte mit leiſem Nicken des Kopfes der ſicheren Entgegnung ihres Miniſters zu. Ihr eignes gro⸗ ßes Herz war bis auf den Grund von dem vorherrſchen⸗ den deutſchen Nationalzuge, von Wahrheit und Offen⸗ heit, durchdrungen, und wo ſie ihn bei ihren Umgebun⸗ gen ohne Anmaßung und Rohheit hervortreten fand, hatte er ſich ihrer Nachſicht, ja ihres Beifalls zu er⸗ freuen. Die hohe Achtung, die Kaunitz ihr dabei mit vollem Rechte einfloͤßte, die oft erlebte Ueberzeugung von dem Werthe ſeiner Rathſchlaͤge und Beſchluͤſſe, ſelbſt wenn ſie dieſelben anfaͤnglich nicht einſehen konnte, ließ ſie, faſt immer ſchon mit der Hoffnung, ihm bei⸗ treten zu koͤnnen, auf ſeine Vertheidigungen horchen, und gerade fuͤr ihn ſchien ſie ſich dies verrätheriſche Nicken mit dem Kopfe angewoͤhnt zu haben, worin der Graf ſeine Anerkennung erkannte, noch ehe ſie die Lip⸗ pen oͤffnete. nn ſo geſchickt benutzen koͤnnen, als Ihr, mein lie⸗ 16 „Es will uns ſelbſt ſo als am zweckmaͤßigſten ein⸗ leuchten,“ ſagte ſie dann mit dem Laͤcheln der Geneh⸗ migung,„und wir wollen ſehn, ob wir jetzt dieſen ber Graf, ihn uns geſchickt vorbereitet habt. Vielleicht ſchlaͤgt er es doch uns nicht ab, irgend eine Stelle an⸗ zunehmen, die ihn uns bequemer naͤhert.“ „Dazu iſt in dieſem Augenblick noch wenig Aus⸗ ſicht,“ ſagte der Graf.„Er iſt, wenn auch frei und unabhaͤngig durch ſeine bedeutenden Beſitzungen, doch nicht unabhaͤngig von ſeinen Familien⸗Verhaͤltniſſen, wie es ſcheint. Dieſe ſtellen ihn unter auffallende Be⸗ dingungen, und ich habe nicht erfahren, ob ſie fuͤr ihn ſelbſt in geheimnißvolles Dunkel gehuͤllt ſind, oh ob er ſie mir nur ſo erſcheinen laͤßt.“ „Nun! nun! wie laßt ſich denn das an?“ rief die Kaiſerin, ſich eifrig vorbiegend—„was glaubt Ihr denn— oder was ſagte er daruͤber? Hat er noch Eltern oder Geſchwiſter?“ „Weder das Eine noch das Andere,“ erwiderte Kaunitz.„Mir hat ihn Baron Binder zuerſt empfoh⸗ len. Er ſtudirte damals zu Regensburg die Reichs⸗ 3 praxis, zu welcher er bereits in Leipzig und Leyden einen guten Grund gelegt; und da er geſonnen war, einen letzten Kurſus zu Wien abzuhalten, lud ihn Baron —————— „ Binder in ſein Haus, wo er ihn ſo vortheilhaft kennen lernte, daß er ihn mir empfahl. Auch ich theilte bald die Vorliebe des Barons, und da er die lebhafteſte Nei⸗ gung empfand, zu reiſen, ſchlug ich ihm vor, mich nach Paris zu begleiten. Er willigte ein, und ein naͤheres perſoͤnliches Verhaͤltniß entſtand nun, welches mich be⸗ ſtimmte, ihn mit mir nach Aachen zu nehmen. Um ihn mir hier nuͤtzlicher zu machen, nahm er auf meinen Wunſch eine Art Titel an, und hier erſt, bei ſeiner entſchiedenen Weigerung Gehalt zu nehmen, erfuhr ich, daß er keine bindende Verpflichtungen eingehen duͤrfe, vermoͤge teſtamentariſcher Verfuͤgungen ſeines Oheims, deſſen unmittelbarer Erbe er war, da ſein Vater und der einzige Sohn ſeines Oheims fruͤher ſtarben. Seit unſerer Ruͤckkehr hat er mir mehr geſtanden und meine Nachrichten uͤber ihn lauten ſonderbar genug. Er hat ſich einer Dame gewidmet, von der man kaum glauben ſollte, daß ſie den ſchoͤnſten Kavalier, den jugendlichen Mann von acht und zwanzig Jahren, zu feſſeln ver⸗ moͤchte.“ „Alſo eine Liebesgeſchichte,“ ſagte die Kaiſerin kalt. „Das alte Hinderniß aller jungen Leute!“ „Ob man es ſo nennen darf, möchte ich doch kaum wagen zu behaupten. Euer Majeſtaͤt mogen ſelbſt ur⸗ theilen: Es iſt die einzige nachgelaſſene Tochter des alten Thomas Thyrnau. 1. 3te Aufl. 2 18 Fuͤrſten Morani, des Kammerherrn Seiner hochſeligen Majeſtaͤt des Kaiſers.“ „Die Fuͤrſtin Morani!“ rief die Kaiſerin— mit ihrer lebhaften Weiſe die Haͤnde zuſammenſchlagend— „Geht— geht— Kaunitz— wo habt Ihr Euren klu⸗ gen Kopf— ſie iſt ja aͤlter als ich— war mir ein Spielfraͤulein— iſt nie ſchoͤn, kaum huͤbſch geweſen— die entfuͤhrt uns den jungen Herrn nicht; denn Ver⸗ moͤgen hat ſie auch nicht, das wißt Ihr am beſten, denn Ihr laßt ihr die bewilligte Penſion auszahlen und weiſet die Rechnungen fuͤr die Baukoſten in dem alten Palaſt Morani auf meine Chatulle an, damit er ihr nicht uͤber dem Kopf zuſammen bricht— alſo woraus ſoll denn da ein Liebesverhaͤltniß werden?“ „Euer Majeſtaͤt haben die Dame wol ganz aus den Augen verloren?“ „Sie bat nach dem Tode ihres Vaters um Erlaub⸗ niß, ſich vom Hofe zuruck ziehen zu duͤrfen. Ich ſah ſie ſeitdem nicht. Prinzeſſin Thereſe iſt durch ihre Mut⸗ ter mit ihr cousine germaine— ſie beſucht ſie und erzaͤhlt mir oft von ihr— ſie ſcheint gern bei ihr zu ſein— aber, mein lieber Graf, die Zeit hat noch nie die Fehler eines unſchoͤnen Geſichts bei einer Frau ver⸗ beſſert, ſie wirkt ſogar zu unſerm Nachtheil da, wo die Natur den Vorzug der Schoͤnheit verliehen hat.“ — 19 „Euer Majeſtaͤt wiſſen,“ erwiderte der Graf, ſich verneigend—„daß ich darin voͤllig unerfahren bin. Doch hoͤre ich durch den Pater Franz und Georg Prey, daß ſie ſehr mit ihrer Geiſtesbildung beſchaͤftigt iſt, und ich dachte, dies koͤnnten ihre Reize ſein!“ „Eine Gelehrte alſo!“ rief die Kaiſerin ſpoͤttiſch. „O! Graf Kaunitz, was man auch von Eurem zaͤrt⸗ lichen Herzen zur Zeit geſprochen hat, es muß lange her ſein, daß Ihr meinem Geſchlecht Eure Aufmerk⸗ ſamkeit geſchenkt, denn ſonſt wuͤrdet Ihr wiſſen, daß ſelbſt van Swieten kein beſſeres Rezept gegen die Liebe ſchreiben konnte, als die Gelehrſamkeit einer Frau! Doch genug, Herr Staatskanzler,“ ſprach ſie plötzlich, ganz Kaiſerin werdend—„wir wollen dieſe Mirakel nicht zum Nachtheil unſerer heutigen Geſchaͤfte weiter verfolgen— wir erwarten Euren Vortrag!“ Der Graf ordnete die mitgebrachten Papiere, und der Vortrag nahm ſeinen Anfang. 20 Der Gegenſtand der eben mitgetheilten Unterredung, der junge Graf von Lacy— Wratislaw— wie die Fa⸗ milie ſich jetzt zu Ehren der böhwiſchen Beſitzungen der Aeltermutter nannte— war am ſelben Tage in ſeinem Arbeitszimmer und las mit gefurchter Stirn in einem langen, eng geſchriebenen Briefe, deſſen Inhalt keines⸗ wegs leichter oder erfreulicher Art ſein konnte, denn es waren in dem ſchoͤnen jugendlichen Angeſichte alle Zei⸗ chen unangenehmer Aufregung ausgedruckt. Jetzt ſchien er damit zu Ende gekommen, er ſtand unmuthig auf, oͤffnete ein Fenſter und ſah nachdenkend in den kleinen Gärten des Hauſes; er wandelte dann wieder durch das Zimmer, ſetzte ſich nieder, ſah einzelne Stellen im Briefe nach— es ſchien aber daſſelbe zu bleiben. Doch beſaß er nur ſehr ſelten die Eigenheit, in Selbſtgeſpraͤchen ſich zu erleichtern, und ſo blieb dem Uneingeweihten ſein Zuſtand ein Geheimniß, bis ſich die Thuͤr des Kabinets raſch oͤffnete und der junge Baron von Poͤlten leicht und frohlich herein ſchlupfte. „Fuͤr mich gilt doch die Parole nicht, die Du an Deinen Kammerdiener gegeben!“ rief er heiter—„fuͤr mich biſt Du doch zu Hauſe?“ „Wenn Du nicht ſelbſt vor meinem finſtern Ge⸗ ſicht entfliehſt!“ erwiderte Laey, ſichtlich durch des Ba⸗ 21 rons Eintreten erleichtert.„Aber ich bin in einer Stimmung, die ich in Wahrheit Anſtand nehmen muß mit einem Andern als mit mir ſelbſt zu theilen, und liebe Freunde ladet man am wenigſten dazu ein.“ „Theilen!“ lachte der Baron—„dafuͤr behuͤte mich auch Gott, wenn theilen hier heißt: die Haͤlfte nehmenz auch nicht den kleinſten Theil Deiner Stirn⸗ runzeln will ich haben— aber ſie Dir verjagen helfen, dazu bin ich der Mann! Alſo beichte! beichte! ich wette, die ewig kraͤchzende alte Eule, Dein Herr Vormund, hat wieder geſchrieben, und da ich nun ſeit Jahr und Tag es ertragen muß, bloß zu erfahren, daß er Dich quaͤlt, ſo will ich endlich auch erfahren, warum er Dich quaͤlt— wo er die Autoritaͤt dazu her nimmt, gegen den acht und zwanzigjaͤhrigen muͤndigen Mann! He! willſt Du beichten und Dich uͤberzeugen, daß ich der luſtigſte, ausgelaſſenſte und dennoch der treueſte Freund einer Freunde bin?“ „Davon bin ich feſt uͤberzeugt, Hantwortete Lacy— „doch denke ich,“ ſetzte er laͤchelnd hinzu—„ich ver⸗ ſchulde es nicht, wenn Du nicht fruher alles uͤber meine Verhaͤltniſſe erfahren, was mir ſelbſt bekannt iſt; denn dieſe wirklich kennen zu wollen, hat Deine fluͤchtige Laune Dir nie wuͤnſchenswerth gemacht, und ich lege wenig Werth auf den Troſt, den wir von unſern Freun⸗ 22 den durch die Mittheilung unſerer Schickſale empfan⸗ gen. Troſt erhalten wir, wenn wir uns geiſtig frei re⸗ gen koͤnnen mit denen, die uns verſtehen— dieſen hat⸗ teſt Du immer fuͤr mich bereit!“ „Nun ja! ungefaͤhr ſo wuͤrde ich auch gedacht ha⸗ ben,“ ſagte der Baron—„wenn ich mir Zeit genom⸗ men haͤtte, daran zu denken. Jetzt aber will ich mehr wiſſen, denn dieſe Falten auf Deiner Stirn muͤſſen fort, ehe Du der ſchonen Baroneſſe Binder heut Abend die Aufwartung machſt— deshalb— was hat dieſer alte Advokat fur Rechte uͤber Dich?“ Lacy nahm den Brief vom Tiſche und ſagte:„Das Recht, mich zum armen Manne zu machen, wenn ich nicht zuruͤckkehre und ſeine ſechzehnjaͤhrige Enkelin heirathe!“ Der Baron warf ſich mit lautem Gel laͤchter auf einen Seſſel.„Verzeih!“ rief er dann—„biſt Du nicht der Saß Lacye Rechtmaͤßiger Erbe der Herrſchaft Wratislaw? Das iſt zu toll!“ „Es ſind Sit ſagte Lacy.„Aber Du wirſt mir zutraun, daß ich nicht lammfromm ihnen gegen⸗ uͤber ſtehen blieb. Bei meiner Majorennitaͤt empfing ich mit der Uebergabe der bedeutendſten Einkuͤnfte, einer klaren, muſterhaften Darlegung meiner Verhaͤltniſſe, aller Rechnungen und Verwaltungs⸗Maaßregeln ſeit dem Tode meines Oheims, zu gleicher Zeit die Klauſel in F— — — — ſeinem Teſtamente— des ſtolzeſten, Ahnenberechtigtſten Mannes der Erde— die Enkelin des alten Herrn Tho⸗ mas Thyrnau zur Graͤfin von Lacy und meiner Gemah⸗ lin zu erheben, oder zu gewaͤrtigen, daß Thomas Thyr⸗ nau mir die Verhaͤltniſſe darlegen werde, die mich des bedeutendſten Theiles meiner Beſitzungen berauben wuͤr⸗ den. Nicht umſonſt hatte ich indeſſen drei Univerſitaten beſucht, um Reichsrecht zu ſtudiren, und entſchieden wies ich die Zumuthung dieſer Klauſel zuruͤck, die mich in einem Grade empoͤrte, wie es von einem jungen, ſtolzen Menſchen zu erwarten war, der in dem Augen⸗ blicke, wo er glaubt, die groͤßte Freiheit erreicht zu ha⸗ ben, in einen neuen unertraͤglichen Zwang gerathen ſoll, der ihm beleidigend, ungerecht erſchien, entehrend und was Du noch ſonſt willſt, um das Maaß eines unleid⸗ lichen Zuſtandes voll zu machen. Ich forderte Herrn Thomas Thyrnau auf, ſich naͤher zu erklaͤren, indem ich ihm mein gutes Recht entgegen hielt. Dies gute Recht beſtritt er nicht; aber er warnte mich zu wider⸗ ſtehn und wiederholte: das Recht, die Andeutungen des Teſtaments zu verwirklichen, ſei deſſenungeachtet da, er wuͤrde aber nie damit hervortreten, wenn ich ſeine En⸗ kelin heirathete.“ „Lieber ließe ich mich zerhacken und zerſtampfen,“ rief der Baron—„oder zoge als Baͤnkelſaͤnger durch's 24 Land, oder ginge unter Trenks Panduren, oder ſchnitte dem erlauchten Grafen von Kaunitz die Federn und zoͤge ſeine zwanzig franzoͤſiſchen Uhren auf! Herzensliebſter Lach! Du wirſt Dich doch von Advokaten⸗„Kniffen nicht einſchuͤchtern— nicht um Dein unverletzbares recht⸗ maͤßiges Eigenthum betruͤgen laſſen?“ Die Stirn des jungen Grafen roͤthete ſich etwas. „Ich fuͤhle mich nicht eingeſchuchtert,“ ſagte er mit etwas gepreßter Stimme—„und denke, dies Gefuͤhl ſoll mir immer fremd bleiben. Verwechſele damit nicht die Scheu, den letzten Willen eines Mannes anzugret⸗ fen, dem ich alles verdanke, was ich bin. Mein Oheim war der edelſte, großartigſte Mann, den die Erde tra⸗ gen kann. Seine Fehler ſelbſt, das heiße Blut der Lacy, ward bei ihm die Treibhausglut ſeiner Tugenden. Aber er war zugleich der adelſtolzeſte Mannz; vergraben unter Stammbaͤumen und Geſchlechtsregiſtern und von den Ahnen unſeres Hauſes, wie von einer Schaar ge⸗ harniſchter Geiſter umgeben. Aber wenn das Gefuͤhl, auf eine lange Reihe ausgezeichneter Vorfahren blicken zu koͤnnen, zu der Veredlung eines Nachkommen bei⸗ tragen kann, ſo ſah ich bis zum achtzehnten Jahre, wo ich ſeinen Umgang genoß, dies in dem erhabenen Greiſe verwirklicht; und wenn dieſe Jugendeindrucke und jedes ſeiner Worte mich auf dieſe ſtolze Stellung pinglen ₰ 25 haben, ſo wirſt Du vielleicht jetzt beſſer den Eindruck erkennen, den mir ſein letzter Wille machen muß, der allen Ueberzeugungen ſeines Lebens ſchroff gegenuͤber ſteht.“ „Um ſo mehr wuͤrde ich an der Wahrheit dieſes letzten Willens zweifeln— um ſo mehr alles dieſem Thomas Thyrnau zuſchieben! Gerade was Du mir eben mitgetheilt, beſtimmt mich noch mehr, die ganze Sache fuͤr einen Advokaten⸗Streich zu halten, beſonders da Du bei ſeinem Tode abweſend warſt und das ganze Teſtament in geiſtesſchwachen Stunden abgefaßt ſein kann.“ Der junge Graf qing ein paar Mal nachdenkend durch's Zimmer, dern blieb er vor ſeinem Freunde ſtehen und ſagte, ſeine ernſten Augen lebhaft zu ihm aufſchlagend:„Ich kann nicht! Es iſt mir unmoͤglich, dieſem Thyrnau ein ſolches Verbrechen zuzutrauen! Wir kennen uns beide nicht perſoͤnlich, denn obwol er der Rechtsanwalt unſerer Familien war, ſo lange er uͤberhaupt praktizirte, war doch in den fruheren Jahren meiner Anweſenheit bei meinem Oheim, eine Entfrem⸗ dung zwiſchen Beiden eingetreten, die ihren geſelligen Verkehr aufgehoben hatte. Aber deſſenungeachtet ſprach mein Oheim von Thomas Thyrnau nie anders, als von einem theuren Jugendfreunde; nie anders als mit 26 der groͤßten Hochachtung von ſeinem Karakter, ſeinen Faͤhigkeiten, ſeinen hohen Tugenden! Freilich bezeich⸗ nete er oft einen einzigen Fehler, einen Fehler, den er nie unterließ, an die große Kette der Lobeserhebungen zu reihen, die er ſtets ſeinem Namen hinzufuͤgte— und dieſer einzige Fehler macht mich jetzt, trotz der Ab⸗ neigung, die ich gegen dieſen Verdacht empfinde, gegen einen Mann mißtrauiſch, an welchem ſonſt kein Makel zu finden iſt. Dieſer Fehler iſt Stolz! Eitelkeit ſelbſt nannte ihn mein Oheim; ein unbegrenztes Ankaͤmpfen gegen die Vorrechte unſeres Standes; ein duͤnkelvolles Erheben des perſoͤnlichen Verdienſtes, und unter dieſen Bedingungen ein gewiſſes Gleichſtellen, das mein adel— ſtolzer Oheim nicht immer in der Laune war, ertragen zu koͤnnen. Ob die Kaͤlte und Zuruͤckhaltung, die da⸗ mals unter beiden Maͤnnern vorherrſchte, in ſolchen Reibungen ihren Grund hatte, oder, wie ich geneigter bin zu glauben, in einer bedeutenderen Stoͤrung zwi⸗ ſchen ihnen liegen mochte, habe ich nie erfahren. Doch erzaͤhlte mir mein Oheim oft, wie die Familie des Ad⸗ vokaten und die unſrige fruͤher in ſo großer Einigkeit gelebt, daß, obwol Thomas Thyrnau von ſeinen Ge⸗ ſchaͤften getrieben oft in Prag ſeinen Aufenthalt neh⸗ men mußte, ſeine Familie dennoch zuletzt auf dem Stammgute bei meinem Oheim ganz einheimiſch wurde — und der Advokat immer mit der alten Freude dorthin zuruͤckkehrte. Sehr wohl erinnere ich mich noch des alten Hauſes, wo ſie gewohnt hatten; es lag am Ende des großen Thiergartens und ſtand zu meiner Zeit leer. Wenn wir jagten oder ſpazieren gingen, zeigte mir mein Oheim ſtets von fern dies Haus, welches das Dohlenneſt genannt ward; aber nie ging er voruͤber oder trat ihm naͤher. Hatte er mir erzaͤhlt, wie einig er einſt mit deſſen Bewohnern gelebt, ſchwieg er dann nur um ſo laͤnger ſtill, und als ich anfing zu beobachten, ſah ich, wie das wehmuͤthigſte Nachdenken ſich auf ſei⸗ ner Stirn lagerte, und wie er an ſolchen Tagen ſich ſtets in ſeine Zimmer zuruͤckzog. Nur einmal fragte ich ihn: wo denn alle dieſe lieben Menſchen geblieben waͤren? Da ſagte er mit allen Zeichen unverjährten Kummers:„„Todt!— Todt! Alle todt! Ich und Thomas, wir haben Beide Weib und Kinder begraben ſehen, und ſind unter tauſend Schmerzen alt gewor⸗ den!““ Seitdem fragte ich ihn nie wieder, denn ich konnte die Trauer nicht vergeſſen, die ſein Angeſicht ausdruckte, als er dies ſprach.“ „Das ſind wirklich ſeltſam widerſprechende Um⸗ ſtaͤnde,“ rief der junge Baron ernſter als ſeine Art war—„denn dieſe Trennung der beiden Freunde laͤßt doch kaum den Verdacht zu, daß das ſonderbare Teſta⸗ 28 ment unter dem perſoͤnlichen Einfluſſe von Thomas Thyrnau entſtanden ſein koͤnnte. „Ich verließ meinen Oheim in meinem achtzehnten Jahre, und fing meine Studien auf der Univerſität Leipzig an, und zwar mußte ich mei em Oheim ver⸗ ſprechen, ohne Unterbrechung die drei Univerſitaͤten zu 3 beſuchen, die er fuͤr mich gewaͤhlt hatte. Ich mußte mich von ihm und von der Heimath auf ſo lange tren⸗ nen, als meine Studien dauern ſollten.“ „Er hatte Dich alſo fuͤr den Staatsbienſt beſtimmt?“ fragte ihn der Baron. „Im Gegentheil! Er forderte von mir, nie eine dauernde oder bindende Stellung im Staate anzuneh⸗ men. Er wollte, daß ich das große Werk, was in ſeinem Kopfe entſtanden war, einſt ausfuͤhren ſollte; er wollte mit einem Worte, daß ich theilweiſe dos Joch der Leibeigenſchaft, nach den weiſen Grundſaͤtzen, die er entwickelt in ſeinem Kopfe trug, auf unſerer großen Herrſchaft auſyeben ſollte, und um mich zu allen damit verbundenen Rechtshaͤndeln auszuruͤſten, ließ er mich ſtudiren und ordnete meine Studien ſo, daß ich befaͤhigt ſein koͤnnte, dereinſt mir und meinen Untergebenen ſelbſt den noͤthigen Rath, nach den Geſetzen des Landes zu ertheilen.“ Der Baron laͤchelte.„Er wollte Dich alſo unab⸗ 29 haͤngig machen von Advokaten und Gerichtshoͤfen! Ea ruͤſtete Dich alſo aus, um das Unrecht mit der eigenen Kenntniß der Geſetze bekaͤmpfen zu koͤnnen! Sollte das nicht ſchon Mißtrauen andeuten gegen den Rath, dem er ſich in Thomas Thyrnau unterziehen mußte? von dem er Dich unabhaͤngig machen wollte?“ „Ich kann dies um ſo weniger glauben, als ihr Verhaͤltniß nach meiner Abreiſe bald die vorige Innig⸗ keit wiedergewann! Thomas Thyrnau gab Prag und ſeine dortigen Geſchaͤfte auf und bezog das alte Dohlen⸗ neſt, vno mein Oheim war bald wieder ſo zu Hanſe dort, wie in dem eigenen Schloſſe.“ „Nun,“ rief der Baron,„ſiehſt Du nicht ein, daß dann der Verdacht auch wieder waͤchſt? Gewann er ſeinen alten maͤchtigen Einfluß aufs Neue, wie leicht konnte er ihn dann mißbrauchen, und gewiß liegt in dem vorliegenden Falle der bezeichrete Fehler— und ſei es ſein Einziger— klar und deutlich aufgedeckt. Seine Eitelkeit treibt ihn, ſeine Enkelin zur Grafin Lac) zu erheben. Oder ſein burgerlicher Stolz, um zu beweiſen, daß ſein perſoͤnliches Verdienſt an jeden Vor⸗ zug reiche, den Rang und vornehme Herkunft zu geben vermoͤgen.“ Wieder ſchritt Lacy nachdenkend umher; endlich aber ſagte er, wie zu ſich ſelbſt:„Ich dachte das auch— 30 oder vielmehr ich denke es noch— ja ich muß fortfah⸗ ren, es zu denken, um gegen die unſinnige Forderung dieſes Teſtaments feſt zu bleiben. Aber ich will ſo wenig mit Dir heucheln, wie ich es mit mir ſelbſt ge⸗ than;— ich glaube es dennoch nicht!“ „Nun“— rief Poͤlten lachend—„beſter Freund! ſo gehe hin und heirathe! Heirathe die rothwangige Dorfſchonheit von ſechszehn Jahren— ſie iſt vielleicht ſo ubel nicht! In Ruͤckſicht des Adels, der ihr fehlt, wirſt Du doch nicht ſtrenger ſein als Dein alter Oheim. „Wer weiß,“ ſagte der Graf ſinnend,„was ich gethan haͤtte, wäre der wunderliche Alte fruͤher ſo drin⸗ gend geworden als jetzt! Aber nach der erſten Mitthei⸗ lung hieruͤber, welche das Teſtament nöthig machte, verharrte er lange in einem ſtolzen Schweigen, welches mich mit der Hoffnung einwiegte: er ſelbſt gaͤbe eine Forderung auf, die ſo gegen alle Sitten und Gebraͤuche unſerer vornehmen Familien ſtreitet, daß ich dieſe Be⸗ dingung nie zu einer Sorge fuͤr mich werden ließ. Ich hatte nie an meiner perſoͤnlichen Freiheit gezweifelt; ich habe demgemaͤß gehandelt— ſelbſtſtaͤndig entſchieden, jetzt kann ich die Forderung von Thomas Thyrnau nicht mehr erfuͤllen— weder Neigung noch Ehre er⸗ lauben es mir!“ — 31 Mit Heftigkeit faſt hatte ſich der junge Graf von ſeinem Freunde abgewendet. Er ſtand am Fenſter und blickte uͤber die Ufer der Donau hinuͤber und genoß den heitern Anblick der großartigen Stadt, die uͤber dem kleinen Gaͤrtchen ausgebreitet lag. Ploͤtzlich wendete er ſich nach ſeinem Freunde zuruͤck und ſagte:„Du haſt mich ſchon ſo oft gebeten, Dich der Fuͤrſtin Morani vorzuſtellen, haſt Du heute Zeit und Neigung dazu, ſo bin ich bereit, Dich dort einzufuͤhren.“ Poͤlten ſah ihm laͤchelnd in die Augen; dann ver⸗ neigte er ſich tief und ſagte:„Es iſt eine Gunſt, um die ich ſo oft vergeblich gebeten habe, daß ich nicht mehr darauf zu rechnen wagte. Um ſo mehr weiß ich es zu ſchaͤtzen, daß endlich Dein felſenfeſtes Herz bricht und Du Deinen beſten Freund Dein Gluͤck willſt theilen laſſen, an welchem Du bisher, wie es ſchien, Nieman⸗ dem Antheil goͤnnteſt.“ Ohne die ironiſche Rede beachten zu wollen, ſagte der Graf leichthin, daß die Fuͤrſtin ſehr eingezogen lebe, bis auf einige gelehrte Freunde Niemand ſehe, und es ihm daher nicht zugeſtanden, ſeine Bekannte dort ein⸗ zufuͤhren.„Jetzt aber,“ rief er mit einem warmen Blick auf ſeinen Freund—„jetzt wuͤnſche ich ſelbſt, daß Du ſie kennen lernſt.“ Schnell unterbrach er den Verſuch des Barons, ihm 32 zu artworten, indem er fortfuhr, als verſtuͤnde eine Erklaͤrung ſich von ſelbſt:„Meine Bekanntſchaft mit der Fuͤrſtin entſtand noch bei Lebzeiten ihres Vaters. Ich hatte eine Empfehlung an ihn von meinem Oheim; doch damals verließ er ſchon das Zimmer nicht mehr, aus welchem er ein Jahr ſpaͤter als Leiche getragen ward. Hier lernte ich die edle Tochter kennen, deren Jugend in dem Krankenzimmer des Vaters verbluͤht war. Aber an der Seite des hochgebildeten Mannes, der in den ſchwierigſten Weltverhaͤltniſſen, an frem den Hoͤfen, in ehrenvollen und wichrigen Sendungen alt geworden war, hatte ſie dagegen einen Schatz von Bil⸗ dung und Kenntniſſen eingetauſcht, in dieſer Einſam⸗ keit eine Guͤte und Reinheit der Geſimung erhalten,“ und eine Weisheit der Weltanſchauung erlangt, wie ſie wenigen Frauen zu Theil werden kann. Ich habe ſie in ſehr verwickelten Verhaͤltniſſen, unter den nagendſten Sorgen aller Art mit dem Muthe eines Mannes, mit 3 der Zartheit einer Frau handeln ſehen, und,“ ſetzte er bewegt hinzu,„ich verdanke ihr ſehr viel!— Als mich der Fuͤrſt bei ſich aufnahm, geſchah es aus Liebe zu 8 ſeinem alten Freunde, deſſen Neffe ich war. Bald ge⸗ woͤhnte er ſich an mich, und als er nur noch des Mit⸗ tags einen Kreis mit ihm alt gewordener Freunde ſehen konnte, waren mir und ſeiner Tochter die Abende 33 uberlaſſen und ich half ihr oft die langen Naͤchte hin⸗ durch den Leidenden durch Lektuͤre und Unterhaltung zu zerſtreuen.“ Der Baron ehrte die ernſte und achtungsvolle Hal⸗ tung, mit der ſein Freund ſprach; endlich ſagte er: „Worin beſtanden die großen Schwierigkeiten der Toch⸗ ter? Ihre eigne edle und ernſte Richtung mußte ihr dies Leben nicht ſo erſchweren, daͤchte ich.“ „Der Fuͤrſt war Einer aus der froͤhlichen alten Schule, die nicht begreifen wollen, daß man nur das ausgeben ſoll, was man hat. Er fragte immer nur: Was kommt mir zu, als Fuͤrſt Morani auszugeben? Das mußte da ſein, und er hoffte dabei auf eine Aus⸗ gleichung, die um ſo mehr ausbleiben mußte, als Krankheit und Alter ihn nachgerade von all' den offent⸗ lichen Stellungen verdraͤngten, die in fruͤheren Zeiten haͤufig den Ausfall gedeckt, den ſeine ungebundenen Neigungen veranlaßten. Zur Zeit, als ich Vater und Tochter kennen lernte, hatte Letztere die Verwaltung des Ganzen uͤbernommen. Sie zahlte heimlich Schul⸗ den ab, und erhielt ihm, in dem beſchraͤnkten Kreiſe, den er noch uͤberſehen konnte, allen Schein des alten Glan⸗ zes, ohne den er ſich nicht anders als entwuͤrdigt zu denken vermochte. Sie raubte mit ruhigem Bewußt⸗ ſein ihrer Zukunft jede Stutze, jede Ausſicht auf ein Thomas Thyrnau I. 3te Aufl. 3 34 anſtaͤndiges, ſorgenfreies Leben, und legte ſich ſchon in dieſer Zeit jede Entbehrung auf, die ſeinen argwoͤhni⸗ ſchen Augen zu entziehen war. So hat ſie ihren groß⸗ muͤthigen Zweck erreicht! Er ſtarb, umgeben von allen angewoͤhnten koſtſpieligen Beduͤrfniſſen ſeines lan⸗ gen Lebens, und als ſie ſein von ihm ſelbſt angeordne⸗ tes furſtliches Begraͤbniß bezahlt hatte— war ſie in dem furſtlichen Palaſt Morani— am Bettelſtabe!“ Lobhaft ruͤckte der Baron bei dieſen Worten ſeinen Seſſel naͤher zu dem Freunde hin, und blickte ihn mit ſo geſpannter Erwartung an, daß ſein ſchoͤnes jugendli⸗ ches Geſicht in hoherer Farbe gluͤhte. Graf Lacy ſtand dagegen auf und indem er wieder das Zimmer zu durch⸗ wandern begann, ſagte er kurz:„Der edle Graf von Kaunitz erfuhr die Lage der Fuͤrſtin; er fuͤhlte die Ver⸗ pflichtung der Kaiſerin, welche ihr ſogleich in huldvollen Ausdruͤcken eine Penſion ſicherte und auch fortfäͤhrt, die Lage der verwaiſ'ten Fuͤrſtin zu erleichtern.“ Auch Baron Poͤlten erhob ſich jetzt. Beide Freunde nahmen eine kurze Verabredung fuͤr den Abend und trennten ſich, in dieſe bezugloſen Worte eine Waͤrme des Ausdrucks legend, die ſie, ohne daß ſie es beachte⸗ ten, hinriß, ſich zu umarmen, was ſie ſonſt nie thaten. 35 Der Juli⸗Abend war weit vorgeruͤckt, als der Graf Laey endlich ſeinen Spaziergang beendigte und ſich der Haͤuſerreihe zuwendete, die an der Wallſeite nach dem Neuthore zu aufhoͤrte eine zuſammenhaͤngende Straße zu bilden, da ſich hier mehrere der bedeutendſten Palaͤſte der in Wien anſaͤßigen Familien befanden, die von ih⸗ ren weitlaͤuftigen Gaͤrten, und von den kleinen Gebaͤu⸗ den umgeben waren, wie man ſie fur die zugehoͤrenden Dienſtleute zu benutzen pflegte. Der Graf nahte ſich dem Palaſt Morani, welcher ſich durch ſeine duͤſtere, ſchwerfaͤllige Architektur und durch den alten Baumwuchs auszeichnete, der ſich, oehne von der Hand des Gaͤrtners mehr geſtoͤrt zu werden, ͤber die eiſernen Gitterthore des Vorplatzes erhob und das hoͤhere Alter dieſer Beſitzung bezeugen half. Er zog die Glocke, und da kein Portier mehr das leere Ein⸗ gangs⸗Haͤuschen bewohnte, er auch genau wußte, daß der einzige hochbetagte Diener dieſes Hauſes nur lang⸗ ſam den Weg uͤber den gepflaſterten Vorplatz zuruͤckle⸗ gen koͤnne, lehnte er ſich gegen das Gitter des Hofes und blickte unter dem Schutz einer alten Linde ſinnend in die vor ihm ausgebreitete Landſchaft. Der warme Sommertag wich jetzt der duftigen 3* 36 Kuͤhle des Abends, aber die ganze Natur ſtand noch lautlos ſtill, erſchoͤpft von den gluͤhenden Strahlen der Sonne, die der wolkenloſe Himmel waͤhrend des langen Tages ohne Unterbrechung ausgegoſſen. Die Zweige der alten Lindenbaͤume, die das Innere des Hofes im Halbkreis umzogen, hingen ſchwer von duftenden Bluͤ⸗ then nach allen Seiten hernieder; die Bienen nahmen ſcheidend mit wohlbehaglichem Summen die letzten Troͤpfchen zu ihrer reichen Ausbeute, und man ſah ſie dann gegen den klaren Abendhimmel, den die ſinkende Sonne am Rande gluͤhend umſaͤumte, die Reiſe heim⸗ waͤrts antreten. Jenſeit des Fahrweges in dem Gärt⸗ chen vor dem Hauſe des Jäͤgers ſtanden die Roſen in voller Bluͤthe; uͤber das niedere Dach hinweg ſah man in ein Kleefeld, deſſen volle violette Blumen den erquik⸗ kenden Geruch von Waſſer und Kuͤhlung ausathmeten. Dahinter zeigte ſich der ſchmale Streif eines Kornfeldes, deſſen reife Aehren in den letzten Sonnenſtrahlen wie Gold glaͤnzten. Ueberall war der Ausdruck eines uber⸗ ſchwenglich reichen Naturlebens. Alles ſchien fertig, ſchien den hoͤchſten Punkt ſeiner Entwickelung erreicht zu haben, und indem man faſt berauſcht von dieſer verſchwenderiſchen Fuͤlle und Schonheit war, fuͤhlte man zugleich mit einer Art Wehmuth, es ſei der Höhe⸗ punkt des Sommers mit allen ſeinen Reizen erreicht, 37 und umgeben von ſeiner Vollendung habe man nichts mehr zu erwarten, als Abſchied nehmend dem langſamen Verſchwinden ſeiner Schaͤtze zuzuſehen. Der junge Graf genoß mit vollen Zuͤgen den Eindruck dieſes ſchoͤ⸗ nen Momentes und indem er die Erhebung fuhlte, die einer tieferen Auffaſſung der Natur ſelten fehlen wird, verſchwanden die Schatten, die ſich um ſeine Stirn gelagert hatten, und er bekam das alte belebende Ge⸗ fuͤhl ſeiner gluͤcklichen und bedeutenden Stellung zur Welt. Kraͤftig richteten ſich alle großartigen Plaͤne und Wuͤnſche in ihm auf und gaben ihm eine freudige Er⸗ hebung. Er wendete ſich nach dem Gitter zuruͤck, und da der alte Diener den erſten Schellenzug uͤberhoͤrt zu haben ſchien, wiederholte er ihn jetzt noch einmal, und ließ das Auge auf der Eingangsthuͤr des dahinter ſich erhebenden Schloſſes ruhen. Dieſes war ein langes Beſitzthum der, eigentlich venetianiſchen Urſprungs ſich ruͤhmenden Familie Morani. Es war zu Anfang des ſiebenzehnten Jahrhunderts von Octavio Burnaccini und im Karakter der damaligen Mode erbaut. Die Hauptfront, die nach dem Hofe, und die gegenuͤberlie⸗ gende, die unmittelbar an den Garten ſtieß, waren von roͤthlichem ſalzburgiſchen Marmor, und die ſchwerfalli⸗ gen Verzierungen von grauem und weißem Marmor. Die Zeit hatte nicht geſaͤumt, die grellen Kontraſte dieſes 38* Materials in eine uͤbereinſtimmendere Farbe umzuwäu⸗ deln und trug wohlthaͤtig dazu bei, dieſe gleichmaͤßig verbreitete Vermiſchung, wie die uͤberladene Ausſtat⸗ tung jeder einzelnen architektoniſchen Linie, zu einer größeren Maſſe zu verſchmelzen. Wellenartig bogen ſich an der Hauptfront des Bauwerks, in der Mitte und an den Seiten einzelne Theile vor, bildeten im Innern halbrunde Zimmer und gaben die eirunde Form des Flurs, in welchem die kuͤnſtlich geſchwungenen Treppen emporſtiegen. Die Eingangsthuͤr war von einigen verfaͤnglichen Saͤulen geſtutzt, deren gemiſchte Ordnung keine große Strenge verrieth; ſie waren aber auch mit einer ſolchen Ueberladung heraldiſcher Zeichen und dieſe durch ſo ſchwerfaͤllige Blumenketten und En⸗ gelgeſtalten verherrlicht, daß von ihrem Daſein wenig zum Bewußtſein der Beſchauer kam. In demſelben Geſchmacke waren alle Fenſter des erſten und zweiten Stockwerks verziert, waͤhrend unter einem flachen Dache nur hier und da ein kleines oeuil de boeuf angebracht war, und uͤber der ſchwerfaͤlligen Einfaſſung der Plat⸗ form zahlloſe Marmorfiguren in regelloſen Gruppen die reizloſen Geſtalten erhoben. Von allen Seiten ſah aber der dahinter liegende Garten hervor und ſchloß ſich, ob⸗ wohl durch das Gitter geſondert, doch mit ſeinen Laub⸗ kronen an die Lindenallee, die den Hof umzog. Das Palais, das, wenn auch nicht zu den groͤßten gehoͤrend, da es ohne Fluͤgel und nur von zwei Stockwerken war, doch von der Prachtliebe und den fruͤheren Anſpruchen ſeiner Beſitzer zeugte, machte jedes Mal einen ganz beſondern Eindruck auf den Grafen Lacy; denn es war ihm ein Zeichen, wie die Zeit ſchonungslos die Umge⸗ ſtaltungen bewirkt, gegen die der ſtolze Sinn des Menſchen ſich zur Zeit des vollen Beſitzes bis an die fernſte Zukunft geſichert haͤlt. Die hochmuͤthige Ge⸗ ringachtung, mit der die Mittel verſchwendet werden, die ein großes Eigenthum darbietet, und die ein maͤßiger Gebrauch und eine klare Ueberſicht den ſtolzen Anſpruͤchen erhalten haͤtten, arbeitet der Zeit in die Haͤnde, die jede Verſaͤumniß raͤcht, und ihre verderblichen Erfolge uber⸗ raſchen den ſicher gewordenen Hochmuth erſt, wenn er ſchon im Begriff ſteht, unter ihnen vergraben zu werden. So hatte der Furſt gelebt und hatte laͤngſt aufgehoͤrt, den wahren Anſpruch an einen rechtlichen und ehrenhaften Namen zu beſitzen, und dennoch durch den angemaßten Schein davon, das Gefuͤhl behalten, als ſei ein ſolcher ganz unzertrennlich von ſeiner Perſon, da er die zahlloſen Bedruͤckungen und Wortbruͤchigkeiten, womit er die Mittel erkaufte, um ſein getraͤumtes Anrecht an Glanz und Ueberfluß zu erhalten, nicht zu den Ueberſchreitungen der Grund⸗ 4⁰ ſaͤtze rechnete, die er als Edelmannn zu ſeinem privile⸗ girten Beſitze zaͤhlte. Der Graf hatte die einflußreichſten Erfahrungen in dem jetzt veroͤdet vor ihm da liegenden Palaſte gemacht, und ſein Oheim, dieſer wahrhafte Ehrenmann, der keine Beziehung des Lebens kannte, die ihn von der Strenge und Rechtlichkeit, die ſein gan⸗ zes Weſen durchdrang, abzuloͤſen vermochte, ahnte nicht, wie der Fuͤrſt Morani, den er von gleichen Geſinnungen erfullt hielt, ſeinem Neffen die Lehre geben wuͤrde, daß hinter einem liebenswuͤrdigen, geiſtvollen Aeußern ein hartes Herz und die groͤßte Gewiſſenloſigkeit liegen konne. Als die verkauften und verpfaͤndeten Beſitzungen des einſt ſo reichen Hauſes Morani keine Huͤlfsmittel mehr darbieten wollten fuͤr die Summen, die immer wieder aufgenommen werden mußten, um den angewoͤhnten Glanz zu behaupten, wurden mit lachendem Munde die unwuͤrdigſten Taͤuſchungen wie Scherze erdacht, die Darleiher damit ihres Eigenthums beraubt und zahlloſe Perſonen in unverſchuldetes Ungluͤck geſturzt. Seine edle Tochter, die mehrere Heirathsantraͤge ableh⸗ nen mußte, um die Lage ihres Vaters nicht fremder Einſicht bloß zu ſtellen, ſah er an ſeiner Seite ohne alle Vorwuͤrfe verbluhen, nichts bedenkend, als daß ſie ihm fuͤr den Augenblick die angenehmſte und bequemſte Ge⸗ faͤhrtin war, und als er endlich durch Krankheit gefeſſelt ſeine Angelegenheiten in ihre Haͤnde niederlegen mußte, forderte er von ihr die Erhaltung deſſelben frevelhaften Aufwandes, obwol er wußte, er beraube ſie damit jeder Stuͤtze fuͤr die Zukunft, und werde ſie bei ſeinem Ende, was er vorausſah, am Bettelſtabe zuruck laſſen. Aber neben dieſen Schattenſeiten beſaß er hinreißend liebenswuͤrdige Eigenſchaften und war durch ſeine Freigebigkeit und Gefaͤlligkeit, durch ſeine Sanftmuth und anſcheinende Guͤte ein Gegenſtand der Liebe und Verehrung. Waͤhrend der Graf mit der fliegenden Schnelligkeit des Gedankens dies Bild des Verſtorbenen, welches ſich ihm in einem jahrelangen, faſt taͤglichen Umgange of⸗ fenbart hatte, durchlief— richtete er die Blicke zu den hohen Fenſtern hinauf, die einſt von tauſend Wachs⸗ kerzen leuchteten und jetzt nur noch den gluhenden Strahlen der Sonne einen kurzen Lichtglanz verdankten. Er wußte, hinter ihrem truͤgeriſchen Scheine verbargen ſich leere Waͤnde; Bibliothek, Gemaͤlde⸗ und Statuen⸗ Sammlungen, prachtvolles Hausgeraͤth, Kunſtgegen⸗ ſtaͤnde und Antiquitaten, wie die Beduͤrfniſſe uͤppiger Tafelausſtattungen— Alles war allmaͤlig ſchon bei Leb⸗ zeiten des Fuͤrſten verſchwunden. Krankheit hinderte ihn, dieſe Raͤume zu betreten, und nur die wenigen Zimmer im Erdgeſchoß blieben ihm in ihrem alten Glanze erhalten, von denen aus er ſich noch zuweilen durch die Gaͤrten tragen ließ, oder bei geoffneten Fenſterthuͤren den Duft ſeiner Orangerie genoß. Nach ſeinem Tode waren auch dieſe letzten glaͤnzend eingerichteten Gemaͤcher leer geworden, und die klöſterliche Einfachheit, die ſchon ſeit lange die Zimmer der Fuͤrſtin ausgezeichnet hatte, war nunmehr die einzige Ausſtattung der ſtolzen Wohnung. Bei dieſer Betrachtung offnete der alte Diener muͤh⸗ ſam das ſchwere Gitterthor und empfing mit tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugungen den willkommenen Gaſt des leer gewordenen Hauſes, den einzigen Schutz der beiden trauernden Diener, ihren heimlichen Wohlthaͤ⸗ ter, den Gegenſtand ihrer Wuͤnſche und Hoffnungen. „Mein lieber Alter,“ ſagte der Graf—„bleibe einen Augenblick an der Pforte; es folgt mir bald ein Freund, den die Fuͤrſtin erlaubt hat ihr vorzuſtellen. Ich finde allein den Weg.“ „Zu Befehl, Euer Gnaden,“ entgegnete der alte Diener—„Ihre Durchlaucht wandeln im Garten.“ Der Graf ſchritt grußend voruͤber und trat im ſel⸗ ben Augenblick in den Flur des Palaſtes, als die Kam⸗ merfrau der Fuͤrſtin langſam und mit einem truͤben, kum⸗ mervollen Ausdruck ihres kraͤnklichen Geſichts daruͤber hin ſchlich. Sie blieb ſogleich ſtehen, als ſie den Grafen ———— erkannte, gewiß erwartend, er werde ſie anreden, ſie etwas zu fragen, oder ihr ein troͤſtliches Wort zu ſagen haben. „Du wirſt mir doch erzaͤhlen, wie es hier ſteht, meine gute Gertraud,“ rief der Graf vertraulich— „wirſt doch an einem alten Freunde nicht ohne Gruß voruͤber wollen?“ „Ach! nein,“ ſagte Gertraud langſam—„das liebe Geſicht Euer Gnaden iſt der beſte Troſt fuͤr mich arme Frau.“ „Mochteſt Du wahr reden! Aber was nutzen mir und Dir Deine guten Worte, wenn Du Dich immer hinter dem Berge haͤltſt, mir nicht durch offenes Ver⸗ trauen zeigſt, daß Dir mein liebes Geſicht das Geſicht eines Freundes iſt?“ Er bog ſich dabei zu ihr nieder, in der Hoffnung, ihr ein Lächeln abzuringen; aber er ſah, daß ſie den Kopf tiefer ſenkte und Thraͤnen, welche die ernſte Frau ſelten weinte, uͤber ihre Wangen floſſen. „Was giebt es?“ rief der Graf jetzt ernſtlich beun⸗ ruhigt.„Sind neue Veranlaſſungen zu Kummer und Sorge, und will man ſie mir wieder verheimlichen? Bin ich hier noch immer ein Frémdling?“ „Zuͤrnen Sie nicht, Herr Graf!“ erwiederte Ger⸗ traud.„Ich weiß wol, was Sie uns Allen hier find. Unſer Schutzgeiſt! unſer rettender Engel!“ 44 „Laß das!“ rief der Graf ungeduldig—„weder das Eine noch das Andere bin ich. Aber an meinem guten Willen darfſt Du eben ſo wenig, als ein Ande⸗ rer zweifeln. Iſt der Fuͤrſtin etwas geſchehen? Sprich! Ich will es wiſſen!“ „Sein Sie nur nicht ſo heftig, Herr Graf!“ rief Gertraud.„Taͤglich geſchieht ihr zu Leide— taͤglich— täglich. Sehen Sie es denn nicht, wie ſie dem Grabe immer mehr entgegen welkt? Und wie kann das anders ſein! Hat ſie nicht ſchon ſeit vier Wochen Hieronymus, den alten ehrlichen Koch, der ohne Lohn, bloß um der Ehre willen ihr dienen wollte, verabſchiedet?„Hiero⸗ nymus,“ hieß es—„Du biſt zu geſchickt fuͤr meinen Dienſt; Du kochſt zu gut; ich kann Deine Kuͤche nicht vertragenz ich darf nur einfache Koſt genießen!“ Aber ſo einfach er nun auch kochte, immer noch war es zu gut, zu ſchwer zu verdauen. Endlich uͤberraſchte ſie ihn eines Tages; heimlich hatte ſie ihm eine Stelle in der kaiſerlichen Kuͤche ausgewirkt. Aber nun haͤtten Sie den alten Hieronymus ſehen ſollenz er weinte wie ein Kind, und obwol die Frau Fuͤrſtin unerſchuͤttert that— ich weiß es beſſer!“ „Großer Gott!“ rief der Graf—„ſo muß ſie ja darben!“ „Faſt ſo gut wie das,“ entgegnete dieſe;„denn ich 4⁵5 habe Zeit meines Lebens weiter nichts gethan wie buͤgeln und falteln und die Fuͤrſtin kleiden. Aber was ſoll ich machen? Sie haͤtte wol ganz vergeſſen, kochen zu laſſen, obwol ſie alle Tage fraͤgt, ob wir auch genug haben. Deshalb gehe ich ungeſchickte Frau nun an den Heerd, und da bringen wir denn taͤglich die kleine Mahlzeit ſo wieder von der Tafel, wie wir ſie auftrugen, obgleich ſie nie unterlaͤßt, davon auf ihren Teller zu thun, und wenn ſie aufſteht, ſagt ſie:„Wo haſt Du die Koch⸗ kunſt gelernt? Du machſt es ja wie Hieronymus!“ Wie einem ſo etwas das Herz durchſchneidet,“ rief ſie ſchluchzend—„die Fuͤrſtin Morani— fuͤr welche ihre Kammerfrau kocht— das iſt noch nie vorgekommen! Aber ich weiß wol, warum das Alles geſchieht! Sie kann mich mit ihrem gleichguͤltigen Geſicht nicht dumm machen! Der Herr Pater Prey der muß durch die ganze Stadt ziehn und auskundſchaften, wo die ſelige Durchlaucht noch ein Reſtchen hat; und wenn dann die weißen Blaͤtter ankommen, da macht ſie ein ſo freund⸗ liches Geſicht, als geſchehe ihr was Gutes, und dann heißt es gleich:„Kaufe nichts fuͤr meinen Anzug, ohne mich zu fragenz es iſt ſo viel uͤberfluͤſſiger Putz vorhan⸗ den!“ Daß Gott erbarm'! ich finde nichts mehr. Aber dann ſollen freilich die brillantnen nalen drucken und Georg Prey nit ſie fort. Und die Zit⸗ 46 ternadeln und Buſenſchleifen, die großen echten Perlen, alles von der ſel'gen Frau Mutter noch, und ihr an's Herz gewachſen, wo iſt es? Die Kaͤſtchen freilich ſtehen da, aber wo iſt der Inhalt?“ Immer blaſſer und blaſſer wurde das edle Geſicht des jungen Grafen bei der Rede der Kammerfrau. Er ſah ſich den wachſenden Leiden dieſer Dulderin machtlos gegenuͤber und fuͤhlte einen ſo ungeſtuͤmen Schmerz, daß er ihn der Sprache beraubte. Heftig die Haͤnde in einander gepreßt, ſtarrte er die traurige Erzählerin an, und dieſe, die nun endlich dem Strom der Rede zu flie⸗ ßen geſtattete und des Antheils bei ihrem jungen Lieb⸗ ling ſicher war, fuhr— ihm naͤher tretend— fort: „Und damit wird es nicht genug ſein! Es werden noch andere Plaͤne gemacht. Ja! ja! Und doch waͤre ihr gerade das Gegentheil Noth; auf das Land muͤßte ſie um dieſe Zeit, wie ſie es ſonſt mit der ſeligen Fuͤrſtin that. Das bekam ihr; da haͤtten Euer Gnaden die Roſen ſehen ſollen auf ihrem vollen Geſicht. Seitdem das, Jahr aus Jahr ein, in der Stadt bleiben heißt, iſt ſie nicht wieder zu erkennen— und nun gar ein Kloſter in Wien!“ „Ein Kloſter!“ ſchrie der Graf, dem dieſer Schreck die Lippen brach. Was ſoll das heißen? Die Fuͤrſtin will in ein Kloſter gehen!“ 47 „Schreien Euer Gnaden nicht ſo!“ fuhr Gertraud lebendig fort—„wenn es aber moͤglich iſt, geben Sie's nicht zu— reden Sie ab, oder thun Sie, ich weiß nicht was; genug geben Sie's nicht zu, denn in ein paar Jahren waͤre ſie des Todes!“ Sie wurden durch den Eintritt des Baron Poͤlten unterbrochen, der zugleich dem Grafen die Faſſung zu⸗ ruͤckgab, die er fuhlte noͤthig zu haben. Gertraud ver⸗ ſchwand durch eine Seitenthuͤr, und obwol der Baron die tiefe Bewegung ſeines Freundes im erſten Augen⸗ blick erlauſcht hatte, war der Graf doch zu bald Herr ſeiner Empfindungen geworden, um dem Baron Gele⸗ genheit zu einer Frage zu geſtatten. Der alte Diener öffnete eine Fluͤgelthuͤr, welche ſich in der Mitte zwi⸗ ſchen den ſchoͤnen Treppen befand und Beide traten in einen großen Gartenſaal, deſſen gegenuͤber liegende, geoͤffnete Thuͤren den Blick in den, nach franzoͤſiſchem Geſchmack eingerichteten Garten zuließen, den die Sonne ſo eben mit dem rothen, duftigen Glanz des heißen Sommerabends faͤrbte. Doch folgte der Ba⸗ ron von Poͤlten ſeinem Freunde nicht ſo ſchnell, als ihn der forſchend nach dem Garten gerichtete Blick dazu aufforderte, denn eben, daß Niemand gegenwaͤrtig, ſchien ihm erwuͤnſcht, um einen Blick auf dieſen Saal zu werfen, den Zeugen fruͤherer glaͤnzender Feſte, von 6. 48 denen er oft gehoͤrt, die aber vor ſeiner Geſellſchaftszeit in Wien ſtattfanden. Der Graf gab auch, ſein Ver⸗ langen beherrſchend, augenblicklich nach und ward ihm ſelbſt zum Cicerone, als er die umherſchweifenden Au⸗ gen des Barons bemerkte. „Das Deckenſtuͤck,“ ſagte der Graf—„wird für ein Meiſterwerk von Daniel Gran gehalten. Es iſt eine von den oft wiederholten Darſtellungen des Bacchus und der Ariadne auf einem von Panthern gezogenen Wagen. Der Fuͤrſt,“ ſetzte er mit einer, niemals von Poͤlten wahrgenommenen Bitterkeit hinzu,„liebte die Attribute ſeines Lebens in den dazu paſſenden Allego⸗ rien zu verewigen. Du wirſt dieſen ganzen Saal in Uebereinſtimmung finden mit dem bacchantiſchen Zuge dieſes ſchwelgenden koͤniglichen Paares dort oben!“ Der Baron ſah, daß die Waͤnde in Art des Decken⸗ gewoͤlbes fortgefuͤhrt waren. Zwiſchen koſtbaren Spie⸗ geln, die in reichen goldenen Einfaſſungen in den Waͤn⸗ den eingelaſſen waren, fanden ſich Wandgemaͤlde ange⸗ bracht, die dem frivolen Sinne des uͤberſiedelten fran⸗ zoſiſchen Geſchmackes huldigend, auf ſehr ruckſichtsloſe Weiſe die bekannten Liebesſcenen der alten Goͤtterwelt darſtellten. Wo dieſe Bilder die Waͤnde nicht bedeckten, zeigten ſie den reinſten karariſchen Marmor, von wel⸗ chem das Auge herabgleitend auf dem Fußboden haften 49 blieb, der eine kunſtreiche Moſaik von vielfarbigem Marmor darſtellte. Aber dieſe Waͤnde, die mit ihrer uppigen Ausſtattung der Zeit noch eine Weile zu trotzen verhießen, waren auch der einzige Ueberreſt von Ein⸗ richtung in dieſem großen Raume. Sonſt befand ſich kein Meuble mehr darin, und nur innerhalb der Gar⸗ tenthuͤren lag ein kleiner duͤrftiger Teppich, auf welchem einige alte verſchoſſene Seſſel und ein kleines Tiſchchen von Ebenholz mit einſt vergoldeten Fuͤßen ſtanden. „Welch' konigliche Raͤume!“ rief der Baron im Anſchauen verſunken— und welcher Kontraſt liegt in ihrer Veroͤdung!“ „Ja,“ ſagte der Graf mit gepreßter Stimme, die von ſeiner großen Bewegung zeugte—„ein Kontraſt, der das Blut in den Adern erſtarren macht und un⸗ ſern alten Scherz:„daß jeder Menſch irgend eine Seite habe, wo er dem Wahnſinn unterworfen ſei,“ hier zu einer traurigen Wahrheit umgeſtaltet. Du haͤtteſt den Fuͤrſten kennen ſollen! So lange er lebte, war es nicht moͤglich, ihn zu haſſen. Ganz uͤberſah ich auch damals ſeine Vergehungen nichtz jetzt aber, jetzt halte ich ihn entweder fuͤr einen Boſewicht oder fuͤr einen Wahnſin⸗ nigen— und jetzt,“ ſetzte er gereizt hinzu—„fuͤhle ich eine lebhafte Neigung, den verſäͤumten Haß nach⸗ zuholen. Thomas Thyrnau 1. 3te Aufl. 4 Poͤlten laͤchelte verlegen. Er wußte nicht recht in die Stimmung des Freundes einzugehen; der Boden, auf dem er ſich mit ihm befand, war ihm fremd; es war ihm daher willkommen, daß ein Blick in den Gar⸗ ten ihn eine Dame gewahren ließ, die an der Seite eines Herrn langſam um den Springbrunnen herum wandelte, der in der Mitte des baumreichen Gartens auf einem freien Blumen-Parterre ſeine kuͤhlenden Strahlen in die Luft hinausſandte.„Iſt das die Fuͤr⸗ ſtin Morani?“ rief er und zog den Freund gegen die Thuͤr. „Sie iſt es,“ ſagte der Graf mit voͤllig veraͤnder⸗ tem Geſicht und eilte zur Thuͤre hinaus, von ſeinem Freunde in nicht mäßigem Erſtaunen gefolgt. Die Fuͤrſtin ſah bei einer Wendung des Weges ihre beiden Gaͤſte und richtete ihre Schritte ihnen ent⸗ gegen. Der Baron von Poͤlten bekam dadurch Gelegen⸗ heit, ſich mit dem Aeußeren der Dame bekannt zu ma⸗ chen, ehe er ihr vorgeſtellt wurde; denn obwol ſie ein⸗ ander entgegen gingen, war der Weg doch lang genug, um zu jeder Beobachtung Zeit zu laſſen.. Die Fuͤrſtin war etwas uber mittlere Groͤße und erſchien vielleicht noch groͤßer durch die Geradheit ihrer. Haltung, die ihren Kopf beſonders hoch gehoben zeigte. Sie hatte einen kleinen ſchmalen Fuß, der ſich beim Gehen mit großer Gleichmaͤßigkeit hob und ſenkte, doch behielt ihre Figur dabei etwas unbewegliches. Schon in dieſer Entfernung konnte er bemerken, daß alle An⸗ ſpruche der Jugend hinter ihr lagen; ſpaͤter entſchied er ſich fur ſechs bis acht und dreißig Jahr. Sie trug ein ſchweres ſchwarzes Moorkleid und obwol ſie in ihrer Einſamkeit den kleinen Reifrock abgelegt hatte, ohne welchen man in Geſellſchaft nicht erſcheinen konnte, be⸗ hielt ihr Kleid dennoch die bauſchige Rundung, die der Mode etwas nachkam. Ihr Geſicht hatte ſtarke, mar⸗ quirte Zuͤge; ihre Stirn war zu hoch und ohne Run⸗ dung ſtark an den Seiten, wodurch ſie mehr breit eckð ſchien; ihre Naſe war groß, gebogen, und trat ſehr aus dem Geſichte hervor. Wie alle Leute von ſtarker Naſe hatte ſie einen kleinen Mund; aber ihre duͤnnen Lippen gaben dieſem Vorzug keinen Reiz. Das ganze Geſicht war lang und ſchmal, obwol die Umriſſe und das feine Kinn das huͤbſcheſte waren. Sie trug nur den kleinen Kammſtrich mit Puder und einige Locken um den Nacken; daruber war ein kleines ſchwarzes Flortuch ge⸗ nommen und unter dem Kinne leicht in einander ge⸗ ſchlungen. Ein weißes dreieckiges Spitzentuch war um ihren Hals ſauber feſtgeſteckt, und aus den weißen Man⸗ ſchetten ihrer Aermel kamen runde, wohlgeformte Arme, deren Weiße, gewiß ſehr abſichtslos, durch einen kurzen ſchwarz ſeidenen Handſchuh gehoben wurde, aus denen 5 4* 52 eine große, aber gleichfalls ſchoͤn geformte Hand hervor⸗ ſah. Sie trug den unentbehrlichen Faͤcher, und wenn gleich ihr aller Schmuck fehlte, ohne welchen man da⸗ mals ſelten eine Dame angezogen ſah, und weder Ju⸗ gend noch Schoͤnheit dieſen Mangel erſetzte, fuͤhlte der Baron doch, daß die ganze Erſcheinung etwas imponi⸗ rendes, durchaus edles und anziehendes habe. Als er ihr näher kam, ward dies Gefuͤhl durch Theilnahme bei dem Anblick ihres kraͤnklichen Ausſehens unterſtutzt. Ihre Haut hatte die gelbliche Bleiche und todte Faͤr⸗ bung einer Wachsmaske und ihre tief liegenden ſanften Augen einen Ausdruck des Leidens, der durch die ge⸗ ſenkten ſtarken Augenbrauen noch vermehrt wurde, die faſt uber der Stirn zuſammen liefen. Der Graf war ihm vorangeeilt; er ſah, wie ſie ihn mit einem feinen Lächeln und plotzlichen Erroͤthen empfing, und nachdem ſie ſeine Worte angehoͤrt, dem neuen Gaſt ſogleich entgegen ging, mit einer verbind⸗ lichen Beſchleunigung ihrer Schritte. „Es iſt mir ſchwer geworden, Herr Baron,“ hob ſie an, ſo wie ſie ſich ſo weit genaht, daß er ſie ver⸗ ſtehen konnte—„dem Grafen Lacy die lange Vernach⸗ laͤßigung meines Wunſches nach Ihrer Bekanntſchaft zu verzeihen. Sie, fuͤrchte ich, werden ihren Freund vertheidigen wollen und geſtehen muͤſſen, daß Sie 53 ſich ſelbſt geweigert haben, dies einſame Haus zu be⸗ treten.“ „Welche Strafe muͤßte dann der gegenwaͤrtige Au⸗ genblick ſein, der mich das volle Gewicht einer ſolchen Vernachläßigung wuͤrde fuͤhlen laſſen,“ rief der Baron mit einer lebhaften Verehrung in Ton und Blick.„Ich wage jetzt nicht einmal meinen Freund anzuklagen, wenn er mich ſo lange dieſes Gluͤckes unwerth erkannte, in⸗ dem ich mir ſelbſt in dieſem Augenblicke das Recht dazu abſprechen moͤchte.“ „Sie ſind zu hoͤflich, um wahr ſein zu koͤnnen,“ erwiderte die Fuͤrſtin laͤchelnd.„Wir wollen lieber be⸗ kennen, daß unſer vermittelnder Freund uns genug von einander geſagt hat, um unſere neue Bekanntſchaft mit der Hoffnung auf ein freundliches Beiſammenſein be⸗ ginnen zu koͤnnen. Sein Sie mir daher willkommen, und erlauben Sie mir, Ihnen den ehrwuͤrdigen Prieſter vom Orden Jeſu, Herrn Georg Prey von Luſeneck, vorzuſtellen.“ Die Herren begruͤßten ſich und die Fuͤrſtin fuhr ſo⸗ gleich fort:„Wir werden es dem ehrwuͤrdigen Herrn zu danken haben, wenn die glorreiche Geſchichte eines Theiles unſers Vaterlandes— ich meine unſer ſchoͤnes Ungarn— einſt in ihrer vollen Wahrheit auch unſeren Nachkommen gegenwaͤrtig wird. Herr Prey beſchaͤftigt „ 54 ſich, die großen Quellen, die unſere Archive und Biblio⸗ theken enthalten, zu einem Geſammtwerke zu vereinigen, welches uns eine vollſtaͤndige Ueberſicht gewaͤhren wird. Ein lang gefuhltes, dringendes Bedurfniß dieſes Landes!“ Der Baron Poͤlten begann eine Unterhaltung mit dem ſo ehrenvoll Bezeichneten, deſſen ſanftes, ſchuchter⸗ nes Weſen wie ſein verkuͤmmertes Aeußere ganz den großen Preis verrieth, um den er in ununterbrochener Anſtrengung das verdienſtlichſte Geſchichtswerk der da⸗ maligen Zeit entſtehen ließ. Da der Baron einen Auf⸗ enthalt in Ungarn gemacht und eine beſondere Vorliebe fuͤr dies ſchoͤne Land naͤhrte, welches das Vaterland ſei⸗ ner Mutter war, ward er bald mit dem wuͤrdigen Ge⸗ lehrten in ein anziehendes Geſpraͤch verflochten. Man erſtieg indeß die wenigen Stufen, die zu der maͤßig uber den Garten erhobenen Platform fuͤhrten, auf welcher das Schloß ſtand. Es machte ſich von ſelbſt, daß der Graf und die Fuͤrſtin vorangehend, dadurch ein wenig von den beiden Folgenden getrennt wurden, und indem ſie bei der eintretenden Kuͤhlung dort auf und nieder wandelten, der Graf Gelegenheit fand, die Fuͤrſtin mit groͤßerer Freiheit anzureden. „Theure Claudia,“ ſagte er,—„der heutige Abend, der in ſeiner faſt verſchwenderiſchen Schoͤnheit alle Schaͤtze des Sommers vor uns ausbreitet, er erinnert mich daran, daß wir die Mitte deſſelben erlebt haben, und daß Sie noch nichts uͤber die wichtigen Plaͤne ent⸗ ſchieden haben, die ich Ihnen vor einigen Wochen vor⸗ legte, die im Verlauf Ihres Befindens immer dringen⸗ der geworden ſind und die ich mit Schmerz, faſt moͤchte ich ſagen mit Vorwurf gegen Sie, ſo gleichguͤltig und unbeachtet von Ihnen ſehen muß. Die Fuͤrſtin ſchwieg einen Augenblick und der Wechſel ihrer Farbe, den des Grafen ſpaͤhendes Auge erlauſchte, verrieth ihm ihre tiefe Bewegung. „Lieber edler Freund!“ ſagte ſie nach einer Pauſe ſehr leiſe,„ich glaube, die Zeit zu dieſen Plaͤnen iſt voruͤber— auch dachte ich, Sie haͤtten dies ſelbſt ein⸗ geſehen— und wenn ich ſie nicht weiter erwaͤhnte, durfte ich deshalb fuͤrchten, auch Sie wuͤrden mich mißverſtehen?“ „Claudia,“ ſagte der Graf,„Sie haben mich ſeit laͤngerer Zeit nicht mehr allein empfangen. Ich werde entweder nicht angenommen, oder ich finde den Pater Franz oder Georg Prey bei Ihnen. Mit vollem Herzen komme ich und gehe mit bekuͤmmertem von Ihnen. Habe ich alle Rechte uͤber Sie verloren? Haben Sie mir Ihr Vertrauen entzogen und wollen Sie mir nicht einmal ſagen, womit ich ein ſo ſchmerzliches Loos ver⸗ dient habe?“. 56 „Ich habe Ihnen mein Vertrauen nicht entzogen,“ entgegnete die Fuͤrſtin ruhig.„Es iſt feſt begruͤndet in all den traurigen und dennoch theuren Erfahrungen, die ich mit Ihnen zugleich machte. Sie ſollten meine Weiſe, die Sie ſo wohl kennen, die zuruͤckhaltend iſt, die es nicht zur Freundſchaft zaͤhlt, alle kleinen Vorfaͤlle des Lebens zu beſprechen, beſſer verſtehn— denn Sie koͤnnen es. Wenn ich Sie in der Gegenwart unſerer edlen und gelehrten Freunde ſehe, fuͤhle ich nicht min⸗ der das Vergnuͤgen Ihrer Naͤhe.“ Der Graf ſeufzte und ſchwieg. Er empfand ihr Bemuͤhen, ihn von ſich abzuhalten, und ein Gefuͤhl von Ungeduld, eine Heftigkeit ergriff ihn, wie er ſie ſelten kannte. Ehe er jedoch Zeit fand, ihr zu antwor⸗ ten, wendete ſie ſich zu den beiden nachfolgenden Herrn und richtete ihre Worte an den Baron von Poͤlten, ihm die ſchoͤne Ausſicht zeigend, die man von der Terraſſe aus genoß.„Es iſt ein Vorzug, den dies Palais da⸗ durch genießt, daß es außerhalb der eigentlichen Stadt, in den Linien liegt, und zwar in dem Theile, der eine ſo ſchoͤne Anſicht der Donau gewaͤhrt. Als dies Palais erbaut ward, waren die Vorſtaͤdte noch nicht befeſtigt; um dieſe Beſitzung lagen Felder, Wieſen und ein klei⸗ nes Dorf, welches zum Schloſſe gehoͤrte. Doch waren Ihre Freunde, die Ungarn, bei ihrer fruͤher oft ubel⸗ 65. 57 launigen Stimmung in nicht ganz angemeſſener Weiſe bis unter die Thore der Stadt gedrungen, und die ar⸗ men wehrloſen Vorſtaͤdte hatten, wie zur Zeit des Tur⸗ kenkrieges, ein gleich trauriges Schickſal zu erfahren. Der Kaiſer Leopold ließ daher im Jahre 1704 dieſe Vorſtaͤdte befeſtigen, und obwol wir viel von unſerm Grund und Boden verloren, und namentlich unſer Doͤrfchen verſchwunden iſt, hat die Anſicht von dieſer Terraſſe doch einige huͤbſche Punkte auf die entſtandenen Baſtionen, wie uͤberhaupt dieſer Theil zwiſchen der neuen Baſtion und dem Thore gleichen Namens der ſchoͤnſte zu nennen iſt— und einige Wieſen und Fel⸗ der haben wir ja noch immer behalten!“ „Meine Vaterſtadt iſt mir leider noch fremder, als jeder andere Ort meines bisherigen Aufenthaltes,“ er⸗ widerte der Baron,„und ich bin deshalb beſonders dankbar fuͤr jede Auskunft; denn um nicht ganz be⸗ ſchaͤmt vor den bekannteſten Gegenſtaͤnden zu ſtehen, muß ich in Wahrheit anfangen, die Chronik dieſer Stadt zu ſtudiren.“ „Ich wußte das,“ ſagte die Fuͤrſtin.„Aber wol⸗ len Sie mir erzaͤhlen, wie es kam, daß man vorzog, Ihre Erziehung ganz in Paris zu vollenden?“ „Weil mein Vater in Paris noch die Reſte der Glanzperiode Ludwig des XIV erlebt hatte, und dagegen 58 bei der Ruͤckkehr ſein Vaterland fuͤr ſo wild und barba⸗ riſch erklaͤrte, daß er es wol zum Abrichten von Baͤren und zur Hetze wilder Thiere, aber nicht zur Erziehung eines Menſchen geeignet hielt. Mein Vater vermaͤhlte ſich daher nach dem Beſchluſſe der Familie; aber einige Jahre nach meiner Geburt kehrte er mit ſeiner Gemah⸗ lin und mir nach Paris zuruͤck, und ich bin bis auf einige Beſuche, die wir dem Vaterlande abſtatteten, mit Gewalt zum Franzoſen gemacht worden.“ „Sollte das unſern Feinden wirklich gelungen ſein?“ laͤchelte die Fuͤrſtin—„ſo haͤtten wir Sie bei den Frie⸗ dens⸗Traktaten billig mit einſchließen ſollen, als zur Ruͤckgabe unrechtmaͤßigen Eigenthums gehoͤrend!“ „Es wuͤrde dabei gegangen ſein, wie bei der ganzen Aachner Friedensunterhandlung,“ miſchte der Graf ein, beſtrebt, ſeine Stimmnng zu bewaͤltigen.—„Es wuͤr⸗ den Grenzſtreitigkeiten eingetreten ſein und ſchwer zu entſcheiden, wem man das Recht zuzugeſtehen habe, da der augenblickliche Inhaber kaum ſelbſt daruͤber Auf⸗ ſchluß zu geben vermocht haͤtte.“ „Meinen Sie, lieber Graf?“ ſagte die Fuͤrſtin, mit einer ſichtlichen Erheiterung ſeine Einmiſchung em⸗ pfindend—„nun, ſo muͤſſen wir eben ſo wie unſere große Kaiſerin fuͤr ihre Grenzen, uns bemuͤhen alles zu ſammeln und geltend zu machen, was uns unſer * ————— 4. 59 Recht an den Beſitz Ihres Freundes ſichert; und ich bin jetzt ſo ſtolz auf mein Vaterland, daß ich hoffe, die Mittel die uns zu Gebote ſtehen, ſind nicht gering.“ „Das ſind ſie in Wahrheit nicht!“ rief der Graf lebhaft—„und ſie wachſen täglich in dem großen Geiſt unſerer erhabenen Kaiſerin, in dem Beiſtande des aus⸗ gezeichnetſten Staatsmannes, des edelſten Menſchen, des herrlichen Kaunitz! Deſſen Geiſt Colberts und Ri⸗ chelieus Eigenſchaften vereinigt, der das Ausland und all' unſere Feinde beherrſchen und im Innern die Quel⸗ len ſegensreicher Induſtrie, weiſer Aufklaͤrung und wiſ⸗ ſenſchaftlicher Bluͤthe entwickeln wird! Er iſt der Traͤ⸗ ger der großen Gedanken, die in der ſchoͤnen Stirn un⸗ ſerer Pallas Thereſia entſpringen. Er weiß, wenn er ſie empfaͤngt, auf welchem Boden ſie wurzeln koͤnnen, und verpflanzt ſie nach ſeiner weiſen Kenntniß der Kul⸗ tur— und bald wird man die Fruͤchte ſehen, wenn uns der Frieden bleibt.“ „Ja Frieden!“ ſagte Georg Prey—„Frieden, wird durch ſo jaͤhe Spruͤnge in der Aufklaͤrungsmethode, wie der Herr Fuͤrſt von Kaunitz belieben, nicht ſonderlich geſichert. Ich denke, die weltliche Einmiſchung in die Erziehung, in die Wiſſenſchaften wird ſich beſtrafen; ſie waͤre uneingeſchraͤnkt der geiſtlichen Sorgfalt anheim zu ſtellen geweſen, welche die Aufklärung nie auf Un⸗ 60 koſten der allgemeinen kirchlichen Wirkſamkeit verbrei⸗ tet, und den Zuͤgel des Gehorſams uͤber die Gemuͤther der Menſchen dabei zu halten weiß.“ „Wir koͤnnen nur erſtarken, und maͤchtig uns dem andraͤngenden Geiſte der Zeit entgegen ſtellen,“ rief der Graf—„wenn wir uͤberall friſche Elemente der Tha⸗ tigkeit verbreiten. Kaunitz iſt auch darin unuͤbertrof⸗ fen groß, daß er nicht in duͤnkelvoller Ruhe leidliche Zuſtaͤnde fuͤr unverbeſſerliche haͤlt; daß er, furchtlos wie ein Loͤwe, dennoch den Feind groß nennt, wenn er es iſt! Wie ſchoͤn iſt zum Beiſpiel ſeine Bewun⸗ derung fuͤr Friedrich, den Koͤnig von Preußen. Er weiß, daß er unſer großter Feind iſt, unſer gefährlich⸗ ſter; aber dies hindert ihn nicht, dieſes außerordentliche Genie auf dem Throne anzuerkennen; ja! wenn er mit Einem die Herrſchaft Deutſchlands theilen moͤchte, waͤre es mit ihm, denn er hat nicht noͤthig, ſeinen Feind zu verkleinern; er freut ſich ſeiner Groͤße in dem Gefuͤhl des Widerſtandes, deſſen er in ſeinen eignen Kraͤften ſich bewußt iſt!“ „Wir wollen ſehn, wohin dies eigenmaͤchtige Stre⸗ ben nach Neuerungen fuͤhren wird,“ nahm Georg Prey wieder das Wort.—„Der beſte Rath kommt doch im⸗ mer von der Quelle der erleuchtetſten Weisheit, in der ſeit Jahrhunderten die Kenntniſſe aller Reiche der Welt 61 zuſammen ſtroͤmten. Rom und ſein erhabenes Ober⸗ haupt traͤgt die Schickſale der Voͤlker am Herzen, wie die Mutter das Kind.“ „Aber Rom kann nicht allen ſeinen Kindern gleich nahe ſein,“ ſagte der Graf—„und aus der Ferne mißkennt man leicht das Beduͤrfniß in einer oder an⸗ derer Hinſicht. Die fromme Kaiſerin und Kaunitz, die beide keine Groͤße verkennen, wollen ſicher nie dem Schutze ſich entziehn, den ſie in Rom als vaͤterliche Autoritat verehren. Aber ſie muͤſſen eben deshalb an⸗ nehmen, daß Alles, was ſie zum Wohl des eignen Landes verfuͤgen und vollbringen, des Beifalls von dort⸗ her geſichert ſein muß, da Rom ja nichts zu wollen vorgiebt, als eben das Wohl ſeiner Kinder in Chriſto.“ „Aber ſteht daruͤber dem Laien ſo ſichere Entſchei⸗ dung zu,“ rief Georg Prey—„daß Ihre Majeſtaͤt ſogar die kleinen vaͤterlichen Ermahnungen Roms, die durch unſere geheiligten Biſchoͤfe, zur Staͤrkung der Geiſtlichen in ihrem Berufe, verbreitet werden, und die als Ausfluͤſſe väterlicher Ermahnungen und Ruͤgen nicht vor das Auge einer weltlichen Macht gehoͤren, zu verbieten wagt; oder ſie erſt ihrer Anſicht unterwirft, als koͤnnten nur von ihr, der weltlichen Behoͤrde, die Beſtimmungen fuͤr unſer heiliges Reich im Staate ausgehn, wie dies deutlich ihr letzter Erlaß vom Jahre 62 1749 darthut, durch welchen die Bekanntmachung jeder paͤpſtlichen Bulle ohne kaiſerliches Placitum ſtreng un⸗ terſagt wird. Es moͤchte jedoch, wie wir mit bekuͤm⸗ mertem Herzen ſehn, ſchwerlich hiermit ſein Bewenden haben, da noch außerdem eine verderbliche Neigung nach ſelbſtſtaͤndiger Einmiſchung in das Reich des heili⸗ gen Roms ſich in dieſem Lande kund giebt.“ „Ich koͤnnte nur das eben Ausgeſprochene wieder⸗ holen,“ ſagte der Graf,—„die phyſiſche Unmoͤglich⸗ keit thut ſich dar, daß Rom das innere Beduͤrfniß unſeres Landes ſo kennen ſollte, wie die Regentin deſ⸗ ſelben und ihr eben ſo unterrichteter Miniſter. Jede Verordnung des Papſtes iſt ja ihrer Aufnahme ſicher, wenn ſie nicht gegen dies Beduͤrfniß ſtreitet, was Rom doch allein mit ſeiner vaͤterlichen Gewalt befoͤrdern will. Warum dies Zuͤrnen, wenn man wirklich nichts weiter will als das Wohl des Landes?“ „Herr Graf, Sie ſind nicht umſonſt ſo lange in Frankreich geweſen!“ ſagte Georg Prey mit einem iro⸗ niſchen Laͤcheln. „Kann ſein!“ erwiederte er.„Gewiß wenigſtens hat Frankreich einige Zeit fruͤher uns dieſelbe Anord⸗ nung vorgemacht; denn Ludwig XIV. war es, der den Erzbiſchof von Paris nach Vincennes ſchickte, da er gegen das Gebot des Koͤnigs eine Bulle des Papſtes 63 direkt empfing und verheimlichte. Glaubt man Deutſch⸗ land noch nicht die Muͤndigkeit zugeſtehn zu duͤrfen, deren Erklaͤrung man ſich von Frankreich einige ſechszig Jahre fruͤher mußte gefallen laſſen?“ Die Fuͤrſtin, die ungern die Unterhaltung zum Streit werden ſah, ging ihrem alten Diener einige Schritte entgegen, der, aus dem Schloſſe kommend, ihnen nahte, und eine Meldung an ſie zu haben ſchien. Er verneigte ſich jedoch nur und ging voruͤber, um ſich an den Grafen Lach zu wenden. „Es befindet ſich ein kaiſerlicher Lakai im Vorzim⸗ mer, welcher Euer Gnaden zu morgen fruͤh neun Uhr auf die Burg zu Ihrer Majeſtaͤt der Kaiſerin befiehlt.“ Einen Augenblick ſah man, daß der Graf erſtaunte; dann gab er ſeine ehrfurchtsvolle Antwort und wollte die Unterredung fortſetzen, als der alte Diener hinzu⸗ fugte: auch der Furſt von Kaunitz habe geſchickt und bäte den Grafen, noch dieſen Abend nach der Hof⸗ und Staatskanzlei zu kommen. Dies ließ den Grafen ein⸗ ſehn, daß er den Abend nicht bleiben koͤnne, und er fuͤhlte, ſich ſo aufgeregt, daß er kaum wufßte, ob er es wuͤnſchen ſolle. Nach kurzem Nachdenken war er entſchloſſen, ſich zu entfernen. Sein Auge ſuchte die Fuͤrſtin; ſchon ruhte das ihrige mit einem Ausdruck von Sorge auf ihm, der ſeinem verwundeten Herzen wohl that. 64 „Ich muß um die Gnade bitten, mich zu entlaſſen,“ ſagte er, ſich ehrfurchtsvoll ihr nahend.„Doch kann ich mich heute nicht entfernen, ohne um eine Stunde zu bitten, in der ich Euer Durchlaucht einige Nachrich⸗ ten mittheilen darf, die mich um Rath bitten laſſen.“ Die Fuͤrſtin ſchwieg verlegen; dann ſagte ſie aus⸗ weichend:„Wie ſoll ich eine Stunde beſtimmen? Sie wiſſen ja, daß mein Haus Ihnen immer offen ſteht.“ Wieder fuͤhlte der Graf, daß ſie ſich ihm entziehen wolle, und der ſchmerzliche, vorwurfsvolle Blick, den er auf ſie richtete, erſchutterte ſie ſo, daß ſie die Augen zur Erde ſenkte. Doch der Graf uͤberwand auch dies Mal die Entmuthigung, und ſich ſchnell entſchließend, erwiderte er raſch:„So laſſen Sie mich Sie morgen nach der Audienz bei der Kaiſerin allein finden!“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, verbeugte er ſich, und da Herr von Poͤlten zu gleicher Zeit Abſchied nahm, ge⸗ wann er Raum, auf Georg Prey zuzugehen, und in⸗ dem er ſeine Hand herzlich ſchuttelte, rief er:„Nicht wahr, mein lieber Prey, wir ſtreiten wol und treten uns tapfer entgegen, aber Freunde bleiben wir doch!“ Der ſanfte und wohlwollende Georg Prey, der nur uͤber die Vorrechte ſeines Standes allzu reizbar wachte, und trotz ſeiner Studien, die wol geeignet waren, ihn — 65 in dem Buche der Geſchichte die Wahrheiten aufzudecken, die ſeine Bande haͤtten locker machen koͤnnen, war den⸗ noch zu tief und zu ſehr von Jugend auf in das blinde Gehorſams⸗Syſtem der Jeſuiten eingewoͤhnt, um ſich ihm entziehen zu koͤnnen. Doch hatte er in mehr als einer Hinſicht eine beſondere Vorliebe fuͤr den jungen Grafen, und er ſah ihm ſo freundlich in die Augen, daß an einer Verſoͤhnung nicht zu zweifeln war, obwol er jaͤh in allen Entgegnungen, nicht gleich das rechte Wort fand. Als aber der Graf die Hand los ließ, um ſich zu entfernen, ſtotterte er leiſe und eifrig:„Auch ich, Herr Graf, faͤnde mich benoͤthigt, ein Wort des Ver⸗ trauens uͤber die Fuͤrſtin Claudia mit Ihnen zu ſprechen!“ „Wann ehe?“ entgegnete der Graf eben ſo leiſe, denn Poͤlten war jetzt, Abſchied nehmend, mit der Fuͤr⸗ ſtin herangetreten. „Ehe Sie morgen zur Fuͤrſtin gehen, nach der Au⸗ dienz— im Profeß⸗Hauſe— am Hofe zu Maria Koͤnigin der Engel.“ Er wendete ſich dann ſchneller, als ihm gewoͤhnlich war, und bat die Fuͤrſtin um Er⸗ laubniß, die Nacht auf der Platform des Daches einige aſtronomiſche Beobachtungen anſtellen zu duͤrfen. Die Fuͤrſtin neigte anmuthig bejahend das Haupt, und die Herren empfahlen ſich ihr zu gleicher Zeit. Thomas Thyrnau I. 3te Aufl. 5 66 Als ſich die Thuͤren ſchloſſen und die Fuͤrſtin ſich allein ſah, ſetzte ſie ihre Wanderung auf der ſchoͤnen freien Terraſſe langſam fort, und wer ſie dahin gehen ſah, haͤtte das tiefſte und gefuͤhlvollſte Herz verkennen und waͤhnen muͤſſen, ſie waͤre ohne Theilnahme fuͤr die Schoͤnheit der Natur, ohne Em⸗ pfaͤnglichkeit fuͤr die Reize dieſes Abends, der unter dem ſternenhellen Himmel alle Duͤfte der zahlloſen Bluͤthen, alle erquickenden Lufte, die der Strom uͤber Wieſen und Felder draͤngte, verſchwenderiſch verbrei⸗ tete. Ploͤtzlich blieb ſie ſtehen, von einer neuen Er⸗ ſcheinung dieſer wunderbaren Nacht geblendet. Der Vollmond zeigte ſich uͤber den waldigen Wipfeln des Gartens, und Claudia wartete mit angehaltenem Athem, bis die glaͤnzende Scheibe vollſtändig an dem reinen Gewoͤlbe des Himmels emporgeſtiegen war. In dieſem Augeblicke klangen durch die ſtille Nacht die Toͤne einer ſanften fernen Muſik an ihr Ohr. Hoͤrner und Floͤten loͤſtten einen mehrſtimmigen Geſang bald ab, bald begleiteten ſie ihn. Hor⸗ chend wendete ſich die Fuͤrſtin gegen den Rand der Terraſſe. Auf demwaſſerreichen Befeſtigungsgraben, der am Fuße des ſich ſanft niederſenkenden Gartens hinfloß und nur durch eine wallartige Untermauerung von oben nicht ſichtbar, ihn begrenzte, glitt, von dem klaren Licht des Mondes wie am Tage erhellt, ein großer offner Nachen dahin, in welchem eine heitere Geſellſchaft verſammelt war, die den ſchoͤnen Abend durch Geſang und Spiel feierte. Die Fuͤrſtin hoͤrte deutlich jede Wendung der anmuthigen Muſik; ſelbſt einzelne Worte des Textes glaubte ſie zu verſtehen und als die Saͤnger endlich ſchwiegen, drang heiteres Geſchwaͤtz und froͤhliches La⸗ chen zu ihr empor. Lange blieb die Fuͤrſtin ſtumm und lehnte ſich in unbeweglicher Stellung an eine große Blumenvaſe. Ploͤtzlich ſchien die Spannung in ihr den hochſten Punkt erreicht zu haben; raſch wendete ſie ſich, und die Haͤnde ſchmerzlich in einander ringend, rief ſie: „Und ich bin allein! verlaſſen, verarmt an allen Ban⸗ den, die Liebe und Natur um tauſend Menſchen ſchlin⸗ gen! Wie ein Schatten, der vor Jahrhunderten lebte und in eine ausgeſtorbene Welt zuruͤckkehrt, um kei⸗ nen Anklang mehr zu finden— ſo ſtehe ich da!“ Ihre Augen ſtreiften das Palais, das im Glanz des Mondes ſich heiter erhellt zeigte. Die Fuͤrſtin verhuͤllte ihr Ge⸗ ſicht.„Leer! leer!“ ſeufzte ſie—„leer wie dieſes Schloß, die ganze Welt! O mein Gott, warum gabſt Du mir dies warme, liebebeduͤrftige Herz?“ In dieſem Augenblick ſchwollen die ſanften Tone des fernhin gleitenden Nachens wieder zu ihr empor. 68 Sie brach in Thraͤnen aus.„Und er“— ſprach ſie ſo weich, als begleitete ſie die Toͤne des Geſan⸗ ges—„er— der mir ein Herz anbietet— eine Heimat— ach! mehr wie das Alles— die Selig⸗ keit, mit ihm, fuͤr ihn leben zu koͤnnen! Er, der mich das Geheimniß einer tiefen heißen Liebe lehrte. — Ihn, dem ich den warmen Pulsſchlag der Jugend verdanke, das Aufbluhn eines erdruͤckten Herzens— ihn ſoll ich aufgeben! Aufgeben muͤſſen— weil ich mich dieſes Gluckes unwerth erklaͤren mußz weil ich ſo arm, ſo leer an Jugend, Schoͤnheit und Gluͤck gewor⸗ den bin, daß ich erroͤthen muß, an eine Gemeinſchaft mit ihm zu denken! O mein Gott; wie habe ich Dei⸗ nen Beiſtand nothig, wenn ich ſiegen ſoll. O laſſe das Gefuͤhl meines Unwerths hell und lebendig in mir bleiben und vergieb mir den heißen Schmerz, den ich erleide. Freudig kann ich nicht ſein— nur gehor⸗ ſam!“ Sanfte Thraͤnen floſſen jetzt ungeſtort uͤber die bleichen Wangen; immer leiſer, immer ferner toͤnte die fortgleitende Muſik an ihr Ohr. Endlich ruhte die ſchoͤne Nacht in ihrer hehren Stille noch allein um die Trauernde und die Thraͤnen verſiegten und ſie fuͤhlte ihr ergebenes Herz ruhiger ſchlagen, und das große Vorhaben ewiger Entſagung, was ſie als Scheidewand zwiſchen ſich und dem liebevollen Ungeſtum, der ihre 69 Vorſätze bedrohte, auffuͤhren wollte, trat wieder vor ſie hin und ſie verſprach ſich auf's Neue, ihm treu zu bleiben. „Dich werde ich auch dort behalten!“ rief ſie, ihre Arme gegen die Natur ausſtreckend—„auch dort wirſt Du bluͤhen und gruͤnen, herrliche Natur— und Deine Sterne bleiben üͤber mir, und Dein Mondenlicht leuch⸗ tet jedem Ungluͤcklichen. Wo anders als hier werde ich ruhiger fuͤhlen, denn das zehrende Weh der Sehnſucht haftet hier an jedem Stein, an jedes Baumes Wipfel, in dem Kelche jeder Blume, in jedem huͤpfenden Tro⸗ pfen der Fontaine. O dieſer Zauber, den Du mit grauſamer Schoͤnheit vor mir ausbreiteſt, er fand erſt in mir durch ihn ſein Daſein— durch dieſe tiefe, Alles verklaͤrende Liebe!— Und ihn werde ich behalten— und mit der Zeit ohne Schmerzen!“ „Taͤuſche Dich nicht, meine Tochter!“ ſagte ploͤtz⸗ lich eine leiſe und geruͤhrte Stimme, und als die Fuͤr⸗ ſtin erſchrocken aufſah, ſtand Georg Prey in ſo demuͤ⸗ thiger Stellung an ihrer Seite, mit ſo ernſter trauriger Miene, daß die Fuͤrſtin, die augenblickliche Verlegen⸗ heit uͤberwindend, ihm kindlich die Hand reichte. Ernſt fuhr der Geiſtliche fort:„Du kaͤmpfeſt vergeblich gegen die Wuͤnſche Deines erwachten Herzens, und ſie wider⸗ ſtehen Dir, weil ſie unſchuldig ſind, und weil die Gruͤnde, mit denen Du ſie zu beſiegen denkſt, erkuͤn⸗ ſtelte ſind, von Natur und Wahrheit gleich weit entfernt. „O ehrwuͤrdiger Vater!“ rief die Fuͤrſtin—„wie⸗ derholt Eure verfuͤhreriſchen Worte nicht! Dies iſt das Einzige, worin ich Euch nicht trauen darf, denn Ihr kennt die Welt nicht. Ihr wißt nicht, wie jede ungleiche Verbindung im Verlauf der Zeit ſich raͤcht fuͤr die Unnatur, die ihr aufgebuͤrdet wird; Ihr habt nicht geſehen, wie die Welt mit ihrem Hohn und ihren ty⸗ ranniſchen Gewohnheiten bereit iſt, jede, von ihrer her⸗ gebrachten Regel abweichende Weiſe zu zuͤchtigen, und wie ſie nach und nach die beſſere Ueberzeugung, wie lebhaft ſie auch im Anfang entgegen ſtehen mag, uni⸗ ſturzt und untergraͤbt. Aber was iſt die Welt gegen das Weh, was ſich mir in ihm ſelbſt bereiten koͤnnte, wenn ich fuͤhlte, daß ich ihn um die Freuden betrogen haͤtte, die allein Jugend dem jugendlichen Manne ge⸗ waͤhren kann; wenn ich ihn darben ſaͤhe, ihn, der zur reichſten Ausbeute des Lebens berufen iſt!“ „Und dennoch liebſt Du ihn, meine Tochter! Dennoch liebt er Dich mit der vollen ſchoͤnen Ener— gie, die all' ſeine Gefuͤhle, all' ſeine Handlungen be⸗ zeichnet. Und iſt das nicht das erſte Erforderniß einer Gott gefaͤlligen Ehe? Sollte ſie nicht aushalten duͤr⸗ — 71 fen fuͤr zwei Menſchen, die ſo viel zu ihrer Erhaltung beſitzen?“ „Ja bei mir!“ rief die Fuͤrſtin—„bei mir wird dieſe Liebe aushalten bis an's Ende meines Lebens; denn ich ſah es oft, was ich jetzt ſelbſt erfahre— wenn die Liebe im ſpaͤtern Alter noch einmal unſer Herz er⸗ greift, iſt ſie ſtaͤrker und unzerſtoͤrbarer, als in allen fruͤheren Lebensperioden. Keine Erwartung, keine Hoffnung, kein neues Erlebniß, wie es in der Jugend ſich in unſere Empfindungen theilt, unſere Gedaüken abzieht oder durch andere Hoffnungen zerſtreut, tritt im ſpaͤteren Alter, wo all dieſe Ausſichten hinter uns liegen, ihr entgegen. Unſere reifere Erkenntniß giebt im Gegentheil dieſem Gefuͤhl ein Bewußtſein, was jeden Wechſel unmoͤglich macht.“ Georg Prey ſeufzte, als die Fuͤrſtin am Ende die⸗ ſer feurigen Eroͤrterung in Thraͤnen ausbrach.„Und mit dieſem leidenſchaftlichen Grunde Deines Herzens willſt Du in ein Kloſter treten? Waos heißt das? Und was glaubſt Du damit Gutes oder Lobenswerthes zu thun? Pruͤfe Dich; ich wiederhole es Dir, pruͤfe Dich; denn Du biſt auf alle Weiſe im Irrthum! Deine Ent⸗ ſagung iſt von Stolz und Eitelkeit der Welt durchdrun⸗ gen! Du willſt den Mann nicht begluͤcken, den Du liebeſt, weil Du fuͤrchteſt, die Welt koͤnnte auf Dich 72 zeigen und Dir den Mangel an Jugend, Reichthum und Schoͤnheit zum Vorwurf machen! Dein Trieb nach der heiligen Ruheſtaͤtte des Kloſters iſt nicht das demuͤthige Verlangen nach ungeſtoͤrter Gemeinſchaft mit Gott und ſeinen Heiligen— Du willſt auch hier dem Goͤtzen Deines Herzens dienen und in irdiſche Schmer⸗ zen verſenkt, Gottes heilige Freiſtaͤtte blos bewohnen, um Dich gegen die aͤußeren Verfuͤhrungen Deines Her⸗ zens zu ſichern. Aber hoffe nicht auf Frieden! Es folgen uns die Leidenſchaften, dieſer Fluch der Erbſuͤnde, an jeden Platz der Erde, und der Ort iſt es nicht, dem wir die Errettung davon ſchuldig werden.— Claudia! meine geiſtliche Tochter, mit vaͤterlicher Liebe ſage ich Dir, ich gebe vorlaͤufig meine Einwilligung zu Deiner Einkleidung nicht! Viel lieber zu Deiner Vermaͤhlung mit dem edlen Lacy!“ „Vater! Vater!“ ſagte die Fuͤrſtin bebend— „welchen Streit facht Ihr auf's Neue in meinem Geiſte an? Von Euch, meinem Beichtvater, hoffte ich Staͤr⸗ kung, Ermunterung zu meinen Vorſaͤtzen, und Ihr wendet Euch von mir, Ihr tretet auf die Seite meines ſchwachen Herzens?“ „Ich kann irren,“ antwortete Georg Prey ſanft und ruhig,„denn ich bin ein Menſch, trotz des ehr⸗ wuͤrdigen Prieſtergewandes. Aber Du haſt Dich mei⸗ 73 ner Einſicht anvertraut; ich habe Dir gegeben, was ſie entſcheidet. Thue nun, wozu der Geiſt Dich treibt und bitte Gott, Dich zu erleuchten.“ Er gab ihr den Segen und verließ ſie.— Die Fuͤr⸗ ſtin war nun wieder allein und richtete ſich empor.— Sie blickte auf's Neue um ſich her; es war dieſelbe großartige und ſchweigende Natur. Der Nachen kam zuruck; die Hoͤrner klangen in heiteren Weiſen, dazwi⸗ ſchen ward gelacht und geſcherzt; auch dies war daſſelbe wie noch vor wenigen Augenblicken, aber die Fuͤrſtin weinte nicht mehr; ihr Herz klopfte lautz ſie bog ſich uͤber den Rand der Terraſſe und ſuchte die Gluͤcklichen, und ein Lächeln ſpielte um ihren Mund. Sie fuͤhlte ſich nicht mehr allein— denn wir horchen ſchnell der Lehre, die uns Befriedigung fuͤr unſer Herz verheißt, und glauben ihr, ehe unſer Verſtand es zugiebt. In einem einfachen, aber praͤchtigen Hof⸗Koſtuͤm harrte der Graf von Lacy vor dem Kabinet der Kaiſerin Maria Thereſia. Vom Grafen von Kaunitz am Abend vorher uͤber die Abſichten der Kaiſerin unterrichtet, fuͤhlte er bei dem Gedanken, der erhabenen Frau ſeine heiligſten und theuerſten Gefuͤhle vortragen zu duͤrfen, und bei ihrer einſtigen Verwirklichung ihres Schutzes genießen zu ſollen— eine warme und freudige Glut durch ſein Inneres ſtroͤmen; und vor Allem ſtand das Bild des edlen verklaͤrten Greiſes an ſeiner Seite, der dieſen Herzſchlag in ihm geweckt hatte. Er fuͤhlte, er werde mit ihm kaͤmpfen und ſein Andenken werde aus ihm reden, wie der edle Oheim gedacht. Niemals durften die beſtellten Perſonen lange war⸗ ten, denn die Kaiſerin hatte jene weiſe Zeiteintheilung, die jedem Geſchaͤft ſeinen unbeſtrittenen Raum zulaͤßt, und ſo oͤffnete ſich auch jetzt die Thuͤr und der Graf von Lacy ward hineingerufen. Wieder ruhte die Kaiſerin in einem Lehnſtuhl vor ihrem Schreibtiſch; da ſie ſich aber nach dieſer Audienz in den Staatsrath begab, ſo war ſie im vollen Koſtuͤm, welches ihrer natuͤrlichen und majeſtätiſchen Schoͤnheit etwas ſo Großartiges gab, daß Jeder fuͤhlen mußte, die Natur habe hier Alles vereinigt, eine Herrſcherin dar⸗ zuſtellen. Lacy fuͤhlte mit Entzucken dieſen Eindruck. Die volle Begeiſterung eines Unterthanen ſchwellte ſein Herz, und der pruͤfende Blick der Kaiſerin war viel⸗ leicht nicht minder mit dem Unterthan zufrieden, deſſen Zuͤge nicht verloren durch die warme Sprache des Herzens. 75 „Lach!“ hob die Kaiſerin an—„Graf Lacy! der Name hat einen guten Klang in unſerm Ohre— wir ſind geneigt, vortheilhafte Vorausſetungen zu machen! Doch hoͤre ich, Ihr habt keinen Anſpruch auf Ver⸗ wandtſchaft mit dem tapfern Lach, dem Schrecken mei⸗ ner Feinde.“ „Wir finden die Wurzeln unſeres Stammbaums in England, und unſere Ahnherren fochten mit Wil⸗ helm dem Eroberer,“ erwiederte der Graf.„Dieſelben Angaben hat, wie ich hoͤre, der tapfere Graf von Lacy uͤber den Urſprung ſeiner Familie. Die verwandtſchaft⸗ lichen Grade wurden verſäͤumt nachzufragen; ſpaͤter wird dies immer ſchwieriger; wir halten uns jetzt blos fuͤr Namensvettern.“ „Und es ſcheint,“ ſagte die Kaiſerin huldvoll laͤ⸗ chelnd,„ich ſoll im Frieden in dem Namen Lacy einen eben ſo tapfern Vorkaͤmpfer bekommen wie im Kriege. Der Staatskanzler wird Euch geſagt haben, daß ich Euren Aufſatz uͤber Leibeigenſchaft geleſen. Er trifft mit den Abſichten zuſammen, die ich ſpater fuͤr mein ſchoͤnes Boͤhmen auszufuͤhren denke, und ich ſehe mit Wohlgefallen, daß der gute Geiſt, den ich dazu in den reichen Grundbeſitzern vorfinden muͤßte, und der mir bis jetzt noch ſehr gefehlt hat, ſich in Einigen wenigſtens zu regen beginnt. Koͤnnt Ihr mir noch andere unter — * 76 Euren Landsleuten nennen, in denen achtbare Geſin⸗ nungen der Art ſich zeigen, oder in denen ſie vielleicht durch in Betracht zu nehmende Mittel angeregt werden koͤnnten?“ „Wenn dieſe Geſinnung nicht eigentlich als eine ausgeſprochene zu bezeichnen iſt, und Perſonen in die⸗ ſer Hinſicht nicht namhaft zu machen waͤren,“ ſagte der Graf—„duͤrfte doch dem Geiſte zu vertrauen ſein— dem wahrhaften Unterthanen-Sinn, der in Boͤhmen verbreitet iſt.“ Die Kaiſerin wiegte den Kopf leiſe von einer Seite zur andern.„Wir ſind immer geneigt, das Beſte bei unſern lieben Boͤhmen vorauszuſetzen,“ ſagte ſie dann, „doch iſt, nach unſern Erfahrungen, nicht gerathen, die Geſammtzahl nach dem Beiſpiel zu beurtheilen, was Ihr und Euer Oheim, wie es ſcheint, zu geben geneigt waret. Geſteht es! Ihr habt bei Euren Standesge⸗ noſſen wenig Anklang gefunden? Man muͤßte uns denn falſch berichtet haben, was jedoch auch bei Euch der Fall ſein konnte, und was wir Euch empfehlen, nicht zu verſuchen, ſelbſt wenn Ihr damit unſere Hoff⸗ nungen fuͤr das Wohl unſerer Unterthanen naͤhren wolltet.“ Bis zur Stirn erroͤthend, trat der junge Graf un⸗ willkurlich einen Schritt zuruͤck, dann hob er den ſchoͤ⸗ nen Kopf zur Kaiſerin empor und die Bewegung hatte ihn ungewoͤhnlich gefaͤrbt. Bald wieder gefaßt, ſagte er ruhig:„Meine Ueberzeugung, der Eure Majeſtaͤt die Gnade hatten nachzufragen, iſt die eben ausge⸗ ſprochene Meinung: daß in der Geſammtgeſinnung meiner Landsleute ſich der Geiſt befindet, der zum Be⸗ wußtſein gefuͤhrt, im Stande ſein wird, die Segnungen zu erkennen, die Eure Majeſtaͤt beabſichtigen. Ich wollte damit nicht ſagen, daß der Wunſch danach oder die annaͤhernden Ideen dafuͤr bereits vorhanden ſeien. Ging dies aus meinen Worten hervor, ſo habe ich mich falſch ausgedruͤckt, und Eure Majeſtaͤt wollen es meinen Worten, nicht meiner Geſinnung zurechnen, welche den Gedanken einer Taͤuſchung auf jedem Platz der Erde verabſcheuen wuͤrde.“ „Nun, nun!“ ſagte die Kaiſerin laͤchelnd—„wir ſind leicht zu verletzen, wie ich merke, wir haben krie⸗ geriſches Blut, wenn auch mit der Feder in der Hand ſtatt des Degens.“ Sie wollte fortfahren, als die Thuͤr ſich hinter ihr oͤffnete und ein ſchoͤner großer Mann eintrat, den Lacy ſogleich fuͤr den Kaiſer er⸗ kannte. „Sie kommen zur rechten Zeit, mein Gemahl,“ ſagte Maria Thereſia mit der holdeſten Freundlichkeit, ſich ſogleich erhebend und ihm entgegen gehend.— — ——— — 78 „Wir haben hier einen von unſern boͤhmiſchen Großen, den Grafen Lacy, der uns uͤberreden will, ſeine Lands⸗ leute warteten nur unſerer gnaͤdigen Hand, um ihre alten verroſteten Vorrechte und Privilegien hinein zu legen. Aber er verleugnet dabei das hitzige Blut der Boͤhmen nicht, denn ich fuͤrchte, wir haben ihn eben beleidigt und er wird bei Eurer Majeſtaͤt Recht verlangen gegen uns.“ Die unverkennbar gute Laune der hohen Frau konnte uͤber den Sinn der Worte nicht in Zweifel laſ⸗ ſen. Der Kaiſer neigte daher huldvoll den Kopf und ſagte, die Hand ſeiner Gemahlin ergreifend:„Nun, Graf Lach! auf welche Weiſe koͤnnen wir Euch Recht ſchaffen gegen unſere Gemahlin?“ Sie ſtanden jetzt beide neben einander, und viel⸗ leicht gab es nie ein vollkommeneres Paar als Franz den Erſten und Maria Thereſia. Die vollendetſte Schoͤnheit, die hoͤchſte Wuͤrde und der unausſprechliche Zauber, den ein hoher Geiſt, ein edles Herz nach Au⸗ ßen hin verbreitet, war hier vereinigt, und der junge Graf, der ſie nie ſo nah und neben einander geſehen hatte, mußteen Tribut der Bewunderung zahlen, der ſich in aller ihrer Unterthanen vorfand. Vielleicht hatte er ſchon zu lange geſchwiegen. Aber das kaiſerliche Paar ſah mit Wohlgefallen auf den jun⸗ ————— 79 gen Mann, und Beide waren nicht geneigt, ſein Schweigen zu ſeinem Nachtheil auszulegen. Der Graf ließ ſie auch nicht laͤnger warten; ſchon hatte er den Kaiſer begrußt; ſein Herz wallte uͤber in einem unbe⸗ ſchreiblichen Gefuͤhl der Begeiſterung.„Ich kann bei Euren Majeſtaͤten kein Urtheil erwarten uͤber das ein⸗ zige Gefuhl der Erde, welches Ihnen entzogen iſt.“ „Wie?“ ſagte die Kaiſerin ein wenig uͤberraſcht— „Ihr ſeid nicht bloͤde— und wir wollen lieber aufhoͤren in Raͤthſeln zu ſprechen, wenn's Euch beliebt; wir er⸗ fahren dann vielleicht, an welches Gefuͤhl wir keine An⸗ ſpruͤche zu machen haben.“ „An das der Unterthanen⸗Liebe!“ rief der Graf raſch und mit einem gluͤhenden Blick ſeiner ausdrucks⸗ vollen Augen—„an das ſchoͤnſte, reinſte Gefuͤhl der menſchlichen Bruſt! Eine Liebe, welche lebt, ohne die gewoͤhnliche Nahrung der Erwiederung zu beduͤrfen— ein Gefuͤhl, das leer iſt von jedem Egoismus, das nichts will und nothig hat, als das Gluck, zu lieben, um Leben, Gut und Blut freudig darzubringen. Dies Gefuhl, deſſen hoͤchſte Reinheit ich als den Triumpf der menſchlichen Befaͤhigung erkenne— dies Ge⸗ fuhl iſt es, weshalb ich mich in dieſem Augenblick vor Euren Majeſtaͤten zu beneiden wage, wenn ich auch zugleich ahne, daß— dies Gefuͤhl einfloͤßen zu 80 köͤnnen, vielleicht meinem ſtolz empfundenen Vorrecht die Waage haͤlt!“ Die Augen der Kaiſerin ſtreiften mit einem ʒier⸗ lichen Laͤcheln ihren Gemahl. Sie hatte ſchon die letz⸗ ten Worte des Grafen mit dem Takt haltenden NRicken ihres Kopfes begleitet, jetzt ſagte ſie:„Ihr ſeid ein Schwaͤrmer, Graf! Was fangen wir mit Euch an? Einen ruhig beſonnenen Geſchaͤftsmann dachte ich zu finden— von Euren Akten und von Eurer Reichs⸗ praxis wollte ich hoͤren— und jetzt— ich glaube— ich muß nach Euren Verſen fragen!“ „Ich wuͤrde dieſe Frage nur mit dem Geſtaͤndniß meiner Unfaͤhigkeit beantworten koͤnnen. Vergeben mir Eure Majeſtaͤt den lebhaften Ausdruck dieſes heiligen Gefuͤhls! Der Gedanke riß mich hin: wenn Eure Majeſtät die Unterthanen-Liebe kennten, wuͤrde ich nicht den Verdacht erregt haben, Eure Majeſtat taͤu⸗ ſchen zu wollen.“ „Dahin alſo muͤndet Euer ſchoͤner Pathos aus!“ rief die Kaiſerin, ſich zu ihrem Gemahl wendend und ihm liebevoll in die Augen ſehend—„Ihr ſeid ein ſtolzes, reizbares Herz! Aber,“ fuhr ſie freundlich fort, ploͤtzlich auf ihn zutretend:„Ihr ſeid von guter Art— und jede Weiſe findet Gnade bei uns, wenn ſie auf reinen Grund ſchließen laͤßt. Ein redlich Herz 81 zweifelt ungern nur an der Redlichkeit des Andern. Eure Kaiſerin wird furder nicht geneigt ſein, Euch der Taͤuſchung zu bezuͤchtigen. Wir ſind entſchloſſen, Euch uͤber die Angelegenheiten in unſerm Koͤnigreich Boͤhmen in Rath zu nehmen“— fuhr ſie fort—„und dachten Euch in unſerer Hof- und Staatskanzlei eine Anſtel⸗ lung zu verleihen, da der Graf von Kaunitz Euch uns bezeichnete, als im Geſchaͤftsſtyl ſchon erfahren, und auf den tauglichen Univerſitaten fuͤr die Reichspraxis vorbereitet. Was ſagt Ihr zu unſerm Vorſchlag?“ „Daß ich mein Geſchick beklage!“ rief der i und wer haͤtte zweifeln duͤrfen, daß er es beklagte? „Aber,“ fuhr er, in Ehrfurcht ſich der Kaiſerin nahend, fort,—„ich darf einer Verfuͤgung— ja mehr noch— ich darf eines feierlich gegebenen Wortes wegen, nicht in bindende Verhaͤltniſſe zum Staatsdienſt treten.“ Die Kaiſerin hoͤrte, wie wir wiſſen, das Erwartete. Doch hatte die kurze Unterredung mit dem jungen Manne ihren Wunſch, ihn zu benutzen, eher vermehrt als verringert. „Iſt das die praktiſche Auslegung Eures patrioti⸗ ſchen Enthuſiasmus?“ ſägte ſie daher ſcharf, in der Abſicht, ihn heraus zu locken. „Ich glaube ja, Euer Majeſtaͤt!“ entgegnete der junge Mann.„Es iſt gewiß dieſelbe Unterthanen⸗Liebe Thomas Thyrnau I. 3te Aufl. 6 82 die nichts zu ihrer Nahrung noͤthig hat, und dennoch in weiter Ferne dem erhabenen Monarchen ein warmher⸗ ziger Arbeiter bleibt fuͤr jede Anregung, die von dieſer Hoͤhe aus die Thaͤtigkeit der Treuen fordert— um große Gedanken in's Leben einzufuͤhren.“ Die Kaiſerin wandelte jetzt langſam auf und nieder und ihr lichtes Auge ſtreifte bald ihren Gemahl, bald den Grafen.„Ihr wollt uns damit ſagen,“ ſprach ſie nach einem kurzen Schweigen—„wir beduͤrften auf jeder Stelle Unterthanen, die uns zu verſtehen vermoͤch⸗ ten, um unſern Willen auszufuͤhren! Wir hatten ſelbſt darin einige Erfahrungen gemacht und es iſt Zeit, uns daran zu erinnern!“ „Doch ſcheint es mir,“ fiel hier der Kaiſer ein—. „daß ein ſo guter Unterthan als Ihr, Graf Lach, es billig der Kaiſerin uͤberlaſſen muͤßte, wo ſie ihn am nuͤtzlichſten erachtete.“ „Euer Majeſtaͤt!— ich habe die Freiheit verloren, irgend Jemandem, wer er auch ſei, dies Recht uͤber mich zuzugeſtehn. Eure Majeſtaͤt wollen deshal lb Ihrem ge⸗ treuen Unterthan nicht zuͤrnen!“ „Euer Oheim erzog Euch?“— „warum bliebet Ihr nicht bei Euren Eltern?“ „Ich verlor Beide in meiner Jugend“— erwiderte der Graf. 83 „Wir wollen“— hob die Kaiſerin ſich gegen ihren Gemahl wendend an—„wenn Euer Liebden nichts dagegen haben, uns ſeine Familien-Verhaͤltniſſe erzaͤh⸗ len laſſen.“ Beide ſetzten ſich nieder und junge Graf mußte daran denken, die einfachſten Thatſachen, wie es ihm ſchien, zu einer Erzaͤhlung fur ſeine hohen Zuhoͤrer einzurichten. „Mein Großvater hatte zwei Soͤhne, von denen der juͤngſte mein Vater war. Er vermaͤhlte ſich fruͤh mit meiner Mutter, einer Graͤfin Protikoh; meine El⸗ tern hielten ſich meiſt in Italien auf, und nur Fn⸗ Jahre vor ihrem Tode kamen ſie mit mir nach Deutſch⸗ land zuruͤck, und wir lebten in Tein bei meinem Oheim, oder in Prag, wo meine Eltern ſtarben. Vor ihrem Ende uͤbergaben ſie mich der Sorgfalt meines Oheims, bei welchem damals noch ſein einziger Sohn, mein Vetter, lebte. Ich weiß nicht zu ſagen, warum dieſer es zuruckwies, ſich zu vermaͤhlen; doch entſtand hieraus oder aus andern, mir unbekannten Gruͤnden eine Span⸗ nung zwiſchen Vater und Sohn, und mein Vetter, den ich unendlich liebte, lebte auf einem fernen Gute, von allen netnicente und als ich in Regens⸗ burg ſtudirte, erreichte mich die Nachricht ſeines Todes. Dem vereinſamten Vater trat ich von da an in alle Sohnesrechte, und indem ich ſein Erbe ward, machte er 6* 84 mich zum Traͤger all der großen und ſchönen Pläne, die er fuͤr die Veredlung und Entwicklung ſeiner Un⸗ terthanen entworfen und theilweis ſchon auszuuͤben ſuchte, und verlangte von mir, daß ich mich dieſem ſel⸗ ben Berufe ausſchließlich widmen, nie eine andere Stel⸗ lung im Leben annehmen, mich allein hierzu ausruͤſten ſolle.“ „So ſcheint es,“ hob der Kaiſer an—„daß die Anſichten uͤber die nothwendige, theilweiſe Aufhebung der Leibeigenſchaft in dem Kopfe dieſes Eures Oheims „Dieſer Gedanke war der Kern ſeines Lebens!“ rief der Graf mit Waͤrme—„und vorbereitend ſuchte er auf ſeinen Guͤtern die Empfaͤnglichkeit dafuͤr zu. wecken.“ „Und habt Ihr im ſelben guten Geiſte fortge⸗ wirkt?“ ſagte der Kaiſer.„Iſt der verſtändigen An⸗ ſicht daruͤber ſchon zu vertraun? Erkennen Eure Unter⸗ thanen den Vortheil, der Ihnen damit zugeſtanden wird?“ „Ich war ſeit zehn Jahren nicht auf meinen Guͤ⸗ tern, Euer Majeſtaͤt! Streng und wohluberlegt, wie mein Oheim in allen ſeinen Beſchluſſen war, verlangte er von mir ein ununterbrochenes Studium der mir vor— geſchriebenen Reichspraxis. Selbſt ſein Tod durfte —.— 5— 85 mich nicht zuruͤckfuͤhren, und er billigte meine damaligen Reiſen mit dem jetzigen Grafen Staatskanzler, da er ſie fur keine bindende Anſtellung hielt und mit jedem Mit⸗ tel zu meiner Entwickelung wol zufrieden war.“ „Da moͤchte Eure eigne Bekanntſchaft mit Euren Guͤtern,“ ſprach der Kaiſer—„wol noͤthiger ſein, wie Euch Eure Unerfahrenheit glauben laͤßt. Ihr koͤnnt große Veraͤnderungen finden, und, wie anzunehmen iſt, unguͤnſtige; denn die Abweſenheit des Herrn kann bei beabſichtigten Neuerungen nicht vortheilhaft witken.“ „Meine Abweſenheit ward, wie ich erkennen muß, vielleicht mit groͤßerem Erfolge gekroͤnt, als meine junge Erfahrung zu erreichen gewußt haͤtte. Ich bin nicht fremd geblieben mit dem Zuſtande meiner Unterthanen. Ein ausgezeichneter Mann— ein Freund meines Oheims, ſtand an der Spitze aller meiner Geſchaͤfte, und er vermochte es, im Geiſte meines Oheims fortzu⸗ wirken. Ich werde ihm nur nachzuahmen haben, wenn ich an ſeine Stelle trete.“ „Seid Ihr des Mannes ſicher? Habt Ihr ſo aus⸗ reichendes Vertrauen zu ihm?“ fragte die Kaiſerin raſch—„Kennen wir ihn?“ „Es iſt ein Advokat, Euer Majeſtät! Thomas Thyrnau iſt ſein Name.“ „Der Name iſt uns bekannt,“ fuhr die Kaiſerin 86 fort.—„Er muß irgend einen Anſpruch an unſer Ge⸗ daͤchtniß machen— ich denke, er gehoͤrt zu den Man⸗ nern, die wie Horneck— Juſti— Sonnenfels— ſich mit Staatswirthſchaft und hoͤherer Induſtrie zu mei⸗ nem Wohlgefallen beſchaͤftigen. Doch jetzt will ich wiſſen, wie Ihr mit ihm ſteht?“ Der Graf ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er mit gedaͤmpfter Stimme:„Ich weiß es nicht! Es liegt ein Geheimniß zwiſchen uns, was mich von ihm zuruͤck⸗ ſtoßt mich mißtrauiſch und kalt gegen ihn macht, wenn ich mich anderſeits von ſeinem Geiſte und ſeinem edlen Karakter hingeriſſen fuhle.“ „Duͤrfen wir im Vertrauen ſein?“ ſagte die Kai⸗ ſerin.—„Bis der Zeiger hierher weiſt,“ fuhr ſie fort, auf eine Pendule zeigend—„koͤnnen wir Euch noch Zeit goͤnnen.“ Der Graf fuhlte ſich uͤberraſcht. Er gehoͤrte nicht zu den Menſchen, die gern und leicht uͤber ihre Privat⸗ verhaͤltniſſe ſprechen, und er wuͤrde jedem Andern aus⸗ gewichen ſein; aber in der Gegenwart dieſer beiden hoch⸗ geſtellten Perſonen uͤberkam ihn ein Gefuͤhl von Iſoli⸗ rung, das mehr wie an jeder andern Stelle das Ver⸗ trauen zu ſichern ſchien, da jede Verbindung aufhoͤren mußte, wo ſo verſchiedene Verhaͤltniſſe obwalteten. Dies kleine feſte Gemach, vor jedem Lauſcher geſichert, ſchien eine Heimat fuͤr jedes Geheimniß.— Der Graf fand ſich bald zurecht und mit der Offenheit, die ihm eben ſo natürlich war, erzaählte er den Inhalt der uns bekann⸗ ten Unterredung mit dem Baron Poͤlten. Das Erſtaunen der beiden hohen Herrſchaften war ſehr groß und hatte etwas ſo wohlwollendes, daß der Graf ſich ſeines Vertrauens freute. Bald unterbrach ihn jedoch die lebhafte Kaiſerin mit der Frage:„was er beſchloſſen?“ „Ich werde mich in keinem Falle mit von Thomas Thyrnau vermaͤhlen!“ rief der Gtaf mit mehr Heftigkeit, als paſſend war.„Mein Oheim hat mir nie perſoͤnlich von dieſem Plan geſprochen— mich bindet kein ihm gegebenes Wort!“ Die kluge Kaiſerin blickte ſcharf nach dem Grafen hin, dann ſagte ſie:„Ihr ſeid wahrſcheinlich ſchon an⸗ derweitig gebunden— habt die Gemahlin ſchon ge⸗ waͤhlt, ohne Zuthun von Thomas Thyrnau?“ Dies war zu viel fuͤr den Grafen. Eine dunkle Roͤche uͤberzog ſein Geſicht. Als er ſchweigend die Augen er⸗ hob, ſtreiften ſie die Pendule; eben ſtand der Zeiger auf der bezeichneten Stelle; er verneigte ſich tief. Die Kai⸗ ſerin verſtand ihn— ſie laͤchelte.„Die willkommene Minute auf dieſer Pendule, wollt Ihr ſagen, uͤberhebt Euch der Antwort. So geht denn fuͤr heute. Ich 88 wuͤnſche Euch jedoch an den Cour-Tagen zu ſehen— meldet Euch beim Oberhofmeiſter— ich werde die Zeit beſtimmen, um Euch uͤber die Angelegenheiten Boͤh⸗ mens zu vernehmen. Wollen Euer Liebden die Gnade haben, den Grafen zu empfangen?“ ſagte ſie zu ihrem Gemahl. „Die Empfehlung der Kaiſerin macht mir Vergnuͤ⸗ gen und ich denke, wir wollen Euch gewogen und behuͤlf⸗ lich bleiben, wo Ihr unſeres Schutzes beduͤrfen koͤnntet.“ Vrrſcul entließen den Grafen. Die Audienz hatte länger gedauert, als zu erwarten“ ſtand. Der Graf befahl dem Kutſcher nach dem Wie⸗ ner Viertel, auf den Hof, in das Profeß⸗Haus der Je⸗ ſuiten zu Maria Koͤnigin der Engel zu fahren, und trotz dem, was er eben erlebt, und trotz der großen Lebhaf⸗ tigkeit, mit der er es erlebt, war es doch in dem Augen⸗ blick, als er den Weg nach dem Profeßhauſe einſchlug, rein aus ſeiner Seele verſchwunden, und nur was Georg Prey ihm uͤber die Fuͤrſtin Morani zu ſagen haben koͤnnte, erfuͤllte ſeine Seele. Aber Georg Prey hatte den Grafen nicht erwarten koͤnnen. Er hielt einen Vortrag uͤber Polemik und 5 durfte ſein Auditorium nur in der gebraͤuchlichen Pauſe verlaſſen. Der Graf harrte in der quaͤlendſten Unruhe im Vorzimmer, mit dem Auge die Thuͤr bewachend, aus der Georg Prey hervortreten ſollte. Endlich oͤffnete ſie ſich; aber mit ihm kamen meh⸗ rere ſeiner Zuhoͤrer, die zugleich Bekannte des Grafen waren, da dies Kollegium auch von Laien beſucht ward. Georg Prey, der nicht das kleinſte Geſchick beſaß, ſich aus Verlegenheiten zu ziehen, ſtand in dieſeg Kreiſe mit unruhigen Mienen und Bewegungen. tete die Glocke zum Anfange des zweiten Theiles der Vorleſung, als der Graf ſich raſch aus der Unterhaltung mit ſeinen Bekannten losmachte, gerade auf Georg Prey zuging, dieſen am Arm nahm und ihn in eine Fenſterniſche fuͤhrte. „Gottlob! daß Sie mich erloͤſt!“ rief der arme geaͤngſtigte Pater,„doch haben wir gar wenig Zeit zu unſerm wichtigen Geſpraͤch, deshalb hoͤren Sie mich ſchnell an. Die Fuͤrſtin hat hinter meinem Ruͤcken bei dem Herrn Erzbiſchof von Wien Schritte gethan, um ihre Aufnahme bei den Karmeliterinnen zu bewirken. Da hierzu aber noch kaiſerliche Verfuͤgung und ſowol weltliche— als Zeugniſſe des jedesmaligen Beichtvaters von noͤthen ſind, war die Fuͤrſtin in dem Falle, ſich an mich wenden zu muͤſſen, und ſo erfuhr ich— wie ich 90 hoffe zur rechten Zeit— ihr Vorhaben, welches ich ſeit⸗ dem redlich bekaͤmpft habe, da es gegen meine Ueber⸗ zeugung iſt, daß ſie in dem dermaligen Zuſtande ihres Herzens ſich zur frommen Gemeinſchaft in dieſem heil⸗ gen Hauſe eignet. Da ich glaubte, Sie, Herr Graf, koͤnnten auch bei lang beſtehender Freundſchaft einen naͤheren Antheil an dieſer Nachricht nehmen, wollte ich ſie Ihnen nicht vorenthalten. Vielleicht daß in Ih⸗ rer Stimmung fuͤr die Fuͤrſtin das wirkſamſte Gegen⸗ Schritte liegt, welches ich Ihrer Ein⸗ ſicht uͤberlaſſe, doch jede zweckdienliche Huͤlfe dabei im Voraus verſpreche.“ Abermals laͤutete die Glocke. Der Vorſaal war be⸗ reits leer— und der Graf druͤckte bis zum Schmerze die Haͤnde des treuen Freundes.„Steht mir bei— ich eile jetzt zu ihr— hoffentlich berede ich ſie, dem Kloſter zu entſagen, und dann ſind wir Alle gluͤcklich!“ Ein Laͤcheln— dieſe ſeltene Erſcheinung auf dem ehrlichen Geſichte Georg Prey's— glitt daruͤber hin und er eilte mit kleinen kurzen Schritten ſchnell von dem Grafen fort und in den Hoͤrſaal zuruͤck. Dieſer ſtieg in ſeinen Wagen und trat bald darauf in den uns bekannten Gartenſaal der Fuͤrſtin Morani ein. Die Fuͤrſtin ſaß in dem Hintergrunde des Saales, auf den jetzt die Sonne ihre gluͤhenden Strahlen ſenkte. 91 Aber der kuͤhle Marmor der Waͤnde und des Fußbodens ſicherte ſelbſt in dieſer heißeſten Jahreszeit den Bewoh⸗ nern einen lieblichen Aufenthalt. Die Fuͤrſtin ſaß in derſelben Kleidung wie am vergangenen Abend vor einem kleinen Tiſchchen und ſchien zu leſen, behauptete dieſen Schein jedoch nicht laͤnger, als der Graf eintrat, ſondern zeigte ihm unverholen ihr erroͤthendes Geſicht. „Claudia! liebe Claudia!“ rief dieſer lebhaft und zaͤrtlich und ſaß im ſelben Augenblick neben ihr und kußte die Hand, die ſie ihm entgegenſtreckte. in lob!“ fuhr er fort—„daß ich Sie allein finde! Ich habe Ihnen viel zu ſagen.“ „Ol erſt von der Kaiſerin!“ ſprach die Fuͤrſtin, „ich hoffe doch, es iſt Ihnen nichts unangenehmes be⸗ gegnet? Ich habe Sorge empfunden— ich konnte ſie nicht beherrſchen,“ fuhr ſie fort, indem plotzlich ihre Augen in Thraͤnen ſchwammen. Der Graf erblickte dieſe Zeugen ihres tiefen Gefuͤhls mit einer ſuͤßen Befriedigung, und ehe ſie Zeit hatte, ſich zu faſſen, rief er uͤberwaͤltigt:„Claudia! Sie wollen mich verlaſſen und lieben mich doch! In ein Kloſter wollen Sie gehen und wiſſen, daß ich unglucklich werde, wenn Sie mein Schickſal von dem Ihrigen trennen!“ Die Fuͤrſtin verhuͤllte ihr Geſicht und ſchluchzte laut.„Ich bin entſchloſſen,“ fuhr der Graf nun ernſt 92 und bewegt fort,„nicht eher Sie zu verlaſſen, als bis ich Ihre Einwilligung zu unſerer Verlobung habe. Ich beſitze bereits das Theuerſte— das Noͤthigſte— Sie koͤnnen nicht zuruͤcknehmen und Sie werden ſo grauſam nicht ſein, zuruͤcknehmen zu wollen, was Sie mir in Ihrer Liebe gegeben. Sie können an der mei⸗ nigen nicht zweifeln; Sie wiſſen, daß ſie begruͤndet iſt in Ihrem Werth und geſichert durch meinen feſten Ka⸗ rakter, Welche Scrupel ſind es, mit denen Sie immer wieder auf's Neue mein Gluͤck verzoͤgern, da die Noth⸗ wendigkeit, der Welt unſer Verhaͤltniß darzulegen, von Tag zu Tag dringender wird; da das Beduͤrfniß, Ih⸗ nen Schutz und ausreichender Beiſtand zu werden, im⸗ mer mehr hervortritt?“ „Ach!“ rief die Fuͤrſtin—„das iſt es— das ver⸗ fuhrt Sie eben! Sie fuhlen, wie elend, wie ungluͤcklich und verlaſſen ich in der Welt da ſtehe— und Mitleiden taͤuſcht Sie uͤber unſer Verhaͤltniß!“ „Nein, Claudia!“ ſagte der Graf feſt—„nicht Mitleiden, ſondern das egoiſtiſche Gefuͤhl, ohne Sie nicht mehr gluͤcklich ſein zu koͤnnen! Mein Verſtand, mein Herz, meine ganze Denkungsweiſe iſt ſo mit der Ihrigen verwebt, daß ich oft kaum weiß, ob Sie oder ich das Eine oder das Andere geaͤußert; uns von ein⸗ ander trennen, hieße, den vollkommenſten Seelenbund —— ,,— 93 aufloͤſen, den je Menſchen knuͤpften, die nicht durch die Bande der Natur auf einander angewieſen ſind!“ „Dies empfinde ich auch,“ ſtammelte die Furſtin— „und ich bin deshalb ſo weit gegangen, Ihnen die Schwaͤche meines Herzens zu bekennen. Aber dies Ge⸗ fuhl ſchließt noch nicht die Nothwendigkeit einer naͤhe⸗ ren Verbindung in ſich, denn dieſe wuͤrde gerade den Gegenſatz hervorheben— die Ungleichheit, die in unſe⸗ ren aͤußeren Verhaͤltniſſen liegt. Mein Alter— meine Kraͤnklichkeit— der Mangel jedes aͤußern Reizes— ja laſſen Sie mich hinzuſetzen— meine Armuch! Wo ſoll ich die Kraft hernehmen, dieſe Dinge gering zu ach⸗ ten? zu ertragen, wenn ich dadurch Ihr Leben, Ihre Zukunft bedroht ſehe? Sie betrogen halten muß um die Freuden der Jugend und eines Geſammtlebens, das Ihnen dieſe Anſpruͤche mit einer Ihrem Alter angemeſ⸗ ſenen Gefaͤhrtin in allen Beziehungen zu ſichern ver— moͤchte?“ „Claudia!“ ſagte der Graf ruhig—„ich hoͤre dieſe Einwürfe eines uneigennuͤtzigen Selbſtgefuͤhls nicht zum erſten Male. O! ſein Sie nicht zu ſtolz auf meine Unkoſten— dann will ich Ihnen noch einmal wieder⸗ holen, was Sie jedoch ſchon wiſſen: es waͤre mir un⸗ moͤglich, eine juͤngere Frau ohne Reife des Geiſtes und Karakters zu lieben. Der hochmuͤthige Wunſch der 94 meiſten Maͤnner, ein junges, unentwickeltes Weſen zu waͤhlen, um ſich gewiſſermaßen einen Spielball ihrer Launen zu erziehn, und in der Unerfahrenheit, in der geringen Bildungsſtufe eines ſolchen unmuͤndigen We⸗ ſens ſich den Tribut fur eine Anerkennung oder ſelbſt Bewunderung zu ſichern, die ihnen eine gereifte edle Frau verſagen wuͤrde, dieſen Wunſch habe ich nie ge⸗ hegt— und waͤre mit ſolchen Eigenſchaften der hochſte Kußere Reiz verbunden— ich wuͤrde in ſeiner Befrie⸗ digung kein Gluck finden. Ja! ich bin ſtolz genug zu glauben, daß ich die Naͤhe einer reifen und ausgezeich⸗ neten Frau nicht zu fuͤrchten habe. O! Claudia— wollen Sie mich anderes lehren?“ Die Fuͤrſtin ſchwieg— und der Graf fuhr fort: „Ihre Geſundheit wird ſich erholen, wenn Sie erſt dem zärtlichſten, ſorgſamſten Gatten die Pflege dafur uͤber⸗ laſſen werden. Ob Sie ſchoͤn ſind— oder nicht— ich weiß es nicht, theure Claudia! Aber das weiß ich, daß ich Sie mit unbeſchreiblichem Vergnuͤgen anſehe— daß in Ihren Zuͤgen Ihr Karakter ausgedruͤckt iſt— dieſer ſchoͤne edle Karakter, der mir mein Gluck ver⸗ heißt, wenn Sie einwilligen, mir anzugehoͤren. Auch bin ich vielleicht weniger fuͤr weibliche Schoͤnheit em⸗ pfänglich, als Andere meines Geſchlechts; ſie iſt fur mich erſt dann vorhanden, wenn ſie ſich durch den in⸗ . — —————————— 95 5 nen wohnenden Geiſt belebt— und ich fand ihn noch nie mit Jugend und Schoͤnheit vereinigt. Ich bin da⸗ her zu dem Glauben gekommen, daß die Eigenſchaften, die mein Herz befriedigen koͤnnen, ſich nur im ſpaͤteren Alter beiſammen finden— und es ſcheint mir, daß dieſe Anforderung meinerſeits einen Anſpruch enchaͤlt, der viel ſeltener und ſchwerer zu befriedigen iſt, als wenn meine Wahl von Jugend und Schoͤnheit bedingt waͤre.“ Noch immer ſchwieg die Fuͤrſtin; aber die Thraͤnen verſiegten. Der Graf nahm noch einmal das Wort: „Habe ich nun abermals Ihre Einwendungen beſiegt? Werden Sie endlich jeden Zweifel beſeitigt finden, oder wollen Sie es noch erwaͤhnen, daß Sie mein fuͤrſtliches Vermoͤgen nicht durch das Ihrige vermehren koͤnnen?“ „Nein! nein!“ rief die Fuͤrſtin lebhaft—„dies unverſchuldete Ungluͤck will ich mir nicht aufbuͤrden. Mein Beſitz war einſt darin dem Ihrigen gleich und wie es mein Rang erfordert. Aber, theurer Freund! Sie— Sie ſind achtundzwanzig Jahr! Das iſt ein Einwurf, den Sie nicht zu beantworten vermoͤgen— der wie die Zeit ein Geheimniß umſchließt, deſſen Ent⸗ wickelung Sie nicht vorher ſagen koͤnnen. Jetzt! jetzt fuhlen Sie dies Alles— jetzt iſt alles Wahrheit in Ih⸗ nen. Aber— ich bin achtunddreißig Jahr— und als Frau habe ich Erfahrungen geſammelt, die mir ſagen: 96 Ein Mann erlebt erſt nach dieſem Alter ſeine volle, be⸗ ſtimmte Entwickelung; die Lebenserfahrungen gehen erſt an, wenn die Studienjahre voruber ſind.“ Der junge Mann bekaͤmpfte nicht ohne ſichtliche Bewegung ſeine aufſteigende Empfindlichkeit. Doch ſammelte er ſich bald und ſagte lebhaft:„Wenn dies waͤre— wenn Sie mir blos die Erfahrungen eines Schulknaben zugeſtehn— was hat es mit meiner Be⸗ werbung zu thun? Warum ſoll ich nicht an Ihrer Seite die Lebenserfahrungen machen koͤnnen, die Sie fuͤr mich erſt angehend glauben?“ „Weil dieſe Erfahrungen alsdann ſehr leicht einer feſten Verbindung mit mir ſich feindlich zeigen können„ — und iſt dieſe dann unaufloͤslich,— einen ſchmerz⸗ lichen Widerſpruch erzeugen wuͤrden, den durch meine Einwilligung veranlaßt zu haben ich mir zum Vorwurf machen muͤßte!“ „Es iſt genug, Claudia!“ ſagte der Graf, faſt hef⸗ tig aufſpringend.„Ich fuhle, worauf Sie hindeuten — ich habe umſonſt an Ihrer Seite gelebt— Sie wi⸗ derrufen das Zeugniß, das Sie mir einſt zu geben pfleg⸗ Sten— und das, was fruͤher in Ihrem Herzen fur mich redete, iſt jetzt daraus verſchwunden!“ . Er hatte ſich erhoben und von ihr gewendet. Sein Auge ſchaute gluͤhend in den ſonnenhellen Garten, der unter den heißen Strahlen, mit ſich ſenkenden Bluͤten da ſtand— leidend unter dieſer unentbehrlichen bruͤten⸗ den Hitze, die das Maaß des Beduͤrfniſſes faſt uͤber⸗ ſchritt. Es ruͤhrte ſich kein Luͤftchen. Am unteren Horizont ſchwebte ein gelblicher Dunſt, der die gluͤhende Atmoſphaͤre andeutete. Nur uͤber den naͤchſten Punk⸗ ten, wo die dunklen, kraͤftig entgegen ſtehenden Baum⸗ gruppen ihre Kronen erhoben, zeigte ſich der Himmel im tiefen Blau ohne das leichteſte Woͤlkchen. Des Grafen Gefuͤhl war ſo gebildet fuͤr Naturſchoͤnheit, daß er unter allen Umſtaͤnden ein Auge dafuͤr behielt. Auch jetzt verſenkte ihn dies reife, vollendete Sommerbild in ein wohlthaͤtiges Traͤumen. Ein Zug Tauben flog wie glaͤnzende Flocken uͤber den Garten und bei der tiefen Stille, die ringsum herrſchte, hoͤrte man ſelbſt die zahl⸗ los ſummenden Inſekten, die jeden Kelch, jedes Blatt beſuchten. Sonſt regte ſich nichts um die beiden tief bewegten Menſchen, die— wie die Natur— der Glut ihrer Gefuͤhle unterliegend, das Haupt in ſtummen Lei⸗ den neigten. Da hoͤrte der Graf an dem Rauſchen ih⸗ res Kleides, daß ſich die Fuͤrſtin erhob. Er wendete ſich raſch.„Lacy!“ ſagte ſie kaum hoͤrbar— und ſtreckte ihm mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Liebe und Schmerz die Hand entgegnen—„Lacy! ſoll ich Ihr Schickſal ſein?“ Thomas Thyrnau l. 3te Aufl. „Wenn Sie wollen, daß es ein gluͤckliches ſei!“ rief er— ihre Hand mit Freude ſtrahlenden Blicken faſſend. Sie antwortete nicht, aber ſie zitterte ſo heftig, daß er ſie umfaßte— und ſie war nun nicht mehr allein!— Der Mann, den ſie zuerſt und mit dem Feuer der Ju⸗ gend liebte— ſtutzte ihre brechende Kraft und ihr Haupt ruhte an ſeiner Bruſt. „Heute verlaſſe ich Sie nicht wieder,“ rief Lacy, nachdem der heilige Ernſt des erſten Augenblicks in ju⸗ gendliche Heiterkeit uͤbergegangen war.„Laſſen Sie mich zu Gertraud und zu dem alten Bernhard gehen; ſie ſollen mein Gluck erfahren, und Gertraud muß ihren Kuͤchenzettel fuͤr den geringen Appetit erweitern, den mir die Freude gelaſſen hat.“ „So bin ich denn alſo gaͤnzlich verrathen?“ ſagte die Furſtin läͤchelnd.„Auch meinen neuen Koch kennen Sie ſchon?“ Nichts Seligeres fuͤr ein weibliches Herz, als in der Naͤhe des Geliebten eine kurze Trennung! Nach vollſtaͤndig erlangter Sicherheit ein einſames Ausruhn in dem Gefuͤhl des Beſitzes!— Die Fuͤrſtin fuhlte erſt, wie der Graf ſich entfernte, den ganzen zauberhaften Umſchwung ihres Lebens. Sie enteilte in ihr Kabinet und ſank vor ihrem Betpult nieder— und ihre Gedan⸗ ken— ihr klopfendes Herz waren Gebete! Sie fuͤhlte 99 ſich namenlos ſelig.— Sie ſchaute umher und gruͤßte die ganze Welt mit dem Gruß der Liebe und Verſoͤh⸗ nung. Selbſt ihr Wunſch nach Jugend und Schoͤn⸗ heit ſchien erfuͤllt; ſie fuͤhlte ſie in ſich; ſie dachte nicht mehr daran, wie viel oder wenig ihr nach Außen zuge⸗ theilt war. Als ob von ihm, dem uͤberſchwenglich Rei⸗ chen, auch dieſe Gaben abhaͤngen wuͤrden, ſo ver⸗ trauensvoll uͤbertrug ſie Alles in das Gefuhl, ihm an⸗ zugehoͤren. Der Graf ſandte ſeine Equipage nach dem Profeß⸗ hauſe an Georg Prey, denn die alte gluckliche Gertraud erklaͤrte, auch den ehrwuͤrdigen Herrn Pater noch ſatt machen zu koͤnnen. Nachdem die beiden treuen Diener durch des Grafen Vermittelung der theuren Gebieterin ihren Gluͤckwunſch dargebracht, ergriff ſie wirklich der alte Geiſt des Hauſes, die Verſchwendung; denn waͤh⸗ rend Gertraud alles zu braten und zu kochen begann, was ihr in den Weg kam, ſammelte Bernhard die Reſte ehemaliger Tafelausſtattung, und chineſiſche Vaſen, freilich von ungleicher Groͤße, mit den reichen Blumen des Gartens geſchmuckt, ſtanden neben Seéver Porzel⸗ lantellern und Meißnet Puͤppchen, die in Blumenkör⸗ ben Salz und Pfeffer hielten; dazwiſchen geſpartes Sil⸗ bergeſchirr—„und Gottlob!“ ſeufzte er—„noch drei ſilberne Beſtecke!“ —₰ ⸗ 100 Das ſchoͤne Obſt des Gartens ließ die Tafel ſogar reich erſcheinen, und in dem Eiſe, das der lang vergeſſene Eiskeller ſpendete, kuhlten ſich ein paar ſtaubige Flaſchen aus einem kleinen Winkel der ſonſt reich gefullten Se lergewoͤlbe. „Ich bin ſelbſt von meinem Reichthum uͤberraſcht!“ ſagte die Fuͤrſtin freundlich laͤchelnd, als ſie zwiſchen Lacy und Georg Prey Platz genommen hatte.„Ich ſehe, mein ehrwuͤrdiger Freund, wir haben noch viel uͤbrig gelaſſen! Graf Lacy bekommt eine reiche Braut.“ „Sie ſpotten zwar,“ rief Lacy—„aber ich muß gleich mit dem Bekenntniß herausrucken, daß ich mich der Mitgabe freue, die Sie mir hoffentlich nicht entzie⸗ hen werden— ich meine den Palaſt Morani! Ich. liebe dies ſchoͤne kleine Palais ganz vorzuglich und ſehe es nie, ohne es in Gedanken mit meinen Bau⸗ oder ſonſtigen Planen in Verbindung zu bringen. Ich bin Enthuſiaſt fur dieſe alten koſtbaren Architekturen, und wie willig ich auch den Tadel des Sachverſtaͤndigen an⸗ hoͤre— uͤber darin enthaltene Ueberladung— vermiſchte Ordnung— verfehlte Verhaͤltniſſe,— es raubt mir nicht das innige Wohlbehagen, womit ich mich an der glͤcklichen Laune des Erbauers ergötze, der an nichts zu denken genoͤthigt ſchien, als an das Zuſammenhaͤu⸗ fen von allem, was die Welt an Motiven wie an ———————— 101 Material und Form ihm Schoͤnes darzubieten vermochte, und es unbekuͤmmert neben einander Platz nehmen ließ — eine bunte und dennoch nicht reizloſe Erinnerung alles bekannten Schoͤnen! Dieſe ſchwerfalligen Genien, die ihre verzeichneten Beine in die Luft ſtrecken und die großen Blumenketten, wie Wurfſcheiben gefaßt hal⸗ tend, auf uns damit zu zielen ſcheinen, ſind laͤcherlich, unſchoͤn ſogar; aber ſie machen an dem unfoͤrmlichen Kuppelgewoͤlbe, das ploͤtzlich oben abdacht, in der Ge⸗ ſammtheit einen reichen, belebten Eindruck. Ich weile dann mit um ſo mehr Genuß auf den herrlichen Mas⸗ ken, die dazwiſchen wie Wappenſchilder angebracht wur⸗ den und den ſchoͤnſten Motiven des Alterthums ent⸗ nommen ſind. Dieſe Thuͤrſtuͤcke, die mit der Decke korreſpondiren, auf buntem Grunde ihre Schnoͤrkel von weißem oder grauem Marmor tragen und irgend ein Familienbildniß umkraͤnzen, um deſſen Schoͤnheit oder Aehnlichkeit man ſich wenig zu kuͤmmern geſchienen hat, zeigen plotzlich zwiſchen dem Wahnſinn allegoriſcher At⸗ tribute, Raphaeliſche Verzierungen, dem Vatican ent⸗ raubt, die ſich mit der höchſten Anmuth und Schoͤnheit hindurch ſchlingen. Ja ſelbſt dieſe Wellenlinien in den Fagaden, welche wie halbe Erker, unfertige Tempel er⸗ ſcheinen und dem gebildeten Baukuͤnſtler Konvulſionen machen— wie anmuthig ſtellen ſie ſich im Innern zum 102 Beduͤrfniß des Wohnens zurecht! Man koͤnnte denken, ein behaglicher Beſitzer habe im uͤbermuͤthigen Beſtre⸗ ben, von dem Mittelpunkte ſeines Gemaches in die Runde ſchauen zu konnen, die Waͤnde langſam vorge⸗ draͤngt— gerade ſo viel, um drei Anſichten zu gewin⸗ nen— und wenig genug, um den klimatiſchen Nach⸗ theilen entzogen zu bleiben. Ja! unſer Klima und zu⸗ gleich unſere ehrenwerthe deutſche Bildung, die mit kei⸗ nem Vorzug des Auslandes unbekannt blieb, hat dieſe kleinen Verſchrobenheiten, glaube ich, erzeugt! Die go⸗ thiſchen, zehn Fuß dicken Mauern, in denen man freilich auf Felsſpiten ſchwebend gegen Sturm und Wetter ge⸗ ſichert war, mußten mit der Ueberſiedelung unſerer Vor⸗ fahren nach den Staͤdten ſich verlieren, wo aller Grund fur dieſe Bauart aufhoͤrte. Mit den leichteren, helle⸗ ren Raͤumen dieſer ſpaͤteren Wohnungen traten Be⸗ durfniſſe der Ausſtattung ein, die wir alle ſchon in dem, durch ſeinen ewig klaren Himmel und ſeine alte Kultur beguͤnſtigten Italien vorfanden. Da zogen wir nun heruͤber, was uns bei unſerm empfaͤnglichen Bildungs⸗ triebe anſprach, und hier an Ort und Stelle traten die Beſchraͤnkungen erſt hervor, denen wir uns, von Klima und abweichendem Beduͤrfniß erzeugt, unter⸗ werfen mußten. Fuͤr mich iſt ein ſolcher Palaſt— und der Palaſt 103 Morani iſt gerade ein ſolcher— eine Geſchichte unſerer Kultur in der anmuthig verſchlungenen Chiffre⸗Sprache dieſer vermiſchten Motive.“ „Sie erinnern mich daran,“ ſagte die Fürſtin— „wie ich nach meiner Ruͤckkehr aus Italien, wo mein Vater die Herſtellung ſeiner Geſundheit hoffte, von dem Anblick dieſes Palaſtes mich uͤberraſcht fuͤhlte, obwol ich ihn von Kindheit an bewohnt und mich an ſeine Ei⸗ genthuͤmlichkeit gewoͤhnt hatte. Jetzt erſt war mir das Auge geſchaͤrft fur dieſe barocke Miſchung, und ich be⸗ ſchaͤftigte mich oft damit, unter dem Wuſt verſchrobe⸗ ner Auffaſſungen die ſchoͤnen Vorbilder heraus zu fin⸗ den, die darin verſchlungen waren. Doch wiſſen Sie, daß ich kaum noch ein geſichertes Anrecht daran habe? Der edle Graf von Kaunitz, deſſen gnaͤdiger Verwen⸗ dung ich meine Penſion von der Kaiſerin verdanke, fuhlte wol, daß ſie nicht ausreichen wurde, den Palaſt Morani auf feſten Fuͤßen zu erhalten. Er ſagte mir daher, daß die Kaiſerin wuͤnſche, ihrer Stadt Wien den Schmuck dieſes ſchoͤnen Hauſes zu ſichern, und da ich als Frau mit baulichen Gegenſtaͤnden wenig Beſcheid wiſſen wuͤrde, habe ſie ihrem Hof⸗Bau⸗Amt aufge⸗ tragen, ihn unter Aufſicht zu nehmen. In Folge die⸗ ſer guͤtigen Weiſe, mir eine Laſt zu erleichtern, haben ſich denn in verſchiedenen Zwiſchenraͤumen Arbeiter aller 104 Art eingefunden, um das Ganze klopfend und haͤm⸗ mernd im wohnlichen Zuſtande zu erhalten.“ „Nun,“ ſagte der Graf laͤchelnd—„wenn die Kaiſerin erſt mein Recht an die Beſitzerin kennt, wird ſie, denke ich, nicht abgeneigt ſein, mich auch als Bau⸗ Commiſſion anzuerkennen.“ „O! Graf! woran erinnern Sie mich“— rief die Fuͤrſtin—„das unertraͤgliche Aufſehn, was unſere Verbindung machen wird— wie ſoll ich es uberſtehn!“ „Deshalb nehmen Sie meinen fruͤheren Vorſchlag an, und gehn Sie nach Schloß Tein, wo Sie in der Ruhe des Landlebens ungeſtoͤrt die erſte Bekanntma⸗ chung unſerer Verlobung abwarten koͤnnen, waͤhrend ich hier alle Verhaͤltniſſe ſo ſtelle, wie ſie Ihnen als⸗ dann bequem ſein koͤnnen.“ „Thun Sie das, Frau Fuͤrſtin!“ ſagte Georg Prey—„und damit ſich Ihre Scrupel uber die Schick⸗ lichkeit des Schrittes heben moͤgen, will ich mich zu Ihrem Begleiter anbieten; denn mein demuͤthiges Ge⸗ ſuch an meine hochwuͤrdigen Oberen, mich von meinem Lehramt zu entbinden, um mich ungeſtoͤrt dem Studium der zu ſammelnden Urkunden uͤberlaſſen zu konnen, iſt mir huldreichſt gerade heutigen Tages bewilligt worden. Da ein vorlaͤufiges Copiren alter Handſchriften mir zu⸗ naͤchſt liegt, welche mir voll Vertrauen zu einem lange⸗ 105 ren Gebrauch uͤberlaſſen ſind— denke ich— werden ſich dieſe nach Schloß Tein mitfuͤhren laſſen, und unter Ihrem wohlgewogenen Schutz moͤchten ſich Landluft und gruͤne Wieſen erquicklich zeigen fur meine etwas angeſtrengten Augen.“ Wirklich hoͤrte die Fuͤrſtin dieſen Vorſchlag mit un⸗ gemeinem Vergnuͤgen. Sie wuͤnſchte, ſich dem erſten Aufſehn zu entziehn, dem ſie nicht entgehn zu koͤnnen einſah,— und fuͤrchtete doch, indem ſie das Schloß des Grafen zu ihrem Landaufenthalt waͤhlte, einen unzarten Schritt zu thun, der ſie der Nachrede aus⸗ ſetzen koͤnne. „Um ſo weniger wird dies der Fall ſein,“ fuhr der Graf mit ſeinen Ueberredungen fort—„wenn, wie es meine jetzige Stellung erfordert, mich alle Welt am Hofe gegenwaͤrtig ſieht; wobei wir nicht interlaſſen durfen, uns die Billigung der Kaiſerin zu ſichern, wo⸗ mit dann der Maſſe augenblicklich die Anſicht gegeben iſt. Erlauben Sie mir daher nur, dieſen einen hoͤchſt wichtigen Schritt einzuleiten, ſo ſollen Sie mit allem Uebrigen verſchont bleiben.“ Die Fuͤrſtin willigte ein, alles der Kaiſerin anheim zu geben, und der Graf bat nun, ihm eine genauere Darlegung ſeiner Lage zu erlauben, da ſich fuͤr den Augenblick einige ſonderbare Umſtaͤnde zeigten, die, 1 — 106 wenn auch ohne eigentlichen Einfluß, dennoch der theu⸗ ren Braut nicht unbekannt bleiben durften. Da aber indeſſen die Sonne den Garten verlaſſen hatte und ein leichter Oſtwind die Luft kuͤhlte, verließ die kleine Geſellſchaft den Eßſaal und ſtieg in den Gar⸗ ten hinab, deſſen ſanft geſenkter Boden an einer Bruͤ⸗ ſtung endete, uͤber die man in den breiten waſſerreichen Graben ſah, der, als eine Ableitung der Donau, be⸗ ſtaͤndig einen ſchoͤnen Waſſerſpiegel hatte. Am andern Ufer zeigten ſich Wieſen, Felder und kleine Wohnungen, die, wenn ſie von geringerem Werth waren, außerhalb der Feſtungslinien der Vorſtaͤdte angelegt werden durf⸗ ten, und die zwiſchen leicht wachſenden Fruchtbaͤumen und niederem Weidengebuͤſch gar anmuthig gelagert er⸗ ſchienen. In einer ſeitwaͤrts erquickend geordneten Schatten⸗ partie des Gartens befand ſich auf der Mauerbruͤſtung ein tempelartig herausgebauter Balkon, den der ſel'ge Fuͤrſt zum Angeln benutzt hatte. Noch jetzt war er ein wohlerhaltner Aufenthalt fur ſeine Tochter, den der alte Bernhard nicht verſaͤumte ſorgſam zu ſaͤubern, mit bluͤ⸗ henden Gewäͤchſen zu ſchmuͤcken, die alten brokatnen Kiſſen, mit denen die Marmorſitze belegt wurden, vor⸗ ſichtig zu hegen und nur waͤhrend der Stunden auszu⸗ legen, wo er den Beſuch der Fuͤrſtin daſelbſt erwarten — 107 durfte. Auch jetzt fanden die langſam dieſem Lieblings⸗ ſitz entgegen Wandelnden den alten Bernhard ſchon ih⸗ rer wartend, indem er ihnen trefflich duftenden Faffee bereit hielt. Man nahm Platz, und als Bernhard entlaſſen war, erzahlte der Graf ſeinen aufmerkſamen Zuhoͤrern von den ſonderbaren Anſpruͤchen des Herrn Thomas Thyrnau und von ſeiner hinzugefuͤgten Drohung. Weit weniger, als wir vielleicht mit dem gewiſſen⸗ haften und aͤngſtlichen Karakter der Fuͤrſtin vertraͤglich finden moͤchten, wirkte dieſe Nachricht auf ſie. Wer jedoch die Zeit beachten will, in der die Fuͤrſtin ihre Er⸗ ziehung erhalten hatte und in der ſie lebte, wird begrei⸗ fen, daß ihr eine Vermaͤhlung des Grafen Lacy mit der Enkelin des Advokaten Thyrnau ſo durchaus unmoͤglich ſchien, daß ſie die Sache ſelbſt kaum der Ueberlegung werth halten konnte, dieſe auch gar nicht bei der Fort⸗ ſetung des Geſpraͤchs erwaͤhnte, ſondern nur uͤber die Sonderbarkeit eines Mannes wie Thomas Thyrnau, deſſen Werth ſie ſchon laͤngſt durch den Grafen kannte, ihr Erſtaunen aͤußerte. „So muß ich es auch anſehn!“ entgegnete der Graf.—„Eine unbegreifliche Sonderbarkeit iſt es— die ich nur erklͤren kann, wenn ich des einzigen Feh⸗ lers— ſeiner großen Eitelkeit gedenke, die ihn hart⸗ 108 naͤckig gegen den Unterſchied der Stände ankampfen ließ und die ewige, ungeloͤſte Streitfrage zwiſchen meinem Oheim und ihm war— und wozu ihm ſein allerdings großer eigner Werth viel Veranlaſſung gab.“ Wer wollte auch die Moͤglichkeit einzelner, bevor⸗ zugter Menſchen in jenen Kreiſen der Geſellſchaft leug⸗ nen!“ ſagte die Fuͤrſtin.„Beſonders danken wir den Maͤnnern der Wiſſenſchaften und Kunſte recht ſchätzens⸗ werthe Zeugniſſe ihrer gleichen Geiſtesbegabtheit; und auch Frauen zeigten auf ihrem Platze Verdienſt und Wuͤrde, die ihnen unbeſtritten verblieben; aber dies kann doch kein Grund werden, ſie fuͤr unſere Zirkel paſ⸗ ſend zu halten, fuͤr die ihnen immer die angeerbte Ge⸗ wohnheit hoͤherer Geſinnungen und aͤußerer Formen fehlen muß.“ „Claudia! Claudia!“ rief der Graf laͤchelnd— „fordern Sie mich nicht in die Schranken, daß ich Ih⸗ nen entgegne, was ich von Thomas Thyrnau gelernt habe! Ganz ſtehe ich dem alten Freigeiſt nicht ab— und Sie, meine edle Freundin, durfen Ihren ſchoͤnen Schweſtern aus dem Buͤrgerſtande noch manche Rechte zugeſtehn, ohne an Ihrem hohen Stande zur Verräthe⸗ rin zu werden.“ „Ich bin gewiß nicht abgeneigt, mich beſſer zu un⸗ terrichten,“ entgegnete die Fuͤrſtin—„und danke 109 Ihnen ſchon eine große Erweiterung meines Geſichts⸗ kreiſes. Die Schranken, welche die Erziehung um mich gezogen, ſind in vieler Hinſicht eng geweſen; ich bin mehr mit den ergrauten Geſchichten der Volker bekannt, wie mit der Geſchichte unſerer Tage, und endlich mehr vertraut mit Italiens jetzigem Zuſtande, als mit dem meines Vaterlandes.“ „Sie duͤrfen auch Italien eben ſo gut Ihr Vater⸗ land nennen, wie dies alte Kaiſerreich,“ ſagte Georg Prey.—„Schon der Name verraͤth den Urſprung, und die hochſelige Frau Fuͤrſtin waren ja von venetianiſchen Nobilis abſtammend.“ „Auch habe ich oft und lange in dieſem ſchoͤnen Lande gelebt,“ ſagte die Fuͤrſtin—„und meine Liebe dafuͤr iſt gewiß treu, denn ſie iſt mit meinen Jugend⸗ erinnerungen verwebt.“ „Machen Sie mich nicht eiferſuchtig, Claudia!“ ſagte der Graf, von ſeiner inneren Zufriedenheit zum Scherz getrieben—„ ich verlange, dies ſoll Ihre Ju⸗ gendzeit ſein— hier ſollen Ihre liebſten Erinnerungen wurzeln!“ „Es wird ſein, wie Sie wuͤnſchen, lieber Lach! Ich will die ſpäte Bluͤte meines Lebens gewiß nicht nie⸗ derbeugen, weil ſie etwas die Zeit verſaͤumt hat; denn ich fuͤhle es, ſie iſt darum doch aus meinem tiefſten 11⁰ Daſein entſproſſen und traͤgt alle Elemente ihrer Ent⸗ wickelung in ſich— als waͤre es Fruͤhling!“ ſetzte ſie lͤchelnd hinzu.„Wenn Gott fortfaͤhrt, ſie mit etwas Sonnenſchein zu beguͤnſtigen, ſoll ſie neben den Beſten gelten koͤnnen.“ Der Graf kuͤßte faſt mit Andacht die Hand der ge⸗ liebten Braut. Man fuhr dann fort, die naͤheren Um⸗ ſtaͤnde ihrer beiderſeitigen Verhaͤltniſſe zu bereden, und der Graf ſah mit großer Erleichterung, daß die Fuͤrſtin Morani durch das geheimnißvolle Andringen von Tho⸗ mas Thyrnau gar nicht beunruhigt ward und ihm da⸗ her nur die eigne Sorge uͤbrig blieb. Dieſe Unterredung ward ploͤtzlich durch einen lang⸗ ſam naͤher ruͤckenden dreiſtimmigen Geſang unterbro⸗ chen, der von der Waſſerſeite herkam. Es hoͤrte ſich bald heraus, daß es Kinderſtimmen waren, die unent⸗ wickelt, blos richtig ſangen. Und doch lag ein Zauber in dem Geſange! Die jugendliche Kraft der Toͤne, die durch keine Kunſt gemildert ward und die aus der Tiefe hervordringend, wie das Geſchmetter der Nachtigall, in der ganzen Herausgabe ihrer Toͤne ſich kaum genug zu thun ſchien, dieſe Jugendluſt, die darin lag, feſſelte die Zuhoͤrer in lautloſem Aufhorchen!— Es war eins von den eigenthuͤmlichen Volksliedern der Oeſtreicher, die zwiſchen neckender Naivitaͤt und ſentimentalem Ernſt 111 mitten inne ſtehn. Der Refrain war immer:„Frag nur den Kuckuck, der ſagt Dir Dein Gluͤck!“ Die Fuͤrſtin begleitete laͤchelnd und mit dem Fächer Takt ſchlagend das Lied; als es aber unter dem Balkon verhallte, erhob ſie ſich lebhaft und ihr ganzes Geſicht erheiterte ſich, als ſie nach dem Waſſer hinunter blickte. „Duͤrfen wir? durfen wir?“ ſchallte es von unten herauf.„O ja! Kommt geſchwind!“ rief die Fuͤrſtin— waͤhrend Lach ſchon an ihrer Seite ſtand und erſtaunt den Inhalt eines kleinen hoͤlzernen Nachens betrachtete, der ſo eng und gebrechlich, ſo ſchwankend und unſicher erſchien, daß er das aͤngſtliche Geſicht der guͤtigen Clau⸗ dia vollkommen begriff, die halb ſcheltend, halb zur Vorſicht ermahnend, unruhig dem Landen einer kleinen Geſellſchaft zuſah. Es waren drei Kinder von verſchiedenem Alter— ein Knabe, ein aͤlteres und ein juͤngeres Maͤdchen. Erſt hob man das kleine Maͤdchen heraus, dann entſtand ein Streit zwiſchen den beiden Zuruͤckbleibenden, die in glei⸗ chem Alter ſein konnten, wodurch aber gerade das Mäd⸗ chen ſich mehr duͤnkte, und verlangte, der Knabe ſolle zuerſt folgen— was das Leichtere war— ſie wolle den Kahn mit dem Ruder feſthalten. Doch mit der ganzen knabenhaften Wildheit ſetzte ſich jener zur Wehre und nach einem kurzen Kampf um das Ruder, was Beide hielten, ließ der Knabe plotzlich los, und als das Maͤd⸗ chen dadurch taumelte, umſchlang er ſie im ſelben Au⸗ genblick mit Kraft und Geſchick, und trotz des lauten Schrei's aus ihrem Munde, that er mit ihr einen ge⸗ wagten aber glucklichen Sprung bis auf die erſte Stufe der Marmortreppe, die zu dem Balkon empor fuͤhrte. „Du wirſt ſie umbringen!“ ſchrie die Fleinere, die voran gekommen war.„Ich werde es Frau Barbara ſagen, wie abſcheulich Du biſt gegen die arme Magda; die wird ſehr boͤſe ſein!“ „Kinder ſprechen nicht mit!“ rief der Knabe freu⸗ dig und triumphirend umher blickend.„Es iſt ihr kein Leid geſchehen und ſie ſoll ſchon ſehn, was meine Arme vermoͤgen!“ „Artig!“ rief Magda, die Aelteſte.„Es iſt nun ſo gut! Aber kuͤnftig wird Herr Egon nicht vergeſſen, mit wem er es zu thun hat.“ „Mit einem Maͤdchen!“ rief lachend der Knabe— „die wol nicht ſtaͤrker ſein will als ich?“ Alle lachten wie Kinder, die ſchnell mit ihrem Witze zufrieden ſind— dann flogen ſie die Treppe hinauf, der Fuͤrſtin entgegen. Die Maͤdchen ſtanden leuchtend vor Freude und knixend vor ihr, waͤhrend der Knabe, mit einem Fuße in der Hand, auf dem andern vor Luſt und Freude huͤpfte. — 113 Der Graf konnte nun auf ebenem Boden die Gruppe betrachten, und ſein Erſtaunen war in mehr als einer Hinſicht ſehr groß. Die Kinder ſchienen aus den niedrigſten Staͤnden; ihre Kleidung war ganz gering, obwol bei der Aelteren, wie aus dem Buͤrgerſtande. Aber was hatte dagegen die Natur fuͤr Reichthuͤmer uber ſie ausgeſchuttet! Das kleine Maͤdchen mochte zehn Jahr alt ſein. Sie war ſehr fein und ſchmaͤchtig ge⸗ baut und ihr Engelsantlitz hatte die verraͤtheriſche Fein⸗ heit der Farbe, die den Keim koͤrperlicher Schwaͤche an⸗ deutet. Aber wer haͤtte an ſpatere Gefahr denken koͤn⸗ nen, wer ihr in's Antlitz ſah! Dieſe weiße mit blauen Adern durchzogene Stirn, an welcher die kleine durch⸗ ſichtig feine Naſe mit plaſtiſcher Schaͤrfe angeſchloſſen warz dieſer Engelsmund, voll und roth; die Gruͤbchen in Kinn und Wangen, und die dicken goldblonden Locken, die nicht zuſammen gehalten von der kleinen ro⸗ then Tuchkappe, die daruͤber ſaß, dieſe faſt vergruben. Aber vor allem ihre blauen Augen mit dem großen ſchwarzen Augenſterne— dieſer runde volle Schnitt und der lachende Blick!— Das Röckchen war kurz, von ſchwarz und grauer Wolle, wie arme Leute ſelbſt zu ſpinnen und zu weben pflegen; das Mieder war von grobem blauem Tuche, ihr fehlte das Jackchen; ein weißes aber grobes Hemdchen war um den Hals zuge⸗ Thomas Thyrnau 1. 3te Aufl. 8 114 bunden und an den Armen in einen Aufſchlag uͤber den Oberarm gelegt. Blaue, grobe Struͤmpfe und ſchwere Schuhe mit dicken Sohlen machten ihren ganzen Anzug aus, von dem man noch außerdem das Gefuͤhl hatte, es ſei ihr beſter, denn er trug keine Spur von Gebrauch. Das Kind war ſauber, bis zu der geſchwaͤrzten Sohle des groben Schuhes. Gleich war zu erkennen, daß der Knabe ihr Bruder ſei. Die Aehnlichkeit trat hervor; auch er war blond, nur hatte er die Faͤrbung der Geſundheit, die man in der Luft beköͤmmt, und das gebraͤunte Geſicht zeigte ſich deſto auffallender gegen den blendend weißen kraͤftigen Hals, den das offene Hemd verrieth. Er hatte nicht, wie die Schweſter, die hohe verklaͤrte Stirn; im Ge⸗ gentheil karakteriſirte dies ſeine Eigenthuͤmlichkeit, daß ſeine Stirn kraͤftig gewoͤlbt, aber niedrig war, und die gluͤhenden blauen Augen zu druͤcken ſchien. Dies gab ihm aber gerade etwas außergewoͤhnliches— etwas ge⸗ heimnißvolles.— Es war ein Zug, an welchem man oft durch viele Generationen hindurch die Mitglieder einer Familie erkennt. Auch Lacy fragte ſich, wo er dieſe Zuge ſchon geſehn?— Der Knabe hatte von dem⸗ ſelben Wollenzeug wie ſeine Schweſter ein kurzes Hoͤs⸗ chen und eine kleine offne Jacke an; die Struͤmpfe wa⸗ ren auch von blauem Zwirn, die Schuhe grob und auf 11⁵ die Dauer gemacht. Auch ihm fehlte jede Ausſtattung der Wohlhabenheit; keine Schnallen an den Knieriemen und Schuhen, keine blanken Knoͤpfe, die damals kaum dem Geringſten fehlten. Dieſe Kinder ſchienen nichts der aͤußeren Zuthat verdanken zu ſollen und ihre Schoͤn⸗ heit war nur um ſo auffallender. Eben ſo bei dem Groͤßeren der Maͤdchen. Sie war aͤlter als ihre beiden Gefaͤhrten und in dem erſten Auf⸗ bluhn jungfraͤulicher Schoͤnheit, aber wunderlich ver⸗ puppt in einer faſt puritaniſchen Kleidung. Sie hatte eine große geſteifte Haube von Kammertuch auf, die mit Backen, die ſteif betollt waren, faſt bis auf den Hals reichte. Aus dieſem Bollwerke nun blickte ihr zaubervolles braͤunliches Angeſicht hervor, mit einem Saum von rabenſchwarzem glaͤnzendem Haar eingefaßt, deſſen Fuͤlle den bauſchigen Haubenkopf veranlaßt hatte, durch den man ineinander gedrehte Zoͤpfe ſchimmern ſah. Ihr ganzer Kopf, von der Stirn bis zum Kinn wie gemeißelt, hatte die eirunde Form, uͤber deren Schoͤnheit uns die Antike belehrt; alle inneren Theile waren fein und regelmaͤßig; vorzuͤglich war die Naſe gerade und vollendet ſchoͤnz nur der Mund war faſt zu geſchloſſen, und die Mundwinkel ſenkten ſich etwas. Man verſtand dieſen feſten Mund aber erſt, wenn man die tiefen, ernſten braunen Augen ſah, die klug und 8 116 ſeelenvoll blickend, wie die Verkuͤndigung eines unge⸗ woͤhnlichen Karakters ausſahen. Ihr Kleid war von ſchwarzer Serge; es war ziemlich lang und in ſteife Falten gelegt; das Mieder ſchien noch immer zu weit fur die ſchlanke Taille, und uber die fein gerundete Buͤſte war ein ſauberes weißes Tuch von geſteifter Leinwand feſt mit Nadeln geſteckt. Die Aermel reichten bis zur Hand, die braun und ungeſchont, aber vollkommen ſchoͤn und laͤnglich ſchmal war. „Aber“— rief die guͤtige Fuͤrſtin, Allen ihre Haͤnde zum ehrerbietigen Kuſſe uͤberlaſſend—„wieder ſeid Ihr auf dem gebrechlichen Kahn gekommen. Habt Ihr Euch denn nicht vor Schelte gefuͤrchtet?“ „Er iſt ja nicht gebrechlich,“ rief der Knabe— „Ihr denkt es nur, weil Ihr es nicht verſteht. Der“ Meiſter Guntram gaͤbe ihn uns gar nicht, wenn er nicht ſicher waͤre!“ „und daß Ihr nicht ſchelten ſolltet,“ rief Hebwiga, das kleinere Maͤdchen, mit einem zaärtlichen Anſchmie⸗ gen ihres Koͤpfchens—„darum ſangen wir. War das nicht ſchoͤn?“ Die Fuͤrſtin lachte ſo verſoͤhnlich, daß das gute Einverſtaͤndniß nicht zu bezweifeln ſchien; aber indem ſie ſich von Hedwiga aufrichtete, gewahrte ſie mit eini⸗ gem Erſtaunen, daß Magda wie eingewurzelt ſtand — 117 und ihre ernſten dunklen Augen unverwandt auf den Grafen Lacy richtete, waͤhrend ein geheimnißvoller Ausdruck von Forſchen, Schrecken und Verwirrung ihre Augenlieder zitternd auf und nieder hob. „Magda! Magda!“ rief die Furſtin zwei Mal, ehe das Maͤdchen ſie hoͤrte. Dann fuhr es erſchrocken zu⸗ ſammen, ſah Alle im Kreiſe lebhaft an, wandte ſich um und machte einen Verſuch, die kleine Stiege nach dem Waſſer hinunter zu laufen. Doch Egon warf ſich ihr in den Weg, die Fuͤrſtin rief ſie mit Hedwiga vereint, und wie zur Beſinnung kommend, ſah man— obwol ſie noch mit dem Ruͤcken nach Allen gewendet ſtand— daß ſie ſich aufrichtete, wie um Athem zu ſchoͤpfen; dann drehte ſie ſich raſch auf dem Abſatz um, an Allen voruber ſchaute ſie noch einmal auf den Grafe Lacy, und dann deckte Purpur⸗ roͤthe ihr Angeſicht; und ſie ſah zur Erde— und ihr kaͤmpfender Buſen zeigte eine heftige innere Erregung. Mitleidig, obwol nicht wenig uͤberraſcht, ſtellte ſich die Fuͤrſtin vor ſie und hob ihr liebliches Geſicht, wor⸗ auf ein Chaos von Gefuhlen ſpielte, ſanft empor.„Du haſt mir ſicher von der Frau Aebtiſſin etwas zu be⸗ ſtellen,“ ſagte ſie liebreich, und ſie umſchlingend fuhrte ſie das bebende Madchen in den S der naͤchſten Gebuͤſche. ——— 118 Indeſſen war der Graf nicht minder von dem klei⸗ nen Vorfall uberraſcht; ſeine Augen folgten den beiden Davongehenden, und als er von hinten den eulenarti⸗ gen Putz des jungen Maͤdchens ſah, rief er faſt laut: „Wer ſollte dieſes Engelsantlitz in der tollen Verpup⸗ pung ſuchen!“ Doch Georg Prey, der mit der Zeit eine eiferſuͤch⸗ tige Oekonomie trieb, hatte ein kleines Buͤchelchen und einen Silberſtift zur Hand genommen, denn es ſchien ihm, daß er hier ganz uͤberfluͤſſig werde. So ſah ſich der Graf mit ſeinem Ausruf und den beiden andern Kindern allein, auf die er ſchnell zuging, denn ſie ſchie⸗ nen ihm alle reizende Weſen. Der Knabe lag hinten uber gegen die Bruͤſtung des Balkons und ſchlug mit einer Weidenruthe in die Luft. Sein Ausdruck war duſter und trotzig, und ſeine Augen hafteten an dem Ge⸗ buͤſche, in welchem ſeine ſo eben mit der Fuͤrſtin verſchwunden war. Hedwiga aber hatte ſich neben ihm gebuͤckt und holte durch die durchbrochene Bruͤſtung eine weiße Windenranke herein. „Biſt Du denn ſchon ein alter Bekannter von der Fürſtin Morani?“ fragte der Graf den Knaben, waͤh⸗ rend er Hedwiga ſcherzend an ihren dicken Locken zog. Der Knabe ſah zum Grafen empor— ſo trotzig und wild, als wolle er ihm nicht Rede ſtehen. Mißmu⸗ 119 thig und rauh ſagte er dann nach einem Weilchen und warf den Kopf dabei in die Hoͤhe:„Lang genug!“ Der Graf laͤchelte. Er bog ſich nieder und half Hedwiga die Ranke herein ziehen. Freudig ſchlug dieſe in die Haͤnde, als er ſie ihr abgepfluckt reichte, und er ſetzte ſich nun und zog die Kinder zu ſich heran. „Erzaͤhl' mir doch, Hedwiga— haſt Du noch El⸗ tern?— Wo wohnſt Du denn?“ „Am Walle“— rief Hedwiga—„bei Frau Baͤ⸗ bili, der Kloſterpaͤchterin, welche die Kuͤhe haͤlt. Wir haben Mora— aber nicht unſere Mutter.“ „Aber Egon iſt Dein Bruder?“ fuhr der Graf fort. „Komm' Hedwiga,“ rief der Knabe auffahrend— „wir wollen nach Hauſe!“ „Ohne Magda?“ fragte die Kleine erſchrocken und ergriff des Grafen Arm—„Du willſt doch nicht ohne Magda fort?“ „Doch! doch!“ ſagte Egon und ſchaute gluͤhend und unverwandt in das Gebuͤſch.„Magda iſt ganz thoͤricht — ich habe ihr nichts gethan— nein! nein! nicht einmal gedruͤckt habe ich ſie— und da uft ſie fort und thut ſo boͤs mit uns!“ „Magda war ja nicht boͤs“— ſagte begötigend Lacy—„gleich kommt ſie wieder.“ „Warum ſah ſie Euch denn ſo ſtarr an“— rief 120 hervorbrechend der Knabe—„was habt Ihr denn mit ihr? Warum hat ſie ſich denn vor Euch erſchrocken?“ Der Graf blickte erſtaunt auf den wilden Knaben, der plotzlich ſein ganzes Innere und vielleicht mehr als er ſelbſt wußte, verrieth, und mit dem Scharfſinn ſeiner eindiſchen Liebe zu Magda auf den Blick eiferſuͤchtig war, den ſie dem Grafen gegoͤnnt. „Du biſt ein tyranniſcher Burſche!“ ſagte der Graf lachend.„Dir thaͤte wol gut, in ſtrengere Zucht zu kommen! Haſt Du einen Herrn, oder was treibſt Du? Sitte fehlt Dir noch!“ Der Knabe ſchlug ſein gluͤhendes Auge auf, viel⸗ leicht noch mit der Neigung zu trotziger Erwiderung. Aber es lag in dem Aeußern des Grafen eine Miſchung von Strenge und Guͤte, die den Uebermuth niederdruͤcktè. Er wandte ſich daher blos halb zur Seite und blickte ſtumm auf ſeine Schweſter. „So ſprich doch!“ ſagte Hedwiga.„Wir ſind bei Mora, und Egon lernt Leſen bei'm Kloſtervoigt— und dann helfen wir Mora Wolle krempeln— und Gun⸗ tram, der Waffenſchmid, lehrt ihn die Waffen ſchmie⸗ den, und dann fechten ſie mit den Degen, die Guntram ſchmiedet.“ „So!“ ſagte der Graf und vertiefte ſich in die himmliſchen Augen des jungen Kindes, deſſen klare En⸗ 121 gelsblicke ihn ganz bezauberten. Er glaubte nun Alles zu verſtehen— die hilfloſe Armuth der Kinder, welche die Fuͤrſtin in ihrer Lage nicht erleichtern konnte— und doch, von den reizenden Weſen angezogen, ihnen ihre Liebe geſchenkt hatte. Schnell dachte er an Mittel, ihr zu Hilfe zu kommenz er blickte noch einmal auf den trotzigen Knaben und ihre Augen begegneten ſich. Sein „ ſchoͤnes anziehendes Geſicht war wieder ruhiger gewor⸗ den; die geheimnißvolle Stirn zog den Grafen an, als muͤſſe er ſie ergruͤnden. Es lag ſo viel Kraft und Ent⸗ ſchiedenheit in dieſem Weſen— und ſein erfahrner Blick erkannte den aͤchten Juͤnglingsſinn. Er bedachte ſeine Worte— ihm nur erſt Rede abzugewinnen, ſchien ihm das Nothigſte. „Du liebſt alſo, die Waffen zu ſchmieden?“ ſagte er freundlich. „Ja, Herr!“ erwiderte der Knabe—„aber ich liebe mehr, damit zu fechten, als ſie zu ſchmieden.“ „Du biſt klug!“ ſagte der Graf lachend.„Damit wirſt Du es aber in Deiner Kunſt nicht weit bringen. Biſt Du in der Lehre bei Meiſter Guntram?“ „In der Lehre?“ fragte der Knabe erſtaunt— „Wo denkt Ihr hin? Nein, ich beſuche ihn und lerne ihm manches ab— und ruht er aus, dann fechten wir.“ „Willſt Du denn nicht etwas Tuͤchtiges lernen? 122 Du biſt doch alt genug dazu! Haſt Du denn keine maͤnnliche Verwandte?“ „Das iſt es eben. Mora will von nichts hoͤren“— erwiderte der Knabe, immer offener und freier ſich dem erweckten Intereſſe hingebend.„Waͤre ſie ein Mann, wuͤrde ſie mich ſchon in der Kriegskunſt uͤben laſſen, damit ich auch dabei wäre, wenn ſie wieder kaͤmen die Herrn Preußen und Franzoſen. Das ſollte was werden!“ „Ich bin der Graf Lach— willſt Du in meine Dienſte treten?“ ſagte dieſer raſch entſchloſſen. „In Ihre Dienſte?“ fragte der Knabe wieder ganz erſtaunt.—„Ich diene nicht“— ſetzte er beſtimmt hinzu. „Nun! Du biſt ein merkwuͤrdiger Geſell“— rief Lacy, faſt unangenehm uͤberraſcht. „Aber“— unterbrach ihn der Knabe—„ich will Mora fragen, ob ich einem Grafen dienen kann?“ „Thue das!“ entgegnete Lacy,„hoͤre, ob Du Deine erhabene Perſon ſo weit herablaſſen darfſt?“ Der Knabe fuͤhlte den Spott und ward roth. Doch plotzlich zeigte ſich die Fuͤrſtin mit Magda; er ſah ſie fruͤher als der Graf und ſchien im ſelben Augenblick alles Andere zu vergeſſen. Magda hatte ihre gleichmaͤßige braͤunliche Geſichts⸗ — farbe mit einem gluͤhenden Roth der Wangen vertauſcht. Die Augenwimpern glaͤnzten in kaum getrockneten Thraͤ⸗ nen und die ſchone Eigenthuͤmlichkeit dieſer langlichen Augen— mit den halbgeſchloſſenen Augenliedern lieb⸗ lich zu zucken, als ob kleine Blitze herausfuͤhren— war noch auffallender nach den deutlichen Spuren vergoſſe⸗ ner Thraͤnen⸗ Sie ging auf Egon zu, legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte:„Egon, willſt Du wol gleich wieder mit mir nach Hauſe fahren? Ich— ich habe etwas zu beſorgen.“ Der Graf horchte auf jedes Wort dieſes kleinen Geheimniſſes. Die Stimme war aͤngſtlich gepreßt, aber von einer Melodie, daß er jedes Wort klingen fuͤhlte. Er nahte ſich ihr und ſagte:„Liebes Maͤdchen — Du haſt einen jungen trotzigen Freund! Willſt Du ihn mir nicht geneigt zu machen ſuchen? Du haſt wol mehr Gewalt uber ihn als Andere?“ Das Maͤdchen erſtarrte bei Lacy's Anrede wieder zur Bildſaͤule. Dann ſchuͤttelte ſie haſtig den Kopf und ſagte:„Nein! nein! ich habe keine Gewalt uͤber ihn! Er iſt bloͤde— nicht trotzig— Ihr konnt leicht mit ihm verkehren.“ Die Fuͤrſtin ſchritt hier ein.„Geht jetzt, liebe Kinder,“ ſagte ſie. Man ſah ſich nach Hedwiga 124 um. Sie ſaß neben Georg Prey, und ihre Lieblichkeit hatte ſelbſt den abgeſchloſſenen Denker aufgeſtoͤrt. Er zeigte ihr das Titelblatt des kleinen Buches, in welchem er geleſen, das mit Vergoldung und bunten Farben ein ſchoͤnes Wappen und große Schrift zeigte. Entzuͤckt ſah ſie bei jeder Erklaͤrung zu ihm auf, und er blickte erſtaunt i in ihre blauen Augen, und ſeine verſteinerten Zuͤge waren glatt und weich vor Wohlgefallenz er hielg ſorgfaͤltig die Ranke, die ſie ihm zum Halten gegeben und ſtutzte ſie ſelbſt, damit ſie bequem ſehen koͤnne. Lacy und die Fuͤrſtin wechſelten laͤchelnd Blicke des Einverſtaͤndniſſes, als ſie die Gruppe gewahrten; Georg Prey erroͤthete bis an die Schlaͤfe, als er ſich ſo beob⸗. achtet ſah und wollte eben Hedwiga auf die Erde heben, als dieſe— jetzt hoͤrend, daß ſie Abſchied nehmen ſollte — ihren Arm um ſeinen Hals ſchlang und ihm einen Kuß auf die Stirn gab. Georg Prey prallte zuruͤck, als habe er einen Stich bekommen. Hedwiga aber fuhr herzlich fort, ihm zu danken und fragte, ob er immer hier ſei— und ſagte, ſie werde bald wiederkommen— und was des kindiſchen Geſchwaͤtzes mehr war, wobei ſie ſo lieblich laͤchelte, daß Georg Prey alles vergaß und immer mit dem Kopfe nickend ſagte:„Komm nur— komm! ich werde ſchon da ſein.“ Sehh 125 Jetzt ſprang ſie zur Fuͤrſtin, die ſie mit den andern Kindern entließ. Aber als der kleine gebrechliche Na⸗ chen nun abfuhr, war Egon der einzige Thaͤtige. Magda ſaß ſtumm und unbeweglich mit dem Ruͤcken nach dem Balkon gewendet; nur Hedwiga hielt ſie mit den Haͤn⸗ den vor ſich feſt. Aber vergeblich bat dieſe, noch einmal zu ſingen. Die kleine Geſellſchaft blieb ſtumm und entſchwand bald den Augen der Nachſchauenden. Es ſchien, als muͤſſe erſt dem Auge ganz genuͤgt werden. Denn Beide, Lach und die Fuͤrſtin, blieben ſtumm, bis der kleine Nachen verſchwunden war— dann rief der Graf zuerſt:„Aber um Gotteswillen, beſte Claudia, wo haben Sie dieſe drei Feenkinder her? Die haben die Elfen aus einer Koͤnigswiege geſtohlen, und ſie dem armen Manne zugetragen. Haben Sie groͤßere Schoͤnheit und mehr wie dies, groͤßeren geiſti⸗ gen Zauber geſehn? Das braune Maͤdchen— und Hedwiga dieſes Engelsbild— und Egon— er hat mich zwar behandelt, als waͤre er meines Gleichen und könne mich zum Zweikampf fordern— aber welch' ein praͤch⸗ tiger Junge iſt es! Wo haben Sie denn die Goͤtterkin⸗ der gefunden?“ „Das freut mich! das freut mich!“ rief Claudia— „den Eindruck erwartete ich. Eben ſo groß war mein Erſtaunen, als ich ſie zuerſt ſah. Sie kamen ſingend 126 auf dem Kahn hier voruͤber; und als ſie zu mir herauf ſahen, verloren ſie die Richtung des Kahns und ſtießen an die Treppe. Ich hatte keine andere Hilfe als mich ſelbſt, ich lief hinunter; Magda reichte mir augenblick⸗ lich Hedwiga, waͤhrend Egon den Kahn aufrecht zu hal⸗ ten ſuchte. Doch rief ich Bernhard zu Hilfe und ließ ſie Alle ausſteigen. Wie ich ſie vor mir ſah, war mein Erſtaunen ſo groß als das Ihrige, ich war ganz bezau⸗ bert und guaͤlte ſie mit Fragen, die aber wenig eintru⸗ gen. Es ſind keine Feenkinder, lieber Graf! Die Wiege des armen Mannes iſt von der Natur mit die⸗ ſen Schaͤtzen beſchenkt worden. Alle wohnen im Be⸗ reich des Urſulinerhofes; Magda bei einer Baſe, die ſie Frau Barbara nennt. Die Kinder nennen ihre Pfle⸗ gerin Mora, wahrſcheinlich die kindiſche Umdrehung eines andern Namens. Ob Magda arm iſt, weiß ich nicht; die Geſchwiſter ſind es, das iſt gewiß; doch fragte ich nicht weiter nach— ich wollte nicht Armuth kennen, die ich nicht zu lindern vermochte,“ ſetzte ſie ſanft und wehmuͤthig hinzu.„Aber unſere Freundſchaft war ſeit⸗ dem entſchieden, und oft kommen ſie ſingend daher ge⸗ ſchwommenz dann iſt immer eine große Freude unter uns, denn ſo ſchoͤn ſie ſind, ſo wohlgeſittet ſind ſie zu⸗ gleich, und bei aller naiven Unkenntniß unſerer Formen ſcheint ihnen doch das Gemeine voͤllig fremd zu ſein.“ 127 Der Graf ſchwieg, denn er konnte nichts Anderes ſprechen; ſeine Gedanken hingen wie gebannt an dem eben Erlebten, und er wuͤnſchte noch eine Frage zu thun: aber eine ihm ſelbſt unerklaͤrliche Scheu hielt die Worte in ihm zuruͤck. Doch ſah er plotzlich, uber ſeine Zerſtreuung verlegen, vom Boden auf zur Fuͤrſtin und dieſe— ſei es, daß ſie ihn errieth, ſei es, daß es ſie ſelbſt trieb— ſagte:„Und heute das wunderliche We⸗ ſen von Magda! Sie haben wol geſehn, welche Bewe⸗ gung Ihr Anblick ihr erregte— aber ich habe nicht er⸗ fahren, was es war. Sie war ſo verlegen, daß ſie weinte; aber ſo entſchieden ſie ſonſt iſt, es kam keine verſtaͤndige Antwort heraus.“ „Das iſt nicht ſchmeichelhaft fur mich!“ ſagte Lacy erroͤthend.„War meine Erſcheinung ihr ſo abſchrek⸗ kend, ſo muß ich eine ſchlechte Meinung von mir faſſen.“ „Das war es nicht. Sie ſagte ein paar Mal:„„Ihr ſeid ſonſt immer allein, und ich weiß nicht, warum ich ihn kenne— und warum er ſo ausſieht wie ein Be⸗ kannter.““ Doch ließ ich bald das Fragen und trachtete nur danach, ihre Thraͤnen zu ſtillen, indem ich ihr Blu⸗ men zeigte, die ſie liebt. Aber dennoch bat ſie mich im⸗ mer, ich ſolle ſie fort laſſen, ſie ſchaͤme ſich ſo ſehr.— Erinnern Sie ſich des Maͤdchens?“ fragte die Fuͤrſtin dann, zum Grafen gewendet.—„Sahen Sie das liebe Kind ſchon?“ „Nein! nein!“ erwiderte Lacy—„ich ſah ſie gewiß nie, denn man kann ſie nicht vergeſſen, wenn man ſie einmal ſah. Ich glaube, ſie iſt wunderſchoͤn— und doch iſt ihre Farbe ſo ungewoͤhnlich braun.“ „Aber die dunkeln Augen und das ſchwarze Haar erklaͤren dies hinreichend“— fuhr die Fuͤrſtin fort. „Sie iſt eine von den Schoͤnheiten Italiens, die wir Nordlaͤnder zu Anfang gar nicht begreifen, eben weil ihnen der Farbenreiz fehlt, den wir erſt nach und nach in dieſer braunen Faͤrbung entdecken lernen. Wie rein ſind die Formen ihres Kopfes und vorzuͤglich ihre antike Naſenbildung. Hedwiga dagegen iſt die vollſtaͤndige Bluͤte des Nordens— dieſe Farbenpracht— dieſe gold⸗ nen Locken und die großen blauen Augen.“ „Daß ihr Zauber maͤchtig iſt,“ erwiderte der Graf „ſahen wir an Georg Prey. Geſteht es, ehrwurdiger Herr, das kleine Engelsmaͤdchen wird ſich in Eure from⸗ men Betrachtungen draͤngen. Und vollends der Kuß— der Kuß! Ihr muͤßt ihn beichten gehn und einige Poͤ⸗ nitenz dafur diktirt bekommen.“ Georg Prey laͤchelte zu dem gutmuͤthigen Scherze und ſagte dann:„Wenig habe ich das Weib in ſeiner vielerwaͤhnten Schoͤnheit zum Gegenſtande meiner Be⸗ 129 trachtungen gemachtz aber wenn ſolche Augen nicht un⸗ ter den Verſuchungen des heiligen Antonius waren, ſo konnte er ſchon ſiegen! Das waͤre ein Koͤpfchen zu einem Bilde der heiligen Katharina— das findet ſich nicht oft.“ Scherzend uber die beſondere Bewunderung des ehr⸗ wuͤrdigen Herrn, verließ man den Garten und trennte ſich fuͤr den Reſt des Abends. Wie maͤnnlich ſich auch der Graf Lacy ſeiner Freiheit und Unabhaͤngigkeit bewußt blieb, die Sorge, die er uͤber die gegen die Fuͤrſtin erwaͤhnten Verhaͤltniſſe em⸗ pfand, war vorhanden und lag beſonders in der Furcht, hier auf irgend einen phantaſtiſchen Plan von Thomas Thyrnau zu treffen, in welchen er den alten Grafen Lacy verflochten und der— wenn auch unausfuͤhrbar— ihnen doch nicht ſo erſchienen war. Jeder Widerſpruch konnte daher unangenehme Aufregung veranlaſſen und eine Beleidigung werden, die ihm— dem Freunde und dem Andenken ſeines Oheims gegenuͤber— unendlich ſchmerzhaft ſchien. Am liebſten wäͤre er der Aufforde⸗ rung des alten Mannes gefolgt und ſelbſt nach Tein ge⸗ Thomas Thyrnau! 3te Auflage. 9 gangen. Aber er konnte Wien nicht in einem Augen⸗ blicke verlaſſen, wo die Kaiſerin gewiſſermaßen Beſchlag auf ihn gelegt, und ſo dachte er daran, ihm ausfuͤhrlich zu ſchreiben, als ihm auf's Neue ein Brief von Herrn Thomas Thyrnau ubergeben ward. „Warum fahren Sie fort, ſich mir zu entziehen,“ lautete eine Stelle dieſes Briefes.„Das ſind falſche „Maaßregeln, die ihnen zu nichts helfen und mir die „Laune verderben. Sie muͤſſen jetzt hierher kommenz „die Eroffnung des Teſtamentes, die Erfuͤllung der „darin enthaltenen Bedingungen darf nicht laͤnger ver⸗ „ſchoben werden. Ich habe Ihnen noch vorher Wich⸗ „tiges zu ſagen, und trotz meiner Aufforderungen wider⸗ „ſtehen Sie, als ob Sie mit einer Beleidigung bedroht „wuͤrden. „Das iſt nicht der Geiſt, den Ihr ehrwuͤrdiger „Oheim in Ihnen vorzufinden hoffte, und ich kann, in „ſeinem Geiſte benkend und handelnd, damit nicht zu⸗ „frieden ſein.“— Dann kamen wieder viele Angelegen⸗ heiten der Verwaltung— ſpäter fuhr er fort:„So „lang ich Vormund war, ging das recht gut, ich konnte „und mußte fuͤr Sie einſtehn; aber jetzt, wo Sie ſchon „ſo lange muͤndig ſind und Alle das wiſſen, da will ich „nicht mehr auf die zweifelhaften Geſichter ſtoßen, die „mein gutes Recht nur halb anerkennen. Thomas — 131 „Thyrnau hat nicht noͤthig, Verſicherungen ſeiner „Wchhrhaftigkeit zu geben!“ Obwol der Graf an den rauhen, faſt befehlshaberi⸗ ſchen Ton in den Briefen von Thomas Thyrnau ge⸗ woͤhnt war und ihn mit der Ruhe ertrug, die ihm ſeine eigne Tuͤchtigkeit gab, reizte er ihn doch immer bis zum ſtolzeſten Widerſpruch, ſo wie er die Angelegenheit be⸗ ruͤhrte, die dem Grafen eine unbezweifelt tolle Anma⸗ ßung uͤber ſeine Freiheit erſchien. Lebhaft eilte er im Zimmer auf und nieder, den Unmuth bekaͤmpfend, den er ſo ſtark in ſich erregt fuͤhlte, und auf's Neue ſchien es ihm dringend noͤthig, ſelbſt nach Tein zu gehen und dem alten verwoͤhnten Manne durch ſeine perſoͤnliche Er⸗ ſcheinung die Taͤuſchung zu nehmen, er habe noch mit dem achtzehnjaͤhrigen Juͤnglinge zu thun. Auch hoffte er durch die ſchonende und dennoch beſtimmte Entgeg⸗ nung, mit der er jede Einmiſchung in ſeine Privat⸗An⸗ gelegenheiten abweiſen und ihm ſeine jetzt entſchiedene Verlobung dagegen ſtellen wollte, dem alten anmaßlichen Herrn die Luſt zu weiterer Verfolgung zu nehmen. Dies endlich fuͤr das Nothigſte erkennend, fiel es ihm ein, dem Grafen Kaunitz, der ihm ſo ausgezeichnetes Wohlwollen bewies, ſeine ſonderbare Lage offen zu ent⸗ decken, in der Hoffnung, der Graf werde ihm entweder zu einer ſchnelleren Audienz bei der Kaiſerin verhelfen, 9* oder ihm die Erlaubniß zu ſeiner kurzen Abweſenheit verſchaffen. Bis dahin mit ſeinen Beſchluͤſſen gekommen, uber⸗ raſchte ihn der Eintritt des Baron von Poͤlten, wie im⸗ mer wohlthuend; denn trotz des jugendlichen Leichtſinns des Barons, wußte er doch, welch ein rechtlicher und treuer Karakter in ihm lag. „Ich komme von Deiner Braut, mein Lieber!“ rief er—„und bringe Dir ihre Gruͤße. Nimm Dich in Acht! ich fange an, Deinen Wahnſinn zu begreifen und verliebe mich vielleicht fuͤr die Stunden, wo Du nicht dabei biſt, in dieſe Geiſtes-Schoͤne!“ Der Graf lachte.„Du ſtellſt Dein Lob in ſo ſichere Grenzen, daß mir gewiß kein Zweifel bleibt, bis wie weit Du ihr nur das Recht ihres Geſchlechts— ich meine das der Schoͤnheit— zugeſtehſt, und ſo glaube ich, biſt Du mir wenig gefaͤhrlich, denn ohne den Guͤrtel der Venus wird Dich keine Frau in Gefahr bringen.“ „Das iſt wahr, Lacy! und du weißt, daß ich Dich faſt haßte bei der Nachricht von dieſer wahnſinnigen Verlobung. Ja! wenn ich die Fuͤrſtin nicht ſehe, ſcheint es mir noch immer beſſer, ich entfuͤhre Dich— oder tödte Dich im Duell— oder uͤberzeuge Kaunitz, daß Du das Vaterland verraͤthſt, und laſſe Dich zehn Jahre 133 nach der Feſtung bringen— denn uber kurz oder lang mußt Du ihr doch davonlaufen, und dann haſt Du die Schuld! Jetzt kame alles auf die Rechnung Deines tol⸗ len Freundes, deſſen Suͤndenregiſter ſchon ſo groß iſt, daß es nicht viel verſchlaͤgt, wenn noch mehr hinzu kommt.“ „O ſagte der Graf—„der kurzeſte Weg waͤre ja immer, wenn Du mich an meinen anmaßlichen, wei⸗ land Vormund verrietheſt und ihn und ſeine Enkelin mir in den Weg fuͤhrteſt. Sieh hier, mein Freund! da iſt wieder ein Proͤbchen von der Redekunſt des alten Herrn— muͤſſen kommt in jeder Zeile vor, und wenn ich acht Jahr alt waͤre und die Schule nicht be⸗ ſuchte, in der er mich ſehen wollte, konnte ich kaum beſtimmter zurecht gewieſen werden!“ Kopfſchuttelnd las der Baron den ihm dargereichten Brief des alten Herrn und ernſter, als ſeine Art war, ſagte er dann:„Daß die Alten doch immer vergeſſen, daß Kinder, die ſie erzogen, endlich auch Maͤnner wer⸗ den. Sie wollen das, aber ſie uͤberſehen, wann die Zeit dazu herangekommen iſt, und fahren in ihrer Weiſe fort, als wäre noch erſt zu erwarten, was doch nur auf ihre Anerkennung harrt.“ „Daraus entſtehen ſo viel ungluͤckliche Spannungen zwiſchen dem Alter und der Jugend,“ fuhr der Graf fort—„eine nothwendige Trennung, da der junge rei⸗ 134 fende Geiſt ſich dem Drucke entziehen muß, der ſeine ſelbſtſtändige Entwickelung hindert. Wie ſchoͤn koͤnnte ein ehrendes Vertrauen des Alters wirken, kaum ent⸗ wickelte Keime zu pflegen! Die gluͤhende Sehnſucht zum Beiſpiel, die in einem Juͤnglinge lebt, ein Mann zu werden, und die ihn ſo reizbar, ſo wild, ſo ercentriſch macht und tauſend Verwechslungen der Kraft mit der Rohheit, der Freiheit mit der Zuͤgelloſigkeit gebiert— wie koͤnnte ſie in die rechte Bahn gelenkt werden, wenn ihm fruͤhzeitig ein ehrendes und anerkennendes Ver⸗ trauen entgegen kaͤme, das ſeinen Hoffnungen Erfullung verhieße! Wie manche Thorheit wuͤrde er ſich nehmen laſſen, wenn er ſich gehoben und anerkannt fuhlte in dem kleinen ſchon errungenen Beſitz! So war mein Oheim! So iſt Thomas Thyrnau nicht!“ „Schuͤttle ihn Dir ab,“ rief der Baron—„ſeine Weiſe wird immer unerträͤglicher!“ Der Graf ſagte ihm dagegen, was er beſchloſſen, und ſorbertii⸗ Rath. „Hoffe nicht, jetzt fort zu kommen!“ entgegnete ihm Poͤlten.„Hat die Kaiſerin einmal ihr Auge auf Jemand gerichtet, ſo muß er ihr ſtehn. Auch iſt das billig, denn es kreiſt manches in ihrem Kopf und ſie, wie ihr großer Miniſter, bewirken nur deshalb ſo viel, weil ſie die Kunſt beſitzen, beſtandig das Nothigſte, das, was zuerſt geſchehen muß, zu erkennen und es durch 135 nichts aus dem Bereich ihrer Thätigkeit verdraͤngen zu laſſen. Wenn Du an der Reihe biſt, koͤmmſt Du heran und nicht fruͤher, nicht ſpaͤter— das glaube mir. Aber Du ſollſt darauf warten, damit Du zwar, aber nicht die Kaiſerin einen Augenblick Zeit verliert.“ „Ich fuͤrchte, es iſt ſo!“ ſagte der Graf.„Aber es bringt unleugbar fuͤr mich Verlegenheiten mit ſich und macht mein Verhaͤltniß zu dem alten Despoten im⸗ mer ſchlimmer.“ „Glaubſt Du,“ ſagte der Baron,„daß es Dir nuͤtzlich werden koͤnnte, wenn ich nach Tein ginge! Vielleicht bringe ich den Alten zur Vernunft; vielleicht kann es Dir nuͤtzen, von mir zu hoͤren, wie dort Alles ſteht. Nach Prag wollte ich uberdies; Urlaub kann ich jetzt leicht bekommen, denn Graf Nadaſti ſammelt erſt gegen den Herbſt ſeine Kavallerie⸗Regimenter und Alles iſt beurlaubt, was darum anhaͤlt.“ Beide Freunde wurden durch den Gedanken lebhaft erregt. Er ſchien manches Gute zu verſprechen, wenig⸗ ſtens vermittelnd einzuſchreiten. Bevor ſich Beide trenn⸗ ten, ward die Reiſe des Barons feſt beſchloſſen. Der Graf bat ihn, uͤber ſeinen Palaſt in Prag zu beſtim⸗ men und wollte, ohne den zu nennen, der kaͤme, Be⸗ fehle ertheilen, Alles in Stand zu ſetzen. 136 Das glorreiche Haus Habsburg hat ſeinen alten Ruf großer Froͤmmigkeit in der katholiſchen Chriſtenheit auch dadurch an den Tag zu legen geſucht, daß es in der Hauptſtadt ſeines Reiches einen großen Flaͤchenraum an die geiſtlichen Stiftungen der verſchiedenſten Ordens⸗ Bekenntniſſe uͤberließ und dieſe ausgedehnten Beſitzun⸗ gen, die in allen Richtungen Wiens vertheilt lagen, mit allen Beguͤnſtigungen ausſtattete, die dieſen Stand da⸗ mals uͤber jedes andere Unterthanenverhaͤltniß erhoben. Zwiſchen gewerbtreibenden Stadttheilen zeigten ſich die weitlaͤuftigen Anſiedlungen dieſer Kloͤſter, die hinter wohlverwahrenden Mauereinfaſſungen ihre großen Be⸗ ſitzungen zu ſchuͤtzen wußten, und obwol nach Innen der lebendigſten Thätigkeit nicht entbehrend, doch als Inſaſſen einer Stadt, dieſer durch ihre Abſonderung von der Straße, ſtets in dem großſtadtiſchen und volk⸗ reichen Anſehn, welches man von einer Reſidenz erwar⸗ tet, Abbruch thaten. Spaͤter, bei zunehmenden Zuge⸗ ſtaͤndniſſen und in Folge der induſtriellen Beſtrebungen dieſer geiſtlichen Corporationen fand ſich fuͤr ſolche Zwecke das Grundſtuͤck des Kloſter⸗ oder Stifts⸗Gutes beſſer durch Bauten benutzt. Man fing an, im Innern abgrenzende Mauern zu ziehen, die zunaͤchſt das Kloſter⸗ 137 gebaude mit Kirche, Gaͤrten und den nöthigen Dienſt⸗ wohnungen umſchloſſen, und fuͤhrte dann auf den zwi⸗ ſchen beiden Mauern liegenden Grundſtuͤcken kleinere und großere Wohnungen auf, die ſich bei gleichzeitigen Anpflanzungen und Gartenanlagen ſehr wol verzinsten, und da hiermit das Oeffnen des erſten Kloſterthores verbunden war, nach und nach anfingen auch dieſen Be⸗ ſitzungen den Karakter ſtaͤdtiſchen Lebens zu geben. Nach Maaßgabe des Reichthums ſolcher Kloſterguͤter wurden dieſe ͤußeren Hoͤfe zu vornehmeren oder gerin⸗ geren Wohnungen eingerichtet; immer aber blieben ſie von der unbemittelteren Klaſſe geſucht, da der Mieth⸗ zins im Ganzen geringer war, und kleinere Gewerbe leicht Abſatz fanden, theils fuͤr das Kloſter ſelbſt, theils bei den zahlreichen Beſuchern deſſelbenz denn beſondere Feſte der Heiligen, oder der Beſitz von gnadenreichen Bildern und Reliquien, durfte kaum in irgend einem Kloſter fehlen. Man nannte dieſe Wohnungen nach dem Kloſter, zu dem ſie gehoͤrten, als zum Beiſpiel zum Kapuziner-, Benediktiner- oder Jeſuiten⸗Hof— und es iſt eben ein ſolcher Hof, und zwar der Urſuliner⸗ Hof, in deſſen inneren Raum wir, dem Zuſammen⸗ hange unſerer Erzaͤhlung gemaͤß, jetzt unſere Mitthei⸗ lung verlegen muͤſſen. Das urſuliner-Stift war nicht reich, aber das Grundſtuͤck des Kloſters, an der Wallſeite gegen das Neuthor zu gelegen, war weitlaͤuftig, und nachdem die frommen Frauen einen bedeutenden Theil fur ſich ab⸗ gezweigt hatten, blieb ihnen zu ihren finanziellen Spe⸗ kulationen noch ein großer Raum, der jedoch nur mit kleinen Buͤdner- und Handwerker-Wohnungen und mit den gebraͤuchlichen Budenreihen beſetzt ward, in denen an Kloſter-Feſttagen, welche nicht ſelten eintraten, eine beliebige Ausſtellung kleiner Waaren zu finden war, die von den herbeiziehenden Landleuten bei ihrer Ruͤckkehr gern gekauft wurden, und welche die Handwerker und Kaufleute des benachbarten Viertels an ſolchen Tagen dahin brachten. Durch eine wohl beſchnittene Hecke getrennt, ſtieß an dieſe kleine Huͤttenreihe die Wohnung der Kloſter⸗ paͤchterin oder Meierin. Dies Haus war gemauert und mit einem ſpitzen Schieferdach verſehen, unter wel⸗ chem ſich der Speicher befand. Der Obſtgarten lag davor, und die Kuhſtaͤlle umſchloß daſſelbe Dach, denn ſie ſtanden alle mit dem großen mittlern Hausraum in Verbindung; eben ſo die Milchkammern, in denen die Paͤchterin, eine Schweizerin, beruͤhmte Butter und Sahnenkaͤſe fur die ehrwuͤrdigen Frauen bereitete, und was uͤber das Beduͤrfniß reichte, an bevorzugte Stellen in der Stadt verkaufte. Ein jaͤhrlicher Kaͤſe von ſuͤßer 139 Sahne und ganz beſonderer Zubereitung gehoͤrte dabei zu den Merkwuͤrdigkeiten, an die ſich Gedanken und Erzahlungen fur's ganze Jahr anknuͤpften. Dieſer eine Käſe, welcher nur im Auguſt herzuſtellen war, ward alsdann, nach geſchehener Anfrage und erhaltener Er⸗ laubniß, der hohen Frau Kaiſerin ſelbſt uberſendet und zwar mit immer neuen Erfindungen der guten kindlichen Noͤnnchen verbunden, welche dieſe Gabe mit aͤcht ſuͤd⸗ deutſchem Humor in allerlei Verkleidungen und Ver⸗ ſtecke huͤllten, wobei gewoͤhnlich zierlich geflochtene Koͤrbchen, fein geſtickte Decken und immer herrlich ge⸗ pflegte Blumen des Kloſtergartens die Hauptrolle ſpiel⸗ ten. Zu Ueberbringern waͤhlte man aber ein oder zwei der ſchoͤnſten Kinder aus der Kloſterſchule, welche zu Engeln umgeſtaltet wurden und dann die Gabe mit einigen Verſen uͤberreichten, die aus ihren Geſang⸗ buͤchern entlehnt waren, oder gar aus dem Kopfe einer begabten Kloſterfrau hervorgingen. Die Frau Kaiſerin verſaͤumte nie, das Geſchenk huldvoll ſelbſt in Empfang zu nehmen, und was ſie da⸗ bei that und ſagte, und was ſie trug, und wo ſie ſich befand, das wurde ſo oft erzaͤhlt und wieder erzaͤhlt, zu⸗ letzt ſo veraͤndert, daß nicht viel fehlte, daß man ſogar einige Wunder erlebt zu haben glaubte, zu welchem Glauben die phantaſtiſche Tracht der kleinen Ueberbringer ——————————— nicht wenig beitrug. Außerdem erlebte man immer noch ein fur die ganze Gegend hoͤchſt erbauliches Nachſpiel. Denn bald nach dieſem empfangenen Geſchenk des Klo⸗ ſters erinnerte ſich die Kaiſerin, daß die Aebtiſſin deſ⸗ ſelben ihr Spiel-Fraͤulein geweſen und an einem Feſt⸗ tage, der bald darauf gefeiert ward, erſchien die Kaiſerin mit ihren Damen in mehreren Karoſſen, hielt ihre An⸗ dacht dort, nahm bei der Frau Aebtiſſin hernach eine kleine Collation ein und ließ ein bedeutendes Geſchenk in der Armenbuͤchſe zuruͤck. Niemals aber verſaͤumte die Paͤchterin, Frau Baͤbili Oberhofer, in ihrer reichen Berner Tracht im innern Kloſterhofe ſich hinter den Nonnen zu zeigen, und die Kaiſerin, die unter den dunklen Geſtalten leicht die ſchmucke, in grelle Farben gekleidete Frau erkannte, laͤchelte jedesmal mit holdem Kopfnicken und ſagte:„Aha! Frau Oberhofer! der Kaͤſe hat gut geſchmeckt— macht ihn keiner der Frau Schweizerin nach!“ Nach dieſen Worten glitten einige Goldſtuͤcke im ſelben Augenblick zum Boden, als Frau Oberhofer ſtrahlend vor Entzuͤcken ſich auf die Erde beugte, um den fernſten Rand der Schleppe Ihrer Ma⸗ jeſtät zu kuſſen. Wenn Frau Baͤbili nach ſolcher Scene mit gluͤhen⸗ dem Geſicht und ſtrahlend vor Luſt und Wonne, aber mit geſenkten Augen, als koͤnne ſie vorerſt nichts An⸗ — — 141 deres ſehen, in den aͤußeren Hof zuruͤcktrat, war ihre Perſon bei allen ihren Nachbarn zu einer ſolchen Wich⸗ tigkeit erhoben, daß die Volksgruppen, die vor der ver⸗ ſchloſſenen Thuͤr der kaiſerlichen Ruͤckfahrt harrten, ihr ehrerbietig Platz machten, denn Jeder wußte jetzt— die Worte der Kaiſerin ruhten auf ihr, und ihre Lippen hatten die Schleppe beruͤhrt! Langſam ging ſie und wie getragen von ihrer Erhe⸗ bung durch die Reihen, und Niemand konnte auf ihrem huͤbſchen glatten Geſicht Stolz oder Hochmuth entdecken. Nur ein ſcharfer Beobachter haͤtte herausgefunden, daß ſie die derben Fuͤße mit den blauen roth geſtickten Struͤm⸗ pfen und den blanken Lederſchuhen mit ſilbernen Buckel— ſchnallen ungewoͤhnlich auswaͤrts ſetzte, und dadurch in den kurzen weiten Rock von feinem roth wollnen Zeuge, hinten einen kleinen hochmuͤthigen Schwung brachte, der einen ſelbſtgefaͤlligen Zuſtand verrieth, der ſich des Raums bewußt iſt, den man ſeinen Schwingungen zu⸗ geſteht. Niemand redete ſie an auf dem Wege bis zur erſten Pforte, wo ſie neben dem Eckſteine Platz nahm, um der abfahrenden Kaiſerin ſich noch einmal tief knixend zu praſentiren, obwol dies zu den ſonſt gern gelittenen Dingen bei Frau Oberhofer gehoͤrte— denn wagte dies einmal eine ihrer Bekanntinnen, uͤberwaͤltigt von Neugierde, dann ſagte Frau Oberhofer, wie die —————————— Kaiſerin ſelbſt mit der Hand abwehrend:„Jetzt nicht, Frau Nachbarin, Ihro Kaiſerliche Majeſtaͤt ſind noch im Bereich!“ Kaum war aber die letzte Raͤderſpur verſchwunden, dann draͤngte ſich Alles um die Hochbegnadigte herum — und dann hieß es nicht mehr: Frau Nachbarin!— ſondern:„Druͤckchen, haͤtte Sie geſehn! Stinchen, ſo was hoͤrte Sie nie!“ und von Allen begleitet zog ſie nun unter die Linden und an den aufgedeckten Buden hin, welche ſie mit ſichern Blicken pruͤfte, waͤhrend ſie immer wieder auf's Neue das Erlebte erzaͤhlte und die kleinen Handelsleute zur Verzweiflung brachte, die ſich mit dem halben Leib aus der Bude herausbogen, um Frau Oberhofer zum Herantreten zu bewegen, denn erſtlich wußten ſie, daß in ihrer Taſche heute Goldſtuͤcke klimperten, zweitens, daß dieſer Tag nie hinging, ohne daß Frau Oberhofer— wie ſie ſagte— ein Andenken zu Ehren Ihrer Kaiſerlichen Majeſtaͤt fuͤr ihre ſtets ausgeſuchte Toilette kaufte. Es konnte nicht fehlen, daß durch dieſe jahrlich ſich wiederholenden Scenen Frau Babili Oberhofer unter der kleinen Kolonie des urſuliner-Hofs ein bedeutendes Anſehn erlangte, da man ihr die Veranlaſſung zu ſo ausgezeichneten Ehren zurechnen mußte. Auch war es nicht ſchwer, mit Frau Bäͤbili, wie ſie Alltags genannt 143 wurde, auf gutem Fuße zu ſtehn, denn ihr ſtarkes, ge⸗ ſichertes Selbſtgefuͤhl war doch ohne kleinlichen Duͤnkel und gehaͤſſigen Argwohn. Harmlos nahm ſie an, daß ihr uͤberall der Vorrang gebuͤhre, und von dieſem be⸗ ruhigenden Standpunkte aus fuͤhlte ſie mit ihren Um⸗ gebungen ein frommes Mitleiden und ſchritt, gerufen oder ungerufen, uͤberall rathend und helfend ein. So war Frau Baͤbili's rothes Geſicht, ihre helle Stimme fuͤr den ganzen Kloſterhof eine willkommene Erſcheinung, und man uͤberſah leicht, daß ſie raſch und befehlshaberiſch einſchritt, wo ihr etwas nicht nach Sinn ging; denn ihr mitleidiges:„Die armen Faſels hab' das Einſeh' nit“ blieb faſt nie ohne eine kleine thaͤtige Aushuͤlfe, die das Verſtaͤndniß beſſer oͤffnete. Wenn aber der Sommerabend kam, dachte Frau Baäbili un⸗ ter den Linden nie an Rangſtreit, wenn die ganze kleine Kolonie mit Alten und Jungen, Kindern und Greiſen zuſammen war, und nach guter, heitrer, ſuͤddeutſcher Weiſe ſich an allen Ecken eine Fidel oder Querpfeife ruhrte, um zum Tanz aufzufordern. Auch hierbei liebte Frau Baͤbili nicht uͤberſehn zu werden. Ihre huͤbſche runde Geſtalt bewegte ſich voll Kraft und Geſundheit und trotz ihrer fuͤnfundvierzig Jahre mit großer Leichtigkeit. Ihr jederzeit ſauberer Anzug, deſſen Schnitt dabei noch uͤberher der Sitte 144 ihres geliebten Vaterlandes treu blieb, machte ſie ohne Zweifel ſelbſt unter den Juͤngeren faſt zur angenehm⸗ ſten Taͤnzerin. Und kam nur der Rechte und zog ſie zum Tanze auf, da ſchoß die heitere Frau, wie ein Krei⸗ ſel von der Schnur, durch die Reihen hin und Alles wich ihr aus, denn man mußte auf feſten Fuͤßen ſtehn, wenn man Frau Bäbili's kraͤftigen Anſtoß aushalten ſollte. Dieſer Rechte war aber ein Inſaſſe der kleinen Kolonie jenſeits der Kloſterpforte, der in ſeinem Viertel als Mann Frau Oberhofer repraſentirte, faſt eben ſo viel Anſehn genoß als ſie, und gleich ihr, außer ſeiner Perſoͤnlichkeit, in ſeinem groͤßeren Wohlſtande ein bedeu⸗ tendes Argument fuͤhrte. Dies war Meiſter Guntram, der Waffenſchmid, deſſen rauchende Eſſe vom fruhen Morgen an die geſchaͤftigen Arbeiter verrieth, die um den ſauſenden Blaſebalg und den ſpruͤhenden Ambos mit ruͤſtiger Hand den Hammer ſchwangen. Meiſter Guntram aber galt fuͤr eine Art Herenmei⸗ ſter, denn er war, wie die Geſellen ſagten, mit einer glucklichen Hand geboren; das Eiſen und das Feuer, der Hammer und die Feile, alles thaͤte, was er wollte— er habe nur das Anfaſſen, da waͤr' es ſchon gethan!— Er lachte ſtolz uber ihren oft verrathenen Glauben, und that nichts, ihn zu widerlegen, waͤhrend er vor ihren Augen das Grobſte und Schwerſte, das Feinſte und Muͤhſamſte mit gleichem Erfolge vollbrachte. Noch war er unverheirathet, und ſchon ſchaͤtzte man ihn auf 45 Jahr.„Die Feuereſſe laͤßt nicht Raum fuͤr Weib und Kind,“ pflegte er die Anrede darauf zu erwidern— „der Waffenſchmid wird zuletzt ein rauher Geſell wie Eiſen und Stahlz er weiß mit den Weibern nicht mehr umzugehn!“ Dabei lachte er mit ſeinen weißen Zaͤhnen und ſchaute mit ſeinen kleinen glänzenden Augen unter den buſchigen Augenbrauen ſo kindlich gut hervor, daß Niemand denken konnte, er ſei ſelbſt bei der Arbeit ver⸗ haͤrtet.— Dieſer nun war es, mit dem Frau Baͤbili am liebſten laͤnderte, denn dieſer ſtand doch feſt auf den Fuͤßen und war dabei leicht wie eine Springfeder. Frau Oberhofer bewohnte indeſſen ihr geraͤumiges Haus nicht allein. Es ſchien ihr zu groß fuͤr ihre der⸗ malige Lage und ſie hatte ſeit den Jahren, die ſie hier regierte, eine alte Frau eingenommen, welche die eine Haͤlfte des Hauſes in Beſitz hatte und mit ihrer Richte von der Frau Paͤchterin wohlgelitten, ſich keine beſſere Hauswirthin haͤtte wuͤnſchen koͤnnen. Die Mietherin, Frau Barbara Huͤlshofen, hatte ein großes Gemach im Erdgeſchoß inne und druͤber im Erker noch denſelben Raum, deſſen Fenſter uͤber die Kloſtermauer ſahen in den mit hohen Taxushecken bis zum Graben hinunter reichenden Kloſtergarten. Die Thomas Thyrnau I. 3te Auft.. 10 146 . Pachterwohnung hieß ſonſt das Hoſpitium, als ſtatt der Urſulinerinnen— Praͤmonſtratenſer Monche das Kloſter inne hatten. Seitdem Nonnen eingezogen, war das Hoſpitium durch die Mauer abgezweigt worden und der Milchwirthſchaft uͤberlaſſen. Da nun hinter dem Hauſe bis zum Graben hinunter die fetten Wieſen la⸗ gen, die ein Eigenthum des Kloſters waren, ſo paßte ſich dieſe Einrichtung fuͤr die Zucht der Kuͤhe ganz vor⸗ trefflich, ohne doch die ehrwuͤrdigen Damen weiter zu belaͤſtigen. Das lange ſchmale Gemach, wo Frau Huͤlshofen Jahr aus Jahr ein wohnte, hatte zwei einander gegen⸗ uͤber liegende große und oben gerundete Fenſter; das eine ſah nach dem Obſtgarten der Frau Bäͤbili hinaus, das andere nach den Wieſen mit der weiten Ferne, die jenſeit des Grabens ausgebreitet lag, waͤhrend näher am Hauſe ſich ein ſchoͤner ſteinerner Brunnen befand, in welchem die Figur des heiligen Chriſtophorus abge⸗ bildet war. Das plaͤtſchernde Baſſin, worin der Heilige ſtand, mußte mit den kleinen Quellen, die um ſeine Fuͤße ſpielten, das rothe Meer darſtellen. Das Kin⸗ derfiguͤrchen des Heilandes mit der goldenen Strahlen⸗ krone, auf ſeiner Schulter ſitzend, war aber eine lieb⸗ liche Darſtellung, und dieſer Heilige ward von allen Hausbewohnern an jedem Morgen zuerſt mit gebühren⸗ „ atk0lWte21Eehe040e 142 der Devotion begruͤßt. Steinerne Baͤnke liefen rund um den Brunnen und nicht weit davon ſtand eine eben ſolche Tafel— beides noch Ueberreſte der fruͤheren Be⸗ ſtimmung, als Hoſpitium des Kloſters. Hier fanden fruͤher die Pilger zuerſt Ruhe und Erquickung, denn dies Plaͤtzchen war auch bei heißem Mittage kuͤhl und geſchuͤtzt, weil die hohe Kloſterkirche ihre breiten Schat⸗ ten daruͤber hinwarf. Das andere Fenſter gewaͤhrte dagegen keine Aus⸗ ſicht. Frau Baͤbili hatte von oben bis unten ein dichtes Rebengelaͤnder hinuͤbergezogen, und obwol die Sonne, da es nach der Mittagsſeite lag, hindurch zu ſcheinen ſuchte, erreichte ſie doch nichts, als eben dieſe gruͤne Blaͤtterwand mit ihren Strahlen zu erhellen, und ein⸗ zelne Blitze in das Innere des Zimmers zu werfen. Das Gemach war das ehemalige Refectorium ge⸗ weſen. Es war ſchmal, aber lang, denn es durchmaß das ganze Haus, und hatte zwei Thuͤren, die beide in den großen Hausraum fuͤhrten, welcher die Kuͤche und der Speiſeſaal der jetzigen Bewohnerin war. Zwiſchen dieſen Thuͤren befand ſich ein großer Ofen, unten von Eiſen, oben mit einer Pyramide von bunten Kacheln. In der Mitte des Zimmers ſah man einen langen eich⸗ nen Tiſch, der zu Allem diente, wozu man eines Tiſches bedarf, und am Wieſen-Fenſter ſtand ein Lehnſtuhl, 10 148 mit dunklem Pluͤſch bezogen, davor das immer ſum⸗ mende Raͤdchen der alten Frau Huͤlshofen. Die Waͤnde waren leer und, wo ſie nicht von Eichenholz waren, wie bei der Fenſterwand, mit bunten Kacheln belegt. Die Decke hatte das gewohnliche Balkengeflecht der fruͤheren Bauart; ſie ſchien von der Zeit geſchwaͤrzt und man war nie bis zu ihrer Anfriſchung empor geſtiegen. Die Hauptwand, dem Ofen und deg Thuͤren gegenuͤber, zeigte eine wunderlich gemiſchte Aufſtellung von allen Beduͤrfniſſen des kleinen Haushalts. Urſpruͤnglich lie⸗ fen hier unter einer eichnen Holzlehne Baͤnke entlang, dieſe waren jedoch nur noch theilweiſe zu ſehen, und von den Baͤnken bauten ſich nach und nach hinzugefugte Boͤrtchen und Schränke in die Hoͤhe, die den Bedarf der Wirthſchaft theils zeigten, theils hinter Vorhaͤngen verſteckten. Es war an demſelben Tage, wo der Graf von Lacy ſich verlobte, und die Kloſterglocken hatten die Vesper eingelaͤutet. Die Sonne wich immer weiter von dem Wieſengrunde zuruͤck und die Kuͤhe waren ſchon einge⸗ trieben. Nach dem Tumult, den dies erregte, dem Schreien det Maͤgde, dem Bruͤllen des Viehs, trat allmaͤlig immer groͤßere Ruhe ein, denn Frau Baͤbili liebte ſehr, ſich allein zu hoͤren, und verwies bald jeden unnützen Laͤrm in die gehoͤrigen Schranken. Eine Zeit ibtehe be 00 e lang noch klapperten die Milcheimer— dann trat das Heranſchieben der Baͤnke an den Eßtiſch ein. Frau Baͤbili erhob jetzt ihre Stimme und ſagte ein kurzes Gebet her, in welches die Maͤgde und Adrian, der alte Schweizer, den ſie mitgebracht, am Schluſſe einſtimm⸗ ten, und nun folgte wieder eine kurze Stille, denn der wichtige Augenblick war da, wo die Ermuͤdeten die treff⸗ liche Suppe zu ſich nahmen, welche die Hausfrau, in allen ihren Geſchaͤften geſchickt und rechtlich, fuͤr ihre Dienerſchaft bereitet hatte. Mit ſtillem Aufhorchen hatte Frau Barbara Huͤls⸗ hofen an dem Fenſter ihres dunkelnden Gemaches dieſem fernen Laͤrmen zugehoͤrt und daraus den laͤngſt bekann⸗ ten Gang der haͤuslichen Angelegenheiten verfolgt. Mehr aber als dieſe Beobachtung ſchien ſie das Vorruͤcken der kleinen holzernen Pendeluhr zu beſchaͤftigenz unaufhoͤr⸗ lich blickte ſie wieder hin, und ihr Erſtaunen ſchien zu wachſen, denn Magda, ihre Nichte, blieb noch im⸗ mer aus. Dieſe Unruhe wuchs, als Frau Oberhofer, bei ihrer Mahlzeit zur Ruhe gekommen, von aͤhnlichen Gedanken ergriffen ſchien, da ſie ploͤtzlich die Thuͤr aufmachte, und im Zimmer nach allen Seiten umſpähend, ausrief: „Alſo iſt ſie noch nicht zuruͤck?“ „Was kann die Veranlaſſung ſein?“ rief nun 150 Frau Barbara, ſchnell aufſtehend.„Guntram hat den Kahn geliehen an die Nachbarskinder. Sie werden doch kein Ungluͤck gehabt haben?“ „Behuͤt's Gott! warum denn Ungluͤck?“ ſagte Frau Bäbili.„Doch das laͤft ſich erfahren; ich werde gehn und hoͤren, ob die Kinder nebenan zu Hauſe ſind.“ Schnell wie ihre Gedanken ſchritt ſie zur Thuͤr hin⸗ aus, waͤhrend Frau Barbara nach dem großen Haus⸗ raum ging, um die Treppe nach den beiden oberen Schlafkammern hinaufzuſteigen, von wo ſich eine weit⸗ reichende Ausſicht uͤber einen Theil des Grabens und bis an das Ende des Wieſengrundes zeigte. Aber ſo viel ſie auch ſpaͤhte, es blieb Alles ſtill und unbewegt. Die Sonne war ſchon untergegangen, man ſah nur den purpurrothen Guͤrtel an dem klaren Himmel ausge⸗ ſpannt, der die Stelle bezeichnete, wo ſie niederſank. Im ſelben Augenblick erhob ſich der Geſang der Nonnen aus dem nahen Kloſter. Frau Barbara wen⸗ dete ſich und bemerkte jetzt die beiden großen Kirchen⸗ fenſter, die im Hintergrunde des Chors waren, von den Kerzen des Altars hell erleuchtet, waͤhrend der Abend⸗ himmel die grauen Pfeiler mit ihren architektoniſchen Verzierungen roͤthlich anhauchte. Von dem hohen Fen⸗ ſter, an welchem Frau Barbara ſtand, reichte der Blick uͤber die Mauer und zwiſchen den Taxushecken hindurch 151 in den Blumengarten der Nonnen, wo zierlich, wie mit dem Zirkel gemeſſen, jeder einzelnen Pflanze ihr Plaͤtz⸗ chen gegoͤnnt war und Alles ſich in einer ſolchen Friſche und Vollſtaͤndigkeit zeigte, als haͤtten die gewoͤhnlichen Hinderniſſe gegen Wachſen und Bluͤhen hier keine Ge⸗ walt. An vielen Stellen waren marmorne Baſſins, in deren Mitte ſich immer eine groͤßere oder kleinere Sculp⸗ tur befand, die entweder als Brunnen das Waſſer nie⸗ dertroͤpfeln ließ, oder als Traͤger eines foͤrmlichen Springbrunnens den Strahl in die Luft ſendete und in Schaalen, die von Figuren gehalten wurden, wieder auffing. Um den weißen Marmorrand dieſer Baſſins gruͤnte der Raſen wie mit Gold laſirt, und hob das tiefe Blaugruͤn der Cypreſſenbaͤume, die zierlich beſchnit⸗ ten und bis zur Wurzel bewachſen, ausſahen wie Noͤnn⸗ chen in ihre Schleier gehuͤllt, und die in regelmaͤßigen Entfernungen jedes Baſſin im Kreiſe umgaben und die Ruͤcklehne fuͤr die Steinſitze bildeten, die an ihrem Fuße weiß hervor leuchteten. Es war eine wunderbare Ruhe uͤber dieſes Gaͤrt⸗ chen ausgebreitet, von welchem der lieblichſte Duft in die Hoͤhe ſtieg. Selbſt die Voͤgel ſchwiegen; ja, das Waſſer ſchien geraͤuſchlos nieder zu fallen und das roͤth⸗ liche Abendlicht, womit es von Außen umſaäumt war, erhoͤhte im Innern die friſche Farbe des Gruͤns. Hätte —— 152 Frau Barbara von den anmuthigen Fabeln gewußt, die von bezauberten Gaͤrten, durch Feen geſchmuͤckt und be⸗ huͤtet, uns erzählen, ſie haͤtte das Erſtaunen dann viel⸗ leicht auszudruͤcken vermocht, womit ſie das oft bewun⸗ derte Gaͤrtchen jetzt ſo uberraſcht anblickte. Dieſe Betrachtungen hatten ſie fuͤr einen Augenblick von ihrer Unruhe abgezogen, und jetzt verſchwand ſie voͤllig, denn ſie erkannte die Geſtalt ihrer Nichte Magda, welche vor einem großen Baſſin auf einem Steinſitze ſtill und unbeweglich ſaß, als ob ſie die ruhende Natur um ſich her nicht ſtoͤren wolle. „Warum ſie nicht zur Kirche ging“— murmelte Barbara. Wieder ſah ſie auf das Maͤdchen hin und jetzt bemerkte ſie, daß Magda ihr weißes Taſchentuch unter der Schuͤrze hervorzog und das Geſicht damit verhuͤllte, ohne Zweifel in heftigem Weinen begriffen. „Waos iſt denn das?“ fuhr Barbara fort—„was hat ſie nur?“— Ein Geraͤuſch mußte ſich hoͤren laſſen— die Vesper war zu Ende, und die Nonnen gingen durch den Garten nach dem Refectorium zum Abendeſſen.— Magda ſprang auf wie ein gejagtes Reh und war augenblicklich in der entgegengeſetzten Richtung ver⸗ ſchwunden. Indeſſen war Frau Oberhofer aus dem Gartenthore hinaus gegangen und hatte ſich rechts um daſſelbe herum geſchwungen, wo ein ſchmaler Gang zwiſchen ihrer Gartenhecke und dem Unterbau der Kirche bis zu einem kleinen Huͤttchen fortlief, das kaum mehr als ein be⸗ feſtigter Schuppen war. Nach dem Gange heraus ſah man gar keine Fenſter; die Lehmwaͤnde hatten nur eine ſchmale hoͤlzerne Thuͤr. Das Haͤuschen ſah auf der andern Seite ebenfalls nach den Wieſen, aber eine halb zuſammen geſunkene Bretterwand trennte es von dem Revier der Frau Baͤbili und ließ einen abgeſonderten Raum entſtehn, wo ſonſt Reiſig aufgeſchichtet war, was man aber jetzt fortgeſchafft hatte. Dies bildete 3 einen kleinen Hof oder Garten, auf dem das Gras und ein gelegentlich gepflanztes Bluͤmchen beſonders gutfort⸗ kam. In der Mitte ſtand eine Linde, die ihre breiten Aeſte ausruhend uͤber das bemooſte Dach der Hutte legte, daß es faſt wie ein Neſt in ihren Zweigen ruhte. Auch auf dieſer Seite war nur ein kleines Schiebfenſter und die Thuͤr, die nach dem eben bezeichneten Hofraum fuͤhrte, welche aber freilich als einzige Licht⸗ und Luft⸗ ſpenderin ziemlich immer geoͤffnet erhalten ward. Das Innere zeigte die groͤßte Armuth, die nur auf die allererſten Beduͤrfniſſe des Lebens beſchraͤnkt iſt. Die Lehmwaͤnde waren von innen ſo unbekleidet wie von außen; der kleine Heerd mit dem Rauchfang druͤber war die beſte Stelle, und nur eine Bank, die durch 154 zwei Kloͤtze und ein Brett gebildet war, ſtand davor. Auf niedrigem Fachwerk gab es einige Toͤpfe und Tel⸗ ler, drunter einen kleinen ſchwankenden Tiſch. Außer⸗ dem enthielt der Raum drei Schlafſtellen von Heu mit ein paar Decken und Kopfkiſſen; die eine lag hinter einem roh gezimmerten Bretterverſchlage. Der Fuß⸗ boden war wenig uber die Straße erhoͤht und von blo⸗ ßem Lehm feſtgetreten. Der groͤßte Vorrath dieſer Huͤtte ſchien eine Menge gekrempelter Wolle, die auf hoͤlzernen Pfloͤcken an den Waͤnden hing, nebſt einem Vorrath roher Wolle, der noch des Fleißes harrte und am Boden aufgehaͤuft war. So tiefe Armuth hier nun ſichtlich vor Augen lag, hatte dieſer Raum doch einen Vorzug, der ſelten mit Armuth vereint iſt; er war auffallend rein und eine geſunde Luft wehte dem Eintretenden darin entgegen. Das Feuer brannte am ſpaͤten Abend auf dem Heerde und ein kleiner brodelnder Keſſel enthielt die Hoffnung fur drei hungrige Magen. Aber wer haͤtte noch an das Gefolge der Armuth, den Truͤbſinn, denken koͤnnen, wer die aͤltliche Frau erblickte, die auf der Bank ſaß— und Hedwiga, die auf einem Haͤufchen Wolle vor ihr kniete und ihr lachend und lebhaft geſti⸗ kulirend von der heutigen Kahnfahrt erzaͤhlte. Die Frau blickte mit lachendem Geſichte zu dem Kinde nieder, waͤhrend ſie, mit einer Hand den Koch⸗ oͤffel haltend, in dem Keſſel ruͤhrte und ihn nie ganz aus den Augen verlor. „Mora!“ ſchloß Hedwiga ihre Erzaͤhlung—„ſo haſt Du die Magda nie geſehen! Wie ein kleines Kind hat ſie ſich gehabt!“ „Das vornehme Vol hars ihr angethan,“ entgeg⸗ nete Mora lachend.„Die ſind auch der Muͤhe werth, vor ihnen zu erbloͤden.“ Indem trat Egon, der im Hofraum Holz geſpalten hatte, mit ſeinem Buͤndel auf dem Kopfe ein, ſo leicht und zierlich ſchreitend, als truͤge er eine Blumenkrone. „Hier, Mora, haſt Du Vorrath,“ rief er— „und nun ſieh', wie ſchoͤn ich's gemacht! Ein Stuͤck⸗ chen iſt wie das andere, und glatt wie gehobelt; da will ich ſehen, ob Ihr wieder Splitter in die Finger kriegen werdet.“ „Gut,“ ſagte Mora,„Du biſt ein tuͤchtiger Geſell! da ſollſt Du auch belobt werden und wirſt, denke ich, nicht bos ſein, daß die Suppe gerade fertig iſt.“ „Komm, Egon,“ rief Hedwiga—„hilf mir, eh' wir Suppe eſſen, das Holz packen!“ Und ſchon kniete ſie und legte ſo geſchickt und zierlich die Stuckchen uͤber einander, daß ihr Aufbau zugleich ein beſcheidner Schmuck dieſer reizloſen Wohnung ſcheinen konnte. — Unterdeſſen ſtellte Mora drei Teller auf den kleinen Tiſch, und vertheilte ſorgſam die grobe Brotſuppe, den Inhalt des Keſſels, zu deſſen Wuͤrdigung der gute Appetit der Jugend gehoͤrte. Als die Kinder dann ihr Geſchaͤft be⸗ endet, ſprach Mora ein Gebet und froͤhlich fuhren ſie nun uͤber ihre Teller her, welche in 6 5 geleert waren. In dieſem Augenblick ward die hür aufgeriſſen und Bäbili rief ohne weitere Einleitung:„Aber wenn Ihr da ſeid, wo habt Ihr denn Magda gelaſſen? Alle ſprangen auf und Hedwiga warf ſich der guten Paͤchterin in die Arme, waͤhrend dieſe ſie umſchlang und an ſich druͤckte, doch ohne viel auf Antwort zu hoͤ⸗ ren, immer wiederholte:„Wo habt Ihr denn Magda gelaſſen?“ „Denkſt Du, Baͤbili, ich kann das unartige Maͤdchen huͤten?“ rief Egon vortretend.„Den ganzen Spaß hat ſie uns verdorben, nicht von der Stelle ſind wir gekommen, ich habe weder die Rehe, noch Hed⸗ wiga die Voͤgel geſehen— und an der Fuͤrſtin lag nicht die Schuld, die haͤtte gethan wie immer; aber Magda hat Alles verdorben! Solche dicke Augen hatte ſie ſich geweint— gleich wieder fort wollte ſie— und immer ſtarrte ſie den ſchoͤnen jungen Herrn an. Dann trieb ſie in den Kahn hinein, als wenn wir fortgeſchickt wuͤrden— da bin ich zwar mitgefahren, aber reden „ thue ich nicht mehr mit ihr, ich ſehe ſie nicht wieder an. Sie kann ihren jungen Herrn betrachten, wenn ihr der ſo gut gefaͤllt!“ Dieſe erzurnte Rede ward durch ein lautes Gelaͤch⸗ ter von Frau Baͤbili unterbrochen, wobei ſie ſich nieder⸗ ſetzte und die Haͤnde immerfort zuſammenſchlug.„O uͤber das ſpaßige Ding von Jungen! Der Bube iſt eiferſuͤchtig— ſo Gott lebt! das Kernherz iſt ganz toll und wild!“ ſo rief Frau Baͤbili ohne Aufhoͤren in der beſten Laune, und Mora l lachte auch und ſagte:„Das waͤr' mir was Schoͤnes— Liebelei anfangen!“ Egon wollte aus der Haut fahren vor Zorn und Beſchaͤmung. Er ſah mit wilden Augen bald auf Ba⸗ bili, bald auf Mora und achtete nicht auf Hedwiga, die den Sturm ahnte und ſich aͤngſtlich an ihn ſchmiegte. Mit einem Male ſtuͤrzte er vor, und beide Haͤnde von Baͤbili wuͤthend zuſammendruͤckend, ſchrie er:„Lache nicht, Bäbili— ſchweig' oder ich erwuͤrge Dich!“ „Großmaͤchtiger Gott! Heiliger Chriſtophorus, ſchuͤtze mich!“ ſchrie Frau Baͤbili—„der Bube thut mir ein Leid!“ Aber ſie behielt kaum Zeit zum Erſchrecken, denn ſo ſchnell wie Egon ſie gepackt, ſo ſchnell ließ er ſie fah⸗ ren und war mit einem Satze zum Hauſe hinaus, uͤber den Hof hinweg, uͤber den Bretterzaun hinuͤber, in dem weit vor ihm daliegenden kuhligen Wieſengrunde. Frau Baͤbili, welche gewohnt war, daß man ihren Zu⸗ ſtaͤnden viel Aufmerkſamkeit ſchenkte, blickte nach dieſer eiligen Flucht auf Frau Mora mit der Hoffnung ihrer beſonderen Theilnahme; ſie ſah aber, daß dieſe Theil⸗ nahme eine andere Richtung hatte, denn ſchnell, wie es die Art der ruͤſtigen Frau war, ſprang ſie auf und verfolgte von der Hausthuͤr aus den Fluͤchtling mit den Augen, deſſen Gefuhle ſie ſich ſehr wohl vorſtellen konnte. Die Paͤchterin ſchickte ſich daher in die Umſtaͤnde und richtete ſich ſelbſt mit ihrem hoͤchſt unbedeutenden Erſchrecken ein. Da ſie von Hedwiga erfahren hatte, daß Magda an der Kloſterpforte von den Kindern Ab⸗ ſchied genommen, alſo in Sicherheit war, erinnerte ſie ſich, daß nach dem Abendeſſen ihre Plauderſtunde ge⸗ kommen ſei, und die Arme in einander ſchlagend, ſagte ſie zu Frau Mora, die den Knaben noch immer mit den Augen verfolgte:„Hoͤrt! hoͤrt! Nachbarin! Der Bub' waͤchſt Euch uͤber den Kopf! Halt, Frauchen, das geht nit mehr, der Ruͤcken wird ihm zu grad'— hat keine Laſt, keine Muͤh' darauf. Jung gewohnt, alt gethan. Frauensleute haben keine Hand fuͤr die Buben— die Natur iſt zu ſtark in ihrem Blut! Ihr muͤßt das Joch wo anders ſuchen— und die Hand, v 159 die es ihm auflegt, muß von dem andern Geſchlecht ſein!“ „Ja, ja!“ ſagte Mora, noch immer hinaus ſchauend,„das ſagt ſich bald, Frau Baͤbili. Aber wo — wo ſteckt die Gelegenheit, die ſich fuͤr den Bur⸗ ſchen paßt?“ „Heiliger Chriſtophorus, ſchutze mein Dach!“ rief Frau Baͤbili und aͤußerte nun ein grenzenloſes Erſtau⸗ nen uͤber Frau Mora's Antwort, obwol ſie dieſen Ge⸗ genſtand genau mit denſelben Antworten woͤchentlich einige Male zu beſprechen pflegte, immer mit demſel— ben Erfolge, ohne daß dadurch die freundliche Gemein⸗ ſchaft beider Nachbarinnen geſtört worden wäre; denn Frau Bäbili war viel zu ſehr in die Angelegenheiten des ganzen Kloſterhofs verſenkt, um einem Einzelnen ihre ausſchließliche Aufmerkſamkeit ſchenken zu konnen. Mehr aber noch lag das wohlbewahrte Einverſtaͤndniß der beiden Frauen darin, daß Frau Mora noch viel entſchiedener, als Frau Babili war, und dieſe daher gewoͤhnt, blos ihre Reden frei zu haben, uͤbrigens aber immer zuſehen zu muͤſſen, wie die kecke Frau Mora die Dinge nach ihrer Art handhabte. Dabei war fuͤr Frau Mora das Maaß der Ver⸗ pflichtung gegen die gutmuͤthige Paͤchterin ſo unge⸗ woͤhnlich, daß eine groͤßere Nachgiebigkeit nur natuͤrlich 160 erſchienen waͤre.— Die Bekanntſchaft Beider war ſo entſtunden, daß Frau Baͤbili an einem regnichten und ſtuͤrmiſchen Novemberabende ſpaͤt von einem Beſuche zuruͤckgekehrt war und in dem trockenen Graben vor der Mauer des erſten Kloſterhofes das klaͤgliche Weinen von Kinderſtimmen vernommen hatte. Beim Naͤhertreten hatte ſie ein armes Weib gefunden, welches zwei Kin⸗ der gegen Kaͤlte und Regen mit ihrem eigenen Koͤrper zu ſchuͤtzen ſuchte, und auf die mitleidige Anfrage der gutmuͤthigen Paͤchterin, folgte der unglucklichen Frau flehende Bitte um Schutz und Hilfe. Dieſe Frau war Mora und die halbverhungerten und erfrornen Kinder Egon und Hedwiga. Kaum hatte Frau Oberhofer bei dem Schein ihrer leinen Blendlaterne den klaͤglichen Zuſtand dieſer Hilfs⸗ beduͤrftigen erkannt, als ſie ſich unter Thraͤnen des Mitgefuͤhls ihrem Heiligen empfahl und Mora hieß, ihr mit Egon zu folgen, waͤhrend ſie das bleiche Engels⸗ puppchen, wie ſie ſich ausdruͤckte, die kleine verſchmach⸗ tete Hedwiga unter ihren Regenmantel nahm und mit Allen ohne weitere Ueberlegung der Paͤchterei zuſchritt, wo die Flamme, die den Hausraum ſchon wohlthuend erwaͤrmt hatte, jetzt die großen Töpfe dampfen machte, in denen die reichliche Koſt fuͤr den Abend harrte. Schnell wußte Frau Bäͤbili den Antheil für ihre 161 Findlinge auch in Frau Barbara zu wecken und Magda pflegte nicht zu fragen, wenn eine Idee ſie beherrſchte. Sie ſchleppte Waͤſche und Kleider herbei und Hedwiga lag bald in trockner Waͤſche von Magda und in einen roth wollnen Rock von Frau Bäͤbili gehuͤllt, in dem Schooß derſelben und aß einen Teller lange nicht ge⸗ koſteter Suppe, waͤhrend die ſchoͤnen vertrauend blicken⸗ den Aeuglein mit dem Schlafe kaͤmpften und das Koͤpf⸗ chen immer wieder das weiche Ruhekiſſen ſuchte, worin ein immer zaͤrtlicheres Herz ihr entgegenſchlug. Der Knabe lag dagegen im heftigſten Fieber, und ſeine ängſtlichen Bitten an Mora, Hedwiga zu retten, ſie ihn tragen zu laſſen— ſeine Furcht, den warmen Thee zu trinken, die trocknen Kleider anzulegen, immer weil er alles an Mora und Hedwiga geben wollte, be⸗ wieſen die Anſtrengung, mit der er bis jetzt die Wider⸗ waͤrtigkeiten ertragen. Frau Baͤbili's Augen entfielen Thraͤnen auf Thraͤnen und ſie rief immer auf's Neue: „Das herz'ge Buͤbchen! Da hat mich der Herr zur rechten Stund' geſchickt!“ Erſt als ſich die erſte Hitze des Fiebers brach und er auf dem weichen Heu in Decken gehuͤllt, vom Schlaf uͤberwaͤltigt verſtummt war, Hedwiga im eignen Bette der Frau Baͤbili ruhig wie in der Heimat ſchlief, nahm Frau Mora Huͤlfe an. Wie noͤthig ſie ihr war, zeigte Thomas Thyrnau l. 3te Aufl. 11 ———— 162 ſich bald, denn auch ſie hatte ihre Kraͤfte uͤber Ver⸗ moögen angeſtrengt und wunde Fuͤße, zerriſſene naſſe Kleider, ein nicht mehr zu bekaͤmpfendes Gefuͤhl des Hungers trat ſo gebieteriſch hervor, daß die tiefe Noth der Ungluͤcklichen Allen vor Augen lag. Auch ihr wurden trockne Kleider gegeben, die Fuͤße geba⸗ det und verbunden, und nachdem der Hunger geſtillt, ſank ſie uͤberwaͤltigt neben dem Knaben auf das weiche Heulager hin. So viel auch Frau Oberhofer zu ordnen gehabt, ſie hatte doch Zeit behalten, zu bemerken, daß ihre Schutz⸗ befohlenen keine Einheimiſche waren. Sie ſprachen ein anderes Deutſch, und da ſie einmal durch Franken ge⸗ kommen war, glaubte ſie, daß ſie daher ſeien.„Ge⸗ wiß Wallfahrer,“ ſeufzte ſie—„die irgend ein Ge⸗ luͤbde zu loͤſen haben! Es iſt halt gut mit der Froͤm⸗ migkeit, aber die Heil'gen ſpinnen und pflugen nicht, indeß wir ſingend die Landſtraße ziehn!“ Dies war ihr Denkſpruch, der nach ihrem Sinn einen leiſen Schat⸗ ten auf die andaͤchtigen Wallfahrer warf. Ordentliche und geſchaͤftige Leute tragen aber Sorge, jede Stoͤrung in ihrem Wirkungskreiſe auf irgend eine Weiſe auszugleichen; entweder— ſich von dem Gegen⸗ ſtande los zu machen oder ihn einzufuͤgen, damit er den gewohnten Gang mitgehe und die hergebrachte Ord⸗ ——— ————— 163 nung nicht laͤnger geſtoͤrt werde. Bald war die Sorge fur dieſe Familie in Frau Bäͤbili's Tagesordnung ein⸗ geſchaltet und endlich gab ſie faſt ungern zu, daß Mora ſich in der aufgefundenen Huͤtte mit den Kindern ein⸗ richtete. Baͤbili's Schuld war es auch wahrlich nicht, wenn die Spuren der Armuth daraus nicht ſichtlicher verſchwinden wollten! Aber mit den wiederkehrenden Kraͤften der ſtets fleißigen und geſunden Mora kehrte auch ihr ſelbſtſtaͤndiger Sinn zuruͤck und ſie zeigte nun, daß ſie arbeiten koͤnne— und nur durch Arbeit fuͤr ihre Schutzbefohlenen ſorgen wolle. Ließ ſie auch Ge⸗ ſchenke an Kleidern und Wäſche fuͤr die Kinder zu— mußte dies doch ſelten, ſparſam und mit guter Art ge⸗ ſchehen, wenn es nicht ihre Zuruͤckweiſung erfahren ſollte. Laͤngſt aber wußte Frau Baͤbili, daß ihre Find⸗ linge keine Wallfahrer waren; aber zu gleicher Zeit er⸗ fuhr ſie wenig mehr. Frau Mora war nicht die Mut⸗ ter.„Der Krieg! der Krieg!“ war die ſtete Antwort, und was lag nicht in der Phantaſie der guten Pächterin uͤber dieſen Gegenſtand aufgeſchichtet! Die abenteuer⸗ lichſten Zuſtaͤnde, die ſie haͤtte erfahren koͤnnen, wuͤrden Raum darin gefunden haben. Da ſie uͤberdies von den Bewohnern der kleinen Kolonie gedraͤngt ward, uͤber ihre Schutzinge Rechenſchaft zu geben, und es faſt krän⸗ kend empfand, ſo wenig von ihnen ſagen zu koͤnnen 11* 164 war ihr nach und nach eine kleine Geſchichte ihrer eig⸗ nen Erfindung entriſſen worden, die von Kriegsungluͤck, Mord, Brand und Hunger handelte und von Allen wil⸗ lig geglaubt ward, da ſie in die Geſchichte der kaum uberſtandenen Zeit vollkommen paßte. So ſchlich ſich das oft Erzaͤhlte zuletzt in die eigne Ueberzeugung der guten Frau ein, und es wuͤrde ihr nach einiger Zeit ſehr ſchwer geworden ſein, heraus zu finden, was wahr und was von ihr hinzufugt worden ſei. Frau Mora uͤber⸗ nahm nie das Geſchaͤft, den oft in ihrer Gegenwart wiederholten Wuſt aufzuraͤumen; aber mit einem un⸗ endlich komiſchen Ausdruck ihres gutmuͤthigen Geſichts ſtieß ſie ein kurzes Lachen aus und pflegte zu ſagen: „Ja! ja! wer deutſch redet, weiß, was Krieg heißt!“ Jeder nahm dies fur eine Beſtatigung, und die Sache behielt ihren Beſtand. Dagegen traten nun viele Eigenthuͤmlichkeiten her⸗ vor. Mora arbeitete Tag und Nacht fur die Erhaltung der Kinder, aber ſie blieb wie angenagelt in ihrer Hutte. Kaum wußten ihre naͤchſten Nachbarn, wie Frau Mora ausſah. Alle Arbeit, die in feinem Naͤhen, in beſon⸗ ders reinem Krempeln der Wolle, in einer ſauberen Stickerei von Zwickeln, Guͤrteltaſchen und Pantoffeln beſtand, ging durch Frau Baͤbili's Haͤnde. Nie wollte ſie an den Abendzuſammenkuͤnften der kleinen Kloſter⸗ 165 kolonie Antheil nehmen, noch weniger den Kindern ge⸗ ſtatten, Frau Baͤbili dahin zu begleiten. Sie ſelbſt ſpielte mit den Kindern, lehrte ſie Lieder und oft trieb ſie ſolche Poſſen mit ihnen, daß Frau Baͤbili das Lachen bis zum Brunnen hoͤrte und dann, ſelbſt erheitert, ihr rothes Geſicht uͤber den kleinen Zaun ſteckte, wo ſich dann gleich größes Freudengeſchrei erhob und ſie nicht ſelten eine Theilnehmerin der munteren Geſellſchaft ward. Doch daß Mora auch ernſt ſein konnte, zeigte ſich am deutlichſten, wenn ſie ihre ſeltenen Beſuche bei Frau Huͤlshofen machte. Aus allem dieſem entſtanden Zugeſtaͤndniſſe, die Baͤbili gern ſah und ihrem Fuͤrwort zurechnete; wie denn auch die Gemeinſchaft von Magda mit den beiden armen Nachbarkindern, Egon und Hed⸗ wiga, daraus hervorging. Was Magda bei den Klo ſterfrauen lernte, lehrte ſie die Kinder wieder, meiſt ge⸗ ſchah es unter Frau Barbara's Aufſicht und am haͤufig⸗ ſten mit ihrer Unterſtuͤtzung. Beide lernten leſen, und nach einem Beſuch der Frau Barbara im Kloſter, ging Egon eines Tags zum Kloſtervoigt und nahm ſeitdem an dem Unterricht Theil, den Jener dort einer kleinen Anzahl Knaben ertheilen durfte, und der, wie gering auch immer, doch die erſten Elemente des Wiſſens ent⸗ hielt. Hedwiga dagegen malte mit unermuͤdlichem Fleiße die zierlichen Buchſtabeu nach, die Magda ihr vorzeich⸗ v 166 nete, und es war Hoffnung, daß ſie in einigen Jahren werde ſchreiben lernen. Zu dieſen Anordnungen der drei Frauen fuͤr die Erziehung der hoffnungsvollen Kin⸗ der fuͤgte Egon noch aus eigner Machtvollkommenheit den Unterricht hinzu, den ihm die Bekanntſchaft mit Guntram, dem Waffenſchmid, verſchaffte. Sein Weg zum Kloſtervoigt, deſſen Wohnung außerhalb der in⸗ nern Kloſtermauer auf der andern Seite der kleinen Ko⸗ lonie lag, fuͤhrte ihn taͤglich an der Schmiede voruͤber, und taͤglich blieb er ſtehn und ſah dem Entſtehn der kunſtreichen Werke zu, die fur ihn mit faſt zauberhafter Gewalt aus der Glut des Feuers hervorgingen. Wenn er zuruͤckkam und Mora und Hedwiga von dem erzaͤhlte, was er eben geſehn, ſo gluͤhte ſeine Stirn und er geſti⸗ kulirte mit Haͤnden und Fuͤßen, um die Wunder an⸗ ſchaulich zu machen, die, wie er glaubte, dort geſchahen. Wie konnte es fehlen, daß der ſcharfblickende Guntram bald auf den ſchoͤnen Knaben aufmerkſam wurde, der an der Schwelle der Schmiede lehnend jeden Erfolg mit ſeinen glaͤnzenden Augen verſchlang, und bald dreiſt und ſelbſtvergeſſen mitten unter ihm und ſeinen Geſellen ſtand und laut jauchzte, wenn der Hammer das ziſchende Eiſen beugte. Bald ſchaute Guntram nach dem en aus, wenn die Schulſtunde voruͤber wat„½ ſpaͤter haͤtte es ſchei⸗ —— 167 nen koͤnnen, des Meiſters Freiſtunde fiele immer mit der des Knaben zuſammen, denn wie an einem Eich⸗ baum kletterte Egon an Guntram hinauf, ſo wie er ihn in froͤhlichen Saͤtzen erreicht hatte, und dann arbeitete Jener nur noch, um den Knaben den Hammer fuͤhren zu lehren, oder in der Polirkammer den Gebrauch der Feile und des Boſſirbeins. Zuletzt aber blieb ihr vor⸗ herrſchendes Vergnuͤgen, die Rapiere mit einander zu fuͤhren, und nachdem der Meiſter fuͤr Egon mit eignen Haͤnden ein paſſendes geſchmiedet, zeigte es ſich, daß er in guter Schule es ſchwingen gelernt hatte. Wie gern ſtanden die Geſellen und ſahen froͤhlich zu, wenn Guntram und Egon, nicht unaͤhnlich dem David und Goliath, auf dem Raſen des Gaͤrtchens hinter der Schmiede ſich tummelten! Dieſe Beſuche Egon's geſtattete Moraz ja ſie hoͤrte wohlgefaͤllig lachend ſeinen Erzaͤhlungen zu und rief: „Sieh Haͤhnchen! lernſt Du kraͤhen?“ Bald faßte ſie Vertrauen zu Guntram, obwol ſie ihn nie ſah, und die Zugeſtaͤndniſſe erweiterten ſich. Egon nahm nach tuͤchtiger Waffenubung Theil an dem kraͤftigen Mahle des Meiſter Guntram, und die Stunden der Erholung nach dem Eſſen fuͤllte er dann mit Erzaͤhlungen eines fruͤheren unruhigen Lebens aus, in denen Mittheilungen aus der Welt nhuten Wiren, denen Egon mit ange⸗ haltenem Athem zuhoͤrte. Guntram war fruͤher in einem kleinen Fuͤrſtenthume bei dem Hofſtaate des Erb⸗ prinzen als Waffenſchmid angeſtellt geweſen, dann mit in den Krieg gezogen, als der kleine Staat Huͤlfstrup⸗ pen fur Oeſtreich ſtellte. Und was hatte er nun nicht Alles im Kriege erlebt, und wie wußte er anſchaulich zu erzaͤhlen und jene Bilder hochherziger Tapferkeit und männlicher Kraft und Ausdauer mit den ihn ſelbſt im⸗ mer tief bewegenden Erinnerungen an die Heimat zu verflechten, an die erſte Zeit der Jugend, an die milden friedlichen Zuſtaͤnde einer gluͤcklichen Lage unter dem Schutze eines geliebten und guͤtigen Herrn! „Und warum kamſt Du hierher?“ rief Egon ſo heftig, daß der Waffenſchmid den Druck der kleinen der⸗ ben Hand auf ſeinem Arm fuͤhlte.„Warum haſt Du Deinen guten guͤtigen Herrn verlaſſen, da er Dir ſo viel zu Liebe that?“ Nur einmal fuͤhrten ſie das Geſprich, was jetzt folgte, und deshalb heben wir es aus den taͤglichen Er⸗ zahlungen hervor, da es hinreichend zeigt, wie nah ſich Guntram den Knaben hatte kommen uſſen⸗ wie dieſer ihm 169 ſpruch. Aber als er den ſchoͤnen Knaben anſah, verlor er ſich in dem Gedanken, wie zart und jung er ſei, und wie tuͤchtig und furchtlos zugleich.„Knabe,“ ſagte er—„Du haſt kecke Weiſe! Doch will ich Dir ant⸗ worten,“ fuͤgte er nach einer kleinen Pauſe ernſt hinzu. „Was weiß ich, was Du ſprichſt!“ ſagte Egon. „Aber erzaͤhlen mußt Du mir, warum Du nicht treu bei ihm aushielteſt, der Dein Herr war, Dir Gutes that und den Du liebteſt?“ „Egon,“ erwiederte Guntram,„mein Herr blieb ſelbſt nicht in der Heimat— er verwuͤnſchte den Bo⸗ den, auf dem er geboren— das Vaterhaus, das ihn gepflegt! So ſturzte er fort in die Welt hinein und ich wollte auch nicht bleiben, wo man ihn ſo tief gekraͤnkt; dem alten boͤſen Vater meines jungen Herrn, der noch regierte, dem wollte ich auch nicht dienen. Da raͤumte ich zuſammen, verkaufte die alte Feuerſtelle und baute hier die Eſſe wieder auf!“ „Alſo der Vater war boͤſe und vertrieb den Sohn, und Du wollteſt dem nicht dienen, der Deinen Herrn kraͤnkte?“ Froh ſchlug Egon bei dieſen Worten in die Haͤnde, dann druckte er ſich an Guntrams Arm und verſuchte den R ſen zu ſchutteln, was ſo viel Erfolg hatte, als ob e die Eicht umſchlungen haͤtte, unter der fühlte den Beifall des Knaben ſie ſaßen. Guntram abe * 17⁰ mit einer Befriedigung, die von ſeiner Liebe zu ihm zeigte, und Beide ſahen wie Vater und Sohn in die Augen. „Aber was that denn der alte tſe Mann Deinem jungen Herrn?“ fragte Egon unbefangen weiter. Doch jetzt fuhr Guntram in die Hoͤhe, als ſtache ihn eine Natter.„Schweig!“ ſchrie er mit rothem Geſicht, in dem die Adern ſchwollen, waͤhrend der Mund bebte—„ſchweig— und frage mich nie danach!“ Der Knabe blickte trotzig auf. Aber Guntram war ein zu tuͤchtiger Mann, um dem Knaben nicht Achtuug einfloͤßen zu koͤnnen. Die Entgegnung unterblieb, aber das Beiſammenſein war geſtoͤrt. Guntram ſtand auf und ging in die Schmiede, er nahm dem naͤchſten Ge⸗ ſellen den Hammer aus der Hand und als er das gluͤ⸗ hende Eiſen unter ſeinen gewichtigen Schlaͤgen ſich kruͤmmen ſah, ſchien ihm das Herz erſt wieder leicht zu werden. Er ſchaute nicht um nach dem Knabenz er wußte, daß er fort war, denn er vertrug kein rauhes Wort und er liebte ihn darum nicht minder. Aber der Tag ward ihm ohne den Knaben zu lang und der naͤchſte Morgen, bis die Schule beim Kloſtervoigt aus war, ließ ihn unruhig und ungeduldig. Als er ihn von fern kommen ſah, ſtellte er ſich vor die Thuͤr und feilte etwas an dem Rapier, was Egon gehörte; ſah es und — wollte doch nichts drauf geben. Er konnte aber auch nicht vor dem Hauſe vorbei, ſo langſam er heute auch ging, und endlich blieb er ſtehn und ſah nach dem Storchneſt auf dem Däche, als ſaͤhe er den Meiſter „So,“ ſagte Guntram, der laͤchelnd alles bemerkte, und legte die Feile weg—„nun wird's beſſer ſein. Das laͤhmte Dir immer die Hand. Komm mal, wir wollen's gleich verſuchen.“ Er ging hinein. Da konnte Egon nicht laͤnger wi⸗ derſtehn; er nahm das Rapier und folgte ihm auf den Grasplatz hinaus, wo ſie immer zu fechten pflegten. Wie die glaͤnzenden Klingen in der Luft flogen, ſo flog die Verſtimmung des Knaben dahin und er war ein Muſter an Gewandtheit, Vorſicht und ſchlauem Scharfblick. Erſt als der Schweiß Beiden von der Stirne perlte, ruhten ſie aus und jetzt ſahen ſie ſich mit den alten Au⸗ gen an und Guntram ſagte:„Ich hab' Dir einen Fleiſchpudding und Knoͤdeln machen laſſen; da muß die Frau Mora heut wol allein eſſen!“ Egon aber hing ſich laͤchelnd an ſeinen Arm und trat mit ihm in die kleine kuͤhle Stube, deren Fenſter von Weinlaub verhangen waren, und wo es nach Nuß⸗ baumholz roch, weil die halbe Wand mit eingelegten 4 72 Schraͤnken bekleidet war. Auch die alte blitzende Kom⸗ mode und der Eßtiſch, auf dem die blanken zinnernen Teller und Becher ſtanden, und die ſteifen hochlehnigen Schemel ringsumher— alles war von demſelben blank⸗ gebohnbn Holze. Als ſie nur erſt nebeneinander ſaßen, da zeigte es ſich bald, daß die alte Freundſchaft nichts verloren hatte. Ga die kleine Pauſe hatte in Egon faſt eine groͤßere Liebe erweckt! Er hoͤrte mit leuchtenden Augen, was aus Guntrams klugen Munde kam, und machte dabei geſchickt die Kunſtſtucke nach, welche dieſer mit Meſſer und Gabel vormachte, nachdem ſie ihr Werk an dem Fleiſchpudding und den Knoͤdeln vollfuͤhrt hatten. Daß Guntram auch fuͤr ein Vergnuͤgen des Kna⸗ ben ſorgte, worein er die Maͤdchen verflechten konnte, haben wir an der Waſſerfahrt geſehn, denn Guntrams Garten ſtieß ebenfalls an den Graben. Ihm gehoͤrte der Kahn; er lehrte ihn Egon fuͤhren und durfte ihn endlich ihm allein uͤberlaſſen, weil er hinlaͤnglich Kraft und Geſchick dazu zeigte, und da die Kinder die lieblich⸗ ſten Geſaͤnge mit einander erlernt hatten, wurden ſie auf dieſe Weiſe mit der gutigen Fuͤrſtin Morani bekannt. So nachgebend ſich nun Mora gegen Egons Um⸗ gang mit Guntram, dem Waffenſchmid, zeigte, ſo hals⸗ ſtarrig nwnſu⸗ wenn Frau Bäbili ſie aufforderte, 3 * . „ den Knaben ganz bei dem Meiſter in die Lehre zu geben, und es gehoͤrte zu dem regelmaͤßigen Gezaͤnk der beiden Frauen, welches jedesmal mit dem grenzenlos erſtaunt ſcheinenden Ausrufe der Frau Baͤbili endete:„Auf was für einen Ehrenplatz denn Frau Mora fur den großen ungezogenen Jungen warte!“ „Kommt Zeit, kommt Rath!“ ſagte Mora— „dienen ſoll er nicht, ſo lang' ich noch Finger habe zum) Nähen und Krempeln!“ Auch an jenem Abende, wo Baͤbili Egons Heftig⸗ keit erfahren, kam das Geſpraͤch beider Frauen bald auf den Gegenſtand ihres Streites zutck, und die hellen Stimmen kaͤmpften muthig mit Wiederholung der laͤngſt bekannten Gruͤnde fuͤr und wider, wobei Mora ſtets im Nachtheil erſchien, da ihre hartnaͤckige Weigerung, baarer Unſinn ohne alle Gruͤnde, blos ihren Willen kund gab, waͤhrend Baͤbili's Entgegnungen in die Au⸗ gen fallenden Rechtsgrund hatten. „Hoͤrt, Mora,“ ſagte endlich Baͤbili—„Behut Gott, aber auf dem einen Punkt iſt's nit richtig mit Euch! Da ſeid Ihr ein Faſel wie eins!“ „Mag's drum ſein!“ erwiederte Mora—„Iſt wenig Verdienſt, wenn die Leute ihr Bischen Hirn behalten; Anderen dagegen mochte es ausſchwitzen von aller er⸗ fahrnen Noth!“ 3 5 8 4 174„ Solche Wendung verfehlte nie, der guten Baͤbili zu Herzen zu gehn und ſtimmte den Ton herab, mit dem ſie ſonſt ungeduldig einſprach.„Denkt Ihr denn nichts Anderes aus fuͤr den Buben?“ fragte ſie deshalb im milderen Tone. Mora ſeufzte und ſchwieg, dann ſagte ſie in ſich hinein und wie zu ſich ſelbſt:„Er ſpeiſt die Raben un⸗ ter dem Zelte des Himmels— er kleidet die Lilien auf dem Felde— ſollte er die Kinder vergeſſen, die Keinen haben als ihn? Ich will warten auf die Gnade des Herrn! Amen.“ Frau Baͤbili trocknete die Thraͤnen mit dem Zipfel ihrer Schuͤrze und zog Hedwiga auf ihren Schooß und ſtrich ihr Koͤpfchen, und druͤckte ſie an ſich.„Still! ſtill! Mora. Der, den ihr anruft, weiß ſchon, was gut iſt. Hat er mich doch geſchickt zur Zeit der hoͤch⸗ ſten Noth— er weiß immer die Stunde! Und nun hoͤrt nur gleich, was ich noch nicht ausplaudern wollt' — doch geſcheh' es, daß Ihr Troſt habt. Ich hab' mit der Hedwiga was vor—— jal ja, mein Aeuli,“ fuhr ſie fort,„die Frau Aebtiſſin Gnaden will Dich klein Gemschen ſehn und— und— und rath mal? Was thut die Bäbili alle Jahre Großes— Schoͤnes— zu hohen Ehren verrichten?“ „Einen Käſe machen!“ jauchzte Hedwiga, denn 175 dies Ereigniß erwarteten die Kinder kaum mit weniger Sehnſucht als Frau Bäͤbili ſelbſt, da hierbei tauſend kleine Freuden fur ſie mit einliefen. „O du ſchmuckes Aeuli,“ rief Frau Baͤbili und herzte das Kind—„was es ſchlau iſt. Aber was wei⸗ ter mein Lieb? Rathe! Was hat die Frau Aebtiſſin Gnaden der Frau Baͤbili, die ein Wort mitreden darf, zugeſtanden? Nu?— nu?“ Doch hier war Hedwiga's Schlauheit zu Endez ſie ſchwieg beſchamt.„Nu,“ fuhr Baͤbili fort—„was chun die ehrwuͤrdigen Kloſterfrauen denn alljaͤhrlich? Wenn wir halt dies Jahr das weiße Roͤckchen— und die Flugel— und den Roſenkranz fur mein klein Schaͤtz⸗ chen, fuͤr Hedwiga, machten.“ Ein lautes Gejauchze der uͤberraſchten Kleinen war die Antwort. Sie war mit einem Satze von Baͤbili's Schooß und hatte ſich jubelnd an Mora's Hals geklam⸗ mert. Erſt lachte das arme Weib bei dem Anblick des gluͤcklichen Kindes, dann kehrten andere Gedanken ein und ſie ſagte traurig:„Setzt Ihr keine Spaͤße in den Kopf, Frau Baͤbili!“ „Spaͤße! Spaͤße!“ rief dieſe—„daß Gott behuͤt! Bin ich ein Faſel? He? Wo habt Ihr die Kunde her? Frau Babili taͤuſcht Keins! Was Baͤbili ſagt, iſt wahr, wie Schweizer Art! Laͤngſt,“ fuhr ſie nun eifrig 176 fort,„hab' ich der Frau Aebtiſſin Gnaden das Gemsli hier empfohlen— aber die Gnaden hatten zu viel Zu⸗ drang— die Kloſterſchule immer noch ein wollig Schaͤf⸗ chen, das von dieſer oder jener Kloſterfrau Vorſchub genoß— und bald ſoll's ein Schulkind ſein— bald ſoll's von Eltern ſein, die zu nennen— und was da all war! Aber diesmal fing ich fruͤh an— und that mir's zur Gnade erbitten, daß ich das kleine Englein erwaͤhlen thaͤt'— und da hab' ich's denn bis auf's An⸗ ſehn fertig. Nu, Liebli, ziehſt Du morgen das gute Roͤckchen an und ſetz'ſt die rothe Kappe auf und dann woll' wir ſehn, ob die Bäbili Recht bekoͤmmt? denn ich ſelbſt fuͤhre Dich vor Ihro Gnaden, die Frau Aeb⸗ tiſſin.“ Es mochte ſich jetzt etwas in Mora's Sinn wen⸗ den, und ſo wenig ſie auf Baͤbili's Worte zu achten ſchien, verrieth ihre nachdenkende Miene doch, ſie habe den Fall erwogen. Sie blickte das Kind an, was noch in ihrem Arm hing, mit einem Ausdruck, in welchem eine Fuͤlle von Liebe und Schmerz lag, dann ſagte ſie: „Halte, wer kann, wenn die Zeit kommt, die*s weg nimmt. Weiß ich, wohin s fuͤhrt? Iſt doch viel Gu⸗ tes dabei!“ „So denk' ich,“ ſagte Baͤbili—„und freut' mich, daß Euch das Verſtändniß kommt. Nu! ſo waͤr's —— — 177 denn beſprochen; und Ihr wißt, wozu ich das Herzli morgen abhole.“ Damit erhob ſie ſich und kehrte nach dem Hoſpitium zuruͤck. Kaum hatte ſie den Ruͤcken gewendet, ſo kniſterte der Bretterzaun und Hedwiga, die das kleinſte Ge⸗ raͤuſch hoͤrte, flog zur Hausthuͤr hinaus und Egon ent⸗ gegen, der uͤber die Bretterwand ſtieg, die Ziege hinter ſich her zerrend, die er glucklicher Weiſe noch auf der Wieſe gefunden hatte, und die er nun benutzte, um ſeine Ruͤckkehr vor dem Ausdruck der Verlegenheit zu ſeinem ungeſtuͤmen Betragen nur zu lebhaft fuͤhle Sonſt freilich wurde die gute Ziege, die Freundin uns Wohlthaͤterin der Kinder, durch's Haus der Frau Oberhofer gefuͤhrt, da der Bretterzaun keine Thur hatte, und ſie mochte wol ſehr erſtaunt ſein, daß ihr Fuhrer an dieſem Abende verlangte, ſie ſolle uͤber den ziemlich hohen Zaun klettern. Deſſenungeach⸗ ter verſuchte ſie, was mit knabenhaftem Ungeſtuͤm von Egon gefordert ward; ſie ſtand auf den Hinterfuͤßen hoch aufgerichtet und ſteckte ihren baͤrtigen Kopf mit lei⸗ ſem Gemecker uber den Rand des Zauns, waͤhrend Egon immerfort den Sprung verlangte, den das alte ſteife Thier nicht mehr zu machen verſtand. Auch Hedwiga redete der armen Ziege zu und hielt ihr Klee und ſogar eine Rinde Brot vor; aber wenn ſie auch zuweilen ihre ſchutzen, die er mach Thomas Thyrnau I. 3te Aufl.. 12 ſteifen Fuͤße muͤhſam in die Hoͤhe ſchob, fiel ſie doch wieder zuruͤck und ſie gab dann ihre Gegenvorſtellungen durch ein klaͤgliches Gemecker zu verſtehn. Nun ſchmolz Hedwiga's Herz; ſie verlangte, Egon ſollte zuruͤck ſtei⸗ gen und die Ziege durch Frau Oberhofers Haus fuͤhren, wie dies ſonſt immer geſchah. Dieſer Vorſchlag aber hieß Egons wunde Stellen beruͤhren, denn in jenem Hauſe war Alles, was ihm heut weh gethan, und wo⸗ ran er ſich verſuͤndigt hatte. „Das thue ich nicht!“ rief er—„in das Haus gehe ich nicht— niemals, niemals gehe ich wieder hin⸗ ein. Die Ziege ſoll heruber klett und damit ſchwang er ſich uͤber den Zaun zuruck und ergriff die gute alte Ziege an den Hinterfuͤßen und da ſie dadurch gehoben ward, ſtand ſie unter jaͤmmerlichem Gemecker wieder auf den Vorderfuͤßen und ſchaute traurig zu Hed⸗ wiga hinuͤber, die ihr die ſchoͤnſten guten Worte gab und ſie immerfort mit ihren kleinen ſchnalzenden Fin⸗ gern lockte, da ſie Egon genug kannte, um zu wiſſen, er werde nicht davon abſtehen. Doch mit einem Male nahm dieſer hinter ihr all ſeine Kraͤfte zuſammen, hob die Ziege in die Hoͤhe und ſturzte ſie uͤber den Zaun hin⸗ uͤber. Auf dieſen letzten Akt der Gewalt war weder Hedwiga noch die Ziege gefaßt, ihr blieb keine Zeit zum Springen, der Kleinen keine Zeit zu entſchluͤpfen, und ſo ſturzte das alte ſteife Thier auf Hedwiga, warf ſie um und blieb, nach einigen mißgluckten Verſuchen ſich aufzuraffen, auf ihr liegen. Mit einem Satze war Egon nun heruber und ihm entgegen ſturzte ſchon Frau Mora, die eben mit einem Kruge Waſſer aus dem Chriſtophorus⸗Brunnen zuruͤckkehrte. „unſelig Kind, was haſt Du gemacht?“ ſchrie ſie außer ſich und zog Hedwiga unter der Ziege hervor, da dieſe unbeweglich mit aͤngſtlich ſich hebendem Leibe da⸗ lag und keinen Verſuch machte, ihren kleinen Liebling von ihrer Laſt zu befreien. Hedwiga's Wange blutete und der Schreck machte ihren zarten Koͤrper unter dem Schluchzen zucken. Egon hatte ihre Häͤnde ergriffen und ſchrie ihren Namen ſo wehklagend und verzweifelnd, daß das arme Kind ſeine Schmerzen zu uͤberwinden ſuchte, ſein Aermchen los⸗ wand und ihn um den Hals faßte, und nun an ſeiner Bruſt weinte. Mora zog das Kind aus Egons Armen, und klug uͤberlegend, was ſeinem troſtloſen Zuſtande zu Hilfe kommen koͤnnte, forderte ſie ihn auf, ſelbſt die khlenden Umſchläge zu beſorgen, und nachdem ſie ſich uͤberzeugte, daß die Wunde nicht tief ging, ſondern wahrſcheinlich von dem Horn oder der Klaue der Ziege gekommen ſein muͤſſe, trug ſie das jetzt ſanft ſchwei⸗ gende Kind nach der Huͤtte auf ihr Lager und beorderte .. 12* 180 Egon, die Umſchlaͤge zu erneuen. Heimlich glaubte naͤmlich Frau Mora noch einen Kranken entdeckt zu ha⸗ ben, und das war die arme Ziege ſelbſt, die ſtill und regungslos auf dem Platze liegen blieb, wohin ſie durch Egons Gewaltthat geſchleudert worden war.— Es fand ſich, wie ſie furchtete. Vergeblich ſuchte Mora ſie auf die Fuͤße zu bringen— beide Vorderbeine waren gebrochen. Welch' ein Verluſt war dies— abgeſehen von dem Mitgefuͤhl fuͤr das lang beſeſſene Thier, das die Hauptſtuͤtze der kleinen Wirthſchaft war und außer⸗ dem das Gluͤck der Kinder, der Gegenſtand ihrer Sorg⸗ falt, ihrer Beſchaͤftigungen— ihr beſter Spielkame⸗ rad, ihr geduldiger Gefaͤhrte bei all' ihren kleinen aben⸗ teuerlichen Spaͤßen. In einem Augenblick hatte Woi die Eigenſchaften der alten guten Ziege uͤberdacht und kaum konnte ſie an⸗ ders als Egon zuͤrnen, deſſen trotziger Uebermuth, wie ſie ſogleich einſah, alles dies veranlaßt hatte. Der Junge wird zu keck unter Deiner Hand, ſeufzte ſie und vielleicht fielen ihr Frau Baͤbilis gute Gruͤnde, die ſie noch eben ſo lebhaft bekaͤmpft, mahnend wieder ein, denn ſtill weinend trug ſie die leiſe ſtohnende Ziege nach ihrem kleinen Stalle, ſicher glaubend, das Alter des Thieres werde Heilung verhindern, und dann der Ver⸗ luſt da ſein, ohne Hoffnung des Erſatzes. 181 Auch konnte Egon das neue Ungluͤck nicht lange verborgen bleiben, denn da Hedwiga etwas Milch be⸗ gehrte, ſtuͤrzte er mit einem Topfchen nach dem Stalle; er fand nun die von ihm ſo ſchwer Beleidigte unter Mora's wohlthaͤtigen Händen ſtohnend auf ihrem Lager, und die beiden verbundenen Pfoten zeigten, was er an⸗ gerichtet. Erſt ſtand er ganz erſtarrt von dem ſich haͤu⸗ fenden Ungluck, dann brach ſein ſtolzer trotziger Much zuſammen und er umklammerte die arme traurige Mora und weinte mit neuer Staͤrke ſein tiefes Herze⸗ leid aus. „Ja, Egon!“ ſagte Mora—„das gute Thier, das uns ſo lange naͤhrte, werden wir jetzt verlieren. Die Fuͤße heilen nicht wieder— ſchon iſt die Milch vergangen— ſie ſtirbt gewiß— und zum Wiederkau⸗ fen haben wir noch lange kein Geld.“ Ein haͤrteres Strafgericht war noch nie uͤber den unglucklichen Knaben ergangen. Was er auch ſpaͤter erleben mochte, troſtloſer, ſtrafwurdiger fuhlte er ſich nie, wie an dieſem Wendepunkte ſeiner Kinderjahre.— Doch ubergehen wir die weiteren Ausbruche ſeiner lei⸗ denſchaftlichen Aufregung und erzaͤhlen nur, wie er es mit den zartlichſten Bitten bei Mora durchſetzte, daß ſie ſich endlich auf ihr Lager niederlegte; und wie er nun die ganze Nacht aufblieb, und bald an Hedwiga's, bald 182 an der alten Ziege Seite ſaß, und nachdem die Kleine ſanft eingeſchlafen, nicht mehr geſtort werden durfte, nun der armen ſeufzenden Ziege ein zaͤrtlicher Geſellſchafter war, ihr das Heu aufſchuttelte, die umſchlaͤge naͤßte, Waſſer zum Trinken reichte und alle Viertelſtunden ver⸗ ſuchte, ob ſie nicht Klee eſſen werde, den er ihr jedesmal friſch von der Wieſe, mit einem Satz uͤber den Zaun ſpringend, heruͤberholte. Auch ſchien das Thier die Wohlthaten ſeines kleinen Gefaͤhrten zu fuͤhlen; immer noch ſchlug es die Augen zu ihm auf und leckte zuweilen die Hand des Knaben, als wollte es ihn troͤſten fur die unmoͤglichkeit, den Klee zu eſſen. Wir verlaſſen hier die Hutte, um zu Frau Barbara Huͤlshofen zuruͤckzukehren, welche nach der gewonnenen Ueberzeugung von Magda's Sicherheit, mit der ihr eigenthuͤmlichen Ruhe zu ihrem Lehnſtuhl zuruͤckgegan⸗ gen war, ſicher, den Gegenſtand ihrer Sorgen bald ſelbſt eintreten zu ſehen. Es war auch kaum Zeit, den Abendſegen auszuleſen, da trat ſchon Magda mit leich⸗ ten ſichern Schritten in die Thuͤr, dem Wieſenfenſter zunaͤchſt, und ſagte ſogleich:„Ich bleibe laͤnger, als Du dachteſt— heut ging es aber nicht anders.“ 183 Frau Barbara ſchwieg— und in ihrem Schweigen lag gerade die Aufforderung, mehr zu ſagen. Magda ging auch vor, als wäre ſie gerufen worden, bis zu dem Lehnſtuhl der alten Frau, dann ſagte ſie:„Ich habe heute genug erlebt.“ „Dagegen habe ich nichts!“ ehderte Frau Bar⸗ bara ruhig,„aber das unnatuͤrliche Weinen, welches ich ſah, als ich Dich ſuchte und im Kloſtergarten ſitzen fand— miffaͤllt mir.“ Schnell blitzten Magda's Augen auf— dann ſchoß eine gluhende Roͤthe in ihr blaſſes Geſicht, und nach einer Pauſe ſagte ſie:„Mir gefaͤllt's auch nicht, Baſe, und darum wollte ich es heimlich abthun.“ „Es giebt nichts Heimliches— Einer ſieht es im⸗ mer— ſelbſt wenn Menſchenaugen nicht bis zu uns reichen,“ entgegnete Barbara. „Den Einen fuͤrchte ich nicht! Mein Weinen wird nicht ſo wenig Urſach vor ihm haben, denn Er weiß den Zuſammenhang.“ Auch dieſe Aeußerung fuͤhrte noch zu keiner Frage) obwol ein forſchender Blick der Alten das Maͤdchen ſtreifte.„Thue jetzt das ſagte ſie dann ruhig. Im Augenblick flog Wagva dahin. Raſch und mit Geſchick ſette ſie Teller auf den Tiſch in der Mitte 184 des Zimmers. Dann eilte ſie hinaus, da in Frau Baͤbili's Bereich ſich noch ein Raum fuͤr die Vorraͤthe der alten Frau Huͤlshofen befand, und bald trug ſie den Napf mit geſaͤuerter Milch, das kraͤftige Brot und die glaͤnzende Butter auf. An dem Brunnen ſchoͤpfte ſie dann die blinkende Kanne voll Waſſer und ſtellte die kleinen Becher daneben; dann kniete ſie vor Bar⸗ bara hin, ſprach ein kurzes Gebet und Beide ſetzten ſich an den Eßtiſch in dem heimlich daͤmmernden Zimmer, vor dem der Abendhimmel mit auftauchenden Ster⸗ nen lag. Die Alte aß ihr gewoͤhnliches Maaß, ohne zu ſpre⸗ chen und ohne aufzublicken; Magda dagegen ließ ihren Teller leer und ihre Augen ſahen feſt durch das Fenſter. „Sollen wir nicht zuſammen eſſen?“ fragte Bar⸗ bara, als ſie das Maͤdchen ein Weilchen betrachtet hatte —„Warum ſind Deine Gedanken nicht bei Dir? Willſt Du ein Maͤdchen werden, die Alles halb thut? Willſt Du nicht wiſſen, wo Du biſt? Sollen Deine Haͤnde ohne den Lenker Deiner Gedanken wirr und un⸗ gerathen Halbes verrichten? Soll ich Deinen Leib ſehen und denken, Deine Seele habe ihn verlaſſen? Iſt das Sitte und Recht?“ Magda hatte ſich zu ihr gewendet und ſog die Worte von ihrem Munde. Ploͤtzlich ſtand ſie auf, richtete ſich —ꝛ in die Hoͤhe, athmete tief auf und ſagte dann:„Nein, Baſe! weder Recht noch Sitte— und ſoll es ſo nicht bleiben, ſo wahr ich Magda heiße! Gleich werde ich anders ſein— gieb Acht! Ich räume ſchon weg mit meinen Gedanken, ſo gut wie mit meinen Haͤnden. Ja! eſſen will ich auch— nein! nein! es ſoll mir nichts an⸗ haben!“ Doch ſturzten bei dieſen Worten dicke Thraͤ⸗ nen uber ihre Wangen.„Wie ich das haſſe, Baſe!“ fuhr ſie eifrig fort und ſtrich mit der ſchlanken Hand die Tropfen von den Wangen—„ſo wie Du ſagſt— nicht bei ſich ſein! Das iſt ſo recht, wie dann die Men⸗ ſchen ſchwach werden— und Jeder mit Solchen machen kann, was er will. Nein! nein! Baſe, ich will nicht ſchwach ſein— da ſollen ſie nur machen koͤnnen, was ich will— und ich will bei mir ſein— die Augen, die aus mir ſehen, ſollen von meinen Gedanken wiſſen!“ Sie aß waͤhrend dem haſtig die gewoͤhnliche Portion, und zwar mit einem Eifer, wie man eine Arbeit abthut. Ihr blaſſes Geſicht färbte ſich, und wenn ſie nicht zu tief in ihre eigne Gedanken verſunken geweſen waͤre, hatte ſie bemerken können, daß jetzt erſt Barbara's Au⸗ gen unruhig und erſtaunt ihrem haſtigen Weſen folgten. Doch war die ſchweigſame Frau mit der Anregung zu⸗ frieden, die ſich in Magda kund gab; ſie liebte nicht ———— 61 186 zu ſtören und ſah lieber zu, wie ſich die Menſchen um ſie her von ſelbſt einrichteten. Als Frau Barbara hinter den Vorhaͤngen ihres Bettes in der oberen Schlafkammer lag und das leiſe Tappen und Kniſtern verfolgte, womit auch die ſchwei⸗ gende Magda ſich zur Nachtruhe ruͤſtete, war ihr Herz ſorgenvoller, als ſie ſich gern zugeſtand, denn ſie wußte, Magda wuͤrde noch an ihr Bett kommen und beten, und ihr gute Nacht ſagen. Jetzt war es ſo weit. Magda ſchob die Vorhaͤnge zuruͤck. Die puritaniſche Haube war verſchwunden, die rabenſchwarzen Zoͤpfe hingen lang uͤber den Ruͤcken hin⸗ unter, eine kleine weiße Kappe war um den reizend ge⸗ formten Kopf gezogen und unter dem Kinne feſt gebun⸗ den. Sie trug um den Oberkoͤrper nichts als das weiße Hemd, das zugebunden die Schoͤnheit der jugendlichen Formen zeigte; ein Roͤckchen von buntem Damaſt machte die ubrige Bekleidung. Sie betete ernſt und ihre Stimme ward immer feſter und ruhiger— dann kniete ſie zum Segen hin— kuͤßte die alte Barbara und wuͤnſchte ihr gute Nacht. Jetzt zog ſie mit der einen Hand die Vorhaͤnge zu — Barbara horchte— ſie blieb ſtehn— leiſe oͤffnete ſie noch einmal den Vorhang— ſie ſteckte den Kopf hin⸗ ein und ſuchte die Alte— dieſe ſaß noch aufrecht— „5 — 187 „Baſe,“ ſagte ſie dann—„ich habe heute den Grafen Lacy geſehn!“ Die Alte fuhr zuſcmmen, als fuhlte ſie einen Stich — ſchon hingen die Vorhaͤnge geſchloſſen ruhig neben einander, und ein leiſes Kniſtern und das Erloͤſchen der Lampe verrieth, daß Magda zu Bette ging. Auch in dem armen Huͤttchen der Frau Mora ſank der Schlaf wohlthuend auf die Augen der Muͤden nie⸗ der, und es war eine ſonnenhelle Morgenſtunde, als Frau Mora erwachte und Hedwiga noch ſo ſanft ſchla fend an ihrer Seite fand, daß ſie ſich leiſe wegſchlich, um nach Egon und der Ziege zu ſehn. Wie lange auch der Knabe wachend ausgehalten haben mochte, endlich hatte ihn doch die Ruhe der Nacht uͤberwaͤltigt. Er lag tief eingeſchlafen auf dem Buͤndelchen Heu, was er viel⸗ leicht kurz zuvor fuͤr die Ziege aufgeſchuttelt hatte. Dieſe lag dicht neben ihm; ſein einer Arm, der jetzt zuruckgeſunken war, hatte ſie wahrſcheinlich geſtutzt; ihr Kopf lag auf ſeiner Bruſt, aber die ſteif ausgeſtreckten Pfoten ließen Mora ahnen, was hier geſchehen. Sie bog ſich nieder— das arme Thier war kalt, kein Athem hob mehr den Koͤrper, ſie war in Egon's Armen waͤh⸗ rend ſeines Schlafes geſtorben. Wie tief mußte der arme Knabe, der dies Ungluͤck verſchuldet hatte, ſein Vergehn empfinden! Sie blickte mit Theilnahme auf 188 —.——— den ſanft Schlummernden, den die Ruhe und der Schlaf verſchoͤnte, und neben den Seufzern ihrer Bruſt dran⸗ gen auch die Thraͤnen aus ihren Augen. Doch that es ihr weh, den Knaben neben dem todten Thiere liegen zu ſehn; ſie hob den Leichnam auf, trug ihn aus dem Stalle und legte ihn leicht mit Heu uͤberſchuͤttet neben der Huͤtte in's hohe Gras. Jetzt war Egon unruhig gewordenz er arbeitete ſich aus dem Schlafe empor und ſaß, gerade mit dem Erwachen kaͤmpfend, aufrecht, als Mora zuruckkehrte. Sogleich kam ihm die Beſinnung wieder— er blickte neben ſich, und als er die Ziege vermißte, ſprang er auf und rief freudig, auf Mora zuſtuͤrzend:„Ol ſag' iſt ſie wieder geſund— iſt ſie auf der Weide?“ „Nein, Egon,“ erwiederte ihm Mora—„ſie geht nicht mehr nach der Weide.“ „So hol ich ihr kuͤnftig den Klee und fuͤttre ſie ſo ſatt, als wenn ſie auf der Weide waͤre. O, liebe Mora, ſie ſoll es recht gut haben die arme alte Ziege— recht gut! und Adrian wird mir Salbe geben fuͤr ihre kran⸗ ken Fuͤße!“ „Sie hat es ſchon gut, Egon, und bedarf der Salbe nicht mehr. Aber willſt Du jetzt wol dran denken, daß Du Dich immer weniger von mir leiten laͤßt und Dein Starrſinn und Dein heftiges Weſen immer zunimmt? * 189 Weißt Du auch, daß mir alle Menſchen ſagen, Du thaͤ⸗ teſt nicht mehr gut im Hauſe? Ich ſoll Dich hinaus thun unter Maͤnner⸗Zucht, wo Du gehorchen lernſt und Dich in Anderer Weiſe ſchicken. Egon hoͤrte mit klugen Augen aufmerkſam der Rede zu, dann ſagte er:„Du willſt aber nicht, daß ich dienen ſoll— wo ſoll ich das nun erfahren, was Du willſt, daß ich lerne?“ „War' es nur eine rechte Stelle,“ ſeufzte Mora— „ſo moͤchte es drum ſein! Was kann ich dagegen? Es wächſt Alles an, und wenn die Frucht reif iſt, dann will ie fort vom Stamme. Aber unter den rohen Geſellen bei Guntram, was ſoll da aus Dir werden?“ „Aber Guntram ſelbſt“— rief Egon—„zu Gun⸗ tram ginge ich am liebſten, wenn Du mich fortſchicken willſt.“ Willſt?“ rief Mora faſt aͤrgerlich—„ich will nicht! Aber Du zwingſt mich dazu. Lange ſchon ſehe ich Dir den Sinn uͤber Gebuͤhr wachſen, und immer ließ ich es hingehn. Aber geſtern da iſt es mir ſelbſt ſicher geworden, daß Du mir entwachſen biſt; auch werde ich Dich ſchwerlich ernaͤhren koͤnnen, wenn uns die Ziege fehlt, und gut wäre es, wenn Du Nahrung und Kleidung bekaͤmeſt. Hedwiga bringe ich mit mei⸗ ner Haͤnde Arbeit eher durch.“ 1 190 Egon ließ ſie ausreden, denn obwol er jeßt ahnte, die Biege ſei todt, ſo war er doch ſo erſchuttert, daß er eine Zeitlang ſchweigen mußte. Er kam ſich wie ein Moͤrder vor— und ſeine Suͤnden ſchienen ihm das Maaß zu ſehr zu uͤberſchreiten, um verziehen werden zu koͤnnen. „Ja! ja!“ rief er endlich abgebrochen—„ laß mich fortl ich will dienen— ich will arbeiten fuͤr Dich, Mora, fuͤr Hedwiga— denn ich habe Alles verſchuldet— die Ziege umgebracht— und bin ein Boͤſewicht!“ Er warf ſich auf die Erde, in das Heu des kleinen Stalles, der das Sprachzimmer dieſer betruͤbten Men⸗ ſchen war— und der Schmerz ſchuttelte ſeinen ganzen Korper. Mora ſah ihm ſtilltraurig zuz der Augenblick betruͤbte ſie weniger, weil ſie mehr auf das ſah, was ihr nun nah geruckt war, was ihr Trennung von dem ungeſtuͤmen Liebling verkuͤndete, wenn auch die Art und Weiſe noch dunkel vor ihr lag. 8 Jetzt kam Hedwiga leiſe herbei geſchlichen, und als auch ſie den Tod der Ziege erfahren, ſtillte Egon ſeine Thraͤnen, um Hedwiga zu beruhigen, und bald verlie⸗ ßen Alle den kleinen Stall, den Schauplatz ihrer Leiden, und als ſie hinaustraten, da lag der Sommermorgen mit ſeinem ganzen Reichthum um die aͤrmliche Huͤtte! Die Linde duftete mit ihren vollen Bluͤten— und die 191 Voͤgel ſangen in ihren Zweigen. Von der Wieſe her⸗ uͤber wogte ein thauiger Nebel empor, und auf der Schulter des ſteinernen Chriſtophorus, deſſen Figur uͤber den Bretterzaun ragte, leuchtete das Chriſtuskind von der Morgenſonne vergoldet. In der Kloſterkirche aber, zu deren Fuͤßen ſich die kleine Anſiedlung befand, ertoͤnten die erſten leiſen Akkorde der Orgel und des Ge⸗ ſanges, womit die frommen Frauen des Urſulinerſtifts ihre Fruͤhmeſſe begingen. Das arme bekuͤmmerte Weib, die traurigen Kinder blickten umher und es ward milde in ihnen, ſie wußten vielleicht nicht, warum. Hedwiga zeigte laͤchelnd, noch mit Thraͤnen in den Augen, nach dem kleinen Neſte in den untern Zweigen der Linde, was beide Kinder wie ihren Schatz behuͤteten und worin eben ein lebhaftes Gezwitſcher zwiſchen den zahlreichen Inſaſſen deſſelben entſtanden war. Mora aber legte die gefalteten Haͤnde auf die Bretterwand und richtete ein inbruͤnſtiges Gebet an das gluͤhende Bild des kleinen Erloͤſers, während Egon's Augen ſich von Einem zum Andern wandten und er ſeinen kraͤftigen Geiſt aufrief, Huͤlfe zu ſchaffen fuͤr die Uebel, die er verſchuldet. In dieſen Gedanken hoͤrte er es vielleicht zuerſt, daß auf dem Pachthofe der Frau Oberhofer ſich die Staͤlle oͤffneten und Adrian, der alte Schweizerknecht, „ „ die Kuͤhe in's Freie trieb. Augenblicklich flog er in's Haus, kam mit einem Toͤpfchen zuruͤck und war nun mit einem Satze uͤber den Zaun, um ſeinen alten Freund Adrian aufzuſuchen. Frau Mora ſah ſtill zu, was der Knabe vollfuͤhrte; wußte ſie ſich doch auch kei⸗ nen beſſeren Rath, um ihren armen Kindern das noͤ— chige Fruͤhſtuͤck zu verſchaffen. Auch hatte Adrian das Vertrauen des Knaben nicht getaͤuſcht. Er kam ſogat mit ihm und trug einen kleinen Milcheimer, voll eben gemolkener Milch, der das Töpfchen Egons mehrere Male zu fuͤllen verſprach, und reichte ihn der Frau Mora hinuͤber, waͤhrend er ſelbſt bedaͤchtig nachſtieg, um die Ziege zu unterſuchen, uͤber deren plötzlichen Tod er nicht geringes Bedauern und Erſtaunen aus⸗ drückte. „Nu! nu! Frau Mora,“ ſagte er tröſtend— „laß Sie ſich's nicht ſo zu Herzen gehn. Alt war ſie — die Milch hat den Kindern nicht mehr g'taugt— das iſt alles Schickung— damit der Ueberfluß bei uns nicht umkomme!“ „Adrian,“ erwiderte Mora—„ich danke Euch heute fuͤr die Aushuͤlfe— doch jeder ſorge fur ſich— der Ueberfluß bleibt fuͤr Euch.“ Adrian kannte dergleichen abweichende Erwiderun⸗ gen und ließ ſie lieber ohne Antwort, da er nach Art ———— alter Viehzuͤchter neugierig war, den Tod der Ziege zu ergruͤnden. Er unterſuchte den Koͤrper hin und her und erklaͤrte endlich, der Leib ſei ſtark geſchwollen— ſie habe nach der fetten Weide ſich beim Falle etwas im Leibe geſprengt und dies ſei wol die naͤchſte Urſach' ihres Todes, obwol der Bruch beider Beine ihn ſpäter doch veranlaßt hatte. Die Kinder ſahen traurig der Todtenſchau zu, und es ſchien ihnen nun erſt ſicher und gewiß, die Ziege werde nicht wieder erwachen. Doch Adrian wollte ſie troͤſten und ſagte, beim Schreiner auf dem Kloſterhofe ſtuͤnden drei Ziegen; der wolle gern eine verkaufen,— und das wuͤrde ſich ſchon paſſen. „Ja,“ ſagte Frau Mora mit etwas rauhem Ton und mit dem Unwillen, den der Duͤrftige empfindet, wenn ihm zu der leichteſten Art, erfahrne Noth abzu⸗ helfen, die der Wohlhabende vorſchlaͤgt, die Mittel fehlen.—„Ja! Adrian,— das iſt Aushuͤlfe fuͤr die Reichen, nicht fuͤr Mora, die dazu noch keinen Batzen lieden hat.“ Da war Egon mit der gaͤhrenden Angſt in ſeinem Innern bis zum Entſchluß durchgedrungen. Er ergriff den Arm des alten Schweizers—„Hoͤr', Adrian,“ ſagte er haſtig—„frag, was die Ziege koſten ſoll— Mora ſoll eine Ziege haben— wenn ich weiß, wie viel Thomas Thyrnan l. 3te Aufl. 13 194 Geld wir dazu brauchen, gehe ich zur Fuͤrſtin Morani und laſſe es mir geben— und dann diene ich es ab— und werde Page bei ihr, oder Laufer, oder Gaͤrtner, oder was ſie will! Das kann man thun— davon hat mir Guntram oft erzaͤhlt.“ „Ach,“ rief Hedwiga—„warum gehſt Du nicht lieber zu dem ſchoͤnen guten Herrn, der Dich fragte, ob Du bei ihm dienen wollteſt? Der giebt Dir Alles, was Du brauchſt und mir auch. Mora, bitte ihn, daß er zu dem ſchoͤnen jungen Herrn geht, denn er wollte Egon ſogleich in Dienſt nehmen.“ „Ich aber will ihm nicht dienen!“ rief Egon— „ich will nur der Fuͤrſtin dienen, und Du brauchſt ihn gar nicht ſo lieb zu haben— und er ſoll Dir nichts geben— gar nichts; hoͤrſt Du?“ Erſchrocken uͤber ſeine Heftigkeit, flog Hedwiga zu Mora, und dieſe hatte jetzt genug durch den Knaben gelitten.„Ungerathner Bube!“ rief ſie heftig— „kann all' das Ungluͤck Dich nicht beugen, was Du ange⸗ richtet? Mußt Du immer noch Dich wie toll gebaͤrden? Ja, fort mußt Du— fort ſollſt Du, unter ſcharfe Zucht— nicht wieder unter Weiberhand!“ Erzuͤrnt wandte ſie ihm den Ruͤcken und trat in das Haus zuruck. Die beiden kleinen, einander ſo nah geruͤckten Fa⸗ milien ſollten zu einer und derſelben Zeit eine Unter⸗ 195 brechung ihrer Lebensordnung erfahren. Zwar haͤtte man Magda unveraͤndert nennen muͤſſen, wenn man nur fluͤchtig beobachtend dem Weſen des jungen Maͤd⸗ chens zuſah; denn wie gewoͤhnlich ſtand ſie fruͤher auf als Frau Barbara Huͤlshofen und traf noch mit der aufwartenden Magd zuſammen, die den Fußboden des Zimmers kehrte. So wie ſie ging, trat Magda's Wirkſamkeit ein. Sie ſtellte die verſchobenen Stuͤhle und Tiſche an ihren Platz, und mit ſchnellen leichten Schritten umherſtreifend, ſaͤuberte ſie mit geſchickter Hand alle Gegenſtaͤnde vom Staube. Dann breitete ſie ein feines gewirktes Tuch uͤber den großen Tiſch und ſchluͤpfte nun nach der Kuͤche, die eine Taſſe Kaffee zu bereiten, die Frau Huͤlshofen ſich jeden Morgen zum Fruͤhſtuͤck erlaubte, waͤhrend fuͤr Magda die friſch ge⸗ molkene Milch bereit ſtand. Als nun neben der kleinen Taſſe von Meißner Por⸗ zellan die friſchen Waizenbroͤtchen lagen und auf dem Lehnſtuhl das Andachtsbuch, ſchluͤpfte ſie die kleine Stiege hinauf in das Schlafgemach der Frau Barbara und legte die letzte Hand an den Putz der alten Dame. Denn nie verließ Frau Barbara dieſes Zimmer, ohne jene feſte ſteife Kleidung der damaligen Zeit angelegt zu haben, und es verſtaͤrkte den Eindruck ihrer kalten abgeſchloſſenen Erſcheinung, daß man ſie nie anders im 13* Hauſe ſah, als mit der blendend weißen ſteifen Flugel⸗ haube und dem ſauber in Falten gelegten Halstuche, mit dem ſchweren bauſchigen Rock von geſteppter Serge, und der dazu gehorigen Kontuſche mit breit uͤber den Ruͤcken auslaufenden Falten. um den Hals trug ſie aber eine anſchließende Erbskette von reinem Dukaten⸗ golde, an der ein goldnes Schauſtuͤck hing. Nachdem an jenem Morgen Frau Huͤlshofen ihrer Nichte gegenuͤber ſaß und das Fruhſtuͤck der Andacht gefolgt war, erhoben ſich die ernſten Bicke der alten Frau zuweilen mit beſonderem Ausdruck zu Magda, und ihr ſelbſt wollte duͤnken, das Maͤdchen habe die geſtern erfahrene Erſchuͤtterung verſchlafen, denn dieſe zarten rundlichen Formen, dieſe tiefen warmen Augen — alles war ſo unveraͤndert, ſo ohne Eindruck, daß der Waſſertropfen nicht ſpurloſer uber das liebliche Ge⸗ ſicht haͤtte gleiten koͤnnen. Auch aß und trank ſie mit gutem Appetit und ſchwatzte leichthin ein paar Worte— Alles ſchien daſſelbe und Frau Barbara erwog noch ein⸗ mal in ihrem Geiſte, ob es wirklich noͤthig ſei, ſich von ihrem Lieblinge zu trennen— denn dieſen großen und ſchweren Entſchluß hatte ſie waͤhrend der Nacht ge⸗ faßt und ihn ſogleich einzuleiten gedacht. Doch ſchien es, als bemerke Magda ihre nachdenklichen Blicke und als errege dies in ihr nun erſt Unruhe; denn das Licht 197 ihrer Wangen fing an zu wechſeln zwiſchen Blaͤſſe und Roͤthe, und dieſer Anblick trieb die Worte faſt unwill⸗ kuͤrlich aus Barbara's Munde. „Schon vor einigen Tagen hatte ich einen Brief von meinem Bruder, Magda— er fordert ſein Eigen⸗ thum zuruͤck— die Zeit ſei gekommen, meint er! Sage es den Kloſterfrauen und der Frau Aebtiſſin Gnaden, denn ich gebe meine Einwilligung.“ Magda ſah mit der groͤßten Spannung in die Au⸗ gen der alten Barbara— hoͤher und hoͤher ſtieg das Roth auf ihren Wangen— ploͤtzlich fuhr ſie auf— „Du mißtrauſt mir, Baſe! darum ſchickſt Du mich fort, ehe die Kloſterfrauen abſchließen. Du fuͤrchteſt, daß ich ihn wiederſehe, da Du nun weißt, wie ich von ihm denke!“ „Ich weiß nicht, wie Du von ihm denkſt,“ erwi⸗ derte Barbara,„und was nutzt es, wenn ich es wuͤßte. Mir iſt keine Gewalt gelaſſen uͤber Dich und die Plaͤne des ſtarren Mannes! Wos ich in Deine Seele legte von grader Anſicht der Dinge, iſt was ich Dir nutzen konnte: Warnungen ſind Spreu, die der Wind der Leidenſchaften verweht— wir leugnen, was wir erlebt, oder Andre erleben ſahn, um zu thun, was uns behagt, und die Erfahrung hoͤhnt den Kluͤgſten! In einer an⸗ dern Kappe erkennen wir das oft geſehene nicht wieder 198 oder uͤberreden uns, ſo gerade mit ihm fertig werden zu koͤnnen. Drum halte ich Dich nicht auf und mag nicht einſchreiten, denn es iſt muͤßige Arbeit!“ „Ich aber,“ rief Magda,„weiß, was Du meinſt! Lieber hoͤre ich auf Deinen Bruder, denn er ſteht mir viel naͤher als Du und Dein begrenztes Buͤrgerleben, und was mir da alles laͤſtig nah koͤmmt, das moͤchte ich mit einem Sprunge uͤberholen! Aber doch biſt Du mir ſicherer; ich kann denken, man muͤßte das immer behalten, was Du fuͤr beſſer haͤltſt, wenn man das Andere auch gern hat. Doch laß das nur gehn; wenn ich auch viel mehr wuͤnſche als Du, und es mich oft ganz ungeduldig macht, wie Du feſt ſitzeſt— doch gehoͤre ich Deinem Bruder nicht ſo ganz an, daß ich nicht wuͤßte, Du waͤrſt ſogar maͤßiger als er. Aber leben muß ich 3— und weiß noch nicht wie— vielleicht anders, als Ihr Beide wollt!“ „Das weiß ich zu meinem Troſt!“ ſagte Barbara, beſonders erweicht—„Denn wenn ich feſt halte an meiner Weiſe, und mir béwußt bin, ſie iſt eine von den tüchtigen Stutzen der gebrechlichen Welt, moͤchte ich nicht die Jugend in ſelber Art abſchließen ſehn. Ich war nicht immer wie heute, und Du darfſt vielleicht nicht jetzt ſein wie ich. Es ſind viele Wege zum Ziele — wir verſuchen oft verſchiedene— wir glauben, bald 1 ——— 199 dieſer, bald jener ſei der naͤchſte— dann verirren wir uns— das thut am Ende Alles nicht viel, die Hauptſache iſt, daß wir ein Ziel unverruͤckt im Auge haben.“ „Ich kann Dich gut verſtehen, Baſe!“ nahm Magda wieder das Wort—„Du haſt in Deiner Art, was mir ſo recht nach Sinn iſt; ich glaube, Dich hat kein Menſch gewendet, wenn Du dachteſt, es ſei recht. Feſt moͤchte ich auch ſein— und furchtlos dazu! Geſtern, Baſe! bin ich mir in keinem Stuͤcke recht ge⸗ weſen— das werde ich mir nicht vergeben und Du brauchſt mich nicht zu ſchelten— ich hab's Alles von ſelber. Ganz anders, dachte ich, muͤßte es ſein, wenn ich ihn zuerſt ſaͤhe und hundertmal hatte ich mir's uͤber⸗ legt, wie's zuſammen treffen ſollte— und nun ſchleppt mich Egon wie ein Buͤndel an's Land und wie ich denke, mit der guten alten Fuͤrſtin zu lachen,— da ſteht er mit eins da! Sieh! grad' als ob das Bild von ſeinem Oheim, wie der auch noch jung und ſchoͤn war — als ob der aus dem Rahmen traͤte. Da habe ich mich denn ſicher zuerſt gegraut, denn Du glaubſt nicht, wie mir wurde, und dann wollte ich davon laufen— denke nur! ich drehte mich um und wollte fort— in's Waſſer hinein— ertrunken waͤr' ich am liebſten— ſo heiß und angſt war mir! Ich glaube, ſie hielten mich; 200 aber wie ich mich umſah, ſtand er wieder da, und nun wußte ich, daß er es war und Alles fiel mir zugleich ein! Ach und daß Keiner wußte, was mir einfiel— daß ich ganz allein, ganz verlaſſen daſtend— nein, Baſe! das war mir, als zerſchnitte es mir das Herz. Als mich dann die gute alte Fuͤrſtin wegfuͤhrte und mich fragte, warum ich mich ſo vor dem guten Grafen Lacy erſchrocken haͤtte, da mußte ich weinen, als wäre Alles todt und begraben und wir gingen zur Leiche!“ „Haͤßlich! haͤßlich!“ ſagte Barbara—„was iſt das fuͤr ein wuͤſter Zuſtund! Du mußt Dir recht laͤſtig damit ſein.“ „Ja, Baſe! ſo laͤſtig, daß ich heute Alles todt mache in mirz und nicht ungelegen kommt es mir, daß Du mich fortſchickſt, denn ich mag zur Fuͤrſtin nicht— und thuſt Du's nur nicht aus Mißtraun, da iſt es mir ganz recht! Sieh! lange Reden halte ich dem Großva⸗ ter ſchon in Gedanken; da kann's denn nicht ſchaden, daß eine an ihn koͤmmt.“ „Was das traͤumt!“ ſagte Barbara, unwillküͤrlich die Augen gen Himmel ſchlagend—„Du wirſt ſeinen Sinn nicht beugen.“ „Wer weiß, ob ich das wollen werde,“ Magda.„Denn ſieh! lieb habe ich ihn ſehr, den alten praͤchtigen Großvater! Warm wird mir's vom Kopfe 201 bis zum Fuß, wenn ich nur an ihn denke. Was mir bei dem einfaͤllt, faͤllt mir nirgends ein; vier Ohren moͤchte ich haben, um Alles zu hoͤrenz uͤber meinen Kopf noch einen drauf, der mir denken huͤlfe— denn er hat Verſtand fuͤr Zwei. Und dann, wie luſtig kann man ſein! und dann das ſchoͤne alte Dohlenneſt— die Thuͤrmchen— die ſchoͤnen Bilder— die koſtbaren Meubles und Geſchirre— ſieh! das iſt Alles viel mehr nach meinem Sinn als hier, und ich denke immer: Etwas moͤchte ich davon behalten mein ganzes Leben lang!“ „Ja! ja!“ ſagte Barbara—„es liegt Dir im Blut! Ich hab' mein Blut wo anders her— es hat mich nie dahin getrieben.“ „Ja!“ ſagte Magda,„ſonſt könnteſt Du's haben wie Einer! Aber ſoll ich Dir ſagen, wie ich denke? Es iſt mir was werth, daß Du ganz anders biſt. Dein Leben kann ich nicht leiden, es iſt mir zu gering; aber Du ſelbſt biſt ſo— ich weiß nicht, wie ich ſagen ſoll— Dein Leben wird was, weil Du es fuͤhrſt! Ich ſeufze oft, wie Alles ſo beſchraͤnkt iſt— ſehe ich Dich aber an, dapn iſt es mir ſo lieb, als waͤre es was Rechtes. Du thuſt ſo eigen mit Allem, und ich muß oft lachen, wenn ich Dir's nachmache— denn wenn Du's fuͤr was haͤltſt, habe ich ordentlich Achtung davor; doch blos, weil Du es ſo anſiehſt.“ Barbara hatte ein weiches Geſicht unter Magda's Worten bekommen.„Laß Dir den Eindruck lieb ſein; er hilft Dir einmal irgendwo,“ ſagte ſie. „So iſt es ſchon,“ antwortete Magda.—„Nie denke ich oͤfter und lieber an Dich, als dort, wo es ſo viel ſchoͤner iſt. Da liebe ich Deinen kleinen knappen Haushalt recht und die Ruhe, die bei Dir iſt, wo man ſich ordentlich gut vorkoͤmmt! Denn hier, wo ich ſo gern das Geringe arbeite, weil es fuͤr Dich iſt, bleibt Alles in mir ruhig— aber dort, wo ich Alles gethan bekomme und mit dem Finger tippe, oder rufe, oder befehle und dann Alles da iſt, ohne daß ich mich be⸗ muͤhe, werde ich oft unruhig, denn ich weiß, Du ſaͤheſt dem mit Widerwillen zu.“ „Du mußt nicht ſo leicht uber etwas unruhig wer⸗ den— das iſt immer vom Uebel und heißt den Dingen Gewalt geben uͤber uns. Auch ſolchen Zuſtaͤnden, wie die dortigen, mußt Du gelaſſen zuſehn; wenn's Dir gefaͤllt, ſo laſſe Dir dienenz es iſt nicht groͤßerer dabei als bei manchem Nur die Un⸗ ruhe muß man abhalten.“ Magda verſank in Gedanken. Dann ſagte ſie; „Wie mir jetzt Alles dort vorkommen wird, nun ich ihn geſehen habe? Heute Morgen, ehe ich die Augen auf⸗ — 203 that, dachte ich: Wie wird's nur heute ausſehn! Ich glaubte, es muͤßte Alles anders ſein!“ „Und da wirſt Du denn geſehen haben, daß es Alles beim Alten iſt.“ Es hing mehr erwartende Frage an dieſen Worten Barbara's, als ſie ſelbſt verrathen wollte. „Doch blos darum, weil ich es will!“ ſagte Magda raſch, faſt heftig.„Ich zwinge mich, daß Alles daſ⸗ ſelbe ſein ſoll— aber mir ſchwindelt oft der Kopf. Sag, Baſe! wann ſoll ich fort? und zieht Kaͤthe auch indeſſen zu Dir?“ „Der Großvater wartet auf Antwort. Doch kannſt Du mit Hieronymus, dem Arzte, bis Prag reiſen. Von dort machſt Du's ja in wenigen Stunden, und der Großvater ſchickt Dir die eignen Leute. Du biſt dann fruͤher da, als er Dich erwartet— Kaͤthe zieht zu mir, ſo bald ich's fordere!“ „So will ich auch noch recht bei Dir bleiben die kurze Zeit,“ rief Magda.„Auch nach dem Kloſter gehe mit mir; die Nonnen werden's nicht gern ſehen, daß ich reiſe. Ich habe was gelernt die Zeit! Da war die Wahl auf mich gefallen— ich ſollte der Frau Kai⸗ ſerin das Gedicht ſagen, wenn ſie zum Dank fur den Kloſterkaͤſe hierher koͤmmt— und gern hätt' ich's ge⸗ than. Es geht mir nichts uͤber ihre große Augen und wie ſie laͤchelt— und wenn ſie geht und der ſchoͤne lange Hals ſo wogt. Gern hätt' ich ein Lächeln und einen Blick ganz fur mich allein gehabt!“ „Das kannſt Du Dir uͤberlegen und nach Gefallen einrichten; der Großvater erwartet Dich noch nicht.“ Nach dieſem Geſpraͤch trat die alte Ruhe und Leich⸗ tigkeit des Verſtaͤndniſſes zwiſchen beiden Frauen wieder ein, und als Magda geſchickt und raſch die kleinen Dienſte des Hauſes verrichtete, und Barbara's Auge mit dem Geleitsbrief irgend einer unbedeutenden Anrede dem lieblichen Weſen zu folgen trachtete, ſagte ſie ſich troͤſtend:„Sie wird nie ganz ungluͤcklich werden; ſie hat Luſt, das Leben zu handhaben. Es wird in ihr einen gefaßten Gegner finden!“ Der Graf von Kaunitz hatte die Verlobungsanzeige des Grafen Lacy von ihm ſelbſt empfangen, und es ge⸗ hoͤrte die kalte Ruhe des großen Staatsmannes dazu, um das Erſtaunen zu unterdruͤcken, welches Jeder bei der Nachricht einer ſo ungleichen Verbindung empfinden mußte. Er kannte die Fuͤrſtin und war in fruͤheren Zeiten mit dem Vater derſelben vertraut geweſen. Wie Jeder, der dieſe gute Tochter beobachten konnte, mußte ———— auch er ihr das Zeugniß eines edlen Karakters und eines mit Kenntniſſen bereicherten Geiſtes ertheilen. Aber ihr vorgeſchrittenes Alter, ihr ſtets reizloſes Aeußere ſchien doch ſelbſt dem Grafen, obwol er wenig ſolche Dinge beachtete, ein auffallendes Mißverhaͤltniß. Der Graf von Lacy bemerkte ſehr wohl den Anflug von Erſtaunen auf dem Geſichte ſeines von ihm ſo wahrhaft hochverehrten Goͤnners— aber er hatte dieſen Schritt zu oft mit zu großer Ruhe in allen ſeinen Fol⸗ gen uͤberlegt, als daß er jetzt etwas unerwartetes erfah⸗ ren konnte, und dieſe Sicherheit, dieſe innige Zufrie⸗ denheit druckte ſich ſo beſtimmt in ſeinem Weſen aus, daß der Graf ſie bald mit ihm zu theilen begann. Nach den erfolgten Begluͤckwuͤnſchungen bat ihn Lacy, der Kaiferin die verlaͤufige Anzeige zu machen, und in Folge deſſen um eine Audienz fuͤr ſich und die Fuͤrſtin zu bit⸗ ten. Als ihm der Graf auch dies verſprochen, ſchien Lacy dennoch nicht am Ende mit ſeinen Wünſchen, und Kaunitz, der den Grafen als ſeinen wohlgerathenen Schuͤter faſt zu ſich zaͤhlte, fragte ihn, was er noch wuͤnſche, und erinnerte ihn, daß ſo eben die Stunde geſchlagen habe, die ihn zur Kaiſerin riefe. Gedraͤngt von dieſer offenen Anmahnung, ſich zu erklären, uͤber⸗ wand Lacy jede Bedenklichkeit. „Euer Gnaden wiſſen, in welcher Lage der Fuͤrſt 206 Morani ſeine Tochter hinterlaſſen hat, und Sie ſind es bis jetzt geweſen, der den dringendſten Mangel von der edlen Dulderin abgehalten haben. Es gehoͤrt nicht zu den kleinſten Freuden, welche mir die Zukunft an ihrer Seite verſpricht, ſie in alle Verhaͤltniſſe wieder einfuͤhren zu koͤnnen, die Geburt und Erziehung ihr anweiſen, denn die Lacy's beſitzen ein fuͤrſtliches Ein⸗ kommen. Aber jetzt— in dieſem Augenblick leidet ſie Mangel— an dem Nothwendigſten Mangel! Denn die Schulden des Fuͤrſten bis auf die kleinſte Anforde⸗ rung zu tilgen, war die großmuͤthige Aufgabe der edlen Tochter; und ſie hat ſich von Allem nachgerade losge⸗ macht, was noch einen Werth hatte, und ſteht jetzt in jeder Beziehung von jedem Beduͤrfniß ihres Ranges, wenn ſie als Braut in der Welt erſcheinen ſoll, ent⸗ bloßt da.“ „Der Fuͤrſt Morani hat dem Staate ſtets mit der großartigen Liberalitat, die ſein Karakter war— zu ver⸗ ſchiedenen Zeiten an fremden Hoͤfen gedient.„„Uner⸗ ledigte Verbindlichkeiten gegen denſelben““ das war, denke ich, die Form, unter der Euer Gnaden ſchon da⸗ mals der Tochter die Penſion zahlen ließen, die ihre Armuth verbergen half. Sollte nicht jetzt ſich noch im Auswaͤrtigen Bureau eine unbeachtete Verpflichtung finden, die vielleicht vier bis fuͤnf Tauſend Gulden— 207 die ich hier bei mir fuͤhre— der Fuͤrſtin gerade jetzt in die Haͤnde ſpielte?“ Der Graf war bei den letzten Worten ſo gluͤhend roth geworden, daß Kaunitz ſich einen Augenblick um⸗ wendete, um das verletzte Zartgefuͤhl des jungen Man⸗ nes zu ſchonen. Aber lebhaft eilte ihm Lacy nach. „Graf Kaunitz,“ rief er—„keinem Menſchen auf der ganzen Erde wuͤrde ich ein aͤhnliches Vertrauen ſchen⸗ ken! Es mußte der edelſte, der ehrenhafteſte Mann ſein, den ich kenne, um ein ſo edles Weſen wie die Fuͤrſtin Morani in ihren Verhaͤltniſſen Preis zu geben.“ Der Graf Kaunitz wendete ſich zu ihm. Die ſchoͤne Waͤrme des Wohlwollens lag auf ſeinem Geſicht— er reichte dem gebeugt vor ihm ſtehenden Lacy die Hand. „Sie haben die Fuͤrſtin in keine Gefahr gebracht. Ihr Vertrauen, wie Ihr Wunſch— obgleich ſeltſam ge⸗ nug— findet bei mir eine verſtehende Aufnahme. Die Form wuͤrde ſich auch finden laſſen zu der Ausfuh⸗ rung— aber eins muß ich als Bedingung hinzufuͤgen — ich muß Freiheit behalten, im Fall die Sache das Ohr der Kaiſerin erreicht, mich durch die Wahrheit gegen ſie erklaͤren zu duͤrfen.“ Lacy ſchwieg.„Und iſt dies als beſtimmt zu er— warten?“ fragte er nach einer Pauſe. „Nein,“ erwiderte der Staatskanzler.„Im Ge⸗ 208 gentheil! Sie haben, denke ich, mit Ihrem Freunde geſprochen, nicht mit dem Miniſter der Kaiſerin. Ich werde die Form daher ſo einrichten koͤnnen, daß ſie wie ein Privatgeſchaͤft von der Fuͤrſtin angeſehen wird, und eine Andeutung mochte hinzuzufuͤgen ſein, die jede Dankſagung gegen die Kaiſerin zuruͤckhaͤlt.“ „Euer Gnaden werden mir damit eine ſchwere Laſt vom Herzen nehmen, und zu den großen Verpflichtun⸗ gen der Dankbarkeit, welche mein ganzes vergangenes Leben bereits enthaͤlt, eine neue nicht minder große hin⸗ zufuͤgen. Alles Uebrige uͤberlaſſe ich ohne Einſchraͤn⸗ kung Ihrem Ermeſſen.“ Mit großem Wohlwollen entließ der Staatskanzler den Grafen und am Abend beſſelben Tages erhielt die Fuͤrſtin Morani ein Taſchenbuch mit 5000 Gulden und eine Berechnung uͤber den nothwendigen geſandſchaft⸗ lichen Aufwand des Fuͤrſten, als er nach dem Tode des letzten Medicis, als Bevollmaͤchtigter des damaligen Herzogs von Lothringen, des jetzigen Kaiſers, nach Tos⸗ cana geſandt ward, welche Liquidation vom Fuͤrſten großmuͤthig vergeſſen worden war und jetzt mit den lan⸗ desuͤblichen Zinſen gerade die uͤberſchickte Summe be⸗ trug, uͤber die der Graf Kaunitz, da er ſie als ein Ver⸗ ſaͤumniß ſeinerſeits anſehen muͤſſe— ohne weitere Er⸗ waͤhnung, blos um die Unterzeichnung einer beigefugten 209 Quittung bat, welche nichts enthielt, als die Beſcheini⸗ gung: Aus den Haͤnden des Grafen von Kaunitz 5000 Gulden empfangen zu haben. Wer es kennen gelernt hat, auf einem Hoͤhepunkte der buͤrgerlichen Geſellſchaft zu ſtehen, und mit An⸗ ſpruͤchen verfolgt zu werden, die zu wurzeln ſcheinen, wo ſie einmal angenommen ſind, der wird ſich des qual— vollen Zuſtandes bewußt ſein, wenn die Mittel ver⸗ ſchwunden ſind, die einſt dieſe Anforderungen befriedig⸗ ten, und ein ſich immer wiederholendes Eingeſtaͤndniß der Armuth verlangt wird, wogegen ſich die ſtolzen Ge⸗ wohnheiten eines fruͤheren Lebens ſtraͤuben. Die edle Fuͤrſtin hatte nicht minder dieſen Wider⸗ ſpruch empfunden, weil ſie ihn mit der groͤßten Erge⸗ bung zu ertragen verſucht hatte, und die kurze Dauer ihres jetzigen Brautſtandes ließ ſie die Belaͤſtigung nur tiefer fuͤhlen, da ihre bisherige ſtrenge Zuruͤckgezogen⸗ heit ſie nicht der Beobachtung bloß geſtellt hatte. Es war daher, als ſie die Sendung des edlen Grafen von Kaunitz empfangen, als ob ein Stein ſich von ihrem Herzen waͤlzte, und ſie dankte Gott fuͤr eine Schickung, die das Andenken ihres Vaters ferner vor dem Spott oder Tadel der Welt zu ſchuͤtzen verhieß. Nur ihm, der ihre ganze Lage kannte, an deſſen zarte Sorgfalt ſie, von dem Gedanken ihrer Huͤlfloſig⸗ Thomas Thyrnau I. 3te Aufl. 14 21⁰ keit geaͤngſtigt, denken mußte— nur ihm wollte ſie dieſe Erleichterung mittheilen, und zwar mit dem edlen Stolze, ſie ihrem Vater zu danken! Nie war eine großmuͤthige Taͤuſchung beſſer gelun⸗ gen, nie mehr zur rechten Zeit auf dem ſchonendſten Wege Huͤlfe erreicht— und dennoch konnte Lach kaum dieſe Unterredung ertragen; ſie beugte ihn nieder wie einen Verbrecher, und haͤtten Zweifel uͤber ſeine Theil⸗ nahme bei der Fuͤrſtin entſtehen koͤnnen, ſein verlegenes ausweichendes Betragen haͤtte es vollſtaͤndig gerecht⸗ fertigt. Sie hoͤrte mit mehr Faſſung als bei der erſten Er⸗ waͤhnung, daß die Kaiſerin bereits ihr Verhaͤltniß zum Grafen kenne und am Ende der eben angetretenen Woche eine Privat⸗Audienz fur Beide erlaubt habe. Noch an demſelben Tage hatte ſie eine Unterredung mit Georg Prey, der ihr, eben ſo erheitert als ſie ſelbſt, verſprach, die theuren Gegenſtaͤnde aus dem Schmuck ihrer Mutter, die fie zuletzt geopfert, um die noch uͤbrig gebliebenen Forderungen zu tilgen, wieder zu verſchaf⸗ fen. Sie durfte ihre alte Kammerfrau aus dem Kuͤchen⸗ zwange erloͤſen, und der alte Hieronymus, der in der kaiſerlichen Kuͤche nicht acht Tage ausgehalten hatte, nahm ihre Stelle wieder ein. Ja es fanden ſich, nach den Wanderungen der hochbegluckten Kammerfrau durch 211 die Kauflaͤden Wiens, die verſchiedenſten Handelsleute mit den reichen Kleiderſtoffen ein, die damals zur Aus⸗ ſtattung einer Frauenkleidung noͤthig waren, und die Fuͤrſtin wählte mit dem ihr eigenthuͤmlichen Geſchmacke Spitzen und Stickereien, wie ſie zu ihrer damaligen Lage paßten, und wußte dabei in Farbe und Schnitt mit großem Takt die feine Grenzlinie zwiſchen Jugend und Alter zu halten, und den unverkennbaren Wunſch zu gefallen, mit edler weiblicher Beſcheidenheit zu vereinigen. So kam es, daß der Graf von Lachy, als er an dem zur Audienz bei der Kaiſerin beſtimmten Morgen im glaͤnzenden Hof⸗Koſtum zu ihr eintrat, von ihrem An⸗ blick uͤberraſcht ſtehen blieb, und mit Entzucken auf ſie zueilend rief, indem er ihre Hand kuͤßte:„Ich wußte nicht, daß Sie ſo ſchoͤn waͤren!“ Claudia bebte vor der ſuͤßen Schmeichelei zuſam⸗ men. Es war eine ſpaͤte Jugend, die, von dem heiß geliebten Manne erweckt, ihr ſchwellendes Herz faſt uͤberwaͤltigte. Lacy ſah ſie ſchnell erblaſſen— und als er ſie nach einem Seſſel fuͤhrte und beſorgt nach ihrem Befinden fragte, traten Thraͤnen in ihre Augen. „Fuͤrchten Sie nicht,“ ſagte ſie ſanft lächelnd— „mich allzu gluͤcklich zu machen? Dies Herz mußte auf einem kalten Boden leben lernen— jetzt— be⸗ ſchienen von der Sonne des Gluͤcks, treibt es Keime . empor, die es faſt uberfuͤllen. Ich kann denken, daß ich an dieſen Empfindungen ſterben koͤnnte.“ „Claudia!“ rief der Graf zaͤrtlich—„muͤſſen Sie mit einem ſo ſchmerzlichen Schluſſe Ihrer Worte das Gluͤck halb zuruͤcknehmen, was mir der Anfang derſel⸗ ben gab?“ „Ach!“ ſagte die Fuͤrſtin—„ſo zu ſterben— ſo im vollen Beſitz Ihrer Liebe— unberuͤhrt vom Leben — von der Einmiſchung der Welt— vergeben Sie, Lacy, wenn ich traͤume, es waͤre das Hoͤchſte, was die arme Claudia erleben koͤnnte!“ „„Nein, Claudia!“ rief der Graf mit dem heiter⸗ ſten Tone der Liebe—„ich kann Ihre nonnenhafte Schwaͤrmerei nicht theilen. Meine Hoffnungen geho⸗ ren dem Leben— dem langen Leben mit Ihnen an. Nicht fertig bin ich, wie gluͤcklich auch ſchon heute, mit meinen Wuͤnſchen; ich habe ſo viel vor, in Alles ſind Sie verwebt, uͤberall bedarf ich Sie, und fuͤhle Alles, was ich beſitze, erſt recht in ſeinem Werthe, wenn ich denke, daß es Ihnen gehoͤren wird, wie mir. Morgen, Claudia, lege ich Ihnen die Plaͤne eines geſchickten Ar⸗ chitekten vor uͤber die Ausſchmuͤckung dieſes ſchoͤnen kleinen Palaſtes; Sie ſollen annehmen und verwerfen; Ihnen will ich es, Ihrem Geſchmacke verdanken, wenn ich mich hier von allen Schaͤtzen der Kunſt und Indu⸗ 213 ſtrie umgeben ſehe. Ich bin ſehr reich und habe ſeit lange wenig gebraucht; es liegen große Revenuͤen auf⸗ gehaͤuft, die ſich ſehnen, ihre Verwandlung zu erfahren, in dieſe einzig werthvollen Schaͤtze, und Sie, theure Claudia, ſollen die Zauberin ſein, die das todte Metall verwandelt. Dann entwerfen wir unſern Lebensplan— wir muͤſſen vertraut werden mit den Beſitzungen, die uns in Boͤhmen gehoͤren. Nicht wahr, Claudia, wir wollen nicht in vornehmer Kälte am Hofe die Einkuͤnfte verzehren, die uns aus einem unbekannten Beſitze zu⸗ ſtroͤmen? An Ort und Stelle wollen wir die Quellen ſehen, aus denen unſer Wohlſtand fließt; wir wollet den Boden und ſeine Bewohner lieben lernen und ihnen etwas ſein— und was wir Gutes in uns tragen, dort in's Leben rufen. Doch eben ſo wollen wir dem großen Sterne nahe bleiben, der uber unſerm Vaterlande ſteht. Maria Thereſia muß ich zu meinem Leben rechnen koͤn⸗ nen und eine Zeit des Jahres bringen wir in Wien zu. Und jetzt zu ihr, theure Claudia! und nicht wahr, mit leichtem Herzen!“ Der Blick der Fuͤrſtin, mit dem ſie ſich erhob und ihm ihre Hand reichte, ſagte, daß ſie ſeine gelehrige Schuͤlerin geweſen war. Der Kaiſer hatte in einer fruͤhen Morgenſtunde dem Erbprinzen von S. in ſeinem Kabinet eine Audienz zu⸗ geſagt. Das Gefolge und die Hofchargen hatten Be⸗ fehl erhalten, im Vorzimmer die Herrſchaften zu er⸗ warten. Der Erbprinz von S. kam aus Italien. Man wußte, daß der Kaiſer ſeine endliche Ruͤckkehr veranlaßt habe. Beide waren ſeit ihren juͤngeren Jahren innig befreundet, und da aus der langen Abweſenheit des Erbprinzen Uebelſtaͤnde zu erwachſen anfingen, hatte der Kaiſer— zur Vermittelung aufgefordert— es uͤber⸗ nommen, den Erbprinzen aufmerkſam darauf zu ma⸗ chen und ſeine Ruͤckkehr zu bewirken. Der Erbprinz war, ohne ſein Vaterland zu beruͤh⸗ ren, nach Wien gekommen, da er ſelbſt ſich gegen den Kaiſer vertheidigen wollte uͤber die Anſchuldigungen, die ſeiner dort warteten. Er hatte in Folge ihres alten in⸗ nigen Verhaͤltniſſes eine Privat⸗Audienz vom Kaiſer erbeten, und ihm war dieſe fruͤhe Morgenſtunde, die Franz der Erſte immer ſeinen eigenen itehn widmete, beſtimmt worden. Die Hofchargen, die den Erbprinzen von S. im Namen des Kaiſers bewillkommten, erklarten ihn fuͤr einen der ſchoͤnſten Maͤnner. Er war einige dreißig Jahr, und die kraͤftigſte Geſundheit erhoͤhte die Schoͤn⸗ heit regelmaͤßiger Geſichtszuͤge und einer hohen edlen Geſtalt. Er trug die oͤſterreichiſche Generals⸗Uniform, denn er hatte in dem verfloſſenen Kriege ein bedeuten⸗ des Commando gehabt. Sein Ausdruck war, wenn er ſchwieg, ſehr ernſt, ja ſtreng; beim Sprechen milderte er ſich und verwandelte ſich oft in die anziehendſte Freundlichkeit; dann blieb nur ein Hauch von Schwer⸗ muth, der auf fruͤhen Kummer ſchließen ließ und ihn nur noch anziehender machte. Er genoß bei Allen, die ihn naͤher kannten, die hoͤchſte Achtung; er floßte eine Liebe und Hingebung ein, die er kaum zu fordern, noch ſeltner zu erwidern ſchien. Seine Tapferkeit, ſeine Um⸗ ſicht als Anfuhrer war anerkannt; ſeine wiſſenſchäft⸗ liche Bildung ſollte ihn auch in dieſem Gebiete aus⸗ zeichnen. Als er langſam durch die Vorzimmer ging, Be⸗ kannte begruͤßte, Fremde ſich vorſtellen ließ, bezauberte er Alle durch die ruhige Wahrheit und naturliche Wuͤrde ſeines Weſens, die Jeden ehrte und Keinen verletzte, und als ſich die Thuͤren des Kabinets oͤffneten und man noch Zeit behielt, zu ſehn, daß der Kaiſer ihn wie einen Bruder umarmte, fand Jeder die Auszeichnung er⸗ wuͤnſcht und natuͤrlich. 216 Beide Maͤnner waren geruͤhrt, als ſie ſich aus den Armen ließen und in die Augen blickten.„ Ernſt!“ ſagte Franz der Erſte—„vergiß den Kaiſer— laß uns hier wenigſtens die alten Jugendfreunde ſein!“ Der Prinz war tief erſchuͤttert, als er ſich ehr⸗ furchtsvoll verbeugte. Sehr verſchieden war Beider Vergangenheit geweſen! Weckte die Erinnerung beim Kaiſer nur heitre Bilder— ſchien ſie im Prinzen einen Strudel leidenſchaftlicher Bewegung aufzuregen. Die Adern der Stirn ſchwollen ihm und ſeine Farbe wech⸗ ſelte, obwol der Mann ſichtlich in ihm rang, die Herr⸗ ſchaft zu gewinnen. Mit kaum hoͤrbarer Stimme be⸗ gann er zu ſprechen:„Dies Wohlwollen, dieſe alten theuren Gefuͤhle, die uns als Juͤnglinge verbanden— ich ſcheine ſie doppelt noͤthig zu haben, und ich zitterte, ſie geſtort zu finden nach den Bemuͤhungen, die man ver⸗ ſucht hat, um mich bei Euer Majeſtaͤt zu verdaͤchtigen.“ „Darum biſt Du ja hier, Ernſt!“ rief der Kaiſer und zog ihn vertraulich zu einem Fenſterſitze, von wo aus ihnen ein großartiger Anblick Wiens geſtattet war —„darum nimmt Dich zuerſt der Freund an und die⸗ ſer ſoll erſt den Kaiſer lehren, was zu thun ihm ge⸗ buͤhrt. Biſt Du damit zufrieden?“ „O!“ rief der Prinz, mein edler, großmuͤthiger Herr“—— — 217 „Und Freund! hoffe ich,“ ſetzte der Kaiſer hinzu. „Ich weiß, wie Du biſt; wie es mir immer zufiel, Dich erſt zu erwaͤrmen, ehe unſere Seelen in Fluß ka⸗ men. Du biſt noch nicht hingebender, wie mir ſcheint; Dein Antlitz hat traurige Spuren, daß Du noch abge⸗ zogener, noch finſterer geworden biſt.“ „Ich muß um Vergebung bitten,“ ſagte der Prinz—„ich hielt mich fuͤr ſtaͤrker, als ich bin. Das Wiederſehen Eurer Majeſtat uͤberwaͤltigt mein ſchwer bekaͤmpftes Herz. Ich moͤchte grade hier wie ein Menſch empfinden koͤnnen, und das Aufleben ſo vieler theuren Gefuhle erſtickt mich— denn ſie ſind alle der Fluch meines Daſeins geworden und haͤtten mich zum Boͤſe⸗ wicht gemacht, wenn Gottes Hand den Unſchuldigen nicht beſchirmt haͤtte.“ „Faſſe Dich!“ ſagte der Kaiſer nach einer ernſten Pauſe und zog die Hand des Prinzen von ſeinem er⸗ hibten Geſicht,„ich habe viel uͤber Dich gehoͤrt, aber der Zuſammenhang fehlt mir, denn ich konnte leicht fuͤhlen, daß mir nur geſagt ward, was mich zu ihren Zwecken ſtimmen ſollte. Von Dir werde ich Wahrheit hoͤren— und dann gedenke des maͤchtigen Schutzes, der Dir ſicher iſt, ſowol von mir, wie von meiner Ge⸗ mahlin!“ „Ach! er iſt gegen das 218 Elend der Vergangenheit!“ rief der Prinz ungeſtuͤm, „Er iſt machtlos fuͤr meine elende Zukunft, denn ich darf das ewig ſtachelnde Gefuͤhl des erlittenen Unrechts nicht raͤchen, ich muß dem entſchiedenſten Verbrechen gegenuͤber ſchweigen und darf weder Huͤlfe ſuchen noch annehmen, denn— ich habe einen Mann zu ſchonen, den die Welt meinen Vater nennt!“ „Ernſt! mein Freund!“ rief der Kaiſer erſchuͤt⸗ tert—„Du biſt außer Dir— Du weißt nicht, was Du ſprichſt!“ „Ich fuͤhle mit Beſchaͤmung meine Stimmung,“ erwiderte der Prinz, mit großer Anſtrengung ſich faſ⸗ ſend—„ſie iſt nicht gemacht, das Vertrauen Euer Majeſtaͤt zu gewinnen und ſie iſt mir um ſo ſchmerz⸗ licher, da ſie mich ſelbſt uͤberraſcht. Bezaͤhmter hielt ich den Gram in meiner Bruſt; aber ich erfahre die herbe Lehre, daß die Schmerzen, die wir nicht verſoͤh⸗ nen, ihren Stachel behalten; daß ſie durch Schweigen und Abwenden zwar zuruͤcktreten— aber alsdann auf's Neue beruͤhrt mit vollen Kraͤften wie Daͤmonen aus der Tiefe aufſpringen.“ „Erzaͤhle mir,“ ſagte der Kaiſer,„erzaͤhle mir Al⸗ les, was Du erfahren, ſeit wir uns trennten; Vertrauen wird Dich ruhiger machen und ich hoffe, Du fuͤhlſt nichts in Dir, was ſich gegen dies Vertrauen ſtraͤubt.“ 2¹9 „Mein gnaͤdigſter Herr!“ rief der Prinz—„es iſt mein ehrlicher wahrhaftiger Wille, ſo Ihr es erlaubt, mein ganzes Herz vor Eurer Majeſtaͤt auszuſchutten. Ich will die Wahrheit ſagen, wo ſie meine Fehler dar⸗ thut, nnd will ſie nicht verſchweigen, wo ſie die Ver⸗ brechen Anderer enthuͤllt. Dann treffe mich der Tadel, — das Mitleid, weiß ich, kann mir nicht ausbleiben!“ Der Kaiſer druͤckte ihm die Hand und neigte das Haupt, der Prinz begann: „Eure Majeſtaͤt kennen meine Jugend, meine Er⸗ ziehung! Ich haͤtte ſie nicht nothig zu erwaͤhnen, aber je aͤlter wir werden, je mehr ſich die Begebenheiten un⸗ ſers Lebens hinter uns ſammeln, je oͤfter fuͤhrt uns un⸗ ſer Nachdenken auf die Zeit hin, die wie der Aufzug auf dem Webſtuhl die Faͤden anknuͤpft, durch welche nachher das Webſchiff des Lebens fliegt und das Gewebe entſtehen laͤßt, wie der Aufzug es bedingt!— Bei mir lagen rauhe harte Faͤden, mit feinen, glaͤnzend weichen, traurig verknuͤpft— und ſo iſt auch das Gewebe ge⸗ worden— verzeihen Euer Majeſtaͤt die Gleichnißrede — ſo bin auch ich zwiſchen Boͤſe und Gut herange⸗ wachſen, und Gott laſſe das Erſtere nicht das Staͤrkere ſein. Aber, wenn ich noch beten kann, ſo iſt es, weil das Engelsantlitz meiner Mutter ſich vom Himmel zu mir niederbeugt— wenn ich der Jahre gedenke, wo ſie 220 meine kleinen Haͤnde in einander legte und mi h Gebete lehrte, die noch jetzt in ſchweren Stunden die ſie ſendet, zu mir treten— und— ich erroͤthe nicht, es einzugeſtehn, wo ich dann dieſe Kindergebete wieder bete, und wo ſie oft viel mit fortnehmen!— Meine ungluckliche Mutter war eine Prinzeſſin aus dem Hauſe D. Das kleine Fuͤrſtenthum hatte wenig An⸗ ſpruche zu machen, und es war Hoffnung, daß meine Mutter ihrem Herzen wuͤrde folgen koͤnnen und die Ge⸗ mahlin des Grafen Lacy werden, den ſie, von ihm auf's Heißeſte geliebt, wieder liebte. Schon waren durch die geſchickten Unterhandlungen eines Freundes und ſehr gewandten Advokaten die Hoffnungen Beider der Er⸗ fuͤllung nah, da ſah mein Vater, der damalige Erb⸗ prinz, meine Mutter bei einem Beſuche, den er von Prag aus, wo er mit dem Grafen Lacy und dem Bru⸗ der meiner Mutter ſich in demſelben Erziehungs⸗Inſti⸗ tute befand, von Beiden begleitet an dem D. ſchen Pofe machte. Er ſah die Liebe von Lach und meiner Mutter! Ja er war im Vertraun— aber er gab ſich deſſenungeachtet der wildeſten Leidenſchaft zu ihr hin. Er bewarb ſich trotz ſeiner großen Jugend um ſie, und ſein Antrag zeigte ſo große und unerwartete Vortheile, daß meine Mutter nach langem Widerſtreben endlich ihrer Familie das Opfer brachte und, nur ein Jahr juͤn⸗ . 221 ger als er ſelbſt, die Gemchlin des neunzehnjaͤhrigen Prinzep ward. Aber er dankte es ihr nicht! Obwol Lacy das Vaterland floh und meine Mutter wie eine Heilige lebte, verfolgte doch entehrendes Mißtrauen ihre Schritte— und dieſes Mißtrauen traf auch mich! Von Jugend auf hatte ich in dem Vater einen Feind, einen grauſamen Verfolger. Als ob bitterer Haß an die Stelle der ſonſt natuͤrlichen Liebe getreten, ſo zitterte ich als Knabe bei ſeinem Anblick und vergalt als Juͤngling mit bitterem Trotz das eingeleitete Mißverhaͤltniß. Als die Mutter aus dem martervollen Leben, das ſie fuhrte, hinweg genommen ward, blieb ich allein, ohne Troſt, ohne Anhalt dem uͤbelwollenden Vater gegenuͤber. Ihr Tod verhaͤrtete ſeinen natuͤrlichen Karakter noch mehr; er ward dem armen Lande eine Geißel, und nur wer ſeinen Leidenſchaften diente, konnte um ihn bleiben. „Erlaſſen mir Euer Majeſtaͤt, ein Bild weiter zu vollenden, in welchem ich mit tiefem Schmerze zuletzt doch meinen Vater erkennen muͤßte. Alles, was ich ſtumm mit anſah, erregte eine ſteigende Erbitterung gegen Verfolgung und Willkuͤr in mir, und unverho⸗ len ſprach ich aus, was in mir gaͤhrte. Mir war von der Mutter ein liebebedurftiges Herz gegeben! Ich ſehnte mich unausſprechlich nach einem Ruhepunkte, einem Anhalt zur Ausgleichung ſo vieler Schmerzen. 222 Auch blieb mir Zeit, der eignen Neigung nachzugehn, denn da mein Vater den Geiſt des Widerſpruchs in mir ſich ruhren ſah, da Alles, was ich that, theils von ihm ſelbſt, theils von denen, die ihm gern im Boͤſen dienten, entſtellt ward, folgte eine Art von Verbannung vom Hofe, und ich lebte an anderen Hoͤfen oder auf einem Schloſſe unfern der Hauptſtadt, wenn dieſe Reiſen ihm noch eine zu große Gunſt erſchienen. In dieſe Zeit fallt meine erſte unvergeßliche Bekanntſchaft mit Franz von Lothringen, die der roͤmiſche Kaiſer nicht vergeſſen hat!“ „Es waren ſchoͤne Jahre!“ rief der Kaiſer—„und damals beſiegte Dein froher Jugendmuth noch die Laſt, die Du daheim zu tragen hatteſt. Du ließeſt mich nicht fremd mit dem Zwieſpalt in der Heimat, und wir Alle kannten Deinen Vater; ja! oftmals hatten ſich ſchon Unterthanen-Klagen bis zum Throne meines Schwie⸗ gervaters erhoben, und gern ſah der Kaiſer, daß Du mildere Sitten an ſeinem Hofe kennen lernteſt und in Deinem ganzen Weſen dafur empfaͤnglich warſt.“ „Zuruckgerufen nach einer ſo glucklichen Zeit,“ nahm der Prinz die Erzahlung wieder auf—„mußte ich bei Hofe erſcheinen und fand hier einen beruͤhmten Rechtsgelehrten, der als Abgeſandter von dem benach⸗ barten Fuͤrſten von Z. gekommen war, um eine Strei⸗ tigkeit auszugleichen, die meinen Vater ſchon lange be⸗ — 223 ſchaͤftigte. Sie betraf unbegreiflicher Weiſe eine gegen⸗ ſeitige Succeſſionsfrage, die mein Vater als hoͤchſt wich⸗ tig anſah zu reguliren, und zwar eine Frage, wodurch nach meinem Ableben das Land an Z. uͤberging, da der umgekehrte Fall, wenn auch ſtipulirt, doch faſt nicht an⸗ zunehmen war, da der Fuͤrſt von Z. zehn bluͤhende Kin⸗ der und unter ihnen ſechs Soͤhne hatte. Da ich der einzige Sohn war, blieb die Moͤglichkeit der Erledigung unſerer Seits allerdings wahrſcheinlicher, aber gewiß mußte es auffallen, daß ein Fuͤrſt, der einen geſunden, herangewachſenen Erbprinzen beſitzt, mit dem verwandten Hofe Verhandlungen anfaͤngt, die an das Ableben dieſes Sohnes erinnern und jener andern Linie den Beſitz ſichern ſollen. „Dieſer Abgeſandte des Z. ſchen Hofes war Thomas Thyrnau, der beruͤhmte Rechtsgelehrte, der vielleicht ſelbſt Euer Majeſtaͤt nicht ganz unbekannt geblieben iſt. Sein Name war auch mir nicht fremd. Er kannte meinen Vater, der zur Zeit ſeiner Jugend mit mehreren vornehmen jungen Adligen in der noch unter Lobkowitz entſtandenen Stiftung des alten Caspar Thyrnau, ſei⸗ nes Vaters, einen laͤngeren Aufenthalt zu Prag machte, der dazu beſtimmt war, jungen Maͤnnern, die ſpaͤter Land und Leute zu erwarten hatten, in den Rechtsſtu⸗ dien und im Staatshaushalte eine belehrende Ueberſicht 224 zu geben. Von dieſer Zeit datirte ſich die Bekanntſchaft meines Vaters mit dem Sohne, eben dieſem Thomas Thyrnau. Schon mehrere Male waren Beide wieder zuſammengetroffen, denn meine ungluͤckliche Mutter hatte dieſen Mann auch zu ihren Freunden gezaͤhlt, und er hatte ihr bei einem wichtigen Streit, den die ungluck⸗ liche gegen meinen Vater fuͤhren mußte, um meine Rechte zu ſchuͤtzen, bedeutende Dienſte geleiſtet. Es war derſelbe junge Advokat, der Freund ihres fruheren Geliebten, des Grafen Lacy, der damals ihre gehoffte Vermaͤhlung bei ihren Eltern faſt bis zum Abſchluß durchgeſetzt hatte. Deſſenungeachtet behielt er einen guͤnſtigen Einfluß auf meinen Vater, der von ihm noch am meiſten geneigt war ſich lenken zu laſſen, und ſo waͤhlte ihn denn auch der Fuͤrſt von Z. mit ganzer Zu⸗ ſtimmung meines Vaters. „Bis jetzt hatte Thomas Thyrnau mich nur als Kind und in meinen erſten Jugendjahren geſehen. Nun erſt ſollte er mich kennen lernen. Da mein Vater zur ſel⸗ ben Zeit an den heftigſten Gichtanfaͤllen litt, blieb uns zu einem naͤheren Umgange Muße genug, und dieſer umgang wurde fuͤr mein ganzes ubriges Leben entſchei⸗ dend. Er ſuchte mich uber die Folgen der Verhandlun⸗ gen zu beruhigen, die ihm ſehr wenig erſprießlich fur den Hof von. ſchienen, und denen blos die Abſicht 225 meines Vaters zum Grunde lag, mich zu kraͤnken, und bei meiner erlangten Majorennität mich in eine moͤg⸗ lichſt großere Abhaͤngigkeit zuruckzufuͤhren. Auch hoffte Thyrnau, mich mit der Prinzeſſin Thereſe, der juͤngſten Tochter des Fuͤrſten von Z., zu vermaͤhlen und ſchlug mir dieſe jungſte Tochter vor, die damals noch ein Kind war, um mir durch dies Verloͤbniß noch mehrere Jahre der Freiheit zu ſichern.„„Ich habe meinem Hofe die unwahrſcheinlichkeit eines zu erringenden Vortheils dar⸗ gelegt,“ ſagte er mir,„aber einmal angeregt, ſieht der⸗ ſelbe dennoch in dem oͤffentlich ausgeſprochenen Vertrage eine ſein Anſehn vermehrende Stellung und wuͤnſcht die Unterhandlungen fortzuſetzen. Dieſe werden ſich aber ſehr in die Länge ziehn und um ſo mehr, da ich nach dem Wunſche Ihres Vaters bei dieſer Gelegenheit einige zweifelhafte Grenzſtreitigkeiten unterſuchen ſoll, wozu auch mein Hof ſeine Zuſtimmung gegeben hat, da er dies ſchon als in ſeinem Intereſſe liegend anſieht.““ „Dieſe Verzoͤgerungen beſtimmten Thomas Thyr⸗ nau, ſeine Familie nachkommen zu laſſen, welche in einer Tochter und einer alten Verwandtin beſtand. Die Erſtere ward bei einem Hoffeſte in dem Range als Tochter eines Bevollmaͤchtigten vom Zeſchen Hofe meinem Voater vorgeſtellt und machte durch ihre aus⸗ gezeichnete Schoͤnheit, durch den bezaubernden Aus⸗ 15 Thomas Thyrnau I. 3te Aufl. 226 druck ihrer Zuͤge und durch ihr ganzes Betragen einen ſolchen Eindruck auf meinen Vater, daß der alternde Mann fuͤr alles Uebrige jede Theilnahme verlor.“— Der Prinz hielt hier ein— heftig hob ſich ſeine Bruſt— ſchmerzliche Erinnerungen ſchienen ihn faſt niederzubeugen, und der Kaiſer fuͤhlte, er ſei an den Punkt gekommen, der dem Leben des Freundes ſo verhaͤngnißvoll geworden. Nach einer Pauſe rief der Prinz: Laſſen mich Euer Majeſtät in Spruͤngen er⸗ zählen— ich kann, ich darf mich nicht in die Ein⸗ zelnheiten vertiefen, die das Gluͤck und das Elend meines ganzen Lebens geworden ſind! Der Sohn und der Vater liebten zugleich denſelben Gegenſtand. Als es Thomas Thyrnau gewahr wurde, entſagte er dem Gluͤck, die Tochter um ſich zu haben— ſie ver⸗ ſchwand vom Hofe unter dem Vorwande einer nothi⸗ gen Krankenpflege im Hauſe einer Verwandtin.— Mein Vater vertroͤſtete ſich mit der Hoffnung ihrer Ruͤckkehr, denn er haͤufte Ehren und Auszeichnungen auf Thomas Thyrnau und gab die Abſicht nicht auf, ihn ganz ſeinem Staate zu gewinnen, obwel er beſtaͤn⸗ dig abſchlaͤgige Antworten erhielt und Thomas Thyrnau ſich ſeine volle Unabhaͤngigkeit bewahrte. Ich ſuchte und fand die Geliebte. Da ihre ſtrenge Verwandtin nicht mehr bei ihr war, lebte ſie mit ihrer 227 Dienerſchaft allein in einem Landhauſe auf der Grenze des Z. ſchen Fuͤrſtenthums. Ich hatte nur einen Ge⸗ danken— ſie mir fuͤr immer zu ſichern und ſie den un⸗ lauteren Plaͤnen meines Vaters zu entziehn! Der Er⸗ zieher meiner erſten Jugend, den meine Mutter einſt waͤhlte und nur wenige Jahre gegen die Verfolgungen meines Vaters mir zu erhalten vermochte, lebte jetzt im Z.ſchen Lande als Geiſtlicher. Ihn uͤberredete ich, mir nach dem Aufenthalte der Geliebten zu folgen; er und Joſeph von Lacy, der Sohn des Mannes, der einſt meine Mutter liebte, den ich, von allem andern Verkehr mit der Welt getrennt, doch aus ganz beſondern Gruͤn⸗ den als einen treuen Freund der Geliebten kennen lernte, waren die Zeugen dieſer kirchlichen Einſegnung. Vor⸗ laͤufig folgte ſie dem Grafen nach ſeinem einſamen Gute in Boͤhmen, und ich ſuchte ihren Vater zu verſoͤhnen, welcher damals nicht mehr an dem Hofe meines Vaters anweſend war, weshalb ich ihm ſchriftlich unſer Ge⸗ heimniß entdecken mußte. Es war eine ſchwere Auf⸗ gabe, ihn zu verſoͤhnen, denn gewiß bleibt es, daß er anfaͤnglich an der Rechtlichkeit meiner Geſinnungen, an der Heiligkeit dieſer Ehe zweifelte. Als er anfing, ru⸗ higer dätuͤber zu werden, ſtutzte ihn ſein Selbſtgefuhl, denn er hielt die Tochter ſo hoch, daß er ſie jedes Thro⸗ nes werth geachtet haͤtte. 15* 228 Nachdem ſie das erſte Kind auf dem Gute des Gra⸗ fen Lacy geboren hatte, ertrug ich die weite Trennung nicht laͤnger. Sie folgte mir nach dem Schloſſe, wo⸗ hin ich zuweilen verbannt ward, und das immer unbe⸗ achtet von der ganzen Welt, mir uͤberlaſſen blieb. Da genoß ich fuͤr's ganze Leben das hoͤchſte aber kurze Gluͤck! Mein Vater hatte nie aufgehoͤrt, dem Gegenſtande, der ihn ſo ſpaͤt entzuͤndet hatte, nachzuſpuͤren, und die Vergeblichkeit ſeiner Nachforſchungen ſteigerte nur ſei⸗ nen ungeſtuͤmen Sinn. Er fing an, Thomas Thyrnau zu mißtrauen und wendete ſich wieder zu ſeinen alten Guͤnſtlingen. Sie waren nur zu geſchickt, ihm zu die⸗ nen! Meine Gemahlin hatte mir eine Tochter und dann einen Knaben geboren— da ward ihr Aufenthalt meinem Vater entdeckt, und er erkannte jetzt in dem nie geliebten Sohne den Nebenbuhler. Sein Zorn war un⸗ gemeſſen, aber man hielt die Machtgebote, die ihm die wuͤnſchenswertheſten waren, zuruͤck. Man fuͤrchtete den muͤndigen Erbprinzen. Mein Vater ſelbſt hatte Wahr⸗ nehmungen an mir gemacht, die ihn fuͤrchten ließen, ich konne, bei offnem Angriff, offnen Widerſtand leiſten, und ſchon war mir die Gnade Eurer Majeſtat ein Schutz, den man ungern hervorgerufen haͤtte. So wurden andre Waffen verſucht. Ich erhielt Befehl, mich mit der Prinzeſſin Thereſe zu vermaͤhlen, deren — große Jugend man nicht mehr gelten laſſen wollte— die ich nie geſehn hatte und aus allen dieſen Gruͤnden offentlich und ganz beſtimmt verwarf. Euer Maje⸗ ſtaͤt kennen dieſe Angelegenheit, ich mußte damals auch dem gnaͤdigſten Befehl widerſtreben, und meine be⸗ ſtimmte Weigerung uͤberzeugte jetzt den Fuͤrſten, daß ich vermaͤhlt ſei. Er hatte mich nicht fangen konnen und haͤtte dies lieber gethan, als das Weib angreifen, das er nicht vergeſſen konnte— gegen das er jede Ge⸗ waltthat zuruͤckhielt.“ „Da hatte man mit unbegreiflicher Liſt unter die treuen Diener, die meine Gemahlin umgaben, einige andere zu miſchen gewußt. Eines Abends lagen meine beiden Kinder nach genoſſener Milch im Sterben! In derſelben Stunde kam ich an— und, wie es immer meine Gewohnheit war, von meinem treuen Arzte beglei⸗ tet— er erklaͤrte ſie fur vergiftet— und rettete nur den Knaben, der am wenigſten genoſſen— mein alteſtes bluͤhendes Madchen erwachte nicht mehr! Meine Ge⸗ mahlin hatte durch Zufall von der täglichen Speiſe nicht genoſſen!“ Der Prinz ſprang auf und oͤffnete das Fenſter. Der Kaiſer trat zu ihm und faßte ihn in ſeine Arme. „Ernſt!“ ſagte er dann—„ich bemitleide Dich aus vol⸗ ler Seele— undich hoffe, Deine Erzaͤhlung iſt am Ende!“ 230 „Nein! nein!“ ſchrie der Prinz und ſchlug ſich ver⸗ zweifelt an die Stirn—„ſie iſt nicht zu Ende! Ich entfloh mit Weib und Kindern nach Boͤhmen— unter dem Schutz des Grafen Lacy wollte ich ſie retten! Er hatte bis dahin von ſeiner Familie getrennt, noch immer einſam auf einem Schloſſe in Boͤhmen gelebt. Ich fand ſeine Leiche. „Maria Thereſia hatte indeſſen den Thron ihrer Vater beſtiegen. Bedraͤngt von Seiten ihrer treuloſen Feinde wuͤthete der Krieg ſchon mehrere Jahre und er⸗ forderte das Aufgebot aller Mittel. Ehrenvoll und un⸗ abweislich riefen mich Euer Majeſtät zur Armee. In einer kleinen deutſchen Landſtadt barg ich die troſtloſe „Mutter mit ihren Kindern. Eine Zeit lang erhielt ich nur gute Nachricht— ſie hatte mir noch eine Tochter geboren— dann verfiel die Geſundheit der erſchuͤtterten Mutter. Waͤhrend einer kleinen Pauſe des Krieges, als die Armeen ruhten, nahm ich Urlaub und eilte nach dem Landgute, welches ſie ſpaͤter bezogen. Das Haus war veroͤdet— und nur ein alter, an ſchwerer Krank⸗ heit darnieder liegender Diener erzaͤhlte mir das Ende. Mein Vater hatte den Aufenthalt meines Weibes ent⸗ * deckt und war ſelbſt gekommen, ſie zu ſehen. Was bei dieſer Zuſammenkunft geſchehen, wußte Niemand. Nach acht Tagen war ein Abgeordneter erſchienen— er hatte 231 Antwort gefordert, weiter wußte der Greis mir nichts zu ſagen. Meine Gemahlin fing an, ihrer ganzen Die⸗ nerſchaft zu mißtrauen— Tag und Nacht behuͤtete ſie ihre Kinder allein— nur von einer geringen Kinder⸗ frau und dem alten Diener unterſtuͤtzt. Es half ihr nichts. Jetzt haßte mein Vater ſie auch, und ploͤtzlich endete ſie unter Konvulſionen ihr Daſein— aber als ſie verſchied, lagen ſchon meine Kinder vor ihr im Sterben.“ „Entſetzlich! entſetzlich!“ rief der Kaiſer und ver⸗ huͤllte ſein Geſicht. Der Prinz ſank zuſammen und ſchien der Erinnerung zu unterliegen. „Und ihr Vater?“ fragte der Kaiſer—„Thomas Thyrnau— wo war er?“ „Er war noch immer in Frankreich— er hatte dort Geſchaͤfte, und ich erfuhr nicht, wo er war. Der Krieg trennte gaͤnzlich jede Verbindung— er erfuhr die ver⸗ aͤnderten Verhaͤltniſſe, die er vollig geſichert hielt, erſt als Alles verloren war.“ „Es iſt genug, um die Seele eines Mannes zu truͤ⸗ ben,“ ſagte der Kaiſer mit tiefer Wehmuth.„Armer Ernſt! Dein Leben iſt fruh erſchuͤttert. Doch ermanne Dich! Ich weiß, Du biſt mit Deiner Erzählung noch nicht fertigz aber ich begreife ſchon im Voraus, wie das Verhaͤltniß zu Deinem Vater ſo ſchlimm werden konnte.“ Der Prinz ſtand auf, und allmaͤlig trat die Kraft in alle ſeine Glieder zuruͤck. Er hob die gepreßte Bruſt und ſein Geſicht bekam einen heftigen— zuͤrnenden Ausdruck:„Von dem Grabe meines Weibes, noch mit den Flecken der Erde von ihrem Huͤgel an meinem Kleide, flog ich mit Kourierpferden nach S. Ich fuhr in den Schloßhof ein— Alle draͤngte ich zuruͤck, die mir entgegeneilten— man hielt mich fuͤr wahnſinnig! Vor dem Kabinet meines Vaters ſtanden die Teufel Wache, die ihm geholfen— ſie ſtuͤrzten ſich mir in den Weg, um mich aufzuhalten— ich ſtieß ſie weg wie ein Ge⸗ wuͤrm, was uns den Fuß beſchmutzt. Die Thuͤr war verſchloſſen— ich rannte ſie auf— ich ſtand vor dem Verbrecher— ich ließ ihm keine Zeit— ich ſagte ihm, daß ich von ihrem Grabe kaͤme— ich nannte ihn Moͤr⸗ der— Giftmiſcher und verfluchte den Boden, worauf er ſtand. Dann verließ ich ihn und das entehrte Land, und dieſelben Kourierpferde brachten mich zur Armee!— Oft hoͤrte ich meine Tapferkeit loben——“ „Du warſt ein Loͤwe!“ rief der Kaiſer.— „Aber keine Kugel traf mich,“— ſagte der Prinz gepreßt—„keine Klinge war fuͤr mich geſchliffen, und als der Frieden Jedem die Heimat zuruck gab— floh ich die meinige und habe in Italien gelebt— wenn das leben heißen kann!“ In großer Gemuͤthsbewegung ſchritt der Kaiſer auf iheeetäte —————— und nieder, und in Gedanken vertieft, blickte der Prinz an den Fenſterſitz gelehnt, uͤber das im Morgenlicht heiter leuchtende Wien. Endlich fuhlte er die Hand des Kaiſers auf ſeiner Schulter— er hob ſich achtungvoll empor. Der gewaltſamen Aufregung war die muͤde Ruhe ge⸗ folgt, die widerſtandslos ſich dem Augenblicke ergiebt. „Ernſt!“ ſagte der Kaiſer—„ich wollte Dich bere⸗ den, nach Deinem ſchoͤnen kleinen Lande zuruͤckzukeh⸗ renz ich wollte Dich bitten, der edlen Prinzeſſin The⸗ reſe, die zugleich meine Verwandte iſt, Deine Hand zu reichen— aber ich habe zu Allem den Muth verloren.“ „O mein gnaͤdigſter Herr! mein theuerſter Freund!“ rief der Prinz— „Das Einzige, was ich von Dir erbitte, iſt, daß Du bei mir bleibſt, daß Du an einem deutſchen Hofe, unter Deutſchen dem Vaterlande nicht ganz entfremdet werdeſt und die Zerſtreuungen ohne Widerſtand auf Dich wirken laͤßt, die hier ungeſucht fuͤr Dich in dem großen Wirkungskreiſe meiner Gemahlin und Deines Freundes liegen. Sage mir, ob Du mit dieſem Vor⸗ ſchlage glaubſt ausreichen zu koͤnnen— und uͤberlaſſe es dann mir, Dich vollſtändig gegen jede Belaͤſtigung des Fuͤrſten von S. zu ſchuͤtzen.“ „Als ich dem Rufe Eurer Majeſtaͤt folgte,“ erwi⸗ derte der Prinz—„faßte ich den feſten Entſchluß, mein 234 trauriges Schickſal der Wahrheit nach aufzudecken und mich dann in Alles zu finden, was Euer Majeſtaͤt uber mich beſchließen wuͤrden. Die Entſcheidung, die mein großmuͤthiger Herr und Kaiſer ſo eben uͤber mich aus⸗ geſprochen, iſt eine Gunſt, die ich nicht hoffte. Sie iſt ſchonend, wie das gefuͤhlvollſte Herz ſie nur erdenken konnte, und ſie iſt weiſe zugleich, um die Kraft zu pru⸗ fen, die ſich vielleicht noch gerettet; denn der Zweifel gehoͤrt nicht zu den kleinſten Daͤmonen, die mich ver⸗ folgen.“ „So dachte ich,“ erwiderte der Kaiſer.„Du wirſt aber abſchließen mit der Vergangenheit und dann es mit Freude empfinden lernen, daß, wenn hundert Tauſend Menſchen mit ihrem Wohl und Wehe auf unſere Tu⸗ genden angewieſen ſind, wir noch etwas Hoͤheres zu fuͤhlen haben, als unſer eignes Schickſal, und— auch Glͤck iſt Dir vielleicht noch nicht ganz und fuͤr immer verloren.“ 6 Sie wurden durch das Geraͤuſch an einer inneren Thuͤr unterbrochen, und der Kaiſer, der es augenblick⸗ lich zu vernehmen ſchien, eilte ſchnell, dieſelbe zu oͤffnen. Vor ihm ſtand Maria Thereſia, ſchon in dem vollen Koſtuͤm, in welchem ſie dem Staatsrathe zu praͤſidiren pflegte. Lange hatte der Prinz ſie nicht geſehn. Die hohe — ———— ( N S 6 E Vollendung Se ſchoͤnen 4 h Seceturs ſchien ihn ganz zu uͤberwaͤltigen. Die Kaiſerin trat in⸗ deſſen ein; ihr folgten zwei juͤngere Damen, ihre Hof⸗ fraͤulein, die der Kaiſer nun ebenfalls begrußte, während die Kaiſerin gegen den Prinzen vorſchritt. „Der Erbprinz von S. iſt uns in gutem geblieben,“ ſagte ſie mit einem holden Neigen ihres Kopfes, waͤhrend ihr lieblicher Mund mit der ſanfteſten Freundlichkeit laͤchelte.—„Ich denke, unſere Armee wird eben ſo wie wir ſelbſt ſich des guten Einfluſſes er⸗ innern, welchen die beſondere Hingebung und Tapfer⸗ keit Euer Durchlaucht bewirkte. Es macht uns daher Vergnuͤgen, Sie willkommen zu heißen— und auch der Kaiſer wird ſich gefreut haben, Sie wiederzuſehn!“ „Eure Majeſtaͤt erhoͤhen durch Ihre Gnade das Gluͤck, welches mir die gnädige Aufnahme des Kaiſers ſchenkte und das treue verehrende Herz, das ich wieder mitbrachte, ſcheint mir zu gering fuͤr ſo viel Huld und Guͤte.“ „Wir wollen es uns dennoch lieb ſein laſſen,“ laͤ⸗ chelte die Kaiſerin—„denn es ſteigt dagegen wohl mit Grund einiger Zweifel auf, wenn man, wie Euer Durchlaucht beliebten, Jahrelang das deutſche Vater⸗ land verlaͤßt und in einem fremden Lande Zeit, Kräfte und Mittel zu verwenden vorzieht.“ 236 Der Prinz ſchwieg und die Kaiſerin, die leicht warm ward, ſetzte hinzu:„Nicht Recht will uns beduͤnken, daß ein Erbprinz ſeinem Lande fremd wird— und die Klagen, die wir daruͤber gehoͤrt, ſcheinen uns nicht un⸗ gegruͤndet.“ „Ich bin angeklagt,“ erwiderte der Prinz mit Ruhe—„und habe den Schein gegen mich. Aber die gerechteſte Fuͤrſtin, deren Blick die Tiefen der Menſchen durchdringt, wird nicht uͤber den Ungehoͤrten richten wollen.“ „Dies, hoffe ich in Wahrheit, iſt nicht unſere Art!“ ſagte die Kaiſerin in milderem Ton— und eben trat ihr Gemahl, der mit den Damen ſprechend erſt jetzt die gefaͤhrliche Wendung der Unterredung vernom⸗ men hatte, zu Beiden heran. „Und vielleicht“— ſagte er freundlich ß— „nimmt mich meine Gemahlin indeſſen als Buͤrgen an, da ich bereits alle Verhaͤltniſſe des Prinzen kenne und ihn Ihrer Gnade empfehle, mit der Ueberzeugung, wie ſehr er ſie verdient.“ „Das hoͤre ich gern,“ erwiderte die Kaiſerin— „und es iſt fuͤr den Augenblick ganz ausreichend. Jetzt aber wollen wir uns mit der Bitte an Eure Majeſtät wenden, um die wir Sie ſchon ſo fruh belaͤſtigen. Un⸗ ſer wartet im Vorzimmer ein kleiner Faſtnachtsſcherz! 237 Die Kloſterfrauen von St. Urſula ſchicken uns wieder ihren jaͤhrlichen Tribut, einen unvergleichlichen Kaͤſe, den wir ſtets geneigt ſind mit gebuͤhrendem Lobe hinzu⸗ nehmen und den die guten Noͤnnchen mit allerlei Ver⸗ kleidungen umhuͤllen und dabei Monate lang allen Hu⸗ mor, wie er in einem Kloſter ſich vorfinden will, ver⸗ wenden, um ein nie dageweſenes Schauſpiel darzuſtel⸗ len. Wollen Euer Majeſtaͤt mir die Ehre erzeigen, mich zu begleiten? Ich weiß, daß dies die Freude der guten Damen, wenn ſie es erfahren, ſehr erhoͤhen wird.“ „Das iſt in Wahrheit ein ſehr willkommener Vor⸗ ſchlag!“ entgegnete der Kaiſer.—„Nur ſetzen wir die Bedingung, daß Euer Majeſtät eben ſo bereitwillig ſind, mit uns nachher den ſchoͤnen Kaͤſe zu theilen, wie jetzt uns beim Empfang deſſelben zuzulaſſen.“ „Wir wollen ſehen!“ erwiderte die Kaiſerin— „und vielleicht werden Sie dann einräumen muͤſſen, daß er es verdient, wenn wir uns ſtets die Form, in der man uns dieſe Gabe e darbringt, gefallen laſſen und uns gern dankbar dafuͤr bezeigen. Fordern Sie den Erbprinzen auf, uns zu begleiten— er wird dann er⸗ fahren, daß der Suͤddeutſche ſchon Phantaſie und Laune genug beſitzt fur kleine Mummereien, wie er ſie in Italien fand— und welchen Werth ſie uͤberdies noch 238 haben durch den Grund harmloſer Biederkeit, treuer kindlicher Geſinnung gegen ihren angeſtammten Ober⸗ herrn— und wie es von dem wohlthuendſten Einfluß iſt, ſich ſolche kleine Scenen des Volkslebens nahe kom⸗ men zu laſſen— nicht allein fuͤr das Volk, was da⸗ durch ſich inniger anſchließt— ſondern zugleich fuͤr uns ſelbſt, die wir den Karakter deſſelben daran erkennen lernen. Eine hoͤchſt wichtige Erfahrung fuͤr Alle, die regieren wollen!“ Der Kaiſer bot ſeiner Gemahlin den Arm, nach⸗ dem er dem Prinzen einen Wink gegeben hatte, einer hinter der Kaiſerin ſtehenden jungen Dame den Arm zu geben, waͤhrend die zweite Dame die Schleppe der Kaiſerin mit den Fingerſpitzen faßte und ſo zwiſchen beide Paare trat. Der Prinz war zu zerſtreut und abgezogen, um gegen die Dame, die er fuͤhrte, mehr als ein hoͤflicher Begleiter ſein zu koͤnnen— plotzlich redete ihn dieſelbe an.„Der Weg iſt zu lang, um ihn ganz ſtumm zu⸗ ruͤck zu legen; wollen Sie mir ſagen, an weſſen Arm mich die Furſorge des Kaiſers verwies?“ Der Prinz blickte erſtaunt auf.„Ich glaubte, Euer Gnaden haͤtten gehoͤrt, daß ich der Erbprinz von S. bin?“ Er fuhlte den ſchoͤnen Arm in dem ſeinigen zucken, 239 und ſah, daß die junge Dame ſich entfaͤrbte.„Nun in Wahrheit,“ erwiderte ſie lebhaft—„Seine Maje⸗ ſtaͤt ſind ſehr vorſorglich! So viel iſt gewiß, mein Ge⸗ ſpraͤch mit dem Kaiſer hat mich verhindert es zu hoͤren, daß die Kaiſerin Euer Durchlaucht vielleicht ſchon nannte.“ „Aber“— ſagte der Erbprinz—„ich will hoffen, Euer Gnaden ſind nicht ſchon im Voraus gegen den Beſitzer des Namens— den Sie befahlen kennen zu lernen— eingenommen und ich habe dadurch einigen Anſpruch erlangt, denjenigen zu erfahren, den meine Gefaͤhrtin tragt?“ „Ganz und gar nicht,“ rief das Fraͤulein lebhaft, —„denn— häatte ich nicht die gewoͤhnliche Rolle der Frauen uͤbernommen— naͤmlich die der Neugierde— ich wette, Euer Durchlaucht gingen noch in derſelben angenehmen Zerſtreuung an meiner Seite wie zu An⸗ fang, und dieſe abgenöthigte Theilnahme, die ich jetzt erfahre, will ich nicht an meine Perſon gefeſſelt ſehen, die Sie dann kuͤnftig mit Namen nennen koͤnnten, um ihre Thorheit zu belaͤcheln.“ „Sie ſind ſehr ſtreng, meine Gnaͤdige,“ ſagte der Prinz, unwillkuͤrlich angezogen durch ihr harmloſes lebhaftes Weſen.„Sie werden mich zwingen, andern Rath zu holen, denn unmoͤglich koͤnnen Sie verlan⸗ 24⁰ gen, daß ein Mann nur wenige Minuten Ihrer Rede horchte, ohne das lebhafte Verlangen, ſo großen Ge⸗ nuß an eine Perſon zu knuͤpfen, die er kuͤnftig nennen darf.“ „Mit meinem Willen ſollen Sie das nie erfähren,“ fuhr das Fraͤulein ſogleich heraus—„und wenn Euer Durchlaucht anfangen, mir Hoͤflichkeiten zu ſagen, ſo werde ich untroͤſtlich ſein; denn nichts wird mich von dem Vorwurf frei ſprechen, ſie ſelbſt faſt mit Gewalt herbeigefuͤhrt zu haben.“ „Meine Gnaͤdigſte,“ ſagte der Prinz—„ich ge⸗ ſtehe ein, daß in dem Augenblick, wo mir das Gluͤck Ihrer Bekanntſchaft zu Theil ward, ich zu tief erſchut⸗ tert war, um mich dem hoͤchſten Reiz des Lebens hin⸗ geben zu koͤnnen. Ich muß dies ausſprechen, wie ſchwer es mir auch wird, um mich gegen den unnatuͤr⸗ lichen Vorwurf zu ſichern, daß ich an dem Arm einer ſolchen Dame meine Zerſtreuung beibehielt! Beleid'gen mich Euer Gnaden nicht, indem Sie mir dies aber⸗ mals als Hoͤflichkeit anrechnen.“„ .. 7 „Genug denn!“ erwiderte das Fraͤulein—„wir wollen abbrechen, wenn ich auch noch nicht beſtimmen moͤchte, ob das Waffenſtillſtand oder Frieden heißt?“ „Laſſen Sie es Frieden ſein!“ rief der Prinz mit mehr Waͤrme, als er begreifen konnte. 241 „Still! wir kommen in die Zimmer der Kaiſerin,“ fluͤſterte das Fraͤulein.„Geben Sie doch Acht, es ſind ſchon lauter beobachtende Augen um uns her, und ich will nicht beobachtet ſein,“ ſetzte ſie raſch hinzu, verließ mit großer Schnelligkeit ſeinen Arm und ver⸗ ſchwand durch eine Seitenthuͤr. Noch ruhte das Erſtaunen auf dem Angeſichte des Prinzen, als der Kaiſer ſich jetzt von ſeiner Gemahlin wendend, etwas uͤberraſcht den Prinzen allein ſtehen ſah. „Nun!“— ſprach er—„hat Ihre Dame Sie verlaſſen?“— „In Wahrheit fuͤhlt man ſich verlaſſen;“ ſagte der Prinz—„wenn ein ſo lebhafter Geiſt ſich von uns entfernt, und ich bedauere nur, daß ich ſie nicht habe bewegen koͤnnen, mir ihren Namen zu ſagen.“ „Hat ſie Ihnen gefallen?“ ſagte der Kaiſer lächelnd. „Ja! daran erkenne ich ſie— wahrſcheinlich ſagten Sie ihr Ihren Namen, was ich ihr vorher verweigerte!“ „Dazu hatte ich kein Recht, ſobald ſie ihn zu hoͤren befahl,“ erwiderte der Prinz. Waͤhrend dem wurden die Thuͤren nach der Bilder⸗ Gallerie geoͤffnet, worin die Kaiſerin heute beſtimmt hatte, den Kloſterkäſe zu empfangen. Der Saal war ſchon mit einem Kreiſe von Perſonen aus der Hofge⸗ ſelſchaft angefuͤllt, die Alle das Vergnogen dieſer klei⸗ Thomas Thyrnau I. 3te Aufl. 16 nen Maskerade ſeit langer Zeit mit der Kaiſerin zu theilen pflegten und aus deren Mitte der junge Erzher⸗ zog Joſeph ſogleich ſeinen Eltern entgegeneilte. „Mein Lieber!“ ſagte die Kaiſerin, indem ſie ihn kuͤßte—„ich freue mich, daß Sie heut Gelegenheit haben werden zu ſehn, welch eine Aufheiterung es ge⸗ waͤhrt, die unſchuldigen Beweiſe von der Liebe unſerer Unterthanen entgegen zu nehmen.“ „O!“ ſagte der Erzherzog—„das weiß ich ſchon lange! Die Volksfeſte ſind mir viel lieber, als die Hoffeſte.“ „Ihre Lebhaftigkeit verleitet Sie immer zu irgend einer Uebertreibung,“ erwiderte die Kaiſerin mit erhoh⸗ ter Farbe—„wir muͤſſen unterſcheiden lernen zwiſchen dem Vergnuͤgen, was fuͤr uns paßt, und dem, welchem wir wohlwollend beiwohnen duͤrfen, ohne es zu einer Liebhaberei zu machen. Wir wollen, wenn's beliebt, Platz nehmen“— ſagte ſie darauf, gegen ihren Ge⸗ mahl gewandt—„und Erlaubniß ertheilen, den klei⸗ nen Mummenſchanz einzufuͤhren.“ Waͤhrend dieſer Zeit war die Dame wieder erſchie⸗ nen, die der Erbprinz gefuͤhrt. Sie gruͤßte vornehm, aber freundlich, welches ſehr achtungsvoll erwidert ward, und nahm in der Reihe hinter der Kaiſerin ihren Platz. Der Prinz betrachtete ſie nun erſt genauer. Sie hatte — die ausgebildete Schoͤnheit eines Maͤdchens von ſechs⸗ undzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, eine volle ſchoͤne Geſtalt uͤber mittlere Große, freundliche laͤnglich geſchnittene blaue Augen, eine kleine, feine, etwas gehobene Naſe, aber zu dem klugen friſchen Geſicht ungemein paſſend, einen wunderſchoͤnen vollen Mund mit glaͤnzenden Zaͤhnen und die reizendſte und zarteſte Geſichtsfarbe, wodurch die dunklen etwas ſtarken Au⸗ genbrauen ſich noch mehr hoben. Jede Bewegung war Leben und Ungezwungenheit, und der Ausdruck von Verſtand und Karakter war gewiß die erſte Wahrneh⸗ mung eines Jeden, der ſie anſah. Der Prinz hatte uͤber dieſen Beobachtungen vergeſ⸗ ſen, daß er ihren Namen ſogleich erfahren koͤnne, denn ſie ſchien von Allen gekannt. As ſie ſich aber plotzlich umſah und ein ſpottiſches Laͤcheln ihn herausfordernd traf, wandte er ſich im ſelben Augenblick an den Herzog von Lothringen, neben dem er ſtand und rief faſt zu laut:„Koͤnnen mir Euer Hoheit ſagen, wer die Dame hinter der Kaiſerin iſt?“ „Die, welche uns anſieht und eben gegen Sie oder gegen mich den Finger aufhebt?“ fragte der Herzog. „Dieſelbe,“ entgegnete der Prinz—„obwol ſie eben wieder, vielleicht keinem Andern wahrnehmbar, mit dem Finger drohte.“ 16* 244 „Das iſt die Prinzeſſin Thereſe!“ erwiderte nun der Herzog—„unſere Coufine, und Sie beweiſen Ihren Geſchmack, mein lieber Prinz, gerade nach ihr die Frage zu ſtellen. Nun,“ ſetzte er lachend hinzu— „ich kann Ihnen den Troſt geben, daß ſie weder ver⸗ lobt noch verſprochen iſt.“ Der Prinz behielt nicht Zeit zu antworten; Alle drängten ſich im ſelben Augenblick vor, denn die Thuͤ⸗ ren nach dem Vorzimmer oͤffneten ſich und es zeigte ſich ein reizender Anblick, der die Augen Aller S und jede Unterredung unterbrach. Es kam naͤmlich ein kleiner Wagen angerollt, den zwei ſchneeweiße Laͤmmer zogen, welche wieder von wei Kindern gefuͤhrt wurden, die in Engelskleidern, mit bunten Fluͤgeln und Myrthenkraͤnzen im Haar, auf jeder Seite der ziehenden Laͤmmer gingen. Ein Kunſt⸗ werk aber wat der kleine Muſchelartige Wagen, der von Moos und Blumen gewebt ſchien; in der Wahl der Farben und Blumen war eine ſo ſinnteiche Ordnung zu erkennen, daß die Zuſammenſtellung die ſchoͤnſte Ara⸗ beske bildete, die den aͤußern Rand der Muſchel umſchloß. Im Innern war ſie dagegen mit ſchoͤnem hellgruͤnem Mooſe ausgefuͤttert, und in der Mitte erhob ſich ein jun⸗ ger Lorbeerbaum, deſſen reiche und vollbelaubte Zweige geſchickt gebogen waren und ein kleines Laubdach bildeten 245 uͤber einem Engelchen, welches hier neben einem run⸗ den Korbe ſtand, der den bewußten Kloſterkaͤſe enthielt, verhuͤllt mit Blaͤttern und Blumen. So ſehr dieſe Ausſtattung auch an ſich die Auf⸗ merkſamkeit feſſelte, ſo war doch der Anblick des Engel⸗ chens, welches in der Mitte des kleinen Wagens ſtand, bald der Hauptgegenſtand aller Bewunderung. Das Kind war wirklich von einer Schoͤnheit, die an's Ueber⸗ irdiſche grenzte, und als der kleine Wagen nun leicht und langſam daherfuhr, und endlich dicht vor der Kai⸗ ſerin halten blieb, ſchlug dieſe, alles Andere vergeſſend, in die Haͤnde, und rief ihrem Gemahl lachend zu: „Nun, Franz! das iſt wahr, die guten Kloſterfrauen machen mir heute Spaß!“ Als dies das Kind hoͤrte, fing es ſo freundlich und unbefangen an zu lächeln, daß neues Erſtaunen die Kaiſerin ergriff.„Mein ſuͤßes Kind!“ rief ſie,„komm doch her zu mir!“ Wie es aber ſogleich lebendig ward und die kleinen ſchoͤnen Fuͤße, die— wie an Engelbil⸗ dern— mit Sandalen bekleidet waren, auf den Rand der Muſchel ſetzte, ſprang der kleine Erzherzog Joſeph vor und reichte die Hand zur Unterſtuͤtzung. Das Kind wehrte ihn aber ab und ſagte:„O geh' doch! ich muß es ja allein machen.“ Im ſelben Augenblick ſprang es nieder und ſtand dicht vor der Kaiſerin. 246 Aber wer beſchreibt dieſes klare zaͤrtliche Anblicken des holden Geſchoͤpfes, dies Lachen der Freude, das den kleinen Mund oͤffnete, dieſen ganzen ſelig befriedig⸗ ten furchtloſen Ausdruck des Kindes. „Da muͤßte man doch wirklich denken, es ſei ein Engel!“ fuhr die Kaiſerin heraus und blickte rechts und links und hinter ſich, als wollte ſie von Allen ihre Be⸗ wunderung getheilt ſehn; und diesmal bedurfte es nicht des kaiſerlichen Aufrufs. Alle waren hingeriſſen, wie ſie ſelbſt. „Mein artig Kind,“ ſagte die Kaiſerin—„Dein Anblick macht mir viel Vergnuͤgen!“ „Nicht wahr?“ ſagte das Kind—„ſehe ich nicht genau wie ein Engel aus? Fuͤhle nur die Flugel, die ſind ordentlich mit Federn beklebt— und ſieh nur das Himmelsroͤckchen mit Sternen, und das himmelblaue Kreuzband mit Gold geſtickt! Das haben alle Engel, ſo viel ich noch geſehen habe.“ Franz und Thereſia lachten laut auf und die Kaiſe⸗ rin war ſo entzuͤckt, daß ſie das Kind an 3 zog und es kußte& „O noch nicht,“ rief das Kind—„erſt kommt der Kaͤſe— und dann ſage ich den Vers her— und dann meinten die Kloſterfrauen ſelbſt, Du wuͤrdeſt mich viel⸗ leicht kuſſen.“ ————— 247 „Nein!“ rief der Kaiſer—„einen ſolchen Engel haben meine Augen nie geſehen!“ Wer biſt Du denn — wie heißen Deine Eltern?“ Das Kind winkte ihm, etwas von der Kaiſerin ab⸗ gewendet, als ſolle er ſchweigen.„Hab' ich's nicht recht gemacht?“ ſagte der gute Kaiſer— und ſeine Gemah⸗ lin rief neckend:„Nun, ſag' doch, was haſt Du denn Geheimes?“ Das Kind aber blickte ſichtlich verlegen zur Erde.—„Nun,“ fuhr die Kaiſerin fort—„ſag' offen, was Du haſt!“ „Ach!“ ſagte das Kind—„Du ſollteſt es ja eben nicht wiſſen. Deshalb haͤtten ſie mich ja beinahe gar nicht zum Engel genommen und nur meine blonden Locken haben es durchgeſetzt— ich habe ja gar keine Eltern.“ „Sagt' ich es nicht?“ rief die Kaiſerin, immer mehr beluſtigt— Es iſt wirklich ein Engel!“ „Ach ja! ach ja!“ rief das Kind, und ſchlug die kleinen Haͤnde zuſammen—„das glaube doch nur— dann ſind die Noͤnnchen gar zu vergnuͤgt!“ „Das Maͤdchen behert uns,“ ſagte die Kgiſerin— „Hoͤr', mein Liebchen, ich glaube, Du biſt ganz aus der Rolle gekommen— nun ſag mal ſelbſt, ſollteſt Du mit mir ſchwatzen?“ „Nein,“ das Kind— wn ſprach kein 248 Menſch ein Wort. Aber Du haſt ja angefangen,“ ſetzte es ſchalkhaft hinzu—„denn die Ordnung war ganz anders. Wie ich's lernte, ſtellte die Frau Aebtiſ⸗ ſin Gnaden Dich, liebe Frau Kaiſerin, vor,— da that ich denn erſt den Sprung— dann ſagte ich den Vers, und dann reichte ich Dir den Kaͤſe.“ „Nun, ſo fange denn einmal von vorne an“— rief die Kaiſerin ermunternd, und augenblicklich ſprang das Kind zuruͤck auf den Rand des kleinen Wagens, machte auf's Neue ſeinen Sprung und ſagte nun mit der ruͤhrendſten Stimme und begleitet von ſeelenvollen Mienen und dem ſuͤßeſten Lächeln den folgenden Vers „Großmächtigſte Kaiſerin! „Schau' mit gnaͤdigem Sinn „Auf Sanct Urſulä fromme Schaar: „Sie bringt Dir einen Käſe dar. „Die Gab' iſt wahrlich viel zu klein, „Doch liegt ein großer Sinn darein: „Auch David Käſekuchen trug*), „Davon ward er ſtark genug, „Daß er den großen Feind erſchlug. „So ſoll der Käſ' Dir auch gedeihn „Und Deinen Feinden zum Schaden ſein *) 1. Sam. 17. 18.— von Kopiſch. 249 Die Kaiſerin hoͤrte mit einem Beifall zu, der ihre ſchoͤnen glaͤnzenden Augen immer wieder zu ihrem Ge⸗ mahl hinlenkte, der, eben ſo freundlich wie ſie ſelbſt geſtimmt, ſein Ergoͤtzen lebhaft darlegte. Als die let⸗ ten Zeilen geſprochen waren, wandte ſich das Kind gegen den kleinen Wagen, um nun den im Korbe verhuͤllten Kaͤſe zu uͤberreichen. Aber jetzt trat ein Umſtand ein, den die guten Noͤnnchen in ihrem Eifer nicht berechnet hatten. Das Kind hatte Alles wol eingelernt mit dem leeren Korbe; aber jetzt lag der vollwichtige Kaͤſe darin und vergeblich ſtrengte es ſich an, ihn empor zu heben. Ein Weilchen dauerte die vergebliche Anſtrengung, dann ſchlug es plotzlich verzweifelnd die Haͤndchen zuſammen, und waͤhrend große Thraͤnen uͤber ſeine Wangen floſſen, rief es, ſich klaͤglich zur Kaiſerin wendend:„Er iſt ja zu ſchwer— viel zu ſchwer— ich kann ihn Dir nicht bringen!“ „O! wer hilft meinem Engel?“ rief die Kaiſerin heiter. Wol hundert Haͤnde und Fuͤße regten ſich im ſelben Augenblick; ſelbſt der Kaiſer machte eine Bewe⸗ gung, aufzuſtehen und der Fuͤrſt Batthyany, der Ober⸗ hofmeiſter des Prinzen Joſeph, mußte dieſen feſt bei der Hand halten, um ſein Hinzuſpringen zu verhindern. Doch Alle kamen zu ſpaͤt. Schnell und gewandt war die Prinzeſſin Thereſe hinter dem Stuhle der Kaiſerin 250 vorgeſchluͤpft, und ehe nur ein Anderer nahen konnte, hatte ſie den Korb in Haͤnden; geſchickt faßte ſie das Kind vor ſich in ihre Arme und kniete mit dem Korbe vor der Kaiſerin nieder, ihn ſo ihr uͤberreichend, daß der Engel noch immer ſeine Rolle dabei behielt. „O, meine geſchickte guͤtige Muhme!“ ſagte die Kaiſerin ſehr huldvoll und kuͤßte die Stirn der Prinzeſ⸗ ſin, die dann das Kind einen Augenblick zaͤrtlich an ihre Bruſt druͤckte und eben ſo raſch, wie ſie ihn verlaſſen, wieder hinter der Kaiſerin ihren Platz einnahm. Dieſe aber betrachtete die ſchoͤnen Blumen, ſchob ſie etwas zuruͤck, um des Käſes wirklich anſichtig zu werden und uͤbergab ihn dann der Oberhofmeiſterin, die ihn wieder in den Wagen ſenkte. Freundlich wandte ſie ſich nun zu dem armen betruͤbten Engel. „Weine nicht, mein Kind!“ ſagte ſie ſanft— „erzaͤhle nur meiner Freundin, der Frau Aebtiſſin, ich haͤtte faſt noch nie ſo viel Vergnuͤgen bei ihren Ge⸗ ſchenken gehabt, wie diesmal, und wuͤrde mich dem⸗ naͤchſt ſelbſt dankbar bezeigen. Dir aber, mein liebes Kind, Dir moͤchte ich gern eine beſondere Freude ma⸗ chen— willſt Du mir daher ſagen, ob Du einen rech⸗ ten Herzenswunſch haſt, da will ich ihn Dir erfuͤllen, wenn's in meiner Macht ſteht.“ „Ach!“ rief das Kind, ploͤtzlich ſonnenhell vor 251 Freude aufleuchtend—„wenn das waͤre! Ach, ich habe einen rechten Herzenswunſch, wie Du ſagſt— Du koͤnnteſt mir eine große Freude machen!“ „Nun, ſo ſprich— was haſt Du im Sinn— as moͤchteſt Du gern haben?“ „Ach!“ ſagte die Kleine, zutraulich naͤher tretend, kauf' mir eine Ziege! Unſere arme alte Ziege iſt geſterben, weil Egon ſie uͤber den Zaun geſturzt hat, und nun haben wir keine Milch— und Mora weint darum, und Egon will bei der Fuͤrſtin Morani in Dienſt gehn, damit er Geld ſchafft zu einer andern Ziege. Aber wenn Du ſie uns ſchenkſt, ſo kann Egon bei uns bleiben und dann ſind wir wieder Alle recht gluͤcklich!“ „Weiß Gott!“ rief die Kaiſerin—„Du ſollſt eine Ziege haben, und ſollte ich ſie Dir ſelber kaufen.“ Jetzt bedachte ſich das Kind keinen Augenblick, ſon⸗ dern eh' die Kaiſerin es ſich verſah, flog es in ihre Arme, ſchlang die Aermchen um ihren Hals und kuͤßte ſie ohne weitere Erlaubniß. Die Kaiſerin ſchien dieſe ganze Scene aus dem Bereich des Hofzwanges erklaͤrt zu haben; denn ſie ſtieß ihren Engel— wie ſie ſagte— nicht zuruͤck, ſon⸗ dern kußte ihn und erhob ſich dann— womit die Sache beendigt war. Sie empfing ſogleich von der Oberhof⸗ 252 meiſterin eine Meldung, und gerade als der kleine Blumenwagen uͤber den Vorſaal fuhr, trat die Fuͤrſtin Morani an der Seite des Grafen Lach ein. „Iſt es moͤglich? Iſt das nicht Hea rief die Fuͤrſtin freudig uͤberraſcht. „O komm her! komm her!“ rief dieſe und ſtreckte beide Arme aus dem Waͤgelchen nach ihr hin—„ich habe Dir ſo viel zu erzaͤhlen.“ Aber die Oberhofmeiſterin winkte leiſe und wandte ſich mit der Anzeige an die Fuͤrſtin, daß die Kaiſerin ſie erwarte— und ſo rollte Hedwiga's Wägelchen trotz ihrer Bitten unaufhaltſam fort bis zu dem kleinen Ne⸗ benzimmer, wo die Kinder eine Erfriſchung bekamen und die Geſchenke vorlaͤufig aufbewahrt wurden. „Geliebte Claudia!“ ſagte der Graf—„dies Kind bezwingt mich ganz. Ich denke, wenn ich taͤglich in dieſe Augen ſehen koͤnnte, das muͤßte mir das Herz rei⸗ nigen wie die Fuͤrbitte eines Engels! Claudia,“— fuhr er fort—„wollen Sie nicht dies Kind aus ſeiner Beſchraͤnkung und Armuth retten? Sie ſind ja reich“ — ſetzte er mit einer innigen Zaͤrtlichkeit hinzu— „nehmen Sie das Kind zu ſich— laſſen Sie dieſen goͤttlichen Koͤrper von einer eben ſolchen Seele bewohnt werden. Was muͤßte unter Ihrer Leitung fut ein be⸗ zauberndes Weſen daraus werden.“ rung zu beherrſchen— und mehr wie das Die Fuͤrſtin blickte vielleicht mit einigem Erſtaunen auf die lebhafte Erregung des Grafen— aber er ſprach ihres Herzens Meinung aus und ſie druckte leiſe ſeinen Arm.„Hab' ich Ihre Einwilligung“— ſagte ſie— „ſo iſt mein eigner Wunſch erfuͤl 4 und Hedwiga von heute an mein Kind.“ „O wie herrlich!“ rief der Graf—„und ich nehme ſogleich Egon zu mir.“— Die V Vorſaͤle waren aber zur ſelben Zeit durchſchritten und Beide traten in die Bil⸗ der⸗Gallerie, wo ſie zu ihrer Ueberraſchung die Kaiſerin nicht allein fanden, ſondern umgeben von einem ausge⸗ ſuchten Zirkel des Hofes. Die Fuͤrſtin Morani war ſo lange nicht bei Hofe erſchienen, daß ſie kaum wieder erkannt ward, und be⸗ ſonders erregte es Erſtaunen, daß ſie an der Seite des Grafen Lach eintrat! Dieſes Erſtaunen verminderte ſich nicht, als man erfuhr, ſie ſei mit ihm verlobt. Es war kaum moͤglich, die Mienen der Verwunde⸗ zeigte ſich eine Miſchung von Jronie, Neid und Taͤuſchung— al ſelbſt wo dieſe Anregungen nicht vorwalteten, trat och eine Mißbilligung ein, die nur zu ſehr von ge⸗ wonnenen Erfahrungen unterſtutzt war und ſelbſt den Wohlwollenden ein Kopfſchutteln abnoͤthigte. Die Fur⸗ ſtin wußte dies Alles, und ſie bedurfte ihrer ganzen d 254 Selbſtbeherrſchung, um bei dem unbehaglichen Gefuhl, gerade ſo von Allen angeſehn zu werden, die noͤthige Haltung zu behaupten. Sie fand es nicht gutig von der Kaiſerin, ihre Bitte um Privat-Audienz ſo ber⸗ ſehn zu haben und ihr Stolz, der ſich durch dies Ueber⸗ ſehen ihrer Bitte etwas gekraͤnkt fuͤhlte, ſtahlte fuͤr den Augenblick ihre Kraft. Auch empfing ſie die Kaiſerin mit einer ſo wahrhaften Guͤte, ſo theilnehmend und ver⸗ bindl lich, daß die Fuͤrſtin darin einen Troſt fand, der ſie gegen die uͤbrige Welt ſtutzte. „Sie finden uns hier, meine liebe Fürſtin“— fuhr die Kaiſerin nach der ſehr freundlichen Begruͤßung fort—„in einer wahren Aufregung um ein kleines Maädchen, welches uns eben den bewußten Kloſterkäſe gebracht hat, welcher Gebrauch Ihnen wol noch von ſonſt her erinnerlich ſein wird. Nie ſahen meine Augen was Schoͤneres— was einer Mutter doch ſchwer wer⸗ den ſoll einzugeſtehen— als dies arme fremde Kind. Wenn ich die guten Frauen zu St. Urſula beſuche, werde ich erfahren, wer das Kind iſt, und womit ihm vielleicht zu dienen— das hat einen Geleitsbrief auf dem Geſicht, der einen auf, ihre Seele zu ſichern!“ „Dann darf ich hoffen, Euer Maſeſtit Segen zu mpfangen,“ ſagte die Fuͤrſtin ſchnell—„denn eben habe ich meinem Wunſche nachgegeben und den Ent⸗ ſchluß gefaßt, dies arme elternloſe Kind zu mir zu neh⸗ men und ſeine Erziehung ſo viel als moͤglich unter mei⸗ ner Aufſicht zu leiten.“ „Nun,“ ſagte die Kaiſerin, da uͤbertreffen Sie uns Alle! Es heißt Gottes Segen herbei ziehen, wenn man ſo ſchnell bereit iſt zu einem Werke der Wohlthaͤ⸗ tigkeit. So etwas hat unſern ganzen Beifall— waͤh⸗ rend wir geſprochen, haben Sie gehandelt. Wir wol⸗ len Sie in unſerm Kabinet verabſchieden,“ fuhr ſie fort — gegen die Anweſenden eine Handbewegung machend —„und entlaſſen unſern Hof zu geneigtem Wieder⸗ ſehen.“ Dann ſchritt ſie gruͤßend durch die Verſamm⸗ ung und Niemand folgte ihr nach ihrem Kabinet, als die Furſtin und Graf Lacy. Ehe ſie es aber erreichte, blieb ſie einen Augenblick ſtehen und blickte auf ihren Gemahl, welcher lebhaft mit dem Erbprinzen von S. ſprechend, ihr abgewendet war, waͤhrend der Prinz ge⸗ gen ſie gewendet ſtand. Sie erſtaunte uͤber die Todten⸗ blaͤſſe ſeines Geſichts und den Ausdruck von Verſtoͤrung, der ſeine Zuge faſt unkenntlich machte, und konnte ſich nicht entſchließen, weiter zu gehen, weil ſie irgend ein beſonderes EFreigniß annehmen mußte. Indem verneigte ſich der Erbprinz vor dem Kaiſer und ging, ohne die Kaiſerin zu bemerken, langſam und 25⁵56 wie ein Kranker, der ſich kaum auf den Fuͤßen erhaͤlt, aus der Gallerie. „Wos iſt geſchehen?“ fragte Maria Thereſia ihren Gemahl, als er jetzt auf ſie zukam.„Was hat der Prinz— iſt ihm ein Ungluͤck widerfahren?“ „Sie muͤſſen mir daruͤber eine ausfuhrlichere Antwort geſtatten,“ erwiderte der Kaiſer.—„Um den Prinzen in dieſem Augenblick zu verſtehn, muͤſſen Sie ſein gan⸗ zes Schickſal kennen lernen.“ „Euer Majeſtaͤt werden mich verbinden,“ antwor⸗ tete die Kaiſerin.„Dieſen Mann des Geheimniſſes kennen zu lernen, ſpannt ungemein meine Erwartung.“ „Und Sie werden die aufrichtigſte Theilnahme em⸗ pfinden“— entgegnete der Kaiſer—„denn eben durch dieſe iſt er an Ihr ganzes Geſchlecht verwieſen.“ „Mun,“— ſagte Maria Thereſia—„ſo will ich blos wuͤnſchen, daß ihm die Kaiſerin dabei nicht in den Weg tritt. Nicht immer ſind wir in dem glucklichen Falle, den Naturberechtigungen unſeres Geſchlechts nachgeben zu duͤrfen.“ ℳ „Ich hoffe, Sie werden hierbei in keinen Widot⸗ ſpruch gerathen,“ erwiderte ihr Gemahl und gruͤßend en die Kaiſerin in ihr Kabinet. „Jetzt, meine liebe Claudia,“ rief ſie, als die Th⸗ ren ſich hinter den Dreien geſchloſſen—„muß ich 257 Ihnen offen ſagen, daß ich ſowol Ihren als des Grafen Lach Entſchluß hochſt auffallend, gefaͤhrlich, ja unuͤber⸗ legt finde. Ich kann ſo ein Weniges rechnen und weiß ungefaͤhr wie viel aͤlter Sie ſind als ich— und doch wuͤrde ſelbſt ich anſtehn, einen ſo viel juͤngeren Mann als dieſer zu ehelichen. Mein Kind, was wider die Natur iſt, das raͤcht ſich; jetzt geht das— weil ein⸗ mal die Liebhaberei dieſes Herrn darauf die Wendung hat und alle Maͤnner an dem feſt halten, wobei ſie Wi⸗ derſtand finden oder erwarten. Aber ſpäter, wenn ih⸗ nen ſelbſt die Luſt daran vergeht, dann faͤllt ihnen Alles ein, was ſie fruͤher dagegen hoͤrten, und ſie ſind als⸗ dann geneigt, das ſelbſt als ihre Entſchuldigung anzu⸗ fuͤhren, was ſie fruher als nicht auf ſie anwendbar zu⸗ ruͤckwieſen.— Mein Graf Lacy— ich bin eine offne deutſche Frau und halte dafur, die Wahrheit vorher zu ſagen; wenn's geſchehn, ſieht ſie jeder Thor ein, und wir haben nicht die Art, nachher in die Haͤnde zu klopfen und zu ſagen: Ich hatte Recht! Außerdem, meine Liebe, iſt Geſundheit und Lebenskraft bei Ihnen gebrochen. Sie werden dem Hauſe Lacy keine Nach⸗ kommen geben— und doch waͤre dies wichtig und wird ſpaͤter in die Wagſchale fallen.“ Die Kaiſerin war in ihrem Eifer, bei ihren klugen und ſcharfſinnigen Kombinationen, gewiß noch lange Thomas Thyrnau l. 3te Aufl. 15 — 258 nicht fertig. Aber Lacy's Bruſt kaͤmpfte mit einem unwillen, mit einem Schmerz uͤber die ſchonungsloſe Weiſe der Kaiſerin, welche die Farbe auf dem hinſter⸗ benden Geſicht der armen Claudia ſo ſchnell wechſeln machte, daß er ploͤtzlich die tief verletzte Geliebte in ſeine 2 Arme faßte— und ſie gegen einen Stuhl fuͤhrend, mit 8 dem hoͤchſten Ausdruck ſeines Gefuhls rief:„Wollen Eure Majeſtät ſie toͤdten?“ Die Fuͤrſtin verlor einen Augenblick alle Beſinnung und ſank todtenbleich auf den Stuhl, wohin Laey ſie gefuͤhrt. Die Kaiſerin blickte erſtaunt auf Beide— aber ihr gutes edles Herz ſiegte, und obwol dies Ver⸗ fahren in den meiſten Faͤllen die Ungnade des Bethei⸗ ligten wurde herbeigezogen haben, entſchied ſie hier an⸗ ders.„Gehen Sie,“ Graf Lacy,“ ſagte ſie mild— „das verſteht eine Frau beſſer! Holen Sie mein Flacon von jenem Tiſch.“ Waͤhrend dieſer Worte umſchlang ſie die Fuͤrſtin ſelbſt und lehnte ihren Kopf in ihren Arm.„Armes Kind,“ ſagte ſie—„habe ich Dich er⸗ ſchreckt? Wir haben ſo viel Unrecht zu hindern— fuͤr die Folgen jeder Unbeſonnenheit einzuſtehn, welche um uns her geſchieht, daß wir eine Gefahr leichter ſehn als Andere— ohne dabei in Abrede ſtellen zu* 3 wollen, daß ein redlicher Wille von der einen Seite. und beſondere Tugenden von der andern Seite auch ——— Sc 259 einen ſolchen Schritt wol mit gutem Erfolg kroͤnen koͤnnen.“ Lacy beugte ein Knie vor der Kaiſerin, als er ihr das Flacon reichte.„Euer Majeſtaͤt haben mir meinen Ungeſtuͤm vergeben, ich fuhle es in Ihren gnaͤdigen Worten. Moͤge mein Schmerz bei dem Bilde, welches Euer Majeſtaͤt darſtellten und durch welches dieſe edle Dulderin ſo erſchuͤttert wurde— zugleich eine Buͤrg⸗ ſchaft ſein fur die wohlgepruͤfte Staͤrke unſeres Gefuͤhls und meiner ſicheren Ueberzeugung, daß ſolches Elend von mir nie verſchuldet werden wird— die edle es durch mich nie erfahren kann!“ „Recht ſchoͤn— ich bin ganz zufrieden!“ entgeg⸗ nete die Kaiſerin und zog den Arm zuruck, da die Fuͤr⸗ ſtin ihre augenblickliche Schwaͤche uͤberwunden hatte und ſtill weinend ſich auf die Hand der Kaiſerin niederbeugte, die ſie wiederholt kuͤſſen durfte.—„Auch muß ich Euch ſagen, Graf Lacy,— obgleich Ihr die dehors gegen Eure Kaiſerin uberſchritten habt— iſt es doch der viel⸗ leicht einzige Fall, wo dieſer Euer Fehler Eure Sache chaͤtlich vertreten hat. Wir vergeben Euch demnach— und wollen Eurem ſelbſt gewaͤhlten Gluͤcke durch unſere Scrupel nicht weiter hinderlich werden, ſondern Euch Beiden im Gegentheil unſere Gluͤckwuͤnſche ertheilen.— Doch muͤſſen wir bemerken, daß uns Pendule 17 260 Vorwuͤrfe macht, indem wir uns heute ſchon ſehr viel mit unſerm Vergnügen beſchaͤftigten und unſer Staats⸗ rath uns erwarten wird. Wir nehmen daher Abſchied und rathen Euch, die Fuͤrſtin heute allein zu laſſen, daß ſie ſich vollig von der Erſchuͤtterung erhole, welche wir verſchuldet.“ Sie laͤchelte dabei mit der Guͤte einer Mutter und kuͤßte die Fuͤrſtin zum Abſchiede. Lacy verließ aber an dieſem Tage die Fuͤrſtin keine Stunde, und wußte durch ſein ganzes innig verehren⸗ des Betragen die Wunden zu heilen, die ſie empfangen. Nach ihrem Diner mit Georg Prey erſchien der Baron von Poͤlten mit dem jungen Architekten Valacro, der mit den uͤbrigen die Wanderung durch das ganze Palais antrat. Gewiß war dies keine geringe Anforderung an die Standhaftigkeit der Fuͤrſtin, denn dieſe vollig leeren Raume zeigten nur zu deutlich den gäͤnzlichen Verfall ihrer Gluͤcksumſtaͤnde. Aber ſie uberwand dieſe Schwaͤche und gab nun ſelbſt an, welche Beſtimmungen die Räume fruͤher gehabt hatten, und indem ſie dies that, fuͤhlte Jeder, der gebildete Geſchmack des ſeligen Fuͤrſten habe uberall ſo zweckmaͤßig entſchieden, daß ihm bei den neuen Einrichtungen nur nachzukommen ſei, wenn man das Palais ſeiner ſchonen fruͤheren Beſtimmung zuruͤck⸗ geben wolle. Dies hob das Gefuͤhl der Fuͤrſtin, und 261 ½ Lach, der nur zu wohl die edle Tochter errieth, ver⸗ ſtarkte dies Gefuhl, ſo viel es ſeine Ueberzeugung zu⸗ laſſen wollte. Dieſer Ueberſicht folgte eine Berathung uͤber die naͤchſten Ankaͤufe von Kunſtwerken, welche zur erſten Auswahl dem jungen Architekten uͤberlaſſen wurden. Später, als die Liebenden allein waren, trug Lacy dar⸗ auf an, mit der Aufnahme der beiden Kinder nicht laͤn⸗ ger zu zoͤgern, und erbot ſich, ſie ſelbſt aufzuſuchen, um ſich an Ort und Stelle von ihrer ganzen Lage zu uͤberzeugen. „Und glauben Sie,“ fuhr er fort—„daß das ſeltſame ſchwarze Maͤdchen mit zu ihnen gehoͤrt?“ „Nein,“ ſagte die Fuͤrſtin— ſie iſt, glaube ich, bei einer Verwandtin, und von Mangel iſt dort nicht die Rede, das iſt ſichtlich! Die Kinder hangen wie Ge⸗ ſchwiſter aneinander und ich glaube, ſie ſehn ſich oft— wo aber— das hab' ich nicht gefragt, vermuthe aber, Magda wohnt in der Naͤhe und giebt eine Art Lehrerin fuͤr Hedwiga ab.“ „Nun,“ rief der Graf, lebhaft aufſtehend—„auf keinen Fall nehmen wir dies Maͤdchen auch in's Haus! Bedarf ſie es, ſo koͤnnen wir ſie unterſtuͤtzen— aber nur nicht in's Haus.“ „Macht ſie Ihnen einen unangenehmen Eindruck?“ 262 fragte die Fuͤrſtin uͤberraſcht.„Ich hatte ein Gefuhl fuͤr dieſes Maͤdchen, wie ich es nicht beſchreiben kann. Ihre Schoͤnheit iſt ein Räthſel fur mich, worin ich mich ganz vertiefen koͤnnte. Dabei ihre Sprache— dies Mienenſpiel— ich koͤnnte mir denken, daß ſie, auf einem hohen Standpunkt geboren, eine Kaiſerin ſein koͤnnte wie die unſcige. Sie duͤrfen meinen Liebling nicht ſo verwerfen! Sehn Sie dies herrliche Geſicht nur erſt recht an, und laſſen Sie ſich die Laune nicht ver⸗ derben durch die haͤßliche puritaniſche Haube!“ „Ja!“ rief Lacy—„die Haube wird es ſein! Nein! nein! verlangen Sie nicht, daß ich das Maͤd⸗ chen anſehe— ich will ſie, wenn's moͤglich iſt, gar nicht wiederſehen— aber Alles fuͤr die andern Kinder thun, was nur Ihr Herz erfreuen kann.“ „Gut,“ entgegnete die Fuͤrſtin heiter—„fangen wir damit an. Vielleicht verſoͤhne ich Sie ſpaͤter mit meiner Magda. 6 Als der Graf die Fuͤrſtin verließ, lag der ſpaͤte Abend mit ſeinen Schatten um ihn ausgebreitet. Zu dunklen Maſſen waren die Laub⸗ und Blumenpartieen des Weges verſchmolzen; die kleinen Haͤuſer, die da⸗ zwiſchen ſtanden, verloren ſich, und nur gegen den hel⸗ len, von tauſend ſchimmernden Sternen belebten Hori⸗ zont zeichneten ſich ihre beſcheidenen Contoure ab. Der 263 Graf war jederzeit ein aufmerkſamer Beobachter der Natur— er ging langſam— er blieb zuweilen ſtehn— er ſog den Duft ein, den das Meer von Bluͤten um ihn her in leichtem Nachtſchlummer traͤumend aus⸗ hauchte. Es machte ihm Freude, trotz der Dunkel⸗ heit, die ihre lieblichen Geſtaltungen verhuͤllte, ſie Alle an ihren Duͤften zu erkennen, und er mußte ſie, voruber⸗ wandelnd, innerlich anrufen, wie man geliebte Schlaͤ⸗ fer ruft, nicht um ſie zu wecken, ſondern in dem be⸗ gluͤckenden Gefuͤhl ihrer Nahe. Doch begleitet die Natur nur das Innere des Menſchen, wie das Saiten⸗ ſpiel die Worte des Saͤngers— die Accorde werden ver⸗ ſchlungen von der Bedeutung des Textes.— So war die Natur die begleitende Melodie, welche ſich der Stimmung des Grafen anſchloß, aber ſie wirkte nicht allein in ihm. Die Einſamkeit macht an beſſere Men⸗ ſchen immer zuerſt den Anſpruch, in ſich einzukehren und dem Verſtaͤndniſſe mit ſich ſelbſt nachzufragen. So gingen die Bilder des juͤngſt Erlebten an ſeinem Innern voruͤber, wie die Blumen und Gebuͤſche des Weges an dem langſam voruͤber Wandelnden. Vieles hatte ſich nun nach ſeinem Wunſche, nach lang gehegter Abſicht geſtaltet. Eine ſuße Befriedigung ging durch ſeine Seele, wenn er ſich ſagte: Claudia's Leben ſei nun endlich ſicher geſtellt, ſie ſei gerettet aus 264 allen Kaͤmpfen und Widerſpruͤchen ihrer ungluͤcklichen Lage, und ihre Aufopferung, ihre Liebe gegen den egoiſtiſchen Vater werde nun belohnt werden. Um ſo weniger konnte er der Kaiſerin ihr heutiges Einſchreiten verzeihn. Er wollte nicht wiſſen, daß ein Anderer das denken koͤnne, was er nur der Geliebten geſtattet hatte zu ſagen, mit der Gewißheit ſiegreicher Widerlegung! Auf dieſem Punkte ruhig und uͤberzeugt, blickte er auf Thomas Thyrnau's wunderliche Anſpruͤche vielleicht mit etwas zu viel Ruhe hin. Immer mehr geneigt, ſie fuͤr eine Grille zu halten, die ſich werde beſchwichtigen laſſen, hoffte er von einer muͤndlichen Beſprechung mit dem alten ſonderbaren Manne eine genuͤgende Ausgleichung. Die geſtoͤrte Audienz bei der Kaiſerin hatte ihm die ge⸗ hoffte Erwaͤhnung der boͤhmiſchen Angelegenheiten nicht geſtattet, und er ſah ſich abermals zu einem muͤßigen Warten verdammt, da er ſeinen edlen Goͤnner, den Grafen Kaunitz, den er ungewoͤhnlich beſchaͤftigt wußte, mit der Betreibung dieſer Audienz unmoͤglich behelligen konnte. Troͤſtlich war ihm daher die Abreiſe des Baron Polten; doch wollte er ihn morgen noch etwas uͤber ſeine Plaͤne ausholen. Denn ſo edel und gut der junge Mann im Ganzen war, ſo wenig es ihm an Ernſt fehlte, wo er ihn haben wollte, ſo ausgelaſſen und muth⸗ willig, ja abenteuerlich konnte er zuweilen in ſeinen 265 Plaͤnen und gelegentlichen Handlungen ſein und mit dem gedankenloſeſten Leichtſinn die Folgen uͤberſehen, wenn ſie ihm eine augenblickliche Ausſicht zu abenteuer⸗ lichem Vergnuͤgen darbot. Er hatte Andeutungen ge⸗ macht, die dem Grafen aufgefallen waren— die ihn furchten ließen, es habe ſich in ſeinem Kopf irgend ein toller Plan entwickelt; denn er hatte ihm das Wort ab⸗ genommen, in der ganzen Zeit, bis er ſelbſt es ihm anders anzeigen werde, nicht direkt an Thomas Thyr⸗ nau zu ſchreiben, damit er nicht gegen das, was er aus⸗ zurichten gedenke, ungeſchickt einwirke. Eben ſo wolle er keine Briefe von ihm empfangen— ſie ſollten we⸗ nigſtens nicht nach Tein geſchickt, ſondern in Prag de⸗ ponirt werden, woher er ſie ſich durch eigne Boten von Zeit zu Zeit zu verſchaffen hoffe. Dies Alles war unter Lachen und Scherzen aus dem leichtſinnigen Munde des liebenswuͤrdigen jungen Mannes hervorgegangen, und der Graf glaubte den Schalk dahinter verborgen erkannt zu haben. um keinen Preis aber wollte er den Freund ſeines Oheims auf irgend eine Weiſe der Willkuͤr eines jugendlichen Scherzes ausgeſetzt ſehn, und wenn ihm Polten nicht ſein Ehrenwort gaͤbe, ſeinen Muthwillen bei Seite zu ſchieben, damit die ausgezeichneten Gaben des Herzens wie des Verſtandes bei ihm hervortreten koͤnnten, wollte er ihm die ganze Sache ausreden, wozu 266 er ihn leicht zu ſtimmen hoffte. Poͤlten mußte ſeine Reiſe nach Tein mit einem großen Umwege machen, weil ihm in Ungarn, dem Vaterlande ſeiner Mutter, plotzlich die Hoffnung zu einer kleinen Erbſchaft gemacht war, die er bei geringem Vermoͤgen nicht verſaͤumen durfte zu erreichen, da ſich ihm vielleicht zu einer vor⸗ theilhaften Heirath dabei Gelegenheit zeigte, welches ein Hauptwunſch des ſonderbaren jungen Mannes war. Indeſſen kehrten Lacy's Gedanken bald zu ſeinen naͤchſten Angelegenheiten zuruͤck, und bei dem liebſten Theile derſelben verweilend, bei dem Gluͤcke, womit er Claudia uͤberſchuͤtten wollte, lehnte er ſich an eine Linde, die ihre ſchweren Bluͤtenzweige uͤber ihn bog, und ſeine Gedanken blieben ſtehn vor Luſt, als neben ihm in dem niedrigen Gezweige junger Buchen ploͤtzlich eine Nach⸗ tigall ihre einzelnen, ſuͤßen, langgezogenen Toͤne hoͤren ließ. Es war dem Grafen, als hoͤre er ſie zum erſten Male— er folgte dem uͤberſchwaͤnglichen Gefuͤhl von Liebe in dieſem Tone, als wuͤrde ſie ihn das unergruͤnd⸗ lich tiefe Geheimniß eines ganz hingegebenen Herzens lehren— und wenn die kleine Kehle mit der Athem⸗ kraft, die keine Menſchenbruſt umſchließt, ihren pulſi⸗ rend bewegten Ton in einem Crescendo erhob, als wolle ſie ihr ganzes Leben dahinein ausſtroͤmen, ſo war es dem Grafen, als hoͤre er die Geſchichte der Liebe er⸗ 267 ählen— als waͤren die Worte dazu:— Mein ganzes Daſein loͤſt ſich auf in der Hingebung an das Deinige! Er fuͤhlte ein Entzucken, welches ſeine Bruſt faſt eben ſo uberſchwaͤnglich ſpannte. Er wollte an Claudia denken— die Nachtigall ſang noch immer denſelben Ton— zwei braune Augen traten aus ſeiner Erinne⸗ rung hervor— jetzt wußte er das Räthſel, das er nicht ergruͤnden gekonnt. Dieſe tiefen Augen, die unaufhalt⸗ ſam bis in jeden Raum des Innern eindrangen— dieſe Augen waren wie die Tone der Nachtigall— ſie hatten einen Urtext— und warum ſie ihn angeblickt— das glaubte er plotzlich zu wiſſen. Da ſchwieg die Nachti⸗ gall und der Graf fuhr auf, als erwache er aus einem tiefen Traum. Verſtoͤrt blickte er umher— er ſtreckte den Arm vor ſich hin, als wehre er von ſich etwas ab. Er raffte ſich auf und richtete ſich ſo kuͤhn empor, als erwartete er einen Feind, und als er aus dieſer unwill⸗ kuͤrlichen Aufregung zuruͤckkehrte, that er einen ernſten vorwurfsvollen Blick in ſein Inneres. Ihm graute vor den Tiefen der menſchlichen Bruſt, wie neben dem Einen, was wir laut nennen und zu dem wir uns mit allen Kraͤften bekennen, das Andere ſich leiſe einſchleicht und ſtumm, wie um nie zu erwachen, ſich ſchlafend niederlegt, bis der Ton von Außen eindringt, der es weckt, und wir es wie ſanfte flehende Blicke fuͤhlen, die fragen, ob es bleiben durfe, und die uns jetzt erſt erken⸗ nen laſſen, daß wir es beherbergten, ohne uns ſeines Einzugs bewußt geworden zu ſein. „Ha!“ rief der Graf—„aber ich bin es noch ſelbſt— geruͤſtet ſollſt Du mich finden, denn mich ge⸗ luͤſtet nach dem Streite mit der feigen Schwaͤche! Nein, Kaiſerin— Du wirſt nicht Recht haben— und Du— Du—!“ Er nannte Claudia's Namen nicht— aber ſie ſtieg wie eine Heilige ſo eben auf den Thron ſeines Herzens. Als er am andern Morgen erwachte, belaͤchelte er die Aufregung des vergangenen Abends, wie man ſich an Fieberphantaſien erinnert, die in den wirklich vor⸗ handenen Zuſtaͤnden keinen Grund haben. Er fuͤhlte eine reine und innige Hingebung an Claudia und be⸗ ſchloß, nach dem Beſuche beim Baron von Poͤlten ſich nach dem Kloſterhofe zu begeben, um ihr wo moͤglich noch heute Hedwiga zuzufuͤhren. Doch ward er in der Wohnung des Baron von Poͤlten ſehr unangenehm durch die Nachricht uͤberraſcht, derſelbe ſei in der Nacht bereits abgereiſt. In dem Briefe, den er fuͤr ihn zuruͤckgelaſſen, fand er die Ur⸗ ſache dieſer ſchnellen Abreiſe nur fluͤchtig erwaͤhnt, aber in Zuſammenhang ſtehend mit den aus Ungarn erhalte⸗ nen Nachrichten uͤber jene Erbſchafts-Angelegenheit 269 Außerdem aͤußerte er mit naiver Sicherheit ſeine Freude, daß ſie am Abend vorher uͤber die ſpaͤtere Reiſe nach Boͤhmen alles Noͤthige beſprochen haͤtten, weshalb ſeine Abreiſe jetzt ohne Zoͤgerung haͤtte vor ſich gehen koͤnnen. So wenig nun der Graf dieſe Meinung theilte, mußte er ſich doch entſchließen, die Sache aufzugeben. Er nahm ſich dagegen vor, ſeine Willensmeinung ſo⸗ gleich in einem Briefe nach Prag zu ſenden, wohin der Baron zuerſt gehen wollte, und in ſeinem Palais, wo er auszuruhn verſprochen, noch zeitig genug von ſeinen Bitten erreicht werden konnte. Langſam wandte er ſich um nach den Wall-Linien, worin das Urſuliner-Kloſter mit den Vorderhoͤfen lag, in denen er ſeine jungen Schuͤtzlinge ſuchen ſollte. Der vornehme junge Herr erregte bei ſeinem Eintritt in den mit ſpielenden Kindern angefuͤllten Kloſterhof kein ge⸗ ringes Erſtaunen, und als er nach Hedwiga und Egon fragte, waren wol zwanzig kleine Fuͤhrer bereit, ihm den Weg zu zeigen. Denn ſchon mit ihm gehn zu koͤn⸗ nen, ſchien eine Gunſt, und Lacy's Liebe zu Kindern, die ſich in jedem Blick, in jeder neckenden oder liebkoſen⸗ den Bewegung zeigte, war nicht dazu gemacht, die klei⸗ nen Nachzuͤgler zu verſcheuchen. So hatten ſie bald den ſchmalen Weg zwiſchen der Hecke von Baͤbili's Garten und der Kloſtermauer erreicht, und Lacy vergaß jetzt Alles um ſich her, als die kleine ſtallartige Huͤtte, in welcher die bezaubernde Schoͤnheit Hedwiga's bluͤhte, vor ſeinen Augen lag. Allein gelaſſen von den Kindern, die ſelbſt unter ſeinem Geleit nicht Muth hatten, der ſtrengen Frau Mora naͤher zu kommen, ſchritt Lach der Huͤtte ent⸗ gegen, und Fand ſie bei ſeinem Eintritt vollig leer. Egon war zum Kloſtervoigt gegangen— Mora und Hedwiga zu Frau Baͤbili. Nachdem er mit wehmuͤthigem Blicke die tiefe Ar⸗ muth der Huͤtte uͤberſchaut, ſchritt er zur offenen Hof⸗ thuͤr hinaus auf den Lindenbaum zu, und hier hatte die Natur eine ſo liebliche Einrichtung fuͤr die Armen getroffen, daß Lacy ſich daran erholte und die Augen umher ſchweifen ließ nach allen Richtungen. Vor ſich ſah er den Wieſengrund, auf der andern Seite den ſchoͤnen Chor der Kloſterkirche mit der daran ſtoßenden dunklen Taxuswand, und als er ſich wendete, erſtaunte er uͤber die große Bronze⸗Statue des heiligen Chriſto⸗ phorus, der mit ſeiner heiligen Buͤrde uͤber den Bret⸗ terverſchlag glaͤnzend heruͤber leuchtete. Er trat naͤher— die Augen empor gehoben und ſich auf den Rand des Zaunes lehnend, blickte er, ſich ganz vertiefend, auf das liebliche Kinderantlitz des kleinen Chriſtus. Die ruhige Stille des Morgens ließ ihn jetzt ——— ſchlungen und daruber ein Netz von ſtarken Goldfäͤden . 271 das Plaͤtſchern des Brunnens hoͤren, und die Beſtim⸗ mung der Statue errathend, ſenkte er das Auge zu dem ſteinernen Becken, worin ſie in der kleinen Quellen ſtand. Hier ſaß Magda. Mit beiden Sie hielt ſie ein Buch auf ihren Knien feſt, als wollte ſie ſich ſeine Ge⸗ genwart ſichern, waͤhrend ihr Auge tief ſnnend daruͤber weg in die kleinen ſpringenden Quellen des Brunnens blicte. Hals und Nacken waren gebogen, ihr Kopf geſenkt; nur die reine Linie ihres Profils war ſichtbar, und ihr Mund, halb geoffnet, zeigte das kindliche Lau⸗ ſchen der Lippen— den Zug einſamen Nachdenkens. Ihr Anzug war ganz veraͤndert, uns der Graf mußte ſie laͤnger betrachten, als er ſonſt gemocht haͤtte, denn er wußte zu Anfang nicht, ob ſie es wirklich ſei. Dann dachte er daruͤber nach, daß ihre Tracht die der Prager Buͤrgermäͤdchen ſei, welche er oft beobachtet hatte mit der Bemerkung, daß ſie ſich ſtets nach dem Geſchmack der Traͤgerin oder nach ihrem Reichthum zu fugen hatte, doch bei allen Veraͤnderungen immer die Grundidee hoͤchſt reizend beibehielt. Schoͤner glaubte er ſie nie geſehen zu haben. Ein Theil von Magda's langen glänzenden Flech⸗ ten war am Hinterkopf in einen griechiſchen Knoten ge⸗ 272 geſpannt, was mit ſeinem reichen Inhalt auf dem ſchoͤ⸗ nen ſchlanken Halſe ruhte. Dicht ſchloß ſich die halbe Haube an, an welcher der ganze Hochmuth eines Pra⸗ ger Buͤrgermaͤdchens zu haften pflegte, und der auch hier uͤber Magda's Vermoͤgen keinen Zweifel ließ. Es war ein flacher handbreiter Streifen von Goldbrokat, der auf's reichſte geſtickt mit einzelnen, in Blumen ge⸗ faßten farbigen Steinen, Perlen und erhabener Gold⸗ arbeit verziert war. Bei Magda war dieſer Streifen, der, genau an das Netz ſich wie eine halbe Kappe an⸗ ſchließend, den Kopf umſpannte, mit einem Rande von Perlen beſetzt, der uͤber den Schlaͤfen durch eine kleine goldene Klammer an dem glaͤnzend glatt gekämmten Scheitel befeſtigt war. Ueber dem Ohr wurden von den reichen Enden des Vorderhaares die Flechten in eine Schnecke gedreht und mit einer goldenen Nadel durch⸗ ſtochen und gehalten; die langen ſchweren goldenen Ohrgehaͤnge vollendeten den Kopfputz. Die Kleidung war ſchwarz, das Mieder von ſtarkem Seidenzeuge mit Gold geſtickt; aus ſeinem Rande hob ſich in feinen Fal⸗ ten ein geſteiftes Tuch vom feinſten Linon, das in ſehr ſaubern Kniffen hinten auf dem Nacken zuſammenge⸗ ſteckt war. Druͤber ſaß die anſchließende offene Jacke, die Magda von ſchwarzem Sammt trug, mit purpur⸗ rothem Damaſt gefuͤttert; die engen Aermel reichten 273 etwas uͤber den Ellenbogen, waren mit weißen Spitzen beſetzt und am Rande eben ſo wie alle Näͤthe mit Gold geſtickt. Der Rock war ſchweres ſchwarzes Seidenzeug mit durchbrochener Goldborte, die Struͤmpfe von ſchwarzer Seide mit rothen Zwickeln und die Schuh von ſchwarzem Sammt mit goldnen Haken und blitzenden Schnallen. Dazu gehoͤrte noch eine reichgeſtickte Bu⸗ geltaſche, die an einer koſtbaren goldenen Spange ſeit⸗ waͤrts niederfiel. Graf Lacy brauchte vielleicht eben ſo viel Zeit, die Einzelheiten dieſer ſchoͤnen Kleidung zu pruͤfen, als wir, ſie zu ſchildern, und vorzuͤglich blickte er voll Bewunderung auf die ſchoͤne Linie des Profils, die ſich auf der dunk⸗ ten Steinlehne der rund um den Brunnen laufenden Bank abſetzte. Ihre Farbe war vielleicht von dem un⸗ gewoͤhnlichen Putz ein wenig erhoͤht, und das Dunkle chrer reinen ſchoͤnen Hautfarbe ward dadurch gehoben, — ſie war vergraben in Gedanken, und gewiß ſah ſie die kleinen ſchaͤumenden Sprudel nicht, auf denen ihre Augen ruhten. Aus dieſem Anſchauen weckte ſich der Graf mit der Betrachtung, ſie werde ſicher wiſſen, wo die Kinder zu finden waͤren, die er ſuchte. Aber er wußte nicht, wie er ſie anreden ſollte. Das arme, abenteuerlich ver⸗ puppte Maͤdchen, die Gefaͤhrtin armer Kinder, war Thomas Thyrnau I. 3te Auflage. 18 274 das nicht mehr— auch zeigte ihre Schoͤnheit wol das Alter von ſechszehn Jahren an.—„Mein Kind!“— ſo konnte er ſie nicht anrufen—„Magda!“— beim Vornamen nannte man nur ganz geringe oder ganz be— freundete Maͤdchen. Zwiſchen dem Sinnen daruͤber blickte er ſie immer an— und dann zerſtreute ihn ihre tiefe Ruhe— er furchtete einen ſo ſeltenen Zuſtand— einen ſo anmuthigen Anblick zu ſtoͤren. Wie es endlich kam, daß er dennoch ihren Namen nannte, wußte er wol ſelbſt nicht. Magda hoͤrte den leiſen Ruf ihres Namens— ſie beugte ſich aber dem Becken des Brun⸗ nens zu und ein Laͤcheln umſpielte ihren Mund, als glaube ſie, die kleinen Quellen haben ſie gerufen. trrief der Graf noch einmal— vielleicht etwas lauter.— Wie ein geſcheuchtes Reh ſprang Magda auf und ſchaute raſch umher— da ſah ſie ihn uͤber den Zaun heruͤber gelehnt. Einen Augenblick blieb ſie unbe⸗ weglich ſtehen und ſah ihn feſt an, dann ſenkte ſie die Augen und er rief noch einmal:„Liebe Magda! willſt Du mir wol uͤber etwas Auskunft geben?“ Magda legte das Buch zuſammen und auf den Steinſitz. Leicht und anmuthig ſchritt ſie dann gerade auf ihn zu, ſo, daß, als ſie in ihrer ganzen Pracht im⸗ mer naͤher kam, der Graf zuruͤckwich und ſich unwill⸗ kuͤrlich vor ihr verneigte. 275 „Ihr wollt die Kinder haben“— ſagte ſie leiſe, aber feſt.„Hedwiga kann ich Euch ſchicken, aber Egon, um den's ſein wird, der iſt beim Kloſtervoigt.“ „Da will ich zuerſt zum Voigt gehn,“— entgeg⸗ nete Lacy,„und komme mit ihm hierher zuruͤck, waͤh⸗ rend Du, liebes Maͤdchen, Hedwiga herbei rufſt.“ „Macht das lieber anders,“ ſagte Magda nachſin⸗ nend.„Mit Egon iſt ſchwer thun, wie man will— und beſſer, Ihr ſprecht erſt Mora und ſie willigt ein, den Knaben zu rufen.“ „Sollte er denn nicht geneigt ſein, mit mir zu gehn? Ich will ihn ganz zu mir nehmen, ihn erziehen, ſeinen Faͤhigkeiten nach, und dann weiter fuͤr ihn ſorgen.“ „Eure gute Meinung wird Euch nichts helfen,“ erwiderte Magda—„denn er will zu Euch nicht gehn — eben zu Euch nicht.“ „Iſt es moͤglich!“ rief der Graf.—„Was habe ich denn dem ſtorrigen Knaben gethan? Weißt Du, warum er Widerwillen gegen mich hat?“ Magda ergluhte bei dieſen Worten bis in den Nak⸗ ken hinein. Ihre bis jetzt mit Ruhe auf den Grafen gerichteten Augen ſanken zur Erde, doch dauerte der Kampf nicht lange. Als ſie aufſah, war ſie wieder 6* geſammelt.„Ich weiß es“— ſagte ſie—„aber ich 18* 276 werde es nicht ſagen, denn es iſt unnoͤthig, daß Ihr es wißt, und der Knabe wuͤrde es leugnen.“ Der Graf ſchwieg, in phyſiognomiſche Betrachtun⸗ gen vertieft. Er wollte das ſuße ernſte Raͤthſel— das holde Geheimniß in den Zuͤgen des Maͤdchens leſen.— Dieſe fuhr fort:„Mir liegt aber viel daran, daß die Kinder fortkommen, ehe ich ſie ſelbſt verlaſſen muß, denn ſie thun hier nicht gut bei Moraz alſo will ich Euch helfen, wenn Ihr mir verſprecht, fuͤr Hedwiga auch zu ſorgen. Ihr koͤnntet mir den Gang abnehmen zu der guten alten Fuͤrſtin Moraniz der wollte ich Hed⸗ wiga gern empfehlen, aber ich mag nicht wieder hin⸗ gehn, wo es mir das letzte Mal ſo weh that.“ Wieder wanMagda roth. Dann blickte ſie mit großen in Thraͤnen ſchwimmenden Augen zu ihm auf und ſagte mit Heftigkeit:„Ich will Euch um Verzeihung bitten, da ich Euch nun doch wiederſehe— ſpaͤter ſollt Ihr er⸗ fahren, warum ich ſo vor Euch erſchrak und mich wie ein albernes Kind betrug. Jetzt vergebt mir, ohne den Grund zu kennen.“ Es war ein dringender, heftiger, faſt befehlender Ton, in dem ſie ſprach. Aber es war nur fur ihre innere Beſchaͤmung, fur ihren ſich beugenden weibli⸗ chen Stolz die ungeſchickte Sprache. Lacy verſtand das und blickte mit Ruͤhrung auf das Maͤdchen, in der es ſo ungeſtuͤm aufbrauſte im Streit mit ihrer Willens⸗ kraft. „Mein liebes Maͤdchen,“ ſagte er ſanft—„ver⸗ ſprich mir, daß Du ruhig ſein willſt. Wie koͤnnte ich Dir etwas zu verzeihen haben? Wol verſtehe ich nicht, wie ich Dir Schrecken einfloͤßen konnte— aber ich habe ja kein Recht, Dir angenehm zu ſein— und vielleicht, weil Du mich nicht bei der Fuͤrſtin erwarteteſt——“ „Das weiß Gott!“ ſagte Magda ihn unterbrechend, „daß ich Euch nicht erwartete. Aber laßt das jetzt“— fuhr ſie ruhig und ſanft fort—„wir werden wol dar⸗ uͤber einmal mehr ſprechen. Jetzt ſind die Kinder die Hauptſache. Egon wollte auch zur Fuͤrſtin, wollte ihr Page werden, dafuͤr ſollte ſie an Mora eine Ziege ſchenken, weil er die vorige mit ſeinem Ungeſtuͤm ge⸗ todtet hat.— Da hat die Kaiſerin geſtern Hedwiga die Ziege verſprochen, und nun wollen ſie Alle wieder bei⸗ ſammen bleiben, und das will ich eben nicht leiden, weil ich fort muß und die Kinder dann vor Niemand Re⸗ ſpekt haben.“ Lach wuͤrde zu jeder andern Zeit uͤber das junge Kind gelaͤchelt haben, das ſich hier mit ſo ruhigem Selbſtgefuͤhl, als einzigen Gegenſtand des Reſpektes verkuͤndigte, aber er fragte, dies uͤberſpringend:„Wo 278 willſt Du hin, liebe Magda? Warum bleibſt Du nicht hier?“ Das Maͤdchen ſah ihm lang und tief in die Augen, dann wandte ſie den Kopf mit einem ſchweren Athem⸗ zuge weg und ſagte:„Ich bin hier nicht zu Hauſe.“ „Du traͤgſt die ſchoͤne Tracht der Prager Buͤrger⸗ maͤdchen;— biſt Du eine Boͤhmin?“ „So iſt es,“ ſagte Magda gepreßt und ſich immer mehr zur Seite wendend. „Wie heißeſt Du?“ fragte der Graf und ſeine Stimme bebte, ihm unbewufßt. Magda blickte ihn raſch an, als wollte ſie ihm hef⸗ tig entgegnen— dann faßte ſie ſich—„Magda Ma⸗ tielli nennt man mich,“ ſagte ſie— und indem ſie ſich wandte, gruͤßte ſie den Grafen ſtolz mit dem Neigen des Kopfes und ging auf den Pachthof zu, um Hed⸗ wiga zu rufen. Der Graf blieb unbeweglich ſtehen. Er ſah ihr nach und bewunderte den ſichern leichten Schritt des jungen Maͤdchens.„Das iſt ein ſehr ungewoͤhnliches Weſen,“ ſagte er dann zu ſich ſelbſt.—„Es iſt gut, daß ſie ihren Platz in der Welt gefunden hat— und daß ſie wohlhabend iſt— wer koͤnnte dieſem Maͤdchen ein Almoſen anbieten? Wie richtig hat Claudia ſie geſchaͤtzt! Man koͤnnte denken, ſie waͤre eine Fuͤrſtin, 279 und die Tracht des Buͤrgerſtandes erhoͤht bei ihr faſt den Ausdruck einer ſtolzen Beſtimmung.“ Dieſe Gedanken wurden durch Hedwiga unterbro⸗ hen, die wie ein Pfeil aus dem Hauſe hervorſchoß und in vollen Spruͤngen auf den Grafen zukam. Sie war heute wieder mit ihrem aͤrmlichen Roͤckchen und einer kleinen Jacke von demſelben Zeuge reinlich, unverſehrt und unbeſchadet ihrer Schoͤnheit bekleidet. „Kannſt Du nicht heruͤber klettern?“ ſagte ſie ſo⸗ gleich—„dann ſind wir Alle beiſammen und Du kannſt Dich auch an den Brunnen niederſetzen.“ Dies leuchtete dem Grafen ein. Leicht ſchwang er ſich uber den Zaun und fand ein eignes Behagen darin, ſich auf dieſem Boden zu finden und auf der Bank, wo⸗ hin ihn Hedwiga zog, neben ihr Platz zu nehmen. „Hoͤr', Hedwiga! die Fuͤrſtin Morani ſchickt mich. Sie will Dich zu ſich nehmen— Du ſollſt ihr Kind ſein— Du ſollſt etwas lernen, um ein braves fleißi⸗ ges Maͤdchen zu werden. Willſt Du mit mir gehn?“ „und Mora?“ fragte das Kind, ihn mit ſeitwaͤrts gebogenem Kopf anblickend—„Egon ſoll auch ein Mann werden und nicht daheim bleiben— trotz dem, daß wir eine neue Ziege bekommen— wo bleibt denn aber meine Mora?“ Ich werde mit ihr ſelbſt ſprechen,“ ſagte der Graf 280 —„gewiß muß fuͤr ſie geſorgt werden! Willſt Du dann mit mir gehn?“ „Das will ich, denn Mora erlaubt es ſchon ſeit lange. Wenn ich was lernen ſoll, dann iſt es Zeit, meint ſie, und der guten alten Fuͤrſtin, der wollten wir's anbieten— und Egon will auch zu ihr.“ Als der Graf antworten wollte, ſtanden Mora und Magda vor ihm. Die Frau war alt, und obwol ihr Geſicht friſch und gutmuͤthig ausſah, waren doch alle Zuͤge gemein. Der Graf war uͤberzeugt, die Kinder koͤnnten nicht ihre eigenen ſein.„Ihr ſeid Frau Mora,“ ſagte er freundlich, indem er ihr entgegen⸗ trat. Das Weib bejahte die Frage und ihr Auge ruhte forſchend auf ihm. Mit einfachen Worten theilte er ihr jetzt ſeine Abſicht mit und forderte von ihr die Er⸗ klaͤrung, wer die Kinder waͤren, da ſie unmoͤglich die ihrigen ſein koͤnnten. Mora blickte mit duͤſterem Ausdruck auf den Gra⸗ fen, dann ſagte ſie:„Der Armuth und dem Ungluͤck traut man nie viel zu— die Vornehmen denken, das Gute waͤre all fuͤr ſie allein. Daß Ihr und die Fuͤr⸗ ſtin die Kinder nehmt und was daraus erzieht nach Eu⸗ rer Weiſe, dagegen habe ich nichts, denn ſie ſind es werth von Innen und von Außen, und Ihr werdet es nicht bereuen. Aber nicht ganz darf ich die Hand von 2 — 281 ihnen ziehen und will ich auch nicht mit ihnen gehn, was ihnen nicht gut thun wuͤrde, will ich doch wiſſen, wo ſie bleiben und nachſehen duͤrfen, wie es ihnen ergeht. Wenn Ihr ſie nehmt, ſo denkt, daß es armer Leute Kinder ſind, die ihre Eltern verloren, daß ihre Mutter meine Tochter war. Wir kamen aus Franken, wo uns Brandungluck verfolgte, als Bettler hierher, und ſind wenig mehr geworden— die Kirche, das Pfarr⸗ haus brannte mit ab— Beweiſe kann ich Euch nicht ſchaffen— auf das, was ich ſage, muͤßt Ihr ſie hin⸗ nehmen.“ Die etwas rohe Art der alten Frau trug dennoch 1 den Karakter des Unbezwinglichen an ſich. Der Beſitz der Kinder war dem Grafen die Hauptſache; das Ge⸗ heimnißvolle, was in ihrer Exiſtenz lag, ſchien ihm mit ihrem Beſitz nothwendig zuzufallen— die Erklaͤ⸗ rung durfte er der Zeit uͤberlaſſen und der milden Freun⸗ din, in deren Haͤnde er ſie jetzt zu ubergeben trachtete. . Eben ſo mußte er ſich in Mora's Willen fuͤgen, welche es rauh verſagte, ſie ihm mitzugeben und dagegen ver⸗ ſprach, ſie den Abend zu bringen. Als er hiermit fertig, ſich nach Magda umſah, war . dieſe verſchwunden. Sein erſtes Gefuͤhl war, nach ihr zu fragen— von ihr Abſchied zu nehmen. Wie es kam, daß er im naͤchſten Augenblick uber den Bretter⸗ 0 282 zaun ſprang und in Frau Mora's Hof ſtand, wußte er ſelbſt nicht— er verließ das Urſulinerſtift, ohne ſie ge⸗ ſehn zu haben, ohne Nachfrage nach ihr zu halten. Am Abend deſſelben Tages befand ſich eine Dame in vornehmer Tracht, von dunkler Farbe, wie es den gealterten Zuͤgen paſſend war, in einem großen duͤſtern Gemach der kaiſerlichen Burg, welches im Erdgeſchoſſe liegend, ſchwerfaͤllig gewoͤlbt und mit tiefen Fenſterni⸗ ſchen, mehr einem Kloſter als dem heitern Aufenthalt eines kaiſerlichen Hofſtaates zuzugehoͤren ſchien. Der Sommer half dieſen Raͤumen nicht viel, die Sonne drang nicht durch die unbeſchnittenen dicken Linden⸗ baͤume, die in dieſem ganz vergeſſenen Theile des klei⸗ nen Burggartens ſich feſt in einander verſchraͤnkt hat⸗ ten, und an denen aus dem feuchten Grunde ein dich⸗ tes Geflecht von kleinem Unterholze und Epheu mit wil⸗ den Weingewinden ſich wuchernd in die Hoͤhe draͤngte. Die Luft in dieſen Gemaͤchern blieb immer duͤſter und nebelartig, feucht und kalt, und in den großen Kaminen brannte mitten im Sommer— ſobald ſie bewohnt wa⸗ ren— ein beguͤtigendes Feuer. Die alte Dame hatte ſich ſo eben bemuͤht, von dem 283 reichlichen Holzvorrathe die ſinkende Glut des Kamins zu erhoͤhn, um ſich dann in einem Lehnſtuhl an der be⸗ lebten Luft zu pflegen, als die Uhr hinter ihrem Ruͤcken ſchlug und die alte Dame nun etwas unzufrieden den Kopf ſchuttelte und einen leer vor ihr ſtehenden Lehn⸗ ſtuhl noch naͤher zum Feuer ſchob, den mit Pelz gefuͤt⸗ terten Sammtmantel, der daruͤber hing, ausbreitete und das ſeidne Fußkiſſen dicht davor ſchob. Sie erwartete Jemand, das war leicht zu bemerken, und, wie es ſchien, nicht vergeblich, denn im ſelben Augenblick hoͤrte man Thuͤren ſchlagen, laute Stimmen im Vorzimmer und, die Fluͤgelthuͤren aufſtoßend, mit dem Armleuchter vorleuchtend, trat ein kaiſerlicher Lakai voran. Ihm folgte in großer Galla eine Dame, welche zwei Finger⸗ ſitzen auf den ſeidnen Rockaͤrmel des Grafen von Reu⸗ tenberg, des Kammerherrn Seiner Majeſtaͤt, gelegt hatte, welcher mit abgezogenem Hute die ſchoͤne Dame bis hierher geleitete. Jetzt fragte er unter tiefen Ver⸗ beugungen, ob Ihro Durchlaucht noch irgend einen Be⸗ fehl fuͤr ihren unterthaͤnigſten Knecht habe, oder an Seine Majeſtaͤt? Ohne ihm zu antworten, ſchritt die Dame dem Kamine zu, erwiderte die ehrfurchtsvolle Verneigung der alten Dame eben ſo wenig, ſondern hob ihre beiden ſchoͤnen Arme hoch in die Luft und knipste dabei eigenthuͤmlich mit den Fingern der aufgehobenen Haͤnde. Augenblicklich flogen zwei Kammerfraͤulein her⸗ bei, und mit aͤußerſter Schnelligkeit war die ſchwere Robe von Silberbrokat, in der das Geheimniß von ein paar bauſchigen Bouffanten ruhte— geloͤſt, und d koſtbare Unterkleid von weißem Atlas, mit bunten Blu⸗ men durchwirkt, zeigte die volle Schoͤnheit eines jugend⸗ lichen Koͤrpers, der zu ſeiner Rundung der entſtellenden Mode nicht bedurfte. Der Graf von Reutenberg ſtand wie bezaubert als Zuſchauer dieſer reizenden Umwand⸗ lung, deren Zeuge er ſo unerwartet und ſo uͤberraſchend ward, daß er immer furchtete, er muͤſſe davon laufen, obwol er noch nicht beurlaubt war, oder— man habe ihn blos vergeſſen. Die Dame, die ſich alſo erleichtert hatte, ſank nun in den Armſtuhl, der ſo vorſorglich be⸗ reitet war, zog den Sammtmantel um ihre reizende Geſtalt, ſchleuderte die hochhakigen ſeidnen Schuhe mit den blitzenden Schnallen von den kleinen Fuͤßen und bettete dieſe nebeneinander in den weichen Flaum des ſeidenen Kiſſens. Dann glitt uͤber das friſche Antlitz ein ſchalkhaft boshaftes Laͤcheln, was den Kommentar fur die kecke Weiſe des eben Vollfuͤhrten gab, und dieſem Lächeln folgte das Aufſchlagen ihrer lebhaften blauen Augen, die den Grafen ſo herausfordernd trafen, daß er es wagte, ſich, eben ſo lächelnd, tief vor ihr zu verbeugen. 285 „Wie?“ fragta ſie jetzt mit einer hellen Stimme, „ich ſollte Euch befthlen? Ach!“ fuhr ſie fort— „ſchade, daß es ſchon ſo ſpaͤt iſt; ich werde heute nicht ehr mit Allem fertig. Mein erhabener Vetter hat in dem paradieſiſchen Aufenthalt dieſer Gotterburg ſo alle Genuͤſſe der Erde vereinigt, daß natuͤrlich das Salz des Lebens, der Gaͤhrſtoff langweiliger Stunden, das Ra⸗ derwerk, was unſere ablaufende Weisheit wieder auf⸗ zieht, das Geheimniß des ganzen Daſeins— ich meine Wuͤnſche— unbefriedigte Wuͤnſche!— daß er natur⸗ lich dieſe Nektartropfen ſeinen Gaͤſten nicht von den Lippen zieht, ſondern ſie in dieſen reizenden Gemachern in vollen Bechern kredenzen laͤßt.“ „Wie anmuthig, meine Liebe!“ fuhr ſie fort, ſich mit der groͤßten Freundlichkeit gegen die alte Dame wendend,„daß Du an dieſem warmen Juliabend ein ſo ſchoͤnes Kaminfeuer unterhalten haſt und meinen Pelz⸗ mantel erwaͤrmt! Man wird ſelten in dieſem Monat ſo angenehmen Wechſel erleben koͤnnen, als er mir jeden Tag aufgehoben iſt. Wenn ich aus den ſonnenhellen Salons Ihrer Majeſtaͤten, wo weder Vorhaͤnge noch Jalouſieen uns einen einzigen Strahl auf Kopf und Nacken erſparen, halb gebraten in dieſe reizenden Ge⸗ woͤlbe niederſteige, glaube ich zu den Ahnen des Hauſes Habsburg einzugehen. Ich empfinde die erhabenen 286 Schauer, die uns bei dem Anblick von Katafalken und Sarkophagen ergreifen— ſelbſt der feuchte Moderduft, der ein beſtaͤndiger Bewohner dieſer Gemaͤcher iſt, trägt dazu bei, die Illuſion zu erhalten. Doch plotzlich dringt durch die blaͤulichen Nebel der Schein einer traulichen Flamme— alle erhabenen Schauer ſind verflogen— die unmuthige Haͤuslichkeit eines Winterabends breitet ihre heiteren Schwingen uͤber uns aus— an dem kni⸗ ſternden Feuer trocknen wir unſere feuchten Kleider und erluſtigen uns, wenn die fleißige Flamme von den Waͤn⸗ den die Kryſtalliſationen in zarte Troͤpfchen aufloͤſt, die — wie der Thau auf Blumen— auf unſern Scheitel niederſinken.“ Schaudernd wickelte ſich die lebhafte Spoͤtterin bei dieſen Worten noch tiefer in ihren Pelz, und Graf Reu⸗ tenberg benutzte gewandt dieſe Pauſe, um zu fragen, was eigentlich, nach einer ſo bezaubernden Auffaſſung der vorhandenen Zuſtaͤnde, der Allerdurchlauchtigſten noch uͤbrig bliebe von dem, was ſie mit dem Namen „Wuͤnſche“ bezeichnet habe. „Ja!“ rief die Schoͤne, laut auflachend.—„Ihr habt wol recht, dieſe Frage zu thun! Aber ſeht, das iſt der Unterſchied zwiſchen mir und meinen erhabenen Verwandten in dem Lande der Holters! Dieſe lieben ehrlichen Leute ſind hier ſo eingebuͤrgert und von Ju⸗ 287 denken zu koͤnnen, als was n von den Reſten Alt⸗Kaſtilianiſchen Glanzes in dem Nachlaß Fer⸗ dinand des Katholiſchen uͤber die Pyrenaen zugefuͤhrt wurde. Es iſt ſchoͤn! ruͤhrend! Das Alte iſt ſo ehr⸗ wuͤrdig! Aber ſeht! ich bin durch die Fuͤlle meiner ho⸗ hen Verwandten in einer eigenen Lage. Das Haus Lothringen, dem ich durch meine Mama angehoͤre, hat ſeine Vettern in allen Laͤndern— ich mußte daher mit meinem Vetter Ludwig XV. in Verſailles tanzen— und bei meinem Vetter, dem roͤmiſchen Kaiſer in Wien, Dampfnudeln eſſen— iſt das nicht ſehr komiſch?“ rief ſie lachend.—„Doch ich halte Euch unnuͤtz auf, mein lieber Graf! Seht! ſeht! Ei hebt doch die Fuͤße auf— es war eine Ratte an Euren Schuhſchnaͤbeln! die lieben Dinger ſind hier Alle ganz zahm— ſie fruhſtuͤcken mit uns und theilen alle Mahlzeiten— ſogar unſere Betten. Oder war es ein lieblicher kleiner Froſch? O! wir ha⸗ ben hier ſehr viele. Ich fange ſie zuweilen und ſchicke ſie dem Koch zu Frikaſſees.„„Aber holter! er weiß nit, waſch er mit macke ſoll.““ Er backt nur ſeine alten Ka⸗ paunen in dem ſchweren Mehlteig ſeiner Paſteten.“ Hier ward die Dame von einem ſo ſchallenden Ge⸗ laͤchter des Grafen von Reutenberg unterbrochen, daß 288 ſie trotz dem Fluße ihrer Rede genoͤthig we halten und, bald getroͤſtet, nicht uble Z. die froͤhliche Laune des Grafen durch ihre Gebaͤrden zu unterſtuͤtzen. Dieſer kniete ſogleich vor ihr nieder, pob das Kreuz ſeines koſtbaren Galanterie⸗Degens in die Hoͤhe und rief, noch immer von Lachen unterbrochen:„Ich ſchwoöre bei dem Griff meiner untadligen Klinge, daß ich jedes 1 Wort dieſes ſchoͤnen erlauchten Mundes morgen Seiner Majeſtät beim erſten Fruͤhſtuͤck ſerviren will, und wenn er nicht eine eben ſo herrliche Erſchuͤtterung des Zwerg⸗ fells davon traͤgt, als ich, gluͤcklicher Sterblicher, ſo will ich glauben, daß Seiner Majeſtaͤt Lothringiſches Blut unter dem Alt⸗-Kaſtilianiſchen Pompe ſeiner Vorgaͤnger erſtarrt iſt.“ „Sollte dies moͤglich ſein,“ rief die Dame lachend— „dann haͤtten wir wahrlich großes Verdienſt um unſern erlauchten Vetter, und wenigſtens waͤre fuͤr morgen einige Hoffnung, daß er ſein anmuthiges Cichorien⸗ waſſer und ſeine Wiener Pladen ohne Magendruͤcken beſeitigte. Doch hoͤrt! ſchont das Haus Habsburg da⸗ bei. Das erhabene Geſchlecht dieſes Stammes ſieht allen Scherz fuͤr Contrebande an, und beſteuert moͤchte ich nicht gern werden von ihrem hohen Tugendgericht. —Gute Nacht! gute Nacht!“ 289 ch dieſem Abſchiede druckte ſie ihre kleinen wei⸗ de vor die Augen, wie ein unartiges Kind, was Form ſich weiter fugen will, und der Graf ging amuͤſirt von dannen, daß ihn dies kleine Nachſpiel vollkommen entſchaͤdigte fuͤr die Langeweile des eben uͤberſtandenen Cour- und Spiel⸗Abends bei Ihrer Ma⸗ jeſtät der Kaiſerin. So wie ſie jedoch die Thuͤr in's Schloß fallen horte, zog ſie die Haͤnde von den Augen und warf einen ſchnel⸗ len liſtigen Blick auf die alte Dame am Kamin, welche mit ziemlich ſtrenger Miene ein ſtummer Zeuge der vo⸗ rigen Scene geweſen war. Da dieſelbe noch immer ein nachdenkliches Schweigen beobachtete, trat auf's Neue das ſpoͤttiſche Laͤcheln hervor, was dieſem reizenden Ant⸗ litze ſo beſonders eigen ſchien, und muͤhſam ſich erhe⸗ bend, zog ſie den ſchwerfaͤlligen Stuhl dicht neben den Sitz der alten Dame, und indem ſie neckend das Geſicht auf ihre Hand ſtemmte, rief ſie:„Was wette ich, Du maulſt mit mir?“ Die alte Dame ſah auf und in das lachende Geſicht — und die Strenge des Ausdrucks ließ ſogleich bedeu⸗ tend nach:„Wann, ma princesse, haben Sie das er⸗ lebt? Wenn Ihre aͤlteſte Freundin oft uͤber Ihr Betra⸗ gen betrubt iſt, verdient das einen andern, ich darf ſa⸗ gen einen beſſeren Namen.“ Thomas Thyhrnau. 3te Aufl. 19 . gen Deine ſprudelnden Thorheiten.“ „Ich bitte Dich— und wenn Du willſt meinen Knieen, ſei nicht ſo furchterlich hoͤflich un muͤthig. Dagegen habe⸗ich keine Waffen. Sche mich— poltere— vergiß Dich und den gehorigen ſpekt gegen mich ein Dutzend Mal in Deiner Redez aber wenn Du anfaͤngſt, ma princesse— und mit bloßer Betruͤbniß ſchließeſt— da machſt Du mich toll — bringſt mich außer mir— reizeſt mich— machſt, daß ich Dich ſchelten werde— ja ſchlagen,“— und im ſelben Augenblick warf ſie ſich mit ſo ungeſtuͤmer Zaͤrt⸗ lichkeit der alten Dame um den Hals, daß dieſer nichts anderes uͤbrig blieb, als ſie jetzt ſelbſt feſt zu halten. Sie that es mit den ſchnellen Kbergaͤngen einer faſt muͤtterlichen Zaͤrtlichkeit und gab ihrem Liebling damit volle Sicherheit, daß ihr anſcheinendes Zuͤrnen ihr eine ſchwere pflichtſchuldige Aufgabe geweſen, von der ſie ſich jetzt ſo bald als moglich zu erloͤſen ſuchte. „Du weißt, Thereſe,“ ſagte ſie—„daß Du mich nur immer allzu ſchwach findeſt— allzu nachgiebig ge⸗ „Sprudelnde Thorheiten!“ rief die Prinzeſſin froͤh⸗ lich lachend—„Geliebte Hautois! Du wirſt witzig! was ſind das fur koͤſtliche Ausdrucke fur die angenehmen Einfaͤlle Deines Lieblings! O verdiente ich doch dieſe Bezeichnung— es reizt mich foͤrmlich!“ 291¹ Ich bitte Dich, Thereſe!“ rief die alte Graͤfin von utois, ihre Gouvernante—„Du erſchreckſt mich örmlich! Gewiß, Du biſt zu lebhaft, und ich ſehe nicht ein, wie Du durchkommen willſt— beſonders hier an dieſem ſtrengen Hofe, den eine ſo tugendhafte Kaiſerin beherrſcht.“ „Da haſt Du Recht! meine Alte,“ ſagte die Prin⸗ zeſſin und ſtreckte ihre reizenden Glieder, den Mantel zuruͤckſchlagend, auf dem rieſigen Armſtuhl—„ich ſehe es auch nicht ein, und wir haben uns heute ſchon recht artige Sachen geſagt, dieſe tugendhafte Frau Kaiſerin und ihre unterthaͤnige kleine Couſine.“ 5 3„Welche Unbeſonnenheit, beſtes Kind! Sie laſſen nicht ab, ſich die groͤßten Verwirrungen zuzuziehn und haben foͤrmlich ihre Luſt daran, ſich bis uͤber den Hals hinein zu ſtecken.“ „Deshalb war es Zeit, daß ich meine erhabene Baſe wieder daran erinnerte, mit wem ſie es zu thun hatte. Sie nahm wieder ihren Anlauf, in der Hoffnung, mich zu uͤberrennen, und das ſage ich Dir: iſt ein Weib ein⸗ mal herrſchſuͤchtig, dann bleibt ſie's bis an's Ende ihres Lebens und wenn ſie alle ihre andern Laſter abſchwoͤrt, fuͤr dieſen allerwiderwaͤrtigſten Fehler webt ſie immer einen neuen, einen waͤrmeren Mantel, damit er'ſich ja conſervire. Niemals wird ſie ſagen: Ich kann es nicht 19* 2 ertragen, wenn ſich irgend wer unterſteht, ander danken und Anſichten zu haben als ich— in m Bereich ſoll man nur fuͤr gut und recht halten, was dafur anſehe, alſo was mir angenehm und bequem iſt— und es mag Dir leicht oder ſchwer werden, es mag Dich glucklich oder ungluͤcklich machen, Du mußt Dich darein fugen, denn ich kann mich nicht irren und habe das voll⸗ kommene Recht, von allen Menſchen zu fordern, daß ſie dies anerkennen.— Niemals ſagt der abſcheuliche hochmuͤthige Luͤgenbalg alſo— ſondern er ſagt:„Ich habe Menſchenkenntniß und weiß, wie es hergeht in der Welt— ich kann nicht zugeben, daß Dieſer oder Jener dieſen oder jenen dummen Streich macht— nach der Vernunft muß jederzeit gehandelt werden(d. h. nach mei⸗ ner Vernunft)— Jeder muß ſeine Pflicht erfuͤllen, und ſieht er das von ſelbſt nicht ein, ſo muß man ihn dazu zwingen.“ Dann kommt noch der Nachſatz, die Klage, der Vormund aller Menſchen ſein zu muͤſſen, da doch Jeder, der es wagen wuͤrde, ſich ſelbſt lenken zu wol⸗ len, augenblicklich von ihrer Mißbilligung, ihrer bos⸗ lichen Anſchuldigung, oder geht das nicht an, von der gaͤnzlichſten Vernachlaͤſſigung und der vornehmſten Ge⸗ ringachtung verfolgt werden wuͤrde. Sieh, Alte! ich onnte dieſe herrſchſuͤchtigen Hochmuthsteufel zuchtigen wie kleine Kinder, denn ſie ſind eben ſo unbezwinglich näckig und allen Gegengruͤnden verſchloſſen, als die ezogenen Baͤlger, die auch nur nachgeben, wenn ſie Gewalt fuͤhlen, die eben ſo ſtark iſt als ihr Sinn.“ „Nun ich danke fur die Aufgabe dieſer Zuͤchtigung!“ ſagte die alte Graͤfin. „Ich nicht! mich reizt es, ihnen eben ſo viel unbe— zwinglichen Geiſt entgegen zu halten. Denn ich will lieber einem Weibe die Arme oͤffnen, das ſo viel tollen Spuk in der Liebe getrieben hat, als Jugend und Schoͤn⸗ heit fertig bringt— als ſolch einem ſtarren Hochmuths⸗ Weibe, das jede eigne Jugendverfuͤhrung ſchnell vergißt, um ſie an andern ſtreng zu richten. Glaub' mir, liebe Alte! die Magdalenen ſind ſo uͤbel nicht. Da bleibt ein ewig rinnender Born der Liebe, und wenn die Wangen welken und die Locken erbleichen, da lieben ſie noch die halbe Menſchheit und weinen um jeden Irrenden, und haben den Schleier fuͤr jeden Suͤnder in der Hand.“ „Nun! nun! es iſt auch nicht die rechte Art, dies ewige Bemaͤnteln und Verſchleiern des Boͤſen in der Welt. Man ſoll die Dinge beim Namen nennen, ſonſt furchtet ſich keiner mehr davor, und es geht wie in der Fabel dem Kinde— das dem Loͤwen in den Rachen lief, weil in der Fibel nur von ſeiner Großmuth und Schoͤn⸗ heit— nichts von ſeiner Gefraͤßigkeit ſtand.“ „Will ich Anderes?“ rief die Prinzeſſin—„Aber⸗ bel— ich mußte heute immer vor meiner kaiſerliche Muhme im Stillen deklamiren:„Gar grimmig iſt de wilde Baͤr— wenn er vom Honigbaum kommt her.“— Ich hatte ſie auf was gehetzt— was gerade ſo recht ihre Art und Weiſe warz da hatte ſie ſich wahrſcheinlich uber⸗ nommen und im heiligen Eifer fuͤhrte ihr choleriſches Blut ſie zu weit. Sie natuͤrlich konnte keine Schuld haben— da fand ſie bald denjenigen, der den Pfeil auf den Bogen gelegt hatte.“ „Was haſt Du denn wieder vor,“— rief die alte Graͤfin,„was iſt denn das?“ „Ach! was wird es ſein?“ entgegnete die Prin⸗ zeſſin.„Kannſt Du Dir denken, daß meine alte vier⸗ zigjaͤhrige Muhme Morani, die wie eine Puppe von vergoldetem Pergament ausſieht, den Gedanken faßt, den ſchoͤnen, reichen, jungen Grafen Lacy zu heirathen?“ „Du ſcherzeſt!“ rief die Graͤfin Hautois lachend— „ſolche Verirrung waͤre in Iſtael nicht zum zweiten Mal zu finden!“ „Das dachte ich auch— und da ich bei meinen of⸗ teren Beſuchen die alte Taube girrend fand und den ſchoͤnſten jungen Mann in einer gewiſſen Tugendanbetung vor ihr— dachte ich wol, man muͤſſe den preßhaften umſtaͤnden der alten Jungfer zu Hilfe kommen und 295 ihr nach und nach ſehr gottſelige Gedanken uͤber Kloſterleben ein. Denn, laͤcherlich genug, die a ame ſchwankte ſchon ſeit lange uͤber die Wahl zwiſchen dem Brautkranz und dem ewigen Jungfrauen⸗ ſchleier. Faſt glaubte ich ſo weit zu ſein, wie ich ſein wollte— da plötlich ſchlagt die ganze Geſchichte um. Georg Prey— dieſer alte Suͤnder— der ſeinem heiligen Stande nicht genug Opfer ſollte ſammeln koͤnnen— der ward mein groͤßter Widerſacher, und wie ich eines Morgens zu meiner holden Couſine eintrete, iſt ſie cou- leur de rose vom Kopf bis zu den Fuͤßen, und weiß vor zimperlicher Freude gar nicht Worte zu finden, um mir endlich zu geſtehn— ſie ſei die Braut des Grafen Lacyh!— Gott! ſie iſt mir unausſtehlich!“ „Hem!“ ſagte die alte Graͤfin—„darf man wol fragen, wem Dein ungewoͤhnlicher Zorn am meiſten git? Der alten Couſine, oder dem ſchoͤnen jungen Grafen?“ „O Du alte Liſtige!“ rief die Prinzeſſin lachend —„haſt Du mich wieder weg? War's nicht empoͤ⸗ rend, daß ich in der Naͤhe dieſer alten Holzpuppe uͤber⸗ ſehen werden konnte? Ja, er iſt ſchoͤn und der Muͤhe werth, ihn ſich zu unterwerfen, denn er leiſtet Wider⸗ ſtand, iſt geiſtvoll, ſtolz, kritiſch— genug— gerade wie ich die Maͤnner liebe, die zu beſiegen ich mich herablaſſe!“ 296 „O Thereſe!“ rief Frau von Hautois— „Still!“ unterbrach ſie die Prinzeſſin—„hoͤr wie ich darauf mit der Kaiſerin zuſammenkam. dia fuͤhlte das Unpaſſende und Laächerliche ihres Schrit⸗ tes; ſie furchtete das Gerede der Menſchen, vorzuͤglich die Kaiſerin. Dies benutzte ich, machte Ihrer Majeſtät einen Bericht, daß ſie ſich die Seiten hielt— doch lange haͤlt ihre Lachluſt nicht vor, das wußte ich wol, und dann ſetzt ſie ſich auf ihr hohes Pferd, und nun war bald die ganze Sache mit den ſtaͤrkſten Ausdrucken be⸗ zeichnet— Skandal— Laͤcherlichkeit— Unvernunft waren die milden Benennungen.— Genug! es ſtieg zu einer bedeutenden Entruͤſtungshoͤhe— man haͤtte den⸗ ken koͤnnen, es ſei eine perſonliche Beleidigung ihrer er⸗ habenen Perſon. Nun haͤtte ich gern etwas die Seiten gehalten. Es verging mir aber auch, als ich hoͤrte, das Brautpaar werde anderen Tages ſchon ſeine Antrittsaudienz haben. Das war meinen Plaͤnen nicht gunſtig; war die Sache ſchon ſo weit vorgeruckt, mußte ich den Widerſtand des Grafen und die Nachgiebigkeit der Kaiſerin fuͤrchten. Doch war der Empfang nicht ſehr huldvoll, und als Beide nach ihrem Kabinet entbo⸗ ten wurden und jene gewiſſe Ader auf der Stirn der Kaiſerin ſichtbar hervortrat, ſchien es mir nicht ganz umſonſt. Doch durften wir nicht folgen, mußten uns Schwelle begleiten muͤſſen. Was daher im Innern vor— gefallen, weiß ich nicht genau; als meine hohe Couſine aber aus ihrem Kabinet trat, gluͤhte Dero ganzes Ge⸗ ſicht; ihre Augen ſuchten mich, und ſie nickte dazu dro⸗ hend mit dem Haupte, und ich ward herbei gewinkt. „Ma princesse ſind ſehr uͤbereilt in Ihrem Bericht uͤber Dero Couſine, die Fuͤrſtin Morani, und deren be⸗ abſichtigte Vermaͤhlung geweſen. Die Verbindung ſtellt ſich nach unſerer eignen Anſicht der Sache jetzt ganz an⸗ ders heraus.“ „O,“ unterbrach ich ſie, ſo freundlich als moͤglich— „iſt meine holde Couſine unterdeſſen juͤnger geworden? oder ſchoͤner? hat ſich die Macht des gnaͤdigen Blicks bei Euer Majeſtaͤt auf's Neue bewaͤhrt und meine liebe Verwandte von allen ihren Gebrechen geheilt?“ „Sieh, meine alte Hautois, eine Gewalt habe ich uͤber dieſe erhabene Potentatin, der ſie ſich nie ganz ent⸗ ziehen kann— ich weiß ſie zuweilen gegen ihren Wil⸗ len zum Lachen zu reizen. Auch jetzt ſah ich das verraͤ⸗ theriſche Zucken um den Mund, aber ihr Zorn heizte nach.“ „Nein, Prinzeß Thereſe,“— ſagte ſie—„ſolche Wunder waren nicht noͤthig, um mich zu uͤberzeugen, 298 daß ein vernuͤnftiger Mann, wie Graf Lach, e richtige und beſtaͤndige Zuneigung zu einer Dame kann, von ſo hohen weiblichen Tugenden, als die ſtin Morani beſitzt, wenn ihr auch die erſte Jugend eine uͤppige Schoͤnheit abgeht— welche Eigenſchaften nicht immer zum wahren Heil unſeres Geſchlechts ge⸗ reichen.“ „Dies ſollte nun ein niederſchmetternder Hieb auf mich ſein! Ich aber bog mich auf ihre Robe, kuͤßte ſie und ſagte ihr, wie dankbar ich waͤre fuͤr dies meiner Baſe ertheilte Lob— und wie nun mein Gewiſſen leicht aufathme, weil ich nichts Anderes gefurchtet habe, als gegen mein eignes Blut ſelbſt die Hand aufheben zu muͤſſen, um es vor dem hohen Tugendgericht Ihrer Majeſtät anzuklagen. Verzeihen mir Euer Majeſtat mein einfaͤltiges Urtheil, fuͤgte ich hinzu— aber wer eine Zeit lang an dieſem erhabenen Hofe lebt, gewinnt eine ganz neue Anſchauung von Tugend und Recht, und glaubt immer vor dem ehrwuͤrdigen Gerichtshof zu ſte⸗ hen, der ſeinen Masßſtab allen Zuſtaͤnden anlegt.“ „Nun mußt Du wiſſen, daß meine ſchoͤne Muhme uͤber dieſe hochmuͤthige Einrichtung— ich meine das Tugendgericht— nicht ganz einig mit ſich iſt, und wie es eines Theils ihrer Herrſucht zuſagt, furchtet ſie doch heimlich, es wittere dahinter ein klein Weniges von Läͤ⸗ * 299 cherlichem. Sie ahnt, was hinter ihrem Ruͤcken fuͤr e Reden daruͤber gefuͤhrt werden, und ſo kommt es, daß ſie Zeitenweis es ganz verlaͤugnet, ſeine Exiſtenz kaum anerkennt, und keiner ihrer Hofleute, ohne ſtarke Entgegnungen ſie daran wurde erinnern duͤrfen, wenn ihre eigne Heftigkeit ſie nicht zuweilen wieder hinriß, es geltend hervortreten zu laſſen.“ „Du kannſt daher denken, daß ſie meine Bosheit ſogleich erkannte und fuͤhlte, daß ſie eine gefaßte Gegne⸗ rin habe. Du haͤtteſt die Blicke ihrer feurigen Augen ſehen ſollen, mit denen ſie mich waͤhrend meiner kecken Rede uberlief— und welche Gewalt es ſie koſtete, in Gegenwart ihrer Hofdamen die Muhme ihres Gemahls nicht wie ein Gaͤnſemaͤdel auszuſchmaͤhen. Aber ſie uͤberwand ſich, und waͤhrend ſie ſo mit ihrem wilden Blute kaͤmpfte, bekaͤmpfte ſie mich mit; dennich mußte, mitten in dieſem jetzt ſtummen Gezaͤnk unter uns, mir geſtehn, ſie ſei ein tuͤchtiges ſtarkes Weib und ſchon der Muͤhe werth, den Kampf mit ihr zu beſtehen. Ja ich glaube, ich hatte ſie lieb und haͤtte ihr gern den ſchoͤnen ſchmollenden Mund gekuͤßt; aber meine Zeit war noch nicht wiedergekommen. Sie wendete ſich von mir ab und redete die alte Oberhofmeiſterin Graͤfin von Fuchs an, die ſchon zitterte, nur von fern den Zorn der Ge⸗ ſtrengen zu beobachten.„Meine Liebe,“ ſagte ſie— 300 deklariren Sie doch meinem Hofſtaate die mir ſe wohlgefaͤllige Verlobung meiner lieben Fuͤrſtin Mo in mit dem Grafen Lacy. Sie werden das Brautpaa meinem Namen im Palais Morani bekomplimentiren, und es iſt zu erwarten, daß die Fuͤrſtin viel Beſuch von meinem Adel bekommen wird.“ „Und wie war ſie denn dieſen Abend gegen Dich?“ fragte die Graͤfin Hautois beſorgt— „Als haͤtte Sie gar kein Gedaͤchtniß fur die Unarten ihrer holden Muhme.„Prinzeſſin“— ſagte ſie—„ich ſehe Sie faſt am liebſten in weißen Stoffen! Sie haben den merkwuͤrdigen Teint, der das verträgt. Doch ſoll⸗ ten Sie billig nicht ſo ſchoͤne Toilette machen! meine ar⸗ men Cavaliere bekommen Alle das Herzweh davon.“ Du mußt geſtehn, das war faſt eine frivole Rede in dieſem Munde!“ „Ja,“ unterbrach ſie die Graͤfin Hautois—, ſchade nur, daß ſie glauben muß, es ſei der beſte Ton, Sie zu verſoͤhnen!“ „Nun,“ lachte die Prinzeſſin—„ich kann mich nicht beklagen, daß Du nicht gelehrig ſeiſt— jetzt biſt Du grob genug. Aber ich hab's gern von Dir. Aen⸗ dern will ich mich einmal nicht, und da muͤßte es Dir ja das Herz abſtoßen, wenn Du nicht mitunter ber mich herfieleſt mit Deinen boͤſen Stachelreden.“ Be⸗ 301 haglich löſte ſie dabei ein bindendes Stuͤckchen ihrer Toi⸗ lette nach dem andern und beſchaute mit anmuthiger IFronie ihre ſchonen Arme. „Ach, Thereſe,“ ſagte die Graͤfin traurig,„alle An⸗ dern koͤnnen auch Deinen Thorheiten ruhiger zuſehn als ich— die ich den Titel Deiner Gouvernante fuͤhre. Welch ein Vorwurf fuͤr mein ganzes Leben iſt jede un⸗ erlaubte Handlung Deiner Seits, der ich zuſehen muß, als haͤtte ich keinen Antheil an Dir. Wie verwickelt ſind jetzt wieder Deine Angelegenheiten, und wie ſchwer wirſt Du einmal fuͤr all' die Intriguen geſtraft werden, deren ſo viele ſind, daß Du eine mit der andern ver⸗ wechſeln koͤnnteſt!“ „O Du biſt heute gar zu witzig, liebe Alte!“ rief die Prinzeſſin—„doch geſtehe nur— wer von meinen Anbetern hat Dir die Laune ſo verdorben? Achl ich errathe— es war mein junger leichtfußiger regierender Fuͤrſt von S.!“ „Ja, ſpotte nur! Es war dieſer alte Thor, der doch vielleicht zu fuͤrchten iſt, wenn er erſt einſieht, daß Du Dein Spiel mit ihm treibſt.“ „Liebe!“ rief die Prinzeſſin—„glaubſt Du, er zweifle noch daran? Iſt eine ſolche Laſt denk⸗ bar? Alſo muͤßte ich ihn noch laͤcherlicher ma⸗ chen, noch toller foppen, ehe es durch ſein dum⸗ 3 302 mes Verſtndniß draͤnge, daß ich ihn zum Beſte habe?“ „Willſt Du mich auch taͤuſchen? Soll ich nich wiſſen, daß Du wirklich daran gedacht, ihm Deine Hand zu geben? War es nicht deshalb, daß man Dich aus Z. hierher verſetzte, um dieſe tolle Verbindung Dir aus dem Sinne zu bringen?“ „Es kann ſein!“ ſagte die Prinzeſin in beſter Laune—„Aber warum ſoll ich es noch wollen, wenn mir die Luſt daran vergangen iſt? Gerade weil dieſe klugen Leute ſich einbildeten, ſie koͤnnten mich von et⸗ was abhalten und nach ihrem Sinne lenken, gerade das reizte mich, ihnen unter den Augen alles zu thun, wo⸗ von ſie mich abhalten wollten. Ja, haͤtte der alte Thor nur damals Muth gehabt, mich zu entfuͤhren, ich haͤtte mich auf der Grenze mit ihm trauen laſſen, blos um die Andern fuͤr ihre Klugheit zu ſtrafen. Jetzt habe ich mich anders beſonnen. Ich fange an, mich— trotz dieſer Katakomben, in welche die Gaſtfreundſchaft mei⸗ ner erhabenen Verwandten mich eingeſperrt hat— zu amuͤſiren! Ich muß noch Einiges hier mit anſehn— betreiben— es fangen einige luſtige Verwicklun⸗ gen an.“ „Alſo wieder etwas Neues?“ ſeufzte die Graͤfin. „Neues oder Altes, wie Du willſt. Der Erbprinz iſt 303 hier und ich habe ihn ſeit funfzehn Jahren zum erſten Mal wiedergeſehn.“ „Iſt es moglich?“ rief die Graͤfin, wie verkläͤrt aufſtehend—„Der Erbprinz von S.? O geliebte Thereſe! ſagen Sie mir— wie benahm er ſich gegen Sie „Laß das,“ ſagte die Prinzeſſin—„ich habe etwas Anderes vor— und das iſt der ſtolze hartherzige Lacy, der, glaube ich, noch immer nicht weiß, ob mich weißer Stoff wegen meines merkwuͤrdigen Teints am Beſten kleidet!“* 1„Aber Prinzeſſin, der Verlobte ihrer Couſine?“ „Das iſt es eben. Ich muß in's Mittel treten, dieſe liebe tugendhafte alberne Couſine von der groͤßten Betiſe ihres Lebens abzuhalten. Ich muß das groß⸗ muͤthige Opfer bringen, dieſem ſchoͤnen Knaben die Augen zu oͤffnen fuͤr meine Verdienſte, damit die arme alte Thoͤrin Zeit behaͤlt, in ein Kloſter zu gehn!“ „Abſcheulich! abſcheulich! Chere princesse. O wer Sie nicht kennt, wie ich— der muß Sie fur die boͤſeſte hartherzigſte Perſon der Erde halten— und 3 doch ſind Sie blos— F.„Was denn? was bin ich denn blos—?“ „Coquette!“ rief die alte Graͤfin mit einer Verach⸗ tung in dem Ton ihrer Stimme, daß die Prinzeſſin 304 vlotzlich die Augen aufſchlug und mit einiger Unſicher⸗ heit das Antlitz ihrer ſchwer gepruͤften Gefaͤhrtin ſuchte. „Coquette?“ wiederholte ſie ſinnend—„brauchſt Du denn dazu ſo veraͤchtlich auszuſehn? Iſt es denn ein ſo großes Verbrechen? Was kann ich dafuͤr, daß die Maͤnner zu ſo elendem Spielzeug brauchbar ſind? Es iſt wahr, es reizt mich, meine Macht an ihnen zu verſuchen— ich muß es heraus haben, auf welche Art ich ſie ſchwach finden kann. Ich belauſche mit kindi⸗ ſchem Vergnuͤgen ihre kleinen Niederlagen, bis ſie ſich endlich mir ganz uͤbergeben. Weiß ich's dann, daß ich mit ihnen machen kann, was ich will, daß ſie mich an⸗ beten, wie die Heiden ihre Pagoden, was ſoll ich dann weiter mit ihnen? Dann ſind ſie Alle langweilig. Oder willſt Du, daß ich ebenfalls verliebt werden ſoll? Wie ein Schaͤfermaͤdchen ſeufzen und ſtoͤhnen— oder gar mit Einigen davon laufen und eine Idylle auffuͤhren zwiſchen Fels und Thal?“ „Wollte Gott, Thereſe“— ſagte die alte Dame— „Du haͤtteſt lieber eine ſolche Thorheit gemacht! Lieber ſaͤhe ich Dich einer ſolchen Leidenſchaft anheim fallen— ſaͤhe Dich lieber leiden und ſeufzen, als Dein kaltes herzloſes Treiben, in welchem Du bis zur groͤßeſten Härte und Gewiſſenloſigkeit vorſchreiteſt. Fuͤhlſt Du nicht, wie Du zwiſchen der tiefſten Entwürdigung Dei⸗ 305 ner Weiblichkeit, und der gewiſſenloſeſten Gleichgul⸗ tigkeit gegen das Schickſal Anderer mitten inne ſtehſt? Thoren nennſt Du die Maͤnner, die ſich Dir ſo leicht ergeben? Aber ſind ſie das, wenn ſie nicht Kraft haben, dem loſen Spiel einer Frau zu widerſtehen— was wird dann das Weib, das ſeine heil'gen Reize von der Seele trennt, um ſie in Cours zu bringen gegen einen Mann, den ſie verachtet und doch feſſeln will? Wie nun, Thereſe? Iſt ein ſolches Weib etwa weniger der Spielball des andern Geſchlechts? Und da, wo Du Widerſtand ſiehſt— wo Dir Werth— Karakterwuͤrde entgegentritt— wo Du den Mann findeſt, der ſein Herz nur um edlen Preis geben will, der in dir die Gefahr fuͤrchtet und Dir ausweicht— wenn Du ihn deſſenun⸗ geachtet verfolgſt— ihn ſo lange umſchleichſt, bis Du den ſchwachen Punkt gefunden, und nun Dir die Täu⸗ ſchung dient, das Herz aus ſeinem Verſteck hervor zu locken! Wenn es Dir dann mit der Waͤrme zugeeignet wird, die ein edler Mann erwidert hofft— und Du dann, ſo weit gekommen, ihm herzlos den Ruͤcken kehrſt, weil Du Deine Abſicht erreicht und nun gelang⸗ weilt biſt— fuͤhlſt Du nicht, wie Du da um Deines Spielwerks Willen ein ganzes Daſein vergiftet haben kannſt— und doch am Ende nicht Siegerin wurdeſt, das heißt, keinen Preis davon trugeſt, ſondern, ſelbſt Thomas Thyrnan 1. 3te Aufl. 20 306 durch Deine Sucht beherrſcht, — an jeden Mann verwieſen biſt, der in Deinen Be⸗ reich kommt? O laß mich ſchweßen Ich ſchaudere, daß ich Dein Bild gezeichnet!“ Es entſtand eine Pauſe nach dieſer Rede, die ſo lang bekaͤmpfter Schmerz hervorgerufen. Die ſchoͤne Suͤnderin lag mit geſchloſſenen Augen hinten uͤber— ihr Geſicht gluͤhte— ihre Arme hingen ſchlaff danieder. — Schon lauſchte die alte ſchwache Dame mit Sorge ob des auffallenden Zuſtandes. Jetzt drangen Thraͤnen durch die geſenkten Augenlieder und fielen auf den un⸗ gleich athmenden Buſen. Die alte Freundin hielt ſich nicht mehrz ſchluchzend ſtand ſie auf, umfaßte den Liebling und druckte ihn zartlich an ihre Bruſt. Die Prinzeſſin weinte fort und preßte ihr Geſicht an den muͤtterlichen Buſen, der neben allem Zorn der Liebe alle Weichheit derſelben und das ganze Heer von Ent⸗ ſchuldigungen barg, die immer verſoͤhnend das alte Ver⸗ haltniß wieder herſtellten.„O Thereſe, weine nicht! Mein armes liebes Kind, weine nicht— es bricht mir das Herz!“ „Laß mich weinen!“ ſagte die Prinzeſſin mit einem ſo dumpfen und traurigen Tone, daß die helle lachende Stimme nicht wieder zu erkennen war.„Ich weine um mich— um die Thereſe— die einſt rein an Herz die Beute dieſer Sucht 307 und Gedanken war— um die Thereſe— die ſie Dir entfuͤhrt haben, um Dir dies kalte hoͤhnende Schatten⸗ bild zuruͤck zu geben, was Du eben ſo fuͤrchterlich ge⸗ ſchildert haſt und doch an Deinen mutterlichen Buſen aufnimmſt. Haͤtte er mich geliebt— den ich in dem Heiligthume meiner erſten jugendlichen Empfindung aufnahm, mit der ganzen Kraft dieſer Jugend und meines angeſtammten Karakters— haͤtte er mich ge⸗ liebt— waͤr' ich ſein Weib geworden— ſo waͤre ich gerettet geweſen!— Ich habe ſeitdem nicht wieder ge⸗ liebt— vielleicht weil ich nicht aufhorte zu lieben. Aber, die Glut, die ſo fruͤh dadurch in mir entwickelt ward, naͤhrt jetzt ſtatt Engel— Daͤmonen.“ Mit einer leidenſchaftlichen Aufregung riß ſie ſich jetzt aus den Armen der Graͤfin und ihre Thraͤnen trocknend rief ſie heftig:„Wos ſchiltſt Du mich und machſt mich vor mir ſelbſt ergrauen? Schelte das eiſerne Verhaͤngniß, das uͤber mir ſteht, und wundere Dich, daß ich ſo tugendhaft geblieben. Als mich die Amme uͤberlieferte, ward mir ſchon das Lied von meinem Braͤutigam— dieſem ſchoͤnen Goͤtterknaben— dieſem Prinzen von S. geſungen. Meine Puppen hießen Ernſt und Thereſe— mein Papagei lernte ſeinen Na⸗ men— meine Blumen— meine Vogel— mein Zim⸗ mer— mein kleiner Garten— Alles hieß nach ihm— 20* 308 war ſein Fuͤrſtenthum! Und als er nun zuerſt mit ſei⸗ ner Mutter kam, und das zehnjaͤhrige Maͤdchen vor dem erwachſenen Juͤngling ſtand, da faßte dies junge Herz ſein Bild auf mit der ganzen Glut, mit der gan⸗ zen fruͤh empfundenen Energie dieſes Herzens. So ward ich fuͤnfzehn Jahr, um alsdann auf das Schno⸗ deſte von ihm verſchmaͤht zu werden.“ „Ha, dieſer Augenblick,“ rief ſie nun und ſtand vlotzlich hoch aufgerichtet, zitternd und glühend vor der alten bewegten Dame—„er hat uͤber mein Leben ent⸗ chieden! Frage Dein Gedaͤchtniß und rufe das Bild der Thereſe zuruͤck, die ſich fuͤr die Braut dieſes heiß⸗ geliebten Juͤnglings hielt— war ein Mißton in der heitern gluͤcklichen Harmonie dieſes jugendlichen We⸗ ſens? War ich ſtolz— war ich eitel— boshaft oder geringen Gemuͤthes? Nein! nein! ich weiß es, Du ſagſt Nein! ich war nicht Coquette, nicht wie Du es eben geſagt.“ Mit beiden Haͤnden verhuͤllte ſie ihr Geſicht und brach in ein ſo heftiges krampfhaftes Schluchzen aus, daß die arme Graͤfin ſich ihr beſchwich⸗ tigend auf's Neue nahen wollte. Aber die Prinzeſſin war in einer Aufregung, die ſie nichts wahrnehmen ließ, als den eignen Strom der Gedanken. Sie blickte mit ihren glaͤnzenden Augen uͤber alles ſie umgebende hinaus in die dunkle Tiefe des Gemachs, als ob ſie dort 309 ihr Schickſal gewahre und ihm zuͤrnend die von ihm er⸗ lebte Unbill vorbehalten wolle.„Wer hat den Sturm beſchworen, wer hat nachgefragt, wie das gekraͤnkte Herz ſich retten koͤnnte?“ rief ſie immer heftiger— „Ohne Vorſicht und Bedacht hatte man die Gewalt wachſen laſſen und ſie tandelnd genaͤhrt. Als er mich verwarf und das ganze Leben zertruͤmmert zu meinen Fuͤßen lag, da war ich ihnen blos das Kind, deſſen Ge⸗ fuͤhlen nicht nachzufragen iſt, und ſo bekamen ſie, was ſie verdienten: meinen bittern Haß— meinen feſteſten⸗ Trotz! Da war ich ihnen ein wilder Gaſt geworden und nicht eine weiſe Hand ſtreckte ſich nach dem todt⸗ wunden jungen Kinde aus, das im Fieber tobte. Los wollten ſie mich ſein— und o der Weisheit— der frommen Guͤte— ſoll ich ſie nicht preiſen und mich verdammen? Nach Frankreich zur lieben Muhme Or⸗ leans, auf den tugendhafteſten Boden dieſer Erde, ward ich geſchleudert. Hier, wo jeder Greul des Laſters ſeine Freiſtatt hatte und mit einem Scherz— mit einem Witz der Hoͤlle bezeichnet ward— hier, wo die Luft ſchon die reinen Bluͤten des Weibes zum Wel⸗ ken bringen mußte— wo das ganze Geſchlecht zu einer Waare herabgeſunken war, die nur nach ihrem aͤußern Reize Geltung fand— dahin, du finſtres, furchtbares Schickſal, ſtießeſt Du das liebekranke Maͤdchen, das wild 31⁰ in die Schneide des Schwertes griff, um ſich zu raͤchen für den heißen Schmerz— und das nicht fuͤhlte, wie die Sehnen des geſunden Gliedes zerſchnitten wurden und es ſtatt Rache, Blut und Zerſtuͤmmlung fand! Ja, ich haßte alle Maͤnner, denn ich konnte keinen lie⸗ ben wie ihn— und von dem ſchoͤnen Ludwig mit der Krone bis zu dem Knaben, der meine Schleppe trug, mußten ſie ſeufzen lernen vor der deutſchen Schoͤnheit! O! de Luſt, die keine Einſamkeit mit ihren Bildern ſchmuͤckt— die das einmal ihr verfallne Weib mit Sturmwinds Haſt aus allen Tempeln jagt, wohin um⸗ ſonſt der Schrei der innern Kraͤnkung es zuruͤck zu ru⸗ fen ſcheint. O! oͤde Luſt! bewundert ſein von denen, die du haſſeſt und verachteſt? O oͤde Luſt des Glanzes dieſer Feſte, die Schande bergen ſollen und den Geber wie den Empfaͤnger brandmarken! ich kenne dich! Lehr⸗ meiſter fand ich hier auf jedem Schritt, und lehrbegie⸗ rig ward ich bald. Ach! ich ſtand allein! Du warſt zu alt, zu ungelenk, um den glatten Boden dort mit mir zu betreten— Du wurdeſt von mir getrennt. Le⸗ nora, die kalte Buhlerin, am Hofe zu Verſailles nur zu bekannt, ward meine Gouvernante. Genug! genug! Doch ſchilt nicht mein kaltes Herz und daß ich lernte, Scherz mit Mäͤnnern treiben. Danke Gott, daß ich's gelernt Haſt Du denn nicht den Ruhm gehoͤrt, der 311 mir aus jenem Lande folgte? Die tugendhafte Deutſche hieß ich ihnen! und dieſe tugendhafte Deutſche hatte doch das ganze Heiligthum ihrer Seele Preis gegeben— war vor ſich ſelbſt entwuͤrdigt— haßte die Menſchen nicht ſtarker als ſich ſelbſt— und hielt ſich mit dem jungfraͤulichen Leibe doch aus dieſem heil'gen Reiche verbannt. Wenn Du fragſt, warum ich dennoch der Sklave jener Welt geblieben bin, ſo will ich Dich das Geheimniß lehren, was mich bezwang, und Du kannſt ſchwoͤren, daß es das ſiegreichſte Mittel der Hoͤlle iſt— man hatte mich langſam daran gewoͤhnt!“ „Um Gotteswillen halte ein!“ rief hier die Graͤfin —„Du ſprichſt im Wahnſinn und regſt Dich auf— daß ich davor erbebe!“ „Wahrlich Du haſt Recht!“ entgegnete die Prin⸗ zeſſin, tief aufathmend—„ich rede im Wahnſinn! Nun,“ fuhr ſie fort und ließ ſich gemaͤchlich in ihren Lehnſtuhl nieder—„es iſt Schlafenszeit. Gehe zu Bett, meine liebe Alte— Du wirſt muͤde ſein— und Deine Maͤuſe werden ſchon nach ihrem lieben Schlaf⸗ kumpan verlangen. Die Maͤdchen koͤnnen in meinem Zimmer angekleidet ſchlafen; ich wecke ſie, wenn ich ſie brauche.“ „Und Du, die Du der Ruhe ſo ſehr beduͤrftig biſt, wiſt Du nicht ſchlafen gehn?“ „Vorerſt noch nicht— ich habe noch Geſchäfte Sieh! ein Gutes haben dieſe Grabgewoͤlbe; ſie beſitzen ſo viel geheime Thuͤren— Gänge— Treppen— wie ein Inquiſitionspalaſt. Ich habe aber meine Kunſt in Paris gelernt; uͤberall kenne ich bald das Terrain und ſehe, welche Gaͤnge mir zu eroffnen bequem find.“ „Was ſoll das bedeuten?“ ſagte die Graͤfin mit traurigem Ton—„was habe ich wieder auf's Neue zu fuͤrchten?“ „O nichts auf der Welt, meine Liebe!“ rief die Prinzeſſin bitter lachend—„ich erwarte Beſuch— und da es eine etwas verdachtige Perſon iſt, die na⸗ mentlich jetzt von den Majeſtäten nicht wohl gelitten ſein wuͤrde, ſo wird ſie um die Stunde der Geiſter in ihrer aͤtheriſchen Herrlichkeit hier aus dieſer Holzwand — unter dieſem mittlern Fenſter hervortreten— denn es hat ſich gezeigt, daß von Außen zwiſchen Dornen und Diſteln ein verborgenes Treppchen hinaufſteigt und an einem Pfoͤrtchen endet, was juſt hier hinein fuͤhrt.“ „O Prinzeſſin!“ rief die Graͤfin—„wenn das verrathen wird, ſind Sie um ihren ganzen Ruf!“ „Ohne Zweifel bin ich das! Doch denke ich, wenn mein Ruf die Gefahr dieſer Nacht uͤberlebt, wird er demnach jeder weiteren Beunruhigung uͤberhoben ſein — denn ich habe beſchloſſen, es ſoll die letzte ſein.“ „Wollte Gott, es waͤre ſo! Aber bedenken Sie, theure Thereſe— kann nicht dieſe auch vermieden wer⸗ den? O bedenken Sie, was Sie thun.“ „Ich bedachte!“ rief die Prinzeſſin entſchloſſen. „Dieſer Brief wird Dir ſagen, daß ich einen letzten entſcheidenden Schritt mit Seiner Durchlaucht thun muß, wenn ich ſeinen Belaͤſtigungen nicht fortdauernd ausgeſetzt ſein ſoll. Geh jetzt zu Bett; helfen kann ich mir nur allein. Doch laß die Thuͤr nach Deinem Schlafzimmer auf— das wird dem ſchoͤnen Organ Seiner Gnaden etwas zu Huͤlfe kommen, denn ich werde ihn mit der Furcht quaͤlen, daß Du erwachſt, wenn er wie gewoͤhnlich in eine Art wilden Grunzens uͤbergeht. Doch bitte, verwahre die Vorzimmer.“ Nur wer die auffallende Blaͤſſe des ſchoͤnen Geſich⸗ tes ſah, das jetzt wieder in den Kiſſen des Lehnſtuhls ruhte, konnte ahnen, daß dieſes ſtille, ſanft athmende Weſen dieſelbe Prinzeſſin Thereſe war, die noch eben von ſo tief gehenden Leidenſchaften durchwuͤhlt, gegen ſich und ihr Geſchick in ſo bittere Anklagen ausgebro⸗ chen war. Die Graͤfin, von dem Verſchließen der äußeren Thuͤren zuruͤckkehrend— blieb ſeufzend einen Augenblick vor ihr ſtehen. Da ſie aber keine Zeichen der Theilnahme erhielt, wußte ſie, daß ihr nichts uͤbrig blieb, als das alte Loos— nachzugeben. Sie ſchlich 314 traurig ihrem Schlafgemache zu— und jetzt war die Prinzeſſin mit dem Glockenſchlage zwoͤlf allein. Als der letzte Schlag der alten raſſelnden Uhr ausgeklungen, richtete ſie ſich auf und blieb ſinnend und horchend vorgebeugt. Ein leiſes Kniſtern ward gehoͤrt— die Prinzeſſin ſchauderte und lehnte ſich dann, feſt in ihren Mantel gehuͤllt, in den Stuhl zuruͤck. Hinter ihrem Ruͤcken ſchob ſich die Wand unter dem mittlern Fenſter von einander, und aus dem dunklen Raume, der ſich jetzt zeigte, hob ſich eine ſtaͤmmige Ge⸗ ſtalt hervor, an der nichts leuchtete, als ein breites Ge⸗ ſicht, deſſen rothe Farbe von der Flamme des Kamins einen erhoͤhteren Glanz bekam. Die Geſtalt blieb in gebuckter Stellung lauſchend ſtehen, unſicher, wie es ſchien, ob ſie vorſchreiten ſollte, und nach allen Seiten vorſichtig das duͤſtere Zimmer uͤberblickend. „Ich bitte Euch, macht Eure Rattenfalle ſchnell hinter Euch zu, ich fuͤhle die Moderluft, die Euch nach⸗ zieht, bis hierher,“— ſo rief ploͤtzlich die kalte verächt⸗ liche Stimme der Prinzeſſin— und alsbald ſtand der unterirdiſche Gaſt in dem Gemach und verſchloß vorſich⸗ tig die hoͤlzernen Waͤnde. „Nehmt Euch in Acht und ſtreift nicht die Spinn⸗ weben mit Euren Aermeln von den Waͤnden! Spinnen 315 ſind das einzige Hausthier, was mir hier noch fehlt, und ich fuͤrchte, Ihr bringt ſie mit.“ „Ma déesse iſt in beſter Laune!“ erwiderte eine rauhe, heiſere Stimme mit kurzem Lachen, und die duſter verhuͤllte Geſtalt des Mannes trat nun hervor und naͤherte ſich dem Stuhl der Prinzeſſin. Als ſie ihn vor ſich ſah, uberlief noch einmal ein Schauer ihren Koͤrper und ſie wandte das Haupt nach einer andern Seite. „Lobt es nicht vor dem Ende,“ ſagte ſie dann bit⸗ ter;„meine Laune iſt mir zwar die rechte, ob aber Euch die beſte, werdet Ihr ausreichender beurtheilen, wenn Ihr Euren Ruͤckzug antretet. Was ſoll es eigent⸗ lich bedeuten mit Eurer ewigen Belaͤſtigung? Ich bin ihrer herzlich ſatt und ließ Euch blos hierher kommen, um Euch dies zu ſagen. Von morgen an wird man mir, wie ich nicht zweifeln darf, andere Zimmer an⸗ weiſen, und dann ſind wir ohnehin jeder Moͤglichkeit fur ſolche Zuſammenkuͤnfte beraubt.“ „Ich bin ganz beſtuͤrzt uͤber dieſe Erklaͤrung,“ er⸗ widerte der Verhuͤllte—„wie ſoll ich dieſelbe aufneh⸗ men, nach dem unter uns beſtehenden Verhaͤltniß?“ Verhaͤltniß?“ rief die Prinzeſſin.—„Es beſteht allerdings ein ſolches, ich muß es einraͤumen; aber das Verhältniß vertraͤgt ſich eben genau mit dem was ich 316 geſagt habe, und eine andere Auslegung kenne ich nicht.“ Der Fremde zog bei dieſen Worten den Lehnſtuhl der alten Graͤfin von Hautois vor den Sitz der Prin⸗ zeſſin, nahm ruhig Platz und ſagte dann mit vieler Vertraulichkeit:„Nun, mein ſchoͤnes, launiſches Kind, ſo werde ich es Ihnen in Ihr Gedaͤchtniß zuruͤckrufen, denn zufaͤllig bin ich auch von etwas feſter Sinnesart, grade wie meine kleine Angebetete— daher auch keines⸗ wegs durch einige ſchnoͤde und launenhafte Redensarten aus dem Gleiſe zu bringen. Dies Verhaͤltniß beſteht in meiner foͤrmlichen, aufrichtigen Bewerbung um die ſchoͤne Hand der Prinzeſſin von Z.— in einer Bewer⸗ bung, welche dieſelbe nicht nur geſtattet, ſondern ich darf mit Stolz ſagen, ermuntert, und dem gealterten Mann, deſſen billige Schuͤchternheit der prangenden Schoͤnheit gegenuͤber natuͤrlich war, unumwunden ihre Bereitwilligkeit ausgedruͤckt hat, den alten Mann und das junge ſchoͤne Fuͤrſtenthum— durch ihre Perſon zu begluͤcken.“ Die Prinzeſſin lachte bei dieſer Rede heftig auf und rief mit hoͤhnendem Uebermuth:„Wahrlich! wenn Ihr Recht habt, ſo iſt das die brillanteſte Thorheit mei⸗ nes Lebens.“ „Das wird ſie erſt werden, meine Gnaädigſte, wenn Sie ſich einbilden, mit jenen Verſprechungen ſo leicht⸗ ſinnig umgehen zu koͤnnen, wie vielleicht mit manchen fruͤheren; denn ich bin feſt entſchloſſen, meine bereits gewonnenen Rechte gegen Euer Gnaden ſowol wie ge⸗ gen die ganze Welt zu vertheidigen.“ „Und was denkt Ihr davon fuͤr Vortheil zu zie⸗ hen?“ fragte die Prinzeſſin. „Den Vortheil, den ich uͤber Alles ſchaͤtze, Euch, meine Gnaͤdigſte, zur Gemahlin zu beſitzen und mei⸗ nem verwaiſ'ten Lande legitime Nachkommen zu ſchenken.“ Die Prinzeſſin fuhr auf, als ob ſie einen Stich fuͤhlte.„Abſcheulich! Abſcheulich! Der Vater eines Erbprinzen, wie Ihr ihn beſitzt! Nein! nein! Dazu werde ich nie das Werkzeug.“ Ein mißtoͤnendes Lachen, welches die uͤberdeckte Heftigkeit ihres Gegners veprieth, unterbrach ihre Ant⸗ wort. „Was, meine Huldin, war denn fruͤher Ihre Ab⸗ ſicht?“ fuhr er fort—„Ihr werdet mich ſtolz machen. Sollte ich es wirklich mir allein zuzurechnen haben, daß Ihr fruͤher mit ſo vielem Eifer meine Bewerbung auf⸗ nahmt? Ich alſo war es— ich alſo hatte dies feu⸗ rige Herz ſo in Flammen geſteckt— Liebe alſo war es, was die ſchoͤne ſtolze Deutſche auf dem froͤhlichen 318 Boden Frankreichs ſo entgegenkommend machte? Denkt, in welchen Irrthum mich meine Beſcheidenheit ſturzte! Ich hatte den Verdacht, es miſche ſich ſo ein kleines Reſtchen von Rachluſt in dieſe Verguͤnſtigungen, da es eben der Erbprinz von S. war, der zehn Jahre fruͤher ſich der Ehre weigerte, der ſchoͤnen Prinzeſſin Thereſe ſeine Hand zu geben! Bleibt ruhig ſitzen, mein En⸗ gel!“ ſprach er hoͤhnend weiter, als die Prinzeſſin hier in ihrer Heftigkeit aufſprang und ſich raſchen Schrittes aus ſeiner Naͤhe zu entfernen begann—„Perſonen, die in ſo nahe Verbindung treten werden, wie wir, ſind genoͤthigt, ſich die groͤßte Offenheit zu bezeigen, und da ich jetzt uͤberzeugt bin, daß meine holde Braut ſich all' der Gruͤnde erinnert, die uns zu einander fuͤhren, wird ſie es auch mit Vergnuͤgen hoͤren, daß Alles zu unſerer Vermaͤhlung vorbereitet iſt, und dieſe heutige Unterre⸗ dung keinen andern Zweck haben ſollte, als den der ge⸗ meinſchaftlichen Uebereinkunft des Hochzeittages.“ „Wißt Ihr auch,“ rief hier die Prinzeſſin geiſter⸗ bleich hervortretend—„daß der Erbprinz hier ange⸗ kommen iſt? Bereits ſeine erſte ganz geheime Audienz beim Kaiſer hatte— und ich es ſelbſt hoͤrte, wie er gegen die Kaiſerin die Garantie fuͤr den Erbprinzen uͤbernahm.“ „Wohl weiß ich das, meine Liebe! und eben deshalb 319 eilte ich, die letzten Schritte zu thun, an denen als⸗ dann die Macht aller Majeſtaͤten ſcheitern wird, denn der liſtige Bube beſitzt die Gabe der Rede— und Dero erlauchter Vetter Franz verſteht ſich viel beſſer auf Conto und Disconto, als auf die Kenntniß menſch⸗ licher Herzen!“ „Aber er ſelbſt hat ein Herz, und ein edles Herz,“ rief die Prinzeſſin.„Zutrauensvoll hat er mich hier an ſeinem Hofe aufgenommen und ich werde ihn nicht in dem Augenblick betruͤgen, wo er mich durch ſeine Guͤte an ſich gefeſſelt glaubt.“ „Ein ſchoͤnes, edles Zartgefuͤhl! Aber wahrlich Prinzeſſin, Ihr koſtet meinem Gedaͤchtniß große An⸗ ſtrengung! Gut, daß ich zu Hauſe Eure reizenden Briefe habe, voll der anmuthigſten Scherze uͤber dieſen tieben Franz, und uͤber ſeine Gemahlin, in den abge⸗ tragenen ſpaniſchen Roben der Aeltermutter, worin Ihr ſie ſo aͤhnlich am Rande abzeichnetet. Denn dieſe hochmuͤthig langweiligen Vormuͤnder fuͤr ihre An⸗ maßung zu ſtrafen— und gerade dafuͤr zu ſtrafen, ſich unſerer Vermaͤhlung widerſetzt zu haben— das, denke ich, belebte unſere kleine Intrigue gerade ſo anmuthig und gab mir ſo bald die Mittel in die Haͤnde, um zum Ziel zu gelangen.“ „Ihr ſeid durch und durch roh und unverſchaͤmt!“ rief hier die Prinzeſſin mit uͤberwallendem Zorn.„Ver⸗ geblich iſt Euer Bemuͤhen, mich einzuſchuͤchtern. Die Unbeſonnenheit, mich einem gewiſſenloſen Manne uͤber⸗ geben zu haben, erkenne ich jetzt ganz. Ihr droht mir aber mit dieſen Thorheiten vergeblich! Ihr habt Euch in meinem Karakter geirrt. Im aͤußerſten Falle wuͤrde ich lieber alle dieſe meine jaͤmmerlichen Handlungen eingeſtehn, als nach gewonnener anderer Ueberzeugung mich zu Verpflichtungen zwingen laſſen, die ich nicht mehr in mir anerkenne. Vergeßt nicht, daß ich manche Eurer Umtriebe in Frankreich kenne, vielleicht beſſer als Ihr denkt, da ich zu dem Spielzeug der Frau Marquiſe von Pompadour gehoͤrte. Denkt, daß ein Wort dieſer Art, an der rechten Stelle, mich augen⸗ blicklich ſichern wuͤrde, und Eure jetzige unguͤnſtige Lage am Hofe in eine Verbannung— wenn nicht ſchlimmere Ahndung verwandeln wuͤrde.“ Die Prinzeſſin konnte mit ihrer ſcharfen Beobach⸗ tung wol ſehen, daß dieſe Worte nicht ganz ohne Ein⸗ druck blieben und ihr Gegner einen Augenblick uͤber⸗ raſcht, die wahre Auslegung des Gehoͤrten auf ihrem Geſicht zu ſuchen trachtete. Aber bald hatte er ſich ge⸗ faßt und ihrem aufmerkendem Auge die Richtung ſei⸗ ner Gedanken entzogen. „Meine Schoͤnheit,“ fuhr er ſogleich fort—„die „ 321 kleinen Unterhaltungen, die ich mit der Madame de Pompadour hatte, waren gerade ſo zugeſchnitten, wie ſie fur den kleinen, ſtets uͤberfließenden Mund einer ſolchen Dame paßten— ich fuͤrchte die Mittheilungen an ihr liebenswuͤrdiges Schooßkind nicht!“ „Leicht moglich, daß Ihr vorſichtig genug wart. Aber die Sache, die Ihr damals wieder aufzuregen trachtetet, war von der ſtaatsklugen Frau genau ge⸗ kannt. Thomas Thyrnau, der beruͤhmte Advokat, hatte dieſe Angelegenheit, die unter Karls des Sechſten Regie⸗ rung unbeſonnen— zu Maria Thereſia's Zeit ein Frevel war— in die Haͤnde der edlen Herzogin von Chateauroux gelegt und ſie durch ſie beendigt. Der Koͤnig Ludwig lernte durch ſie die heimlich angeſtiftete Thorheit kennen und die Marquiſe Pompadour wußte all' dieſe Dinge durch den Koͤnig ſelbſt bis auf jeden einzelnen Namen.“ „Es iſt ſo uͤbel nicht, daß Ihr von dieſen Dingen unterrichtet ſeid,“ erwiderte er,„Ihr werdet finden, daß Ihr da noch Andere als mich zu ſchonen habt. Ihr intereſſirt Euch, denke ich, fuͤr dieſen Thomas Thyrnau — fuͤr den Namen Lacy. Sie fehlen jener Liſte nicht, und als Unterthanen Ihrer Majeſtaͤt moͤchte es ſich fuͤr ſie anders herausſtellen, wenn die bewußte Sache höͤ⸗ heren Orts zur Sprache kaͤme.“ Thomas Thyrnau 1. 3te Aufl. 21 322 „Thomas Tyyrnau gehoͤrte zur Zeit Maria There⸗ ſia's dieſem Komplott nicht mehr an,“ rief die Prin⸗ zeſſin;„er ſuchte im Gegentheil auch den Namen Lacy aus dieſen Verwickelungen zu reißen. Ihr habt Recht! Ihn wuͤrde ich ſchonen, und es kann ſein auch den Namen Lacy. Denn ihm, dem Einzigen, der mich verſtand, der ſich bemuͤhte— wenn auch vergeblich— mich von gefahrvollen Wegen abzulenken, ihn wuͤrde ich ſchonen, wenn es nothig waͤre. Aber es iſt nicht noͤthig; er iſt unſchuldig.“ „Wenn er es beweiſen kann,“ rief der Fremde ſtolz.„Ich aber weiß, er kann es nicht.“ „Traut nicht ſo feſt darauf und fuͤrchtet meine Entſchloſſenheit. Ihr tragt den bittern Haß im Herzen gegen dieſe Lacy's— gegen dieſen Thyrnau, der Euch am Verbrechen hinderte. Nie vergebt Ihr ihm den Schutz, den Euer edles verfolgtes Weib von ihm er⸗ hielt— nie die kluge Umſicht, mit der er die Beweiſe fuͤhrte fur die Legitimität Eures Sohnes, mit der er zugleich den Namen dieſes Lacy frei ſprach.— Ihr wuͤrdet fuͤr Euch ſelbſt die Gefahr dieſer Entdeckung bereitwillig beſtehn, wenn Ihr damit Schande, Un⸗ gluͤck und Verfolgung uͤber dieſe Namen bringen könntet.“ „Und ich ſchwoͤre Euch, ich werde es vollbringen, 323 wenn Ihr Euch weigert, mein Weib zu werden!“ un⸗ terbrach ſie hier im wildeſten Ausbruch des Zornes der Fremde.„Heuchelt jetzt, ſo viel Ihr wollt, Ihr wollt daſſelbe, was ich will! Ja, Rache will ich an dem langen Zwang, unter dem ich geſeufzt— Rache an dem Baſtard, der mein Feind war ſeit der Geburt, die ihn zu meinem Sohne erlog— Rache an Thomas Thyrnau, der ihn auf dieſem Platze erhielt— Rache an dieſem ſtolzen oſtreichiſchen Hofe, der unabhaͤngige Fuͤrſten in ihrem Reiche zu beſchraͤnken wagt, und ſie will zittern machen durch den Schutz, den er ſich un⸗ terfaͤngt, ihren Widerſachern zu verleihen— Rache will ich, und kann ſie am beſten durch Euch erzielen. Darum will ich Euch!“ „Weich' von mir, Ungeheuer!“ rief die Prinzeſſin zuruͤckfahrend, als er jetzt wie ein wildes Thier auf ſie einſturzte. Da ſtand plotzlich eine Geſtalt zwiſchen ihnen, die den in lange weiße Gewaͤnder gehuͤllten Arm drohend zu ihm aufhob. Er wich zuruͤck und ſah erſchrocken in die alten bleichen Zuͤge, die ihm einem Geſpenſte zu gleichen ſchienen.„Fort! fort von hier! Denke an Claudia de Hautois und glaube, daß ſie ſich zwiſchen jedes Gelingen Deines Lebens mit ihrem Fluche draͤngen wird.“ Der ſtarke Mann erbebte und verlor die Kraft des 21* 324 Willens, die ihn bis hieher beherrſchte. Er wich noch immer vor der langſam vorſchreitenden Geſtalt zuruͤck, welche ihn ſo gegen die Fenſterthuͤr des geheimen Aus⸗ gangs trieb. Hier jedoch, als er die Feder mit dem Fuße aufgedruͤckt, blieb er widerſtrebend ſtehn.„Welch ein Hoͤllenſpuk hier getrieben wird, ich weiß es nicht! Aber er ſchreckt mich nicht,“ rief er mit bebender Stimme—„ich gebe meine Anſpruͤche nicht auf— und ſeid ſicher, ich durchſchaue Euren naͤchſten Plan, blos um ihn zu vereiteln. Der ſogenannte Erbprinz wird nicht Euer Gemahl! ich gelobe es.“—„Fort! fort!“ rief dumpf die drohende Geſtalt— und die Thuͤren ſchloſſen ſich hinter dem unheimlichen Gaſt. Die Prinzeſſin Thereſe ſtuͤrzte vor und befeſtigte ſchnell eine kleine metallne Schraube vor dem ſchlau verborgenen Schloß der Thuͤr, welche das Oeffnen von Außen hinderte. Dann erſt wandte ſie ſich und flog in die Arme ihrer alten Freundin, der Graͤfin von Hau⸗ tois, die, in ihre Nachtkleidung gehuͤllt, zum Schutz des Lieblings herbei gekommen war, und durch die Kenntniß einer ſchmachvollen Jugendperiode des Bedrohten, im Stande geweſen war, ihn zu erſchuͤttern und zu vertreiben. „O Du liebes praͤchtiges Geſpenſt,“ rief die Prin⸗ zeſſin ſo heiter, als haͤtte ſie nichts Anderes erlebt— „wie gut ſtand Dir Dein Pathos! O dieſes grenzen⸗ 325 loſen Jubels, das alte Unthier ſo von ein paar weißen Lappen verſchuͤchtert zu ſehn! Nun wahrlich! und wenn ich ihn liebte, wie einſt ſeinen Sohn— jetzt jagte ich ihn mit meinem ſeidnen Pantoffel zum Tempel hinaus. Ein Mann, der ſich vor Geſpenſtern furchtet! O dieſe Scene giebt mir ein unbezahlbares Uebergewicht— doch hoffe ich freilich, ihn nie wieder zu ſehn!“ „Ach, Thereſe!“ ſeufzte die alte Dame—„was ihn erſchutterte, waren nicht allein dieſe weißen Gewaͤn⸗ der— es war das befleckte Gewiſſen, was von meinen Worten aufgeſchreckt ward. Claudia von Hautois war die Schweſter meines Gemahls— er verfuͤhrte ſie un⸗ ter anderm Namen— und verließ ſie als Prinz. Sie ſtarb— und vorher verfluchte ſie ihn!“ „Hal! ſo will ich dieſe Claudin an ihm räͤchen!“ rief die Prinzeſſin.— „Verzeih,“ erwiderte die Graͤfin—„dieſe Rache falt nur mit Deinen Abſichten zuſammen— taͤuſche Dich daruber nicht. Auch ich zweifle keinen Augen⸗ blick, Du haſt jetzt andere Plaͤne. Entweder beſchaͤf⸗ tigt Dich dieſer Graf Lacy oder der Erbprinz.“ „Beide! meine Theure! Beide werden Luſt haben, mir zu widerſtehn. An Beiden muß ich mich verſuchen.. Sage, daß ich hungern, durſten oder ſterben ſoll— ich will mich darein fuͤgen— ſage aber nicht, daß ich Bei⸗ X 326 — den ihr hochmuͤthiges Ueberſehen ſchenken ſoll! Das kann ich nicht, denn ich will es nicht.“ „Ich kenne das Geheimniß der Hoͤlle; was Dich bindet,“ rief die alte Graͤfin.—„Man hat Dich langſam daran gewoͤhnt!“ „So iſt es. Gute Nacht! Schicke meine Frauen— ich glaube, die Voͤgel fangen ſchon an zu ſingen. Wer kann auch hier daran denken, daß es ſchon Juli iſt!“ Es war nicht moͤglich, liebenswuͤrdiger zu ſein als die Prinzeſſin Thereſe. Man haͤtte von ihr ſagen koͤn⸗ nen, daß ſie die Kunſt der Coquetterie bis zur hoͤchſten Vollkommenheit entwickelt habe. Ihr ſchoͤnes Naturell kam ihr dabei zu Huͤlfe. Sie war gefuhlvoll, der edel⸗ ſten Geſinnungen faͤhig. Dieſe Naturgaben, die ſie uͤber die Schwaͤchen ihres Geſchlechts haͤtten erheben koͤnnen, waren jetzt untergeordnet unter den alles be⸗ herrſchenden Geiſt der Intrigue und des unbezwingbaren Hanges, die Beherrſcherin aller Maͤnner zu werden. Aber ſie ſchimmerten dennoch, die Frivolität ihrer Be⸗ ſitzerin oft ſelbſt uͤberraſchend, durch die Thorheiten ih⸗ rer Handlungen hindurch und veranlaßten das getheilte Urtheil uͤber ſie, welches zwiſchen„Gut“ und„Boͤſe“ noch immer ſchwankte. Ihr glaͤnzender Verſtand ward dagegen durch die Gabe des Witzes nur noch hervor⸗ leuchtender, und dieſer uͤberwucherte— unbehindert von weiblichem Zartgefuͤhl oder ſchonender Guͤte— zu— letzt faſt alle ihre Gedanken. Es gab namentlich kein Ereigniß, was ihr laͤſtig war, oder ihrer Eitelkeit, ih⸗ rem Egoismus gefaͤhrlich, gegen welches ſie nicht au— genblicklich die Waffen ihres Witzes richtete. Sie kannte die oberflaͤchliche Erregbarkeit der Maſſe zu gut, um nicht zu wiſſen, wie ihr dadurch der Sieg des Augen⸗ blicks faſt immer zufiel, da ein gedankenloſes Lachen im beſten Falle, eine kleine befriedigte Bosheit bei den Meiſten, dem kuͤhnen oder beißenden Worte lohnt— und das moraliſche Erroͤthen der Beſſeren doch ſelten von dem muthigen Wort der Zuruͤckweiſung begleitet iſt. Sie kannte ſehr wol dieſe tugendhafte Schwaͤche der Geſellſchaft und wagte ſich, wie der luſtigſte Frei⸗ beuter, bis unter die Kanonen der geruͤſtetſten Feſtung, ſicher, daß man viel zu viel Zeit zum„Richten“ und „Feuern“ beduͤrfen wurde, um den weiter ſchwaͤrmen⸗ den Feind noch erreichen zu koͤnnen.„Ach,“ rief ſie oft lachend—„wenn dieſe tugendhaften Leute doch nur nicht mit ihren Schaͤtzen von Redensarten wie hinter verquollenen Thuͤren eingeſperrt ſaͤßen! Sie hoͤren, wie wir W mit unſern loſen Witzen zur Vertheidigung her⸗ 328 ausfordern, und wiſſen, ſie duͤrfen nur ihet vorraͤthi⸗ gen Waffen ergreifen und heraus ſtuͤrmen, ſo ſind wir geliefert— aber ſie kommen eben nicht heraus! Sie rennen gegen die verquollenen Thuͤren und prallen gleich⸗ wieder zuruͤck— denn eben zu ſelten geoͤffnet zum Kampfe, widerſtehen ſie. Gluͤcklich, wenn ſie ganz drinn bleiben; denn laͤngſt iſt der neckende Feind ent⸗ ſprungen, wenn ſie mit erbostem Antlitz ihm noch nach⸗ ſprengen wollen und die Nachbarn ſchon vergeſſen ha⸗ ben, wer gejagt werden ſoll, und ihr Zorn dann gerade zur unpaſſendſten Stunde hervortritt⸗ Muͤſſen denn doch tugendhafte Leute eriſtiren, ſo muͤßten ſie Alle zur Fäͤhigkeit ſchneller Gegenrede erzogen werden. Der Bos⸗ hafte muͤßte uͤber ſie nicht den kleinſten Vortheil errin⸗ gen. Wenn ich alt ſein werde,“ pflegte ſie hinzu zu ſetzen—„dann werde ich eine Erziehungsart proklami⸗ ren, wie tugendhafte Leute den Muth behalten koͤnnen, der leichtfertigen Bosheit gegenuͤber ihre ſchwer fertigen Worte hervortreten zu laſſenz denn ich werde ihnen be⸗ weiſen, daß der Boͤſe Recht behalten wird, ſo— 16 blos innerlich zuͤrnen.“ Ihre große Schoͤnheit hatte ihr ein. Publikum geſchaffen. Sie war ſo ruckſichtslos den groͤßten Verfuͤhrungen Preis gegeben geweſen, daß eben dies urſpruͤnglich edle und ſtolze Naturell dazu gehoͤrte, 5 329 um ſie auch uͤber das Laſter in gewiſſem Sinne herr⸗ ſchen zu laſſen und ihr ſelbſt den Ruf einer tugend⸗ haften Prinzeſſin zu erhalten. Dieſer Ruf ſicherte ihr eine ehrenvolle Aufnahme, als ſie an den Hof ihres Verwandten, des Kaiſers, ge⸗ ſchickt ward, um den Bewerbungen des Fuͤrſten von S. entzogen zu werden. Beide Majeſtaten hatten ſich uͤber die moͤgliche Annahme ſolcher Antraͤge ſo mißfaͤllig geaͤußert, daß ſie abgebrochen wurden, aber zugleich die Wuͤnſche des Fuͤrſten B. der Prinzeſſin eine Zeitlang den v 2 Kuſer 8 Aufenthalt doch fuͤr ein oſition als den eleinen Hof ihres Vaters. Sie hatte mit dem groͤßten Scharfblick ſogleich ihre Stellung erkannt und uͤbte eigentlich uͤber Alle eine Herrſchaft aus, der ſich nach und nach Niemand zu ent⸗ ziehen wußte. Selbſt Maria Thereſia lag etwas unter dem Bann dieſes ſchoͤnen Daͤmons, der auch ihr ſchnell die ſchwachen Seiten abgelauſcht hatte. Sie war durch ihre Stellung als Verwandte uͤber manche Etiquette er⸗ haben und benutzte dies, um die Kaiſerin mit einem Freimuth und einer Sicherheit ihrer Anſpruͤche zu uber⸗ raſchen, worauf dieſe nicht vorbereitet ſein mochte, und 330 die, einmal aus Ueberraſchung ihr zugeſtanden, ihr nicht wieder zu entreißen waren, da ſie die gewoͤhnlichen Ver⸗ ſuche dazu, wie voͤllig ihr nicht geltend, auch gar nicht beachtete. Die Kaiſerin, welche die Verwandte vor ih⸗ ren Hofleuten nicht angreifen wollte, ließ dem wunder⸗ lichen Weſen dies ſeltſame Treiben, gewoͤhnte ſich zu⸗ letzt daran, und konnte ſpaͤterhin foͤrmlich auf die Scherze der ſtets munteren Thereſe warten, da es denn nicht ſelten vorkam, daß ſie ſich nach einer kleinen Unterbre⸗ chung der toͤdtenden Hofredensarten ſehnte, mit denen von fruͤh bis ſpät ihre ceremonioͤſen Hofleute ſie be⸗ dienten. Dies ging ſo weit, daß man die Kaiſerin faſt haͤtte bemuͤht nennen koͤnnen, die launige Muhme in guter Stimmung zu erhalten. Denn, hatte die ſan⸗ guiniſche Natur der Kaiſerin ſie hingeriſſen, auch der Prinzeſſin ihr Mißfallen zu bezeigen, ſo war ſie die Erſte, die ihr wieder Worte oder Scherze abzugewinnen verſtand, unbeſchadet, daß dieſe dann oft ein wol be⸗ rechnetes Schmollen eintreten ließ, was jedoch zur rech⸗ ten Zeit in die alte gute Laune uͤberging. Die neidi⸗ ſchen Beobachter, die Verſtand genug hatten, dies Ver⸗ haltniß zu beurtheilen, ſagten: Die Kaiſerin bemuͤhe ſich um die gute Meinung der Prinzeſſin. Und etwas war daran! Die Kaiſerin mußte von Kaunitz ſo viel von der geſchickten Handhabung des Lebens in Frank⸗ — reich hoͤren, ſie ſah dieſen ernſten Geiſt, der die In⸗ tereſſen Oeſtreichs uber jedes Andere ſtellte, doch ſo im⸗ ponirt von den haͤuslichen und geſelligen Annehmlich⸗ keiten und den wohnlichen Einrichtungen dieſes Landes, daß— wie es ſchien— der Mangel dieſer Vorzuͤge, den er im Vaterlande immer ruͤgte, ihn bis zur Un⸗ duldſamkeit empfindlich machte, und ihn, in ſeinem Hauſe wenigſtens, alles nach jenen Vorbildern hatte um⸗ wandeln laſſen, die ihm allein zur wuͤrdigen Umgebung eines hohen Standes geziemend erſchienen. Nun reizte es die Neugier der Kaiſerin, eine Prinzeſſin zu beob⸗ achten, die eine ſo lange Zeit an dieſem eleganten Hofe gelebt, dort ein beſonderes Anſehn erlangt und gewiß die Geheimniſſe dieſer von Kahnit angebeteten Eleganz inne hatte. Mit dieſer hervorzutreten und jeden Mangel der Kaiſerlichen Haushaltung dadurch wie von ſelbſt an's Licht zu ziehn, gehoͤrte nur zu den kleinen ſchlau benutzten Ergoͤtzichkeiten der Prinzeſſin. Hier war es, wo die weibliche Eitelkeit der erhabenen deut⸗ ſchen Kaiſerin einen kleinen Streich ſpielte, denn ſie ſuchte ganz in der Stille manchem Mangel feinerer Ausſtattung nachzuhelfen und pflegte wol, wenn ſie zum Bewufßtſein ihres Verfahrens kam, zu ſagen: Man muß auch von ſeinem Feinde lernen! Da bei Maria Thereſia aber hinter dem, was der Beurtheilung 332 vor Augen lag, ſehr haͤufig noch ein hoͤherer und fei⸗ nerer Beweggrund ihrer Hanblungen ruhte, uͤber den die Menge unaufgeklaͤrt blieb, ſo war es auch diesmal der Fall, und die Prinzeſſin zu ſchlau, um die hohe, offne, deutſche Frau nicht in dem ſchwierigſten Kampfe mit ihren Gefuͤhlen bald errathen zu haben. Kaunitz war ſeit dem Aachner Frieden mit der vol⸗ ligen Umgeſtaltung der bis dahin befolgten öſtreichiſchen Politik beſchaͤftigt, und feſt entſchloſſen, die Kaiſerin zu ſeiner Anſicht uͤberzufuhren, hoͤrte er nicht auf, ſie zu den nothigen Schritten zu bereden. Der Krieg, den der Aachner Friede endigte, hatte dieſen klugen Stgatsmann die betheiligten Maͤchte naͤher kennen gelehrt. Die Bundesgenoſſen hatten nicht im⸗ mer treu— die Feinde nicht immer feindſelig gehandelt. Um der Niederlande willen hatte Oeſtreich bisher die Freundſchaft Englands und Hollands geſucht und ge⸗ pflegt, und es thun muͤſſen. Allein ſchon im ſpaniſchen Succeſſionskriege hatte eine theure Erfahrung gezeigt, daß beide Maͤchte mehr darauf bedacht waren, durch die Niederlande ſich als Oeſtreich zu ſchuͤtzen. Ueber⸗ dies waren dieſe abgeriſſenen, entfernten Lande ge⸗ woͤhnlich fruͤher erobert als vertheidigt, und ſo glaubte Kaunitz die allzu theuren Vertheidiger entbehren zu koͤn⸗ nen, wenn das feindliche Verhaͤltniß zu Frankreich auf⸗ 333 gehoben ſei. Um dieſe Umwandlung aller bisher be⸗ folgten politiſchen Prinzipien zu bewirken, war die Be⸗ kaͤmpfung tief eingepraͤgter und durch lange Gewohnheit befeſtigter National⸗Vorurtheile noͤthig. Kaunitz mußte ſich geſtehn, daß er die Patrioten beider Laͤnder gegen ſich haben werde, und daß das Verſailler Kabinet uͤber⸗ dies von der Marquiſe von Pompadour, der eitelſten, intriguanteſten Frau, beherrſcht ſei, die der Kaiſerin als Frau zu grollen wage und jeden entgegen kommen⸗ den Schritt Oeſtreichs zuruͤckweiſen werde, ſo lange die ſtolze Verachtung der Kaiſerin gegen ſie daure. Seine Anweſenheit in Paris hatte ihn alle dieſe Schwierig⸗ keiten vollkommen erkennen laſſen. Aber ſie konnten ſeinen entſchloſſenen und unermuͤdlichen Sinn nicht von dem Verfolgen dieſes ihm ſo wichtig erſcheinenden Pla⸗ nes abwendig machen, und er rechnete— fuͤr die erſte Beſeitigung der groͤßten Schwierigkeiten— auf zwei gleich hartnaͤckige Frauen— die er jedoch Beide mit den verſchiedenſten Mitteln zu gewinnen hoffte. „Vieles wird nicht gewagt, weil es ſchwer ſcheint— „weit mehr iſt nur darum ſchwer, weil es nicht „gewagt wird!“ Das waren die tiefſinnigen Worte, mit denen er den erſchrockenen Muth ſeiner erhabenen Kaiſerin fuͤr die ihr ſo fremd ſcheinenden Anſichten zu beleben ſuchte, 334 gegen die faſt ein angeborner Widerwille in ihr kaͤmpfte. Er wußte, ſie war jedes Opfers faͤhig fuͤr die Sicher⸗ heit und Ruhe ihres Landes, und einſichtig und ſtaats⸗ klug genug, um die bedeutenden Vortheile, wenn er ihre Erreichung ihr moͤglich zeigte, einzuſehen. Aber die Kaiſerin war zugleich eine auf ihre Tugend ſtolze Frau, von den reinſten weiblichen Geſinnungen und von einem unerſchuͤtterlichen Abſcheu gegen die Sitten des franzoͤſiſchen Hofes und ſeiner jetzigen Beherrſcherin— der Madame de Pompadour— erfuͤllt. Dennoch war an kein Gelingen dieſer Unterhandlungen zu denken, ſo lange die Kaiſerin nicht ihrer Widerſacherin ſelbſt einige verſoͤhnende Schritte entgegen that. Hierzu bearbeitete Kaunitz ſie mit allen Werkzeugen ſeiner ſchlauen Poli⸗ tik, und hierzu war ihm die Prinzeſſin Thereſe eine willkommene Alliirte; denn die uͤbermuͤthige Schoͤne zoͤgerte nicht, in Gegenwart der Kaiſerin von Madame de Pompadour als von einer ausgezeichneten Frau— der Retterin Frankreichs wie des willenloſen Koͤnigs— zu ſprechen und ihre Eigenſchaften zu einer ſolchen Un⸗ gewoͤhnlichkeit zu erheben, daß ihre Schattenſeiten ſich dagegen in den Hintergrund draͤngten. Gewiß haͤtte Niemand unter andern Umſtaͤnden daſſelbe wagen duͤr⸗ fen, und die naͤchſten Umgebungen, die das Staatsge⸗ heimniß, das noch nicht den Hof erreicht hatte, nicht —— 335 ahneten, ſahen voll Erſtaunen, wie die Kaiſerin nicht allein die uͤbermuͤthige Redeweiſe der Muhme nicht ſtrafte, ſondern mit halb ſcherzendem Widerſpruch im⸗ mer mehr aus dem freigebigen Munde heraus ſprudeln ließ. Die erhabene Frau pruͤfte aber in der Stille, und mehr wie alles Andere erſchuͤtterten dieſe Geſpraͤche in etwas die an Abſcheu grenzende Abneigung gegen die Marquiſe. Obwol nun die Prinzeſſin durch Kaunitz von ſeiner Abſicht, dieſe Verſoͤhnung zu erreichen, unterrichtet war, wurde ſie doch nicht ſein Werkzeug, ſondern trieb auch dies, weil es ihr zuſagte, und wie es ihr zuſagte, und hielt den feinen Mann in beſtaͤndiger Spannung und Ungewißheit uͤber ihr Verfahren. Doch verriethen meh⸗ rere Aeußerungen der Kaiſerin ihm ihre mildere Stim⸗ mung und er erkannte durch ſie die Wirkſamkeit der Prinzeſſin. Alles mußte ſich immer vereinigen, die leichtfinnige Fuͤrſtin in ihren Intriguen zu unterſtutzen. Auch bei dieſer Angelegenheit ſah ſie ſich in ihrem per⸗ ſoͤnlichen Intereſſe gefoͤrdert, denn auch ſie war eine entſchiedene Feindin des Abbé Bernis, des damaligen franzoͤſiſchen Premier-Miniſters, der ſich einer fruher von ihr beguͤnſtigten Intrigue entgegen geſtellt. Sie hatte ihm in ihrem Uebermuth gedroht, er ſolle binnen zwei Jahren aufgehoͤrt haben Premier-Miniſter zu ſein „ und dagegen Choiſeul an ſeine Stelle treten. Dieſe Drohung, die er damals wie die Poſſen eines unarti⸗ gen Kindes verlacht hatte, wollte ſie jetzt um jeden Preis in Erfuͤllung bringen, denn ſie wußte, daß jede Unterhandlung des Wiener Kabinets mit Bernis Ent⸗ laſſung beginnen muͤßte. Als die Prinzeſſin am Morgen nach jener ſtuͤrmi⸗ ſchen Nacht, ihr Fruͤhſtuͤck einzunehmen, in eine rei⸗ zende Kapuze von roſa Seidenſtoff gehuͤllt, in ihrem Armſtuhl ruhte und wie ein Kind von vier Jahren ihre ſeidenen Pantoffeln auf den kleinen Fuͤßen huͤpfen ließ, ward ihr Frau Gutenberg, die allvermoͤgende Kammer⸗ frau der Kaiſerin, angemeldet, und kaum hatte ſie die Schwelle uberſchritten, ſo lief ihr die Prinzeſſin mit offnen Armen entgegen und kußte ſie auf das Zaͤrtlichſte, obwol ihr jeder Kuß unendlich erſchwert ward durch die tiefen Verbeugungen der alten ceremonioͤſen Dame. „Mein Muͤtterchen,“ rief ſie dabei—„ſag mir doch, wie Du ſo lieb und gut ſein kannſt, in dieſe Kata⸗ komben herabzuſteigen? Ich bitte Dich, ſetze Dich in meinen Lehnſtuhl und thu' mir die Liebe und trinke von meiner franzoͤſiſchen Chocolade. Ich ſchwoͤr' Dir, ſie iſt beſſer als Deine ſtark gewuͤrzte ſpaniſche, die den Teint verdirbt und im dreißigſten Jahre W Naſen macht! Nun ſetz' Dich— ich bitte Dich!“ 337 Faſt mit Gewalt ward die alte wohlgefaͤllig lͤchelnde Dame in den Armſtuhl der Fuͤrſtin gedruckt, und dieſe zog ein Rollſtuͤhlchen fur ſich der alten Dame ſo nah, daß ſie den Zwieback, womit ſie ihre Chocolade verbrau⸗ chen wollte, wie ein ſpielendes Kind auf die Kniee der Frau Gutenberg legte. „Nun,“ liebe Alte,“ rief die Prinzeſſin endlich, nachdem ſie unter tauſend Poſſen der guten Dame die Chocolade eingenoͤthigt hatte—„jetzt ſage mir, was Du eigentlich willſt, denn ſo umſonſt, oder um mich in Pantoffeln und Nachtkontuſche zu ſehn, haſt Du auch nicht die weite Reiſe hierher gemacht.“ „Ach, meine Allergnädigſte Durchlaucht, wahrlich nicht! So kuͤhn zu ſein wurde ich mir nie erlauben, und meine gnaͤdige Prinzeſſin haben es ſich ſelbſt mit ihrem unwiderſtehlichen agrémento zuzurechnen, wenn ich mir einen großen Fehler habe zu Schulden kommen laſſen, denn ich bin auf Befehl meiner allergnaͤdigſten Frau Kaiſerin hier und haͤtte billig von nichts Anderem reden ſollen als von ihren Befehlen.“ „Du erſchreckſt mich, meine liebe alte Aja! Binich unartig geweſen, kommſt Du, um mich zu ſchelten! Will meine erhabene Muhme mich hier einſchließen laſſen bei Waſſer und Brot?“ 5 „O, liebe ſcherzhafte Durchlaucht,“ entgegnete Thomas Thyrnau 1. 3te Aufl. 22 338 Frau Gutenberg ſehr beluſtigt—„welch ein Verdacht gegen die Zaͤrtlichkeit der Frau Kaiſerin! Mein be⸗ gluckender Auftrag dreht ſich wieder blos um das Wohl⸗ befinden der lieben Durchlaucht, die Sereniſſime wie eine geliebte Tochter in ihrem Herzen tragen. Es iſt nämlich der Majeſtaͤt zu maaßloſem Erſtaunen kund ge⸗ worden, daß ihre liebe Muhme Durchlaucht in den erſten Abſteigegemaͤchern verblieben ſind, welche blos zur erſten Entrée aus dem Reiſewagen angewieſen waren.“ „Du ſcherzeſt, liebe Gutenberg,“ rief die Prin⸗ zeſſin.—„Solche Gunſt macht mich ſchwindeln— be⸗ ſonders nach den Erlebniſſen dieſer Nacht, die ich faſt im Sturmhut und mit der Hellebarde bewaffnet zu⸗ brachte. Wahrlich Du gehſt mit Deinem gnädigen Auftrag— wenn naͤmlich das Ende mich aus dieſer gefahrvollen Wohnung erloͤſen ſoll— wie die Sonne an meinem duͤſtern Morgen auf, denn was war das bisher Erlebte— verſtockte Kleider, verſchimmelte Pan⸗ toffeln, beſchlagne Juwelen, die liebe Geſellſchaft von Ratten und Mäuſen, Froͤſchen und Spinnen, woran man ſich zuletzt doch gewoͤhnt und ſeine Freude daran hat — was war das Alles gegen die Gefahren dieſer Nacht?“ „Barmherziger Gott!“ ſchrie Frau Gutenberg— „was war es denn, Das iſt ja hier eine wahre Vorhoͤlle!“ 339 „Ja, wer koͤnnte ſagen, was es war! Aber ent⸗ weder waren es Geiſter, die ihr ehemaliges Revier wie⸗ der einnehmen wollten, oder— noch ſchrecklicher— Diebe, wenn nicht gar Moͤrder! Denn ſieh! es hat dort unter dem Fenſter geruſchelt und geknackt, die Zweige ſind gebrochen, als wenn ein Baͤr ſich durch den Wald ſchleicht. Dann habe ich Menſchentritte gehoͤrt, die von großen plebejiſchen Fuͤßen herruͤhrten— dann hat es an der Holzwand geſchoben und gedreht——“ „Um Gotteswillen, Prinzeſſin, ſchweigen Sie,“ rief hier die alte Graͤfin Hautois eintretend und ſehr erſchrocken uͤber die dreiſte Spoͤtterin. „Du ſiehſt,“ fuhr die Prinzeſſin lachend fort— „die Graͤfin wird halb ohnmaͤchtig bei der bloßen Er⸗ innerung! Und nun kannſt Du denken, wie ſie in der Nacht war— ein leibhaftiges Geſpenſt! Feſt ent⸗ ſchloſſen war ich, den Majeſtaͤten heute einen Fußfall zu thun, um zu bitten, daß ſie einige Hellebardiere die Nacht hierher poſtiren moͤchten, da ich unmoͤglich Nachts meinen eignen Wachtdienſt beſorgen kann!“ „Nun iſt mir alles klar!“ rief Frau Gutenberg— „Mein Gott, wir werden Sereniſſime erſchrecken! Als naͤmlich heute Morgen der Nachtrapport uͤberbracht ward, lautete der Bericht, daß nach dieſem Fluͤgel zu ſich eine verdaͤchtige Perſon uͤber die Mauer des Burg⸗ 22* gartens geſchwungen habe, und der Runde, nachdem ſie augenblicklich geeilt, den Baumplatz zu durchſu⸗ chen, dennoch ſpurlos entkommen ſei. Doch behaup⸗ tet eine der aufgeſtellten Wachen, nach Verlauf einer Stunde eine aͤhnliche Geſtalt geſehn zu haben, welche an der Mauer entlang mit großer Schnelligkeit fort⸗ eilte und den Anruf der Wache nicht beantwortete.“ „O mein Gott!“ rief die Graͤfin Hautois— „ſei uns gnaͤdig!“ „Siehſt Du!“ rief dagegen die Prinzeſſin froh⸗ lockend—„das konnte ich mir vorher denken! Es war ja Mondſchein, und ſo hell wie bei Tage. Nichts gewiſſer, als daß die Wachen den Strauchdieb ent⸗ decken mußten. Das war gleich mein Troſt und ich deshalb entſchloſſen, die Kaiſerin um Schutz anzuſpre⸗ chen. Doch muß dies Zimmer unterſucht werden— es finden ſich gewiß geheime Zugaͤnge, die vermauert werden muͤſſen. Ehe ſehe ich keine Sicherheit in die⸗ ſen Raͤumen.“ „Gewiß— gewiß! Durchlauchtchen! Alles wird geſchehn, um Sicherheit herzuſtellen. Aber Euer Gna⸗ den werden nicht mehr drunter leiden, denn die Frau Kaiſerin haben befohlen, daß Ihnen augenblicklich die Zimmer weiland des Herrn Herzogs Franz von Lothrin⸗ gen— jetzt unſerer geliebten kaiſerlichen Maſeſtaͤt— uͤbergeben werden ſollen. Dieſelben liegen ungemein luftig und heiter und ſtehn in genauer Verbindung mit der großen Treppe zu den kaiſerlichen Gemaͤchern.“ „Ja!“ das weiß ich wohl,“— ſagte die ſchoͤne Schmeichlerin—„wenn Dich die liebe Frau Kaiſerin ſchickt, dann hat ſie immer einen recht angenehmen Auf⸗ trag auszurichten, denn Niemand thut ſo gern Andern was zu Liebe, als meine alte Gutenberg. Ich werde meiner theuren Majeſtat die Hand kuͤſſen. Schildere Du ihr mein Entzuͤcken, nachdem ich eine ſchlafloſe Nacht unter tauſend Aengſten verbracht habe. Es war nicht genau zu erkennen, ob die Kaiſerin die Erzaͤhlung der alten Frau Gutenberg, die ubrigens das Vorrecht hatte, ihr Alles ſagen zu duͤrfen, eben ſo glaͤubig aufnahm, als dieſe ſie aus dem Munde der hol⸗ den Verfuͤhrerin empfangen hatte. Ihr fehlte vielleicht die Laune, von der Prinzeſſin viel zu hoͤren, denn ſie hatte ihr halb gezwungen dieſen Morgen die Beguͤnſti⸗ gung der neuen Einrichtung zugeſtehen muͤſſen und wollte nicht uͤberfuͤhrt ſein, daß das bisher Gewaͤhrte wirklich tadelnswuͤrdig zu nennen war. Die Kaiſerin zeigte ſich nur bei großen Staatszwecken, und fuͤr die Maͤnner, die ihr dabei dienten, freigebig. Im Gegen⸗ ſatz konnte ſie auch mit Gunſt und Gaben karg ſein. Die Freude kannte ſie nicht, die den eigentlich wohl⸗ * ℳ wollenden und hingebenden Karakter bezeichnet: uͤber das Nothwendige hinaus, auch das blos Erfreuliche, den Wunſch, die Phantaſie des Andern zu befriedigen. Dieſen Reiz des Lebens geſtand ſie weder Andern zu, noch fand ſie ihn fuͤr ſich in ſolcher Freigebigkeit. Sie hatte kein Auge fuͤr dies feinere Beduͤrfniß des Gluͤcks, und oft eine uͤbellaunige Wahrnehmung, wo es ihr auf⸗ genothigt ward, die froſtige Haͤrte, mit der ſie ſolche Anforderungen unter die unnuͤtzen Dinge der Erde ver⸗ weiſen konnte, haͤtte uͤber die Gute ihres Herzens Zwei⸗ . fel erregen koͤnnen, haͤtte nicht, wie billig, ihre großar⸗ tige Stellung in der Welt ihr zur Entſchuldigung gerei⸗ chen muͤſſen, wenn ſie dieſen feineren Sinn fuͤr kleinere Intereſſen von ſich abhielt. Doch war es gewiß, daß ſie den Anſpruch machte, daß ihr keine Einſicht der Art abgehe und daß ſie jeden Beweis dagegen mit großer Haͤrte zuruͤck wies, und es fuͤr ihre Umgebungen ſehr gewagt machte, ein ſolches Verſuͤumniß aufzudecken. Nun hatte der Kaiſer diesmal ſelbſt die Wohnungs⸗ Angelegenheit der Prinzeſſin zur Sprache gebracht, und die Kaiſerin hatte mit ihrem beſondern Takt augenblick⸗ lich ihrem Gemahl beigeſtimmt und andere Einrichtun⸗ gen befohlen, zugleich jedoch es ganz in Abrede geſtellt, daß die bisherige Wohnung derſelben ſo ſchlecht geweſen ſei, wie die Luſtigkeit der Prinzeſſin es herausſtellte; 8 ßere Nachgiebigkeit, als irgend ein Anderer ſich ruh⸗ denn Recht mußte ſie wenigſtens behalten, wenn ſie auch nachgab, und wol ließ ſie 3 an einem gewiſſen uͤbellaunigen Schweigen nicht fehlen, welches hinrei- chend bezeugte, ihre Meinung ſei eine andere.* Frau Gutenberg hatte aber einmal das Vorrecht, Alles ausſprechen zu duͤrfen; die Kaiſerin ward durch nichts, was ſie ſagte, erzurnt odet ungeduldig, obwol ſie ihr oft auf ihre laͤngſten Mittheilungen keine Ant⸗ wort gab, als einen Blick, ein Schuͤtteln oder Nicken des Hauptes. Dies ſtoͤrte aber die Laune der alten Dame nicht, denn ſie wußte ſich, wo es galt, auf eine merkwuͤrdige Weiſe Antwort zu verſchaffen und fand dann bei ihrem hohen Pflegekinde oft groͤ⸗ 4 en durfte. Deshalb war die Gutenberg im ganzen Lande, ja ſelbſt an fremden Hoͤfen, wohlbekannt und nach Umſtaͤnden geliebt und gefuͤrchtet. Denn ihre Treue war unbeſtechtich, und obwol ſie oft die groͤßten Geſchenke erhielt und nah trug ſie dieſelben doch 1 ſogleich der Kaiſerin zur Anſicht zu und pflegte dann zu ſagen:„Majeſtaͤtchen muß das wiſſen— ich kenne die Capacitäten nicht— wollen vielleicht was durch mich erluchſen.“ Sagte nun die Kgiſerin:„Behalts nurn ind erinnere mich gelegentlich daran,“ dann hatte ſie ihre Freude dar — 344 Sagte aber die Kaiſerin:„Pfui! die wollen Dich be⸗ ſtechen— ich will nichts von ihnen wiſſen,“— dann wanderte das ſchoͤnſte und koſtbarſte Geſchenk in derſel⸗ ben Stunde noch deſſelbigen Wegs zuruͤck, und ſie nannte den Namen nicht mehr. Doch hatte ſie, wie begreiflich, ihre Lieblinge und ihre Antipathieen— und zu den Erſteren gehoͤrte jetzt Prinzeſſin Thereſe, deren unwiderſtehliche und taͤndelnde Laune die alte Dame in beſtaͤndig angenehmer Aufregung erhielt. Durch ihren Beifall hatte ſie auch eigentüch in der Gunſt der Kaiſe⸗ rin zuerſt Platz genommen. 1. „Sie ſind eine kleine verwoͤhnte Perſon!“ ſagte die Kaiſerin am Abend, als die Prinzeſſin ihr die Hand kuͤßte, um ſich zu bedanken.—„Von den eingebildeten oder wirklichen Uebelſtaͤnden ihrer Wohnung ſind Sie nun befreit; dagegen wuͤnſche ich mir lebhaft, nichts mehr von Geiſtern, Raͤubern oder Dieben zu hoͤren. Zu derlei Dingen iſt Frankreich ein paſſenderer Boden, und ich werde meinen Hultebardieren befehl en, auf Je⸗ den Feuer zu geben, der zur unpaſſenden Stunde bei Ihren Gemaͤchern geſehen wird.“ „Gottlob!“ rief die Prinzeſſin—„ we ein Leben wird das werden Sicherheit kuͤnftig! Ich habe foͤrmlich abgenommen wegen und immer die Nachtmuͤtze auf ng Ohr gehabt, um die „ nahende Gefahr nur beſſer hoͤren zu koͤnnen! Glauben Euer Majeſtaͤt abetwirklich, daß ſo erſchreckliche Pue in Frankreich vorgehn?“ Die unverſchaͤmte Frage beantwortete die Kaiſerin mit einer vollen Ladung ihrer ſchoͤnen drohenden Augen, dann ſagte' ſie kalt:„Ich habe wenig nachgefragt, 1 was ſich in Frankreich zuzutragen pflegt, denn jeden⸗ falls weicht es ſehr ab von deutſcher Sitte. Doch wuͤnſche ich, die Perſonen, die mich hier umgeben, moͤgen das dort vielleicht Erlernte nicht anzuwenden ſuchen, denn † der grade deutſche Blick ſieht ſcharf, und es ſind uns viele Dinge Gottlob! hier noch ein Unrecht, die in Frank⸗ reich zu den blos geſelligen Scherzen gehoͤren.“ „Ja wol! ja wol!“ rief die Prinzeſſin—„wie tief fuͤhle ich dieſen ſchoͤnen Unterſchied! Ich verſichere Euer Majeſtat, ich bin hier ſchon ſoworſichtig und bedenk⸗ . lich geworden, daß ich heute Morgen erſchrak, wie die Gutenberg eintrat, weil ich eben meine Pantoffeln auf den Fußſpitzen hatte gegen einander tanzen laſſen. Ich dachte, ſie wuͤrden ſich bei der lieben Alten beklagen und 3 ich wuͤrde Schelte bekommen.“ „Sie ſind ein unverbeſſerlicher Leichtſinn,“ ſagte die Kaiſerin, und konnte das Lachen nicht unterdrucken. „Ich ſehe nicht ein, warum ich mir die Laune durch Ihre Thorheiten ſoll verderben laſſen!“ 346 In dieſem Augenblick nahte ſich der Graf von Kaunitz, vielleicht in der Hoffnung, von der Kaiſe⸗ rin angeredet zu werden. Sie erhob auch ſogleich die Stimme und rief mit heiterm Tone;„Wahrlich, Kaunitz! ich habe hier ein Proͤbchen Eurer angebete⸗ ten franzoͤſiſchen Manieren. Da ſehe ich wol, wir armen deutſchen Hausfrauen koͤnnen das nicht mehr lernen— und es thut wahrlich nicht gut und ge⸗ reicht Euren Plaͤnen nicht zum Vortheil, daß ich meine luſtige Muhme aus Frankreich hier ſo in der Naͤhe ken⸗ nen lerne. Was koͤnnte mich wol reizen, mit einem Lande Freundſchaft zu ſchließen, das uͤber Alles lacht und ſcherzt?“ „Das, wozu Euer Majeſtät uͤberhaupt in Europa berufen ſind!“ erwiderte der Graf—„jedem Lande, jedem Regenten ein Vorbild all der Tugenden zu wer⸗ den, die einen Thron zieren ſollten. Je weniger ein Land, ein Regent davon zu haben ſcheint, je mehr be⸗ darf es der Allianz mit ſolchen Vorbildern; und je we⸗ niger haben Euer Majeſtaͤt zu fuͤrchten— denn die moraliſche Kraft, in der ein Land mit ſeinem Herrſcher zuſammenwaͤchſt, iſt die unuͤberwindliche Armada dem Auslande gegenuͤber.“ „Das klingt wol ſchon!“ ſagte die Kaiſerin— „aber es iſt ſehr auf Schrauben geſtellt und macht 347 uns zu einer Art Gonvernante, pour les fautes des pays 6trangers. Auch will uns gerade dieſem Lande gegenuͤber nicht aus den Gedanken kommen, daß vor noch nicht gar langer Zeit der hochſelige Kaiſer— mein gnaͤdiger Herr Vater— ein Proͤb⸗ chen von den langen Fingern des lieben Frankreichs zu erleben hatte. Wahrlich, ihre Liebhaberei war nicht Schuld daran, wenn in unſerm wankelmuͤthigen Boͤh⸗ men uns nicht einer von ihren vielen illegitimen oder legitimen Prinzen— wer, daruͤber war nie Licht zu bekommen— mit der Krone dieſes Landes geziert und eine Muſterkarte ſehr unbeſonnener Bewilligun⸗ gen praͤſentirend, uns als unberufener Nachbar uber⸗ raſchte! So was vergißt ſich nicht, mein Herr Graf von Kaunitz!“ Der Staatskanzler wußte, daß, auf dieſen Punkt zuruͤck gekommen, der Kaiſerin jedesmal die Galle uͤberlief, und dieſe faſt nie vollſtaͤndig bewieſene In⸗ trigue des franzoͤſiſchen Hofes noch immer ihr Miß⸗ trauen und ihren Widerwillen gegen eine Allianz mit Frankreich unterhalten half. Auch waͤre der Graf von Kaunitz vielleicht nicht ſo leichtſinnig uͤber dieſen Gegenſtand geweſen, der ſeine ſonſt wohl uͤberlegende Ruhe haͤtte aufregen muͤſſen. Da allerdings erwieſene Thatſachen fuͤr das Daſein einer ſolchen Verſchwoͤrung 348 vorhanden waren, haͤtte er nicht mit einem gewiſſen Stolz angenommen, daß, ſelbſt bei dem Fortbeſtehen ſolcher Abſichten, dieſe doch in ſich ſelbſt zuſammen fal⸗ len muͤßten unter der gegenwaͤrtigen Regierung. Sie hatte ſich an die Spitze aller Fortſchritte geſtellt und offen und ehrlich Raum gewaͤhrt fuͤr die mit Verbeſſe⸗ rungen und Abhuͤlfen beſchwerten Koͤpfe. Er konnte daher bei dieſer Angelegenheit ungeduldig genannt wer⸗ den, beſonders da die Kaiſerin wieder durch ſeine leichte Behandlung der Sache gereizt ward, und zum Gegen⸗ ſatz groͤßeres Mißtrauen zeigte. Seit ihrer Thronbeſteigung hatte die Kaiſerin mehrere Male auf anonymen Wegen Warnungen bekommen, Hinweiſungen, als ob eine derartige Auf⸗ regung noch nicht, wie Kaunitz glauben wollte, zu den Traͤumen exaltirter Koͤpfe gehoͤrte, die man am Beſten nicht zu beachten habe, um ihnen zum Ver⸗ dampfen Zeit zu goͤnnen. Sie traute Kaunitz uber die⸗ ſen Punkt nicht mehr, hatte die Mittheilungen fuͤr ſich behalten und ſuchte, ihn umgehend, ſich uͤber dieſe Warnungen Aufſchluß zu verſchaffen, zu ihrem Verdruß aber bis jetzt ohne Erfolg. Daß die Kaiſerin jedoch immer noch mit dieſem Gedanken beſchaͤftigt war, mußte Kaunitz haͤufig erfahren. Sie benutzte dies und Anderes, um ihre Empfindlichkeit zu äußern, wenn 349 Kaunitz ſie mit ſeiner hoͤheren, freieren politiſchen An⸗ ſicht, zu der ſie ſich erſt nach und nach erhob, uber⸗ raſchte, und mit ihrem richtigen Verſtande das Urtheil abnoͤthigte, er ſei ihr in ſeiner Weltanſchauung voraus. Da ſie die edle Herrſchaft uͤber ſich beſaß, ihn anzuer⸗ kennen und ihm zu folgen, wo ſie den Nutzen einſah, geſtand ſie ſich fuͤr dieſe Selbſtbeherrſchung um ſo ſiche⸗ rer den kleinen mißtrauiſchen Tadel zu, den er bald hier bald dort fuͤr einen Leichtſinn, oder gelegentliche Verſaͤumniß, oder zu raſchen und zu wenig uͤberlegten Fortſchritt hinnehmen mufßte. Kaunitz hatte eine ſehr hochmuͤthige Geduld fuͤr dieſe Neckereien, denn er rechnete ſie zu den unumgaͤnglich nothwendigen Schwaͤchen einer Frau, die keine Beach⸗ tung verdienten, und liebte dieſe Frau, die er in ihrem vollen Werthe anerkannte, doch mit der ganzen Zaͤrtlich⸗ keit und Begeiſterung eines großen Staatsmannes und treuen Unterthans; denn wie gehoben auch ſein eignes Selbſtgefuͤhl ſein mochte, wußte er doch eben ſo genau, daß er ohne eine Herrſcherin, wie Maria Thereſia, den Geiſt, der ihn trieb, in Feſſeln ſehen wuͤrde. Er wußte, daß ſie in ihrem ganzen Reiche immer die Erſte war, die ihn verſtand, ja er ließ ihr die Gerechtigkeit wider⸗ fahren, daß ſie ſeine eignen Ideen oft zur Entwicklung brachte und die Ausfuͤhrung mit maͤnnlicher Energie 350 und mit dem tiefen eigenthuͤmlichen Seherblick einer Frau betrieb. Was konnten ihm daher im Allgemeinen dieſe klei⸗ nen Kriege thun, die er uͤberdies in Frieden zu verwan⸗ deln tauſend Mittel hatte, und dabei eben ſo oft den verwoͤhnten, unentbehrlichen Staatsmann zeigte, als den gelenkigen Hofmamn. Er mußte ſie an jenem Abend fuͤr beſonders auf⸗ geregt halten, da er ſie den Morgen mit der franzoͤſi⸗ ſchen Allianz gedraͤngt hatte und namentlich mit dem nothwendigſten erſten Schritt, mit dieſer verabſcheuten Annaͤherung an die Marquiſe Pompadour. Er hatte dabei auf die Prinzeſſin Thereſe, deren kluger Einſicht zu vertrauen ſei, hingewieſen und die Kaiſerin aufge⸗ fordert, ihre Kenntniß der dortigen Zuſtaͤnde zu be⸗ nutzen, um uͤber die ungewoͤhnliche Frau— wie er die Marquiſe nannte— ein unparteiiſches weibliches urtheil zu hoͤren. Als er die Kaiſerin mit der Prin⸗ zeſſin antraf und ihre laute Anrede an ihn hoͤrte, war er ſicher, ſie wolle eben den Gegenſtand eroͤrtern, dem ſie ſich abgeneigt zeigte, und er winkte der Prinziſſin, ihr zu folgen, da die Kaiſerin in dem Geſellſchafts⸗ kreiſe, der ſie umgab, ihre Umwandlung hielt und eben damit fertig, wie es ſchien, einer tiefen Niſche zu⸗ ſchritt, in welcher ihr Lehnſtuhl ſtand, den ſie an 351 Abenden einnahm, wo ſie nicht ſpielte, und wohin ihr nur auf Einladung der Eine oder Andere folgen durfte. Als ſie ſich niedergelaſſen, ſchien ſie nicht uͤber⸗ raſcht, daß Kaunitz ihre Abſicht errathen; ſie winkte der Prinzeſſin, ſich auf ein Tabouret neben ihr nieder⸗ zulaſſen, waͤhrend Kaunitz an der andern Seite ſtehen blieb, und ſagte ſogleich mit vieler guter Laune:„Habt Ihr denn zugeſehen, Muhme, wie mein Geſandter Kaunitz ſich damals anſtellte; als er in die Frau Mar⸗ quiſe— Ihr wißt ſchon— verliebt war?“ „Ach!“ rief die Prinzeſſin—„ungeſchickt wie immer! Wie ſoll ihm wol die Liebe ſtehn? Wenn er ihre Hand kuͤßte, ſah man ihm an, er berechnete, wie viel tauſend Mann Truppen oder wie viel Millionen Subſidien dieſer weiße Flaum wol den Muth haben wuͤrde, fur Oeſtreich zu unterſchreiben— kuͤßte er gar ihre ſchoͤnen Lippen, ſo war es, als wollte er ihnen alle diplomatiſchen Pfiffigkeiten einhauchen, daß ſie meinen Vetter Ludwig mit Allianz-Gedanken anſtecken ſollten beim erſten Morgengruß— genug, ich haͤtte einem ſolchen Liebhaber ein Contobuch ſtatt einem Billet⸗dour uberreicht.“ Die Kaiſerin lachte und ſah Kaunitz von der Seite an, der mit ſeiner Rolle ungemein zufrieden war, und der liſtigen Prinzeſſin heimlich dankte, denn er wußte ſehr wohl, daß die Kaiſerin wiſſen wollte, ob er wirklich in die franzoͤſiſche Schoͤne verliebt geweſen ſei. „Jeder hat ſeine Weiſe, Prinzeſſin,“ ſagte Kau⸗ nitz—„und koͤnnt Ihr leugnen, daß dies Verfah⸗ ren meiner ſchoͤnen Marquiſe oft ſehr ſchmeichelhaft war?“ „Ja! ſie hatte beſondern Geſchmack,“ entgegnete die Prinzeſſin—„und eine kurioſe Ambition, in den Berichten des Herrn Geſandten zu paradiren. Wenn er ihr des Morgens ein Billet ſchickte auf roſa Atlas⸗ papier, die Raͤnder mit Blumen bemalt und mit dem Ambra des Orients durchduftet, lachte die Marquiſe wolgefaͤllig und ließ den Kammerherrn des Koͤnigs, der fragen wollte, wie ihr die Chocolade bekommen, im Vorzimmer ſtehen, um dies Billet zu leſen und zu be⸗ antworten.„„Ach,““ rief ſie, wenn es ihr gebracht ward—„„eine Oeſtreichiſche Depeſche!““— Aber was ſtand drin? Ob Jocco, der gruͤne Papagei, nicht an der Mandel geſtorben ſei, die er Tags vorher ent⸗ wendet— ob Prinz Biron, dem Affen, der Splitter operirt waͤre, den er geſtern beim Tanzen eingetreten? Dann kamen einige ſchwere dunſtige Komplimente. Man wollte zweifeln, daß ſo viel Witz, Schoͤnheit und Geiſt, als geſtern in einer Sterblichen vereinigt gewe⸗ ſen, etwas anders als ein durch Zaubermittel gewonne⸗ ner voruͤbergehender Zuſtand geweſen— man ſeufzte, Depeſchen ſchreiben zu muͤſſen, da man die ganze Nacht von den beiden Gruͤbchen getraͤumt habe, welche die Begleiter des himmliſcheſten Laͤchelns geweſen.“ Die Kaiſerin lachte wieder.„Und das ließ ſich die hochmuͤthige Naͤrrin bieten?“ rief ſie dann mit einem gewiſſen Triumph. „Was haͤtte ſie ſich nicht bieten laſſen um der Hoff⸗ nung willen, Kaunitz werde ihren Namen in einer De⸗ peſche an Eure Majeſtaͤt nennen! Ich glaube, ſie hielt es moͤglich, er koͤnne eins ihrer antwortenden Bil⸗ lets einſchicken, denn wahrlich, ſie wendete zu viel Witz und Anmuth daran, als daß ich denken koͤnnte, es hätte Kaunitz gegolten.“ „Hielt ſie es denn fuͤr moͤglich, daß dies mein Mi⸗ niſter wagen wuͤrde? Daß uͤberhaupt von einer ſolchen Perſon gegen mich die Rede ſein durfte?“ Die Prinzeſſin wagte es, hier ſo gegen den Re⸗ ſpekt zu lachen, daß die Kaiſerin faſt uber dieſe Unver⸗ ſchaͤmtheit erſchrak. Da ſie aber aus Erfahrung wußte, wie wenig mit dieſem unverbeſſerlichen Weſen anzufan⸗ gen war, uͤberwand ſie ſich und ſagte blos zu Kaunitz: „So etwas bewundert Ihr nun?“ „Laſſen mir denn Euer Majeſtaͤt ein Recht zum Gegentheil?“ erwiderte Kaunitz. Thomas Thyrnau 1. 3te Auflage. 23 Als die Kaiſerin ſich wieder zur Prinzeſſin wandte, fuhr dieſe aus ihrem Lachen auf, als habe ſie nichts bemerkt, und ſetzte hinzu:„Wer das ſchoͤne maͤchtige Frankreich beherrſcht, und ſeinem Koͤnige alle Tage vorſchreibt, was er thun oder laſſen ſoll, der haͤlt ſich fuͤr wichtig genug, um in den Kabinetten der andern Maͤchte eine Rolle zu ſpielen. Aber er haͤlt nicht jedes Kabinet der Ehre werth, ſich hierzu wichtig genug zu erachten.“ „Abſcheulich! Abſcheulich!“ rief die Kaiſerin— „bei ſo tiefer Verderbtheit dieſe Anmaßung, dieſe auf die grauſamſte Schwaͤche baſirte Wichtigkeit! Wohin muß der Koͤnig, wohin das Land unter ſolchen Umſtaͤn⸗ den kommen— der Abgrund muß ſchon aufgedeckt ſein, der es verſchlingen wird.“ „Und wenn es von dem Sprunge hinein noch auf⸗ gehalten werden ſollte, ſo wird dies die kleine, ſeiden⸗ weiche Hand eben dieſer Marquiſe bewirken,“ ſagte die Prinzeſſin gemaͤchlich—„denn das Beſte, was ſeit hundert Jahren in Frankreich geſchehen iſt, das bewirkt eben dieſe— wie mein Herr, der Graf von Kaunitz ſagt— dieſe ungewoͤhnliche Frau.“ Kaunitz verneigte ſich lächelnd. Er wollte nicht mit einreden; Alles, was ſie ſagte, war ihm recht und beſon⸗ ders war ihm lieb, daß es ein Anderer als er ſelbſt ſagte. 6 „Ach,“ entgegnete die Kaiſerin—„was ſo eine junge Perſon Alles beurtheilen will!— Ihr Friſeur und ihre Kammerjungfer werden die Wuͤrden des Reichs vertheilen— wenn ihre Affen tanzen lernen, ſo wird ſie glauben, die Kuͤnſte zu beleben— fur gelehrt wird ſie den halten, der ihre Suͤnden am beſten ver⸗ theidigt, und ihm werden die Belohnungen zufallen. Das heißt dann eine ungewoͤhnliche Frau!“ „Ich habe nie an ihrer Einſicht gezweifelt,“ ſagte die Prinzeſſin gleichgultig—„denn ſie hat mich ver— ſichert, die Kaiſerin Maria Thereſia waͤre die erſte Herrſcherin auf einem Throne und ſie waͤre ihr in allen ihren Regententugenden ein Vorbild, welches ſie mit dem bitterſten Neide und dem gluͤhendſten Nacheifer erfullte.“ „Es iſt weit gekommen,“ ſagte die Kaiſerin merk⸗ lich milder—„daß wir, die eingeborne Fuͤrſtin eines Reiches, uns als ein Vorbild denken muͤſſen fuͤr die Maitreſſe eines pflichtvergeſſenen franzoͤſiſchen Koͤnigs.“ „Ja, das dachte ich auch,“ rief die Prinzeſſin— „und verſchwieg es ihr nicht. Aber da ward ſie ſo wuͤthend, daß ſie ihren Fußſchemel umſtieß und ihr heiße Thraͤnen ausbrachen. Sie nannte mich, glaube ich, ein Tigerherz, einen kalten deutſchen Marmelſtein, daß ich nicht gleich fuͤhlen koͤnne, wie viel groͤßer ihr 23* 356 Verdienſt ſei, da jedem guten Willen, jeder hoͤheren Einſicht, die ſie in's Leben wolle uͤbergehen laſſen, dieſer ewige Makel aufgedruͤckt ſei und einen Wider⸗ ſpruch erzeuge, der immer da am ſtaͤrkſten hervortrete, wo die ſchaͤdlichſten Mißbraͤuche aufgehoben werden ſollten, die in dem Eigennutze Einzelner zu wurzeln pflegten. Wie ſie wol Schmaͤhungen und Vorwuͤrfe fur die Uebel erlitte, die ſie nicht verſchuldet, aber kei⸗ nen Dank, keinen Segen ernte fuͤr das Gute, was ſie hervorgerufen.“ Die Prinzeſſin fuhr fort, als ſie ſah, daß die Kaiſerin aufmerkſam zuhoͤrte und ſogar einige Säͤtze mit dem Nicken ihres Kopfes zu begleiten anfing.„Ich wußte in ganz Paris keinen ſchicklicheren Platz als hinter ihrem Armſtuhl. Was war das fuͤr ein Vergnuͤgen, ſolchen Morgen mit ihr zu durchleben! Was da Alles vorkam— die alte Amme, die in ſchwarze Serge gekleidet an ihrem Stabe die Hoͤhlen des ungluͤcks und der Schande durchſtreifte, und jeden Mor⸗ gen den leeren ſeidenen Beutel wiederbrachte, den ſie gefullt mit ſich nahm. Dieſe Berathung, ob nicht noch andere Huͤlfe als Geld noͤthig waͤre— und der Polizei⸗ Lieutenant, der dann ſeine Aviſo's bekam, oder Be⸗ richte machte— und dann der ſchleichende Abbé Bernis, der ſich ſeine Inſtruktionen holte und den ſie tauſend Mal mit ihrem glaͤnzenden Geiſt uͤberfluͤgelte, um die 357 Maaßregeln zu hindern, die eigentlich nur zu ſeinem Vortheil ergriffen werden ſollten. Dann der liebens⸗ wuͤrdigſte Sterbliche in der Geſtalt eines raſirten Pa⸗ vians— ich meine Voltaire— der mit ſeinem univer⸗ ſen Geiſt, mit ſeinen goͤttlichen Poeſien und dem nie verſiegenden Quell ewig neuen friſchen Witzes in ganz Frankreich nur in ihr das noͤthige Verſtaͤndniß findet, und ſtets eine Liſte von neuen Verguͤnſtigungen fuͤr Kuͤnſte und Wiſſenſchaften in der Taſche hat, die ſie in's Leben rufen ſoll. Glaubt man ſie von dem Eifer ermuͤdet, womit ſie ſich allen dieſen Intereſſen hingiebt, dann tritt ſie in einen Saal— da liegen Stoffe und Erfindungen vor ihr ausgebreitet, und Be⸗ richte machend ſtehen Fabrikanten, Mechaniker und Handwerker aller Art um ſie herz ſie lßt ſich belehren und pruͤft und unterſcheidet und giebt Urtheile, die oft den Gewandteſten uͤberraſchen. Und wenn ſie den Troß entlaßt, ſo verbreiten ſich von dieſem klei⸗ nen Salon, wie von dem Knaͤul des Webers, die Faͤ⸗ den weit hinaus, und neue Kraft— neue Thaͤtigkeit erwacht!“ Die Kaiſerin hatte mit ſo ſteigendem Beifall zuge⸗ hoͤrt, daß ſie nicht mehr wußte, von wem die Rede war. Jetzt fiel ihr der Fäͤcher hin— als die Prinzeſ⸗ ſin ihn aufhob, rief ſie, wie aus einem Traume erwa⸗ 358 chend:„Was! was, Muhme! von wem redet Ihr? Wer ſoll das ſein, den Ihr ſo geſchildert?“ „Die Marquiſe de Pompadour,“ erwiderte die Prinzeſſin obenhin. „Kaunitz,“ ſagte die Kaiſerin—„Ihr habt es ſie auswendig gelehrt!“ „Die Prinzeſſin Thereſe lernt nur, was ihr eigner Kopf ihr berichtet,“ erwiderte Kaunitz—„ſelbſt wenn ich des kleinlichen Mittels faͤhig waͤre.“ Die Kaiſerin fuͤhlte die Wahrheit dieſer Entgegnung. „Dann iſt dieſe Marquiſe Pompadour,“ ſprach ſie auf⸗ ſtehend—„ein ungluͤckliches Weib, dem wir unſere Theilnahme nicht verſagen koͤnnen!“ Sie hatte das goͤtt⸗ liche Leuchten des Blickes, welches ſtets nach einem großen innern Siege, nach irgend einem edlen erheben⸗ den Eindruck ſo entzuͤckend ſchoͤn hervortrat. Sanft nickte ſie dem Grafen und der Prinzeſſin zu, und ihr Hofſtaat trat hervor, in deſſen Mitte ſie die Geſell⸗ ſchaftszimmer verließ. „Das wird Ihnen Oeſtreich einſt danken, und Kaunitz wird ſich an Macht und Einfluß noch zu arm halten, wenn die Prinzeſſin Thereſe jemals einen Wunſch fur ihn hat,“ rief er faſt mit Entzuͤcken— und die Prinzeſſin ſah, mit ironiſchem Laͤcheln ihn muſternd, daß dies die Liebeserklaͤrung eines Miniſters war. 359 „Ich verliere meine Schuhſchnalle,“ rief ſie und ſtemmte den ſchoͤnſten Fuß ſo ungeſtuͤm auf den Fuß⸗ ſchemel der Kaiſerin, daß davon vielleicht eben die Zacken aufſprangen. Da beugte Kaunitz den geraden ſtolzen Ruͤcken und druͤckte die Schnalle zuſammen. Als er wieder in die Hoͤhe ſah, lachte ſie laut auf und rief: „Nicht auf Eure Art ſollt Ihr mir huldigen, Herr Miniſter— ſondern auf die, welche mir bequem iſt! Was bildet Ihr Euch ein? Denkt Ihr, ich koͤnnte es in Eurem langweiligen Deutſchland aushalten, ohne meine lieben franzoͤſiſchen Erinnerungen? Zu meinem Vergnuͤgen habe ich mir das eben vorerzaͤhlt. Daß es gerade traf, iſt mir ganz gleich. Ihr werdet doch zu allen Allianzen mit dieſem Lande zu ungeſchickt ſein und ich will nichts damit zu thun haben.“ „Sie machen mir das nicht weiß, Durchlauchtigſte,“ ſagte Kaunitz—„Sie wollen damit zu thun haben und bemuͤhen ſich bereits darum— waͤre es auch nur, um ſich an Monſieur de Bernis zu rächen! Dies⸗ mal gehen Sie wider Ihren Willen mit mir denſelben Weg— und ich hoffe, wir haben den boͤſeſten Theil deſſelben zuruͤckgelegt. Wenn,“ ſetzte er laͤchelnd hinzu, indem er ſie ſcharf fixirte—„wenn nicht eine gewiſſe Verſchworung uns wieder aufhält.“ „Was brauchen Sie von dieſer Verſchwoͤrung ſo 360 geringſchaͤtzig zu ſprechen, als ſei es etwa eine Geiſter⸗ erſcheinung, die in dem Kopfe eines liebekranken Maͤd⸗ chens entſtanden. Huͤten Sie ſich! ich füͤchte, ſie macht Ihnen noch uͤble Laune!“ „Gewiß!“ laͤchelte Kaunitz—„wenn ſie auf das aller Entfernteſte die Ruhe der ſchoͤnſten Prin⸗ zeſſin ſtoͤrt— ja, waͤre es auch nur die einer Ihrer Anbeter.“ „Pah!“ rief die Prinzeſſin, indem ſie und den Arm der Graͤfin von Hautois nahm—„die Ruhe meiner Anbeter iſt noch nie ein Gegenſtand mei⸗ ner Betrachtungen oder meiner Theilnahme geworden. Ich gebe ſie Ihnen Alle Preis!“ „Armer Kaunitz!“ rief der Miniſter lachend— „ich ſehe, die Liebe ſteht mir hier ſo ſchlecht, wie in Frankreich!“ „Das macht,“ erwiderte die Prinzeſſin—„weil die Liebe nur den ziert, der ſich ihr um ihrer ſelbſt willen ergiebt. Eure Liebe iſt fuͤr Euch nichts Anderes als eins Eurer hundert tauſend Mittel, irgend einen Zweck zu erreichen, und wenn Eure diplomatiſche Feinheit die ganze Welt betruͤgt, werdet Ihr doch von einem Weibe errathen werden, ſelbſt wenn ſie ein Neuling — eine von ihrer erſten Liebe ſo eben erſt Geneſene waͤre:“ 361 „Wie viel mehr alſo“— ergaͤnzte Kaunitz. Doch die Prinzeſſin brachte ihn um den Triumph ſeiner bos⸗ haften Entgegnung— denn ſie war verſchwunden. Am andern Morgen nach der Audienz bei der Kai⸗ ſerin, erſchien Frau Gutenberg in dem Palaſt der Fuͤr⸗ ſtin Morani, um ſich im Namen der Frau Kaiſerin nach dem Befinden der lieben Braut zu erkundigen. Aus jedem Worte der alten Vertrauten leuchtete der Fuͤrſtin der verſoͤhnende Wille der hohen Frau entge⸗ gen, und endlich uͤberreichte ſie ihr einen ſo einfachen goldenen Ring mit dem Namenszuge der Kaiſerin, daß die Furſtin wol fuͤhlte, wie hoch ſie ſich geehrt halten durfte. „Majeſtaͤtchen meinen nur, die liebe Spielgefahr⸗ tin damit ihrer unveraͤnderten Geſinnung zu verſichern. Die Frau Oberhofmeiſterin, Graͤfin von Fuchs, wer⸗ den nachher die kaiſerlichen Gluͤckwuͤnſche en gala uͤber⸗ bringen.“ „Ach, meine erhabene großmuͤthige Herrſcherin!“ rief die Fuͤrſtin und druckte zaͤrtlich die Haͤnde der lie⸗ ben alten Frau,, wie tief empfinde ich dieſe Guͤte! O, meine liebe Gutenberg, leiht mir Eure Worte, um der Kaiſerin auszuſprechen, was ich ſo tief fuͤhle.“ 362 „Will ſchon! will ſchon! mein liebes Durchlaucht⸗ chen!— Brauche ja nur zu erzaͤhlen, was meine Au⸗ gen wahrnahmen, um Sereniſſime zu enchantiren.“ Nach dieſem Beſuch fuhr zur angemeſſenen Stunde die Oberhofmeiſterin Graͤfin von Fuchs mit einigen Hofdamen und Kavalieren der Kaiſerin vor. Ihr folgte eine ununterbrochene Kette der in Wien anweſenden Notabilitäten, die nach der Anzeige der Graͤfin von Fuchs ihre Anweiſung zu dieſem Beſuch empfangen hatten. Es gereichte der Fuͤrſtin ſehr zum Troſte, daß ſie Mittel beſeſſen, um in kuͤrzeſter Zeit die Ausſtat⸗ tung des leer gewordenen Audienzſaales zu bewirken. Sie konnte nun ohne Erroͤthen ihre Standesgenoſſen an dem Orte empfangen, den ſie in ſeiner Beraubung nicht geſehn und jetzt in ſeiner alten Pracht wieder fan⸗ den, und vielleicht war es dieſe innere Genugthuung, die der Fuͤrſtin uͤber manches Andere ihrer peinlichen Gefuͤhle hinweg half. Nach dieſem anſtrengenden Tage gereichte ihr der Abend, der ihr den Grafen Lacy und einige wenige Freunde zufuͤhrte, zu einer ungemeinen Erquickung, denn ſie fuͤhlte, ſie habe den ſchwerſten Theil ihres Ver⸗ haͤltniſſes hinter ſich, und das Gluͤck ihres Herzens trat immer muthiger aus der Verborgenheit hervor und ver⸗ breitete eine anmuthige Lebendigkeit uͤber ihre Zuͤge. 363 Lacy ſah es mit großer Freude und fuͤhlte ſich da⸗ durch ſelbſt in allen ſeinen Hoffnungen geſteigert. S rief er, indem er der Prinzeſſin Thereſe naͤher ruͤckte, die ſich, ſchoͤn wie ein bluͤhender Roſenzweig, in ihrem Fauteuil wiegte—„jetzt, da Sie meine liebe Muhme werden, muͤſſen Sie mir auch beiſtehn, wo ich einer recht wirkſamen Huͤlfe gegen meine Claudia bedarf.“ „Gegen? gegen?“ rief die Prinzeſſin—„faͤngt das ſchon an? Kaum das Ziel erreicht und ſchon gegen?“ „Gegen heißt hier— fuͤr ihr Beſtes,“ fuhr Lacy fort—„ich will, ſie ſoll in unſere ſchnelle Vermaͤh⸗ lung willigen, damit ich ſie ohne alles Bedenken dieſer Stadt entfuͤhren kann und dieſer Sommer nicht vor⸗ über geht, ohne daß die Landluft ihre erſchuͤtterte Ge⸗ ſundheit geſtaͤrkt hat.“ „Und dazu ſoll ich die Hand bieten?“ rief die Prin⸗ zeſſin—„Nein, mein holder Vetter in Spe— nim⸗ mermehr, jedes Verloͤbniß durchrieſelt mich ſchon mit den Schauern der tiefſten Schwermuth— aber foͤrdern — zureden— konnte ich um die Welt nicht! Wie ein Geſpenſt wurde die Zukunft vor mir auftauchen— ich wuͤrde mir zurufen hoͤren: Thereſe, warum haſt Du zugeredet, daß dies Joch uͤber mich geworfen? Ich wuͤrde die erbosten Blicke ſehen, die mich dann verfol⸗ 364 gen wuͤrden. Die Tauben, die ich jetzt auf einer Stange ſchnaͤbelnd ſitzen ſah, die wurde ich dann wuͤſt mit den Fluͤgeln gegen einander ſchlagen ſehen, und bald das Neſt der Einen auf dem Eichbaum— das andere in der Dachſparre angeflickt! Nein! ich habe zu viel Ehen geſehn, um nicht jede im Voraus fuͤr getaͤuſcht zu hal⸗ ten, die mit der thorichten Hoffnung auf Gluͤck an⸗ faͤngt.“ Lacy lachte laut. Seitdem er gluͤcklich war, fand er die Prinzeſſin, die er fruͤher nicht ſehr geliebt hatte, als eine reizende Zugabe und ihre heitere Laune wie ge⸗ ſchaffen, die gute Claudia zu unterhalten. Auch ihre Schoͤnheit konnte er nicht wol uͤberſehen, denn ſie hatte die große Gabe, gerade ſo ſchoͤn zu ſein, als es paſſend war. „Verſuchen Sie es, Prinzeſſin!“ rief er—„Wenn ich Sie in Ihrer meiſterhaften Ausſtattung vor mir ſehe, begreife ich, daß Sie ſich ſelbſt fuͤr zu gut halten, um der Preis eines liebenden Herzens werden zuwollen. Aber gewiß muͤſſen Sie doch einſt, wenn auch gegen Ihren Willen, die Widerlegung Ihrer Behauptung werden— und zuerſt gehe ich Ihnen mit Claudia als gutes Bei⸗ ſpiel voran— machen Sie es dann bald nach! Es reizt mich, Sie uͤberwunden zu ſehn.“ Die Prinzeſſin war viel zu ſcharfſichtig, um hinter dieſen galanten Worten mehr zu ſuchen, als die ge⸗ woͤhnlichen Redensarten der großen Welt. Aber es war ihr doch Recht, daß ſie etwas Terrain gewonnen. Sie verließ ſich auf den Zauber fortgeſetzter Neckereien und wußte, wie wenig die gute Fuͤrſtin Morani darin mit ihr rivaliſiren koͤnne. Dieſe trat ſo eben auf die Terraſſe, auf der man ſich befand, hinaus, und fuͤhrte zwei Kinder an ihre Hand, in denen der Graf ſeine kleinen Lieblinge aus dem Urſulinerhof erkannte. Beide ſahen verweint aus. Egon's hochfahrendes Weſen hatte ihn fuͤr diesmal verlaſſen; die Trennung von Mora hatte in ihm blos die Zaͤrtlichkeit des Kindes erregt. Er weinte zwar nicht mehr, aber es war eine ſo tiefe theilnahmloſe Traurigkeit uber ſeine Zuͤge ver⸗ breitet, daß er gegen nichts Widerſtand zu leiſten ſuchte. Noch trugen ſie ihre beſcheidnen Kleider, und als Lacy ihnen entgegen ging und Egon die Hand bot, hielt die⸗ ſer ſie feſt und draͤngte ſich an ſeinen Arm, als fuͤhle er, daß er eines neuen Schutzes beduͤrfe nach der ſchmerzlichen Trennung von Mora. Jeder ſuchte nun nach ſeiner Art ſich mit den neuen Ankoͤmmlingen zu beſchaͤftigen. Die Prinzeſſin lieb⸗ koſte Hedwiga, die ſie als den Engel mit dem Kloſter⸗ kaͤſe wieder erkannte; Georg Prey redete zu Beiden, um den Stand ihrer Kenntniſſe zu erfahren, und Lacy ——— —— 366 und die Fuͤrſtin beriethen ſich leiſer redend immer auf's Neue uͤber ihre Erziehungsplaͤne, wobei ſie mehr als einmal furchteten, von der erwachenden Liebe fuͤr ihre Schuͤtzlinge zu weit gefuͤhrt zu werden. „Es iſt zwar wahr,“ fuhr der Graf fort—„daß wir uͤber ihre Herkunft nichts wiſſen, und daß dieſe zu⸗ letzt einer Erziehung ſich nicht angemeſſen zeigen kann, wie wir Beide geneigt ſind ſie ihnen zu geben; aber wir muͤſſen uns zugleich geſtehn, daß es nur von uns abhaͤngt, ihre Zukunft gegen Huͤlfloſigkeit und enteh⸗ rende Verhaͤltniſſe zu ſchuͤtzen. Die Beguͤnſtigungen der Natur ſind hier ſo ſichtlich, daß es uns ein immer⸗ waͤhrender Vorwurf ſcheinen muͤßte, wenn wir nicht ihr Werk durch eine Erziehung vollenden wollten, die ihnen kaum zu verſagen ſcheint. Hedwiga wird, zu Ihrer Geſellſchafterin erzogen, grade den Platz, denke ich, einnehmen, der zu große Anſpruͤche abhaͤlt und doch jeden Vorzug geiſtiger Entwicklung zulaͤßt, ſogar noͤthig macht. Egon muß militairiſche Kenntniſſe be⸗ kommenz der Krieg, der nicht auf ſich wird warten laſſen, giebt ihm Gelegenheit, ſich einen Namen zu machen, wenn das Schickſal ihm wirklich dieſe erſte Begruͤndung des Lebens verſagt haben ſollte. Die ganze Zeit fordert mehr Zugeſtaͤndniſſe, als unſere vor⸗ nehme Verwoͤhnung noch uͤberall einraͤumen moͤchte, 367 denen wir aber doch zu unſerer Befriedigung diesmal Geltung verſchaffen duͤrfen.“ Die Fuͤrſtin laͤchelte ihrem Verlobten freundlich ent⸗ gegen— es war ihr jedes Wort aus dem Herzen ge⸗ nommen.„Ich wurde die Widerſpruͤche, in die ich bei der Befolgung eines andern Plans geriethe, auch kaum ertragen koͤnnen,“ ſagte die Fuͤrſtin—„und dann erſt wuͤrde Hedwiga zu bedauern ſein, denn ſie wuͤrde durch meine Liebe halb mein Kind ſein und dann, durch ge⸗ ringe Verhaͤltniſſe herabgedruckt, vielleicht an ihrem Karakter Schaden leiden. O wie oft habe ich dieſe vor⸗ nehmen Spielpuppen beklagt, die aus niederm Stande, oder durch ſonſtige Verhaͤltniſſe bloßgeſtellt, ein ſchoͤnes Aeußere und Schutzloſigkeit in die Haͤnde vornehmen Muͤßiggangs uͤberfuͤhrte, um entweder mit den Affen und Huͤndchen der Boudoirs um die Wette durch Thor⸗ heiten die Langeweile leerer Stunden zu vertreiben— oder als Probe irgend einer verworrenen Erziehung methode planlos durch den ganzen Jammer unzweckm ßiger Studien oder naturwidrigen Zwanges den ver⸗ ſchrobenen Vorſtellungen ihrer Erzieher zu dienen. Die traurigen Reſultate, die daraus erwachſen und die dieſe grauſamen Beſchutzer ſich allein zu danken haben, uber⸗ raſchen ſie dann. Sie glauben ein Recht zu haben zum Zuͤrnen, und nieinen, es ſtehe ihnen zu, ein alſo ent⸗ 8 e a⸗ 368 artetes Weſen in die Verhaͤltniſſe zuruͤckſtoßen zu duͤr⸗ fen, denen ſie muͤhſam entfremdet wurden. „Davor wollen wir denn unſere Schuͤtzlinge behuͤ⸗ ten,“ rief der Graf mit Ruͤhrung, den ſchoͤnen Eifer Claudia's fuͤhlend.„Ihr Bild iſt wahr und ich habe es oft erkannt, daß wir nur wohlthun, wenn wir das Individuum ſeinen Geburtsverhaͤltniſſen nicht entfrem⸗ den. Das Genie, welches ſich ſelbſt die Bahn bricht und am Ende keinem Stande mehr angehoͤrt, macht naturlich die Ausnahme, zu der es ſelbſt gehoͤrt, und es wird— was wir aͤußerlich Begabten da geben koͤn⸗ nen— ſchon von ſelbſt in der Form von uns fordern, die es brauchen kann. Aber bei unſern Schuͤtzlingen haben wir freie Hand, ſo lange das Geheimniß der Frau Mora nicht unſer iſt. Doch bliebe es immer wuͤnſchenswerth, wenn Sie, theure Claudia, mit Ihrer unwiderſtehlichen Liebenswuͤrdigkeit der alten Frau das Herz oͤffneten, denn ich glaube nun ein⸗ mal nicht, daß ſie dem Stande der Frau Mora an⸗ gehoͤren.“ „Was haben Sie dagegen, wenn ſie dennoch von ſo niedriger Geburt waͤren,“ erwiderte laͤchelnd die Fuͤr⸗ ſtin.„Soll ich Sie nicht endlich doch fur ſtolzer geſon⸗ nen halten, als mich ſelbſt, da Sie die holden Kinder durchaus nobilitiren wollen, und meine aͤltere Freund⸗ „ 369 ſchaft mit ihnen doch nur mit den armen Kindern des unterſten Standes geſchloſſen ward.“ „Ach,“ ſagte der Graf,—„Sie wollen meine Freiſinnigkeit perſifliren und doch habe ich viel fuͤr mich anzufuͤhren. Mir iſt dieſe Vorausſetzung hoͤherer Ge⸗ burtsanſpruͤche nicht nothwendig, um dieſe merkwuͤrdi⸗ gen Kinder zu lieben und ihnen meine volle Theilnahme zu ſchenken; aber ich kann die Wahrheit nicht leug⸗ nen, daß mit der Armuth auch am haͤufigſten der tiefe Geiſtesdruck dieſer Klaſſe eintritt und auf die Fortpflan⸗ zung den Stempel druͤckt, der mit ſeinen Aehnlichkeiten an den traurigen Ruͤckſchritt zur Thierwelt erinnert. Glauben Sie aber mit dieſem Bekenntniß keinen Triumph uͤber meinen liberaleren Sinn zu gewinnen; denn iſt es auch wahr, daß die Armuth, die ſchlechte Nahrung, der Mangel geiſtiger Entwicklung den Stem⸗ pel der Rohheit auf die Bildungen der Kinder uͤber⸗ traͤgt: ſo ſtraft die gerechte Natur doch in allen Staͤn⸗ den die geiſtige Rohheit, und wir ſehen, wie auch in unſern Kreiſen ganze Geſchlechter in Verkruͤpplung, widriger Bildung oder Geiſtesſchwaͤche die Vernachlaͤſ⸗ ſigungen zur Schau tragen, die hier vielleicht eben ſo dem Uebermaaße aͤußerer Beguͤnſtigungen zuzurechnen waͤren, als dort der Beraubung derſelben.“ „Ja wol,“ ſagte die Fuͤrſtin faſt traurig—„Den⸗ Thomas Thyrnau 1. 3te Aufl. 24 ken Sie nur daran, was fuͤr Eindrucke wir oft durch die Geſchichte einzelner Nationen in uns tragen. Be⸗ ruͤhmt iſt der Adel mancher Laͤnder durch ſeine Schoͤn⸗ heit, die der Traͤger großartiger Geſinnungen ſcheint, und dem Ruhm eines Landes als Buͤrgſchaft dient. Aber wie erſchrecken wir, wenn wir vergeſſen haben, daß wir die Geſchichte, wie ſie vor vielen hundert Jah⸗ ren ſich begab, in unſere Einbildungskraft aufnahmen, und nun zur Selbſtanſchauung gelangt dem kläglichen Geſchlechte begegnen, das bis zu den Formen des Koͤr⸗ pers hinab, nicht einmal die Schattenbilder der Heroen vorſtellen koͤnnte, die einſt die Palaͤſte bewohnten, und die bluͤhenden Fluren ruhmgekroͤnt beherrſchten, die nun ſelbſt da ſtehn, als fuͤhrten ſie bittere Klagen uͤber die Bewohner, die ſie dulden muͤſſen.“ „Ha!“ rief der Graf laͤchelnd—„Claudia, Ihre traurige Wahrheit iſt Selbſtanſchauung geweſen— Sie ſchildern Ihr Vaterland— Sie ſchildern Italien!“ „Ja!“ ſagte die Furſtin—„ich habe genug dabei gelitten. Wie klangen die erhabenen Namen in mein Ohr, welche die Traͤger großer Begebenheiten, mich mit tiefer Ehrfurcht vor dem Nachkommen erfullten, in deſſen Zugen ich noch den Ruhm zu leſen hoffte, der ſeinen Namen verherrlichte! Ach! wenn ich mit klopfen⸗ dem Herzen durch die Raͤume wandelte, die einſt — dem hohen Beduͤrfniß eines ſolchen Geiſtes genuͤgend, zu ſeinen taͤglichen Erforderniſſen gehoͤrten— wenn ich den Geiſt mit Bewundrung anſtaunte, der die Pracht durch die Kunſt veredelte und ſich als den Mittelpunkt ihrer Gaben fuͤhlte, wie ward mir dann ſo ahnungs⸗ voll und bang, wenn ich die marmornen Pforten, welche in ihrem Portikus die Goͤtter der alten Welt beſchirmten, mit rohen Bohlen verſchlagen fand, und durch ein Seitenpfoͤrtchen in den Goͤtterſitz eingelaſſen, die traͤge Luft des Staubes und des Moders in den weiten Raͤumen fand, die der Nachkomme nicht mehr zu ſeinem taͤglichen Beduͤrfniß zaͤhlte. Spinngewebe hingen um die hohen Waͤnde und verhuͤllten die Bilder jener ewigen Meiſter— der Moder brach das Moſaik des Fußbodens— der Thyrſusſtab des heitern Faun's lag am Boden, und die Hand der Venus, die froh⸗ lockend den Apfel hob, war bis zum Gelenk verſchwun⸗ den. Ein roher Holzklotz trug den Muſageten, deſſen zuſammengeſunkenes Piedeſtal vergeblich ſeine Erhe⸗ bung hoffte, waͤhrend die verſtaubten Toͤchter Niko⸗ medes traurig darauf niederſahen. Hier ſollte ich den Nachkommen des Geſchlechtes finden, das dieſe Herr⸗ lichkeit erſchuf! Ich zweifelte. Fuͤr einen Irrthum hielt ich unſere Einladung!— Er mußte weit weg ſein, verbannt, unfaͤhig, den heiligen Beſitz zu ſchutzen! 24* ————— 372 Dann weckte mich die Stimme des Vaters— er war ſchoh daran gewohnt. Ich hoͤrte den großen Namen— umſchauend wollte ich den Beſitzer finden— er ſtand ſchon vor mir! Ja, wie Ihr ſagtet, theurer Lacy! in Verkrupplung, widriger Bildung ſtraft die gerechte Natur unter den Wundern des Geiſtes um ſo ergreifen⸗ der die Rohheit der Seele, die dem Uebermaaße aͤußerer Beguͤnſtigungen blos den materiellen Antheil abzuge⸗ winnen verſtand. Ein ferner Fluͤgel des Palaſtes war mit duͤrftigem Modewerk ausgeſtattet— die kleine Seele war hier froh und fuͤhlte ſich behaglich. Sprach man von jenen Schaͤtzen, da war es, als ſpreche man von den Geſpenſtern des Hauſes, die Niemand recht kennen wollte, gern auf andere Dinge uͤbergehend.“ „Dieſen Geheimniſſen des Ruͤckſchrittes frägt man viel zu wenig nach,“ ſagte der Graf—„Wir ſehen einzelne Geſchlechter, wir ſehen ganze Länder, oder bald dieſen bald jenen Stand in einer Nation ausarten; von großem Anſehn herabſinken bis zur tiefſten Erniedrigung, und die Geſchichte des Adels zieht eben darum unſere Aufmerkſamkeit ſo auf ſich, da derſelbe durch das erlangte Vorrecht berufen iſt, an der Spitze des Volkes zu ſtehen.“ „Ja,“ ſagte die Fuͤrſtin—„wie iſt es zu begrei⸗ fen, daß die erſte Entſtehung ſolcher Vorrechte, die Erhebung aus dem Dunkel, das Erringen von t, —— 373 Rang und Anſehn ſo haͤufig von einem hoͤheren geiſtigen Aufſchwung, von einem edleren Beduͤrfniß uns Zeugniß ablegt, als wir dann ſpaͤter erhalten ſehen, wo die Ge⸗ burt das Individuum ſchon beguͤnſtigt auf den Hoͤhen⸗ punkt ſtellt, der die vollkommenſte Aufrechthaltung des Geiſtes und Gemuͤthes erwarten ließe. Sollten wir es nicht natuͤrlicher finden, daß unter einer ſolchen geſicher⸗ ten Einwirkung das Individuum— getrennt von jedem gemeinen Einfluß— zu einer hoͤheren und reineren Entwicklung gelangen muͤßte? Doch iſt es ſo oft der Fall, daß wir dort die groͤßten Taͤuſchungen erfahren!“ „Es iſt auch nicht ſo unerklaͤrlich, liebe Claudia!“ ſagte der Graf—„Wer ſeine Exiſtenz ſich erſchafft, der hat in Wahrheit den Beruf und die Befaͤhigung dazu von der Natur bekommen, und er ergreift den Be⸗ ſitz noch mit der gepruͤften Kraft, mit dem entwickelten Geiſte, der ihn eben zum Beſitz befaͤhigte. Solche Eigenſchaften laſſen ſich, trotz der hochmuͤthigen Voraus⸗ ſetzung unſeres Standes dennoch nicht vererben. Abge⸗ ſehn davon, daß die Natur hier oft mit einem geheim⸗ nißvollen Eigenſinn verfaͤhrt, wurde es doch bei gruͤnd⸗ licherer Pruͤfung oft mehr eine unbeſtechliche Gerechtig⸗ keit derſelben zeigen, wenn ſie die Frucht nicht ſchoͤner reifen laͤßt, als der morſch gewordene Stamm die Kraft dazu beſitzt. Der errungene Beſitz iſt immer ein Still⸗ — 374 ſtand und dieſer die groͤßte Verfuͤhrung fur die Schwaͤ⸗ chen der menſchlichen Natur. Was von dem Beſitz gro⸗ ßer Mittel ausgehend, zuerſt eine froͤhliche und oft mit ſo viel Geiſt verbundene uͤppige Benutzung des Lebens iſt, wird, durch mehrere Generationen hindurch verfolgt, dennoch leiſe abwaͤrts fuͤhren. Freigebigkeit wird Ver⸗ ſchwendung, der hohe, Glanz liebende Kunſtſinn wird in elende Prunkſucht oder in die Ueppigkeit ausarten, die mehr leibliche als geiſtige Genuͤſſe befriediget. Die Zeit wird als das laͤſtigſte Material des Lebens mit allen Mitteln der Ueppigkeit um ihren Antheil betrogen. Phy⸗ ſiſche und moraliſche Entartung, von den Vorrechten noch bedeckt, welche die Tugenden der Vorfahren errin⸗ gen halfen, wird in dieſer Ungeſtoͤrtheit fortwuchern, und nach und nach werden uns die Judividuen uͤberraſchen, die aus dieſer nach Außen noch geſicherten Verderbtheit ins Leben treten und den Namen, den ſie tragen, um alle daran geknuͤpften ehrenden Erinnerungen zu betruͤ⸗ gen ſcheinen. „Ach, welch trauriges Bild!“ rief Claudia bewegt. „Es muͤßte ja Zweifel erregen an dem ſchoͤnen Stolze, ſich einer alten Familie zugehoͤrend zu wiſſen!“ „Wir werden wenigſtens erkennen lernen, theure Claudia, daß wenn wir Urſach zu dieſem Stolze haben, wir es Denen danken, welche mit ſtrenger Weisheit er⸗ 375 kannten, daß es eben ſo viel Kraft, Thätigkeit und Maͤ⸗ ßigung in den dargebotenen Genuͤſſen bedarf, das Errun⸗ gene zu erhalten, als ſeine Entſtehung zu begruͤnden; daß Vorzuge der Geburt immer auf's Neue von jedem einzelnen Individuum durch Verdienſte beſtätigt werden muͤſſen, wenn ſie nicht eine Uſurpation des Vorrechts werden ſollen, welches dann ihr ſtaͤrkſter Anklaͤger wer⸗ den wird, und den Spott wie die Verachtung ruͤck⸗ ſichtslos auf ſich lenken muß. Aber wenn wir ein⸗ zelne Familien ſo betrachten und uns damit ihre endli⸗ chen uns befremdenden Schickſale erklaͤren, ſo gilt daſ⸗ ſelbe von den Schickſalen ganzer Staͤnde, ganzer Natio⸗ nen! Sie behaupten ſich, von innerer Verderbniß un⸗ tergraben, in ihren Rechten nur ſcheinbar nach Außen, bis die heilſamen Welterſchuͤtterungen, die wie raͤchende Engel ihren Umzug halten und endlich an jedem morſch gewordenen Gebaͤude ruͤtteln, es zuſammenſtuͤrzen und wenigſtens die große Wahrheit dem verſinkenden Mo⸗ der entſteigen laſſen, daß es keinen ewigen Beſitz giebt. Nur der immer wiederkehrende Fruͤhling des menſchlichen Geiſtes, der auch auf dem Aſchenhaufen, den die zerſtoͤrende Lava uber die verlorene Pracht ſtreut, ſich auf's Neue anſiedelt, uͤbt die Kraft aus, den Beſitz⸗ ſtand des Menſchen im Allgemeinen auf Erde zu verewigen.“ 376 „Eil ei!“ ſagte Georg Prey—„wo habt Ihr die Erfahrung des Greiſes hergenommen? Das ſind ſchwere hochwichtige Betrachtungen, von denen es ſich fragt, ob es gut iſt, ſie ſo ſcharf zu beleuchten und den daraus gefolgerten Schluͤſſen eine Anwendung zu geben, die vielleicht dem hoͤchſten Willen entgegen iſt. „Was uns der Wahrheit nahe bringt,“ entgegnete Lacyh,„was zur Erkenntniß unſerer gebrechlichen menſchlichen Natur fuͤhrt, kann nie mit dem hoͤchſten Willen in Widerſpruch ſtehn, denn alle Vorſchriften fuͤr unſer Heil laufen in der großen Ermahnung aus: Er⸗ kenne Dich ſelbſt! So lange wir uns ſcheuen werden, den Uebeln bis an ihre Wurzel nachzuſpuͤren, ſo lange unſer hochmuͤthiger Korporationsgeiſt nur dahin wir⸗ ken wird, die Rohheiten unſeres Gleichen zu bemaͤn⸗ teln, ſie zu laͤugnen, ſie anderer Natur finden zu wollen, ſie eher zu dem geziemenden heitern Uebermuth zu zaͤhlen, den wir uns gern zugeſtehn, als ſie zu den Gemeinheiten zu rechnen, die wir nur fuͤr eine andere Klaſſe der Geſellſchaft moͤglich halten wollen— ſo lange wird das Gift, an dem die hoͤheren Lebensrichtungen erſterben, nicht in den erſten Erſcheinungen erſtickt wer⸗ den! Es wird ſich allmaͤlig Denen leiſe mittheilen, die zuerſt nichts wollen, als den Stand gegen eine ent⸗ ehrende Beſchuldigung ſchuͤtzen, indem ſie aber das ent⸗ ehrte Individuum in ſeinen Rechten zu erhalten ſuchen, den erſten Schritt von der moraliſchen Hoͤhe abwärts thun, der ſie bald ſelbſt in Zweideutigkeiten verwickelt, die ſie nicht mehr vor einem reinen Bewußtſein verant⸗ worten koͤnnen. Nur durch verdoppelten Hochmuth ſu⸗ chen ſie ſich dann an Denen zu raͤchen, deren ſtrafendes urtheil ſie von ſich damit abzuhalten ſtreben, waͤhrend ſie bald in ihren verderbten Genoſſen die Unterſtuͤtzung und Gemeinſchaft finden, die ſie uͤber die geſunkene Stellung taͤuſcht.“ „Wo aber, beſter Lacy, iſt hier bei uns Veranlaſ⸗ ſung, ſo ſchwermuͤthige Erfahrungen zu machen! Sie erſchrecken mich mit dem traurigen Bilde, wie mit der Stimmung, in die Sie dieſe Betrachtungen verſetzen. Geſtehen Sie es ein, nicht hier, ſondern in Ihrem Frankreich machten Sie dieſe Bemerkungen!“ „Ach, theure Claudia! wir wollen uns nicht zu ſehr auf Koſten unſerer Nachbarn erheben. Vielleicht iſt der ganze Unterſchied zwiſchen uns, daß dort dieſer Sinn eine voͤllig anerkannte Berechtigung des Adels iſt, wel⸗ cher ſich vor dem Gericht der oͤffentlichen Meinung nicht mehr zu furchten hat, weil ein großes allgemeines Ver⸗ derben die Mehrzahl erfaßt und namentlich den Hofadel zu einer Verbruͤderung gefuͤhrt hat, die ihnen unterein⸗ ander jede Entſchuldigung ſichert, wenn derſelben noch ——— nachgefragt wuͤrde. Wohin wir gelangen koͤnnten, re⸗ gierte uns ein Ludwig der Funfzehnte ſtatt Maria The⸗ reſia, das wollen wir nicht allzu genau aus den Sym⸗ ptomen, die uns vorliegen, zu prophezeihen wagen; denn die Verſuche werden ſich immer wiederholen, mit dem alten Fauſtrecht gelegentlich einen Platz zu behaupten, den— durch ausgezeichnetere Geſittung ſich zuerkannt zu ſehen— die Gaben oft fehlen. Schnell wuͤrde der Korporationsgeiſt die Mauer ziehen, durchbraͤche das hoͤhere Beduͤrfniß der Herrſcherin zu ihrem maaßloſen Schrecken nicht immer auf's Neue dieſe Befeſtigungs⸗ verſuche und reichte ihr ſcharfes Auge nicht weiter, als die Wappenſchilder decken. Dieſer Blick, deſſen unbe⸗ ſtechliche Klarheit Sie kennen, laͤßt die Maſſe ſich baͤndi⸗ gen und zwingt die, welche den hochmuͤthigen Trotz ha⸗ ben, ſelbſt mit ihrer Herrſcherin den Kampf um ihre Vorrechte einzugehn, dieſe vor ihr, ja vor ſich ſelber durch Anſpruͤche zu vertreten; die ihre hoͤhere Natur beweiſen ſollen. Sie wuͤrden es nicht wagen einzu⸗ geſtehn, es ſei daſſelbe alte Geluͤſt nach Willkur und Unverantwortlichkeit, das ihnen noch immer die eigent⸗ lichſte Auslegung ihrer Wappen und Pergamente ſcheint.“ 4 „Ketzer!“ ſagte die Prinzeſſin, die mit den Kindern ſpielend die Terraſſen verlaſſen hatte und gegen das Ende 379 von Lacy's lebhafter Nittheilung zuruͤckgekehrt war. „Wem wagt Ihr denn hier Eure ſauren Aepfel anzu⸗ bieten? Gehoͤrt Ihr nicht ſelbſt zu den allerliebſten Leuten, denen Ihr ſie in den Mund ſtopfen wollt? Iſt denn Eure Maria Thereſia nicht eine alte Edelfrau? und iſt nicht der groͤßte Theil ihres Adels ſo alten Ur⸗ ſprungs als ſie ſelbſt? Wer ſoll denn dem Andern die Strafe fuͤr Vergehungen aufzählen, die er doch bei Ge⸗ legenheit Luſt bekoͤmmt, ſelbſt zu begehen? Laßt einmal die Frau Kaiſerin den Verſuch machen, dieſe allerlieb⸗ ſten Leute etwas mehr zu geniren, als ihnen beguem iſt — ich glaube, ſie wuͤrden ſie auf Piſtolen fordern und ſich ächteren Adels halten, als die, welche ihres Landes Krone traͤgt!“ „Ja,“ rief Lacy lachend—„da habt Ihr Recht! Der aͤchte Ariſtokrat iſt immer ein ſchlechter Unterthan, wenn das Intereſſe des Landes und ſeines Herrſchers von dem ſeines Standes abweicht. An nichts Anderem erkenne ich mehr das Praͤdikat der Herrſcher— von Gottes Gnaden— als daß ſie ſich, wie eben jetzt wieder unſere Kaiſerin, uͤber den ganzen Troß erheben koͤnnen und die einſame Bahn ſiegreich ziehen, die uͤber Aller Koͤpfe weglaͤuft.“ „Ja! ja!“ lachte die Prinzeſſin,„ſie 5 ihr nur doch mit den Kopfen nach und ſtrecken ſie ihr oft in — 380 den Weg. Mein lieber Vetter Ludwig in Frankreich iſt blos ſo liederlich geworden aus Angſt, ſein eleganter Adel wuͤrde ihn nicht fuͤr reines Blut halten, wenn er es ihnen nicht gleich thaͤte, oder gar ſie uͤbertraͤfe! Und Eure Kaiſerin? Holt' ich hab' ſie weg— und habe in der Stille meine Schadenfreude dran, daß ſie mit all ihrer kecken hohen Weiſe doch oft in ihrem Atalanten⸗ Laufe errothend inne halt, und lauernd rechts und links ſchaut, ob ihr ſteif zuſehender Adel auch nicht ſaure Ge⸗ ſichter macht. Sie kann ſeinen Beifall doch nicht ent⸗ behren, obwol ſie ihn innerlich verachtet; denn er iſt nun einmal das Publikum, was ihr ebenbuͤrtig naͤher ſteht, und wenn ſie kleine Ruͤckſchritte thut oder zulaͤßt, da iſt es immer die alte Knappmannſchaft, die ſie damit ſcho⸗ nen will, oder eine alte Tonſur oder Kapuze, die immer mit jenen einen Strang ziehen.“ „Nun ſeid Ihr doch wieder mit gutem Winde bei uns angelangt,“ ſagte Georg Prey laͤchelnd, denn er war gewohnt, ſtets von ihr auf ſeinem Felde beunruhigt zu werden, und doch konnte er ihr eben ſo wenig wie Andern deshalb eigentlich gram ſein. „Wer konnte Euch auch vergeſſen,“ entgegnete ihm ſogleich die Prinzeſſin—„wenn von den Gebrechen des Adels die Rede iſt? Das iſt ein fein verzweigtes Ding, mein George Prey! und Ihr in Eurem geiſtlichen 381 Schaafspelz ſeht blos ſo lammsmuͤthig zu, weil Ihr wol wißt, keinen beſſern Schutz giebts fuͤr Mitra und Kapuze, als das abſolutiſtiſche Streben Eurer adlichen Confratres. Ihr wollt daſſelbe: Das Volk am Gaͤn⸗ gelbaͤnde leiten, den Geiſt beſchneiden, daß er zu Euren Vorrechten demuͤthig verſtummt. Beide habt Ihr alten verjaͤhrten Moder zu beſchuͤtzen! Da findet Ihr Euch uͤberall auf Euren Wegen und das Wort, was das Eine ſchuͤtzt, hilft das Andere erhalteg. Ihr ſeid ſchlau, Ihr ſeid es Euch bewußt, daß es ſo iſt, wenn man Jene oft zum Lachen geräuſcht ſieht, indem ſie Euch nichts nachzugeben hoffen und doch daſſelbe Prinzip vertheidi⸗ gen, unter dem Ihr gedeiht. Ihr ſeid eben ſo ſchlechte Unterthanen, als die Ariſtokraten. Euer Landesherr ſitzt nicht hier— er droht Euch jenſeit der Berge mit dem Krummſtabe und Jene bezweifeln das reine Blut ihres Landesherrn, wenn er es wagt, gegen ihre alten Vorrechte zu verſtoßen, ja! Widerſpruch und Hinderniſſe aller Art wird er finden, wenn er es unternimmt, Reformen zu be⸗ ſchließen, die eine allgemeine Beguͤnſtigung beabſichtigen.“ „Wem macht die liebe Prinzeſſin dieſe Vorwuͤrfe— und nach welcher eben erlebten Epoche?“ ſagte Georg Prey, dem ſie ihre Worte zuwandte.„Stand nicht der ganze Adel in Waffen und brachte Gut und Blut ſeiner Kaiſerin dar, als ihre Rechte angegriffen wurden? Hat 1 382 er ſie verlaſſen, oder Hinderniſſe erregt, als ſie von ſei⸗ ner muthigen Huͤlfe die Mitwirkung begehrte?“ „Erſtlich,“ fuhr die unerbittliche Prinzeſſin fort— „war das eine Lebensfrage fuͤr Alles, was öſtreichiſch hieß— zweitens wird es einem deutſchen Edelmanne nie an Muth fehlen— drittens war eine ſolche Epoche recht eigentlich Ihr Element! Denn dieſe materielle Treue gegen ihren Herrſcher, das iſt das, womit ſie zu⸗ gleich ihre alten Vorrechte vertheidigen, und von ſolcher Zeit erwarten ſie gerade hinterher ein neues Anrecht, oder vollkommene Beſtätigung des Alten.“ Sie hatte ſich bei dieſem letzten Satze dem alten Herrn ſo vor die Augen geſetzt, daß dieſer, von ihrer Schoͤnheit verlegen gemacht, zur Seite blickte und eini⸗ ges entgegen murmelte, was ſchwer zu verſtehen war. „Was murmelt Ihr da?“ rief ſie, ihn weiter qua⸗ lend.„Nun Euch die Gruͤnde ausgehn, wollt Ihr heim⸗ lich Recht haben!“ „Nur das Eine bemerke ich,“ rief Lach—„warum ich denn ſo eben Ketzer genannt ward, der ſeine Ge⸗ noſſen mit ſauren Aepfeln ſtopfen will, da meine holde Gegnerin, wie mir ſcheint, mit mir voͤllig einet Mei⸗ nung iſt, und noch Einiges hinzufuͤgt, wozu mir nicht Zeit blieb!“ „Ach,“ ſagte die Prinzeſſin—„mir iſt nur mei⸗ 383 nes Herzens Meinung entwiſcht, und findet Ihr mich unter den Andern, da bin ich gerade wie ſie, und habe noch mehr Uebermuth, noch mehr Hochmuth, denn ich ſchaͤme mich nicht vor meinem boͤſen Willen, wie Jene, die ſich leidlich zuruͤck halten, aber heimlich daſſelbe be⸗ treiben. Ihr aber, Vetter Lacy, koͤnntet die Tollheit begehn, wirklich ſo handeln zu wollen, wie Ihr denkt, und dann allerdings waͤrt Ihr ein Abtruͤnniger, ein Ketzer, den unſere gerechten Vorwuͤrfe treffen muͤßten, denn wir muͤſſen Alle zuſammen halten. Alles, wie es iſt, ſchlecht und gut— eine Maſſe— dann ſchlaͤgt das Scepter ſelbſt vergeblich dagegen und wir werden noch lange ein geſegnetes Bollwerk gegen jeden allzu raſchen Fortſchritt bleiben. Doch laſſen wir das Geſchwaͤtz! Wir ſind Alle Mohren, die Keiner weiß waſchen wird, ſelbſt wenn die ſogenannten Weltbegebenheiten zuweilen mit einer Striegel uͤber uns weg gehn. Ich will nicht mehr davon ſprechenz denn es iſt mir laͤſtig— aber das ſage ich Dir, Claudia, Dein Hofſtaat iſt artig ver⸗ mehrt durch dieſe zauberhaften Kreaturen Egon und Hedwiga, und ich brenne vor Begierde, ſie erſt abge⸗ richtet zu ſehen, wie ſie Deine Schleppe tragen, Deine Hunde tanzen laſſen, Deine Diener necken und Ihren Lehrern ein Bein ſtellen.“ Claudia lachte.„Du haͤltſt mir einen artigen Spie⸗ gel vor, um die Mißgeburten zu erblicken, in die ſie durch meine weiſe Erziehung verwandelt werden koͤnn⸗ ten. Ich glaube, Du willſt zu Gunſten Deiner Lieb⸗ linge mich erſt erziehn. Mein Vater machte es aͤhn⸗ lich mit meinem fruͤh verſtorbenen Bruder; ward er heftig und ungeduldig, rieth er ihm, augenblicklich in die hoͤchſte Wuth zu gerathen, zu ſchlagen, zu ſchimpfen, ſich zur Erde zu werfen. Das alterirte den Knaben. Erſtaunt horte er zu. Er ſah plotzich, wohin er haͤtte kommen koͤnnen, und weil er das natuͤrlich nicht gewollt hatte, bekam er gegen den Fehler, der ihm ſo grell vor⸗ gemalt ward, Abſcheu! Ich ſah ihn nach ſolchem Kor⸗ rektionsmittel ſich meinem Vater in die Arme ſtuͤrzen und ihn weinend liebkoſen und ſeinen Fehler ſchwoͤren.“ „Ich habe gegen eine zaͤrtliche Umarmung Deiner⸗ ſei gar nichts, meine liebe Claudia,“ erwiderte die Prinzeſſin—„ſehe aber nicht ein, was Du anderes mit Deinem Spielzeug anfangen willſt. Dieſe Erſchei⸗ nung iſt mir auch ſo wenig neu, daß ich Dich verſichern kann, es werden joͤhrlich einige hundert Kinder in Frankreich zu dieſen Zwecken verbraucht.“ „Verbraucht!“ rief Claudia ſchaudernd—„Du bviſt eine fuͤrchterliche Moraliſtin mit Deiner Irdnie.“ „Verbraucht ſage ich deshalb, weil ich nicht eigent⸗ 385 lich glaube, daß aus ſo Etwas Menſchen werden. Ich denke, ſie kommen um; ich weiß nicht, ob an Man⸗ deln, an Roſinen— oder Fußtritten. Ich fragte eine Herzogin: wo der allerliebſte Page ſei, der ihre Fuͤße waͤrmte und ihre Apfelſinen ſchaͤlte? Sie klingelte ihrer Kammerfrau, denn ſie konnte ſich nicht darauf beſinnen, wo er hingekommen. Dieſe kramte, wie nach alten Baͤndern und Spitzen, in ihrem Kopfe herum; dann ging ſie zum Haushofmeiſter und fragte nach dem ſchoͤnen Kinde, deſſen Locken die Herzogin vor noch nicht vier Wochen geringelt und ihn joli mignon und mon petit coeur genannt hatte.— Der arme Knabe war erkrankt— man hatte ihn nach dem Waiſenhauſe ge⸗ bracht, dort war er geſtorben.„Ach pfui!“ rief die Herzogin ihrer Kammerfrau zu—„wie kannſt Du mir ſo Widriges erzaͤhlen!“ „O Thereſe!“ rief Claudia—„wie haſt Du es mit Deinem weichen Herzen unter dieſen uͤbertuͤnchten Barbaren ausgehalten?“ „Sehr gut!“ ſagte die Prinzeſſin—„das war fuͤr mich das allerbequemſte Mittel, eine gute Meinung von mir zu bekommen. Ich kam mir einige Male vortrefflich vor. Es iſt erſtaunlich leicht, mit geringer Tugend auf ſol⸗ chem Boden zu leben; ich war ihnen Allen ſehr verbun⸗ den— ſie ſchienen ſich um Meinetwillen zu bemuͤhn!“ Thomas Thyrnau 1. 3te Aufl. 386 als ich, wie ganz anders ſie iſt, als ihre loſen Worte! Warum hat man Deinem ſchoͤnen Munde nicht die heil'ge Scheu vor unheiligen Worten eingefloßt, die nur aus Deinem frevelnden Kopfe, nicht aus Deinem lau⸗ teren Herzen kommen?“ Die Prinzeſſin lachte hell auf und ihr ſchlauer Blick ſah, daß Lacy's Auge mit Intereſſe und Vergnuͤgen an ihr hing.„Wenn ich Dich taͤuſchte, bin ich ganz zu⸗ frieden,“ rief ſie—„denn freilich iſt dieſe Deine Mei⸗ nung die einzige Entrée, die mir den Palaſt Morani offnet. Doch nimm Dich in Acht! ich warne Dich— und verlaß Dich drauf— ich tauge nichts!“ Dann zog ſie Egon zu ſich und blickte ihn lange und tiefſinnig an.„Liebliches Geheimniß!“ fuhr ſie weicher wie gewoͤhnlich fort—„wer biſt Du? Wer gab Dir dieſe feſte Stirn, die ſo trotzig die Locken von ihrer niedern Woͤlbung in die Hoͤhe treibt? Und dieſe tiefen blauen Augen— wo haben ſie mich ſchon einmal angeblickt?“ „Ich habe Dich noch nicht geſehn!“ entgegnete Egon, der an dem fremden Orte all ſeinen Trotz in kindliche Bangigkeit umgeſetzt hatte—„aber ich moͤchte gern wiſſen, ob alle Prinzeſſinnen ſo— ſo ausſehn wie Du?“ „O Lach!“ ſagte Claudia—„wuͤßten Sie ſo gut Alle lachten. Jeder fuͤhlte, der Knabe hatte blos nicht das Wort fuͤr ſeine Huldigungen. Die Prinzeſſin ließ es ſich gefallen; ſie hatte ein Gefuhl fuͤr den Kna⸗ ben, das ſie ſelbſt uͤberraſchte.„Dagegen,“ ſagte „aͤngſtigt mich Hedwiga's Schoͤnheit! Ich glaube, ich bin eiferſuͤchtig auf ſo viel Ausſicht zu Eroberungen— ich moͤchte Ihr was anhaben— es iſt mir, als wuͤrde ſie ſich an mir vergehen— ja, als haͤtte ſie ſich ſchon an mir vergangen!“„Komm“— rief ſie der neben Georg Prey Stehenden zu—„komm, ſieh, ich habe Roſen fur Dich gepfluckt, ich will Dich noch ſchoͤner machen; Du ſollſt mich uͤberwaͤltigen, damit ich den Entſchluß faſſe, Dich zu lieben!“ Mit ihrem eigenthuͤmlichen Geſchick ordnete ſie die Roſen um das rothe Kaͤppchen des holden Kindes und ſteckte ihr dann eine in das graue Mieder, band ihre Florſchuͤrze ab und hing ſie dem Kinde uͤber den Kopf, daß dieſer wie aus einer Wolke ſchaute. Es war ein reizender Anblick— und das Kind laͤchelte freudig zu ihrer ſchoͤnen Kammerfrau empor. Wer haͤtte nicht denken muͤſſen, der Entſchluß, ſie zu lieben, könne nicht ſchwer werden! Doch die Prinzeſſin blickte ernſt, ja faſt ſtreng auf ſie nieder; dann druckte ſie plotzlich ihre Hande vor die Augen und rief:„Geh! geh! noch haſt Du's nicht fertig— Du biſt mir ein Hinderniß, eine Laſt!“ 25* 388 Hedwiga verſtand nur, daß ſie gehen ſollte und ſo lief ſie zur Fürſtin, die ſie an ſich zog und ſie liebkoſte. „Alſo ſo ſchwer iſt Ihre Liebe zu gewinnen— ſo unberechenbar— ſo unabhaͤngig von natuͤrlichem An⸗ ſpruch?“ hob Lach an, der ihr wenigſtens den Tribut zahlen mußte, durch ihr launenhaftes Treiben beſchaͤftigt zu werden. „Ja!“ ſagte Claudia und nieß ewihn aus ihren Armen—„ſo hat ſie es Zeitlebens mit der Liebe getrieben. Ich will ſie anklagen, damit Sie mir hel⸗ fen, ſie zu bekehren! Alle Herzen hat ſie geruͤhrt— aber von keinem iſt ſie wieder geruͤhrt worden, und hat ſo Verzweiflung geſaͤt, ſtatt Gluͤck und Freude.“ Die Prinzeſſin warf ihr einen doͤſter gluͤhenden Blick zu. Die herausfordernde Sicherheit der argloſen Muhme reizte ihr boͤſes Blut.„Ha!“ rief ſie inner⸗ lich—„nicht einmal Furcht hat ſie, ihn zu mei⸗ ner Bekehrung aufzufordern, und ſpricht von den Wir⸗ kungen meiner Reize, wie von denen einer laͤngſt be⸗ grabenen Großmutter!“ Es trat eine Bitterkeit in ihr Herz, daß ſie haͤtte weinen koͤnnen. Sie wollte nicht allein ſchaden, ſie wollte ſich erzuͤrnen— ob uͤber ſich, uͤber ihr Geſchick— ſie wußte es nicht. Aber faſt gegen ihren Willen floß ihr Mund im tragiſchen Tone uber: „Klage mich nur an, daß mein ganzes Leben ein fort⸗ 389 geſetzter Irrthum iſt, der— muͤſſen Andere auch dar⸗ unter leiden— doch Keinem tiefere Wunden ſchlaͤgt, als mir ſelbſt. Wenn Du die Beſchuͤtzerin der Herzen ſein willſt, die ſich mir unerwidert ergaben— haſt Du da nie gedacht, wer dies Herz beſchuͤtzte, wenn es dem Irrthum, dieſem Fluche meines Lebens, eben ſo unter— lag wie Jene? Die Thoren haben mich geliebt und Gegenliebe gefordert, und ich ſah ihnen arglos beluſtigt zu, oder ich machte aus Angſt vor ihrer Liebe mecha⸗ niſch ein wenig ihre Kapriolen nach. Es war ein dum⸗ mes Mitleiden, vielleicht ein wenig Schaam in ihrer Seele. Ausgeglichener ſchien mir ihr thoͤrichtes Weſen, wenn ich es zu theilen ſtrebte. Aber wer hielte die Luͤge aus, wenn ſie nur dem Andern Vortheil bringt? Wenn der Ueberdruß kam und ich die Schellenkappe abſtreifte und ſie mit bitterem Hohne jagte— dann hieß es— wie ich die zu feſſeln ſuche, die ich doch nicht liebe. Und wo gab es ein wilderes Ungeheuer in der Natur als mich? Sieh', Claudia! mit wenigen Wor⸗ ten ſei's geſagt: Wo ich liebte, ward ich nicht wieder geliebt— wo ich geliebt ward, liebte ich nicht wie⸗ der!— Willſt Du nicht um mich weinen, fromme Seele?“ Wer koͤnnte beſchreiben, mit welchem erſchoͤtternden Ausdruck von Wahrheit ſie dieſe Worte ſprach— und 390 „ welche Empfindungen gerade dieſe Klage neben dem An⸗ blick ihrer Schoͤnheit, neben dem Eindruck ihres Geiſtes erregte! Sie hatte ſich ſeitwaͤrts uͤber die Lehne ihres Stuhls gebogen; ihre Augen waren von der tiefen Be⸗ wegung ſo gluͤhend blau; ſie konnte vielleicht nicht ſchoͤ⸗ ner ſein. 8 Claudia blickte unbeſchreiblich geruͤhrt zu ihr hin. Sie reichte ihr die Hand, ſie ſah ſie zaͤrtlich an.„O, Thereſe,“ ſagte ſie dann ſanft—„wie ſchwer machſt Du es uns, gerade ſo, wie wir Dich vor uns ſehen, an Deine Behauptung zu glauben. Wer haͤtte Dich nicht lieben muͤſſen, wem Du vollends das Gluͤck Deiner Erwiderung ſchenkteſt!“ „Und doch iſt es ſo!“ ſagte die Prinzeſſin in ihrer wunderlich tragiſchen Offenherzigkeit gedankenlos weiter redend.—„Erfaßte mich der Gegenſtand, zwang er meinem Gefuͤhl dieſe Hingebung ab, dann liebte ich auch mit allen Kraͤften meiner Natur. Dann war dieſe Liebe das luckenloſeſte Zellengewebe des Gefuhls — dann häͤtte aus meiner Liebe das Gefuhl ſelbſt de⸗ ducirt werden koͤnnen und dann belebte ich mit dieſer vollſtändig entwickelten Gewalt eine Zeitlang den Gegen⸗ ſtand zu meiner eignen Taͤuſchung, bis mir plotzlich, von dem alten Fluche, der mich verfolgte, der Blitz⸗ ſtrahl der Erkenntniß kam und die Gewißheit, nicht ge⸗ — — — 39¹ liebt zu ſein. Ach!“ rief ſie—„eine Frau muß zu ihrem eigenen Vergnuͤgen— um der Liebe willen muß ſie lieben lernen— ſonſt muß ſie verzweifeln!“ Sie ſtand bei dieſen Worten auf, um zur Kaiſerin zuruck zu fahren, winkte Allen mit der Hand, ihr nicht zu folgen, und ſchwebte mit einem ſo erhabenen Anſtand an ihnen voruͤber, daß ihr Alle ſtumm und mit den Augen an ſie gefeſſelt nachſahen, bis ſie in dem Hinter⸗ grunde des Saales verſchwand. Als der Wagenſchlag zugedruͤckt war, riß ſie die Blenden vor den Fenſtern nieder und verhuͤllte dann mit beiden Haͤnden ihr Geſicht, indem ſie in ein hef⸗ tiges bitteres Weinen ausbrach.„Ach! ach!“ rief ſie dazwiſchen,„wie elend bin ich— wie elend! Schoͤn bin ich— begabt bin ich, wie es Wenige ſind— vor⸗ nehm bin ich— und dennoch wie elend! wie elend! Ach, dieſer verwegene Feind in mir, der es wagt, mir mein eigenes Bild ſo klar vor Augen zu ſtellen! Wie ich mich haſſe, daß ich zu der elenden Intrigue bereit bin, ihn ihr zu rauben— und wie ich doch ihn— ſie — mich haſſe, daß es erſt noͤthig iſt, ihn mir zu errin⸗ gen, daß er nicht ſchon mein iſt! O, warum giebt es keinen Mann, der den Trieb fuͤhlt, der uns arme Wei⸗ ber zu Heiligen macht gegen ſie— der uns zu den Ver⸗ derbten hintreibt, daß wir ſie heilen von chren Suͤnden und dem Leben wieder verſohnen. Warum will Keiner dem verlockten Weibe die Hand reichen und es heilen und retten? Warum will ſelbſt der groͤßte Sunder die Fleckenloſeſte— warum der Edelſte nie der Retter ſein? — Ich habe demnach Recht, ſie zu haſſen, ſie zu ſtra⸗ fen, zu verlocken; denn Keiner wagt uͤber die eherne Mauer des Egoismus einen Schritt hinaus! Nun wohl, ſo will ich leben, um ihnen das Widerſpiel zu halten, und das tiefe Elend, was ich mir damit bereite, ſei die Kraft, die mich treibt!“ Der Wagen hielt. Sie eilte zu den Gemaͤchern der Kaiſerin.„Ohne Schuͤrze! en demi habillée?“ ſagte die Grafin von Fuchs, mit einem tiefen Knir zwiſchen die Prinzeſſin und die Kaiſerin tretend. „Gnade! Gnade!“ rief die Prinzeſſin, die Haͤnde uͤber die alte Graͤfin hinweg nach der Kaiſerin ausſtrek⸗ kend—„ich habe den Kaͤſe⸗Engel Eurer Majeſtaͤt hinein geſteckt!“ „Sie iſt doch die intereſſanteſte Perſon am ganzen Hofe!“ ſagte Franz der Erſte.„Es faͤllt immer etwas mit ihr vor. Wenn ſie erſcheint, denke ich oft: nun, was wird's heute ſein?“ Wie ſehr waren augenblicklich alle Maͤnner des Kai⸗ ſers Meinung, waͤhrend die Damen uͤberlegten, wie ſie es machen konnten, daß auch mit ihnen etwas vorfalle. 393 Die Kaiſerin ließ ſich unterdeſſen von der Prinzeſſin den Abend bei den Brautleuten erzaͤhlen, und hatte kei⸗ nen Zorn uͤber die verlorne Schuͤrze, denn die Prin⸗ zeſſin wuͤrzte ihre Mittheilung mit einer ſolchen Fuͤlle anmuthiger Scherze, daß die hohe Frau ihr mehr wie ein Mal den Tribut eines Laͤchelns zahlen mußte. Am andern Morgen aber erhielt die Prinzeſſin eine neue koſtbare Schuͤrze von der Kaiſerin, und in der Taſche ſteckte ein Rollchen Gold, worauf die Worte ſtanden: Fuͤr meinen Käſe⸗Engel zu Waͤmmschen und Rock.“ „Das dachte ich,“ rief die Prinzeſſin lachend— „O dieſe kluge Kaiſerin! gleich ſieht ſie ein, daß, wenn ich meine Florſchuͤrze opfere, um die groben Kleider der Kleinen zu verhuͤllen, es ihr zuſteht, etwas weiter zu gehen. Wie ſoll es auch die arme Claudia machen? Ich ſtehe dafuͤr, ſie nimmt noch nichts von Lach an, und hat am Ende Schulden gemacht zu ihrer jetzigen Aus⸗ ſtattung; denn was ſie mir da fabelt von Summen, die der Herr Fuͤrſt Papa noch verdient haben ſoll und die jetzt vom Himmel gefallen— das glaube, wer kann!“ Mit welcher Ruͤhrung uͤberlegten unterdeſſen die edlen Freunde im Palaſt Morani den Zuſtand der Prinzeſſin Thereſe, der ſie Alle auf verſchiedene Weiſe angezogen und bewegt hatte. „Ach,“ rief Claudia—„und dies Weſen— gans 394 Gefuhl— ganz Seele! das wird in der Welt herzlos — coquett— boshaft genannt, und iſt jeder Verleum⸗ dung Preis gegeben!“ „Theure Beichttochter,“ ſagte Georg Prey„es hat Vieles neben einander im Menſchen Platz! Viel⸗ leicht haben Jene, welche die liebe Prinzeſſin alſo zuͤchtigen, eben ſo wenig ganz unrecht, als wir, die wir derſelben im Grunde ihres Innern ein zum Guten befaͤhigtes Herz und eine große Gabe des Geiſtes zu⸗ trauen. An beiden Ausſpruͤchen ſchuldet die ſchoͤne Dame ihr Theil, und weder wir, noch Jene werden von ihr berechtigt, den Sieg davon zu tragen.“ „Aber die,“ fuhr Lacy fort, als der gute Pater ſchwieg—„die dies ungemein befaͤhigte Weſen ſich ſelbſt uͤberließen und auf den gefaͤhrlichſten Standpunkt der Erde verſetzten, die werden es zu verantworten haben, daß dieſer Streit zwiſchen Recht und Unrecht jetzt ſchon in ſo boͤſen Gewohnheiten wurzelt, daß der Sieg fur das Gute eine zweifelhafte Hoffnung bleibt.“ „O mein! o nein!“ rief Claudia.„O ſein Sie nicht zu hart! Sie iſt der ſchoͤnſten Entwicklung faͤhig, ſie iſt vielmehr reif dazu! Dieſe Gewohnheiten ſind nur kleine aͤußere Uebelſtaͤnde und hemmen, ihr ſelbſt zum Ueberdruß, ihre freie Entwicklung. Ach, wollte Gott, daß ihr ein edles maͤnnliches Herz erweckt wurde, 395 das ihr ſchoͤnes reiches Weſen erkennen und lieben lernte, und um den viel groͤßeren Beſitz dieſes Schatzes es getroſt mit den kleinen Maͤngeln aufzunehmen be⸗ ſchlſſe, die dann ſich als ſolche in Wahrheit zeigen und von ihr abfallen wuͤrden, wie ein entſtellendes Gewand von einem ſchoͤnen Koͤrper. O Lacy! es bleibt ein Vor⸗ wurf, den ich nicht unterdrucken kann— daß ſie Nie⸗ mand ſo liebte!“ Sie ſah ihren Verlobten bei dieſer edlen Entgeg⸗ nung mit ſo wunderbar bewegten Blicken an, daß er lächelnd ihre Hand faßte und ausrief:„Macht mir meine Claudia denn daraus einen Vorwurf, daß ich ſie nicht habe?“ „O Lacy,“ ſagte die Fuͤrſtin noch in derſelben Stimmung—„ich habe es moͤglich gehalten, daß Sie ſie liebten, und habe ſie Ihnen gegoͤnnt! Was kann ich Hoͤheres fuͤr meine Ueberzeugung von ihr ſagen? Ihr hattet Euch in Frankreich kennen gelernt— durch ſie— durch ihre Briefe erfuhr ich zuerſt von Ihnen. Daß ſie von Ihnen in einem andern Tone ſprach, als von der Maſſe, die ſie umgab, das ließ mich hoffen, ſie werde in Ihnen ihren Meiſter finden. Ich ſah Sie dann ſelbſt— und obwol durch Sie mein ganzes inne⸗ res Weſen verwandelt ward, ſo geſtattete ich doch den Wuͤnſchen meines Herzens keinen Raum fuͤr's Leben 396 — und als Ihr Euch endlich hier bei mir wiederſahet, da knuͤpfte ich, mit der reinſten Reſignation fuͤr mich, die Hoffnung fuͤr Euer Beider Gluͤck an dieſes Wie⸗ derſehn.“ „Nun dieſe Probe haͤtte ich alſo, ahnungslos daß ich ihr unterworfen war, beſtanden?“ rief Lacy lachend. „Das kann ich kaum ſagen,“ entgegnete die Fuͤr⸗ ſtin, ebenfalls laͤchelnd—„denn Sie wiſſen am Beſten, wie bald der geſellige Verkehr dieſes Hauſes durch die wachſende Krankheit meines Vaters unterbrochen wer⸗ den mußte und ſo ward Ihnen die holde Verſucherin auch entzogen.— Sie hatten nun Zeit, fern von jeder Vergleichung mit Schoͤneren und Beſſeren, die arme bleiche Claudia zu bemerken, die feſt beſchloſſen hatte, ſo wenig wie moͤglich Ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln.“ „Ach, Claudia,“ ſagte der Graf—„ohne daß Sie es wollen, geben Sie da unſerm Gluͤck die ſchonſte Beſtaͤtigung. Der Himmel ſelbſt ſchirmte uns und ließ mich einer Verfuͤhrung aus dem Wege gehn, die mir vielleicht eine glaͤnzendere, aber immer ſehr zwei⸗ felhafte Zukunft gegeben; denn ich bin offen genug, zu geſtehen, daß ein Mann mit freiem Herzen und der Gelegenheit, die Prinzeſſin oͤfter zu ſehn, in große Ge⸗ fahr kommen kann. Außerdem iſt grade etwas von dem Sinn in mir, den Sie fuͤr noöthig haltenz ich ⸗ 397 könnte mit Intereſſe und Liebe, ein ſo edel organiſirtes Weſen von ihren Irrungen zuruͤck zu fuhren, fuͤr einen ſchoͤnen Lebensberuf anſehn.“ 8 „Ach,“ ſagte Claudia—„wenn Ihr liebenswur⸗ diger Eigenſinn Sie nun daran voruͤber gefuͤhrt hat und Sie kein Gefuͤhl der Art mehr zu verſchenken ha⸗ ben, warum koͤnnen wir Beide durch die gleich ſchoͤne Kraft der Freundſchaft nicht noch fuͤr die theure Ver⸗ irrte wirken? Im Ganzen haben Maͤnner auf meine Couſine groͤßeren Einfluß als Frauen. Bemuͤhen Sie ſich um die Freundſchaft des verirrten Weſens, theurer Lach, und dann wollen wir ihr vereint zu Huͤlfe kom⸗ men. Vielleicht gelingt uns noch Manches.“ „Sie ſind noch immer unſchuldig und unerfahren wie ein Kind, liebe Fuͤrſtin,“ ſagte Georg Prey— „und nehmen nach dieſem Sinn auch Ihre Maaßregeln. Es iſt dem Geiſtlichen, der das Ohr der Beichte leihen muß, nicht geſtattet, ſich den Sinn alſo zu erhalten: denn waͤhrend er die Suͤnder anhoͤren muß um ihnen den Troſt und die Heiligungen der Kirche angedeihn zu laſſen, wird er leider davon unterrichtet, in welchen Verzweigungen und Verſuchungen das Boͤſe uͤber die Erde ſchleicht, und in tiefer Demuth befeſtigt ſich da die Ueberzeugung von der großen Schwaͤche der menſch⸗ lichen Natur. Schoͤn iſt es, mit der Verſuchung kaͤm⸗ 398 pfen, wenn ſie ohne unſer Zuthun uns erreicht. Aber,“ ſetzte er laͤchelnd und faſt beſchaͤmt hinzu,„ich rathe immer, ihr aus dem Wege zu gehn, oder doch zu fre⸗ gen, ob unſere Verhaͤltniſſe ein gefaͤhrliches Wagniß geſtatten. Zu dieſen Faͤllen wuͤrde ich rechnen, wenn ein verheiratheter oder verlobter Mann ſich berufen fuͤh⸗ len ſollte, eine ſchoͤne Suͤnderin durch die an ſie ver⸗ wendete Freundſchaft von ihren Verirrungen zuruͤck zu fuͤhren; beſonders wenn beſagter Gegenſtand gerade im Fache der Liebe von auffallenden Erfolgen war und von nicht ſtrenger Gewiſſenhaftigkeit.“ Lacy mußte laut auflachen, denn es war ein Anflug von Humor in der Entgegnung des alten Herrn, der mit der ſchlauen Warnung auf komiſche Weiſe zuſam⸗ mentraf. Selbſt die Fuͤrſtin lachte ein wenig, und da der alte Bernhard ſo eben die Abendtafel anmeldete, reichte ſie dem geiſtlichen Herrn die Hand und bald ſaßen ſie ſich an der kleinen Tafel in beſter Stimmung gegenuͤber.. Ehe der Graf den Palaſt Morani verließ, brachte er noch ſeine Wuͤnſche uͤber eine ſchnelle Vermaͤhlung und ihre Abreiſe nach Tein vor, die er namentlich fuͤr die Geſundheit der Fuͤrſtin ſo noͤthig hielt. Er traf aber hier auf den entſchiedenſten Widerſtand.„Meine Geſundheit,“ ſetzte die Fuͤrſtin hinzu—„wird ſich 309 hier auch befeſtigen. Vertrauen Sie dem Gefuͤhl von Gluͤck, welches das ſchoͤnſte Belebungsvermoͤgen der phyſiſchen Natur iſt. Es ſcheint mir, ich bin ſchon geſund; es gluͤht ſchon neue Lebenskraft in meinen Adern! Komme ich mir doch faſt juͤnger und hubſcher vor, ſeit ich mich als Ihre Braut ſchmuͤcke.“ Lacy kuͤßte entzuͤckt ihre ihm zaͤrtlich dargereichte Hand.„Geſtatten Sie mir nur, theurer Lach,“ fuhr ſie fort—„die Maͤßigung auch offentlich darzulegen, mit der ich mich ſchuchtern einem fuͤr mein Alter ſo un⸗ gewohnlichem Verhaͤltniſſe nahe. Sie wuͤrden mit Ih⸗ rer Jugend Ihrer alten Freundin keine Entſchuldigung ſein— ja, man wuͤrde eben von mir das fordern, was man Ihnen billig zu Gute halten muͤßte.“ „Ich will Ihnen nicht laͤnger widerſtehn,“ ſagte Lacy—„Sie ſind mir ſelbſt da, wo ich anders em⸗ pfinde, doch in allen Ihren Gefuhlen heilig. Ich will Sie ſogar nicht ſtoͤren, wenn Sie fortfahren, mich im⸗ mer an Ihr Alter zu erinnern, denn es hat fuͤr mich ſo gar nichts Stoͤrendes, es iſt mir ein ſo vertrauter lieber Gedanke, daß ich gern zuhoͤre, wenn Sie ihn noch in alle ihre Beſchluͤſſe verweben, ſicher genug, daß Sie ihn zuletzt wie ich ſelbſt vergeſſen werden.“ Gertraud erſchien jetzt mit vielen Knixen und machte der Fuͤrſtin eine Meldung.„Kommen Sie, meine 400 Herrn,“ ſagte dieſe jetzt—„Sie ſollen ſehen, wo meine kleinen Zoͤglinge ihren erſten Schlaf unter dem neuen Dache halten. Gertraud meldet mir, daß ſie jetzt Beide in tiefem Schlummer liegen.“ Die Herrn folgten der Fuͤrſtin uͤber die Terraſſe, um von Außen die Zimmer der Kinder zu erreichen, die nach Innen nur durch die Schlafzimmer der Fuͤrſtin und der alten Kammerfrau einen Eingang hatten. Es war die ſchoͤnſte Sommernacht. Der Mond war eben aufgegangenz die Baumpartieen des Gartens traten aus der dunklen Maſſe hervor und waren mit dem ſanften Glanz ubergoſſen, der ihnen zwar die Farben⸗ pracht raubt, aber ihre Formen an Rundung und Fuͤlle zu verſchoͤnern ſcheint. Sie wendeten ſich rechts nach der Abendſeite des Schloſſes, wo die Blumengaͤrten la⸗ gen, die nur durch einen Kiesweg und ein kleines Baſ⸗ ſin von den Zimmern getrennt waren, die hier hinaus ihre Fenſterthuͤren oͤffneten. Der Baumwuchs, der den uͤbrigen Garten ſehr ſchattig machte, trat hier zuruͤck und ſchutzte nur in gemeſſener Entfernung die kleineren Straͤuche und die Blumenparterre's gegen den Wind. Dieſe Zimmer hatten die ſchoͤnſte Luft und wurden fur die geſundeſten des Hauſes gehalten. Die beiden Kabi— nette, in denen die armen Kinder ihre Schlafſtaͤtten ge⸗ funden, lagen neben einander; durch eine Thuͤr im In⸗ nnern verbunden, hatte jedes nach dem Blumengarten noch eine Flögelthur, die mit ihren Scheiben dem Zim⸗ mer Licht gab. Beide waren auf gleiche Weiſe in fei⸗ nem Holze getäfelt und durch zierliche Vergoldungen verſchoͤnt. Alle Meubles waren in derſelben Art wie die Waͤnde; einfach fuͤr die Anſicht der gewohnten Aus⸗ ſtattung, glaͤnzend fuͤr die Lage, der die Kinder ſo eben erſt entruͤckt waren. Beide waren nach einem behaglichen Bade zuerſt in die Kleider gehuͤllt worden, die ihnen nun zugetheilt werden ſollten, und es war das feine Gefuͤhl der Fuͤr⸗ ſtin zu erkennen, daß die erſte Veraͤnderung darin in dem ſchmuckloſen, blendendweißen Nachtkleide beſtand, welches die ſchonen Geſtalten wie Engelsgewaͤnder von den Schultern an in weiten Falten verhullte. Man trat vom Garten aus zuerſt in die geoffnete Thuͤr, die nach Hedwiga's Zimmer fuhrte, welches dicht neben dem Schlafgemach der Fuͤrſtin lag. Im Hintergrunde ſtand das kleine Bett, von dem die Vorhaͤnge weit aufgeſchla⸗ gen waren; der Mond erhellte die duftenden Blumen⸗ beete vor dem Zimmer mit ſeinem klaren Licht, und der Widerſchein beleuchtete das ſchoͤne Kind. Die warme Nacht und der Schlaf nach dem aufregenden Tage hat⸗ ten die Wangen und Lippen des Kindes mit dem gluͤ⸗ hendſten Roth gefaͤrbt. Die Decke war zuruckgeſchla⸗ Thomas Thyrnau. I. zte Aufl. 26 gen und es hatte unendlich lieblich ſeinen kleinen roſen rothen Fuß in die Hand genommen, wodurch es ſo leicht und gehoben ruhte, als habe es tanzend der Schlaf uͤber⸗ raſcht. Das wunderſchoͤne Köpfchen lag mit geoffneten Lippen hintenuͤber, ſo daß man unter dem Kinn die rei⸗ zenden Linien des feinen Halſes ſah. Die Augen hat⸗ ten den verklaͤrten Ausdruck, als ſaͤhen ſie unter den ge⸗ ſchloſſenen Augenliedern nach oben, und jeden Augen⸗ blick ſchien es, als muͤſſe ſich die leichte Decke oͤffnen. Die Roſen der Prinzeſſin waren ſo dicht in die vollen Locken geneſtelt, daß die alte Kammerfrau ſie auf Bit⸗ ten des Kindes darin gelaſſen hatte; ſie draͤngten ſich um die Schlaͤfe vor, als wären ſie neugierig, ein Kind zu ſehn, das ſo ſchoͤn als ſie ſelber war. Die, welche das Mieder geziert, hatte das Kind feſt mit dem andern wei⸗ ßen Haͤndchen gepackt und druckte ſie an die Bruſt. Die ſelige Ruhe des Schlafes war uͤber dies bezaubernde Bild gegoſſen, und doch ſchien es, als ſei es davon mit⸗ ten im Tanzen uͤberraſcht, mitten im Aufjauchzen hold⸗ ſeliger Freude. Stumm und geruͤhrt blickten Alle auf ſie hin und Lacy namentlich ſchien, voͤllig in ihren Anblick verlo⸗ ren, nichts um ſich her weiter zu beachten.„Gott ſegne Dich, mein liebes Kind,“ ſagte endlich die Fuͤrſtin mit ſanfter, thräͤnenbewegter Stimme. Sie bog ſich V 8 403 nieder und kuͤßte die leuchtende Stirn; als ſie aber zu Lacy umblickte und ihm die Hand reichte, rief dieſer: „Ich glaube mich endlich zur Klarheit durchgerungen zu haben, warum dies Kind mich mit Erinnerungen peinigt und ſolche Gewalt uber mich ausuͤbt. Die jetzige Ruhe ſeiner Anblicks zeigt mir die große und auffallende Aehnlichkeit des Kindes mit einem Bilde, welches in dem Schlafgemache meines Oheims hing. Es ward von ihm wie ein Heiligthum gehegt und erweckte in mir als Knaben eine ſo leidenſchaftliche Bewunderung, daß ich ſagen kann, es war meine erſte Liebe. Das Bild ſtellte die Prinzeſſin von D. vor, von der es hieß, mein Oheim habe ſie geliebt und ſogar Hoffnung zu ihrem Beſitz gehabt.“ „Sie muß ſehr ſchoͤn geweſen ſſein,“ erwiderte die Fuͤrſtin—„und Sie werden mich auf Hedwiga eifer⸗ ſuͤchtig machenz darum kommen Sie zu dem Knaben, wir muͤſſen beide Kinder in ihrer Ruhe belauſchenz ſie verraͤth ſo viel von der augenblicklichen Geſinnung— und ich muß wiſſen, ob es Ihnen ſo recht iſt— ob Ihnen meine Einrichtung gefaͤllt.“ Der Knabe lag grade ausgeſtreckt auf dem Ruͤcken. Sein kleines, von Guntram verfertigtes Rapier, das ihn begleitet hatte und das er gewohnt war mit zu Bett 8 zu nehmen, lag auch jetzt, die Spitze zwiſchen den 26* 404 Bruſt, daruͤber die geſchloſſenen Hände. Die grade feſte Stellung, das lange weiße Nachtkleid, das ſchoͤne ernſte Geſicht des Knaben machte auf Alle einen lebhaften Eindruck.„Er ſieht wie der Denkſtein auf dem Grabe eines jungen Ritters aus!“ ſagte Georg Prey. „O nein!“ entgegnete die Fuͤrſtin—„und doch fuhle ich mich auch an ein ſchoͤnes Denkmal erinnert.“ „Wie ein junger Ritter, der ſeine erſte Waffen⸗ wache haͤlt, ſieht er aus!“ fugte Lacy hinzu.„Ich wollte nicht rathen, ihm das Degenkreuz zu entwinden!“ „Ach nein,“ hob Gertraud ſchuͤchtern an—„ich gab nur nach, daß er es mit zu Bette nahm, weil mir Bernhard ſagte, wir koͤnnten es ihm leicht nehmen, wenn er ſchliefe. Aber als wir es jetzt verſuchten, da hat er es noch viel feſter gepackt und er hat noch die Falten auf der Stirn— ſo zornig zog ſich das feſt ſchlafende Geſicht.“ A „Claudia,“ ſagte der Graf, als er ſie zuruͤck fuͤhrte—„laſſen Sie morgen Frau Mora rufen und ſuchen Sie das Geheimniß zu enthuͤllen, das uͤber die⸗ ſen Kindern ſchwebt. Meine Ahnung tauſcht mich ſicher nicht. Wir werden etwas Anderes erfahren, als bis jetzt vorgegeben ward.“ Zehen beider Fuͤße, das Kreuz des Griffes auf der — „Ich kann mich derſelben Meinung nicht entziehn,“ erwiderte die Fuͤrſtin—„und bin Ihnen in meiner Ueberzeugung naͤher, als meine Neckereien Ihnen bis⸗ her zugeſtanden.“ Dennoch ſollte die Hoffnung einer zu erlangenden naͤheren Nachricht noch fuͤr laͤngere Zeit unbefriedigt bleiben; denn Gertraud, welche ſich anderen Tages nach dem Urſuliner-Hof begab, um Frau Mora zur Fuͤrſtin zu beſtellen, fand die Huͤtte leer und verſchloſſen, und erhielt von der weinenden Baͤbili den Beſcheid, daß Mora von ihr Abſchied genommen und ohne ihr uͤber den Zweck ihrer Entfernung Auskunft zu geben, ſie noch am vorigen Abend verlaſſen habe, allerdings mit der Zuſicherung, dereinſt wiederzukehren. Eben ſo waren Frau Barbara Huͤlshofen und Magda Tags vorher abgereiſt; wie Baͤbili verſicherte, die Eine nach Nord, die Andere nach Suͤd, und Baͤbili's Thraͤnen uͤber dieſe ploͤtzliche Vereinſamung floſſen ſo heftig, daß Gertraud es aufgab, mehr von ihr zu erfahren. Ende des erſten Theiles. — 1 u. Comp. in Breslau. ch 5. Stor n. —— * † 8 9 10 11 12 1 i 17