Leihbiblivthekt 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur. Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Zeſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines gelichenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſer eines Buches, eine dem Werthe deſſelden hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe o wird. 4. Abonnement. etrist für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: M.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 3 37 hlt werden und Daſſelbe muß voraus beza „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſgeſeht und wird beſonvers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— 2— —— 2* — 2 Ste. Roche. Dritter Theil. Ste. Roche. Von der Verfaſſerin von Godwie⸗ECaſtle. Dritte verbeſſerte Nuflage Dritter Theil. Breslau, im Verlage bei Joſef Max und Komp. 18 4 3. Otwoht Fenelon nicht mehr perſoͤnlich die Erziehung in St. Sulpice leitete, da ſeine großen Faͤhigkeiten, nach mehreren, beſonders durch den König ihm uber⸗ tragenen Miſſionen, ihn jetzt zum Etzbiſchofe von Cam⸗ bray berufen hatten, ſo behielt er dennoch ein leiten⸗ des Auge fuͤr die dortigen Angelegenheiten, und vor Allem fuͤr Reginald und Ludwig— er erklärte die Erziehung der beiden jungen Leute fur vollendet! Reginald hatte ſein einundzwanzigſtes, Ludwig ſein zwanzigſtes Jahr erreicht; Fenelon fuͤgte als Rath fuͤr Beide hinzu, ſie nicht zu trennen, ſondern ver⸗ einigt, wie ihre Herzen waren, ſie auch gemeinſam auf Reiſen zu ſchicken. Dieſer Vorſchlag ward von dem Grafen Crecy und ſeiner Gemahlin mit vollſtaͤndiger Zuſtimmung aufgenommen;— er verſchob fuͤr den Grafen den gefuͤrchteten Augenblick, den Juͤngling Re⸗ ginald, der unter dem Titel des Chevalier de Ste. Roche, als ſein Muͤndel, bis jetzt noch von jeder Nach⸗ frage ſeiner Verhältniſte abgehalten war, zu einem neuen Lebensabſchnitte gefuͤhrt zu ſehen, der die faſt noth⸗ ——— 6 wendige Frage enthalten mußte, welcher Platz ihm zu⸗ ſtehe, in der Welt einzunehmen. Obwohl der Graf Crecy einundzwanzig Jahre Zeit gehabt hatte, dieſen Augen⸗ blick zu uͤberlegen, ſo hatte er ihn doch, ſeinem Charakter gemaͤß, heranſchleichen laſſen, ohne fuͤr ſeine Anfrage eine Antwort finden zu könnenz und gänzlich beruhigt durch die Freigebigkeit, mit der er beide junge Leute gleichmaͤßig ausſtattete, war er ſich nur bewußt, dieſe ſorgloſe Freiheit des Reichthums ihm erhalten zu wollen, die noͤthige Form, in der ſie ihm zu erhalten waͤre, von ſeinem alten Troſte, dem Zufall, erwartend.— Wir muͤſſen annehmen, daß ſeine Gemahlin ebenfalls Gruͤnde hatte, ſich mit Fenelon's Rath einverſtanden zu erklären, da wir ihr großes Vertrauen zu ihrem 3 ehemaligen Lehrer kennen; doch hatte die geheime Ge⸗ ſchichte der zuruckgelegten zwanzig Jahre, bis auf einige Punkte, ſie der Wahrheit immer naäher gefuͤhrt, und ſie in Reginald einen Anſpruch an ihren Gemahl an⸗ erkennen laſſen, den ſie leiſe zü ſchuͤtzen und zu fordern ſuchte, und dies unbezweifelt aus einem Triebe ihres Edelmuthes; aber— wir muͤſſen es geſtehen— zugleich auch, um ſich dadurch jede moͤgliche Erklaͤrung oder Rechtfertigung abzuhalten; denn hier fuhlte ſie beſtaͤndig die Grenze ihrer Selbſtbeherrſchung. Sie zitterte ſogar vor ſich ſelbſt bei dem Gedanken, dies unglückſelige Ge⸗ 7 * heimniß wirklich zu kennen, und ſie war zweifelhaft, ob ſie es ferner dann in Reginald's Erſcheinung werde ertragen können oder duͤrfen; da ihre Vermuthungen nie ſo weit gingen, die Rechtmäßigkeit ſeiner Anſpruͤche zu ahnen. So hatte denn der Graf Crecy volle Freiheit, die Dinge ſich von ſelbſt machen zu laſſen, und fand ſich ſogar uͤberall von ſeiner Gemahlin hierin unterſtutzt. Die auffallende Thatſache, daß Reginald den Na⸗ men der beſonders dem Grafen gehoͤrenden Beſitzung Ste. Roche fuͤhrte, ſchien ihr nie auffallend. Sie zählte Reginald ſo beſtimmt zu ihrem Hausſtande, nahm ſo feſt an, daß jene Beſitzung ihm gehoͤre, ohne dieſe merkwuͤrdige Annahme je entſchieden auszuſprechen, daß damit viele andere Nachfragen, nach den Eltern oder den Berechtigungen Reginald's, von ſelbſt wegfielen. Auch mußte die Marſchallin von Crecy bei dieſen Verfuͤgungen, die ſie anfänglich mit dem größten Zorn erfullten, da ſie ihr den unberechtigten Juͤngling, deſſen größeres Recht ſie hartnaäckig vor ſich läugnete, viel zu ſehr beguͤnſtigten, endlich verſtummen. Denn nachdem ihre Schwiegertochter jede Anregung daruͤber uͤberhoͤrt hatte, traf ſie bei einem direkteren Angriffe hier auf einen ſo maaßloſen Ausbruch von Zorn und Heftigkeit, mit ſo drohenden Aeußerungen verbunden, daß ſie ſchnell einſah, eine deutlichere Erklarung wuͤrde die Gemahlin ihres Sohnes zu den aͤußerſten Schritten treiben,— ſie wuͤrde ſogar glauben, ſie thun zu muͤſſen— und die Marſchallin hatte kaum noch Zeit, indem ſie jede er⸗ fahrene perſoͤnliche Beleidigung der Erzurnten uͤberſah, beſchwichtigend einzuſchreiten, wodurch die junge Grafin nun auch von dieſer Seite völlig Ruhe bekam.— Mit zarter Hand hatte Fenelon dagegen ſeine edle Schuͤlerin in dieſer Prufung zu leiten und zu ſchuͤtzen geſucht; ſelbſt die Beichte hatte nie den Namen fuͤr das Geheimniß des belaſteten Herzens aufgedeckt; all⸗ gemein war das Vertrauen d Stief wohnenden Schmer⸗ zes, allgemein der Troſt des wuͤrdigen Freundes! Beide kannten ſich vſtinig; und es fehlte ihnen in dieſer ſchonenden Form nicht an ausreichendem Ver⸗ ſtändniß.— Nur der Gegenſtand ſo vieler Vorſicht und Selbſt⸗ uberwindung blieb vollig unbefangen und ſorglos, dieſen Verhältniſſen gegenuͤber. Er ſah ſich als eine Waiſe an, deſſen Eltern der Graf Crecy gekannt, und da⸗ her ſein Vormund und Verwalter ſeines Vermoͤgens, wofuͤr er die Beſitzung Ste Roche hielt, deren Na⸗ men er trug, geworden war. Mit kindlicher Liebe hing er an dem Grafen Crecy, aber faſt noch mehr an der Gräfin; denn das duͤſtere, gedruͤckte Weſen ſeines Vor⸗ 9 mundes paßte viel weniger zu ſeinem raſchen, gluͤhen⸗ den Feuergeiſte, als der lebhafte Geiſt der Graͤfin. Auch liebte die Grafin ihn wirklich; ſie liebte ihn mit der ſchönen Unparteilichkeit, die ſie ſeine ſeltenen Fähigkei⸗ ten erkennen ließ; ſie liebte ihn zugleich als den Freund, als den Beſchuͤtzer ihres eigenen Sohnes, der mit einer zarteren phyſiſchen Bildung, auch geringere gei⸗ ſtige Gaben beſaß. Dieſer Juͤngling lebte nur von der befruchtenden Glut ſeines geliebten Reginald; er ward ergänzt, ge⸗ tragen, belebt durch ihn, und ſeine ſcharfblickende Mut⸗ ter fah bald den ganzen Vortheil dieſer innigen Ver⸗ bindung, und war Reginald in der Stille dankbar fuͤr einen Dienſt, den jener nicht„und den beide Juͤnglinge durch ihre innige Zuneigung fuͤr einander ſich bezahlten. 63„ Nur ein Weſen gab es in dieſer friedlichen Aus⸗ gleichung, welches, jedem friedlichen Zuſtande zur⸗ nend, am wenigſten ihn einem Hauſe gonnte, dem es grollend gegenuͤber blieb— es war der Marquis de Souvré, welcher trotz Alles, was er erreicht, ſich doch noch nicht genug gethan hatte und nie das Auge von der Poffnung abwendete, mit einem plötzlichen Schlage die Mine, die, von Allen ſo ſorgfaͤltig ver⸗ deckt, dennoch unter ihren Fuͤßen weglief, dereinſt in — 10 die Luft ſprengen zu töunen. Er war, wie zu erwar⸗ ten ſtand, durch zunehmende Jahre nur verhärteter und boͤswilliger geworden; von tauſend ehrgeizigen Plä⸗ nen verſcheucht, verachtete er Alles, was er erreicht, um ſeine vollſtaͤndige Bitterkeit gegen die Welt fort⸗ ſetzen zu koͤnnen. Er rächte ſich fuͤr jede ihm fehlge⸗ ſchlagene Abſicht an der ganzen Summe der menſch⸗ lichen Geſellſchaft; das Individuum galt ihm faſt gleich; denn jedes Gelingen beleidigte ihn, und er trat dem⸗ ſelben entgegen, ſo viel es moͤglich zu machen war. Ja, dies ward nach und nach eine groͤßere Beſchaͤfti⸗ gung fur ihn, als ſeine eignen Angelegenheiten, da er, ohne es ſich einzugeſtehen, den Fluch der Suͤnde er⸗ fuhr, gegen alle erſtrebten Vortheile mit Gleichgül⸗ tigkeit und Ekel erfuͤllt zu ſein. Seit dem Tode der Koͤnigin machte er Madame de Maintenon den Hof und gehoͤrte zu ihrem kleinen Zirkel, hier eben ſo, wie fruͤher bei Madame Henriette und der Koͤnigin, gefuͤrchtet und geſchont. Er hatte. den heiligen Geiſtorden und den Kammerherrn⸗Schluͤſ⸗ ſel, und Ludwig der Vierzehnte verfehlte niemals, wenn er ihn ſah, zu ſagen:„Was hat uns unſer geiſtreicher Herr Marquis mitzutheilen?“ Er mußte ſich ſelbſt ein⸗ geſtehen, er werde es ſchwerlich hoͤher treiben, und des⸗ halb gewann ſein Charakter in der angedeuteten Rich⸗ 11 tung Staͤrke und Dauer, und die Menſchen blieben ein tief von ihm verachtetes Werkzeug, mit dem er ſich herabließ, nach Laune und Willkuͤr zu ſpielen. Wir werden begreifen, daß der Marquis de Souvré aus dem Leben gemacht hatte, was er als ſeinen In⸗ halt annahm, und daß ſeine ganze Erfahrung eine fort⸗ geſetzte Beſtatigung dieſer Annahme ſchien.— Nur einen Punkt in ſeinem Leben gab es, an den er nie ohne ein unfreiwilliges Erſchrecken denken konnte;— es war die Erſcheinung Fennimors!— Wie ſehr er ſich auch bemuͤht hatte, ihre wunderbare Ueberlegenheit zu verlaugnen, ſie gering zu ſchätzen, ſie zu beſpotteln und zu verachten, es zeigte ſich Alles unzureichend, wenn in unbewachten Stunden der Augenblick vor ihm auftauchte, wo ſie vor ihm ſtand, wie ein leuchtender Engel mit dem feurigen Schwerte der Grrechtigkeit, und mit ihrem erhabenen Mitleiden und religioͤſen Grauen ihm ein Bild ſeines eigenen Zuſtandes vor⸗ hielt, in dem er ſich, uͤberwältigt von der furchtbaren Gewalt der Wahrheit, erkannt hatte, und vor dem ihn eine ſtets geläugnete Ueberzeugung ſeiner Verworfenheit ergriffen hatte. Er erlebte, ohne es hindern zu kön⸗ nen, die Strafe, ſich an jedes Wort, jeden Zug ihres Geſichtes, jede Bewegung erinnern zu können. Er mußte der Erſcheinung in ſeinem Inneren, wie gefeſſelt 12 ſtille ſtehen; er hoͤrte den Ton ihrer Stimme, er mußte ſie begleiten, bis ſie vor ſeinen Augen, wie er damals glaubte, ſtarb. Er hatte nie Aehnliches erlebt— dieſer Tod hatte ihnt nich befriedigt, nicht an ihr geraͤcht; es ſchien umgekehrt— er lag wie eine Rache, die er erlitten, in ſeiner Seele.— Er ſelbſt war von dieſem Platze entflohen, von einer Macht in die Flucht ge⸗ ſchlagen, die ſtaͤrker war, als er; er nahm die ganze Laſt einer Verwerfung und Herabwuͤrdigung mit ſich, die er nie zu erleiden gedacht, und er nahm ſie mit, ohne ſich ſeiner Empfindung nach geraͤcht zu haben. Kam Souvré Jahrelang nachher an dieſen Punkt ſeiner Erinnerung, fuhr er in die Luft, wie von dem giftigen Biſſe eines Skorpions verletzt. Er konnte es kaum faſſen! Da es aber daſſelbe blieb in ſeiner Ue⸗ berzeugung, warf er pruͤfend den Blick umher und ſuchte den Gegner zu entdecken, der mit dieſem unver⸗ ſcheuchbaren Eindrucke ſeiner Seele zuſammenhing. Er fand ihn nur zu bald in dem Hoheit blickenden Juͤng⸗ ling mit den tief blauen Augen und dem braunen, goldbeſaͤumten Heiligenſcheine ſeines Lockenhaares. Wenn dieſer Jungling, der ihn beſtaͤndig reizte, alle Daͤmo⸗ nen ſeines frivolen Geiſtes ſpielen zu laſſen, ihn dann plötzlich ernſt und ruhig anblickte, fuͤhlte er den Blitz, den Fennimor einſt uͤber ihn entzundete; und wenn er 13 ihn haſſend und zuͤrnend doch ſelbſt zu locken ſchien, als ob der Dämon in ihm unter den Augen dieſes Juͤnglings in Zuckungen verfiele, ſo gelobte er ſich eben ſo oft, dieſe einzige Gewalt ſeines Lebens, die ihm ungebeugt gegenuͤber geſtanden, ſollte dennoch von ihm gebrochen werden. Dies blieb auch das wohlbefeſtigte Band zwi⸗ ſchen ihm und der Marſchallin von Crecy. Beide waren auf der Geiſtesbahn, die ſie erwaͤhlt, nicht ſtehen geblieben. Bitter grollend ſtand die Marſchallin, eben wie Souvrés, der Welt gegenuͤber, die es gewagt, ſtatt ſiegreichen Gelingens, ihr ſo viel geſcheiterte Plaͤne und Wuͤnſche zu geben.— Obwohl jetzt in hohem Alter, hatte ſie noch keine Schwächen deſſelben zu erleiden; und verknöchert in den Formen ihres Hofdienſtes, ſchien ſie faſt dieſelbe zu bleiben. Aber wo war der Glanz ihres Hauſes, den ihr Sohn um jeden Preis aufrecht erhalten ſollte? Niemals hatte derſelbe ſeinen Hofplatz wieder eingenommen, alſo auch ſein Anſehen in den Zirkeln, die ſie einſt beherrſchte, nie wieder erlangt. Seit dem Tode der Koͤnigin lebte ihre Schwieger⸗ tochter ebenfalls ganz vom Hofe entfernt; und da Leo⸗ nin dem Marſchalle von Louxembourg nicht wieder in den Krieg gefolgt war, ſetzten Beide ein, wie es der Marſchallin ſchien, hoͤchſt unwuͤrdiges Privatleben 14 fort, das ſie vergeblich zu veraͤndern getrachtet hatte und nur von Zeit zu Zeit wieder zu ſtören verſuchte, um mit derſelben beleidigenden Ueberzeugung ſich zu⸗ ruͤck zu ziehen, daß ihr Einfluß hier an dem finſter grollenden Eigenſinne ihres Sohnes und der kalten Ruhe ihrer Schwiegertochter ſcheitern muͤſſe. Deſſen ungeachtet entzogen ſich Beide der Geſelligkeit in dem Hauſe der Marſchallin nicht, und ſcheinbar blieb das vollkommenſte Einverſtäͤndniß. Aber wenn die Mar⸗ ſchallin, von immerwaͤhrender Mißbilligung gereizt, be⸗ dachte, wem ſie das Scheitern aller ihrer ehrgeizigen Plaͤne danke, dann kam ſie ſcharfſichtig kombinirend end⸗ lich zu dem kleinen, unſcheinbaren Punkte, den ſie ſo tief verachtet, ſo leicht zu erdruͤcken dachte, wie den Wurm unter ihrem Fuße— Fennimor, dies unberechtigte, geringe Weſen, deſſen Anſpruͤche ihr kaum der Wi⸗ derlegung werth geſchienen, hatte doch mit ſeinem un⸗ bedeutenden Leben den Boden untergraben, auf dem ſie feſt zu ſtehen glaubte; und ſterbend noch ſchien ſie die Rache, alle Plaͤne umzuſtuͤrzen, die auf ihren Unter⸗ gang berechnet waren, vollfuͤhrt zu haben. Von Leo⸗ nin's Flucht bei der Nachricht ihres Sterbens, mußte die Marſchallin den Verfall des Glanzes ihres Hauſes herrechnen. Wenn ſie an den Morgen des Tauftages dachte, mußte ſie ſich ſagen, daß ihr Herz, in ſtolzer 15 Befriedigung ſchwellend, ihr faſt die Bruſt beklemmt habez und wenige Stunden nachher war Alles in einem Grade veraͤndert, den ſie in ihren Verhaͤltniſſen fuͤr unmoöͤglich gehalten hatte. Wir haben hier noch einmal die Veranlaſſun⸗ gen zu ihrem Gemuͤthszuſtande beruͤhrt, um uns dann um ſo deutlicher denken zu koͤnnen, mit welchen Em⸗ pfindungen ſie Reginald, mit dem beleidigenden Zuna⸗ men Ste. Roche, anſehen mußte, der, wenn ihm auch ſein wahrer Name damit geraubt war, dennoch eine Beguͤnſtigung ſchien, gegen die ſie noch immer Vertil⸗ gungsmittel in ihrem Geiſte aufſuchte, nie die Hoff⸗ nung aufgebend, ihn aus Berechtigungen zu verdrän⸗ gen, durch welche ſie ihr Haus fuͤr beſchimpft hielt. So viel als moͤglich, leugnete ſie ſeine Gegenwart ganz. Sie hatte eine Weiſe, uͤber ihn wegzublicken, ihn nie zu hoͤren, jede Anregung Anderer hinzunehmen, als ſei ſie auf dieſem Punkte taub und blind, daß es bis jetzt unmoͤglich geblieben war, den jungen Mann ihr vorzuſtellen, wodurch ſie jede Ermuthigung verhin⸗ derte, und ihr die Freiheit geſichert ſchien, ein nie aner⸗ kanntes Verhaͤltniß zur gelegenen Stunde mit unverge⸗ bener Staͤrke angreifen zu koͤnnen. Deſſen ungeachtet ward es ihr nicht erſpart, den Juͤngling ſo oft, als ihren angebeteten Enkel ſehen zu 16 muſſen. Da die jungen Leute an keiner Geſellſchaft Theil nahmen, war es nur der Mittagskreis beim Gra⸗ fen Crecy, in welchem ſie zu gewiſſen Tagen erſcheinen durften, und wo ſie nur die nächſten Freunde und Ver⸗ wandte fanden, und welche Tage die Marſchallin zuletzt nicht mehr verſaͤumte, um ſich mit Uebergehung Regi⸗ nald's an ihrem Enkel zu entzuͤcken. So bitter nun Souvrés ſelbſt den Chevalier de St. Roche haßte, ſo war ihm doch ſeine Gegenwart ein unendliches Ergötzen, der ſtolzen Marſchallin gegenüber; und er hatte tauſend kleine Kunſtgriffe, um die feſte Stellung ſeiner geehrten Freundin zu erſchuͤttern oder das Maaß des Unwillens, woran ſie zehrte, zu ver⸗ mehren. Auch war Reginald ſelbſt wie dazu geſchaffen, dieſen böſen Willen zu unterſtutzen; denn es gab kein freieres, ſorgloſeres Betragen als das ſeinige. Er uͤberſah jede Unfreundlichkeit; denn er hielt ſie fuͤr un⸗ moͤglich. Kein Zug ſeines Geſichtes oder ſeines Charac⸗ ters erinnerte an ſeinen Vater; er war das vollſtän⸗ digſte Bild ſeiner Mutter. Sein Anſtand war ſo aus⸗ gezeichnet, daß er Jedem eine Art Erſtaunen einfloͤßte; ſeine bezaubernde Hoͤflichkeit, die von einem ſeelenvol⸗ len Ausdrucke der Guͤte unterſtuͤtzt ward, machte auf die älteſten und vornehmſten Perſonen einen Eindruck, der ſie unwillkurlich jede ſeiner Aeußerungen mit einer Art Verbindlichkeit aufnehmen ließ. Ohne daß man nachweiſen konnte, wie es geſchah, nahm er bald uͤberall einen ausgezeichneten Platz ein. Es war kein Zug von Anmaßung in ihm; aber ſeine Unbefangenheit ließ ihn den Platz einnehmen, der ihm eingeräumt ward. Er hatte die unſchuldige Freude der Entwicklung und ſchien ſeine jungen Kräfte auf jedem Platze mit Luſt ruͤhrenden Wärme und Hingebung das Verhaͤltniß zu der Gemahlin des Grafen Crech und zu dem jungen Grafen Ludwig. Er nahm mit der ſicheren Voraus⸗ ſetzung ihrer Liebe, ihr Vertraun, ihre Theilnahme in Anſpruch, und gab dafur mit reichen Händen Alles, was er ſelbſt beſaß. Beide junge Leute waren unzer⸗ trennlich; Ludwig betete ſeinen jungen Freund an, und Viktorine wußte, daß dies Gefuͤhl bei ihm ſtaͤrker ſei, wie bei Reginald; denn ſie hatte längſt erkannt, daß dieſer ſie am meiſten liebe. Ebenſo war Reginald im Kloſter bei ſeinen Lehrern und Erziehern beſonders ausgezeichnet; er war ihr Stolz, ihr Triumph. Die jungen Leute aus der Fremde, beſonders aus England, aus den vornehmen Familien, die mit den Stuarts ſich verbannt hatten, und von denen einige den Vorzug er⸗ langten, ihre Sohne den beruͤhmten Moͤnchen von St. Ste. Roche. I. 2 und Friſche zu pruͤfen. So ergriff er auch mit einer— ℳ 18 Sulpice anvertrauen zu duͤrfen, fanden alle in dem jungen Chevalier de Ste. Roche ein Vorbild, dem ſie ſich anſchloſſen. Seine Ueberlegenheit ſtuͤtzte ſie Alle, und ihr ganzes Leben unter ſeiner heitern und doch ſo edeln und ſittlich feſten Leitung fand Genuß, ohne Tadel zu erwecken. Als die Marſchallin von Crecy die Abſicht erfuhr, beide junge Leute auf Reiſen zu ſchicken, that ſie noch ein Mal Alles, was ihr an Macht im Hauſe ihres Sohnes zuſtand, um dieſe unbegreifliche Unſchicklichkeit zu hindern. Aber ſie drang auch dies Mal nicht durch und entſchloß ſich endlich, dieſen Gegenſtand fallen zu laſſen, um einen anderen, ihr wichtigeren verfolgen zu konnen. Sie fand naͤmlich bei der ſorgloſen und unwuͤr⸗ digen Art, wie beide Eltern die hoͤchſt wichtigen Ver⸗ haͤltniſſe ihrer Familie vertraten, daß ſie in ihrem Enkel, ſo viel es noch die ihr zugetheilten Lebensjahre zuließen, retten und ſchuͤtzen muͤſſe, was ihm dereinſt zur vollen Aufrichtung des alten Glanzes dieſes Hauſes behilflich werden könne; und dazu hielt ſie eine Ver⸗ maͤhlung fuͤr das geeignetſte Mittel. Die Graͤfin La Fajette half aus eignem Familienſtolze dieſe Wuͤnſche unterſtutzen. Ihre Tochter, die Graͤfin d'Aubaine, die Freundin Louiſe de Crecy's, der jetzigen Marquiſe 19 d'Anville, hatte glucklicher wie Louiſe, welche mehrere Kinder verloren und erſt jetzt zwei kleine Knaben her⸗ aufzog, drei bluͤhende Kinder, einen Sohn, den Aelte⸗ ſten der Familie, und zwei hold heranbluͤhende Tochter, von denen die älteſte, Franziska, diejenige war, welche die Marſchallin ihrem Enkel beſtimmte. Dieſer Plan fand bei den Eltern des jungen Ludwigs keinen Widerſpruch; doch verlangte die Graͤfin Crech, daß keine Vorherbeſtimmungen ſtatt finden ſollten, den jungen Leuten freie Wahl bleiben muͤſſe, und keine Kenntniß dieſer elterlichen Wuͤnſche ihnen die nöthige Unbefangenheit rauben ſolle. Dieſen Bedingungen gab die Marſchallin mit ſtolzer Geringſchätzung nach und verfuͤgte, daß die Reiſe, die nunmehr feſtgeſetzt ward, mit einem Beſuche bei Louiſe auf dem Schloſſe Arcon⸗ ville, und mit deren Familie vereinigt, alsdann bei dem Grafen d'Aubaine in Ardoiſe, anfangen ſolle. Bis dorthin ſollte der Marquis de Souvré die jungen Leute begleiten; dann ſollten ſie ſich zuerſt nach England und Schottland begeben, und zwar in Geſellſchaft eines Freundes aus dem Collge von St. Sulpice, der, obwohl bedeutend älter, als beide Juͤnglinge, doch mit dieſer Reiſe eine Zugabe ſeiner fuͤr vollendet erklärten Erziehung zu machen wuͤnſchte und in dieſer Zeit der zaͤrtlichſte Freund Reginald's ward.— 2* 20 Der Tod ſeines Vaters, der ihn zum Lord Duncan⸗ Leithmorin gemacht, forderte ſeine Ruͤckkehr nach England, wohin ihn die Freunde, mit Einwilligung des Grafen und der Eräfin Crecy, zu begleiten ver⸗ ſprochen hatten. Mit muſterhafter Standhaftigkeit ertrug die Grä⸗ fin Crecy den Abſchied von ihren beiden Lieblingen; denn ihre ſchnell herabgekommene Geſundheit gab ihr eine ſchmerzliche Ahnung, daß dieſe Trennung fuͤr immer ſein wuͤrde. Aber wie ſie ihren Sohn aus ihren Armen ließ, legte ſie Reginald's Hand in die ſeinige, und indem ſie Beide ſegnete, ſagte ſie:„Reginald, Sie werden meinem Sohne ein treuer, liebevoller Freund ſein— ich vertraue Ihnen mit vollſter Zuverſicht die zartere Natur meines theuern Sohnes.“ 1 Mit welchen Gefuͤhlen kniete Reginald da vor der Frau nieder, die er am meiſten liebte, und ſah ſie mit gluͤhendem Antlitze an— wollte ihr antworten— und hatte Nichts, als feurige Thränen, die er ihr nicht ver⸗ barg! Sie verſtand ihn, bog ſich nieder und kuͤßte muͤtterlich ſeine Stirn. Beide traten ihre verhängnißvolle Reiſe an. Wir finden die jungen Lente erſt in Ardoiſe wieder, wo ſie in dem Kreiſe junger liebenswuͤrdiger Gefährten den vollen Reiz der Jugend kennen lernten. Diz b 21 Marquiſe d'Anville und ihr Gemahl, der Graf und die Graͤfin d'Aubaine waren ſo vom Gluͤcke beguͤn⸗ ſtigt, ſo heiter und ſorglos, daß ſie noch juͤnger er⸗ ſchienen, als ihre Jahre angaben; und beguͤnſtigt von der Freiheit eines laͤndlichen Aufenthaltes, theilten ſie das frohliche Leben ihrer Kinder und erhoͤhten dadurch ihre Freude. Der junge Graf d'Aubaine hatte ſein zwanzigſtes Jahr vollendet, die Graͤfin Franziska trat ihren ſechzehnten Sommer an, und eine vierzehn⸗ jährige Schweſter war das Schooßkind Aller, der Ar⸗ mand und Leonce, die kleinen Knaben der Marquiſe d'Anville, ſich anſchloſſen. Außerdem zogen liebe Gäſte aus und ein. Der junge Lord Duncan ward von Allen zur Familie gerechnet, und er fuhlte ſich hier um ſo weniger fremd, als er zwei liebenswuͤrdige Lands⸗ maͤnninnen fand. Gegen den Vater der einen, einer Miß Leſter, der juͤngeren Tochter eines Geiſtlichen, hatte Graf d'Aubaine eine Verpflichtung der Dankbarkeit; da der wuͤrdige Mann ihm bei ſeinen Reiſen durch England in einer gefährlichen Krankheit durch treue Pflege das Leben gerettet hatte. Sie blieben von da an in immer⸗ waͤhrendem Briefwechſel, und der wuͤrdige Herr Leſter entſchloß ſich endlich, den Wunſch des Grafen d'Aubaine zu erfuͤllen und ſeine geliebte Margarith, die mit Fran⸗ ziska in einem Alter war, auf einige Zeit nach Frank⸗ 22 — reich zu ſchicken. Dies geſchah in Begleitung einer Miß Ellen Gray, die als Pflegekind mit Margarith erzogen ward, und, bedeutend älter, ihr eine Art Schutz werden ſollte. Nur zu ſchnell verſloſſen hier ein Paar der gluͤck⸗ lichſten Monate, und faſt Alle fuhlten ſich uberraſcht, als der Moment da war, der die lange feſtgeſetzte Tren⸗ nung forderte. 4 6 Aber man trennte ſich nicht, wie man ſich zu⸗ ſammen gefunden hatte. Das Loos war geworfen. In dem heiteren Reigen der Jugend, in dem ſcherzenden Vertaͤndeln der Stunden, in einer Lebenszeit, die den Ernſt und die Wichtigkeit deſſelben in den Hintergrund drängt, hatte doch Jeder unbewußt das Loos empfan⸗ gen, was uͤber ſeine Zukunft entſchied; und erſt, als die Stunde der Trennung ſchlug, erkannten die Be⸗ theiligten, was ſie erlebt! Auch hier hatte Reginald den erſten Platz ein⸗ genommen. Wie mit Zauber lenkte er die Gemuͤther! Nicht allein die Jugend hing ihm in Allem vertrauend an, ſelbſt die Aeltern theilten dies Gefuͤhl. Jauch⸗ zend, voll Jugendluſt flog Reginald, jeder Anforderung genuͤgend, von einem Platze zum anderen. Jede kor⸗ perliche Geſchicklichkeit, nicht fuͤr ihn allein, fur alle Anderen ausreichend, fuͤhrte ihn in das Intereſſe eines , — 23 jeden Anweſenden. Seine Schoͤnheit ſchien hier noch eine neue Entwicklung zu erfahren; es trat jenes be⸗ zaubernde, gluͤhende Feuer hervor, welches das erſte Stadium der Jugend uͤberſchritten anzeigt, und jeden Blick, jede Bewegung zu einer kuͤhnen Herausforde⸗ rung an das Leben macht, gegen deſſen geheimniß⸗ vollen Inhalt eine zuͤrnende Begierde hervortritt, die ſich des Streites mit ihm zu erfreuen denkt; und ohne daß er es wußte, jagte ſich der kindlichſte Witz mit der glaͤnzendſten Fuͤlle der Gedanken und Gefuͤhle uͤber ſeine Lippen.— Fenelon's Schuͤler hatte Unterricht erhalten, der ſeine Geiſtesfähigkeit frei entwickelt hatte — und ihr Zweck und Ordnung gegeben, die ihm ſchon jetzt ein Reſumé von Bildung gab, das der Jugend oft ſo ſchwer wird, aus wuͤſt eingehandelten Kenntniſſen zu gewinnen, die nur zu oft ein ganzes Leben hindurch einen beſchwerten Zuſtand zuruͤcklaſſen, der ſich vergeblich auf das muͤhſam geſammelte Ma⸗ terial ſtuͤtzt, das doch nicht Bildung werden will. Hier⸗ von war Nichts in Reginald; von der todten Maſſe der Eingangsform ſchon erloͤſt, hauchte das Wiſſen ſein geiſtiges Fluidum in ihm aus und belebte und erzeugte das Gegebene zu eigener Geſtaltung; der Nach⸗ weis fand ſich in ſeinen entwickelten Gedanken, nicht in Jahreszahlen und Namensregiſter. Louiſe und ihr Gemahl ahnten ſein beſonderes Verhaͤltniß zu ihrer Familie; die merkwuͤrdige Dotation von Ste. Roche mußte ſie nothwendig darauf fuͤhren. Alle Uebrigen kannten dieſen Umſtand nicht; und die Beſitzung Ste. Roche, die faſt nie als Crecy'ſches Eigenthum genannt ward, ſchien ſelbſt dem Grafen d'Aubaine unbekannt, in deſſen Naͤhe ſie lag; es wurde ihm daher leicht, den jungen Mann als Beſitzer anzu⸗ erkennen, da Graf Crecy, als Vormund, ihn unter dieſem Titel ihm empfahl. Doch wurde er Veran⸗ laſſung, daß Reginald ſelbſt darauf aufmerkſam ward; und ohne uͤber die auffallende Art nachzudenken, mit der ſein Vormund ihm die Naͤhe ſeiner angeſtammten Beſitzung verſchwiegen hatte, ſprach er ſeinen Wunſch aus, ſie kennen zu lernen. Graf d'Aubaine unterſtutzte dies um ſo mehr, da eine der jungen Englaͤnderinnen, Miß Ellen Gray, ſich verpflichtet fuͤhlte, ihre Mutter aufzuſuchen, die, aus unbekannten Gruͤnden, dort ihren Aufenthalt hatte; was es fur ſie ſehr wuͤnſchenswerth machte, die Reiſe unter Reginald's Schutz anzutreten. Doch hier ſchritt der Marquis de Souvrs auf das Entſchiedenſte ein. Er erklärte dieſen Beſuch ganz gegen den eſti mten Reiſeplan, fuͤr den er, we⸗ nigſtens ſo lange ſie auf franzöſiſchem Boden wären, einzuſtehen habe; und Reginald, der ſtets eine ehrer⸗ bietige Nachgiebigkeit gegen Aeltere hatte, fugte ſich in dieſen Ausſpruch. Miß Ellen Gray reiſte daher allein nach Ste. Roche ab, und Reginald ſchob die Beſichtigung ſeiner Beſitzung bis zur Beendigung ſeiner Reiſe auf, indem er ſich von Ellen, die noch vor ſeiner Abreiſe zuruckzu⸗ kehren hoffte, verſprechen ließ, recht Viel davon zu er⸗ zählen; da er es ſehr wuͤnſchte, damit die fruͤheſten Ein⸗ druͤcke ſeiner Kindheit aufzufriſchen, die ihm immer einen reizenden Aufenthalt in Mitten eines Waldes vor⸗ ſpiegelten, wo er an einem ſeltſamen Schloſſe kleine Treppen erklettert war, die um einen Thurm liefen, von einer alten Frau behuͤtet, welche ihm dann ſchoͤne Fruͤchte ſchenkte. Auch traf Miß Ellen Gray einen Tag vor der Abreiſe der jungen Leute in Ardoiſe wieder ein, wie es ſchien, wenig befriedigt von ihrem Aufenthalte; da Mi⸗ ſtreß Gray, ihre Mutter, keine Freude bei ihrem Wie⸗ derſehen gezeigt hatte und mehr ihre Abreiſe, als ihr längeres Bleiben zu betreiben ſchien. Auffallend war es, wie der Marquis de Souvré Miß Gray bei ihrer Ankunft ausſchließlich in Anſprnch nahm und die kleine, unbedeutende, gebrochen franzoſiſch ſprechende Miß Gray zum Gegenſtand einer Aufmerkſamkeit machte, als habe er erſt jetzt ihr Verdienſt erkannt und ſie damit zu gleicher Zeit zu ſeiner ausſchließlichen Gefähr⸗ tin erhoben. Es ging aber aus dieſer beſonderen Aus⸗ zeichnung natuͤrlich hervor, daß er uͤberall in ihrer Nähe blieh und ihr ziemlich ungeſchicktes Beſtreben, ſich Reginald zu nähern, abzuwaͤhren wußte. Doch ſcheiterte der Marquis endlich mit ſeiner ganzen Fein⸗ heit an der liſtigen Beobachtungsgabe dieſes etwas derben und dreiſten Maͤdchens, die ſehr bald, ſeine Aufmerkſamkeiten fuͤr Spott und Hohn haltend und bloß die Abſicht darin ſehend, ſie von ihren jungen Freunden zu trennen, ihm den Streich ſpielte, waͤh⸗ rend einer kurzen Unterredung des Marquis mit einem Anderen, ihm zu entwiſchen, ohne Bedenken zu Reginald hinzulaufen, ihn mit ſich nach der Bi⸗ bliothek zu ziehen und dieſe eilig hinter ſich zu verſchlie⸗ ßen.„O hoͤrt, hoͤrt, ehe der liſtige Mann mir wieder nachruͤckt!“ rief ſie athemlos;„meine Mutter iſt die alte Frau, die Euch in Eurer Jugend pflegte; ſie be⸗ ſchwoͤrt Euch, nicht abzureiſen, ehe Ihr nach Ste. Roche gekommen ſeid;— ſie hat Euch ein großes, wichtiges Geheimniß zu entdecken, von dem Euer ganzes Lebens⸗ gluͤck abhaͤngt. Aber Ihr muͤßtet ſelbſt kommen— und ſolltet Euch um Gotteswillen vor dem abſcheulichen Marquis de Souvré huͤten; denn er habe Eure Eltern in's Ungluͤck geſturzt!“ Reginald blickte das kleine, haſtige Maͤdchen, das ſo unweiblich lebhaft und uͤbereilt ihm ihre Mittheilun⸗ gen machte, mit einem nicht zu beherrſchenden Ausdrucke von Mißbehagen an, und es ward ihm faſt unmoͤglich, darauf einzugehen. Sie waren ſo geheimnißvoll, Arg⸗ wohn erregend, daß ſie ihn aus ſeiner ganzen bisheri⸗ gen Stellung und Gemuͤthsſtimmung zu reißen droh⸗ ten, wenn er ihnen Glauben ſchenkte. Er, der bis zu dieſem Augenblicke das Mißtrauen nur dem Namen nach kannte, konnte es unmoͤglich durch dieſe Mitthei⸗ lungen in ſich aufnehmen. Er hoͤrte daher nur hoͤflich zu, ohne die Alteration des jungen Mädchens theilen zu koͤnnen, und bat ſie endlich, ihre Mutter von der Un⸗ moͤglichkeit zu unterrichten, jetzt nach Ste. Roche kom⸗ men zu koͤnnen; da die Abreiſe nach England fuͤr den anderen Morgen feſtgeſetzt ſei, und es nicht mehr in ſei⸗ ner Macht ſtehe, dies abzuäͤndern. Bei ſeiner Ruͤckkehr werde er dagegen den Beſuch von Ste. Roche als eine Pflicht anſehen und ſich dann ſehr freuen, ſeine alte Pflegerin wiederzuſehen. Ellen Gray hatte einen Anlauf zu ihren Mitthei⸗ lungen genommen, der ihr vollſtändig durch die Wich⸗ tigkeit, die ſie denſelben beilegte, gerechtfertigt ſchien; jetzt ſah ſie ſie ziemlich kalt und ohne das erwartete Erſtaunen aufgenommen. Sie fuͤhlte ſich dadurch be⸗ 28 ſchämt und ward bei ihrem empfindlichen Charakter ſehr beleidigt. „Ganz nach Ihrem Belieben, mein Herr!“ ſagte ſie, hochroth werdend;„ich habe bloß meine Schuldig⸗ keit gethan, bloß den Befehl meiner Mutter erfuͤllt, die allerdings kluger ſcheint, als manche anderen Leute, und durch ihre Jahre wohl berechtigt, Dinge zu wiſ⸗ ſen, von denen die Jugend ſich Nichts träumen läßt. Jetzt muß ich uͤberdies ſehr um Verzeihung bitten; denn ich habe noch die letzten Stunden mit Gräfin Franziska geſtoͤrt.“ Vergeblich war Reginald bemuͤht, die Beleidigte aufzuhalten oder zu verſöhnen. Sie enteilte, ihn em⸗ pfindlich gruͤßend, und hatte die Geſellſchaft erreicht, ehe der Marquis ihre kurze Abweſenheit inne ward. Dagegen muͤſſen wir geſtehen, daß Reginald von dem ganzen Zuſammenſein mit Miß Gray nichts be⸗ halten hatte, als ihre letzten Worte. Das Nahen der Abreiſe hatte ſein Herz erfaßt und die Ueberzeugung, Franziska d'Aubaine mit allen Kräften ſeiner Seele innig zu lieben, beſtätigt. Seit dieſem Morgen ihrer Gegenliebe gewiß, trug er in ſeinem hochſchwellenden Buſen das hoͤchſte Gluͤck, bedroht von dem Schmerze der nahen Trennung!— Es war kein Augenblick, ſein Intereſſe in Anſpruch zu nehmen fur eine trube, 29 Argwohn erweckende Richtung. Viel näher lag es ihm, dem Grafen d'Aubaine in die Arme zu eilen und um ſeine Tochter oͤffentlich zu werben; aber ſeine Jugend machte ihn ſchuͤchtern; er hielt ſich des Gluͤckes nicht werth, das er begehrte— er wollte durch Reiſen ent⸗ wickelter werden und dann ſeine Stellung zu erheben ſuchen fuͤr den Anſpruch, den ſein Herz machte. Auch war dies die Bitte der von ihren Gefuͤhlen uberraſchten, kindlichen Franziska; und ſie entſchied uͤber ein Schwei⸗ gen, ſo heilig und ſuͤß, wie die Andacht ihrer unſchul⸗ digen Herzen! So verließen die jungen Leute, in Geſellſchaft Lord Duncan's, Ardoiſe, das ſie erſt nach zwei Jahren wie⸗ derſehen ſollten; und wir muͤſſen es geſtehen, alle Drei das Bild der ſchönen Franziska d'Aubaine im Herzen tragend. Der Marquis de Souvré aber eilte nach Paris zuruͤck.„Madame,“ ſagte er zur Marſchallin von Crech,„Ihr Enkel hat mir ſeine Liebe zur jungen Gräfin d'Aubaine geſtanden und iſt entzuͤckt uͤber die Plaͤne ſeiner Großmutter.“ Er hielt inne und ließ ſie erſt den xsünh ver⸗ rathen, den das Gelingen ihres Planes ihr machte— dann fuhr er fort:„Doch, wie uͤberall, ſteht auch hier der Chevalier de Ste. Roche im Wege— entſchieden 30 war der Vorzug, den die junge Dame dem ſterblich in ſie verliebten jungen Manne gab, und der Zufall machte mich zum Zeugen ihrer gegenſeitigen Liebes⸗ erklaͤrung.“ Mit verbindlichem Laͤcheln beobachtete er das aſch⸗ farbene Erbleichen der Marſchallin, welches ploͤtzlich, durch die Schminke durch, ſich in gluͤhende Röthe verwandelte. „Und Sie— Sie ließen das zu?“ ſtotterte ſie endlich. „Ich kannte Ihre Abſichten nicht— ich fuͤrchtete voreilig zu ſein!“ erwiederte Souvré lächelnd. Die Marſchallin verſtand vollkommen ſeine Ab⸗ ſicht und war ſchnell gefaßt.„Sie hatten Recht, Mar⸗ quis,“ ſagte ſie ruhig,„ich werde Alles ſelbſt ordnen und darf um ſo weniger an dem Gelingen zweifeln, da es nicht die erſte Angelegenheit iſt, die ich nach mei⸗ nem Willen lenkte.“ „Ohne Zweifel werden Euer Gnaden es ganz in Ihrer Willkuͤr haben,“ erwiederte Souvré verbind⸗ lich,„wenn man an das glänzende Beiſpiel denkt, wel⸗ ches das Schickſal Ihres Herrn Sohnes daruͤber zum Belege fuͤhrt.“ Ein gluͤhender Blick bitteren Haſſes fuhr aus den Augen der Marſchallin. Aber ſie durfte Souvré nicht 31 verſtehen, um nicht noch mehr in Nachtheil zu kommen; und wuͤnſchte auch zu lebhaft, von den Vorfällen in Ardoiſe unterrichtet zu werden, um ihren böͤswilligen Vertrauten nicht ſchonen zu wollen. Sie erfuhr nun den glänzenden Eindruck, den Re⸗ ginald in Ardoiſe hervorgebracht, ohne alle Schonung und Milderung, und eben ſo auch die Anweſenheit der beiden jungen Engländerinnen, die, in einem gefährli⸗ chen Zuſammenhange mit der Bewohnerin von Ste. Roche ſtehend, ihr eine nicht ungegruͤndete Beſorgniß einflößten; doch, bevor noch der Marquis ſeine Erzäh⸗ lung geendet, hatte die Marſchallin ihren Plan entwor⸗ fen, deſſen Reſultat uns nicht erſpart bleiben wird. ℳ Ein Jahr nach der Abreiſe ihres Sohnes blieb uͤber den Zuſtand der Gräfin Crecy kein Zweifel mehr, und das Fruͤhjahr des zweiten Jahres ſenkte die ausge⸗ zeichnete und edle Frau in ihr fruͤhes Grab. Ihre El⸗ tern waren ihr Beide vorangegangen, und ſie hatte in der Marſchallin nie einen andern Anſpruch anerkannt, als den der äußeren Sitte. Ihr Gemahl betrauerte ſie mit der ganzen duͤſteren Melancholie eines Gemuͤthes, das ſich kaum das Recht zugeſteht, was den Schmerz ſelbſt zu einem ſuͤßen Eigenthume machen kann. Fene⸗ lon hatte ihre letzten Stunden beſeligt und den Athem⸗ zug gehört, der ſie vom Leben trennte; er hatte keine Thräne fuͤr die Verklaͤrte— begeiſtert ſchaute er ihr nach! Eine ſuße Befriedigung lag in in dem Glauben, daß ſie ihn jetzt ganz erkennen werde— und er ſchmuͤckte ſeine Seele mit Frieden und Seligkeit, um wuͤrdig zu ſein, wenn ſie ſich zu ihm nieder neige. Der Schmerz der Abweſenden war groß— und mit der ganzen Energie der Jugend hielten ſie ihn feſt, und üͤbertrugen ihn lange auf alle ihre Zuſtände. 33„ Der Graf Crecy zog ſich in die tiefſte Einſamkeit zuruͤck; er ward immer duͤſterer, menſchenſcheuer und argwohniſcherz aber die Marſchallin fing nach dem Tode ſeiner Gemahlin wieder an, in ihrem Einfluſſe zu ſtei⸗ gen, und da ſie kluger Weiſe ſein Beduͤrfniß nach Ruhe nicht ſtoͤrte, uͤberließ er ihr die Handhabung der Ver⸗ hältniſſe, die daruͤber hinausreichten; und ſo gewann ſie das Feld, was ſie nöthig hatte. Mit kluger Umſicht beſtimmte ſie die Familie dAubaine, den Winter am Hofe zu lebenz ſie hoffte dadurch ſowohl Franziska, als ihren Eltern die Weihe fur ihre Plaͤne zu geben und ſie den wahren Stand⸗ punkt, auf den ſie ihr Rang und ihre Anſpruche beriefen, erkennen zu laſſen; da ſie fuͤrchtete, daß ihr ländlicher Aufenthalt ſie etwas den Anſichten ent⸗ zogen haben konnte, die zu behaupten, ihr die erſte Pflicht einer ſolchen Familie ſchien. Außerdem mußte dies nothwendig eine Folge haben, die ſie ſehnlichſt wuͤnſchte— entweder die beiden engliſchen Maädchen, deren Rang ihnen keinen Anſpruch an die Hofver⸗ bindungen der Familie gab, ganz von ihnen trennen und ſie nach ihrem Vaterlande zuruͤckfuͤhren, oder, im Falle ſie dieſelben bei ſich behielten, doch eine Trennung von ihren Verbindungen in Ste. Roche veranlaſſen. Dieſer letztere Fall trat ein; Miß Leſter Ste Roche 1I. 3 34 und Ellen Gray begleiteten die Familie, und es iſt leicht zu denken, mit welchen Augen die Marſchallin zwei Mäd⸗ chen betrachtete, die in ſo naher Verbindung mit dem Schickſale ihres Hauſes ſtanden.— Unter dieſen Um⸗ ſtänden gereichte es ihr zur ungemeinen Erleichterung, daß ihr Sohn ſich während des ganzen Winters al⸗ ler Geſelligkeit beſtimmt entzog; und wenn ſie auch mit Unwillen ſah, wie ſein Charakter verwilderte, ſo hatte ſie doch immer mehr die Pläne ihres Ehrgeizes in ihm geliebt, als ihn ſelbſt, und indem ſie dieſe auf ihren Enkel uͤbertrug, verlor ihr Sohn, der ge⸗ wagt ſie darin zu betruͤgen, die Kraft, ſie durch ſei⸗ nen Zuſtand zu kränken. Nicht ganz ſo gluͤcklich war ſie in Bezug zur Familie d'Aubaine. Nicht, wie ſie gehofft, ließ ſich dieſelbe fuͤr das ganze Jahr am Hofe feſthalten, ſon⸗ dern bezog, nachdem ſie den Sommer auf dem Stamm⸗ ſchloſſe zugebracht, gegen den Herbſt das in jagd⸗ reichen Wäldern verſteckte Ardoiſe. Doch hielt der Graf deſſen ungeachtet die verabredete Verbindung für abgeſchloſſen und erlaubte ſeiner Gemahlin, der Grä⸗ fin Franziska die Abſichten der Eltern mitzutheilen. Betaubt von Schmerz und Schrecken, bis in's tiefſte Innere erſchuttert, hoͤrte die ungluͤckliche Fran⸗ ziska dieſe Erklärung, die ſie von allen Hoffnungen ihres jungen Herzens fuͤr immer zu trennen drohte; und zu aufrichtig und natuͤrlich, um ſich beherrſchen zu können, erfuhr die Mutter in demſelben Augenblicke ihr Geheimniß. In der Zeit, in welcher dieſe jungen Leute ſich durch ihr Herz wollten leiten laſſen, gab es faſt keine andere Art ehelicher Verbindung, als die, welche El⸗ tern unter einander beſchloſſen, und keine anderen Ueber⸗ legungen, als die dabei zu bedenkenden aͤußeren Ver⸗ haͤltniſſe. Nicht Bildung, nicht Guͤte des Herzens oder Liebe zu den Kindern veränderte dies ruhig geord⸗ nete Syſtem aller vornehmen Haͤuſer, und die daraus entſtehenden Schein-Ehen, die in dem uͤberhandneh⸗ menden Zuſtande der Sittenloſigkeit der höheren Stände vollkommen Platz fanden und ihre Ausartungen un⸗ terſtutzten, machten Niemanden aufmerkſam auf dieſe gewiſſenloſe Procedur. Hier trat jedoch eine kleine Ab⸗ weichung ein, die beſonders Reginald's Perſonlichkeit zuzurechnen war. Beide Eltern hatten ihn ſelbſt ſo ausgezeichnet gefunden, daß eine Art von Verſtehen mit dem Gefuhl ihrer Tochter, eintrat. Sie hätten ſich zufrieden gefuͤhlt, wenn Reginald der Graf von Crecy geweſen wäre— und hatten Theilnahme fuͤr die Wuͤn⸗ ſche Franziska's. Es konnte jedoch nur in ſo fern davon die Rede ſein, daß ſie erwarten wollten, ob bei 3* der Anweſenheit der beiden jungen Leute, wie aller Fa⸗ milienhaͤupter, ſich eine Auskunft treffen laſſe, voraus⸗ geſetzt, daß die Familienverhaͤltniſſe des ziemlich unbe⸗ kannten jungen Mannes eine ſolche Moglichkeit uͤber⸗ haupt denkbar machten. Dieſe großmuͤthige Zuſiche⸗ rung der Eltern, die ſie uber ihr Jahrhundert erhob, rettete Franziska's Herz vor dem langſam zehrenden Gifte hoffnungsloſer Liebe und ließ ſie größeres Ver⸗ trauen faſſen, als es den Eltern moͤglich geweſen waͤre, erwecken zu wollen. Die Ankunft der Marſchallin von Crecy, die, wie ſie vorgab, in Ardoiſe ihren Enkel empfangen wollte, belebte dieſe Hoffnungen nicht ſehr; denn ſie trat ſo⸗ gleich mit der entſchiedenen Haltung auf, die ein feſt⸗ geſtelltes Verhältniß andeutet, und Franziska fuhlte, daß ſie von ihr als ihre Enkelin behandelt wurde, als wäre keine Zuruckhaltung mehr nothig. Die gefaßte Frau uͤberſah den Vortheil, den die Gegenwart ihr bot, feſt entſchloſſen, eben ſo die Zukunft zu bewachen und keine Stoͤrungen mehr zu dulden. Zwei läſtige Zugaben waren wenigſtens ent⸗ fernt; Miß Leſter war nach England zuruͤckgekehrt, Ellen Gray war als Braut zwar geblieben; aber jetzt bereits mit dem Sohne des verſtorbenen Kaſtellans St. Albans verheirathet.— Deſſenungeachtet begehrte die Marſchallin von ihrem Sohne, daß er an Reginald den Befehl ſchicke, den Grafen Ludwig hicht nach Ar⸗ doiſe zu begleiten, ſondern zu ihm nach Paris zu kommen. Gewiß wuͤrde Reginald den Befehl ſeines Vor⸗ mundes erfullt haben, wie ſchwer es ihm auch in die⸗ ſem Falle geweſen ſein wuͤrde; aber die Botſchaft des Grafen verfehlte ihn. Die Sehnſucht, Ardoiſe zu erreichen, die Beide uneingeſtanden in gleichem Maaße fuͤhlten, hatte ſie ihre Reiſe ſo beeilen laſſen, daß ſie um zwei Tage fruͤher eintrafen, als ſie erwartet wurden. Dieſes ploͤtzliche Erſcheinen brachte den Plan der Marſchallin, durch einen ſchnellen Abſchluß der Ver⸗ lobung Alle zu uͤberrennen, zuerſt aus dem Gleiſe. Die ganze Sache ward nun in eine natuͤrlichere Bahn geleitet. Franziska und Reginald ſahen ſich in einem Zeitpunkte der Jugend wieder, wo zwei Jahre Tren⸗ nung nur vortheilhafte Veränderungen mit ſich fuͤhren. Erſtaunen und Entzuͤcken war der leuchtende Gruß ih⸗ rer Augen;— und die Marſchallin konnte nicht hin⸗ dern, daß ein fluͤchtiges Wort die unveraͤnderte Geſin⸗ nung verrieth, welches Franziska, noch von leiſen Hoff⸗ nungen genährt, anhören durfte. Aus dem Empfange, der Reginald von der gan⸗ 38 *—— zen Fumnilie zu Theil ward, ſtieg eine unbeſchreiblich zurnende, befuͤrchtende Stimmung fuͤr die Marſchallin auf; und nach einer kurzen Ueberlegung mit dem Mar⸗ guis de Souvré, der ſie begleitet hatte, ließ ſie den Va⸗ ter Franziska's zu ſich einladen. „Graf dAubaine,“ hob ſie ſogleich an—„ich habe Ihnen eine Entſchuldigung zu machen, indem ich furchten muß, daß Sie, bei der großen, unbe⸗ dachtſamen Schwaͤche des Grafen und der verſtor⸗ venen Gräfin Crecy, fuͤr den jungen, unberufenen Menſchen, den Sie Chevalier Ste. Roche nannten, mich beargwoͤhnen koͤnnten, ich mache mich derſelben theilhaft, indem ich ſeine Anweſenheit hier gut heiße — Dem iſt indeſſen nicht ſo. Ich habe dieſen jun⸗ gen Menſchen, der gar keine Anrechte hat, ſich in unſern Zirkel zu drängen, nicht allein ſtets ſo be⸗ handelt, wie es mir zukam, ſondern auch jetzt darauf gedrungen, daß er ſich hier nicht abermals in Ihr Haus eindränge und ihm der Befehl entgegen ge⸗ ſchickt werde, direkt nach Paris zu gehen. Der junge Menſch giebt indeſſen vor, dieſen Befehl nicht erhal⸗ ten zu haben, was ich genoͤthigt bin zu glauben, da es mein Enkel beſtätigt; ſo iſt ſeine Anweſenheit zu erklären, und hoffentlich rechnen Sie mir veh Paß⸗ ſende Geſellſchaft nicht ferner zu.“ 39 „Ich bin nicht wenig erſtaunt, meine Gnädigſte,“ erwiederte Graf d'Aubaine mit wirklicher Unruhe,„eine ſolche Erklärung uͤber einen jungen Mann zu hoͤren, den ich, wegen der Vorzuͤge, die man ihm in Ihrer Familie geſtattete, allerdings durch ſeine Geburt fuͤr dazu berech⸗ tigt hielt. Ich kann nicht laͤugnen, daß ich es nicht ganz zu entſchuldigen weiß, daß Graf Crecy mir daruͤber nicht fruͤher einen Wink gab; da ich ohne Zweifel ſeine Verhaͤltniſſe zu uns alsdann vorſichtiger geſtellt haben wuͤrde. Doch ſagen Sie mir, Frau Marſchallin, wer iſt dieſer junge Mann?“ „Das mag Gott wiſſen,“ ſprach die Marſchallin entſchloſſen;—„irgend ein Findling, ein Sproſſe un⸗ erlaubter Verbindung, uͤber die meine Schwiegertochter oder mein Sohn Grund zu ſchweigen hatten. Sie wiſſen, daß Beide voll uͤberſpannter Anſichten waren. — Anſtatt aus einer ſo dunkeln Kreatur einen Kam⸗ merdiener meines Enkels zu bilden, zogen ſie es vor, einen Spielkameraden daraus zu machen, ihn endlich erziehen zu laſſen, als habe er Anſpruͤche, und die unſchicklichkeit hinzuzufuͤgen, ihn zu den Geſellſchafts⸗ kreiſen ihres Sohnes zu erheben.“ „Ich geſtehe,“ ſagte Graf d'Aubaine, aus mehr als einem Grunde gekraͤnkt—„daß ich dies eben ſo wenig, wie Euer Gnaden billigen kann. Der junge 40 Menſch ſelbſt wird dieſe Ueberhebung zu buͤßen haben! Er iſt jetzt in dem Alter, wo ſeine Berechtigungen ge⸗ pruft werden, und es ihn dann ſehr uͤberraſchen wird, ſie in Nichts zerfallen zu ſehen.“ „Mag er denn die Strafe ſeines Uebermuthes tragen,“ erwiederte die Marſchallin kalt,„wenn wir nur unſere Geſellſchaft gegen ſolche Befleckungen rein erhalten! Ich wuͤrde ihm befehlen, augenblicklich nach Paris abzureiſen, wenn ich nicht dadurch gezwungen wuͤrde, von meinem bis jetzt gegen ihn befolgten Sy⸗ ſteme, ihn uͤberhaupt nie zu bemerken, abzugehen; denn bis jetzt habe ich ſeine uſurpirte Gegenwart noch durch keinen Blick, oder gar durch Worte anerkannt.— Da der Aufenthalt meines Enkels uͤberdies nur zwei Tage dauern kann, weil die Zeit der großen Präſen⸗ tation in Verſailles damit herangeruͤckt iſt, ſo denke ich, beachten wir, wenn Sie bis dahin dieſen Mißgriff zu lenken uͤbernehmen, ſeine Gegenwart nicht; und in Paris, bei der Stellung, die der junge Graf dort ein⸗ nehmen wird, muͤſſen ſich ihre Wege von ſelbſt tren⸗ nen, und wir werden dieſem Menſchen nicht mehr be⸗ gegnen.“ 3 „Wie,“ rief der Graf d Aubaine,„nur ſo kurze geit wird die Anweſenheit des Grafen Crech dauern? Wiſſen Sie wohl, meine Gnädigſte,“ fuͤgte er lä⸗ 41 chelnd hinzu—„daß wir bis dahin noch Viel zu thun haben?“ „So ſcheint es, mein lieber Graf,“ erwiederte die Marſchallin geſchmeichelt;—„und da ich Sie nicht mißverſtehen kann und als Repräſentantin des Wer⸗ benden billig zuerſt reden muß, ſo wollen wir uns, wenn es Ihnen beliebt, zur Gräfin d'Aubaine begeben— ich will dort meinen Vortrag halten.“ Er bot ihr den Arm, und Beide begaben ſich, völlig eines Sinnes, zu dieſer ſo wichtigen, ſo ent⸗ ſcheidenden Zuſammenkunft, die das Lebensgluͤck zweier Menſchen beſtimmen ſollte, ohne daß man ihrer Ueber⸗ zeugung nachgefragt hätte. Dem Grafen d'Aubaine kam in der That nach dem, was er ſo eben vernom⸗ men, kein Zweifel uͤber die Stellung ein, die er allein noch fuͤr paſſend halten konnte; denn indem wir ihm das Zeugniß des beſten Menſchen und Vaters geben muͤſſen, konnte er doch unmoͤglich ſeiner Zeit ſo entwachſen ſein, um durch perſonliches Verdienſt den Standesunterſchied fuͤr ausgleichbar hal⸗ ten zu koͤnnen. Er fuͤhlte mit Unwillen den Mißgriff, dieſen jungen Mann ohne vorangegangene Sicherheit ſo nahe gezogen zu haben und dachte mit väterlicher Liebe daran, Franziska die Laſt der Beſchämung zu erleichtern, die es ihr, wie er vorausſetzte, machen 42 mußte, wenn ſie erfuhr, wie unberechtigt der Gegen⸗ ſtand war, dem ſie Einfluß auf ihr Gefuͤhl zugeſtanden hatte. Um jedoch ſeiner unvorbereiteten Gemahlin einen lenkenden Wink zu geben, hob er nach den Empfangs⸗ feierlichkeiten ſogleich an ſie zu bitten, auch ihrer⸗ ſeits die Frau Marſchallin uͤber ihre Beſorgniſſe in Bezug auf den Begleiter des jungen Grafen Crecy zu beruhigen, indem er das herabſetzende Bild, welches die Marſchallin entworfen, noch ein Mal vor ſeiner Gemahlin aufrollte.— Die Wirkung konnte bei ihr nicht viel anders ſein, wie bei ihrem Gemahle. Die Marſchallin huͤllte ſich in einen Schwall von Worten und ſchien weiter nichts zu ſehn; aber ſie bemerkte ſehr wohl den Blick, mit dem beide Ehegatten ſich mit einer Art von Entſetzen verſtaͤndigten, und ſah darin die Beſtätigung, wie nothig dieſer beeilte Schritt geweſen. Als die Eltern darauf in aller Form den Heiraths⸗ antrag ihres Enkels von der Marſchallin entgegen ge⸗ nommen und ihre Einwilligung ohne weitere Beſchrän⸗ kung auf Franziska gegeben, ward der junge Graf Lud⸗ wig gerufen, und die Marſchallin verkuͤndigte ihm ſein Gluͤck, was er mit dem vollen Entzuͤcken eines jungen, verliebten Mannes aufnahm. Damit mußte er ſich jedoch vorläufig begnuͤgen; denn die Gräfin d'Aubaine wollte ihre Tochter, wie ſie ſagte, erſt auf den Beſuch ihres Verlobten vorbereiten, und der junge Graf war genöthigt, die Abendtafel an der Seite Franziska's zuzubringen, ohne ſeine Gefuͤhle verrathen zu duͤrfen. Als man ſich fuͤr die Nacht getrennt hatte, be⸗ ſchied die Graͤfin d'Aubaine ihre Tochter nach ihrem Zimmer, und hier erfuhr die ungluͤckliche Franziska, daß ſie mit dem Grafen Crecy verlobt ſei! Die Gra⸗ fin d'Aubaine ſah, wie ihre Tochter unter ihren Wor⸗ ten erbleichte und mit truͤben, hinſterbenden Blicken das muͤtterliche Auge ſuchte; ſie eilte daher, ihr Alles zu ſagen, was ſie fuͤr hinreichend hielt, die mißgeleite⸗ ten Wuͤnſche derſelben auszulöſchen, und es erfolgte eine Erklärung über Reginald, nach der Angabe der Marſchallin, Das war zu Viel! Denn Franziska war in den Anſichten ihres Standes erzogen; ſie wußte, daß es gegen einen ſolchen Makel der Geburt, wie hier an⸗ gedeutet war, keine Rettung gab— daß der Tod ſie nicht ſicherer trennen koͤnnte, als ſolche Stellung zum Leben. Aber dieſer Gewißheit gegenuͤber ſtand Regi⸗ nalds Bild in einer Bevorrechtung der Natur, die ieden Vorzug, den ihr Herz und ihr Verſtand ihm eingeräumt, ſo vollſtändig rechtfertigte, daß ſie ſich 244 ſagen mußte, ein Irrthum ſei es nicht geweſen, nur ein entſetzliches Schickſal! Dies Gefuhl erfaßte ſie mit vollſter Stärke, und ſchluchzend ſtuͤrzte ſie zu den Fuͤßen ihrer Mutter. Ob die ſanfte Gräfin d'Aubaine ihre Tochter ganz verſtand, bleibt dahin geſtellt; vielleicht glaubte ſie auch, Franziska weine aus Beſchämung;— und es waren milde, guͤtige Worte, die ſie, muͤtterlich erweicht, ziemlich in's Ungewiſſe hinein uͤber die heftig Weinende ſprach. Jedenfalls erzeigte ſie ihr die Wohlthat, ihre Thränen nicht durch voreilige Ermahnungen zu hemmen;— und ſo weinte die Ungluͤcktiche die erſte Herbigkeit des Schmerzes vor ihrer Mutter aus. Wie die Nacht geweſen, die dieſer ſpäten, traurigen Entdeckung folgte, war dem leicht zu errathen, der am anderen Morgen das bleiche Antlitz der ſchoͤnen Franziska erblickte. Aber es ward theils mit Abſicht, theils aus Unbefangenheit uͤberſehen; die Verlobung der beiden jungen Leute ging vor ſich, und Franziska ſah in einem träumeriſch betäubten Zuſtande ſo ruhig und kalt, wie ihre Hand in die des ungeliebten Juͤnglings uͤberging, als ſehe ſie einer fremden, ihr durchaus gleichguͤltigen Ceremonie zu. Wenn Etwas dieſen Schritt Franziska erleichterte und Etwas dem Gluͤcke des jungen Gra⸗ 45 fen Crecy fehlte, ſo war es die Abweſenheit Regi⸗ nald's, die ſchon am Abende vorher bemerkt ward. Fuͤr den andern Morgen war die Abreiſe Beider feſtgeſetzt, und ſein ploͤtzliches Verſchwinden um ſo auffallender, da er Ludwig nichts daruͤber geſagt hatte und die Mittagstafel bereits voruͤber war. Froſtig ging Graf d'Aubaine endlich auf die Bitten ſeines neuen Schwiegerſohnes ein, nach dem jungen Manne auszuſenden; und da auch dieſe Boten gegen Abend, ohne Nachricht von ihm zu bringen, zuruͤckkehrten, ließ ſich Graf Ludwig durch Nichts abhalten, ſeine Nachfor⸗ ſchungen ſelbſt anzuſtellen. Auch ſollten dieſe gluckli⸗ cher ſein; denn Reginald's Vorliebe kennend, eilte der Graf zuerſt in den Wald, der an den Park grenzte, und hier wohlbekannte Signale und Anrufungen gebend, er⸗ hielt er ungefaͤhr in der Mitte des Waldes, an einen alten Steinbruch gelangt, die wohlbekannten Antworten. Außer ſich vor Freude, ſturzte er der Gegend zu, woher er die Antwort vernommen, und in demſelben Augenblicke flog Reginald, aus der entgegengeſetzten Richtung des Waldes kommend, ihm entgegen. Beide ſtuͤrzten ſich in die Arme, als wären ſie Jahre getrennt geweſen, und noch inniger ſelbſt, als Ludwig, ſchien Reginald's Liebe und Zärtlichkeit von einer ungewoͤhnlichen Stimmung angeregt.„O, Lud⸗ 46 wig, geliebter, theurer Ludwig, wie gluͤcklich macht mich Deine Liebe, Deine Treue, ſelbſt wenn ſie Dir Sorge verurſachte!“— So beantwortete er die zärtlichen Fragen und Vorwuͤrfe des Grafen, und Arm in Arm erreichten ſie eben eine offene Stelle des Waldes, wohin der Mond mit Tageshelle ſchien. Hier hielt Re⸗ ginald an und wendete den Grafen gegen den hellen Schein des Mondes Sum ihn anzublicken, als habe er ihn noch nie geſehen!— Zur ſelben Zeit bemerkte der Graf, wie bleich und veraͤndert Reginald war— wie heftig bewegt ſein Inneres— wie er kaum ſich zu faſſen wußte.„Reginald,“ ſprach er,„Dir iſt etwas Beſonderes geſchehen!“ „Morgen! morgen!“ rief Reginald, und warf einen bedeutungsvollen Blick auf das Gefolge, das der Graf mit ſich gefuͤhrt, und beſonders auf den Kammer⸗ diener des Marquis de Souvré, der ſie mit Fhet Blicken verfolgte. Doch Ludwig hatte dem geliebten Vertrauten ſelbſt ſo Viel zu ſagen, daß er befahl, man ſolle voran gehen und ihre gluͤcklichen Erfolge den Herrſchaften anzeigen. Aber auch, als Beide allein waren, ſchien es Reginald unmoͤglich, ſeinen Bericht zu machen. „Schone mich, Ludwig!“ ſprach er—„ich habe ſo Ungeheures erfahren, daß ich wie verwirrt von der 4⁵ erlebten Aufregung bin; doch ſei gewiß, das, was ich erfuhr, kettet uns nur noch inniger, noch feſter an⸗ einander; es beſtaͤtigt unſere innige Liebe und wird großes Unrecht verſoͤhnen!“— „Das bin ich gewiß, daß Nichts unſere Liebe be⸗ eintraͤchtigen kann, theurer Reginald— darum fragte ich nicht; nur voll Erſtaunen bin ich, daß Du etwas erleben konnteſt, was Dich ſo befhnders betrifft!“— „Es betrifft mich nicht beſonders! Es enthalt Dein, wie mein uns bis jetzt vorenthaltenes Schick⸗ ſal!— Doch laß' mich— es preßt mir das Herz ab.— Nur das Eine hoͤre noch ich mache Dir Be⸗ dingungen— die eine iſt, daß wir Beide uͤber Ste. Roche nach Paris gehen, daher noch in der Nacht ab⸗ reiſen— und daß wir uͤber dieſen Umweg das tiefſte Schweigen beobachten; denn erfaͤhrt die Marſchallin oder Souvré unſere Abſicht, wurden wir auf jeden Fall daran gehindert werden.“ „Das iſt ſeltſam, Reginald!“ rief Ludwig— „und nur ungern gehe ich darauf ein, da jede Heim⸗ lichkeit mir ſchwer wird.“— „Auch mir, theurer Ludwig! Und doch habe ich es mir gelobt, Dich dahin zu bringen. Denke alſo, wie mich die Umſtande bewältigen muͤſſen, und löſe mein mir ſelbſt gegebenes Wort!“ 48 „Das will ich— es ſei beſchloſſen, und weiter keine Rede davon!“ rief Ludwig;—„und da Du mir fuͤr den Augenblick ſo wenig zu ſagen vermagſt, ſo hoͤre denn, wos mich verlangt, Dir auszuſprechen. Ich— Reginald, bin gluͤcklich! Seit heute Morgen iſt mir Franziska verlobt, und Nichts hat meinem Gluͤcke gefehlt, als Du— Deine Abweſenheit war mir 6 unertraͤglich!“ Heftig fuhr Reginald an Ludwig's Seite zuſam⸗ men— er blieb ſtehen— er blickte zu ihm auf. Der Weg, auf dem ſie jetzt wandelten, war wieder dunkel— er ſah den Gluͤcklichen nur undeutlich, der ahnungslos den Liebling toͤdtlich getroffen.„Franziska, Franziska Dir verlobt?“ rief er gebrochen.„Es iſt nicht moͤglich! Noch geſtern— nein, Ludwig— nein, Du neckſt mich— es iſt nicht möglich— nein! Franziska kann Dir nicht verlobt ſein— ſage nein! Sage die Wahrheit— der Scherz iſt zu grauſam!“ „Was iſt das?“ rief Ludwig ahnend und er⸗ ſchrocken.—„Reginald faſſe Dich! Sprich offen, deutlich zu mir— Gott, welche Ahnung! Warum * erfuͤllt Dich mit Schreck und Schmerz, worin ich nur Veranlaſſung zur Freude fuͤr Dich waͤhnte?“ „Sage mir,“ ſprach Reginald—„verlobt biſt Du? Sie hat ſich Dir verlobt— ſie hat Dir ihre 6 49 Liebe geſtanden?— Antworte, Sig oder ich ver⸗ liere den Verſtand!“ „Nein, Reginald, nicht ſie— ſie hat ſich mir weder verlobt, noch mir ihre Liebe geſtanden— und jetzt fuͤhle ich erſt, was das ſagen will— jetzt erſt erkenne ich, wie mich die eigenen Wuͤnſche verblendet haben; da ich die von den Eltern vollzogene Verlo⸗ bung fuͤr die Erfuͤllung meiner Wuͤnſche hielt! O Re⸗ ginald, was haben wir gethan, ſo innig uns geliebt und doch das Wichtigſte uns verſchwiegen! O, ſage mir— ſage, was ich ahne— Du beſitzeſt mehr, als ich, in dieſer Verlobung?“ „Ludwig,“ rief Reginald, an ſeine Bruſt ſtuͤr⸗ zend,„ich beſaß ihr Herz;— ſchon vor zwei Jahren gelobten wir uns Treue— ſchweigen mußte ich auch gegen Dich; denn ſie verlangte es ſo!“ „Aber jetzt, jetzt,“ ſtammelte Ludwig—„ ſprachſt Du ſie nach Deiner Ruͤckkehr?“— „Noch geſtern geſtand ſie mir ihr unverändertes Herz!“— Ludwig wendete ſich von ihm, und heiße Thra⸗ nen ſtürzten aus ſeinen Augen.„Ich verſtehe Alles,“ ſagte er gebrochen—„ihr todtenbleiches Angeſicht— ihre lebloſe Ergebung— Gott, warum erkannte ich es nicht früher!“ 50 Es entſtand eine ſchmerzliche Pauſe— dann er⸗ hob ſich Ludwig zuerſt, und den Liebling ſuchend, ſank er an ſeine Bruſt. „Ludwig,“ ſagte Reginald—„wir koͤnnen jetzt keinen Entſchluß faſſen, als den einen, uns nicht fremd zu werden und gemeinſchaftlich, treu und red⸗ lich mit jedem Opfer das theure Weſen zu ſchuͤtzen! Wie es kommen mag, ich weiß es nicht! Aber wenn ſie ihren Eltern gehorſam ſein muß, ſo rechne auf mich, ich werde dann allein zu leiden ſuchen;— kon⸗ nen wir ihr Herz retten, ſo verbinde Dich mit mir zu gleicher Verzichtleiſtung!“ „So ſei es!“ rief Ludwig, erhoben und getrö⸗ ſtet durch einen edeln Entſchluß, der ihn nicht von dem Freunde trennte, ſondern nur noch inniger mit ihm verband. Beide hielten hier innez denn ein Ge⸗ raͤuſch, wie das eines Davoneilenden, ließ ſie fuͤrch⸗ ten, belauſcht worden zu ſein. Ihrem Anrufe erfolgte jedoch keine Erwiederung, und ſie waren zu lebhaft durch ſich ſelbſt beſchaͤftigt, um lange bei diſ Stoͤ⸗ rung verweilen zu koͤnnen. Sie kamen erſt ſpat nach dem Schloſſe von Ardoiſe zu⸗ ruͤckz nur der Graf d'Aubaine war noch im Geſellſchafts⸗ ſaale; er empfing Beide etwas trocken und ſchien einige Worte der Entſchuldigung von Reginald kaum zu beachten. Ludwig fuͤhlte augenblicklich die Kraͤnkung füc den Freund und gewann dadurch mehr Sicherheit, dem Grafen ihre ſchnelle Abreiſe anzukuͤndigen und ihm die Empfehlungen an die Damen zu uͤbertragen. Es ſchien den Grafen d'Aubaine ſichtlich zu beleidi⸗ gen; und nachdem er einige Verſuche gemacht, dieſen Eindruck hervorzuheben, wiberſprach er ihrem Vorſatze nicht und nahm augenblicklich Abſchied. So trennte man ſich in ſehr ſeltſamer Stim⸗ mung, und die des lebhafteſten Erſtaunens, von Seiten des Grafen d'Aubaine, war in mehr als einer Hinſicht gerechtfertigt; denn die jungen Leute ahnten in ihrer großen Gemuͤthsbewegung nicht, wie auffallend ihr Betragen war. Schon ihr Aeußeres konnte befremden, da es bei Reginald beſonders eine große Aufregung zeigte und ſolche todtliche Bläſſe und Entſtellung ſeiner Zuge, daß der Graf ihn als einen Verzweifelten anſehen mußte und ſehr betrubt war, wenigſtens einen Theil dieſer Stimmung auf Ludwig uͤbertragen zu ſehen, deren Urſache zu erra⸗ then, ihm allerdings mit einigem Widerſtreben moͤg⸗ lich ward. Auf ihren Zimmern angelangt, hoͤrten die jungen Leute, Graͤfin Franziska ſei erkrankt, doch bereits in beſſerem Zuſtande. 4* 52 „Vor allen Dingen muͤſſen wir fort,“ rief Lud⸗ wig ſchmerzlich—„das ſehe ich ein. In Paris muͤſ⸗ ſen wir mit Fenelon und dem Vater Alles beſchließen!“ „O, warum lebt Deine Mutter nicht mehr!“ ſeufzte Reginald ſchmerzlich.—— In derſelben Nacht verließen die jungen Leute mit ihrem Gefolge Ardoiſe, und wechſelten von da an in raſtloſer Anſtrengung die Pferde, ſo oft ſie deren fin⸗ den konnten, um, wo moͤglich, noch am andern Abend Ste. Roche zu erreichen. Während dieſer traurigen Reiſe verſuchte Regi⸗ nald ſeine Bewegung ſo weit zu uͤberwinden, um ſei⸗ nem Freunde eine Erklaäͤrung dieſes heimlichen und be⸗ eilten Schrittes geben zu können. Aber es ward ihm ſchwer; denn er ſchien ganz uͤberwaͤltigt von beſonders inniger Zärtlichkeit gegen Ludwig, und von einer Weh⸗ muth— von einer innern Angſt verfolgt, die ihn mehr geneigt machte, den Augenblick in ſtummer Hin⸗ gebung zu durchleben. Gebrochen— in Zwiſchenräu⸗ men trat endlich hervor, was wir hier im Zuſammen⸗ hange mittheilen wollen. An dem Abend, als Reginald zuerſt vermißt ward, hatte ihm ein Diener des Hauſes gemeldet, es ſei ſo eben ein Bote im Schloſſe geweſen, der ihn geſucht, um ihm zu ſagen, daß im Walde am Förſterhauſe 53 Jemand auf ihn warte, der ihn beſchwoͤre, augenblicklich dort hinzukommen. Da Reginald vor der Abendtafel keine Hoffnung hatte, Franziska d'Aubaine im Salon zu ſehen, ſo ſchien ihm der Waldweg eine anmuthige Zerſtreuung; auf das Geheimnißvolle dieſer Aufforderung gab er ſehr wenig Acht, dagegen bedenkend, daß er, um den Waldweg zu erreichen, den Theil des Schloſſes be⸗ ruͤhren mußte, wo Franziska wohnte. Auch gelang ihm, was er gehofft; die Thuͤren nach dem niedrigen Balkon waren geoͤffnet— von fern ſchon ſah er den blaß⸗blauen Atlas ihres Kleides und die weißen Ro⸗ ſen in ihren dunkeln Locken. Dieſe Kleidung war an ſich wie ein Zeichen der Treue; denn er hatte ſie zu⸗ erſt darin geſehen, und ſie wußte, wie ſehr er ſie liebe. Als ſie ihn bemerkte, und er, von Zweigen gedeckt, auf's Knie ſank und die Hände aufhob, wie um ein Zeichen ihrer Liebe bittend, ſah er, wie ſie eine von den Roſen loͤſte, dann Haͤrchen aus ihren Locken an einander knuͤpfte, an denen ſie die zarte, weiße Roſe langſam uͤber den Rand des Altans herabſchweben ließ, um dem Gluͤcklichen Alles zu geben, was er glaubte nöthig zu haben.— Froh entfloh er in der Richtung nach dem Forſthauſe. Wir werden ihm vergeben muͤſſen, daß er ganz * 5 54 vergeſſen hatte, was er dort ſollte, und als er eintraf, ſich erſt beſinnen mußte, was der Foͤrſter damit wollte, daß er ihn nach hinten hinaus, in ein kleines, abgele⸗ genes Stuͤbchen 6 Doch erkantke er, noch geblendet und deshalb nicht recht ſehend, wenigſtens ſogleich die helle, ſchnei⸗ dende Stimme mit dem breiten, entſtellenden Dia⸗ lekte, die augenblicklich anhob:„bloß um meiner Mutter gehorſam zu ſein, bin ich hier; denn die Art, wie Ihr mich das erſte Mal abwieſet, war gaͤnzlich hinreichend, mich von ſolchen Sendungen abzuhalten!“ „Miß Ellen Gray!“ rief Reginald—„wie bin ich uͤberraſcht, Euch hier zu finden!“ „Ueberraſcht oder nicht,“ erwiederte ſie ſchmollend; —„es iſt Eure Angelegenheit, nicht die meinige, um deretwegen ich hier bin— und ich heiße, wenn's Euch beliebt, nicht Ellen Gray, ſondern Madame St. Albans.“— „Verzeiht, Madame, und ſeid meiner Dankbar⸗ keit gewiß! Auch rechnet mir nicht zu, wenn ich Euch beleidigt habe; denn ich erinnere mich, daß Ihr mir vor meiner Abreiſe eine Mittheilung machtet, die meine unbedachtſame Jugend uͤberhört hat.— „Ja, ja, überhoͤrt!“ rief ſie heftig—„uͤber⸗ hoͤrt, weil natuͤrlich eine ſo unbedeutende Perſon, wie Ellen Gray, nichts mitzutheilen haben konnte, was wichtig genug war, um es zu behalten.“ „Vielleicht,“ erwiederte Reginald, herzlich gelang⸗ weilt durch dies Betragen—„vielleicht kann ich jetzt gut machen, was ich damals verſchuldete, und Euern ungerechten Verdacht widerlegen.“ „Das will ich wuͤnſchen!“ rief ſie, ploͤtzlich in einen jener Thränenſtroͤme ausbrechend, die ſo leicht die Theilnahme entkräften, da ſie ein Gemiſch von Ruͤhrung und jener gewoͤhnlichen, weiblichen Empfind⸗ lichkeit ſind, die, ohne Erweichung der Geſinnung, mehr ein fortgeſetzter Verſuch zu zuͤrnen iſt—„und glaubt mir,“ fuhr ſie fort,„es wird Euer Schade nicht ſein; denn“— und ſie ſchluchzte noch immer—„meine Mutter, die Wärterin Eurer Kindheit, die Ihr ſo ſchoͤn vergeſſen habt, daß Ihr auf ihre Bitten nichts geben wolltet das erſte Mal, dieſe laͤßt Euch auffordern, mir augenblicklich nach dem Kloſter Tabor zu folgen, bis wohin ſie Euch entgegenkommen wird.“ „Jetzt? heute?“ rief Reginald erſtaunt.— „Iſt das wieder zu Viel verlangt? Paßt es wie⸗ der nicht? Habt Ihr gar keine Verpflichtungen, als Euch dort bei den hochmuͤthigen Leuten zu vergnuͤgen?“ „Ihr thut mir Unrecht, Madame St. Albans! Ich bin gegen die Verpflichtung, der Waͤrterin meiner 56 Kindheit dankbar zu ſein, nicht gleichgultig. Aber Ihr z durft, ohne ungerecht zu werden, nicht uberſehen, daß meine Entfernung ſehr unhöflich ſein wuͤrde, da wir. nur zwei Tage bleiben koͤnnen.“ „Ach, meine arme, arme Mutter!“ rief Madame St. Albans mit einem ſo wahren Ausdrucke von Schmerz, daß jetzt erſt Reginald's Theilnahme erregt ward.—„Sie uͤberlebt es nicht, wenn ſie abermals ge⸗ täuſcht wird! Herr, ich bitte Euch— uͤberlegt, was Ihr thut! Wenn Ihr die Frau kenntet, die Euch begehrt, da wuͤrdet Ihr gehen, ſo weit ſie Euch riefe. Seht, ſie ſagt nie ein Wort umſonſt, und Jeder, der ſie kennt, ge⸗ 5 horcht ihr. Da ſie nun Euch fordert, wie noch nie einen Menſchen— da ſie mich ſchickt, Euch zu treiben — und ſo voll Todesangſt iſt, als hinge Euer Leben daran— da ſeid ſicher, es iſt wichig.— Laßt Alles, Al⸗ les fahren und brecht auf mit mir; ich habe im Walde ein kleines Fuhrwerk aus dem Kloſter; fahren wir gleich ab, können wir noch in der Nacht eintreffen, und Ihr koͤnnt um Mittag wieder zuruͤck ſein!“ Reginald ſchwankte. Mit einem Male— ₰ wußte ſelbſt nicht, ob durch Ellen's Gruͤnde oder ob aus freier Wahl— fuͤhlte er ſich getrieben— er ſagte„ es ihr und wollte den Foͤrſter auf das Schloß ſchicken, ihn zu entſchuldigen. Doch dem widerſetzte ſich Ellen auf das Beſtimm⸗ teſte. Niemand duͤrfe ihre Anweſenheit ahnen, das gerade habe die Mutter beſtimmt geboten, und auch der Förſter, der ihrer Mutter zugethan ſei, werde nicht gegen ihre Befehle handeln. Nach einigen Minuten ſaß er neben Ellen in einem kleinen Wägelchen, in welchem die Moͤnche zu ihren Pfarrkindern fuhren, und rollte raſch dem Kloſter Tabor zu, ohne von Ellen's Unterhaltung belaͤſtigt zu werden, die in einem uͤbellaunigen Schweigen verblieb, gelegentlich ihre linkiſche Empfindlichkeit darthuend. Doch graute der Morgen bereits, ehe Beide das alte Kloſter erreichten, von deſſen Bewohnern ſie freund⸗ lich empfangen wurden und benachrichtigt, daß Miſtreß Gray bereits angekommen ſei und ihrer in den Ge⸗ maͤchern des Priors harre.— Als Reginald in das hohe, gewoͤlbte Gemach eintrat, das vollſtändig den Reichthum bezeichnete, welcher dem Oberhaupte der Abtei zuſtand, ſah er den ehrwuͤrdigen Prior vor einer Frau ſtehen, die in einem hohen Lehnſtuhle vor ihm ſaß, ein bleiches, abgezehrtes, ſtrenges Antlitz zu ihm aufhob und, wie es ſchien, ſehr mißfällig ſeinen Worten zuhoͤrte. „Bedenkt und uͤberlegt wohl, was ich Euch ſagte,“ ſprach er, wie zum Weggehen bereit—„ein Wort iſt bald geſprochen;— aber das Geſprochene nie zu widerrufen. Sobald der Andere es vernommen, iſt es ſein Eigenthum mit allen ſeinen Gefahren, mit allen Folgen, die kein Wort mehr abzuhalten vermag.“ Die Frau neigte kalt das Haupt.„Ihr habt Rath ertheilt, wie es Euch trieb, und Ihr hattet Recht dazu— ich thue gleichfalls, wie es mich treibt, und thue gleichfalls Recht!“ Der Prior hoͤrte dieſen ſchroffen Worten, die noch durch den trockenen Ton der Stimme und eine mangelhafte Ausſprache verſtaͤrkt wurden, mit einem leiſen Schuͤtteln des Kopfes zu; aber in ſeinem Blicke lag zugleich die Hoffnungsloſigkeit, dieſen feſten Sinn zu ändern. „So ſei Euch Gott gnädig und ſegne Eure Vorſaͤtze!“ ſprach er ſie gruͤßend und blieb, indem er ſich wendete, uberraſcht vor Reginald ſtehen, der an der Seite des Laienbruders, der ihn gefuͤhrt hatte, im Hin⸗ tergrunde des Gemaches ſtehen geblieben war.„Ich glaube, Miſtreß Gray,“ ſprach er ſich umdrehend— „dies iſt Euer Zögling!“ Die ungluckliche Frau folgte der Richtung, die der Prior ihr gab;— und wie hätte ſie ihn verkennen können, der in jedem Zuge Fennimor's Sohn war! Sie richtete ſich heftig in ihrem Lehnſtuhle auf, 59 als wollte ſie ihm entgegen; dann hielt ſie ſich plotzlich an ſeiner feſten Lehne und ſtarrte Reginald an, der ſich ihr mit dem freundlichen Lächeln nahete, das ihn Fen⸗ nimor nur noch aͤhnlicher machte. „Um Gott, Madame,“ rief der Prior jetzt, „faßt Euch— und ſetzt Euch!“— Die Geſtalt der fruh Gealterten wankte, und ihre Augen ſchloſſen ſich. Der Prior unterſtutzte ſie beim Niederſetzen; aber er ſah, ſie kaͤmpfte mit einer Ohnmacht, und der wohl⸗ wollende Mann hielt ihr ſelbſt ein erfriſchendes Elirir vor, das auch bald die ſtarken Lebensgeiſter dieſer heftig empfindenden Frau ſammelte. Unwillig faſt wies ſie die Bemuͤhungen zuruͤck;— ſie ſchien von ihrer Schwäche überraſcht und ihr zurnend.„Laßt das,“ ſagte ſie rauh—„es war Nichts! Schwäche in den Fuͤßen— die Reiſe— ſo Etwas bin ich nicht gewohnt — es war ein Schwindel.“ „O, gute Liebe,“ rief hier Reginald, der ihr Bild wie einen Traum in ſich auftauchen fuͤhlte—„ſieh' mich doch nur an— Du mußt mich gewiß wieder⸗ erkennen, da ich es vermag! Sag', heißt Du nicht Emmy?“ Die harte Frau zuckte bei dem erſten Tone ſeiner ſanften, liebevollen Stimme zuſammen. Der Prior trat ſeitwaͤrts, und Emmy ſah den Juͤngling dicht 60 neben ihrem Stuhle knien und das volle Morgenlicht jeden Zug ſeines ſchönen, ihr ſo erinnerungsreichen Angeſichtes erhellen. Sie legte die Hand auf ſeine vollen Locken, und ihre Augen wurzelten prüfend auf ſeinen Zuͤgen. Sie vergaß ſich gaͤnzlich ſelbſt; ſchmerz⸗ lich ſtöhnend, hob ſich zuweilen ihre Bruſt, und große Thränen rollten einzeln uͤber ihre Wangen; aber ſie ahnte nicht, wie ſie ihre Gefuͤhle darthat. Reginald mit ſeinem edeln, verſtehenden Herzen ſtorte ſie nicht; liebevoll lächelnd, hielt er das lange Examen ihrer troſtloſen Augen aus, ohne ſich zu regen; nur der Prior ſtörte endlich dieſe ſtumme Scene, die er nicht mehr verſtand. Mit ihrer alten, kecken Weiſe fuhr jetzt Emmy, wie ſie ihn, den Vergeſſenen, als Zeugen ihrer Em⸗ pfindungen ſah, ohne Bedenken auf:„Ihr hier, Prior? Ich dachte, Ihr hättet mir ungeſtörtes Beiſammenſein zugeſagt?— Nun, es ſei! Wenn wir hier zu viel ſind, ſo weiſt uns einen andern Platz an.“ „Beruhigt Euch,“ laͤchelte der Prior gutmüthig, „ich werde gehen, und Ihr ſollt nicht weiter er werden.“ Zeit wartet nicht auf uns!“ Als der Prior ſich zuruͤckgezogen hatte, ſprang „Nun ſo thut das,“ rief ſie ungeduldig—. 61 Reginald von ſeinen Knieen auf und fiel der voll⸗ ſtändig wieder erkannten, alten Waͤrterin mit dem Ungeſtuͤme eines Kindes um den Hals.„O Emmy, liebe Emmy, wie habe ich Dich ſo vergeſſen koͤnnen, da mir Alles einfaͤllt, nun ich Dich wiederſehe? O, wie danke ich Dir, daß Du mich gezwungen haſt, Dich zu ſehen— wie von Herzen froh werde ich nun ſein, mit Dir ſchwatzen zu koͤnnen— all' die lieben Erinnerungen meiner Kindheit mit Dir zu ſammeln!“ Emmy's Geſicht bekam faſt einen Ausdruck, als wollte ſie laͤcheln; aber zu tief hatte ſie den Schmerz ſich mit jeder Faſer ihres Weſens verketten laſſen— es ging nicht mehr! Selbſt die Wonne, die der Anblick dieſes Lieblings ihr gab, riß nur in heftigen Erſchutterungen erſtarrte Schmerzen wieder lebendiger hervor. „Reginald! Reginald! geliebtes Kind! theures Andenken Deiner ſeligen Mutter!“ rief ſie—„wir haben Wichtigeres— Ernſteres zu thun! Lange— lange ſchon mußteſt Du wiſſen, was ich Dir erſt jetzt ſagen kann;— aber die Barbaren riſſen Dich von mir; denn ſie fuͤrchteten, was in meine Gewalt gegeben war Dir zu ſagen. Wo ſollte ich Dich finden in dem ſchrecklichen Sodom, wohin ſie Dich ſchleppten 62 — und als Ellen Dich ſah, Du zuerſt in meine Nähe gekommen warſt— da haſt Du Dich geweigert, meinem Gebote zu folgen. Die thoͤrichten Leute dort hielten Dein Herz feſt, und Du vergaßeſt Deine Pflicht gegen mich!“— „O vergieb doch nur und halte mir nicht mehr vor, was mich ſo tief betrubt. Sieh', ich hatte Dich ja vergeſſen!“— „Vergeſſen! vergeſſen“— wiederholte Emm bitter—„vergeſſen! Das iſt eine Ader aus dem Herzen Deines Vaters— Deine Mutter wußte davon Nichts. Ha, junger Burſche, wenn ich dächte, Du haͤtteſt noch mehr von dieſem Vater in Dir!“ Sie ſtarrte ihn ſo wild an, daß er faſt davor ſchauderte. „Sag' mir, Emmy,“ hob er an, um ſie zu zerſtreuen—„kannteſt Du meinen Vater ſo gut— und willſt Du mir von beiden Eltern ſagen, von denen ich nie erfuhr?“— „Das will ich, mein Sohn! Darum kam ich her und entbot Dich zu mir. Aber freue Dich nicht darauf;— was Du hoͤren wirſt, wird Deinen Herz⸗ ſchlag hemmen und Deine Jugend welken laſſen. Und doch mußt Du es wiſſen; denn Du mußt Recht fordern für Deine Mutter, von Deinem Vater entehrte Mutter!“ 6 63 „O Emmy,“ rief Reginald, von ihrer Stimmung unſicher gemacht und an ihren klaren Sinnen Zweifel bekommend;—„ſchone die Todten! Er wird ſchon vor Gott das ewige Gericht erfahren haben, hat er gefehlt;— laß' den Sohn nicht Richter werden uͤber den Verſtorbenen!“ „Den Verſtorbenen?“— rief Emmy heftig— „ha, Gott hat ihm zu ſeiner Strafe das Leben ge⸗ laſſen.— Ja, er lebt; und ich hoffe ſo elend, wie er es verdient! Sag' mir,“ fuhr ſie fort, ohne von Regi⸗ nald's Entſetzen Kenntniß zu nehmen—„ſag' mir, ob ſie mir recht geſagt hat, das plappernde Ding, die Ellen, lebt der Graf Crecy in finſterer, menſchenfeind⸗ licher Zuruͤckgezogenheit und findet weder Troſt, noch Freude?“ „Was willſt Du mit ihm, Emmy?“ rief Reginald bebend;—„was kuͤmmert Dich der ungluͤckliche Mann, der mein Wohlthäter war von Jugend auf, und deſſen Truͤbſinn ich ſchmerzlich s „Ha, ſchweig',“„und ſpare Dein thoͤricht Mitleiden! Dieſer Wohlthaͤter, wie Du ihn zu nennen wagſt, iſt der Raͤuber Deines Namens, Deines Ranges— der Mörder Deiner Mutter— der groͤßte Boͤſewicht der Erde und Dein rechtmaͤßiger Vater— F ſ erſtgeborner, ehelichet Sohn!“ *— 64 Mit einem Schreie ſprang Reginald von ſeinem Platze auf— wild, außer ſich, ergriff er Emmy— er ſchuͤttelte ſie mit einer Kraft, daß ſie bebte, und bleich, mit Schweißtropfen die Stirn bedeckt, ſchrie er auf, als wolle ihm das Herz brechen.„Weib, Du biſt wahnſinnig!“ ſtieß er endlich hervor—„oder Du luͤgſt— wo bin ich— wer rettet mich vor dem Gifte ihrer Worte!“ Er ſtuͤrzte zu Boden und ver⸗ huͤllte ſein Angeſicht. Emmy ſah dem Allen ohne Erſchuͤtterung zu, wie einem laͤngſt Erwarteten— Unabweislichen. Endlich ſagte ſie faſt ruhig:„Ja, ja, Du haſt Recht— es wäre beſſer, ich waͤre wahnſinnig— beſſer ſelbſt, ich löge— als daß es Wahrheit, ſchreckliche Wahrheit iſt! Auch war es nah' daran, mein Kind— und nur Du haſt mich vor Wahnſinn bewahrt, nur Dein un⸗ ſchuldig Kinderauge, Dein Laͤcheln, Dein erſtes Stam⸗ meln, Deine kleinen Schritte— daran blieb ich ein Menſch!“ Sie ſeufzte tief und ſchwieg, ruhig, wie es ſchien, den erſten Schmerz in Reginald abwartend. Sie brauchte nicht viel Zeit; er ſprang empor, gereizt von der angeregten Qual. Aber ſie hatte Recht geſagt ſein Herzſchlag war gehemmt— ſeine Jugend ſchien zu welken! 9 „Gieb mir Rechenſchaft,“ ſagte er hohl—„be⸗ 65 weiſe! Es iſt ſchwer— ſehr ſchwer, was Du da ſagſt — das toͤdtet Viele;— und ich— ich kann dann nie wieder froh ſein!“ „Was liegt an Allen!“ ſagte Emmy hart— „wenn Du nur Deine Mutter raͤchſt— wenn Du nur, Du einzig rechtmäßiger Graf Crecy, dieſen Na⸗ men wiederforderſt und ihn behaupteſt, um der Ehre Deiner Mutter willen!“ „Und der jetzige Graf Crecy, Ludwig?“ rief Re⸗ ginald mit Schmerzenslauten.— „Iſt ein Baſtard! Ein verworfenes, von allen Ge⸗ ſetzen im Himmel und auf Erden verdammtes, recht⸗ loſes Kind!“ „Aber mein Bruder!“ rief Reginald.— „Mein Bruder!— Ludwig mein Bruder!“ Die⸗ ſer Gedanke rettete ihn. Es war der Sonnenblick der Liebe, der dies in der Erſtarrung ſeufzende Herz ſeinem Elemente zuruͤckgab. Ludwig war ſein Bruder; — welch' eine Wonne! O, vergeben wir ihm, daß er weniger Sohn als Bruder war! Sollte er doch jenes um den fuͤrchterlichen Preis des Haſſes und der Rache werden— ſchien ihm doch der Bruder der einzige Troſt dieſes entſetzlichen Augenblickes! Mißbilligend betrachtete ihn Emmy Gray. Er ntſprach ihrem zuͤrnenden Herzen nicht. Sie hatte Ste. Roche II. 5 keinen Maaßſtab fur ein junges, edles Gemuth, von boͤſer Sucht noch unberuͤhrt. Doch faßte ſie ſich. Noch kannte er das Schickſal ſeiner Mutter nicht;— damit mußte ihm die Stimmung kommen, die ſie erwartete. „Setze Dich,“ ſagte ſie gebietend—„wir haben noch Viel vor uns— Viel— Viel mußt Du hoͤren— mit vollen, klaren Sinnen hoͤren und wohl bewahren in Deinem Gedaͤchtniſſe, damit Du den Teufelskuͤnſten ſtehen kannſt, die Dir entgegen treten werden.“ Schaudernd folgte Reginald ihrem Gebote. Der jähe Zuſtand, den das bis jetzt Erfahrene in ihm er⸗ regt, ließ ihn keine Richtung feſthalten; er beſchloß, das, was er hören muͤßte, ſtreng zu prufen. Einer Un⸗ wahrheit beſchuldigte ſeine furchtende Seele die alte, gebietende Frau nicht; aber er dachte an eine Entſtel⸗ lung durch ihre leidenſchaftliche Stimmung. O, wie ſchoͤn und warm belebte ihn das jugendliche Verlangen, zu verſoͤhnen und zu entſchuldigen! Wir wiſſen, was ihm von Emmy Gray mitge⸗ theilt werden konnte; und indem wir hinzuſetzen, daß ſie Nichts verſchwieg, Nichts mit ihrem gegenwärtigen Verſtande verſaͤumte, was die Dinge zur anſchaulichen Thatſache erhob, werden wir begreifen können, wie Reginald ſich zuletzt um alle ſeine frommen Hoffnun⸗ —— „+— gen betrogen fand. Immer bleicher und bleicher wer⸗ dend, ſtarrte er die raͤchende Frau vor ſich an, in de⸗ ren harten Zuͤgen kein Hauch von Schonung oder Mitleiden neben der zornigen Anklage Raum fand. Das fruhe Alter hatte ihr Antlitz gefurcht, ihre Ge⸗ ſtalt gebeugt; ſie trug ſchwere, ſteife Trauerkleider, und ihre Bewegungen waren durch die Wichtigkeit der Ge⸗ danken, die ſie erfullten, tragiſch und edel. Eine ſolche Perſoͤnlichkeit unterſtuͤtzte, ohne daß er daruͤber zum Bewußtſein kam, was ſie ſagte. Reginald fühlte die Macht der Wahrheit; er hörte bloß noch, und nahm auf, was ſie ihm gab, er urtheilte nicht mehr daruͤber. Auch ſagte ſie nur die Wahrheit— ſie war inhalts⸗ ſchwer genug!— Als ſie geendet, wurzelte ihr durch⸗ dringendes Auge auf Reginald. Er ſprang auf und rief, die Haͤnde zum Himmel ſtreckend:„Mutter, Mutter, ich will Dein Sohn ſein vor Gott und Menſchen! O, ſieh' herab; denn ich bin damit dem Ungluͤcke geweiht!“ „Das Grab meiner Mutter will ich ſehen!“ rief er dann haſtig, zu Emmy gewendet—„Ste. Roche will ich ſehen!— Großer Gott, dieſen Namen trage ich!“ Er verſtummte;— dann fuhr er wieder auf— „Doch Ludwig bleibt mein Bruder— mein unſchul⸗ diger Bruder! Ha, Emmy, den werde ich ſchuͤtzen 8 2 68 und retten, der ſoll nicht entehrt und dem Auge der Welt zum Hohn werden— hoͤrſt Du, Emmyk Meine Mutter,“ rief er die Haͤnde zum Himmel hebend— „ich will den Bruder ſchuͤtzen und die damit ehren, die Deinen Sohn geſchuͤtzt und geliebt hat! Emmy,“ fuhr er fort—„morgen bringe ich Dir meinen Bru⸗ der, Du wirſt ihm ſelbſt Alles, Alles ſagen, wie mir“ „Ha, dem Baſtarde?“ rief Emmy—„dem, der Dich verdraͤngte von Deinem angeſtammten Platze?“ „Schweig!“ rief Reginald, mit der Heftigkeit des erſten Schmerzes—„und wage nicht, ihn noch ein Mal ſo zu nennen! Mein Bruderiſt Ludwig;— er ſoll ſo rechtlich geboren ſein, wie ich ſelbſt, und nur theilen will ich mit ihm!“ Emmy verbloͤdete einen Augenblick mit geheimer Luſt vor der heftigen Entſchloſſenheit des jungen Man⸗ nes. Es war ihr ſchon recht, daß er ſelbſt ihr Trotz bot, und ſie erlebte von dem Zöglinge gern, was, ſie von Niemandem duldete. „Die Dokumente, das Blatt des Kirchenbuches über die Vermaͤhlung meiner Eltern und meinen Tauf⸗ ſchein, den hebe mir auf. Ich muß Ste. Roche ſehen — ihr Grab— ihr Grab! O, ich habe Nichts fruͤher auf dieſer Welt zu thun!— Erſt ihr Grab,“ rief er—„und dann das troſtloſe Leben!“ — —% — Plotzlich ſiegte die Wehmuth; er brach in Thrä⸗ nen aus, und ſie, die ſelbſt keine mehr zu ihrer Erleich⸗ terung weinen konnte, ſah in tiefem, ernſtem Schwei⸗ gen zu, wie ſein junges, zertruͤmmertes Herz ſich ab⸗ arbeitete. Sie freute ſich dabei ſeines ganzen Weſens — wie ihn der Schmerz nicht entkraͤftet hatte, und wie er den Vater nicht ein einziges Mal genannt. Endlich ſprang er auf, er ſchuttelte die naſſen Locken aus dem Geſichte und nahete der alten Freun⸗ din:„Geh' zuruͤck nach Ste. Roche, Emmy, und er⸗ warte mich morgen dort;— ich komme mit meinem Bruder Ludwig— ich werde ihn vorbereiten; denn er hoͤrt das beſſer von mir; und uͤber ihrem Grabe wer⸗ den wir das Weitere beſchließen. Ich verſpreche Dir dabei, daß ich der Marſchallin und Allen, die es ihr verrathen koͤnnten, verbergen werde, wohin wir gehen; — ihr werde ich keine Einmiſchung geſtatten, daruber ſei ſicher.“ Es war die hoͤchſte Zeit, daß man ſich trennte, wenn Reginald Ardoiſe noch erreichen wollte, ohne Verdacht zu erregen; aber trotz ſeines ſchnellen Auf⸗ bruches war die Zeit unter den traurigen Mittheilun⸗ gen doch raſch verfloſſen, und Reginald erreichte erſt das Forſthaus, nachdem, wie uns bekannt, ſeine Ab⸗ weſenheit von Allen bemerkt worden war.— Was wir hier in ſeiner Folge ruhig nach ein— ander erzählten, trat in vielen Zwiſchenſätzen mit dem reichen Gefuͤhlswechſel in beiden Juͤnglingen, wie er nothwendig in dieſer Mittheilung begriffen ſein mußte, hervor;— aber in Beiden ſiegte die rein getheilte Freude, Bruͤder zu ſein; und ſo feſt, ſo ſicher waren ſie ſich, daß Keiner dem Anderen eine Verſicherung gab, Beide durch ihre Liebe geſchuͤtzt, die nur noch erhoͤhter, noch gerechtfertigter ſchien durch die neuen Bande. Die Außenwelt erinnerte ſie erſt wieder an ſich, als ſie zum Pferdewechſel die Gaftfreundſchaft des Klo⸗ ſters Tabor in Anſpruch nahmen. Der Himmel war nicht allein von dem nahenden Abend umduͤſtert— ein Gewitter hing mit ſchweren, bleifarbenen Wolken⸗ Gebirgen uͤber ihren Haͤuptern. Dringend luden die Monche die jungen Maͤnner zum Verweilen ein, ih⸗ nen den Weg durch die Wälder von Ste Roche in der Nacht faſt unwegſam ſchildernd; vergeblich waren dieſe Abmahnungen, Reginald wies ſie alle zuruͤck, mit dem duͤſteren und heftigen Ungeſtuͤme, den ſeine Erregung mit ſich fuͤhrte. Der gutmuͤthige Prior konnte endlich nichts thun, als ihren Wagen mit einigem Proviante zu fullen und die beſten Pferde und den kun⸗ digſten Wegweiſer hinzuzufuͤgen. Doch begriffen ſie bald ſelbſt die angedroheten 71 Schwierigkeiten, als ſie den Wald erreicht hatten. So lange die Blitze ihren Weg erhellten, zeigte ſich der Wegweiſer nuͤtzlich, und der Wagen bewegte ſich lang⸗ ſam vorwaͤrts; aber ſie hoͤrten auf, ohne daß der Mond durch die ſchwarzen Wolken dringen konnte, und jetzt ſtuͤrzte der Regen in Stroͤmen herab. Der Weg ward zum Gießbache, Fackeln und Windlichter erloſchen, und die Pferde an den Zuͤgeln fuͤhrend, be⸗ wegten die Leute den Wagen nur unter großen Schwie⸗ rigkeiten vorwaͤrts. Wie langſam und beſchwerlich ihre Reiſe unter ſolchen Umſtänden vor ſich gehen mußte, iſt leicht zu uͤberſehen. Oft ließen ſie halten, oft kehr⸗ ten ſie um, wenn ſie in voͤllig unwegſame Bahn ge⸗ rathen waren; und es glich mehr einem Wunder, daß ſie endlich das Ende des Waldes erreichten, als einem erwarteten Reſultat ihrer oft ſo vergeblichen An⸗ ſtrengungen. Mitternacht war indeſſen voruͤber, als ſie die gelichteteren Stellen des Waldes, die das Schloß Ste. Roche erkennen ließen, erreichten. Der Regen hatte aufgehoͤrt; aber der Sturm walzte ſich heulend und mit furchtbarer Gewalt uͤber den zitternden Boden. Die jungen Leute hatten den Wagen verlaſſen, ſie wollten ſich ſelbſt den Eingang zum Schloſſe ſuchen; denn ihre Diener hatten mit den erſchoͤpften Pferden 72 zu thun, und der Wegweiſer erklärte, daß er um kei⸗ nen Preis das alte Geiſterſchloß betreten wuͤrde und that Alles, was ſeine plumpe Ueberredungsgabe ver⸗ mochte, die jungen Herren gleichfalls davon abzuhalten. „Herr, Herr,“ ſprach er—„das iſt ein Un⸗ gluͤckshaus; noch Niemand hat es unbeſchaͤdigt ver⸗ laſſen, die Meiſten fanden ihr Grab darin und lit⸗ ten vorher viele hoͤlliſche Qualen. Raͤuber ſollen auch darin hauſen! Und was Wunder— ſeit St. Albans, der alte Kaſtellan, verſtorben iſt, und der Sohn die Pachtung vom Kloſter Tabor übernommen, ſteht Alles verlaſſen; die Thore und Gitter ſind auf, ohne Waͤch⸗ ter, ohne Schloß und Riegel. Was Wunder, daß ſich einniſtet, wer finſter Werk treibt; denn die alte böſe Hexe, die ſich dort abgeſperrt, die wird es nicht hindern!“ Deſſen ungeachtet machte dieſe Rede nur bei der Dienerſchaft Eindruck; die jungen Maͤnner befahlen, daß man den Mundvorrath, nach dem ſie anfingen, einiges Verlangen zu tragen, ihr nöthiges Gepaͤck und die Windlichter nachbringen moͤchte, der Wagen lang⸗ ſam den Eingang ſuchen ſollte, und eilten Arm in Arm dem Schloſſe zu. Jetzt ſtanden ſie an einer ter⸗ raſſenartig anſteigenden Befeſtigung, die, durch Gräben getrennt, mit kaum wahrzunehmenden Bruͤcken uber⸗ baut waren, hinter welchen ſich die dunkle Maſſe des Schloſſes zeigte, die gegen den Nachthimmel, der, mit zerriſſenen Wolken bedeckt, die, vom Sturm gejagt, einen ſchauerlichen Wechſel trieben, wahrhaft drohend und gebietend abſtach. Beide blieben ſtehen, lebhafter von ſeinem Anblick ergriffen, als ſie erwartet hatten.„Weiß Gott,“ rief Reginald—„man mochte zu den boͤſen Dingen Glau⸗ ben faſſen, die uͤber dies alte Schloß in dem Munde der Nachbaren ſind; es ſieht aus, als riefe es Jedem eine Warnung vor ſeinem Bereiche zu!“ „Ja,“ ſprach Ludwig bewegt—„wie das rieſige Grabmal eines ganzen Geſchlechtes ſieht es aus! Die Valois erbauten es, wie Du mir ſagteſt;— ſie haͤtten mit allen ihren Suͤnden darunter Raum!“ Sie ſchritten vor und erreichten trotz des wuthen⸗ den Sturmes, der ſich wie Menſchenhände ihnen ent⸗ gegen drängte und ſie zuruͤck zu ſchleudern ſchien, die Eingangsbruͤcken.„Dieſer Nacht werde ich gedenken bis an mein Ende!“ rief Reginald und ergriff das Gitter, was den duͤſtern Hof mit Theophim's Grab⸗ mal umſchloß. Er zog Ludwig nach ſich, der, matt und erſchoͤpft, ihm kaum folgen konnte; und Beide traten nun durch das offene Gitter in den Schloßhof, der ihnen wenigſtens einigen Schutz verlieh; obwohl das Geheul des Sturmes ſich nur noch ſchauerlicher gegen alle die Ecken und Giebel brach, die, mit eiſernen Gittern und Wetterfähnchen ein wunderliches Konzert bildeten. „Laß' uns Quartier machen, wo wir zukommen!“ ſprach Reginald.—„So ſpät, ſo uber Mitternacht hinaus, erwartet uns die alte Freundin nicht mehr; wir wollen ſie nicht beunruhigen und werden doch Dach und Fach finden fuͤr die wenigen Stunden.“ „Ja,“ erwiederte Ludwig—„laß' uns Schutz ſuchen ohne Zeitverluſt, ich fuͤhle mich erſchoͤpft;— vielleicht beſtätigt ſich das Weih daß die Thuͤren aufblieben.“— Beide uͤberſchritten nunmehr den Hof, und ihre Erwartung erfuͤllte ſich. Sie traten ohne Hinderniß in die weitlaͤufige Halle des unteren Geſchoſſes; und nachdem die Diener Windlichter angezuͤndet hatten, ſahen ſie, wie von hier aus ſchwere, eichene Treppen, mit großem Aufwande von Raum, in die oberen Gemaͤcher fuͤhrten. „Hier iſt nicht Bleibens, trotz der alten Kamine, die vielleicht unſeren Leuten nuͤtzlich werden,“ ſprach Ludwig;—„es iſt hier kalt und feucht; wir wollen höher ſteigen, wir finden oben wohl beſſere Raͤume.“ Die Diener leuchteten, und man erreichte den 75 oberen Treppenſaal, der, mit dunkelm Marmor getäfelt, an eben ſolchen Waͤnden mit Portraitſtatuen umſtellt war und rechts und links große Eingangsthuͤren zeigte, die, von Eichenholz, ſchwerfällig und uͤberladen verziert, in Einfaſſungen von ſchwarzem Marmor liefen. „Das ſind finſtere Eingaͤnge,“ rief Ludwig— „wie die Pforten zu einer Gruft!“ Reginald ſchauderte.„Laß' uns lieber den Theil des Schloſſes ſuchen, wo Emmy wohnt!“ rief er lebhaft. „Zu Entdeckungen in dieſen duͤſtern Räumen ſind wir nicht hergekommen.“ „Nein,“ rief Ludwig—„das Beduͤrfniß nach Ruhe beherrſcht mich ausſchließend! Laß' uns eintreten — rechts oder links— ich ſtrecke mich ſogleich nieder, wäre es auch auf den Stufen eines Grabmals.— Leuchtet, wir treten hier ein!“ Die Diener gingen zogernd voran, Ludwig ſchob ſie weg; er ſelbſt druͤckte das kunſtreich umſchnorkelte Schloß; es gab nach, und ſie traten in ein ſchmales, hohes, gewölbtes Zimmer, welches, mit breitem Kamin und herumlaufenden Baͤnken, einem großen ſteinernen Becken in der Wand und daneben befeſtigtem Schenk⸗ tiſch, als ein Vorzimmer zum Eß- oder Banket-Saal, zu erkennen war. „Das zweite Zimmer wird beſſer ſein!“ rief Ludwig, jetzt thaͤtiger werdend, als Reginald, der mit unbeſchreiblicher Gemuͤthsbewegung und hoͤchſt wider⸗ willig nur dem Grafen folgte.„Halt,“ ſagte er, die angelehnte Thuͤr aufſtoßend—„das iſt ein Prunk⸗ gemach— und offenbar noch koͤniglichen urſprunges. Sieh' den Thronhimmel mit der Krone und den koſt⸗ baren Purpurbehaͤngen!“ Die Lichter erhellten nur ſparſam den großen Prachtſaal fruͤherer Zeiten; denn dem damaligen Ge⸗ ſchmacke gemaͤß, war uͤberall duͤſteres Material, wie ſchwarzer Marmor, Ebenholz, eichenes Getäfel und von der Zeit leicht geſchwaͤrzte Vergoldungen zu aben⸗ teuerlichen und gigantiſchen Verzierungen verbraucht. Doch waren hier bequeme Stuͤhle, Kamine, die viel⸗ leicht die Feuerung vertrugen, und was ſie mit naͤherem Forſchen erſpahen konnten, machte dieſen Raum fuͤr furchtloſe Gemuͤther zu einem tadelloſen Ruhepunkte weniger Stunden. Ludwig ſchob ſogleich einen der großen, damaſtenen Lehnſtuͤhle gegen einen Kamin, und indem er befahl, von einigen zuſammengeſtuͤrzten, auf dem Heerde aufgehaͤuften Moͤbeltruͤmmern Feuer zu machen, verrieth ſeine abgebrochene Rede, ſeine todten⸗ ähnliche Farbe, wie groß ſeine phyſiſche Erſchoͤpfung ſei. Obwohl dies fuͤr Reginald, wie fuͤr ihre Diener nichts Ungewoͤhnliches war, regte es doch auch jedes 77 Mal den guten Willen Aller an, ihm zu Hilfe zu kommen. Während die Diener ſich mit dem Feuer beſchaftigten, bemuͤhte ſich Reginald, von den alten Stuͤhlen und ihren bauſchigen Kiſſen Ludwig's Stuhl bequemer zu machen, und als der ihn ſtumm, aber dankbar anlaͤchelnde Bruder ruhte und mit warmen Maͤnteln uͤberdeckt war, zog er ein klirrendes, ſchreien⸗ des Tiſchchen von getriebenem Kupfer herbei, das ſeine Staubdecke raͤumen mußte, und auf deſſen mit kuͤnſt⸗ lichen Bildern eingelegter Platte Reginald mit jugendlich gelenkiger Geſchicklichkeit die Mundvorräͤthe ausbreitete, die der gute Prior ihnen mitgegeben. Bald war ſo eine Art Bequemlichkeit eingetreten, die wenigſtens als Gegenſatz des draußen wuͤthenden Sturmwindes ſo genannt werden konnte; da der Kamin wirklich in hellen, praſſelnden Flammen die zertruͤmmerte Pracht des vorigen Jahrhundertes verzehrte und damit in ſeiner Nähe wohlthuende Wärme verbreitete. Ludwig griff nun auch, ſichtlich erquickt, zu den Speiſen, die der Kloſterkuͤche Ehre brachten, und fuͤhlte ſich beſonders von dem ſtarken, alten Weine neu belebt, welcher ihnen in einer Berechnung zugetheilt war, die den Maaßſtab des dort zuerkannten Beduͤrfniſſes verrieth. Jetzt,“ rief Reginald—„bin ich erquickt, und unſere Leute werden es auch ſein. Ruhe Du hier, 28 mein Lieber— ich will mit den Leuten und unſeren Piſtolen die nächſten Raume unterſuchen; denn ein offenes Haus will ein nöthiges Bedenken erregen. Behalte Du eine von Deinen geladenen Piſtolen hier, mit den anderen bewaffnen wir uns.“ Ludwig war es zufrieden, und Reginald durchſpaͤhte zuerſt ihren Aufenthalt. Das Zimmer war mit koſt⸗ baren, aber verwitterten Gobelins behangen, darunter ſtanden feſt und unverſehrt verſchloſſene Schränke, die eine fortgeſetzte Skulptur in Ebenholz waren und, mit Gold, Silber und Elfenbein untermiſcht, Gegenſtände aus dem alten und neuen Teſtamente darſtellten. In der Gegend des Thronhimmels ſtand eine lange, eben ſo koſtbar gearbeitete Tafel, uͤber der ein verſtaubter Teppich von purpurrothem Sammet mit goldenen Fran⸗ gen hing. Außer der Eingangsthuͤre befanden ſich noch zwei kleinere in dieſem Zimmer; die eine offnete ſich nach einer offenen Gallerie, von der ihnen ſogleich der Sturm entgegen wehte, der ſie der feſten Thuͤre froh werden ließ. Dagegen war neben dem Thronhimmel eine vierte, groͤßere Thuͤre, die Neugierde und Verdacht in ihnen erweckte; da ſie mit mehreren Schloͤſſern und eiſernen Balken verwahrt war, die nach einigen Ver⸗ ſuchen, ſie zu öffnen, ſich als zu ſtark befeſtigt zeigten, um den Eingang moͤglich zu machen. Dies machte * 29 auf Reginald einen ſehr unangenehmen Eindruck, und er fuͤhlte damit Sorge und Unruhe in ſich angeregt; obwohl er bemuͤht war, ſie zu verbergen, da er Lud⸗ wig's eintretende Ruhe zu ſtören fuͤrchtete. Um ſo viel ſorgfältiger unterſuchte er die anſtoßenden Räume; und alle zeigten ſich durchaus beruhigend. Er befahl einem der Diener, mit dem Piſtol in der Hand im Vorſaale zu lagern, den zweiten ließ er vor die Thuͤr nach der Gallerie ſich legen; er ſelbſt aber nahm Lud⸗ wig gegenuͤber am kupfernen Tiſchchen Platz, ſo daß er die geheimnißvolle Thuͤr im Auge behielt. Er hoffte, Ludwig's leichten, krankhaften Schlummer bewachen zu können, trank mehr Wein, als gewoͤhnlich, um ſich munter zu erhalten; und da das ſonderbare, wehkla⸗ gende Geſchrei der vom Sturm umwehten Zinnen und Thuͤrme in dem mannigfachſten Wechſel ſeine Phan⸗ taſie anregte, fuͤhlte er ſich auch der Muͤdigkeit wider⸗ ſtehend, die ihn von dem Augenblick an bedrohte, als Ludwig vor ihm in gleichmäßigeren, ruhigeren Schlaf verſank. Er faßte das ſcharf geladene Piſtol feſt in die rechte Hand und ſich in den Lehnſtuhl zuruͤck⸗ lehnend, blieben ſeine Augen, wie gefeſſelt, an der ver⸗ ſchloſſenen Thuͤre haften. O, wie ſammelte die Ruhe, die fur ſeine Gedanken eintrat, die Bilder, die aus Emmy's mächtiger Rede uͤber das Verhängniß dieſes — Hauſes in ihm niedergelegt waren! Von der Gruft der Claudia von Bretagne an, bis zu dem bluͤhenden, ſchoͤnen Bilde ſeiner kindlichen Mutter, durchlief ſeine angeregte Phantaſie nach Emmy's ſtrenger Anordnung alle Bege⸗ benheiten. Wie ſchmerzlich und qualvoll ſtieg ihr und ſein Schickſal in ihm auf, und wie dämoniſch wuchs beſonders Souvré's Geſtalt in dieſem Bilde an, von dem er ſich erſt jetzt eingeſtand, wie ſehr er ihm in der Stille abgeneigt geblieben war. Wie verhäͤngnißvoll erſchien ihm dies Schloß ſelbſt, das in ſeinem Bereich immer nur Ungluͤck und Schuld uͤber ſeine Bewohner häufte; denn Emmy hatte nicht unterlaſſen, die Graͤuel der Katharina von Medicis, des Theophim von Crecy, des Spinola zu beruͤhren, wenn auch nur, um den Vorwurf zu verſtaͤrken, daß man Fennimor eine ſo entweihte Wohnung angewieſen.— So reihete ſich Bild an Bild und erregte fieberhaft ſein wallendes Blut. Der kuͤhne Juͤngling, der die Furcht noch erſt erfahren ſollte, lernte plotzlich ein Gefuͤhl kennen, fuͤr das er, da es ihm neu war, den Namen nicht wufte. Er blickte in dem ungeheuren, dunkeln Raume mit klopfendem Herzen umher; das tiefe Schweigen, was jetzt hier herrſchte, ſchien ihm entſetzlich; dieſer Schau⸗ platz geſelliger Luſt, ohne Zweifel von allen und den verſchiedenſten Bewohnern zu dieſem Zwecke benutzt, —.———— zeigte keine Spur mehr ſeines fruͤheren Lebens. Die Seſſel blieben unbeſetzt, die Tiſche leer, und die un⸗ geheueren Schränke verhuͤllten ihren Inhalt, zum Dienſte jener Zeit gehoͤrend.„O,“ rief Reginald plötzlich unbewußt—„dies Schweigen iſt unerträg⸗ lich! Beſſer, es belebte ſich Alles mit den Geſtalten der Vergangenheit!“ „So folge mir!“ rief eine hohle, ernſte Stimme hinter ihm. Entſetzt wandte er ſich und ſah, daß er bei ſeinem Umherblicken die Richtung nach der ver⸗ ſchloſſenen Thuͤr aufgegeben hatte, die jetzt geoffnet warz von da her, das uͤberſah er mit einem Blicke, war die Männergeſtalt gekommen, die dieſe Worte zu ihm ſprach. Aber Reginald fuhlte ſeinen Athem ſtocken; und doch konnte er es nicht nachweiſen, warum ihn eben dieſe Geſtalt ſo entſetzte. Seine Zuͤge waren nicht ganz zu erkennen; ein ſpaniſcher Hut mit brei⸗ ter Krempe, nur ſeitwärts mit einer Agraffe aufge⸗ ſchlagen, beſchattete ſein Geſicht; doch ſchien es Reginald gelb und bleich. Um ſeine Schultern hatte er einen kurzen, feuerfarbenen Mantel, der drei große Loͤcher auf der Bruſt zeigte; uͤbrigens ſchien er in ſchwarzem Sammt altſpaniſch gekleidet, und trug ein breites Schwert in reicher Scheide eng an ſich gedruͤckt. Immer deutlicher trat es Reginald hervor— er Ste. Roche 1l 6 1 82 hatte die ganze Geſtalt, ſo wie ſie jetzt vor ihm ſtand, noch ſo eben unter den Portraitfiguren auf dem Trep⸗ penſaal erblickt; dazwiſchen ſchien es ihm, er ſäͤhe Souvrés Zuͤge, und die Geſtalt nur widerſprach in ihrer Größe dem fluͤchtigen Gedanken.— Und dieſer Mann aus einem anderen Jahrhunderte forderte ihn auf, ihm zu folgen; Reginald fuͤhlte ſich wie von einer unabweisbaren Autorität beherrſcht! Ohne es deutlich ſehen zu können, glaubte er das ſtechende Auge des rothen Mannes zu fuͤhlen; er wandte ſich aͤngſtlich nach Ludwig um. Aber dieſer war nicht allein ſchon erwacht, es ſchien ſogar, er war fruͤher aufgefordert worden, als er ſelbſt; denn er ſtand bereits eben ſo willfahrig, als Reginald. „Geſellſchaft ſollt Ihr finden,“ fuhr der rothe Mann fort—„und fuͤr zwei Grafen von Crecy, an deren Leben die Erhaltung des Hauſes Crecy⸗Cha⸗ banne haͤngt, ſoll es paſſende, unterhaltende Geſellſchaft ſein! Ihr furchtet Euch doch nicht?“ ſetzte er höhniſch hinzu. Dies ſchreckte Reginald empor. Jetzt erſt fuͤhlte er den erſtarrten Zorn ſich in ſeiner Bruſt beleben. „Wer ſeid Ihr?“ rief er.„Welch' ein Recht habt Ihr, in unſerem Schloſſe eine Einladung an uns zu richten, als wäret Ihr der Herr deſſelben?“ 83 Eine Art Schnauben, wie es der Zorn zuweilen bei ſehr wilden Menſchen hören läßt, ging voran, dann folgte ein hoͤhnendes Lachen.„Kind, halte ein mit Deiner Wichtigkeit,“ rief dann der rothe Mann— 9 „und huͤte Dich, mich zu reizen, daß Du nicht gleich erfaͤhrſt, welche Macht ich hier habe— eine ſolche, die in ihrem Alter und in ihrer Rechtmaͤßigkeit die Deinige uͤberbieten koͤnnte!“ Und Reginald— der kuͤhne, hochherzige Juͤngling — ſchwieg. Ihm war ſo fremd und erdruͤckt zu Muth; als er ſprach, fuͤhlte er keine Kraft, ſeinen Worten Ton und Staͤrke zu geben; ſein Athem war ſo kurz, ſein Kopf ſchien ihm nicht frei;— nur die Nähe Ludwig's beruhigte ihn. An ſeiner Seite folgte er dem voran⸗ ſchreitenden, rothen Manne, willenlos— wie durch Zauber ihm nachgezogen, und an Ludwig dieſelbe Ge⸗ walt wahrnehmend. Als ſie die Schwelle der jetzt geoͤffneten, fruͤher ſo feſt verſchloſſenen Thuͤr uͤberſchritten, blieb der rothe Mann ſtehen; und indem er zuruͤckſchaute, ſagte er: „Ihr hattet, denke ich, große Luſt, dieſe Räume zu betreten! Als ich Euch an den Schloͤſſern hämmern hoͤrte, konnte ich denken, wer es war. Ihr hattet Recht, hier Einlaß zu wuͤnſchen;— nur kam es mir zu, Euch hier willkommen zu heißen; denn es iſt ſo recht 84 eigentlich mein Bezirk.— Auch wartete ich ſchon längſt auf Euch, Ihr Grafen von Crecy-Chabanne!“ Ein kurzes, feindliches Lachen folgte, und die erſchuͤtterten Juͤnglinge eilten ihm nach, der mit geräuſchloſen Schritten uͤber das dunkle Getäfel voranglitt. Sie fanden erleuchtete Raͤume, ohne den Moder der Zerſtorung, doch in dem Geſchmacke des Jahr⸗ hundertes eingerichtet, dem der Mann im rothen Mantel anzugehoͤren ſchien. Sie kamen erſt durch einige kleinere Wohnzimmer, durch ein Schlafzimmer mit einem großen Bette, gegen deſſen verſchloſſene, ſchwerſammetne Vorhaͤnge ihr Fuͤhrer wild drohend die Hand erhob— und wie glich er jetzt Souvré! Dann offneten ſich weite Saͤle, und die Juͤnglinge erſtaunten uͤber die Ausdehnung des Schloſſes und den Glanz der Ausſtattung. Dieſe Raͤume wurden jedoch von einer Schaar geſchaͤftiger Diener und Dienerinnen belebt, die in einer ungewöhnlichen Thätigkeit umherſauſten; doch ohne anderes Geraͤuſch vernehmen zu laſſen, als daß ſie die Luft zu bewegen ſchienen, die oft ſchneidend und kalt an den Juͤnglingen voruͤberſtreifte, und auch die zahl⸗ loſen Kerzen in einer beſtaͤndig wehenden Bewegung erhielten. Der rothe Mann hatte mit Allen zu verkehren, und Beide behielten Zeit, das zahlreiche, wunderliche — — erſonal zu betrachten, das, einig und in derſelben 5 Richtung wirkend, doch durch das Koſtuͤm ſo getrennt erſchien, als lägen zwiſchen den einzelnen Gruppen Jahrhunderte. Das Erſtaunen Beider verſchlang jede Frage; ſie waren im Sehen aufgelöſt und von großer Beklemmung und einem nicht zu beherrſchenden Grauen erfullt; denn dieſe wort- und geraͤuſchloſen Geſchoͤpfe änderten jeden Augenblick mit Blitzesſchnelle ihre Plätze, und die abenteuerlichſten, längſt vergeſſenen Koſtuͤme, die, ſchwerfällig und beladen, jede Bewegung zu hin⸗ dern drohten, wurden hier mit einer Leichtigkeit getra⸗ gen, als wären es Gewaͤnder, von Staub und Luft gewoben. Die Juͤnglinge wurden von Niemandem bemerkt, von Niemandem beruͤhrt; obwohl ſie von der großen Anzahl immer umkreiſt waren und ihren kalten Lufthauch fuͤhlten. Alle waren beſchaͤftigt, eine Tafel zuzurichten; von den alten Geſchirren in den koſt⸗ barſten Metallen, die ſie herbeiſchleppten und ordneten, waren einige kaum in ihrer Beſtimmung zu erkennen, ſo fern mußte die Zeit ihres Gebrauchs liegen; da⸗ zwiſchen kamen neuere Gegenſtaͤnde; die köſtlichſten Geſchirre und Becher, zu deren vervielfältigten Mo⸗ dellen Benvenuto Cellini als Erfinder genannt wird. Dann das leichte, florartige Glas der Venetianer mit Wappen, Farben und Vergoldungen;— jedes Jahr⸗ 86 hundert, ſchien es, hatte ſeine S und ſeine ihm zugehoͤrende Bedienung. Vergeblich rang Reginald mit der wahnſinnigen Verwirrung, in die er ſich geſturzt fuhlte; die Dinge behielten ihre Geſtalt und zogen ihn endlich in einem Maaße an, daß die Ueberlegung in ihm erſtarb;— nur Ludwig's Arm, ſein antwortendes Auge, das er zuweilen ſuchte, gab ihm ein Gefuͤhl von Haltung und Ruhe. Jetzt winkte ihnen der rothe Mann, ihm zu fol⸗ gen, und Beide traten mit ihm in den naͤchſten Saal, welcher glaͤnzend erhellt und von geher Ausdehnung, aber mit einer Maſſe von Geſtalten beinah' uberfuͤllt war.— Doch waren ſie fruͤher den Dienern begegnet, ſtanden ſie hier unverkennbar den Gebietern gegenuber. Wohin in dieſer glanzenden Verſammlung zuerſt das Auge richten— wie den Reichthum faſſen, der hier den Glanz aller erdenklichen Kleiderpracht mit dem Zauber von Schoͤnheit und Jugend vereinigt zeigte? — Die Juͤnglinge waren geblendet— ihre Phantaſie war uͤberboten; ſie fuͤhlten eine ſchuͤchterne Hingebung und ſchienen ſich kaum berechtigt, zu einer ſo an⸗ ſpruchsvollen Verſammlung gehören zu wollen. Doch auch hier fiel Reginald bald die chronologiſche Folge auf, auch hier zeigten ſich aus der Geſellſchaft ver⸗ 87 ſchwundene Koſtuͤme, oder ſolche, die nur noch in alten Bildwerken bewahrt wurden; und bei ruhigerer Betrachtung ſah er zwei Frauen, die wie ſchroff bezeich⸗ nete Zeitabſchnitte ſich gegenuͤber ſtanden und einen ganzen Kreis ähnlicher Geſtalten um ſich verſammel⸗ ten. Es iſt ein Maskenſcherz, wollte Reginald den⸗ ken; aber er glaubte an dem Gedanken zu erſticken. Der Athem blieb ihm ſtehen, er wollte laut aufſchreien, ſich die Qual zu erleichtern;— aber der Laut erſtarb — die Lippen blieben tonlos.— Da trat der rothe Mann, der Alle wie ſeine Gäaͤſte zu leiten ſchien, zu ihnen; er fuͤhrte ſie umher. Sie wurden vorgeſtellt — er hoͤrte viele Namen— und ſich und Ludwig immer gleich als Grafen Crecy bezeichnen; doch ſchien es ihm, der rothe Mann ſpreche kein Wort, und hier, wie bei den Dienern, herrſche lautloſe Stille. Dennoch wußte er, die blaſſe hagere Frau mit den tief⸗ geſenkten Augenliebern, mit der ruhigen Stirn und dem Ernſt einer Heiligen, ſei Claudia von Bretagne. Sie trug den thurmhohen Bau eines ſteifleinenen Koyfpubes ijener Mode, woran radförmig Halskrauſe und Bruſt⸗ latz liefen, die keine Ahnung einer menſchlich weib⸗ lichen Geſtalt zuließ. Von grobem aſchfarbenen Wol⸗ lenzeuge hingen die Gewaͤnder in feſtgenähten Falten ohne Guͤrtel bis zum Boden; nur die Haͤnde ſahen mit den Fingerſpitzen aus den aufgeſchlagenen Aermeln hervor; ſie waren ſchoͤn und fein, doch gelblich weiß, und umſchloſſen ein ſchwarzes Kruzifir. Aus den Falten des Rockes hing ein Spindel nieder, und nur auf der hoͤchſten Spitze des widrig ſteifen Kopfputzes ſaß die kleine Konigskrone; ſie hatte aber einen Schein wie Sternenlicht, und ſo auch leuchtete ein Kreuz von Edelſteinen, was auf dem Bruſtlatze ruhte. Um ſie ſtanden junge, bleiche Frauenbilder in der entſtellenden Tracht der Zeit, mit Angeſichtern, ſo ſtill, ſo mienen⸗ los und kalt, als ſei das Buch des Lebens mit ſei⸗ nem ganzen Inhalte vor ihnen verſchloſſen geblieben. Sie ſtanden um die ſtille, unbewegliche Herrin, die ihrer nicht zu achten ſchien; dazwiſchen ſah man Ritter mit unbedecktem Haupte, Pagen in Wappen⸗ farben, gleich Geruͤſten dieſer Abzeichen, geſchmack⸗ los uͤberladen mit bunten Farben und ungefälligem Schnitte der Kleider. Klein jedoch nur war die Zahl, die um die Rnigin kenntlich zu erblicken war; denn nur die Bezeichneten traten deutlicher hervor. Hinter e ihrem Stuhle ſchwirrte noch ein ganzer Knäuel ver⸗ bundener Geſtalten, die lebendig um einander glitten und bei dem unſicheren Lichte der wehenden Kerzen im⸗ mer zu wechſeln ſchienen. An einen großen, weitläufigen Kamin gelehnt, ——————————,——— — 89 in deſſen Heerd die jähe Flamme, in Regenbogenfar⸗ ben ſpielend, nach allen Seiten zuͤngelte— ſo nah, daß der Rand der reichen Gewaͤnder in jedem Augen⸗ blicke von den hervor ſchluͤpfenden Flammen beſäͤumt ward, ſtand ein Weib von maͤchtiger Schönheit! Sie hatte wohl die ſtarre, kalte Weiſe der uͤbrigen Frauen; doch ihr, wie allen um ſie verſammelten Schoͤnen gluͤhte ein fremdartig, ſchimmerndes Roth auf den Wangen. Der Kopf war unbedeckt; in vollen Ringeln floß das dunkle Haar bis auf die marmorbleichen Schultern; auf der Mitte ihres Hauptes aber ruhte eine große, mächtige Krone von Brillanten;— es war Katharina von Medicis!— Sie ſchaute mit den gluͤhenden Au⸗ gen in die Ferne. Ihr Gewand war purpurrother Sammet; es deckte um die volle Taille kaum die preis⸗ gegebene Schoͤnheit ihrer Formen. So waren alle Frauen ihres Kreiſes ſchön und zum Erſchrecken faſt enthuͤllt. Dazwiſchen bewegten ſich zahlloſe Männer⸗ geſtalten in den prachtvollen Koſtuͤmen der Valois zur Zeit der Medicäerin.— Die Namen der Geſchichte wurden den beiden Juͤnglingen genannt, ſie ſahen ihre belebten Geſtalten, es ſchien, als habe Alle, die nach⸗ einander dieſer Zeit gedient, ein Hoffeſt hier vereinigt. Es waren die Sitten, die damals geltenden, bewunder⸗ ten Formen der Geſelligkeit; Alles diente, empfing, er⸗ 20 wiederte; und man ſah Alle gruppenweis in geſell⸗ ſchaftlicher Beweglichkeit. Die Juͤnglinge wurden wie im Wirbel fortge⸗ trieben; ob es Sekunden, ob es Stunden waren, ſie wurden ſich deſſen nicht mehr bewußt; mit uͤberſpann⸗ ter Neugierde ernteten ſie mit ihren Augen die Wun⸗ der ein, die ſich ihnen enthuͤllten.— Bald waren ſie getrennt, bald waren ſie vereint;— doch Keiner ſagte dem Anderen mehr ein Wort; es ſchien, als verlören auch ſie die Sprache. Denn, wie ſehr auch Reginald ſich muͤhte, klar zu werden, ob dieſer glanzvolle Kreis durch Worte ſich verſtaͤndige, es gelang ihm nicht;— er verlor den Gedanken daran; oder die Anſtrengung, ihn feſtzuhalten, verging in angſtvoller Betaäubung, die endlich in dem Anblick unterging, der ſo berauſchend war.— Da ergriff ſie plotzlich der rothe Mann, zog ſie zum Kamin und ſtellte ſie dicht vor die Königin; — er nannte ihre Namen und ſtarrte hoͤhnend auf ſie hin. Sie fuhr zuſammen;— einen Schrei des Schmerzes glaubten ſie zu hoͤren. Die Flammen des Kamins umzuͤngelten wie ein Saum das glänzende Gewand;— ſie ſträubte ſich und ſtrich die Flammen mit den Haͤnden ab. Da ſah Reginald, wie ihre Fuͤße nackt und bis zum Knoͤchel roth gefaͤrbt waren;— ſie wehrte die Juͤnglinge ab, der rothe Mann jedoch hielt ſie vor ihr feſt und forderte eine hohe, in Gold⸗ ſtoff gekleidete Geſtalt, die hinter Katharina ſtand, her⸗ aus, hervorzutreten; hohnneckend zeigte er ihr die Juͤng⸗ linge, dann hob er den rothen Mantel auf und zählte die runden Loͤcher: eins— zwei— drei;— da tau⸗ melte der Andere und ſank zuſammen.— Es war Theo⸗ phim, Graf von Crech! Im naͤchſten Augenblicke wur⸗ den die glaͤnzenden Tiſchchen von getriebenem Kupfer mit ſammetnen Beuteln zum Spiele eingerichtet, her⸗ beigerollt. Die verſchiedenſten Partieen wurden ſchnell geordnet.— Alles ſaß— die Konigin Claudia ausge⸗ nommen; ſie hatte die Spindel los gemacht und zog die feinen Fäden, langſam durch die bunten Reihen wan⸗ delnd, als ſei ſie hier allein. Reginald erblickte Ludwig mit Katharinens ſchö⸗ nen Frauen beim Brettſpiele; heftig erregt, ſuchte er zu ihm zu kommen; aber die Luft ſchien in ſchweren, hindernden Schichten zwiſchen ihnen zu liegen; er konnte ihn nicht erreichen. Dagegen ſtand er mit einem Male zur Seite der Medicäerin; ſie ſpielte mit Theophim von Crecy ein myſtiſches Spiel mit goldenen und ſilbernen Figuren; auf der kupfernen Platte des Tiſches waren Bilder eingelaſſen, nach deren Zeichen ſich die Spieler zu richten ſchienen. Schrecklich war ihm Theophim's Bild— bleich— das Geſicht mit gruͤnen Flecken uͤberſäet— die Hände mit goldgeſtickten Handſchuhen bedeckt, die ſo grauenhaft ſchlotterten, als ob ſie eine duͤrre Knochenhand bedeckten. Unruhig nuch war der Koͤnigin Betragen, und ſchaudernd— zuckend fuhr ſie oft zuſammen. Da ſah Reginald mit Entſetzen, daß in den reichen Locken die rothen, ſchwarzgefleckten Wuͤrmer krochen, die den lebendigen Leib der Menſchen fliehen und nur bei Tod⸗ ten hauſen;— er ſah, wie aus den Falten des Samm⸗ tes, aus dem Juwelenlatze ſie ihren Weg luſtwandelnd uber die reine Woͤlbung des ſchönen Halſes nahmen— wie ſie den runden Arm entlang bis zu den Finger⸗ ſpitzen krochen— und wie die Königin ohne Weigern ihrem Treiben ſich ergab. Doch ſchien es ihm, das Auge werde ihm ſtets klarer und deutlicher, die Gegenſtaͤnde zu erfaſſen;— die Frauen, ſo ſchoͤn, ſo reizend und glänzend anfangs erſcheinend— erſtarrten plötzlich— ſie hatten keinen Blick im Auge— ſie glitten pfeilſchnell ohne Schat⸗ ten, ohne Schritt oder Bewegung uͤber den Boden. — Claudia ging, i ob der Fußboden ſich langſam mit ihr fortzöge. Keiner beruͤhrte den Anderen;— ſeuf⸗ zend, wie fernes Geheul, durchfuhr den ganzen Raum ſchneidender Zugwind;— uͤberhaupt wehte eine kalte und belaſtende Luft, die bis zum Herzen die Kraft zu —,— — 93 hemmen drohte. Reginald erwartete immer beſtimmter einen Hauptmoment, ein Entſetzliches— das alles Grauenhafte vor ihm uͤberbot. Doch ſchien es aus⸗ zubleiben;— die Thuͤren öffneten ſich, die Tafel war geruͤſtet, der Dienerſchwarm eilte herein; wie rollen⸗ der Sand durchdrang er blitzſchnell die jetzt faſt ganz erſtarrten Gruppen der ſtolzen Verſammlung. Alles ſchob ſich vor, die Herren und die Damen, wie ge⸗ trieben, wie gejagt von dem ſturmſchnellen Diener⸗ troſſe.— Zwiſchen ihnen Beiden ſtand hohnlachend der rothe Mann am Eingange des Banketſaales, und ängſtlich ſchaudernd draͤngten die Eindringenden ſich zuſammen, als ob ſie ſeine Beruͤhrung fuͤrchteten. Er aber zeigte mit dem langen, duͤrren Finger auf den Einen oder Anderen, bald Mann, bald Frau; und jeder der Bezeichneten trug ein ähnliches Merkmal, als er ſelbſt— ein Paar runde Loͤcher im Mantel oder Wamms, die Frauen in dem zarten Mieder.— O, wie gern hätte ſich Reginald der Einen in Silber⸗ ſtoff, mit dem Halsbande von niedertropfenden Ru⸗ binen, genaht! Es war Eudoria Nemours;— ſie deckte mit der lilienweißen Hand die Stelle in dem Mieder, wohin der unerbittliche Rothmantel hoͤhnend deutete. Doch kreiſte die Beſinnung wieder in Reginald, uͤber⸗ wältigt von den Gegenſtaͤnden und ihrem fabelhaften 94 Gemiſche.— Er ſaß an der Tafel neben ſchönen, ſtarr⸗ blickenden Frauen; er ſah am oberen Ende derſelben Ludwig an der Königin und Teophim's Seite ſitzen und ward umſauſt von der raſtloſen Bedienung. Er wußte ſelbſt nicht, ob man Speiſen gab und nahm, ob die Becher leer oder gefullt die Tafel umkreiſten;— immer qualvoller, immer baͤnger ward ſein phyſiſcher Zuſtand— Todesangſt hemmte jeden Pulsſchlag— er glaubte Modergeruch wahrzunehmen— er ſchau⸗ derte, die ſtarren Weibergeſtalten mit den ſchoͤnen, leb⸗ loſen Armen und Paͤnden, die dicht neben den ſei⸗ nigen auf der Tafel ruhten, ſich bewegen, ihn beruͤh⸗ ren zu ſehen— er wollte aufſpringen, Ludwig aus dieſer Geſellſchaft reißen, mit ihm entfliehen! Er ſchaute nach ihm hin— er fehlte. Jetzt ſchien das Manß gefuͤllt. Er ſprang mit Rieſenkräften, die er nöthig hatte, auf— er ſtand vor dem Manne im rothen Mantel mit Souvré's Zuͤgen.„Bleib'!“ rief dieſer— und lähmte ſo die Kraft des Juͤnglings. „Die Zeit der Rache iſt gekommen, erloſchen in dieſem Augenblicke das Geſchlecht der Crecy⸗Chabanne;— denn ſo Du lebſt, bluͤht es in Dir nicht weiter.— Ich bin Spinola! Der von Deinem Ahnherrn Theo⸗ phim beraubte und ermordete Spinola;— und ich lebe fort in Souvré, deſſen Mutter eine Spinola und 95 meine Enkelin war! Hier haſt Du den letzten Grafen Crecy⸗Chabanne!“— Er ſchlug den Mantel zuruͤck— im Arme trug er Ludwig's bleiches, blutiges Haupt! Ein Schrei der Wuth rang ſich aus Reginald's Bruſt;— er fuͤhlte mit Entzuͤcken das Piſtol in ſei⸗ ner Hand— er hob es auf— der Schuß fiel.— In demſelben Augenblicke zerſtob Alles um ihn her;— tiefe Dunkelheit umgab ihn— er fuͤhlte, er war er⸗ wacht.— Traum war das entſetzliche Erlebniß!— Keuchend hob ſich noch die Bruſt, der Angſt⸗ ſchweiß floß von ſeiner Stirn, die Beſinnung ſchien ihm noch zu mangeln; noch glaubte er leiſes Gewim⸗ mer— Todesroͤcheln zu vernehmen, ſein Koͤrper ſchien ihm ſteif und gelaͤhmt— doch meinte er, der Schuß ſei gefallen; denn er erwachte, wie ſeine Hand mit dem Piſtole noch in der Luft ſchwebte. Jetzt hoͤrte er eine Thuͤre ſich öffnen— er hoͤrte Schritte— Lichtſchein drang ein— mehrere Perſo⸗ nen ſtanden vor ihm— der Schein der Kerzen traf ihr Geſicht.— Es war der Marquis de Souvré, bleich, entſtellt durch Sturm und Regen— von vielen Dienern gefolgt.„Ha,“ rief Reginald—„Du biſt der Rachegeiſt des Spinola!“— Souvrs ſprang ent⸗ ſett zuruͤck;— Reginald glich einem Wahnſinnigen. „Fort!“ ſchrie Reginald, wild den Marquis bedrohend 26 —„Du hinderſt mich nicht mehr, mein Werk iſt gethan, die ewige Gerechtigkeit wird ſiegen, mein Bruder iſt Ludwig!“— Alles fuhr zuruͤck— er ſtuͤrzte vor nach Ludwig's Stuhle— jeder Blick folgte ihm.— „Ungeheuer,“ ſchrie Souvré—„was haſt Du gethan? Moͤrder! Moͤrder!“ Das Licht beleuchtete ſo eben ſcharf, ohne Taͤu⸗ ſchung Ludwig's erbleichtes, im Todeskampfe zucken⸗ des Geſicht. Der Schuß hatte ihn getroffen. Aus der tiefen Wunde ſeiner Bruſt floß das Blut in vollen Stroͤmen dahin;— roͤchelnd hob ſich der nur ſelten noch wiederkehrende Athem— es war vorbei— der letzte Augenblick hing uͤber ihm! Starr blickte Reginald— verſteinert in dies ge⸗ liebte Antlitz. Er hatte eben ſo Entſetzliches erfahren — es war gewichen; zum zweiten Male ſagte ihm eine Stimme: kannſt Du träumen— es wird nicht ſein! Umſonſt, die Wahrheit traͤgt eine andere Farbe — ſie uͤberzeugt uns ſchnell! 9 „Boͤſewicht,“ ſchrie Souvré—„bekenne— gleich hier bekenne— Du biſt ſein Moͤrder!“ „Ich bin's!“ rief Reginald mit ſchrecklichen, er⸗ ſchuͤtternden Lauten.—„Ich bin Dein Moͤrder, Lud⸗ wig! Mein Bruder— Ludwig.— hoͤre mich! ſtirb „ 97 nicht! erwache! ſieh' mich an!— Mein Bruder, ich habe Dich gemordet!“ Es war, als ob der Sterbende auffuhr— Re⸗ ginald war uͤber ihn geſtuͤrzt— ſein Blut uͤberſtroͤmte ihn— Ludwig rang mit dem letzten Seufzer— ſeine Leiche ſank uͤber ihm zuſammen.— Souvré riß Reginald ſchnaubend vor Wuth in die Hoöͤhe. Dieſer hatte das Bewußtſein verloren; er ſchleu⸗ derte ihn zu Boden, er wagte es, ihn mit ſeinen Fuͤ⸗ ßen fortzuſtoßen. Sein Haß, ſeine Wuth brach aus allen Schranken hervor.„Bindet ihn— weckt das Dorf— ruft den Richter herbei!“ rief er wie ra⸗ ſend. Seine Natur trieb ihn an, fruͤher an Reßi⸗ nald's Beſtrafung, wie an Ludwig's moͤgliche Rettung zu denken. Doch die Diener der beiden jungen Leute, innig von der entſetzlichen Begebenheit ergriffen, verſahen das Werk der Menſchlichkeit. Der Kammerdiener Lud⸗ wig's riß ihm die Kleider auf, er wuſch das Blut von der Wunde; doch ein Blick reichte hin, von je⸗ dem Rettungsverſuche abzuſtehen.— Mit der größten Sorgfalt hätte der beſte Schuͤtze ſein Ziel nicht ſicherer treffen können, als Reginald's im Schlaf abgeſchoſſenes Piſtol, das mitten durch das Herz traf! Als die treuen Diener dieſe traurige Ueberzeugung Ste Roche m. 7 98 erlangt hatten, legten ſie die heiß beweinte Leiche ihres jungen Herrn auf die große Tafel des Banketſaales und beſchäftigten ſich nun mit Reginald, der noch immer leblos auf dem Boden lag; denn Niemand theilte die Meinung des Marquis— Niemand hielt den jungen, verehrten Herrn des Mordes fähig! Soubré war indeſſen zu den gewaltſamen Mit⸗ teln geſchritten, die ſeinem Grolle zuſagten. Er ließ von ſeinen Leuten die Thuͤre bewachen und Andere ſchickte er nach dem Flecken, die Gerichtsperſonen zu holen. Was indeſſen in ihm vorgehen mochte, als er den alten Saal, den Schauplatz ſo vieler Schrecken, auf und nieder wandelte, werden wir begreifen, wenn wir denken, daß er, ſobald die Abreiſe der jungen Leute der Marſchallin bekannt ward, dieſer das erlauſchte Geſpraͤch ſeines Kammerdieners mittheilte, woraus her⸗ vorging, daß Beide den Weg nach Ste. Roche genom⸗ men hatten, von welchem Orte Reginald, wie aus dem mit Ludwig gefuhrten Geſprache ſich erſehen ließ, wichtige Mittheilungen mußte erhalten haben. Dieſe Reiſe wollte die Marſchallin um jeden Preis hindern, und Souvrs, dem Juͤnglinge ſo bitter zuͤrnend, ent⸗ ſchloſſen, ihm jeden Vortheil zu rauben, war ſchnell erboͤtig, ſie einzuholen, und dann entweder ihre Ruͤck⸗ kehr zu erzwingen, oder Ludwig allein nach Paris zu ———— —— 29 fuͤhren. Der Vorſprung, den Beide hatten, ihre ju⸗ gendliche Eile, das boͤſe Wetter, welches den Marquis noch heftiger getroffen, verzoͤgerte ſeine Ankunft bis we⸗ nige Augenblicke vor der entſetzlichen Kataſtrophe, die das Lebensgluck ſo Vieler entſchied. Schon brach der Morgen mit ſeinem fahlen Lichte an; der ſturmdurchwuͤhlte Himmel ſandte einen ver⸗ wirrenden Wechſel von Licht und Dunkelheit; die Ker⸗ zen verglommen. Reginald regte ſich; der Ungluck⸗ liche ſollte erwachen! Nicht lange blieb ſein Bewußt⸗ ſein aus. Betäubt— ſeufzend blickte er die treuen Diener an, die ſich weinend um ihn bemuͤhten; er richtete ſich auf, und mit dem erſten Blick umher, ſtieß er einen wilden Schrei aus, der ſelbſt Souvré durch alle Nerven drang.„Ludwig, Ludwig!“ rief er, halb ahnend, halb fragend, und ergriff krampfhaft die Arme der mitleidigen Diener, die ihn halten wollten. „Laßt ihn nicht entfliehen!“ rief Souvré, als ſie vor dem haſtig Vorſchreitenden zuruͤcktraten,„der Bö⸗ ſewicht muß in Ketten gelegt werden!“ Aber Re⸗ ginald hörte und verſtand ihn nicht, ja, er er⸗ kannte ihn wohl kaum; denn der ſchwaͤchliche Mar⸗ quis flog wie ein Zweig, den man zuruͤckſchlaͤgt, von ſeiner Hand bei Seite, als er ihm in den Weg tre⸗ ten wollte. Wie ein Geſpenſt, mit Blut uͤberdeckt, bleich und entſtellt, eilte der ungluckliche Juͤngling vor und ſuchte den Bruder. Noch war ſeine Vorſtellung nicht klar, nur wie von einer dunkeln, ſchweren Laſt fühlte er ſich niedergebeugt und ſuchte ahnungsvoll den Bru⸗ der, damit Erklärung erwartend. Er erblickte den Ka⸗ min, an dem Beide geſeſſen; aber indem er darauf zu⸗ ſtuͤrzen wollte, ſtreifte er die Tafel, worauf der Ent⸗ ſeelte ruhte. Er ſturzte wildſchreiend darauf hin— er rief mit allen Toͤnen der Verzweiflung ſeinen Namen, er ergriff ſeine Hände, ſein Haupt und verwechſelte den entſetzlichen Traum mit der Wirklichkeit. An Lud⸗ wig's Tod begann er zu glauben;— aber wie es ge⸗ ſchehen, konnte er nicht faſſen. Haͤnde ringend blickte er Alle an.„Wer— wer— hat das gethan?“ rief er mit erſchuͤtterndem Jammer.„Spinola? Das Un⸗ geheuer, unter ſeinem Mantel trug er das Haupt!— Aber— Ludwig's Haupt liegt nicht getrennt— aus der Bruſt fließt das Blut— ſagt, ſagt, habe ich ge⸗ ſchoſſen? Ja, ich hatte das Piſtol!— Ich— ich habe den Schuß gehoͤrt! Spinola, Spinola, Du haſt meine Hand gefuͤhrt! Du— Du biſt ſein Mörder!“ Außer ſich ſtuͤrzte er auf Souvré zu, der in demſelben Augen⸗ blicke mit den Gerichtsperſonen des Fleckens Ste Roche —.— 101 näher trat. Wuͤthend faßte er den Marquis„Ge⸗ ſtehe, geſtehe, Deine Mutter war eine Spinola! Rache, Rache hat Dich geleitet— Du haſt den Erben der Crecy⸗Chabanne getödtet— Du wollteſt dies unſchul⸗ dige Geſchlecht austotten, dem Ahnherrn zur Suhne Doch zittere, zittere! Ich lebe— ich bin der älteſte Graf Crecy⸗Chabanne— ich werde ihn raͤchen, Lud⸗ wig— Ludwig meinen theuern Bruder!“ Hier tauchte ſein Gefuͤhl in dem tiefſten Schmerz unter; er ſturzte auf's neue uͤber Ludwig's Leiche, und krampfhaftes Schluchzen erſtickte jedes weitere Wort. „Mein Herr,“ ſagte der Richter von Ste. Roche zu dem Marquis de Souvré, der von Reginald's letz⸗ ter Rede wie vom Blitze getroffen ſtand—„ſoll das der mir bezeichnete Moͤrder ſein?“ „Ich glaube,“ ſagte Souvré zerſtreut und kaum hoͤrbar. Fennimor's Sohn hatte auf's neue den Schleier von ſeinem Inneren weggeriſſen, den er ſich ſelbſt kaum zu luͤften gewagt. Zwei Mal, unter dem⸗ ſelben Dache, von der Mutter und dem Sohne, ward der jähe Blitz der Wahrheit in ſeine ſchwarze Seele geſchleudert, daß er ſie erkennen mußte!— Ja, ſeine Mutter war eine Spinola, die Enkelin des hier ge⸗ mordeten Spinola; oft hatte ſie dem Sohne die Ge⸗ ſchichte des Ahnherrn erzählt, oft ihr Eigenthumsrecht uber das Beſitzthum der Crech ausgeſprochen, und in Souvré's Herzen hatte ſich mit der Begierde zum Reichthume und der Unmoͤglichkeit, ihn in Rechtsan⸗ ſpruch zu nehmen, der finſtere Groll genaͤhrt gegen dieſes ihn beraubende Geſchlecht. Doch uͤberdeckt von der geſellſchaftlichen Bequemlichkeit, die dies zu Glanz und Ehre erhobene Haus gewährte, hatte ſchon die Mutter ihm die Anweiſung zur Verſtellung gegeben, die er lauernd, Boͤſes ſchuͤrend, zu benutzen wußte, wie wir es erfahren haben.— Doch woher wußte der Juͤngling dies? Souvré hatte den zufälligen Streit vergeſſen, der zwiſchen ihm und Fenelon in Gegen⸗ wart der Juͤnglinge einſt vorfiel, und worin er, von ſeinem Haſſe uberraſcht, ſich ſeiner Anrechte auf das von Ste. Roche ſtammende Vermoͤgen geruͤhmt; er aber glaubte uͤberall die Andeutungen vermieden zu haben, als kenne er das Schickſal der Seinigen. Wie konnte es nun der Juͤngling wiſſen?— Ein Grauen faßte ihn unwillkuͤrlich; er wäre gern entflohen! Fen⸗ nimor's Sohn trieb den ſicheren Streiter eben ſo, wie ſie einſt, aus der feſten Bahn, daß ein Stillſtand im raſchen Vorſchreiten eintrat— ein läſtiges Er⸗ ſchrecken vor ſich ſelbſt. „Mein Herr, Sie muͤſſen ſich erklären!“ wie⸗ derholte der Richter das oft Geſprochene.„Bleiben Sie dabei, dieſen Juͤngling als den Thäter, als vor⸗ ſätzlichen Thäter zu bezeichnen?“ „Ja,“ rief Souvrs, jede Unſicherheit abſchuttelnd, mit dem Siege der Hölle in der frohlockenden Stimme —„ja, er iſt der Moͤrder! Hierher hat er ihn, gegen den Willen der Seinigen, abſichtlich gelockt, die ſchwarze That zu vollfuͤhren;— und zu ſpaͤt mußte ich kommen, ſie zu verhindern.“ Der Richter warf einen pruͤfenden Blick auf Sou⸗ vré, dann ſagte er kalt:„Ich habe blos den augen⸗ blicklichen Thatbeſtand zu Protokoll zu nehmen. Die ungluckliche Begebenheit wird bald in andere Hände uͤbergehen. Sie ſcheint mir ſehr verwickelt; doch muß ich darauf aufmerkſam machen, wie wichtig das erſte Zeugniß iſt, wie ſehr wir uns huͤten muͤſſen, mit vor⸗ gefaßter Meinung hier zu Werke zu gehen; denn er⸗ wieſen iſt hier nur der Tod!“ „Erwieſen,“ rief Souvré—„iſt abſichtlicher Todt⸗ ſchlag! Denn wir fanden den jungen Boͤſewicht mit dem Piſtol in der Hand vor dem ſchlafend Ermordeten.“ Der Richter ſchwieg und blickte auf die weinen⸗ den Diener:„Haltet Ihr den jungen Herrn dort fuͤr den Moͤrder?“ „Nein, nein, unmoͤglich! Sie liebten ſich ſo ſehr!“ ſo erſcholl es aus Aller Munde. 104 Souvrs wollte ſprechen; doch ſeine Klugheit kehrte zuruͤck— er hielt ein.—„Mein Herr, hier handelt es ſich nicht um unſere Meinungen,“ rief er, anſchei⸗ nend ruhig—„unterſuchen Sie!“ Der Richter beorderte den Schreiber mit ſeinen Papieren an daſſelbe kupferne Tiſchchen mit eingeleg⸗ ten Bildern, an dem einſt Katharina von Medicis mit Spinola und Theophim zu ſpielen pflegte, an dem die jungen Leute ſo eben in brüderlicher Eintracht geſeſ⸗ ſen, und an welchem jetzt der Eine zum Moͤrder des Andern erklärt werden ſollte. Die Ausſagen der Die⸗ ner waren bald verzeichnet. Sie konnten, ſo wider⸗ ſtrebend es ihnen auch war, ein boͤſes Motiv unter⸗ zulegen, doch nicht ablaͤugnen, daß Reginald haupt⸗ ſaͤchlich mit Haſt und Ungeduld die Reiſe betrieben und die Bitten des Priors im Kloſter Tabor, dort das Ungewitter abzuwarten, zuruͤckgewieſen habe. Dagegen bezeugten ſie freudig das innige Einverſtändniß der bei⸗ den jungen Leute, erzählten die Sorgfalt Reginald's fuͤr den ermuͤdeten Ludwig und uͤbeczeugten den Rich⸗ ter bald, wie viel mehr bei dieſen Ausſagen ihre Nei⸗ 3 gung und Ueberzeugung zuſammenfiel.—„Und dieſer Schmerz,“ ſagte der Richter ernſt—„bezeichnet er wohl den Moͤrder?“ „Ha,“ rief Souvrs—„es iſt die Reue, d — — 105 natuͤrlich der jetzt ertappten Schandthat nicht fehlen kann!“ Der Richter nahete ſich indeß dem Angeklagten, der im wahnſinnigſten Schmerze noch immer laut ſchluchzend uͤber der Leiche lag. „Richtet Euch auf, junger Mann,“ rief der Rich⸗ ter—„antwortet uns!“ Reginald fuhr empor. „Ja, ja,“ rief er mit der ſchrecklichen Zerſtreut⸗ heit, die der Vorbote des Wahnſinnes zu ſein pflegt— „ſprecht zu mir! O, ſagt mir die Wahrheit— Ihr habt weißes Haar— Ihr duͤrft nicht luͤgen— o, das iſt ſchoͤn— das Alter iſt auch weiſe, und was vorgeht in der Welt, hat es gepruͤft. Sagt mir, ich bitte Euch bei Eurer Seele Seligkeit— habe ich ihn getödtet, oder Spinola, der ſchreckliche Rothmantel, der Ahnherr des Marquis de Souvré?“ Er bog ſich weit vor, um forſchend das Geſicht des Richters zu pruͤfen, und als dieſer in ernſtem Schweigen vor ihm ſtehen blieb, fuhr er bittend fort:„Sag', das Piſtol— das Piſtol, ſag', wie war das? Der Rothmantel brachte mir Ludwig's geliebtes Haupt.— Gott der Barmherzigkeit, da ſchoß ich! Habt Ihr's gehort? Habt Ihr den Schuß gehoͤrt?— Sprich, alter Mann! Dir will ich glauben— hat dieſer Schuß meinen Bruder getroffen?“ Ein lautes Geſchrei— krampfhaft zerriſſen von Schluchzen— brach bei die⸗ ſen Worten aus ſeinem Munde. Der Richter ſchuttelte ſchmerzlich das Haupt. „Gott weiß,“ ſagte er halb vor ſich hin—„der beging keinen abſichtlichen Todtſchlag!— Junger Mann,“ fuhr er dann lauter fort—„ſammelt Eure Lebensgeiſter! Ihr muͤßt mir Antwort geben— wir wollen nicht Schuld— wir wollen Wahrheit ent⸗ decken! Ich— ich hoͤrte den Schuß nicht— und weiß nicht, ob er aus Eurem Piſtol kam.“ „Nicht? nicht? Du hoͤrteſt ihn nicht? Du ſaheſt mich nicht?“ ſchrie Reginald, auf ihn zuſtuͤrzend;— „o, dann— dann bin ich es vielleicht nicht— dann fiel vielleicht kein Schuß— wenigſtens nicht aus meinem Piſtol!“ „Wozu die Heuchelei!“ ſchrie Souvré, emport uͤber die milde Weiſe des Richters—„ich hoͤrte— ich ſah es!— Elender, ich traf Dich, das Piſtol auf Deinen Freund gerichtet— ich hoͤrte den Schuß, ehe ich die Thuͤr oͤffnete.“ Aber ehe der Richter noch antworten konnte, ſturzte Reginald auf Souvré zu, ergriff ihn und ſchuttelte ihn mit der Gewalt des Wahnſinnes. „Ungeheuer,“ rief er—„Du luͤgſt! Dein gan⸗ zes Leben iſt Luͤge und Verbrechen! Du haſt meine — 107 Mutter getoͤdtet— Du haſt ihren Gatten zum Ver⸗ brechen gefuͤhrt— Du haſt mich, den rechtmäßigen Erben, zum Baſtard gemacht— Dein Zeugniß gilt nicht! Denn Du biſt die Luͤge ſelbſt— Du biſt der Rachegeiſt des Spinola— des fuͤrchterlichen Roth⸗ mantels, der es mir ſo eben ſelbſt geſagt!“ Bis dahin hatte keiner der Diener den Marquis zu befreien geſucht. Niemand liebte ihn, und die gehaͤſſige Stellung, die er hier, einem Geheimniſſe und dem angebeteten Juͤnglinge gegenuͤber, einnahm, ließ ihnen den heftigen Ausbruch deſſelben faſt zur Be⸗ friedigung gereichen. Doch eben hatten ſie Worte vernommen, die zu ſichtlich den Stempel des Wahn⸗ ſinnes trugen;— erſchrocken befreiten ſie den zittern⸗ den Marquis. „Bindet ihn! Bindet ihn!“ ſchrie Souvré, faſt erſtickt in Wuth—„er iſt wahnſinnig— wahn⸗ ſinnig!“ „Und um ſo weniger vielleicht ſchuldig!“ rief der Richter.— „Genug, mein Herr, genug!— Ich erklaͤre ſie ihres Geſchaͤftes hier dispenſirt;— das Recht wird ſich finden— es wird ohne Sie gehandhabt werden.“ Souvré ergriff die unvollendeten Blaͤtter des Protokolls. Der Richter verneigte ſich und ſchied . 108 ſchweigend und erſchuͤttert aus ſeiner Nähe, die Blicke noch voll Ruͤhrung auf das nothwendige Opfer dieſer ſchrecklichen Begebenheit gerichtet.— Der Marquis befahl augenblicklich, die Leiche in einen der Reiſewagen zu tragen, und Reginald gebunden und bewacht daneben zu ſetzen. Langſam ſollte dieſer Zug erfolgen— er wollte nach Ardoiſe voran, um die traurige Vorbe⸗ reitung zu uͤbernehmen. Doch, ob die Bemuͤhungen der Diener nur ge⸗ ring— ob Reginald's Widerſtand ſo maͤchtig war— ſie erklärten dem Marquis, ihn zu binden ſei unmög⸗ lich;— und da er ihres guten Willens bedurfte und das Hinderniß in ihnen argwöhnte, ſo begnugte er ſich mit dem Befehl an ſeinen eignen Kammerdiener, ihn im Wagen zu bewachen. Es war ein unnuͤtzes Gebot! Feſt hielt Reginald die theure Leiche umklam⸗ mert;— ohne auf eine Vorſtellung zu achten, ſchien er das unerkläͤrliche, das ſchreckliche Geheimniß dieſes Todes nur an dem lebloſen Buſen des Lieblings er⸗ gruͤnden zu wollen, hier allein von der wahnſinnigen Angſt erleichtert zu werden, die ſeinen Verſtand be⸗ drohte. So ging die Reiſe langſam, aber unauf⸗ haltſam fort. Souvrs eilte voran; doch erreichte er erſt am anderen Morgen, bei vorgeſchrittener Zeit, Ardoiſe. Hier mußte er zu ſeinem großen Verdruſſe erfahren, daß ſämmtliche Herrſchaften Tag's vorher nach Mont⸗ Réal, dem Stammſchloſſe der Familie d'Aubaine, auf⸗ gebrochen ſeien, und man ſie erſt zur Tafel zuruͤck erwarte. Um dieſe Zeit mußte auch die Leiche ein⸗ treffen; Souvré ſah die Gefahr der Ueberraſchung ein und beſchloß, augenblicklich ihnen entgegen zu reiſen, und mit Hilfe des Grafen die Uebrigen aufzuhalten, bis ſie das Unvermeidliche erfahren. Doch der ge⸗ ſchäftige Zufall draͤngte ſich auch hier zwiſchen die Beſchluͤſſe des Marquis! Die Familie war ſchon fruͤher von Mont⸗Réal aufgebrochen, um ein ſeitwärts liegendes, erſt kurzlich vom Grafen d'Aubaine erbautes, kleines Jagdſchloß zu beſehen, welches die Damen noch nicht kannten. Dies machte, daß ſie den Marquis de Souvré verfehlten, der erſt ſpäter einigen auf geradem Wege zuruͤck⸗ kehrenden Dienern begegnete und von ihnen die Ab⸗ ſchweifung der Herrſchaften erfuhr. Damit war wahr⸗ ſcheinlich Alles verloren! Souvré ließ, ſo raſch die Pferde laufen konnten, umwenden; wir werden er⸗ fahren, wann er eintraf.— Die Marſchallin, Madame d'Aubaine und ihre beiden Toͤchter fuhren in einer bequemen Jagdkaroſſe, wie ſie in Verſailles Mode waren, von der Beſich⸗ tigung des kleinen Waldſchloͤßchens nach Ardoiſe zuruͤck⸗ 110 kehrend, durch den ſchönen, herbſtlich kolorirten Buchen⸗ wald, der in den Park uͤberging, und an ihrer Seite ritten die beiden Grafen d'Aubaine, Vater und Sohn, begleitet von Jägern und Stallleuten. Franziska reizte durch ihre tief bekuͤmmerte Stim⸗ mung die uͤble Laune der Marſchallin in hohem Grade; ſie kannte die Urſache dazu— und zugleich uber Souvré's Sendung in hoͤchſter Spannung, trachtete ſie nur darnach, Alles zu verbergen, was in ihr vorging, und fuͤhrte mit beſonderer Lebhaftigkeit die Unterhaltung. Als man in den Schloßhof einfuhr, erkannte die Mar⸗ ſchallin die Reiſekutſche ihres Enkels, welche angeſpannt im Hofe ſtand. „Mein Enkel iſt zuruͤckgekehrt!“ rief ſie, ſichtlich erfreut—„Souvrs wahrſcheinlich auch!“ Dagegen bemerkte der Graf d'Aubaine mit Er⸗ ſtaunen, daß die Diener aus dem Hauſe nicht, wie es Sitte war, zum Empfange ihrer Herrſchaften ihnen entgegeneilten, um den Wagen zu öffnen, ſondern daß die beſtaubte Reiſebegleitung dieſen Dienſt verſehen mußte. Franziska verließ zuerſt den Wagen. Ihr ahnendes Herz durchbrach die ſtrengen Formen, die ſie am Wagen feſtgehalten haͤtten— ſie eilte mit fluͤchtigen Schritten der Entſcheidung ihres Schickſals entgegen. Der Portikus des Hauſes war mit allen Bewohnern * —————————————————— gefullt, Niemand beachtete das Geraͤuſch der ankom⸗ menden Herrſchaften; in eine Gruppe zuſammen⸗ gedrängt, umgaben ſie einen Gegenſtand in ihrer Mitte. Doch die junge Graͤfin erkannte Reginald's laute Stimme, der in einer Heftigkeit, die ihren Ton ſeltſam veraͤnderte, einzelne Worte und Reden ausſtieß. „Um Gottes Willen, was iſt hier geſchehen?“ rief ſie mit der hoͤchſten Seelenangſt— und der Kreis der beſtürzten Menge wich bei ihrer, Allen ſo eindring⸗ lichen Stimme zuruͤck. Sie ſtand jetzt vor Reginald, der gluͤhend im Fieberwahnſinne, die Leiche des von der Reiſe bereits entſtellten Ludwig, mit Rieſenkräften an ſeine Bruſt gedruckt hielt. „Reginald,“ rief Franziska iberwältigt—„was iſt geſchehen? Um Gottes Willen, wer iſt das?“ „Franziska,“ ſagte er, ſeufzend vor ihr nieder⸗ knieend— und alle Wogen ſeines brauſenden Innern ſanken bei ihrer Anrede zuſammen.—„Dich will ich fragen! Du— Du wirſt es begreifen— Du wirſt es mir erklaͤren— ob Souvré, der Rothmantel— oder ob ich der Moͤrder bin?“ In dieſem Augenblicke theilte ſich der Kreis; die Perrſchaften ſtanden alle vor der entſetzlichen Scene! „Reginald,“ rief Graf d'Aubaine—„Chevalier — ſiehen Sie auf!“ fuhr er heftig fort—„zu welcher unſchicklichen Scene gebrauchen Sie hier meine Tochter!“ „Unſchicklich?“ rief Reginald—„Thor, ſage entſetzlich! ſchrecklich! Iſt denn ſein Tod unſchicklich? O, ſage lieber— das jammervollſte, grauſamſte Elend der Erde!“ „Wer— wer iſt die Leiche, die der Wahnſinnige hält?“ ſtammelte die Marſchallin und drang mit Heftigkeit vor. Doch Graf d'Aubaine vertrat ihr den Weg— er wollte ſie wegfuͤhren, aufhalten; die ent⸗ ſetzliche Wahrheit, daß dies ihr Enkel ſei— wie ent⸗ ſtellt er auch war— tagte in ihm! Er bat, ſich raſch an ſeine Gemahlin wendend, daß die Damen die Halle verlaſſen moͤchten; doch nur Madame d'Aubaine war dazu bereit; mit Eifer ſtieß die Marſchallin den Grafen zuruͤck, während Franziska wie am Boden gewurzelt vor Reginald ſtand und keine Aufforderung hoͤrte, die an ſie erging. Es hatte ſich indeß der Kammerdiener des Mar⸗ quis de Souvré dem Grafen genaht und ihm einen Theil der Wahrheit fluͤchtig mitgetheilt. Die Mar⸗ ſchallin horte einzelne Worte— ſie ſchritt vor.— „Mein Enkel,“ ſprach ſie zitternd—„ein Mord ſagſt Du— wer— wer— wo iſt Dein Herr?“ „Ich glaubte ihn hier zu finden,“ ſprach der ——— —— Kammerdiener.„Ja,“ riefen mehrere Stimmen— „er war hier— und fuhr der Herrſchaft nach Mont⸗ Réal entgegen.“ „Fragen Sie den Menſchen dort!“ ſprach die Marſchallin, am ganzen Koͤrper zitternd und auf Re⸗ ginald zeigend. Doch ein Blick dahin zerſtörte die wenige Faſſung, die ſie noch behaupten wollte;— ſie ſturzte vor— riß die Leiche ſelbſt von Reginald's Bruſt, die ſie ihr verhuͤllte, und erkannte trotz der Entſtellung die Leiche des Enkels— den einzigen ihrem Ehrgeize noch lebenden Grafen Crecy-Chabanne! Ihre Zaͤhne ſchlugen zuſammen; ſie hatte keinen Laut in der Kehle.„Ja, es iſt Ludwig— Dein En⸗ kel!“— rief Reginald.„Er iſt todt— ermordet; — mein theurer Bruder iſt todt— und Niemand weiß, ob Souvrés oder ich ihn ermordet habe!“— „Du— Du, Elender— Du ſein Moͤrder?“ Mit dieſen Worten, den erſten, die ſie ihm jemals goͤnnte, brach der Staarkrampf ihrer Lippen.—„Mein En⸗ kel todt— todt! Durch Dich getoͤdtet! Schlange, die Du Dich unter uns genährt— warum haſt Du ihn Deiner Bosheit geopfert?“— „Halt!“ rief Reginald und ließ ſeine Arme lang⸗ ſam los, da mehrere Diener ſich bemuͤhten, die Leiche ihm zu entwinden.—„Arme alte Frau, Du dau⸗ Ste Roche 1 8 114 erſt mich um Deiner Schmerzen Willen! Aber Du weißt nicht, was Du ſprichſt;— ich werde es Dir ſagen— ſpaͤter— ſpäter— doch jetzt bin ich krank — mein Kopf iſt wuͤſt! Ich war ja ſein Bruder— Du weißt es!— Sein älteſter Bruder war ich— an dem Du Dich ſo ſehr verſuͤndigt haſt, boͤſe alte Frau!“ Die Marſchallin ſah das aig hinſterbende Ant⸗ litz Reginald's, und ihr klarer Verſtand uͤberraſchte ſie gegen ihren Willen mit der Ueberzeugung— er ſei der Mörder nicht!„Wer iſt der Moͤrder?“ ſtammelte ſie. Reginald faßte an ſeine immer bleicher werdende Stirn.—„O,“ ſprach er mit den herzzerreißendſten Toͤnen des Schmerzes—„das kann ich nicht ergruͤn⸗ den, ſo ſehr ich mich darum bemuͤhe! Wer mir das ſagte! Wer mir ſagte— ich ſei es nicht! Aber Einer muß es ſein— entweder der Rothmantel, der Spinola, oder Souvré, der Böſewicht, der ſchon meine Mutter toͤdtete— oder ich ſelbſt!“* Da ſtieß Franziska einen Schrei aus— ſie trat dicht vor ihn hin—„Reginald,“ rief ſie,„Du biſt es nicht;— nein, nein, Du biſt kein Moͤrder!“. „Und doch— und doch iſt er der Moͤrder!“ ſchrie ploͤtzlich eine nur zu kenntliche Stimme— und Souvré ſtand unter ihnen.„Graf d'Aubaine, ich — —„——————— ———— fordere Sie auf, augenblicklich gerichtlich uͤber dieſen Menſchen zu beſtimmen;— er iſt der Moͤrder des Grafen Erecy!— Ich kam zu ſpaͤt, das Verbrechen zu hindern.— Er hatte ihn nach Ste. Roche gelockt — ich kam in dem Augenblicke an, wo der Schuß fiel, und fand ihn noch mit aufgehobenem Piſtol vor ſeinem Opfer.“ „Sag'— ſag' Du“— rief Franziska mit bre⸗ chender Stimme—„ich will nür Dir glauben— ſag' — antworte ihm— ermanne Dich! Nein, Du biſt der Moͤrder nicht!“ „Gebe Gott, daß ich es nicht bin!“ ſeufzte Re⸗ ginald;—„aber es war mein Piſtol— und Alle haben den Schuß gehoͤrt.“ Er ſchien ſich noch ein Mal auf⸗ raffen zu wollen;— plötzlich brach er zuſammen. Leb⸗ los ſtuͤrzte er zu Franziska's Fuͤßen. „Uebergebt dies Ungeheuer den Gerichten!“ rief die Marſchallin—„ſaͤubert die Luft von dieſer Peſt!“ Graf d'Aubaine ſchwieg; Souvré befahl, den Verbrecher aus dem Schloſſe zu bringen. „Vater,“ rief Franziska,„er iſt dennoch der Moͤr⸗ der nicht!“ Zornig fuhr der Graf auf. Er befahl ihr, au⸗ genblicklich ſich hinweg zu begeben. Alle Frauen wur⸗ den von ſeinen Worten erſchreckt. Selbſt die Mar⸗ 8* ſchallin ließ ſich hinweg fuͤhren; nur Franziska blieb, als habe ſie nichts gehoͤrt, neben ihrem Vater ſtehen; und als er dies ſanfte, folgſame Kind ſo ſicheren Wider⸗ ſpruch mit ſo feſtem Vertrauen gegen ihn behaupten ſah, wendete er ſich ſanft und geruͤhrt zu ihr, indem er ſeine Hand auf ihr kaltes, entſtelltes Geſicht legte:„Ver⸗ traue mir, Franziska, und zeige Dich feſt und wuͤrdig; auch ich glaube nicht, daß er der Moͤrder iſt, und werde ihn danach behandeln!“ O, welch' ein Blick herzzerſchlagener grghui traf ihn da aus ihren truͤben Augen! Nach einigen ver⸗ geblichen Verſuchen zu ſprechen, lallte ſie endlich:„Denn er iſt krank, Vater— und von Sinnen!“ „Ja, ja, mein Kind! Geh' jetzt— auch Du biſt krank.“— Dieſe Worte vollendeten den Zuſtand, der nur bis dahin von der Seelenangſt bewältigt war; ſie ſchloß die Augen; ihre Frauen trugen ſie nach ihrem Zimmer.— Der Graf d'Aubaine ſtand als Hausherr in dem wild kreiſenden Strudel von Anforderungen, die, einem ſo entſetzlichen Ereigniſſe gemäß, alle eine leidenſchaft⸗ liche Uebertreibung zeigten, die ihn zwar nur zufällig, aber dennoch unabweislich in den verſchiedenſten Rich⸗ tungen, zu Entſcheidungen noͤthigte, da er ſich, wenn auch ſelbſt tief getroffen, doch fuͤr den Beſonnenſten, —— den Abſichtsloſeſten erkennen mufßte. Es kam in dieſen erſten, unbewachten Augenblicken dabei Manches zur Kenntniß des Grafen, was ihn uͤberraſchte und ſeine Vorſicht und Beobachtung ſchaͤrfte. Die Marſchallin machte ſo heftige körperliche und geiſtige Zuſtände in Zeit von vierundzwanzig Stunden durch, daß der Zuͤgel der Selbſtbeherrſchung, den ſie ſonſt nie aus der Hand verlor, kein Baͤndiger ihrer ſo jäh aufgeſtorten Leidenſchaften war, und Graf d'Aubaine hatte bei aller Theilnahme doch mit Wider⸗ willen einen böſen Sinn, ein mehr rachſuͤchtiges, als kummervolles Herz erkannt. Durch dieſen Ein⸗ druck ward es ihm auch leichter, dem Margquis de Souvré zu begegnen, der, umſichtiger als die Mar⸗ ſchallin, den Grafen zu uͤberſehen glaubte und ſeine Schritte ſeinem Willen gemäß zu lenken hoffte.— Die Marſchallin war nämlich mit ſich einig geworden, dieſen Mord ſo oͤffentlich, als moglich zu machen, um dadurch einen unausloͤſchlichen Makel auf Reginald zu werfen, der ihm vielleicht das Leben koſten konnte— wenn nicht, doch den burgerlichen Tod unbezweifelt bereiten mußte. Sie glaubte, eine ſolche Schranke um ſo noͤthiger auffuͤhren zu muͤſſen, da ſie ihn von ſeiner Geburt unterrichtet halten mußte, dieſen Mord als eine Folge anſah, und in der Schwaͤche ſeines 118 Vaters eine wahrſcheinliche Gefahr ahnte, daß die Zeit ſeine bedrohlichen Anſpruͤche noch dereinſt an's Licht ziehen koͤnnte. Dazu war ſie aber ohne den kleinſten Zweifel entſchloſſen, lieber den beruͤhmten Namen Crecy-Chabanne ausſterben zu ſehen, als ihn in dieſem, durch ſeine Mutter ihr entehrt ſcheinenden Abkömmling fortbeſtehen zu ſehen. Dieſe Anſpruͤche iedoch uͤberhaupt als leere Erfindungen zu läugnen, ihre geringſte Kenntniß derſelben wenigſtens beſtimmt abzuweiſen, und dadurch auch ihre Berechtigung in Zweifel zu ſtellen, wenn ſie ihr je bis zu Erklaͤrungen nahe geruͤckt wurden, war die vorlaͤufige Richtung, die ſie ihren Gedanken gegeben hatte, nachdem die maaßloſe Aufregung der erſten Stunden von ihrer Geiſteskraft wieder eingefangen war. Es blieb ihr ein großer Troſt, daß der Graf d Aubaine die Aeußerungen Reginald's, die, bei dem erſten Zuſammentreffen mit der Marſchallin, auf ſeine Geburtsanſpruͤche hingewieſen hatten, entweder uͤber⸗ hört, oder auf die Rechnung des Wahnſinnes geſcho⸗ ben hatte, von dem er ihm ergriffen geſchienen. Sie ſchonte ihn dagegen eben ſo, indem ſie ihm keine Frage uͤber Franziska that, die aus dem truͤben Kreiſe der Hausbewohner verſchwunden war. Dagegen hatten ihre raſchen Schritte nach Außen hin den Widerſtand des —— —— — 2 Grafen zu erfahren, indem er mit mehr Scharfblick, als ſie ihm zugetraut, die traurige Weitlaͤufigkeit ei⸗ nes Prozeſſes darthat, der, faſt zwecklos, nur mehr Leiden herbeifuͤhren mußte und kaum eine ſo beſtimmte Entſcheidung erwarten ließ, daß die traurige Thatſache außer Zweifel hervortreten werde. Aber die Mar⸗ ſchallin hatte Gruͤnde, dieſen Prozeß herbeizufuͤhren, die ſie aber nicht ausſprechen durfte; und der Graf dAubaine hatte fur dieſe Oeffentlichkeit Befuͤrchtungen, die er verſchwieg, weil ſie ſein eigenes Intereſſe be⸗ ruͤhrten und die in der Moͤglichkeit beruhten, daß bei der dem Richter zuſtehenden Erforſchung der Gruͤnde, die dem Angeklagten zur Laſt fallen muͤßten, ſeine Tochter erwähnt werden könnte; da er ſelbſt die Liebe der beiden jungen Leute, die ſich in einem Gegen⸗ ſtande begegnet war, heimlich als ein wahrſcheinliches Motiv dieſer entſetzlichen Kataſtrophe anſah. Da Beide ſo mit verdeckten Karten gegen einander ſpielten, mußte nothwendig die Marſchallin gewinnen; denn ſie hatte ſchlagendere Wendungen zu machen— und ſie verſäͤumte keine!— Der Courier war abgeſendet, der zugleich dem un⸗ gluͤcklichen, wenig geſchonten Vater die Meldung des Todes, mit der Bezeichnung Reginald's als Moͤrder, machte und eine Anzeige anbefahl, die den Kriminal⸗ Hof von Paris zur gerichtlichen Einmiſchung auf⸗ forderte. Bei allen dieſen raſchen und gebieteriſchen Hand⸗ lungen zeigten ſich die beiden Verbuͤndeten, der Mar⸗ quis de Souvré und die Marſchallin, nicht vollkom⸗ men einig, und Erſterer ſah das zornige Dahinſtur⸗ men derſelben mit Beſorgniß und nicht, ohne ſich dagegen aufzulehnen. In einer ihrer geheimen Zuſam⸗ menkuͤnfte ſagte er deshalb:„Wir ſpielen doch ein ge⸗ wagtes Spiel, dieſe Kreatur aus ihrem Dunkel zu ziehen! Wenn dieſer Menſch durch Emmy Gray von ſeiner Geburt unterrichtet iſt, wird er durch dieſe ge⸗ richtliche Procedur von uns eigentlich erſt dahin geſtellt, wo er auch zugleich ſeine Anſpruͤche geltend machen kann; was er nur wuͤnſchen wird. Denken Sie, Madame, welch' ein Aergerniß, wenn Sie dieſe auch nur be⸗ kaͤmpfen muͤßten!“ „Ha, mein lieber Marquis, worauf ſtutzen ſich denn ſolche Anſpruͤche? Hat mir denn nicht Lord Ger⸗ ſey ſein Wort gegeben, daß er das Zeugniß des Kir⸗ chenhuches in Stirlings⸗Bai vernichten ließ?— Und hier— das Zeugniß von der Geburt dieſes Geſchopfes, was beweiſt es anders, als daß es ein Kind war, dem der wahre Name nicht zuſtand! Haben Sie mir das nicht ſelbſt geſagt?“ 121 „Gut, Madame; aber welche Sicherheit giebt Ihnen Ihr Herr Sohn? Wird er nicht, von dieſem jungen Boͤſewichte gedrängt, Alles eingeſtehen? Und wird das Eingeſtaͤndniß des Grafen nicht alle Kirchen⸗ bucher hinlaͤnglich erſetzen?“— „Ich werde ihm mit meinem Fluche drohen, wenn er dies wagt!“ rief die Marſchallin, außer ſich;— „aber ich werde ihn entfernt halten, daß das nicht moͤg⸗ lich iſt; man macht ihn krank— man verdächtigt ſeinen Verſtand;— glauben Sie mir, ich werde Mittel finden, dies von mir abzuhalten!“ „Ich darf daran allerdings nicht zweifeln,“ ſagte Souvré hohniſch—„da Euer Gnaden uber die Mit⸗ tel nicht ſchwierig ſind, wie ich hoͤre. Doch beſſer wäre es geweſen, den guten, ſchwachen Leonin auf ſeinem Schloſſe zu laſſen; wozu ihn hierher berufen, wenn ſeine Anweſenheit Gefahren bringt?“ „Welch' Geſchwätz!“ rief die Marſchallin unge⸗ duldig;—„bleibt der Gemordete nicht ſein Sohn? Kann ich den Schutz der Geſetze aufbieten und den Vater dabei uͤbergehen? Außerdem wußte ich, daß ein bedeutendes Erkranken ihn an das Bett feſſelt. Ich beklage das in dieſem Augenblicke nicht;— die Form iſt beobachtet, und die Sache wird nicht durch ihn ge⸗ ſtört werden.“ 122 „Sie uͤberbieten mich immer, meine Gnädigſte!“ erwiederte Souvré.—„Man kann Ihnen in Ihren kuͤhnen Combinationen nicht folgen; vorzuͤglich, wenn man noch immer ſo, wie ich, einen laͤcherlichen Reſt von Menſchlichkeit mit ſich herum ſchleppt und ſo mauvais ton iſt, muͤtterliche Weichheit in Euer Gna⸗ den anzunehmen.“ „Ich dispenſire Sie von Ihren Reflexionen uͤber mich, Herr Marquis,“ ſagte die Marſchallin mit dem Verſuche, ihm zu imponiren.„Wer, wie ich, die Ehre einer Familie, die dem Throne ſo nahe ſteht, zu ſchutzen hat, kann von Perſonen in anderen Verhält⸗ niſſen nicht immer verſtanden werden.“ „Vollkommen richtig,“ ſagte der unerſchuͤtterliche Marquis—„ich— zum Beiſpiel— verſtehe weder dieſe Ehre, noch die Mittel, ſie zu ſchuͤtzen. Doch das thut Nichts. Immer jedoch, Madame, komme ich darauf zuruͤck, daß wir dieſen jungen Menſchen rei⸗ zen werden, Alles zu ſagen, was er irgend hervor⸗ bringen kann.“ „Und ich zweifle nicht, daß dies Geſchwätz eines unbekannten Menſchen, der ſo ſehr verdächtig iſt durch die Anklage, die ſo eben uͤber ihm ſchwebt, nicht auf⸗ kommen wird gegen das Zeugniß einer Frau, die meine Stellung in der Welt einnimmt. Wir behal⸗ 123 ten immer Recht, wenn ein Zeugniß aus dieſen niederen Stäͤnden, zu denen ſeine Mutter, alſo auch er gehoͤrt, gegen uns aufzutauchen wagt. Lehren Sie mich unſere Stellung nicht kennen!“ Dieſe Unterredung endete, wie jede fruͤhere. Man trennte ſich mit erhöhtem Haſſe, mit dem Gefuͤhle der Laſt und der nothwendigen Hilfe, die man an einander hatte; und Jeder behielt ſeine Meinung.— Unterdeſſen ſchien es, daß das Opfer dieſer Maaß⸗ regeln, von Gott ſelbſt aus der Gewalt ſeiner Feinde erlöſt werden ſollte. Ein hitziges Fieber zerſtoͤrte die Jugendbluͤte des unglucklichen Juͤnglings, der noch wenige Tage fruͤher eine Zierde der Menſchheit, ein verſchwenderiſch ausgeſtatteter Liebling des Himmels ſchien. Ihm ward die Sorgfalt und Pflege, die in einem ſo edlem Hauſe zu erwarten ſtand; der Graf ließ ihn behuͤten und bewachen; ja, er ſelbſt nahm zuweilen in dem Zimmer des Kranken Platz und hoͤrte mit Erſtaunen, den Wahnſinn des Gequälten die fern liegendſten Dinge mit der Gegenwart und mit Ein⸗ bildungen uber dieſelbe, wie der Graf wähnte, ver⸗ enüpfen, die jedoch alle theils von Liebe fuͤr den Verſtorbenen, theils von Schmerz uͤber ſeinen Tod er⸗ fuͤllt waren. Von da wandelte der ungluͤckliche Vater nach den ſtillen Gemächern Franziska's. Er fand hier täglich dieſelbe ruͤhrende Erſcheinung. Sie ward nicht krank; es war ihr wenigſtens nicht zu beweiſen, daß ſie es war. Sie ließ ſich jeden Abend entkleiden und be⸗ ſtieg ihr Bett; aber nach kurzem Schlummer ſaß ſie dann, bis der Morgen anbrach, in ihrem Bette auf⸗ recht, ohne ein Zeichen der Theilnahme. Ihre alte Amme, die ſie allein zu hoͤren ſchien, oͤffnete dann die Fenſter; und aus ihrer Hand nahm ſie ein wenig leichte Nahrung. Dann ſchien ſie alle Tage von der⸗ ſelben Idee getrieben zu werden; ſie ſtand haſtig auf und begehrte daſſelbe blaue Atlaskleid und die weißen Roſen zum Haarputze, und erwartete ſo angezogen, an dem niederen Balkon ſitzend, ihren Vater. Sobald er eintrat, ging ſie ihm entgegen und ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt— mit einem Lächeln, das dem ſchon feſt eingegrabenen Schmerzesdruck auf Stirn und Auge einen Werth der Liebe verlieh, den der ungluͤckliche Vater tief empfand, und der ihn weicher und hinge⸗ bender machte, als er es je in ſich gekannt. Er ſagte einige Worte uͤber Reginald's Befinden— und fuͤr dieſen Augenblick ſchien ſie gelebt zu haben! Dies Er⸗ warten des Vaters, dies Aufhorchen ſeiner Worte war das einzige Eigenmächtige an ihr; dann blieb ſie nur ein zwiſchen Gehorſam und ſanftem Widerſtande ge⸗ cheiltes Werkzeug in fremder Hand, in tiefes, unabläſ⸗ ſiges Nachdenken verſunken. Es ward indeſſen dem Grafen kaum möglich, der Marſchallin zu beweiſen, daß eine gerichtliche Vor⸗ bereitung der Sache von ſeinen Gerichtsbeamten un⸗ zulaͤſſig ſei; da der Angeklagte, als Fieberkranker, un⸗ möglich in Verhoͤr genommen werden koͤnnte. Sie war in ihrem Schmerze von allen Daͤmonen ihres Inneren ſo verfolgt, daß ſie um jeden Preis eine Tha⸗ tigkeit herbeizurufen trachtete; und Reginald's Krank⸗ heitszuſtand, der ſowohl den Prozeß, wie ſie ſelbſt auf⸗ hielt, und ſie an dieſen einfoͤrmigen Landaufenthalt feſ⸗ ſelte, da ſie uͤber Alles doch ſelbſt Wache halten wollte, ließ ſie mit Jedem zurnen, der ſie auf die Unmoͤglichkeit einer ſchnelleren Entwickelung hinwies. So hörte ſie denn mit grauſamem Vergnugen end⸗ lich die Nachricht, daß die Krankheit des Ungluͤcklichen ſich gebrochen habe, und ſeine Geneſung bei ſeiner Ju⸗ gend nicht lange zu erwarten ſtehe. Wenige Tage ſpä⸗ ter fuhr zu ihrer masßloſen Ueberraſchung der Reiſewa⸗ gen ihres Sohnes in den Hof, der von einigen Krimi⸗ nal⸗Richtern und dem nothigen Gefolge in einem zweiten Wagen begleitet ward. Von zwei Dienern geſtuͤtzt, in den Haͤnden einen Stock, der ihn aufrecht erhalten mußte, ſo wankte Leonin, Graf von Crecy⸗Chabanne, 126 der Vater des Gemordeten und des angeklagten Moͤr⸗ ders, dem theilnehmenden Grafen d'Aubaine entgegen, der, tief erſchuͤttert von ſeiner traurigen Verfallenheit, ihn in einem Lehnſtuhl in die fur ihn bereiteten Zimmer tragen ließ. Wir uͤbergehen die verſchiedenen Scenen des Wie⸗ derſehens, die keinen verſohnenden Anklang fuͤr uns enthalten wuͤrden, da Keiner die Gefuͤhle des Anderen theilte, und zwiſchen Mutter und Sohn eine nicht mehr zu uͤberdeckende Kälte obwaltete, die noch auf⸗ fallender in einem Augenblicke ward, der Liebe und Theilnahme aus ihrem tiefſten Verſtecke haͤtte hervor⸗ heben muͤſſen. Die Marſchallin hatte Zeit gehabt, ſich mit ih⸗ rem Schmerze einzurichten, und das gewohntere Ge⸗ fuͤhl, jede erlittene Unbill an irgend wem zu ſtrafen, machte das Gefuͤhl der Rache gegen Reginald zu einer ihr zuſagenden Thaͤtigkeit. Sie wußte daher ihr kal⸗ tes Herz unter religioͤſen Floskeln von Ergebung und Vertrauen zu verbergen und trat ihrem Sohne begie⸗ rig, mit ihren fertigen Plänen zu Reginald's Vertil⸗ gung, entgegen. Aber entweder war ſein Schmerz, oder ſeine koͤrperliche Abſpannung zu groß, um ſich zu be⸗ ſtimmten Aeußerungen erheben zu koͤnnen; keinesfalls gelang es der Marſchallin, eine Theilnahme zu er⸗ wecken, wie ſie ihr nöthig war; und nachdem ſie mit Souvré vergeblich alle Mittel verſucht hatte, ihn zu lenken, beſchloſſen Beide bei ihrer vertraulichen Mit⸗ theilung, von ihm Nichts mehr zu erwarten, ſondern die Gerichtsperſonen in Thätigkeit treten zu laſſen, und ihn, ſo viel als moͤglich, außer Wirkſamkeit dabei zu ſetzen. Der Graf d'Aubaine mußte daher einwilligen, einen Saal des unteren Schloſſes zu den Verhandlun⸗ gen in Bereitſchaft ſetzen zu laſſen. Reginald war bereits außer dem Bette, bei vollſtaͤndig wiedererlangter Geiſteskraft, und bot kein Hinderniß mehr dar. Auch nährte der Graf eine Sehnſucht, hiermit eine ſo troſtloſe Belaͤſtignng ſeiner Familie endlich aufgehoben zu ſehen; da er allerdings die Nothwendigkeit einer erſten gerichtlichen Verhandlung in ſeinem Schloſſe, von wo der Angeklagte ohne Gefahr noch nicht zu entfernen war, und bei der größeren Nähe des troſt⸗ loſen Schauplatzes dieſes Vorfalles, wie aller zu ver⸗ ſammelnden Zeugen, einſah und ſich ihr nicht zu ent⸗ ziehen wußte. Waͤhrend dieſer Vorbereitungen hatte er Reginald nur auf kurze Zeit geſehen, um ihm die bevorſtehenden Verhoöre mit der menſchlichen Guͤte anzukuͤndigen, die in ſeinem Herzen vorwaltete. Er fand ihn ſtets 128 ruhig, mit dem tiefſten Ausdruck eines maͤnnlichen Schmerzes, ohne Abſicht, auf die Theilnahme des Gra⸗ fen einzuwirken, oder die Anklagen zu beruͤhren, denen er, nach einzelnen Andeutungen, mit einer feſten Ueber⸗ zeugung entgegen ging, die er eben ſo bei Anderen vorauszuſetzen ſchien, ohne ſie naͤher zu bezeichnen. Als der Graf d'Aubaine am Tage des Verhoͤrs bei dem ungluͤcklichen Kranken eintrat, fand er eine Pflegerin dort, von der ſeine Leute ihm nichts zu ſagen wußten, als daß Herr St. Albans aus der Pachtung Tabor mit ſeinem Fuhrwerke ſie hergebracht; und, nachdem er ſich auf ihr ausdruͤckliches Gebot ſogleich habe zuruͤckziehen muͤſſen, ſei ſie nicht mehr von dem Kranken gewichen. Sie war in ſteife, etwas fremdartige Trauer⸗ kleidung gehuͤllt und trug einen auffallenden Ausdruck von kalter Strenge und finſterem Kummer in ihren verfallenen Zuͤgen. Der Graf konnte ſie nicht ohne Theilnahme betrachten, wozu er hinreichend Zeit be⸗“ hielt, da ſie, in ihre eigenen, ſchwermuͤthigen Gedanken vertieft, auf Nichts zu achten ſchien; denn der Kranke, an deſſen Bette ſie ſaß und an deſſen entſtellten Zuͤgen ihre Augen hafteten, lag in einem leichten Schlummer, der ihre Thaͤtigkeit fuͤr ihn eingeſtellt hatte. Nachdem der Graf ſie hinreichend beobachtet, trat er ſo nah, 3 —— 129 daß ſie ihn bemerkte. Sie richtete einen duͤſteren, prü⸗ fenden Blick auf ihn; dann zeigte ſie auf den Kranken, als gebiete ſie ihm Stille.— Sie machte dem Grafen einen imponirenden Eindruck; ihre Perſoͤnlichkeit ubte die Gewalt, die von einem entſchiedenen Charakter ausgeht, und weder von Rang, noch Reichthum ihre Macht zu borgen hat. Die Sicherheit, mit der ſolche Perſonen ihren Weg verfolgen, macht ihnen unwill⸗ kürlich die minder ſtarken Naturen dienſtbar, und räumt ihnen eine Herrſchaft ein, die ſie uͤberall zu erwarten ſcheinen. Doch in demſelben Augenblicke machte der Kranke ſo unruhige Bewegungen, mit ſo ängſtlich ſtoͤhnenden Lauten verbunden, daß ſie ihm die Hand auf die Stirn legte, um ihn zu erwecken.„Ob Du den elenden Schlummer genießeſt oder nicht,“ ſagte ſie mit duͤſterem harten Tone, und wie nur zu ihm redend—„das iſt nur eine andere Art von Qual, und eine, aus der Du Dich noch weniger retten kannſt.— Graf d'Au⸗ baine,“ fuhr ſie dann, ſich zu ihm wendend, fort— „glaubt Ihr auch, daß der arme Knabe dort ein Morder iſt?“ Es lag in der Frage und in dem Blicke, mit dem ſie von ihm fort zum wieder entſchlummerten Reginald ſah, eine verächtliche Herausforderung an die ganze Ste. Roche 1MI 9 Welt, die That ihr zu beweiſen, die jede Sylbe ihrer Worte, jedes Zucken ihrer Muskeln verwarf; und die auf halbem Wege ſtehen gebliebene Ueberzeugung des Grafen ward dadurch mit fortgeriſſen, ſo daß ſie ſich aus ſeiner Bruſt hervordrangte, wie ein frei gewor⸗ dener Strom, ihn ſelbſt uͤberraſchend, als er ſein feſtes, ruhiges:„Nein!“ hoͤrte.— „Da ſeid Ihr Euch denn ſelbſt gerecht und erzeigt Euch einen groͤßeren Dienſt, als Ihr jetzt begreifen moͤgt; denn Gottes Fluch muß die treffen, welche die Hand noch gegen dies Kind ausſtrecken.“— „Ihr ſcheint dieſe ungluͤckliche Begebenheit ſehr genau zu kennen,“ erwiederte der Graf—„der junge Mann ſcheint Euch nahe anzugehen?“ „So iſt es!“ erwiederte ſie, mit einem ruͤhrenden Zucken von Schmerz;—„und Euch will ich ſagen, wie der Zuſammenhang iſt.— Setzt Euch,“ fuhr ſie fort—„und befehlt Euren Leuten, daß ſie u n Weilchen mit ihren albernen Geſichtern verſchonen Ich will nicht geſtoͤrt ſein, wenn ich an meinem Herzen reißen muß.“ Der Graf that, wie ſie befahl. Ihre unbeug⸗ ſame Weiſe verrieth ſich ſo beſtimmt, daß er ihr nach⸗ zukommen trachtete, ohne ihrer Berechtigung zu gedenken. 131 Als er ſich ihr gegenuͤber geſetzt hatte, ſagte ſie ſogleich:„Meiner Tochter, Ellen Gray, habt Ihr einſt Gaſtfreundſchaft erzeigt; ich theile nicht die Meinung dieſer Thörin, die Euch und die Eurigen fur hochmuͤ⸗ thig hielt, und Ihr habt eben meinen Glauben beſtätigt. Ich war die unglͤckliche Dienerin, welche die Mutter dieſes Knaben, die rechtmäßige Gräfin Crecy⸗Chabanne, aus England nach dieſem verfluchten Lande begleitete, wo man ihr Ehre und Leben zu nehmen trachtete.“, „Wen,“ rief der Graf—„wen meint Ihr da⸗ mit? Ihr ſagtet, die Graͤfin Crecy-Chabanne!“ „Und ich ſagte recht!“ fuhr Emmy finſter blickend fort—„ich ſagte die Wahrheit, Graf d'Aubaine! Die Mutter dieſes Kindes war in England rechtmäßig an Leonin, Grafen von Crech-Chabanne vermählt. Als ſeine Gemahlin folgte ſie ihm hieher, und er ver⸗ grub ſie in das duͤſtere Schloß Ste. Roche;— er ver⸗ l e vor dem Altare ſein rechtmäßiges Kind und raubte ihm ſeinen Namen;— und während er vor Gott nach guͤltigen Gebraͤuchen vermaͤhlt war, heira⸗ thete er ein anderes Fraͤulein in Paris und betrog ſo Beide und hatte zwei Frauen. Aber dem Baſtarde, den er dort erzeugte, gab er den Namen: Ludwig, Graf von Crecy⸗Chabanne, während er ſeinem rechtmaͤßigen Kinde den Namen Ste. Roche beilegte“ 9* 132 Der Graf ſprang auf. Duͤrr, trocken und hart hatte das ungluͤckliche Weib die Worte herausgeſtoßen. Wie fruͤher Reginald, ſo zweifelte jetzt der Graf an ihren klaren Sinnen.„Frau,“ rief er,„Ihr ſprecht furchterlich ſicher die ſchrecklichſten Anſchuldigungen aus! Wißt Ihr, was Ihr ſagt?“ „Ich weiß es!“ ſagte ſie feſt—„obwohl ich ſelbſt nicht begreife, daß ich ſo viel Elend mit geſunden Sinnen uͤberlebte. Doch Gott wird mich aufgeſpart haben, Zeugniß abzulegen; und es wird wahr ſein und richtig, als ſtaͤnde ich vor meinem ewigen Richter, und wird doch Allen, wie Euch eben jetzt, das Haar zu Berge treiben.“ „Emmy, Emmy,“ rief jetzt der erwachte Reginald „was haſt Du vor mit Deinem kuͤhnen Ein⸗ ſchreiten? Wage es nicht, mich leiten zu wollen— ich weiß, was mir zuſteht. Die Gerechtigkeit, die Du mich gelehrt haſt erkennen, werde ich ſulle des heiligen Andenkens meiner Mutter willen— und dieſelbe Gerechtigkeit wird ihren dann anerkannten Sohn vernichten und den Namen begraben, an dem ſo ſchwerer Fluch haͤngt!“ „Perr Graf,“ ſprach er dann, indem er ſich auf dem Lager aufrichtete, auf dem er angekleidet geruht hatte —„ich bin bereit— iſt das Gericht verſammelt?“ „Noch nicht,“ erwiederte der Graf verwirrt und erſchuͤttert;—„ich wollte mich ſelbſt uͤberzeugen, ob Ihr zu den Verhandlungen fähig wäret.“ „Ich bin es!“ rief Reginald mit Feſtigkeit. „Meine Kraͤfte werden die kurze Zeit ausreichen. Seid gewiß, Herr Graf, was ich zu ſagen habe, wird die Verhandlungen abkuͤrzen; wir werden bald zur Ent⸗ ſcheidung kommen.“ „Ungluͤckliches Kind,“ rief Emmy, hier einfallend, — zu welchem Wahnſinne biſt Du entſchloſſen? Kannſt Du Dich Deinen Henkern, die Dich von Jugend auf verfolgten, ausliefern wollen, damit ſie Recht behielten, und ihnen Alles gelänge, was ſie beſchloſſen ſeit An⸗ beginn?“ Reginald faßte ſanft ihre Hand und ſah ihr feſt in die troſtloſen Augen:„Emmy, ich kann das Letzte nicht von Dir abhalten— troſte Dich Gott!“ Mann,“ ſagte Graf d'Aubaine theil⸗ nehmend,„Gerechtigkeit iſt, daß wir auch gegen uns ſelbſt nicht voreilig entſcheiden, wenn ein großer Schmerz uns um unſere Lebenshoffnungen gebracht hat. Das Leben iſt lang, die Zeit ſchreitet ein; wir können noch oft von Vorn anfangen, wenn wir auch von dem uns bis dahin angewieſenen Wege verſchlagen werden.“ „Ich danke Euch!“ ſagte Reginald.„Ihr wuͤrdet 124 gewiß mein Vertrauen zuruͤckweiſen muͤſſen, darum nöthigte ich es Euch nie auf; bald werdet Ihr mich hoͤren!“. Mit der tiefſten Bewegung verließ der Graf Beide. Neue, traurige Anklagen hatte er vernommen, und immer mehr fiel ſein Herz den Anklägern heimlich ab, immer lebhafter ſchloß er den Juͤngling darin ein. — Da die Marſchallin erklaͤrt hatte, den Verhand⸗ cungen beiwohnen zu wollen, ſah ſich die Gräfin d'Au⸗ baine genoͤthigt, ſie zu begleiten, und beide Damen erſchienen daher, in tiefer Trauer, von ihren Frauen umgeben. Der Gerichtsſaal war dem Zwecke gemaͤß wuͤrdig eingerichtet. Am oberen Ende, der Eingangs⸗ chure gegenuͤber, ſtand in der Breite eine ſchwarz behan⸗ gene Tafel mit dem Kruzifir, hinter welchem der Kri⸗ minal⸗Rath, Herr von Mauville, Platz genommen hatte; ihm zur Seite ſaßen zwei Aſſiſtenten. An den beiden Enden der Tafel befanden ſich die Protokollfuͤhrenden eiber. Links von der Tafel, unter der Fenſter⸗ ſaß der Marquis de Souvré, hinter ihm ſtanden ſeine Domeſtiken als Zeugen; ihm zur Seite nahm man den Prior des Kloſters Tabor wahr, hinter ihm die Moͤnche, die mit den jungen Leuten verhandelt hatten; weiterhin befand ſich eine Gruppe, die der Arzt des Schloſſes mit den ihm beigegebenen Gerichts⸗ perſonen aus Ardoiſe und dem Richter von Ste. Roche bildete. Dieſe hatten den Zuſtand der Leiche am Mor⸗ gen in dem Erbbegräbniſſe, wo ſie vorläufig beigeſetzt war, unterſucht. Ihnen allen gegenuber hatten die Damen ihre Plaͤtze genommen; zunaͤchſt der Tafel ſaß Graf Leonin, bleich, wie vom Fieber geſchuͤttelt, mit halb geſchloſſenen Augen; er hatte es beſtimmt ver⸗ weigert, als Klaͤger aufzutreten, und ſo war die Mar⸗ ſchallin in ſeine Stelle eingeruckt. Theilnehmend ſah man die beiden Grafen d'Aubaine an ſeiner Seite. In der Mitte des Zimmers ſtand ein einzelner Lehn⸗ ſtuhl; er war noch leer; der Angeklagte ward erwartet. Alle Anweſenden waren in Schwarz gekleidet, und die ganze Verſammlung trug einen ernſten, feierlichen Charakter, der ſelbſt in den Zugen ſich ausdruckte. Der Kriminal⸗Rath, Herr von Mauville, empfing die Meldung, daß Alle verſammelt waren; er erhob ſich und erklaͤrte die Sitzung fuͤr erffnet. Der Graf Crecy, der nur gefuͤhrt zu gehen vermochte, ſt ploͤtzlich auf und rief, wie außer ſich:„Ich kan bleiben, ich muß fort!“ Doch dieſe Anſtrengung der' Verzweiflung ſtuͤtzte den gebrochenen Koͤrper nur einen Augenblick; er ſank in den Stuhl zuruck und verhuͤllte ſein Geſicht; mitleidig von den beiden Grafen gedeckt, ward er den Blicken der Anweſenden entzogen. Die Thuͤren oͤffneten ſich; man ſah den Ange⸗ klagten, von zwi Dienern unterſtuͤtzt, daher wanken! Reginald war ſelbſt in den Verheerungen dieſer letzten Freigniſſe ſeines Lebens noch er ſelbſt geblieben; aber er ſah wie ſeine ſchoͤne Leiche aus. Ueber der Stirn, den gedruckten Augenliedern hatte der Schmerz ſeinen unverkennbaren Stempel eingepraͤgt, und die ſonſt fröhlich ſich um ſeine Stirn krauſelnden Locken hingen jetzt weich und muͤde um das ſchmale, bleiche Antlitz.— Als er die Schwelle uͤberſchritt, ſchien die Wichtigkeit des Momentes ihn zu erfaſſen; man ſah, wie die Kraft, an den Gedanken in ſeiner zuckenden Stirn ſich ent⸗ zundend, ſich durch alle Muskeln ſeines Koͤrpers er⸗ goß; er verließ, mit der alten Anmuth ſeinen Fuͤh⸗ rern dankend, ihren Arm und ging allein vor bis zur Lehne des Stuhls. Hier blieb er ſtehen; und als er den ſchoͤnen Kopf aufhob, ſchien er von der ganzen Verſammlung Nichts zu ſehen, als das hoch vor ihm aufgerichtete Kruzifix. Ein feines Roth trat hervor, lick der Begeiſterung durchbrach den Druck des Schmerzes, eine Fuͤlle unausſprechlicher Anbetung ent⸗ wickelte ſich in dem Schuͤler Fenelon's, eine entzuckende Ruͤhrung uͤber den Segen, der ihm von dort aus zu Theil ward, beugte ſein Haupt in Dank und Demuth. — Alle ſchwiegen; Jeder fuhlte, er bete! Mit ſanfter, gehaltener Stimme begann Herr von Mauville alsdann ſeinen Vortrag, nachdem er den An⸗ klagten aufgefordert, ſich niederzuſetzen.„Es handelt ſich hier,“ fuhr er nach der ſchicklichen Anrede gegen die Anweſenden fort,„um ein Attentat, welches in ſeiner geheimnißvollen Verwicklung zu verfolgen, eine doppelte Pflicht wird; da es nicht allein eines der be⸗ ruͤhmteſten Geſchlechter Frankreichs in ſeinem einzigen, hoffnungsvollen Erben erloͤſchen macht, ſondern zugleich der menſchlichen Geſellſchaft einen entehrenden Makel aufzunoͤthigen ſcheint, indem in dem Angeklagten uns ein Juͤngling bezeichnet wird, der, in dem Falle der Ueberweiſung, alle menſchlichen Bande, die heiligſten Verpflichtungen der Dankbarkeit zerriſſen hat. Wir finden hier von den bis jetzt damit beſchaͤftigten Ge⸗ richtsperſonen Fakta geſammelt, die man uns uͤberge⸗ ben hat, um an Ort und Stelle eine vorbereitende Ueberſicht zu veranlaſſen, die dem hohen Kriminal⸗Hofe von Paris zur letzten Pruͤfung vorgelegt werden kann. Wir wollen, indem wir dieſe ernſte und heilige P auszuuͤben uns berufen finden, uns alle ermahnen, un⸗ ſere Seele von dem Vorurtheile frei zu erhalten, welches gehaͤufte Wahrſcheinlichkeiten gegen den Angeklagten erzeugen koͤnnten, damit wir geneigt bleiben, die mog⸗ liche Rechtfertigung mit eben der Treue und Sorgfalt zu verfolgen, als wir gefaßt ſein muͤſſen, die Verge⸗ hung zu finden und zu beſtrafen.“ — Jetzt erfolgte eine ruhige und klare Erzählung der Thatſache, in wie weit ſie den Richtern vertraut ſein konnte. Wir uͤbergehen ſie um ſo eher, da wir nicht ge⸗ ſonnen ſind, unſere Mittheilungen in den geſchloſſenen Formen einer gerichtlichen Verhandlung zu machen. In⸗ dem wir auf die Erinnerungen des ſelbſt mit Durchleb⸗ ten den Leſer verweiſen, werden wir die daraus entſtehen⸗ den Anſichten nur in der Weiſe mittheilen, wie ſie zur vollſtändigen Theilnahme des Folgenden verhelfen wird. Unbezweifelt lag in den wohlgeſammelten und ge⸗ ordneten Anſchuldigungen eine auffallende Wahrſchein⸗ lichkeit fuͤr den bezeichneten Thaͤter; ſelbſt der Unbe⸗ fangenſte, Wohlwollendſte konnte dies nicht in Abrede ſtellen. Der Kammerdiener des Marquis erzahlte das erlauſchte Geſpraͤch, in welchem Reginald durch die dringendſten Bitten den jungen Grafen zu der Reiſe nach Ste Roche bewogen hatte. Der hier ſich an⸗ tnüpfende Verdacht ward beſonders dadurch geſtutzt, daß Reginald die Geheimhaltung dieſes Schrittes ver⸗ langt und die Furcht ausgeſprochen hatte, daß man ſie ſonſt daran verhindern werde. Die Reiſe ſelbſt ſei nun mit einem Ungeſtuͤme und einer Uebereilung vor⸗ geſchritten, die ſelbſt die ungern nur zeugenden Do⸗ meſtiken der beiden jungen Leute nicht laͤugnen konn⸗ ten; ja, die, nach ihren Ausſagen, hauptſaͤchlich dem An⸗ geklagten zur Laſt fiel. Dieſer Verdachtgrund ward durch den Prior des Kloſters Tabor, wie durch deſſen Mönche verſtärkt. Durch ihn erfuhr man Reginald's Anweſenheit im Kloſter, am Tage vorher; durch ihn die lange, von Seiten Reginald's, mit heftigen Aus⸗ bruͤchen endende Unterredung mit der alten Bewohne⸗ rin des Schloſſes Ste. Roche, welche der Prior, als das Haus Crecy aus unbekannten Gruͤnden bitter haſ⸗ ſend, bezeichnete. Weiter ward der Ungeſtuͤm erzaͤhlt, mit dem Reginald bei dem heftigſten Gewitter und dem nahenden Abende, dennoch die Fortſetzung der Reiſe be⸗ trieben hatte; und ſelbſt der Wegweiſer mußte dieſe An⸗ ſchuldigungen fortſetzen, da er ſeine Abmahnungen er⸗ wähnte, und wie der Angeklagte deſſen ungeachtet den anderen jungen Herrn ſich nachgezogen hatte, um das Schloß zu erreichen.* Vor Allem freilich erhielt nun die Ausſage des Marquis de Souvrs, deren Inhalt uns hinlanglich bekannt iſt, die Wichtigkeit, alle bereits vorhandenen Verdachtgruͤnde in einen Zuſammenhang zu bringen, der dem Angeſchuldigten faſt keine Ausflucht geſtattete und ein Eingeſtaͤndniß erwarten ließ, das in den That⸗ ſachen ſchon klar enthalten ſchien. Als alle Einzelheiten verhandelt waren, kam der, von allen Anweſenden mit Spannung und den ver⸗ ſchiedenſten Empfindungen, erwartete Moment, der den Angeklagten zu ſeiner Vertheidigung oder ſeinem Ein⸗ geſtändniſſe aufforderte. Mit Ruhe und Sammlung hatte der junge Mann, ohne durch Worte oder Bewegung eine Unterbrechung auch nur anzudeuten, dieſer langen und ſchrecklichen Vorbereitung beigewohnt. Was in ihm vorging, blieb auch den ihn naͤher kennenden Freunden unergruͤnd⸗ lich. Der Schmerz, der mit dem verrätheriſchen Wech⸗ ſel der Farbe ſein Geprage ſo verſtändlich in ſeinen Zugen ausgedruͤckt hatte, war doch entfernt von Ver⸗ zweiflung oder Gewiſſensangſt. Herr von Mauville, der erfahrene Rath eines ſo wuͤrdigen Gerichtes, als der Kriminal⸗Hof von Paris, hätte doch, trotz aller Beweisgruͤnde, die er ſich bemuͤhen mußte darzulegen, ſchwören mögen: der Juͤngling ſei der abſichtliche Thaͤ⸗ ter nicht. Und da er fand, daß die Zuͤge des Ange⸗ klagten weder Schrecken, noch Unruhe zeigten, furch⸗ tete er, der Jungling überſähe die Größe der Gefahr und werde dadurch vielleicht weniger ſorgſam ſein, zu ſeiner Vertheidigung die ihn noch moͤglicherweiſe ent⸗ ſchuldigenden Umſtände zu ſammeln. Er erhob ſich demnach und leitete ſeine Aufforderung zur Vertheidi⸗ gung an den Jungling auf eine Weiſe ein, die ſeine Achtſamkeit wecken ſollte. 142 „Obwohl ſich aus den eben beendigten Angaben der vorhandenen Zeugen eine traurige Wahrſcheinlich⸗ keit entwickelt hat, die das Attentat mit Ihnen, mein Herr, in einen kaum zu trennenden Zuſammenhang bringt, muß ich Sie doch darauf aufmerkſam machen, wie viel hierbei dennoch im Dunkeln bleibt, was in demſelben Maaße die Wahrſcheinlichkeit zu widerlegen ſcheint und Widerſpruͤche erzeugt, die wir geneigt ſein werden, zu Ihren Gunſten erklaͤrt zu ſehen. Sie wer⸗ den, indem wir Sie auffordern, Ihre Erklaͤrungen ab⸗ zugeben, die Wichtigkeit derſelben nicht uͤberſehen und ſich mit Beſonnenheit ſammeln; da, trotz Ihrer Ju⸗ gend, die Ueberweiſung eines ſolchen Verbrechens nur mit dem Tode beſtraft werden duͤrfte. So ſehr ich nun bemuͤht war, den vorhandenen Akten meine Auf⸗ merkſamkeit zu widmen, iſt es mir doch nicht gelun⸗ gen, eine Hauptſache herauszufinden: nämlich die Ver⸗ anlaſſung— die Nothwendigkeit einer ſolchen Hand⸗ lung. Ihr Verhältniß zum Grafen Ludwig war von' Jugend auf das der zärtlichſten Freundſchaft; Ihre Diener beſchwoͤren, daß Ihre gemeinſchaftlichen Rei⸗ ſen die innigſte Einigkeit verſchoͤnte. Sie waren uͤberall die Stuͤtze des ſchwaͤcheren Grafen.— Dies Verhalt⸗ niß hat ſich bis in die Mauern von Ste. Roche er⸗ ſtreckt; auch hier verſchafften Sie dem Freunde erſt — 143 —— 3 Ruhe und Bequemlichkeit; und das Piſtol, was man nachher in Ihrer Hand fand, hatten Sie nach Aus⸗ ſage der Diener ergriffen, den ſchlafenden Freund zu bewachen. Außerdem waren Ihre buͤrgerlichen Ver⸗ haältniſſe außer aller Beruͤhrung mit denen des Gra⸗ fen Ludwig; Sie beſaßen ein unabhäͤngiges Ver⸗ mögen und konnten durch den Tod des Grafen keinen Vortheil erreichen, da Sie in keinem ver⸗ wandtſchaftlichen Grade mit einander ſtanden. Wo alſo— da Liebe und Eintracht bis zum letzten Augen⸗ blicke erwieſen ſind, wo bleibt die Veranlaſſung zu einem ſo fuͤrchterlichen Verbrechen, da in Ihrem Le⸗ ben kein Nachweis bösartiger Leidenſchaften vorliegt? — Indem ich Sie pflichtmäßig auf dieſe Umſtände aufmerkſam mache, fordere ich Sie nunmehr auf, die vorangehenden, nothigen Erklärungen über Ih⸗ ren Namen und Ihre Geburt zu geben und dann den Eid zu leiſten, mit dem Sie ſich vor Gott verpflichten, die Wahrheit hoher zu achten, als irdi⸗ ſchen Vortheil.“ „Mein Herr, Sie heißen Reginald, Chevalier de Ste. Roche, ſind in Paris in dem Stadttheile St. Sulpice geboren, in dem Kloſter St. Sulpice unter der Vormundſchaft des Grafen Crecy-Chabanne erzo⸗ gen. Haben Sie dieſen Notizen noch etwas uͤber Ihre 144 Eltern und Familie hinzuzufuͤgen, von denen ich hier keine weitere Erwähnung finde?“ Wir werden die Aufregung begreifen, die dieſe nothigen und doch von den Anklägern uͤberſehenen oder vergeſſenen Aufforderungen bei den Anweſenden erregen mußten.— Graf d'Aubaine blickte mit un⸗ getheilter Erwartung auf den bleichen Juͤngling, der jetzt den Verſuch machte, ſich zu erheben, und lang⸗ ſam an dem Stuhle ſich ſtutzend, endlich aufrecht ſtand und das ſchwermuͤthige Auge aufſchlug, um das Ant⸗ litz des Richters zu ſuchen, der eben ſo mild und menſchlich zu ihm geredet. Da traf ſein Blick zuerſt auf Franziska's Vater, und der Juͤngling erbebte, als wolle er zuruͤck ſinken— dann war es voruͤber! Er preßte krampfhaft einen Augenblick die Häͤnde vor die Stirn, dann richtete er ſich feſt auf. Graf d'Aubaine ahnte die Urſache dieſer heftigen Bewegung nicht, und Wenige außer Reginald ſahen ſie, ſo geſpannt war die Aufmerkſamkeit Aller;— und ſo blieb Franziska d'Aubaine, welche während der Rede des Herrn von Mauville leiſe durch eine Seitenthuͤre eingetreten war, ohne Störung, an den Stuhl ihres Vaters gelehnt, ſtehen. Mit der ſorgloſen Ruhe und Sicherheit, die bei ſo zarten, weiblichen Naturen immer das Zeichen einer Geiſtzerſtorenden Gemuͤthsbewegung iſt, ſchloß ſie ſich einer Verhandlung an, die weder fuͤr ihr Al⸗ ter, noch fuͤr ihr Geſchlecht paſſen wollte. Doch wer⸗ den wir die Wirkung fuͤr Reginald begreifen; nach der erſten Erſchutterung fuͤhlte er nur eine Steigerung ſeiner Empfindungen dadurch eintreten. Es ſchien ihm, Gott habe den Engel geſendet, der ihn troͤſten und ſtärken ſolle;— auch glich ſie einer ſolchen Er⸗ ſcheinung mehr, als einem irdiſchen Weſen! Ihr ſchoͤnes, todtenbleiches Antlitz war von ihrem reichen Haare umwallt, und drei weiße Roſen ſchienen die ſeltene Fuͤlle halten zu wollen. Von ihrer hohen, ſchlanken Geſtalt floß das bedeutungsvolle Kleid von blaßblauem Atlas nieder; und um ſo glaͤnzender hob ſich ihre Erſcheinung hervor, da Alles um ſie her in die tiefſte Trauer gehuͤllt war. Herr von Mauville wuͤnſchte, dem Juͤnglinge nur uͤber das erſte Wort hinweg zu helfen.„Mein Herr,“ ſagte er,„die Formalitaͤt, die Ihre Identität beweiſen ſoll, erfordert Nichts, als ein beſtatigendes: Ja! Es wird an Eides Statt angenommen werden, und es bleibt Ihnen frei, dem hohen Gerichtshofe ſpaͤter daruͤber die“ dort noͤthigen Anzeigen zu machen, wenn Sie ſich jetzt zu bewegt dazu fuͤhlen ſollten.“ „So kann ich dieſe Beſtaͤtigung nicht geben!“ rief plotzlich Reginald, indem er ſich frei aufrichtete. Ste. Roche. III. 5 10 146 „Mein Herr,“ ſagte Herr von Mauville—„Sie mißverſtehen vielleicht meine Frage! Es handelt ſich hier bloß um die einfache Beſtätigung, i Sie der Chevalier de Ste. Roche ſind.“ „Ich habe Sie vollkommen verſtanden,“ ent⸗ gegnete Reginald;—„doch ſoll meine Antwort an Eides Statt gelten, ſo kann ich ſie nicht beſtatigend geben; denn der Name und Titel: Chevalier de Ste. Roche gehoͤrt mir nicht wirklich, ſondern ward mir mit boͤſer Abſicht bei meiner Geburt untergeſchoben.“ „Verweiſen Sie den Luͤgner dort zur Ruhe!“ rief hier plötzlich die Marſchallin von Crecy, indem ſie außer ſich aufſprang;—„er will die Angelegenheit verwirren, indem er etwas Fremdes— Ungehoͤriges hinein miſcht!“ Herr von Mauville verneigte ſich.„Das Ver⸗ hoͤr darf nicht unterbrochen werden, Madame! Wir ſind genöthigt, den Angeklagten zu horen; zweifeln Sie nicht, Madame, daß wir die— werden zu ordnen wiſſen.“ Die Marſchallin ſetzte ſich in der groͤßten Em⸗ poͤrung, da ſie einſah, nicht durchdringen zu können. Reginald hatte ſie keines Blickes gewuͤrdigt; er blieb ruhig gegen die Richter gewendet. Als eine augenblickliche Stille eintrat, ſagte er:„Ich habe Gott vor Augen und achte die Wahrheit höher, als irdiſchen Vortheil, darum habe ich dieſe Erklärung abgeben muͤſſen. Aber dieſe Angelegenheit, die ich entſchloſſen bin, um der verletzten Ehre meiner tugend⸗ haften Mutter Willen, der Wahrheit nach, an das Licht zu ziehen, hat nur einen voruͤbergehenden Ein⸗ fluß auf die Angelegenheiten, die ich hier zu er⸗ klaͤren habe. Daher bitte ich, mir die Angabe meines wahren Namens zu erlaſſen;— meine uͤbrigen Erklaͤrungen werden bald darthun, wie wenig ich ge⸗ neigt bin, dieſelben zu meinem Vortheile zu lenken.“ „Ich glaube, mein Herr,“ ſprach Herr von Mau⸗ ville, nach kurzer Beſprechung mit den beiſitzenden Richtern—„daß wir um ſo eher in Ihren Wunſch einwilligen können, da Sie nicht vor dem hohen Ge⸗ richtshofe ſelbſt ſtehen, und wir unſere Verhandlung nur als ein vorbereitendes Verhoͤr anſehen können, indem die endliche Entſcheidung nach Paris gehoͤrt; wenn unſere ungewoͤhnliche Sendung hieher allerdings ſchon der Ruͤckſicht gegen eine der erſten Familien des Konig⸗ reiches zuzurechnen iſt.“ „So muß ich ferner erklären,“ fuhr Reginald fort,„daß ich zu gleicher Zeit außer Stande bin, die Urſachen anzugeben, warum ich den Grafen Ludwig bewog, mit mir nach Ste. Roche zu gehen. Doch dies wird alles Ihre Funktionen als Richter nicht ſtoͤren; 10* 148 denn mein Eingeſtändniß laͤßt alle Beweisgruͤnde weit hinter ſich zuruͤck;— und ſo verzeichnen Sie denn, meine Herren, daß ich der Moͤrder des Grafen Ludwig bin, da mein abgeſchoſſenes Piſtoh ihm das Leben geraubt hat!“ Der Angeklagte lehnte ſich nach dieſen Worten ſehr bleich und kurz athmend an ſeinen Stuhl. Er hoͤrte eine tumultuariſche Bewegung um ſich her; es ſchien ihm, Graf Leonin werde an ihm voruͤber aus dem Saale getragen. Als er ſich wieder geſammelt hatte, ſah er den Stuhl des Grafen Leonin leer;— ſonſt hatten Alle ihre Plaͤtze behalten. Auf ein Zeichen des Herrn von Mauville trat Stille ein. „Junger Mann,“ rief er mit ſtarkem, uͤberreden⸗ dem Tone—„ich ermahne Sie, ſich zu ſammeln! Sie waren krank, Ihre Geiſteskraͤfte waren geſchwächt; vielleicht ſind Sie noch ohne klare Anſchauung und verfallen in den oft ſich zeigenden Fehler der Jugend, ſich lieber bei dem erſten Verdachte, der ihren Ruf an⸗ greift, aufzugeben, als zu einer verſtändigen Verthei⸗ digung uͤberzugehen, die Geduld und Selbſtbeherrſchung erfordert.“ „Weiſer, verſtaͤndiger Richter,“ rief hier eine rauhe, trockene Stimme laut und hart—„Dich ſegne Gott! Du biſt der Erſte, der auf dem ver⸗ 149 fluchten Boden Frankreichs die Rede eines Chriſten hoͤren läßt!“ „Ungluͤckliche Frau,“ rief Reginald, zu Emmy Gray aufblickend,„was willſt Du hier? wie kamſt Du hierher?“ „Als ſie ihn hinaus trugen, den ſein Gewiſſen ge⸗ richtet, fand ich den Weg offen; und hier bin ich mit allem Rechte, Zeugniß abzulegen,“ rief ſie feſt—„da Deine Lammsnatur das Schwert in der Scheide läßt, und Du den hungrigen Loͤwen die Speiſe vorwirfſt, nach der ſie trachten! Sagt,“ ſprach ſie, bis zur Tafel vor⸗ ſchreitend und die Hand gegen den Richter aufhebend, „ſtehe ich vor einem chriſtlichen, berechtigten Gerichts⸗ hofe? Wird hier Zeugniß angenommen— und unver⸗ falſcht vor Gottes Angeſicht gerichtet?“ Herr von Mauville blickte mit Erſtaunen auf eine Geſtalt, die, wie aus einem anderen Jahrhunderte, an ein lebendig gewordenes Bild jener Zeit erinnerte, und die in Wort und Bewegung eine Kraft des Willens aus⸗ druͤckte, unterſtuͤtzt von dem duͤſterſten Ausdrucke des Zuͤrnens, wodurch ſie den vollkommenſten Antheil er⸗ regte.„Zweifelt nicht, daß Ihr vor Chriſten ſtehet, die von Gott die Kraft erwarten, recht zu richten,“ ſagte er mild—„was habt Ihr uns zu ſagen?“ „Meine Herren,“ ſchrie hier der Marquis de 180 Souvrs, heftig aufſpringend—„dieſe Frau kann kein Zeugniß vor Gericht ablegen; es iſt die Bewohnerin von Ste. Roche, die ſchon laͤngſt dem Wahnſinne verfallen iſt und wahrſcheinlich durch ihren thoͤrichten Einfluß den jungen Menſchen zu dem bereits eingeſtandenen Verbrechen verfuͤhrt hat!“ „Herr Marquis,“ rief Reginald, mit einer Ener⸗ gie, die ſein fruͤheres Verhalten nicht angedeutet hatte, „Sie haben am wenigſten das Recht, die klaren und geſunden Sinne dieſer ehrwuͤrdigen und ungluͤcklichen Frau zu ſchmaͤhen. Reizen Sie mich nicht durch Be⸗ leidigungen gegen dieſelbe, die ich nie dulden werde, ſie mit den Mitteln zu vertheidigen, die mir, wie Sie wohl wiſſen, zu Gebote ſtehen!“ „Ja,“ ſagte Emmy Gray, welche den Marquis mit kalter Verachtung betrachtet hatte;—„jetzt erkenne ich das Geſicht des Suͤnders wieder; und der, der den Namen des Moͤrders verdient, wie kein Anderer, wagt, als Zeuge Dir gegenuͤber zu treten? Gott wird den' Engel der Vergeltung ſonden und den Boden verwuͤſten, wo ſein Fuß weilte!— Richter, der Du Dich ruͤhmſt, hier im Namen Gottes zu richten, laß' den Boͤſewicht nicht Zeugniß ſprechen— und höre von mir, wie ſchwarz ſeine Seele iſt!“ „Herr von Mauville,“ ſagte die Marſchallin mit — 151 der kalten Anmaßung, welche ihren hohen Rang in Er⸗ innerung bringen ſollte—„wir wollen nicht Zeuge ſein von den Ausbruͤchen einer elenden Geiſteskranken; und ich muß Sie erinnern, daß die traurige Veranlaſſung, die uns pflichtmäßig hier gegenwärtig ſein ließ, durch das Geſtändniß des Verbrechers beendigt iſt; ich fordere Sie auf, das Verhoͤr zu ſchließen. Wuͤrdevoll erhob ſich Herr von Mauville gegen die Marſchallin.„Madame,“ ſagte er—„die Ge⸗ genwart Euer Gnaden iſt eine freie Wahl, welche weder von uns verlangt, noch verweigert ward; daher iſt die Entfernung Euer Gnaden gewiß Ihrem eignen Ermeſſen uͤberlaſſen; doch kann ich damit das uns vor⸗ liegende Verhor um ſo weniger fuͤr beendigt erklären, da das Geſtändniß eines Angeklagten immer nur dann die Entſcheidung mit ſich bringt, wenn es mit den verſchiedenen Anklagen zuſammenfallt und dieſelben vollſtaͤndig erklärt. Dies iſt hier nicht der Fall. Das Geſtändniß, welches unſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch nimmt, huͤllt ſich in ein Dunkel, das wir aufzuhellen trachten muͤſſen; da wir nicht allein be⸗ rufen ſind, Schuldige zu entdecken, ſondern auch Un⸗ ſchuldige zu beſchuͤtzen. Jeder Nachweis, der ſich dazu uns darbietet, muß von uns benutzt werden, und das Auftreten dieſer Frau iſt, wenn auch außer der Form, doch bei einem bloßen Verhoͤre, welches Beweiſe zu ſammeln hat, vollſtaͤndig zulaͤſſig.“ Es koſtete der Marſchallin einen ſichtlichen Kampf, dieſe hofliche Zuruͤckweiſung hinzunehmen. Sie wuͤnſchte wenigſtens, durch Entfernung ihre Beleidigung hervorzu⸗ heben; aber das brennende Verlangen, hier noch lenkend, oder abwehrend einzuſchreiten, hielt ſie zwiſchen Gehen und Bleiben in Aufruhr zuruck, bis ſie entſchloſſen auf ihrem Platze verblieb. Herr von Mauville wendete ſich nach ſeiner kurzen Entgegnung an die Marſchallin, gegen Emmy Gray, und fragte ſie, ob das Zeugniß, daß ſie hier anböte, im Zu⸗ ſammenhange ſtehe mit der unglucklichen Begebenheit, die hier verhandelt werde; ſonſt moͤge ſie den Gang des Ge⸗ richtes nicht durch Einmiſchung fremder Intereſſen ſtoren. „Meine Ausſagen gehoren dazu, wie Eure Augen zu Eurem Kopfe!“ rief Emmy Gray—„darum gebt mir Raum, Richter, damit ich Euch ſagen kann, was Ihr von ihm ſchwerlich erfahren werdet.“ „Emmy,“ ſagte Reginald mit Ernſt—„Du haſt nicht Wort gehalten und biſt doch in großem Irrthume, weil Du den zu retten hoffſt, der von Deinen Ausſagen doch keinen Vortheil ziehen kann;— denn die eine Thatſache ſteht feſt: Eraß Ludwig fiel von meiner Hand!“ „Nun, um ſo beſſer, mein Kind!“ rief die Alte, heftig vorſchreitend;—„ſo haſt Du ſchon gerecht Ge⸗ richt gehalten, und Du biſt nun der einzige, rechtmäßige Graf Crecy-Chabanne!“ „O, Emmy,“ rief Reginald, ſein Geſicht verhuͤl⸗ lend;—„wozu hier die Schande meines Vaters auf⸗ decken!“ Es entſtand indeſſen ein begreiflicher Tumult. Viele Stimmen riefen zugleich; Souvré, die Mar⸗ ſchallin uͤberhäuften Herrn von Mauville mit Vor⸗ wuͤrfen, der Wahnſinnigen, der Betruͤgerin das Wort geſtattet zu haben. Herr von Mauville ſaß indeſſen ſtill und mit klugem Auge, wie Jemand, dem plötzlich ein heller Lichtſtrahl ſichtbar wird. Er hoͤrte und erwiederte Niemandem,— einzelne Worte mit den beiſitzenden Richtern wechſelnd. Er ließ der Aufregung eine Zeit lang ihren Gang, dann ſtand er plotzlich auf. Er wiederholte das Gebot zum Stillſchweigen mehrere Male, laute Schlaͤge gegen die metallene Scheibe fuͤh⸗ rend, die vor ihm ſtand; ſeine Stimme, die maͤchtig und toͤnend war, uͤberbot dabei das Gemurmel der Menge und die einzeln erzuͤrnt Redenden. „Frau,“ rief er mit zorniger Weiſe gegen Emmy Gray,—„wer biſt Du? Was wagſt Du hier gegen die erſten Familien Frankreichs zu behaupten? Was haſt Du fuͤr Rechte, fuͤr Beglaubigungen zu Deinen Behauptungen?“ „Laßt ſie ſchweigen,“ ſagte Emmy,—„ich habe lange nicht unter ſo viel Volks geſtanden; ihr rohes Geſchrei betäubt meinen Kopf!“ Es trat Ruhe ein; die Marſchallin unterlag faſt der Qual, bleiben zu muͤſſen; ſie kam ſich uͤber alles Maaß hinaus beleidigt vor. Aber es ſtand zu Viel zu verlieren, und ſie zweifelte nicht, Alles verdächtigen und unterdruͤcken zu koͤnnen, was hier hervortreten wollte. Emmy dagegen lehnte ſich an die Gerichtstafel, Allen den Ruͤcken kehrend, und ſagte nun ſo laut und feſt, daß jedes Wort den Saal durchdrang: „Ich bin Emmy Gray, diejenige, die aus Eng⸗ land die rechtmaͤßige Gemahlin des Grafen Leonin von Crecy⸗Chabanne nach Frankreich begleitete. Das Kind dieſer rechtmaͤßigen Ehe iſt der hier anweſende, arme, verfolgte Knabe; der, zu deſſen Moͤrder ihn Alle machen wollen, war ein Baſtard; denn die erſte Gemahlin lebte' noch ein Jahr nachher, als der Graf die zweite gehei⸗ rathet hatte. Die Marſchallin, Souvré erhoben ſich wieder; aber Herr von Mauville winkte beruhigend:„Ich bitte, fuͤhren Sie keine Stoͤrungen herbei, ich erkenne die Sache ſo gut, wie Sie, und verſpreche Ihnen Gerech⸗ — tigkeit.“ Beide hofften, Herr von Mauville ſei auf ihrer Seite, und begaben ſich zur Ruhe. „Begreifſt Du, alte Frau, was Du da heraus⸗ geſtoßen?“ rief er hart;—„denkſt Du, wir werden . Dir glauben ohne Beweiſe, da Du einen Mann, wie den Grafen Leonin, angreifſt, deſſen Rechtlichkeit außer Zweifel ſteht?“ „Er war auch nur eine elende, leidende Kreatur in der Hand Anderer!“ rief Emmy Gray;—„er war zum Guten, wie zum Boͤſen zu ſchwach, ein veraͤchtliches, halbes Ding von Menſch; aber er hatte ein böſes Weib zur Mutter, die wußte um Alles,— „ und einen Teufel zum Freunde, der hier ſteht, und der vollfuͤhrte, was ſie beſchloß!“ „Thörin,“ rief Herr von Mauville;—„denkſt Du wirklich, daß man Dir ohne Beweiſe glauben wird? Du biſt den Geſetzen wegen boshafter Verläum⸗ dungen verfallen!“ „Mein Herr,“ ſprach Reginald,—„ich muß Ihrem Eifer Einhalt thun! Obgleich ich das Hervor⸗ treten dieſer ungluͤcklichen Angelegenheit mißbillige, und dieſe tief gebeugte Frau mein ausdruͤckliches Gebot, hier nicht aufzutreten, uͤberſchritten hat, muß ich ſie doch jetzt gegen jede unverdiente Beleidigung in Schutz nehmen. Sie iſt keine Thoͤrin, mein Herr! Sie wird nur zu wohl beweiſen koͤnnen, was ſie ſagt; und da die Schranke uͤberſchritten iſt, die ich mir aus Achtung fur den Namen, den ich rechtmäßig trage, auferlegt hatte, ſo gebe ich den Umſtaͤnden nach und erkläre ebenfalls laut und beſtimmt, daß ich der einzige, rechtmaͤßige Graf Crecy⸗Chabanne bin!“ „Mein Herr,“ rief die Marſchallin, zitternd vor Zorn;—„ich erklaͤre, einer Procedur nicht länger bei⸗ wohnen zu wollen, in der man jede Achtung gegen mich und meine Familie aus den Augen ſetzt, und Gaukler und Betrüger zum Zeugniſſe gegen uns zu⸗ laͤßt!“ Sie wollte, ſich erhebend, ihren Platz verlaſſen; doch Reginald ſollte ihr den Beweis geben, daß das Blut der Crecy in ſeinen Adern fließe! Lebhaft, mit gluͤhendem Antlitze trat er ein Paar Schritte gegen ſie vor.. „Bleiben Sie, Madame,“ rief er in einem gebie⸗ teriſchen Tone,„und nehmen Sie Ihren Platz wieder ein! Sie haben kein Recht, Beſchimpfungen gegen mich auszuſtoßen; denn Sie vor Allen ſind feſt von der Wahrheit der eben vernommenen Ausſagen uͤberzeugt. Sie, Madame, haben den Namen Crecy⸗Chabanne entehrt;— Sie, Madame, haben Ihren Sohn, mei⸗ nen Vater, zu dem Verbrechen doppelter Ehe— zur Beraubung ſeines rechtmäßigen Kindes verfuͤhrt;— 157* Sie, Madame, haben durch Ihre unmenſchliche Grau⸗ ſamkeit, durch Ihren Agenten Souvré das Herz mei⸗ ner engelgleichen Mutter, Ihrer allein rechtmäßigen Schwiegertochter, gebrochen! Sie— Sie haben das edle Haus Lesdigusres zu einer beſchimpfenden Verbin⸗ dung mit dem Gemahl einer Anderen vermocht und auch das Herz dieſer edeln, betrogenen Tochter jenes Hauſes gebrochen!“ „Bleiben Sie,“ rief er, da die Marſchallin, aus der Erſtarrung ihres Schreckens erwachend, zu ent⸗ eilen trachtete;—„Sie ſind hier noch noͤthig. Ich befehle Ihnen zu bleiben! Sie haben gewagt, mich Be⸗ truͤger zu nennen. Sie hätten vor dem Worte zit⸗ tern ſollen! Ich, der ich es uͤber die Nächſten aus⸗ rufen konnte, habe es zuruͤckgedraͤngt, aus Achtung fur den Namen, den meine reine Mutter trug. Jetzt, Madame, iſt das Siegel von Ihnen ſelbſt geloͤſt;— ein Crech⸗Chabanne darf nicht Betruger genannt wer⸗ den. Tritt vor, Emmy Gray, entfalte die Dokumente, die Alles darthun; und Sie, Madame, werden Kennt⸗ niß davon nehmen und alsdann widerrufen— gegen mich widerrufen!“ Die Marſchallin ſtand, wie unter einem Zauber gebannt, ſtarr— beſinnungslos faſt vor dem gluͤhen⸗ den, zuͤrnenden Juͤnglinge. Auch ſchien mehr oder we⸗ .— niger die ganze Verſammlung in ein ruͤckſichtsloſes Zu⸗ hoͤren aufgeloͤſt, waͤhrend Herr von Mauville ein ſchar⸗ fer Beobachter blieb, und mit Willen das Kreiſen dieſer leidenſchaftlichen Zuſtaͤnde nicht zu hindern ſuchte, ihnen die Fingerzeige ablauſchend, die die Wahrheit zu ent⸗ huͤllen verſprachen. „Was wagt Ihr?“ ſtammelte endlich die Mar⸗ ſchallin;—„was fuͤr Rechte habt Ihr an mich, als die der Verachtung und des Abſcheues? Wem ſoll ich gerecht werden? Dem Moͤrder meines Enkels, deſſen ganze Anklage gegen uns nur eine neue Beſtätigung ſeines abſichtlichen Todtſchlages iſt!“ „Abſichtlich! Abſichtlich!“ ſchrie Reginald, als ob alle Saiten ſeines Inneren mißtoͤnend zerriſſen wuͤr⸗ den;—„ich abſichtlich Ludwig getsdtet— ihn, der wenige Stunden zuvor mein Bruder ward— ihn, der auf meine Liebe, auf meinen Schutz angewieſen war durch meine aͤlteren Rechte an den Rang und Namen, den er getragen? Ich— ihn abſichtlich morden? Hei⸗ liger Gott, dieſer Gedanke konnte nur in Euch ent⸗ ſtehen!“ Indeſſen hatte Emmy Gray den Trauſchein aus dem Kirchenbuche von Stirlings⸗Bai, deſſen ſie ſich vor der damaligen Abreiſe heimlich zu bemaͤchtigen ge⸗ wußt, ehe Lord Gerſey ſeine Vernichtung vollfuͤhren 159 konnte, und aus dem Kirchenbuche von Ste. Roche das Tauf⸗Atteſt Reginald's und den Todtenſchein Fenni⸗ mor's ausgebreitet. Herr von Mauville pruͤfte Beide und gab ſie dann den anderen Richtern. „Madame,“ ſagte Herr von Mauville dann zur Marſchallin,„die Dokumente muͤſſen allerdings ge⸗ nauer gepruͤft werden;— doch haben ſie einen glaub⸗ haften Anſtrich!“ „Wie,“ entgegnete die Marſchallin,—„eine Ceremonie des ketzeriſchen Prieſters dieſer abtruͤnnigen Sekte, die wir angehalten ſind, nicht als Chriſten anzuſehen,— ſie ſollte einen Rechtsanſpruch enthal⸗ ten? Bei wem, glauben Sie, wird das Anerken⸗ nung finden?“ „Bei Allen, Madame,“ entgegnete Herr von Mauville,„die mit einer beſonderen Bevorrechtung der ſchottiſchen Kirche bekannt ſind, welche, aus der Zeit der Koͤnigin Maria herſtammend, die Prieſter dieſer Kirche als befähigt anerkannte, kirchliche Einſegnungen zu vollziehen; damals in der Hoffnung erlaſſen, die Confeſſionen durch Vermiſchung endlich der roͤmiſchen Kirche wieder zu gewinnen. Sie haben dadurch einen rechtskraͤftigen Grund erhalten, den wenigſtens der päpſtliche Hof nicht verwirft.“ Die Marſchallin verlor einen Augenblick die Faſ⸗ —— 160 ſung. Sie blickte auf Souors— dieſer lehnte ſich kalt und hochmuͤthig gegen die Gerichtstafel.„Madame,“ beantwortete er den Blick der Marſchallin—„es ſcheint mir, Sie laſſen ſich zu ſehr herab, dieſe verworrene Verhandlung mit Ihrer Gegenwart zu beehren. Er— lauben Sie mir, daß ich Ihnen den Arm gebe; Sie werden in Paris ein geeigneteres Gericht finden, was ſo ausgeſuchte Beleidigungen abweiſen und beſtrafen wird. Wenigſtens ich habe mit dieſen Angelegenheiten Nichts mehr zu thun.“ Er nahete ſich der Marſchallin, und dieſe ließ ſich hinwegfuͤhren, ohne ſprechen zu können, ganz um ihre gewoͤhnliche, ſtolze Haltung gebracht; die Gräfin d'Au⸗ baine folgte ihr; denn ſie ſah ihre arme Tochter nicht, welche auf einem Seſſel hinter dem Stuhle ihres eben⸗ falls ahnungsloſen Vaters ſaß, und mit der Gemuͤths⸗ bewegung zuhoͤrte, die ſie gaͤnzlich uͤber ihre auffallende Handlungsweiſe hinweghob. Als dieſe ſtörenden Elemente ſich entfernt hatten,“ ergriff Herr von Mauville wieder die oft unterbrochene Verhandlung.„Junger Mann,“ redete er Reginald an;—„der Augenblick, in dem Ihre alte Beſchutzerin ſie zwingt, ſich einer ſo maͤchtigen und vornehmen Fa⸗ milie als ein nah berechtigtes Mitglied derſelben zu zeigen, iſt durch die traurige, vorangehende Veranlaſ⸗ ſung dieſes Verhors, ein ſehr unguͤnſtiger zu nennen. Deſſen ungeachtet glaube ich annehmen zu koͤnnen, daß mit dieſer Entdeckung, die gegen Ihren Willen gemacht iſt, und die Sie fruͤher verweigert haben, der Grund weg⸗ gefallen iſt, der Sie abhielt, uns zu entdecken, warum Sie den Grafen Ludwig veranlaßten, mit Ihnen nach Ste. Roche zu gehen. Ueberhaupt, mein Herr— ich ſage es mit Bedauern, aber es bleibt dennoch wahr— dieſe neuen Entdeckungen ſind Ihnen nachtheiliger, als foͤrderlich; denn die Frage wird jetzt wichtig, ob Sie, der An⸗ gabe nach, wirklich der aͤltere Graf Crecy⸗Chabanne ſind, oder der bisher dafür geltende Juͤngling; denn Ihre hier⸗ nach als unterdruͤckt erſcheinenden Rechte könnten auf ein Verhältniß zwiſchen Ihnen und dem Gemordeten hinweiſen, das ſein Leben oder ſeinen Tod fuͤr Sie wich⸗ tig machte. Sammeln Sie ſich daher und erzählen Sie aufrichtig den Verlauf der Begebenheit.“ „Mein Herr,“ erwiederte Reginald ſogleich, ohne Zoͤgerung—„ich uberſehe meine Lage ohne Täu⸗ ſchung, daher ohne Hoffnung. Der Tod Ludwig's durch meine Hand ſchließt uͤberdies jede Moͤglichkeit wieder zu erlangenden Gluͤckes gaͤnzlich fuͤr mich aus! Mein Leben muß eine Suͤhne fuͤr ſein ſchoͤnes, fruh geknicktes Daſein werden;— ich erſehne dies mehr, als daß ich ihm zu entrinnen trachte.“ Ste Roche U 11 162 Ein roͤchelnder Seufzer ſtieg hier aus Emmy's Bruſt; ſie taumelte erbebend vor den feſten Worten ihres Lieblings zuſammen. Herr von Mauville be⸗ fahl, ihr einen Stuhl zu geben; ſtarr blieb ſie von da an ſitzen, die Augen feſt auf Reginald gerichtet. „Was ich weiter von dieſem entſetzlichen Ver⸗ haͤngniſſe zu berichten habe,“ fuhr Reginald fort,„iſt von ſo ungewoͤhnlicher Art, daß ich entſchloſſen war, es ganz zu verſchweigen; da es unmöglich in den Au⸗ gen meiner Richter ſich zur Wahrheit erheben kann, und mich dieſer daraus entſtehende Zweifel gegen meine Wahrhaftigkeit doch tief kraͤnken wurde.“ „Sie muͤſſen Vertrauen haben zu Ihren Rich⸗ tern, junger Mann,“ entgegnete Herr von Mauville; „wir ſind nicht in der Abſicht gekommen, Sie ſchuldig zu finden, und gewöhnt, das Ungewöhnliche zu hoͤren. Kraft meines hohen Amtes fordere ich Sie auf, Alles auszuſprechen, was Sie auf Ihrem Herzen haben.“ Nach einer Pauſe ſchmerzlichen Nachdenkens rief Reginald:„Es ſei! Ich ſtehe vor einem edeln Manne, das fuͤhle ich dankbar;— aber vor Allem fuhle ich Gottes Naͤhe!“ Reginald erzäͤhlte jetzt mit Umſicht und Ruhe. Er berichtete die Unſicherheit uͤber ſeine Familie, der er nicht nachgefragt habe in dem ſchuͤtzenden Verhält⸗ * — niſſe zu der Familie Crecy. Graf Leonin habe ſich ſein Vormund genannt, und jede Auskunft fuͤr ihn bis nach zuruͤckgelegter Reiſe verſchoben. Dann er⸗ zaͤhlte er Emmy Gray's erſte Aufforderung vor der Reiſe, die er abgelehnt; dann ihre zweite, welche ihn nach Tabor rief, und mit ſichtlichem Widerſtreben ent⸗ deckte er Emmy's Mittheilungen. Emmy verlangte, ihm in Ste. Roche die Dokumente zu uͤbergeben— ihn trieb das Herz nach dem Grabe ſeiner Mutter— Ludwig ſollte ihn begleiten. Er konnte Nichts von ihm getrennt denkenz er ſollte mit ihm, von den Do⸗ kumenten und Ausſagen der Alten unterſtutzt, dort Al⸗ les bedenken und beſchließen helfen!„Dies, mein Herr,“ fuhr Reginald fort—„iſt der wenig haltbare Grund, weshalb ich Graf Ludwig zu der Reiſe nach Ste. Roche bewog, den aber nur der begreifen kann, der weiß, wie wir uns liebten— wie kein Geheimniß unter uns waltete.“ „Doch iſt dies dennoch viel wahrſcheinlicher, als was ich weiter zu erzaͤhlen habe.“ Er beruͤhrte jetzt den aufgeregten Zuſtand, in dem er, Ludwig zu bewa⸗ chen, mit dem Piſtol in der Hand, vor ihm geſeſſen habe und endlich, von unbewußter Muͤdigkeit uberwäl⸗ tigt, entſchlafen ſei, wo ihn dann der Traum erfaßt, den er mit der Gewalt des tiefſten Grauens, das jetzt 11* 164 noch ſeine Seele zu uͤberwaͤltigen drohte, ergreifend vorttug.— Lautloſe Stille herrſchte im Saale. Viel⸗ leicht war Keiner in der ganzen Verſammlung, der nicht den Juͤngling als unſchuldig und des tiefſten Mitleids wuͤrdig erkannt hätte. Erſchoͤpft und todtenbleich lehnte ſich der Ungluck⸗ liche, nachdem er geendigt, von der Anſtrengung faſt uͤberwaͤltigt, in den Lehnſtuhl zuruͤck. Mauville's Au⸗ gen ruheten auf dieſem ruͤhrenden Opfer, mit dem Wun⸗ ſche, er möge ſo enden; denn der erfahrene Richter wußte, daß er nicht zu retten war. Da ſagte der beiſitzende Richter zu Herrn von Mauville:„Sie vergeſſen die Ausſage des Kammer⸗ dieners, der uns noch von einem Liebesſtreite der bei⸗ den jungen Leute erzählte. Gleichfalls eine wichtige Moͤglichkeit, ſo raſche That zu erzeugen!“ Ein mißbilligender Blick des Herrn von Mau⸗ ville traf ihn; doch ungehindert davon, fuhr er fort: „Die Neigung Beider traf daſſelbe Fräulein aus die⸗ ſem Hauſe; Graf Ludwig war am Morgen mit der⸗ ſelben verlobt worden. Das erfuhr der Angeklagte!“ „Halt,“ rief Reginald—„mein Herr, um Got⸗ tes Willen, halten Sie ein!“ Konvulſiviſch war er aufgeſprungen; noch ein Mal jagte das Blut uͤber das ſterbende Antlitz.„Miſchen Sie in mein elendes 165 Schickſal nicht den heiligen Namen dieſer Dame! Sprechen Sie es aus, das vernichtende Wort: uͤber⸗ fuͤhrt, ſchuldig!— Aber um Gotteswillen, dieſen neuen Beweisgrund nicht— ich will ihn nicht hören — wiederholen Sie es nicht bei Ihrer Seele Seligkeit!“ Da ſchwankte ploͤtzlich Franziska vor den entſetz⸗ ten Blicken ihres Vaters voruͤber; ſie wandelte leichten Schrittes auf Reginald zu, der bis an ſeinen Seſſel vor ihr zuruͤck wich. Dicht vor ihm blieb ſie ſtehen und ſagte mit einer weichen, tonloſen Stimme ohne Ausdruck und Kraft, während ſchwere Seufzer jeden Satz unterbrachen:„Warum verlaͤugneſt Du mich, edler, unſchuldiger Reginald? Ich war es, die Du liebteſt— ich werde ewig daran gedenken! Die Welt hat uns getrennt— doch blieben wir treu— und Ludwig, der arme Bruder, waͤre nicht zwiſchen uns getreten!— Nun bin ich Braut von Dir und ihm — und Eure Wittwe!— Leb' wohl— auf Wie⸗ derſehen!“ Sie reichte ihm, wie zum heiteren Spiele, die blaſſe, marmorkalte Hand— er widerſtand nicht— er kniete nieder— laut ſchluchzend preßte er ihre Hand an ſeine Lippen— er ſah zu dem ſchonen, ſtarren Geſicht empor, aus dem die Augen ſo abweſend niederſahen. Da ſenkte ſich das blaue Atlaskleid wie verhuͤllend um ihn her; die ſchoͤne Geſtalt ſank langſam zuſammen; ſie glich einem Engel, der in einer Wolke den blei⸗ chen Juͤngling verhuͤllen wollte.— Der Vater hob die Bewußtloſe ſanft aus den Armen Reginald's, der in dieſem Augenblicke der Trennung das Todesurtheil erlitt. Er ſah ihr nach, als wäre ſie ſein letzter Le⸗ bensathem— und in demſelben Augenblicke fuhlte er ſich mit Liebe an ein warm ſchlagendes Herz gedruͤckt. Es war Franziska's Bruder! Herr von Mauville hob das Verhoͤr auf.— Reginald ward mit zärtlicher Sorgfalt hinweggefuͤhrt. Hart trat Emmy Gray den Richtern in den Weg; ſie wollte bitten;— aber der unbeugſame Sinn lernte nicht ſo ſpät die nie gekannte Aufgabe.„Sprecht Recht! Sprecht Recht, Ihr Richter,“ ſchrie ſie mit Todesangſt, und ergriff hart den Arm des Herrn von Mauville;—„er iſt ja unſchuldig— rein, wie an der Bruſt der Mutter!“ „Arme Frau!“ ſprach Herr von Mauville 8 „ich werde ihn der Gnade des Koͤnigs empfehlen!“ „Gnade? Gnade?“ rief Emmy wild—„Recht, Recht! keine Gnade— Recht muß ihm werden!“ „Vom Rechte darf er nichts hoffen,“ ſagte der zweite Richter;—„jeder Gerichts-Hof wird ihn ver⸗ dammen. Traͤume ſind keine guͤltigen Zeugen!“ Sie zogen an ihr voruͤber; ſie ſtarrte ihnen nach; ihr groͤßtes Elend war, daß ſie dieſe Gerechtigkeit nicht verſtand. Sie ſtieß ein fuͤrchterliches— wildes Ge⸗ ſchrei aus!— Die mitleidigen Moͤnche erfaßten die Ungluͤckliche, die in Konvulſionen fiel. Die Marſchallin reiſte noch denſelben Abend mit dem Marquis de Souvré nach Paris ab. Die Tren⸗ nung von der Familie d'Aubaine war kalt und zeigte von gegenſeitigem Mißtrauen. Das entſchiedene Be⸗ tragen der Marſchallin war zuruͤckgekehrt; es lag eine Verachtung gegen die erfahrenen Anſchuldigungen in ihrem Weſen, die ſie unbedeutend machen ſollten. Graf d»Aubaine war zu edel und zu ſtolz, ſich die Richtung ſeiner Meinungen angeben zu laſſen; er zeigte ſich in gemeſſener Haltung. Graf Leonin folgte ſeiner Mutter — fieberkrank— gebrochenen Herzens! Spaͤter fuhr dem Wagen des Herrn von Mau⸗ ville eine verſchloſſene Kutſche nach; ſie brachte Regi⸗ nald nach der Baſtille. Um Mitternacht rollte lang⸗ ſam ein Ruͤſtwagen mit der Leiche des Grafen Lud⸗ wig dem troſtloſen Zuge nach; er ging langſam nach dem Erbbegraͤbniſſe in dem Schloſſe Moncay. Lange blieb Franziska d'Aubaine geiſteskrank, faſt ausſchließlich von ihrem Vater gepflegt, deſſen Nähe allein ihr Ruhe gab; jeder Andere beaͤngſtigte ſie — Jahrelang dauerte dieſer Zuſtand. Langſam genas ſie, eine Fremde ſich fuͤhlend in der Welt. Ihr Vater that — keine Forderung, die ſie auf gewoöhnliche Weiſe dem Leben anzuſchmieden trachtete; er forderte Nichts, als die Wiederkehr einer wuͤrdigen Geiſtesthätigkeit. In⸗ dem er die Geſelligkeit der großen Welt von ihr abhielt, fuͤhrte er ſie doch zuweilen nach einem Schloſſe in der Naͤhe von Paris und verſammelte dort die Heroen der Zeit, an deren Geiſt Franziska aufſtrebend ſich ent⸗ wickelte, wenn auch ohne Wunſch, ohne Zweck. So ward ſie dem Leben leiſe wieder zugefuͤhrt— ſeine ſchoͤne, uneigennuͤtzige Gefährtin!— Die Marſchallin wußte ihre weitverzweigten Ver⸗ bindungen ſehr wohl zu benutzen. Reginald's Prozeß ward in eine Art von Geheimniß gehuͤllt, welchem ſie den Schein der Maͤßigung zu geben wußte. Es ſchien, als ob ihre ſchmerzbeladene Seele vor Allem öffent⸗ liche Verhandlungen ſcheue;— ſie wies mit leiſen An⸗ deutungen auf ihren Sohn. Man konnte denken, Leonin ſei geiſteskrank. Vergraben auf ein fernes Cre⸗ cyſches Gut, blieb ſein Zuſtand zweifelhaft. Zuweilen 3 ſchien er zu raſen; er wollte dann Souvré umbringen und verwuͤnſchte ſeine Mutter. Dann brachte er Tage und Nächte auf ſeinen Knieen zu— er ſah Geiſter! Viktorine an Fennimor's Seite erſchien ihm; er redete 6 mit ihnen, und dies war der Uebergang jener Raſerei. Er ſank dann auf den Teppich des Fußbodens; hier 4 fand er ein Paar Stunden Schlaf, bis ihn neue Ver⸗ zweiflung weckte. 11 Nach einem Jahre, in welchem das Schloß Ste. . Roche mit der ganzen Situation noch ein Mal erforſcht war, die Richter die Ausſagen der wilden Emmy Gray, ohne Glauben an ihren Verſtand, angehoͤrt, alle Zeugen vernommen, und bald fuͤr, bald wider beſchloſſen hatten, fiel das Erkenntniß, wie zu erwar⸗ ten ſtand, gegen Reginald aus. Er ward zum Tode verurtheilt und— der Koͤnig unterzeichnete das Todesurtheil.* Dieſen Moment der Sicherheit hatte die Mar⸗ ſchallin erwartet. Sie fuhr in tiefer Trauer nach Ver⸗ ſailles und zeigte ihrem ganzen Zirkel vorher an, daß ſie die Gnade des Konigs anzurufen denke fuͤr den Feind, fur den Mörder ihres Hauſes! Alles druckte Erſtaunen und Bewunderung fuͤr die erhabene Tugend der ehrwuͤrdigen, großmuͤthigen Frau aus. Es war das Signal fuͤr Alle, ihr nach Verſailles zu folgen; man fragte der Stunde ihrer Abfahrt nach; es ſchien ein Feſtzug. Eine Karoſſe mit rothem Himmel— ein Vorrecht der Familien hoͤchſten Ranges— hinter der anderen rollte auf dem großen Wege nach dem Schloſſe. 3 — 4 121 Der Prinz von Courtenaye bat beim Könige zur Zeit der Audienz⸗Stunde fuͤr die Marſchallin von Crecy um Gehor. Der Prinz, der, gerade im Dienſte, ſich dieſem Auftrage unterzog, hatte einigen Blicken Ludwigs zu begegnen, die ihn unruhig machten. Der Koͤnig fragte nach dem Inhalte des Audienz⸗Zimmers — wie man dies zu nennen pflegte. Herr von Cour⸗ tenaye nannte die erſten Namen des Landes.„O,“ ſagte der Koͤnig, mit einei ſtolzen Lächeln—„der ganze Zirkel!— Sie ſehen,“ fuhr er fort, ſich zu einem Geiſtlichen wendend, der im Hintergrunde ſtand, „man hat uns einen Platz in der letzten Scene des Trauerſpieles zugedacht.“— Dieſer Geiſtliche war Fe⸗ nelon, der Erzbiſchof von Cambray.—„Mein Herr,“ ſagte der Koͤnig darauf zum Prinzen—„die Ver⸗ ſammlung iſt uns genehm; wir werden ſie ſpäter empfangen.“ Herr von Courtenaye wußte jetzt gewiß, daß der Koͤnig in Zorn war. Als er, ganz bleich vor Schrecken, in das Audienz⸗Zimmer trat, erſchien am anderen Ende die Marſchallin mit eben ſo verandertem Geſichte. Sie hatte Madame de Maintenon ihre Aufwartung machen wollen, welche ſie von fern in einem Damenkreiſe auf der großen Terraſſe luſtwandeln ſah; der meldende Lakey brachte aber die Antwort zuruͤck: die Frau Mar⸗ — quiſe wären beſchäftigt und könnten die Frau Mar⸗ ſchallin nicht empfangen. Die Marſchallin traute ihren Sinnen nicht; die anweſenden Damen, die ſie wie ein Hofſtaat begleiteten, wurden außerordentlich verlegen; und als ſie das Audienz⸗Zimmer erreichte, war von dem fruͤheren Gefolge Niemand an ihrer Seite. Welche qualvolle Stunde folgte jetzt! Den Frem⸗ den ſchien der Abend heran zu nahen, die Einheimi⸗ ſchen ſtarben vor Neugierde und Ungeduld; immer mehr wuchs der Kreis, die Feinde der Marſchallin ruͤckten an. Sie wußte genau, daß ſie herbei gerufen waren; ſelbſt Souvré war ſo uͤberraſcht, daß ihm das Nachdenken daruͤber ſeinen gewoͤhnlichen Witz koſtete.— Da öffneten ſich die Thuͤren; die dienſt⸗ thuenden Cavaliere ſchritten voran, dann kamen die Prinzen des Hauſes; Alle ſtellten ſich an der Thuͤr auf. Man ſah in dem Saale zunächſt den Koͤnig daher kommen, langſamen Schrittes, mit der impo⸗ nirenden Wuͤrde, die von einer ihm, im hohen Mannes⸗ alter, noch treu bleibenden Schönheit gehoben ward. Die daraus hervorgehende, vollſtaͤndige Anmuth der Bewegungen machte ihn zu dem Vorbilde, welches er fuͤr ganz Europa war. Etwas hinter ihm, an ſeiner linken Seite ging Fenelon, der Erzbiſchof von Cam⸗ bray; Ludwig ſprach zu ihm mit dem Wohlwollen Z— und der feinen Hochachtung, die Alle, die es erfuhren, berauſchte. Die Marſchallin fuͤhlte, daß ihre Knie bei Fenelon's Anblicke ſchnell zuſammen ſchlugen; heftig richtete ſie ſich nur noch gerader in die Höhe; Souvré ſchien ihr Platz machen zu wollen— er zog ſich noch weiter zuruͤck. Athemlos harrten die Anweſenden, bis der Koͤnig die Schwelle uͤberſchritten; in demſelben Augenblicke ſetzte er einen kleinen Hut auf, den er unter dem Arme trug, nahm ihn nach einigen Sekunden ab, gruͤßte die Verſammlung und ſetzte ihn dann wieder auf. „Die Gemeldeten haben den Vorrang!“ rief der Prinz von Courtenaye. Das war der entſcheidende Moment! Aus der Maſſe loͤſten ſich die Bezeichneten und naheten, in einen Kreis ſich ſtellend. Rechts, dem Koͤnige zunächſt, hatte die Marſchallin mit dem kuͤhnſten Muth ihren Platz eingenommen. Ludwig gruͤßte noch ein Mal, indem er den Hut einen Augenblick abnahm, dann redete er den Grafen Villeroi an und ſchien Heiterkeit und Wohlwollen zu athmen, wenn auch nie die impo⸗ nirende Wichtigkeit des Koͤnigs dabei zu vergeſſen war. Wer häͤtte ihn aber nicht lieben muͤſſen, als er ſich der alten achtzigjahrigen Herzogin von Geévres nahete, die, an einen goldenen, mit Juwelen verzierten Krucken⸗ 124 —— ſtock gelehnt, herbei gekommen war, dem Koͤnige fuͤr eine ihrem Enkel erwieſene Gnade zu danken. Mit dem Hut in der hocherhobenen Hand ſtand der Koͤnig vor der alten munteren Frau, die ihe dankbares Herz mit der großten Lebhaftigkeit vor ihm ausſtrömen ließ. Er ſchalt ſie dagegen mit einer hinreißenden Guͤte, daß ſie gekommen war, und rief mit lauter Stimme:„Ein Tabouret! ein Tabouret!“ und als es herbeiflog, rief er noch ein Mal:„Mein Bruder— ein Tabouret!“ Monſieur verſtand dies augenblicklich und legte her⸗ beieilend die Fingerſpitzen daran, während der Konig der alten, in Wonne ſtrahlenden Matrone den Arm gab und ſie niederſitzen ließ; dann begruͤßte er den harrenden Kreis weiter. Aber trotz dieſer weichmuͤthi⸗ gen Scene ließ ſich Niemand uͤber die Stimmung des Koͤnigs taͤuſchen. Er hatte einen kleinen, rothen Fleck unter dem rechten Auge, und Jeder wußte, daß er uͤber etwas in Zorn geweſen. Schon bezeichnete man den Gegenſtand deſſelben; denn der Koͤnig war an der' Marſchallin von Crecy voruͤbergegangen, ohne ſie zu begruͤßen. Die Audienz, welcher der uͤbrige Hof bloß als Zu⸗ ſchauer beiwohnte, war bis auf die Marſchallin und Souvré, die der Koͤnig nicht angeredet hatte, voruber. Der Koͤnig richtete ſich ſtolz empor und rief:„Meine 125 Prinzen, ich glaube, Sie haben Ihre Bekannten in dieſem Kreiſe.“ 6* Das war ein Zeichen, daß der König fertig war. Der Prinz von Courtenaye durfte in dieſem Augen⸗ blick, im Falle der König Jemanden uͤberſehen hatte, die Perſonen bezeichnen. Er trat vor und nannte die Marſchallin und Souvrs; der König neigte kaum merklich das Haupt, und die Marſchallin trat vor, allein noch von ihrem Zorne Kraft erhaltend. „Madame,“ begann der König, den Hut gleichgultig abnehmend und die Hand damit niederhangen laſſend, welches ein niederer Grad von Attention war—„wir bedauern um ſo mehr, Sie erſt ſo ſpät zu begruͤßen, da wir Ihnen eine Mittheilung machen können, die fur Sie allerdings von großer Wichtigkeit iſt. Wir haben auf die Bitte Ihres Sohnes, durch den Herrn Erzbiſchof von Cambray vermittelt, den jungen Mann begnadigt, der, unter dem Namen Chevalier Ste. Roche, ein be⸗ klagenswerthes Opfer der Verirrung ward, die, wie ich denke, Andere mehr, als er ſelbſt verſchuldet.“ „Sire,“ ſprach die Marſchallin mit gehobener Stimme—„ich harrte hier mit derſelben Bitte um Gnade! Nicht Rache an dem Uebelthaͤter kann das beruͤhmte, erlöſchende Geſchlecht der Crecy⸗Chabanne retten;— wir ſuchten nicht Suͤhne durch Blut!“ 126 „Das iſt uns lieb zu hoͤren!“ erwiederte der Koͤnig, mit unerſchutterlicher Kälte;—„wir werden es, Madame, unſerer Frau Schwägerin melden laſſen. Sie hat uns dieſen Morgen erſucht, die Frau Mar⸗ ſchallin ihres Dienſtes als Oberhofmeiſterin entheben zu duͤrfen.“ „Sire,“ rief die Marſchallin—„iſt Ungluͤck, wie es unſer Haus verfolgt, ein Grund, uns zu ent⸗ ehren?“ „Madame,“ ſagte der Koͤnig—„vergeſſen Sie Ihre Stellung nicht! Ungluͤck fand in uns Schutz und Hilfe; wir beweiſen es, indem wir den jungen Mann begnadigen, der durch unerhoͤrte Vergehungen um Alles betrogen ward, was wir an irdiſchem Beſitze zu ſchätzen haben: um rechtmäßige Anſpruͤche an einen vornehmen Namen und den damit verknuͤpften Beſitz großer Reich⸗ thuͤmer!“ „Mit Schmerz ſehe ich,“ entgegnete die Mar⸗ ſchallin, noch immer ungebeugt—„daß meine Feinde Zeit hatten, mich zu verdaͤchtigen! Ich darf es ſagen, Euer Majeſtät ſind falſch berichtet!“ Der rothe Fleck auf Ludwigs Wange begann zu leuchten, das ſtrahlende Auge des Koͤnigs durchbohrte die Marſchallin.„Falſch berichtet?“ rief er;—„huͤ⸗ ten Sie ſich, Madame, und wiſſen Sie, daß Ihr eigner Sohn und der Erzbiſchof von Cambray unſere Bericht⸗ erſtatter waren!“ Die Marſchallin wankte zuruͤck.— „So wahr ich König von Frankreich und Nach⸗ folger des heiligen Ludwigs bin— wäre der ungluck⸗ liche Juͤngling nicht ſo öffentlich eines Mordes be⸗ zuchtigt geweſen, ich wuͤrde hier ganz anderes Recht geſchafft haben!— Und Sie, Madame, die Sie fortan außer Zweifel ſein werden, daß wir unterrichtet ſind, wie Sie bis dahin uns zu täuſchen wagten— Sie, denke ich, werden dem Miniſter der Polizei bis heute Abend anzeigen, welches Kloſter, zwanzig Meilen von Paris entfernt, Sie zu Ihrem Aufenthalte gewählt haben.“ Die Marſchallin wankte hin und her; ſie wollte noch reden Der König ſetzte den Hut auf und wendete ſich ab; in demſelben Momente war die Marſchallin, von den Hofleuten verdeckt, zuruͤckgedrängt; ſie ſchritt ſteif und feſt durch alle Saͤle, ſtieg in den Wagen mit rothſammtenem Himmel und ſagte kaum hoͤrbar:„Nach Moncay!“ „Nun, Herr von Courtenaye,“ rief der König dem Prinzen zu;—„was giebt es noch?“ Der Prinz hatte kein Wort geſagt.„Ah', ich verſtehe,“ ſagte der König—„der Marquis de Sou⸗ Ste Roche m.. 12 128 vre Sagt ihm, die Luft am Hofe paſſe nicht mehr fuͤr ihn. Wir glauben, er wird ſich in England beſſer be⸗ finden; wenigſtens wird ſeine Korreſpondenz mit Wil⸗ helm von Oranien dann geringere Schwierigkeit haben! Sein Name fällt unangenehm in unſer Ohr!“ Souvré, der von Niemandem geliebt und geachtet war, ſelbſt in dem Sinne, wie es bei Hofe gilt, wartete nicht, bis man ihn aus dem Salon ſtoßen wuͤrde. Er hatte ſchon lange das Verſprechen, in England Schutz zu finden, wenn ſeine Spionerien entdeckt wuͤrden; er eilte nach dem Hotel Crecy, wo er wohnte, um ſeine Reiſe ſogleich anzutreten. Die Polizei empfing ihn, ſeine Papiere waren in ihren Händen. Nach einem kurzen Prozeſſe beſchloß er ſein Leben in der Feſtung Rochefort. Der Erzbiſchof von Cambray eilte nach Beendi⸗ gung der Audienz durch die Gemäͤcher des Koͤnigs nach einer offenen Gallerie, die in den Garten von Verſailles fuͤhrte. Bald ſah er den Gegenſtand, den er ſuchte. Auf zwei Diener geſtuͤtzt verſuchte Leonin, Graf von Crecy-Chabanne, ihm entgegen zu eilen. Der großmuͤthige Fenelon beſchleunigte ſeine Schritte und hielt, die Seelenqual des Unglůcklichen abzukurzen, mit freudigem Antlitz ein Pergament hoch in die Luft „Begnadigt! begnadigt!“— rief er—„ſchließen Sie — jetzt Ihren Frieden mit Gott; Ihr Koͤnig verzeiht Ihnen!“ Leonin ſtieß einen ächzenden Seufzer aus; Fenelon ſchloß ihn an ſeine Bruſt.— Wenige Tage ſpäter erſchien um Mitternacht vor den Thoren der Baſtille ein verſchloſſener Reiſewagen, mit einer kleinen Eskorte Bewaffneter in einfacher grauer Reiſetracht. Nach Abgebung der Parole fuhr der Wagen in den innern Hof. Ein Hert, in ſeinen Mantel gehuͤllt, ſtieg aus und ward nach Reginald's Zimmer gefuͤhrt. „Mein Herr,“ ſprach er, ſich vor Reginald ver⸗ neigend—„ich bin beauftragt, Sie laut Befehl des Koͤnigs hier wegzufuͤhren!“ „Wegzufuͤhren?“ rief Reginald;—„iſt mein Prozeß entſchieden?“ Reginald war fuͤnfundzwanzig Jahrz er hatte ein Jahr hinter den Mauern der Baſtille geſchmachtet Luft! Luft!— eine Wieſe— ein Baum— eine Blume nur! ſeufzte ſeine ſchmachtende Seele. Jetzt ſollte er fort— dieſe Mauern verlaſſen— aber zu welchem Zwecke? Sollte ſein Todesurtheil völſtreckt werden? Sollte eine neue Feſtung ihn umſchließen? Fenelon hatte ſeinen Schuͤler in dieſer ſchweren Zeit nicht verlaſſen; er hatte das Gefuͤhl der Unſchuld in ihm verſtaͤrkt, da er das Gefuͤhl des Unglucks nicht 12* 180 aus ſeiner Seele nehmen konnte. Er ſtellte ihn klar zum Leben, in der geheimen Hoffnung, ihn fuͤr das⸗ ſelbe wieder zu gewinnen. Von der Jugend unterſtutzt, konnte er in freier Thätigkeit, im Fleiße, in nützlicher Beſtrebung, nach und nach das Leben ſich ihm erhalten denken. „Ihr Prozeß iſt entſchieden,“ erwiederte der Herr —„und ich bin Ihnen hoffentlich keine feindliche Er⸗ ſcheinung.“ Reginald erkannte Herrn von Mauville. „O, nein!“ rief er lebhaft—„Sie waren vom erſten Augenblick an mein guter Engel!“— „So folgen Sie mir auch jetzt voll Vertrauen!“— In kurzer Zeit war Reginald zur Abreiſe geruͤſtet; Beide beſtiegen den Wagen. Die Thore von Paris lagen weit hinter ihnen, als der Morgen anbrach. Da erblickte Reginald bei den erſten Strahlen der Morgen⸗ ſonne die lang erſehnte Natur. Der Eindruck war uͤberwältigend! Mit trunkenen Blicken ſog er einige Minuten die Gegenſtaͤnde ein; dann wendete er ſich zu Herrn von Mauville, der mit antheilvollem Aus⸗ drucke der Züge den ſchönen blaſſen Juͤngling betrach⸗ tete. Den liebevollen, vaterlichen Blick erkennend, warf Reginald ſich laut weinend an ſeine Bruſt. Fremde Arme umſchlangen den Juͤngling! Er hatte von allen reichen Liebesbanden, die ihn ſeit ſeiner früheſten Iugend 181 umgaben, Nichts behalten, als ſeinen Richter, der ein Menſch war! In einer Hafenſtadt machten die Reiſenden Abends Halt. Reginald ſchlief einen langen, erquickenden Schlaf. Am anderen Morgen fand er Herrn von Mau⸗ ville in beſonders feierlicher Stimmung.„Bis hier⸗ her,“ ſprach dieſer,„habe ich mich verpflichtet, Sie zu begleiten, theurer junger Mann! Man hat mich durch das Vertrauen geehrt, mit dem man mir die Voll⸗ ziehung dieſer Maaßregel uͤberließ. Der Koͤnig hat Sie begnadigt! Sie ſind frei! Der Erzbiſchof von Cambray hat mir dieſen Brief fuͤr Sie mitgegeben; er wuͤnſcht, daß Sie von Ihrem Vaterlande, bis auf die Erinnerung, Abſchied nehmen moͤgen! Er fordert Sie auf, keine Verbindung mit demſelben zu unterhalten, ſelbſt der brieflichen Mittheilungen zu entbehren. Nur ſo, glaubt er, kann es geüngen, ein neues Leben zu beginnen. Ihr Vater— „Mein Vater?“ rief Reginald, und ein gluͤhende Wallung zeigte ſich auf ſeiner Stirn.„Mein Vater wird den Wunſch meiner ganzlichen Vernichtung, der Beraubung aller Bande, die dem Menſchen heilig und theuer ſind, und ihn an ſein Vaterland knuͤpfen, unter⸗ ſtutzen! Er hat von mir mehr zu fuͤrchten! Da ich es aufgeben mußte, fürieine heilige Mutter Ge⸗ „ rechtigkeit zu fordern, ſo hoͤrt fuͤr mich jeder Anſpruch an ihn auf!“ Wehmuͤthig blickte Herr von Mauville den Juͤng⸗ ling an. Er wußte ihm wenig zu ſagen und fuͤrch⸗ tete ſein zuͤrnendes Gefuͤhl durch Widerſpruch noch heftiger zu erregen.„Der Graf Crecy war es,“ fuhr er ſanft fort—„der, durch die Vermittelung des Erzbiſchofs von Cambray, dem Koͤnige das ganze Ge⸗ heimniß Ihrer Geburt, Ihres traurigen Geſchickes ent⸗ deckt;— und ſo duͤrfen Sie ſagen, iſt Ihrer Mutter Recht geſchehen!“ Reginald's ergluͤhtes Auge ruhte einen Augenblick voll Befriedigung auf Herrn von Mauville.„So mag ihm Gott verzeihen, wie ich ihm verzeihe!“ rief er plotzlich tief bewegt. „Darum ſollte ich Sie bitten!“ ſagte Herr von Mauville;—„der ungluͤckliche Vater fuͤhlte keinen Muth, dem tief beleidigten Sohne ſelbſt zu nahen.“ Reginald verhuͤllte ſein Geſicht mit beiden Hän⸗ den; Fennimor's Sohn weinte uͤber den ungluͤcklichen Vater.„Sagen Sie meinem Vater— ſagen Sie ihm“—„Daß Sie ihm verziehen haben!“ ergänzte Herr von Mauville die ſchluchzend Worte des Erſchutterten. „O, welch' ein Wort gegen einen Vater!“ 8 — 183 ſeufzte Reginald.„Sagen Sie ihm, daß ich gedenken wolle, er habe einſt meine Mutter geliebt;— daß ich ewig gedenken will, wie er mich mit Sorgfalt erzie⸗ hen ließ und wie viel Liebe er mir bewieſen. Aber wenn ich voll Schmerz zugleich behalten muß, wie er den Lockungen der vornehmen Welt mit ihren empoͤ⸗ renden Anforderungen und erlogenen Rechten erlag, ſo ſagen Sie ihm, daß ich ihr einen tiefen, unver⸗ ſohnlichen Haß geſchworen; daß ich ſeine unnatuͤrliche, entmenſchte Familie haſſe und daß es mein Stolz ſein ſoll, ſie zu verlaͤugnen und mich nicht mehr zu ihr zu zaͤhlen!“ „Ich darf Sie nicht fragen, wohin Sie zu gehen gedenken,“ entgegnete Herr von Mauville;—„meine Beſtimmungen lauten, dies nicht wiſſen zu wollen. Aber ich bin ein alter Mann; Sie ſollen Ihr Vaterland nicht verlaſſen, ohne den Segen eines Herzens, das Sie lieb gewonnen hat, wie einen Sohn.“ Reginald ſtuͤrzte an ſeine Bruſt; Herr von Mau⸗ ville ſegnete ihn in tiefer Ruͤhrung mit einer erſchuͤt⸗ ternden Fuͤlle hochherziger Worte. Dann entriß er ſich plötzlich ſeiner Umarmung und enteilte dem ſchmerzlich bewegten Juͤnglinge. Lange blieb Reginald regungslos auf ſeinem Platze Wir koͤnnen ſagen, er erlebte einen großen a 184 Entwickelungs⸗Moment. Von allen Seiten nahete ſich das Vorbereitete und ward zum Bewufßtſein, das ſchnell die neue Form des Daſeins bildete, und ſie mit dem Inhalt einer ernſten, männlichen Erkenntniß erfuͤllte. Aber deſſenungeachtet ſeufzte das junge Herz:„Du biſt allein!“ Als der Abend ſank, redete ihn in ſchuͤchternen Lauten eine bekannte Stimme an; erſchrocken faſt ſprang der Einſame auf. Es war ſein treuer Kammer⸗ diener, der ſich ihm zu Fuͤßen ſtuͤrzte:„Nehmen Sie mich mit, gnädiger Herr! Verſtoßen Sie mich nicht, ſonſt bricht mir das Herz!“ „Wie,“ rief Reginald;—„Du willſt den Ver⸗ ſtoßenen— den Verbannten begleiten?“— „Ja, Herr, bis in den Tod! Laßt mich nicht zuruck, ich uberlebe es nicht!“— „So komm mit!“ rief Reginald, und ein war⸗ mes Gefuͤhl durchſtrömte ſein Herz. Er war nicht mehr allein! Die Reiſe war von dem ſorgſamen Diener mit einer Umſicht vorbereitet, die ſeine Inſtruktionen ver⸗ rieth. Als Reginald in den Wagen ſtieg, uberreichte ihm der Kammerdiener ein Portefeuille; es enthielt ein bedeutendes Vermoͤgen in Wechſeln und Gold. Auf dem Umſchlage ſtanden die Worte: Das Ver⸗ moͤgen von Fennimor Leſter, verehlichten Gräfin Creey⸗ Chabanne. Schaudernd verſchloß Reginald die verſpatete Ur⸗ kunde der Gerechtigkeit.—„Hoͤrteſt Du nie von Emmy Gray?“ fragte Reginald ſpäter.„Es ſei die letzte Frage uͤber die Vergangenheit; aber ich muß ſie beant⸗ wortet haben, ehe ich das Land verlaſſe.“— „Sie lebt— aber ſie hat der Welt unerlöſchlichen Haß geſchworen; auch Euch wollte ſie nicht wiederſehen! Der Herr Graf von Crecy laſſen fur ſie ſorgen, wie fuͤr eine Prinzeß.“— Reginald änderte jetzt ſeinen Namen und blieb von da an verſchwunden. Alle Bemuͤhungen, ihn aufzufin⸗ den, ſcheiterten, wie wir es bereits wiſſen. Wir wollen zu einer anderen Zeit dem Eindrucke nachfragen, den die Erzählung des Marquis d'Anville auf ſeine Zuhoͤrer machte; näher liegt uns das junge Fräulein, das wir, von dem Arzte zu Madame St. Al⸗ bans Hilfe herbeigerufen, in dem Vorflure des kleinen Thurmes verließen, der in die Zimmer der Miſtreß Gray fuͤhrte. Trotz dem, daß der Arzt ſie berufen, ſchienen den⸗ noch uͤber ihren Eintritt Schwierigkeiten obzuwalten; denn Elmerice hatte hinreichend Zeit, das ergreifende Schauſpiel eines mit heftigen Ausbruͤchen wild uͤber die Erde dahin ziehenden Gewitters zu beobachten, und erſt, als eine gleichmaßig graue Wolkenlage einen fruͤ⸗ hen Abend herbeifuͤhrte, und der niederfallende feine und warme Regen die erſchreckte und zerriſſene Vegeta⸗ tion zu heilen ſchien, trat Aſta zu der Harrenden und fluͤſterte ihr zu:„Bald! bald!“ Elmerice fuͤhlte ihr Herz aufwallen; ſie trat der Eingangsthuͤre nůhet und athmete beduͤrftig den Duft, der aus tauſend kleinen, erquickten Kelchen balſamiſch zu ihr aufſtieg. Ihre Augen wurden naß, trotz dem, daß ſie ſich innerlich uͤber eine Empfindung ſchalt, die ihr durch Nichts motivirt ſchien. Sie ward ungedul⸗ dig und wuͤnſchte um ſo lebhafter, in den bangen Zau⸗ berkreis eingefuͤhrt zu ſein, den ſie bald zu uͤberwinden dachte durch Dienſte, die ſie leiſten wollte. Auch ſollte ihr Wunſch jetzt erfullt werden. Aſta war zuruͤckgeſchli⸗ chen, mit ihr erſchien der alte Arzt und fuͤhrte ſie ſtumm und leiſe durch die breite Fluͤgelthure, die ſich ge⸗ raͤuſchlos in den Angeln drehte. Obwohl ein hoher, lang ausgeſtellter Schirm die Ueberſicht des Zimmers hinderte, ſah Elmerice doch an der weit ausgebreiteten Decke, daß ſie in ein unge⸗ wöhnlich großes Zimmer trat. Der hohe Schirm bil⸗ dete, wenige Fuß von der Wand abgeſtellt, einen ver⸗ deckten Gang, und als ſie ihn, hinter dem Arzte her⸗ gehend, zuruͤckgelegt, ſah ſie ſich vor dem Bette der Madame St. Albans, die, auf Kiſſen geſtuͤtzt, leiſe ſtohnend darin ausruhte. „Ach, Kind, Kind, ich habe es nicht gewollt, daß man Dich rief!“ ſchluchzte Madame St. Albans leiſe „Du armes Kind, wäreſt Du doch bei Deiner Gräfin geblieben! Was kommt nun Alles uͤber Dich! Zwei Leichen wird es in kurzer Zeit geben; denn weber ſie, noch ich, Keine von uns Beiden uͤberſteht die Leiden!“ „Darum gerade iſt es gut, daß ein Geſunder bei Euch iſt,“ erwiederte Elmerice freundlich,—„Ihr ſollt bald erfahren, was gute Pflege thut.“„ „Ach,“ ſagte Madame St. Albans, faſt verdrieß⸗ lich,—„ſeid nicht ſo höflich mitten in dem Elende! Das kann Euch nicht von Herzen gehen; und ich habe nie den Leuten getraut, die ſo ſehr hoöflich waren.“ Grämlich lehnte ſie ſich in die Kiſſen zuruͤck, als wolle ſie Ruhe haben. Elmerice wendete ſich ab, wenig ermuthigt durch dieſen Empfang, und ſah in das Antlitz des alten Arztes, der, wie es ſchien, kaum ein lautes Gelaͤchter bezwang. 1„Da habt Ihr's!“ ſagte er, ſie gegen eins der hohen Fenſter fuͤhrend, das mit dem Bette der Er⸗ zuͤrnten in einer Reihe lag und eins der vier großen, breiten Fenſter war, die dieſe Seite des Rieſengema⸗ ches einnahmen.„Aber“ fuhr er fort,—„daran 1 müßt Ihr Euch gewöhnen; ich habe lange gezaudert, ehe ich Euch zu dieſen verruͤckten Weibern herbeſchied; denn die Albans iſt ſo eine kleine, jammerliche Seele, die ſich Wunder wie klug deucht, wenn ſie Anderen nichts Gutes zutraut. Ich ſage, ſolche ſogenannte. ſtille Leute, die immer thun, als wollten ſie mit keinerlei Art von Verdienſt in die Schranken treten,„ 189 das ſind innerlich die Tollſten, die ſehen auf Alles mit Verachtung, was ſie nicht verſtehen; ihr Hochmuth macht ſie boͤsartig.“ „Obwohl ich Madame St. Albans bloß fuͤr lau⸗ niſch und nicht fuͤr boͤsartig halte,“ ſagte Elmerice— „habe ich doch von ihrer Weiſe ſchon manche Erfahrung gemacht, die mir jetzt zu Hilfe kommen wird.“ „Nur nicht zu gut, mein Kind! Schreit ſie ein Paar Mal tuͤchtig an, das hilft mehr, als nachgeben. Bleibt Ihr immer ſanft und freundlich, das verſteht ſo ein Gemuͤth nicht. Weil ſie ſelbſt ſchreien und heu⸗ len wuͤrde, wenn man ſie behandelte, wie ſie Anderen thut, ſo hält ſie Jeden, der es hinnimmt, fuͤr ſeiner Schuld uͤberfuͤhrt oder fur falſch.“ „Und doch,“ lächelte Elmerice, beluſtiget von dem alten, klugen Manne,—„doch muß ich ſchon bei mei⸗ ner Weiſe bleiben; es iſt nicht ſo wichtig, daß ſie mich verſtehet; aber ich wuͤrde mich ſelbſt nicht verſtehen, wenn ich ihr eben ſo erwiedern wollte, wie wir es ja an ihr nicht billigen. Ich werde weniger dadurch verletzt, wenn ich nicht darauf eingehe, und muß es leiden, wenn ſie mich deshalb falſch ſchilt.“ „Ja, ja,“ ſagte der Alte, ſie wohlgefällig an⸗ blickend,—„es giebt auch ſolche Weiberherzen! Ich kann ſie wohl leiden, wenn ich dagegen den Anderen 190 gern etwas auf den Leib hetze. Nun, mein Kind, ich werde zuſehen, wie ſie's machen, und komme ſchon zu Hilfe.— Jetzt will ich Euch ſagen, daß Keine von den Beiden ſterben wird, wenn ſie im Bette blei⸗ ben; aber ſehet, ſie ſind ſo krumm gesogen, ſo voll Gliederſchmerzen, daß, wenn ſie da nicht bleiben, ich fur Nichts einſtehen kann; denn alle Augenblicke wird es entzuͤndlich, und die Alte liegt immer im Fieber. Das hält Einer in den Siebzigern auch nicht lange aus, wenn er gleich ſolchen Rieſenkörper hat, wie ſie. Bedurfte nun die Alte Etwas, was Aſta nicht zu be⸗ ſorgen verſtand, dann ſtand die Albans auf und that es; und da blieb die Geſchichte, wie ſie war, und Beide kommen mir von Kraͤften und konnen daran ſterben.“ „Und hofft Ihr denn, lieber Herr,“ rief hier Elmerice, angenehm uͤberraſcht,„daß Miſtreß Gray ſich von mir wird pflegen laſſen?“— „Davon kann vorerſt bei Tage nicht die Rebe ſein; denn ſicher litte ſie es nicht. Aber ſehet, in dem großen Himmelbette, da wird ſie Euch nicht ſo bald entdecken, und nun iſt Euer Geſchäft, wenn ich nun doch einmal uber Euch beſtimmen ſoll, der Aſta bei⸗ zuſtehen, damit die Frau dort zu Bette bleiben kann, wenn es heißt, Umſchläge kochen, Suppe oder Thee brauen, Waͤſche wärmen, und was ſonſt noch vorfällt am Krankenbette. Aſta iſt klug genug, es der Alten beizubringen; aber vorher will doch immer noch eine andere Hand dabei ſein.— Und dann, mein Kind, des Nachts, da werdet Ihr zuweilen die Aeuglein aufhal⸗ ten muͤſſen; da tritt bei der Alten das Fieber ein, dann will ſie aus dem Bette und redet Manches, worauf Ihr Nichts geben muͤßt; doch in dem Falle wird ſie nicht merken, daß Ihr eine Fremde ſeid, und Ihr werdet ſie beruhigen und im Bette feſthalten kon⸗ nen; denn ſie iſt ſchwach wie ein Kind. Der Frau aber da deutet an, ihre unnuͤtze Geſchaͤftigkeit wäre verboten; und weil Ihr entſchloſſen ſeid, von ihr zu leiden, ſo duldet ihren Widerſpruch, aber haltet ſie im Bett; ich werde dem Allen den gehoͤrigen Nach⸗ druck geben.— Und ſo ſegne Euch Gott, mein Kind!“ fuhr er fort, und ſtrich ploͤtzlich mit der Freiheit ei⸗ nes alten Mannes ihr die Locken von der Stirn, und betrachtete ſie zuruckgebogen einen Augenblick mit ſei⸗ nen forſchenden, runden Augen. Dann ſchuͤttelte er den Kopf und trat wieder an das Bett der Madame St. Albans.. „Frau,“ ſprach er—„betragt Euch jetzt ver⸗ nuͤnftig; ich habe Euch hier nicht das arme Fraͤulein hergeholt, daß Ihr an ihr Eure Launen und Tuͤcken — auslaßt. Was ſie Euch ſagt, muͤßt Ihr thun; denn das iſt mein Wille, ſonſt koͤnnt Ihr in's Gras bei⸗ ßen, und Herr Albans heirathet eine Andere. Na, das dachte ich wohl, nun geht das Weinen an; auf dem Punkte ſind wir ſehr empfindlich! Nun, ich ſage Euch ja, thut, was ich von Euch fordere, und Ihr ſollt tanzend und ſpringend zum Herrn Gemahl zuruͤck⸗ kommen!“ Ohne die ſchluchzende Entgegnung der Beleidigten abzuwarten, kehrte er ſich um, und Elmerice, die noch immer an dem Fenſter lehnte, ſah mit Herzklopfen, wie er die Vorhaͤnge des Bettes zuruckſchlug, in welchem die geheimnißvolle Alte ruhte. „Schickt die Ellen nach Haus, Doktor!“ ſagte eine rauhe, heiſere Stimme;—„ich höre ſie ſchon wieder ſchluchzen; ich will das läſtige Weib nicht we um mich haben.“ „Zum nach Hauſe ſchicken gehoren Zwei: Einer, der ſchickt, und Einer, der geht; zum Gehen aber gehoren Beine, und die hat Ellen jetzt nicht; denn ſie liegt lang aus, und hat das Gliederreißen, wie Ihr.“ „Daß Gott erbarm'! Warum kam ſie denn her, wenn ſie nicht beſſer war, als ich ſelbſt?“— „Seid nicht undankbar, Emmy!“ rief der Arzt; —„ſchon oft habe ich Euch geſagt, ſie hat wie ein gutes Kind gethanz eine Anbere, die ſo wenig von ihrer Mutter haͤtte, wie Ellen, wuͤrde nicht vom Kran⸗ kenlager aufgeſtanden ſein, um zu Euch zu kommen.“ „Jaͤmmerliches— jäͤmmerliches Menſchenvolk!“ rief die Alte.„Alles ſoll man Euch anrechnen! Geht — ich will nichts von Euch! Habe ich Euch doch oft geſagt, Ihr ſollt mich laſſen; denn ich kann Keinem mehr was ſein und will daher auch Nichts annehmen; denn was thätet Ihr wohl umſonſt? Fuͤr Alles ſoll man Euch dankbar ſein— und hier iſt Alles trocken in mit— ich habe fuͤr Euch Nichts uͤbrig!“ „Wir wiſſen das,“ ſagte der Arzt—„Ihr ſeid eine halbe Wilde;— und Gott richte es! Nehmt nur ordentlich ein, dann habt Ihr uns bald Alle nicht mehr noͤthig.“ Dann bog er ſich nieder; er ſchien ihren Puls zu fuͤhlen.„Das Fieber kommt ſchon wieder; haltet Euch ruhig, das darf nicht oft mehr kommen!“— „Laßt es kommen, ſo oft es will! Gottes Wunder, daß es noch in dieſem morſchen Leibe was auszudorren findet! Es iſt ein ſchlechtes Fieber, wovon Ihr ſolch' Aufhebens macht; es thut nicht ſeine Schuldigkeit; ich bin's mude und ſatt und möchte es fördern, ſtatt lindern.“— „Alte Sunderin!“ rief der Doktor ungeduldig und Ste Roche UI. 13 1 riß die Vorhänge zu. Kurz gruͤßte er darauf Eimerite und war aus dem Zimmer verſchwunden. Ein augenblickliches Grauen beſchlich dieſe, als ſie ſich ohne ſeinen kräftigen Beiſtand hier plötzlich allein fuhlte. Die Reden der alten Frau, ſo bös und finſter, hatten ſie tief bewegt; ſie fuͤhlte, wie ſchwer es ſein muͤßte, dieſem Herzen zugaͤnglich zu werden; aber ſie hätte Viel darum gegeben, wenn ſie den Verſuch hätte machen duͤrfen. Dieſer tiefen Verach⸗ tung, dieſem Mißtrauen entgegen zu treten, ſie zu verſöhnen— dieſe jugendliche Schwärmerei erfullte ihr Herz und Kopf. Doch ſtörte das fortgeſetzte Schluchzen der Ma⸗ dame St. Albans ihr Nachdenken. Sie trat daher zu ihr, und ohne den Gegenſtand ihrer Trauer weiter zu beruͤhren, ſagte ſie ihr, ſie moͤchte ſich doch die Vorhaͤnge luͤften laſſen, und that es zugleich, indem ſie ihr auch die Kiſſen beſſer legte, das Haar unter die Haube ſchob und ein Getränk reichte, was Aſta ihr ſtillſchweigend andeutete. Dies hatte bald die Folge, daß Madame St. Albans ruhiger ward; und obwohl kein gutes Wort uber ihre Lippen kam, ſo ſchien ſie doch nachgiebiger in ihren Bewegungen zu werden. Auch blieb das letzte Beruhigungsmittel endlich nicht aus, und ſie lag — bald ſchlafend vor Elmerice's Augen. ZJetzt gab dieſe ihrem Verlangen nach, ſich mit dem Raume bekannt zu machen, der ſie mit ſo beſonderem Intereſſe er⸗ fullte.* Es war ein ſo ungewoͤhnlich großes Zimmer, daß es nothwendig die ganze Tiefe des Seitenflugels, in welchem es lag, einnehmen mußte. Dies ſchienen zwei große Fluͤgelthuͤren zu beſtätigen, die zu beiden Seiten eines rieſigen, marmornen Kamines lagen und die Wand einnahmen zwiſchen den Fenſterwaͤnden, und die in das Innere des Baues fuͤhren mußten, wahrſcheinlich zu verſchiedenen Zimmerreihen gehoͤrend, die von beiden Seiten des Flugels Licht bekamen; denn jetzt ſah Elme⸗ rice auch, daß, den geoffneten Fenſtern gegenuͤber, eine eben ſolche Reihe angebracht war, die vermuthlich in den Pof ſah, doch jetzt mit Läden dicht verſchloſſen war. Die Decke war ein Kuppelgewolbe, ſo ſchwer mit Stuckatur und geſchwärzten Gemälden verziert, daß man ohne Schauder kaum die koloſſalen Engel nieder⸗ ſchweben ſehen konnte, die, an ſchweren Blumenketten hangend, jeden Augenblick herabzuſtuͤrzen drohten. Die Tapeten aber, von hochrothem Damaſt, mit weißen Blumen durchwirkt, waren noch wohl echalten; eben ſo zeigten die Vorhaͤnge der Fenſter, des großen Him⸗ melbettes von demſelben Stoff, alle ihren Werth in ihrer 13* Dauer. Wunderlich ſtach dagegen die Einrichtung ab, die das Beduͤrfniß der alten Frau hinzugefugt. Im Kamine ſtand ein Schraͤnkchen mit hellpolirtem Zinn, Brennholz war daneben aufgehaͤuft und hoͤlzerne Ge⸗ raͤthe. Auf der anderen Seite bildete ein hoher Lehn⸗ ſtuhl von Ebenholz, mit Gold und Silber ausgelegt, den Gegenſatz. Die Kiſſen waren, wenn auch verwittert, doch von koſtbarem Stoffe; davor ſtand auf einem tuͤrkiſchem Teppich ein werthvolles Spinnrad mit auf⸗ gezogener Wolle, daneben ein kunſtreiches Tiſchchen mit einigen Andachtsbuͤchern; weiter entfernt befand ſich ein Geſtell, wo hinter wenig zureichenden Vorhaͤngen die geringe Garderobe aufbewahrt war, und daneben zeigte ſich ein prachtvoller Schrank mit vielen Schloͤſſern, der in ſeiner koſtbaren Arbeit zu dem Armſtuhl und Tiſchchen zu gehören ſchien. So bildete Alles, was ſich dem Auge darbot, einen Gegenſatz, der unter anderen Umſtaͤnden Elmerice vielleicht verletzt haͤtte; jetzt aber nur ihren Antheil weckte und den lebhaften Wunſch erregte, ſich allen dieſen Dingen nahen zu duͤrfen. Beſonders aber haf⸗ teten ihre Augen auf den feſt geſchloſſenen Thuͤren, von denen ſie wußte, daß ſie in die Gemächer der ehe⸗ maligen Gebieterin der alten Miſtreß Gray fuͤhrten. Doch trat bald eine Dunkelheit ein, die ihr die Ge⸗ 192 genſtände entzog; und da Madame St. Albans durch Seufzen und Stoͤhnen ihr Erwachen andeutete, ver⸗ ſuchte ſie der Leidenden Hilfe zu leiſten. Aſta dagegen lief ab und zu an das Bett der alten Frau, welche endlich begehrte, daß Feuer in den Kamin gelegt werde, um Licht zu bekommen. Es ge⸗ ſchah, und wurde fuͤr Elmerice eine große Wohl⸗ that, da die hoch aufwallende Flamme jeden Winkel erhellte. Aſta wies ihr nun freundlich bedienſtlich ein alt⸗ modiſches Sopha, mit Polſtern und Decken belegt, das hinter dem Schirme ſtand, zur Nachtruhe an, und öff⸗ nete ein kleines Wandthuͤrchen, das in ein kaum zehn Fuß meſſendes Kaͤmmerchen fuhrte, worin ſie auf einem kleinen hoͤlzernen Tiſch einige einfache Mundvorräthe aufgeſtellt hatte, die wahrſcheinlich Veronika geſendet. Dieſer ganz leere, von rohem Mauerwerk aufgefuͤhrte Raum hatte eine Wohlthat fuͤr Elmerice— ein faſt bis zur Erde reichendes Fenſter, das geoͤffnet war und die warme Nacht genießen ließ, die mit vollig aufgehelltem Himmel und einem Meere glanzend fun⸗ kelnder Sterne erquickend zu ihr niederſchien. Aſta hatte das Tiſchchen dicht vor das Fenſterbrett geſcho⸗ ben, auf dem Elmerice ſich niederſetzen mußte, da kein Moͤbel weiter vorhanden warz und ſie fuͤhlte zu ſehr, — wie das geſchickte Kind bemuͤht geweſen, ihr Angeneh⸗ mes zu erzeigen, als daß ſie nicht der kleinen Mahl⸗ zeit zugeſprochen hätte. Auch hier war dieſelbe wider⸗ ſprechende Ordnung: ein ſilberner Teller und ein hoͤl⸗ zernes Geſchirr mit Milch, ein feines, damaſtnes Tuch und ein irdenes Gefäß mit Honig, ein goldener Loͤffel und ein eiſernes, aus der Scheide gebrochenes Meſſer; das Brod lag in einer japaniſchen Vaſe und die But⸗ ter in gruͤnen Blättern auf dem zerbrochenen Deckel derſelben.— Aſta ſah dennoch wohlgefaͤllig auf ihr Tiſchchen hin;— ihre junge Gefaͤhrtin lobte Alles ſehr freundlich und genoß von Jedem, der Kleinen ihr Theil aufnoͤthigend. Auch lag fuͤr Elmerice ein be⸗ ſonderes Intereſſe in dem Anblick dieſer Gegenſtände; und als hätte ein Alterthuͤmler in den Schachten der Erde die Reſte eines vergeſſenen Jahrhunderts gefun⸗ den, ſo betrachtete ſie Alles und hielt die werthvolleren Geſchirre zum Fenſter hinaus, um ſie beſſer erkennen zu können; und beſonders erforſchte ſie, wie ein He⸗ raldiker, das Wappen des Tellers, das die ihr doch unbekannten gekroͤnten Geier des Crecy'ſchen Hauſes enthielt. Endlich erinnerte Aſta ſie an ihre nächſte Pflicht; denn das arme, uͤberwachte Kind, fuͤr das Niemand geſorgt, ſchlief nach der erquicklichen Mahlzeit und von 12 Elmerice's Nähe in Ruhe verſetzt, bald feſt ihr gegen⸗ uͤber ein, und ſie umſchlingend, fuͤhrte ſie die Kleine halb bewußtlos nach dem Sopha, das fuͤr ſie bereitet war, und fluͤſterte der ängſtlich Ankämpfenden zu, ſie werde fuͤr ſie wachen. Tiefe Stille umgab Elmerice nun. Leiſe, mit großen Umwegen ſchlich ſie nach dem Kamin und legte ſeitwärts einige ſtärkere Schichten Holz auf, das Ausgehen der troſtlichen Flamme zu verhuͤten. Sie nahm dann ihren Platz ſo, daß ſie beide Kranken⸗ betten beobachten konnte, und ließ die Stunden vor⸗ uberſtreichen, ohne Muͤdigkeit zu empfinden. Madame St. Albans ſchien zu ſchlafen; aber Elmerice ſah mit unbeſchreiblicher Spannung, daß ſich die Vorhaͤnge vor dem Bette der alten Gray beſtandig bewegten, als regte Jemand ſich dahinter hin und her; dann blieb es einen Augenblick ruhig. Allein plötzlich offneten ſich die Vorhänge vorſichtig; ein wunderlich vermummter Kopf fuhr hervor und wendete ſich in allen Richtun⸗ gen, wie es ſchien, um zu ſehen, wie es außer dem Bette ſtaͤnde. Obwohl Elmerice jede Bewegung ſah, wußte ſie ſich doch hinter den bauſchigen Fenſtervor⸗ haͤngen hinreichend verborgen und lauſchte mit klopfen⸗ dem Perzen, was weiter geſchehen wurde Die ge⸗ machten Beobachtungen ſchienen der Kranken zuzuſagen; „ 200 denn ſie nickte mit dem Kopfe und ſchob behutſam die Vorhänge weiter von einander. Elmerice ſah deutlich eine aufgerichtete Geſtalt, und nach wenigen Augen⸗ blicken ſchob ſich eine alte, gekruͤmmte und dennoch große Frau hervor, die einen weiten dunkeln Pelzmantel um ſich geſchlagen hatte, und deren Fuͤße mit Tuchſocken bezogen waren, die ihre Wanderung, die ſie jetzt muh⸗ ſelig antrat, ſo geraͤuſchlos machten, daß ſie ein kör⸗ perloſes Weſen zu ſein ſchien. Hier wäre der Mo⸗ ment geweſen, wo Elmerice, den Beſtimmungen des Arztes zu Folge, hätte einſchreiten muͤſſen; aber hierzu fehlte ihr um ſo mehr der Muth, da die Handlung von ihr offenbar eine wohluberlegte, nicht durch Fie⸗ berhitze eingegebene war; und ſo blieb ſie eine un⸗ thätige, bange Zeugin dieſes Verfahrens. Die Alte ſchien in ihrem großen Hauſe von Bett Alles verborgen zu haben, was ſie zur Ausfuͤhrung ihres Willens noͤthig hatte; denn außerdem, daß ihre Kleidung warm und ausreichend war, ſah Elmerice auch jetzt einen Stock in ihrer Hand, deſſen Spitze vorſichtig umwickelt war. Und doch trug er ſie kaum! Mit welchem Antheile ſah Elmerice, wie ſie wankte, oft wie zuſammenbrechend ſtehen blieb und ſo muͤh⸗ voll den weiten Weg zuruͤcklegte, der ſie gegen die Thuͤre fuͤhrte, die zunächſt den unverwahrten Fenſtern 201 lag. Wie gern ware ſie ihr zu Hilfe gekommen und hätte ſie geſtuͤtzt; denn ſchon feſſelte das geheimniß⸗ volle Weſen ſo ihr Herz, daß ſie ihrem Willen ſich unwillkuͤrlich zuneigte, ihn höher achtend, als ihre em⸗ pfangenen Vorſchriften. Die Alte blieb jetzt ſeitwaͤrts am Kamine ſtehen, öff⸗ nete eine Feder in dem ſchoͤnen Schranken, die ein Fach hervortreten ließ, aus welchem ſie eine dicke, gelbe Wachskerze und einen Schluͤſſel zog; mit Muͤhe zun⸗ dete ſie das Licht an dem Feuer an und ruhete dann gänzlich erſchoͤpft, wie es ſchien, einen Augenblick in dem hohen Lehnſtuhle. Welch' ein ſchauerliches Bild war ihr Anblick! Ihr ſtarres, abgezehrtes Geſicht war von der Kerze in ihrer Hand ſcharf beſchienen, wäh⸗ rend das Feuer einzelne, grellere Lichter daruͤber hin⸗ jagte. Sie hatte die Augen geſchloſſen, und die Er⸗ mattung der Krankheit rang mit der faſt krampfhaf⸗ ten Feſtigkeit, mit der ſie Kerze und Schluͤſſel gefaßt hielt. Bald öffnete ſie auch wieder die kleinen, verſun⸗ kenen Augen, und noch ein Mal pruͤfend umherblickend, erhob ſie ſich muͤhſam und erreichte die geheimnißvolle Thuͤre. Der Schluͤſſel faßte geräuſchlos das Schloß, die Thure oöffnete ſich, die Alte ſchritt uͤber die Schwelle; und ehe ſie dort Fuß gefaßt, blieb Zeit genug, den ge⸗ öffneten Raum zu erkennen. Aber tiefe Nacht herrſchte — dort; die eine Kerze erhellte nur die Thuͤre, die von Innen, wie von Außen reich vergoldet war— dann ſchloß ſie ſich hinter der Alten.— Mit welcher Bangigkeit harrte Elmerice ihrer Wie⸗ derkehr! Es ſchien ihr eine Stunde— da öffnete ſich abermals die Thuͤre; das Licht beſchien den gramvollen Ausdruck des bleichen, alten Geſichts. Langſam ward Alles verwahrt, und nach einiger Zeit verhuͤllten die Vorhaͤnge des Bettes das ganze geheimnißvolle Trei⸗ ben.— Elmerice wußte ſich kaum Rechenſchaft zu geben von der Empfindung, mit der ſie am anderen Morgen das Erlebte gegen den alten Arzt verſchwieg, da ſich Veranlaſſung genug zeigte, es ihm mitzutheilen. Schon fuͤhlte ſie ſich der ungluͤcklichen Alten verbindet; es ſchien ihr, ſie habe eine Berechtigung zu ihrem Ver⸗ fahren, das Andere nicht zu beurtheilen verſtänden; und das wider Willen abgelauſchte Geheimniß pflichte ſie zum Schweigen. Auch war die Aufmerkſamkeit des Arztes an die⸗ ſem Morgen mehr auf Madame St. Albans gerich⸗ tet, die, vom Fieber immerfort bewegt, ihn zu beunru⸗ higen ſchien. Er ſaß ſinnend, aͤngſtlich ihren Puls pruͤ⸗ fend, nahm endlich Elmerice in das kleine Nebenſtuͤb⸗ chen und ſchuͤttete ihr ſeine Gedanken aus. 203 „Das iſt ſeit geſtern nicht mehr daſſelbe,“ ſagte er;—„das wird ein Eine ſchlimme Sache, mein Kind— und welche Lage fuͤr ſo ein Krankenbett! Damit nuͤtzt ſie der lten nicht, und Beide beläſtigen einander. Wos fangen wir aber an— verdreht wie Beider Köpfe ſind?“ „Sprecht mit Veronika, lieber Herr,“ rief Elme⸗ rice—„ob ſie nicht Madame St. Albans zu ſich neh⸗ men will und pflegen; dann bleibe ich bei der alten Miſtreß Gray und pflege ſie allein.“ „Wo denkt Ihr hin?“ lachte der Arzt;—„Ihr kennt die Alte nicht; das braͤchte ſie nun vollends zum Raſen;— dem kann ich Euch nicht ausſetzen, das hat ſie noch nie geduldet.“ „Wagt es dennoch!“ ſagte Miß Eton lebhaft;. —„ich habe eine Zuſage in mir, daß ſie mich dulden wird. Madame St. Albans muß gerettet werden; eine andere Pflege iſt bei der armen Alten noͤthig, und alſo Gott befohlen! Ueberlaßt es mir, ich werde durchſetzen, was ich will. Sie muß— ſie ſoll— ſie wird mich dulden!“ Der Arzt ſah in Elmerice's ſich rothendes Ange⸗ ſicht; er erſtaunte uͤber die Energie des jungen Mäd⸗ chens, und Elmerice, die ſeine Gedanken aus ſeinen Zuͤgen leſen konnte, lächelte und ſagte:„Das dachtet 204 Ihr nicht! Ihr wolt mir den Muth nicht zugeſtehen, den ich habe. Nun, erfahrt es denn durch das, was ich leiſten werde; laßt alle Zweifel ruhen und thut lieber ohne Zeitverluſt, was noͤthig iſt.“ „Du biſt ein prächtiges Maädchen!“ rief der Arzt. —„Weiß Gott, Du ſollſt Deinen Willen haben! Ordentlich neugierig bin ich, wie Du es treiben wirſt; — und es iſt wohl moöͤglich, daß, ſoll es wem gelingen, es Dir gelingt!“— Von Madame St. Albans Einwilligung konnte nicht die Rede ſein; ſie hatte kein klares Bewußtſein. Veronika war zu Allem erboͤtig, obwohl voll Sorge fuͤr Elmerice. Am Nachmittage ſtand ein Lehnſtuhl, an Trag⸗ ſtangen gebunden, in dem kleinen Vorflure; in Betten und Decken gehuͤllt, ward die Kranke hinein getragen, und der Zug nach dem Pfarrhauſe begann unter Auf⸗ ſicht des Arztes und der treuen Veronika. Als Elmerice ſich mit ihrer kleinen Gefährtin allein ſah, kam eine wunderbare Ruhe, ja, mehr wie das, eine Befriedigung und Freude uͤber ſie, deren Grund ſie nicht nachfragte, ſondern mit dieſer Kraft in ihrer neuen Stellung ganz vertraut zu werden ſuchte. Zier⸗ lich wußte ſie die Verwirrung zu beſeitigen, die ſich nach und nach um zwei Krankenbetten angeſammelt 205 hatte. Der kleine Raum, der ihr zum Eßzimmer diente, war unſchaͤtzbar wegen ſeines Luftſtromes, ſeiner ſonni⸗ gen Helle. Veronika hatte ihr ein friſches Bett— einige Buͤcher— ihren Schreibapparat herbei geſchafft; Alles ward dem vorhandenen, ausreichenden Raume mit ſeinen reichen Moͤbeltruͤmmern angepaßt und gewann bald ein klares, wohnliches Anſehen.— Der Abend war ſo uͤber Beide unmerklich hereingebrochen, und die Alte hatte in dieſer Zeit keine Stoͤrung veranlaßt, da es die Zeit ihres Schlafes war. Aſta verließ nun das Schloß auf Veronika's ausdruͤcklichen Befehl, um Mundvorräthe einzuholen, und Elmerice hatte ſich auf den breiten Fenſterrand in das kleine Kabinet geſetzt, und das Tiſchchen mit Schreibzeug vor ſich geſtellt, um ihr Tagebuch an Marie Duncan fortzuſetzen. Wie wohl that es ihr dabei, daß ſie das Lager der alten Menſchenfeindin hatte umſchleichen konnen, ſo Man⸗ ches fuͤr ſie bewirken duͤrfen, ja, der feſt Schlafen⸗ den eine bluͤhende Roſe durch die Vorhaͤnge ſchieben können, deren ſuͤßen Duft ſie nun wider Willen ein⸗ athmete. Den ſilbernen Becher hatte ſie ihr zuerkannt; er ſtand auf dem ſilbernen Teller, mit wohlſchmeckendem gemiſchtem, friſchem Quellwaſſer; umher lagen einige der ſchoͤnſten, reifen Fruͤchte, welche ein Aroma ver⸗ breiteten, wie Blumen. Alles war auf dem feinen 206 Ebenholztiſchchen ſo aufgeſtellt, daß eine leicht verſcho⸗ bene Falte des Vorhanges es ihr zeigen mußte, wenn ſie erwachte. Elmerice lachte vor Freude, als ſie damit fertig war, und ihre Augen wurden naß. Dies unei⸗ gennuͤtzige Werben um das arme, verſteinerte Herz that ihr ſo wohl, als ob es mit Banden des Blutes an ſie geknuͤpft ſei. Ehe ſie aber zum Schreiben uͤberging, nahm ſie die Ausſicht wahr, die ſich ihr von dort aus darbot, und ſie ſah, daß ſie einen Theil des Bauwerkes uͤber⸗ ſehen konnte, unbehindert des weiten Blickes, den ſie in das Thal von Ste. Roche hatte. Vergeſſen war die Feder. Mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit ſuchte ſie, was ſie uͤber das alte Schloß erfahren, an das anzuknuͤpfen, was ſie von dem Baue vor ſich erblickte. Die lange Reihe der Fenſter, zu der auch das gehoͤrte, worin ſie ſaß, endete an einem runden, vortretenden Thurm, an deſſen mittleren Fenſtern ein kleiner Altan hervorſprang. Elmerice hielt den Athem an; chre Wangen gluͤhten;— das mußte der Eudorien⸗Thurm ſein! Am Fuße deſſelben gruͤnte und bluͤhte ein ſchma⸗ les Gaͤrtchen, welches auf der hohen, wallartigen Un⸗ termauerung, die in das Theil reichte, angelegt war. Es war nicht kuͤnſtleriſch von Gaͤrtners-Hand geordnet; doch hatte es der Pflege nicht entbehrt. Der Eingang 203 dazu mußte aus Fenſterthuͤren ſein, die in der ver⸗ ſchloſſenen Zimmerreihe lagen, die Emmy Gray behuͤ⸗ tete. Zwiſchen Roſenſtaͤmmen, die, angebunden und beſchnitten, von einer ſorgenden Hand zeigten, ſah Elmerice ſich einen Huͤgel wölben, mit zartem Raſen uberdeckt; darauf ruhete ein Gegenſtand— leuchtend — weiß;— er hob ſich von der Erde ab, wie Men⸗ ſchenformen! Ihr Athem ſtockte; undeutlich verwirrten ſich in ihr Begriffe und Gefuͤhle. Die Bruͤcke der Phantaſie, wie wir mit kluger Wägung auch den An⸗ kergrund ihr rauben, iſt nie ganz zerſtört; ſie harrt der Gelegenheit, um immer wieder leicht, von unbe⸗ kanntem Material erbaut, ſich aus dem tiefen Grunde des ſehnſuͤchtigen Herzens vor uns zu erheben und, Sicherheit verheißend, den ſchoͤnen Bogen in das Wun⸗ derland der Fabel hin zu ſenken, den Weg uns lockend zeigend, den wir bereit ſind einzuſchlagen, ohne Nach⸗ weis zu fordern vom warnenden Verſtande, deſſen ganzes Reich die zarte Bruͤcke in den Luͤften uber⸗ woͤlbend deckt. Elmerice hoffte; wer mag um Rechen⸗ ſchaft ſie fragen? Sie ſtand auf dem leichten Bruͤcken⸗ bogen der Phantaſie— und Alle, die dort ſtehen, hoffen, der Verſtand habe ſich geirrt!— Auf der Fenſterbruͤſtung ſtehend, die ſchlanke Säule des Fen⸗ ſterkreuzes umſchlingend, ſich an ihr vorbeugend— ſe 208 waren ihre Augen auf den geheimnißvollen Gegenſtand gerichtet, während Stimmen und froͤhliches Gelaͤchter zu ihr drang, dem ſie noch immer das Recht der Auf⸗ merkſamkeit verſagte. Doch näher kam es; Pferde wieherten— ſie ſchrak zuſammen— ihre Augen folgten den Toͤnen— einem Wunder glich auch, was ſich jetzt ihr darbot! Eine frohliche Geſellſchaft zu Pferde, von Herren und Damen in reicher modiſcher Tracht, von Dienern in koſtbaren Livreen gefolgt, zog durch den Thalweg am Fuße des Walles voruͤber. Erſtaunt blickte ſie zu ihnen nieder; da ward ihr klar, daß ſie der Gegenſtand der Beobachtung Aller ſei, daß ihr weißes Kleid, vom Abendwinde leicht bewegt, die Blicke zu ihr hingezogen, daß vielleicht in dem verfallenen, menſchenleeren Theile des Schloſſes ihr An⸗ blich bei den Vorüberziehenden gleiche Gefuͤhle erregte, als die, deren ſie ſich eben bewußt geworden war. Obwohl die Hoͤhe ein Erkennen unmoͤglich machte, ſchrak doch ihr Herz zuſammen, und ſchnell täuchte ſie nieder und dankte Gott, als die Gebuͤſche ſie ver⸗ gullten. Nicht ſo ſchnell ſchien man unter ihrem Fen⸗ ſter ſich zu beruhigen. Sie hoͤrte laͤnger noch den Wechſel lebhaft ſich unterbrechender Stimmen und wagte, obgleich hinreichend verborgen, doch erſt frei zu athmen, als ſie den Hufſchlag der davon eilenden Pferde 209 horte. So vernahm ſie mit wahrer Erleichterung Aſta's leiſes Klopfen an der ſtets verſchloſſenen Thür, und auch dieſe trat ſo bang bewegt herein, als werde ſie verfolgt, und Elmerice gewahrte, daß die kleine Eingangsthuͤre zur Treppe ſchon feſt verſchloſſen war. „Was iſt geſchehen?“ fragte ſie das bewegte Kind;—„was haſt Du?“ Und Aſta hätte die Frage zuruͤckgeben können, ſo bewegt ſah Elmerice auf ihre kleine Gefäͤhrtin, ſo ſicher trug ſie die Spuren aͤngſtli⸗ cher Neugier. „Ach,“ ſagte Aſta,—„was muß im Schloſſe los ſein? Zur Nacht ſoll es in einem Feuer glänzen, as hielten Geiſter dort ihr Feſt;— und bei Tage ge⸗ hen Geſtalten aus und ein, wie Keiner ſie je geſehen— welche ganz von Gold— Andere in bunten Kleidern, wie die Feen ſie tragen! Dann ſingen ſie und halten Tafel;— ach, und das Alles uns ſo nah— wie ſchreck⸗ lich! Was ſoll aus uns wohl werden? Da hält ja kein Schloß, wenn ſie wollen! Gut, daß ich das Stuckchen Kohle hatte— ich habe das Kreuz uͤber die Thuͤr gezogen— das iſt die einzige Rettung!“ Sinnend hoͤrte Elmerice den Bericht an, und nachdem ſie ihn in ihre Sprache umgeſetzt hatte, er⸗ kannte ſie, daß das Schloß von der Geſellſchaft be⸗ wohnt ſein muͤſſe, die ſie ſo eben am Fuße des Walles Ste Roche U 14 210 erblickt habe. Aber wer konnte das ſein? Sie hatte von der Herrſchaft dieſes Schloſſes noch nie gehoͤrt;— wer anders konnte jedoch mit ſo großem Eigenthums⸗ rechte hier walten? „Beruhige Dich, Aſta,“ ſagte ſie—„das ſind Menſchen, die das Schloß bezogen, wenn ich auch nicht weiß, wer hierzu das Recht hat. Eben vom Fenſter ſah ich ſie zu Pferde einherziehen; ſie hatten ein eben ſo menſchliches Anſehen, als Du und ichz ſie waren nur, wie reiche Leute hohen Standes, koſtbar gekleidet.“ Aſta wagte einen Blick zu Elmerice, der alle die Zweifel des erſchreckten Kindes, ſo wie die ſchůͤchterne Warnung enthielt, doch ſo Natuͤrliches nicht zu glau⸗ ben! Doch ſchwieg ſie beſcheiden, heimlich wohl ſich mehr auf das Kreuz verlaſſend, als auf die Einſicht ihrer jungen Gefährtin. Dieſe empfand jedoch in anderer Beziehung eine Unruhe, die Aſta freilich nicht theilen konnte; denn ploͤtzlich ſchien ihr ihre ganze Lage unpaſſend, beſorg⸗ lich. Die bäͤngſte Befurchtung fur ein weibliches Herz — unbeſchuͤtzt in zweideutige Verhältniſſe zu gerathen — ergriff ſie. Dieſe waren moͤglich, wenn der Ei⸗ genthuͤmer plotzlich die Rechte Emmy Gray's verletzte und den Raum in Anſpruch nahm, der bis dahin mit ſeinen unangeruͤhrten Rechten auch Elmerice und ihr gewagtes Unternehmen verhuͤllte. Doch war ſie zu jung, als daß nicht dieſe erſteren Gedanken ſich von der Frage durchkreuzt gefunden haͤtten, wer die zierliche Geſellſchaft ſein köͤnne, die ſie wieder in die Kreiſe zuruck verſetzt hatte, die ſie ſeit dem Abſchiede von Ardoiſe entbehrt. Näher ruͤckte ihr indeß ihr jetziges Verhaͤltniß durch den harten, lauten Ruf der Alten, die nun zur Nacht, aus ihrem Schlaf erwachend, ihr krankhaftes Treiben zu beginnen ſchien. „Aſta,“ rief ſie—„wer hat dies aufgeſtellt?— Iſt Ellen aus dem Bette?“ Aſta ſagte, ſie wußte Nichts davon, und Madame St. Albans ſei zu Veronika gegangen, weil ſie das Fie⸗ ber ſtaͤrker bekommen.— „Nun, wer gab denn das? Warſt Du der kecke Page, der wider meinen Wilen ſich hier breit ge⸗ macht?“— „O nein! o nein!“ rief Aſta;—„ich weiß Nichts davon!“— „Schweige, Thoͤrin,“ rief die Alte,—„die Furcht macht Dich zur Luͤgnerin!“ Die Kleine ſchwieg. Wieder mußte ſie das Feuer ſchuͤren, dann gebot ſie ihr zu gehen. 14* 212 Elmerice wies Aſta ſtumm ihr Lager von vergan⸗ gener Nacht und ſetzte ſich an ihrem Bette nieder, um dem armen Kinde die erregte Furcht abzuwehren. Bald ſchlief ſie ſanft, und Elmerice ſetzte ſich nun an das La⸗ ger der alten Emmy, von den dichten Vorhaͤngen, die es umgaben, verdeckt. Kein Schlaf kam mehr uͤber die Kranke, und Elmerice konnte die ungewöhnliche Gemuͤthsbewegung der Alten erkennen, die in einzelnen Worten ausbrach, und zwar in Worten der alten Heimat⸗Sprache, von ſchweren Seufzern unterbrochen:„Aſta war es nicht, — ich glaube es— ſie log nicht— Ellen iſt weg⸗ gebracht— wer bleibt nun uͤbrig?— Gerade, wie mein Engel es that— die Roſe— und dann die Fruͤchte— ach, mein Engel, warſt Du hier?— Warum erquickteſt Du mein Auge nicht— bin ich es nicht werth, daß ich Dich auch ſchaue— die Roſe zeigt doch Deine Liebe— Dein Mitleiden— Sprich, hab' ich Recht?“ 9 „Ja!“ ſprach Elmerice, von ihrem Gefuͤhl über⸗ raſcht, in derſelben Sprache;—„ich moͤchte Dich gern tröſten!“ Ein Entictenelu, Schtec⸗ gebrochen war die Antwort.„Sprich, ſprich noch ein M das iſt ſüßer, wie Engelgeſang! Laß' mich den lange erſehn⸗ — 213 ten Ton noch ein Mal hoͤren!“— Kaum war die Stimme Emmy's, die ſo kindlich bat, in dem weichen, belebenden Tone zu erkennen. Elmerice gluͤhte vor Liebe und Eifer; ſie eilte vor und knieete jetzt ſchon neben dem Bette.„ Faſſe Dich! Vertraue mir! Ich bin gekommen, um Dich mit Gott und Menſchen zu verſoͤhnen durch meine reine, un⸗ eigennuͤtzige Liebe!“ „O mein Engel— luß' die Menſchen!“ rief Emmy—„beflecke damit Deine reinen Lippen nicht;— ſag' mir nur das Eine— duͤrfte ich Dich wohl ſchauen? Biſt Du bloß ein ſuͤßer Ton— oder umgiebt Dich noch ein wenig von dem lieben, ſchoͤnen Engelsleibe?— Darf ich Dich ſehen?“ „Und wenn Du mich ſiehſt,“ ſagte Elmerice—. „wirſt Du nicht erſchrecken? Werden Dir meine Zuͤge nicht fremd und ſtorend ſein?“ „O nein— nein!“ rief Emmy dringend— „Deine liebe Stimme iſt ja däbei!“ „So ziehe den Vorhang auf— ich kniee an Deinem Bette.“— Elmerice in ihrem weißen, faltigen Kleide, das ſchöne, von Bewegung erblaßte Angeſicht von braunen Locken, wie von einer Glorie, voll umſpielt, die tiefen blauen Augen mit der ſchönen Begeiſterung der Men⸗ 214 ſchenliebe zu ihr aufgeſchlagen, knieete in dem hellen Lichte des Feuers, glaͤnzend wie ein Cherub, vor den an⸗ betenden Augen der in ſtarres, entzuͤcktes Anblicken aufgeloͤſten, alten Frau. Beide ſchwiegen lange. Elmerice ſchien ſich bis in den tiefſten Grund dieſer kranken Seele draͤngen zu wollen. Emmny ſog mit langen, durſtigen Zuͤgen den Anblick ein, der die oͤden, verſchmachteten Jahre loͤ⸗ ſchen ſollte in dem alten Wonnerauſche— gefeſſelt von der geheimen Angſt, er werde ihr im naͤchſten Augen⸗ blick entſchwunden ſein. Da rollten aus den blauen Augen des holden Weſens große Thraͤnen uͤber die bleichen Wangen, und die Alte erbebte vor dieſem Zeichen der Sterb⸗ lichkeit. „Du weinſt,“ ſagte ſie;—„weint man denn dort, woher Du kommſt, dieſelben Thraͤnen?“ „Ach,“ ſagte Elmerice—„woher denkſt Du, daß ich komme? In Deinem England, woher ich komme, weint man dieſelben Thraänen.“ Emmy zuckte zuſammen und ergriff mit beiden Haͤnden ihre Stirn.„Kann es denn ſein?“ fragte ſie zagend.„O ſprich,“ fuhr ſie leiſe bebend fort—„biſt Du mein Herzenskind— der Abgott meines Lebens— biſt Du Fennimor?“ „Fennimor? Fennimor hieß meine Großmutter,“ rief Elmerice. „Deine Großmutter?— Du— Du biſt nicht Fennimor?“ ſtöhnte Emmy Gray,—„Bedenke Dich, Kind,“ rief ſie mit halber Geiſtesverwirrung—„Du haſt ihre blauen Augen— das ſind ja ihre braunen Locken— ihre runden Kinderwangen— ihre langen, weißen Finger— ſo trug ſie den Kopf halb zur Seite geneigt. Ach, ſage doch— geſtehe es doch ein— ſieh⸗ das ſind ja Fennimor's Thraͤnen— da ſchimmern ja ihre kleinen, weißen Zaͤhne!— Du wirſt doch nicht nein ſagen? Denke doch— denke doch!“ Ein n krampfhaftes Schluchzen zerriß Emmy's Bruſt— ſie verhuͤllte ihr Geſicht. Elmerice bebte und dachte an Nichts, als an den Troſt, den ſie mit ihrer Liebe ihr zu geben trachtete, mochte ſie ihr auch gelten, fuͤr was ſie wollte. „Emmy, Emmy Gray! Ich will Alles ſein, was Du willſt;— Deine Fennimor— oder ihre Enkelin— ich will Dich lieben, wie Beide! Nur weine nicht mehr— und vertreibe mich nicht von Dir;— laß' mich bei Dir— nie will ich von Dir gehen— nur weine nicht;— das bricht mir das Herz.“ Die Alte gab den zarten Händen nach, welche die ihrigen wegzogen, und erfaßte mit neuem Vertrauen E. den ſuͤßen Wahn, den jeder Zug, jeder Ton des liebli⸗ chen Weſens ihr beſtätigte. „Komm', mein Engel!“ ſagte ſie leiſe—„ich ſchließe Deine Zimmer auf— Du ſollſt ſehen, wie gur ich ſie gehuͤtet habe— da ziehſt Du ein— Du, die Herrin dieſes Schloſſes! Ich will aufſtehen und Dir Dein Bettchen machen— es iſt Alles geluͤftet, an die Sonne gekehrt und geklopft— ich lege Dir das kleine Kiſſen unter Dein Koͤpfchen, wie Du es liebſt— der Fußſchemel mit der ſeidenen Decke ſteht vor dem Bettchen. Ach, weißt Du wohl noch, wie Du mit Deinen kleinen Fuͤßen darauf ſchlugſt, als wollteſt Du unartig ſein und lächelteſt doch dazu, daß ich all' Deine kleinen, weißen Zähne ſehen konnte! Komm nur, mein Engel— haſt Du auch ſchon Deine Milch getrunken und Dein Obſt gegeſſen? Komm' nur— ich bringe es Dir— ich habe Dir Alles aufgehoben— Deine ſchoͤnen Tellerchen und Täßchen— es iſ ſpaͤt — Du mufßt ſchlafen gehen.“ Unaufhaltſam, wie ihr ganzer Charakter, folgte Emmy dem Strom ihrer Phantaſie. Dieſe bluͤhende, jugendliche Fennimor, die kein Zeichen der Krankheit trug, verſetzte ſie ſchnell in die Zeit der Jugend ihres Lieblings, wo ſie ihrer Pflege allein anvertraut war, und der neckende Frohſinn dieſes lieblichen, jungfräu⸗ —— 212 lichen Kindes ihr Herz entzuͤckt hatte. Mit leiſem Drucke wies ſie Elmercie von ihrem Lager, um auf⸗ zuſtehen und auszufuͤhren, was ſie ſo eben ausge⸗ ſprochen. Die Taufe, die dieſe ſo eben mit Fennimor's Namen bekommen, ſchien ſie auch in den Bann von Emmy's Gefuͤhlswelt zu ziehen. Wir ſehen ſie ſtumm, freundlich hingebend an die Phantaſien der armen Al— ten ſich anſchließen und betrachten ihre Pingebung, ohne ſie mit anatomiſchen Finger beruͤhren zu wollen; ſelbſt eine Ahnung ihres Buſens, die ſie in vergel⸗ tender Liebe der Alten unterordnete, gern moͤglich haltend. Bald ſtand Emmy, wie in vergangener Nacht, geruͤſtet; aber ſie wankte nicht, obwohl Elmercie durch nichts gehindert ward, ſie zu ſtuͤtzen. Was in ihr angeregt war, trieb ſie, von dem heftiger wieder⸗ kehrenden Fieber geſteigert, anſcheinend mit der alten Kraft vorwärts. Bald hatte ſie Kerze und Schluͤſſel er⸗ griffen, und Elmerice ward der geheimnißvollen Thur entgegen gezogen. Mit welchem Perzklopfen trat ſie in die verhaͤng⸗ nißvollen Zimmer, die ſie mit tiefem Dunkel umhuͤll⸗ ten. Denn was vermochte das Licht einer Kerze in dieſen großen Raͤumen! Selbſt Emmy's leitende Hand — verließ ſie bald, und ſie hoͤrte ſie, immerfort leiſe und freundlich redend, nach einer andern Gegend des Zim⸗ mers zu gehen. Bald entzuͤndeten ſich mehr und mehr vielfach vertheilte Kerzen, und die Wohlthat, ſich durch eigne Anſchauung zurecht zu finden, kam ihr zu Hilfe. In dem Maaße ſchwanden auch die Schrecken. Wie hätten ſie ſich hier ſollen anknupfen laſſen, wo die ſorgfaͤltigſte Liebe mit Fleiß und Ausdauer eine ſchoͤne, mit Geiſt und Geſchmack geordnete Einrichtung be⸗ huͤtet hatte? Hier war nicht die eingeſchloſſene Luft lang unbewohnter Raͤume; nicht Moder, nicht Staub hatte hier Platz gefunden. Neben dem dauernden Ge⸗ ruche, den koſtbare Moͤbel von edelem Holze verbreiten, waren hier in ſchoͤnen, reichen Gefaͤßen aus Japan und China die köſtlichſten, friſchen Blumen aufgeſtellt, deren Duft die Luft erfuͤllte, und welche, als die einzigen Bewohner dieſer ſtillen Raͤume, ein um ſo unge⸗ ſtörteres, friſcheres Leben fuͤhrten. Daneben ſtanden die breiten, bequemen Moͤbel, wie der Glanzpunkt des Lurus unter Ludwig dem Vierzehnten ſie hervorrief; alle geordnet oder ungeordnet, wie der Gebrauch es herbeigefuͤhrt hatte, ſo lebenswarm, ſo bewohnt ſchei⸗ nend, daß Elmerice, ploͤtzlich erſchrocken, von ihren Beobachtungen abließ, der Alten nachblickend, die in einem Nebenzimmer dieſelben Vorkehrungen mit dem 219 Anzuͤnden der Kerzen zu machen ſchien, wie hier, und die ſie jetzt mit dem geheimnißvollen Bewohner wieder⸗ kehren zu ſehen, faſt erwartete. Doch Emmy kehrte allein zuruͤck— und auf Elmerice zueilend, fuhrte ſie dieſe mit froher Geſchaͤf⸗ tigkeit in das nachſte Gemach. Hier waren große Fenſterthuͤren nach dem kleinen Gaͤrtchen geoͤffnet; die ſternenhelle Nacht, die herein ſah, unterſtuͤtzte das Licht der Kerzen; es war hell und von dem wunder⸗ baren Gegenſatze dieſer Beleuchtungen magiſch ver⸗ klaͤrt. Gegen die mittlere Thuͤr ſtand ein hoher Lehnſtuhl, als ſei dies ein beſonders bezeichnetes Lieb⸗ lingsplaͤtzchen. Roſen bluͤhten in ſchoͤnen Gefaͤßen um⸗ her; am Boden aber, nach der Mitte des Fenſters zu, war ein Teppich ausgebreitet, auf dem glaͤnzendes, ſilbernes Spielzeug lag. Welch' eine gediegene Pracht athmete dies hohe Gemach! Dieſe ſeidenen Tapeten, mit Spiegeln und Goldarbeiten unterbrochen; dieſe ſchweren, goldenen und ſilbernen Gueridons, die Tiſchchen und Buͤcherge⸗ ſtelle von Gold, Marmor oder ſeltenen Holzarten und endlich das kleine Poſitiv, von Engeln getragen, und das kuͤnſtlich geſchnittene, hohe Leſepult von Eichenholz — dahinter die Sitzbank von gleicher Arbeit— Alles ietzt von brennenden Kerzen beleuchtet! „Sieh'— ſieh'!“ rief Emmy immer fort;—„iſt es Dir ſo recht— biſt Du zufrieden— ſag' mir— ſag' mir— habe ich Alles gut beſorgt?“ „O, ſchön— ſchoͤn, wunderbar ſchoͤn iſt es bei Dir!“ rief Elmerice, ganz berauſcht von den Eindruͤcken, die ihr im wahnſinnigen Eifer aufgenothigt wurden— und ſah dabei liebevoll zu der Alten auf, die, ſo wie ſie die Lippen öffnete, wie angeruͤhrt von neuem Entzuͤcken, horchend ſtehen blieb und uͤber das alte, gefurchte und vergraͤmte Antlitz alle Sonnenlichter des Gluͤckes, die auf dieſen verhaͤrteten Boden noch wirken konnten, treiben ließ. „Nun gehort Dir das Alles wieder!“ ſagte ſie dann ſeufzend und ſinnend—„Du wirſt das Alles wieder bewohnen— und ich werde Dir dienen— und werde Dich ſehen— Deine Engelsſtimme hoͤren — Deine hellen Augen ſehen— und horchen, wie der Boden ſo leiſe kniſtert, als fuͤhle er es gern, wenn Deine kleinen Fuͤße daruͤber hinfliegen! Alle Nächte habe ich Deine Blumen begoſſen— den anderen friſch Waſſer gegeben, die welken verſcharrt— und Alles geluͤftet und den Staub ausgekehrt. Sieh' nur, wie es da draußen in Deinem Gaͤrtchen iſt!“— Sie zog ſie zur Thuͤre hinaus, und plotzlich ſtand Elmerice vor einem gruͤnen Huͤgel, unter dem Schatten bluͤhender Roſenſtraͤuche— und vor ihr ruhete auf einem Ruhe⸗ bette von ſchwarzem Marmor die ſchoͤne, runde Ge⸗ ſtalt einer jugendlichen Frau, in weißem Marmor ge⸗ bildet.— „Gott,“ rief Elmerice—„wer iſt das? O Emmy, Emmny, iſt das Deine Fennimor?“ „Das iſt meine Fennimor!“ erwiederte Emmy ſtöhnend und ſank uͤber das ſchoͤne Bild.—„Du weißt ja, er ließ nach Leſuͤeur's Bilde Deinen Grab⸗ ſtein mit Deiner lieben Geſtalt hier meißeln— da— da— hier unten lagſt Du ſo lange!“ Sie ſtöhnte herzzerreißend.— Elmerice ward hingeriſſen; es ſtuͤrmte in ihrem Buſen; ſie wußte nicht mehr, ob ſie Fenni⸗ mor ſei, ob nicht; aber ſie war geneigt es zu glauben und fuͤhlte ein inniges Beduͤrfniß, hier mit dieſer Stelle ſo vertraut zu ſein, als Emmy es begehrte. Eine Fuͤlle von Liebe ſprang aus reicher Quelle in ihrem Buſen auf. Wie liebte ſie dieſe ſchone, kalte Fennimor, dieſe treu ergebene Emmy mit ihrem ſin⸗ ſtern poetiſchen Schmerze;— wie einem Kinde der El⸗ termutter, ſchlug ihr Herz ihr entgegen! Sie knieete zu ihr— ſie umſchlang ſie— ſie legte ihr warmes Haupt an die erkaltende Wange der Alten, die auf Fennimor's Marmorhand ruhete. „Emmy!“ ſagte ſie erſt leiſe, dann immer drin⸗ 222 gender flehend— endlich mit allen weichen Lauten der Liebe:„ſtehe auf und liebe mich— ich will Dich ja lieben, wie Deine Fennimor!“ Emmny ſchien aus ihrer Betaͤubung zu erwachen, und die letzten Worte trafen ihr Bewufßtſein. „Ha, Maͤdchen, wer ſpricht da?“ rief ſie wild, und riß Elmerice mit ſich empor—„war das mei⸗ nes Engels liebe Stimme— Fennimor redet,“ ſagte ſie ſinnend—„und iſt doch ſo lange todt, daß braune Locken weiß wurden, und Jugend zum Greiſe— ſag'“ wie kam das?“ fuhr ſie fort und ſchritt vor, Elmerice mit feſter Hand ſich nach in das Gemach zuruckziehend. Sie ſah vor ſich nieder; ihr ſtarker Verſtand wollte die magiſche Gewalt brechen, von der ſie beherrſcht war;— ſie ſann und ſann, und blieb vor dem hohen Lehnſtuhl in der offenen Thuͤre ſtehen.—„Hier ſtarbſt Du— hier ſah ich Dich als Leiche— Du warſt todt— ich war jung damals— und jetzt im hochſten Alter— das iſt Alles richtig!“ So weit hatte ſie ſich durchgearbeitet, da ſagte Elmerice:„Ach, liebe doch mich, die Lebende!“ Sie zuckte zuſammen— ihre Augen folgten dem Tone;— da ſtand das ſchoͤne Abbild ihrer Fennimor hell von den Kerzen umſtrahlt, von dem Nachthim⸗ mel mit blauen Lichtern atheriſch angehaucht.—„Ha,“ 223 rief Emmy,„alte Thorin!— Mein göttlich Kind, da biſt Du ja! Und ich— wo war ich?— Sag' mir, Du biſt da, und ich will nach Nichts fragen;— nein, ſchweig', mein Engel, ſage nichts!— Die fal⸗ ſchen Menſchen ſchwören— beflecke Deine Lippen nicht damit— ſehe ich Dich doch— Du biſt da— mir wiedergeſchenkt— ich darf Dich haben— ſehen— Dich pflegen und warten. O, wie Du kalt biſt!“ rief ſie plotzlich, mit ihrer fieberheißen Hand ihre Hände faſſend.„Gern gehſt Du fruh in Dein ſchoͤnes Bettchen— das blieb Dir zu lange heut aus— deshalb biſt Du ſo blaß;— ach, wie lange habe ich nicht bei Dir gewacht! und doch hatteſt Du das ſo gern— ach, wie Du mich immer hinhielteſt— bald Dies, bald Jenes forderteſt, damit ich bleiben ſollte; und lachteſt dann unter der Decke, wenn ich wieder um⸗ kehrte und Dir den Willen that, als merkte ich Deine kleinen Unarten nicht— ach, wie ſah ich das ſo gern! Heute bleibe ich gewiß bei Dir, mein liebes Kind! Darum komm' nur, komm', es iſt laͤngſt Schlafens⸗ zeit!“— Emmy zog ſie gegen eine offne Thuͤr, die ein gleichfalls erleuchtetes Zimmer zeigte; und als Elme⸗ rice eintrat, ſah ſie ein eben ſo koſtbar eingerichtetes Schlafgemach und, mit einem nicht zu mäßigenden S 224 Schauer, ein Bett mit reichen, gruͤnen Damaſtbe⸗ hängen in dem Hintergrunde. Emmny ſchritt vor und zog die Behaͤnge zuruͤck; das Bett lag weiß, wie täglich gepflegt, dahinter; die ſeidenen Decken, mit Roſen uberſtreut, einen ſußen Duft ausathmend, waren zierlich aufgeſchlagen, bereit, den erwarteten Schlaͤfer angenehm zu decken; der kleine Fußſchemel mit der ſeide⸗ nen Decke ſtand daneben.— Alles athmete auch hier fortgeſetztes Leben. „O Emmy, hier iſt es ſchön!“ ſagte das junge Mädchen. Das Grauen war von der Schoͤnheit und dem ruͤhrenden Sinne der Liebe uͤberwältigt, der hier, den Zerſtoͤrungen der Zeit zum Trotze, zu erhalten ver⸗ ſtanden hatte. „Jo,“ ſagte Emmy—„ich habe Alles bereit ge⸗ halten— ich wußte wohl, wer kommen wuͤrde— nun iſt es erfuͤllt. Sieh', wie Alles friſch iſt— gerade, wie Du es liebteſt— nicht? Auch Deine ſchoͤnen Kleider— Deinen Schmuck habe ich gehegt— morgen ſollſt Du die Wahl haben.“ So glucklich, mit Erinnerungen wahnſinnig ſpie⸗ lend, taumelte Emmy Gray in dem Zauberkreiſe ihres fruheren, ihres einzigen Gluͤckes umher, und ihre junge Gefährtin fuͤhlte nur das Beduͤrfniß, nachgebend die⸗ ſen heiligen Wahnſinn nicht roh zu ſtören, furchtlos — von der Zeit die Erledigung eines Zuſtandes erwar⸗ tend, von dem eine ahnende Stimme ihr ſagte: er wuͤrde, auch von Fennimor's Bild entkleidet, dennoch verhaͤngnißvoll ihr Leben erfaſſen. Und doch glaubte ſie ſchon im nächſten Augenblicke erliegen zu muͤſſen; denn Emmy, die, vom Fieber mit Jugendkraft beflü⸗ gelt, im Zimmer redend hin und her ſchritt, forderte ſie nun auf, ſich niederzulegen; ja, ſie machte, als El⸗ merice anſtand, ihr zu folgen, eine Bewegung, ſie in ihren Armen aufzuheben, wie ſie dies vielleicht fruͤher Fennimor gethan. Erſchrocken ſaß nun Elmerice ſo⸗ gleich auf dem Rande des Bettes, und ſtellte die Fuße auf das kleine Schemelchen. Da knieete die Alte vor ihr hin, und ahnend, was ſie wollte, aber zitternd vor Verwirrung, loͤſte Elmerice nun ſelbſt die Fußbe⸗ kleidung mit raſcher Hand unter den langen Gewän⸗ dern und ſtellte dann verſchämt die kleinen, weißen Fuͤße vor Emmy auf das Schemelchen. Still ſaß ſie davor auf der Erde und ſah ſie an, als ob ein Himmel unſchuldiger Freude vor ihr lage;— leiſe ſtrich ſie ein Mal mit der Hand daruͤber, und ein muhſames Lächeln wollte die in Schmerz erſtarrten Zuͤge brechen. Doch es ging nicht, und ſie ſeufzte nur, als waͤre ihr wohl. Dann ſah ſie auf und raffte ſich empor, legte die Decken und ſchuͤchtern Ste Noche 1I. 15 nachgebend, legte ſich Elmerice nun in das weiche, herrlich duftende Bette. Emmy ruͤckte und zog und ſchob daran umher, wie ſie es fruͤher dem Lieblinge ge⸗ than; dann ſenkte ſie den einen Vorhang, hing den anderen halb aufgeſchlagen um einen großen, mit Kiſſen faſt zum Bette umgeſchaffenen Stuhl und nahm dar⸗ innen Platz, mit einer Decke ſich umhuͤllend.„Siehſt Du,“ ſagte ſie leiſe und matt—„hab' ich's min recht gemacht? Nun, laß' mich auch ruhig bei Dir bleiben dieſe Nacht— und ſchlafe Du unter Gottes Segen bis zum hellen Morgen!“ „Das will ich,“ erwiederte Elmerice nachgiebig; denn ſie ſah, das Fieber ſank in ſeiner Heftigkeit, Ermattung trat ein, ſie durfte ſie nicht ſtsren. Eben ſo wenig konnte ſie hoffen, ihre Lage zu aͤndern; denn Emmy hatte das ganze Bett verbaut; auch hatte ſie die zweite Nacht bis jetzt gewacht, ſie war jung, das Lager weich und ſchoͤn. Schon ſchlief die Alte feſt; da verwirrten ſich die Bilder, einen Augenblick nur glaubte ſie die Augen zu ſchließen— jugendlich ſank ſie damit dem Schlafe in die Arme.— Dagegen erwachte Aſta am fruͤhen Morgen und fand, nachdem ſie mit ihrem treuen Eifer ſich aufge⸗ rafft, Niemanden, der ihrer Hilfe oder Fuͤrſorge bens⸗ thigt war.— Sowohl das Bett der Alten, wie das 227 Lager ihrer jungen Gefährtin war leer. Starr blieb das arme Kind nach dieſer Wahrnehmung in ihrem Schrecken gefeſſelt; dann ergriff die Furcht vom vergan⸗ genen Abende ihr Herz. Sie war ſicher, die Geiſter, die das Schloß bewohnten— ſie waren eingedrun⸗ gen und hatten Beide davon gefuͤhrt, und nur ihr Kreuzchen hatte ſie behuͤtet! Außer ſich vor Schreck und Entſetzen, ergriff ſie nun die Flucht. Ach, wie erwieſen war Alles! Hingen doch Schloſſer und Rie⸗ gel unter dem Schutze ihres Kreuzes unverſehrt; alſo auf andere Weiſe, durch die Luft— den Rauchfang waren ſie entfuͤhrt! Waͤhrend dem flogen die Schloͤſ⸗ ſer und Riegel unter Aſta's zitternder Hand auseinan⸗ der, und die Thuͤren weit hinter ſich aufſchlagend, flog ſie, durch den Wald laufend, wie gejagt, um das Pfarrhaus, um den alten Arzt zu erreichen, der oft ſchon fruͤh den erſten Beſuch bei Madame St. Albans zu machen pflegte. Um dieſe Zeit bogen ſich die Gebuͤſche zurck, die um den Eingang des kleinen Thurmes ihre zarten Zweige wölbten. Ein bluͤhendes, weibliches Angeſicht lauſchte mit dem anmuthigen Ausdrucke von Neugier und Frohſinn daraus hervor; endlich folgte die ſchlanke, elaſtiſche Geſtalt, ſie erſtieg die Treppe; offene Thuͤren luden ſie zum Näͤhertreten ein, leichten, ſchuͤchternen 15* Schrittes ſchwebte ſie herein— Alles leer! Doch jene Thuͤren— und die eine bloß angelehnt;— leiſe ſchob ſie ſie auf, erſt ſah der Kopf herein, bald folgten die Fuͤße. Welch ein Zauberland lag hier aufgerollt! Offene Thuͤren nach dem kleinen Garten, bluͤhende Blumen, brennende Kerzen, die im Tageslichte ſchon erblindeten, uͤberall der Hauch des Lebens! Das zweite Zimmer ebenſo; Schoͤnheit, Reichthum, Geiſt— in ſeder Falte, jedem Schnörkel ein Gedanke! Doch das nächſte Zimmer! So lange es noch Neues gab, wozu hier weilen? Ein Schlafgemach, ein aufgeſchla⸗ genes Bett!— Die Lichtgeſtalt blieb an der Schwelle ſtehen, das leichte Gewand des Buſens hob ſich ſo hoch, ſo ſchnell; wir wiſſen nicht warum. Dann glitt ſie leicht uͤber den leichten Boden und blickte auf das ſchoͤne Engelsbild, das, tief ſchlafend mit dem Aus⸗ drucke eines laͤchelnden Kindes, in dem gruͤnen Zelte ſchlummerte, von einer Greiſin bewacht, deren tief gefurchte Zuͤge und wunderlich verhuͤllte Geſtalt an jene Fabeln erinnerte, die von Zauberinnen erzaͤhlten, welche Koͤnigskinder entfuhrten und bewachten zu gehei⸗ men Zwecken. Es war, als ob der Engel der Schlum⸗ mernden ſie beſuchte. Wie antheilvoll, wie hoch ent⸗ zuckt, wie ganz verloren in dem Anblicke ſtand das zarte Weſen zu ihr hingebeugt! Da ruͤckte die Alte das geſunkene Haupt empor; Ftflohen war das Licht⸗ bild— ſpurlos verſchwunden— nicht einmal der Ambra⸗Duft, den Engel ſonſt zuruͤcklaſſen ſollen, war hier zu ſpuͤren! Spaͤter trat der alte Arzt mit Aſta zaudernd in den offenen Raum.„Geſchlafen haſt Du noch, Du Thoͤrin! Von der Hexenfurcht am Abende biſt Du noch beſeſſen, und läßt die Thuͤren auf und verſaͤumſt uber Deine Furcht Deine Pflicht.“ Aſta that dagegen nichts als ſchluchzen, und die Arme nach allen Ecken ausſtreckend, zeigte ſie die lee⸗ ren Räume. Unwirſch ſtuͤrzte der Alte nun auf die Betten zu und ſuchte, als ob er Gnomen vermiſſe, in jeder Falte. Vergeblich, er fand ſie nicht! „Was iſt denn das fuͤr neuer Unſinn?“ ſchrie er wild und blickte Aſta halb fragend, halb verlegen an—„haſt Du denn Nichts gehoͤrt?“ „Sagte ich's Euch doch!“ ſchluchzte dieſe;— „wie konnte ich's denn hoͤren, ſind denn Thuͤren ge⸗ gangen? War es denn natuͤrlich Werk?“ „Thuͤren?“ rief der Alte, und drehte ſich raſch auf dem Abſatz um. Er hatte die Richtung bekom⸗ men. Die Thuͤre, die ſich ſeit Jahren Keinem geoͤff⸗ net, war nur angelehnt Sogleich erfaßte Beſorgniß fuͤr das, was Elmerice erfahren haben konnte, ſein theilnehmendes Herz; er eilte der Thuͤre zu, indem er Aſta befahl, zuruͤck zu bleiben; denn er ſelbſt uͤber⸗ ſchritt nur ungern dieſe ſo ſtreng behuͤtete Schwelle, die er, ſeit Reginald als Kind davon hinweg getragen ward, nie mehr betreten hatte. Doch hielt das Ge⸗ fuͤhl der Achtung fuͤr den duͤſteren Willen dieſer ar⸗ men Ungluͤcklichen das Gefuͤhl der Pflicht nicht auf, was ihn zum Schutze des jungen Weſens trieb, das hier ſo verlaſſen zu haben, er ſich jetzt zum ernſten Vorwurfe machte. Er blieb von dem Anblicke dieſer wohlerhaltenen, erinnerungsreichen Gemaͤcher nicht un⸗ geruͤhrt; aber er wollte erſt erfahren, was neuerdings hier geſchehen war, und eilte raſch bis zum Schlaf⸗ gemache vor. Wer beſchreibt ſein Erſtaunen, als er hier die tiefſte Ruhe— eine Scene des Friedens und offenbar vorhergegangener Liebesbeweiſe vorfand! Er blieb wie eingewurzelt ſtehen und fragte endlich mit ſeinem klaren, geuͤbten Verſtande der ſtummen Scene vor ſich ihren ganzen Hergang ab. Was war nun weiter zu thun? Er ſah an dem blaſſen Geſichte der Alten, das Fieber habe ſie verlaſſen;— was konnte nun das Schickſal des jungen Maͤdchens werden, wenn vielleicht bei voller Beſinnung die Illuſion nicht vorhielt, welche die Alte bis zu dieſem Grade der Hin⸗ gebung während der Nacht gebracht hatte? —2 Er ſchuͤttelte den Kopf, und ungewiß uͤber das Nächſte, was ſich hier begeben konnte, beſchloß er in der Nähe zu bleiben. Mitleidig, wie er unter der rauhen Huͤlle aber war, eilte er erſt zuruͤck zu Aſta, die in der Mitte der Stube auf den Knieen kauerte, ihr Schuͤrzchen uͤber das Geſicht gedeckt und eifrig ihren Roſenkranz betend. „Laß' das Geſchrei,“ ſchalt er, aber dennoch freund⸗ lich blickend—„und ſei endlich vernuͤnftig! Sie ſind gefunden— Beide geſund, wie Voͤgel im Neſte. Lauf' nach der Vikarei, und ſag', es ſtaͤnde Alles gut; ſie hätten nur die Schlafſtätte veraͤndert; ich bliebe und braͤchte ihnen nachher ſelbſt Nachricht.“ Aſta ſtand gehorſam auf und zog das Schuͤrzchen von dem verweinten Geſichte.„Und— und“— ſtammelte ſie,„es iſt ihnen nichts geſchehen?“ „Nichts, nichts, mein gutes Kind!“ ſagte der alte Arzt und ſtrich ihr gutmuͤthig mit rauhem Fin⸗ ger die Locken unter das rothe Muͤtzchen;—„ſie ſchla⸗ fen, wie die Daͤchſe! Nun fort— fort— haſt Du doch Alles dort in Brand geſteckt;— fort! fort! mach' es wieder gut— die Albans ſchreit ſich ſonſt den Hals ab!“ Fort war Aſta, und der Arzt kehrte auf ſeinen Poſten zuruͤck und ſetzte ſich ſo, daß er Alles, was vor⸗ — gehen wuͤrde, ſehen konnte, ohne doch Su geſehen werden zu konnen. Er brauchte nicht lange zu harren; die Sonnen⸗ ſtrahlen erreichten das Fenſter; ſie fielen bei nicht ver⸗ ſchloſſenen Läden gerade auf das Bett, und indem ſie durch die gruͤnſeidenen Vorhaͤnge ſchienen, erhellten ſie blendend das Innere des Bettes mit ſeinen weißen Kiſſen und farbigen ſeidenen Decken. Dies brach die Augen der Altenz ſie erwachte, doch ſchien es, ſie ſah im Anfange nichts, ſie ſtöhnte nur, ſich aus unbequemer Lage vorſichtig aufrichtend. Aber jetzt faßte ihr ſcharfes Auge die Gegenſtaͤnde;— wo fand ſie ſich? Sie ſchaute einige Augenblicke ver⸗ ſtoͤrt umher; aber ihr erſter Blick nach dem Bette— nach der ſuͤßen Schläferin, verſchoͤnt von der erquicken⸗ den Ruhe, weckte ihre Erinnerung. Sie wußte den Inhalt der Nacht, wie uns ein Traumbild bei Tage erſcheint, wahr, lebendig, mit allem Zauber des Ge⸗ fuͤhls nachhaltig uns begluͤckend, oft gerade um der Möglichkeit Willen, die Wahrheit zu betruͤgen, die uns oft nicht mehr geben kann, was der Traum uns glaubhaft an einander reihet. Aber hier war der Traum nicht weſenlos verſchwunden; hier wollte Wirklichkeit bleiben, was doch nicht wahr ſein konnte! Es war vielleicht zu viel fuͤr einen Geiſt, der ſeit einigen vierzig Jahren nur eine Richtung der Gedanken und Gefuͤhle gekannt hatte; er mußte ſtraucheln an der Schwelle der Vernunft, wenn ſie noch in vollem Rechte anzunehmen war, da wo der Geiſt mit ſtarkem Willen der ganzen Ordnung der Natur entgegentrat, wie zum Trotze die Zeit mit aller ihrer Macht verlaͤugnend, be⸗ zwingend, um der einen Richtung zu dienen in ab⸗ gottiſcher Hingebung! Wie gering konnte die Ver⸗ ſuchung ſein, die hier den Geiſt gänzlich abzuleiten vermochte— und ſie war nicht gering! Das Zeugniß, wie groß ſie war, ſtahl ſich aus den Augen des alten Arztes, der einſt Fennimor als junger Mann in dieſen Raͤumen bedient und ſich jetzt ungeſtört in den Anblick der Schlafenden verſenkte und von dem Zauber der Erinnerung ſelbſtvergeſſen uberwältigt ward. Die Alte war indeſſen auf den Rand des Bettes gerutſcht— immer naher— immer näher. Wie ſeufzte ſie ſo laut und ſchwer! Dann rang ſie die Hände und forderte Rath von ihrem uͤberwältigten Geiſte. Emmy— die den perwuͤnſcht haͤtte, der ihr die Moͤglichkeit Liebling einſt in dieſen Raͤumen noch wiederzuſehen— Emmy rang— von der anſcheinenden Erfuͤllung ihres eigenſinnigen Glaubens uͤberwältigt— mit dem Eintaß dieſes Wun⸗ ders in ihrem Geiſt. Der alte Arzt ſchaute klug dem Kampfe zu; er nickte mit dem Kopfe und dachte, ſie könne es nun allein abmachen, was ſie ſo lange allein verſchuldet. Dazu war Emmy Gray auch ſtets bereit, und die Weiſe ihres Verfahrens gehörte ihr gewiß allein— ſo tief, ſo unheilbar die ganze Welt zu verachten, um des einen, heiß geliebten Weſens Willen. Auch hier arbeitete ſie ſich dahin, wohin ſie trach⸗ tete.„Was frage ich“— ſagte ſie wie zurnend zu der Welt, von deren Widerſpruche ſie ſich ahnend ver⸗ letzt fuhlte—„welch' ein Wunder mir zu Gunſten kam? Biſt Du es denn nicht in jedem Zuge— jedem Gliede— biſt Du nicht warm, und iſt Dein Athem nicht ſo ſuͤß— haſt Du nicht die Lippen eben ſo, wie ſie, geoffnet, daß die kleinen Zähne dämmern? Nein, nein, Du biſt Fennimor— mein Kind— mein Engelsbild;— und Alles wird nicht wahr ſein— das Alter und die Zeit, von der ſie ſchwatzen— die Thoren mit ihren Einbildungen!“ Heftig verhuͤllte 6* Geſicht— ſie ſchien in einem neuen, gewaltſamen Kampfe zu liegen. Da er⸗ wachte Elmerice uͤber ihr; und auch ihr war die Be⸗ gebenheit der Nacht ſo vertraut geblieben, daß ſie augen⸗ blicklich wieder im vollen Zuſammenhange war. Als die Alte, die Bewegung ſpuͤrend, ſich haſtig aufrichtete, ſah ſie in zwei, liebevoll auf ſie blickende, blaue Augen, die ihr eine Gewißheit ihres kuͤhn be⸗ haupteten Gluͤckes zu geben ſchienen, welche ihr zu⸗ gleich die ſeligſte Freude ward. „Es wird ſo ſein,“ ſagte ſie, wie zu ſich gewendet —„rede nun zu mir, mein Engel;— denn in der Stimme liegt Wahrheit.“ „Ich will Dich nicht taͤuſchen, liebe Alte,“ ſagte Elmerice;—„aber nimm Dir Alles, was Du von mir zu Deinem Gluͤcke gebrauchen kannſt— ich will gern ſein, was Du wuͤnſcheſt.“ Die Alte hoͤrte ſinnend dieſe Worte, und der Ton beruͤckte, obwohl noch derſelbe, doch nicht mehr ihre Sinne ſo gaͤnzlich, um nicht zu faſſen, was ſie ausdruͤckten.„Fennimor's Stimme war das,“ ſagte ſie, faſt fragend—„ach, wie ſoll ich das faſſen?“ „Koͤnnte ich Dir doch helfen!“ ſeufzte Elmerice. „Gott weiß, wie ich Dich ſchon jetzt ſo liebe, wie ein Kind, wie Deine Fennimor es nur konnte. Ich moͤchte geſtorben ſein— ein Engel— ein Geiſt von der, die Du ſo geliebt haſt.“— „Und Du wäreſt das nicht? O, mein Kind, ich fuͤrchte ja keine Geiſter— auch wenn Du ein Geiſt von ihr biſt— geſtehe es! Es ſoll mir daſ⸗ ſelbe ſein!“ — „Fuͤhl doch nur meine Hand, meine Stirn,“ ſagte Elmerice kleinlaut—„es iſt ja Lebenswärme darin. Ich fuͤrchte, ich ſehe Deiner Fennimor nur ſehr ähnlich;— und— weil meine Großmutter ſo hieß— ſo bin ich vielleicht ihre Enkelin!“ Athemlos hatte Emmy zugehoͤrt, und es malte ſich ein ſo wahnſinniger Ausdruck in ihren Zuͤgen, daß Elmerice faſt vor ihr erbebte. Aber bald kehrte das Vertrauen zuruͤck, ſie werde nie von ihr zu fuͤrchten haben, und damit auch Ruhe und Hingebung. „Ihre Enkelin?“ ſagte Emmy endlich, und kon⸗ vulſiviſch hob ſich ihre Bruſt;—„ihre Enkelin?— Fennimor's Enkelin! Dann— dann fließt doch ihr Blut in Deinen Adern— dann haͤtteſt Du doch alle Deine lieben, ſchoͤnen Gliederchen von ihr geerbt! Und dies Alles— und Du gehoͤrteſt ihr— es wäre faſt, wie ſie ſelbſt!“— ⸗ Es war ein fuͤrchterlicher Moment, als Emmy hier plotzlich von einer Thränenfluth uͤberraſcht ward, die mit ihrem gewaltſamen Ausbruche ſie faſt zu zer⸗ reißen drohte. Sie ſank mit ihrem Kopfe in Elme⸗ rice's Schooß. Thränen!— ſie kannte an ſich ihr Daſein nicht mehr— wie fremd, wie erſchuͤttert fuhlte ſich die arme Alte in dieſem neuen Zuſtande! Aber ſanft weinte auch Elmerice uͤber ihr und ſtrich liebe⸗ 3 voll mit ihren zarten Haͤnden uͤber den bebenden Körper.„Darum wirſt Du mich doch nicht haſſen? Wenn ich Fennimor's Enkelin bin, dann bin ich ja eben auf Deine Liebe angewieſen— dann mußt Du mich ſchuͤtzen!“ „Schuͤtzen!“ rief Emmy, ſich aufrichtend;— ſchuͤtzen! Ja, weiß Gott, Du haſt Recht— ſchuͤtzen muß ich Dich— dann, dann hätten wir es ja! Dann waͤrſt Du ja ihre Erbin— die große, mächtige Erbin dieſes Hauſes! Aber“— fuhr ſie fort, ihren Kopf in ihre Hand ſtuͤtzend—„hilf mir, mein Kind — ich bin heraus aus der Welt;— kann ich doch nicht zuſammenbringen, wie Du ihre Enkelin geworden biſt.— Ach, Kind, Kind,“ rief ſie eifrig und voll Angſt, als koͤnnte ihr das Gluͤck wieder geraubt wer⸗ den—„Du biſt es— Du biſt entweder Fennimor — oder, wie Du ſagſt, ihre Enkelin! Aber wie wiſſen wir es denn?“ „Wie ſoll ich Dir das erklaren!“ ſeufzte Elme⸗ rice—„Als Du mich Fennimor nannteſt, fiel mir ein, daß auf dem Einbande meines Thomas a Kem⸗ pis, Fennimor Leſter ſteht, und daß mein Vater mir dies Buch ſchenkte und mir ſagte, es Fi von meiner Großmutter.“ „Heiliger Gott,“ rief Emmy, außer ſich—„ſo — 238 iſt Alles wahr— und Du biſt Reginald's Tochter— Fennimor's Enkelin!“ Sie ſprang auf— ſie ſtreckte beide Arme, wie eine begeiſterte Prophetin, in die Luft— ihre gebeugte Geſtalt richtete ſich auf— ein neuer Lebensſtrom ſchien ihre Gebeine zu durchrieſeln. „Gerecht, gerecht willſt Du dieſer Unſchuld wer⸗ den, Herr des Himmels! Deine Wege werden Feuer⸗ ſtroͤme vor meinen Augen;— ich kann ihren maͤch⸗ tigen Lauf verfolgen von Anbeginn;— die Wuͤſte der Welt hat ſie nicht verſchuͤtten können;— das Men⸗ ſchengewuͤrm iſt mit ſeiner Suͤnde darin verſchlungen worden, und die Unſchuld haſt Du geſchuͤtzt und zu der rechten Stelle gefuͤhrt— wo Du die aufgeſpart haſt, die ihr Recht ſchaffen wird!“ In gleicher Begeiſterung wendete ſie ſich zu& merice:„Sei mir gegruͤßt, Nachkommin meiner heiligen Fennimor und jetzt meine Herrin; berufen zu vergeltender Gerechtigkeit ſchrecklicher Schuld— rechtmäßige Gräfin Crecy⸗Chabanne— Herrin dieſes Schloſſes und aller ſeiner großen Beſitzthuͤmer! Herr des Himmels, auch hier wirſt Du die Wege zeigen und erkennen laſſen, die wir zu wandeln haben— und aus Staub und Aſche wird— neues Leben erſtehen. Fennimor's Enkelin, befiehl Du bis dahin über mich und gebiete in dieſen Raͤumen— Dein vorläufiges, kleines Erbtheil, an welches ſich die großen Güter Deines Hauſes anſchließen werden— und empfange hiermit den Segen derjenigen, die Deinen Vater an ihrem Buſen trug, und deren Herzenskern Deine Großmutter war!“ Feierlich kuͤßte ſie Elmerice auf die Stirn und fing dann ſogleich an, die Vorkehrungen der Nacht aus dem Wege zu raͤumen, behaͤnde und in geſchickter Thätigkeit weder Alter, noch Krankheit verrathend. Unmoͤglich war es Elmerice geweſen, den Strom der Worte und Gefuͤhle, der ſich aus Emmy's begei⸗ ſterter Seele hervordraͤngte, unterbrechen zu können. In ſprachloſem Erſtaunen hatte ſie ihr zugehoͤrt und in ſich eine Gewalt angeregt gefuͤhlt, die ſie ſelbſt faſt uber das Maaß hinaus bewegte. Tauſend Stimmen in ihr wollten ihr zufluͤſtern, daß ſie Wahrheit gehort habe; und dennoch— wenn ſie die betagte Alte vor ſich ſah, und des Wahnſinns gedachte, deſſen Spielwerk ſie ſeit vergangener Nacht war, behielt ſie keinen Muth, ihr zu glauben, und fuͤhlte nur das Eine, daß ſie vorerſt dem Willen dieſes kranken Sinnes nicht entgegen treten duͤrfe. Ja, dies ward ihr leichter, als der Zweifel; denn es war mit den verhaͤngnißvollen Worten der Alten etwas Neues in ihr erweckt: eine ſtolze Hoffnung, ein Gefuͤhl der Berechtigung zu einer hohen Stellung des Lebens, die wie ein belebender Sonnen⸗ ſtrahl auf begrabene Wuͤnſche fiel. „Ha,“ rief die Alte, indem ſie ſich umwendete— „Ihr hier?“ Der alte Arzt ſaß in dem Lehnſtuhl, in welchen er ſich gleich zu Anfang poſtirt hatte, und ſchaute mit ſeinem klugen Angeſichte in die wunderbare Scene, die vor ihm aufgefuͤhrt ward. Er nahm jetzt den kleinen, dreieckigen Hut ab, ſtieß mit dem hohen Stocke, deſſen Goldknopf weit uͤber die Hand vorſah, auf den Fußboden, und aufſtehend und ſich gegen Emmy verneigend, ſagte er:„Zu Befehl, Madame! Wenn die Patienten Tollmannswerk treiben und davon laufen, haben die Aerzte das unbequeme Vergnuͤ⸗ gen, hinterher gehen zu muͤſſen. Darf man fra⸗ gen, wie einer Fieberkranken die Nacht außer dem Bette bekommen iſt?“ „Laßt Euer Geſchwatz!“ entgegnete Emmy Gray; —„ich bin nicht darauf aus, mich von Euch hofmei⸗ ſtern zu laſſen; Ihr koͤnnt alle Zeit gehen, ich bedarf Euch gar nicht mehr.“ „So,“ ſagte er, und ein unterdruͤcktes Lachen ſpielte um ſeinen Mund;—„alſo jetzt beduͤrft Ihr mich nicht mehr; und dann iſt das Nächſte, daß Ihr mir die Thuͤr weiſet;— nun, es iſt nicht das erſte Mal!— Ich muß Euch aber ſagen, daß ich dies Mal hier mehr, als Euch zu beſorgen habe; denn das junge Frauenzimmer dort, das Ihr, in einer Eurer liebenswuͤrdigen Launen, in dieſe ſeidenen Windeln ge⸗ wickelt habt, um ſie zu Eurer Spielpuppe zu machen, die iſt mir anvertraut, ich habe fuͤr ihr Wohlergehen einzuſtehen, und werde nicht leiden, daß Ihr fortfarth, Eure Thorheiten ihr in den Kopf zu ſetzen. He, Ma⸗ dame, habt Ihr mich verſtanden? Ich habe die ganze Hiſtorie mit angehoͤrt.“ „So iſt es gut!“ rief Emmy unerſchuͤttert;— „denn obwohl Euch Niemand zum Zuhoͤren berief, moͤgt Ihr, als Fennimor's ehemaliger Diener, immer zuerſt den Vorzug genießen, ihre Enkelin mit der Ehr⸗ furcht zu begruͤßen, die ihr hier in ihrem Eigenthume gebuͤhrt.“ „Emmy, Emmy,“ rief der Alte ungeduldig— „biſt Du denn vergeblich alt und grau geworden;— hat ſich denn nach ſo vielem nutzloſem Haſſen und Zuͤr⸗ nen, nach all' den Jahre dauernden Rachegedanken, die alle an der Ohnmacht Deiner geringen Welter⸗ fahrung ſcheiterten, hat ſich denn darnach die Quelle des alten Wahnſinnes dennoch unverſiegt erhalten, und willſt Du jetzt ein neues Opfer bezeichnen, indem Du Ste Roche. III. 16 dies ſchoͤne, unſchuldige Geſchöpf dieſen Kämpfen preis giebſt?“ „Alter,“ rief Emmy, mit gemildertem Ausdruck auf ihn zuſchreitend—„denke, was Du ſagſt!— Sieh' ſie an— ſieh' ſie an! Sag', iſt nicht das Vermaäͤchtniß ihrer Anſpruͤche in jedem Gliede ihres Körpers ausgedruͤckt? Hoͤre ihre Stimme, Alter! Ruft ſie Dir nicht mit Fennimor's Tone zu, ihre Enkelin. anzuerkennen? Ja, ja, nenne mich wahnſinnig— aber ſage auch— wenn Wahnſinn erlaubt iſt— ſo iſt es hier!“ „Du haſt Recht, armes Weib,“ ſagte der er⸗ weichte Arzt;—„ehe Du ſie ſahſt, hatte ich ſchon gedacht, was Dich jetzt ſo verwirrt. Aber was hilft Dir und ihr die traurige Entdeckung, da ihre An⸗ ſpruͤche auf immer verloren gingen, und Du und ich mit allen Gefuͤhlen fuͤr die ungluͤcklichen Opfer, die ich mit Dir betrauern werde, ſo lange ich lebe, doch den Bann nicht aufheben koͤnnen, der ſie vor den Augen der Welt ihrer Rechte beraubte. Ungluͤckliche,“ ſagte er und zog ſie naͤher, ihr leiſe zufluͤſternd:;„ver⸗ giß nicht, daß Fennimor's Sohn, als Moͤrder, aller buͤrgerlichen Rechte auf Frankreichs Boden fuͤr ſich und ſeine Nachkommen beraubt ward, und ihm kein Erbe zuerkannt werden darf.“ S. — Die Alte taumelte bei dieſen Worten, die ſie auf's neue dem hoffnungsloſeſten Elende preisgaben, faſt zur Erde. Der Arzt fuͤhrte ſie zu einem Stuhl, und ſogleich kam der Gegenſtand ihrer ſchmerzlichen Unterredung zu ſeinem Beiſtande herbei, und vor ihr niederknieend und ihre kalten Haͤnde erwärmend, ſie mit ruͤhrenden Blicken anſehend, redete Elmerice leiſe zu der troſtlos zu ihr niederſchauenden Emmy. „Bleib' dennoch bei mir, mein Kind— meiner Fennimor lebendiges Ebenbild!“ ſtammelte ſie endlich muhſam.„Wir wollen Alles— Alles beſprechen. Alles— Alles ſollſt Du mir ſagen— und hier— hier ſollſt Du ſein, was Du wirklich biſt. Hier reicht der Schwefeldunſt der Welt nicht hin, und die Graͤuel der Menſchen ſollen Dich hier nicht erreichen.— Sag', daß Du willſt, und ich will Alles vergeſſen— Nichts denken, als daß Fennimor's Haͤnde mir die Augen zudruͤcken und dann das reiche Erbe, das ich hier geſammelt, in, Empfang nehmen werden.“ Der alte Arzt nickte Elmerice zu, ihr zu gewäͤhren, und dieſe konnte aus voller Seele einwilligen; denn mit Zauberbanden fuͤhlte ſie ſich hier gefeſſelt, und die Welt ſchien auf dieſer Stelle alle Rechte an ſie zu verlieren. Dies goß Frieden in Emmy's ſchwer getroffenes Herz; und die kräftige Weiſe, wie ſie ſich nun erhob und 16* 244 den Arzt mit ſich fort in ihr eigenes Zimmer rief, war ihm eine merkwuͤrdige, faſt aͤrgerliche Wahrnehmung, wie der Geiſt des Menſchen uͤber die Beſchwerden des Koͤrpers zu ſiegen vermag, und ärztliche Anſichten, ihre Mittel, ihre Prophezeihungen, in 3 Augenblicken zu verhoͤhnen ſcheint. Nach einer langen Berathung, in welcher der Arzt die ganze Energie ſeines Charakters dem eben ſo unbeugſamen Willen ſeiner alten Gefährtin entgegen ſetzte, hatte er die Befriedigung, ſie wieder in ihre fruͤhere Muthloſigkeit zuruͤckgedrängt zu haben Denn was er ſich auch ſelbſt vorgenommen haben mochte, Emmy's Wirkſamkeit mußte er dabei fuͤrchten, da ihr ewig zurnender Pathos, einmal in Lauf gerathen, ſo ſchwer aufzuhalten war, wenn die Umſtande, wie dies zu erwarten ſtand, kein guͤnſtiges Reſultat zulaſſen, und das geraͤuſchloſeſte Zuruͤckziehen dann das Noͤthigſte ſein wuͤrde. „Erſtlich alſo,, fuhr er fort—„muͤſſen wir wiſ⸗ ſen, ob ſie das wirklich iſt, was ſie uns jetzt ſcheint, nämlich die Tochter des verſchollenen Reginald.“ „Elende, kurzſichtige Zweifel!“ murmelte Emmy verächtlich;—„ſolche Zeugniſſe fertigt Gott nicht um⸗ ſonſt aus, wie ſie auf ihrem Angeſichte trägt— und habe ich es Euch nicht geſagt, daß ich Reginald, als ſie ihn mir damals als liebes Kind raubten, das Buch mit dem Namen ſeiner Mutter in das Ge⸗ paͤck ſteckte, und daß ich auf meine Frage von ihm hoͤrte, wie ſie ihn hatten glauben laſſen, es ſei der Name ſeiner Kinderfrau! Aber luͤgt nur, Ihr Heiden und Heuchler! Wenn Gott will, taucht auf, was Ihr noch ſo tief verſenkt habt— und legt Zeugniß gegen Euch ab!“ „Das wird ſich ja zeigen,“ erwiederte der Arzt;— „ſie wird doch von ihrer Jugend wiſſen, ſie wird doch ſagen können, bei wem wir etwa noch in England nachfragen könnten; ſelbſt die Gräfin d'Aubaine mag Auskunft zu geben wiſſen.“ „O, all' dies fremde Volk, was Ihr da hinein⸗ miſchen wollt,“ rief Emmy—„wie haſſe ich Alle ſchon im Voraus für den boͤſen Willen, den ſie haben werden! Wenn Ihr denkt, Einer wird Recht ſprechen— taͤuſcht Ihr Euch!“ „Nun— und was alsdann?“ rief der alte Arzt ihr entgegen.„Sprecht Ihr nicht ſelbſt die Schwie⸗ rigkeiten aus, die ich erwarte? Und werden ſie nicht gerade dadurch noch groͤßer, daß zuerſt, nach ſo langen Jahren, die Erben des Grafen Leonin hier eingeso⸗ gen ſind?“ So erfuhr denn Emmy mit maaßloſem Unwillen die Ankunft des Marquis d Anville; und wir uͤber⸗ gehen billig die Ausbruͤche ihres Zornes, da wir uns ſehr wohl denken koͤnnen, wie ſie dieſen Beſuch beur⸗„ theilen mußte, den ſie völlig unberechtigt, fuͤr einen raͤuberiſchen Einbruch in fremdes Eigenthum anſah. Deſſenungeachtet wußte ihr endlich der alte Arzt zan⸗ kend und zuͤrnend klar zu machen, ſie muͤſſe ſich ruhig verhalten. Ja, er machte ſie glauben, daß ſelbſt die Sicherheit ihres Schutzlings von der Art abhaͤngen werde, mit der ſie ſich hier ſo verborgen, als moͤglich, halte. Er wolle dagegen, wenn ſie ihm nach ihrer Unterredung mit Elmerice noch uͤbereinſtimmende An⸗ zeichen geben könne, dann auch das Seinige thun, die„ Herrſchaften zu ſondiren. Beim Vikar wolle er dagegen verſichern, daß hier Alles gut ſtehe und ſie die Pflege der jungen Perſon angenommen habe. „Ja,“ ſetzte Emmy hinzu—„und macht, daß Ellen wieder wohl wird— und laßt ſie dann abreiſen; denn ſie iſt mir hier laͤſtig. Ich mag ihr trockenes Pflicht⸗ geſchrei nicht leiden; ich ſoll ihr das Alles mit Worten bezahlen, und die habe ich nicht uͤbrig!“ Der alte Arzt nickte lachend und beeilte ſich,„ dieſen plötzlich ſo wunderbar umgeſtalteten Boden zu verlaſſen. Was ſich jetzt hier im Laufe der Zeit eptwickelte, nahm in ſeinen Erſcheinungen nicht an fabelhafter Ge⸗ ſtaltung ab, ſondern ſteigerte ſich in dem Grade, als Emmy, ſich immer mehr ihren Erinnerungen hinge⸗ vend, ſie der Gegenwart aufzunöthigen trachtete. Der alte Arzt ſchlug oft die Haͤnde zuſammen, wenn er ſah, was hier entſtand. Aber er hatte nicht die muthwillige Rohheit, das ungewoͤhnliche Treiben ſeines Nächſten darum zu verſpotten, weil es nicht ſeine eigene Weiſe war. Er fragte erſt nach, ob ihr kein wichtiger Nach⸗ theil nachzuweiſen ſei, und konnte, daruber beruhigt, mit großmuͤthiger Neugier zuſehen, wie verſchieden das Beduͤrfniß der Menſchen iſt. Mit wahrem Antheil blickte er aber auf das junge und ſchoͤne Weſen, uͤber die ſich der Strom dieſes phantaſtiſchen Treibens ſo unerwartet ergoſſen, und die in ſtiller, ſinniger Stimmung dieſen Erſcheinungen einen Inhalt abgelauſcht zu haben ſchien, der ſie zu einer neuen Richtung oder Entwicklung ihres Inneren fuhrte, der ſie ſich mit Wohlgefallen, mit Berechtigung hinzugeben ſchien. Sie bewohnte die Zimmer Fenni⸗ mor's, wie ein Geiſt, ſo leiſe und ſpurlos und doch ſo völlig darinnen zu Hauſe und zur Ruhe gekom⸗ men! Emmy lag in ihrem großen Eingangszimmer, wie der Riegel davor. Seitwärts war eine vergeſſene, verrammelte Kuͤche geoffnet, und Emmy hatte eine S erwachſene, weibliche Hilfe, die darin tauſend Dinge bereiten mußte fuͤr den Schatz, den ſie bewachte. Ihre eigene Erſcheinung hatte ſich gleichfalls verändert; ihr weißes, ſtarkes Haar ward jeden Tag von Aſta ſorg⸗ ſam gekämmt und um die hohe, gefurchte Stirn ge⸗ ſcheitelt; daruͤber wurde dann die ſaubere, vielfach be⸗ tollte, kleine weiße Haube geſetzt; ein Kleid von ge⸗ bluͤmtem Moor, nach längſt vergeſſener Mode, mit ſteifer Taille und Aermeln, mit feiner Wäſche und feinem gefalteten Halstuche, bekleidete täglich die alte, hagere Frauz und wenn ſie auch um ein halbes Jahr⸗ hundert zurucktrat, ſo entbehrte doch ihre Geſtalt und ihr ganzes Benehmen nie die Wuͤrde eines ſtarken Charakters, wodurch ſie gegen jede Lächerlichkeit ge⸗ ſchuͤtzt blieb. Sie vollfuhrte ihre gewoͤhnlichen Uſur⸗ pationen der Zeit mit ſo ſtolzem Ernſt, daß ihr un⸗ willkuͤrlich Jeder einen Grund zu dem, was ſie that, zutraute; und ſo flößte ſie immer eher Erſtaunen und Neugier ein, als daß ſie Tadel und Spottſucht er⸗ regt hätte.„ Wenn Elmerice von dieſer Gewalt mit fortge⸗ riſſen ward, war dies doch keine Nachgiebigkeit. Es war Trieb, Sehnſucht, mit Emmy in die Vergangen⸗ heit einzudringen; ſie wollte in ihr den Boden ihrer Heimat ergruͤnden; ſie wuͤnſchte ihre Berechtigung zu 249 der Stelle, die ihr Emmy anwies, aufzufinden, und bald ſchien ihr, mit der jugendlichen Ueberſpannung, die wir ihr zugeſtehen muͤſſen, die ſonderbare Herbeifuͤh⸗ rung ihrer Lage der Wille des Himmels zu ſein, der an ihr die Unbill gut machen wollte, die ihre theure Vor⸗ fahrin erlitten. Noch war es jedoch nicht zu den Mit⸗ theilungen gekommen, die Emmy ihr verſprochen, und die ſie daruber haͤtten aufklaͤren koͤnnenz denn trotz dem, daß dieſe ihre Krankheit wie eine laͤſtige Huͤlle abgewor⸗ fen hatte, war ihr eine Abſpannung wohl anzumerken, die, nach der ihr neu gewordenen Lebensweiſe, gerade in den Stunden eintrat, die zu dieſen Mittheilungen ge⸗ eignet waren; und dann ward ſie von Elmerice ſo ſorg⸗ faͤltig geſchont, daß ſie an Emmy ſelbſt faſt unbemerkt voruͤberging. Außerdem eilte Elmerice, ihrem Verhaͤltniſſe nach Außen Guͤltigkeit zu verſchaffen; denn jedenfalls wuͤnſchte ſie vorerſt die arme Alte nicht zu verlaſſen, und mit die⸗ ſem Wunſche war eine geheime Hoffnung verknüpft, daß ſich aus den Andeutungen, die ſie gehoͤrt, eine neue Beſtimmung fur ihr Leben entwickeln werde. Sie konnte der Grafin d'Aubaine ihre Anweſen⸗ heit in Ste. Roche nicht laͤnger vorenthalten; ſie ſagte ihr, daß ſie Madame St. Albans aus den uns bekann⸗ ten Gruͤnden hierher begleitet habe und bei ihrem „ ernſtlicheren Erkranken, in die Stelle der Pflegerin bei deren Mutter uͤbergegangen ſei.„Dies Verhaltniß,“ ſchrieb ſie weiter—„iſt jedoch weit entfernt, fuͤr mich „eine Belaͤſtigung zu ſein; ja, ich bin kaum noch eine „Pflegerin zu nennen, da mich Miſtreß Gray mit einer „geheimnißvollen Liebe uͤberſchuͤttet, deren Grund in „ihrem fruͤheren Leben zu ſuchen iſt; mir aber bis jetzt „noch unbekannt blieb, da es mit erſchuͤtternden Bege⸗ „benheiten zuſammenhaͤngen ſoll. Ihre Liebe raumt „mir große Vorzuͤge ein; ich bewohne ſchoͤne Räume, „und ſie noͤthigt mir Beduͤrfniſſe auf, und hegt und „pflegt mich, wie in fruͤheren Tagen einen Liebling „ihres Herzens, mit dem ſie mich in Zuſammenhang „haͤlt. Ich fuͤhle mich ſelbſt zu dem wunderbaren, hoch⸗ „betagten Weſen hingezogen, als gehoͤre ſie auf irgend „eine Art zu mir; und die Ueberzeugung, ihr mit mei⸗ „ner augenblicklichen Entfernung einen vielleicht todtli⸗ „chen Kummer einzufloßen, läßt mich bitten, daß meine „theure Beſchutzerin mir ihre Einwilligung zu dieſem „verlaͤngerten Aufenthalte giebt, und zugleich die Er⸗ „laubniß, ihr von dem Verlaufe der hieſigen Verhält⸗ „niſſe Nachricht geben zu duͤrfen. Ich halte dieſelben „bis jetzt fur vollkommen anſtaͤndig, da ſie mich in ein „ſtrenges Geheimniß gehuͤllt und mir die größte „Einſamkeit ſichern.“ — Dagegen enthielt ihr an Lady Marie Duncan abgeſendetes Tagebuch die vollſtändigſte Darlegung des Erlebten; und nun ſtand ihr nur noch der Abſchied von Madame St. Albans bevor, die, jetzt hergeſtellt, mit Ungeſtuͤm ihre Abreiſe verlangte. Der alte Arzt hielt ihre vollige Geneſung auch nur in ihrem eigenen Hauſe, unterſtutzt von ihren alten Gewohnheiten, fur moͤglich; und ſo kuͤndigte er Elmerice ihren Beſuch an, da Miſtreß Gray kalt in dieſen Abſchied einge⸗ willigt hatte. Madame St. Albans kam ſehr uͤbler Laune an dem bezeichneten Tage nach dem Schloſſe; denn ſie hatte mit dem neuen Prior des Kloſters Tabor um die Pachtung unterhandelt, welche ſie dem Kloſter ab⸗ zukaufen wuͤnſchte. Nachdem ſie mit dem verſtorbenen Prior einig geweſen war, die Kaufſumme in jaͤhrlichen Abzahlungen entrichten zu koͤnnen, ward ſie jetzt von ſeinem Nachfolger mit dieſer Einrichtung abgewieſen, welcher die Kaufſumme auf ein Mal bezahlt verlangte, wodurch ſich die Unterhandlung, an die Madame St. Albans ſo viele Hoffnungen geknuͤpft, mit einem Male ganz zerſchlug. Ihre ſchnell umherrollenden Augen faßten bald den veraͤnderten Zuſtand in dieſen einſt ſo duͤſteren Ge⸗ * maͤchern auf; und vor Allem uͤberraſchte ſie die Um 252 wandlung ihrer Mutter, welche, kalt und ſteif in ihtem Eintrittszimmer ſitzend, die Tochter empfing, ſehr miß⸗ billigend auf Elmerice blickend, die mit ihrer gewöhn⸗ lichen Freundlichkeit Madame St. Albans entgegen gegangen war und ſie neben ſich auf dem Ruhebette, einſt Aſta's Schlafſtelle, niederſetzen ließ. „Bitte, bitte, bemuͤhen Sie ſich nicht,“ ſagte ſie zu Elmerice;—„ich glaube, es iſt Ihnen hier nicht mehr erlaubt, ſich um Andere zu bemuͤhen! Wie ich hoͤre, werden Sie hier bedient— und wie mir ſcheint, wie eine Gräfin oder Fuͤrſtin!“— „Sie wiſſen bereits, liebe Madame St. Albans, daß Ihre Frau Mutter ſehr guͤtig gegen mich iſt!“— „Ja, ſehr guͤtig, ſo ſcheint mir ſelbſt!“ ent⸗ gegnete die ſich erzuͤrnende Frau.„Man ſollte, wenn man das, was man von dem Aufwande, der hier getrieben wird, hoͤrt, und es mit dem zuſam⸗ menhält, was man ſieht, nicht glauben, daß man zu der Mutter einer ſo armen Frau köͤmmt, der man es wegen Mangel einer kleinen Summe Geldes ab⸗ ſchlägt, einen kleinen Läͤndererwerb zu machen!“ Nach dieſen Worten hatte ſie ſich hinreichend er⸗ weicht, um mit geroͤtheten Augen ein baldiges Schluch⸗ zen anheben zu können.. „Ellen,“ rief Emmy jetzt rauh—„ betrage Dich ———— ——— vernuͤnftig und halte vor Allem Deine Thränen an! Iſt Dir Deine Mutter bereits zu gluͤcklich, daß Du ſie oder den Gegenſtand ihres Gluͤckes mit Neid be⸗ trachteſt? Du biſt eine kleine Seele— und ich wußte immer, was ich von Deinem guten Herzen und Dei⸗ ner Weichmuͤthigkeit denken ſollte; die haͤlt mit Heulen und Weinen und laſtiger Bedienſtlichkeit ſo lange vor, wie Einer ſo elend bleibt, daß Nichts an ihm iſt;— aber wird es beſſer, und zeigen ſich einige Lebens⸗ guͤter, ſo moͤchten Deine neidiſchen Augen gleich Alles verſchlingen.— Nun laß' das! Ich werde Dich nicht mehr aͤndern;— ſo leb' denn wohl.— Gott weiß, wie es Dein rechtſchaffener Mann mit Dir aus⸗ haͤlt— ich beneide ihn nicht;— leb' wohl, Ellen— reiſe gluͤcklich! Ich glaube, Du haſt eine gute Eigen⸗ ſchaft von mir— Du biſt verſchwiegen! Denk' daran, daß ich darauf rechne.“ Wie hoch auch die ungeſtuͤmen Gemuͤthswellen in Madame St. Albans Charakter gehen mochten, ihre Mutter fuhr mit einigen Worten nie umſonſt daruͤber hin— ſogleich legten ſie ſich. „Nun— nun ſeht nur, wie Ihr wieder boſe ſeid!“ ſagte ſie, mit dem Verſuche freundlich zu ſein;— „denkt doch, daß es ein Abſchied heute ſein ſol! Da muͤßt Ihr mich doch gut entlaſſen.“ „Schon gut! ſchon gut! Ich habe Nichts dagegen,“ ſagte Emmy kalt;—„ich habe ſtets gute Wuͤnſche fuͤr Dich, aber laſſe mich aus dem Spiele.“„ Madame St. Albans zuckte die Achſeln und be⸗ endigte dieſes kurze Wiederſehen, ſo ſchnell ſie konnte; da ſie die leicht wachſende Ungeduld ihrer Mutter zu fuͤrchten hatte, welche ſie ruhig Stirn und Hand kuͤſſen ließ und ſie dann, von Elmerice begleitet, laut ſchluch⸗ zend davon gehen ſah. „Es muß wohl wehe thun,“ ſagte ſie, ſogleich ihre Thraͤnen von ihrem Unwillen beſiegen laſſend— „wenn man ſich von einer Fremden bei der leiblichen Mutter verdraͤngt ſieht! Ja, ja, mein Schatz, Sie haben ſo einſchmeichelnde Manieren und koͤnnen ſo huͤbſch um den Berg herum gehen; da kann unſer eins nicht mit, der immer gewohnt iſt, offen und gerade aus zu gehen.“ „O,“ ſagte Elmerice—„verſuͤndigen Sie ſich doch nicht auf's neue durch ſo arges Mißtrauen gegen mich! Sie wiſſen ja durch den alten Arzt, fuͤr wen mich Ihre arme, alte Mutter hält, und daß ich ihren Wuͤnſchen nachgebe, um ſie nicht zu kraͤnken.“ b „Nun, mein Schatz, ich muß Ihnen ſagen, daß ich das Alles ſehr thoͤricht und unuͤberlegt von der alten Frau finde. Sie werden ſich da hochmuͤthige Gedan⸗ ken von Gräfinnen und großen Guͤtern in den Kopf ſetzen; und wie ihr vornehmer Umgang Sie ſchon ein Bischen oben hinaus macht, ſo wird das noch zu⸗ nehmen mit ſolchen Einbildungen. Ich rathe Ihnen Kind, ſchlagen Sie ſich das aus dem Kopfe und ſuchen Sie bei Zeiten Ihr uͤberſpanntes Weſen los zu wer⸗ den; da werden Sie geſund bleiben und einmal einen rechtſchaffenen Mann ſo gluͤcklich machen, wie ich Herrn St. Albans, der auch nicht die uͤberſpannten Frauen⸗ zimmer liebt, wenn ſolche auch am Erſten thun, als koͤnnten ſie Buͤcher leſen und haushalten in einem Athem.“ Elmerice ſchwieg. Sie blickte mitleidig auf ein Verfahren, dem ſie Nichts entgegen zu ſetzen wußte. Da die gehoffte Entgegnung ausblieb, ſah Ma⸗ dame St. Albans kopfnickend zu ihr auf und ſetzte noch hinzu:„Und dann ſich bei einer Mutter verdraͤngt ſehen zu muͤſſen!“ Elmerice erroͤthete jetzt vor Unwillen.„Ich dächte Madame St. Albans,“ ſagte ſie—„in dem Ver⸗ haͤltniſſe zu Ihrer Mutter hatte ſich unmoͤglich etwas aͤndern koͤnnen; da es niemals beſſer war, als es jetzt iſt.“ „Wirklich? Wirklich?“ ſagte ſie uberraſcht und verlegen;—„ich daͤchte doch! Indeſſen, wir wollen 256 uns trennen, meine ſchoͤne junge Dame, und ich will denn von Herzen wuͤnſchen, daß Sie die große Herr⸗ ſchaft wirklich werden, von der Sie traͤumen. Doch denken Sie an mich;— es haͤngt ſtarker Makel an dem vornehmen Namen!“ So ward auch der Abſchied der beiden ungleichen Frauen ſehr ſteif und kalt, und Elmerice athmete auf, als ſie den Bann aufgehoben fuͤhlte, den dieſe Frau ſtets uͤber ſie verhaͤngte. Dagegen hatte die erfahrene Aufregung in Emmy Gray die Kraft geweckt, ihre ſchwere, inhaltreiche Er⸗ zählung zu beginnen. Nur von der kurzen Sommer⸗ nacht unterbrochen, fuͤhrte ſie mit großer Energie und mit Lebendigkeit des Geiſtes ihre Erzaͤhlung bis zu ihrem Ende fort, und legte damit in die junge Bruſt ihrer Zuhoͤrerin einen Schatz von Lebensanſichten und Erfahrungen, die, nur auf traurige Thatſachen geſtuͤtzt, uns in dieſem zarten Alter den Werth des Daſeins zu rauben ſcheinen. Elmerice hatte Muͤhe, ſich aus ihrer ſchmerzlichen Aufregung herauszureißen. Ach, wie war mit dem geſunkenen Wunſche, dieſe mit Verbrechen bezeichneten Anſpruͤche geltend zu machen, auch der Muth, ihren Beſitz zu erlangen, verſchwunden, wenn ihr auch eine ahnende Stimme ſagte, ihr Vater ſei dieſer edle und verfolgte Juͤngling Reginald. Zugleich fühlte ſie eine tiefe kindliche Scheu, nach ſeinem Tode, vielleicht gegen ſeinen Wunſch, in dieſe verhaͤngnißvollen Ge⸗ heimniſſe ſeiner Jugend eingedrungen zu ſein; und ſie geſtand Emmy auch dieſe angeregten Empfindungen und das innige Verlangen, ſo traurige, verfolgte und mit Verbrechen bedeckte Anſpruͤche nicht aus ihrem Dunkel hervorzuziehen, da ſie nicht zweifeln duͤrfe, ihr Vater wuͤrde dies gemißbilligt haben; es wuͤrde ihn beleidigen, ſeine Tochter Rechten nachjagen zu ſehen, von denen er verwieſen ward. Emmy hoͤrte ihr ſtill und ſinnend zu. Sie uͤber⸗ legte in ihrem Geiſte, ob Fennimor, die in Blick und Ton zu ihr redete, auch ſo gedacht haben wuͤrde; und 3 als Fennimor's andächtiges Pflichtgefuͤhl gegen ihren Vater vor ihr auftauchte, ſeufzte ſie und ſchwieg, und ein breiter Schatten von Schwermuth deckte ihr er⸗ regtes Antlitz. Da erfaßte Elmerice den Augenblick, der armen, auf's neue gekränkten Freundin Fennimor's ihre eigene Geſchichte mitzutheilen; und von dem tiefen und ver⸗ ſtehenden Gefuͤhle der Alten hingeriſſen, von der wun⸗ derbaren Situation, die ſie faſt der Welt entruͤckt zu haben ſchien, ſicher gemacht, ward ihre Hingebung bei dieſer Mittheilung vollſtändiger, als ſie es fuͤr moͤglich Ste Roche in 17 258 gehalten. Wir koͤnnen uns dies jugendliche, von Weis⸗ heit und Liebe geſchutzte Leben aus den Mittheilungen an die Grafin d'Aubaine hinreichend vergegenwärtigen und finden uns erſt als Zuhoͤrer ein, wo die Erzählung Gegenſtände beruͤhrt, denen die S d'Aubaine nicht nachzufragen wagte. „Nur ich, Emmy,“ ſagte Elmerice, ihre Erzählung fortſetzend—„nur ich habe das ruhige, ungekränkte Leben, das dieſer herrliche Vater fuͤhrte, einmal durch meine Schuld unterbrochen; und doch war ich ahnungs⸗ los, daß ich ihn kränken wuͤrde, und vielleicht jetzt erſt begreife ich die ungewoͤhnliche Strenge, mit der er mir entgegentrat. Denn, wenn Reginald mein Vater war, wie viel Grund hatte er dann, jede Ver⸗ bindung mit einer ſtolzen franzoͤſiſchen Familie zu haſſen und von mir abzuhalten!— Auf dem Schloſſe Leith⸗ morin“— fuhr ſie mit bewegter Stimme fort— „beſtändig von Gäſten des In⸗ und Auslandes belebt, befand ſich einige Monate lang ein junger franzöſiſcher Edelmann, der erſt nur dem Lord Duncan, mit dem ſeine Familie befreundet war, einen Beſuch machen wollte; ſpäter— glaube ich— ward ich Veranlaſſung, daß ſeine Abreiſe ſich verzögerte. Meine jungen Freunde, die Kinder des Lord Duncan, ſahen mich wie eine Schweſter an; ich gehoͤrte zu ihren Beſchaftigungen, — — wie zu ihren Vergnuͤgungen, wir theilten Alles; und ich ſah daher den jungen Mann täglich.“ „Emmy, ich kann mir nicht zuͤrnen, daß ich ſeine Vorzuͤge anerkannte! Er beſaß ſo viel ausge⸗ zeichnete Tugenden, er wußte ſo Viel, er war ſo kind⸗ lich und gut, ſo heiter— ſo heiter, Emmy— bis er von Lord Duncan die gaͤnzliche Abweiſung meines Vaters erfuhr. Ich weiß nicht, aber ich glaube faſt, ſein tadelloſes Weſen— und daß Lord Duncan ihn wie einen Sohn liebte, hatten mich glauben laſſen, die Bewerbung des jungen Mannes werde von mei⸗ nem Vater guͤnſtig aufgenommen werden. Wir waren ſicher geworden in dieſer Hoffnung— und auch ich, Emmy, war damals glücklicher, als jemals ſpaͤter! Dieſer Erklärung aber folgte eine ſchwere, leidenvolle Zeit. Mein Vater war in einem Grade davon er⸗ ſchuttert, daß er mehrere Tage das Zimmer nicht ver⸗ ließ, und meine Mutter Tag und Nacht an ſeiner Seite wachte. Später bekam Lord Duncan Zutritt. Ach, Emmy, mich wollte er erſt gar nicht ſehen! Aber der Gedanke ſeines Zornes hatte ſo auf mich gewirkt, daß meine arme Mutter meiner Verzweiflung nicht mehr Einhalt thun konnte; und als ſie meinen Zu⸗ ſtand dem Vater enthuͤllte, ließ er mich augenblicklich zu ſich rufen.“ —— „Nie werde ich dieſe Unterredung vergeſſen! Als er mich ſo verändert, ſo aufgelsſt in Schmerz, ſo troſtlos bei dem Gedanken ſah, ihn gekränkt zu haben, dachte er zuerſt nur daran, mir Muth einzuſprechen, mich ſeiner Liebe zu verſichern, mich— und ſelbſt den Juͤngling, der um mich warb, ſchuldlos an dem Schmerze zu erklaͤren, den er empfand. Dann, als ich in ſeiner Liebe wieder auflebte und zur Beſinnung kam, machte er mich mit den Hinderniſſen bekannt, die unvermeidlich zwiſchen uns ſtänden. Emmy, es wa⸗ ren Gruͤnde, die denſelben Boden hatten, wie das EFlend, das Du in Deiner Erzählung vor mir aus⸗ gebreitet haſt! Er ſchilderte mir die Vorurtheile der Staͤnde, wie ich ſie bis dahin nicht geahnet, und weckte meinen Stolz und mein Ehrgefuͤhl, indem er mir die nie endende Geringſchätzung vorhielt, die ich in einer ſolchen Familie und in ihrem ganzen Geſellſchaftskreiſe wuͤrde erleiden muͤſſen, weil mich Alle durch meine geringere Geburt fuͤr unberechtigt halten wuͤrden, zu hnen zu gehoͤren; und wie das entwuͤrdigteſte Mitglied ſener Kreiſe, das wir als ausgeſtoßen anſaͤhen und mit unſerer Verachtung bezeichneten, dennoch von Allen geduldeter ſein und ihnen berechtigter erſcheinen wuͤrde, als meine Stellung, wenn ich ſie auch durch jeden ſußeren und inneren Vorzug rechtfertigte.“ „Er ſagte mir, daß mich mein Gatte nicht da⸗ gegen zu ſchuͤtzen vermöchte; daß die mitleidigen Dul⸗ dungs-Beweiſe in ſo ſchicklichen Grenzen gehalten ſein wuͤrden, daß mir das Herz daran erſtarren, mein Gatte in ohnmaͤchtigem Zorne daruͤber vergehen koͤnne, ohne daß ihm aus den leiſen Beleidigungen das Recht er⸗ wachſen werde, Genugthuung zu fordern. Er war uberzeugt, daß keine Liebe, auf dieſe Bedingungen hin, in den hoͤheren Staͤnden dauern werde, da er von der Macht des ſchlechten Beiſpiels eine ſehr traurige Vor⸗ ſtellung hatte. Lord Duncan hoͤrte das Ende dieſes Geſpräches und verſuchte, meinem Vater mildere An⸗ ſichten einzufloͤßen. Es gelang ihm nicht! Duncan, Duncan,“ rief er—„von Dir dieſe Worte! Von Dir, der Du mein ganzes Schickſal kennſt— der Du weißt, daß ich Wahrheit ſage— Du redeſt einem Juͤnglinge aus dieſer Familie das Wort, die ich faſt angelobt habe zu verachten!“ „Sie werden Deine Elmerice mit Freude unter ſich aufnehmen,“ rief der gute Lord,„wenn Du nur auch etwas nachgebender ſein wollteſt!“ „Ach,“ rief mein Vater—„und nie ſah ich ihn heftiger— ihnen gilt Nichts hoͤher, als ihre Geburts⸗ rechte; ſie haben kein wahres, inneres, ſittliches Be⸗ durfniß! So lange die Sittenloſigkeit noch von einem leidlichen Deckmantel uſurpirter, geſellſchaftlicher Hal⸗ tung und Vorzuge überkleidet iſt, bleibt ihnen das ehr⸗ loſeſte Individuum, trotz dem, daß ſie von ſeinem Ge⸗ halte unterrichtet ſind, eine eben ſo hoflich gehandhabte Figur, als die Tugend ſelbſt es fordern koͤnnte. Der Schein iſt's, was ſie wollen, worauf ſie halten; er bildet den Korporationsgeiſt, der ſie durch einander ſich ſchuͤtzen läßt und ſie namentlich gegen das Richtſchwert des Urtheils verbindet, das ſich aus jenen geringeren Ständen erheben koͤnnte und ihr falſches, leeres Trei⸗ ben mit dem rechten Namen nennen!“ „O Emmy,“ rief Elmerice—„dieſe Worte ſind, wie dieſe ganze Unterredung, in mich eingegraben; denn ſie entſchieden das Schickfal meines ganzen Lebens! Ich gelobte eine feierliche Verzichtleiſtung und trennte mich in Gegenwart des Lord Duncan von dem Manne, der mich liebte, und den ich gelobte, als einen Fremden anzuſehen!“— Wenn Emmy achtzehn Jahr gezählt hätte, waͤre ihr Antheil, ihr Mitgefuhl nicht inniger zu denken geweſen; ſie blickte ſo bang, ſo liebevoll bang in die bewegten Zuge der Erzählerin, daß dieſe ſich ihr laut ſchluchzend in die Arme warf und Alles, was ſie er⸗ litten und ſo tief in ſich verſchloſſen, auszuweinen wagte . „O, mein armes, armes Kind!“ ſeufzte Emmy; —„und doch glaube mir, Dein Vater war ein weiſer Mann— und ich zweifle nicht, es war mein Regi⸗ nald— der Sohn meiner Fennimor;— er hat Dich vor einem gleichen Elende bewahrt, wie meine Fen⸗ nimor traf. O,“ ſagte ſie mit einem ruͤhrenden Aus⸗ drucke von Liebe—„konnte ich Dich doch troſten! Wollte Gott, Du wäreſt nicht mehr ungluͤcklich, weil dies Elend von Dir abgewendet iſt! Richte Dich auf — faſſe Muth— und ſage mir, wie das Buch meiner Fennimor, das ich vollſtaͤndig wiedererkenne, Dir von Deinem Vater gegeben ward; ob er Dir Nichts ſagte, was noch näher ſeinen Zuſammenhang damit be⸗ zeichnete?“— „Er gab es mir an dem Tage, wo ich von einem katholiſchen Geiſtlichen in den Schooß der Kirche aufgenommen ward. Er ſagte mir, es ſei ihm das heilige Vermaͤchtniß ſeiner geliebten Mutter, die er nicht gekannt habe; er bat mich, den Inhalt zur Richt⸗ ſchnur meines Lebens zu machen, wie er daraus Troſt und Belehrung geſchoͤpft habe zu allen Zeiten. Dann zeigte er mit dem Finger hieher und ſagte mit großer Bewegung: dies iſt der Name Deiner unglucklichen Großmutter!“— „O,“ rief Emmy hier—„was zweifeln wir noch? Du biſt ſicher und gewiß die Tochter meines Reginald, und Eton war der Name, den er annahm! Wenn nun Margarith Leſter, die Freundin von Ellen, Deine Mutter war, ſo wird es gewiß, daß er zu dem Bruder ſeiner Mutter, zu Herrn Leſter floh, als ihn dies treuloſe Land verbannte, und nach einigen Jahren, als er die juͤngſte Tochter ſeines Oheims geheirathet hatte, ſich nach Schottland zu Lord Duncan begab, der ſeit langer Zeit die innigſte Freundſchaft fuͤr ihn zeigte.“ Wir werden die Ueberzeugung beider Frauen, die an dem Schluſſe dieſes Geſpräches ſich in ihnen be⸗ feſtigte, nicht tadeln koͤnnen, da ſich die Wahrſchein⸗ lichkeit dafuͤr bei dem Austauſch ihrer Berichte ſo be⸗ deutend vermehrt hatte. Mit einem ſtolzen Triumph ſah Emmy nun auf Elmerice, die ſie träumte, in ihre Rechte eingeſetzt zu haben, mit Verachtung der ganzen uͤbrigen Welt. Wie ſie dabei das Beduͤrfniß ihres jugendlichen, dem Leben noch gehoͤrenden Lieblings ver⸗ kannte, muͤſſen wir ihr billig nachſehen, wenn wir denken, daß ſie kaum je ein anderes Leben, als das der tiefſten Einſamkeit, gekannt hatte; und was ſie Leben nannte, ſich ihr nur als eine Pflanzſchule der Ver⸗ brechen zeigte, aus der Elmerice errettet zu haben, ihr ein dankenswerthes Verdienſt um ſie ſchien. Auch er⸗ — fuhr ſie bei ihrer ausſchließenden Beſitznahme durch Elmerice keinen Widerſpruch.— Wenn unſer Herz den eben bezeichneten Kummer erleidet, ſcheint es uns nicht ſchwer, von dem uͤbrigen Leben Abſchied zu neh⸗ men, mit deſſen, uns als werthvoll aufgenoͤthigten, Gutern wir in einen traurigen Widerſpruch gerathen, den die Einſamkeit uns dagegen ſchonend verhuͤllt. War doch die von ihren Eltern ihr angewieſene Hei⸗ math ſelbſt kein beruhigender Aufenthalt mehr, und dagegen dieſer jetzt aufgefundene, wunderbare Ruhepunkt wie geſchaffen, ſie und ihren Kummer auf immer der Welt zu entziehen. Dies ſchrieb ſie auch ihrer gelieb⸗ ten Marie Duncan und forderte ſie auf, ihren Vater zu ſeiner Einwilligung in dieſen Lebensplan zu be⸗ wegen. Von da an faßte ſie ihre ganze Lage mit der Liebe gegen einen dauernden Beſitz auf, und theilte bald die ruͤhrende Schwärmerei Emmy's, die die ganze Vergangenheit zuruͤckzurufen trachtete, und in krank⸗ hafter Aufregung ſich uͤber Gegenwart und Zukunft immer mehr verwirrte. Elmerice hatte ihren Bitten nachgegeben und, uneingedenk des Modewechſels, ihre eignen Kleider mit den Prachtkleidern vertauſcht, welche aus Fennimor's Garderobe, von Emmy gehegt und gepflegt, als ihr 266 rechtmäßiges Erbtheil ihr von derſelben uͤbergeben wa⸗ ren. Als ſie zuerſt in einem ſchweren Seidenſtoffe von gewäſſertem Moor, mit Spangen von reichen Steinen auf Schultern und Bruſt befeſtigt, vor Emmy da⸗ ſtand, ſank dieſe vor ihr, wie vor einer himmliſchen Erſcheinung, nieder und dankte Gott in einem lauten, feurigen Gebete fuͤr die Gnade, ihr goͤttliches Kind, ihre Fennimor noch einmal vor Augen zu ſehen. „Ach,“ ſagte Elmerice—„iſt es denn wirklich wahr, daß ich dieſer ſchoͤnen Fennimor ſo aͤhnlich ſehe? Wuͤßteſt Du, wie ich meine ganze Liebe zu Dir auf⸗ rufen mußte, um die Kleider anzulegen, die von dem herrlichſten Weſen der Erde in der kurzen Zeit ihres Gluͤckes getragen wurden, Du wuͤrdeſt meine Beſchaͤ⸗ mung begreifen, die mich furchten läßt, ihren heiligen Schatten damit beleidigt zu haben.“ „Fuͤrchte das nicht, mein Engel,“ ſagte Emmy —„ſie wurde Dich ſelbſt damit ſchmuͤcken— ſie wurde Dich mit Ueberzeugung fuͤr ihre geliebte Nachkommin erklärt haben! Aber auch Du ſollſt nicht laͤnger in Zweifel bleiben, daß ſie Dein Ebenbild iſt;— und da Du zufällig einen Anzug gewählt haſt, in dem Leſuͤeur ſie gemalt hat, ſo ſollſt Du mein heiligſtes Heiligthum, den Eudoxien⸗Thurm ſehen, worin ich ihr Bild auf⸗ geſtellt habe, an dem Platze, wo ſie ſtets mit ihrem * — Harfion ſaß.— Dann wirſt Du ſehen, daß Du ſelbſt aus dem Bilde hervortrittſt— dann wirſt Du mir, „ ohne Dir Vorwuͤrfe zu machen, das Gluͤck goͤnnen, Dich ganz ſo zu ſehen, wie ſie ehemals vor mir ſtand.“ „O,“ rief Elmerice—„vergieb mir meine Zag⸗ haftigkeit und denke von meiner Liebe zu Dir nicht geringer; ich will Dir glauben und von jetzt an Dir folgen.“ „Vielleicht nur noch kurze Zeit,“ ſagte Emmy ernſt,—„und Fennimor goͤnnt mir dies Gluͤck— und ſegnet Dich dafuͤr!“ Wir verlaſſen hier auf einige Zeit dieſen Schau⸗ platz des wunderbarſten Phantaſielebens und kehren in den gegenuͤberliegenden Theil des Schloſſes ein, das heitere Treiben der jungen Perſonen verfolgend, die hier dem Leben, ſo Viel an ihnen lag, allen Reis abzufordern trachteten. Indem wir uns jedoch die Eigenthuͤmlichkeit der Hauptperſonen zuruͤckrufen, werden wir eingeſtehen muͤſ⸗ ſen, daß der frohe, heitere Lebensſinn des Marquis d'Anville und ſeiner jungen Gemahlin doch gerade deshalb ſo überſtrömend hervortrat, weil in ihnen ein ſicherer Grund von ernſtem Gefuͤhle lag, und eine durch Grundſätze befeſtigte Charakterbildung. Wir duͤrfen daher erwarten, daß die Geſchichte des Grafen Leonin, mit der wir uns beſchäftigt haben, und die der junge Marquis ſo vorzutragen wußte, daß ihr Hauptinhalt durch die leichtere Form der Erzählung nicht geſchwaͤcht ward, einen ernſten Hintergrund in den Herzen ſeiner Zuhörer zuruͤckließ, und das überſprudelnde Leben jugendlicher Heiterkeit dadurch leiſe eingedämmt er⸗ —— — 269 ſchien. Leonce hatte nicht noͤthig, an ſein Syſtem des Maaßes zu erinnern; vielleicht war aber das Maaß der Liebenswuͤrdigkeit gerade dadurch in beiden Frauen erfullt. An dem letzten Abende, als der Marquis ſeine Erzaͤhlung mit dem ſpurloſen Verſchwinden Reginald's ſchloß, und die Geſellſchaft nach einigen Worten, die ihre Erſchuͤtterung ausdruckten, ſich fruͤher, als ge⸗ woͤhnlich, getrennt hatte, öffnete ſich einige Zeit ſpä⸗ ter die Thuͤr zu dem Zimmer des Marquis d'Anville, und ſeine junge Gemahlin trat mit der ihr ſtets blei⸗ benden, anmuthigen Schuͤchternheit einer Jungfrau ein. Aber ihr liebliches Angeſicht war ſo bleich, wie ihr weißes Nachtkleid; und als ihr der Marquis liebevoll entgegeneilte, fiel ſie ihm in die Arme und weinte die ganze erfahrene Gemuͤthsbewegung, wie ein Kind an dem Buſen der Mutter, in den Armen ihres Ge⸗ mahls aus. „Armand,“ ſagte ſie, nachdem ſie den ruͤhrenden Ausdruck ihrer Gefuͤhle in etwas beherrſcht hatte— „verſprich mir, daß wir nicht Beſitzer werden wollen von dieſer traurigen Erbſchaft; daß wir alle unſere“ Kräfte, alle unſere Verbindungen, alle unſere Mittel noch ein Mal in Bewegung ſetzen wollen, jenen armen, gekrankten Reginald oder ſeine Erben zu entdecken!“ „Du ſprichſt aus meiner Seele!“ rief der Mar⸗ quis, ſie an ſeine Bruſt druͤckend—„die Zeit hatte den Eindruck in mir gemäßiget; die Fruchtloſigkeit mei⸗ ner Nachforſchungen hatte mich endlich damit abſchlie⸗ ßen laſſen; faſt hätte ich jetzt das Proviſorium uͤber dieſe Guter aufgehoben und mich zum Erben erklaͤrt; aber indem ich Euch jetzt Alles erzählte, ſtieg, auf's neue belebt, die ganze Gewalt dieſer großen Verſchul⸗ dung in mir auf, und unmöglich ſchien es mir ſeit den letzten Tagen, hier wirklich als rechtmaͤßiger Be⸗ ſitzer aufzutreten und damit faſt in die verwerfliche Bahn einzulenken, die unſer armer Oheim verfuͤhrt ward, zu betreten.“ „Das ſtand auf Deiner Stirn, Armand,“ ſagte Lucile, ihre Thraͤnen völlig trocknend.„Auch kam ich nicht in der Meinung, ich könne Dir das Rechte erſt durch meine Bitten entdecken helfen. Ich wollte— ich hatte den Austauſch unſerer Gedanken ſo noͤthig; mein Herz will mir zerſpringen, wenn ich an das Schickſal dieſer Fennimor denke— dieſes ungluͤckli⸗ chen Reginald.— Ich habe ein Gefuͤhl, als könne dieſe wunde Stelle in unſerer Bruſt— dieſer Flecken auf unſerem Wappenſchilde nicht eher verſchwinden, als bis wir dies Erbe den rechtmäͤßigen Beſitzern uͤberge⸗ ben haben.“ Seeiihe „Gieh' hier, Lucile!“ rief der Marquis jetzt, und zog ſie gegen den Schreibtiſch;—„und moͤge dieſer Brief, den ich noch heute Abend zu beſchließen denke, Dir eine ruhigere Nacht bereiten und Deine Traͤume mit der großmüthigen Hoffnung fuͤllen, daß Du Re⸗ ginald wieder findeſt und ihm die reichſte Erbſchaft des Landes ausliefern kannſt.“ Lucile horte in freudiger Bewegung, als Armand ſie in einen Lehnſtuhl geſetzt hatte, was er ſeit ihrer Trennung geſchrieben: „An Lord Duncan-Leithmorin.“ „Euer Herrlichkeit haben wiederholte und drin⸗ „gende Aufforderungen zur Mitwirkung meiner jahre⸗ „langen Bemuͤhungen, um die Auffindung Ihres Freun⸗ „des Reginald de Ste. Roche, ſtets unbeantwortet ge⸗ „laſſen; und ich habe lange geglaubt, daß meine Briefe „an Euer Gnaden verloren gingen, oder Ihre mog⸗ „lichen, längeren Abweſenheiten von Leithmorin ſie „nicht in Ihre Haͤnde lieferten. Obwohl meine Nach⸗ „forſchungen dadurch nicht gänzlich gehemmt wurden, „und ich ſie in allen Richtungen fortſetzen ließ, knupfte „ich doch immer im Geheimen meine größte Hoffnung „an Sie, als deſſen Freund;— und— erlauben Sie „mir, es hinzuzuſetzen— ich verdiente von Euer Herr⸗ „lichkeit eine weniger mißtrauiſche Aufnahme!“ „Sollten meine Hoffnungen, daß dieſer, mein ungluͤcklicher Verwandter ſich nach England fluͤchtete „und in Ihrer Naͤhe lebt, oder Sie Kenntniß ſeines „Aufenthaltes haben, ſich erfullen, ſo fordere ich Sie „im Namen der Menſchheit auf, Ihr ungerechtes Miß⸗ „trauen gegen mich aufzugeben und mir beizuſtehen, um eine ſpäte, aber immer gleich heilige Gerechtigkeit „gegen meinen unglucklichen, verfolgten Verwandten ausüben zu können. Ich bin in Ste. Roche und „werde hier Ihre Antwort abwarten, indem ich mich „der Couriere bediene, dieſen Brief in Ihre Haͤnde zu liefern Lucile erhob ſich mit einem unausſprechlichen Aus⸗ drucke von Stille und Verehrung in ihren Zugen. Sie beugte ſich ein wenig gegen ihren Gemahl vor— ſie öffnete die Lippen, als wollte ſie reden— dann ſchwieg ſie ſchuͤchtern, kuͤßte ſanft ſeine hohe, helle Stirn und ſagte endlich ganz leiſe:„Armand, ich liebe Dich!“ „Lucile!“ rief er entzuͤckt, als habe er es zuerſt gehoͤrt— und vielleicht hatte das erſte Mal ſein Herz nicht mit höherer, andächtigerer Wonne erfuͤllt! „Meine theure Lucile,“ rief Leonce am anderen Morgen, als man ſich in dem kleinen Burggarten, der an der anderen Seite des Schloſſes und an den jetzt bewohnten Gemaächern lag, zum Fruͤhſtucke verſammelt hatte—„ich muß um Gnade bitten; denn ich bin auf Ihre Unkoſten liebenswuͤrdig geweſen.“ „Ich glaube, das iſt am Ende eine von Ihren ſeltenen und dann ſuperfeinen Galanterien,“ rief Lu⸗ cile„In welchem Reichthume von Liebenswuͤrdig⸗ keit muͤſſen wir uns befinden, wenn Sie darauf Ge⸗ brauchsanweiſungen ſchreiben;— und nicht allein die Quantitaͤt, ſondern die Qualitaͤt muß es außerdem ſein, die ſie an Ihren eigenen Schätzen vouͤbergehen läßt. Ah, Armand, wir ſind mit Deinem Bruder zufrieden!“ „Dann gebe nur Gott, daß Sie es auch bleiben,“ lachte Leonce;—„denn Ihre Gunſt hat mich noch nie länger, als eine Sekunde vor dem Anfange unſerer di⸗ verſen Unterhandlungen begluͤckt.“— „Aber Sie, mein theurer Widerſacher, unterlie⸗ ßen auch ſtets, Ihre Unterhandlungen, wie heute, mit einer einflußreichen, kleinen Schmeichelei zu beginnen! Selten fuͤhle ich mich daher ſo ſanft, ſo hingebend, ſo geneigt, Alles allerliebſt zu finden, was Euer Lieb⸗ den in weiſer Herablaſſung geneigt ſein werden, vor⸗ zutragen.“— „Nun, mich dispenſire nur vom Zuhoͤren!“ rief Ste Roche n. 18 Margot und ſtand mit zwei luftigen Springen auf dem Rande einer alten, marmornen Treppe, die ter⸗ raſſenartig in den Wald fuͤhrte, der dem Burggarten gegenuber lag. „Nein,“ rief Leonce und ſetzte der fluͤchtigen Ge⸗ ſtalt eben ſo gewandt nach—„Sie duͤrfen nicht ent⸗ wiſchen; denn auch Sie ſind bei meiner Verhandlung mit Lucile eben ſo betheiligt, wie dieſe; ich habe auch Ihre Gnade in Anſpruch zu nehmen.“ „Gott, was iſt geſchehen?“ rief Margot, mit er⸗ heucheltem Erſchrecken;—„wie tief muß Leonce ſich verſchuldet haben, wenn er ſogar meine Gnade ge⸗ braucht! Ha, Armand, kommen Sie zu unſerm Schutze herbei;— er hat uns an Rauber verkauft— ihn ge⸗ reut eine Verſchwörung, die er angezettelt— ich furchte Alles! das Schrecklichſte, Entſetzlichſte, Abſcheu⸗ lichſte, da er meine Gnade anruft!“ „O,“ rief Leonce, mit ein wenig dreiſter Heiter⸗ keit Margot in die Augen blickend;„was gäbe ich da⸗ rum, wenn ich wüßte, ob Sie mich um das, was ich gethan, abſcheulich und entſetzlich finden werden!“ „Pier iſt immer Einer unartiger, wie der Andere!“ rief Armand, ſehr ergoͤtzt durch ſeine jungen Freunde „Wen ſoll ich hier ſchuͤtzen? Meine Ritterpflichten kommen in's Gedränge, wo die Natur ihre Rollen gewechſelt zu haben ſcheint. Die Damen ſind offen⸗ bar die Staͤrkeren, und Leonce ſieht aus, als wolle er unterliegen.“ „Ja gewiß,“ rief Lucile—„hier iſt Niemand artig, als ich allein, was Du wahrſcheinlich vorher zu bemerken vergaßeſt. Es iſt ein ſchweres Geſchaft, ſo große, ſo widerſpenſtige Kinder in Ordnung zu hal⸗ ten; aber ich muß mich daran geben, denn, kommt Margot ſo zu ihrer Mutter zuruͤck, wird die gute Graͤfin d'Aubaine glauben, ich habe meine ganze Soli⸗ dität verloren, und man wird bedenken, ob man vorſich⸗ tig genug in der Wahl meines Gatten war.“„ Armand nahm hier die leichte, weiße Hand ge⸗ fangen, die waͤhrend dieſer mit Pathos gehaltenen Rede beſchaͤftigt war, die verſchiedenen Gegenſtände des Fruhſtuͤckes, welche das reich beſetzte Tiſchchen be⸗ deckten, in Umlauf zu bringen.„Und am Ende,“ ſagte er, ſie kuͤſſend—„ſchickſt Du mich fort, da⸗ mit Deine Erziehung nicht durch ſchlechtes Beiſpiel leidet.“ „Und am Ende,“ wiederholte ſie, im Begriffe zu ſcherzen; aber gegen ihren mit Ehrfurcht geliebten Gat⸗ ten leicht in dem Tone der Neckerei aufgehalten, brach ſie plotzlich ab und rief:„ich fange mein ſtrenges Regiment mit Ihnen an, Leonce— ich erklaͤre Ihre 18* 256 Chokolade noch zu heiß, um ſie jetzt ſchon hinunter⸗ zuſtuͤrzen;— ſie wird ſich warm halten bis Sie uns endlich vertraut haben, was wir Ihnen auf's neue vergeben muͤſſen.“ „Ach,“ rief Leonce—„denken Sie weniger an mich— obwohl ich dieſes herrliche Waldhuhn gern erſt zerlegt hätte; aber goͤnnen Sie unſerer armen, klei⸗ nen Margot das ſtille Vergnuͤgen, ohne Gemuͤthsbe⸗ wegung den zarten Brei von Erdbeeren, Brod und Milch und einigen zwanzig, kleinen Zuthaten dieſer vor ihr aufgepflanzten Buͤchſen, zu verſpeiſen— dann fange ich an— ſogleich! ſogleich!“ Das goͤttliche Vorrecht der Jugend, uͤber Nichts zu lachen, ergriff Alle, bis auf die Verſpottete. Sie war mit ihrer gewöhnlichen Diät junger Maͤdchen, die vor Fleiſch und deſſen Erſcheinungen, wie vor den Gebraͤuchen wilder Volker, zuruͤckbeben und ihren klei⸗ nen, heißen Magen unter der engen Schnuͤrbruſt mit Milch, Obſt und Confituren baden, ein immerwähren⸗ der Gegenſtand fuͤr Leonce's Spoͤttereien und fuͤhrte nicht ſelten, um ihm zu trotzen, auf ihrem Teller die wunderlichſten Geſellſchaften ſich Nah⸗ rungsmittel zuſammen. Nachdem der angenehme, kleine eſtte vor⸗ uber war, erklärte Margot, dieſe neue, grauſame Spot⸗ terei habe ihr gaͤnzlich ihre ſchoͤne Morgenſpeiſe verlei⸗ det; Leonce könne daher anfangen, wenn anders ſeine wilden Gebraͤuche, die unſchuldigen Thiere des Waldes zu verſchlingen, ihm dazu Raum gäben. „Ach ja,“ rief Leonce—„es ſei ſo! Denn ehe die Beklommenheit des Herzens nicht aufgehoͤrt hat, eher wird der Segen eines guten Fruͤhſtuͤcks nicht an mir in X Erfuͤllung gehen. Ich habe einen Freund,“ rief er mit Pathos und zog einen Brief hervor.„Wie ich zu dieſem Gluͤcke kam, wird vielleicht nicht beſonders ſchmeichelhaft fuͤr meine Eitelkeit ſein. Jetzt iſt vor's Erſte unſere Verbindung die allerfeurigſte der Welt— wo ich nicht bin, iſt ihm die Erde eine erkaltete Leiche, ein ausgebrannter Krater— mein Athem belebt den ſeinigen— mein Auge iſt der Stern, der ihm die Nacht des Lebens erhellt— mein Laͤcheln iſt der Sonnenſchein, der alle Keime ſeines Weſens gruͤnend und bluͤhend hervorruft— der Ton meiner Stimme iſt die Melodie, 3 die er wiederklingen fuͤhlt durch alle Saiten ſeiner Bruſt — meine Gedanken ergaͤnzen die ſeinigen— meine Neigungen paſſen zu ſeinem Charakter— mein Herz, ſo weich, ſo kuͤhl dabei, wie Sie es alle kennen, ſtaͤrkt und erquickt das ſeinige, was leidenſchaftlich von beſon⸗ derem Feuer belebt wird— ach, ich muß inne halten! Wo gäbe es eine Sprache, um eine Leidenſchaft zu be⸗ 228 zeichnen, die nach langer, ſproͤder Duͤrre, plotzlich dem gefundenen Ideale gegenuͤber, in ihrer vollen Stäͤrke hervorbricht.“— Ein lautes Gelächter aller ſeiner Zuhoͤrer unter⸗ brach hier den muthwilligen Spotter, und nur mit Muͤhe unterdruͤckte er ſeine Neigung, darin einzu⸗ ſtimmen. „Ach,“ fuhr er fort—„findet denn Nichts hier Anklang, was, aus der Welt der Ideale hernieder ge⸗ ſtiegen, Glauben verlangt an ein höheres Beduͤrfniß? Sind dieſe Wunder der Seelenverwandtſchaft, die kei⸗ nen hoͤheren Nachweis fordern, als ihr geiſterhaf⸗ tes Erſcheinen vor uns— ſind ſie Ihnen denn alle fremd?— Lucile, gefuͤhlvolle Gattin— und Eh⸗ rendame der Koͤnigin, hat Ihr Herz nie dieſen Takt geſchlagen?— Armand, Kaͤmmerer des Reichs— Marquis aus den Zeiten Arthur's und der Tafelrunde — ging die Welt der Seligkeit, die in einem Dir ganz gehoͤrenden Freunde ſchon Homer's und Pindar's Ge⸗ ſänge verherrlichen, an Dir ungekannt voruͤber?— Und Sie, Margot— voll Jugend und Unſchuld— eine ſchoͤne Knospe, um die alle Blätter, zur Voll⸗ kommenheit entwickelt, ſich eiferſuͤchtig uͤber dem ſuͤßen Dufte gewölbt haben, der darin ſein Aroma bereitet— ahnt Ihnen nicht wenigſtens der verhängnißvolle Au⸗ — genblick, wo ſie uͤberliſtet von ihrem Vetter— oder — um in der Bilderſprache dieſer ſchoͤnen Gedanken⸗ operation fortzufahren— wo— ſage ich alſo— ein Sonnenſtrahl Sie ſo lange beſcheinen wird, bis Sie aufbluͤhen— und der goͤttliche Duft ſo ſchwaͤrmeri⸗ ſcher Liebe oder Freundſchaft, als mein Freund fuͤr mich fuͤhlt, die Luft durchdringen wird?“ „Nein, nein, Leonce,“ rief hier Margot, ſich durch das allgemeine Gelaͤchter mit ihrer feinen Stimme Bahn brechend—„auch im Spaße kann und will ich Ihre abſcheuliche Empfindſamkeit nicht ertragen! Lu⸗ cile, er reizt mir das Blut bis in die Fingerſpitzen;— alles Gefuͤhl, bis zum kleinſten Atome, moͤchte ich aus mir herausjagen, um auch Nichts, keinem Sonnen⸗ ſtaube Aehnliches, in mir davon zu haben!“ „O Knospe, Knospe,“ rief der unerbittliche Leonce —„dieſer Zorn iſt Symptom Deines Aufbluͤhens! Sollte der Sonnenſtrahl ſchon uͤber Deinen Blättern ſtehen?“ Wild und gluͤhend bis zum Scheitel, ſprang Mar⸗ got auf, und jetzt ſetzte ſie ſo ſchnell uͤber die mar⸗ morne Treppe, daß ſie eine Stufe verfehlte; und hätte Leonce ſie nicht, eilig zuſpringend, in demſelben Augenblicke im Arme emporgeriſſen, ſo waͤre ſie die baufaͤllige Treppe hinab gefallen. 280 Als er ſie anſah, erblickte er dicke Thranen in ihren Augen, und ſie ſchlug faſt nach ihm; ſo ungeſtun dachte ſie daran, ſich von ihm zu befreien. „Nein, nein, Margot, verzeihen Sie mir erſt!“ rief er mit ſeiner vollen Gutmuͤthigkeit;—„ich war zu ausgelaſſen, ich habe Ihnen wehe gethan und fuͤhle mehr, wie Sie ahnen, den Schmerz, Sie beleidigt zu haben! Nein, nein, ich laſſe Sie nicht eher los, bis Sie mir verzeihen!“ „Alles, Alles,“ rief Margot—„nur laſſen Sie mich los, ich ſterbe ſonſt auf der Stelle!“ Und noch ein Mal verſuchte ſie, ihre kleinen Häͤnde zu be⸗ freien, und entſchluͤpfte Leonce, der ſie los ließ, und ver⸗ barg ſich hinter Lucile, die vergeblich zur Ordnung ge⸗ rufen hatte. „Ich bin ganz Deiner Meinung, Margot,“ rief Lucile lachend, daß die Thraͤnen ihr in den Augen ſtanden—„Leonce iſt ganz unertraͤglich— und ich wuͤnſchte, wir wuͤßten ſeine pendantiſche Rede uͤber das Maaß noch auswendig, um ſie ihm jetzt vorhalten zu können; denn ich merke, die Nutzanwendung hoͤrt bei ſeinem eigenen Verfahren auf— wie das bei allen Buß⸗Predigern der Fall ſein ſoll.“ „Sein Sie jetzt nicht zu ſtreng, Lucile!“ erwie⸗ derte Leonce—„ich habe Etwas in den ſchönen Augen — meiner kleinen Muhme geſehen, was allen Uebermuth in mir ausgeloͤſcht hat. Ich bin fuͤr heute beſtraft genug und will Ihnen jetzt ganz einfach referiren; ja, ich bin ſo eingeſchuͤchtert, daß ich, um nicht mehr von meinen Gefuͤhlen verfuͤhrt werden zu können, die Veranlaſſung weder nennen, noch bezeichnen will, Ihrem Scharfblicke das Weitere uͤberlaſſend.— Der junge Graf von Buſſy, der ſo eben ſeine Vermählung mit Mademoiſelle de Guiche in Verfailles gefeiert hat, iſt auf dem Wege nach ſeinem ſchoͤnen Schloſſe Rabutin und kommt ſo nahe an Ste. Roche voruͤber, daß er, von unſerer Anweſenheit unterrichtet, mir geſtern einen Boten ſendete, mit der Bitte, ſeinen Beſuch bei meinen liebens⸗ wuͤrdigen Verwandten zu vermitteln.“ „O,“ rief Lucile, freudig ihre Haͤnde zuſammen ſchlagend—„das iſt eine allerliebſte Nachricht— nun ſollen Ihnen alle Ihre Unarten vergeben werden!“ „Auch, wenn ich bereits zugeſagt habe?“ fragte Leonce.„Der Bote traf mich auf dem Wege nach dem Kloſter Tabor, deſſen Bibliothek ich einen Beſuch machen wollte; da gedachte ich des Beifalles, den Sie, liebe Lucile, der jungen Gräfin Guiche ſtets gezollt, und ich hatte entſchieden, ehe ich die Schwierigkeiten uͤber⸗ legt, Ihnen dieſen Vortrag zu machen.“ „Nun, ich bin verſöhnt,“ rief Lucile;—„denn ich find⸗ dieſen Beſuch allerliebſt! Und ich argwöhne, Leonce— mein Armand war mit Ihnen im bei dieſer Ueberraſchung!“ „Zufaͤllig war Armand mit mir, als uns der Bote erreichte,“ lachte Leonce.„Doch er iſt ſo ſchuch⸗ tern, wie ich, ſeiner holden Tyrannin gegenuͤber; we⸗ nigſtens hat er mir die ganze Verantwortlichkeit zu⸗ geſchoben.“ „Nun,“ erwiederte Lucile—„was meinſt Du, Margot, ſollen wir ihm vergeben?“ „Thue Du, was Du willſt,“ ſagte dieſe von weit her; denn ſie war leiſe hinter Lucile fort bis an das niedere Gelaͤnder der Terraſſen-Bruͤſtung geſchlichen und ſchaute, Allen den Ruͤcken zukehrend, in die Ge⸗ gend.„Ich werde mich darauf noch ein Weilchen be⸗ ₰ ſinnen und namentlich auf ſeine fernere Auffuͤhrung Acht haben, ehe ich Frieden ſchließe.“ „Dann habe ich Ihre Verſoͤhnung ſicher,“ ant⸗ wortete Leonce,—„beſonders, wenn Sie mir erlauben, Sie jetzt anzuſehen.“ „Nein, nein! Armand, leiden Sie es nicht!“ rief Margot;—„ich ſpringe hier hinunter, wenn er mir nahe koͤmmt!“ „Sein Sie ruhig,“ antwortete ndee„jetzt nehme ich Sie in meinen Schutz: Doch ſagen Sie, darf ich Ihnen nahe kommen? Und wollen Sie uns beiſtehen, im Schloſſe die Zimmer auszuwaͤhlen, die wir fuͤr unſere zahlreichen Gaͤſte bereit halten muͤſſen?“ X „Sogleich komme ich,“ ſagte Margot;—„doch hier in der Ferne entdecke ich etwas— ich muß es erſt heraus haben, was es iſt.“ „Ich will Ihnen helfen, Margot“— rief Leonce aufſtehend;—„ich weiß vollkommen in der Gegend Beſcheid.“ „Nein, nein,“ ſagte ſie, raſch herunter ſprin⸗ gend—„ich weiß jetzt, was es iſt“;— und mit einem Satze war ſie zwiſchen Armand und Lucile und mußte nun ihr gluͤhendes Geſicht den lachenden Augen ihrer jungen Freunde preisgeben. „Kommen Sie, Margot,“ rief Armand und gab ihr mitleidig den Arm—„wir verſtändigen, alten Leute gehen voran— dieſe jungen Spoͤtter moͤgen uns folgen.“ So durchzog man erſt den anmuthigen, kleinen Burggarten, der unter den Fenſtern der von ihnen bewohnten Zimmer lag und von einer hohen Bruͤſtung untermauert war, an deren Fuße ſich die ſchoͤnen, gruͤnen Waldwege anſchloſſen, die wenig von der Kultur er⸗ fahren hatten und mit kurzem, ſaftigem Waldmooſe ———— bedeckt waren. Dieſer Platz, den ſie heute zuerſt be⸗ ſucht hatten, ward fuͤr wurdig erkannt, auch den Gä⸗ ſten zur Fruͤhſtuͤcksſtunde zu dienen, da er Schatten und Kuͤhlung verſprach. Dann wandelte man durch die bewohnten Gemaͤcher, um die Haupttreppe zu er⸗ reichen, die in die oberen Zimmer führte, welche über denſelben lagen. Hier, auf dem alten, mit Marmor⸗Statuen ge⸗ ſchmuͤckten Treppenflure blieben Alle, uͤberraſcht von ihren Erinnerungen an d'Anvilles Erzaͤhlung, ſtehen; und die Nacht, in der die beiden ungluͤcklichen Bruͤder zu einer ſo furchterlichen Kataſtrophe ihres Lebens dieſe Treppen erſtiegen, ſtand Allen ſo lebhaft vor Augen, daß ſie ihren frohen Lebenshauch aufhielt. „Nein,“ rief d'Anville—„mein Herz wird nicht eher ruhig ſchlagen, bis dieſem armen, edeln Reginald Recht geſchehen iſt!“ „Und,“ ſetzte Lucile mit dem lieblichen Ernſte ihrer plötzlich erblaßten Wangen hinzu—„meiner heiligen, herrlichen Tante Fennimor! O, Armand, ich buhle mit ihrem Schatten, der dieſe Raume heiligt, um die Gunſt ihrer Liebe;— ich will, ſie ſoll mich gern als ihre Ver⸗ wandte anerkennen!“ „Vielleicht ſegnet ſie unſere Abſichten,“ ſagte Ar⸗ mand; und unwillkurlich hing Lucile's Arm in dem —————— — ihres Gemahls;— und Margot war ſo erſchuͤttert, daß ſie ſich ohne Weigerung von Leonce auf der Treppe unterſtutzen ließ, weil ſie ihren ganzen Streit mit ihm vergeſſen hatte. „Die Zimmer uͤber den unſrigen ſollen von den verſchiedenen Beſitzern ſtets im wohnlichen Stande ge⸗ halten ſein,“ erzählte Armand—„in ihnen muͤſſen wir unſere Einrichtungen treffen.“ „Und beruͤhren wir damit den Bankettſaal?“ fragte Lucile.— „Nein, dieſer Theil des Schloſſes bleibt uns links, wir wenden uns auf dem oberen Treppenſaale rechts.“ Sie fanden hier eine alterthuͤmliche, aber reiche Ausſtellung von vielen, wohl an einander haͤngenden Gemächern, und Leonce, der beſtändig die Chronik und den alten Plan des Schloſſes ſtudirte, ſagte ihnen, dies ſeien die Geſandten⸗Zimmer. Katharina von Me⸗ dicis habe ſie noch mit ihren koſtbaren, vergoldeten Leder⸗ tapeten, zum Empfange der polniſchen Magnaten ein⸗ richten laſſen, die ſie dort in der Stille fuͤr ihre Sache zu gewinnen ſuchte. „Wir werden doch wohl mit dieſen Zimmern aus⸗ reichen?“ fragte Armand Leonce. „Nun, wie viel Gäſte erwarteſt Du denn?“ ſagte Lucile.— „Ich hoͤre, es werden ſich einige Freunde des jungen Ehepaares in ſeinem Gefolge befinden, und ich habe Alle hierher eingeladen; denn ich hoffe, wir feſſeln ſie ſo eine Zeit lang an unſer altes Geiſterſchloß.“ „Und wie ich hoffe, Leonce,“ ſagte Lucile—„be⸗ findet ſich unter ihnen auch Ihr junger, feuriger Freund, der Sie ſo uberaus empfindſam ſtimmt, und den Sie uns jetzt doch nennen werden?“— „Nein, nein, liebe Lucile, das ſoll Ihrem Scharf⸗ ſinne uͤberlaſſen bleiben; ich verrathe ihn nicht und will Acht geben, wer von Ihnen beiden, ob Sie— oder meine kleine Muhme Margot ihn zuerſt errathen wird.“— „Sein Sie ſicher, daß ich Ihre Freunde nicht zum Gegenſtande meines Nachdenkens machen werde — am wenigſten aber begierig bin, dieſen empfind⸗ ſamen Juͤngling kennen zu lernen!“ Mit dieſen leb⸗ haften Worten rannte Margot ſchnell aus der Naͤhe ihrer Freunde, welche ſie erſt vor einer Portrait⸗Statue auf dem Treppenſaale wiederfanden. Sie ſchauderte zuſammen, als man ſie anredete, und wies mit un⸗ verholener Bangigkeit auf die kuͤhne, drohende Geſtalt, vor der ſie ſtand.„Es iſt Spinola,“ ſagte ſie, kaum hoͤrbar. Alle theilten ihre Anſicht; und hingeriſſen von — e ———————————— —— 287 den Erinnerungen, die hier uͤberall ihren Schauplatz fanden, trat bei Jedem der Wunſch hervor, dennoch die verhaͤngnißvollen Gemächer zu betreten, wo ihrer ſo viel Grauen Erregendes wartete, und Lucile beſtätigte ihren fruͤheren Ausſpruch: Sie habe nichts dagegen, ſich ein wenig zu grauen, wenn ſie dabei recht geſichert waͤre— und ſo ſchien Margot auch zu denken. Doch nahm ſie abermals und, wie es dies Mal ſchien, ohne alle Zerſtreuung den Arm ihres boͤſen Vetters Leonce an. Es war gewiß ein erſchuͤtternder Eindruck, dieſen alten verfallenen Saal zu betreten, der ſeit der letzten gerichtlichen Unterſuchung verſchloſſen geweſen war.. Keine Hand hatte Willen oder Berechtigung gefuͤhlt, hier die Spuren des Vorgefallenen, die fruͤher ſogar erhalten werden mußten, zu vertilgen;— und der Mar⸗ quis und Leonce bereueten faſt, von eigener Neugier verfuͤhrt, den Damen ſo viel zugemuthet zu haben. Da ſtanden gegen den Kamin die beiden Lehnſtuͤhle, der eine mit Kiſſen bedeckt, deren heller Atlas jetzt mit dunkeln Flecken faſt verdeckt ward— und daneben das ſchrillende Tiſchchen von getriebenem Kupfer, mit der wunderlich eingelegten Platte.— Beide Damen ſtanden mit unterbrochenem Athem davor; ſelbſt die Männer blickten mit Ernſt und Grauen auf dieſe S ſ —— 0 verhäͤngnißvollen Plätze; doch Leonce, der zugleich wuͤnſchte, die erblaßten Damen wegzufuͤhren, eilte nach dem Ende des duͤſteren Saales, und leicht gelang es ihm, die Thuͤre nach der Gallerie zu oͤffnen, die er hier, gut vertraut mit dem Plane des Schloſſes, vorzufinden ſicher war. Er fand die Thuͤre nur angelehnt, und als er ſie aufſtieß, glaubte er eine weibliche Geſtalt am Ende der Gallerie verſchwinden zu ſehen; doch war dieſe ſo mit kleinen, ſelbſt geſaͤeten Gebuͤſchen bewachſen, daß ihm kein freier Durchblick geſtattet war, und er faſt be⸗ ſchämt ſeine forſchenden Augen zuruͤckzog, uͤberzeugt, es ſei ein Spiel ſeiner eben ſo lebhaft erregten Phan⸗ taſie.— Es drang indeſſen ein Strom von Luft und Sonnenlicht durch die geoffnete Thuͤre, daß ſich Alle der erfreulichen Richtung zuwendeten. Aber indem ſie ihr entgegeneilten, mußten ſie an der großen, eichenen und noch immer behangenen Tafel voruͤber, auf der Ludwig ſein Leben ausgehaucht; und das ſcharfe Licht, was jetzt durch die Thuͤre ſtroͤmte, erhellte ſie und den dunkeln Fußboden davor. „Was iſt das?“ rief Lucile, uͤberraſcht ſtehen bleibend—„dies iſt ein Grab, mit Blumen uͤber⸗ deckt!“ Man nahete ſich. Die Vegetation der ſo ſchmerz⸗ lich geduͤngten Stelle war nicht zu laͤugnen; der feuchte Saal hatte die traurige Ausſaat beguͤnſtigt; aber ein friſcher Kranz von Epheu und Cypreſſen konnte die⸗ ſem Stillleben der Natur nicht zugerechnet werden; und Alle blieben ſchweigend vor dem nicht erklärbaren Ereigniſſe ſtehen. „Nun,“ ſagte Leonce—„wir wiſſen ja, daß wir nicht die alleinigen Bewohner dieſes Schloſſes ſind. So muß denn Emmy Gray dieſen Kranz hierher ge⸗ legt haben, und dieſer Theil des Schloſſes muß mit ihren Gemaͤchern im Zuſammenhange ſtehen.“ „Das iſt wenigſtens ſo proſaiſch, als moͤglich, er⸗ klärt!“ rief Margot—„ich ſchwoͤre aber darauf, die Alte war es nicht. Denn mit achtzig Jahren, wie ſie bald ſein kann, iſt man nicht mehr ſo ſentimental; und da ſie ſchon ſeit einigen zwanzig Jahren dieſen traurigen Ort uͤber ſich wußte, ſo iſt es unwahr⸗ ſcheinlich, daß ſie erſt jetzt ihren Kranz fertig bekom⸗ men haben ſollte;— denn es iſt der einzige hier und ein voͤllig friſcher!“ „Ach,“ ſagte Lucile—„denkt doch an die Er⸗ ſcheinung, die wir in den erſten Tagen unſeres Hier⸗ ſeins hatten, wie wir unter der alten Terraſſe hinritten, die vor Emmy's Zimmer liegt, und am Fenſterkreuze die reizende Geſtalt im weißen Gewande ſchweben Ste Roche. I. 19 290 ſahen, die ſich lange genug zeigte, um von uns Allen geſehen zu werden, und dann plotzlich, wie ein Geiſt, verſchwand! O, ich bitte Euch, laßt mich von hier fort auf die ſonnenhelle Gallerie treten— wenn ich Luft habe, will ich beichten. Ihr werdet hier meine Neu⸗ gier nicht verſpotten, und ich kann nicht länger ſchwei⸗ gen— ſelbſt, wenn Ihr mich Alle auslachen ſolltet. Ach, Armand,“ ſagte ſie, ſich an ihn lehnend—„man iſt nicht umſonſt in dieſem Geiſterſchloſſe— ich er⸗ warte uͤberall Fennimor zu finden, ich wuͤnſche es ſo brennend, daß mein Geiſt ſich dabei verwirrt, und ich es fuͤr moͤglich halte. Deshalb,“ fuhr ſie fort, während der Marquis die holde, uͤberſpannt blickende Frau nach der Gallerie fuͤhrte„wußte Emmy Gray, wie ich ihre Fennimor liebe, wie ich mich nach den Ueberreſten ihres heiligen Engellebens ſehne— ſie nähme mich bei ſich auf, ſie wurde mich anerkennen als Fennimor's Verwandte!“ „Wir haben ja dazu noch Hoffnung, meine Liebe,“ ſagte der Marquis beſchwichtigend.„Auch ich denke, unſer Entſchluß, endlich hierher zu kommen, ſoll uns noch gute Reſultate bringen; ich koͤnnte hier nicht eher fort, bis etwas Verſoͤhnendes geſchehen iſt; ob⸗ gleich ich geſtehen muß, daß ich noch nicht weiß, wie es zu machen ſein wird. Faſt geht es mir, wie Dir; 291 auch ich ſehe umher, als erwartete ich etwas, wenn auch nicht Fennimor, den ſanften Engel, dem ich ſeine hoͤhere, naͤhere Vereinigung mit jener Welt, ohne einen egoiſtiſchen Wunſch fuͤr unſere Herzen, goͤnne.“ „So iſt es, meine theure Lucile,“ ſagte Leonce, freundlich ſeiner bewegten Schwaͤgerin nahend—„die⸗ ſen Standpunkt muͤſſen Sie feſthalten— denken, wie dieſe hier ſchon verklaͤrte Fennimor die höchſte Selig⸗ keit genießen muß, dann werden Sie Ihr ſchoͤnes Gleichgewicht wieder erhalten, und wir werden uns Alle dem Leben um ſo theilnehmender zuwenden, da es uns ſo heilige Pflichten auferlegt gegen ihren be⸗ rechtigten Erben.“ „Ja,“ ſagte Lucile, ihm ihre ſchone Hand reichend —„ich wußte wohl, daß Leonce eben ſo wenig an dieſem Erbe Freude haben koͤnnte, als wir ſelbſt; doch iſt es großmuͤthiger von Ihnen, wie von uns, da wir außerdem ſo viel reicher ſind, wie Sie.“— „Theure Lucile! Wenn wir die Rollen eben tauſchen könnten, wuͤrden Ihre Geſinnungen gewiß nicht damit wechſeln! Habe ich doch, wie Armand, was mir von dieſem Vermögen zufiel, bisher nicht zu meinen Re⸗ venuͤen zugezählt— und ich hoffe,“ ſetzte er laͤchelnd hinzu—„Sie haben mich ſtets elegant und vortrefflich eingerichtet gefunden.“— 1 292 Sinnend druͤckte Lucile dem geliebten Verwand⸗ ten die Hand.„Aber wer war es denn,“ fuhr ſie ploͤtzlich empor—„wenn es Fennimor nicht ſein kann?“ Leonce ſah unwillkuͤrlich die Gallerie hinauf— aber Lucile fuhr fort:„Unſer Streit an dem Abende, nachdem wir Alle jene Erſcheinung in Emmy's, nur als von ihr bewohnt bezeichnetem Zimmer gehabt hatten, trieb mich am anderen Morgen fruͤh aus meinem Bette, und ich wandelte hinaus— ich glaube faſt, ſchon in der Abſicht, in Emmy's Wohnung ein⸗ zudringen. Durch Gebuͤſche mich durchdrängend, ſtehe ich vor dem kleinen Eingangsthurme— und dieſe mir als verſchloſſen und verrammelt geſchilderte Wohnung liegt plotzlich mit geoͤffneten Thuͤren vor meinen Augen.“ „Sagt, war es nicht verzeihlich, daß ich eintrat? Ach, ich habe nur einen allgemeinen Eindruck erfahren; Einzelheiten kann ich Euch nicht anfuͤhren; mein Herz, meine Sinne waren in der Erwartung geſpannt, Emmy jeden Augenblick begegnen zu koͤnnen. Nur ſo viel weiß ich, ich durchwandelte fuͤrſtlich einge⸗ richtete Raͤume— alle im friſcheſten Glanze— das Ganze, wie zum Feſte, mit bluͤhenden Blumen ge⸗ ſchmuͤckt— ein Paradies— oder vielmehr ein wuͤr⸗ — 2 diger Raum, ſich Fennimor gegenwärtig zu denken. Da ſah ich endlich Emmy Gray.“— „Wie,“ riefen Alle,„Du ſahſt ſie?“— „Ja, aber ſie mich nicht! In tiefem Schlafe ruhete ſie in einem Lehnſtuhle vor einem großen pracht⸗ vollen Bette. Dieſe in Alter und finſterem Gram er⸗ ſtarrten Zuͤge konnten nur Emmy Gray gehoͤren! Aber wen bewachte ſie in dieſem Bette? Gott,“ fuhr ſie fort, indem ſich ihre Augen fullten—„Armand, Du haſt uns Fennimor ſo genau beſchrieben, Du ſaheſt ihr ſchönes Bild ſo oft bei Deinem armen Oheim, ich hatte Deine Worte ſo lebhaft aufgefaßt, daß ich kaum den lauten Schrei bezwang, wie ich in dem gruͤnen Dammaſtzelte des Bettes, Fennimor's ſchla⸗ fendes Engelsbild erblickte.“— „Lebend? Einen lebenden Gegenſtand?“ riefen „Ja, lebend!— Wenn die reinſte Farbe, die der geſunde Schlaf auf unſere Wangen malt— wenn das Lächeln des halb geſchloſſenen Mundes— wenn der leichte Kinderathmen, der jugendlich ihren Buſen hob;— wenn dies anders Lebenszeichen ſind!— Da⸗ bei der braune Lockenſchmuck— die ſchmale, weiße Hand, die Du geruͤhmt;— ach, Armand,“ rief Lu⸗ cile, in ſeinen Armen ſich verbergend—„es war Fen⸗ nimor! Denn wen— wen wuͤrde Emmy Gray ſonſt bewachen, wie Waͤrterinnen an der Wiege des geliebten Kindes wachen?“ „Sonderbar— unbegreiflich!“ riefen Lucile's An⸗ verwandte Sie hatte von Niemandem Spott zu fuͤrchten — Alle theilten ihre Bewegung. „Aber weiter— weiter!“ rief Armand, nun die tiefe ungewöhnliche Bewegung, die er in der letzten Zeit an ihr bemerkt, erklaͤrt findend.„Sag', geliebte Lucile, geſchah Dir auch nichts?“— Sie an ſeinem Herzen haltend, konnte er ſich kaum uͤberzeugen, daß ſie ohne Schaden davon gekommen ſei. „Ich weiß nicht,“ fuhr Lucile fort, das bewegte Geſicht erhebend—„wie lange ich, in dem ſchoͤnen Anblicke verloren, ſo vor der Schlummernden ſtand. Da hob Emmy den im Schlafe niedergeſunkenen Kopf inie Höhe, und obwohl ſis hicht erwachte, ergriff ich Flucht und kam ubemerkt zuruͤck.— Ver⸗ gebt mir, daß ich es Euch verſchwiegen,“ ſetzte ſie, faſt flehend zu Armand emporblickend, hinzu.„Oft habe ich es verſucht; aber ich war beſchämt uͤber mich ſelbſt, ich wollte Eure gute Meinung nicht verlieren, ich wollte beſonders mich nicht Euren Neckereien aus⸗ ſetzen.“ „Da nehmen Sie den Vorwurf hin!“ ſagte Mar⸗ 293 got zu Leonce.„Ihre Neckereien ſind es, die meine liebe Lucile zu dieſer Heimlichkeit verfuͤhrt haben; ich hoffe, Sie bereuen!“ „Mehr, wie Sie denken!“ erwiederte Leonce, ernſter, als der Vorwurf es verdiente.„Glauben Sie mir, theure Lucile, ich unterliege, wie Sie, dem Einfluſſe dieſes Schloſſes und dem Nachklingen ſeiner Begebenheiten, die Armand uns ſo lebhaft vorgetragen. Es iſt mit dem Gedanken an Fen⸗ nimor in meiner Bruſt ein unausſprechliches Ge⸗ fuͤhl von Sehnſucht und Schmerz erweckt. In ſolcher Stimmung uͤbertreibt man leicht, wenn man nicht einzugeſtehen wagt, daß man ernſter iſt, als die guͤnſtigſten Umſtaͤnde es rechtfertigen; darum verzeiht mir Alle!“ „Nun,“ lachte Margot—„hier iſt ein foͤrm⸗ liches Beichteſitzen— ein emuth— ein Abbitten; — nur mein Bekenntniß fehlt noch, daß ich un oft weinte, wie lachte und Euch das Erſtere auch nicht ſehen ließ.“ „Es ſcheint mir, wir haben Alle Urſache, unſere Gäſte willkommen zu heißen;“ hob jetzt Armand freund⸗ lich an;—„ich habe mit meiner Erzählung Euch Allen den frohen Lebensmuth getruͤbt! Unter unbefan⸗ genen Freunden, denen wir als Wirthe unſere Auf⸗ merkſamkeit ſchenken muͤſſen, werden wir alle unſere eigne Natur wiederfinden.“ „Nun hat Armand auch eine Suͤnde gegen uns gebeichtet,“ rief Margot.—„Wir ſind alſo Alle ſchuldig, und ich fange hiermit an und vergebe Allen!“ Freundlich blickte Jeder auf das reizende, feurige Madchen, die, um ſich den Blicken zu entziehen, durch die wilde Vegetation hindurch drang, die, uͤber den Rand der Gallerie ſich ſchleichend, nachgerade den gan⸗ zen Raum uſurpirt hatte. Mechaniſch folgten ihr die Andern, und plötzlich die Lage erkennend, rief Leonce:„Wiſſen Sie, meine Damen, daß wir vor dem Eudoxien⸗Thurm ſtehen?“ „Das habe ich gedacht,“ entgegnete Lucile.— „Laßt uns denn naͤher gehen— ſein Anblick wird doch von uns allen heimlich erſehnt!“ Schon rief Margot: Ich bin an der Thuͤr, und iſt nur angelehnt!“ 6. Armand hielt Lucile einen Augenblick zuruͤck. Sein Herz trieb ihn, ihr im Geheim ein liebevoll trö⸗ ſtendes Wort zu ſagen. Leonce eilte daher an ihnen vorüber, und trat hinter Margot in das Eudorien⸗ Gemach. Doch dauerte die herzliche Zwieſprache zwiſchen Lucile und Armand nicht lange. Ueberraſcht blickten — ſie auf Leonce, der, aus dem Zimmer zuruͤck auf den Marquis zuſtuͤrzend, dieſen mit Heftigkeit am Arme ergriff.„Armand,“ rief er, wäͤhrend Todtenblaͤſſe und hohe Röthe ſein ſchoͤnes Geſicht abwechſelnd uͤberlief —„Armand, was kann das ſein? Sie— ihr Bild!“ — Er ſtammelte, er war gaͤnzlich außer Faſſung. „Wos iſt geſchehen?“ rief Armand erſchrocken— „was kann Dich ſo uͤberraſchen?“ „O kommt doch— kommt doch!“ tönte Mar⸗ got's helle Stimme aus dem Gemache. Schon flog Lucile der Richtung entgegen. Als ſie die Thuͤr auf⸗ ſtieß, ſtand Margot ganz vertieft in den Anblick eines lebensgroßen, weiblichen Bildes, und als Lucile davor hintrat, ſtieß ſie mit einem Schreie der Ueberraſchung die Worte aus:„Heiliger Gott, das iſt ſie!“ „Ja, in Wahrheit,“ rief Armand, der ſchon hinter ihr ſtand;—„das iſt das Bild Fennimor's! Zwar nicht daſſelbe, was mein Oheim bei ſich hatte; aber dennoch ihr treues, unverkennbares Abbild!“ „Und das meiner Schlafenden!“ rief Lucile.— „Ja, ja, ich täuſche mich nicht— es gleicht ihr Zug fuͤr Zug; und gewiß ſind die Augen mit den langen, ſchwarzen Wimpern, die ich geſchloſſen ſah, ſo tief blau, wie dieſe! Ja,“ wendete ſie ſich zu Leonce, der, athemlos ihr zuhoͤrend, dennoch Zeit gehabt hatte, ſich zu faſſen—„ich begreife Ihr Erſtaunen! Auch ich glaubte, die lebende Fennimor kame mir entgegen, als ich hier eintrat.“ „Nicht wahr,“ ſagte Leonce zerſtreut—„es kann ſelbſt ſtarke Nerven erſchuͤttern? Sehen Sie hier — damit wir außer Zweifel ſind— dieſe Unterſchrift: Fennimor Leſter, vermaͤhlte Graͤfin Crecy-Chabanne — gemalt im Jahre der Gnade 1670 von Euſtate Leſuͤeur.“ „Das iſt alſo das zweite Bild, was er malte, welches wahrſcheinlich Emmy Gray fuͤr ſich zuruͤck be⸗ hielt. Ihr werdet Euch deſſen erinnern,“ fuhr Ar⸗ mand fort—„Graf Leonin ſagte mir immer, es habe die groͤßte Muͤhe gekoſtet, nur Eins von den Bildern zu erhalten, die Leſuͤeur damals machte; und erſt, als er ſeinen Wunſch ausſprach, einen Grabſtein danach anfertigen zu laſſen, willigte Emmy Gray ein, oder ließ ſich vielmehr das eine, ihr minder liebe Bild wegnehmen.“ Waäͤhrend dieſer Worte betrachteten Alle das wun⸗ dervolle Bild des unſterblichen Leſuͤeur. Jeder entdeckte neue Vorzuͤge; Jeder fuhlte, es ſei mit Liebe und Be⸗ geiſterung bis in die kleinſten Einzelnheiten ausgefuͤhrt worden. Fennimor war in einem weißen, gewäſſerten Moor⸗ 299 kleide gemalt, welches uͤber Schultern und Bruſt mit Agraffen von bunten Steinen befeſtigt war. Sie ſaß auf der von Eichenholz kuͤnſtlich geſchnittenen Bank, die zu dem dazu paſſenden Leſepulte gehoͤrte, welches, zur linken Seite geſchoben, mit Fennimor in Verbin⸗ dung ſtand; denn ihre eine ſchlanke, weiße Hand ruhte darauf und auf dem kleinen Andachtsbuche, worauf man Worte las, die es als das neue Teſtament be⸗ zeichneten. Sie ſelbſt ſchien ſich nur eben davon weg⸗ gewendet zu haben und ſah, en face genommen, ganz aus dem Bilde heraus, mit einer ſo wunderbar an⸗ ziehenden Stellung des Kopfes, daß Jeder fuͤhlte, das habe der Maler nicht erfunden— die Natur habe es ihm vorgemacht. Ihre tiefen, blauen Augen blickten mit einem ernſten, begeiſterten Feuer; der volle, kind⸗ liche Mund, der die ſchoͤnſte Bogenlinie bildete, war ſo gut und uͤberredend halb geoͤffnet, daß er erſt den Ausdruck der Augen vollſtaͤndig erklaͤrte; daruͤber die feine Naſe, die wie von Marmor gemeißelt, und ohne dem lieblich runden Geſichte ſeinen kindlichen Zuſchnitt zu benehmen, dennoch ein reines, griechiſches Vorbild war. Aber die braunen Locken! Man konnte er⸗ kennen, daß ſie Leſuͤeur zur Verzweiflung gebracht hat⸗ ten. Man haͤtte glauben koͤnnen, er habe ſie endlich mit Gold uͤbermalt und dann blos die Schatten hin⸗ ein geſetzt; ſie glänzten wirklich, und die Wellenlinien, die ihr zarte Stirn umgaben, hatten erkennbare, feine goldene Linien. Und dieſer Engelskopf ruhte ah⸗ nungslos uͤber dem ſchönſten Körper! Dieſer vorge⸗ bogene, ſchlanke Hals, wie fein war er auf den Schul⸗ tern angeſetzt— wie ſorglos hielt die Spange die Fal⸗ ten, die uͤber dem Latze die feinen Formen umhuͤllten! Keine uͤppige Fuͤlle— eine Pſyche, die auf den eben entfalteten Fluͤgeln noch den zarten Bluͤthenſtaub traͤgt, den ſelbſt Zephir ſich zu berühren ſcheut! Auf einem kleinen Fußſchemel ſtand ihr linker Fuß ziemlich hoch, ſo daß die Bewegung des Oberleibes wie daruͤber hinausgebogen erſchien, was ihr einen be⸗ zaubernden Ausdruck von kindlicher Naivität gab.— In ihrem Schooße lagen Roſen, als habe ſie dieſelben im Kleide geſammelt, und die rechte Hand mit dem reizenden Arme, der unter dem Robenärmel vorſah, hielt oder ſtutzte ſich auf ein fremdartiges Inſtrument, das man auf alten Bildern in den Haͤnden der Engel wohl als kleine Harfen ſieht. Dieſes ruhete in den Falten des lang niederfallenden, reichen, ſeidenen Ge⸗ wandes;— und der ſchien der ſammet einer Tapete. „Ach,“ rief Margot—„nie ſah ich etwas Aehn⸗ liches! Ich wollte, wenn ſie lebte, zu ihren Fuͤßen liegen! Sie muß, wenn ſie geſprochen hat, die Ge⸗ heimniſſe des Himmels verrathen haben!“ „Aber,“ rief Lucile—„ſie lebt! Ich ſah ſie! Ich bitte Dich, Armand— denke Dir, daß die, welche ich in Emmy's Bereiche ſah, lebt; daß ſie vielleicht eine Verwandte— Gott, daß ſie vielleicht Fennimor's Verwandte iſt! Ich bitte Dich, laß' uns daran denken, der Alten naher zu kommen; ſie muß uns den Eintritt geſtatten— ſie darf ſich uns nicht laͤnger entziehen!“ „Nein, theure Lucile, laß' uns in unſerem Eifer nicht zu weit gehen! Ihr koͤnnt mir den Widerſtand, den ich, ſo lange wir hier ſind, Eurem Andringen entgegen ſetzte, nicht als Eigenſinn auslegen. Es iſt die Heiligkeit des gegebenen Wortes, die mich feſt ſein läßt! Die unanruͤhrbare Stellung, die mein Oheim dieſer armen, gekraͤnkten Seele auch nach ſeinem Tode zu ſichern ſuchte, war von dem vielen Ungluͤcke, das er verſchuldet hatte, das einzige, was in ſeiner Macht lag, verſoͤhnend zu geſtalten. Es war ihm gleich, was aus allen ſeinen Beſitzthuͤmern ward; aber Emmy's Lage zu ſichern, mit allen Launen, mit allen Anforde⸗ rungen und Thorheiten, die ſich im Laufe der Zeit bei ihr einfinden konnten, dazu ſchien ihm keine Inſtruktion bindend, ausreichend genug;— und wenn er Alles ſchriftlich und gerichtlich beſtätiget hatte, nahm er doch 202 auf eine ruͤhrende und mir unvergeßliche Art mich dann noch perſoͤnlich in Anſpruch, und ich mußte im⸗ mer wieder auf's neue ihm das Verſprechen geben, ſie wie ein Heiligthum zu ehren.“ „Ach, das wollen wir ja eben!“ rief Lucile.„Ich will ſie ehren, als ſtände ſie wie meine Eltermutter an der Spitze meiner Familie!“— „Vergiß nicht, meine Theure, daß wir ſie nicht nach unſerer Weiſe begluͤcken oder ehren koͤnnen! Be⸗ denke, nach dem, was Du weißt, die nothwendige Ge⸗ ſtaltung ihres Charakters!— Als ich nach dem Tode des Grafen Leonin ihr zuerſt unter meinem Namen ihre Revenuͤen auszahlen ließ, ſchrieb ich ihr in engliſcher Sprache, der einzigen, die ſie lieſt, ich glaube mit dem Ausdruck eines Sohnes an ſeine Mutter. Ich bat ſie, mir zu geſtatten, daß ich ihr ausreichendere Pflege ſenden duͤrfe; ich bat ſie, ihr einen Beſuch machen zu duͤrfen! Alles verfehlte jedoch ſeinen Zweck.„Ich will von Euch Allen Nichts, als ungeſtoͤrte Ruhe, und daß Niemand meine Rechte in dieſem Schloſſe anruͤhrt!“ Dies ſtand kaum leſerlich auf einem alten, vergelbten Blatte, das mein Bote mir zuruͤck brachte. Kinder waren dabei die Mittelsperſonen geweſen; Niemand hatte Emmy ſelbſt zu ſehen bekommen.“— „Beruhige Dich,“ fuhr er fort, ſich Lucile nahend, die ſichtlich durch dieſe Rede beſchämt und verlegen war.„Dein kleines Vergehen, das uͤberdies ſo ſpurlos voruͤberging, quält mein Gewiſſen nicht und belaſtet Dich weniger, da ich mich vielleicht niemals ſo aus⸗ reichend uͤber meine Verpflichtungen ausſprach.“ „Nun,“ ſagte Margot—„es iſt immer gut, daß Ihr es thatet; denn ich geſtehe, daß ich noch einen kleinen Groll gegen Euch im Herzen hatte, wegen Eures ungeſtuͤmen Widerſtandes, wie wir am Tage nach der Erſcheinung am Fenſter, durchaus die Alte beſuchen wollten.“ „Gewiß verdiene ich auch Ihre Verzeihung“— erwiederte Armand.„Uebrigens wird es Sie freuen, zu hören, daß mir eine andere Ausſicht eroͤffnet iſt.“ „Etwa in dem liebenswuͤrdigen, alten Vikar— oder in Veronika?“ rief Lucile.— „Sie ſtehen in keiner Verbindung mehr mit Emmy Grayz ich ſprach mit Beiden daruͤber. Die einzige Perſon, die ſie zuweilen ſieht, iſt ein ſehr alter Arzt, deſſen tuͤchtigen Character mir die beiden edeln Geſchwi⸗ ſter ſehr loben, und von dem ſie glauben, daß er ſelbſt Neigung habe, mich kennen zu lernen. Ich wuͤrde ihn ſchon geſehen haben; aber er hat das Phyſikat des ganzen Kreiſes, und ein wichtiges Geſchäft rief ihn gerade an dem Tage, wo er ſich hatte bei mir an⸗ melden laſſen, zu einem fernen Krankenhauſe der soeurs grises, in welchem ſich bedenkliche Symp⸗ tome gezeigt haben ſollen. Doch enthielt ſein Brief eine ziemlich beſtimmte Aufforderung, ſeine Ruͤckkehr abzuwarten.“— Die ferne Hoffnung auf den alten Arzt troſtete die Damen uͤber ihre kuͤhneren, durch Armand's Feſtig⸗ keit vereitelten Plaͤne, und jetzt gewannen ſie erſt Au⸗ gen fuͤr den Eudorien⸗Thurm. Wir kennen deſſen Ausſtattung. Fennimor's Sorgfalt hatte zuerſt den Zerſtorungen der Zeit ent⸗ gegengewirkt, in derſelben Weiſe fuhr Emmy gewiſſen⸗ haft in ſeiner Pflege fort, und ſo war hier Viel zu betrachten; denn auch der Harfion ruhete in einem Chor⸗ ſtuhle von geſchnitztem Holze, und das Betpult der armen Eudoxia, was, von der Zeit geruͤttelt, kaum noch wagerecht ſtand, war dennoch von jeder Spur der Vernachlaͤſſigung frei und lange den wehmuͤthigen Blicken Aller ausgeſetzt. Doch entdeckten ſie von hier keinen Ausgang weiter, und man trat den Ruͤckweg an, auf's neue lebhaft von dem Wunſche ergriffen, Emmy in ihrer eigenſin⸗ nigen und jetzt ſo geheimnißvollen Einſamkeit nahen zu duͤrfen. Zur Zeit der Tafel kam der votaneilende Cou⸗ tier es Grafen von Buſſy und meldete die Annaͤherung der Herrſchaften, und die geſchickten Diener des Marquis „ d'Anville meldeten zugleich die vollendete Einrichtung der Gaſtzimmer. Nach der Tafel beſtiegen die Herren ihre Pferde, und die Damen beſuchten mit gehoͤrigem Gefolge die Gaſtzimmer, um eine letzte Ueberſicht zu halten und die ihnen nachgetragenen Blumenvaſen nach ihrer An⸗ ordnung aufſtellen zu laſſen. „Begreifſt Du den Zuſtand, in den Leonce gerieth, wie er das Bild von Fennimor erblickte?“ fragte Mar⸗ got ihre Couſine, als ſie, auf einen Balkon tretend, ſich niederließen, während in den Zimmern ihre Befehle aus⸗ gefuͤhrt wurden. Ein raſcher, faſt neckender Blick aus Lucile's Augen traf Margot, die plotzlich erröthend, ihr Geſicht nach dem geoͤffneten Zimmer wendete. „Nun,“ ſagte Lucile—„was weiter— er iſt empfänglich fuͤr weibliche Schoͤnheit; und— geſtehen wir es nur— dieſe Fennimor ſchlaͤgt Alles nieder, was an uns ſelbſt in dieſem Fache zu loben ſein moͤchte. Doch tröſten wir uns, mein Muͤhmchen, Bilder ſollen uns nicht gefaͤhrlich werden!“ „Davon iſt auch nicht die Rede,“ ſagte Margor ziemlich ernſt.„Du muͤßteſt ein ſeltſames Gemuth haben, wenn Armand ſogar Deine Eiferſucht erregte. Ste Rocht. m. 20 306 Ich denke, Fennimor könnte leben, und Deine Ruhe wuͤrde an ihrer Seite doch unangefochten bleiben.“ Lucile laͤchelte mit inniger Befriedigung.„So iſt es, meine holde, kleine Weisheit— und Du haſt gut Schluſſe machen, da er ſelbſt Deinen ſchönen Augen gegenuͤber den ſtandhaften Prinzen machte.“ „Laß' den Spott, Lucile,“ ſagte Margot—„wir wollen ein wenig vernuͤnftig reden. Ich geſtehe Dir, Leonce gefaͤllt mir nicht— es fehlt ihm Etwas— glaube mir, ich habe ihn ſchaͤrfer beobachtet, als Ihr Alle!“ „So!“ ſagte Lucile lachend.„Ein ſeltſames Ge⸗ ſchaͤft fuͤr ein junges Fraͤulein von achtzehn Jahren! Solche Beobachtungen ſind, wenn ſie ſcharf ſind, leicht gefährlicher Natur. Was fangen wir an, wenn Du mit ſo bedenklichen Dingen Dich beſchaͤftigſt?“ „Du willſt nicht vernuͤnftig ſein, Lucile, und ich wäre es ſo gern einmal. Leonce flößt mir den groͤßten Antheil ein; aber ich fuͤhle, daß ich ihm nicht helfen kann; und da ich ſehe, daß Ihr Alle taub und blind ſeid, ſo wollte ich Dich darauf aufmerkſam machen— vielleicht, daß Armand durch liebevolle ihm zu Hilfe kommen könnte!“ „Vielleicht,“ lächelte Lucile—„daß u ſelbſt ihm durch einige liebevolle Fragen zu Hilfe kommen 307 könnteſt, auf die er Dir gewiß die Antwort nicht ſchuldig bleiben wuͤrde. Genug! Du haſt Deine Abſicht, mein beſonderes Intereſſe fuͤr ihn zu wecken, nicht verfehlt; doch ſo leichtſinnig, wie Du glaubſt, waren weder Ar⸗ mand, noch ich. Auch wir ſind einig, daß ihm Etwas fehlt, auch wir finden, daß er veraͤndert iſt; aber wir finden zugleich, daß wir ihm nicht geben koͤnnen, was ihm fehlt, und haben längſt beſchloſſen, ihn Dir zu überantworten. Da Du ihn nun ſo ſcharf beobachtet haſt, ſo zweifle ich nicht, eine liebevolle Frage Deiner⸗ ſeits wird Dir ſein ganzes Vertrauen erwerben.“ „Und Du?“ rief Margot, bis unter den Scheitel ergluͤhend, indem ſie, ungeduldig mit dem Fuße ſtam⸗ pfend, aufſprang—„Du biſt heute nicht zu einem vernuͤnftigen Worte tauglich! Ich habe Alles vergeblich an Dich verſchwendet und ſtehe wie ein albernes Kind vor Dir und muß Deine ausgelaſſene Laune ertragen, als haͤtteſt Du Recht!“— „Wenn Euer Gnaden etwas weiter vortreten, werden Sie den Reiſezug der Herrſchaften durch das Thal kommen ſehen,“ ſprach der Haushofmeiſter, ſich am Eingange der Thüre zeigend. Sogleich folgte man der Anweiſung, und mehrere Reiſewagen, von einigen Herren zu Pferde begleitet, * zeigten ſich den erfreuten Damen. 20 Noch ein Mal durchliefen ſie die Zimmerreihe, die nun, ſo viel dies in den Gemächern von Ste. Roche moͤglich war, ein anſprechendes Anſehen gewonnen hatten, und eilten dann hinab, ihre Gäſte zu empfangen. Peloiſe von Guiche, die jetzige Graͤfin Buſſy, war mit Lucile in demſelben Kloſter erzogen worden, und ſpäter hatten ſie zu gleicher Zeit ihren Platz as Eßten⸗ damen der Königin erhalten. Oft verſchuͤchtert von den herrſchenden Sitten bei Hofe, hatten Beide ihren Troſt in einander gefunden und Beide ſchatzten ſich mit der ruhigen Zuneigung, die man allein der Achtung ſchuldig wird. Die blonde, jugendliche Heloiſe hatte die re⸗ gelmäßige Schönheit, mit der wir nach einigen Au⸗ genblicken des Erſtaunens fertig werden, wenn wir uns uͤberzeugt haben, daß die Seele, die dahinter lebt, ein eben ſo regelmaͤßiger Koͤrper iſt, der auf der Außenſeite nie eine Veranderung hervorrufen wird, nach der wir doch anfangen uns zu ſehnen, wenn wir Zeit behalten, unſere Anſpruͤche uͤber das Ver⸗ gnugen der Anſchauung hinaus zu richten. Man konnte nichts Vollſtändigeres ſehen, als ihre rein griechiſche Geſichtslinie, ihr Haar von hochblonder Farbe, ihre bewundernswuͤrdige Hautfarbe und die hohe Geſtalt, welche die gewoͤhnliche weibliche Größe — uͤberragte und, von einer antiken Fuͤlle verſchoͤnert, immer an die Statuen erinnerte, denen wir die Bekanntſchaft mit der alten Goͤtterwelt verdanken. Dazu kam die plaſtiſche Ruhe ihrer Bewegungen, die vorzuͤglich charakteriſtiſch in der Unbeweglichkeit ihrer wunderſchoͤnen Arme und Haͤnde hervortrat— genug, ſie war eine erſtaunenswerthe Erſcheinung, der man eher einen Tempel zur Wohnung, ein Piedeſtal zum Ruhepunkt angewieſen hätte, als das Geſellſchaftszimmer und den Fauteuil. Doch war ihr hierzu Alles anerzogen, was noͤthig war, und das immer gleiche, verbindliche Lächeln, der Gebrauch, ſtets leiſe rieſelnd zu ſprechen, die große Gefaͤlligkeit, Andere nie durch Fragen oder Gedanken zu belaͤſtigen und immer hoͤflich zuzuhoͤren, wenn geſprochen ward, hatten ihr allgemeine Bewunderung erworben. Lucile de Maurepas wußte jedoch, daß außer dieſer bequemen, aͤußeren Erſcheinung, ihr ein feſtes, tugendhaftes Herz inne wohnte, daß ſie Gefallſucht und Eitelkeit aus reinem weiblichen Inſtinkte verabſcheute und mit unerſchuͤtter⸗ lichem Muth alle Verfuͤhrungen abgewieſen hatte, die an dem Pofe Ludwigs des Fuͤnfzehnten jeder ausge⸗ zeichneten Schoͤnheit drohten und leider mit nur zu viel Bereitwilligkeit von den erſten und vornehmſten Fa⸗ milien des Adels entgegen genommen wurden, die eine ſo hoch herkommende Entehrung aufgehoͤrt hatten, unter ſich ſo zu benennen. Dennoch waren beide Frauen, ſeitdem Lucile de Maurepas, Marquiſe d'Anville ward, faſt ganz aus einander gekommen, und die beſcheidene Heloiſe, die fur Lucile eine beinah ſchwaͤrmeriſche Bewunderung fuͤhlte, wagte nicht, ſich ſelbſt anzumelden, ſondern uͤberließ dies ihrem Bruder, dem jungen Grafen Guiche, der mit Leonce und Armand befreundet war. „O, Madame,“ ſagte ſie jetzt, von Armand ge⸗ fuhrt, mit der anmuthigſten Beſcheidenheit ſich vor Lu⸗ cile verneigend—„was werden Sie zu meinem Be⸗ ſuche ſagen?“ „Daß Sie immer noch dieſelbe Treue und Lie⸗ benswuͤrdigkeit beſitzen, die ich wohl bewundern und lieben konnte, aber nie erreichen!“ Hiermit umarmte Lucile die ſchöne Helviſe und ſtellte ihr Mademoiſelle d'Aubaine vor, welche noch nicht präſentirt und der Graͤfin Buſſy daher fremd war: „Meine kleine Muhme, die eben ſo unartig, als ſchoͤn, eben ſo gutmuͤthig, als ausgelaſſen iſt! Wollen Sie ſie unter ihren Schutz nehmen?“ „Ach, Madame, wer Ihren Schutz genkeßt, wird den der ganzen Welt entbehren koͤnnen, und Ihre ſchöne Muhme ſoll mich lehren, wie man Ihren Bei⸗ —,— fall verdient.— Doch der Graf Buſſy wird mir zuͤr⸗ nen, ihm ſo lange den Weg zu Ihnen vertreten zu haben.“ Graf Buſſy war eben ſo ſchwarz, als ſeine Ge⸗ mahlin weiß, und in der Groͤße uͤberragte er ſie be⸗ deutend. Auf ſeiner breiten Bruſt ruhte ein Firma⸗ ment von Sternen; denn er hatte in Spanien mit Auszeichnung gedient, und war Oberſter eines Reiter⸗ Regiments. Er hatte den Ernſt eines Kriegers auf der breiten Stirn und blickte muthig und freundlich zugleich, wie das eine ſo ſchoͤne Eigenthuͤmlichkeit dieſes Standes zu ſein ſcheint; nur ſeine Lippen waren zu ſtark empor⸗ gedrängt; ſie bezeichneten den Stolz der Buſſy⸗Rabutin. Er war der paſſendſte Gemahl fuͤr Heloiſe de Guiche; denn er war ſicher, nie ſeine Heftigkeit durch ſie er⸗ regt zu ſehen, nie Grillen oder Widerſpruch begegnen zu muͤſſen, was er Beides nicht gelernt hatte zu er⸗ tragen. Dafüͤr ſchuͤtzte er ſie, wie eine Mutter ihr Kind. Er hatte eine unablaͤſſige Aufmerkſamkeit fuͤr ſie; er umgab ſie mit der hoͤchſten Liebe und war gluͤcklich, ihre ſchuͤchternen, kaum wahrnehmbaren Wuͤn⸗ ſche zu errathen und zu erfuͤllen. Angenehm ward die Marquiſe d'Anville durch die Begleitung von der Prinzeſſe de la Beaume, einer alten Tante der Gräfin Guiche, uͤberraſcht, und mit ihr 312 ſtellten ſich Graf Guiche und der Chevalier de Vardes vor, Beide gleich ausgezeichnete Bekannte ihres Ge⸗ mahls und Schwagers. Das Audienz⸗Zimmer der Katharina von Medicis nahm dieſe angenehm gemiſchte Geſellſchaft auf, und Mademoiſelle de la Beaume unterließ nicht, nachdem ſie von Leonce Alles erfragt hatte, die Erinnerungen hervorzurufen, die hier ſo nahe lagen. „Ueberhaupt, meine liebe Marquiſe,“ fuhr ſie fort—„halten Sie ſich nicht durch mein weißes Haar gegen meine Neugier geſichert; ich bin mit dem vollſtändigſten Willen hierher gekommen, ſie ſo viel, als möglich, zu befriedigen! Glauben Sie mir, Ver⸗ ſailles vergaß einen ganzen Tag lang, uͤber den neuen Hofſtaat der Marquiſe de Pompadour zu ſcherzen, als wir unſer Gluͤck verkundigten, Ihnen aufwarten zu duͤrfen; und wer nicht irgend ein Wunder von Ste. Roche zu erzählen wußte, war den Tag nicht de bon ton!“ „Dem Himmel ſei Dank, Madame!“ rief Lu⸗ cile.„Der Marquis d'Anville wird auf's neue Hoff⸗ nung faſſen fuͤr meine noch mögliche Entwicklung, wenn er an Ihnen beobachten kann, daß die hochſte Liebens⸗ wuͤrdigkeit ſich mit etwas Neugier verträgt! Ich war gar zu ſehr in Mißkredit gekommen; denn ich hatte 313 denſelben Vorſatz, wie Euer Gnaden, und ihn zum Theile ſchon ausgefuͤhrt.“ „O,“ rief Mademoiſelle de la Beaume—„wie allerliebſt, daß ich in Ihnen eine Verbuͤndete finde! Der Marquis iſt wahrſcheinlich ſchon mit Allem, was Neugier heißt, durch Sie verſöhnt, und wir haben ſeine Unterſtutzung ſicher.— Sagen Sie mir nur das Eine, ob wir auch ein wenig graulich wohnen werden; denn es wäre doch entſetzlich, wenn wir nicht in der Nacht ein noch nie erlebtes Ereigniß hätten!“ „O, ma princesse,“ rief die Graäfin Buſſy— „darnach trage ich gar kein Verlangen! Doch, wie kann ich ſie annehmen, wo meine theure Marquiſe herrſcht!“ „Theure Gräfin,“ lachte Lucile—„bis jetzt be⸗ herrſchen die Phantaſien dieſes Schloſſes mich mehr, als ich ſie! Wir haben uns geſtern noch geſtanden, daß uͤber uns Alle ein beſonderes Weſen gekommen iſt, dem Jeder von uns einen kleinen, ungewohnlichen Tribut zahlen mußte; und wir ſahen Ihrer Ankunft mit dem Vertrauen entgegen, in Ihrer Nähe alle unſere Träu⸗ mereien zu vergeſſen. Die Zimmer übrigens, die Sie, ma princesse, bewohnen werden, ſind leider mit kei⸗ nem beſonderen Attentate bezeichnet. Katharina von Medicis ließ ſie fuͤr die polniſchen Magnaten, die hier vor der Wahl des Herzogs von Anjou ihren heimlichen Beſuch machten, einrichten; und außer Liebestraͤnken und goldenen Netzen, wird ſich hier nicht Viel nachwei⸗ ſen laſſen.“ Ich hoffe doch!“ ſagte die heitere alte Dame— n der glorreichen Frau Koͤnigin nicht Alles nach Wunſche gegangen ſein! Irgend einer von den anweſenden Herren hat ſich gegen ihren Willen geſträubt; da iſt er den verungluckt— von dem Altan gefallen— zwiſchen den Tapeten verſchwunden— der Nachttrunk hat ihm einen Schlagfluß zugezogen— geſchweige denn die nothwendigen Liebesopfer, die Katharina gerade ſo, wie Gift und Dolch anzuwenden verſtand— genug— ich hoffe, wir erleben etwas!“ „Ich bleibe die ganze Nacht auf,“ ſagte die Gra⸗ fin Buſſy—„wenn Sie mich ſo ängſtigen, ma chère tante!“ „Still, ſtill, mein Engel!“ lachte die alte Dame, indem ſie ſich erhob—„die ſchoͤnen, polniſchen Mag⸗ naten werden ſelbſt mit dem Kopf unter dem Arme, Dir den Reſpekt nicht verſagen, den Deine Schoͤnheit be⸗ fiehlt.“ Alle erhoben ſich nun, um im Hofdamen⸗Zimmer die intereſſanten Portraits aus jener Zeit zu betrach⸗ ten Als Margot d'Aubaine am Abende dieſes Tages ihre Kammerfrauen entlaſſen hatte, oͤffnete ſi ſie, wie es. ihre Gewohnheit war, das niedere Fenſter, das nach dem Burggarten fuͤhrte, und ſetzte ſich auf den Fen⸗ ſterrand.„ So viele Gedanken und Gefüuͤhle wogten in ihr! Die großen, feurigen Augen gläͤnzten feucht und blick⸗ ten ſo ernſt, daß man hier kaum das gaukelnde Kind des Tages wieder erkannt hätte. Da flog plötzlich eine Roſe ſo gut gezielt und ſo geſchickt hinein, daß ſie Margot wider Willen in der Hand behielt.„Leonce!“ rief ſie unwillkuͤrlich; denn— waren ihre Gedanken mit ihm beſchäftigt geweſen— war ihr dieſe Art, ſich anzukuͤndigen, bekannt— genug, ſie zweifelte nicht, wer es ſei. „Nun Sie mich erkannt, duͤrfen Sie weder nach Hilfe rufen, noch vor Schreck in Ohnmacht fallen,“ ſagte er leiſe—„ſondern Sie muͤſſen mir Erlaub⸗ niß geben, hinter der Hollunderwand hervorzukommen und mit Ihnen von Herzen zu reden.“ „Das werde ich nicht thun,“ rief Margot, ohne ſich vom Fenſter zu ruͤhren—„ich werde Ihr un⸗ ſchickliches Verfahren nicht aufmuntern.“ „Gut,“ ſagte Leonce—„ſo will ich Ihnen die Verantwortung erſparen!“ und in demſelben Augen⸗ 316 blicke ſaß er vor ihr in der andern Ecke des Fenſters, das er von Außen mit einem Satze erreicht hatte. „Jetzt, ſagte er, lachend die Arme in einander ſchrän⸗ kend—„kann unſere Gouvernante die Diſtancen meſ⸗ ſen und wird Alles in beſter Ordnung erklären muͤſſen.“ Margot ſenkte den Kopf, um ihr Lächeln zu ver⸗ bergen. Sie hatte weder zum Billigen, noch Mißbil⸗ ligen das Herz. „Und nun,“ fuhr er fort—„theure, liebe Mar⸗ got, die Masken vom Geſichte! Nein, wenden Sie ſich nicht von mir weg! Denken Sie, daß ich dieſen tollen Streich, aus meinem Fenſter zu ſteigen, um das Ihrige zu erreichen, gewagt haͤtte, wenn mir der Gedanke Ruhe gelaſſen haͤtte, daß ein Mißverſtand⸗ niß zwiſchen uns treten koͤnnte? Sagen Sie mir, theure Liebe, erkennen Sie mein Herz? Sind wir uns Beide verſtaͤndlich geblieben— und vertrauen Sie meiner treuen Liebe?“ Margot ſchwieg einen Augenblick— dann fuhr ſie raſch empor. Beide kleine Haͤnde ſtreckte ſie nach ihm aus und rief ſo innig und zärtlich, wie ſie ver⸗ mochte:„Nein, nein, guter, lieber, edler Leonce, ich verkenne Sie nicht! Mein Herz begreift Ihre Ab⸗ ſichten und— laſſen Sie es mich geſtehen— mit den ſicherſten Hoffnungen fuͤr meine gluͤckliche Zukunft!“ „ 6 ——,— In demſelben Augenblicke ſprang Leonce auf, und ehe ſich Margot beſinnen konnte, umſchlang er ſie und gab ihr einen berſchen Kuß. „Ungeheuer!“ ſchrie Margot, außer ſich vor Schreck; aber ſchon ſaß er ihr in der groͤßten Ruhe gegenuͤber. „Sie haben Nichts mehr von mir zu fuͤrchten,“ ſagte er—„aber Ihr allerliebſtes Geſtandniß machte mich zu gluͤcklich!“ „Nun, hoͤren Sie weiter!—— Hoͤren Sie nur,“ rief Margot, zitternd vor Schreck—„man hat uns belauſcht— wir ſind verrathen!“ Auch Leonce hatte auf dem Altan uͤber ihrem Fenſter die Thuͤren oͤffnen hoͤren und erinnerte ſich, daß hier die Zimmer von Mademoiſelle de la Beaume waren.„Still!“ ſagte er leiſe—„ſein Sie ganz ſtil— wir werden durch die Geiſterfurcht der alten Dame gerettet werden!“ „Ach, Euer Gnaden,“ rief eine zitternde Stimme —„wagen Sie ſich nicht ſo dreiſt— Sie haben es ſelbſt gehoͤrt— es iſt nur zu gewiß, nicht hier draußen war das Gerauſch— hier innen, hinter dem großen Bilde— ach, mein Gott, laſſen Sie mich die anderen Perrſchaften wecken, daß ſie uns zu Hilfe kommen!“ „Schweig', Thörin,“ erwiederte Madimoiſelle de la Beaume;—„hier von Außen kam das Gerauſch! —————— 318 Ich habe nicht durch tolle Furcht mein Gehoͤr ver⸗ en „Ach, ſo ſei Gott Euer—— Nicht einmal den Roſenkranz haben Sie um Arme— nun ſo ſoll der meinige Euer Gnaden ſchuͤtzen!“— Jetzt hoͤrte man eine Stimme, wahrſcheinlich den Roſen⸗ kranz murmeln. Mademoiſelle de la Beaume ſtand indeſſen auf dem Altan— eine ſtille, horchende Be⸗ obachterin;— und die jungen Leute kauerten unten ſo eingeſchuͤchtert, daß ſie ihren Athem zu fuͤrchten ſchienen. „Es iſt gewiß, daß von Außen und zwar unter dieſem Balkon das Geraͤuſch ſich hoͤren ließ,“ hob jetzt Mademoiſelle de la Beaume mit einer ſehr lau⸗ ten und ernſten Stimme an.„Aber ich ſehe ein, daß ich nicht berufen bin, dieſem Geheimniſſe nachzuſpuͤ⸗ ren; nur das Eine mag man ſich nicht einbilden, daß man mich durch Geſpenſterfurcht von der Wahrheit ablenken kann;— kein uͤberirdiſches, ſondern ein ſehr irdiſches Geraͤuſch von Menſchen drang an mein Ohr. Komm',“ fuhr ſie, wahrſcheinlich gegen ihre betende Kammerfrau, fort—„ich bin dieſer Scene uͤber⸗ druſſig!“ Die Thuͤren fielen zu. Beide junge Leute ath⸗ meten auf; Margot brach jedoch in Thraͤnen aus und 319 rang die Hände.„Ich bin verloren,“ rief ſie—„es iſt klar, daß ſie dort oben Alles geſehen und gehoͤrt hat— ihre S rede war an mich gerichtet!— O, wie ungluͤcklich bin ich durch Ihren unbeſonnenen Streich!“ „Faſſen Sie ſich, Margot!“ rief Leonce, beſorgt und bekuͤmmert uͤber den Schmerz des guten Kindes.— „Ich ſchwöre Ihnen bei meiner Ehre, daß Ihr Ruf darunter nicht leiden ſoll! Ich weiß, daß Mademoiſelle de la Beaume ein edles, guͤtiges Weſen iſt; ich eile morgen, ehe wir uns verſammeln, zu ihr, und entdecke ihr unſer wahres Verhältniß.“ „Nein, nein,“ rief Margot weinend—„um Gotteswillen nicht! Ehe mein Vater Alles weiß— bn und ir vergiebt, darf Niemand darum n 8 „Nun, ſo muſſen wir das ungerechte Mißtrauen eine kurze Zeit tragen!— Jetzt zum Hauptzwecke mei⸗ ner kuͤhnen That! Ihr Bruder iſt von ſeiner Wunde faſt geneſen; an ihn, wie an Ihren Vater habe ich geſchrieben, und von Erſterem geſtern eine völlig ge⸗ nuͤgende Antwort erhalten; er ſelbſt iſt auf dem Wege nach Montreal, um Ihrem Vater die Urſache des Duelles ſelbſt zu erzählen und der Wahrheit nach die Schuld des ganzen Vorfalles auf ſich zu nehmen;— dann, hoffe ich, werden meine Gründe Eingang ſinden und dann“—— 63 „Gehen Sie, Leonce,“ rief ot ängſtlich, die Hände vorſteckend; denn ſie ſchien ſchnellen Ma⸗ nieren zu furchten—„ich höre Ihnen ſchon viel zu lange zu.“ „Aber,“ ſagte er neckend— Sie haben nun doch gerade ſo lange zugehoͤrt, um Alles zu erfahren, was Sie ſelbſt gern wiſſen wollten. Adio, Muͤhm⸗ chen, jetzt hoffe ich, trocknen Sie Ihre Thränen und träumen von Ihrem Vetter— oder“— „Fort, fort! Kein Wort mehr!“ rief Margot, ſprang in ihr Zimmer hinein und ſchloß, da Leonce im Nu verſchwunden v die enſter⸗ fluͤgel.— 53 Wer zur Sommerz auf dem in einem Kreiſe liebenswuͤrdiger Menſchen, beg nſtigt von äu⸗ ßeren Annehmlichkeiten, eine kurze Zeit zubrachte, wird wiſſen, daß Jahre in der Stadt, mit denſelben Men⸗ ſchen verlebt, nicht ſo zu nähern vermoͤgen, als einige ſolcher laͤndlichen Wochen. Es war, als ob von Allen ſich die hn ablöſten, die ſich nach und nach in den geſelligen Zu⸗ ſtänden der Stadt ankuͤnſteln. Der Schlepprock und det Fächer wich dem bequemen Kleide, welches der * — Promenade, dem Fähren und Reiten und auch dem vorkommenden leichten Sprunge, oder dem geſchickten Rennen guͤnſtigz war, und der Sonnenhut erſetzte den Fäͤcher, um die Hand frei zu laſſen fuͤr die klei⸗ nen Spiele des Federballes oder der ſeidenen Reifen⸗ ſchnur.— Die Herren hatten keine Uniformen, keine Diden mehrz der leichte ſeidene Rock zeigte nur bei Tafel Stickerei und den ſtählernen Galanteriedegen. Und wie dieſe äußeren Palliſaden nach und nach verſchwanden, ſo trat auch Geiſt und Gefuhl ohne Reifrock in natuͤrlicherer Grazie hervor— und die glͤckliche Miſchung der Geſellſchaft gab ein ungemein angenehmes Zuſammenſein. Dennoch fuͤhlten Margott und Leonce mitunter den ſcharfen Blick von Mademoiſelle de la Beaume; ja, ſelbſt die hoͤfliche und beſtimmte Weiſe, mit der ſie das unter der Dienerſchaft verbreitete Geruͤcht einer nächtlichen Störung von ſich abwies, enthielt fur Beide die demuͤ⸗ chigende Gewißheit, daß das Fräulein ihrer Sache ſicher zu ſein glaubte und ſie zu ſchonen dachte. Dies truͤbte zuweilen die Stimmung der kleinen Margot, die— ein Gegenſtand von drei gleich eifri⸗ gen Bewunderern— ſonſt ein ganz heiteres Leben fuͤhrte Auch waren die beiden jungen Fremden ganz dazu geeignet, Leonce in Athem zu halten, wenn er Ste Roche U 21 haͤßlichen, von den Pocken verdorh n, doch in hohem Grade liebenswuͤrdig durch Witz, Heiterkeit und tauſend kleine, geſellige Geſchicklichkeiten und, wie es ſchien, von Margot's ſchoͤnen Augen bezaubert. Ge⸗ fährlicher aber noch erſchien der junge Graf Guiche. Er war ſeiner Schweſter ſehr ähnlich, und Beide hätten, ohne Ausſtellung der Kritik, fur das ſchone Ge⸗ ſchwiſterpaar der alten Götterwelt gelten koͤnnen. Aber der junge Guiche beſaß auch die belebende Schoͤnheit des Geiſtes und eine wuͤrdevolle Ruhe des Charak⸗ ters, die mit ſeiner plaſtiſchen Schoͤnheit aus einem Guſſe ſchien. Er war nicht, wie Vardes, der haſchende, ſtatternde Schmetterling, der die Blume ewig neckend umſpielt— er erinnerte an den Sonnenſtrahl, von dem Leonce geſcherzt, der ruhig und in gleicher Wärme auf der Knospe ruht, ſehnfüchtig ihre geſchloſſenen Blätter betrachtend. Es war, als ob Margot vor dieſem Blicke, deſſen urſprung ſie maͤdchenhaft zu errathen ſchien, ſich zu⸗ weilen zu fluchten ſuchte, als könne ſie ihn nicht mehr ertragen; und als ob ſie dann nur bei Leonce Zuflucht fände, ſo eilte ſie zu ihm, der ſie immer ſchon zu erwarten ſchien. Beſonders aber hatte eine unbedeu⸗ — —* tende Veranlaſſung die Gefuhle des jungen Guiche ſo ſehr verrathen, daß Margot ſeitdem vor ihm floh, um jede weitere Verc u ſung zu vermeiden. Eine Flucht wilder Tauben hatte naͤmlich die Seiter auf einem Waldwege beinah uͤberfallen, und Margott, die den Zug anfuͤhrte, war in den erſten Schwarm gekom⸗ men und faſt von ihnen bedeckt. Ganz außer ſich, Alles vor ſich niederrennend und ſtoßend, war Guiche in dieſem Augenblicke, wo er ſie bedroht hielt, an ihre Seite geſtuͤrmt. Er hatte ihren Vornamen mit Ar⸗ centen einer Leidenſchaft genannt, die von Niemandem wieder vergeſſen wurden; fand aber zu ſeiner großen Verwirrung ein ganz ruhiges Pferd und eine, nur durch ſeine Heftigkeit, beſturzte Reiterin, die ihn kalt zuruͤckwies und jede Gefahr ablaͤugnete. So ſtanden die Verhaltniſſe, als eines Morgens ein Bote aus Ardoiſe einen Brief an die Marquiſe dAnville brachte, in welchem ſich eine Einlage mit der Adreſſe:„an Miß Elmerice Eton,“ befand. Die Tante ſchrieb der Marquiſe auf das zartlichſte und liebevollſte und bat ſie, dieſen Brief an ihre junge Freundin Miß Eton abzugeben, von der ſie ſo eben hore, daß ſie ſich in Ste. Roche bei Miſtreß Gray be⸗ finde.„Ich ſage Dir nicht, was ich wuͤnſche,“ fuhr dieſer liebenswuͤrdige Brief fort;„denn ich weiß, was 21* „meine Lucile nach Empfang dieſer Nachricht thun wird; ich wuͤnſche Dir blos Gluͤck zu der Dir und mir gleich unerwarteten Gelegenheit, meine liebens⸗ „wuͤrdige, junge Freundin kennen zu lernen, und wuͤn⸗ „ſche und hoffe, daß Du ihr die ſchwermüthige Ein⸗ ſamkeit, mit der ſie eine Pietät gegen die alte, ihr „wunderbar ergebene Frau zu erfuͤllen denkt, in Et⸗ was durch Dein Hinzutreten erleichterſt.“ Unbeſchreiblich war der Jubel, mit dem Lucile, den Brief in der Hand, zu ihrem Gemahle lief.„Jetzt, jetzt, mein Lieber, habe ich den Schluͤſſel zu Emmy's Heiligthume! Jetzt iſt mein Geiſt erklärt— jetzt kenn ich den ſchlafenden Engel in Emmy's Gemache— merice Eton iſt es, an die ich einen Brief von Tante Franziska in Haͤnden halte!“ Nach einigen Erklärungen theilte der Marquis die Freude uͤber die gute Nachricht und begann mit Lucile Pläne zu entwerfen, wie man ſich Eimerice nahern ſollte. Lucile ſtimmte endlich ein, ſich mit Margot nach dem Fruhſtuͤcke zu Veronika zu begeben und von ihr den Weg zu erforſchen, dieſen Brief in die Haͤnde der jungen Dame zu bringen; bis dies geſchehen und die Antwort erfolgt ſei, wollten ſie den Uebrigen ihre Entdeckung verſchweigen. — N— 325 Es gab nichts Lieblicheres, als die junge Mar⸗ quiſe bei Veronika einkehren zu ſehen. Dem Alter ge⸗ genuͤber, entäußerte ſie ſich all' ihrer Vorrechte und war wie ein liebenswürdiges Kind, das, aus der Schule kommend, die Großmutter umſchwaͤrmt. Dagegen er⸗ ſchwerte Veronika ihr dieſe Hingebung auch nicht durch eine froſtige oder ironiſche Zuruͤckhaltung, die ſo oft, blos aus Hochmuth und Ungeſchick zuſammengeſetzt, geringere Frauen zu den vielen Mißgriffen verleitet, die es den höheren Ständen mit Recht verleiden, ih⸗ ren Umgang zu ſuchen; da ſie durch ſolche Manieren, mit anſcheinender Uebergehung ihrer menſchlichen Ver⸗ dienſte, immer an die Aeußerlichkeiten ihrer Vorrechte erinnert werden, und um ſo mehr, da einem ſolchen Benehmen die leicht durchblickende, hochmuͤthige Verſi⸗ cherung zum Grunde liegt, daß man ſeine Rechte durch freundliches Entgegenkommen beeinträchtigt furchte und ſich glaube entbehren zu koͤnnen, wenn nicht von der anderen Seite Alles zuerſt geſchehe. Veronika hatte, den höheren Staͤnden gegenuͤber, die Naivität eines edeln Naturells, und ihr war in die⸗ ſem, wie in jedem anderen Stande, Jeder lieb, der et⸗ was Rechtes war; und ſie ſah keinen Grund, ihr Wohl⸗ wollen zuruͤckzuhalten, weil es zufallig einen Adligen traf So hatte ſie auch mit Lucile und Margot eine 326 Art muͤtterliches Liebhaben und innige Freude an Bei⸗ der ſchoͤnem Naturell. Sie hatte ſchon gelernt, ihnen eine Freude zu machen; und wenn man durch die Blu⸗ menbeete ging, ſah man kleine Muͤtzen von weißem Papiere ſich auf den ſchlanken Stengeln ſchaukeln, und Roſe und Nelke, oder ſonſt eine zarte Blume, muß⸗ ten ihre Reize ſchonen, bis die lieben Damen vom Schloſſe kamen. Dann fuͤhrte Veronika ſie vor die Beete und nahm den Blumen hoͤflich ihre Muͤtzchen ab; und wenn ſie ihr ſchoͤnes Koͤpfchen, von der Son⸗ nenglut unverſehrt, hervorſtreckten, klopften die jungen Frauen vor Freude in die Haͤnde, und Veronika ſchnitt ſie dann vom Stock und machte ihnen zur Tafel Straͤuße davon. Peute ſaß Jede ſchon mit ihrem Strauß in der Hand in der kuͤhlen Halle vor Veronika und beei⸗ ferte ſich, von den lieben Gäſten zu erzählen, und Veronika begleitete ihre Erzaͤhlung mit Ausrufungen, Fragen und wohlgefälligem Nicken ihres kleinen, wei⸗ ßen Kopfes. Jetzt erzählte ihr die Marquiſe von ihrem Beſuche bei Emmy Gray.„Auch Ihnen, liebe Mademoiſelle Veronika, habe ich meine Suͤnde verborgen; denn wie mußte ich Ihnen vollends vorkommen, die Sie von al⸗ len ſolchen Thorheiten frei ſind.“ —— v — — 322 „Ach,“ lächelte Veronika—„das hat Alles ſeine Zeit, liebe Marquiſe! Ich bin alt geworden mit den Dingen dort, und Geheimniſſe ſind es ſo eigentlich fuͤr mich nicht;— aber irgend wie und wo regt ſich in uns Allen einmal die Neugier! Zum Beiſpiel ietzt, da gaͤbe ich viel darum, ich koͤnnte einen Blick in die alten Gemächer thun. Denn, ſehen Sie, die junge Schoͤnheit, die Sie dort geſehen haben, an der hängt mein Herz, und ihre Lage will mir gar nicht gefallen.“— „Iſt es moglich! Sie kennen Miß Eton— fuͤr die wir heut Morgen von Tante Franziska einen Brief empfingen und die Aufforderung, ſie aus ihrer Ein⸗ ſamkeit zu ziehen?“— „Ja, meine lieben Damen, ich kenne ſie;— und wer ſie kennt, wird ſie nie vergeſſen!“ Dann erzählte ſie ihnen, was wir bereits wiſſen, und verſchwieg ihnen auch nicht die wunderbare Aehnlichkeit mit Fennimor, welche eben die leidenſchaftliche Zuneigung der alten Miſtreß Gray erregt habe. „Aber,“ ſagte die Marquife—„wie machen wir es nur, um Miß Eton den Brief zuzuſtel⸗ len? Muͤſſen wir warten, bis der alte Arzt zu⸗ ruͤckgekehrt iſt, oder koͤnnen wir ihn der kleinen Aſta anvertrauen?“ „Beides ginge wohl,“ erwiederte Veronika;— „aber Anderes habe ich ſeit lange beſchloſſen, und dieſe Veranlaſſung ſoll es zur Ausfuͤhrung bringen. Wollen Sie mir den Brief an Miß Eton anvertrauen, ſo will ich verſuchen, ihn ſelbſt zu uͤbergeben.“ „Wirklich?“ riefen Beide uͤberraſcht;—„und glauben Sie Eintritt zu erlangen?“— „Ich werde durch Aſta Miß Eton ſchriftlich darum bitten, ſie beſuchen zu duͤrfen;— und faſt glaube ich, die Alte wird mich nicht zuruckweiſen, wenn Miß Eton es fur paſſend hält, meinen Beſuch zu wuͤnſchen.“— „Das gebe denn Gott!“ rief Margot—„ und, liebſte Veronika— ſehen Sie ſich Alles recht genau an; behalten Sie ſich Alles, was Sie ſehen, und erzäh⸗ len Sie es uns dann recht genau wieder. Sie glauben nicht, welch' Verlangen ich nach dieſen Geſchichten habe; ſie ſtören oft meine Nachtruhe!“ „Ach,“ lachte die alte Veronika ſchelmiſch— „die Nachtruhe wird wohl durch das Getreibe dort nicht in Aufruhr kommen! Ich habe ſo Allerlei gehort, mein kleines, ſchoͤnes Fräulein, was mir dazu einen anderen Schluͤſſel giebt. Nun, werden Sie nur nicht ſo gluͤhend roth, mein Liebchen— es hilft Ihnen doch nichts und es iſt zum Freien und Gefreitwerden —— 329 eine ſchoͤne Zeit. Sehen Sie nur, wie prächtig meine Orangen bluͤhen! Weiß Gott, ich ſchneide Ihnen die ſchönſten Zweige heraus, wenn Sie mit dem lieben jungen Marquis herunter kommen und ſagen:„wo haſt Du nun Deinen Kranz?“ Lucile lachte ausgelaſſen; doch Margot winkte der Alten ungeduldig, zu ſchweigen, und rief dann Gott und Menſchen zu Zeugen ihrer Unſchuld.— Da war jedoch Niemand, der ihr glaubte, und ſie ſchalt nun liebkoſend die alte Veronika, die mit Lucile fortfuhr, ſie auszulachen.* ————— Elmerice fuͤhrte indeſſen ihr Schwetmuth naͤh⸗ rendes Leben mit der ergebenen Schwärmerei fort, die faſt von ihrer Gefährtin verlangt und auch durch die wunderliche Situation unterſtuͤtzt ward.— Seit dem Tage, wo wir ſie mit Emmy auf dem Wege zu dem Eudorienthurme verließen, hatte ſich ihre ſchwer⸗ muͤthige Anſicht des Lebens und ihre Abneigung, in die Welt zuruͤckzukehren, noch erhoöht. Nachdem ſie Fennimor's Bild geſehen, uͤberraſchte ihr eignes Spie⸗ gelbild ſie mit der Aehnlichkeit, und ſie weigerte ſich von da an nicht mehr, ſich fuͤr die Enkelin der ge⸗ kränkten Gräfin Crecy zu halten; aber zugleich hoͤrte ſie, daß die unrechtmäßigen Erben gekommen ſeien, das Eigenthum ihres Vaters in Beſitz zu nehmen.— Und als ſie die verhaͤngnißvollen Namen erfuhr, flehte ſie Emmy auf's neue an, ſie nicht in dieſe Anſpruͤche hinein zu ziehen, ſondern ſie zu ſchuͤtzen und zu ver⸗ bergen, damit auch jede Beruͤhrung mit jenen Be⸗ wohnern unmoͤglich werde. Doch hatte ſich ihr Spielraum im Schloſſe er⸗ 4 — 4— weitert. Der Eudorienthurm ward ihr Lieblingsauf⸗ enthalt. Zur Nacht, wenn gegenuͤber in dem anderen Fluͤgel des Schloſſes die Lichter angezuͤndet wurden, ſchlich ſie an Emmy's Seite auf den kleinen Altan, der von hier in den Hof ſah, und blickte in die er⸗ leuchteten Raͤume, in denen ſie nachgerade die Ver⸗ wandten der Gräfin d'Aubaine aus ihrem Betragen zu einander, kennen und unterſcheiden lernte. Ach, welche Schmerzen ſog ſie ein;— wie verfolgte ſie be⸗ ſonders das junge, ſchoͤne und gluͤckliche Maͤdchen, das Margot d'Aubaine ſein mußte;— und wis hielt ſie die, ihr durch den Brief der Gräfin Franziska verra⸗ thenen Wuͤnſche der Familie bereits erfuͤllt, wenn ſie die zärtliche Aufmerkſamkeit ſah, die ihr von ihrem jungen Vetter Leonce zu Theil ward! Sie dachte an Leithmorin an den Kreis ihrer jungen Freunde, und wie ſie damals, wie Margot jetzt, der Gegenſtand der Liebe Aller war. Dann kam ſie ſich alt und von der ganzen Welt verlaſſen vor und gelobte ſich, fuͤr das theure Weſen zu leben, das ſie mit ſo uneigen⸗ nuͤtziger Liebe umfing. Wenn dann die Lichter erlo⸗ ſchen, und die geſelligen Räume wieder in Dunkel gehuͤllt waren, blieben Elmerice's Augen noch lange darauf ruhen und ſchienen immer noch zu ſehen, was ſich dort eben bewegt hatte! 332 8 Mit unermuͤdlicher Geduld ſaß ihr Emmy Gray die langen, ſchweigſamen Stunden gegenuͤber. Fuͤr ſie war das Anblicken ihres Lieblings die ſuͤßeſte Unter⸗ haltung;— und Jahrelang von jeder Mittheilung ent⸗ woͤhnt, hatte ſie das Wort nicht mehr nöthig. Aber Elmerice ließ ihren Empfindungen nie ſo eigennützig Raum, daß ſie die Zuſtaͤnde Anderer daruͤber aus den Augen verloren haͤtte; liebreich zur Alten gewendet, wußte ſie mit ihnen wieder abzuſchließen, um ihren Ideenkreis zu erfuͤllen. Dagegen unterrichtete Emmy ſie nachgelube von allen Geheimniſſen des Schloßbaues; und ſo hatte Elmerice durch die ganz verfallenen Hof⸗ damen⸗Zimmer die geheimen Eingaͤnge kennen gelernt, die nach dem Eudoxienthurme und nach den Geheim⸗ zimmern der Katharina von Medicis fuͤhrten. Mit der romantiſchen Liebhaberei der Jugend ſuchte ſie dieſe Räume auf und wußte mit Emmy's Huͤlfe wenig⸗ ſtens, den Jahrhunderte alten Staub und Moder in Etwas zu vertreiben, wenn ſie auch ihr Zerſtorungs⸗ werk, in Geſellſchaft der Holzwürmer, nicht mehr auf⸗ halten konnte. Dennoch waren dieſe Zimmer eine Ausbeute fur den nachdenkenden Geiſt einer jungen, gebildeten Per⸗ ſon. Die unſterblichen Säͤnger ihres Vaterlandes be⸗ gleiteten die ſtolze, italieniſche Fuͤrſtin uͤberall; ihre Werke ſtanden in prachtvollen Einbänden, die, wie Faͤſichen von koſtbarer Arbeit, die Pergamentblätter ₰ dewahrten, in Buͤchergeſtellen, die, von unverwuͤſt⸗ lichem Zederholze kunſtreich geſchnitzt, ihre Schätze feſtzuhalten gewußt hatten. Hier fand Elmerice die zu jener Zeit modernen, damals ſchon vergeſſenen, fran⸗ zöſiſchen Dichter, die alten Minneſänger, die Pro⸗ vengalen mit ihren reichen, poetiſchen Schätzen; daneben ſeltene und wichtige Geſchichtsbucher, Schriften ſtaats⸗ rechtlichen Inhalts, eine kleine Anzahl geiſtlicher Buͤcher die Lehren der Jeſuiten an Koͤnige und Staatsmanner, väyſtliche Breven— Auszuͤge aus Schriften uͤber ihre hierarchiſche Wirkſamkeit;— und endlich eine im Verhaͤltniſſe ſehr kleine Anzahl Gebetbüͤcher, alle im Geiſte der damaligen Zeit, mit herrlichen Miniaturen verziert. Tagelang fand Elmerice hier Beſchäftigung, und ihre Kenntniß der italieniſchen Sprache ward unwill⸗ kuͤrlich wieder erweckt. Dazu kam, daß ſie ſich hier— wenn ſie, von der geheimen Unruhe ihres Herzens ge⸗ trieben, Fennimor's Zimmer verlaſſen wollte— ge⸗ ſicherter fand; denn den Eudorienthurm wagte ſie nicht wieder zu betreten, da ein Beſuch, der ſie bis zum Banketſaale gefuͤhrt hatte, faſt mit ihrer Entdeckung geendigt hätte; indem ſie es war, deren davoneilende ließ.— Emmy war faſt immer ihre Begleiterin; ſie gewoͤhnte ſich, ihre Spindel mitzunehmen und ſaß Stundenlang neben ihrem leſenden Liebling und genoß vielleicht noch alles Gluͤck, von dem ſie je ge⸗ träumt hatte. Dadurch ward auch im Ganzen ihre Seele milder, ſie verlor ihren ſtarren Willen; ja, ſie ſchien oft zu wuͤnſchen, ihre ſtille, engelgleiche Ge⸗ fahrtin moͤchte ihr irgend einen Befehl geben, eine Anordnung treffen, der ſie ſich fuͤgen koͤnne. Aber ſie ahnte nicht, wie klein die Wuͤnſche eines Herzens ſich zuſammenfalten, das, in ſeiner ſtärkſten, jugend⸗ lichen Empfindung zuruckgedraͤngt, ſich uberdies gekränkt und verrathen glaubt. So umſonſt ſchien ihr jeder Beſitz— ſo gleich⸗ gultig vor Allem, was ihr davon zu Theil ward, daß, was ſie empfing, immer ausreichend war und ihre Wuͤnſche und Anſpruͤche uͤberbot! Als ſie Veronika's Briefchen erhielt, fragte ſie Emmy, ob ſie wolle, daß ſie die gute Alte empfinge; Emmy glaubte einen Wunſch zu errathen und willigte augenblicklich ein. Wie wenig Veronika auch die Empfindungen der Madame St. Albans theilte, konnte ſie doch kaum ihr Erſtaunen unterdruͤcken, als ſie die Veränderung . Geſtalt Leonce damals an ſeinen Sinnen zweifeln —,— wahrnahm, die hier vorgegangen; denn obwohl Ve⸗ ronika ſeit Fennimor's Todtenfeier nie mehr das Schloß betreten hatte, ſo kannte ſie doch durch ihren alten ärztlichen Freund die bisher hier herrſchende Einrich⸗ tung hinreichend. „Ja, ja, Veronika, die Zeit hat Euch nicht ver⸗ ſchont,“ ſagte Emmy, von ihrer Spindel aufblickends —„ich kann es bezeugen, Ihr bluͤhtet wie Eine! Mein Engel ſagte oft, Ihr wäret ein wahres Roͤschen; — und ſie hatte doch an ſich den Maaßſtab, was dazu gehoͤrte, denke ich!“ „Nun, Emmy, was thut es?“ rief Veronika heiter—„mir iſt mein Alter bequemer, wie meine Jugend! Ich hatte ein Haſenherz in der Bruſt und fuͤrchtete mich vor jedem dreiſten Blicke, daß ich in die Wälder hätte rennen moͤgen! Jetzt, Emmy, läßt mir mein weißes Haar ſchon Ruhe.„Da koͤmmt die alte Veronika,“ hoͤre ich ſagen; man gruͤßt und dankt und nimmt von mir, ohne mich dabei zu beäugeln. Da bin ich meinerſeits viel freundlicher und redſeliger, und mir iſt damit eine Buͤrde von den Schultern.“ „Soll wohl ſein!“ erwiederte Emmy;—„und lang iſt es auch, daß wir uns nicht ſahen! Ihr habt damals Viel fuͤr meinen Engel gethan— und zuletzt 336 * die kleinen weißen Glieder in den Sarg gelegt— ich danke Euch dafuͤr, Veronika!“ Selbſt mochte ſie fuhlen, wie verſpätet dieſer Dank nachkam; denn pruͤfend blickte ſie zu Veronika auf und ſuchte, weiter ſprechend, ihre Gedanken zu erra⸗ then„Ein ſpäter Dank, nicht?“ fuhr ſie faſt freund⸗ lich fort.„Nun, Jeder hat ſeine Art— und Emmy's Art wirb nicht Vieler Art ſein!“— „Doch jetzt lebt Ihr auf, Emmy, und unſer liebes Fraͤulein giebt Euch dazu Veranlaſſung. Nun, das iſt ſchön! Euch iſt eine Herzenserquickung wohl zu goͤnnen!“ Mit dieſen Worten verließ ſie Emmy, welche ihr wohlgefällig nachſah, und ſetzte ſich zu Elmerice, die ſie noch ein Mal herzlich begruͤßte. „Eine rechte Herzensſehnſucht hatte ich nach Ihnen, mein liebes Kind,“ ſagte Veronika;—„aber ich weiß wohl, wie es hier ſteht; man darf nicht viele Verſuche man— doch, hoffe ich, geht es Ihnen gut... „Ja, gut! Gewiß, ſehr gut!“ ſagte Elmerice be⸗ wegt;—„ſo viel Liebe, wie mir hier entgegentritt— wie ſollte ſie mich nicht begluͤcken!“ Emmy erhob ſich bei dieſen Worten und verließ das Zimmer; Veronika übergab Elmerice den Brief der —— Gräfin dAubaine und legte ihr den Wunſch der Schloß⸗ bewohner vor, ſie bei ſich in ihren Kreis aufzunehmen. Elmerice erroͤthete und erblaßte abwechſelnd ſo oft bei dieſen Worten, daß Veronika beſorgt nach ihrer Ge⸗ ſundheit fragte. „Sie iſt vollkommen gut,“ antwortete Elmerice, mit geſenkten Augen und kaum Athem findend.„Der Brief meiner theuren Graͤfin bewegt mich nur!“— „Ei, ei, mein Kind, Sie ſind doch ſehr reizbar, wie mir ſcheint! Es kann ja nur Liebes und Gutes darin ſtehen. Aber ich ſehe wohl, die weiſe Dame hat Recht! Sie iſt ſehr beſorgt um Ihr einſames Leben; und wuͤnſcht lebhaft, Sie in den Kreis ihrer Familie aufgenommen zu ſehen.“— „O, niemals, niemals!“ rief Elmerice heftiger, als ſie ſelbſt wollte.„Nein, theure Veronika,“ ſetzte ſie dann gefaßter hinzu—„hier werde ich bleiben— hier iſt mein Platz! Wenn ich dieſen verließe, mßte ich augenblicklich zur Gräfin d'Aubaine zuruͤck. Dieſe heiteren, geſelligen Kreiſe ſind nicht für mich;— ich fuhle die entſchiedenſte Abneigung dagegen! Nein, ich bitte Sie, Veronika, vermitteln— entſchuldigen Sie meinen unwiderruflichen Entſchluß, hier in der Einſamkeit bei Emmy Gray zu leben und jeden Um⸗ gang abzulehnen, der meine alte Freundin beunruhigen Ste Roche m. 22 eönnte und ihren kaum gemaͤßigten Gemuͤthszuſtand auf's neue aufregen.“ „Das iſt ſehr edel, mein Kind— ſehr auf⸗ opfernd,“ ſagte Veronika;—„doch thut es mir herz⸗ lich leid, daß Sie ſich ſelbſt dabei ſo ganz vergeſſen. Emmy Gray hat eine wunderliche Art und Weiſe— wird es auch die rechte ſein für ein junges, reizbares Weſen, wie Sies“ „Zweifeln Sie nicht,“ ſagte Elmerice—„es iſt kein Opfer— ich bleibe gern, aus eigner Neigung;— ich wuͤrde jetzt ſogar weniger gern zur Gräfin d'Aubaine zurkckkehren.“ „Und doch,“ ſagte Veronika—„wenn Sie die lieblichen Frauen Port nur kennten, wurden Sie es vielleicht nicht ſo beſtimmt ablehnen, mit ihnen umzu⸗ gehen. Ach, die Marquiſe, wie muͤßte ſie zu Ihnen paſſen! Ich habe eine rechte Liebe zu ihr;— und von der kleinen, holden Margot könnte ich mir ordentlich uih für Sie verſprechen; denn das liebe Kind iſt ein Bild des Glückes und der Heiterkeit.“ „Ach, dann paßt ſie nicht zu mir,“ rief Elme⸗ rice, in Thranen ausbrechend—„und ich muß ihre Nähe fliehen, um ihr Gemuͤth durch meine Schwer⸗ muth nicht zu verletzen.“ „Liebes Kind,“ rief Veronika—„wie ſind Sie ſo unglaublich hypochondriſch— wie beunruhigt mich Ihre Stimmung, und wie ganz anders wuͤrde ſie ſein, wenn Sie ein wenig Theilnahme hätten fuͤr meine jungen Freunde! Sie, die Alles ſo mitfuͤhlen— wie wurde Sie eine gluͤckliche Ehe, wie dort an Zweien zu ſehen iſt, erfreuen;— und dann das Andere, was im Werke mit der kleinen Margot! Man ſagt, ſie iſt die Braut des Marquis Leonce; und das ſieht ſich doch huͤbſch mit an, wenn ſo gut geartete, junge Leute ſich lieb haben und endlich ſuchen und finden!“ „Genug, theure Veronika!“ ſagte Elmerice ploͤtz⸗ lich kalt und ernſt.„Ich bitte Sie um die Erlaubniß, während Ihrer Anweſenheit einige entſchuldigende Worte an die Frau Margquiſe ſchreiben zu duͤrfen, die Sie ihr dann in meinem Namen geben wollen.“ „Alſo keine andere Entſcheidung?“ ſagte Vero⸗ nika, ſchmerzlich getäuſcht.„Das paßt doch kaum zu der Guͤte und Sanftmuth, die ich an Ihnen kenne! Was iſt das, mein liebes Kind? Sein Sie offen;— hat Emmy ſchon in Ihrer ſchönen Seele Unheil an⸗ gerichtet?“ „Vielleicht,“ ſagte Elmerice, mit einem unver⸗ kennbaren Anfluge von Stolz—„vielleicht wurden Sie mir ſelbſt rathen, ſo zu handeln, wenn es mir er⸗ laubt waͤre, Ihnen die Gruͤnde auszuſprechen, die mich 22* 340 dazu beſtimmen. Emmy Gray hat keinen Einfluß auf meine Abneigung, mich dieſer Familie anzuſchließen; und der Werth derſelben, von dem ich ſelbſt uͤberzeugt bin, vermag eben ſo wenig meinen Entſchluß zu aͤndern. — Meine Achtung fuͤr Sie und Ihre Theilnahme kann es allein entſchuldigen, daß ich ſo Viel ſage; nehmen Sie es jedoch wie ein Geheimniß zwiſchen uns!“ Veronika blickte wehmuͤthig in die wunderſchoͤnen Züge des tief bewegten Mädchens. Sie hatte ſie noch nie ſo geſehen; aber es lag eine ſolche Wahrheit der Empfindung, ein ſo feſter Entſchluß, ein ſo edles Selbſt⸗ gefuͤhl in ihrem Weſen, daß Veronika ſich uͤberzeugt fuhlte, ſie muſſe ſo handeln;— und großmuͤthig gab ſie ihre Abſicht auf, den Vorſatz des jungen, verlaſſenen Maͤdchens zu erſchuttern. „So gebe Gott, daß es das Rechte iſt!“ ſie liebevoll;—„ich will mir nicht anmaßen, ferner daruͤber urtheilen zu vnlen Gehen Sie, mein Kind— ſchreiben Sie Ihren S an Madame d'Anville, ich werde Sie hier erwarten.“ Als ſich Elmerice vor Fennimor's kleinem Schreib⸗ tiſche niederſetzte, forderten die zuruͤckgedrängten Empfin⸗ dungen des jungen Madchens ihren Tribut. In Thraä⸗ nen ausbrechend, fuͤhlte ſie noch ein Mal die namenloſe 341 Groͤße ihtes Entſchluſſes; und die heißeſten Schmer⸗ zen der Jugend— die eines gekränkten und ver⸗ rathenen Herzens— waren hier in der Einſamkeit nicht in demſelben Maaße, wie eben vor Veronika, von ihrem edeln weiblichen Stolze behuͤtet;— ſie ver⸗ langten noch ein Mal ihre ganze Herrſchaft uͤber dies junge Herz!— Wir wollen die Minuten nicht zaͤhlen, die ihr ſo vergingen, und denken, daß ſie ſich ſchnell genug zu retten wußte, da ſie, gegen ſich ſelbſt treu und wahr, immer von dem edeln Stolze beſeelt ward, deſſen Element die Selbſtachtung iſt. „Fennimor,“ ſagte ſie, ſich aufrichtend—„Dich konnte in Deiner hohen, menſchlichen Stellung Keiner erreichen, der mit dem Scheine der weltlichen Vorrechte Dich blenden und verſchuͤchtern wollte. Du bliebeſt, was Du warſt— ein erhabenes Vorbild Deiner ſtand⸗ haft behaupteten Rechte! Ich bin Deine Enkelin, und ſo wahr mir Gott helfe, ich will vor Deinem Andenken nicht erroͤthen muͤſſen!“ Sogleich ſchrieb ſie: „Euer Gnaden haben, veranlaßt durch die Auf⸗ „forderung der Gräfin d'Aubaine, mich mit der Er⸗ „laubniß beehrt, Ihnen aufwarten zu dürfen. In⸗ „dem ich dem Ausdrucke meiner groͤßten Verehrung „fur Euer Gnaden, die Verſicherung meiner Dankbar⸗ „keit hinzufuͤge, bin ich zu gleicher Zeit genoͤthigt, „dieſe Auszeichnung ablehnen zu muͤſſen, da meine „augenblicklichen Verhaͤltniſſe mir jede Veränderung meiner Lebensweiſe verbieten.“ „Voll Hochachtung mich empfehlend Elmerice Eton.“ Ein ſtolzes, mitleidiges Laͤcheln uͤberflog Elme⸗ rice's ſchoͤnes Geſicht, als ſie ihren Namen unter⸗ ſchrieb; und ſie ging mit dieſem Briefe in der Hand, feſten Schrittes zu Veronika zuruͤck, die ſie an Emmy's Seite und vertraulicher mit ihr redend fand, als die alte, harte Frau es wohl wenige Wochen fruher fuͤr möglich gehalten haͤtte. Auch war ihr eine gewiſſe Verlegenheit anzumerken, als Elmerice vor ihnen ſtand. Sie war ſelbſt uͤberraſcht, in die gewöhnliche Menſchenweiſe uͤber⸗ gegangen zu ſein;— ja, es ſchien ihr vor Elmerice, als habe kein Anderer ein Recht an ſie— als ſei ſie ihr damit zu nahe getreten. „Nun, nun,“ ſagte ſie—„meinem Engel gehoͤrt meine Zeit und Alles, was ſo eine alte Frau von Liebe noch in ihrem Herzen hat.— Ihr ſeid eine Schwätzerin geworden, Veronika;— und mit Zuhoͤren und Antwor⸗ ten koͤmmt denn ſo Etwas heraus!“ Gutmuthig lächelte dieſe, wohl verſtehend, was in Emmy vorging, und war daher auch zugleich bereit, ihren Beſuch zu beendigen, um nicht einen Eindruck hervorzurufen, der ihrem Wiederkommen hinderlich wuͤrde, was ſie Elmerice's wegen, die ihr bedenklich geſtimmt erſchien, herzlich wuͤnſchte. Auf's neue aber betruͤbte ſie die abſchlaͤgliche Ant⸗ wort ihrer jungen Freundin, als ſie die liebenswuͤr⸗ dige Ungeduld der Marquiſe d'Anville ſah, die ſich bei Leſung des kleinen Billets bald in gutmuͤthige Beſorgniß aufloͤſte. „Meine liebe Veronika,“ rief ſie—„was werden wir nun machen? Das thut nicht gut. Die Antwort iſt eben ſo hoͤflich, als kalt abweiſend— ſie verdeckt etwas! Meine Tante Franziska wird ſehr beunruhigt werden, und wir durfen, furchte ich, unſere Bemuͤhungen noch nicht aufgeben.“ „Laſſen Sie uns warten, bis der alte Arzt kömmt,“ ſagte Veronika ſinnend.—„Er iſt nicht umſonſt in ſo hohem Alter; vielleicht fallt ihm das Rechte ein. Auch hat er den Ungeſtuͤm, der oft recht wohlthuend Bahn bricht da, wo feinfuͤhlende Men⸗ ſchen lange vergeblich umher gehen.“ Die Damen ſaßen in dem Salon, in welchem man ſich zur Mittagstafel verſammelte. In dieſem Augenblicke trat Leonce ein, und erfteut, Veronika zu ſehen, eilte er, an ihrer Seite Platz zu nehmen. „Wenn Sie Anderes im Sinne haͤtten, als Mar⸗ got zu necken und mich damit zu kränken,“ rief Lucils —„wuͤrde ich Ihnen mein Vertrauen ſchenken;— aber ſo „Verſuchen Sie es,“ erwiederte Leonce freundlich —„ich bin nicht ſo ganz in einer Richtung verloren, daß ich nicht durch Sie in eine andere uͤbergefuͤhrt werden koͤnnte.“ „Nun,“ ſagte Lucile—„ſo will ich es ver⸗ ſuchen!“ Mit einigen Worten unterrichtete ſie ihn von dem Briefe der Graäfin dAubaine und von den Schrit⸗ ten, die ſie durch Veronika gethan hatte.„Doch ſehen Sie— das iſt das ganze Ergebniß unſerer Bemuͤhungen“ — fuhr ſie fort und reichte ihm das Billet, was ihr Veronika gebracht. Sie hatte nicht Urſache, ihrem jungen Verwandten uͤber Mangel an Theilnahme zu zuͤrnen. In ſprach⸗ loſem Erſtaunen, ſchien es, hoͤrte er ihr zu, und lange hielt ihm Lucile das Billet hin, ehe er es nahm.„Weiß Gott,“ rief die Marquiſe—„er hat von unſerer ganzen Mittheilung Nichts gehoͤrt und erwacht jetzt aus irgend einem Traume!“ 6 „Nein, nein!“ rief Leonce, ſchnell aufſtehend— — „Sie thun mir Unrecht— ganz Unrecht! Ich bin auf's tiefſte von Ihren Mittheilungen bewegt;— ein ſo junges, ſchoͤnes, von unſerer Tante geliebtes Weſen in unſerer Naͤhe zu wiſſen und ihr nicht all' die Aufmerkſamkeit beweiſen zu duͤrfen, die ſie ver⸗ dient— in zweifelhaften Verhältniſſen ſie zu denken — unter der Aufſicht einer vielleicht Geiſteskranken— es iſt unerträͤglich! ganz unertraͤglich! Lucile, Sie kön⸗ nen nicht wollen, daß ich dabei gleichguͤltig bleibe. Theure Veronika, helfen Sie uns;— ich könnte den Verſtand verlieren, wenn ich an die Lage des jungen Madchens denke!“ Außer ſich, druͤckte er dabei das Billet in ſeinen Haͤnden und ſturzte an das fernſte Fenſter, um es zu leſen. Lucile ſah ihm einen Augenblick ziemlich erſtaunt nach; als ſie ihren Blick abwendete, ſah ſie auf Ve⸗ ronika's Geſicht daſſelbe Erſtaunen ausgedruͤckt.„So ſind die Maͤnner, meine Liebe,“ ſagte ſie laͤchelnd— „immer uͤber das Maaß hinaus! Aber das macht die Verehrung fuͤr Tante Franziska!“ In demſelben Augenblick erſchien der Vikar und die uͤbrigen Gaͤſte, und man begab ſich zur Tafel. Doch war Leonce nicht, wie ſonſt, die Seele der Unterhal⸗ tung. In der großten Unruhe ſchien er die Dauer der Tafel zu ertragen und bald, nachdem ſie aufge⸗ hoben war, verließ er die Geſellſchaft.—— Ein Gewitter, welches mit erquickendem Regen den Nachmittag anhielt, verhinderte einen beabſichtig⸗ ten Beſuch in der ſchoͤnen Abtei Tabor; und nach einer Zerſtreuung ſuchend, machte die alte, unterneh⸗ mende Prinzeſſin de la Beaume Allen den Vorſchlag, die verſchobene Beſichtigung des Schloſſes zu unter⸗ nehmen. Als man, mit Sorgfalt vorſchreitend, den Ban⸗ ketſaal erreicht hatte und hier von dem ziemlich be⸗ kannten unglucklichen Ereigniſſe an Ort und Stelle ſich theilnehmend unterhalten hatte, zeigte der Marquis d'Anville den Damen an, daß er die mit eiſernen Schlöſſern und Querbalken verwahrte Thuͤr zu den ehemaligen Gemaͤchern der Katharina von Medicis habe wegnehmen laſſen, und daß es in ihrer Macht ſtehe, ſie zu betreten. Alle hielten einen Augenblick inne. Was in ihre Willkur geſtellt war, ward nun erſt ein Gegenſtand ih⸗ rer zweifelhaften Ueberlegung, und Lucile, die es veran⸗ laßt, durfte als Frau vom Hauſe nicht, wie ſie wuͤnſchte, entſcheiden; da beſonders das Hin Geſicht der Graͤfin Buſſy zu Marmor erblaßt war. Endlich erklaͤrten die Herren, ſich theilen zu wol⸗ 347 len. Einige wollten die Zimmer betrachten, die ihre Neugier reizten und ſo leicht erreichbar nun vor ihnen lagen. Andere wollten bei den Damen in dem duͤſteren Banketſaale bleiben. Lucile bat, ſich den Herren an⸗ ſchließen zu duͤrfen, die die weitere Forſchung wagten, und trat, von ihrem Gemahle, von dem Grafen Buſſy und dem Chevalier de Vardes begleitet, vor die verhang⸗ nißvolle Thuͤr. „Nun, Lucile?“ fragte der Marquis d'Anville;— denn ſo leiſe ſie Alle zur Thuͤre geſchlichen waren, ſtand doch Lucile mit dem Drücker der Thuͤr in der Hand und wagte nicht einzutreten.„Willſt Du Deine kleine Hand als Riegel da vorgeſchoben laſſen und uns den Muth benehmen, dieſen wegzuſchieben, wie wir mit jenen eiſernen thaten, die, von Roſt zerfreſſen, wenig Widerſtand leiſteten?“ „Gleich,“ ſagte Lucile mit leiſer Stimme und wendete ihr holdes Geſicht, zwar lächelnd, aber ſeiner friſchen Farbe beraubt, zu ihrem Gemahle—„mir war eben, als horte ich ſprechen!“— „Dann tritt zuruͤck, mein theures Kind, es greift Dich dennoch an. Die Phantaſie rächt ſich fur Deine kuͤhne Herausforderung!“— „Nein,“ ſagte Lucile—„ſie ſoll nicht ſtärker ſein, als ich!“— Die Thuͤr oͤffnete ſich, Alle traten in ihren weiten Bogen ein— und Allen widerfuhr daſſelbe: ein an Schrecken grenzendes Erſtaunen. Wir wurden ſchon ein Mal, an Fennimor's Seite, in dies Geheimzimmer der Koͤnigin Katharina gefuͤhrt, und werden uns an die eigenthuͤmliche, finſtere Pracht deſſelben erinnern können. Es war wohl geeignet, wenn das Andenken der grauenvollen Bewohnerin den Geiſt ergriff, eine Bewegung des Schreckens zu rechtfertigen, da, wo die Spuren ihrer Miſſethaten noch ſo vollſtändig erhalten waren! Aber wie ſehr mußte ſich fuͤr Alle der Eindruck ſteigern, als hinter dem großen Schreibtiſche der Königin, der auf weißem Marmor ruhend, voll⸗ ſtändig erhalten war, eine wunderſchoͤne, weibliche Ge⸗ ſtalt aufgerichtet ſtand, die, todtenbleich und mit ſtarren Augen auf die Eintretenden blickend, ganz einem ſchoͤ⸗ nen Geiſte glich, der in dieſe unzugänglichen Raume gebannt war. Dazu kam die fremdartige Kleidung, die niederhängenden, glanzenden, braunen Locken, ohne die Entſtellung der damaligen Friſur, das ſchoͤne Mieder von weißer Seide, mit den koſtbaren Juwelen⸗Span⸗ gen, das ſich anſchmiegende, in reiche Falten niederfal⸗ lende Kleid, das die Form des Koͤrpers nicht entſtellte, der Aermel, der aufgeſchnitten hinten uͤber hing und den ſchönen Arm, die ſchlanke, weiße Hand enthuͤllte, die auf der Lehne des Stuhles ruhete, waͤhrend die andere faſt krampfhaft in die ſchwarzen Marmor⸗Schnoͤrkel der Tiſcheinfaſſung griff. Dahinter ſaß, in ſchweren grauen Damaſt gekleidet, ein Weſen im hoͤchſten Alter, ſpukhaft von Ausdruck, das weiße Haar von einer fremdartigen, kleinen Haube kaum bedeckt. Die Spin⸗ del und der Faden in der duͤrren Hand ſchien verſtei⸗ nert; ſie ſelbſt, wie die jugendliche Geſtalt, ohne Athem und Leben! Wir werden begreifen, daß hier ein lautloſer Au⸗ genblick eintrat, in welchem Niemand etwas Anderes, als anblicken konnte. Doch mit der größeren Leichtig⸗ keit des Geiſtes, die den Frauen eigen iſt, ſich in den Zuſtänden zurecht findend, war auch Lucile die Erſte, die ſich dem ſchönen Wunder nahete. Mit dieſer An⸗ naherung ſchien das Leben in dem reizenden Geiſte wiederzukehren! Die Bruſt hob ſich, ängſtlich flog der Athem uͤber die Lippen, und die erſte Bewegung war, daß der ſchoͤne Kopf mit ſeiner Lockenfuͤlle ſich auf den Buſen ſenkte. Lucile blieb bei dieſen Zeichen einer großen Ge⸗ muͤthsbewegung einen Schritt noch von ihr, beſorgt ſte⸗ hen; da erhob ſich die Alte und vorſchreitend und die Marquiſe mit den Augen bewachend, rief ſie rauh und ſtreng:„Fuͤrchte Dich nicht, mein Engel! Sie duͤrfen Dir Nichts thun, ſie haben kein Recht an Dir.“ Noch immer ſchwieg die junge Perſon, obwohl ſie die Hand von dem Stuhle zog und ſie leiſe, wie abwehrend, gegen die Alte aufhob, die ſogleich verſtum⸗ mend zuruͤcktrat. „In welcher Weiſe durfte auch Miß Eton ihre Freunde furchten?“ fragte nun Lucile mit dem ge⸗ winnenden Laut ihrer Stimme;—„denn ſo ſtolz ſie ſich uns auch entzogen hat, darf ich dennoch nicht zweifeln, daß mir der Zufall guͤnſtig iſt, und ich die Freundin meiner Tante d»Aubaine vor mir ſehe. Er⸗ lauben Sie mir, Ihnen meinen Gemahl, den Marquis d'Anville, vorzuſtellen.“ „Madame,“ ſagte Elmerice, noch immer mit be⸗ bender Stimme—„entſchuldigen Sie meine Ueber⸗ raſchung! Ich ahnte nicht, Ihnen in dieſen verödeten Gemächern hinderlich werden zu koͤnnen!“ „Das moͤchte auch in Wahrheit unmoͤglich ſein,“ rief der Marquis d'Anville.„Was koͤnnten wir uns fur einen glucklicheren Zufall wuͤnſchen, da er unſer lebhaftes Verlangen erfullt, uns Ihnen vorſtellen zu durfen.“ Elmerice verneigte ſich mit einer ſo edeln Wuͤrde, daß der Marquis das Wort, welches ausblieb, nicht entbehrte. „Aber jetzt, ſagte Lucile, während ſie Elmerice ganz nahe trat und die ſchoͤne, kalte Hand von den Marmorblumen, die ſie noch immer feſthielt, wegzog; —„jetzt haben wir Sie, und Sie werden ſich uns nicht mehr entziehen können— oder wenigſtens ab⸗ warten muͤſſen, ob wir uns nicht Ihre Geſellſchaft verdienen!“ „Madame,“ ſagte Elmerice, die ihre Beſinnung wieder zu erhalten ſchien;—„ich war ſo frei, Euer Gnaden meine nothwendige Beſtimmung daruͤber mit⸗ zutheilen. Wenn ich jetzt den Muth habe, ſie zu wiederholen, muß ich es mir ſelbſt zum Verdienſt an⸗ rechnen, da ich das Gluͤck Ihrer perſoͤnlichen Bekannt⸗ ſchaft genieße.“ „Wie, Sie wollten nicht mit uns leben?“ ſagte d'Anville, gutmuͤthig naͤher tretend;—„o, verſuchen Sie es! Wir ſind alle jung, heiter, ich darf ſagen, gut geartet. Warum wollten Sie nicht in den Kreis ein⸗ treten, zu dem Sie in jeder Beziehung gehören?“ „Ich habe eine heilige Pflicht gegen eine theure, alte Freundin uͤbernommen;“ erwiederte Elmerice;— „ich darf mich davon nicht ablenken laſſen, wie ehren⸗ voll es auch ſein muͤßte, Ihre Guͤte anzunehmen.“ Da zuckte ſie zuſammen; denn auf ihre weiße Schulter legte Emmy Gray die verknöcherte Hand, und ſagte in ihrer gebrochenen Redeweiſe:„Kind, Kind, ſtoße dieſe dort nicht zuruͤck, ſondern tritt ein in ihre Kreiſe und ſiehe zu, was ſie beſchließen werden. Wohl gehoͤrſt Du zu ihnen, und ich muß Dich dort wiſſen, ehe mein letzter Tag kömmt.“ Elmerice wendete ſich und ſprach, wie es ſchien in engliſcher Sprache, leiſe bittend zu ihr, während der Marquis ſich der Alten nahte. „Miſtreß Gray,“ ſagte er freundlich;—„erlaubt, daß ich Euch in Ste. Roche willkommen heiße. Im⸗ mer habt Ihr meinen Beſuch abgelehnt; und doch hätte ich gern ſelbſt nachgeforſcht, ob es mir nicht möglich wäre, Euch irgend eine Erleichterung Eurer Lage zu verſchaffen.“ „Laßt das, Herr,“ ſagte Emmy trocken;—„Ihr habt keine Macht, mir Etwas zu gewaͤhren; mit Eurer Familie habe ich abgeſchloſſen! Ich wohne in dem rechtmaͤßigen Erbe meiner ehemaligen Gebieterin und weiß vollſtändig, was mir darin zuſtehet, zu meiner Erleichterung zu verfuͤgen.— Fragt, ob Emmy Gray Euch hier willkommen heißen mag!“ Dieſe Rede ſchien Niemanden, als Elmerice zu verletzen. Alle waren auf Emmy's abenteuerliche Weiſe ſo vorbereitet, daß ihnen auch Stärkeres erwartet ge⸗ kommen wäre. „Thut es immer, Miſtreß Gray,“ antwortete der Marquis, ohne das ironiſche Lächeln, mit dem verletzte Eitelkeit ſich herablaſſend zu raͤchen weiß, wenn ſie ſich anſcheinend zu bezwingen ſucht—„Ihr werdet mir dadurch mehr Eigenthums⸗Gefuͤhl geben, als ich bis ſetzt empfinden konnte.“ Emmy blickte trube zu ihm auf; und dieſer Blick, der aus den tief geſunkenen Augen drang, war ſcharf und klug. „Wir werden ſehen,— ich werde ja hoͤren, wie Ihr ſeid,“ ſagte ſie dabei;—„Louiſe, Eure Mutter, war ſo ubel nicht— Leſüeur ruhmte ſie oft;— nun, wir wollen ſehen!“— „Und Sie?“— fragte nun Lucile, mit Armand herzlich zu Elmerice tretend.„Selbſt Ihre alte Freundin, der Sie ſich ſo großmuͤthig widmen, redet unſerem Vor⸗ ſchlage das Wort— und Ihre jugendlichen Wangen, die bläͤſſer ſind, als ſie ſollten, fordern Sie gleichfalls auf, unter Menſchen zu leben, die mit ihrer Heiterkeit verſuchen wuͤrden, ihnen wieder Farbenglanz zu geben.“ „Ach Madame,“ erwiederte Elmerice, faſt uber⸗ wältigt von der Qual dieſer dringenden Anforderungen; —„wie wenig paſſe ich in Ihre harmlos glucklichen Kreiſe! Glauben Sie nicht, daß ich Ihre Guͤte weniger empfinde, wenn ich ſie ablehne; aber ich muß mir dieſe Zuruͤckgezogenheit als eine Guͤte von Ihnen ausbitten. Ste Roche 111 23 Vielleicht haben Sie Recht;— und mein krankes An⸗ ſehen verräth nur zu ſehr, daß ich leidend bin und alſo der Ruhe bedarf.“ Lucile und Armand betrachteten mit dem groͤßten Antheile das ſchoͤne Weſen, das ſo berechtigt erſchien durch die Vereinigung von Geiſt, Bildung und aͤußerm Reize! Ihre Weigerung war keine eigenſinnige, unge⸗ ſchickte Laune; ſie kam tief aus ihrem Herzen, ſie ſchien dabei zu leiden— das fuͤhlten Beide. Sie konnten ihre Bemuͤhungen nicht aufgeben! „Wir wollen nicht unbeſcheiden werden,“ rief Lucile—„Sie ſollen in Ihre Einſamkeit zuruͤckkehren können, wenn Sie wollen; nur muͤſſen Sie uns nicht ganz verwerfen, Sie muͤſſen uns alle erſt kennen lernen, genug, ich muß eine kleine Bruͤcke zu Ihnen hinuͤber haben; denn ſchon jetzt feſſeln Sie mein ganzes Herz, und ich koͤnnte Sie nie wieder vergeſſen!“ Dieſe letzten Worte erſchreckten Elmerice faſt, denn ſie ſprachen aus, was ſie gegen die Marquiſe anfing zu fuͤhlen. Beide blickten ſich daher mit zärt⸗ licher Ueberraſchung an, und ohne es ſelbſt zu wiſſen, folgte ſie der liebenswuͤrdigen Frau, die ſie ſanft mit ſich zog.„Sie finden in den Nebenzimmern alle meine Freunde, die wahres Verlangen tragen, Sie zu ſehen, und entzuͤckt ſein werden, Sie kennen zu lernen.“ 355 Jetzt erſt, wie ſie ſich mit dieſen Worten der Thuͤre naͤherten, an der Buſſy und Vardes in ſprach⸗ loſem Erſtaunen ſtehen geblieben waren, erinnerte ſich Elmerice ihrer auffallenden Kleidung. Sie zögerte abermals und rief aͤngſtlich:„Madame, betrachten Sie mich! Ich kann in dieſer Kleidung nicht vor Ihren Freunden erſcheinen;— ich legte ſie an,“ fuhr ſie beſchaͤmt und verwirrt fort,„um dem Herzen meiner alten Freundin wohl zu thun, die damit ihr heiliges Erinnerungsfeſt feiert;— aber dies, wie mein ganzes Verhältniß, war auf die tiefſte Einſamkeit berechnet — ſetzen Sie mich nicht dem Tadel oder dem Spotte Anderer aus!“— „Nein, nein, Alle werden entzuͤckt ſein, das herrliche Koſtuͤm zu ſehen— Allen werde ich erklaren, wie es zuſammenhaͤngt— Niemand wird dieſe fromme Nachgiebigkeit verkennen.“— Vardes hatte ſchon die Thuͤre geoͤffnet;— ſie ſtan⸗ den in derſelben der aus den entfernteren Gemächern zuruͤckkehrenden Geſellſchaft beinahe gegenuͤber. Da fuͤhlte Elmerice, daß jedes Zuruͤcktreten un⸗ moglich ſei, und ihr edler Stolz erwachte. Sie wollte ihre vollkommene Herrſchaft uber ſich wieder haben— und die Anſtrengung gelang. i3 Doch wer könnte das Erſtaunen der Geſellſchaft 23* 356 beſchreiben, als aus den Zimmern der Katharina von Medicis, an der Hand der Marquiſe d'Anville, eine wunderbare Schoͤnheit hervortrat, deren Koſtuͤm, jener Zeit gehorend, vereinigt mit ihrem marmorblaſſen Ge⸗ ſichte, ſie als eine aufgefundene Bewohnerin aus dieſen Raumen eines vergangenen Jahrhundertes erſcheinen ließ! Niemand regte ſich von ſeinem Platze; Elmerice hatte Zeit, Alle zu erkennen. Margot war nicht dabeiz ſie lehnte ſeitwaͤrts an einem der merkwuͤrdigen Schränke des Saales, und vor ihr, den Ruͤcken gegen die Ein⸗ tretenden gewendet, ſtand der Marquis Leonce, zu eifrig redend, um zu gewahren, was hinter ihm vorging. „Wir ſind ſo gluͤcklich geweſen, mehr und Beſſeres zu finden, als wir ſuchten,“ ſagte der Marquis. „Miß Eton— die Freundin meiner Tante Franziska, die ſich uns ſo ſproͤde entzogen hat.“ Jetzt mußten die Damen ſich eingeſtehen, daß das ſchoͤne Bild lebe; Elmerice zeigte die vollkom⸗ menſte Haltung und eine ſo anmuthig verbindliche Miene, als ſie die Begruͤßungen erwiederte, daß die gunſtigſte Meinung von ihrer Erziehung den Eindruck ihrer Schonheit erhoͤhte. „Sie ſind in Allem glucklich, liebe Margquiſe,“ ſagte die alte Prinzeſſe de la Beaume;—„wäͤhrend wir hier verlegen und beſchaͤmt umher wanderten, ver⸗ 252 ſchafft Ihnen Ihr Muth eine ſo reizende Bekannt⸗ ſchaft.“ „Ja, meine Damen,“ erwiederte die Marquiſe —„ich bin ſtolz darauf, und noch mehr wie ſtolz, ich bin ſehr glucklich! Bald werden Sie mir fuͤr Nichts ſo dankbar ſein wollen, als fur dieſe Probe meines Muthes!“ Alle fuhlten, die Marquiſe wolle ihrer jungen Be⸗ gleiterin eine moͤglichſt gehobene Stellung geben, und Alle beeiferten ſich, einen Kreis um ſie zu ſchließen. Indeſſen nahte ſich Armand ſeiner Muhme Mar⸗ got.„Kind,“ rief er—„laſſen Sie Ihr téte à téte und kommen Sie zu uns, wir haben Miß Eton entdeckt, die in jenem Zimmer weilte; und es iſt unſeren Bitten gelungen, ſie hierher zu fuͤhren.“ Als ob ein Piſtol an Leonce's Kopfe abgeſchoſſen wuͤrde, ſo fuhr er bei den Worten ſeines Bruders in die Hoͤhe. Er wendete ſich ſchnell und ſah Elmerice in dem Kreiſe der Damen ſtehen, mit Ruhe und Un⸗ befangenheit redend, aber mit einer Blaͤſſe bedeckt, die ſie wie einen Geiſt erſcheinen ließ. „O Leonce,“ rief Margot, ſich auf ſeinen Arm ſtutzend,„haben Sie je eine wunderbarere Erſcheinung gehabt? Und das iſt unſer lebendig gewordenes Bild aus dem Eudorien⸗Thurme!“ 358 „Nun ſo begruͤßen Sie, wie wir Alle, das herr⸗ liche Weſen mit Achtung und Guͤte,“ rief Armand, und fuͤhrte ſie Beide der Gruppe zu. „Ach, da kommt meine Muhme Margot!“ rief Lucile.„O komm', mein Liebchen— ſieh', unſer Wunſch iſt erfuͤllt! Miß Eton, das iſt wieder eine Nichte Ihrer Freundin d'Aubaine, die Tochter des einzigen Bruders unſerer lieben Franziska!“ Elmerice hatte ſie mit ihren Begleitern ſich nahen ſehen, ſie begrußte ſie mit beſonderer Freundlichkeit, und verzögerte die Vorſtellung des Marquis Leonce, indem ſie lebhaft ausrief:„Wiſſen Sie auch, daß Ihre Couſine mich recht eigentlich auf Ihre liebens⸗ wuͤrdige Heiterkeit angewieſen hat? Daß ich alſo mit ganz beſonderem Antheil um Ihr Wohlwollen bitten muß?“ „O Miß Eton,“ lächelte Margot—„da hat man Ihnen verſchwiegen, daß ich den ganzen Tag— von der ganzen Geſellſchaft geſcholten werde, und daß nicht Viel an mir bleibt, als an einem unartigen Kinde, mit dem man ſich einrichten muß, wie es gehen will.“ „Erlauben Sie mir den Verſuch,“ erwiederte Elmerice verbindlich—„die ganze Geſellſchaft ſcheint ſich mit Ihnen ſehr wohl zu befinden!“— „Sie wollen mich durch Gute erziehen, da alle Anderen darauf bedacht ſind, es mit Strenge zu thun; und gewiß, Sie ſollen in mir eine willige Schuͤlerin finden; denn die Bewunderung, die ich ſchon ſeit lange fuͤr Sie hege, kann Ihre perſoͤnliche Bekanntſchaft nur erhoͤhen.“— „Aber, Margot, wollen Sie Ipren armen Vetter ganz verdraͤngen?“ rief d'Anville;—„ſeine Verbeugung dauert ſchon ſo lange, als Sie vor ihm ſtehen! Nun, Miß Eton,“ rief er freundlich, als Margot laͤchelnd zuruͤcktrat—„nehmen Sie meinen Bruder guͤtig als Ihren Bewunderer auf!“ Leonce erhob ſich hier aus ſeiner gebeugten Stel⸗ lung, und mit raſchem Entſchluſſe vor Elmerice hintre⸗ tend, ſagte er faſt ſtolz:„Miß Eton wird geneigt ſein, die Bewunderung einer ſo unbedeutenden Perſon zu⸗ ruͤckzuweiſen, und Jeder wird vor ihr die Schranken fuͤhlen, hinter denen er ſich zuruͤckziehen muß. Das zufaͤllige Gluͤck, Miß Eton hier zu ſehen, wird gewiß auf das lebhafteſte von mir empfunden!“ Elmerice verneigte ſich ernſt, ohne zu ſprechen; als ſie ihr geſenktes Auge vom Boden erhob, ſtreifte es eine leichte, ſchwarzſeidene Schlinge, in welcher Leonce noch immer den fruher gebrochenen Arm trug. Ihr Auge blieb daran haften, und ihre Zuͤge verriethen 360 den lebhaften Wechſel ihrer Empfindungen. Sie oͤffnete zwei Mal die Lippen— endlich ſagte ſie kaum hoͤrbar „Sie waren verwundet, Herr Marquis? Graͤfin dAubaine ſchrieb mir, daß Sie einen Unfall hatten.“ Leonce hatte jedes Wort von ihren Lippen ver⸗ ſchlungen.„Es war ein ſehr unbedeutender Unfall!“ rief er; und als ſie ſchwieg, fuhr er mit Lebhaftigkeit fort:„ich ſegne die Veranlaſſung— und habe zu viel wirklichen Schmerz erlitten, um dies Ereigniß dazu rechnen zu können!“ Der Zufall wollte, daß ſie ſich bei dieſen Wor⸗ ten faſt allein gegenuber ſtanden, da die Uebrigen ſich beſprachen, jetzt die Zimmer der Koͤnigin, die alle Schrecken verloren hatten, zu beſuchen. Leonce ſchien nach ſeiner Erwiederung eine Antwort zu er⸗ warten;— Elmerice ſtand noch in derſelben Stellung. — Plötzlich richtete ſie ſich auf, blickte ihn ernſt und fluͤchtig an und wendete ſich, ihn gruͤßend, dann zu den Uebrigen. Als man die Zimmer betrat, hatte ſich Emmy Gray daraus zuruͤckgezogen, welches fuͤr Elmetice eine Erleichterung, fuͤr die Anderen eine unangenehme Taͤu⸗ ſchung war. Leonce trat an den Schreibtiſch, vor dem Elmerice geſeſſen— und betrachtete bewegt das auf⸗ geſchlagene Prachtwerk, in welchem ſie geleſen 361 Wenn Blicke ſich ahnen, ſo finden ſie ſich durch alle oͤrtlichen Hinderniſſe hindurch;— Elmerice und Leonce blickten ſich an, durch viele Perſonen von ein⸗ ander getrennt! Wir ubergehen den Eindruck, den die weitere Be⸗ ſichtigung der Zimmer bei der Geſellſchaft hervorrief. Als man ſich anſchickte, ſie zu verlaſſen, entſtand ein neuer Kampf mit Elmerice, welche zu ihrer alten Freundin zuruͤckkehren wollte und dennoch, von Allen liebevoll gedrängt, ſich der Geſellſchaft anſchließen mußte. Mit unbeſchreiblicher Schwermuth ſah ſie ſich ploͤtzlich in dem Zirkel, den zu fliehen, ſie ſo viel Grund zu haben glaubte— ſah ſich unter heitere, ſorgloſe Menſchen verſetzt, deren Leben gluͤcklich und ſicher begruͤndet ſchien, waͤhrend ſie mehr, wie je, ſich heimathlos, ohne ausreichenden Schutz, ohne Anſpruch an eine feſte Lebensſtellung fuͤhlte! Dabei hatte ſie, trotz aller Schonung ihrer Umgebungen, dennoch eine vornehme Neugier zu ertragen, die mit Hoͤf⸗ lichkeiten doch zu ergruͤnden trachtete, ob eine Miß Eton, die auch nicht zur engliſchen Ariſtokratie ge⸗ hörte, wirklich den Anforderungen einer hoheren Ge⸗ ſelligkeit Stich halten werde; und die uͤberraſchte Be⸗ wunderung, mit der man guͤnſtige Wahrnehmungen aufnahm, hatte fuͤr wahres Zartgefuͤhl etwas Beleidi⸗ gendes.—„O, wie Recht hatte mein Vater,“ ſeufzte ſie—„mit ihrer Höflichkeit erſtarren ſie mein Herz!“ Freilich machten hiervon Lucile und Armand, eben ſo wie die kleine Margot eine ehrenvolle Ausnahme. Dieſe hatten die Höflichkeit des Herzens, die immer den rechten Ton zu finden weiß, und Elmerice zeigte bei jenen aus Stolz und hier aus wirklich dankbarem Gefuͤhle, eine ſchickliche Theilnahme an der lebhaft ange⸗ regten Unterhaltung. Dazwiſchen war ihre Kleidung ein Gegenſtand des Entzuckens für alle Damen, dem ſich mit einiger Zuruͤckhaltung die Herren anſchloſſen, die alle heimlich einander beſchuldigten, an Miß Eton ihr Herz verlo⸗ ren zu haben; denn ſelbſt Armand, der treueſte Pa⸗ ladin ſeiner Dame, ſollte ſich zu hingeriſſen gezeigt haben. Bald hatten die Damen herausgefunden, daß dieſe Kleidung auf dem Lande und in dieſem alten Schloſſe viel paſſender ſei, als die, welche jetzt herr⸗ ſchende Mode war; und Elmerice zeigte ſich willig, ſich in einem Nebenzimmer den Blicken aller herbei⸗ gerufenen Kammerfrauen darzuſtellen, die ſich verpflich⸗ ten mußten, auf das ſchnellſte mit den vorhandenen Fleidern der Damen dieſe Metamorphofe vorzunehmen. „Miß Eton, wie allerliebſt wird uns morgen die Mittagstafel kleiden!“ rief Margot.„Wenn wir ge⸗ ſchmuͤckt ſind, kommen wir alle in Prozeſſion und holen Sie ab!“ „Ja, und Jeder nimmt einen Namen an aus den Zeiten der Koͤnigin, deren Kleider wir nachahmen!“ rief Mademoiſelle de la Beaume. „Dann muͤßten Sie Katharine ſelbſt ſein,“ ſagte Armand.—„Gut“, lachte die alte Dame—„Katha⸗ rina bekam ſo gut weißes Haar, wie ich. Doch kann ich blos eine ſtolze Koͤnigin darſtellen; denn ihre uͤbri⸗ gen Nuͤancen kann ich nicht ergruͤnden!“ „Vergeſſen Sie nicht,“ ſagte Armand—„daß ſie geſellſchaftlich, geiſtreich und liebenswuͤrdig war, worin ihr keine Frau ihrer Zeit gleich kam, und daß dies gerade meinen Vorſchlag beſtimmte.— Aber Sie muͤſſen ſich jetzt eine Tochter, eine Margarethe von Valvis waͤhlen!“ „Sehen wir ſie nicht vor uns?“ rief Mademoi⸗ ſelle de la Beaume—„Graͤfin Buſſy muß meine Toch⸗ ter ſein!“ „Nun,“rief Lucile—„ſo will ich Johanna von Navarra waͤhlen, die ſtolze Bearnerin, die ich ſo liebe, und Leonce ſoll mein Sohn ſein! Und Sie, Miß Eton, muͤſſen Eudoria Nemours vorſtellen, die eigent⸗ 26 liche, wenn auch geheime Beherrſcherin dieſes Schloſſes zu jener Zeit!“. Miß Eton ſchauderte bei dieſer Wahl unwillkuͤr⸗ lich zuſammen.„Fuͤrchten Sie Nichts,“ lachte die alte Prinzeſſin—„mir lebt kein Gemahl zur Seite; und ich verſpreche, weder ſelbſt, noch durch Andere Gift und Dolch zu fuͤhren.“ „Ach, Madame,“ ſagte Elmerice, zu ernſt fur den Maskenſcherz—„der Tod iſt nicht das Schlimmſte! Aber haben Sie die Thränenſpur auf dem Betpulte des unglucklichen Fraͤuleins vergeſſen? Soll ich dieſelbe Stelle einnehmen?“ „Wir muͤſſen uns Alle das Wort geben,“ rief Mademviſelle de la Beaume, Elmerice lachend in die Augen ſchauend—„daß wir unſeren jungen, ſchoͤnen Gaſt von ſeiner viel zu ernſten Stimmung heilen. Sie ſollen nicht umſonſt die Hofdame der lebensluſti⸗ gen Katharina geworden ſein.“ Elmerice erröthete lebhaft und trat faſt erſchrocken hinter den Stuhl ihrer neuen Gebieterin; und dennoch ſah ſie, als ſie Leonce ſeitwaͤrts erblickte, wie ſein Auge mit ſo vielem Ausdrucke auf ihr ruhte. Mit wel⸗ chem Ausdrucke— das wußte ſie nicht zu deuten; doch fuͤhlte ſie eine Schuͤchternheit dadurch erweckt, die ihre Haltung bedrohte.— Indeß fuhr die uner⸗ muͤdliche Mademviſelle de la Beaume fort, ihren Hof⸗ ſtaat zu ordnen.„Und Sie?— Margarethe von Va— lois, meine konigliche Tochter, ich praͤſentire Ihnen hier die beruͤhmte Claudia von Guiſe als Ihre Hofdame! Doch vergeſſen Sie nicht, daß Ihr Gemahl, ihrer ſchoͤnen Augen wegen, faſt der ganzen Hugenotten⸗ Partei abfiel. Ich mache Ihnen ein gefaͤhrliches Ge⸗ ſchenk,“ fuhr ſie fort und zog Margot vor ſich hin —„und mein einziger Troſt iſt, daß Ihr bn auch fuͤr die Schoͤnheiten meines Hofes Augen zu ha⸗ ben ſcheint, die kleine Claudia aber verdecktes Spiel ſehr gut verſteht und dem verliebten Bearner nicht nachſtehen wird.“ Nun ward eben ſo viel gelacht, als erroͤthet.— Die uͤbrigen Herren wurden ebenfalls vertheilt. Ar— mand war Heinrich von Guiſe— Vardes wollte Ben⸗ ſerade ſein— Graf Buſſy Coligny— und Guiche der Buſenfreund von Heinrich von Navarra, der ſchoͤne jugendliche Condé! „Ach,“ ſagte die Prinzeſſin lachend—„die letzte Wahl gefällt mir. Conds und Navarra hatten im⸗ mer ihre kleinen Intriguen! Das paßt ſich. Aber huͤ⸗ tet Euch jetzt vor Eurer Königin;— ſie hatte beſtän⸗ dig ein Auge auf dieſen Prinzen und entdeckte alle ſeine Geheimniſſe!“— Dieſe Scherze belebten den Kreis und ſicherten eine freie Bewegung; Jeder konnte ſo viel Geiſt und Phantaſie zeigen, als er beſaß, und Alle fuͤhlten ſich auf's hoͤchſte erheitert und entzuͤckt. Und dennoch ſchien es derjenigen, die dazu Veran⸗ laſſung gegeben, als ſei ſie auf das ſchmerzlichſte dadurch verletzt. Als ſie endlich bei dem Aufbruche der ganzen Geſellſchaft in Fennimor's Gemaͤcher trat, in ſie ihre alte Freundin, trotz des vollen Kerzen⸗ ſcheins, den ſie ſtets darin verbreitete, neben Fenni⸗ mor's Sterbeplatze feſt eingeſchlafen fand, ſog ſie dies Bild der Ruhe und des Friedens mit vollen Zuͤgen ein, und eine ſchwere, unerträgliche Laſt ſchien von ihr genommen.„Nein,“ ſagte ſie leiſe, uber der Schlafenden die Haͤnde ringend—„ich kann nicht bei Euch bleiben, ich gehoöre zu Dir— Du biſt die Einzige, die ich noch begluͤcken kann— dort hat Je⸗ der erreicht, was er wuͤnſcht, und was ihn erfreut— beneiden will ich es ihnen nicht;— aber weshalb ſoll ich mit lachendem Munde die tiefe Wunde meiner Bruſt ſo harter Beruͤhrung preisgeben? Warum das Koſtuͤm, was Du, meine heilige Fennimor, tru⸗ geſt, was Dich ſchmuͤckte— zum Faſtnachtsſcherze verbraucht ſehen, da es den Schein der Aehulichkeit mit der Tracht jener verrufenen Zeit der Medicäerin ** — 367 hat? Nein, hier will ich bleiben und Dir dienen, Emmy, mit dem Schein⸗Gluͤcke, nach dem Dein armes Herz ſo begierig griff!“ Gekräftigt, beruhigt durch dieſen Entſchluß, trat ſie hinaus an Fennimor's Grab. Sie knieete nieder, und druckte ihr gluͤhendes Angeſicht gegen den kalten Marmor. Sie konnte nicht weinen, trotz der tiefen Wehmuth ihres Herzens— ihr Nachdenken war von allen Ruͤckerinnerungen ihrer fruͤheren Tage in Leith⸗ morin erfuͤllt, es ſtreifte vergleichend das eben Erlebte und erhohte das bange Klopfen ihres Herzens.„Ach, Fennimor,“ ſagte ſie, ſich erhebend—„Deine Enke⸗ lin wird nicht gluͤcklicher werden, als Du! Moͤchte ich erſt ſein, wo auch Du nur Ruhe fandeſt!“ Sie kehrte zu der Alten zuruͤck, die, auf einem niederen Sitze ruhend, ihren Kopf auf die Armlehne von Fennimor's Stuhl hatte ſinken laſſen, und be⸗ trachtete das alte, duſtere Geſicht, worin der Schlaf Nichts aufheiterte, ſondern nur tiefere Linien zog, mit einem kindlichen Antheile, der ſie auch bald gewahren ließ, daß Emmy nicht den Athem der Geſundheit hatte. Sie knieete nieder und beruͤhrte ihre Stirn— kalter Schweiß ſtand darauf. Jetzt rief ſie beſorgt ihren Namen. Die Alte fuhr erſchrocken in die Hoͤhe und ſtarrte ihren Liebling mit gläſernen Augen an * 368 „Fennimor,“ ſagte ſie—„Reginald ruft ſeine Toch⸗ ter! Jene ſollen kein Recht haben an ihr, Du ſollſt ſie zu mir hierher bringen!“— Sie raffte ſich em⸗ porz ihre Bewegungen waren immer heftig, gigantiſch. Trotz des hohen Alters zeigte ſich der ſtarre Sinn, der jede Hilfe entbehren wollte. „Emmy,“ ſagte Elmerice ſanft— Du ſprichſt es aus, was ich gedacht! Ich will bei Dir bleiben— Jene ſollen kein Recht an mir haben— Fennimor's guter Geiſt hat ſchon Dein Begehren erfuͤllt— er trieb mich zu Dir zuruͤck— ich will Dir allein. hören!“— „So, ſo!“ ſagte die Alte, ſich beſinnend— „Du biſt ja mein Engel!“ Doch fuͤhlte Elmerice uber⸗ raſcht, daß ſie ihren Arm faßte;— plotzlich brachen ihre Knie, und ſie ſank ohnmächtig in Fennimor's Stuhl. Außer ſich, ſtuͤrzte Elmerice uͤber ſie hin;— ſie glaubte, ein plötzlicher Tod habe ihre alte Be⸗ ſchutzerin dahin genommen. Doch bald ſah ſie, daß ſie ſich noch bewege, und ſogleich bemuͤhte ſie ſich, ihr Hilfe zu verſchaffen. Sie löſte ihre Kleider, ſie rieb ihr Schlafe und Pulſe und naͤßte ihre Stirn mit kaltem Waſſer. Bald erwachte die Alte; aber ſie war zu ſchwach, um ſich erheben zu konnen, und hielt doch Elmerice's Hand feſt in der ihrigen, als wolle ſie ſie verhindern, Hilfe herbei zu rufen. Als ſie nach eini⸗ ger Zeit die Sprache wieder erhielt, ſagte ſie:„Kind, laß' uns allein, ich will bei Dir ſterben! Laß' mich kein Geſicht mehr ſehen aus der Welt, die ſie getodtet hat — und halte Du ſie Dir auch ab. Morgen bin ich wieder wohl,“ fuhr ſie fort, als ſie die Thränen ihres Lieblings ſah;—„ſei nur getroſt, mein Engel! Es iſt ſo ſchoͤn, wenn wir allein ſind, da werde ich bald zu Kräf⸗ ten kommen!“ So blieb ſie bis gegen Morgen, von Elmerice bewacht, im Lehnſtuhle ſitzen; ihr Zuſtand erregte die⸗ ſer große Beſorgniß, da ein banges Keuchen eintrat, das den Ausbruch einer neuen Krankheit fuͤrchten ließ. Gegen Morgen machte ſie den Verſuch, von Elmerice gefuͤhrt, ihr Bett zu erreichen, aber es trat eine neue Ohnmacht ein, die den Reſt ihrer Kräfte mitzuneh⸗ men ſchien; denn von da an lag ſie in bewußtloſer Ruhe. Elmerice ſendete nun Aſta zu Veronika, und als dieſe ſogleich mit ihr zuruͤckkehrte, ſprach ſie gegen dieſe den Wunſch aus, daß ſie den Marquis d'Anville um ein Pferd und einen Boten an den alten Arzt bitten moge und der Marquiſe ihre Entſchuldigungen über⸗ bringen, da ſie Emmy nicht verlaſſen koͤnne, und deren Ruhe durch Nichts geſtoͤrt werden duͤrfe. Zu Allem Ste Roche IM. 24 320 bereit, beeilte ſich Veronika, den Herrſchaften aufzuwar⸗ ten, die ſie ſämmtlich in der heiterſten Laune beim Fruͤh⸗ ſtuͤcke antraf. Die Nachricht, die ſie brachte, wurde mit der größten Theilnahme angehört, und der Marquis gab augenblicklich Vefehl, daß ein reitender Bote ſich nach dem Kloſter aufmache. Dort konnte man den al⸗ ten Arzt vermuthen, und, wenn er ſchon fort war, über ſeine weiteren Streifereien Auskunft erhalten. „Und muß man ſich wirklich damit begnuͤgen?“ rief die Marquiſe wehmuͤthig—„kann man dies liebe, uns ſo nah angehorende Weſen durch Nichts in dieſer traurigen Lage unterſtutzen?“ „Sie wenigſtens, theure Marquiſe,“ erwiederte Veronika—„Sie wenigſtens nicht! Denn die alte Emmy iſt in dieſem Punkte hartnäckiger, wie irgend ein anderer Menſch. Doch habe ich Hoffnung, daß ſie mich ertragen wird, und dann kann ich nicht allein unſer liebes Fraͤulein unterſtuͤtzen, ſondern, wenn ſie noch ausreichendere Hilfe bedarf, auch Sie davon in Kenntniß ſetzen.“ Dies tröſtete Lucile in Etwas, da ſie ſchon an⸗ fing das lebhafteſte Intereſſe fuͤr Elmerice zu em⸗ pfinden und an dies Zuſammenleben eine Hoffnung knuͤpfte, die ſeit der Bekanntſchaft mit Elmerice ſich beiden Ehegatten aufgenöthigt hatte 321 Die auffallende Aehnlichkeit derſelben mit Fenni⸗ mor's Bilde, und die eben ſo auffallende Liebe der alten, menſchenfeindlichen Frau zu Elmerice, hatte die Be⸗ trachtung geweckt, wie wenig ſie eigentlich von Miß Eton wuͤßten; wie ſie in den Geſprächen der Tante eigentlich nie erfahren, welcher Abkunft ſie ſei, und ſtillſchweigend angenommen, ſie gehoͤre zu den vielen auswärtigen Freunden der Gräfin, mit denen dieſe durch Briefwech⸗ ſel eine ſtete Verbindung zu erhalten wußte. Dieſe unzureichende Auskunft, mußten ſie ſich ge⸗ ſtehen, war nicht abſichtlich ſo gegeben; ſie war von Seiten der Tante gewiß nur eine Folge der Voraus⸗ ſetzung, daß ſie mehr wuͤßten; von ihrer Seite jugendli⸗ cher Leichtſinn oder Zerſtreutheit, welche ſie an der Un⸗ gekannten nur das Intereſſe nehmen ließ, daß ihr Um⸗ gang die geliebte Tante begluͤckt hatte. Jetzt, wo der neu erweckte Wunſch, Nachkommen des ungluͤcklichen Reginald zu entdecken mit Elmerice's auffallender Er⸗ ſcheinung zuſammenfiel, beſchloſſen Sie, bei der Tante den näheren Verhaͤltniſſen derſelben nachzufragen. Ar⸗ mand wollte ſich mit Leonce daruͤber berathen, und die— ſer oder er ſelbſt ſollte nach Ardoiſe zuruͤckkehren und Naochrichten von der Gräfin Franziska einholen, ſobald ihre Gäſte ſie verlaſſen hatten.— „Außerdem wird es Zeit,“— ſagte Armand— 24* 322 „daß wir Leonce zur Erklaͤrung und zu einem berech⸗ tigten und oöffentlichen Verhältniſſe mit Margot brin⸗ gen; denn ſichtlich iſt die Gemuͤthsbewegung in der er ſich ſeit geſtern befindet, durch Margot unſchuldiger Weiſe veranlaßt, deren unbefangenes Herz aber ſicher nicht intereſſirt war.“ „Nun,“ rief Lucile—„auch ich ſch ihn ge⸗ ſtern Abend, als ich am Fenſter des Vorſaals Luft einathmete, ganz außer ſich, wie es mir ſchien, auf dem alten Hofe des Theophim auf und nieder ſtuͤrzen; und als ich ihn dieſen Morgen damit necken wollte und ihm ſagte, ich hätte geglaubt, er habe Emmy Gray entfuͤhren wollen, bekam ich eine ganze Ladung zorniger Blicke aus ſeinen duͤſteren Augen, und die Rothe beſtieg ſeine Stirn, wie ein Feuerzeichen, was Kampf bedeutet! Ich hielt mir die Augen zu, als ob ich mich fuͤrchte, und doch war mir innerlich bei dem Scherze nicht wohl zu Muthe; denn ich ahnte, daß Et⸗ was Ernſtes ihn quaͤle.“ „Er iſt, fuͤrchte ich, eiferſuͤchtig 8 Guiche,“ ſagte Armand;—„und was mir auffallend iſt und ich faſt unzart nennen moͤchte, iſt, daß Guiche ſeine Neigung fuͤr Margot kaum verbirgt. Als wir geſtern die alten Zimmer verließen, blieben ſie weit zuruͤck;— Margot hatte es mit der Statue des Spinola auf dem Treppenſaale zu thun, und Guiche wollte ihr ein Pendant dazu zeigen in dem Zimmer der Gräfin Buſſy. Erſt folgte ihnen Leonce, und wie mir ſchien, ſchon mit ſehr ſehr uͤbellaunigem, wenigſtens auffallend blaſſem Geſichte; plötzlich aber ſturzt er außer ſich zuruͤck — die Treppe hinab— ohne mich zu ſehen, obwohl ich eben erſt aus dem Banket⸗Saale trat, wo ich mit dem Hausverwalter einige Verabredungen getroffen und ihn in dieſer Zeit durch die offene Thuͤre beobachtet hatte.“ „Ja,“ rief Lucile—„jetzt erinnere ich mich! Die Anderen hielten es fur eine gewoͤhnliche Galanterie, wie wir ſie an Leonce kennen: wir waren naͤmlich vor⸗ angeſtiegen und ſchon im unteren Flure, da rief Made⸗ moiſelle de la Beaume laut nach Miß Eton, die wir eben vermißten; und in demſelben Augenblicke ſchrie ich laut auf, weil irgend ein Bewohner dieſes feuchten Raumes uͤber meinen Fuß ſchluͤpfte. Das hatte Leonce gehoͤrt.„Was iſt geſchehen?“ rief er, die Treppe hinauf ſtuͤrzend;—„wo iſt Miß Eton?“ Sie ſtand faſt erſchrocken neben ihm, und er rief nun:„Lucile, ich erkannte Ihre Stimme!“ Aber er war ſo außer ſich, daß wir ihn alle auslachten und ich gleich dachte: weder dieſe fremde Miß Eton, noch Dein Schrei bringt ihn ſo außer Faſſung!“ — „Ich zogerte an der Treppe, mit den Domeſtiken ſprechend,“ fuhr Armand fort—„um Margot ab⸗ zuwarten. Da ſie aber ſo wenig, wie Guiche erſchien, trat ich in das Zimmer, in welches ſie verſchwunden waren; da ſtanden Beide in lebhaftem Geſpräche, und eben riß Margot ihre Hand los, die, wie es mir ſchien, Guiche zwiſchen den ſeinigen hielt. Die kleine Unvorſichtige war bei meinem Anblicke ganz außer Faſ⸗ ſung; ich gab ihr den Arm und fuͤhrte ſie hinab. Wir ſchwiegen aber Beide; es ſchien mir, ſie war ſehr beſchaͤmt; Guiche folgte uns gar nicht und traf erſt ſpaͤter bei der Geſellſchaft ein.— Von da an iſt Leonce aber nicht wieder zu erkennen, und ich muß ihn auffordern, offen mit mir zu reden. Er iſt von den Verhaͤltniſſen des Grafen Guiche zu gut unter⸗ richtet, als daß er nicht im Stande ſein ſollte, ihn von ſeinem unvorſichtigen Werben um Margot abzu⸗ halten. Graf Guiche ſteht nämlich in dieſem Augen⸗ blicke ſehr unangenehm zur Familie d'Aubaine. Mar⸗ got's Bruder iſt mit Guiche bei demſelben Regimente, das Buſſy kommandirt; eine Abtheilung dieſer garde du corps hat den Dienſt in Verſailles; eine der tau⸗ ſendfältigen Kleinigkeiten, von denen man angenom⸗ men hat, daß ſie die Ehre eines Offiziers verletzen, glaubt d Aubaine von Guiche erfahren zu haben. Dieſe 2 Dinge duͤrfen ſich nie entkraͤften, ſelbſt nicht an der in⸗ nigſten, treueſten Freundſchaft; denn in dieſem Verhält⸗ niſſe waren Beide und eben aus Montreal von einem Beſuche bei Margot's Eltern zuruͤck gekehrt. Es mußte alſo Blut fließen; und obwohl Leonce ſich bemuͤhte, ſie zu verſöhnen, forderte doch d'Aubaine das Duell. Da Vardes ſein Sekundant war, ward Leonce der Sekun⸗ dant von Guiche, und leider ward dAubaine gefährlich verwundet. Du kannſt Dir den Zorn Deines Onkels denken, wie er die Nachricht von der Gefahr ſeines ein⸗ ziden Sohnes bekam, und wie aufgebracht er auf Guiche war, dem er in der Partheilichkeit des Schmerzes allein die Schuld zuſchob! Jetzt erholt ſich der junge Mann und Leonce ſucht Guiche mit dem alten Grafen zu ver⸗ ſoͤhnen; da er den Erſteren ſehr liebt und alle Schuld d'Aubaine giebt. Doch hat er ſelbſt, als Sekundant des Gegners, den Zorn Deines Onkels zu erfahren ge⸗ habt; obwohl ich nicht denken kann, daß dies bei dem alten Herren einen nachtheiligen Einfluß auf unſere Wuͤnſche ausuͤben wird.“ „Nun, dann kann ich auch nicht glauben, daß ſich Guiche um Margot bemuͤht!“ rief Lucile;—„denn dann kennt er Leonce's Wuͤnſche und wird bloß Mar⸗ got's Verzeihung in Bezug auf den Bruder gewin⸗ nen wollen“ 326 „Wir koͤnnen das abwarten!“ rief Armand;— „doch muß ich mich gegen Leonce erklären— es erregt zu ſehr meine Ungeduld.“— Dieſe Erklaͤrung fand ſich jedoch nicht. Die Ge⸗ ſelligkeit und Leonce's ſichtlicher Wunſch, Armand zu vermeiden, hielt die Bruͤder entfernt. Es war uͤberhaupt eine Stsrung wahrzunehmen. Zwar waren die Koſtuͤms fertig und bereits angelegt; aber Elmerice's Verſchwinden, die traurige Veranlaſſung deſſelben hatte die Luſtigkeit gelähmt, die man erſt von dieſem Maskenſcherze erwartete. Es war, als ob mit ihrem Ausſcheiden ſich die Berechtigung dazu vermin⸗ dert habe, und Mademoiſelle de la Beaume erſchien am zweiten Morgen in ihrer gewohnlichen Kleidung und verſicherte, ſie habe die ganze Nacht von ihrer Toilette Fieber gehabt; denn Katharina von Medicis habe ihr in Perſon Unterricht geben wollen, ſich ihrem Koſtuͤme gemaͤß zu betragen, und da habe ſie zuſehen muͤſſen, wie ſie nach und nach in ihrer Seele eine wahre Hölle ein⸗ gerichtet habe.— So erſchienen nur noch die jungen Damen zuweilen bei Tafel in ihren Miedern und nie⸗ derhäͤngenden Locken, die ihnen allen auffallend ſchoͤn kleideten. Die Herren hatten dagegen ihre Rollen nicht weiter verfolgt, und die Damen wurden auch nur gele⸗ gentlich durch Anrufung ihres Namens daran erinnert. Indeſſen traf am anderen Mittage die Nachricht ein, der alte Arzt ſei angekommen und bereits in den Zimmern der Miſtreß Gray. D'Anville ſtellte an der aͤußeren Thuͤre des Thurmes ſogleich einen Diener auf, der den alten Herrn zu ihm fuͤhren ſollte, wenn er von der Kranken zuruͤckkomme; und wir uͤberlaſſen Alle dieſer Erwartung, um zu erfahren, was ſich indeſſen an einer anderen Stelle fuͤr dieſe beſonderen Verhältniſſe vor⸗ bereitete Die Gräfin d Aubaine war, nach der Abreiſe ihrer jungen Freunde von Ardoiſe, mit der uneigennuͤtzigen Ruhe, die der Hauptzug ihres gelaͤuterten Characters war, zu ihrem einſamen Leben zuruͤckgekehrt. Lebhaft angeregt durch die Erſcheinungen der geiſtigen Welt, die ſie aus ihrer geſicherten Ruhe mit antheilvollen Blicken verfolgte, nahmen die Zuſendungen aller in Paris entſtehenden, neueren Schriften ihre Zeit aus⸗ reichend in Anſpruch— wenn wir noch hinzufugen, daß ſie das geiſtvolle Reſumé der ihr daraus erwach⸗ ſenden Betrachtungen mit abſichtsloſem Fleiße, ſich ſelbſt zur Pruͤfung, in ſchriftlichen Auffſaͤtzen ſammelte Doch behielt ſie nach Außen den vollſtändigſten Antheil fur alle ihr naͤher geruͤckten Verhaͤltniſſe, und unter ihnen ſtanden ihr die ihrer jungen Freundin jetzt am nächſten, gegen welche ſie ſich heilig verpflichtet hielt durch das Vertrauen, mit dem die Eltern ſie ihr als Vermachtniß uͤbergeben hatten. Die zaͤrtliche Freund⸗ ſchaft, die das junge, anziehende Weſen ihr eingefloͤßt, 66 ihr eine genaue Kenntniß ihres feinen, leicht verletzlichen Sinnes, und ließ ſie uͤber die zweifel⸗ haften Verhaͤltniſſe, in denen ſie ſich jetzt befand, eine berechtigte Unruhe empfinden. Doch hoffte ſie noch immer, durch die Anweſenheit der Marquiſe d'Anville in Ste. Roche, einen ausreichenden Schutz fuͤr ihren Liebling annehmen zu duͤrfen, und fuͤhlte ſich ſchmerz⸗ lich getäuſcht, als ſie die Nachricht zuruck erhielt, wie beſtimmt Elmerice ſich jeder Gemeinſchaft mit ihr ent⸗ zogen habe, wie feſt dieſe neuen Verhältniſſe ſie zu feſſeln ſchienen. Sie hatte daruͤber ein langes Nachdenken und fragte die Erinnerungen ihrer Jugend um Auskunft uͤber Emmy Gray. Aber es war ein undeutliches Bild, was ſie vorfand, und weniger hatte die Zeit dies bewirkt, als die damalige Zerſtoͤrung ihres Geiſtes, und daß nach ihrer Geneſung die ganze traurige Be⸗ gebenheit wie mit heiligen Siegeln in dem Munde Aller verſchloſſen war, die ſie umgaben.— Was ſie daruͤber ſpater erfuhr, war ihr durch Madame St. Albans mit⸗ getheilt, die durch ihren Beſuch, wie durch die Er⸗ waͤhnung der Naͤhe des Kloſters Tabor, ſie wieder zu einigem Antheile erweckt und manche Erinnerungen in ihr aufgefriſcht hatte, die ſie mit ihren uͤbrigen Schmerzen feſt hielt und aus denen ſie jetzt einen Begriff von der Lage ihrer Elmerice ſchoͤpfte. Die finſtere, feindſelige Stimmung, die Emmy Gray zu der ganzen Welt trug, war fuͤr die Gräfin eine Urſache mehr, ihre junge Freundin als ein Opfer ihres Mitleidens anzuſehen; und wie ſie dieſe weit ge⸗ triebene Theilnahme mindern ſolle, das war der Ge⸗ genſtand ihrer Ueberlegungen. Sie entwarf hierzu in einem Tage mehr Plaͤne, als ihr ganzes uͤbriges Leben aufzuweiſen hatte, nur immer wieder ver⸗ worfen oder verändert durch ihr großes Zartgefuhl. Die Furcht, mit einer Autorität aufzutreten, die ſie zu edel und uneigennuͤtzig war geltend zu machen, wenn ſie nicht durch wirkliche Nothwendigkeit erzeugt ward, machte, daß ſie bis zu dem Gedanken gelangte, ſelbſt nach Ste. Roche zu gehen, um durch ihre Nähe Elmerice, die ſich ihr ſicher nicht entziehen konnte, zu zerſtreuen, ohne ſie ganz der Theilnahme fuͤr ihre alte Freundin zu berauben. Aber dieß war freilich ein großer Entſchluß, den die edle Franziska trotz der Aufopferungen, deren ſie fähig war, doch nicht ohne eine große, innere Bewe⸗ zung faſſen konnte, und von dem ſie eben ſo leb⸗ haft wuͤnſchte, er mochte ihr erſpart werden. Denn Ste. Roche war der Markſtein ihres irdiſchen Gluͤckes! Ste. Roche hatte das unſchuldige und tugendhafte Daſein des einzigen Mannes, den ſie je geliebt, auf immer zer⸗ ſtort! Wenn ſie dorthin dachte, ſchien es ihr ein rieſiges Grabmal, das Alles bedeckte, was ihr je an irdiſchem Beſitze gehoͤrte,— und dennoch kam der Gedanke immer wieder; denn nur ihrem Pflichtgefuhle raͤumte ſie eine ausſchließliche Herrſchaft uͤber ſich ein und ſchon erließ ſie einzelne Fragen an Lorint uͤber den Beſtand der Reiſeequipagen, welche die ganze Dienerſchaft in Er⸗ ſtaunen ſetzten, da die Graͤfin ſeit zehn Jahren das Schloß nicht verlaſſen hatte.— In einem jener zierlichen Blätterkloſets, welche die Gartenkunſt des damaligen Jahrhundertes beſtrebt war, mit moͤglichſter Täuſchung der Natur abzu⸗ ringen, ruhte die Graͤfin d'Aubaine und ſah durch den hohen Bogen des gruͤnen Eingangthores eine große, ſchnurgrade gepflanzte Allee rieſenhoher Platanen entlang, die mit einem maleriſchen Proſpekte auf das Schloß endete, als ſie Monſieur Lorint gewahrte, der mit den weiß ſeidenen Struͤmpfen, dem geſtickten Schar⸗ lachrocke und der kleinen weißen Stutzperuͤcke, eine klei⸗ dende Staffage dieſer einſamen Blätterarchitektur ward. Als er naͤher trat, bemerkte ſie den Glanz des ſilbernen Tellers in ſeiner Hand und war nun gewiß, er brächte ihr Briefe. Sie hoffte aus Ste. Roche— und ſtand auf, um, ihm entgegengehend, ſie fruͤher in Empfang nehmen zu koͤnnen. Der alte, etwas korpulente Herr beeiferte ſich bei dieſer Bewegung ſeiner angebeteten Gebieterin, ſie ſo ſchnell, als möglich, zu erreichen, und bald ſtand er, ganz außer Athem, mit dem reich belegten Teller vor der Gräfin. „Zwei Briefe von meiner Nichtes“ rief die Gräfin.— „Ja, Euer Gnaden, durch zwei ſich ſchnell fol⸗ gende Boten; außerdem befindet ſich noch ein Courier anweſend, der Euer Gnaden eine fremde Herrſchaft anzumelden kömmt.“— „Nun, und wenn?“ ſagte die Gräfin zerſtreut und, ſchon in den erſten Brief ihrer Nichte vertieft, Laum Lorint's Worte beachtend. Lorint ſchwieg daher, ſich vor das Kloſet zuruckziehend. Mit welcher Freude nun auch die erſte, begeiſterte Erzählung der Marquiſe von der Bekanntſchaft mit Elmerice und den wunderbaren Verhältniſſen derſelben. das zärtliche Herz der Grafin erfullte, da Lucile, von Empfindungen der Bewunderung uberſtroͤmeud, ihrer ſchnell erweckten Zuneigung mit Ausdruͤcken erwähnte, die in ihrem eigenen Herzen einen nur zu lebhaften Anklang fanden— ſo wurde dieſe Freude doch eben ſo raſch niedergeſchlagen und in Beſorgniß verwandelt, als ſie den zweiten Brief erbrach und die Krankheit der alten Miſtreß Gray und Elmerice's ſchnelles Zuruͤck⸗ ziehen erfuhr. „Mein Gott,“ ſagte ſie lebhaft—„das geht nicht mehr ſo! Ich muß dennoch zu ihr;— mein armes, theures Kind, ich kann Dich nicht länger verlaſſen! Vielleicht that ich es ſchon zu lange und habe das heilige Vertrauen verletzt, das Deine Eltern in mich ſetzten.— Sorgt, Lorint,“ ſagte ſie, ſich zu ihm wendend—„daß wir morgen abreiſen koͤnnen; ich werde nach Ste. Roche zu meiner Nichte gehen!“ Lorint verbarg ſein Erſtaunen, welches ihm das Blut in das Geſicht trieb, durch eine tiefe Verbeugung.„Ich komme nach dem Schloſſe zuruͤck,“ fuhr die Grafin fort, da Monſieur Lorint noch immer ſtehen blieb—„richtet vorlaͤufig das Noͤthigſte zu meiner Abreiſe ein.“ „Zu Befehl, Euer Gnaden!“ erwiederte Lorint;— „ich wollte nur unterthaͤnigſt an den Courier erinnern, der auf Antwort harret!“ „Ein Courier?“ ſagte die Graͤfin uͤberraſcht, da ſie jetzt erſt die Nachricht hoͤrte—„ein Courier aus Ste. Roche?“ „Nein, Euer Gnaden, ein Courier, der eine fremde Herrſchaft anmeldet, welche ſich aber nur der Frau Graͤfin ſelbſt nennen will, und uͤber die der Burſche keine Aus⸗ kunft zu geben weiß, da er von dem naͤchſten Poſt⸗ hauſe kömmt, wo die Herrſchaft erſt vor wenigen Stunden eintraf und ihn abſendete, um die Anweſen⸗ heit Euer Gnaden zu erfragen und dieſe allgemeine Meldung zu machen.“ „Das iſt ſonderbar,“ ſagte die Graͤfin;—„ich muß aber dennoch Bekannte annehmen, obwohl ich Laum weiß, wer ſich dieſer eigenen Form bedienen könnte Doch darf dieſer Beſuch keinen Einfluß auf meinen Entſchluß haben. Beſorgt zu morgen meine Equipagen und ſagt dem Courier, ich wäre im Be⸗ griffe abzureiſen, doch bis morgen bereit, Jeden will⸗ kommen zu heißen.“ „Auch, glaube ich, koͤnnen dies Euer Gnaden ohne Bedenken,“ fuhr Lorint mit der Vertraulichkeit alter Domeſtiken fort;—„denn die Herrſchaft iſt, dem Aufwande nach, mit dem ſie reiſt, von hohem Range.“ „Wir werden dies erwarten,“ ſagte die guͤtige Gräfin lächelnd;—„gebt die nöthigen Vefehle zu ihrer Aufnahme!“ Doch lange noch blieb ſie allein in der ſchoͤnen Einſamkeit, die ſie umgab; ſie vertiefte ſich in die Mittheilungen ihrer Nichte und ſuchte ſich dadurch in ihrem Vorhaben zu ſtärken, das ſie, bei aller pflicht⸗ getreuen Feſtigkeit ihres Sinnes, dennoch mit einem 285 geheimen Bangen erfullte, uͤber das ſie nicht Herr zu werden vermochte. Wie Viel ſich an dieſe Empfin⸗ dungen anreihen mochte, was von der Zeit und ihrem ſtarken Willen verdeckt lag, waͤre auf dem ſchoͤnen, fruͤh gealterten Geſichte zu verfolgen geweſen, obwohl es die feine Hand, welche das denkende Haupt ſtuͤtzte, halb verbarg. So mochte die Zeit ſchnell an ihr hin geſtrichen ſein, und vielleicht hatte ſie ſelbſt die Abreiſe und mehr noch den angekuͤndigten Beſuch bereits vergeſſen, als ſie die Stimme ven Monſieur Lorint vernahm, der, dicht vor dem Eingange des gruͤnen Gemaches ſtehend, einige unterthaͤnige Worte murmelte. Sie zog die Hand von ihrem Angeſichte und ſah hinter Lorint eine hohe, maͤnn⸗ liche Geſtalt ſtehen, und an ihrer Seite eine juͤngere, weibliche, die Beide der Gräfin völlig fremd erſchienen und ſie an ihre erwarteten Gaͤſte erinnerten. Sogleich erhob ſie ſich, und mit ihrem edeln und gewinnenden Anſtande nahete ſie ſich den Fremden, die WMonſieur Lorint verſucht hatte, ihr vorzuſtellen. Wer hatte ſich nicht in dem Augenblicke, als ſich die hohe, leichte Geſtalt, ſo wuͤrdig von den reichen Falten des ſchwarzen Kleides umhuͤllt, ihnen nahete, ſagen muͤſſen: ſie habe die unverwuͤſtliche Schoͤnheit der Seele, deren Daſein wir beim erſten Blicke empfinden, und die an Ste Roche m. 25 356 dem Roͤrper, der wie ein durchſichtiger, aber farbloſer Schleier den Geiſt umgiebt, keinen groͤßeren Verfall zu⸗ laͤßt, als die Verfluͤchtigung der Jugendreize! Der Fremde ſchien, von aͤhnlichen Betrachtungen bewegt, ihren vollen Anblick genießen zu wollen; denn er blieb in derſelben Entfernung vor ihr ſtehen und ließ ſie in ihrer ganzen edeln Erſcheinung auf ſich zu kommen; aber ſein großes Auge, das unter ſtarken, ſchwarzen Augenbraunen feurig hervorleuchtete, ſagte ohne Worte: ich bewundere Dich! Der Fremde zeigte eine ſichere, wuͤrdevolle Haltung; die Schoͤnheit eines alten Mannes, der ſich ſeiner Jugend ohne Erroͤthen erinnern darf. Sein weißes Haar hob ſich noch voll um die freie Stirn, und die Feinheit der ſchoͤnen, griechiſchen Naſe verſtärkte den edeln Ausdruck ſeines Kopfes. Er war uͤber der gewöhnlichen Groͤße, ohne Korpulenz, in reicher, einfacher Tracht, die aber nicht die der franzöſiſchen Mode warz ſeine ganze Erſcheinung flößte Achtung und Vertrauen ein. An ſeiner Seite ſtand eine junge, weibliche Geſtalt, die faſt andachtig ihre ſanften Augen auf die Gräfin d'Aubaine gerichtet hielt und eins der zarten, blonden Mädchen war, an deren materielle Exiſtenz wir kaum Glauben faſſen können. Die Graͤfin gewann die von uns dargelegte An⸗ 3 63 * 387 ſicht mit einem Blicke ihrer klugen, erfahrenen Augen; und in der angenehmen Erwartung, einen Namen zu hören, der dieſer intereſſanten Erſcheinung entſpräche, nahete ſie ſich mit jener verbindlichen Miene, welche die Frage ausdruͤckt, die der Mund noch zurckhält. „Madame,“ ſagte der Fremde, jetzt ehrerbietig ihr entgegentretend—„ich erkannte Euer Gnaden augen⸗ blicklich wieder, obwohl ſo viel Zeit zwiſchen dieſem und unſerm letzten Beiſammenſein liegt, daß mein einſt ſchwarzes Haar Zeit hatte, mich zum Greiſe zu ſtempeln; — auch damals genoß Lord Duncan⸗Leithmorin Gaſt⸗ freundſchaft in Ardoiſe, und Gräfin Franziska d'Aubaine war die Heilige, die er anbetete.“ „O, Lord Duncan,“ rief Gräfin d Aubaine— „Sie fuͤhrt in Wahrheit Gottes beſondere Guͤte zu mir! Stets konnten Sie der Freude gewiß ſein, die Ihre Ankunft hier erregen mußte; und doch iſt ſie niemals erwuͤnſchter geweſen, als gerade jetzt, wo ſie faſt zur Nothwendigkeit geworden iſt; und in dem Augenblicke, wo ich Sie ſehe, fuͤhle ich erſt recht die Wohlthat, die mir Ihr Rath gewaͤhren wird.“ „Das habe ich faſt erwartet, Frau Graͤfin,“ er⸗ wiederte Lord Duncan;—„und dennoch thut mir Ihre offene, guͤtige Erklaͤrung daruͤber unendlich wohl; denn ſie hebt den letzten Zweifel, der mich noch beunruhi⸗ 25* gen konnte. An Sie bin ich nun in jeder Hinſicht verwieſen, da Sie ſelbſt meine Sendung anzuerkennen ſcheinen.“ „Laſſen Sie mich erſt dieſen Engel begruͤßen!“ rief jetzt die Grafin, deren Augen ſchon längſt auf das holde Weſen an ſeiner Seite geblickt hatten. „Marie Duncan ſehnte ſich, Ihre Hand zu küſſen,“ ſagte der Lord und führte das erröthende Mädchen zur Gräfin, die ihr die Arme entgegen⸗ ſtreckte und ſie zaͤrtlich an ihre Bruſt druͤckte.„Freundin meiner Elmerice, weißt Du, daß ſie mir muͤtterliche Rechte einräumte? Willſt Du mir einen ähmlichen Antheil gönnen?“ „Ach, Madame,“ rief Marie, ſeelenvoll zu ihr aufblickend—„möchte ich ein ſo großes Gluͤck ver⸗ dienen lernen!“ „ Aber Du findeſt Dein: Elmerice nichtl“ fuhr die Gräfin fort.—„H, Lord Duncan, werden Sie nicht Rechenſchaft von mir fordern und mich fuͤr einen ſchlechten Haushalter erklaͤren, da ich den mir anver⸗ trauten, koſtlichen Schatz von mir ließ, ſchutzlos in fremde, unheimliche Verhaͤltniſſe uͤbergehend?“ „Nein, meine theure Gräfin!“ erwiederte Lord Duncan;—„ja, eben dieſe augenblicklichen Verhält⸗ niſſe des von mir väterlich geliebten, theuern Maͤdchens 389 ſind die Veranlaſſung, daß ich nach Frankreich kam; — und wie ich ohne Ihren Rath, Ihren Beiſtand keinen Schritt vorwärts thun kann oder will, ſo muß ich einraͤumen, daß Sie mich eben ſo noͤthig haben werden; und da ich Ihre Reiſeplaͤne ſchon kenne, denke ich, wir reiſen, wenn Sie mich gehoͤrt haben, ſpaͤter zuſammen.“ „O, gern, gern!“ rief die Gräfin, nachdenkend und bewegt; denn jetzt fuͤhlte ſie, Lord Duncan muͤſſe wichtige Mittheilungen zu machen haben, und in dem augenblicklichen Verhaͤltniſſe ſeines Muͤndels mehr ſehen, als ſie, die ihre Sorge nur auf die Gemuͤths⸗ ſtimmung ihrer jungen Freundin gerichtet hatte. Hoch athmete ſie bei dieſem Nachdenken auf. Wie viele Jahre waren ſchonend an ihr hingezogen, und heute ward ihre Erinnerung fuͤr die Vergangenheit geweckt — und wie lebhaft durch Lord Duncan ihr Gefuͤhl angeregt, den ſie als. Freund Reginald's kannte, und deſſen Bekanntſchaft die gluͤcklichſte Zeit ihres kurzen Jugendlebens umſchloß! Lord Duncan errieth die Bewegung ſeiner edeln Freundin und ſuchte ſie von ihren Empfindungen ab⸗ zulenken. Die Graͤfin verſtand ſchnell ſeine wohl⸗ meinende Abſicht; man trat den Ruͤckweg nach dem Schloſſe an, und hier Alles geſchickt und ſchnell vor⸗ bereitet findend, fuͤhrte die verbindliche Wirthin ihre Gäſte ſelbſt in die ſchoͤnen, wohnlichen Gemaͤcher, ihnen nach einer eiligen Reiſe die erwuͤnſchte Ruhe gönnend. 5 Erſt zur Tafel fanden ſich die Giſn wihn bei der Gräfin d'Aubaine ein, und Lord Duncan fuͤllte dieſe Zeit der Unterhaltung mit Erzählungen uͤber ſein Familienleben, das, der Grafin fremd, ihre ganze Theil⸗ nahme in Anſpruch nahm. Doch hoörte ſie faſt mit Schreck, daß Lord Aſtolf, der juͤngſte Sohn des Lord Duncan, bereits verlobt ſei, und wie ſich die junge Marie darauf freute, Elmerice mit dieſer Nachricht zu uberraſchen. Denn noch immer glaubte ſie, ihr Liebling trage eine unglckliche Neigung zu jenem Juͤnglinge, und ſeit lange hatte ſie ſich gewoͤhnt, die Schwermuth derſelben dieſer Urſache Schuld zu geben. Lord Duncan hatte die Gräfin um eine ungeſtörte Unterredung gebeten; man hob die Tafel deshalb zeitig auf, und da Marie Duncan alle Plätze kennen lernen wollte, von denen das Tagebuch ihrer Elmerice ſo lebhafte Schilderungen enthielt, hatte die Gräfin dafuͤr geſorgt, daß das ſanfte Reitpferd, welches Miß Eton zuweilen gebrauchte, der jungen Lady zugefuͤhrt wurde. Der alte Foͤrſter von Ardoiſe und ein voͤllig zuver⸗ läſſiger Reitknecht bekamen den Auftrag, Miß Duncan 221 zu allen Punkten hinzufuͤhren, welche die junge Dame nennen wuͤrde. Nachdem man das junge, heiter lůchelnde Mäd⸗ chen mit ihrem Gefolge hatte abreiten ſehen, fuͤhrte die Gräfin d'Aubaine ihren Gaſt nach dem abge⸗ legenen, gruͤnen Kabinet, welches wir bereits kennen; und als ſie in den offenen Balkonthuͤren, die einen be⸗ grenzten Blick in die einſamſten Baumpartien des Srtens darboten, Platz genommen hatten, trat eine Pauſe ein, in der Beide ſich zu beherrſchen ſuchten. Die Gräfin fuͤhlte, ſie wuͤrde mit Lord Duncan nicht zuſammen ſein können, ohne durch gemeinſchaftliche Er⸗ innerungen den wunden Punkt in ihrer Bruſt zu be⸗ ruͤhren, und Lord Duncan ſah ſich ähnlich bewegt; wir werden aus ſeinen Mittheilungen erfahren, wie viel Recht er dazu hatte. „Laſſen Sie uns offen gegen einander ſein, theure Gräfin,“ ſprach er endlich;—„wir fuͤhlen Beide, daß, was ich Ihnen zu ſagen habe, ſchmerzliche und ewig theure Erinnerungen wecken wird. Aber wenn ich dennoch den Entſchluß gefaßt habe, Sie auf dieſe Weiſe zu erſchuͤttern, ſo geſchieht es in dem feſten Vertrauen, daß Ihnen, wie mir, eine Pflichterfuͤllung zu wichtig iſt, um nicht das Opfer zu bringen, das ich jetzt fordere, indem ich Sie bitte, mich anzuhoren“ Die Graͤfin reichte ihm ſchweigend die Hand, die er faſt knieend an ſeinen Mund druͤckte. Ihre blaſſen Lippen bebten in einer Empfindung, der ſie keine Worte geſtatten wollte; aber Lord Duncan zweifelte nicht an ihrer Einwilligung und hob mit ruhiger Faſſung ſeine Mittheilungen an: „Als Reginald— aus ſeinem Vaterlande ver⸗ jagt ward, ſuchte er das Vaterland ſeiner Mutter auf. Er erreichte England mit gebrochener Jugendkraft, u als er das Haus ſeines Onkels, des Herrn. in Yorkshire, betrat, zeigten ſich ſchon Symptome der Krankheit, die ihn bald darauf danieder warf.— Sie haben oft von dem Vater Ihrer Jugendfreundin gehoͤrt; er war in Wahrheit einer der Ausgezeichnet⸗ ſten ſeines Standes. Er beſaß eine reiche Probſtei, und ſeine vornehme Familie, die den Vater aufgege⸗ ben hatte, ſuchte durch dieſe anſehnliche Pfruͤnde den Sohn zu heben. Mehr, ais ſie ihm geben konnte, gab er ſich ſelbſt durch ſeinen wuͤrdigen Charakter! Seine tiefe Gelehrſamkeit machte ihn zu einem ge⸗ ſuchten und geachteten Gegenſtande; er hatte auf der Univerſität den Doktorgrad erhalten, war Mitglied der ausgezeichnetſten, gelehrten Geſellſchaften, und ſtand dadurch in den weitverzweigteſten Verbindungen. Eben ſo bedeutend war ſeine Gemahlin, eine Miß Eton, 393 deren Vater Biſchof in Kalkutta geibeſen, und die ih⸗ rem Gemahle in jeder Beziehung gewachſen war. Nach dem Tode ihres Vaters hatte ſie ſich, als die Letzte ihres Namens, mit Herrn Leſter vermäͤhlt, und nach⸗ dem ſie mehrere Kinder verloren, blieb ihr nur Mar⸗ garith, die juͤngſte Tochter, die Ihre Freundin ward, theure Grafin!“ „Nur ein Mal habe ich mit Herren Leſter uͤber ſeine ungluckliche Schweſter, geſprochen. Er war bis zu Reginald's Ankunft uber ihr eigentliches Schickſal in Zweifel geblieben. Wie wir alle, mußte er ſie rechtmaͤßig vermaͤhlt halten; auch bekam er bis zu der Geburt ihres Sohnes nur gluͤckliche Nachrich⸗ ten von ihr und empfing daher die Anzeige ihres Todes, die ihm Graf Leonin ſelbſt machte, mit der ſchmerzlichen Trauer um ein zu fruͤh aufgelöſtes Gluͤck.— Ob ihr Sohn, von dem jene Todesnach⸗ richt Nichts erwaͤhnte, lebe oder der Mutter gefolgt ſei, konnte Herr Leſter nicht erfahren; da alle ſeine Briefe von da an unbeantwortet blieben. So machte die Zeit, daß er jene Verhältniſſe, als fuͤr ihn nicht mehr beſtehend, nach und nach zu vergeſſen begann. Emmy Gray's Weigerung, nach England zuruͤckzukeh⸗ ren, und die fluͤchtige Erwähnung ſeiner Tochter, bei ihrer Ruͤckkehr aus Ardoiſe, uͤber ihr wunderliches Le⸗ 394 ben, uͤberraſchte Herrn Leſter nicht, da er Emmy von Jugend auf als finſter und halsſtarrig gekannt hatte, und John Gray, der auf der Jagd verungluͤckte und einen fruͤhen Tod fand, kein Band mehr fuͤr ſie war. Dies eine Mal, daß ich nach der Entdeckung, die ihm Reginald gemacht, den ungluͤcklichen Bruder die⸗ ſes geopferten Engels ſprach, wird mir unvergeßlich ſein! Er hatte damals ſchon jeden Gedanken an Ge⸗ nugthuung aufgegeben und rang mit ſeinem Schmerze, um chriſtliche Faſſung und Ergebung; aber es war ein Kampf, dem er ſo oft unterlag, als er davon zu ſprechen wagte, und ich habe ihn niemals wieder dazu aufgefordert.“ „Reginald wußte durch Emmy Gray's verhäng⸗ nißvolle Mittheilung von dem Daſein ſeines Onkels und von deſſen Aufenthalt. Er ſuchte ihn zu errei⸗ chen; aber ſein Diener brachte den todtkranken Juͤng⸗ ling bewußtlos in das verwandte Haus. Noch ahnte die edle Familie nicht, wen ſie aufnahm, obwohl Margarith augenblicklich in ihm den Juͤngling wieder erkannte, den ſie unter dem Namen Chevalier de Ste. Roche in Ardoiſe geſehen hatte; deſſenungeachtet genoß er jede Pflege und die zarteſte Theilnahme, die end⸗ lich den leidenden Zuſtand brach und ihn dem Leben zuruͤckgab, das er nur noch mit Ergebung ertrug, von 395 ledem frohen Gefuͤhle des Gluͤckes und der 6 auf immer geſchieden.“ „Als er ſich ſeinem Oheim entdeckt hatte, und die ereignißreiche Erzählung ſeines grauſamen Schick⸗ ſales das Herz dieſes edlen Verwandten mit dem Un⸗ gluͤcke ſeiner Schweſter vertraut gemacht hatte, erfullte Beide eine tiefe und gerechte Verachtung gegen die Fa⸗ milie Crecy⸗Chabanne, deren rechtmäßiges Oberhaupt durch ſo grauſame und hartnäckige Verfolgungen, um jedes Vorrecht der buͤrgerlichen Geſellſchaft betrogen, aus ſeinem Vaterlande vertrieben ward.— In Folge dieſer Empfindungen, und von dem lebhaften Ver⸗ langen gedrangt, dieſer Familie ſpurlos entzogen zu bleiben, willigte Reginald ein, den erloͤſchenden Namen ſeiner Tante anzunehmen;— und er nannte ſich von da an— Eton!“ Lord Duncan brach hier ab; er ſah das hinſter⸗ bende Laͤcheln auf dem Geſichte ſeiner edeln Freundin. Beide ſchwiegen. Langſam floß endlich Thräne auf Thraͤne aus ihren geſenkten Augen. Lord Duncan er⸗ hob ſich, er wollte ſich entfernen;— aber ihre reine und erhabene Seele hatte ſchon geſiegt; ſanft ſtreckte ſie die Hand nach ihm aus.—„Bleiben Sie, theurer Freund!“ rief ſie, unter ſtärker rinnenden Thränen—„o, ich weine mehr aus Freude, wie aus Schmerz! So war 396 ſein Schickſal weniger traurig, als ich es erwarten mußte— ſo genoß er Liebe, treue Hingebung an der Seite der edelſten Menſchen! Ach, und er vergaß mich nie; denn— ſprechen Sie es aus— ſein Vermaͤcht⸗ niß war Elmerice!“ Geruͤhrt unterbrach Lord Duncan den beruhigen⸗ den Erguß ihrer Gefuͤhle nicht. Still und voll Ehr⸗ furcht blickte er auf dieſe ſchöne, wuͤrdige, weibliche Er⸗ ſcheinung, die mit allen Zuſtänden Frieden ſchließt und ihnen ihren Stachel zu nehmen weiß. „Lord Duncan,“ ſagte ſie nach einer kleinen Weile—„welches Licht giebt mir dieſer Augenblick uͤber mich! Wie unwahr ſind wir noch immer gegen uns— und neben welchen abſichtsloſen Täuſchungen gehen wir her, als ob wir ſie nicht ſahen! Was Sie mir jetzt ausſprechen, iſt die Ahnung der langen Ver⸗ gangenheit, ſeit Margarith Leſter mir in ſchuͤchternen Andeutungen ihre Liebe, ihre Vermählung mittheilte. Seit ich Elmerice ſah, und aus ihren Erzählungen uͤber ihren Vater Manches mir erſchien, als ob eine liebe Hand den Schleier von einem unverwiſchlichen Bilde wegzöge— ſeitdem belebte ſich dieſe Ahnung auf's neue! O, Lord Ducan, nehmen Sie mein Bekenntniß an: ſelbſt das ſchoͤne Antlitz meiner El⸗ merice rief theure Zuͤge in mir zuruͤck;— und den⸗ noch, dennoch huͤllte ich mich ſchuͤchtern gegen die Wahrheit ein! Aber ich liebe dies theure Kind ſo zärt⸗ lich, ſo hingebend, wie ich nur vermocht haͤtte, wenn mir die Wahrheit aufgedeckt geweſen waͤre; und all' meine Einrichtungen fuͤr ihre Zukunft nach meinem Tode, geſtalteten ſich ſo, wie es der Wittwe Regi⸗ nald's— mein ſchoͤnſter Titel blieb dies immer— zukam! O Mylord, wie froh bin ich, ſagen zu koͤn⸗ nen: ich war vor Ihrer Ankunft entſchloſſen, nach Ste. Roche zu gehen; und nicht alle meine Pflichten habe ich aus kraͤnklicher Schonung meines verwoͤhnten Gefuͤhles vernachläßiget.“ „Reginald“— hob hier Lord Duncan an— „kannte Sie ſo genau, theure Freundin, daß er gerade ſo, wie es geſchehen iſt, den Gang Ihrer Empfindungen vorausſetzte. Nicht ich ſollte Elmerice begleiten; und da ſeine Gemahlin ihn uͤberlebte, ſollte auch dieſe erſt der Tochter nach Frankreich folgen! Elmerice ſollte alle Nachrichten uͤber ſein Leben ahnend in Ihnen vor⸗ bereiten, und wir nur hinzutreten, um das zu geben, was Ihnen dann noch fehlen wuͤrde.“ „So fahren Sie fort,“ ſagte Franziska d'Au⸗ baine mit Faſſung. Aber ſie ſtuͤtzte ihr Haupt mit der Hand und entzog ihr Geſicht, damit dem Lord die Zeichen ihres tief erregten Gefuhles beſchmt ver⸗— 398 hullend. Mit einer edeln Schonung erzählte Lord Duncan weiter: „Nachdem Herr Leſter zu einiger Faſſung zuruck⸗ gekehrt war, richtete er ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf ſeinen ungluͤcklichen Neffen und bemuͤhte ſich, ihm eine Stütze zu werden. Sie begreifen, mit welcher Liebe und Bewunderung er den reich angebauten Geiſt, das edle Herz deſſelben erkennen lernte; wie ſtolz er im Laufe der Zeit auf ihn ward und wie er ihm ſeine achtungs⸗ vollſte Freundſchaft ſchenkte.“ „Doch ſein und Reginald's dringendſtes Verlan⸗ gen, einen Wirkungskreis, eine Thätigkeit zu finden, ſcheiterte wiederholt an Reginald's zerſtorter Lebens⸗ kraft. Sein Aufenthalt in der Baſtille, die er unter den heftigſten Seelenleiden, nach einer kaum uͤberwun⸗ denen Krankheit, ohne die nöthige Pflege bewohnen mußte, hatte eine hartnaͤckiges Siechthum veranlaßt, das ihn viele Jahre nach einander zu derſelben Zeit auf's Krankenlager warf und enblich die Aerzte zu dem Aus⸗ ſpruche noͤthigte, daß die Luft in England dieſem Zu⸗ ſtande nachtheilig werde. Doch konnte Reginald in jener Zeit nicht an ſeine Abreiſe denken; denn ſein ge⸗ liebter Oheim verlor nach kurzem Krankenlager die wur⸗ dige Gefährtin ſeines Lebens.“ „Auf ihrem Sterbebette vertraute ſie die Liebe ihrer Tochter und ſagte ihm, ſie wuͤnſchte, daß er ſie heirathe; denn Margarith mache keinen An⸗ ſpruch an ſeine Liebe, die er ja doch niemals fuͤr ein anderes weibliches Weſen werde empfinden koͤnnen— Margarith werde wie ſeine Schweſter ihm zur Seite bleiben, ſeine ſchwankende Geſundheit ſtuͤtzen und das Leben ihm liebevoll erleichtern. Doch verbat ſie ſich jede Zuſicherung des erſchrockenen Reginald und verließ bald darauf die Welt.“ „Von da an lernte unſer Freund erſt— kennen; denn bei ihrer erſten Bekanntſchaft in Ardoiſe hatte Reginald keinen Raum gehabt fuͤr die Wahrneh⸗ mung einer anderen weiblichen Erſcheinung; aber er naͤherte ſich ihr mit dem Wunſche, durch ſein Vertrauen ſie von den Gefuͤhlen abzulenken, die erregt zu haben, ihm Kummer machte. Aber ſeine Annäherung hatte andere Folgen! Jetzt erſt trat hervor, was Margarith bisher beſcheiden ihm entzogen, daß ſie noch immer die Freundin, ja, die Vertraute der Gräfin Franziska war — daß ihre Liebe mit der ſeinigen um den Rang ſtritt, und ſie das Band werden wuͤrde, das ihn mit dem ein⸗ zigen Gluͤcke ſeines Lebens in Verbindung erhalten könnte. Sie waren von da an unzertrennlich;— und wie er fuͤhlte, daß er die Neigung des edeln Maͤdchens, ſtatt ſie zu verringern, geſteigert habe, bot er ihr ſeine 400 Hand an und wiederholte ihr, was ſie wußte, er ihr kein Herz zu geben habe.“ „Schon damals kannte ich ſeine Anweſenheit in England; Herr Leſter hatte mir ausfuhrlich ſein Schick⸗ ſal mitgetheilt. Zu derſelben Zeit wiederholten ſich die Verſuche des Grafen Leonin, Reginald auszuforſchen; da, nach dem im Kloſter erfolgten Tode der alten Mar⸗ ſchallin, wahrſcheinlich ſein Verlangen erwachte, ſich den Sohn wiederzugewinnen. Auch ich bekam Aufforde⸗ rungen und ich geſtehe, daß ich es verſuchte, meinen Einfluß auf Reginald zu benutzen, um ihn fuͤr die Vor⸗ theile dieſer Stellung empfaͤnglich zu machen. Aber ich fand ihn unerſchutterlich. Das Andenken an ſeine ge⸗ tränkte Mutter vertrat jeden Weg der Verſoͤhnung mit ſeinem Vater, an den er zwar ohne Haß dachte; aber ſich doch völlig unfaͤhig fuͤhlte, in ein— Ver⸗ haͤltniß zu ihm zu treten.“ „Ueberdies war er verheirathet— er durfte Nichts mehr hoffen, und er verachtete Rang und Stand, der zu ſo vielen Verbrechen Anlaß gegeben, mit einer faſt an Haß grenzenden Bitterkeit.“ „Gleich nach der gerauſchloſen Hochzeit folgten ſie mir nach Schottland, welches Herr Leſter lebhaft wuͤnſchte, da die geforderte Luftveränderung noch immer verſchoben worden war; und bei mir, in Leithmorins — 401 Bergen, in den gruͤnen Thälern mit ihren zahlloſen Quellen erfriſchte ſich die Lebenskraft unſeres theuern Freundes. Deſſen ungeachtet fuͤhrte ihn ſein Pflicht⸗ gefuͤhl zu Herrn Leſter zuruͤck; denn er errieth die immer verhehlten Wuͤnſche ſeines liebevollen Weibes, die nur mit Sorge den alternden Vater allein wußte; auch brachte Reginald in Wahrheit beſſere Lebens⸗ kraͤfte mit und uͤberhob ſeine Familie fuͤr einige Jahre der Sorge fuͤr ſein Leben. Er bereitete ſich in dieſer Zeit vor, einen Ankauf in England zu machen, der ihm eine wuͤrdige Thätigkeit ſicherte, als der ploͤtz⸗ liche Tod ſeines Schwiegervaters und die erneueten Nachforſchungen des Grafen Leonin ihn dieſen Plan aufgeben ließen, und ſeine Freundſchaft fuͤr mich ihn beſtimmte, ſich nach Schottland zuruͤckzuziehen“ „Hier lebte er bis zu ſeinem Ende in der in⸗ nigſten Gemeinſchaft mit meiner Familie und theilte ſeine Zeit in die Kultur ſeines kleinen Gutes und⸗ die Erziehung ſeiner einzigen Tochter— unſerer El⸗ merice!“ „Doch erwachte nach der erſten Vernarbung ſei⸗ ner ſchweren Seelenwunden eine tiefe Sehnſucht nach dem ſchoͤnen Frankreich, ſeinem beruͤhmten Vaterrande, in ihm; und es gehoͤrte ſein feſtes Abſchließen mit dem Leben dazu, um ihn davon entfernt zu halten. Ste. Roche 1M. 26 Als er aber ſeine Krafte ſinken ſah und ſich ſelbſt nur zu richtig ein fruͤhes Ende prophezeihte, erwachte ein Gedanke in ihm, der ſeine letzten Jahre erhei⸗ terte— Ihnen nach ſeinem Tode ſeine Tochter und Gemahlin als ein Vermächtniß zu uͤberſenden, und Elmetice auf dem Boden einheimiſch werden zu ſehen, den er dennoch am liebſten ſein Vaterland nannte — und durch Sie das theuerſte Andenken ſeines Lebens!“ „Was haͤtte Margarith nicht in ihrem edeln, von ihr angebeteten Gatten verſtanden? Wo waͤre ihr Antheil je ausgeblieben, wenn er ihn zu erwecken ſuchte? Die Erziehung Elmerice's nahm von da an dieſe vorbereitende Wendung, und ſie ward in Schott⸗ land ſchon eine Buͤrgerin Frankteichs.“ „Doch eben ſo feſt ſuchte er zu der damaligen Zeit alle Beſtimmungen ſo zu ordnen, daß Elmerice uͤber das eigentliche Schickſal ihres Vaters ſtets in Ungewiß⸗ heit bliebe und ihrer Familie auf immer entzogen. Wir Alle waren durch die heiligſten Eide gebunden, dies von ihr abzuhalten. Ein Brief an Sie, theure Gräfin, flehte Sie um dieſelbe Zuſage an;— denn er fuͤhlte eine Art eiferſuͤchtigen Zuͤrnens, wenn er ſich das herrliche Kind, auf das er mit Stolz und Entzuͤcken blickte, in den Haͤnden einer Familie dachte, die viel⸗ 403 leicht git zweifelnder Miene auf ihre Vorzuͤge ſehen und ihnen die volle Berechtigung weigern koͤnnte.“ „Ein ſpäteres Ereigniß jedoch, das ich Ihnen zu einer anderen Zeit mittheilen werde, veraͤnderte in etwas dieſe hartnaͤckigen Beſtimmungen;— ſie ſollten nur ſo lange Geltung behalten, als das Lebensgluͤck dieſes geliebten Kindes nicht weſentlich darunter litte. Ich bekam Erlaubniß, ſeiner Tochter in Jahresfriſt nach Frankreich zu folgen, ſelbſt die Verhaͤltniſſe zu pruͤfen, in die ſie alsdann getreten ſein wuͤrde und den Umſtänden gemaͤß nachgiebig zu ſein, oder das Geheimniß uͤber ihre Geburt fortbeſtehen zu laſſen, wenn die Lage der Sache ſich ſeinen nicht entſprechend zeigte.“ „So war die Reiſe hierher ein alter Beſchluß, ein Verſprechen ſogar; aber ſie ward durch die Nach⸗ richten, die Marie Duncan von Elmerice erhielt, be⸗ ſchleunigt. Um mit dem geliebten Kinde im ſicherem Zuſammenhange zu bleiben, hatte ich in beiden Mad⸗ chen die Idee erregt, fuͤr einander eine Art Tagebuch zu ſchreiben, und bei der Liebe, die Elmerice zu mir hatte, ward es mir nicht ſchwer, die Erlaubniß der Theilnahme an demſelben zu erhalten. Ich ſchrieb ſelbſt in dem Tagebuche meiner Tochter— und El⸗ merice beantwortete dies; ungeſucht erfuhr ich ſo, was 26* 2404 ihr begegnete, und behielt eine Ueberſicht, die mich leiten mußte, wenn ich fruͤher, als das Jahr abgelaufen war, es nöthig finden ſollte, meine Reiſe anzutreten. Dies ſchien mir jetzt der Fall, ſeitdem ſie durch eine jener wunderbaren Fuͤgungen, die wir uns vielleicht ſehr mit Unrecht gewoͤhnt haben, Zufälligkeiten zu nennen, zu dem eigentlichen Bruͤtheerde ihres Schickſales gelangt iſt! Emmy Gray, die, wie eine Nemeſis uber ihrer Rache wachend, das gekränkte Leben zu erhalten wußte, hat ſogleich den verwandten Zug mit Fennimor Leſter erkannt, ihr deßhalb Liebe und Vertrauen geſchenkt, ihre Ahnungen in ihr niedergelegt und ſie mit dem härten Schickſale ihrer Großmutter und ihres Vaters bekannt gemacht. Von da an zeigen die Briefe des armen Kindes eine tiefe Schwermuth, die ſie dem Leben abſterben läßt; denn ſie will die Vorzuge der Geburt, die ihr bei der Aufdeckung ihrer Rechte zu⸗ ſtehen wuͤrden, niemals gelten laſſen; da ſich ſo viele Verbrechen an deren Raub knuͤpfen. Ja, ſie fuͤrchtet vor Allem, das Andenken ihres Vaters zu beleidigen, wenn ſie das zu beſitzen trachtete, was er nicht zu beſitzen vermochte.“— „O meine Elmerice,“ unterbrach hier Franjtn vAubuine ihren Freund—„wie wuͤrdig biſt Du, ſeine Tochter zu ſein!“— 205 „Die Anweſenheit des Marquis d'Anville, den ſie als Ihren Verwandten kennt, theure Gräfin, hat die⸗ ſen Vorſatz nur befeſtigt. Wie ſollte ſie ein Eigen⸗ thum beſitzen wollen, das in dieſe Hände uͤbergegan⸗ gen iſt? Dagegen hält ſie es fuͤr eine heilige Pflicht, bei Emmy Gray auszuhalten, die von der Aehnlich⸗ keit lebt, die Elmerice mit Fennimor hat, und nach ſo langer, troſtloſer Vereinſamung durch den Gedanken böfriedigt iſt, daß ſie die rechtmäßige Erbin Fennimor's in Ste. Roche eingeſetzt hat, und ihr dieſe die Augen zudruͤcken wird. Elmerice fuͤgt ſich allen ihren Phan⸗ taſien; ſie traͤgt Fennimor's Kleidung ſogar, um der armen Alten die hochſte Illuſion zu gewähren.“ „So, liebe Gräfin, denke ich, kann es nicht länger bleiben! Wir muͤſſen dem edeln Kinde, das es ſo wohl verdient, jetzt völliges Vertrauen ſchenken. Sie theilt Emmy's Ueberzeugung; denn, wenn ſie auch aus ihrem Leben keine Gewißheit hinzufuͤgen kann, widerſpricht doch auch Nichts ihren Annahmen; und daß Miß Leſter ihre Mutter, ward beſtätigt durch ihre Vermuthungen, die auch Emmy ſehr natutlich er⸗ klärt hat.“— „So iſt denn jetzt noch mehr, wie fruͤher, meine Ueberzeugung beſtätigt, daß auch ich nach Ste. Roche muß,“ ſagte die Gräfin d'Aubaine;—„denn ich — „ 406 werde am beſten all' die kleinen Schranken durchbrechen können, die zu großes, gegenſeitiges Zartgefuͤhl dieſer Angelegenheit nachtheilig werden ließ. Ich habe na⸗ tuͤrlich wenig von den Geſinnungen des Marquis d'Anville uͤber dieſen Gegenſtand gehört; da meine lieben, nur zu guͤtigen Verwandten Alles in Schwei⸗ gen huͤllten, was auf dieſe ſchmerzliche Epoche meines Lebens hinzuweiſen vermochte. Doch erfuhr ich, daß er nach Reginald ſelbſt oder nach deſſen Verwand⸗ ten eifrig forſchte— und daß er darin nicht gluck⸗ lich war, iſt mir durch Ihre Mittheilungen er⸗ klärt.“ „Ja!“ ſagte Lord Duncan—„hier iſt ſein letzter Brief; er iſt aus Ste. Roche datirt und läßt keinen Zweifel uͤber ſeine uneigennuͤtzigen Geſinnungen. Ich habe ihm geantwortet, wie er es verdient— und ihn auf meine baldige Ankunft verwieſen. Doch muͤſſen wir wohl uͤberlegen, was wir mit Elmerice wollen; wird es ein Gluͤck ſein, ſie in ihre Rechte einzuſetzen?“ „Das ſteht in Gottes Hand, Lord Duncan,“— ſagte die Gräfin warm;—„wir haben ein Unrecht gut zu machen— wir duͤrfen nicht weiter fragen, da das Nächſte klar vor uns liegt! Die ſpätere Frage iſt nicht ſo ſehr, wie es erſcheinen will, an Aeußer⸗ — S—— lichkeiten gebunden. Nehmen wir Elmerice den Druck ab, der durch ihre halbe, gekraͤnkte Stellung entſtan⸗ den iſt, und erwarten wir voll Vertrauen und Achtung, wie ſie ſelbſt mit ihrem ſchoͤnen Willen dann eine wuͤrdige Haltung behaupten wird.“— „Der Marquis d'Anville,“ hob nach einer Pauſe Lord Duncan an—„hat einen Bruder“— „Fuͤrchten Sie Nichts von dieſem!“ unterbrach ihn die Grafin ſchnell.„Leonce iſt allerdings nicht reich— und ich weiß, daß d'Anville beſchloſſen hatte, durch die Art, wie er den Nachlaß des Grafen Leonin jetzt zu theilen dachte, dieſen Mangel auszugleichen. Doch tritt der Fall ein, daß Leonce mit der Tochter meines Bruders faſt ſo gut wie verlobt iſt und dieſe ihm Reichthum bringen wird, da Graf d'Aubaine nur zwei Kinder hat.“ Schnell ſtand hier Lord Duncan auf und trat mit einer ſonderbaren Heftigkeit auf den Balkon hin⸗ aus. Die Graͤfin war jedoch zu ſehr in den ange⸗ regten Empfindungen vertieft, um es zu bemerken; Lord Duncan ward freundlich und mit dankbaren Wor⸗ ten von ihr entlaſſen, da er ihr bis zur Abendtafel Ruhe zu goͤnnen wuͤnſchte, und dieſe Zeit den erinne⸗ rungsreichen Plätzen um Ardoiſe widmen wollte. Doch muͤſſen wir geſtehen, daß er die Grafin dAubaine mit 408 viel geringeren Hoffnungen fuͤr das Gluͤck der von ihm ſo väterlich geliebten Elmerice verließ, und oft hören wir ihn wiederholen:„Reginald, Reginald, Deine Nachgiebigkeit koͤmmt zu ſpaͤt!“ „ ———— In dieſer Zeit hatte Elmerice an dem Kranken⸗ lager ihrer alten Freundin truͤbe Stunden! Sie konnte ſich nicht verhehlen, daß ihr Leiden ernſter Art war und vielleicht das letzte ihres Lebens ſein werde. Aber der Gedanke, Emmy zu verlieren, war ihr in einem Augenblicke, wo ſie dieſelbe als ihre einzige Stutze an⸗ ſah, faſt unerträglich. Mit leidenſchaftlicher Angſt er⸗ wartete ſie daher den alten Arzt, und als er endlich ankam, eilte ſie ihm mit einem ſo geſteigerten Grade von Schmerz entgegen, daß er ſie erſtaunt anblickte und, waͤhrend er ihre Hand wie blos freundſchaftlich druͤckte, doch heimlich und ſchnell den Zeigefinger an ihren Puls legte, um ihren Geſundheitszuſtand zu er⸗ gruͤnden. Mußte er nun auch ihre Bewegung auf ihre Theilnahme allein ſchieben, uͤberzeugte ihn doch der Zuſtand der Alten, daß die groͤßte Beſorgniß fur dieſelbe vorhanden ſei. Er hatte kaum den Wunſch, ihr ein Medikament zu geben; da ein ruhiges Ein⸗ ſchlafen der gänzlich abgelaufenen Lebenskraͤfte zu er⸗ warten ſtund Um ſie jedoch der armen Elmerice, die ſie fortwährend fur ihr letztes Lebensgluͤck erkläͤrte, ſo lange wie moͤglich zu erhalten, verordnete er ein Mit⸗ tel, welches die Fieberbewegungen aufheben ſollte. Es war Elmerice nicht gelungen, ſich den uͤbri⸗ gen Schloßbewohnern ganz zu entziehen; die Pforte, die einſt Emmy Gray mit ſo eiferſuͤchtiger Strenge be⸗ wachte, ſchien Schloß und Riegel verloren zu haben, und es blieb Elmerice keine Schutzwehr in ihren Ver⸗ hältniſſen, da von Pflege der Alten faſt nicht die Rede ſein konnte; indem ihr ſtiller, träumeriſcher Zuſtand kein Symptom zeigte, das einen thaͤtigen Beiſtand er⸗ fordert haͤtte. Die Damen wurden durch dieſe Beob⸗ achtung ermuthigt, der liebenswuͤrdigen Miß Eton ihre Beſuche zu machen, und beſonders ſchien der Marquis d'Anville es ſeit einiger Zeit von ſeiner Gemahlin zu fordern; er ſelbſt zeigte ſich jeden Morgen vor Elme⸗ rice's Thuͤr, um von Aſta zu erfahren, wie ihre Ge⸗ bieterin geſchlafen habe. Er hatte lange Unterredungen mit dem alten Arzte— ſendete Boten nach Paris, die ihm Papiere brachten, die er mit dem alten Herrn bei verſchloſſe⸗ nen Thuͤren zu pruͤfen ſchien, und dennoch erfuhr Niemand etwas Beſtimmtes von ihm; und Alles, was er ſeiner jungen Gemahlin mittheilte, war der achtungs⸗ volle Brief des Lord Duncan, der ſeine Ankunft verhieß. 1 411 Man hatte an einem der nächſten Tage ſo eben die Tafel aufgehoben und ſchweifte durch den ſchoͤnen Audienzſaal der Koͤnigin Katharina, um in dem Burg⸗ garten die freie Luft zu genießen, als die gegenuͤber⸗ liegenden Fluͤgelthuren ſich ploͤtzlich oͤffneten, und, ohne vorhergehende Meldung, einige Fremde eintraten, un⸗ ter denen ſich eine Dame auszeichnete, deren hohe, ſchlanke Geſtalt von langen, ſchwarzen Gewaͤndern um⸗ floſſen war, und deren Geſicht ein Schleier den Anwe⸗ ſenden entzog. Sie ging ſchnell den Anderen voraus und blieb dann ſtehen— ihre Hände ausſtreckend, als verlange ſie, daß man ſie ergriffe. Der Marquis und Lucile traten ihr auch ſchnell entgegen, und in dem⸗ ſelben Augenblicke ſchlug ſie den Schleier zuruͤck. Mit einem Schrei des Entzuͤckens ſtuͤrzte Lucile in ihre Arme, während Alle jetzt die Tante Franziska d'Au⸗ baine erkannten, und Margot, der Marquis, Leonce — ganz außer ſich vor Freude und Entzuͤcken— ſich mit dem Ungeſtüme kindlicher Berechtigung um ſie draͤngten. Wie war das Herz der Graͤfin dazu geſchaffen, einen ſolchen Moment der Liebe zu fuͤhlen und die ruhrenden Beweiſe derſelben durch die holdeſten Worte und Liebkoſungen zu erwiedern! „Doch ſchon zu lange,“ rief ſie, ſich heiter la⸗ chelnd losmachend—„genieße ich eigenmächtig das Gluͤck, Euch wiederzuſehen. Ich komme nicht allein — ich bringe einen alten Freund mit mir— Lord Duncan⸗Leithmorin und Lady Marie, ſeine Tochter!“ Der Marquis erfullte nun mit der liebenswuͤrdi⸗ gen Courtoiſie, die ihm eigen und ſo wohlkleidend war, die Pflichten des gaſtfreundlichſten Willkommens, und Lucile unterſtuͤtzte ihn mit ihrer bezaubernden An⸗ muth, waͤhrend die Graͤſin d'Aubaine von dem übri⸗ gen Kreiſe begruͤßt ward, der eben ſo entzuͤckt war, wie ihre Verwandten, der ſeltenen Erſcheinung der hoch⸗ gefeierten Graͤfin Franziska theilhaftig werden zu kön⸗ nen. Mademoiſelle de la Beaume war eine alte Ju⸗ gendbekannte von ihr— die Eltern der Graͤfin Guiche waren ihr befreundet— Graf Buſſy hatte ſie als Kna⸗ ben oft geſehen— den ſchoͤnen Grafen Guiche aber, zu Aller Ueberraſchung, aus der Taufe gehoben! Ge⸗ nug, es entſtand ein Freudentaumel um die hohe, edle Frau, die eine ſo kindliche, naive Heiterkeit zeigte, daß Jeder Muth gewann, ihr ſein Herz zu Fußen zu legen. „Und dennoch begreife ich mein Gluͤck nicht, theure Tante!“ rief Lucile.—„Sie reiſend? Sie wo anders, als in Ardoiſe? Es ſcheint mir ein Traum, und ich furchte zu erwachen!“ 413 „Dies Mal nicht, meine theure Lucile!“ ſagte die Gräfin.„Ich habe in vollem Ernſte meine ſchwer⸗ faͤllige Ruhe aufgegeben, um bei Euch zu ſein; doch geſtehe ich ein, ich ſuche außer Euch noch meinen lie⸗ ben Fluͤchtling— meine theure Elmerice auf, und zähle auf Euren Beiſtand, ſie uns fuͤr immer wiederzu⸗ zugewinnen!“ „O gelaͤnge Dir doch, theure Tante, was wir nicht zu erreichen wußten, ohne eine Art von Zwang gegen ihr tiefes, ruͤhrendes Pflichtgefuͤhl auszuuben! Doch Dir wird ſie nicht widerſtehen— und dann wird unſerem Gluͤcke Nichts fehlen!“ „So laßt mich ſogleich zu ihr,“ ſagte die Grä⸗ fin und erhob ſich.—„Doch will ich nicht gemeldet ſein— ich will ihr Herz uͤberraſchen.“ Wem haͤtte nicht Alles, was die Tante Fran⸗ ziska beſchloß, das Beſte geſchienen! Ihre Liebesfuͤlle, von ſo viel Einſicht und tiefem Menſchenblicke unter⸗ ſtutzt, brachte einen ſich immer wiederholenden Se⸗ gen uber Alles, was ſie ergriff. Jeder war im voraus uberzeugt, ihr koͤnne Nichts mißlingen; und nur die Ehrfurcht fuͤr ihre Ruhe machte, daß man ihre Ein⸗ miſchung ſo ſelten begehrte, da ſie dieſelbe nie ver⸗ ſagte, und ihr doch die ſchuͤchterne Zuruͤckhaltung an⸗ zufuͤhlen war, die ſie immer erſt mit ihrer Menſchen⸗ 414 liebe uͤberwinden mußte; da ſie die Meinung Anderer uber ſich nicht theilte, ſondern geneigt war, ſich unpaſ⸗ ſend und unzureichend fur die an ſie gerichteten Wuͤn⸗ ſche zu halten.— Elmerice ſaß an dem Bette der ſchlummernden Alten. In ihrem Herzen war eine ſolche Fuͤlle von Schwermuth, daß ſie ihr Beſchäftigung ſchien und ſie uͤber die troſtloſe Unthätigkeit täuſchte, in welche dieſe Stimmung ſie ſtuͤrzte, den Trubſinn nahrend, der nichts wollte, als ein ſtetes Nachdenken uͤber die Schmerzen ihrer jungen Bruſt. Wie ſeufzte ſie, daß ihr Leben noch lang ſein ſollte;— da es doch, wenn das ſchwache Weſen vor ihr verſunken ſei, fuͤr Keinen mehr Werth haben werde! Sie ſchauderte bei dem Gedanken, dieſe ſtille Welt, in der ſie ſo viel Anklang fur ihr leidendes Herz gefun⸗ den hatte, vielleicht bald verlaſſen zu muͤſſen, unbe⸗ rechtigt— wie ſie Allen erſcheinen mußte— hier um eine Stelle fuͤr ihr Grab zu bitten. Genug, ſie geſtaltete in ſich das ganze Martyrium der Jugend, die, in den Wuͤnſchen des Herzens gekränkt und ge⸗ taͤuſcht, immer ein vollſtändiges Ungluͤck in ſich zu ſchaffen ſucht, um vom Leben Abſchied nehmen zu konnen und ſich berechtigt halten zu duͤrfen, alle Guͤ⸗ ter der Erde farblos, ohne Reiz, ohne Werth zu fin⸗ den.— Wer das ſchöne, blaſſe Geſicht der jugend⸗ lichen Elmerice beobachten konnte, wie es ſo ermattet gegen die Lehne des Stuhles geſunken war, der mufßte, mit nur einiger Welterfahrung— erkennen, daß ſie das Opfer des bezeichneten Zuſtandes zu werden drohte; und wir koͤnnen das Gefuͤhl der edeln Gräfin d'Au⸗ baine begreifen, mit dem ſie, leiſe hereingetreten und ſeitwaͤrts ſtehen bleibend, ihren Liebling betrachtete. Sie kannte und hatte es erfahren, was ſie in Elmerice's Zuͤgen las! Wie hoffnungslos ihr Schickſal in dieſer Beziehung ſein werde, hatten ihr Lord Dun⸗ can's Mittheilungen uͤber Lord Aſtolf beſtätigt, und ſie fuͤhlte das tiefe, muͤtterliche Mitleiden, was nach Hilfe ausſieht und mit dem Geiſte der Erfahrung die Mittel ergreift, die der Zeit in die Haͤnde arbei⸗ ten, welche keine Wunde unvernarbt laͤßt und die allerheißeſten Schmerzen, von der erſten Stunde an, ſchon ihrem Ausgleichungsgeſchäfte verfallen erklaͤrt und ſie mit ihren leiſen Pendelſchwingungen endlich in ewige Ruhe wiegt.—„Nein, nein,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt;—„Du biſt zu etwas Beſſerem beſtimmt;— nicht daran darfſt Du zu Grunde gehen! Du mußt Dir ſelbſt die Wuͤrdigkeit zu einem neuen Leben zu⸗ erkennen lernen; dieſen edeln Stolz biſt Du berech⸗ tigt, in Dir zu entwickeln.“— Mit dieſem tugend⸗ „ haften Muthe trat ſie näher, und Elmerice fühlte eine teichte, ſanfte Hand auf ihrer Schulter. Ach, mit welcher Erſchuͤtterung blickte ſie in die edeln Züge der theuern Frau, die von einer hingebenden Zaͤrtlichkeit belebt waren, die Alles verhieß, was ein leidendes Herz bedarf! „O, Graͤfin d Aubaine,“ ſprach Elmerice— und lag, hingeriſſen von ihrem Anblicke, in demſelben Augen⸗ blicke zu ihren Fuͤßen;—„Sie finden ein armes, troſtloſes, undankbares Weſen wieder, das Ihre Liebe vergaß und ſie deshalb nie verdiente!“ „Das glaube ich nicht, mein ſuͤßes Herzenskind,“ ſagte die Gräfin ſanft und zog ſie an ihre Bruſt.— „Dein Gefuͤhl lag nur verdeckt von den wunderlichen Eindruͤcken, denen Du hier unterworfen warſt. Du haſt, ohne liebevolle Warnung und ganz ſelbſt uͤber⸗ laſſen, Dir ein kleines Martyrium von Pflichtgefuͤhlen geſchaffen; das entfernt uns immer von dem natuͤr⸗ lichen Leben und macht uns einſeitig und verringert die wahre Liebe des Herzens, die wir ausreichend in uns entwickeln muͤſſen.“ Mit der ſchnellen Umwandlung, welche unverdor⸗ bene Jugend, einer höheren und beſſeren Erkenntniß gegenuͤber, ſo leicht und wohlthuend erfahrt, fuhlte Elmerice beſchäͤmt die egoiſtiſche Härte, die ſich neben . — ——— ihrer anſcheinend berechtigten Handlungsweiſe in ihr Herz geſchlichen hatte. „Theure, muͤtterliche Freundin, ich habe 36 Ihren Tadel verdient,“ ſagte ſie belebter, inniger, als ſie es noch wenige Augenblicke fruͤher fuͤr moͤglich ge⸗ halten haben wuͤrde;„wie ſchwer iſt es, auf der rechten Bahn zu bleiben, wenn man jung iſt! Aber jetzt werde ich wieder Ihren Rath genießen; und ſelbſt, daß ich fehlte, wird nur ein Grund mehr ſein, daß Sie mich nicht verlaſſen!“ „Ja, Elmerice, Du verſtehſt das Weſen der Liebe, und ich bin ſtolz darauf, zu fuͤhlen, daß Du mir nicht zu viel thaͤteſt, ſelbſt in dem Falle, den Du annimmſt, und den ich hier noch nicht erkenne. Doch jedenfalls laß' uns nicht ſo im Allgemeinen unſere Gefuͤhle aufregen. Es iſt Nichts ſo leicht, als das Maaß zu uͤberſchreiten, und doch iſt das Geheimniß alles Schoͤnen und Guten, Maaß zu halten!— Sag' mir von Deiner alten Freundin, und glaube nur, ich erkenne in hohem Grade Deine Pflichten gegen ſie an. Nur das Maaß— das Maaß!“ lächelte ſie und kuͤßte dem andächtig zu ihr aufblickenden Madchen zärtlich die Stirn. Beide traten näher an das Bett der Kranken, die in einem Halbſchlummer lag, der jeden Augenblick Ste Noche ili 27 418 ihr Ausſehen veränderte, was dem alten Arzt als ein ſicheres Zeichen ihrer nahen Auflöſung galt. „Ich glaube, mein theures Kind,“ ſagte die Graͤfin d'Aubaine, nachdem ſie die Zuͤge der Alten gepruͤft—„die Natur wird hier bald fuͤr immer aus⸗ ruhen;— und wahrhaft herrlich ſcheint es mir, daß Gott Dich hierher fuͤhrte, um heilige Rechte der Dank⸗ barkeit an dieſer Frau zu erfuͤllen, gegen die Deine ganze Familie unerloͤſchliche Verpflichtungen hat!“ Elmerice wechſelte bei dieſen Worten ſchnell die Farbe. Wie ſchienen ſie bei der Gräͤfin eine fruͤher nicht angedeutete Kenntniß ihres Schickſals zu verrathen! „Dieſe Verpflichtung beſteht wenigſtens fuͤr meine Ueber⸗ zeugung,“ ſagte ſie daher leiſe—„und es macht mich recht glucklich, wenn Sie mir beiſtimmen, theure Gräfin! Doch wird auch dieſer Troſt mir oft dadurch verkuͤmmert, daß ich fuͤhle, wie Emmy's Wahrnehmung ſich nach⸗ gerade vermindert, und ſie in mir nicht mehr die theure Erinnerung ſieht, der ich eigentlich diene.“ „So laß' dieſe Ueberzeugung den Uebergang werden zu den Verhältniſſen, die Deiner außerdem harren. Meine Elmerice— meine Tochter, Du haſt Pflichten auch gegen mich; ich nöthige ſie Dir auf, denn Du haſt mich mit Deiner Liebe zu ſehr verwoͤhnt, um ſie je ent⸗ behren zu können.“ 419 Elmerice ſchmiegte ſich in ihre Arme. Wie fuͤhlte ſie die großmuͤthige Abſicht der edlen Frau, ihr eine Pflicht, ein Beduͤrfniß aufnoͤthigen zu wollen;— und wie wahr, wie gefuͤhlvoll war doch dabei ihr Aus⸗ druck! Ueberredend ſchien er ein wirkliches Beduͤrfniß anzudeuten. Waren dieſe innigen Toͤne des Gefuͤhls zu der Schlaferin gedrungen, war ſie von ſelbſt erwacht— genug, Emmy's Augen öffneten ſich und hafteten mit ihrer eigenthuͤmlichen Schaͤrfe auf Beiden. „Das wird Deine Graͤfin d'Aubaine ſein,“ ſagte ſie dann mit ihrem rauhen Tone„Es iſt ſchon gut, daß ſie da iſt— ihr will ich wohl das Weitere ſa⸗ gen;— ſie hat, wie ich, um meinen Liebling getrauert; — oft habe ich an ſie gedacht;— ſie muß wiſſen, was leiden heißt.“— „Und wir ſind uns, wenn auch getrennt, dennoch in manchem ähnlichen Gefuͤhle begegnet, gute Emmy,“ ſagte die Gräfin d'Aubaine, ſich auf den Rand des Bettes ſetzend.—„Auch in unſerer Liebe zu Elmerice;— und recht eigentlich bin ich gekommen, um Dir den Troſt zu zu geben, wie innig ich ſie liebe.“ „So ſchafft ihr auch Recht! Denn wer kann beſſer, als Ihr, erkennen, daß es Reginald's Toch⸗ ter iſt!“— 27* — Niemals hoͤrte Franziska d'Aubaine dieſen theuern Namen ohne eine große innere Bewegung. Selt⸗ ſam aber traf er ſie in dieſem Augenblicke, wo ſie ihn von der alten, treuen Waͤrterin des geliebten Mannes ausſprechen hoͤrte. Feierlich ſtreckte ſie die Hand nach ihr aus und ſagte:„Lebe nur noch einige Tage, ſo wird die Sehnſucht Deines Herzens erfuͤllt werden!“ Sie wurde von der eigenthuͤmlichen Lage fortgeriſſen und fuͤhlte, daß ſie mehr geſagt hatte, als ſie ſicher war, halten zu koͤnnen. So ward auch ſie von Emmy's gebietendem Weſen beherrſcht, und es erregte daher ihren ganzen Antheil, als ſie Elmerice neben ſich niedergleiten ſah, auf's tiefſte von den entſtandenen Erklärungen erſchuttert. „Nein, nein, Emmy,“ ſtammelte das junge Mädchen—„das Recht, von dem Du träumſt, iſt für Fennimor's ungluckliche Enkelin nicht da! O, meine Wohlthäterin, gehen Sie in Emmy's eigen⸗ ſuͤchtige Pläne nicht ein! Nie— niemals trete ich Ihren Neffen entgegen;— ich will Nichts vom Leben, als ruhige Zuruͤckgezogenheit! Sichern Sie mir dieſe an Ihrer Seite, und ich habe Alles, was ich noch vegehre!“ „Was aber das Leben von Dir begehren wird, geliebtes Kind,“ ſagte die Gräfin—„das moͤchte 421 im Widerſpruche damit ſtehen. Denn glaubſt Du, daß wir ihm nichts ſchuldig ſinde Glaubſt Du, wir duͤrfen ſagen, es ſolle kein Recht mehr an uns haben? Nicht alſo. Der Himmel hat uns ausgeruͤſtet— er fordert die Erledigung der Aufgabe, die er uns dieſen Kräͤften gemäß geſtellt hat. Es iſt vergeblich, wenn wir uns verbergen— er ſucht und findet uns;— darum muͤſſen wir ihm muthig entgegen treten und ihm ſeine Aufgabe abfragen, in freudigem Gehorſam — mit edler Willenskraft, die, wenn auch kein Gluͤck, doch eine wuͤrdige, menſchliche Entwickelung begehrt.“ „Folge ihr!“ ſagte Emmy matt— und ſank ſchlafend zuruͤck. „Thue das, mein geliebtes Kind!“ rief die Grä⸗ fin aufſtehend.„Aſta ſoll den Schlummer Deiner alten Freundin bewachen, und an der Thuͤre ſoll ein Bote harren, der Dir ſogleich Nachricht bringt, wenn mit ihrem Erwachen auch Bewufßtſein zuruͤckkehrt. Du aber folge mir zu meinen Verwandten, die Dich mit Sehnſucht erwarten.“ Wohl fuhlte die Grafin, wie Elmerice bei dieſem Vorſchlage in ihren Armen zuſammen zuckte; aber ſie war entſchloſſen, ſich nicht abweiſen zu laſſen, und die mutterliche Sicherheit, mit der ſie verfuhr, — 422 übte eine beruhigende Gewalt uber Elmerice aus, der ſie ſich um ſo weniger entzog, da hiermit auch das rathloſe Gefuͤhl der Vereinſamung aufhoͤrte.— So kehrte die Gräfin d'Aubaine in den Salon zuruͤck, wo man ſie mit der Spannung der Ungewißheit er⸗ wartete. Als die edle, majeſtaͤtiſche Geſtalt erſchien, ihren Liebling an der Hand, drängte ſich aus Aller Munde ein Laut der Freude. Noch trug Elmerice die ſchoͤne, ideale Tracht Fennimor's, jetzt ihr ſo gewohnt, daß ſie derſelben nicht mehr gedachte, und ſo hatte Beider Perſoͤnlichkeit etwas ſo hoͤchſt Ausgezeichnetes, daß Alle einen Augenblick zuruͤckgehalten wurden, als muͤſſe das Auge erſt ſein Recht genießen— als wäre ihre ſchoͤne Erſcheinung kaum ein Gut, das man ſich anzueignen wagen duͤrfe! „Pier, hier!“ rief die Gräfin jedoch, lächelnd vor⸗ eilend;—„hoffentlich werdet Ihr alle die alte Tante loben, der es gelungen iſt, Euren Fluͤchtling zu Euch zuruͤck zu bringen.“ „Elmerice!“ rief eine zaͤrtliche Stimme— und Maria Duncan flog in die Arme der Ueberraſchten. Das Entzuͤcken, die theure Freundin ſo uner⸗ wartet wiederzuſehen, machte auf Elmerice einen unbe⸗ ſchreiblichen Eindruck; und indem es ſie von ihrem augenblicklichen Verhältniſſe zur Geſellſchaft abzog, gab es ſie ihrer eignen, wahren Natur zuruͤck. Ihr En⸗ gelsantlitz ſtrahlte von Liebe und Heiterkeit— ihre Bewegungen zeigten wieder die elaſtiſche Anmuth, die eindliche Schmiegſamkeit, die ihr zärtlich hingebendes Herz verrieth; und man hätte den Pinſel Leſuͤeur's herbei wuͤnſchen mögen, um den ſchoͤnen Eindruck zu verewigen, als jetzt die hohe Greiſengeſtalt des Lord Duncan zwiſchen die zarten Madchen trat, und Beide, wie an ihren Vater, ſich in ſeine Arme druckten. Wie reich war Elmerice in kurzer Zeit geworden! Als ſie an Lord Duncan's Bruſt die Augen zur Grä⸗ fin Franziska aufſchlug, kam ſie ſich geſichert und außer Zweifel geſtellt vor; und ein ſtolzer Muth erhob ſich in ihrem kranken Gemuͤthe, der ſie mit einem Hauche von Gluͤck anwehte. Wie war auch Alles dazu geſchaffen, dies neue Leben und dieſe Anſpruche ihres jungen Herzens zu nahren! Ueberall kam man ihr entgegen, Jeder wollte ſie nach ſeiner Art zu feſſeln ſuchen, ihre Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich lenken, von ſeinen wohlmeinenden Geſinnungen ſie uͤberzeugen; und leichter trat dies hervor, in dem Maaße, als der Gegenſtand ſo vieler Bemuͤhungen Alles bemerkte, erwiederte oder mit dem bezaubernden Laͤcheln der Freude und Dankbarkeit hin⸗ nahm. Sie uͤbte eine Gewalt uͤber die Geſellſchaft aus, von der ſie keine Ahnung hatte; Mademoiſelle de la Beaume bezeichnete ſie, indem ſie ſagte:„Wenn auch meine eigenen Augen nicht immer hinter Miß Eton herreiſten, wuͤrde ich doch jedes Mal wiſſen, wo ſie ſich befindet; denn wenn ſie den Platz aͤndert, wenden ſich alle Koͤpfe wie auf ein Kommando ihr nach;— und ich verdenke es Niemandem und bin nicht einmal eiferſuͤchtig, daß man daruͤber meine S und Jugend vergißt!“ Aber Einer blieb uͤbrig in dieſem Kreiſe, der nur gezwungen die heitere Stimmung der Geſellſchaft theilte, wenn wir ihn auch nicht als gleichguͤltig gegen Miß Eton bezeichnen wollen. Es war Leonce!— Die Peinlichkeit ſeines Zuſtandes verrieth ſich in jedem Zuge, und ſeine auffallende Bläſſe hätte ihn vielleicht ſogar Miß Eton verrathen, wenn ſie nicht, wie ein ſchuͤchternes Reh, den Kreis mit ihren Augen geflohen hätte, wo er ſich am meiſten aufhielt; da er von den anderen jungen Maͤnnern umgeben war, deren leuch⸗ tende Blicke ſie verſcheuchten. Von da an blieb Miß Eton dem heitern Kreiſe zugeſellt, bis auf die Zwiſchenſtunden, die ſie mit treuer Ergebung an dem Lager der armen Alten zubrachte. Der Arzt prophezeihte ihr ein ſanftes, 425 ſchmerzloſes Ende und benutzte ihr meiſt bewußloſes Traͤumen, um Elmerice langſam von ihrem Lager zu entfernen; da in ihrer Gegenwart, wie er be⸗ hauptete, eine aufregende Gewalt laͤge, die dieſen friedlichen Zuſtand leicht zu einer Kriſis bringen und ihren Tod ſchneller und unter heftigen Zufaäͤllen veran⸗ laſſen koͤnnte. Am anderen Morgen jedoch, nach dem heiteren Fruͤhſtuͤcke, fuͤhrte der Margquis d'Anville Lord Duncan, den alten Arzt und den ehrwuͤrdigen Vikar nach ſeinen Zimmern, wohin ihnen bald die Graͤfin Franziska und Leonce folgten. „Helfen Sie mir jetzt Alle,“ rief der liebens⸗ wuͤrdige Marquis, mit einem Tone, der aus dem Herzen kam, als man um ihn her Platz genommen hatte;—„helfen Sie mir Recht ſtiften und geben Sie mir den Troſt, daß Sie mir glauben wollen, wie ich auf das lebhafteſte wuͤnſche, ein ſchmachvolles Unrecht, das meine Vorfahren begingen, gut zu ma⸗ chen!— Hierher, mein Leonce! Laß' Deine umwoͤlkte Stirn— die irgend einem Privatintereſſe gilt, deſſen Widerſtand ich bald beſiegt zu ſehen hoffe— laß' dieſe truͤbe Stirn keinen Zweifel uͤber Deine Geſinnun⸗ gen erregen, deren edle Uneigennuͤtzigkeit ich am beſten kenne.“ — —————ÜFPbPbPPP ———— „O,“ rief der Marquis Leonce, lebhaft auf Lord Duncan zueilend, wahrend hohe Roͤthe ploͤtzlich ſein Angeſicht faͤrbte—„o, wäre es das? Iſt es moͤglich, haben Sie an mir gezweifelt? Waren Sie, theu⸗ rer Lord, deshalb ſo kalt gegen den Juͤngling, den Sie einſt wie einen Sohn liebten? O, womit habe ich das verdient?“ „Mein Gott,“ ſagte der Lord, uͤberraſcht und verlegen—„welche Vorausſetzungen! Ich wuͤßte nicht, daß ich Etwas verſah; bitte aber fuͤr Alles um Verzeihung, was Sie beleidigt haben koͤnnte, Herr Marquis.“— „Das iſt nicht die Sprache des väterlichen Wohl⸗ wollens, die ich einſt aus Ihrem Munde gewohnt war. Sie weiſen mich mit der Sprache der Welt zuruͤck;— und doch haͤtte ich gerade Anſpruch auf Ihre Theil⸗ nahme— Sie, Lord Duncan, muͤßten den Ungluͤckli⸗ chen nicht verlaſſen!“— „„Meine Theilnahme, Herr Marquis, hat jeden⸗ falls durch Ihre Fuͤrſorge eine andere Richtung be⸗ kommen,“ erwiederte der Lord.„Ich habe, denke ich, jetzt nur Gelegenheit, an Ihrem neu entſtandenen Gluͤcke Theil zu nehmen; das werde ich gewiß mit der Zeit. Doch zuͤrnen Sie dem Alter nicht, daß es nicht ſo ſchnell, wie die Jugend ſeine Zuſtände wech⸗ ſelt. Ich ſehe es ein, es war zu vielewerlangt, als ich Sie bat, ein Jahr auf meine Ankunft hierher zu warten!“— „Und womit habe ich den Verdacht Eurer Herr⸗ lichkeit verdient,“— ſprach Leonce, jetzt ſeinerſeits etwas ſtolz zuruͤcktretend;—„daß ich ein gegebenes Wort gebrochen, was mir unter allen Umſtaͤnden heilig ſein mußte? Sie wiſſen uͤberdies, daß es ein Wort war, an welchem die letzte Lebenshoffnung meines ſchwer ge⸗ troffenen Herzens hing— deſſen Erfuͤllung ich mit einer Sehnſucht erwartete, die mir dies Jahr zu einer Ewigkeit ausdehnte.“— Lord Duncan's Blicke richteten ſich bei dieſen Worten, die ein tief bewegtes Gefuͤhl verriethen, for⸗ ſchend auf den jungen Mann, und ſeine vorher ſo kalten Zuͤge zeigten wenigſtens Antheil, wenn auch noch kein Wohlwollen.„Leonce,“ ſagte er plotzlich— „ich hatte vielleicht Unrecht, Sie ungehoͤrt anzuklagen. Sie ſollen mich nicht umſonſt an mein väterliches Wohlwollen erinnert haben; ich will Sie hoͤren, und Sie ſollen den väterlichen Richter finden; doch ver⸗ geſſen Sie nicht, daß er Sie ſtreng richten wird, wenn Sie jetzt oder fruͤher leichtſinnig Hoffnungen erweckt haben, die ſich mit dem Gluͤcke der Betheiligten nicht vereinigen laſſen“ * r 428 „Ich fange an Sie zu verſtehen,“ ſagte Leonce, „und wuͤrde Sie bitten, mir eine augenblickliche Er⸗ klärung zu erlauben, wuͤßte ich nicht, daß uns mein Bruder hier zu einem gemeinſamen und wichtigen Beſchluſſe zuſammen berufen hat, und wäre ich nicht jetzt noch durch ein heiliges Wort gebunden, was es nicht zuläßt, mich ſo genuͤgend zu erklären, als es noͤthig ſein wird, um Ihr ſchweres Mißtrauen zu zerſtreuen.“ Schnell gruͤßten ſich Beide, und Lord Duncan's Geſicht hatte ſich bei den letzten Worten des jungen Mannes auf's neue merklich verfinſtert, wogegen Leonce einen heiteren, freieren Ausdruck gewann. Bei dieſer Unterredung, die auf fruͤher ſehr innige und jetzt, wie es ſchien, geſtorte Verhaͤltniſſe hindeutete, unterdruͤckten die Zuhoͤrer ihr Erſtaunen, um Beiden Zeit zu einer ſchnellen Sammlung zu laſſen. „Gräͤfin d'Aubaine und Sie, meine Herren,“ hob nun Lord Duncan ſogleich an;—„ich muß um Ver⸗ zeihung bitten, wenn ich Ihnen, ein unfreundlicher, wilder Inſulaner, hier ſo eben erſchienen bin. In Ih⸗ rem feinen, geſitteten Frankreich hoffe ich, iſt man im⸗ mer darauf gefaßt, den uberſeeiſchen Freunden ein Conto auf ihre rauhen Naturaͤußerungen zu ſchreiben— und — —— — —— ſo laſſen Sie mich denn zur Sache uͤbergehen. Ich glaube, meine Freunde, wir ſind Alle außer Zweifel, daß Elmerice, unter dem Namen Eton, die Tochter Regi⸗ nald's, des rechtmaͤßigen Grafen Crecy-Chabanne iſt; — und hier bin ich— der Freund ihres Vaters, dieſes ungluͤcklichen Reginald's, in deſſen Armen er ſeinen edeln Geiſt aushauchte— um dieſe Wahrheit mit Al⸗ lem zu vertreten, was Ihr ſchöner Eifer nur wuͤnſchen kann, meine Herren!“ „Gottlob,“ rief Marquis d'Anville,— ſo haben wir das Letzte, was uns fehlte: die Identitäts⸗Erkla⸗ rung eines vollſtändig glaubhaften Mannes!“ „Sie haben mehr, mein Herr!“ ſagte heiter der alte Lord;—„Sie haben gerichtliche, völlig beglaubigte Zeugniſſe daruͤber. Da wir, der engliſche Biſchof, Herr Leſter, der Oheim des Grafen, und ich, ihn nicht zur Wiederannahme ſeines Namens und Ranges bewe⸗ gen konnten, ſicherten wir doch, als er ſich vermählte, hinter ſeinem Ruͤcken den Nachkommen durch die Ur⸗ kunden, die ſeine Perſon nachwieſen und verſicherten, die Möglichkeit eines gerichtlichen Beweiſes. Erſt kurz vor ſeinem Tode, da das Gluͤck ſeiner Tochter durch eine entſtandene Frage uͤber ihren Rang und Titel bedroht erſchien, entdeckte ich ihm unſere vorbereiteten Schritte; er gab meinen Bitten nach und erklaͤrte ſich nun ſelbſt —— —— —— vor den dazu nothigen Gerichtsperſonen fuͤr den Gra⸗ fen Crecy-Chabanne und ließ die Dokumente daruͤber ausfertigen.“ Mit freudeleuchtenden Augen empfingen die bei⸗ den dadurch enterbten Bruͤder die wichtige Urkunde, und faſt mit Andacht ſahen ſie die ſchoͤne Unterſchrift Regi⸗ nald's neben dem alten Crecy'ſchen Wappen. „Wie gluͤcklich bin ich, Mylord,“ rief endlich d'Anville—„Ihnen jetzt ein eben ſo wichtiges Doku⸗ ment einhaͤndigen zu können. Hier: Ludwig der Fuͤnf⸗ zehnte, unſer allergnaͤdigſter König, hat die Bitten ſei⸗ nes ehemaligen Pagen, meines Bruders, erhoͤrt und ihm dieſe Vollmacht in ſeinem hohen Namen ausferti⸗ gen laſſen! Sie erklaͤrt den in jenen ungluͤcklichen Prozeß verwickelten Grafen Reginald fur vollig unſchul⸗ dig an abſichtlichem Todtſchlag, und indem ſie die Ver⸗ mählung ſeiner Eltern als gerichtlich rechtskraͤftig beſtä⸗ tiget, befugt es ihn oder ſeine Nachkommen zur unbe⸗ ſtrittenen Erbfolge aller daher oder daraus entſtandenen Beſitzthuͤmer der Crecy-Chabanne! Hier— leſen Sie die ausreichenden Beſtimmungen dieſes wahrhaft kö⸗ niglichen Gnadenbriefes!“ Doch dies that Lord Duncan vor's Erſte nicht; — er eilte auf Leonce zu und ſchloß ihn mit Wärme in die Arme.„Edler, junger Mann,“ rief er mit feuchten Augen;—„moͤchte ich in allen Beziehungen Ihnen ſo meine vollſte Bewunderung ſchenken koͤn⸗ nen— es waͤre mir der großte Troſt!— Reginald,“ rief er dann, die gefalteten Hände andächtig auf ſeine Bruſt legend, während ſein thränenſchwerer Blick den Himmel ſuchte;„Reginald, mein erhabener Freund, Dein Name ſteht jetzt ſo rein vor der Welt, wie Deine Seele vor Gott! O, welche Wohlthat fuͤr mein altes, ſtolzes Herz— das der Himmel mir in Gnaden verge⸗ ben wolle!“ „Ja, und warum erlebte die alte Frau Marſchal⸗ lin nicht dieſen Moment?“ rief hier der alte Arzt, pol⸗ ternd von ſeinem Stuhl aufſpringend;—„wie hätte ich ihr gegoͤnnt, den Sohn Fennimor's mit der Crecy⸗ ſchen Grafenkrone zu ſehen!“ Alle konnten hier, trotz ihrer feierlichen Stim⸗ mung, ein kurzes Lächeln nicht unterdruͤcken, was der alte, muthwillige Herr auch beabſichtiget hatte, da fur ſeinen Sinn die Erweichung ihm zu ſehr uͤberhand genommen hatte. „Jetzt,“ ſagte die Gräͤfin d'Aubaine,—„laſſen Sie uns keinen Augenblick anſtehen, Elmerice ihren Rechten zuruͤckzugeben.“ „Gut, edle Graͤfin,“ ſagte der alte i—„ich gehe und hole ſie.“ —————— —e— 432 „Beſſer,“ ſagte Franziska,—„wir begeben uns Alle ſelbſt zur Graͤfin Creey und begruͤßen ſie als unſere theure Verwandte.“ Alle ſtimmten freudig ein, und man trat ſogleich den Weg zu den Gemächern Emmy Gray's an. Eine Nachtruhe, die wohlthuend auf Emmy's Kräfte gewirkt hatte, gab ihr an demſelben Morgen einen jener klaren Geiſteszuſtände zuruͤck, die oft die letzten Tage ſolcher Kranken ſo uͤberraſchend unter⸗ brechen.— Sie begehrte Luft und Blumen. Aſta mußte ihr ſchweres weißes Haar unter reinen Binden befeſtigen; ſie ſchmuͤckte ſich und ihr Bett mit umſich⸗ tiger Anordnung; und als Elmerice endlich hinzukam, ſtaunte dieſe uͤber das faſt feſtliche Anſehen des Kran⸗ kenzimmers. Auf dem Rande des Bettes nahm ſie ihren ge⸗ wohnten Platz ein, und die Alte ſagte freudig:„In kurzer Zeit werde ich bei Fennimor ſein und ihr ſagen konnen, daß ihre Enkelin mir die Augen zudruͤckte und meine letzten Tage faſt gluͤcklich machte. Dafuͤr wird Dich ihr beſonderer Segen ebreichen— und Du wirſt von da an gläcklich und geehrt ſein— und Alles wird ſich erfuͤllen nach Gottes Gebot, der die Menſchen mit ihrer Bosheit in den Abgrund ſchlaͤgt.“ „Bin ich dahin— ſo biſt Du meine Erbin. In Fennimor's Kleiderzimmer ſiehſt Du eine gemalte Kiſte von Zederholz; ſie iſt mit den Goldſtuͤcken der Crecy's gefuͤllt; denn ich ſammelte fuͤr Reginald den reichen Tribut, den ſie mir zahlen mußten. Jetzt ge⸗ hoͤrt er Dir. Du biſt meine Erbin! Ellen, die Kinderloſe, mit ihrem kleinen Herzen, hat genug ir⸗ diſch Gut;— dies ſoll nicht zum ſchlechten Gebrauch dienen!“ „Emmy,“ ſagte Elmerice—„ich will Deine Erbin ſein; aber gieb mir uneingeſchraͤnkte Vollmacht, mit meinem Erbe nach meiner Einſicht verfahren zu duͤrfen— und ſollte es auch zu Ellen's Gunſten ſein. Doch ſoll ſie durch meine Hand das empfangen, was ich ihr fuͤr gut halte; nicht das rohe Gold, weil es ſein koͤnnte, daß es ihr nicht diente.“ „Ja, ſo biſt Du!— ich dachte es wohl!“ ſeufzte Emmy.„Aber wer hat Willen, wenn die Augen ſich fuͤr immer ſchließen;— und viel Anderes hätte ſie auch nicht gethan! Sie hatte immer ihren Eigen⸗ ſinn gegen mich und konnte ſchelten, als wenn ich ihr Kind wäre;— und ich ſah Dich eben daſſelbe Ge⸗ ſicht machen, was ſie dann hatte— die Augen, daß kein Blick herausdrang— und den Mund feſt ge⸗ ſchloſſen. Doch laß' das und denke nicht, daß ich Ste Noche II. 28 — —— 434 Dich ſchelten will— nimm nur zu⸗rſt das Geld, da⸗ mit ich fuͤhle, Du haſt es von mir ererbt— dann mache nachher, was Du willſt— und laß' mir ne⸗ ben Fennimor das Grab graben— und laß' keine Menſchenhand uͤber unſer Heiligthum kommen! Ziehſt Du hier fort mit der Graäfin, die, denke ich, ein menſchlich Herz hat, ſo laß' Moder und Staub und den Holzwurm ihre Arbeit machen; aber Menſchen⸗ hand wehre ab.— Du weißt, ich habe mit ihr nichts zu thun, und ſie ſoll auch nachher fern bleiben!“— „Was ich dann noch hier von Einfluß haben werde, ſoll zur Erfuͤllung Deiner Wuͤnſche dienen, Emmy!“— „Und er wird groß ſein!“ ſagte die Alte, ſich gleich einer Sybille aufrichtend und die Arme in die Luft ausſtreckend.„Sie werden kommen und Dich einſetzen;— und Fennimor's Enkelin— Reginald's Tochter wird im Rechte ſein uͤber Alle!“ Ihre Augen erfaßten dabei mit der groͤßten Ruhe, als erlebte ſie das Erwartete, die Gräͤfin d'Aubaine, welche, leiſe den Maͤnnern vorängetreten, gerade jetzt ſich den Blicken Emmy's zeigte. Eben traten auch die bezeichneten Herren hinter ihr ein; und als Elme⸗ rice die wehmuͤthig geſenkten Augen aufſchlug, ſchien es ihr, als habe die Alte einen Zauber beſchworen. 435 „Kommt noher,“ ſprach Emmy mit ihrer alten Energie—„hier iſt, die Ihr ſuchet! Und aus den Haͤnden Emmy Gray's empfanget die rechtmaͤßige Erbin der Crecy-Chabanne!“ Elmerice erhob ſich, und ihren Blick feſt auf Alle richtend, ſagte ſie, edel und ſtolz auftretend„Ich habe dieſer ehrwuͤrdigen Frau in dieſen Gemächern den Anſpruch zugeſtanden, den fuͤr mich zu naͤhren, ihr hoͤchſtes Gluͤck war. Ich weiß auch, daß die Natur mich zu dieſen Anſpruͤchen berechtigt, und indem ich die Kenntniß ihres Daſeins Ihnen Allen gegenuͤber offen eingeſtehe, wird mein Wille und meine Ueberzeu⸗ gung, ihnen zu entſagen, vielleicht meine Geſinnungen außer Zweifel ſtellen.“ „Laſſen Sie mich hoffen,“ ſagte der Marquis d'Anville, verbindlich vortretend—„daß Sie dieſen Willen, der durch Unkenntniß Ihrer wahren Verhaͤlt⸗ niſſe beſtimmt ward, aͤndern werden, wenn Sie uns gehort haben. Wir ſind in Wahrheit hier, Sie als unſere theuere Verwandte zu begruͤßen, und damit als die rechtmaͤßige Erbin der Crecy-Chabanne!“ Elmerice aͤnderte zwar die Farbe;— aber ſie fuhr ſogleich entſchloſſen fort:„Wenn Sie mir den erſteren Rang zugeſtehen wollen, Herr Marquis, ſo wird die Waiſe den ſuͤßeſten Troſt empfangen, laſſen Sie 28 —— 436 mich hinzufetzen ſie wird dies als eine Suͤhne fuͤr die theuren Verſtorbenen in Empfang nehmen;— doch damit muß ich zugleich Alles erfuͤllt erkläͤren, was uns Beiden zu geben und zu nehmen anſteht.“ „Mein Kind,“ rief hier Lord Duncan—„willſt Du mich, den Freund Deines Vaters, anhoͤren?“ „Ja, Mylord,“ rief Elmerice;—„denn Sie ſind mein zweiter Vater! Aber Sie werden es auch der Tochter Ihres Freundes erſparen, die Gruͤnde nen⸗ nen zu muͤſſen, die ihn auf immer von dieſer entſetzli⸗ chen Erbſchaft trennten.“ Ihre Aufregung war bei ihrer Sanftmuth und Beſcheidenheit ſo ungewoͤhnlich groß, daß Alle mit innigem Antheil auf die ſchmerzvolle Tiefe des Gefuhls ſchließen konnten, die von ihrem edeln Stolze jetzt nach Außen getrieben ward. Gräfin Franziska blickte mit Entzuͤcken auf die Tochter Reginald's, die ihr ſo ganz genug that. Sie hätte ihr auch nicht mit einem Blicke zu Hilfe kommen moͤgen;— ſie genoß den ſchoͤnen Eindruck, ſo junge, zarte Kraͤfte ſo hoch und ſtark auf⸗ gerichtet zu ſehen. Indeſſen war Lord Duncan näher zu ihr getre⸗ ten.„Elmerice,“ ſagte er—„Dein Vater gab mir Vollmacht, uͤber Deinen kuͤnftigen Namen und Rang zu entſcheiden. Er ſelbſt bekannte ſich kurz vor ſei⸗ nem Tode zum rechtmaͤßigen Sohne Fennimor's und zum Grafen Crecy⸗Chabanne!“ „Mein Vater?“ ſagte das muthige Mädchen mit ſinkender Stimme—„wohl, Mylord; aber“ „Und wir, mein Bruder Leonce und ich,“ ſprach der Marquis—„ſind hier, Ihnen Ihr großes Erbe unverkuͤrzt zu Fuͤßen zu legen.“ „O, nein! o, nein!“ rief Elmerice leidenſchaft⸗ lich—„Sie konnen von dem Namen, den Sie mir geben wollen, nicht das ſchreckliche Zeichen des oͤffent⸗ lichen, wenn auch ungerechten Makels loͤſchen. O, wie könnte die Tochter ſolche Erinnerungen uͤber ihren Vater wecken wollen!“ „Auch dies iſt vertilgt,“ nahm der Lord noch ein Mal voll Ruͤhrung das Wort;—„Dein Vetter Leonce bewirkte dieſen koͤniglichen Brief von Ludwig dem Fuͤnf⸗ zehnten. Dein Vater, mein Kind, iſt von jedem Ma⸗ kel dadurch frei geſprochen; die Vermählung ſeiner El⸗ tern rechtskräftig anerkannt.“ Das war zu Viel! Elmerice nahm mit leuchten⸗ den Augen das heilige Dokument; dann 3. ſie an Emmy's Bett, welche eine ruhig Zuhoͤrende geblieben war:„Emmy, Emmy, haſt Du es gehort? Fenni⸗ mor's Vermaͤhlung iſt rechtskraͤftig anerkannt;— Re⸗ ginald's— meines Vaters Unſchuld iſt erklärt!“ Außer ſich, druͤckte ſie die alte, ſteife, ernſt und ſtolz blickende Geſtalt in ihre jugendlichen Arme. Dann riß ſie ſich empor; ihr Geſicht gluͤhte; die feurigen, blauen Augen ſtrahlten durch heilige Thränen. Sie hob den Arm— die Hand zu den Verſammelten in die Hoͤhe, und rief mit klingender, freudiger Stimme:„Jetzt bin ich Gräfin Crecy-Chabanne;— doch Louiſens Söhne cheilen mit mir das Erbe!“ In demſelben Augenblicke eilte die Graͤfin Fran⸗ ziska auf Elmerice zu und druͤckte ſie mit lebhafter Zärtlichkeit an ihre Bruſt.„Elmerice, mein geliebtes Kind, wuͤrdige Tochter Reginald's! Laß' mich Dir zu Nichts Gluͤck wuͤnſchen, als zu Deinem edeln Herzen!“ „Ich will Dich ſegnen, Fennimor's Enkelin! Re⸗ ginald's Tochter!“ ſprach Emmy Gray mit ihrer ernſten Feierlichkeit, und Franziska d'Aubaine fuͤhrte zu dem Bette zuruͤck, und dieſe kniete n Händen der Alten demuͤthig nieder.„Jetzt, ſprach ſie, nach ihrem feierlichen Segen— „iſt mein Tagewerk beſchloſſen. Dieſe Augen haben die Gerechtigkeit des Herrn geſehen!— Rufe jetzt Dei⸗ nen muͤden Knecht und laß' ihn eingehen in Deine Herrlichkeit! Amen.— Jetzt zeige mir den Juͤngling, der Reginald bei ſeinem Koͤnige vertrat, ich will ihm den Segen einer Sterbenden geben!“ — Elmerice erhob ſich langſam; aber ihre Augen blieben am Boden. Sie wendete ſich zu der theilneh⸗ menden Gruppe hinter ihr und hob ſchuͤchtern, ohne zu ſprechen, die Hand auf, als wolle ſie eine andere damit erfaſſen. Leonce ſtuͤrzte vor— er ergriff die zarte, bebende Hand, und ließ ſie nicht wieder los, als er vor Emmy niederknieete. So geſchah faſt unvermeid⸗ lich, daß Elmerice noch ein Mal niedergezogen ward, und nun Beide den Segen der Alten vereinigt em⸗ pfingen.„Scheide Dich jetzt von mir, Tochter, und gehe die Wege des Lebens!“ ſagte Emmy ermuͤdet; und dann in Ohnmacht verfallend, ſank ſie hin⸗ tenuͤber. Leonce und Elmerice fingen ſie in ihren Ar⸗ men auf— der alte Arzt trat hinzu— einen Au⸗ genblick betrachtete er ſie, dann ſagte er:„ſie ſtirbt noch nicht; aber Ruhe iſt ihr noͤthig.— muͤßt hier fort, liebe, junge Dame,“ wendete er ſich zu Elmerice. Leonce hielt noch immer ihre Hand, er half ihr ſich aufrichten.„Elmerice,“ ſaßte er— „nur einen Blick der Guͤte!“ Sie ließ ihm die Hand; 2 Augenlieder waren ſchwer wie Blei.— Als ſie endlich ſie bezwang, jagte der holdeſte Engelsblick an ihm voruͤber— und ſich ſchnell losreißend, eilte ſie in Lord Duncan's Arme und rief mit einem Strome von Thränen:„Mein Vater, haben Sie ihm gedankt— meinem Vetter Leonce?“ „Und giebt Reginald's Tochter dazu einem An⸗ deren, als ſich ſelbſt den Auftrag?“— „Nein, nein,“ ſagte Elmerice, ſich zu Leonce wendend und ihm abermals die Hand reichend:„Sie — Sie, mein Vetter— mein Bruder von heut' an — Sie haben mir mehr, als das Leben gegeben!“— „Ich habe ſeit der letzten, troſtloſen Zeit von der Hoff⸗ nung gelebt, dies auszuwirken; und wenn Sie Nichts fur mich ubrig haben, als dieſe kleine Erinnerung meines Eifers, ſo wird es doch mehr ſein, als das ganze uͤbrige Leben mir bieten kann. Doch, wie ich dieſe Schmach un⸗ ſerer Familie auszuloſchen ſuchte, ahnte ich noch nicht, wie nahe dieſe Handlung Sie anging; damals war es nur zwiſchen mir und Armand beſchloſſen, an der Vergangen⸗ hei u zu machen, was in unſern Kraften ſtand.“— „Leonce,“ ſagte der Lord, während er ihn mit ntüber Ztruchteit anblickte—„wie gern liebte ich Dich mit der „Wenn Sie einmal Ihrer Liebe werth hiel⸗ ten, ſo habe ich noch heute denſelben Anſpruch daran,“ rief Leonce, den feurigſten Blick ſeiner ſchwermuͤthigen Augen auf Elmerice und den Lord richtend—„ich halte die Pruͤfung aus!“ 1 ₰ „Wir wollen ſehen,“ ſagte der alte Lord, ſichtlich erweicht.„Doch unſere edle Graͤfin harret auf uns — wir muͤſſen Elmerice ihrer uͤbrigen Familie vor⸗ ſtellen.“ „So bitte ich um den Arm meiner geliebten Muhme,“ rief Armand und eilte mit freudigem Laͤcheln auf Elmerice zu. Als er ſie leichten Schrit⸗ tes hinwegfuͤhrte, ſagte er:„Wie froh, wie leicht bis in den kleinſten Blutstropfen hinein, iſt mir jetzt! Nun ſind wir alle Ihre Gäſte. Nun behalten Sie mich bloß als Ihren Seneſchall, als Ihren Haus⸗ halter.— O Elmerice, Ihnen fließt ein ſchoͤner Segen zu— öͤffnen Sie ihm Ihr Herz, blicken Sie froh, damit Sie Frohe machen koͤnnen. Denken Sie nicht gering von der hohen Stellung, die Ihnen Gott an⸗ vertraut! Sie iſt herrlich, wenn wir ein offenes Herz, einen geſunden Sinn mit uns bringen. Beides haben Sie; deshalb ſehe ich ſo froh Alles in Ihre Haͤnde uͤbergehen, und— deshalb theilen Louiſens Söhne das Erbe nicht.“ Die Antwort, welche Elmerice ihm geben wollte, ward durch Leonce unterdruͤckt, der ploͤtzlich außer ſich auf ſie zuſtuͤrzte, indem er ausrief:„Die beiden Grafen d'Aubaine ſind angekommen! O, Armand— o Elmerice, jetzt— jetzt!“ Mit dieſen Worten war ein ſo leidenſchaftlicher Ausdruck verbunden, daß El⸗ merice ſchuͤchtern zuruͤckwich. Doch ſchon eilte er ohne Entſchuldigung davon,— und Armand ſagte:„Auch ich danke Gott, daß die Beiden endlich fuͤr Leonce die Entſcheidung bringen, die Liebe zu Margot wird ihn noch toll machen!“— „Wie ſehr muß ich Ihre Entſchuldigung in An⸗ ſpruch nehmen,“ ſagte der ältere Graf d'Aubaine, während er dem Marquis d'Anville entgegentrat— „daß ich Sie unvorbereitet um Ihre Gaſtfreundſchaft erſuche.“ „Mein theurer, verehrter Onkel,“ ſagte der Mar⸗ quis heiter—„ich ſelbſt bin ſeit dieſem Morgen hier nur noch Gaſt! Hier ſteht die rechtmäßige Beſitzerin von Ste. Roche;— doch ſage ich gut, daß Sie auch ihr willkommen ſind.“ Voll Erſtaunen blickte Graf d'Aubaine El⸗ merice, von deren Geſichte ſo alle Farbe, alle Bewe⸗ gung verſchwunden war, daß ſie einem Geiſte glich; doch konnte ihre Schoͤnheit durch nichts beeintraͤchtigt werden und erregte, wie ihr reiches, fremdes Koſtuͤm, die hoͤchſte Bewunderung des Grafen. Der Marquis kuͤrzte die augenblickliche Span⸗ nung ab, indem er Elmerice in die Arme ſeiner jun⸗ gen Gemahlin fuͤhrte, die, Alles ſogleich errathend, ſie mit inniger Liebe empfing. Da er die ganze Geſell⸗ ſchaft in einem Kreiſe erwartungsvoll um ſie gedraͤngt fand, rief er lebhaft: „Wuͤnſchen Sie mir und meinem Bruder Alle Gluͤck! Es war uns vorbehalten, die alte, ſchwere Schuld unſeres Hauſes, die Sie genugſam kennen, zu ſuͤhnen. Die rechtmaͤßige Erbin unſeres Oheims, des Grafen Leonin, iſt, durch das Hinzutreten des edeln Lord Duncan vollguͤltig legitimirt, uns wieder⸗ gegeben. Miß Eton iſt unſere theure Couſine und die Tochter des Grafen Reginald Crecy-Chabanne, deſſen rechtmäßige Geburt aus der Ehe des Grafen Leonin und der Miß Fennimor Leſter auf das voll⸗ ſtaͤndigſte von unſerm Allergnädigſten Koͤnig anerkannt worden iſt!— So helfen Sie mir denn,“ fuhr er fort, in die alte heitere Laune uͤbergehend—„der jungen Erbin zu huldigen, und bedenken Sie Alle wohl, daß Sie jetzt ihre Gäſte ſind, und ich mich hoͤchſtens noch vermittelnd erweiſen kann.“ Elmerice bezwang hier alle Gefuͤhle ihres Her⸗ zens, um den Anforderungen genuͤgen zu koͤnnen, die ihr ſo nahe geruͤckt wurden. Sie hob ihren Kopf von Lucile's Schulter, und hold im Kreiſe herum gruͤßend, ſagte ſie:„Junge Rechte werden nie reſpektirt, ich uͤbertrage ſie daher meinem Vetter Armand auf's neue Vielleicht lerne ich unter ſeiner Anweiſung, wie man die Ehre verdient, ſolche Gäſte beſitzen zu duͤrfen.“ Man war mit ihrer Antwort zufrieden. Alle begluckwunſchten nun das ſchoͤne Maͤdchen, deren un⸗ gewöhnliches Schickſal die allgemeinſte Theilnahme er⸗ regte;— und in kleine Partien getheilt, wurde der Reſt des Morgens mit Fragen, Antworten und Erzählungen hingebracht, die endlich die wichtige Sache fuͤr Alle vollſtändig erklaͤrten, bis man ſich zum Umkleiden zu⸗ ruͤckzog, welches die Damen im Koſtuͤme der Schloß⸗ herrin zu beſorgen verſprachen. Als ein Theil der Geſellſchaft ſich zur Tafel um die zuerſt erſchienene, junge Wirthin verſammelt hatte, fiel Allen die feierliche Art auf, mit der jetzt der Graf d'Aubaine eintrat, an ſeiner Hand die hochrothe Margot, deren Augen noch von Thränen glanzten. Er fuͤhrte ſie zur Gräfin Franziska, und als ſich Margot ihrer Tante in die Arme warf, rief er:„Sie, liebe Schweſter, werden durch das Geſtaͤndniß der eleinen Schelmin dort uͤberraſcht ſein. Das Kind will heirathen! und ich habe nach alter, ſchwacher Väter Weiſe, Ja dazu geſagt.“ „Nun,“ ſagte die Gräfin Franziska lächelnd— wir ſind Ihnen, lieber Bruder, deshalb nicht abge⸗ neigt und haben ſelbſt heimliche Wuͤnſche dafuͤr ge⸗ 445 nährt.“ Bei dieſen Worten ſtreckte ſie liebevoll ihre Hand nach Leonce aus, der dicht neben dem alten Grafen ſtand;— doch dieſer trat ſchnell zuruͤck und fuhrte den ſchoͤnen Grafen Guiche vor, der knieend die Hand der Graͤfin zu erbitten ſchien. „Wie?“ rief Franziska erſtaunt—„Graf Guiche?“—„Graf Guiche?“ riefen Mehrere laut, und manches Herz im Stillen! „Bin ich Ihnen denn ſo ganz unwillkom⸗ men? Goͤnnen Sie mir dies ſchöne Gluͤck nicht?“ ſagte der junge Mann, demuͤthig zur Gräfin auf⸗ blickend. „O nicht doch, nicht doch!“ ſagte die Gräfin Franziska guͤtig und doch verlegen—„ich verſtehe es nur nicht!“ „Aber,“ ſagte der Graf d'Aubaine lächelnd— „wer ſollte denn der Braͤutigam ſein?“ „Vielleicht ich, mein theurer Graf!“ rief Leonce; —„denn ſo lange meine kleine Muhme gegen ihren Bräutigam ſtolz that, war der arme Vetter ihre beſte Zuflucht!“ Der Graf d'Aubaine lachte, und wie man ſah, war er gluͤcklich und heiter. Jetzt hatte ſich auch Graͤfin Franziska geſammelt; und da auf dem Antlitz ihres lieben Leonce keine getauſchte Hoffnung zu leſen war, begruͤßte ſie den jungen Guiche mit der gewin⸗ nendſten Freundlichkeit. Doch wer malt das Erſtaunen von Lucile und Armand! Leonce ſchien es voraus zu ſetzen und eilte zu ihnen. „Ich habe Euren Irrthum oft mit Bedauern geſehen,“ rief er.„Vergebt mir, geliebten Freunde! Ich war der Vertraute aller Parteien; ich hatte Still⸗ ſchweigen gelobt.— Die Achtung fuͤr Margot's Vater legte es uns auf; denn er hatte die Bewerbung des Grafen Guiche nach jenem Duell ausdruͤcklich verbeten. Aber ich kannte alle Parteien zu gut, um nicht eine endliche Verſohnung zu hoffen;— und ſo blieb ich zwiſchen Allen der Unterhäͤndler und durfte vor dem Gelingen meiner Bemuͤhungen nicht ſprechen. Doch Margot's Bruder, ſelbſt von ſeinem Unrecht uͤberzeugt, iſt zu ſeinem Vater geeilt, und ihm verdanken wir die endliche Ausgleichung dieſer Angelegenheit.“ „Nein! nein!“ riefen beide Grafen d'Aubaine und der junge Guiche zugleich.„Leonce gebuͤhrt die Ehre! Wir hätten es gewiß nicht ſo klug einzuleiten verſtanden, hätte er nicht mit unabläſſiger Muͤhe uns endlich Alle zur Vernunft gebracht!“ „Aha,“ ſagte Mademoiſelle de la Beaume— „jetzt erinnere ich mich der kleinen Nachtſcene, die ich zu den Spukgeſchichten von Ste. Roche zaͤhlen ſollte! Das waren der Herr Unterhaͤndler, der Rapport machte. Nun, ſo oder ſo, es nahm ein gutes Ende — und ich bin im Vortheile; denn mein Neffe hat einen Engel zur Braut bekommen.— Und Sie, mein junger Herr,“ fuhr ſie zu Leonce fort,„Sie muͤſſen erfahren, daß ich eben meine gute Meinung von Ihnen reparire; denn ſeitdem ich als Koͤnigin Katharina meinen Hofſtaat eingerichtet hatte, machte ich Bemer⸗ kungen, die mich glauben ließen, es wuͤrde mit doppelten Farten geſpielt.“ Längſt wußte Leonce, daß ihn die alte, kluge Frau errathen habe. Tief erroͤthend kuͤßte er ihre Hand und entſchluͤpfte ihren ferneren Worten. „Und Sie?“ rief er, ſich leiſe neben Lord Duncan ſchleichend—„repariren Sie jetzt auch Ihre Meinung von mir?“ „Aber warum biſt Du denn ungluͤcklich, wenn Du ein lieber ehrlicher Junge biſt?“ rief dieſer mit dem alten Tone väterlicher Vertraulichkeit. „Weil ſie mich nicht mehr liebt!“ ſagte Leonce. Lord Duncan lachte laut auf.„Ach,“ ſagte er, das alte Lied von zwei eiferſuͤchtigen Verliebten! Sie ſoll wohl die Schmachtende ſpielen, wenn Du wie toll einer Anderen nachlaͤufſt.“— „Nein— nein, Lord Duncan! Ich ſah ſie zu⸗ erſt in Ardoiſe wieder, wo ich ſie von einem armen Wahnſinnigen errettete. Aber mein ſchoͤner Traum— wie ich ſie damals mit ſo großer Freude in meiner Familie aufgenommen ſah, wurde nur zu bald durch ihre gaͤnzliche Zuruͤckweiſung vernichtet, und bei ihrer ſchnellen Entfernung von Ardoiſe erwachte ſogar mein Stolz! Ich machte thoͤrichte, vergebliche Verſuche, ſie zu vergeſſen und“— „Wareſt, wie alle Maͤnner— Gott weiß, ich muß es eingeſtehen, obwohl ich ſelbſt zu ihnen gehoͤre — immer geneigt, die unvernuͤnftigſten Forderungen zu machen, um an die Liebe eines Maädchens Glauben faſſen zu können, deren ſchuͤchterne Zuruͤckhaltung, die ſie doch nur mit dem bitterſten Tadel vermiſſen wuͤr⸗ den, ihnen das groͤßte Recht zu geben ſcheint, ſich uber Hartherzigkeit und Kälte zu beklagen. Ueberall hatte Elmerice Recht“— fuhr er fort—„aber beſonders deshalb, weil ſie noch nicht wußts, daß ihr Vater Dir durch mich das Ja⸗Wort aufgeht hatte, wenn Du Dich bewaͤhrteſt.“ Er wollte mehr ſagen; aber Leonce verlor den Kopf und druͤckte den alten Lord mit ſo unmaͤßiger Gewalt an ſein Herz, daß dieſer nicht mehr zu Worte zommen konnte. Als er ihn losließ, ſah er zuerſt den blaßrothen Seidenſtoff von Elmerices Kleide. Er dankte es der ſtarken Hand des Lords, der ihn aufhielt, ſonſt waͤre er augenblicklich ihr zu Fuͤßen geſunken;— aber er ſah ſie an mit einem Ausdrucke des Entzuͤckens, von dem ſie ihre bewegten Augen abwendete.„ „Sie ſollen mich zu Tiſche fuͤhren, mein theurer Lord,“ ſägte ſie mit einem bebenden und doch klaren Tone der Stimme—„und da man mir das Vor⸗ recht der Hausfrau damit zugeſteht, muͤſſen Sie ſich mit mir aufſtellen, bis unſere Gaͤſte voruͤber gezogen ſind.“ Wie ſchoͤn ſah ſie aus! Ihre Blaͤſſe war ver⸗ ſchwunden; ſeit Margot ſie bei der Gratulation ſo lange gekuͤßt, daß es wie Geſchwätz erſcheinen konnte, hatte ſich die feinſte Roͤthe auf ihre Wangen gelagert, und die braunen Locken, die an den Schlaͤfen mit Agraffen von Perlen aufgenommen waren, zeigten den vollen Ausdruck ihrer himmliſchen Augen, in denen ein Schein leuchtete, der wie inneres Gluͤck ausſah. Lucile's ſcharfer Blick merkte Alles, und als ſie an Leonce's Arm voruͤberging, ſagte ſie zu ihm:„Nun, meine Hoffnung, Ihre langweilige Natur durch einen frohlichen Hausſtand mit Margot umzuſchaffen, wird, denke ich, in anderer Weiſe bald ſeine Erledigung finden!“ Ste Roche M 29 „O, ſprächen Sie wahr!“ rief Leonce und druͤckte ihren zarten Arm ſo heftig, daß ſie um Hilfe ſchreien wollte.— Als Elmerice nach der Tafel in dem ſtillen Zim⸗ mer Emmy's an ihrem Bette, dicht vor ihren Augen ſaß, und Emmy alle ihre Sehkraft ſammelte, um noch zuweilen das liebliche Bild ihrer Fennimor aufzufaſſen, öffnete ſich die Thuͤr und Lord Duncan trat an El⸗ merice's Seite. „Das iſt unſer Landsmann,“ ſagte Emmy, als ſie ihn ſah—„ich kann ihn unter all' den Anderen heraus kennen, die wenig wiſſen, was einen Mann kleidet.“ „Es iſt Lord Duncan, Emmy“— ſagte Elmerice —„er war der Freund meines Vaters— jetzt iſt er der meinige.“ „Ich kam her, Dich daran zu erinnern,“ erwie⸗ derte der Lord—„und Emmy's Gegenwart wuͤnſche ich dabei. Sieh',“ ſagte er—„ſeit heute Morgen trägſt Du den alten, beruͤhmten Namen dieſes Hauſes, und ich ruhte nicht eher, bis Du ihn annahmſt. Wie findeſt Du mich, daß ich jetzt ſchon an Nichts angele⸗ gentlicher denke, als ihn Dir ehmen, oder vielmehr Dir daneben noch einen anderen zu geben.“ Elmerice wurde gluͤhend roth; aber wir geſtehen — Dank Margot's Kuß!— ſie hoͤrte das Erwartete. Nach einer Pauſe fuhr Lord Duncan fort:„Aber wird Dir der Name auch recht ſein?“ Elmerice laͤchelte jetzt; denn ſie fuͤhlte, wie Lord Duncan ſchelmiſch blickte.„Das koͤmmt freilich auf den Namen an,“ ſagte ſie endlich. „Gewiß,“ ſagte der Lord;—„aber wenn er nun wie— d'Anville klaͤnge?“ Elmerice fuhr zuſammen. Sie fuͤhlte, es knieete Jemand neben ihr nieder.—„Ich habe ihn ſeit lange lieb,“ ſagte ſie endlich ſchuͤchtern.—„O, Elmeriee,“ rief Leonce, der Knieende—„darf ich dieſem Himmels⸗ laute vertrauen? Soll meine heiße, innige Liebe dieſen Lohn erhalten?“ „Ja, Leonce!“ ſagte das edle Mädchen.„Er, der uns einſt trennte, ſegnet uns jetzt;— ich war Ihnen treu und ich weiß, daß Sie es mir geblieben ſind.“ Sie unterbrach den Sturm ſeiner Gefuͤhle, indem ſie ſich zu Emmy wendete:„Emmy, willſt Du mir Deine Zuſtimmung geben zu der Wahl meines Herzens?“ „Ich will es!“ ſagte Emmy;—„er hat ein uneigennuͤtziges Herz! Das iſt das Einzige, warum es ſich lohnt, einen Menſchen von dem anderen zu unterſcheiden.— Herr, rufe jetzt Deinen Knecht— er iſt muͤde!“ 29* ————— ———————— Es waren Emmy's letzte Worte. Von da an blieb ſie ſchlafend, bis der Tod ſeine Hand ſanft vollendend nach ihr ausſtreckte. Doch fuͤr den Augen⸗ blick verließ Elmerice ſie ohne Ahnung ihres damit beſchloſſenen Lebens. Die Verlobten wurden durch Lord Duncan der verſammelten Familie vorgeſtellt; und gewiß ward nie eine fehlgeſchlagene Hoffnung in Franziska, Lucile und Armand vollſtändiger verguͤtet, als jetzt durch die Ver⸗ einigung dieſer beiden von Allen ſo zärtlich geliebten Perſonen. Der Familienkreis, der ſich hier nun bil⸗ dete, war der reichſte, ſegensvollſte Mittelpunkt fuͤr das Gluͤck aller Betheiligten; und der raͤchende Geiſt, der ſo lange drohend und zuͤchtigend uͤber dem alten Schloſſe Ste. Roche geſchwebt, mußte ſich verſoͤhnt zuruͤckziehen, und ließ keinen weiteren Nachweis zuruͤck!— Mit tiefer Ruͤhrung ward Emmy's Leiche an Fennimor's Seite gebettet;— doch war auch dieſer Tod verſöhnend und beruhigend. Vier Wochen ſpäter ſegnete der alte Vikar von Ste. Roche in der ſchönen, kleinen Kirche, in der El⸗ merice zuerſt mit ſo ſchwerem Herzen gebetet, ſeine junge geliebte Herrin mit Leonce d'Anville und Margot d'Aubaine mit dem jungen Grafen Guiche ein. Zu dieſer Feierlichkeit waren Herr und Madame St. Albans eingeladen und erſchienen, da die Letztere bei dem Hinſcheiden und Begräbniſſe ihrer Mutter nicht gegenwaͤrtig geweſen war. Auch hier gab Mä⸗ dame St. Albans ihre mißlaunige, kritiſche Weiſe nicht auf, waͤhrend die feine Erſcheinung ihres Gatten ihm das allgemeine Wohlwollen zuzog. An dem erwaͤhnten Hochzeitstage fand Eimerice Gelegenheit, Madame St. Albans allein zu ſprechen. „Jetzt muͤſſen Sie mir erlauben,“ ſagte ſie—„Sie mit dem letzten Willen Ihrer Frau Mutter bekannt zu machen.“ „O, ich bitte!“ unterbrach ſie Madame St. Al⸗ bans;—„dieſer letzte Wille, denke ich, iſt in der ganzen Gegend bekannt. Euer Gnaden haben nun einmal Gluͤck in Erbſchaften;— aus der Tochter meiner Margarith“— hier trat ihr Schluchzen ein—„der einfachen Miß Eton, die unter meinem Dache ſchlief, an meinem Tiſche ſaß, iſt nun eine vornehme, groß⸗ mäͤchtige Graͤfin geworden, die, trotz ihrer Millionen, nicht verſchmäͤht hat, die alte Miſtreß Gray zu beerben, die ihr eigen Kind deshalb verſtieß!“ Elmerice hörte ruhig lächelnd dieſen Ausbruch anz ſie hatte nicht gezweifelt, daß ſie ihn erleben wuͤrde und deshalb gewuͤnſcht, mit ihr allein zu ſein„Ja, 454 Madame St. Albans,“ ſagte Elmerice nach einer kleinen Pauſe—„ich habe es nicht verſchmäht, dieſe Erbſchaft anzunehmen; denn meine Weigerung hatte Ihrer Mutter das Herz gebrochen. Aber ſie gab mir Voll⸗ macht, Alles nach meinem Gutduͤnken anzuwenden;— und eben daruͤber wuͤnſchte ich mit Ihnen zu ſprechen. Die Erbſchaft beſtand aus einem baaren Vermoͤgen in Golde, welches, in Beiſein des Pfarrers und des Arztes, in der bezeichneten Kiſte gefunden ward. Hier iſt der Inhalt aufgeſchrieben; aber nicht ſo wuͤnſchte ich Ihnen den Nachlaß Ihrer Mutter zu uͤbergeben — nehmen Sie hier den vom Prior vollzogenen Kauf⸗ kontrakt von Ihrer bisherigen Pachtung Tabor; ſie iſt jetzt mit dem dazu gehorenden Walde Ihr und Ihres Mannes unbeſtrittenes Eigenthum.“ „Heiliger Gott, die ganze Pachtung— und den Wald noch uberdies!“ rief Madame St. Albans.— „Nun, ſolch' Gut konnte ja einem Baron gehoͤren. Ach, das kann unmöglich ſein, dazu langte das Ver⸗ mögen meiner armen Mutter nicht hin!“ „Machen Sie ſich deshalb keinen Kummer,“ er⸗ wiederte Elmerice, erleichtert durch die Freude der wun⸗ derlichen Frau;—„Margarith Eton, ihre Freundin, beſaß Vermoͤgen genug, das Fehlende zu decken.“ „Nun, das nenne ich großmuͤthig!“ rief Ma⸗ dame St. Albans.„Tauſend, mein Kind— Sie verſtehen die Gräfin zu ſpielen! Doch verzeihen Sie, ich vergaß uͤber der Freude, meinen Dank abzuſtatten. Nein, wirklich viel— viel zu viel Guͤte— ich weiß gar nicht, ob ich es annehmen darf!“ „O, nehmen Sie es,“ ſagte Elmerice herzlich —„und laſſen Sie uns nicht mehr davon ſprechen! Gewiß, ich bin Ihnen Dank ſchuldig fuͤr die Freude, die Sie mir jetzt gewaͤhren.“— „Ei, ei, meine liebe Frau Gräfin— das iſt nun ein wenig zu fein ausgedruͤckt fuͤr ſo eine einfache, natuͤrliche Frau, als ich bin! Doch das iſt nun einmal Ihre Art, und ſchickt ſich jetzt auch beſſer fuͤr Ihre hohen Zirkel, worin Jemand nicht paßt, der einfach vom Herzen wegſpricht. Alſo noch ein Mal meinen allerunterthaͤnigſten Dank!“ Elmerice eilte, dieſe peinliche unn zu endigen, und hatte eine ſchoͤne Genugthuung durch die edle, ruhige Weiſe, wie Herr St. Albans ihr reiches Geſchenk aufnahm. Beide genoſſen noch lange ihre ſchoͤne Beſitzung, die ſich in allen Zweigen der Kultur auf das Muſterhafteſte verbeſſerte. Zuerſt folgten Elmerice und Leonce der Grafin d'Aubaine nach Ardoiſe;— von da gingen ſie nach Ste Roche zuruͤck und ſuchten es mit der vollſtän⸗ .————————— digſten Pietät fuͤt das Andenken, was daran haftete, herzuſtellen. Emmy's Zimmer wurden von Elmerice ſelbſt behuͤtet, wobei ihr Aſta zur Hand ging, die, in der naͤchſten Stadt zur erſten Dienerin vollſtaͤndig und ſorgfaͤltig ihre junge Gebieterin nicht mehr verließ. So blieb Ste. Roche noch lange ein wohl be⸗ huͤtetes Denkmal vieler Jahrhunderte; denn neben den wieder hergeſtellten, einfachen Gemächern der Claudia von Bretagne, ihrer Betkapelle und Begraͤbnißgruft, ſtiegen die Prachtſaͤle und Gemaͤcher der Katharina von Medicis, wie der fruͤheren Grafen Crecy-Chabanne, mit ihrem alten Glanze empor. Nur der verhaͤngniß⸗ volle Banketſaal veraͤnderte ſeine Geſtalt! Schwarze ſammetne Vorhaͤnge umzogen ſeine Wände; herrliche farbige Scheiben zierten die rieſigen Fenſter mit ſym⸗ boliſchen Bildern und den Wappenſchildern der Crecy's; und uͤber der ſchauerlichen Tafel, die einſt Ludwig's Leiche trug, erhob ſich in glänzend weißem Marmor ein von Engeln geſtutztes Ruhebett, worauf Ludwig's und Reginald's Statuen, nach guten Gemälden ge⸗ bildet, Hand in Hand ruhten. Wo aber ſonſt der Thron der Katharina von Medicis ſtand, hing hinter einem großen Vorhange— Fennimor's Engelsbild! Eben ſo war der ſchauerliche Platz am Kamine verſchwun⸗ den; vor ſeinem kunſtreich verſchloſſenen, mit ſchwarzen Marmorbasreliefs verzierten fruͤheren Heerde, ſtanden zwei Betſtuhle, und hier wurde bei der Gegenwart der Herrſchaften ſtets ein feierliches Todtenamt gehalten. Durch zweckmaͤßigen Ausbau war dieſer Saal außer aller Beruͤhrung geſetzt, während die luftige Gal⸗ lerie, die daran ſtieß und zum Eudoxienthurme fuͤhrte, wieder ſchön und alterthuͤmlich hergeſtellt war. Die ſich anſchließenden Hofdamen-Zimmer waren zu heiteren, luftigen Gemaͤchern aus dem Glanzpunkte dieſer Epoche umgeſchaffen. Der Eudopienthurm blieb aber Elmerice's Eigen⸗ thum— ein mit jugendlich ſchoͤner Empfindſamkeit ge⸗ hegtes, kleines Bijou, zu welchem nur Leonce in einzelnen glucklichen Stunden Zutritt hatte— wo ſie ihr Gluͤck überlegten und Gott dafur dankten! Nur ſelten, und nur auf wenige Monate bezogen ſie ihre reichen Palais in Paris und Verſaille— und immer nur, wenn Armand und Lucile, Margot und Guiche mit ihnen dort zuſammentrafen. Dazwiſchen unterhielten die gaſtlichen Zuͤge dieſer Familien von einem Schloſſe zum anderen, bei welchen ſelbſt die Grä⸗ fin Franziska nicht fehlen wollte, das herzlichſte und genußreichſte Familienleben, das durch nachfolgende Er⸗ eigniſſe nur immer reicher und ſchoͤner ward. Waren Ste. Roche. 1ll. 30 die Familien aber in Ste. Roche, ſo erſchien nicht ſelten Lord Duncan mit einigen ſeiner Kinder, als jubelnd empfangener Gaſt; und immer gehoͤrten zu den theuerſten Freunden die Greiſengeſtalten des Vikar's, des Arztes und der edeln Veronika, wenn ihr hohes Lebensziel ihnen auch nur noch kurze Zeit gewaͤhrte. So war ein allſeitiger, großer Beſitz auf gutem Grunde erbaut— auf dem ſittlichen Werthe ſeiner Be⸗ ſitzer! Und wir verfolgen von hier an ihre Schickſale nicht weiter, und getroͤſten uns des Motto's: „Nicht, was wir erleben, ſondern, wie wir es erleben, dies entſcheidet uͤber Gluͤck und Ungluͤck!“ — „ — —— „ * 9 10 11 12