eihbibliothek r und franzöſiſcher Literatur Cdnard Ottmann in Giefen, lßgaſſe Lit A. Nr. 256. eih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliotgek ſteht zur Em⸗ ₰ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ſ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ijedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenummen. 3 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Pücher: auf 1 Monat: 1 Wr 1 W 3 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe ift auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2— ℳ Ste. Roche. Zweiter Theil. —— Ste. Roche. Von der Verfaſſerin von Godwie⸗Caſtle. Dritte berbeſſerte 3e Zweiter Theil. Breslau, im Verlage bei Joſef Max und Komp. 1 8 4 3. Des Gefuͤhl, ſeinem ſterbenden Vater entgegen zu eilen, verſchlang jede andere Betrachtung in dem jun⸗ gen Grafen von Crecy, und ſo war er weit davon entfernt, an die ſchwierigen Verhaͤltniſſe zu denken, mit denen er ſich unter andern Umſtänden beladen gefun⸗ den haben wuͤrde. Eile war das Einzige, was er nö⸗ thig zu haben glaubte, und die Thuͤrme von Paris tauchten aus dem Nebelmeere rauchender Eſſen und dem Dunſtkreiſe einer zuſammengedrängten Volks⸗ maſſe ſchon am Abend des dritten Tages vor dem un⸗ geduldigen Sohne auf, und uͤbten auch auf ihn die magiſche Wirkung einer von Sehnſucht und Freude gemiſchten Ruͤhrung aus, von der ſich vielleicht Keiner ganz losgegeben fuͤhlen wird, der nach langer Abwe⸗ ſenheit die Vaterſtadt zuerſt wieder ſieht. Die ſchmerzliche Erwartung, der er entgegen eilte, verſchwand vor dem Anblicke dieſer bekannten Spitzen und Kuppeln und machte einem kurzen Aufiauchzen ſeiner Bruſt Platz; und als ob ihn ſchon geliebte Au⸗ gen anlächelten, ſo blickte er zärtlich auf ihre im Ne⸗ 6 bel ſchimmernden Rieſenbilder.— Es war ihm, als wuͤrde er ſich ſeiner ſelbſt erſt bewußt, als waͤre Alles, was er erlebt, bloß darum erlebt, um es hier durchzufuͤh⸗ len, an dieſer Stelle ihn zu dem zu erheben, was er in unbeſtimmten Umriſſen kreiſen gefuhlt hatte von Ju⸗ gend auf; und als ob ſie die erſte und unabweis⸗ liche Autorität waͤren, die ihn zur Rechenſchaft ziehen könnte, ſo bang bewegt ward ſein Herz, obwohl ſie ihm zugleich eine Verheißung von verſohnender Liebe, ein Verſtaͤndniß mit ihm und allen ſeinen Zuſtaͤnden erſchie⸗ nen, wie jedes andere Gefuͤhl dagegen zu einem fremden und oberflächlichen ward. Es ſind auch gerade dieſe, an unſer fruͤheſtes, harmloſeſtes Bewußtſein geknupften ju⸗ gendlichen Erinnerungen, welche den unaus ſprechlichen Zauber weben, von dem wir uns beim Wiederſehn des Vaterlandes ergriffen fuͤhlen. Es iſt die Hoffnung, verſtanden zu werden; dieſe ſtete Sehnſucht des ſtre⸗ benden Herzens, die uns ſo leicht zu erfuͤllen ſcheint, den langvertrauten Gegenſtanden gegenuͤber, und uns jedes erfahrene Mißverſtändniß vergeſſen laͤßt, uns nur an das erinnernd, was wir dort empfingen; ſo viel in dieſer erſten Jugendzeit, daß es jeden neuen Ge⸗ winn zu ſichern ſcheint! Und jetzt umſchloſſen ihn ſchon die engen, ge⸗ rauſchvollen Straßen von Paris— und je näher er 7 der Fauxbourg St. Germain kam, je mehr ward ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen durch die ſchwer⸗ faͤlligen Karoſſen, welche, mit Dienern und Pagen be⸗ hangen, einem Ziele entgegen ſtrebten. Sein leichterer Reiſewagen und ſein immer un⸗ geduldigeres Antreiben bahnten ſich endlich einen Weg, der ihm bei einer ſchnellen Wendung das Hotel Sou⸗ biſe vor die Augen fuͤhrte, welches ſeine Eltern be⸗ wohnten, und das zu ſeiner nicht geringen Ueber⸗ raſchung das Ziel der um ihn raſſelnden Karoſſen war, die ſchon in breiten Gaſſen davor aufgereiht ſtanden. „So muß mein Vater leben!“ rief Leonin.— Und eben rollte ſein Wagen unter das Portal des Schloſſes. Bekannte Geſichter, ein lauter Jubelruf empfin⸗ gen den jungen Erben, der mit einem Sprung uͤber die Tritte hinweg unter den treuen Dienern ſtand, die jetzt Haͤnde, Rockſchoͤße und Fuͤße mit Kuͤſſen bedeckten. „Mein Vater! mein Vater!“ ſtammelte Leonin, faſt erſtickt von Gefuͤhlen. „Er lebt, gnädiger Herr! er lebt! Gott hat ihn erhalten!“ drang es aus Aller Munde.„Kaum war der Bote fort, als die Geneſung eintrat.“ „Und wo, wo, meine Mutter?“— Er wies Jeden mit ſeinen Armen zuruͤck und flog, Alles vergeſſend, 8 uͤberrennend, an den prachtvoll geſchmuͤckten Gäſten, welche die Treppen bedeckten, voruͤber, in die glänzenden Zimmerreihen, in denen er die Mutter ſuchen mußte. Die Marſchallin von Crecy verbarg unter der feinen Miene geſellſchaftlicher Höflichkeit, die ſie ihr vollſtändiges Eigenthum nennen konnte, das unruhig bewegte Herz einer Perſon, welche unaufhoͤrlich irgend eine Abſicht, irgend einen Plan verfolgt, und von Al⸗ lem, was ſich um ſie her bewegt, hauptſächlich ver⸗ langt, daß es ſich nach ihrer Anſicht, ihrer Beſtim⸗ mung geſtalte. Es war oft bloß die Ausübung die⸗ ſer Herrſchaft, die ihren Entwuͤrfen Reiz verlieh, da ſie ſich ſelten uͤber die Geringfugigkeit derſelben täͤuſchte, und eine bittere Verachtung gegen Menſchen und Ver⸗ hältniſſe fuͤhlte, die ſich beherrſchen ließen.— Man konnte ſie ſo durch ihre eigenen Neigungen beſtraft nennen; denn, indem ſie ihren ganzen Scharfſinn auf⸗ bot, jeden Widerſtand um ſich her zu entkraͤften, machte es ihr doch gerade die uͤbelſte, finſterſte Laune, daß ſie Niemanden fand, der ihr gewachſen war, ob⸗ wohl er nur Gegenſtand ihres ungemeſſenen Zornes ihrer raſtloſen Verfolgung geweſen wäre. Es duͤrfte nicht ſchwer werden, hiernach die au⸗ genblickliche Stellung gegen ihren Sohn zu folgern. Sie war außer ſich, daß er Widerſtand wagte; aber 9 ſie ward dadurch belebt und zu einer Thaͤtigkeit erho⸗ ben, die alle ihre Kraͤfte anregte.— Und daß ſie ge⸗ rade in ihrem Sohne den Gegenſtand finden mufßte, der das Wagniß verſuchte, ihren Willen zu lenken, machte ſie ſtolz auf ihn und flößte ihr den Grad von Achtung ein, der ihn ihr zum wuͤrdigen Gegner machte, der Muͤhe werth, ihn zu beſiegen;— denn beſiegen, einen andern Gedanken hatte ſie freilich nicht! Das tödtliche Erkranken des alten Marſchalls, wodurch die ſchnelle Einberufung des Sohnes vollſtän⸗ dig motivirt ward, war ihr kaum willkommen. Dies Ereigniß unterſtand ſich, ohne ihren beſtimmten Wil⸗ len in's Werk zu richten, was ſie ſicher war, doch zu erreichen. Sie fuͤhlte ſich faſt dadurch beleidigt und regte keine Hand, es zu unterſtuͤtzen; ſah ſich aber doch ge⸗ nöthigt, die Hebel, die ſie fuͤr ſpätere Zeiten in Bereit⸗ ſchaft hielt, jetzt um ſo viel vorzurucken. Nothwendig bedurfte ſie einer Colliſion der Ver⸗ hältniſſe. Das Eintreten ihres Sohnes durfte nicht das Hauptereigniß ſein; es haͤtte ihn ihr z nahe, zu imponirend entgegen geſtellt, und das Mi el fand ſich ſogleich. Mademoiſelle Louiſe, ihre einzige Tochter, erhielt in dem Kloſter der Benediktinerinnen einen Beſuch von ihr, und die Marſchallin zeigte ſich hier ſo voll⸗ 10 kommen zufrieden mit der ſechzehnjährigen Tochter, daß ſie der Aebtiſſin ihre Abſicht ausſprach, die Er⸗ ziehung der jungen Koſtgaͤngerin vollendet zu erklaͤren, und Mademoiſelle Louiſe begleitete ihre Mutter nach Paris zuruͤck. Mit eben ſo ſicherer Hand ward hier die Prä⸗ ſentation des jungen Fraͤuleins bei der koͤniglichen Fa⸗ milie bewirkt; und jetzt war Mademoiſelle Louiſe ein Mittelpunkt, um den ſich der geſellige Glanz des Hau⸗ ſes Crecy⸗Chabanne ſammeln konnte— Grund genug, das Intereſſe und die Gedanken der Marſchallin in den Zerſtreuungen von ihrem Sohne abgezogen erſchei⸗ nen zu laſſen. Sie hatte genau ſeine Ankunft berechnet.— Denn daß ſich die Geſinnungen des Sohnes nicht verlaͤug⸗ nen wuͤrden, deſſen war ſie gewiß; und wenn ſie auch nicht ahnte, durch welche Ueberredung er ſo ſchnell herbei gefuͤhrt wurde, ſo war ſie doch außer Zweifel, er muͤſſe kommen, und ein Feſt muͤſſe ihn empfan⸗ gen. Darauf waren alle folgenden Tage angewieſen; und das Befinden des Marſchalls legte ihr kein Ge⸗ bot des Anſtandes mehr in den Weg. So empfing ſie heute die vornehme Welt von Paris, um die Gluͤckwünſche anzunehmen, die ihr uͤber die Präſentation ihrer Tochter bei Hofe zukamen. Das Palais Soubiſe, welches ſo als Eigenthum der Marſchallin genannt ward, glänzte in der vollen Pracht aller ariſtokratiſchen Vorrechte, welche dieſe ſo wohl zu erhalten und hervor zu heben wußte; ein Talent, das ſie zu der ausgezeichnetſten Perſon des Hofes und Adels erhob und ihren Anſichten und Entſcheidungen die Huldigung der Untruͤglichkeit ver⸗ ſchaffte. Sie war das vollkommenſte Muſter der unzähli⸗ gen Abſtufungen der Etikette, die einer Frau von Stande damals ſo hoch angerechnet wurden; und wer ſie beobachtete, konnte nie uͤber den Rang der Perſo⸗ n in Zweifel ſein, die ſich ihr nahten. Nie verwechſelte ſie eine Anrede oder Erwiede⸗ rung mit der anderen, und die Kuͤrze oder Länge der⸗ ſelben, der leiſere oder ſtärkere Ton ihrer Stimme, ob ſie dem Gegenſtande gerade gegenuͤber oder ſeit⸗ waͤrts gewendet blieb, mit halbem oder ganzem Blicke begegnete, das waren Nuancen einer damals hochge⸗ ſchaͤtzten Feinheit und ein ſicheres Zeichen uͤber die Anſpruͤche der Perſonen. Die Marſchallin war uͤber funfzig Jahr alt und eine konſervirte Frau. Das gleichmaͤßige Embonpoint ihrer Geſtalt gab dem Teint ohne kuͤnſtliche Mittel eine große Friſche, die beſon⸗ ders Perſonen von röthlichem Haare lange behaupten. 12 Die unſinnige Mode, dicke Lagen von Schminke zu tragen und dieſe Sitte als ein Vorrecht des Stan⸗ des mit der Verlaͤugnung aller Natur- oder Schoͤn⸗ heitsregeln auszuuͤben, gab der älteſten wie der juͤng⸗ ſten Dame ein gleiches Anſehn. Nur Unverheirathete genoſſen dieſen Vorzug nicht; und ſo erſchien oft die friſcheſte Jugend mit der Farbe der Geſundheit wie bleiches Siechthum, wenn ſie in eine Reihe mit den verheiratheten Damen gerieth. Die Marſchallin gehoͤrte ſowohl durch Geburt, wie durch Vermählung zu den Familien, welche die Ehren des Louvre genoſſen; und ſo ſehen wir in ih⸗ rem Audienz⸗Saale einen Thronhimmel, unter wel⸗ chem die Marſchallin in einem breiten, vergoldeten Fauteuil ſaß und ſich erhob, oder ſich bloß neigte, oder die Stufe, welche ihn erhoöhte, hinab ſteigen zu wollen ſchien— Alles in untruͤglicher Ordnung, dem Range der nahenden Gäſte gemäß. Die Stickereien ihrer Robe waren ſo koſtbar und breit, daß man die Farbe des Sammtes nur bei einer Wendung in den hinteren Falten ſehen konnte. Das Unterkleid dage⸗ gen zeigte auf Drapd'or den ganzen Wahnſinn des damaligen Geſchmackes, indem mit bunter Folie, Per⸗ len und Juwelen eine Landſchaft darauf geſtickt war, der es weder an Thuͤrmen, noch Baͤumen, noch an 62 der gehorigen Staffage von Menſchen, Hunden und den verſchiedenſten Thieren des Waldes fehlte. Der Aufwand einer ſolchen Kleidung, zu wel⸗ cher noch die reichſten Aufſätze und die koſtbarſten Ge⸗ ſchmeide gehoͤrten, uͤberſtieg allen fluͤchtigen Modewech⸗ ſel ſpaͤterer Zeiten; und es fanden ſich nur wenige Damen unter dem reichſten Adel, welchen es geſtattet war, mehr wie zwei oder drei Galla⸗ Anzuͤge ihr Le⸗ benlang zu beſitzen. Doch auch in dieſer Beziehung war die Marſchallin eine von den Beguͤnſtigten, welche ihre Toilette bei jeder ſich zeigenden Veranlaſſung in eine neue Form zu bringen wußte, und zwar mit der vollkommen gleichguͤltigen Miene, welche dieſe Angele⸗ genheit bloß zu einem Geſchäfte ihrer Kammerfrauen herab wies, das ihre Beachtung wenig verdiene. Doch ſah man bei den Feſten der Marſchallin jedenfalls ein unverkennbares Streben der erſcheinen⸗ den Damen, der Frau vom Hauſe ihr Uebergewicht beſtreiten zu wollen; und es war eine wohl aufgenom⸗ mene Artigkeit, wenn man verſicherte, daß ſich nir⸗ gends eine hohere Eleganz der Damen zeigte, als in ihren Salons. Wir beſchränken uns jedoch auf die gegebenen Andeutungen. Der Glanz einzelner Perſonen, das Zu⸗ ſammenwirken einer ſolchen bunten, ſtrahlenden Maſſe 14 wird ſich uns von ſelbſt aufnöthigen, und wir bezeich⸗ nen nur noch eine junge, heiter lächelnde Mädchen⸗ geſtalt, die, ſich an dem Stuhle der Marſchallin leh⸗ nend und den leicht gegebenen Winken derſelben fol⸗ gend, jeden Ankommenden mit den reſpektueuſen Ver⸗ beugungen der Jugend begruͤßt. Es iſt Mademoiſelle Louiſe, die Tochter der Marſchallin, welche der bequeme Vorwand fuͤr die Abſichten ihrer Mutter ward; da allerdings nach einer Präſentation bei Hofe, die Eti⸗ kette eine Reihe von Feſten verlangte, welche die Freude uͤber einen ſolchen Vorzug ſowohl dem Adel, als vor Allem dem Koͤnige darlegen mußte. Am heutigen Tage nahm die Marſchallin indes⸗ ſen noch außerdem mit beſonderem ſuͤßem Lacheln und einer Bewegung des Fächers, die allgemein bewundert ward, da ſie einen ſanften Schmerz ausdruͤcken ſollte, die Gratulationen uͤber die Geneſung des Marſchalls an, und ſie erwähnte gegen einzelne Auserwählte, daß ſelbſt Ihro Majeſtäten ſich ihrer liebſten Umgebungen beraubt haͤtten, um ihr Gluͤck wuͤnſchen zu laſſen. Auch konnte gewiß nur die finſtere Herzogin von Bellefond, welche ſelbſt außer den Zimmern der Ko⸗ nigin nie ohne ihren kleinen Elfenbeinſtab erſchien, der ihr als Oberhofmeiſterin gebuͤhrte, mit der Frau Marſchallin den Platz unter dem Thronhimmel theilen; 15 da ſie gewiſſermaßen durch ihren beſonderen Auftrag von Seiten der Majeſtäten zu einer geheiligten Per⸗ ſon erhoben war. Zur andern Seite ſtehend, befand ſich der Mar⸗ quis von Vieuville, der Ehrencavalier der Königin, der mit der vollkommenſten Kenntniß jeder einzelnen Perſon des Hofes und ihrer Verhaͤltniſſe ſich den Ruf einer immerwährenden ſarkaſtiſchen Laune zu erhalten wußte, daher, halb gefuͤrchtet, halb gehaßt, der Gegen⸗ ſtand der verbindlichſten Aufmerkſamkeiten war, und eine Hoflichkeit und Zuvorkommenheit an den Tag legte, die ihm ſehr bequem ward bei der Beachtung, mit der man ſeine Aeußerungen entgegen nahm. Die Marſchallin wußte, waͤhrend ſie empfing, anredete, antwortete und fuͤr Jeden die paſſende Ver⸗ bindlichkeit bereit hatte, ſtets einige pikante Bemer⸗ kungen uͤber ihre Schulter dem ihr ſehr vertrauten Marquis Vieuville zuzuwerfen, und der Marquis em⸗ pfing dieſe Bemerkungen ſtets, um ſie, mit reichen Zu⸗ gaben verſehen, ſeiner Goͤnnerin zuruͤck zu geben; wäh⸗ rend ſein wunderlich ſchmales und trockenes Geſicht, von einem fein beſchnittenen Puderſtreifen eingefaßt, außer der Bewegung der Lippen keine Veraͤnderung zeigte, und jedes ſpaͤhende Auge ſich vergeblich daran verſuchte. 16 „Madame,“ ſagte er, indem die Marſchallin ſich abgewendet mit dem Herzoge von Gévres unterhielt— „Sie ſind heute dazu beſtimmt, ganz Paris zu zeigen, wie die vollkommenſte Dame des Hofes die zarteſten Gefuͤhle als Gattin und Mutter mit der bezaubernd⸗ ſten Eleganz zu vereinigen weiß, die auch dieſes Genre aus dem rohen Naturzuſtande erhebt, worin es uns ſo beſchwerlich fällt— Sie werden, wenn Sie ſich gnädigſt wenden, den jungen Grafen von Creey er⸗ blicken!“ Einen Augenblick genoß der Marquis das ſchnelle Vibriren auf dem Angeſichte der Frau Marſchallin und begleitete es mit einem Lächeln, welches ſagte: Sie ſind doch noch nicht vollkommen Meiſterin ihrer ſelbſt! als dieſe auch ſchon, ohne aufzublicken, völlig ſicher uber ihren ironiſchen Beobachter, mit dem Lächeln der hoͤchſten Sammlung ſich dem ihr entgegen Eilenden zuneigte und es nicht ungern verſäumte, ihm zuvor. zukommen, als er ſich mit kindlichem Enthuſiasmus ihr zu Fuͤßen warf. „Alſo zu einem dreifachen Feſte erheben Sie durch Ihre Ankunft dieſen Tag!“ rief ſie mit anmuthi⸗ gem Eifer.—„Stehen Sie auf, mein theurer Sohn! Wenn Sie leider nur der Segen Ihrer Mutter hier empfängt, ſo erhielt Ihnen doch die Gnade Gettes den Vater, den Sie ſo liebevoll zu erreichen ſtrebten. Mein Herz dankt Ihnen fuͤr dieſe lebendige Theil⸗ nahme! Und laſſen Sie mich hinzuſetzen: ich erwar⸗ tete nichts Anderes von Ihnen!— Mademoiſelle Louiſe, umarmen Sie Ihren Bruder!“ Zuruͤckgedraͤngt mit allen ſeinen Gefuͤhlen, erkannte der junge Graf, indem ſein natuͤrlicher Stolz die Ober⸗ hand gewann, wohin ſeine Mutter ihn vorlaͤufig ver⸗ wies; und aus dem hingeriſſenen Zuſtande kindlicher Liebe und Freude ſich empor raffend, rief er ſich die Sitten der vornehmen Welt, die eine lange Gewöh⸗ nung ihm bequem werden ließen, zuruͤck, um ſich auch jetzt vor der klugen Beobachtung ſeiner Mutter damit zu behaupten. Er fuhlte daher auch bald, daß er es ſein muͤſſe, der ſich einer Geſellſchaft entzöge, welcher er vor ſeiner Präſentation nicht zugehoͤrig ſein konnte, und fand die Beſtätigung dieſer Vorausſetzung in der entſchie⸗ denen Haltung der Marſchallin, die auch nicht die kleinſte Bewegung zu einer Vorſtellung ihres Sohnes an die ihr durch Ihren Rang am naͤchſten ſtehenden Perſonen machte, ſich nach der Umarmung mit ſeiner Schweſter, mit ihm wie in ihrem Privatkabinette un⸗ terhielt und dadurch alle Theilnahme der ſie Umgeben⸗ den ablehnte. Ste Roche I. 2 ———— 18 Sie beobachtete dabei mit geheimen Vergnuͤgen, wie ſtolz und gewandt ſeine Haltung und ſeine Worte waren, und mußte dieſe Beobachtung noch beſtätigt fuhlen, als er ihr jetzt ſelbſt ſeine Bitte vortrug, die Geſellſchaft verlaſſen und ſeinen Vater aufſuchen zu duͤrfen. Nachdem ſie ihn beurlaubt, ſetzte ſie ihre Unter⸗ redung mit dem Herzoge von Geévres ſo ruhig fort, daß ſie eine Anſpielung auf das eben Erlebte Jedem unmoͤglich machte, und ſo das plotzliche Auftreten des jungen Erben anſcheinend unbemerkt voruber ging. Nur Zwei in dieſem Kreiſe hatten das Ereigniß tief empfunden, und wie verſchieden auch ihre Gefuͤhle waren, Beiden ſchien es gleich wichtig. Louiſe de Crecy hatte den Bruder umarmt; die einzige Sehnſucht ihres unſchuldigen Herzens war erfuͤllt. Sie wußte ihn nun in ihrer Nähe, dieſen Schutzheiligen ihrer klöſterli⸗ chen Traume, an den ſie alle unverſtandenen Wuͤnſche ihres Herzens knuͤpfte, den ſie ſo feſt und ſicher ſich gewonnen glaubte, daß uͤber den Rand ihrer Silber⸗ robe, die wie ein Bollwerk ihre jugendliche Heiterkeit einfing, ihr kein Hinderniß mehr fuͤr das fröhlichſte Leben mit ihm moglich ſchien, und ihr Blick dem Da⸗ voneilenden mit dem bezaubernden Lacheln der Befrie⸗ digung folgte. 19 Auch die Augen des Marquis de Souvré folg⸗ ten dem Juͤnglinge, und gleich der unſchuldigen Louiſe, glaubte auch er ihn jetzt ſicher zu haben. Aber, wenn Beiden die Stunde der Erfuͤllung ſchlug, war doch Beider Gefuͤhl ſo ungleich, als Fluch und Segen! Er mußte es hoͤren, wie der Eindruck dieſes fluchtigen Erſcheinens, den die Marſchallin nur in ih⸗ rer naͤchſten Umgebung zum Stillſchweigen zu verwei⸗ ſen vermochte, um ihn her eine große Bewegung er⸗ regte; und ſo ſehr er mit den Schwächen der Menge vertraut war, ſo ſehr er ihr Urtheil verachtete und genau wußte, daß unbedingtes Lob, wie es hier dem jungen Erben nachtoͤnte, nur eben in dieſem erſten, bedeutungsloſen Auftreten zu ſuchen ſei, das noch kein Intereſſe beruͤhrte oder durchſchnitt— ſo reizte es ihn dennoch, ſeine ſchöne ſtolze Geſtalt, ſeine feine Hal⸗ tung bewundern zu hoͤren. Während deſſen durcheilte Leonin mit klopfendem Herzen die prachtvollen Gemächer und lenkte ſchnell in die abfuͤhrenden, nur matt erleuchteten Corridore, die nach dem Gartenfluͤgel fuͤhrten, in welchem ſein Vater in unabänderlicher Form und Weiſe ſeine Zimmer eingerichtet hatte. Welch ein Wechſel draͤngte ſich in dieſen hohen, alten Ruͤſtkammern dem Beobachter auf! Es ſchienen nur Zelte und Wachtfeuer zu fehlen, um 2* hier ein Lager zu vergegenwärtigen, und das Feuer fehlte auch nicht in den weiten Kaminen; denn dieſe hohen Marmor-Säaͤle, mit eiſernen und ſtählernen Ruͤſtungen bedeckt, von marmornen Heldengeſtalten un⸗ terbrochen, athmeten eine ſo erſtarrende Kälte aus, daß die Flamme in den Kaminen niemals fehlen durfte. Eben ſo war das Schlafgemach; nur kleiner, aber von jedem verweichlichenden Luxus der Zeit entfernt, mit kahlen Waͤnden, ohne Vorhaͤnge, nur mit dem eiſer⸗ nen Feldbette des Marſchalls möblirt, zu welchem die hölzernen Stühle und Tiſche, die einſt ſein Zelt bedient hatten, hinzu kamen, und mit einem uͤber dem Bette befeſtigten Buͤndel Fahnen, welche weit uͤberhangend, es zu ſchirmen ſchienen und dem Gemache das unver⸗ kennbare Anſehen eines Zeltes gaben. Auf dieſem Ehrenbette, von harten Kiſſen geſtutzt, ruhte der Marſchall von Crecy, bloß mit einem unge⸗ heuern Reitermantel bedeckt, und horte den Geſpraͤchen zu, die der Kaplan des Hauſes mit dem Arzte des Grafen zu ſeiner Unterhaltung zu fuhren ſuchten— als die haſtigen Schritte, welche Allen vernehmbar den Vorſaal durchmaßen, ſchnell die Thuͤr des Schlafge⸗ maches erreicht hatten, und in demſelben Augenblicke der Sohn mit kaum verſtändlichen Lauten des Entzuͤckens zu den Fuͤßen des Vaters lag. N „Holla, das iſt mein Sohn!“ rief der alte Mar⸗ ſchall, und das eiſerne Feldbett fuhr raſſelnd ineinan⸗ der von der heftigen Bewegung, womit der rieſige Greis den muͤden Koͤrper aufraffte, das Kind ſeines Herzens, den einzigen noch warmen und lebendigen Punkt deſſel⸗ ben zu ergreifen. Er hielt ihn jetzt an beiden Schultern wie ein Kind in die Hoͤhe, uud das alte braune und benarbte Geſicht, das weder vom Alter, noch von der Krankheit ſich ſeine Energie hatte rauben laſſen, lachte dem Lieb⸗ ling in die Augen mit dem vollen Sonnenglanze un⸗ verkuͤmmerter Zaͤrtlichkeit. „Ha,“ fuhr er fort mit kurzem Lachen, indem ein Paar dicke Thränen ihren Weg uͤber ſein Geſicht nahmen—„ha, mein Junge, biſt Du da, haſt Du Dein altes Geſicht— Dein altes Herz mitgebracht?“ Aber die Antwort erdruͤckte er, indem er ihn feſt an ſeine Bruſt ſchloß und ihn dann von ſich ſtieß, bloß um ihn anzublicken. „Seht, Ihr Herrrn,“ fuhr er fort,„da hab' ich einen Sohn! Nun koͤnnt Ihr nur gehen, Doktor, mit Euren Pillen und Pflaſtern, jetzt hat der alte Mar⸗ ſchall Anderes zu thun, als krank zu ſein!— Nicht, mein Junge? hab' ich nicht Recht?“— „Gewiß habt Ihr das, theurer Vater! Und im⸗ mer habt Ihr mir gelobt, daß Ihr mich erwarten wollet, mir ſelbſt die Sporen zu ſchenken bei meiner Ruͤckkehr!“ „Ja, ja, der Junge hat ein gut Gedächtniß!“ lachte der alte Marſchall.„Seht Ihr wohl— Der braucht mich noch! Dem bin ich noch noͤthig! Dem muß ich noch die Leine halten, damit das junge Kampfroß den freien Lauf lernt!“ „So iſt es, lieber, lieber Vater!“ rief Leonin mit uberſtroͤmender Zaͤrtlichkeit—„Aber ſagt mir auch, wie es Euch geht, ob ich gewiß an Eure Geneſung glauben darf.— Welche Angſt hat mich auf meinem Wege verfolgt!“ „Was das fuͤr ein Sohn iſt!“ rief der erſchuͤt⸗ terte Greis.—„Doch laß' das, mein Kind, und glaub' mir, es waren unnuͤtze Schwätzereien von Deiner Frau Mutter und dem Herrn Doktor da— Dein Vater war gar nicht krank; und hätten ſie mich nicht all' das Zeug verſchlucken laſſen, was der dort zuſammen gehert, und meinen armen Koͤrper in Ruhe gelaſſen, der ehrenvollere Wunden traͤgt, als ihre elenden Pflaſter zogen— ich waͤre laͤngſt geſund!“ „Gemach, Euer Gnaden!“ rief der angegriffene Arzt—„Die Geneſung täuſcht uns leicht uͤber die uͤber⸗ ſtandene Gefahr und macht uns ungerecht gegen die empfangene Hilfe. Es war dies Mal nicht in die Willkuͤhr Euer Gnaden geſtellt, zu geneſen. Verdäch⸗ tigen der Herr Marſchall unſere Kunſt nicht bei dem jungen Herrn!“ „Du ſiehſt, Leonin,“ lachte der Marſchall, dem Gekraͤnkten verſoͤhnend die Hand reichend,„er muß immer Recht behalten; aber ich werde es ihm jetzt zeigen, wer Herr iſt!“— Und ſchnell warf er den Man⸗ tel zuruck und ſtand vollig gekleidet, wie er fortwaͤh⸗ rend blieb, vor den Zuruͤckweichenden. „Jetzt ſagt mir, daß ich krank bin!“ rief er und richtete ſich mit einer Kraft empor, die wirklich jede Befuͤrchtung niederſchlagen mußte. Leonin begruͤßte nun den wuͤrdigen Kaplan, der zugleich ſein religioſer Fuͤhrer und Beichtvater war, während der Marſchall, noch immer im Streite mit dem Alles verweigernden Arzte, Alles durchſetzte, was er beabſichtigte; da ſein naturlicher Starrſinn dies Mal von einem Jubel des Herzens unterſtuͤtzt ward, der zu ruͤhrend und verſtändlich fuͤr alle ſeine ihn herzlich liebenden Diener war, um nicht jeden ausgeſprochenen Befehl, trotz aller Gegenreden des eben ſo halb er⸗ weichten Arztes, auf's ſchnellſte in Erfuͤllung zu bringen. „Denn— mein Junge,“ ſchloß er den kurzen, 24 raſchen Befehl an ſeine Diener, die Abendtafel in ſei⸗ nem Zimmer anzurichten—„Du laͤßt wohl heute Deine Frau Mutter ihre Galla allein genießen und bleibſt bei Deinem einfachen alten Vater, der wenigſtens wie ein Mann lebt.“ Zärtlich eilte Leonin in die Arme des geliebten Vaters, und ſeine Worte ließen immer neuen Son⸗ nenglanz uͤber das alte Heldenantlitz ſtreifen. Bald fand ſich Alles ſo eingerichtet, wie der Marſchall es ſich ausgedacht, und auf den hölzernen Feldſtuͤhlen ſaßen Alle um die Tafel, an der die Ein⸗ fachheit des Marſchalls ihre Grenze fand; wie er uͤber⸗ haupt dieſelbe nur als eine Laune fur ſich anerkannte und allen ariſtokratiſchen Aufwand zuließ und verlangte, ſeine launenhafte Einfachheit zu umgeben. Seine Ta⸗ fel glaͤnzte von Gold und Silber, ſeine zahlreichen Diener waren in Stickereien gehuͤllt und ſo ſteif friſirt, wie in dem Antichambre einer Dame. Im Vorzim⸗ mer befand ſich, ſo wie die Tafel bereitet war, ein Muſikcorps, welches mit den larmendſten Inſtrumen⸗ ten die Maͤrſche und Taͤnze aus der fruͤheren Lebens⸗ periode des Marſchalls ſpielen mußte, der es nicht un⸗ gern ſah, daß man, ſich die Stunde ſeines Diener's merkend, ihm auſwartete, wenn er mit einigen Freun⸗ den oder auch ganz allein, da er nie mehr mit ſeiner 25 Gemahlin ſpeiſte, zu Tiſche ſaß. Man mußte mit ihm gleichen Ranges oder aus den Umgebungen der Majeſtäten ſein, wenn er den Wink gab, einen Seſſel herbei zu holen; im anderen Falle ließ er Alle um ſich her ſtehen, waͤhrend er mit der heiterſten Laune die allgemeinſte Unterhaltung zu beleben und den Hoch⸗ muth ſeines Verfahrens durch die ſorgloſeſte Froͤhlich⸗ keit zu verſoͤhnen wußte. Auch fehlte es ihm nie an dieſem kleinen Hof⸗ ſtaate; denn alle jungen Edelleute, die fruͤher unter ihm gedient und jetzt theilweiſe ſchon zu hohen mili⸗ tairiſchen Poſten geſtiegen waren, bewahrten ihrem chemaligen Anfuͤhrer eine ſo innige Liebe und Vereh⸗ rung, daß ſie ſeine Naͤhe mit Freude zu der Stunde ſuchten, die ihm die angenehmſte war. Die Ruͤckkehr des Sohnes ſchien wirklich den letzten Krankheitsnebel von dem Marſchalle genommen zu haben, und gewiß konnte man nicht ohne Intereſſe die ruͤhrende Lebendigkeit gewahren, mit der er erzäͤhlte, fragte und horte. Die Kinderjahre Leonin's tauchten heute in ihm auf— und dieſe Erinnerungen mit ih⸗ rem weichen, innigen Charakter ſchloſſen ſich ſo wohl⸗ thuend an ſeine augenblicklichen Empfindungen, ohne ſie zu ſehr zu verrathen, daß Leonin, ganz hingegeben an die Worte des liebenswuͤrdigen Alten, ihm mit 26 allen Beweiſen der Zärtlichkeit entgegen kam, um ſo ſeinem Herzen die vollſte Befriedigung zu gewähren, ohne den Stolz des alten Kriegers durch das Zeigen zu großer Weichheit zu verletzen. Spät erſt willigte er in die Bitten des Arztes, den kleinen Kreis zu entlaſſen; und als Leonin aus den Zimmern ſeines Vaters in den vorderen Theil des weitläͤufigen Palais trat, uͤberraſchte ihn der merkwuͤr⸗ dige Wechſel der Gegenſtaͤnde, die in kaum größerer Verſchiedenheit in einem Verhaͤltniſſe zu denken waren, das ſeiner Natur nach die vollſtaͤndigſte Uebereinſtim⸗ mung haͤtte zeigen ſollen. Die Marſchallin hatte ihre Gaͤſte entlaſſen— Leonin blieb unbemerkt auf einer Galerie ſtehen, die ihn einen Blick in die Vorſäle thun ließ, durch welche ſie jetzt mit eben dem ceremonieuſen Pompe nach Hauſe zogen, wie ſie angekommen waren. Mehrere beſtiegen ihre reichen Portechaiſen ſchon in dieſen Vorzimmern; Andere ließen ſich von zahlloſen Dienern mit hohen Windlichtern umgeben, indem die Damen, von ihren Verwandten und Freunden begleitet, mit aller Grazie, welche die Ermuͤdung noch zuließ, ihre Fingerſpitzen auf den Arm oder auf die Schulter der ſie begleitenden Ca⸗ valiere legten und den Pagen die Muͤhe uberließen, ihre weitfaltigen Schleppen vor dem Gedraͤnge zu ſchutzen. —,—— ————— Von dieſen Gruppen richtete Leonin den Blick zu den prachtvollen Zimmern, denen ſie zur glänzenden Staffage dienten. Jeder Luxus war hier verſchwen⸗ det, den Reichthum, Sitte und Mode nur zu erſinnen gewußt; und die Laune des alten Marſchalls fuͤr die Ausſtattung ſeiner Gemächer trat um ſo grillenhafter hervor. Sinnend lenkte Leonin ſeine Schritte nach den eignen Zimmern und fand hier die alten Diener ſeiner fruͤheren Jugend, die ihn mit der zärtlichen Ehrerbie⸗ tung begruͤßten, zu der ſein guͤtiger und ſanfter Cha⸗ rakter ſeine Umgebungen berechtigte. Hier hatte jedoch der verſchwenderiſche, gläͤnzende Geſchmack der Marſchallin auch ihn erreicht. Die Zimmerreihe war vermehrt, eine herrliche Bibliothek, eine Gallerie mit den ausgezeichnetſten Gemaͤlden und Kunſtwerken, ein ſchoͤner Muſik- oder Geſellſchaftsſaal war den Raͤumen hinzugefuͤgt, die ſein fruͤheres Be⸗ duͤrfniß befriedigt hatten, und die, nun glaͤnzender als je ausgeſtattet, dem jungen Erben ſogleich anzukuͤndigen ſchienen, die Zeit unſcheinbarer Zuruͤckgezogenheit ſei voruͤber. Die Anſpruͤche, die ihm aufgenöthigt wurden, wollten jedes Zuruͤckweiſen durch ſich ſelbſt unmoͤglich machen. Auch lag dies nicht in den Gefuͤhlen, mit denen 1 28 der junge Graf aus den Haͤnden des alten Kammer⸗ dieners den neuen Beſitz uͤbernahm— er war nicht umſonſt der Sohn dieſer Eltern— der Glanz und der Stolz, der ihm ſo reiche Nahrung bot, war ein bedeutender Antheil ſeines Blutes, und er wußte die ihm uͤberall eingeraͤumte Wichtigkeit ſehr wohl in ſich zurecht zu legen. Auch wirkte gerade das, was haͤufig den Anregungen dieſes Sinnes entgegen trat, ſein tief und zart fuͤhlendes Herz, dies Mal nur, jene Ge⸗ fuhle zu verſtärken und ihnen eine Seele und höheren Genuß einzuhauchen; denn er konnte ſich ſeines Em⸗ pfanges nicht bewußt werden, ohne die unausſprech⸗ liche Guͤte ſeiner Eltern auf's Neue zu empfinden.— und wenn er, von ſeinem Vater ſo eben mit dem reichſten Strome ſeiner Liebe uͤberſchuttet, mit heim⸗ licher unbefriedigter Sehnſucht nach dem muͤtterlichen Herzen hier eintrat, wie mußten da die Erzählungen des alten Kammerdieners ihn begluͤcken, die nur von der Sorgfalt handelten, welche die Marſchallin mit eigner Anordnung und Aufſicht dieſen Raͤumen ge⸗ ſchenkt! „O, wie ſie mich liebt!“ ſagte er leiſe vor ſich hin, und ihm geſchah, was ſo wunderbar das Herz zu beſchleichen vermag— er liebte die ſproͤde Mutter mit ihren kargen Gefuͤhls⸗Aeußerungen in dieſem Au⸗ 29 genblicke, wo er faſt heimlich, hinter ihrem Ruͤcken in ihr Herz ſah und ihre Weichheit fuͤr ihn heraus⸗ fuͤhlte, mit mehr Wärme, als den alten uͤberſtroͤmen⸗ den Vater. Dieſer letzte Augenblick vollendete den ſchoͤnen Tag, der ihn mit einem Gluͤcke uͤberraſcht hatte, auf welches er nicht gewagt zu hoffen, und das um ſo berauſchender fuͤr ihn war, je mehr es in Uebereinſtimmung blieb mit Allem, was ihm von Jugend auf theuer und erlaubt erſchienen und dadurch ihn in der vollſtän⸗ digſten Selbſt⸗Billigung erhielt. Als er endlich allein war und ſich, der natuͤrli⸗ chen Muͤdigkeit einer ſo großen Aufregung folgend, mit Behagen auf ſeinem Lager ausſtreckte, trat Fen⸗ nimor's Bild vor ihn hin und ſchien ihn zu fragen: welchen Antheil ſie an den Eindruͤcken dieſes Tages behalten, wohin er ſie verwieſen in dieſen prächtigen Raͤumen. Ach, es war ein tiefer Seufzer, den er nur als Antwort hatte; es war ein Gefuͤhl, dem Schmerze ahn⸗ lich— aber er haͤtte keine Erwiederung gewußt, und hätte ſie die Frage ſelbſt an ihn gerichtet. Sein boſer Engel wiederholte ihm aber die Worte des Mar⸗ quis de Souvré: ich uͤberlaſſe es Euch zu denken,. wie ſie in die Welt Eurer Mutter paſſen wird;— und ehe er ſie zum Schweigen verweiſen konnte, ſchrieen alle Stimmen in ihm: hier iſt kein Raum fuͤr ſie, nicht fuͤr den kleinſten Schritt ihres zarten Fußes! Aber ſo fremd, ſo herausgeriſſen aus jenem ihm erſt zu ſpät durch Fennimor enthuͤllten Zuſtande des Le⸗ bens, füuͤhlte er ſich hier, auf der alten Stelle der Hei⸗ math, wo ſeine fruhſten Ueberzeugungen wurzelten, von ihnen auf's neue und in ſo uͤberraſchender und ſchmei⸗ chelhafter Art umſchlungen, daß er ſich mit Schrecken bewußt ward, wie jene Exiſtenz— ein eben ſo heiliges Recht an ihm gewonnen. Aber, wenn korperliche Ermuͤdung zu einem uͤber⸗ füllten Seelenzuſtande hinzutritt, der uns doch die augenblickliche äußere Ruhe gönnt, pflegt die erſtere zu ſiegen und der Schlaf die Pforten des Lebens zu ver⸗ ſchließen. Leonin ſchlummerte ſo ſanft, als ob das erſte Wiegenlied ihn eingeſungen. Die Marſchallin von Crech wußte genau, in wel⸗ cher Stimmung ihr Sohn nach den Erlebniſſen des geſtrigen Tages ſein mußte, und ſie war ihrer Sache ſo gewiß, daß der Marquis de Souvré auch nicht das kleinſte Zeichen des Einverſtaͤndniſſes von ihr em⸗ pfing, als er ihrer Einladung zum Fruͤhſtuͤcke Folge leiſtete. Leonin war wirklich nur Sohn. Seine ganze Empfindung fuͤr ſeine Mutter war zuruͤck gedrängt von dem kurzen, kalten Empfange und nur dadurch ange⸗ wachſen; und der Morgen vor der Stunde, wo ſie ihn zu ſich beſchieden, hatte nur jedes Gefuͤhl hoͤher ge⸗ ſteigert, da er ſich uͤberſchuͤttet von ihren Aufmerk⸗ ſamkeiten fand, und in jedem Anſpruche uͤberboten durch die erweiterten Anſichten, womit die Bildung und der ſteigende Lurus der Hauptſtadt in gleichem Maaße hervortraten. Doch fuͤhlte er ſich geneigt, auch dieſe ausgezeich⸗ nete Ausſtattung mehr dem Verſtande und der hohen Bildung ſeiner Mutter zuzurechnen, da keines der durch⸗ reiſten Länder ihm dafuͤr einen Maaßſtab hatte geben konnen; denn Frankreich ſtand damals in jeder Hin⸗ ſicht an der Spitze Europas, und die wohlbewanderte Marſchallin hatte eben deshalb nur das Vorhandene zu ſammeln gebraucht. Dennoch trieb ihn ſeine De⸗ votion anzunehmen, als habe ſie alle dieſe Dinge erſt in's Leben gerufen. Zu dieſer Stimmung fuͤgte die Marſchallin nun noch ihren Empfang, als er am Morgen in einem zauberiſch eingerichteten kleinen Saale, der in die herbſtlich gefäͤrbten Laubpartien des Gartens blickte, ihr entgegen eilte. Dieſer ſchoͤne Raum trug den ganzen Wohllaut der Ruhe und des geiſtvollen Lurus, der die Seele zugleich zu berauſchen und zu erheben ſcheint. „Hab' ich Dich wieder, mein lieber Fluͤchtling,“ ſagte ſie mit dem ſuͤßeſten Ton ihrer Stimme und zog ihn auf das Fauteuil nieder, auf dem ſie behaglich in ihrem Morgenkleide ruhte—„Jjetzt wollen wir uns gehören und die lange Entbehrung nachholen. Wie viel näher wirſt Du mir geruckt ſein durch ſo vorgeſchrittene Bildung, wie dieſe ſchoͤnen Reiſen Dir gewährten.— Das wird das Herz der Mutter erquicken, die darum lange darbte!“ Mit welchem Entzuͤcken ſah Leonin, waͤhrend ſie ſprach, in die immer noch ſchoͤnen und jetzt ſo mil⸗ den und weichen Zuge der Mutter, indem er ſeine Au⸗ 33 gen antworten ließ, und immer und immer wieder ihre Hände kuͤßte. „O, moͤchtet Ihr Euch nicht taͤuſchen, meine theure, theure Mutter!“ rief er endlich,„moͤchten Eure Erwartungen, Eure Opfer, Eure große Guͤte ſich eini⸗ germaßen belohnen durch das, was Ihr in Eurem Sohne finden werdet!“ „Nun“, lachte die Marſchallin,„werden wir vor allen Dingen nicht zu tragiſch! Eine Mutter, ſagt man, ſoll nicht ſchwierig ſein, in ihren Kindern ei⸗ nige Wunder von Liebenswuͤrdigkeit zu entdecken, und ſo bilde ich mir zum Beiſpiel ein, Louiſe, die dort hinter Dir, wie ein Jäger auf dem Anſtande, ſteht, iſt das artigſte Schooßkind der Erde!“ „Louiſe, Louiſe!“ rief Leonin und ſchloß das ſchoͤne Kind, das nur mit Muͤhe der Mutter Worte ſchweigend angehoͤrt hatte, jubelnd in ſeine Arme: „Mein holdes Kind! meine Louiſe! bin ich auch noch Dein liebſter Bräutigam, wie Du mich immer nannteſt— haſt Du auch nichts vergeſſen?“ „Ach, Leonin,“ rief Louiſe—„wie haͤtte ich denn in meinem Kloſter andere Gedanken haben ſollen, als Dich! Die Nonnen nannten Dich meinen Schutz⸗ heiligen, weil ich— ſieh' hier, da iſt es!— dies kleine goldene Herz, das Du mir einſt ſchenkteſt, aufgehan⸗ Ste. Roche. 1. 3 gen hatte, und darunter einen kleinen Altar gebaut, worauf Blumen ſtanden und Kerzen.“ „O, Du ſuͤßes Kind!“ rief Leonin, und in die⸗ ſem Augenblicke dachte er zuerſt mit der alten Liebes⸗ ſtaͤrke an Fennimor; denn eben erſt hatte er die Stelle gefunden, wo ſie hin paßte— ſeine Schwe⸗ ſter wuͤrde ſie lieben und verſtehen!— O, welch' ein Wonnehauch erſchuͤtterte ſeine Nerven bei dem erſten Einklange ſeiner jetzigen Welt mit jener ſtilleren auf Ste. Roche! „Mutter, Mutter,“ rief gluͤhend in der doppel⸗ ten Empfindung Leonin—„welch' ein holdes Kind iſt unſere Louiſe geworden! Wie engelgut, daß Du ſie jetzt herriefeſt— mir dieſen Boten des Gluͤckes auf die Schwelle ſtellteſt!“ „Nun dieſen Dienſt,“ ſagte die Marſchallin trocken,„hat ſie ſich ſelbſt gethan; denn ſie war ein frommes, fleißiges Kind bei ihren Nonnen, und wie ich ſie ſo fand, war ich ihr die Gerechtigkeit ſchuldig, ſie der Welt vorzuſtellen. Nun wollen wir ſehen,“ fuhr ſie mit dem ſchmeichelhaften Lächeln der Ueber⸗ zeugung fort,„wie ſie ſich hier machen wird.“—„O, gut! gut! vortrefflich!“ rief Leonin, ſie wieder an ſich ziehend,„ihre unverdorbene Seele wird ſie uberall den rechten Weg fuͤhren.“ „Auch habe ich keine Furcht deshalb,“ fuhr die Marſchallin in etwas hoͤherem Tone fort,„es ziemte mir als Mutter ſehr wenig, nach der Erziehung, die ich meinen Kindern gab, zu bezweifeln, daß ſie ſtets deſſen eingedenk ſein werden, wozu ihre hohe Geburt und ihre großen Beſitzthuͤmer ſie verpflichten.— Dies iſt eine Gabe des Himmels und eine ſtrenge Anfor⸗ derung zugleich, uns jederzeit uͤber die Maſſe zu er⸗ heben; denn wir bleiben auf ſolchem Hoͤhenpunkte der Geſellſchaft nicht unangefochten von anmaßlichen An⸗ ſpruͤchen, denen wir zu begegnen lernen muͤſſen.— Doch mache kein ſo langes Geſicht, meine kleine Louiſe, komm' her und ſei getroſt! Schwer nur iſt das Un⸗ gewohnte, und Dir, mein holdes Kind, waren die Sitten der Crecy und Soubiſe ſchon in der Wich Schutz fuͤr ſpätere Tage.“— „Laßt uns jetzt, wie in alten Zeiten, gemeinſchaft⸗ lich fruhſtuͤcken, ich will heute Nichts als eine gluck⸗ liche Mutter ſein und, wenn ich zwiſchen Euch ſitze, träumen, Ihr wäret noch dieſelben kleinen Kinder, die aus meinen Haͤnden bedient ſein wollten.— Mar⸗ aquis,“ rief ſie dem eintretenden Souvré entgegen,„Ihr muͤßt heute durchaus mit mir empfindſam ſein, ſo ſehr ſich dagegen auch Euer Naturell ſtraͤubt— eine Mutter, die ſo lange kinderlos war als ich, hat auch ihr Recht!“ 3* „Ha!“ lachte der Marquis und umarmte den ihm tief bewegt entgegen eilenden Leonin—„ſeid ſicher, Frau Marſchallin, ich kam in derſelben Stim⸗ mung hieher und denke Eure bezaubernde Empfind⸗ ſamkeit gewiß ſo lange zu theilen, als Ihr es ſelbſt aushalten werdet.“ „Thut das, mein liebenswuͤrdiger Cavalier!“ ſprach die Marſchallin, an der Tafel Platz nehmend.„Ihr habt immer die présence d'esprit, zu fühlen, was ge⸗ rade paſſend iſt.— Ein vollkommener Edelmann, mein Sohn,“ fuhr ſie fort,„von dem Madame Henriette letzthin zum Könige ſagte: er hat die Feinheit des Verſtandes, zu errathen, was wir nothwendig denken muſſen, wenn wir ſelbſt noch damit fremd ſind.“ „Ach,“ rief Soupré lachend—„Madame fin⸗ det es oft ſehr bequem, wenn der Freund des Grafen Guiche vorher weiß, was ſie denken wird.“ „Laſſen wir das!“— ſchnitt die Marſchallin ſeine Rede ab.—„Du wirſt uͤber unſern Hof erſtaunen, mein Sohn, und wahrſcheinlich um ſo mehr, nach⸗ dem Du andere Hoͤfe kennen lernteſt— er muß noth⸗ wendig der vollkommenſte in Europa ſein, da hier ſich die hoͤchſten Tugenden, die bezauberndſten Schön⸗ heiten mit der erhabenſten Geiſtesbildung vereinigen.“ „Es kann uns auch ſchwerlich entgehen,“erwie⸗ 37 derte Leonin,„daß der Ruf dieſes außerordentlichen Hofes ſeinen Einfluß uͤber alle anderen erſtreckt, und jeder ſeinen Anſpruch auf Feinheit und Glanz, durch einige mehr oder weniger gluͤckliche Nachahmungen des Verſailler Hofes zu legitimiren ſucht. Es entſtehen je⸗ doch daraus viele Mißgriffe, die oft äußerſt lächerlich werden; denn zu den erhabenen Formen, die unſer Kö⸗ nig ſeinem Frankreich verlieh, gehoͤrt auch das Naturell des Franzoſen, ſie aufzufaſſen. Beſonders bieten die deutſchen Höfe manches komiſche Schauſpiel einer Nach⸗ ahmungsſucht, zu der ihnen jede Naturgabe fehlt.“ „Sie werden es, denke ich, noch theuer bezahlen, unſere Lachluſt gereizt zu haben;“ lächelte der Mar⸗ quis vor ſich hin—„wer ſich auf's Nachahmen ein⸗ läßt, verſäumt immer, ſeine eigenen Fähigkeiten ken⸗ nen und anbauen zu lernen. Ich goͤnne es zwar als guter Franzoſe dem uͤbrigen Europa, daß es ſich mü⸗ ßig in die Fenſter ſeiner Reiche legt und neugierig nach Frankreich ausſchaut, wie es thut und läßt; aber das Haus, welches hinter ihnen liegt, bleibt um ſo länger wuͤſt und unheimlich, da ſie den Blick davon abziehen; und wenn ſolche rohe und barbariſche Staaten verſuchen wollen, uns nach zu kommen, ſo wird daraus doch bloß ein eitler Firniß, der kaum die urſpruͤngliche Rauh⸗ heit uberglaͤttet.“ 38 „Ja,“ ſagte die Marſchallin ſcherzend,„ich ſchließe es immer in mein Dankgebet ein, in Frankreich ge⸗ boren zu ſein, beſonders in Paris, und in Verhaͤltniſ⸗ ſen, welche mir geſtatten, dem groͤßten Fuͤrſten, den Gott je der Erde gab, mich nahen zu duͤrfen.“ „Der Marquis Vieuville hatte die Aufmerkſam⸗ keit, mir geſtern zu ſagen, daß die Majeſtäten nach Dir, mein Sohn, gefragt und Dich ohne die Probe des Adels⸗Heroldes zu empfangen denken, welches aller⸗ dings eine Ehre iſt, die man Deinen Eltern erzeigt. Aber außer dem Grafen Harcour, der auch, wie un⸗ ſere Familie, zu den Vettern des Koͤnigs gehort, und welcher mit unſerem erhabenen Monarchen in einem Zimmer erzogen ward, iſt eine ſolche Anszeichnung, mir erinnerlich, nicht geſchehen. Als dieſer junge Graf von Harcour von ſeinen Reiſen kam, und der König es vernahm, ſagte Seine Majeſtät zu deſſen Vater: „wen mir der Graf Harcour als ſeinen Sohn zufuͤhrt, der ſoll die Ahnenprobe geleiſtet haben.“— Dieſes behagliche Geſpräch, in welchem die Mar⸗ ſchallin ſich nur in ihrer Natur brauchte gehen zu laſ⸗ ſen, um ihren Nebenzweck dennoch zu erreichen, den Sohn zugleich in alle Intereſſen zu verflechten, die ihn von ſeiner romantiſchen Richtung abzuziehn ver⸗ moͤchten, ward ploͤtzlich durch die Meldung unterbro⸗ 63 45 5 39 chen, daß der Marſchall von Erecy ſeine Zimmer ver⸗ laſſen habe, ſich hierher begebend. Ein dunkler Schatten glitt zuͤrnend uͤber das Ge⸗ ſicht der Marſchallin bei dieſer Nachricht, und Leonin mußte noch uͤberdies geſtehen, daß er vergeſſen habe, ſeiner Mutter dieſen Beſuch zu melden, den der Mar⸗ ſchall ihm ſchon bei ſeinem fruͤheren Morgenbeſuche an⸗ gekuͤndigt. Louiſe war aber nach dieſer Botſchaft ſogleich freu⸗ dig aufgeſprungen und ihrem Vater uͤber die Vorſäle entgegen geflogen. Jetzt hörte man auch ſchon die rauhe, lachende Stimme des alten Herrn, der mit Loui⸗ ſen ſcherzte, und ſeine Gemahlin hatte noch eben Zeit genug, die pratenſioͤſe Ruhe wieder anzunehmen, die ſie einen Augenblick bei der unwillkommenen Botſchaft er⸗ ſchuͤttert zeigte. Louiſe halb im Arm tragend, trat der Narſchl auch jetzt ein und ging kraͤftigen Schrittes auf ſeine Gemahlin zu: „Aha, Madame, hier ſind Sie im Neſte mit ihren Kuͤchleins! Nun, ich muß Sie uͤberraſchen und bei der Veranlaſſung Dank ſagen fuͤr geleiſtete Pflege und Gluͤckwuͤnſche abſtatten zu dem wiedergekehrten Sohne!“—„Marſchall, Marſchall,“ rief ſeine Gemah⸗ lin,„es ſcheint mir, Sie machen ſich zu fruͤh heraus! * * Iꝝch fuͤrchte, Sie werden meine Pflege auf's Neue nö⸗ thig machen.— Nehmen Sie meinen Gluͤckwunſch zu⸗ ruͤck, ich zweifle nicht, daß er in Erfuͤllung gehen wird.“—„Ich auch nicht, Madame;“ ſagte der Mar⸗ ſchall,„denn er ſcheint mir ein tuͤchtiger, offener, treu⸗ herziger Junge!— Nun, nun, Schelm, halte die Oh⸗ ren zu, wenn ich Dich lobe— wirſt tolle Streiche genug gemacht haben, das liegt den Crecy's fuͤr ihre Jugendzeit in den Gliedern! Alſo, da ſei weder hoch⸗ muͤthig, noch verzagt; denn ich hab' es in Deinem Al⸗ ter eben ſo gemacht— aber dann war es auch vor⸗ bei. Als ſie mich einrangirten in die Reihe der gro⸗ ßen Herren, die den Thron tragen, mein Sohn— da war ich mit eins nur der Graf von Crecy— und Du haͤtteſt ſehen ſollen, wie ſie Alle die Augen auf⸗ ſperrten, als der tolle, wilde Junge ſeinen Platz uber⸗ all einnahm, wie die Andern! Aber ſie hatten vergeſ⸗ ſen, daß es den Crecy's im Blute liegt, daß ſie nicht die alten Sitten und Rechte ihrer Väter zu lernen brauchen. Später erſah mir die Königin die rechte Braut— denn das muß man Deiner Mutter laſſen, die Soubiſe's ſind ſo alt, wie die Crecy's, daran war kein Tadel; und ſo ſind denn alle Thorheiten vernarbt, und der Name Crecy in Ehren geblieben.—“ Der Marſchall ahnte nicht, wie ſeine Rede, die 4 41 er mit voller Ueberzeugung ſprach, hier die verſchie⸗ denſte, aber in Allem gleich bedeutende Wirkung her⸗ vorrief. Die Marſchallin wendete faſt mit Verach⸗ tung die Blicke von dem Redenden, während ſie ſich nicht verhehlen konnte, er habe eine ihrer Minen un⸗ geſchickt, aber nicht wirkungslos in die Luft geſprengt. — Der Marquis de Souvré aber genoß mit einem kalten Lächeln die Ueberzeugung, wie weit die Aeuße⸗ rungen beider Eltern Leonin von ſeinem arkadiſchen Glucke verſchlagen mußten— waͤhrend dieſer mit ge⸗ ſenktem Kopfe und Auge den Strom uͤber ſich ergießen fuͤhlte, der ihm ſeine Hoffnungen, ſeine Erinnerungen faſt weg zu ſpuͤhlen drohte. Wo nur anfangen— die⸗ ſem felſenfeſten Baue hundertjähriger Anſichten gegen⸗ uͤber, die von dem ſich empor ſchwingenden Zuſtande des Landes und ihres ſtolzen Koͤnigs eine neue Wich⸗ tigkeit, einen hoͤheren Werth noch erhielten. In ſich fuͤhlte er weder Troſt, noch Rath, und nur das ge⸗ woͤhnliche Auskunftsmittel blieb ihm uͤbrig— er hoffte auf die Gaben des Zufalls. „Wahrlich, Marſchall,“ erhob jetzt ſeine Gemah⸗ lin die Stimme,„Sie ſtellen das hochſt paſſende Bild eines würdigen Lebens dar, und gewiß belehrend fuͤr Ihren Sohn, wenn auch das erſte Kapitel Ihrer Ju⸗ gend billig uberſchlagen werden könnte“ „Ja, ja,“ lachte der ſelten ſo milde angeredete Marſchall,„ſo ſind die Frauen! Was ſie nicht ver⸗ ſtehen, das tadeln ſie. Habt erſt Blut in den Adern, Sehnen und Muskeln, wie die unſrigen, und dann fragt nach, ob man nicht erſt ſeine Luftſpruͤnge machen muß, ehe man am Kamine hocken bleibt und mit dem Haushofmeiſter die Rechnungen durch⸗ ſieht!— Weiß Gott, ich moͤchte keinen Jungen, der nicht ein Paar dumme Streiche auf der Rechnung mit nach Hauſe brächte. Aber dann auch guittirt, mein Junge, und das ſein, was von Gottes Gnaden den Crecy's obliegt!“ —— Er hatte Leonin wieder bei den Schultern und ſchuͤttelte ihn nach ſeiner derben Liebesweiſe, indem er ſein Auge ſuchte; aber dies lag noch truͤbe geſenkt, und die Lippen waren ſo trocken, daß er ihnen kein Wort zumuthen konnte. „Sieh' mal, wie der Junge heute blaß und matt ausſieht!— Ja, ja, Madame,“ fuhr er etwas erzuͤrnt fort, indem er die Augen umherwarf,„das iſt der Parfum Eurer ſybaritiſchen Gemächer; die entnerven den Sinn des Mannes und machen ihn zum Schwaͤch⸗ ling. Hier wuͤrde ich auch zum Narren!“— „Mäßigen Sie ſich, Marſchall, und ſchaͤtzen Sie es wenigſtens, daß ich Ihnen dieſe Räume nie zu Ih⸗. 5 —. — „ 43 rem Gebrauche aufnöthige. Das Hotel Soubiſe hat Waffenſale genug, denke ich, in denen Sie Ihren Ge⸗ ſchmack befriedigen koͤnnen; ſchlecht wuͤrde es zu un⸗ ſerem Anſehn paſſen, darin die Gemächer zu vermiſſen, welche im Geiſte des glänzenden Hofes eingerichtet ſind, den zu behaupten, auch uns zukommt.“ „Sie haben immer Recht, Madame!“ ſagte der Marſchall ſpöttiſch; denn er fuͤhlte ſich ſtets von ihrem Verſtande uͤberboten. Aber er grollte um ſo mehr der unliebenswuͤrdigen Form, in der ſie ihn zurecht zu weiſen, nie unterließ.„Auch,“ fuhr er fort,„kam ich nicht her, mich an Ihren Beduͤrfniſſen zu ergötzen, ſondern, um meinem Sohne anzukuͤndigen, daß ich ihn ſelbſt ſeinem Koͤnige und Herrn vorzuſtellen ent⸗ ſchloſſen bin.“ Nach Dank ausſehend, richtete er liebevoll ſeine Augen auf Leonin, und dieſer eilte auch, ganz ſeine Guͤte fuhlend, ihm zu danken. „Koͤnnte ich nur dieſen Beweis Ihrer Liebe ohne Furcht fuͤr Ihre Geſundheit annehmen, mein theurer Vater— was könnte mir dann Ehrenvolleres, Lieberes geſchehen, als meinem angebeteten Koͤnige an der Seite meines Vaters zuerſt nahen zu duͤrfen?“ „Laß' das Geſchwätz von meiner Krankheit, Junge!“ entgegnete der Vater muͤrriſch;„bin ich 44* krank?— Sieht ſo ein Kranker aus?— Ich er⸗ warte den Ceremonienmeiſter, Herrn von Dreux, und werde das Nöthige mit ihm verabreden; denn Du ſollſt mir, je eher je lieber, die große Taufe der erſten Knie⸗ beugung erhalten. Dann ſind Sie daran, Madame, dann moͤgen Sie ihm ein Fraulein ausſuchen, auf deren Schultern ein Wappenſchild ruht, neben dem das der Crecy⸗Chabanne ſich zeigen mag— das uͤber⸗ laſſe ich Ihnen; denn mit dem Weiberzeuge weiß ich nicht Beſcheid!“ Die Marſchallin hatte dieſe ganze Rede ohne Unterbrechung ſich entwickeln laſſen, da Vieles ihr darin zu Hilfe kam, und das, was ihr nicht behagte, mit einem Worte von ihr widerlegt werden konnte. Sie ſaß daher ſo ruhig in ihrem Armſtuhle, als wäre ſie vollig allein, und ſpielte gleichguͤltig mit den Frangen ihrer Morgen⸗Mantille. „Haben Madame noch etwas zu erinnern?“ rief der Marſchall, ungeduldig uͤber ihr beleidigendes Schweigen. „Sie ſind, wie immer, zu raſch, mein Herr!“ erwiederte ſie mit höflichem Lächeln,„und werden Herrn von Dreur in Verlegenheit ſetzen; denn, was ſoll er Ihren Anfragen entgegnen, da ſeine erſte Er⸗ kundigung ſein mußte, ob der junge Graf ſchon majo⸗ renn, und von ſeiner Familie in den Rang eingeſetzt — 45 iſt, der ihm allein den großen Anſpruch der Präſen⸗ tation ſichert.“ Der Marſchall drehte ſich ſo wild ab, als hätte er einen Stich erhalten— ſeine Gemahlin fuhr mit der hochſten Ruhe fort:„doch iſt Ihre Geneſung um ſo willkommener, da jetzt kein Hinderniß mehr vorhan⸗ den ſcheint, dieſe Familien-Angelegenheit dem Anſehn unſeres Hauſes gemäß auszuruͤſten. Unſere Vettern, die Herzöge von Lesdigusres und Tremouille, ſind mit ihrer Gegenwart bereit, und der Prinz von Courtenaye wie der Marſchall von Teſſé wuͤnſchen zu unterſchrei⸗ ben. Ich zweifle nicht, daß die Majeſtaͤten Jemanden beordern werden, den Tag zu ehren, und ich habe, in Vorausſetzung Ihrer Genehmigung, dieſen Tag auf morgen feſtgeſetzt.— Der Marſchall hoͤrte dieſe wohl geordnete Entgegnung ſeiner Gemahlin unter ſo wilden Grimaſſen ſeines alten, vernarbten Geſichtes an, daß, wer ihn kannte, genau wußte, er war geneigt, mit ſeiner kalt uͤberlegten Gemahlin in die Eſſe des Ka⸗ mins zu fahren; obwohl er zur Erhöhung ſeines Zornes einſah, daß ihm keine Stelle blieb, die er an⸗ greifen, an der er ſeine Wuth kuͤhlen konnte, ſondern, daß ihm, wie immer, die Rolle eines Schulknaben zufiel, der ſich ſeiner Unzulaͤnglichkeit uberfuͤhrt ſieht und ſchweigend den Verweis hinnehmen muß. 46 „Nun,“ brummte er, dumpf und zornig blickend, „Madame ſind, denke ich, nicht minder raſch, als mir ſo eben vorgeworfen ward; ich habe, wie immer, mich nur in Ihre Anordnungen zu fuͤgen— doch ſpäter, Madame, ſpäter werde ich meine Pflicht bei Seiner Majeſtät erfuͤllen!“ „Herr von Vieuville,“ fuhr die unerſchuͤtterliche Marſchallin fort,„hat mir geſagt, daß Seine Majeſtät unſeren Sohn zuerſt in den Apartements der Madame Henriette von England im kleinen Zirkel ſehen will, um ihn dann ſpäter bei der Konigin als ſchon be⸗ kannt zu finden. Die Auszeichnung, ihn ohne weitere Ceremonien als unſeren Sohn anzuerkennen, findet ſo am beſten ihren Platz. Gewiß wird ſich Madame freuen, bei dieſer Gelegenheit den Marſchall von Crecy in ihrem Privat-Zirkel zu ſehen!“ „Nun,“ ſchrie der Marſchäll, den dieſes letzte Abſchneiden ſeiner Plaͤne zum offenen Ausbruche ſeines ſchwer bekaͤmpften Zornes verhalf,„ſo mögen mich doch alle Geier aus dem Wappen der Crecy zerreißen, ehe ich in dieſe Narrenbude von Baͤnkelſaͤngern und Gau⸗ klern bei dieſer weinerlichen Madame Henriette eintrete! Den Erben eines der groͤßten franzöſiſchen Namen dort ſeinem großen Koͤnige vorzuſtellen, hieße uͤber den Helmſturz die Weiberhaube ziehen!— Fuͤr dies Ge⸗ 3 — ſchaͤft danke ich, Madame; und da Sie Alles ſo wohl eingerichtet haben, Alles zu verderben, worauf mein altes Vaterherz ſich gefreut hatte, ſo uberlaſſe ich Ihnen auch den Reſt, den auszufuͤhren ich zu ſtolz bin!“— Und damit ſtuͤrzte er, wie ein verwundeter Löwe, aus dem Salon, und die Diener, die, ſchnell vor ihm her eilend, die Thuͤren aufriſſen, wußten das oft Erlebte, daß der Marſchall ſich dem Willen ſeiner Gemahlin hatte unterwerfen muͤſſen. „Du wirſt Dich wundern, mein Lieber,“ fuhr die Marſchallin mit der groͤßten Ruhe fort,“ Deinen Vater noch ſo lebhaft zu finden. Gottlob, es iſt ein ſehr troſtliches Zeichen ſeiner wieder gewonnenen Kraft; wir wollen die kleine Stoͤrung verſchmerzen, die doch eine gluͤcktiche Verkuͤndigung ſeiner Geneſung iſt.— Denn ſo ſehr es zu beklagen bleibt, daß der Marſchall niemals den Ueberblick ſeiner Verhältniſſe behaͤlt, ſo muß man ihm doch zugeſtehen, daß er mit vielem Takte ſich leicht in die Anordnungen Anderer findet, denen er durch Länge der Zeit ſein Vertrauen ſchenkte. Wir vereinigen uns ſtets dem allgemeinen Intereſſe gemaͤß; denn der Marſchall liebt den Glanz ſeines Hauſes ſo ſehr, als ich ſelbſt.“ Man hätte glauben konnen, der innigſte Fami⸗ lienrath ſei ſo eben von einer zaͤrtlichen Gattin mit ihrem Gemahle gehalten, ſo glitt die kalte Seele der Marſchallin uber jede Erſchuͤtterung hinweg, bemuͤht, ſie ihren umgebungen ſe darzuſtellen, wie es ihr zweck⸗ mäßig erſchien. Der Sohn war nicht in dem Falle, ſeine etwa abweichende Meinung zu aͤußern, und Louiſe begriff ſo Vieles auf dieſem ihr fremd gewordenen Boden nicht, daß ſie das eben Gehoͤrte, was ſie ganz anders empfunden hatte, auf die große Rechnung des Unver⸗ ſtaͤndlichen ſetzte. Nur der Marquis Souvré, der Alles verſtand und Nichts zu ſchonen hatte, ſah die Mar⸗ ſchallin mit dem vollſtandig unverſchaͤmten Lächeln an, welches die große Welt ſich ſtatt des Fauſtſchlages auf⸗ gehoben hat; da nicht die Empfindung, nur die Aeuße⸗ rung derſelben ſich verändert hat. Die Marſchallin fuͤhlte dies vollkommen; aber ſchon war ſie nicht mehr frei. er gewandte Gegner hatte ihr das Netz übergeworfen, ſie mußt⸗ ſich einge⸗ ſtehen, daß ſie ihn ſchonen muͤſſe. Mit Widerwillen wandte ſie ſich von dieſer Ueber⸗ zeugung— zugleich erhob ſie ſich, die Zeit des Beiſam⸗ menſeins war beendigt.— Mit welchen Gefuͤhlen Leonin ſich bald darauf in ſeinen Zimmern allein fand, wird uns ſchwer wer⸗ den, auszuſprechen; denn in ihm ſelbſt fanden ſich * 49 „ eigentlich nur Andeutungen, und zu viel war auf ein Mal angeregt, um jetzt ſchon die Kraft bezeichnen zu koͤnnen, welche die anderen beſiegen, und die vorherr⸗ ſchende bleiben wuͤrde. Wenn wir ihn von der Abſicht der Marſchallin von Crecy geleitet denken, duͤrfen wir nicht uͤberſehen, wie die Zeit in dem Augenblicke geruͤſtet war, dieſe ſtolze und ehrgeizige Frau zu unterſtuͤtzen. Frankreich war in einem Rauſche, der jedes Individuum, jeden Stand ergriffen hatte, und der Duͤnkel einer Naturberechti⸗ gung, eines abſondernden Vorzuges war nicht ariſto⸗ kratiſches Element allein. Die ganze Nation fuͤhlte dieſen Stolz, als franzoͤſiſche Nation, und dies Ge⸗ fuhl war der Heerd, um den ſich alle Kraͤfte, wie die Mitglieder einer Familie, ſammelten und damals zuerſt den unzerſtörbaren Corporations⸗Geiſt entwickel⸗ ten, durch den Frankreich ſo national erſtarkte, dem Auslande ſo gebietend, fremdem Einfluſſe ſpaͤter ſo unzugaͤnglich wurde. Und wer mußte nicht mit Antheil auf ein Volk ſehen, das endlich unter den Fluͤgeln ſeines jungen königlichen Adlers ſich ſammelte und, in einem Ge⸗ fühle zuſammengehalten, von keiner Parteiung mehr in das Herz der Familien zerriſſen, ſich Muth ge⸗ wann, auf dem eignen Boden ſein Buͤrgerrecht zu uͤben. Ste Roche 1I. 5 4 50 Und dieſer Boden war der Boden des ſchonſten Landes der Erde, das der Menſchenhaͤnde nicht war⸗ tete, ſich ſelbſt ausſtattend zu ſchmuͤcken, und jeden ſeit Jahrhunderten in ſeinen Schooß niedergelegten Keim geiſtigen Lebens, treu bewahrt darbot, als es ſich frei erklaͤrte, ſeine Schaͤtze zu ſammeln und ſie zur vollen Reife zu bringen. Denn gewiß wuͤrden wir nur unvollkommen die außerordentliche Periode in der Entwickelung Frankreichs, die unter Ludwig dem Vier⸗ zehnten fiel, betrachten koͤnnen, ließen wir den ihr vorangegangenen Entwickelungen nicht ihr Recht, und fänden ſich nicht in ihnen ſchon als Keime die An⸗ deutungen der großartigen Erſcheinungen, die uns ſpä⸗ ter ſo impoſant uͤberraſchen, und die, als nicht zur Reife gekommene geiſtige Beſtrebungen, dem materiel⸗ len Uebergewichte fruͤherer Zeiten weichen mußten. Wir duͤrfen den Blick nicht abwenden von dem rohen Kampfe unbezahmter Leidenſchaften, der die Bläͤtter der Ge⸗ ſchichte mit ſeinen blutigen Bildern zu beflecken ſcheint; wir muͤſſen mit jenem antheilvollen Staunen darauf merken, welches uns den Blick frei erhaͤlt fuͤr den Zu⸗ ſammenhang, in welchem auch dieſer rohe Kampf ſeine Ordnung findet und das Individuum ſeiner Zeit dienſt⸗ bar darſtellt, als unterliegendes oder ſiegendes Mittel neuer Erkenntniß.— Wir ſollten vielleicht mit eben * 51 ſo leidenſchaftsloſer Betrachtung dieſen Zuſtänden fol⸗ gen, als wir den großen Eruptionen der Natur ge⸗ genüber bleiben, welche ohne Zweifel analog ſind mit den wilden, Bahn brechenden Kaͤmpfen der Menſchen, die wir eben ſo wenig in der organiſchen Entwickelung der geiſtigen Welt zu entbehren vermoͤchten. Und ſo duͤrfen wir mit mehr Antheil, als Un⸗ willen auf die grauenhaften Bilder der Periode Frank⸗ reichs blicken, die wir eine vorbereitende der bedeuten⸗ den Zeit Ludwigs des Vierzehnten nennen duͤrfen; und den Samen zu ihren glaͤnzenden Fruͤchten dort auf⸗ zufinden, das wird vermittelnd zwiſchen uns und die Bilder ihrer rohen Willkuͤr, ihrer wilden Leidenſchaft⸗ lichkeit treten; denn dieſe gerade, werden wir finden, riefen, wenn auch ſcheinbar bloß zu ihrem Dienſte, doch die Keime hoöherer geiſtiger Entwickelung in's Leben. Italien ſtand wie ein Baum, der zwei Mal in einem Jahre mit Bluͤte und Frucht geprangt, ermuͤdet von der uͤberſchwänglichen Leiſtung mit welken Zwei⸗ gen, die keine neue Ernte verhießen, als vertraue er den Vorrathen, die er um ſich angehäuft.— Frank⸗ reich lag dieſem Ueberfluſſe zunächſt, und alle ſeine Erforderniſſe, ſein Klima, die organiſche Geſtaltung ſeiner Bewohner, ihr heißes Blut, ihre bewegliche 4. „ 52 Phantaſie, vor Allem ihr erwachender Ehrgeiz— Alles machte ſie zu Erben Italiens. Geſchickt und mit treuem Eifer ſehen wir die Geiſter Frankreichs ſich erheben, den fremden Einfluß erfaſſend, um ihn fuͤr das Vaterland zu verarbeiten und den Boden zu reinigen fuͤr die neue Saat. Wie auch die Eruptionen der Maſſen noch dazwiſchen ſtur⸗ zen, ſie zerſtören den zart ſich fortſpinnenden Faden hoͤherer Kultur nicht mehr, und mit vieler Klugheit werden zwei Mal Fuͤrſtinnen aus jenem reichen Lande auf Frankreichs Koͤnigsſtuhl gerufen; Beide aus dem Stamme der Medicaer, dieſem Brennpunkt italieniſcher Groͤße und Bildung. Sie traten aus den glänzenden Hallen, wo die Goͤtter der alten Welt Heimath behalten, geſtutzt von dem Kultus ihrer unſterblichen Sänger, deren zauberiſche Stanzen aus den Sälen der Fuͤrſten bis in die Hutten des Volkes erklangen; das Blut, ge⸗ nährt von jedem Sinnenreiz, geneigt, die Anforderun⸗ gen deſſelben auf jedem Boden zu erneuen. Denn dort in der Heimath der Kirche, welche die alten Götter ver⸗ drängte, ſchien nur der Name gewechſelt zu ſein, und in den Hallen des Vatikans, in ihren Himmel anſtrebenden Domen, umſchaart von Heiligen und deren bilderreichem Dienſte, von dem berauſchendſten Pomp aller Schätze — 53 der Erde unterſtuͤtzt, unter Wonne athmenden Hym⸗ nen, in ſuͤßen Weiheduft gehuͤllt, ſuchte die chriſtliche Kirche ein gleiches Recht uͤber die Sinnenwelt zu erhal⸗ ten, und mit ihren reichen Mitteln ſich des materiellen Menſchen zu bemaͤchtigen, den Geiſt verfluchtigend, erſtickt von den Mitteln, ihn zu verherrlichen. Katharina von Medicis war geſchickt, jeden Fort⸗ ſchritt ihres Vaterlandes zu verbreiten, und an ihre Epoche in Frankreich haͤngen ſich die erſtaunenswer⸗ theſten Erſcheinungen, die vielleicht zu voreilig mit ihrem perſoͤnlichen Einfluſſe bezeichnet werden, um ihr gerecht ſein zu koͤnnen; da ſie von der Zeit eben ſo fortgeriſſen ward, als ſie der Zeit den Einfluß uͤber⸗ laſſen mußte, der an ihrer Perſon haftete.— Wir duͤrfen den nicht ſtark nennen, der zufaͤllig der Stärkſte iſt— eine Frau nicht ſo bezeichnen, die, von dem Vulkan eines materiellen Innern zum Sklaven ge⸗ macht, dieſem eigentlich opfern mußte, ohne Wahl und ohne Plan— und wenn die ſchrankenloſe Will⸗ kuͤr, mit der ſie die Zuſtaͤnde ihrer Zeit verbrauchte, auf ein Uebergewicht in ihr zu deuten ſcheint, ſo vernichtet die kleinliche Geringheit ihrer Abſichten doch ſtets jedes Prädikat der Groͤße, und wir muͤſſen ein⸗ ſehen, wie die Begebenheiten außer ihr daherſchritten und ſich bloß an ſie anhingen, weil ſie den Hoͤhen⸗ punkt einnahm, um den der Kampf kreiſte. Aber dieſer Standpunkt machte, daß ſie die mitgefuhrten Schaͤtze fremder Bildung, fremden Geiſtes um ſich weiter verbreiten konnte, und bloß ſich ſelbſt den lang gewohnten, reich geſchmuͤckten Heimatsboden ſchaffend, ward ſie ein Sammelpunkt neuer, glanzreicher Ent⸗ wickelung fuͤr tauſend ihr entgegen bluͤhende Kräfte, die, angeregt, nicht uͤberſchattet werden konnten von dem ſchnoͤden Dienſte, den ihre geringe ſinnliche Natur ihnen widmete. Im Gegentheil gewinnt das Begon⸗ nene in Heinrich dem Vierten, in Sully's weiſer Hand ſchon ſichereren Boden; die augenblickliche Ruhe läßt das Geſammelte ſchon uͤberſchauen als franzoſiſches Eigenthum. Maria von Medicis erſcheint endlich in einem Augenblicke als Regentin, wo dieſe Anklänge be⸗ droht ſind. Die Stuͤrme, die ſie weder aufhalten, noch lenken kann, und die dieſe höheren Bluͤten zu knicken drohn, finden in ihr noch Schutz und Anregung, und ſie erſcheint in ihrem kleinlichen, inkonſequenten Wal⸗ ten, als habe ſie das Schickſal beſtimmt, dieſen einen Punkt zu hegen, bis ihr Alles abgenommen wuͤrde, um in die große Hand Richelieu's uͤber zu gehen, der zuerſt zu geſammter Handhabung ſich kräftig zeigte. In wie fern Richelieu ſich des Planes, eine un⸗ beſchränkte Monarchie zu ſtiften, bewußt war, der ſei⸗ 55 ner klugen Regierung jetzt nothwendig untergelegt wer⸗ den muß, moͤchte eben ſo ſchwer, als erfolglos zu er⸗ grunden ſein. Indem ſein ſtolzer und befähigter Geiſt ihn an der Seite Ludwigs des Dreizehnten zum wirk⸗ lichen Regenten Frankreichs machte, mußten die noth⸗ wendigen Anforderungen dieſes Karakters ihm die Un⸗ terdruͤckung der uͤbermuͤthigen Großen des Landes, welche immer ein Familien-Oberhaupt an ihre Spitze lockten, um dahinter ihre anarchiſchen Abſichten zu ver⸗ bergen, zu einer faſt perſoͤnlichen Befriedigung machen, wenn nicht zugleich anzunehmen waͤre, daß ſein großes Genie, ſein heller und der Zeit voraneilender Geiſt in dieſer Unterdruͤckung das Mittel erkannt habe, Frank⸗ reich zu buͤrgerlicher Ruhe und den König zum abſo⸗ luteſten Herrſchen zu fuͤhren. Unbezweifelt hat das Getriebe, das er mit ſtarker Pand zu lenken wußte, die erſten ſicheren Reſul⸗ tate erzielt, und Ludwig der Eilfte, der den Kampf mit der Anarchie und mit dem ariſtokratiſchen Ueber⸗ muthe ſeiner großen Vaſallen ſo raſtlos verfolgte, wuͤrde mit Neid auf die Ernte dieſes großen Staatsmannes geblickt haben, der die Erfuͤllung der Idee erlebte, der er mit allen ſeinen Beſtrebungen nachjagte, ohne die Zuſtände bewaͤltigen zu koͤnnen. Deſſenungeachtet erſchreckten noch die Waffen⸗ klänge des Bürgerkrieges die Knabenjahre Ludwigs des Vierzehnten— bei erwachendem Bewußtſein mußten er und ſeine Mutter vor den Erfolgen der Fronde fluͤch⸗ ten, und zu dieſer Schmach noch jeden Mangel hinzu⸗ gefugt ſehen, den der ſchnelle Aufbruch des Hofes mehr als ein Mal veranlaßte. Aber ſchon war ſo viel anderweitiges Intereſſe im Volke erweckt, daß es den dämoniſchen Anforde⸗ rungen eines Buͤrgerkrieges nur ungern Gehör gab, ihn nicht mehr zu ſeinen gewinnreichen Erwerben zäͤhlte, ſondern darin eine laͤſtige Störung ſeines heranbluͤhen⸗ den Wohlſtandes ſah, und daher den Adel nur lau unterſtuͤtzte, der, hiedurch geſchwächt, den klugen Ma⸗ chinationen Mazarin's nachgeben mußte, und endlich den Frieden herbeifuͤhrte, der zuerſt nach ſo langen Stuͤrmen das erſchoͤpfte Land erquickte. Dieſe Ruhe, die ein wirkliches Beduͤrfniß war, und die nicht durch Traktate, Geißeln und das Recht des Stärkeren erhalten ward, ſondern ſich ſchuͤtzte durch dieſelben Mittel, die das Beduͤrfniß hatten entſtehen laſſen— ſie mußte nothwendig das Geſammtleben Frankreichs zum Bewußtſein und zur Anſchauung er⸗ heben, und den Bildungspunkt namhaft bezeichnen, der damit hervortrat. Ludwig der Vierzehnte war der vollkommenſte Re⸗ —— — —— 57 präſentant dieſer Periode; er war das nothwendige Erzeugniß derſelben und ſo innig mit ihr verbunden, daß jeder Franzoſe ihn als ſein Banner erkennen mußte — als die lebendig gewordene Idee einer Entwicke⸗ lung, der ſich jedes Bewuftſein entgegen dräͤngte. Es kann daher von dieſem Standpunkte aus, weder von ſeinen Tugenden, noch von ſeinen Fehlern, nach dem gewohnlichen Maaßſtabe der Berechtigung, die Rede ſein— Beide waren die Erſcheinung der Zeit— er ſtand weder uͤber, noch unter ihr— er dankte ihr Alles, aber er gab ihr auch Alles, was ſie eben for⸗ derte, wenn auch nicht mit dem Bewußtſein ihres Be⸗ durfniſſes, ſondern weil er an ſich ſelbſt einen neuen Zuſtand herzuſtellen trachtete, der jedoch eben derjenige war, deſſen Frankreich bedurfte. Von der Natur ſelbſt zu einem vollkommenen Franzoſen gebildet, beſaß er die herrliche Gabe, ſeine Fähigkeiten hervortreten zu laſſen, ſich ihrer mit Takt und Gefuͤhl bei allen vor⸗ kommenden Gelegenheiten zu bedienen. Wenn ſchon das gewöhnliche Leben die tiefſten und bedeutendſten Seelenkräfte dieſer Fähigkeit beraubt, in Nachtheil ſtellt gegen den gluͤcklichen Gebieter geringer Mittel, die ihm jeden Augenblick dienſtbar ſind, ſo iſt der Einfluß ſolcher Gabe auf einem Throne, bei bedeu⸗ tenden und nationalen Kraͤften eines Herrſchers, ganz der zauberhaften Wirkung gemäß, durch die wir Lud⸗ wig den Vierzehnten die Hoͤhe der Gunſt erſteigen ſe⸗ hen. Sie erbaute ihm aus dem Enthuſiasmus ſeines Volkes einen Thron, auf den ganz Europa ſtaunend hinblickte, und der den Gedanken der Weltbeherrſchung, in ſolchem Fundamente begruͤndet, zu einem erhabenen Fluge des Geiſtes machte, den wir als Menſchen, ohne nationelle Beſchraͤnkung, mit Liebe und Bewun⸗ derung betrachten muͤſſen. Dieſe unlaͤugbare Befähi⸗ gung Ludwigs des Vierzehnten machte es ihm aber auch nur moͤglich, ſich aus dem Schlamme zu erheben, den die Erziehung um ſeine Fuͤße ſpuͤlte, und wir muͤſ⸗ ſen, wenn wir das kraͤftige Emporarbeiten Frankreichs aus dem Elende des Buͤrgerkrieges verfolgen, dem jun⸗ gen Könige das Recht eines eben ſo ruͤſtigen Streiters zugeſtehen; denn ſeine Arbeit ehrte ihn nicht minder. Der Ueberdruß, ja der Abſcheu, den die Nation gegen die Gewalt roher Willkuͤr und Geſetzloſigkeit zu empfinden begann, entwickelte ſich in ihrem Koͤnige zu dem Schranken-Syſtem einer Etikette, die ihm daſ⸗ ſelbe Beduͤrfniß befriedigte, eben das einer unangreif⸗ lichen, geſicherten Stellung, um zum Genuſſe ſeiner perſonlichen Vorzuͤge auf dem erhabenen Standpunkte ſeiner Geburt, gelangen zu können. Welchen Ausar⸗ tungen dieſes Syſtem im Verlaufe ſeiner Dauer auch „——— „——————— ——— 59 unterworfen war, zu welcher, einer ſpäteren Entwicke⸗ lung lächerlich erſcheinenden, Carricatur es herabgeſun⸗ ken daſtehen muß, wir duͤrfen ſeine Entſtehung nicht gering achten, den Geiſt nicht verkennen, der es er⸗ ſchuf. Es hatte einen tiefen pſychologiſchen Grund, der ohne alle Frage das höhere geiſtige Fluidum der Nation entwickelte, und den beiſpiellos hohen Rang beſtimmen half, den Frankreich in dieſem Zeitlauf in Europa einnahm, ſeinen Einfluß uͤber Alles erſtreckend, was um den Preis einer feineren Sitte rang; denn es lag darin die Feſſel der Rohheit. Der despotiſche Zwang, den dieſe Formen uber jede Willkuͤr ausub⸗ ten, ward ein Bollwerk, hinter welchem die Anſtuͤr⸗ menden in dem glaͤnzendſten Kultus zauberhafter, neuer Einkleidung den Hof ihres Koͤnigs gewahrten— ein zur höchſten Poeſie erhobenes Wunder fremder, blen⸗ dender Schaubilder, dem näher zu treten, bald die Sehnſucht und der Ehrgeiz Aller ward, und das zu er⸗ reichen, eben dieſes Bollwerk nur einer beſtimmten Aus⸗ wahl geſtattete; und dieſen Auserwäͤhlten wieder nur, indem ſie ſich ſelbſt bezwangen und mit gefeſſelten Trieben nicht ſich, ſondern der Zauberformel jener Eti⸗ kette gehorchten, in welcher Alle vor dem Nymbus dieſes Thrones eingefangen lagen. Wie der Gegenſatz zu dieſem despotiſchen Sittengemälde ſich auch finden mußte, welchen empoͤrenden Entartungen in der Reli⸗ gion, Moral und Sittlichkeit wir auch zur ſilen Zeit begegnen mogen— der Impuls zu einer geſellſchaftli⸗ chen Exiſtenz, wie ſie keine Zeit ihr ahnlich darzu⸗ ſtellen vermag, mit allen Verſuchen, eine höhere Ge⸗ ſittung uͤber alle Verhaͤltniſſe des Lebens zu verbreiten, gehört als unbeſtreitbares Verdienſt dieſer Epoche an. Sie erregte eine Bewegung, deren Einfluß wir noch jett nachzuweiſen vermogen, wenn auch durch die frei gewordene Herrſchaft des gebildeten Geiſtes losgeſpro⸗ chen von dem Zwange des Geſetzes, welches feſtzuhal⸗ ten, nachdem es leer geworden ſeiner fruͤheren Bedeu⸗ tung, zu der mit Recht gering geachteten und beſpot⸗ telten Carricatur eines Ceremoniels oder abſondernden Schutzes herab geſunken iſt, der keinen Grund h findet in vorhandener Rohheit. Zu jener Zeit aber machten ſie den Hof, als An⸗ hang des Königs, als den Zauberkreis, in dem er ſei⸗ nen wunderbaren Ritus uͤbte, zu einem wahrhaft un⸗ erreichbaren Standpunkte, und noch war es die Zeit— ja ſie erwachte erſt— wo das Volk ſich von ſeinen Souverainen imponiren zu laſſen wuͤnſchte, und die Abſonderung, die faſt an gottliche Unterſcheidung grenzte, mit einer Art von Stolz mehr unterſtuͤtzte, als ver⸗ ringerte. ————— um den Haͤnden Colberts entwickelten die e Kräfte des ſtrebenden Landes froͤhlich ihre hundertfälti⸗ gen Adern und athmeten Lebensfulle und ſpendeten den ſegensvollen Reichthum, der immer wieder den großen Kreislauf belebender Thätigkeit erneuerte, den der Glanz des Thrones ſowohl, als ſein politiſch zu behauptendes Anſehn erforderte. Wenn die Meinungen uͤber dieſe Zeit oft bis zum Anbeten ihrer Erſcheinungen, oft bis zum Herabwuͤr⸗ digen unter den geringſten Standpunkt geſchichtlicher Momente gewechſelt haben, duͤrfte Beides eine Berech⸗ tigung nachweiſen können, wenn wir bloß die mate⸗ riellen Fakta ohne ihren geiſtigen Zuſammenhang gel⸗ ten laſſen wollen. Denn wir ſehen allerdings in dem⸗ ſelben Rahmen, der Ludwig's Lebensperiode umſchließt, einen Hoͤhenpunkt glänzender Erfolge, wie er uns hin⸗ reißen muß, und am Ende derſelben einen Schrecken er⸗ regenden Verfall, der ohne Zweifel die Keime der großen Erſchuͤtterung nachweiſen ließe, die den Urenkel des Platzes verluſtig machte, auf deſſen unbeſtrittenem Be⸗ ſit Ludwig der Vierzehnte ſeine Dynaſtie unzerſtörbar begruͤndet glaubte.— Aber wir duͤrfen bei dieſer nieder⸗ ſchlagenden Betrachtung nicht uͤberſehn, daß das Volk 62. in dieſer erſten glänzenden Epoche dennoch ein Pfand empfangen, welches den Werth dieſer Zeit unbeſtreitbar macht— ein Pfand, mit welchem es wuchern konnte, das zu zerſtören nicht mehr in der Willkuͤr ſeines Herrſchers lag— und daß deſſen ausartenden perſoͤn⸗ lichen Neigungen, die wir mit dem Verfalle der Zeit bezeichnen, doch in ihrer jugendlichen Entſtehung Schritt hielten mit den Beduͤrfniſſen ſeines Volkes, und uͤber alle Zweige menſchlichen Wiſſens den Zau⸗ ber der Ermunterung, der Foͤrderung und der Aner⸗ kennung verbreitet hatten. So muͤſſen wir ſeiner aus⸗ artenden Eroberungsſucht ſicher den Vorwurf machen, das Land erſchopft und mit Schulden belaſtet, und, gegen jedes moraliſche Prinzip anſtoßend, ſein perſon⸗ liches Anſehn herabgeſetzt zu haben. Aber das Volk hatte Fruͤchte geerndtet, die es in ſeinen Erfolgen nicht allein damals an die Spitze der Kriegskunſt ſtellte, ſondern an deren Nachahmungen ſich noch die nach⸗ haltigſten Einrichtungen aller Nachbarlaͤnder knuͤpfen laſſen. Wenn wir eben ſo vor den Bauwerken dieſer Zeit, vor den zuͤgelloſen Ausſtattungen aller königlichen Beſitzungen und der ihnen anhaͤngenden Beduͤrfniſſe — vor ihren Feſten, ihren Beſchaͤftigungen und ih⸗ rem zahlloſen unbeſchäftigten Dienertroſſe ſtehen, und bloß bedenken wollen, wie dadurch der Schatz erſchoͤpft 3 . —,—.——— h —— ——————————————— 63 werden mußte, und dem betäubten Gewiſſen die Wege geoffnet zu Erpreſſungen und Bedruckungen des Volkes, die wir mit Unwillen endlich auch verfolgt ſehen: ſo werden wir doch dadurch immer nicht die Wirkungen annulliren können, die in dieſem uͤppigen Leben des Genuſſes den Segen aller kuͤnſtleriſchen und wiſſen⸗ ſchaftlichen Erſcheinungen entwickelten, und ſie zu einer Ausbreitung und Wichtigkeit erhoben, welche dem ver⸗ ſinkenden Leben Italiens eine neue Heimat, dem uͤbri⸗ gen Europa eine Bruͤcke zu bis dahin zu entfernt liegen⸗ den Schätzen baute. Gewiß muͤſſen wir zugeſtehn, daß Ludwig der Vierzehnte nicht die Kraft hatte, an der Spitze ſeiner Nation zu bleiben, daß er ihr nur ein Mittel war, das anfaͤnglich nicht größer zu ſein brauchte, als er war, daß ihn ſeine Erfolge, nachdem ſie ihn weit uͤberholt hatten, auf einem geringen Standpunkte zuruck bleiben ließen, und im Stilleſtehn ihn ſeiner Zeit entfremde⸗ ten und feindlich gegenuͤber ſtellten, geſchuͤtzt noch von dem monarchiſchen Syſtem, welches zu mächtig war, um Widerſtand zu finden. Der hierarchiſche Despo⸗ tismus erkannte wachſam den Augenblick, wo Ludwig ſich von ſeinem Volke trennte, um ihn, ſich ihn als Beute ſichernd, jeder freieren Anſchauung zu entziehn, die ihn fähig gemacht haͤtte, den hochherzigen Auf⸗ 54 ſchwung religioͤſer Entwicklung verſtehen zu koͤnnen, der damals auf's Neue vergeblich die Schwingen einer freieren Erkenntniß regte, und deſſen unvollkommene, in vielfachen Ausartungen kreiſende Erſcheinungen viel⸗ leicht die ewigen Erſchuͤtterungen Frankreichs zu erkla⸗ ren vermoͤchten, das, von dem Triebe freier reli⸗ giöſer Entwickelung verjagt, in den materiellſten Frei⸗ heitswuͤnſchen die geſtoͤrte Entwickelung zu befriedigen ſuchte.— Die Zeit, in der Leonin den vaterlaͤndiſchen Boden betrat, war der Hoͤhenpunkt jener fruͤheren Periode, der ſo ſchnell, ſo uͤberraſchend erreicht war, daß der Schwin⸗ del zu erklaͤren iſt, mit dem man die Grenzen eines ſo begonnenen Zuſtandes nicht glaubte uͤberſehen zu koͤn⸗ nen, und die ausſchweifendſten Eingebungen der Phan⸗ taſie uberall anzuknuͤpfen, ein Recht zu haben meinte. Der Aachner Friede war geſchloſſen— Ludwig hatte die Lorbeeren zweier glorreichen Feldzuge geſam⸗ melt, die Aufmerkſamkeit Europa's geweckt und Er⸗ folge errungen, die ſo das Maaß zu uͤberſchreiten ſchie⸗ nen, daß es ihm leicht ward, beim Abſchluß des Frie⸗ dens mit anſcheinender Großmuth den Theil der Er⸗ oberungen zuruͤck zu geben, der von ſeinen beſtuͤrzten Gegnern mit der vollen Beſorgniß gefordert wurde, die ſo ſchnelle, ſo ſiegreiche Fortſchritte— fuͤr das ——— — 65 Europäiſche Gleichgewicht, welches zu zerſtoͤren, in ſeine Hand gegeben ſchien, nothwendig einfloͤßen mußten. Auch machte der Abſchluß dieſes Friedens, der einen Theil der gemachten Eroberungen wieder aufgab, kei⸗ nen unguͤnſtigen Eindruck auf die Nation. Schon ſah ſie ſich als den reichen Mann an, der dem uͤbri⸗ gen Europa Almoſen geben koͤnnte; ſchon kam ihr kein Zweifel, daß ſie beſitzen koͤnnte, was ſie beſitzen wollte; und gerade ſo erſchien ihr der junge Koͤnig in einem neuen Nimbus— dem der Großmuth und der Maͤßigkeit. Auch lag, dies Gefuhl zu unterſtutzen, ganz in der ungemeinen Begabtheit des jungen Koͤnigs, der damals noch den vollendeten Stolz beſaß, der die Eitelkeit ent⸗ weder nicht aufkommen laͤßt oder ſie noch nicht beſitzt. Sein Volk, ſein Hof mochte ſeine Siege anſtau⸗ nen, anbeten, er verhielt ſich zu ihnen mit der gleich⸗ maͤßigen Ruhe, die andeutete, daß er uͤber ihnen ſtände, und die großten Erfolge eben nur Ausſtroͤmungen ſei⸗ ner ſelbſt wären, die ihn nicht zu uͤberraſchen vermoͤch⸗ ten. Er haßte und unterdruͤckte jede rohe Schmeiche⸗ lei, und die Hofleute mußten eine Mimik fuͤr ihre An⸗ betung ſtudiren, die ſich wie der Schauer der Andacht anließ, um ſeine ſtolze Zuruckweiſung nicht zu erfahren. Es war in dieſer vollen Bluͤtenzeit ſeiner Eyi⸗ Ste Roche. K. 5 66 ſtenz noch ſo viel Wahrheit in ihm, daß er ſich ohne Selbſtbetrug des Eindruckes erfreuen durfte, den er her⸗ vorrief; und ſeine ganze Natur war durch die Aehn⸗ lichkeit und Uebereinſtimmung, die ſeine eigne Entwick⸗ lung mit der ſeines Volkes hatte, ſo bedeutend verſtaͤrkt und erhöht, daß jeder Erfolg ihn zu einem ungemeinen Selbſtgefuhle verhelfen mußte. Er war in Wahrheit ein großer Mann— er war es durch ſeine Zeit, wie durch ſein ſchoͤnes Naturell, das ihr genug that. Später hatte das Feldlager mit dem Glanz eines Hoflagers gewechſelt, deſſen an Zauber und Wunder grenzende Ausſtattungen einen taumelartigen Zuſtand erregten, den induſtriellen Geiſt auf's hoͤchſte belebten — Kuͤnſtler, Dichter und Gelehrte ſchufen, und eine Hingebung aller Kraͤfte des Geiſtes und des Vermo⸗ gens veranlaßten, die ein Gelingen herbeifuͤhrte, das in ſeiner uͤberraſchenden Wirkung den jungen König als ein uͤbernaturliches Weſen erſcheinen ließ, da ſeine Neigung, ſeine Andeutungen oder Befehle dies Alles in's Leben riefen. Und dieſem Zuſtande der Dinge nahte ſich jetzt Leonin— dieſem vergoͤtterten Monarchen ſollte er in kurzem vorgeſtellt werden, und zwar nicht, um ihn unter dem Geſichtspunkte zu betrachten, wie wir es jetzt thun, ſondern unter dem, wie man ihn damals anſehen mußte, beſchräͤnkt von der Gegenwart und ih⸗ rem beengenden Einfluſſe, als eine ſichtbare Gottheit, als eine Alles beſiegende Autorität— als den Inbe⸗ griff aller Vollkommenheiten. Es war die natuͤrliche Folge dieſer Anſicht, daß Alle, die des Gluͤckes theil⸗ haftig wurden, ſeine Nähe zu erreichen, ſeine Worte zu hoͤren, ſich ſelbſt dadurch zu großeren Anſpruͤchen berechtigt hielten, und als Geſchöpfe ſeines Winkes, doch ſich erhoben fuͤhlten uͤber die Maſſe, die Vorzug nicht theilen durfte.— Die Majorennitäts⸗Erklaͤrung des jungen Gra⸗ fen war voruͤber, und unaufgefordert ſtrömten die hoͤch⸗ ſten Perſonen zuſammen, ihre Gluͤckwuͤnſche zu dieſem Acte darzubringen. Das Hotel Soubiſe konnte die Zahl der Gäſte kaum faſſen, und die Marſchallin hatte nicht umſonſt auf den Antheil des Koͤnigs gerechnet. Nur im Vorbeigehen fragte derſelbe beim Lover ſeinen Bruder, ob er von dem Feſte ſeines lieben Marſchalls von Crecy gehoͤrt habe, und dies war hinreichend, da⸗ mit Monſieur zur beſtimmten Stunde in dem Hotel Soubiſe auf zwei Minuten erſchien— und der Name Ludwig von Orleans prangte an der Spitze von Un⸗ terſchriften, die faſt alle erlauchte Namen Frankreichs enthielten. Denn das Land verſammelte die lebenden Repraͤſentanten derſelben an dem Hofe— und Ludwigs 68 Wunſch, ſie dort zu ſehn, war der Magnet, dem Nie⸗ mand ſich entziehen konnte. Der Marſchall war verſoͤhnt mit den ſchlauen Einrichtungen einer Gemahlin, die endlich ſeine unvoll⸗ kommenen Wuͤnſche, die er nie ins Daſein zu rufen vermocht haͤtte, in die Erreichung ihrer eignen mit ein⸗ zuſchließen wußte. Der Glanz ſeines Hauſes trat auf eine imponirende Weiſe hervor, und dem Herzen des Vaters ward in der ſchmeichelhaften Anerkennung des Sohnes das vollſte Genuͤgen. Wie ſollen wir aber den innern Zuſtand dieſes Sohnes ſchildern, der ſeit ſeinem Eintritt in dies Haus faſt nicht zur Beſinnung gekommen war? Seit ſeiner Abweſenheit hatten ſich alle Zuſtaͤnde ſo geſteigert— ſein eignes Bewußtſein, ſein Auge ſich ſo dafuͤr entwickelt, daß es ihm ſchien, er kaͤme in eine vorher gar nicht gekannte Welt. Es war, als ob das Ungluͤck aus den Kreiſen der Menſchen ver⸗ ſchwunden ſei. Jeder Tag ſchien ein Feſt, das Allen gehoͤrte Witz, Laune, Leichtſinn und Heiterkeit durch⸗ drang die Menge von der hoͤchſten bis zur niedrigſten Klaſſe. Es war keine Zeit fuͤr irgend ein tiefer lie⸗ gendes Gefuͤhl, und der Rauſch, der uͤber Alle ſeine Zauberruthe ſchwang, hieß Ludwig— Verſailles— Frankreichs Ruhm!— Es trat ein Stolz, ein Selbſt⸗ gefuͤhl bei jedem Individuum hervor, das aber gerade ſo entwickelnd wirkte; denn Niemand wollte nachblei⸗ ven, Alle ſtrebten, rangen und erreichten in irgend einer Beziehung Etwas. Aber mitfliegen mußte man; das galt mehr wie das Leben; das galt, ſich als Franzoſe zeigen! und in dieſen rauſchenden Maſſen, durfte ſich Leo⸗ nin eingeſtehn, als der Erbe eines ſo bedeutenden Na⸗ mens und Ranges bemerkt zu werden, zu Anſpruͤchen erhoben zu ſein, die mit dem edelſten Neide verfolgt wurden, mit dem Neide, dem Götterſitze des Koͤnigs nah' und perſoͤnlich dienſtbar ſein zu koͤnnen. Dieſe Tage mit ihren Anforderungen hatten eine Menge ſchlummernder Eigenſchaften in ihm hervorge⸗ rufen. So in's Auge gefaßt von der hohen Ariſto⸗ kratie des Landes, fuͤhlte er plötzlich den vollſten Trieb des Ehrgeizes, ſich ihnen in allen Punkten gleich zu ſtellen und jede Unſicherheit des Betragens abzuwerfen, die einen Zweifel üͤber die Befähigung zu dem hohen Standpunkte ſeiner Geburt aufkommen laſſen könnte. Er wollte nichts ſein, als eine neue Zierde dieſes glän⸗ zenden Hofes. Man ſollte dieſes anerkennen muͤſſen, und er haͤtte bei ſchärferem Nachdenken ſich ſelbſt in den Erſcheinungen nicht wieder erkannt, die dieſer Ein⸗ fluß hervorrief; denn er ward nun erſt Franzoſe und 20 rechtfertigte vollkommen den Zuſtand jener wunderba⸗ ren Zeit. Nur, wenn er in tiefer Nacht ſein einſames Schlafgemach betrat, die Diener entlaſſen hatte, und lautloſe Stille ihn umfing, blieb er wie ein Träumen⸗ der ſtehen. Wo war Fennimor's Gatte, wo war der einſiedleriſche Schloßherr von Ste. Roche und die pa⸗ triarchaliſchen Vorſtellungen, die alle ſeine Wuͤnſche umſchloſſen hatten?— Ob er ſich dieſe Fragen wahr⸗ haft beantwortete? Wir fuͤrchten, nein! Aber noch war er innig uͤberzeugt, was jetzt geſchehe, was er thue und treibe, es ſei nur die Bruͤcke zu ihr zuruͤck. Noch fuhlte er ihre Schoͤnheit, ihren Werth; noch brauchte er nicht an ſeine Pflichten gegen ſie zu denken. Aber ſchon gab es auf dem ganzen Schauplatze ſeiner jetzigen Exiſtenz keinen Punkt, wo er ſich ihrer erin⸗ nern konnte, ohne den ſtechenden Schmerz zu fuͤhlen, der uns belehrt, daß wir in gefahrvollen Widerſpruch gerathen ſind, und Pflichten ſich drohend beruͤhren, denen wir gleiche Heiligkeit zugeſtanden. Er verſchob ſelbſt den Moment einer Eroͤffnung gegen ſeine Mut⸗ ter, theils aus Scheu und Unentſchloſſenheit, theils weil er glaubte, erſt dieſen oͤffentlichen Pflichten genug thun zu muͤſſen. Er ahnte nicht, wie ſeine Mutter Alles in ihm ſah und vorher gewußt, und wie feſt ſie 71 beſchloſſen hatte, ihm eine ſolche Erklärung unmoͤglich zu machen, bis die Verhaͤltniſſe ihn ſo umſponnen hätten, daß er ſie ihr nicht mehr zu machen wagen wuͤrde. Sie hinderte es daher nicht durch die leiſeſte Be⸗ merkung, wenn ſie erfuhr, wie Boten mit Briefen und Gepaͤck den Weg nach Ste Roche nahmen; denn dies Alles, wie es auch dort Anſpruͤche und Neigung un⸗ terhalten, und gefährliche Gedanken in Leonin nähren mußte, ſchien ihr doch weniger unheilbringend, als eine zu voreilige Erklärung, ehe ſie Zeit gewonnen hätte, dies ſein Gefuͤhl in ſich ſelbſt abſterben zu laſſen. Jetzt befand man ſich zu Verſailles, da man Paris nur bewohnte, um Familien„Feſte zu feiern, die in die Nähe des Koͤnigs zu verlegen, eine Art Indiskretion ſcheinen konnte. Außerdem liebten alle Große des Hofes, in Verſailles zu leben, da der Koͤnig eine faſt unbezwingliche Abneigung gegen Paris hegte, welches ihm als Kind, während der Kriege der Fronde, mehrere Male die Thore verſchloſſen hatte. Madame Henriette, die Gemahlin Monſieur's und die Tochter des ungluͤcklichen Karls des Erſten von England, war der Parnaſſus des Hofes. Um ſie ver⸗ ſammelten ſich alle Kuͤnſte, und Gelehrte und Helden warteten an ihrem poetiſchen Throne auf das Wort 72 ihrer Anerkennung, ihrer Ermunterung. Der Koͤnig hatte ihr eine ſo zaͤrtliche, ritterliche Galanterie gewid⸗ X met, ſie verſtand dieſelbe ſo geiſtreich zu fordern, und ſo fein und erhaben zu geſtalten, daß dem Beruͤhren dieſer beiden romantiſchen Geiſter die Entwickelung billig zuzurechnen iſt, die das Verhältniß der Männer zu den Frauen zu einer abgottiſchen Huldigung erhob. Auch hier ging der mit allen Elementen der Liebe und Poeſie ausgeruͤſtete jugendliche König mit dem Beiſpiel einer Frauenhuldigung voran, die wie ein neuer Im⸗ puls in der Courtviſie hervortrat. Zwar hatte das Verhaͤltniß des Konigs zu Ma⸗ dame Henriette den Charakter waͤrmerer Zärtlichkeit ver⸗ loren; aber ſie behauptete noch immer den Rang der ſchonſten und geiſtreichſten Frau, und ihr Einfluß auf den Koͤnig in allen geiſtigen Beziehungen blieb noch unbeſtritten. Er ſelbſt fuͤhlte die wahrſte Freundſchaft fuͤr ſie, ihr Hof zählte ihn noch immer zu ſeinem Beſitz, und er that Alles, ihr dieſen geiſtig hohen Standpunkt durch ſeine Achtung und Anerkennung zu erhalten.— Schon fuͤllten ſich die Vorzimmer der ſchönen Penriette, und alle Anweſenden zeigten die Belebtheit und Spannung, die die Verſicherung hervorgerufen, 2 Madame erwarte den König! Ein Jeder fragte ſich in 73 der Stille, wer er wäre, was er zu denken, zu ſagen habe, mit welcher Berechtigung er die große Gunſt er⸗ warten duͤrfe, vor ihm zu erſcheinen. Das Geſpraͤch lief wohl lebhaft umher; aber nur Wenige verbargen die Zerſtreutheit, mit der das leiſeſte Geräuſch in den Hoͤfen plötzlich Alle verſtummen oder abbrechen ließ. Doch blieb von den Anweſenden dieſer Zuſtand ziemlich unbemerkt, denn Jeder theilte ihn. Nur einzelne Perſonen verſchwanden in die Zim⸗ mer, in denen Madame ihren hohen Gaſt erwartete; dies waren beſonders dazu Beſtellte— und ſie zogen eben ſo ſtolz dieſem Rufe entgegen, als ihnen die Blicke des Neides nur zu ſicher folgten. Madame ruhte auf einer Ottomanne von meer⸗ gruͤnem Atlas, und der Glanz der Beleuchtung war vor dieſem etwas erhoͤhten, bequemen Sitze mit einem Geſchicke gemildert, daß es ſchien, der Mond erleuchte dieſen Platz, im Gegenſatze zu dem Vorgrunde des Zimmers, der Tageshelle, von Spiegelwänden reflektirt, zuruͤckſtrahlte. Der blaßrothe Seidenſtoff ihres Klei⸗ des war mit Silber durchwirkt, und in ihrem wunder⸗ ſchoͤnen Haare trug ſie eine einzige, aber prachtvolle Roſe von Brillanten. Da ſie die ſchoͤnſten Arme und Hände hatte, ſo and es ihr ſehr gut, daß ſie die Etikette etwas ver⸗ ſ 8 letzte und nur einen Handſchuh trug, waͤhrend ſie den andern, wie zum Gedankenſpiele, durch die zarten Fin⸗ ger zog. Sie hatte die glaͤnzendſten Farben, die leb⸗ hafteſten Augen, und ſchien immer von Gedanken an⸗ geregt, die ſie auch, ſchnell und fließend ſprechend, ſtets bereit war, an den Einen oder Andern zu adreſ⸗ ſiren. Um ſie her ſtanden die Damen und Herren ihres naͤheren Kreiſes. An der linken Seite ihres Ruhebet⸗ tes aber lehnte eine Frau von mittlerem Alter, mit großen Reſten ehemaliger Schoͤnheit und mit einem bezaubernden Ausdrucke von Geiſt und Gefuͤhl. Sie war in dunkeln Sammt gekleidet, und die feinen Spitzenbarben ihres Bonnets gaben ihrer praͤchtigen, aber beſcheidenen Tracht eine nonnenhafte Decence; ſie hielt ein Blatt in der Hand, was ſie vorgeleſen hatte, und hoͤrte der lebhaften Prinzeſſin zu, welche, mit ihr ſprechend, anmuthig ſeitwärts blickte. „Nein, liebe Sevigns,“ rief ſie,„ſein Sie nicht zu beſcheiden!— Nur Sie, behaupte ich, nur Sie allein können ein ſo bezauberndes Geſtändniß uͤber die Gefuͤhle einer Mutter ablegen, Sie repräſentiren die Mutterliebe in Frankreich, wie ſie das Ideal jeder edeln weiblichen Bruſt werden muß, auf Sie wird hin⸗ gewieſen werden, wenn wir ſchon alle in Staub zer⸗ — 75 fallen ſind; und die entarteten Muͤtter dieſes Landes werden nicht ſagen duͤrfen, wir wußten nicht, was Rechtens war; denn man wird ihnen antworten koͤnnen, daß Madame de Sevigné lebte!“ Die beruͤhmte Frau neigte ihr feines Antlitz noch tiefer, und der erhoͤhte Ausdruck zeigte eine Ruͤhrung, die keinen Hauch von Eitelkeit trug. „Es iſt ſo natuͤrlich, was ich auszudruͤcken wagte,“ ſagte ſie ſanft,„daß ich mich kaum in dem ſchmeichel⸗ haften Lobe Eurer Königlichen Hoheit wieder erkenne. Wer könnte mit dem Gluͤcke begnadigt werden, Mut⸗ ter zu ſein, ohne mehr oder weniger daſſelbe zu fuh⸗ len, was ich hier bloß ſammelte, aneinander reihte. Die Erſcheinung einer Muttter bleibt in jedem Indi⸗ viduum eine Art göttliches Myſterium, und auf allen Stufen dieſes ruͤhrenden und erhabenen Zuſtandes ließe ſich die unmittelbarſte Gemeinſchaft mit dem hoͤchſten Geber nachweiſen, und darum auch ſicher Anklänge der Seligkeit, die nur von dem harten Drucke der Außenwelt zuweilen verkuͤmmert hervortreten.“ „O, wie ſchoͤn, meine edle Sevigné, iſt Ihr frommer Glaube!“ rief die Prinzeſſin mit einer Auf⸗ regung der Gefuͤhle, die nur zu klar das ewig unbe⸗ friedigte Sehnen nach dem Gluͤcke einer Mutter, das ſie ſo tief nachzufuͤhlen verſtand, ausdruͤckte.—„Moͤchte 6 3 76 ich,“ ſetzte ſie leiſe und mit feuchten Augen hinzu, „noch dereinſt Ihre Schuͤlerin werden können!“ Frau von Sevigns druͤckte die dargereichte Hand nicht mit hofiſcher, ſondern mit menſchlicher Zärtlich⸗ keit an ihre Lippen und fuͤgte leiſe Worte der Hoff⸗ nung hinzu, welche die junge Fuͤrſtin kopfſchuͤttelnd anhoͤrte. „Eine Stuart! eine Stuart!“ ſagte ſi ſie blaß wer⸗ dend, mit Bitterkeit und Schmerz—„denken Sie, meine Liebe, ob ſie Hoffnung auf Gluͤck nähren darf— ob ihnen geſchieht nach der Ordnung der Natur!“ „O, Madame,“ rief die Sevigné,„ſo werden Sie wenigſtens dazu beſtimmt ſein, uns zu lehren, wie man die Unbilden des Schickſals durch die Erha⸗ benheit der Geſinnungen zu beſiegen vermag!“ „Meinſt Du, ſuͤße Troͤſterin?“ erwiederte die Prinzeſſin mit dem ſanften Ausdrucke von Schwer⸗ muth, der zuweilen uͤber den friſchen Glanz ihrer Schoͤn⸗ heit wie ein Wolkenſchatten glitt.„Doch hier,“ fuhr ſie fort, alles perſoͤnliche Gefuͤhl augenblicklich unter⸗ druͤckend,„was wollen wir mehr? Welch' ein ſchoͤne⸗ res Bild muͤtterlichen Gluͤckes können wir nach den Mittheilungen unſerer Sevigns finden, als unſere theure Marſchallin von Crecy?“ Und ſo neigte ſie ſich mit der vollen Anmuth einer Fuͤrſtin uͤber die indeß zwi⸗ 2 —— „—— —— „ 2 ſchen Leonin und Louiſe eingetretene Marſchallin, welche mit der eigenthuͤmlichen Grazie, die einer vollendeten Dame von Range zukam, ihren Sohn der Prinzeſſin vorſtellte. Leonin erſchrak faſt vor dem blendenden Glanze der Schoͤnheit, der er nun gegenuͤber ſtand, und die ungluckliche Henriette, die das zaͤrtlichſte Herz vergeb⸗ lich in ihrer Bruſt trug, mußte ſich mit den kleinen Triumphen zerſtreuen, die ihr jeder Mann, der ihr zu nahen wagen durfte, bereitete. Sie ſammelte laͤchelnd das Geſtändniß der Be⸗ wunderung von Leonin's ſprachloſer Blodigkeit ein, und erhob ſich ſodann; denn das Rauſchen der Thuͤ⸗ ren und die plotzliche tiefe Stille des Vorzimmers zeigte an, der König ſei gekommen! Ludwig der Vierzehnte ſtand auf dem Punkte des Alters, wo die Frauen den Mannern erſt das Prädi⸗ kat des Intereſſanten beilegen, was fuͤr ſie ſo wich⸗ tig iſt, daß keine Jugend, keine Schoͤnheit ohne dieſe Zugabe der Zeit ihnen die anmuthige Eigenſchaft des Gefaͤhrlichen verleiht. Ludwig hätte nicht Koͤnig zu ſein brauchen, um allen Frauen als ſchoͤn und aus⸗ gezeichnet zu erſcheinen— aber als Koͤnig rechnete man ihm die Vollendung als Mann um ſo hoͤher an; und in der That konnte ſich Niemand ihm zur Seite „ ſtellen, er wäre im einfachſten Kleide in den hinterſten Reihen der Erſte geblieben. Als er eintrat, hatte er den Kopf halb uͤber die Schulter gewendet, um den Herzog von Lauzun anzu⸗ hoͤren, der ihm einige Worte ſagte. Heiterkeit, Geiſt und Scherz lagen dabei auf ſeinem Antlitz ausgedruͤckt, und man konnte unmöglich anmuthiger lächeln, als eben der König, wie er dem Herzog einige Worte erwiederte. Jetzt aber erblickte er Madame Henriette, die mit der Lebhaftigkeit der Huldigung ihm entgegen eilte. Die leichte Haltung der kurzen Beſprechung mit Lauzun war ſogleich verſchwunden— jetzt war er der huldigende Ritter, welcher, der Schoͤnheit gegenuͤber, nur ihr Diener ſein kann, und den Stolz, den er fuͤhlen darf, nur von der Ehre ihrer Nahe empfängt. Als er die glaͤnzende, bluͤhende Fuͤrſtin zu ihrem Sitze zuruͤckfuͤhrte, hielt er ihre Hand ſo, daß er ſie den Verſammelten darzuſtellen ſchien; und indem er ſelbſt den gebieteriſchen erhabenen Anſtand entfaltete, der ſeine Schonheit ſo imponirend machte, ſchien er nur ſtolz ſein zu wollen als ihr Fuͤhrer, von Allen fuͤr ſie allein die Huldigung fordernd. Und doch war dieſe ihm faſt ungetheilt zugewen⸗ det— denn er war Jedem in irgend einer Att ein Vor⸗ bild— ein erfulltes Ideal. * 32 Selbſt Leonin hatte die ſchone Henriette vergeſſen, und alles Blut draͤngte ſich zu ſeinem Herzen, als er den angebeteten Monarchen jetzt in einer Vollendung vor ſich ſah, die er fruͤher weder Gelegenheit hatte zu beobachten, noch zu faſſen. Der König zog ein Tabouret vor den Sitz, den die Prinzeſſin einnahm, und ſetzte ſich nieder, als habe er Luſt, knieend den lebhaften Worten derſelben zuzu⸗ horen. Er hielt jedes Mal mit der Prinzeſſin auf dieſe Weiſe ein kurzes Zwiegeſpraäͤch, welches anſchei⸗ nend von Keinem der Hofleute beobachtet ward; und doch war gewiß kein Wechſel der Miene oder der † Farbe, kein Lächeln, kein Seufzer, welcher nicht vovn der argwöhniſchen Schlauheit ihres Hofſtaates belauſcht wurde. Leonin aber ſah Alles ohne Beziehungen und Be⸗ rechnungen. Verloten war er in dem Anblicke dieſer ungewöhnlichen Erſcheinung, und Alles ſchien ihm ge⸗ rechtfertigt, was er ſeit ſeiner Ruͤckkehr von dem uͤber⸗ ſchwaͤnglichen Enthuſiasmus der Menge erfahren, und was ihm mindeſtens uͤberraſchend geſchienen. 5 Als einen Helden, als einen Feldherrn hatte er ihn nennen hoͤren, kuͤhn, ſcharfſichtig und großartig im Rathe; er hatte gefuͤrchtet vor den ernſten Pathos eines roͤmiſchen Imperators zu treten. Und jetzt ſah „ er einen heiter laͤchelnden jungen Mann, mit einer Anmuth und Leichtigkeit der Bewegung, mit einem poetiſchen Schmelze der Augen und des Mundes— einen der ſchönſten Maͤnner, der ſich deſſen nicht be⸗ wußt ſein wollte, um den Frauen allein eine Huldi⸗ gung zu geſtatten, auf die er ſie durch ſeinen Willen anwies, allen Maͤnnern auch hierin zur Richtſchnur dienend. Leonin fuͤhlte, daß dieſe Vereinigung etwas Er⸗ ſtaunenswuͤrdiges, faſt Berauſchendes hatte, und daß man ſich eben dem Zauber ſeiner Perſoͤnlichkeit ſo voͤl⸗ lig ohne Ruͤckhalt hingab, weil man ſeiner uͤbrigen Herrſcherfaͤhigkeit gänzlich vertraute. Sein Alter hatte ihn vom Hofe entfernt gehalten, er hatte den Koͤnig nur bei öffentlichen Veranlaſſungen als Zuſchauer ge⸗ ſehn, die zu Anfange ſeiner Regierung nicht häufig waren. Erſt in Leonin's Abweſenheit trat der Glanz des Hofes auf ſolche Weiſe hervor, wie auch die Lie⸗ benswuͤrdigkeit des Königs erſt zur vollen Bluͤte kam. So beherrſchte dieſer anmuthige junge Mann alle ſeine Umgebungen. Nicht, wie ihn Leonin ſich un⸗ willkurlich gedacht hatte, als einen ewigen Repräſen⸗ tanten mit Krone und Zepter ſah er ihn; aber dennoch von einer Atmoſphäre der Hoheit umgeben, daß die jugendliche Anmuth niemals auch nur zu einem ver⸗ 66 des Produkt, wie uns vorgetragen wurde, Eindruck traulichen Gedanken hätte verfuhren können. Im Gegentheile fuhlte Leonin eine Beklommenheit, die ihn faſt betaͤubte, bei dem Gedanken, dem Koͤnige heute gegenuͤber zu treten. Seine Groͤße wuchs, indem ſie verdeckt lag— aber wie groß mußte er ſein, da er ſich ihres Scheines abſichtlich entaͤußern konnte! „Madame hat Briefe aus England erhalten,“ ſagte der Marſchall de la Ferté zu Madame de la Fa⸗ jette, die mit etwas verdorbener Laune in Leonin's Naͤhe ſtand;„der Koͤnig wird wohl ſeine Abſicht mit Duͤnkirchen durch ihre geſchickten Unterhandlungen er⸗ reichen.“ „Wenigſtens thäte Madame beſſer, nur ſolche An⸗ gelegenheiten zu dem Gegenſtande ihrer Beurtheilung zu machen,“ erwiederte Madame de la Fajette—„in allem Uebrigen füͤhlt man immer, daß ſie kein franzoſi⸗ ſches Blut in den Adern hat. Es iſt komiſch oft ₰ ihr Urtheil über unſere Literatur!“ „Ach ſo! Euer Gnaden meinen ihre Bewunde⸗ rung fuͤr die Marquiſe de Sevigné!“ rief der Mar⸗ ſchall—„ja, ja, Madame trägt ſtark auf, wenn ſie ſpricht. Doch glaube ich nicht, daß ein ſo unbedeuten⸗ machen wurde, belebte ſie nicht daſſelbe Verlangen, das Madame de Sevigné als erfullt darſtellte.“— 6 Ste Roche U 82 „Ja, ſo iſt es, mein Herr Marſchall— die gute Sevigné gehoͤrt nach der Kinderſtube, nicht an den Schreibtiſch! Ich verſichere Sie, daß ſie nicht im Stande iſt, orthographiſch richtig zu ſchreiben, und da⸗ mit muͤßte man doch wohl anfangen, wenn man eine Schriftſtellerin ſein will.“— „Waͤre es nicht wichtiger,“ erwiederte hier ein junger Mann in einfacher geiſtlicher Tracht,„erſt rich⸗ tig zu denken? Wie Viele moͤgen den Vorzug beſitzen, richtig zu ſchreiben, ohne einen einzigen Gedanken ſo ausdruͤcken zu können, wie Madame de Sevigné— ohne Gefuhle in ſich zu haben, wie ſie hier eine Zierde der Menſchheit werden!“ Die Gräfin de la Fajette blickte etwas hoch auf, und ihre ſich ſpannenden Augenbrauen verriethen, daß ſie nicht geneigt ſei, den halb vorwurfsvollen Ton dieſer Erwiederung milde hinzunehmen; als ſie aber die ſanften, edeln Zuͤge des Juͤnglings erblickte, der zu ihr geſprochen, mußte ſich die kluge Frau geſtehen, er habe gar nicht daran gedacht, daß ſeine Erwiederung ſie träfe, ſondern ſich in den Gegenſtand vertieft, ihm ſein Recht goͤnnend und damit eine Beleidigung unmoͤg⸗ lich haltend. „Vollkommen richtig bemerkt, mein lieber Sa⸗ lignac!“ ſagte die Grafin daher, ſchnell gefaßt:„wer 83 hätte hieruber zu entſcheiden mehr Recht, als Sie der Sie der Verkundiger der edelſten und froͤmmſten Ge⸗ ſinnungen ſind!“ „Nein, Madame, nein!“ rief der junge Mann mit ſchwärmeriſchem Eifer,„über den ganzen Werth der Gedanken und Gefuͤhle, die Madame de Sevigné uns mitgetheilt, wird nur eine Frau entſcheiden koͤn⸗ nen, in die Gott ausſchließlich die Seligkeit einer Be⸗ ſtimmung ausgeſchuttet hat, der wir nur aus der Ferne mit der Verehrung zuſehen koͤnnen, die an dieſer außer⸗ ordentlichen Bevorrechtung des Himmels uns die erha⸗ bene Beſtimmung ihres Geſchlechtes ahnen laͤßt!“ „Liebenswurdiger Schwaͤrmer!“ rief die Graͤfin, faſt geruͤhrt;„da wir heut' im Prophezeihen ſind, und Madame Henriette der Frau Marquiſe de Sevigné ſchon das Prognoſtikon ihrer Zukunft geſtellt hat, ſo verkuͤndige ich Ihnen, daß Ihre ſanfte jugendliche Weisheit, zum Manne erſtarkt, das Zeitalter retten wird, in dem Sie leben; daß Salignac la Motte Fe⸗ nelon Platz finden wird in den Buͤchern unſerer Ge⸗ ſchichte, trotz des Groͤßten, den wir darin verzeichnen!“ „Gottlob, Madame,“ fuhr der junge Mann ohne alle Zeichen des Eifers fort,„daß ich Ihnen nicht glaube! Die Geſchichte mit ihrem Namensverzeichniſſe hat keinen Reiz fuͤr mich— meine Gedanken haften 6* 84 an dem muͤhevoll heiligen Geſchäfte des Augenblickes; es iſt ſo ſchwer, ihn zu beſtehen, ohne vor Gott erro⸗ then zu muͤſſen, daß ich ihm alle meine Kraͤfte zuwende, und mir wenig Zeit uͤbrig bleibt, die Zukunft mit eiteln Wuͤnſchen zu beſtuͤrmen.“ „Darum that ich es fuͤr Sie!“ lachte die erhei⸗ terte Graͤfin, die wohl ein wenig ſchriftſtelleriſche Wal⸗ lungen beſaß, aber zu klug und zu edel war, um ſich von dieſen Gefuͤhlen dauernd beherrſchen zu laſſen. Die Geſellſchaft erſchuͤtterte ein kleiner elektriſcher Schlag.— Ludwig war aufgeſtanden, und ſein könig⸗ licher Blick uͤberflog den Kreis, als naͤhme er erſt jetzt ſeine Exiſtenz wahr. Die Thuͤren nach den Vorſälen waren geoͤffnet— die inneren Gemaͤcher hatten ſich ge⸗ fullt, Jeder rang um den Preis, mit Ludwig daſſelbe Zimmer zu betreten. Die Moͤglichkeit eines Blickes, eines Wortes war die Hoffnung, die Jeder unausge⸗ ſprochen naͤhrte. Auch ſchien das ſtrahlende Auge, womit er Je⸗ den zu finden wußte, Jedem eine ſolche Hoffnung er⸗ wecken zu ſollen; doch, als er nun, ſich von Madame beurlaubend, vorſchritt, ſtockte ſelbſt das Bemuͤhen, die leichte Unterredung fort zu ſpinnen, welche bisher geherrſcht. Zerſtreuung, Erwartung unterdruͤckte jede andere Geiſtesthätigkeit; hoͤchſtens gelangen einige leichte 6 * Worte, von denen der Sprechende hoffte, ſie kleideten ihn, und die, da dies von den Andern ſchnell errathen ward, entweder mit Kälte aufgenommen, oder in derſel⸗ ben Weiſe und Abſicht erwiedert wurden. Leonin hatte trotz ſeiner Befangenheit Auge und Ohr gehabt fur die ſonderbaren Zuſtände ſeiner Umgebungen, und indem er vergeblich auf den Sinn der Worte horchte, die um ihn her geſprochen wurden, und die ſeltſamen Grimaſ⸗ ſen ſah, mit denen man ſie begleitete, uͤberzeugte er ſich, daß dies der Hofton ſei, von deſſen bezaubernder Leich⸗ tigkeit und Eleganz Europa voll war, und um deſſen unausſprechlichen Reiz zu erreichen, Jeder ſeine Eigen⸗ thuͤmlichkeit, ſein tieferes geiſtiges Bedurfniß verläug⸗ nen mußte, wenn er nicht verlaſſen oder ausgelacht ſein wollte. Es bemächtigte ſich ſeiner eine kränkende Unheim lichkeit: er wußte mit Allem, was er beſaß, hier nichts anzufangen. Seine Kenntniſſe, ſeine Gefuhle, ſeine Anſichten— Alles, was ihm als Material zum Spre⸗ chen dienen ſollte, ſchien hier umſonſt, ja, ganz un⸗ brauchbar— und ein geheimnißvoller Ritus von Wor⸗ ten, Bezeichnungen und Andeutungen uͤberall zu herr⸗ ſchen, der ganz andere Zuſtaͤnde vorausſetzte. Dieſe nicht zu kennen, zu verſtehn, erſchien ihm als ein Ungeſchick, ein Mangel, von dem ſeine Eitelkeit ſich 86 troſtlos verletzt fuͤhlte. Sein Selbſtgefuhl verließ ihn, er konnte nicht denken, daß hinter der ſicheren Hal⸗ tung dieſer Leerheit, hinter dieſem Mißbrauche von Worten, Lächeln und Mienen nicht ein Sinn liege, der bloß ſeiner Unerfahrenheit entginge. Er wuͤrde an jedem andern Orte ſich in der langweiligſten Geſell⸗ ſchaft geglaubt haben; hier aber wagte er ſich dies nicht einzugeſtehn. Der Anſpruch, mit dem Alle ihr Verfahren durchfuͤhrten, imponirte ihm; er dachte nur daran, es ihnen nachzumachen, uͤberzeugt, den Inhalt ſpäter zu entdecken. Madame machte, waͤhrend der Koͤnig langſam anredend auf der einen Seite den Kreis durchſchritt, an der andern Seite die Tour. Beide waren von einigen vertrauten Perſonen ihres Hofes gefolgt. Ma⸗ e redete auf's neue die Marſchallin von Crech an und rief dann Leonin mit einem huldvollen Laͤcheln herbei. „Sie muͤſſen mir noch Viel von meinem Bruder erzählen; ich weiß, er ſah ſie gern an ſeinem Hofe, und ich“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſchnell und ſchmerz⸗ lich die Lippen zuſammendruͤckte,„ich ſah ihn lange nicht!“ „Eure Koͤnigliche Hoheit wuͤrden noch eben ſo, wie fruher, die Schoͤnheit, wie die liebenswuͤrdige Laune 82 Seiner Majeſtät bewundern koͤnnen! Wo er erſcheint, hat die Freude ihren Thron erbaut,“ erwiederte Leonin, in höchſter Bewegung, zuerſt in dieſen Raäumen ſeine eigne Stimme zu vernehmen. „Iſt das ein Lob fuͤr einen Koͤnig?“ rief hier Henriette von England mit einem auffallenden Gemiſche von Laune und Unwillen. Erſchrocken wollte Leonin beguͤtigend antworten, als Alle ſchnell zuruck wichen, und der Koͤnig, der raſch und unbemerkt näher getreten war, plotzlich neben Ma⸗ dame Henriette und dicht vor Leonin ſtand. „Belehren Sie mich, meine ſchoͤne Freundin,“ ſprach er, ihre Worte auffaſſend,„wie das Lob eines Königs lauten muß, um Ihrem ſtrengen Tadel zu entgehen!“ „Verzeihen Euer Majeſtaͤt,“ antwortete Henriett „ich fuhle, ich bin als Franzöſin zu ſehr verwoͤhnt, um als Englaͤnderin mich mit den Tugenden meines Bru⸗ ders, inſofern ich darin den König erkennen ſoll, ge⸗ nuͤgſam erweiſen zu koönnen. Iſt das ein Fehler, haben Euer Majeſtät mich deſſen ſchuldig gemacht!“ Der Koͤnig uͤberhoͤrte mit einem hohen Lächeln die ſchmeichelhaften Worte, und ſchien bloß die ſchoͤne Sprecherin zu bewundern. „Unſer liebenswuͤrdiger Puin in England ſollte 88 in Ihnen, Madame, eine ſanftere Richterin finden. Ich zweifle nicht, daß der Hofſtaat, den Seine Maje⸗ ſtät vorfand, es benothigt war, durch die Wuͤrde eines rechtmäßigen Herrſchers in ſeine Schranken zuruͤck ge⸗ fuͤhrt zu werden; und wenn der vollkommenſte Cavalier, fuͤr den Karl Stuart bei allen Damen von St. Ger⸗ main galt, dieſer Eigenſchaft einige gute Laune hinzu⸗ gefuͤgt, wollen wir dies dem ernſthaften England goͤn⸗ nen, da wir ihm uͤberdies Nichts mehr zu beneiden ha⸗ ben, indem wir ihm Alles geraubt, was ihn üͤber uns haͤtte erheben koͤnnen.“ 6 Madame belohnte mit einem holden Erroͤthen die anmuthsvolle Verbeugung des Koͤnigs, der ſchnell jetzt fragte, wer ihre böſe Laune gegen den Koͤnig gereizt habe? „„Wahrlich,“ ſprach die Prinzeſſin beguͤtigend, „dieſe Abſicht lag nicht zum Grunde. Der Sohn un⸗ ſerer lieben Marſchallin, der junge Graf Crecy-Cha⸗ banne, erſcheint ſeit ſeiner Abweſenheit im Auslande hier zuerſt vor Euer Majeſtät. Ich verzeihe es ihm, wenn das Andenken an alle Herrſcher Europa's, die er ſah, hier vor ihm zuſammen ſinkt.“ Der Blitz aus dem Auge des Koͤnigs traf Leo⸗ nin, der ihn aufnahm unter die Beguͤnſtigten, die ſich ſagen durften: Er kennt Dich! Die Marſchallin, bis zur Erde ſich neigend, legte die Hand auf den Arm ihres Sohnes, ihn bezeich⸗ nend als den ihrigen— Leonin wollte das Knie beugen.— „O nicht doch! nicht doch!“ rief der Koͤnig— „hier nicht!“ Und ſchnell verhinderte der Marquis von Vieuville Leonin an dieſer Bewegung, indem er ihm zufluͤſterte:„hier iſt das nicht Styl!“ „Der Marſchall von Crecy,“ ſprach die Marſchal⸗ lin mit unerſchuͤtterlicher Haltung,„hat vergeblich auf das Gluͤck gehofft, ſeinen Sohn Euer Majeſtät vorſtel⸗ len zu können. Er iſt muͤde geworden in dem heiligen Dienſte fuͤr Frankreichs erhabene Herrſcher, und die Mutter fuhlt auf's tiefſte die Gnade, ſeine Stelle er⸗ ſetzen zu duͤrfen.“ „Madame,“ erwiederte der König,„der Marſchall von Crecy gehoͤrt zu den Maͤnnern, die ſelbſt, wenn ſie aufhoͤren perſoͤnlich zu repräſentiren, ein Eigenthum des Vaterlandes bleiben— deren Einfluß ſo unvergeßlich iſt, als ihr Name! Muͤſſen wir den Marſchall entbeh⸗ ren, ſo wiſſen wir ihm Dank, Madame, uns durch Ihre Gegenwart entſchädigt zu haben.“ „Junger Mann,“ ſprach er dann zu Leonin mit wohlwollendem Tone,„wir freuen uns, den beſten Namen unſeres Frankreichs fortbluͤhen zu ſehen— es iſt ein Name, der Sie auszeichnet, es iſt zugleich ein Name, den Sie zu fuͤrchten haben, da ein Anſpruch jeglicher Tugend mit ihm verknuͤpft iſt, der ein ernſter, Viel fordernder Aufruf an Sie ſelbſt wird.“ „Sire, der Wille iſt Alles, was ich Euer Majeſtät zu Fuͤßen legen kann,“ erwiederte Leonin mit gluͤhendem Antlitz;„aber er iſt, auf Frankreichs Boden von ſeinén Wundern erzeugt, ein Ausfluß dieſer Segnungen, der ihn zu Thaten auspraͤgen wird!“ Der Koͤnig ſtreifte mit einem wohlwollenden Lä⸗ cheln den jugendlichen Anlauf dieſer Rede und wendete ſich zum Marquis Fenelon, der in devoter Erwartung neben dem jungen Geiſtlichen ſtand, den Leonin mit ſo vielem Gefuͤhle gegen Madame de la Fajette ſich hatte äußern hoͤren. Dieſen jungen Mann unterwarf der Koͤnig der aufmerkſamſten Pruͤfung; und da er ihn unverandert beſcheiden, ohne alle Beſtrebung, ohne alle Erwartung verharren ſah, ſchien er ſichtlich von ſeiner Erſcheinung uͤberraſcht. „In Wahrheit, mein lieber General,“ ſprach er zu dem Margquis Fenelon,„Sie haben in Ihrem drei⸗ undzwanzigjäͤhrigen Neffen einen Philoſophen erzogen, der das graue Haupt der Weisheit beſchämt. Es thut mir leid zu hoͤren, daß Sie die glänzenden Erfolge un⸗ — 91 terbrechen wollen, die ſeine Kanzelreden ſich mit Recht erworben.— Ich habe ſelbſt mit Vergnuͤgen ſeine Rede: ueber die Wahrheit gegen ſich ſelbſt, gehoͤtt. Ein wichtiges, unendlich wichtiges Thema, dem wir nicht genug Aufmerkſamkeit ſchenken koͤnnen!— Und Sie, Abbé Fenelon, bedauern Sie es nicht, einen Schauplatz zu verlaſſen, der Ihnen ſo bedeutende Er⸗ folge gab?“ „Mein Oheim,“ erwiederte der junge Abbé— der ſpaͤter ſo beruͤhmte Verfaſſer des Telemach—„hat ſich mehr meinen Wuͤnſchen gefuͤgt! Es ſchien mir ſchwer, der Aufregung zu widerſtehen, in welche dieſes öffentliche Auftreten mich verſetzen konnte. Der Weg, der mir vorliegt, iſt noch ſo weit, ich habe noch keine geiſtlichen Pflichten zu erfuͤllen gehabt;— dieſe Kan⸗ zelreden waren noch nicht gerechtfertigt durch eigne Er⸗ fahrungen;— ſie mußten mich zum Heuchler machen — zu einem blos leeren Verbrauche des ſchon Vorhan⸗ denen fuͤhren— von dem Wege eigner Forſchung mich ablenken.“ „Den Charakter fremder, bloß angenommener Ue⸗ berzeugungen trugen Ihre Reden nicht,“ fuhr der Koͤ⸗ nig ernſt fort;„ein Geiſt der Inſpiration belebte ſie, der oft die Erfahrung uͤberbietet und einer inneren Wahrheit, ſelbſt bei Ihrer Jugend, nicht zu entbehren braucht.“ —.—— „Dies duͤrfte ich mir auch bis jetzt noch zugeſte⸗ hen,“ erwiederte ruhig der junge Fenelon.„Der Au⸗ genblick, der uns zuerſt vor verſammelten Chriſten von den goͤttlichen Dingen reden laͤßt, deren Erkenntniß wir unſer Leben weihten, iſt gewiß von einem Hervortreten aller Kraͤfte begleitet. Solche Augenblicke uͤberfluͤgeln unſere Faͤhigkeiten, ſie verrathen uns und Andern viel⸗ leicht, was erſt die Zeit aus uns machen wird. Aber ihr wirklich vorgreifen durch den fruͤhzeitigen Verbrauch dieſer Stimmung, ihre Dauer damit verlangen, wuͤrde uns in aͤußerliche Beſtrebungen ziehen, die gerade von der Entwicklung unſeres Innern ablenken muͤßten, von der wir doch allein die fortdauernden Gefuͤhle frommer Begeiſterung hoffen duͤrfen.“ Der König betrachtete ihn mit einem Ausdrucke von Achtung, den nur Fenelon uͤberſah, da er ihn nicht veranlaßt glaubte durch jene ruhige Erklaͤrung, die ihm die eigenen Gedanken ganz erfullte. „Gehen Sie denn Ihren Weg, Herr von Fene⸗ lon,“ ſprach Ludwig mit Wärme—„Ihr Koͤnig wird Sie mit ſeinem Antheile begleiten und, ſo bald Sie ſelbſt ſich reif erklären wollen, den Platz zu finden wiſ⸗ ſen, welcher Ihnen den wuͤrdigen Wirkungskreis ſichert, der einer ſolchen Entwicklung zuſagend iſt.“ Eben wollte der Koͤnig ſich wegwenden, da der Marquis Fenelon den Monarchen an und bat ihn fur ſeinen Neffen um die Erlaubniß, in den geiſtlichen Orden von St. Sulpice in Paris treten zu duͤrfen, um unter der Leitung des Subpriors Trongon das Stadt⸗ viertel dieſes Namens bedienen zu koͤnnen. „Erſtaunenswuͤrdig!“ rief der Koͤnig—„der be⸗ ſchwerlichſte Dienſt von ganz Paris!— Herr von Fe⸗ nelon, Sie haben meine Einwilligung nur unter der Bedingung, daß Sie Verſailles von Zeit zu Zeit zu Ihrem Kirchſprengel zaͤhlen.“ Jetzt uͤberzog wirklich ein freudiger Ausdruck das Antlitz des jungen Fenelon. Der Koͤnig hatte ihn dem unſcheinbarſten, muͤhevollſten Dienſte gewidmet;— und als alle Hofleute ihm Gluͤck wuͤnſchten, damit die En⸗ trées in Verſailles nicht verloren zu haben, zeigte es ſich, daß der junge Fenelon dieſen Nachſatz uberhoͤrt hatte, und ihn jetzt erſt und ohne alle Exklamationen erfuhr. Man bewunderte ihn laut— aber mit der Ueberzeu⸗ gung, entweder einen Thoren oder einen vollendeten Heuchler vor ſich zu ſehen. Auf Leonin machte dagegen der junge Mann einen Eindruck, der dem Vorwurfe glich. Dieſe Ruhe, dieſe Haltung bei den ſichtlichſten Zeichen der Gunſt, bei dem Bewußtſein, ſelbſt dem Koͤnige Bewunderung und Erſtaunen eingefloͤßt zu haben, griff an ſein unruhig 94 klopfendes Herz. Er ſagte ſich, wie er, durch den bloßen Anblick dieſes Hofes aus ſich ſelbſt verjagt, aͤngſtlich nach den Erfolgen des Augenblickes haſchend, auf dem Wege ſei, ſich mit der bloßen Nachahmung von Zuſtaͤnden zu begnuͤgen, die er mindeſtens als ihm ſelbſt unverſtaͤndlich erklären mußte. Er war beſchämt; aber dies offene Geſtandniß rettete ſein Selbſtgefuͤhl und riß ihn aus der kleinlichen Richtung, die ihn ver⸗ wirrt hatte. Er bat Herrn von Dreux, ihn dem jungen Fene⸗ lon vorzuſtellen; er wollte dem ehrend nahen, dem er ſo eben Dank ſchuldig geworden. Als ſie ſich im Gedraͤnge Platz machten, erreichten ſie ihn im Augenblicke ernſter Unterredung mit einer ſchoͤnen jungen Dame, die vor dem Juͤngling in faſt devoter Stellung ſtand. „Ach, mein Herr,“ ſagte ſie mit innigem Tone —„Sie durften Ihrem Berufe nicht mißtrauen— und wenn Sie nichts erreicht haͤtten, als das Gemuͤth unſerer herrlichen Koͤnigin geſtutzt und geſtärkt zu ha⸗ ben. Dachten Sie nicht, wie Sie Ihren hartherzigen Entſchluß vollfuͤhrten, an das, was ich Ihnen ſo viel fruher ſchon uͤber den wunderbaren Eindruck ſagte, den die Königin von Ihren Kanzelreden empfing? Ach, und waͤre es nur dies geweſen, da es doch ſo viel 95 mehr noch war, was Sie erreichten— es wäre genug, um zu bleiben!“— „Halten Sie ein mit Ihren Vorwuͤrfen, die ſo ehrend, ſo ruͤhrend fuͤr mich ſind— gegen die feſt zu bleiben, ſo ſchwer fällt! Niemand bewundert mehr, wie ich, die ſchoͤne Hingebung, mit der Sie die theure Frau Koͤnigin umgeben; doch laſſen Sie mich hinzu⸗ fugen, Sie erfuͤllen damit Ihren Beruf; jede Ueber⸗ zeugung Ihrer Seele fällt mit Ihren Pflichten hier zuſammen. Nicht ſo bei mir! Ich hoͤrte auf, meinem Berufe etwas zu ſein, wenn ich mit der gelegentlichen Einwirkung auf eine Einzige mich begnuͤgen wollte. Der Geiſt treibt mich anders! In dieſen geringen Hofverhältniſſen wuͤrde ich verſchmachten oder falſche Keime treiben— und dann ginge ich auch der Koͤnigin verloren.“— O, Ihr Maͤnner,“ rief hier die junge Dame, und ſandte aus Ihren ſchwarzen, glaͤnzenden Augen einen ſeltſamen Blitz, halb Unwillen, halb Bewunde⸗ derung ausdruͤckend, auf Fenelon—„es iſt vergeblich, einen von Euch uͤber den andern erhaben zu glauben; am Ende ſeid Ihr Euch alle gleich! Das Nahe, der ſichere kleine Erfolg, ſei er ſo ſchoͤn, ſo edel, als Ihr zu traͤumen vermochtet, er reizt Euch nicht— Ihr ver⸗ werft ihn! Weit in die Ferne muͤßt Ihr Pläne und — Unternehmungen richten— ein Weltruhm muß Euch zu Theil werden, wenn Euer ehrgeiziges Herz befriedigt werden ſoll!“ 3 „Ob ich vom Ehrgeize frei bleiben werde, mag Gott wiſſen!“ erwiederte der junge Fenelon.„Der Trieb, der uns zu unſerer Entwicklung mit Sehnſucht, mit Eifer, mit Entzuͤcken die Fuͤllhoͤrner nach allen Richtungen ausſtrecken läßt, um das zu erkennen, was uns foͤrderlich werden koͤnnte, der Trieb iſt ſchoͤn und herrlich— ihn moͤchte ich nicht jetzt ſchon durch die Befurchtung in mir verdächtigen, er könne Ehr⸗ geiz werden!“ „Unverbeſſerlicher!“ rief das junge Maͤdchen— „Ich hätte Viel darum gegeben, wenn ich Ihnen böſe werden koͤnnte; denn Sie haben mich empfindlich ge⸗ kränkt durch Ihr ſtolzes Zuruͤcktreten. Aber warum ſind Sie ſo unerträglich ſanftmuͤthig— ich ſollte es gar nicht unternehmen, mit Ihnen zu ſtreiten, ich behalte niemals Recht!“— „Und doch haben Sie eben ſo Recht, als ich, und Keiner ſollte dem Andern zuͤrnen wollen, weil er gern ſeiner Pflicht getreu bleiben will— es muß uns nicht uͤber unſere Abſicht verwirren, daß wir in verſchiedener Richtung ſie erfullen muͤſſen. Ich ver⸗ ehre Sie ſo ſehr in Ihrer treuen Anhaͤnglichkeit an — 92 die Koͤnigin, daß ich ſelbſt die gegen mich gerichteten Vorwuͤrfe faſt gern hoͤre; denn ſie ſind eine Konſequenz Ihres vortrefflichen Innern!“— „Ich will nicht von Ihnen gelobt ſein! Sie wiſ⸗ ſen doch nicht, wie ich's meine— kein Menſch braucht das zu wiſſen— ſie ſind mir hier alle gleich! Aber Sie, Fenelon, obwohl ich Sie jetzt haſſe— Sie haͤtten mein Verbuͤndeter bleiben muͤſſen!“ „Und das bleibe ich, wenn Sie mich auch jetzt zu⸗ ruͤckſtoßen— Ihr Herz denkt anders, und vielleicht tref⸗ fen unſere Wege noch einmal wieder zuſammen.“ „Mit dem Geiſtlichen von St. Sulpice?“ erwie⸗ derte ſie, faſt weinend.„Wo ſoll ich den wiederfinden? Nein, nein, ich will gleich und für immer von Ihnen Abſchied nehmen! Adieu, Fenelon, ſtolzer. Fenelon!“— Sie wollte gehen— ſie blieb ſtehn— kindlich lächelnd, ſetzte ſie halb leiſe hinzu:„Lieber Fenelon, kommen Sie morgen noch zur Koͤnigin?“ „So lange ich in Verſailles bleibe, alle Abende,“ ſagte der junge Geiſtliche. „O, Sie guter, edler, beſter der Menſchen!“ rief ſie und wendete ſich von ihm in dem Angenblicke, wie Herr von Dreux mit den Worten vortrat:„Herr von Fenelon, der Graf von Crecy-Chabanne wuͤnſcht Ih⸗ nen vorgeſtellt zu ſein.“ Ste Roche 1. — . Die junge Dame blieb ſtehen; der kälteſte, hoch⸗ müthigſte Blick dieſer glanzvollen Augen ſtreifte Leonin — ſie erwartete ſeine Anrede mit der bizarrſten Ver⸗ letzung der Schicklichkeit, wendete ſich dann ſo gerin⸗ „ſchätzig als möglich ab und war bald unter der Menge verloren.— Kaum war ſeine fluͤchtige Unterredung mit Fenelon voruͤber, als er geſpannt, erſchrocken faſt Herrn von Dreup fragte, wer die Dame geweſen, mit der Fe⸗ nelon geſprochen habe?— „Es iſt die Tochter des Herzogs von Lesdigueres, das erſte Hofftaͤulein der Königin, und trotz ihrer Jugend die Freundin und Vertraute der erhabenen Frau!“— Als er zu ſeiner Mutter zuruckkehrte, fand er ſie im Geſpräche mit einer älteren und einer jungen Dame; in Letzterer erkannte er Mademoiſelle de Lesdiguéres. Die Marſchallin von Crecy rief ihn ſogleich heran. „Madame,“ ſagte ſie zu der aͤlteren Dame,„erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Sohn vorſtelle.— Die Frau Herzogin von Lesdigueres,“ wandte ſie ſich zu Leonin,„hat Deine Mutter von Jugend auf mit ihrer Freundſchaft begluͤckt. Schon von Fräulein von Reetz genoß Fraͤulein Soubiſe dieſen— jetzt, nach langer Trennung, finden wir uns wieder.“ „In Wahrheit,“ rief die alte Dame, den Juͤng⸗ * ling mit vielem Kopfnicken begruͤßend—„Mademoi⸗ ſelle de Soubiſe war unſer aller Bijou, als wir Koſtgän⸗ gerinnen waren bei den Urſulinerinnen; und es freut mich, daß ich in Ihnen einen ſchoͤnen jungen Mann ſehe— das wird Ihnen lieb ſein, meine Theure; denn immer hatten Sie ein ſtolzes Herz, wie Ihnen das zukam, und ich es gern leiden mag.— Victorine,“ fuhr ſie fort, Leonin's Antwort unterdruͤckend und ſich zu ihrer Tochter wendend,„Du mußt mit dem jungen Manne gut Freund werden; was die Muͤtter anfingen, muͤſſen die Kinder fortſetzen.“ „So viel Guͤte, ſo viele gluͤckliche Ausſichten zu verdienen und zu rechtfertigen,“ erwiederte Leonin, faſt ſeine Worte aufdraͤngend,„wird eine ſchwere, aber zu theure Aufgabe ſein, um nicht mit Kräften nach ihrer Loͤſung zu ringen.“ „Bemuͤhen Sie ſich nicht darum“— erwiederte Mademoiſelle de Lesdigusres,„ich liebe ſo etwas nicht mit anzuſehen! Auch, denke ich, hat Madame de Crecy eine Tochter, der ich mich ſchon anſchließen will.“ Alle lachten bei dieſen Worten, und das Fraͤu⸗ lein ſelbſt ſah nicht ſo boͤs aus, als ihre Worte klangen. „So ſtolz zurüceſthen, rief Leonin,„fordern Sie mich gerade damit zum Kampfe auf. Ich gelobe 7* 100 Ihnen hiermit feierlich, wie Sie auch meine kleine liebe Louiſe mir eben vorziehen, ich will nicht eher ruhen und raſten, als bis Sie, gerade Sie meine Freundin ſind!“ Sie ſah ihn hochmuͤthig an, lachte aber dann einen Augenblick mit den Andern, und indem ſie Louiſe an ſich zog, rief ſie:„Iſt das der liebenswuͤr⸗ dige Bruder, von dem Du mir ſo Viel erzäͤhlt haſt? Ich erklaͤre ihn fuͤr den anmaßendſten Mann des Hofes.“ „Thun Sie, was Sie wollen,“ lachte Leonin, „mein Entſchluß bleibt derſelbe, und ich rathe Ihnen, machen Sie ſich den Ruͤckſchritt nicht zu ſ n Sie ſich ſo weit von mir entfernen.“ Victorine zuckte mit den Achſeln und iveeeg ihn mit halbem Lächeln. Die Marſchallin aber, bemerkte Leonin voll Erſtaunen, die ein ſo formloſes Weſen ſonſt nur allzu ſchnell mit einigen Worten wuͤrde zu dämpfen gewußt haben, ſah mit der huldvollſten Miene auf das junge Mädchen und lachte mehr, als ſie ſonſt für ſchicklich gehalten haͤtte. Madame de Lesdigueres aber ſchien uͤberhaupt, von vollig ungezwungenen Ma⸗ nieren, keine Ruͤckſichten zu kennen, als die ihr bequem waren. „Sagt' ich es Ihnen nicht, liebe Soubiſe, das „ —— 101 Madchen hat einen Kopf von Erz— den will ich ſehen, der etwas Anderes hineinbringt, als was ſie ſelbſt her⸗ einthut. Aber ich war eben ſo, und es macht mir jetzt Spaß, daß ſie vor meinen alten Augen meine alten Jugendſtreiche mir wieder vorſpielt.“— Es war der Frau Herzogin ſchwer zu glauben, daß ſie wie ihre Tochter geweſen, wenigſtens, daß es ihr ſo gut gekleidet; denn man konnte keinen groͤßeren Gegenſatz ſehen, als dieſe kleine, kugelrunde Geſtalt gegen den hohen, ſchlanken Wuchs der Tochter, und ihr blaſſes, regelmaͤßiges Geſicht gegen das breite, rothe, verzeichnete Geſicht der Mutter. Dabei zeigte die Toch⸗ ter nur eine nöthige Eleganz; die Mutter aber war mit Perlen, Juwelen und Stickereien beladen und trug dies alles ungeſchickt an ſich herum, wie eine Swor⸗ aber nothwendige Pflicht. „Nun, Marſchallin,“ fuhr ſie fort,„das ſoll ein Spaß werden, zuzuſehen, wie die Beiden ſich necken werden! So machte ich es auch mit Monſieur de Lesdiguéres, der damals noch nicht Herzog war. Man hätte denken können, wir haßten uns— aber nichts weniger, als das! In Jahr und Tag war ich ſeine Gemahlin.“ Sichtlich bemuht, dieſe Worte zu unterbrechen, hatte die Marſchallin verſucht, ſich Victorinen zu naͤ⸗ hern, die, gluͤhend vor Zorn, Leonin den Ruͤcken zuge⸗ wendet hatte, als der Koͤnig plotzlich Viktorinen entge⸗ gen trat.— Die Etikette verhinderte jetzt jeden Schritt, aber auch jedes Wort, und ſo war die alte Herzogin we⸗ nigſtens zum Schweigen gebracht. „Es ſcheint mir ein gutes Zeichen fuͤr das Be⸗ finden der Königin, Sie hier zu ſehen,“ ſprach Lud⸗ wig und legte eine auffallende Verbindlichkeit in ſei⸗ nen Ton. Victorine verneigte ſich bis zur Erde und blieb dann ſtarr, mienenlos, ohne einen Laut zu erwiedern, vor dem Koͤnige ſtehen. „Haben Sie die Koͤnigin bei ihrer heutigen Spa⸗ zierfahrt begleitet?“ fuhr er nach einer Pauſe fort, in welcher er unruhig auf Antwort gehofft hatte. „Zu Befehl!“ entgegnete Mademoiſelle de Lesdi⸗ gueres mit feſtem, kaltem Tone.—„Doch dauerte dieſe Fahrt nicht lange; Ihre Majeſtaͤt ließen an dem Hotel Biron umlenken, da der Wagen durch den Aus⸗ bau des Palais von Geruͤſten und Arbeitern am Wei⸗ terfahren gehindert ward; und da die Frau Koͤnigin ſich nach der Ruͤckkehr uͤbel befanden, ſo befahlen Sie uns, Madame Ihre Entſchuldigungen zu bringen, und behielten allein Molina(ihre ſpaniſche Kammerfrau) — 103 Der Koͤnig hoͤrte geſpannt und mit ſichtlicher Unruhe zu.„Ich fuͤrchtete das nicht, obwohl man mir ſagte, daß die ungebuͤhrlichen Bauanſtalten vor dem Hotel Biron die Königin belaͤſtigt haͤtten.— Die ſtrengſten Befehle ſind gegeben, ſie ſpurlos zu beſeitigen. Ich werde die Koͤnigin heute noch beſuchen und ſehe Sie am liebſten in der Nähe meiner Ge⸗ mahlin!“ „Vielleicht,“ erwiederte Mademoiſelle de Lesdigue⸗ res mit ploͤtzlich veraͤndertem Weſen und freudeſtrahlen⸗ den Augen,„erlauben Euer Majeſtät, daß ich mich ſo⸗ gleich zu meiner gnädigen Gebieterin begebe, ſie auf dieſe Freude vorzubereiten?“— „Thun Sie das, meine Liebe! Ich weiß, Sie ſind uns beiden ergeben,“ erwiederte der Koͤnig mit der huldvollſten Herablaſſung— und die junge Dame verneigte ſich und war augenblicklich verſchwunden. Es lag ein Schatten auf der Stirn des Koͤnigs, und Niemand wagte ihm zu nahen— als Henriette von England vortrat, und der Koͤnig in demſelben Au⸗ genblicke die Töne eines im Nebenzimmer beginnenden Concerts hoͤrte. Mit der verbindlichſten Anmuth nahm er die Einladung der Prinzeſſin an und folgte ihr in die Zauberhallen, die ſich vor ihm oͤffneten, und aus denen, hinter den vollſten Gebuͤſchen von Orangen 104 Roſen und Myrten die hinreißendſten Geſaͤnge und Muſikſtuͤcke erklangen, die Jean Baptiſte Lully mit ſeinem wohlgeuͤbten Orcheſter auffuͤhrte, und von de⸗ nen der Koͤnig, der den Kuͤnſtler zu ſeinem Kapellmei⸗ ſter und Liebling erhoben hatte, ſtets ſich entzuͤckt zeigte. Er war der Schoͤpfer der franzöſiſchen Muſik, der alle die damals angeſtaunten Wunder der Toͤne, Modulationen und Tempi erſann, wie ſie vor ihm nicht exiſtirt hatten.— Während dem fuͤhrten in den anmuthigſten Windungen die ſchoͤnſten Kinder, als Ge⸗ nien gekleidet, pantomimiſche Tänze zwiſchen den Ge⸗ buͤſchen auf, welche in ſinnvollen Gruppen, in leiſem, fluͤgelartigem Dahinſchweben, wie perſonifizirte Toͤne, die Harmonieen des verborgenen Orcheſters zu verſtaͤr⸗ ken ſchienen. Es war kaum moͤglich, daß der Koͤnig bei einem Feſte gegenwärtig ſein konnte, ohne irgend eine ſchmeichelhafte Beziehung fuͤr ſich zu erfahren. Doch dies Mal war es ſchwer, ſie zu entdecken; denn das ganze reizende Schauſpiel zog ſich wie eine Chiffern⸗ ſprache vor den Augen der Andern hin. Madame ſchien allein den Schluͤſſel dazu zu haben, und mit anmuthigen Worten und Mienen während der Dauer der Auffuͤhrung dem Könige die Erklärung zu geben. Alle Uebrigen ſahen nur eine Pantomime.— Einmal zeigten ſich die Wappen Englands und Frankreichs, —— — ð beide, wie angedeutet war, auf franzöſiſchem Boden; dann ſchwebte der Genius der Gerechtigkeit herab und löſte das engliſche Wappen vom franzöſiſchen Boden, damit entfliehend. Das franzöſiſche Wappen wuchs, und Genien umkraͤnzten es. „Habe ich nicht Recht mit Duͤnkirchen?“ fluͤſterte der Marſchall Teſſé dem Herzoge von Rochefaucault zu—„die ſchlaue Prinzeſſin hat Seiner Majeſtät die Schluͤſſel von Duͤnkirchen uͤbergeben, und nun muß die Gerechtigkeit das Wappen Englands vor den Augen des Konigs von dem Boden Frankreichs fortſchleppen!“ „Ja,“ lachte der Herzog—„hier beſiegt immer Einer den Andern— ich halte heute Fraäulein von Les⸗ diguores fur die Siegreichſte in dieſem Kreiſe!“— „Das macht, weil ſie eine ſchon halb uberwal⸗ tigte Feſtung vorfand,“ fiel ihm der Marquis de Sou⸗ oré in's Wort;„ich moͤchte nicht derjenige ſein, der die Befehle fur die Ausſtattung des Hotel Biron über⸗ ſchritt!“ „Sollen denn die Bevollmaͤchtigten eines koͤnig⸗ lichen Willens, der ſelten den kleinſten Aufſchub ge⸗ ſtattet, auch bedenken, welche Veraͤnderung ein ſolcher Wille in vier und zwanzig Stunden erleiden kann?“ ſagte der Herzog von Rochefaucault. „Nun,“ meinte Madame de Sablière,„die Ner⸗ . ven der Königin hätte ich mir abgehärteter gedacht. Die neue Herzogin von Lavallisre wird ihr Hotel nur vier und zwanzig Stunden ſpäter beziehn, und Nichts wird unterbleiben, was hier eingeleitet iſt. Wenn die Erſchuͤtterung voruͤber, die Seine Majeſtät durch den Unfall der Königin erfahren, werden die Anſtalten ihren alten Gang vorwäͤrts gehn.“ „Darunter wird Niemand mehr leiden, als Ma⸗ dame de Lavalliere ſelbſt,“ bemerkte der Marquis de Souvré;„in ihr moͤchte Seiner Majeſtät das groͤßte Hinderniß zu beſiegen haben.“ Alles horchte auf und blickte den Marquis erwar⸗ tungsvoll an. Jeder war uberzeugt, er wiſſe mehr; man wuͤnſchte, er theilte ſich mit— doch ſchwieg er mit der uͤberlegenen Miene, mit der er ſich ſtets zu ſichern ſchien, und geſchaͤftig trat ein Kammerdiener von Ma⸗ dame an ihn heran und rief ihn zur Prinzeſſin. Der Koͤnig hatte ſich erhoben. Obwohl das obige Geſpräch nur fluſternd vorging und durch hunderte von Menſchen vom Könige getrennt war, ſo ſchwieg den⸗ noch augenblicklich Jeder, als er ſich erhob, und ſein ko⸗ niglicher Blick die Verſammlung uͤberflog. „Die Prinzeß de Lesdigusres hat geſiegt,“ ſagte der Si von Rochefaucault—„er nimmt Abſchied von Madame und geht zur Koͤnigin!“ —,— 10 „O,“ rief der Graf Guiche,„wie ſchwer mag es ihm werden, die einſam weinende Lavallière ohne Troſt laſſen zu muͤſſen. Welche Widerſpruͤche mögen ſein edles, gefuhlvolles Herz bewegen!“ „Sein Sie nicht zu gefuͤhlvoll, Graf Guiche!“ läͤchelte der Herzog.„Solch' hervorſtechendes Mitge⸗ fuͤhl richtet die Blicke auf Sie— man macht Folge⸗ rungen— man glaubt Sie zu verſtehen— genug, das ſind alles Dinge, die ein junger Mann, wie Sie, nicht gebrauchen kann. Nähern wir uns lieber jetzt— der Koͤnig iſt fort— Madame ſucht ihre zuruͤck geblie⸗ benen Freunde.“— Als Leonin ſpaͤt in der Nacht die Zimmer der ſchoͤnen Henriette von England verließ und ſich end⸗ lich in den ſeinigen allein ſah, wollte er es unterneh⸗ men, an Fennimor zu ſchreiben; da am andern Tage ſein vertrauter Diener nach Ste. Roche gehen ſollte, beladen mit den anmuthigen Schaͤtzen, die Paris dem Reichthume darbot. Aber er ſuchte ſich vergeblich dazu zu ſammeln. Der Koͤnig— Madame Henriette— ſein eigenes Betragen— Fenelon— und vor Allen die junge Prinzeſſin von Lesdigueres traten mit Anſpru⸗ chen an ſeine Gedanken dazwiſchen, die er nicht ab⸗ zuweiſen vermochte. Er war nichts weniger, als zu⸗ frieden mit ſich— er hatte es weder vermocht, ſich dem neuen Tone anzuſchließen, wie es ſeiner Eitelkeit ge⸗ nug gethan hätte, noch war er ſich ſelbſt getreu geblie⸗ ben, den Zwecken und Abſichten gemaß, die er verfol⸗ gen mußte, um Fennimor's Gluͤck zu begruͤnden. Die Ausbeute des Augenblicks hatte ihn allein in Anſpruch genommen. Er war ſich einer Menge Vorfätze und Einfluͤſterungen bewußt, die er mit innerlicher Heftig⸗ keit verfolgt hatte, und deren Gelingen nothwendig eine andere Zukunft herauf fuͤhren mußte. Er trat an das Fenſter, um Luft zu ſchopfen. Es war eine milde Nacht, wie ſie der Winter Frankreichs zu erhalten weiß. Das Palais Crecy geſtattete einen Blick auf die Gaͤrten von Verſailles. Die geſchnitte⸗ nen Baͤume und Hecken behielten Koͤrper und gaben Schatten, obwohl vom Laube entkleidet, und der Mond zeichnete ſie auf den zierlichen Parterres der Gärten, während uͤber die dunkeln Baſſins Schwäne ſegelten, als zogen ſie den Sternbildern nach, die auf dem ruhi⸗ gen Spiegel vor ihnen ſchimmerten.— Dahinter lag das große Schloß mit ſeinen vorſpringenden Pavillons, mit allen Vorzuͤgen, die der Mondſchein der Architektur verleiht, anſcheinend in Stille verſenkt, von keinem Lichtſchimmer mehr erhellt. „O,“ rief Leonin, zur Ruhe geſprochen von die⸗ ſem unerſchutterlichen Walten der Natur,„wie iſt Dein Bereich das einzig wahre Element fur eine beſſere menſchliche Exiſtenz! Wie findet man in Dir Har⸗ monie und Gleichmaaß der geſtoͤrten Empfindung wie⸗ der— wie giebſt Du uns unſern beſſern Theil zuruͤck, wenn in dem Bereiche der Menſchen Alles verdraͤngt X und verjagt wird, was in ihre angekuͤnſtelten Zuſtände ſtörend eingreifen will!— Und doch haben ſie Macht uͤber mich,“ fuhr er ſchmerzlich fort„doch ward ich von ihnen verfuͤhrt und trachtete in ihnen unterzu⸗ tauchen— ſo groß iſt ihr falſcher Schein!“ „Fennimor, mein unſchuldiges reines Naturkind — wie wuͤrdeſt Du erſtaunt Deinen Liebling anblicken und das Zeichen fuͤhlen, das der Böſe macht, um ſeine Opfer wieder zu erkennen! O, ſende Deine En⸗ gel,“rief er, die Haͤnde ringend,„damit ihre Thränen es auslöſchen!“ Er blieb ſo ſtehen, mit einem Schmerze, der grö⸗ ßer war, als ihn dieſer Abend hatte verſchulden kön⸗ nen. Aber er ſtrafte die Ahnung daran geknuͤpfter gro⸗ ßerer Verſchuldungen fuͤr die Zukunft, und Leonin ſchob die Schwäche, mit der er ſich dieſen Lockungen hingegeben, auf Rechnung ihrer Stärke Er erkannte nicht, daß, wenn er einen Charakter gehabt hätte, er ihn gerade da hätte behaupten koͤnnen, wo die ver⸗ ſchiedenſten Elemente Platz neben einander fanden. Er vergaß, daß Fenelon in der Einſamkeit ſeines Studir⸗ zimmers wahrſcheinlich eben ſo war, wie er ihn vor dem Koönige geſehn, und er hob jetzt die eitle, triviale Seite ſo ſtark hervor, nicht allein um ſich damit zu tröſten, ſondern, weil ihr anmaßendes Hervortreten, ihr ſchein⸗ barer Glanz ihm am ſchnellſten imponirt hatte; weil er durch den Verſuch, ſich ihr anzuſchließen, in ſeiner eignen Achtung verlor und dieſe auf dem falſchen Wege wieder zu erlangen trachtete, daß er ſich das Maaß der Verſuchung vergroßerte. Wie aber halbe Selbſtgeſtändniſſe immer einen truben Grund zuruͤcklaſſen und die Mittel zu unſerer Beſſerung verdecken, ſo fuhlte Leonin auch jetzt keine Erquickung von ſeinem Selbſtgeſpraͤche, ſondern ein Zürnen mit der Außenwelt, und doch ein Verlangen nach äußerer Huͤlfe— und ſo entſtand eine lange nicht empfundene Sehnſucht nach Fennimor; und wenn ſie dies Gefuͤhl auch nicht auf dem reinen Wege erreichte, der ihr gebuͤhrte, ſo fuͤhrte es ihn doch zu ihr zuruͤck — er verſchloß das Fenſter und eilte an ſeinen Schreib⸗ tiſch. Hier lag ihr letzter Brief.— Dieſes holde Re⸗ den mit ihm, was ihr Leben geworden war, dieſe ruͤh⸗ renden, argloſen Liebesbeweiſe, dieſe Erinnerungen an jede Stunde, deren Wichtigkeit ſie von ihm getheilt glaubte— wie trafen ſie ſein Herz, da er ſie erſt jetzt las oder fruͤher uͤberſehen hatte, weil er ſich nicht gleich die Beziehungen zuruͤck rufen konnte. „Den Eudorien⸗Thurm habe ich ganz herſtellen „aſſen,“ ſchrieb ſie,„ohne daß man die Ueberreſte der „armen Gemordeten beruͤhren durfte. Der Kamin iſt „geräumt, täglich erhellt ihn die Flamme, und der Al⸗ „tan iſt nun auch ein ſchoͤnes Plaͤtzchen geworden! „Wenn die Sonne ſcheint, trete ich hinaus und uͤber⸗ „ſehe den Weg, den ich Dich zuletzt dahin eilen ſah, „und fuͤhle dann an meinem Herzen einen Schmerz, „der ſo wehe thut, wie die blutende Wunde der armen „Eudoria. Dann bete ich oft vor ihrem kleinen Bet⸗ „pulte und bitte Gott um ein frommes Herz, damit „ich Dich nicht Deinen Pflichten entziehe, ſondern ſtille „harre, bis der Segen der Eltern Dich zu mir zu⸗ „ruͤck fuhrt.— Wie viel Thränen mag hier die arme „Eudoria geweint haben. Wenn ich das kleine kunſt⸗ „reiche Pult betrachte, ſo denk⸗ ich oft, ich muͤſſe die „Spur ihrer Thränen noch darauf entdecken koͤnnen; „und als ich ſie heute Morgen wirklich entdeckte, er⸗ „ſchrak ich faſt; denn ich hatte vergeſſen, daß es meine „eigenen waren. „Den Harfion hat mir ein Moͤnch aus der Abtei „Tabor neu beſaitet. Er lehrt mich die Stimmung „und die eigene Weiſe, ihn zu ſpielen. Schon habe erei gemacht— da ich aber nur in Eu⸗ 3 riens Zimmer ſpiele, ſo iſt mein Fleiß nicht groß.“ In dieſer Weiſe waren viele Blätter angefuͤllt, zierlich und fein geſchrieben mit der eigenthuͤmlichen Geradheit der Linien und Buchſtaben, die ihren Schrift⸗ zugen faſt eine Portraitaͤhnlichkeit mit ihrem ganzen Weſen gaben. Leonin vertiefte ſich in ſie, und die nur verdeckt liegende Empfindung fuͤr ſie wurde er⸗ weckt durch das ſuße kleine Wellengekrauſel ihrer Worte. Er fuͤhlte ſich der Liebende wieder, und was er ſchrieb, trug den Charakter dieſer Empfindung. 113 Als Leonin am andern Morgen ſich anſchickte zu ſeiner Mutter zu gehn, war er feſter, wie fruͤher, ent⸗ ſchloſſen, ihr jetzt ſelbſt ſeine Verbindung mit Fenni⸗ mor anzuzeigen und ihren Rath, ihren Beiſtand zur Ausgleichung dieſer Verhältniſſe aufzurufen.— Geho⸗ ben durch dieſen Entſchluß, fühlte er ſich zufriedener, und ſein Ausdruck gewann unwillkuͤrlich an Ernſt und Wuͤrde.— Als er den kleinen Salon betrat, in welchem die Marſchallin ihre Morgenſtunden zubrachte, ruhte ſie behaglich auf einem Armſtuhle in der Mitte des Zim⸗ mers, dem Fenſter zunächſt, an welchem Mademoiſelle Louiſe auf einer kleinen Erhoͤhung ſaß, in eine nebel⸗ artige Draperie gehuͤllt, das Haar halb aufgeloͤſt und mit einigen Blumen phantaſtiſch geſchmuͤckt. Vor ihr ſaß ein junger Mann mit Palette und Pinſel und voll⸗ endete vor dem reizenden Originale ein großes Portrait der liebenswurdigen Louiſe. Die Marſchallin uͤberlief ihren Sohn nur mit einem Blicke und wußte gleich, es ſolle heut' Entdeckungen geben, die ſie nicht hoͤren wollte. Ste Roche n. 8 114 Sie erhob daher ihre Stimme augenblicklich noch mehr als zuvor, um dem Sohne anzudeuten, daß ſie inmitten einer Rede ſei und reichte ihm blos laͤchelnd die Hand zur Bewillkommnung. „Ich ſage Ihnen aber, mein lieber Leſuͤeur, Ihre ewigen Grillen mit dem armen Lebrun ſind aus der Luft gegriffen— er denkt nicht daran, Sie beim Koͤ⸗ nige verkleinern zu wollen! Geſtern Abend noch ſagte Seine Majeſtät, er habe von dem ſchoͤnen Portait gehoͤrt, das Sie von Mademoiſelle Louiſe machten, und ich erhielt die Erlaubniß, es ihm praͤſentiren zu duͤrfen.“— Der Eindruck, den Leſuͤeur von dieſer Hoffnung erhielt, war ſichtlich erheiternd. Er ſtand auf und neigte ſich tief vor der Marſchallin, und Leonin hatte nun Ge⸗ legenheit, ſich dem beruͤhmten Kuͤnſtler zu nahen, deſſen damals ſehr bewunderte Bilder aus dem Leben des hei⸗ ligen Bruno fuͤr das Karthäuſerkloſter in Paris, ihn zu einem Rival Lebrun's gemacht hatten, deſſen glan⸗ zendes Genie Keinen neben ſich dulden wollte. Aber ſchon trug Leſuͤeur die Farbe der Krankheit, die ſeinem Leben ein fruͤhes Ziel ſetzte, auf dem Ant⸗ litze. Seine Wangen waren eingefallen, und ein Paar kränklich rothe Flecke unter den Augen contraſtirten, Unheil verkuͤndend, mit der gelblichen Farbe der Haut. —— 115 Doch konnte Niemand dieſes edle Opfer unermuͤdli⸗ chen Fleißes ohne Antheil und Achtung betrachten. Dieſe ſeelenvollen, großen, ſchwarzen Augen ſchienen um den Mangel der phyſiſchen Kraft zu klagen, die der ſprudelnde Geiſt zu ſeinen Schoͤpfungen begehrte.— Seine ſchlanke, magere Figur war fruhzeitig gebeugt, ſeine Kleidung immer zu weit, und wenn auch ſauber, doch zerſtreut angelegt, ohne die Verheerungen zu ver⸗ bergen, welche ſchon von dem Vorſchreiten der Krank⸗ heit zeigten. Seine Sprache war abwechſelnd rauh, oder leiſe und ſchwach, die kleinſte Veranlaſſung ſchreckte ihn auf und erfullte ihn mit Einbildungen. Er hielt ſich verfolgt und gekränkt, er mißkannte ſeine Erfolge und glaubte ſich von Niemand geſchätzt und gewuͤrdigt. Auch that Lebrun Manches gegen, Nichts fuͤr ihn, welches ihm um ſo leichter durchzufuͤhren wurde, als er der Modemaler geworden war, deſſen Name die Menge von der Nothwendigkeit erloſte, ſelbſt zu pruͤfen und ihr die Bequemlichkeit ſicherte, eine Bewunderung zeigen zu duͤrfen, die ſie nicht nö⸗ thig hatte zu beweiſen; da der Name Lebrun fuͤr ihre fehlende Beurtheilung gut ſagte. Eben hatte Leſuͤeur der Marſchallin geklagt, wie Lebrun ihn verfolge, und Wahrheit und Täuſchung mengten ſich krankhaft durcheinander, was die kluge s. 116 Frau, die herrſchende Mode, Kuͤnſtler und Gelehrte zu beſchutzen, mitmachend, mit voller Beredſamkeit in Le⸗ ſuͤeur zu mildern geſucht hatte. „Hier, mein Lieber,“ ſprach ſie zu ihrem Sohne —„eilen Sie, die angenehme Bekanntſchaft unſers beruͤhmten Leſuͤeur zu machen und bewundern Sie dann das bezaubernde Bild von Mademoiſelle Louiſe, welches wir ihm verdanken werden.“ Dies that Leonin mit der ganzen Freundlichkeit, die ſeinem wohlwollenden Herzen ſo natuͤrlich war, und beruͤhrte dadurch das Gemuͤth des Kuͤnſtlers wahrhaft erquickend; aber noch wohler that ihm das Entzucken, mit welchem Leonin das Portrait ſeiner geliebten Louiſe betrachtete, das, wenn auch im Geſchmacke der Zeit et⸗ was nebelartig und phantaſtiſch aufgefaßt, doch keinem Zeitgenoſſen anders, als ein vollendetes Kunſtwerk er⸗ ſcheinen konnte. Er nöthigte Leſueur, an ſeine Arbeit zuruck zu keh⸗ ren, und nahm an ſeiner Seite Platz, mit Intereſſe die fortſchreitende Arbeit des Kuͤnſtlers verfolgend. „Und dieſer Mann, den Sie mit Recht ſo be⸗ wundern, mein Sohn,“— fuhr die Marſchallin im trockenen Protektionstone fort—„koͤnnen Sie denken, daß er mich den ganzen Morgen ſchon in Arbeit er⸗ haͤlt, um ihm ſeine thörichten Einbildungen zu verja⸗ gen, weil er ſich uͤberredet, Lebrun ſei Schuld, daß der Koͤnig ſeine ſchoͤnen mytholggiſchen Bilder fur das Hotel Lambert nicht erlaubt hat, im Louvre auszu⸗ ſtellen?“ „Ach, Madame,“ ſeufzte Leſuͤeur leiſe—„Euer Gnaden ſind ſo gut, daß Sie von der Bosheit der Menſchen keine Vorſtellung haben— der Herzog von Rochefaucault war ja ſchon völlig von der Einwilligung des Koͤnigs uͤberzeugt, als er plötzlich uͤber die ganze Sache ſchwieg und endlich die Achſeln zuckte. Was konnte das Anderes bedeuten, als daß Seiner Gnaden mir den Grund verſchweigen wollten?“ „Wie das nun aus der Luft gegriffen iſt und eigentlich Nichts beweiſt!“ fuhr die Marſchallin fort. „Der Herr Herzog kann ja ſo viel verſchiedene Gruͤnde gehabt haben, zu ſchweigen, wie Seiner Majeſtat, es abzuſchlagen!“ „Ja,“ ſprach Leſuͤeur heftig,„aber le Beaume, der Kammerdiener Seiner Majeſtaͤt, ſagte mir, Lebrun habe an dem Tage eine Audienz bei dem Koͤnige gehabt. Da wird Seiner Majeſtät ihn uͤber den Werth der Bilder befragt haben, und Lebrun wird ſie der Ehre un⸗ werth erklaͤrt haben, im Louvre ausgeſtellt zu werden.“ „Nun, weiß Gott,“ rief die Marſchallin lachend, „wenn ſolch' ein eigenſinniger Kuͤnſtler Recht haben will, dann wird ihm die geſunde Vernunft ſelbſt dienſtbar, ſeine tollen Behauptungen zu unterſtuͤtzen! Klingt es nicht, als ob er Recht haͤtte? Und doch iſt es nicht wahr, das moͤchte ich beſchwören— Und ich will es heraus bekommen, verlaßt Euch darauf! Und iſt es ſo, ſchaffe ich Euch Genugthuung— der Gram ſoll nicht auch noch an Eurem Herzen nagen!“ „Ach,“ rief Leſuͤeur,„es hat mein Herz ſo tief getroffen, daß Hilfe zu ſpät kommt, furchte ich. Ich bin oͤffentlich lächerlich damit gemacht, verachtet und dem Hofe bloß geſtellt. Denn ſchon hatte ſich das Ge⸗ ruͤcht dieſer Ehre verbreitet, und ich hatte Gluͤckwuͤnſche daruͤber empfangen. Wollte Gott, ich waͤre weit weg von Paris! Die Steine auf der Straße ſehen mich an, und ich zittere, irgend wem zu begegnen, der mich kennt!“— „In Wahrheit, Leſuͤeur,“ erwiederte die Marſchal⸗ lin, als der kranke Kuͤnſtler ermattet ſich in ſeinem Stuhle zuruͤcklehnte, und große Schweißtropfen ſeine Stirn bedeckten—„es waͤre beſſer, Ihr verließet auf einige Zeit Paris; und ſtatt zu arbeiten, genoöſſet Ihr etwas die Landluft, die Euch, trotz der vorgeruͤckten Jah⸗ reszeit, bei der Milde dieſes Winters, zuſagen wuͤrde— Geht auf meinen Plan ein, und ich gebe dem Inten⸗ danten Befehl, auf meinem Schloſſe Moncay Alles zu ———̃ 119 Eurem Empfange bereit zu halten. Dort gehet und fahret ſpazieren und begleitet die Jäger zur Jagd! Ihr ſeid in Wahrheit krank und habt eine Krankheit, die Paris, das Louvre und Lebrun heißt, und die Ihr nur los werdet, wenn Ihr ihr entlauft!“ Leſüeur war tief bewegt— zu ſehr, um ſeiner Stimme vertrauen zu können. Er arbeitete deshalb ſtill fort, und wenn er den engelſchoͤnen Ausdruck von Louiſens theilnehmenden Augen zu kopiren vermocht hätte, mußte dies Bild allein ihn unſterblich machen. Leonin aber fuͤhlte ſich bezaubert von dem Talente des Kuͤnſtlers, und je mehr er ſich uͤberzeugte, Louiſe ſelbſt in all' ihrer Schoͤnheit und Jugend und dem ruͤh⸗ renden Ausdruck ihrer Seele trete aus der Leinwand hervor, um, entfernt von dem Originale, Jedem zu ſa⸗ gen, welch' ein reizendes Weſen ſie ſei— je gluͤhender fuͤhlte er das Verlangen, ſo Fennimor's Bild zu be⸗ ſitzen; und die Hoffnung, auf dieſe Weiſe ſeiner Mut⸗ ter einen vortheilhaften Eindruck zu geben, unterſtuͤtzte immer entſcheidender ſein eigenes Verlangen. Belebt von dieſem Zwecke, ſuchte er ein Geſpraͤch mit Leſuͤeur einzuleiten und ſein Vertrauen zu gewin⸗ nen; auch war dies nicht ſchwer. Krankhaft reizbar, war er eben ſo empfaͤnglich fuͤr eine edle Behandlung, der ſeine eigene Richtung vollkommen entgegnen kam. Er zeigte eine feine, kunſtleriſche Bildung, ein vollkom⸗ menes Studium der klaſſiſchen Kunſt, und obwohl er Frankreich nie, Paris kaum verlaſſen hatte, kannte er doch aus Kupferwerken und Kopien die italieniſchen Schulen, betete Raphael als ſeinen Schutzheiligen an und glaubte vorzuͤglich in dieſen letzten mythologiſchen Bildern die Erfolge ſeiner Studien dargethan zu haben. Als die Sitzung aufgehoben war, begleitete ihn Leonin und beredete ihn, ſein Zimmer zu betreten, un⸗ ter dem Vorwande, ſeine Equipage zu beſtellen, um den ſichtlich erſchoͤpften Kuͤnſtler nach Hauſe bringen zu laſſen.— Hier kam er auf den Plan der Marſchal⸗ lin zuruͤck, daß Leſuͤeur auf's Land gehen ſolle— und ſchlug ihm endlich vor, Ste. Roche ſtatt Moncay zu waͤhlen, und abwechſelnd dem Umherſchwaͤrmen im Freien und einer Arbeit zu leben, die er ihm dort auf⸗ zutragen dächte. Leſuͤeur war hingeriſſen von Leonin's Betragen— voll Sehnſucht, Paris zu verlaſſen. Das Portrait der Mademoiſelle Louiſe war fertig— vorläufig hielt ihn Nichts— und ehe ſie ſich trennten, hatte Leonin ſein Wort. Die Abreiſe des Kammerdieners ward einen Tag aufgeſchoben, damit er Leſuͤeur mit aller Sorg⸗ falt, die ſeine Geſundheit erforderte, nach Ste. Roche begleiten koͤnnte. 121 * „Was Sie dort fuͤr Arbeit finden, wird Ihnen ein Brief mittheilen, den Sie unterwegs leſen wer⸗ den,“ ſetzte Leonin laͤchelnd hinzu—„ſeien Sie ſicher, der Gegenſtand wird Sie begeiſtern!“ In dieſem Briefe verlaugnete er Fennimor als ſeine Gemahlin nicht; doch mit dem ausdruͤcklichen Verlangen, hieruͤber noch das großte Geheimniß zu bewahren. Erſt, als er Alles zu dieſer Reiſe bei ſeinem ge⸗ wandten Kammerdiener eingeleitet hatte, fuͤhlte er ſich geneigt, zu ſeiner Mutter zuruͤck zu kehren. Die Marſchallin hatte ſeine Ruͤckkehr nicht er⸗ wartet und war einen Moment unangenehm davon uberraſcht; den ſie ſah es ihm an, er beſtand hart⸗ näckig auf ſeinem Vorſatze, ihr Vertraun zu erzwingen; und ſie mußte Anderes erſinnen, ihn abzulenken. „Nun, mein Lieber, kommſt Du jetzt, Dir gnä⸗ dige Strafe von Deiner Mutter zu holen?“ rief ſie ihm entgegen. „Wenn meine geliebte Mutter die Gnade hat, mir zu ſagen, womit ich ſie verſchuldet habe,“ rief er arglos — und von dem leiſeſten Lächeln dieſes ſpröden Mundes wie bezaubert, ſetzte er ſich, mit der groͤßten Zärtlichkeit in Blick und Miene, an ihre Seite. „Nun,“ ſagtc die Marſchallin,„mein Tadel wird 122 nur die Beſtätigung davon ſein, daß Frankreich das vollkommenſte Land der Erde iſt; daß man alle Län⸗ der, alle Höfe bereiſt haben kann, und doch an dem hieſigen Hofe als ein Neuling erſcheinen und die Schule von Vorne durchmachen muß.“ Sie ſah bei dieſen Worten anſcheinend ruhig vor ſich nieder; doch ent⸗ ging es ihr nicht, wie Lebnin's Antlitz mit Purpur uͤberzogen ward, und er die empfindlich glanzenden Augen unruhig auf und nieder ſchlug. „Ich bin bekuͤmmert— laſſen Sie mich hinzu⸗ ſetzen, erſtaunt, zu erfahren, daß ich dieſe Betrach⸗ tung auf mich anwenden ſoll!“ erwiederte er endlich —„fremd habe ich mich allerdings bei Hofe noch ge⸗ fuhlt; aber dies ſchien mir keine Verſchuldung oder doch eine ſolche, die alle Andern gegen mich theilten.“ „Das war es eben, mein Lieber! Sie laſſen ſich imponiren— Sie zeigen keine Haltung— Sie ſind nicht bei ſich und reflektiren ſich ſelbſt— mit einem Worte, Sie haben nichts Vornehmes in Ihrer Art und Weiſe! Ein Vornehmer, mein Lieber, muß nie in den Fall kommen, mit irgend Etwas fremd zu ſein. Er muß uͤberall mit ruhiger Gleichguͤltigkeit zu Hauſe ſcheinen— er muß mit ſich ſelbſt ein beſtimm⸗ tes, von den Grazien des Anſtandes gelehrtes Gefal⸗ — — — — 123 len treiben, das ihm Unterhaltung und Beſchäftigung gewährt und das Publikum zu ihm heranzieht, deſſen Theilnahme er benothigt iſt. Sie muͤſſen nie daran denken, ſich dem Einen oder Andern anzuſchließen. Sie, Sie ſelbſt muͤſſen da ſtehen, daß man ſich an Sie anſchließe! Dazu gehoͤrt, daß Sie zu Anfange ſich kalt in ſich zuruckziehen— daß Niemand erfahre, ob oder was fuͤr Meinung Sie haben, daß man ſich Ihnen naͤhert, ſie zu erfahren; dann werden Sie Sicherheit bekommen, Ihre Meinungen auszuſprechen, und dieſe muͤſſen entſcheidend, untruͤglich und Alles uͤberrennend ſein. Sie muͤſſen damit das Programm vertheilen, wie man ſich gegen Sie zu verhalten hat, und in welcher Weiſe Sie ſich verhalten wollen. Ob dabei Ihrerſeits Irrthuͤmer nachzuweiſen ſind, iſt vor⸗ läufig gleichgultig— Irrthuͤmer ſind beſſer, wie Un⸗ ſicherheit; und ſtehen Sie erſt feſt und wollen Etwas aͤndern, ſo ſteht Ihnen dann das Recht zu, jede Laune einzuſchalten.“— Vielleicht war es Fennimor's guter Engel, der herbei eilte und mit ſeinen Thraͤnen das neue Zeichen wegzuwiſchen trachtete; denn Leonin fuͤhlte es kalt uͤber ſein Herz gleiten, als er die Rolle vor ſich ent⸗ wickelt ſah, die er hier lernen ſollte, den Beifall ſei⸗ ner Mutter zu gewinnen. 124 3„Madame,“ ſagte er kalt,„ich fuͤrchte, ich werde nie ein vornehmer Mann in Ihrem Sinne!“ „Das bilden Sie ſich nur ein, mein Kind,“ er⸗ 6 wiederte die Marſchallin unerſchuͤttert—„Sie wer⸗ den in kurzem einſehen, daß dies der einzige Weg iſt, ſich in der Maſſe hervorzuheben, daß es Alle ſo machen, die, wie Sie, einen vornehmen Namen zu behaupten haben; und ich weiß ſogar beſtimmt, Sie werden dieſen Weg gehn, ja, Sie wuͤrden ihn entdeckt haben ohne meinen Rath. Doch wuͤrde ich ungern Zeuge Ihres Umhertappens danach geweſen ſein; auch hätte es eine kleine Verſpätung veranlaſſen können, ſo daß man uͤber Ihre Erſcheinung abzuſchließen Luſt gehabt hätte; und ſo Etwas iſt nie wieder gut zu machen.“ Obgleich Leonin mit ſeinem Betragen nicht zu⸗ frieden geweſen war, ſo lag dies, wenn auch zum Theil von ſeiner Eitelkeit angeregt, doch mehr in den Vorwuͤrfen, die er ſich machte, ihr mehr nachgegeben zu haben, als er ſeiner beſſern Einſicht zugeſtehen durfte. Hier aber wurde er plötzlich aller Prädikate beraubt, die er mit angeborenem Standes⸗Stolze ſich geſichert glaubte— und er verſuchte vergeblich ſeine beſſere menſchliche Ueberzeugung gegen die Streiche, die ſein Hochmuth empfing, zu Hilfe zu rufen. Die Mar⸗ ſchallin behielt Zeit, fortzufahren: — ————— „Sie hatten eine Unruhe in Ihren Bewegungen, einen Wechſel von Verbindlichkeit und Mißlaune in Ihren Mienen, Sie ließen ſich ohne Wahl und Nach⸗ denken bald Dieſem, bald Jenem vorſtellen— Herr von Fenelon iſt bei weitem unter Ihrem Range, und ich habe Herrn von Dreur Vorwuͤrfe gemacht, es zuge⸗ laſſen zu haben. Dem Könige haben Sie eine Thea⸗ terphraſe geantwortet— die Erwiederung an Madame war ganz unuͤberlegt; und dem Koͤnige antwortet man uͤberhaupt nie, ohne eine beſtimmte Frage erhalten zu haben. Genug, mein Lieber— meine Abſicht, Ih⸗ nen größere Freiheit, eine ſicherere Haltung durch dieſe Reiſen zu verſchaffen, da Ihr Naturell etwas Zuruͤck⸗ tretendes hat, ſcheint ſich noch nicht zu beſtätigen. Man konnte denken, Sie wären in der letzten Zeit in keiner guten Geſellſchaft geweſen— wenigſtens glaube ich ſicher, unmittelbar aus der Gewöhnung dieſes Hauſes in unſere Zirkel uͤbergehend, wuͤrde es Ihnen nicht an einer taktvolleren Haltung gefehlt haben;— obwohl ich gern zugeben will, daß der Anblick unſeres erhabenen Monarchen und dieſer ihm zugehörenden Umgebungen ganz geeignet iſt, zu erſchuͤttern und aus dem Gleiſe zu bringen.“ „Ich habe hiervon in dem Maaße, wie Sie es vorausſetzen, Nichts empfunden“— erwiederte Leonin 126 und verſuchte, ſeine von Zorn und Empfindlichkeit be⸗ bende Stimme zu maäßigen.„Wenn Euer Gnaden ſo wenig Ehre mit mir einlegen, wie dieſer erſte Ver⸗ ſuch befuͤrchten laͤßt, ſo iſt es beſſer, ich folge meiner ohnehin ſtarkeren Neigung, mir ſelbſt zu leben, und verlaſſe einen Schauplatz, deſſen Anforderungen ich ſo wenig zu verſtehen ſcheine!“ „Nun, wahrlich,“ lachte die Marſchallin hell auf —„ich freue mich, daß Sie nicht ganz das wilde Blut der Crecy verläugnen und bei der erſten kleinen Zuͤchtigung Ihrer Eitelkeit gleich uber die Leine ſchla⸗ gen und davon laufen wollen. Das iſt mir lieb, und wenn Sie ſelbſt Ihre eigne Mutter fuͤr angethane Beleidigung in die Schranken rufen, ſoll mich das nicht verdrießen. Eine Mutter iſt ſo oft das Opfer ihrer Liebe fuͤr die Kinder ihres Herzens, daß ſie ſelbſt vor den Zuͤchtigungen nicht zuruͤckbeben darf, die dieſe Kinder ihr geben moͤchten.— Du zuͤrnſt doch nicht ernſtlich mit Deiner Mutter, Leonin?“ rief ſie liebevoll ſcherzend und reichte ihm die Hand. Dieſe Art und Weiſe, von der groͤßten Strenge und Härte plotzlich in die Zartlichkeit einer Mutter überzugehn, war faſt unwiderſtehlich füͤr Leonin.— Sein Herz fuͤhlte ſich von dem Kampfe des Unwillens erloͤſt, das Blut floß wieder warm daraus hervor, und —— ——— wenn ſeine Ueberzeugungen gegen ihre ſcharfen Geiße⸗ lungen ſich feſt verhielten, wurden ſie doch in dem Augenblicke verdeckt, als dieſe Weichheit hervortrat, die nur Anforderungen an ſeine Liebe zu machen ſchien und ihn anregte, jede unſanfte Beruͤhrung von der zärtlich Hingegebenen abzuhalten. „O, meine Mutter,“ rief er, ihre dargereichte Pand kuͤſſend,„wer konnte je Ihre ewig gleiche Liebe, Ihre unendliche Ueberlegenheit verkennen? Vergeben Sie meine Aufwallung, die ſo natuͤrlich iſt bei der Befuͤrchtung, Ihnen mißfallen zu haben;— doch laſſen Sie mich hinzufugen, ich furchte in Wahrheit und nicht aus Empfindlichkeit, wie es Ihnen eben ſchien, ich werde die Aufforderungen nie erfüllen koͤnnen, die hier mit der Entäußerung unſerer ganzen Ueberzeugung, an uns ergehen.“ „Mein Kind, ſtelle Deine Ueberzeugungen nur erſt Deinem Range und Deinen Anſpruͤchen gemäß feſt, ſo wirſt Du Nichts von ihnen aufzuopfern noöthig haben.— Hieruͤber biſt Du noch im Unklaren, daher entſteht der Widerſpruch, der Dich reizt und den Du — von kleinen jugendlichen Phantaſien abgezogen— nicht kraftig genug beſeitigeſt.“ „Nennen Sie das nicht jugendliche Phantaſien, meine Mutter!“ unterbrach ſie hier Leonin haſtiger, als ſie es erwartet hatte—„worauf Sie hindeuten mit dieſen Worten— es iſt der ernſte, heil'ge Kern meines Lebens, den Sie muͤtterlich ſchuͤtzen muͤſſen, wenn Sie Ihren Sohn gluͤcklich ſehen wollen!“— Er hoffte einen großen Schritt gethan zu haben; er erwartete jetzt, ſie werde ihm zu Hilfe kommen ihr endlich ſein ganzes Verhaͤltniß offen darlegen zu können; aber die Marſchallin zuͤrnte ſich und ihm, daß es ſo weit gekommen war, und dachte nur daran, ihn entweder zuruͤckzudraͤngen oder ſeine Zuverſicht zu erſchuͤttern. Ehe ſie indeß das Geeignete ſagen konnte, ſank Leonin, verfuͤhrt von ihrem Stillſchweigen, ihr zu Fuͤßen. „Ich weiß,“— rief er, tief bewegt—„Sie er⸗ fuhren Alles! Souvré hat Ihnen Nichts verſchwiegen — er durfte es auch nicht! Habe ich auch ſchnell, vielleicht voreilig gehandelt, ſo habe ich doch Nichts ge⸗ than, was mich verunehrt; und das neue Verhältniß ſichert mir Gluͤck und die ſchoͤnſte Zukunft!“ Das Herz der Marſchallin ſchwoll auf von Zorn. Sie mußte ihre Augen niederſchlagen, um der Wich⸗ tigkeit dieſer Mittheilung nicht Geltung zu verſchaffen durch das Funkeln des Unwillens, deſſen ſie ſich be⸗ wußt war. „Nehmen wir dieſe Sache, uber die der Mar⸗ quis de Souvrs mir allerdings Einiges mitgetheilt hat, nicht zu wichtig, mein Sohn! Es wäre beſſer ge⸗ weſen, Du hätteſt es bei dem bewenden laſſen, was ich daruber durch Souvré erfuhr. Es iſt kein paſſen⸗ der Gegenſtand, um ihn mit Deiner Mutter zu ver⸗ handeln, die ſtets eine Frau von ſo reinen Sitten und ſo untadelhaftem weiblichem Gefuͤhle war, daß ſie ſelbſt die Erzahlungen von den Verirrungen ihres Geſchlech⸗ tes in jenen niederen Ständen von ſich abzuhalten wußte Wenn ich gewuͤnſcht haͤtte, Deine Sitten auch in dieſer Beziehung vollkommen rein erhalten zu ſehen, ſo habe ich doch alle Schwaͤchen einer Mutter, die nicht allein zum Verzeihen geneigt iſt, ſondern den Verfuͤh⸗ rungen, die dazu hinlockten, gern einen bedeutenden Theil der Schuld beilegt.— Ich darf Dir uͤbrigens den Troſt geben, daß Dein Vater über dieſe Jugend⸗ thorheit ganzlich in Unkenntniß erhalten ward, und daß es uns auch gewiß leicht werden wird, ihn ferner darin zu bewahren.— Seine ungemeſſene Heftigkeit wuͤrde, im Falle der Entdeckung, Dir und mir unangenehme Stunden machen.“ So ſehr Leonin ſich auch mehrere Male beſtrebte, die Worte ſeiner Mutter zu unterbrechen, ſo wollte ihm dies doch nicht gelingen, und er mußte den ganzen Inhalt ihrer Anſicht übe ſein Verhaͤltniß erfahren, Ste Roche n. 9 und damit den vollen Umfang ſeiner ungluͤcklichen Stellung erkennen. „Um Gotteswillen, theure Mutter, in welchem Irrthume ſind Sie uͤber dies Verhaͤltniß, daß Sie es ſo herabwuͤrdigend bezeichnen koͤnnen! Hat man Ih⸗ nen denn nicht geſagt, welcher Heiligung es genießt— und wie es dadurch von jedem Makel der Unſittlichkeit befreit blieb?“ „Ich bitte Dich, mein Kind,“ ſagte die Marſchal⸗ lin, nach Faſſung ringend,„erwähne die ſonderbare Farce nicht, mit der Deine jugendliche Unerfahrenheit betrogen ward.— Obwohl es empoͤrend iſt, kirchliche Formen, wenn es auch nur die unzureichenden jener Ketzerſekte ſind, da anzuwenden, wo ſelbſt unſere heili⸗ gen Segnungen ihre Zulaſſung völlig ungeſetzlich mach⸗ ten, ſo muͤſſen wir jetzt doch Gott danken, daß weder Dein Alter, noch die Anweſenheit Deiner Eltern den kleinſten Schein einer bindenden Verpflichtung auf dieſe unerlaubte Prophanie werfen koͤnnen; denn ſie macht wenigſtens ernſtere Schritte unnöthig, Dir Deine Frei⸗ heit wieder zu geben. Doch bitte ich Dich, wenn Du jetzt daran denken wirſt, dieſe Verhaͤltniſſe zu beſeiti⸗ gen, daß dies mit dem Anſtande geſchieht, den Perſo⸗ nen ſo hohen Ranges auch bei ſolchen Abfindungen ſich ſelbſt ſchuldig ſind. Du haſt Vermoͤgen genug, dies ausreichend auszufuͤhren, und ſelbſt meine Kaſſe wuͤrde Dir offen ſtehen.“ „Nein, nein, ich ertrage es nicht!“ ſchrie Leonin hier wie im Wahnſinne guf.—„Hoͤren Sie mich! Um Gottes Willen, hoͤren Sie mich, wenn Sie mich nicht todten wollen! Sie ſind im Irrthume, in einem ſchrecklichen Irrthume! Laſſen Sie mich Ihnen Alles, Alles erzaͤhlen, und dann laſſen Sie mich fort von hier, wo ich nimmer hinpaſſen werde, verworfen von Allem, was hier Geltung hat!“— „Gemach, mein Sohn!“ unterbrach ihn die Mar⸗ ſchallin—„Sie verfehlen den Ton mit mir!— Ma⸗ demoiſelle Louiſe, ſtehen Sie auf und erinnern Sie Ih⸗ ren Bruder, daß Sie gegenwärtig ſind, und daß dieſe Unterredung aufhoͤrt, paſſend zu ſein fuͤr Ihre Anweſen⸗ heit!— Laſſen Sie uns jede Erörterung vermeiden, da ſie uns nothwendig verſtimmen muß!“— „O, das iſt kein Wort fur eine Angelegenheit, die mein Lebensgluͤck bedingt!— Theure Mutter, entzie⸗ hen Sie ſich mir nicht ſo!— Louiſe, meine Schweſter, bitte fuͤr Deinen Bruder, wenn Du ihn nicht ungluck⸗ lich und zerfallen mit ſich und allen ſeinen Lebensver⸗ hältniſſen ſehen willſt!“— Louiſe warf ſich ihm laut weinend in die Arme und umſchlang ihn, als wolle ſie mit ihrer zarten Geſtalt ihn decken gegen jeden Angriff auf ſein Gluͤck. „Sei ruhig, Leonin— Du wirſt, Du kannſt nicht ungluͤcklich werden! Nein, nein, unſere Mutter wird Dich ſchuͤtzen— retten!“— „Koͤnnen Sie es verantworten, ſolche Scene ver⸗ anlaßt zu haben?“ ſagte die Marſchallin, ſich unmuthig erhebend.—„Louiſe, Du vergißt, daß Dich Fraulein von Lesdiguères erwartet.“ „Gehen Sie ſo nicht von mir!“ rief Leonin, die weinende Louiſe aus ſeinen Armen ſanft in einen Stuhl ſetzend—„meine Ehre, meine Pflicht befiehlt mir, Sie um Gehoͤr zu bitten; denn der groͤßte Theil Ihres Un⸗ willens beruht auf Ihrer Unkenntniß.“ „Heute nicht, mein Sohn,“ rief die Marſchallin plotzlich wie erſchoͤpft—„ich fuhle, ich bedarf der Ruhe — ich kann von Ihnen dieſe Schonung fordern!“— „Befehlen Sie uͤber mich! Wenn Sie mir dieſe Unterredung nicht verſagen und bis dahin Ihr Urtheil zu⸗ ruͤckhalten wollen, werde ich voll Geduld und Ehrfurcht abwarten, bis Sie ſich geneigt fuͤhlen, mich anzuhoͤren.“ Obwohl die Marſchallin hierauf nichts erwiederte, mußte Leonin ſchon ihr Schweigen fuͤr eine Gunſt anſehen, woran eine leiſe Hoffnung zu knuͤpfen, ihm der einzige Troſt war bei der entſetzlichen Nieder⸗ lage, die er erfahren.— „ e 3 133 Aber dieſe Unterredung, deren Anſetzung er mit ſo viel Unruh' erwartete, erfolgte nicht. Eine Anre⸗ gung von ſeinér Seite mißgluͤckte um ſo mehr, da ſie anzudeuten wußte, wie ſie den Gegenſtand laͤngſt fuͤr erledigt hielte und fuͤr zu unbedeutend, um darauf zu⸗ ruͤck zu kommen. In eben dem Maaße ward der alte Marſchall dringender mit einer von ihm lebhaft ge⸗ wuͤnſchten Vermaͤhlung ſeines Sohnes; und obwohl die Marſchallin die Grundſätze gern vor ihrem Sohne ent⸗ falten hoͤrte, die ſeinen Hoffnungen toͤdtlich werden mußten, ſo wußte ſie ſich doch ſtets hochſt geſchickt das Anſehen eines vermittelnden Schutzes zu geben und ſo in der Stille Leonin's Dank zu verdienen. Seine öffentlichen Verhaltniſſe hatten indeß ganz die Wendung genommen, die, ſeiner Eitelkeit zuſagend, die Vorwuͤrfe der Marſchallin zu entkraͤften ſchienen. Täglich öffnete ſich ihr Hotel fur die ausgezeichnete Geſellſchaft, die ſie zu empfangen pflegte. Leonin war den Perſonen, aus denen der Hof beſtand, be⸗ kannt geworden, und ohne daß er es gewahr wurde oder doch ſich eingeſtehen wollte, war das Bild, das ſeine Mutter von einem vornehmen Manne entwor⸗ fen hatte, in ſeine Phantaſie uͤbergegangen, und druͤckte ſich nach und nach in ſeinen Formen aus. Er fuhlte ſich dabei wohler, den Verhältniſſen gegen⸗ 134 uber erleichtert, und nicht nachfragend, wohin dieſer Weg ihn fuͤhren muͤſſe, lebte er, wie der Augenblick es ihm bequem finden ließ. Endlich wurde große Cour und ein darauf fol⸗ gendes Feſt bei der Koͤnigin angekuͤndigt, welche ſeit dem erwähnten Unfalle bei dem Hotel Biron ſich un⸗ wohl gefuͤhlt hatte, und ein Gegenſtand der zarteſten Aufmerkſamkeit des Koͤnigs geweſen war. Man ſprach zwar von dem Verhältniſſe zur Lavalliere, aber nur andeutend— und mit einer Schonung, die dieſem Verhaͤltniſſe einen Charakter romantiſcher Empfindſam⸗ keit— einen Grad von Ehrbarkeit verlieh, an dem die Gewalt zu erkennen war, die der Konig ſelbſt uber die feſtſtehendſten Grundſaͤtze auszuuͤben vermochte, die man aufhoͤrte der gewöhnlichen Pruͤfung zu unterwer⸗ fen, wenn ſein Wille ſie geſtaltete. Das demuͤthige und beſcheidene Verhalten der Lavalliere trug hierzu bei— ſie war immer ablehnend gegen jede Auszeich⸗ nung und ſetzte die Geduld des Koͤnigs täglich auf Proben, die nur ſeine anbetende Liebe gegen ſie uͤber⸗ wand. Man ſagte ſich leiſe, ſie wurde bei dieſer Cour zuerſt als Herzogin erſcheinen, wozu der Koͤnig ſie vor kurzem faſt mit Gewalt erhoben hatte, die Ausſtattung des Hotels Biron dieſer Auszeichnung hinzufuͤgendz man wußte, daß die Königin von den Liebesbeweiſen ihres S. Gemahls geruͤhrt, ihre Einwilligung gegeben hatte, ſie mit den ihr zuſtehenden Vorrechten als Herzogin zu empfangen. Dieſem Schauſpiele drängten ſich nun die Hof⸗ leute, welche berechtigt waren bei der Koͤnigin zu erſchei⸗ nen, in großer Anzahl entgegen, und es war kein klei⸗ nes Geſchaͤft, die Ordnung herzuſtellen, die Jedem den Platz anwies, den ſein Rang erforderte. Der Marſchall hatte ſich gleichfalls herausgeriſſen, um wenigſtens ein Mal den geliebten Sohn vor den Augen ſeines Koͤnigs zu ſehen. Er war mit ihm vor— angefahren, und die Marſchallin und Louiſe, die ihnen folgten, noch nicht eingetroffen, als die voraneilenden Cavaliere erſchienen und Anna von Oeſtreich, die Mut⸗ ter des Koͤnigs, verkuͤndigten, welche unmittelbar dar— auf mit dem groͤßten Pompe eintrat, von ihrem ganzen Pofſtaate gefolgt.— Die Zeit ſeit dem Tode Maza⸗ rin's hatte die Eindruͤcke gemildert, die damals an ih⸗ ren Anblick die gehäſſigſten Empfindungen knuͤpften. Die ungemeine Hochachtung, die kindliche Ehrfurcht, mit welcher der Koͤnig ſeine Mutter behandelte, ließen keinem Andern eine Wahl ſeines Verhaltens. Anna von Oeſtreich, welcher es nicht an feinem Verſtande fehlte, und deren ungluckliche und ungewohnliche Ver⸗ hältniſſe, als Gattin Ludwigs des Dreizehnten, Entſchul⸗ digungen zuließen, wußte jetzt eine ſo wuͤrdevolle St lung zu behaupten, daß ſie bei allen Angelegenheiten ih⸗ rer Kinder, wie die des Hofes, einen wirklich muͤtter⸗ lichen Rang einnahm und ihnen zur Ausgleichung ih⸗ rer Streitigkeiten auf verſtändige Weiſe behilflich war. Auch jetzt hatte ſie die Königin zu ihrem milden Verfahren gegen Madame de Lavalliére beredet, und die edle, ſanfte und zärtlich liebende Maria Thereſia hatte den neuen Schmerz zu bekämpfen geſucht, immer hoffend, ſo ſich den König dereinſt zuruͤck zu fuͤhren.— Wohlmeinend eilte daher Anna ihrem Sohne zur Ko⸗ nigin voran, dieſe durch ihren Zuſpruch und ihre Ge⸗ genwart zu ſtuͤtzen. Sie begrußte deshalb die zahlreiche Verſammlung nur voruͤbergehend; als ſie aber den Marſchall Crecy⸗Chabanne erblickte, deſſen auffallende Erſcheinung nicht leicht uͤberſehn werden konnte, blieb ſie ſtehen und nickte ihm wohlwollend zu. „Das iſt brav, Marſchall, daß ich Euch hier am Hofe eben ſo in den vorderſten Reihen finde, als früͤ⸗ her in der Schlacht!“ rief ſie mit ſtarker, herzlich klin⸗ gender Stimme und naͤherte ſich ihm; aber laͤngſt vom Vater weg auf Leonin blickend, deſſen jugendliche Schon⸗ heit dies vollkommen rechtfertigte.„Doch habt Ihr auch, wie ich ſehe, eine Stütze mit Euch gefuͤhrt, die ausreichen wird, wenn Ihr ermuͤdet.— Ich heiße Euch willkommen, junger Mann! Man ſagt mir, Ihr ſeid nicht umſonſt gereiſt, Ihr habt Euren Verſtand entwickelt; das iſt zu loben und wird nie von Seiner Majeſtät dem Koͤnig uberſehen— auch ich werde mich deſſen erinnern.“ „Laſſen Euer Majeſtät ihn ſich empfohlen ſein!“ rief der Marſchall, ſeiner alten Herrin gegenuͤber hoch erfreut—„ich hoffe, er ſoll den Namen nicht veruneh⸗ ren, den Eure Majeſtät ſo oft ausgezeichnet haben.“ „Ja, ja, Marſchall, wir haben viel zuſammen Rath gehalten,“ fuhr die Königin fort, angenehm durch ihn an ihre Regentſchaft und Macht erinnert—„und immer wart Ihr ein Brauſekopf, dek, den Degen in der Hand, die Scheide weg warf— dafuͤr ſuchtet Ihr ſie aber auch nicht fruͤher wieder, als Eurer Koͤnigin Recht geſchah.“— „Wer durfte auch das Gluͤck, Euer Majeſtat die⸗ nen zu koͤnnen, anders ehren? War doch das gute Recht immer auf unſerer Seite.“— „So war es!“ erwiederte Anna,„und ich ver⸗ ſtand es Euch zu lohnen, nicht wahr? Das eigne, liebſte Hoffraäulein, Mademoiſelle Soubiſe, mußte Euch die Brautkrone flechten.“— „Euer Majeſtät wußten immer vollkommen rich⸗ tig, ſo wichtige Angelegenheiten zu leiten. Ich denke 138 die Namen unſerer gleich alten Haͤuſer haben ſich ſtets gut nebeneinander ausgenommen, und ich war ſtolz darauf, ſagen zu koͤnnen: dieſe Wahl hat meine Koͤni⸗ gin ſelbſt getroffen!“— „Ja,“ lachte Anna von Oeſtreich,„wir hielten etwas auf unſern Marſchall! Und faſt habe ich Luſt, bei dem Sohne fortzuſetzen, was mir bei dem Vater ſo gut gelungen. Wie iſt es, junger Mann— ich hoffe, Ihr ſeht die Schoͤnheiten unſeres Hofes nicht als kalter Zuſchauer?“— „Wer koͤnnte an dieſem Hofe kalter Zuſchauer bleiben, da jeder Tag uns eine neue erhabene Vereini⸗ gung unvergaͤnglicher Schoͤnheit und edler Geiſtesbil⸗ dung darbietet? Zu den Intereſſen des eignen Herzens behaͤlt hier Niemand Zeit!“— „So!“ erwiederte die Koͤnigin, nicht anſtehend, dieſe ſchnell hervorgebrachte Antwort als einen Tribut fur ſich anzunehmen—„nun, dann will ich ſchon fuͤr Euch Zeit finden und die Wahl beſorgen!“ Leonin ſchwieg— der Marſchall aber ſprach ſeine Freude, ſein Entzuͤcken ſo laut aus, daß die Koͤnigin, uͤber den alten Kriegshelden wohlgefällig lachend, ihn verließ und in die inneren Gemächer verſchwand. Das Ende dieſer Scene hatte die Marſchallin, die an Louiſens Seite indeſſen die Zimmer erreicht ——— , ——— hatte, mit angehoͤrt, und auf ihrem Platze gefeſſelt, konnte ſie nicht allein beobachten, ſondern behielt auch Zeit, augenblicklich darnach ihren Plan zu entwerfen. In dieſem Augenblicke ward der König gemeldet, und die Konigin verließ an der Seite ihrer Schwiegermut⸗ ter die inneren Gemacher, um ihren Gemahl in dem Audienzſaale zu empfangen. Hier ſah Leonin die Königin zuerſt, und ſein Derz war mit dieſem erſten Blicke ihr fur immer ge⸗ widmet. Maria Thereſia, die Tochter Philipps des Vier⸗ ten von Spanien, ward von allen Perſonen, die ihr näher ſtanden, mit der groͤßten Hingebung geliebt, und rechtfertigte durch ihren ſanften und edeln Charakter vollſtändig dieſe Empfindung.— Sie würde ſchoͤn ge⸗ weſen ſein, wäre ſie größer geweſen; denn ihr Geſicht ward bloß durch etwas zu ſtarke Lippen, welches ein Familienzug war, in ſeiner ſonſt vollſtändig regelmaͤ⸗ ßigen Form geſtoͤrt. Bewundernswuͤrdig war beſon⸗ ders ihr ſchoͤnes blondes Haar und der damit verbun⸗ dene feine Teint von blendender Weiße und Zartheit. Ihre Augen waren blau, groß, von klugem, lebhaftem Ausdrucke, und unterſtutzten den Anſtand und die Wuͤrde, die ihr bei ihrem oͤffentlichen Erſcheinen voll⸗ kommen zu Gebote ſtanden. Die leidenſchaftliche Liebe, . 140 die Maria Thereſia fuͤr ihren Gemahl empfand, hielt alle Pruͤfungen aus, die das abſchweifende Gefuͤhl des Koͤnigs ihr auferlegte, und ſicherte dieſem Verhältniſſe eine große Innigkeit und eine achtungsvolle Behaup⸗ tung des Anſtandes; da der Koͤnig immer gern und voll Ehrerbietung zu einer Gemahlin zuruckkehrte, die niemals Gefuͤhle zu ertrotzen ſuchte, weil ſie dazu Rechte beſaß, und deren Vorwuͤrfe faſt nur in der Er⸗ ſchuͤtterung beſtanden, die mit ihrer Freude, ihrem Gluͤcke bei ſeiner Wiederkehr hervortrat. Aber der tiefe Schmerz, den ihr unerwiedertes Gefuhl ihren einſamen Stunden aufſparte, zeigte den wenigen Vertrauten, die ihr als Zeugen blieben, wie heftig ſie zu leiden ver⸗ mochte. Leonin hatte von dieſen Verhältniſſen nur eine allgemeine Kenntniß. Der Koͤnig imponirte Allen, was ſelbſt bis in die vertraulichen Mittheilungen ſeiner Hofleute hinein, bemerkbar war.— Seine Liebe zur Lavalliöre war die erſte hervortretende Empfindung dieſer Art; vielleicht uͤberwältigte ſie wirklich die Mei⸗ nung durch ihre Wahrheit, die ſie auch jetzt noch jedem Forſcher uͤber Ludwigs Leben zu dem einzigen Gefuͤhle ſeines Herzens erheben muß. Vielleicht war es auch mehr noch die Furcht und Anbetung, die der Koͤnig einzufloͤßen wußte— genug, es wurden nur An⸗ deutungen daruͤber lautbar, und man mufßte ſelbſt ſehen, um ſich das Ganze zuſammenſtellen zu köͤnnen.— Als der Koͤnig eintrat und in der Mitte beider Koͤniginnen zu den Zimmern ſeiner Gemahlin zuruͤck⸗ kehrte, ſchien er ein ganz Anderer, als Leonin ihn geſehen; denn hier war er nur Koͤnig, und ſeine hohe gebietende Stirn, ſeine ernſten geiſtvollen Blicke ſchie⸗ nen das Diadem anzudeuten, das unſichtbar mit ſeinem Nimbus ihn umſchwebte. Die Königinnen, obgleich beide mit der vollen⸗ detſten koͤniglichen Wuͤrde und mit dem Schmuck ihres Geſchlechtes ausgeſtattet waren, gingen doch ſo un⸗ bemerkt neben Ludwig einher, als ob ſie bloß die Stuͤtzen ſeiner ſchönen Haͤnde waͤren. Leonin ſah, daß ſein Vater die Farbe aͤnderte, und ſein Geſicht ein Paar Zuckungen erhielt, womit er Ruͤhrungen zu bemeiſtern pflegte, als der König voruber ging, den auffallenden Greis mit ſeinem Adlerauge ſtreifte und kaum merklich mit dem Kopfe nickte. Leonin ging es faſt nicht anders; denn Nichts ergreift uns ſo, als unſere Eltern geruͤhrt zu ſehen.— Wir haben einen Glauben an ihre Feſtigkeit und gedenken nicht der Zeit, wo ſie nicht ausreichte, von den Eindruͤcken jener uͤberboten, wo ſie unſere jugendliche Schwäche ſtutzte.— Sie von dieſer Feſtigkeit verlaſſen zu ſehn, macht ſie uns juͤn⸗ ger, bringt uns ihnen naͤher; und indem es unſere Zaͤrt⸗ lichkeit durch die Sorge fur ſie erhöht, erhebt es die Wichtigkeit der Veranlaſſung. Der Koͤnig bedurfte kei⸗ ner äußern Umſtaͤnde zu der Anerkennung derſelben, da⸗ rum war die Wirkung auf Leonin doppelt ſtark. Die Herrſchaften hatten Platz genommen, nur der Koͤnig ſtand und uͤberſah, mit Gemeſſenheit ſeine Worte vertheilend, die glanzvolle Verſammlung, die ihre Huldigungen in tiefſter Demuth darbrachte und dann ſich beeilte, die Plätze einzunehmen, die ihnen ihr Rang ſtehend oder ſitzend anwies. Die Abſtufun⸗ gen der Etikette wurden mit einem Ernſte behandelt, mit einer Strenge beobachtet, welche genau zu ken⸗ nen, als das hauptſächlichſte Zeichen der Hofbefähigung galt, und von Jedem befolgt, ohne Zweifel die wurdige, geräuſchloſe Haltung dieſes glaͤnzenden Schauſpiels her⸗ vorrief. Jetzt eilte der Marſchall von Crecy, mit einer Be⸗ wegung, die ſeine Hand faſt ſchmerzhaft um die ſeines Sohnes ſchloß, ſich den hohen Herrſchaften zu nahen; und Ludwig, der den alten Helden im Begriffe ſah, das Knie zu beugen, kam dieſer fur ſein Alter faſt unmoͤg⸗ lichen Huldigung zuvor, indem er ihm, mit unendli⸗ cher Guͤte in Wort und Ausdruck, die Hand entgegen hielt, ihm ſo den Fuffall verwehrend. „Madame“ ſagte er darauf zur Königin,„Sie muͤſſen die Gnade haben, den Sohn unſers braven Mar⸗ ſchalls, den jungen Grafen von Crecy-Chabanne, als einen Bekannten von uns, ohne weitere Ceremonie zu empfangen.“ Der Koͤnig machte dazu eine Hand⸗ bewegung, die nicht mißverſtanden werden konnte, wie unmerklich ſie auch war— und Leonin beugte das Knie vor der Koͤnigin und kuͤßte den Rand ihrer Robe, wo⸗ rauf ſie ihm ihre Fingerſpitzen reichte und ihn aufſte⸗ hen hieß. „Ihr ſeid uns in jeder Hinſicht empfohlen und willkommen!“ ſagte die milde Frau.„Wir freuen uns, den Sohn ſo ausgezeichneter Eltern an unſerm Hofe begruͤßen zu können— auch wollen wir keine Feindin Eurer uns ſchon verrathenen Wuͤnſche ſein, ſondern im Gegentheile eine Beſchutzerin derſelben!“ Obwohl Leonin den Sinn dieſer Worte nicht ver⸗ ſtand, ſo lag doch in dem Tone derſelben ein Wohllaut, eine Guͤte, daß es ihn entzuͤckte, als er das Wort Be⸗ ſchuͤtzerin horte. Er wagte aufzublicken, um ſie den vollen Ausdruck von Begeiſterung ſehen zu laſſen, von dem er ſein Geſicht ſtrahlen fuͤhlte. Sie wendete ſich mit einem huldvollen Lächeln von ihm, Andere zu begrußen, und jetzt erſt erblickte er Mademoiſelle de Lesdigueres, die hinter dem Stuhle der Königin, wie eine ſchoͤne Statue von carariſchem Marmor, aufgerichtet ſtand und ihr Leben nur durch die Blicke ihrer großen, glänzenden Augen verrieth, die jede Erſcheinung mit ſcharfer Waͤgung aufzufaſſen ſchienen. Auch ihn trafen ſie— und eine augenblick⸗ liche Unruhe, die ihre ſchoͤnen Augenlieder ſchneller ſinken und ſteigen ließ, zeigte, daß ſie ihn nicht ohne Beziehung wiederſah. In ihrer Nähe ſtand Fenelon, und als ſich Leonin zuruͤckzog, gewahrte er, wie Jener, auf ihn blickend, ihr einige Worte ſagte, die ſie, ohne Miene oder Stellung zu verändern, erwiederte, worauf Fenelon zuruͤck trat. Als Leonin ſchon anfing von der Dauer der Vor⸗ ſtellungen zu ermuͤden, da Alle ihre Platze in ſteifer Haltung behaupten mußten, und ihn eine ubellaunige Neigung befiel, dies Alles unnatuͤrlich und uͤbertrieben zu finden, ward er plotzlich durch die ſchoͤne, ruhige Stimme Fenelon's unterbrochen, der, an ſeine Seite gelangt, ihn begruͤßte. „Sie ſehen den Hof unſerer guten Koͤnigin heute zuerſt?“ fuhr er fort;„wenn ich nicht irre, genießen Sie den Vorzug, ohne Ceremonien aufgenommen worden zu ſein.“ „Seine Majeſtaͤt wollte dadurch meinen Vater ehren,“ wwiederte Leonin—„ich hoͤre, man halt dies fuͤr einen Vorzug. Man muß erſt etwas aͤlter bei Hofe werden, um fuͤr dieſe Feinheiten die rechte Wuͤrdigung zu lernen.— Es ſchien mir das Einfachſte, daß meinem Vater das Recht zuſtehe, mich zu be⸗ glaubigen.“ „So ſcheint es allerdings,“ laͤchelte Fenelon. „Es entwickeln ſich leicht kleine Unnatuͤrlichkeiten in einem Verhältniſſe, welches uns lehrt, unſere Gefuͤhle in eine Schranke zu verweiſen, die ſie kaum merklich hervortreten läßt; aber ich denke, die Selbſtbeherrſchung, die nothwendig dadurch bedingt wird, muß ſich zuwei⸗ len hochſt heilſam bezeigen. Ich ſehe hier ſo Man⸗ chen, deſſen fruͤheres Leben und Treiben wohl wenig von Mäͤßigung irgend einer Neigung wußte, jetzt um den Preis, ſeine Vorrechte am Hofe behaupten zu duͤr⸗ fen, die ungewohnte Muͤhe uͤbernehmen, ſich einen kurzen Gehorſam gegen fremden Willen aufzuerlegen. Ein Solcher,“ fuhr er lächeind fort,„bekommt doch eine kleine Ahnung von der allernöthigſten Tugend— der Selbſtbeherrſchung.“ „Doch Sie,“ ſagte Leonin,„der Sie eine ſo einfache und großartige Idee vom Leben erfaßt haben, der Sie eilen, in der ſchwerſten Berufsthätigkeit Ih⸗ rer Entwicklung als Menſch und Geiſtlicher zu leben — welche edle Verachtung muß Sie, dieſen Zeit töd⸗ Ste. nocht. n. 10 — tenden Ceremonien gegenuͤber, befallen— wie begreife ich in dieſen Sälen Ihren Entſchluß, ſie zu ver⸗ laſſen!“ „Machen Ihnen die Dinge vor uns dieſen Ein⸗ druck?“ erwiederte der junge Geiſtliche, mit einem leiſen Anfluge von Erſtaunen.—„Ich erwartete das nicht,“ ſetzte er nachdenkend hinzu,„und kann dieſe Empfindung nicht theilen. Mir ſcheint, Alles erhaͤlt dadurch ſeinen Werth, daß es die Abſicht er⸗ reicht, die ihm zum Grunde liegt. Indem dies glaͤn⸗ zende Schauſpiel vor uns in Wahrheit die Wuͤrde und den Glanz eines ſo wichtigen und erhabenen Stand⸗ punktes, wie ihn der Thron in der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft einnimmt, ausdruckt— inſofern es ſelbſt die Geiſter der Menſchen in eine Form fugt, die dieſe Wirkung beſtätigen hilft, ſcheint es mir eine erfuͤllte Idee, die der Wuͤrde nicht entbehrt.“ „Aber,“ ſagte Leonin,„können Sie deshalb es von ſich abhalten, mit Bedauern ſich als Individuum in eine ſolche Wirkung der Maſſen verflochten zu ſehen — ohne Moͤglichkeit, Ihren unbeſchaͤftigten Geiſt vor Ermüdung zu ſchutzen und, durch Ihre Erziehung von der Bezahmung roher Neigungen abgeloͤſt, die Anderen noch eine geiſtige Beſchäftigung zu gewähren vermag, zu einer wahren Maſchine herab zu ſinken?“ „Ich empfinde dieſe Ermuͤdung nicht,“ erwie⸗ derte Fenelon ruhig;„ich finde hier Genuß und bin weder gelangweilt, noch unzufrieden. Dieſe ſchoͤnen, glaͤnzend erleuchteten Raͤume, deren Ausſtattung an alle die großen kuͤnſtleriſchen und induſtriellen Fortſchritte meines Vaterlandes erinnert, erheitern mein Herz und beſchaͤftigen meinen Verſtand. Ich kehre dann immer mit doppelter Liebe zu dem An⸗ blick unſeres großen Koͤnigs zuruͤck, deſſen Geiſt und edles Beduͤrfniß dieſe Dinge in's Leben rief; und ſehe ich dieſen ſchoͤnen und noch ſo jungen Monarchen dann in der Mitte der Repraͤſentanten alter, beruͤhmter Namen und kann auf Aller Geſicht in der verſchie⸗ denſten Art die Verehrung leſen, die die Herrſchaft eines großen Geiſtes auf die Gemuͤther ausuͤbt— ſo freue ich mich der hohen Befähigung der menſch⸗ lichen Natur und fuͤhle mich ſelbſt zu groͤßerer Thä⸗ tigkeit angeregt.“ „O, Fenelon,“ rief Leonin,„wie ſchäme ich mich meiner ſchuͤlerhaften uͤbeln Laune, mit der ich mir den rechten Anblick der Dinge ſelbſt verweigerte. Sie haben wieder Recht! Es iſt mir, als ſähe ich jetzt erſt den Hof glaͤnzend vor mir auftauchen— alle dieſe Kerzen haben Sie erſt angezuͤndet! O, wenn Sie ſo vom Hofe denken, warum verlaſſen Sie ihn?“ 10 „Aus denſelben Gruͤnden,“ erwiederte Fenelon „aus denen ich ihn bewundere. Ich will auf meinem Platze auch Etwas ſein und werden, und dazu taugt nicht Jedem derſelbe Boden. Wenn mich der König in der vollen Erfullung ſeines Berufes, bis auf die Aeußerlichkeit dieſer ſchoͤnen Hofhaltung, entzuckt und be⸗ geiſtert, kann ich— der Geiſtliche, zu dem mich Nei⸗ gung und Erziehung beſtimmten— ihm doch nur nach⸗ eifern, wenn ich den Schauplatz verlaſſe, auf welchem keine der Eigenſchaften reifen konnte, nach deren Ent⸗ wickelung ich mich ſehne.“ „Sie moͤgen Recht haben,“ ſagte Leonin.„Auch galt dieſer Aufruf mehr dem Gefuͤhle, welches mir der Gedanke einfloßt, Sie hier bald nicht mehr zu finden. Ich wuͤrde Sie mit meiner Freundſchaft verfolgt haben!“ Freundlich neigte ſich Fenelon gegen Leonin und fragte ihn dann, ob er dieſen Abend ſchon Fraulein von Lesdiguéres geſprochen. „Das Fraͤulein ſcheint mir in einer unanruͤhrba⸗ ren Stellung,“ erwiederte Leonin.„Doch, vielleicht ward meine uͤble Laune mit dadurch bewirkt, mich durch ihr hartnäckiges Repraͤſentiren von ihr getrennt zu ſehn. Sie iſt ſo frei, ſo edel und hoch von Geiſt und hält dort hinter dem Stuhle der Koͤnigin ſo todt⸗ —————,———————— 149 kalt und abgemeſſen aus, als ſei ſie eine nothige Verzierung des Thrones.“— „Es iſt ſehr moͤglich, daß ſie ſich wirklich in die⸗ ſem Augenblicke fuͤr nichts Anderes halten willz; denn ſie faßt immer das Noͤthige vollſtaͤndig in's Auge und ſetzt an Jedes Alles, was in ihr iſt.“— „Ein ganz außerordentliches Maͤdchen!“ rief Leo⸗ nin unwillkuͤrlich.„Das fuͤhlt man im erſten Augen⸗ blicke ihrer Bekanntſchaft.“ Fenelon's Blick richtete ſich mit einem wunderba⸗ ren Glanze auf Leonin— es war eine Wärme darin, die von tiefem Gefuͤhle ſprach, und eine Melancholie, die Entſagung ausdruͤckte.— Nach einer kleinen Pauſe ſagte er:„ſie iſt das vollkommenſte weibliche Weſen, das ich kenne, und nur ſo frei, weil ſie ſo ſicher mit ſich iſt. Die ſonderbarſte Conſtellation hat ihr dieſe Entwicklung geſchaffen. Die Mutter iſt nicht ſelten roh in ihren Aeußerungen; aber ſie iſt hochherzig, eine reine, unverfälſchte Seele, und ihr edler Stolz zeigt ſich, wenn auch oft in großer Anmaßung, doch eben ſo ſtark in Verachtung jeder Kleinlichkeit oder Unwuͤr⸗ digkeit. Der Vater iſt ganz in äußerliche Angelegen⸗ heiten vertieft; aber er beſitzt Feinheit der Sitten und verſtand die Erziehung der Tochter zu leiten. Von Beiden hat dieſe reiche und ſtarke Natur nur ergriffen, 150 was ſie gebrauchen konnte; nirgends fand ſie Wider⸗ ſtand und blieb ſich ſelbſt Geſetz und Wille, damit im⸗ mer den Eltern genuͤgend— denn ſie iſt ihnen ähn⸗ lich und doch eigenthuͤmlich geblieben.“ Leonin horte geſpannt zu— ſein Blick hing an der herrlichen Geſtalt, die in gleicher Ruhe blieb, wäh⸗ rend durch Fenelon's Worte der reiche Schatz ihres Innern ſich vor ihm aufthat, und die kalte Erſchei⸗ nung mit dem Zauber einer warmen, hochherzigen Seele belebte. „Sie iſt Ihre Schuͤlerin, Herr von Fenelon?“ fragte Leonin.—„Wenn Sie wollen, ja,“ antwortete er—„was könnte man ſie aber lehren? Zuletzt war es mir, als ſei es umgekehrt!“ Noch immer blickten beide junge Maͤnner unbe⸗ wußt zu ihr hin, als ſie gewahrten, wie ſie ihre kalte Stellung plötzich aufgab und mit größter Bewegung ſich zur Konigin neigte, welche ſich eben halb zu ih⸗ rer Hofdame wendete, die ihr ſchnell etwas uͤberreichte, was die Königin einen Augenblick einzuathmen ſchien, welche ſich dann wieder umwandte, aber ſo blaß erſchien, daß ſelbſt ihre Lippen farblos waren. „Der Koͤnigin iſt unwohl,“ ſagte Leonin.„Die Hitze und die lange Ceremonie greift ſie zu ſehr an!“ — Fenelon ſchwieg; aber ſeine Augen richteten ſich „ v— nach der Mitte des Saales, wohin aller Blicke flo⸗ gen; denn hinter den Herzoginnen, die Letzte in der Reihe, nahte ſich jetzt eine ſchoͤne junge Perſon, die von der Natur mit jedem Reize geſchmuͤckt ſchien und den Aus⸗ druck trug, als ſchäme ſie ſich, ſo bevorzugt zu ſein. Ihr Geſicht, ihre Geſtalt war von einer ſolchen Feinheit und Regelmäßigkeit, daß gegen ſie alle ubri⸗ gen Bildungen unvollkommen blieben. Die Farbe ih⸗ rer Haut ſchien mit dem Silberſtoff ihres Kleides zu wetteifern, und vor Allem waren ihre tiefblauen Au⸗ gen ein Born von unergrundlicher Liebesfulle. Und ſo bevorrechtet, wie wenig ſchien ſie dennoch von die⸗ ſen Vorzuͤgen gehoben! So langſam der Zug der Herzoginnen auch voruͤberging, ihr ſchien es dennoch ſchwer, zu folgen. Sie wagte kaum den Blick vom Boden zu heben, und Jeder mußte erkennen, daß ihre Fuͤße bebten. Als ſie aber vor die Koͤnigin hintreten ſollte, ward aus der ſcheinbaren Kniebeugung faſt ein gaͤnzlicher Fußfall, und der Ceremonienmeiſter, Herr von Dreux, mußte ſie auf einen Wink der Koͤnigin unterſtutzen. Da ſchlug ſie die wundervollen Augen zu dieſer auf, die, ſichtlich erweicht, ihr mild zuwinkte, und ein Paar große, glaͤnzende Thränen rollten üͤber ihre Wangen. Dabei druͤckte ſie beide Hände mit dem ruͤhrendſten Ausdrucke von Ehrfurcht an ihre Bruſt und 152 ſchwebte dann wie eine Lufterſcheinung den anderen Herzoginnen nach, die bereits die Ehre ihres Tabon⸗ rets genoſſen. Alle Anweſende, und mit ihnen Leonin, waren gefeſſelt von ihrem Anblicke, und jetzt erſt, nachdem ſie in der Menge ſich faſt verborgen hatte, fand Leonin Worte. „Wer iſt dieſe bezaubernde Erſcheinung, lieber Fenelon? Ich ſah ſie noch nie!“— „Aber ſie horten von ihr,“ ſprach Fenelon ſanft, wenn auch ernſt;„es iſt die ungluͤckliche Lavalliere, die heute zuerſt als Herzogin hier erſcheint.“ „Pa,“ rief Leonin,„jetzt begreife ich! Dieſer Zauberin muß Alles möglich werden! Das iſt Schoͤn⸗ heit der Seele, des Gemuͤthes— das iſth nicht allein die ſchoͤne Huͤlle!“ „So iſt es in Wahrheit,“ ſagte Fenelon—„und wie beklagenswerth ihr Verhältniß auch iſt, ermangelt es nicht einer ruͤhrenden und verſoͤhnenden Seite, die doch eben nur in dieſem ſchoͤnen Gemuͤthe liegen kann, das, zur Tugend geſchaffen, ſelbſt in ſeiner Verirrung noch ihr angehoͤrt.“ „Faſt Alle urtheilen ſo uͤber dieſe reizende Frau,“ rief Leonin—„und darin liegt auch die Entſchuldi⸗ gung des Königs. Wer giebt uns das Recht, die zu F 153 richten, die dieſem Gefuͤhle unterliegen, fuͤr deſſen Stärke allein Gott die Pruͤfung hat— das Jeder einmal zu kennen glaubt, ohne doch fuͤr den Andern ein Maaß⸗ ſtab zu ſein!“ „Das iſt zwar wahr,“ ſagte Fenelon—„aber es giebt immer noch etwas Schoͤneres, als ſich ihm hingeben; ihm entſagen naͤmlich— wenigſtens entſa⸗ gen fuͤr die Welt— dann duͤrfen wir es wieder be⸗ halten. Die Liebe iſt an ſich Etwas— es iſt nicht der Beſitz, das Hervortreten unſerer Empfindung. Es iſt das Gluͤck, es zu kennen— ſeinen hoͤheren, wär⸗ meren Pulsſchlag zu fuͤhlen und uns daran zu zeitigen mit allen unſeren Kräften.“— In dieſem Augenblicke rief die Koͤnigin die Her⸗ zogin von Bellefonds, die mit ihrem weißen Stabe wie ein drohender Rieſe an den Stufen des Thrones Wache hielt; und als dieſe ihren Befehl empfangen, ſchritt ſie mit unbarmherziger Breite und Feierlichkeit durch den Saal gerade auf die Herzogin von Laval⸗ liere zu, welche, einer Ohnmacht nahe, an einem Pfei⸗ ler lehnte.. „Frau Herzogin von Lavalliére,“ ſprach ſie,„Ihre Majeſtät die Konigin ladet Sie ein, ſich des Tabou⸗ rets zu bedienen, welches Ihnen zuſteht— legen Sie Ihre Hand auf meinen Arm— ich werde Sie fuͤhren“ 154 Alles machte Platz, und die unglückliche Herzogin folgte ſtumm der Oberhofmeiſterin; und nachdem ſie ſich tief vor der Koͤnigin verneigt, ſetzte ſie ſich auf das den Ehrgeiz ſo Vieler reizende Tabouret, wodurch wenigſtens einer Ohnmacht vorgebeugt wurde— Der Foͤnig hatte von dem Augenblick an, daß Madame de Lavallière ſich nahte, ſie nicht mehr aus dem Geſichte verloren, wie er auch, anſcheinend ohne Theilnahme, ſeine verſchiedenen Anreden fortſetzte. Auch wußten die Hofleute mit vielem Geſchicke Bewegun⸗ gen zu machen, die dem Könige die volle Anſicht der von ihm angebeteten Frau verſchafften. Er zitterte fuͤr beide Frauen, denn er ſah, wie die Königin kaͤmpfte und die Farbe aͤnderte, wie die Lavallisre ihren Em⸗ pfindungen zu unterliegen drohte, und er liebte ſie Beide in dieſem Augenblick faſt gleich ſtark, da ſie Beide ſeinetwegen leiden mußten. Doch dies Mal ſollte die Konlhin in ſeinem Perzen den Sieg davontragen! Denn, als ſie die Herzogin von Bellefonds abſchickte, der ſin⸗ kenden Geliebten einen Platz anzuweiſen, deſſen Recht ſie ſich nicht anzueignen wagte, da legte er ihr we⸗ nigſtens fuͤr dieſen Abend ſein Herz zu Fußen und ehrte ſie mit dem beſten Danke, den er ihr bieten konnte, indem er ihr ſelbſt ein zärtlich dienender Ca⸗ valier ward. Seine theilnehmenden Fragen, wie ſie —,——— die Anſtrengung der Cour vertruͤge, belebten augen⸗ blicklich ihr mattes Auge mit der Hoffnung, ſeine Zu⸗ friedenheit erreicht zu haben; und dieſe reine und un⸗ eigennuͤtzige Seele, die Nichts ertrotzen wollte, war völ⸗ lig begluͤckt und dachte ohne Groll, ja faſt mit Liebe an ihre demuͤthige Nebenbuhlerin. Der König blieb, fuͤr ſie allein Auge habend, wie es ſchien, an ihrer Seite, bis ſie ſich an den Spiel⸗ tiſch begab, und er in einem freien Augenblicke erfuhr, die Herzogin von Lavallière habe ſich weg begeben. „Ich haſſe Euch Beide!“ rief Mademoiſelle de Lesdigueres, indem ſie an Fenelon und Leonin vorbei ſtreifen wollte. „Halt,“ rief Leonin,„ſo duͤrfen Sie den Fehde⸗ handſchuh nicht hinwerfen und dann die Flucht ergrei⸗ fen!— Womit haben wir das verdient, was Sie um jeden Preis widerrufen muͤſſen?“ „Glaubt Ihr, ich habe Euch nicht beobähtet,“ ſagte ſie—„wie Ihr mit all' den Thoren hier den⸗ ſelben Weg taumeltet? Hattet Ihr etwas Anderes zu ſehen, als dieſe neue Herzogin, an deren Blicken Ihr hinget, wie alberne Kinder am St. Niclas? O, was das Alles iſt,“ fuhr ſie ungeduldig fort—„wie nicht Einer den Muth hat, es beim rechten Namen zu nen⸗ nen— wie ſie ihm Alle verziehen— und ihm einreden, 156 es ſei, weil er es thut, etwas Anderes! Fahrt nur fort! Das Beiſpiel wird wirken! Hier wandelt ſchon ſo viel ubertunchte Tugend, als ſich Ludwig wuͤnſchen kann; denn Alle, die ihn loben und bewundern und bemänteln, was er thut, haben Luſt, es ihm nach⸗ zumachen. Wie verächtlich ſind ſie mir Alle! Und Ihr Beide, auf demſelben Wege Betroffene, Euch haſſe ich, und darum haſſe ich Euch!“ „Und darum gerade haben Sie Unrecht!“ rief Leonin;„denn Sie ſind der Hauptinhalt unſeres Abendgeſpraͤches geweſen— dieſe ungluckliche Frau und ihre demuͤthige Erſcheinung hat nur eine kurze, weh⸗ muͤthige Epiſode in unſerer Unterredung gemacht.“ „Und wer hat Euch erlaubt, von mir zu reden?“ erwiederte ſie, indem ſie Beide mit milderen Augen anblickte. „Das wenigſtens konnen Sie uns nicht wehren, wenn Sie da ſind und wir den Vorzug genießen, Sie zu kennen!— Denken Sie, mein Fräulein, daß Sie Gedanken unterdruͤcken können, die einmal Ihr Bild aufgenommen haben?“— Sie blickte ihn an, als naͤhme ſie eine Maske vom Geſichte.„Graf,“ ſagte ſie, ohne ihren hoch⸗ fahrenden Ausdruck—„ich weiß, was man mit uns will; laſſen Sie uns redlich bleiben!“ — ,— — 157 In demſelben Augenblicke trat ſie unter die Menge. Auch Fenelon war von Leonin's Seite verſchwunden. Er ſtand in tiefen Gedanken. Ahnete er, was ſie— was die Koͤnigin angedeutet? Oder begriff er es wirk⸗ lich nicht? 158 „ Der Herzog von Lesdigueres hatte ſein neu ein⸗ gerichtetes Palais eroͤffnet, und man war einig, daß bei ihm und bei der Marſchallin von Crecy ſich die beſte Geſellſchaft in den ſchoͤnſten Raͤumen unter den glaͤnzendſten Zuruͤſtungen einſtellte. Mademoiſelle de Lesdigusres erſchien jeden Tag in dem Salon ihrer Eltern, während der Zeit, welche Maria Thereſia bei ihrer Schwiegermutter Außerdem verließ ſie die Koͤnigin nie. Leonin beſuchte taͤglich um dieſelbe Stunde mit dem Marquis de Souvré das Hotel de Lesdigusres. Er wuͤrde ſehr erſtaunt geweſen ſein, wenn man ihm geſagt hätte, daß er damit alle die Geruͤchte beſtätigte, die ſich uber ſeine beabſichtigte Vermählung mit Ma⸗ demviſelle de Lesdiguéres immer beſtimmter verbreite⸗ ten. Nur dem Augenblicke lebend, ſtimmte er ganz der liſtigen Aeußerung des Marquis bei, welcher, ſtets das Anſehn der Langenweile zeigend, ihm verſicherte, man koͤnne es ohne Mademoiſelle Viktorinens Gegen⸗ wart doch gar nicht aushalten.— Mit der großten 5— ——— AdkitæutaR Abſichtlichkeit zog er Leonin an allen Anderen voruͤber zu Viktorinen hin, und kaum hatte er die Unterredung Beider eingeleitet, ſo entfernte er ſich, wodurch dieſe Annäherung noch auffallender ward; denn Beide, in Beruͤhrung geſetzt, gefielen ſich zu ſehr in ihren Mit⸗ theilungen, um ſie freiwillig aufzugeben und bemerk⸗ ten es nicht, wie anerkannt ihr Verhaltniß gerade da⸗ durch ward, daß ſie Niemand ſtoͤrte, was keinen andern Grund hatte, als daß man ſie fuͤr Verlobte hielt.— Leonin fuͤhlte ſich jeden Tag lebhafter durch Vik⸗ torine beſchäftigt. Sie ſchmeichelte vollkommen ſeinen Schwächen durch ihre Eigenthuͤmlichkeit; denn ſie war Alles, was er nicht war. Er fuͤhlte ſich beſtändig er⸗ gänzt, geſtutzt und erklaͤrt durch ihren feſten und edeln Charakter, ihren ſcharfen, unbeſtechlichen Verſtand. Da⸗ gegen fiel dies edle Weſen in den oft ſich wiederho⸗ lenden Fehler ihres Geſchlechtes, die Schwächen des Mannes zu erkennen; aber in dem Gefuhl eigner rei⸗ cher Kräfte ſich der Hoffnung und dem Streben zu uͤberlaſſen, ihm dieſe Umaͤnderung oder dieſe Feſtigkeit geben zu können. Sie uͤberſah aber, daß ihre Phan⸗ taſie ihn nach und nach wirklich zu dem machte, was ſie wunſchte, daß er es ſein mochte; ſie verkannte, daß ſie in dem Beſitz dieſer Eigenſchaften war, die bloß ———————— darum bei ihren Anſichten und Meinungen in ihren Unterredungen nicht fehlten, weil ſie dieſelben hervor⸗ treten ließ, und Leonin bloß die leichte, liebenswuͤr⸗ dige Gabe beſaß, ſogleich in ſolche Anregungen ver⸗ ſtehend einzugehn. Er hatte dabei die Milde, die vor⸗ herrſchende Weichheit, die ihr fehlte, die ſie zu errin⸗ gen wuͤnſchte, gehindert von dem kräͤftigen Aufwuchſe ihres befaͤhigten Naturells. Deshalb glaubte ſie ihn ſo viel beſſer, als ſich; ihr ſchien errungen— Weis⸗ heit, Reife der Entwicklung bei ihm, was bloß eine Art Indolenz war, veredelt durch ein gutes, fein füͤh⸗ lendes Herz, welches in fruͤherer Zeit vielleicht zu einer kraͤftigeren Geſtaltung haͤtte gefuͤhrt werden können— damals aber, wie wir zum Oefteren ſchon erwähnt haben, von der eigennuͤtzigen Liebe ſeiner Mutter bloß zu ihren Zwecken gebildet ward. Doch ward Leonin noch durch Nichts aus dem ein⸗ wiegenden Zuſtande dieſer taͤglichen geſelligen Betaͤu⸗ bungen geriſſen, die ihm an Wichtigkeit ſtiegen in dem Maaße, wie auch fur ihn die tauſendfältigen klei⸗ nen Intereſſen und Eitelkeiten zu verfolgen waren, welche, um ihn her getrieben, Jeden verwickelten, der ſich ihnen nicht mit Bewußtſein entgegenſtellte. Sein Vater erwartete mit Sicherheit, daß Anna von Oeſtreich ſeinem Sohne die Braut erwaͤhlen werde, und fuͤhlte ſogar eine kleine Schadenfreude, dieſe An⸗ gelegenheit, wie er waͤhnte, ſeiner Gemahlin aus den Händen genommen zu haben. Der Konig und die Koͤnigin beſonders, behandelten Leonin mit Auszeich⸗ nung. Man ſprach ihm ſo oft davon, daß ein hohes Hofamt ihm nicht entgehen koͤnne, daß er daran glaubte, zuletzt es als eine Ehrenſache anſah, daß ihm das all⸗ gemein Zuerkannte nicht vorenthalten bliebe.— Und aus dieſen Anregungen ſchoſſen Ehrgeiz und Eitelkeit auf, die ihn Vortheile ſuchen und verfolgen ließen und ihn an die Stelle, die ihm Erfullung verhieß, feſſelten, als muͤſſe er ſie bewachen. Die Freundſchaft, der Vorzug,— da er es nicht anders nennen wollte— mit welchem Mademoiſelle de Lesdigusres ihn beehrte, mußten ihm daher, bei der Gunſt, die ſie bei den Majeſtäten genoß, behilflich und vortheilhaft ſein. Er war unwillkuͤrlich auffallen⸗ der mit ihr beſchäftigt in Gegenwart der hohen Herr⸗ ſchaften, und immer ſchien es ihm, als ob die Koͤnigin ihn wohlwollend beobachte und ihn nach ſolchen Ta⸗ gen ſelbſt in ihre kleineren Zirkel beſcheiden ließ, wo Leonin, belebt von ſeinen geheimen Wuͤnſchen, eine größere Liebenswurdigkeit und Anmuth zeigte, als ſeine gewohnliche Indolenz ſonſt zuließ.— Vielleicht erfuhr Leonin nicht mehr und nichts Anderes, als die meiſten Ste Noche n 11 jungen Leute, welche ohne Lebensplan und Charakter⸗ ſtärke in die betäubende Atmoſphaͤre eines ſolchen Schauplatzes verſetzt werden. Faſt Jeder, der dieſer Jugendperiode gedenkt, wie anders auch der Stand⸗ punkt ward, den er ſich ſpäter wieder gewann, muß ſich den chamaͤleoniſchen Farbenwechſel ſeiner Geſinnun⸗ gen eingeſtehen, der ihn damals fortriß, ein Spielzeug der herrſchenden Menge zu werden, ihren Geſetzen ent⸗ gegen zu kommen gegen fruͤhere Ueberzeugung. Aber nicht Jeder entfernt ſich damit, ſo wie Leonin, von bindenden, heiligen Verpflichtungen;— und was dort bloß eine Durchgangsperiode der Jugend iſt, die den Lebenswerth noch nicht beſtimmen kann, mußte bei Leo⸗ nin tiefere, bedeutungsvollere Folgen nachlaſſen. Bedenken wir jedoch, wie ſein jetziges Verfahren den Abſichten der Marſchallin von Crech, wie dem heimlichen Haſſe des Marquis de Souvré vollkommen entſprechend war, ſo werden wir gerechter gegen Leo⸗ nin bleiben, wenn wir es anerkennen, wie die Ver⸗ ſuchungen, die ſich ihm darboten, von Beiden gehäuft, herbeizogen und unterhalten wurden. Sie ſahen ru⸗ hig zu, wie er ſich in ihnen verwickelte, nur ver⸗ huͤtend, daß er nicht fruͤher die wahre Beſchaffenheit ſei⸗ ner Handlungen erkenne, bis ſie ihn ſo hinreichend umſponnen haben wuͤrden, daß er ſie dann ſelbſt 163 behaupten muͤßte. Der Augenblick, wo er Hilfe ſuchend in ihre Arme eilen mußte, war ſo mathematiſch ſicher zu berechnen, daß ſie ihn bloß zu erwarten hatten, um alsdann das laͤngſt Beſchloſſene zu vollfuhren. Und dies that die Marſchallin von Crecy, indem ſie ſich alle Tage ſagte, wie muͤtterlich liebevoll ſie fuͤr ihren Sohn ſorge, der viel zu gut ſei, um ſich ſelbſt durch's Leben lenken zu koͤnnen. Seinen kin⸗ diſchen Widerſtand um eine engliſche Pfarrerstochter hatte ſie ihm läͤngſt vergeben, weil ſie dieſe Sache als abgemacht betrachtete; nicht etwa mit der Sicherheit, daß dies ſein Wille ſein werde, ſondern mit der Hoff⸗ nung, daß die Ruͤckkehr ihm durch ſein jetziges Treiben unmoͤglich gemacht werden wuͤrde. So war der Winter vergangen, das Fruͤhjahr neigte ſich zu Ende, Leonin kehrte nicht nach Ste. Roche zuruͤck. Glänzender wie je war der Hof; der Koͤnig, angeregt von neuen kriegeriſchen Plaͤnen, ſtand, wie ein feuriger Komet, belebend und befruchtend uͤber ſeinen Umgebungen und machte den Hof zu einem Zauberkreiſe, in welchem ſich alle großen Geiſter Frank⸗ reichs ſammelten, um den Preis ringend, ſeine Pläne in's Leben zu rufen. Wie ſtolz und großmuͤthig auch die Miene ſein mochte, mit der Ludwig den Aachner Frieden unter⸗ zeichnet hatte, wie geneigt er auch war, und ſein Volk mit ihm, den damals gemachten Ruͤckſchritt von fabel⸗ haften Eroberungen zu einem geringen Vortheile beim Abſchluſſe des Friedens, ſich als eine Handlung ſeines Willens auszulegen, ſo blieb nichts deſto weniger der Stachel in ſeinem Herzen zuruͤck; denn an ſeinem heimlich genaͤhrten Verdruſſe gegen die Coalition der feindlichen Maͤchte, die ihm den Frieden abnothigte, war wohl zu erkennen, wie er ihrem Willen hatte nachgeben muͤſſen. Unlaͤugbar war der Augenblick guͤnſtig fuͤr die Wiederaufnahme der Feindſeligkeiten gegen Holland. Von der Einmiſchung der Mächte war auf's neue nichts zu fuͤrchten. England, in ſeinen Finanzen zer⸗ ruttet, lag in ſtillem Grolle vor dem wiedergerufenen Herrſcher, der alle Thorheiten der Stuarts, alle Unbe⸗ ſonnenheiten und Unredlichkeiten gegen ſein Volk auf dem ſichtbar gefaͤhrlichen Schauplatze des ihm, auf Treu' und Glauben, wieder verliehenen Thrones durch⸗ ſpielte. Aber noch ſah die Nation den ſich erneuern⸗ den Unbilden, die es zu erleiden hatte, mit dem Wun⸗ ſche zu, der gewaltſamen Abhilfe uͤberhoben zu ſein, und Karl mißkannte dieſen Waffenſtillſtand, den es ihm goͤnnte, und verſcherzte, immer kuͤhner werdend, jedes Mittel zu ſeiner Behauptung. Duͤnkirchen, dieſer „————————— eiferſuchtig behuͤtete Apfel der Zwietracht zwiſchen bei⸗ den Nationen, war ohne Schwertſtreich in Frankreichs Beſitz gekommen. Man wußte, Mademoiſelle Kerou⸗ alle, die jetzt als Herzogin von Portsmouth den Koͤnig beherrſchte, war bei dieſer entehrenden Abtretung die beſoldete Unterhaͤndlerin Frankreichs geweſen. Die Re⸗ venue, die Ludwig der Vierzehnte dem Könige jährlich dafur zahlte, und die ihm den Namen des franzé⸗ ſiſchen Penſionair's zuzog, ging faſt ausſchließlich in den verſchwenderiſchen Händen der Herzogin unter, und Karl hatte Nichts damit erkauft, als die doppelte Schande des Verrathes gegen ſein Volk und des Beſitzes dieſer ſittenloſen Frau. Ludwig wußte genau, daß unter die⸗ ſen Umſtänden weder bei dem leichtſinnig ſchwelgenden Karl, noch bei dem zuͤrnend vor ihm Wache halten⸗ den Volke Neigung zu einer auswärtigen Einmiſchung vorhanden ſei, und daß ſomit Hollands wirkſamſter Alliirter unthätig bleiben wuͤrde. Nicht minder unluſtig war Spanien zum Kriege. Oeſtereich, von den Tuͤrken bedroht, hatte außerdem mit inneren Unruhen in Ungarn zu thun, und Holland ſelbſt war in die ſtatthalteriſche und in die ſtreng repu⸗ blikaniſche Partei getheilt. Dagegen war Frankreich wie ein jugendlich ſchö⸗ ner Körper von einem gluͤhenden Geiſte belebt. Das ganze Land ſtand in jeder Hinſicht wie ein Sieger dem uͤbrigen Europa entgegen. Vielleicht ſtellt keine geſchichtliche Epoche der Welt eine innigere, vollkom⸗ menere Vereinigung zwiſchen Konig und Volk dar, als Frankreich in dieſer hoͤchſten Bluͤthenzeit ſeines ju⸗ gendlichen Herrſchers. Er war, was jeder Einzelne war, ein ſtolzer begabter Franzoſe;— aber er ſchwang das Banner, deſſen Farbe Jeder begehrte. Um ihn waren die Männer geſchaart, deren Namen die un⸗ vergeßlichen Zierden ihrer Zeit ſind:— Turenne mit ſeinem erfahrenen Muthe— Condé mit ſeinem unzer⸗ trennlichen Gluͤcke— Louxembourg mit ſeinen geſchick⸗ ten Maͤrſchen und Feldlagern— Teſſé, de la Ferté, erprobte Krieger bei jeder Unternehmung— endlich Feu⸗ quieres, der den Muth auf die Bahn der Wiſſenſchaf⸗ ten lenkte und, mit Vauban vereint, Belagerungen in's Leben rief, die vor ihm Keiner gekannt, und die ihn unſterblich machten. Sie begruͤndeten eine hoͤhere geiſtige Thätigkeit und bildeten, in Vereinigung mit dieſen großen Feldherren, eine Armee, die auch im Innern durch die aufbluͤhenden Talente Villar's, Cati⸗ nat's und vieler Anderen geſtutzt ward, und gegen welche kein Reich ſich zu ſtellen wagen konnte; beſonders, da Louvois mit den Schätzen, die Colbert geſammelt, Alles unterſtutzte. ————————— * — —— 167 Es iſt unrichtig zu ſagen, Ludwig habe allein zu ſeiner ritterlichen Befriedigung den Krieg begehrt. Der Krieg mußte ſich nach damaliger Sitte nothwen⸗ dig von ſelbſt entwickeln. Die vorhandenen Mittel verlangten ihre Anwendung; es war ein Stoff, der von ſelbſt Feuer fing, an der gedrängten Zuͤndkraft ſich erhitzend. Ludwig folgte ſeiner Neigung; aber dieſe Neigung war zugleich Beſitz— Erforderniß ſeiner Nation. Es mußte ſich ein Schauplatz finden fuͤr die An⸗ wendung der Kräfte, der Talente, Erfindungen und Beſtrebungen, die alle harrend daſtanden und die Ge⸗ legenheit herbeilockten. Zwar war es dem Koͤnige, wie allen Freunden des Marſchalls Crech, bekannt, daß Leonin nicht un⸗ mittelbar im Heere angeſtellt werden konnte; aber der Feldzug, den man vorbereitete, war von dem ſeltenſten uebermuthe, von der zweifelloſeſten Sicherheit des Ge⸗ lingens begleitet und, bei allen ernſten, kräͤftig und geſchickt betriebenen Kriegsruͤſtungen, zugleich ein glaͤn⸗ zendes, zu Felde ziehendes Hoflager.— Man kann, ſagen, daß vor dem Schauſpiele einer Schlacht oder Belagerung die Zuſchauer-Logen fuͤr den Hof erbaut wurden, die Alle nur verließen, um unter dem froͤh⸗ lichſten Pompe in die Plätze und Städte einzuziehen, die ihre Sieger ihnen eroberten. Die Vorbereitungen entſprachen ganz den zu Anfang ſo entſchieden eintre⸗ tenden Erfolgen. Die Armee begleiten zu duͤrfen, war der Ehrgeiz des ganzen Adels. Da es unmöglich war, alle Ge⸗ ſuche um dieſe Ehre bewilligen zu können, und an eine Auswahl, eine Schranke gedacht werden mufte, ſo ſtellten ſich die zahlloſeſten Intriguen ein, um auf Umwegen zum Ziele zu gelangen. Leonin befand ſich jetzt ſo haͤufig in dem kleinen Zirkel der Königin, daß er an einem Platze in ihrem Gefolge nicht zweifeln mochte und die vorangehenden Gluͤckwuͤnſche mit einer Miene aufnahm, welche Alle in Ungewißheit ließ, ob ſeine Wuͤnſche ſchon erfuͤllt wären und ſein diskretes Schweigen nur irgend einer beſondern Uebereinkunft zuzurechnen ſei. Dies war aber noch keineswegs beſtimmt. Leonin erſchien jeden Abend mit derſelben Hoffnung und kehrte mit derſelben Täuſchung zuruͤck. Dies ſtachelte ſeine Eitelkeit bis zu einer Art Leidenſchaft, und er ſagte ſich oft, dies muͤſſe er doch erſt um ſeiner Ehre Willen abwarten, und dann erſt koͤnne er den lange verſchobenen Beſuch in Ste. Roche unternehmen. Dagegen hörte Leonin zuweilen Aeußerungen, die ihn glauben machten, der Koͤnig habe noch andere, 2 — — — 169 ehrenvollere Pläne fuͤr ihn. Das unbegreifliche Vor⸗ enthalten eines Platzes, den ſo Viele mit geringeren Anſpruͤchen erreichten, war um ſo räthſelhafter; da in der Art, wie die Herrſchaften ihn behandelten, ein Wohl⸗ wollen lag, welches dieſe Anſpruͤche zu erkennen ſchien. Madame Henriette laͤchelte eines Abends, als ſie den jungen Grafen Crecy einige begeiſterte Reden hal⸗ ten hoͤrte, uͤber das Gluͤck, Waffen tragen zu duͤrfen. „Und wirkt unſer Mittel noch nicht?“ ſprach ſie— „wird der alte Herr noch nicht ungeduldig?“ Leonin machte die verbindlich laͤchelnde Miene, die alle vornehmen Perſonen ſicher haben, wenn ſie von ihren Zuhoͤrern nicht verſtanden werden. Er dachte eine Frage einzuleiten; da wendete ſich Madame ſchon von ihm, indem ſie, mit dem Fächer winkend, rief:„Ge⸗ duld! Geduld! Sie ſind ein zu guter Sohn, um ſie ſo bald zu verlieren!“ Der junge Graf blickte ihr erſtaunt nach, und der Marquis de Souvré, der den Grafen Guiche ge⸗ ſchickt hatte, die guͤtige Fuͤrſtin in ihrem Geſpräche zu unterbrechen, lachte der uͤberraſchten Miene Leonin's nach, fuͤr die er den Schluͤſſel fuͤhrte. Er hatte durch die Freundſchaft des Grafen Guiche, deſſen tiefe, mit ſeinem Leben bezahlte Leiden⸗ ſchaft fuͤr Madame Henriette ihn zugleich zum Ver⸗ 65 170 trauten der ungluͤcklichen Fuͤrſtin machte, eine Gewalt uͤber ſie erhalten, die es ihn leicht finden ließ, ſie zur Mitwirkung bei ſeinen Plänen zu bewegen. So verſicherte Madame dem Koͤnige, wie Leonin und die Marſchallin noch immer hofften, den Eintritt des jungen Grafen in die Armee vom Marſchalle zu erreichen; der König moͤge nur ſeine Anſtellung bei Hofe noch verzögern, wodurch dem alten Herrn endlich kein anderer Ausweg bleiben werde, als ihn dem Koͤ⸗ nige fuͤr die Armee anzubieten. Der Koͤnig, der den jungen Mann bedauerte, weil er ihn aus Gehorſam gegen den Willen des Vaters von der gewuͤnſchten Laufbahn entfernt ſah, fuͤgte ſich in den bittenden Vor⸗ ſchlag der Prinzeſſin; und ſo erlebte Leonin alle die Täuſchungen, welche ſo wohl berechnet waren, ihn lei⸗ denſchaftlich zu erregen, zu vielen kleinen, gefuͤgigen Schritten zu treiben, die ihn verwickelten und dem ſorgloſen Gluͤckskinde ein Gefuͤhl der Abhängigkeit, des Widerſtandes und des Mißlingens zu geben, wovon ſein Leben bis jetzt ſo frei geblieben war. In dieſer Stimmung unruhiger Erwartung brachte er die Stunden in ſeinen Zimmern zu, ehe er zur Marſchallin kommen durfte, die jede Gelegenheit, ihn allein zu ſprechen, durch Louiſens heitere, unſchuldige Gegenwart vermied. Seine ungeduldige, mißmuthige F— —— 121 Laune ward aber dies Mal unterbrochen;— ſein Kam⸗ merdiener, von einem Manne gefolgt, trat ein; und als dieſer mit großer Lebendigkeit auf Leonin zu eilte, erkannte er in ihm den zum Skelette entſtellten Leſuͤeur „Leſuͤeur!“ rief Leonin, und ſein Geſicht uͤber⸗ lief ein Purpur, der wohl einen noch tieferen Grund, als den der Ueberraſchung hatte.„Wie kommen Sie hie⸗ her?“ fuhr er fort, zerſtreut und unruhig das Unge⸗ ſchick dieſer Frage uͤberhörend. „Woher ich komme, mein Herr?“ rief Leſuͤeur —„Gewiß, ich kann nicht zweifeln, daß Sie ſich deſſen erinnern, da Sie mich ja ſelbſt dahin geſchickt!“ „Alſo wirklich von Ste. Roche?“ rief Leonin— nun ſich zurecht findend und warm werdend.„O, dann haben Sie mir Viel, Viel zu erzählen! Doch, erſt ru⸗ hen Sie aus und laſſen Sie uns fruͤhſtuͤcken.— Ich werde bei meiner Mutter abſagen laſſen, und wir wollen uns ein Paar Stunden angehören.“ Bald war Alles nach ſeinem Willen eingeleitet, und Leonin behielt Zeit, ſich zu ſammeln, Leſuͤeur, ſeine mißtrauiſche Empfindlichkeit zu uͤberwältigen, wobei Leonin die außerordentliche Veraͤnderung des ſichtlich dem Grabe nahen Kuͤnſtlers beobachtete. „Nicht wahr, mein Ste. Roche iſt ſchön?“ rief Leonin, endlich die traͤge Mittheilung Leſuͤeur's uͤberho⸗ 172 lend—„Und es war keine uble Idee, Sie dahin zu verweiſen?“— „Weiß Gott, eine Idee, fuͤr die zu danken, mein Leben zu kurz ſein wird;— der ſchoͤnſte Schwanenge⸗ ſang eines ſterbenden Kunſtlers unter den Flügeln ei⸗ nes irdiſchen Engels!— Ja,“ fuhr er fort,„Leſueur, der ſterbende Leſuͤeur darf es geſtehen, ſein letztes Bild wird ſein beſtes ſein— ich habe Ihre Gemahlin, Herr Graf,“ ſprach er leiſe und vor Bewegung zit⸗ ternd,„zwei Mal gemalt; denn ich wußte nicht, wie ich in einem Bilde dieſe Fuͤlle von Liebreiz faſſen ſollte — Hundert Bilder haͤtte ich nach ihr malen wollen — Alle ſie ſelbſt— Alle eine neue Seite dieſes rei⸗ chen, goͤttlichen Weibes entwickelnd!“ „Leſuͤeur,“ rief Leonin mit dem Lachen der ſchon erlernten flachen Geſellſchaftsweiſe,„machen Sie mich nicht eiferſuͤchtig! Ich glaube, Sie ſind verliebt— Ihr Herz hat Ihre Hand gefuͤhrt!“ Leſuͤeur ſandte aus ſeinen großen ſterbenden Au⸗ gen einen Blick auf Leonin, von dem er getroffen, die ſeinigen zu Boden ſchlug.—„Ha,“ rief er dann, „wehe dem Fuͤnſtler, der es anders macht!— Wehe dem, der dies heilige Feuer mißdeuten kann und es mit der eiteln Bedeutung beleidigt, welche ihm die große Welt beilegt. Ha, Herr Graf,“ fuhr er bei⸗ — nahe heftig fort—„wiſſen Sie noch, wie die hei⸗ lige Atmoſphaͤre Ihrer Gemahlin eine Begeiſterung einflöſt, welche unabhaͤngig macht von allen thorichten Wuͤnſchen dieſer Erde? Wiſſen Sie es noch, wie ſie uns von allen Fehlern reinigt, die uns die Welt an⸗ erzieht? Wiſſen Sie es noch, wie wir vor ihr Alles vergeſſen moͤchten, was wir gethan, gewollt und bis dahin fuͤr das Rechte oder Erlaubte hielten;— und wie wir ein neues Leben beginnen, um es zu verdienen, wenn ſie uns ihre heilige Unſchuldswelt aufthut?“ Leonin wußte es nicht mehr, oder es lag doch zuruͤckgedrängt, eingeſchlummert in ihm. Wie ein Gerichteter ſank er in ſeinen Stuhl zuruͤck, waͤhrend Leſuͤeur in ſteigender Bewegung fortfuhr:„ich war krank, ſterbend— von ihrem Bilde eilte ich zum Krankenlager! Da hat ſie mich gepflegt— hoͤren Sie, mein Herr, nicht dieſen elenden, dem Tode verfalle⸗ nen Leib hat ſie bloß gepflegt— meine Seele hat ſie geheilt, die, kraͤnker als mein Koͤrper, zum Moͤrder an ihm ward! Wenn ich jetzt den Weg in das Jenſeits finde, wenn Friede und Ruhe mein letztes Lager um⸗ geben— dann werde ich es ihr danken, die alle meine Irrthuͤmer ſo lange verfolgte, bis ſie beſiegt zu ihren Füͤßen lagen. Ich werde ſie ſehen, bis mein Auge bricht, wie ſie mit dem Heiligenſcheine ihrer Begeiſte⸗ 174 rung an meinem Lager betete, als ſie mich fuͤr ſter⸗ bend hielt;— ich werde dies Gebet auf meinen Lip⸗ pen tragen, wenn ich ende, und es wird die Bruͤcke ſein, die mich hinuͤber fuͤhrt! Und dies that ſie,“ fuhr er faſt weinend fort, als Leonin ſein Geſicht in tiefſter Bewegung verhuͤllte,„obgleich ihr eigner Zuſtand Schonung, Sorgfalt verlangte, die wohl keine Frau in ſolcher Lage ſich verſagt.“ „Was meint Ihr, Leſuͤeur?“ rief Leonin und ſprang todtenbleich von ſeinem Stuhle auf, ihn mit fieberhafter Bewegung ergreifend.„Was fehlt Fen⸗ nimor— warum bedarf ſie der Schonung— was iſt ihr geſchehen?“ „Wie!“ rief Leſuͤeur,„ſo fragen Sie mich? Sie wiſſen nicht, was Fennimor geſchah?— O, gehen Sie hin, gehen Sie hin, ſo ſchnell Sie können! Hat ſie es Ihnen verſchwiegen, ſo ſollen Sie mit dem heiligen Gluͤcke uͤbexraſcht werden, das ſie Ihnen aufhebt!“ „Leſuͤeur,“ ſtammelte Leonin,„ſagt, ſprecht es aus! Fennimor!“ Er konnte ſeiner Ahnung keine Worte geben. „Fennimor,“ ſprach Leſuͤecur,„wird Mutter werden!“ Laut weinend ſtuͤrzte Leonin bei dieſen Worten in Leſuͤeur's Arme. Die Rinde um ſein verlocktes ———— —— A le a Herz war geſprungen— er war wieder Menſch— Fennimor's Gatte, die Natur hatte ihren mächtigen Ruf nicht umſonſt ertoͤnen laſſen. „Nun dem Himmel ſei Dank, Emmy Gray hat nicht Recht!“ rief Leſuͤecur—„Er liebt ſie noch, er wird ſie ehren und erheben, wie es ſich gebuͤhrt!— Doch eilen Sie! Noch hält ſie feſt am Glauben, und das Gluͤck, das ſie, mit kindlichem Erſtaunen wie die heilige Jungfrau, ſelbſt in ſich trägt, erhält ſie in ſeli⸗ ger Verklaͤrung.— Emmy Gray ſagte mir, in den nächſten Monat muͤſſe die entſcheidende Stunde fallen.“ „Leſuͤeur, mein Freund! mein Wohlthäter!— Fennimor, mein geheiligtes, unſchuldiges Weib!— Morgen, morgen will ich fort!“ Außer ſich, rief Leonin ſeinen vertrauten Kammer⸗ diener; augenblicklich gab er die Befehle zur Abreiſe; am andern Morgen wollte er fort. Er ließ ſich bei ſeinem Vater melden— er wollte ihm ſeine Abreiſe nach Ste. Roche anzeigen. Dann wollte er zu Ma⸗ dame Henriette, ihr ſein ganzes Herz ausſchuͤtten— ſie ſollte beim Koͤnige, bei der Koͤnigin Alles vorberei⸗ ten; dann wollte er in dem Abendzirkel der Koͤnigin ſich von Beiden beurlauben. Seine Mutter drängte er bei dieſen Ueberlegungen zuruͤck; was er mit ihr wollte, wußte er nicht, darum beruͤhrte er es nicht. 1 — Laut denkend, indem er Alles, was er dachte, an Leſuͤeur ausſprach, lief er im Zimmer umher und be⸗ ſtellte endlich ſeine Toilette und ſeinen Wagen, um zur Oberhofmeiſterin der Prinzeſſin, der Graͤfin von Grammont, zu fahren. Dann ging er zu ſeinem Vater und trug ihm übereilt, zerſtreut und mit dem vollſten Ausdrucke der erlittenen Gemuͤthsbewegung ſeine Abſicht vor, nach Ste. Roche abzureiſen. „Aha,“ lachte der alte Marſchall,„wir haben Crecy'ſches Blut! Wir ſind verdrießlich! Die Hofcharge und die Braut bleiben zu lange aus!— Nun hoͤre, mein Junge, das iſt ſo uͤbel nicht! Thue Du ein wenig empfindlich, damit ſie nicht vergeſſen, wer Du biſt! Es wird ſchon Aufſehen machen, wenn Du jetzt fortgehſt, als ob Du aller Hofgunſt den Ruͤcken kehrteſt, wo alle die Haſen in einer Reihe lauern, um auf das erſte Signal nach dem rothen Lappen zu laufen. Ich habe nichts dagegen— und ſei nur ruhig— ich werde indeſſen Deinen Platz einnehmen! Sie ſollen mich nur fragen, wo Du hin biſt— ich will ihnen dienen! Die Frau Königin Anna denkt wohl, ſie hat Wort halten nicht mehr nothig; da der alte Marſchall nicht mehr die Thore von Paris ſturmen und ihre Frondeurs in die Flucht ſchlagen kann! Nun, nun— wir wol⸗ len ſehen laſſen, wer ich bin! Gehe Du indeſſen, mein Junge— ich ſtehe Dir dafuͤr, Du wirſt bald zuruͤck gerufen.“ Der Arzt und der Kaplan unterbrachen dieſen väterlichen Erguß und nahmen Leonin die Gelegenheit zu jeder Erwiederung, ſelbſt wenn er ſie beabſichtigt hatte; was wir indeſſen bezweifeln, da er, um den Marſchall von ſeinen eiſernen Ideen abzubringen, we⸗ nigſtens die entſchloſſene Sicherheit ſeiner Mutter hätte haben muͤſſen, die ihm um ſo mehr fehlte, da ein Meer der widerſtrebendſten Gedanken und Gefuͤhle in ihm nichts weniger aufkommen ließ, als einen feſten und geordneten Zuſtand.— Zur druͤckendſten Buͤrde wurde es ihm dagegen, den langweilig ſcherzhaften Ge⸗ ſprächen längſt verbrauchter Gedanken zuzuhören, mit denen dieſe, täglich nur auf ſich ſelbſt angewieſenen, Maänner ſich zu vergnuͤgen glaubten. Doch wuͤrde der Marſchall ſeine Entfernung, ehe er dazu das Zeichen gab, hochſt ubel genommen haben, und ihm blieb Nichts uͤbrig, als äußerlich Geduld zu zeigen, wäͤhrend er in⸗ nerlich faſt vor Aufregung zu vergehen meinte. Endlich ſchlug der erſehnte Augenblick, und gleich darauf eilte ſeine Karoſſe zur Gräfin Grammont. Madame de Grammont kam durch die falſche Stellung, die Oberhofmeiſterin einer geiſtreichen Prinzeſ⸗ 128 ſin zu ſein, in den Wahn, ſelbſt fur geiſtreich gelten zu muͤſſen, und ſuchte durch leichte, humane und elegante Manieren die Herzogin von Bellefonds zu perſifliren, de⸗ ren ſteife ſpaniſche Grandezza uͤber die kleinſte Abweichung von der Regel den Bannfluch ſprach. Sie war daher leicht zu jeder Stunde zugaͤnglich, verbaute den Ein⸗ tritt bei Madame nicht durch ihren eignen Willen und war ſtets in eine Wolke von Parfums gehuͤllt, mit Vögeln, Hunden und Kätzchen aller Raſſen umgeben; — uͤbrigens aber die beſte Frau der Erde. Sie nahm nicht allein Leonin's Beſuch gnädig auf, ſondern begab ſich auch zugleich zu Madame, ihr die Bitte des jungen Grafen vorzutragen. Doch kam ſie bald und mit ſehr verlegener Miene zuruͤck, indem ſie eine völlig abſchlägige Antwort zu bringen hatte, da die Prinzeſſin allein zu bleiben wuͤnſchte. Leonin fuͤhlte ſich hierdurch ganz aus dem Wege gedräͤngt, den er ſich als den leichteſten und bequem⸗ ſten gedacht hatte, und ſchlich, in tiefes, unruhiges Nachdenken verſenkt, uͤber die Galerien und Vorſäle zuruͤck, vollig unſicher, was ihm jetzt zu thun obliege. Einen Augenblick trat er an die Bruͤſtung einer offe⸗ nen Galerie, die vor der Prinzeſſin Kabinet vorbei⸗ lief und in die Gärten niederſah, um, ehe er ſeinen Wagen beſtieg, zu wiſſen, wohin er ihn richten ſollte 179 — da hoͤrte er eine Fluͤgelthuͤr aufgehn, die unmittel⸗ bar in die Zimmerreihe von Madame fuͤhrte, und der . Marquis de Souvré eilte mit ſchnellen Schritten daraus hervor. „Souvré!— Crech!“ riefen Beide uͤberraſcht. „Alſo die Prinzeſſin war nicht allein?“ fuhr Leonin laut denkend heraus—„Mich nur wollte ſie nicht ſehen?“ „Sie ſind ja in vollkommen hypochondriſcher Laune!“ lachte Souvré—„Was haben Sie denn? Im Ernſte, Sie ſehn entſetzlich tragiſch aus;— ich erkenne den leichten, heitern Geſellſchafter der Mademoi⸗ ſelle de Lesdigusres nicht wieder!“ „Laſſen wir das, Marquis!“ rief Leonin— „Sagen Sie mir nur, ob Sie bei der Prinzeſſin wa⸗„ ren, ob keine Moͤglichkeit iſt, bei ihr Zutritt zu er⸗ langen?“ „Nachdem Madame de Grammont mit ihrem Ge⸗ ſuche abgewieſen worden iſt?“ fragte Souvré—„wo denken Sie hin! Doch, laſſen wir das— was gehen uns die Launen der Prinzeſſin an! Wer ſagt Ihnen, daß ich bei ihr war? Das kann ja Alles von keinem Belange ſein.“ „Es iſt wichtiger, als Sie denken, Souvrs!“ erwiederte Leonin.„Ich muß morgen fruͤh nach Ste. Roche abreiſen; der Prinzeſſin, dieſer edeln, fuͤhlenden —— ——— Seele, will ich mich vertrauen, ſie muß den König fur meine Bitten gewinnen, dann werden meine Eltern nicht widerſtehen!“— „Nun, dem Himmel ſei Dank, daß Sie an der Ausfuͤhrung dieſes wahnſinnigen Unternehmens gehin⸗ dert wurden! Was glauben Sie, daß der Erfolg ge⸗ weſen wäre? Ihre völlige Ungnade, des Königs un⸗ gemeſſenſter Zorn, und wahrſcheinlich einige ſo gewalt⸗ ſame Masßregeln, daß ſie ſchwerlich Ste. Roche ſo vald moͤchten erreicht haben!“ „Nein, nein, Souvré! Nein, Sie irren; das wuͤrde der Koͤnig nicht thun, am wenigſten an Je⸗ mandem, der meinen Namen trägt.“ „Gerade darum,“ entgegnete Souvré, emport uͤber den Hochmuth dieſes Thoren, der, immer noch zu ſicher, immer noch nicht unglucklich werden wollte —„gerade deshalb wuͤrden Sie ſeinen ſtärkſten Un⸗ willen auf ſich ziehen.— Sind die Crecy⸗Chabanne nicht Vettern des Koͤnigs? Ihre Verbindungen ſind daher, wie er annimmt, von ihm abhaͤngig. Waren Sie noch nicht hier, wie das Verlobniß des Grafen von Harcour mit Mademoiſelle de Roux auf ſeinen Befehl getrennt ward; da ein Harcour ſich nur mit ſei⸗ ner Bewilligung, nach ſeiner Wahl, mit einer Tochter aus den alten Familen des Reichs vermaͤhlen darf?“ „ ——,,——— — 181 „Ich aber,“ ſagte Leonin—„ich, der ich ſchon vermaͤhlt bin? bei dem von Auflöſung nicht mehr die Rede ſein kann?“ Souvré trat ein Paar Schritte näher, und dicht vor Leonin ſtehend, ſagte er ſo ſpottiſch herausfordernd, wie er vermochte:„iſt es moͤglich, haben Sie hier umſonſt gelebt? Sie, Sie koͤnnen noch von dieſer Vermählung als einer Wirklichkeit ſprechen? Sie koͤn⸗ nen glauben, daß irgend Jemand, vom Erſten bis zum Letzten, dieſe Verbindung für rechtmaͤßig, fuͤr bin⸗ dend anſehen werde?— Fragen Sie, wenn Sie kön⸗ nen, Ihre Prieſter, Ihre Verwandte, die Miniſter, die Armee, den Koͤnig— und wenn Sie Zeit haben, die Antwort zu hoͤren, ſo werden Sie ein und dieſelbe hören. Niemand wird Sie fur vermählt halten. Nie⸗ mand es fuͤr moͤglich achten, daß ein Crecy⸗Chabanne — ein Vetter des Koͤnigs— ein Katholik uͤberdies, eine engliſche Pfarrerstochter ehelichen koͤnnte, die eine Ketzerin iſt. Niemand denkt daran, daß eine Procedur dieſer engliſchen Kirche, die uͤberdies den Minorennen, ohne Einwilligung der Eltern und des Koͤnigs Da⸗ ſtehenden, vor aller Augen als ein Opfer der Intrigue erſcheinen laſſen wird, rechtlich oder kirchlich binden könnte. Daher rathe ich Ihnen als Freund— treten Sie mit dieſer kleinen Jugendthorheit nicht in die 182 Schranken; Sie werden ſonſt von Waffen beſiegt, die am unleidlichſten ſind— Sie werden ausgelacht werden!“ Leonin ſtand dieſer ſtachelnden Rede mit einer ſolchen Abſpannung gegenuͤber, daß ſie vergeblich ihn zu kranken ſuchte. Er hatte nicht umſonſt auf dem gefährlichen Boden ſo lange gelebt, und Souvré wußte das beſſer, wie er. Was eben ſchonungslos vor ihm beim Namen genannt werden konnte, war in vielen kleinen Anklngen ihm ſchon langſt verſtändlich gewor⸗ den, daher uͤberraſchte es ihn nicht; aber er wußte ſich nur, wie immer, keinen Rath. „Deſſen ungeachtet muß ich nach Ste. Roche,“ hob er endlich erwachend an—„das iſt eine heilige Pflicht, mag ſie verzeichnet ſtehen, wo ſie will!“ „So thun Sie es,“ ſagte Souvré ſorglos— „nur verſchweigen Sie die Veranlaſſung!— Ich muß Madame de Bellefonds dieſen Morgen noch ſprechen, ich will ihr ſagen, daß ſie die Majeſtäten von Ihrer Abreiſe unterrichtet. Warum ſollen Sie Ihr Hotel Biron nicht ſo gut haben, wie der Konig?“ Das war zu ſtark— es blitzte alles beſſere Ge⸗ fühl in Leonin auf, zu heftiger Entgegnung richtete er ſich in die Höhe;— aber ſchon glitt Souvré leicht grußend die große Treppe hinunter und ließ Leonin „ 183 mit einem Gefuͤhle von Schmerz und Entwuͤrdigung zuruͤck, wie dieſer Feind ſeiner Ruhe es ihm nur wuͤn⸗ ſchen konnte. Blind und betäubt verfolgte er indeſſen die Rich⸗ tung, die er genommen; die Stimmung, in der er ſich befand, war Fennimor's nicht wuͤrdig; aber ſie war doch von Gefuͤhlen untermiſcht, die einem edleren Be⸗ wußtſein angehorten. Das Eine, daß er jetzt zu ihr zuruck muͤſſe, blieb wenigſtens vorherrſchend und hielt den andern Eindruͤcken, die nur zu viel Wichtigkeit fuͤr ihn bekommen hatten, das Gleichgewicht. Seine Mutter nahm ſeinen ſpäteren Beſuch nicht an— Sie empfing, wie er bemerkte, heute alle Mor⸗ genbeſuche perſonlich und ließ Leonin ein groͤßeres Di⸗ ner anſagen. Noch ehe dieſer ſich zu ſeinem Vater begeben hatte, wußte ſie Alles, was in ſeinem Zimmer vorgefallen, und eine kurze Unterredung mit dem Mar⸗ quis de Souvrs machte die Mine ſpringen, die Beide ſeit langer Zeit fur dieſen Fall bereit hatten. Souvré, der bei der ungluͤcklichen, durch ihr Herz verſtrickten Henriette immer Zutritt hatte, erſchien eine Stunde fruͤher, und Madame erfuhr, daß Leonin alle Hoffnung habe aufgeben muͤſſen, in die Armee eintre⸗ ten zu koͤnnen, da der Marſchall unerſchuͤtterlich ſei⸗ nem Vorſatze etreu bleibe; daß er jetzt verzweifle, der 8 184 Koͤnig werde ihn bei Hofe anſtellen, und ſich entehrt und herabgeſetzt halte. Die Marſchallin ließ der Prin⸗ zeſſin ihren Schmerz hieruͤber ausdruͤcken, und ihre Hilfe, ihren Beiſtand bei dem Koͤnige nachſuchen. Die Prinzeſſin verſprach mit ihrer gewohnten Gutmuͤthig⸗ keit, daß ſich Alles dieſen Abend bei der Koͤnigin aus⸗ gleichen ſolle. Die Marſchallin erſchien nicht fruͤher, als bis ihre Zimmer ſich gefullt hatten, und kein Raum mehr fuͤr ein vertrauliches Wort vorhanden war. Als ſie ihrem Sohne begegnete, blieb ſie ſtehen, und in der Gegenwart von einigen zwanzig Zeugen ſagte ſie plötzlich:„Sie wollen uns morgen verlaſſen? Sie ſind ſehr eilig, Ihre ſchönen Beſitzungen in Ste. Roche in Augenſchein zu nehmen! Doch muͤſſen wir Ihren Eifer loben— mehrere Ihrer Vorfah⸗ ren pflegten von Zeit zu Zeit ſich dort aufzuhalten. Ihre Eltern haben dieſe Neigung nicht gefuͤhlt— vielleicht werden Sie darin Ihren Ahnherren wieder ähnlicher.— Wir werden uns dieſen Abend bei der Konigin ſehn!“ Als ſie bei dieſem Winke das Wort an einen An⸗ deren richtete, fuͤhlte Leonin zuerſt etwas wie Groll in ſich aufſteigen, und ſein gequältes Herz malte ſich in ſeinen bleicher werdenden Zuͤgen. 1 185 Mit demſelben Ausdrucke noch ſah ihn die ſanfte Henriette von England am Abende bei der Koͤnigin, in dem ungewöhnlich vergroßerten Zirkel, und ihr theil⸗ nehmendes Lächeln wollte ihn aufrichten; da ſie hoffte, er wuͤrde durch ihre Vermittlung noch Alles dieſen Abend erreichen, was ſeine ſichtlich gekraͤnkte Stim⸗ mung verrieth. Nach dem Erſcheinen des Koͤnigs, der ſehr bald ſeinen Platz neben ſeiner ſchoͤnen Schwägerin einnahm, ward es Leonin moͤglich, ſich Mademoiſelle de Lesdigus⸗ res zu naͤhern, die mit der groͤßten Theilnahme ihn aus der Ferne beobachtet hatte. Er fuͤhlte ſich, wie immer, an ihrer Seite erleichtert;— ſie ſchien ihm heute vor Allen das einzige menſchliche Weſen in dieſem Kreiſe, und er glaubte, nach der gewöhnlichen Weiſe der Maͤn⸗ ner, ſich jeder Empfindung hinzugeben, ohne der noth⸗ wendigen Mißdeutung ihrer Aeßerungen gedenken zu wollen, daß er ihr endlich die ganze Weichheit und Erſchuͤtterung ſeiner Seele zeigen duͤrfe. Er ſagte ihr, daß er am andern Morgen abreiſen werde— er ſagte ihr, wie ſchwer ſein Herz ſei, wie es ihm ſcheine, er werde nie wieder hierher zuruͤckkehren; wie alle Hoff⸗ nungen, alle Wuͤnſche auf dieſem Schauplatze des Le⸗ bens ihm verſunken wären, und er ſich nur wieder finden könnte in der Einſamkeit von Ste. Roche— er verließe hier Niemanden mit ſchwerem Herzen; allein die Trennung von ihr bekuͤmmere ihn tief— gern, gern wuͤrde er ihr ſein ganzes Herz aufgeſchloſſen ha⸗ ben, aber er muͤſſe fuͤrchten, daß ſie ihn alsdann fuͤr immer aus ihrer Nähe verbanne, und es wuͤrde die Bruͤcke, die ihn zuruckfuͤhren koͤnne, vollig abbrechen heißen, wenn er Sie nicht als ſeine Freundin wieder zu finden wiſſe.— Er ſagte ihr dies Alles mit einem Tone der Stimme, der die tiefſte Herzensbewegung ausdruͤckte, und blickte ſie dabei mit einer Bewunderung an, die ihre ungewöhnliche Schoͤnheit ihm immer einfloͤßte, und die ihm dies Mal durch den Ausdruck ihrer Zuge, durch den Wechſel ihrer Farbe beſonders auffallend ſchien. Viktorine fuhlte ſeine Worte, ſeine Blicke, ſeine ganze Stimmung mit der vollkommen gerechtfertigten Ueberzeugung, von ihm geliebt zu ſein und ſich jetzt als die Urſache ſeiner Verzweiflung, ſeiner Abreiſe an⸗ ſehen zu muſſen. Hätte man Leonin die Aufgabe ge⸗ ſtellt, Viktorine nach und nach von ſeiner Liebe zu uberzeugen, die ihrige zu gewinnen, er hätte dieſe Auf⸗ gabe nicht beſſer, nicht vollſtändiger löſen können, als durch ſein, ſeit Monaten verfolgtes Verhältniß zu ihr. Deſſen ungeachtet glaubte er keine Berechtigung der Art verſchuldet zu haben, da er nie foͤrmlich um ſie 18* geworben, innerlich ſich dieſe Abſicht nicht eingeſtan⸗ den. Er hatte den Genuß des Augenblicks in ihrem umgange geſucht, er hatte mit Eitelkeit nach ihrer Gunſt geſtrebt und wenig nachgefragt, ob die Mittel, die er zu Beidem wählte, das unbewachte, argwohnloſe Herz eines Maͤdchens mit Hoffnungen erfullten, die der ihr bewieſenen Liebe gemäß ſein mußten. Er wuͤrde jeden Vorwurf voll Erſtaunen zuruͤckgewieſen haben, da er ja niemals um ihre Hand geworben hatte;— und doch wuͤrde er dieſes letzte Formular der Liebe ſelbſt fuͤr uͤberfluͤſſig gehalten haben an einer andern Stelle, wo er doch nicht mehr haͤtte thun können, als hier, wenn er dieſe Abſicht haͤtte ausdruͤcken wollen. — Was Leonin uͤberdies nicht wußte, Viktorinen aber von ihrer geſchwätzigen Mutter laͤngſt vor ſeiner Be⸗ kanntſchaft verrathen ward, war das, zwiſchen der Mar⸗ ſchallin und dem Hauſe Lesdigusres unter Genehmigung beider Majeſtäten, abgeſchloſſene dereinſtige Ehebuͤndniß ihrer beiden Kinder. Mademoiſelle de Lesdigueres war allerdings an Rang und Reichthum die ausgezeichnetſte Partie des Hofes— die Marſchallin konnte nicht kluͤ⸗ ger wählen, und die Perſoͤnlichkeit des Fraͤuleins ſchien, ſelbſt unter den ſpaͤter eintretenden Verhältniſſen Leo⸗ nin's, ihren Sieg zu ſichern. Doch Viktorine grollte jedem Zwange, und ſie be ſchloß, Leonin ſo abſtoßend und hart zu behandeln, daß die Eltern ihre vorſchnellen Pläne aufgeben muͤßten. Wie ſie es verſuchte, haben wir erwaͤhnt; eben ſo, wie ſie nach und nach das Opfer jener gewohnlichen, edeln weiblichen Tauſchung in Bezug ihrer Einwirkung auf Leonin's Charakter wurde, der ihr noch unvollendet er⸗ ſchien. Jetzt liebte ſie ihn— und nicht mehr, was er durch ſie werden konnte, war die Frage— ſondern, ob er ihr, ſo wie er war, gehoͤren koͤnne und wolle. Trotz dieſer ſtärker werdenden Empfindung aber beſaß ſie zu viel Charakter, um einem Vorſatze untreu zu werden, der außerdem ihr edles Herz erfuͤllte— dieſer war, ihre Gebieterin, die Koͤnigin, die ſie anbe⸗ tete, die Viktorine als Freundin und Vertraute zärt⸗ lich wieder liebte, nie gaͤnzlich zu verlaſſen; da ſie ſich bewußt war, mit ihrem allein treu und wohlmeinend geſinnten Herzen das vielfache Boſe, das in dem Verhaͤltniſſe beider Ehegatten lag, zuweilen abhalten, mildern oder verſöhnen zu koͤnnen. Sie hatte daher der Konigin, wie dem Könige in ihrer unumwundenen Weiſe erkläͤrt, ſie wurde nur dann Leonin's Gattin werden, wenn ſeine Verhältniſſe auch ihn auf irgend eine Weiſe an die Perſon der Koͤnigin feſſelten, die ſie nie verlaſſen wolle. Beide Majeſtäten hatten vielfach Gelegenheit ge⸗ 189 habt, den Werth dieſes edeln Weſens zu erkennen, ſie waren daher dankbar fuͤr eine ſo hingebende Auf⸗ opferung und hatten laͤngſt eine ſolche Stelle bei der Koͤnigin fuͤr Leonin beſtimmt, deren wirkliche Ueber⸗ tragung nur durch die bereits mitgetheilten Kabalen der Marſchallin und des Marquis de Souvrés auf⸗ gehalten wurde. Viktorine konnte jedoch nicht zweifeln, daß Leo⸗ nin von ihrer Weigerung, unter andern als den ge⸗ nannten Umſtaͤnden die Seinige zu werden, unterrichtet ſei, dies fuͤr Mangel an Liebe halten muͤſſe, und dadurch in die Stimmung ſich verſetzt fuͤhle, in der ſie ihn vor ſich ſah. Hoch wallte daher ihr Herz dem Wunſche entgegen, ihm offen ihre wahre Empfindung geſtehen zu duͤrfen, und mit der Gemuͤthsbewegung, die ſie in Leonin's Augen ſo ſchoͤn machte, horchte ſie ſeinen Worten, das heraus zu finden, was ihr dazu Ge⸗ legenheit geben wuͤrde. Jedes ſchien ihr dazu Veran⸗ laſſung; aber ehe ſie ihre ſtolze Schuͤchternheit uͤber⸗ winden konnte, erhoben ſich die Majeſtäten, um einem Concerte beizuwohnen, welches Lully mit ſeinem ausge⸗ zeichneten Orcheſter im Nebenſaale auffuͤhrte. Hier kam der verhängnißvolle Augenblick, wo der König, an Leonin voruͤbergehend, ſtehen blieb und, ihm mit dem wohlwollendſten Lächeln zunickend, ſagte: „nun, Graf Crecy, Sie wollen Ihre Beſitzungen von Ste. Roche uͤbernehmen?“ Leonin beugte ſich bejahend bis zur Erde.— „Bleiben Sie nicht zu lange fort— die Koͤnigin wuͤnſcht Sie um ihre Perſon zu beſchäftigen— ich habe Sie heute zum Kammerherrn und Reiſecavalier ernannt und werde mich freuen, wenn dies auch Ihre andern Wuͤnſche zur Reife bringt.“ „Madame,“ ſagte er, zur Koͤnigin ſich wendend, „ſind Sie zufrieden?“ Die Königin verbeugte ſich gegen den König, der huldvoll gruͤßend voranging, während die Königin noch einige Augenblicke verweilte, um Leonin einige höfliche Worte zu ſagen und ſeine Dankbezeigungen anzunehmen. Kaum hatten die Herrſchaften den Saal verlaſ⸗ ſen, als der ganze Hof auf Leonin einſtuͤrzte, um ihm Gratulationen auszuſprechen, die ſo den Stempel der herzlichſten Theilnahme trugen, daß, wer den Kreis nicht kannte, hätte glauben können, Leonin ſei hier in dem Zirkel einer ihn zärtlich liebenden Familie. Eben ſo empfing die anweſende Marſchallin die ſchonſten Worte des Antheils, die ſie jedoch beſonders kalt und übellaunig aufnahm, nur gegen den Koͤnig und die Königin in ein Meer vorſchriftsmäßiger Hul⸗ digungen uͤbergehend. Ihr war allerdings ein be⸗ deutender Grund zum Mifallen gegeben, und um ſo mehr, da es ihr unerklaͤrlich war, von welcher Seite ihr dieſe Stoͤrung ihres Planes kam. Die plötzliche Ernennung von Seiten des Koͤnigs ſollte es Leonin unmoͤglich machen, nach Ste. Roche zu gehn, und eben der Koͤnig erwaͤhnte dieſe Reiſe als angenommen und erlaubt, die durch dieſe Erwähnung jetzt ſogar unum⸗ ſtoͤßlich geworden war. Die Marſchallin konnte auch den Zuſammenhang nicht ahnen; denn die Urſache davon war die gute, empfindſame Gräfin Grammont geweſen, gegen die Leonin, als er die abſchlaͤgige Antwort der Prinzeſſin erhielt, in der gedankenloſeſten Befangenheit eine Un⸗ ruhe und Angſt, nach Ste. Roche zu kommen, ausge⸗ ſprochen hatte, von der die gute Dame ſo geruͤhrt ward, daß ſie ihm wenigſtens dieſen Dienſt nach der mißgluckten Audienz zu leiſten wuͤnſchte und die Prinzeſſin mit Bitten beſturmte, dieſen Wunſch des armen jungen Mannes doch beim Koͤnige zu vertreten. Henriette hatte dies mit ihrer unbefangenen Gutmuͤthigkeit gethan, und der König es bewilligt. In welcher Bewegung jedoch Leonin durch die vlotzlich auf ihn einſturmenden Eindrucke fich fühlte, wuͤrde unbeſchreibbar ſein! Das angeregte Verhältuiß 192 zu Fennimor entkräftete zwar in etwas den Triumph dieſes Abends; aber er wurzelte ſchon zu tief in die⸗ ſen Zuſtänden, um nicht das Aufbrauſen des Ehrgeizes mit Wonne zu fuͤhlen;— und ſich endlich ſagen zu koͤnnen, daß er erreicht habe, was er gewollt, belebte ſein Antlitz, daß Jeder darin das erfullte Verlangen erkennen mußte. Auch Viktorine, während des Concertes hinter dem Stuhle der Koͤnigin gefeſſelt, erkannte mit höherem Herz⸗ ſchlage das veraͤnderte Anſehen Leonin's; ihre Blicke ſuchten und fanden ſich, und das edle Mädchen, ſo nahe ſich der Aufloͤſung ihres Zwanges wähnend, ließ ihn in ihren Augen ihr ganzes Gefuhl leſen. Jetzt erhoben ſich die Herrſchaften und begaben ſich, von ihren naͤchſten Umgebungen gefolgt, gruͤßend an der Menge voruͤber, in ihre Zimmer. Leonin ſtellte ſich Viktorinen bei dieſem langſamen Zuge abſichtlich in den Weg. Sie ſollte ihm Gluͤck wuͤnſchen— freudig blickte er, herausfordernd zu ihr auf. Sie glaubte ihn zu verſtehen.„Leonin“ ſagte ſie, bebend mit gluͤhenden Wangen und geſenkten Au⸗ gen,„ich kenne die Wuͤnſche unſerer Freundin— ich kenne die Wuͤnſche unſerer Familien— ich habe Sie verſtanden, und mein Herz widerſtrebt dieſen Wuͤnſchen nicht länger, da ſie mein erſtes Geluͤbde gegen die Koͤ⸗ 193 nigin nicht aufheben werden. Die Koͤnigin kennt unſere Wuͤnſche und billigt ſie. Nach Ste. Roche alſo! Ich breche die Brucke nicht ab, die zu mir zuruͤck fuͤhrt!“ Schnell folgte ſie dem Zuge. Es war ein Gluͤck — Leonin war an ihren Worten zur Salzſaͤule ge⸗ worden;— ſie ſah es nicht mehr. „Wollen Sie mir Ihren Arm geben, mein Sohn!“ ſagte die Marſchallin in dieſem Augenblicke „Sie werden, denke ich, nicht eher abreiſen, bis Sie Ihrem Vater Ihre ſo überaus ehrenvolle Anſtellung mitgetheilt haben.“ „Gewiß nicht,“ erwiederte Leonin und fuͤhrte die Marſchallin zu ihrem Wagen, beſtieg den ſeinigen und eilte in ſein Zimmer, alle Bedienung fortſchickend, um allein zu bleiben— der ungluͤcklichſte Menſch der Erde, wie er wähnte. Ste. Roche. ll. — Die Wälder von Ste. Roche, die Gärten, die das Schloß zunächſt umgaben, die Weideplätze und Wieſengruͤnde, die daran ſtießen, Alles prangte in dem ſchoͤnen Gruͤn des Juni⸗Monats, und ſchien der Seligkeit einer vollſtändig erreichten, üͤppigen Entwicke⸗ lung hingegeben. Täglich ſich nachdraͤngende bunte Blumen, die zarten erſten Fruͤchte, die an Sträuchern und Pflanzen glaͤnzten, Alle ſchienen ſich in den gruͤnen Pallen ein Willkommen zuzujauchzen, als heitere Ge⸗ ſpielen, fuͤr die der Boden ergruͤnet.— Auch ſtanden dieſe ſchoͤnen Ankoͤmmlinge an einander gereiht, wie reizend geſchmuͤckte Tänzer, bereit, den ſchönen Som⸗ merreigen uͤber die Erde zu tanzen; und in den blauen Luͤften, in den ſchattigen Lauben erklang dazu aus tauſend kleinen verſchiedenen Kehlen ihr melodiſches Orcheſter. Warme Sonnenſtrahlen belebten den lan⸗ gen Tag, tauige Nächte erfriſchten die duftende Schön⸗ heit der ganzen Natur. Leiſe aufhorchend ſo vielen Wundern, ſie alle be⸗ lauſchend mit kindlich wachſamem Auge, ſo vertraut — — — 1 . 125 damit, ſo beſeligt dadurch und zugleich ſo ſchuͤchtern, ſo behutſam, als könnte ein zu kuhnes Hinblicken oder Beruhren die kleinen fleißigen Arbeiter in ihrem Auf⸗ blähen, Duften und Reifen ſtöͤren— ſo glitt Fenni⸗ mor's leichter Fuß durch die Pracht des Sommers! Sie wußte nicht, daß ſie keine aufbluͤhende Blume zu beneiden hatte— ſelbſt ſo reizend erbluͤht, daß ſie zu ihnen zu gehoren ſchien; und wenn das kindliche Antlitz aus den volleren Falten ihrer Kleider ſchaute, konnte man vergleichend ſagen: die Knospe beuge ſich uͤber die aufgebluhte Blume, an demſelben zarten Stengel getragen. Sie wollte immer ungluͤcklich ſein, da Leonin noch fehlte; aber ſie konnte doch nicht Zeit dazu finden vor all der Herrlichkeit in und außer ihr. Die Thrä⸗ nen, die ſie weinte, waren wie die kurzen Nächte, ſie dauerten nicht lange; denn mit der Sonne— was kamen da all' fur ſuͤße Gedanken!— Emmy Gray hatte ihr endlich entdecken muͤſſen, was ihr geſchah; und nun war es ihr, als ob der Altar des Herrn in ihr errichtet ſei, und ſie hätte in aufhorchender Stille auf ihren Knien, auf denen ſie Emmy's Verkuͤndigung erfuhr, liegen bleiben mögen, damit ſie heilig wuͤrde zu der großen Gemeinſchaft mit Gott, wie ſie ſagte. — Wie lange konnte ſie ſtill und in ſich gewendet 13* zwiſchen den Blumen ſitzen, und gar Nichts wollen, als voll anbetenden Erſtaunens das Wunder bedenken, zu dem Gott auch ſie berufen. Ihre Augen waren ſo ernſt, ſo tief und forſchend auf dies heilige Geheim⸗ niß gerichtet, und um ihren Mund nur ſchwebte das kaum angedeutete Lächeln unausſprechlicher innerer Wonne— und all' die kleinen unſchuldigen Kinde⸗ reien, die dazwiſchen ihre Gedanken beruͤhrten und ſie in die ſeligſten Spielereien mit dem kleinen, noch verhuͤllten Gefährten verſenkten, flatterten durch den ernſten Cultus ihrer Empfindungen, wie gefluͤgelte Engel um die Glorie der Mutter Gottes. Mit Leſuͤeur hatte ſie auch ihre große Noth ge⸗ habt, weil er von Gott gelaſſen und ſich nun vor ihm fuͤrchtete;— aber ſie hatte ſich ſchnell daran ge⸗ macht und traute ſich uͤberdies jetzt mehr zu, da ſie dachte, in ihrem Zuſtande muͤſſe man ihr auch mehr Glauben ſchenken. Da war ihr denn auch Alles mit ihm gelungen, wie wir ſchon wiſſen, und ſie war deſſen recht froh und ſagte oft zu Emmy:„was wol⸗ len ſie doch machen, wenn eine Mutter zu ihnen redet— da iſt ihr Unglaube ja gleich uͤberwunden; das größte Wunder ſteht vor ihnen, ſie muͤſſen glauben lernen!“ Doch vergeblich ſah Emmy Gray vor ihren Au⸗ d — gen das ruͤhrendſte und reinſte Bild göttlicher Gemein⸗ ſchaft und des daraus entſtehenden heitern Friedens, der alle Angſt der Welt beſiegt— ihr armes, leiden⸗ ſchaftliches Herz faßte es nur auf, um ſich zu kränken, zu erzuͤrnen, und der Heiligenſchein, den ſie um ihren Liebling leuchten ſah, ſteigerte nur ihre Anſpruͤche fur eine irdiſche Welt, die ihr dafuͤr einen Lohn zahlen ſollte, ihren eiteln Wuͤnſchen gemaß;— die Bitter⸗ keit daruͤber, daß er ihr noch immer verweigert ſei, verzehrte ſie faſt. Wenn Fennimor den Zuſtand ihrer Gefährtin er⸗ kannt hätte, wurde ſie gewiß mit dem Uebel in Kampf getreten ſein. So aber verdeckte Emmy mit unerſchuͤt⸗ terlichem Schweigen ihr Inneres; denn konnte ſie auch ihren Abgott in Nichts nachahmen, ſo floßte Fennimor ihr doch eine an Ehrfurcht grenzende Schonung ein; und wie ihr Nichts gut genug fuͤr ſie ſchien, ſo nahm ſie auch ſich davon nicht aus, und es war in ihrem Grolle mit begriffen, daß ein ſolcher Engel keinen an⸗ dern Umgang haben ſolle, als ſo ein geringes Weib, wie ſie. Leſuͤeur's Ankunft erfullte ſie zuerſt mit Hohn, Verachtung und Mißtrauen: er käme nur, damit der Herr Graf wegbleiben könne— er ſolle ein Geſell⸗ ſchafter ſein, wozu dieſer ſich zu gut halte. Von Ma⸗ lern hatte ſie uberhaupt geringe Begriffe; ſie ſchienen ihr durchaus unnuͤtz, umſonſt da;— und daß dieſer kranke, bleiche, verfallene Mann in die Geſellſchaft ihres Engels treten ſollte, ſchien ihr ein wahrer Spott. Dagegen ſchlug Fennimor vor Freuden in die Hände, daß ſie endlich einen Maler ſehen ſollte, weil ſie von deſſen Berufe auf Erden die groͤßten Begriffe hatte, und ſo gern wiſſen wollte, wie ein Menſch aus⸗ ſehe, der ſich begeiſtert fuͤhle, Gottes Werke nachzu⸗ bilden. Emmy horte kopfſchuttelnd, wie ſie ſich freute und den Gaſt einzufuͤhren gebot.„Ach,“ ſagte ſie,„Alles muß ihr den Willen thun und was Schoͤnes werden, woran ſie ſich erfreuen kann. Gott mag es denen ver⸗ zeihen, die ihr nicht das ſchicken, was ihrer wuͤrdig iſt!“ Als Leſueur darauf eintrat, verbeugte ſich Fen⸗ nimor ſo tief vor ihm, daß der ſtolze Kuͤnſtler erro⸗ thete und ſich noch tiefer vor der wunderbaren Schoͤn⸗ heit neigte. „Gott ſegne Euch!“ ſagte ſie leiſe, wie ein Kind ſo ſchuchtern,„und Gott ſegne dieſes Haus, wo ein Kuͤnſtler eintritt— ein Schuͤler Gottes— ein Be⸗ rufener, ſeine Wunder nachzuahmen, wo wir andern nur zuſehen können! Es muß eine große Gnade ſein, das zu empfinden,“ fuhr ſie fort, und ſchritt dabei . „ ———— 2 199 —— neugierig, obwohl noch ſchuͤchtern, auf den erſtaunten Leſuͤeur zu, um ihn recht genau zu betrachten, der in⸗ deſſen, durch eine ſo fremde Anrede um ſeine ganze Faſſung gebracht, unſicher war, ob das liebliche Räth⸗ ſel vor ihm ein Kind, eine Frau oder ein Engel ſei. Als Beide ſich nun gans nahe ſtanden, und Fen⸗ nimor's Augen den erſehnten Anblick eines Malers hatten— ward ſie ſehr verwundert, daß ein Maler gerade ſo ausſehen mußte. Sie haͤtte ſich weniger er⸗ ſtaunt gefuͤhlt, wenn er einen Purpurmantel um eine Tunika getragen haͤtte und den Lorbeerkranz um die Schläfe— als daß er muͤde und krank, mit bleichen Wangen und ſchwankender Geſtalt, in Kleidern, wie andere Menſchen trugen, die ihm aber nicht wohl ſaßen, nun vor ihr ſtand und Nichts hatte, als Augen, aus denen ſie ſpäter das Geheimniß erklärte, und die auch jetzt ſo verſtaͤndlich zu ihr redeten, daß ihr ſogleich eine andere Anſicht kam, die nicht minder ihr Gefuͤhl weckte, wenn auch ihren Pathos verdrängte. „Ach Gott, Ihr ſeib ja krank, lieber Herr!“ ſagte ſie mit dem weichſten Mitleidstone.„Wie wollen wir es denn machen? Ruht erſt hier etwas, bis Eure Zimmer durchwaͤrmt ſind!*) Wir laſſen *) Wir werden uns erinnern, daß Leſüeur im Winter abreiſte 200 dies Ruhebett an den Kamin tragen— da legt Ihr Euch nieder, und wir breiten Decken uͤber Euch, daß Ihr Euch erwärmt. Ich kann auch gehn, wenn Ihr lieber allein bleibt, oder Euch etwas erzaͤhlen, bis Ihr einſchlaft— oder vielleicht thut Euch etwas Wein gut?“ Leſuͤeur war freilich nicht kraͤnker, als gewoͤhnlich; aber faſt wuͤnſchte er ſich, das zu ſein, was ihn ſo in unmittelbare Beziehung zu ihrer Theilnahme brachte, und ohne den Willen dieſer kleinen Heuchelei, ließ er ſich von ihr, als der Hilfe beduͤrftig, leiten.— Wie drang ſie dann in ihn, als ſie ihn fuͤr erfriſcht und geſtaͤrkt hielt, ihr von all' den Wundern zu er⸗ zaͤhlen, von denen ſie ſeine Seele erfuͤllt glaubte; und wie andächtig, ſcheu und ehrerbietig behandelte ſie ihn — wie feſtlich und ſchoͤn ließ ſie Alles für ihn bereiten, ſo froh der Ehre, mit einem Kuͤnſtler zu leben! Und Leſuͤeur war in eine Welt der Ideale getre⸗ ten, deren Daſein er nicht fuͤr moͤglich gehalten hatte. Was von der Geltung, dem Berufe des Kuͤnſtlers die Bluͤtenzeit ſeines Lebens als ſuͤßer Traum umgaukelt hatte, und den Raum des Entſtehens— den heitern Boden der Phantaſie nicht verlaſſen durfte, um es nicht an der Außenwelt verfluͤchtigt zu ſehn— dies ward ihm hier mit einem Ernſte als Erwartetes, Wirk⸗ — 201 liches, Begehrtes abgefordert, und fand Raum und Exiſtenz unter Umſtänden, die ſelbſt einem Wunder glichen, aber dennoch Wahrheit waren. Unter dem ſchuldloſen Betaſten dieſer Kinderſeele fand er die Kuͤnſtler ſeele wieder— ihre Traume und Entwuͤrfe, ihre Abſichten und ihr ganzes heiliges Selbſtgefüͤhl durfte er wieder erwecken, eingeſtehen! Ja, er mußte ſich 3 mit dem ganzen Schmucke bekleiden, damit ſie ihn er⸗ 3 kannte fuͤr das, was ſie in ihm ſuchte. Vor ihrem Bilde mit einer Begeiſterung malend, wie einſt St. Lukas vor der heiligen Jungfrau, fuhlte Leſuͤeur dennoch die Sonne des Lebens immer tiefer ſinken;— aber täglich ſagte er ſich:„es ſei! Iſt dieſe letzte Zeit meines Lebens doch die Erfuͤllung des gan⸗ zen Vorangegangenen! Weiß ich doch jetzt, daß die große, heilige Bevorrechtigung, ein uͤnſtler zu ſein, kein Ge⸗ ſpinnſt meines erhitzten Gehirns iſt, daß es ſich erfullt findet in Anerkennung und freudigem Feſthalten da, wo die Seele der Menſchen noch das unſchuldige Auf⸗ faſſen behalten hat, das ohne den Conflikt mit der Welt die Wahrheit erkennt.“— Aber wie war Fennimor da⸗ gegen erſtaunt, daß ein Kuͤnſtler von Gott hatte abfallen können, wie ſie es nannte, und ein wahrer Heide wer⸗ den, der viele kleine Goͤtter anbetete, die ihn ſein Herz in der Welt hatte ſuchen laſſen—„und natuͤrlich,“ ſagte —,— 202 ſie,„daran zu Grunde geht in Mißmuth und Bit⸗ terkeit.— Denn, wie ſollten ſie Dir treu bleiben, da Du den allein Treuen um ſie verlaſſen haſt? Hätteſt Du Gott vor Augen gehabt, was hätte Dir Lebrun wohl thun können, als Liebes und Gutes durch ſeine herrlichen Werke, wie Du ſelbſt von ihm ruͤhmſt— und haͤtteſt Du die rechte Liebe gehabt, ſo hätteſt Du auch den rechten Frieden bekommon!“ NMit proteſtantiſchem Ernſte griff ſie ſein mattes, inneres Treiben an, was, leidlich zur Ruhe geſprochen von aͤußeren Gebrauchen und Hilfsmitteln des katho⸗ liſchen Prieſterthums, ihm keine Heilung der Seele geben konnte; da es ihn fern hielt von ſtrenger Selbſt⸗ rechenſchaft, die, in das Formenweſen von Beichte und Abſolution hinuͤber gezogen, ihn ganz von der Moͤglich⸗ keit entfernt hatte, auf dem Wege der Religion ſich mit der Welt wahrhaft zu verſoͤhnen. „Was kann Dir denn das helfen, wenn ein Menſch Dich abſolvirt,“ ſagte ſie eifrig—„weißt Du nicht, daß Keiner ohne Fehl vor Ihm befunden iſt? Warum thuſt Du nicht nach Gottes Geboten, der eben durch ſeine Offenbarung in Chriſto Dir ſagt, Du ſollſt Ihn anbeten im Geiſte; denn er iſt ein Geiſt! Du biſt getödtet durch Deine Prieſter, die ſich zwiſchen Dich und den Geiſt Gottes draͤngen; denn das Fleiſch „ — —————— ———— . 203 — das heißt, ihr fleiſchlich Wort— toͤdtet! Der Geiſt allein macht lebendig! Siehſt Du nun wohl ein, welche Sunde es iſt, die Andacht aus den Häͤnden zu geben und träge zuzuſehen, was Dir Andere zurecht machen und Dir davon überlaſſen nach ihrer ſundigen, menſch⸗ lichen Einſicht? Ja, das ſollte uns ſchon gefallen, wenn es ſo leicht abgethan wäre! Wir aber, wir Proteſtan⸗ ten, die wir nach der Lehre Chriſti leben muͤſſen, wie die Evangelien ſie lehren, wir wiſſen, daß es keine andere Rechtfertigung vor Gott giebt, als im Glauben an un⸗ ſern Heiland, durch den wir alsdann die Kraft empfan⸗ gen, die Suͤnde von uns abzuhalten und der Verge⸗ bung theilhaft zu werden, die er Allen verheißen, die an ſeine Verſoͤhnungskraft glauben. Wie kannſt Du Dir alſo weiß machen laſſen, ein Prieſter, der ſo gottlos iſt, ſich fuͤr den auszugeben, der Gottes Gewalt an Dir erfuͤllen könnte, alſo ein Gott ſelbſt ſein muͤßte, koͤnnte Dir ſagen: Deine Suͤnde ſei Dir vergeben!“ Dann erzaͤhlte ſie ihm von Ihrem Vater, wie demuthig er vor Gott geweſen und Alles an ihn ver⸗ wieſen habe— und von der Scheu vor ſich ſelbſt, die allein zu ihm fuͤhre. Während dem malte Leſuͤeur ſeine Lehrerin— und kaum hatte er einen Entwurf beendigt, ſo begann er ſchon den zweiten. Hundert Mal glaubte er ſie ma⸗ len zu koͤnnen, immer neu, immer ſie ſelbſt und das groͤßte Wunder, das ihm vorgekommen.— Dann las ſie ihm mit ihrer Engelſtimme die Evan⸗ gelien vor, die er nie gehoͤrt, und vor deren heili⸗ gem Geiſte er den erſten Schauer der Andacht fuͤh⸗ len lernte, der bis dahin ſeinem Leben fremd geblie⸗ ben war. Beide fuͤhrten ſo ein lebhaft angeregtes Leben; — in Fennimor aber tauchte eine Ahnung der ver⸗ derbten Welt auf, die ihr bis dahin fremd geblieben war, und ſie mußte viel nachdenken; denn ſie wollte das, was ſie nicht mehr laͤugnen konnte, doch gern in Ordnung bringen, um Gottes Welt zu retten, wie ſie dachte, damit auch das Boͤſe ſeinen Platz bekäme zu irgend einem guten Zwecke, da dies doch nothwendig ſein muͤſſe, wenn man auch zuerſt ſo ſehr daruͤber erſchrecke und erſtaune. Oft nahm ſie. Leſuͤeur in Rath, der ſeine längſt verloren gegangene und vergeſſene Unſchuldsſeele mit heißer Sehnſucht um ihretwillen wieder ſuchte; und wenn er hörte, wie ſcharfſichtig, wie tief denkend das Kind bloß aus Liebe zu Gott ſich beſtrebte, die Angelegenheiten der Erde zu ordnen und zu erklaren— hätte er ſie zum lauten Predigen in der Wuͤſte des Lebens auffordern moͤgen. Denn Offenbarungen des Höchſten ſchienen ihm ihre Worte, und hatte er nicht ihren ſtrengen, aufrichtigen Tadel gefuͤrchtet, auf ſeinen Knieen haͤtte er ihr zuhoͤren moͤgen.— Dagegen dachte Fennimor, wie herrlich ihr Leonin ſein muͤſſe, von der boͤſen Welt umgeben, die er ertruͤge um Gottes Willen, und um die ſchoͤne heilige Welt, der er zugehoͤrte, dort zu zeigen und zu ſchuͤtzen vor der fremden „Aber mir wäre es lieber,“ dachte ſie,„ich bliebe daraus weg, und mit Leonin käme die ſchoͤne edle Mutter, der liebe alte Vater und Louiſe hieher zu uns; denn wir ſollen doch keine Verſuchung auf⸗ ſuchen— alſo, was thun ſie dort, wenn ſie es hier beſſer haben können. Die hat auch Gott nicht zum Streite dorthin berufen, denen er zwei Stellen auf Erden gegeben, wo die eine ihm ſo viel näher iſt! Nur, wenn Leonin es will, daß ich ihm folge, darf ich hier fort— freiwillig muß ich nicht gehen— dann aber iſt es wieder Gottes Gebot, weil Leonin mein Mann iſt!“ Wie erſtaunte Leſuͤeur uͤber die ſichere Berechti⸗ gung, die ſie zu ihren Verhältniſſen fuͤhlte, da er der untruglichſten Ueberzeugung war, wie keines der Rechte, die ſie ruhig zu beſitzen glaubte, in der Welt eine Gel⸗ tung haben wurde, welche ſie mit Recht zu beruͤhren fuͤrchtete.„Gott,“ rief er oft, wenn er allein war, die Haͤnde ringend—„wenn Leonin ſie auch verließe, wenn ſie auch an ihm den Anhalt verloͤre und den Glau⸗ ben— wie nur zu gewiß die Eltern gar nicht fuͤr ſie exiſtiren!“ Auf dieſem Wege fand ſich nach und nach eine natuͤrliche Annaͤherung zwiſchen ihm und Emmy Gray. Beide hofften Manches von einander zu erfahren, und die Sorge um Fennimor erhob dies gegenſeitige For⸗ ſchen zu etwas Edlerem, als Neugierde. Emmy Gray lockte bald aus Leſuͤeur heraus, was ihre argwöhniſche Seele ſchon vorausſetzte, und was ihm unter ſo entgegenkommenden Fragen unmöglich ward, zu verbergen. Von da an hielt ſie den Abgott ihres Herzens fuͤr verloren, und der Welt nur noch bitterer grollend, ſchien ſie ſich bald der einzige ſichere Anhaltspunkt fuͤr Fennimor. Sie erfaßte dieſe ueber⸗ zeugung mit einer Energie und einer Belebung ih⸗ res Geiſtes, die ihrer beſonderen Befaͤhigung trotz des Mangels der Bildung zuzurechnen war; und wenn ihre* Gemuͤthsart nur finſter und herrſchſuͤchtig ſein konnte, trat ſie doch, von einem edeln Stolze unterſtuͤtzt, wuͤr⸗ dig genug hervor. „Laßt Ihr noch das Wiegenlied ihrer Hoffnun⸗ gen, womit ſie ſich jeden Abend ſelbſt einſingt,— fuhr ſie finſter hinſtarrend zu Leſuͤeur fort—„ſeht, — †— wie ſie heiter aus sſieht— Nichts kann ihr mehr be⸗ gegnen, glaubt ſie— 86 ahnt auch nicht einmal, daß es etwas zu furchten fuͤr ſie giebt! Daß ein Menſch zu Zweien ſein kann, wie der gottloſe Herr Graf, daß er hier ihr Grab ausſchmuͤcken kann mit ſeinem gold⸗ nen Tand und doch ihr Herz brechen will und ſeinen Weltgötzen dienen, davon weiß ſie nichts! Und wer möchte es ihr ſagen? Gott wird die Stunde wiſſen, die ſie bricht— aber auch jene mit dem ſchreckl lichſten Fluche der Menſchheit Beladenen zu jeder Qual der Hoͤlle verdammen wird, die Gott dem erwachten Ge⸗ wiſſen vorbehaͤlt!“— Nach der Vollendung des erſten Bildes erkrankte Leſuͤeur bis zum Niederliegen. Fennimor theilte Em⸗ my's Pflege perſoͤnlich, ſo viel es ihre Lage ihr er⸗ laubte, und raſtete beſonders nicht, fuͤr ſeine Seele zu ſorgen; da die Krankheit mit ihren truͤben Schleiern und den bittern Tropfen, die ſie dem Blute beimiſchte, wieder nieder zu werfen ſchien, was Fenni⸗ mor in ihm ſchon aufgerichtet glaubte. Was Beide da eintauſchten, war nicht von gleichem Werthe. Das Leiden machte den von der Welt und ihren egoiſti⸗ ſchen Berechtigungen verwirrten Leſuͤeur ruͤckſichtsloſer in ſeinen Aeußerungen. Er wuͤnſchte den Zuſtand ſeiner Seele, den ſie ſo tadelte, durch die 208 Schilderung der Verſuchungen zu entſchuldigen, welche die Welt ihm geboten; und ſo rollte ſich bei ſeinem Eifer, ſie von der Schwierigkeit, ſich rein zu erhalten, endlich zu uberzeugen, ein Bild dieſer Zuſtände vor ihr auf, das ſie in ſeiner verderbten Ausdehnung kaum zu faſſen vermochte. Zu ſpät erkannte er an ihrem maaßloſen Schmerze daruͤber, was er verbrochen, und beſtrebte ſich nun um ſo aufrichtiger, durch ſeine eigne Pingebung an ihre Ermahnungen, ihre Seele zu troͤſten und zu erquicken. Doch vermochte er nicht mehr ihre bis jetzt in harmoniſchem Gleichgewichte ſchwebende Seele von dem herben, ſchmerzlichen Nachdenken zu befreien, in wel⸗ ches der erſte unausgleichbare Widerſpruch der innern Welt zur äußern, die Seele in der Jugend verſenkt. Nur ihre glaubensvolle Feſtigkeit erhielt ſie und rich⸗ tete ſie wieder auf;— und endlich war ſie ſicher und einig darüber, daß vielleicht nur kurzſichtige Menſchen dieſe Erſcheinungen boͤſe faͤnden, und Gott, der die Herzen ſieht, allein wiſſe, ob ſie ſo Viel verſchuldeten, als es den Anſchein habe. ½ „Sieh'“ ſagte ſie,„wenn ich nehme, als welch ein böſer Suͤnder Du Andern haſt erſcheinen muͤſſen, ſo kann ich mich recht daran beruhigen, da Dir Gott doch dabei ſo viel Reue und ſo viel Gutes erhalten und Dir die Gnade, ein Kuͤnſtler zu ſein, nicht ent⸗ zogen hat, vielmehr Dein Herz innerlich immer in Wehmuth ſchweben blieb uͤber Dein aͤußerliches Ver⸗ ſchulden. So wird es nun uͤberall ſein! Wir muͤſſen nur immer bedenken, daß Gott Alle gleich liebt, Alle ſeine Kinder ſind— da weiß er alſo als Vater, wo es ihnen ſteckt, wo er ſie heimſuchen muß— und wir duͤrfen eigentlich gar nichts dabei haben, als ſtill zu⸗ ſehen, wie er ſie leiten wird, und muͤſſen ſie lieben, bloß darum, weil ſie zu Gott gehoͤren.“ Leſuͤeur ſtaunte mit wahrer Andacht dies lebhafte Beduͤrfniß Fennimor's an, das Boͤſe zu annulliren. Er hatte das Gefuͤhl der Jugend vergeſſen, das ſich von jedem Eindrucke frei zu machen ſucht, der dem Gluͤcke widerſtrebt, den Menſchen vertrauen zu koͤnnen; — und als er ſie auf dieſem Wege wieder zur Heiterkeit zuruͤckkehren ſah, glaubte er, der Himmel muͤſſe ihr Leben behuͤten und begluͤcken, eine ſolche Froͤmmigkeit zu belohnen. Wir werden daraus die Stimmung erklärt fin⸗ den, in der Leſuͤeur nach ſeiner Geneſung und nach Vollendung beider Bilder bei Leonin eintraf, und die eben ſo ſchnell gefaßten Hoffnungen, derſelbe werde ihr gerecht werden. Nach Leſuͤeur's Entfernung haͤtte die Einſamkeit Ste Roche. 1I. 14 auf Ste. Roche hervortretender ſcheinen können;— aber Fennimor glitt mit dem ſuͤßeſten Lächeln heimlicher Luſt uber den blumigen Raſen, durch die lichten Schat⸗ tengaͤnge, und war in ihrem geheimen Einverſtaͤndniſſe nicht mehr allein, ſondern von tauſend unnennbaren Freuden umgaukelt, als ob Engel vom Himmel zu ihr niederſtiegen zu Spiel und Scherz! Sie hatte ſich lieb und hielt ſich hoch und ſtellte ſich im Geiſte hin vor Leonin als die reichſte und ſchonſte Gabe, die ſie nun ſo ſicher durch ſich fur ihn bereitet glaubte. Dann ſtieg ſie in das Thal hinab in das kleine Haus des Vikars, wo Veronika, die ſtille nonnenhafte Jungfrau, in Schouheit und Jugend prangend, neben dem jugend⸗ lich ruͤſtigen Vikar waltete. Wenn die Geſchwiſter ſie daher kommen ſahen, ſchwebend faſt und leiſe und vorſichtig, als behuͤtete ſie einen Schlummernden und ſie Beiden die ſchlanke weiße Hand reichte, und das Engelslaͤcheln und der leuchtende Blick auf Beide ihnen immer wieder auf's neue ihr Glück erzaͤhlte— immer wieder die neue Antwort der Anerkennung zu begehren ſchien, dann ſagte der Vikar oft, wenn ſie wieder heim gegangen:„zur heiligen Jungfrau wird immer noch die Frau, die ihre Umwandlung als eine göttliche Verkuͤndigung ſeiner heiligen Gemeinſchaft empfindet!“ k 211 Gewiß war es, ſie hatte faſt keines Menſchen noͤthig! Sie war gern bei den Geſchwiſtern und bei Emmy Gray— aber lieber faſt noch mit ſich allein, und ſelbſt Leonin hatte nicht mehr den erſten Platz; „denn,“ ſagte ſie zu ſich,„Gott hat ſeine heil'ge Werk⸗ ſtatt in mir— da muß alles Andere weichen— das kann ich recht fuͤhlen, wie er allein ſein will bei mir!“ Mit Leſuͤeur's Hilfe noch hatte Emmy Gray neben Fennimor's Schlafzimmer einen kleinen Raum benutzt, der nach dem Garten ſah, und mit den reichen Stoffen, die Leonin zur Ausſchmuͤckung der Zimmer geſandt, zu einer anmuthigen gruͤn-ſeidenen Laube um⸗ geſchaffen, worin ſich nach und nach die kleinen lieb⸗ lichen Gegenſtände ſammelten, deren verringerter Maaß⸗ ſtab unſer Herz mit Luſt und Ruͤhrung erfuͤllt und die Sehnſucht nach dem Anblicke des kleinen Weſens ſteigert, das dies Alles beleben ſoll mit ſeiner an⸗ muthigen Erſcheinung. Wenn ihr Emmy ſagte, daß die Zeit nahe ſei, die ihr die Erfuͤllung bringen wuͤrde, erbleichte ſie vor andaͤchtigen Schauern und wuͤnſchte dann wieder, Leo⸗ nin bliebe aus, bis ſie das Segenszeichen im Arme truͤge. Das wuͤnſchte Emmy nicht. Noch hoffte ſie auf Leſuͤeur's Einwirkung; und dann ſollte er auch die Weihe als Vater durchempfinden durch die Laſt der 14* ——— 212 Angſt um die ſchweren Stunden ſeines Weibes! Da ſah ſie, wie eines Morgens Fennimor's Wangen dunkler gluͤhten und ſie nicht in das Thal hinab ſtieg, ſondern auf dem ſonnigen Sitze am Fuße des Eu⸗ dorien⸗Thurmes ausruhte, wo ſie den Weg in das Thal uͤberſah;— und als ſie zu ihr trat, war ſie am fruͤhen Morgen ſchon wieder eingeſchlafen, der Athem war kurz und beklommen, der Mund gluͤhte, und zuweilen ſtieg ein ſchmerzlicher Seufzer herauf. Da wendete Emmy Gray ſchnell den Schritt zuruͤck, und bald erreichte ein Bote den geſchickten Arzt des kleinen Fleckens Ste. Roche, mit der Weiſung, ſeine Wohnung in dem Schloſſe aufzuſchlagen. Emmy blieb aber, ein treuer wachſamer Huter, zu ihren Fußen ſitzen, und Fennimor ſchlug nach kurzer, ungleicher Ruhe zu der Gefaͤhrtin die Augen auf. „Ich ſah es!“ rief ſie und druͤckte entzuckt die Haͤnde zuſammen.—„Ganz deutlich ſah ich es! So klein und rund iſt es, und ſeine Aeuglein ſind wie Sterne!— Ach! Emmy, nun muß Leonin bald kommen; denn ich werde eiferſuchtig, daß ich all' das Gluͤck allein genießen ſoll!“ „Ja, ja,“ ſagte Emmy—„er könnte wohl hier ſein, wenn Euch die Stunde ſchlägt— der Vater gehört zum erſten Gruße fur ſein Kind!“— — — Doch brach ſie nach dieſen Worten ab; denn ſie durfte ihrem zuͤrnenden Herzen nicht trauen.— Am Abende erſchallten Hoͤrner in der Ferne— ein Reiſezug flog durch das Thal. Als Fennimor es hoͤrte, ſank ſie auf ihre Knie und betete— Emmy's Bruſt wollte zerſpringen. „Lebt ſie, wo— wo— iſt ſie, Emmy, ge⸗ liebte Emmy?“ rief Leonin und weinte wie ein Kind, als er die ſproͤde, ſchluchzende Geſtalt wie eine Geliebte an ſeine Bruſt druckte. „Sie iſt ihrer Stunde nahe, Herr,“ ſagte Emmy. Eis und Bitterkeit glitten dabei von ihrem Herzen; denn ſein Gefuͤhl war keine Luͤge. Da draͤngte er den Ungeſtuͤm zuruͤck, und ſie uͤhrte ihn bis zu Fennimor's Zimmer. Sie hatte ihm nicht mehr entgegen eilen koͤnnen— ihre Fuͤße hatten gewankt— ſie ſaß, und ihr im vollſten Purpur gluͤhendes Engels⸗Antlitz leuchtete uber die bedeutungs⸗ volle Geſtalt. Als er ſie ſah, ward ſein Herz wieder feſt— aller Ungeſtuͤm, alle Leidenſchaftlichkeit war daraus ver⸗ ſchwunden. Er fuͤhlte die ganze Heiligkeit ihrer Stim⸗ mung und lag weinend zu ihren Fuͤßen, ſein Geſicht in die Falten ihres Kleides bergend. „Sieh' nur, Leonin,“ ſagte ſie da uͤber ihm mit 214 der klaren, ſuͤßen Stimme—„ſieh' nur, wer ich bin!“ Und ſich kraͤftig fuͤhlend, erhob ſie ſich und ſtand vor ihm, und als er aufſah, erblickte er ſie leuchtend vor Freude, mit der Gewißheit des hoͤchſten Gluͤckes, das ſie ihm zu geben hatte. Und das war der Inbegriff von Allem, was ſie ihm zu ſagen hatte. Kein Vorwurf, keine Unſicherheit, keine Befuͤrchtung— als ob ſie geſtern das letzte Wort mit ihm geſprochen hätte, ſo ruhig, ſo froh und hei⸗ ter knuͤpfte ſie wieder an. Nurllieblich, kindlich wehren that ſie ihm— er durfte nur leiſe mit ihr ſein— ſie behuͤtete ſich ernſt und doch halb kindlich ſpielend. Doch verhuͤllte die Freude nur noch ſchwach die ahnungs⸗ volle Bangigkeit, die immer ſchneller wiederkehrend in ihr aufſtieg— und Emmy Gray enffuͤhrte ſie endlich aus Leonin's Armen in ihr Schlafzimmer.— Als aber die erſten Strahlen der Juli⸗Sonne den Horizont roͤtheten, kniete Leonin nach einer un⸗ ter tauſend Qualen verlebten Nacht an Fennimor's Bette, und ſie ſah an ſeiner Bruſt ihren Traum er⸗ fuͤllt, und Leonin rief immer fort:„Fennimor, Fen⸗ nimor, mein geliebtes Weib, Du haſt mir einen Sohn geboren!“ „Und ſo klein iſt er! und ſo rund! und ſeine Aeuglein glänzen wie Sterne!“ ſetzte Fennimor leiſe lächelnd hinzu, waͤhrend große Thränen uͤber die blaſſen Wangen floſſen, und die ſchoͤnen matten Händchen ſie nicht trocknen konnten. Emmy's argwoͤhniſcher Tadel verſtummte nach ge⸗ rade vor dem gluͤcklichen Vater, der, zwiſchen Fenni⸗ mor's Lager und der Wiege ſeines Kindes mit eifer⸗ ſuͤchtiger Sorgfalt Beide behuͤten wollte. Sie ward wieder hoffnungsvoll und heiter, und ſah dem Gluͤcke ihres Lieblings ohne ſo bange Schmerzen zu, als ſie bisher erlitten. Und dennoch hatte ſie Recht— dennoch war es derſelbe Leonin nicht mehr, der dieſe Stelle einſt. einweihte als das Ziel ſeines Strebens, als die Be⸗ ſtimmung ſeines Lebens!. Er war jetzt, was er an dem Hofe Ludwigs des Vierzehnten war— das Kind des Augenblicks. Hier von den edelſten Beziehungen der Menſchen zu einan⸗ der ſo warm ergriffen, wie dort von ihren eiteln Be⸗ ſtrebungen beherrſcht— keiner Lage ganz gehoͤrend— zu der einen zu eitel und ehrgeizig, zu der andern zu gut, zu tief in die Geheimniſſe eines höheren Lebens durch Fennimor eingeweiht— uͤberall getheilt, zerfal⸗ len mit ſich— auf dem ſichern Wege, das zu werden, was der Marquis de Souvré zu erreichen trachtete: ein ungluͤcklicher, von verfehlten Lebenswegen irre ge⸗ fuhrter Menſch! 216 In dem Augenblicke, wo er beinah' mit Andacht ſein Weib, die Mutter ſeines Kindes, betrachtete, wußte er, daß ſeine Verlobung mit Fraͤulein von Lesdigusres am Hofe deklarirt war, und ſeine Ruͤckkehr erwartet, um ſeine öffentliche Vermaͤhlung zu feiern. Er wußte, daß er dieſe gegen ſeinen Willen ihm uͤber den Kopf gewachſene Verpflichtung jetzt erfuͤllen mußte, oder daß er vor der Welt, deren Meinung ihm ſo wichtig geworden, entehrt daſtehen, und auf ewig aus der glänzenden Gemeinſchaft getrieben ſein wuͤrde mit der ſichtbaren Gottheit Frankreichs— mit ſeinem Könige. Jede ehrgeizige Hoffnung wäre damit vernichtet ge⸗ weſen, der Name, deſſen ſtolzen Anſpruch er jetzt erſt begriff, zu dem troſtloſeſten Dunkel hinabgewieſen, und in der Verbannung keine Hoffnung auf Seelenruhe, da ihm der Fluch der Eltern und das Andenken an Vik⸗ torinens gebrochenes Herz folgen mußte.— Am Morgen nach der uns bekannten Ernennung des Königs, begab ſich die Marſchallin von Crecy, die ſonſt die Waffenſäle ihres Gemahls ſelten beſuchte, dahin, dem zögernden Leonin zuvorkommend. Der Marſchall mußte die Aufmerkſamkeit ſeiner Gemahlin anerkennen, daß ſie ſchon am fruͤhen Morgen zu ihm eile, ihm ſowohl die Anſtellung ihres Sohnes, wie die Verlobung deſſelben mit Mademoiſelle de Lesdi⸗ Fꝛ 2 — — — — —— guéres anzuzeigen, die durch einige Worte der Ma⸗ jeſtäten, welchen allerdings die Sache außer Zweifel war, fuͤr beide Ehegatten die Sanction einer prieſter⸗ lichen Einſegnung erhielt. So ward Leonin, als er ſpä⸗ ter dem Vater nur ſeine Anſtellung mittheilen wollte, in doppelter Beziehung begluͤckwuͤnſcht, und der un⸗ beſchreiblich ungeſtuͤme Jubel des alten Helden ertod⸗ tete jeden Verſuch der Widerlegung in dem faſt von dieſen Eindruͤcken betaͤubten Sohne. Auch fand er ihn ſchon zur Haͤlfte in ſeiner Marſchalls-Uniform— er wollte dem Koͤnige ſeinen Dank abſtatten und dann der alten Eule, der Herzogin Schwiegermama, wie er in luſtiger Laune die Mutter Viktorinens nannte, die Reverenz machen—„und iſt Deine Liebſte dort, dann ſoll ſie einen Kuß haben, ſo wahr ich S von Frankreich bin!“ Es waͤre eben ſo moglich geweſen, den Strom der Seine ruͤckwaͤrts fließen zu laſſen, als den Mar⸗ ſchall aus ſeinem, ihm von ſeiner klugen Gemahlin angegebenen Gedankenſtrom zu lenken. Leonin machte einige vergebliche Verſuche dazu; da ſie jener aber la⸗ chend und tobend ganz uͤberhoͤrte, ſicher, er koͤnne nur erfahren, was in dieſen Ideenkreis hinein paſſe, riß ſich Leonin endlich, faſt wahnſinnig über ſeine Lage, von ſeinem Vater los. „So gehe denn, mein Kind, und komme bald wieder! Es iſt mir zwar nicht recht, daß Du jetzt das alte Neſt Ste. Roche beſuchen willſt, und ich verſtehe nicht, wie ſich das mit Deinem ſchuldigen Reſpekte ge⸗ gen die Majeſtaͤten und Deine Braut vertraͤgt. Da es aber Deine Mutter billigt, der man in ſolchen Faͤllen wohl trauen darf, und Seine Majeſtaͤt der Koͤnig es in den Mund nahm, ſo habe ich Nichts zu erinnern;— auch denke ich, man wird um's Wiederkommen nicht ſehr zu bitten haben. He, mein Junge, das muß man ſagen, ſie haben Dir eine gute Partie gemacht— die alte Eule von Mutter iſt eine Schweſter des Herzogs von Reetz, und die Lesdigueres werden herankommen an die Crecy und Soubiſe!“ Langer ertrug es Leonin nicht. Todeswund ſtuͤrzte er ſich in die Arme ſeines Vaters. Der Marſchall nahm ſein undeutliches Gemurmel fuͤr Abſchiedsworte, kuͤßte und herzte und entließ ihn, ſeinen in Juwelen ge⸗ faßten Ehrendegen aus der Hand des Kammerdieners nehmend und ihn mit geheimer Luſt in das goldene Gehänge ſteckend. Leonin ſtuͤrzte dagegen durch die Gemächer, die zu den Zimmern ſeiner Mutter fuͤhrten, und wer ihm begegnete, wich ihm aus und ſah dem gluͤcklichen Erben, auf deſſen Haupt ſich ſo viel Ehren haͤuf⸗ ten— denn ſeine Anſtellung und Verlobung war Al⸗ len bereits mitgetheilt— voll Erſtaunen nach, fuͤrch⸗ tend, eine plotzliche Krankheit habe ihn ergriffen. Er ſah den Thuͤrſteher ſeiner Mutter, der ihn melden wollte, nicht, er druͤckte mechaniſch die Thuͤr auf, er erreichte ihr Kabinet und ſtand vor ihr, als ſie eben die ſchwere Sammet-Robe abwarf; denn ſie kam von dem Lever der Koͤnigin, welche die Anweſenheit der Marſchallin benutzte, um der Koͤnigin Mutter, den Prinzeſſinnen und dieſem hoͤchſten Kreiſe Mademoiſelle de Lesdigusres als die verlobte Braut des jungen Gra⸗ fen von Erecy-Chabanne vorzuſtellen. Sie kehrte zu⸗ ruͤck mit der ſtolzeſten Selbſtzufriedenheit, mit dem Gefuͤhl, ihr Ziel erreicht zu haben— und indem ſie ſich umwendete, erblickte ſie Leonin, und ein nie ge⸗ kanntes Erbeben erſchuͤtterte ihren ganzen Koͤrper; denn es war, als ob eine Donnerſtimme ihr zuriefe:„tri⸗ umphire nicht zu fruͤh— er wird das Opfer!“— Doch war ſie ſtets ſchnell gefaßt. Ein Wink entfernte die Kammerfrauen;— und als ſie eigenhandig das Vorzimmer verſchloſſen hatte, war ihre ganze Selbſt⸗ beherrſchung zuruͤck gekehrt, und in ſich hinein ſagte ſie„jetzt keine Schwäche, er iſt ja der Augenblick, den Du laͤngſt erwartet!“ Sie hatte dieſe Ermahnung noͤthig; denn als ſie wieder eintrat, ging Leonin mit ſeinem todtenaͤhnlichen Antlitze ihr entgegen und ſagte mit leiſer, heiſerer Stimme und einem Ausdruck der Augen, der ihren Herzſchlag aufhielt:„Retten Sie mich, Madame! Retten Sie mich!“ Er wiederholte dieſe Worte ſo oft, ſo gleich ſchrecklich im Tone, daß ſie glaubte, er ſei wahnſinnig geworden. „Vor allen Dingen komme zur Beſinnung, mein Sohn!“ ſagte ſie, vergeblich bemuͤht, ihrer Stimme Sicherheit zu geben.—„Du biſt in einem Grade uͤber⸗ ſpannt, der Dir die richtige Anſicht Deiner Lage un⸗ moglich macht. Faſſe Dich und habe Vertrauen zu mir; wir werden, in Uebereinſtimmung handelnd, Alles beſei⸗ tigen, was Dich uͤberwältigt und quaͤlt.“ „Nein, nein, Madame,“ fuhr Leonin in demſel⸗ ben Tone fort—„es kann nicht moͤglich ſein— ich bin nicht zu retten! Entweder hier entehrt vor dem Koͤnige, vor allen Menſchen— oder dort vor Gott und mir ſelbſt! Es iſt nicht zu vereinigen, ich muß das Opfer werden!“— „Laſſen Sie mich dieſe Sprache nicht hoͤren!“ ſagte die MWarſchallin—„mein Herz hat keine Nach⸗ ſicht mit unmännlichen Empfindungen. Sie ſind augen⸗ blicklich gerettet, wenn Sie anerkennen, welche hohe, ehrwuͤrdige Verpflichtungen Ihnen Ihr Rang, als — einem der erſten Unterthanen unſeres erhabenen Königs, auferlegt. Sie gehoͤren ſich ſelbſt nicht mehr an, kein Menſch hat ein Recht an Sie von dem Augenblicke an, wo der Konig uͤber Sie verfugt;— Alles iſt Ne⸗ benſache— kann und muß beſeitigt werden zu Gun⸗ ſten dieſes einen, hoͤchſten Zieles!— So, mein Sohn, denken alle, welche die Ehre haben, Franzoſen — Unterthanen des erſten Koͤnigs der Erde zu ſein.— Doch, vor Allen denken ſo die hohen Vaſallen der Krone, die Stuͤtzen des Thrones— die Crecy⸗Cha⸗ banne, die Rohan, Soubiſe, Montmorency, Latour d'Auvergne und ähnliche erlauchte Perſonen. Iſt eine Jugendthorheit in ihren Lauf gekommen, ſo wiſſen Sie, daß keine der Art ſo hervortreten darf, daß ſie dieſen angeſtammten Verhaͤltniſſen den kleinſten Schatten ge⸗ ben koͤnnte; und da Sie nur eine Pflicht haben duͤr⸗ fen, ſo wiſſen Sie, was Sie von allen andern zu hal⸗ ten haben.“ Da Leonin nicht antwortete, ſondern ſeine Mut⸗ ter mit duͤſteren, verwirrten Blicken anſtarrte, fuhr die Marſchallin mit ſteigendem Muthe fort:„ſo ſehr ich es mir auch zum Geſetze gemacht habe, Ihrer Jugend⸗ verirrung nicht mehr zu gedenken, uͤberzeugt, Sie wuͤr⸗ den im Laufe Ihres Lebens am Hofe, und bei erlang⸗ ter Kenntniß der Verhaͤltniſſe, die Ihnen allein zuſtehen, 222 von ſelbſt die nöthigen Schritte thun, ſich von jedem ſtö⸗ renden Einfluſſe, der daher kommen koͤnnte, frei zu machen— muß ich doch einſehen, daß Sie mit Ihrer gewöhnlichen Nachlaͤſſigkeit jene Jugendthorheit unver⸗ ändert gelaſſen haben. Wie jedes Uebel dadurch wächſt, daß wir es nicht anzugreifen wagen, ſo findet es ſich auch bei Ihnen; da Ihre glaͤnzenden Verhältniſſe, die Ihnen in allen Beziehungen die erſten und vollkommen⸗ ſten Gaben darbieten, Sie endlich auf die Spitze hin⸗ treiben, ergreift Sie das Gefuͤhl, dieſer Auszeichnun⸗ gen nicht mehr werth zu ſein durch unwuͤrdige Bande, denen Sie noch Geltung zugeſtehen.“ „Nein, nein,“ unterbrach ſie Leonin—„nicht unwuͤrdige— heilige, heilige Bande!— Ich bin ver⸗ mählt! Ich bin ein Böſewicht, wenn ich es läugne!“ „Hieruͤber, mein Sohn,“ ſagte die Marſchallin mit großer Kälte,„kann ich mit Ihnen nicht ſtreiten. Der Pairshof wuͤrde Ihnen darauf antworten können! Doch wuͤrde ich beſchaͤmt ſein, wenn mein Sohn von einem Gerichtshofe erfahren muͤßte, daß keine Hand⸗ lung des Minorennen, ohne Zuſtimmung ſeiner Eltern, irgend geſetzliche Kraft habe; noch mehr aber beſchaͤmt, wenn der Erbe des Namens Crecy-Chabanne in Zwei⸗ fel daruͤber waͤre, daß er ſich vor der Welt nur durch eine ebenbuͤrtige Vermählung behaupten könne. Doch 223 dies Alles habe ich nicht nothig;— ich verweiſe Sie an Ihren Beichtvater; fragen Sie ihn, welche Kraft fuͤr einen Katholiken eine ſo ungehorige ketzeriſche Vermah⸗ lung hat, und Sie werden errothen, der Spielball dieſer Intrigue geweſen zu ſein.“ „O, meine Mutter,“ rief Leonin—„geſtatten Sie mir nur, Ihnen die Dinge darzulegen, wie ſie wirklich ſind! Sie finden mich ja nicht hartnäckig, wiederſtrebend! Nur zu ſchmerzlich erkenne ich, wie un⸗ beſonnen und leichtſinnig ich gehandelt, wie das Weſen, das ich ſelbſt aus freier Wahl in mein Leben ver⸗ flochten, auf keine Weiſe in die Verhaltniſſe meines Standes paßt, die ich jetzt erſt in ihrer Wichtigkeit erkannt habe! Aber ich beſchwoͤre Sie, wenn Sie mir helfen wollen, erkennen Sie an, daß dies Weſen edel und unſchuldsvoll mit ihrem Vater mir vertraute— daß ſie keinen Zweifel an der Rechtmäßigkeit ihrer Vermaͤhlung hat— und bedenken Sie, daß ich damals, als ich ihr zum Altare folgte, derſelben Ueberzeugung war; mein Geluͤbde alſo zu Gott mit der vollen Zu⸗ ſage meines Innern drang!— Wenn Sie dieſen Grad von Rechtmaͤßigkeit erwaͤgen, werden Sie meine Lage um ſo ſchwieriger finden; Sie werden zugeben, wie elend ich mich fuͤhlen muß, zum Verräther an dem reinſten menſchlichen Vertrauen zu werden— oder 224 vor der Welt als ein Thor daſtehn zu muͤſſen, der die Gnade unſeres großen Koͤnigs zuruͤckweiſt und ein Mäd⸗ chen toͤdtlich verletzt, die durch Rang und Verdienſt, die Erſte zu ſein, wuͤrdig iſt. Die Marſchallin ſchwieg einen Augenblick und uberlegte, daß ihr Sohn, wie aus ſeinen eben vernom⸗ menen Worten hervorging, weit genug gekommen war, daß ſie jetzt theilnehmend werden konne, um das Ganze zu vollenden. „Es iſt vielleicht die Schwäche der Mutter, die mich mehr mitleidig, als zurnend macht;— ich kann aber nicht ohne Theilnahme ſehen, wie dieſe unglückliche Sache Dein Herz beunruhigt, und ich will Dir verge⸗ ben, um Dir helfen zu koönnen!“— Leonin ſtuͤrzte ihr zu Fuͤßen, um die dargebotene Pand an ſeine Lippen zu druͤcken.— So groß war der Einfluß dieſer Frau, daß ihre Zuſage, ihm helfen zu wollen, eine Laſt von ſeinem Herzen wälzte, als ob damit ſchon Alles eine andere, guͤnſtigere Geſtalt ge⸗ wonnen habe.—„Wir muͤſſen daruͤber einig wer⸗ den,“ fuhr ſie dann ruhig fort,„daß dieſe eingegan⸗ genen Verbindlichkeiten, ſeien ſie ſo groß, als ſie Dir erſcheinen— oder ſo klein, als ſie wirklich ſind— auf jeden Fall gänzlich fur Dich beſeitigt werden muſ⸗ ſen; und ich wuͤrde, da ich Dir wenig Geſchick für 225 dieſe Angelegenheit zutrauen darf, ungern in Deine Ruͤckkehr willigen, waͤre Deine Abreiſe nicht einmal von dem Koͤnige erwähnt worden, und dadurch einem Befehle ahnlich zu betrachten, und damit Dir auch Zeit gegeben, eine Stimmung zu gewinnen, wie Mademoi⸗ ſelle de Lesdigueres ſie von Dir erwarten darf.— Doch verlange ich von Dir, daß Du jene junge, un⸗ wiſſende Perſon auf ihr nothwendiges Schickſal vor⸗ bereiteſt, entweder durch die beſtimmte Darlegung Dei⸗ ner jetzigen Lage, uͤber die Du fruͤher aus Unwiſſen⸗ heit ſo falſch urtheilteſt— oder, indem Du ihr durch Dein kaltes Betragen Dein veraͤndertes Herz darthuſt. Ich werde indeſſen den Marquis de Souvré, der ſchon ein Mal der Vertraute dieſer ungluͤckſeligen Angelegen⸗ heit war, bewegen, ſich der Sache auf's neue anzu⸗ nehmen, und er ſoll Dir nach Ste. Roche folgen und alles Uebrige feſtſtellen und beendigen. Vorher mußt Du Deinen Beichtvater ſprechen; er wird Dir ſagen, wie ſehr Du Dich verſuͤndigt haſt, eine Verbindung mit einer Ketzerin geſchloſſen zu haben, und wie Du dieſe Suͤnde nur ſuͤhnen kannſt, indem Du ſie auf⸗ hebſt und widerrufeſt. Auch wird hierzu die junge Per⸗ ſon durch ihres Landes Sitte, wie durch die Lauheit ihrer ſogenannten Religion geneigt ſein, da, wie ich höre, in dieſem proteſtantiſchen England ſie die Ehen 226 ſchließen und wieder aufloͤſen laſſen vor einem Gerichts⸗ hofe, welches denn beweiſt, was von ſolchen Verbin⸗ . dungen dort zu halten iſt.“ Da die Marſchallin ſah, wie ihr Sohn bei dieſen Worten litt, und ihn jetzt zu keiner Vertheidigung reizen wollte, fugte ſie milder hinzu:„Ich will nichts wiſſen von den Einrichtungen, die Du vielleicht triffſt, um Deinem weichlichen Gefuͤhle zu Hilfe zu kom⸗ men. Ste. Roche iſt ein Aufenthalt, der Dir allein gehört— Niemand Deiner Familie wird ihn je auf⸗ ſuchen— die Revenuen erlauben Dir jede Freigebig⸗ keit, und iſt dieſe Perſon durch eine Art Scheidung, nach ihren Begriffen, von Deinem Namen und allen damit verbundenen Anſpruͤchen fuͤr immer getrennt, 1 wird es Dir zuſtehen, ſie in eine ſorgenfreie Lage zu verſetzen. Doch vergiß nicht, daß Dein Name durch keinen Andern ſich fortpflanzen darf, als durch die Kinder, die Dir eine ebenbuͤrtige, rechtmaͤßig kirchliche Verbindung giebt.“ Wir muͤſſen es mit Schmerz eingeſtehen, daß Leonin die Ausfuͤhrung dieſer Vorſchläge moͤglich fand und ſich damit erleichtert hielt, ſeinem unſicheren, wil⸗ lenloſen Umhertappen gegenuͤber. Die alten Vorur⸗ theile warteten nur auf die ihnen bequeme Stimmung, um ſich ſogleich zu Beherrſchern zu machen, und was — — 222 noch unvollendet blieb, kam in die Hände des Beicht⸗ vaters, der nur zu bald mit dem Gewiſſen Leonin's fertig ward und, einer Ketzerin gegenuͤber, keine bin⸗ dende Verpflichtung zugeſtand. So vorbereitet, trat Leonin die Reiſe an, und mit dieſem Hintergrunde finden wir ihn zu Fennimor's Fuͤßen, ſeinen Sohn im Arme! Und dennoch war er kein Heuchler! Dennoch hatte er keine Luͤge geſagt, als Fennimor Alles hörte, was ihr Herz begluͤcken konnte.— Ja, um ſo weniger war er es, da dies vielleicht das eigentliche Leben war, wozu die Natur ihn beſtimmt, und daher ſogleich ſein ganzes Weſen entgegenkommend fand, von allen An⸗ klängen ſeines ſanften, weichen Charakters unterſtuͤtzt. Die natuͤrliche Richtung der Menſchen bricht ſich im⸗ mer von Zeit zu Zeit Bahn, wie das eitle Leben auch ihre Fähigkeiten entkräftet, da ſie keinen Werth haben bei Erſtrebung ehrgeiziger Zwecke, und es iſt gewiß vor Allen dieſen heiligſten Empfindungen, die Gott der Elternliebe verliehen hat, und die auch das ſtarrſte Herz mit einem warmen Strome nie gekannter Wonne durchdringen, vorbehalten, den natuͤrlich beſſe⸗ ren Zuſtand des Menſchen hervorzurufen. Deſſenungeachtet duͤrfen wir Leonin nicht mehr mit dem gluͤcklichen Juͤnglinge verwechſeln, der in 15* Stirlings⸗Abtei dieſe edlere Seite des Lebens aufzu⸗ faſſen vermochte. Er taumelte dem neuen Gefuͤhle wie ein Trunkener in die Arme; aber die Verhärtung des Herzens, die ſo leiſe und heimlich von der eige⸗ nen Mutter bis zu ihm geleitet war, hielt das letzte große Mittel der Natur, ihn bis auf den Grund zu reinigen, in ſeinem Einfluſſe auf und ließ ihm eben keinen andern Eindruck nach, als den eines Trun⸗ kenen. Es blieb ein voruͤbergehender Zuſtand; er dachte, ſich ernuͤchternd, daran, ihm keinen Einfluß zu geſtatten auf die ihm mitgegebenen Pläne ſeiner Mutter, und war nur bereit und mit wahrem Eifer erfullt, dieſelben ſo liebevoll und ſchonend auszufuͤhren, als möglich. Fennimor's Einfluß auf ihn, das Einzige, was ihn hätte erſchuͤttern können, war durch die Zuruͤckge⸗ zogenheit gebrochen, in welcher die Pflege ihres Zu⸗ ſtandes ſie hielt. Mit andächtiger Strenge ertrug ſie die Qual einer Pflege, die ihr Schweigen, ihr Lager und das verhaͤngte Zimmer gebot; und ſo wurde Leonin oft von ihr getrennt und ihrem Zauber entzogen, den ſie nur entwickeln konnte, wenn ſie umher wandelnd die Dinge um ſich her mit ihrem eigenthuͤmlichen Geiſte belebte. Dazu kam, daß der Gegenſatz dieſes Lebens zu dem eben verlaſſenen ſo ungeheuer groß W ———— 229 war, daß auf die fieberhafteſte Aufregung, die dort ſeine Tage belebt hatte, jetzt eine Abſpannung ein⸗ treten mußte, die er nicht der vorangegangenen Extaſe, ſondern dem jetzigen, ihm troſtlos leeren und gehaltlos erſcheinenden Leben zuſchrieb, welches allerdings durch Fennimor's Zuruͤckgezogenheit ſeines Hauptimpulſes entbehrte. Er hatte in der daraus entſtehenden Ein⸗ ſamkeit Zeit, ſich zu wiederholen, daß er hier nicht mehr leben und gluͤcklich ſein könne— und es war vorlau⸗ fig Alles, was er fuͤr Fennimor in ſich erhielt, daß er bedauerte, ſie nicht von Verhältniſſen trennen zu koͤn⸗ nen, die ihm jetzt niederbeugend ſchienen, nachdem er gelernt hatte, das aͤußere Leben uͤber das innere zu ſtellen. Bald nahte der Augenblick, der ihn zuerſt zwang, ſeine bedingte Stellung zu ſeinen jetzigen Verhältniſſen anzudeuten. Der Vikar erinnerte nämlich nach dem vierten Tage, daß die Taufe des Neugebornen nach den Vorſchriften der Kirche nicht laͤnger verſchoben werden konnte, und Leonin war dazu mit eben dem Leichtſinne bereit, wie er ſie ohne Erinnerung ver⸗ geſſen haben wuͤrde. Er bat den Vikar, daruͤber mit Emmy Gray die Verabredung fuͤr den nächſten Mor⸗ gen zu nehmen, und wollte ſich eben beurlauben, als der Vikar ihn um die Namen bat; da er noch heute 230 das Kirchenbuch ausfuͤllen wolle, um in der Kirche dann die Unterſchriften erfolgen zu laſſen. Vor dieſer Erinnerung blieb der junge Graf, wie vom Blitze getroffen ſtehen! Der Troſt jedes ſchwa⸗ chen, unmannlichen Treibens, das Verſchieben, das Hinhalten der Zuſtäͤnde, wie ſie uns noch ſchonen und zu keiner Entſcheidung zwingen, war ihm damit ploͤtz⸗ lich entriſſen— und wir duͤrfen ihm die Gerechtig⸗ keit nicht verſagen, daß er vor der Größe des nächſten Schrittes erbebte und ſeinen Inhalt faſt mit Ver⸗ zweiflung erkannte. Aber ihm war keine Ruͤckkehr mehr denklich, ob⸗ wohl er auch dort weder Genuß, noch Lebensreiz er⸗ wartete. Er ſagte ſich daher, ſein Paradies ſei fuͤr ewig verſchuttet— der Sinn, durch den er es einſt gefunden, ſei verloren, und was alle Schwächlinge thun er gab ſich auf, um fortſuͤndigen zu koͤnnen! Wie ſchnell ſeine Gedanken auch die Vorſtellun⸗ gen durchliefen, die wir hier andeuteten, die Luͤcke des Stillſchweigens war dennoch da, und er traf auf einen Blick des Vikars, der ihm ſagte, der kluge Mann beobachte ihn. Dies reizte ſeinen Stolz, und er hatte ſchon die Miene der vornehmen Welt gelernt, die eine Ueberlegenheit andeuten ſoll, die durch nichts denkt vertreten werden zu muͤſſen und ſich geſchickt glaubt, —— die Anforderungen bloß menſchlicher Rechte, die ihnen unbequem ſind, damit zuruͤckzuweiſen, als uͤber die Grenzen ihrer beſondern Bevorrechtung ſtreifend. „Herr Vikar,“ ſagte er mit dem dazu paſſen⸗ den Tone,„ich werde Ihnen Ihre Weiſung daruͤber zuſenden— richten Sie das ein, was außerdem nöthig.“ „Das werden zwei Zeugen ſein,“ erwiederte die⸗ ſer kalt.„Haben Euer Gnaden daruͤber beſtimmt?“ Leonin biß ſich in die Lippen— er mußte wie⸗ der entſcheiden!„Nun,“ ſagte er, indem ſeine Gedan⸗ ken im Fluge alle dieſem kleinen Kreiſe angehoͤrigen Perſonen durchflogen,„Mademoiſelle Veronika und der Arzt werden vielleicht dieſe Ceremonie vervollſtaͤn⸗ digen, ich werde Beide perſoͤnlich darum bitten.“ Der Vikar neigte kaum merklich ſein Haupt, und der junge Graf enteilte dieſer peinlichen Unterredung. Aber er wagte nicht zu der Stelle zuruͤck zu keh⸗ ren, wo Fennimor ihr unſchuldiges Haupt mit liebli⸗ chen Traäumen ihres Gluckes wiegte. Er eilte in die Wälder, die in ihrer duftenden Juli⸗Fuͤlle den Ver⸗ irrten zu fragen ſchienen, ob er ein Recht habe, ſich in ihrem Bereiche unbefriedigt zu fuͤhlen. Aber er ſah und empfand ihren ſchoͤnen Anſpruch nicht. Bis⸗ her war er unthätig zum Boͤſen fortgetrieben worden; jetzt zuerſt ſollte er ſelbſtſtäͤndig ausſprechen, was er ſo lange ſich ſelbſt ablaͤugnend um ſich her geduldet hatte. Er fuͤhlte ſich in einer Zerruͤttung, es ruhte eine Buͤrde auf ihm, die unleidlich ſchien;— und der ewig gelenkte und bevormundete Juͤngling war in ei⸗ ner Erbitterung, ſelbſt entſcheiden zu muͤſſen, welche ihn haͤtte warnen können, da ſie vielleicht der letzte Verſuch ſeines guten Engels war, ihn aufzuhalten. Als er ſpäter, wie gewoͤhnlich, an Fennimor's La⸗ ger trat, war die Entſcheidung in ihm vollendet. Kalt und ruhig blickte er auf ſein Weib und das ſchlum⸗ mernde Kind an ihrer Bruſt— er fuͤhlte innerlich, daß er ſich von ihnen geſchieden hatte; und in dem Maaße, wie er vor der Größe ſeines Frevels erbebte, in dem Maaße erkaͤltete es ihn gegen die Gegenſtände deſſelben. Fennimor lag in einem Fieberſchauer, ihrem Zuſtande gemäß, der auch die Geſtalt des Lieblings verhuͤllte; er beruͤhrte das Kind nicht, was Emmy Gray ihm uͤbergeben wollte, und fragte nur kurz und trocken, ob ſie mit dem Vikar Verabredung genommen habe. Er wollte ſich verhärten, um der Reue zu ent⸗ gehen, und erfuhr das Schickſal aller ſchwankenden, unentſchloſſenen Menſchen.— Einmal zum Handeln gezwungen, uͤberholte er ſich ſelbſt und ſteigerte ſeinen Vorſatz uͤber das erforderliche Beduͤrfniß!— 1. Als am andern Morgen der Vikar vor den Stu⸗ fen des Altars den Grafen um die Namen des Kin⸗ des befragte, rief derſelbe mit kalter, lauter Stimme: „Reginald Crecy von Ste. Roche.“— Der Vikar hielt einen Augenblick inne; dann ſagte er, ohne es in die Taufformel einzuſchließen, indem er den Grafen * fragend anſah:„Reginald, Graf von Crecy?“ „Reginald, Crecy von Ste. Roche!“ unterbrach ihn der Graf mit jähem Wechſel der Farbe, indem ſein Auge ſtarr und zornig auf dem jungen Geiſtli⸗ chen haftete.— Nach einer Pauſe ſchloß der Geiſtliche mit dieſem Namen die Ceremonie. Kaum war ſie vorruber, ſo eilte der Graf auf das Kirchenbuch zu, nahm ſelbſt die Feder und ſchrieb den Namen ein. Als die Zeugen unterſchrieben, ſahen ſie, daß der Name Crecy unter den Vornamen ſtand, Ste. Roche als Familienname. Keiner ſprach einen Gluͤckwunſch. Der Graf blieb in ſtolzer Abgeſchloſſenheit ſtehen, bis Alle unterſchrie⸗ ben hatten; dann verließ er ploͤtzlich die Kapelle, und der beraubte und entehrte kleine Täͤufling ward, von Niemandem begleitet, nach dem alten Schloſſe zuruͤck⸗ getragen, das ihm eben ſeinen Namen hatte leihen muͤſſen, von dem Manne beraubt, deſſen Herz ſich zu „ —“ůůů·ůÜů ˙ ů“ ÜÜů˖ÜFöÜ+⅛YHG verhärten begann, wie die Steinmaſſen, die ihn auf⸗ nahmen. Weder Emmy Gray, noch Fennimor erfuhren, was geſchehen war. Emmy verließ ihren Liebling nicht, und die Wärterin, eine völlig unwiſſende Perſon, hatte keinen Anſtoß gefunden, den ſie hätte verrathen koͤn⸗ nen. Veronika aber, ihr Bruder und der Arzt gelob⸗ ten ſich Schweigen, um nicht voreilige Erſchuͤtterungen zu veranlaſſen. Fennimor verließ jetzt das Bett, und die ſchoͤnſte Jahreszeit machte es moͤglich, daß ſie unter den Schat⸗ ten der Baͤume getragen werden konnte, das holde Kind im Schooße, das noch ſchlafend ſein kleines Le⸗ ben einhuͤllte, von der Liebe behuͤtet, die ahnend in ſeine Beduͤrfniſſe eindringt. Wo konnte man ein vollſtändigeres Bild dieſer aufhorchenden Liebe finden, als in Fennimor! Wie ſchoͤn war dieſe ſanfte, blaſſe, kindliche Mutter mit dem unnennbaren Zauber der ſeligſten Befriedigung! Die Harmonie ihres Innern ruhte in jedem Zuge, in jedem Laut ihrer Stimme; kein Gefuͤhl trat vor dem andern vor; ihre Liebe zu Leonin war die Liebe zu ihrem Kinde— Gott, die Natur, fielen wie Strah⸗ len hinein— es war Alles daſſelbe! Sie ſchwamm, wie eine ſchoͤne duftende Nimphaea, auf dem ruhigen —————— Waſſerſpiegel der Gegenwart— die Sonnenſtrahlen uͤber ihr, die den kurzen Lebenstag beſeligten, fuͤr un⸗ verganglich haltend— die Nacht vergeſſend in dem reinen Lichte des Mittags! Leonin hatte das Härteſte gethan, ehe der Ein⸗ druck dieſes verklärten Zuſtandes ihn erfaſſen konnte. Jetzt ſtand er davor— von ſeinem Gewiſſen aus die⸗ ſem Paradieſe vertrieben, den Fluch ſchon fuhlend, der ſeine Stirn langſam umkreiſte, die Flammenſchrift der Befleckung einzugraben! Wie Leonin auch gelernt hatte, mit der Suͤnde zu ſcherzen, ihren Lockungen nachzugehen und vor ih⸗ ren Anforderungen nicht mehr zu erbeben— das erſte poſitive Böſe hatte er erſt hier gethan, und er em⸗ pfand den ungeheuern Unterſchied zwiſchen einem ſol⸗ chen eigenmächtigen, ſelbſtgewählten Schritt und dem negativen Hingeben, dem er bis jetzt ſich uͤberlaſſen. Gerade, daß er noch nicht vollſtändig verfuhrt und ver⸗ haͤrtet war, machte dieſen Schritt ſo verhängnißvoll fur ihn. Es war damit eine Art Wahnſinn entſtan⸗ den, eine Miſchung von Schmerz, Verzweiflung, Haß und Grauſamkeit, die ſein ganzes Weſen in Gährung verſetzte und nur eine hohnlachende Stimme aus ihm hoͤrbar werden ließ, die immer auf's neue wiederholte: vorwaͤrts, vorwärts, Du biſt nicht mehr zu retten! 236 Hätte Fennimor nicht an ihrer Bruſt das holde Kind, dieſen Schild gegen alle Verwundungen der Welt, getragen, wie wuͤrde ſie Leonin's Veraͤnderung ſchnell erkannt haben! Aber das Kind lag zwiſchen ihnen— ſie fand Leonin nur durch dies hindurch und deshalb immer verklaͤrt oder eingehuͤllt. Doch auch fuͤr dieſe Taͤuſchung mußte die Aufklaͤrung kommen. Fennimor ward mit den wiederkehrenden Kraͤften auch ſelbſtſtändiger; aus dem phyſiſch traͤumeriſchen Zuſtande, der ſie zu Anfang an ihr Kind feſſelte, wie noch in einem Pulsſchlage gebunden— erfolgte nun die natuͤrliche Trennung, die in der Mutter die ge⸗ ſonderte Exiſtenz herſtellt, die der erſte Schritt fur die Emancipation des Kindes wird. Hiemit trat ſie Leonin näher, und ihr kluges Auge, ihr reines Gefuͤhl ließ ſie augenblicklich die Wahrnehmung ſeiner Veraͤnderung machen. „Ach, Leonin,“ ſagte ſie—„durch Leſuͤeur habe ich viel von der böſen Welt gehort, in welcher Du le⸗ ben mußt, und es hat mich recht geſchmerzt auch um Deinetwillen! Wie ſchwer muß es ſein, dort zu leben, und wie kann ich es Dir anfuͤhlen, was Du dort lei⸗ den mußteſt! Du haſt keinen guten Blick mehr— Deine Seele ſieht traurig aus Deinen Augen heraus!“ Leonin zog ein Lächeln um ſeinen Mund— es 23* war krankhaft und bitter und enthielt eine ganze Ant⸗ wort, die aber Fennimor nicht verſtehen konnte; und da er außerdem ſchwieg, fuhr ſie fort:„ſag' mir, bleibſt Du nun in der ſchoͤnen Welt hier, oder muß ich mit Dir in jene andere hinein ziehen?“ Hoch brauſte es in Leonin's Bruſt auf. Ha, rief ſeine Seele, warum ſtößt Du mich ſelbſt in den Abgrund, den ich Dir noch verdecken wollte? So machte er, verwirrt von der Verzweiflung ſeines Her⸗ zens, es ihr zum Vorwurf, daß ſie ihn veranlaßte, ihr zu ſagen, wie ungluͤcklich er ſie zu machen beſchloſſen hatte! Wer haͤtte die Qual zergliedern können, die ihn zerriß, als er die Lippen öffnete. „Weder das Eine, noch das Andere,“ rief er.— „Ich kann weder die Welt verlaſſen, die Dir der krank⸗ hafte Traͤumer Leſuͤeur ſo boͤſe geſchildert hat, noch Dich dorthin fuͤhren; denn das Eine bleibt gewiß, fuͤr Dich paßt dieſe Welt nicht, und Du wuͤrdeſt dort kei⸗ nen Platz fuͤr Dich finden!“ „Ja, das dachte ich auch,“ ſagte Fennimor ſorg⸗ los,„und immer nur, wenn Du mich darum bitten wuͤrdeſt, duͤrfte ich es thun; denn es iſt ja unſer Ge⸗ bot, daß wir das Boſe nicht ſuchen ſollen, weil es, wie der Staub in der Luft, unmerklich uns beruͤhrt c und endlich doch die reine Farbe unſeres Inneren ent⸗ 238 ſtellt. Aber dann iſt doch Deine Heimath auch nicht dort, und warum willſt Du zuruͤck, da es Dich trau⸗ rig macht und Deine ſchoͤne Seele kraͤnkt?“ Leonin's Bruſt wollte zerſpringen. Er haͤtte ein lautes Angſtgeſchrei ausſtoßen moͤgen— die Welt mit den Fuͤßen unter ſich zerſtampfen. Ungeheuer! rief er innerlich.— Er wußte nicht, ob gegen ſich oder ge⸗ gen Andere; aber die erſte ſelbſtgefuͤhrte ſchlechte That hatte ihm den Zuͤgel aus der Hand geriſſen— er jagte fort, verwildert von der Angſt, mit der ſie ihn verfolgte. „Darin irrſt Du— meine Heimath darf hier nicht ſein. Ich bin dem Vaterlande, dem Könige, meinen hohen Verhältniſſen als Vaſall der Krone eine andere Lebensweiſe ſchuldig, als dieſe muͤßige Exiſtenz hier ſein wuͤrde.“— „Ha,“ rief Fennimor,„das klingt ſchoͤn, und ich begreife Deine hohe Beſtimmung— erzähle mir recht Viel davon! Du haſt Recht, Dich ſo groß und kräftig zum Leben zu ſtellen, ein Mann muß das auch! So waren einſt die Makkabäer, und ihre Größe und Heldentugend diente auch zum Schutze des Vaterlan⸗ des. Davon wird die Seele ein maͤchtiger Thron er⸗ habener Gedanken, die den Mann Gott näher fuͤhren, und doch bleibt er dabei ſanft und heiter, wie ein Kind. — Wie goͤnne ich Dir dieſe große Weihe zum Le⸗ ben, mein Geliebter! Wie ſtolz bin ich darauf und wie begreife ich nun wohl, daß Dir das armſelige, kleine Leben, von dem Leſuͤeur ſprach, nichts anhaben kann!— Aber,“ fuhr ſie fort,„in dieſe ſchoͤne, erha⸗ bene Welt, die Du Dir geſchaffen haſt, kann ich Dir folgen; die iſt es gerade, von der ich geträumt habe, bis der arme Leſuͤeur ſie ſo bitter verklagte.“ „Leſuͤeur,“ erwiederte Leonin kalt und ſtolz,„kann gar nicht die Welt beurtheilen, zu der ich gehoͤre— eben ſo wenig kannſt Du mir aber dahin folgen. Ich werde immer von Zeit zu Zeit nach Ste. Roche zu⸗ ruͤckkehren, und in Deinen Verhaältniſſen hier wird ſich Nichts aͤndern;— dort aber erlaubt Dir Deine Geburt nicht, den Rang zu theilen, den ich einnehme; und daher wuͤrden wir Beide eben ſo getrennt leben muͤſſen, als wäreſt Du hier und ich dort.“ „Was meinſt Du damit, ich verſtehe Dich nicht,“ rief Fennimor— und eine Anregung von Stolz und Kraͤnkung ſtieg in ihren reinen Zuͤgen auf—„da ich Dein Weib bin, bin ich daſſelbe, was Du biſt, und mein Vater war ja nicht geringer, als der Deinige und ein Geiſtlicher uͤberdies!“ Leonin fuͤhlte einen Krampf in den Schultern; nur mit Muͤhe unterdruͤckte er es, ſie zu zucken. Die 1 240 Antwort übergehend, fuhr er fort, indeſſen ſein Fuß den Raſen, der gruͤn und duftend vor ihnen ausgebrei⸗ tet lag, zu zerſtoͤren ſuchte:„Der Koͤnig hat mich zum Kammerherrn und Reiſecavalier der Koͤnigin er⸗ nannt. Ihre Mafeſtaͤt wird dem Koͤnige in den Krieg nachfolgen, und ich muß daher zuruͤck, ſobald die Nach⸗ richt eintrifft, daß die Armee ſich in Bewegung ſetzt.“ „Sagteſt Du denn nicht dem Koͤnige, wie lange Du von mir getrennt ſeieſt, Leonin?“ rief hier Fenni⸗ mor, in Thraͤnen ausbrechend.—„Er, der ſo gut, ſo uͤbermenſchlich begabt ſein ſoll, hätte Dich doch wohl aus dieſem harten Dienſte entlaſſen?“ Haͤtte Leonin die Augen aufgeſchlagen und Fen⸗ nimor's Engelsantlitz geſehen, wie es unter ſeinen kal⸗ ten, herzloſen Antworten nach gerade verändert ward, er wäre wenigſtens vor ſich ſelbſt zuruͤckgeſchaudert. So aber wuͤhlten ſeine duͤſteren Blicke ſich in die Erde ein, die er vor ſich aufriß, und er behielt Muth zu ſeinem Frevel. „Der Koͤnig ahnt meine Verbindung mit Dir nicht! Zu ſpaͤt habe ich erfahren, daß Familien wie die meinige, als Vettern Seiner Majeſtät, nicht das Recht haben, ſich ohne ſeine Bewilligung zu verbin⸗ den, daß er ſtreng darauf hält, daß ſie ſich nur mit Familien des höchſten franzoͤſiſchen Adels vermählen, daß er gewöhnlich ſelbſt die Wahl trifft und jede an⸗ dere Verfuͤgung mit den ſtrengſten Verfolgungen be⸗ ſtraft.— „So hat Leſuͤeur doch Recht, Dein Koͤnig iſt doch nicht der rechte von Gottes Gnaden, der hier auf Erden handeln ſoll, als wäre er beſonders erwählt, Recht und Gerechtigkeit zu uben— und Du“ ſagte ſie jetzt, ernſt und kräftig ſich aufrichtend,„biſt faſt von der ſchlechten Welt dort verfuͤhrt und haſt zaghaft und kleinlich ge⸗ handelt, gerade wie ich es an Leſuͤeur beobachten konnte. Alles, was Du da geſagt haſt, kann vor Gott nicht be— ſtehen, und wenn Du es gegen ſein Recht haͤltſt, ſo muß man erſtaunen, daß ernſthafte und gereifte Men⸗ ſchen dort bei Euch es fuͤr etwas nehmen, wonach ſie ſich richten muͤßten. Als wenn es den geringſten Werth hätte!— Aber Ihr fuͤrchtet Euch dort alle vor einander, ſo daß Ihr aufhoͤrt, die rechte Gottesfurcht zu haben; darum werdet Ihr zuletzt verzagt, und Euer Perz geräth in Siechthum! Leonin,“ ſagte ſie,„Du armer Lieber, da haben ſie Dich auch zum Suͤndigen gebracht. Denn ſieh', eine Suͤnde haſt Du begangen, daß Du vor dem Koͤnige nicht Dein goͤttlich Recht be⸗ haupteteſt und ihm ſagteſt, wie Du ein Weib habeſt! Ehe Du von ſeinem Rechte gewußt, habeſt Du ſie durch göttliches Recht empfangen und könnteſt deshalb nicht Ste Roche. U. 16 — weiter zu ihm gehoͤren, als ſo weit ſie dies auch könne. Denn da ſei Gott vor, daß ich mit zu Felde ziehen wollte, wie keine chriſtliche Hausfrau das wollen wird! Nein, wenn Du ein Krieger waͤreſt, wie die Makka⸗ baͤer, im Dienſte fuͤr Dein Vaterland, da wuͤßte ich, ohne daß ich den Koͤnig zu fragen haͤtte, wohin ich ge⸗ hoͤrte;— aber ſiehe, das biſt Du nicht. Einen Poſten giebt er Dir, von dem mir Leſuͤeur ſagt, wie klein und nichtig er iſt; ein muͤßiger Dienſt, in welchem Du nicht einmal ſo wichtig biſt, als unſere eigenen Diener uns ſind. Und das, glaubſt Du, ſei ziemlich und recht und ein Dienſt fuͤr einen Mann, fuͤr einen Vaſallen des Koͤnigs, wie Du vorher ſo ſchoͤn ſagteſt, wonach ich hoffte, Du muͤßteſt auch mächtig und fleißig fuͤr Dein Vaterland handeln?“ Wie ſollen wir ausdruͤcken koͤnnen, was Leonin empfand bei dieſer feurigen Strafrede! Es war faſt daſſelbe, was er vor ſeinem Vater empfunden hatte— hier, wie da ſtieß er auf eiſerne, unerſchuͤtterlich feſt ſtehende Anſichten, die auch keinen Blick geſtatteten in die ihnen entgegenſtehende Welt. Daſſelbe Gefuͤhl der Unmoglichkeit, zu jenen Zuſtänden eine duldende Ueber⸗ zeugung einzufloͤßen. Eine Verzweiflung, nie verſtan⸗ den oder entſchuldigt werden zu können, ergriff ihn, Fennimor gegenuͤber, mit einem Zuͤrnen verbunden, * — welches in ihrer, ihm nach gerade uͤberredeten, unberech⸗ tigten Stellung zu ihm lag— in der Beſchämung, mit der er Verhältniſſe, die er herbei zu fuͤhren, ſein ganzes beſſeres Selbſt geopfert hatte, jetzt als gering und ung wuͤrdig bezeichnen und ſein ganzes Treiben ein von Gott abtruͤnniges nennen hoͤrte. „Fennimor, Fennimor,“ ſagte er mit einem kalten Lächeln der Ueberlegenheit,„Du haſt Dir bei Deinem untergebenen Leſuͤeur das Predigen ange⸗ woͤhnt! Mir deucht, Du nimmſt die Dinge ſehr ſtreng. Denkſt Du wohl daran, ob Du uberall dazu berufen und ob Du mir gegenuͤber, in derſelben Stellung biſt?“ „Ach,“ ſagte Fennimor, deren alte Energie, noch von körperlicher Schwäche gebunden, ſchnell erſchoͤpft war, plötzlich weich und gebrochen in ſich zuſammen ſin⸗ kend,„Du haſt Recht, das iſt eine gar verkehrte Welt, in der das ſchwache Weib ihren Herrn ſchilt! Wie hätte ich daran gedacht, als ich es Leſuͤeur that, Aehnli⸗ ches könnte mir bei Dir einfallen— wie traurig iſt das, und wie tief ſinkt mir dabei der Lebensmuth! Hindere das,“ ſagte ſie dann mit ſchwacher Stimme,„mache Alles, damit wieder Troſt in mein Herz kommt, und ich nicht ſo arge Furcht fuͤr Deine Seele hegen muß!“ Sie winkte Emmy Gray, die eben am Eingange 16* des Schloſſes erſchien, und wankte an ihrem Arme mit bleichen Lippen und troſtloſen Augen nach ihrem Schlafzimmer.. Leonin aber ließ ſie dahin gehen, ohne ein mil⸗ des Wort, ohne ſie zu ſtuͤtzen, ohne ſie anzublicken oder ihr zu folgen. Er blieb unbeweglich ſitzen, er durchwuͤhlte nicht mehr den Raſen— das Kains⸗Zei⸗ chen brannte auf ſeiner Stirne— aber der ſchwache Geiſt hatte keine andere Rettung, als den forttreiben⸗ den Ruf der Suͤnde: es iſt zu ſpaͤt— es iſt Alles verloren! Von da blieb Fennimor ſtill und in ſich gekehrt. Ihre Kraͤfte kehrten nicht in dem Maaße wieder, als es anfaͤnglich zu erwarten ſtand. Sie ſah Leonin oft an wie eine Mutter, die furchtet, ihr Kind werde erkranken — aber ſie ſagte nichts mehr, der Vorwurf, daß ſie ih⸗ ren Herrn geſcholten, den ſie ſelbſt ſich ſtaͤrker gemacht hatte, als Leonin fuͤr moglich gehalten, machte ſie ſchuͤch⸗ tern und zuruͤckgezogen. Ihre körperliche Schwaͤche unterdruͤckte dabei ihren lebhaften Geiſt; ihr Kind ver⸗ ſenkte ſie in eine Welt, unſchuldig und lauter, ohne jede Stoͤrung ihres frommen Sinnes;— und ſo fand Leonin die augenblickliche Schonung, die er immer ſuchte, wenn auch zugleich keine Gelegenheit, ſich frei zu machen, den Abſichten gemaͤß, die er mitgebracht. ——— Da unterbrach dieſe ſchwuͤle Luft, die um Beide wehte, ein Brief ſeiner Mutter, mit einer Einlage des Marquis Vieuville, welcher die Ruͤckkehr Leonin's, Sei⸗ tens der Koͤnigin befahl. Die Marſchallin fugte hinzu, daß der Matquis de Souvré ſich endlich habe bewegen laſſen, ihn von Ste. Roche abzuholen, und ihrem Briefe voraneilen oder folgen werde, um jene Angelegenheit zu beendigen. „Ach,“ ſeufzte Leonin auf—„Jjetzt muß ich fort! das iſt nicht aufzuhalten, und Souvré wird das Uebrige einleiten!“ Er wollte Fennimor ſogleich Alles mittheilen und ging nach ihren Zimmern; aber als er eintrat, ſaß ſein ſchoͤnes junges Weib da, ſo lilienweiß von Angeſicht, wie die weiten, faltenreichen Gewaͤnder, die um ſie her floſſen, und ihr Kind lag ſchlummernd in ihrem Schooße. Sie lächelte dem Wunder dieſer kleinen zarten Bildung entzuͤckt zu und als ſie Leonin eintreten ſah, winkte ſie ihm und zeigte ihm die kleinen, wunderbaren Fin⸗ gerchen, und daß jedes ein Nägelchen habe und drei kleine Gelenke! „Ach, Leonin,“ ſagte ſie—„und das wird ſpä⸗ terhin denken und fuͤhlen können, wie wir, wird Recht von Unrecht unterſcheiden; dieſe kleinen Hände werden ſich einſt mit Bewußtſein falten, wie die unſrigen. So 246 wunderbar ſchön iſt Alles auf der Erde— wir haben nur das Anbeten!“ Da zog Leonin die Hand von dem Briefe des Marquis Vieuville zuruͤck, den er vorzeigen wollte. Er wußte ihre Ruhe nicht anzugreifen— er mußte ſie ſchoͤn, engelgleich finden.— Sein Kind gluͤhte wie eine Flamme in ihrem Schooße. Das Eis ſeines Herzens wollte ſchmelzen— er kniete nieder— er kuͤßte das ſchlummernde Weſen, das ihm ſo nahe angehoͤrte— ſo menſchlich ward ihm, ſo wehmuͤthig! Er ſollte ſie ver⸗ laſſen, um dann den groͤßten Frevel an ihr auszuuͤben; er ſollte dieſe ſanfte, ruhige Geſtalt von der Gewalt des Schmerzes uͤberwaͤltiget ſich denken!— Es war, als ob alle ſeine Nerven aus ihrer Starrheit riſſen. Thränen auf Thränen floſſen nieder.—„Wie ſoll ich uns ret⸗ ten?“ ſo fragte er ſich zitternd.„Verurtheilt zu gren⸗ zenloſem Ungluͤcke bin ich hier und dort!“ Seine Seuf⸗ zer erreichten Fennimor's Ohr.—„Was iſt Dir, mein Liebling?“ fragte ſie ſanft. „O, Fennimor,“ rief er mit dem alten Liebes⸗ laute—„weine um mich, ich bin ſehr, ſehr ungluͤck⸗ lich! Was ich auch thun mag, brich nicht den Stab uber mich, ich werde ſchuldig ſein; aber immer, immer noch viel ungluͤcklicher, als ſchuldig!“— Sein Kopf ſank neben ſeinem Kinde in Fennimor's ——————————— Schooß. Es war eine tiefe Stille.— So ſchweigt einen Augenblick Alles, wenn die Verurtheilung uͤber den Angeklagten ausgeſprochen iſt— das Schickſal, das er herbeirief, ihn niedergeworfen hat.— „Du weißt,“ ſagte Fennimor,„ich habe mich ſchon ein Mal vergangen und habe Dich ſo geſcholten, wie es mir nicht zukommt als Deine Frau— und ſeit⸗ dem habe ich immer Angſt, wenn Du etwas ſagſt, das vor Gott nicht gehoͤrt, weil es mich dann treibt, Dich davon abzuhalten; und doch— Du weißt, was ich dann thue“— ſie hielt ſchuͤchtern inne und legte blos leiſe ihre Hand auf ſein gluͤhend Haupt. „Ach, Fennimor— ſtrafender Engel, Du haſt das Paradies nicht ſchuͤtzen können, vor dem Du einſt mit dem feurigen Schwerte ſtandeſt— jetzt bin ich daraus vertrieben, und ohne daß Du es willſt, jagen mich Deine Worte weiter und weiter daraus fort!“— „Nein, nein, ſage das nicht! Da beginge ich große Suͤnde, und wenn ſie ſo in mich gekommen waͤre, ohne daß ich davon wußte— das wäre großes Ungluͤck! Bete doch, Leonin, und denke während des Gebetes, daß wir gar nicht glauben muͤſſen, ſo feſt im Unrechte zu ſein, als Du vorher ſagteſt; da Gott auch das Unrecht Deiner Seele in Haͤnden hat und Alles wenden kann— dann gewinnſt Du Vertrauen zu ihm, und ohne Vertrauen iſt alle Reue unwirkſam! Ach ſiehe,“ fuhr ſie, ſchuͤchtern uͤber den Schweigenden gebeugt, fort—„Dein Unrecht iſt mir nicht recht bewußt! Du biſt wohl ſehr traurig, das fuͤhle ich— Du ſagſt auch von den verkehrten Begriffen jener fremden Welt Einiges— aber wenn Du ſelbſt nicht darnach handelſt, hat ſie ja keine Macht uber Dich!“ „Ach,“ rief Leonin— und der Schmerz durch⸗ zuckte krampfhoft ſeinen Körper—„ſie hat aber Macht uͤber mich gewonnen, ich habe nach ihren Begriffen ge⸗ handelt, und bin nun hier und dort verloren!“ Fennimor erhob ſich und ſtörte ihn dadurch auf. Todtenblaß ſtand ſie vor ihm, das Kind leiſe an der Bruſt haltend; ernſt und erſchuttert ſagte ſie dann leiſe: „Leonin, wir wollen zuſammen beten! Jetzt darf Dein Weib ſich nicht von Dir trennen— ich weiß Dich nicht zu ſtuͤtzen— das Gebet wird es uns lehren!“ Sie wollte das ſchlummernde Kind nach ſeinem Bettchen tragen; als ſie den Fuß erhob, ließ ſich in den Vorzimmern Gerauſch hoͤren— Thuͤren gingen auf— Schritte nahten ſich— es war der Kammer⸗ diener— kaum hatte er Zeit, zu ſagen:„der Marquis de Souvré,“ als dieſer auch ſchon eintrat— Fennimor ſchrie laut auf— das Kind fuhr aus dem Schlafe— Leonin ſprang von ſeinen Knieen auf. 249 Der Marquis blieb mit der höhniſchen Miene, halb Lächeln, halb Zorn, vor dieſer aufgeſtörten Gruppe ſtehen, zufrieden, daß Beide in ihm den Henker ihres Gluͤcks erkannten. „Eine idylliſche Scene!“ rief er, als Beide ſchwie⸗ gen.„In Wahrheit, man glaubt hier um ein Paar Jahrhunderte zuruͤck zu leben!“ Dies erzuͤrnte Leonin.„Ich denke, Marquis, die Natur, mit ihren ewig gleichen Beziehungen zu dem Menſchen, muͤßte auch uberall dieſelbe geblieben ſein!“— „Ich glaube— es kann ſein“— erwiederte Sou⸗ oré mit allen Zeichen der Langenweile, womit er Leo⸗ nin immer unſicher machte und ihm zu imponiren wußte—„Sie wiſſen, ich habe nicht Zeit, an ſo Etwas zu denken. Wir Vornehmen der Erde ſind genöthigt, dieſe Dinge den augenblicklichen Zuſtanden der Zeit an⸗ zupaſſen— ich gruble uͤber ſo Etwas nicht.— Doch, Crecy, machen Sie die Honneurs in Ihrem Hauſe! Denn dieſe kleine Dame“ fuhr er leicht gruͤßend gegen Fennimor fort,„ſcheint dazu nicht zu paſſen, und ich bin wie ein Unſinniger gefahren, Ihr altes Eulen⸗ neſt zu erreichen, und bedarf jetzt Ruhe.“ Er wollte Leonin's Arm ergreifen und ihn mit ſich ziehen. Da erwachte Fennimor; ſie ſtand auf, ſchritt auf Beide zu und heftete ihre großen, angſt⸗ vollen Augen ſo feſt auf den Marquis, daß dieſer den Blick nicht zu ertragen vermochte. „Beruͤhrt ihn nicht,“ ſagte ſie dann mit einer Geiſterſtimme,„beruͤhrt ihn nicht! Ihr duͤrft keinen Antheil an ihm haben— und Du, Leonin, gehe nicht mit ihm, er iſt nicht rein geblieben, Du geheſt ver⸗ loren mit ihm!“ So gewandt Souvré jeden Gegenſtand zu be⸗ handeln wußte, war er doch mehr auf die Imperti⸗ nenzen der großen Welt abgerichtet; hier trat ihm eine Verwerfung, eine Verachtung entgegen, die ſich um kein Bonmot, um keinen Scherz drehte, der durch einen noch boſeren Witz wieder bezahlt werden konnte. Ihr Ernſt, der von einer faſt uͤberirdiſchen Schoͤnheit unterſtuͤtzt ward, uͤberwältigte ihn mit der Macht der Wahrheit, und der Pathos, mit dem ſie ihn ſo ohne Ruͤckſicht bezeichnete, hatte etwas ſo Maͤch⸗ tiges, daß er ſich ihm nicht zu entziehn vermochte und einen Augenblick davon beruͤhrt ward, wie von einem Strafgerichte. Aber was hätte auf lange die Gewalt gehabt, b ihn gegen ſeinen Willen zu beherrſchen! Faſt erſchrocken fuͤhlte er ihren Einfluß auf ſich, und doppelt erzuͤrnt, ſprang er um ſo wilder mitten durch. Ein mißts⸗ —.————— nendes Gelächter erſchallte aus ſeinem Munde.„In Wahrheit,“ rief er,„Deine Kleine iſt die anmuthigſte tragiſche Schauſpielerin, die ich noch je ſah! Aber ein ander Mal— jetzt bin ich zu abgeſpannt! Komm', Leonin! Ein Bett iſt mir jetzt lieber, als alle kleinen Theaterſcenen!“ Erſchrocken war Fennimor bei Souvré's Gelaͤch⸗ ter in Leonin's Arme geflogen— ſcheu blickte ſie daraus hervor auf jenen hin.„Wehre ihn ab!“ ſagte ſie ſchaudernd,„er iſt ganz zerfallen mit Gott, das kannſt Du leicht fuͤhlen. O, bleibe bei mir, bis er fort iſt!“ rief ſie flehend, als Leonin, ſie ſanft beru⸗ higend, ſich von ihr losmachen wollte,„bleibe bei mir, bis er fort iſt, er thut Dir ſonſt ein Leid!“ Souvré lachte wieder— Leonin fuͤhrte ſie zu ihrem Sitze zuruͤck.„Faſſe Dich, Fennimor! Es iſt ja derſelbe, der Dich ſchon ein Mal ſo gegen Ordnung und Recht erſchreckt hat— erkennſt Du ihn denn nicht wieder?“ „Ja, ich erkenne ihn,“ ſagte Fennimor mit ſchwa⸗ cher Stimme.„Ich fuͤhle den Stich von damals wieder durch mein Herz— es wird nicht ohne Grund ſein. O, rette Dich, rette Dich— er will Deine Seele!“ „Beruhige Dich, geliebte Fennimor,“ rief Leonin zärtlich,„ich will ihn wegfuͤhren— von Dir wegfuͤh⸗ ren, damit Deine Angſt ſich legt— ſpäter wirſt Du ruhiger ſein.“ „Gehe nicht! o, gehe nicht! ſonſt wird es mein Tod!“ ſtammelte Fennimor und glich in dieſem Au⸗ genblicke faſt einer Sterbenden.„Wenn er Dich weg⸗ fuhrt, ſind wir auf immer getrennt— dann iſt Deine Seele dem Boͤſen verfallen, mein Leib dem Tode!“ Ihr Kopf ſank zuruͤck; ſie konnte ihn nicht mehr mit ihren ohnmaächtigen Händen halten. Leonin's Perz war zerriſſen von Schmerz; aber der hoͤhnende, ſtechende Blick Souvré's, der ihn beſtändig verfolgte, war ſo unertraͤglich, daß er Leonin's Blut mit jedem Augenblicke mehr vergiftete. Er ſprang auf, von Fen⸗ nimor's Seite hinweg, aus ihren matten Haͤnden glei⸗ tend, er hörte ihren leiſen Schrei, er ſah, wie ihr brechendes Auge ihm noch folgte, und indem er Emmy rief, ſtuͤrzte er auf Souvrs zu, riß ihn mit ſich fort— wie er hoffte— nur, auf wenige Augenblicke. Als die Thuͤr zufiel, ſchloſſen ſich auch Fenni⸗ mor's Augen. Gluͤckliche Bewußtloſigkeit deckte ihre Schmerzen zu.— Mit kalter, finſterer Entſchloſſenheit ſtand Emmy Gray ihr zur Seite. Hätte man den Ausdruck dieſer ſtrengen Zuͤge deuten wollen, man hätte glauben kon⸗ nen, ſie wuͤnſche ihrem Lieblinge den Tod, der ſchein⸗ 253 bar nur ihre Zuͤge bedeckte. Wenigſtens ruͤhrte ſie keine Hand zu ihrer Belebung; aber bitter und finſter blickte ſie nach der Thuͤr, und eine Drohung von Haß und Verachtung konnte kein Wort deutlicher bezeich⸗ nen, als dieſer Blick! Fennimor ſchlug endlich die Augen auf; aber ſie blieb wie leblos in ihrem Stuhle. Emmy Gray ging ſchweigend ab und zu. Das Kind ſchlief wieder, die Mutter begehrte nicht danach, ihre Sinne ſchienen gebunden. Endlich ſtroͤmte die Abendluft in die Fenſter, die Emmy geoͤffnet— Fennimor ward da⸗ von belebt. „Wo iſt er?“ war ihr erſtes Wort.„Wenn Ihr den Grafen meint,“ erwiederte Emmy,“ ſo iſt er bei dem Herrn Marquis.“ „Erbarme Dich, Gott!“ rief Fennimor und verhuͤllte ihr Geſicht. Tiefe Stille herrſchte fort — ſie ſchien zu beten— dann ſiegte die Erſchoͤpfung — ein kurzer Schlummer beruͤhrte ihre ſchweren Augenlieder. Die Abendſonne beſtreute das ſchoͤne reiche Ge⸗ mach mit glänzenden Lichtern; in die Fenſter ſchaute die herrliche Landſchaft des Thales von Ste. Roche. Hinter Blumen und niedrigen Geſtraͤuchen, die das Fenſter zunächſt umzogen, ruhte weiterhin in dem war⸗ 254 men ſonnengefärbten Dufte des Sommers der Wald und der Fahrweg durch den Wieſengrund; Alles ath⸗ mete Schoͤnheit, Genuß und Erfuͤllung. Nur Fenni⸗ mor's kurzer Schlaf hatte den unruhigen Athem des beklemmten Herzens; ihre Wange ſank bleicher ein, und das Auge war nur halb geſchloſſen. Emmy hoͤrte Schritte nahen; ſie riß ſich von dem ſchwermuͤthigen Anblicke ihres Lieblings los, um leiſe die Thuͤr zu oͤffnen— der Marquis de Sou⸗ vré trat herein.—„Meine gute Frau,“ ſprach er, „ich muß Eure Herrſchaft ſprechen, laßt mich nur näher treten.“ „Da iſt ſie,“ erwiederte Emmy, mit bitterm Haſſe im Blicke.„Stirbt ſie Euch noch nicht fruͤh genug, ſo wird es Euch bald gelingen, es zu vollenden.“ „Das alte Hexenſchloß“ lachte Souvré,„hat in Wahrheit wuͤrdige Bewohner; jedes ſingt auf ſeine Weiſe irgend ein Beſchwörungslied. Mit Euch muß ja ein ehrlicher Mann den Muth verlieren zu reden!“ „Ihr freilich,“ zoͤgerte Emmy nicht zu erwiedern, „Ihr ſolltet ihn billig verlieren! Aber Ihr, prophe⸗ zeihe ich, werdet ihn behalten, bis Ihr allen Frevel vollfuͤhrt, den Ihr beabſichtiget.“ „Immer beſſer!“ rief Souvré,„doch, Kind, Du —,— 255 biſt zu gering zum Wortgefechte— tritt bei Seite— ſiehe, Deine Herrin iſt erwacht!“ „Wer iſt da?“ rief Fennimor zuſammen ſchau⸗ dernd.—„Mein boͤſer Geiſt!“ ſetzte ſie ihn erken⸗ nend hinzu. „Ich hoffe,“ ſagte Souvré, ſich ihr nahend, in⸗ dem er uͤber ſie weg mit vornehmer Nachläſſigkeit das Zimmer muſterte,„Ihr habt jetzt die kleine Erſchuͤt⸗ terung uͤberwunden, mit der Ihr jedes Mal meine Er⸗ ſcheinung beehrt; es iſt um ſo noͤthiger, da Ihr ge⸗ zwungen ſeid, mit mir einige Dinge zu beſprechen, die fuͤr Eure Zukunft wichtig ſind.“ „Wo iſt Leonin?“ fragte Fennimor, ſich aufrich⸗ tend.—„Davon nachher!“ ſagte Souvrs leicht, indem er durch das Fenſter blickte,„vorerſt nicht bei mir, wie Ihr ſeht.“ „Das iſt gut,“ erwiederte Fennimor ruhig,—„wenn er nur nicht bei Euch iſt, da kann ich leichter Eure Gegenwart ertragen; Ihr habt keine Gewalt uͤber mich!“ „Nicht?“ ſagte Souvré, und ſein boshafteſter Blick flog uber ſie hin;„wir wollen ſehn! So vorbe⸗ reitet, wie Ihr Euch auf mich habt, ſcheint es wohl, iſt jede Schonung uͤberfluͤſſig; doch wollen wir ſehen, ob ich keine Gewalt uͤber Euch habe.“ „Ueber mein äußeres Schickſal ſicher“— ſagte 256 Fennimor—„das fuhle ich eben immer, wenn ich Euch ſehe. Ich meine nur, uͤber meine Seele habt Ihr keine Gewalt, und ich habe beſſere Kraft, nun ich allein mit Euch bin; wenn Leonin dabei iſt, fuͤhle ich nur das Leid, was Ihr ihm angethan, und dann iſt der Schmerz großer.“ „Ihr ſeid nicht zuruͤckhaltend in Euren Meinun⸗ gen uͤber mich, das muß ich geſtehen. Doch muß ich glauben, Ihr gebt mir den Ton an, der unter uns walten ſoll. So hoͤrt denn! Ich habe mich aus Freundſchaft fuͤr die Familie des Grafen Crecy⸗Cha⸗ banne der Muͤhe unterzogen, Leonin, den jungen Gra⸗ fen und einzigen Erben, aus einer Verbindung los⸗ 3 zumachen, in die ihn Leichtſinn, Unwiſſenheit und, wie ich gern eingeſtehe, Eure ſchoͤnen bluͤhenden Wan⸗ gen und die zu bereitwillige Gaſtfreundſchaft Eures Vaters gefuͤhrt haben; indem der junge Mann natuͤr⸗ lich in ſeine ehrenvollen, angeſtammten Verhältniſſe nicht zuruck kehren konnte, ohne die Unzulaͤſſigkeit die⸗ ſer anſcheinenden Verbindung zu empfinden, da nie, auf keinem Punkte, weder bei ſeinen Eltern, weder bei ſeinem Könige, noch, und am wenigſten, bei ſeiner„ Kirche eine Anerkennung dieſes leichtſinnig geſchloſſe⸗ nen Vertrages denkbar iſt.— Hiervon Euch, bei Eu⸗ ter Unkenntniß der Welt, einen Begriff zu machen, habe ich uͤbernommen; zugleich Eure und Eures Kin⸗ des Verhaͤltniſſe ſo ſorglos zu ſtellen, als es Euch zukommt, von einem Manne zu fordern, der in ſo unabhängigen Vermoögensumſtaͤnden iſt, als der junge Graf Crecy.“ „Ich kann Euch noch nicht verſtehen,“ entgegnete Fennimor, noch immer ruhig;„denn, was Ihr ſagt, iſt ja Alles unrichtig— ich weiß nicht, was Ihr von unſerer Vermaͤhlung denkt! Freilich ſoll die Vermaͤh⸗ lung bei den Katholiken anders ſein; aber ſie muß doch immer daſſelbe bedeuten, ſonſt wäre ja die Eurige keine chriſtliche Verbindung.“ „Legt endlich Eure Unerſchuͤtterlichkeit ab, mit der Ihr mir unbeſchreiblich läſtig fallt!“ ſagte jetzt Souvré, indem er uͤbellaunig aufſtand.„Iſt denn das nicht zu verſtehn, was ich Euch ſage? Ihr ſeid nach katholiſchem Rechte gar nicht vermählt, Eure anſcheinende Verbindung in jeder Beziehung voͤllig un⸗ guͤltig. Kein Menſch erkennt Euch fuͤr des Grafen Gemahlin, kein Menſch dies Kind fuͤr ein ehelich ge⸗ borenes an. Dies ſoll ich Euch bekannt machen, da⸗ mit Ihr eine Art Erklärung daruͤber unterzeichnen könnt, die ich hier bei mir fuͤhre, die Euren Begriffen nach, eine Art Scheidung auch jener Ceremonie, auf die Ihr Euch zu ſtuͤtzen ſcheint, rechtskräftig bewirkt, und dem Ste. Roche 1l. 17 jungen Grafen Crecy, der zu einer hohen Hofverbin⸗ dung beſtimmt iſt, ſeine Freiheit wieder giebt.“ Fennimor ſtand auf, langſam aber feſt, die Stuhl⸗ lehne krampfhaft haltend— ſie ſchien zu wachſen— s treuloſe Blut, was ihr Herz erdrucken wollte, ſtroͤmte in ihre Wangen zuruͤck. Die zahlloſen Stiche, die ſie empfangen und, zweifelnd, daß ſie ihr gelten koͤnnten, immer verlaͤugnet hatte, wurden mit dieſem letzten furchterlichen Angriffe ploͤtzlich alle zu reißendeu Wun⸗ den. Sie war voͤllig enttaͤuſcht! Aber Sprache fand ſie erſt mit einem kurzen wilden Schrei, der ihre feſt zuſammen gepreßten Lippen brach— dumpf, aber er⸗ haben ſagte ſie dann: „Du gehoͤrſt nicht zu Gott und weißt von ſeinen heiligen Geboten Nichts! In welchem Namen ſoll ich zu Dir reden? Ungluͤckliche, verlorne Seele! Der kleinliche Jammer Deiner Rede richtet Dich ſo fuͤrchterlich, daß ich vor Gott erbebe, der ſchon Ge⸗ richt uͤber Dich hält in jedem Deiner verſtockten Worte! Armes, elendes Weſen— welch' ein ſchauderhafter Läſterer biſt Du! Welch' ein Grauen wird Dich be⸗ fallen, wenn Gott den Nebel zerſtreut, in den Dein armes, kleinliches Leben noch vor Dir ſelbſt gehuͤllt iſt, und Du Dich erkennſt!— Wie konnteſt Du, verlornes Werkzeug jener verderbten Welt, aus der Du geſandt wirſt, mir Zweifel einfloͤßen gegen die Hei— ligkeit meiner Verbindung, gegen die Geburt meines Kindes?“ Wir wiſſen nicht, warum Souvré dieſe Rede nicht unterbrach, warum er endlich halb abgewendet in der Naͤhe ihres Stuhles ſtehen blieb, zuletzt die Augen auf ſie richten mußte und ein Anſehn gewann, als verſteinere ſie ihn. Fennimor wollte ihn verlaſſen. Kraͤftigen Schrit⸗ tes, erhaben in ieder Bewegung, wollte ſie an ihm voruͤber. Das weckte ihn. Mit Wuth beladen, kam ſein Bewußtſein zuruͤck. Sie hatte ihn bezeichnet, wie er war; dies unbedeutende, unberechtigte Weſen hatte laut genannt, was die neckende Hoͤlle in ſeinem Buſen, waͤhrend ſie es ſprach, hohnlachend beſtätigt hatte— er war vor ſich ſelbſt entdeckt— und: Rache! Rache! war das einzige Geſchrei ſeines be⸗ leidigten Innern. „Halt,“ rief er, mit heiſerer Stimme und ent⸗ ſtellten Zuͤgen,„halt! Ihr duͤrft nicht fort, bis Ihr dies Blatt unterzeichnet habt. Dankt Gott, daß ich mich herablaſſe, mit Euch zu unterhandeln, die Ihr kein Recht habt an der Gemeinſchaft ehrbarer Perſonen!“ Fennimor wies das Blatt mit der Hand zuruͤck 17* 260 „Ich werde Leonin's erhabene Mutter befragen, welch' einen ehrenvollen Platz ſie der Gemahlin ihres Sohnes zugeſteht. Von Euch fordere ich bloß Ent⸗ fernung. Ihr, armes, elendes Weſen, koͤnnt mich nicht herabwuͤrdigen!“ Die Erwaͤhnung von Leonin's Mutter verſtärkte augenblicklich den boͤſen Willen des Marquis.„Thö⸗ rin,“ ſagte er lachend,„das fehlt nur noch an Eurer kindiſchen Anmaßung! Gerade ſie— ſie ſchickt mich, Euch Eure Thorheit vorzuſtellen; denn ſie haͤlt Euch fuͤr nichts mehr, als die Geliebte ihres Sohnes, ob⸗ wohl ſie alle Eure getraͤumten kirchlichen Rechte kennt. Sie hat eine Braut fuͤr ihren Sohn gewaͤhlt, ſeiner wuͤrdig, und verachtet Euch vollſtändig!“ Fennimor blieb ſtehen. Sie hob Haͤnde und Augen zum Himmel auf.—„O, Herr des Himmels, erbarme Dich! Ich fuͤrchte, Ihr ſprecht eben die Wahrheit. Mein Vertrauen zu dieſer einſt ſo verehrten Frau war durch Manches geſunken, was mir Leſuͤeur erzählte. O, wie beklage ich ſie!“ „Beklagt lieber Euch ſelbſt“— ſtieß Souvré roh heraus,„Ihr habt es nothiger! Doch hoffe ich, da Ihr Eure Stuͤtzen brechen ſeht, ſo werdet Ihr jetzt nicht zaudern, Eure Unterſchrift unter dieſes Blatt zu ſetzen. Ihr entſagt darin fuͤr Euch und Euer Kind 261 jedem rechtmaͤßigen Anſpruch an den Grafen Crecy⸗ Chabanne; Ihr nehmt den Namen Leſter wieder an und erhaltet dafur ein anſtaͤndiges Vermoͤgen zur Ver⸗ ſorgung fuͤr Euch und Euren Sohn, mit der Freiheit, nach England zuruͤckzukehren, oder auch hier in Ste. Roche ohne weiteres Aufſehn zu verbleiben; doch ohne Verſuche, die Ruhe der Familie Crecy ferner zu ſtoͤren, und ohne dazu das kleinſte Recht behaupten zu wollen.“ „Das läßt mir Leonin's Mutter ſagen?“ rief Fennimor troſtlos;—„das, glaubte ſie, könnte ich an⸗ nehmen? Ein Weib fordert das von einem Weibe? Eine Mutter von einer Mutter?— Nun, ſo ſoll dieſe ent⸗ artete Welt erfahren, was die Worte bedeuten, die dort zu Gottes Hohn getragen werden!“ Mit ein Paar raſchen Schritten trat ſie dicht vor den Marquis. „Geht, geht!“ ſagte ſie kräftig,„ſagt Ihr— es läge in keiner menſchlichen Macht, das aufzuloͤſen, was vor Gott geknuͤpft ſei durch ſeinen heiligen Diener — durch das Geluͤbde der Herzen, die Gott zuſammen⸗ gefuͤgt hätte an jenem Tage. Sagt Ihr, ich ſei die rechtmaͤßige Gemahlin ihres Sohnes! Ich, Fennimor Leſter, deren Vater uͤberdies aus einer vornehmen eng⸗ liſchen Familie abſtammte und ein Prieſter war, ſei in Nichts zu gering dafuͤr. Sagt Ihr, daß das Kind dieſer ehelichen Verbindung, der allein rechtmaͤßige Nachkomme chres Sohnes, unentäußerlich, wie ich, ſeine Mutter, den Namen Erecy⸗Chabanne fuͤhren werde; und wenn ſie ein Zeugniß dafuͤr bedarf noch außer dem Blatte des Kirchenbuches, welches Emmy Gray mit ſich genommen und bewahrt hat— ſo ſoll ſie ihren Sohn fragen und hoͤren, ob er dies Luſt hat zu läugnen!“ Da ſtieg der Triumph uͤber ſein Schlachtopfer in Souvré's Zuͤgen auf. Mit dem verwundendſten Lä⸗ cheln ſagte er:„Ich glaube, er wird dazu Luſt haben! Denn er gerade wuͤnſcht, Ihr moͤchtet Euch in dieſe Anordnungen fuͤgen.— Seine Schwäche und Euren heftigen Charakter fuͤrchtend, hat er dieſe ganze Ange⸗ legenheit in meine Hand gelegt— er hofft, ich bringe dieſes Blatt unterzeichnet zuruͤck.“ „Da ſei Gott vor, daß Ihr Wahrheit redet! Wo iſt Leonin— ich will ihn augenblicklich ſelbſt Euch gegenuber ſtellen!“— Souvré zuckte die Achſeln.—„Dies iſt nicht mehr moͤglich! Seine Ruͤckkehr war vom Koͤnige befohlen— er mußte zur beſtimmten Stunde dort ſein— dem pein⸗ lichen Abſchiede zu entgehn.— Seht dort! Ihr werdet an der Wahrheit nicht länger zweifeln!“ Fennimor ſah ihn an, als ſehe ſie einen Geiſt— ſie ließ ſich ſelbſt von ihm beruͤhren— nach dem Fen⸗ — ſter fuͤhren, und folgte mit den Augen, wohin er deu⸗ tete. Da ſah ſie den Fahrweg durch's Thal Leonin's Reiſewagen fliegen, ſie erkannte ſeinen Poſtzug— ſeine Livreen. „Leonin! Leonin!“ ſagte ſie leiſe gebrochen und griff in die Ranken, die um das Fenſter hingen. So blieb ſie ſtehen— die Augen unverwandt hinaus ge⸗ richtet.— Souvré— wir duͤrfen ihm das einzige Zeichen der Menſchheit, was wir an ihm zu entdecken haben, nicht vorenthalten— ſchauderte, als er ſah, wie ſie immer blaͤſſer und bläſſer, zuletzt bläulich erdfarben ward, und die Augen und alle Zuͤge ſich zu verſteinern ſchienen. Er redete ſie an, er hoffte ſelbſt auf den Widerwillen, den er ihr einfloͤßte. Es war umſonſt— ſie hoͤrte nichts mehr. Ihr Auge haftete an dem immer kleiner werdenden Reiſezug— er ver⸗ ſchwand.„Leonin!“ ſagte ſie dumpf, faſt undeutlich— aber ſie blieb unbeweglich ſtehn. Da ergriffen die Furien den Marquis de Sou⸗ vré. Als ob er, von ihrem Anblick gerichtet, im nächſten Augenblicke des Todes ſein wuͤrde, ſo ſtuͤrzte er aus dem Zimmer. Emmy Gray ſaß zuſammen⸗ gekauert vor der Thuͤr.„Geht hinein! Geht— geht!“ rief er wild und ſtuͤrzte uͤber die Zimmer und Gaͤnge fort nach den ſeinigen. * 264 Emmy wußte Alles. Es koſtete ſie keine Thraͤne, keinen Seufzer— finſterer Zorn machte ſie jeder ſanf⸗ teren Empfindung unmoͤglich; ſelbſt fuͤr den ihr uͤber Alles theuern Gegenſtand hatte ſie kein mildes Wort. „So mufßte es kommen! Das wufßte ich vorher! Sie bezahlt es mit dem Leben! So mag ſie nur erſt erloͤſt ſein!“— Sie haͤtte ſich ihres Todes freuen können— ſie ruͤhrte ſie nicht an, und Fennimor blieb ſtehen, bis der Krampf jeden Schlag des Herzens hinderte und die Fuͤße zuſammen brachen. Sie glich ſo ſehr einer Leiche, daß das Geruͤcht, ſie ſei geſtorben, ſich verbreitete, und der Arzt ſelbſt lange zweifelhaft blieb. Als ſie endlich erwachte, war die ſchreckliche Nacht voruͤber. Der Marquis de Sou⸗ vré hatte zuweilen nachgefragt; Emmy hatte ihm nie geantwortet. Bis zu dem Bette war er vorgedrungen; ſie hatte nicht gehindert, daß er die Leiche ſah, wie ſie waͤhnte. Gegen Morgen war er abgreiſt.„Die un⸗ angenehmſte Reiſe meines Lebens!“ ſagte er verdrieß⸗ lich.„Was das fuͤr ein krankhaftes Geſchoͤpf war— gleich zu ſterben!“ Später erſt fiel ihm ein, daß dieſer Tod Leonin auf dem Gewiſſen liegen werde, wenn er ihm auch Frei⸗ heit gabe. Damit beruhigte er ſich. Fennimor ward nicht durch den Tod erlsſt. Ihr —,— 3 — 265 Erwachen war ſogleich vollſtändiges Bewußtſein. Da Emmy ſie nicht entkleidet hatte, erhob ſie ſich augen⸗ blicklich, und ihre tiefe Seelenangſt trat in jeder Bewe⸗ gung hervor. „Emmy,“ ſagte ſie leiſe,„er hat mich doch ſo ſehr geliebt!“ Dabei fing ſie eine Wanderung durch das Zimmer an, die Alle im Laufe der Zeit zur Verzweif⸗ lung brachte. Immer dieſelbe Linie haltend, von dem Fenſter an, wo ſie den Todesſtoß empfangen hatte, bis in den äußerſten Winkel des Zimmers, und wieder zum Fenſter zuruͤck. Sie hoͤrte Nichts um ſich her! Sie ſah Nichts! Wenn ſie angeredet ward, blieb ſie ſtehen und ſagte zu Jedem:„Er hat mich ſo ſehr geliebt!“ Der Ausdruck ihres Engelsantlitzes war dabei ſo, daß Niemand ihn ohne Thraͤnen ſehen konnte. Auch zu ihrem Kinde ſagte ſie daſſelbe. Sie kannte es nicht. Emmny ſchien durch Nichts mehr überraſcht. Sie hatte dies Alles laͤngſt in ihrem argwoͤhniſchen Nachden⸗ ken durchlebt und that jetzt nur, was ſie im Voraus beſchloſſen. Eine Bäauerin erſchien gegen Abend, da das Kind dem Verſchmachten nahe, und die Milch der Mutter jeden Falles todtbringend war. Das eigne Kind verlaſſend, naͤhrte das theilnehmende Weib das verwaiſte. Die Nacht verging— Fennimor wanderte fort. Der Arzt und Emmy ſaßen ſtumm einander gegenuͤber. — Kein Menſch durfte ſie beruͤhren— es ſchien ihr den groͤßten Schmerz zu machen.— Wer hätte ſie auch zwin⸗ gen mögen? Doch verſchwand die Blaͤſſe allmählig, hohe Roͤthe ſtieg in ihre Wangen, die gluͤhendſte Fie⸗ berhitze ergriff ſie; ſie ging heftiger nur. „Beruhigt Euch,“ ſagte der Arzt zu Emmy— „das uͤberlebt ſie nicht— ſie war ja noch Woͤchnerin— die Quellen ihres Buſens ſind verſiegt, das deutet das Fieber an— es wird ihr Tod!“ „Dann ſei Gott geprieſen!“ rief Emmy wild— „die ſcheußliche Welt, in die ſie gerathen, iſt nicht werth, daß ihr Fuß laͤnger in ihr wandelt!“ Bald oͤffnete das ſteigende Fieber den ſtillen Mund. Erſt plauderte ſie leiſe— dann lauter— ſie lächelte— ſie huͤpfte— ſie flog, ſelbſt unter der Gewalt der Krank⸗ heit noch reizend ſchoͤn, und wie ein gluͤckliches Kind auf kühlem Wieſengrunde!— Sie war in Stirlings⸗Bai — ſie rief den Vater und laͤchelte ihm zu— kein An⸗ denken ihres ſpäteren Lebens trat hervor— ihre Kin⸗ derjahre, Emmy, der Vater, ihre Bilderbuͤcher, der Wald! Welche anmuthige Arabeske lieblich und wun⸗ derbar durchſchlungener Gedanken, bildeten ihre Phan⸗ taſien! Dies brach Emmy's Haͤrte— ſchreiend faſt, ſchluchzte ſie ihren Jammer aus; aber die, welche ſonſt ihrem leiſeſten Seufzer ſorgſam nachſpuͤrte, huͤpfte lä⸗ A—— chelnd und ſchwatzend an ihr voruͤber und ſah in den wilden Aufruhr dieſer konvulſiviſch zuckenden Geſtalt, als ob ſie eine ſchoͤne Blume aus den Wäldern von Stir⸗ lings⸗Bai erblicke.— Da ſchien dem mit angeſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit ſie beobachtenden Arzt, als ob ſie, durch das Fieber bezwungen, Durſt empfaͤnde. Dies war, was er gehofft und erwartet.— Schnell reichte er ihr den bereiteten Becher, der den Schlaftrank enthielt, auf den allein zu hoffen war. Er täuſchte ſich nicht; ſie trank mit kindiſcher Begierde und nannte es: Milch aus Stirlings⸗Bai. Der Gang aber ward nun matter und ſchleppender, die Worte gebrochen; die Au⸗ genlieder ſanken. Schon hatte Emmy die Thraͤnen ge⸗ trocknet; widerſtandlos trug ſie den Liebling ihres Her⸗ zens auf das lange verlaſſene Lager, und bald breitete der Schlaf ſeine Segnungen uͤber die der Menſchenhand.— 268 Die Marſchallin von Crecy ſaß in ihrem Ankleide⸗ zimmer und hoͤrte der unſchuldigen Louiſe zu, welche ihr von dem jungen Marquis d'Anville erzählte, mit dem ſie geſtern bei dem Herzoge von Lesdigueres getanzt hatte, und der gar zu heiter und liebenswuͤrdig war, ſo daß ſie immer durch ihn an Leonin erinnert ward, mit dem ſie auch fruͤher ſo habe ſcherzen und lachen können. Die Marſchallin hatte Nichts dagegen. Sie wußte jetzt genau, wie es mit Louiſe ſtand; dieſe Bruͤcke, welche Schweſtern, die ihre Bruͤder ſehr lieben, ſich durch Vergleichungen zu bauen wiſſen, die ſie dann unwill⸗ kurlich in ein anderes Gebiet der Empfindung hinuber leiten, war ihr vollkommen bekannt. Der junge neun⸗ zehnjährige Marquis war ihrer Tochter beſtimmt; doch erſt nach drei Jahren ſollte die Vermählung vor ſich gehen, der junge Mann bis dahin entfernt werden durch den jetzigen Krieg, ſpäter durch Reiſen. Sie ließ Louiſe ruhig plaudern und verſtärkte nur durch einzelne Worte den erregten Eindruck, ſich an der harmloſen Uebergabe des holden Kindes innerlich 269 beluſtigend— als dieſes trauliche Zwiegeſpraͤch ploͤtzlich durch den Eintritt deſſen aufgehoben ward, den Louiſe noch zur Erklärung ihrer Gefuͤhle bedurfte— Leonin ſtand vor Beiden. Aber wie wenig glich er jetzt noch dem Bilde des frohen, unſchuldigen Marquis d'Anville! Selbſt die unerſchutterliche Marſchallin erſchrak bei ſeinem An⸗ blick, und wie ein Blitz durchzuckte ſie der Gedanke: Das iſt Dein Werk! Louiſe flog mit einem Freudenſchrei in ſeine Arme. Aber Leonin ſchauderte, als er ein anderes weibliches Weſen an die Bruſt druͤckte, von der er Fen⸗ nimor ſo eben verſtoßen. Die Marſchallin ſah Alles — ſie fuͤrchtete ſich faſt vor ihm— da er da war, mußte das vollendet ſein, was ſie geleitet; damit kam ihr ein kleines vorubergehendes Grauen an— die Vol⸗ lendung ſtählte ſie nicht ſo, wie der Eifer, ſie zu er⸗ langen. „Leonin, Du biſt krank!“ rief Louiſe, als er ſich matt und ſtumm von ihr los machte, um ſeine Mutter zu begruͤßen,„ich erkannte Dich kaum!“ „In Wahrheit, mein Lieber,“ ſagte die Marſchal⸗ lin,„Sie haben keine gute Farbe— Sie muͤſſen mit dem Arzte ſprechen— Sie haben jetzt keine Zeit zum krank ſein!“ * 270 „Lieber mit dem Beichtvater, gnädige Frau!“ er⸗ wiederte Leonin dumpf und bitter,„es konnte nöthi⸗ ger ſein!“ „Ganz nach Ihrem Beduͤrfniſſe,“ ſagte die Mar⸗ ſchallin, durch dieſe vorwurfsvolle Entgegnung erkältet und erzurnt.—„Oft iſt uns der Seelenarzt ſo nöthio als der leibliche.— Der Koͤnig iſt bereits zur Armee abgegangen; die Koͤnigin hat ihr erſtes Wiederſehen mit Seiner Majeſtät in Nanchy, dorthin— „In Nancy?“ unterbrach Leonin ſeine Mutter —„in Nancy? in der Hauptſtadt des Herzogs von Lothringen? Soo verfuͤgt man ſchon uͤber das Eigen⸗ thum des Feindes, deſſen Land man noch nicht einmal betreten hat?“— „Mein Sohn, ich finde Ihren Ton ſehr ſonderbar; es ſcheint mir hoͤchſt unpaſſend, und fuͤr Sie am mei⸗ ſten, als eine zum Hofſtaat gehorende Perſon, ſich mit einer Art— wie ſoll ich ſagen, um es milde zu bezeich⸗ nen— einer Art Erſtaunen mindeſtens, uber dieſe aller⸗ hoͤchſten Beſchluͤſſe zu äußern. Wer koͤnnte zweifeln, daß Seine Majeſtaͤt heute ſchon das Recht hätten, ſich in Amſterdam ihr Diner zu beſtellen? Die Beſchluſſe zu der einen oder andern ſtets paſſenden Eroberung ſind zugleich Siege!“ Hierin lag etwas Wahres. Die Marſchallin hatte 5 . nur nöthig, das Vorhandene zu benutzen, um ihrem Sohne zu imponiren. Dieſer ganze Krieg war ein voraus empfundener Siegestaumel, den zu beargwoͤh⸗ nen, in der That ein ungehoriges Gefuͤhl und der da⸗ maligen Zeit ganz fremd war. Die Naturanlage der Franzoſen, ſich in dem anmaßendſten Duͤnkel als die Erſten der Erde zu betrachten, erhielt die vollſtaͤndigſte Entwicklung und ſchlug Wurzeln, zu tief, um je zu erſterben, ein Stuͤtzpunkt bleibend fuͤr Alles, was die Zeit im mannigfaltigſten Wechſel daran hinauftrieb— was wir mit giftiger oder ſegensreicher Vegetation ver⸗ gleichen koͤnnten, die immer ein und derſelben Wurzel entſproſſen. Leonin war auch ſchon auf Koſten alles Andern zu ſehr Franzoſe geworden, um nicht Ueberzeugungen ſchnell nachzukommen, die er um ſo hohen Preis er⸗ kauft. Er fuͤhlte, er hatte ſich unpaſſend geäußert, und fragte daher ſchnell: ob die Koͤnigin in Verſail⸗ les anweſend ſei?— „Ihre Majeſtät haben den Bitten ihrer guten Stadt Paris nachgegeben und vor ihrer Abreiſe noch einen Beſuch in den Tuillerien gemacht. Paris iſt ein Saal der Freude! Die Straßen ſind Gärten, in denen das Volk tanzt und ſpielt, die beiden Kö⸗ niginnen, von ihrem ganzen Hofſtaate umgeben, durch⸗ 252 ziehen ſie in offnen Triumphwagen, welche die Stadt hat bauen laſſen.— Unſere Reiſewagen ſind ge⸗ packt; wir erwarteten nur Ihre Ruͤckkehr, um das Hotel Soubiſe zu beziehen; machen Sie danach Ihre Einrichtungen!“ „Ich werde ſchwerlich mit Ihnen zugleich dem Hofe aufwarten koͤnnen,“ erwiederte Leonin—„ich fuhle mich ſehr unwohl— etwas Ruhe iſt mir durch⸗ aus nöthig!“ Einen Augenblick ſah die Marſchallin zu ihrem Sohne auf, mit dem Wunſche, zu widerſprechen; aber auf's neue leuchtete ihr die Ueberzeugung ſeiner ſicht⸗ lichen Erſchöpfung ein. So gern ſie ſich's gelaͤugnet haͤtte, es war gar nicht zu uͤberſehen— er war krank — jedenfalls in einer Gemuͤthsſtimmung, die eine kleine Sammlung wuͤnſchen ließ; da ſie ihn wenig ſo darzu⸗ ſtellen verhieß, wie es die Marſchallin wuͤnſchte. So trennte man ſich. Kein Wort hatte das uberfuͤllte Herz Leonin's erleichtert. Dieſe harte Frau, die ihn ſo ohne Bedenken zu dem Verbrechen gereizt, das er fuͤhlte begangen zu haben, zeigte eine Gleich⸗ gultigkeit, die nicht einmal nachfrug, ob oder wie es vollzogen. Keine Theilnahme, kein Dank, Nichts ver⸗ ſöhnte den ungeheuren Schritt, den er gethan. Zu⸗ ruͤckgedräͤngt ward er mit jeder Empfindung, die ihn faſt zu erſticken drohte, als nehme man ihr Daſein fuͤr unmoͤglich an; und was man ihm dagegen bot, wa⸗ ren die erbaͤrmlichen Wichtigkeiten dieſer ͤußern Welt! Sein Herz krampfte ſich in Bitterkeit zuſammen; ein finſterer Groll gegen ſich und die ganze Welt ergriff ihn, ja, eine Anſicht uͤber ſeine Mutter brach ſich Bahn, die ganz gegen den kindlichen Enthuſiasmus ſtritt, den er bisher empfunden. Es war ein fuͤrch⸗ terliches Gericht in ihm, und die groͤßte Strafe der Suͤnde erreichte ihn: der Preis, um den er geſuͤndigt, ſank in dem Augenblicke, wie er ihn errungen hatte! — Eine gluͤhende Hoͤlle ſchien ihm dies glänzende Treiben des Hofes, welches jede Beſinnung erſtickte, jede Regung verſtieß, die nicht in ihre erkuͤnſtelten Zu⸗ ſtäͤnde paßte. Eine Einoͤde ſchien ſie ihm zugleich, von tödtender Langweile erfuͤllt, ohne Reiz, ohne Er⸗ quickung— der Felsblock des Syſiphus— muͤhſam täglich emporgewaͤlzt, täglich zuruͤckſturzend dieſelbe Bahn— fuͤr das Erfolgloſe immer denſelben Auf⸗ wand von Muͤhe begehrend. Faſt bewußtlos ſank er auf ſein Lager, und Kei⸗ ner aus ſeiner Umgebung wagte mehr, den jungen Er⸗ ben zu ſtören, deſſen Anſehn ſo wenig den glänzenden Ausſichten entſprach, die Alle fur ihn eroͤffnet wußten. Bald fuhren die Karoſſen der Marſchallin vor, Ste Roche 1. 18 274 und ſie verließ, nach den paſſendſten Inſtruktionen an ihren Arzt und Beichtvater, das Palais Crech, ohne daß ſie ſelbſt ihren Sohn wiedergeſehn, oder die Bitte der trauernden Louiſe um dieſe Gunſt geſtattet hätte. Dies Mal ſollte der Marſchall ihr zu Hilfe kom⸗ men! Er befand ſich bereits in Paris; aber ſie wußte es mit Sicherheit, daß ſie ihm nur zu ſagen brauche, Leonin ſei krank in Verſailles angekommen, und er werde in der naͤchſten Stunde dahin reiſen, wo ſie dann ſeinem unbezwinglichen Ungeſtuͤm vertrauen durfte, der weder die Einwendungen Anderer hoͤrte, noch ſich ihnen fugte, und unfehlbar Leonin's Krankheit füͤr nicht bedeutend genug anſehn mußte, um ihn länger von dem Schauplatze entfernt zu halten, den ihn ein⸗ nehmen zu ſehen, ſeine ganze Seele erfullte. Dagegen erſchien die Marſchallin ſogleich mit der Miene einer betruͤbten Mutter, das Unwohlſein Leo⸗ nin's der Königin und ſeiner nun öffentlich erklär⸗ ten Braut mitzutheilen. Da Niemand zur Beſinnung kam in dem Taumel, der in Paris herrſchte, der Volk und Hof faſt in einem Feſte vom Morgen bis Abend zu vereinigen ſchien, ſo fand jede Erklärung gefälligen Eingang, die von Niemandem ein langes Nachdenken oder Zuhoͤren begehrte. Nur Viktorine, die ſich ſtets ſelbſt behielt, der 225 dieſe Dinge nur ſo nahe traten, als ſie wollte, hörte die Nachricht der Marſchallin mit veraͤnderter Farbe; und als der Marſchall in Reiſekleidern bei ihr eintrat, um ihr Muth einzureden, fuͤhlte ſie die kindlichſte Zärt⸗ lichkeit gegen ihn, und Beide trennten ſich mit erhöh⸗ ter Liebe. Dieſe Empfindung war Viktorine uͤberhaupt viel mehr geneigt, ihrem kuͤnftigen Schwiegervater, als der Marſchallin zu widmen. Sie mißtraute ihr. Dies vollendet gehaltene Weſen, welches, wie das untruͤg⸗ lichſte Rechnenexempel, ſich immer in den Forderungen der großen Welt aufloſte, empoͤrte ihren offenen Cha⸗ rakter, der durch freie geiſtige Entwickelung, ſo viel es dieſe Zeit zuließ, die Etikette läſterte. Sie hatte uͤber⸗ dies einen ahnenden Verſtand.»Sie war zu unſchul⸗ dig, um manche Dinge wiſſen zu können; aber ſie ahnte dann eben, daß nicht Alles in Ordnung ſei, und fehlte ſelten in ihren Vorausſetzungen. Am nächſten Abend ſtand ſie neben ihrer Schwie⸗ germutter in dem großen Spielzimmer der Konigin, während ſich im Nebenſaale der glänzendſte Ball ent⸗ wickelte, welchen die Königin als Abſchiedsfeſt gab, und an dem Theil zu nehmen, ihr unmoglich war, als die Marſchallin plotzlich zuſammenſchreckte und einen Augenblick ſtarr nach der Thuͤr blickte. Viktorinens 18* — Augen folgten dieſem Blick, und ſie konnte die Urſache nicht errathen, bis der Marquis de Souvré ihr auf⸗ fallend ward, der ſich mit ſeiner gewoͤhnlichen Drei⸗ ſtigkeit halb lachend, halb neckend durch die Menge drängte. Viktorine glaubte jetzt die Bewegung der Mar⸗ ſchallin erklaͤrt. Er kommt aus Leonin's Krankenzim⸗ mer, ſagte ſie ſich; ſie ſelbſt fuͤhlte ein tiefes Erbeben und zugleich ein ſanfteres Gefuͤhl gegen die Marſchal⸗ lin, was ihr ſagte: ſie iſt doch Mutter! Souvré ſtand ſogleich vor ihnen.„Willkommen, Marquis!“ ſagte die Marſchallin.„Wie verließen Sie meinen Sohn?“ 2„Auf dem Wege, zu den Fuͤßen ſeiner ſchoͤnen Braut ſeine Geneſung abzuwarten,“ erwiederte der Marquis, beide Damen begruͤßend.„Doch verließ ich das Terrain in dem Augenblick, als der Marſchall ſeine Poſition dort nahm. Einer ſolchen bewaffneten Macht gegenuͤber, nehme ich gern ſogleich meinen Ruͤck⸗ zug— denn er bleibt ſtets Sieger— wovon Euer Gnaden auch wohl im Voraus uͤberzeugt waren.“ „Der Marſchall hat ſtets den liebenswuͤrdigen 2 Ungeſtuͤm eines Juͤnglings,“ lächelte die Marſchallin — aber ihr Auge lag noch immer durchbohrend auf Souvré, der, ſeine Ueberlegenheit fuhlend, auch nicht 272 durch die kleinſte Aeußerung verrieth, was ſie ſo ſehr zu wiſſen wuͤnſchte. „Belehren Sie mich, ob ich recht hoͤrte, iſt dies ein Abſchiedsfeſt?“— fragte er, ſich zu Viktorinen wendend—„muß Leonin in Wahrheit zu ſpaͤt kom⸗ men, ſich in dem Glanze des Hofes mit ſeinem uner⸗ meßlichen Glucke bruͤſten zu koͤnnen?“ „Ihre Majeſtaͤt werden von morgen an ihre An⸗ dacht bei den Carmeliterinnen halten und dann nur noch kleinen Zirkel in ihren Privat⸗Apartements em⸗ pfangen,“ erwiederte Viktorine. „Ach,“ ſagte Souvré,„ich lebe auf! So hoffe ich, werden wir auch dort noch im kleinen Zirkel min⸗ deſtens einiger hundert Perſonen, das Vermählungsfeſt meines gluͤcklichen Vetters und ſeiner ſchoͤnen Braut erleben!“ „Laſſen wir das!“ rief Viktorine ſtolz und ge⸗ reizt.„Soll ich Ihnen etwa die Feierlichkeiten dabei vorzählen, damit ſie Ihre verſchiedenen Hofkleider ausſtauben laſſen? Ich paſſe nicht zum Referiren und ſetze immer den Takt voraus, es zu fuhlen, ehe ich es ſelbſt andeuten muß.“ „Allerliebſt!“ lachte Souvré—„alſo das hat die Liebe noch nicht bewirkt! So nah' an dem gehor⸗ ſamſten, demuͤthigſten Zuſtande— ich meine die Ehe.“ 228 ſetzte er ſich verbeugend hinzu—„und doch ſo wild, ſo gereizt, wie eben aus dem Kloſter entkommen? Schone Viktorine, ich warne Sie— lenken Sie ein! Leonin iſt nur anſcheinend ein ſchwermuͤthiger Schäfer, innerlich und wo es gilt, ein reißender Loͤwe!“ Die Marſchallin horchte auf. Dies ſchien ihr der erſte Wink. Doch Souorés blickte nur Viktorine herausfordernd an— er ſchien jene vergeſſen zu haben. „Erlauben Euer Gnaden, daß ich mich beurlaube!“ ſagte Viktorine, ſich tief vor der Marſchallin verneigend. „Die vortrefflichen Manieren des Heern Marquis zwingen hier eine Frau, die Flucht zu ergreifen.“ „Fliehen Sie Ihren Sieger?“ rief Souvré— „Sie haben nun einmal Ihre Stellung in der Welt verloren. Ein Mal beſiegt, erleben Sie nichts mehr, als Niederlagen! Ich, Ihr aͤlteſter Freund und Ver⸗ ehrer, mußte doch daran meinen Antheil haben!“ Viktorine rollte achſelzuckend ihren Fächer vor ihm auf und verſchwand in dem Nebenſaale. Eben wandte die Marſchallin ſich zu dem Mar⸗ quis, entſchloſſen, ihn zur Sprache zu bringen, da eilte Souvré, die Herzogin von Bellefond zu begruͤßen,- die ihren großen Reinigungszug, wie die Hofleute ihn 1 nannten, wobei ſie jeden Fehler der Etikette ruͤgte, durch den Saal hielt. „Soll ich Ihnen helfen, meine Beſchuͤtzerin— meine Wohlthäterin?“ rief Souvré.„Wie Noth thut ſicher hier Ihre glanzvolle Herrſchaft im Reiche der Etikette, wo die gute Stadt Paris mit ihren breiten Manieren dem Hermeline des Königsmantels etwas ſehr nahe getreten iſt. Die Luft iſt davon noch et⸗ was verdorben, wie ich ſpuͤre!“ „Ach, Marquis, Marquis,“ erwiederte Madame de Bellefonds, mit ſo heiſerer Stimme, daß ihre Rede dem dumpfen Gebrumme eines zornigen Bären glich —„das fuͤrchte ich nicht zum zweiten Male zu erle⸗ ben! Denken Sie! den ganzen Tag auf der Straße! Ihre Majeſtät die Königin ſehen zu muͤſſen, wie dieſe Populace ſich zu ihr drängte— Anreden geſtatten zu muͤſſen auf offner Straße, ohne nur die Namen die⸗ ſer Geſchoͤpfe zu kennen, viel weniger ihren Adelsge⸗ halt— ja, am Ende lieber Nichts von ihnen wiſſen zu wollen; da doch nur zu erfahren ſtand, daß ſie aus der Hefe wären. Alle unter dem einen Hute ſich bergend, als Buͤrger von Paris! Buͤrger von Paris, Marquis! Ich hätte weinen koͤnnen uͤber den Wahn⸗ ſinn, der ſie glauben ließ, durch dieſen Titel zu dem Benehmen gegen Ihre Majeſtät berechtigt zu ſein! Und dann die Humanitatsideen der hohen Herrſchaf⸗ ten! Niemand, den man in ſeine Schranken verweiſen 280 durfte, wodurch dem Volke der Muth wuchs bis zur Raſerei! Koͤnnen Sie denken, daß davon die Rede war, einige von den Deputirten der Stadt heute Abend einzuladen? So daß denn alſo kein einziger Platz rein geblieben waͤre! Aber ich drohte meinen weißen Stab in Stuͤcken zerbrechen zu wollen, wenn man dieſen Plan ausfuͤhre, und da unterblieb es, trotz dem, daß der Marquis Fenelon, dieſer ſogenannte große Geiſt, mich fragte: ob ich dächte, daß dieſe Herren Depu⸗ tirten, die ein Paar Millionen kommandirten, weniger Bildunß haͤtten, als meine Herzöge und Grafen?“ „Nun in Wahrheit,“ lachte Souvré—„diefe ra⸗ ſende Behauptung haͤtte Euer Gnaden todten konnen!“ „Faſt Marquis, faſt war es ſo weit! Und Ihr hoͤrt es an meiner Stimme, es iſt mir Alles auf die Bruſt gefallen. Es war meine letzte Anſtrengung, und in der Antwort, die ich ihm gab, ſchlug die Stimme um.„Marquis,“ ſagte ich,„um ſo ſchlimmer! So ſind es uͤbertuͤnchte Gräber, in denen ſie nichts zu verdecken haͤtten, als Hobel oder Elle— und der Burſche, der mir zu den Schuhen Maaß nimmt, hat in meinen Augen mehr Werth, als dieſe impertinenten— Masken, die ſich unſere Vorzuge anzumaßen wagen.“ „Vortrefflich, vortrefflich!“ rief Souvré;„mit welchem Geiſte Sie Ihren Willen auszudruͤcken wiſ⸗ ————— ſen. Es muͤßte fur die Nachwelt verzeichnet werden! — Gottlob, daß Frankreich die Herzogin von Belle⸗ fond als Wache vor dem Throne dieſer ſanften, nach⸗ giebigen Königin hat! Es iſt die einzige Rettung, der einzige Schutz gegen die andraͤngende Volksbildung, die, wie ich im vollen Ernſte hörte, ſich allerlei Nach⸗ ahmungen der hoheren Stände erlauben ſoll; und wie lächerlich und unglucklich auch ſolche Verſuche ſind, ſie bleiben doch jederzeit ein Aergerniß und verrathen einen gefährlichen Sinn, der im Entſtehen erſtickt wer⸗ den muß.“—. 4 „Ja wohl, Marquis! Sie haben nur zu Recht; aber ich beſchwore Sie, hoͤren Sie auf davon zu ſpre⸗ chen— ich muß ſonſt mein Flacon gebrauchen. Ach, Marquis, wer hatte ſonſt nur noͤthig, dieſe Klaſſe in den Mund zu nehmen! Wir hatten Handwerker, die nur unſere Haushofmeiſter und Kammerfrauen ſpra⸗ chen; und ich haͤtte es nicht fuͤr möglich gehalten, daß ich mich jemals uͤber einen Buͤrgerlichen wurde aͤrgern können. Aber horen wir auf— es greift mich an, und ich bin beſchämt uͤber den Gegenſtand!“— „Nun ſo ſagen Sie mir etwas Neues vom Hofe,“ rief Souvré—„Sie wiſſen, ich war mit dem jun⸗ gen Grafen Crecy abweſend.— „Ja, ja, ich erinnere mich!— Doch ſagen Sie, 282 Marquis, warum ſehen wir Sie allein zuruͤckkehren? Iſt man ſo lau und nachlaͤſſig in der Bewerbung um ein Ehrenfraͤulein Ihrer Majeſtät?“ „O, Madame,“ ſagte Souvré,„welche Voraus⸗ ſetzung! Er iſt wie ein Wahnſinniger Tag und Nacht gereiſt, als er die Weiſung zur Ruͤckkehr erhielt, und da hat er ſich erkaltet. Doch, es wird voruͤbergehn! Euer Gnaden haben ſicher ſchon uͤber die Vermah⸗ lung des Paares Ihre Dispoſitionen gemacht; darf ich im Vertrauen ſein?“ 2 „Sie ſind mein Verzug!“ erwiederte die Her⸗ zogin mit einer ſteifen Grimaſſe, die Lächeln andeuten ſollte,„und wollen immer Alles voraus wiſſen. Doch iſt es zu erwaͤhnen, wie Ihre Geſinnung wirklich ſich ſtets unbefleckt rein erhaͤlt, und ich habe deshalb manche Ruͤckſichten!“ Der Marquis verneigte ſich, und Madame de Bellefond fuhr fort:„Die Zeit erlaubt keine Feſt⸗ lichkeiten— Ihre Majeſtät muß ſich bereit halten— Sie wiſſen, das erſte Hauptquartier wird in Nancy ſein— wir muͤſſen uns auf den Weg dahin begeben, um dann mit Seiner Majeſtat zugleich einziehen zu koͤnnen. Natuͤrlich können aber der Graf und Made⸗ moiſelle de Lesdigueres nicht bei demſelben Hofſtaat, in derſelben Karoſſe vielleicht, die Reiſe antreten, ohne 283 vermaͤhlt zu ſein. Das haben denn auch Ihre Ma⸗ jeſtät erwogen, und ich habe ſelbſt die etwas ſtreitſuch⸗ tige Lesdigueres zum Schweigen gebracht.— Nun ſoll es alſo ein Impromptu werden! Wie ich hoͤre, hat es aber die eigenſinnigſte Hofdame, die ich je unter Auf⸗ ſicht hatte, durchgeſetzt, daß die Frau Koͤnigin den Herrn Erzbiſchof von Noailles um die Abtretung ſei⸗ ner Funktionen an Monſieur Fenelon, dieſen uͤber⸗ ſpannten Pfarrer von St. Sulpice, gebeten hat. Das war hinter meinem Ruͤcken geſchehen; die Koͤnigin wird von dem jungen Maͤdchen beherrſcht; doch hatte ſie die Gnade, ſich bei mir deshalb zu entſchuldigen. Sie fuhlte wohl, daß ſie mir in's Amt gegriffen! Doch mein Kind, Sie ſehen, wir haben nicht mehr viel Zeit, und der Bräutigam fehlt! Dieſer junge Menſch, Mar⸗ quis, im Vertrauen, ähnelt nicht ſehr ſeinen muſter⸗ haften Eltern! Krank zu werden, wenn man ſeine Anſtellung bei Hofe antreten foll, hat immer etwas gegen den Reſpekt und gegen die vollkommene Fein⸗ heit, die wir bei ſolchen Gelegenheiten vorherrſchen laſſen muͤſſen. Wer kann mir nachſagen, daß ich je krank war? Aber das iſt ſo der Spuk, der ſich gern einſchleichen moͤchte, den alle dieſe Herren Dichter, Philoſophen und Gelehrte verbreiten, und den ſie Menſchenrechte, oder Naturgebote, oder Gott weiß wie 284 nennen. Aber ich frage Sie, Marquis, iſt es ſchick lich, daß man ſo etwas bei Hofe hoͤrt, wo lauter Edel⸗ leute vom erſten Range leben?— Ich frage Sie, mein Lieber— wenn Monſieur Moliére im Vorzimmer des Königs fruhſtuͤcken darf, und Seiner Majeſtät ihn an redet, als ware er ein Menſch, wie jeder andere, da haben wir freilich nichts Beſſeres zu erwarten! Sonſt, Marquis, begaben wir uns in die große koͤnigliche Loge, und vor uns auf den Brettern, in dieſer unuͤberſchreit⸗ baren Entfernung, ließen wir alle dieſe Herren machen, was ſie konnten, und frugen nicht nach, ob es ſoge⸗ nannte Dichter, Philoſophen und Gelehrte waren. Machten ſie es gut, wurde geklatſcht, machten ſie es ſchlecht, wurden ſie wieder weggejagt. Das erhielt aber die Luft rein! Da waren unſere Cavaliere ohne jene ſonderbaren Manieren, die jetzt einen jungen Mann in den Zwanzigern erkranken laſſen, wenn er eine Hof⸗ charge antreten ſoll und ſich vermählen!“ „Euer Gnaden zurnen, wie ich merke,“ ſagte Souvrs,„ich muß Fuͤrbitte thun! Ihr Zuͤrnen wuͤrde nicht allein den Schuldigen ungluͤcklich machen, ſon⸗ dern beſonders die Eltern, die Sie doch anerkennen!“ „Sie ſind ein gutes Kind, Marquis, ich weiß es wohl. Nun ſehen Sie, Sie ſollen Recht behalten! Ich gehe und rede die Marſchallin an.“ 285 Damit ſchritt ſie auf die indeß von mehreren Bekannten umgebene Marſchallin zu; und da bei ih⸗ rer Annaͤherung gleich Alles Platz machte, konnte ſie, wenn ſie es beabſichtigte, mit Jedem reden, wie in ihrem Privat⸗Kabinette. „Marſchallin,“ ſagte ſie—„ich muß ſo einen kleinen Wink geben. Die hohen Herrſchaften ſind voll Gnade fuͤr Ihr Haus, wie dies eine ſo bedeutende Familie auch erwarten darf. Es ſind Auszeichnungen beabſichtigt, die wir allerdings zu ſchatzen und zu wuͤr⸗ digen wiſſen werden;— aber die Jugend, meine Liebe, man weiß wohl, wie das jetzt geht— die Jugend hat nicht das alte Mark der Ehrfurcht in den Glie⸗ dern,— da muͤſſen wir nachhelfen, bis ſie es lernt. Krankheiten ſind immer kein Grund, gegen die Befehle der hohen Herrſchaften zu handeln.— Nun, wem ſage ich das? Sie, meine Liebe, ſind ja die vollkom⸗ menſte Dame des Hofes! Sie werden mich verſtehen und darnach Ihre Maaßregeln nehmen!“ „O, meine theure Herzogin,“ rief die Marſchal⸗ lin mit dem ſuͤßeſten Lächeln—„wer kann Sie in Ihren anmuthigen Belehrungen uͤbertreffen! Sie ha⸗ ben eine Gabe, anzudeuten— den Weg zu bezeichnen — die einzig in ihrer Art iſt! Glauben Sie mir, ich habe Sie verſtanden— um ſo mehr, da mein 286 eigenes Gefuͤhl Ihnen längſt auf dieſem Wege ent⸗ gegen kam.“ „Ich weiß— ich weiß!“ ſagte die geſchmeichelte Perzogin—„Sie ſind vollkommen zu Hauſe in der guten alten Welt des Pofes, in der wir wenigſtens noch einige Male vereint mit ſolchen Mitteln die Bruͤcken abbrechen werden, die die Populace nach uns hinauf zu bauen trachtet;— doch ſtill, ſtill, Mar⸗ ſchallin, wir wollen das nicht einmal in den Mund nehmen,— es zieht ſchon herab, dafuͤr Gedanken ha⸗ ben zu muͤſſen.“—— Leonin war an der Seite des Marſchalls von Crech in Paris eingetroffen. Die Marſchallin empfing ſie mit einer ſo mit⸗ cheilenden Zaͤrtlichkeit, daß Beide vollſtändig in ihre Haͤnde fielen. Sie lud den Marſchall zur Tafel, da die Stunde dazu herangekommen war, und er willigte ein, er⸗ weicht durch die Nähe ſeiner Kinder und die guten Manieren ſeiner Gemahlin;— ward aber faſt geruͤhrt uber dieſelben, als in dem Augenblicke, wie er den erſten Becher Wein forderte, im Vorzimmer ſein lär⸗ mendes Muſikchor, was die Marſchallin ſonſt nie in ihrer Naͤhe duldete, zu verabſcheuen vorgab, und wel⸗ ches jetzt, von ihr ſelbſt dazu beordert, das Vorzimmer *„ S.— eingenommen hatte— einen ſeiner wilden Lieblings⸗ maͤrſche zu ſpielen begann. „Sie ſind im Ernſte ſehr höflich, meine Liebe!“ ſagte er mit der uns bekannten Grimaſſe, die Ruͤh⸗ rung andeutete— 3 Sie lieben dieſe froöhlichen Stücke nicht— und ich muß Ihnen meinen Dank ſagen.“ „Nun, Marſchall,“ erwiederte ſeine Gemahlin —„wir haben, denke ich, auch nicht oft die Ehre, den Helden der Fronde an unſerer Tafel zu ſehen. Es iſt billig, unſere Neigung nicht zu befragen, wenn wir es ihn nicht bereuen laſſen wollen.“ Dagegen ſchickte der ungemein erheiterte alte Herr nach dieſem erſten lärmenden Verſuche die ganze Bande in ihr Quartier und ließ ſich eine Goldboͤrſe von ſei⸗ nem Kammerdiener bringen, um fuͤr die Dienerſchaft ſeiner Gemahlin auf jeden Teller, den man ihm weg⸗ nahm, in jeden Becher, den er leerte und zum Fuͤl⸗ len reichte, ein Paar Louisd'or zu werfen. So hatte die Marſchallin ihre Abſicht erreicht, Leonin bei ſeiner Ruͤckkunft augenblicklich aus ſich her⸗ auszureißen und den Umſtänden, wie ſie hier herrſch⸗ ten und wie beſtimmt waren, ihn zu beherrſchen, un⸗ terzuordnen. Die eiſernen Formen, die ihn ſogleich einſchloſſen, mußten ihn uͤberzeugen, daß er hier nur nachgeben könne. Dieſes anſcheinend herzlicher her⸗ „ vortretende Familienfeſt ſollte dabei ſeinen idylliſchen Träumen— wie die Marſchallin ſich ausdruͤckte— ſchmeicheln, ihn hier einen Reiz mehr erkennen laſſen, um den Werth des zuruͤck gewieſenen Gluͤckes zu ent⸗ kräften. Gegen Ende der Tafel ward dem Marſchalle ge⸗ meldet, daß ſich, wie gewoͤhnlich bei ſeinem Diner, bei der Nachricht ſeiner Ruͤckkehr mehrere Perſonen in ſei⸗ nem Vorzimmer geſammelt haͤtten. „O hierher, Marſchall, hierher!“ rief ſeine Ge⸗ mahlin—„Alles, wie Sie es gewohnt ſind!“— Fort flogen die Diener, und bald erſchienen einige der vornehmſten Perſonen des Hofes, da der ſonſt gewoͤhn⸗ liche militäriſche Hofſtaat des Marſchalls bereits der Armee gefolgt war. Doch beruͤhrte es Leonin wie ein elektriſcher Schlag, unter ihnen den Herzog von Lesdi⸗ gusres zu bemerken, der mit aller verwandtſchaftlichen Bevorrechtung den Marſchall und Leonin umarmte, und zwiſchen dem ſanft geſtimmten Ehepaar in einen herbei getragenen Fauteuil ſank. „Nun, Marſchall, wie ich Eure rothen Vorrei⸗ ter ſah, konnte ich dem Vergnuͤgen nicht wiberſtehen, ſelbſt von Euch zu hoͤren. Und ſagt, wie ſteht es dort mit dem neuen Cavalier der Koͤnigin?“ fuhr er neckend fort, Leonin anblinzelnd;—„mir deucht, die Reiſe — 289 dauerte nicht lange! Das war Dienſteifer, Vicomte! Nicht wahr, bloß Dienſteifer!“—„ Ein ſchallendes Gelächter des Marſchalls und des witzigen Herrn Herzogs folgte dieſer Rede, und Leonin, der ploͤtzlich den Wahnſinn der Rettungsloſigkeit fuhlte, griff nach der Maske, die zu dem erwarteten Faſtnachts⸗ ſpiele paßte, und als er das erſte Lächeln erzwang, hätte der Schmerz ſeines Herzens ihm faſt einen lauten Schrei ausgepreßt. Auch die Marſchallin hielt den Athem an— der Moment war entſcheidend. Er ward ſchneller ſelbſt, als ſie erwartet hatte, in die neuen Ver⸗ haͤltniſſe gedrängt— wie Viel hing davon ab, daß er ſchon die rechte Staͤrke gewonnen habe! Aber ſie ſah, daß die blaſſe, hohle Wange ſich ploͤtzlich röthete, das truͤbe Auge lebendig ward, er den bisher unberuͤhrten Becher Wein hinunter ſtuͤrzte, und ſich dann raſch zum Herzog wendend, mit uberlauter Stimme ausrief:„Euer Gnaden werden meinen Eifer doch nicht mißbilligen?“ „Nun, nun,“ ſagte der Herzog—„man ſagt, Mademoiſelle de Reetz habe auch dereinſt von unſerm ähnlichen Eifer erzaͤhlen können! Doch merke ich, jun⸗ ger Herr, das gehoͤrt nicht mehr in mein Departe⸗ ment— nun, ich habe nichts dagegen, wenn Ihr Euch damit bei Viktorinen meldet!“ Dabei zog er Leonin in ſeine Arme und herzte und kuͤßte ihn— und Leonin Ste Noche n 19 290 fühtte, er habe dieſe ſchon längſt vollig abgemachte Sache, an der kein Menſch mehr zweifelte, in dieſem Augenblicke beſtätigt. Wir duͤrfen nicht verbergen, daß die Erinnerung an Viktorinens jugendliche Schoͤnheit, an ihre Trefflichkeit, in demſelbem Augenblicke leben⸗ dig in ihm erwachte— und der Seufzer, der ihm entſtieg, galt dem Schmerze, ihrer nicht mehr werth zſein. Und Souvré ſaß lachend und jeden Scherz er⸗ hohend an derſelben Tafel! Leonin wußte noch nicht, was er ausgerichtet hatte, und ſeine Ehre hing jetzt an dem Ausſpruche dieſes Mundes. Souvré wußte dies Alles, und mit teufliſcher Luſt quälte er ſowohl die Marſchallin, als den von ihm ſo bitter verachteten Knaben; denn vergeblich hatte ſeine hohe Verbuͤndete nach ihm geſandt zu allen Stunden; er war zu keiner zugaͤnglich geweſen und erſchien erſt, da alle Fragen unmöglich waren. Doch die Marſchallin war längſt entſchloſſen, jede Unſicherheit abzuwerfen und die Dinge, die ſie nicht wußte, ſo anzunehmen, wie ſie zu den Schritten paßten, die jetzt ihrer Ueberzeugung nach nicht mehr ausbleiben konnten. Sie war daher ungemein erfreut, als ſie Leonin eben ſo getrieben, und ihn den entſchei⸗ denden Augenblick mit einer Faſſung beſtehen ſah, — 291 5 — 1 deren grimaſſenhafte Weiſe nur ſie zu verſtehen vr mochte. Herr von Dreux und der Marquis Vieuville un⸗ terbrachen dieſe Spannung. Man hob die Tafel auf; Herr von Vieuville verkuͤndigte die glaͤnzenden Siege die Armee, die Flucht des Herzogs von Lothringen und den Beſchluß der Königin, am andern Mittag ihre Reiſe auzutreten.—„Madame de Bellefond,“ ſetzte er laͤchelnd und heimlich zur Marſchallin gewen⸗ det, hinzu,„iſt von der Ruͤckkehr des jungen Grafen unterrichtet. Sie läßt Euer Gnaden ſagen, die ganze Familie Crecy-Chabanne wuͤrde in voller Paruͤre dieſen Abend bei der Koͤnigin erwartet.“ Die Marſchallin fuͤhlte, daß ſie kalt ward! Die Wichtigkeit des Moments entzog ſich ihr nicht. Aber, was auch Abweichendes ihr Inneres beruͤhren mochte, die äußere Form war ihr ſo durchaus die dringendſte Anforderung, ihr ſo bequem und gewohnt, daß ſie ſtets, jeder anders wirkenden Anregung entgegen, den unge⸗ ſtörten Mechanismus derſelben betreiben konnte. „Meine Herren,“ ſagte ſie— ſich laut redend gegen Gemahl und Sohn wendend—„Ihre Maje⸗ ſtät wollen uns Alle noch dieſen Abend empfangen— Frau von Bellefond befiehlt im großen Hofkoſtume!“ „Weiß Gott, ich gehe hin!“ rief der Marſchall— 19* 292 „ will unſere gute, ſchoͤne Koͤnigin noch ein Mal ſehen, wie wenig das Hofleben auch eigentlich mehr fuͤr mich paßt!“ Schon unterrichtete der Marquis Vieuville den Marquis de Souvré, bei Seite tretend, von den Ab⸗ ſichten der Koͤnigin, und Souvré ſah ein, er muͤſſe jetzt Leonin Etwas von ſeinen Nachrichten geben, wenn nicht ein Aergerniß eintreten ſolle.— Er benutzte daher den „ Moment, wo Leonin zu erreichen war, und fluͤſterte ihm zu„Muth, Muth— Sie ſind frei!“ „Frei,“ ſtammelte Leonin erbleichend—„frei!“ rief er noch ein Mal; und ſchon fuͤhlte er den Werth dieſes Ausſpruches, den neuen ihn beſtuͤrmenden An⸗ forderungen gegenuͤber.—„Hat ſie eingewilligt? Gott, wie ertrug ſie es?“ „Später, ſpäter!“ rief Souvré—„jetzt thut Ihnen nichts ſo Noth, als Ihre Freiheit! Darum be⸗ gnuͤgen Sie ſich damit, daß ich Ihnen verſichere, daß Sie frei ſind.“ Leonin fuͤhlte dieſe Wahrheit. Er beruhigte ſich damit und flog der neuen Richtung ſeines Lebens mit der Haſt eines Menſchen entgegen, der nicht mehr den Muth hat, in ſein Inneres zu blicken.— Als die Marſchallin im großen Hofkoſtuͤme, mit Juwelen beladen, ihr Ankleidezimmer verließ, um in 293 vor ihr, und ſein boshaftes Auge uͤberlief die anmaßende Erſcheinung der ſtolzen Frau— er ſann der Hoffnung nach, ſie zu erſchuͤttern. „Madame,“ ſagte er—„ich darf uͤber den Gegenſtand, um deſſenwillen Sie mich zu ſprechen wuͤn⸗ ſchen, nicht im Zweifel ſein— beruhigen Sie ſich, Ihr Sohn iſt frei!“ „Das habe ich vorausgeſetzt,“ ſagte ſie kalt— „was wollte ſolche Perſon auch fuͤr ſo angemaßte Rechte hervorbringen?“ „So war es nicht, Madame,“ ſagte Souvré ſcharf—„Ihr Recht war in guter Ordnung. Kein Gerichtshof von Frankreich hätte es bezweifeln können; — und eher hätte man den Koͤnig bewogen, ſeine Krone niederzulegen, als ſie, dieſen Rechten zu entſagen!“ „Ihr ſcherzt,“ ſagte die Marſchallin, etwas herab⸗ geſtimmt—„alſo muͤſſen wir wohl Alles Ihrer be⸗ ſondern Klugheit zurechnen?“— „Auch das nicht, Madame.“ „Nun, und dann? Ihr ſagtet doch, Leonin ſei frei!“— „Er iſt Wittwer!“ rief der Marquis mit dem ſchneidendſten Tone, indem ſein Auge durchbohrend auf ſeiner gefaßten Verbuͤndeten ruhte. den Wagen zu ſteigen, ſtand der Marquis de Souvrés Doch dieſe taumelte ein Paar Schritte zuruͤck und— ſchien alle Faſſung zu verlieren.—„Todt? todt? Mar⸗ quis, was habt Ihr gethan? Dieſe Sache durfte ſo nicht enden— das iſt gegen unſere Wuͤrde!“ Mit unbeſchreiblicher Verachtung blickte der Mar⸗ quis auf dieſe hochmuͤthige, entſetzte Perſon. Selbſt im Suͤndigen wollte ſie noch mit ſich kokettiren und ihren ariſtokratiſchen Duͤnkel behaupten. Sie, die mit langer, ſorgfaltiger Muͤhe und Vorbereitung den Dolch ſchliff, der ihr Schlachtopfer vernichten ſollte, und ihr Gewiſſen ſo eingewiegt hatte, daß ſie hoffte, ſich nie davor erſchrecken zu muͤſſen— ſie glaubte ſich nun aus ihrer Wuͤrde verdraͤngt, da ſie das gemeine Schickſal jedes Boͤſewichtes erfuhr, daß Blut fließt, wo der Stoß trifft! „Madame,“ ſagte er mit hoher Stimme,„ich muß bitten, ſich zu faſſen, damit Ihre Aeußerungen keine Beleidigung werden und Sie uͤberlegen können, daß Alles einfach und nothwendig aus den Bedingungen hervorgehen mußte, die ich und Leonin nach Ihren eignen Angaben genoͤthigt waren, ihr zu machen. Die junge Gräfin Crecy“—— „Halt, halt, nicht dieſe Benennung! ich dulde es nicht!“ rief die Marſchallin, außer ſich.— „Und doch, Madame, hatte ſie dazu ein unbe⸗ 295 zweifeltes Recht— doch, wie Sie wollen! Alſo, die junge Frau hatte erſt kurze Zeit ihr Wochenbett uͤber⸗ ſtanden. Da ſie zart war— und, ich muß hinzu⸗ ſetzen, ſchoͤn wie ein Engel— da ſie uͤberdies unſchuldig war, wie die Sonne, und ſich vollſtaͤndig Mnißi vermählt wußte— konnte ſie nicht, ohne die heftigſten Erſchuͤtterungen, Ihre durch mich vberbrachten ent⸗ ehrenden Erklärungen hören 4 dnd' dg Legni die Flucht ergriff, ſah ich ſie in dem Nince wob ſie dies erfuhr, vor meinen Augen ſterben.“ „Sterben, ſterben!— ein ſolch' buͤrgerliches Maͤdchen und gleich ſterben!“ ſagte die Marſchallin tonlos;— dann wankte ſie nach einem Stuhle und fiel faſt darauf hin, in einer Betäubung, die ſie aller Haltung beraubte. Der Marquis ließ dies Alles ruhig zu; er wollte es ihr nicht erleichtern— und vielleicht konnte er es auch wirklich nicht;— denn, obwohl er ſeinen Zweck im Auge behielt, konnte er doch nicht ein Grauen be⸗ ſchwören, was jedes Mal in ihm aufſtieg, wenn er der wunderbaren Erſcheinung Fennimor's gedachte und des Gerichtes ſich damit bewußt ward, das durch ſie in ihm erregt worden war. ur nach Außen konnte er Alles beherrſchen, ohne Einfluß laſſen;— inner⸗ lich erfuhr er ſtets eine Anregung, wie wir ſie oben 296 bezeichnet haben. Nach einer Pauſe, die ihm lange genug ſchien, fuhr er fort:„Doch Leonin weiß davon Nichts— ich ſagte ihm, daß er frei ſei— doch nicht, auf welche Art.— Vieuville hat mir mitgetheilt, daß die Konigin ihn heut' Abend zu vermaͤhlen denkt. Die Nachricht wurde ſeine Laune verderben, da er unfaͤhig iſt, ſich zu beherrſchen.“ 3„Ja wohl,“ ſeufzte die Marſchallin,„das darf er nicht erfahren, es bräche ihm vollends das Herz!“ Souvré erſtaunte uͤber die Stimmung der Mar⸗ ſchallin.„Sie iſt lächerlich außer Faſſung!“ ſagte er zu ſich. Sie wat ihm langweilig— verächtlich.— „Ich muß fuͤrchten, Euer Gnaden bereuen das Ge⸗ ſchehene— obwohl es Ihr Wille war,“ ſagte er, in der Hoffnung ſie zu reizen.„Auch kann ich ver⸗ ſichern, daß die verſtorbene Gemahlin Ihres Sohnes eine bewunderungswuͤrdige Erſcheinung war! Vielleicht, wenn Euer Gnaden ſie geſehn hätten, würden Sie ſelbſt ihre Rechte anerkannt haben!“— Dies war wohl berechnet. „Marquis,“ ſagte die Marſchallin— und ſtand ſogleich, wenn auch mit einiger Schwierigkeit auf— „Mitleiden wird mich nicht zur Verletzung meiner Pflichten als Mutter und als Tragerin zweier gleich beruͤhmten Namen fuͤhren. Es iſt genug.— Das Ende mußte ſo ſein— moͤchte es eine Warnung fuͤr dieſe unberechtigte Thoͤrinnen jener niederen Staͤnde werden, ihr huͤbſches Geſicht nicht zu benutzen, um ſich in die hoͤheren Sphaͤren der Geſellſchaft zu drängen. Ihr Loos muß nach guͤltigem Rechte dort immer daſ⸗ ſelbe ſein!“ „So gefallen Sie mir, gnädige Frau,“ ſagte Sou⸗ vré hohnlachend—„das iſt die alte Kraft!“ „Sie ſind ſehr freigebig mit Ihrem Beifalle, Herr Marquis,“ erwiederte die Marſchallin, von ſeiner Ver⸗ traulichkeit ſichtlich beleidigt—„ich war nicht darauf aus, ihn einzuernten. Mein Alter, wie meine Stel⸗ lung pflegen mich gegen ſolche Aeußerungen zu ſchutzen.“ „Gewiß fehlte auch fuͤr alle Anderen jede Veran⸗ laſſung dazu,“ ſagte Souvré ſorglos.„Nur wer, wie ich, einen Blick auf die geheimen Beſtrebungen Euer Gnaden that, kann ſo, wie ich, dazu die Berechtigung haben.“ „Ich habe keine Zeit, Ihrer Vertraulichkeit Rede zu ſtehen; wir muͤſſen zur Koͤnigin!“ erwiederte die Mar⸗ ſchallin, mit unendlichem Grolle ſich uͤberzeugend, ſie muͤſſe die Beleidigung verſchmerzen; doch hatte dieſe galligte Erregung ihres Blutes jede Weichheit in ihr zerſtoͤrt. Schon lag das Bild ihres Opfers, das Sou⸗ vré zu ihrer Kraͤnkung ſo reizend hervorgehoben hatte, 298 in den Hintergrund gedrängt. Eifrig eilten ihre Ge⸗ danken der Stellung entgegen, die ſie jetzt mit vermehr⸗ ter Sicherheit einzunehmen vermochte, und die ihr end⸗ lich die Erfullung aller ihrer Wuͤnſche verhieß. Dieſer kuͤhne Gedankenflug erlitt eine kleine Störung, als ſie dem Marſchall und Leonin an der großen Abfahrtstreppe begegnete, wo Beider Karoſſen ſtanden. Leonin hing wie ein bleicher Schatten in ſeinen glaͤnzenden Hofklei⸗ dern— ſein Geſicht trug den Ausdruck hinſterbender Apathie.. * 3 — Man verſammelte ſich in den inneren Apparte⸗ ments der Koͤnigin Maria Thereſia. Wie der Mar⸗ quis geſagt— der kleine Zirkel beſtand immer noch aus einigen hundert Perſonen, und wer heute Zutritt hatte erlangen können, hatte ſich herbei gedraͤngt; denn ohne daß es ausgeſprochen war, blieben die Andeutungen doch nicht aus, daß ſich hier etwas Beſonderes ereignen ſolle. Voll Erſtaunen gewahrte man den Abbé Fenelon, der mit ungewohnlich blaſſem Geſicht ſich zuruͤckgezogen hielt. Man fragte, man trug zuſammen und kam der Wahrheit zuletzt ziemlich nahe, während man voll Ungeduld die Koͤnigin erwartete. Dieſer Augenblick trat endlich ein. Mit der groͤßten Huld und Freund⸗ lichkeit erſchienen Beide— die junge Koͤnigin, auf den Arm ihrer impoſanten Schwiegermutter geſtuͤtzt. Ih⸗ nen folgten die Prinzeſſinnen des Hauſes— dann die Cavaliere und Damen der Bedienung. Unter ihnen fehlte Mademoiſelle de Lesdigusres, welches ſogleich von Allen bemerkt ward. Die Koͤniginnen hielten mit dieſem Gefolge ih⸗ 300 ren Umzug durch den Saal, und zeichneten vorzuglich die Familie Crecy und Lesdigusres durch ihre Freund⸗ lichkeit aus. Während dem zupfte der Marquis Vieuville Leo⸗ nin bei Seite; Beide verließen den Saal, der Marquis fuͤhrte Leonin durch einen Umweg in das Kabinet der Koͤnigin. Als Leonin eintrat, erblickte er ſogleich die wunderſchone Geſtalt der Mademoiſelle de Lesdigueres, die in reichem Silberſtoff, mit Juwelen geſchmackvoll verziert, auf einem Tabouret in der Mitte des Zim⸗ mers ſaß und die Augen feſt auf die Thuͤr geheftet hielt, aus der Leonin und der Marquis Vieuville jetzt hervortraten. „Viktorine!“ rief Leonin— bei ihrem Anblicke ſogleich das geheimnißvolle Fluſtern verſtehend, was ihn den ganzen Abend verfolgt hatte,—„Viktorine, meine Braut! meine Geliebte!“ Er ſtuͤrzte mit einer Heftigkeit, die ihn plotzlich aus ſeiner Apathie erweckte, auf Viktorine zu, und ſeine Bewegung war um ſo ſtuͤrmiſcher, da ſie mehr einem phyſiſchen Nervenreize, als der Wärme ſeines ge⸗ mordeten Herzens entſprang. Viktorine ſah ihn in unbeſchreiblicher Bewegung zu ihren Fuͤßen liegen. Sie war vollſtaͤndig geſchaf⸗ fen, die ruͤhrende Wichtigkeit des Augenblicks zu em⸗ 301 pfinden, und Thraͤne auf Thräne fiel aus den ſchoönen, glänzenden Augen auf Leonin's Haupt, das er in ihren Haͤnden verbarg. „Leonin,“ ſagte ſie dann ſanft,„ich bin Ihnen Beides mit voller Ueberzeugung und von ganzem Her⸗ zen— und die Koͤnigin will, daß Sie durch mich er⸗ fahren ſollen, wie bereit ich bin, Ihnen dies zu be⸗ ſtaͤtigen!“ „O, Viktorine,“ rief Leonin,„ich bin es nicht werth, Ihr Gatte zu ſein! Bedenken Sie, was Sie thun!— Ich bin Ihrer nicht werth! Sie ſind ein En⸗ gel— ich bin ein armer, ſchwacher, elender Menſch!“ Viktorine ſah die Todtenblaͤſſe, die eingeſunkenen Zuͤge ſeines ſchoͤnen Geſichtes in dem Augenblicke, wie er in der tiefſten Erſchutterung den Kopf zu ihr aufhob; — und wie auch die Welt ſie als kalt und gefuͤhllos be⸗ zeichnete, ſie war vollſtaͤndig Frau; ſo war auch bei dem Anblicke ſeiner leidenvollen Zuͤge ihr erſtes Gefuͤhl nur das zärtlichſte Erbarmen— und das zweite der ſchoͤne Muth, ihm dies Gefuͤhl zu zeigen, ihn ſchuͤtzend und heilend zu umgeben mit dem Reichthume weiblicher Hingebung. „Leonin,“ ſagte ſie zaͤrtlich,„Sie ſind krank— Ihr Anſehn verraͤth es mir! Hoͤren Sie auf, in dieſer Stimmung ſo hart und mißtrauend uͤber ſich zu ur⸗ —— theilen! Wenn Sie aber leiden, ſo nehmen Sie Ihre Viktorine als Stuͤtze, als Troſt hin;— ich fuͤhle in mir die Kraft, Ihnen Beides zu ſein.“ „O, Geliebte,“ rief Leonin,„iſt es wahr? Darf ich noch nach ſolchem Erdengluͤcke die Hand ausſtrecken! Iſt es moglich, daß Viktorine mir gehoͤren will?“ „Schwärmer!“ laͤchelte ſie ihm entgegen—„uͤber⸗ zeugen Sie ſich denn, ob ich Ihnen beſtimmt bin! Die Kapelle der Königin iſt erhellt— Fenelon erwartet uns am Altare— die Konigin wollte, daß ich Ihnen dieſe Ueberraſchung mittheilen ſollte.“ Leonin antwortete mit einem Schreie. Sein Kopf ſank in ihren Schooß. Ueber ihm hing das edle, zärt⸗ liche Maͤdchen, mit dem ſeligſten Gefuͤhle des weiblichen Herzens— denn ſie hoffte geliebt zu ſein! „So habe ich es wohl ganz recht gemacht?“ ſagte eine ſanfte Stimme.— Beide fuhren in die Höhe, an dem wohlbekannten, heiß geliebten Tone die Sprechende erkennend.— Maria Thereſia und Anna von Oeſtreich ſtanden, leiſe eingetreten, vor dem ſo ungleich beweg⸗ ten Paare. Viktorine ſank vor der Koͤnigin auf's Knie— Leo⸗ nin that mechaniſch daſſelbe. Beide Koͤniginnen ſegne⸗ ten ſie mit Wohlwollen und Ruͤhrung ein. Jetzt fuͤllte ſich hinter ihnen das Zimmer— Henriette von England umarmte Viktorine und hieß ſie niederſitzen. Die Fluͤgelthuͤren nach den mit Hof⸗ leuten gefuͤllten Saͤlen wurden geoffnet, um den An⸗ weſenden eine Erklaͤrung des heutigen Feſtes zu ver⸗ ſchaffen. Die Koͤnigin nahm der Herzogin von Bellefond ein Diadem von Brillanten ab und machte eine Bewe⸗ gung, es der Braut um die Stirn zu legen. Die ſchoͤ⸗ nen Hände von Madame vollendeten das Werk, dem ſie den bedeutungsvollen Kranz von Orangenbluͤten hinzu⸗ fuͤgten. Die Königin Anna nahm darauf einen Strauß von Brillanten von ihrer Bruſt, den Madame de Bel⸗ lefond der Braut befeſtigte. Viktorine kuͤßte noch ein Mal knieend die Haͤnde der liebevollen Fuͤrſtinnen, erhob ſich dann und zeigte der ganzen Verſammlung das ſchoͤnſte Bild einer edeln, jungfraͤulichen Braut. Herr von Dreux fuͤhrte jetzt den halb bewußtlo⸗ ſen Leonin zur Koͤnigin. Herr von Vieuville reichte ihr das Band des Heiligen⸗Geiſt⸗Ordens.„Der Koͤnig wuͤnſcht Ihnen Gluͤck, Graf Crecy!“ ſprach die Kö⸗ nigin—„und laͤßt Ihnen ſagen, wie auch ohne den Glanz der Waffen, ritterliche Tugenden zu uͤben wä⸗ ren! Sie ſollen ſich vorerſt dem Schutze der Frauen widmen!“ —————— —— 304 Leonin bebte, als ihn Vieuville faſt zur Erde druͤckte und das blaue Band um ſeine Schultern legte. Er hatte es bereits entehrt durch den ſchreiendſten Fre⸗ vel an weiblicher Unſchuld und Tugend. Als ob eine gluͤhende Schlange ſich um ſeine Bruſt ringelte, ſo fuhlte er das leichte ſeidne Band. Er konnte keinen Laut ſprechen— er hatte kaum Kraft, ſich zu erheben. Aber Niemand ſah ſeinen Zu⸗ ſtand; zu ſehr ward vorausgeſetzt, was er empfinden muͤßte, um zu bemerken, was er wirklich empfand. Die Königin empfing jetzt eine Meldung;— ſie neigte das Haupt, dann winkte ſie Leonin und Vikto⸗ rine an ihre Seite und ſtellte ſie ſo gewiſſermaßen dem verſammelten Hofe vor, während der Marquis Vieuville vortrat und mit lauter Stimme rief:„Ihre Majeſtät die Konigin ladet die Verſammlung ein, der kirchlichen Einſegnung von Leonin, Grafen Crecy⸗Chabanne, und Viktorine, Prinzeſſin von Lesdiguères, in der Hofkapelle beizuwohnen.“ Schon traten die Hofchargen voran, und an der Seite Maria Thereſia's, von ihren Fingerſpitzen, liebe⸗ voll lachelnd, geleitet, ſchritt Mademoiſelle de Lesdi⸗ guores der an dieſes Zimmer grenzenden Kapelle zu, während Anna von Oeſtreich, ſich auf Leonin's Arm ſtuͤtzend, ihnen folgte, nachgedrängt von allen Gegen⸗ waͤrtigen, denen jedoch Henriette von England in der Mitte der beiden Elternpaare voranging. Wie eine Erſcheinung aus hoͤherer Welt, mit der Verklärung eines Heiligen in dem blaſſen Geſichte— erwartete Fenelon das Brautpaar auf den Stufen des Altars. Sein Auge beruͤhrte nur einen Augenblick Beide— dann ſchien es ſich in himmliſcher An⸗ ſchauung uͤber die Erde zu erheben. Seine Stimme war zu Anfange ſo veraͤndert, daß ſie etwas Geiſterhaftes hatte, und Viktorine ſie kaum erkannte. Dann ward ſie ſtärker zuletzt gewann ſie ihre volle melodiſche Kraft— und als er ſich end⸗ lich zur Braut wanbte, ſchien er ein feuriger Cherub, geſendet, die Befehle des Herrn zu verkuͤndigen!„Vik⸗ torine de Lesdigueres, Zierde Deines Geſchlechtes, fuͤhle in Deinen Vorzuͤgen die große Anforderung des Herrn! Nicht, was Du erlebſt, ſondern, wie Du es erlebſt— das ſei Deine Frage vor Gott! Ihre Beantwortung wird beſtimmen, ob Du Deinen Schöpfer ehrſt und ihm dankbar biſt fuͤr die reichen Gaben, die er Dir gab, und die Dir zurufen: ein Vorbild zu werden jeder weiblichen und chriſtlichen Vollkommenheit!— Täuſche uns nicht,“ ſagte er, zu ihr gebeugt, und ſeine Stimme bebte in Ruͤhrung—„Du biſt eine ſchöne Hoffnung auf dem Wege Aller, die Dich kann⸗ Ste. Noche. II. 20 306 ten und— liebten!“ ſetzte er kaum hoͤrbar hinzu.— Nach einer Pauſe ſchritt er zu den kirchlichen Cere⸗ monien— und Beide waren vermaͤhlt. Nach den Begluͤckwuͤnſchungen der Koͤniginnen und Prinzeſſinnen, zogen ſich die hohen Herrſchaften einige Augenblicke zuruͤck, um dem Hofſtaate und den jetzt verwandten Familien Raum zu ihren Gratula⸗ tionen zu laſſen. Später ward in den Gemaͤchern der Koͤnigin Anna eine geiſtliche Muſik aufgefuͤhrt, der die Neuvermaͤhlten, zwiſchen den Koͤniginnen ſitzend, beiwohnten.— Am andern Mittage brach der ganze Hof auf. Die junge Graͤfin Crecy folgte an der Seite ihres Gemahls, in einer Karoſſe, mit zwei Cavalieren und zwei Damen der Koͤnigin, dem Triumphzuge die⸗ ſer kriegeriſchen Vergnuͤgungsreiſe nach Nancy, dem erſten Ruhepunkte des glaͤnzenden Hauptaquartieres. Die Begebenheiten des zweiten holläͤndiſchen Feld⸗ zuges zu ſchildern, gehoͤrt der Geſchichte an. Wir haben keine Berechtigung, in das romantiſche Bild der Zeit und die Erzählungen der Schickfale einzelner Privatperſonen, die ihr angehoͤrten, die große Kata⸗ ſtrophe zu verflechten, die einen fuͤr ſich abgeſchloſſe⸗ nen, achtungsvollen Raum begehrt. Nur in ſo fern dieſe kleineren menſchlichen Begebenheiten, die uns vorliegen, ſich an dieſe groͤßeren Zuſtaͤnde anſchließen, ſei es uns erlaubt, ihrer zu erwaͤhnen. Obwohl der Nymweger Frieden, der dieſen Feld⸗ zug endete, erſt ſieben Jahre ſpäter geſchloſſen ward, ſo blieb doch der Konig und der Theil ſeines Gefolges, der blos als Hofſtaffage des Krieges diente, nicht ſo lange von ſeinem glänzenden Schauplatze, von Paris — oder vielmehr von Verſailles getrennt, welches Letz⸗ tere immer mehr in ſeinem Werthe die uͤbrigen kö⸗ niglichen Beſitzungen uͤberbot; da die ungeheuern Sum⸗ men, die an ſeine Verſchoͤnerung verſchwendet wurden, es allerdings nach dem damaligen Geſchmacke, zu dem 20* prachtvollſten Koͤnigsſitze Europas umſchufen. Auch war mit der Gegenwart des Koͤnigs bei der Armee, die mit dem Winter endete, die Idee, die Frankreich und er ſelbſt nöthig hatte, vollkommen erfuͤllt. Der perſoͤnliche Muth, den er bei mehreren Veranlaſſungen gezeigt, der gluͤckliche, klare Blick bei ſchnellen Ent⸗ ſcheidungen, die Gewandtheit, womit er anzuregen und hinzureißen verſtand, und die imponirende Hoheit, mit der er wieder eben ſo dem wildeſten Strome, den hef⸗ tigſten Ausbruͤchen der Leidenſchaften Einhalt zu thun wußte— dieſe ſeltene Vereinigung hatte den König in den Augen ſeines ganzen Volkes zu dem Helden erhoben, den er nothwendig darſtellen mußte, um dem Ehrgeize Aller Genuͤge zu leiſten. Jetzt hatten ſie uͤber ihn abgeſchloſſen, und er konnte fuͤr den Augen⸗ blick thun, was er wollte— er blieb ihnen der erſte Held der Erde! Die Anbetung glich dem Wahnſinne; man fragte den ganzen Reichthum der Sprache nach einem Worte, ihn zu verherrlichen. Man war mit dem Beinamen„des Großen“ nicht zufrieden, und hätte ihn am liebſten„den Eoͤttlichen“ genannt. Auch zog ſeine Ruͤckkehr die Blicke Aller von der Armee fort— ihm nach! Dieſer blutige, lang⸗ wierige, mit ſo großen Koſten gefuͤhrte Krieg, der die edelſten Stuͤtzen der Nation ſinken ließ, und das 5. 309 Land ſeiner kraͤftigen männlichen Jugend auf ſo lange Zeit beraubte, ſank augenblicklich zur Nebenſache herab, als Ludwig ſeinen beruͤhmten Feldherren die Errin⸗ gung der großen Erfolge uͤbertrug, die ſie unſterblich machten. Die Pavillons, die an dem Schloſſe von Verſailles emporſtiegen, die Gärten, die Le Notre un⸗ erſchoͤpflich war, durch neue Erfindungen umzugeſtalten, waren weit mehr der Gegenſtand aller Mittheilungen bis in die Provinzen hinein, als das große und blu⸗ tige Schauſpiel, das Frankreich auf fremdem Boden auffuͤhrte. In den vollſten Taumel dieſer Zuſtände verfloch⸗ ten, kehrten Leonin und ſeine Gemahlin mit der koͤ⸗ niglichen Familie zuruͤck.— Fennimor's Tod war das Hochzeitsgeſchenk, das der Marquis de Souvré ihm den Tag nach der Ver⸗ maͤhlung gemacht! Aber die Maske, die er gelernt hatte vorzunehmen, um dieſen ewig lächelnden Hof nicht zu erſchrecken, ſchuͤtzte ihn vor dem Verrathe ſei⸗ ner Gewiſſensbiſſe— der wahnſinnigen Verzweiflung, die ihn zerriß. Denn der Marquis hatte kein Inter⸗ eſſe, ihm Fennimor's angeblichen Tod als einen Zufall der kaum erſtandenen Woͤchnerin zu bezeichnen, wie die Marſchallin es wuͤnſchte. Den Augenblick der Rache verſäumen, nach ſo langer ſorgfältiger Muͤhe, ihn vor⸗ 310 zubereiten, hieß eine Thorheit verlangen, die er blos mit Achſelzucken hoͤrte, um Leonin alsdann mit dem vollen Gewichte der Nachricht zu treffen, die ihn in Wahrheit ſo elend machte, als er gehofft, und ſeine reichen Beſitzthuͤmer in dem Augenblicke vernichtete, als ſie ihn alle zu umſchaaren ſchienen. Viktorine war Alles ganz. Fruͤher ſchuchtern, ſtolz und jungfraͤulich verſchloſſen, war ſie jetzt von der muthigen Zaͤrtlichkeit einer Gattin durchdrungen. — Scharfſichtig, freilich die Motive verkennend, er⸗ rieth ſie den geiſtig und koͤrperlich ungemein leidenden Zuſtand ihres Gemahls und gab ſich ihm mit allen Mitteln einer edeln, weiblichen Liebe hin. Wie hätte er dem vereinten Zauber ſo vieler Vorzuͤge und ſo vie⸗ ler Liebe widerſtehen koͤnnen! Er ergab ſich ihm mit weicher, traͤumeriſcher Zaͤrtlichkeit, die ein weibliches Herz ſo lange von der Erkenntniß ihres wahren Ge⸗ ſchickes abzuhalten vermag und lohnte ihr dieſe glau⸗ bensvolle Liebe doch nicht durch ein ausreichendes Ver⸗ trauen, welches allein ihn noch derſelben wuͤrdig machen konnte So gewann er wieder, was der verwoͤhnte Zogling der eiferſuͤchtigſten Mutter von Jugend auf zu erzielen gelernt hatte: der Augenblick huͤllte ihn ſchonend und liebkoſend ein! Der Arzt von Ste. Roche ward durch Souvrs's Vermittelung mit Summen verſehen, welche uͤber⸗ ſchwanglich ausreichend, die Exiſtenz des Kindes und ſeiner Wärterin ſichern ſollten. Fennimor's Leiche ſollte in der alten Kapelle des Schloſſes, in dem Grabge⸗ woͤlbe der Claudia von Bretagne beigeſetzt werden— und Leonin war vorläufig mit dieſen Angelegenheiten fertig. Die Abreiſe trat dazwiſchen. Schon hatte er gelernt, dieſe äußeren Pflichten als die vorherrſchend⸗ ſten, geltendſten anzuſehen; er fand ſchon darin eine Rechtfertigung, daß ſie ihn von jenen Intereſſen ab⸗ zogen, und die ſuͤße Beſchwichtigung aller ſchwachen Charaktere, die Dinge, die ſie zu verletzen drohen, ver⸗ ſchieben zu duͤrfen, uͤbte auch uͤber ihn ihre ganze Gewalt. Jetzt war er zuruͤck. Die alten Räume nahmen ihn auf. Das Schloß Crecy war dem jungen Er⸗ ben allein uͤbergeben. Der groͤßte Glanz der Verhaͤlt⸗ niſſe, ſeine Stellung bei Hofe, die immer angenehmer und anziehender ward, je mehr ihn ſeine uͤbrige Lage zu beguͤnſtigen ſchien, Viktorinens ſchoͤne, edle Erſchei⸗ nung, die dieſe einſt ſo oͤden Raume auch geiſtig zu beleben wußte und, indem ſie ihn als zu ſich gehoͤ⸗ rend betrachtete, ihm einen Werth zu geben ſchien, der ihn zu Zeiten ſelbſt täuſchte und ihm die Ver⸗ pflichtung, ſie gluͤcklich zu machen, immer natuͤrlicher 312 werden ließ— Alles dies vereinigte ſich, den Winter an Leonin voruͤber zu fuͤhren, ohne ihn ernſtlich auf die Verhaͤltniſſe hinzuleiten, die, ihm nur halb be⸗ kannt, oberflaͤchlich von Anderen beſorgt, zu entſchei⸗ denderer Einwirkung aufforderten. Das Fruͤhjahr fuͤhrte die raſtlos wechſelnden Feſte des Hofes herbei, die auf den Genuß der ſchonen Gär⸗ ten berechnet waren, die ein koͤnigliches Luſtſchloß mit dem anderen zu verbinden ſtrebten— und endlich for⸗ derte Viktorine ſeine ausſchließliche Aufmerkſamkeit, in⸗ dem ſie ihm in dem Bluͤtenmonate der Erde, wie ſie wähnte— den erſten Sohn uͤberreichte. Wir werden ſein erſchrecktes Herz begreifen, wenn wir hinzufuͤgen, daß er keinen Muth hatte, fuͤr dies Kind zu fuͤhlen, was die erſte Aufwallung fur daſſelbe andeutete. Er ſtand ſtumm davor— ein gerichteter Verbrecher! Es war daſſelbe holde Weſen, das er ver⸗ ſtoßen— es hatte gleiche Rechte an ihn;— aber die Wonne, die er bei der Geburt von Fennimor's Sohne empfunden, und die er mit Verrath und dem ſchwärzeſten Frevel bezahlt hatte, raͤchte ſich jetzt an ihm und ließ ihn verzagen, wie ein Menſch zu em⸗ pfinden. Dagegen war die Geburt dieſes erſten Erben fuͤr die Marſchallin und ihren Gemahl der Gipfel des 2 Gluͤckes, und Beide empfanden, Jeder in ſeiner Weiſe, dabei eine noch nie gekannte Erweichung. Das Kind ſelbſt, Viktorine, die Geberin dieſes Gluͤckes, waren ein Gegenſtand faſt thoͤrichter Liebesweiſe, und das herzogliche Elternpaar blieb gegen die Schwiegerältern ihrer Tochter im Ruͤckſtande. Die ganze Familie war nach Paris gegangen. Die junge Gräfin mußte im Hotel Soubiſe ihr Wochen⸗ bett halten, und mit dem ſtolzeſten Uebermuthe wurde dies Gluck verkuͤndet, furſtliche Geſchenke in allen Rich⸗ tungen vertheilt, und endlich ein Tauffeſt vorbereitet, dieſen geſteigerten Empfindungen gemäß. Leonin ließ ſich in der Richtung forttreiben, die um ihn her ſo beſtimmt angedeutet ward, daß ſein eigener Wille unthätig bleiben konnte, da Niemand das Ziel deſſelben bezweifelte. Aber heftiger, wie je, erwachte Gewiſſensangſt in ſeiner Bruſt, und ein Ge⸗ fuͤhl, das aus Wehmuth und Sehnſucht zuſammen⸗ geſetzt war. Er hatte keinen freien Athemzug— kei⸗ nen heitern Blick— er ſuchte die Einſamkeit— und wer ihn unbeweglich aufgerichtet in ſeinem verſchloſſe⸗ nen Zimmer hätte ſtehen ſehen, das Auge in das Leere ſchweifend, der hätte furchten können, den gluͤcklichen Vater, den Guͤnſtling des Gluͤckes habe der Verſtand verlaſſen.— Aber er hatte in dieſen Stunden eine Viſion, die ihn vielleicht rettete! Er dachte an Fen⸗ nimor— und endlich loͤſte ſich aus dem dunkeln Raume, wohin er ſtarrte, ein leichter Nebel— er ſchwebte näher— in duftigen, kaum ſichtbaren Umriſſen trat Fennimor daraus hervor— zuerſt bewegte ſie die ſchlanke, weiße Hand— dann ſah er den zarten, leich⸗ ten Fuß, halb ſchwebend, und wie nur ſie ihn be⸗ wegte— dann ſchaute er das ſuͤße, bleiche Haupt— die Wangen mit Thränen bethaut, aber den Mund von dem harmloſeſten Lächeln der Liebe verſchoͤnt— die reichen Locken ſchienen golden ſtrahlend, und ihr Auge ſah ihn ſo bittend, winkend an, daß er die Arme ausſtreckte, der gelähmten Zunge den geliebten Namen erpreſſen wollte, und endlich, indem ſie verſchwand, niederſturzte und in Thränenſtroͤmen ſich erleichterte. Dies wiederholte ſich taͤglich, ſo oft Leonin die Einſamkeit erreichen konnte— und nur dies war es, was ihn bei den Anforderungen des Tages er⸗ hielt.— Die Majeſtaͤten hatten an dem glucklichen Er⸗ eigniſſe in der von ihnen ſo ausgezeichneten Familie den ehrenvollſten Antheil genommen, und die Mar⸗ ſchallin in der Stille eine Hoffnung genaͤhrt, die ſie immer zu einer geduldigen Zuhörerin machte, wenn die Frau Herzogin von Lesdiguères mit dem Marſchalle 315 uͤber die Pathen ſtritt, die dem Kinde gegeben wer⸗ den ſollten. Den dritten Tag nach der Tafel, als ſchon fuͤr den nächſten die glanzvolle Taufhandlung angeſetzt war, ohne daß man unter den zahlloſen Gaäſten die Pathen bezeichnet haͤtte— trat Leonin, vom Koͤnige kommend, in den Portikus des Hauſes, und ward von einem Knaben angeredet, der ihm ein mit Bleiſtift geſchrie⸗ benes Blatt gab. Er blickte den kleinen Boten zer⸗ ſtreut an, und ihn fuͤr einen Bettler haltend, gab er ihm einige Stuͤcke Geld und eilte die Treppe hinan. Er mußte ſich uͤber die Treppen durch die Gänge und Gemächer winden, um zu ſeiner Gemahlin zu kommen; denn die Dienerſchaft, Tiſchler, Tapeziere, Gäͤrtner waren mit ihren Vorbereitungen zu dem glän⸗ zenden Feſte des morgenden Tages in einer ſo ge⸗ raͤuſchvollen Thätigkeit, daß fuͤr den Augenblick faſt jede andere Ruͤckſicht aufhoͤrte, und Leonin, ſelbſt kaum beachtet und erkannt, ſich foͤrmlich durcharbeiten mußte. Erſchrocken faſt blieb er aber in einem der letzten Zim⸗ mer ſtehen, weil man hier unter einem Thronhimmel Viktorinens Paradebett auffuͤhrte, umgeben mit einer in goldenen Rahmen laufenden Glaswand, die ſie von den Perſonen trennen ſollte, welche Pathen des Kindes ſein wurden, und die als ſolche mit den nachſten Ver⸗ 316 wandten das Recht hatten, der Woͤchnerin vor dieſer Glaswand eine Verbeugung zu machen. „Mein Gott,“ rief Leonin,„iſt dieſe abſcheuliche Ceremonie denn durchaus noͤthig? Wie gefährlich, die Mutter ſolcher Pein auszuſetzen, die ſogar ihr Leben bedrohen kann! Das Paradebett iſt ſchrecklich— Grauen erregend!“ Er druͤckte die Hande vor's Geſicht— im ſelben Augenblicke ſchien es ihm ein Leichenzimmer— das Bett ward ein Paradeſarg!—„Gott wie ſchrecklich!“ rief er, außer ſich, und ſtuͤrzte an ſeinem erſtaunten Kammerdiener voruͤber, ſich ſehnend nach Viktorinens lebendigem Anblicke. Doch die Frauen vertraten ihm leiſe winkend den Weg— Viktorine ſchlief. Er ſchlich naͤher— er ſetzte ſich dicht an die Vorhaͤnge— nach und nach erſt tauchte aus dem Dämmerlicht ihre Geſtalt auf. Mit welcher Ruͤhrung betrachtete er die ſchoͤnen, feſten Zuͤge, die, ſelbſt vom Schlafe halb bezwungen, doch noch den Charakter einer Antike hatten. Seufzer auf Seufzer hob ſich aus ſeinem Bu⸗ ſen— ſein Herz, belaſtet mit Schmerz und Angſt, die jeder Tag zu ſteigern ſchien, ward von der Stille dieſes Zimmers, der unbeweglichen Ruhe Viktorinens in einem Grade erſchuͤttert, der ihn faſt zur Ver⸗ zweiflung brachte. Er konnte es nicht laͤnger ertra— gen, ſchlich leiſe fort und athmete auf, als das erſte helle Zimmer ihn umfing. „Mein Sohn,“ ſagte der Marſchall, als Leonin in das Geſellſchaftszimmer der Familie trat,„wir muͤſſen nun beſchließen, wer Pathe Deines Kindes werden ſoll.“ „Pathe meines Kindes?“ erwiederte Leonin zer⸗ ſtreut.„Der Koͤnig und die Koͤnigin.“ „Das erwartete ich!“ rief die Marſchallin, in⸗ dem ſie unwillkuͤrlich aufſtand, und der Ausdruck der hoͤchſten Befriedigung uͤber ihr Antlitz glitt. Auch der Marſchall ſtand auf, und indem er eine kleine, ſteife Verbeugung machte, ſagte er:„Ich kann nicht daruͤber klagen, daß die hohen Herrſchaften ver⸗ geſſen, wer der alte Marſchall Crecy-Chabanne iſt.“ „Jetzt aber erzahlen Sie uns, wie es kam!“ rief Madame de Lesdigusres.—„Ich liebe es, zu hö⸗ ren, wie ſie ſich bei ſolcher Gelegenheit haben! Mein Bruder, der Kardinal Reetz, ſagte immer:„Und wenn ſie auch noch ſo lange an ſich halten und immer auf eine ganz beſondere Art und Weiſe warten, wodurch ſie ſich verſtändlich machen wollen, endlich muͤſſen ſie doch herausruͤcken, und dann ſind es dieſelben Worte, die auch andere Menſchen brauchen, und ſie müſſen 318 darum die Lippen oͤffnen und Athem einziehen und ausſtoßen nach dem Gebote der Natur!“— Sie be⸗ gleitete dieſe fuͤr Crecy'ſche Ohren ſehr ketzeriſche Re⸗ den mit herzlichem Gelaͤchter und ſah ſich nach Leonin um, der neben Louiſe auf dem Balkon getreten war und die heiße Stirn von dem kuͤhlen Abendwinde er⸗ friſchen ließ. „Nun, Schwiegerſohn, werden wir hoͤren, wie es ſich begab?“— rief ſie mit ſo durchdringender Stimme, daß Leonin wohl geweckt werden mußte. Ernſt, mit dem kummervollſten Geſichte trat Leo⸗ nin vor ſie hin und fragte nach ihren Befehlen. „Mein Sohn,“ ſagte die Marſchallin ſtreng, und erzurnt uͤber ſein gleichguͤltiges Weſen,„Sie vergeſſen, duͤnkt mich, die Dehors, die Sie uns und der Ehre ſchuldig ſind, welche die Majeſtaͤten unſern Familien erzeigen!“ Dieſe Stimme hatte immer Einfluß auf ihn, ſie drang ſtets wie ein kalter Windſtoß durch jede Verhuͤllung ſeines Innern.„Es iſt wahr,“ fuhr er heraus,„ich bin ſehr kalt und habe von Ihnen Allen Verzeihung zu erbitten! Der morgende Tag erfuͤllt mich mit unerklaͤrlicher Angſt! Viktorine wird auf eine Weiſe durch die vorgeſchriebene Etikette gequält wer⸗ den, die mich fur ihr Leben fuͤrchten läßt.“ 319 „Mein Herr,“ ſagte die Marſchallin kalt— „Frauen von Stande ſind dieſer Etikette unterworfen geweſen, ſeit ich denken kann. Ich habe nie Etwas ge⸗ hoͤrt, was dieſe ſonderbare Aengſtlichkeit, die ein wenig nach Sitten ſchmeckt, die hier nicht gelten, rechtfertigen könnte. Haben Sie jetzt die Guͤte, der Frau Herzogin zu ſagen, auf welche Weiſe Sie die gnaͤdige Willens⸗ meinung der Majeſtaten erfuhren.“ „Geſtern Abend,“ ſagte Leonin— er wollte fort⸗ fahren; aber drei Stimmen zugleich unterbrachen ihn.— „Geſtern Abend? Geſtern Abend ſchon war es bekannt? Mein Gott, welch' ein unverzeihlicher Feh⸗ ler!“ rief die Marſchallin—„wir hätten den Herr⸗ ſchaften Alle aufwarten muͤſſen!“ Die Herzogin lag hinten uͤber vor Lachen.„Nein,“ ſagte ſie dazwiſchen,„ſolche Tollheiten kann auch nur gerade Viktorinens Mann machen— das konnte ſie auch— und was gebt Ihr, ſie lacht ſich krank, wenn ich es ihr ſage!“ Der Marſchall wußte nicht recht Poſition zu neh⸗ menz er lachte gern, wenn er die alte Herzogin lachen ſah, und doch ſchien es ſelbſt ihm unerhoͤrt von ſei⸗ nem Sohne.. „Der Foͤnig verbat ja alle Feierlichkeiten von Sei⸗ ten der Familie!“ rief Leonin und richtete ſeine Rede an die Marſchallin, die ihren Zorn kaum zu bemeiſtern vermochte und daher lieber geſchwiegen hatte. „Als uns die Koͤnigin geſtern Abend beurlaubte, erwählte ſie mich, Seiner Majeſtät gute Nacht zu wuͤn⸗ ſchen. Sie fragte dabei theilnehmend nach Viktorinen und ſagte mir: Der König wuͤrde mir noch Etwas in ihrem Namen zu ſagen haben.“ „Wir verſammelten uns, wie gewoͤhnlich, in dem Speiſeſaale, während der König en petit couvert zu Abend aß. Nach dem Abendeſſen lehnte er ſich gegen das goldene Gitter des Kamins, und wir durften das Wort an ihn richten; da ich mich aber zuruͤckzog, ließ er mich rufen; er war ſehr gnädig und that ähnliche Fragen nach meiner Gemahlin.“ „Jetzt kam der Augenblick, wo er uns zu beur lauben pflegt, und zugleich der Moment ſo vielen Ehrgeizes— Sie wiſſen, was ich meine.— Der Koͤnig nahm den kleinen goldenen Leuchter— man drängte ſich näher— Jeder hoffte ihn zu erhalten. Da rief der Koönig meinen Namen, und ich erhielt den gol⸗ denen Leuchter und durfte ihm zum kleinen Niederle⸗ gen folgen.“ „Die Koͤniginnen, die Prinzen, Prinzeſſinnen und die Amme waren hier anweſend. Der Koͤnig, dem ich mit der Ehre des goldenen Leuchters zur Seite bleiben mußte, trat zur Koͤnigin heran und ſagte: Wollen Sie bei unſerm Vetter, dem Grafen Crecy⸗ Chabanne, meine Gevatterin ſein?“ „Die Koͤnigin nickte lächelnd— waͤhrend ich vor Beiden das Knie beugte. Doch der Koͤnig rief: nicht doch, nicht doch! Niemals mit dem goldenen Leuchter! Ich ſtand ſchon wieder, und der Koönig uberreichte nun der Koͤnigin nach alter Sitte, als ſeiner Gevatterin, einen Strauß und ein Paar Handſchuhe. Der Strauß aber war von Juwelen, die Handſchuhe von der ſchoͤn⸗ ſten Perlenſtickerei.“— „Wer den goldenen Leuchter am Abende getragen hat, muß am andern Morgen beim kleinen Lever er⸗ ſcheinen. Hier ſagte mir Monſieur, er und Madame würden ſtellvertretend bei der Taufe perſoͤnlich zuge⸗ gen ſein.“— Die Marſchallin klingelte.„Sämmtliche Staats⸗ wagen ſollen vorfahren!“ rief ſie, und Alle trennten ſich, um in hoffähiger Toilette ihre Aufwartung bei Madame Henriette und dem Herzoge von Orleans zu machen.— Dem Tumulte des vorangegangenen Tages folgte am andern Morgen die feierliche Ruhe der Vollendung, der Vorerwartung großer Feſtlichkeiten.— Der vollſte Glanz einer ſo maͤchtigen Familie, wie die Crecy⸗Cha⸗ Ste. Roche. n. 21 „ 322 banne⸗Soubiſe, trat hervor, und die Beſchreibung der Ausſchmuͤckungen des Palaſtes an dieſem Tage wuͤrde, wenn ſie uns noch vergoͤnnt waͤre, einen vollſtändigen Commentar dieſer merkwuͤrdigen Zeit mit ihrem ſoliden Reichthume, den barocken Erſcheinungen ihres geſchnoͤr⸗ kelten und uͤberladenen Geſchmackes und ihres ariſto⸗ kratiſchen Duͤnkels geben. Nur einzelne Gruppen geſchaͤftiger Diener ſchli⸗ chen noch umher, um am fruͤhen Morgen dem Ganzen die letzte Politur zu geben, und Gärtner tränkten die koſtbaren Blumen und Pflanzen, die einzelne Raͤume zu feenartigen Tempeln umſchufen. Die Schloßkapelle, in welcher der Biſchof von Noailles die Taufhandlung vollziehen ſollte, war durch eine koſtbar drapirte Gallerie mit den uͤbrigen Zimmern fuͤr dieſen Tag verbunden, und das Meer von Licht, welches den Altar und die Kapelle erfuͤllte, war um ſo uberraſchender, da die Gäſte bei der vorgeruͤckten Jah⸗ reszeit, trotz des nahenden Abends, noch im hellen Ta⸗ geslichte empfangen werden mußten. Wie glanzvoll dieſe Verſammlung war, brauchen wir nicht weiter zu erwaͤhnen. Wer haͤtte es nicht für eine Gunſt gehal⸗ ten, ſich einem Feſte anſchließen zu durfen, das der Koͤ⸗ nig beſonders ehren wollte? Auch blieb der t kein wn unbe⸗ ihbieeebee Friedigt. Sie mußte ſich trotz ihrer hohen Anſpruͤche geſtehen, daß, außer am Hofe der Koͤnigin, wohl ſchwer⸗ lich eine glaͤnzendere Verſammlung zu denken ſei, und — was nicht ohne Werth war, ſie konnte ſich ſagen, daß ſie der Mittelpunkt geblieben, daß Keiner der Gäͤſte daran dachte, einem Andern, als ihr, die Ehrenbezei⸗ gungen der Begruͤßung zu machen. So vollkommen zufrieden ſie jedoch mit dieſem Ehrenplatze war, ſo unerträglich war es ihr, daß Leonin, wie ſie glaubte, in ſeiner gewöhnlichen träumeriſchen Weiſe die Stunde vergeſſen habe. Denn er, der anſcheinend ſeine Gaͤſte empfangen ſollte, ließ ſich noch immer nicht ſehenz ja, er war ſogar im Palaſte nicht zu finden, wie ſein Kammerdiener meldete. Im Ankleidezimmer lagen ſeine Staatskleider bereit; aber obwohl man ihn eine Stunde fruͤher in dem Zimmer ſeiner Gemählin geſe⸗ hen hatte, war er jetzt verſchwunden. Schon hatte der Marſchall, von den umſtaͤnden gedraͤngt, umgeben von den vornehmſten Herren der Verſammlung, im aͤußer⸗ ſten Vorzimmer Platz genommen, da jeden Augenblick die Ankunft der ſtellvertretenden hohen Herrſchaften zu erwarten war, und noch immer kamen die nach allen Richtungen verſendeten Diener mit der Botſchaft zu⸗ ruͤck, daß der junge Graf an keinem Orte zu fin⸗ den ſei. 21˙ 324 Wie viel Faſſung bedurfte die Marſchallin, um die Qualen ihres Inneren zu verbergen, die anfänglich bloß dem ungemeſſenſten Zorne angehoͤrten, ſpäter durch 5 die Beſorgniß um ein Ungluck verſtärkt wurden, die immer wahrſcheinlicher, immer drohender in ihr auf⸗ ſtieg und den Triumph ihres ſtolzen Herzens anfing zu entkraͤften. Der letzte Augenblick nahte— die Kam⸗ merherren des Herzogs von Orleans erſchienen— jetzt mußten die hohen Herrſchaften folgen— und der Herr vom Hauſe, der ſie an der Schwelle des Palaſtes empfangen mußte, war nicht zu finden!— Die Mar⸗ ſchallin fuͤhlte eine der Ohnmacht ähnliche Schwäche, die nicht gehoben ward, als ihr der Marſchall ſagen ließ, er begebe ſich hinunter. Maſchinenmaͤßig bewegte ſie ſich vorwärts, und kaum hatte ſie ihren vorſchriftsmäßigen Platz eingenom⸗ men, da fuhren die Karoſſen der Herrſchaften unter das Portal des Schloſſes. Beinahe verzweifelnd blickte die Marſchallin noch ein Mal nach ihrem Sohne umher— er blieb ver⸗ ſchwunden. Die Gewohnheit beſiegte jetzt auf kurze Zeit den Tumult ihres Inneren. Der glaͤnzende Zug, an deſſen Spitze die reizende Henriette von England an der Seite ihres Gemahls, des Herzogs von Or⸗ leans, erſchien, uͤbte die Macht eines Lethe⸗Tropfens — uͤber die Marſchallin aus. Ihr in den Hofformen wohlerzogenes Herz durfte ihr Nichts, als die Ent⸗ zuckungen der Ehre ſenden. „Ah, Madame,“ ſagte der Herzog von Orleans —„Seine Majeſtaät der König haben uns verſichert, wir duͤrften uns als Erſatz ſeiner geheiligten Perſon darbieten. Können wir auf Ihre Zuſtimmung rechnen?“ Die Marſchallin verſenkte ſich einige Male vor Beiden und kuͤßte den Rock von Madame, die ſie als⸗ dann freundlich umarmte.„Seine Majeſtaͤt,“ ſtam⸗ melte ſie dabei,„weiß jede ſeiner Gnadenbezeigungen durch die Weiſe, wie er ſie ertheilt, zu Ehren zu erhe⸗ ben, die das Herz des Empfängers faſt mit ihrer Groͤße erliegen machen.“ „O,“ ſagte Madame, naiv laͤchelnd—„ich meines Theils, habe mich recht gefreut, das ſchöne Pa⸗ lais Soubiſe zu ſehen, von deſſen prachtvoller Ausſtat⸗ tung ich ſo Vieles hoͤrte.“ „Madame,“ erwiederte die Marſchallin—„heute gerade, ſchien es mir, beſaßen wir Nichts, es ſeinem Zwecke gemäß wuͤrdig auszuſtatten!“ „Davon wollen wir uns ſelbſt uͤberzeugen,“ ſagte die ſchoͤne Fuͤrſtin— und ſchritt nun durch das Spa⸗ lier der glänzenden Verſammlung in die prachtvolle Zim⸗ merreihe, die ihre Vorausſetzungen rechtfertigte. 326 Die Herrſchaften hatten unter dem Thronhimmel Platz genommen und ließen einzelne Perſonen heran⸗ rufen, denen ſie einige der gewoͤhnlichen Fragen ſchul⸗ dig zu ſein glaubten. Die Marſchallin mußte, an der Seite von Madame ſtehend, ohne Bewegung aushar⸗ ren, obwohl ſie jetzt Ruhe erhielt, ihren wiederaufleben⸗ den qualvollen Gedanken nachzugehen. Jeden Augen⸗ blick mußte ſie eine Frage der Prinzeſſin in Bezug auf dieſes räthſelhafte Ausbleiben erwarten, oder die Wir⸗ kungen dieſer beleidigenden Nachlaͤßigkeit von den Um⸗ gebungen geruͤgt furchten; denn auch Souvrs, den ſie zuletzt abgeſchickt, war nicht wiedergekommen. Es war dabei gegen die Etikette, nach dem Erſchei⸗ nen der hohen Gäſte die Taufhandlung aufzuſchieben; man durfte nicht annehmen, daß ihre Gegenwart einen geſelligen Zweck habe, man mußte dies wenigſtens von ihrer Herablaſſung erwarten und jedenfalls die Veran⸗ laſſung ihrer Gegenwart nur auf die Sendung des Koͤnigs beziehen. Die Marſchallin wußte das zu ih⸗ rer unendlichen Qual beſſer, wie einer der Anweſen⸗ den es ihr ſagen konnte;— aber wie ſollte ſie das Zeichen zur Taufhandlung geben, da der Vater des Kindes fehlte! Einen Augenblick hielt Madame jetzt in ihren freundlichen Begruͤßungen inne. So wenig ſtolz ſie war, ſah man ihr doch ein gewiſſes Erſtaunen, eine Er⸗ wartung an. Der Marſchallin traten die Schweiß⸗ tropfen auf die Stirn, ſie ſah den unbeweglich ſtarren Blick der Herzogin von Bellefond und die zuͤrnende Bewegung, mit der ſie ihren weißen Stab vor ſich hin⸗ hielt. Ein Entſchluß mußte gefaßt werden! Der Herzog von Orleans hatte ſo eben ſeine Un⸗ terredung mit dem Marſchalle beendigt. Sein Auge nahm das verfaͤngliche Umherſchweifen an, das Erlaub⸗ niß zum Anfange der Feierlichkeit zu ertheilen ſchien. Die Marſchallin wußte, daß Keiner dieſen Raum mit ihr einnahm, der nicht voll Neugierde ſo vielen Miß⸗ griffen zuſah. Sie mußte ſich ſagen, daß dies ihren glänzenden Ruf erſchuͤttern wuͤrde. Was ihr beſtimmt ſchien, ſie uͤber Alle zu erheben, mußte ein Markſtein werden ihres unbeſtrittenen Uebergewichtes. Ihr ge⸗ ſteigerter und ſo verletzter Hochmuth brachte ſie inner⸗ lich faſt um ihren Verſtand— alle Perſonen ſchwam⸗ men vor ihren Augen; ſie ſah aber jetzt, wie die Her⸗ zogin von Bellefond ſich erhob und den Weg zu ihr hin uͤber den leeren Raum vor dem Stuhle der Prinzeſſin durchſchritt. Die Verzweiflung gab ihr Kräfte— ſie wandte ſich zur Herzogin und bat ſie, das Zeichen zum Aufbruche zu geben. Augenblicklich ſtand Henriette auf; denn auch ſie ſah den nahenden Paradezug der ſtrengen Oberhofmei⸗ ſterin und liebte, wie faſt der ganze Hof, ihre Anma⸗ ßungen zu durchkreuzen. b „Sollen wir ohne Ihren Sohn— ohne den Va⸗ ter, liebe Marſchallin, den Zug antreten?“ fragte ſie leiſe die zitternde Mutter. Sie bekam eine Antwort, ſo dunkel und verwor⸗ ren, daß ſie ſie nicht verſtand und jetzt annahm, der junge Graf werde ſie am Eingange der Kapelle erwarten. Die Hofchargen arrangirten ſich; Alle ſchritten in angemeſſener Wuͤrde, nach der beſtimmten Vorſchrift, der Kapelle entgegen.— Noch immer hoffte die Mar⸗ ſchallin, hier ihren Sohn zu ſehen;— aber er blieb aus! Die Handlung fing an— Ludwig, Maria von Crecy⸗ Chabanne war mit dieſen Namen getauft— der Her⸗ zog von Lesdigusres und der Marſchall erſetzten die Stelle des Vaters. Die Handlung war voruͤber. Die Marſchallin wankte zur Herzogin von Orleans.— Madame durfte die Beleidigung nicht uͤberſehen; denn ſie ſtand hier im Namen der Koͤnigin. Sie gruͤßte kalt— ohne Gluͤck⸗ wunſch— ohne die Marſchallin zu umarmen. „Darf ich fragen,“ ſagte der Herzog von Or⸗ leans zu den jetzt angſtvoll zuſammenſtehenden Eltern⸗ paaren,„welchem Grunde wir es zurechnen muͤſſen, 329 daß die Auszeichnung, welche Seine Majeſtät, mein königlicher Bruder, den Eltern des Neugebornen zu erzei⸗ gen gedachten, gerade von dieſen, wie uns ſcheint, ſo we⸗ nig beachtet ward, daß wir den Vater nicht anweſend ſehen?— Wo iſt der junge Graf Crecy⸗Chabanne?“ „Das mag Gott wiſſen!“ rief der Marſchall mit dem Tone der Verzweiflung uͤberlaut— und rang die Hände, ſie ploͤtzlich uͤber ſeinen Kopf zuſammen ſchla⸗ gend—„ich hoffe, im Grabe;— ſonſt uͤberlebe ich dieſen Verſtoß ſeinerſeits gegen Ehre und Gluͤck nicht!“ Die Marſchallin glaubte zu erſticken. Sie hatte auf eine kuͤnſtliche Entſchuldigung geſonnen ein toͤdtliches Erkranken ſollte ihn retten;— jetzt war es damit vorbei. Ihre ſonſt ihr ſo getreue Faſſung ver⸗ ließ ſie, ſie wendete ſich ſeitwärts, um Luft zu ſchoͤpfen. Der Marquis de Souvré war herbeigeſchlichen.„Ma⸗ dame,“ ſagte er leiſe und feſt,„hoffen Sie nicht mehr auf Leonin. Die erſte Gemahlin Ihres Sohnes lebt, und Leonin iſt zu ihr nach Ste. Roche abgereiſt.“ Man hoͤrte einen gellenden Schrei— und die Marſchallin von Crecy⸗Chabanne, welche noch niemals bei Hofe die kleinſte Schwäͤche gezeigt hatte, lag be⸗ wußtlos auf dem Boden. „Darf ich Euer Koͤnigliche Hoheit erinnern, daß hier nicht laͤnger Ihr Platz iſt,“ ſagte die unerſchuͤt⸗ 330 terte Herzogin von Bellefond;— und da auch die Gräfin von Grammont eine tiefe Verneigung vor Ma⸗ dame machte, ſo uͤberwand die gutmuͤthige Fuͤrſtin ihre ſchnell erregte Theilnahme und blickte ihren Ge⸗ mahl an. Monſieur zeigte die ſteife Miene der uͤbeln Laune. „Wir ſind, ſcheint es, zu ſeltſamen Familienſcenen hierher gekommen,“ ſagte er, ſeiner Gemahlin den Arm gebend und leicht grußend an Allen voruͤbereilend, während die voranſtuͤrzenden Cavaliere die Wagen vor⸗ fahren ließen, ſo daßpdie Herrſchaften das Hotel Crecy verlaſſen hatten, ehe noch die Marſchallin ihre Be⸗ ſinnung wieder gewann. Als ſie die Augen aufſchlug, lag ſie in einem Lehnſtuhle in der Kapelle— ihre Frauen, der Arzt umgaben ſie;— zunaͤchſt aber kniete die alte, gutmuͤ⸗ thige Herzogin de Lesdigusres, trotz ihrer ſteifen Klei⸗ dung und Juwelenlaſt, und rieb die Pulſe der Er⸗ wachenden, während der Marſchall und der Herzog wie Bildſäulen zuſchauten. „Faſſen Sie ſich doch, mein Kind!“ ſagte ſie gutmuͤthig, als ſie das erſte Lebenszeichen ſah—„es wird ſich Alles aufklaͤren. Nur Muth! Muth! Das muß doch heraus zu bringen ſein, wo er ſteckt!“ Doch, wo haͤtte die Marſchallin Troſt finden koͤn⸗ — nen? Was Niemand aus Beſorgniß um ſie bis jetzt geſehen hatte, ſah ſie. Das Hotel war leer— Alle hatten den Ort geflohen, wo eine anſcheinende Belei⸗ digung gegen die Majeſtät an den Repräſentanten des Königs geſchehen war. Bleiben, hätte eine ſolche Suͤnde theilen geheißen; Niemand konnte nur daran denken!— Die Marſchallin wußte das, bei dem erſten Strahle des Bewußtſeins; aber ſie konnte die⸗ ſen Sturz von dem hoͤchſten Gipfel der Ehre und Aus⸗ zeichnung bis zu dieſer Aechtung ihres Hauſes nicht ohne eine tödtliche Empfindung 6 Schmerzes erken⸗ nen. Der Arzt erklaͤrte einen lderlaß noͤthig; die Lakaien ergriffen den Lehnſtuhl und trugen die Mar⸗ ſchallin, zur Erhoͤhung ihrer Qual, durch alle die glän⸗ zend eingerichteten Gemaͤcher, durch die großen Speiſe⸗ Säle, in denen noch alle Zuruͤſtungen im vollen Gange waren, nach dem entfernten Schlafgemache, wo der Aderlaß endlich den Zuſtand von Erſtickung hob, mit dem ſie rang, und einige Tropfen Opium einen be⸗ täubenden Schlaf auf ſie niederſenkten. Leonin hatte den Tag, der um ihn her ſo glän⸗ zende Anſpruͤche an ſeine Theilnahme entwickelte, in einem Seelenzuſtande zugebracht, wie ihn vielleicht nur der verurtheilte Verbrecher vor ſeiner Hinrichtung er⸗ lebt. So lange, wie moͤglich, blieb er in dem Zimmer Viktorinens— ihre klare, edle Stimmung hielt ihn aufrecht;— ſobald er ſie verlaſſen mußte, fiel er der Verzweiflung wieder zu, mit der er vergeblich rang. Mit geheimer Scheu gedachte er der regelmäßig wie⸗ derkehrenden Viſion— er ſehnte ſich danach und fuͤrch⸗ tete ſie doch zugleich. Er hatte ſie nicht zu erwarten! Es war ihm, als ſchwebte ſie fluͤſternd neben ihm her — er floh aus den Prunkſaͤlen— er erreichte ſein einſames Gemach.—„Fennimor, Fennimor,“ rief er hier, außer ſich—„ich will ein anderes Kind, als Dein rechtmäßiges, mir zuerſt gebornes, auf den Platz erheben, von dem ich das Deinige verſtieß! Muß ich es nicht mit dem Tode buͤßen, muß dies ſchwarze Ver⸗ brechen nicht geſtraft werden? Ach, an mir ſelbſt— an dem unſchuldigen Kinde, das jenem in den Weg 333 tritt?“— Seine Aufregung hatte den hoͤchſten Grad erreicht— er lag halb auf ſeinen Knien— er zwei⸗ felte nicht, ſie waͤre da, wuͤrde ſich ihm gleich ent⸗ huͤllen— ſeine Augen ſuchten ſie— wie konnte es fehlen, daß er ſie ſah? Doch nur einen Augenblick! Ihr bleiches, ſchoͤnes Haupt, mit Thraͤnen uͤberſchuttet, das ſuͤße verſoͤhnende Laͤcheln um den Mund, tauchte auf. Dann ſah er die Hand, ſie winkte ihm— dann war Alles verſchwunden, und Leonin konnte weinen! Wie lange er ſo da lag in einer Vergeſſenheit, die ihn faſt dem Leben entzog, wiſſen wir nicht. Als er ſich aufraffte, erſchrak er vor ſeinem Anblicke. Er fuhlte, er durfe ſo nicht erſcheinen. Langſam ſtieg er eine kleine Treppe hinab, die in den Garten fuͤhrte. Wie bewegte ihn der Anblick der Natur, dies erſte duftende Gruͤn, dieſe feinen Bekleidungen der ſaftig dazwiſchen durchſchimmernden, dunkeln Staͤmme und Zweige! Die Luft war feucht und warm, eine bruͤ⸗ tende Atmoſphäre fuͤr alle noch eingehuͤllten Keime, aber ſo beengend fuͤr die Menſchenbruſt, die keinen freien Athemzug darin findet. Leonin gab Alles nur Nahrung fur ſein beklemmtes Herz. Seufzend, den Kopf auf der Bruſt, ging er mechaniſch umher. Da glaubte er eine Stimme zu hören— er ſah ſich um— pfeilſchnell flog ein Knabe den Weg hinter ihm her. Er blieb ſtehen— und jetzt erinnerte er ſich, daß es derſelbe war, dem er am Tage vorher Almoſen gege⸗ ben hatte.„Wgs willſt Du, Kind?“ rief er und zog wieder einige Geldſtuͤcke hervor—„hat meine Gabe nicht gereicht?“ „O, was ſoll mir doch wohl Euer Geld?“ ſprach jetzt das Kind, ganz außer Athem vor ihm ſtehend— „leſet doch nur, was ich Euch brachte, und ſagt dann, ob ihr mit mir gehen wollt!“ „Was meinſt Du denn, mein Kind?— Ich habe ja Nichts empfangen— nimm dies Geld— ich kann jetzt nicht mit Dir gehen.“ „Mein Gott,“— ſagte das Kind, fuſt weinend —„ich habe Euch doch gewiß den Zettel geſtern in die Hand gegeben. Wo habt Ihr ihn denn gelaſſen? Nun werden ſie glauben, ich habe ihn verloren, und Ihr werdet nicht mit mir kommen wollen ohne den * Zettel!“— B Leonin erinnerte ſich jetzt, daß er, zerſtreut wie er war, den empfangenen Zettel nicht geleſen hatte, ihn fuͤr eine Bittſchrift haltend und ohnedies das Al⸗ moſen ertheilend. Er durchſuchte den leichten Oberrock, den er auch heute trug, und fand nirgends das Blatt. „Mein Kind,“— ſagte er—„die Bittſchrift habe ich verloren, ich will Dir aber ohnedies geben, was Du bedarfſt. Nur mit Dir gehen kann ich nicht, meine Gegenwart iſt hier nothig.“ „Ach, Gott erbarme ſich,“ rief jetzt hellweinend das Kind—„ſo ſoll der arme Herr ohne Euch ſter⸗ ben? Einem Sterbenden verſagt man doch ſonſt Nichts — und er kann und will nicht ſterben ohne Euch!“ „Ein Sterbender!“ rief Leonin erſchuͤttert— „Wen meinſt Du? Wer will mich ſprechen?“ „Herr Gott, wer anders, als Leſuͤeur!“ ſagte das Kind.—„Er liegt ſeit zwei Tagen im Sterben. Jeden Augenblick ſoll es vorbei ſein;— aber er ſagt, er will nicht ſterben, bis Ihr da ſeid; denn Ihr muͤß⸗ tet ſonſt umkommen in Eurer Gewiſſensnoth!“ „Großer Gott!“ rief Leonin.—„Was ſprichſt Du? Leſuͤeur ſterbend? Wo— wo iſt er?“ „Bei ſich, lieber Herr,“ ſagte das Kind, noch immer weinend—„und wenn Ihr hoͤrtet, wie er Euch ruft, wie er mit dem frommen Prieſter, der Tag und Nacht bei ihm iſt, nicht mehr beten kann, weil er Euch immer ruft und glaubt, Ihr werdet nie ſelig werden, wenn Ihr nicht noch ſein Geheim⸗ niß erfahret!“ „Leſuͤeur! Leſuͤeur!“ rief Leonin, von Gedanken⸗ Verbindungen faſt uͤberwaͤltigt.—„Was kann er mir zu ſagen haben? O, mein Gott! Er, der ihr ſo nahe ⸗ 336 ſtand! Ich muß hin zu ihm— ich muß ihn ſehen. — Weißt Du den Weg, ſo fuͤhre mich!“ „Gottlob!“ frohlockte das Kind mit ſchnellver⸗ ſiegenden Thraͤnen—„folgt mir nur, ich weiß den Weg!“ Leonin oͤffnete haſtig eine kleine Nebenpforte, die in die Hoͤfe fuͤhrte. Hier rief er ſelbſt ſeinem Kut⸗ ſcher zu, ihm ſchnell ohne Bedienten und Livreen mit der einfachſten Karoſſe zu folgen.„Wohin?“ rief er dem Knaben zu. „Nach St. Sulpice, neben dem Kloſter in dem Stiftshauſe!“ erwiederte der Knabe, und Beide eilten. davon. Das Stadtviertel St. Sulpice war die entlegenſte und unſcheinbarſte Gegend von ganz Paris. Felder und Gäͤrten drängten ſich zwiſchen geringen Anbau. Einzelne Straßen bildeten ſich nur in der Nähe der Kloͤſter, die ihre reichen Anſiedelungen hier in großet Menge hatten. Doch waren dieſe Straßen mit Ge⸗ werbetreibenden niederer Klaſſe uͤberfullt, und die ge⸗ woͤhnliche Zugabe der Armuth, bettelnde Kinderſchaa⸗ ren, gab der ganzen Gegend ein trauriges Anſehn Jedem drängte ſich die Thatſache auf, wie hier nur um die Erringung der gewoͤhnlichſten Lebensbeduͤrfniſſe ge⸗ kämpft werde, und daß Alles vergeſſen und verwildert bei Seite trete, was eine Anforderung daruͤber hinaus enthielt. Die Kloͤſter und Stifts⸗Herren von St. Sulpice hatten hier die weitläufigſten Beſitzungen und verbreiteten, ſo viel dies bei ihrem ſtrengen Ordensleben möglich war, einigen Wohlſtand um ſich her. Mehr aber noch war ihre geiſtliche Sorgfalt, ihre zweckma⸗ ßige Unterſtuͤtzung und die ernſtlichen Ermahnungen, mit denen ſie einzuſchreiten wußten, Urſache, daß die⸗ ſer Theil von Paris nicht wie der ärmſte, ſo auch der gefährlichſte Theil der Stadt ward; da die Furcht vor der ſtrengen Aufſicht dieſer achtbaren, geiſtlichen Herren eine unverkennbare Herrſchaft uͤber die Verdorbenheit ausuͤbte, die ganz auszurotten, nicht in ihrer Macht ſtand. Vielleicht hatte Leonin kaum eine Ahnung von dem Daſein dieſes Stadttheiles; wenigſtens ſchien es ihm, als er in fieberhafter Aufregung neben dem ruͤſtig fort⸗ eilenden Knaben herging, als wäre er in einer andern Stadt; Alles, was ihn ſeine Stimmung beobachten ließ, war ihm voͤllig fremd. „Der gute Herr Leſuͤeur,“ hob endlich der Knabe an—„iſt ſchon lange in Pflege bei uns. Jeder glaubte ihn des Todes, als er einzog. Aber die ehr⸗ wuͤrdigen Herren haben ihn gut gepflegt, ſo daß er noch ſeine heilige Thereſia fertig bekommen hatz ob⸗ Ste. Roche K. 22 gleich wir oft dachten, er hauche bei der Arbeit den Geiſt aus.“ „Ja, der iſt gut, Herr,“ fuhr er fort—„da iſt auch nicht Einer, der ihn nicht liebte! Denn fromm iſt er und ſtill wie ein Heiliger! Darum muͤßt Ihr auch kommen, damit Ihr ihm die letzte Unruhe der Welt von dem Herzen nehmt.“ „Mein Gott! mein Gott!“ ſeufzte Leonin— von Ahnungen und Befuͤrchtungen angeregt, unfaͤhig, ſich aus dem Andrange ſo vieler Empfindungen heraus zu ringen, den naͤchſten Augenblick inſtinktartig erwartend und von ihm die Richtung hoffend. Der Knabe erzählte ihm, daß er der Sohn des Pfoͤrtners ſei und Leſuͤeur Farben gerieben habe, in⸗ dem er den langen, beſchwerlichen Weg durch die Ver⸗ folgung kleiner Nebengäͤßchen kuͤrzte, die nur dem gut bewanderten Bewohner dieſes unregelmäßigen Stadt⸗ theiles bekannt werden konnten.— Endlich verfolgten ſie eine lange Mauer, uͤber die hohe Baͤume im Abend⸗ winde nickten, welche die Nähe eines reicheren Be⸗ ſitzes verriethen. An einem Gitterthore ſchellte der Knabe, und ſie traten in einen ebenmäßigen Laub⸗ gang, der das große Stiftshaus in der Perſpektive zeigte; auf beiden Seiten die weiten dazu gehörigen Gärten, an die ſich links, durch die Baume leuchtend, die Kirche mit den Kloſtergebäuden von St. Sulpice anſchloß.— Leonin athmete auf! Dieſe Ruhe und Stille, dieſe Abgeſchiedenheit, die doch in ihrem Inneren eine ſo wuͤrdige Thätigkeit bewahrte— es war nicht ſogleich nachzuweiſen, am wenigſten in Leonin's Ueberzeugung;— aber der Geiſt, den die Wahrheit ſolcher Zuſtaͤnde ausathmet, umfaͤngt uns und erreicht unſer Bewußtſein, ehe der durre Nach⸗ weis unſeres Verſtandes hinzu tritt. Er hob das Haupt— er blickte erquickt umher— zwiſchen den Baͤumen ſah er die ſchwarzen Geſtalten der wandelnden Stiftsherren, und aus der Gegend des Kloſters vernahm er einen mehrſtimmigen Geſang, der ihnen zu folgen ſchien. Der Knabe blieb ſtehen.—„Ach, da kommen ſie!“ rief er ploͤtzlich, auf ſeine Knie fallend.—„Sie ziehn nach dem Stiftshauſe— er bekömmt die letzte Oelung— ſie tragen das Aller⸗ heiligſte!“ Auch Leonin blickte jetzt um und ſah die feier⸗ liche Prozeſſion der Moͤnche, die in einem zweiten Baumgange, der nach dem Seitenfluͤgel des Stiftes zu fuͤhren ſchien, an ihnen voruͤber zog. Er war unausſprechlich davon ergriffen. Er fuͤhlte, daß es noch eine Rettung, einen Troſt fuͤr die Fehler des Menſchen giebt. Seine in verzweifelnder Verwirrung 22 —— zuckende Seele fand einen Stillſtand. Eine Stimme, die ſich aus dem Geſange der Moͤnche zu erheben ſchien, rief ihm zu:„Ruhe aus vor Gott in den Armen der 2 4 Reue!“— Er hätte ſein Geſicht in dem Mooſe bergen mögen, das um die alten Baume ſein Lager ausbreitete — er hätte liegen bleiben mögen, bis die Zeit ihm Nach⸗ denken gegeben und einen ſtillen, einſamen Weg ihm 1 gezeigt, um Frieden mit Gott zu ſchließen;— aber, 3 indem er ſich dieſem Triebe entzog, aus Angſt, Leſuͤeur's letztes Begehr zu verſäumen, tauchte auch die Furcht vor ſeiner Verſchuldung mit verſcheuchender Grauſamkeit wieder in ihm auf; und als er fortwandelte, ſchien er ſich nur der rettungsloſe Suͤnder! Das Stift war ein großer, ehrwuͤrdiger Palaſt. Sein Bau und ſeine eben ſo alten Gartenanlagen ſollten aus der Zeit der Katharina von Medicis her⸗ ſtammen, und obwohl man die Guiſen als Eigen⸗ chuͤmer dieſer Beſitzungen nannte, glaubte man ſie doch von der Konigin erbaut und von ihr zu be⸗ ſonderen und geheimen Zwecken beſtimmt. Die An⸗ lage war jedenfalls den ſtolzeſten Anſpruͤchen gemäß und von mancher geheimnißvollen Einrichtung durch⸗ ₰ ereuzt, die dem Beobachter ſagen mußte, man habe andere Zwecke hier verfolgt, als offenes Haushalten im Glanze der damaligen Zeit. Jetzt bewohnte wahre — ——— 341 Froͤmmigkeit dieſe ſchoͤnen, wohlerhaltenen Räume; und mit dem Ernſte der Wiſſenſchaften benutzte man die Ausdehnung des Baues, zu andern Zwecken einſt empor gefuͤhrt. In dem Augenblicke, als Leonin mit dem kleinen Fuͤhrer ſich dem Portale des Stiftes nahte, verſchwand die Prozeſſion der Moͤnche in ſeinem innern Raume, und Leonin eilte dem Knaben voran, wie getrieben, ſich dem Zuge anzuſchließen. Die Chorherren erfuͤllten den prachtvollen Porti⸗ kus des Hauſes, ſie hatten das Allerheiligſte bei deſſen Durchzuge begruͤßt. Der Abt, der den Fremden ſogleich fuͤr den erwarteten Grafen Crecy hielt, wollte ihn anreden; aber Leonin, nur die Prozeſſion ſuchend, warf ſeine Augen ängſtlich umher; und ohne die Begruͤßung des ehrwuͤrdigen Abtes zu erwiedern, eilte er, den Moͤnchen zu folgen, die ihn an das ungeduldig erwartete Ziel zu fuͤhren verſprachen. Niemand hin⸗ derte ihn. Die erfahrenen Menſchenkenner verſtanden den heftig erregten Zuſtand, der ſich ſelbſt Hilfe ſchaffen mußte. 1. Leonin trat mit ihnen zugleich in ein großes Gemach, welches ſich als die Werkſtatt Leſuͤeur's ver⸗ rieth, da in der Mitte deſſelben, auf einem Geruͤſte, 6. mit Blumen und Zweigen geſchmuͤckt, in kunſtreich ge⸗ — —— ſchnitztem goldenem Rahmen ſich ein Bild erhob, das, obwohl es Leonin die Ruͤckſeite zukehrte, ihn vermuthen ließ, daß es das letzte Werk des jetzt ſterbenden Kuͤnſt⸗ lers ſei.— Die drei hohen, weiten Fenſterthuͤren nach dem Garten waren geoͤffnet— der Fruͤhling lag vor der Schwelle— glänzende Strahlen der Abendſonne vergoldeten das feine, gelbliche Gruͤn des erſten Laubes und warfen ein belebendes Licht in das ſchoͤne alter⸗ thuͤmliche Gemach und auf die ehrwuͤrdigen Geſtalten der Moͤnche, die, des Einlaſſes harrend, einen Kreis um den Geiſtlichen bildeten, der, von Chorknaben um⸗ geben, in ſtiller Sammlung mit der verhangenen Monſtranz, in ihrer Mitte ſtand. Es war der ehrwuͤrdigſte Anblick andaͤchtiger Erhebung— die harmoniſche Vereinigung in der Abſicht und Darlegung heiliger Hilfsleiſtung, von der ſinnlichen Außenwelt zufällig auf eine Weiſe unter⸗ ſtuͤtzt, als ob ein Beſtreben eingetreten wäre, ſich dem Zwecke gemaß zu zeigen. Wie lange hatte Leonin nichts Aehnliches erlebt— wie begierig ſog er die Erſchut⸗ terungen ein, die er dadurch erfuhr! Die Thuͤren oͤffneten ſich jetzt vor ihnen und zeig⸗ ten ein zweites geräumiges Gemach und, den Thuͤren gegenuber, ein Bett mit aufgeſchlagenen Vorhäͤngen. Leonin war auch hier bis zur Thuͤre gefolgt; aber * — — 343 von dem fungirenden Geiſtlichen beordert, gab ihm ein * dienender Bruder die Weiſung, den Kranken nicht durch 4 ſeinen von ihm ſo heiß erſehnten Anblick in ſeiner geiſt⸗ 3 lichen Faſſung zu ſtoͤren. Leonin ſah die Thuͤren ſich vor ihm verſchließen. Betäubt lehnte er ſein Haupt gegen die Pfoſten— horchte den Gebeten und einzelnen Accorden gleich⸗ mäßig wiederkehrender Reſponſorien, welche die Moͤnche abhielten und damit den Fortgang der heiligen Handlung bezeichneten. In jedem Augenblicke entkoͤrperte ſich ſein Zuſtand mehr und mehr. Er wähnte in die heiligen Beſchwo⸗ — rungen, die in ſein Ohr drangen, mit eingeſchloſſen zu ſein— von ihnen fortgezogen, hatte ſich ſein 5 deutliches Bewußtſein in ein unbeſtimmtes, inbruͤnſtiges Verlangen nach dem verſoͤhnenden Troſte der Religion aufgelöſt, und eine koͤrperliche Erſchoͤpfung vollendete einen augenblicklichen Stillſtand ſeiner uͤberſpannten 1 Lebensgeiſter. Erſt, als ſeine Fuͤße unter ihm wichen, erwachte er, und von einem Geraͤuſche hinter ſich er⸗ ſchreckt, raffte er ſich zuſammen und erblickte, ſich um⸗ — wendend, vor Leſuͤeur's Bilde den Knaben, der ihn ge⸗ N leitet, in Thränen auf ſeinen Knieen liegend und friſche 6 Fruhlingsblumen davor ausbreitend.— Langſam folgte er der Richtung. Er ſtand vor Leſoͤeur's Bide, ohne es anzuſehn, den weinenden Knaben liebevoll betrach⸗ tend. Doch dieſer war fertig oder wollte mehr Blu⸗ men ſuchen— er enteilte in den Garten. Leonin ſank in einen Lehnſtuhl, in dem Leſuͤeur vielleicht ſein Bild vollendet hatte. Da glaubte er ſanfte Muſik ſich nahen zu hoͤren— horchend richtete er ſich auf.— Großer Gott, Fennimor ſtand vor ihm!— verklärt— auf lichten Wolken ſchwebend— um das weiße Unter⸗ kleid den blauen, duftigen Mantel mit Sternen auf den Schultern— die Maͤrtyrerkrone mit dem Heiligenſcheine in den goldbeſaͤumten braunen Locken — den tiefen Engelsblick des kindlichen Auges— das ſuße Lacheln um den ſchoͤnen Mund— den Palmen⸗ zweig in der zarten, weißen Hand! Sie ſchwebte vor, wie es erſchien; der leichte, nackte Fuß beruͤhrte kaum den Rand der Wolken, die ſie zu umwoͤlben ſtrebten. Sanft ſchien ſie vorgebogen, den Palmenzweig— das Friedens⸗ zeichen— hilfreich bemuͤht der Welt zu bieten, Troſt und Vergebung kuͤndigend aus der Welt, aus der ſie wieder nur gekehrt, Alle liebend einzuladen, die muͤhſelig und beladen im Erdenjoche keuchten. „Fennimor, Fennimor,“ rief Leonin und ſturzte auf ſeine Knie—„Du ladeſt mich zum ewigen Frie⸗ den! Zu Dir gehoͤre ich mit dem tiefſten Leben meiner Bruſt— Du rufſt mich zu unſerer Heimat— hier bin ich! Nimm' mich! Erbarme Dich des Suͤnders!— Selbſt im Suͤnd'gen gegen Dich gehört' ich Dir! Dir allein! Du geheiligte Liebe meiner Bruſt, ſchwebe nie⸗ der— nimm' mich mit fort!“ Erwartungsvoll ſank ſein Kopf auf den Blumen⸗ teppich vor Leſuͤeur's Bild, das Fennimor's von ihm ſo heiß geliebte Zuͤge, zur Heiligen verklärt, verherrlichte Er träumte, hoffte, jauchzte der ewigen Vergebung mit ihr entgegen— da beruͤhrte eine ſanfte Hand den kuͤh⸗ nen Schwärmer. Er fuhr empor— der ehrwuͤrdige Prieſter, der Leſuͤeur zum Tode eingeweiht, ſtand ernſt und mild uͤber ihn gebeugt. „Ermannt Euch, junger Mann!“— ſprach er mit weichem Tone—„die Pflicht der Freundſchaft ruft Euch an das Lager des Sterbenden! Schon um⸗ weht die ewige Ruhe jener Welt den muͤden Pilger — laßt ſie Euch heilig ſein und laßt, was irdiſch iſt, der Welt, die ihm ſchon entruͤckt iſt! Er iſt in ſchoͤ⸗ nem Frieden;— doch begehrt er Euch zu ſehen, und ihm muß werden, was er fuͤr die letzte Pflicht der Erde haͤlt. Doch ſeid es werth, den letzten Augenblick der verklärten Seele zu theilen— verſucht, des Frie⸗ dens theilhaft zu werden, der ihn umweht.“ „Hoͤrt meine Beichte!“ rief Leonin—„laßt mein Herz vor Euch erleichtert werden, ehrwuͤrdiger Prieſter! Gebt mir den Troſt, deſſen Eure reine Seele voll iſt!“ Jetzt nicht!“— ſagte ernſt der Prieſter— jetzt nicht, mein Sohn! Die Augenblicke Deines Freundes ſind gezählt. Erfulle erſt jene Pflicht und bedarfſt Du dann der Beichte noch, ſo melde Dich im Kloſter St. Sulpice, der Prior Trongon wird Deine Beichte anhoͤren.“ Leonin nahm alle ſeine Kraft zuſammen— ſeine Mienen druͤckten ſo deutlich ſeinen Seelenzuſtand aus, daß der ehrwuͤrdige Prior die Hand auf ſeine gluͤhende Stirn legte und ihm faſt unwillkuͤrlich, voll erhabener Ruͤhrung ſeinen Segen gab.— Leonin ſah ihn im Gefolge ſeiner Bruͤder verſchwinden— die Thuͤren des Sterbezimmers oͤffneten ſich— er ſtand vor dem verklaͤrten Antlitze Leſuͤeur's! Leſuͤeur blickte auf Leonin, und wie oft er ihn auch verwuͤnſcht, wie lebhaft er ihn gehaßt, die Ver⸗ klärung des Todes hatte dieſe Empfindung ſchon ge⸗ maͤßigt, ehe Leonin zu ihm trat; und als er ihn er⸗ blickte, mit den deutlichſten Zeichen des Schmerzes und der Gewiſſensangſt in dem bleichen Antlitze, erkannte er den bluͤhenden Mann, den er fruͤher geſehen, kaum wieder und fand wenigſtens nicht den verſtockten Höf⸗ ling, den zu haſſen er ſich ſo berechtigt gehalten hatte. —— 8 „ 34* „Ja, ja, ich erkenne es“— rief er matt— „Gott iſt gerecht! Er hat Dich ſchon gezeichnet, Du armer, verlockter Suͤnder, und Du thuſt ſchwere Buß⸗ in Deinem Inneren.“ „Nie, nie genug!“— rief Leonin und kniete an dem Bette des Sterbenden;—„und wenn kein Hauch des Lebens je wieder Frieden fuͤr mich bringt — doch iſt es keine zu harte Buße! Leſuͤeur, ach, wußteſt Du, wie ich es jeden Tag mehr und tiefer fuhle— Du hätteſt Erbarmen mit mir!“ Er barg ſein Haupt und hoͤrte einen tiefen Seufzer neben ſich. Am Fußende des Bettes kniete ein Prieſter im ſtummen Gebete— ſein Gewand verhuͤllte ihn gänzlich. „Groß und entſetzlich iſt Dein Verbrechen;— aber ich will wiſſen, in welchem Maaße Du geſuͤn⸗ digt— und ich, der ich ihr Freund— ihr Schuͤtz⸗ ling— ihr heiliges Werk auf Erden ward— ich will Dich fragen, und Du ſollſt dem Sterbenden die Wahrheit enthuͤllen. Willſt Du?“ „Ich will es!“ rief Leonin.— „Was ſagte Dir Souvré den Tag vor Deiner Hochzeit?“—„ „Ich ſei frei!— Und als ich mehr zu wiſſen verlangte, vertroͤſtete er mich mit der Wiederholung — dieſer Worte. Erſt am anderen Morgen erfuhr ich ihren Tod!“ „Ihren Tod?“ rief Leſuͤeur, ſeine Haͤnde zuſam⸗ menſchlagend—„ihren Tod? Ungluͤcklicher, weißt Du nicht, daß ſie lebte— daß ſie, Deine einzig, rechtmä⸗ ßige Gemahlin— daß ſie lebte, als Du das zweite Weib nahmſt?“ Ein dumpfer Ton des Entſetzens brach aus Leo⸗ nin's Buſen. Er ſtuͤrzte zuckend auf das Bett, wäh⸗ rend ſeine weit geoͤffneten Augen, auf Leſuͤeur ſtarrend, genugſam ſeinen fuͤrchterlichen Zuſtand verriethen. „Ja,“ fuhr der Freund Fennimor's mit erho⸗ bener Stimme fort—„obwohl der Tod lange uͤber ihrem Scheitel ſtand— mußte ſie dennoch leben! Als endlich der Vikar die Nachricht davon zu mir gelangen ließ, war Alles zu ſpät— der Frevel geſche⸗ hen— Ihr vermählt, und Fennimor gab ſchon Zei⸗ chen ihrer langſamen Aufloͤſung! Da beſchwor ich die Menſchen dort, ſie ſollten ſie beluͤgen— Euch in den Krieg gezogen ſchildern— ihr den Glauben ge⸗ ben, daß Ihr ſie verſtorben hieltet.“ „Gott, Gott,“ rief Leonin—„das Ungeheuer, das mich betrog— den ungeheuern Frevel mich bege⸗ hen ließ!“ „Klage Dich an, nicht Andere!“ rief dumpf der 349 verhuͤllte Prieſter—„Du wollteſt betrogen ſein— darum wurdeſt Du es!“ Betroffen blickte Leonin auf die duͤſtere Geſtalt, die ſeufzend und verhuͤllt neben ihm lag— ſchaudernd ſchien es ihm, als hoͤre er die Stimme ſeines eigenen Gewiſſens. Flehend rief er gegen den Sterbenden „Sage mir, ſage mir um der Barmherzigkeit Gottes Willen— wann ſtarb Fennimor? und wo— wo iſt mein Kind?“ „Hoͤre mich,“ ſprach Leſuͤeur—„Du biſt weni⸗ ger ſchuldig, als ich dachte. Gewiß ſcheint mir, Du glaubteſt an ihren Tod, als Du dieſe zweite Verbin⸗ dung ſchloſſeſt— und weil Dich das weniger ſchuldig macht, wie ich Dich hielt, ſo will ich Dir einen Tropfen reichen, der vielleicht in Etwas Deine Qualen dereinſt lindern kann.— Hoͤre denn— noch lebt Fennimor— aber am Rande des Grabes— und ihr einziger— heißeſter Wunſch iſt, Dich noch ein Mal zu ſehen!“ Mit einem Schreie war Leonin bei Leſuͤeur's letz⸗ ten Worten aufgeſprungen— ſeine zweite Bewegung war, fortzuſtuͤrzen— fort zu ihr hin— es war der einzige Gedanke, den er faſſen konnte! „Halt!“ rief Leſuͤeur und ergriff ſein Kleid. „Laß' mich,“ ſtammelte Leonin—„ich muß fort, fort zu ihr in dieſer Stunde— ohne Auf⸗ enthalt!“ „Nicht eher“— rief Leſuͤeur mit der alten Kraft —„als bis Du mir gelobt, ihre heilige Engelsruhe hier zu ſchuͤtzen— den Frevel ihr verhuͤllt zu laſſen, der indeß begangen.— Willſt Du bloß hin, um Dein ungeſtumes Herz vor ihr zu entladen, ſo treffe Dich der ganze Fluch des unglücks, das Du verſchuldet! Niemand wuͤnſcht Dich dort zu ſehen— und mit Recht;— doch Fennimor's Sehnſucht, die ſie nicht leben, nicht ſterben laͤßt, hat den Widerwillen der An⸗ deren, zu ſehen, gebrochen.“— 2 „O, laſſe mich fort, fort, fort zu Fennimor, zu meinem heißgeliebten Weibe— ich habe keine hei⸗ ligere Pflicht— ſie ſoll in mir Nichts finden, als ihren Gatten!“ „Und Viktorine?“ rief plotzlich die verhuͤllte Ge⸗ ſtalt, indem ſie ſich raſch vom Boden erhob;— und Fenelon ſtand vor Leonin, und aus ſeinem bleichen Antlitze blitzten zuͤrnende Augen. Leonin verhuͤllte ſein Geſicht! Doch nur einen Augenblick. Nichts konnte neben dem, was jetzt in ihm angeregt war, Raum behalten.„Und bennoch, dennoch muß ich fort! Iſt es moͤglich, Fenelon, ſo ſchuͤtzt Viktorinen— nicht um meinetwillen— um * ihretwillen— denken kann ich jetzt nicht fuͤr ſie— ich habe nur eine Pflicht— nur ein Gefuͤhl!— Aber betet— betet fuͤr mich, wie Ihr fuͤr den verur⸗ theilten Verbrecher betet— und lebt wohl!“ „Ungluͤcklicher!“— rief Fenelon—„armes Spielzeug des Augenblickes— zwei Kronen reichte Dir das Leben zum— zertruͤmmern!“ Leonin hoͤrte ihn nicht mehr. Auf Leſuͤeur's kalte Hand gebeugt, nahm er Abſchied von ihm fuͤr dieſe Welt— ſtreckte flehend die Hände gegen Fenelon em⸗ por und ſtuͤrzte zum Zimmer hinaus. Faſt beſin⸗ nungslos trieb es ihn fort— er waͤre zu Fuß nach Ste. Roche geeilt;— aber ſein Wagen ſtand vor der Thuͤre.„Jaques,“— rief er dem alten Kutſcher zu —„Du kennſt den Weg nach Ste. Roche— treibe die Pferde an— laß' ſie mit Poſt wechſeln— nur ſchnell, daß wir bald hingelangen!“ Der Wagen blieb halten. Dies eine Mal ge⸗ horchte Jaques nicht; denn er war gewiß ſich zu irren. Nach einigen Augenblicken ſtieg er vom Bocke und trat ehrerbietig an den Schlag:„Euer Gnaden be⸗ fehlen nach Hauſe?“ „Nein, Jaques! Nein, nicht nach Hauſe!“— rief Leonin mit einem Ausdrucke, der Jaques die Ahnung einer ganz ungewoͤhnlichen Begebenheit gab—„nach 352 Ste. Roche! Nach Ste. Roche! Ueberall friſche Pferde — und ſchnell, ſchnell!“ Jetzt gehorchte Jaques— der Wagen eilte fort— und Leonin dachte mit keinem Gedanken daran, daß im Pallaſt Crecy heute ſein Sohn getauft werden ſollte. —— Den Fahrweg durch das Thal von Ste. Roche entlang flog der einſame Wagen des Grafen Crecy; ohne Vorreiter, ohne Livreen, ohne berittene Diener oder Reiſegepäck. Niemand aus dem Schloſſe er⸗ kannte daher den Ankommenden. Nur Fennimor ſagte in dieſen letzten Tagen oft:„er komme jeden Tag zu ihr und weine lange und heiß zu ihren Fuͤßen, weil er ſich ſo ſehr nach ihr ſehne;— aber er ſaͤhe ſo bleich aus— und ſo anders, wie fruͤher, daß ſie immer weinen muͤſſe, wenn er komme.“— Das glaubte ihr Niemand, obwohl auch Niemand ihr zu wider⸗ ſprechen wagte. Aber, wer aus dem Nebenzimmer ſie zuweilen betrachtete, wenn ſie allein zu ſein glaubte, konnte wohl ſehen, daß in ihkem Geiſte eine beſondere Regſamkeit war. Himmliſch mitleidig blickte ſie in den leeren Raum, bis Thränen aus ihren Augen nie⸗ derfielen; ſie neigte ſich vor, und die feine, weiße Hand ſchien eine Täuſchung, die ihr vorſtand, erreichen zu wollen.— Wer hätte durch Gerauſch oder Frage ſie ſtören mögen! Alle, die ſie ſeit ihrem Ungluͤck umga⸗ te Roche I 23 ben, hatten ſich die Hand gereicht zu einem Bunde des Schweigens. Jeder bezwang das ſchwellende Herz uͤber ihr Schickſal, wie es wirklich war, und erwartete faſt mit Andacht, was ſie daraus machen wuͤrde. Lange Zeit hatte die Krankheit ſie mit einer Hef⸗ tigkeit beherrſcht, die wenig Hoffnung fuͤr ihre Gene⸗ ſung ließ— und ihr ſelbſt keine Beſinnung. Auch war der Arzt vom Anfange an uͤberzeugt, daß dieſe heftige Störung in der erſten, ſo verhaͤngnißvollen Zeit einer Mutter, ihre Lebenskraͤfte verzehren wuͤrde.— Und als er die erſte furchtbare Krankheit gebrochen hatte, wartete er nur, welchen Weg die Natur zu ihrer langſamen Aufloͤſung einſchlagen wuͤrde; denn den Ge⸗ danken an gänzliche Herſtellung raͤumte er weder ſich, noch den Anderen ein, wenn er den fliegenden Puls unter ſeinem Finger fuͤhlte— und faſt war Keiner der es wuͤnſchte. Auch blieb Fennimor's Zuſtand lange in einer Verhuͤllung, die halb geiſtig, halb körperlich war; und zum Erſtaunen, zur tiefſten Erſchuͤtterung gereichte es ihren Umgebungen, daß ſie aus der Gegenwart entruͤckt blieb und das ſpielende Kind in den Buchenwaͤldern von Stirlings⸗Bai war, mit allen holden Taͤndeleien und dem vollen Liebesſchatze dieſer Zeit. Daß dieſer milde Zuſtand mit der Geneſung en⸗ den muͤſſe, ſagten ſich Alle mit Schmerz, und ſo war auch ihr erſter Ruf:„Leonin!“ ein Symptom der Kri⸗ ſis— mit denſelben Uebergängen kehrte ſie zuruͤck— Thränenſtroͤme floſſen nieder— Keinem gab ſie Ant⸗ wort, als die eine:„er hat mich doch ſo ſehr geliebt!“ Dann trat ein tiefes Verſtummen ein, was ſie bei den nöthigen Störungen nachgiebig und verſtehend, aber völlig wortlos zeigte. Bis dahin hatte ſie weder ih⸗ res Kindes gedacht, noch war es ihr nahe gebracht worden. Da regte der Vikar dieſe Erinnerung in ihr an, und nach einigen Wiederholungen ſah man ihrem Aufhorchen an, daß ihre Gedanken aus dem Schlum⸗ mer geweckt wurden. Wie ruͤhrend war es, die ſtei⸗ gende Ahnung in dieſem bleichen himmliſchen Antlitze zu verfolgen;— plötzlich rotheten ſich die lilienweißen Wangen, die Augen gewannen Glanz, und ſie ſagte eindlich ſchluchzend:„ein liebes kleines Kind, was mein iſt!“ Da legte ihr Emmy das ſchlafende Weſen in den Schooß und zog den Schleier von ſeinem Koͤpfchen. Sogleich erkannte es Fennimor, und ein heißer Strom von Wonne fluthete noch ein Mal durch dies gebrochene Herz.„Mein Kind! mein liebes kleines Kind!“ ſagte ſie immerfort leiſe, bebend, aber mit einer Innigkeit und ſo wunderbarem Ausdrucke von Entzuͤcken, daß Beide davon ſchlichen, um im Nebenzimmer, ſchreiend faſt vor Erſchuͤtterung, ſich in die Arme zu ſinken und Thraͤnen zu weinen, die einem Gemiſche von Wonne und Schmerz angehoͤrten. Lange ließ man ſie allein— ſie bemerkte nichts, als ihr Kind. Als es erwachte und ſich ruhig dehnte, und die klaren Aeuglein mit dem Schlafe kaͤmpfend ſo lieblich blinkten, und die kleinen Haͤndchen das wun⸗ derliebliche Hämmern begannen, ſahen ſie Fennimor zuerſt leiſe lachen. Sie verſuchte es inſtinktartig an ihren bleichen Mund zu ziehen; aber die muͤden, ſchwa⸗ chen Haͤnde hatten dazu keine Kraft. Das Kind ward unruhig— ein leiſes Weinen hub an. Fennimor erſchrak und ward roth— ſie nahm alle Kraft zu⸗ ſammen und druͤckte es endlich an ihre Bruſt;— aber das Kind weinte nur lauter. Mit Gewalt faſt hielt der herbeigekommene Arzt die Freunde zuruͤck.—„Hieran wird ſie ſich ſammeln, ſtort ſie nicht!“ ſagte der ver⸗ ſtändige Mann—„Gott iſt groß in der Stimme der Natur!“ Die Angſt, es zu troͤſten, zeigte ſich deutlicher; ſie hatte nur zu bald eine Ahnung fruͤheren Gluͤckes em⸗ pfunden. Mit dem Bewußtſein, wie ſie es ſonſt be⸗ ruhigt, tauchte die Erinnerung ihrer langen Trennung von ihm aufj— ſeufzend ließ ſie die muͤden Arme niederſinken— vor ihrem Kinde fand ſie ihr Bewußt⸗ ſein, ihren Schmerz, ihr ganzes Ungluͤck wieder! Als ſie laut mit ihrem Kinde zuſammen weinte, traten die Freunde hinzu.— Emmy nahm das hilfsbedurf⸗ tige Weſen von ihrem Schooße. Da verſiegten Fen⸗ nimor's Thränen— ſie verſuchte aufzuſtehen, und da ſie es nicht allein vermochte, unterſtuͤtzten ſie der Arzt und Veronika. Wohin ſie begehrte, ſagten ihre Augen, die Emmy's Schritten folgten. Der Arzt gab im⸗ mer nach; ſie trugen Fennimor faſt, die von ihrer Hinfälligkeit nichts zu bemerken ſchien. Im Neben⸗ zimmer fand ſie ſchon die Baͤuerin mit dem Kinde an ihrer Bruſt. In tiefen Gedanken blieb ſie vor dieſem Anblicke ſtehen— ſie ſetzten ſie leiſe in einen Lehnſtuhl vor der mitleidigen Amme nieder, und Fen⸗ nimor ſah nun, wie ihr Kind von einer Anderen Leben und Troſt empfing. Tiefe Seufzer ſtiegen aus ihrer Bruſt auf— Thraͤne auf Thraͤne floß nieder, ein leiſes, ſchmerzliches Wimmern deutete an, daß ſie ihr großes Leiden langſam zu verſtehen begann. Die Bäuerin ſelbſt zerfloß in Thränen und kniete dann mit dem roſenroth gefärbten, ſuͤß entſchlafenen Kinde vor der unglucklichen Mutter. Da verlor der Schmerz ſei⸗ nen Stachel— der ſuͤße Athem, der uͤber die kleinen, rothen Lippen ſaͤuſelte, ſtieg erquickend zu ihr auf 358 das Kind verdraͤngte mit ſeiner reichen Schoͤnheit jede damit verknuͤpfte Beziehung. Fennimor bekam wieder den verklaͤrten Glanz von Wonne und verlor ſich ganz in ſeinen Anblick. Als es aber unter ihren zärtlichen Liebkoſungen erwachte und ſie erſt erſtaunt anſah, dann ſuchend das Geſicht der Baͤuerin fand, und das ent⸗ zuͤckte Laͤcheln des Erkennens plotzlich durch den gan⸗ zen kleinen Koͤrper zuckte, da richteten ſich Fennimor's Augen auf dieſen erſten Liebesgegenſtand ihres Kindes; — und als ſie den zaͤrtlichen Blick ſah, womit das gute Weib dies Erkennungszeichen erwiederte, lächelte auch ſie ihr freundlich zu und ſtrich leiſe mit der Hand uber das gutmuͤthige, braune Geſicht. Von da an behielt ſie eine ſtill verſenkte Epiſtenz in ihrem Kinde, uͤber das ſie oft in ruͤhrenden Gebe⸗ ten lag, die alle ſo harmloſe, ſuͤße Geſpraͤche mit Gott waren, ſo immer nur uͤber ſeine ſchoͤnen, wunderbaren Werke, daß Alle ſichtlich zu verſtehen glaubten, wie Gott ſie zu ſich zöge und ihr die Welt verhuͤlle, nur den Weg zu ihm ihr offen zeigend. Von ihrem eignen, raſch vorſchreitenden Zuſtande ſchien ſie keine Ahnung zu haben. Sie klagte nicht und doch legte ſie zuweilen die abgezehrte Hand auf die Bruſte und wenn der Arzt ſie fragte, ob ſie Schmerzen habe, ſagte ſie freundlich„immer! immer!“ Auch ließ „— der im Fieber fliegende Puls und das oͤftere Erbre⸗ chen von Blut keinen Zweifel über ihr Uebel. Gegen Anfang des Fruͤhjahres trat eine Verän derung ihres geiſtigen Zuſtandes ein. Der kleine Re⸗ ginald hatte eben die erſten Verſuche gemacht, ſich an dem Stuhle ſeiner Mutter aufzurichten, und das Er⸗ eigniß hatte Fennimor bis zu einem lauten Ausrufe des Jubels gebracht. Als Emmy herbei ſtuͤrzte, er⸗ blickte ſie das unſchuldige Gluͤck, was die gluͤhend er⸗ röthende Mutter erlebte, und ſah den ſchoͤnen, kleinen Reginald, der faſt nicht von ſeiner bleichen Mutter zu trennen war, wie er lachend und lallend vor Luſt, ſein erſtes Kunſtſtuͤck zu behaupten ſuchte und die kleinen, dicken Händchen eiſenfeſt um den gedrehten Stuhlfuß krampte. Emmy kniete liebkoſend neben dieſem einzigen Troſt ihres verduͤſterten Herzens nieder— da hoͤrte ſie Fennimor tief ſeufzen und dann den faſt vergeſ⸗ ſenen Namen Leonin ausſprechen.—„Wo er nur bleibt, Emmy?“ ſagte ſie;—„ich kann nicht, wie ſonſt, Alles bedenken; aber er muß lange fort ſein — und doch iſt ſein Kind ſo ſchoͤn, und er laͤuft ihm endlich entgegen, wenn er noch lange zögert.“ Emmy ſchwieg. Zu bitter war ihr Gefuhl! Sie hatte gehofft, Fennimor habe ihren Moͤrder ganz vergeſſen. Jetzt erwaͤhnte ſie ihn ruhig— freundlich— wie in ihr ganzes Leben verflochten„Der bleiche Mann, den ich immer fuͤr die Schlange hielt,“ fuhr ſie indeſſen fort—„der hat ihn von mir getrieben. Armer Leo⸗ nin, wie ſie Dich wohl quälen mogen in der böſen Welt, in der Du leben mußt! Ach, wie wollen wir Dich lieben, wenn Du wieder koöͤmmſt;— nun haſt Du einen mehr, der Dich liebt. Aber dort? Wer liebt Dich dort, wo die Muͤtter auch ſich verhärten können und von Gott abweichen, wie ich jetzt weiß. Da muß Dir das Herz ſchwer werden! Wo heibt er wohl, Emmy?— Und iſt es lange, daß er fort iſt?“ „Er iſt indeſſen mit dem Koͤnige in den Krieg gezogen,“ ſtammelte endlich Emmy, die gehaͤſſige Luͤge kaum uͤber die Lippen zwingend—„und Ihr waret ja lange krank.“ Nur allmälig kamen Erinnerungen und Bezie⸗ hungen in dem zerſchmetterten und jetzt durch die vor⸗ ſchreitende Krankheit erſchöpften Geiſt zuruͤck. Schon ſank das liebliche Haupt ermattet in den Stuhl; der kurze, fieberhafte Schlummer deckte die glänzenden und doch ſo tiefe Leiden verkuͤndigenden Augen. Emmy blieb mit dem Kinde zu ihren Fuͤßen. Sein ſuͤßes Lallen ſtoͤrte nicht mehr dieſen kurzen Schlummer— wenn es zu ihr drang, ward das ſchlafende Antlit 361 immer freundlicher. Auch ihre Träume mußten harm⸗ loſe Bilder enthalten, in welche die erſten Toͤne der kleinen Kinderſtimme hineinpaßten und ſie vielleicht leiteten und belebten. Doch war von dieſer Stunde an Leonin's Bild neben dem ihres Kindes, und ſie begann bei ihren langen, ruͤhrenden Gebeten, ihn ein⸗ zuſchließen und Gott anzuempfehlen— ihm vorzuſtel⸗ len, wie er ſeine Hilfe ſo nöthig habe, da er ihn doch in Verſuchungen fuͤhre. Wie er doch ja ſeine Seele behuͤten möge und immer bei ihm ſein! Dann ſchwieg ſie wohl; aber wenn ſie fort betete, mußte man glauben, Gott habe ihr indeſſen geantwortet; denn ſie ſagte— „das wußte ich wohl, daß Du bei ihm bleiben wirſt, und will auch nicht um ihn ſorgen, da Du es allein thun willſt!“ Oft beriethen ſich die Geſchwiſter mit Emmy und dem Arzte uͤber das Schickſal Fennimor's, deſſen ſchreck⸗ liche Härte ſie durch Leſuͤeur erfahren. Immer muß⸗ ten ſie einig daruͤber bleiben, daß ſie ihr Alles ver⸗ huͤllen muͤßten. „Lange brauchen wir es nicht mehr,“ ſagte der Arzt wehmuͤthig;—„das Gras gruͤnt— die Knospen ſchwellen— wenn die Blumen kommen, werden ſie uͤber ihrem Grabe aufbluͤhen!“ In dem Maaße, als der Ausſpruch des Arztes — ſich zu erfuͤllen ſchien, ſteigerte ſich Fennimor's Sehn⸗ ſucht nach Leonin— und dies ward dann die Veran⸗ laſſung der letzten Sendung an Leſuͤecur. Die Freunde* glaubten zu bemerken, daß Fennimor eine Ahnung von ihrer Auflöſung bekam. Sie hatte ihre Schwäche, wenn ſie daruͤber zur Erkenntniß gelangte, noch im⸗ mer auf die Geburt ihres Kindes bezogen. Jetzt wuͤnſchte ſie zuweilen aufzuſtehen, um die immer kuh⸗ neren Verſuche des kleinen Reginald unterſtutzen zu 1 können. Sie fuͤhlte nun, daß ſie es nicht mehr ver⸗ mochte und befrug Emmy darum. Ausweichend ant⸗ wortete das troſtloſe Weib ihrem hinſterbenden Lieblinge, und es ſchienen ſich an dieſen halben Worten in Fenni⸗ mor Folgerungen zu entwickeln, die ihr Gebet offenbarte Denn keine andere Mittheilung gab es mehr fuͤr ſie— die Freunde erfuhren den Gang ihrer Gedanken aus den lauten Geſprächen, die ſie in ernſter, kindlicher Un⸗ ſchuld tglich mit Gott fuͤhrte.„Du hätteſt mich doch bei meinem Kinde laſſen können!“ ſprach ſie—„Du hätteſt nur wollen duͤrfen, und meine Glieder hätten wieder Kraft gehabt, ihm zu folgen— und Leonin ——— — wie wird er weinen, wenn ich bei Dir bin und ——— — er mich nicht mehr ſehen kann! Ja,“ fuhr ſie dann fort—„freilich weißt Du Alles am beſten— auch gehe ich gern zu Dir, wie Du mir auch glaubſt. Aber 363 Dein Leben iſt doch auch ſo ſchoͤn, und ich muß es lieb haben, ſo lange Du es mir laͤßt— nur das Eine laſſe geſchehen, daß ich ihn wiederſehe, ehe ich ſterbe. — Du mufßt ihn ſchicken, wo er auch ſei— mache ihn los und fuͤhre ihn den Weg zu mir, daß ich mich noch recht erfreue an ihm!“ Dann hatte ſie Antwort be⸗ kommen und dankte Gott dafuͤr, daß er ihn ſchicken wolle. Täglich wiederholte ſich dies. Sie wunderte ſich vor Gott, daß er nicht komme, und troͤſtete ſich dann wieder durch ein neues Verſprechen, das ſie vernom⸗ men. So lenkte Gott die Herzen ihrer Freunde Was ſie auch mehr oder weniger Alle gegen Leonin empfinden mochten, Fennimor beugte ihren Sinn, ohne daß ſie es wollte, und Alle belebte nur noch der Wunſch ſeiner Ankunft, die Leſuͤeur ermitteln ſollte— die Fennimor jeden Tag ſchon im Voraus empfand und die durch die täglich näher ruͤckende Stunde ihrer Aufloͤſung immer dringender ward.— Leonin ſtieg am Fuße des Schloſſes aus ſeinem Wagen und fuͤhlte eine Scheu, ein Beben, ſich dem Sterbebette dieſer Heiligen zu nahen, welches ihn heran ſchleichen ließ, als durfe kein Geraͤuſch ſeine Ankunft verkuͤndigen. Wie ſchoͤn war Ste. Roche in dieſer erſten Fruͤh⸗ lingspracht! Es drängte ſich ihm uͤberall auf, ohne 364 daß er geneigt war, es zu genießen. Durch die Zim⸗ mer, durch die er leiſe ſtrich, wehte in die geoͤffneten Thuͤren und Fenſter der warme Hauch des Maitages. Es war der duftendſte, reinſte Morgen. In den Zim⸗ mern ſeitwarts hoͤrte Leonin ſprechen und das Ge⸗ raͤuſch beſchäftigter Perſonen. Doch die Zimmer, die vor Fennimor's kleinem Kabinette lagen, genoſſen der Ruhe;— nur die ſchoͤne Natur ſah in die großen, offenen Fenſter! Jetzt ſtand er vor dem letzten Zimmer, welches ihn von Fennimor's Kabinet trennte. Auch hier konnte ſie ſein— ob er ſie nicht vorbereiten muͤſſe, draͤngte ſich ihm auf. Zweifelhaft und horchend blieb er ſtehen; er hoͤrte ein Geraͤuſch— aber es war eine Art La⸗ chen und lallendes Kraͤhen. Plötzlich trat eine Ahnung ihm naͤher— er druͤckte leiſe das Schloß auf und ſtreckte den Kopf in die Thuͤr. Er hatte ſich nicht geirrt! Auf einem gruͤnen Teppiche, der gegen die Fenſter hin ausgebreitet war, lag ein holdes Kind im kurzen, weißen Roöckchen, das es kaum bedeckte und Arme und Beinchen, die in großer Thätigkeit waren, frei ließ. Es machte die reizenden, kleinen Verſuche, ſich eifrig kriechend fortzuſchieben, um die glaͤnzenden Schälchen und Töpfchen, die wahrſcheinlich, um es zu ſeinen Verſuchen anzuregen, an den äußerſten En⸗ — —,— 365 den des Teppichs vertheilt waren, zu erreichen. Es ru⸗ derte mit den reizenden, roſenrothen Fuͤßchen mit einer Schnelligkeit und einem Eifer, daß ſeine bluͤhenden Wongen noch friſcher erſcheinen; und je naͤher es dem glaͤnzenden Gegenſtande kam, je lauter lallte und kraͤhte es vor Luſt und Begierde. Neben ihm ſaß auf einem Kiſſen eine Frau in laͤndlicher Tracht, die, den Ruͤcken nach Leonin gewandt, doch bemerken ließ, wie zärtlich ſie das Kind huͤtete; denn, wenn das holde Geſchoͤpf ausglitt und einen Augenblick auf ſeinem Geſichtchen lag, ehe die ſtarken Aermchen ſich wieder empor ar⸗ beiteten, ſah man deutlich, wie ihre Haͤnde ihm gern zu Hilfe gekommen wären. Auch blickte der kleine, fleißige Ruderer ſich dann jedes Mal nach ihr um, jauchzte aber nur, wenn ſie in die Haͤnde ſchlug, und ruderte ſchnell weiter. Leonin wußte, daß es ſein Kind ſei, und er fuhlte vor ihm alle unnennbare Wonne, den ganzen Wahnſinn einer Entzuͤckung, die uns der uͤbrigen Welt entzieht! Er ſtand jetzt neben dem Teppiche— jauch⸗ zend ergriff eben das Kind das blanke Tellerchen— da rollte es hinunter auf Leonin's Fuß. Schon kniete er und hielt es ihm hin— das Kind blickte ihn er⸗ ſtaunt an, dann lachte es und griff nach dem Tel⸗ lerchen. Leonin hielt es ganz bewußtlos in die Hoͤhe — da arbeitete ſich das himmliſche, kleine Weſen an ſeinen Knieen in die Hoͤhe, und Leonin umſchlang es und hielt es, und es langte um ſo viel hoͤher nach ſeinem Tellerchen und ergriff es jetzt wirklich, laut jauchzend. Leonin's Herz wollte in Wonne zerſpringen! Er hielt ſein Kind im Armz er fuͤhlte, wie er es ſtuͤtzte, wie die kleinen Beinchen, ſo ſtark und kräftig ſie waren, doch noch immerfort einknickten— und er durfte es hal⸗ ten, an ſich druͤcken, und es ſcheute ihn nicht! Die Baͤuerin ſah ſtill zu. Sie wußte Alles, wie ſie den fremden Herrn ſah. Fuͤr das Natuͤrliche hat der einfache Menſch immer das richtigſte Verſtehen. „Bringe ihn mir, Leonin!“ toͤnte es da mit einem Male— ein bekannter, leiſer, ach, uͤberirdiſcher Ton! Aber er ließ Leonin erbeben, als ob ein Donnerſchlag ihn traͤfe— er brach faſt zuſammen, und ſeine Er⸗ ſchuͤtterung war ſo plotzlich, daß das Kind davon er⸗ ſchreckt ward, ſich in ſeinen Armen wand und in Thrã⸗ nen ausbrach.„Reginald,“ ertönte dieſelbe ſanfte Stimme—„o komm' her! Leonin, bringe ihn mir!“ Leonin ſprang mit dem Kinde im Arme auf und flog der Richtung nach.— In einer der offenen Fenſterthuͤ⸗ ren, die nach dem Garten gingen, ſtand ein hoher Lehn⸗ ſtuhl, der die Richtung nach dem Teppiche hatte In S dieſem Lehnſtuhl ruhte Fennimor's verklaͤrter Geiſt— ſo glaubte Leonin.— Er reichte ihr den Knaben auf ſeinen Knien, und als dieſer, gewohnt hier Hilfe zu fin⸗ den, ſeine Aermchen um ihren Nacken ſchlang und ſich innig in ihre muͤden Arme druͤckte, und das holde, wun⸗ derſchoͤne Kind nun in den weißen Gewändern ruhte, die Fennimor's Lichtgeſtalt umgaben, da ſah Leonin einen Engel, der mit ſeinen weißen Fluͤgeln dies bluͤ⸗ hende Leben in ſeinem Schooße deckte. Aber ſie laͤchelte verſcheidend uͤber das Kind hin ihm zu und hob die bleiche Hand— und dieſe winkte ihm. Doch der Ungluͤckliche hatte keine Thraͤne, keinen Seufzer, keinen Laut! Seine Augen ſogen mit jedem Augenblicke mehr ſo unnennbare Qualen ein, daß es dafur kein Zeichen in der Sprache giebt: ſie ſtarb— ſie war ſchon halb verklaͤrt— vielleicht ſanken im nächſten Augenblicke dieſe Augenlieder, und ſie war todt! „Ach, Leonin, ich wußte es wohl, wie Du trau⸗ rig ſein wurdeſt! Aber Gott will es— er hat mir ge⸗ ſagt, ich koͤnne nicht länger leben;— aber fuͤr Dich und unſer Kind wolle er ſorgen— und da bin ich denn ru⸗ hig und will zu ihm gehen, da er es will.“— Nach einer Pauſe fuhr ſie leiſe fort, indem ſie verſuchte, den Kopf gegen Leonin zu beugen!„Ich glaube dabei heim⸗ lich, die Trennung wird ſo ſtreng nicht ſein;— denn, obwohl mir Gott Nichts ſagt, denke ich doch, ich werde noch zuweilen bei Euch ſein.“ Sie laͤchelte dabei ſo ſuͤß begluͤckt, als habe ſie Gott dies kleine Geheim⸗ niß abgelauſcht. „O, nimm mich mit!“ rief Leonin und ſtuͤrzte ſich mit dem Kopfe auf das Kiſſen, worauf ihre Fuͤße ruhten.— „Ja, das dachte ich auch— und wußte wohl, wie gern Du es gemocht haͤtteſt;— aber Gott will nicht.— Du ſollſt noch Vieles erleben— ich kann das nie begreifen;— denn meine Gedanken haben keine Kraft mehr;— aber das weiß ich wohl— Du ſollſt leben!“ Leonin weinte nun. Er fuͤhlte eine leichte, aber kalte Hand uͤber ſeinen Kopf ſtreichen— er hob ſich auf— Fennimor hatte verſucht, ſich nieder zu beu⸗ gen;— noch immer hatte ſie die reichen Locken, die wie eine Glorie leuchteten— ſie beſchatteten faſt ihr feines Antlitz. „Leonin,“ ſagte ſie kaum hoͤrbar—„ich wollte Dich noch ſo herzlich lieben— weil Dich die Welt da draußen ſo troſtlos laͤßt— Du kamſt zu ſpät, ich habe keine Zeit mehr!“ Ihr Kopf war auf Leonin's Geſicht geſunken— er hielt ſie im Arme— das Kind lag gluͤhend wie eine Roſe, mit ſeinen eignen Händchen ſpielend, in ihrem Schooße.— „Fennimor, geliebte Fennimor, o ſtirb nicht— ſtirb nicht, ehe Du mir vergeben haſt!“ „Du haſt mich ſo ſehr geliebt und immer liebſt Du mich!“ ſtammelte ſie leiſe.—„Ich komme, mein Vater!“— fuhr ſie mit freundlichem Engelslallen fort—„Du haſt mein Bitten erfuͤllt— ich habe ihn wieder— nun halte ich auch Wort— nimm mich hin, mein Gott!— Mein ſuͤßes, kleines Kind!— Mein Leo⸗ nin!— Mein Vater, ich komme!“— Das bleiche Haupt, das auf ſeinem Antlitze ruhte, ward kalt und ſchwer. Er fuͤhlte ein leiſes Zittern durch ihren Korper— dann war Alles ſtill und ruhig;— aber ſie ward immer ſchwerer— er wußte Alles— aber er hielt ſie feſt.— Es war ſelbſt ihr entſeelter Koͤrper noch ein Schild gegen den Wahnſinn, der ihn bedrohte. Da war das Kind leiſe nach dem Kopfe ſeiner Mutter hingekrochen;— es wollte ſich an ihr auf⸗ richten; aber der lebloſe Koͤrper gab nach, das Kind fiel in Leonin's Arme. Inſtinktartig faßte er das ſchoͤne, kleine Weſen, das nun die Locken ſeiner Mutter ergriff und im freu⸗ digen Lallen an ihr hinaufſteigen wollte. Die Baͤuerin trat hinzu, ſie nahm das Kind in ihren Arm und Ste. Roche 1) 24 — lehnte Fennimor ſanft in den Lehnſtuhl zuruͤck. Da erfuhr auch ſie, was geſchehen, und winkte den fern⸗ ſtehenden Arzt herbei, wahrend Leonin's Kopf auf Fen⸗ nimor's Fuͤße ſank in jener gluͤcklichen Betaͤubung, die uns gegen jeden Schmerz unempfindlich macht. Der Arzt legte die Hand auf Fennimor's kalte Stirn, er ſuchte ihren Puls— er hatte aufgehort zu ſchlagen! Lange betrachtete er das ſuße, bleiche Engelsantlitz, dann reichte er dem Vikar die Hand, der indeſſen mit Veronika hereingetreten war.„Goͤnnen wir es ihr!“ ſagte er milde. „Laßt uns beten!“ erwiederte der erſchutterte Vi⸗ kar— und Keiner hielt ſeine Thraͤnen zuruͤck. Doch ward dieſe milde Stimmung rauh unter⸗ brochen durch Emmy's plotzlichen Eintritt. Keiner wagte ihr das Geſchehene mitzutheilen; forſchend blickte ſie die Weinenden an— ſie ſtuͤrzte gegen den Stuhl— ſie ergriff Fennimor's lebloſe Hand und ſtieß einen wilden Schrei aus. Jetzt erblickte ſie Leonin's faſt eben ſo lebloſe Geſtalt. „Moͤrder! Moͤrder!“ ſchrie ſie—„biſt Du ge⸗ kommen, ihr den letzten Athem zu ſtehlen? Boͤſewicht, treffe Dich Gottes Gericht— ſein Fluch!“— „Halt!“ rief der Vikar—„ſtört den heiligen Frieden dieſes Engels nicht! Bezwingt Euer unge⸗ 5 ſtumes Herz! Seht Ihr nicht auf dieſem Antlitze, daß ſie vergebend geſtorben iſt?“ „Vergebend? ihrem Moͤrder vergebend?“ ſchrie Emmy Gray.—„Nein, nein, ich will es nicht denken! Sie darf ihm nicht vergeben! Niemals, niemals darf der Fluch dieſer That von ſeinem Haupte ge⸗ nommen werden!“ Mit Entſetzen ſahen Alle, daß der Schmerz, der Haß, den ſie, ſo lange Fennimor lebte, zuruck⸗ gepreßt hatte, jetzt mit der wilden Gewalt der Ver⸗ zweiflung hervorbrach. Mitleiden und Entſetzen kämpfte in Aller Bruſt. Emmy's Augen leuchteten wild— ſie richtete ſie auf Leonin's Geſtalt, als hoffte ſie ihn damit zu töͤdten.„Bringt ihn weg von ihr! fort, fort! Er hat kein Recht mehr an ihr! Er darf ſie nicht beruͤhren! Sie wird entehrt durch ſeine Nähe!“— „Faßt Euch!“ ſagte ſtreng der Arzt—„Ihr handelt thöricht und hart! Seht Ihr nicht, daß er faſt des Lebens ſchon beraubt iſt?“ „Ha, Ihr tretet auf ſeine Seite? Ihr habt das Elend ſchon vergeſſen, das er geſtiftet? Ihr mögt ihm verzeihen? Nun denn, ſo ſeid Ihr ſo ſchlecht, als er, und auch von Euch will ich mich losſagen! Fort von allen Menſchen, fort! Aber mein Fluch 24½ 372 bleibt ihm und Allen, die ihn vertreten wollen. Er werde an Allem erfuͤllt, was er noch zu beſitzen und zu lieben wagt! Mein Leben will ich erhalten zur Mahnung ſeiner Suͤnde— mein Tagewerk ſoll ſein, ihn mit meinen fluchenden Gedanken zu verfolgen!“ Sie ſtüͤrzte in das Heiligthum ihres Lieblings, in Fennimor's Kabinet. Dort hoͤrte man einen Fall. Die Frauen wollten ihr nach.„Laßt das,“ wehrte ihnen der Arzt—„ihre rauhe, unbezähmbare Na⸗ tur bedarf des Ausbruches— wir könnten ihr nicht helfen!“ „So laßt uns beten!“ wiederholte der Vikar — und Alle knieten jetzt um Fennimor's verklärte Leiche. Der Vikar ſprach Gebete aus ſeinem Herzen, in der Form des gewoͤhnlichen Sterberituales. Es ſchien, er ſprach ſie uͤber zwei Leichen; denn Leonin blieb be⸗ wegungslos liegen, und uͤber ihm ſtiegen dieſelben frommen Worte empor, wie uͤber Fennimor. Und dennoch hatte der Ungluͤckliche nicht aufgehoͤrt zu leben. Langſam knuͤpfte ſich ſein Bewußtſein an die Worte wieder an, die zu Anfange bloß ſein Gehor erreicht. Aber er ſchauderks) als er ſein wiederkehrendes Leben bemerkte; denn er fuͤhlte die Verzweiflung, die alle Stutzen niederreißt und Nichts, als den Willen * übrig läßt, ſo elend zu ſein, daß jede Rettung un⸗ möglich wird. Mitten in den Gebeten des Vikars richtete er ſich aufz er blickte Alle an, und auf's neue ſank ſein Kopf in Fennimor's Schooß. Sein Anblick hatte den verſohnenden Eindruck gewaäͤhrt, wenn die gerechte Strafe, als Vergeltung ſchwerer Ver⸗ gehungen, das ſchuldige Individiuum trifft und ihn damit von dem Haſſe ſeiner Mitmenſchen zu er⸗ löſen ſcheint. Das göttliche Mitleiden gewann wieder Raum in der Bruſt der ſchwer beleidigten Freunde Fennimor's.— Der Vikar ſegnete die Leiche ein und bat alsdann um Gnade fur ihren leidenden Gatten, um Schutz fuͤr das verwaiſte Kind. Die Verſöhnung lag darin— er ſetzte voraus, daß ſie, wie bei ihm, ſo bei allen Anweſenden eingekehrt ſei, und ſprach damit das Gefuͤhl Aller aus. Sie erhoben ſich. Die Bäuerin, die zunachſt an Fennimor's Seite kniete und das ſchlafende Kind an ihrem Buſen trug, ſagte in ihrer ſchlichten Weiſe „Herr Vikar, ich war dabei, als unſere gnaͤdige Frau Gräfin ihren Gemahl empfing. Sie war voll großer Liebe und nur traurig, daß ſie nicht Zeit be⸗ hielt, ihn genug zu lieben. Das wollte ich nur ſagen, daß wir jetzt des armen Herten gedenken moͤchten, nach ihrem Willen.“ „Es ſoll geſchehen,“ erwiederte der Vikar ernſt. — Er nahte ſich mit dem Arzte dem Ungluͤcklichen und redete ihn bei ſeinem Namen an. Leonin fuhr zu⸗ ſammen— er blickte entſetzt empor „Fennimor's Freunde,“ ſtammelte der blaſſe Mund,„Ihr könnt kein Erbarmen mit mir haben!“— „Wir haben kein Recht, Euch zu richten. Gott vollfuͤhrt das in Euch— er moͤge uns Allen gnädig ſein!“ ſprach der Vikar.—„Und dieſer Engel hat vergeben— ſeht, es ſteht auf ihrer heiligen Stirn!“ Leonin blickte hin— die Locken lagen nun ge⸗ cheilt und zeigten frei das erblaßte, himmliſche Antlitz. Es hatte den Frieden der hoͤheren Welt— die Gluͤck⸗ ſeligkeit erreichter göttlicher Gemeinſchaft! Es hatte noch immer denſelben Charakter, wie in den Wäldern von Stirlings⸗Bai. Es war ein ſuͤßes, laͤchelndes Kind mit einem Heiligenſcheine. Leonin's Blick, der dies Bild vollſtändig auffaßte, ward die hell leuchtende Fackel, die mit jaͤhem Lichte ſein ganzes Leben uͤberblitzte. Ein inhaltloſes Gewebe zwiſchen Reue und Suͤndigen trat hervor— Fennimor ſein groͤßtes Verbrechen, ſein einziger, hoͤherer Lichtblick! Er ſtand auf und fuͤhlte mit Entzuͤcken, daß er krankwar. Beide Männer hielten ihn.„Fennimor, mein Weib, Du haſt mir vergeben, und Du biſt gerächt!“ — Er gab nach, als man ihn bat, weg zu gehen— er fühlte ſich durch ſeine Schuld unberechtigt und ſcheu, den Freunden zu widerſprechen; dabei nahmen ſtechende Schmerzen in Bruſt und Kopf ſein klares Bewußtſein ein. Er verließ ihren heiligen Anblick und blieb davon getrennt. Der Arzt ſorgte, daß er ſich in ſeinem Zimmer niederlege, und war ſchnell uber ſeinen Zuſtand im Klaren. Lange ſchon hatte das Gift der Krankheit ihn durch⸗ ſchlichen, willkommen der Gelegenheit brach es aus. Indeſſen ordnete Veronika mit jungfräulichem Sinne die Beſtattung Fennimor's. Nur ſchwer trenn⸗ ten ſich Alle von der unveraͤndert bleibenden Leiche. Das Gewölbe, in welchem die fromme Koͤnigin Clau⸗ dia in einſamer Stille ruhte, war ſchoͤn und heiter aufgeräumt. Hier ward Fennimor's Sarg aufgeſtellt, bis die Gruft gemauert war, welche die Freunde an der Stelle graben ließen, wo die holde Frau, wie ſie ſagten, geſtorben war: unter dem Fenſter, in dem kleinen bluͤhenden Garten, den ſie ſelbſt angeordnet, und über den hinweg ſie Leonin's Reiſezug verfolgte, als Souvré ihren Blick darauf hinleitete. Unter gruͤ⸗ nem Raſen, unter ihren Blumen, die ſie ſo liebte, ſollte ihre ſchoͤne Huͤlle ruhen. Mit großer Sorge erfuͤllte Emmy's Zuſtand die bekuͤmmerten Freunde Ihr Schmerz fand keine Milde „ — er verhärtete und erbitterte ihr leidenſchaftliches Perz. Sie ſchien ſie jetzt Alle zu haſſen und wies mit Zorn und Wildheit jeden Verſuch, ihr näher zu treten, zuruͤck. Das Kind entfuhrte ſie faſt den Uebrigen und eiferſuͤchtig entzog ſie es den Blicken Aller. Die Amme mußte ſich mit ihr abſperren, und nur ſie durfte das Nöthigſte fuͤr die Ungluͤckliche beſorgen. Als die Be⸗ ſtattung voruͤber war, ſchloß ſie die Raume und wehrte Jedem den Eingang. Indeſſen lag in einem fernen Theile des Schloſſes der ungluͤckliche Herr deſſelben toͤdtlich erkrankt darnie⸗ der, und Veronika, der Vikar und der Arzt erfullten theilnehmend die Pflichten der Menſchheit gegen ihn. Viele Wochen verſtrichen, der Zuſtand blieb gleich be⸗ denklich! Alle Boten mußten ohne Antwort zuruͤck, alle Briefe aus Paris blieben unerbrochen an ſeinem Bette liegen— ihm fehlte die Beſinnung. Endlich erſchien ſein Kammerdiener; er theilte ſtumm und traurig die Dienſtleiſtungen und ſchrieb den Zuſtand ſeines Herrn; denn Niemand hatte ſich geneigt gefuhlt, dieſen Dienſt für die Verachteten zu uͤbernehmen. Bald traf der Leibarzt des Hauſes Crecy ein— er ſch den zweifelhaften Zuſtand, mußte die Hilfe des Arztes von Ste Roche fuͤr ausreichend anerkennen und kehrte zuruͤck. Die Jugend ſiegte; Leonin genas. Aber er ward unter ſeinem wiederkehrenden Bewußtſein ein Greis. Sein ſchoͤnes braunes Haar fing an zu erbleichen, ſeine Geſtalt beugte ſich, ſeine Abzehrung war er⸗ ſchreckend. Er ſaß Tagelang in dem kleinen Garten und ſah, wie die Arbeiter Fennimor's Gruft gruben Er fragte dem uͤbrigen Leben nicht nach— der Arzt rieth Allen, ihn zu ſchonen. Standhaft weigerte ſich Emmy Gray, ihm ſein Kind zu zeigen; ſie verram⸗ melte ihre Thuͤren, und nur, wenn er in dem kleinen Garten ſaß, hoͤrte er zuweilen ſein Kind durch das geoͤffnete Fenſter jauchzend lallen. Dann ſchauderte er zuſammen und ſtreckte die Arme ſeufzend hinauf; wenn er aber hoͤrte, daß Emmy es ihm verweigerte, ſagte er:„Ich habe auch kein Recht, es zu fordern!“ und that die Sehnſucht zu ſeinen uͤbrigen Schmerzen. Er war jetzt einen Monat in Ste. Roche, und der Kammerdiener, durch die verſchiedenſten Aufforde⸗ rungen von Paris gedrängt, verſuchte, ihn zur Ruͤckkehr zu bereden. Leonin ſchwieg, wie immer, zu dieſem Draͤngen, und der arme Mann wußte ſich keinen Rath mehr; er mußte glauben, ſein Herr habe das Gedächt⸗ niß verloren; denn auch die Briefe, die der Kammer⸗ diener ihm uͤberreichte, blieben unerbrochen und, wie es ſchien, ohne auch nur entfernt ſein Intereſſe zu wecken. Endlich glaubte er, die Hilfe des Arztes und des Vi⸗ kars nicht mehr entbehren zu koͤnnen— er bat ſie um ihren Beiſtand, und Beide verhießen ihn. Leonin hoͤrte ſie, vor Fennimor's Gruft ſitzend, ruhig an, und ſein Auge ſchien den Grund durch⸗ dringen zu wollen, der nun bald zur Aufnahme des Sarges bereit war.„Sie ſollen meinen Sarg einſt neben den ihrigen ſtellen,“ ſagte er endlich mit großer Anſtrengung. „Dieſe Beſtimmung wird, wenn Ihr es wuͤnſcht, leicht zu erfullen ſein,“ erwiederte der Vikar.„Doch laßt Allem ſein Recht! Habt Ihr uͤber Euren Tod beſtimmt, ſo beſtimmt jetzt auch uͤber Euer Leben. Denkt, wie Viele noch Anſpruche an daſſelbe haben— wie Viele Eurer Fuͤrſorge anvertraut ſind!“ „Ich ſorge, denke ich, am beſten fur ſie, wenn ich ſie nicht wiederſehe!“ ſeufzte Leonin.—„Was kann ich ihnen noch ſein? Ich finde ein entehrtes Weib, ein beſchimpftes Kind. Ich muͤßte eine Mutter wiederſehen, die mich nie geliebt und meine elende ſchwache Natur nur als Mittel zu ihren Zwecken gemißbraucht hat. Was ich empfinde, kann den dor⸗ tigen Zuſtaͤnden nicht zu Hilfe kommen;— es iſt beſſer, ich verſchmachte hier, Allen dort ein Sn ibend“— ——— 329 „Lieber Herr,“ unterbrach ihn der Vikar—„dies iſt ſicher ein großer Irrthum! Und ich rede um ſo ernſter und dringender mit Euch, da ich gewiß weiß Fennimor, die Verklaͤrte, wuͤrde eben ſo in Euch drin⸗ gen. Ihr muͤßt Euch der Liebe, der Vergebung jetzt wuͤrdig zeigen, die ſie Euch ertheilte. Denkt an Eure unſchuldige, jetzt rechtmaͤßige Gemahlin! Konnt Ihr Fennimor's gebrochenes Herz beleben dadurch, daß Ihr ſie auch hinſterben laßt in Gram und Sorge?“ Erſchuͤttert blickte Leonin auf.„Die arme Vik⸗ torine,“ ſeufzte er—„ſie hat es eben ſo wenig ver⸗ dient!— Mutter, Mutter, Du haſt alles Boͤſe in mir, in meinem Schickſale geſaͤet! Gott mag es Dir vergeben, ich kann es noch nicht!“ „Wie koͤnnt Ihr Euch unverſoͤhnlich zeigen, da Fennimor es nicht war?“ ſprach der Arzt.„Es iſt Eure Mutter, junger Mann! Die Verpflichtung hort nie auf, die Kinder gegen ſie haben. Oft werdet Ihr Euren Willen behauptet haben— macht ſie nicht verantwortlich dafuͤr, wo Ihr hättet widerſtehen muͤſſen!“ „Leſet dieſen Brief, Herr Graf,“ fuhr der Geiſt⸗ liche fort—„er iſt ſeit längerer Zeit fuͤr Euch ange⸗ kommen,— und entſcheidet Euch dann fuͤr Eure Ruͤckkehr!“ „Und mein Kind?“ rief Leonin, indem er den Brief ſeiner Gemahlin erbrach. „Herr Graf,“ ſagte der Arzt—„wir muͤſſen die Ungluͤckliche ſchonen, die es jetzt eiferſuͤchtig behütet. Wir hätten mehr zu fuͤrchten, als wir verantworten könnten, wenn wir uns jetzt in ihren wilden, harten Schmerz draͤngten. Gut aufgehoben ſind die erſten zarten Jahre des Kindes bei ihr; wir ſind ihr alle ein beſonderes Zeugniß ihrer Tuͤchtigkeit ſchuldig und behalten jedenfalls einen Ueberblick, den ſie mir na⸗ mentlich, als Arzt, nicht entziehen wird; da ſie weiß, daß ſie mich noͤthig haben kann.“ Leonin ſchwieg noch immer; aber als die Freunde ſahen, daß er ſeine Augen auf den entfalteten Brief richtete, zogen ſich Beide zuruͤck, in einiger Entfernung ihn beobachtend. „Die Trennung, in der wir plötzlich leben,“ ſchrieb Viktorine—„wird mir nicht hinreichend erkläͤrt durch „das, was man mich will glauben machen. Ihre Ab⸗ reiſe konnte nur durch ein beſonderes Ereigniß mo⸗ „tivirt werden. Sie haͤtten mich um geringer Ur⸗ „ſache Willen nicht verlaſſen, Ihre Familie nicht in „Verlegenheiten geſturzt, die fur Sie wichtig ſind. „Man ſagt jetzt, Sie waͤren krank, und hält mich „doch zuruͤck, zu Ihnen zu reiſen. Ich werde Ihre Ant⸗ — „wort erwarten und hoffe, daß Sie mir ſelbſt die „Erlaubniß geben, zu Ihnen zu kommen, wenn Ihre „Geſundheit Ihre Abreiſe verzögert; denn dann iſt „mein Platz bei Ihnen, und ich habe keine hoͤhere „Pflicht, darf auch meiner eignen Geſundheit jetzt ſchon „vertrauen.“ „Laſſen Sie nichts Fremdes zwiſchen uns treten; „— ich weiß Ihnen kaum auszudruͤcken, wie ſeltſam „mich das beruͤhrt, was wie ein Geheimniß plotzlich „zwiſchen uns tritt. Laſſen Sie mich— was es auch „ſei— den mir zuſtehenden Platz Ihrer Freundin „einnehmen. Ich traue hier Niemandem, ich hoͤre mit „Widerwillen und Mißtrauen, was man mir von Ih— „nen ſagt— ich kann es Niemandem beweiſen, und „doch fuͤhle ich, es iſt nicht wahr!“ „Ihnen will ich glauben und gehorchen— ant⸗ „worten Sie nicht, reiſe ich ab. Gott behuͤte Sie! Viktorine.“ 8 Antworten Sie nicht— reiſe ich ab,“ rief Leo⸗ nin—„o nein, das darf nicht ſein! Hier darf ihr Fuß nicht raſten— hier kann ich ſie nicht wieder⸗ ſehen!“ „So muͤßt Ihr alſo zu ihr,“ ſagten die beiden Freunde, die wieder näher traten—„dies edle Weſen darf nicht in die Verwirrung verflochten werden, die ihr hier nicht zu entziehen waͤre. Schont wenigſtens ſie noch! Ihr rettet nicht, was Euch verloren, wenn Ihr ſie auch aufopfert.“ „Ach, meine Freunde,“ ſeufzte Leonin—„ich unterziehe mich Eurem Ausſpruche; denn ich habe kein Recht mehr, nach dem Einzigen zu greifen, was mir wohlthun koͤnnte. Aber der Fluch, den ich auf mein Haupt herabgezogen, wird alle Verhäaͤltniſſe beruͤhren, in die ich zu treten wage. Ich werde Viktorine durch meine Ruͤckkehr zu ſchuͤtzen ſuchen; aber mein Anblick, mein zerſtortes Innere wird ihr nicht zu entziehen ſein, und wenn ſie Erklarung fordert, werde ich ihr die Wahrheit verhuͤllen und ſie damit von mir fern halten, oder ich werde ſie ihr geſtehen und ſie damit rettungs⸗ los ungluͤcklich machen.“ Die beiden Maͤnner ſchwiegen geruͤhrt— er⸗ ſchuͤttert von dem Zuſtande des Ungluͤcklichen, und hauptſaͤchlich durch die Ueberzeugung bewegt, daß er der Kraft ermangeln werde, ſeinem verworrenen Leben eine verſoͤhnende Geſtaltung zu verſchaffen. Doch wa⸗ ren Beide, ſo lange er noch mit ihnen zuſammen war, bemuͤht, ihn in ſeiner abgeſpannten, duͤſtern Stim⸗ mung zu ſtutzen und ihn zu einer ſchonenden Zuruͤck⸗ haltung gegen ſeine ungluͤckliche Gemahlin zu beſtim⸗ men; da ſie nach dem, was ſie uͤber den edeln, aber feſten und ſtolzen Charakter der jungen Graͤfin ver⸗ nommen hatten, nur annehmen konnten, daß die Er⸗ kenntniß ihres unberechtigten, durch den groͤßten Frevel entweihten Verhaͤltniſſes, ſie zu einer entſchiedenen Trennung fuͤhren werde, die Beide dann gleich un⸗ glucklich machen mußte. Aber Alle blieben uͤber den Erfolg ihrer Bemuͤhungen unſicher. Es war neben einer kalten Verachtung des Lebens eine Bitterkeit, eine Geringſchaͤtzung gegen die Menſchen und Zu⸗ ſtände, die ihn fruͤher beherrſcht hatten, eingetreten, die ſie mit Bedauern ſeiner geringen religioſen Ent⸗ wicklung zurechnen mußten, und die ihnen wenig Hoff⸗ nung fuͤr ſeine Zukunft gab. Wir verlaſſen ihn hier, um zu erfahren, wie die Verhaͤltniſſe ſich geſtaltet, denen er in dieſer Stim⸗ mung entgegen ging. Wenn wir die Zeit noch ein Mal auffaſſen, die wir uns bemuͤhten, in ihren ungewoͤhnlichen Zuſtänden darzuſtellen, und wenn wir uns erinnern, welchen Standpunkt der Koͤnig in dieſer Steigerung aller Ver⸗ hältniſſe, mit einer, unſere Begriffe faſt uͤberbietenden Ausdehnung, einnahm, ſo werden wir vielleicht be⸗ greifen, welchen Eindruck eine perſoͤnliche Beleidigung gegen dieſe geheiligte Perſon, eine anſcheinende Nicht⸗ achtung ihrer Herablaſſung hervorbringen mußte. Monſieur erſchien augenblicklich, obwohl es nicht die Stunde fuͤr ihn war, beim Könige, und Ludwig war ſo erſtaunt, ſo zweifelnd an der Möglichkeit einer ſolchen Beleidigung, daß er unruhige und verlegene Blicke auf die erhitzten Zuͤge ſeines Bruders richtete, unſicher, wie es ſchien, uͤber das Befinden deſſelben. Aber er mußte ſich endlich entſchließen, dieſen An⸗ griff auf ſeine unbeſtrittene Wuͤrde anzuerkennen, und in de nſelben Momente diktirte er auch zugleich die Strafe Der Koͤnig entließ den jungen Grafen ſei⸗ ner Funktionen bei der Königin— der ganzen Fa— — milie wurde angezeigt, daß ſie ſich des Hofes zu ent⸗ halten habe. Der Marſchall harrte vergeblich mit hartnäckiger Verzweiflung an den Stufen des koͤniglichen Schloſſes auf die Gewährung der flehenden Bitte: auf ſeinen Knieen um Verzeihung bitten zu duͤrfen. Niemand hatte Muth, auch nur den beruͤhmten Namen des Marſchalls zu nennen. An ein ſolches Majeſtätsver⸗ brechen erinnern, hieß ſich deſſen theilhaft machen. Au⸗ ßer der feierlichen Sendung, die der Familie ankuͤn⸗ digte, daß ſie in Ungnade gefallen, betrat Niemand mehr die Schwelle des geaͤchteten Hauſes, und der Koͤ⸗ nig ſchien vergeſſen zu haben, daß es eine Familie des Namens gaͤbe; er wußte, daß er ſie damit aus⸗ loͤſchte und grenzenlos ſtrafte. Gedenken wir jetzt der Marſchallin von Crecy, ſo werden wir geſtehn muͤſſen, daß ſie mit der einzi⸗ gen Geißel gezuchtigt wurde, deren Schläge ſie fuͤhlte und nicht von ſich abzuhalten wußte. Sie verſuchte die beſte Stellung zu nehmen, die noch moͤglich waͤre; aber es war nur die eine uͤbrig, die ſie aus allen bisher be⸗ haupteten Vortheilen und Anſpruͤchen verdraͤngte und ihr bis in die intimſten Verhaͤltniſſe ihres Hauſes, bis zu ihren, jetzt minder ehrerbietigen Domeſtiken herab, eine Kette von bitteren Kränkungen bereitete, wie ſie Ste. Roche. 1. 25 das Daſein derſelben fuͤr ſich unmoͤglich gehalten hatte. Dieſe Leiden wurden noch vermehrt, indem ſie jeden Augenblick erwarten mußte, der wahre Grund von Leo⸗ nin's Entfernung werde zu Tage kommen. Die gut⸗ muͤthige Herzogin von Lesdigueres, der man nicht den Hof verboten hatte, die aber zu ſtolz und zu ehrlich war, ihn zu beſuchen, waͤhrend die Familie ihrer Toch⸗ ter in Ungnade war, beſtuͤrmte die Marſchallin mit Vermuthungen und Nachforſchungen, welche dieſe, ſo lange als moͤglich, ausweichend beantwortete; endlich aber ihr, wie der bekuͤmmerten Viktorine erzaͤhlte, daß Leonin, von einer ſeiner hypochondriſchen Launen er⸗ griffen, außer ſich, daß die Ceremonie Viktorinen ſcha⸗ den wuͤrde, und empoͤrt uͤber die Nothwendigkeit, ſie zulaſſen zu muͤſſen, die Flucht ergriffen habe und ohne Gepaͤck, ohne Bedienten, in einer einfachen Hofkaroſſe nach Ste. Roche geeilt ſei, wo es ſich wirklich gezeigt, daß er im Fieberwahnſinne abgereiſt, da er dort ſo⸗ gleich todtlich erkrankt ſei. Viktorine wollte ihm jetzt nachreiſen; aber die Aerzte unterſtuͤtzten die Weigerung der Eltern. Sie mußte zwar nachgeben und bleiben, aber mit erhoͤhtem Mißtrauen und in großer Bekuͤm⸗ merniß um ihren Gemahl. Dagegen ſchlug die Marſchallin vor, nachdem die erſtel vier Wochen fuͤr ihre Schwiegertochter voruͤber waren, daß beide Familien ſich nach Moncay, dem ſchoͤnen Schloſſe der Marſchallin, was doch einige zwanzig Lieues von Paris lag, begeben ſollten. Schon waren alle Vorkehrungen dazu getroffen, welche die Marſchallin mit Ungeduld betrieben, da ſie in der ver⸗ änderten Epiſtenz, die ſie an Paris band und ihr Ver⸗ ſailles, das Feld aller ihrer fruͤheren ſtolzen An⸗ ſpruͤche verſchloß, es kaum zu ertragen vermochte, als ſie auf's neue ſich in ihren Plaͤnen durchkreuzt ſah, und ihr die wenig gekannte Lehre gegeben ward, von den Umſtänden beherrſcht zu werden. Am Tage vor der Abreiſe meldete man ihr, daß der Marſchall ploͤtzlich in ſeinem Zimmer einen boͤſen Fall gethan habe, und der Hausarzt ihm bereits zur Ader laſſe. Die Marſchallin grollte zwar heftig dar⸗ uͤber, fuͤhlte aber doch, daß ſie ſich zu ihm begeben muͤſſe, innerlich feſt entſchloſſen, dieſem Ereigniſſe kei⸗ nen Einfluß auf ihre Abreiſe zu gönnen, da ſie ſich jeden Tag faſt mit Empoͤrung in Paris Wihes fuhlte. Mit vollſtändig ſchmollender Miene, feſt entſchloſ⸗ ſen, ihn auszuſchelten und ihm ihre Abreiſe anzu⸗ kuͤndigen, trat die Marſchallin in ſeine verhaßten Ge⸗ mächer; und ihre Laune ward nicht verbeſſert, als die Domeſtiken ihres Gemahls, ohne ſie zu beachten, wei⸗ 25* 388 nend und haͤnderingend an ihr voruͤber ſtürzten, wie es ſchien, dringende Befehle zu vollfuͤhren. Als ſie das Schlafgemach des Marſchalls betrat, blieb ſie hor⸗ chend ſtehen; der Kaplan mit einigen Gehilfen, der Arzt, knieend und den Marſchall im Arm, umgaben das Bett;— aber das Röcheln des Todes war ein zu verſtändlicher Laut, um Zweifel zu laſſen uͤber das, was vorging. Mit ſteifen Knieen ſchob ſich die Mar⸗ ſchallin naͤher.„Was geht hier vor?“ rief ſie entſetzt, mit rauher Stimme.— Niemand antwortete.— „Marſchall, Marſchall, was habt Ihr gemacht? Er⸗ holt Euch! Faßt Euch! Seid ein Mann!“ ſo rief ſie, ſchon von der Wahrheit uͤberzeugt, ihrer Erregung nur in zurnender Weiſe ſich entledigend. „Das war er, ein ganzer Mann!“ ſagte der⸗ Arzt und legte ihn auf ſein hartes Kiſſen zuruͤck;— „aber Maͤnner muͤſſen auch ſterben!“ „Sterben!“ rief die Marſchallin—„Herr Dok⸗ tor, Ihr fabelt! Sterben, er war dieſen Morgen noch geſund— ein kräftiger Mann!“ „Ueberzeugen ſie ſich ſelbſt, Frau Marſchallin,“ ſugte der Arzt zuruͤcktretend—„hier findet der menſch⸗ liche Wille eine Grenze, die auch Ihro Gnaden nicht abaͤndern können. Ein Schlagfluß hat einen an ſich nicht tödtlichen Fall veranlaßt— es floß kein Blut 389 mehr, obwohl ich ſchon im Palais war, als der Zu⸗ fall eintrat.“ Die Marſchallin trat naher und ſchauderte zu⸗ ruͤck vor dem ſtarren Geſicht ihres Gemahls, das ſie nie geliebt. Er hatte ſeine eiſerne, zuͤrnende Miene, und ſie konnte ſich nicht uͤberwinden, ihn zu beruͤhren; ihre natuͤrliche Haͤrte war durch die Erlebniſſe der letz⸗ ten Zeit ſo geſteigert, daß ſie um den Preis der Welt kein mildes Wort, kein Zeichen der Ruͤhrung zu ge⸗ ben vermocht hätte. Sie fuͤhlte blos mit unendlichem Grolle, wie auf's neue ihre Vorſätze ſcheiterten, und ſah in ein Gebiet von Erſcheinungen, von denen es noch ungewiß blieb, ob ſie ihr guͤnſtig oder ſtoͤrend ſein wuͤrden. „Ein Ehrenmann! ein großer Held! ein voll⸗ kommener Edelmann!“ ſprach ſie endlich kalt—„eine Stuͤtze des Thrones, von dem doch ſeine letzte Krän⸗ kung ausging. Jetzt kann man ihm keinen Wunſch mehr abſchlagen— jetzt wird ſein Name doch bis zu den Ohren deſſen dringen, deſſen Kindheit er ſchutzen half!— Meine Herren,“ fuhr ſie fort—„Sie wer⸗ den die Vorbereitungen zu den Feierlichkeiten machen, die in unſern erlauchten Haͤuſern Sitte ſind— ich werde die Hausoffizianten kommandiren, Ihnen beizu⸗ ſtehen. Der Intendant wird das Schema der Ceremo⸗ 390 nie empfangen.— Ihr, Herr Kaplan, werdet in mei⸗ nem Namen dem Herrn Erzbiſchof von Noailles die Anzeige von dieſem Todesfalle machen; ich hoffe, er wird ſich erinnern, was er dem Hauſe Crecy-Chabanne ſchuldig iſt.— Ein Courir muß nach Ste. Roche ab⸗ gefertigt werden.“— Nach dieſen Anordnungen verließ ſie das Sterbe⸗ zimmer ihres Gemahls und ſchritt mit kalter, ſtren⸗ ger Miene an der weinenden Dienerſchaft voruͤber; ehe ſie ihre Gemaäͤcher erreichte, hatte ſie genau alle Vortheile dieſer neuen Lage der Dinge uͤberſehen, und ohne ſich es einzugeſtehen, fand ſie doch, dem alten, lebensmuden Greiſe ſei die Ruhe zu gönnen, und der Augenblick dazu koͤnne den umſtänden eher guͤnſtig, als nachtheilig werden. Ihre erſte Sendung war nach dem Herzoge von Lesdigueres. Er ward beauftragt, dem Könige dien Meldung dieſes unerwarteten Todes zu machen. 4 Nit einer Faſſung, die ihrem gleichgältigen Her⸗ zen ſehr naturlich war, gab ſie ihre Befehle zu der gioßen Umwandlung des Hauſes. Vom Portale des Schloſſes, welches das große Trauerwappen trug und von zwei mit Flor behangenen Herolden bewacht wurde, bis zu den Wohngemaͤchern hinauf, ward das ganze Haus ſchwarz ausgeſchlagen. Alle Livreen verſchwan⸗ den, die dienenden Frauen zeigten keine Farben, und die Damen der Familien keuchten unter langen Trauer⸗ kleidern, Kappen und Schleiern. Der groͤßte Saal des Palais war mit ſchwarzem Sammet ſo feſt verhangen, daß kein Strahl des Ta⸗ ges eindringen konnte. Hunderte von Kerzen erſetzten das Licht der Sonne. Die einbalſamirte Leiche des Marſchalls ſtand auf Stufen erhoͤht; ſeine Orden, der Marſchallſtab, Degen, Sporen und Helmſturz ruhten auf Tabourets um den Sarg vertheilt, an denen zahl⸗ loſe Pagen, mit Trauerfloͤren und Wachskerzen in den Händen, in unbeweglicher Stellung Wache hielten. Dieſen Kreis umgaben den ganzen Tag von fruͤh bis ſpaͤt eine Abtheilung Moͤnche mit einigen fungi⸗ renden Prieſtern, welche die Gebete und einweihenden Funktionen verrichteten; denn der Erzbiſchof von WMoialles hatte nicht vergeſſen, was er dem Hauſe Crecy⸗ Chabanne ſchuldig war, und die Meldung dieſes To⸗ des war mit den gehoͤrigen Weiſungen an die dazu beſtimmten Kloͤſter ergangen. Die ganze Dienerſchaft des Marſchalls loͤſte ſich außerdem noch an dem Sarge ab, während die Chorknaben der Prozeſſionen in an⸗ gemeſſenen Pauſen den Sarg mit ihren Weihrauch⸗ becken umzogen und Alles in betaͤubende Duͤfte huͤllten. Die Marſchallin ſchien mit großem Takte ihre augenblickliche Stellung zu Hof und Adel vergeſſen zu haben. Die Trauerboten zogen mit der Todesmeldung durch alle Haͤuſer, die durch ihren Rang auf dieſe Auszeichnung Anſpruch machen konnten. Einen Au⸗ genblick hielt die ganze Corporation den Athem an und richtete die Augen nach dem Schloſſe von Ver⸗ ſailles. Es ward aber ſogleich bekannt, daß der Her⸗ zog von Lesdigueres eine gnädige Audienz beim Kö⸗ nige gehabt, und der großmuͤthige Monarch ſeinen Unwillen nicht uͤber das Grab hatte ausdehnen wollen. Der Herzog von Geévres und der Prinz von Courte⸗ naye bekamen Befehl, zur Beileidsbezeigung ſich in das Trauerhaus zu begeben. Dies war die wohlverſtandene Looſung fuͤr Alle Uebrigen, und die Koniginnen und Prinzeſſinnen an der Spitze, die ihren Hofſtaat beor⸗ derten, belagerte nunmehr der Adel in allem Pompe der Trauer das Palais Soubiſe. So war dies vor kurzem veroͤdete Haus, jetzt ſeines Oberhauptes beraubt— damit zu ſeinem alten Glanze zuruͤckgekehrt, und die Marſchallin fuͤhlte den bitterſten Haß gegen die bezwungene Menge und den ſtolzeſten Triumph uͤber die gefuͤgigen Schritte, womit Alle jetzt genoͤthigt waren, ihr entgegen zu kommen, nachdem ſie es gewagt, ſie zu verlaſſen. Sie ſaß unter ihrem ſchwarz verhangenen Thron⸗ himmel in der laͤſtigen, ſteifen Trauerkleidung die äb⸗ lichen Stunden des Empfangs, ohne ein Zeichen des Lebens, als die jedesmalige Neigung des Kopfes, wenn die herköͤmmlichen Beileidsbezeigungen an ſie gerichtet wurden. Rechts ſaß die arme, weinende, kindlich be⸗ truͤbte Louiſe— links ihre erſchuͤtterte Schwiegertoch⸗ ter. Die nahen Verwandten ſchloſſen ſich ſitzend auf beiden Seiten an;— nur die Hofchargen empfing die Marſchallin ſtehend mit geziemender Ehrfurcht. Und der, der bei dieſem wichtigen Vorfall am meiſten betheiligt war— Leonin, das nunmehrige Oberhaupt der Familie Crecy-Chabanne, fehlte noch immer! Alle Boten, alle Briefe brachten keine Antwort zuruͤck, oder wurden nur von einigen unvollkommenen Briefverſuchen des Kammerdieners erwiedert, die der Intendant der Marſchallin nicht ſelbſt vor die Augen der Familie zu bringen wagte, und deren Geſammt⸗ inhalt, muͤndlich von ihm mitgetheilt, Alles in einer ſol⸗ chen Dunkelheit ließ, daß die Marſchallin ihrer vollen Unruhe uͤberlaſſen blieb. Doch was litt die edle Viktorine in dieſer Zeit! Auf's neue durch die Regeln der Trauer an ihr duͤſte⸗ res Schloß geknuͤpft, gab jeder Tag ihr neue, tiefere Leiden und hemmte die kräftigen Maaßregeln, die ſie 294 ohne Zweifel ergriffen hätte, wäre ſie nicht daran be⸗ hindert geweſen durch dies Ereigniß, deſſen bindende Gewalt ſie aus Liebe zu dem verſtorbenen Marſchalle ſich doppelt gezwungen fuͤhlte zu ertragen. Jede Stunde, die ſie von den Audienzen erloſt blieb, brachte ſie bei ihrem Kinde zu, deſſen Geſundheit und kräftige Geſtaltung ihr Troſt und Hoffnung ein⸗ floͤßte; hier, uͤber der Wiege ihres Kindes, fand ſie auch die einzige Freundin ihres Herzens, die edle, milde Marquiſe de Sevigné.— Obgleich im Alter weit aus⸗ einander geruͤckt, wußten doch Beide von dieſem Unter⸗ ſchiede nichts. Sie war die einzige Frau an dieſem Hofe, der Viktorine nachgegangen war, und um deren Aufmerkſamkeit und Liebe ſie ſich kindlich weich und hingebend bemuͤht hatte. Die edle Frau hatte zu An⸗ fange das lebhafte, kecke Maͤdchen, die ihr gegenuͤber ſo ſtill und demuͤthig ward, mit Antheil betrachtet; als ſie ihr verſtaͤndiges und ſtrenges Verfahren als Hofdame der Koͤnigin ſah, hatte ſie ſie geachtet und ihr endlich ein Vertrauen gewidmet, welches zu einer muͤtterlich * zaͤrtlichen Freundſchaft ward, deren Beweiſe immer in⸗ niger hervortraten und in der gegenwaͤrtigen Periode, die ihren Liebling in Ungewißheit und Kummer ſtuͤrzte, dieſe zu einem Gegenſtande ihrer Sorgfalt machten— einer Sorgfalt, die, von dem Geiſte der mildeſten Scho⸗ nung belebt, von Erfahrungen unterſtutzt, nicht ver⸗ weichlichte oder verhaͤrtete, ſondern Viktorinens edle, freie Geſinnungen unverkuͤmmert erhielt. Viktorine war eine zu geſchloſſene, zuͤchtige Seele, um ſelbſt ihrer vertrauteſten Freundin ein Geſpraͤch uͤber das naͤhere Verhaͤltniß zu ihrem Gemahle geſtat⸗ ten zu können. Die Marquiſe verſtand und ehrte dieſe keuſche, weibliche Natur und kannte die Gefahren, in der Ehe Vertraute haben zu wollen, zu gut, um nicht dieſer Geſinnung mehr eine Stuͤtze, als ein Hin⸗ derniß zu ſein. Aber es entging ihr nicht, daß Vikto⸗ rine die Ruhe des Vertrauens verloren hatte, mit der man allein das Geheimniß des Gluͤckes gewinnt. Ueber⸗ zeugt, daß dieſe Gabe uns nur ſelten auf lange ver⸗ liehen iſt, und uns aufgegeben bleibt, uns zu reſigni⸗ ren und die wuͤrdige Geſtaltung eines ehelichen Verhaͤlt⸗ niſſes damit nicht aufzugeben, ſondern daruͤber hinaus ihm einen ſo edeln und achtungswerthen Charakter zu ſichern, daß die Ruͤckkehr des Gluͤckes immer moͤglich, wir wenigſtens ſeiner werth bleiben— bemuͤhte ſich die geiſtreiche Frau, nur mit allgemeinen Andeutungen Viktorinens Geiſt in dieſem Sinne zu erweitern. „Es ſchien mir, meine Liebe,“ ſagte ſie zu der wehmuͤthig uͤber ihr Kind gebeugten Viktorine—„daß der Marſchall manche Elemente in ſich trug, die, von 396 Ihrer Frau Schwiegermutter nicht uͤberſehen, das ehe⸗ liche Verhaͤltniß dieſes Hauſes fur ſpätere Tage wohl zu einem beſſeren Zuſtande hätten zuruͤckfuͤhren köͤnnen, als uns dargelegt ward.“ „Gewiß,“ erwiederte Viktorine—„der Mar⸗ ſchall war ein Felſen, aus deſſen Schachte Quellen zu locken, der glaubensvolle Schlag einer Hand ge⸗ hoͤrte, die annahm, ſie muͤßten hervor ſpringen! Aber das war es gerade vor Allem, was meiner Schwieger⸗ mutter fehlte, der es uͤberhaupt ſchwer wird, Menſchen von Dingen zu unterſcheiden, und die endlich ſich mehr uͤber die Symptome eines eignen Willens erzuͤrnt, wie erfreut; da ſie auch den leiſeſten Hauch einer Conkur⸗ renz nicht verträgt.“ „Sie ſind ſtreng, Viktorine,“ ſagte Madame de Sevigné lächelnd—„doch weniger, da Sie wahr ſind. Aber glauben Sie mir, wenn wir die Marſchal⸗ lin in ſo ſorgloſer Sicherheit bewerkſtelligen ſehen, was ihr gefaͤllt, und ſie weder eine andere Individualität achtet, noch ihr einen eignen Willen zu ihrer Entwick⸗ lung zugeſtehet, ſo iſt das mehr oder weniger uͤberall die troſtloſe Urſache der zahlloſen ungluͤcklichen Ehen, denen wir begegnen. Die Ehe iſt Keinem mehr an ſich etwas— eine goͤttliche Einrichtung— eine erha⸗ bene buͤrgerliche Exiſtenz! Unſere jungen Frauen 8 ag2 wollen bloß in einem ſolchen Verhaltniſſe genießen, eine groͤßere Freiheit fuͤr ihre unter Zwang geſtell⸗ ten Neigungen erhalten und fangen immer damit an, wobei noch kein Verhältniß der Erde beſtand, von der einen Seite Alles zu fordern, und gleiche Forderungen an ſie geſtellt, fuͤr erkaltende Gefuͤhle des Mannes zu halten.“ „Wenn ſie nur lieben konnten!“ ſagte Vikto⸗ rine.—„Ich denke oft, das ganze Geheimniß liegt darin, daß die Fähigkeit zu lieben in dieſen jungen Madchen fruͤher zerſtört wird, als das Alter ſie zu dieſem Gefuͤhle beruft. Es hat keine mehr Inner⸗ lichkeit, der Strudel der Welt treibt ſie aus ſich heraus; ſie lernen Alles nachmachen, was ihnen Gel⸗ tung und Auszeichnung verſpricht, endlich auch liebeln, wenn ihnen der Mann, dem es gilt, eine Stellung am Pofe verheißt. Wie ſollen ſie nun verheirathet nur begreifen, daß die Stellung, die ſie wollten, ſie zugleich mit einem Manne verbunden, der eine Seele hat— den ſie ſchonen, ehren— dem ſie gehorchen muͤſſen!“ „Es iſt nicht zu laͤugnen,“ erwiederte die Mar⸗ quiſe,„daß dieſe Entartung unſer Geſchlecht nicht al⸗ lein verfolgt, daß allerdings ſelbſt einer beſſer vorbe⸗ reiteten Frau es doch oft ſehr ſchwer werden wuͤrde, das bei ihrem Manne zu entdecken, was Sie eben mit Seele bezeichneten, und daß ſelbſt, wenn ſie Liebe zu ihm zu faſſen vermag, dies doch nur eine zweifelhafte Stutze ihres Gluͤckes wird; da— wenn die Anforde⸗ rungen derſelben nicht mäßig und vom Verſtande gelei⸗ tet bleiben, ſie leicht ihre moͤgliche Zufriedenheit noch mehr bedrohen, wenn ſie die erwartete Erwiederung nicht findet. Und dennoch, ſelbſt wenn Sie lächeln ſoll⸗ ten— ich mache es jeder Frau zum Vorwurf, der ihr Gatte untreu wird!“ „Das iſt mindeſtens Viel geſagt!“ rief Vikto⸗ rine, ein wenig gereizt.— Die Marquiſe fuhr fort: „Es iſt eine ſehr verbrauchte Entſchuldigung aller Frauen, die dies erleben, daß das haͤusliche Beiſam⸗ menſein in der Ehe Verhaltniſſe mit ſich brächte, die Illuſionen nothwendig zerſtoͤren und die Gattin, ge⸗ genuͤber dem Manne, in ihn verletzende und reizloſe Situationen bringen muͤſſe. Hiervon glaube ich ge⸗ rade das Gegentheil! Keine Frau hat die Mittel in Händen, einen Mann zu feſſeln, die ſich mit de⸗ nen einer Gattin vergleichen ließen. Aber ſie muß freilich vor allen Dingen ein Weib bleiben, eine zuchtige Jungfrau in ihrem Gemuͤthe— den Schleier der Veſta muß die Flamme der Liebe nicht verſen⸗ en.“ 8* 399 „Ja, ja,“ rief Viktorine warm—„das, das n das Rechte!“ „Ein großer Schriftſteller,“ fuhr die Marquiſe fort—„ſagt irgend wo— und ſein Ausſpruch ent⸗ haͤlt eine Erfahrung, die es ſcheinen laſſen wird, er habe zu allen Zeiten gelebt, da er Recht haben wird, und wenn ſein Enkel es hundert Jahre nach ihm wiederholt — indem er uns zwei gleich liebende Weſen von beiden Geſchlechtern vorfuͤhrt, von denen das Weib zuerſt einen Mangel, einen Stillſtand in den Gefuͤhlen des Man⸗ nes wahrzunehmen glaubt: wenn eine Frau liebt, liebt ſie in einem fort— ein Mann thut dazwiſchen et⸗ was Anderes!“ Viktorine fuhr ſchnell mit beiden Händen empor. Einen Augenblick verhuͤllte ſie ihr Geſicht— dann war es voruͤber. Die Marquiſe hatte indeſſen, von Vikto⸗ rinen abgewendet, den Vorhang der Wiege etwas geluͤftet. Viktorine glaubte ſich unbemerkt.—„Dies iſt eine Woahrheit,“ ſagte die Marquiſe,„die, tief in der maͤnn⸗ lichen Natur begruͤndet, jedem Mädchen als Braut⸗ geſchenk gegeben werden ſollte; denn es iſt zugleich der Schluſſel, mit dem die Zweifel zu loͤſen waͤren, von de⸗ nen wir ein weibliches Herz beſchlichen ſehen bei der er⸗ ſten Wahrnehmung, daß der Mann, eben wie jener große Schriftſteller ſagt, dazwiſchen etwas Anderes thut!“ — Nit gluhendem Geſicht und einer leiſen Stimme, die in Bewegung bebte, ſagte Viktorine:„nur, was dies Andere ſei, iſt die entſcheidende Frage!“ Die Marquiſe de Sevigné, die beruͤhmt dafur war, ſelbſt in die kleinſten Sorgen der Kinderpflege eingeweiht zu ſein, fing an das Wiegenband zu loͤſen. „Ich finde doch, meine Liebe, das Band iſt zu ſtark angezogen; ich konnte es nie leiden, wenn dies eleine Bettchen zu Arm⸗ und Beinſchienen wird.“ Da⸗ mit beſchäftigt, fuhr ſie fort:„Es ſcheint mir uͤberhaupt recht ſchwer, ein Mann zu ſein— und das Gefuͤhl der ihnen zuertheilten, ſo ungleich ſchwierigeren Auf⸗ gabe macht mich im Ganzen ſo nachſichtig gegen die große Maſſe unvollkommener Maͤnner. Unſere Natur iſt mit den ſittlichen Geſetzen unſerer Beſtimmung im Einklange. Wenn wir dieſe nicht entarten laſſen, ſind wir Alles, was wir zu ſein brauchen, und wenn ich denke, daß uns Gott gewuͤrdiget hat, Muͤtter zu wer⸗ den, ſo konnte ich oft trotz meiner Devotion in Ver⸗ ſuchung kommen, uns fuͤr zu ſehr bevorzugt zu halten. Etwas wie eine Frage an Gottes Gerechtigkeit, ſteigt in mir auf. Unſere Beſtimmung iſt ſo unendlich ſchoͤn, ſo wichtig überdies! Welch ein Lebensprinzip buͤrger⸗ licher— religiöſer Exiſtenz iſt der Heerd, an dem wir — die zarten Kräfte pflegen, entwickeln und ſchuͤtzen, die dann ſich uͤber das Leben nach Außen verbreiten— die es uns zu danken haben, wenn ſie nicht ſchon im Anbeginne verkruͤpeln. Wir ſpielen in dieſem kleineren, geſchutzten Kreiſe in Wahrheit durch, was der Staat im Großen und in Maſſen darſtellt. Wir halten die Faden in Haͤnden, die alle Zuſtände leiten; ſchuͤtzend, ſorgend, ſtrafend und lohnend beherrſchen wir ſie— der Geſammtblick, welcher alle Verhältniſſe dem rich⸗ tigen Standpunkte gemäß leitet, iſt die Hoͤhenſtufe, die wir erkennen lernen muͤſſen. So wie wir uns auf dieſer umſichtig, der Sache forderlich zeigen, konnen wir einen Schatz von Wohlthaten entwickeln. Und ſo reich und ſchoͤn dies iſt, wie ineinandergreifend iſt es zugleich! Welche. Einheit liegt in unſerer Beſtimmung — wie iſt ſie ſtets geſchuͤtzt und eine gewiſſe, unzer⸗ ſtörbare Heiligkeit an den Heerd gefeſſelt, die noch jetzt an die Sitte unſerer rohen Urvaͤter mahnt, die ſelbſt den Feind am Heerde unberuͤhrt ließen— die Stelle nicht zu beflecken!“— „O meine Freundin,“ unterbrach ſie Viktorine —„ich fuͤrchte, wir haben uns in unſeren ſogenann⸗ ten höheren Ständen ſehr weit von dem heiligen Heerde entfernt, deſſen Urbeſtimmung ſich uns wahrhaft offenbaren konnte; und vielleicht erlahmt dadurch auch Ste. Roche. H. 26 die Ehrfurcht davor in der Bruſt der Maͤnner, und wir verlieren damit nach gerade alle unſere Stellung!“ „Ich moͤchte Ihnen nicht unbedingt Recht geben, Viktorine. Es bleibt allerdings nicht daſſelbe, wie uͤberhaupt Verſchiedenheit in den Verhaͤltniſſen zur Weltordnung gehoͤrt. Aber Verſchiedenheit— Abwei⸗ chungen heben den Grundgedanken nicht auf. Sei der Zuſtand noch ſo veraͤndert, wir werden uns immer zurecht finden, wenn wir den Hauptgedanken feſthalten: daß wir durch Alles, was in uns liegt, berufen ſind, einen wurdigen Hausſtand zu erhalten, den Verhältniſſen gemaͤß, in die uns Gott gefuͤhrt— und wie Viel wir von der patriarchaliſchen Uridee beibehalten oder auf⸗ geben muͤſſen, ſie muß immer zu erkennen ſein.“ „Und warum ſollte es denn den Maͤnnern ſo viel hoher angerechnet werden, was ſie in ihrer Pflicht⸗ erfullung leiſten? Warum iſt denn ihr Beruf ſo viel ſchwerer— warum haben ſie ein höheres Anrecht auf unſere Nachſicht?“ rief Viktorine, mit weiblichem Zuͤrnen in Blick und Ton. Die Marquiſe lächelte, ohne Viktorine anzu⸗ blicken.„Ich geſtehe Ihnen zuvörderſt, daß ich nicht ſehr viele Theilnehmerinnen meiner Meinung unter Ihrem Geſchlechte habe. Es iſt auffallend, wie lange uns eine platt getretene Idee, die einen augenblicklichen Glanz hat, zu Combinationen verfuͤhren kann, die, an ſich falſch, doch Irrthuͤmer auferziehen, deren wahrer Beſchaffenheit wir gar nicht mehr nachfragen. Wir Frauen werden bei dem Gedanken erhalten, daß die Maͤnner ein großes Vorrecht vor uns haben, weil ſie ſich ſehr Viel mehr erlauben duͤrfen, als wir; und wir haben dieſes unbezweifelte Recht mit dem Worte: Frei⸗ heit, profanirt. Was koͤnnen wir denn in Wahrheit Freiheit nennen, wenn nicht die Entwickelung der Seele und des Charakters, die uns die Zuſtände beherrſchen läßt, uns von ihnen unabhaͤngig macht, ihnen einen hoheren Willen entgegenſtellt. Es iſt der einzige Be⸗ griff, der dieſe Idee aus dem Zuſtande relativer Will⸗ kuͤr in eine feſte, dann unangreifbare Stellung bringt, und das Vorrecht der Männer hat damit ſo wenig Zuſammenhang, daß ich es gerade ihnen hinderlich er⸗ achten muß. Und ſollen wir ihnen alſo den materiel⸗ len Beſitz der Freiheit ſo hoch anrechnen? Ich ſchäme mich faſt, daß wir dies thun!— Sie werden nun den Gang meiner Gedanken bald auffinden, wenn ich ſo nachſichtig bei ben Fehlern der Maͤnner erſcheine. Un⸗ behuͤtet von Jugend auf, werden ihnen Reinheit und Zuͤchtigkeit der Gedanken nicht bewahrt; in materielle Verhaͤltniſſe getrieben, ungeſtraft durch ihre ſich gleich bleibende Stellung zur Geſellſchaft— endlich von der 26* Natur ſelbſt mit anderen Beſtandtheilen des Blutes ver⸗ ſehen, die leicht zu erkennen ſind, kämpfen ſie mit einer ſchwierigen Naturanlage und entbehren dabei den Schutz der haͤuslich⸗ſittlichen Ordnung, die das Weib von Jugend auf beſtimmt iſt einzuhegen. Wenn wir noch hinzu rechnen, wie ſie eine doppelte Exiſtenz entwickeln muͤſſen, namlich die haͤusliche und die oͤffentliche, und die eine oft mit der anderen im grellſten Widerſpruche ſteht, ſo erſtaune ich billig uber ihre ſchwierige Auf⸗ gabe und erſtaune billig nicht mehr, ſie oft unge⸗ loͤſt zu finden.“— Viktorine ſchwieg;— dann ſagte ſie, wie ſich uͤber⸗ windend:„nicht immer ſteht ihre aͤußere Stellung zu ihrer haͤuslichen in Widerſpruch; und dennoch ſehen wir ſie dieſe gering achten, nach kurzem Erfaſſen ſie aufgeben, als gehoͤrte ſie nicht zu ihnen.“ „Ja wohl,“ erwiederte die Marquiſe ſchnell— „die Harmonie zwiſchen Beiden herzuſtellen, erfordert eine ſo vollkommene, maͤnnliche Entwicklung, daß wir faſt immer das Eine auf Koſten des Anderen bei ihnen erreicht ſehen; und dieſe mangelhafte Reife macht, daß ſie die Hand nach dem äußeren Leben lieber ausſtrecken und erwarten, das andere werde ſchon hinterdrein kom⸗ men. Wie groß dieſe Täuſchung iſt, da es eine eben ſo warme Auffaſſung verlangt, beweiſt ſich nur zu bald, 405 indem ſie die Haͤusliche allmälig ganz damit verlieren— und der Truͤbſinn, der Lebensuͤberdruß, der nirgends mehr anzuknuͤpfen weiß, gewoͤhnlich die traurige Folge iſt. Aber eben ſo gewiß zwingt ſie auch in den meiſten Fällen das Leben, erſt mit allen Erforderniſſen die öffentliche Exiſtenz ſich zu erringen; und oft, ja viel⸗ leicht immer, wo dieſe Exiſtenz auf edle, wuͤrdige Weiſe erſtrebt wird, bilden ſich zugleich Fähigkeiten aus fuͤr das natuͤrlichere Leben des Hauſes, wenn auch das Be⸗ duͤrfniß dafuͤr erſt ſpäter eintritt.“ „Ach, und darauf zu warten!“ rief Viktorine— „vielleicht das ganze Leben vergeblich darauf zu warten — wie viele Herzen hat das indeſſen gebrochen!“ „Viele! Viele!“ rief Frau von Sevigné geruͤhrt; —„denn es iſt nur die Aufgabe fur ein ſtarkes, weib⸗ liches Herz, die ſchwere Pruͤfung zu beſtehen und un⸗ geſtort den heiligen Beruf zu verfolgen, den unſere Beſtimmung dennoch feſtzuhalten erlaubt;— aber zu⸗ gleich ein herrlicher Triumph, zu Gottes Ehre indeſſen ein Weib geworden zu ſein in der vollen Pracht unſeres Berufs— wie jener ſchöne, dunkle Baum des Suͤdens, über gereiften, goldnen Fruchten die duftenden Bluten zu tragen, und dem ermuͤdet zuruͤckkehrenden Gatten, der lange vergeſſen und uͤberſehen, was er beſaß, zeigen zu können, ein Weib ſei fuͤr ſich etwas Großes 1 * * und Göttliches, wenn ſie ihren Beruf verſtanden;— und der Heerd, den er verſchmachtend ſucht, ſei indeſſen wohl gehegt, und das göttliche Symbol unſeres Ge⸗ ſchlechtes, Milde und Vergebung, ſei ſein Empfang!“ Viktorine ſchwieg;— aber ſie weinte jetzt, den Kopf auf das Bettchen ihres Kindes gelehnt. Die Marquiſe ſchien es nicht zu ſehen— im leichteren Tone fuhr ſie fort:„oft gedenke ich einer liebenswuͤrdigen Freundin, die den lebhafteſten, Liebe ſuchendſten Mann der Erde gewaͤhlt hatte. Die Neigung zu Thorheiten aller Art, die ihr Gemahl beſaß und die ihn in Verſuchung fuͤhrte, ſich in jedes neue und ſchoͤne Geſicht zu verlieben, hatte mehr gute Eigenſchaften an ihr entwickelt, als ſeine treuſte, ſorgfaltigſte Liebe erzogen haͤtte. Sie erzaͤhlte mir oft mit der heiterſten Laune die Art und Weiſe, mit der ſie dem Uebel geſteuert hatte. Als ſie das erſte Mal dieſe Entdeckung machte, uͤberwaͤltigte ſie der Zorn faſt; aber es erwachte zugleich ein Stolz, ein Selbſtgefuhl, was alle ihre Kraͤfte in's Leben rief. Die Frau, in die ihr Gemahl ſich verliebt hatte, war ſchon und geiſtreich. Sie wurde Beides augenblicklich auch.„Nie ſaß ich länger vor meiner Toilette,“ ſagte ſie.„Aber nicht ich allein— mein ganzes Haus mußte meine Schönheit unterſtuͤtzen— meine Kuͤche, meine Service, Blumen, Duͤfte. Ueberall entlockte ich einen Reiz— eine Annehmlichkeit. Ich war kokett von dem kleinen Sammtpantoffel an, worin er zuerſt meinen Fuß erblickte, bis zu dem Kuͤchenzettel und der Viſitenliſte. Wie waͤhlte, wie ſonderte ich, wie uͤberraſchte ich ihn durch anmu⸗ thige Geſelligkeit! Die Tonkunſt, die er liebte, und die ich deshalb glaubte uͤberſehen zu können— plotzlich beſchuͤtzte ich ſie; ich ſang ſelbſt ein Lied, was ich mit Thränen des Zornes einſtudirt hatte, ihm lächelnd vor. Die Beſchäftigung, die ich durch dieſe Vorkehrungen hatte, zerſtreute mich; ich blieb friſch, von jener uͤbellaunigen Schwermuth verſchont, mit der Frauen ihre Maͤnner vollends zum Hauſe hinaus jagen— und jetzt hätten Sie ſehen ſollen, wie ſchnell ich meinen Gemahl auf's neue gefeſſelt hatte, wie liebenswuͤrdig er mich fand, wie ich der andern Neigung Rang abgewann; und da er einige Male die Procedur wiederholte, ich die Mittel, ihn wieder einzufangen, ſo entwickelten ſich wirklich gute An⸗ gewöhnungen in mir. Ich bekam Eigenſchaften fuͤr mich ſelbſt, die ich anfaͤnglich fuͤr kleine Hilfsmittel geachtet hatte.“— „Ach,“ ſagte Viktorine—„welch' ein Gluͤck, wenn uns der Stolz nicht gegen uns ſelbſt bewaffnet, wenn er die Kraft wird, mit der Achill den Felsblock aufhob, um die Waffen hervorzuholen, mit denen er unbeſiegbar ward. Ich fuͤrchte, wenn ich in ſolche Lage käme— der Felsblock fiele auf mein Herz, und die Waffen verroſteten.“ „Das werden Sie mich nicht uͤberreden,“ erwie⸗ derte die Marquiſe— und eben erwachte Louis Maria in ſeiner Wiege. Viktorine ruͤhrte die Glocke, die Waͤrterin erſchien mit der Amme, und beide Frauen wendeten ihre Aufmerkſamkeit den kleinen Beobachtun⸗ gen zu, ob das Kind zugenommen habe, ob luſtig zur Nahrung ſei? So wichtig, ſo ſuͤß und begluͤckend fuͤr ein muͤtterliches Herz!— Es war der letzte Tag vor der Beiſetzung des Marſchalls, und die Audienzen der Beileidsbezeigun⸗ gen waren auch fuͤr dieſen letzten Tag geſchloſſen. Von einigen allzu laͤſtigen Stucken ihrer beſchwerlichen Trauerkleidung befreit, ſaßen die Damen des Hauſes mit dem Herzoge und der Herzogin von Lesdiguéres beiſammen, und es waltete uͤber Allen der Zwang, den leere Trauer⸗Cermonien ſo ermuͤdend ausuͤben, und denen man ſich nicht entziehen darf, ohne gegen eine hohere Idee zu ſuͤndigen, die doch gerade in dieſen lä⸗ ſtigen äußeren Zeichen zu erſterben beginnt. Alle ſehn⸗ ten ſich, von einander loszukommen, um ſich nur ein⸗ 409 mal der Natur nach regen und wenden zu koͤnnen. Aber es war Sitte, daß man in den inneren Gemä⸗ chern ſoupirte und bis dahin zuſammen blieb; ſo hielt Jeder den Andern im Schache mit einer angenom⸗ menen Empfindung, die ſich nach Wechſel ſehnte. Um dieſe Zeit fuhr derſelbe einfache Wagen ohne Livreen, der einſt, bloß von Jaques gefuͤhrt, den Weg nach St. Sulpice zuruͤcklegte, unter dem Trauerway⸗ pen der Familie hindurch in das Schloßportal; und das Erſte, womit der junge Herr des Schloſſes be⸗ gruͤßt ward, war das Salutiren der Wappenherolde mit ihren duͤſtern Fahnen, und ſchaudernd fuͤhlte er erſt jetzt die Wahrheit der erſchutternden Nachricht. Schweigend und mit der ängſtlichen Spannung, die ſein auffallendes Betragen auch jedem Diener ge⸗ geben, ward er in dem duͤſtern Hauſe empfangen. Ach, die tiefe Trauer, die er um Fennimor trug, wie wohl paßte ſie zu den ſchwarzen Treppen und Wanden, die ihn bald umfingen! „Nach dem Trauerſaale!“ ſtammelte er kaum hoͤr⸗ bar. Die Thuͤren oͤffneten ſich— der ſchreckliche Pomp lag vor ihm ausgebreitet— der Sohn an den Stu⸗ fen des Sarges auf ſeinen Knieen. Sein Gebet war ein zuckend, ſchmerzhaftes Auf⸗ blicken zu Gott; mehr eine Hoffnungsloſigkeit, beten ½— zu duͤrfen— mehr ein Ausruhen im Schmerz, als eine Erhebung zu Gottes Gemeinſchaft! Laut hielten die Mönche von St. Sulpice die Epequien uͤber die Leiche— der fungirende Prieſter fugte dem gewoͤhn⸗ lichen, vorgeſchriebenen Ritus ein lautes Gebet hinzu: „Laß' Dir auch die Herzen empfohlen ſein, die, be⸗ laſtet von der Noth, die eigne oder fremde Schuld ihnen gab, in Gram gebeugt vor Dir ſeufzen. Troͤſte und erhebe ſie. Die Vergangenheit haſt Du unwider⸗ ruflich gemacht; aber ſelbſt die Schuld in ihr kannſt Du erblaſſen machen durch den Muth, Deiner gött⸗ lichen Gemeinſchaft zukuͤnftig theilhaft werden zu wol⸗ len. Es ſoll Allen vergeben werden, die von Herzen reumuͤthig ſind, und ihre Schuld ihnen nicht folgen auf dem Pfade der Beſſerung!“ Jetzt ſprach er den Segen mit einer Kraft und Bewegung, daß Leonin uͤber die Gewalt erbebte, von der ſein Herz aufgeriſſen ward. Er hob den Kopf— Fenelon, der blaſſe Prie⸗ ſter von St. Sulpice, ſtand mit erhobenen Armen unz erhobenem Haupte uͤber ihm, und ſchien vom Him⸗ mel die Flammen andächtiger Ueberzeugung hernieder zu rufen, mit denen er die Seelen erwärmte. „Fenelon,“ rief er—„haſt Du den Si zu löſen und zu binden?“— „Der hat ihn, der ſich voll Glauben an ſ göttliche Kraft dem in die Arme wirft, der Alle heilt, die reumuͤthig und beladen ſind. In ſeinen Suͤn⸗ den verzweifeln wollen, heißt Gottes Allmacht verläug⸗ nen!“ Er hatte dies leiſe nur zu ihm, dem Knieen⸗ den, geſprochen. Er machte das Zeichen des heiligen Kreuzes uͤber ihm und ſchloß ſich dann den Moͤn⸗ chen an, die ihren Umzug hielten. Als die erhabene Geſtalt aber an ihm voruͤberglitt, horte Leonin wie einen Lufthauch die Worte:„rette Viktorine!“ Er fuͤhlte ſie bis in ſein tiefſtes Innere, und ſie gaben ihm die Richtung, die er bei den ſchwachen Angaben ſeiner Gefuͤhle vielleicht nicht erkannt hätte Er erhob ſich und folgte dem harrenden Kam⸗ merdiener zu den Zimmern ſeiner Mutter. Wie laſtete die duͤſtere Pracht dieſer Gemächer auf ihm! Jedes Zimmer ſchien ein Katafalk zu ſein. Endlich öffnete ſich der kleine Salon, in dem er ſeine Familie, faſt zur Unkenntlichkeit in Trauergewänder eingehuͤllt, ver⸗ ſammelt ſah.— Er kam erwartet; dennoch uͤberra⸗ ſchend. Ein kurzer Aufſchrei verrieth ihm das einzige Weſen, nach dem ſein Herz noch eine Richtung hatte; — und uͤberwaͤltigt von der Vergangenheit, die zwi⸗ ſchen ihm und ſeinem Weibe lag, eilte er nicht in ihre Arme, ſondern kniete in demſelben Augenblicke zu ihren Fuͤßen. Viktorine hatte ſich leiſe in einen Stuhl 212 geſenkt— ihre Fuͤße bebten, wie ihr Herz. Beide ſprachen nicht; es herrſchte von allen Seiten ein ver⸗ legenes Stillſchweigen; Keiner verſtand das Gefuͤhl des Anderen. Die Empfangenden ſtanden trocken und muͤde von einer thraͤnenreichen Begebenheit, mit der ſie fertig waren, und Leonin's Ankunft, deſſen Stim⸗ mung Keiner zu errathen vermochte, erregte die Be⸗ furchtung, mit allen Schmerzenszeichen von Vorn an⸗ fangen zu muͤſſen. Man ſchien von ihm wenigſtens die Anregung abwarten zu wollen und behielt eine Stellung, aus der gleich zu machen war, was ſich nöthig zeigte. Doch fand jeder unnaturliche Zwang bei Ma⸗ dame de Lesdiguères immer bald in ihrer raſchen, ge⸗ raden Gefuhlsweiſe ſeine Erledigung.„Jetzt, Herr Graf Schwiegerſohn,“ rief ſie ploͤtzlich laut—„laſſen wir das! Kommen Sie zu ſich, und denken Sie, daß wir alle von den Qualereien und der ganzen Geſchichte nachgerade muͤde und matt ſind. Wir haben Alle un⸗ ſere chriſtliche Theilnahme dargelegt— ging mir auch ſelbſt recht zu Herzen; aber jetzt muß es vorbei ſein — wäre dem alten Marſchalle ſelbſt zuwider wenn vir nicht endlich aufhören könnten!“ 6 Leonin ſtand auf, nachdem er einen Blic des Schmerzes auf ſeine blaſſe Gemahlin geworfen.„Ich — — verlange gewiß nicht,“ ſprach er,„durch meine Gegen⸗ wart Euer Gnaden zu Gefuͤhlen aufzufordern, über deren Dauer mit großem Rechte nur Jeder ſelbſt beſtim⸗ men kann, und der Sohn darf ſich gewiß in einem Verhältniſſe bekennen, das ſeine Gefuͤhle nicht zur Richtſchnur fuͤr Andere machen kann.“ „So,“ ſagte die Herzogin—„das nenne ich vernuͤnftig geſprochen. Man kann oft Ihre abſonder⸗ lich auffallenden Handlungen gar nicht begreifen, wenn man hort, wie verſtändig Sie ſich zu äußern wiſſen.“ Leonin hatte waͤhrend dieſer Worte die Anweſen⸗ den ſtumm und abgemeſſen begruͤßt. Es hatte ſich ſeiner bei dem Anblicke ſeiner Mutter ein ſo kaltes, bitteres Zuͤrnen bemaͤchtigt, daß er den Ausdruck fuͤr die herköͤmmliche Weiſe verlor; auch gab ihm die Her⸗ zogin bald Gelegenheit, ſich zu entladen. „Nun,“ rief ſie—„mein Kind, ich habe recht darauf gewartet, Sie wiederzuſehn; denn nur Sie ſelbſt können uns das Ereigniß erklären, das uns damals bei der Taufe Ihres Sohnes ſo ſehr erſchreckte. Waren Sie denn wirklich krank und liefen deshalb fort?“ „Nein, Madame,“ erwiederte Leonin gemeſſen —„ich war nicht krank, als ich abreiſte, ich ward es erſt ſpäter.“ „Nun, ſehen Sie, Marſchallin,“ fiel jetzt die 414 Herzogin in's Wort,„ich konnte Ihre Erzaͤhlung gleich nicht glauben; denn kurz vorher hatte ich ihn geſehen, und mit eins ſollte er toll und krank und da⸗ vongejagt ſein!“ „Sagte das meine Mutter?“ fragte Leonin ſcharf betonend.—„In Wahrheit, ihr Irrthum iſt ſehr auffallend, da ſie am beſten, denke ich, den Grund meiner Abreiſe wiſſen mußte!“ „Ihre Mutter, Graf?“ rief die Herzogin— „nun, das hätte ich nie fur möglich gehalten!“ „Es war vielleicht eine zu große Schwaͤche von mir,“ fuhr jetzt die Marſchallin auf, durch Beide ge⸗ aͤngſtigt und erzuͤrnt—„daß ich die Unbeſonnenheit meines Sohnes auf eine Weiſe zu erklären trachtete, die in der Handlung ſelbſt ſich mir darzubieten ſchien. Eine wahnſinnige Handlung dem plötzlichen Erkranken zuzuſchreiben, moͤchte milder urtheilen heißen, als es ein Jeder in ſolchem Falle verdient!“ „Sie hätten Ihre Gnade nicht ſo weit treiben ſollen,“ erwiederte Leonin kalt;—„aus den Umſtän⸗ den, die Ihnen bekannt waren, hätten Sie annehmen können, wie wenig ich mich geneigt fuͤhlen muͤßte, eine Vormundſchaft anzuerkennen, deren ich eben einſehen lernte.“ Die Marſchallin bebte vor Zorn. Niemals hatte ſie hatte.“ ſie eine ſolche Sprache von ihm gehoͤrt! Sie war zuerſt um eine Antwort verlegen, die den ganzen tie⸗ fen Ingrimm ihres Herzens auszudruͤcken vermocht hätte. Doch uͤberhob die Herzogin ſie jeder Wahl. Auf's neue rief ſie:„Kind, ich verſtehe dieſes Hin⸗ und Herreden nicht, ſagen Sie deutlich, wie es zu⸗ ſammenhing!“ „Entſchuldigen mich Euer Gnaden,“ ſprach Leo⸗ nin mit ſchonender Ehrerbietung—„Sie ſind eine zu gefuͤhlvolle Frau, eine zu gute Mutter, um nicht zu wiſſen, daß Viktorine das erſte Recht an mein Ver⸗ trauen hat, und ich es abwarten muß, ob ſie mich zur Rechenſchaft ziehen will.“ „Dagegen läßt ſich Nichts ſagen,“ erwiederte gut⸗ muͤthig lachend die alte Herzogin;—„das heißt: ſchweige ſtill, Du haſt Dich nicht hinein zu mengen!“ „Dies moͤchte indeſſen nicht der Fall fuͤr Alle ſein,“ ſprach die Marſchallin ſcharf. Der Koͤnig hat eine perſoͤnliche Beleidigung, fuͤr die er Ihr Betragen nothwendig halten mußte, mit der Ungnade gegen Ihre Familie beſtraft;— und dieſe Familie, die waͤhrend ihrer langen Exiſtenz etwas Aehnliches nicht erfuhr, moͤchte wohl das unbeſtrittene Recht haben, einer Hand⸗ lungsweiſe nachzuftagen; die ſo beleidigende Folgen für 2416 „Zwingen Sie mich nicht, Ihnen augenblicklich dieſe Erklärung zu geben!“ rief Leonin, mit einer Wild⸗ heit in Ton und Blick, die Alle erſchreckte.—„Ich bin bereit dazu; denn es iſt vielleicht ſo beſſer, da ich in meiner Empfindung nicht mehr zu retten bin. Aber Sie— Sie, meine Mutter,— Sie ſollten mich nicht dazu treiben wollen!“ Die Marſchallin fuͤhlte, daß ſie zu weit gegan⸗ gen war; aber ſie hatte noch keine Beleidigung un⸗ gerugt erfahren, von ihrem Sohne ſollte ſie ſie hin⸗ nehmen, der ihr bis jetzt noch nie getrotzt? Es war zu viel; und dennoch ſah ſie ein, ſie habe ihn ſelbſt zu der Grenze hingetrieben, von der ſie ihn hatte ab⸗ halten wollen. „Sie ſollten mindeſtens fuͤhlen,“ ſprach ſie, ſich mit Gewalt bezahmend—„daß der Augenblick zu Ihrer leidenſchaftlichen Unhoflichkeit gegen mich ſchlecht gewaͤhlt iſt. Ich bin die Wittwe Ihres Vaters— vielleicht erinnern Sie ſich, daß die Leiche dieſes in Ungnade gefallenen, beruͤhmten Mannes noch uͤber der Erde iſt— und daß ich Ihre Mutter bin!“ Leonin ſtand in duͤſterem Bruͤten vor dieſer kunſt⸗ vollen Rede; es blieb ungewiß, ob er ſie gehoͤrt. Da fuhlte er eine leichte Hand auf ſeiner Schulter, und eine Stimme, die ihn zu wecken und ſich zu ſammeln ——— —— 417 vermochte, ſprach unſicher und ſchwach:„Glauben Sie nicht, mein Gemahl, daß Sie auch mich in der Stim⸗ mung des Zuͤrnens oder der Neugierde gegen ſich finden! Wenn Sie mir ein Recht zugeſtehen, wie ich eben zu hoͤren glaubte, ſo laſſen Sie es das des Ver⸗ trauens ſein, das weder von Ihnen eine Erklaͤrung fordert, noch nothig ha Faſſen Sie ſich aber jetzt. Der Schmerz, der ſo natürlich in Ihnen iſt ſollte uns Alle zur Schönung gegen Sie auffordern;— vielleicht beduͤrfen wir ſie auch,“ ſetzte ſie mit ſinkender Stimme hinzu—„wir haben Viel lgelitten!“ Leonin verſenkte ſich mit zaͤrtlichem Antheil in die ſchoͤnen, edlen Zuͤge, die ſo blaß, ſo leidenvoll waren. Er fuͤhrte die ſichtlich bebende Geſtalt zu ihrem Sitze zuruck und nahm knieend neben ihr Platz.„Theure, enl Vikterine, ſeufzte er, ihre Hand an ſeine Stirn druͤckend—„Sie ſind die Einzige, die ein Recht hätte, mir zu zuͤrnen;— aber Sie werden bloß der Engel ſein, der uͤber den Gefallenen weint!“— Und ſie weinte bereits. Der Herzog von Lesdigusres, der ein hoͤchſt ver⸗ legener Zuhoͤrer dieſer häuslichen Scene geweſen war, da er niemals über geſellſchaftliche Verhältniſſe hinaus ſich zu denken erlaubte, erfaßte nun eine Richtung, die er glaubte erkannt zu haben, und nahte ſich ſei⸗ Ste. Roche. I. 27 nem Schwiegerſohne.„Ich bin,“ ſprach er—„nach dem Empfange, den ich bei Seiner Majeſtät genoſſen, als ich ihm die Todesmeldung des Hauſes Crecy⸗Cha⸗ banne machte, faſt uͤberzeugt, daß eine beſtimmte Hoff⸗ nung auf Gnade vorhanden iſt, und, wenn Viktorine ihren Einfluß bei der guͤtigſten Koͤnigin anwendet, Ihnon, mein Herr Schwiegerſohn, der Koͤnig Ihren Platz bei ſeiner erhabenen Gemahlin zuruͤckgiebt.“ So erfuhr Leonin ſeine Abſetzung. Die Mar⸗ ſchallin goͤnnte ihm einige Alteration und beobachtete ihn ſcharf. Er erhob ſich jedoch ſogleich ruhig von ſeinen Knieen und indem er dem Herzoge ehrerbietig fur ſeinen Antheil dankte, ſetzte er hinzu:„Ich muß dieſe Abſicht bei Seiner Majeſtät indeſſen entſchieden ablehnen. Ob⸗ wohl ich meine Verweiſung vom Hofe noch nicht kannte, mufßte ich ſie erwarten; doch dachte ich bisher nicht daran und war entſchloſſen, den König um meine Demiſſion zu bitten.“ „Den Konig darum zu bitten?“ riefen der Her⸗ zog und die Marſchallin zugleich.—„Ich bin geſon⸗ nen,“ fuhr Leonin fort—„wenn ich uber meine näheren Angelegenheiten mit meiner Gemahlin die nothige Ruͤckſprache genommen und hier alle Pflichten erfullt, die meine neue Stellung mir aufnoͤthiget, mich zum Marſchalle von Louxemburg zu begeben und ohne beſtimmte Anſtellung, um die ich jetzt nicht bitten konnte, unter ſeinen Fahnen als Volontair den Krieg mitzumachen.“ „Den Krieg? den Krieg?“ ſtammelte Viktorine, waͤhrend Alle ihre Ueberraſchung nicht zu verhehlen vermochten. „Erſchrecken Sie nicht, theure Viktorine!“— ſprach Leonin, nur zu ihr ſich wendend.„Es kann Ihnen nicht entgehen, daß mich ein ungewöhnliches Schickſal unerwartet und hart niedergeworfen hat. Gott mag es denen vergeben, die mich hineinſtießen gegen Pflicht und Gewiſſen! Ich kann es noch nicht — und eben ſo wenig auf dieſer Stelle Ihnen gegen⸗ uͤber aushalten, Viktorine! Laſſen Sie mich jetzt ge⸗ waͤhren. Vielleicht rettet mich Anſtrengung meiner Kräfte, Thätigkeit, Entbehrung, Mitgefuͤhl bei der Noth des Krieges. Vielleicht komme ich Ihrer wuͤr⸗ diger zuruͤck;— jetzt iſt Ihre Nähe mir ein Vorwurf — ich vermag ſie nicht zu ertragen!“ „Genug!“ rief hier die Marſchallin mit ihrer alten Energie und außer ſich gebracht uͤber die ruͤck⸗ ſichtsloſe Sprache ihres Sohnes, die er ſelbſt gar nicht zu bemerken ſchien.„Es duͤnkt mich, Sie ſind in einer ſo maaßloſen Aufregung zu uns zuruckgekehrt, daß Sie keine Beurtheilung uͤber das Gewicht Ihrer 27* Worte haben. Ich fuhle mich unfähig, meinen Sohn länger in einer ſolchen Stimmung die wichtigſten Intereſſen ſeines kuͤnftigen Lebens abſprechen zu hoͤren! Laſſen Sie uns nach dem kleinen Eßſaale gehen, wo uns einige der genaueſten Freunde des Marſchalls er⸗ warten.“ „So bitte ich, mich zu beurlauben,“ ſagte Leo⸗ nin;—„ich will mit meiner Stimmung, die gegen Ihre Abſichten laͤuft, Ihnen nicht laͤnger läſtig fallen. Die Zeit wird lehren, ob ſie eine augenblickliche Auf⸗ regung iſt.“ Er entfernte ſich, Alle ehrfurchtsvoll gruͤßend— gegen Viktorinen einige Worte ſchwärmeriſcher Ver⸗ ehrung ausſprechend.— Wenn wir einen Blick in die verſchiedenen Ge⸗ mächer thun, in die ſich die drei Hauptperſonen dieſes ſchweren Abends zuruͤckgezogen hatten, nachdem es ihnen verſtattet, ſich zu trennen, ſo werden wir erfahren, was ihr Loos war, als die äußeren Ruͤckſichten fuͤr ſie aufhoͤrten. Die Marſchallin hatte ſich entkleiden laſſen, und ihre Frauen warteten im Vorzimmer. Sie horchte dem Schließen der Thuͤr, was ihr endlich Alleinſein, dieſes dringendſte Beduͤrfniß, ſicherte.— Fuͤnf Mi⸗ nuten ſpäter wurden wir die Marſchallin von Crech, = die eben mit ſtolzer Ruhe ihre Frauen nach dem Vorzimmer entließ, kaum wieder erkannt haben. Die zuruͤckgepreßten Leidenſchaften, die dieſe letzte, verhaͤng⸗ nißvolle Zeit ihres Lebens hoͤher, wie jemals geſtei⸗ gert hatte, brachen, wie ihres Zuͤgels beraubt, ploͤtzlich hervor. Bald durcheilte ſie mit großen, ungleichen Schritten das Gemach, während ihre krampfhaft ge⸗ preßten Haͤnde ihre ungeſtuͤmen Gedanken ausdruͤckten; — bald ſank ſie in ihren Seſſel, und ein kurzes, zorniges Schluchzen rang ſich hervor.— Doch, wir halten inne, denn wir werden genug erfahren haben, um unſere Ueberzeugung anzudeuten, daß Jeden die Ver⸗ geltung erreicht, daß uns kein äußerer Schein täuſchen ſollte uͤber die Gerechtigkeit des Himmels hier auf Erden, die, wenn ſie das aͤußere Schaugeruſt unberuͤhrt laͤßt, in dem Inneren des trotzigen Herzens erſcheint und es beugt und zerreißt und demuͤthigt und die fuͤrchterliche Strafe verhängt, mit laͤchelnder Miene aufrecht er⸗ halten zu muͤſſen, was, jedes Reizes entbloßt, eine leere, toͤdtende Qual geworden iſt und doch der Preis der Suͤnde war. Die Marſchallin, die nie einem Menſchen ſeine eigene Entwicklung, ſeine eigene Anſicht geſtattet, die ihr ganzes Leben als eine Aufgabe ihres Willens gehand⸗ habt, die Menſchen, die hineinfielen, ohne jede Ruͤck⸗ 422 ſicht als Hebel und Stuͤtzen verbraucht hatte, deren eigene Beduͤrfniſſe uͤberſehend, gering achtend, oder die ihrigen doch wichtiger haltend; die durch das zeitherige, materielle Gelingen dieſer Beſtrebungen zu einer Sicherheit uͤber den Werth derſelben gelangt war, der ſie auf die duͤnkelvollſte Iſolirhohe des Stolzes erhoben— ihr war es plotzlich, als ob der Boden dieſes ihr ſo feſt erſcheinenden Gebäudes ein Sieb geworden ſei, das Alles unter ihren Haͤnden unaufhalt⸗ ſam zerrinnen, zerfließen, in ein Nichts zuruͤckſinken ließe, vor dem ſie verarmt ſtehen bliebe, wie vor dem ganzen Ergebniß ihres berechneten Lebens, das ihr da⸗ mit verloren erſchien. Sie erfuhr die Strafe, die ihr die haͤrteſte ſein mußte, und ihr Zuſtand, wie wir ihn andeuteten, war dem gemaͤß. Sie wollte in dieſer qualvollen Stunde etwas erdenken, womit ſie ſich rächen koönnte. Aber die Be⸗ leidigung, die jeden Blutstropfen in ihr vergiftete, kehrte immer wieder auf den einen Gegner zuruͤck, der alle zahllos erlebten Kränkungen veranlaßt hatte; und die⸗ ſer Gegner war ihr Sohn! Der Sohn, den ſie zu ihrem Dienſte erzogen, zur Stuͤtze ihrer ehrgeizigen Pläne; er war es, der plötzlich ſeine Abſtammung nicht gänz⸗ lich in ſich erloſchen zeigte und ihr, ehe ſie es ahnte, 423 mit eigenſinnigem, ruͤckſichtsloſem Willen entgegen trat. Sie dachte alle Moͤglichkeiten durch, ihn noch ein Mal % gedemuͤthigt,— ihres Willens Unterthan— zu ſich zuruͤck zu fuͤhren. Sie hatte, ehe ſie ihn ſah, ſo ſicher darauf gerechnet; ſie hatte ihm ein Zuͤrnen zugedacht, was nur um den Preis einer gaͤnzlichen Uebergabe Verſoͤhnung hoffen laſſen ſollte, und jetzt kam er in einer Stimmung des Zuͤrnens zuruͤck, die weder Aus⸗ gleichung ſuchte, noch nöthig hatte; da er ſich ſogleich damit unabhaͤngig erklärte. Sie konnte nicht einmal irgend etwas erdenken, worin ſie ihm nachgeben konnte!— Nur eine leiſe Hoffnung blieb ihr. Souvré war entweder ſelbſt betrogen, oder er hatte ſie auch be⸗ trogen. Sie hatte Fennimor's Tod wirklich vor der Vermahlung ihres Sohnes angenommen, und es war klar, daran zweifelte Leonin— er bezuͤchtigte ſie des Frevels, ihn in das doppelte Verhaͤltniß getrieben zu haben! Dieſer Irrthum ſollte ſich nun aufloͤſen. Die Reue daruͤber— blieb ihre einzige Hoffnung;— aber ſie ward dennoch kein Ruhekiſſen, worauf die Marſchallin den Schlaf gefunden haͤtte.— Von ihrem geheimen Leben wenden wir uns nach dem ſtillen Schlafgemache, aus dem Viktorine fur die erſten Stunden der Nacht gleichfalls ihre Frauen ent⸗ fernt hatte, um, mit ihrem Kinde allein, jedes Zwan⸗ ges enthoben, ſich ihres Zuſtandes bewußt zu werden. Es giebt Menſchen, deren edle Natur ſich uberall gleich bleibt; ſie behalten eine Decenz des Ausdruckes ſelbſt in ihrer tiefſten Aufregung, die ihren einfamen Stunden ein Maaß verleiht, durch das ſie vor ſich ſelbſt geſichert bleiben. Dies war bei Viktorinen der Fall. Sie war ſich eine Achtung gebietende Geſellſchaft— die Ver⸗ traute, von der wir wiſſen, nicht mißverſtanden zu werden, und deren Billigung wir uns doch zu chaue wuͤnſchen, da ſie uns ſchwerer zu erreichen ſcheint, als der Beifall der Welt. Sie knieete nieder und beugte ſich uͤber das ſuͤß ſchlafende Kind. Schwere Seufzer deuteten es an, daß ein lang bezwungener Zuſtand ſich Luft ſchaffte; dann weinte ſie lange und ſchmerzlich, und endlich wurden ihre Empfindungen Gebete. Als ſie aufſtand, ſagte ſie:„Weiſe Freundin, ich habe Dich verſtanden! Du haſt mein Schickſal geahnet;— ich werde Dir folgen. Ein Weib iſt an ſich etwas Göttliches und Großes;— ich habe einen Heerd! Ich habe ein Kind! Beides werde ich huͤten zur Ehre Gottes und der Menſchen;— und kömmt er ermuͤdet zuruͤck und ſucht verſchmachtend den verlaſſenen Heerd, dann finde er mein Symbol: Milde und Verzeihung!“ Als ſie ihre Frauen rief, war jedes Wort ſanft 425 und gutig. Eine verklärte Ruhe lag über ihr ausge⸗ 4 breitet; eine frei gewordene Kraft, die von ſich ſelbſt eine verſohnende Ausgleichung des Lebens verlangt.— Nicht ſo Leonin! Halbe Zuſtände— Ungluͤck und Gluͤck— Schuld und Unſchuld— wie ſie ſich in ihm vorfanden, erfordern einen ſtarken Geiſt, der Alles erfaßt und ſondert und auf ſich nimmt und von ſich wirft, der Wahrheit nach, und dann ab⸗ ſchließt und von neuem beginnt. Nicht ſo Leonin. Er dachte daran, den Zuſtaͤnden zu entfliehen, ohne ſie vorher zu ordnen. Die jedesmalige Folge dieſes ſchwa⸗ chen Waltens trat auch bei ihm ein. Die Erbitte⸗ . rung wuchs auf dem falſchen Wege, der uͤberall un⸗ beſeitigte Hinderniſſe zeigte und die Erholung, nach der er ſtrebte, fern hielt. Er grollte der ganzen Welt. Die Weichheit, die ihn ſonſt gutmuͤthig ſein ließ, ver⸗ ſchwand. Seine Diener erkannten ihren ehemaligen Perren nicht wieder. Er war unruhig, heftig, unge⸗ recht; Nichts ſchien ihm zur Zufriedenheit gemacht; er forderte und ſtieß das Geforderte zuruͤck; er erzuͤrnte und kränkte Alle, und der Unfriede ſchien, was er noch begehrte. Unter dieſen Umſtaͤnden erreichte die Marſchallin ihren Zweck nur in dem fuͤr ſie unweſentlichſten Theile. Er überzeugte ſich, daß ſo wenig ſie, wie Souvré 426 Fennimor's Wiederbelebung gewußt habe. Aber keine Reue gegen ſie trat ein. Ihre Schuld, und mehr noch die Haͤrte, die ihm jetzt natuͤrlich geworden war und die ſich gegen ſie, die er bisher ſo ſtlaviſch gefuͤrchtet hatte, Bahn gebrochen, ſie ſollte motivirt ſein in ihrer Schuld — und die Marſchallin fuͤhlte bald, waͤre jene auch geringer geweſen, als ſie wirklich war— er habe ein⸗ mal die Stellung gegen ſie ergriffen, die eine Art Schild gegen ſeine eignen Vorwuͤrfe ward, und gerade die Schwäche, die ſie in ihm geſchätzt und beabſichtigt, erhielt ihn jetzt in dieſer Stellung gegen ſie. Doch hatte dieſe Erklärung die Folge, daß ein beabſichtigtes Duell mit Souvré unterblieb; und der gewandte Unterhaͤndler kam zu dem vollen Genuſſe des Gelingens, wenn er, wohlbehaglich in einem Fau⸗ teuil in Leonin's Zimmern ruhend, dieſen mit der ge⸗ reizten Wildheit eines geſtoͤrten Friedens an ſich vor⸗ über ſtreifen ſah.— Er uͤberlegte die Reſultate ſeiner gern her: der bluͤhende, ſchoͤne Mann— iſt bleich, gekruͤmmt, mit ſchwindendem Haare— der vornehme Edelmann vom Hofe verbannt— in die hoͤhnenden Prachtraäume eines oͤden Palaſtes verwieſen. Der Gatte der ſchönſten und vornehmſten Dame hat dieſe ent⸗ ehrt und ſeinen Erben zum Baſtarde gemacht, und das Bemuͤhungen und rechnete ſich gleichgultig an den Fin⸗ —— 427 ewig heitere, ſorgloſe Kind des Gluͤckes kommt von der Leiche ſeines gemordeten Weibes, von dem Anblicke ſei⸗ nes rechtmaͤßigen und verläugneten Sohnes mit Kum⸗ mer beladen, und um Ruhe und Frieden durch Alles, was er erlebt und gethan, auf immer betrogen!— Es war nach der Beſtattung des Marſchalls nicht ſchwer, Leonin's Angelegenheiten zu ordnen; da ſeine Anweſenheit ein Inkognito bleihen mußte, war er von manchem laͤſtigen Gebrauche befreit. Wie Viktorine ihm in dieſer Kriſis gegenuͤber ſtand, brauchen wir kaum zu erwaͤhnen. Sie war mit dem, was ſie ſein wollte, ſo vertraut, daß ſie keinen Hauch von Selbſt⸗ gefuͤhl oder Tugendpathos zeigte. Sie hoͤrte ſich nicht in ihren Worten, ihre Augen ſuchten weder den Him⸗ mel, noch den Beifall Anderer; ſie langweilte und ver⸗ ſcheuchte Niemanden, indem ſie ſich beiſpiellos hervor⸗ zuheben trachtete und mit ernſter Wuͤrde eine Sprache einzufuͤhren ſtrebte, die den Zuſtänden der kranken Ge⸗ muͤther um ſie her zum Vorwurfe gereichen mußte.— Sie war ohne Hochmuth, daher mit ihrem beſſeren Zuſtande vor Gott nicht befriedigt und nicht geneigt, ihn hervorzuheben. Sie war voll wahrer Liebe, daher ohne das Richtſchwert der Verwerfung— ſie war edel und klug, daher den Augenblick und ſeine krank⸗ haften Erſcheinungen ſchonend, die auffallenden Miß⸗ töne uͤberhoͤrend, um ein verderbliches Verſtummen zu verhuͤten, was ſelbſt die Hoffnung der Ausgleichung aufhebt. Deſſen ungeachtet mußte ſie bald erkennen, daß ſie nur auf eine ſpätere Zukunft zu hoffen habe und ihre Rechte nur bewahren koͤnne, wenn ſie jetzt ihre Kraͤnkung uͤberſehe, Streit oder Rechenſchaft daruͤber ablehne. Vielleicht hatte an dieſer Stellung, die ſie nahm, nicht ihr richtig berechnender Verſtand allein Antheil; ein tiefes Grauen vor der Aufklärung der geheimen Geſchichte ihres Gemahls hielt nicht minder ihr ganzes Weſen inſtinktartig in abwehrender Ma⸗ ßigung. Ob Leonin den ganzen Werth dieſes Verfahrens erkannte, wäre ſchwer zu beſtimmen; doch ſuchte er die Nähe ſeiner Gemahlin auf, freilich, um auch bei ihr wieder in ſein duſteres Nachdenken zu verfallen, das jeden Zug ſeines Geſichtes beſchattet hatte und ihn kaum kenntlich ſein ließ. Beſonders trat dies hervor, wenn ihm ſein Kind gebracht wurde, und er genöthigt war, es zu betrachten. Viktorine entſagte bald auch dieſem Gluckez denn ein faſt auffallender Schmerz er⸗ ſchuͤtterte ihn dann und erregte die Beobachtung der Warterinnen; muthig erdruckte ſie die bangen Ahnun⸗ gen ihrer Bruſt und hielt ihr Kind von da an entfernt. .— In Leonin's Verhaͤltniß zum Hofe hatte ſich Nichts geaͤndert. Die Trauerzeit verſchloß, den Vorſchriften nach, die ganze Familie noch in ihrem Palais; die Marſchallin hatte daher noch keine Verſuche daruͤber machen koͤnnen, wie weit der Tod des Marſchalls die Verſoͤhnung vermittelt habe. Regelmaͤßig den achten Tag erſchienen die Hofchargen zu einem kurzen, cere⸗ monioſen Beſuche im Hotel Soubiſe. Dies konnte na⸗ tuͤrlich nur auf Befehl der Majeſtäten geſchehen und blieb ein Gnadenzeichen, das, wie ſchon erwaͤhnt, eine Looſung fuͤr den uͤbrigen Adel ward; und ſo konnte es unter den an ſich beſchraͤnkenden Umſtaͤn⸗ den ſcheinen, alle Verhaͤltniſſe waͤren ausgeglichen. Hiervon ließ ſich die Marſchallin jedoch nicht taͤuſchen, die ſehr wohl alle Abſtufungen der Gunſt kannte und mit einem mittelmaͤßigen Zuſtande der Dinge nicht zu⸗ frieden ſein konnte; da ſie bisher den erſten Rang er⸗ ſtrebt und erreicht hatte. Leonin blieb dagegen hartnäckig bei ſeinem Vor⸗ ſatze, jetzt keine Begnadigung nachzuſuchen und der Gunſt des Marſchalls von Louxemburg anheim zu ſtel⸗ len, ſein Erſcheinen bei der Armee zu entſchuldigen. Da die Marſchallin ein Mißgluͤcken eben ſo fuͤrchtete, fand er weniger Widerſtand, als er erwartet; und ſeine Gemahlin mit ausgedehnten Vollmachten verſehend, und ihr jeden Beweis der Achtung dadurch gebend, verließ er endlich das vaͤterliche Haus und begab ſich zur Armee des Niederrheins, in einem Augenblicke, wo ein ziemlich zweifelhafter Zuſtund des Gelingens bei den Armeen obwaltete. Fuͤnf Jahre waren verfloſſen. Der Nymweger Friede war geſchloſſen, die Armeen kehrten nach Frank⸗ reich zuruͤck. Durch alle Provinzen des Landes ver⸗ theilt, erreichten die Truppen ihre Heimath, ohne daß damit eine Auflöſung der Armee verbunden geweſen wäre, die Ludwig der Vierzehnte ſchon damals nicht fuͤr politiſch erkannte und damit dem uͤbrigen Eu⸗ ropa, dem die Mittel fehlten, dieſe Maaßregel nach⸗ zuahmen, ein ſtets furchtbarer und uͤberlegener Gegner blieb, deſſen Freundſchaft zu erhalten, die gefügigſten Schritte gethan wurden, die dem Uebermuthe, der da⸗ mals ſchon Ludwig's Geſinnung ausſchließlich zu be⸗ herrſchen begann, einen ſchrankenloſen Spielraum gaben. Nach fuͤnfjähriger Trennung kehrte Leonin als Adjudant des Marſchalles von Louxembourg zu ſeiner Familie zuruͤck. Die Marſchallin war Oberhofmeiſte⸗ rin der Prinzeſſin von der Pfalz geworden, der zwei⸗ ten Gemahlin des Herzogs von Orleans. Sie lebte 6 faſt immer am Hofe, obwohl ihr jede Freiheit zuge⸗ ſtanden war, die ſie ſich ſelbſt geben wollte. Immer 432 mehr jedoch war der Hof eine Art Kultus geworden, deſſen Dienſte ſich weihen zu duͤrfen, der Inbegriff aller Wuͤnſche, aller Beſtrebungen ward. In dem Maaße, wie ſie durch die ihr gewordene Auszeichnung uͤber alle ihre Feinde triumphirte, hoffte ſie, ihre Familie auch zu dem alten Glanze zuruͤckzufuͤhren, der durch die zweifelhafte Stellung ihres Sohnes noch immer in Schatten geſtellt blieb. Obwohl unter den zahlreichen Nachrichten von der Armee die guͤnſtigſten uͤber Leo⸗ nin's Verhalten, ſeinen Muth, ſeinen raſtloſen Eifer einliefen, nimmer war eine Gelegenheit zu finden, die⸗ ſelben bis zu dem Könige zu fuͤhren. Außer in dieſem Zauberkreiſe ſchmeichelten Alle der ſtozen Mutter da⸗ mit; in Gegenwart des Koͤnigs aber ſchwiegen Alle da⸗ von, weil Jeder wußte, daß, als einſt Madame mit ihrer kecken, deutſchen Weiſe, die viel Gnade vor Lud⸗ wig fand, auf dieſen Gegenſtand kommen wollte, der König ſie verwundert angeſehen, und als ob ſie Deutſch mit ihm geſprochen, ihr gar nicht geantwortet und ihr den Ruͤcken zugekehrt habe. Jetzt ſammelten ſich die hohen Haͤupter der Ar⸗ mee wieder um den Koͤnig, und der Monarch, getra⸗ gen und gehoben von dem Ruhme ſeiner Armeen, ſpen⸗ dete Ehren, Vermoͤgen, Gunſt und Auszeichnung j der Art an ſeine Helden Die Eroberung von weſet 433 und die Schlacht bei Montcaſtel, kurz vor dem Frie⸗ den, dieſen ſo bedeutend erleichternd, gaben dem Her⸗ zoge von Louxembourg ein beſonders friſches Andenken und ein eingeräumtes Recht an die Gunſt ſeines Koͤnigs. Es war daher der Herzog von Louxembourg, der das Eis brach, auf dem Alle zu fallen furchteten, und den Koͤnig um die Erlaubniß bat, ihm ſeinen Adju⸗ danten, den Grafen Crecy⸗Chabanne, dem er das Le⸗ ben auf dem Schlachtfelde von Montcaſtel verdanke, vorſtellen zu duͤrfen. Die Form war gut gewaͤhlt, und dieſe behetrſchte Ludwig immer despotiſcher; er ward dadurch an nichts der Vergangenheit Angehoͤriges erinnert, dieſe in ſeine Willkuͤr geſtellt, und fuͤr ſeine Erlaubniß, im Fall er ſie geben wollte, eine Bruͤcke gebaut, die bloß den Marſchall zu ehren ſchien und ſo gar nicht uͤberſehen werden konnte, ohne dieſen zu kränken. Er neigte da⸗ her einwilligend das Haupt und ging augenblicklich zu dem Ereigniſſe ſelbſt uͤber, indem er den Herzog von Louxembourg fragte, bei welcher Gelegenheit er in ſo dringender Gefahr geweſen ſei. Der Marſchall hatte jetzt Veranlaſſung, Leonin's Verdienſt hervorzuheben, welches er mit der hoͤfiſchen Vorſicht that, welche es vermeidet, eine Meinung he⸗ Ste Roche. n. 28 33 „ ſtimmen oder lenken zu wollen und nur, wie von dem Gegenſtande gezwungen, die Dinge vorzutragen ſcheint. Der König glaubte durchaus ſeine Anſicht hieruͤber dem Hofe entzogen und ſeiner Willkur uͤberlaſſen, wäh⸗ rend ſchon Alle ſicher waren, Leonin werde ſich eines gnädigen Empfanges zu erfreuen haben. Doch taͤuſchte Ludwig, erfindungsreich in Nuͤancen des Ceremoniels, welches immer mehr zur karrikaturartigen Uebertreibung ausartete, auch hier ſeine Höflinge. Zwar durfte Leonin die geweihte Schwelle des königlichen Audienzzimmers betreten und in die Reihen der gleichberechtigten Ca⸗ valiere treten; aber der Koͤnig ſchien ihn dennoch nicht zu ſehen, obwohl er bei ſeinen verhaͤngnißvollen Wan⸗ derungen ihn ſehen mußte. Als er jedoch an dem Mar⸗ ſchalle von Louxembourg voruber ſchritt und deſſen beſon⸗ ders bekummerte Miene ſah, rief er:„Ah, Marſchall, wir ſollten den Retter Ihres Lebens kennen lernen!“ Leonin beugte das Knie; der Koͤnig betrachtete ihn einen Augenblick ſtumm, dann hieß er ihn auf⸗ ſtehen und jetzt ſprach er zu ihm, wie zu einem voͤllig fremden, nie geſehenen Manne; und indem er ſeine Handlungsweiſe lobte, verrieth doch nicht die kleinſte Aeußerung, daß er ihn je fruher geſehen habe. So demuͤthigend dies war, mußte Leonin es doch fur eine Gnade anſehen; auch erhielt der Herzog fuͤr ihn ohne 12435 Einwendung die Beſtätigung zu einer Oberſtenſtelle, die ihn jedoch nicht von der Perſon ſeines Generals trennte. Die Koͤnigin empfing ihn dagegen ohne alle Zei⸗ chen der Empfindlichkeit. Viktorine nahm ihren Platz unbeſtritten bei ihr ein, und niemals hätte ſie den Gatten derſelben zu kränken vermocht. Dazwiſchen ſehen wir Leonin, ſobald er Muße finden kann, den Weg nach St. Sulpice einſchlagen. Mit unbeſchreiblicher Bewegung erreicht er das Git⸗ terthor; aber als es ihn einlaͤßt, verfolgt er nicht den Weg nach dem Stiftshauſe, ſondern wendet ſich links und hat ſich bald in die Kloſtergänge verloren, in de⸗ nen ihm ein voranſchreitender Laienbruder die Zelle Fenelon's öffnet. Tief athmend bleibt Leonin auf der Schwelle ſtehen. Es iſt gegen Abend— die Sonne ſcheint mild durch Rebengelaͤnder in das geoͤffnete Fenſter. Auf einem hölzernen Stuhle ſitzt Fenelon vor einem einfachen Tiſche, mit Buͤchern und Schreibgeräth bedeckt. Auf einem Baͤnkchen neben ihm ſteht ein Knabe von ſie⸗ ben Jahren und lieſt nach Fenelon's Anweiſung in einem lateiniſchen Breviere. Der Knabe wendet ihm den Ruͤcken zu; aber er darf nur den reichen Heiligen⸗ ſchein goldbeſaͤumter, brauner Locken ſehen, um zu wiſ⸗ 26 436 ſen, daß vor ihm Fennimor's Sohn ſteht! Fenelon ſtreckt dem Erwarteten, uͤber den Knaben hinweg, die Hand entgegen. Auch dieſer hoͤrt den Eintretenden; er blickt zu ſeinem Lehrer auf, dann wendet er raſch den Kopf, ſieht den Fremden und iſt mit einem Satze von dem Baͤnkchen geſprungen. Außer ſich, aber ſtumm vor Bewegung, ſteht Leonin vor ſeinem Sohne! Er. wagt nicht, ihn an ſein Herz zu druͤcken; die maaß⸗ loſe Wonne, die ihn bei ſeinem Anblicke durchſtrömt, iſt zugleich der wahnſinnigſte Schmerz. Es ſind Fen⸗ nimor's tiefblaue Augen, das zarte Oval mit dem ſuß gerundeten Kinne; dieſer volle, lächelnde, bluͤhende Mund mit den kleinen, weißen Zähnen, dieſer Aus⸗ druck zwiſchen Ernſt und Schelmerei, dieſer bezaubernd warme Farbenglanz! So ſah er ihr Antlitz, als ſie noch auf der Grenze der Kindheit ihm zuerſt entgegen trat! Der Knabe trug ein offenes Hemd, das uͤber Schultern und Bruſt aufgeſchlagen war wegen der Waͤrme des Tages und beſonders anmuthig zu einem Pagenkleide von blaß⸗ blauer Seide paßte. So wie er ſeinen Satz gemacht hatte, griff er nach ſeinem Barett und machte dann eine der kleinen, zierlichen Verbeugungen, die kein Tanzmei⸗ ſter und Erzieher lehrt und die nur aus der Schoͤnheit des Koͤrpers— aus dem befiederten Geiſt eines Kin⸗ des hervorzutreten vermoͤgen. Es war wieder Fen⸗ nimor's unausſprechlich ſchwebende Anmuth, ihr wun⸗ derbarer Pathos zugleich! „Faßt Euch,“ ſprach Fenelon mild—„und um⸗ armt dies Kind Eurer ſeligen Freundin.— Reginald,“ fuhr er fort, ſich zu ihm wendend,„dieſer Herr iſt Dein Vormund, den Du ſo liebſt, weil er Dich hier erziehen laͤßt.“ „Das dachte ich!“ rief Reginald— und im Augenblicke ſprang er Leonin um den Hals. Jetzt hatte er ihn im Arme! An ſeine Bruſt gedruͤckt, durfte er ihn kuͤſſen, ihm die ſuͤßeſten Namen geben— uͤber ihm die erſten Thränen der lang' vertrockneten Augen weinen!— Wir erzählen indeß, wie er hierher kam.— Als Reginald ſein viertes Jahr zuruͤckgelegt, erklärte der Vikar Emmy Gray's Dienſt bei ihm erledigt. Er predigte tauben Ohren. Sie wollte das Kind nicht herausgeben, und faßte den finſterſten Haß gegen den Vikar und ſeine Schweſter, die ſie zu dieſem Schritt in Guͤte bereden wollten. Reginald hatte ſich körper⸗ lich und geiſtig kraͤftig entwickelt; aber Emmy hielt ihn wie einen Vogel im Käfig, und da ſie ſelbſt weder ſchreiben, noch leſen konnte, ſo waren auch dieſe erſten Grundlagen dem Kinde nicht von ihr beizubrin⸗ gen. Aber grade, weil ſie gegen dieſe Einwuͤrfe nichts zu erwiedern wußte, verbaute ſie ihren Willen mit dem hartnaͤckigſten Eigenſinne; und die Geſchwiſter, die Fen⸗ nimor's Kind nicht aufgeben konnten, wendeten ſich an den Grafen Creey ſelbſt, obwohl dieſer noch bei der Armee war. Dies brachte einen Entſchluß in Leonin zur Reife, den er ſchon lange genährt. Er trat mit Fenelon uͤber die Erziehung ſeines Sohnes in Unterhandlungen. In St. Sulpice wurde eine kleine Anzahl Koſtgänger auf⸗ genommen, die den ſehr ausgezeichneten Unterricht der Moͤnche und ihre moraliſche Leitung genoſſen. Unter dieſe Zahl Reginald aufzunehmen, flehete Leonin Fene⸗ lon an. Doch fand er hier den auffallendſten Wider⸗ ſpruch. Fenelon aͤußerte die entſchiedenſte Abneigung, ſich in dieſe geheime Angelegenheit zu miſchen. Er ſagte ihm, daß es ihm unertraͤglich ſei, ein Geheim⸗ niß, von dem Viktorinens Lebensgluͤck abhinge, zu kennen, und daß er wenigſtens nichts damit zu thun haben wolle, da er es nicht habe verhuͤten können, ſo Viel davon zu erfahren. Doch Leonin ließ nicht nach in ſeinen Bitten, und endlich willigte Fenelon ein, aber nur unter folgenden Bedingungen: Niemals ſollte Viktorine das Verhäͤltniß des Kindes zu Leonin erfah⸗ ren— niemals dies Kind ſelbſt, daß Leonin ſein Va⸗ 435 ter ſei! Er unterſtutzte dieſe Forderungen durch Gruͤnde, die genugſam bewieſen, daß ſelbſt dem aufgeklaͤrteſten Katholiken immer die Stunde ſchlaͤgt, wo er in dem Duͤnkel ſeiner ihm allein berechtigt erſcheinenden Kirche die Grenze findet fur chriſtliche Geſinnung; daß vornäm⸗ lich der Prieſter ſtets darauf zuruͤckkommt, jede andere Form des Bekenntniſſes, als die ſeine, fur unzuläßlich, ohne bindende Kraft anzuſehen, und daß die Entſchei⸗ dung uͤber Rechte— wie klar ſie auch chriſtlich und ſitt⸗ lich der andern Kirche zugehören moͤgen— doch immer die Stuͤtze der ausſchließenden Berechtigung entbehren wird, die eben, als untruͤglich angenommen, keiner Frage des Gewiſſens mehr unterworfen wird, und mit der angewoͤhnten Ueberzeugung zugleich die kaum ein⸗ geſtandene Furcht vor den Zwangsmitteln dieſer Kirche⸗ verbindet, mit welcher die kleinſte Abweichung von ihrer konſequenten Despotie ſogleich unrettbar entzweit. Fenelon deutete wirklich an, daß er Leonin's erſte Verbindung nicht fur guͤltig halten könne; daruͤber aber dennoch Viktorinen, als ihr Beichtiger, die Ent⸗ ſcheidung erſpart wiſſen wolle. Er forderte Leonin auf, dies Kind vortheilhaft zu dotiren; doch durch keine wei⸗ teren Zugeſtändniſſe ſein Gemuͤth in falſche Richtung zu bringen— und Leonin gab nach! Der Vikar bekam Fenelon's Brief und Leonin's Entſcheidung. Herr St. Albans, der bejahrte Kaſtel⸗ lan von Ste. Roche, entfuͤhrte halb mit Gewalt das holde Kind den Armen der verzweifelnden Emmy Gray und lieferte daſſelbe in die Fenelon's. Leonin ließ Emmy die Wahl, zuruͤckzukehren oder zu bleiben. Doch wild wies ſie den erſten Vorſchlag von ſich. Sie hatte Nichts geliebt, als Fennimor;— mit Widerwillen dachte ſie an John Gray, ja, ſelbſt an ihre kleine Tochter. Sie ſagte oft:„Ich kann Nichts mehr lieben! Was ſollen ſie mit mir!“ Sie blieb im Schloſſe und bewachte die Zimmer, in denen ihr Lieb⸗ ling einſt gelebt und huͤtete ſie, und blieb der ganzen uͤbrigen Welt unzugaͤnglich und bitter grollend. Dagegen bluͤhete das herrliche Kind unter Fene⸗ lon's weiſer Hand trefflich empor. Er ſtuͤrzte ſich auf den Unterricht, den er erhielt, mit der Begierde eines Pungrigen; und ſein Lehrer fuͤhlte bald eine ſo warme, innige Zaͤrtlichkeit fuͤr ihn, daß er ihn in Allem. zu unterrichten anfing.— Nachdem Leonin den Rauſch des Herzens gemacht, theilte ihm Fenelon mit, daß Viktorine, die ihre Andacht in St. Sulpice hielt, ihn gebeten habe, ihren Sohn den Koſtgängern des Floſters zuzugeſellen. Er habe die Entſcheidung hinzuhalten geſucht bis zu ſeiner Ruͤckkehr und frage jetzt um ſeine Meinung. „ Augenblicklich willigte Leonin in dieſen Plan, der ihm eine ſuße Hoffnung gab, die Bruder vereinigt zu erzie⸗ hen, vielleicht Freunde aus ihnen werden zu ſehen. „Dies hoffnungsvolle Kind,“ ſprach Fenelon—„hat Viktorine mit dem Wunſche erfullt, beide Knaben mit einander verbunden zu ſehen, da Ludwig, ihr Sohn, von zarterer Natur und von geringeren Faͤhigkeiten iſt.“ Dieſe Nachricht war der erſte Troſt fuͤr Leonin' darbendes Herz, und er kehrte mit ſo verändertem Weſen zu Viktorinen zuruck, daß dieſe ſich tief geruͤhrt fuͤhlte, da ſie es dem Vergnuͤgen glaubte zurechnen zu muͤſſen⸗ mit welchem Leonin ihren Plan fur die Erziehung ir Sohnes auffaßte und mit ihr die Ausfuͤhrung deffel ben verabredete.„Gottlob, er liebt ſein Kind noch!“ rief ſie in Thraͤnen der Freude, als ſie allein war; „dies Gefuͤhl wird die Bruͤcke werden, die über die Tire zwiſchen uns aufſteigen und ſie verdecken muß!“ Auch gab es außerdem Familienfeſte, denen Leonin ſich aicht entziehen konnte. Louiſe de Crecy ſollte jetzt mit dem Marquis d'Anville, der den Feldzug itge⸗ macht und nach dem Frieden zu ſeiner Familie zuruck⸗ gekehrt war, vermaͤhlt werden. Das Gluͤck, das ihrer wartete, ſchloß Louiſe nur noch inniger an ihren Bruder Sie konnte es nicht faſſen, warum ihr ſonſt heiterer, immer mit ihr ſcherzender Leonin ſo finſter und ernſt Ste. Roche. I 29 ſei. Sie hing ſich mit der jugendlichen Hoffnung an ihn, ſie werde ihn erheitern können, und Leonin mußte ſich wenigſtens in Etwas theilnehmend zeigen, um das geliebte Weſen nicht zu ſchmerzlich zu täuſchen. Er durfte ſich uͤberhaupt dieſen Anforderungen nicht entzie⸗ hen, da es ihm, als Oberhaupt der Familie, zukam, ſei⸗ ner Schweſter die Honneurs zu machen. Man konnte in dieſer Zeit nichts Schoͤneres ſehen, als den Marquis d'Anville mit ſeiner Braut, und der Hof nahm ſelbſt den ſchmeichelhafteſten Antheil an dieſer Erſcheinung, welche Lebrun in einem ausgezeichneten Bilde verewigte. . Nach den vollzogenen Vermählungs-Feierlichkeiten eurlaubte ſich das junge Ehepaar vom Hofe, und Leo⸗ nin hatte nun Zeit, fuͤr ſeinen Sohn die Einrichtungen in St. Sulpice zu betreiben. Bald zeigte ſich die ge⸗ heime Hoffnung Bonin's erfuͤllt. Beide Knaben ſchloſſen ſich mit groͤßter Liebe an einander, und beſon⸗ ders hatte Ludwig's Liebe faſt etwas Leidenſchaftliches und Schwaͤrmeriſches fuͤr Reginald; denn, ſei es das eine Jahr, was dieſer älter war, ſei es ihre auffallende Charakter-Verſchiedenheit, genug, ungeſucht wurde ihr Verhaltniß das eines Beſchutzers und eines Beſchuͤtzten. Wir verlaſſen hier den Kreis, den wir bisher Schritt vor Schritt verfolgten. Es kommen in dem Leben jeder Familie Zeiten vor, die leer erſcheinen und 443 erſt mehrerer Jahre beduͤrfen, um Reſultate zu zeigen. Eine ſolche trat hier ein. Es wird weniger ermuͤdend ſein, uns aus den angegebenen Stellungen der Charak⸗ tere und der Verhaltniſſe die wachſenden Zuſtände ſelbſt zu erklaͤren, als ihnen an der kleinen Stufenleiter reiz⸗ loſer Begebenheiten nach zu klimmen— und ſo wollen wir erſt da wieder unſere Mittheilungen beginnen, wo wir Thatſachen anfuͤhren koͤnnen, die ein Reſultat der Vergangenheit ſind und neue Kataſtrophen herbeifuͤhren. Bruckv C B. Storch Comp in Breslau = 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 — F 6 5— 1 5 6