1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 v — on Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Zeih und Teſeßedingungen. onensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ſ 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen, 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines BVuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 6 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für mchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausieihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. F——————— S te. Roche. Erſter Theil . Ste. Rorche. Von der Verfaſſerin von Godwie⸗Caſtle. 3 Dritte verbeſſerte Auflage. Mit einer abbilbung des Schloſſes. Erſter Pheil. 4 Breslau, im Verlage bei Joſef Mat und Komp S 1 8 4 3. De junge Marquis d'Anville hatte ſich in ſeine Bibliothek zurückgezogen, und wir finden ihn in einer frühen Morgenſtunde, wie es ſcheint, mit ſehr ernſten Angelegenheiten beſchäftigt. Beſtäubte Aktenſtücke, deren vergelbtes Pergament und in Kapſeln daran niederhängende Siegel auf wichtige Dokumente ſchließen laſſen, liegen um ihn her auf Stühlen und Tiſchen, und werden abwechſelnd verglichen und ge⸗ prüft mit Briefen und Papieren, welche einen neueren Urſprung verrathen und zu Notizen veranlaſſen, die der junge Mann alsdann nachdenkend in ein kleines Buch verzeichnet. Sichtlich ſind ernſte, faſt ſchwer⸗ müthige Gedanken dabei in ihm angeregt, denn die Stirn, die ſonſt der Wohnſitz der Heiterkeit zu ſein ſcheint, iſt umwölkt und trägt die Furchen tiefen Nachdenkens. — Hinter ſeinem Rücken hat ſich indeſſen die Thür geöffnet, und es naht ſich ihm der holdeſte Feind trübſinnigen Nachdenkens, ſeine junge und ſchöne Gemahlin, deren leichter Schritt ſig ihm noch nicht verkündet, während ſie ſelbſt mit jugendlicher Schüch⸗ 6 ſeiner Beſchäftigungen und dem Ausdruck ſeiner ſeit⸗ wärts belauſchten Züge imponiren läßt. Gern ſähe ſie ſich von ihm bemerkt und herbeigerufen, aber ihre beredten Augen bleiben natürlich, wenn auch auf ihn gerichtet, dennoch geräuſchlos, und ſie muß ſich entſchlie⸗ ßen, ſich ſelbſt anzukündigen.„Ich bin unbeſcheiden, Dich zu ſtören,“ hebt ſie an—„aber ich wußte nicht, daß Du ſo ernſt beſchäftigt warſt.“ Bei dem Klange dieſer lieben Stimme richtet der junge Marquis das Antlitz der Redenden entgegen, und als ob ein Sonnenſtrahl den Wolkenſchleier durchbräche, ſo leuchtet das entzückte Lächeln der Liebe daraus hervor. „O, Lücile!“ ruft er, ihr die Hand entgegen⸗ ſtreckend,„ſtets erſehnt, ſtets erwünſcht und zur rech⸗ ten Stunde, iſt nur Deine Entfernung eine Störung für mich.“ „Auch wollte ich mich nur als Botin des Früh⸗ lings bei Dir melden,“ antwortete nun, in völlig ſichere Heiterkeit zurückgekehrt, die junge Marquiſe. „Dieſe Veilchen, die ihr ſehnſüchtiges Herz, der Sonne entgegen, unter dem leichten Reife des alten Mooſes hervordrängen, ſie tragen in ihrem ſüßen Dufte das ganze Paradies des Frühlings, ſie erinnern ternheit zu zagen ſcheint, und ungewiß, ob ſie es wagen darf, ihm zu nahen, ſich von dem Ernſte ———— 7 5 mich an ihre Schweſtern in der Provence, an die knospenden Buchengänge von Arconville.“ „Geliebtes Weſen!“ rief ihr Gemahl—„s liegt zwiſchen der ſchönen Wiege unſerer erſten glück⸗ lichen Tage ein weit abführender Weg, der hier aus dieſem Aktenwuſte unabweisbar ſich entwickelt. Mah⸗ nung an den Frühling kömmt mir aber zur rechten Zeit; er giebt mir Muth, Dir eine Reiſe vorzuſchla⸗ gen, die Dich ſchon jetzt den Freuden des glänzenden Hoflebens entführen wird.“ „Wie!“ rief die junge Frau—„verſtehe ich Sie recht, Herr Marquis? Sie ſchlagen mir vor, den Hof immitten ſeiner größten Freuden zu verlaſſen? Haben Sie die Liſte überſehen, die man geſtern in den Zimmern der Königin herumzeigte, die uns we⸗ nigſtens noch zwölf Bälle, ein Carouſſel und einen Maskenſcherz von einigen Tagen verſpricht? Haben Sie die prachtvollen Roben und Ballkleider vergeſſen, mit welchen Sie Ihre Gemahlin beſchenkt, und die noch nicht zur Hälfte den Neid meiner ſchönen Riva⸗ linnen erregt haben? Wollen Sie, daß die Juwelen, um deren Beſitz Sie die alte und neue Welt geplün⸗ dert, die Perlen, nach denen die Wellen des Meeres noch jetzt ſeufzend am Strande niederſtürzen— wollen Sie, daß dieß Alles umſonſt für den erſten Debüt —— 8 Ihrer Gemahlin verwendet ward? Wiſſen Sie nicht überdies, daß wir das Taubenpaar aus der Provence heißen, und daß ich dem tugendhaften Verſailler Hofe das nie geſehne Schauſpiel gab, ein Jahr nach der Hochzeit noch von meinem Gemahle geliebt zu ſein? Wollen Sie, daß ich all' dieſen Triumphen entſage, die mein junges Herz berauſchen— und was wollen Sie mir zum Erſatze bieten?“ „Nichts, Lücile,“ rief ihr Gemahl mit dem vollen Ausdrucke entzückter Sicherheit—„nichts, als mich— entweder ſehr wenig, oder— Alles? Laß Deine Roben und Juwelen zurück— ich ſchenke Dir einen Strohhut und pflücke Dir ſelbſt die Blumen darauf!“ Die Marquiſe wandte ſich leicht von ihm ab— er folgte dem lieblichen Geſichte— ihre Augen ſtanden in Thränen— aller neckende Muthwille war daraus verſchwunden. Als ſie ſchüchtern zu ihm aufblickte, ſagte ſie mit dem frommen Ernſt einer Betenden: „Bin ich nicht zu glücklich?“ „Laß uns dankbar ſein und Gott ehren durch ein lebendiges Gefühl unſeres Glücks,“ ſagte der Marquis—„s ſcheint mir ein ſchöner Gottesdienſt, ein glückliches freudiges Herz ſich zu erhalten und ſich des Geſchenks ſeines Lebens zu erfteun! Ich fürchte 9— nicht, daß mir die Kraft darin erlahmen wird, ihm gehorſam und getroſt zu bleiben, wenn trübe Tage kommen; denn ein tugendhaftes Glück läßt die Gaben des Herzens und Geiſtes unverkümmert empor wachſen.“ „Ich fürchte wenigſtens für Dich nicht, mein Armand,“ ſagte die Marquiſe mit jenem Lächeln der Bewunderung, das die Blüte des ſchönſten weiblichen Glücks, nur die höchſte Achtung in der hingebenſten Liebe, giebt—„doch laß' mich erfahren, wo Du mir die Blumen für meinen Strohhut zu pflücken gedenkſt, denn es ſcheint, in den Wäldern von Arconville wird es nicht ſein!“— „Für die nächſte Zeit wenigſtens nicht, liebe Lücile! Meine Gegenwart wird unvermeidlich auf unſern neuen Beſitzungen in Languedoc verlangt— ich kann die perſönliche Uebernahme dieſer Güter nicht länger verſchieben, denn obwohl ſie mir ſeit drei Jah⸗ ren gehören, lehnte ich bis jetzt dieſen mir widerſtre⸗ benden Akt noch immer von mir ab; doch ſehe ich ein, daß mein Anwalt Recht hat, der mir die Ver⸗ wirrungen vorſtellt, die nothwendig daraus entſtehen müſſen.“ „Sind das die Güter, die Du von dem Grafen Crecy, dem alten finſtern Bruder Deiner Mutter erbteſt?“ frug die Marquiſe. — 10 „Sie ſind's,“ erwiederte ihr Gemahl—„und ſelten iſt wohl eine Erbſchaft, die eine halbe Million betragen mag, mit ſchwererem Herzen angetreten wor⸗ den, als dieſe— ja, ich geſtehe Dir, daß ich mich noch nie der Revenüen, die daher kommen, zu einer Erweiterung unſeres Etats habe bedienen mögen, daß ich mich mehr als den Verwalter dieſer ſchönen Güter, als den Beſitzer anſehe, und ziemlich zu ihrer Ver⸗ beſſerung dieſe Summen wieder verwendet habe, da die lange trübſelige Vernachläßigung derſelben dies auch nöthig erſcheinen ließ.“ „Ich habe Dich noch nie von dieſen Beſitzungen ſprechen hören,“ ſagte die junge Frau—„obwohl ich wußte, daß ſie Dir gehörten, und ein Umſtand mich für ſie intereſſirte, nämlich die Nähe von Ardoiſe, dem Schloſſe meiner geliebten Tante Franciska. Doch ſage mir, darf ich erfahren, warum ſie dieſen ſeltſa⸗ men Eindruck auf Dich machen?“ „Es gehörte viel Zeit dazu, Dir den ganzen Inhalt dieſes Gefühls zu erklären,“ erwiederte der Marquis.„Ich brachte das letzte Jahr ſeines Lebens bei dieſem alten unglücklichen Oheim zu, und er hat vor mir in ſeinen langen ſchlafloſen Nächten die Ge⸗ ſchichte ſeines trüben und ſchuldigen Lebens mit einer Klarheit der Erinnerung, mit einer Schärfe der Com⸗ —— — glücklichen die forgfältigſten Nachforſchungen anſtellen 11 bination entwickelt, die die Fähigkeit hohen Alters zu überſteigen ſchien, und nur dem krankhaften, ſtets lebendigen Reize ſeines gequälten Gewiſſens zuzu⸗ ſchreiben war. Er ſah mich allerdings als ſeinen nächſten Erben an, und darum wünſchte er mich in der letzten Zeit ſeines Lebens, deſſen Ablauf er er⸗ kannte, um ſich zu haben— aber in dieſem Wunſche, deſſen Erfüllung die Welt nur als die Pflicht des natürlichen Erben nahm, lag weit mehr die Abſicht des Unglücklichen, dieſen unbeſtrittenen Erben em⸗ pfänglich zu machen für den Gedanken eines mögli⸗ chen Verluſtes dieſer Erbſchaft; denn der Hauptinhalt deſſen, was ich mir vorbehalte, Dir ſpäter ausführlich mitzutheilen, iſt, daß die Möglichkeit vorhanden, es lebe noch Einer, der nähere Rechte auf dieſe Be⸗ ſitzungen habe.“ „Mein Gott,“ rief die Marzuiſe,„wie ſeltſam iſt das! wie ſpannſt Du meine Neugierde! und ſage, hat ſich nach dem Tode des alten Herrn keine Ent⸗ deckung machen laſſen? dauert Deine Ungewißheit ohne que Muthmaßungen fort?“ „Die letzten Anzeichen verlieren ſich an der nörd⸗ lichen Küſte von Frankreich,“ erwiederte der Marquis —„aber trotz dem, daß ich nach dem Tode des Un⸗ 12 ließ, hat bisher keine auf eine Spur leiten wollen, die irgend eine Endeckung verſpräche; deſſen ungeach⸗ tet begreifſt Du, daß ich dieſe Verſuche fortſetzen laſſe und bisher kein Eigenthums⸗Gefühl zu dieſen Be⸗ ſitzungen haben konnte. Ueberdies ſind noch die Er⸗ zählungen von den traurigen und finſteren Dingen, von denen die Hauptbeſitung der Schauplatz war, mir zu gegenwärtig, um es wünſchenswerth zu machen, mir dort als anerkanntem Beſitzer huldigen zu laſſen. Und“— ſetzte er lächelnd hinzu—„wie findet mich meine junge Gemahlin, daß ich grade dorthin ihr den Weg vorſchlagen will, und wahrlich ihr keinen andern Aufenthalt anzubieten weiß, als eben jenes alte ver⸗ wünſchte Schloß von Ste. Roche, von dem mehr Spuck⸗ und Gräuelgeſchichten die Gegend durchlaufen, als wir in einem Jahre anzuhören vermöchten.“ „Nun,“ rief Lücile—„ich bin nicht abgeneigt, mich ein wenig zu grauen, wenn ich nur recht voll⸗ ſtändig dabei in Sicherheit bin und nicht den ganzen Tag daran zu denken brauche.“— „Auch ſchreibt mir mein Verwalter, er habe den rechten Flügel des Schloſſes, der überhaupt ein neue⸗ rer Anbau iſt, und eine freiere Ausſicht und lichtere Räume gewährt, ſo viel dies bei der Abneigung der Arbeiter, das Schloß zu betreten, gehn wollte, etwas 13 aufräumen laſſen— wogegen Dir zum Grauen jedoch noch genug Veranlaſſung bleiben wird, da ich auf's Beſtimmteſte verboten habe, den übrigen Theil des Schloſſes anzurühren— bis auf die äußeren Repa⸗ raturen der Dächer, Thüren und Fenſter. Den lin⸗ ken Flügel mußte ich bis auf Dachbefeſtigungen auch hiervon ausnehmen, denn dieſer ſteht unter einer beſonderen Autorität, die ich zu reſpektiren habe an⸗ geloben müſſen in dem ganzen umfange, wie dies mein Oheim zu thun ſich gelobt hatte. Dieſe Auto⸗ rität iſt eine alte Fran, welche ihr Leben in dieſem Schloſſe, und ſeit einigen fünfzig Jahren in dieſem Flügel, oder vielmehr in einer kleinen Behauſung vor demſelben zubringt, welche Niemand den Einlaß ge⸗ ſtattet und von Niemand dazu gezwungen werden kann,— ſo daß von allen, die dort leben, ſich Nie⸗ mand rühmen darf, das Innere dieſes geheimnißvollen Ortes betreten zu haben. Bevor ich die Güter über⸗ nahm, hauſte ſie und ein alter Kaſtellan in dieſem Schloſſe, und es war die höchſte Zeit, daß eine andere Macht dort einſchritt, da das alte Schloß, ſo feſt und faſt unverwüſtbar es auch erbaut iſt, doch bei der gänzlichen Vernachläßigung, die es, wie alle übrige Beſitzungen, erleiden mußte, allgemach immer* fälliger zu werden begann.“ —— —— 14 „O, wie ſehne ich mich nach Ste. Roche!“ rief die junge Marquiſe—„und wie will ich um das Herz der alten Pförtnerin mich bemühen, daß ſie mir Einlaß gewährt in dieſe geheimnißvollen Gemächer. Doch ſage mir nur noch mit einem Worte, ob Du die Geſchichte derſelben kennſt?“ „Ich kenne ſie,“ erwiederte ihr Gemahl— „doch dringe vorerſt nicht in mich, ſie Dir mitzu⸗ theilen; es ſchmerzt mich, dieſen Mißlaut in Deine reine Seele zu ſpielen! Wie entzückt mich der Ge⸗ danke, wenn ich Deinen Zauber empfinde, daß das Böſe für Dich nur eine allgemeine inhaltloſe Exiſtenz unter den Erſcheinungen hat, deſſen Daſein Du kennſt, ohne daß Dich ſeine Bedeutung erreichen konnte. Gönne mir das Glück, Dich zu behüten und zu be⸗ wahren— laß' mich der Engel mit dem feurigen Schwerdte ſein, der das Paradies Deiner unſchuldigen Gedanken bewahrt.“ „O, mein Geliebter,“ rief die junge Frau— „welch' ein Wohllaut des Himmels liegt darin, Dir ſo anzugehören, daß ſelbſt meine Gedanken Deines Schutzes genießen! Glaubſt Du, daß es eine Neu⸗ gierde gäbe, die ſtärker wäre, als dies Gefühl?“ „Nein,“ erwiederte er ernſt und gerührt— ch weiß es, die Deinige wenigſtens nicht— auch — denke ich daran, Dir den Inhalt dieſer unglücklichen Geſchichte ſpäter auf eine Weiſe mitzutheilen, die Dich weniger Lerletzt „Bis dahin alſo will ich Geduld haben, die mir leichter noch durch die Ausſicht wird, dies ſchauerliche Geheimniß in ſeiner Oertlichkeit zu ſehen.“— „Doch ſieh' da— Leonce!“ rief der Marquis und eilte ſeinem Bruder entgegen, der mit der freund⸗ lichſten Eilfertigkeit in das Zimmer trat.„Willkom⸗ men in Paris, Theurer, Lieber! Seit wann biſt Du zurück?“ „Erſt ſeit dieſem Augenblick,“ rief der junge Mann und begrüßte herzlich ſeine liebenswürdige Schwägerin. „Nun in Wahrheit,“ rief Lücile,—„lieber Leonce, Sie kommen zur rechten Zeit, mich gegen meinen Gemahl in Schutz zu nehmen; denken Sie nur, er verlangt, daß ich Paris verlaſſen ſoll, da noch Niemand daran denkt, ſich auf ſeinen Gütern zu lang⸗ weilen, und Paris in der vollen Blüte ſeiner aus⸗ erleſenen Freuden ſteht.— Haben Sie ein ähnliches Anerbieten ſchon jemals gehört? und was meinen Sie, daß ich thun oder nur antworten ſoll?“ „Was Sie bereits gethan oder geantwortet ha⸗ ben,“ rief Leonce mit dem Ausdruck inniger Verehrungz 6 16 „denn das Rechte war es gewiß, und ich will es bloß wiſſen, um Sie auf's Neue zu bewundern.“— „Gottlob,“ rief die heitere junge Frau—„unſer Bruder iſt mit vollſtändig liebenswürdigen Manieren zurüickgekehrt! Glaubt mir, ich erkannte Euch nicht, als Ihr damals von Euren Reiſen wiederkamet— auch nicht ein Zug von meinem liebenswürdigen Spielkameraden war geblieben— eine düſtere, blaſſe, ſeufzende Kreatur war zurückgekehrt, und ich ward entmuthigt, froh zu bleiben, wenn Ihr ſo ſtill und einſylbig an meiner Seite ſaßet.“ Sichtlich traf die Rede den jungen Mann tiefer, als die ſorgloſe Heiterkeit ſeiner Schwägerin ahnete — es brach aus den Augen des Jünglingls eine ſo melankoliſche Glut, er ſchloß die Lippen ſo ſchmerzlich zuſammen, daß der Marquis, überraſcht von der plötz⸗ lichen Veränderung ſeines Bruders, ihm ſchnell einige Fragen über die zurückgelegte Reiſe und den vor⸗ gefundenen Zuſtand ſeiner Güter that. Leonce arbeitete ſich mit ſichtlicher Anſtrengung aus der Stimmung heraus, die durch die unſchuldigen Worte ſeiner Schwägerin angeregt war, und verſicherte ſeinem Bruder, er habe Alles wohl arrangirt gefunden, könne nicht anders, als ſeine Verwalter loben und habe für längere Zeit ihre Vollmachten beſtätigt. 7 — „Aha!“ fiel die Marquiſe ein—„für lange beſtätigt; das heißt ſo viel, als: wir haben uns auf lange Zeit von der eigenen Verwaltung losge⸗ macht und ſind nicht geſonnen, den alten Ahnenbil⸗ dern und den Schäferſpielen der Gobelin⸗Tapeten auf dem alten Schloſſe Geſellſchaft zu leiſten.“ Leonce lachte.„Es iſt wahr, ſchöne Spötterin, ich muthete mir eine Einſamkeit in ſo großartiger, aber den⸗ noch melankoliſcher Umgebung nicht zu— ich bin noch zu jung, ſie ſuchen zu dürfen, ich muß ſie ſogar fürch⸗ ten, da ich ihren Zauber nicht lange genießen dürfte, ohne ihm zu unterliegen. Dagegen hilft nur ein ſehr muthiges Erfaſſen des Lebens— ich denke Dienſte zu nehmen, oder noch eine weitere längere Reiſe zu machen — vielleicht,“ ſetzte er hinzu,„nach England.“ „Nun, dazu gebe ich nimmermehr meine Erlaub⸗ niß!“ rief die junge Marquiſe.—„Nach England wollt Ihr? wo die Sonne nie klar, voll und warm Euch beſcheint, wo die Stürme des Meeres Euer Ge⸗ hirn austrocknen, und Eure Empfindungen zum Schwei⸗ gen verdammt ſind vor dem melankoliſchen Geſpräch der Wellen. Niemals,“ rief ſie mit komiſchem Pa⸗ thos,„gebe ich dazu meine Erlaubniß, und dieſe müßt Ihr doch wohl haben, da ich das einzige weibliche Haupt dieſer, Eurer Familie bin?“ Ste Roche I. 2 . wil l ſchon dafür ſorgen, daß Euch die trübſeligen Ge⸗ 18 Beide Männer lächelten der guten Laune der lie⸗ benswürdigen Frau Beifall zu, der Marquis aber umfaßte zärtlich ſeinen Bruder.„Du ſiehſt, mein Lieber, welcher Herrſchaft wir beide dienſtbar ſind, er⸗ gieb Dich und willige in meinen Vorſchlag, Dich uns anzuſchließen. Sieh', die Reiſe, die ich vorhabe, wird mir herzlich ſchwer— ich gehe nach Ste. Roche, und übernehme endlich nach langem Sträuben dieſe mir faſt verhaßten Beſitzungen. Lücile hat eingewil⸗ ligt, mich zu begleiten; ich möchte ihr zum Lohn für ſo viel Nachgiebigkeit gern ihren alten Spielkamera⸗ den mitführen, denn meine Angelegenheiten werden meine Zeit mehr in Anſpruch nehmen, als ihr lieb 3. wird.“ „Thut das, Leonce,“ ſagte Lücile—„und ich danken vergehen, wenn wir uns auch nicht viel auf äußere Hülfsmittel werden verlaſſen dürfen, da wir in ein wahres altes Geſpenſterhaus einziehen.“ Leonce ſchwieg noch immer, und der Ausdruck ſeiner Züge veränderte ſich wieder bis zur Düſterheit; er ſchien kaum die liebevollen Worte zu verſtehen, eigene Gedanken mußten dazwiſchen getreten ſein. „Gieb es auf, Armand,“ ſagte die Marquiſe— „auf dieſem Geſichte ſteht kein Ja! Das iſt die Miene, 19 die ich mehr fürchte, als Dein Geiſterſchloß— und kann er uns nur mit ihr begleiten, ſo behüte mich Gott, daß ich ihn mitnehme, er zöge die Geiſter wie mit Magneten an ſich, anſtatt er mir helfen ſoll, ſie abzuwehren.“ „Leonce,“ ſagte der Marquis zärtlich beſorgt, „Du biſt wirklich ſeltſam!“ „Vergebt mir,“ rief Leonce, ſich jetzt emporraf⸗ fend—„ich habe ſehr Unrecht! Gewiß, Ihr habt Urſache mir zu zürnen, mich thöricht und undankbar zu ſchelten— aber glaubt mir, auch für mich iſt eine wichtige Zeit gekommen— ich ſtehe auf dem Punkte, auf welchem man ſich für's folgende Leben eine Rich⸗ tung geben oder ihrer für immer entbehren muß. Ich bedarf der Thätigkeit, um mich zu zerſtreuen— Zer⸗ ſtreuung ſoll hier nicht Zeit⸗Tödtung heißen, ich fände ſie ſonſt wohl in Paris— ſie ſoll das Anbauen, An⸗ ranken, Durchdringen des Kerns des höheren Lebens bezeichnen, und kann ich dann nicht glücklich, will ich doch eines beſſeren Schickſals werth ſein.“— Er war wieder blaß geworden bei dieſen Worten, und von der tiefſten Bewegung ergriffen, drückte er ſich einen Augenblick in die Arme des Marquis.„Es ſcheint mir, ich habe keine Zeit zu verlieren“, fuhr er ruhiger fort;„daher blieb ich bei Eurem Vorſchlage zweifelhaft, 2* 20 und das Nachdenken, worin er mich verſetzte, iſt mir nachtheilig.“ „Und jetzt müßt Ihr mit, Leonce!“ rief die Marquiſe munter dazwiſchen—„eben habe ich es entſchieden. Ueber Lebenspfade, höhere Richtungen und wie Ihr das alles nennt, entſcheidet man am beſten auf Reiſen— nicht auf ſo haſtigen und ungeſtümen Reiſen, als junge Männer machen, wenn ſie allein ſind, ſondern auf ſolchen, wo man, in bequeme Kutſchenkiſſen gedrückt, an der Seite irgend einer gu⸗ ten, geſchwätzigen, launenhaften, luſtigen Frau, dahin rollt— außer Thätigkeit geſetzt, doch dem Zwecke gemäß ſich verhält, alſo ohne Gewiſſensbiſſe zum mü⸗ ßigen Nachdenken übergehen kann, wenn die Nach⸗ varin ſich müde geſchwatzt, oder über ihre Reiſekleider nachdenkt, oder ihre Sieſte hält— da, mein lieber Leonce, tritt der Moment ein, wo uns große Ge⸗ danken kommen— Lebensrichtungen ſich von ſelbſt offenbaren, und ohne den ſchwerfälligen Wuſt, den Stadt⸗ und Zimmerluft umhängen; vielmehr wird da Alles klar, hell und heiter, wie die Luft, die uns umſtrömt, wir vergeſſen nicht, daß das Leben, das wir mit myſtiſcher Spekulation ergründen wollen, vor allen Dingen ſchön iſt, und es keine ſanftere Wiege giebt, als in den Mutterarmen der Natur— und in 21 dieſe Wiege ſollt Ihr, Leonce, und dieſe Hand legt Euch hinein, trotz des Mißverhältniſſes der Größe— denn Euch fehlt etwas— Gott weiß, was!— das muß erſt heil werden, ehe Ihr entſcheidende Schrite thut.“ Mit innigem Wohlgefallen betrachtete der Mar⸗ quis ſeine holde Gemahlin, die ihm ſo ganz aus dem eigenen Herzen geſprochen hatte. Freundlich drückte er ihre deklamirenden Hände.—„Ich danke Dir, Lücile, daß Du ihm Alles geſagt, was ich dachte; laß' mich hinzufügen,“ fuhr er gegen Leonce fort,„daß Dich jetzt in dieſer Stimmung zu verlaſſen, mir faſt unmöglich ſein würde, und da ich doch kaum bleiben könnte, es mein einziger Troſt iſt, Dich mit mir zu führen. Rechne darauf, daß Du mit Deinen direkte⸗ ſten Freunden reiſeſt, die Dir ganz allein überlaſſen werden, was Du für nöthig halten wirſt, ihnen mit⸗ zutheilen.“ „Abgerechnet,“ lachte Lücile,„was ich ihm ge⸗ legentlich ablocke oder ablauſche.“ „So bleibt mir denn keine Wahl,“ rief Leonce, und ſein tragiſcher Ton verhieß noch wenig Sinn für die heitereren Anklänge ſeiner jungen Beſchützerin. „So will ich denken, Ihr ſeid mein Schickſal; nehmt mich mit Nachſicht hin, ich will Eurer Liebe ganz 22 vertrauen— ja, ich folge Euch! Aber verſprecht mir, daß Ihr mich nicht aufhalten wollt, wenn ich Euch ſpäter doch ſage, daß ich fort muß.“ „Ich verſpreche nichts, als mich jetzt zur Reiſe zu rüſten,“ rief die Marquiſe,„und Eures Winkes ge⸗ wärtig zu ſein. Richtet jetzt Alles zu meinem Wohl⸗ grfallen ein; denn ich will mir einen Vorrath von Einfällen und Capricen ſammeln, an denen Ihr beide genug zu thun haben ſollt.“ Hold grüßend entſchlüpfte ſie den Brüdern. Als die Thüre ſich hinter ihr ſchloß, warf ſich Leonce ſtür⸗ miſch in die Arme ſeines Bruders.„Glücklicher, Glücklicher!“ rief er—„Dir haben die Engel in der Wiege gelacht, als ſie Deiner Zukunft dies Geſchenk verhießen! Dich trennten keine Vorurtheile, keine Launen des Zufalls von dem einzigen und höchſten Wunſche Dein“ Herzens!“ „So iſt es, Leonce,“ ſagte der Marquis faſt ver⸗ legen über dieſe Rede—„und ich hoffe, wir ſind beide unter guten Zeichen geboren; auch Du wirſt glücklich werden.“ Leonce ſchüttelte leiſe den Kopf. Beide trennten ſich zu den nöthigen Anordnungen der Abreiſe. Die Strahlen der Frühlingsſonne erhellten die keimende, knospende Erde, und ſchienen das Geſchäft ihrer Entwickelung mit dem Eifer eines Gebers zu betreiben, der ſich ſeines Reichthums bewußt iſt und das Glück, womit er den Bedürftigen überſchüttet, zu ſehen trachtet. Faſt hätte man von Stunde zu Stunde die Blätter und Halme zählen können, die ſich aus ihren warmen Strahlen zu erſchaffen ſchie⸗ nen, und ein Tag verhieß ſchon für den nächſten die ſüßeſten Wunder. Wir finden ein Auge in dem Bereiche, dem wir uns nahen, das mit beſonders theilnehmendem Aus⸗ drucke dieſem Naturtreiben zuſah, und Geiſt und Herz daran zu erquicken trachtete. In einem von der Sonne erwärmten Garten⸗ ſaale ſaß in der offenen Thüre Franciska, Gräfin d'Aubaine, in friedlicher Stille und Einſamkeit. Die breiten Buchen⸗ und Lindenwege, die Ardoiſe zieren und den Park mit dem kleinen Flecken, der dazu gehört, durchſchneiden, gaben mit ihren durch⸗ ſichtigen hellgrünen Blättchen ſchon eine feine Schat⸗ tenlinie auf die dazwiſchen durchblickenden Wieſen und Raſenplätze, die vom Schloſſe aus durch jene phanta⸗ ſtiſch geſchnittenen Hecken unterbrochen waren, welche die Architektur fortzupflanzen trachten, den wirklichen Geſtaltungen der Natur entgegen tretend. Das alte Herrenhaus von Ardoiſe lehnte ſeinen Rücken gegen die wildreichen Wälder dieſer ſchönen Beſitzungen, und trennte und ſchützte es gegen die an ſeinen Grenzen hinlaufende Landſtraße. Es hatte daher den doppelten Vorzug einer ungeſtörten Einſamkeit und einer leicht zu unterhaltenden Kommunikation mit den naheliegenden Ortſchaften und Nachbargütern. Die Gräfin d'Aubaine wußte jetzt beide Vorzüge wohl zu ſchätzen, wenn in früheren Jahren eine be⸗ ſtimmte Richtung ihres Innern ihr den erſteren als den vorherrſchendſten bei der Wahl ihres Aufenthaltes hatte erſcheinen laſſen. Bis zum Tode ihrer Aeltern hatte ſie abwechſelnd hier und auf deren Stamm⸗ Schloſſe Mont Réal gelebt. Dies war ihrem Bru⸗ der zugefallen, und nachdem ſich auch ihre jüngſte Schweſter, die Mutter der Marquiſe d'Anville, an den Grafen Maurepas vermählt hatte und deſſen Güter bewohnte, zog die Gräfin Franciska vor, in Ardoiſe ihren Wohnſitz zu nehmen. 25 3 Sie war unvermählt geblieben— und ohne, daß über die Erlebniſſe ihrer Jugend etwas Beſtimmtes bekannt geweſen wäre, genoß ſie von Aeltern, Geſchwi⸗ ſtern und Freunden die ſtille ehrende Schonung, mit der man das unverſchuldete Mißgeſchick betrachtet, und die Fügſamkeit in ihren Willen, die man ſo gern den kleinen Rettungsmitteln widmet, womit ein blutendes, aus dem natürlichen Kreiſe des Lebens verſchlagenes, Herz ſich zu ſchützen ſucht.— Auch war die Rück⸗ ſicht, die ſie unaufgefordert ihren Angehörigen aufer⸗ legte, keine ſchwer zu leiſtende. Ihre Seele war durch das Erlebte den ſchönen Gang einer wahren Reſigna⸗ tion gegangen; losgelöſt von eignen Hoffnungen und Wünſchen, ſuchte ſie ſich in keiner äußeren Erſchei⸗ nung mehr, und war um ſo hingebender und theil⸗ nehmender für die Zuſtände um ſich her.— Selbſt ihr vorherrſchendſtes Bedürfniß: Ruhe, befriedigte ſie nie auf Unkoſten einer freundlichen Hingebung an die gelegentlichen Anforderungen, ſich geſellig zu erweiſen — und die ganze tiefe umfaſſende Erfahrung des Un⸗ glücks, die ihr geworden, diente ihr nur, ähnlichen Zuſtänden mit Rath und Theilnahme zu begegnen. Sie kannte keine größere Wohlthat, als den Anblick glücklicher Menſchen, ſie nannte ſich ſcherzend darin eine Epicuräerin, und ließ nicht ahnen, wie ſie das 6 Unglück aufſuchte und ſich ihm hinzugeben verſtand, wenn um ſie her in dem weitläufigen Schloſſe der Frohſinn zu herrſchen ſchien, den ſie ſowohl zu wecken und zu unterhalten verſtand. Ihre eigene, frühzeitig von Kummer gezeichnete Geſtalt konnte nicht mehr das zeigen, was ſie gern bei Andern ſah. In der Mitte des Lebensalters, trug ſie doch das Anſehn ei⸗ ner Matrone; nur ihre hohe Geſtalt war fein und ſchlank und von dem edelſten Anſtande getragen.— Die einſt ſo ſchönen braunen Locken waren ſchon in Silbergrau verwandelt und bildeten den Uebergang zu dem völlig erblaßten ſtillen Angeſichte, deſſen tief⸗ gedrückte Augenbrauen und niedergezogene Mundwin⸗ kel die rührenden Züge eines Kummers darſtellten, der Zeit gehabt hatte, die reichſte Schönheit zu ſeiner Re⸗ präſentantin umzuwandeln. Sie trug immer einfache ſchwarze Kleidung, und die Mode ging unbeachtet an ihr hin, wie ſie es unbeachtet zuließ, daß ihre alte Kammerfrau von Zeit zu Zeit in nicht ſtörenden An⸗ ordnungen ihr nachzukommen ſuchte. Angebetet von ihren Dienſtleuten, war ſie das Kleinod der Familie, und wie man einen boſtbaren Schmuck wohlverwahrt läßt, ſeinen täglichen Genuß nicht wagend, ſich des ſchönen Beſitzes ſicher wiſſend, ſo unterbrachen alle die heilige Ruhe der Tante nur ſelten, des erwärmenden 27 Gefühls gewiß, daß ſie ihnen lebe, ſich ihnen nie zu entziehen ſtrebe. Dieſe ſtille Abgeſchiedenheit ſollte zeoch eben an dem Tage, wo wir uns in Ardoiſe einführen, eine kleine Umwandlung erleiden, denn die Gräfin d'Au⸗ baine war in Erwartung einer jungen Gefährtin ihrer künftigen Tage. Der frühe Abend hatte ſie in ihre oberen Ge⸗ mächer geführt, wo die leichte Glut eines Kamin⸗ feuers und der helle Schein der Kerzen noch die Be⸗ ſchäftigungen des Winters zurückrief. Einige Stunden ſpäter fuhr ein verſchloſſener Reiſewagen mit den Livreen der Gräfin durch die nun völlig in Dunkel gehüllten Wege des Waldes dem Schloſſe zu. Die Thorwächter öffneten die eiſernen Gitter, die den Hofraum umſchloſſen, und der Wagen fuhr in den Portikus des Hauſes. „Iſt die Frau Gräfin noch zu ſprechen?“ fragte St. Blace, der alte Kammerdiener derſelben, und hob ſich langſam aus dem bequemen Bockſitze. „Sie haben befohlen, ſogleich die junge Herrſchaft einzuführen,“ antwortete Mr. Lorint, der Haushof⸗ meiſter,„und ſind beſorgt um ihr langes Ausbleiben.“ „Nicht meine Schuld, nicht meine Schuld, Mr. Lorint!“ rief St. Blace,„wir haben keinen Mond⸗ 28 ſchein, und die Wege im Walde ſind noch feucht und aufgeweicht von der Regenzeit— wir konnten nur langſam vordringen.“ Indem nahten ſich Beide dem Wagenſchlage, und ihn öffnend, hob ſich ihnen zuerſt die alte Kammer⸗ frau der Gräfin, Madame Sulpice, entgegen und ließ ſich, in ihre Pelze und Mäntel gewickelt, von ihren beiden Kameraden über den Tritt der Kutſche ziehen. „Ah, Mr. Lorint!“ rief ſie freundlich—„ich hoffe, wir finden Alles wohl auf in Ardoiſe und kom⸗ men zur geſegneten Stunde.“ „Ihro Gnaden wenigſtens führten ein leidliches Wohlbefinden, und ſonſt fiel ſeit zwei Tagen nichts zu vermelden vor.“ „Deſto beſſer, Mr. Lorint— keine Neuigkeiten beſſer als trübe,“ erwiederte Mad. Sulpice.—„Darf man Euer Gnaden erſuchen, auszuſteigen?“ fuhr ſie, gegen den Wagen zurückgewandt, fort. Voll Neugierde beeilte ſich jetzt Mr. Lorint der Angekommenen Hülfe zu leiſten. Alle Bewohner Ar⸗ doiſe's ſahen auf die Veränderung in dem Leben ihrer Gebieterin, die ihr nach ſo langer Einſamkeit eine ſtete Begleitung, eine Lebensgefährtin, wie ſie ſich ſelbſt darüber ausdrückte, geben ſollte, mit einem Er⸗ ſtaunen und einer Erwartung, die man wenigſtens 29 durch die Erſcheinung des Gegenſtandes ſelbſt gerecht⸗ fertigt zu ſehen hoffte. Mit der Leichtigkeit der Jugend betrat jetzt den Kutſchentritt eine ſchlanke feine Geſtalt, welche den Flor der Haube ſo über die Stirn gezogen trug, daß nur das blendend weiße Kinn und der ſchöne Mund ſichtbar waren. So getäuſcht ſich Mr. Lorint hiedurch fand, ſchloß er doch gleich mit ſich ab— hier eine junge Schönheit zu ſehen, und als ſie den Boden be⸗ trat und mit dem reinſten franzöſiſchen Accent ihn anredete, beſchloß er, ſie des Vorzugs, den ſie eben einzunehmen im Begriff war, würdig zu erklären. „und werde ich die Gräfin d'Aubaine dieſen Abend noch ſehen?“ frug die junge Dame mit einem ſanften Tone der Sprache. „Ich eile, Euer Gnaden zu melden,“ erwiederte Lorint,„und bitte unterthänigſt mir zu folgen.“ Die Fremde nahm mit einigen dankbaren Wor⸗ ten von ihren beiden Reiſegefährten Abſchied und ſtieg hinter Lorint die heitere breite Treppe hinan, die, gaſtlich erhellt, den ſchönen Marmor der Wände mit ſeinen kunſtreichen Verzierungen zeigte.— Lorint öff⸗ nete einen Vorſaal und beurlaubte ſich dann, in eine Nebenthüre verſchwindend. Kaum ſah ſich die Fremde allein, als ihr Herz von der tiefen Bewegung über⸗ 30 floß, welche ſie zu beherrſchen getrachtet hatte. Die heißeſten Thränen ſtürzten aus ihren Augen, und ſie verhüllte das Geſicht, dem Schmerze ihres Herzens ſich hingebend. Einige Augenblicke hatte ſie ſo den Tribut gezahlt, den eine plötzliche und vollſtändige Umänderung aller bisher gekannten und lieb geweſenen Verhältniſſe dem jungen Herzen abnöthigten, als ſie durch den Gedanken, im nächſten Augenblicke derjeni⸗ gen gegenüber zu ſtehen, die ſich mit allen Beweiſen von Liebe und Theilnahme ihr ſchon in weiter Ferne bis zum gegenwärtigen Tage genaht hatte— ihre Thränen verſiegen machte und ein neues Bemühen herauf rief, ihre ſchmerzliche Aufregung zu beherrſchen. Sie trocknete ihre Augen, und ihren Mantel ablegend, gewahrte ſie nun erſt die Schönheit des Raumes, in dem ſie ſich befand, der von zwei Kaminen und vie⸗ len geſchickt vertheilten Kerzen, die ihr Licht von hell polirten Wänden und Fußböden wiedergaben, erleuch⸗ tet wurde. Ihre Aufmerkſamkeit ward ſogleich durch einige lebensgroße Bilder in Anſpruch genommen, Per⸗ ſonen aus der Familie darſtellend, welche die Fremde in den Kreis einzuführen ſchienen, dem ſie künftig an⸗ gehören ſollte. Es waren ſchöne, edle Geſtalten, und ihr Auge blieb mit beſonderer Theilnahme an den Zügen einer Dame hängen, welche, im Brautſchmucke 31 gemalt, mit ſo unbeſchreiblich anziehenden Mienen auf die junge Beſchauerin niederſah, als wolle ſie ihr Muth und Lebenshoffnung einreden. „Ach,“ ſeufzte ſie leiſe,„wären das die Züge der Gräfin d'Aubaine, wenn auch von der Zeit der ju⸗ gendlichen Schönheit beraubt!— Wie unbeſchreiblich wohl wird mir in Deinem Lächeln— als hätte ich Dich längſt gekannt, als wüßteſt Du Alles, was in meinem Herzen vorgeht!“ Indem öffnete Lorint die Flügelthüren und lud das Fräulein zum Nähertreten ein. Durch mehrere Gemächer, welche alle, erhellt und vom Kaminfeuer belebt, den Hauch des Geiſtes trugen, der nur im ſteten Gebrauche ihnen ihr anſprechendes Daſein ein⸗ flößt— erreichte die Fremde ein Kabinet, das die Zimmerreihe ſchloß, und, mit grünen, ſeidenen Vor⸗ hängen rings umhängt, wie Waldeinſamkeit und Stille den Wohnenden umfing. An der Schwelle ſtand plötzlich die hohe Geſtalt der Gräfin d'Aubaine. Es waren zwar nicht die Züge, die aus jenem Bilde lächelten, aber wer hätte der ſanft verklärten Dulderin in die milden blaſſen Züge blicken können, ohne zu glauben, er habe gefunden, was er ſuche. „O Elmerice,“ rief die Gräfin, das ſchnell zu ihren Füßen geſunkene Mädchen mit beiden Armen * 32 umfaſſend, ſuchſt Du keinen andern Platz bei Deiner zweiten Mutter?“ Unfähig zu ſprechen, ſank Elmerice an ihren Bu⸗ ſen. Die Gräfin, welche jede allzugroße Erweichung ſcheute, rang ſichtlich mit ihren Gefühlen, das iebe Weſen, welches ſie innig an ſich gedrückt hielt, in der natürlich großen Bewegung zu ſtützen. „Blicke auf, mein Kind, und ſei getroſt! Du haſt eine Mutter, ich die Freundin meiner Seele ver⸗ toren! Ach, glaube mir: Du biſt mir ein heiliges, über Alles theures Vermächtniß, und daß ſie mit die⸗ ſer letzten Gabe ihres Lebens mich noch beglücken und ehren wollte, das iſt ein Zeugniß ihrer Liebe, woran ich Dich erinnere, daß Du fühlſt, wie ſie mich hoch⸗ hielt, und daran Dein Vertrauen zu mir knüpfeſt.“ „Ach, Frau Gräfin,“ rief Elmerice,„wie könnte ich jett erſt Gefühle anknüpfen wollen, bei denen ich groß gezogen ward— meine Aeltern, ſo lang ich ſie beide beſaß, wetteiferten, Euch zu lieben!“ Elmerice zärtlich umſchlingend und ſie zu ſich in das Ruhebette niederziehend, ſagte die Gräfin: „wie rührt mich ſo viel Liebe, wenn ſie, auch un⸗ verdient, nur den Geber ziert. Wie rührt es mich, daß Deine Mutter ſo das Herz Deines Vaters be⸗ ſtimmte, ihm für die nie Geſehene, Ungekannte, eine 33 ſo warme Theilnahme einzuflößen!“ „Mein Vater kannte Euch nicht?“ rief hier Elmerice überraſcht,—„wie iſt dies möglich? Er u Euch gekannt haben, denn von ihm erbat ich es et mir, Euch und Ardoiſe zu ſchildern.“ „Und that er das?“ frug lächelnd und überraſcht die Gräfin. 7„H hättet Ihr es gehört! Wie ich die Treppe hinauf ſtieg, erkannte ich Ardoiſe nach dieſer Be⸗ ſchreibung ſogleich wieder— und je länger ich Euch 1 betrachte, je mehr erkenne ich das Bild, das er von Euch entwarf, tragt Ihr freilich auch nicht mehr Eure Lieblingsfarbe, das ſchöne Himmelblau, die wei⸗ ßen Roſen im Haare, worin Ihr den Engeln glichet.“ „Seltſam!“ ſagte die Gräfin, leicht erröthend vor ſich niederblickend—„doch glaube mir, ich ſah ihn nie, aus den Erzählungen Deiner Mutter kannte er dies; ſie ſchmückte mich zuerſt bei ihrem Aufent⸗ halte in Ardoiſe an dem Namenstage meiner Mut⸗ ter, ſo wie Dir geſagt ward. Viele Jahre trug ich ſo am liebſten mich, ſchwere verhängnißvolle Erin⸗ nerungen ſind an dies Kleid geknüpft, und da man es oft als zu meinem Leben gehörend erwähnt hat, wird es auch ſo Dein Vater erfahren haben.“ Elmerice ſchwieg, aber das geſenkte Angeſicht Ste. Roche. I. 3 zeigte, wie unbegreiflich ihr dieſe Annahme ſchien. —„Mein Vater war aber in Frankreich, er iſt in Paris erzogen,“ fuhr ſie endlich fort, fragend in das Antlitz der Gräfin blickend, denn ihr ſchien jetzt nichts mehr recht ſicher, da dies Eine, woran ſie ſo beſtimmt 6 geglaubt, ihr in Abrede geſtellt ward. „So hörte ich von Deiner Mutter, liebſte El⸗ merice. Herr Eton, Dein Großvater, gehörte zu den ſelten gebildeten engliſchen Geiſtlichen, die ihren Kin⸗ dern keinen größern Vorzug mitzugeben trachten, als eine ausgezeichnete Erziehung. Dein Vater muß eine vollendete Bildung erhalten haben.“ „Wie könnt' ich beſtimmen,“ rief Elmerice mit Enthuſiasmus,„auf welcher Höhe der ſtand, welcher um ſich her die Hoheit und die Würde jeder menſch⸗ lichen Tugend verbreitete? Er war ſelten heiter, und ich habe Menſchen gekannt, die dies zu tadeln ſuchten — aber wie hätten wir uns ihn anders denken kön⸗ nen, wie glauben, er könne die gewöhnliche Gabe des Frohſinns beſitzen, ſo erhaben wie er vor uns ſtand! O, er war ja nie finſter, nie unfreundlich— und gab es etwas, was ſich mit ſeiner Freundlichkeit hätte vergleichen können? Ich, ſein glückliches Kind⸗ an das er ſeine ernſteſten Blicke in Huld und Güte umwandelte, wie war ich bezaubert von dieſem Lä⸗ 35 cheln!— Wenn er plötzlich eintrat, wo ich mich be⸗ fand, und nur mein Arm, meine Hand nachläßig danieder hing— ich fühlte es als einen Vorwurf und rückte mich beſchämt zurecht, und wagte nicht, kühn zu ihm aufzublicken, nicht laut zu ſprechen, wenn er ſtill und ſinnend in langen, ſtummen, in⸗ nern Anſchauungen da ſaß und ſeine bloße geräuſch⸗ loſe Gegenwart uns beherrſchte, als ob ein König unter uns wäre. Man ſpricht von Menſchen wie von Fabeln, die durch die Gewalt ihrer Augen ihre Mitgeſchöpfe beherrſchten; ſo war mein Vater! Ich habe ihn, ſtatt Worte zu ſagen, anblicken ſehn, und die Macht der erſchütterndſten Rede hätte nicht ſiegen⸗ der wirken können— der ausgelaſſenſte Uebermuth ſank vor dieſen Augen zuſammen.— Zu ihm kamen die ausgezeichnetſten Menſchen und forderten Rath; ſeine Geſellſchaft, ſeine gelegentliche Unterhaltung mit Einem oder dem Andern war eine hohe Ehre, deſſen ſich die Beſten rühmten und ſtolz darauf waren. Sein Tod brachte die Grafſchaft in Bewegung, ein Jeder eilte herbei, ihn noch ein Mal zu ſehen“— Hier ſchwieg Elmerice plötzlich— ihr kindlicher En⸗ thuſiasmus hatte ſie ſo nach Außen gedrängt, daß ſie ſich ſelbſt ganz aus den Augen verlorenz die Er⸗ wähnung ſeines Todes aber weckte ihr eigenes Gefühl; 3 3* 36 das ſie in Liebe glühend heraufgerufen, durchzuckte ſie jetzt mit dem Gefühle ſeines Verluſtes— große Thrä⸗ nen fielen wie Perlen aus den Augen— ſie ver⸗ mochte nicht weiter zu ſprechen. Die Gräfin d'Aubaine hatte dies faſt vorausge⸗ ſehen— freundlich war ſie beeilt, ſie zu unterbrechen: „Ich wollte, Du hätteſt Recht, Elmerice, und ich hätte Deinen Vater gekannt, den Du ſo lebhaft vor meine Seele führſt. Wohl hatte mir Deine Mutter ſtets ſeinen hohen Werth gerühmt, und ich hielt ihn ſo in meinen Gedanken feſt; doch haſt Du mit Dei⸗ ner kindlichen Liebe ihn noch ſchöner, bedeutender ge⸗ zeichnet, als die ſtets beſcheidene Freundin, die ſich eines ſolchen Glücks kaum zu rühmen wagte und mich über tauſend Dinge, die mir wichtig ſchienen, zu erfahren, und eben Deinen Vater angingen, in Ungewißheit erhielt. Die Liebe eines ſolchen Mannes gewonnen zu haben, wollte ſie nie einräumen, ſo daß es demjenigen, welcher nicht, wie ich, ihr beſcheidenes Herz kannte, faſt hätte ſcheinen können, ſie nur ſei die Liebende geweſen, unberechtigt, von ſolchem Mann eine Erwiederung zu erwarten.“ „Ja,“ rief Elmerice lebhaft,„Ihr ſprecht es aus, wie es auch mir oft, doch nicht ſo klar ausge⸗ der Schmerz, belebt durch das Bild ſeiner Vorzüge, 6½ 37 dacht, erſchien— ich glaube ſelbſt, meine Mutter hielt es für unmöglich, von ſolchem Manne geliebt zu ſein! So wunderbar ſchön ſtand ſie ihm zur Seite, als wolle ſie ihm blos abwehren, was ihn verletzen könne. Ach, Frau Gräfin, Ihr werdet das Alles beſſer wiſ⸗ ſen, als ich Euch ſagen könnte— aber große Leiden muß mein Vater erlebt haben, bevor er ſich in die Einſamkeit begrub, wohin ihm meine Mutter folgte. Oft machte ſie Andeutungen, die mich ahnen ließen, daß ſeltene und ungemein harte Verfolgungen ihn trafen. „Nein, mein theures Kind,“ antwortete die Gräfin, „ich bin davon nicht unterrichtet. Wie ich Dir ſagte, beobachtete Deine Mutter die größte Schüchternheit in Mittheilungen hinſichtlich ihres häuslichen Lebens, ſo innig auch ſonſt der Austauſch unſerer Seelen war. Von ihrer Liebe zu Deinem Vater erfuhr ich nur, als ſie ihm bereits ihre Hand zugeſagt. Dieſe Zurückhaltung überſtieg faſt das Maaß eines liebenden Mädchens, es trug etwas Geheimnißvolles an ſich, und ich geſtehe Dir aufrichtig, daß ſie ſich bemüht, mich glauben zu machen, nur ſie liebe ihren Gemahl, ſie genieße blos ſeine Achtung, ſeine Freundſchaft. Du weißt, daß Deine Mutter die Couſine Deines Vaters war— er lernte ſie bei ſeinem Vater kennen, ſie verließ mit ihm gleich nach ihrer Vermählung 38 Yorkſhire, und Herr Eton, Dein Vater, kaufte ſich in Schottland an, wo Du geboren und erzogen wur⸗ deſt. Wenn ich nicht irre, grenzte dies Beſitzthum an das Schloß Leithmorin, das dem intimſten Freunde Deines Vaters, dem Lord Duncan, gehörte.“— „Ja,“ ſprach Elmerice, ſich ſchnell entfärbend, „der kleine Garten unſeres Hauſes ſtieß mit dem Parke des Lord Duncan zuſammen; wir haben wie Eine Familie gelebt— nur getrennt, wenn auf dem Schloſſe Beſuch einkehrte, denn hieran Theil zu nehmen, konnte meinen Vater ſelbſt ſeine Liebe zu Lord Duncan nicht bewegen; doch ſah er es gern, wenn ich unter der Aufſicht der ehrwürdigen Lady Duncan die Freuden der Geſelligkeit kennen lernte.“ „Lord Duncan war jedoch bedeutend älter, als Dein Vater,“ hob die Gräfin wieder an, der die ſchnelle Verlegenheit des jungen Mädchens nicht ent⸗ gangen war;„er mußte erwachſene Kinder haben.“ „Der älteſte Sohn von Mylord,“ erwiederte El⸗ merice,„iſt bereits ſeit zwei Jahren vermählt— er hatte noch einen erwachſenen Sohn, LordAſtolf, und Lady Marie, meine liebe Freundin, zwei Jahre älter als ich.“ „Mein armes Kind,“ rief die Gräfin, von einer plötzlichen Ahnung berührt—„ſo viel liebe Freunde, eine ſo glückliche Lage mußteſt Du in Deinem Va⸗ 39 rerlande verlaſſen, um zu einer alten melankoliſchen Frau zu gehen, die keine andere Anziehungskraft für Dich haben kann, als die Liebe Deiner Aeltern? Kaum vegreife ich Lady Duncan, daß ſie Dich zu mir ent⸗ ließ, kaum das grenzenloſe Vertrauen Deiner Mutter, Dich dem gewohnten Kreiſe zu entziehen, und einem Dir ſogar bis auf Land und Sprache fremden hinzugeben.“ Elmerice ſchwieg— ihr Köpfchen hing bewegt auf ihrer Bruſt, unverkennbar lag auf dieſen weichen jugendlichen Zügen das feine Lineament des erſten Kummers.— Die Gräfin glaubte ſich nach dieſem ſtummen Augenblicke in das Geheimniß ihres Schütz⸗ lings eingeweiht, und von tiefer Theilnahme ergriffen, drückte ſie ſanft ihre Hand zwiſchen den ihrigen.— Elmerice blickte auf— und ihr Schweigen mit dem bittenden Lächeln der Unſchuld vertretend, drückte ſie ſchnell die lieben Hände an ihre Lippen. „O ſcheltet mich nicht undankbar,“ hob ſie ſchüch⸗ tern an,„wenn ich nicht ſchnell Eure Zweifel beant⸗ wortete. Nicht verlegen war ich, Euch meine Mei⸗ nung zu verbergen, nur wie ich ſie Euch verſtändlich ausdrücken ſollte, machte mich verſtummen.— Nicht unerwartet,“ fuhr ſie fort,„kam mir dieſe liebe Be⸗ ſtimmung meiner Aeltern. Mein Vater, der Euch und Ardoiſe immer im Sinne trug, hatte meiner 40 Mutter das Verſprechen abgenommen, mit mir nach Frankreich und in Eure Nähe zurückzukehren, ſobald der Tod, den er ſich immer nahe glaubte, ihn abge⸗ rufen haben würde. Meine ganze Erziehung war dar⸗ auf eingerichtet, in einem Lande nicht fremd mich zu fühlen, worin er mich ſpäter lebend wünſchte. Er war der Sprache vollkommen mächtig, die ich durch ihn lernte; ſeine Erzählungen beabſichtigten, mich mit Sitten und Gebräuchen dieſes von ihm ſo gelieb⸗ ten Frankreichs, wie mit deſſen Geſchichte mich ſo vertraut zu machen, als mit der meines Vaterlan⸗ des. Meine Mutter, die ſeinen Willen in allen Dingen heilig hielt, hätte ihm unfehlbar dieſen Wunſch erfüllt, hätte ſie es vermocht. Ihr wißt es,“ fuhr ſie mit bebender Stimme fort,„wie ſchnell ſich ihre körperliche Hülle auflöſte, der Sehn⸗ ſucht folgend, die ſie meinem Vater nachzog. Da hatte ſie nur Einen Gedanken, nur Eine Sorge, die, mich Euch zu übergeben— und auch ich theilte nur das Verlangen, dieſen ihren letzten Wunſch erfüllt zu ſehen, und fühlte bei Euren günſtigen Antworten die Beruhigung, die ſie ſelbſt empfand, wenn mich auch der Schmerz ihres nahen Verluſtes ziemlich gleichgül⸗ tig gegen meine Zukunft machte— was Ihr wohl natürlich finden werdet.“ —— 41 „O mein theures Kind, wie vermöchte ich es anders!“ rief die Gräfin—„aber dennoch, ſelbſt ſon vorbereitet, ward es Dir ſicher nur zu ſchwer, Leith⸗ morin zu verlaſſen— und Deine arme junge Freun⸗ din Marie.— Was habe ich damals gelitten, als ich mich von Deiner Mutter trennen mußte, die über zwei Jahre in unſerer Familie lebte, und deren Platz nie mehr in meinem Herzen erſetzt werden konnte!— Aber obwohl ſie ſich ſo glücklich bei uns fühlte, ſie ſehnte ſich doch zurück, und außerdem war ihre Schön⸗ heit und Liebenswürdigkeit ſo groß, daß mein Bruder, der damals in das älterliche Haus zurückgekehrt war, ſie nicht ſehen konnte, ohne eine Neigung für ſie zu faſſen, der ſie durch Entfernung zu entgehen dachte. Deine Mutter gehörte einer jüngern Linie eines ſehr geachteten Hauſes in England an— aber mein Bru⸗ der durfte ſich nur mit einem ebenbürtigen Fräulein vermählen, wenn er Anſprüche auf die Titel des Na⸗ mens d'Aubaine und auf die damit zuſammenhängenden reichen Beſitzungen behalten wollte. Seine Leidenſchaft beherrſchte ihn jedoch ſo, daß es ihm möglich ſchien, dem zu entſagen, und er mit allen Ueberredungsmitteln in unſere Aeltern drang, ihm die Bewerbung um Miß Eton zu geſtatten. Da erfuhr das edle Mädchen durch meine Mutter ſelbſt die peinliche Lage meiner 42 Aeltern, und ihr Entſchluß war ſogleich gefaßt. Mein Vater entfernte meinen Bruder auf einige Tage, und unterdeſſen reiſte Deine Mutter unter ſicherer Beglei⸗ tung durch Frankreich bis nach Calais, wo ſie von Deinem Oheim, ihrem Bruder, empfangen ward und ſo nach England zurückkehrte. Ich habe ſie nie mehr Wiederſehens bei'm Abſchiede tröſteten; ſie aber hatte durch ihre edle Aufopferung eine ganze Familie gegen die traurigſten Verwirrungen geſchützt— freilich“— ſetzte die Gräfin nachdenklich hinzu,„ſie liebte meinen Bruder nicht.“ „Ach,“ rief Elmerice—„ſo war ihr das Här⸗ teſte nicht auferlegt! O, wie beruhigt mich dieſe Ver⸗ ſicherung! Wie könnte es mich noch heute, obwohl alle Leiden der Welt längſt hinter ihr liegen, ſchmer⸗ Pflichten und einer reinen Liebe, der heiligſten Empfin⸗ dung des Herzens!— Doch,“ fuhr ſie nach einer einander anzugehören, und Frankreich vor Allen ſcheint mir durch ſeine alten Familienverträge in dem Falle, „ geſehen, obwohl wir uns nur mit der Hoffnung des zen, wenn ſie die hätte durchkämpfen müſſen, die das Herz erleiden mag, ſo im Gedränge zwiſchen ernſten Pauſe fort, da die Gräfin im Nachdenken verblieb,— „es geſchieht wohl oft, daß auf dieſe Weiſe Menſchen getrennt werden, die von der Natur beſtimmt ſchienen, 43 ſo harte Verhältniſſe herbei zu führen. Mein Vater ſagte mir oft davon— es war während ſeiner An⸗ weſenheit daſelbſt, denke ich, Mehreres geſchehen, was ihn darauf hinwies.“ „Allerdings;“ ſagte die Gräfin,—„dies Land hat ganz die Formen behalten, die zu einer Zeit herrſchen mußten, wo es nöthig ſchien, die entſtehenden Fami⸗ tien durch ſolche Verträge gegen Verbindungen mit dem roheren Theile des Volkes zu ſchützen. Nicht, wie jetzt, war Bildung und Sitte ein Gemeingut der Nation, ſie fing erſt in den Kreiſen ſich zu ent⸗ wickeln an, die durch größeres Grundeigenthum eine geſicherte, ruhigere Eriſtenz gewonnen, und, über die Anſtrengungen für den Erwerb des Lebens hinaus, Zeit und Gedanken für eine höhere geiſtige Entwicke⸗ lung behielten. Die Geiſtlichkeit, als Hüter des ſchon vorhandenen Bildungsſchatzes, wußte die Kreiſe, die ſo der höhern Sitte empfänglicher wurden, bald zu erkennen, und ſie ſelbſt half Verträge erdenken und ſtif⸗ ten, welche die nöthige Abſicht beförderten, ſolche Fa⸗ milien unter einander zu verbinden und durch Geſetze * von dem roheren Haufen der noch unter dieſer Bil⸗ dung Stehenden abzuſondern. Hierdurch ward der erſte zarte Keim der Volksentwickelung geſchützt und genährt; in dieſen Kreiſen wuchs ſie auf und erſtarkte, 44 bis ſie, dieſelben überſchreitend, in einer rechtmäßig organiſchen Entwickelung ſich über die entgegen reifen⸗ den niederen Klaſſen ausbreitete, und die Idee einer Bevorrechtung des Individuums nach gerade in leere Einbildung zerfallen machte.“ „Und dennoch hält man dieſe Formen feſt,“ ſprach Elmerice,„die ihrer früheren Bedeutung leer geworden ſind; und ſo viel gebrochene Herzen, ſo viel zerſtörtes Lebensglück machte noch Niemand aufmerkſam auf den wahren Inhalt dieſer alt gewordenen Verträge?“ „Mein theures Kind,“ ſagte die Gräfin ſanft, „wir können hier, wie überall, den Gang beobach⸗ ten, den in ihrer Entſtehung wohlthätige und nöthige Einrichtungen durch den Wechſel der Zeit, den ſie mit bewirken halfen, erleiden. Vielleicht ſind in die⸗ ſem Augenblicke nur noch Wenige in Frankreich, dies im Stande wären, unſere Unterhaltung nicht mit Staunen, vielleicht mit Unwillen zu hören— ja, es i noch nicht lange, daß ich ſelbſt mich von dieſen An⸗ ſichten, mit denen ich auferzogen, beherrſcht fühlte und ohne Widerrede geneigt war, ihnen jedes Opfer zu bringen. Erfahrungen, Einſamkeit und Lectüre, gewiß aber und vor Allem, daß ich mit vielen und ausgezeichneten Menſchen lebte, die, wenigſtens nicht erſtartt in dieſer Form, ſchon die Zeit ahnend herauf 45 dämmern ſahen, die ſich den gewohnten Anſichten ent⸗ gegenſtämmen wird, machte mich zu einer Entwicke⸗ lung bereiter, der ich mich jetzt nicht mehr entziehen kann. Je mehr aber ein innerer Verfall, um ſich greifend, das lang Beſtandene zu bedrohen ſcheint, je mehr werden wir finden, daß die Form feſtgehalten und der Irrthum genährt wird; daß ſie es iſt, um deren Behauptung es ſich handelt, das ſinkende An⸗ ſehn vor der ſich auflehnenden Weltordnung zu ſchützen. Auch gehört ſicher eine große Selbſtüberwindung dazu, der ſchwächſten Seite dieſer Sache, eben ihres lang be⸗ haupteten Rechts, nicht zugleich als eines Vorzugs ge⸗ denken zu ſollen, da allerdings etwas Schmeichelhaf⸗ tes darin liegt, ſich der Kaſte angehörend zu wiſſen, die am längſten ſich des Beſitzes geiſtiger und ſittli⸗ cher Vorzüge rühmen darf, und auf eine dadurch mit ſich geführte Veredlung des Blutes des ganzen Indi⸗ viduums bauen dürfte.— Du denkſt mit Stolz und Enthuſiasmus Deines vortrefflichen Vaters! Das ſchönſte Gefühl der menſchlichen Bruſt, das Gefühl eindlicher Liebe, wird vielleicht, wenn Dich das Leben verſuchen ſollte, eine Waffe dagegen. Den Namen eines Vaters tragend, den Du ſo hoch ſtellſt, willſt Du ſein würdig handeln, Du glaubſt von ſo edlem Urſprunge höhere Anforderungen an Dich— laß' mich 46 hinzuſetzen, an die Anerkennung Anderer machen zu können; und ſo entwickelt ſich naturgemäß in jeder edel ſtrebenden Bruſt ein ähnliches Gefühl, als die Kaſte des Adels ſich gewöhnt hat zu nähren, jetzt freilich mit dem bedeutenden Unterſchiede: ihre Hand⸗ lungsweiſe nicht mehr ſolchen Erinnerungen getreu zu behüten, ſondern in den alten Anſprüchen ſich zugleich befähigt zu ihrem Beſitz haltend. Ludwig der Vier⸗ zehnte, der eifrigſte Beſchützer der alten Adelsvorrechte, hat ihnen doch, vielleicht ahnungslos und in anderer Richtung ſtrebend, durch die geiſtvolle Weiſe, wie er Künſten und Wiſſenſchaften einen Platz um ſeinen Thron einräumte, den Todesſtoß gegeben. Die Auf⸗ klärung, welche ihre Blüten, Künſte und Wiſſenſchaf⸗ ten, gedeihen läßt, iſt auf dieſen Punkt geſtiegen, nicht mehr als Eigenthum höherer Stände, von ihnen ausſchließlich feſt gehalten, zu denken.— Es ſind d Quellen des Nils, die das Flußbett, worin ſie einge fangen wurden, in eigner Fülle und Kraft anſchwel⸗ lend überſchreiten, und ein ganzes Land befruchtend überziehen; wer einmal die Erndte nach ihrem Säen kennen lernte, blickt Zeit des Lebens aus nach dem ſeltenen Sämann, der nicht frägt, ob der Boden, den er beſtreut, dem bevorrechteten oder belaſteten Bürger der Erde gehört.“ 47 „Die Zeit iſt alſo erſt im Entſtehen“ ſagte Elme⸗ rice ſinnend,„die ein freies Wirken und Schaffen unter Gleichgeſinnten herauf führen wird— vorerſt hat das reichere geiſtige Individuum keine Freiheit zu hoffen, als eben die innere, durch edles Streben ſelbſt geſchaffene.“ Die Gräfin fühlte mit wehmüthiger Theilnahme, wie dies ſchöne liebenswürdige Weſen, aus den We⸗ gen allgemeiner Anſchauung ſtets zu ſich ſelbſt abzu⸗ lenken wußte, und das eigene Intereſſe an dieſem Standpunkte prüfte. Da England und Schottland, beſonders die alten Familien, zu denen Lord Duncan Leithmorin gehörte, ganz in denſelben Vorurtheilen be⸗ fangen waren, zweifelte ſie nicht, daß Lord Aſtolph die Veranlaſſung zu den ſchwermüthigen Betrachtun⸗ gen war, mit denen ihr holder Schützling den Stand⸗ punkt der Zeit beleuchtete. Dieſe Gedanken wurden durch das Erſcheinen von Lorint unterbrochen, welcher die Abendtafel an— meldete, und die Gräfin d'Aubaine erhob ſich, ihre junge Freundin mit ſich führend. Die kleine Tafel war in dem Boiſeriezimmer bereitet, welches zuerſt durch ſeine intereſſanten Portraits die Aufmerkſam⸗ keit der Miß Eton gefeſſelt hatte. Auch jetzt— der Dame im Brautſchmucke gegenüber ſitzend, lächelte dieſe mit einer Fülle von Liebe und Troſt auf ſie nie⸗ 48 der, daß ſie faſt die Blicke nicht abzuwenden ver⸗ mochte und damit die Aufmerkſamkeit der Gräfin d'Aubaine auf ſich zog. Nachdem ſie ſich umgewendet und das Bild er⸗ kannt, lobte ſie die Schönheit deſſelben.—„Es war eine Jugendfreundin meiner Mutter,“ fügte ſie hinzu —„ſie ließ ſich in dem Brautkleide malen, welches ſie bei ihrer Vermählung mit dem Marquis d'Anville trug, und worin meine Mutter ſie ſo ſchön fand, daß ſie ſo ihr Bild ſich zu erhalten wünſchte.“ „Die Marquiſe d'Anville!“ rief Elmerice mit einer Ueberraſchung, die ihr ganzes Geſicht in Purpur tauchte. „Hörteſt Du von ihr?“ fragte die Gräfin. „Ja, ja,“ erwiederte Elmerice,„ich hörte von ihr“— doch plötzlich ſchwieg ſie, und die Gräfin, die ihre ſichtliche Beſtürzung nicht durch Fragen vermeh⸗ ren wollte, war bemüht, durch ruhig einlenkende Ge⸗ ſpräche das heftig erſchütterte junge Mädchen aus ihrer peinlichen Stimmung zu ziehen. Elmerice ſtrebte die⸗ ſer liebreichen Abſicht zu begegnen, doch wagte ſie nicht wieder die Augen zu dem wunderbar ſchönen Bilde zu erheben. Als die Tafel vorüber war, führte die Gräfin dAubaine Miß Eton ſelbſt nach ihren Zimmern, die 49 in der freigebigſten Ausſtattung Alles enthielten, was dem Reichthume der Gräfin zu geben gebührte und mit den Anſprüchen der Bildung zuſammen hing, zu denen ſie ihren Schützling berechtigt hielt. Geſchickt wußte ſie ſie zugleich mit den ehrenvollen Verhält⸗ niſſen, die ſie ihr zugeſtand, bekannt zu machen und ihr die Revenuen ihres elterlichen Vermögens, welche durch ihre, als der Vormünderin, Hände gingen, zur freien Dispoſition zu ſtellen. Beide Frauen trennten ſich dann für die Nacht, mit gegenſeitig angenehm belebten Hoffnungen für ein ferneres Beiſammenleben. Ste. Roche. I. 4 50 Es zeigte ſich bald, wie leicht ſich die beiden Frauen neben einander einwohnen ſollten. An regel⸗ mäßige Zeiteintheilung gewöhnt, trennten ſie ihre Be⸗ ſchäftigungen, und führten ſie zuſammen, in ſo un⸗ geſuchter Ordnung, mit ſo wachſendem Intereſſe für einander, daß man die Stirn der Gräfin d'Aubaine nie ſo unumwölkt geſehen, ſeit lange das Herz der Miß Eton nicht in ſo ruhigem Takte geſchlagen hatte. Die vorſchreitende Jahreszeit, die geſchmackvollen Gärten, noch mehr aber die ſchönen, daran grenzenden Wälder von Ardoiſe boten die genußreichſten Spazier⸗ gänge, und Miß Eton, die nach Art der Englände⸗ rinnen dieſe zu ihren täglichen Beſchäftigungen zählte, fühlte ſich ungemein dadurch angezogen und unterhalten. Ihre Erſcheinung war den Bewohnern von Ar⸗ doiſe bekannt und lieb geworden. Die Kinder erwar⸗ teten das Schloßfräulein um die Stunde ihrer Pro⸗ menaden, und vertraten ihr mit der ſchüchternen Hoff⸗ nung ihres Grußes oder Scherzes den Weg, ihr zar⸗ tes grünes Laub oder eine frühzeitig emporgeſproßte 51 Wieſenblume überreichend; die jungen Mädchen er⸗ götzten ſich an der Schönheit und vornehmen Kleidung und dem immer gleich freundlichen Weſen— während die älteren Leute des Dorfes, die Leidenden, die Kran⸗ ken oder von Verluſten Getroffenen, ihren ſanften Zu⸗ ſpruch genoſſen und aus ihren Händen die reichen Gaben empfingen, die zu ſpenden ihre Lage ihr er⸗ laubte, oder welche die Gräfin d'Aubaine durch ſi austheilen zu können ſich freute. Sie fühlte ſo nach gerade in den Umgebungen von Ardoiſe eine Sicherheit, die ſie ihre Wanderungen immer weiter ausdehnen ließ, da auch hier bekannte Förſter vollkommenen Schutz zu gewähren ſchienen. An einem ſchönen Nachmittage hatte ſie ihren Weg bis zu einem verlaſſenen Steinbruche ausgedehnt, deſſen höchſt romantiſche Lage ſie anzog, und wo ſie niederſitzend eine lange Zeit in den tiefen Grund blickte, der, mit ſchlanken Edeltannen bewachſen, nur einzelne niedergeſtürzte Steinmaſſen blicken ließ und ein kleines Thal bildete, deſſen ſaftig grüner Moosgrund immer⸗ fort beſpült ward von einem ſilberhellen Bächlein, das, tief aus den Steinbrüchen ſich hervorarbeitend, ſeinen luſtigen Lauf über grün bemooſte Steine durch den ſchmalen Thalweg verfolgte. Längſt ſchon hatte ſich Elmerice gewünſcht, bis zu ihm niederſteigen zu können, 4* 8. 52 aber vergeblich nach einem Wege ausgeſehen; die py⸗ ramidenartig emporſteigenden Tannenwipfel allein, die, ſchräg herablaufend, nur einen ſehr ſteilen Abhang an⸗ nehmen ließen, zeigten ſich ihren Blicken. Abermals durchſpähte ſie in allen Richtungen den Waldgrund, als ſie ſich gegenüber einen Jäger er⸗ blickte, der, auf einem jäh vorſpringenden Felsblocke ſitzend, ſeine ganze Aufmerkſamkeit, wie es ſchien, ihr zugewendet hatte. Ueberzeugt, einen der vielen Jäger zu erkennen, die ihr bereits bekannt waren, winkte ſie ihn zu ſich herüber, in der Hoffnung, von ihm Auf⸗ ſchluß über einen möglichen Weg zu erhalten. Die Geſtalt blieb aber ohne Bewegung ſitzen, ſie immer⸗ fort anſtarrend, ihre Winke, wie es außer Zweifel war, gewahrend, ohne Luſt, wie es ſchien, ihnen zu folgen. Miß Eton fühlte plötzlich ein faſt unerklär⸗ liches Grauen, und ſchnell von ihrem Platze auf⸗ ſtehend, beſchloß ſie den Rückweg anzutreten, als ſie, von unwillkührlicher Beſorgniß getrieben, noch ein Mal umſah und nun die plötzlich belebt gewordene Geſtalt des Jägers gewahrte, der mit der Schnelligkeit einer Gemſe, oben an dem äußerſten Rande des Stein⸗ bruchs entlang, ihr entgegen lief. Miß Eton mußte gleichfalls, um den Rückweg zu erreichen, einen kaum bemerkbaren Fußſteig an dieſem Rande der Höhe zu⸗ 53 rücklegen— und indem ſie haſtig vorſchritt, in der Hoffnung, dem unheimlichen Waidmanne zu ent⸗ gehen, ſah ſie bald die Unmöglichkeit davon ein, da er bereits den Punkt überſchritten hatte, wo ſie hätte inlenken können, ſo daß jetzt ein Begegnen auf dem ſchmalen Pfade unausbleiblich ward.— Dieſe Ueber⸗ zeugung ließ ſie einſehen, daß ſie ihre unruhe beherr⸗ ſchen müſſe, und ſie blieb einen Augenblick ſtehen, um Athem zu ſchöpfen. Der Jäger eilte noch einige Schritte vor, dann blieb er ebenfalls ſtehen und ſchaute ſie, auf ſein Gewehr geſtützt, vorgebogen aus hohlen Augen an. Miß Eton hatte Zeit, die wunderliche Erſchei⸗ nung zu prüfen, und mit Grauen drängte ſich ihr ein Bild auf, das an Wildheit und Sonderbarkeit alles Andere überbot. Sein todtenbleiches Geſicht war faſt überwachſen von dem ſtarken ſchwarzen Haare, das Kopf, Kinn und Mund bedeckte— die farbloſen großen Augen ſtarrten mit einem trüben Waſſerglanze hervor und waren ſo fürchterlich anzuſchauen, daß Elmerice davon wie erſtarrt ward. Seine ſtarke Geſtalt von mittler Größe zeigte noch jetzt in ihrer traurigen Vernach⸗ läßigung von ehemaliger Schönheit, und die ab⸗ getragene, zum Theil zerriſſene Kleidung von früherer 54 Sorgfalt und Wohlhabenheit.— Er hatte einen fla⸗ chen Hut mit breiter Krempe und einer alten zer⸗ brochenen Feder auf dem Kopfe, woran ein Strauß gemachter Blumen mit Goldblättchen und Perlen hing, überdeckt mit einem halbzerriſſenen Streifen ſchwarzen Flors.— Ohne die Lippen zu öffnen oder eine Bewegung zu machen, ſchaute er ſie grauenhaft neugierig an. Auch Elmerice glaubte das Blut an ihrem Herzen ſtocken zu fühlen, denn vorüber ſchien er ſie nicht laſſen zu wollen; ja, der Weg war ſo ſchmal, daß ſie nur, wenn er umkehrte, hinter ihm hergehend, weiter zu kommen hoffen konnte. Eines neuen Gedankens unfähig, ergriff ſie der bei ſeinem erſten Anblicke gefaßte, ihn um Nochricht über den Weg zum Thal hinab zu fragen, und von der Qual des Schweigens getrieben, rief ſie mit wankender Stimme:„Wißt Ihr nicht den Weg hinab von die⸗ ſer Höhe in das Thal?“ Sein Schweigen dauerte fort— er bog ſich noch mehr vor und ſchien, indem er jetzt die Augen zur Erde niederſchlug, über das Gehörte nachzudenken. So wie ſich ſeine grauenhaften Augen von ihr abwandten, faßte Miß Eton neuen Muth—„ich frug Euch, guter Freund,“ hob ſie mit ruhigerer Stimme an—„ob Ihr den Weg in das Thal hinab kennt?“ * ————— * eede Jetzt fuhr die Geſtalt zuſammen, und mit einer konvulſiviſchen Bewegung in ſein Haar greifend, rief er, indem er ſie auf's Neue anblickte:„Lebſt Du denn, Jenny? Und ſprichſt mit mir? Und das war nicht Dein Geiſt auf dem Felſenſitz?— Bei dieſen Worten ſchlich er furchtſam vorgebeugt näher und hatte jetzt das Fräulein faſt erreicht. Miß Eton fühlte ihre Kniee beben— ſie überſah ſchnell, daß der, welcher dieſe Worte mit dem ſanfteſten, ſchwermüthigſten Tone der Stimme ſprach, kein Räuber, aber eben ſo ſchrecklich, ein Wahnſinniger ſei. „Ihr irrt Euch,“ ſtammelte ſie, den Stamm einer jungen Fichte umfaſſend,„ich heiße nicht Jenny! ich gehöre in das Schloß der Gräfin d'Aubaine, führt mich dahin, oder— ich bitte Euch— haltet meinen Weg nicht auf, die Gräfin erwartet mich.“ „Ach, warum ſagſt Du mir das Alles, was ich ja weiß! Wohl wird Dich die Gräfin erwarten— aber wo warſt Du?— Du haſt ſie ſo lange ſchon warten laſſen, daß ſie Dich nicht mehr erwarten wird — aber mich? mich? warum haſt Du denn auch mich warten laſſen? ſo lange, ſo vergeblich?“ Hier verzog ein konvulſiviſches Weinen ſein zum tiefſten Schmerze ausgeprägtes Angeſicht. „Armer Unglücklicher,“ ſprach Miß Eton, deren 56 Rührung über ihre Angſt zu ſiegen begann—„Du viſt wohl recht traurig und leideſt wohl großen Schmerz? Doch kann ich Dir Deinen Kummer nicht lindern, denn ich bin nicht, wofür Du mich hältſt — aber ich bitte Dich, da Du unglücklich biſt, habe Mitleid mit mir und laß' mich jetzt ungehindert wei⸗ ter gehen!“ „Ich Dich gehen laſſen?“ rief der Jäger da⸗ gegen in wilder Haſt,„ich ſoll Dich auf's Neue verlieren?“— Eine fürchterliche wilde Angſt brach aus ſeinen Zügen und verwandelte die Todtenbleiche ſeiner Farbe in Purpurglut.„Niemals! niemals!“ rief er mit ſolcher Heftigkeit, daß Elmerice, die Be⸗ ſinnung verlierend, faſt bewußtlos gegen den Abgrund zuſtürzte. Da fühlte ſie ſich mit einer Gewalt er⸗ griffen, als ob eine Rieſenhand ſie umſpannte, und ſie ſah ſich nun gänzlich in die Macht des Wahn⸗ ſinns gegeben.—„Willſt Du wieder hinabſtürzen, willſt Du nicht warten, bis ich Dir den ſchönen ebenen Weg gezeigt, den ich ja für Dich ſchon fertig gemacht hatte, ehe Du Dir ſelbſt den ſteilen, rauhen hier ſuchteſt. Ach, hätteſt Du noch einen Tag ge⸗ wartet, ſo hätte ich ihn Dir gezeigt!— Sie ſagen,“ fuhr er fort, ganz zerſtreut mit der Hand an ſeine Stirn fahrend, indem er die zitternde Elmerice aus 52 ſeinen Armen ließ—„Du ſeiſt hinab geſtürzt, als Du in der Finſterniß nach Ardoiſe zurück wollteſt, hier unten hätten Deine blutigen Gebeine gelegen— da habe ich ſie geſehen— da!“ fuhr er fort und ſtarrte vor ſich hin—„ganz in Blut! Dein Köpf⸗ chen geknickt daneben, Deine lieben Arme zerriſſen — warſt Du das?“— Er fing ſtill und bitterlich an zu weinen.—„Hätte ich Deinen Wunſch erfüllt und Dich den Tag vor unſerer Hochzeit hinab geführt, dann könnte ich doch ſchlafen, wie Du, aber ſo,— wer konnte auch denken, Du würdeſt Wort halten und hinabſteigen!“ Er ſchien Elmerice ganz vergeſſen zu haben, die Vergangenheit trat mit allen ihren ſchmerzenden Bildern ihm nah'; Miß Eton raffte auf's Neue ihren Muth zuſammen und verſuchte zu⸗ rück zu kehren— da hörte er ihr Gewand rauſchen, er blickte um, er ſah ſie und ſchrie krampfhaft auf. „Jenny, Jenny, Du willſt doch fort?“ rief er, ſich ihr nachſtürzend;—„nein, nein, geh' nicht, ich bitte Dich, geh' nicht! oder es geſchieht, was die Leute ſagen, und ich verliere den Verſtand!“ Miß Eton blieb ſtehen, unfähig zu gehen, aber wohl fühlend, daß jeder Verſuch, ihn zu verlaſſen, ihre Lage bedenklicher machte, rief ſie ſchnell entſchloſ⸗ ſen:„Nun wohl, ich will Euch nicht verlaſſen— 58 aber bringt mich ſelbſt nach Ardoiſe zurück— ich bitte Euch, thut das!“ „Ja!“ ſagte er ſanft und freundlich,„das will ich gewiß, aber erſt muß ich Dir den ſchönen Wald⸗ weg zeigen, den ich für Dich gemacht, und von da aus führe ich Dich durch den Steinbruch einen Weg, den Niemand kennt, nach Ardoiſe; dort bei unſerer Hütte, in der wir uns immer trafen— weißt Du noch, liebe, liebe Jennyn? O, Du haſt doch nichts vergeſſen? Denn es iſt lange her, wie ſie Dich be⸗ gruben— dazwiſchen war Winter— da hatten ſie mich eingeſperrt— nun iſt die Zeit unſerer Hochzeit wieder da! und nun kommſt Du auch, und biſt ſo ſchön, ſo ſchön! Du biſt wohl noch ſchöner geworden, weil Du ein Engel geworden biſt.“ Miß Eton hörte trotz ihrer Angſt mit Rührung und Intereſſe die Klagen des Armen, deſſen Schickſal ſie aus ſeinen Andeutungen hinreichend errathen konnte, aber ſie wußte ihm nichts mehr zu antworten; ſie zitterte eben ſo ſehr vor ſeiner Begleitung, als vor dem Zuſtande, worin ihn ihre Weigerung verſetzte.— „Laßt uns ein anderes Mal dieſen Weg verſuchen,“ ſprach ſie ſchüchtern,„ich bin heute ermüdet, kann ſo weit nicht mehr gehen.“ „Ermüdet biſt Du?— da müſſen wir uns erſt —,—,————— ausruhen. O gehe nur wenige Schritte weiter, ſo will ich Dir einen ſchönen Moosſitz zeigen, wo Du ausruhen kannſt, und dann ſteigen wir hinab— oder ich trage Dich bis dahin;“ „Um Gottes Willen, nein!“ rief Miß Eton und eilte, ſo ſchnell ſie vermochte, voran— ſie fühlte, daß ihr nichts übrig blieb, als ſich ohne Widerſtand in ſeine Gedanken zu fügen, ſie hoffte ihn ſo ſanft zu erhalten— vielleicht traf ſie auf dem Wege einen Schutz, vielleicht leitete er ſie ſelbſt, in dem Wahne, die Geliebte zu führen, ſicher nach Ardoiſe zurück. „Nein,“ rief er und ſchob ſie ſanft zurück,„Du mußt mich voran laſſen! ich zeige Dir den Weg.“ Dies war in der That nöthig, denn eben bog der Fußſteig, den ſie bisher verfolgt, auf eine Art ab, die ihn faſt verſchwinden ließ. Abermals blieb Miß Eton ſchaudernd ſtehen, gewiß, er glaube nur in ſeinem Wahnſinn an einen hier vorhandenen Weg— aber nur noch wenige Schritte, und ſie ſah ihren Irrthum ein— eine kleine Wendung zeigte ihr den Moosſitz, von dem aus eine mühſam behauene Treppe mit klei⸗ nem Holzgeländer nieder ſtieg. Er bat ſie nun, aus⸗ zuruhen; geduldig nahm Miß Eton den Sitz ein, und hart zu ihren Füßen ſetzte ſich der Unglückliche auf die Treppe vor ihr nieder. 60 Obgleich die Umſtände, unter denen Elmerice hier ausruhen mußte, wenig geeignet waren, einen Antheil an Naturſchönheit zuzulaſſen, mußte ſie doch wahr⸗ nehmen, wie ausgezeichnet dieſer Punkt gewählt war. Die Fichtenwand war hier von Oben nach Unten durchbrochen, und in dieſem ſchmalen ſchwarzen Vor⸗ grunde ſchloß ſich, wie in einem Rahmen, die blaue Ferne ein, die in dem gebrochenen Lichte der in Nebel gehüllten Abendſonne wie ein unabſehbares Meer aus⸗ gebreitet lag, und das Auge nach den koloſſalen Stein⸗ wänden zurückzog, die, halb mit Moos überwachſen, halb ihre eigenthümliche gelbrothe Farbe zeigend, den Mittelgrund bildeten, während unten das helle Grün des Thales mit dem ſilbernen Streifen des kleinen Baches herauf leuchtete.— Schweigend ſtarrte der Unglückliche gleichfalls in die Gegend, und wie es ſchien, wirkte das Außerordentliche dieſes Anblicks auf ihn: denn Stille, müde Ruhe verbreitete ſich auf ſei⸗ nem Antlitz und ſchien ihn in ein glückliches Selbſt⸗ vergeſſen einzuhüllen. Miß Eton, immer den Gedanken verfolgend, ihn in Güte zu entfernen, und wahrhaft über den Weg in Sorge, den ſie vor ſich jäh in den Abgrund ſteigen ſah, von dem nahenden Abend doppelt beſorgt ge⸗ macht, erhob ſich wieder und ſagte, ſo ruhig ſie ver⸗ ——— ———— 61 mochte„Die Treppe iſt zu ſteil für mich— ich will den Weg zurückgehen, den ich gekommen, und bitte Euch, daß Ihr mir folgt.“ Der Jäger ſprang auf und ſchien Alles vergeſſen zu haben, ſeinen Wahn, ſeine Hoffnungen.„Laßt mich,“ rief er ängſtlich,„folgt mir nicht! Niemand ſoll dieſe Treppe betreten, als Jenny— und ſie iſt todt, längſt todt! und Alles iſt umſonſt— Alles ver⸗ geblich! Ach, Alles! Alles!“ Auf's Neue fühlte ſich Miß Eton erſchüttert von dieſem Schmerzenstone, von dem Unglück des armen Wahnſinnigen gerührt— aber die Hoffnung, ihm jetzt vielleicht entſchlüpfen zu können, überſtieg doch jedes andere Gefühl. Sie eilte daher hinter ihm fort, den eben verlaſſenen Weg zurück. Der Jäger blieb noch einige Augenblicke in Gedanken ſtehen— als er, ſich plötzlich umwendend, Miß Eton wieder erblickte. „Jenny, theure Jenny!“ rief er, ſich ihr nachſtürzend —„jetzt, jetzt eile Dich! Es iſt heut' unſer Hochzeit⸗ tag— Du weißt, wir müſſen uns noch putzen, und dann nach Ardoiſe zur Gräfin gehen.“ ſagte Miß Eton—„aber ich bitte Euch, laßt uns dieſen Weg gehen!“ „Nein!“ rief er mit ausbrechender Heftigkeit— „dieſen ſollſt Du gehen— dieſen will ich Dich führen, 62 damit Du nicht wieder Deinen eigenen fürchterlichen Weg gehſt, in den Abgrund hinein!“— Wild um⸗ faßte er das Fräulein und riß ſie gegen die Treppe. Ein lauter Schrei entpreßte ſich ihrem Munde— bebend, aber mit aller Kraft, die ihr noch blieb, ent⸗ riß ſie ſich ihm, und nun überzeugt, nur williges Nachgeben könne ſie retten, folgte ſie, ihm ihre Hand überlaſſend, ein Paar Stufen in den Abgrund hinab. Aber was ſie befürchtet, beſtätigte ſich nur zu ſehr: nachdem ſie wenige Stufen hinunter gegangen, ſah ſie, daß die Treppe etwas weiter plötzlich aufhörte und ſich nur in einem ſchroffen jähen Abhange mit ein⸗ zelnen weitliegenden Steinen fortſetzte.„Ihr wollt mich umbringen!“ rief ſie angſtvoll—„die Treppe hört hier auf! O, um Gottes Willen erbarmt Euch und laßt mich umkehren— hier muß ich in den Ab⸗ grund ſtürzen— ſeht, gleich hören die Stufen auf, und dann bin ich verloren!“ „Nein!“ ſagte er heftig—„hier iſt der Weg, den ich für Dich behauen habe, Keiner hat ihn ſeit⸗ dem betreten dürfen, er muß noch haltbar ſein! Habe ich darum die langen Nächte ihn bewacht und ſelbſt dem Wilde mit dem Laufe dieſer Flinte den Weg darüber gehindert, daß Du jetzt ihn verachten willſt? Nein, Du mußt hinab! Ich werde Dir helfen.“— —— —— 63 Er ſtreckte wieder die Arme aus— Elmerice ſtieß aber⸗ mals einen Angſtſchrei aus und drängte ſich jetzt ſelbſt in verzweifelter Haſt einige Stufen herunter— doch jetzt hatte ſie nur noch vier Stufen vor ſich, jede wankte unter ihrem Fuße, und ſie ſah mit Entſetzen, wie er dieſe Schwierigkeit nicht bemerkte, nicht ahnete. — Sie blieb ſtehen und ihr Auge ſchweifte verzwei⸗ felnd umher. Da war es ihr, als ſähe ſie ſeitwärts, höher, als ſie ſelbſt eben ſtand, eine männliche Geſtalt gegen das Gebüſch ſich bewegen Augenblicklich lebte die Hoffnung in ihr auf— mit allem Muthe, den ſie noch in ſich trug, riß ſie ſich los, lief die Treppe zurück und rief mit größter Anſtrengung nach Hülfe, während ihr Auge an der Steinwand hängen blieb, an der ſich ihrem Rufe entgegen die Geſtalt zu bewegen anfing und den Weg zu ſuchen ſchien, der hinüber führen könnte. Aber in demſelben Augenblicke brach, durch den erfahrnen Widerſtand gereizt, die volle Wuth des Wahnſinnigen hervor— er ſtürmte ihr nach, Verwünſchungen brachen aus ſeinem Munde, er ergriff ſie und verſuchte ſie die Treppe auf's Neue hinab zu ziehen, weil Miß Eton halb ohnmächtig vor Schreck ſie nicht mehr zu ſteigen vermochte. Da hörte ſie einen Schuß, einen wilden Schrei ihres Verfol⸗ gers, und fühlte, wie ſeine Arme nachließen und er, 64 zur Erde ſinkend, ſie niederzog— noch ein Mal richtete ſie ſich mit der geringen Kraft, die ihr nach ſo vielen Erſchütterungen geblieben war, empor und wehrte ſich gegen das drohende Hinabſtürzen, indem ſie krampf⸗ haft das kleine Geländer der Treppe ergriff. So mußte ſie ſich erhalten, bis ſie einige Beſinnung geſammelt. Ihre Lage hatte ſich nur wenig gebeſſert— zu ihren Füßen war der Unglückliche niedergeſunken, der, mit Blut bedeckt, zwar die Kraft verloren hatte, ſich mit ihr in den Abgrund zu ſtürzen, aber, auf ihren Füßen liegend, ihren Shawl krampfhaft zwiſchen ſeiner zu⸗ ſammengeballten Hand haltend, in den unruhigſten Bewegungen, mit dem Beſtreben, ſich aufzurichten, jeden Augenblick das ſchwankende, zitternde Fräulein in den Abgrund zu reißen vermochte. Der Schuß, der als ſchnell nöthiges Rettungsmittel von ihrem un⸗ bekannten und jetzt ganz verſchwundenen Wohlthäter abgefeuert ward, das niederſtrömende Blut, von dem ſie ihr weißes Gewand bald gefärbt ſah, die entſetzliche Vorſtellung, vielleicht den Tod dieſes Unglücklichen ver⸗ anlaßt zu haben, dies Alles machte ihr eine nöthige Faſſung, um die Umſtände zu ihrer Flucht zu benutzen, faſt unmöglich. Entzog ſie ihren Shawl ſeiner Hand oder wickelte ſie ſich ſelbſt davon los, ſo verlor er ſei⸗ nen einzigen Anhalt und mußte ohne Rettung in den —— 65 Abgrund ſtürzen, da ſie ihm, wenn auch nur ſchwach, doch als Stützpunkt diente. Es war ihr unmöglich, eine andere Auskunft zu entdecken— und eben ſo un⸗ möglich, ihre Rettung um ſolchen Preis zu bewirken. Da hörte ſie ein fernes Anrufen— bald wieder, und näher ſchon— ſie faßte Hoffnung, es konnte Hülfe nahen— ſie rief zurück und erhielt eine ſchnelle Ant⸗ wort, obwohl die Bewegungen ihres Peinigers durch dieſes Rufen noch heftiger wurden, und ihre Lage mit jedem Augenblicke gefahrvoller. Jetzt glaubte ſie das Gebüſch durchbrechen zu hören, und plötzlich ſtand eine hohe Männergeſtalt am Rande der Treppe, die, ihre entſetzliche Lage ſchnell überſehend, raſch und geſchickt hinabſtieg, und in demſelben Augenblicke neben dem Fräulein ſtehend, auch den Arm des Unglücklichen er⸗ griffen hatte und, indem er ihn empor riß, dem Fräu⸗ lein Freiheit gab, ſich zu bewegen. So wie ſie die Laſt von ihren Füßen gehoben fühlte, verſuchte ſie die Stufen hinan zu ſteigen, aber ihre Kräfte ließen mit jedem Schritte mehr nach, und auf der oberſten an⸗ gelangt, ſank ſie willenlos auf den Boden nieder. Der Fremde hatte indeſſen den Verwundeten er⸗ faßt und ſchleppte ihn ſich nach, bei dem Anblicke des Fräuleins ihn auf ſicheren Boden niederlegend und zu ihrer Hülfe herbeieilend.— Er hob ſie vom Boden Ste. Roche. I. 5 66 empor und lehnte ſich in den Steinſitz, indem er ihr den Hut abnahm, um ihr Luft zu verſchaffen. Das Fräulein ſchlug die Augen auf— Beide blickten ſich an und fuhren mit dem lebhafteſten Ausdrucke der Ueberraſchung zurück. „Um Gottes Willen— Fräulein Eton!“ rief der Fremde—„in welcher Lage finde ich Euch! welch' ein entſetzlicher Augenblick macht mich ſo glücklich, Euch nützlich ſein zu können!“ Das Fräulein ſtand auf— die Gemüthsbewe⸗ gung, die ihr der Anblick des Fremden ſichtlich in an⸗ derer Richtung gegeben, ſchien ihre geſchwächte Kraft zurück zu rufen.—„Ich bin Euch großen Dank ſchuldig,“ ſagte ſie haſtig—„erlaubt, daß ich jetzt die mir wohlbekannten Wege durch dieſen Wald nach Ardoiſe eile, dieſem Unglücklichen von dort aus Hülfe zu ſenden.“ „Das heißt ſo viel,“ entgegnete der Fremde mit vorwurfsvollem Ton,„ich eile, mich Eurem Schutze, Eurer Hülfe ſo ſchnell, als möglich, zu entziehen.— Ja, Elmerice, ich ahnete, daß Ihr hier ſein würdet— und der Freund, der, von ſeinem ſehnſüchtigen Herzen getrieben, den Weg bis hieher fand, verdient er kein anderes Willkommen, als den Wunſch, ſeiner wieder los zu werden?“ 67 „Ich habe nicht das Recht, Euch aufmerkſam zu machen, ob Ihr dieſen Weg finden durftet— Ihr werdet eben ſo wenig vergeſſen, was Ihr Euch ſchul⸗ dig ſeid, als es mir nicht entfiel, was mir zuſteht.— Seid jedoch ſicher,“ ſetzte ſie mit bebender Stimme hinzu,„ich werde es ewig dankbar hewahren, was ich Euch in dieſer Stunde ſchuldig ward— mögen Eure übrigen Handlungen ſo bleiben, daß ich Euch dieſes Gefühl ohne Beimiſchung erhalten kann.“ „O, Elmerice,“ rief hier der Fremde mit dem— tiefſten Ausdrucke zärtlichen Schmerzes—„ſeid Ihr wirklich ſo hart, als Eure Worte? In das dürre Ge⸗ biet der Dankbarkeit verweiſt Ihr jedes Gefühl für mich, und auch dies ſtellt Ihr noch unter Bedingun⸗ gen, die den Zweck haben, von mir das Einzige zu fordern, wogegen ſich mein Herz mit allen ſeinen Kräf⸗ ten auflehnt! Denkt Ihr, es gäbe eine Gewalt, ge⸗ gen die ausreichend, die aus einem wahrhaft liebenden Herzen dringt? O, Elmerice, wie wenig müßt Ihr die Gefühle kennen, von denen mein Herz durchdrun⸗ gen iſt, eine Rettung, eine Auskunft in der Trennung zu hoffen! Sie iſt es, die uns lehrt, welchen Werth das übrige Leben behält, wenn uns das geraubt wird, wodurch wir erſt zur Fähigkeit gelangten, es zu lieben.“ „Haltet ein;“ rief Miß Eton, mit neuem Ver 5* ſuche, den Rückweg anzutreten—„vergeßt Euch nicht ſelbſt!— vergeßt nicht, was Ihr mir ſchuldig ſeid, und wie wenig dieſe Sprache für uns gehört, ja, wie veleidigend ich ſie finden müßte, wüßte ich nicht, daß Ihr dies nicht beabſichtigt. Aber laßt meine einfache dringende Bitte etwas gelten und ſchont meine Ruhe, indem Ihr zurückkehrt und Euch an den Gedanken zu gewöhnen ſucht, daß ich Euch nur eine entfernt bleibende Freundin ſein kann! Ich bitte Euch,“ un⸗ terbrach ſie ihn zitternd, als er ihr antworten wollte —„haltet mich jetzt nicht länger auf— wir dürfen den Unglücklichen nicht vergeſſen, der dort unſerer Hülfe benöthigt iſt— ich ſelbſt,“ fuhr ſie fort,„bedarf der Ruhe, und meine Kleidung, die mit ſeinem Blute ge⸗ färbt iſt, erfüllt mich mit Schauder.“ Dies entſchied bei dem Fremden, der augenblicklich zurück trat; und Miß Eton eilte nun einige Schritte auf dem Fußpfade vor, der ſie, an einem kleinen Vor⸗ ſprunge vorüber, auf eine geſicherte Stelle führte. „Lebt denn wohl!“ ſagte hinter ihr eine zit⸗ ternde Stimme— Miß Eton blickte ſchüchtern um und gewahrte, wie der Fremde ihr noch einige Schritte gefolgt, jetzt an einen Baum gelehnt, ihr nachblickte— ſein Angeſicht war todtenblaß, und der linke Arm hing wunderbar ſchlaff an ihm nieder.— Einen Augenblick 3 7— * 69 ₰ ſchien das Fräulein den ſchmerzlichſten Kampf zu käm⸗ yfen, dann eilte ſie, zurückgrüßend, ſo ſchnell es ihre Kräfte zuließen, den Weg nach Ardoiſe zurück. Am Eingange des Waldes ſtieß ſie auf die Leute der Gräfin dAubaine, welche dieſe, über ihr langes Ausbleiben höchlichſt beunruhigt, ihr entgegen geſchickt hatte. Der Anblick des Fräuleins, ihre in Blut ge⸗ tränkten Kleider, ihr blaſſes, erſchöpftes Anſehn, erfüllte Alle mit Schrecken. In wenigen Worten erläuterte ſie Ihnen das Vorgefallene, und jede Hülfe von ſich ablehnend, bat ſie vor Allem, zu dem Unglücklichen zu eilen, den ſie nur mit dem tiefſten Entſetzen ſterbend zu denken vermochte. Sie ſelbſt eilte, ſich ſo unbe— merkt, als möglich, nach dem Schloſſe zu ſchleichen, um durch ihren Anblick die gütige Freundin nicht zu erſchrecken. Umgekleidet eilte ſie alsdann zur Gräfin d'Aubaine, durch ihren Anblick die Mittheilungen zu mildern, die ſo viel Erſchreckendes hatten. „Aber, mein theures Kind,“ fuhr die Gräfin fort, nachdem ſie an ihre Freude über die glückliche Rettung ihres Lieblings manchen zärtlichen Vorwurf über die dreiſten Wanderungen angeknüpft—„wären wir doch nur ſo glücklich, den Fremden wieder zu fin⸗ den, der uns einen ſo unſchätzbaren Dienſt leiſtete! Du kannteſt ihn alſo nicht?“ fuhr ſie fort, als das 70 Fräulein ſchwieg—„aber vielleicht gehört er doch zu meinen Nachbarn, und wir können ihn ausforſchen und unſere Dankbarkeit ihm bezeigen.“ „Ich glaube nicht“— ſagte das Fräulein raſch und unruhig—„es war gewiß ein Fremder— ja, ich erinnere mich genau, daß es ein Fremder war— er wird abgereiſt ſein— wir werden ihn nicht auf⸗ finden.“ „Sagte er Dir dies?“ fragte die Gräfin, das Geſpannte und Aengſtliche in dieſen Worten fühlend. „Ich glaube, ja!“— ſeufzte Miß Eton, ich weiß es nicht genau zu ſagen.“ „Ich aber,“ ſagte die Gräfin und erhob ſich lächelnd—„weiß ſehr genau, daß mein liebes Kind mich ſogleich verlaſſen wird, und ihren Gehorſam mir zeigen, indem es ſich niederlegt und ſo viel Schreckniſſe durch Ruhe auszugleichen ſucht.“ Miß Eton zeigte ſehr gern den verlangten Ge⸗ horſam, und eilte, die Ruhe ihres Lagers zu ſuchen, wenn wir uns auch nicht dafür verbürgen wollen, daß ſie dieſelbe, nach ſo vielen Erſchütterungen ihrer Seele, fand.— Die Gräfin dAubaine empfing Miß Eton am andern Morgen, als die Frühſtücksſtunde die beiden en wieder zuſammenführte, mit der Nachricht, ——— 71 daß ſie geſtern Briefe von ihrer Nichte, der Marguiſe dAnville, aus Paris empfangen habe, welche deren Beſuch ihr angemeldet, und äußerte ihre Freude, dieſe liebenswürdige Nichte mit Miß Eton bekannt machen zu können, da ſie über das Wohlgefallen Beider an einander keinen Zweifel trug.„Meine Nichte wird für's Erſte ohne ihren Gemahl hier ſein,“ fuhr ſie fort,„da derſelbe Güter übernimmt, welche er ſeit kängerer Zeit beſitzt, ohne ſie zu kennen; dann wird er uns auch auf einige Zeit ſeine liebe Gegenwart ſchenken, und ſpäter mit ſeiner Gemahlin das Haupt— gut in Beſitz nehmen, welches die Neugierde der jun⸗ gen Frau zu reizen ſcheint.“ Miß Eton wünſchte der Gräſin Glück zu dieſer angenehmen Ausſicht, und ſchien lebhaft von dem Ge⸗ danken dieſer neuen Bekanntſchaft erregt zu ſein— dann bat ſie die Gräfin um Auskunft über den Un⸗ glücklichen, der ſie geſtern in ſo große Gefahr gebracht, und um einige Nachrichten über ſein Schickſal. „Für's Erſte,“ erwiederte die Gräfin,„kann ich Dir die Verſicherung geben, daß ſeine Wunde nicht tödtlich iſt: die Kugel iſt aus der Schulter heraus⸗ gelöſt, und der ſtarke Blutverluſt macht ſeinen ganzen Zuſtand ſelbſt bei dem unvermeidlichen Wundfieber milde und ohne die ſonſt gewöhnliche Gemüths⸗ 72 ſtimmung. Sein Schickſal wirſt Du zum Theil aus ſeinen wahnſinnigen Reden errathen haben— doch wenige Worte werden Dir noch ſagen, wie er zu den beſten und ausgezeichnetſten Jünglingen in Ardoiſe gehörte. Leider hatte ihm die Natur ein allzuweiches, feinfühlendes Herz gegeben, und ſo unterlag er dem erſten großen Schmerze ſeines Lebens, der allerdings durch eine ſchreckliche Kataſtrophe über ihn herbei⸗ geführt ward. Robert diente mir als Jäger im Schloſſe— er war der Sohn des Kaſtellans.— Durch Tüchtigkeit und Brauchbarkeit erwarb er ſich die zunächſt auf⸗ gekommene Förſterei von Ardoiſe, und entdeckte mir ſeine Liebe zu Jenny, einem ſehr ſchönen jungen Mädchen, das unter der Aufſicht meiner guten Sul⸗ pice trefflich herangewachſen war. Da ihre Neigung gegenſeitig, ſo freute ich mich der glücklichen Wahl, und als Robert die Förſterei bezogen, ſetzte ich den Tag ihrer Hochzeit an. Jenny hatte wahrſcheinlich auf ſeine Bitten ein⸗ gewilligt, ohne Wiſſen ihrer mütterlichen Freundin Sulpice, ihren Bräutigam öfter im Walde bei'm Steinbruche zu ſehen, und war, ſich verſpätend, dann veſorgt und eilend den gefährlichen Weg zurückgekehrt. Ihr Wunſch, in das Thal hinabzuſteigen, war ſtets * 73 von Robert verweigert worden, der ſie mit einem be⸗ quemen Wege zu überraſchen vorhatte. Dies ſind alles nachher ausgeforſchte Umſtände, theils aus den wahnfinnigen, ſich um dieſe Punkte anklagenden Vorwürfen Roberts— theils aus nach⸗ her gemachten Entdeckungen anderer Dienſtleute. Jenny verſprach ihrem Geliebten den Tag vor der Hochzeit eine Zuſammenkunft— Beide, durch Geſchäfte auf⸗ gehalten, trafen ſich erſt ſpät; Robert erwartete den Abend ſeine Aeltern in der Förſterei, Jenny mußte zur beſtimmten Stunde bei Sulpice ſein. Sie trenn⸗ ten ſich daher, ohne daß Robert, wie gewöhnlich, ſie begleiten konnte. Es war ſchon dunkler, wie gewöhn⸗ lich, der Weg glatt von einem Gewitterregen— die näheren Umſtände werden nie zu unſerer Kenntniß gelangen— Jenny traf nicht ein— ſie blieb auch die Nacht aus— und nun gerieth Alles in Unruhe. Man ſchickte nach dem Forſthauſe, ſie aufzufinden, und da ſie auch dort nicht war, wurden auf allen Wegen Nachſuchungen angeſtellt. Der unglückliche Jüngling, ſtarr vor Angſt und Beſorgniß, gab endlich der entſetzlichen Ahnung nach, die ihn nach dem Stein⸗ bruche zog. Er hatte ſich nicht geirrt; als man ſich der ſchroffen Stelle näherte— ſah man ſie zerſchmet⸗ tert in der Tiefe des Thales liegen. Hier auf ihrer 74 Leiche verlor der unglückliche Jüngling ſeinen Ver⸗ ſtand.— Die erſte Zeit brachte er in den gefährlich⸗ ſten Zuſtänden der Raſerei in unſerm Krankenhauſe zu, ſpäter milderte ſich das Leiden bis zur tiefſten Me⸗ lankolie, die ihn aber unſchädlich machte.— Man gab ihm, gewöhnt an ſeinen gefahrloſen Zuſtand, die Frei⸗ heit wieder, wonach er ſich unabläßig ſehnte, und der Steinbruch iſt nun ſein Ruheplatz, von wo aus er des Nachts ruhig nach dem Krankenhauſe zurückkehrt. Ich bin übrigens durch ihn aufmerkſam gemacht worden und kann nicht läugnen, daß der Unglückliche nicht ganz Unrecht hatte, Dich mit ſeiner ſchönen Jenny zu vergleichen, denn allerdings gleichſt Du ihr in Größe, Geſtalt und Farbe.“ Miß Eton war ſehr bewegt von dieſer Mitthei⸗ lung, und beide Frauen machten an einander die Be⸗ obachtung, ſich beſonders traurig zu finden. Die Grä⸗ fin las noch ein Mal den Brief ihrer Nichte und verſank dann in tiefes Nachdenken— Miß Eton lehnte mit großer Schüchternheit jeden Spaziergang, auch unter der ſicherſten Begleitung, ab, und nicht, wie ſonſt, floß die Unterhaltung in ununterbrochenem Reichthume dahin. Endlich hob die Gräfin lächelnd an:„So wirſt Du denn den älteſten Sohn Deiner Freundin im Bilde — 75 kennen lernen— der Marquis d'Anville iſt der Sohn dieſer ſchönen Braut.“ Tief erröthend blickte Miß Eton vor ſich nieder — kaum hörbar fragend, ob er ihr ähnlich ſähe. „Nein,“ antwortete die Gräſin,—„er gleicht ſeinem Vater— ähnlich ſieht ihr der zweite Sohn, der Graf Leonce, den ſie vorzüglich liebte, und dieſer wird ſeine Schwägerin auch hierher begleiten.“ Die unterhaltung ſtockte wieder— und Miß Eton ſchien nicht bedacht, zu deren Wiederanknüpfung viel beitragen zu wollen, denn ſie hatte ihre Knöpfel ergriffen und ſchien der entſtehenden Spitzenweberei alle Aufmerkſamkeit zu widmen. „Ich halte dieſen Beſuch gerade jetzt für ſehr willkommen, da Du, mein armes Mädchen, wahrlich einer Zerſtreuung bedarfſt— das böſe Ereigniß hat Dich mehr erſchüttert, als Du Wort haben willſt und meine eigene trübe Nähe gut zu machen vermöchte.“ „O, ſagt das nicht!“ rief Miß Eton, und die Arbeit entſank ihrer Hand, als wäre ſie gänzlich er⸗ ſchöpft—„Eure theure Nähe wäre es gllein, die mich mit mir ſelbſt in's Gleichgewicht bringen könnte! — Doch, ich muß es eingeſtehen, daß mich ein Gefühl anderer Art bewegt— ich hatte einen Wunſch, eine Bitte, die ich zaghaft bin, vor Euch auszuſprechen.“ 276 „Und womit habe ich das verdient?“ ſprach die Gräfin faſt wehmüthig, die Hand nach Elmerice hin⸗ über ſtreckend. Elmerice kniete in demſelben Augenblicke auf dem kleinen Fußſchemel der Gräfin, und zärtlich ihre Hand faſſend, barg ſie das bewegte Angeſicht in ihren Schooß. „Sprich,“ ſagte die Gräfin—„und ſei der Ge⸗ währung im Voraus gewiß.“ „Theure Gräfin,“ hob Elmerice an,„die Ankunft ſo lieber Gäſte, die Sicherheit, Euch damit ſo an⸗ genehm und erheiternd umgeben zu wiſſen, giebt mir Kraft, Euch gerade jetzt auf einige Zeit verlaſſen zu wollen, und ſomit ein Verſprechen an meine geliebte ſelige Mutter zu erfüllen, dem ich mich vielleicht ſchon zu lange entzogen habe, da es mir ſo ſchwer ward, mich von Euch zu trennen.“ „Wie, Elmerice,“ rief die Gräfin erſtaunt,„Du willſt mich verlaſſen?“ „Ihr werdet Euch der Jugenpfreundin meiner Mutter erinnern,“ fuhr Miß Eton fort, den Vorwurf der Gräfin nur mit einem zärtlichen Handkuſſe beant⸗ wortend—„Miß Gray, die meine Mutter damals auf ihrer Reiſe nach Frankreich begleitete und zurück⸗ blieb, ihre Verbindung mit Herrn St. Albans feiernd. Dieſe Freundin aufzuſuchen, habe ich geloben müſſen, * ——— ———— — ———— ————— 77 und vor einiger Zeit Briefe erhalten, worin Madame St. Albans mich dringend auffordert, ſie in der Abtei Tabor zu beſuchen— dort lebt ſie ſeit ihrer Verhei⸗ rathung, da Herr Albans die Ländereien der großen Abtei in Pacht genommen hat.“ „Ich weiß dies, mein liebes Kind,“ ſagte die Gräfin, und ein wehmüthig ernſter Blick ſchaute in die Ferne, in der Erinnerung die nie vergeſſenen Bil⸗ der aufſuchend—„aber laß' mich Dir geſtehen, ich ſehe dieſe Verpflichtung, die ich anerkennen muß, nicht ohne Beſorgniß. Madame St. Albans iſt eine brave, thätige Frau, die auf ihrem Platze alle Anerkennung verdient, aber ſie iſt kein Umgang für Dich, und ihr Haus kein Ort, wo Du Dich nur S wohl fühlen wirſt.“ „Und doch,“ ſagte Elmerice muthig,„habe ich ihr einen längeren Beſuch zuſagen müſſen, und ihre große Liebe zu meiner geliebten Mutter hat mir früher dies Verſprechen ſo leicht erſcheinen laſſen.“ „Dieſe war unbezweifelt rührend,“ antwortete die Gräfin,—„und ſo vollſtändig als ſchön; denn obwohl ſie Herrn Albans liebte, ſchien ihr die Tren⸗ nung von Deiner Mutter ſo unerträglich, daß ſie faſt ihrer Liebe dieſer nach England folgen zu können.“ der Jugendfreundin meine 5 28 „Um ſo auffallender,“ rief Elmerice,—„da, wenn ich nicht irre, Miß Gray hier ihre Mutter wie⸗ der fand, welche doch ein großes Band an Frankreich werden mußte!“ „Daß es dies nicht ward,“ erwiederte die Grifi, „will ich ihr nicht anrechnen, denn die alte Miſtreß Gray hatte ſich ſchon lange vor Ankunft ihrer Tochter von aller menſchlichen Geſellſchaft zurückgezogen; ſie ſah ihre Tochter nur ſelten und faſt ungern; Miß Gray konnte keinen Anhalt an ihr haben. S Es iſt nun lange her,“ fuhr ſie fort,„daß ich Madame St. Albans ſah, die eine Reiſe benutzte, mich zu beſuchen; ſie iſt brav und ſteht eben, wie ihr Gatte, im beſten Rufe, aber— was Deine Mutter einſt mit ihr bis zur Freundſchaft verbinden konnte, lag wohl nur in der Jugend beider, in der zärtlichen Liebe der guten Miß Gray zu Deiner Mutter.“ „Laßt es mich dennoch verſuchen,“ rief Elme⸗ rice,„und gebt mir die Aufgabe, auch in Verhält⸗ niſſen, die mir nicht zuſagen, mich bewegen, mich Eurer würdig zeigen zu können— ich würde jetzt, ohne Madame St. Albans zu kränken mein Wort nicht zurücknehmen können— thun.“ 6 c— „. 79 „Und ich Dich nicht dazu veranlaſſen,“ ſagte freundlich lächelnd die Gräfin,„nur gebe ich gerade jetzt meine Einwilligung dazu faſt ungern— ich ſah Dich ſchon im Geiſte mit der holden Lücile in Freund⸗ ſchaft verbunden, und freute mich gerade darauf, wie die lange trübe Einſamkeit Dir ſo angenehm unter⸗ brochen werden ſollte durch dieſe lieben Gäſte! Auch willige ich nur ein, wenn Du mir verſprichſt, dort Deinen Beſuch abzukürzen, wo ich dann hoffen darf, Du triffſt hier noch mit meiner Nichte und ihren Verwandten wieder zuſammen.“ Mehr höflich, als aufrichtig legte Miß Eton die Beſtimmung hierüber ganz in die Hände ihrer Wohl⸗ thäterin, und Beide wurden darüber einig, daß Miß Eton am andern Morgen ihre Reiſe unter dem Schutz ihrer Dienerſchaft antreten ſollte. 80 Am Abende des andern Tages hog der Wagen der Miß Eton, einen dichten, noch unbelaubten Bu⸗ chenwald verlaſſend, in einen breiten Thalweg ein, der bald die fruchtbaren Felder und Wieſen von bei⸗ den Seiten zeigte, die, zur Abtei Tabor gehörend, eine lachende, heitere Anſicht gewährten. Der höchſtmögliche Standpunkt der Kultur wat überall auffallend. Die Wege mit ihren Atzugsgr ben, die wohlerhaltenen Verbindungsbrücken und Plan⸗ kenzäune, die Felder in ihrer regelmäßigen die Wieſengründe mit den ſchönſten ſchlanken, wohlgehegten Stämme junge. die mit ihren, ſchon in weißer Blütenp o runden Kronen wie Perlenſchnüre als zeigten, die kleinen Gehöfte, die, in ihrer wohlhabenden Ausdehnt S Lebens ſich geſchaffe n— 3 —.————— S 81 Bild des Fleißes und der Wohlhabenheit. Miß Eton fühlte ſich wunderbar dadurch erleichtert, und abge⸗ zogen von ſich ſelbſt, ſchien ſie ihre ſchweren und me⸗ lankoliſchen Gedanken in den düſteren Wegen der Wälder, die ſie durchreiſt war, zurück laſſen zu müſſen. Sie fühlte, ſie war hier in eine andere Sphäre ver⸗ ſetzt, eine neue Auffaſſung des Lebens trat ihr ent⸗ gegen; und häufig iſt dies allein ſchon hinreichend, uns ſelbſt zu einer Thätigkeit zu wecken, die uns un⸗ ſerm gewohnten Ideenkreiſe klarer und ruhiger gegen⸗ über ſtellt. Sie konnte mit Vergnügen an den mä⸗ ßigen Lebensſtandpunkt denken, dem ſie entgegen ging, und ohne Furcht vor geiſtigen Entbehrungen, wollte ſie gern das Leben von dieſer leichten und materiellen Seite kennen lernen. 3 Doch konnte ſie kaum ein Lächeln nn ls ſie gewahrte, wie die Gegend faſt immer ſchmuck⸗ und geſchmackloſer in ihren Anlagen ward, je näher e dem Wohnorte der Madame St. Albans kam. i der Nutzen erſtrebt und erreicht— aber wetde itgent ſe ſchönere Anſicht ſanlagen damit verbinden, 82 aber bald hörte ſie auf ihre Anfrage, daß die Abtei mehrere Meilen von dem Wohnſitze des Herrn St. Albans entfernt wäre, und dieſer nur ein Vorwerk gleichen Namens bewohne, welches mehr in dem Mittel⸗ punkte der Ländereien, die er von der Abtei in Pacht hatte, und daher ſeinen Zwecken paſſen⸗ der läge. Endlich verkündete eine Reihe ſteinerner Häuſer, welche regellos neben einander gelagert waren, die Wohnung des Herrn St. Albans, und bald zeigte der größere Verkehr von Arbeitern und Wagen, daß man ſich dem Mittelpunkte einer größeren Betriebſamkeit nahe. Es war noch ziemlich früh am Abend, und alle Vorübereilenden ſchienen mit dem Tageslichte zu geizen und, ganz in ihre Geſchäfte vertieft, nur 5 bequemen, feſten Weges ſich bewußt zu ſein, der imme vortrefflicher werdend, den leichteſten Verkehr n Von dieſem regen Leben umgeben, fuhr man endlich an einer langen Mauer entlang und bog dann dur. ein offenes Thor in den Hof. Er war in einer großen Ausdehn lichen Ställen und„ ſich nur wenig an Höhe und A nur als ſolches ſteil 83 hinauf führende Treppe und zwei Reihen Fenſter bezeichnet. Auf dieſem großen Hofe zeigte ſich kein kein Raſen, kein Zeichen der Vegetation. Ein Baſſin, roh ummauert, diente dem Nutzen der Ställe, was ſeine trübe, mit Stroh und Heu bedeckte Oberfläche deutlich verrieth. Niemand eilte der Miß Eton zum Willkommen entgegen, obwohl die Thür des Hauſes von heraus⸗ eilenden Mädchen und Knechten oft geöffnet ward.— Monſieur Lorint, der Kammerdiener, über die ihm ziemlich fremde Art dieſer Hauseinrichtung nicht we⸗ nig erſtaunt, nahte ſich nun der Wagenthür und fragte, ob er die Ehre haben ſolle, das gnädige Fräu⸗ lein zu melden. „Laßt das,“ ſagte Miß Eton lachend—„ich will ſelbſt ausſteigen und mein Willkommen mir ſu⸗ chen, denn dieſe fleißigen Leute haben keine Zeit zu dergleichen.“ Leicht und von dem alten Diener gefolgt, der, im eſchen Gegenſatze zu dieſem Naturzuſtande, faſt noch fö mlicher und devoter ward, ſeine eigene Würde ſchützend gegen den Andrang dieſer Unkultur — eilte Miß Eton ſchmale ſteinerne Treppe hin⸗ auf und ſog bei'm Oeffnen der Thüre in die Arme £ 6* — 84 eines jungen, heiter lachenden Landmädchens, das eben ſo ſchnell heraus, als Miß Eton hinein wollte. „Ah, Madame,“ rief die erſchreckte Schöne, ſchnell zurückſpringend—„ich bitte um Vergebung — ich war ſo eilig!“ „Und doch werde ich Dich aufhalten müſſen, mein liebes Kind,“ lächelte Miß Eton,„denn Du mußt mich durchaus bei Madame St. Albans melden, deren Gaſt ich zu werden denke.“ Ein holdſeliger Blitz von Freundlichkeit aus den dunkeln Augen des rothwangigen Kindes ſchien El⸗ merice ein recht anmuthiger Willkommgruß; und ſie ſchritt nun mit ihrer jungen Begleiterin in den mitt⸗ lern Raum des Hauſes vor, der ein Speiſeſaal zu ſein ſchien, die ganze Tiefe des Hauſes durchmaß und ſeine Fenſter nach der andern Seite hinaus hatte. Hier bat das junge Mädchen das Fräulein, zu warten — und flog nun leichten Sprunges durch eine der ſechs Thüren, die ſich in dieſem großen Vorſaal öff⸗ neten. Miß Eton näherte ſich indeſſen einem der Fenſter und ſah, daß ſich hier gleichfalls kein Baum, keine Gartenanlage zeigte, ſondern an einem friſch beſtellten Gemüſegärtchen, mit vin zaun umhegt, ſich ein ziemlich bedeutindt Weide atz anſchloß, der aber nur dem kranken, von der entfernteren Weide 85 zurückbleibenden Viehe zur Benutzung diente; ſeitwärts war eine kleine Anpflanzung von Nußbäumen, und auf dieſe richtete Elmerice, von den wenig befriedigen⸗ den Ausſichten ſich abwendend, mit einiger Hoffnung ihre Blicke. Lautes, anordnendes Sprechen nahte indeſſen dem Salon, bald flog die mittlere Thüre auf, und eine ſtarke, muntere Frau in tüchtiger häuslicher Kleidung, mit Schürze und raſſelndem Schlüſſelbunde trat mit geſchäftiger Eile herein und nahte ſich dem ihr gleich⸗ falls entgegeneilenden Fräulein. „Seid Ihr denn wirklich Miß Eton? meiner lieben Margarith Tochter?“ rief ſie mit lauter, klin⸗ gender Stimme und drückte, innig davon überzeugt, zwei derbe Küſſe auf Elmerice's Wange.—„Nun,“ ſagte ſie, ohne die Antwort abzuwarten, und indem ihre Stimme plötzlich in Thränen brach,„ſo hat Gott meinen Wunſch erhört— denn ſeht, der Wunſch, ſie ſelbſt, oder ihr Kind, oder ihren Lieblingshund, oder ihre Katze, oder ihr Kleid, oder ſeht nur, ſo viel als ich auf dieſem Nagel halten könnte, von ihr zu ſehen— der hat mich nie verlaſſen, obwohl ich wenig Zeit zu ſolchen Gedanken habe; denn ſeht, hier iſt ein großes läſtiges Hausweſen, Alles geht durch mich, wo ich nicht bin, gelingt's nicht, was ich nicht thue, 86 unterbleibt, wonach ich nicht frage, vergeſſen iſt es in den andern Köpfen. Aber ſeht, mein Kind, dazu behielt ich Zeit, und war's während des Tiſchgebets — Gott ſei mir gnädig!— oder zwiſchen Niederlegen und Einſchlafen— nach Margarith mich zu ſehnen, behielt ich immer Zeit!“ Wieder kam ein kurzer Anfall von Weinen, den ſie jedoch eben ſo ſchnell bekämpfte, und nun führte ſie Elmerice in ein nach der Weide hinaus gehendes Zimmer. Hier ſetzte ſie ſich, zwei Stühle gegenüber rückend, ſchnell vor ihren jungen Gaſt, den ſie auf einen derſelben niedergezogen hatte, und blickte nun mit zwei großen unruhigen Augen das Fräulein an.—„Keinen Zug von Ihrer Mutter!“ rief ſie nach dieſer ſcharfen Prüfung— „weiß Gott— fremd, liebes Kind, bis auf die Fingerſpitzen! Großer Gott, hatte ich mich doch ſo gefreut, ein Ebenbild meiner Margarith zu ſehen! Und doch ſeid Ihr Miß Eton, die Tochter meiner Margarith.“ „Gewiß,“ ſagte Elmerice, ſanft und gerührt— „ich bin die Tochter der Freundin, der Ihr ein ſo ehrendes Andenken bewahrt, und ihr letzter Wille, der mich beſtimmte, in Frankreich zu leben, ſchloß auch den Befehl ein, Euch aufzuſuchen, Euch der innigen Liebe meiner Mutter zu verſichern. 87 „O Gott, Miß!“ rief Madame St. Albans weinend,—„ſagt, that ſie das? Gedachte ſie mein mit gleicher Liebe, hat ſie mich nicht vergeſſen? Alſo Ihr ſolltet mir ihre Grüße bringen, ihr Kind unter⸗ richtete ſie von ihrer Liebe zu mir!— Ja, ja, darin erkenne ich ſie wieder!— obwohl, Miß Elmerice, es mich ſchmerzte, als ich hörte, nicht mir, ſondern ihrer vornehmeren Freundin, der Gräfin d'Aubaine, habe ſie Euch vermacht.“ „Zürnt deshalb nicht, liebe Madame St. Albans — wohl kenne ich die Gründe zu dieſer Beſtimmung nicht, aber ſicher beruhten ſie nicht in verringerter Liebe gegen Euch!“ „Ja, ja, ich will es glauben, gern glauben, lie⸗ bes Kind! denn ich glaube gern an ihre Liebe. Die Gräfin iſt eine Heilige— von hoher Geiſtesart— ſehr erhaben über ihr ganzes Geſchlecht. Da reiche ich armer Erdenwurm nicht heran ſie ſchmückt die Kirche— ich Haus und Hof. Seht, es läßt ſich leicht der Heil'gen-Schein feſthalten, und die feinen Ausdrücke, wenn man nichts weiter zu thun hat, als darauf zu paſſen, daß einem nichts Unebenes ent⸗ ſchlüpft— aber hier, wo ich an Alles ſelbſt Hand an⸗ legen muß, mit lauter rohen, dummen Leuten verkehren, bei denen ſich übler Wille und Faulheit zu Leichtſinn und Thorheit geſellen, da müſſen die Worte breit aus dem Munde fließen, und man wird darum nicht ſchlechter in ſo großer Berufsthätigkeit, als ſolche er⸗ habene Geiſter, die auf uns herab ſehen.“ Etwas beſchämt von der Rede ihrer neuen Be⸗ kannten, ſchlug Elmerice den Blick zur Erde nieder, um den ſeltſam heftigen Ausdruck in den ſonſt trüben Augen der Redenden zu vermeiden. „Glaubt nicht, verehrte Frau,“ ſprach Elmerice —„daß die Gräfin d'Aubaine eingebildet auf ihre Vorzüge iſt, ſie ſchätzt Jedelhach ſeiner Weiſe, und die ihrige iſt ſehr ſtill und zurückgezogen, denn ſie iſt wohl nie glücklich geweſen, und ſehr kränklich und oft recht leidend.“ „Iſt ſie das?“ rief Madame St. Albans.— „O ſeht, das beklage ich. Ja, das arme Ding! wahr⸗ lich, wenig Freude hat ſie gehabt— Gott richte es! — und wohl iſt ſie zu bedauern, und es thut mir herzlich leid, wenn ſie kränkelt. Sagt, iſt es ſo? muß ſie viel leiden?“ Elmerice fühlte ſich ganz erquickt und erleichtert von der kindlichen Gutmüthigkeit, die in dieſer Rede die Oberhand gewann, und war nur bemüht, ihr ein Bild der ſtillen Geduld zu entwerfen, mit der die Gräfin ihr Leben ertrüge. 89 Mehrere Male wiſchte ſich Madame St. Albans die Augen und ſagte dann ganz kläglich:„Gottlob, daß meine gute Margarith, Deine Mutter, ſie ſo lei⸗ dend nicht mehr ſah— denn wahrlich, das hätte ihr das Herz gebrochen.— Aber ſieh', mein Kind, immer und immer habe ich es Deiner Mutter geſagt: wir beide werden glücklich in der Welt werden, die Fran⸗ ziska aber nie— das geht Allen ſo, die von Jugend auf immer über den Wolken ſchweben, und überſpannt ſind und und voll thörichter Schwärmereien; die ma⸗ chen nicht glücklich und Perden nicht glücklich, das iſt eine ausgemachte Sache!“ „Gewiß,“ erwiederte Elmerice ſchüchtern—„fin⸗ den reich begabte Weſen, mit einem höheren und viel⸗ ſeitigeren Bedürfniſſe, ſchwerer den Standpunkt, wo ſie ſich in ihrem ganzen Reichthum entfalten können, aber es iſt ihnen doch nicht als Vorwurf anzurechnen, wenn wir ſie ſelten zu ihrer vollen Wirkſamkeit ent⸗ wickelt ſehen; wo ſie ſie erreichten, ſehen wir ſie allen Pflichten gewachſen, ſie Alle anerkennend.“ Ein ſonderbar aufmerkſamer Blick ſtreifte hier das Fräulein; in dem Augenblicke faßte Madame St. Albans den Verdacht, daß ihr junger Gaſt wohl eben⸗ falls zu dieſer Kaſte gehören möchte, und ſie ſtand, ſichtlich davon geſtört, auf, und indem ſie Elmerice 90 bei der Hand faßte, um ſie wegzuführen, ſagte ſie mit dem Tone völlig abgeſchloſſener Anſichten:„Ja, ja, ich kenne das, mein Schatz! ſolche Reden hörte ich oft, aber ich ſah auch die zahllos unglücklichen Ehen, die ſolche Mädchen erlebten, die ewige Hinfälligkeit von Leib und Seele, und weiß, was es eigentlich für Frauenzimmer auf der Welt zu thun giebt, ſtatt ſo ſchwierige Forderungen ſich anzukünſteln.“ Elmerice fühlte ſich, hierauf zu erwiedern, nicht geneigt; noch überſah ſie den Charakter dieſer Frau nicht, ihre Beſcheidenheit und die Furcht, ihr anmaßend zu erſcheinen, ließ ſie lieber ſchweigen, da es ihr über⸗ dies ſchien, daß ſie beide von ganz verſchiedenen Dingen geſprochen hatten, die neben einander jedes wohl ihr gutes Recht behalten konnten, aber einander doch ſo unähnlich waren, daß an eine Ausgleichung nicht zu denken war. „Ich will Euch jetzt Euer Zimmer anweiſen und für Euer Gepäck ſorgen,“ ſagte Madame St. Albans —„denn ſeht, liebe Miß, ich muß überall ſelbſt die Augen haben, auf die Leute iſt kein Verlaß. Doch fürchte ich,“ fuhr ſie fort, indem ein empfindlicher Ausdruck von Mißtrauen auf ihtem Geſichte erſchien, „Ihr werdet großen Abſtund finden. Das ſchöne Schloß von Ardoiſe findet Ihr hier nicht; wir ſind 91 ſtille, beſcheidene Leute, die auch ſo Haus und Hof eingerichtet haben;“ und nun ſuchte ſie durch ver⸗ mehrte Höflichkeit ſich ſelbſt über die Unſicherheit zu täuſchen, die ihr die Geſinnungen der jungen Dame eingeflößt. Elmerice konnte dies nur zu leicht wahrnehmen, und bemühte ſich, faſt auf Koſten ihres ſonſt ſo ru⸗ higen und natürlichen Weſens, ihre Anerkennung und ihr Vergnügen über Alles, wie ſie es vorfand, an den Tag zu legen; auch war zum Mißfallen nirgends Ver⸗ anlaſſung. Eine kleine Treppe, die gleichfalls hinter einer der ſechs Saalthüren lag, führte in die obere Etage, und hier fand Elmerice ein ſo hübſch eingerich⸗ tetes Zimmer, in ſo glänzender Reinlichkeit ſtrahlend. daß es ihr nicht ſchwer ward, Vergnügen darüber zu bezeigen.— Doch hörte Madame St. Albans nicht auf, Alles entſchuldigend und ſelbſt herabſetzend zu be⸗ ſprechen, unter dem oft wiederholten Zuſatze:„Aber wir ſind ſtille, beſcheidene Leute,“ ohne Ahnung, wie die Beilegung zweier ſolcher Tugenden wenigſtens das Prädikat der Beſcheidenheit verdächtigte. Bald aber verließ ſie ihren Gaſt, um ſich den Anordnungen zur Abendmahlzeit zu unterziehen, und Elmerice fühlte einen Anflug von Erſchöpfung und Abſpannung, wie er uns am häufigſten kömmt, wenn wir uns einer 92 fremden, in ihrer Art und Weiſe ſicher gewordenen Natur gegenüber fühlen, die wir nicht durch das Her⸗ vortreten unſerer abweichenden Geſinnungen zu ver⸗ letzen wünſchen, weil wir fühlen, daß wir ihre Eigen⸗ thümlichkeit wohl verſtehen und achten können, aber überzeugt ſind, die unſrige wtſne und gemiß⸗ billigt zu wiſſen. Elmerice hatte mehr Worte, mehr Höflichkeit in der kurzen Zeit verbraucht, als ihr ſonſt irgend zu Gebote war. Die leicht hervortretende Heftigkeit der guten Frau hatte ſie erſchreckt und nur daran denken laſſen, ſie in milder Stimmung zu erhalten; ſie fühlte im Augenblicke des Alleinſeins, daß ſie ſich angeſtrengt habe, und ſie wußte nicht, ob ſie zufrieden oder un⸗ zufrieden mit ſich ſein ſollte. Doch beſtrebt, mit ſich in's Klare zu kommen, hielt ſie die Erinnerung an den Zügen von Gutmüthigkeit feſt, die ihr unverkenn⸗ bar aus dem Geſpräche mit Madame St. Albans hervorgetreten waren, und beſchloß nichts Anderes, als dieſe, ſehen und hören zu wollen. Zur Ruhe gekommen durch dieſen Beſchluß, rich⸗ tete ſie ſich jetzt in ihrem neuen Zimmer ein, und ſchrieb einige Zeilen an ihre Wohlthäterin, da die Equipage und die Diener anderen Tages nach Ardoiſe zurückkehren ſollten. Dieſe Zeilen hatten ſie in eine 93 größere Gemüthsbewegung verſetzt, als anſcheinend Grund dazu vorhanden war, und dies wohl fühlend, eilte ſie, ihre thränenden Augen an dem geöffneten Fenſter zu kühlen. Sie überblickte von hier aus in weiterer Ausdehnung die Gegend und gewahrte bald, daß der Benutzung des Bodens zum Erwerbe jede An⸗ nehmlichkeit aufgeopfert war; nirgend zeigte ſich eine Baumanlage, ausgenommen einige dürftige Kaſtanien⸗ ſtämmchen, die auch den Zweck haben mußten, krankes Vieh darunter zu bergen, denn ſie ſah ein Pferd, an einen Pfahl gebunden, auf dem Boden liegen. Ord⸗ nung, Fleiß und Wohlhabenheit war dagegen der un⸗ verkennbare Stempel, der allen Gegenſtänden auf⸗ gedrückt war, und ganz dazu geſchaffen, Elmerice an⸗ genehm und achtend gegen ihre neuen Freunde zu ſtimmen. Sie beſtärkte ſich daher darin, dieſer zärt⸗ lichen Freundin ihrer Mutter achtend und freundlich entgegen zu treten, und beeilte ſich, da die Stunde her⸗ angekommen war, zum Abendeſſen hinunter zu ſteigen. Der große Saal, oder vielmehr der Hausflur, da er zugleich der Eingang vom Hofe aus war und mit ſeinen ſechs Thüren faſt zu allen Räumen des Hauſes führte, war mit Flieſen getäfelt, die Wände weiß ge⸗ tüncht und mit einigen Verſuchen von Stuckatur ver⸗ ſehen.— In der Nähe der Fenſter ſtand ein großer 94 eichener Eßtiſch, mit eben ſo maſſiven, hochlehnigen Stühlen umſtellt, auf deren Sitze Madame St. Al⸗ bans eben beſchäftigt war, rothe damaſtene Kiſſen zu legen, offenbar ihrem Gaſte zu Ehren, denn Marylone, die junge Magd, die Miß Eton zuerſt begrüßt hatte, ſtand damit bis unter das Kinn bepackt, und wurde nur durch das haſtige Zugreifen ihrer Gebieterin nach und nach von ihrer Laſt befreit. „Ah, ſeht doch, da ſeid Ihr ſchon, Miß Etons“ ſagte Madame St. Albans, offenbar von dem zu frü⸗ hen Erſcheinen derſelben geſtört—„nun, Ihr ſeid nicht ungeſellig, wie ich ſehe, und das freut mich, ob⸗ wohl meine Zeit mir wenig eigentliche Ruhe gönnt.“ „Wenn ich mich wohl in Eurem Hauſe fühlen ſoll,“ ſagte Elmerice,„müßt Ihr, liebe Madame St. Albans, vor allen Dingen nie auf mich Rückſicht nehmen. Ich hoffe, daß Ihr mir geſtatten werdet, Euch durch Haus und Hof zu begleiten, um Eure vortreffliche Haushaltung kennen zu lernen— ſo werde ich in Eurer Geſellſchaft ſein, ohne Euch hinderlich zu werden.“ Dieſe wohlgemeinte Rede verfehlte jedoch ganz ihren Zweck. Madame St. Albans war von Natur mißtrauiſch und hatte immer Furcht, man wolle ihre Art und Weiſe tadeln, oder ſie lächerlich machenz gegen Miß Eton hatte ſie den Verdacht einer höheren 95 Geiſtesrichtung gefaßt, und wie ihr unbegreiflich war, wie ſich damit das Intereſſe für Häuslichkeit und wirthſchaftliche Thätigkeit vereinigen könne, ſo ſchien ihr die Rede des Fräuleins reine Verſtellung, hoch⸗ müthige Herablaſſung oder Spott ſogar.. Sie lachte daher ziemlich höhniſch auf und ſagte dann, wie ſie hoffte, ihre Meinung verſtändlich ma⸗ chend:„Behüte mich Gott, daß ich ein ſo zartes, hoch⸗ gebildetes Fräulein ſo beleidigen ſollte, ſie mit Wirth⸗ ſchaftsſachen zu beläſtigen! Nein, mein gutes Kind, ſo viel Bildung haben wir gerade auch noch, um zu wiſſen, wie ſolche feine Dämchen behandelt werden müſſen. Ihr gehört mit Euren zarten Händchen und feinem Geſichtchen in die Stubez ich aber habe in meinem Berufe weder Geſicht, noch Hände ſchonen können, ſie ſind jetzt nichts Anderes mehr werth, als weiter fort zu ſchaffen, was ſie nicht ohne Erfolg, wie ich hoffe, bis jetzt geleiſtet haben.“ „Wollt Ihr mich denn glauben machen,“ erwie⸗ derte freundlich nahend Elmerice, dieſe Antwort ver⸗ ſchmerzend,„daß Bildung ſo heilige Intereſſen, als das Wohl des Hauſes für eine Frau ſein muß, aus⸗ ſchließe? Ich dachte gerade, Bildung lehre uns erſt recht, den Werth und den Genuß ſolcher Pflichten ver⸗ ſtehen, und dies muß auch gewiß Eure Meinung ſein.“ 96 „Was ſo eine gewöhnliche Frau denkt, wie ich, Miß Eton, darauf kömmt wenig an, ich habe nur ſo meinen ſchlichten Menſchenverſtand, mein Bischen geſunde Vernunft, von hoher Bildung aber weiß ich nichts— das müßt Ihr e wenn ich Euch damit nicht dienen kann.“ Während deſſen waren die Stühle alle mit feſt⸗ gebundenen Polſtern verſehen, und jetzt flogen ſie auf einen Wink der ſelbſt angreifenden Hausfrau aus ein⸗ ander, und mit Hülfe der pfeilſchnellen, kräftigen Ma⸗ rylone breitete ſich ein ſchöner kleiner Teppich darunter aus, welches Alles dem Gaſte zu Ehren geſchah, und allerdings das Plätzchen um Vieles wohnlicher und anſprechender machte. Als dies zur Zufriedenheit der Madame St. Al⸗ bans beendigt war, ordnete ſie nun mit Marylone das Decken des Tiſches ſelbſt an, indem ſie faſt im⸗ mer in dem Augenblicke, als das geſchickte und flinke Mädchen die Geſchirre auf ihren beſtimmten Platz ſtellen wollte, ihr dieſelben aus der Hand riß und mit den Worten:„Sieh' Dich doch vor, hierher kömmt das!“ es ſelbſt an ſeinen Platz ſetzte. Zwiſchen die⸗ ſer Thätigkeit war ſie noch von einer andern Unruhe, über das lange Ausbleiben ihres Mannes, geplagt. Ale fünf Minuten eilte ſie nach der Hausthüre, riß 9? ſie auf und kehrte getäuſcht mit den Worten zurück: „Unbegreiflich, wie Herr St. Albans ſich heute ſo ver⸗ ſpätet;“ Dies Ausbleiben nahm endlich alle ihre Ge⸗ danken ein, der Tiſch war gedeckt, Marylone entfernt, und ihr blieb nichts übrig, als ſich in ruhiger Erwar⸗ tung, ihrem Gaſte gegenüber, an den gedeckten Tiſch zu ſetzen; aber dadurch ſteigerte ſich ihre Unruhe um dies Ausbleiben bis zur übeln Laune und gelegentlichen Ausbrüchen von Heftigkeit, die Elmerice nicht zu näh⸗ ren wünſchte, und die ſie endlich verſtummen ließen. Da ſchlugen alle Hunde zugleich bellend im Hofe an, und augenblicklich ſprang Madame St. Albans von ihrem Sitze auf und lief nach der Thür, ſie in dem Momente öffnend, als ihr Gemahl ihr darin ent⸗ gegen trat. Beide begrüßten ſich mit ungemeiner Herz⸗ lichkeit, die aber dies Mal von Seiten der lebhaften Frau unterbrochen ward, indem ſie ihn vorführte, ihn vor Elmerice hinſtellte und mit vollkommen wieder⸗ gekehrter guter Laune ihn frug: ob er ahne, wer dies ſei? Herr St. Albans richtete ſeine freundlichen Auen auf die Vorgeſtellte, und verneigte ſich dann mit auf⸗ fallend gutem Anſtande:„Ich zweifle nicht, unſer ſehn⸗ licher Wunſch iſt in Erfüllung gegangen und wir ge⸗ nießen das Glück, Miß Eton unſern Gaſt zu nennen.“ Ste. Roche. I. 7 98 „Errathen!“ rief die kleine Frau, lebhaft in die Hände ſchlagend—„meiner Margarith einzige, liebe Tochter!“ „Glaubt, Miß Eton,“ ſprach St. Albans,„meine gute Frau weiß Euch keinen höhern und liebern Rang beizulegen, als den eben genannten. Erlaubt mir auch meinerſeits das herzlichſte Willkommen.“ „Da haſt Du recht, mein lieber Mann,“ ſagte Madame St. Albans,„Alles, was ſich auf meine Margarith bezieht, iſt mir heilig.“ Tief gerührt dankte Miß Eton beiden Eheleuten, und konnte nicht ohne einiges Erſtaunen die ungemein vortheilhafte Perſönlichkeit des Hausherrn betrachten. Seine Frau überſchüttete ihn mit Fragen und Auf⸗ merkſamkeiten jeder Art, und er hatte eine immer freundlich anerkennende Höflichkeit für ihre ſich ſelbſt genugthuende Dienſtlichkeit, und doch behielt er eine Ruhe und Aufmerkſamkeit für ſeine Umgebungen, die von wahrer Herzensgüte und einer höheren Geiſtes⸗ richtung zeigte. In ſeiner Gegenwart fühlte Elmerice zuerſt ſich etwas aus dem geſpannten Zuſtande erlöſt, den ſie bei'm Alleinſein mit Madame St. Albans empfunden hattes ſie durfte wagen, ſich ihrer eigenen Stimmung hinzugeben, denn in der Gegenwart ihres Mannes 99 blieb jeder Andere für dieſe zärtliche Frau ziemlich un⸗ beachtet, und ſie hing nur an ſeinem Munde, um ſich für ihre eigenen Gedanken Auskunft zu verſchaffen. Auch hierbei blieb ſie ſich völlig gleich; ihre unverkenn⸗ bare Zärtlichkeit ging doch ſogleich in empfindliche oder mißlaunige Aeußerungen über, wenn die des Herrn St. Albans im Geringſten von den ihrigen abzuweichen ſchienen, und ſie legte auch gegen ihn ein gewiſſes mißtrauiſches und heftiges Weſen nicht ab. Deſſen ungeachtet war ihr ganzer Zuſtand jetzt freier und leichter, und die feine Haltung ihres Mannes wußte immer geſchickt ſie ſelbſt zu einem feinen Betragen zu⸗ rückzuführen, was ſie anzunehmen allerdings ganz wohl verſtand, Einige Unterverwalter nahmen die übrigen leeren Plätze bei Tiſche ein, und es herrſchte bald eine ziemlich ruhige, unbefangene Unterhaltung, die Herr St. Albans mit vielem Geſchick auch für ſeinen jun⸗ gen Gaſt zugänglich zu machen mußte, während ſeine Frau in unruhiger Thätigkeit mit dem Vorlegen und Anbieten der übrigens vortrefflich zubereiteten Speiſen beſchäftigt war, 100 Es würde ſchwer ſein, in dem Verlauf einer Woche, die wir nach dem erwähnten Abend als been⸗ digt erklären müſſen, eine bedeutende Mannigfaltigkeit in dem Leben auf der Abtei Tabor angeben zu können. Miß Eton hatte nach einigen mißglückten Verſuchen, aus ſich heraus in die Anſichten der reizbaren Haus⸗ frau übergehen zu wollen, ſich mehr auf ſich ſelbſt zu⸗ rückgezogen— ihre Zeit nach der Ordnung des Hauſes eingetheilt und ſich Spaziergänge geſucht, die freilich bei ihrer Einförmigkeit und der ganz allein auf den Nutzen gerichteten Einrichtung des ganzen Gutes nur ſehr wenig Genuß gewähren konnten. Doch das Früh⸗ jahr ſchritt vor, das Wetter ward warm, der Himmel heiter und blau, die Felder und Wieſen grünten in ſeltener Ueppigkeit, und es fehlte nicht an Veranlaſſung, ein unbefangenes Gemüth zu erfreuen. Und doch ſehen wir Miß Eton oft ſtundenlang mit geſenktem Haupte und tiefathmender Bruſt in einer Theilnahmloſigkeit daher wandeln, daß uns ſcheinen möchte, ihr Geiſt ſei abwärts in trübem Schmerze verloren. ——— ſ*. 101 ð Ihre Wohlthäterin verſäumte nicht, ihr nach ei⸗ niger Zeit die Nachricht von der Ankunft ihrer Gäſte in Ardoiſe zu melden, mit dem Zuſatze, wie lebhaft ſie jetzt in dieſer Freude ihren Liebling vermiſſe, wie ſie ſich ſehne, daß er bald zu ihr zurückkehren möge. „Und doch,“ rief Elmerice nach Leſung dieſes Briefes,„wirſt Du mich in dieſem ſchönen Kreiſe nicht willkommen heißen, dennoch verbannt mich mein Ge⸗ ſchick von dem Aufenthalte, der allein jetzt auf der Welt noch Reiz für mich hatte!“ Ein Strom von Thränen erleichterte ein Herz, was von den bitterſten Schmerzen der Jugend belaſtet war, und mit einer Ergebung, aber auch mit einer Troſtloſigkeit, die nur ein Schmerz, wie Elmerice ihn fühlte, zu geben ver⸗ mag, wiederholte ſie ſich das ſchwere Gelübde, den Gäſten auf Ardoiſe um jeden Preis zu entfliehen. Ein heftiges Gewitter hielt Miß Eton auf ihrem Zimmer feſt, ſo ſehr ſie ſich ſehnte, im Freien der beklommenen Bruſt neue Kraft einzuſammeln. Der Regen, mit Schloßen vermiſcht, ſtürzte verfinſternd herab, und der Sturm peitſchte die Regenſtröme im Wirbel gegen die klirrenden Fenſter. Elmerice blickte ruhig, ja, mit einer Art von Genuß in dieſen wilden Aufruhr der Natur. Wer tiefe Seelenangſt empfindet, den lebenstödtenden Kummer, der die Schönheit der 102 Erde uns wie einen Vorwurf fühlen läßt, da wir uns nicht theilnehmend daran zu erfreuen vermögen, der wird faſt getröſtet von einem Zuſtande der Natur, der keine Anforderungen an unſer Gefühl macht oder in ſeiner wilden Aufregung zu überbieten ſcheint, was an Qual und Unruhe unſere Seele verletzt. Heftig ſtürzte jedoch, dies ſchmerzliche Nachdenken unterbrechend, Jemand die Treppe herauf, und Mary⸗ lone flog blaß wie der Tod auf Miß Eton zu.„Helft! helft, Miß Eton! um Gotteswillen, helft! ſie ſtirbt uns unter den Händen! wir wiſſen uns nicht zu hel⸗ fen, nicht zu retten!“— „Um Gotteswillen, was haſt Du?“ rief Miß Eton—„was iſt geſchehen?“— „Kommt, kommt! unſere Frau ſtirbt!— Madame St. Albans! o kommt uns zu Hülfe!“— Schon flog Elmerice die Treppe hinab und über den Saal dem kläglichen Angſtgeſchrei entgegen, das ihr aus einem der untern Zimmer zu Ohren drang. Der erſte Augenblick raubte ihr jedoch faſt ſelbſt die Faſſung, denn ſie ſah hier Madame St. Albans wie eine Leiche auf der Erde liegen; das Geſicht war verzogen und blau— die Hände, Füße, der ganze Körper krampfhaft zuſammen gepreßt. In bangem Geſchrei, aber ohne alle Hülfleiſtung 103 lagen die Mädchen des Hauſes um ſie her, und El⸗ merice wußte freilich für den Augenblick auch nichts Anderes zu thun, als ſich neben der Sterbenden oder Todten nieder zu werfen; aber hier entdeckte ſie bei flüchtiger Berührung, daß die unglückliche Frau in völlig durchnäßten Kleidern da liege, und auf ihre ſchnellen Fragen erfuhr ſie nun, daß Madame St. Albans das heftige Gewitter im Freien überraſcht, und dies einem großen häuslichen Ungewitter gefolgt war, welches ſie noch in der größten Aufregung und Erhitzung hinausgetrieben hatte. Jetzt war der Zuſtand allerdings erklärt, aber nicht weniger bedenklich; doch Elmerice hatte ihre ganze Beſonnenheit wieder erlangt und ließ auf's Schnellſte die unglückliche Frau nach ihrem Schlafgemach tragen, wo ſie bald in trockene Wäſche und in ihr Bett eingehüllt, und unter Elme⸗ rice's Anleitung mit warmen Tüchern gerieben ward, während ein Bote abgeſandt wurde, Herrn St. Albans zu ſuchen, und ein anderer nach der eigentlichen Abtei Tabor, den Arzt der Mönche herbei zu rufen. Bis tief in die Nacht blieben die vereinigten Be⸗ mühungen der Herbeigerufenen faſt erfolglos, es zeigte ſich kein Zeichen des Lebens, und ſchon ſank den Be⸗ mühten der Muth, als plötzlich ein Ausbruch von Konvulſionen erfolgte, der dem wiederkehrenden Leben 104 voranging und endlich die Augen der Leidenden öff⸗ nete. Doch war ihr Zuſtand noch höchſt gefährlich, und der ehrwürdige Pater Ambroſius, der Arzt der Abtei Tabor, konnte den angſtvollen Fragen des Herrn Albans nur die einzige Thatſache zuſichern, daß ſie für den Augenblick lebe. Der Schmerz des unglücklichen Gatten hatte al⸗ les Rührende einer wahrhaften Empfindung, doch be⸗ hielt er zu jeder Antwort, jeder Anordnung, Beſonnen⸗ heit und Ruhe. Elmerice und die treue, geſchickte Marylone theil⸗ ten alle nöthigen Dienſtleiſtungen, und nachdem 24 Stunden ohne Wiederholung des gefürchteten Schlag⸗ fluſſes vorüber waren, gab Pater Ambroſius Hoffnung zu ihrer Wiederherſtellung. Doch war ihre Ermattung ſo groß, daß ſie nur unklar zu denken ſchien und noch undeutlicher zu ſprechen vermochte. Doch ſie lebte, und alles Uebrige ſchien Herrn St. Albans er⸗ träglich, unbedeutend ſogar. Er hatte jedes Geſchäft außer dem Hauſe aufgegeben. Nach einer kurzen Be⸗ ſprechung an jedem Morgeu mit ſeinen Verwaltern ſchien er auf der Welt nichts zu thun zu haben, als die Athemzüge, den Puls ſeiner Gattin zu zählen, ihr freie Luft und Licht zu nehmen oder zu gewähren, Kiſſen und Decken zu ordnen, wie es ihr Erleichterung 105 verſchaffen konnte. Die Beſinnung der Leidenden ſchien auch zuerſt bei dieſen zarten Liebesbeweiſen ſich zu ordnen, die Erſchöpfung machte ſie ſanft, und Elmerice fand ſie liebenswürdiger, als ſie ihr je er⸗ ſchienen war, denn ſie lächelte, ohne das Rollen ihrer ſonſt unruhigen Augen, Jeden ſanft an, ſchien jeden Dienſt zu kennen und lohnen zu wollen, und ihre einzelnen Worte bezeichneten immer irgend ein wohl⸗ wollendes Gefühl. Pater Ambroſius ſprach nun immer beſtimmter die Hoffnung ihrer Geneſung aus; und nach einer ruhig durchſchlafenen Nacht redete ſie Elmerice und ihren Mann mit klarer und ruhiger Stimme an, und ihr volles Bewußtſein und der Ge⸗ brauch ihrer Sprache verſetzte Beide in die freudigſte Stimmung. Nach einigen Erörterungen über ihr Befinden kehrte auch augenblicklich ihre alte Art und Weiſe zu⸗ rück.„Aber, St. Albans,“ ſagte ſie,„was wird aus unſerer Wirthſchaft werden? Du biſt den ganzen Tag hier im Zimmer geweſen, und wie wird draußen in meinem Haushalte Alles verwildert ſein! O mein Gott,“ ſeufzte ſie ſchwer,„welch' ein Unglück, wenn eine Hausfrau erkrankt!“ „Beruhige Dich, meine liebe Frau,“ ſagte Herr St. Albans,„meine Geſchäfte haben nicht darunter 106 gelitten, meine Verwalter und alle meine Leute haben mir ihre Theilnahme an meinem Kummer durch ver⸗ mehrten Fleiß und Thätigkeit bezeigt.“— „Nun wahrlich,“ unterbrach ihn die Frau raſch, „da biſt Du glücklicher, als ich— doch ſieh' nur erſt ſelbſt nach. Du wirſt wohl finden, wenn Du erſt ſuchen wirſt, und nun Du— ja, Dein Geſchäft hat freilich nicht ſo die tägliche Aufſicht nöthig, wie das meinige, mir wird es deſto ſchlimmer ergangen ſein, wenn ich nur erſt wieder umher blicken kann.“ „Auch dieſer Kummer, meine Liebe,“ etwiederte ihr Mann,„wird Dir erſpart ſein, denn Miß Eton hat jeden Morgen um zwei Stunden ihren Schlaf abgekürzt, Dein Haus in Ordnung zu erhalten, und Du wirſt ſehr überraſcht ſein, Alles in ſo vortrefflichem Zuſtande zu finden!“ „Miß Eton!“ rief die Kranke—„Miß Eton meine Wirthſchaft geführt? Nun, das muß ich ſagen, überraſcht mich— es iſt aber recht viel guter Wille, und ich danke, danke recht ſehr, liebe Miß! Die Leute haben doch nicht Alles verwahrloſen können; nicht wahr, liebe Miß, verſchloſſen hieltet Ihr das Meiſte? da werdet Ihr auch haben kennen lernen, wie un⸗ achtſam die Leute ſind, wie wenig man ſich auf ſie verlaſſen kann, wenn Ihr auch in zwei Stunden täglich — 107 nicht viel Erfahrungen machen konntet— nun, ich danke ſehr für den guten Willen.“ „Damit müßt Ihr allerdings Euch genügen laſ⸗ ſen,“ erwiederte Miß Eton lächelnd—„doch auch ich muß lobend Eurer Leute gedenken, die ſich Mühe gaben, mich zu unterſtützen, und von denen ich leicht und pünktlich Alles erhielt, was ich anzuordnen für nöthig fand.“ „Nun, nun,“ ſprach Madame St. Albans lachend, „Ihr werdet es wohl gnädig gemacht haben, denn die wirthſchaftlichen Anordnungen einer ſo jungen Dame werden wohl leicht zu erfüllen ſein; das ſtößt noch nicht um, mein Kind, wenn ich behaupte, man findet bei ſorgſamer Führung der Haushaltung wenig Unter⸗ ſtützung bei den Domeſtiken, und wenn ich täglich nur zwei Stunden dran ſetzte— wo denkſt Du wohl, lieber Mann, daß Haus und Hof ſchon hin ſein würden?“ „Gewiß, meine Liebe,“ erwiederte Herr St. Al⸗ bans etwas ſchnell—„widmeſt Du Deiner Haus⸗ haltung mehr Zeit, Du haſt aber auch nicht die groß⸗ müthige Pflicht dabei übernommen, mit aufopfernder Sorgfalt eine todtkranke Freundin zu pflegen, wie es Miß Eton that; und vielleicht, wenn Du erſt kennen lernſt, wie muſterhaft ſelbſt in dieſer kurzen Zeit alle 108 Geſchüfte gethan wurden, findeſt Du ſelbſt ſpäter, daß man ſich mehr Muße gönnen kann, und doch nichts zu verſäumen braucht.“ „Wirklich, Herr St. Albans?“ ſagte die leicht aufgereizte Frau, mit großer Empfindlichkeit,„nun Ihr ſcheint außerordentlich mit Eurer neuen Wirthſchafterin zufrieden zu ſein, da Ihr meint, ich, die lang' er⸗ fahrene Frau Eures Hauſes, ſolle in die Lehre gehen bei der jungen Miß! Da werde ich wohl ganz ver⸗ zagt ſein müſſen, mein Amt wieder anzutreten.“ „Ich bitte Euch, liebe, theure Frau, beſchämt mich nicht ſo durch Euren Spott,“ rief Elmerice, ängſtlich bittend ſich zu ihr wendend.„Nur zu wahr wird es ſein, daß Alles, was ich that, Euch nicht genügen kann— Herr St. Alhans will ſich blos gütig gegen meine gute Abſicht zeigen.“ Herr St. Albans bedauerte gewiß ſehr, die hef⸗ tige und eiferſüchtige Frau gereizt zu haben, aber er hatte diesmal nicht die Stimmung, den unangenehmen Ausbruch durch ſeine dann itnmer eintretenden kleinen Schmeicheleien zu dämpfen, ſondern er ſtand ſchnell auf, und gegen Miß Eton ſich verneigend, ſagte er ernſt und ruhig:„Seid gewiß, Miß Eton, ich em⸗ pfinde auf's Tieſte, welche Stütze Ihr in dieſer Schmer⸗ zenszeit uns Allen geweſen, und zweifelt nicht, meine 109 gute Frau wird Euch auch ſpäter dieſe Anerkennung nicht verſagen.“ Etwas erſchrocken über die feſte Haltung ihres Mannes, rief Madame St. Albans halb weinerlich: „Aber um Gotteswillen, Herr St. Albans, Sie ſind ja ſo heftig, wie ich Sie noch nie geſehen! Wie könnt Ihr denn denken, ich werde undankbar ſein gegen Miß Eton?— wenn könnte man mir das nachſagen— habt Ihr aber wohl Recht, gegen mich arme kranke Frau ſo heftig zu ſein?“ „Wenn ich das war,“ ſagt Herr St. Albans in milderem Tone,„hatte ich allerdings Unrecht— doch war dies weder meine Abſicht, noch mein Gefühl; ich wünſchte mir nur eine Gelegenheit, Miß Eton die volle Anerkennung zu gewähren, die ihre große Güte und Umſicht mir einflößte. Jetzt will ich einmal ſelbſt meinen Geſchäften nachgehen, von denen Du fürchteſt, ich habe ſie vernachläſſigt.“— Er erhob ſich, umarmte ſtumm und freundlich ſeine Gattin, grüßte ehrfurchts⸗ voll Miß Eton und verließ mit ruhigem Anſtande das Zimmer. Elmerice blieb nun in ängſtlicher Spannung mit der Kranken allein. Sie wünſchte die Zürnende an⸗ zureden, aber ſie fühlte ſich völlig unſicher über den Gegenſtand, den ſie zur Unterredung wählen ſollte. Endlich ſing ſie von den verſchiedenen Domeſtiken und deren Verhalten zu ſprechen an, und frug, wie um Belehrung, nach mehreren wirthſchaftlichen Gegen⸗ ſtänden— aber Alles wirkte nicht.„Ihr werdet das beſſer wiſſen, als ich, Miß Eton, wie ich ſo eben er⸗ fahren habe,“ ſagte ſie mißlaunig,„ich fand die Tu⸗ genden nicht an den Leuten, die Ihr rühmt, aber ich ſehe auch die Dinge, wie ſie ſind, mich können ſie auch nicht betrügen. Laßt Eure Schmeicheleien, ich bin eine einfache Frau, für mich paßt das nicht; da Ihr Alles beſſer wißt, braucht Ihr mich nicht um Rath zu fragen— mir iſt auch Alles ganz gleich— mag Alles gehen, wie es will, ich mache mir gar nichts daraus.“ Dies waren ungefähr die höchſt übellaunigen Re⸗ den, die Elmerice zur Antwort bekam, und die ihr endlich ein ruhiges Schweigen auferlegten. Doch plötz⸗ lich rief Madanie St. Albans, nachdem ſie einzelne Worte ausgeſtoßen hatte:„Wer hätte denken ſollen, daß Herr St. Albans mich ſo heftig behandeln könnte!“ Erſchrocken näherte ſich Miß Eton ſogleich dem Lager der Kranken, und bat ſie herzlich und dringend, ſich doch die Aeußerungen ihres Mannes nicht ſo zu Herzen zu nehmen.„Gewiß war ſein Lob nur das Bemühen, Euch über Eure huslichen Sorgen zu beruhigen, und vielleicht“— ſetzte ſie ſchü —„glaubte er ſelbſt keinen Vorwurf ver ben, da, wenn er ſeine Geſchäfte verna dies aus Liebe und Sorgfalt zu Euch ge „Ja, ja,“ ſagte die heftige und ver „ſo iſt es Recht: er vertheidigt Euch, Il ihn, das kann nicht anders ſein. Ihr h ſehr genau kennen lernen!“ Miß Eton fühlte hier etwas ſich Worten der Madame St. Albans aufd nicht mehr ihre gewöhnliche Langmut konnte.„Wir haben ſicher beide ni über unſer bisheriges Verhalten gege gen zu müſſen; liebe Madame St. derte Elmerice mit Ernſt,„erlaubt, in Eure Nähe rufe— ich bin fürchte ich, Euch läſtig, ich will dz ſchobenen Brief an die Gräfin; Ohne von Madame St. Albans entfernte ſich Miß Eton— abe Mädchen zu ihrer Herrſchafk das Zimmer zu verlaſſen Thränen nicht mehr zu t angenehmer ward ſie übe ſaale, den ſie durchſchrei „Herr St. Albans entgegen trat. Er ſah Blicke die Stimmung des edlen Mädchens, hoch zu verehren gelernt hatte, und auch Angeſichte ruhte ein wehmüthiger Ernſt. arf Euch nicht laſſen, Miß Eton,“ ſagte dell grüßend Vorübereilenden in den Weg „ich muß Euch um Euren Rath bitten ir ihn nicht,“ ſiczte er tief bewegt hinzu, auch, wie ich fürchte, Eure neueſten Er⸗ meinem Hauſe gelehrt haben, wie un⸗ Alle ſind, einen ſolchen Schatz, wie beherbergen.“ Euch, Herr St. Albans,“ nn reibt Eure Güte gegen mich nicht ſo alle verlegen macht— und rechnet Hondlungen nicht als Verdienſt an, ollführen waren, und durch Ueber⸗ geringen Werth ganz verlieren Albans wird ſich freuen, Euch zu wiſſen; beſucht ſie jetzt, es ton, jetzt nicht! Ich muß und ehe ich meine arme kſteht eine neue Erſchütte⸗ 113 In dieſem Intereſſe aufgefordert und ſelbſt be⸗ unruhigt durch die Stimmung des Herrn St. Albans, eilte Elmerice zu einem der eichenen Stühle im Salon, ſich niederzulaſſen. „Ich weiß Euch Eure großmüthige Nachgiebigkeit nicht genug zu danken, Miß Eton,“ ſprach Herr St. Albans bewegt, Elmerice's Hand an ſeine Lippen drückend;„aber urtheilt von meiner Unruhe, als ich ſo eben dieſen Brief von dem Schloſſe Ste. Roche erhalte, der mir die tödtliche Krankheit der Miſtreß Gray, meiner Schwiegermutter, anzeigt.— Vielleicht habt Ihr von dieſer unglücklichen und menſchenſcheuen Frau ſchon Einiges gehört; doch iſt ihr Leben ſo über allen Ausdruck von der gewöhnlichen Form aller an⸗ deren Menſchen abweichend, daß man ſie ſelbſt und ihre ganze Exiſtenz als ein Geheimniß anſehen muß. Sie hat ſich, das Schickſal ihrer Gebieterin zu theilen, mit der ſie, ihre Tochter, meine Frau, verlaſſend, aus England nach Frankreich kam, in das Schloß von Ste. Roche vergraben.— Wie das Verhältniß dieſer ihrer Gebieterin war, welch' ein Recht ſie an den Grafen von Crecy hatte, dem ftüher dieſe Beſitzung gehörte, bleibt ihr Geheimniß; aber nach dem Tode derſ elben, die wenigſtens lange als Herrin des Schloſſes betrachtet ward, gab ſich Miſtreß Gray dem finſterſten Ste. Roche. I. 8 114 Menſchenhaſſe hin und verſchloß ſich in dem Theile des Schloſſes, den ſie mit jener unglücklichen Frau bewohnt hatte, um von da an keinen Menſchen mehr zu ſehen, als zuweilen meinen Vater, den Kaſtellan des Schloſſes, der ihre kleinen Bedürfniſſe nach Außen beſorgte.— Seit ſeinem Tode iſt ſie noch mehr ab⸗ geſchloſſen.— Die Kinder der Nachbaren, denen ſie einzig und allein Eingang geſtattet, ſorgen jetzt für ihre Bedürfniſſe, aber keiner der Aeltern dieſer Kleinen darf wagen, ihr zu nahen. Was der Graf Crecy für Gründe gehabt haben mag, meine Schwiegermutter als unanrührbar anzuſehen, weiß ich nicht. Gewiß iſt es, daß ſie eine große Penſion bezieht, daß bei ſeinen Lebzeiten die ſtrengſten Befehle ergingen, Miſtreß Gray in nichts zu beunruhigen, genau ſich ihren Anordnun⸗ gen zu fügen, und daß ſeinen Erben dies auch noch im Teſtament als unerläßliche Pflicht vorgeſchrieben iſt. Meine Frau, welche in der Familie des Herrn Leſter erzogen ward, begleitete damals Eure Mutter, Miß Leſter, nach Frankreich. Hier ſah ich Miß Gray zuerſt, als ſie ihre Mutter in Ste. Roche beſuchte; aber das arme Kind fand an der düſtern, ſtrengen Frau keine Mutter, und hat ſie nie an ihr gefunden. Deſſen ungeachtet ließ meine gute Frau nie ab, kindliche Pflichten gegen ſie zu erfüllen, ſo viel ihr dies erlaubt 115 war; denn Miſtreß Gray verläugnete es gar nicht, daß ſelbſt die Nähe ihrer Tochter ihr läſtig ſei, und troſtlos, ſie ſo allein und verlaſſen in ihrem hohen Alter Ju wiſſen, nahm dieſe dem Arzte von Ste. Roche das Verſprechen ab, bei eintretendem Erkranken ihrer Mutter, ſie ſogleich davon zu benachrichtigen. Dieſer Augenblick iſt gerade jetzt gekommen. Der Arzt ſchreibt mir, daß er erſt jetzt nach mehreren Tagen, da der Zuſtand ſchon höchſt bedenklich ſcheine, ihre Krankheit erfahren habe, und treibt meine Frau zur Eile, wenn ſie die letzten kindlichen Pflichten an ihr erfüllen wolle. — Denkt nun ſelbſt, liebe Miß Eton, in welcher bö⸗ ſen Lage ich bin! Wie darf ich dieſe Nachricht meiner Frau bei ihrer Reizbarkeit mittheilen, ohne eine neue Gefahr über ſie zu bringen, und wie darf ich es ihr verſchweigen, da ſie mir, wenn der Tod ihrer unglück⸗ lichen Mutter eintreten ſollte, dieſe Schonung zum ewigen Vorwurf machen, und ſich in ihrer kindlichen Liebe aufs Tiefſte verwundet fühlen würde.“ Miß Eton war ſehr erſchüttert von dieſer Mit⸗ theilung und, gleich dem beſorgten Gatten, ſehr be⸗ unruhigt um die Wirkung dieſer Nachricht, die zu ver⸗ ſchweigen eben ſo gefährlich war, als ſie mitzutheilen. Eben hatten Beide verabredet, den Pater Am⸗ broſius in Rath zu nehmen, und waren in Begriff, 116 ſich zu trennen, als die Thüre aufging und zu Beider großer Ueberraſchung Madame St. Albans, auf den Arm Marylone's geſtützt und völlig gekleidet, obwohl noch ſchwankend und blaß, in den Saal trat. Das Erſtaunen war gegenſeitig; Madame St. Albans, die ihren Mann im Felde glaubte, Miß Eton auf ihrem Zimmer, ſchien am Boden gewurzelt, als ſie Beide in eifriger, traulicher Unterredung vor ſich ſah. Gewiß war das Gefühl der beiden ſo Ueber⸗ raſchten, nach dem, was ſie ſo eben mit dieſer arg⸗ wöhniſchen Frau erlebt, nicht minder verwirrend, da ihnen einleuchtete, daß ſie die Urſache dieſes Beiſam⸗ menſeins noch nicht im Stande waren, auszuſprechen. Daher war ein Augenblick, der Alle zur Freude be⸗ rechtigte, jetzt nur gekommen, ſie unſanft zu berühren. Herr St. Albans empfand jedoch zu aufrichtig die Freude, die in dieſem Erſcheinen ſeiner Frau als Zeichen der Geneſung lag, als daß nicht bald alles Andere in ſeiner Seele davor gewichen wäre.„O, meine Liebe,“ rief er, ihr entgegen eilend,„wie über⸗ raſcheſt Du mich— wie glücklich fühle ich mich, Dich ſo begrüßen zu können!“ Doch Madanie St. Albans wies ſeine Hand ziemlich unſanft zurück, und indem ſie Marylone be⸗ fahl, das Zimmer zu verlaſſen, ging ſie, ſich von ihrem ——— ——— 117 Manne abwendend, mit ſchwankenden Schritten auf Miß Eton zu.„Ich beklage, Miß Eton,“ ſagte ſie bebend vor Zorn,„daß meine zu frühe Geneſung, wie es ſcheint, die traulichen Zuſammenkünfte mit meinem Manne nunmehr unterbrechen wird— jedoch iſt es mir immer lieb, daß ich Gelegenheit bekam, die treue Sorgfalt kennen und würdigen zu lernen, die Ihr meinen häuslichen Angelegenheiten ſchenktet; daß ſie ſich bis auf das Herz meines Gemahls ausdehnen würde, habe ich freilich der Tochter meiner Margarith nicht zugetraut.“ „Halt' ein, unglückliche Frau!“— rief hier Herr St. Albans in der ſchmerzlichſten Heftigkeit, und ſchloß die zürnende Frau faſt mit Gewalt in ſeine Arme.— „O verſündige Dich nicht ſo grauſam an dieſem reinen Engel! denke, daß Du Dich an der Tochter Deiner Margarith verſündigſt!“ „Verſündigen! verſündigen!“ rief Madame St. Albans, ihren Mann zurückſtoßend,—„mir ſcheint, Du hätteſt dies bereits gethan, und nicht mir wäre dieſer Vorwurf zu machen.— Ich habe mit Dir über dieſe Angelegenheit nichts zu ſprechen, nur Miß Eton wird ſicher vorziehen, zu ihrer erhabenen Beſchützerin zurück zu kehren, die vielleicht in ihrer hohen Bildung gleichgültiger gegen ſolche Handlungen iſt, als ich, die 118 ſchlichte, ehrliche Hausftau, die nichts als ihren ein⸗ fachen Menſchenverſtand und etwas geſunde Vernunft hat. Auch meine Wirthſchaft“— fuhr ſie lachend fort,„hoffe ich ohne das Vorbild der durch ſie ein⸗ geführten neuen Ordnung, wie bisher, und allein leiten zu können.“ „Ich bitte Euch, Miß Eton, entfernet Euch!“ rief hier Herr St. Albans— ich kann Euch nicht ſo hart in meinem Hauſe beleidigen hören, und kann nicht anders, als mit Mitleiden an die Beſchämung meiner unglücklichen Frau denken, wenn ſie erkennen wird, wie grauſam ſie Euch eben beleidigte; daß dies geſchehen wird, ſeid gewiß, und wenn Ihr dies Haus, wie ich fürchte, nun als ein unwürdiges fliehen wer⸗ det, wird Euch doch die größte Hochachtung von uns Allen folgen.“ Miß Eton hatte ſich während dieſer ganzen Scene bleich, und von den grauſam über ſie ausgeſchütteten Beleidigungen erſtarrt, an ihren Stuhl gelehnt, ſie fühlte ſich außer Stande zu antworten, war wie zum Tode verwundet von den wild rollenden Augen dieſer Frau, und ſich als den Gegenſtand ihres Zornes zu fühlen, war der größte Schrecken, den ſie je empfun⸗ den. Sie ließ es daher geſchehen, als Herr St. Albans ihre zitternde Hand ergriff, ſie nach der Treppenthüre 119 führte, die er ihr öffnete, und ſie dann entließ, obwohl er deutlich ſah, wie ſie kaum die Kraft hatte, die Stu⸗ fen zu erſteigen. Wir übergehen das etwas lebhafte, und zwiſchen Verlieren und Gewinnen ſchwankende Geſpräch der bei⸗ den Ehegatten, überzeugt, daß nach den Angaben, in welchen wir bisher verſucht haben, den Charakter Bei⸗ der zu ſchildern, dies billig verdeckt bleiben kann. Madame St. Albans hatte bei der Rückkehr ihres Mannes ſich in einen Sitz niedergelaſſen, in ihrem geträumten guten Rechte durch die feſte und zürnende Haltung deſſelben etwas erſchüttert. Herr St. Albans aber fühlte im Verlauf der Unterredung, daß haupt⸗ ſächlich die Eitelkeit ſeiner Frau verletzt ſei durch das etwas warme Lob, das er dem wirthſchaftlichen Talente der Miß Eton gezollt. Wie alle beſchränkten Frauen, die all' ihren Verſtand nöthig haben, um ihrem Haus⸗ halte vorzuſtehen, hielt ſie dieſe Pflichten für unver⸗ träglich mit höherer Bildung und deren Beſchäftigungen, und tröſtete ſich ſehr dünkelvoll mit der Ueberzeugung, ſolche Frauen könnten ihre Pflichten nie vollſtändig erfüllen. Sie hatte ſich längſt gewöhnt, mit ironiſchem Stolze darauf hinzublicken, wobei ſie nie unterließ, mit dem unbeſcheidenſten Selbſtgefühl ihre eigene Sphäre klein und unbedeutend zu ſchelten, indem ſie ſich aber 120 Prädikate beilegte, die wirklich zu beſitzen, nur das Streben und das Reſultat der höchſten Vervollkomm⸗ nung ſein kann. Sie hatte ſich mit lobenswerthem Eifer den Pflichten unterzogen, die die große Haus⸗ haltung ihres Mannes ihr überlieferte, aber unfähig, Plan und regelmäßige Ordnung in ihre und der Do⸗ meſtiken Geſchäfte zu bringen, hielt ſie ſtetes Selbſt⸗ arbeiten für das Geheimniß aller guten Ordnung. Ganz anders war die Erziehung, die Miß Eton durch das Beiſpiel ihrer Mutter erhalten hatte. Sie verſtand vollkommen, die Geſchäfte ihrer Haushaltung dem eigentlichen Leben unterzuordnen. Die ſtrengſte Ordnung war gerade nöthig, um dies geräuſchloſe Da⸗ ſein des nothwendigen Betriebes möglich zu machen. Sie erzog ihre Leute zum Selbſtdenken, und indem ſie ihnen die Form vorſchrieb, in die ihr Geſchäft ein⸗ paſſen mußte, gönnte ſie ihnen in dieſer Grenze die Willkür eigner Bewegung. Das ganze Räderwerk dieſes Treibens war in eine Art Geheimniß gehüllt, niemals gewahrte man queer einlaufend, unregel⸗ mäßige Thätigkeit, nie das Stören oder Aufhören des häuslichen, geſelligen Beiſammenſeins. Miſtreß Eton legte den höchſten Werth auf die Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten, aber ſie hatte Geiſt und Bildung, um den Gegenſtand zu durchdringen, ſie ſchienen ihr . 121 immer nur Mittel zum Zweck, nie der Zweck ſelbſt. 1 Dieſen Zweck, das Wohlbehagen Aller, die ihr an⸗. vertraut waren, zu bewirken, erreichte Miſtreß Eton vollſtündig, dies ſchien ihr der Lohn, den ſie beabſich⸗ tigte, und ſie trachtete nie durch in die Augen fallende Abmühung die Aufmerkſamkeit oder den Dank ihres Mannes zu feſſeln. In dieſem Sinne hatte Miß Eton die ihr hier durch die Umſtände auferlegten Pflichten geleiſtet. Leicht fanden ſich die Domeſtiken in die ruhigen, kla⸗ ren Anordnungen, die plötzlich dieſe, von den ewig auf ſie niederſtrömenden Worten ihrer Hausfrau zu Ma⸗ ſchinen gewordenen Leute zu einer Art von Freiheit erhob, die ihnen doch genauer, als früher, ihre Pflic⸗ ten bezeichnete. Worin der ewige häusliche Embarras ihrer Wirthin lag, hatte Miß Eton lange erkannt; aber es war ihr nur eine wiederholte Erfahrung, daß, wo die Kraft des Geiſtes fehlt, einen Gegenſtand in ſeinem Weſen aufzufaſſen, eine regelloſe Thätigkeit eintritt, die bei ihrer nothwendigen Beläſtigung das Individuum zu Dünkel und Anmaßung führt, die es mißtrauiſch und tadelnd jeder andern Weiſe ent⸗ gegen ſtellt.* Es läßt ſich kaum ſagen, in welchem Grade Ma⸗ dame St. Albans von der Mittheilung ihres Mannes ——— 122 über Miß Eton's wirthſchaftliches Verhalten überraſcht war, und mit welchem Zorne ſie der Gedanke erfüllte, ihr Mann könne darin irgend einem Weſen der Erde den Vorzug geben. Sie hatte nicht ohne eine gewiſſe Koketterie darnach getrachtet, ihm die höchſte Meinung von ihrer Thätigkeit, Umſicht und der großen Laſt zu geben, welche ſie trüge. Ganz erſchöpft von dieſen Sorgen ſich darzuſtellen, und damit ihre eigenthümliche, oft mürriſche und übellaunige Art zu entſchuldigen, war immer das Mittel, womit ſie ihren unendlich ſanften und zu jeder Anerkennung ſtets bereiten Mann an ſich zu feſſeln ſuchte, und ihn über die Lücken täuſchte, die der höher gebildete Mann erkannte, und doch gegen die ſo in Anſpruch genommene Frau zu rügen, ihm ein Unrecht ſchien.— Herr St. Albans wußte daher auch mit der Art, die ihm dieſer reiz⸗ baren Frau gegenüber zur Gewohnheit geworden war, dieſen Feind in ihr durch ſeine Schmeicheleien zu be⸗ ſchwören— und als er ſie nur erſt ruhiger ſah, ge⸗ lang es ihm bald, ſie zur Anerkennung ihres Unrechts gegen Miß Eton zu bringen. Sei es nun, daß die heftige Gemüthsbewegung die letzte Schwäche der Krankheit von Madame St. Albans genommen hatte— ſei es, daß der Augenblick ihrer Geneſung wirklich gekommen war— genug, im 123 Laufe des Geſprächs fühlte ihr Gemahl ſich ganz er⸗ muthigt, ihr die Lage der Dinge auf Ste. Roche mit⸗ zutheilen und damit auch ſein letztes Beiſammenſein mit Miß Eton zu erklären. Die arme Frau fühlte ſich durch dieſe Mitthei⸗ lungen mehr in ihrem Geiſte, als körperlich überwäl⸗ tigt; aber wir dürfen zu ihrer Ehre es nicht unerwähnt laſſen, daß ihr das Unrecht, das ſie Miß Eton gethan, ſehr zu Herzen ging und ſie durchaus ſelbſt zu ihr hinaufſteigen wollte, ihr Abbitte zu thun.— Die Stimmung der armen Elmerice war keines⸗ weges ſo ruhig, als wir es ihrem unſchuldigen Herzen zutrauen würden. Die Beſchuldigung ſelbſt hatte ſie verwundet, aber ob ſie gerechtfertigt werde oder nicht, es blieb gleich für ſie; das Haus, wo ſie dies erfah⸗ ren, mufßte ſie jedenfalls verlaſſen. Aber hierin lag eine Fülle von Sorgen für ſie, deren Grund uns noch entzogen bleibt: denn eben ſo unmöglich ſchien es ihr, jetzt zu ihrer Wohlthäterin zurückzukehren. So fühlte ſie denn zuerſt, daß ihr eine Heimat fehle, eine immer für ſie bereitete ſchützende Stätte, wie das älterliche Haus in ſo jungen Jahren das einzig wahrhaft aus⸗ reichende Aſyl bleibt, und eine Fülle heißer Thränen floß dem Andenken dieſer ſo ſchön, ſo vollſtändig be⸗ ſeſſenen und nun für immer entſchwundenen Zuflucht. 124 „O meine Aeltern,“ ſpach ſie—„ſähet Ihr Euer ar⸗ mes Kind in ſolcher Lage, könntet Ihr mir noch die Arme öffnen, die mich ſo lange ſchützend umſchloſſen!“ — Da kam ein ſtiller, ſüßer Friede in ihr Herz, wie der Segenskuß dieſer ehrwürdigen Beſchützer, und auf ihre Kniee ſinkend, konnte ſie innig beten— beten um die Kraft, das Rechte zu thun. Leiſe hatte Madame St. Albans die kleine Treppe erſtiegen und trat jetzt laut weinend in Elmerice's Gemach.—„O, Tochter meiner Margarith, wirſt Du mir vergeben?“ ſprach ſie laut ſchluchzend, in⸗ dem ſie an der Thüre ſtehen blieb. Und Elmerice? — Elmerice ſtand auf und empfing die Reuige, wie man es thut, wenn man gebetet hat, und Gottes Frieden unſer Herz erquickt. Sie war ohne Thränen, ruhig, ernſt, aber weich und wohlthuend in jedem Laut, in jeder Bewegung, und Madame St. Albans fühlte unwillkürlich eine Art Ehrfurcht vor dem reinen, hohen Geiſte, der ihr ſo ohne Abſicht, ohne Mmaßung entgegen trat. „O, mein Kind, wie danke ich Dir, daß Du durch Deine ſchnelle Vergebung dieſe eine große Laſt von meiner Seele genommen, da, was mich außerdem niederbeugt, ſchon hinreichend iſt— mein guter Mann hat mir den Brief aus Ste. Roche mitgetheilt.“ 125 „O, mein Gott!“ rief Elmerice erſchrocken,„wie viel ſtürmt auf Euch ein, arme, unglückliche Frau! Faßt Euch doch nur, und ſagt mir, ob ich Euch hel⸗ fen, ob ich Euch dienen kann!“ „Ach, Elmerice,“ ſagte Madame St. Albans weinend—„verſprich mir nur zuerſt, daß Du mich nicht verlaſſen willſt; denke, wenn Du ſo zu Deiner Gräfin zurückkehrteſt und ihr ſagteſt, ich hätte Dir das Haus verboten!“ „Denkt daran für's Erſ nicht,“ erwiederte El⸗ merice,„wir haben Wichtigeres zu überlegen; ſagt mir, was Ihr beſchloſſen habt in Bezug auf jene Nachrichten.“ „Was ich beſchloſſen habe?“ rief Madame St. Albans mit ihrer gewohnten Energie—„nun, was Anderes, mein Kind, als hinzureiſen zu dieſer armen verlaſſenen Mutter.“ „Aber jetzt, in dieſem Zuſtande von Schwäche,“ entgegnete Elmerice—„wie werdet Ihr das aushal⸗ ten, welchen Gefahren ſetzt Ihr Euch aus!“— „Das iſt Alles wahr, meine liebe Elmerice, aber darum kann ich doch nicht bleiben. Ich habe zwar Herrn St. Albans nicht abgehalten, zu dem guten Pater Ambroſius zu gehen und ihn in Rath zu nehmen, aber ich habe das nur zugelaſſen zu ſeiner Beruhigung— 126 mein Entſchluß ſteht feſt, und kein Herr St. Albans, kein Pater Ambroſius wird mich abhalten, meine kind⸗ lichen Pflichten zu erfüllen.“— „So wird Euch doch wohl Herr St. Albans be⸗ gleiten?“ fragte Elmerice geſpannt.— „Herr St. Albans, mein Kind, kann mich nicht begleiten; unſere Wirthſchaft darf nicht ganz zu Grunde gehen— nein, nein, ich würde dies niemals leiden!“ „Nun, ſo nehmt mich denn mit,“ rief Elmerice entſchloſſen— ich will für Euch ſorgen, ich will Euch pflegen und, ſo weit ich es vermag, unterſtützen; denn niemals kann ich zugeben, daß Ihr in dieſem gefähr⸗ lichen Zuſtande ohne andere Begleitung, als die eines Mädchens, reiſt.“ Madame St. Albans ſchwieg einen Augenblick, dann breitete ſie die Arme gegen Elmerice aus, und mit kurzem, heftigem Schluchzen ſprach ſie:„Komm' her! komm' an meine Bruſt! Du biſt, weiß Gott, meiner Margarith echtes Kind! So war ſie auch— nie nachtragend, ſchnell verſöhnt und dann zu jedem Liebesdienſte bereit. Doch mitnehmen kann ich Dich leider nicht— wo ich hingehe, das iſt ein höchſt wunderlicher Ort, und für Dich kein Obdach zu fin⸗ den— weiß ich doch kaum, ob meine arme, men⸗ ſchenſcheue Mutter mich, die eigene Tochter, bei ſich 127 aufnehmen wird; eine Fremde darf ihre Schwelle nie mehr betreten.“ „Gut,“ erwiederte Elmerice—„ſo werde ich in Eurer Nähe ein Obdach finden.— Es liegt ein Dorf bei dem Schloſſe, es lebt ein Geiſtlicher dort— irgend wo, vielleicht ſelbſt in einem andern Theile des Schloſ⸗ ſes werde ich ein beſcheidenes Unterkommen finden, und dann die Beruhigung genießen, mit Euch die am meiſten zu fürchtende Hinreiſe gemacht zu haben und in Eurer Nähe zu ſein, ſolltet Ihr, was Gott ver⸗ hüte, Hülfe bedürfen.“— „Ach, mein Kind, das ſind alles Opfer, denen Du nicht gewachſen biſt! Da könnteſt Du in Lagen kommen, aus denen ich Dich nicht einmal erlöſen könnte, wäreſt Du erſt einmal da.“— „O ſtreitet nicht länger mit mir,“ erwiederte Elmerice dringend—„ich bin eben ſo entſchloſſen, als Ihr ſelbſt, und weiß, daß ich meinen Kräften beſſer vertrauen darf, als Ihr es annehmen wollt; darum laßt uns jetzt an nichts denken, als wie wir ſo leicht und gut, wie möglich, dieſe nothwendige Reiſe ein⸗ richten wollen.“— „Da ſei Gott für, daß ich Dich eben jetzt wie⸗ der beleidigen möchte, und an Deinem guten Willen zweifeln— ich bin ganz davon durchdrungen und 128 füge mich, wenn Du darauf beſtehſt, in Deinen Be⸗ ſchluß.⸗ „Nun, ſo laßt uns nicht ſäumen, genießt jetzt etwas der Ruhe, liebe Madame St. Albans, und laßt mich ſorgen, daß ich Alles zur Abreiſe vorbereite.“ „Ja, und zwar auf morgen früh,“ ſagte Ma⸗ dame St. Albans entſchieden,„denn ſchwere, ſchwere Ahnungen beängſtigen mich— ich will nicht zu ſpät kommen, was an mir liegt.“— Elmerice führte Madame St. Albans nach ihrem Schlafzimmer, und als ſie für ihre Ruhe geſorgt, eilte ſie, mit Marylone die nöthigen Anſtalten zu verabreden. Herr St. Albans kehrte gegen Mittag mit Pater Ambroſius zurück, und Beiden blieb, dem energiſchen Willen der Kranken gegenüber, kein Mittel, als in ihre Abreiſe einzuwilligen. Dabei hob Madame St. Albans mit großem Lobe das Anerbieten der Miß Eton hervor, und ſo ſehr Herr St. Albans auch vor der Größe dieſes Opfers erſchrak, fühlte er doch, welche Wohlthat es war; erſt von da an fügte er ſich mit einiger Ruhe in dieſe bedrohende Reiſe. Obwohl das erſte Zuſammentreffen mit ihm und Miß Eton nicht ohne Verlegenheit blieb, traten den⸗ noch die zunächſt liegenden, ſo wichtigen Umſtände bald ſo dringend hervor, um nicht jede andere Empfindung 125 in den Hintergrund zu ſtellen. Es war keine kleine Arbeit, Madame St. Albans reiſefertig zu machen, und alle ihre häuslichen Befürchtungen und Zweifel zu be⸗ ſeitigen. Es gehörte die immer gleiche ernſte Ruhe und Geduld der Miß Eton dazu, um nicht an ſo viel Widerſtand und Peinlichkeit den Muth zu verlieren. Doch gelang es ihr endlich, das Haus beſtellt und den Reiſewagen gepackt zu ſehen, und ſie zog ſich auf ihr Zimmer zurück, die wenigen Stunden der Nacht bis zur Zeit der Abreiſe ſich ſelbſt zu leben. Faſt betäubt von den Eindrücken des Tages, rang ihr Geiſt, ſich zur Klarheit empor zu arbeiten, und ſo weh und gebeugt ſie ſich fühlte, mußte ſie dieſe ängſt⸗ liche, traurige Reiſe doch als eine Wohlthat erkennen, da ein längerer Aufenthalt in dieſem Hauſe ihr jetzt faſt unerträglich geſchienen hätte, und ihr doch keine andere Zuflucht übrig blieb. Es giebt Augenblicke im Leben, die in uns bis auf das letzte Fünkchen alle leiſe gehegten Hoffnungen auslöſchen, indem ſie uns eine Klarheit der Seele lei⸗ hen, durch die wir alle Illüſonen ſelbſt vernichten und von Allem zurückgetrieben, was wir feſtzuhalten trach⸗ teten, nichts übrig behalten, als die Sehnſucht, vor der wir uns vergeblich zu flüchten ſuchen, die immer wie⸗ der den kaum haftenden Verband von unſern Wun⸗ Ste. Roche. 1. 9 130 den nimmt und ſie bluten läßt— ach, nur ſo viel, um die Kraft der Jugend, den Muth zum Leben zu entkräften, nicht bis zur ſüßen Todesruhe! So fühlte Elmerice— ſie ſah ihre Lage klar und deutlich, ſie wendete ſich ab von jeder Hoffnung — aber die Sehnſucht ſchwellte ihr junges Herz, und ſie fühlte eine tiefe Ermüdung, wenn ſie an das dachte, was ihr noch übrig blieb nach dem, was ſie hatte aufgeben müſſen. Gegen Morgen ſchrieb ſie ihrer Wohlthäterin noch einige Zeilen, ihre längere Abweſenheit durch die Krankheit der Madame St. Albans entſchuldigend; ihre Reiſe verſchwieg ſie dagegen, fürchtend, dadurch die zärtliche mütterliche Freundin zu beunruhigen. Die Wälder von St. Roche waren berühmt.— Auch glichen ſie mit ihren koloſſalen Stämmen, ihren gewaltigen, in die Luft in einander geflochtenen, Kro⸗ nen den Bildern, die uns ein fremder Welttheil von den Urwäldern gegeben hat, in denen die Axt niemals erklungen und der Vegetation ihr eigenes despotiſches Walten geſtattet iſt. Mit Ranken, Moos und Schling⸗ gewächſen jeder Art überwuchert, ſehen wir das zum kräftigen Widerſtand unfähige Stämmchen am Boden ſich hinſchmiegen, dem mächtigen Stamme weichend, der ſich mit dieſer Unterdrückung doppelt Platz gewann und, zu ſäulenartiger Pracht emporſtrebend, das heitere Gewölbe ſeiner hundertfältigen Zweige leicht gen Him⸗ mel trägt. Die Sonne bahnte ſich hier nur ſelten den Weg— nur in einzelnen glänzenden Lichtſtreifen erreichte ſie den Boden, der in der üppigſten Abwech⸗ ſelung bald das kurze, ſaftige Moos der Laubwälder, bald die luſtig durcheinandergeſchlungene Vegetation der mannigfachſten Ranken, Blüten und Waldbeeren zeigte. — Der Weg, den die Reiſenden paſſiren mußten, 9* 132 ſchlang ſich wie ein Geheimniß durchhin, bald ganz verſchwindend, bald nur in leichten Andeutungen wahr⸗ zunehmen.— Das eigene majeſtätiſche Geſpräch der hohen Laubkronen mit der oberen Luft, die ſie erreich⸗ ten, ward allein unterbrochen durch das Geſchwätz der kleinen luſtigen Waldbäche, die zwiſchen hohen bemoos⸗ ten Felsſtücken ſich ihr grünes Bettchen ausgehölt hat⸗ ten, und nun ſorglos, wie Kinder zu den Füßen der Aeltern, ſpielten, während das niedere Gebüſch eine lockende Wiege für die junge Brut zahlloſer Vögel war, die mit ihren Neſtchen unter den jungen Zweigen hock⸗ ten. Dazwiſchen gingen die ſchlanken Bewohner des Waldes mit ihren glänzenden, vielzweigigen Gewei⸗ hen in großen Geſellſchaften in ihrem weiten Palaſte umher, und ſahen mit ſtolzer Ruhe den luſtigen Ha⸗ ſen nach, wie ſie in ewiger, unnützer Eile vorüber⸗ jagten und die Eichhörnchen ing die Luft ſchreckten, die mit karer Augen von der hohen Wohnung arg⸗ wöhniſch au Sdie verſchiedenen Geſellſchaften nieder⸗ blickten. Leicht war aus dem Leben dieſer Wälder das Schick⸗ ſal der Beſitzungen von Ste. Roche zu erkennen. Sie waren von den Menſchen vergeſſen, weder zum Nutzen, noch Vergnügen mehr beſtimmt, ihrem inneren Be⸗ dürfniſſe zur freien Entwickelung überlaſſen, und wahr⸗ —— —— — 133 lich ein höchſt eigenthümliches Bild ſtolzen Naturlebens! Am Abend des Reiſetages ſahen ſich die Damen in dem Theile des Waldes, der unmittelbar an das Schloß Ste. Roche grenzte. Sie hatten am Mittag aus dem Kloſter Tabor einen Führer mitgenommen, durch deſſen Weiſung es ihnen allein gelang, auf dem rech⸗ ten Wege zu bleiben; jetzt verkündigte er ihnen die Nähe von Ste. Roche, und beide Frauen hörten dieſe Mittheilung mit großer Bewegung an. „Miß Eton, es iſt wahr“— hob Madame St. Albans an—„daß ich mich niemals dieſem alten Wohnſitze meiner Mutter nahe, ohne eine Art Herz⸗ klopfen zu fühlen. Aber gewiß iſt es auch, daß ſchwer⸗ lich ein zweiter Ort gefunden werden ſoll, an dem ſo virle und unerhörte Hiſtörchen haften, als an dieſem alten Schloſſe. Wenn Ihr es ſehen werdet, ſo wird es Euch möglich ſcheinen, daß hier alles Abenteuer⸗ liche Raum fand, was davon erzählt wird— ſcht, ich bin keine leichtgläubige Thörin, aber ich ſelbſt könnte denken, es ſei hier nicht, wie ſonſt in der Welt, zugegangen, und obwohl der neue Beſitzer Alles thut, den Verfall zu hindern, geſchieht doch auf ausdrück⸗ lichen Befehl und nach teſtamentariſcher Verordnung des verſtorbenen Grafen Crecy nichts, um dies wun⸗ derbare Aeußere zu verändern.—„Ach, Elmerice,“ 134 hob ſie nach einiger Zeit an,„wie werde ich Alles dort finden! eine Leiche oder eine Sterbende?“ Hierauf ließ ſich ſchwer antworten, und Miß Eton frug daher: ob Miſtreß Gray viel gekränkelt habe?— „Ach, ſeht, das iſt, wie man es nimmt— ge⸗ ſund war ſie nie recht, wenigſtens ſeit ich ſie kenne— aber ſelten, ſelten, daß ſie dem nachgab— ehe ſie nicht niederfiel, in ihr Bett getragen werden mußte, gab ſie keiner Krankheit nach, ja, auch dann hatte ſie noch tauſend Eigenheiten und widerſtrebte immer in den Anordnungen zu ihrer Pflege; und des Nachts, wo jeder Menſch ſchon bei geſunden Tagen Gott dan⸗ ken würde, dort Jemand um ſich zu haben, ſchließt ſie ſich ein, und Niemand darf bei ihr bleiben.“— Welche wunderbare Frau muß Eure Mutter ſein!“ rief Elmerice unwillkürlich,„und welch' Verlangen hege ich, ſie zu ſehen!“ „Ja,“ ſagte Madame St. Albans—„ſo wun⸗ derbar, wie ihr altes Schloß; aber Ihr werdet von Beiden wenig zu ſehen bekommen. Denkt Ihr, daß ich ſchon je weiter kam, als in den großen Vorſaal, den meine Mutter bewohnt? Seht, der liegt wie ein Riegel vor den weitläufigen Gemächern, die einſt die Gebieterin meiner Mutter bewohnte, und ſeit ihr Sarg 7 — — daraus weggetragen ward, haben ſie ſich nie wieder einem menſchlichen Fußtritte geöffnet, als dem meiner Mutter. Aber ſie hält ihre Andacht dort, ſie lebt hier ein verzehrendes Leben der gramvollſten Erinne⸗ rung, ſie— ach, Gott vergebe mir!— ſie, glaube ich, ſchwört hier immer auf's Neue allen Menſchen Haß. Seht, das ſind Dinge, die an dem geſunden Menſchenverſtande meiner Mutter verzweifeln laſſen, gäbe ſie nicht ſonſt Proben, daß er ihr ſehr gegen⸗ wärtig iſt.“ „Aber was ſagt man denn ſo Unerhörtes von dieſem Schloſſe?“ frug Elmerice weiter; denn ſie konnte ihr lebhaft erregtes Intereſſe nicht mehr ver⸗ bergen. „Ach, ſeht, Miß, ſo lange es ſteht, hat es we⸗ nig guten Ruf.— Es war zuerſt ein königliches Jagdſchloß, und man ſagt, Heinrich der Zweite habe hier eine ſchöne Freundin verloren, die ſeine Gemah⸗ lin, Katharina von Medicis, habe ermorden laſſen. In einem Thurme, der damals das kleine Schloß be⸗ grenzte, zeigt man ein Zimmer, das noch in ſchönen geſchnitzten Holzwänden von dereinſtiger Pracht zeugt; da ſoll Heinrich die ſchöne Eudoxia Nemours gefun⸗ den haben, wie ſie ihm nur noch die blutende Wunde zeigen konnte und dann verſchied. Seitdem heißt er 136 Eudorien⸗Thurm, und Alle wollen darauf ſterben, Eudopia ſitze noch zuweilen in ihren weißen Gewän⸗ dern auf dem kleinen Altan und ſehe in den Wald hinein, wo ſie ſonſt den König daher kommen ſah.— Solche Geſchichten haben nun wenig Reiz für mich; auch ſah ich ſie nie, und muß ſie wandern und ver⸗ gebens warten, geſchieht ihr Recht: ſolche Frauenzim⸗ mer bereiten ſich ihr Loos ſelber;— aber ſeht, frei⸗ lich ſpäter, ſagt man, ſei nie viel Anderes, als Unglück hier geſchehen und geſchmiedet worden. Katharina von Medicis baute das Schlößchen oder den Flügel rechts daran, und die großen Wälder umher ließen hier prächtige Jagdpartieen zu; aber immer geſchah ein Unglück— es verſchwand Jemand oder ward offen wo ermordet, und man ſprach ſchon damals, daß die böſe Königin den Ruf des Schloſſe benutze, die heimliche Rache, die ſie an Einem oder dem Andern ausüben wolle, auf den abergläubiſchen Spuk des Schloſſes zu wälzen. So, ſagt man, habe man ſich gefragt, wenn die Gäſte ſich auf ihren despotiſchen Ruf hier verſam⸗ melten, wer wohl das bezeichnete Opfer ſein werde— ich aber ſage: die Narren, daß ſie gingen!— mich hätte ſie einladen können, ſo viel ſie Luſt hätte, ich wäre doch nicht gekommen.“ „Die damalige Zeit,“ erwiederte Elmerice,„hat — 137 freilich manchen Zwang auferlegt, der wenigſtens jetzt nicht mehr in ſo offener Gewalt hervortritt, obwohl noch manches ſehr Harte unter Ludwig dem Vierzehn⸗ ten und ſelbſt unter ſeinem Nachfolger, dem jetzigen Könige, möglich ſein ſoll.“ „Ach, ſeht mein Kind, das ſprengen die Hof⸗ leute nur ſo aus, damit man ſie nicht auslachen ſoll, wenn ſie immer über die Laſt ſeufzen, bei Hofe er⸗ ſcheinen zu müſſen, da ſie ſich doch hindrängen, ſo viel ſie können. Das habe ich damals für mein gan⸗ zes Leben lang heraus bekommen, als wir, ich und Deine Mutter, zu Gaſte waren in dem großen Hauſe d'Aubaine, bei den Eltern Deiner Gräfin. Sieh', Kind, de hieß es immer von dem Hofzwange— aber hoftoll waren ſie; denn gab es ein Feſt, ſo waren ſie alle in Fieberangſt, ob ſie auch eingeladen würden, ob auch zur rechten Zeit, nicht ſpäter, als ſie berechnet hatten, daß es ihnen zukäme— und erſchien der Tag, ſo waren ſie ſo wichtig, ſo gehoben und mitleidig ge⸗ gen uns arme bürgerliche Mädchen, daß ich ſie alle auslachte, wenn ſie den Rücken wendeten, denn nicht wie zum Feſt zogen ſie hin, ſondern wie zu einem Leichenbegängniſſe, ſo ernſt und beklommen. Aber das war lauter Hochmuth, Furcht vor Demüthigungen, da ſie doch, wie ſehr ſie ſich auch erhoben, immer 138 wieder Einen ausſpürten, der ſich über ſie erheben wollte; und da nahmen ſie denn ihre Strafe damit hin, denn jeder tolle Hochmuth ſtraft ſich ſelbſt.“ „Seit wie lange gehörten dieſe Beſitzungen denn dem Grafen von Crecy?“ unterbrach Elmerice die ſich erhitzende Madame St. Albans.— „Katharina von Medicis ſchenkte ſie einem Gra⸗ fen von Crecy, der ihr manchen erlaubten und uner⸗ laubten Dienſt geleiſtet haben ſoll, aber das Unglück hatte ſich nicht mit dem neuen Beſitzer verändert— es ging ſo fort.— Man ſagt, dieſe Beſitzungen wa⸗ ren einem Landsmanne der Königin, einem Marquis Spinola, zugeſagt. Da verlor der Herr Graf Crech durch unordentliche Wirthſchaft ſein ganzes Vermögen, und beſtand nun bei der Königin darauf, ſie ſolle ihm helfen; aber Geld war da oft rar— genug, ſie hatte nichts, aber den Grafen gebrauchte ſie, der Spinola nutzte ihr nicht mehr— da ſoll denn hier wieder eine Jagdpartie veranſtaltet worden ſein, und Spinola und Crech, die wie gereizte Tieger gegen einander waren, ſollen Streit gehabt haben, den die Königin anfachte. — In dem Schlafzimmer Spinola's hörte man ſpã⸗ ter in der Nacht Geſchrei und Waffengeklirre, man hatte nach einigen Augenblicken der Ruhe den Giai Crecy daraus entfliehen ſehen— was da geſchah, iſt nie — 139 entdeckt worden; als aber die Kammerfrauen auf ihr Geſchrei zur Königin gingen, lag die Leiche Spinola's, mit vielen Dolchſtichen durchbohrt, vor ihrem Bette. Die Blutſpur war zu ſehen von ſeinem Zimmer bis dahin, wo er ſtarb— man ſagt, mit einem Fluche gegen die Königin und das Geſchlecht der Crecy, das hier ſeinen Untergang finden ſolle.— Am andern Morgen floh die Königin und der ganze Hof, wie von Geiſtern gejagt, und nie betrat ein königlicher Fuß wieder dieſes verwünſchte Schloß. Der Herr Graf Crecy nahmen die Beſitzungen, dieſem Fluche zum Trotz, in Beſchlag, zogen die großen Revenüen, bauten den dritten Flügel, wie das Uebrige prachtvoll aus, und lebten hier oft in Saus und Braus.— Aber endlich iſt doch erfüllt worden, was der arme Marquis in ſeiner Todesangſt verheißen hat: das Geſchlecht der Crecy iſt hier erloſchen, und ſein Ende ward auch durch grauſame Verbrechen herbei geführt— doch das erlaßt mir zu berichten, das iſt zu neu noch; ſeht, da lebte ich ſchon in dieſer Gegend, das kann ich nicht erzählen, ohne all' die Angſt wieder zu fühlen, die ich damals mit durchmachte, und als ich zuerſt wie⸗ der hieher zu meiner armen Mutter mußte, dachte 4 ich könnte es nicht mehr überleben.— Eimerice fühlte ſich ebenfalls von dem Gehörten 140 zu ſehr erſchüttert, um auf weitere Nachrichten nicht gern verzichten zu mögen, und bat daher ihre Beglei⸗ terin, ſich die nöthige Ruhe zu gönnen. Dies war aber durch die Eindrücke, die ihr der nun immer be⸗ kannter werdende Weg aufnöthigte, nicht möglich— ſie begleitete alles ſich Darbietende mit Bemerkungen, und forderte Elmerice zu immerwährender Aufmerkſam⸗ keit auf. Dieſe fand ſich jedoch leicht, wo die Gegen⸗ ſtände ſo anziehend und bedeutend ſich zeigten. Die Waldgegend, die ſie jetzt paſſirten, war un⸗ ter der Hand der Kultur zu einem Garten gelichtet, der ſich von dem übrigen Theile durch die koſtbarſten, mit Gräben geſchützten Gitter abſonderte; und ſeine breiten Wege und die uralten gepflanzten Alleen führ⸗ ten endlich die Reiſenden dem Schloſſe Ste. Roche entgegen, das Beide mit Herzklopfen zu ſehen er⸗ warteten. „O ſeht, ſeht, da iſt es““— rief plötzich Ma⸗ dame St. Albans mit einem Erblaſſen und einem Sin⸗ ken der Stimme, als fiele ſie in Ohnmacht; und auch Elmerice fühlte ihre Nerven durchzuckt von einem ihr unbekannten Gefühle, was zwiſchen Furcht und Rüh⸗ rung ſchwankte, als ſie plötzlich den wunderbar roß⸗ artigen Bau des Schloſſes Ste. Roche vor ſich aus⸗ gebreitet ſah. Waren es die eben vernommenen Er⸗ 141 zählungen, die ſich dem Anblicke deſſelben zugeſellten, und es ſo ſchauerlich und drohend erſcheinen ließen, war es die ernſte, impoſante Ruhe, die es durch ſeine Lage inmitten dieſer großartigen Wälder, erhielt— ge⸗ nug, Elmerice glaubte, es könne nichts Aehnliches mehr auf der Welt geben, und drückte, wie verzagt, die Hand auf ihre Augen, und als habe es ihr jetzt ſchon ein tiefgehendes Leid angethan, fühlte ſie ſich von dem Gedanken, ihm näher zu rücken, wie er⸗ drückt. „Ja, ja, meine Liebe, da wirſt Du wohl erken⸗ nen, daß ich nicht ganz Unrecht hatte, Dich hier nicht herführen zu mögen“— ſagte Madame St. Albans zu der tief erſchütterten Elmerice, die, über ſich ſelbſt eben ſo erſtaunt, wie über den Gegenſtand ihrer Ge⸗ fühle, unfähig war, einen Thränenſtrom zurück zu drängen, und nach dieſem unfreiwilligen Erguſſe erſt Muth faßte, wieder darauf hinzublicken.—„Ich ge⸗ ſtehe,“ ſagte ſie ſchüchtern,„ich erhielt noch nie ſol⸗ chen Eindruck! Verzeiht mir, ich werde mich gleich gefaßt haben; bereut es nicht, mich hieher geführt zu haben, dieſe Schwäche ſoll Euch nicht läſtig fallen.“ Madame St. Albans war zu ſehr mit ſich be⸗ ſchäftigt, um nicht leicht ihre Aufmerkſamkeit von El⸗ merice abziehen zu können, und dieſe gewann nun 142 Zeit, ſich zu ermuthigen und ſich näher mit dem be⸗ kannt zu machen, was ſie ſo tief erſchütterte. Der Wald war nach der Vorderſeite des Schloſſes gelich⸗ tet, wenigſtens ſo weit, um es auf einer kleinen Er⸗ höhung ganz den Blicken auszuſetzen; doch im Hin⸗ tergrunde ſchloſſen ſich die in dem jungen, gelbgrünen Lichte des Frühjahrs leuchtenden, weitläufigen Wälder dicht daran an. Vor dem großen Schloßhofe, dem ſie jetzt in einiger Entfernung gegenüber waren, ließ Ma⸗ dame St. Albans halten, um Elmerice in der Mitte dieſes Hofes unter dem rieſenhaften Dome dicht im Kranze gepflanzter Ulmen, ein hohes Grabmal von weißem Marmor zu zeigen, unter dem man den er⸗ ſten Beſitzer der Familie Crech begraben hielt. Das Schloß ſah darauf hin, wie ein drohender Geiſt, ſeine Thürme, Erker, ſchwer verzierten und phantaſtiſch von Außen anſteigenden ſteinernen Treppen, die hohen, thür⸗ artigen Fenſter, und wieder die Schießſcharten ähnli⸗ chen Zuglöcher der Thürme und Gallerien, die endlich völlig einfarbig gewordene, nebelartig graue Färbung des ganzen Baues, gaben ihm ein ſo geiſterartiges, der Mitwelt entrücktes Anſehen, daß Elmerice nicht mehr in Erſtaunen geweſen wäre, wenn es vor ihren Augen in Nebel zerſtoben wäre, als ſeine wirkliche Exiſtenz ihr verurſachte. —— —— 143 Madame St. Albans wunderte ſich dagegen über den beſſeren Zuſtand des Ganzen. Seit zwei Jahren war ſie nicht hier geweſen, und es glich damals einer Ruine; jetzt aber war Alles in brauchbarem Stande, und die Erhaltung des Schloſſes offenbar beabſichtigt, wie Wege und Einfahrten aufgeräumt und zugänglich gemacht. Der Wagen umfuhr das Schloß in einem Halbkreiſe, und Madame St. Albans zeigte Elmerice den Flügel, der ihrer Mutter angehörte.— Mit dicken eichenen Bohlen waren alle Fenſter verwahrt, kein Zei⸗ chen des Lebens ließ ſich ſehen, und Alles ſchien ver⸗ ödet und ausgeſtorben. Dagegen blickte man durch geöffnete Fenſter in den ſogenannten neuern Flügel, und obwohl der düſtere Charakter aller dieſer großen Gemächer jeden Raum als Paradezimmer eines Lei⸗ chenbegängniſſes erſcheinen ließ, leuchtete doch die ſchwere Vergoldung zwiſchen den düſtern Tapeten überall durch, und zeigte von erhaltener oder hergeſtellter Pracht. Zunächſt der Wohnung der Miſtreß Gray lag am Ende einer dichten Allee das kleine Dorf Ste. Roche, und an die alte gothiſche Kirche lehnte ſich die freundliche Wohnung des Vikars, an deren Schwelle die Reiſenden ihren Wagen verließen. Der Hausflur, in den ſie eintraten, ʒeigte, dem Eingange gegenüber, durch eine Hinterthür auf ein 144 ſchön umlaubtes Gärtchen, an deſſen friſchen Raſen⸗ plätzen ſorgſam bepflanzte Blumenbeete, unter dem Schutze hoher Kaſtanien⸗ und Ahorn⸗Bäume, ihre Ent⸗ wickelung erwarteten. Schon bei'm erſten Schritte in dieſen Flur, der mit ſeinem hohen Kamine und ſeinen eichenen Holzwänden zugleich den Salon bildete, fühlte man ſich von dem Geiſte des Friedens angeweht, und ein Blick umher, mit dem man die einfachen Beſchäf⸗ tigungen der Hausbewohner überſehen konnte, gab die Gewißheit, hier den Anklang eines höheren geiſtigen Lebens zu finden. An der Thür in einem eichenen Lehnſtuhle ſaß eine kleine weibliche Figur hinter einem Rädchen, das über das Andachtsbuch in ihren welken Händen vergeſſen ſchien. Als die Fremden eintraten, erhob ſie ſich jedoch ſogleich und ging raſcher, als ihr Alter vermuthen ließ, den Ankommenden entgegen. „Nun, liebe Mademoiſelle Veronika, darf ich hoffen, noch von Ihnen erkannt zu werden?“ rief Madame St. Albans, auf ſie zueilend. „Erkannt und erwartet jede Stunde,“ ſagte Ve⸗ ronika ſanft und freundlich,„denn daß eine ſo gute Tochter nicht ausbleiben würde, konnten wir leicht denken. Seid demnach willkommen und zugleich ge⸗ troſt, denn noch lebt die arme Leidende; ja, es ſind ſogar Zeichen der Beſſerung eingetreten.“ 3 145 „So ſei Gott gelobt!“ rief Madame St. Al⸗ bans mit ihrem ſchnell hervorbrechenden Schluchzen, und eilte dann, Miß Eton der alten Dame vorzu⸗ ſtellen:„Miß Eton wollte mich nicht allein reiſen laſſen, denn ich war am Tode, als Eures Bruders Brief eintraf, und da müßt Ihr ſchon verzeihen, wenn ich Euch bitte, der jungen Miß ein Obdach zu gönnen, denn Ihr wißt wohl, auf's Schloß kann ich ſie nicht mitnehmen; wer weiß, ob ich ſelbſt Obdach dort finde.“ Veronika hatte während dem ihre kleinen klugen Augen nicht von Elmerice gewendet, und ſchien die ganze Rede der Madame St. Albans überhört zu haben, denn ſie wiederholte den Namen Eton und frug nach dem ſchon Vernommenen:„Alſo aus England ſeid Ihr, liebe Miß?— Nun, ſeid willkommen,“ fuhr ſie dann geſammelt fort;„dies kleine Haus hat immer Raum für Einen, der einfache Sitte nicht verſchmäht und das Mangelhafte durch ein freundlich Geſicht ver⸗ güten läßt.— Der Vikar wird bald zurück kommen von St. Floche, wo er die Kranken beſucht; dann läuten wir Ave Maria, und bis dahin wollen wir uns hier einrichten.“ Sie öffnete demnächſt ein kleines Zimmerchen, das ebenfalls nach dem Garten zu ging, und das ſie den beiden Frauen als das ihrige anwies, Ste. Roche I. 10 6 — 146 und zog ſich ſodann ohne läſtige Dienſtlichkeit zurück. Die klöſterlichſte Einfachheit war hier mit einer ge⸗ wiſſen geſchmackvollen Zierlichkeit vereinigt, und zwi⸗ ſchen den beiden weißen Himmelbetten ſtand ein kleines Betpult vor einem mit friſchen Blumen geſchmückten Krucifixe. „O, wie ſchön iſt es hier!“ rief Elmerice, ſich in einen harten Holzſtuhl am Fenſter niederſetzend,„wie wohl iſt mir hier!“ Madame St. Albans ſah ſie mit ungläubigem Lächeln an, und ſagte dann kopfſchüttelnd:„Nun, nun, für Euch wird es ſchwerlich ſein— Ihr ſeid doch wohl zu ſehr verwöhnt.“ „Nein, nein!“ rief Elmerice, auf's Neue ihrer ſeltſamen Wehmuth unterliegend, und die niederfallen⸗ den Thränen aus dem niedrigen Fenſter in das Spa⸗ liet der zartknospenden Weinreben ſenkend—„hier iſt Frieden! hier iſt mir wohl! O, wie danke ich Euch, daß Ihr mich hieher geführt habt!“ Was Madame St. Albans nicht verſtand, glaubte ſie unbedenklich tadeln zu können, und ſo wandte ſie ſich achſelzuckend von Elmerice ab und kramte unter ihrem Gepäcke, das Veronika indeſſen durch eine eben ſo ſtille, nonnenhafte Magd von dem Wagen hatte ab⸗ räumen und in das Zimmer der Frauen ſchaffen laſſen. 147 Der tiefe Ton der Abendglocken zeigte jetzt an, daß das Ave Maria begonnen. Veronika trat in das Zimmer, die Frauen abzuholen, und verkündigte, der Vikar, wie ſie ihren Bruder nannte, habe ſich, ohne zu Hauſe anzuſprechen, ſogleich nach der Kirche be⸗ geben.„Und Ihr, Miß Eton,“ frug ſie ſanft,„Ihr, als Engländerin, gehört wohl nicht unſerer Kirche an, darum legt Euch keinen Zwang auf— Ihr habt das mit uns nicht nöthig.“ „Erlaubt, daß ich Euch begleite,“ ſagte Elmerice, mit Ehrfurcht ihr näher tretend,„ich bin in dem Glauben meines Vaters erzogen, der Katholik war.“ „Nun dann, willkommen!“ ſagte Veronika, ſicht⸗ lich erfreut, ſo wollen wir denn Gott gemeinſchaftlich danken für Eure glückliche Reiſe.“ Durch den anmuthigen Gartih del mit dem Kirch⸗ hofe zuſammen hing, gelangte man nach der kleinen, aber ſchön und reich gebauten Kapellenkirche, welche im Innern und Aeußern zeigte, daß Fürſten aus dem ſtolzen Hauſe Valois hier ihre Gebete verrichtet hat⸗ ten. Die großen Thüren ſtanden weit geöffnet, und es war ein unbeſchreiblich erquickender und friedlicher An⸗ blick, von dem Hochaltar aus, wo die Andächtigen ſich knieend verſammelten, in die grüne Nacht des Früh⸗ lingabends zu ſchauen, der eben, wie die Menſchen, 10* — 148 ſeine letzte Andacht vor den Strahlen der ſinkenden Sonne zu feiern ſchien. Doch vor Allem zog Elme⸗ rice der Anblick des Geiſtlichen an. Dieſer ehrwür⸗ dige Greis, mit ſeiner milden, hellen Stirn und den klaren blauen Augen, die unter der Decke der weißen Brauen ſo tief leuchtend hervorblickten— welch' ein Bild geiſtlicher Reinheit, über die Erde hinausreichen⸗ den Friedens!— Elmerice blickte, ſich ganz darin ver⸗ lierend, in ſein Angeſicht, als forſche ſie darin dem er⸗ habenen Geheimniſſe nach, die Welt liebevoll im Arm zu behalten und von ihr nicht mehr gekränkt, nicht mehr verletzt zu werden.— Sehnſucht nach dieſem Zuſtande, Schmerz um den unvollendeten Kampf dar⸗ nach, ließen ſie endlich die Thränen finden, die uns nicht banger, ſondern leichter machen. Eben ſo anziehend blieb dieſer Greis in ſeinem Hauſe, wo er bald nachher ſeine Gäſte bewillkommte; ja, Elmerice hatte das wohlthuende Gefühl, daß ſie das Intereſſe der beiden ehrwürdigen Geſchwiſter auf ſich zog, und konnte nicht ohne den innigſten Dank daran denken, in dieſem Augenblicke, nach ſo viel wider⸗ ſtrebenden Gefühlen, die ſie erlebt, in dieſe ſtille klö⸗ ſterliche Atmoſphäre verſetzt zu ſein⸗ Mit der Bevorrechtung des Alters und des Standes forſchte er Elmerice über Aeltern, Geburtsort, —— 149 Erziehung und Grund ihrer Herreiſe aus; dabei lag aber offenbar ein näheres Intereſſe, als das der Neu⸗ gierde, dieſen Fragen zum Grunde, ſo daß Elmerice ſich in nichts verletzt fühlte. 150 Madame St. Albans hatte eingewilligt, ſich erſt am andern Morgen ihrer Mutter zu nahen, da ſie dann den alten Arzt des Schloſſes, der jeden Morgen bei'm Vikar vorkam, ſprechen, und durch ihn den Ein⸗ tritt bei ihrer Mutter vorbereiten und erbitten laſſen konnte. Elmerice ſah erſt jetzt, mit welcher Sorge und Angſt der Gedanke an die Aufnahme dieſer wunder⸗ lichen Mutter Madame St. Albans erfüllte, und die Ueberzeugung, wie viel ſie gewiß in dieſem unnatürli⸗ chen Verhältniſſe ſchon habe leiden müſſen, erfüllte ſie mit Mitleid und mit erhöhter Achtung gegen dies den⸗ noch nicht einen Augenblick dadurch gehinderte Pflicht⸗ gefühl der Tochter. Die Nachtruhe der noch immer ſehr angegriffenen und reizbaren Frau war daher auch ganz geſtört, und Elmerice ſah mit Sorge, wie blaß und leidend ihr Anſehen am andern Morgen war. Der erwartete alte Arzt erſchien ſchon an der Thüre auf ſeinem bequemen Maulthiere, als man noch um das einfache Frühſtück verſammelt wgr. — 151 Auf die Ankunft der Madame St. Albans vor⸗ bereitet, war er doch, gleich den Uebrigen, gar nicht über ihren Empfang ſicher.„Ja,“ ſagte er,„ein paar Tage früher, wo ſie kein Bewußtſein mehr hatte, da hättet Ihr eintreten können, und ſie pflegen, ſo viel Ihr gewollt hättet; jetzt aber, da wird ſie ſich, wie ge⸗ wöhnlich, weigern— denn geändert hat ſie ſich nicht,“ ſeßte er lachend hinzu—„halb mit Gewalt, oft daß wir beide uns im Zorn überbieten, ſetze ich das Nöthige durch— und doch, und doch, wollt Ihr es glauben, noch nie erreichte ich es, daß ſie des Nachts Jemand bei ſich behielt. Aſta, das arme Ding, die bei Tage wohl einſchlüpfen darf, muß ebenfalls zur Nacht ſie verlaſſen, und halb beſinnungslos, ja, weiß Gott, halb ſterbend, verrammelt ſie noch die Thüren hinter uns. So kann ſie einmal des Nachts verſcheiden, ohne daß wer darum weiß, und wenn wir oft des Morgens lange an die Thür hämmern müſſen, um Einlaß zu erlangen, ſo denke ich, die Hand zum Oeff⸗ nen ſei da drinnen nunmehr erſtarrt. Doch ich will zu ihr, liebe Frau,“ fuhr er fort, ſich zu Madame St. Albans wendend,„und ſehen, was ich thun kann, denn wahrlich, Pflege hat ſie nöthig, und ſolch' Ding von zwölf Jahren, ſo gut die Aſta iſt, das hilft doch nicht viel.“* ——— 8 —,— 152 Elmerice, die ſich aus Beſcheidenheit bei Ankunft des Arztes entfernt hatte, trat in dem Augenblicke ein, als der kleine lebhafte Mann ſich entfernen wollte. Es war unverkennbar, daß er bei ihrem Anblick erſtaunte, überraſcht ſtehen blieb und ſeine großen run⸗ den Augen mit einem ſo forſchend⸗-fragenden Blick auf der Eintretenden hafteten, daß Elmerice, davon ver⸗ legen werdend, nicht wußte, wo ſie die ihrigen hin⸗ wenden ſollte. Veronika und ihr Bruder warfen ſich Blicke des Einverſtändniſſes zu, und der Vikar trat dem alten Arzte näher.—„Nicht war, verehrter Freund, auch Euch trifft bei dem Anblicke des Fräuleins eine Er⸗ innerung, wie uns Beide?“ „Weiß Gott,“ rief der Arzt,„ſo viel xyrichheit ſah ich noch nie!— gewiß, wir meinen dieſelbe.“ „Wen denn? wen denn? Was meint Ihr denn?“ — rief Madame St. Albans in ungeduldiger Neu⸗ gierde,„mit wem hat Miß Eton Aehnlichkeit?“ „Laſſen wir das,“ erwiederte ernſt der alte Arzt „wozu die Todten wecken?— Vergebt, liebes junges Fräulein, das unhöfliche Erſtaunen eines alten Man⸗ nes! Gott hat Euch mit hoher Schönheit geſegnet, und aus Euren Augen blickt etwas, was die Seele verbürgt, die in Euch wohnt— und ſo möge Euch —— 153 denn Gott behüten, daß Euer Schickſal glücklicher ſei, als das derjenigen, der Ihr gleich ſehet, als ob Ihr ihre Tochter wäret— wenn Eure Jugend das nicht unmöglich machte. Es lag etwas ſo Feierliches, ſo ernſt und tief Gerührtes in dieſen Worten und in dem Ausdrucke des Greiſes, daß Elmerice, davon erſchüttert, auf's Neue die Ahnung eines ihr näher rückenden Verhäng⸗ niſſes empfand; und blaß und melankoliſch zu ihm aufblickend, ſagte ſie bang:„Ich werde meinem Schick⸗ ſale nicht entgehen, es erwartet mich ſchon auf dem Wege, den ich ſo eben betreten.“ Der Arzt hörte ſie nicht mehr— ſein Aufbruch ließ dieſe ſchweren Worte auch von den Andern über⸗ hören, und ſo war es Elmerice allein, die davon er⸗ griffen ward, als habe nicht ſie, ſondern ein Anderer aus ihr hervor, die Beſtimmung ihrer Zukunft aus⸗ geſprochen. So ſchneiden oft Worte tief ein, die wir in ſel⸗ tenen Augenblicken des Lebens ausſprechen, an uns ſelbſt zum Propheten werdend und uns der Stellung entgegentreibend, die uns nah gerückt iſt, wenn auch noch verhüllt. Das wohlthätige Geheimniß, worin die Zukunft verſchleiert liegt, ſcheint dann von der ihr ent⸗ gegengreifenden geiſtigen Kraft in uns für Momente —— 154 aufgedeckt zu werden. Wir fühlen mit untrüglicher Wahrheit Menſchen, Verhältniſſe, Orte, die noch be⸗ ziehungslos zu uns erſcheinen, als einſchreitend in die wichtigſten Verhältniſſe unſeres Lebens; und deckt der nächſte Augenblick auch oft ſo helles Erkennen wieder zu, wir wiſſen doch in dem ſchwellenden Herzen, es ſei ein neuer Lebensabſchnitt gekommen, und ahnungs⸗ volles Erwarten erfüllt unſere Seele. So ſehen wir Elmerice.— Still nach ihrem kleinen Zimmer zurück⸗ gekehrt, finden wir ſie in tiefem Nachdenken noch lange an dem freundlich umgrünten Fenſter ruhen, das ſie mit ſeinen im leichten Spiele der Luft nickenden Ran⸗ ken feſtzuhalten, und ihr mit dem ruhigen Hinter⸗ grunde des kleinen, zellenartigen Zimmers Frieden und unſchuldige Ruhe zu ſichern ſcheint.* Ziemlich unſanft unterbrach Madame St. Albans dies ſanfter werdende Nachdenken, indem ſie heftig ein⸗ trat und ſogleich, auf Elmerice unruhig blickend, aus⸗ rief:„Was das nur für eine Aehnlichkeit iſt, von der ſie Alle fabeln— ich wüßte nicht, mit wem— und warum ſie ſo geheimnißvoll thun, da die Perſon todt ſein muß!— Aber dieſe alten Leute, die haben immer ſo was gehabt, immer nur halbe Worte, und die noch in Frage geſtellt, und dann noch beſorgt, es werde verrathen werden, was kein Menſch aus ſolchen Reden 155 errathen könnte— ja wayrlich, alte Jungfern, alte Junggeſellen bleiben immer dieſelben, ſie müſſen immer wichtig thun und ſich ein Anſehn geben, wohinter nichts iſt!“ Elmerice war verlegen, ihr zu antworten; ſie ſah wohl, daß die Erzürnte mit ihren Nachforſchungen ab⸗ gewieſen worden war, und wußte ſie doch nicht zu be⸗ ruhigen.„Ihr kennt das ehrwürdige Geſchwiſterpaar wohl lange ſchon?“ hob ſie daher ſchüchtern an. „Ja ja, lange genug! ſeit ich hier überhaupt bekannt bin, kenne ich ſie auch,“ erwiederte Madame St. Albans, ſich niederſetzend, aber noch immer in höchſt mißmuthigem Tone.—„Es ſind brave, gute Leute, das läugne ich nicht! ſehr gute Leute, wohl⸗ thätig und fromm, wie es ihr Stand nur wünſchen läßt, und traurig genug, daß meine arme Mutter auch ſie nicht zu ſehen begehrt; da hätte ſie doch einen menſchlichen Umgang— aber ſo— ſeht, das thut keinem Menſchen gut, ſo für ſich zu ſein; ich habe das auch über Eure Gräfin geſagt, die wird auch mit der Zeit menſchenfeindlich werden.“ „Dazu iſt vorerſt bei ihr noch wenig Anlage,“ erwiederte Elmerice,„ſie ſucht das Geräuſch der Welt nicht, aber ſie iſt Jedem zugänglich 8 dem Unglücklichen, wie dem Glücklichen.“ 156 Mißmuthig ſchwieg Madame St. Albans, als plötzlich ein allerliebſter Kinderkopf in das niedrige Fenſter hineinſah und mit leiſer Stimme frug: ob hier die fremden Damen wohnten? „Biſt Du Aſta?“ rief Madame St. Albans— „und kömmſt Du vom Schloſſe?“ „Ja, Madame,“ ſagte das ſchöne zwölfjährige Kind—„Ihr ſollt Euch eilen, mir zu folgen— Miſtreß Gray iſt ſehr krank.“ „Ach, großer Gott,“ ſchrie Madame St. Albans todtenbleich,„ſo ſtirbt ſie doch wohl!“ „Seid doch nur ruhig!“ rief Aſta—„ſie wird ja nicht gleich ſterben— ſo habe ich ſie ſchon oft geſehen.“ Doch Madame St. Albans war ſo erſchüttert von der Nachricht, daß ſie beim Aufſtehen zu ſchwan⸗ ken begann und Elmerice ſie in ihren Armen unter⸗ ſtützen mußte. „Ich werde Euch führen,“ ſagte Elmerice, nach ihrem Hute greifend,„und ſo weit mitgehen, als mir vergönnt ſein wird.“ Schweigend genehmigte Madame St. Albans dieſes Anerbieten, und beide gingen, von Aſta geführt und von den Segenswünſchen der guten Geſchwiſter begleitet, den ſchweren Weg.. 152 Von den großen Alleen, welche zu den verſchiede⸗ nen Eingängen des Schloſſes führten, leitete Aſta ihre Begleiterinnen ſeitwärts in ein kleines wildes Gehölz, womit eine eben ſo grade und regelmäßig gepflanzte Allee verwachſen war. Der Fußſteig war hier ſchmal und uneben, kaum für zwei Perſonen gangbar, und erlaubte nur einige Schritte weit um ſich zu ſehen.— So ſtanden ſie plötzlich an einer verfallenen Treppe — Aſta winkte Elmerice geheimnißvoll zu, und Ma⸗ dame St. Albans, die den Ort erkannte, machte ſeufzend ihren Arm von ihrer jungen Führerin los.—„Geht nun mit Gott zurück und betet für mich, Elmerice, mein liebes Kind! Wann ich Euch wiederſehe, weiß ich freilich nicht, Nachricht werdet Ihr wohl von mir hören.“— Tief gerührt nahm Elmerice nun Abſchied und beſchwor ſie, ihr jede Möglichkeit anzugeben, wo⸗ durch ſie ihr dienen und zur Pflege ihrer Geſundheit beitragen könne. Aber kaum wußte Elmerice, ob die arme Frau ihre Rede verſtanden habe; denn bleich und in trübes, tiefes Nachdenken verſenkt, wandte ſie ſich ab und ſtieg an Aſta's Hand die Stufen hinan, die in eine Art Thoreingang führten und jetzt Beide 4 Blicken der beſorgt Nachſchauenden entzog. Längſt waren ſie verſchwunden, kein Geräuſch, 158 keine Bewegung ließ die Ahnung aufkommen, daß hier menſchliche Weſen eiſtirten; aber Elmerice blieb wie gefeſſelt auf der Stelle ſtehen, als müſſe ſie ihnen nach, als könne ſie nicht zurückbleiben. Das Gefühl, das ſie ſeit geſtern empfand, trat hier noch mächtiger hervor.— Wie zu einer nothwendigen Leiſtung trieb es ſie dem geiſterhaften Schloſſe zu, und mit nie ge⸗ kanntem Entſetzen, mit dem tiefſten, bangſten Schmerz ſchien es ſie wieder zu verjagen. Sie blickte nach einem Ausweg, der ſie in anderer Richtung führen könnte, ſie wollte, ſich ſelbſt überlaſſen, einen Eindruck, der ſo mit ſeiner Unklarheit ſie quälte, verſtärken oder mildern durch einen ungeſtörten Anblick des Schloſſes. Sie arbeitete ſich durch das Geſtrüpp bis zu den Stämmen der Bäume und befand ſich bald auf einem freieren Standpunkte, von wo ſie eine neue Anſicht des Schloſſes gewann, von dem ſie jetzt durch einen niedrigen Wall und ein dahinter laufendes Waſſer getrennt war. Auf einer feſtungsartigen Uebermauerung zeigte ſich hier die älteſte Seite des Schloſſes, die faſt nur aus aneinandergereihten Thürmen in den verſchie⸗ denſten Höhen und Dimenſionen, mit ſehr beſchränk⸗ ten Verbindungsmauern verſehen, beſtand. Der graue Schieferſtein des Unterbaues, die ſpitzen, niederhän⸗ genden Thurmdächer mit gleicher Schieferdeckung, die 159 ſchwärzlich überzogenen Mauern und Wände der er⸗ haltenen oder ſchon eingeſunkenen Räume gaben auch von hier aus nur eine Beſtätigung des empfangenen Eindrucks, den ſie ſich nicht anders klar zu machen wußte, als indem ſie ſich eingeſtand, nicht einem Bau⸗ werke gleiche dies wunderbare Schloß, ſondern an⸗ einander gedrängten Geiſtern, die in den abweichendſten Verkappungen ſich verbunden hielten, hier ihre Herr⸗ ſchaft zu behaupten.—„Ihr widerſprecht durch Euer Anſehen nicht den grauenvollen Berichten, die an Euren Namen haften und die Phantaſie der Menſchen mit Schauer erfüllen“— ſeufzte Elmerice,„und wer weiß, was die Zukunft noch für mich in Euren Mauern birgt!“— Sie verſuchte der Richtung, die der Wall und das ſchmale Waſſer gaben, zu folgen, und es gelang ihr, ſo einen Theil des Schloſſes zu umkreiſen, das an der erwähnten Seite nur die Spitze, vielleicht das kleine Jagdſchloß, welches zuerſt hier er⸗ baut ward, zeigte, und ſich bei'm Weitergehen vor Elmerice in ſeiner ſpäteren bedeutenderen Ausdehnung entwickelte— aber dieſer ſpätere Theil, der ſchon un⸗ ter Heinrich dem Zweiten entſtand, war doch in ſeiner Architektur, wenn auch fürſtliche Pracht beabſichtigend, düſter und überladen, und der jetzt durch die Zeit ent⸗ ſtandene Verfall deſſelben nicht minder ſchwermüthig 1 * dem weißen und ſchwarzen Marmorpflaſter des Hofes 160 und unheimlich.— Vor Allem aber bewegte ſie der Anblick des düſteren Eingangthores; in drei Terraſſen, welche durch Gräben von einander getrennt waren, worüber Brücken führten, ſtieg das Terrain bis zu dem größeren Hofe empor, der mit eiſernen Gittern verſchloſſen war. Um dieſen Hof ſchienen die Haupt⸗ zimmer des Schloſſes zu liegen; aber wie düſter mußte ihr Inneres ſein, da hier das Grabmal des erſten Be⸗ ſiters aus dem Hauſe Crech, von hohen Ulmenbäumen umgeben, ſtand, welche ihrem eigenen Triebe überlaſ⸗ ſen, ihre weiten Zweige beſchattend über den ganzen Raum verbreiteten. Elmerice hatte wie eine Friunde die Terraſſen erſtiegen und ſtand gegen die Stäbe des Gitters ge⸗ lehnt, und ſchaute in den Hof und fühlte nicht, daß ihre Kniee bebten, ihr Mund den kurzen, gepreßten Athem nur noch hervorſeufzte. Sie ſtarrte hinein, als müſſe ſie jetzt ſehen oder erfahren, was ihr Aufſchluß gäbe über das, was ihre Bruſt in gleichem Maaße hier anzog und zurückſtieß. Aber es ward ihr kein Aufſchluß— Todtenſtille herrſchte in dem ſchauerlichen Raume, und alle Zeichen der Verödung drängten ſich ihr auf. Das Grabmal ſelbſt ſchien eingeſunken, und ſeine äußeren Trophäen durcheinander gefallen; zwiſchen —,———— 161 drängte ſich der Raſen, die Freitreppen, die an den Zimmern emporſtiegen, waren von der überall ſich an⸗ bauenden Vegetation der Mooſe und Schlinggewächſe überzogen, oder lagen mit zerbrochenen Stufen und Geländern halb verfallen auf dem Pflaſter— und der vorrückende Abend ſowohl, wie der Schatten der Bäume, verhinderte den Blick in die Gemächer, zu denen ſie führten, und die wie weite Grabgewölbe dahinter lagen. Längſt war Schloß und Riegel an dem Thore verwittert; ſie ſah, daß es nur von ihr abhing, in den Hof zu treten, aber die Scheu, die ſich ihrer bemächtigt hielt, war ſtärker, als der Trieb der Neugierde oder romantiſcher Sehnſucht, der ſie ſo weit geführt hatte. Langſam, mit gepreßtem Herzen wandte ſie ſich ab und verfolgte den Fahrweg unten am Schloſſe, der ſie der Wohnung des Vikars entgegenführte. Aber hier, wo kein Schrecken Raum oder Nah⸗ rung fand, verließ ſie die krampfhafte Anſpannung, unter der ſie ſich aufrecht erhalten hatte, und ſie konnte den zärtlich beſorgten Fragen der gütigen Geſchwiſter nur durch Thränen antworten. In großer Unruhe hatten die ehrwürdigen Alten ihr langes Ausbleiben bemerkt, da der Arzt bei ſeiner Rückkehr verſicherte, die junge Dame nirgends geſehen Ste. Roche. 1. 11 162 zu haben. So klar und ruhig ſie auch in ihrer Weiſe dem Leben gegenüberſtanden, ſo ganz konnte wenigſtens Veronika nicht ſiegen, um nicht an die ſchrecklichen Gerüchte über das Schloß von Ste. Roche eine all⸗ gemeine Befürchtung, ein unerklärtes Grauen zu knü⸗ pfen, das ſeine Nahrung fand in Thatſachen, welche in ihre Zeit fielen. Elmerice ward nicht mit unbeſcheidenen Fragen beläſtigt, aber man nöthigte die ganz Erſchöpfte, etwas Nahrung zu ſich zu nehmen; und Veronika führte ſie dann nach ihrem Zimmer und ruhte nicht eher, bis ſie ſich entkleidet und in erquickender Ruhe hinter den weißen Vorhängen ihres kleinen Bettes niedergelegt hatte. Veronika nahm an dem offenen Fenſter mit ihrem Andachtsbuche Platz, und Elmerice, die durch die Vorhänge die balſamiſche Frühlingsluft fühlte, wie ſie, über die Blumen und Blüten des Gartens zie⸗ hend, in dieſe ſtille Zelle eindrang, genoß den ganzen Zauber der Ruhe, und lenkte ihre Gedanken nur noch auf das liebliche Geſumme der Bienen und den leiſe verhallenden Abendgeſang der kleinen gefiederten Welt. Bald lag das Erlebte, ſo fremd der friedlichen Gegen⸗ wart, wie ein böſer Traum hinter ihr— und als Ave Maxia geläutet ward, fand ſie ſich vollkommen gerüſtet, die gute Veronika nach der Kirche zu begleiten, S— —— 163 In der erquickenden Abendluft, zwiſchen den ru⸗ hig klaren Geſtalten dieſer kindlichen Menſchen nahm ſie ſpäter das einfache Abendbrod ein, und theilte ih⸗ nen dann den ſeltſamen Eindruck mit, von dem ſie ſich belaſtet fühlte, in ihrer längeren Erfahrung Aus⸗ kunft ſuchend für dies räthſelhafte Gefühl. Vielleicht erwartete ſie, Beide würden ihr Ver⸗ trauen mit der Mißbilligung aufnehmen, die alte Leute geneigt ſind den ungewöhnlichen Gefühlen der Jugend entgegen zu ſetzen, und Elmerice, die ſich ſehnte, von dem Eindrucke, den ſie erfahren hatte, erlöſt zu werden, hoffte vielleicht auf eine Auskunft in der Erwiederung ihrer ehrwürdigen Wirthe; aber ſie irrte ſich.— Schweigend, nur mit einzelnen theil⸗ nehmenden Aeußerungen, hörten Veronika und der Vikar bis zu Ende— und dann bemächtigte ſich die Erſtere ihrer Hand, und ihre Augen ſtanden voll Thrä⸗ nen, indeſſen der Vikar in ſeiner natürlichen Weiſe ſie ſanft zu tröſten ſuchte. „Ich muß es herzlich beklagen, daß Ihr ſo bald von dem Schrecken erreicht wurdet“— fuhr er lieb⸗ reich fort—„den das alte Schloß faſt in der ganzen Gegend verbreitet— obwohl ich Euch tadeln muß, ſo ohne Veranlaſſung Euch dahin begeben zu haben, weil wohl manches Bedenken dabei ſein möchte, da 11* 164 Alles ohne Aufſicht ſteht und leicht zur Wohnung von Menſchen dienen kann, denen der Verruf des Ortes willkommen wäre. Viel Trauriges und wahrhaft Ent⸗ ſetzliches iſt in dieſen Mauern geſchehen, und die Zim⸗ mer, denen Ihr am Gitter gegenüber ſtandet, und die Ihr wahrſcheinlich, von den Bäumen gedeckt, nicht ſehen konntet, ſind bezeichnet durch den ſchrecklichen Tod des letzten Grafen von Crech, der hier ſein Leben verlor, obwohl darüber ein Geheimniß ruhet, das nie ganz aufgedeckt ward, da der Prozeß, nachdem er über das Lebensglück vieler Menſchen entſchieden, unter⸗ drückt und der verfolgte Thäter den Gerichten ent⸗ zogen ward. Seitdem der unglückliche Prozeß hier die Richter zur Anſchauung des Ortes, wo die That geſchah, nothgedrungen zuſammenführte, iſt das Schloß geflohen worden, als ob Jeder dort ſein Leben wage, und wenige Arbeiter ſind zu bewegen, die von dem neuen Verwalter nöthig befundenen Ausbeſſerungen oder Reinigungen vorzunehmen.“ „Alſo wirklich,“ rief Elmerice mit unbeſchreiblicher Bewegung und todtenbleich—„wirklich, hier ſtarb der letzte Graf von Crecy, und ſo ging der Todesruf des armen Marquis Spinola in Erfüllung?“ „Ich merke,“ lächelte der Greis—„Ihr ſeid ſchon gut bekannt mit unſern ſchlimmen Sagen, und 165 kann nun begreifen, wie Ihr ſo ſchnell trachtetet, Euch ſelbſt zu unterrichten— nur erſtaune ich, ſo viel Muth und Furchtloſigkeit in Euch zu entdecken.“ „Vielleicht nicht mehr, ehrwürdiger Herr, als ich ſelbſt“— ſprach Elmerice mit erröthenden Wangen —„aber ich möchte dies ein Zauberſchloß nennen, wenn ich des Eindrucks gedenke, den es auf mich ge⸗ macht hat.— Ich fühle das tiefſte Grauen davor, zugleich einen Schmerz, eine Wehmuth, wie um einen unglücklichen Menſchen! ich möchte es nie geſehen ha⸗ ben, und werde davon angezogen, wie von magneti⸗ ſcher Gewalt!“— „O, o, mein armes Kind!“— rief hier faſt erſchrocken Veronika—„laßt uns beten! Eure Seele iſt wohl nicht ganz bei Gott!— verzeiht,“ ſetzte ſie zärtlich hinzu, hinter Elmerice tretend und ſie müt⸗ terlich beſorgt anblickend—„Fwenn ſo eine irdiſche Qual uns ganz einnehmen will, dürfen wir immer fürchten, daß wir Gott nicht ernſtlich genug ſuchten, und müſſen uns durch treues Gebet und den Beiſtand betender Freunde beſtreben, ſo— Verſuchung ab⸗ zuwenden.“ „Ach, ja,“ rief Elmerice fanft mnnt und drückte Veronika's zitternde welke Hand an ihre Lippen— ves iſt viel eigner Wille in mir, und eine verlockende 166 Sehnſucht nach dem Glücke dieſer Erde; zu lebhaft fühle ich mich ergriffen von Schmerz und Kümmer⸗ niß, um immer recht fromm ſein zu können— die rechte Demuth fehlt mir.“ „Nun, nun,“— ſagte mild und begütigend Veronika—„warum ſolltet Ihr in ſo zarter Jugend auch ſchon dahin gekommen ſein; wonach wir bis in unſer höchſtes Alter ſtreben, aufrichtige Erkenntniß deſſen, was uns gebricht vor Gott, läßt nicht zu, daß wir abwärts wandeln in leidiger Selbſtzufrie⸗ denheit.“— „Das Maaß,“ ſagte der Vikar,„iſt in allen geiſtigen Dingen die wahre Demuth! Weder Ueber⸗ noch Unterſchätzung unſeres Werthes. Freude haben an dem Fortſchreiten des Guten in uns und es er⸗ kennen wollen an dem Zuſammenhange mit Gott, das arbeitet dem Böſen beſſer entgegen, als eine Zer⸗ knirſchung über unſere Fehler, die uns bange und verwirrt macht, und den Frieden der Seele ſtört, ohne den wir nie gottgefällig ſein können. Wahre Demuth, gutes Kind, erträgt eben die Erkenntniß der mangel⸗ haften Natur in ſich, ohne in Unruhe und verderbliche Ungeduld zu gerathen— ſie glaubt eben auf eine Se⸗ ligkeit fehlerfteier Exiſtenz gar nicht Anſpruch machen zu können, und trägt die kranke Seele und hofft voll 162 Vertrauen auf den Arzt, der ſie langſam ausheilen hilft. Unſere Schwachheiten zu vergrößern, daß wir uns davor entſetzen, iſt auch eine gefährliche Richtung der Seele, weil ſie uns das Gefühl von Unwürdigkeit giebt, was uns von Gott entfernt, indem wir in ſol⸗ cher Stimmung nicht zu ihm aufzuſehen wagen, und das iſt dann der gewiſſeſte Rückſchritt.“ „Ach,“ rief Elmerice,„welche große Wahrheit geht ſo gelinde aus Eurem Munde! O, verſchmäht es nicht, mir Eure Weisheit mitzutheilen, da Gott mich zu Euch geführt hat.— Ich will es nicht läugnen, mein Herz ſchlägt muthlos und bang, und ich bin zweifelhaft, ob mich meine eigenen Fehler quälen oder die Ahnung eines nahen größeren Unglücks.“ „Ich ſah Euch bald dieſe Stimmung an,“ er⸗ wiederte freundlich ernſt der Vikar,„und wußte nicht, ob überſtandene Leiden oder irgend ein fortnagendes Gefühl Euch dieſen Stempel muthloſer Traurigkeit aufgedrückt hatten— Es wirkt wohl, denke ich, Bei⸗ des in Euch!“ fuhr er fort, da Elmerice ihren Kopf ſenkte und einzelne Thränen in ihren Schooß fielen, „und aus dieſen geſteigerten Empfindungen entſteht eine willige und harte Selbſtanklage, wie Ihr ſie eben gegen Veronika ausſprachet. Nicht. Vorwürfe will ich Euch machen, denn meine lange Erfahrung hat 168 mich gelehrt, daß die, welche geiſtige Hülfe geben ſollen, ſich ſehr bedenken müſſen, ein Gemüth zu zer⸗ knirſchen. Der Tadel, den wir zu dem vorhandenen aufgeregten Zuſtande hinzufügen, kann das Entgegen⸗ geſetzte bewirken. Iſt das Gemüth ſanft und zart, wird es in ihm die Furcht erregen, daß es ſich nie wieder mit Gott verſöhnen könne— und nicht oft genug kann ich wiederholen, dies für die gefährlichſte Furcht zu halten, da ſie in Wahrheit gottlos wird. — Iſt aber das Gemüth ſtolz und hart, wird es wieder unſere Pflicht ſein, ihm ſeine Fehler leicht zu machen, das heißt, ſie ihm zu erklären, ihr Ent⸗ ſtehen betrachtend mit ihm durchgehen, daſſelbe nicht mit dem ſcharfen Worte, wovor die ungewohnte Seele erſchrecken würde, auf Gott zu verweiſen, aber es zu leiten, daß es ihn ſelbſt endlich entdecke, daß er aus ihm hervorträte, ſelbſt geboren durch den freie⸗ ren Zuſtand der Seele. Blinder Eifer verfehlt immer das Ziel— und wehe, wehe, wenn wir erſt dem eitlen Verſtande gelehrt haben, durch Streit und Widerſtreit den ſchwachen Punkt des kranken Innern zu vertheidigen!— Lange bleibt ein ſo durch unſere Schuld gereiztes Weſen wohlgefällig verſchanst hin⸗ ter dieſem dürftigen Bollwerke ſeiner Eitelkeit und glaubt, der Feind, von dem es ſich immer tiefer 169 verwundet fühlt, komme von ganz anderer Seite her. Bitter und krankhaft, kleinlich und ſchwach hängen ſich ſolche Geiſter oft an die äußere Geſtal⸗ tung des Lebens, und ſie verlieren zuletzt ganz die Kraft der Seele, die nöthig wäre, ihr ſchwächliches Treiben zu durchſchauen und das Unzureichende ihrer Schlüſſe zu erkennen.— In dieſer Ueberzeugung be⸗ ruht auch meine Anſicht über die unglückliche Miſtreß Gray, die durch ihre ganze Lebensweiſe ſo viel Furcht und Schrecken erregt.— Daß ſie Herbes erlitten, ohne den Zuſammenhang mit Gott finden zu können, da ihre Seele ſchwach und hochmüthig zugleich war, iſt mir, der ich zu lange hier bin, um nicht Manches von ihrem Schickſale zu wiſſen, ſehr klar geworden — daß ſie eigentlich böſe ſei, wie mindeſtens ihr zuerkannt wird, widerlegt ihr Vertrauen zu Kindern, die Liebe derſelben zu ihr, und daß ich die, die ſie auswählte und um ſich behielt, zu den beſten Kin⸗ dern, Mädchen und Frauen meines Kirchſpiels rech⸗ nen muß, obwohl es mir ſchwer werden würde, dies anders zu erklären, als daß ſie früher ernſt wurden, ihr Nachdenken geſchärft und erweckt ward, und ſich bei ihnen eine Abneigung gegen alle Rohheiten vor⸗ waltend zeigte. Dir, meine Tochter, rathe ich übri⸗ gens, das Schloß zu vermeiden, und hier in unſerer 170 ſtillen Klauſe— in der Geſellſchaft meiner frommen Schweſter Veronika Deinen Geiſt und Dein Herz zu beruhigen.“ Voll Dank und Ehrfurcht trennte ſich Elmerice von den würdigen Geſchwiſtern, die ſie freundlich ſeg⸗ nend zur Nachtruhe entließen. Elmerice hielt Wort und bekämpfte ihr unruhiges Treiben, ſich der Stille hingebend, die ſie aus dieſer einfach ruhigen Häuslichkeit anwehte. Geräuſchlos und ohne alle anſcheinende Betriebſamkeit ging hier Alles einen ſo wohl überlegten regelmäßigen Gang, daß die Wirthſchaft vergeſſen war durch ihr ſtille Ordnung, und ein viel höherer Endzweck des Bei⸗ ſammenſeins unbefangen von ſelbſt hervortrat.— Der Vikar war viel außer dem Hauſe beſchäftigt, da er thätig und ſorgſam, wie ein Vater, für alle ſeine An⸗ vefohlenen ſorgte; aber man ſah ihm an, er kehrte gern dahin zurück, und hatte ſtets für die fromme Veronika alle Aufmerkſamkeit einer auf hohe Achtung begründeten Liebe. Sie ſah dagegen zu ihm auf, wie ein Kind zu ſeinem Vater— ihre Liebe und Verehrung zu ihm war der Inbegriff ihrer ganzen Empfindung, und ob⸗ wohl ſie feſt und ruhig ihren Standpunkt überſah, hatte doch ihre ganze Betriebſamkeit ihn, ſein Wohl, 171 ſeine Anſichten, ſeinen Willen zum Endzweck.— Die⸗ ſer wohlthuenden Häuslichkeit wußte Elmerice leicht ihre Beſchäftigungen anzupaſſen, die außer ihren Hand⸗ arbeiten in der Führung eines regelmäßigen Tage⸗ buches für ihre engliſchen Freunde beſtand. Zwar wa⸗ ren dieſe Blätter an Maria Duncan gerichtet, aber Veranlaſſung dazu war der alte, ſie zärtlich liebende Lord Duncan⸗Leitmorin, dem ſie hatte angeloben müſ⸗ ſen, hierin die Wahrheit nieder zu legen, damit er ſtets zu ihrem Schutz und ihrer Hülfe herbei eilen könnte, im Fall ſich dies nöthig zeigen ſollte. Von Madame St. Albans bekam ſie nur Nach⸗ richten durch Aſta oder den alten Arzt, die aber kurz und einſylbig Miſtreß Gray als ſterbend, Madame St. Albans als kränkelnd darſtellten. Elmerice hatte ihre ganze Ueberzeugung nöthig, weder einſchreiten zu können, noch zu dürfen, um die Unruhe zu beherrſchen, die ſie bei dem Gedanken bewegte, die arme kränkelnde Frau ohne Unterſtützung als Pflegerin einer Todtkran⸗ ken zu wiſſen. Oft machte ſie mit Veronika Pläne, wie ſie ihr nützlich werden könnte, ohne die wunder⸗ liche Alte zu beunruhigen; aber trugen ſie ſolch' einen Plan dem alten Arzte vor, wies er jeden ohne Wei⸗ teres zurück, immer mit denſelben Worten:„Das geht nicht!“ 172 Nach acht Tagen liefen Briefe von Herrn St. Albans ein, und Elmerice empfing eine Einlage von der Gräfin d'Aubaine. Mit mütterlicher Liebe be⸗ dauerte ſie die lange Trennung und deren Veranlaſ⸗ ſung, und fügte dann hinzu:„Der Aufenthalt mei⸗ ner lieben Gäſte wird indeſſen durch ein unerwartetes Ereigniß verlängert. Meine liebe Lücile ging mit ih⸗ rem Gemahl erſt nach einem andern Theile der neuen Beſitzungen, und der junge Graf Leonce, der ſie zu mir begleiten wollte, ſchug es aus, ihnen dorthin zu folgen, Ardoiſe und die Nähe einer Garniſon in Ro⸗ cheville, wobei er Freunde zählt, vorziehend.— Als meine Nichte hier ankömmt, hört ſie voll Erſtaunen, daß ich Leonce noch nicht geſehen habe. Wir ſchicken nach Rocheville, und dort weiß ebenfalls Niemand et⸗ wus von ihm.— Höchſt beſorgt erwarten wir dAn⸗ ville, welcher Lücile vorangeſchickt hatte. Dieſer iſt ſogleich entſchloſſen, Nachforſchungen in weiterer Aus⸗ dehnung anzuſtellen, als ihn am Abend deſſelben 5 ges noch der Diener des Grafen Leonce zu ſprechen verlangt. Gleich darauf bittet mich d'Anville um meinen bequemſten Wagen und entdeckt mir, daß Leonce ſchon ſeit einigen Wogen an einem höchſt ge⸗ fährlichen Armbruche in dem Waldhauſe von Ardoiſe darnieder liege.“. 173 Veronika hörte in dem Zimmer ihrer jungen Freundin einen lauten Schrei— ſo ſchnell ſie ver⸗ mochte, eilte ſie es zu erreichen, und ſah hier zu ih⸗ rer ſchmerzlichen Ueberraſchung Elmerice, von ihrem Fenſterſitze herabgeſunken, ohnmächtig am Boden lie⸗ gen. Der offene Brief in ihrer Hand ließ auf eine empfangene Gemüthsbewegung ſchließen, und die ehr⸗ würdige Veronika bemühte ſich daher, ihren jungen Gaſt zu beleben, ohne ihren Zuſtand der weiteren Auf⸗ merkſamkeit preis zu geben. Auch beſtätigte das erſte Bewußtſein, was bei der Erſchütterten eintrat, dieſe Vorausſetzung, denn unter bangem Ringen der Hände brach ſie in einen endloſen Thränenſtrom aus.— „Faſſe Dich, mein armes Kind!“ ſprach Veronika ſanft, als ſie dem troſtloſen Blicke der Leidenden be⸗ gegnete—„ich brauche Deinen Kummer nicht zu kennen; für allen, der vorhanden, paßt das Eine: daß wir Gott vertrauen müſſen und unſere Seele ſtill erhalten ſollen vor allem zu heftigen Antheil an irdi⸗ ſcher Noth.“ „Ich will mich faſſen,“ ſagte Elmerice,„ich fühle, was Ihr ſagen wollt.— Ach, theure, ehrwür⸗ dige Frau, wie wenig war ich auf ſo tiefes Weh vor⸗ bereitet, als mir jetzt geworden iſt! o, vergebt dem ſchwachen Mädchen!“ 124 „Mein ſüßes Kind!“ rief Veronika zärtlich— „wie kannſt Du mich ſo beſchämen, was hätte ich Dir zu vergeben— Du Arme! die Du ſo ſchwere Leiden dulden mußt, wie ich vielleicht ſie niemals kannte— und biſt doch ſanft und nachgiebig gegen meinen unvollkommenen Zuſpruch!— Jetzt gehe ich aber lieber: Dir iſt wohl beſſer mit Dir allein; nur falle mir nicht wieder— ſondern ruhe Dich lieber auf Deinem Lager aus. Wie oftmals noch die Augen getrocknet wurden, ehe Elmerice die Schriftzüge ihrer ehrwürdigen Freun⸗ din wieder zu erkennen vermochte, wollen wir nicht belauſchen— endlich las ſie weiter:„Noch an dem⸗ ſelben Abend brachte d'Anville den theuren Kranken hieher, und er giebt uns bei der ſorgfältigſten Pflege jetzt die Hoffnung der Geneſung. Du würdeſt dieſem ausgezeichneten jungen Manne Dein Intereſſe nicht verſagen,“ fuhr der Brief fort—„und obwohl ich mit Bedauern ſehe, wie ſeine ſonſt glänzende Heiterkeit ganz von ihm gewichen iſt, bleibt ihm doch eine Tiefe des Geiſtes und eine Fülle des Gemüths, wie ich ſie ſelten vereinigt ſah. Seinen Unfall kleidet er ſtets ſcherzhaft ein— er behauptet, er habe mich, wie ein jrrender Ritter, mit der Flinte im Arm überfallen wollen, ſei in die Felſen des Ardoiſer Waldes ge⸗ — ℳ 125 rathen, und von den Geiſtern gelockt, ſei er in einen Abgrund geſtürzt, wobei er ſich den Arm gebrochen habe. D'Anville ſchüttelt jedes Mal den Kopf bei dieſer Erzählung, und wir Frauen haben daher auf⸗ gegeben, den Scherz zu verfolgen, den anfänglich Lü⸗ cile mit ihrer unerſchöpflichen guten Laune in allen Nüancen ausſpann. Vielleicht erleben wir einen gün⸗ ſtigen Einfluß durch ein ſchönes, junges Mädchen, meine Nichte, die Tochter meines Bruders, welche Lücile bei ihrem Beſuche den Aeltern abgeſchwätzt hat, um mir eine Freude zu machen und auf ihrer weite⸗ ren Reiſe ſie mit ſich zu führen, vielleicht Leonce eine Ausſicht des Lebens zu eröffnen, die allerdings wohl die mildeſte Kurart für ihn werden möchte.“ Da verſiegten die Thränen, welche Elmerice ſo zahllos vergoſſen; ſie war plötzlich ſtill— ſie dachte — ruhig. Sehr überraſcht waren die Bewohner des Pfarr⸗ hauſes zu Ste. Roche, als der alte Arzt am Abend noch ein Mal an der Thüre ſtill hielt und Aſta zeigte, die weinend hinter ihm auf dem alten Maulthiere ſaß.—„Es ſteht nicht gut,“ ſagte er trübe, ohne ab⸗ zuſteigen—„Aſta hat mich gerufen— Beide ſollen ſich verſchlimmert haben.“— „Mein Gott!“ rief Elmerice acen„und —— ohne Pflege! Ich bitte Euch,“ fuhr ſie fort, ſich drin⸗ gend gegen den Arzt wendend,„nehmt mich mit, laßt mich zu der armen Madame St. Albans— ſie kann nicht ohne Unterſtützung bleiben!“ Der alte Mann lehnte dies Mal nicht ſo entſchie⸗ den, wie früher, dieſe Bitten ab— er heftete nach⸗ denkend ſeine Augen auf Elmerice und ſchien beſorgt alle Umſtände zu prüfen.„ Es iſt ein böſes Ding damit,“ hob er dann an—„ich ſehe wohl ein, daß Ihr Recht habt, daß Hülfe nöthig iſt, aber wie Ihr es anſtellen wollt, ſie zu leiſten, das ſehe ich nicht ein — doch ich will hin“— unterbrach er ſich—„und iſt die Noth groß, ſo komme ich und hole Euch!“ Damit trabte er ſogleich auf ſeinem ruhigen Paß⸗ gänger den Baumgang entlang. Veronika ſchmiegte ſich mit dem wehmüthigſten Geſichte an ihren jungen Gaſt, und theilte ihr zögernd und faſt beſchämt ihre Furcht mit für das, was ihr vielleicht bevorſtehe:„Gott wird Dir zwar gewiß die Kraft geben, die Du nöthig haſt; aber, mein Kind, es ſind viele Geheimniſſe in der Natur— Gott muß Deinen Geiſt vor Schrecken bewahren, und Dein frommes Gebet Dir beiſtehen— dazu gebe er Dir ſeinen Segen!“ fuhr ſie fort, die Hände andächtig faltend und in frommer Andacht verſtummend. 177 Ein Gewitter zog herauf. Schwer und mit der ſchwülen Stille, die ſich in die Pulſe der Menſchen einſchleicht, ſchien die ganze Natur unter dem gewal⸗ tigen Drucke der Atmoſphäre zu ſeufzen. Angſtvoll die Luft durchſchneidend, ſuchten nur noch einzelne Vögel in der niedrigſten Luftſchicht bei den Ahnungen einer nahenden Gefahr in irgend einer Baumhöhlung oder in den Spalten eines Mauerwerks ſich zu bergen. Das friſche Grün des Laubes, der mannigfache Farben⸗ glanz der ganzen Vegetation, die Geſichter der Menſchen ſelbſt, erbleichten in dem fahlen Lichte des ſchwefel⸗ farbig bedeckten Himmels. Man hoffte auf den Augenblick, der in ſeiner heftigen Entwickelung einen leichteren Stand der Dinge herſtellen ſollte, und zitterte doch für eine nie verbürgte gewaltige Naturerſcheinung. Beide Frauen fühlten doppelt das Drückende die⸗ ſes Zuſtandes, da in ihrem Innern ſich eine Erwar⸗ tung von Dingen hinzugeſellte, deren Ausgang bei ihren düſteren Anzeichen nicht minder unverbürgt war. „Wäre nur der Vikar zurück,“ ſagte leiſe Ve⸗ ronika,„er würde uns ſicher das Rechte rathen, und ſein Zuſpuch würde Euch ſtärken und aufrichten!“ „Fürchtet nicht für mich,“ erwiederte Elmerice —„bekomme ich die Aufforderung dahin, ſo gehe ich Ste. Roche. I. 12 128 getroſt— ſo ſchwach Ihr mich geſehen— es kömmt mir der Muth, wo es gilt— ich erprobte es ſchon einige Mal.“ „Ach!“ rief Veronika zuſammenſchreckend, denn eben erhob ſich in einzelnen Stößen der Sturm, und wehte zugleich die feuerfarbenen Bänder von dem ſchwarzen Mützchen, das Aſta zu tragen pflegte, in die noch geöffnete Hausthür. Sogleich ſtand Elmerice auf— das Kind flog ihr mit einem neuen Sturmſtoß in die Arme.„Soll ich kommen?“ rief Elmerice und bezwang das leiſe Beben, das ſie mit dem Gefühle einer großen wichti⸗ gen Begebenheit erfaßte, welche ihr nahe trat. „Ja, Madame,“ ſtammelte Aſta—„Ihr ſollt! Aber wie werdet Ihr durch das Unwetter kommen? Ach, es iſt fürchterlich da draußen!“ „Gott wird es uns zeigen, Aſta,“ ſagte Elmerice ruhig;„ich hole meinen Mantel und auch für Dich ein Regentuch— dann laß uns ungeſäumt gehen.“— Sie kam gerüſtet zurück, und ſah jetzt mit Rüh⸗ rung und Dank die tiefe Bewegung, worin Veronika durch den Gedanken verſetzt war, ihren jungen Gaſt zu entlaſſen. Elmerice kniete zärtlich vor der ehrwür⸗ digen blaſſen Geſtalt nieder, die ſich nicht zu erheben vermocht hatte, und bat ſie um ihren Segen. 3 1739 „Ja,“ rief Veronika,„den Segen des Himmels will ich auf Dich herab flehen, und mein Gebet ſoll Stunde für Stunde Dich begleiten. Dich weiter zu ſchützen, Dir zu helfen, vermag ich nicht, aber Gott wird Dich nicht verlaſſen!“ „So wird es ſein!“ ſprach Elmerice—„und in dieſem Glauben gehe ich getroſt von hier.“ Ein frommer Muth gehörte dazu, um dem ban⸗ gen Berufe unter dieſen Umſtänden entgegen zu gehen. Der Sturm hatte ſich mit Alles überwältigender Hef⸗ tigkeit entwickelt, ſein wildes Geheul durchſchnitt die hohen Baumgänge und beugte die Gipfel der uralten Bäume, und ſchleuderte von ihnen nieder, was nicht mehr in voller Kraft Widerſtand zu leiſten vermochte. Die ſchweren ſchwarzen Wolken ſenkten ſich, frühe Nacht verbreitend, und nur der fahle Glanz der un⸗ abläſſig zuckenden Blitze erhellte den Weg, auf dem ein ſchwaches Kind und die zarte Jungfrau muthig fortſchritten. Zuweilen blieben ſie an einander geſchmiegt ſtehen, und kämpften ſo einen Augenblick mit beſſerem Glücke gegen das Ungeſtüm des Wetters, dann ſtreb⸗ ten ſie wieder vorwärts, wenn auch in jedem Nerv erſchüttert von den Donnerſchlägen, die den Boden unter ihren Füßen beben ließen und in dem ſchreien⸗ den Tumulte der ganzen Natur ſich die Obergewalt 8 ½ 1212* — anmaßten. Durch kein Wort, keinen Seufzer konnten ſie ſich einander mittheilen, und doch fühlten Beide den Troſt eines verwandten Lebens, in dieſem nur wild für ſich ſtreitenden Naturaufruhre.— Elmerice hatte Aſta mit in ihren Mantel gezogen und trug das weinende Kind faſt in ihren Armen; nur als ſie ſich dem abwärts führenden Wege nahten, ließ ſie ſie aus ihrem Verſtecke hervor, und hier, in dem ſchmalen Wege zwiſchen dem hohen dichten Ge⸗ büſche, wo der Sturm nicht ſo einzudringen vermochte, ſammelten Beide wieder etwas Kraft. Jetzt ſtanden ſie vor der kleinen, halb verfallenen Treppe, die von außen gegen einen runden Thurm anlief, der dieſen Flügel zu ſchließen ſchien. Das Ge⸗ ſträuch hatte ſie faſt unzugänglich gemacht, und mit der größten Ueppigkeit wölbten ſich Zweige und Ranken um das breite Vordach, und zeigten nur wenig von der ſchwerfälligen Stuckatur, womit es verziert war. Wenig zu Beobachtungen geneigt, folgte Miß Eton ihrer voranfliegenden Führerin in den kleinen Raum, in den der unterthtil des Thurmes eingetheilt war, und der nur wenige Stufen zeigte, die gegen eine große, breite eichene Thür anliefen. Aſta blieb hier horchend ſtehen, und als ſich kein menſchlicher Laut vernehmen ließ, wagte ſie leiſe zu klopfen. Es blieb . 5 — —— 181 lange unbemerkt, und erſt nach dem erneuerten Klopfen der furchtſamen Aſta that ſich auf einen Moment die Thür auf.— Es war der alte Arzt, aber nachdem er ſich von ihrer Gegenwart überzeugt hatte, machte er blos ein Zeichen, daß ſie warten müßten, und ſchloß dann eilig wieder die Thür. 182 * An dem Abend deſſelben Tages wurde der Theil des Schloſſes Ste. Roche, der ſeit längerer Zeit durch die Sorgfalt des Verwalters allmälig wieder hergeſtellt worden war, durch mehrere ſich darin verſammelnde Herren und Damen belebt, die, ihre ſchwerfälligen Reiſewagen verlaſſend, nun in der munterſten Laune und unter den anmuthigſten Neckereien die ſo lang ver⸗ laſſenen Räume durchzogen, und von einem Troſſe geſchäftiger Diener und Dienerinnen gefolgt, eine Ein⸗ theilung der Zimmer verſuchten, ſtets gehindert durch abſichtliche oder zufällige Mißverſtändniſſe, welche nur die gute Laune der Betheiligten zu vermehren ſchien. Am meiſten zeichnete ſich eine ſchöne junge Frau durch ihre erfinderiſche Laune, Alles durcheinander zu wirren, und durch vorgegebene Schreckniſſe und An⸗ deutungen von Geſpenſterfurcht Alles in Bewegung zu erhalten, vor den Uebrigen aus. Wir ſinden in ihr die junge Marquiſe d'Anville, welche, gar anmuthig in ſeidene Reiſekaputzen gehüllt, die Aufmerkſamkeit ihres jungen Gemahls zu feſſeln weiß, der ſie bald aus — 183 einem Winkelchen, wohin ſie ſich aus Furcht vorgiebt, verborgen zu haben, hervorholen, bald ihr im Fluge nacheilen muß, weil ſie ſich verfolgt hält von den Go⸗ belingeſtalten der Wände, oder den geharniſchten Thür⸗ ſtehern, welche, in Niſchen geſtellt, mit Lanze oder Schwerdt die Eingänge zu bewachen ſcheinen, und, eine große Zierde früherer Zeit, eben ſo an ihrem Platze blieben, wie die übrigen Möbel des vergangenen Fahrhunderts. „O, Margot,“ ruft ſie ihrer jungen Couſine, der Gräfin dAubaine, zu—„glaubſt Du, daß Tante Franziska Dir Erlaubniß gegeben hätte, uns hieher zu begleiten, wenn ſie einen Blick in dieſen feierlichen Paradeſarg gethan hätte?“ „Ja,“ rief die ſechzehnjährige Margot,„bereite Dich vor, Lücile, hier alle gewohnten Sitten und Ge⸗ bräuche hinter Dir zu laſſen; denn ſieh' Dich um, auf welche Weiſe für unſere Geſelligkeit geſorgt iſt— an den Wänden herum laufen ſchwerfällige Bänke, oder eigentlich polirte Holzkiſten— o Gott, ſei mir gnädig! die Sitze ſind Deckel, die ſich emporheben laſſen.“ „Weiß Gott,“ rief die Marquiſe,„unſere Vor⸗ fahren waren bequeme Leute, ſie ſaßen auf ihren Wäſch⸗ und Kleiderkoffern, und hatten ſo Geld und Kleinodien, Silber⸗ und Tafelgeräth im ſicherſten Verwahrſam.“ 184 „Und dieſe Lehnen!“— lachte Margot—„wer gewagt hätte, ſich an dieſen geſchnittenen Ungeheuern zu ſtützen, hätte ſogleich mit blauen Flecken büßen müſſen.“ „Hier, Leonce,“ rief die junge Marquiſe,„ſoll Ihr Geſellſchaftszimmer ſein; dies iſt für Ihre ange⸗ nehme Laune wie geſchaffen.— Jeder von uns nimmt natürlich dem Andern gegenüber, wie Sie es lieben, fein und ſittlich Platz, Sie auf jener Wand, ich hier, Margot links, Armand rechts— da liegen zwiſchen 5 Jedem einige vierzig Fuß, und wir werden uns, ohne Nachtheil für unſere Gehörsnerven, überzeugt halten — Leonce habe uns auf's Anmuthigſte unterhalten.“ „Scherzen Sie nur, liebe Lücile,“ entgegnete Leonce,„Sie werden hier an Ihrem Zöglinge Wunder erleben— mir ſagt dieſe uralte Ausſtattung gerade vollkommen zu, und ich fühle mich, ſeit wir hier ſind, in vollſtändig guter Laune! Ich habe Ihnen immer geſagt, daß ich um ein Jahrhundert zu ſpät gekommen bin, jetzt wäre ich alſo an der rechten Stelle.“ „Aber wir, mein Herr,“ rief Margot—„wir ge⸗ hören vollſtändig zu der brodirten, gepufften, bequaſteten Perückenzeit von weiland Louis le Grand, und im⸗ mer alſo bleiben wir um ein Jahrhundert auseinander, und während Ihr Eure Jugend feiert, wandeln wir 185 vor Euren klugen Augen, wie die Ahnungen der Zu⸗ kunft, und Ihr werdet fliehen vor unſern Erſcheinun⸗ gen, um nicht zu früh alt zu werden.“ „Du haſt Recht,“ ſagte Lücile,„es iſt eine neue Kriegsliſt von Leonce, ſich uns zu entziehen, aber ſie ſoll ihm zu nichts helfen. Morgen am Tage laſſe ich meine Koffer öffnen, und vor dieſem alten Bilde ſoll Suſanne meine Roben und Ballkleider verſchneiden, um uns in Coſtüme zu ſetzen, dieſer Mauern würdig, und unſerm langweiligen Vetter Leonce zum Trotze.“ „Sie werden in jeder Geſtalt reizend ſein, meine Damen,“ ſagte Leonce lächelnd;„aber geſtehen Sie, dies Gemälde iſt kein übles Vorbild zu Ihren Toilet⸗ ten Vorſätzen, denn es iſt in Wahrheit eine Schönheit, zu der Lücile die blonden Locken, Margot die dunkeln Augen geſchenkt zu haben ſcheint.“— „Sie haben Recht, Leonce, das Bild iſt ſchön! Ich bin eine große Kennerin, müſſen Sie geſtehen, auf den erſten Blick traf ich das ſchönſte von allen, denn die übrigen gehörten wohl nicht zu den Favoritinnen des Malers.“— Der Marquis d'Anville war aus dem Nebenzim⸗ mer zu ihnen getreten; er hielt ſie hier zurück, um, wie ſie hofften, im Nebenzimmer einige iſpehb Anordnungen zu machen. 186 „Dies iſt das ſogenannte Hofdamen-Zimmer,“ erklärte er nun,„und dies die Portraits der damals berühmteſten Damen.— Katharina von Medicis ver⸗ ſammelte ſtets die ſchönſten Fräuleins um ſich, und dieſe ſteifen Bänke, die an den Wänden herumlaufend, Eure Laune zu reizen, mögen oft mit gar ſchöner Staffage belebt geweſen ſein.“ „Wir wollen uns ergeben, Margot! d'Anville tritt auf Leonce's Seite“— ſagte Lücile,„der Geiſt ihrer Ahnherren erfaßt mit reſpektuöſen Wallungen ihre Bruſt, ſie wünſchen die hier verbliebenen Schatten derſelben in guter Laune zu erhalten; wir wollen daher auch unſererſeits dem frivolen Hofſtaate dieſer Mediceer⸗ Königin unſere Honneurs machen.“ „Und wenn wir die Laune der Geiſter gütig und friedlich zu ſtimmen trachteten,“ lachte dAnville— „wem zu Liebe denn, als unſern holden Gefährtin⸗ nen, die zwar zu necken und zu reizen verſtehen, aber vor einem wirklichen Kampfe mit den Geiſtern bald die Flucht ergreifen würden.— Doch, wenn ich nicht irre, glänzt dort ein Name unter dem ſchönen Bilde.“ Alle traten näher— ein alter Wandleuchter, mit dicken gelben Wachskerzen, warf ein helles, ſchönes Licht auf die Tafel, und der Eindrck, den das Bild ihnen jetzt machte, ließ unwillkürlich den Scherz ver⸗ . 187 ſtummen.— Jugend und Schönheit war es nicht allein, was dieſe Züge anziehend machte, ſondern daß die Augen Jeden leidenvoll flehend anblickten, daß die Hände gefaltet wie gefeſſelt in dem Schooß lagen, und auf der ſilbernen Robe kein Abzeichen war, als ein Band von Rubinen, das den Hals feſt umſchloß und dann in einzeln gefaßten Steinen lang über die Bruſt hernieder, in den Schooß hing. „Ach,“ rief Lücile ernſthaft, indem ſie ein Schauer überlief,„dies ſchöne Weſen war ſicher nicht glücklich, ſieht ihr Geſchmeide doch aus wie einzeln fallende Blutstropfen!“ „Du haſt Recht,“ ſagte d'Anville, von dem Ge⸗ mälde zurücktretend, wo er die Unterſchrift geleſen,„es iſt Eudoia, das ſchöne Fräulein von Nemours, welche, wie man ſagt, durch Katharina von Medicis hier ein blutiges Ende fand, indem ſie zu ſehr von ihrem Ge⸗ mahle beachtet ward.“ Die Damen wandten ſich ſtill von dem ſchönen traurigen Bilde ab, und vielleicht gingen gerade jetzt die Worte des Marquis in Erfüllung— die Necke⸗ reien ihres jugendlichen Muthwillens wurden von dem erſten wirklichen Gegenſtande des Grauens in die Flucht geſchlagen. Indem öffneten die Diener die ſchweren eichenen 188 Thüren zum Nebenzimmer, und als Alle ſich dahin wandten, drang ihnen ein ſolches Lichtmeer, ein ſo glänzend heiterer Anblick entgegen, daß Alle die liebens⸗ würdige wohlerreichte Abſicht des Marquis fühlten, daß Dankbarkeit und der Wunſch, ſie ihm darzulegen, ſich dem angenehmen Eindrucke, der ſie empfing, hin⸗ zugeſellte, und die heiterſte Laune verbreitete, die von der halbgerührten Zärtlichkeit der jungen Marquiſe unvermerkt eine andere Färbung erhielt, denn ſie war jetzt zu gliich, um ein neckiſches Kind bleiben zu können, unt Jo trat die Zeinheit ihres Geiſtes wie eine höhere Bllte aus dem grünen Blätterkranze ihrer früheren Dies Gemach hieß das Audienzzimmer, und die Wände waren in Streifen von rothem Damaſt, mit Stahlſpiegeln unterbrochen, eingetheilt, welche, ſo viel als möglich polirt, von den reichlich angebrachten Arm⸗ leuchtern erhellt, ein ungemein heiteres Anſehn hatten. Die Decke hing freilich mit ſchwerer geſchwärzter Ver⸗ goldung und einem rieſigen Deckengemälde, die Hoch⸗ zeit zu Canaan darſtellend, wie eine dunkle Wolke darüber; aber man brauchte eine Anſtrengung, den Blick dahin zu erheben, und ſo weilte man lieber auf der heiter geſchmückten Tafel, die, mit großen ſeide⸗ nen Fauteuils umſtellt und mit dem glänzenden Reiſe⸗ —— ———— 189 geſchirr des Marquis verſehen, ein gar heiteres Bild des Lebens darbot. Daran grenzten die Schlafzimmer der Damen, und nahe und bequem, zum Schutze leicht erreichbar, die Zimmer der Cavaliers und der Dienerſchaft. Alles war von der Umſicht des Marquis in kur⸗ zer Zeit in eine Ordnung gebracht, die dem Orte ſei⸗ nen düſtern Charakter zu rauben ſchien, und nach der heiteren Abendmahlzeit den jugendlichen. durch keine böſen Träume mehr verſcheuchte. Doch mit dem N Mo 5 mit heiteren Scene des Frühſtücks kehrte auch die Laune der Frauen in ihrer neckenden Fröhlichteit zurück, und Leonce hatte alle Mühe, ſich Gehör zu verſchaffen, weil gerade er die Zielſcheibe ihres Muthwillens blieb. „Sie werden ſelbſt von Ihrem Muthwillen mehr Vergnügen haben,“ fuhr er fort,„wenn ſie eine Art von Ordnung hineinbringen; denn es iſt außer Zwei⸗ „daß ſelbſt eine ſo reizende Erſcheinung, wie Ihre doch, wie alles Schöne, dem Geheimniſſe des Maaßes unterworfen iſt. Es iſt vergeblich, in dieſer elektriſchen Wechſelwirkung von Witz und Scherz eigent⸗ lich leben zu wollen— das ſind geiſtige Schwelgereien, meine Damen— ſie rächen ſich ſtets durch Ermü⸗ dung und eine gewiſſe Apathie gegen die einfacheren 190 Beziehungen, die Anforderungen an uns machen.“ Beide Frauen hatten während dem ihre Stühle vor Leonce gerückt und Stellungen angenommen, welche ohne Worte die ironiſche Verſicherung enthielten, ſie wären andächtige Zuhörerinnen, der Belehrung begie⸗ rig, beſchämt ſo großer Weisheit gegenüber. „Ich verſtehe Sie ſehr wohl,“ fuhr Leonce fort, „Ihre Pantomime iſt eben ſo ironiſch, als gelegentlich ihre Worte; aber ich will mich nun einmal durch nichts von meinem guten Vorſatze, Sie zu einer mäßi⸗ gern Liebenswürdigkeit zu treiben, abbringen laſſen, daher möge Ihr Spott mich noch ſo lange verfolgen, bis er in meiner Weisheit untergeht.“ „Verſuchen Sie das, Leonce!“ rief Lücile— „wir lieben ſelbſt die unleidlichſte Veränderung an uns, wenn ſie nur eben Wechſel verſpricht; und ſelbſt Weisheit ſollte Herberge in uns finden, wenn wir nicht fürchten müßten, wir würden ſie nicht wieder los, und würden zuletzt das Opfer dieſes unpaſſenden Gaſtes.“ „Fürchten Sie nichts, liebe Lücile,“ erwiederte Leonce—„dieſer Gaſt wird Sie mit ſeiner Geſell⸗ ſchaft nicht über Ihr eigenes Verlangen hinaus be⸗ läſtigen; ja, ich zweifle, daß er ſich Ihrer Einladung bei dem erſten Verſuche ſtellt.“* —,———— 191 „O, Sieur Léonce,“ rief Margot,„wenn Sie uns die Einladungskarten ſchreiben, habe ich bei Ih⸗ 5 rer Intimität alle Hoffnung zu ſeiner Erſcheinung.“ „Trauen Sie namentlich mir hierin nicht zu viel, ſchöne Couſine! Er macht an mich immer zuerſt“ den unerhörten Anſpruch, Ihre ſchönen Augen zu ver⸗ geſſen, und ſo ſind wir meiſt auf geſpanntem Fuße.“ „Ha, Lücile, ſo leere Galanterien ſchreien zum Himmel!“ rief Margot, mit dem kleinen Fuße ſo hef⸗ tig auf den Boden ſtampfend, daß ihr Geſicht in Feuer aufglühte.„Sein Sie wenigſtens mit allen Ihren Fehlern nicht auch falſch, und erwarten Sie 3 wenigſtens von mir nicht, daß ich dieſem gehäſſigſten Laſter ein freundliches Lächeln ſchenken ſoll— ich fürchte, ich haſſe Sie!“ „D'Anville und Lücile begegneten ſich bei dieſer kleinen Scene mit einem flüchtigen Blicke des Ein⸗ verſtändniſſes; denn Lücile beobachtete mit ihren klu⸗ gen Augen ihre kleine lebhafte Couſine unter dem —— Deckmantel ihrer heiteren Laune in allen Nuancen ihres lebhaften Gefühls, und der ungemeine Wechſel derſelben, dieſe unverkennbare Zuneigung zu Leonce, dies Vertrauen, und doch wieder dies Zürnen, Flüch⸗ ten und Zurückſtoßen, ſchienen auf eine tiefe und un⸗ gewöhnliche Erregung ſchließen zu laſſen, der beide 192 Ehegatten mit Hoffnungen für das Glück ihres lieben Leonce zuſahen. Dieſer ſah ihr lächelnd und mit großer Sicher⸗ heit nach, als ſie an das nächſte Fenſter flog, als müſſe ſie ſich ſeinen Blicken entziehen; dann bat er ſie zurück zu kommen, und als ſie ſich niedergeſetzt hatte, hob er an, mit einem faſt kühnen Blicke ſich zu ihr neigend, ſie mit ihrem Zorne zu necken.„Und“ — fuhr er fort,„läugnen Sie es, wenn Sie können, ſchöne Margot, Sie haben doch zu mir das feſteſte Vertrauen, und alle Ihre kleinen, anmuthigen, heim⸗ lichen Plänchen ſind endlich doch darauf gebaut, daß Sie Leonce vertrauen können, und ſeine Gefühle für Sie Ihnen weder unbequem, noch läſtig, viel weniger als eine unverzeihliche Falſchheit erſcheinen.“ Eben wollte Margot dieſen neuen Angriff bezah⸗ len, da gebot Lücile Ruhe und verwies alle Parteien zum Schweigen. „In Wahrheit, eine Penſion für unartige junge Leute ſoll dies alte ehrwürdige Chäteau de la Roche nicht werden“ ſagte ſie—„Ruhe! Frieden gebiete ich, und jetzt, Leonce, werden Sie gleich mit Ihren weiſen Plänen hervortreten, auf welche Art Sie un⸗ ſere Liebenswürdigkeit einfangen wollen, um ſie nur gelegentlich und nach einem gewiſſen ſchicklichen Kom⸗ ——,————— —— ,— ———————.——.— 193 mando hervor ſprudeln zu laſſen, denn wenn wir uns nicht ſelbſt unterhalten ſollen, ſo thun Sie es jetzt, und ſein Sie ſicher, daß Ihre Vorſchläge eine ſcharfe Kritik paſſiren werden.“ „Meine Pläne,“ hob Leonce an,„beſtehen in dem natürlichen Vorſchlage, auf dem Boden, wo wir uns befinden, bekannt zu werden; wir müſſen uns ſtundenweis verſammeln, die Chronik des Schloſſes, die ſich in dem Archive befindet, ſtudiren, von ihr ge⸗ keitet, den ganzen merkwürdigen alten Bau beſichti⸗ gen, und die hellen Stunden des Tages zu Ausflü⸗ gen in die großartige Einſamkeit dieſer Felſen und Wälber benutzen, die alle ihren Charakter von den geheimnißvollen Anſprüchen dieſes Schloſſes empfan⸗ gen haben, mit in den Bann eingeſchloſſen ſcheinen, der hier dem Treiben der Menſchen eine unüberwind⸗ liche Schranke gebaut hat.“ „Ihr Plan läßt ſich hören, Leonce!“ erwiederte Lucile—„ich glaube, Margot, wir werden einwilli⸗ gen, uns dieſem unſerm Führer zu überlaſſen— doch füge ich noch einen Plan hinzu, der vor Ihrer Chro⸗ nik den Vorzug haben muß, und meinen lieben d Anville an ſein erinnert, mir das Schickſal ſeines Dheims, des Grafen von Crech, das mit dieſem Schloſſe ſo vielfach verzweigt ſcheint, nunmehr mitzutheilen.“ St. Roche. I1. 13 194 „Ich bin bereit dazu, meine Liebe,“ erwiederte d'Anville,„doch unter der Bedingung, daß Ihr mich jeden Tag bis zum Mittagseſſen zu Pferde oder zu Wagen auf meinen Geſchäftswegen begleiten wollt, und dann verſpreche ich Euch, den Abend meinen Vortrag hier zu beginnen.“ Alle ſtimmten heiter in dieſen Vorſchlag ein. Nach einem fröhlich verlebten Tage führte der Abend Alle um die gaſtliche Flamme des Kamins, und als man in traulicher Nähe Platz genommen hatte, hob der Mar⸗ quis d'Anville ſeine Erzählung an.— Wir können uns jedoch um ſo weniger mit ei⸗ ner Mittheilung begnügen, wie der Marquis d'An⸗ ville ſie für ſeine junge Gemahlin paſſend finden wird, da wir die Geſchichte des Grafen Crech als den Kern deſſen anſehen müſſen, was wir bisher mitzutheilen verſucht haben, und es dahin geſtellt ſein laſſen, ob man dieſe eingeſchloſſene Erzählung als den Haupt⸗ inhalt unſerer Mittheilungen anſehen will, oder die Verhältniſſe, mit denen wir bis hierher unſere Leſer vertraut machten, und deren Verfolg wir nach dem Schluſſe jener Begebenheiten weiter mittheilen werden. Ihr Zuſammenhang, ihre theilweiſe Ausgleichung durch einander, wird ihre nothwendigen, gleichen Rechte an die Aufmerkſamkeit darthun; und wie wir die Form 195 der Frucht aus der Geſtaltung des Kerns uns leichter erklären können, ſo werden wir, das Gleichniß hier . anwendend, in dem Leben des Grafen von Crecy die Geſtaltung der ſpäteren Begebenheiten vorbereitet fin⸗ den, und nicht allein ihnen leichter, ſondern auch viel⸗ leicht mit vermehrtem Intereſſe folgen können. Indem wir ſo der! eingelegten Erzählung ein glei⸗ ches Recht mit derjenigen zu verſchaffen ſuchen, die, Anfang und Ende dieſes Buches bildend, jene zu um⸗ 3 ſchließen ſcheint, bedienen wir uns des uns unbezweifelt zuſtehenden Rechtes, ſie in der Form vorzutragen, die . ſie aus dem blaſſen Lichte der Vergangenheit hervor⸗ treten läßt, und ſie nicht wie gehäufte Reſultate, an deren langſamer Entſtehung die Zeit ſchon die Spu⸗ ren verwiſcht hat, darſtellt, ſondern mit der Friſche verſehn, die uns keine der kleinen Verzweigungen ent⸗ zieht, welche langſam, aber dem Beobachter gerade ſo bedeutungsvoll, die größeren Reſultate herbeiführt. * 13* 196 Der Graf von Crech, Bruder der Marguiſe d'An⸗ ville, der Mutter des jungen Mannes, der aus dem Munde dieſes ſeines Oheims die Begebenheiten er⸗ fuhr, die er eben ſeiner jungen Gemahlin mittheilen wollte, war der Sohn des Marſchalls von Frankreich, Grafen von Crecy⸗Chabanne, eine der älteſten Fami⸗ lien des Reiches, die ſich die Vettern des Königs nannten. Grau geworden in den unſeligen Kriegen der Fronde, hatte dieſer unter dem Banner des großen Tu⸗ renne unverrückt der königlichen Partei angehört, wenn auch frühere, zärtlichere Jugendbande ihn mit Condé vereinigten, deſſen Abfall ihn auf das Tiefſte erſchüt⸗ terte, ohne ihn über ſeinen Weg in Zweifel zu ſtellen. Seit dem pyrenäiſchen Frieden lebte der Mar⸗ ſchall von Crecy jedoch, mit allen Ehren eines glorrei⸗ chen Lebens überſchüttet, von der thätigen Mitwirkung der Kriegsleiſtungen zurück gezogen, die wenigſtens auf⸗ gehört hatten, Frankreich ſelbſt zum Heerde ihrer Ver⸗ wüſtungen zu machen. — * 197 Von jeder anderen Bildung und Richtung, als der der Waffen, entfernt geblieben, liebte er dennoch — ſeinen Beruf nicht, und bei dem Emporblühen ſeines einzigen Sohnes trat dieſe Abneigung in dem beſtimm⸗ ten Willen hervor, ihn nicht dafür erziehen zu wollen. Seine Gemahlin, eine Fürſtin Soubiſe, trat mis ihrem ſchrankenloſen Stolze dieſem Vorſatze heftig ent⸗ gegen, da ſie darin das beſondere Privilegium ſah, Abkömmlinge alter Familien zu den bedeutendſten Stel⸗ lungen im Staate zu erheben, und ſie in ihrem Sohne mindeſtens den Nachfolger ihres Gemahls zu ſehen trachtete. — Deſſenungeachtet ſiegte dies Mal der Marſchall von Crecy; und es iſt dies Faktum um ſo weniger verloren gegangen, da es wahrſcheinlich bleibt, daß der Feldherr, vor deſſen Fahnen die Feinde flohen, als habe er ihnen damit einen unüberwindlichen Sturm⸗ wind entgegen geweht, doch in ſeinem Hauſe nur dies eine Mal den Sieg davon trug, und er hier neben den Trophäen aller Schlachten ohne Widerſtand die Waffen ſenkte, wenn die Fürſtin Soubiſe den Heer⸗ bann ihres weiblichen Willens aufpflanzte. WMit dieſer erfolgreichen Weigerung hatte er je⸗ doch Alles erſchöpft, was er ſich zugeſtand, und ob⸗ gleich er mißmuthig und murrend auf die Wege blickte 198 die ſeine Gemahlin nun in anderer Richtung zur Er⸗ ziehung ihres Sohnes einſchlug, ſo hielt er ſich doch abgefunden mit ſeiner Pflicht als Vater, da er über⸗ dies, nachdem er die eine verweigert, weder eine an⸗ dere, noch beſſere anzugeben vermochte. Die Fürſtin Soubiſe blieb auch nach dieſer einen Niederlage vollſtändig gerüſtet gegen jede fernere Ein⸗ miſchung ihres Gemahls; und je unerwarteter ihr in einer für unanrührbar geachteten Souverainität dieſer Widerſtand gekommen war, je mehr hatte ſich ihr Ge⸗ fühl auf dieſen Punkt geſchärft, und die ſchwächſten Verſuche des Grafen von Crecy waren hinreichend, ihn zu überzeugen, daß er von nun an eine gefaßte Geg⸗ nerin vorfände und hier ſeine Wirkſamkeit am Ende ſei. Wenn Eltern ihre Kinder oft zu erziehen ſchei⸗ nen, bloß um gegen einander ihre ununterbrochenen Fehden zu unterhalten oder zum Zeitvertreib für ir⸗ gend eine müßige Stunde— ein Spielzeug ſchein⸗ bar, von dem ſie keine Beläſtigung erwarten, und gegen das ſie ſich keiner Verpflichtung bewußt werden: müſſen wir, zu den geringſten Erwartungen unter ſol⸗ chen Umſtänden berechtigt, häufig erſtaunen, wie ein alſo gehetztes oder gemißbrauchtes Weſen, dem Allen 6 Trotze, ſich in beſſerer Weiſe entwickelt. Der junge Leonin, Graf von Crech, war von der 1 193 Natur mit einer träumeriſchen Stille des Gemüths begabt, und dadurch gegen die verſchiedenartigen Ein⸗ — drücke ſeiner Umgebungen ſanft eingehüllt. Er ſah und fühlte immer nur das, was ihm für den Augen⸗ blick nöthig oder angenehm war, und hatte für n was ſich ihm anderſeits aufdrängen wollte, die ſan Auslegung der Gutmüthigkeit, womit er ſich wußt jeden unangenehmen Eindruck abwehrte. Er fühlte weder die Unzulänglichkeit der väterlichen Autorität, noch den despotiſchen Willen ſeiner Mutter, von dem er p ganz gelenkt ward. Er wuchs unter den Siegesnach⸗ 2 richten ſeines Vaters auf; in einer Entfernung von ihm, die ihm ſein Bild von allen Schwächen frei er⸗ hielt, und denſelben in ſeiner jugendlichen Phantaſie zu den Heroen des Alterthums erhob. Mit einem darauf begründeten Anſpruch an ie Bevorrechtung ſeiner Geburt, wie er nothwendig zu 1 jener Zeit dem einzigen Sohne eines ſolchen Mannes erwachſen mußte, fühlte ſein weiches und dennoch von dem Stolze der Mutter gehobenes Herz' die innigſte Liebe zu ſeinem Vater. Die Mahnung, ſich auszeich⸗ nend ihm ähnlich zu werden, fand er vorerſt nicht heraus, und alle Wege ſchon bequem und eingerichtet, eben durch den Namen, den er trug. 8 Seine Mutter war mit der ganzen Autorität ih⸗ „ —— 200 res Verſtandes bemüht, in ihm den Stolz zu nähren, den er von ihrem Blute im Herzen trug, ſie impo⸗ nirte ſeinem, wenn auch richtigen, doch langſamen Verſtande durch die, Frauen natürliche, praktiſche Ue⸗ berſicht der Verhältniſſe, die ihm außerordentliche Gei⸗ ſteskrüfte anzudeuten ſchienen, da ſie ihm immer zu⸗ vorkamen. Er hatte nie den Verſuch gemacht, ande⸗ rer Meinung zu ſein oder die ihrige nur nach zu überlegen, und ihre mütterliche Weichheit würde ſie nie zu der Schwäche verführt haben, dieſen Verſuch anzuerkennen, da ihre für ihn im Voraus gefaßten Beſchlüſſe mit Plänen zuſammen hingen, die dem Ehr⸗ geize Befriedigung ſicherten und daher in ihrer Ueber⸗ zeugung für ſein Glück vollkommen ausreichend ſein mußten. Seine Geiſtesfähigkeiten waren angebaut. Die Marſchallin wußte wohl, daß man an dem Hofe Lud⸗ wigs des Vierzehnten nicht ohne Kenntniſſe und Ta⸗ lente ſich behaupten konnte. Es fehlte ihr auch nicht an Scharfblick, den geeigneten Lehrer zu finden, und der Abbate Mafei war vollſtändig ausgerüſtet, dieſem einfachen Geiſte Kenntniſſe in dem Maaße angedeihen zu laſſen, als ſie dem Verlangen des Jünglings ſelbſt Bedürfniß wurden, ohne ihm das aufzunöthigen, was ihn mit unnützer Gelehrſamkeit bedrohte, zu der ihm —————————— 201 der raſch verarbeitende Geiſt von der Natur ver⸗ ſagt war. Als das unerwartete Machtwort des Marſcha ls von Crecy ſeinem Sohne die militairiſche Laufbahn abſchnitt, ſah ſeine Gemahlin für ihn keinen andern möglichen Platz, Anſehen und Einfluß zu erreichen, als eines der hohen Hofämter, zu denen alte und be⸗ rühmte Namen eine mitwirkende Nothwendigkeit wa⸗ ren, wenn auch der ſich verfeinernde Hof und des Königs gebildeter Geſchmack damit noch anderſeitige Liebenswürdigkeiten vereinigt wiſſen wollte.— Es erwachte in jener Zeit eben die ſpäter ſo über⸗ hand genommene Neigung zu reiſen.— Fremde Höfe geſehen zu haben, von dem Leben anderer Länder Re⸗ chenſchaft geben zu können, verbreitete über die Per⸗ ſonen, die ſich alſo auszuzeichnen vermochten, einen Reiz, den man ihnen als ein Verdienſt, als eine Staf— fel der Bildung anrechnete, wohinter oft ſehr geringe Fähigkeiten Schutz fanden. Die Marſchallin war da⸗ her entſchloſſen, ihrem Sohne ſtatt der Trophäen des Ruhmes, die ihm nun entzogen waren, den friedlichen 5 Zauber einer glänzenden Reiſe zu ertheilen, und ihn durch ein ehrenvolles Auftreten an fremden Höfen für einen dereinſtigen hohen Platz an dem ſanichen Hofe unwiderleglich vorzubereiten. Der Abbate Mafei 202 und ein reiches Gefolge, wie es den Geburtsanſprü⸗ chen des Jünglings geziemte, ward zu ſeiner Beglei⸗ tung mit Verſtand und zweckmäßiger Wahl erſehn, und beide Aeltern, obwohl ſie ſich ſchwer von dem Lieblinge trennten, der wie eine leichte Wolke die Ehe⸗ gatten vor einander verhüllte und ihre unſanfte Be⸗ rührung hinderte, fügten ſich der Nothwendigkeit, die zufällig Beide zugleich anerkannten. Es liegt nicht in unſerem Plane, den jungen Grafen von Crecy auf einer Bildungsreiſe mit ihren mannigfachen Zufälligkeiten an Freud' und Leid zu begleiten. Sie erſtreckte ſich auf alle Länder, welche damals im Frieden mit Frankreich waren, und bei der wenigen Vorbereitung, die Reiſende noch auf ihren Wegen fanden, war ſie reicher an Abenteuern, als wir jetzt für möglich halten mögten. Sie wurden jedoch Alle glücklich beſtanden, und der Abbate Mafei durfte der ſtolzen Mutter die ſchmeichelhafteſten Be⸗ richte über die Entwickelung ſeines Zöglings ſenden, ohne die Wahrheit zu verletzen. Die Gewandtheit, die in der größeren Freiheit, in der nothwendigen Auf⸗ faſſung der verſchiedenartigſten Verhältniſſe ſich von ſelbſt entwickelt, vollendete das anziehende Weſen des Jünglings durch eine hinzukommende ernſte männliche Haltung, die neben dem weichen Ausdrucke des Ge⸗ —,———————— 203 fühls ihm überall Vertrauen und Antheil erwarb. 7. England ſollte die Reiſe beſchließen und den jun⸗ gen Grafen zu jeder Auszeichnung reif, ſeinem Va⸗ terlande znrückgeben.— Die letzten Nachrichten, welche die Marſchallin erhielt, waren nach einer Abſchieds⸗ Audienz bei Karl dem Zweiten geſchrieben, und er be⸗ gab ſich jetzt nach Schottland, und zwar, auf den aus⸗ drücklichen Wunſch ſeiner Mutter, zu der Familie des Grafen von Gerſey, mit der die Marſchallin aus Fa⸗ milienrückſichten ſeit lange ein freundſchaftliches Ver⸗ hältniß unterhielt. Sie hatte nämlich mit anſcheinen⸗ dem Eigenſinne verlangt, daß ihr Sohn hier bis zu ſeiner, in wenigen Monaten erfolgenden Majorennität verbleiben ſollte, und bei dem Grafen Gerſey dazu durch eigene Anfrage die Erlaubniß ausgewirkt. Wie ſehr ſie nehmiich gewünſcht hatte, daß ihr Sohn ſich durch dieſe Reiſe äußere freie Haltung erwürbe, ſo war es doch ganz ihrem Charakter und ihren Anſichten entgegen, ihm damit auch eine innere Unabhängigkeit zu geſtatten, und es ſchien ihrer argwöhniſchen Herrſchſucht, als habe der Sohn davon zu viel gewon⸗ nen, und ſeine Neigung für das Ausland ſei vielleicht ſchon zu vorherrſchend geworden, um ihn noch zu allen Verhältniſſen geneigt zu finden, wie ſie ihr bequem ſein würden. Sie hoffte daher, ihm durch dieſen letz⸗ 204 ken Aufenthalt, den ſie gar wohl kannte, eine Herab⸗ ſtimmung ſeiner geſteigerten Anſichten zu geben, und durch das ermüdende Treiben einer beſchränkt abge⸗ ſchloſſenen Zurückgezogenheit ihn dankbarer und hinge⸗ bender zu machen für das, was ſie ihm dann mit vollen Händen, und dennoch wohl berechnet, gen au mit ihrem Willen im Einklange, darbringen wollte. Seine Majorennität machte ihn augenblicklich zum ſelbſtſtän⸗ digen Herrn großer Beſitzungen, die, mit dem uralten Schloſſe von Ste. Roche verbunden, eine anlockende Veranlaſſung waren, ſich unabhängig zu fühlen; und die Marſchallin hatte daher zu einem ſo gefährlichen Beſitze, den ſie ihm nicht ſtreitig machen konnte, ohne alte Familien⸗Inſtitutionen zu beleidigen, heimlich be⸗ ſchloſſen, einen zweiten Beſitz, eine Gemahlin nach ihrem Sinne und Willen hinzuzufügen. Obwohl der Graf Gerſey drei Töchter beſaß, wußte die kluge Mut⸗ ter doch durch die eigenen Berichte ihrer Freundin, der Gräfin Gerſey, daß ſie an dieſen keine Störung ihres Planes zu fürchten habe, da ſelbſt die zärtliche Mutter ſie unſchön nannte und zum Troſte dagegen Eigen⸗ ſchaften an ihnen rühmte, von denen die Marſchallin wohl wußte, daß ſie dem verwöhnten Geſchmack ihres Sohnes nicht gefährlich werden würden.— Auf dem Wege nach Edinburg erkrankte der Abbate Mafei, 205 und da er darauf beſtand, die Reiſe fortzuſetzen, er⸗ reichte man Stirlings⸗Bai, das Schloß des Grafen von Gerſey, mit dem ſterbenden Abbate. Sein Leben konnte nicht gefriſtet werden— alle zu Gebote ſte⸗ hende Hülfe, von dem geſchickten Hausarzte des Gra⸗ fen bis zu der zärtlichſten Pflege ſeines ihm kindlich zugethanen Züglings, vermochten den Willen der Na⸗ tur nicht zu beugen, die ihr Geſchäft bei dem würdi⸗ gen Abbate für erledigt erklärte, und er ſtarb in den Armen des jungen Grafen ſanft und heiter, eine wür⸗ dige Vollendung eines vorwurfsfreien Lebens. Dies war der erſte Schmerz, der in die Seele des jungen Mannes drang, und er nahm ihn um ſo lebhafter auf, als ihm gerade die Stütze gegen jede bisher nahende Unannehmlichkeit mit dieſem treuen und theuren Gefährten entrückt ward. Jetzt ergingen eine Menge trüber Fragen an ihn ſelbſt, die ſonſt von dem guten Abbate beſeitigt wurden, ehe ſie ihn er⸗ reichen konnten. Er fühlte ſich in allen Beziehungen verletzt und gekränkt, ja, er glaubte in ſich ſelbſt eine Schwäche und Unmännlichkeit des Charakters wahrzu⸗ nehmen, welche ihn völlig ſchmermüthig machte und zu den ungerechteſten Selbſtvorwürfen trieb, die zu einer Muthloſigkeit, der Zukunft gegenüber, anwuchs, nur durch die Verwöhnung des Glücks begreiflich, von dem 206 wir uns für immer verlaſſen glauben bei dem erſten Schatten, der es uns verhüllt. Unter dieſen Umſtänden fühlte er ſich trotz der gütigen und theilnehmenden Sorgfalt, womit der Graf Gerſey und ſeine Familie ihn behandelten, in ſo höchſt gedrückter Stimmung in Stirlings⸗Bai, daß er, wenn er nicht gefürchtet hätte, ſeine Mutter durch ſeine Ent⸗ fernung zu beleidigen, einen Ort zu verlaſſen geeilt haben würde, der beſtimmt war, der erſte Grenzſtein ſeiner Jugend zu werden, indem er ihn aus dem wei⸗ chen Zuſtande des Genießens zu dem ernſteren des Leidens erwachen ließ. Wer Stirlings⸗Bai betrachtete, hätte es wohl für geeignet halten müſſen, auf jede Stimmung der Seele einen wohlthätigen Eindruck auszuüben. Es war reich ausgeſtattet von der Natur und ein altes Beſitzthum reicher Geſchlechter im wohlerhaltenſten Zuſtande. Man konnte kaum etwas Schöneres ſehen, als das Schloß auf dem Felſenabhange am Rande des mächtigen Ge⸗ birgswaſſers, das, zu einem wild brauſenden See er⸗ weitert, von den herrlichſten Wäldern umſäumt lag und mit ſeiner reichen inneren Ausſtattung den äußern Anſpruch vollſtändig erfüllte.& Die Hütten der Unterthanen lagen zerſtreut um⸗ her, und der Zufall hatte es gewollt, daß ihre Lage — — 207 die vielfachſten und romantiſchſten Anſichten gewährte. Den Park begränzend lag eine alte Abtei, Stir⸗ lings⸗Abtei genannt, deren Kirche noch jetzt zum Got⸗ tesdienſte der gräflichen Familie und der Umgegend benutzt ward, und mit ihrem verſchwenderiſchen Pracht⸗ Bau im rein gothiſchen Geſchmack, und mit ihrer noch wahrnehmbaren großartigen Ausdehnung, es ſehr wahr⸗ ſcheinlich machte, daß ſie einſt Beſitzerin und Beherr⸗ ſcherin der reichen Güter geweſen ſein mochte, in de⸗ nen ſie jetzt nur noch als nothwendige Nebenſache ge⸗ duldet ward. Unzerſtörbar jedoch blieb ſie mit ihren mächtigen und den weithin ſie verkündigenden Thür⸗ men die Beherrſcherin der Gegend, auch nach ihrem Falle noch ihren mächtigen frühern Rang bekundend. Die einſt dazu gehörigen weitläuftigen Kloſtergebäude waren bis auf einen kleinen Theil abgetragen, der noch jetzt die Wohnung des Geiſtlichen war, der un⸗ ter dem Patronat der Grafen von Gerſey ſtand. Der Herbſt nahte ſich indeſſen, und das Schloß füllte ſich jeden Tag mehr mit dem heiteren Troſſe rüſtiger Jäger, die von allen Theilen der Grafſchaft ſich zu einem langen Waidmannsvergnügen in Stir⸗ lings⸗Bai verſammelten, deſſen noch nie gänzlich durch⸗ ſtreifte Wälder jede Luſt für ſo heitere Geſellſchaft darboten. Nur ſelten und halb gezwungen nur, nahm 208 der junge Graf an dieſem Vergnügen Theil, welches ſo ganz ſeiner ſtillen träumeriſchen Weiſe entgegen war; und er fühlte ſich bald in einer Iſolirung, die er nur mit dem Kummer um den theuren Verſtorbenen aus⸗ füllte, deſſen feine Geiſtesbildung ihm ſtets das wahre Element für ſeine Neigung war. Wie ſeine Mutter vorausgeſehen hatte, machten auch die Frauen, die er hier vorfand, und die in ih⸗ rer derben Natürlichkeit ihm ſo wenig wie Frauen erſchienen, nur einen verletzenden Eindruck auf ihn; ſie ſetzten ihn mehr in Verlegenheit, als daß ihr Um⸗ gang ihm hätte wohl thun können— und er floh vor ihrem breiten, leeren Geſchwätze faſt noch ängſtlicher, als vor den lauten Jagdzügen der Männer oder ihren lärmenden Trinkgelagen. Dabei erkannte er nur zu beſtimmt, daß man ihn als ein völlig fremdes Weſen mit Neugierde und einem gewiſſen Mitleiden, wenn nicht mit Tadel, betrachtete; und er ſelbſt ſchien ſich ſo ganz abweichend, ſo unbegreiflich bis auf Geſtalt und Kleidung verſchieden, daß er, unterſtützt von ſei⸗ ner hypochondriſchen Laune, ſich für einen immerwäh⸗ renden Gegenſtand ihres neckenden Zeitvertreibes hielt; er vergaß aber, daß ſie ihn hierzu für viel zu unbe⸗ deutend hielten. Er war unter Menſchen, die ein vol⸗ les ſicheres Vertrauen zu ihrer Bildung beſaßen, weil 203 ſie ihnen eine tüchtige Auffaſſung des praktiſchen Le⸗ bens ſicherte, das ſie mit allen ſeinen materiellen An⸗ forderungen vollſtändig beherrſchten. Es hatte ſich ih⸗ nen dadurch eine ſo ſtolze Ruhe des Daſeins mitge⸗ theilt, daß ſie das darüber gehende Bedürfniß mit großmüthiger Gleichgültigkeit betrachteten. So kam es häufiger, als es beachtet ward, daß der junge Graf mit der Flinte und Jagdtaſche mit dem luſtigen Troſſe auszog, und bald unbemerkt ſich zu weiten einſamen Spaziergängen entfernte, und dann, in dem duftigen Mooſe des Waldes gelagert, den eigentlichen Inhalt ſeiner Jagdtaſche leerte, wel⸗ chen er der vergeſſenen und nur für ihn geöffneten Bibliothek des Schloſſes entzogen. Er hatte einen ſchönen Herbſttag ſo in der wohl— thuenden Ruhe verbracht, die er weniger ſeiner inne⸗ ren Haltung verdankte, als der ſorgfältigen Vermei⸗ dung äußerer Störungen, und ſchlug nun, den Stand der Sonne prüfend, den Rückweg ein, um zur Zeit der Tafel den Hausgenoſſen nicht zu fehlen. Er hörte bald aus der Ferne die einzelnen Signale der Jäger, erkannte, daß man noch irgend ein Hauptwild auf der Spur haben mußte, das man zu treiben ſuchte. Ohne des Weges recht kundig zu ſein, ſah er ſich bald in, einem bisher noch unbetretenen Theile des Waldes St. Roche. I. 14 —— — 210 und blieb erſtaunt über die Pracht und Majeſtät des hundertjährigen Baumwuchſes ſtehen, der, wie eine rieſenhafte Säulenhalle, bis an die Kronen von allem Unterholze entblößt, in einzelnen großen Kämmen die dichten Laubgewölbe in einander ſchlang. Sie bildeten ſo eng verzweigt, einen feſten Dom, durch den das Licht der Sonne nur gebrochen, wie durch bunte Schei⸗ ben, blendende Lichter herein warf, und den kurzen, feinen Moosteppich, der theils den Boden, theils die hochgebäumten Wurzeln der herrlichen Weiß⸗Buchen bedeckte, golden grün färbte.— Vorſchreitend ſah er jetzt, daß er ſich der Abtei genaht, daß dieſer Wald die heilige Vorhalle der prachtvollen Kirche bildete, de⸗ ren großartiger Unterbau ſich jetzt zwiſchen den Stäm⸗ men gewahren ließ. Es fiel ihm ein, daß er ſeit der Beiſetzung ſeines theuren Freundes, wo er die Kirche auf einem ganz anderen Wege erreicht und ſich wenig um ſie bekümmert, noch keinen Verſuch gemacht hatte, ſie wieder zu ſehen, was für ihn als Katholiken auch nur geringes Intereſſe hatte.— Er nahm ſich jedoch jetzt vor, dieſen ſchönen Punkt zu der Unterhaltung des nächſten Tages zu wählen und Alles kennen zu lernen, was ſich daran anſchloß. Jetzt eilte er, die Nähe des Parkgeheges nich dem Stande der Kirche annehmend, daſſelbe zu errei⸗ 211 chen, immer von den näherrückenden Hornſignalen be⸗ gleitet, als es ihm plötzlich war, als höre er einen ängſtlichen Hülferuf— jetzt glaubte er ihn hinter ſich zu hören— dann noch deutlicher vor ſich. Er ſtürzte durch das erreichte Parkgehege in daſſelbe hinein, denn es war ohne Zweifel eine weibliche Stimme, die ihm entgegen tönte; auch drang er nur wenige Schritte vor, als er ein fliehendes Weib mit Pfeilesſchnelle daher ſtürzen ſah. Worin ihre Gefahr beſtand, war nicht zu überſehn, aber ihr Angſtgeſchrei deutete jeden⸗ falls auf ſolche hin, und Leonin eilte daher um ſo ſchneller auf ſie zu; doch ſah er jetzt zu ſeinem Er⸗ ſtaunen, daß ſie, ſo hoch ſie vermochte, ein weißes Tuch in der Luft wehen ließ und, als ſie ihn erreicht hatte, mit abwehrender Gebehrde an ihm vorüber lief, indem ſie, hinter ihm zeigend, lebhaft rief:„O helft, helft doch!“— Nun erſt ſchien ihm, als verdop⸗ pelte ſich das Geſchrei hinter ihm. Er blickte um und ſah, wie ſich der eben vorübergeeilten Geſtalt eine andere aus dem Waldwege entgegen ſtürzte, von ei⸗ nem wild gemachten, und von den Hornſignalen noch immer gereizten und getriebenen Eber faſt auf dem Fuße verfolgt. Augenblicklich eilte Leonin jetzt den be⸗ drohten Frauen nach, und da an Anlegung des Ge⸗ wehrs nicht mehr zu denken war, riß er ſeinen Hirſch⸗ 14* fänger aus der Scheide, den zweifelhaften Kampf zu wagen entſchloſſen, wenn auch nur um den Fliehenden Zeit zu gewinnen. Doch ehe er hiezu kommen konnte, hatte das erſte der Mädchen ſchon, mit der größten Entſchloſſenheit der Verfolgten ſich entgegen ſtürzend, das wüthende Thier durch ihr wehendes Tuch verblö⸗ det und zum langſameren Trotte gebracht; ſie wendete ſich mit Blitzeſchnelle, eilte der Andern, die das Ge⸗ hege indeß überſchritten, nach, ſtieß den eben ſich dem Eber entgegen werfenden Leonin zurück, und warf mit einer ſchnellen und geſchickten Wendung das Git⸗ ter in das Schloß. „Gott ſei gelobt!“ rief ſie und ſchlug die Hände zuſammen,„jetzt ſind wir gerettet! Doch, wir wollen hier fort— ſo lange uns das wilde Thier ſieht, rei⸗ zen wir ſeine Wuth, und lange traue ich dem Gitter nicht Widerſtand zu— doch ſeht, da kehrt es ſchon um waldeinwärts:— Nun, ſo helft mir meine arme Emmy hier wegbringen, denn die Angſt hat ſie ganz umge⸗ worfen.“ Bei dieſen Worten war ſie ſchon neben die am Boden Liegende getreten, und bemühte ſich, ſie aufzurichten.„Hörtet Ihr denn gar nicht,“ fuhr ſie mit Emmy beſchäftigt fort,„woher das Unglück kam?— Was hätte uns wohl Euer kleiner Hirſchfänger helfen können? Ihr hättet doch an das Gitter denken müſſen!“ ——— —,— 213 „Gewiß,“ antwortete Leonin, von Staunen und Verlegenheit über das Erlebte und den ruhigen Vor⸗ wurf des jungen Mädchens ganz überwältigt—„mein Betragen war thöricht und ungeſchickt, und ich fühle mich tief beſchämt, von Eurem Muth und Eurer Be⸗ ſonnenheit ſo weit überholt zu ſein.“ Als Leonin ſprach, ließ das Mädchen von Sen ab und erhob das Geſicht zu ihm, die dunkeln Locken zurückſchüttelnd; ſie war dem gebildeten Tone ſeiner ſchönen Stimme gefolgt und blickte jetzt hold neugie⸗ rig in ſein Angeſicht. Gewiß war dies für Beide eine angenehme Ue⸗ berraſchung, denn tiefere blaue Augen hatten ihn noch nie angeblickt, und ſo viel die aus ihren Banden ge⸗ floſſenen Locken zuließen, glaubte er nie feinere und anmuthigere Züge geſehen zu haben. „Gehöret Ihr denn zu den Jagdherren des Schloſſes?“ fuhr das Mädchen fort. „Ich bin allerdings ein Gaſt des Grafen Ger⸗ ſey,“ antwortete Leonin—„doch nicht ſo leiden⸗ ſchaftlicher Jäger, dieſen fröhlichen Waldzügen immer zu folgen.“„ „Das dachte ich vohi“ ſagte das Mirchen, „aber es mag ſein, wie es will, Ihr 6 mir S führen helfen.“ — „Gewiß! gewiß,“ ſprach Leonin,„werde ich Euch nicht eher verlaſſen, als bis Ihr in Sicher⸗ heit ſeid.“ Sie ſchaute ihn wieder klug an, um ihren Mund zuckte ein Wort, aber ſie ſchwieg und ergriff nun zärtlich Emmy's Hand, die ſich noch bleich und halb ohnmächtig gegen einen Baum lehnte, unfähig, wie es ſchien, ihre Beſinnung wieder zu finden.„Emmy! meine liebe, gute Emmy!“ ſprach ſie zärtlich, wie ein Kind,„ſieh' mich doch an und faſſe dich— Du biſt ja gerettet! komm' doch nun nach Hauſe, zu Deinem Manne, zu Deinem Kinde— denn er könnte ſich ja bangen um Dich! Sieh', weit weg iſt ſchon der böſe Eber, den haben gewiß die Jäger ſchon erlegt, und er kann Dich nie wieder jagen!“ An den freundlichen Worten, ſo wohl aein das geſtörte Bewußtſein der jungen Frau zu wecken, richtete ſich dieſe auch alsbald auf und ließ ſich, dem fortdauernden Geplauder horchend, von Beiden fort⸗ führen. „Verletzt biſt Du doch nicht?“ frug das Mäd⸗ chen weiter,„und Gott wird ja geben, daß Dir die Angſt nicht ſchadet!“ „Ach nein, theure Miß!“ erwiederte die junge Frau—„verletzt glaube ich nicht— aber denkt ſelbſt, 1 wie fürchterlich meine Lage war; ich bin weit gerannt, vald rechts, bald links, ihm zu entgehn, aber gewiß, ich wäre unterlegen, denn mir fehlte ſchon alle Kraft und Beſinnung, wäre das Thier nicht ſchwerfällig und alt geweſen, und hätte ich nicht Hülfe bekommen.— Nicht wahr,“ fuhr ſie fort,„der gute Herr hier hat mich gerettet?“ So beſchämend dieſer Augenblick für Leonin war, hätte er ihn doch um die Welt nicht verlieren mögen, denn das Mädchen ſteckte den Kopf um die junge Frau ein wenig herum und ſah ihm mit einem Lächeln in die Augen, was den reizendſten Ausdruck muthwil⸗ liger Neckerei trug und ein unſchuldiges, kleines Ein⸗ verſtündniß einleitete; denn ſie antwortete ſogleich freund⸗ lich fortlächelnd:„Nun, geſchrien haben wir beide genug, um die ganze Jagd zu Hülfe zu rufen, und es mochte dem wohl ſchwer ſein, der zwiſchen unſeren Stimmen war, die rechte Stelle zu erkennen, wo Hülfe Noth that.“ Leonin hielt ſeine Augen ſo lange auf ihr Antlitz geheftet, bis ſie ihn noch ein Mal anblickte, und jetzt koſtete es ihr ein ſchnelles, leichtes Erröthen. „Ich war auf dem Vorſprung,“ fuhr ſie zu Emmny fort,„als ich das Treiben des Ebers ſah, und nun daran dachte, wie Du des Weges warſt, und ſchnell hinunterlief, um zu ſehen, ob das Park⸗Gehege offen, im Fall Du in Angſt kämeſt— aber die Un⸗ ruhe, die ich ſchon fühlte, machte, daß ich ſo bald Dein Geſchrei erkannte.“ „Ach, liebe Miß, wie danke ich Euch!“ rief Emmy gerührt,„Ihr hättet ſelbſt verunglücken kön⸗ nen, aber daran denkt Ihr immer zuletzt— was hätte dann Euer Vater geſagt!“ „Ja, der Vater,“ antwortete das Mädchen nach⸗ denkend,„dem hat es recht geahnet, daß uns heute Unglück bedrohe— glaubſt Du, daß er mich hinaus⸗ laſſen wollte? Zur Zeit, da er weiß, daß ich ſpazieren gehe, kam er zu mir und ſetzte ſich nieder, und frug und ſprach ſo viel und lieb, daß ich ganz das Aus⸗ gehen vergaß; als er abberufen ward und ich nun auch aufbrechen wollte, ſagte er plötzlich:„Willſt Du doch hinaus?“— Du kannſt denken, daß ich verwundert war und ihn frug: ob er etwas dagegen habe? Da ſagte er: ich ſollte ihn nicht auslachen, aber meine ſelige Mutter habe die ganze Nacht vor ihm geweint und ihn gebeten, er ſolle mich nur heute nicht hinauslaſſen, und habe mich ihm gezeigt, wie ich mit einem Kranze geſchmückt daſtand, und ein ſchwarzer Leichenſchleier drüber hinſank und mich für immer verhüllte. Das habe ihn ſo erſchüttert, daß er es 4= 212 gar nicht vergeſſen könne,“— „O mein Gott! warum bliebet Ihr denn nicht lieber zu Hauſe, Miß Fennimor?“— „Weil der gute Vater es nicht leiden wollte, denn er meinte, es ſei eine Schwäche, und er wolle ſie ſich nicht geſtatten. Da mußte ich gehen und ſpürte auch keine Furcht, bis der Jagdzug nahe kam und ich an Dich dachte.“ So waren die Frauen plaudernd mit ihrem ſtumm aufmerkenden Führer die Richtung des Parkes durch⸗ gangen, die ſie nach der Abtei zuführte; und jetzt riß ſich Fennimor plötzlich los und rief:„Dort kömmt der Vater!“ Eine ehrwürdige, vom Alter gebeugte Geſtalt mit ſilberweißen Locken, in einem einfachen ſchwarzen Haus⸗ kleide trat ihnen jetzt entgegen, und empfing die zu ihm eilende Tochter in ſeinen Armen. „Wer iſt dieſer Herr?“ frug der junge Graf ſeine langſamer folgende Gefährtin. „Es iſt Sir Reginald Leſter, der Kaplan von Stirlings,“ erwiederte die junge Frau, und jetzt hat⸗ ten ſie ſich der intereſſanten Gruppe genähert, ohne von ihr bemerkt zu werden. Der Vater hatte das geliebte Kind ſo feſt an ſeine Bruſt gedrückt, daß das Mädchen, um ihn anblicken zu können, ſich weit hin⸗ ten übergebogen hatte; die Locken ihres reichen Haares theilten ſich dadurch von der weißen Stirn, und der Vater blickte mit dem unbeſchreiblich rührenden Aus⸗* druck innigſter Befriedigung in dies ſchöne, offen vor ihm liegende Geſicht. „Da haſt Du uns wieder, ſprach ſie freundlich, „heil und geſund, wie wir Dich verlaſſen; aber großer Gefahr ſind wir alle nur kaum entkommen, ein ge⸗ hetzter wilder Eber hätte uns gern alle verſchlungen.“ „Großer Gott,“ ſprach Sir Reginald—„ſo war meine Sorge doch nicht umſonſt!“ „Nein, Vater,“ ſagte das ſchöne Mädchen hei⸗ ter,„aber ich habe den Kranz wirklich gewonnen und den Leichenſchleier von uns allen abgewehrt, denn glück⸗ ich kam ich dazu, das Gitter des Parkes vor dem böſen Gaſt in's Schloß zu werfen.“ „Gott weiß,“ ſagte ſeufzend Sir Reginald— „was dieſe wilden Jagdzüge noch für Unheil veran⸗ laſſen werden! Das geſcheuchte Wild, das doch unmög⸗ lich alles geſchoſſen werden kann, entartet dadurch zu einer wahrhaft gefährlichen Wuth.“— Jetzt erſt ge⸗ wahrte der Kaplan, ſeine Augen von der ſanft losge⸗ gebenen Tochter abziehend, den fremden, jungen Mann und trat ihm ſogleich mit einer feinen, ruhigen Ver⸗ bindlichkeit entgegen. Seine fragende Miene beant⸗ ——=—5 7 2— N 2139 wortete Leonin, indem er ihm in einigen höflichen Worten, der Wahrheit nach, ſein Zuſammentreffen mit den beiden Frauen andeutete. „Und wem darf ich mich alſo verpflichtet hal⸗ ten?“ erwiederte der Caplan, freundlich ihn begrüßend. „Ich bin der Graf von Crecy,“ erwiederte der junge Mann,„und ein Gaſt des Grafen Gerſey— doch bin ich der Verpflichtete, da ich wenigſtens des Schutzes theilhaftig ward, den Miß Leſter ihrer Dienerin gewährte.“ „Auch liebt der Herr Graf die Jagdzüge bei Weitem nicht ſo, wie die übrigen Herren,“ ſetzte Fen⸗ nimor ernſt hinzu und betrachtete ihn forſchend mit ihren großen blauen Augen. „Ruhet dann wenigſtens von den bewegten Au⸗ genblicken ein wenig bei uns aus,“ ſprach Sir Regi⸗ nald, und ſchritt ſogleich voran durch die kunſtreich verzierte Bogenthür, welche in das Innere der Abtei führte. Das letzte Stück eines abgetragenen Umganges machte hier den ſchönen, reinlich mit Binſendecken be⸗ legten Vorflur aus— und durch eine kleine gothiſch⸗ verzierte Thür trat man in ein großes Zimmer, wel⸗ ches ſeine frühere Beſtimmung, Kapelle oder Sakriſtei zu ſein, noch wenig verläugnete. Es war ringsum 220 bis zur Mitte der hohen Wände, mit kunſtreich ge⸗ ſchnittenem Eichenholze bekleidet, wohinter, wie einzeln vortretende Verzierungen vermuthen ließen, ſich Schränke befinden mochten. Die oberen Wände kränzten ſich mit reicher Stukatur bis zu den Spitzbogen der Decke empor, und enthielten in ihren Zwiſchenräumen große Gemälde, die offenbar noch einer früheren Beſtim⸗ mung angehörten. Drei große Fenſter, welche in die Spitzbogen der Decke hinaufreichten und mit bunten Scheiben geziert waren, nahmen die eine Seite des Gemaches ganz ein, da ſie nur durch kleine Pfeiler getrennt waren, welche in Holz geſchnittene Engel verdeckten; die Sei⸗ tenfenſter erhoben ſich erſt über der Holzwand, die gleichmäßig das Zimmer unterhalb einkleidete, das mitt⸗ lere dagegen durchbrach die Wand und reichte bis zu dem Täfelwerke des Fußbodens, denn es bildete zugleich eine Ausgangsthüre nach dem Buchenwalde, der die Vorhalle dieſes zauberiſchen Aufenthalts ausmachte.— Gegenüber dieſem Fenſter lag der koloſſale Ka⸗ min von ſchwarzem Marmor, und in der Mitte des Zimmers ſtand ein eichener Tiſch, mit großen geſchnit⸗ tenen eichenen Seſſeln umgeben, unter denen ein Tep⸗ pich von feiner Stickerei ausgebreitet war. Eben ſo zeigten die Kiſſen der Stühle in purpurrothem Grunde * 1. —— k. 221 Stickereien. Büchergeſtelle und Schreibtiſche in ähn⸗ licher Art nahmen den hintern Theil des Zimmers ein, und ſorgſam gepflegte Gewächſe fingen an den Sei⸗ ten des Mittelfenſters die Sonnenſtrahlen auf. Es war unmöglich, dies Zimmer zu betreten, ohne nicht das Element einer höheren, edleren Exiſtenz zu ahnen, das die Bewohner mit ihren Beſchäftigun⸗ gen gelehrt hatte, den Raum mit ſeiner abweichenden Ausſchmückung ſich zum Bedürfniß anzueignen. Unſern jungen, unzufriedenen, gequälten Freund wandelte ein Gefühl an von Schüchternheit und Rüh⸗ rung; er blickte zu den beiden herrlichen Geſtalten, die dieſen Raum vertraut beherrſchten, mit einer Ehrfurcht empor, als bewahrten ſie das Geheimniß des Lebens, nach dem ſeine krankhafte Seele ſeufzend und vergeb⸗ lich umher geſehen. So kam es, daß der junge vornehme Graf Erecy, der ſeine ganze Schüchternheit hoffen konnte, an den verſchiedenſten Höfen Europas zurück gelaſſen zu ha⸗ ben, ſie hier vor zwei Menſchen wieder fand, die ohne Rang und Reichthum, von der Welt vergeſſen, nicht viel anders denn Einſiedler, nur ein ſtilles Naturle⸗ ben zu führen ſchienen. Er hatte nicht Zeit, ſich zu fragen, woher ihm dieſer Eindruck kam; fortgeriſſen, fühlte er ein Ent⸗ 222 zücken, ein Verlangen, ſich hinzugeben und anzuſchlie⸗ ßen, das nur gemäßigt ward eben durch das Gefühl von Schüchternheit, womit er ſich ſagte: ſie haben kei⸗ nen Andern nöthig zu ihrer herrlichen Exiſtenz, Jeder iſt ihnen überflüſſig oder ſtörend, Jeder, der dieſe Schwelle überſchreitet, muß ſich für einen Bettler hal— ten, der da harret, ob ſie von ihrem Reichthum ihm mittheilen wollen. Wenig lag ſo hoher Anſpruch in dem Verhalten von Vater und Tochter, und gewiß war es, ſie ah⸗ neten nicht, ihn bei Andern für ſich hervorgerufen zu haben, obwohl ſie ein edles Selbſtgefühl hatten, ein Bewußtſein und Vertrauen zu ihrer Geſinnung. Der Vater hatte die Tochter erzogen, indem er mit ihr lebte, und ſeine edle, ſanfte und hingebende Natur die Atmoſphäre bildete, in der ſie ſich von Ju⸗ gend auf gerade und geſund aufrichten konnte, das ſchöne Haupt nach oben gewendet. Die Welt lag wie eine bunte Fabel hinter dem grünen Walde, deſſen Ende ſie nie fand. Was darin vorging, las ſie aus großen Geſchichtsbüchern, und glaubte davon, was ſie konnte, und behielt auch nur das— denn die Ge⸗ heimniſſe der Natur begreifen wir auf jedem Iſolir⸗ punkte der Erde, die Geheimniſſe des Lebens erſt, wenn wir ſie an uns ſelbſt erfahren. 223 Vor den kleinen Neckereien der Erziehung, mit denen die Jugend ſich oft ſo ſchmerzlich vorarbeiten muß, hatte die Weisheit und die Liebe des Voters ſie geſchützt— es war ihr Alles klar und verſtänd⸗ lich geblieben, was für und gegen ihre Neigungen ge⸗ ſchah, nichts hatte einen Dorn, einen falſchen Bluts⸗ tropfen hinterlaſſen. Man hätte ſie ohne Formen nen⸗ nen können, wären edle Menſchen nicht eigentlich über⸗ all die Geſetzgeber der wahren Form, und, was in der Welt tauſendfältigem, launenhaftem Wechſel unterw or⸗ fen iſt, nur bei denen unverkümmert wieder anzutref⸗ fen, welche die Urſache dazu in einer bewahrten menſch⸗ lichen Würde finden.— Kleinlich konnte ſie in nichts werden, denn ihre erwählten Helden und Heldinnen, denen ſie allein glaubte, und ihr Vater, den ſie eben ſo fand, und Emmy, die, um wenige Jahre älter, mit ihr aufwuchs, und einen ſtarken, ernſten Sinn hatte, die wußten all' davon nichts.— Wie vornehm oder gering ſie war, konnte ſie auch nie ganz unterſcheiden, denn die Gerſey's, die vornehm ſein ſollten, erſchie⸗ nen ihr gar nicht ſo, weil ſie unter Vornehm die er⸗ habenen Geſtalten ihrer Bibel verſtand, Beherrſcher der Natur, die mit Gott redeten, und obwohl ſie nicht anzugeben wußte, warum die Gerſey's ihr ſo erſchie⸗ nen, ſchüttelte ſie doch immer den Lockenkopf und ——————— 224 ſagte: die ſind nicht vornehm. Von dem Stande ihres Vaters hatte ſie einen hohen Begriff. Die Prie⸗ ſter des alten Teſtaments, die Könige waren, die Bi⸗ ſchöfe des Mittelalters, die Päpſte, dieſe Weltbeherr⸗ ſcher, das waren alle dieſelben Prieſter, wie ihr Va⸗ ter, und die Schönheit, die hohe Würde des Greiſes, die kindliche Unſchuld ſeiner Sitten trug dazu bei, ihr kein höheres Ideal fürſtlicher Würde geben zu können, als ſie bei ihm vorfand.— Da die Familie Gerſey, gute fromme Menſchen, auch ihrerſeits nie anſtanden, ihn ehrerbietig zu behandeln, ſo fehlte ihr jeder Maaß⸗ ſtab für eine ſolche Stellung in der Welt, und ſie war längſt mit ihren Gedanken einig, daß ihr Vater eigentlich das ſei, was ein vornehmer Mann hieß. Sir Reginald Leſter gehörte in der That einer ſolchen Familie an, obwohl ihm, als jüngſtem Sohn, davon kein Vortheil zugefloſſen war, als unter ſtolzen Anſprüchen erzogen worden zu ſein, die wenig zu der Nothwendigkeit paſſen wollten, ſich ſpäter in jeder Beſchränkung des Privatlebens behelfen zu müſſen. Er hatte ſich jedoch zu früh aus der Welt zurück ge⸗ zogen, um nicht ihren Widerſpruch in der patriarcha⸗ liſchen Einſamkeit ſeines übrigen Lebens vergeſſen zu haben.— Auch war er mit ſeiner Familie gänzlich zerfallen, als er, von dem ſtolzen Erſtgeburtsrechte — 2 225 aus jedem Beſitze vertrieben, wenigſtens verſuchte, als Menſch glücklich zu ſein, und ein ſchönes edles Mäd⸗ chen ohne Geburtsadel zum Weibe nahm, deren be⸗ glückender Beſitz ihm nur als Troſt und Andenken zwei Kinder, einen bereits als Geiſtlichen verſorgten Sohn und Fennimor, ihr ſchönes Ebenbild, zurück gelaſſen hatte. Während wir tiefer in den Grund des Eindrucks zu dringen ſuchten, der den jungen Grafen ſo mäch⸗ tig ergriff, ſehn wir ihn mit erhöhter Farbe, mit ſanftgebeugtem Kopfe der Anweiſung des Greiſes fol⸗ gen, der ihn ſogleich an die Tafel auf einen der Lehn⸗ ſtühle einlud, und mit ruhiger Würde ſeinem jungen Gaſte gegenüber Platz nahm. Nicht ſo Fennimor— ſie hatte zu thun mit der kleinen Eſtrade, wo ihre Blumen ſtanden, und trieb dies mit einem Ernſte und einer Wichtigkeit, als wenn dieſe ſtillen Gefähr⸗ ten in ihrer Abweſenheit Unordnung angefangen hät⸗ ten. Einzelne Worte, die ihr entſchlüpften, klangen, als ob ſie die eine Staude lobe, die andere tadele, und danach in die Sonne kehre oder zurück ſchöbe. „So, ſagte ſie egdlich lauter,„nun habt ihr all euer Theil!— Das ſoll euch wohl gefallen“— fuhr ſie fort, ſo freundlich und herausfordernd, daß Leonce aufhorchte, ob ſie ihr nicht antworteten. Aber ſie mußte Ste. Roche. 15 15 226 die Antwort ſchon empfangen haben, denn ſie kehrte ſich von ihnen ab, und blickte nun eben ſo zutraulich auf Leonin und ihren Vater hin, als überlege ſie, was ihr mit ihnen zuſtehe. Der glückliche Vater ſah mit einem kaum merklichen Lächeln dem entgegen⸗ was er gleich zu vernehmen ſicher war, ohne ſein ru⸗ higes Geſpräch mit Crecy zu unterbrechen oder ſie durch eine Anrede zu ſtören. „Der Graf könnte lieber hier zu Mittag eſſen“ — hob ſie auch ſogleich in einem ruhig berathenden Tone an, und ſtellte ſich dabei neben den Vater hin, ihn ernſt anblickend, als ob ſie dies beide allein zu beſprechen hätten. „Das könnte er wohl,“ lächelte Sir Reginald, „wenn er es nicht vorzieht, auf dem Schloſſe zu eſſen, wo ſo viel muntere Gäſte ſind, daß es ihm dort viel⸗ leicht beſſer gefällt.“ Sogleich wandte ſich Fennimor zum Grafen und ſagte eben ſo ruhig:„Wollen Sie lieber bei uns eſ⸗ ſen oder auf dem Schloſſe?“— Ehe er aber antwor⸗ ten konnte, fügte ſie gegen ihren Vater hinzu:„Ich ſagte Dir aber ſchon, lieber Vater, daß der Herr Graf gar nicht die Jagdzüge ſo liebt, als die andern Herren dort oben!“ Niemals glaubte Leonin eine verbindlichere Ein⸗ 227 ladung erhalten zu haben, und er fühlte ein Entzücken, eine Beehrung durch dieſelbe, die ihm ſeine kühnſten Wünſche zu erfüllen ſchien.„Nein, Miß Leſter,“ beſtätigte er freudig das, was ſie ſo ſchnell und, wie es ſchien, zu ſeinen Gunſten aufgefaßt hatte—„ich gehöre keinesweges zu dieſen leidenſchaftlichen Jägern; es iſt mir ſogar nur ein aufgezwungenes Vergnügen, und ich paſſe daher ſehr wenig in dieſe heitere Ge⸗ ſellſchaft und werde mich für glücklich halten, wenn Ihr mich würdigt, mich hier zu laſſen.“ „Warum bleibt Ihr aber dort,“ fuhr Fennimor fort,„wenn Ihr Euch nicht gefallt? Ich habe auch einmal zugehört, wie die Herren zuſammen ſprachen, und habe ſeitdem etwas gegen die Jagd, denn ſie gehen nicht redlich mit den Thieren um. Was ſie von ihren Hunden erzählten, war abſcheulich; die thun das Meiſte und ſo Grauſames, daß die armen Wald⸗ thiere von ihnen zerriſſen werden, wenn noch alles Le⸗ ben in ihnen iſt— die ſchönen Hirſche und Rehe! und ein friedliches Thier auf das andere zu hetzen, daß es ſo wild wird, das iſt auch gottlos!“ „Ja!“ rief Leonin lebhaft.—„Ihr ſprecht es aus, jetzt fühle ich es, warum die Jagd mich ſtets zurückgeſtoßen hat, es iſt etwas Unedles und Unred⸗ liches dabei. Ich liebe die Ruhe des Waldes und das 15 228 friedliche Eigenthumstecht, womit die ſchönen Thiere ihn bewohnen, und da haben mich dieſe lärmenden Züge und ihre rohe Freude über das Zerſtören dieſes friedlichen Zuſtandes immer aufgeregt, als müßte ich mich dagegen auflehnen.“ „Alſo liebt Ihr auch ſo den Wald!“ erwiederte theilnehmend Fennimor und ſetzte ſich neben ihn.— „Habt Ihr in Frankreich auch ſchöne Wälder? Sind überhaupt recht viele Wälder in der Welt?“ „Ich beſitze ſelbſt ſehr ſchöne Wälder,“ erwie⸗ derte Leonin.„In wenigen Monaten bin ich majorenn, dann gehören ſie mir ganz allein, und wahrlich, kein Schuß ſoll fallen, ihr Frieden ſoll erhalten werden, als wären ſie ein heiliger Hain der Vorzeit, irgend einer Göttin zum unanrührbaren Beſitze geweiht!“ „Ach das thut, das thut!“ rief Fennimor freu⸗ dig—„da könnt Ihr dann die ſchönen langen Som⸗ mertage ganz ohne alle Störung herumgehen, und das Wild wird Euch kennen und alle werden kommen, wenn Ihr ruft, und Ihr könnt es füttern, und dann geht es Euch nach, und die Kleinen ſpielen mit Euch; und wenn Ihr durſtet, ſo müßt Ihr die Quellen be⸗ ſuchen, wo ſie trinken, dies Waſſer iſt immer kühl und hell, denn die klugen Thiere wiſſen ſtets das beſte zu finden. Da werdet Ihr mehr Freude haben, als » r „— —,— 229 all die lauten Jäger, zu denen ſich kein einziges Wild freut, ſondern vor denen ſie alle flüchten— das könnt Ihr mir glauben; und Ihr werdet dann noch oft an mich denken, und daß ich es Euch geſagt habe.“ „Das glaube ich ſelbſt,“ erwiederte Leonin, plötz⸗ lich ernſt nachdenkend, als habe ſie ihm ſein ganzes Geſchick enthüllt—„ich werde von nun an immer an Euch denken, Euch nie mehr vergeſſen können.“ Auch ſie berührte das Leben in dieſem Augen⸗ blicke mit dem erſten leiſen Hauch einer ihr bis dahin fremden Empfindung— ſie dachte noch mit innigem Wohlgefallen an den grünen Wald, in dem das Wild ungeſtört wandeln ſollte, und war doch ſchon mit einem leiſen Erſchrecken von dem Gedanken berührt worden, daß er ihrer gedenken wolle, ſie nie mehr vergeſſen. Wer das Leben kannte und dieſes erſte, leichte Be⸗ rühren eines Gefühls zu verſtehen vermochte, mit dem ſie der mächtigſten Gewalt der Erde verfallen war, der hätte in unſäglicher Wehmuth ſein Angeſicht ver⸗ hüllen müſſen, denn eben damit war das unſchuld⸗ volle Leben in der Natur, das ſie als den letzten Ab⸗ ſchied eines ruhigen Kinderherzens noch rein empfun⸗ den und ausgeſprochen, unwiderruflich dahin. Jahre müſſen hingehen, ehe wir die Abſchnitte in unſerm Leben erkennen, die oft ſo hart geſchieden neben ein⸗ 230 ander ſtehen, daß ſie uns in Erſtaunen ſetzen; aber bewußt werden wir uns ihrer erſt, wenn ſie längſt als abgelöſt und aus jeder materiellen Beziehung zu uns getreten, erſcheinen. Dann können wir auch oft erſt nachweiſen, wie der Moment, der wie der Quell aus dem Felſen dem leichten Schlage entgegen ſtürzte, in allen vorangegangenen Zuſtänden unſerer Seele uns unbewußt vorbereitet ward. Denn wohl fühlen wir bei einem klaren Geiſte, wenn uns das Leben zu einer neuen Entwickelung gelangen läßt, aber welche es ſei, das bleibt das Geheimniß der Zeit; und die Anregung ſelbſt macht, daß wir ihr wenig nachfragen, denn jede neue geiſtige Entwickelung ſcheint uns zum Herrn derſelben zu machen, und läßt uns die Wege als eigen gewählte gehen, auf denen wir uns doch oft als Verirrte wiederfinden. Das Mädchen ſtand ſtill und ſchaute vor ſich nieder, und in ihr geſchah, was ſie nicht begriff— als ſie aufblickte, ſah ſie über A hinweg nach der Decke, ſie war ſo groß geworden und hatte ſo viel Gedanken; Beſuch bekommen, iſt doch ein rechtes Ver⸗ gnügen, glaubte ſie— und ging, um den Gaſt in der Küche anzuzeigen.—„ Bald öffnete ſich in der Holzwand, der Eingangs⸗ thüre gegenüber, eine kleine, unter bunten Schnörkeln —r— 231 ſpitz zulaufende Thür, Fennimor trat herein und ſtreckte winkend nach Beiden die Hand aus, ſo lieblich lächelnd wie ein Kind. Sir Reginald erhob ſich und lud ſeinen jungen Gaſt ein, ihm nach dem Eßzimmer zu folgen. Dies war nur ſo breit, wie das einzige große Fenſter dar— innen, ein wahres grünes Blätterkloſett, denn die hel⸗ len Scheiben hingen von Außen voll wiegender Ran⸗ ken, und die Holzwände waren beſteckt und berankt mit allem, was grünen und blühen wollte. Um den kleinen runden Tiſch ſtanden drei Stühle; zierlich weiß, und wohlhabend mit Silber war er gedeckt, und außer ihm keine Möbel, wozu auch jeder Platz fehlte, als im Hintergrunde neben der Ausgangsthüre ein künſtlicher Schenktiſch, geſchmackvoll und reich mit Silber geſchmückt. Emmy ſtand ſchon wieder bei vol⸗ len Kräften, mit der ernſten Miene einer beſcheidenen Dienerin, die es erwartet, ob die Herrſchaft ſich eines mit ihr erlebten Ereigniſſes erinnern wird. Dies ge⸗ ſchah ſogleich von Seiten des Grafen, der freund⸗ lich ſie anredete, um zu erfahren, ob der Schreck ihr nicht geſchadet; und als auch der Geiſtliche ihr noch freundlich ſich gezeigt und ſie, ſichtlich geehrt, der lie⸗ ben Fennimor befriedigte Blicke zugeſandt, nahm man die Plätze um das Tiſchchen ein. Obwohl dieſe Mahl⸗ 232 zeit nur aus Fiſchen, Geflügel und Obſt beſtand, und Alles fehlte, was dem jungen Grafen ſonſt erſt ein Mittagseſſen ausmachte, ſchien es ihm doch das aus⸗ reichendſte und vollſtändigſte, was er je genoſſen, und das Vergnügen einer lebhaften gebildeten Unterhaltung, das er ſo lang entbehrt, labte ſeinen öden Seelenzu⸗ ſtand bis zu nie empfundener Fähigkeit ſich auszu⸗ ſprechen. Wir haben ſchon geſagt, daß Crecy's Geiſt an⸗ gebaut war. Leicht traten wohl geordnete Kenntniſſe und eine entwickelte Urtheilskraft hervor, wo Sir Re⸗ ginald, die ſchöne Fähigkeit des Geiſtlichen beſitzend, es ſo wohl verſtand, Beides an ſeinem Gaſte heraus⸗ zufinden und in Thätigkeit zu ſetzen. Das Alter und die lange Trennung von der Welt machten den Jüng⸗ ling ihm überlegen, aber er fühlte dies mit Wohlge⸗ fallen, und erkannte ſein liebenswerthes Naturell und die geſchickte kluge Entwickelung, die man ihm hatte zu Theil werden laſſen, und die ihn weder überfüllt, noch vernachläſſigt erſcheinen ließ. Obwohl Fennimor zwiſchen dem Geſpräche Bei⸗ der nicht einredete, ſo machte ſie doch auf eine wun⸗ derbar kluge und naive Art das Reſumee des Geſag⸗ ten. Sie bewies damit, ohne es zu wollen oder zu ahnen, daß ſie mit nichts ganz unbekannt war, was — 233 die Männer zu beſprechen fähig waren; daß ſie aber Alles eigenmächtig umſchuf und zurecht legte in der ihr verſtändlichen und möglichen Weiſe. Das Schlechte exiſtirte für ſie nicht— ſie be⸗ griff es nicht, und alles, was daher und darum ge⸗ ſchah, läugnete ſie oder wußte es oft klug genug an⸗ ders zu erklären. Sie war dabei entſchieden und frſt in ihren Meinungen, aber doch immer nur wie ein Kind ganz harmlos, ohne Leidenſchaftlichkeit— Jeder mußte fühlen, ſie könne blos nicht anders. Ihr von Aufhorchen und Theilnahme leuchtendes Geſicht, das beredte Mienenſpiel, womit ſie ſchon, ehe ſie ſprach, das Urtheil fällte, war wunderſchön— kaum ſchien ſie erwarten zu können, was der Eine oder Andere ſagen würde, ſo beredt hingen ihre Augen an ſeinem Munde, ſo freundlich lachte ſie ihn an, wenn es das Erwartete war, ſo ſchnell ſchüttelte ſie den Kopf, wenn ſie es nicht begriff. Sie zwang unbewußt zuletzt die Sprechenden im Verlaufe des Geſprächs ihre Augen auf ſie zu richten, da ſie das Geſagte in ihr verwor⸗ fen oder angenommen ſahen. So unſchuldiges Treiben, das, hätte Fennimor in der Welt gelebt, ſchon längſt weg erzogen gewe⸗ ſen wäre, da jede Mutter oder Erzieherin es mit dem Bannfluche des Unſchicklichen belegt haben würde, 234 konnte hier unter der Leitung eines einſam lebenden Vaters groß werden; denn ihm that die natürliche kräftige Friſche ſeines Kindes, das Eigenes dachte und wollte, und ihn oft anregte zum Denken und Forſchen für ſie, innig wohl, er hütete ſich, ſie zu ſtören, und empfing oft, ihm ſelbſt überraſchend, ganz neue Ge⸗ danken von ihr. Was ihre Zukunft werden ſollte, das legte er ſtets mit der gefaßten Ruhe eines from⸗ men Mannes bei Seite, und ſelbſt ſeine ſichtlich zu⸗ nehmende Hinfälligkeit ließ ihn keinen Plan, keine Anſicht darüber faſſen. Sollte ſie dem allgemeinen Looſe der Frauen anheim fallen, ſich zu vermählen, ſo hatte er freilich kein Bild von dem Manne, der ſie begreifen konnte; und lieber dachte er ſie ſich unver⸗ mählt, ihrer eigenen, tüchtigen Natur den kreis verdankend. Gegen Ende der Tiſchzeit unterbrach ſie faſt zür⸗ nend ein Geſpräch der Männer über die herrſchende engliſche Dynaſtie und das Treiben Karls des Zweiten, von dem der Geiſtliche durch Crech manches Nach⸗ theilige erfuhr, was ſeine früheren Anſichten beſtätigte, da er den König faſt ſo oft tadelte, als er von ihm ſprach.„Vater,“ rief ſie, ganz erglühend von Eifer, „wie kannſt Du denken, daß unſer König Fehler macht, bloß darum, weil er ein Stuart iſt?— Wie ——.— ————— —— 235 würde Gott zulaſſen, daß ihm das ſchon im Blute ſteckte, und haſt Du nicht ſelbſt geſagt, daß er brav war bei Worceſter, wie jeder andere Soldat, als habe er kein Recht vor dem geringſten voraus— und war er nicht auch dankbar gegen Sir Loweſton Harley, der ihn verbarg, als ihn Cromvell auf der Flucht nach Holland verfolgen ließ— hat er nicht geſagt:„Wo ein Harley mir in den Weg tritt, da ſoll er mein Freund ſein und, iſt er müde, auf meinem Lager ru⸗ hen und, iſt er hungrig, von meinem Brodte eſſen, aus meinem Becher trinken— und hat er das nicht all' gehalten, wie Du mir ſelbſt geſagt?“ „Einzelne ſchöne Züge haben alle Stuarts mit einander gemein,“ erwiederte ruhig der Vater,„aber daneben wohnt in ihnen ein tückiſcher Geiſt, der immer wieder einreißt, was ſie Gutes gewollt oder gethan.“ „Ach nein,“ ſagte Fennimor—„weißt Du, wie es ſein wird? Er iſt zu lange von Hauſe geweſen, das habe ich letzthin herausgefunden, als Du ihn wieder ſchalteſt. Da war ich den ganzen Tag und die ganze Nacht in Grimfield's Höhle geweſen, als wir die Marienwürmchen ſammelten in der Heumonds⸗ nacht— gegen die Gliederſchmerzen,“ ſetzte ſie erläu⸗ ternd gegen den Grafen hinzu—„als ich da ſo lange von Hauſe war und ich kam wieder, war mir Alles 236 fremd geworden, und ich wußte gar nicht, wo ich an⸗ fangen ſollte, ob es Zeit zu dem Einen oder dem Andern wäre. Du ſelbſt“— fügte ſie hinzu und drückte ihren Kopf an des Vaters Schulter—„ſag⸗ teſt: Du biſt ein ganz verwirrtes Ding geworden, weil Du ſo lange von Hauſe warſt! Da dachte ich nachher, wie Du den König ſchalteſt: ich war nur ſo kurze Zeit fort, und mein Haus iſt ſo klein, und als ich wieder kam, wußte ich zu nichts die rechte Zeit zu finden— und nun der arme König, den ſie ſo lange verjagt haben aus ſeinem großen Hauſe, aus ſeinem England— nun er wieder kommt, auch nicht immer die rechte Zeit finden kann, wo Alles hinge⸗ hört, da ſchelten ſie ihn alle ſo ſehr.“ „Zu erklären, zu entſchuldigen mag durch dies traurige Schickſal Manches in dem Karakter des Kö⸗ nigs ſein“— ſprach Crecy, ſo gern ihr beipflichtend— „es iſt nur leider jeder Fehler, auf dieſem Gipfel⸗ punkte der menſchlichen Geſellſchaft begangen, ſo ſchwer in ſeinen Folgen, und ſo unmöglich, ihn zu überſehen, da er in das Glück von Tauſenden einſchneidet.“ „Ja,“— fuhr Fennimor lächelnd zum Vater fort—„laß' Du ihn nur erſt recht ruhig in dem alten Vaterhauſe ausſchlafen und gieb dann Acht— denn was war es bei mir? Uebermüdung. Als ich ——— 232 ſchön ausgeſchlafen hatte, wußte ich Alles wieder, wie am Schnürchen, nichts war mir mehr fremd.— Der arme König iſt auch noch müde, er iſt noch immer überwacht von der langen Noth, die ihn nicht ſchlafen ließ; darum taumelt er und thut bald zu viel, bald zu wenig— ach, Ruhe muß doch ein König auch haben, da Gott ihn Menſch hat ſein laſſen! Und braucht er dazu ſo viele Jahre, wie ich Stunden, kommt die Rechnung doch heraus, da ſeine Noth ſo groß war, die meinige ſo klein.“ „Nun, ſo wollen wir ihm denn eine Ruhe der Seele wünſchen, wonach er ſich geeignet findet, das zu erkennen, was ſeinem armen Lande noth thut“— ſprach Sir Reginald, indem er ſich erhob und nach beendigter Mahlzeit ſeinen Gaſt in das Wohnzimmer zurückführte. Fennimor, die ihnen folgte, zog nun nach ge⸗ wohnter Ordnung ein kleines Bänkchen zu den Füßen ihres Vaters, beſchäftigt, von einem Andachtsbuche, welches ſie herbei geholt, die goldenen Klammern zu löſen, um ihrem Vater daraus vorzuleſen. Doch Sir Reginald hielt die Hand auf den Deckel und ſagte lächelnd:„Dies möchte unſerm lie⸗ ben Gaſte doch eine zu ernſte Lektüre werden, mein Kind, und wir laſſen das, bis wir allein ſind.“ Wie mit Purpur ward Fennimor bei dieſen Wor⸗ ten übergoſſen, und Erſtaunen und Beſchämung ſchie⸗ nen daran gleichen Theil zu haben. „O, ich bitte Euch, Sir Reginald,“ rief Leonin —„würdigt mich als Euren Gaſt des Vertrauens, daß ich an allen Euren Beſchäftigungen Antheil neh⸗ men darf, und ſchenkt mir Eure Achtung, indem Ihr ſie nicht durch meine Gegenwart unterbrechen laßt.“ Sir Reginald war um ſo geneigter, dieſer Bitte nachzugeben, da er mit Theilnahme ſah, wie ſehr Fennimor durch ſeinen Einſpruch außer Faſſung ge⸗ kommen war, und ihre rührend beſchämten Züge den leichten Anfang hervorbrechender Thränen andeuteten⸗ „So wollen wir denn unſern neuen Gaſt ganz wie einen alten behandeln“— ſagte er, mit dem Ver⸗ ſuche zu ſcherzen,„und ich freue mich recht, in ſei⸗ ner lieben Geſellſchaft eines Deiner ſchönen Gebete zuhören Fennimor nahm jetzt das Buch, das der Vater ſelbſt hatte öffnen müſſen, ihrer Verwirrung zu Hülfe kommend, und zeigte mit dem Finger auf das Blatt, wo ſie beginnen ſollte. Zu Anfange bebte die Stimme des erſchreckten Kindes, und jedes Wort fand nur unſicher ſeinen Ton; aber wie erſtaunte Crecy, als er nun erſt hörte, daß — ————— 239 dieſe Gebete in franzöſiſcher Sprache geſchrieben wa⸗ ren und der Thomas a Kempis daſſelbe Andachts⸗ buch war, das er in dem Betzimmer ſeiner Mutter zu finden pflegte. Faſt koſtete ihm dieſe Ueberraſchung ſeine Andacht— hätte nicht der ernſte und ſo melo⸗ diſche Ton dieſer kindlichen Stimme ihn mit ſteigen⸗ dem Entzücken an den heiligen Sinn von Worten ge⸗ feſſelt, die von Jugend auf ſein Herz am meiſten er⸗ baut hatten. Die etwas gebrochene, unſichere Aus⸗ ſprache, die doch nie den Sinn verdarb oder über die Kenntniß der Leſerin Zweifel erregte, ſchien ihm ein Zauber mehr; jugendlich⸗phantaſtiſch überbot er in je— dem Augenblick ſein tiferregtes Gefühl, und zuletzt ſchien ſie ihm ein Engel, der ſich dem heil'gen ſchwe⸗ ren Dienſte unterzog, unter Menſchen die Lehre des Heils zu verbreiten, doch nur mit Mühe ſeine Engels⸗ laute in ihre harte Sprachform fügend.— Als ſie jetzt ruhig das Buch zuſchlug, und mit gefalteten Hän⸗ den zum leiſen Nachgebete den Kopf über daſſelbe ſenkte, daß die reichen braunen Locken wie ein Schleier niederſanken, und der ehrwürdige Greis mit ſeinem weißen Haupte und dem vollſten Ausdrucke väterlicher Liebe, ſeine Hand ſegnend auf ſie legte, da beugte er, als habe der Engel ſich ihm offenbart, in einer Art Anbetung das Knie neben ihr, und rief leiſe und be⸗ 240 bend:„Wollet mich aufnehmen in die heilige Gemein⸗ ſchaft Eures Lebens!“ Die wahre Empfindung, wenn ſie unverkümmert von den ewigen Rückſichten, die uns anerzogen wer⸗ den, hervortritt, iſt eine jedes Mal verſtändliche und faſt immer ſiegende Sprache!— Sir Reginald legte ohne Bedenken ſeine andere Hand auf das gebeugte Haupt des Jünglings:„Gott ſegne Euch, junger Mann, mit einem unſchuldigen Herzen bis an's Ende Eures Lebens!“— Da fiel, erſchreckend, das Gebet⸗ buch der Mutter, woraus ſie ſo eben geleſen, von Fennimor's Schooß auf die Erde, und alle Blumen und Kränzlein und zarten Bildchen, die darin geſam⸗ melt waren, flogen zerſtreut umher. Beide knieten nun, und ſammelten ſorgſam und mit leichtem Finger dieſe Heiligthümer, und beſchäftigten ſich dann damit, ſie an den Stellen wieder einzulegen, die Fennimor alle anzugeben wußte. „Meine Mutter war aus Frankreich,“ erwiederte ſie auf die Anfrage Crech's über das Gebetbuch in ſeiner Sprache—„und dies war das Buch, worin ſie täglich meinem Vater vorlas. Davon weiß ich freilich ſelbſt nichts mehr, aber ich erlernte die Sprache, um ſpäter auch darin leſen zu können, und thue es nun alle Tage— darum“ fuhr ſie zögernd fort— 241 „dachte ich auch heute, es dürfe nicht anders ſein, denn Ihr werdet doch auch beten.“ „Ja, gewiß!“— rief Crecy bewegt,„und von Kindheit auf habe ich gerade aus dieſem Buche gebetet, was immer in der Betkapelle meiner Mutter lag.“ „Vater,“ rief Fennimor freudig, den fern Sitzen⸗ den in ſeinem Nachdenken ſtörend,„ſeine Mutter betet auch aus dieſem Buche, und er hat von Kindheit an keins lieber gehabt!— Sagt mir doch,“ fuhr ſie fort, als ſie das freundliche Nicken des Vaters in Empfang genommen hatte,„von Eurer Mutter— ſie iſt wohl recht ſchön und ſanft und gut?“ Leonin ſchwieg einen Augenblick, und wir können nicht läugnen, daß die Welt ihn nicht mehr unbefan⸗ gen genug gelaſſen hatte, um nicht in der Stille zu überlegen, daß dies ſchnell entworfene, vortheilhafte Bild ſeiner Mutter unmöglich entſtehen konnte, ohne von dem Sohne und den ihm vielleicht von ihr bei⸗ gelegten Eigenſchaften die Farben zu leihen.— Aber verſöhnend fügen wir hinzu, daß er dies ohne das kalte, beleidigende Trachten der Eitelkeit empfand. Ein heißes Gefühl durchſtrömte ſeine Bruſt bei der Hoff⸗ nung, ſie ſähe ihn ſo günſtig anz ein Gefühl, das ihn nicht glauben ließ, es ſtehe ihm zu, es zu fordern. Doch mußte er während dieſes berauſchenden Gedanken⸗ Ste. Roche. 1. 16 eee— 242 laufs ſich bemühen, ihr zu antworten, und zuerſt ſtand er etwas verwirrt vor dem Bilde ſeiner Mutter.„Sie iſt ſchön, Miß Leſter“— erwiederte er zögernd,„aber ſie iſt meine Mutter, daher über den Anſpruch der Jugend hinaus— ihr Geiſt und ihre Gaben ſind ſehr groß, und ſie iſt von Geburt eine Fürſtin Soubiſe.“ „Das freut mich!“ erwiederte Fennimor freund⸗ lich—„ich habe gern ſo vornehme, ſchöne Menſchen, die ſo recht eigentlich zu den hohen Bäumen und brei⸗ ten Strömen und den mächtigen Thieren paſſen, wie Gott es gewollt hat, als ihre Beherrſcher. Alle ſind nicht ſo, aber ſie haben auch ihren Platz— Gott hat ja auch die kleinen Würmer geſchaffen— man kann dies Alles lieb haben“— ſetzte ſie hinzu, aus ihrem bibliſchen Pathos zu der Heiterkeit einer kindlichen Spielerei übergehend, und ſprang fröhlich auf, um die Thüren nach dem Walde zu öffnen. In Gedanken vertieft, blieb Crecy auf ſeinem Platze ſitzen und blickte ihr nach, als ſehe er ein Wun⸗ der, was er zu ergründen vergeblich trachtete. Als er aufſah, begegnete er den Blicken des Vaters, der ihn mit einem eigenen Ausdrucke milder, ernſter Wehmuth betrachtete.— Crecy entzog ſich dieſem ſanften For⸗ ſchen nicht, ja wünſchte faſt, ein Anderer durchdränge ſein ſeltſam überfülltes und bewegtes Innere. Er 243 ſtand auf und nahte ſich dem edlen Greiſe, der ihn ſtill erwartete, und als er vor ihn trat, ſchwiegen den⸗ noch Beide. Zwiſchen ihnen ſtand eine Ahnung, und ſie wußten nicht, ob dieſe, Geſtalt gewinnend, ſie tren⸗ nen oder vereinigen würde. Der Abend war indeſſen herabgeſunken— ein⸗ zelne glühende Lichtſtreifen drängten ſich durch den Wald und hafteten mit ihrem Purpurlichte an den Säulenſtämmen der hohen Buchen, oder zogen glän⸗ zende Furchen über den duftenden Raſen. „Seht,“ ſagte plötzlich das zurückkehrende Mäd⸗ chen, zu beiden Männern tretend—„in Eurem Walde in Frankreich, da wird, wenn er Euch erſt ganz gehört und kein Schuß mehr fällt, um dieſe Stunde das Wild ſpazieren gehen und ſich ſeines Lebens freuen; hier iſt Alles leer und verſcheucht von der wilden Jagd. — Aber wir,“ ſetzte ſie ſanft, faſt furchtſam hinzu— wir könnten jetzt ſpazieren gehen?“ Sie hatte das ihrem Vater geſagt, und er richtete ſich ſogleich mit milder Freundlichkeit in ſeinem Stuhle auf; doch ſah Crecy deutlich, wie er einen ſchwermüthigen Anklang in ſeiner Seele beherrſchen mußte.„Du haſt Recht, Fennimor,“ ſprach er, zum Weggehen ihre Hand faſſend,„und da wir unſern Gaſt nicht länger ſei⸗ nem Wirthe entziehen dürfen, ſo wollen wir ihn 16* 244 den ſchönſten Weg durch den Park dem Schloſſe zu⸗ führen.“ Leonin fühlte erſt jetzt, was er gänzlich vergeſſen hatte, wo und bei wem er hingehöre. Er ſchien ſich heute erſt angekommen, heute erſt an der rechten Stelle, und jenes Schloß mit ſeinen Bewohnern lag ſo weit ab und war in eine ſolche Fremdheit zu ihm getreten, daß er ſeiner ganzen Beſonnenheit bedurfte, um ſich zu überzeugen, er müßte dahin zurück. Doch nicht eher trennte er ſich von ſeinen neuen Freunden, als bis ſie ihm beide erlaubt, am andern Tage wieder⸗ zukommen, und er kehrte nun in Schloß Stirlings ein, aber ein anderer Menſch, als er es verlaſſen hatte. „ 245 Beinahe zaghaft näherte ſich Leonin den Geſell⸗ ſchaftszimmern, in denen er ſein Ausbleiben bemerkt und ſich den Fragen der gutmüthigen Familie ausge⸗ ſetzt fürchten mußte, die eben jetzt zu beantworten, ihm unbeſchreiblich läſtig ſchien. Doch er fand ſchon in den Gängen und Vor⸗ zimmern unter den Domeſtiken eine ungewöhnliche eilfertige Unruhe, und erfuhr von dem etwas langſamer daherſchreitenden alten Haushofmeiſter, daß die Frau Gräfin eine Botſchaft aus Edinburg von ihrer, wie zu fürchten ſtehe, ſterbenden Frau Mutter erhalten habe, daß ſie ſogleich mit ihren Töchtern dahin abrei⸗ ſen werde, wogegen Se. Herrlichkeit der Graf Gerſey bei den verſammelten Gäſten in St irlings⸗Bai bleiben würde, die nächſten Nachrichten von ſeiner S hierſelbſt abwartend. 8. Leonin konnte nun ſelbſt fragend ii rien eintreten, und die Theilnahme, die er empfänglich war zu fühlen, ſetzte ihn in die richtige Stimmung zu ſei⸗ nen gütigen Wirthen. 246 Milady Gerſey mit ihren Töchtern waren ſchon in Reiſekleidern in dem Kreiſe der Gäſte, die Anmel⸗ dung der Wagen erwartend. Tief bekümmert über den möglichen Verluſt ihrer nahen Verwandten, hatten die guten Menſchen doch auch die ſorgſamſten Gedanken für ihre zurückbleiben⸗ den Gäſte, und indem ſie alle einzeln baten, Stirlings⸗ Bai nicht zu verlaſſen, ſondern dem bekümmerten Grafen beizuſtehen, wollten ſie noch für die beſonderen Wünſche eines Jeden liebreich ſich bemühen; und be⸗ ſonders an Leonin richteten ſich die guthmüthigſten Vorſchläge und Beſorgniſſe ſogar für die Annehmlich⸗ keit ſeiner Lage, da die Frau Marſchallin von Crecy und ihr Wunſch in Bezug auf dieſen Sohn, dieſelbe zu einer beſonderen Verpflichtung für ſie gemacht hatte. Niemals war Leonin vielleicht weniger um ſeine Unterhaltung beſorgt, als eben jetzt, und die freundliche Art, wie er ſie darüber beruhigte, machte ihn liebens⸗ würdiger erſcheinen, als ſie ihn bisher erkannt hatten, und endlich ſtellte das freudig geleiſtete Verſprechen, Stirlings⸗Bai vor der anberaumten Zeit nicht zu ver⸗ laſſen, ſie gänzlich um ihn in Ruhe. Von allen Anweſenden bis an ihre Kutſchen be⸗ gleitet, ſetzte ſich endlich der ſchwerfällige Reiſezug in Bewegung.— Leonin hatte hier Gelegenheit wahr⸗ — — ——— 242 zunehmen, wie wahrhafte Güte des Herzens in ent⸗ ſcheidenden Lebensmomenten den Mangel einer höheren Bildung, die das tägliche Leben mit ſeinen kleinen An⸗ forderungen oft ſo drückend vermiſſen läßt, ausreichend zu erſetzen vermag, und wie in ſolchen Augenblicken das unverdorbene Herz den ſanfteſten, zarteſten Rath zu Anderer Hülfe und Troſt zu geben vermag. Dieſe rauhen Jäger waren alle ſo ſtill und ehr— erbietig gegen die ſonſt wenig beachteten Frauen ge⸗ wordenz ſie blieben nach ihrer Abreiſe ſo ſtill bei dem nachdenkendern Hausherrn verſammelt, und ernſtere Beziehungen ihrer gegenſeitigen Verhältniſſe kamen zur Sprache und hemmten das wüſte Geſchwätz lächerlicher Jagdlügen, womit ſie ſonſt einander zu ärgern trach⸗ teten und oft zu heftigen, rohen Scenen Veranlaſſung gaben. Zum erſten Male fiel es dem jungen Grafen leicht, unter ihnen zu bleiben und an ihrem Geſpräche Theil zu nehmen. Er benutzte noch denſelben Abend, als die Geſellſchaft ſich getrennt hatte, dieſe ihm bis⸗ her ſo fremde Stimmung ſeiner Mutter zu ſchreiben, und das ganze Bild, das er von ſeinem Leben ent⸗ warf, und was nur zu erwähnen, ihm bisher der Ueberdruß daran unmöglich gemacht hatte, trug einen überraſchenden Ausdruck glückſeliger Heiterkeit, voll⸗ ſtändiger Befriedigung. 248 Wohin unſer junger Freund am andern Morgen ſeine Schritte lenkte, brauchen wir kaum zu erwähnen. Bald kannte er keinen andern Weg als dieſen. Ehe die Sonne hoch genug ſtand, den Thau von dem Mooſe des Waldes zu trocknen, umſchlich er ſchon den Fuß der Abtei und beobachtete mit anbetendem Entzücken die tanzenden Lichter, die die Fenſter zu liebkoſen ſchienen, hinter denen noch Fennimor's ju⸗ gendliches Haupt in holden Träumen ruhte.— Mit leiſen Schritten betrat er den Weg, der zu der Thür des Wohngemaches führte, und prüfte das weiche Moos unter ſeinen Füßen, ob der leichte Wind, der die Wipfel der Buchen grüßend berührte, auch nicht ein dürres Aeſtchen, ein welkes Blatt auf den Weg geſtreut, den bald ihr zarter Fuß betreten ſollte. Zu den Gewächſen, die das Fenſter ſpielend umzogen, blickte er wie zu Begünſtigten auf, die bleiben konn⸗ ten, wo ſie war; er betrachtete ſie, als wolle er ſich ihre Liebe erwerben, er ſchlang die vom Zufalle ver⸗ ſchobenen Ranken um ihre Stäbchen, er ſuchte die abgeſtorbenen Blätter und Zweige hervor, und bog die befreiten Keime gegen das Licht; und die Blumen, die er ihr jeden Morgen brachte, ob der Thau ſie nicht zu ſehr näßte, ob die Sonne nicht ihren Duft früher nähme, als ſie ihn eingeſogen, wie viel Gedanken und 6 Ueberlegungen machte ihm das! Hatte er ſie endlich gebettet an geſichertem Ort und ſich überzeugt, er dürfe ſie noch nicht erwarten, ſo kam er ſich wie ein Held, groß und entſchloſſen vor, wenn er abwärts von ihrer Schwelle noch eine Wanderung durch den Park ver— ſuchte. Gehoben nun, wie ſein ganzer Zuſtand es war, traten ſeine Gedanken zu Entſchlüſſen hervor. Seiner nahen Majorennität freute er ſich beſonders, und leicht hätte er das, was er ſich ſelbſt nicht eingeſtand, eben aus dieſem Gefühle errathen; denn nichts war ihm bis dahin gleichgültiger geweſen, als eben dieſe Majo⸗ rennität. Mit allen Vorzügen des Reichthums immer ausgeſtattet, hatte eine Vermehrung dieſes ſorgloſen Biſitzes, womit zugleich eine Verwaltung deſſelben die bequeme Ruhe des bisherigen Lebens bedrohte, ſehr wenig Reiz für ihn gehabt, und er hatte alles, was ſeine ihn immer in Probe nehmende Mutter hervor⸗ brachte, ihn darüber auszuforſchen, ſtets mit ablehnen⸗ der Gleichgültigkeit zurück gewieſen. Die umſichtige und herrſchſüchtige Frau konnte ihre ſparſamen Ge⸗ fühle höchſtens nur auf die Liebe der Blutsverwandten ausdehnen; doch auch hier nur ihrem Charakter getreu, indem ſie ihre Klugheit und Lebenserfahrung geltend machte, ihre Anſichten von Glück und Wohlbefinden ihnen entweder mit dem vollen Ungeſtüme des Zür⸗ nens, oder dem langſamen Wirken übler Laune und kleiner heimlicher Ränke aufzunöthigen.— Sie erlaubte ſich jedes Mittel, ohne die kleinſte Unruhe ihres Ge⸗ wiſſens, da ſie durch ihr ſtolzes Selbſtgefühl beſtändig in der ſichern Ueberzeugung gehalten ward, das Wohl des Andern zu wollen, nämlich: was ſie dafür hielt, und was annehmbar zu machen, ihrer finſteren un⸗ eingeſtandenen Herrſchaft ſchmeichelte. Ueber ein ſo weiches, zur Unthätigkeit geneigtes Gemüth, wie das Leonin's, die Herrſchaft zu führen, ſchien ſie ſich nun vollſtändig berufen, und indem ſie ihm damit das Leben, das ſeiner träumeriſchen Seele leicht zu ſchwer ward, ſo bequem als möglich machte, fühlte ſie ſich ihres Einfluſſes vollkommen geſichert. Aber ſie hatte von den ſchönen Keimen ſeiner Seele, die von einer ſich ſelbſt nicht ſuchenden Liebe verſtan⸗ den und gepflegt worden wären, und durch ehrendes Schonen und liebevolle Ermunterung erſtarkt ſein wür⸗ den, auch keine Ahnung— ja, ihr Verfahren hatte bereits genug in ihm zerſtört, was ſie ſtets in den platten, breiten Anſichten erledigt fand, er ſei zu gut für's Leben, er müſſe ſtets dagegen gewarnt, geſchützt und eingehüllt bleiben. Dieſen Frevel, der an ihm begangen ward un W 251 ihn verhinderte, ſich zum Manne zu entwickeln, wol⸗ len wir in unſern Gedanken feſt halten, wenn wir ihn auf der Bahn ſeines Lebens begleiten müſſen und wünſchen werden, ihn halten oder ſtützen zu können gegen die Gewalt eines herrſchſüchtigen Weibes, die aus ſelbſtſüchtiger Liebe ſeinen Geiſt unterdrücket, und ſein Herz gegen Menſchen und Verhältniſſe in Zwei⸗ deutigkeit verſtrickte.— Was er jetzt empfand und zur natürlichen Ent⸗ wickelung kam, da er außer dem Bereich ihres Ein⸗ fluſſes lebte, erfaßte ihn wie ein neuer Strom des Blutes. Er genoß zuerſt den Zauber, der die Seele des Mannes aus der Knospe hervorbrechen läßt und alle Kräfte als Diener herbei ruft, den heiligen Zau⸗ ber, ein weibliches Weſen im zärtlichen Glauben an ſeine Kraft und im Gefühl der eigenen Schwäche ſich ihm vertrauen zu ſehen, als habe damit jede Furcht auf Erden ihr Ziel erreicht. Wer hatte bisher von ihm gewollt und geſucht, was Fennimor nicht zwei⸗ felte zu finden, wer hatte ihm dies völlige Gefühl der Männlichkeit gegönnt, wer ihn zu einem freieren Her⸗ vortreten ſeiner Kräfte und Fähigkeiten genöthigt— durch die Anforderungen echt weiblicher vertrauender Liebe! Es konnte nicht fehlen, daß er, der alten Feſ⸗ ſeln entledigt, ſich ſeiner, auf eine ihm ſelbſt über⸗ 252 3 raſchende Weiſe, ſenßt ward. Im Verlaufe dieſes Bewußtſeins dyänhte ſich ihm auch eine Wahrnehmung für die Außenwelt und ſeine bisherigen Verhältniſſe auf, und dies mochte ihn zu mancher noch nie ge⸗ wagten Betrachtung führen. Dieſen hochgebildeten Naturmenſchen gegenüber glaubte er jetzt erſt das Leben in ſeiner Wahrheit zu erkennen; und wie Sir Reginald jene andere Welt in den Städten, an den Höfen, die man Leonin bisher dafür ausgegeben, vergeſſen hatte, Fennimor ſie nie gekannt, ſo war es auch natürlich, daß Beide niemals auf die Schwierigkeiten verfallen konnten, die ſich ihm zum Gegenſatze ihrer Welt und der von ihm gekann⸗ ten aufnöthigten, und daß dieſe endlich von ihm ſelbſt nur noch mit dem Entſchluſſe betrachtet wurden, ſie gering zu achten, da er hier den Inhalt einer Exiſtenz kennen lernte, edel und ausreichend vor Gott, und doch fremd jenem ganzen Treiben berechnender Klugheit. Aber es geſchah ihm auch zuerſt, daß er über das vorzüglichſte ihn bis jetzt leitende Prinzip, über ſeine Mutter, nachdachte, und daß er den Widerſpruch er⸗ kennen lernte, in den er durch die eigene entſchiedene Umwandlung ſeines Weſens, von der er ſich das Ein⸗ geſtändniß machen mußte, zu dieſer unveränderlichen Frau getreten war. Er wollte nur noch Fennimor, —,—— 253 und mit ihr Ste. Roche bewohmen, und er wußte genau, ſeine Mutter würde entſchieden das Gegentheil wollen— er wufßte, ſie wolle ihn an dem glänzenden geiſtreichen Hofe des Königs ſehen, vermählt mit einer Dame, deren Name durch Alter und Anſehn dem ſeinigen gleich käme. Er fühlte, er habe zu dieſen Plänen ſeine Mutter berechtigt; denn auch er hatte früher nie eine andere Wendung ſeines Lebens für möglich geachtet, und ſei es Ueberredung, ſei es der ihm angeborne Geburtsſtolz, nie hatte er den Gedan⸗ ken, ſeine künftige Gemahlin anders, als in den höchſten Regionen des Hofes zu ſuchen, für möglich gehalten. Er war noch jung genug, um der erfahrenen Entwickelung mit Enthuſiasmus ſich hinzugeben und ſich im vollkommenen Rechte mit dieſen Empfindun⸗ gen zu fühlen, da ſie ihn edler, menſchlicher, hoch⸗ herziger ſtimmten, als Alles, was er bis dahin em⸗ pfunden. Wenn er ſo in der heißen Sehnſucht nach Fennimor's ihm nur wenige Stunden entzogenem An⸗ blicke, in der Frühe den Wald durchſtreifte, regte ſich eine Fülle guter Gedanken und Beſchlüſſe in ihm, gemäß den Anſichten, die ſeine neuen Freunde ah⸗ nungslos durch Worte und Handlungen erweckt hatten. Sie waren eine Sonde für Leonin's Herz, die ihm fühlen ließ, wie weit es geſund geblieben war unter 25 4 der Hand der klugen Fürſtin Soubiſe, die jeden hö⸗ heren Athemzug in ihn zurückdrängte mit der War⸗ nung: der böſen Welt nie zu vertrauen, nie offen ſich ihr zu zeigen. Jetzt war der Muth erwacht, ſich ihr offen zu zeigen, und deſſen fühlte er ſich froh. Er hoffte ſeiner Mutter zu beweiſen, wie man ein freier, offener Menſch ſein, und doch der hohen Würde, wozu die Geburt berufen, Ehre machen könne. Ste. Roche, wohin er am liebſten dachte, Fennimor's heilige Ruhe hier am beſten geſichert haltend, Ste. Roche ſollte ein Paradies werden! Nicht allein die ſchlanken Bewoh⸗ ner der Wälder ſollten ungeſtört auf den reichen Weide⸗ plätzen umher wandeln— jedes Weſen, das ihm ge⸗ hörte, ſollte Ruhe, Glück und Sicherheit durch ihn finden.— Was Reichthum war, verſtand er erſt, ſeitdem er geſehen, wie ernſt und verſtändig Vater und Tochter, was ſie übrig zu haben glaubten, mit denen theilten, die weniger hatten, und ſein Herz jauchzte, wenn er dachte, daß er an einem Tage mehr beſaß, als Fennimor im ganzen Jahr erübrigte. Ihr dieſen Reichthum zu Füßen zu ſchütten, ihr freudiges Erſtaunen, ihr himmliſches Lächeln zu ſehen, und wie ſie ſich mit dieſem Reichthume aufrichten werde, und wie eine Königin durch ſeine Unterthanen gehen, und helfen, und retten, und Segen ſpenden mit klugen, 255 ernſten Gedanken und ſtrenger Mahnung, und ſüßer kindlicher Hingebung und Heiterkeit. Was konnte ihm die Welt gegen eine ſolche Ausſicht auf Glück bieten, auf ein Glück, von dem er ſich veredelt fühlte bei dem bloßen Gedanken daran!— Schon längſt kannten Sir Reginald Leſter und Fennimor die Pläne, welche Crecy's Liebe für die Zu⸗ kunft geſchaffen, und wenn Fennimor, kein Hinderniß ahnend, in ſorgloſer Freude das Glück ihrer Liebe ge⸗ noß, ſo ſehen wir Sir Reginald mit mehr Hingebung an die Wünſche der Liebenden ſich anſchließen, als bei ſeinem reiferen Alter zu erwarten ſtand, wenn nicht eben lange Zurückgezogenheit von der Welt ihn zum Fremdling darin gemacht, und die Erinnerung aus ſeiner Jugend, die ihn allerdings in manche Bezie⸗ hungen zu den Vorurtheilen und Rückſichten höherer Stände geführt, doch ihm keine Befürchtungen für Frankreich gaben, was er unterſchieden in ſeinen An⸗ ſichten von England wähnte, und Crecy's Beſtätigun⸗ gen leichten Glauben verſchafften. Den ungeſtörten Umgang der ſo ſchnell Vereinten hatten die Ereigniſſe auf dem Schloſſe Stirlings be⸗ ſonders begünſtigt. Die Mutter der Gräfin Gerſey war geſtorben, und der Graf, ihr Gemahl, hatte ſich, der tiefen 256 Trauer wegen, genöthigt geſehen, ſeine heitere Geſell⸗ ſchaft zu entlaſſen, und ſeinen Aufenthalt abwechſelnd in Edinburg zu nehmen, da die zu machende Erbſchaft ſeine Gegenwart ebenſo, wie die der übrigen Verwand⸗ ten, nöthig machte. Den jungen Grafen von Crecy wünſchte er aller⸗ dings, dem früheren Uebereinkommen mit ſeiner Mutter gemäß, bei ſich feſt zu halten; nur ſchien es ihm nicht wahrſcheinlich, daß der junge Mann, der ſchon ſo wenig Vergnügen zu haben ſchien, als das Schloß noch der Wohnſitz der Heiterkeit und Geſelligkeit war, jetzt zu halten ſein werde, wo er die einzige Perſon zu ſeiner Geſellſchaft war und jene Familien-Angele⸗ genheiten auch ihn zu Zeiten wegriefen. Er ſchlug ihm daher vor, mit ihm Edinburg zu beſuchen, und außer dem Trauerhauſe dort Vergnügen und Zerſtreuung zu ſuchen. Das war natürlich ganz gegen die Neigung des jungen Grafen, und er bat es ſich aus, in Stirlings⸗ Bai in der größten Einſamkeit die anberaumte Zeit verleben zu dürfen, indem er die gemachte Bekannt⸗ ſchaft mit dem Geiſtlichen eingeſtand, und damit des Grafen Beſorgniſſe für den Mangel aller Geſelligkeit zerſtreute, da auch er für Sir Reginald eine große Hochachtung hegte. — —————————— 257 Keinesweges war die Marſchallin von Crecy ſo ſchnell zu beruhigen. Sie hatte den Brief ihres Soh⸗ nes empfangen, deſſen wir bereits gedacht, und augen⸗ blicklich erkannt, ihm müſſe ein ganz beſonderer Ein⸗ druck gekommen ſein, den ſie unmöglich ſeinen Haus⸗ genoſſen zuſchreiben konnte und daher unter den Gäſten ſuchen mußte, von deren Anweſenheit dieſer Brief ſie unterrichtete. Noch zögerte ſie gegen ſich ſelbſt mit dem gefürchteten Geſtändniſſe, dies könne ein Herzensein⸗ druck ſein; denn ſicher gemacht durch die bloße galante Neigung ihres Sohnes zu Frauen, hatte ſie ſich der Hoffnung überlaſſen, Alles, was er darüber zu erfahren nöthig habe, werde er dereinſt auch durch ſie empfan⸗ gen, durch die ihm von ihr beſtimmte Gattin. Sie war zu kalt, zu ſehr Weltfrau, um großen Werth auf eine mögliche unzeitige Herzensaffektion ihres Sohnes zu legen, im ſtolzen Selbſtvertrauen ſich überzeugt haltend, ſie würde niemals ihren Plänen für die Zukunft entgegen treten können— aber den⸗ noch berührte es ſie unheimlich, als ein neuer Beweis, wie viel Selbſtſtändiges ſich in ihm zu entwickeln begönne; und ihr Antwortſchreiben war ſo eingerichtet, ihm zu genaueren Mittheilungen Veranlaſſung zu ge⸗ ben, da ſie näher kennen wollte, was geſchehen, ehe ſie einſchritte.— Auch gelang ihr dies vollkommen; Ste. Roche. I. 17 258 denn Leonin, entzückt von dem milden mütterlichen Tone dieſes Briefes, legte ihr nun ſeine Pläne für die Zukunft dar, indem er ſich unbefangen über den Werth ſeiner zu erwartenden Beſitzungen freute, und ſeine Abſicht ausſprach, auf Ste. Roche für's Erſte zu leben, und dort Wohlthaten und Verbeſſerungen jeder Art zu häufen. Er fügte mit kindlicher Zärt⸗ lichkeit hinzu: wie er dann hoffe, auch ſie werde dort gern weilen, wenn er ihr eine Tochter zuführen könnte, ihrer würdig, und mit ihm vereint bemüht, ihr das Leben zu erheitern. Zwar hielt ihn eine ahnungsvolle Scheu zurück hinzuzufügen, wie weit er mit dieſer letzten Zuſicherung ſelbſt ſorgend gekommen war, aber dies war auch für die Fürſtin Soubiſe nicht nöthig, denn ſie hatte genug vernommen, um zu wiſſen, ihr Sohn habe ohne ſie eine Lebensgefährtin gewählt, genug, um plötzlich aus ihrer Sicherheit über ihn zu erwachen, genug um die Kräfte ihres intriguanten Geiſtes herbei zu rufen, denn dieſer Mutter konnte nur einfallen, um jeden Preis zu hindern, was ſie nicht beſchloſſen; Bedenk⸗ lichkeiten bei ſolchen Schritten waren ihr fremd, weil ſie Niemand ſo liebte oder achtete, um auf deſſen Wünſche oder Anſichten den geringſten Werth zu legen. Nur auf welche Weiſe ſie hier am zweckmäßigſten † 259 einſchritte, blieb ihr ungewiß. Doch ihre Unruhe, ihre Ueberraſchung und ihr Schrecken ſollte noch ſteigen, als ſie ſich endlich entſchloſſen hatte, ganz abſichtslos erſcheinend, die Veränderung in der Gerſey'ſchen Fa⸗ milie zu einer ſchnelleren Zurückberufung ihres Sohnes zu benutzen, ihm ihr Bedauern ausdrückend, daß ihr Wunſch ihn an eigen Ort habe feſſeln müſſen, der ſo wenig Reiz für ihn haben könne, und wie ſie ihm ihr Schloß Moncay bei Paris anböte, wohin ſie ſich mit ſeinem Vater zu ſeinem Empfange begeben wollte, wenn er bis zu ſeiner Majorennität vorzöge, vom Hofe entfernt zu leben. Leonin's Antwort überhüpfte leichten Fußes den ganzen ſchwerfälligen Inhalt dieſes wohlberechneten Briefes, und wie ein Schäfer an ſeine Geliebte, ant⸗ wortete er heiter und in glückſeliger Laune ſcherzend, wie Stirlings⸗Bai nichts Abſchreckendes für ihn habe, und die herrlichen Wälder, die reizenden Thäler in der Zauberluft des Herbſtes zu durchſtreifen, ihm einen Genuß gewährte, womit er nichts zu vergleichen wüßte, und der Gedanke, damit zugleich ihre früheren mütter⸗ lichen Wünſche zu erfüllen, ihn entſchloſſen machte, hier genau ſo lange zu bleiben, daß ihm blos Zeit bliebe, zu dem nothwendigen Augenblicke ſeiner Majo⸗ rennitätserklärung in Paris einzutreffen. 260 „Alſo, er faßt eigene Entſchlüſſe!“ rief die Mar⸗ ſchallin, als ſie dieſen leichten, ſpielenden Brief geleſen hatte— und ganz überwältigt von dieſer Vorſtellung, blieb ſie in ihrem Stuhle ſitzen, unfähig ſich zu faſſen. „Und zurück muß er dennoch!“ fuhr ſie, ſich em⸗ porringend, fort,„zurück muß er, und ich muß erfah⸗ ren, was ihn dort zu feſſeln vermochte!“— Ihr langes Nachdenken gab ihr, wie immer, die Mittel an die Hand, die ſie zu ihren Zwecken bedurfte, und leider ließ es ſie jetzt ein zu jeder That bereites Individuum wählen, deſſen erprobte Theilnahme in allen Fällen ihr daſſelbe zu einem Freunde erkoren hatte, den Begriffen von Freundſchaft gemäß, die zwei ſolche Menſchen nähren konnten. In dem Hauſe der Marſchallin von Crech lebte ein junger Mann, den Alle Marquis de Souvré nannten. Seine Erziehung war in dem Kollegium zu Clermont geleitet worden und jedenfalls auf größere Anſprüche berechtigt geweſen, als der frühe Tod beider Aeltern und ein zerrüttet befundenes Vermögen ſpäter zuließen. Dieſe Täuſchung, die er in einem Alter erfuhr, wo er mit dem ganzen Uebermuthe eines hoch⸗ müthigen und ſinnlichen Charakters dem Leben ſchon jeden materiellen Genuß abgefragt, und von der Magie des Reichthums eine um ſo höhere Idee gefaßt hatte, * 261 als er gefunden, wie ſie am leichteſten die Wege des Laſters verdecke, erfüllte ihn mit der bitterſten Em⸗ pörung gegen ein Loos, das ihm nur noch eine ſpar⸗ ſame Revenue und ein dadurch heruntergekommenes Anſehn in ſeiner ganzen geſellſchaftlichen Stellung übrig ließ. Er grollte der ganzen Welt, die ihm begünſtig⸗ ter ſchien, als er es warz er grollte namentlich dem ganzen Kreiſe, in dem er als reicher Marquis mit dem vollſten Uebermuth ſolcher Vorrechte gelebt, und welcher ihn jetzt mit mitleidiger Gleichgültigkeit oder höhniſch verrathener Freude von einem Platze verdrängt ſah, den er mit ſo viel Anmaßung eingenommen hatte; und er überwand nur den bittern Schmerz dieſer De⸗ müthigung, um ſich der Mittel in ſeinem liſtigen Geiſte bewußt zu werden, die ihn ohne das Erforderniß ſei⸗ ner bisherigen Unterſtützungen zum Herrn ſeiner Feinde machen ſollte.: Wir hoffen, unſere Leſer erlaſſen uns gern die Verfolgung des geheimen Lebens eines Mannes, das er ſelbſt mit der höchſten Feinheit ſeinen nächſten Um⸗ gebungen zu entziehen wußte. Sein Hauptgrundſatz war: Niemandem ſei Vertrauen zu ſchenken und das Vertrauen Aller zu erringen. Er ſetzte ſich in den Beſitz aller Geheimniſſe, aller Angelegenheiten, die nur entfernt das Eigenthum der Perſonen waren, mit 262* denen er leben wollte, oder die ihm behülflich werden mußten zu ſeinen Zwecken. Trotz ſeiner Jugend hatte er beſtändig ein ernſtes, kaltes und abgemeſſenes We⸗ ſen, er ſchien nur gezwungen ſich dem Vertrauen An⸗ derer hinzugeben, und indem er immer ablehnend war, feſſelte er gerade das Intereſſe, zog dadurch an und ſchien eine größere Sicherheit zu verſprechen. Es war leicht zu bemerken, wie er gelegentlich, gleichſam zu⸗ fällig, anzudeuten wußte, wie ihm Geheimniſſe und Verhältniſſe der höchſten Perſonen bekannt waren, die er ſich doch ſehr wohl hütete aufzudecken, wenn ſie ihm den Dienſt geleiſtet, ihn da, wo er es brauchte, wichtig erſcheinen zu laſſen; er hatte ſich dadurch auch das für ihn höchſt belohnende Gefühl verſchafft, ge⸗ fürchtet zu ſein, und hiermit den Platz errungen, der ihn allein über den Verluſt ſeiner früheren Verhältniſſe zu tröſten vermochte. Durch ſeine Mutter war er der Marſchallin von Erech verwandt und derſelben bei ihrem Tode dringend empfohlen. Nicht lange betrat er dies Haus, ohne das ganze Terrain darin mit Ueberlegenheit zu über⸗ ſchauen, und es höchſt bequem zu finden für ſeine Neigungen. Den Marſchall ließ er bald mit einem mitleidigen Lächeln, als gänzlich der Beachtung un⸗ werth, bei Seite, da er ſchnell erkannte, er habe in — — ,——— 263 ſeinem eigenen Hauſe, wie im Staate nur noch den Platz eines zur Ruhe geſetzten Invaliden. Schärfer faßte er die Marſchallin auf, die in der That keine ſchnelle Beute fremder Willkür werden konnte— aber, ſie hatte ja Schwächen in Fülle— ihr Hochmuth, ihr Ehrgeiz, der ſie gegen Beherrſchung ſchützen ſollte, mußte ſie gerade dieſem gewandten Machiniſten in die Hände ſpielen, und er hatte ihr Vertrauen, ehe ſie es ahnete, er änderte und beherrſchte ſchon ihre Pläne, als ſie noch glaubte, ſie brauche ihn nur gelegentlich, die ihrigen zu fördern. Vom erſten Augenblicke an haßte er Leonin.— Dies ſorgloſe, weiche Kind des Glückes, das ſo wenig die unermeßlichen Vorzüge von Rang und Vermögen zu ſchätzen, ja, ſie ihm ſo wenig zu verdienen ſchien, gering mit den Eigenſchaften ausgeſtattet, die ihm allein wichtig waren und ihn verächtlich von den Vor⸗ zügen denken ließen, die Leonin als Erſatz glänzender Geiſtesfähigkeiten beſaß. Dies Weſen, das in dem ruhigſten Gleichmuthe und der größten Sicherheit ſein ſorgloſes Leben genoß, und ſpielend den Reichthum verbrauchte, als könne es gar nicht anders ſein, nach deſſen Beſitz in ihm die ungemeſſenſte Begierde glühte, erfüllte ihn mit einem ſo heftigen Neide, mit einem ſo bitteren Haſſe, daß das Haus der Marſchallin für 264 ihn einen Reiz bekam, den ihm kein anderes Gefühl mehr gewährte. Daß Leonin ſich ihm anſchloß— brüderlich und mit der großmüthigſten Hingebung ihn jeden Vorzug dieſer Lage faſt zu theilen zwang, ver⸗ ſchnte ihn nicht, und er ertrug nur ſeine Geſellſchaft, um ihn zu verachten und, wo möglich, zu lehren, daß ſein Glück zu erſchüttern ſei. Schon wünſchte er dazu die Reiſe des jungen Grafen mitzumachen; aber zu ſtolz, deshalb gefügige Schritte zu thun, ſah er auch zu bald ein, wie der gute Abbate Mafei ihm wohl nicht ganz traute und Alles that, ſich dieſen Gefähr⸗ ten entfernt zu halten. Er blieb daher in der ruhigen Sicherheit, ſein bezeichnetes Opfer dennoch gewiß zu haben, bei der Marſchallin zurück, entſchloſſen, hier indeſſen ſo viel Boden zu gewinnen, daß ſt ſtehe bei der Rückkehr des ſorgloſen Glückskindes.“ Es war der Marquis de Souvré, den die Mar⸗ ſchallin herbeirufen ließ, und bald ſah er ſich in dem ganzen Vertrauen der beſorgten Mutter. Wie immer, gab er halb zu, was ſie ſagte, um deſto beſſer ſie zu ſeiner Meinung überführen zu kön⸗ nen, und indem er ſie noch ruhig ſprechen ließ, ſagte ſie ihm ſchon nichts mehr, als was er zu hören wünſchte. Mit der größten Sprödigkeit nahm er ihre Bitten auf ſelbſt nach Schottland zu gehen und ihres —— 265 Sohnes Lage dort nicht allein zu erforſchen, ſondern ihn frei zu machen und ſo ſchnell, als möglich, zurück zu führen. Erſt, als ſeine Einwilligung ihr Pit höchſte Gunſt der Freundſchaft„gab er ſie und erndtete von einer Frau, die nie Sönkte, nie das Anſehn haben wollte verpflichtet zu ſein, nun den vollſten Ausdruck von Beidem.— Wir wenden uns vorläufig gern von einem Zu⸗ ſtande der Seele ab, wie der war, mit dem der Mar⸗ quis plötzlich die Wege vor ſich offen ſah, auf die er faſt getrieben ward, mit der ſicheren Hoffnung, dem heiß beneideten Jünglinge ſeine äußeren Vorzüge zu verleiden, da er es nicht vermochte, ſie ihm zu rauben. Wir werden ihn leider wiederfinden, und kehren zu der Unſchulds⸗Welt zurück, die wir alſo be⸗ droht wiſſen. Das tägliche, ungeſtörte Beiſammenſein einiger Wochen hatte eine genauere, innigere Annäherung zu⸗ gelaſſen, als in dem Geräuſche der Welt oft Jahre vermögen. Leonin hatte die Vollendung des Sprach⸗ unterrichts übernommen, den Fennimor von ihrem engliſchen Vater nur bis auf einen gewiſſen Punkt erhalten konnte, und Fennimor hatte dagegen ihm ihre alten Legenden und Geſchichtsbücher, vor allen aber ihre Bibel vorgetragen, worin ſie ihn zu ihrem 266 Erſtaunen höchſt unwiſſend fand, und welchen Uebel⸗ ſtand ſie durch ihren ernſten Eifer, und indem ſie bei ihm alle Regeln des Unterrichts anwendete, durch die ſie ſelbſt geleitet worden jetzt für immer zu heben hoffte. Wir wollen nich terſuchen, wie lange der Ernſt ſolcher Studien jeden Tag anhielt, welche Rolle der Wald, die Blumen, die Vögel und alle die tau⸗ ſend lieblichen Kindereien dazwiſchen ſpielten, womit Fennimor ihre Einſamkeit bisher geſchmückt, und die nun alle Leonin ſo wohl bekannt waren, als ihr ſelbſt: gewiß bleibt es, daß der unverwandt ſie anblickende Schüler oft kein Wort mehr von den alterthümlichen Figuren hörte, die ſie mit dem vollen Eifer ihres Glau⸗ bens daran ihm einzuprägen ſuchte— blos noch das himmliſche, von Locken, wie von einer Glotie, um⸗ ſäumte Antlitz betrachtend, das ſo ernſt, ſo glühend⸗ von ihrer Anſtrengung, mit den leuchtenden Augen den ſchlanken Finger verfolgte, der über die vergelbten Blätter Leonin als Wegweiſer dienen ſollte. „Du giebſt wieder nicht Acht!“ rief ſie dann plöszlich, Alles merkend,„und ſollſt Du es nachher ohne das Buch wiſſen, dann iſt die Arbeit umſonſt geweſen.“ Aber ſchon mußte ſie, ſelbſt lachend, die Augen von ſeinem lachenden Geſichte abwenden, und wenn — 267 er dann die ſtrenge Hand, die ihm drohen wollte, ein⸗ fing, fiel ihr auch bald allerlei liebes Geſchwätz ein, was nicht auf dem alten Pergamente ſtand.— Es blieb Leonin kein Geheimniß in dieſer Seele, deren ganzes Bewußtſein ein redendes Mittheilen an ihn geworden war, und wie ſie ſich erweckt und belebt fühlte durch dieſe Hingebung und den ganzen Zauber dieſer reinen und tiefen Liebe, ſo ſtrömten in ihrer reichen Seele nur jeden Tag neue Entwickelungen her⸗ vor, an denen ſie ſich kindlich erfreute, ſie alle dem Geliebten dankend. Unſer Gefühl hält uns zurück, den hinreichend durch unſere Mittheilungen dargelegten Zuſtand der beiden Glücklichen zu umſchleichen; dennoch werden wir dies Gefühl in allen ſeinen Stadien andeutend verfolgen müſſen, da es fortan die Atmoſphäre oder das Schickſal dieſer ſo innig ſich gehörenden Weſen bildet, und ihr ganzes Leben geſtaltet und beſtimmt. Schon nahte ſich die Zeit, die Leonin als die ſeiner Abreiſe angeſetzt hatte, und er, wie Fennimor gingen ihr mit ſo bangem, beklommenem Herzen ent⸗ gegen, als ſtehe ein Gewitter über Beider Haupt. Keiner wagte den Andern daran zu erinnern, aber Beide verſtanden die bange Furcht ihrer Herzen, und wenn Fennimor ſich plötzlich, weinend wie ein Kind, 268 an ſeine Bruſt warf, frug er ſie nicht, warum ſie weine, und ließ auch den Thränen ſeiner eigenen Augen freien Lauf, denn er ſchämte ſich dieſes treuen Mit⸗ gefühls nicht.— Was dabei Crecy's Beſorgniſe noch mehr er⸗ regte, als ſelbſt Fennimor's unerfahrenes Herz es auf⸗ faßte, war das ſichtliche Abnehmen der Lebenskräfte des ehrwürdigen Sir Reginald. Dieſem kindlichen Greiſe, der ſeit einigen vierzig Jahren die Wälder von Stirlings-Bai und ihre nächſten Umgebungen nicht mehr verlaſſen hatte— deſſen Erinnerungen bis auf das Leben mit ſeiner Gattin erblaßt waren, der die großen Umwälzungen, die die Welt indeſſen erlitten, nur wie ein Schattenſpiel ohne ihre wahren Farben, ohne von ihrem Einfluſſe berührt zu werden, an ſich hatte vorübergehen laſſen, der vom Leben ſich ſo leiſe, ſo mild abgelöſt, daß er nur, um Fennimor Geſell⸗ ſchaft zu leiſten und ihre Exiſtenz unangerührt zu laſ⸗ ſen, das Leben feſt gehalten hatte als eine noch nicht gelöſte Aufgabe— ihm ſank mit jedem Tage, jetzt, wo Fennimor ein neues Daſein ergriffen, das er kind⸗ lich unwiſſend durch Crecy's Herz für geſichert hielt, die Lebensſonne tiefer herab. Er fühlte in ſich ſchon den Tag nahen, wo ſie ihm verſinken würde, und ſeine Züge trugen das Lächeln der Verklärung, wie * 269 einen liebevollen Troſt, um die bleichere eingeſunkenere Wange. Schon nahmen die ſanften Laute der bre⸗ chenden Stimme bei jeder liebevollen Anrede Abſchied von dem Lebenden, und Crecy ſah mit tauſend bangen Gedanken, wie die ſchwankenden Schritte verriethen, daß die ehrwürdige Geſtalt ſich nicht mehr auftecht zu tragen vermochte, und die weißen Locken dem müden Haupte nach über die Bruſt zuſammen fielen. Fennimor ſah die Veränderung ihres Vaters, aber ſie kannte den Tod nicht, ſie hatte noch nie daran ge⸗ dacht, ihr Vater könne ſterben, und ſo hatte ſie immer eine neue Erklärung für ſeinen veränderten Zuſtand, wenn Crech zuweilen ſchonend den Verſuch machte, ſie auf den immer unvermeidlicher werdenden Ausgang vorzubereiten. Oft wurde ſein beſorgter Blick von dem Greiſe errathen, dann reichte er ihm lächelnd die Hand.„Du wirſt Fennimor jetzt meine Stelle er⸗ ſetzen,“ ſagte er—„ich fürchte nicht mehr mein nahes Ende, und ein Vaterland wird ſie überall finden, wo ſie geliebt wird.⸗ Crecy hatte oft nicht den Muth, in ſolche An⸗ deutungen einzugehen, aber er fühlte dennoch immer lebendiger heraus, wie groß und Beſorgniß erregend die Veränderung ſein würde, die Sir Reginald's Tod jetzt hervorbringen müßte, wo ſeine Verhältniſſe Fennimor —— für den Augenblick weder eine Zuflucht bei ihm, noch Rechte darauf geben konnten. Es findet ſich am häufigſten, daß wir einen eigenen Fehler überwinden lernen, wenn wir ihn an Andern in ſeiner ganzen Stärke, mit allen ſeinen Nachtheilen hervortreten ſehen, denn indem die Fol⸗ gen unſer Intereſſe gefährden, lernen wir ſelbſt uns davon frei machen, indem wir uns dagegegen zu ſi⸗ chern ſuchen. So gern Crecy die Zukunft erwartete und der Gegenwart ohne weitere Anſtrengung in unthätiger Muße angehörte, ſo war dies bei Sir Reginald, ent⸗ weder durch den zuletzt erwähnten Zuſtand, oder aus dem kindlich ruhigen Einſchlafen eines langen, ein⸗ förmigen Lebens hervorgehend, in noch viel höherem Maaße der Fall, und dies ruhigk, ſorgloſe Erwarten der beſorglichſten Zukunft, ohne auch nur mit einem Gedanken dafür eine Einrichtung treffen zu wollen, weckte nun Leonin zu Betrachtungen darüber, die ihn eine Berathung mit Sir Reginald dringend wünſchen ließen.— Als ſie ſich ſo einſt wieder errathen hatten und Sir Reginald, wie früher, jede Sorge für Fennimor in ihm erledigt hielt, dankte ihm Leonin herzlich für ſein Vertrauen, und da Fennimor's Abweſenheit ihn 5 — — — 221 unbehindert ließ, ſuchte er ihn zu einer berat henden Mittheilung zu bewegen:„Fennimor wird als meine Gattin, hoffe ich zu Gott, allen Schutz genießen, den Ihr mit Recht vorausſetzt; aber denkt ſelbſt, daß ich Euch bald verlaſſen muß, daß ich nicht wiſſen und beſtimmen kann, wie lange mich die Fundirung mei⸗ ner Angelegenheit, die ich zu Fennimor's Gunſten ſelbſt nicht übereilen darf, von dieſer lieben Stelle trennen wird; denkt, daß Fennimor bis dahin keine Rechte an mich hat, und ich keine an ſie vor der Welt darf geltend machen, und fühlt dann meine Be⸗ ſorgniſſe für ihre nächſte Zukunft, wenn indeß der ſchmerzliche Augenblick einträte, deſſen Ihr jetzt ſo oft gedenkt, daß Ihr mich ſelbſt ſeine Möglichkeit habt annehmen laſſen.“ Sir Reginald ſchwieg nach dieſen Worten lange, und blickte ernſt und mit ſichtlicher Erweichung in die Ferne.„Mein Sohn,“ ſprach er dann—„Du biſt weiſer für die Welt bei Deiner Jugend, als mich das Alter, das uns von der irdiſchen Sorge bei ihrer er⸗ kannten Geringfügigkeit abzieht, erhalten hat. Du haſt Recht— es liegt bis zu Fennimor's ſicherer Zukunft an Deiner Seite noch ein Zwiſchenraum, den mein Tod für dieſes theure Kind unſanft ausfüllen könnte, und in Wahrheit wäre ihre Lage bei ihrer weichen 272 Seele alsdann bedroht genug. Ich würde ſie bis zu Deiner Rückkehr ſicher, wenn auch unerwünſcht für das liebe Kind, der Lady Gerſey haben anvertrauen können; doch ihr Aufenthalt in Edinburg und ihre großen Verhältniſſe dort, mit all' der Unruhe einer ſolchen Erbſchaft überhäuft, machen dies unzuläſſig. Mein Sohn lebt leider ſo entfernt und als Geiſtlicher an den Platz gefeſſelt, den er übernommen, daß ich ihn nicht veranlaſſen dürfte, zu Fennimor herüber zu kommen, ſo ſehr ſein edles brüderliches Herz dazu auch bereit ſein würde; auch, glaube ich, ſteht ihm ſelbſt eine Reiſe nach London bevor, da er ſich dort zu ver⸗ mählen denkt.“— Er ſchwieg, nachdem er ſo ſelbſt die Schwierigkeiten hervorgehoben, die Fennimor aus ſeinem Tode erwachſen konnten, und ſichtlich wußte er ſich keinen Rath. Nicht beſſer ging es Leonin, und tauſend Mal wünſchte er dieſe unſelige, unerläßliche Reiſe ſchon hinter ſich, um mit der ausreichenden Vollmacht eines unabhängigen Mannes Fennimor's Gatte zu werden, und ſie gegen jede Zufälligkeit hinlänglich ſchützen zu dürfen. „Am liebſten,“ hob der Alte mit dem Tone an, dem man die erregte Beſorgniß anhörte,„am liebſten wird ſie Dich hier erwarten wollen, und bei Emmy 223 Gray und ihrem Manne bleiben; aber dies ginge wohl, wenn ſie Deine Frau wäre, wo ſie für ſich ſtehen könnte und man ihr keinen Vorwurf darüber machen dürfte, daß ſie mit ihren Domeſtiken allein bliebe, bis Du zurück kehrteſt; ſo aber würde ſie unſchicklich handeln, was wir nicht zugeben dürfen, da das gute Kind von der Welt noch nichts weiß und ſtets ge⸗ neigt iſt, das Natürlichſte für das Beſte zu halten— auch iſt mir ſchon der Nachfolger ernannt, denn der Lord Gerſey will ſeine Gemeinde nicht ohne geiſtliche Fürſorge laſſen, und dieſer mir wohl bekannte Kaplan wird mit einer ſtarken Familie bald hier einziehen, wenn meine Augen ſich ſchließen, und Fennimor würde viel Schmerz erleben, hier das Haus als Fremdling bewohnen zu müſſen, wo ſie einſt ſo ſinnig ſchuf und ordnete.“ Leonin hörte dem Alten mit Erſtaunen zu. Er⸗ weckt über dieſen Gegenſtand nachzudenken, durchſchaute er mit folgerechter Klarheit alle daliegenden Schwie⸗ rigkeiten, und hatte ſie doch ſo lange, wie nicht eriſtirend, bei Seite ſchieben können, wo der Gegenſtand, den ſie betrafen, ihm doch der wichtigſte, theuerſte auf Erden war. Leonin fühlte die Nothwendigkeit, hier entſcheidend zu helfen, und doch ſah er weder eine Möglichkeit dafür, noch geſtattete ihm ſein zärtliches Ste. Roche. IJ. 18 Gefühl für den geliebten Greis, ſo ohne Schonung den unglücklichen Fall anzunehmen, der dieſe Verhält⸗ niſſe alsdann herbeiführen mußte. Da ſagte plötlich der alte Mann, aus tiefem Nachdenken erwachend:„Das Beſte wird ſein, mein geliebter Sohn, wenn ich Dir Fennimor zum Weibe gebe, ehe Du nach Frankreich gehſt; dann hat ſie mit dem ehrwürdigen Range einer verheiratheten Frau das Recht, ſich überall hinzubegeben, wo Du es für gut hältſt, und Emmy Gray und ihr Mann werden, bis Du ſie nach Frankreich in Deine Beſitzungen führſt, hinreichend ſein, da ſie dann nur treue Diener braucht.“— Es iſt unmöglich, den Eindruck zu ſchildern, den Leonin von dieſen Worten empfing— es war ein Sprung in ſeinen Empfindungen, der ſo ungeheuer groß war, daß er ihm den Athem zum Erſticken ver⸗ ſetzte, und er von den angeregten Gefühlen und Ge⸗ danken ſo überwältigt ward, daß er mit den Worten: „Vater, Vater, welch' ein Ausſpruch!“ zu ſeinen Fü⸗ ßen ſank und ſeine Hände mit einer an Angſt gren⸗ zenden Empfindung an ſeine Bruſt preßte.— Dies namenloſe Glück, das zu erreichen, alle ſeine Träume, alle ſeine Wünſche umſchloß, es erſchreckte ihn, der Erfüllung ſo nah'.— Er fühlte eine plötziche Un⸗ 275 ſicherheit, als könne er es nicht verdienen, nicht feſt⸗ halten, was ihm mit ſo engelreinem Vertrauen ge⸗ boten ward. Rieſengroß ſtieg das ganze Gebäude von Hinderniſſen auf, das ihn in der Heimat erwartete, und das er durch dieſen Schritt nur vermehrt ſah. Aber der Gedanke, Fennimor ſolle ihm ſchon jetzt gehören, nicht die Laſt jener Wiederwärtigkeiten ſollte dazwiſchen liegen— welch' ein Glück! Er frug nach einem zweiten, wie dieſes, und dennoch fühlte er ſich davon bis zum Erſchrecken, bis zum Verzagen über⸗ raſcht, und blieb betäubt vor dem argloſen Spender dieſes wunderbaren Geſchenkes knieen, ohne es zu wiſſen, und ohne ſeiner Erſchütterung Herr werden zu können. Der ſanfte Greis bemerkte es nicht; von der An⸗ ſtrengung dieſer Berathung ermüdet, ſah er ſtill vor ſich nieder. „O, Vater,“ ſprach Leonin endlich—„iſt das Euer Ernſt? wollt Ihr mich ſo bald, ſo ohne Bedenk⸗ lichkeiten glücklich machen?“ Da erwiederte er mit dem ſterbendem Lächeln eines Verklärten, als öffneten ſich vor ſeinen Augen die Pforten der Zukunft:„Da ſehe ich meine Fenni⸗ mor an Deiner Seite vor mir am Altare knieen, und von ihrem Vater geſegnet, erfüllt ſich ihres Herzens 18* 2276 Wunſch; ſie wird Dein Weib, und ich gehe ein zur ewigen Ruhe!“— Wieder ſchwieg er lächelnd, müde das Haupt geſenkt, und Leonin hatte eine wunderbare Beſtätigung gewonnen— wie ein Engel hatte die ueberzeugung ihn aus dieſen Worten angeredet, er ſtand auf und ſagte entſchloſſen:„Ja, mein Vater, es ſei ſo, wie Ihr edel vertrauend mir anbietet! Zwar bin ich noch nicht majorenn, noch nicht unabhängiger Herr meiner Handlungen, aber ich fühle mich in meinem Geiſte eben fähig, mir ſelbſt die Unabhängigkeit zuzu⸗ ſprechen, und ich werde jede Verpflichtung zu vertreten wiſſen, die ich hiemit übernehme!— Aber ſagt,“ frug er nun mit dem vollſten Ausdrucke der Liebe,„wird Fenni⸗ mor einwilligen wollen, ſo bald mein Weib zu werden?“ „Fragt ſie ſelbſt,“ ſagte Sir Reginald— denn eben trat Fennimor in die Thür und flog ſogleich mit ihrem leichten Schritt auf Leonin zu. „Fennimor, meine geliebte Fennimor,“ rief er, ſie an ſeine Bruſt drückend—„weißt Du, was der Vater ſo eben über uns beſtimmt hat?“ „Sag' es mir,“ erwiederte Fennimor, heiter zu ihm aufblickend,„es iſt gewiß recht was Gutes.“ „Ja, Fennimor, das iſt es,“ fuhr Leonin noch belebter fort—„Du ſollſt, wenn Du mich nicht zu⸗ rückweiſeſt, noch ehe ich nach Frankreich gehe, mein 272 Weib werden, und der Vater will uns ſelbſt einſegnen vor dem Altare!“ „O, mein Gott,“— rief Fennimor, faltete ſchnell ihre Hände und fiel auf ihre Knie vor den Vater hin —„hältſt Du mich denn jetzt ſchon ſo hohen Be⸗ rufes würdig? Kann ich denn ſchon eine Frau ſein zu Gottes Ehre, wie es doch ſo ſchwer und hoch⸗ wichtig ſein ſoll?“ „Du wirſt das ja mit Gottes Hülfe lernen, mein theures Kind,“ ſagte der Vater ruhig,„und anfangen müßteſt Du ja immer einmal, und wäre es nach Jah⸗ ren erſt.“ „Ja,“ ſagte Fennimor,„anfangen müßte ich immer einmal, da haſt Du Recht, und Gott müßte mir doch ſpäter auch helfen, wie er mir jetzt helfen wird, da ich der Hülfe noch mehr bedürftig bin. Ach,“ — rief ſie nun, als habe ſie den Ernſt der Sache abgethan, und ſtand ſchnell, gegen Leonin gewendet, auf—„und dann bin ich Dein Weib, und Du mußt um ſo eher wiederkommen, und Deine Mutter iſt gleich meine Mutter, und ſie wird mich um ſo ſchneller lieb haben, wenn Du ihr Grüße von ihrer Tochter bringen kannſt.“ Crecy verbarg ſein Geſicht in ihre Locken, es ging ein trüber Schatten drüber hin, ſein Herz ward zu⸗ 228 ſammen gedrückt, ſie hatte ſelbſt ihre drohende Zukunft in ihm herauf beſchworen. Aber ſelbſt dieſe Anregung, wie hätte ſie nach Fennimor's Einwilligung die Macht haben können, das Glück zu trüben, von dem er ſich bald allein noch erfüllt fand; die Zukunft mochte ſenden, was ſie wollte, ihm gehörte die Gegenwart, mit jedem Zauber für das Herz ausgeſtattet, und er wollte Alles vergeſ⸗ ſen, um ſie vollſtändig zu ſchätzen. Wenige Tage vor ſeiner Abreiſe ſollte ſeine Ver⸗ mählung mit Fennimor in der Kirche der Abtei ſtatt⸗ finden. Nach reiflicher Ueberlegung beider Männer ſollte dieſelbe ein Geheimniß bleiben, ſo lange Sir Reginald am Leben bliebe, und Fennimor erſt im Fall des Alleinſtehens das Recht haben, ſich in der unab⸗ hängigen Stellung einer verheiratheten Frau zu zeigen. Dies ſchien Leonin höchſt nöthig, um ſeine Mutter langſam auf ſeine Entſchlüſſe vorzubereiten, und ohne daß er dieſen Grund gerade hervor hob, fand der Wunſch, ſeine Aeltern ſelbſt von ſeiner Vermählung zu unterrichten, bei Vater und Tochter die größte Billi⸗ gung— denn an jener Einwilligung zweifelten Beide nicht nach Leonin's Zuſicherung derſelben; und nach⸗ dem Fennimor den zärtlichen Brief der Marſchallin an ihren Sohn geleſen, worin ſie, beſorgt für ſein 229 Vergnügen, ihm dort wegzugehen rieth, hielt ſie ſeine Mutter für den Inbegriff aller Güte und Liebe, und hing ſchon jetzt mit kindlicher Zärtlichkeit an ihr. Emmy Gray und ihr Mann ſollten die nöthigen Zeugen abgeben, darüber von Crech und Sir Regi⸗ nald ein Dokument aufgeſetzt werden, welches, von Allen unterzeichnet, die Legitimation dieſes prieſterlichen Aktes enthalten ſollte, und alle Theile hielten ſich da⸗ mit für geſichert und beruhigt; wobei von Fennimor natürlich nicht die Rede ſein konnte, welche, in gänz⸗ licher Unwiſſenheit über dieſe Formen, ihnen voll⸗ kommen gleichgültig zuſah. Ueberhaupt konnte nichts ihren Schmerz über die nahe Trennung von Leonin zerſtreuen. Sie begriff nicht, wie ſie leben könnte ohne ihn, und empfand eine ſolche Herzensangſt bei dem Gedanken, ihn nicht mehr ſehen und hören zu ſollen, daß Todtenbläſſe ſogleich ihre Stirn bedeckte und der Schmerz wie ein körperliches Leiden ſie er⸗ griff. Sie verſuchte Leonin's Freude über dieſe Ver⸗ mählung zu theilen, aber ſie hatte nie, wie er, Schwie⸗ rigkeiten für ihre dereinſtige Erfüllung geſehen, ſie konnte daher auch keine größere Sicherheit dadurch gewinnen; und der Gedanke, eine Frau zu ſein, wo⸗ von ſie ſehr ſchwerfällige, ernſte Vorſtellungen hatte, die ſie um ihr heiteres, kindliches Umherſchwärmen zu — 280 * bringen drohten, erfüllten ihren Geiſt mit bangen Bildern, die nur durch Leonin's Freude und ſeine er⸗ höhten Liebesbeweiſe zuweilen zerſtreut wurden. Was dazu beitrug, Fennimor's Herz zu quälen, war die laute unverholene Mißbilligung, welche Emmy Gray bei der Mittheilung dieſes Entſchluſſes ausſprach. Niemals hatte ſie ſo, wie die übrigen Mitglieder des Hauſes, ſich an Crecy anſchließen können. Als Spielkameradin, Dienerin und Freundin, durch die Jahre, die ſie älter war, und die ſie ſogar zur Frau und Mutter gemacht, hatte ſie über Fennimor mehr Gewalt bekommen, als ſich zuerſt darlegte, und indem ſie mit enthuſiaſtiſcher Liebe an ihr hing, bewachte ſie zugleich mit der größten Eiferſucht das Leben eines Weſens, wogegen Mann und Kind ihr faſt gleichgültig waren, und das ſie, indem ſie ſich ſtets bereit fühlte, ihr ganzes Intereſſe dafür hinzugeben, auch als eine Art Eigenthum für ſich zu erhalten ſtrebte. Für Fennimor's Ehre, Anſehn und künftiges Glück trug ſie die übertriebenſten Vorſtellungen in ſich. Was Crecy an Namen, Rang und Vermögen ihr bot, ſchien ihr nur grade ſo, wie es ihr zukam; ſie dachte dieſe Vorzüge durch eine große öffentliche Vermählung erſt recht in's Licht geſtellt zu ſehen, und hoffte da⸗ durch alle die Kammermädchen der Lady's auf dem 281 Schloſſe zu lehren, wie die Anſprüche ihrer jungen Herrſchaft genau ſo groß ſeien, als die der ihrigen. Ernſten, finſteren Gemüths legte ſie überhaupt auf Heirathen keinen Werth, ja, ſie hatte die ihrige, obwohl John Gray der beſte Menſch und ihr innig zugethan war, ſchon längſt bitter bereut, und nur, weil er ihr vollkommene Freiheit ließ, nach wie vor ihren Dienſt bei Fennimor zu verrichten, ertrug ſie dies Verhältniß, erhielt ihm ihre kühle Liebe und be⸗ ſtellte mit rechtſchaffener Strenge ihr gemeinſchaftli⸗ ches Haus. 4 Crecy's Erſcheinen trennte ſie zuerſt von der un⸗ unterbrochenen Gemeinſchaft mit dem Abgotte ihres Herzens, zu dem ſie Fennimor gemacht, und das Glück, das ſie durch dieſe Liebe über jene verbreitet ſah, konnte ſie, indem ſie dieſelbe nicht zu verſtehen vermochte, auch nicht mit ihrem dadurch erlittenen Verluſte verſöhnen. Es trat ein faſt unbezwingliches Zürnen gegen denjenigen ein, der es wagen wollte, ihr Fräulein ſo zu lieben, wie ſie ſelbſt, ein anderes höheres Glück ihr zu bieten, als ſie es ihr bisher bereitet. Nur ihr Ehr⸗ geis und die Erwartung, wie ſie durch den hervortreten⸗ den Glanz ihres Lieblings dereinſt Alle auf Schloß Stirlings demüthigen wollte, verſprach ihr Erſatz und ₰ einigen Genuß, wobei ſie mit milderen Empfindungen gegen Crech ſich deſſen Mitwirkung verſprach. Wie mußte ſie daher die Nachricht aufnehmen, daß von allem dieſem bei der beabſichtigten Vermäh⸗ lung nichts ſich ereignen würde! Ihre Empörung kannte keine Grenzen. In Thrä⸗ nen gebadet, warf ſie ſich ihrer jungen Gebieterin zu Füßen und bat ſie, dieſen ehrloſen Vorſchlag nicht einzugehen, nicht wie ein verlorenes Mädchen heimlich und ohne den Glanz, der ihr zukäme, den Altar zu betreten. „Ja, Emmy“,— ſagte Fennimor betrübt—„ich habe auch immer geglaubt, ich müßte dies einmal ganz öffentlich thun, ſo wie Du damals, wo Dir die Jungfrauen alle folgten, und die Kinder Blumen ſtreu⸗ ten, und es ſo ſchön den ganzen Tag war.“ „Ach, und ich— was bin ich gegen Euch!“ rief Emmy.—„Ihr, die ein Fürſt hätte wählen können und ſich damit geehrt hätte— Ihr, Ihr ſollt nun ſo hinter dem Altare herkommen, als müßtet Ihr Euch ſchämen vor der großen Ehre, die ein ſo fremder Graf Euch erzeigen will; und zwei ſo ſchlechte Leute, wie ich und John, ſollen Zeugen ſein, wo die ganze Graf⸗ ſchaft hätte eingeladen werden müſſen, und die Ladys Gerſey's Euch die Schleppe tragen. 283 „Ach“, ſagte Fennimor, raſch von ihrem Schem⸗ melchen aufſtehend, vor dem dies Geſpräch vorfiel— „wenn die ganze Grafſchft hätte dazu kommen müſ⸗ ſen, und die i meire Schleppe tragen, dann iſt es mir doch viel, r„—daß wir ſo recht ſtill bei einander bleiben können und die Andern gar nichts davon wiſſen, denn luſtig kann ich doch nicht ſein, weil Leonin zwei Tage darauf abreiſen muß. „Ach“, weinte Emmy,„Ihr redet, wie Ihr es verſteht, und das iſt eben ſchändlich, daß man Eure Unwiſſenheit benutzte, Euch ſo um Euren beſten Le⸗ benstag zu betrügen; wer weiß, was der fremde Herr Graf, dem ich nie getraut, gegen Euch im Schilde führt!“ „Schweig'!“ rief Fennimor ſchnell, mit der voll— ſten Energie einer Gebieterin,„wie kannſt Du in Deiner Thorheit ihn angreifen wollen, der Alles aus Liebe zu mir thut? Hüte Dich mit Deinen unbe⸗ ſonnenen Worten, jetzt will ich nie mehr davon hö⸗ ren!— Was er will und mein Vater gut heißt, das iſt das Rechte, und wie froh bin ich, daß ich Deine ganze Grafſchaft und die dummen Gerſey's los bin, die ohnehin denken, ich kann nicht ſchreiben und leſen.“ „Nun, ſo ſei Euch Gott gnädig!“ rief Emmy, 8 284 heftig aufſtehend,„und namenloſes Elend bis an's Ende ſeines Lebens, mag über den kommen, der Euch nicht glücklich macht, und Euer und Eures Vaters Vertrauen mißbraucht!— Mir ahnet heilloſes Unglück von dieſer Heirath, ſo verſtohlen betrieben, als wären wir Alle Betrüger; und der Traum Eures Vaters wird wohl Recht gehabt haben, denn grade den Tag, wo die ſelige Mutter ihm erſchienen und ſo um Euch geweint hat, da haben wir den Herrn Grafen zuerſt geſehen— o, hätte mich doch lieber der Eber zer⸗ riſſen, als daß ich Euer Unglück ſehen muß!“ „Aber, Emmy, Emmy,“ rief Fennimor, minder erzürnt und durch den heftigen Kummer ihrer Diene⸗ rin beſänftigt—„hier iſt ja gar nicht von Unglück die Rede— das einzige Unglück iſt ja, daß er bald abreiſt, und daß mein Bruder nicht hier iſt; ſonſt iſt es mir ja viel lieber, daß wir ganz allein ſind, denn eine Schleppe ziehe ich gar nicht an, und Du biſt mir ja tauſend Mal lieber, als die ganze Grafſchaft und alle Gerſey's!“ Dieſe letzten Worte verfehlten nicht, Emmy eini⸗ germaßen zur Ruhe zu ſtellen, und obwohl Fennimor ihren erſten Kummer fühlte, war es doch nicht der, der Emmy unter tauſend Thränen die Nacht auf ih⸗ rem Lager wach erhielt. 285 Indeſſen war dieſe Stimmung der armen Emmy nicht dazu geeignet, die bange Erwartung ihrer jungen Gebieterin zu zerſtreuen, die mit ihrem tief ergriffenen Herzen in jeder Vorkehrung zu ihrer Vermählung zu⸗ gleich die nahende Abreiſe Leonin's herausſah, und ſo faſt mit Schauder darauf einging, immer mit der Ahnung eines tödlichen Schmerzes im Herzen, über⸗ deckt noch von dem Zauber der Gegenwart, den Beide feſthielten, als läge dahinter ein bodenloſer Abgrund. Wunderbar entwickelte dieſer erſte heiße Schmerz an Fennimor die Verwandlung des faſt kindlichen Mädchens zu einer höheren Stufe; denn wir müſſen es dem Schmerze zugeſtehen, daß er am ſchnellſten das Innere des Menſchen zeitigt und, indem er ihnen die Blüten von den leicht geſchwingten Zweigen ſtreift, die kein irdiſcher Frühling ihnen wiedergiebt, doch das innere Mark des Lebens emportreibt, was dann erſt die bildende Kraft für die in der Blüte nur— tete Frucht wird. Kein Menſch hätte Fennimor jetzt, wie wenige Wochen früher, noch für ein Kind halten können. Dieſes Gefeſſeltſein am Augenblicke, dieſer auf das Nächſte gerichtete lachende Blick, der ſonſt nur mit dem Ernſte wechſelte, den gute Kinder zeigen, wenn ſie aufmerken ſollen, was Alte wollen— wie war das Alles weggewiſcht von Fennimor! Sie war nicht minder ſchön, ja, vielleicht noch anziehender, wenn man den ſeltenen Genuß vergeſſen hatte, der ihre frühere Erſcheinung durch den Ausdruck einer voll⸗ kommen ungetrübten Seele faſt zu der eines Engels machte. Ihr rundes Kinn hatte ſich fein geſenkt und ein liebliches Oval aus der Kinderform gebildet, die Naſe war länglich durchſichtig aus den ſonſt ſie verkleinern⸗ den vollen Wangen hervorgetreten, und die Augen zeigten erſt jetzt ihre leuchtende Größe, wo ſie von dem unſchuldigen Lächeln kindlichen Frohſinns nicht mehr ſo oft in die Länge gezogen wurden. Größer war ſie auch geworden und ſchlanker, oder dieſe regelmãßige Geſtalt zeigte ſich erſt, da ſie langſamer ging und ein Auge gewonnen hatte für ihre Kleidung durch Leonin's Freude daran. Dabei war der Zauber einer unſäg⸗ lichen inneren Befriedigung um ſie verbreitet, die, un⸗ abhängig von dem jetzt damit verbundenen Schmerze, ihr durch Leonin's Liebe gänzlich befriedigtes Herz an⸗ deutete und ihren Worten, dem Ton ihrer Stimme, dem Blick ihres Auges den vollen warmen Hauch der ſchönſten Begeiſterung gab. Und dennoch war ſie nicht mehr glücklich!— Sie hatte nach einem hö⸗ heren Lebensgute gegriffen, als das Spielzeug der 287 Kinderſtube, und ſchon mußte ſie den Tribut zahlen; denn neben dem höchſten Glück erwartete ſie ſchon der Schmerz, und ſie fühlte, noch behütet von der Liebe, doch ſchon ſeinen eiſigen Hauch über ſie hin⸗ ſtreichen. 288 Elinige Tage ſpäter ließ ſich bei ſinkender Sonne auf dem feſten Landwege, der von der Edinburger Land⸗ ſtraße ab nach Stirlings-Bai führte, der Hufſchlag eines Pferdes hören. Der Reiter hielt die Zügel an, als er die Meierei zu erkennen glaubte, die man ihm als paſſend zum Nachtquartier bezeichnet, und alsbald folgte den hinter den Hecken lauſchenden Kindern, die auf ſchnellen Füßen nach dem Hauſe zu verſchwanden, eine rüſtige Frau, welche ſich durch Gruß und Anrede als die Wirthin bezeichnete.—„Weit des Weges?“ frug ſie, ohn' Bedenken den Steigbügel ergreifend und dem Gaſte vom Pferde helfend. „Weit genug, um gern bei einer freundlichen 1 Wirthin ausruhen zu mögen,“ erwiederte der Reiſende, jetzt als ein junger, gewandter Mann ſich der auf⸗ merkenden Hausfrau zeigend. „Was wir haben, mag Euch gehören“— war die bercitwilig Antwort, doch mit ernſter, gleichgültiger Miene geſprochen. Sie traten darauf in das Haus oder vielmehr 289 in den großen Hausraum, der eigentlich in ſeiner Zu⸗ ſammenſtellung die ganze Exiſtenz der Familie um⸗ ſchließt, und ihre ganze Chronik uns zu erzählen wüßte, da in ſeinem Umfang Alles bewirkt und verrichtet wird, was ihr einfaches Leben erfordert. Von der mühſe⸗ ligſten Arbeit an bis zu den ſeltenen Feſten, von dem Nahrung ſpendenden Heerde und der langen daranſte⸗ henden Eftafel, die alle Mitglieder verſammelt, bis zu den kleinen, kaum ausreichenden Verſchlägen, wohinter Aeltern und Kinder, Kranke und Alte ihre Ruheſtätte finden, umfaßt dies alles der Hausraum, und ſanft wiegt die Müden auf ihrem Nachtlager das leiſe Schnalzen der wiederkäuenden Kühe ein, deren Ställe mit dieſen Lagern in enger Gemeinſchaft ſtehen, und welche ihre Vorrathskammer, ihre Chatulle, ihr größter Beſitz, ihr einziger Stolz ſind. Wie ſehr der Reiſende, der hier eingeführt war, auch in ſeiner ganzen Weiſe die Verwöhnung der höheren Stände verrieth— die bisher zurückgelegte Tour hatte ihn bereits bekannt gemacht mit den Erwartungen, die man von einem Nachtlager, fern von der großen Straße, hegen durfte, und ſeine Stimmung war ganz geeignet, ihn gegen die zu erwartenden Mängel gleich⸗ gültig zu ſtimmen. Das Feuer, welches bald aus ſei⸗ ner dumpfen Ruhe zum luſtigen Lodern aufgeweckt St. Roche. 1. 19 ——————— ———— 290 war, tröſtete ihn, da ſeine Kleider feucht und von Nebel durchnäßt waren, bald für das Uebrige, und er fand ſeine ſchweigſame Wirthin geſchickt genug, die gebratenen Speckſtücken in Eier zu backen und den Becher mit Ale aus einem guten Faſſe zu füllen.— Schwerer hielt es, ihr Rede abzugewinnen. Ihre Verrichtungen ſchienen ihre Gedanken in den Händen feſt zu bannen; dabei krochen nach und nach fünf bis ſechs zerlumpte Kinder aus den Winkeln, wohin ſie ſich vor dem Fremden geborgen hatten, hervor, und da ſie nicht unempfindlich für das Abendbrod deſſelben blieben, hatte die ernſte Mutter zu wehren, zu zan⸗ ken und zu ſtrafen, welches allgemach ein ziemlich leb⸗ haftes Treiben hervorrief, aber nicht zu Gunſten des Fremden, der noch immer an ſeinen Fragen behindert blieb. Eine Schüſſel Milch und gleichmäßige Portio⸗ nen Brod verſammelten endlich die junge Geſellſchaft auf einen Punkt, und es trat Ruhe ein. „Wie lange habe ich morgen bis nach dem Schloſſe?“ hob jetzt der Fremde auf's Neue an. „Nun,“ erwiederte die Wirthin—„um die Bucht herum ſeht Ihr die Abtei, da geht's bergan, doch eine Meile trägt's nicht aus!— Wollt Ihr dahin? frug ſie jetzt ſelbſt. „Es iſt vorläufig mein Ziel,“ ſprach der Fremde. „Die Eſſen rauchen dort nicht, und die Wälder ſind einſam worden,“ fuhr das Weib in ihrer Weiſe fort—„ſie ſind in Trauer und beerben die Ahnfrau in Edinburg.“ Der Fremde ſchien nichts Unerwartetes vernom— men zu haben; er frug ohne Erwiederung fort:„Und findet ſich Niemand zum Empfange von Fremden? Haben denn Alle das Schloß verlaſſen?“ „Diener genug, Zimmer genug— aber die Eſſen rauchen nicht, und der Herrenraum iſt leer.“ „Und doch erwarte ich, dort einen Fremden zu finden, der das Schloß nicht verließ, wie ich weiß, und für den ſicher Sorge getragen ward.“ Die Wirthin blickte jetzt zuerſt auf, und indem ſie die Hand über die Augen hielt, überliefen ihre Blicke ſchnell und prüfend den Fremden— ſie ſchwieg nach dieſer Bewegung und blickte wieder vor ſich hin. „Nun, könnt Ihr mir nicht ſagen, ob ein ſol⸗ cher Bewohner im Schloſſe zu finden iſt?“— Eine Bewegung zwiſchen Lachen und Hohn ver⸗ unſtaltete augenblicklich das Geſicht der Frau; dann ſtand ſie müde auf, ergriff einen Kienſpahn, den ſie über das Feuer hielt, und erwiederte, ſchon im Abge⸗ hen:„Die Abtei iſt groß, der Heerd verſorgt, und für Jugend und Müßiggang iſt der 292 Wenn ſie morgen läuten, wird's nicht umſonſt ſein — Blumen wird Keiner ſtreun— die Krähen hacken den Raſen auf dem Kirchhofe, ſie wiſſen, was für Arbeit kömmt— nirgends war Rosmarin voller, als an der Abtei⸗Pforte. Aber noch wiſſen ſie alle nicht, wie viel unter der ſchwarzen Decke Raum haben— nur, wer in der Mondwende geboren iſt, ſieht das Ge⸗ ſpenſt.— Ihr, denke ich, werdet es ihnen lehren!“ Es war, als ob ihre Geſtalt im Abgehen wuchs; der flackernde Kienſpahn, den ſie trug, malte ihren Schatten rieſengroß an der Wand— der Fremde fühlte eine Berührung aus einer Welt, die er belachte und verachtete— es half ihm nicht, daß er raiſonni⸗ rend dies Weib unter die träumeriſchen Mondſüchtigen verſetzte, an denen Schottland reich iſt; er konnte die Kälte und Erſtarrung, die ihn befallen, erſt nach eini⸗ gen Minuten beſeitigen, und es ſteht zu glauben, daß dieſe äußere Anregung mit einem ihm wohlbewußten Zuſtande ſeines Inneren zuſammengefallen war Als die Wirthin wiederkam, war der eben her⸗ vorgetretene Trieb verſchwunden; gleichgültig zeigte ſie ihm das friſche Heu, was ſie für ihn aufgeſchüttet, und er fand, mehr als er gehofft, zwei reine Decken darüber gebreitet. Wir bilig erſtaunen, daß der Reiſende — einen ſo feſten Schlaf auf ſeinem Lager fand, daß er die Frühſtunde der Abreiſe verſäumte und erſt erwachte, als ein kleines Mädchen, welches ſich neugierig über den Schläfer gebogen hatte, ausglitt und, queer über ſein Geſicht fallend, jetzt in Schreck und Angſt ge⸗ ſetzt, ein lautes Geſchrei ausſtieß. Das gegenſeitige Aufraffen brachte die vollſtändigſte Ermunterung des Gaſtes hervor— und er mußte ſich bald überzeugen, daß außer dem eben ſo kleinen Buben, der die ſchreiende Schweſter wegführte, er der einzige Anweſende im Hauſe war. Sein Pferd war geſattelt und an die Thür gebunden— auf dem Eftiſche ſtand eine Schale mit Milch und Brot daneben, und ſelbſt die Bewoh⸗ ner der Ställe waren verſchwunden. Es kümmerte ihn wenig, und ſchnell gerüſtet, legte er ein Geldſtück neben das gut befundene Frühſtück, und bald ſehen wir ihn auf dem Rücken ſeines ausgeruhten Pferdes die Höhe erreichen, von der aus der See mit dem Schoſſe von Stirlings und darüber die mächtigen Thürme der Abtei ſichtbar wurden. Er ſchenkte dieſem wahrhaft bezaubernden Ge⸗ mälde wenig Theilnahme, obwohl die Sonne in der ſpäteren Stunde hervorgetreten war und es zu ver⸗ klären ſchien; den See mit ſeinem dunklen, ruhigen Spiegel hatte ſie noch nicht erreicht, aber die Thürme der Abtei und die Wipfel des rund herum ausgebrei⸗ teten, vom Herbſte bunt gefärbten Waldes erleuchtete ſie mit einem Glanze, daß die majeſtätiſche Schönheit von Beiden imponirend die Seele erfaſſend mußte.— Aber der Menſch legt in jedes Bild der Außenwelt hinein, was in ſeinem Innern vorherrſcht. Der Fremde dachte, indem er den Zügel ſeines Pferdes nachdenkend anhielt, wo er am ſchnellſten dies gute Thier unterbringen könne, um alsdann unbemerkt und zu Fuße das Terrain näher zu umſchleichen, wo⸗ hin ſeine Gedanken nur in einer Bezichung gerichtet waren. In demſelben Augenblick erhoben die Glocken ihre harmoniſchen mächtigen Stimmen— und der See ſchien aufzuwallen, als höbe ſich ſeine ruhige Tiefe den heiligen Klängen entgegen; um die Wipfel der Wälder lief ein leiſes Rauſchen, und ſie bogen die rieſigen Häupter, als käme der Morgenwind, den ſie begrüßten, mit dem Klange der Glocken. Und der Fremdling hörte ihren Ton, um ſich zu erinnern, daß das Weib in ihrer weitſichtigen Redeweiſe darauf hingedeutet, als ein Ereigniß verkündigend — die letzte Mahnung an ſein Gewiſſen ward von dem feſten Beſchluß eines gegen höhere Einflüſſe ge⸗ ſicherten Herzens überhört. Er benutzte die erſte Hütte am Wege, um dem müßig davor kauernden Knaben 2958 die Zügel ſeines Pferdes zuzuwerfen, und es unter dem breiten Schatten eines Ahorns geſichert haltend, nahm er den Rath über den kürzeſten Weg nach der Abtei⸗Kirche von dem Knaben an, überſchritt die hei⸗ lige Schwelle derſelben ohne Bedenken und barg ſich, dem Hochaltare gegenüber, in einem hochbelehnten Chorſtuhle, der nichts, als ihn ſelbſt, der Beobachtung entzog. Der Früh⸗Gottesdienſt war beendigt bis zum Se⸗ gen, der ſo eben mit einer tiefen, bewegten Stimme über die Anweſenden geſprochen ward. Der Greis, der den Hochaltar bediente, ſtand in der Verklärung eines Apoſtels da— ſeine Augen ruhten einen Au⸗ genblick auf der kleinen knieenden Gemeinde— aber dann ſuchten ſie, wie ſeine Seele, den Himmel, und als ſie ſich erhoben, ruhte der Glauben drinnen, der Berge verſetzt— und er ſagte mit dieſem Blicke zum ganzen Leben: Es iſt in Deiner Hand!— Die Gemeinde verließ die Kirche, und der Fremde, den wir begleiten, würde vielleicht gefolgt ſein, da es ſchien, als habe er hier nichts mehr zu thun— hätte ihn nicht der wunderbare Greis mit ahnungsvoller Neugierde gefeſſelt. Er hatte auf den Stufen des Altars ſeine müden Kniee geſenkt, und unter dem Schatten ſeiner weißen Locken hing der Kopf in 296 betender Demuth auf der gebeugten Bruſt. Der ſcharfe Beobachter hatte hier bald eine ungewöhnliche Gemüths⸗ ſtimmung erkannt, und ſeine Augen ſuchten unruhig nach der Urſache. Ein alter Diener der Kirche zeigte ſich endlich— er verſchloß den Ausgang nach dem Wege, den die Gemeine gegangen, und öffnete gegenüber eine große Bogenthür, welche den Wald mit ſeinen Buchenſäu⸗ len und ſeinem ſchimmernden Raſenteppich in ſolchem Glanze der Sonnenglut zeigte, daß er ein blitzender Edelſtein erſchien in der kunſtreichen Faſſung der ſchö⸗ nen architektoniſchen Thürwölbung.— Weiter fuhr der Alte fort, mit leiſem Schritt einen Teppich zu ent⸗ wickeln, den er von der Schwelle an bis zum Hoch— altar ausbreitete, und belegte die untern Stufen des Altars mit zwei Kiſſen. Er war jetzt nicht mehr al⸗ lein; eine junge Frau in ſtattlicher ländlicher Klei⸗ dung war aus dem Walde zu ihm getreten, ſie trug in ihrem Arme Blumen, wie der Herbſt ſie noch ſam⸗ meln ließ, und ordnete ſie kunſtreich auf dem Teppich und um die Stufen des Altars. Die Nähe des betenden Greiſes ſchien Beiden ein ehrfurchtsvolles Schweigen aufzulegen, und die Thränen, die aus den Augen der jungen Landfrau, wie aneinander gereihte Perlen, floſſen, wurden alle leis in einem Tuch aufgefangen, und jeder Laut der kämpfenden Bruſt unterdrückt. Dann verließ ſie nach Beendigung ihrer Ausſchmückung die Kirche, und der alte Küſter erſchien nun im vollen Schmucke ſeines rothen Chorrockes, und nahm in ehrfurchtsvoller Er— wartung an dem Eingange der Thüre Platz. Es war kaum möglich einen großartigern Ein⸗ druck zu empfangen, als hier in der Wirkung von zwei gleich erhabenen Erſcheinungen lag, die, ſo ver⸗ ſchieden, doch eines inneren Zuſammenhanges nicht entbehrten.— Der Wald zeigte mit dem rieſenhaften Baue ſeiner Buchenſtämme und ſeinen hochgewölbten Aeſten, daß die Natur in ihrer unendlichen Schönheit die Lehrmeiſterin des Menſchen war, und die Bewun⸗ derung, die ſie in der Seele deſſelben zu wecken wufßte, die Pfeiler in Marmor und Stein heraufwachſen ließ, und ſie wie Laubwerk geformte Bogen überwölbte, eine kühne, erhabene Nachbildung des Natur-Heilig⸗ thums, woraus die Andacht mit den wachſenden Schäz⸗ zen ſich retten wollte gegen den unerbittlichen Wechſel der Jahreszeiten. Wer durfte zweifeln, daß der Wald, der in ſei⸗ nem vielhundertjährigen Alter auf jede in ſeinem Be⸗ reich entſtehende Schöpfung niedergeſchaut, die Seele des Künſtlers erfüllt habe, der Pfeiler ſteigen ließ und 298 Bogen ineinander ſchlang, als habe die Natur in ihrer harmoniſchen Schönheit den harten Stein mit dem Leben der Vegetation durchdrungen, und, die ſehnſüch⸗ tige Inbrunſt des frommen Bauherrn erhörend, ſich den Schmuck ablauſchen laſſen, womit ſie in ihrer verſchwenderiſchen Mannigfaltigkeit immer anders, im⸗ mer ſchön und doch im großartigen Zuſammenhange zu ſchaffen verſteht. Es war ein Dom in den an⸗ dern hineingewachſen, oder eine Kapelle in dem him⸗ melanſtrebenden Dome der Natur, der ſie von allen Seiten umſchloß. Und aus dieſem großen Dome der Natur über⸗ ſchritten jetzt zwei Weſen die Schwelle der Kapelle, leicht getragen von Jugend und Schönheit— klar in dem holden Schein einer Andacht, die ihnen Heiter⸗ keit und Entzücken gab, und ſo leiſe und ehrfurchts⸗ voll nahend, wie Engel den Dienſt des Herrn erfüllen mögen. Das Mädchen hatte den bedeutungsvollen Kranz über den Schleier geſetzt, die vollen Locken, die wie ein Heiligenſchein in dunkler Fülle mit goldenen Lichtern das himmliſche Antlitz umſäumten, ſchienen ſich ſo warm und lebendig hervorzudrängen, als be⸗ gehrten ſie den fremden Schmuck zu entfernen— und man hätte verſucht werden können, die Flügel zu ſuchen, die dieſer kindlichen Jungfrau den leichten Fuß 299 verliehn, der unter dem langen weißen Gewande wie ein Hauch über den Boden glitt. Die Blumen, die auf ihrem Wege lagen, ſchienen ihre Geſpielen, die ſie lächelnd wiederfand— ſie neigte ſich wie eine Nym⸗ phe und hielt ſchon eine weiße Aſter in der Hand, welches die junge Frau, welche ſie geſtreut und jetzt an der Seite eines Landmannes ihr folgte, nur mit der Freude ſah, die ſogleich in Thränenſtrömen ſich ergoß. Aber auch der Jüngling, der in heilgem Ent⸗ zücken an den Fingerſpitzen das Engelsbild zum Altare führte, wie war er ſchön geworden, und jung und unſchuldig und fromm! Das große Leben der Höfe hatte ihn vergeblich vollenden ſollen nach der Sitte der Welt— die Liebe hatte ihn umgeformt, das Erlangte paßte nicht in die Unſchulds⸗Welt, in die ſie ihn führte, und war vergeſſen, und die Spuren ver⸗ wiſcht aus dem menſchlich verklärten Anttitz auf den Stufen des Altars. Der betende Greis ahnete die ehrfurchtsvoll hin⸗ ter ihm Harrenden.— Er fand, als er ſich aufrich⸗ tete, die beiden Hände zu ſeiner Unterſtützung, die er ſogleich vereinigen wollte. Kindlich knieten ſie dann * vor ihm nieder, und er blickte ſie an. Vielleicht wa⸗ ren ſie damit eingeſegnet und vor Gott vereint; denn der Blick eines Vaters in der Segensfülle zärtlichſter 300 Liebe muß alle Funktionen der prieſterlichen Weihe umſchließen, ja, ſie fand daher vielleicht ihren Urſprung. Doch durchdrungen von dieſem, ihrem wahren Sinne, ward die Weihe des Prieſters wirklich ein höherer Segen, welcher die Empfangenden mit heiligendem Feuer berührte und den Greis über die Gewalt des beugenden Alters, über die Weichheit irdiſcher Betrach⸗ tung emporhob zum Gottgeweihten Prieſter, zum Wie⸗ dergeber des göttlichen Segens, den er empfangen.— Der große Moment war vorüber. Der Vater drückte noch vor dem Altare beide junge Leute an ſeine Bruſt, und legte dann ruhig die Tochter in die Arme ihres jungen Gemahls. Der Kirchendiener breitete in⸗ deſſen auf dem Altar eine Schrift aus, der ſich Alle näherten, die ſelbſt von den beiden ländlichen Zeugen mit einer ihnen möglichen Unterſchrift oder Zeichen verſehen ward, und die der Kirchendiener dann wieder zuſammenſchlug und den Voranſchreitenden nachtrug. Dies Mal führte der Geiſtliche das junge Paar an beiden Händen, als wolle er ſie ſo der Welt, der ſie nunmehr verfallen waren, entgegen führen.— „ Schon lange hatte die lautloſeſte Stille in den eben ſo belebten Räume ihre alte Wohnung genom⸗ men, und kein wichtigeres Ereigniß blieb zu erwar⸗ ten nach dem eben vollbrachten; auch war es nicht die — — Hoffnung darauf, die den Fremden noch an ſeinen Platz feſſelte— ſondern ſich ſelbſt gönnte er eine äußere Ruhe, die er hier vollſtändig fand, und deren ſein, von dem Vorhergegangenen faſt überfüllter, Geiſt be⸗ nöthigt ſchien. Er hatte hier, indem er dieſe ganze Ceremonie zugelaſſen, eine Stellung genommen, über die ſelbſt ſein raſcher Geiſt nicht gleich die völlige Klar⸗ heit gewann, denn er konnte ſich nicht verhehlen, daß nicht allein ſein böſer Wille das Ereigniß zugelaſſen, ſondern daß das Ereigniß ſelbſt mit ſeiner klaren, beſtimmten Folge, welches das, was er ergründen wollte, außer Zweifel und abgeſchloſſen vor ihm hin⸗ ſtellte, ihn zu einem willenloſen Zeugen gemacht hatte, was er jedoch, wie es ihm erſchien, niemals würde eingeſtehen wollen. Auch war das nächſte Reſultat der Selbſtberathung, ſo unbemerkt, als möglich, für den heutigen Tag den Rückzug zu nehmen und erſt am andern Morgen anzukommen. Nach dieſem Beſchluſſe blickte er lächelnd auf die Karten, die, zu ſeinen Gun⸗ ſten gemiſcht, alle Farben enthielten, und die nur die Hand des geſchickten Spielers zu erwarten ſchienen.— Auf wenige Augenblicke hatte ſich am andern Morgen der Graf von Crecy von ſeiner jungen Gat⸗ tin getrennt, um in Schloß Stirlings ſeine vielleie auffallend werdenden Angelegenheiten zu motiviren, als — ſeine Worte darüber von dem alten Haushofmeiſter unterbrochen wurden, der ihm die Meldung eines Frem⸗ den machte, der, aus Paris angekommen, den Herrn Grafen zu ſprechen wünſche. Als ob einem ſüß Träumenden eine kalte Hand auf die Stirn gepreßt würde, ſo erſchütterte dieſe Nach⸗ richt den jungen Mann. Ein Hauch aus jener Welt, die der ſeinigen nur wiederſprechend entgegen treten konnte, ſchien den Schmelz zu zerſtören, der ſo zart wie der Duft einer Blume, dem armen Menſchen⸗ herzen nur bei dem erſten friſchen Entfalten eines Glückes zu Theil wird und, eben ſo ſchnell zerſtört wie entſtanden, die Sehnſucht danach allein zurück läßt. Erſchrocken, ahnungsvoll und durchaus ohne Faſſung für eine ſchnell hereinbrechende Kataſtrophe, die er ſelbſt einzuleiten gedachte im Laufe der Zeit und ſeinem jetzigen Glücke noch aus dem Wege gerückt glaubte, fühlte er ſein Nachdenken erlahmt, und es trat die dann ſo natürliche Haſt ein, womit wir uns den Befürchtungen entgegen ſtürzen, dunkel hoffend, von ihren Anforderungen die erſchreckten, erlahmten Kräfte wieder zu gewinnen. „Wo, wo?“ rief der junge Graf, und der Ton er Stimme klang, wie die zerreißenden Saiten ei⸗ nes Inſtruments—„wo iſt der Fremde, der mich 303 zu ſprechen wünſcht?“ Der alte Haushofmeiſter ſchlug bloß die Augen auf und verneigte ſich, der Graf blickte ſich um— und der Marquis de Souvré ſtand vor ihm. „Großer Gott, Ihr ſelbſt!“ rief der Graf und überließ es dem Andern, die Auslegung dieſer Worte in ſeinen bewegten Zügen zu ſuchen—„iſt es mög⸗ lich! Was führt Euch aus Paris hieher in dieſe Einſamkeit, an dieſen für Euch ſo freudenloſen Auf⸗ enthalt?“— Der Marquis ſchien ſein ewig blaſſes Antlitz zu noch größerer Bläſſe gezwungen, die ſcharfen, nach Innen geſenkten Züge noch feſter verſchloſſen zu ha⸗ ben, und die Feſtigkeit, womit er, von dem jungen Grafen einige Schritte entfernt, Platz behielt, zu be⸗ nutzen, um dieſem die ganze Anſicht einer eiſernen Perſönlichkeit zu gewähren.—„Ihr habt Recht, Herr Graf, mit den Bezeichnungen dieſes Aufenthalts, und ich kam bloß, um zu erfahren, was Euch unter ſol⸗ chen Umſtänden mit dieſen Mängeln auszuſöhnen ver⸗ mochte, oder inwiefern ein ſo weit getriebener Gehor⸗ ſam gegen die früheren Wünſche Eurer Frau Mutter ſich von ihrem durch ihre Liebe geſandten Boten be⸗ wältigen laſſen.“— Ach, Marquis, wie viel Güte! wie ſoll ich Euch P 304 danken! Ihr ſelbſt, Ihr, das Schooßkind von Pa⸗ ris, über das Meer— durch die wilden Bergpäſſe Schottlands, ohne Eure Geſellſchaften, ohne Eure Beſchäftigungen— wie ſehr fühle ich mich als Euer Schuldner!“ Es war eine Haſt, eine Ungeduld in der Auf⸗ zählung der anerkannten Verpflichtungen, die den Mar⸗ quis de Souvré keinen Augenblick zweifeln ließen über die beinahe verzweifelte Stimmung, womit der junge Mann ſich ſo zur ungelegenen Zeit von ihm über⸗ ſchlichen ſah, und es ſchien ihm der Augenblick ge⸗ kommen, mit einem ſicheren Verfahren dieſen ganz in ſeine Gewalt zu bekommen.„Laſſen wir das, lieber Graf!“— ſprach er in minder gemeſſenem Ton und zog ein abwehrendes ſpöttiſches Lächeln um ſeinen Mund.„Wir wollen und wir können uns nichts weiß machen, und Eure Lage, die, wenn ich nicht ſehr irre, mißlich genug iſt, würde, denke ich, ſich nicht verbeſſern, wenn Ihr gegen mich die Rolle des Höf⸗ lichen ſpielen wolltet, da Ihr mich über Eure wahre Stimmung keinen Augenblick täuſchen könnt. Laßt mich hinzuſetzen“— fuhr er vertraulich fort,„aß Eure Dankbarkeit gegen mich in anderer Richtung viel⸗ leicht wahr werden kann, aber nicht für den Augen⸗ blick, da Euch meine Erſcheinung an eine ernſtere Seite Eures Lebens erinnert und das romantiſche Schäfer⸗ ſpiel zu unterbrechen droht, dem Ihr Euch hier gänz⸗ lich überlaſſen.“ hr an, lieber Sounrs⸗ rief der junge Graf, noch ein Mal einen Sprung in die Weite ver⸗ ſuchend und das ihn ſo nah umzogene Garn über⸗ ſpringend—„in dem Augenblicke, wo ich mich zur Abreiſe zu rüſten dachte. Uebermorgen wollte ich nach Edinburg, um mich dort vom Grafen von Gerſey zu beurlauben.“ „So!“ ſagte der Marquis gemeſſen—„und darf der alte Freund Ihres Hauſes fragen, ob Ihr dieſe Gegend als freier unabhängiger Mann verlaßt, ob Ihr derſelbe ſein könnt in den Verhältniſſen, die Euch dort die zärtlichſte Liebe einer Mutter mit der klügſten Umſicht zu den größten und ausgezeichnetſten Verbindungen vorbereitet?“— „Ja, Marquis, gerade als freier Mann denke ich dort wiederzukehren— und wenn nicht alle klugen Pläne meiner Mutter mehr erfüllt werden können, denke ich doch die, welche ihre zärtliche Mutterliebe für mich hegen konnte, auf eine Weiſe auszuführen, die vielleicht ihre eigenen Pläne übertrifft.“ „Hofft das nicht!“ ſprach hier der Marquis mit Wärme—„hofft nicht, daß ſie den leiſeſten St. Roche. 1. 20 306 Wunſch, den kleinſten Plan, den ſie bis hieher näherte und führte, aufgeben wird— zweifelt nicht, daß Ihr, in Widerſtand dagegen tretend, einer ununterbroche⸗ nen Reihe von Leiden und Verfolgungen entgegen geht, die ein ſo edler Menſch, ein ſo guter Sohn, als Ihr, ſchwerlich ohne den Verluſt ſeiner Ruhe be⸗ ſtehen könnte; denkt, daß, wenn Ihr hier Wünſche genährt, wenn Ihr Schritte gethan, die Euch irgend einen theuren Gegenſtand zum Schutze übergeben, dann Eure Lage ſchwieriger iſt, als Ihr überſehen könnt— und glaubt mir, daß ich genug davon unterrichtet bin, um für Euch und Eure Zukunft zu zittern.“— Er hatte dieſe Rede mit einer Energie geſprochen, die ihr volles Gewicht dadurch bekam, daß ſie Wahrheit ent⸗ hielt. Er wußte ſehr wohl, daß der junge Graf ſie als ſolche empfinden mußte und die Wirkung ihm denſelben in die Hand geben werde. Wir wiſſen es, wie er gegen den Einfluß diefer Ueberzeugung ange⸗ kämpft, in welchem völlig fremden Gegenſatze die Welt ſeiner Mutter zu der ſeiner Liebe ihm erſchie⸗ nen war, und wie jene nur endlich beſiegt zurück wich, da ihr augenblicklicher Einfluß fehlte, und dieſe ihn zugleich als Menſch vervollſtändigte und veredelte. Aber die Wahrheit, die der Marquis auszuſpre⸗ chen wagte, ſie lag nur zurückgedrängt in ihm— und 302 er fühlte ſie in ihrer ganzen Stärke hervortreten, und mit ihr den Ernſt ſeiner Lage— ach, den er ſo gern dieſe wenigen Tage noch von ſich abgelehnt hätte! Der Blick, der, aus ſeinem Innern hervortretend, ſeinen ganzen tief und leidend bewegten Zuſtand verrieth, hätte an keinem menſchlichen Herzen ungerührt vorüber ſtrei⸗ fen müſſen— der Marquis beſtimmte blos danach die erreichte Wirkung ſeiner Worte. „Es iſt vergeblich“— rief der junge Mann, von dem plötzlich erregten Sturm erſchöpft in einen Seſſel ſinkend,—„Euch die Lage, in der ich bin, und meinen Seelenzuſtand zu entziehn! Gott gebe Euch den Willen und das Herz, mir beiſtehen zu wo len, da es gewiß in Eure Macht gegeben iſt.“— „Haltet ein, lieber Graf,— mit einem zu ſchnel⸗ len Vertrauen und bedenket wohl, ob das, was Ihr mir ſagen wollt, nicht bloß mich durch ſeine Kennt— in Verlegenheit ſetzen wird— denn, wenn ich 6. Frieden ſtiftend einſchreiten will, ſo vergeßt doch dieſem Augenblicke nicht, daß ich mich mit Wort nd Ehre gegen Eure Mutter verpflichtet habe, über Euer unläugbar auffallendes Betragen Euch ſelbſt zu 8 befragen und Euch mit meiner— vielleicht größeren— Lebenserfahrung beizuſtehn, wenn Eure Jugend Euch irgend eine Weiſe verwickelt haben ſollte. Daher 20* 308 mein lieber Freund— ich warne Euch vor mir, ich bin der Agent Eurer Mutter, ich muß redlich bleiben gegen ſie— und damit, denke ich,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„auch gegen Euch!“ „O.“ rief der junge Graf mit unſchuldigem En⸗ thuſiasmus—„wie erkenne ich die Sprache eines Ehrenmannes in Euch! Wie tief fühle ich eben, Ihr, gerade Ihr thatet mir Noth! Vergebt, daß die ſchmerz⸗ liche Ueberraſchung des erſten Augenblicks, die mich in Euch nur die Störung des ſeligſten Erdenzuſtandes er⸗ blicken ließ, mich Euch kalt und ohne Haltung gegen⸗ über ſtellte— innig bereue ich es jetzt, und gut will ich es machen, wenigſtens durch unbedingtes Vertrauen!“ Ich bitte Euch, mein lieber Graf, haltet ein! Ich habe nichts in Eurer Weiſe vermißt, weil ich nichts Anderes erwartet habe; auf irgend eine mußtet Ihr darauf ausgehn, Eure Verhältniſſe zu u los zu werden, das war mit halbem Blicke zu üb ſehen, und die Erinnerung daran durch meinen A blick konnte nicht erwünſcht ſein.“— „Nein, nein, bei Gott im Himmel, nicht lo wollte ich mich von meinen alten, und mir gewiß heiligen und theuren Verhältniſſen machen— was ich empfinden lernte, hat mich nur mit feſterer Ehr⸗ furcht an Alles gefeſſelt, was die Natur in jenem 309 hältniſſen mir ſchenkte; nur in Uebereinſtimmung trachte ich durch langſam ſchonendes Vorſchreiten die Wider⸗ ſprüche auszugleichen, die, aus verſchiedenartigen Le⸗ bensverhältniſſen entſtehend, hier möglicher Weiſe die edelſten Menſchen, jeden auf ſeinem Standpunkte in gleichem Rechte, zu entfernen vermöchte, ohne mein vorbereitendes vermittelndes Einſchreiten.“ Der Marquis zuckte die Achſeln leiſe und wie ſich verbeugend, und in ſeinen niedergeſchlagenen Au⸗ gen war keine Entgegnung zu leſen. Bei weitem muthloſer fuhr der junge Graf fort: „Was ich Euch zu ſagen wünſche, wird Euch aller⸗ dings überraſchen— ſo vorgeſchritten, ſo abgeſchloſ— ſen werdet Ihr die wichtigſten Verhältniſſe meines Lebens nicht wähnen.“— Das Herz ſtand ihm hier ſtill vor der wichtigen Entdeckung. Er hielt inne.— Aber häufig thun wir in dem Augenblicke der Ent⸗ muthigung, wo uns die Dinge in dedrohlicher Zu⸗ ringlichkeit nahe rücken, und wir zwiſchen dem Wun⸗ ſche, ihnen zu entrinnen, und dem, ſie zu beendigen, mitten inne ſtehen, einen verzweifelten Sprung gera hinein— welches leicht den Anblick eines kräftigen Entſchluſſes gewährt und oft, ſo weit davon entfernt, bloß das Uebertrennen der inneren Schwächen verrathen könnte!“ Der junge Graf war gewiß mehr im letzte⸗ 310 ren Falle, als er, plötzlich heftig aufſpringend, mit lauter Stimme dem Marquis zurief:„Ich bin ver⸗ mählt! vermählt ſeit geſtern früh!“ „Unglücklicher!“ ſtöhnte der Marquis, ſein Ge⸗ ſicht verhüllend, als erſchütterte und überraſchte ihn die Mittheilung deſſen, was er ſelbſt mit angeſehen. „Unglücklicher?“ rief der Graf jetzt—„Unglück⸗ licher? O, ſagt lieber: Glücklicher! Glücklicher, als ich es je ahnete und träumte, glücklicher, als ich es ahnen konnte, da mir der Sinn erſt erweckt werden mußte für ein ſolches Glück durch dies Glück ſelbſt! Glück⸗ licher, mein Freund, als Ihr es kennt und zu bieten habt in Euren Palläſten, unter Euren Feſten, in Euren geträumten Vorzügen, Begünſtigungen und Be⸗ ſitthümern— ein Glück, mein Freund, ſo groß, ſo heilig, ſo veredelnd, daß, wem es einmal die Bruſt erweitert, wem es einmal, wie die Glorie eines höheren Lebens, die Stirn berührt— eingeweiht iſt unter die Begünſtigten des Himmels, und bliebe e ihm nur als Geſchenk eines Augenblicks, berührte e ihn nur, wie der Duft einer Blume!“— Er hatte * ich leicht geredet, mit dem Geſtändniß war der Schat⸗ ten verjagt, und ſeine Seele fand Kraft, das Ent⸗ zücken auszudrücken, das noch in voller Stärke ihn beherrſchte. Aber wem gab er in jugendlicher Kurz⸗ 311 ſichtigkeit dies Paradies ſeines Herzens hin— einem Feinde, der vor Allem mit brennenden Neide fühlte, daß dieſer von ihm ſo verachtete Jüngling auf's Neue ein Glück gefunden hatte, was ſeine Seele bis zur Begeiſterung erhob. Gleich war es, was er gefun⸗ den, ihm als ein ſolches erſcheinen konnte, und hätte er es noch ſo tief verachtet, hätte es kein Lächeln über ihn zu erzwingen vermocht, es war genug, daß es die⸗ ſem ewig glücklichen Thoren ſo erſchien, um es ihn mit bitterem Zorne beneiden zu laſſen. Wie fern ſchien ihm der Augenblick, wo er endlich jenen dem Leben verfallen ſehen, wie ferne, wo der Günſtling äußerer Vorzüge ſich ein Bettler fühlen ſollte! Der Graf war kein Phyſiognomiker, er verſtand die jähen Blitze nicht, die das Geſicht ſeines Gefähr⸗ ten überzuckten, und dieſer gab der Beobachtung nie lange Zeit zu Entdeckungen. „In der Stimmung, worin Ihr ſeid, mein lie⸗ ber Graf,“ hob er ſo nüchtern und kalt an, als habe 3 ſelbſt auch nicht den entfernteſten Antheil daran— „würde es ein müßiges Geſchäft ſein, Euch über die nothwendig entgegengeſetzte Seite, die Euer Glück ha⸗* ben muß, die Wahrheit aufzudecken.— Ihr habt mir⸗ jetzt entweder zu viel oder zu wenig geſagt, Ihr mufßtet entweder auch gegen mich ſchweigen, oder Ihr müßt 312 mir jetzt mehr ſagen, denn ſo kann ich Euch nur ſchädlich werden, und ſo ungern ich mich mit den Ge⸗ heimniſſen Anderer belaſte, dem alten Jugendgefährten gegenüber darf ich mich der Laſt nicht entziehen.“ Der unſchuldige junge Mann eilte in die ſpröde Umarmung des Marquis, und legte ihm dann ein Geſtändniß ab, worin der ganze Inhalt ſich auf Ge⸗ fühle bezog— ſo ohne Thatſachen, ſo ohne Gewicht, ohne Gehalt in den Augen des Zuhörenden, eine ſo alberne Schäfergeſchichte, daß er ſeiner ganzen Selbſt⸗ beherrſchung bedurfte, um nicht in Lachen auszubrechen, und welche ihm nur dann wichtiger ward, wenn er ſah, wie auch dieſe Kinderei das Herz des Erzäh⸗ lenden ſo überſchwänglich beglückt hatte, und die ſich aus ihrem Nichts nur dann erhob, wenn er bedachte, wie das von ihm ſo geſchickt zugelaſſene Ende des Schäferſpiels die verderblichſten Verwickelungen über ſeinen Gegner bringen mußte. „Sie iſt mir nun für's Leben geſichert,“ ſchloß der junge Graf ſeine rührende Erzählung,„und ob⸗ wohl es mir das Herz bricht, ſie jetzt verlaſſen zu müſſen, ich fühle die Nothwendigkeit davon und werde ſie ja nur verlaſſen, um ihre Zukunft vorzubereiten. Ich werde meine Majorennität, die Uebernahme von Ste. Roche abwarten und dann meinen theuren Ael⸗ — 313 tern meine Vermählung eingeſtehen. Ich täuſche mich nicht, es wird keine angenehme Nachricht für ſie ſein — aber wenn ſie den Engel ſehen werden, den ich ihnen zuführen kann, dann werden ſie Alles begreiflich finden, und da Fennimor's Vater einer vornehmen Familie als jüngſter Sohn angehört, ſo iſt auch ihre Geburt keine Beleidigung für dieſelben. Als meine rechtmäßige Gattin bleibt Fennimor hier vor den Augen der Welt noch ſo lange verborgen, bis der Fall ein⸗ tritt, deſſen Möglichkeit uns zu dieſem Schritte be⸗ wogen, und wenn Gott ihr durch den Tod ihres Va⸗ ters die ſichere Heimat raubt, begiebt ſie ſich alsdann unter dem Range meiner Gemahlin, der all' ihren Schritten die anſtändigſte Freiheit ſichert, nach Frank⸗ reich— und ich führe ſie nach meinem Eigenthume, nach Ste. Roche, bis meine Aeltern mir erlauben, ſie ihnen vorzuſtellen.“ Was hätte der Marquis dagegen zu erinnern ge⸗ habt! Hätte er doch ſelbſt es nicht klüger einleiten können, um die freiſte Hand für die Umſtaltungen zu gewinnen, die dieſer leichte, roſige Himmelsweg erlei⸗ den mußte; und mit vermehrter Verachtung gegen den Knaben, der unklug und ſpielend das Leben nach ſei⸗ ner Laune zu leiten dachte, und ſo blind für die Hin⸗ derniſſe war, die ſich rieſengroß ihm entgegenſtellten, 314 hätte er ihn vielleicht zu gering für ſeine Machinatio⸗ nen gehalten, hätte der Neid ihm nicht einen geheim⸗ nißvollen Reiz verliehen. Freundlich lächelnd ſtand er daher auf, und den glühenden Erzähler auf die Schul⸗ ter klopfend, rief er:„Und welche Rolle habt Ihr mir dabei zugedacht? die des Verräthers gegen Euch oder gegen Eure Mutter, die mir gänzlich vertraut?“ „Die des theilnehmenden, liebevollen Freundes gegen uns beide!“ rief der Graf vertrauungsvoll.„Seid der, der einſt, wenn ich mein Bekenntniß ablege, vor⸗ treten kann und ſagen: Vertraut ihm, ich kann Zeug⸗ niß ablegen, denn ich ſelbſt ſah den Engel, den er Euch als Tochter zuführt.“ „Seid ſicher, Graſ,“ entgegnete der Marquis lachend—„dies Zeugniß wird Euch wenig fruchten. Wenn dieſer Engel nicht unter dem heiligen Scheine einer Fürſten- oder Grafen-Krone vor Eure Mutter treten kann, wird ſie ihr immer die unwillkommene Tochter ſein— doch für mich iſt hier mit dem beſten Eifer, den Wünſchen Eurer Mutter gemäß, nichts mehr zu thun und zu ändern, und dieſe Ueberzeugung macht mich für den Augenblick zu einem willenloſen Werk⸗ zeuge in Eurer Hand.“ „Nun, ſo folgt mir denn!— Dieſe Hand ſoll Euch in eine Welt führen, die Euch mit Staunen 315 und Entzücken erfüllen wird, und wofür Ihr in der Eu⸗ ren keinen Maaßſtab, keine Aehnlichkeit finden könnt.“ „Das glaube ich ſelbſt!“— erwiederte der Mar⸗ quis gedehnt, und Beide verließen das Schloß, um ſich nach der Abtei zu begeben.— Die junge Frau ſaß unter den hohen Schatten⸗ gewölben des Buchenwaldes in dem weichen Mooſe, welches ihre Leonin zu einem kleinen Sitz angehäuft hatte, und in ihr war, über alles Erlebte hinweg, nur der eine einzige Gedanke, daß Leonin abreiſen werde. — Der ſchöne Nacken, mit dem gedankenſchweren Haupte war vorn übergebeugt, und die zarten Finger lagen in einander, als wären ſie im Gebete vergeſſen, in einem Gebete, das nur lautes Reden mit Gott war über ein unausſprechliches Weh, das er ihr auf⸗ erlegte, worüber ſie ihn betend befrug, und ihm vor⸗ ſtellte, wie ſie es nicht ertragen könnte. Ihr unſchul— diges Herz ſträubte ſich unter den erſten Wunden des Schmerzes, ſie dachte immer: da wird es Gott plötz⸗ lich wenden, wenn ich ihn bitte.— Sie ſaß, als ob ſie auf ihn wartete, und ſehnte ſich nach ihm mehr, als nach dem Geliebten, denn ſie wußte ihn damit einbegriffen, wenn Gott das ſendete— was, das mußte eben Gott wiſſen, weil ſie es nicht finden konntez nur jedenfalls mußte es nicht Trennung ſein.— So 316 erſchrak ſie faſt, als Leonin früher aus den Bäumen hinter ihr hervortrat, als ſie das Erbetene von Gott erhalten.— Ihre Wünſche erfüllten ſich bisher in dem Kreislaufe ihres Lebens von ſelbſt, und ihr Ge⸗ müth war ſo milde geleitet worden, daß ſie es nicht wußte, wenn ihr der Vater leis ein oder den andern Wunſch hinweg nahm, und indem ſie that, was er wollte, ſchien es ihr immer eine Erfüllung des Selbſt⸗ begehrten. Es gehörte zu dem patriarchaliſchen Pa— thos ihrer Erziehung, ihrer Gemeinſchaft mit der hei⸗ ligen Schrift, ihrem wichtigſten Geſchichtsbuche, daß Gott eine redende Perſon für ſie war, der Erzvater, zu dem ſie mit großen Ernſte ſprechen durfte. Wie Abraham aus der Hütte trat und die Engel begrüßte, die der Herr ſandte, Sodom und Gomorra zu zerſtö⸗ ren; wie er mit ihnen liebreich hin und wieder redete, und ihnen die möglich dort gerecht Befundenen abhan⸗ delte, und ſie ihm nachgaben, weil er nicht nachließ zu bitten— ſo erſchien ihr ein Jeglicher zu Gott ge⸗ ſtellt, und ſie fand ſich in dieſer Beziehung vollkom⸗ men ſicher und bggechtigt.—„Ich will mich nicht von Dir trennen,“ ſagte ſie, als Leonin ſich zu ihr ſetzte, und richtete ſich ruhig, wie für Lebenszeit, an ſeiner Bruſt ein,„und ich wartete eben auf Gott, wie es werden ſoll.“ 312 „O,“ rief Leonin,„daß er uns den Ausweg ſendete, der das Härteſte von uns abhält, was uns treffen kann— und doch ſehe ich ihn noch nicht!“ „Ich auch nicht,“ ſagte ſie—„darum muß er von dort her kommen, denn ich kann Dich nicht laſ⸗ ſen!— Aber was haſt Du nur?“ fuhr ſie fort und richtete ſich auf—„Du haſt ja was Fremdes! Was iſt Dir?— Du biſt nicht ſo ſtill— es iſt Dir was vorüber gegangen?“— Erſtaunt blickte Leonin ſie an und bemerkte an ihrem unruhig forſchenden Blick eine Bewegung, über die er erſchüttert ward. Nachdenkend fuhr ſie fort, als redete ſie mit ſich ſelbſt:„Der alte Tobias ſagt: Der Böſe geht um⸗ her und macht erſt ein Zeichen an dem, den er ha⸗ ben will, das kennt er wieder, wenn's auch noch ſo fein iſt, aber die Engel merken es gleich und bemü⸗ hen ſich, es auszulöſchen mit ihren Thränen.“ „Nun,“ lächelte Leonin und zog die ſanft von ihm Abgebogene wieder an ſich—„wie fällt Dir das bei mir ein? Bemerkt mein Engel Fennimor ein ſol⸗ ches Zeichen?“* „Still, ſtill“ ſagte ſie mit andächtiger Furcht, „nur die himmliſchen Engel kennen das, und die be⸗ hüten ſehr lange die Menſchen, damit es nicht ge⸗ ſchehe.“— Sie richtete ſich auf, und ſah ihn ſo for⸗ ſchend und befremdet an, als ſuche ſie das Zeichen. Er erhob ſich nun auch lächelnd, das wunderbare We⸗ ſen betrachtend, und ihre Augen erhoben ſich zu dem Aufgerichteten, als ſie plötzlich den Baum ſtreiften, der hinter ihnen ſtand, und ſie entſetzt zuſammen fah⸗ rend, an Leonin's Bruſt ſtürzte. „Fennimor! Fennimor!“ rief Leonin, außer ſich —„was iſt Dir, mein geliebtes Kind? Fürchte Dich nicht, Du biſt ja bei mir, an meiner Bruſt!“ „Die Schlange! die Schlange!“ ſtöhnte Fenni⸗ mor, ihr Antlitz angſtvoll verbergend—„der Böſe iſt doch da!“ Fortgeriſſen von der phantaſtiſchen Erregung ſei⸗ nes kindlichen Weibes, wandte er ſich ſchnell um und ſah noch, wie der Marquis de Souvré, der auf Cre⸗ cy's Bitte nicht zugleich mit ihm hervorgetreten war, um Fennimor's Vorbereitung abzuwarten, den Kopf zwiſchen den an dieſem jüngern Baume noch niedrig hängenden Zweigen zurückzog. Leonin konnte leicht den⸗ ken, daß Fennimor, die in ihrer Bibel die Abbildung der Schlange hatte, die mit einem Menſchenkopfe durch die Zweige des Baumes der Erkenntniß blickt, das bleiche, aſchfarbene Geſicht des Marquis dafür ange⸗ ſehen hatte. Aber ſo natürlich die Erklärung war, ſo nah' es ihm lag, dem armen bebenden Kinde dieſe Auslegung zu geben— ein unausſprechliches Gefühl hatte ſeit Ankunft des eben ſo wunderlich verwechſel⸗ ten Mannes allen Lebensmuth in ihm niedergedrückt. Ein betäubendes Sinnen erfaßte ihn, das Weſen noch ſchützend in ſeinen Armen haltend, das von ihm al⸗ lein das ganze Leben hoffte, und mit ſo leiſer Ah⸗ nung die Berührung empfunden hatte, die er aus ſei⸗ ner alten, ihr ſo gefährlichen Welt erlitten.— So ge⸗ ſchah es, daß er unentſchloſſen ſchwieg, ſie ſanft auf⸗ richtend durch das Gefühl ſeiner Nähe, ſeiner Liebe, ſeines Schutzes. Fennimor vertiefte ſich auch bald gänzlich in dieſes ihr am verſtändlichſten gewordene Gefühl, und ſagte bloß, ängſtlich aus ihren Händen mit den thrä⸗ nenſchweren Augen zu ihm aufblickend:„Was war es denn?“ „Was ich verſäumt habe, Dir gleich zu ſagen, theure Fennimor! Ein Freund aus Paris, den ich im Schloſſe auf mich warten fand, ein Freund, dem ich entdeckt, daß Du mein liebes Weib biſt, und der nun kommt, Dich als ſolches zu begrüßen.“— „Ach nein, ach nein!“ ſagte Fennimor—„das ſoll er lieber laſſen, denn— denn ich wollte lieber, ich brauchte ihn nicht zu ſehn, da er der Schlange 320 gleicht, vor der ich mich immer ſo gefürchtet habe.“ „Das wirſt Du nicht finden, wenn Du ihn näher kennſt, gute Fennimor; denn davon behält er nichts, wenn Du mit ihm reden wirſt— und ich möchte gern, daß Du zu ihm freundlich wärſt.“ Fennimor ſchauderte leis zuſammen, aber wie ein gutes gehorſames Kind ſtrich ſie die Locken von der Stirn und ſagte mit unſicherem Tone:„Wenn Du es denn gern haben willſt, da will ich mich nicht mehr fürchten und will ihn geſchwind ſehen, damit es vor⸗ bei iſt.“ 3 Dieſer zärtliche Gehorſam war ſo von der Angſt beflügelt, daß Leonin mit innigem Mitleiden zu ihr nieder ſah— ach, und wie viel hätte er darum ge⸗ geben, ſie den Blicken entziehen zu dürfen, die ſie ſo ängſtlich fürchtete! Es war ihm, als könnte er ſie nicht aus ſeinen ſchützenden Armen laſſen, als gehörte ſie ihm nur ſo lange ſicher, als jene Welt ſie noch mit keinem Hauche berührte. Aber ſie ſelbſt machte ſich los, richtete ſich auf und ſchaute den Baum an, der nichts zeigte; dann that ſie einen Seufzer, an dem ſie ſich erholte, und entdeckte nun ſelbſt den Marquis, indem ſie in den Wald zeigte, wohin er, ihnen den Rücken zuwendend, zurückgekehrt war. Beide gingen ihm nach— Leonin 321 eilte voran— und als er ihn erreicht, blieb Fen⸗ nimor ſtehen— und ſah ihn daher kommen neben ihrem Liebling— und die Angſt ſtieg in ihrem Her⸗ zen auf— und ſie ſah, wie unähnlich ſie ſich waren — und es wollte ihr unmöglich ſcheinen, daß ſie zu⸗ ſammen gehören könnten. Aber Leonin lächelte ihr freundlich entgegen, das bezwang Alles in ihr, das weinerliche Geſichtchen hellte ſich auf, und ſie ging jetzt auch vorwärts.„Sie ſind Leonin's Freund— das iſt recht ſchön und macht Ih⸗ nen gewiß viel Vergnügen;“ ſagte ſie, leis grüßend und das Haupt beugend, zum Marquis—„wir wollen Sie zum Vater bringen, und Sie ſollen von uns allen ſehr freundlich gegrüßt ſein!“ Jetzt athmete ſie tief auf und ſuchte nach Luft, die mit einem Mal weg war— und blickte auf Leonin, ob er mit ihr zufrieden ſei. Ach, wie hätte er nicht, da er wußte und in je⸗ dem ſchwerfälligen Worte fühlte, wie gepreßt ihr Herz war, und wie ſehr ſie ſich bemühte, ihm gehorſam zu ſein. Ein Blick, der dies Alles enthielt, ſtärkte mehr, als jedes Andere, ihr wunderlich gelähmtes Innere. Der Marquis konnte wohl nicht eigentlich in Ver⸗ legenheit kommen, nur verweilte er ſich lange bei dem Anblicke der nunmehrigen Gräfin Crech, und ſie ſchien Ste. Roche. I. 21 322 ihm unergründlich ſchön, das heißt, eine Schönheit, der es nicht gleich nachzuweiſen, warum ſie es war. „Sie ſind ſehr gnädig,“ ſagte er, ſich tief ver⸗ neigend,—„Jemand willkommen zu heißen, der Sie, fürchte ich, unangenehm erſchreckt und das Geſpräch mit Ihrem Freunde unterbrach. Laſſen Sie mich hof⸗ fen, daß es mir ſpäter gelingen wird, Sie mit die⸗ ſem Eindrucke zu verſöhnen.“— „Nicht wahr, Fennimor, Du biſt ſchon wieder ganz ruhig?“ rief Leonin, verlegen über das Schwei⸗ gen, womit ſie die Worte des Marquis anhörte— „hier in unſerer Einſamkeit treffen wir faſt nie auf einen Fremden.— Sieh', liebes Kind, der Herr Mar⸗ quis Souvré kommt von Paris von meiner Mutter.“ Augenblicklich änderte ſich Fennimor's ganzen We⸗ ſen. Aus ihrer Erſtarrung erwachend und Alles über dieſe Nachricht vergeſſend, ſchlug ſie freudig die Hände in einander, und dem Gegenſtande ihrer Furcht nä⸗ her tretend, als ſehe ſie in ihm nicht mehr denſel⸗ ben, rief ſie freudig aus:„O, ſagt, ſagt— von un⸗ ſerer lieben Mutter, von der ſchönen, herrlichen Für⸗ ſtin Soubiſe? Kommt Ihr darum hieher? Soll ich gleich mitkommen? Nicht wahr, es iſt ganz gleich⸗ ob er majorenn iſt oder nicht? Ihr wird das auch gleich ſein.— Leonin! Leonin!“ rief ſie, in ihren feu⸗ 323 rigen Combinationen jetzt an den Punkt gekommen, der alle überbot—„das— das iſt der Ausweg, Leo⸗ nin! Dein Freund, den die Mutter ſchickt, der ſchon Alles weiß— das iſt der Ausweg, den Gott ſendet!“ Leonin verſuchte ſie an ſeine Bruſt zu ziehen. Er wollte ihr den Ausdruck verbergen, der ſein Ge⸗ ſicht einnahm, und der ihre Hoffnungen widerlegte, aber ſie hielt ihn von ſich und ſuchte mit leuchtenden Blicken die Antwort ihm abzufragen. „So weit iſt es zwar noch nicht, mein geliebtes Kind,“ ſprach er ſanft und traurig,„doch ſoll uns ein redlicher Freund, wie dieſer, Troſt und Rath er⸗ theilen, und wir werden durch ſeinen Beiſtand leich⸗ ter das Rechte finden.“ „O thut das,“ ſagte ſie innig und tief bewegt, „o thut das! Seid uns ein redlicher Freund und lehrt uns, wie wir es machen müſſen, um uns nicht zu trennen, denn das thut weher— weher, als der Tod!“— Der Marquis konnte kaum das Zucken der Ach⸗ ſeln hindern, womit er dies ihm ſo jämmerlich er⸗ ſcheinende Schäferſpiel vor ſeinen Augen gern beglei⸗ tet hätte, und er verzeichnete nur zwei Dinge in ſei⸗ nem Gedächtniſſe, ihre romantiſche Schönheit und Cre⸗ ch's unverkennbar große Leidenſchaft für ſie— Hoff⸗ 324 nung genug, ihm durch die Anſprüche, die feindlich dieſer Richtung entgegen traten, die Sicherheit des Glücks zu entreißen.— „Der Graf Crecy weiß, daß ich erſt hier von dem Vorgefallenen unterrichtet ward— die Frau Grä⸗ fin hat keine Ahnung von dem Vorgefallenen, und ich kann nicht verhehlen, daß ihr vielleicht dieſe Nach⸗ richt mehr unerfreulich ſcheinen möchte, da ſie bisher an das treue und vollſtändige Vertrauen ihres Soh⸗ nes gewöhnt war.“ „Ach,“ ſagte Fennimor tief ſeufzend,„da ſprecht Ihr ein wahres, verſtändiges Wort! Das hat mir immer vorgeſchwebt— aber ich wußte es nicht zu ſagen, und muß mich jetzt recht wundern, daß es Dir und dem Vater nicht eingefallen iſt. Die arme Mut⸗ ter! Das hat gewiß keine Mutter verdient, und Deine Mutter am wenigſten.“— Sie hatte ſich während deſſen in das Moos geſetzt, und unwillkürlich tha⸗ ten es beide Männer ihr nach. Wie tief bekümmert ſah ſie aus, und der Marquis war zu guter Men⸗ ſchenkenner, um nicht zu wiſſen, ſie war die Betrü⸗ gerin nicht; alſo der Vater— ſchloß er ſicher weiter. „Die umſtände,“ erwiederte der Graf ernſt,„ha⸗ ben Schritte nöthig gemacht, die, wenn ſie auch der Abweichung von einer ehrwürdigen Pflicht ſich ſchein⸗ 325 bar ſchuldig gemacht haben, doch ihre innere Recht⸗ fertigung nicht entbehren. Ich hoffe meine Mutter hievon zu überzeugen, um ſo mehr, da ſie einſehen wird, daß ich mir ein ſo ſeltenes Glück, als Gott mir in Deinem Beſitze zuführte, nur ſichern konnte, wenn ich die ehrenvollſten und ſicherſten Mittel zu Deinem Schutze aufrief. Als meine Gattin kann ich Dich ſelbſt allein ſtehen laſſen, wenn meine nächſten Pflichten dieß vorerſt nöthig machen, und dieſer Rang wird Dir Freiheit geben, mir überall zu folgen, und mir das ſüße Recht, überall Dein Beſchützer zu ſein.“ „Ach,“ ſagte Fennimor, erquickt durch dieſe Worte —„das wird gewiß Deine liebe, herrliche Mutter eben ſo einſehen; denn, wenn Du ſprichſt, dann fühle ich immer, daß Du Recht haſt, und bin um Alles ruhig. Nur das Eine, nur, daß wir uns trennen ſollen, das, hoffe ich immer, wird nicht geſchehen, weil es ſo ſehr unnatürlich iſt. Glaubt Ihr das nicht auch, Herr Marquis, und wollt Ihr uns nicht Rath geben, wie wir Alles thun können, was nöthig iſt, um dies Unglück zu vermeiden?“— „Es ſtimmt vollkommen mit Eurer Unſchuld und mit der völligen Unkenntniß der Verhältniſſe der Welt, wie mit den beſonderen des Grafen Crech zuſammen, daß es Euch ſo ſchwer fällt, einzuſehen, in welche 326 Schwierigkeiten derſelbe ſich durch ſein Verhältniß zu Euch geſtürzt hat.— Seiner Liebe zu Euch, ſcheint es, iſt es zu ſchwer gefallen, ſie Euch aufzudecken, und vielleicht iſt darum meine Ankunft eine rettende Auskunft zu nennen, wenn ich Euch Eure wahre Lage enthülle, deren geringe Zugeſtändniſſe Ihr dann bald einſehen werdet— oder doch unfehlbar Euer Vater, der wohl ſchwerlich aus Unkenntniß der damit herbei⸗ geführten Schwierigkeiten die raſche Handlungsweiſe meines Freundes zulaſſen konnte.“ „Ich muß Euch bitten, Marquis,“ hob hier der Graf mit beleidigtem Stolz an,„meine Gemahlin nicht unnütz mit den Thorheiten der Welt bekannt zu machen und ihre reine Seele durch die Anſichten zu trüben, die dort als wichtig hervortreten; ſie ſoll von ihnen nicht getrübt werden, und ich werde das Glück meiner Verbindung nicht eher ausſprechen, bis ich ihr dort die Wege geebnet und ſie ſicher geſtellt habe gegen die abweichenden Anforderungen, von deren dort geltender Wichtigkeit ſie, Gottlob, eben ſo we⸗ nig, als ihr verehrungswürdiger Vater, eine Ah⸗ nung hat!“ „Nicht zu läugnen, daß dieſe naive Unkenntniß aller Verhältniſſe Euch bei dieſer Dame und ihrem eben ſo unwiſſenden Vater ein leichtes Spiel gaben!“ 322 ſprach der Marquis mit abſichtlich kaum verhehltem Lächeln.— „Meint Ihr mit dieſem Ausdrucke meine Ver⸗ mählung mit Miß Leſter? wodurch ſie für Alle, die es wiſſen, rechtmäßige Gräfin Crecy iſt?“— Der Marquis verneigte ſich bloß, wie Jemand, der nichts erwiedern will, und als auch Leonin unge⸗ duldig aufſtand, ſprach Fennimor ruhig und zutrauens⸗ oll:„Wir wollen zum Vater gehen— denn er ver⸗ ſteht Alles am Beſten, und wenn Ihr nicht einig ſeid, wie mir ſcheint, wird er Euch angeben, wie Ihr das machen müßt.“ „Ich weiß nicht,“ ſuh der Marquis froſtig, „ob es dem Herrn Grafen gemäß ſcheinen wird, einen ſo unwillkommenen Gaſt, als mich, dort einzufüh⸗ ren, wo er für gut gefunden hat, Verhältniſſe uner⸗ örtert zu laſſen, die gerade ich, von ſeiner vereh⸗ rungswürdigen Mutter geſandt, in Erinnerung brin⸗ gen— 66 „O,“ rief Fennimor lebhaft,„theilt uns Alles mit, w dieſe von uns ſo hochverehrte Mutter Euch aufgetragen hat, da ſeid Ihr,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu, „am rechten Orte— von nichts höre ich ſo gern, wie von der ſchönen erhabenen Mutter meines Leo⸗ nin's, und all' ihre Verhältniſſe möchte ich eben gern 328 wiſſen, denn Alles iſt gewiß hoch⸗herrlich und erha⸗ ben an ihr.“ Beide Männer ſchwiegen einen Augenblick vor Fennimor's unerſchütterlich unſchuldigem Vertrauen, und wenn Leonin faſt mit Andacht den ſicheren Frie⸗ den anſchaute, mit dem ſie allen nur zu verſtändlichen Warnungen des unerweichten Marquis entgegen ſtand — ſo konnte dieſer, der ihre Sicherheit gleichfalls er⸗ kannte, nur mit bitterem Unwillen in dieſem gerin⸗ gen, unberechtigten Weſen dieſelbe Sorgloſigkeit ge⸗ wahren, die immer nur auf Glück zählt, den Gegen⸗ ſatz noch nicht kennend, und welches dieſelbe Eigen⸗ ſchaft war, mit der ihn Leonin ſo bitter erzürnt hatte. „Doch,“ ſetzte ſie mit dem ernſten Pathos hinzu, der ihr ſo eigenthümlich war,„doch hatte ich mir im⸗ mer gedacht, ein Freund, der daher käme, zeigte grö⸗ ßere Weisheit; denn Ihr ſagt wenig von den ſchönen Dingen, die man begreifen kann, daß ſie dort geſche⸗ hen, und dagegen viel Unverſtändliches. Es muß dort ganz anders ſein, auch die Sprache— doch nicht wahr, Deine erhabene Mutter redet ſo ſchön, wie— etwa mein Vater— und Naimä, die Schwiegermut⸗ ter Ruth's, oder die Königin Eſther vor Ahasverus, oder wie die Königin Eliſabeth zu dem Volke? Ach, wenn ich ſie nur erſt ſühe und hörte! Wie habe ich 329 mich immer geſehnt, eine erhabene Frau zu erblicken nach Gottes Willen.“ „O,“ rief Leonin, auf's Tiefſte gerührt,„wer kann Dich hören und ſehen, und nicht überzeugt wer⸗ den, Deine Welt ſei die eigentlich menſchliche Sphäre, alles Andere eine Larve— ein Trug— eine elende Komödie, die der Natur des menſchlichen Daſeins Hohn ſpricht, und der Abſicht Gottes!“ „Nein, nein!“ ſprach Fennimor haſtig;„was ſagſt Du da?— Du weißt ja, meine Welt, wie Du es nennſt, iſt noch eine ganz kleine, darum muß ich eben die andere dazu kennen lernen, wenn ich Gottes ganze Herrlichkeit begreifen ſoll— und die Welt, wo⸗ rin Deine Mutter herrſcht, die iſt eben die große wichtige, wo die Könige leben und das Volk in den unermeßlichen Ländern!— Darum denke ich an dieſe Mutter ſo gern, die mich umfaſſen wird und ſchützend verbergen, wenn ich erbeben werde vor ſo viel Weite, Größe und Gewalt.“ „Verſteht Ihr jetzt dies Weſen?“ rief Leonin halb zürnend, halb entzückt dem Marquis zu. „Vollkommen!“ erwiederte der Marquis mit ei⸗ nem Ausdrucke, der jede Auslegung zuließ—„und ich überlaſſe es Eurer eigenen Beurtheilung, welche Rolle ihr mit dieſen Begriffen zufallen wird in Eu⸗ 330 rer Welt und vor Eurer Mutter.“ Leonin's Herz zog ſich mit einem Schmerz und einem Unwillen zuſammen, wie er ihn um ſo bitterer empfand im Gegenſatze zu der Reinheit des jetzt erſt hier erkannten Lebens, welches keinen Widerſpruch ge⸗ geben hatte, weil die Meinungen der ſich Gegen⸗ überſtehenden immer offen da lagen, und nur ein lie⸗ bevolles Forſchen um das gegenſeitige Verſtehen ein⸗ trat, was dann leicht gefunden war, und womit ſich Alle befriedigten, ſelbſt bei hervortretender Verſchie⸗ denheit. Nichts giebt uns mehr das Gefühl einer unüber⸗ ſteiglichen Schranke, als wenn wir mit unſern höhe⸗ ren Ueberzeugungen vor Menſchen treten, welche uns weder verſtehen wollen, noch können, weil auf dem Wege, den ſie verfolgen, ſich nur die materielle Seite der Dinge offenbart. Je freiſinniger, je umfaſſender, je geiſtiger wir das Leben zu erforſchen ſuchen— je ſeltner ſind wir frühzeitig fertig mit Anſichten und Meinungen, denn nur das geringere Bedürfniß ſchließt ſchnell mit dem kleineren Geſichtskreiſe ab. Wer mit weiterreichendem Streben den Weg beginnt, möchte nicht mit jenem Zuſtande tauſchen, wenn er auch anſcheinend in Vor⸗ theil ſetzt, den Dingen das Geheimniß des materiellen 331 Gelingens, ihrer ſubjektiven Brauchbarkeit abfrägt und mit dieſem Inhalte eine beruhigende feſte Stellung zu ihnen giebt. Aber es entſteht dann von jener Seite eine ironiſche Ueberlegenheit, die ſich durch den ſicht⸗ baren Erfolg zu rechtfertigen ſcheint, die ſich das Lob der Menge und ihre eigene Befriedigung ſichert, und den begeiſterten Forſcher belächeln läßt, der in dem Leben, das ſie ſo bequem handhaben, noch einen Geiſt entdecken will, deſſen Flügelſchlag er hört, und deſſen Gemeinſchaft er aufzufinden trachtet in demſelben Le⸗ ben, das ſie in ihrer Auffaſſung ſchon ausgebeutet glauben. Wenn wir mit dem Verlangen, verſtanden zu werden, in die Kreiſe dieſer Frühfertigen gerathen, wird unſere fromme Unſicherheit verſpottet, und wir haben Mühe, unſer Selbſtgefühl zu retten, welches wir oftmals nicht durch Beweiſe vertreten können, da Geiſter ſich nur citiren laſſen, wo die Zauberformel verſtanden wird. Rette ſich, wer kann, bei Zeiten! denn der dornenvolle Weg zwiſchen Ergreifen und Verwerfen, zwiſchen Erkennen und Erblinden, zwi⸗ ſchen Hoffen und Verzweifeln, den der ſehnſüchtige Forſcher wandelt, hat als Ziel, als Ideal ausſöhnende Ruhe in allen Erſcheinungen der Erde, vor Augen; den großen Zwecken gegenüber, vom Selbſtgefühle ver⸗ 332 laſſen, imponirt ihm die materielle Ruhe, die ihm ſo ſicher von jener Seite entgegentritt, und er wird ihre ſich unterordnende Beute, oder er geräth in Zweifel, die ſein höheres Bedürfniß anfeinden oder es langſam zerſtören. Leonin rettete ſich nicht, obwohl er die Hand fühlte, die ſich nach ihm ausſtreckte, bereit, gleich einem Wachsbilde ſein neu begonnenes Leben zu erdrücken; ein Schauer beſchlich ihn, aber er war nicht geboren, das wogende Innere durch kräftige Gedanken zur Ruhe und Klarheit zu bringen; er ließ unheimliche Anregun⸗ gen ſich mehren, ohne ſie zur Rechenſchaft zu ziehen, und wartete ſtets auf die Hand, die von Außen kom⸗ men möchte, in ihm aufzuräumen.— Und noch wachte ja ſein guter Engel über ihm und hielt ihn feſt auf dem heil'gen Boden, wo ihm ein ſo reiches, tiefgehen⸗ des Verſtändniß geworden war. Aber zuerſt ließ Fennimor ſeine Hand los, um allein nach dem ſchon ſichtbaren Hauſe zu gehnz ihre ahnende Seele fühlte die Gemeinſchaft mit dem Ge⸗ liebten verkümmert durch den Fremden, der ſich von ihren Vorſtellungen nicht bezwingen ließ. Leonin genoß ihren Anblick, wie ſie vor ihnen herſchritt, und der Marquis prüfte mit eiferſüchtiger Schärfe ihren Anſtand. Wie ſchwer ward es ihm, — 333 über ſie einig zu werden.— Dieſer kindliche, ſpielende Schritt, dieſer gleitende Fuß, der doch nie fehl trat, oder die leichte Geſtalt im unebenmäßigen Takte be⸗ wegte, wo hatte ſie es gelernt unter ihren hohen Bäumen? Sollte er der Natur ein Recht zugeſtehen müſſen, was hier nicht einmal vertreten ward durch den Urſprung hohen Blutes?— Er zog ſich zuſam⸗ men vor jeder Combination, die ihn ſeinem feſtge⸗ ſchloſſenen Ideenkreiſe entführte; aber dies Weſen ſtreifte ihn wie ein Geheimniß, das ſich nicht von ſelbſt enthüllen wollte, und er grollte ihr um ſo mehr. Beide Männer folgten ſo, beherrſcht von demſel⸗ ben Gegenſtande, ihrem leichten Schritte— Beide wußten ſich aber nichts zu ſagen, Jeder von der ab⸗ weichenden Meinung des Andern überzeugt und den⸗ noch ſicher, in der nächſten Zeit ſich demſelben noch nicht entziehn zu dürfen. So war Fennimor ſchon länger hinter den Thü⸗ ren verſchwunden, die von dem Wohnzimmer in den Wald führten, ehe die langſam Folgenden dieſen näher kamen, und ſchon kehrte Fennimor zurück und öffnete leis und mit Vorſicht die doppelten Flügel, zurück⸗ ſchauend, ob die Strahlen der Sonne den Lehnſtuhl erreichen würden, auf dem jetzt der Greis ſitzend zu ſehen war, der, wie es ſchien, vom Schlummer gebeugt, 334 das Haupt auf die Bruſt geſenkt hatte.— Fennimor bemerkte die Nahenden nicht; in anderer Art ange⸗ regt, gab ſie ſich dieſer Richtung ohne Theilung hin. Die Männer ſahen ſie vor dem Greiſe niederknieen und ſeine Hände faſſen; ſie ſchien ſie erwärmen zu wollen und legte dann ihre flache Hand auf ſeine Stirn— ſie ſchauderte.„Du biſt ſo kalt, mein Va⸗ ter— wache auf!“ ſagte ſie leiſe— und als er, der ſonſt von dem ſchwächſten Hauche ihrer Stimme er⸗ wachte, unbeweglich blieb— da wiederholte ſie den Ruf mit einem Tone, der von der Ahnung eines un⸗ ermeßlichen Weh's geſchwellt war. Leonin ſtürzte dieſem Rufe nach in den Saal. Fennimor war aufgeſtanden, ſie lehnte das ſchwere, widerſtandsloſe Haupt des Vaters mit Mühe zurück, und beſtrebte ſich, die beſchattenden weißen Locken von der Stirn zurück zu legen. Der Ausdruck von Eifer, von Sorgfalt und Liebe in ihren Zügen, war von einem Entſetzen beſchlichen, welches ſie ſtarr blicken ließ, und erbleichen; ſie wußte noch den Namen nicht für die Urſache, denn ſie kaunte den Tod nicht. Aber Leonin war faſt außer Zweifel. So prägt nur der letzte Bote an das Leben die Züge der Menſchen um; widerſtandslos, in heitere Träume verſunken, hatte er den Greis gefunden, und ihn leis hinübergeführt, wo⸗ 335 hin ſeine kindliche Seele ſchon längſt reichte, ohne durch irgend einen Kampf die Trennung zu verrathen, die ſchöne Hülle ſelbſt noch ehrend und ihr einen Ab⸗ glanz der Verklärung des Geiſtes ſchenkend, der ſie verlaſſen. Fennimor ſah ihren Vater ſo ſchön, ſo lächelnd, als ſchwebe der Segen noch für ſie auf den erblaßten Lippenz ſie faßte nicht, was geſchehen war, und ſchau⸗ derte doch vor der verſtändlichen Veränderung und der nie gefühlten Kälte. „Der Vater, der Vater!“ ſagte ſie immer wie⸗ der—„Leonin, der Vater!“ Weiter fand ſie kein Wort, die Ahnung ſtand dazwiſchen und hinderte je⸗ den Verſuch, ihr Gefühl zu bezeichnen. Endlich ließ ſie die Hände ab von ihm und blickte Leonin an— und dieſer Blick führte ſie ihrem Schickſale näher, denn in ſeinen Zügen fand ſie einen Schmerz, einen Jammer ausgeprägt, der ſie überzeugte, er ſähe mehr, als ſie.„Iſt er krank? iſt der Vater ſehr krank?“ rief ſie mit ſtockendem Athem—„ſag', was fangen wir an?“ Er antwortete nicht, zog ſie aber an ſeine Bruſt und fühlte mit einer unbeſchreiblichen Heiligung aller ſeiner Gefühle, daß ſie nur ihn noch auf dieſer Welt habe.„Geh', Fennimor, rufe Emmy Gray— der Va⸗ 336 ter iſt ſehr krank— aber faſſe Dich und denke, daß er mich geſtern eingeſegnet hat, daß ich Dir an ſeiner Statt Vater ſein ſoll, wenn Gott ihn zu ſich rufen möchte.“ „Was ſagſt Du!“ rief ſie, verwirrt aus ſeinen Armen fahrend—„Gott wird ihn aber jetzt nicht wol⸗ len— nein, nein! Er lebte, wie wir in den Wald gingen— es iſt nicht lang— ich war ja nicht bei ihm— er lebt! er ſchläft!— Großer Gott, erbarme Dich! er ſchläft! mein Vater, erwache! Gott, wo biſt Du? Nein, nein, Du haſt ihn nicht gewollt, mein Gott; denn ich bin ja bei Dir geweſen, Du gabſt mir kein Zeichen!“ So kämpfte ſie mit Todesangſt gegen die Ueberzeugung, die ſich ihr mit der Gewalt ihrer unverkennbaren Wahrheit aufnöthigte, und erlag endlich den bloß noch in Worten ankämpfenden Zwei⸗ feln, und ſtürzte plötzlich mit einem Jammergeſchrei, der ihrem Herzen das erſte Erfaſſen des neuen, ent⸗ ſetzlichen Schmerzes gab, über dem Greiſe zuſammen. Leonin kniete in Thränen neben ihr, und ſo fand der Marquis die Gruppe, als er die überſchritt. „Dieſer Heil'ge hat geendet!“ rief ihm Leonin mit Schmerz gebrochener Stimme ent daß ſie mein Weib iſt!“ 337 Ob wir den Tod, wo er ſeinen himmliſchen Stem⸗ pel abgedrückt, aushalten können, das möchte die Probe ſein für manches im Böſen verhärtete Herz. Sie ſtehen feſt gegen die Erſcheinungen der Welt, deren höheres Miſterium ſie verlachen oder überſehen, und wiſſen deſſen Beziehung von ſich fern zu halten— aber der Tod iſt die geheimnißvolle Macht, der ſie ſich nicht entziehen können, und haben ſie auch die Brücke zerſtört, die der Gläubige aus dieſem Uebergange nach jener Welt baut— und trotzen ſie auch dem Leben die Ueberzeugung ab, es ſei in ihm der Anfang und das Ende ihres ihnen ſelbſt gehörenden Daſeins— ganz im Geheim erreicht ſie doch das fürchterliche Grauen vor dem tiefen Schweigen, worin die Natur ihr letztes geheimnißvolles Geſchäft hüllt, und ſie können den Anblick des Todes nicht ertragen, der auf Ein⸗ zelnen ſeine Zeichen zurück läßt, als einen ſichtbaren höheren Fingerzeig. So jähling ward der Marquis hier vor den ge⸗ haßten Anblick geführt, daß er faſt zweifelte, ob es ſein könne, und um alle Faſſung gebracht, war es mehr Zorn, als Theilnahme, was ihn zu lebhaften Aeußerungen trieb, von Allen jedoch überhört, bloß zur Nahrung ſeiner eigenen Stimmung.— Doch war dies Ereigniß beſtimmt, Leonin zu der St. Roche. 1. 2 338 tiefſten Erkenntniß ſeiner übernommenen Pflichten zu führen.— Der Reif, den der Marquis mit dem Hauche aus der alten, lang' gewohnten Welt in ſeine friſch duftenden Blüten geſenkt, er war zerronnen in Thränen heißen Schmerzes um den Verluſt eines Men⸗ ſchen, wie er nur ſelten, unter den günſtigſten Conjunk⸗ turen zu reifen vermag.— Leonin hatte ihn mit ſei⸗ ner durch ihn gereinigten Seele zu verſtehen und zu lieben vermocht; er wußte, er fand nie ſeines Gleichen wieder, und er betrauerte ſeinen Verluſt mit tieſſter Wehmuth und ſtärkte ſein Herz für die große Auf⸗ gabe, die Fennimor's Loos ihm nunmehr übertrug. So neu auch alle Verhältniſſe, ſo groß die vorliegen⸗ den und die zu erwartenden Schwierigkeiten ſein moch⸗ ten, ſein Herz ward ſein Lehrmeiſter, und dies giebt immer den Rath, den wir befolgt ſehen von denen, die uns lieben, und welcher den Verſtand und die Er⸗ fahrung zu überholen vermag, wenn es von einem wahren Gefühl erfüllt iſt. Daher konnte der Marquis auch nur die kürzeſte Zeit Zuſchauer dieſer Verwandlung bleiben, die ihn um jeden Einfluß zu bringen drohte, weil gar nicht mehr von ihm die Rede war, indem Leonin, völlig überzeugt, der Marquis könne ihm gar nicht bei ſo abweichenden Verhältniſſen rathen, dieſen auch nie auf⸗ rief, ſeine Meinung zu ſagen, und daher ſein Kom⸗ men und Bleiben zu einer Unbedeutenheit herabſank, die er bloß zu erkennen brauchte, um ihr ſo ſchnell, als möglich, ein Ende zu machen. Deſſen ungeachtet mußte er, um nicht ganz ohne alle Erfolge zurückzu⸗ kehren, die Ankunft des Grafen Gerſey abwarten, wel⸗ cher, von dem Tode des Kaplans unterrichtet, am näch⸗ ſten Tage erwartet wurde. Leonin hatte nämlich jede Unſicherheit abgeworfen und war feſt entſchloſſen, ſeine junge Gemahlin ſo⸗ gleich mit ſich nach Frankreich herüber zu führen und ſie nach Ste. Roche, welches er ſchon als ſein Eigen⸗ thum anſehen durfte, zu bringen, bis er Zeit gefun⸗ den, ſeine Mutter von dieſem Schritte zu unterrichten und, wie er hoffte, damit zu verſöhnen. Er theilte dieſen Voeſatz dem Marquis mit der größten Sicher⸗ heit mit und ſchlug jeden Einwand deſſelben mit der Leichtigkeit zurück, die eben ſo wohl feſter Wille, als Unkenntniß der ganzen Größe der ihn erwartenden Schwierigkeiten war. „Eure Pläne“, antwortete der Marquis mit der ſtolzeſten Kälte,„ſind allerdings mit einer Schnelle und Sicherheit gefaßt, die es unmöglich machen, gegen ſie einzuſchreiten, und ſo läſtig mir von Anfang an eine Einmiſchung in Eure Familien-Angelegenheiten 22* 340 war, ſo fühl ich ſie doch dadurch noch erhöht, der Zeuge von Euren Handlungen ſein zu müſſen, da mir dies die Vorwürfe Eurer Mutter zuziehen wird, welche ich allerdings ſchwer werde überzeugen können, daß ich wirklich Beſchlüſſe zulaſſen mußte, die ſo Euer noth⸗ wendiges Unglück herbeiführen müſſen, und die ſo we⸗ nig durch die Umſtände gerechtfertigt werden.“ „Es iſt nicht Mangel an Vertrauen,“ erwiederte Leonin ruhig, daß ich Euren Rath ſo wenig geſucht habe, ſondern das Gefühl, ſo und nicht anders han⸗ deln zu müſſen, was durch keine abweichende Meinung umgeſtimmt werden konnte und jede Berathung darüber zu einer überflüſſigen machte. Meine ſchnelle Ver⸗ mählung, die meiner Gemahlin Schutz und Anſehn gehen ſollte, im Fall das Ereigniß, was wir jetzt ſo plötzich erlebt, während meiner Abweſenheit eintreten möchte, giebt ihr das vollgültigſte Recht, mich jetzt nach Frankreich zu begleiten, und ich danke Gott, daß ich ihr in ihrem tiefen und großen Schmerze den Troſt geben kann, den ſie allein aufzufaſſen vermag, den nämlich: mich nicht von ihr zu trennen. Es ſcheint mir demnach dies Verfahren vollſtändig durch die Umſtände gerechtfertigt, und ich muß Alles im Voraus zurückweiſen, was Ihr andeuten wollt, indem Ihr dies nicht ſo anſeht.“ 341 „Wir ſind alſo beide entſchloſſen,“ ſprach der Marquis, und es drängte ſich dieſen Worten aus der Tiefe ſeines erbitterten Inneren eine Fülle des hef⸗ tigſten Grolles nach—„und wir wollen uns beide über das, was wir thun und zulaſſen müſſen, eine Sicherheit und Rechtfertigung verſchaffen, mit der wir uns vor uns ſelbſt und den Anforderungen der Welt zu behaupten vermögen.“ „Thut das!“ erwiederte Leonin und verließ ſeinen Gefährten, noch wohl gerüſtet für ſeine Abſichten durch die heil'gen und theuren Anſprüche, die an ihn in jedem Augenblicke ergingen. Der Marquis hatte die Wohnung, in die der Tod eingekehrt war, nicht wieder betreten, er hatte das Schloß bezogen und erwartete, gleich Leonin, die An⸗ kunft des Lord Gerſey mit größter Ungeduld. Dagegen war ſeit dem Tode des ehrwürdigen Greiſes der junge Graf von Crecy gegen ſeine Diener⸗ ſchaft, wie gegen die Bewohner des Schloſſes unver⸗ holen mit ſeiner Vermählung hervorgetreten, und hatte ſeine Wohnung in der Abtei genommen, um ſeiner leidenden Gemahlin jeden Troſt gewähren zu können, deſſen ſie ſo ſehr benöthigt war. Zugleich war ein Bote nach Edinburg zum Grafen Gerſey gegangen mit der doppelten Anzeige des Todes und der Vermäh⸗ 342 lung, und nachdem die Ueberreſte des ehrwürdigen Va⸗ ters der Erde übergeben waren, verſtändigte ſich der junge Graf mit Emmy Gray über die Anſtalten zur Abreiſe, welche er zu beſchleunigen trachten mußte, da er vor der feſtgeſetzten Zeit ſeiner Rückkehr nach Pa⸗ ris, Fennimor nach Ste. Roche führen mußte, und dort durch ſeine Gegenwart ihrem Verhältniſſe die Ehrbarkeit verleihen, die er ihm vorzüglich zu ſichern trachtete. Er fand auch, trotz der früher erwähnten Anſicht, jetzt in Emmy eine willige und bereite Stütze, der es, ſobald die Dinge, denen ſie dienſtbar ſein ſollte, ihre Zuſtimmung hatten, keinesweges an Verſtand und Ueberlegung fehlte, die ſie bald in volle Thätigkeit ſetzte, um ihre junge Herrſchaft mit allem Erforder— lichen auszurüſten. Erſt jetzt, nach dem Tode ihres angebeteten Herrn, ſah ſie die Stütze ein, die ihre junge Herrin durch ihre Vermählung erhalten, und fing an, ſich um lo lieber mit dieſer Maaßregel aus⸗ zuſöhnen, da der junge Graf, ganz gegen ihre arg⸗ wöhniſche Befürchtung, bemüht war, ſein Verhältniß auf alle Weiſe zu ehren, und von ſeinen übernomme⸗ nen Pflichten vollkommen durchdrungen ſchien. Zuerſt ward daher der armen müdgeweinten Fen⸗ nimdr von ihrer eiferſüchtigen Gefährtin der ſüße Troſt 343 zugeraunt, daß ihr Gott ja einen Gatten zur rechten Stunde gegeben, der ihr den Vater ſicher erſetzen würde. Wir können nicht läugnen, daß Emmy kein Mit⸗ tel hätte erſinnen können, wirkſamer, das Herz der Leidenden aus ihrem maaßloſen Grame zu erheben, als dieſe Worte, die ihr den Geliebten auf's Neue ſank⸗ tionirten, und das von der einzigen feindlichen Macht, wie ſie wähnte, die der neuen Richtung ihrer Hoff⸗ nungen bis jetzt entgegen getreten war. Und ſo handelten alle drei in Uebereinſtimmung, wobei Fennimor freilich nicht ſelbſt thätig, ſondern nur ſich fügend anzutreffen war. John Gray hatte ſeiner despotiſchen Gattin ver⸗ ſprechen müſſen, ſich ihrem Willen in nichts zu wi⸗ derſetzen; und ſelbſt wenig eigene Gedanken hegend, war er hierauf willig eingegangen. Sie erklärte ihm, ihre junge Gebieterin vor's Erſte nicht verlaſſen zu wollen, und gab ihm die Hoffnung zu ihrer Rückkehr erſt, wenn die Verhältniſſe derſelben dort ihre Anwe⸗ ſenheit unnöthig machten; dagegen begehrte ſie, daß er ſich augenblicklich nach ihrer Abreiſe mit ihrer klei⸗ nen einjährigen Tochter auf den Weg nach England machen, und ſie dort dem Bruder der jungen Gräfin Crecy, dem Pfarrer Leſter, der in Yorkſhire und jetzt verheirathet lebte, zum Schutze und zur Erzichung 344 übergeben ſolle. Ob er ſelbſt dort bleiben oder nach der Heimath zurückkehren wolle, ſtellte ſie ihm mit der größten Gleichgültigkeit anheim; und überzeugt, der Pfarrer Leſter, der Emmy Gray, als Spielkameradin und treue Pflegerin der Familie, wie eine Schweſter liebte, werde ihrem Kinde die Aeltern erſetzen, glaubte ſie ihr Haus völlig verſorgt zu haben und widmete ihm keine Aufmerkſamkeit mehr. Fennimor meldete ihrem Bruder in einem Briefe, ſo ausführlich ſie es jetzt vermochte, den Tod des Va⸗ ters und die eigene Schickſalsveränderung, und bat ihn um ſeinen Segen für ihre Zukunft.— Auf Niemanden jedoch machte die Entdeckung des Vorgefallenen vielleicht einen größeren und unan⸗ genehmeren Eindruck, als auf Lord Gerſey. Der Tod des Sir Reginald war ein ſo erwartetes Ereigniß, daß es ihn völlig unberührt ließ, beſonders, da er mit praktiſcher Umſicht ſchon für einen Nachfolger geſorgt, und dieſer bereit war einzuziehen. Was kam aber der Beſtürzung gleich, womit ihn die Vermählung des jungen Grafen von Crecy erfüllte?— dieſes Jüng⸗ lings, der ihm anvertraut ward mit einem Aufgebote von Vertrauen, welches ihn auf ſich ſelbſt ſtolz ge⸗ macht hatte, den man bei ihm vor jedem böſen Ein⸗ fluſſe geſichert gehalten, und der ihn ſelbſt durch ſein 345 ganzes Verhalten ſo gänzlich zu täuſchen gewußt hatte, daß er in die jämmerliche Lage kam, jetzt eingeſtehn zu müſſen, er habe dieſen jungen Mann nicht zu be⸗ urtheilen vermocht, deſſen Geiſtesfähigkeiten er doch ſo weit unter ſich geſchätzt hatte. Sein Zorn verwirrte ihn zuerſt über die Macht, die ihm zuſtand, er wollte augenblicklich den jungen Mann zwingen, ſeine Ver⸗ mählung widerrufen zu laſſen, er war ganz außer ſich, und faſt in derſelben Stunde ſchon auf dem Wege nach Stirling⸗Bai. Die Zeit, die er im Reiſewagen hatte, Alles noch ein Mal zu bedenken, klärte ihn zwar etwas mehr über ſeine bedingte Stellung gegen den jungen Grafen auf, konnte aber nicht hindern, daß er mit allen Zeichen der lebhafteſten Empfindlichkeit auf dem Schloſſe an⸗ langte. Hier fand er zuerſt den Marquis de Souvré, der, nachdem er ſich ihm zu erkennen gegeben hatte, ihm die beſchämende Zuſicherung gab, daß die Frau Marſchallin ſelbſt in Paris den veränderten Zuſtand ihres Sohnes gemerkt habe, von dem der Lord in der Nähe keine Ahnung bekommen. Er ließ ſich dann von ihm, ſeiner Anſicht gemäß, das Geſchehene ausführlich erzählen, und theilte die Verzweiflung des Marquis, zu ſpät angekommen zu ſein, um eine 346 ſo recht⸗ und pflichtwidrige Handlung verhindern zu können. Wie lange jedoch Beide deliberirten— die Anwe⸗ ſenheit des jungen Grafen konnte erſt ihre verſchie⸗ denſten Pläne und Rathſchläge zur Reife bringen, und der Lord mußte ihn zu einem Beſuche auffordern laſ⸗ ſen, ſo ſehr er ſich auch gegen ihn erzürnt fühlte. Unterdeſſen hatte der Marquis Zeit, den Lord zu ſondiren, und obwohl er in ihm den Mann ſehr bald erkannte, der außer Stande war, mit ſeinem Verſtande einen Einfluß auf Leonin auszuüben, fand er doch in ſeiner ſtolzen beleidigenden Haltung und ſeiner Anſicht über die Handlungen eines Minderjäh⸗ rigen, Stoff genug zur Benutzung für ſeinen augen⸗ blicklichen Zweck, den jungen Grafen in allen ſeinen Empfindungen zu verletzen und ihn aus der ſtolzen Sicherheit zu treiben, die dem Marquis unerträglich war an dieſem gering geachteten Jünglinge. Zugleich fühlte er, daß der Lord ihm vollkommen vertraue, und er hoffte, ihn bei den ferneren Schritten leiten zu können. ² Der junge Graf dagegen empfing die Nachricht von der Ankunft des Schloßherrn mit lebhaftem Ver⸗ gnügen. Er fühlte ſich ſo im guten Rechte, ſo leicht und befriedigt durch Liebe und gutes Gewiſſen, daß 342 er nach dem Schloſſe eilte, bloß Beides darzuthun und dann ſeine Abreiſe anzuſetzen. Schon die Dienerſchaft, leicht die Umſtimmun⸗ gen ihrer Herrſchaft errathend, empfing ihn mit bloß feierlicher Haltung, und als er in das Zimmer des Lords trat und ihn dort neben dem Marquis erblickte, — ſchallte ihm nicht der Ton der rauhen Luſtigkeit entgegen, womit er ſonſt von ihm begrüßt ward, ſon⸗ dern man ließ ihn den Weg bis zu dem Platze, wo Beide ſaßen, ohne Beachtung zurücklegen, und kurz er⸗ hob ſich dann der Lord, ihn zu begrüßen:„Euer Gna⸗ den haben mir den Vorzug entzogen, Sie, wie bis⸗ her, als meinen Gaſt hier begrüßen zu können. Doch darf ich meine Gaſtfreundſchaft Niemandem aufdrän⸗ gen, wie ich eingeſehen habe, denn wie bereit ich auch war, hierin die Wünſche Ihrer Frau Mutter zu er⸗ füllen, ich konnte mir das Recht nur durch einige Höflichkeiten bei Ihnen erwerben, die jedoch ſich un⸗ zureichend erwieſen haben.“ „Mein theurer Lord,“ lächelte Crecy, völlig harm⸗ los—„es kann Euch mit dieſen Worten nicht Ernſt ſein; die Umſtände, denke ich, rechtfertigen ſo voll⸗ ſtändig dieſen Umzug, daß es gar keiner Erklärung meinerſeits bedarf, eben ſo, wie Sie mir glauben müſ⸗ ſen, daß ich Ihnen aufs Innigſte dankbar bin und 348 den Aufenhalt bei Ihnen zu den größten Segnungen meines Lebens rechnen werde.“ „Und ich, junger Mann,“ ſchrie hier Lord Ger⸗ ſey, durch Leonin's Ruhe um alle Haltung gebracht, „ich werde dieſen Aufenthalt wegen ſeiner heilloſen Folgen für das fluchwürdigſte Ereigniß meines Lebens halten, und nun mögt Ihr ſelbſt danach urtheilen, was ich von dem wahnſinnigen Schritte denke, den Ihr Eure Vermählung nennt!“ Er wollte bei dieſen Worten aus dem Zimmer ſtürzen, ſeine eigene Aufre⸗ gung befürchtend, aber dem Marquis war dieſer An⸗ fang um ſo weniger gelegen, wenn er zugleich das Ende ſein ſollte; er eilte ihm nach und hielt ihn an der Thür mit dringenden Bitten zurück. „Laßt mich, laßt mich, Marquis!“ rief der Lord, indem er zögernd widerſtand,—„ich tauge nicht dazu, hier die Beichte der jugendlichen Tollheit zu hö⸗ ren, und bringe mit ſo viel Unwillen im Herzen die Sache nicht zu Stande.“— „Und doch bedenkt, Mylord, Ihr ſeid es Eurer Freundin, der Frau Marſchallin, die Euch ganz ver⸗ traute, ſchuldig, liebevoll, väterlich dem jungen Manne beizuſtehen. Denkt, wie ſeine Jugend ihm das Wort um Milde und Nachſicht ſpricht.“— Er führte den grollenden alten Lord zurück, und 349 es entſtand eine ungefällige Pauſe unter den Dreien, weil Zwei ſich im vollkommen gleichen Rechte des Zürnens wähnten, und der Dritte ſich die liſtige Zu⸗ rückhaltung zu ſichern trachtete, die nur, was jene veran⸗ laßten, ohne Nachtheil benutzen wollte. Deſſen unge⸗ achtet mußte dieſer Dritte mit der Sprache zuerſt heraus, denn hochroth vor Zorn blickte der Lord finſter zur Erde, und ihm gegenüber hatte Crecy die kalte Haltung des Beleidigten angenommen, der das Ent⸗ gegenkommen des Andern glaubt erwarten zu müſſen. „Ihr ſeht, Herr Graf,“ wandte er ſich gegen Crecy,„wie ich nicht der Einzige bin, der in abwei⸗ chender Meinung von der Eurigen dieſe Sache anſieht, und Ihr dürft es nicht zurückweiſen, einen alten Freund Eurer Frau Mutter darüber zu hören.“. „Dies zu thun, kam ich hieher,“ erwiederte Crecy —„und wahrlich, mit aller Achtung, die ich Sr. Herrlichkeit ſchuldig bin, war ich geſonnen, ſowohl meine Verhältniſſe offen darzulegen, als den Rath des Verſtändigen zu hören; dies hat mir aber die augen⸗ blickliche Heftigkeit des Lords abgeſchnitten, und ich muß jetzt erwarten, ob mir dies überhaupt noch mög⸗ lich gemacht wird, und welche Form Mylord dazu einzuleiten gedenkt.“ „Mein junger Herr,“ rief hier Lord Gerſey, 350 noch immer mit dem rauhen Tone des Zorns,„es kann, denke ich, hier von vielen Einrichtungen unter uns gar nicht die Rede ſein; wie unleidlich meine Stellung durch Euer unbeſonnenes Betragen gegen Eure Mutter geworden, müßt Ihr überſehen, wenn Euch auch die Leidenſchaft noch ſo toll gemacht hat. Mir waret Ihr anvertraut von Eurer Mutter— ich ſollte Euch vor Mißgriffen und Thorheiten bewahren, bis Ihr unter den Schutz Eurer Altern zurückkehrtet,— und ich durfte dieſe Verpflichtung übernehmen und ſie angeloben, denn Ihr lebtet hier nur in den ehrbarſten und würdigſten Verhältniſſen. Aber der Neigung zur Thorheit iſt überall der Ausweg eröffnet, ſo mußt' ich an Euch lernen— mein Vertrauen habt Ihr betro⸗ gen; mit dem alterſchwachen Greiſe, deſſen Kenntniß der Welt von jedem Kinde überboten werden konnte, habt Ihr Freundſchaft geſchloſſen, um Euch von der Thörin, ſeiner Tochter, verführen zu laſſen.“— „Haltet ein, Mylord!“ rief hier Crecy, indem er mit Heftigkeit aufſprang,—„wenn Ihr es wagt, mit dieſer Bezeichnung die Tochter des ehrwürdigen Sir Reginald zu meinen, ſo vergeßt nicht, daß ſie Gräfin von Crecy und meine Gemahlin iſt, gegen die jede Beleidigung zur meinigen wird!“ „Gräfin von Crecy!“ höhnte der Lord—„die 351 Tochter eines Kaplans von Stirlings⸗Bai! ein Mäd⸗ chen ohne Rang, ohne Vermögen, die ſich darum nicht einmal zur Geſellſchafterin meiner Töchter eig⸗ nete, Gräfin von Crecy! die Schwiegertochter der Für⸗ ſtin Soubiſe! und des erſten Marſchalls von Frank⸗ reich, des älteſten Geſchlechtes dieſes Landes!— Junger Mann,“ fügte er mit heiſerem Lachen hinzu,„wem wollt Ihr das weiß machen? Wer, denkt Ihr, daß Euch dies glauben wird? Dankt dem Himmel, daß die Komödie Eurer Heirath ſo in allen Formen kin⸗ diſch, lächerlich, formlos gewefen iſt, und daß Eure Minderjährigkeit ſelbſt die anſcheinend geſetzlicheren Bande ſo gänzlich annullirt hätte, daß dieſe Thorheit wenigſtens nur dem Mädchen zur Laſt fallen wird, die ſo unberufen den reichen Erben zu gewinnen dachte.“ „Es iſt genug!“ rief Crecy hier und erhob ſich mit Ungeſtüm—„ich werde Euch verlaſſen, My⸗ lord, um durch ſo unerhörte Beleidigungen nicht da⸗ hin gebracht zu werden, daß ich ganz vergeſſe, wie viel Dank ich Euch für Euer früheres Bezeigen ſchuldig bin. Die Beleidigungen, die Ihr gegen mich und meine Gemahlin ausſtoßt, widerlegen zu wollen, hieße mich und dieſe Verhältniſſe wirklich erniedrigen— ich werde ſie zu rechtfertigen wiſſen in den Augen meiner Familie und der ganzen Welt.“ „Ich gratulire zu dieſen Vorſätzen, junger Herr!“ entgegnete der Lord mit verbiſſenem Zorne.„Wahr⸗ lich, Ihr habt nicht umſonſt meine Bibliothek in der kurzen Zeit ausgeleſen— Ihr führt eine vollkommen romantiſche Ritterſprache, zum Weinen rührend. O, junger Mann, junger Mann, hättet Ihr lieber das unſchuldige, fröhliche Waidmannsvergnügen mit den ehrlichen unerſchrockenen Gefährten durchgemacht, als Euch in dürres, wüſtes Büchergeſchwätz verſenkt, um Stoff zu ſammeln für das Schäferſpiel, das Ihr zu ſpielen dachtet!“ „Wir ſind zu Ende, Mylord!“ ſagte Crecy em⸗ pört—„erlaubt, daß ich mich bei Euch und dieſem Hauſe auf immer beurlaube; ich eile zurück, um ſo⸗ gleich die Anſtalten zu meiner Abreiſe zu treffen, und bitte Euch nur um ſo viel Zeit noch in den Mauern der Abtei— die jetzt allerdings zu Eurer Beſtim⸗ mung ſteht— bis meine Gemahlin zur Abreiſe ge⸗ rüſtet ſein wird. Nehmt meinen Dank für Eure frü⸗ here Güte; es ſchmerzt mich tiefer, als Ihr glaubt, daß die Gefühle, die Ihr mir einzuflößen wußtet, eine ſo grauſame Störung erfahren mußten.“ So laſſet auch uns von einander Abſchied neh⸗ men!“ ſprach jetzt der Marquis de Souvré zu Crech. Ich reiſe noch am heutigen Tage nach Paris ab, 35 3 denn ich kann durch meine Gegenwart hier nicht län⸗ ger Euren Handlungen einen Schein von Billigung geben, den ich auf's Beſtimmteſte verweigern muß. Deſſen ungeachtet frage ich Euch, ob Ihr mir irgend eine Weiſung für Eure Frau Mutter zu geben habt, aus der ſie Troſt zu ſchöpfen vermöchte, wenn ihre Fragen mich drängen werden?“ „Ich überlaſſe das Euch ſelbſt; ich hatte ge⸗ wünſcht, der Erſte ſein zu können, der ihr meine Ver⸗ hältniſſe vortrüge— aber ich fühle, Euch die Ver⸗ pflichtung zum Schweigen aufzuerlegen, wäre bei den Fragen, denen Ihr zu begegnen haben werdet, zu viel verlangt. Gott lenke daher Eure Worte! Denkt, daß ſo viel vom erſten Eindrucke abhängt; denkt, daß es der einzige Sohn der Frau iſt, der Ihr ſo ergeben ſeid, und daß Ihr ſo wohl verſteht, Eure Anſichten vorzutragen!“— Kein Laut verrieth die Meinung des Marquis auf die herzliche, dringende Anrede; ſtumm verneigte er ſich mit zu Boden geſchlagenen Augen und wendete ſich dann zu Lord Gerſey.„Und Ihr, Mylord— was habt Ihr mir zu befehlen?“ „O, Marquis,“ rief der Lord—„was ſoll ich Euch an die edle, tugendhafte Frau für Aufträge mit⸗ geben, die ſich durch mich verrathen glauben wird, und Ste. Roche. 1. 23 354 mir Vertrauen und Achtung verſagen für immerdar. Mein, nein, niemals kann ich dieſe Kränkung vetwin⸗ den! Sagt Ihr, ich mache keine Anſprüche auf ihre Verzeihung, und wollte ihre Feindſchaft, ihre Gering⸗ ſchätzung als lebenslängliche Strafe ertragen. Aber das fügt hinzu,“ und bis zum dumpfen Brüllen ſtei⸗ gerte ſich ſein Ton—„finde ich dieſe Copulation im Kirchenbuche verzeichnet, ſo laſſe ich es auf offenem Platze vor der Kirche verbrennen, und John Gray und ſein Weib und der Kirchendiener, die ſich Zeugen zu nennen wagen, werden noch heute aus der Kirchen⸗ gemeinde ausgeſtoßen, und der Büttel ſoll ſie über die Grenze jagen, daß ſie ſich nie wieder zu Stirlings⸗ Bai zählen dürfen!“ Schon hörte der Unglückliche, gegen den dieſer neue Schimpf ausgeſtoßen ward, das Ende dieſer zor⸗ nigen Befriedigung, welche ſich der Stolz und der Hochmuth eines der untadelhafteſten Barone des alten Schottlands verſchaffte, nicht mehr. Mit tauſendfach verwundetem Herzen, bis zur Raſerei gereizt und ge⸗ kränkt ſich fühlend, war der ganze Himmel ſeines idylliſchen Glückes entweiht und beſchimpft, und es ſchien ihm, als könne er nie wieder einen Hauch des ſeligen Friedens empfinden, den er wenige Tage früher noch als ein unzerſtörbar gewonnenes Gut betrachtete. 355 — Vielleicht hatte er Recht; denn ſein Herz hatte eine unheilbare Wunde empfangen, um ſo nachhalti⸗ ger, da die heftigen Worte, denen er ausgeſetzt war, die Grundſätze und Anſichten, die er gehört, ein aus⸗ ſchließlicher Beſitz ſeines Standes waren, unter deren Einfluß er groß geworden, und denen er überall mit dem Wiedereintritte in die Welt zu begegnen ſicher war. So ſtürzte er dem mechaniſch gefundenen Wege nach der Abtei zu und ward ſich erſt ſeiner ſelbſt wie⸗ der bewußt, als er in den grünen Dom der hohen Buchen trat, die ihr großartiges Naturleben in heili⸗ ger Unabhängigkeit fortführten, das kleinliche Treiben der Menſchen, was ſeit Jahrhunderten an ihnen hin⸗ gegangen, mit hohem Blicke überſehend, als wollten ſie dem keuchenden Wanderer zurufen:„Geduld! Du und Deine Leiden verfallen der Zeit, und Du gehſt mit ihr vorüber, ein kleines Atom in dem großen Zell⸗ gewebe der göttlichen Weltordnung!“— Vielleicht nicht daſſelbe, aber doch etwas, einer Erquickung, einem Troſte ähnlich, drang in die blutende Bruſt des tödtlich Ge⸗ reizten— er ſchlug die glühenden Augen auf, und der ſonnenhelle Glanz der grünen Gewölbe leuchtete wie Himmelsthau in ſie hinein. Krampfhaft preßte er die Hände in einander, einem Schrei des Schmerzes glich der Seufzer, der ſich losriß, und bebend vor 23* 356 Aufregung ſtürzte er in das weiche Moos und verbarg ſein Geſicht in deſſen duftendem Schooße. Wir wollen es nicht belauſchen, womit auch der Mann in dem Augenblicke ſich erleichtern darf, wo ſein Herz die krampfhafte Starrheit ſprengt, in die ein überwältigendes Ereigniß ihn verſetzt; mag er der Mittel theilhaftig werden, die Gott der Menſchheit gegeben, da er ſie nicht ſchützen konnte gegen das un⸗ endliche Weh, das ſie ſich bereitet. Leonin gewährte es ſeinem Schmerze, ſich zu er⸗ ſchöpfen.— Er hatte kein Herz von der Natur er⸗ was ſich in eigner Kraft behaupten konnte, es mußte geſtützt und in beifälliger Ruhe erhalten werden durch die nächſten Menſchen, durch Verhältniſſe, wenn es ſich ſelbſtvertrauend bleiben ſollte.— Matt und todtenbleich ging er dem offenen Gemach entgegen, vor deſſen Thüren das geſchmähte unſchuldige Opfer die⸗ ſer fremden Anmaßung in der tiefen Trauerkleidung mit dem heil'gen Scheine des frömmſten Kummers um die ſchönen Züge, auf einem niedrigen Stuhle ſaß und dem lieblich lächelnd entgegen blickte, der den erſten harten Wurf der Welt nach ihrem ſtillen Glücke ſo eben aufgefangen hatte, doch nicht ohne ſelbſt da⸗ von verwundet zu werden. Tief bewegt von ihrem Anblicke kniete er neben 357 ihr hin, und ſie mit einem vielfach vermiſchten Ge⸗ fühle an ſich drückend, rief er wehmüthig:„O, Du armes, armes gekränktes Weſen!“ Wie hätte dieſe feine weibliche Seele nicht die Veränderung fühlen ſollen, die dem Geliebten geſchehen? „Was hat man Dir gethan?“ ſagte ſie ſanft for⸗ ſchend und faßte ſein bleiches Geſicht in ihre beiden Hände.„War der Lord nicht, wie es Recht iſt? Haſt Du Dich erzürnt? Wird er mich beſuchen?“ „Ach,“ rief Leonin,„laß' uns abreiſen! laß' uns in die Wälder von Ste. Roche fliehen und die Welt vergeſſen, und uns fern von ihr halten, die weder un. ſer Glück verſteht, noch uns ein anderes gönnen will, als was ſie dafür erkennt.“ „Meinte ſo der Lord?“ frug Fennimor—„ja, ich konnte es denken! Sie ſind da oben durchaus an⸗ ders, wie wir, und immer waren ſie mir nicht gut genug; aber wir wollen ſie laſſen— die haben mich nie erzürnen können, ſie waren ſo klein, ſo ungeſchickt und konnten nie verſtehen, wie ich's meinte.“ Dies ſtolze, feſte Herz erſchütterte mit ihren ein⸗ fachen unſchuldigen Worten mächtiger in Leonin die imponirende Wichtigkeit des eben Erfahrenen, als ſeine eigenen durch frühere Eindrücke bedingten Betrachtun⸗ gen es vermocht hatten. 3 Er erhob ſich an der feſten Hoheit dieſer reinen Seele, und ein Schimmer des früheren Glücks kehrte ihm wieder in der größeren Berechtigung, die ſie ihm theils in ihrem eigenen Werthe, theils in der ſtrengen Kritik über ſeine Widerſacher gegeben.— Er raffte ſich zuſammen und beſann ſich, was ihm zunächſt läge— und alle Weisheit der Liebe kehrte ihm zurück. Er eilte, die heil'ge Unſchuld ſeines Weibes vor der Schmähung der Welt zu bewahren, und hüllte den ganzen Vorgang in gleichgültige Worte ein. Dann begab er ſich zu Emmy Gray, um ihr, wenn auch nicht Alles, doch das Wichtigſte ſeiner gehabten Unter⸗ redung mitzutheilen und die Nothwendigkeit klar zu ma⸗ chen, dies Haus wo möglich andern Tags zu verlaſſen. „Ja wohl, Herr,“ rief ſie mit ſtolzem Zürnen, „laßt uns ſchon morgen dies Haus verlaſſen, was jetzt dem gehört, für den wir zu gut ſind, ihm irgend Dank zu ſchulden. Eben ſo ſoll John heute noch ſein Bündel ſchnüren und nie dieſe Stätte wieder betreten. Gut, gut, Mylord, daß dieſe unweiſen Männer, die ein Sakrament läſtern, nicht Gewalt haben über die heiligen Dinge der Erde! Laßt es ſie nicht hören, ſie iſt noch zu jung, um Unrecht zu begreifen, das Leben zeitigt früh genug dazu!“— So verließ ſie den Gra⸗ fen, und ſein Selbſtgefühl, was durch die Schmähungen, 3589 die er erduldet, in ihm geſtört worden war, kehrte lang⸗ ſam unter Menſchen zurück, in deren Werth er fühlte, nicht als ein Thor gehandelt zu haben.— Die ſchnelle Abreiſe der Verfolgten verhinderte, daß die ſtrengen Maaßregeln des Lord Gerſey ſie er⸗ reichten, und John Gray war ſchon auf ſeinem kleinen Karren, worauf er ſein Kind und ſeine beweglichen Habſeligkeiten geladen, längſt über die Grenzen von Stirlings⸗Bai, ehe ſich der Lord ſeines Vorſatzes er⸗ innerte. Bald kehrten die mit ſeinem Willen Beauf⸗ tragten zu ihm zurück, um ihm anzuzeigen, daß die Abtei leer von allen ihren Bewohnern ſei, und nur noch auf der Landſtraße nach Edinburg die Reiſekutſche des Grafen von Crecy habe geſehen werden können. 360 Der Himmel lag ſo feſt und grau, wie eine Kuppel von gegoſſenem Stahl, über dem ſchmuckloſen Herbſttag, und der Wind ſtreifte mit eiſiger Schärfe über die leeren Felder und durch die laubloſen Wälder, als wolle er die Erde zerreißen und ihr die Macht fühlen laſſen, die er umſonſt an der feſten Nebeldecke des Himmels erprobte. Vergeblich verſuchte der junge Schloßherr von Ste. Roche dieſem lang' vernachnäſſigten Aufenthalte einen Anſtrich von Wohnlichkeit zu geben, an den ſeine junge Gemahlin gewöhnt war, und der ſie nach einer langen und ſchwierigen Reiſe, der erſten ihres Lebens, ſo ſehr benöthigt ſchien. Es half ihm wenig, daß ihm die Auswahl im ganzen Schloſſe frei ſtand, überall fanden ſich Schwie⸗ rigkeiten, die am wenigſten für einen Mann zu beſei⸗ tigen waren, der von dem Erſchaffen einer häuslichen Einrichtung ſo wenig Begriff bekommen hatte. In ſeiner bisherigen Lage, die ihm alles Benöthigte fertig überlieferte und ſo jene unmännliche Verwöhnung 361 erzeugte, in welcher die Fürſtin Soubiſe ihn ſo ſorg⸗ fältig zu erhalten verſtand, hatte er keine Gewandtheit lernen können, und es konnte daher nicht fehlen, daß Emmy Gray mit ihrem entſchloſſenen und thätigen Geiſte nur kurze Zeit das unſichere, erfolgloſe Umher⸗ tappen des Grafen mit anſehen konnte. Mit glück⸗ lichem Ueberblicke wählte ſie den gewandten Kammer⸗ diener deſſelben zu ihrer Hülfe, und nachdem ſie mit dem alten Kaſtellan das Schloß durchſtreift, fand ſie, wenn auch aus einem andern Jahrhunderte, doch koſt⸗ bares und brauchbares Material genug, eine Wohnung einzurichten. Sobald die Art der Thätigkeit ſich zeigte, die er⸗ forderlich war, trat auch der junge Schloßherr mit dem liebenswürdigſten Eifer ihr bei, und die höheren Anforderungen ſeines Standes, die Emmy fremd ge⸗ blieben, wurden durch ihn ſelbſt und den damit ver⸗ trauten Kammerdiener zu den Nothwendigkeiten gefügt, die ſie zuerſt in's Leben zu rufen gewußt. Wenn anfänglich zu fürchten war, daß Fennimor durch den Aufenthalt in einem großen wüſten Schloſſe, welches mit ſeiner wunderbaren Geſtaltung und ſeinen fremdartigen, uralten Conſtructionen jede, auch die ru⸗ higſte Phantaſie mit geheimen Schauern anzuregen vermochte, ſich unheimlich und erſchrocken fühlen würde, 362 ſo zeigte ſich bald, dem entgegen, eine ſo lebhafte, be⸗ wundernde Theilnahme für dieſe außerordentliche Er⸗ ſcheinung, daß die anderweitigen kleinlicheren Anregun⸗ gen ihrer Umgebungen, von denen ſelbſt Leonin nicht ganz frei blieb, unverſtunden an ihr vorüber gingen. Ihr Geiſt war frei geblieben von jedem Hauche des Aberglaubens, für jeden Eindruck von übernatürlichen Erſcheinungen; ihre Spielgefährtin, Beſchützerin und Pflegerin war Emmy geweſen, welche, wo möglich, noch furchtloſer, als ihr Zögling, dieſen nicht dazu ver⸗ führen konnte. An geheimnißvolle Zuſtinde in dem Geiſte des Menſchen hatte ſie in Schottland, dieſem Lande mondſüchtiger Träumer und vom Geiſte der Ahnung berührter Propheten, wohl glauben gelernt, aber alles, was an Geiſtererſcheinungen und an das, Grauen, das ſelbſt lebloſe Dinge, wie Möbel und⸗ Zimmer, dadurch gewinnen, ſtreifte, verwarf ſie als gemein und für ſie nicht paſſend. Es zeigte ſich daher bald eine große Annäherung zwiſchen dem alten Kaſtellan und ſeiner jungen Ge⸗ bieterin; denn nicht minder, als von ihm ſelbſt, ſah er die alten, werthvollen Ueberreſte des einſt königlichen Beſitzes, von denen er die Chronik des kleinſten Ge⸗ genſtandes zu erzählen wußte, geehrt. Es fanden ſich daher in Folge dieſer entſtehenden 363 Zuneigung immer mehr Gegenſtände ein, welche zum Gebrauche ſich nützlich zeigten, und die der beunruhigte Alte zu Anfang mit eiferſüchtiger Scheu zu verbergen beſtrebt geweſen war. Die Familie der Kaſtellane von Ste. Roche war dieſer Beſitzung treuer geweſen, als die Herren derſelben. Die St. Albans waren ſchon unter Katharina von Medicis auf dieſem Poſten geweſen, und vom Urahn her hatte Sohn auf Sohn bei allem Wechſel der Verhältniſſe dieſen Platz behauptet. Jeder Nach⸗ kommende war unter den Chroniken von Ste. Roche aufgewachſen, und jeder Schrank, jede Tapete, jedes Geräth war für ſie ein heiliges Vermächtniß, was Jeder von Kindheit an hatte pflegen ſehen, und was vor den Einflüſſen der Zeit zu bewahren, der Stolz Jedes Einzelnen ward. Katharina von Medicis, die hier zuerſt einen Hof von einigen Wochen während der Jagdzeit hielt, hatte das Fundament einer Einrichtung gelegt, da das Schloß zu weit von Paris entfernt war, um, wie bei ande⸗ ren Umzügen des Hofes, für deſſen kurze Anweſenheit von dort aus mit Möbeln und Geräthen ausgeſtattet werden zu können.— Später hatte der erſte Beſitzer aus dem Hauſe Crecy längere Zeit mit großem Auf⸗ wande hier gelebt, und aus allen dieſen Zeiten befanden 364 ſich noch wohl erhaltene Ueberreſte, die allerdings nur ihr Beſtehen der ſolideren Beſchaffenheit verdankten, die den Ausſtattungen der früheren Jahrhunderte eigen war, und den Rang und Reichthum der Beſitzer dar⸗ legen mußten. Fennimor hatte auf der langen Reiſe die Muße benutzt, ſich von ihrem Gemahl eine Ueberſicht der Geſchichte Frankreichs geben zu laſſen— und mit großem Intereſſe alles vernommen, was ſich auf Ka⸗ tharina von Medicis, dieſe angeſtaunte Schwiegermutter der unglücklichen Maria Stuart, bezog. Was ſie durch dieſe Mittheilungen erfahren konnte, war ihrer Un⸗ ſchuld gemäß in verhüllende Andeutungen eingekleidet worden, und ſo jubelte ſie bei dem Gedanken, in das Schloß dieſer mächtigen Königin einzuziehen, worin noch ihre Zimmer ſich vorfinden ſollten, und Möbel und Geſchirre, die ihr zugehört hatten. Es zeigte ſich, daß der junge Graf eben ſo fremd in ſeiner neuen Beſitzung war, als ſeine junge Ge⸗ mahlin, denn dieſe, Güter wurden nur wegen ihrer Revenüen geſchätzt, zum Bewohnen ſchienen ſie der Marſchallin von Crecy, die ſich nie vom Hofe trennte, völlig unpaſſend. Beider Geſchmack vereinigte ſie daher in dem Wunſche, unter Anleitung des alten Kaſtellans, der 365 eine lebendige Chronik des Schloſſes zu nennen war, daſſelbe in ſeiner ganzen Ausdehnung zu beſichtigen und in chronologiſcher Ordnung mit dem älteſten Theile deſſelben zu beginnen. Dieſer ruhte auf dem höchſten Felsgrunde, der das Ganze trug— er ward der Klaudia von Bre⸗ tagne zugeſchrieben, die hier nach der Gefangenneh⸗ mung ihres Gemahls, Franz des Erſten, in ſchwer⸗ müthiger Zurückgezogenheit bis zu ihrem Tode lebte, und deren Grabmal ſich auch in der Hauskapelle als einziges Ueberbleibſel ihrer Exiſtenz vorfand, denn dieſer älteſte Theil, der in der Mitte des funfzehnten Jahr⸗ hunderts entſtand, zeigte nur Thurmzimmer, rohe Wände, gepflaſterte Fußböden und die kleinen Schieß⸗ ſcharten⸗Fenſter, die wenigſtens e nicht ent⸗ behren konnten. Die flüchtige Brſichtgung erregte wegen der er⸗ loſchenen Erinnerungen, die überdies in einem from⸗ men, tugendhaften weiblichen Leben ſelten durch her⸗ vorragende Situationen ſich lange dem Gedächtniſſe der Menſchen einprägen, wenig Intereſſe. Aber ſie gewannen in der Betrachtung erſt ihren Platz, wenn man dies einfache Bedürfniß der königlichen Klaudia mit dem verglich, was die ſtolze Medicäerin dafür nöthig hielt. 366 Die Räume, von Flur und Treppen an, die der Aufenthalt ihrer Leibwachen und Diener waren, und die alle noch die Ueberbleibſel von Einrichtungen zeig⸗ ten, die ſie zu Eß⸗ und Trinkgelagen paſſend gemacht hatten, die weitläufigen Zimmerreihen, die, ſämmtlich mit Namen bezeichnet, Erinnerungen an das mannig⸗ fach geſtaltete Leben dieſer Frau erregten, die koloſſalen Möbel, Kamine, Bettniſchen, die koſtbaren und un⸗ verwüſtlichen Tapeten von Gobelin, vergoldetem Leder und Sammet, die auch zu Teppichen und Bezügen der Stühle, Ruhebetten und Fenſter-Umhängen dienten, und von Marmor, Skulpturen und Vergoldungen in reicher Ueberladung unterſtützt wurden— ſie zeigten ein verwegenes Ergreifen äußerer Mittel, um ein Schaugerüſt empor zu thürmen, wohinter ſie den krankhaften Zuſtand ihrer aus tauſend Wunden blu⸗ tenden Zeit um ſo lieber verbarg, da ſie an Heilung nicht dachte und das Wundfieber, in welchem bald dieſe, bald jene Partei im Wahnſinne die Obergewalt fand, bloß zu ihren Zwecken verbrauchte. „Ach,“ ſagte Fennimor immitten dieſer Räume, „welch' ein Glanz!— und Klaudia hatte nur ihr Bett— ihre Kapelle und ihre Spinnſtube!“ Der alte Kaſtellan ſchlug die Augen nieder, als müſſe er ſich ſchämen vor den ſo wohl behüteten und 367 ſo hoch von ihm geehrten Schätzen, und der faſt un⸗ bewußten Geringſchätzung, womit er die Räume der frommen Klaudia vorgezeigt— zuerſt fühlte er den Gegenſatz. Er zögerte faſt, weiter zu gehen, obgleich er doch noch ſo viele kleine Schätze hatte, die er zeigen und erklären wollte, worauf er heimlich ſtolz war.„Gewiß,“ ſprach er zuletzt,„die fromme Königin Klaudia hinter⸗ ließ keine werthvollen Beſitzthümer, es findet ſich in den früheſten Verzeichniſſen der Kaſtellane nichts be⸗ merkt, was darauf hinweiſen könnte, ſonſt würde es gewiß erhalten ſein.“ „Ja, das glaube ich,“ erwiederte ſinnend die junge Gräfin—„ſie hatte allen Schmuck in ſich; das wird bei ihr geweſen ſein, wie der Vater erzählte von der Mutter der Grachen.“— Freundlich gab ſie ſich jedoch bald den mannigfachen Gegenſtänden hin, die ein zu feſſelndes Intereſſe beſaßen, um ihren ju⸗ gendlichen Sinn nicht zu beſchäftigen, und der alte Kaſtellan führte, zu ſeiner Wohlgemuthheit zurückkeh⸗ rend, ſeine jungen Herrſchaften in den großen Banket⸗ ſaal der Königin, der mit Thronhimmel und Gobelins verziert war, und an deſſen Wänden reiche Schränke ſtanden, die in Ebenholz mit Gold und Silber, die kunſtreichſt geſchnittenen Hautreliefs aus den Chroniken 368 des alten Teſtaments zeigten. Sie dienten theils zur Ausſchmückung, theils zum Aufbewahren koſtbarer Ge⸗ ſchirre, oder zu Schenk- und Vorſchneide-Tafeln. „Hier befände ſich noch manches der Beachtung Werthe,“ ſprach der alte Kaſtellan und öffnete das kunſtreiche Schloß eines der größeren Schränke, wel⸗ cher noch mehrere ſchwerfällige Silbergeſchirre enthielt, ſo wie eine große Anzahl Becher in Gold und Silber, mit Wappen und Sinnbildern, und einige von den ſchönen leichten venetianiſchen Glaspokalen, die, der jungen Frau noch niemals vorgekommen, ihr höchſtes Erſtaunen erregten. „Dieſe koſtbaren Geſchirre,“ ſagte der Kaſtellan, „ſollen alle damals hergeſchafft worden ſein, als die Frau Königin dies Schloß überhaupt mit ſo großer Pracht für den kurzen Beſuch der vornehmen polni⸗ ſchen Magnaten ausrüſtete, die ſie eingeladen und lie⸗ ber hier, als in Paris empfangen wollte, da ſie dieſe Großen des damals von den verſchiedenſten Parteien zerriſſenen Landes ſich geneigt zu machen trachtete, um die Wahl des neuen Königs dermaleinſt auf ih⸗ ren geliebten Sohn, den Herrn Herzog von Anjou, unſern nachmaligen allergnädigſten König, zu lenken. Es iſt hier nicht mehr Alles beiſammen, was damals an großem Glanze dieſe Räume erfüllte, aber die alten 369 Tagebücher der Kaſtellane, woraus die Chronik beſteht, und welche ſich noch vorfinden, ſagen darüber große Wunder.“ „Warum iſt dieſe Thüre mit dem eiſernen Balken verwahrt?“ frug die junge Gräfin, der Thüre neben dem Throne ſich nahend. „Dies ſind die Geheimzimmer der Frau Königin Katharina,“ erwiederte zögernd der Kaſtellan;„ſie ſind auf Befehl der Herren Grafen von Crech immer auf dieſe Weiſe von den übrigen Gemächern getrennt ge⸗ weſen.“ „O, die möchte ich ſehen!“ rief Fennimor— „könnt Ihr ſie öffnen?“ „Das ſteht allerdings jedem Kaſtellane zu bewerk⸗ ſtelligen frei,“ ſprach der Alte, wenn es befohlen wird, aber ſie ſind voll böſer Luft, Euer Gnaden— auch wurden ſie auf Befehl weder gelüftet, noch vom Staube gereinigt— es iſt für eine ſo zarte gnädige Herrſchaft, wenn ich's zu ſagen mich unterſtehen dürfte, kein paſ⸗ ſender Aufenthalt.“ „O, doch, doch, guter Albans!“— rief die junge Gebieterin—„ich muß ſie ſehen, gerade ſie!— Nicht wahr, Leonin, Du willſt ſie auch ſehen?“ Dieſer fühlte wohl, der Alte habe etwas ganz Beſonderes bei dieſen Zimmern auf dem Herzen, da er Ste. Roche. I. 24 320 ſich aber nicht näher erklärte und die Wünſche Fen⸗ nimor's ihm das Gegengewicht hielten, ſo gab der Graf das Zeichen, daß er ſie öffnen möchte; die ver⸗ roſteten Schlöſſer zeigten, wie lange das nicht geſchehen war— erſt nach vieler Anſtrengung gelang es dem Alten, die Riegel zurückzuſchieben. Es waren zwei an einander hängende Gwächer von mäßiger Größe, beide mit vergoldetem Leder be⸗ kleidet. Die Luft drang den Eintretenden wirklich mit Grabeshauch entgegen— die bunten Scheiben waken erblindet von der Zeit und den Spinnweben, und lie⸗ ßen daher nur ein Halbdunkel in der Beleuchtung zu⸗ — Aber dieſe Vernachläſſigung hatte einen andern Reiz behalten, der die jungen Schloßbewohner auch näher trieb und gerade darin lag, daß hier nichts bei Seite geräumt war, wie in den andern Räumen, ſon⸗ dern daß, faſt zum Erſchrecken, mitten in der vollen Lebensthätigkeit dieſer ungeheuren Frau eine Unter⸗ brechung, ein Stillſtand eingetreten ſein mußte, der die verſchiedenen Gegenſtände, die ſie umgaben, erſtarrt zu haben ſchien, und ihnen noch die eben verſchobenen Falten der Draperien, den ſchief gerückten Seſſel, genug, jedes Zeichen plötzlich unterbrochener Benutzung erhalten hatte. Die Mitte des erſten Zimmers ward von einem 321 koloſſalen Schreibtiſche eingenommen, deſſen Aufſatz von ſchwarzem Ebenholze auf Füßen von weißem Mar⸗ mor ruhte, und mit einigen künſtlichen Vorrichtungen zum Schreiben verſehen war, nebſt einem hoch darüber ragenden Crucifixe von Elfenbein und mehreren ſchwe⸗ ren, koſtbar eingebundenen Büchern. Herum ſtanden drei Armſeſſel, mit dem Stoff der Tapeten bedeckt, die verſchoben waren, als ſei dies eben bei'm Aufſtehen geſchehen. „Dies war ihr geheimes Konferenz-Zimmer,“ ſagte St. Albans leiſe—„dieſer ſchöne Schrank ent⸗ hielt die laufenden Akten und Briefe; in dieſem mit⸗ telſten Seſſel ſaß die Königin, hier die Räthe oder die andern betheiligten Perſonen— hier an der Wand, auf dieſer Bank, die Hoffräulein, wenn ſie bleiben durften— auch ſoll ſie gern während der Berathun⸗ gen in der Fenſter-Niſche über dem Stickrahmen ge⸗ ſeſſen haben, aber der damals anweſende Kaſtellan Hieronimus verzeichnete darüber: Alle hätte ein Fürch⸗ ten beſchlichen, wenn jene, ſo das Geſicht zur Stickerei abgewendet, Rath gehalten hätte; ſie ſolle dann noch mehr, als gewöhnlich, haben verüben können! Scht, der eingeſpannte Silberſtoff, an dem ſie damals ge⸗ arbeitet, iſt noch ſichtbar, aber freilich erblindet, ver⸗ ſtäubt und keine Reinigung mehr aushaltend. Ach, 24* 372 es ſind koſtbare Dinge hier nach gerade untergegangen durch den Befehl, dieſe Gemächer abzuſperren.“ „Aber warum geſchah das?“ frug die junge Gräfin. „Das hatte traurige Gründe, die Gott richten wird in Barmherzigkeit— aber, ſo wie Euer Gnaden es hier ſehen, ſo iſt Alles verblieben, mitten im Ge⸗ brauch! Lautes glänzendes Leben den einen Tag, am andern Morgen Alles leer, zu Pferde, zu Wagen, auf und davon, Keiner ſein Gepäck nehmend oder nach⸗ fordernd— und auf Befehl der zuerſt fliehenden Frau Königin wurden dieſe Zimmer abgeſperrt, und kein Stück ihres hier vorhandenen Beſitzes durfte ihr nach⸗ geſandt werden; ſie floh ſogar in dem Pelzmantel eines Hoffräuleins. Damals hatte ſie es dem erſten Grafen von Crecy-Chabanne, der hier Beſitzer ward, geſchenkt, und dieſer gar heftige Herr hatte, wie man ſagte, beſondern Grund, den Befehl der Königin gut zu heißen. Da verblieb es dann ſo, und die tugendhaften Nachfolger dieſes erſten Herrn wollten es immer ſo belaſſen.“ 2 „Da ſind wir wohl die Erſten, die das alte Ge⸗ bot überſchreiten?“ ſagte Leonin, von unheimlichen Empfindungen angeregt. „Ob die Erſten, Euer Gnaden, kann ich nicht 323 beſtimmen— bei meiner Zeit jedoch die Erſten; denn Dero Herr Vater haben die Herrſchaft Ste. Roche nie beehrt.“ Zur Rückkehr geneigt, wollte Leonin dies eben Fennimor vorſchlagen, da bemerkte er, daß ſie von ſei⸗ ner Seite in das Nebenzimmer geſchlüpft war, und in demſelben Augenblicke rief ſie ihn von daher zu ſich:„O, Leonin, komm' geſchwind, und ſieh', was 6 hier Reizendes gefunden habe!“ Er eilte ihr nun nach und trat in das— Schlafgemach der Königin, in deſſen Hintergrunde das rieſige Himmelbett mit dunkelrothſammtenen Vorhän⸗ gen ſtand. Ihm entgegen aber trat Fennimor und hielt einen ſchönen goldenen, mit Edelſteinen verzierten Becher in der Hand.—„O Leonin,“ rief ſie,„welch' ein Kunſtwerk! Sieh', wie herrlich das gemacht iſt! O, laß' ihn mir, ich will ihn zum Andenken behalten und täglich daraus trinken!“ In demſelben Augenblick ſetzte ſie ihn an die Lippen, als verſuche ſie ihn. „Großer Gott, erbarme Dich!“ ſchrie der alte Kaſtellan, und ehe noch die Lippen den Rand des Bechers umſchloſſen, riß er ihn aus Fennimor's Hand und ſtellte ihn dann ſchaudernd nieder, als habe er ſich daran verletzt— aber zur Beſinnung kommend, hatte er einige heftige Worte von ſeinem ſichtlich 374 beleidigten jungen Herrn zu beſtehen, und beſchämt beugte der alte Mann ſein Knie vor ſeiner jungen Gebieterin und flehte um ihre Verzeihung.„Ich habe mich ſchwer vergangen, Euer Gnaden, aber viel⸗ leicht vergebt Ihr mir um der Veranlaſſung willen. — Sehen Euer Gnaden den trüben Grund des Be⸗ chers?— Als er zuletzt gefüllt ward, iſt Gottes herr⸗ liche Gabe zum Frevel benutzt worden, und der helle Wein der Bourgogne ward mit Tropfen tödtlichen Giftes gemiſcht— niemals hat ihn ſeitdem das hei⸗ lige Waſſer geſpült, und er iſt erblindet, wie Ihr ihn hier ſehet.“ Schaudernd wendete ſich Fennimor ab, und St. Albans winkte den Grafen bei Seite, und ſetzte ſchnell und ängſtlich hinzu:„Der Herr Marquis Spinola folgte hieher ſeiner Geliebten, der Frau Königin Ka⸗ tharina— aber ſie hatte Neigung, ihn los zu wer⸗ den, und es fand ſich dazu ein Großer ihres Hofes, den ſie bevorzugte. Obwohl nun der Dolch in ſeinem Schlafgemache auf ihn harrte, ſo fürchtete Katharina doch den Wiederſtand des muthigen Marquis; als er ſie am Abend verließ, reichte ſie ihm ſelbſt dieſen Be⸗ cher, deſſen ſchnelle Wirkung ſie noch an der plötzlich gebrochenen Kraft des Unglücklichen beobachtete, und entließ ihn dann. Aber er ahnete das Geſchehene, 325 und als der erſte Dolchſtoß ihn traf und der tödtliche Schmerz des Giftes ihn zugleich zerriß, ſtürzte er in das Schlafzimmer der Königin zurück, von ſeinem Mörder verfolgt— und ſchrecklich hier das Geſchlecht Beider verfluchend, ſchleuderte er der Königin den Be⸗ cher an den Kopf, daß er weit hin zur Erde rollte— dann verſchied er auf ihrem Bette, Bäche von Blut vergießend, ſo daß die Frau Königin, von ſeinen Flü⸗ chen verfolgt, aus dieſem Bette nicht entfliehen konnte, ohne bis an die Knöchel in Blut zu waten.— Da reiſte ſie zur ſelben Stunde aus dem Schloſſe, und Alles, wie von Geiſtern gejagt, hinter ihr her, und nie betrat ſie es wieder, Niemand durfte je ſeinen Namen vor ihr nennen. Den Becher aber rührte Keiner wieder an— es war der Königin Lieblings⸗ becher, darum verfluchte der Herr Marquis Jeden, der daran die Lippen ſetzen würde. Der Graf hörte mit tiefem Schuuer die ſchnelle Mittheilung des Greiſes und ſah ſich haſtig nach ſei⸗ nem jungen Weibe um, das zuerſt den ſchrecklichen Bann überſchritten hatte. Sie lehnte ſich bleich und ſ gegen das Bett der Königin, und als Leonin zu ihr eilte und ſie liebevoll in ſeine Arme ſchloß, erleichterte ſie ein Strom von Thränen. 376 Doch der Alte war ihnen nachgeſchlichen und zupfte mit trauriger Miene den Grafen am Kleide. „O, führet die gnädige Herrſchaft hier fort!“ ſprach er leiſe, indem er, von Fennimor unbemerkt, auf die großen dunkeln Flecke am Fußboden zeigte; und Leonin fühlte, daß ſie auf dem Blute des Spinola ſtanden, der hier das Geſchlecht der Crecy verfluchte; denn was der alte Kaſtellan aus Ehrfurcht verſchwieg, war Leonin zufällig bekannt und bezeichnete in dem er⸗ wähnten Mörder den Grafen Theophim von Crech. Sanft ſtrebte er, die zitternde Fennimor aus dieſem traurigen Bereiche zu ziehen, willig folgte ſie ihm, und der Kaſtellan, der ſchnell die Thüren dieſer Unglückszimmer mit Schlöſſern und Querbalken wie⸗ der verwahrte, öffnete in dem Banketſaale eine Sei⸗ tenthür, die nach einer offenen Gallerie führte. Wenn auch noch älter an Urſprung, war ſie doch in dieſem Augenblicke eine wahre Erquickung, da die Herbſtſonae warm und duftig auf ſie ſchien, und die zierlich ge⸗ mauerte und vielfach durchbrochene Einfaſſung mit Moos und niederhängenden Eibenbäumchen durchfloch⸗ ten war, welches Alles dem unſchuldigen Leben der Natur näher führte; obwohl hier das Zeichen des überhand nehmenden Verfalls, von dem die Vegeta⸗ tion mit ihren vielfach anmuthigen Mitteln ſogleich 372 Beſitz nimmt, deutlicher hervortrat. Hier beruhigte ſich Fennimor, und ihr trübes Auge gewann ſeinen vollen Glanz wieder, und Lippen und Wangen ihre Farbe. „Wo ſind wir denn jetzt?“— frug ſie, auch ſo⸗ gleich zu ihrer alten Neigung zurückkehrend und die Fenſterreihe hinter ſich prüfend, wovor dieſe Gallerie entlang lief. „Dies waren die verſchiedenen Zimmer der Hof⸗ fräulein“— ſprach der Kaſtellanz„ſie ſind ohne Werth, und haben eine beſonders feuchte und kalte Luft.“ „Aber jener Thurm, an deſſen Thüre ſich dieſe Gallerie endigt, wo führt er hin?— O, ſieh' doch, Leonin, wie reizend dort das Ende eines Altans her⸗ vorſchaut! Welch' herrliche Ausſicht muß man von ihm in das Thal von Ste. Roche haben, da er mehr nach jener Seite zu liegt!“ und ſchon eilte Fennimor auf der Gallerie voran, das Schloß an der kleinen Thür gab nach, und ſie ſtand in dem Thurmzimmer, ehe der Graf ihr folgen konnte, was St. Albans mit 2 ſichtlichem Widerſtreben that. Auch dies war ein großes, rundes Schlafzimmer, jedoch in ſeiner Ausſtattung von bedeutenderen An⸗ ſprüchen, obgleich dieſe mehr, als in den übrigen Zim⸗ mern, gelitten hatte, da der Altan zwar mit ſeinen 378 großen Thüren das Fenſter bildete, aber, den Unbilden des Wetters preisgegeben, Regen und Schloßen ein⸗ dringen ließ. Da liefen an den vergoldeten Leder⸗ behängen der Wände kunſtreich geſchnittene Bänke von Eichenholz um das Zimmer her, und neben dem Kamine von ſchwarzem Marmor ſtand das große Bett, welches, wie gewöhnlich, an Vorhängen und Ver⸗ zierungen der Holzſchneidekunſt den meiſten Aufwand früherer Zeit zeigte. Vorzüglich aber betrachtete Fen⸗ nigor ein ſchönes Betpult mit Knieſchemmel, an dem ein zuſammengeſunkener kleiner Harfion ſtand, eine kleinere Art dieſes ſpäter erſt vergrößerten Inſtruments, wie die Damen ihn leicht in einer Hand zu trägen vermochten. Dies kleine Inſtrument, wenn jetzt auch ohne Saiten, mit verroſteten Wirbeln, war doch mit dem größten Fleiße in Elfenbein und Gold gearbeitet, und zeigte an, daß hier ein Fräulein gehauſt, da nur Frauen dies Inſtrument ſpieltän.— Die Vorhänge des Bettes waren nicht zugezogen, und Fennimor ſah die Kiſſen und Matratzen von dunklem Damaſt, und die reich geſtickte Decke, wenn auch Alles von Staub und Feuchtigkeit geſchwärzt erſchien, und kaum noch in ſeiner früheren Beſchaffenheit kenntlich.— Schon ein paar Mal hatte Fennimor gefragt, wem dies Zimmer gehört habe— da ſie ihre Frage 329 wiederholte und den alten Mann dabei befremdet an⸗ ſah, erwiederte er ſchüchtern:„Es iſt der Eudopien⸗ Thurm.“ „Eudoxia? Nun, wer war das?“ frug ſie weiter. „Eudopia, das ſchöne Fräulein von Nemours, war auch eine Hofdame der Frau Königin Katharina — aber ſie hatte nicht Glück davon. Der König, ſagt man, habe ſie lieber gehabt, als erlaubt war, und er fand ſie hier einſtmals auf ihrem Lager, daß ſie ihm blos noch die blutende Wunde in der Bruſt zei⸗ gen konnte, und ihm ſagen, wie ihr befohlen war: die Königin habe dies gethan.— Dann iſt ſie ver⸗ ſchieden. Drauf, ſagt man, ſäße ſie noch immer hier auf dieſem Altane in ihrem weißen Kleide und warte auf den König, wie er ſonſt durch das Thal her⸗ auf zog. „Heil'ger Gott,“ rief Fennimor und barg ihr Antlitz an Leonin's Bruſt,„eine Königin und morden! Iſt denn das möglich? Sie ſagen ja, ſie ſind von Gott erwählt— können ſie denn da morden? Das iſt vielleicht nicht wahr! O, Leonin,“ fuhr ſie weh⸗ müthig fort,„ſprich doch, Du mufßt es ja wiſſen!“ „Laß' das jetzt, Fennimor! Kehren wir lieber zurück— hier unten liegen unſere Zimmer auch freundlich von der Sonne erhellt, da wohnen keine 380 ſchrecklichen Erinnerungen. Mein Ur⸗Großvater ließ ſie gaſtlich einrichten— dort wollen wir Alles vergeſſen.“ „Ja wohl,“ ſprach der Kaſtellan,„von dieſem guten gnädigen Herrn ſind nur ſchöne, heitere Nachrichten in der Chronik zu finden. Er benutzte auch nie dieſe oberen Gemächer oder doch nur jene Seite drüben, die königlichen Prunkgemächer, nie den eben beſuchten Banketſaal, weil er auf den großen finſtern Hof mit dem Grabmal des Herrn Grafen Theophim herabſieht.“ Die vielfach bewegten Wanderer kehrten in ihre jetzt ſchön und anſprechend eingerichteten Zimmer zu⸗ rück, und hier erſt zeigte es ſich, wie tief erſchüttert Fennimor war, denn bleich und wortlos ſank ſie in einen Stuhl am Feuer hin, hörte nicht, was Leonin ſprach, und ſchien mit offenen Augen bewußtlos. Leonin fühlte bald, daß er ſie nicht gewaltſam wecken dürfe, und gönnte es ihr, ſich ſelbſt auszu⸗ träumen, mit ſeinen liebevollen Blicken ihr blos ein zärtlicher Wächter bleibend. Mit einem tiefen Seufzer löſte ſich endlich ihr beklommener Zuſtand— ſie erkannte Leonin und ſank weinend an ſeine Bruſt.—„O, Leonin,“ rief ſie— „daß in der offenen, ſchönen Welt, wie ſie von Gott kömmt, noch ſo eine finſtere geheime Welt iſt, die gar nicht dazu gehört, gar nicht Gottes Welt ſein kann— 381 und bei der nicht zu begreifen iſt, warum die Men⸗ ſchen ſie in die andere große Gottes⸗Welt hineinſetzen,* und damit die andere verderben und Gott kränken!— O, Leonin, ich glaube, mein Vater wußte gar nichts von der falſchen, gemachten Welt!“ „Wohl haſt Du Recht,“— ſprach Leonin,„daß dies nicht die rechte, ſondern eine falſche Welt iſt— und es ſchmerzt mich, daß Du mit der Kenntniß des Schloſſes, die Du ſo wünſchteſt, einen ſo düſtern Blick hinein thun mußteſt.— Laß' uns dieſe Welt, die uns ſo fern liegt, vergeſſen, und richte Deine Blicke auf die Gegenwart, die keine Schrecken birgt. Obwohl ich durch Unterricht und Lebensweiſe dieſen Beziehun⸗ gen näher getreten bin, ſo ſind ſie von mir doch noch nicht ſelbſt erlebt, und ich ahne mehr den Stoff, dem ich zerſtreut in der Welt begegnet bin, als daß ich ihn in dem eignen Leben bisher nachzuweiſen wüßte. Es iſt ein ſchwermüthiges Geſchäft, ſich in die Fragen zu vertiefen, die ſich uns darüber aufnöthigen wollen, wie ſich die Zulaſſung der ſchrecklichen Verbrechen, welche die Erde beſudelt haben, mit der Gerechtigkeit Gottes verträgt, wie, daß wir oft den Unſchuldigen untergehen ſehen und den Verbrecher triumphiren.— Laß' uns denken, daß deſſen ungeachtet die göttliche Gerechtigkeit ſich ausreichend erweiſt, daß ſolche Triumphe, wie — das Untergehen der Unſchuld nur ſcheinbar ſind, und der innere Zuſtand Beider in der ausgleichenden Hand Gottes ruht.“ „Ja, ſo wird es ſein,“— ſagte Fennimor, welche ihn mit gläubiger Zuverſicht angehört hatte:„aber gewiß giebt Gottes ſchöne Welt zum Böſen keine Veranlaſſung, und Jeder dürfte gut ſein nach ſeinen räften.“ „Und doch iſt dieſer Streit, dieſer Kampf nöthig — dadurch gerade, daß wir mit dem Böſen und ge⸗ gen das Böſe kämpfen, entwickelt ſich das Höhere in der menſchlichen Natur, und der, welcher den Kampf erregt, iſt ein Werkzeug in Gottes Hand, eben ſo, wie es der Streiter für das Gute iſt; wie ſchwer würde es uns werden, das Maaß ihres Verdienſtes oder ihrer Verſchuldung zu finden— das iſt unſerm Auge entrückt.“ „Ach, Du biſt weiſe!“ ſagte Fennimor, die trüben Augen zu ihm aufſchlagend. Dann ließ ſie ſich, von ſo vielen Eindrücken ermüdet, von Emmy Gray nach ihrem Bette führen, und bald heilten ihre unſchuldigen Träume die Wunden ihrer Seele aus.— Wie liebevoll auch Beide den immer näher rücken⸗ den Augenblick der Trennung vor einander zu verhül⸗ len ſuchten, er nahte ſich darum doch, und Fennimor 383 rang mit der Einwilligung zu dem größten Schmerze, den ſie glaubte erleben zu können. Aber noch immer ſträubte ſich ihre ſtolze und kräftige Natur gegen eine ſolche Zumuthung; faſt zürnend blickte ſie auf Um⸗ ſtände, die ſie dazu nöthigen wollten; und wunderbar fühlte ſich Leonin von dieſer Forderung, die er in jedem Worte, in jedem Blicke dieſes Naturkindes er⸗ kannte, verſchüchtert. Alle Rückſichten, von denen er ſich beherrſcht erkennen mußte, verſanken vor einem Geiſte, dem die natürlichen Verhältniſſe der Menſchen allein eine Geltung hatten, und er fühlte theils Scheu, ihr die Erſcheinungen der Geſellſchaft, wie ſie ihm be⸗ kannt und bedeutend geworden, zu ſchildern, theils fühlte er Zweifel, ob ſie ihnen den Einfluß zugeſtehen würde, da ſie ihre Faſſungskraft überſteigen mußten. — Aber wir können oft nach Außen hin uns gegen das Andringen einer gefürchteten Veränderung mit entſchiedenen Worten wehren, dennoch ergreift ſchon die Ueberzeugung, daß wir ihr nicht entrinnen können, unſere ängſtlich Wache haltenden Gedanken, und wir betreffen uns gegen unſern Willen auf kleinen Hand⸗ lungen oder Einrichtungen, die nur darauf Bezug haben können, daß wir ſelbſt jene gefürchtete Veränderung für unabweisbar halten und ihr inſtinktartig ſchon entgegen kommen. So machte Leonin, wie Fennimor Einrichtungen und Pläne zu Beſchäftigungen und kleinen Erheite⸗ rungen im Freien, die ihre Zeit auszufüllen ſtrebten, wobei eine ſtillſchweigende Anerkennung durchblickte, daß ſie dann ihres Gatten beraubt ſein würde— und doch umſchlichen Beide das entſcheidende Wort, und nicht ſelten ſchaffte ſich Fennimor nach ſolchen An⸗ regungen, die ihre Seele beklemmten, durch ein paar angſtvolle Worte Luft, die jede Andeutung verleugnen ſollten. Da hatte ſie der Abend vor dem hohen Leſepulte gefeſſelt, und Fennimor las mit langſamer Ausſprache, aber richtigem Accente und dem rührend unſchuldigen Tone ihrer kindlichen Stimme, die unſterblichen Stan⸗ zen des Cid von Corneille. Wie glühten ihre zarten Wangen, wie ſchön hoben ſich im verwandten Ge⸗ fühle der eigenen hochherzigen Empfindungen die ſchön geſchweiften Lippen, um den edlen Stolz, die reine ritterliche Liebe des Helden auszudrücken, wie hätte ſie lieber ſelbſt ihm gleich geantwortet, und wie geſpannt lauſchte ſie der Antwort Kimenen's, hoffend, es ſage ihrem eigenen hochbegeiſterten Gefühle zu, was ſie antworte. Wer vermöchte zu ſchildern, mit welchen Gefühlen Leonin, zwiſchen Sehen und Hören getheilt, vor ihr 385 ſaß; leiſe war er von ihrer Seite weggerückt, ihr faſt gegenüber, ihren vollen Anblick genießend und ſicher, daß ſie in ihrer begeiſterten Hingebung an den großen Dichter und ſeinen Helden ihn ſelbſt vergeſſen würde. Die Kerzen, die über dem künſtlich geſchnittenen Pulte von Eichenholz in ſchweren ſilbernen Armen ruhten, beleuchteten von oben das runde Haupt mit ſeinen reichen, lichtbraunen Locken und warfen das hellſte Licht auf die weiße, zartgewölbte Stirn.— Der Schatten hätte den ſchönen Untertheil des Ge⸗ ſichts verhüllt, wäre nicht von dem weißen Blatte des Buches, vor dem ſie gebeugt ſaß, ein Reflerlicht dazu aufgeſtiegen, welches Farbe und Form magiſch verſchönte. Die koſtbaren Stoffe, die Leonin ſeiner Gemah⸗ lin nur paſſend hielt, waren ihr längſt im täglichen Gebrauche bequem, und der reiche blaßblaue Seiden⸗ ſtoff, der von ihrem ſchlanken Leibe in vollen Falten zur Erde fiel, ward um Schultern und Buſen mit reichen Spangen gehalten. Sie trug und paßte das Alles zu einander mit dem vollkommenen Geſchick, was, von der Schönheit unterſtützt, ſo oberflächlich unter die Rubrik einer natürlichen weiblichen Koketterie ver⸗ wieſen wird, und vielmehr der edeln, reinen, allgegen⸗ Ste. Roche. I.„ 25. 386 wärtigen Empfindung zuzurechnen iſt, welche eine Frau leitet, ſich ſelbſt zur Befriedigung, nur das Schöne und Vollkommene an ſich leiden zu mögen. Gewiß fühlte Leonin mehr, wie je, den unaus⸗ ſprechlichen Zauber ſeiner Liebe, und ſein Blick ſchweifte einen Augenblick an den hohen, ſchwerfällig verzierten Wänden des ſchönen alterthümlichen Gemachs umher, und ſchien die verdüſterten Familienbilder herauszufor⸗ dern, ihm ein würdigeres Modell zu zeigen für die Nachfolge in ihren Reihen. Da war Fennimor an das letzte Wort gekom⸗ men, womit Cid von Kimene'n Abſchied nimmt, über⸗ wältigt ſchlug das feurige Kind die Hände zuſammen, und Leonin's Augen ſuchend, rief ſie:„O, wie göttlich ſchön iſt es, ſolchen Schmerz zu fühlen!“ Leonin eilte ihr näher, aber ein ſchnell hervor⸗ brechendes Schluchzen des holden Weſens zeigte ihm, wie tief die poetiſche Erſchütterung war, die ſie er⸗ fahren, und er ſchämte ſich faſt, mehr ihrer Schön⸗ heit, als der herrlichen Dichtung gedacht zu haben. Doch ſollte ihm keine Zeit bleiben, ihr ſeinen halben Antheil zu verbergen. Schritte wurden im offenen Nebenzimmer gehört; der Graf ging dem ein⸗ tretenden Kammerdiener entgegen und nahm ihm einen Brief ab, der ſo eben aus Paris mit einem reitenden — — 387 Boten angekommen war, der Tag und Nacht den Weg gemacht hatte. Es durchzuckte Leonin, als er, den Lichtern näher tretend, durch wenige Zeilen des Marquis de Souvré von dem tödtlichen Erkranken ſeines Vaters benach⸗ richtigt ward, und dem Begehren deſſelben, ſeinen Sohn noch einmal zu ſehen. 4 Er erhob den Blick von dem verhängnißvollen Blatte zu Fennimor empor, die ihn geſpannt beobach⸗ tend noch an derſelben Stelle ſaß; er wollte noch ein Mal den Eindruck zurückrufen, dem er ſich einen Moment früher ſo ganz hingegeben fühlte, aber ſchon hatte der Ausdruck ſeiner Züge, die ſie ſo ſcharf beob⸗ achtet hatte, von ihrem Geſichte jene poetiſche Ver⸗ klärung verwiſcht, die nur eben in dem Zurücktreten unſerer eigenen Exiſtenz Raum findet. Ahnungsvoll blickte ſie ihn an, und er fand keine Worte; ſtumm reichte er ihr den Brief, deſſen Inhalt, in wenigen Worten beſtehend, ſie eben ſo ſchnell überflogen hatte. Fennimor erblaßte wie der Tod, und einen Augenblick ſchien der ungeheure Schmerz ihre Geſtalt mit Erſtar⸗ rung zu berühren. Leonin wagte nicht, ſie länger an⸗ zublicken; gebeugt ſtand er, an das Pult ſich lehnend. — Da hörte er, wie ſie aufſtand; bald ſah er ſie vor ſich ſtehen. 25* 388 „Leonin,“ ſagte ſie leiſe, aber feſt und innig, „das iſt Gottes Gebot! Dein Vater ruft Dich!— Du muft fort— ſchnell reiſen! O, eile, eile, damit er Dir ſeinen Segen giebt, Du nicht, wie ich, die ſtumme, kalte Leiche findeſt!“— „Fennimor, heil'ger Engel, Du ſendeſt mich ſelbſt von Dir, Du willſt mir das Allzuſchwere mit Deiner frommen Kraft erleichtern!“— „Ja, Leonin, das will ich, und Dich rüſten helfen, damit Du ſchnell Deinen Weg antreten kannſt, und will ſtandhaft ſein und Dich nicht entkräften durch meinen Weiberſchmerz, damit Du ein Mann bleibſt, ein Held, wie Cid— das hätte Kimene auch gethan.“— „Ha,“ rief Leonin und drückte ſie an ſeine Bruſt —„Corneille, welch' ein Lorbeer ſproßt heute um Deine Stirn! Das iſt Dichterberuf, die Begeiſterung hervorzurufen, die das empfängliche Gemüth Dir nach⸗ fliegen macht und dem Leben de Charakter der Er⸗ habenheit aufdrängt, mit dem Du es erfüllt haſt!“ Sie ſah ihn fragend an— ſie wußte es nicht, daß es ſo war— aber, als ſie an ihm vorüber aus dem Zimmer ſchwebte, die Worte zu verwirklichen, war in ihrer Geſtalt eine Sicherheit und Ruhe, eine Er⸗ habenheit, als ſchwebe der Goldreif Timenen's um ihr jugendliches Haupt.— 389 Und ſo hatte der helle Dezember⸗Morgen kaum den leichten Froſt der Nacht in Thautropfen verwan⸗ delt, da zog durch das Thal von Ste. Roche der be⸗ flügelte Reiſezug des jungen Grafen Crecy, und aus Eudopiens Thurm wehte ein weißer Schleier als letzter Liebesgruß, während die fromm beherrſchten Thränen jetzt wie Bäche aus den ſchönen Augen Fennimor's, vielleicht auf dieſelbe Fenſterbrüſtung fielen, wo einſt Eudoria dem königlichen Geliebten nachgeweint. * Druck von Graß, Barth und Comp. in Breslau. - 4 3 8 . * 3 * ſ 5 8 16 17