F — ½ . Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 SLeih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und ätc der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für thhentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat:— Pf 1 Mk. 50 Pf.— Pf. „„„ W„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer i des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen auch dafür zu ſtehen haben. ——— Jakob van der Nees. Dritter Fheil. Jakob van der Uees. Von der Verfaſſerin von Godwie⸗Caſtle. Flovoͤßes. Breslau, im Verlage bei Joſef Mar und Komp. 1844. ½ Floripes. —— —— „ Um das Jahr 1649 kehren wir nach Amſterdam in das alte Purmurandſche Haus zuruͤck. Der Frühling belaubte ſo eben mit zarten, lichten Blättern die alte Linde, unter deren Schatten wir Angela's Mutter, die ungluͤckliche Brigitta van der Gröneveld verließen. War es das in Ehren gehaltene Andenken an dieſe ſtille Bewohnerin des Luſthofes, war es die Gewohnheit Aller ſich um ſie zu verſammeln— genug, der kleine Raum zeigte, daß er eine ſtete Auf⸗ merkſamkeit und Pflege genoſſen hatte. Die Garten⸗ Anlagen waren empor gewachſen, hatten ſich verbeſſert und durch ſchönere Blumen vermehrt. Der Einfluß von außen war uͤber dieſe einſt ſo wohlbewahrte Schwelle eingedrungen, er war nicht abzuwehren oder wieder zu vertreiben, welche Zuckungen des Widerſtandes er auch nach innen erregen mochte, welche Einſchränkungen er auch erleiden mußte. Sieben Jahre hatten an der kleinen Behaglichkeit dieſes Platzes geſchaffen, die der ſtillen Schoͤpferin eine 8 Annäherung ſchien an die Fuͤrſtenräume ihrer Ver⸗ wandten; und es hatte ſich in ihr ſeit der Geburt ihres Töchterchens ein oft aͤngſtlicher Eifer gezeigt, alles An⸗ genehme zu erhalten und zu vermehren. Sie hatte ſogar einen Streit mit Nees nicht geſcheut, in dem alle Wunden aufgebrochen waren, und er bei dieſer Gelegen⸗ heit zu ſeinem Nachdenken und zu ſeiner großen Ver⸗ legenheit erfahren hatte, daß die ſtille Frau, die ihm ohne allen Vorwurf zur Seite blieb, doch um keinen Preis der Erde eine eben ſo entwuͤrdigte Jugend, als die ihrige es geweſen, uͤber dieſe Tochter verhängt wiſſen wollte. Sie hatte ihm gedroht, daß im Fall Nees ſich hierbei hinderlich zeigen werde, ſie entſchloſſen ſei, den Schutz und die Huͤlfe ihrer Verwandten gegen ihn aufzurufen. Obwohl dies nun ſicher das wirkſamſte Mittel war, auf die Böswilligkeit Jakob's Einfluß zu gewinnen, da er vollendet feig' vor jeder Drohung zuſammen kroch, hatte doch Angela von Gluͤck zu ſagen, daß ihr in Nees ſelbſt ein Beiſtand erweckt ward, nämlich ſeine leiden⸗ ſchaftliche Liebe zu dieſem Kinde, das ihn gegen Willen und Vorſatz tauſend Niederlagen erleben ließ. Gott hatte in dieſem duͤſtern, traurigen Winkel der Erde, wo neben den verächtlichſten Laſtern eine Dulderin mit dem ewig fuͤhlbaren Pfeil der Sehnſucht in der Bruſt lebte, ein Kind wie eine Blume aufbluͤhen laſſen, welches der erſtaunten Mutter die eigene, unwiderruflich zerſtörte Jugend mit allem Schmuck der Schönheit, mit allen Begabungen der Natur zuruͤckbrachte. Indem dies reizende Geſchopf uͤber den Urheber ſeines Lebens einen Sprung gemacht zu haben ſchien, und ſein Blut wie ausgeſtoßen hatte, erkannte Angela mit erlaubtem Stolz und einer ehrerbietigen Dankbarkeit vor Gott, daß in ihrer eignen Veredlung die Kraft ſich entwickelt habe, ihrer gekraͤnkten Familie ſtatt ihrer ſelbſt ein Weſen uͤbergeben zu können, in welchem ſich die hohen Eigen⸗ ſchaften zweier erhabenen Familien, wie in einem wuͤr⸗ digen Wohnſitz beiſammen fanden.„Ja! meine Sehn⸗ ſucht nach Urica hat dich ſo ſchoͤn gebildet,“ ſagte Angela oft in unbewußter Schwärmerei—„ja! du wirſt in nichts deiner armen verwahrloſten Mutter gleichen; aber du wirſt fur ſie ein Zeugniß ablegen, daß ſie zu den edlen Familien gehoͤrt, von denen ſie dir das Geprage uber⸗ trug— und um deinetwillen wird man einſt der armen Angela vergeben, ihren Namen durch eine ſolche Ge⸗ meinſchaft befleckt zu haben!“ An dem Abend, wo wir uns in dieſem Hauſe wieder⸗ finden, zeigte ſich das beſondere Verhaͤltniß dieſes Kindes in einer kleinen Scene, die nur die Wiederholung ähn⸗ licher Abendunterhaltungen ſchien. Wir hoöͤren eine Pantoffeln auf glattem Eſtrich. Auf dem Luſthof, wo dies vorgeht, ſehen wir unter der Linde Angela auf dem Platz ihrer Mutter ſitzen. Sie iſt ſehr hager geworden, ſieht groͤßer aus und hat eine blaſſe, kranke Farbe. An gute Kleider ſcheint ſie jetzt gewöhnt; die Wahl der Farben und der Stoffe zeigen eigenes Urtheil nach bereits gemachten Erfahrungen und der gehoͤrigen Bil⸗ dung des Geſchmacks. Gegenuͤber, an der mit Wein dick belaubten Wand, auf einem niedrigen eichenen Fuß⸗ geſtell hockt Nees.— Er hat ſehr an Leibesſtaͤrke zu⸗ genommen und ſein Geſicht iſt egal kupferroth— er traͤgt eine ſchwarze verſchobene, abgetragene Muͤtze— Kopfhaar und Bart ſpielen in's Weiße. Er iſt wohl⸗ habig gekleidet, aber im bloßen Wams, ohne Mantel. Gegen die Hausthuͤr zu, ſitzt Suſa, die ebenfalls gealtert iſt— ſie ſpinnt mit einer juͤngern Magd um die Wette. Etwas weiter ſitzt ein dreizehn bis vierzehnjähriger Burſche platt auf der Erde und ſpielt luſtige Tänze auf der Fiedel. Er iſt der Laufburſche, das Laſtthier Neeſens— der unermuͤdliche Gehuͤlfe aller Huͤlfebe⸗ duͤrftigen des ganzen Hauſes— Caſſian— zur Ab⸗ kuͤrzung wird er Caas genannt, durchrennt auf Neeſens Gebot ganz Amſterdam, ſchleppt ungebuͤrliche Laſten, wohin man will, hilft im Packhof Guͤter und Ballen Fiedel luſtig ſtreichen und dazwiſchen das Klappen kleiner —— — 11 aller Art verpacken, er zimmert etwas und hat vom Schloſſer was gelernt— er flickt auch alte Kleider von Nees, welche dieſer dann, wenn Caas die Flecke aus⸗ gerieben hat, unter der Hand verkauft, denn er darf ſie nicht mehr tragen, weil Floris nicht gern auf ſeinem Schooß ſitzt, wenn er ſchlecht gekleidet iſt. Caas putzt auch Gemuͤſe— reparirt die Spinnraͤder — verſteht die Blumen zu warten und kann den Wein beſchneiden. Singend, mit zwei Kloben Wachs unter den Fuͤßen, bohnt er den alten Purmurandſchen Saal, und Floris will ſtets dabei ſein, um Thränen zu lachen, wenn Caas Schlittſchuhe laͤuft beim Bohnen. Alles Spiel⸗ zeug von Floris hat er in Aufſicht, beſſert es aus und bemalt das, was er ihr aus einer gelegentlich bei Seite gebrachten, alten Kiſte oder Latte ſelbſt ſchneidet. Caas iſt auch der Einzige, vor dem ſich Floris etwas fuͤrchtet, wenn ſie ein Stuͤck zerbricht oder beſchaͤdigt, denn er macht es nicht immer gleich wieder ganz, und ſchilt vorher und nachher etwas. Dabei iſt Floris ſein Abgott— und da er auch die Fiedel ſtreichen kann, ſteht er vor Tagesanbruch auf, und weil Niemand ſeine graͤßlich die Ohren zerreißenden Uebungen im Hauſe hoͤren will, klettert er uͤber die Mauer, ſetzt ſich an einen angebundenen Kahn, und kratzt ſo lange auf ſeiner Fiedel umher, bis alle Hunde der Hinterhaͤuſer ſich im 12 wuͤthenden Geheul vereinigen, und nun ſich die kleinen Fenſter öffnen, und Schelt- und Schimpfreden, nicht ſelten kleine Steine nach dem armen, fleißigen Virtuoſen geworfen werden, und er endlich ſeufzend uͤber die Mauer zuruck klettert, und bei ſo viel Widerſpruch erſt nach langer Muͤhe einen Tanz zuſammen ſtreicht, nach dem Floris jauchzend vor Luſt, am Abend auf dem Luſthofe tanzen kann. Aber womit ließen ſich auch ſeine muſikaliſchen Ent⸗ zuckungen vergleichen, wenn er nun ſich am Boden vor der Herrſchaft ſitzen fuhlt, die Stuͤcke ſpielend, die hin⸗ reichen, die kleinen Beine von Floris— dieſen Liebling des ganzen Hauſes— in Bewegung zu ſetzen. Kann er nicht ſagen: ich bin der Schoͤpfer dieſer Luſt— muß er nicht oft ſo lange ſpielen, daß ihm der Schweiß vom Kopf herunter fließt— und ſchreit nicht Floris auf, als ſtoße ſie ſich an einen Stein, wenn er nur inne halt, um — als ſein liebſtes Manoeuvre und größte Renommiſterei, den großen Bogen mit einem großen Stuͤck Kalophonium zu wichſen, was ihm ein Schiffer geſchenkt, und was er immer fort vor Nees zu ſchutzen hat, welcher es zu koſt⸗ bar fuͤr ihn hält und es ihm wegzunehmen trachtet, um es zu verhandeln? Aber Caas kennt ſein Recht als Fiedeler; er hat es mit gehobenem Stolz geſehen, wie in den Schenken jede —— 6 t. Muſikbande ein oft kleineres Stuͤck Kalophonium als er beſitzt, an einen Bindfaden gebunden in die Runde gehen laͤßt— und er wuͤrde lieber hungern und Nees ſein Brot verhandeln, als ſeinen groͤßten Schatz, ſein großes Stuͤck Kalophonium! Zwiſchen dieſen grotesken Geſtalten nun huͤpft in der Mitte des Hofes, wo die glatten Flieſen liegen und das Abendlicht am laͤngſten weilt, Floris, wie eine rei⸗ zende Libelle unter farbloſen Nachtvoͤgeln. Wer koͤnnte denken, Floris gehoͤre zu dieſen Eltern — wer koͤnnte anders glauben, als daß ein bloßer Zu⸗ fall dieſes fremdartige Kind in dieſe Räume verſetzt habe? Wir wollen ſie beſchreiben, wenn das moͤglich ſein wird. Floris gleicht in Wahrheit Urica ſo auffallend, daß ſie ihre Tochter haͤtte ſein koͤnnen. Während ſie tanzt, iſt ein kleines Netz von blauer Seide und Silberdraht faſt ganz uͤber den Hinterkopf gefallen, und ein Wald von goldblonden Locken hat ſich hervorgedraͤngt und tanzt ungehindert mit— ſie iſt von glaͤnzend weißer Farbe, durchſichtig ſcheint das Blut in den Adern zu fließen, um das rundliche Geſichtchen mit einem leichten Roth anzu⸗ hauchen; ſie zeigt immerfort die kleinen, weißen Zähne, und das Näschen daruͤber iſt ſo gerade mit der Stirn verbunden, ſo zart und kindlich zwiſchen den herrlichen Augen ſtehend, daß man es ſo gern wie den laͤchelnden 14 Mund gekuͤßt haben wuͤrde— und all dieſen Reiz ver⸗ gaß man doch leicht uͤber die Augen— dieſe tiefblauen Augen mit langen, ſchwarzen Wimpern, die, an den Spitzen gebogen, den Eingang zu offnen ſchienen fur dies große, herrliche Auge— daruͤber dämmerte ſchon eine zarte Linie, die es verrath, daß die ſchoͤnſten Augenbrauen kuͤnftig ſich uͤber ihnen woͤlben werden. Sie iſt fur ihr Alter, was nah' an das ſechſte Jahr kommt, nicht zu groß— aber wunderſchoͤn gerundet iſt der ganze Koͤrper, und nie ſah man ſie gehen, ein Sprung oder mehrere hintereinander— das ſchien die Federkraft dieſer zarten Glieder zu bedingen. Beim Tanz hatte ſie ihr, damals fuͤr ſo kleine Kinder ſelbſt uͤbliches, offenes Ermelkleid abgelegt; in dem Unterkleide und Mieder vom ſelben gebluͤmten Seidenzitz, macht ſie um ſo leichter ihre Spruͤnge— die Ermel des feinen, weißen Hemdchens ſind aufgekrempt um den Oberarm, und die kleinen, weißen Schultern heben ſich kaum an dem vollen Halſe hervor. Vorzuͤglich prachtvoll, wenn auch weder ge⸗ ſchmackvoll noch paſſend, ſind aber zwei hochrothe Pan⸗ toffelchen mit Gold und Silber geſtickt, mit denen ſie ſo geſchickt zu klappen weiß, daß dies eine Art Beglei⸗ tung zur Fiedel wird. Mit dieſer Geſchicklichkeit weiß ſie ſich etwas, denn es iſt die Beluſtigung der ganzen Geſellſchaft. S 15 Nees ſpannte beide Arme um die Knie und wiegte ſich hin und her, waͤhrend heiſeres, dickes Lachen aus ſeinem offenen Munde drang; er konnte unter dieſem Anblick ſich ſo vergeſſen, daß ſeine boſen Neigungen ausſetzten— man haͤtte ihn erſt daran erinnern muͤſſen, daß durch ſolche Spruͤnge viel abgenutzt wuͤrde— er mußte nachher wohl daran denken, aber mit einem Seufzer, als ergebe er ſich in ein unabweisliches Schickſal. Mit ineinander gedruͤckten Händen ſaß Angela ge⸗ genuͤber und verwandte wie Nees kein Auge von ihrem Liebling— ein ſeliges Laͤcheln ſpielte um ihren Mund, ihre Augen, die immer ſo groß und ſchoͤn waren, erſchie⸗ nen in dem nun blaſſen und hageren Geſicht noch grö⸗ ßer; jetzt leuchteten ſie von dem einzigen Gefuͤhl von Gluͤck, was dieſes arme Weſen je kennen gelernt hatte: von der ſeligſten Mutterfreude— wenn dies liebliche Kind ſeine phantaſtiſchen, ſelbſt erfundenen Tänze auf⸗ fuhrte, und auf dieſem Boden unſchuldiger Freiheit ſei⸗ nen ganzen Liebreiz entwickelte, dann fragte die lauſchende Mutter dieſen Bewegungen voll Seele und Phantaſie die Geheimniſſe der Zukunft ab— wie ſich dieſe Anlagen heranreifend entwickeln wuͤrden, welch ein Platz ihrer Floris damit geſchaffen werden wuͤrde— ob ſie ſo ſchön, ſo edel und gut als Urica und Frau von Marſeeven wer⸗ 16 den koͤnne, und mit welchem Rechte ſie einſt, trotz des Namens van der Nees, unter ihren hohen Verwandten ſtehen werde? Suſa aber ließ den Faden auf dem Raͤdchen abſprin⸗ gen und den thaͤtigen Fuß ruhen, wenn ſie Floris tanzen ſah, und wenn die muntere flamaͤndiſche Magd freudig lachend daſſelbe that, dann ſtrafte ſie kein Blick der flei⸗ ßigen Suſa— und Suſa ward von keinem Lauerblick Neeſens erreicht— Alle lagen, ein Jeder nach Art ſeiner Natur, unter dem Zauber von Floris kleinen Fuͤßen, und indem dies Kind ſelbſt ſeine groͤßte Luſt trieb, verbreitete es auch um ſich her die groͤßte Freude fuͤr die duͤſteren Bewohner des duͤſteren Hauſes. Nun hatte ſie ſich zum zweitenmale außer Athem getanzt, und lief dazwiſchen, um ſich auszuruhen, in die Armetzhrer zaͤrtlichen Mutter— und jetzt uͤberredete ſie dieſe beſorgt, es ſei genug, ſie muͤſſe nun bald ſchlafen gehen und vorher noch Milch und Abendbrot nehmen und Floris widerſtand nur ſelten dieſer guͤtigen Mutter, welche ſich in die Wuͤnſche des Kindes zu verſetzen wußte, und nichts allzu ſchweres von ihr forderte. Floris ging daher auch jetzt mit Behagen auf die Gedanken an das nahe Abendbrot ein und kuͤßte die Mutter, und Nees ſah von druͤben heruͤber und klopfte mit einem Schluͤſſel auf die Flieſen und ſagte: Nun, nun! —— ——— 17 „Ja, ja! Papa, ich komme ſchon!“ rief Floris— kuͤßte noch einmal die Mutter und war in zwei Spruͤn⸗ gen hinuber uͤber den Hof, um vor Nees ſtehen zu blei⸗ ben. Hier zog ſie ihre zierlichen kleinen Muͤckenfuße aus den bunten Pantöffelchen und huſchte in zwei kleine ſchwarze hinein, die vor Nees ſtanden; dieſer nahm aber die goldgeſtickten vom Boden, beſah ſie genau, ob etwas daran verdorben war, wiſchte ſie ſorgſam mit dem Schnupftuche ab und ſteckte ſie in ſeine weiten Hoſen⸗ taſchen. „Nicht wahr, Papa, es iſt Alles heil dran?“ ſagte Floris, die voll gleicher Sorgfalt mit ihren Augen der Be⸗ ſichtigung ihrer Lieblinge gefolgt war—„und morgen giebſt du ſie mir wieder, wenn ich tanze und Caas ſpielt?“ „Oho,“ ſagte Nees, als ob er ſich weigern wuͤrde, „alle Tage, das wäre mir was— da ſollten ſie wohl halten— was denkſt du, kleine Närrin?“ „Nun,“ ſagte das verzogene Kind—„ſind ſie ent⸗ zwei, ſo gehſt du mit mir an die große Marktlade auf dem Damrack, wo die Vornehmen kaufen, da ſind neue und was fuͤr ſchoͤne!“ „Iſt das Ding behert?“ rief Nees halb erſchrocken, halb entzuckt; denn wenn ſie mit ihm ſprach, wußte er ſich oft nicht zu haben, weil er vor Wonne zerſpringen wollte— und ſie ihn doch oft ins Herz ſeiner innerſten Jakob v. d. Nees. UI. 2 Leidenſchaften traf, indem ſie nach allem Schoͤnen und Koſtbaren Verlangen hatte und eine inſtinktartige Ab⸗ neigung gegen alles Schlechte und Gemeine. Verzog ſie nun vor ihm das Engelsgeſicht zur Betruͤbniß, ſo hätte er ſich ein Leid anthun mogen vor Herzensangſt, und doch war es ihm oft, als feure ſie ein Piſtol auf ihn ab, wenn ſie ihm ruhig die koſtbarſten Dinge ab⸗ forderte. Daß er in den meiſten Fällen ihren Wuͤn⸗ ſchen nachgab und ſelbſt zu koſtbaren Seltenheiten das Geld hergab, erboſte ihn, ſo wie er Floris nicht mehr ſah, aufs heftigſte, und leider hatte Angela dann oft harte Scenen mit ihm zu uͤberſtehen, obwohl ſie nie zu ſolchen Ausgaben die Veranlaſſung war, und ſtets von ihrem eignen, feſten Nadelgelde das herſtellte, was ſie in dieſem Hauſe einzurichten beſchloſſen hatte. Es war traurig, mit welchen Liſten Nees ſich in ſolchen Fällen gegen ein Kind benahm, welches ihm alle Kraft zum Widerſtande raubte, aber ſeine böſen Geluͤſte doch nur zuruͤckdrängen, nicht ausrotten konnte. Er uberredete ſie nämlich, er habe, was ſie ihn veranlaßt hatte zu kaufen, ihr nur geliehen, nicht geſchenkt, und da das Kind von dieſem Unterſchiede wenig begriff und ſehr erfreut blieb, daß der gute Papa es ihr lieh, ſo ward es ihm leicht, es ihr nach einiger Zeit wieder weg zu nehmen, und wenn ihm dies gelungen war, ſo ver⸗ 19 ſetzte es ihn in eine ſolche Schadenfreude, daß er das Opfer vergaß, mit dem er es herbeigeſchafft hatte, denn entweder verwahrte er es in unergrundlich verſteckten Kiſten und Koffern, oder er ſuchte es an Perſonen, die den Werth nicht kannten, um einen hoͤheren Preis los zu werden, als er dafür gegeben. Angela wußte das Alles, und leider hatte ihr Auge eine Schärfe erhalten, vor der die leiſeſte Wahrnehmung ſogleich den verſteckten Zuſammenhang aufhellte. In dieſem Hauſe kamen niemals Domeſtiken uͤber vermißte Gegenſtaͤnde in Verdacht, und obwohl dies zu den haͤu⸗ figſten Vorfällen gehoͤrte, trat doch der umgekehrte Fall ein, daß die Hausfrau den Domeſtiken ihre Unruhe uͤber fehlende Dinge auszureden ſuchte.— Nur einige Male hatte Nees, von dieſer milden Weiſe Angela's, ihn zu ſchonen, zu noch großerer Bosheit verleitet, verſucht, einen Verdacht auf die Diener zu werfen und einige brutale Anlaͤufe gemacht, von ihrem Lohn oder Eigen⸗ thum zu erpreſſen; aber beide Male war er zu ſeiner großen Ueberraſchung von Angela ins Geheim mit einem ſo beredten Zorn niedergedonnert worden— ſie hatte ihm ſo genau anzugeben gewußt, daß er ſelbſt der Dieb geweſen, und wann und wo er den Raub geborgen habe, daß dies fortan unterblieb oder ſich nur in einem unbeſtimmten Grunzen oder Drohen ausdruckte. Dar⸗ 2* auf achtete Angela nicht, und Suſa, welche bereits daſſelbe ahnte, antwortete mit ihren verächtlichen Ge⸗ berden, die ſie noch immer fuͤr Nees bereit hatte, da die Abneigung Beider gegen einander ſich in nichts ver⸗ ringert hatte. Deſſenungeachtet hatte Nees nicht allein die von ihm ſelbſt zu böſen Täuſchungen nur hergerichtete Aus⸗ ſtattung des Hauſes nicht wieder, wie er beabſichtigt, zuruͤcknehmen koͤnnen, ſondern er hatte zuſehen muͤſſen, wie Angela durch Urica's Freigebigkeit den Beſtand des Hauſes durch Anſchaffung von Silber und werthvol⸗ len Gegenſtänden aller Art ohne große Nachfrage bei Nees vermehrte und ihn durch ruhigen Widerſtand zwang, den anſtändigen Zuſtand des Hauſes zu ertra⸗ gen und ſich dem Gebrauch ſtandesmaͤßiger Geräthe zu unterziehen. So wie ſie damals eine neue Hoffnung unter ihrem Herzen fuhlte, betrieb ſie dieſe Aufgabe mit einer religiöſen Gewiſſenhaftigkeit, denn ſie gelobte ſich, ihre eigene ſchmachvolle Jugend immer warnend im Sinne behaltend, daß wenn Gott ihr den Seegen eines lebenden Kindes gewährte, es vor den entſetzlichen Drangſalen bewahrt bleiben ſolle, von denen ſie das Opfer geweſen und welche ſie ſo ſpät erſt verſtanden hatte. Sie gelobte ſich, daß dies Kind in der frühen Gewöhnung des Wohlſtandes erwachſen ſolle, um ſich 21 nicht, wie ſie ſelbſt, ſpäter zu jedem höheren Verhältniß unfaͤhig erklaren zu muͤſſen. Nun läͤßt ſich nicht leugnen, daß damals die An⸗ ſichten uͤber das, was ein Amſterdamer Buͤrger ſich zu⸗ erkennen durfte, durch die Mittel der meiſten ſich ſo ge⸗ ſteigert hatte, daß ſie bei weitem jede, auch die billigſte, Anforderung ihres Standes uͤberbot, und außerdem gewaͤhrte das vornehme Haus Marſeeven mit ſeiner furſtlichen Einrichtung ein Vorbild, wogegen Vieles zuruͤckbleiben mußte. Aber Angela verfiel auch nicht in den Fehler, ſich ein ſolches Vorbild zu nehmen, ſie konnte ſelbſt die fruͤ⸗ hen Gewohnheiten nie ſo gänzlich los werden, daß ſie ſolche Verhältniſſe fuͤr ſich nur wuͤnſchenswerth oder an⸗ wendbar gefunden hätte; aber ſie kennen zu lernen, an Frau von Marſeeven den geſchickten bequemen Ge⸗ brauch derſelben bewundern zu können, bildete ihren Geſchmack und gab ihr Sinn, die oft noch in der groß⸗ ten Roheit ſich aufnothigenden Maͤngel ihres eigenen Hauſes zu bemerken. Nees war durch Herrn von Marſeeven gezwungen worden, vierteljaͤhrlich bei ihm eine vorgeſchriebene Summe fuͤr ſeine Frau nieder zu legen, von der dieſe nach Belieben nehmen konnte und welche der gute Oberſchulze mit großer Strenge eintrieb, da Nees kein Vierteljahr vorubergehen ließ, ohne Ausreden und Ent⸗ ſchuldigungen zu finden, die ihn von Entrichtung des Ganzen oder der Hälfte entbinden ſollten. Die Folge war freilich, daß Nees mit mehr Gluͤck Angela die ebenfalls verbrieften Summen zur Erhaltung des Hau⸗ ſes abdingte und bei allen dieſen Scenen ſeine Wildheit ſpielen ließ; aber trotz all dieſem gelegentlichen Abbruch erſchien ſich doch Angela eine reiche Frau, und die Aus⸗ ſtattung ihres Hauſes mußte danach fortſchreiten und gewaͤhrte ihr in unſchuldiger Nachahmung manchen Genuß, den ſie verſtehen lernte und jetzt um ihrer Tochter willen ſorgfältig ſich zu erhalten ſtrebte. Floripes war nun nicht allein der Liebling des gan⸗ zen Hauſes, ſondern aller Menſchen, die ſie ſahen. Frau von Marſeeven, welche um dieſe Zeit aufhoͤrte, junge Kinder zu haben, behielt die volle Zärtlichkeit ſol⸗ cher Frauen dafuͤr, und Floripes war ihr ein ſolcher Gegenſtand der Freude und Liebe, daß ſie oft in Ver⸗ ſuchung kam, gegen dies fremde Kind ſchwäͤcher, wie gegen ihre eignen zu ſein. Frau von Marſeeven beſuchte öfter Angela, als dieſe in das große von Fremden und Vornehmen ſtets beſuchte Haus derſelben gehen mochte; aber Angela ließ es zu, daß Floripes in der ſchonen Kutſche mit den vier Schimmeln in das herrliche bunte Haus fuhr, und dort 23 ein Gegenſtand der Liebe und Bewunderung, ſich mit dem Glanz und der Schoͤnheit dieſes Hauſes unterhielt und ihren Sinn dafuͤr entwickelte und ſich daran ge⸗ woͤhnte. Fruh zeigte ſich ſchon dieſer Sinn und ein angebo⸗ renes Geſchick, ſich in allen feineren Lebensgebraͤuchen bequem zu fuͤhlen, dagegen bis zum unartigſten Wi⸗ derſpruch, von Allem verletzt zu werden, was roh, ſchmutzig, haͤßlich oder unbequem war. Wie ſehr dieſe ſo leicht zum ſtarren Egoismus fuͤhrenden Neigungen nun auch das holde Weſen in Gefahr brachten, ſo war in ihr Herz dagegen ein Gewicht gelegt, was dieſe Ge⸗ fahren ausglich— dies Kind, das den ſtarrſten, mit⸗ leidloſeſten Geizhals ſeinen Vater nannte, hatte das mitleidigſte Herz füͤr jeden Schmerz eines Andern, den leidenſchaftlichſten Eifer, Jedem zu helfen, die ruͤh⸗ rendſte Hingebung aller eignen Vortheile, um dies durchzuſetzen. Zu den groͤßten Verſuchungen des ar⸗ men Nees gehoͤrte es ohne Zweifel, wenn er ſich ver⸗ fuhren ließ, mit ihr auszugehen. Denn obwohl es ſei⸗ nem Stolz ſchmeichelte, wenn die Voruͤbergehenden ſtehen blieben und das ſchoͤne Kind bewunderten, lief er doch wie auf Dornen mit ihr, denn ſie blieb bei je⸗ dem Alten, Kranken, Hinfälligen ſtehen, jedes Kind war ihr Kamerad, und wehe Nees, wenn Einer von dieſen ihn um eine Gabe anſprach— nie that er ihr genug, oder durfte ſie ganz verſagen; eine ungeſtillte Noth, eine verſagte Huͤlfe traͤnkte dieſe ſchönen Augen gleich in Thräͤnen— ſie ſtuͤrzte ſich auf Nees, bereit, ihn zu pluͤndern, und das einzige Mittel zu ſeiner Ret⸗ tung, was er einſt verſucht hatte, nämlich auch die kleine elende Muͤnze, die er beiſteckte, zu Hauſe zu laſ⸗ ſen, verſuchte er nie wieder, denn Floripes war bei der Unmöglichkeit, einer armen Mutter mit zwei Kindern geben zu koͤnnen, in ſolche Verzweiflung gerathen, daß ſie ſich weinend der armen Frau in die Arme geſturzt hatte, ſie um Vergebung gebeten und ihr Schuͤrzchen, ihren kleinen Mantel, Alles, was nur ſchnell los zu machen war, um die armen Kinder gedeckt hatte. Dieſe Scene, da Nees verſuchte, zu widerſtehen und mit Schreien und Toben, obwohl vergeblich, das Kind abzuhalten beſtrebt war, hatte Menſchen verſammelt, Alle waren von Floripes geruͤhrt, Alle ſchimpften auf Nees, daß der reiche Geizhals kein Geld wolle herge⸗ ben; die arme Frau bekam viel zuſammen, denn Jeder gab der weinenden Floripes ein Scherflein, das ſie dann mit ſich ſtillenden Thraͤnen ihr zuſteckte. Lange nachher ging Floripes nicht mit Nees hinaus, denn ſie hatte was gegen den Papa auf der Straße, der nicht ſo gut ſei wie der Papa im Hauſe, und dies war 25 fuͤr Nees eine unbeſchreiblich empfindliche Zuͤchtigung, und dieſer eine Fall mag fuͤr Viele erwaͤhnt ſein und das eigenthuͤmliche Verhältniß bezeichnen. Während Floripes ihre Pantoͤffelchen gewechſelt hatte, war von Suſa und der Magd eine kleine Tafel auf dem Hofe bereitet worden, worauf ſich auf weißem Damaſt mit ſilbernen Beſtecken und Schaalen und buntem Porzellan eine einfache aber reichliche Abendkoſt befand, während die Leute an dem Heerde im Hausflur von Suſa ihren Antheil erhielten. Nach dieſer Erquickung kämpften die ſchoͤnen Aeug⸗ lein des Kindes mit dem Schlaf und die ſorgſame Mutter trug ſie ſelbſt hinauf nach ihrem Schlafzimmer, wo Floripes vor ihrem Bette ihr zierliches Lager bereitet war Noch uͤber den eben entſchlafenen Engel gebogen, hörte ſie den Klopfer am Hauſe und da Frau von Mar⸗ ſeeven an Abenden, die ſie frei hatte, gern bei Angela einſprach, uͤberließ ſie Suſa die Aufſicht uber das ſchla⸗ fende Kind und ſtieg in den Hausflur hinab. Nees hatte ſich ſchon zuruͤckgezogen, denn er machte grobe Scherze hinter dem Ruͤcken der Frau von Mar⸗ ſeeven, da er fühlte, nie ſich vor ihr mit einiger Wuͤrde behaupten zu koͤnnen, und floh ihre Nähe, als ob er ſie gering ſchätzte. 26 So fand Angela die geliebte, kindlich verehrte Muhme ſchon auf dem Platz unter der Linde ihrer harrend. „Angela,“ ſagte die edle Frau nach herzlichen Be⸗ gruͤßungen—„ich bringe dir heut' viel Gruͤße und willkommene Nachrichten von unſerer Muhme Urica! Doch maßige deine Freude,“ fuhr ſie fort, als Angela entzuckt zu fragen begann—„damit ich dir im Zu⸗ ſammenhange von ihrem Ergehen erzaͤhlen kann; denn Herr von Marſeeven begehrt mich heute noch zu ſehen, wenn er von dem Schoͤffenſchmauſe kommt, ich habe alſo nicht viel Zeit.“ „Unſere letzten Nachrichten waren alſo aus Frank⸗ reich— du weißt, daß es dem armen Montroſe nach ſeinen gläͤnzenden Waffenthaten und vielleicht eben des⸗ halb auferlegt war, nachdem der ungluͤckliche Konig ſich in die Mitte der engliſchen Armee verſetzt ſah, auf Be⸗ fehl deſſelben die Waffen niederzulegen, und um dem gegen ihn erregten Mißtrauen zu entgehen und die Auf⸗ richtigkeit des Koͤnigs zu beſtätigen, ſich entſchließen mußte, ſein geliebtes Vaterland zu verlaſſen. Er traf die Wahl nach Frankreich zu gehen und ſo war es Urica vergoͤnnt, da ſie heldenmuͤthig ihrem edlen Gemahl uͤber⸗ all hin folgte, bei der unglucklichen Königin in Verſailles zu ſein, als die entſetzliche Nachricht von der Hinrichtung 27 des Koͤnigs ſie traf. Hier ſind die Briefe, die Urica uber dieſe ſchreckliche Zeit ſchrieb und die ſie nicht fruͤher abzuſenden wagte, als jetzt aus Deutſchland, wohin Montroſe durch das Vertrauen und die hohe Bewun⸗ derung des deutſchen Kaiſers fuͤr ſeine außerordentlichen Talente berufen worden iſt. Sie ſchildert mit ergreifender Wahrheit die Verzweiflung der Koͤnigin und ihren tiefen, nachhaltigen Kummer und wie ſie es beſonders unab⸗ laͤſſig bereut, ihren Gemahl verlaſſen zu haben, da es ihr das einzige ihrer wuͤrdige Loos erſcheint, mit ihm den Märtyrertod geſtorben zu ſein. Dennoch fand ſie in Urica's und Montroſe's Nähe den ausreichendſten Troſt und nie traf Letzteren von der edlen Frau ein Vor⸗ wurf, obwohl ſie wußte, wie ſehr er damals dazu bei⸗ getragen hatte, ihre Abreiſe zu beſtimmen.“ „Doch die Hauptſache iſt jetzt, daß Schottland gleich nach der Pinrichtung des Königs den Prinzen von Wales zum Koͤnig Karl den Zweiten ausgerufen hat, und der Ritter Joſeph Douglas mit dieſem Beſchluß im Haag angelangt iſt, um dem jungen Könige dort die Vorſchlage der Covenanters zu uͤberbringen. Nun hore ich, daß damit Bedingungen verknuͤpft ſind, die allerdings den jungen König in eine ſchwierige und nicht gluͤckliche Lage verſetzen. Er verſammelt daher auf's ſchnellſte die Getreuen ſeines Hauſes, um ſich mit ihnen 28 zu berathen, ob er in ſo mangelhafte Anerbietungen ein⸗ gehen ſoll oder nicht, und der Ritter Douglas ſowohl, wie die ihm beigegebenen Herrn werden hingehalten, bis eine ſolche Berathung hat Statt finden können.— So höre nun was uns daraus erwachſt— Mont⸗ roſe iſt augenblicklich von ſeinem Koͤnig zuruͤckberufen und ihm die Oberfeldherrnſtelle von Schottland ver⸗ liehen worden. Jetzt ſagt man, Montroſe habe ſeine Stelle als Feldmarſchall beim Kaiſer niedergelegt, um ſogleich alle ſeine Dienſte dem Vaterlande weihen zu können und das Eine iſt gewiß: wir duͤrfen ihn und Urica in kuͤrzeſter Zeit in Holland erwarten!“ Angela erblaßte bei dieſen Worten der guten Frau von Marſeeven ſo auffallend, daß dieſe den Arm um ſie ſchlang und die tief Erſchütterte an ſich zog— hier ſturzte ein Strom von Thränen aus Angela's Augen und waͤhrend ſie die Hände rang, rief ſie„Urica— meine Urica! Sie— ſie ſoll ich wieder ſehen— und mein Kind! meine Floris!“ rief ſie ploͤtzlich wie neu belebt und richtete ſo dringend fragende Blicke auf die Frau von Marſeeven, daß dieſe liebevoll ſie errathend ausrief:„Wie wird Urica dies ſchoͤne Kind bewundern.“ „Glaubt ihr Muhme!“ rief Angela, während die heftigſte Gemuͤthsbewegung ihren Buſen krampfhaft hob—„glaubt ihr, daß nichts an dem Kinde iſt, was . 29 ihr Widerwillen— Erinnerungen erregen wird— daß ſie dies Kind als ihre Verwandte anerkennen wird und vergeſſen, was damit zuſammenhaͤngt?“ „Zweifelt nicht, Muhme,“ entgegnete dieſe, geruͤhrt von der Herzensangſt der armen Angela und auf's Neue erkennend, wie unvernarbt alle damals empfan⸗ genen Wunden dieſem Herzen geſchlagen waren— „zweifelt nicht, meine liebe Angela, ſie wird ſich ſo wie ich ſelbſt uͤber die Gerechtigkeit des Himmels freuen, die eine ſo ſchoͤne Ausgleichung fuͤr eure unverſchuldeten Leiden an euer Herz legte.“ „Ja,“ ſagte Angela—„ſo denkt ihr, edle Muhme, die ihr ſtets milde waret, nie von ſo heftigem Wider⸗ willen erſchuͤttert, als meine ſchoͤne, glaͤnzende Urica, in der viel Heftiges vorgehen kann, wie wir Alle er⸗ fahren!“ „O, trube dir die Freude, nach der du dich ſo lange ſehnteſt, nicht durch ſo ſchmerzliche Betrachtungen!“ fuhr Frau von Marſeeven fort—„du haſt alle Urſach dem Herzen Uricas zu vertrauen, welches durch die Liebe — mich ſelbſt überraſchend— aͤußerſt milde geworden iſt— und denke doch nicht ſo gering von deinem holden Kinde, ich kann das gar nicht zugeben, daß du mir mei⸗ nem Liebling nicht ſeine volle Gewalt uͤber alle Herzen zugeſtehen willſt— ich— ich wuͤrde es Urica nie ver⸗ 30 zeihen, wenn ſie dies Kind nicht fur den gelungenſten Nachkommen unſerer edlen Familie anerkennen wollte.“ „Ach!“ rief Angela—„ich von meinem Kinde gering denken— o! nein, Muhme, ich nie— aber denkt an den Namen, den ſie traͤgt, und den Urica ſo haßt und — der ſeither nicht durch andere ſchätzenswerthe Eigen⸗ ſchaften aus ſeiner Erniedrigung gehoben worden iſt.“ „Verfuͤhre mich nicht zum Sprechen,“ ſagte Frau von Marſeeven lächelnd—„aber das Eine will ich dir ſagen, damit du ſiehſt, wie Urica ſtets dein Schickſal im Auge behielt— ſie war nicht umſonſt an dem deutſchen Kaiſerhofe, und genoß die beſondere Gunſt des Kaiſers. Mein Gemahl hat alle Familienpapiere uͤber dich und deine Mutter hingeſchickt, um Uricas Wuͤnſche beim Kaiſer zu unterſtutzen— aber ſtill— ſtill— ich bin eine Schwaͤtzerin und mich tröſtet bloß, daß du gar nicht verſtehen wirſt, was ich verrathen habe, und daß ich dich nun doch erſt verſichern muß, daß daraus die Liebe Uricas gegen dich und deine Tochter erſichtlich iſt, daß du alſo nichts zu thun haſt, als dich auf ſie zu freuen!“ „Ach!“ rief Angela—„das wird mir nur zu natuͤrlich ſein—„und da ihr wirklich Recht habt, und ich nicht begreifen kann, was Urica mit mir und mei⸗ nem Kinde vor dem Kaiſer will, ſo will ich euch auf's — Wort glauben, und will der Freude nicht wehren, die ſich ſo maͤchtig in mir regt.“ Die Freunde des Koͤnigs waren ſehr getheilt in ihren Meinungen, und wußten nicht, wozu ſie in die⸗ ſer kritiſchen Situation rathen ſollten, und die Beſſern und Uneigennuͤtzigen waren mehr dagegen, daß der König ſo unruͤhmliche Bedingungen annehmen ſollte. Sie ſagten, daß diejenigen, die jetzt uber Schottland herrſchten, die Unſinnigſten und Abergläubigſten unter ihrer Partei waͤren, und daß, indem ſie ſich ſtellten, als wenn ſie ſeinen Rang und Titel anerkennten, wären ſie doch in offener Rebellion gegen ſein Haus begriffen und huͤteten ſich, ihm die kleinſte Macht in die Hände zu geben, ſo daß ſelbſt ſeine perſoͤnliche Freiheit und Si⸗ cherheit bedroht ſei. Dieſe hielten auch dafuͤr, daß die Ausſichten in Irrland ihm guͤnſtiger wären. Sie er⸗ innerten ihn uͤberdies an den Märtyrertod ſeines edlen Vaters, und wie unruhmlich es für ihn ſein wuͤrde, die Grundſätze, fuͤr die er ſein Leben gelaſſen, jetzt um eines leeren Titels Willen aufzugeben. Dabei waren die Schottländer noch uͤberdies nicht zu dem Verſprechen zu bewegen, daß ſie den Konig unterſtuͤtzen wollten, den — 32 Thron von England wieder zu erlangen, obwohl ſie ihre Abſicht dahin wirken zu wollen nicht in Abrede ſtellten. Aber ſelbſt ihre Kräfte dies zu bewirken, ſchienen zwei⸗ felhaft, und es ſtand eher zu befuͤrchten, daß Argyle, welcher jetzt an der Spitze der Truppen ſtand, ſobald ſich die guͤnſtige Gelegenheit fände, ſich mit dem engli⸗ ſchen Parlament verſoͤhnen werde, und den König, ſo wie er es mit ſeinem Vater gemacht, verrätheriſch den Händen ſeiner Feinde ausliefern werde. Dieſe Mei⸗ nung theilte auch Montroſe. Dagegen war der Graf von Laueric, welcher nach dem Tode ſeines Bruders, Herzog von Hamilton ge⸗ worden, der Graf von Lauderdale und Andere dieſer Partei, der Meinung des jungen Herzogs von Bucking⸗ ham, da Alle gern mit dem Koͤnige aus ihrer Verban⸗ nung zuruckkehren wollten, daß der König, um nur irgendwo ſeine Wuͤrde anerkannt zu ſehen, und damit irgendwo feſten Fuß zu faſſen, dieſe nur vorläufig an⸗ zuerkennenden Bedingungen annehmen muͤſſe, womit bei einigem Gluck der anderweitigen Verhältniſſe eine feſte Stellung fuͤr die Zukunft des Königs nicht ge⸗ meint ſein könnte. Montroſe aber ſah ſich genöthigt, die Verhaͤltniſſe des jungen Königs in Holland zu er⸗ wähnen, die er vielleicht richtiger und leichter zu beur⸗ cheilen Gelegenheit hatte, als Andere. Es war eine —,—— 33 verzeihliche Taͤuſchung, wenn der junge Koͤnig und ſeine ſich iſolirenden Umgebungen dieſe Stellung fuͤr dauernd, ſicher und angemeſſen hielten, denn das Volk in den vereinten Provinzen war ganz dem Intereſſe des jungen Koͤnigs ergeben. Außer ſeiner Verwandtſchaft mit dem Hauſe Ora⸗ nien, welches bei dem Volke ſehr beliebt war, ſahen auch Alle ſeinen Zuſtand mit Mitleiden an, und erklaͤr⸗ ten ihren aͤußerſten Abſcheu gegen den Mord ſeines Vaters. Obgleich nun das Publikum ſeine Liebe fur Karl an den Tag legte, ſahen die Staaten doch ſeine Gegenwart ungern. Sie fuͤrchteten ſich vor dem Par⸗ lament, welches durch ſeine Macht ſo furchtbar und in allen ſeinen Unternehmungen ſo gluͤcklich war. Sie beſorgten von Leuten von ſo heftiger Gemuͤthsart die ubereilteſten Entſchließungen, und hätten es lieber ge⸗ ſehen, wenn der Koͤnig ſich entfernt haͤtte. Montroſe wußte, daß man beabſichtigte ihm Vor⸗ ſchläge zu thun, er moͤge bei dieſer ſchwierigen Veran⸗ laſſung den Rath ſeiner königlichen Mutter, welche ihr kummervolles Leben noch immer an dem Hofe ihres gleichgultigen Bruders dahin ſchleppte, perſoͤnlich ein⸗ holen, und öffnete den Andern die Augen, daß darin die Bitte läge, die Staaten zu verlaſſen. Er rieth dem Könige, worin die Meiſten ihm beiſtimmten, dieſer be⸗ Jakob v. d. Nees. 1Ml. 3 34 abſichtigten, ſchonenden Verweiſung dadurch zuvor zu kommen, daß er ſelbſt, als ſeine eigne freie Entſchlie⸗ ßung, die Abſicht nach Frankreich zu gehen den Staaten mittheile, und bei ſeiner Reiſe ihren Schutz und Bei⸗ ſtand begehre. Wie Montroſe vorher geſagt hatte, wurde der König nach dieſer Erklaͤrung auf's bereitwilligſte in ſeinem Plane unterſtutzt, und die Staaten uͤbernahmen nicht allein mit koͤniglicher Gaſtfreundſchaft die Schul⸗ den ihres hohen Gaſtes zu tilgen, ſondern uͤbergaben ihm auch ein hochſt noͤthiges und willkommnes Geldge⸗ ſchenk, um ſeine Reiſe zu erleichtern, und nachdem der Ritter von Douglas ohne eine entſcheidende Abweiſung, welche Montroſe's Gegner zu verhindern wußten, ent⸗ laſſen war, trat der junge Koͤnig, vom Grafen von Laueric, Herzog von Hamilton und dem Herzog von Buckingham begleitet, ſeine Reiſe nach Frankreich an, um ſich an den Hof von Verſailles zu ſeinem mehr als gleichgultigen Oheim zu begeben. Montroſe dagegen gelobte dieſe Zeit fuͤr die koͤnig⸗ liche Sache redlich zu benutzen und ein Armeecorps zu ſammeln, an deſſen Spitze ſein junger Koͤnig den Thron von England zuruͤckfordern und den Beiſtand Schott⸗ lands, ohne ſo entwuͤrdigende Bedingungen einzugehen, erzwingen könne. 35 Dieſe neue und große Idee, die Montroſe begeiſtert ergriff, entwickelte eine faſt uͤbermenſchliche Energie und Thatkraft in ihm. Von dem Augenblick an, als er die Stellung des Koͤnigs ſo aufgefaßt hatte, daß ihn nur eine Armee retten, und dem zerriſſenen Vaterlande ſeine wahren Freunde wiedergeben könne, ſammelten ſich all' ſeine Kräfte, all ſeine Gedanken und Wuͤnſche nur für den einen Zweck, und er ſchien ihm ſo durchaus heilig, würdig und jeder Hingebung werth, daß er jedes Opfer von ſich und Andern forderte und hinnahm, als ehre und begluͤcke ſich Jeder, der an dieſer heiligen Sache Antheil gewoͤnne. Montroſe's Vermögen war, ſeit die Verbannung uͤber ihn ausgeſprochen, confiscirt und zum Eigenthum des Staats erklaͤrt; ſeine Kinder wurden zwar nicht verfolgt, aber ihnen war kein Antheil an den Guͤtern ihres Vaters zuerkannt und ſie waren dadurch allein der Großmuth der Lady Southhesk uͤberlaſſen, welche Schott⸗ land mit ihnen verlaſſen und ſich in Irland auf eine ihr gehörige Beſitzung zuruͤckgezogen hatte. Natuͤrlich durfte ihr dahin nur folgen, wen ſie ſelbſt dazu begehrte, und ſo war es ein halbes Wunder, daß die alte Lady Maſter Weſton beſtimmte, ſie zu begleiten, da ſie dieſe Umſtände im Uebrigen dazu benutzt hatte, jeden ihr auf⸗ genothigten fremden Einfluß von den Kindern wieder 3 X 36 abzulöſen. Aber die auffallende Veränderung in dem Geſundheitszuſtande der Kinder, eine eig'ne ſehr gluͤck⸗ liche Erfahrung bei ihren heftigen Krampfanfaͤllen, hatte ſie uͤber die großeren ärztlichen Fäͤhigkeiten des Maſter Weſton belehrt und den Pater O Reil in dieſer Beziehung ſeines Kredit's beraubt. Dies ließ ſich dieſer nun gegen Erwarten ſehr wohl gefallen, denn es hinderte den Einfluß ſeiner ubrigen Stellung wenig und ſicherte ihm bei der lacherlichſten Furcht vor Krankheit und Tod, eine Huͤlfe, die er eben deshalb zu ſchatzen nicht unter⸗ laſſen konnte. Weſton aber unterzog ſich dieſer ſchweren Aufgabe aus Liebe zu dem Hauſe Montroſe, von den Bitten und Vorſtellungen der alten, wurdigen Miſtreß Crafton uͤberzeugt, und in dem Gefuͤhl beſtaͤrkt, daß er fortan der Einzige ſein werde, der dem moraliſchen Verderben der armen Kinder entgegen arbeiten koͤnne. Der Marquis von Montroſe war demnach ſeit ſei⸗ ner Entfernung aus Schottland ohne den Zuſchuß ſeiner Revenuͤen geweſen, und es gehoͤrte ſein großartiger Charakter dazu und ſein feſtes Vertrauen auf die der⸗ einſtige Herſtellung aller rechtlichen Verhaͤltniſſe in ſei⸗ nem Vaterlande, um eine ſolche Veränderung ſeiner umſtaͤnde, ohne alle Storung ſeines Gleichmuths er⸗ tragen zu koͤnnen. ————— 37 Wir werden nicht zweifeln, daß Urica ganz dazu ge⸗ ſchaffen war, Montroſe auf eine Weiſe in den Beſitz ihres Vermögens zu ſetzen, die den Gedanken eines geſonderten Eigenthums faſt unmöglich machte, und dieſer wahre Mann war ſich ſeiner Wuͤrde ſo bewufßt, daß er es mit großmuͤthiger Liebe ſeiner Urica goͤnnte, die Mittel zu ſeiner freien Bewegung ihm darbieten zu können. Wenn dies bei ihrem bisherigen Leben das Ver⸗ mögen Urica's nicht uͤber den Zinsverbrauch angeſtrengt hatte, änderte ſich doch jetzt Beider Anſicht daruͤber und Urica theilte die Begeiſterung und den Eifer Montroſe's ſo ganz wie aus demſelben Herzen ſtröͤmend, daß ſie augenblicklich ihr großes Kapitalvermoͤgen in Bewegung ſette und es zu den Kriegsruͤſtungen Montroſe's in ſeine Hände uͤbergehen ließ. Er war zwar hierauf nicht allein angewieſen, aber er nahm dieſe ſo viel ſchneller ihm zukommenden Mittel mit um ſo großerer Sicherheit, als das Intereſſe ver⸗ ſchiedener Großmaͤchte ihm Zuſagen verſchafft hatte, die ihm Urica's Vermogen als Anleihen erſchienen ließen, die bloß verhindern ſollten, daß ſeine Operationen durch fehlende Geldmittel aufgehalten wuͤrden. Dieſe waren allerdings ſo bedeutend fuͤr eine Privatperſon, daß Beide die Nothwendigkeit einſahen, daruber zu ſchweigen, um nicht vielleicht die Aufmerkſamkeit von Urica's Ver⸗ wandten, auf die faſt damit bewirkte Auflöſung ihres furſtlichen Vermögens zu lenken.„Und,“ ſagte Mon⸗ troſe oft, indem er ſeine ſchoͤne Gemahlin mit Entzuͤcken an ſeine Bruſt druͤckte—„wer kann uns die Sicher⸗ heit des Vertrauens nachfuͤhlen, die uns begeiſtert und mich, mit dir vereinigt, zu dem Gotterwählten Streiter macht, der berufen iſt, ſeinem Vaterlande den recht⸗ mäßigen Koͤnig und dauernden Frieden zuruͤckzugeben.“ Eine alte Prophezeiung, der Montroſe mit ſeiner gluhenden Phantaſie nicht ungern Glauben ſchenkte, ſagte aus:„daß er berufen ſein werde, die Monarchie in England herzuſtellen,“ und er hatte Urica aus ihrer kuͤhleren Gemuͤthsſtimmung allmälig herauszulocken gewußt, und ſie hielt nichts mehr fuͤr Schwaͤrmerei und Phantaſterei, was Montroſe's Geiſt ergreifen konnte, und es ſagte ihrer ganzen Natur uͤberdies zu, dieſen Mann, den ſie immer lebhafter zu lieben gelernt hatte, an der Spitze ſeiner Nation zu denken— als den hei⸗ ligen Georg, der das Ungeheuer der Anarchie unter ſei⸗ nem bewaffneten Fuß zertrat. Wer kann das Gluͤck beſchreiben, was Beide in dieſer Zeit uͤber die gewohnliche Grenze irdiſcher Beſchraͤn⸗ kung ausbeuteten— exaltirt von den kuͤhnſten, reinſten und edelſten, patriotiſchen Ideen— innig und ein⸗ —,— 39 ander hingegeben durch die vollkommenſte Einigkeit in allen Gefuͤhlen, lag in dieſer thätigen Mitwirkung Urica's— indem es ihr oblag, in der Stille ihr Ver⸗ moͤgen einzuziehen— eine Gleichheit der Anſtrengung, die dies ſtarke weibliche Herz begluͤckte— und dies Wagen und Darbringen ihrer ganzen, aͤußeren Wohl⸗ habenheit, hatte etwas Staͤhlendes und gab ihnen ein Gefuhl von Ehrfurcht fuͤr einander, was ihrer gluͤhenden Liebe die hochſte Weihe gab. Montroſe hatte ſich in Holland und im Norden von Deutſchland Anhaͤnger erworben, die ſein großer, weit verbreiteter Ruf heran zog. Der König von Daͤne⸗ mark und der Herzog von Holſtein ſandten ihm einen kleinen Zuſchuß an Geld, die Königin von Schweden ſandte ihm Waffen, und der Prinz von Oranien ver⸗ ſprach, ihn mit Schiffen zu verſehen. Seine Ruͤſtungen wurden bald bekannt, und es blieb nicht aus, daß Anhaͤnger des jungen Koͤnigs aus England und Schottland ſich ihrer ſtrengen Ueberwa⸗ chung zu entziehen wußten und ſich bei Montroſe mel— deten. Aber dies waren nicht immer die beſten Ele⸗ mente; ſie brachten an ſich faſt nie mehr mit, als einen von allen Mitteln entbloͤßten, oft in Lumpen ge⸗ kleideten Parteigaͤnger, der durch den Zuſtand des Lan⸗ des entmuthigt, keineswegs die Begeiſterung des kuͤhnen 4⁰ Feldherrn theilte und den Geiſt, den Mentroſe unter ſeinen Truppen verbreitet wuͤnſchen mußte, eher hinderte als foͤrderte und ſeine Geldmittel auf erſchöpfende Weiſe in Anſpruch nahm. Deſſenungeachtet durfte Montroſe ſie nicht zuruͤckweiſen, denn es war bei dem Gluͤck der Waffen, welches Cromwells Kriegsunternehmungen bald zu einem Gegenſtande allgemeinen Erſtaunens erhob, immer ſchwerer, viele und zuverläßige Soldaten und na⸗ mentlich Offiziere zu gewinnen, welche ſich einem durch ſolchen Gegner zweifelhaft werdenden Unternehmen an⸗ ſchließen mochten. Haͤtte Montroſe uͤberall ſelbſt ſeine Werbungen ma⸗ chen koͤnnen, wäre ihm der Sieg uͤber die Gemuͤther der Menſchen, den Niemand haͤufiger als er erreichte, uberall zu Huͤlfe gekommen; aber nach der Abreiſe des Koͤnigs mußte er ſeine Kraͤfte konzentriren, um nicht uͤber das Einzelne das Ganze zu verlieren. Er mußte anfangen, das Detail an ihm dazu befaͤhigt ſcheinende Perſonen zu vertheilen, und ſo zeigten ſich nicht immer guͤnſtige Reſultate, da nur Wenige annaͤhernd die Stimmung Montroſe's zu theilen vermochten. Er hatte jetzt den Haag verlaſſen und mit richtiger Wuͤrdigung der beſonderen Stellung des Hauſes Ora⸗ nien ſeine Ruͤſtungen aus der Reſidenz nach Amſterdam verlegt, welches in ſeiner weitlaͤufigen Handelspolitik 41 dieſe Ruͤckſichten nicht zu beobachten hatte. Hier bildete ſich nun um Montroſe eine Art Hauptquartier, welches zwar ein unverkennbares Gepraͤge ſeines Charakters trug, welches aber die Hochmoͤgenden Herren der Stadt fuͤr nichts Anderes, als eine Niederlaſſung der Graͤfin Urica angeſehen wiſſen wollten, welche es vorzog, mit ihrem Gemahl in dem Kreiſe ihrer Familie zu leben. Sie hielten ſich mit dieſer Annahme jede zudring⸗ liche Anfrage des engliſchen Parlaments, welches ſie zu ſchonen wuͤnſchten, ab, und entzogen doch ihren Schutz nicht einer Sache, welche ſie bei der guͤnſtigen Stim⸗ mung der Bevölkerung fuͤr den jungen König, die ſie theilten, nicht aufzugeben geſonnen waren, ſo lange ſie in den Händen eines Mannes wie Montroſe blieb. Je tiefer jedoch Montroſe in ſein Unternehmen ein⸗ drang, je mehr beunruhigten ihn die geringen Erfolge ſeiner Anordnungen, die immer, ſo wie ſie aus ſeinen Paͤnden in andere uͤbergingen, wie in Waſſer zerrannen, und die Sache, die von allen Seiten gefoͤrdert werden mußte, auf dem Punkte ließen, den Montroſe ſelbſt herangeſchaffen hatte. Das rief truͤbe Wolken auf ſeiner Stirn hervor, und nach der Wiederholung ſolcher Erfahrungen kannte er nur einen Platz, auf welchem er ausruhen, ſeiner Sorgen durch Vertrauen ſich entledi⸗ gen und neuen Muth ſchoͤpfen konnte fuͤr das kräftige Verfolgen der wichtigen Angelegenheit— und dieſer Platz war bei Urica, die in dieſer Zeit die ganze Größe ihres Charakters entwickelte, und, wenn ſie in fruͤheren Zeiten an die Eigenſchaften, die Gott ihr gegeben, oft wie an eine ſchwere Verſuchung fuͤr eine weibliche Exi⸗ ſtenz gedacht hatte, jetzt zu fuͤhlen waͤhnte, wozu Gott ſie gerade ſo ausgeruͤſtet habe. Als er eines Morgens aus einer ſolchen unguͤnſtigen Berathung in Urica's Zimmer trat, hoͤrte er die heitere Stimme ſeiner Gemahlin und ein lieblich lachendes Kinderſtimmchen daraus ertoͤnen. Er luͤftete den Vor⸗ hang und ſah ſeine ſchoͤne Urica auf einem Lehnſtuhle in Mitte des Zimmers ſitzen und auf ihrem Schooß ein etwa ſechsjahriges, kleines Maͤdchen halten, welches ein ſolcher Inbegriff von Reiz und Schoͤnheit war, daß Montroſe ſich ganz im Anblicken vertiefte. Erſt ſpäter ſah er, daß neben Urica eine blaſſe, ha⸗ gere Frau ſaß, die in den entzuͤckenden Anblick der Gruppe, welche Urica mit dem Kinde bildete, ganz ver⸗ tieft ſich uber die Lehne ihres Stuhles gebogen hatte, waͤhrend, unbeachtet von ihr, wie es es ſchien, Thrän' auf Thraͤne uͤber ihre Wange floß. Es gehoͤrte nicht viel Scharfſinn dazu, um zu be⸗ greifen, daß dies die Muhme Angela und die kleine Flo⸗ ripes ſei, und Montroſe konnte nicht widerſtehen, ſeine „—— 43 Lauſcherrolle mit einiger Betrachtung der neuen Muhme fortzuſetzen. Angela war noch immer keine Perſon, die duich ihr Aeußeres gefallen konnte; aber es war zu viel in ihrem Innern hergeſtellt, um nicht auf ihren Ausdruck, auf ihr Betragen einen guͤnſtigen Einfluß auszuuͤben. Sie war dabei einfach, aber nach der Sitte der Zeit, wurdig, in ſchwarzen Sammt gekleidet, trug eine koſtbare, aber das Geſicht nonnenhaft umſchließende Spitzenhaube mit einem langen, ſchwarzen Spitzenſchleier. Dieſe Klei⸗ dung, an der kein Schmuck zu ſehen war, ſchien ſie in nichts zu belaͤſtigen, und ihre Stellung war ungezwun⸗ gen und ruͤhrend, da ſie Alles um ſich her in dem An⸗ blick vergeſſen zu haben ſchien, daß Urica in großer Liebe und Zärtlichkeit ihr Kind im Arme hielt. Obwohl nun Montroſe mit dem Anblick der neuen Muhme viel zufriedener war, als er es erwartet hatte, konnte er ſein Erſtaunen nicht unterdruͤcken, als er ſich dachte, daß ſie die Mutter des Engelkindes ſein ſollte, welches Urica mit Liebkoſungen uͤberhaͤufte— und nun fiel ihm die große Aehnlichkeit deſſelben mit ſeiner Ge⸗ mahlin auf, und er mußte ſich geſtehen, daß ein Unbe⸗ kannter außer Zweifel ſein muͤſſe, daß dieſe die Mutter des Engels ſei. Jetzt theilte er die Vorhaͤnge, und ſo ſchnell brach⸗ 44 ten ihn ein paar toͤnende Schritte uͤber den glatten Bo⸗ den des Gemachs, daß beide Damen keine Zeit hatten, ſich zu erheben.* Er ſaß im ſelben Augenblick, als ſie ihn bemerkten, auf einem Tabouret dicht vor ihnen, und indem er mit liebenswuͤrdiger Waͤrme und Treuherzigkeit Angela die Hand reichte, ſagte er laͤchelnd:„Willkommen, Muhme Angela, nehmet mich freundlich als euren Verwand⸗ ten an— ich biete euch ein Herz voll Hochachtung und wahrer Zuneigung.“ Angela war wie vom Donner geruͤhrt, als ſie plötz⸗ lich dicht vor ſich, ohne die lange gefuͤrchtete Qual der. Vorſtellung, den beruͤhmten Mann ſah, auf den die Aufmerkſamkeit von halb Europa gerichtet war, und deſſen große Schoͤnheit ſo hinreißend durch den ſtrah⸗ lenden Ausdruck von Geiſt und Guͤte war. Sein An⸗ blick traf ſie wie ein ploͤtzlicher Sonnenſtrahl, ſie zuckte zuſammen, ſenkte Kopf und Augen zur Erde und wußte ſich nicht zu retten, da ſie nicht aufzuſtehen vermochte, ehe Montroſe ſeinen Platz verließ. Das Kind hob die augenblickliche Verlegenheit Aller auf— blitzſchnell drehte es ſich um, und ihre großen 5 Augen, lachend vor Luſt und Schäkerei, die ſie eben mit Urica getrieben, auf ihn wendend, ſtreckte ſie die Hand nach ſeinem Geſicht aus und rief:„Biſt du unſer Vetter?“ 45 Alle mußten lachen und dies erleichterte die arme Angela. Schuͤchtern erwiderte ſie den Druck ſeiner Hand, worein ſie die ihrige gelegt, und von der Mut⸗ terliebe ermuthigt, ſagte ſie auf Floris zeigend:„Laßt ſie meine Fuͤrſprecherin ſein— ſie wird euch einſt beſſer lohnen, als ich es jemals kann und mein Unrecht an meiner Familie verſoͤhnen.“ „O, ſage das nie wieder, Angela!“ rief Urica —„das weckt meine Vorwuͤrfe gegen mich ſelbſt! Es ſchmerzt mich ſo tief, daß du dich ſchuldig halten willſt.“ „Nein, nein, Mama!“ rief Floris—„du haſt an nichts Schuld“— und die Arme um ſie ſchlingend, ſah man ihr den aͤngſtlichen Eifer an, das bekuͤmmerte Geſicht Angela's durch ihre Liebkoſungen zu erheitern. „Sie iſt, wie ich ſehe, nicht allein ſchoͤn, ſie iſt auch gut wie ein Engel,“ fluͤſterte Montroſe ſeiner Gemah⸗ lin zu, und das zerſtreute Aufblicken Urica's verrieth ihm, daß ſie von dem Kinde Angelas ganz eingenommen war. Es war ſehr auffallend, wie ſchnell Floripes ſich an Montroſe anſchloß, und alle Zeit, die er an dieſem erſten Tage bei den Frauen zubrachte, ſich mit ihm beſchäftigte, und ihre Bewunderung fuͤr ihn auf eine naive Weiſe an den Tag legte. Auch blieb dies Kind das Band zwiſchen den beiden ſo ungleichen Häuſern, und bald war Floripes von fruͤh bis Abend um Urica, und ge⸗ wöhnte ſich endlich, ohne ihre Mutter, welche aus Schonung fuͤr Nees, nicht ſo oft das Haus verlaſſen wollte, bei dieſer geliebten Tante zu bleiben, wo Alles ihrem Sinn fuͤr Schoͤnheit und Glanz ſchmeichelte, und es ihr ſo wohl wie dem Fiſch in ſeinem Ele⸗ ment war. Um dieſe Zeit ſchickte die Lady Southhesk mit vieler Verbindlichkeit einen jungen Mann, einen vertrauten Freund, wie ſie ihn nannte, der ſich Oneale nannte, an ihren Schwiegerſohn, um ihn zu begruͤßen und ihn uͤber das Wohlbefinden ſeiner Kinder zu beruhigen. In einem etwas unklaren Vortrag wußte ſie zugleich in einem Brief an Montroſe auf ſein Verhältniß zum Koͤnige und ſeine Kriegsruͤſtungen anzuſpielen, und for⸗ derte ihn auf, den Sir Richard Oneale in ſeiner Nähe zu behalten und ſich ſeiner Leiſtungen zu bedienen, die ſie als ausgezeichnet darzuſtellen wußte. Montroſe— immer geneigt, ein gutes Vernehmen mit der Großmutter ſeiner Kinder zu unterhalten, nahm den Sir Oneale mit großer Hoͤflichkeit auf, und war ſehr erfreut, als er hoͤrte, Sir Richard habe zwei Briefe von Lord Graham und Lady Jane an ſeine Gemahlin. Urica gab ſehr gern die nachgeſuchte Erlaubniß, den Sir Oneale ſelbſt zu empfangen, da ſie ſah, wie erfreut ihr Gemahl uͤber dieſe ganze Sendung war, die ihm ein Zeichen wiederkehrender, beſſerer Geſinnungen bei den ihn ſo nah angehenden Verwandten ſchien. Es war eine von den uns oft neckenden Zufallig⸗ keiten, wenn wir uns von einer Perſon, welche wir erſt kennen lernen ſollen, ein ganz anderes Bild machen, als wir dann finden. Urica hatte ſich unter Sir Richard Oneale, den Boten der Lady Southhesk, einen alten, ernſten, fin⸗ ſtern Mann gedacht, und ſie war daher faſt verlegen, als ihr Montroſe vor der Tafel, an der ſie heute meh⸗ rere Gäſte empfangen ſollte, einen ganz jungen, faſt ſchoͤnen Mann vorſtellte, und es dauerte einen Augen⸗ blick länger, als Montroſe von ſeiner Gemahlin ge⸗ wohnt war, ehe ſie ihn mit ihrer wuͤrdevollen Anmuth begruͤßte. Sir Richard Oneale war zwar nicht ſehr groß, aber von zierlicher proportionirter Geſtalt mit der vollkom⸗ menſten Haltung der vornehmen Welt. Er häͤtte ſeiner Farbe und Geſichtsbildung nach ein Spanier oder Ita⸗ liener ſein koͤnnen— Haar, Bart und Form des Kopfes war ſehr ſchoͤn, und ein wuͤrdevoller Ernſt hob ſeine ganze jugendliche Erſcheinung. Nur als Urica zuerſt nach ihrer augenblicklichen Verwirrung die Augen zu ihm aufhob, fiel ihr der ſpähende, gluhende Blick deſſel⸗ ben auf, der ſich aber augenblicklich veränderte, und 48 einen ruhig melancholiſchen Ausdruck annahm, ſo wie er dem Blick Uricas begegnete. Der nächſte Augenblick verwiſchte den ganzen Ein⸗ druck, denn Urica nahm die Briefe der beiden Kinder in Empfang, und nach Harrys zuerſt greifend, den der Bote ihr als ſolchen ſogleich bezeichnete, konnte ſie nicht widerſtehen, ihn zu oͤffnen, und wenigſtens die Ueber⸗ ſchrift:„meine theure Mutter!“ mit einem ſuͤßen Lächeln der Freude zu leſen. „Ach, mein lieber kleiner Harry!“ rief Urica— „doch ich vergeſſe, daß es jetzt faſt ſechs Jahre ſind, ſeit ich ihn nicht geſehen, und daß er faſt erwachſen ſein wird! Saht ihr ihn, Sir Oneal, und wollt ihr mir wohl beſchreiben, wie er ausſieht— und auch Lady Jane— ſie wird jetzt funfzehn Jahr ſein—“ ſetzte Urica ſchnell hinzu, weil ſie fuͤhlte, ſie habe Lady Jane ganz vergeſſen. „Euer Gnaden wuͤrden Lord Harry Graham ſehr zu ſeinem Vortheil verändert finden. Er iſt ein aus⸗ gezeichnet ſchöͤner junger Mann von etwa ſiebzehn Jahren geworden; aber ſo ſchnell erwachſen, daß ſeine Höhe, an die des Marquis von Montroſe reichen wird. Dagegen hat er ſeine fruhere Kraͤnklichkeit, wenigſtens im Aeußeren, nicht ganz uͤberwinden koͤnnen; ſein ſchoͤnes Geſicht iſt noch bleich, doch iſt ſein Befinden ohne allen Tadel. Er iſt jetzt auf der Hochſchule in Dublin, und ſeine geiſtigen Fähigkeiten ſind ſo ausgezeichnet, wie ſeine Charaktereigenſchaften.“ „O, welch' entzuͤckende Nachrichten!“ rief Urica, indem Thränen in ihre Augen ſtiegen, und ſie zu Mont⸗ roſe freudig hinuͤber blickte—„welch' ein geſegneter Bote ſeid ihr!“ fuhr ſie fort, und indem ſie ihr ſeelen⸗ volles Auge auf ihn heftete, wollte ſie den erſten Ein⸗ druck des Unbehagens, den er ihr eingefloßt, uberwinden, da ſie ſich gluͤcklich fuͤhlte— aber ſie begegnete demſel⸗ ben lauernden Blick, der faſt ſpottiſch auf ſie gerichtet war, und ſich doch ſchnell ſenkte, als er mit dem ihrigen zuſammentraf, und ſich dann ganz veraͤndert auf ſie richtete. Um ſich aus ihrem Nachdenken zu reißen, ſagte ſie leiſe:„Und Lady Jane? Hat ſie die Folgen der Pok⸗ ken uͤberwunden— hat ſie ſich zu ihrem Vortheil ent⸗ wickelt?“ Sir Oneale lächelte und wollte verlegen ſcheinen, aber ſchnell ſich zuſammennehmend, ſagte er:„O, Mi⸗ lady— ein junger Mann findet eine junge Dame von funfzehn Jahren immer ſchön!“ Er lachte, und Urica verzog das Geſicht auch zu einem Lächeln, aber ſie glaubte nun gewiß zu wiſſen, daß Lady Jane häͤßlich geblieben war. Jakob v. d. Nees. Bd. UI. 4 50 „Lady Graham,“ fuhr Sir Oneale fort—„iſt, wie ich hoͤre, auf dem Wege eine Gelehrte zu werden! Sie ſoll mit ihrem Wiſſen bereits den Pater OReil in Verlegenheit ſetzen, und gewiß kann Niemand, der ſie auch nur wenige Stunden ſieht, uͤber ihren raſchen und ſcharfen Verſtand in Zweifel ſein— allerdings hat ſie bei ihrer Jugend und der nachſichtigen Bewunderung ihrer Großmutter, die Klippen noch zu beſtehen, die ein bedeutender Verſtand jederzeit dem Charakter aufbehält. Urica erſtaunte, wie dieſer junge Mann, ohne es beſtimmt ausgeſprochen zu haben, vollſtändig angedeu⸗ tet hatte, daß Lady Jane noch dieſelbe haͤßliche und ver⸗ zogene Kreatur wie fruher ſei. Sie ſchwieg nachdenkend, als die Thuͤr ſich oͤffnete und Angela mit Floripes an der Hand herein trat. Floripes flog ſogleich auf Urica zu und wurde mit dem gewöhnlichen Entzuͤcken von dieſer empfangen und un⸗ ter den zaͤrtlichſten Kuͤſſen auf den Schooß gehoben. Da ſich Floripes nach dieſem Sturm der Zaͤrtlichkeit etwas unbehaglich nach dem fremden jungen Mann umblickte, der ein beobachtender Zeuge dieſer Scene war, trat er näher und ſagte verbindlich:„Ich wußte nicht, daß Milady Montroſe im Beſitz einer Tochter waͤre, die ſo das vollkommenſte Ebenbild ihrer ſchoͤnen Mutter iſt!“ 51 Urica, welche dieſe Bemerkung, abgeſehen von ih⸗ rer Unrichtigkeit, zu dreiſt fuͤr einen ſo jungen und fremden Mann fand, ſagte raſch und etwas trocken: „Ihr irrt, mein Herr— dies Kind iſt nicht meine Tochter!“ Doch dieſen Worten ſtroͤmte eine ſolche Glut auf Urica's Wangen nach, daß ſie, erzuͤrnt uͤber den ganzen Vorfall, das Kind zur Erde ſetzte und ſich nun erſt Angela näherte, welche unterdeſſen mit aller Achtung von Montroſe unterhalten worden war. Floripes aber war nicht minder empfindlich gewor⸗ den; denn die ſonderbare Haſt, womit ſie Urica zur Erde geſetzt hatte, war etwas Ungewohntes fuͤr das ver⸗ woͤhnte Kind, und ſie ließ nun das Koͤpfchen haͤngen und ſetzte ſich ſchmollend auf einen Fußſchemel. „Was hat Floris?“ rief Montroſe, indem er munter zu ihr hintrat— aber dieſe deckte ihr Schuͤrz⸗ chen uͤber den Kopf und ſchmollte weiter.„Nun,“ rief Montroſe, und hob ſie mitſammt dem verhuͤllten Köpf⸗ chen in ſeine Armen empor— Da ſchlang das Kind beide Arme um ihn und ſagte, faſt weinend:„Nun will Urica nicht mein Muͤtterchen ſein, und wenn wir allein ſind, ſoll ich ſie doch nie an⸗ ders nennen!“ Alle lachten nun, und Urica, die ihre Unbefangen⸗ heit wieder erhalten hatte, ſagte:„Es kam nur darauf 4* 52 an, dieſem Herrn ſeinen Jrrthum zu benehmen. Jetzt biſt du wieder mein Töchterchen nach wie vor— ſchmolle nur nicht weiter mit deinem Muͤtterchen!“ „Meine Muhme Frau van der Nees— ich ſtelle dir hier den Sir Richard Oneale vor, welcher uns Nach⸗ richten von Milords Kindern uͤberbringt— und Sir,“ fuhr ſie fort—„dies iſt die Mutter unſeres kleinen verzogenen Lieblings!“ So auffallend, als der hochſt noͤthige Anſtand es nur zuließ, war die Bewegung des Erſtaunens, mit welcher der junge Mann dieſe Erklärung aufnahm und nachdem erſt Alle dies wahrgenommen haben mußten, ſagte er:„Aus dieſer wahrſcheinlich ſehr nahen Ver⸗ wandtſchaft iſt auch allein die erſtaunenswuͤrdige Aehn⸗ lichkeit zu erklaͤren, welche dies kleine Madchen mit Euer Gnaden hat und welche mich zu der Aeußerung brachte, fuͤr welche ich jetzt um Verzeihung bitte!“ „Entſchuldigt Euch nicht,“ ſagte Urica, noch immer ungewohnlich gereizt—„dies Kind gleicht ſeiner Groß⸗ mutter, und dieſe war meine Schweſter!“ „Ich kann nur ſagen,“ nahm Montroſe das Wort— „daß— als ich dies Kind zuerſt auf dem Schooß mei⸗ ner Gemahlin ſitzen ſah, ich auch das Gefuͤhl hatte, aͤhnlicher könne eine Tochter ihrer Mutter nicht ſein!“ Angela hoͤrte ſolche Bemerkungen nicht zum erſten 53 Male, und es war ihr bei ihrer anſpruchsloſen und richtigen Wuͤrdigung ihrer eigenen Perſoͤnlichkeit eine ſuße Beftiedigung, den Wunſch ihres Herzens ſo allge⸗ mein als erfullt anerkannt zu ſehn. Aber bisher wa⸗ ren es die Aeußerungen zaͤrtlicher Verwandten geweſen, es hatten ſie ſolche Bemerkungen nur erfreut, nie ver⸗ letzt— dieſer junge Mann hatte es in ſeiner höhniſchen und anmaßenden Weiſe vermocht, ſie mit derſelben Bemerkung zu kraͤnken, und dies ihr ſo fremde Ge⸗ fuͤhl, welches einen vorhandenen Anſpruch verrieth, verwirrte ſie ſo, daß ihre ganze Haltung ſie verließ und ſie ſich ſeit lange zuerſt in einer unpaſſenden Stellung fuhlte. Das ſahen Alle, und es vermehrte gewiß den un⸗ klaren Eindruck, den der junge Mann zuerſt auf Urica gemacht und der ihm nicht guͤnſtig war. Dazu kam, daß Urica und Montroſe bald ein ſo großes Vertrauen zu Angela's ſtillem, treu theilnehmenden Sinn und ih⸗ rer verſtaͤndigen Auffaſſung gewonnen hatten, daß Beide vor ihr alle Angelegenheiten beſprachen und daher die Vertraulichkeit und Achtung, die ſie gegen ſie empfan⸗ den, auch von Andern geachtet wiſſen wollten, und ſo mußten viele kleine Umſtaͤnde zuſammenwirken, um aus der gleichguͤltigſten unbedeutendſten Begegnung eine Scene zu machen, die bei Allen tiefer ging und leiden⸗ ſchaftliche Regungen hervorrief und zu unbegruͤndetem Verdacht und argwoͤhniſcher Beobachtung fuͤhrte. Angela verlangte mit Dringlichkeit, daß man ſie vor der Tafel wieder entlaſſen möge und beſtand auch diesmal mit einer gewiſſen Hartnäckigkeit darauf, Flori⸗ pes mit zuruͤckzunehmen, worin ihre Verwandten ſich nach einigen vergeblichen Bitten fuͤgten, wozu Floripes aber nur unter vielen Thränen ihre Einwilligung gab. Sir Oneale war bei dieſer Entwicklung nicht zu ent⸗ fernen geweſen; aber ſeine Gegenwart laſtete wie Blei auf den beiden Frauen, denn was bei jedem Andern ein beſcheidenes Zuſchauen geweſen wäre, ward bei ihm die unverſchaͤmte Anmaßung eines Beobachters, und als Urica, von dieſer Stimmung verfolgt, Angela bis zur Thuͤr begleitete, rief ſie ihr mit etwas lauter Stimme nach:„Du ſiehſt mich heute Abend noch un⸗ ter der Linde auf deinem Luſthof!“ Aber Alles mußte mißgluͤcken; denn dies lang⸗ gehoffte und erwuͤnſchte Zugeſtaͤndniß Urica's, wozu dieſe bis jetzt noch nicht gekommen war, tauchte Angela's Augen in Thranen, und um dieſe zu verber⸗ gen, ließ ſie, ſich umwendend, ſchnell den Vorhang zwi⸗ ſchen ſich und Urica niederfallen. Welchen Aufruhr brachte jedoch Angela mit der Nachricht in ihr Haus, die Marquiſe von Montroſe 55 werde am Abend den Luſthof beſuchen. Nees hatte dies Ereigniß ſo viel zu fruͤh erwartet, daß er jetzt faſt nicht mehr darauf rechnete. Er hatte in der erſten Zeit auf der Lauer gelegen, vor Urica's Hauſe ſowohl wie vor dem ſeinigen, denn er argwohnte, man werde gern die Zeit wählen, wo er abweſend ſei, und hatte ohne Weiteres angenommen, ſein Verhaͤltniß zur Muhme ſei jetzt ganz in der Ordnung und Alles vergeſſen und vergeben, und er duͤrfe daher die Ziererei der vorneh⸗ men Dame nicht durchgehen laſſen, wenn ſie ihn etwa wieder vermeiden wolle, wovon er eine unheimliche Ah⸗ nung nicht bezwingen konnte. Seit einiger Zeit aber ſchien es, er habe dieſe Be⸗ gebenheit weder gewuͤnſcht noch ferner erwartet; er ver⸗ mochte zwar Angela's Beſuche bei ihrer Tante nicht ganz zu hindern, aber er fuhrte beſtaͤndig hoͤchſt verächt⸗ liche Reden uͤber Vagabonden⸗Leben, Verſchwendung und luderliche Auffuhrung. Er ſchrie oft Angela, wenn ſie in allem Frieden vor ihm ſaß, brutal an und fragte, was ſie dort gemacht, ob man ihr zu Leibe gegangen, ob ſie etwas verrathen habe oder verſprochen— er lief dann in ſeiner alten unſtäten Wuth umher und drohte mit der Fauſt in die Luft und ſprach von Bettelvolk— und Pluͤnderern und Beutemachern— und wie er es ihnen zeigen wolle! 3 56 Nicht allzu viel Acht gab Angela auf ſolche Aus⸗ bruͤche, denn ſie bezog zu Anfang unſchuldig noch im⸗ mer Alles auf ſeine Befurchtung der fruher beabſichtig⸗ ten Trennung. Später, als ſie näher in das Ver⸗ trauen ihrer beiden Verwandten eingeweiht ward und die Schritte kennen lernte, die Urica hinſichtlich ihres Vermögens thun mußte, kam ihr die Befuͤrchtung, Nees, welcher wirklich ein ſchlaues Ausſpioniren aller Geſchaͤfte des großen Geldmarktes von Amſterdam be⸗ ſaß, habe etwas von dieſen Angelegenheiten erfahren, die Urica ſehr bemuͤht war, der Aufmerkſamkeit zu ent⸗ ziehen. Sie gab daher jetzt wohl auf ihn Acht, als ſie ihm die Nachricht gab: ſie erwarte Urica, und ihre Be⸗ furchtungen konnten ſich nicht dadurch verringern. Er pruſchte lachend auf, als er es hoͤrte, und, hoch⸗ roth werdend, ſagte er:„Nun, Angelchen! laß ſie kom⸗ men mitſammt ihrem Marquis— ich bin der Mann, der verſoͤhnlich iſt— ſie hat von mir nichts zu befurch⸗ ten und kann einem Manne, wie Nees, weder Ehre noch Schande bringen!“ „Die Umſtände ändern ſich,“ fuͤgte er hinzu, ge⸗ ſpreizt um ſich blickend—„es wuͤrden jetzt gewiſſe Leute viel drum geben, gediegenen Reichthum zu be⸗ ſitzen, und dieſer macht ſich etwas beſſer, als wenn wir dabei ſind, Alles in den Wind zu blaſen! Ja, ja, . —2 Angelchen, du ſiehſt mich verwundert an— ſag', hat ſie dir nichts geſagt? He? warum kommt ſie grade jetzt? Verſtehſt, Angelchen? Aha!“ rief er, luſtig aufſpringend—„das Meſſer wird an der Kehle ſitzen und da können wir das verachtete Haus finden— denkſt, Angelchen, ſie wird jetzt die Hand nehmen, die ſie ſich damals weigerte, zu beruͤhren! He! glaubſt du? Hoͤr', ich will dir was ſagen, ich glaube, wenn Nees dumm ſein will und thun, wie das feine Lärvchen will— und haͤlt auf der verachteten, verſchmaͤhten Hand das hin, was die Gnaden brauchen koͤnnen— gieb Acht, ſie zieht den Handſchuh aus und legt das weiße Sammtpatſchchen hinein! Aber,“ rief er, tiefe Die⸗ ner machend und immer zorniger hoͤhnend—„da werde ich meinen Ruͤcken kruͤmmen und der Gnaden ein Schnippchen ſchlagen! Oho! Nees weiß, was ſeine Pand wiegt— ſie ſoll durch dieſe hochmuͤthige Närrin nicht leichter gemacht werden!“ „Willſt du mir nicht ſagen, Nees, was du meinſt?“ ſagte Angela—„du ſtößt gewiß viel böſe Worte aus, und doch vermuthe ich, du weißt bei deiner Heftigkeit nicht wohl, was du meinſt! Doch kannſt du denken, daß mir viel daran liegt, daß du in einer anſtändigen Stimmung biſt, wenn meine Muhme kommt, ſobald du geſonnen biſt, bei uns zu bleiben, oder ſie zu empfangen!“ 58 „Verlaß dich darauf, Angelchen— heute darf Nees nicht fehlen, wenn die Frau Tante kommt! Willſt' den Spaß erleben, bleibe ich zuerſt weg, wenn die Gna— den Einzug hält— was wetten wir— heute blickt ſie nach Nees aus— heute wuͤnſcht ſie, der liebe Herr Neffe ſolle gerufen werden— und dann werden die hoͤf— lichen Reden angehen, damit Nees vergeſſe, wie wir ihn einſt behandelt. Siehſt'! kleiner Schwachkopf— das verſtehſt und begreifſt du nicht! Ja! ja! Nees kann Räthſel aufgeben— und ſollſt mir den verſchla⸗ genen Kopf zeigen auf dem Kaufhauſe oder den Maͤrkten, der Nees was verbirgt.“ „Laſſen wir es dabei,“ ſagte Angela, nicht ohne ſich einer kleinen Liſt zu bedienen—„da ich dich nicht verſtehe, ſo kannſt du Recht haben, daß die Tante nach dir verlangt und das wuͤrde mir dann recht wohl thun, wenn ich ſaͤhe, daß ſie dir als Hausherrn auch gerecht zu werden trachtet, das koͤnnen wir freilich nur erfahren, wenn du, wie du es dir vorgeſetzt, zuerſt weg⸗ bleibſt.“ „Ja! ja!“ ſagte Nees—„ſo habe ich es mir vor⸗ geſetzt und ſo ſoll es bleiben— ich will doch ſehen, wenn die Frau Tante einlenkt und an's Schmeicheln kommt. Aber hoör', da wirſt du Nees kennen lernen— und bilde dir nicht ein, daß du fuͤr dich was thun kannſt— hoͤrſt 59 du? Kein Wort!— ſonſt werde ich zeigen was mir zu⸗ kommt!“ „Gewiß kennſt du Alles, was dir vortheilhaft ſein kann, und wenig habe ich dir Veranlaſſung gegeben, ſtrenge Vorſchriften gegen mich geltend zu machen,“ ſagte Angela—„aber laß das jetzt und ziehe dich zu⸗ ruͤck, da das dein Wille iſt, denn ſonſt wird uns die Tante uͤberraſchen und ich erfahre nicht, ob es ſich ſo mit ihren Geſinnungen verhaͤlt, wie du ſicher an⸗ nimmſt.“ Dieſem fuͤgte ſich Nees und wie es ſo haͤufig war — er wußte nicht, ob er luſtig oder wuͤthend war— leicht verfiel er aus dem Erſteren in das Letztere und erſtaunenswuͤrdig graͤulich waren daher ſeine Ausbruͤche von Vergnuͤgen, und die Erfahrung Aller hatte ſie ge⸗ lehrt, daß wenig Heil dabei zu gewinnen war, ſo daß nur ſeine gewohnliche muͤrriſch bruͤtende Laune eine Art von Ruhe und Sicherheit verſprach. Urica bereute zwar ihre Anmeldung bei Angela nicht, aber es wandelte ſie ein unbeſtimmtes Gefuͤhl von Un⸗ behagen an, wenn ſie daran dachte, in dieſe ſo truͤbe Häuslichkeit einzutreten und an Angela's Seite den verhaßten und verachteten Nees ſehen zu muͤſſen. Bisher hatte ſie ihre arme Nichte nur bei ſich ge⸗ ſehen und getrennt von der widrigen Zugabe ihres 60 Lebens, wodurch ſie ſich ihres ganzen Werthes bewußt geworden war. Jetzt drang unwillkurlich ein Seufzer aus ihrem Buſen, als ihr Wagen vor dem alten Pur⸗ murandſchen Hauſe hielt und ſie dachte mit einer ſonder⸗ baren Schuͤchternheit an Herrn von Marſeeven, deſſen Anweſenheit ſie ſich bei ihrem beſonderen Vorhaben hier⸗ her erbeten hatte und fuͤhlte, daß ſie ihn zu ihrem Schutz herbei wuͤnſchte. Doch erleichterte es ſie ſehr, als nur Angela und Floripes ihr entgegen traten und ſie im Hauſe ſelbſt, wehmuͤthigen Andenkens, nur die alte Suſa fand, welche ſie freundlich und achtungsvoll begrußte, und ihr ein laͤngſt zugedachtes, bedeutendes Geldgeſchenk einhaͤndigte. Als ſie auch im Luſthof den Hausherrn nicht fand, nahm Urica ſehr erleichtert unter der Linde neben ihrer Nichte Platz, und Beide uͤberließen ſich eine Zeitlang ihren tief bewegten Gefuhlen, welche die Erinnerung in ihnen hervorrief. „Aber,“ ſagte endlich Urica zu leichteren Gedanken uͤbergehend—„war dir dieſer Sir Oneale nicht auch ein unheimlicher Gaſt? War es doch, als ob wir Alle in ſeiner Gegenwart andere Menſchen wuͤrden? Geſtehe es nur, Angela, du warſt zuerſt in deinem Leben empfind⸗ lich mit uns Allen, ich wußte mich noch nie ſo ſchlecht aus einer Verlegenheit zu ziehen, und auch Montroſe 61 war ungeſchickt, denn er ſah uns Beiden ganz erſtaunt nach, als muͤſſe er von uns Aufſchluß erhalten. Ich habe ihn bereits geſcholten und wir haben gelacht; doch läßt er dich ſehr um Verzeihung bitten!“ „O das muͤßte er nicht thun,“ rief Angela— „denn ich war die Unartige! Was habe ich mir leb⸗ hafter gewuͤnſcht, als daß mein Kind euch, meine Tante, gliche; wie ſtolz war ich, als mir Frau von Marſeeven und viele Andere und endlich ihr ſelbſt dieſe Hoffnung beſtätigtet— und. nun es ein Fremder thut, was ja fuͤr mich als ſicherſter Beweis gelten könnte, da ergreift mich ein ſo unbeſchreibliches Weh, ein ſolches Gefuͤhl von Kraͤnkung, daß ich gewunſcht hätte, die Erde thäte ſich vor mir auf.“ „Die Sache iſt die, daß es eigentlich ein unver⸗ ſchaͤmter Geſell iſt,“ ſagte Urica,—„Einer von den ſicheren Klugen, die ſich ihrer Fähigkeiten bewußt ſind und denen man ihre Unarten hat durchgehen laſſen, weil man ſie gut gebrauchen konnte. Eine laͤſtige Gattung Menſchen, beſonders wenn ſie noch j jung ſind, wo ſelten die Geckenhaftigkeit, oder irgend eine Eitelkeit mit dem Aeußeren ausbleibt. Ich bin uͤberzeugt, dieſer junge Herr ſpielt den melancholiſchen Denker; aber der Schalk lacht aus jedem unbewachten Blick und ich habe ein Ge⸗ fuhl, als muͤßte ich ihn mir weit abhalten.“ „O thut das! thut das!— Ich hatte wie ein boͤſes Geſicht, als ich ihn vor euch und Floris mit ſeinen lauernden Augen ſah, als wollte er euch durchbohren— mir war es, als ſagte mir die Luft: Er hat Boͤſes vor mit Beiden!“ Urica lachte etwas kuͤnſtlich und blickte dann nach⸗ denkend vor ſich nieder; ploͤtzlich ſagte ſie:„Und Mont⸗ roſe ruͤhmt ihn ſeit geſtern ſchon, wo er ihn zuerſt ſah. Selten kommt man ihm mit Einſicht entgegen und ver⸗ ſteht ſeine Befehle. Dieſer ſchien bei Allem ſchon ge⸗ weſen und was den Meiſten fehlt, Montroſe fuͤr Alle mithaben muß, eine gebildete geographiſche Kenntniß des Landes, ſteht ihm völlig bequem zu Gebot. Er hat ihn ſogleich als dienſtthuenden Officier um ſeine Perſon angeſtellt, eben um Feldzugsplaͤne zu Papier zu brin⸗ gen, was mein Gemahl bisher ſelbſt thun mußte. Alſo“ fuhr ſie fort und zwang ſich zu lächeln—„wir werden uns an dieſen unheimlichen Gaſt gewöhnen muͤſſen, wenigſtens während der Geſellſchaftsſtunden, denn naͤher laſſe ich ihn mir nicht kommen! Doch laſſen wir ihn, uͤberhaupt, meine theure Angela,“ fuhr ſie fort— „und ſuchen Floris bei den Blumen zu beſchäftigen. Waos ich dir mitzutheilen habe, leidet ihre Nähe nicht, denn ihr Name kommt zu oft dabei vor.“ Floripes ward nun von Suſa beauftragt, Blumen fur die Tante zu pfluͤcken und endlich uͤberredet, im Saal nach Caaſens Fiedel Probe zu tanzen, um es nachher vor der Tante im Mondſchein auf dem Luſthof zu wiederholen. Urica ergriff nun Angelas Hand und ſagte bewegt: „Da es ſcheint, daß Gott meine Ehe nicht mit Kindern ſegnet, und die Kinder meines Gemahls reichlich mit Vermoögen verſehen ſind, ſobald der Zuſtand des Landes aus ſeiner Anarchie gerettet iſt, ſo war die Geburt deines Kindes und die Gefahren, in denen wir uns bei den ge⸗ fährlichen Kriegsoperationen meines Gemahls befanden, Veranlaſſung, daß wir oft an unſern Tod dachten, und Montroſe forderte, daß ich uͤber mein Vermögen, zu Gunſten meiner Verwandten verfuͤgen ſollte, d. h. deiner Tochter! Ich geſtehe dir meine Schwäche, daß es mir weh that, zu Gunſten einer van der Nees zu teſtiren, und daß ich daruͤber oft in traurige Betrach⸗ tungen verfiel, bis mir einmal der Brief wieder zu Häͤnden kam, worin du mir die Geburt dieſes Kindes mittheilteſt, und wie die Frau von Marſeeven dies Kind bei der Taufe, wo du ſie nach unſerer Großmutter Flo⸗ ripes nannteſt, dieſe, nach dem Recht der Pathen, ihr auch einen Namen zu geben, ihr Caſambort als Vor⸗ namen beilegen ließ und ihr Gemahl, der zweite Pathe, den Namen Groͤneveld. Dies war mir zu Anfang nur 64 als eine folgenloſe Abſicht, uns Allen wohlzuthun, wenig aufgefallen— jetzt, vielleicht wo meine Gedanken eine ähnliche Richtung nahmen, fiel es mir auf, und ich ſchrieb nach Ruͤckſprache mit Montroſe daruͤber an Herrn von Marſeeven. Dazwiſchen traten nun traurige Vorfälle ein; wir verließen England, und erſt viel ſpäter erreichte uns ein umher gewanderter Brief des Herrn von Marſeeven in Frankreich. Er ſagte mir, daß ſie Beide damals an die Möglichkeit gedacht hatten, Floripes dereinſt ihre Rechte auf den Namen ihrer Familie zuruͤckzugeben, und daß in der Zeit Aehnliches vorgekommen, indem Familien von altem Adel und Namen, welche die Buͤr⸗ gerkriege, bei Zerſtreuung oder Verarmung der Familie, um ihre Rechte gebracht, dieſe wieder zu erlangen ſuch⸗ ten, und dazu, nach Anerkennung der Staaten, eine Art Ritter-Beſtaͤtigung bei dem Kaiſer einzuholen ſei, wel⸗ cher auch neue Urkunden oder Atteſte, uͤber die Richtig⸗ keit der alten vorgezeigten, ausfertigen ließe, wonach jede Einwirkung beſeitigt ſei, und der Name und das Wappen mit allen Vorrechten wieder in Gebrauch trete.“ „Du wirſt jetzt ſchon ahnen, theure Angela!“ fuhr Urica zaͤrtlicher fort, da ſie ſah, wie das Blut auf der geſenkten Stirn ſtieg und verſchwand, und ein leiſes Zittern ſie bewegte—„was ich, ohne deiner Einwilligung nachzufragen, zu thun wagte! Herr von Marſeeven, 65 der alle deine Papiere in Beſib hatte, ſchickte mir dieſe auf mein Begehren nach, denn bald nachher begab ſich mein Gemahl, wie dir bekannt, an den deutſchen Kaiſer⸗ hof, und hier gelang es mir, indem ich ſelbſt in einer gnädig mir bewilligten Privat-Audienz dem Kaiſer dein unverſchuldetes Schickſal und deinen heldenmuͤthi⸗ gen Entſchluß, dies Band der Ehe, was ich deinen Rechten entzog, nicht zu löſen, mittheilte, und indem ich fur dein Kind um die Wiederherſtellung ſeiner, durch die Mutter ihm zuſtehenden Rechte bat, den Kaiſer zu uͤberzeugen und ſeine Einwilligung zu erlangen, und nachdem Herr von Marſeeven, in meinem Namen die gehorigen Schritte bei den Staaten gethan, und dies Alles in ſeiner Richtigkeit dem Kaiſer vorgelegt worden war, beſtätigte er dieſe Dokumente, die ich dir nun zur Anſicht vorlege, und dich bitte, ſie zu leſen.“ Doch Angela ſchob mit einer letzten Anſtrengung das wichtige Pergament mit ſeinen Wappenkapſeln fort, ſie öffnete ihre todtenbleichen Lippen, um zu ſprechen, und ſank ohnmächtig in die Arme ihrer erſchrockenen Tante. Urica blieb unentſchloſſen mit ihrer Buͤrde im Arm ſißen, denn indem ſie bald einſah, wie viel beſſer es ſei, dieſe natuͤrliche Erſchuͤtterung der allgemeinen Aufmerk⸗ ſamkeit des Hauſes zu entziehen, hoffte ſie auch, Angela Jakob v.d. Nees. Vd. III. 5 66 werde ſchneller und lieber ſich in ihren Armen erholen, und damit aller laſtigen Zumuthungen und Erklärungen ſich uberhoben ſehen. Sie ſuchte daher bloß nach ihrem Riechflaͤſchen und lͤftete den Guͤrtel des Kleides, und Angela's wieder⸗ kehrender Athem lohnte dieſe Bemuͤhungen. Ihr erſter Blick, der wieder Beſinnung verrieth, haftete fragend auf Urica, und als damit der ganze Vorgang in ihre Erinnerung zuruckkehrte, brach ſie in einen Strom von Thränen aus. „Dieſe Thränen werden dich erleichtern, und da ſie dich verhindern, zu leſen, will ich dir den Inhalt dieſes Dokuments erzahlen. Es iſt ungefahr ſo abgefaßt, daß es der Tochter des Fräuleins von Gröneveld, von mut⸗ terlicher Seite aus dem Hauſe Caſambort, von väter⸗ licher Seite aus dem Hauſe Barneveld abſtammend, welche ſich mit dem Buͤrger und Handelsherrn von Amſterdam, Jakob van der Nees vermählt hat— daß es der Tochter aus dieſer Ehe, auf Anſuchen ihrer Tante, der Marquiſe von Montroſe, geborne und ver⸗ mählt geweſene Grafin von Caſambort, das Recht und die unangreifbare Bevollmächtigung ertheilt, den Na⸗ men, die Wappen und die Gerechtſame beider hohen Familien, durch ihre Erhöhung zum gräflichen Range fuhren, behalten, und gegen jeden Einſpruch, welcher 67 dadurch als nichtig erklart wird, behaupten zu können. Sie ſoll ferner dies Dokument, nach Beſtimmung ihrer Verwandten und Angehoͤrigen, zu derſelben beliebigen Zeit in's Leben treten laſſen, oder ferner fuͤr ſich behal⸗ ten konnen; ſie iſt berechtigt, vor oder nach ihrer Min⸗ derjährigkeit damit hervorzutreten, und moöge ſie nie da⸗ von Gebrauch machen, ſo ſoll ſie durch dies Dokument, doch unabänderlich genannt ſein:— Floripes, Graͤfin von Caſambort.“ „Caſambort,“— ſtammelte Angela—„Caſambort — und nicht mehr, wie Vater und Mutter van der Nees— abgeloſt von ihren Eltern— der Name, den ihr der Wille des Himmels gegeben, als ein Makel von ihr genommen— auf den ſie hinſehen ſoll als eine Schande, von der man ſie erretten wollte— und doch unſer Kind— doch die Tochter derer, die dieſen Namen behalten muͤſſen!“ Angela haͤtte erſticken muͤſſen, wenn ſie die Qual und Aufregung ihres Geiſtes auf dieſe Weiſe nicht haͤtte los werden duͤrfen— ſie konnte an den Eindruck nicht den⸗ ken, den ſie vielleicht hervorrief— ſie mußte ausſprechen, was ſich in ihrer Ueberzeugung waͤhrend der qualvollen Momente, daß ſie dem Bericht der Tante zugehoͤrt, ent⸗ wickelt hatte. „Angela!“ rief Urica— erſchrocken die Haͤnde und 5* das Dokument in den Schooß ſinken laſſend—„An⸗ gela— das iſt dein Gefuhl bei dieſer Angelegenheit?“ Mit einem Schrei des Schmerzes ſtuͤrzte Angela zu den Fuͤßen ihrer Tante, und indem ſie ihren Kopf in ihren Schooß verbarg, rief ſie in leidenſchaftlicher Auf⸗ regung:„O, vergebt! vergebt mir! Ich habe euch eben beleidigt, ich fuͤhle es nur zu ſehr, ich bin dazu beſtimmt, euch Kummer zu machen und euren liebevollſten Abſich⸗ ten entgegen zu treten! Aber habt Erbarmen mit mir, denkt, daß mir nichts von den ſchoͤnen Gaben des Lebens gelaſſen war, und daß, als ich uͤberhaupt zur Beſinnung kam, ich alle Guͤter dieſer Erde fur mich unwiderruflich verloren ſah; denkt, daß ich damals nichts uͤbrig behielt, als das heiße Vertrauen, vor meinem Gott im Rechten zu bleiben— Tante, Gott hat da voll Erbarmen ein kleines Gluͤck in mir erwachſen laſſen, das ward immer mächtiger, je laͤnger es lebte, es hatte endlich die Kraft, die Welt, die mich verlockte und angſtigte, zu uͤberwin⸗ den, und ich will mir hier vor euch voll tiefer Beſcha⸗ mung ein Geſtändniß erlauben, daß ich habe einſehen lernen, wenn man mit Gott und nur mit ihm lebt, dann wird das Auge klar fuͤr das, was wahr iſt vor ihm— ich— ja ich, das geringe, unbedeutende, verwahrloſte Weſen, ich erkenne oft das Rechte ſchneller als Andere, und ſo, als ob es mir Gott ſelbſt ſagte— Tante! Tante! als ihr vorher ſprachet, da kam die große Erſchuͤtterung uͤber mich, die mir meine Beſinnung raubte, denn ich rang wie der Prophet mit Gott und er warf mich nieder, aber als ich erwachte, hatte er ſich in meinem Geiſte offenbaret.“ „Angela— Schwarmerin!“ rief Urica in einem ſeltſamen Widerſpruch ihrer Gefuͤhle—„welche Rich⸗ tung hat dein Geiſt genommen!“ „Kann das ein Irrthum ſein?“ fragte Angela und richtete ſich mit kindlicher Hingebung in Urica's Armen auf—„weißt du nicht, daß Gott Keinem Steine giebt, wenn er um Brot bittet— und mir, die ich auf ihn lauſchte, die ihm nachging, ein lebendiges Gebet— die darauf den trotzigen Glauben empfing: Er muͤſſe mir die Erkenntniß zu ihm geben— mir ſollte er Steine ſtatt Brot gegeben haben? Oder vielleicht meint ihr was Gutes mit eurer Schwärmerei, nicht wie es die Welt bezeichnet, als einen hohlen, leeren Trug des ſinn⸗ lichen Herzens!“ „Wo geräthſt du hin, Angela?“ ſagte Urica ſanft —„O ſei ſicher, nie kann ſich in meiner Seele gegen dich Tadel geſtalten— ja, ich fange an zu glauben, daß ich mit meinem weltlichen Eifer im Irrthum war, und du mir weit voraus.“ „Wer kann das entſcheiden? Aber ſagt mir nur 70 das Eine, theure Tante, daß ihr mir nicht zuͤrnt, daß ihr Erbarmen habt mit der Ueberzeugung, die mich euren Plaͤnen entgegen treten laßt.“ „Entgegen alſo,“ ſagte Urica, aufs Neue von dieſer Vorſtellung bewegt—„wirklich entgegen, weißt du denn, daß dieſe Urkunden unwiderruflich ſind?“ „Unwiderruflicher doch nicht!“ rief Angela mit einer uͤberraſchenden Kraft—„als daß dies kleine Maͤdchen, was Gott ſo herrlich ausgeſtattet, hier— hier unter dem Dache ſeines Vaters von der Mutter, die ſeinen Namen trägt, geboren iſt— unwiderruflicher nicht, daß ſie damit den Platz gefunden hat, den Gott ihr be⸗ ſtimmt.“ „Angela,“ ſagte Urica, immer weniger eifrig— „und dennoch ſiehſt du dies Kind als den Uebergang zu unſerer Familie an, als das Mittel, deine erfahrene Unbill an dir und uns zu ſuͤhnen, und in ihr all' die Vorzuͤge des Geiſtes und Körpers erhalten und entwik⸗ kelt zu ſehen, um welche du dich ſo grauſam betrogen glaubſt.“ „Iſt das nicht ein ſchoͤner Ehrgeiz?“ rief Angela „Ein Ehrgeiz, den Gott in meinem Herzen geduldet hat neben ſich— darf ich ihm nicht vertrauen? Ein herrliches Maͤdchen zu erziehen— einen Troſt fuͤr uns 71 Alle— einen Dank fuͤr Gott, der es mir gegeben— das— das halt' ich feſt— das muß ich aber auch ſchuͤ⸗ ken, Tante! Kann ich eine gute Tochter erziehen, wenn ich ſie eine Graͤfin werden laſſe mit einem andern Namen — und ſie dann kaum aufhören wird Kind zu ſein, und ſchon einſehen, ihr Vater war ein ſo gemeiner Mann, daß man ihr ſeinen Namen nicht laſſen konnte, ohn ſie zu kraͤnken— fuͤhre ich ſie damit nicht in Ver⸗ ſuchung und bereite ſelbſt vor, was die Macht der Na⸗ tur vielleicht von ihr abhält— die Verachtung ihres Vatets.“ „Ich kann dich nicht mehr widerlegen,“ ſagte Urica—„laß uns Alles mit Herrn von Marſeeven be⸗ ſprechen; er wollte mich hier finden und das Geſchäft⸗ liche wit deinem Manne abmachen. Er muß ſchon län⸗ ger im Hauſe ſein, denn ich hoͤrte ihn klopfen und ein⸗ treten, während du ohnmächtig warſt. Vielleicht bere⸗ det er, ehe er zu uns kommt, das Nothige mit Nees.“ „Das verhuͤte Gott,“ ſagte Angela ſichtlich er⸗ ſchrocken,„daß Nees davon erfahre! Vortheil irgend einer Art iſt eine harte Verſuchung fuͤr ihn— und er kann hartnäckig im Irrthum ſein, und euer Beſuch regte ihn auf und es iſt ein Zufall, daß ich ihn ſo lange von uns abhalten konnte.“ Während dieſes Geſprächs hatte Nees wohl verſteckt 72 die Tante eintreten ſehen und ſie belauſcht, in der Er⸗ wartung, wie ſie nach ihm umſehen und fuͤgſam ſich zei⸗ gen werde, ihn zu begrußen. Nees, der zu den ſchlaueſten und gewandteſten Wechslern gehoͤrte, der große Summen umſetzte und thatig und berechnend eine zuverlaͤßige Erfahrung hatte, war mit dem Vorhaben der Marquiſe Montroſe, ihr Vermoͤgen in baaren Beſtand umzuſetzen, welches bei den ſich wiederholenden Geboten der Art auf einen ſchnellen Verbrauch ſchließen ließ, um Rath gefragt wor⸗ den, und hatte die gewoͤhnliche Huͤlfe geleiſtet, ſo lange die Sache ihm völlig ſicher ſchien— jetzt aber zog er ſich ſchon vollig davon zuruͤck, denn er glaubte, daß ihr groß⸗ ter Beſitz bereits verloren ſein muſſe. So kam es, daß er ſich Urica's ploͤtzlichen Beſuch, mit dem ſie ſo lange gezoͤgert, nicht anders auslegen konnte, als daß ſie nun bei ihm, dem allbekannten reichen Nees, eine Anleihe zu machen beabſichtige— und wie er ſchon an und fuͤr ſich nie ein Darlehn machte, ohne den größten Vortheil bei der groͤßten Sicherheit davon ziehen zu können, ſo war ihm der Gedanke, ſich hier entſchieden zu weigern, jetzt noch beſonders verſuͤßt durch die Hoffnung, ſich damit gegen diejenige rächen zu können, die er vor Allen am meiſten haßte, weil ſie ihn am tiefſten verachtet, am ent⸗ ſchiedenſten und ſtolzeſten zuruͤckgewieſen hatte. ————— 73 Schon ſtieg ſeine Ungeduld, weil ihm der Moment, wo er nach der Wette gegen Angela erwartete, gerufen zu werden, zu lange ausblieb, und er, aus einem oberen Fenſter in den Hof blickend, die Frauen ſo ruhig zuſam⸗ men plaudern ſah, als werde er keineswegs dabei ver⸗ mißt. Um ſeinen Triumph gebracht zu werden, ſchien ihm unertraͤglich, er fuhr aus dem Fenſter zuruͤck— er durchſchurrte das Haus und ſetzte von einem Bein aufs andere— es zeigte ſich Niemand, ihn zu rufen. Da hörte er zu ſeiner Zerſtreuung den Klopfer an der Thuͤr, und als er Herrn von Marſeeven und den Schoͤffen Cor⸗ nelius Hooft eintreten ſah, zweifelte er keinen Augen⸗ blick, ſeine Vermuthungen wuͤrden ſich beſtätigen, nur wolle ihn die hochmuͤthige Tante durch den hochmögen⸗ den Herrn auf ihr Geſuch vorbereiten. Es war nun ein lächerlicher Kampf in Nees, da ſeine natuͤrliche Feigheit und ſein elendes Naturell es ihm faſt unerläßlich machte, vor Herrn von Marſeeven, dieſem Maͤchtigen der Stadt, zu kriechen und er doch ſich ſpreizen wollte, den reichen, hochmuͤthigen Mann ſpielen und mit Beleidigungen und Anzuͤglichkeiten jeden An⸗ trag fur die Frau Tante abzuweiſen beſchloſſen hatte. Zuerſt mußte ihn die Art und Weiſe des Ober⸗ ſchulzen in ſeinen Erwartungen beſtätigen, denn er redete Nees ſogleich mit dem Begehren an, ihn allein 74 ſprechen zu wollen. Nees vertrieb die arme Floripes ſogleich mit Caas und der Fiedel aus dem alten Purmurandſchen Banketſaal, und nöthigte in widriger, ungeſchickter Geſchaͤftigkeit, ſeine vornehmen Gäſte dort einzutreten. Marſeeven fing die Sache hier nun etwas anders an, indem er ihm, die durch Teſtamentsbeſchluß bereits befeſtigte Abſicht der Marquiſe Montroſe vortrug: Floripes— oder Floris, wie ſie abgekürzt genannt wurde— zu ihrer Erbin einzuſetzen. Der Herr von Marſeeven fand ſich etwas getäuſcht, da er bemerkte, daß Nees dieſe Mittheilung, von der er ſo viel Wirkung auf ihn erwartet hatte, ziemlich gleich⸗ guͤltig und ohne alle Erwiederung aufnahm. Nees aber dachte: das iſt mir eine ſaubere Schenkung, wenn die Frau Tante vorher reinen Tiſch macht— und ſah es bloß als eine Finte an, ihm auf dieſe Verfuͤgung hin, ſein Darlehn abzupreſſen. Herr von Marſeeven wußte aber in der That weni⸗ ger, wie Nees, daß es ſo bedenklich mit dem Vermoͤgen Urica's ſtand, obwohl er hatte abnehmen konnen, Urica muͤſſe ihrem Gemahl wohl einige Kapitalien geopfert haben. „Nun,“ ſagte Nees, nach der Aufforderung ſich uber dieſe Beſtimmung zu erklaͤren—„das haͤtten wir, 75 denke ich, ohne viel Reden und Feierlichkeiten laſſen koͤnnen! Angelchen iſt einmal mein Weibchen, Angel⸗ chens Tochter iſt die natuͤrliche Erbin der Frau Tante, das war ja ohne Teſtament ſo lang wie breit. Dabei kennt Nees die Geſetze— Teſtament hin— Teſtament her— die Frau Tante iſt noch in den Jahren— kriegt ſie uͤber's Jahr natuͤrliche Erben, ſo haben wir den gan⸗ zen Praſch umſonſt gehabt!“— Er lachte dabei roh und hoͤhniſch auf, glaubte aber die Andern gut bedient zu haben. „Nees,“ ſagte Herr von Marſeeven—„ihr ver⸗ geßt, daß das Vermögen der Marquiſe von Mont⸗ roſe freies Eigenthum iſt und in dem Grade eurer Verwandtſchaft eure Tochter keinen Rechtsanſpruch daran und dieſe Verfuͤgung der Guͤte und Liebe ihrer Tante zu danken hat.“ „Nun ja, meinetwegen!“ ſagte Nees, immer fort hin und her mit ſeinen Fäuſten auf ſeinen ſammtenen Pluderhoſen ſtreichend und dabei ſich beſtändig von vorn nach hinten wiegend—„Frei wird ihr Eigenthum bald genug ſein— mag ſie teſtiren, fur wen ſie will, ſeht! ich mache mir keinen Deut daraus, und“ fuhr er grin⸗ ſend fort—„wenn die Frau Tante ſich eingebildet haben, dafuͤr großen Dank von mir einzuernten, oder mich in Verbindlichkeiten zu verflechten, da hat ſie ſich gewaltig in Jakob van der Nees geirrt, denn weiß, was vorgeht in Amſterdam und am Geldmarkt„ — und Zeit des Lebens hat er gedacht, zum Teſtiren gehöre, daß man was habe!“ Er lachte ungeſchickt hin⸗ terher, und nickte Herrn von Marſeeven liſtig zu. Dieſer zweifelte nun nicht, daß Nees vielleicht beſſer als er ſelbſt von einigen aufgenommenen Kapitalien“ Urica's gehoͤrt haben werde, und in ſeiner argwohniſchen Furchtſamkeit an dem Beſitz, der ihm geboten wurde, verzweifelte. Keineswegs aber war die undankbare, ab⸗ weiſende Art, mit welcher Nees den erſten Theil der Mittheilung aufgenommen, ſehr erleichternd fuͤr den zweiten Theil derſelben, welcher ein Gut anbot, welches, wie er vorausſetzen mußte, noch viel weniger Werth fuͤr Nees haben konnte, und was doch, von ihm vielleicht mit Brutalität zuruͤckgewieſen zu ſehen, den guten Herrn von Marſeeven ſchon im Voraus zu kränken be⸗ gann, und ſeine uͤberwiegende Stellung nicht wenig zu verletzen drohte. Aber die Mittheilung mußte gemacht werden, und nachdem der Oberſchulze dem Herrn Hooft, der ſich des Lächelns kaum erwehren konnte uͤber ihre falſche Stellung zu dem brutalen Burſchen, einen Blick des Einverſtändniſſes zugeworfen, uͤberwand er ſich fort⸗ zufahren: 77 „Um jedoch eurer Tochter einen Beſitztitel an die Caſambort'ſchen Guͤter zu ſichern, war es nothig, ihr auch die Vorzuͤge des Standes zu gewinnen, welche ſie in ihren ſpäteren Rechten ſichern werden, und ſo hat die Frau Marquiſe von Montroſe bei der Kaiſerlichen Maje⸗ ſtät, nach vorheriger Zuſtimmung der Staaten, ausge⸗ wirkt, daß eure Tochter den Rang und den Namen einer Graͤfin von Caſambort zu fuͤhren berechtigt iſt.“ Bei dieſer Mittheilung hatte ſich ploͤtzlich Neeſens unverſchaͤmte Gleichguͤltigkeit verloren— die Augen prallten ihm aus dem Kopf— das Streichen hoͤrte auf — er lag uͤbergebogen und ſtierte den Sprechenden an. Als Herr von Marſeeven mit der Wirkung zufrieden ſchwieg, ſtieß Nees einen ſeiner wilden Töne aus, ſchlug die Fauſt vor den heiſer lachenden Mund und ſchrie uberlaut:„Der Daus! das hat ſich die Frau Tante nicht uͤbel ausgedacht! Mein Goldkind Grafin und mit dem vornehmen Namen der Frau Tante— nun koſtet es mich kein Geld, denn ich dachte immer, wenn ich zu Gelde kaͤme, ihr ſo was zu kaufen, wie jetzt Viele thun, die zu was kommen, damit die vornehme Sippſchaft uͤber das Goldkind nicht mehr die Naſe rumpfen könnte — aber wer hat zu ſo was Geld— das koſtet was— und wenn's die Frau Tante nicht Alles bezahlt, ſo iſt das nicht meine Sache— ich hab's nicht angefangen— 78 zu Unkoſten habe ich nichts uͤbrig!“ Schon regte ſich ſeine wuͤthende Angſt vor Ausgaben und aufſpringend fing er an zu ſetzen, ein wahrhaft grauenvoll, burlesker An⸗ blick, den Herr von Marſeeven und ſein Begleiter zu⸗ erſt erlebten.„Oder,“ rief er immer wuͤthender wer⸗ dend—„ſoll das die Falle werden, in die Nees purzeln ſolle Aus Dankbarkeit wegen der Titelgeſchichte ſoll Nees loslaſſen, wenn die Frau Tante pfeift, damit ſein ehrlich erworbenes, kärgliches Gut, eben ſo wie das Ihrige in den Wind geht! Hoͤrt mal!“ ſchrie er und ſchien nicht mehr zu wiſſen, wen er vor ſich hatte— „da können Raͤuber auch zu zwei Mann in's Haus dringen und den Ueberfall machen, wenn der Andere ſicher gemacht iſt und ihm ſeine Säckel leeren und ſagen: Bedanke dich noch, daß wir dich zum Bettler machten!“ So fuhr Nees fort unter wuͤthenden Spruͤngen und Gebaͤrden zu ſchreien, denn wieder zeigte es ſich, daß er ſogleich aus dem Zuſtande von wilder Freude, die er zuerſt empfunden, als er von Floripes Standeserhoͤhung horte, nun in die wahnſinnigſte Wuth uͤberging, weil er ſelbſt ſich die Freude nicht gönnte und ſich uͤberall wie auch jetzt überredete, ſie könne ihm was koſten. Nach einer Pauſe, welche die beiden Maͤnner nöthig hatten, um ihr Erſtaunen bei dieſem Anblick zu be⸗ meiſtern, faßte Herr Cornelius Hooft einen kuͤhnen Ent⸗ ſchluß, und indem der kraftige Mann mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug, daß Alles bebte, befahl er Nees, ſich augenblicklich niederzuſetzen. Das wirkte ſogleich— Nees fuhr zuſammen, als habe man ihn erſchoſſen, rannte dann nach dem Stuhl, den er verlaſſen, ſank faſt erſchöpft in Schweiß gebadet darauf hin und guckte dann verſchuͤchtert unter den buſchigen Augenbraunen hervor, denn er konnte noch nicht ganz ſeine Sinne ſammeln— erkannte aber ſchon Herrn von Marſeeven und den ihm drohend gegenuͤber ſtehenden Schöffen. „Ihr werdet, hoffe ich, einſehen, daß ihr euch wie ein Narr gebärdet habt; außerdem wie ein ungeſitteter Menſch und das uͤberdies gegen die hochachtbare Perſon des Oberſchulzen, daß ihr verdientet, der Buͤttel, wenn wir ihn hier hätten, ſchmiſſe euch zur Thuͤr hinaus, da ihr es in keiner Art verdient, daß Seiner Hochmögenden Gnaden ſich herab gelaſſen, die Schwelle eines ſolchen Wahn⸗ ſinnigen uͤberſchritten zu haben.“ Dies war die rechte Sprache mit Nees, wenn ſeine raſenden Leidenſchaften ihn zu ſo tollen Ausbruͤchen ge⸗ trieben; er kroch dann vor harten Worten und Drohun⸗ gen zuſammen, und ihm blieb nichts uͤbrig, als ſeine jämmerliche Feigheit. „Nun ja, Herr Schoffe!“ ſagte er—„ich denke 80 nicht, daß ich Recht gehabt, und der Herr Oberſchulze wird es nicht hoch nehmen, was ſo ein armer Mann in ſeinem Schmerz thut— aber“— „Schweigt!“ rief Hooft mit Donnerſtimme— „Ihr hattet keinen Schmerz erlebt, nichts als unver⸗ diente Ehre, und ihr habt euch betragen wie ein Wahn⸗ ſinniger! Doch jetzt macht und erklaͤrt euch, ob ihr als Vater dieſes jungen Mädchens, welches in den Grafen⸗ ſtand erhoben werden ſoll, gegen dieſe Abſicht ihrer Tante, der Frau Marquiſe von Montroſe, Einwendun⸗ gen zu machen habt; wenn nicht, ſo unterſchreibt und unterſiegelt dies Dokument, damit wir mit euch fertig werden!“„ „Gegen das Graͤfin-Werden und den vornehmen Namen habe ich nichts,“ ſagte Nees—„aber Herr Schoͤffe, das werdet ihr einſehen, kein Menſch kann Dokumente unterſchreiben, ohne zu wiſſen, was drin ſteht. Denkt ſelbſt“ und ſeine Faſſung hob ſich ſchon wieder bedeutend—„da könnten gute Forderungen drin ſtehen an Nees— was ſollte wohl aus ihm wer⸗ den, wenn er nicht gelernt hätte, ſich vor ſolchen Zu⸗ muthungen—“ „Schweigt!“ rief Hooft noch einmal, ſehr geſon⸗ nen, ihn nicht wieder aus ſeiner Verſchuͤchterung her⸗ aus kommen zu laſſen—„ſchweigt! ſage ich euch und leſ't das Dokument und thut dann, was ihr wollt, denn es ſteht drinnen, daß ihr eure Einwilligung ohne Ueber⸗ redung und ganz freiwillig gegeben habt!“ „Ja, wenn's geſchehen iſt, könnt ihr's loben,“ mur⸗ melte Nees und ſchickte ſich an, das Dokument zu leſen, waͤhrend die Herrn an ein Fenſter traten und hier kaum wußten, wie ihnen war, da ihr Entſetzen auch wieder an's Lachen grenzte und Beide ſich leiſe beſprechend da⸗ hin uͤbereinkamen, ſie haͤtten noch niemals ein ſo gräu⸗ liches menſchliches Weſen geſehen, als Nees. Dieſer hatte indeſſen einmal das Pergament durch⸗ geleſen, und da er keine Goldforderung an ſich darin gefunden, las er es noch einmal, um zu ſehen, ob er ſich nicht geirrt habe. Als er denſelben Inhalt fand, ward er nachdenkend und nun erſt recht mißtrauiſch, denn nun mußte es wo anders ſtecken, oder hinterdrein kommen, oder wenn er dies harmlos ausſehende Pa⸗ pier unterſchrieb, ſo hatte er vielleicht nach deutſchem Recht ein Zugeſtändniß gemacht, was ſo lautete, daß wenn man A ſagt, B von ſelber folgt. „Nun,“ ſagte Hooft, welcher Herrn von Marſee⸗ ven gebeten hatte, den groben Menſchen nicht wieder anzureden—„nun wird es bald— ich daͤchte mit zweimal durchleſen könnte man den Inhalt wiſſen!“ Nees fuhr erſchrocken auf und rief, indem er muth⸗ Jakob v. d. Nees. 1. 6 los, nichts auffinden zu können, das Pergament ſinken ließ.„Ich kann nichts entdecken!“ „Als unverdiente Wohlthaten,“ ſagte Hooft, der kaum das Lachen laſſen konnte, als er ſah, wie Nees ſich verrathen hatte—„alſo haltet uns nicht lange auf, ſondern unterſchreibt.“ „Ihr ſeid ſehr eilig, Herr Schoͤffe,“ ſagte Nees in ſichtlicher Angſt—ich habe keine Zeit, zu uͤberlegen!“ „Das habt ihr auch nicht noͤthig!“ rief Hooft— „denn es wird nichts von euch verlangt, als daß ihr ge⸗ gen die Standeserhoöhung und Namenveranderung eu⸗ rer Tochter nichts einzuwenden habt.“ „Bei Leibe nicht!“ rief Nees—„nicht das aller⸗ geringſtel und wenn ihr mir auf eure Schoͤffenehre ver⸗ ſichert, daß nichts von mir gefordert wird als die Ein⸗ willigung, ſo will ich unterſchreiben.“ Hooft ſtampfte vor Ungeduld mit dem Fuße, aber eine beſchwichtigende Bewegung des Herrn von Mar⸗ ſeeven machte ihn nachgiebig.„Nun in Gottes Na⸗ men denn!“ rief er unmuthig—„bei meiner Schoͤffen⸗ ehre! nichts weiter wird von euch gefordert werden!“ Waͤhrend nun Nees unterſchrieb, dachte er ſehr un⸗ zufrieden:„Alſo die Frau Tante will nichts von mir! Das hochmuͤthige Pack! wo ſie wohl nicht Alles borgen gehen wird, ehe ſie zu mir kommt!“— Der Triumph, 83 es ihr mit brutalen Beleidigungen abſchlagen zu kön⸗ nen, ſchien ihm alſo entzogen, und er hatte Angela nicht durch ſeine klugen Vorausſagen zu uͤberraſchen vermocht. Als er unterzeichnet hatte, nahm Hooft das Blatt in die Hand und ſagte halb aͤrgerlich halb ſpöttiſch: „Nun iſt eure Tochter eine Graͤfin— d. h. wenn ihre Mutter auch unterzeichnet, denn erſt dann bekommt ihr den kaiſerlichen Gnadenbrief mit Wappen und Namen!“ „Die haben wir ſicher,“ ſagte Nees, der a llgemach in hochmuͤthiger Freude aufſchwoll—„Dus wird fuͤr mein Weibchen eine Ueberraſchung ſein— das ahnet ſie nicht, daß ihr Kind ſo hoch hinaus ſoll— da wird ſie ein Einſehen bekommen, daß ſo ein Handelsherr von Amſterdam kein Hinderniß iſt und ſich viel daraus ma⸗ chen laͤßt, wenn man ſeine Tochter iſt! Wollt ihr wohl erlauben, daß 5 ein wenig hinrenne? Sie iſt mit der Frau Tante im Luſthof— ich mochte gern ſehen, was es fur ein Geſicht geben wird, wenn ſie hoͤrt, ſie hat einer Gräfin das Leben gegeben!“ „Bemuͤht euch nicht,“ ſagte Hooft—„wir wer⸗ den uns ſogleich Alle zu ihr begeben, und die Frau Marquiſe hat ſie bereits von Allem unterrichtet.“ „Pol ſie der T..„rief Nees giftig—„die 6* 84 muß ſich immer in meinen beſten Spaß draͤngen! Nun, es mag ſein, ich will's ihr doch wohl noch anſehen!“ Herr Cornelius Hooft mußte ihn zuruͤckdraͤngen, um den Vortritt fur den Oberſchulzen zu gewinnen, und ſo traten Alle auf den Luſthof, als dort nach der tief bewegten Scene, die eine vollig verſchiedene Auffaſſüng der Sache veranlaßte, ein ſtiller Friede zuruͤckgekehrt war und eine ernſte, liebevolle Unterhaltung uber wich⸗ tige Fragen des innern Lebens die beiden edlen Ver⸗ wandtinnen beſchaͤftigte. Nachdem Angela ernſt und ehrerbietig den Ober⸗ ſchulzen und ſeinen Begleiter begruͤßt hatte, kam nun die unabweisliche Nothwendigkeit fur Urica, Nees nicht weiter zu uͤberſehen. Die ſtarke Frau uͤberzeugte ſich nach einem fluchti⸗ gen Blick, daß er faſt noch widriger als fruͤher war; denn nach ſolchen Scenen, als die eben uͤberſtandenen, war ſein gemeines Geſicht von Leidenſchaften unterwuͤhlt noch lange zuckend und greinend. ² Dagegen war alle geruͤhmte Sicherheit mit einem Male von Nees verſchwunden, als er die glänzende Er⸗ ſcheinung Urica's ſah, welche weder an Schoͤnheit noch an Wuͤrde verloren hatte. Jetzt uͤberwand ſich dieſe mit ſtarkem Wechſel der Farbe und, ſich zu ihm wendend, ſagte ſie ſo freundlich, 85 als ſie es uͤber ihre Lippen preſſen konnte:„Guten Abend, Herr Nees— tretet naͤher, wir haben eine wich⸗ tige Angelegenheit zu berathen, wie ihr vielleicht ſchon vernommen habt durch unſern Vetter Herrn von Mar⸗ ſeeven!“ „Nichts! nichts!“ ſagte Nees, ſcharrend und naͤher fahrend—„Alles abgemacht— nichts mehr zu bera⸗ then, Frau Tante— die kleine Graͤfin ware fertig, und Nees iſt danach, das glaubt mir, ihr das Gewicht zu geben!“ Er greinte grinſend dieſen Worten nach, und als ſich Urica, von unuͤberwindlichem Widerwillen ergriffen, wegwendete, huſchte ſein Auge nach Angela hin, und als er ſie blaß und ernſt mit geſenktem Blick ſtehen ſah, glaubte er, ſie wiſſe noch nichts von dem, was er fur ein Gluck hielt, und plötzlich fuhr Urica erſchrocken zuſam⸗ men, denn er hatte ſie am Ellbogen gezupft und ſagte vertraulich:„Sie weiß wohl noch nichts?“ „Alles! Alles!“ ſagte Urica, indem ſie ſich von ihm zuruͤckzog. Jetzt war es an Nees, wie er glaubte, zu Angela's Verſtändniß zu ſprechen. Er ſchleifte ſich daher raſch um die Andern herum und, ſie am Arm faſſend, ſagte er mit ſehr veraͤnderter Stimme:„Du haſt das wohl nicht begriffen, was dir die Frau Tante geſagt hat von der neuen kleinen Graͤfin und daß du nun Mutter einer 86 Gräfin biſt— hörſt du— unſere kleine, liebe Floris eine Grafin iſt— horſt du— gewiß und wahrhaftig eine Gräfin, ſo ſicher und natuͤrlich wie fruher die Frau Tante ſelbſt!“ „O Nees!“ ſtammelte Angela, indem ſie ihn trau⸗ rig anblickte—„unſer Kind! Haſt du denn darein willigen können?“ „Kleiner Schwachkopf!“ ſagte Nees noch mit dem Verſuch, den nachſichtigen Ehemann zu ſpielen—„du haſt die Einſicht nicht— darum fragſt du ſo! Du biſt ja nun Mutter einer Gräfin— he! iſt das nicht was fuͤr deinen Hochmuth? Ah! du verſtellſt dich nur, aber's Herz wird dir ſchon puckern!“ „Nun,“ ſagte Nees, jetzt vertraulich zu Herrn Cor⸗ nelius gewendet—„verlangt nicht mehr Einſicht von ihr, als ſie haben kann— ſie hat nicht den Verſtand fur ſo was— was wollen auch Weiber damit— da⸗ für ſind wir, zuletzt ſehen ſie's ein und ſind froh, daß wir Alles machten, wie Recht iſt! Sieh, Angelchen, du haſt hier nichts zu thun, als auf ein Pergament, was dir der Herr Schoͤffe vorlegen wird, unter meinen ſchon darunter befindlichen Namen den deinigen zu ſchreiben!“ Ohne zu antworten, wendete ſich Angela von ihm, und indem ſie traurig die Haͤnde faltete, * 7 87 ſagte ſie:„Sei mir Gott gnädig und ſtehe mir bei!“ „Setzen wir uns,“ ſagte der Oberſchulze und nahm neben Urica Platz, indem er den Schoffen an Angela's Seite winkte. „Mein Vetter,“ ſagte die Marquiſe von Montroſe, indem ſie ſich zum Oberſchulzen wendete—„meine Muhme hat mir ihre Einwilligung zur Standeserhoͤ⸗ hung ihrer Tochter verweigert, und zwar aus ſo edlen Gruͤnden, daß ich mit meiner Gegenrede verſtummt bin!“ „Was?“ fuhr Nees auf—„du haſt deine Ein⸗ willigung nicht gegeben, und ich habe ſchon unter⸗ zeichnet?“ „Nees,“ ſagte mit Autoritaͤt der Oberſchulze— „ihr werdet euch durchaus ruhig verhalten, bis ihr ge⸗ fragt werdet— in nichts ſtörend einreden, weder in das, was eure Frau zu ſagen hat, noch wir zu entgeg⸗ nen, ſonſt werden wir Alle euer Haus augenblicklich verlaſſen und unſere Verhandlungen an einem andern Ort fortſetzen.“ „Nun,“ ſagte Nees, ſeine Feigheit unter trotziger Art verbergend, und ſtupſte ſich auf ſeinen Sitz zuruͤck— „das kann ich auch! Aber gebt Acht, was ihr mit ihr ausrichten werdet— ſie kann ſich ohne mich nicht 88 heraus finden! Aber ich ſchweige— oho! das wird mir leicht genug!“ Nachdem jetzt wirklich eine augenblickliche Ruhe ein⸗ getreten war, erhob Angela ihre Stimme— zuerſt ſchuͤchtern und mit ſtockender Rede, zuletzt immer ruhi⸗ ger und klarer, und waͤhrend ſie mit Schonung für Nees Alles wiederholte, was ſie Urica geſagt, hatte ſie dabei bloß die Pantomime von Nees zu ertragen, der in die Haͤnde ſchlug, bald herunter, bald hinauf rutſchte, bald die Achſeln zuckend, grinſend um ſich her ſah, bald die Fauſt ballte und wuthende Blicke ſchoß. Dagegen waren der Oberſchulze und Herr Corne⸗ lius Hooft nicht wenig ergriffen von dem, was ſie zu hören bekamen; denn ſie hatten wohl eine ſtille Theil⸗ nahme fur Angela bewahrt, aber wenn Frau von Mar⸗ ſeeven ſchon ſeit lange von ihrer Geiſtesentwickelung ſprach, mehr eine gewiſſe Gefälligkeit gegen die als mild anerkannte Meinung der Frau von Marſeeven dabei an den Tag gelegt, als daß ſie daran einigen Glauben hätten faſſen können; denn Maͤnner zweifeln langer, als ihnen gut iſt, an der Geiſtesbildung einer Frau, die ihren Unterricht nur aus einem frommen Herzen ziehen konnte. Jetzt ſchien es ihnen, ſie ſei weiter in der richtigen Anſchauung aller Verhältniſſe des Lebens, als ſie ſelbſt, und während Cornelius Hooft, dieſer Bewunderer des weiblichen Geſchlechts, mit leuchtenden Augen ihren Worten folgte, konnte auch Herr von Marſeeven ein wohlgefäͤlliges Kopfnicken nicht unterdrucken. Dadurch erleichtert und ermuthigt fuhr Angela end⸗ lich fort:„Ich höre nun von meiner großmuͤthigen Tante, deren gute Abſicht mit meinem Kinde ich wohl verſtehe, daß— an hohen Orten, wie die Staaten und ein Kaiſerhof ſind— eine beſchloſſene und vollzogene urkunde als etwas Unwiderrufliches bleibt, und ich mit meinem muͤtterlichen Einſpruch nur die Folgen aufhal⸗ ten kann. Liebe Herrn, theure Tante, bewahrt meiner lieben kleinen Floris dies wichtige Dokument, und ich will, wie mein Eheherr Nees bereis gethan, es unter⸗ zeichnen, damit es ſeine vollſtändige Richtigkeit habe. Aber dagegen wollt ihr mir in großer Guͤte zu Huͤlfe kommen, daß es dabei ſein Bewenden habe und nichts weiter davon laut werde, weder fuͤr die Stadt und das Haus, noch weniger fur Floris ſelbſt.— Einer von uns wird doch leben bleiben,“ fuhr ſie mit bebender Stimme fort—„und wird dies geliebte Kind nach Gottes Wil⸗ len erwachſen und zu Verſtande gekommen ſehen— Einer wird doch ein liebevolles Auge auf ihr Leben be⸗ halten und die Schickſale pruͤfen, die ihr von dem zuge⸗ ſchickt werden, der alles regiert— dann moge derjenige 90 uberlegen, ob ihr die Kenntniß dieſes Dokuments gut iſt, und wenn er dafur entſcheidet, dann moöge er ihr ſagen, was fur Gruͤnde ihre Mutter hatte, ihr die Kennt⸗ niß und die Annahme dieſes Ranges vorzuenthalten.“ Alle fuhren aber zuſammen, denn Nees, der beinahe zu berſten gedacht, während Angela durch ihre faſt hei⸗ lige Stimmung alle Andern in eine antheilvolle weiche Ruͤhrung verſetzt hatte— brach nun in ein rohes Ge⸗ lächter, den Vorboten ſeines Zorns, aus, und indem er ſich zudringlich vorbog, ſchrie er:„Da haben's die Gnaden! Hab' ich's nicht vorher geſagt, daß es lauter Unſinn ſein werde? Die muß man kennen, wie ich— aber wer wollte mir denn glauben? Der ganze Praſch iſt umſonſt— mit zwei Worten haͤtte ich ſie dahin ge⸗ bracht, wohin ſie muß, und all der Unſinn, den ſie ge⸗ ſchwatzt, wäre ihr da nicht erſt feſt im Kopfe geworden! Unterſchreibe, Schwachkopf— ich befehle es dir! und das Andere, was folgt, werden die machen, die ſo was verſtehen.“ Aber es durchzuckte ihn doch und bewies, daß Angela nicht ſo ohne Einfluß war, wo es ihr der Muͤhe werth ſchien, als ſie ſtark ſeinen Arm faßte und mit einer eiſernen Stimme ſagte:„Nees, du wirſt dich darein fugen, wie ich und dieſe edlen Herrn und meine Tante es beſtimmen werden.— Gehab' dich ruhig, oder ich ————,— 91 werde dir zeigen, daß ich Rechte habe, ſo heilig, als die deinigen, ich will dir zeigen, daß ich nicht aus Unwiſſen⸗ heit mein Vermögen in deinen Händen laſſe— ich ſage dir, fuge dich, verſprich hier, daß du dich in Alles finden willſt, was beſchloſſen ſein wird, wenn wir uns hier er⸗ heben.“ „Nun, nun,“ ſagte Nees—„du nimmſt den Mund voll. Wo iſt denn ein Beiſpiel, daß ich dich zwinge, mein Angelchen? Du biſt ein narriſch Ding— zuletzt geht doch Alles nach deinem Kopfe. Ja, wir armen Ehemänner,“ ſetzte er grinſend und ſich auf den ge⸗ woͤhnlichen Spaß was einbildend, hinzu, indem er den Herren noch vertraulich zunickte. Angela ließ ihn nun los, und ſich erwartungsvoll zu ihren Freunden wendend, ſagte ſie beſchaͤmt:„Be⸗ liebt es euch, mir euren Beſcheid zu geben?“ Urica weinte ſtill in ihr Tuch— ſie faßte eine er⸗ hohtere Liebe fuͤr ihre Nichte; Herr von Marſeeven fuͤhlte etwas Aehnliches.„Gewiß,“ ſagte er— „konnten wir euch nicht hören, ohne von der Wichtigkeit eurer Gruͤnde durchdrungen zu werden. Ihr habt uͤber⸗ dies ſo klar und beſtimmt Alles angegeben, was fuͤr die Zukunft ſelbſt in dieſer von uns Allen etwas uͤbereilten Sache zu thun ſein wird, daß wir, glaube ich, Alle einer Meinung ſein werden, und ich ſpreche hier zuerſt meine 92 Ueberzeugung aus und ſage: So wie ihr es ver⸗ ſtanden, ſo wie ihr daruͤber beſtimmt habt, ſo iſt es das Rechte.“ Im ſelben Augenblick lag Angela, heftig von Urica ergriffen, an deren Buſen, und unter Thraͤnen rief ſie: „O vergieb, vergieb meinem uͤbereilten, ehrgeizigen Herzen— zu dir will ich kuͤnftig aufſehen— von dir will ich Weisheit und wahre, reine Anſchauung des Le⸗ bens lernen! „Aha,“ ſagte Nees dazwiſchen, unbeſtimmt ge⸗ ſchmeichelt von der Ehre, die ſeiner Frau geſchah. Dieſe aber wehrte mit ſanftem Ernſt alle Lobſpruͤche ab und ſchämte ſich vor Cornelius Hooft, der faſt knieend ihre Hand kuͤßte und begeiſterte Worte ausſtieß. Endlich waren Alle gefaßt genug, zu dem Dokument zuruͤckzukehren. Unter der Linde auf dem kleinen Luſt⸗ hof ſchrieb Herr von Marſeeven mit eigner Hand unter Neeſens Unterſchrift als Anhang:„daß alle Unter⸗ zeichneten ſich verpflichteten, vor Gott an heiligen Eides Statt das Dokument dieſer Standeserhöhung, der darin gemeinten Floripes van der Nees bis zu ihrer Majorität oder bis zu einer wichtigen Begebenheit ihres Lebens, wo nach gemeinſamer Ueberlegung und gefaßtem Be⸗ ſchluß die Kenntniß ihres Ranges ihr von Nutzen ſein koͤnne, ihr durch die gegenſeitige Angelobung unver— 93 bruͤchlichen Schweigens vorzuenthalten.“ Dieſen Be⸗ ſchluß unterzeichneten Alle und Nees zum zweiten Male auf Angela's ernſte Anſprache. „Aber,“ rief er wirſch die Feder niederwerfend, nachdem er ſeinen Namen unterzeichnet—„das Teſta⸗ ment der Frau Tante— wie wird's damit?“ „Das Teſtament,“ rief Angela, ploͤtzlich freundlich und wie begeiſtert zu Urica's Fuͤßen ſinkend—„das Teſtament wird umſonſt ſein und euer Vermoͤgen wird in die rechten Haͤnde kommen— das ſagt mir eine Stimme in meinem Innern und ich will eure Prophetin ſein.“— Eine ſanfte Roͤthe belebte das bewegte Geſicht Urica's; ſie ſchuͤttelte zwar leiſe den Kopf, aber ein ſuͤßes Lächeln der Freude verrieth, daß ſie der Prophezeiung gern lauſchte. „Na,“ brummte Nees vor ſich hin—„das Haben und Reden begreife wer kann— hier bin ich uberfluſſig!“ „Nees,“ ſagte der Oberſchulze, der nichts uͤber⸗ ſah—„das Teſtament bleibt in Kraft bis natuͤrliche Erben eintreten!“ „Ah' ſo!“ ſagte Nees ironiſch—„ſolche Redens⸗ arten beweiſen nur, daß es wieder leeres Gerede war! Nun es kann leicht noch anders kommen— der Ver⸗ luſt wird vielleicht zu ertragen ſein!“ 94 Man hatte wäͤhrend dieſer wichtigen Verhandlung mit Willen uͤberhoͤrt, daß im Innern des Hausflurs, zu dem man die Thuͤr, um ungeſtoͤrt zu bleiben, ver⸗ ſchloſſen hatte, ſich jämmerlich klagendes Weinen hoͤren ließ, unterbrochen von den Tönen von Caaſeis Fiedel, welche aber oft ſo ſchnell abbrachen und mit andern un⸗ geſtuͤmeren Tonen wechſelten, daß auf Streit und Ge⸗ genſtreit und ſich vergeblich zeigende Beruhigungsmittel zu ſchließen war. Nees, Angela und Urica, welche in dieſem einen Gefuhl ſich vielleicht vollkommen begegneten, hatten laͤngſt gehoͤrt, daß Floripes, die arme kleine Ver⸗ bannte, mit großem Kummer dieſe Kraͤnkung ertrug, und ihr erſtes Gefuͤhl war nun, das arme Kind zu er⸗ loͤſen. 2 „O,“ rief Urica—„wir beduͤrfen Erquickung! Oeffnen wir die Thuͤr, um unſere holde Floripes herbei⸗ zurufen!“ „Ja! ja!“ ſchrie Nees uͤbergluͤcklich—„die Frau Tante hat ganz Recht— das war ein guter Einfall— danke! danke, Frau Tante!“ und damit ſchoß er gegen die Thuͤr und Floripes flog wie ein Sonnenſtrahl aus dem dunklen Raum in den daämmernden Luſthof! Wie ſchön war das Engelsantlitz, auf dem noch die Kummerthranen wie Thauperlen ſtanden, waͤhrend ſchon die Freude aus ihren dunklen Augen leuchtete ———— ,— 95 und alle weißen Zaͤhnchen des ſchonen kleinen Mundes zeigte! Sie waͤhlte nicht lang und hing faſt im ſelben Au⸗ genblick in den ihr entgegen geſtreckten Armen Urica's. „Mein Engel! Mein ſuͤßes Leben!“ rief dieſe ent⸗ zuͤckt, ſie immer wieder auf's Neue liebkoſend.— „Aber du!“ rief Floripes mit dem Verſuch zu ſchmollen—„warum biſt du ſo unartig wie die Andern — wollten denn die Andern nichts wiſſen von deiner Floris— wollten ſie nicht thun, wie du wollteſt?“ „Nein,“ ſagte Urica bewegt von der Frage— „Keiner wollte thun wie ich es wollte! Aber Alle hatten Recht und allein deine Urica hatte Unrecht.“ „O glaub' das nicht,“ rief Floripes und klammerte unter vielen Kuͤſſen ihre Arme um Urica's Hals— „du haſt immer Recht und ich will bloß thun, was du willſt! Was du willſt, das iſt immer ſo ſchoͤn— ſo leicht— ſo luſtig— bitte! bitte, liebe Mama!“ rief ſie, ſich nach Angela wendend—„laß mich thun, was Tante Urica will— es gefällt mir beſſer als alles Andere!“ Sanft faßte Angela das dargebotene Haͤndchen und ſagte milde:„Willſt du es auch thun, wenn deine Mutter es dir fuͤr ſchädlich hielte und betrubt daruͤber wuͤrde?“ Ihre Stimme bebte bei den letzten Worten 96 und das Kind ſprang augenblicklich von dem Schooß der Tante und ſturzte ſich in die Arme ſeiner Mutter und rief, ſie liebkoſend:„Nein! nein, Mama! Floris will dich nicht betruben! Nein! nein! ich will nichts von der lieben, ſuͤßen Tante— nichts— nichts, wenn du traurig darum wirſt.“ „Daß dich,“ rief Nees zwiſchen Lachen, Zuͤrnen und Weinen und drehte ſich auf dem Abſatz herum—„ich dachte ſchon, wir kriegten ſie herum!“ „Es iſt ein Nachſpiel mit derſelben Entſcheidung,“ ſagte Cornelius Hooft.— „Und wir muͤſſen es beendigen,“ ſagte Angela— „es greift meine liebe Tante zu ſehr an! Der Abend iſt ja ſelbſt in dieſem kleinen Hofe ſchoͤn— nehmt die Erfriſchungen, die Suſa dort aufſtellt und hoͤrt— eben klopft es, das iſt meine liebe Muhme Mar⸗ ſeeven!“ Sie war es wirklich— und gls auch dieſe unter der Linde Platz genommen hatte und Alle ſich an der vortrefflichen Milch, den ſchönen Fruͤchten und dem ge⸗ lungenen Backwerck erquickt— hellte ſich der daͤmmernde Hof plötzlich von der leuchtenden Kugel des Mondes auf, welcher uͤber dem Waſſer ſchwebend, die Mauer des Hofes uͤberſtieg und Alles mit ſeinem weichen Licht erhellte. ————— Floris verließ, durch ſeinen Strahl beruͤhrt, wie von einem Spielkameraden abgerufen, mit einem Freuden⸗ ſchrei ihr kleines Mahl, und ſogleich ihr Ueberkleidchen von blauem Damaſt abſtreifend, rief ſie:„Nun— nun muß ich mit dem Monde tanzen! Gieb Acht, wie ich das machen werde— er hat es ſo gern, Urica— du glaubſt nicht, wie ich auch ſpringe und mich drehe— huſch! huſch! uͤberall iſt er dabei und guckt mir uͤber die Schulter! Wir können uns was gut leiden— ich und der Mond!“— Dabei ſtreckte ſie ihre Haͤndchen nach ihm aus, und nickte laͤchelnd hinauf. „Ach! ich glaub' es,“ rief Urica—„waͤr ich der Mond, ich freute mich auf den Abend, wo ich dich wie⸗ derſehen koͤnnte!“ „Er auch,“ ſagte Floris ſicher und ernſt mit dem Koͤpfchen nickend, während ſie von den kleinen Armen das Hemdchen aufkrempte. Caas ward nun erufen, und man denke, was er empfand, er, der jetk genoͤthigt war, vor dem hochmoͤ— genden Oberſchulzen, dem Herrn Schoͤffen und ſo vor⸗ nehmen Damen ſpielen zu muͤſſen. Stolz und Ver⸗ zweiflung riſſen ſich um dies arme, junge Virtuoſenherz! Lieber— dachte er— waͤr mir's, ſie hetzten am Kanal alle Hunde auf mich, oder ich ließe Nees das Kalopho⸗ nium, ſo ſchade es wäre, als daß ich hier die Fiedel ſtrei⸗ Jakob v. d. Nees. 1Il. 7 98 chen ſoll vor denen, die ſelbſt die Stadt⸗Muſik⸗Bande im Hofe können ſpielen laſſen! Aber es iſt um hinter⸗ her, wenn ich ſagen kann: ich hab' vor dem Schulzen und Schöffen geſpielt— dann bin ich was!“ Außerdem war Caas ein uneigennutziger Burſche, der ſeinen kleinen Liebling Floripes ſo zärtlich liebte, daß er die Kraͤnkung ihrer Abſperrung noch nicht uͤberwunden hatte; nun wollte er— nahm er ſich vor— wacker aufſtreichen, damit Floris recht ſchoͤn darnach tanzen könnte, und die Andern das Einſehen kriegten, was ſie abgeſperrt hatten. Er wichste daher zum Oefteren mit ſeinem großen Stuͤck Kalophonium, was er wegen Nees, welcher immer das Auge darauf hatte, an einem abgelegten Schnuͤrbande von Floris um den Pals trug, und ſtrich nun ſcharf und ohrzerſchneidend die erſten Toͤne an, um Floris anzuzeigen, daß er fertig ſei. Da lief dieſe noch zu guter Letzt queer uͤber den jetzt aufgeräumten Platz, wo ihre Zuſchauer umher ſaßen, auf Nees zu, und begehrte ihre Pantöffeſchen. Das gab nun ein laͤcherliches Zwiſchenſpiel, denn Nees mußte wirklich die Pantoffelchen, die er immer in ſeinen Plu⸗ derhoſen trug, daraus hervorziehen; und es war ihm nicht Recht, und er grunzte etwas vor ſich hin, weil er nah' daran war, ſich zu ſchamen. Aber das konnte nicht vorhalten, da Floris ſie ihm faſt in ihrem Eifer entriß, 9 ſchnell hinein ſchluͤpfte, und nun den Mond in's Auge faſſend, ſich ihm gegenuͤber ſtellend, ihren phantaſtiſchen, ſelbſt erdachten Mondſcheintanz begann, der aus Nees bald alles Bewußtſein ſeiner niedrigen Natur zog, und in ihm fuͤr dieſe kurze Zeit nichts zuruckließ, als ein ent⸗ zuͤcktes Vaterherz. Aber auch die andern Zuſchauer fuͤhlten ſich wie be⸗ zaubert, und von einem Hauch des Unbegreiflichen— Geiſterhaften beruͤhrt! Denn was Floris feſt glaubte, ſchien nachgrade Allen wahr zu werden— der Mond tanzte mit Floris— ſie war nicht allein— ſie hatte einen Gefährten, mit dem ſie jauchzend, ſpringend, nek⸗ kend, lachend, liebkoſend und umſchlingend ihre ſuͤßen Scherze trieb, und ſo wunderliebliche Stellungen machte, zu den kuͤnſtlich fliehenden Fuͤßchen ſo holdſelig ihr Koͤpfchen bog und hob, und in die runden Bewegungen der Arme verflocht, daß Alle die Poeſie der Empfindung zu verſtehen glaubten, in der dies holde Weſen, ahnungs⸗ los davon beherrſcht, ſich ausdruͤckte. Dabei ſprach ſie zuweilen ein paar Worte, als necke ſie den Mond oder antworte ihm; ſie lachte auch hell auf, wenn ſie durch einen leichten Sprung aus einer ruhenden Stellung ubergegangen war, daß er ſie nicht hatte erwiſchen kön⸗ nen, und wenn ſie beide Arme wie einen Rahmen um das blonde Lockenkoͤpfchen ſchlang, und zu ihm aufſah, 7* 100 als locke ſie ihn, wenn ſie wieder auf den Zehen ſchlich, als ſolle er ſie nicht gleich ſehen, ſo bekam auch fur die Zuſchauer der ſtille Geiſt uͤber ihnen, an ſeinem dunklen Himmelszelt, Leben, Gefuͤhl und Beziehung zu dem holden Kinde, das ihm all' die Theilnahme zutraute, die er ihr einfloͤßte. Sie unterbrach ihren Tanz heute nicht wie ſonſt durch Ausruhen— ihre Phantaſien waren nicht zu un⸗ terbrechen, ſie brachte aber, wenn ſie nicht mehr tanzte, ruhigere Bewegungen hinein, in denen ſie mit ihrem Gefäͤhrten, dem Mond, auszuruhen ſchien, und dies war eine Pantomime, die nicht zu ſtoͤren war— als fuͤhlte ſie aber die Sorge der Mutter, ſagte ſie dann, ohne daß man inne werden konnte, ob ſie ſich ihrer Zuſchauer noch bewußt war:„Er will noch nicht aufhoͤren!“ Mit einem Male huſchte ein Silberwoͤlkchen wie ein Schleier vor den Mond; der Glanz, der ſie umgab, er⸗ blindete, und mit einem Schrei und frohlichem Geläch⸗ ter ſtuͤrzte Floris in die Arme ihrer Mutter, und rief: „Nun iſt er fort! nun geht er zu Bett!“ Alle bemuͤh⸗ ten ſich jetzt von Floris ein Gleiches zu fordern, und da ſie ſich muͤde getanzt, ließ ſie ſich endlich bereitwillig finden, und von Suſa geleitet, nahm ſie ſchon halb ſchlaftrunken von Allen Abſchied, und ließ ahnungslos ein ganz berauſchtes Publikum zuruͤck. Herr von Marſeeven aber, der nichts uͤberſah, redete Caaſian an und beſtellte ihn andern Tages zu ſich. Von da an lernte Caas bei dem Stadtmuſikmeiſter in der Lehrſchule deſſelben auf einer ganz anderen Fiedel dieſe nach Noten ſtreichen und hatte dazu einen ſchmucken Anzug bekommen, und mufßte die Freiſchule beſuchen und zum Prediger gehen; da zeigte ſich erſt, was Caas fur ein faͤhiger Burſche war. Dem Nees gefiel er aber nicht mehr ſo, denn das nahm Alles viel Zeit weg, und er hätte es bald geaͤndert; aber Nees hatte Furcht vor dem Oberſchulzen, und wie er ihm gelegentlich einen Vortheil zukommen ließ, ſo wußte er wohl, daß er ihn eben ſo gut hindern und zwingen konnte, wovon Nees nichts wiſſen wollte. Von dem Tage an hoͤrte der Herr von Marſeeven voll Achtung zu, wenn ſeine edle Gemahlin von Angela ſprach, und Cornelius Hooft war zu Urica's unendlichem Ergoͤtzen nahe daran, ſich in Angela zu verlieben, denn er fand ſie jetzt ſogar ſchoͤn und war mehrere Tage zer⸗ ſtreut und uͤbernahm alle Auftrage an Angela in Perſon. Herr von Marſeeven vergaß dagegen die Andeutun⸗ gen, welche Nees uͤber Urica's Vermoͤgen gemacht hatte, keineswegs, denn er wußte recht gut, daß dieſer einen ſchlauen und unbeſtechlichen Wucherblick uͤber alle Ge⸗ ſchafte des großen Amſterdamer Geldmarktes hatte und that bald die geeigneten Schritte, um zu erfahren, wie weit Urica bei Auflöſung ihres Vermogens bereits ge⸗ gangen ſein möge. Die zuverlaͤßigen Nachrichten, die dem allvermögen⸗ den Manne trotz Urica's Vorſicht nicht ausbleiben konn⸗ ten, ubertrafen ſo weit ſeine angeregten Beſorgniſſe, daß er ſich voll Schrecken eingeſtehen mußte, wenn jene Ex⸗ pedition Montroſe's mißgluckte, oder der junge König nicht, wie es ihm zufiel, ſeine Verpflichtung, dieſe Aus⸗ lagen zu verguͤtigen, anerkannte, Urica von einer der reichſten Frauen in den Staaten, zu einer faſt aͤrmlichen Lage werde herabgeſtiegen ſein. Nun war zwiſchen Montroſe und Herrn von Mar⸗ ſeeven ein eigenthuͤmliches Verhältniß, was bei hoher, gegenſeitiger Achtung ſie doch ein wenig von einander hielt und leicht eine Reibung hervorrief, die dem fluch⸗ tigen Beobachter unbegreiflich ſcheinen mußte, da außer⸗ dem Beide ihre Verhaltniſſe weit auseinander hielten, und wo ſie ſich berührten, bis jetzt immer viel Ruckſicht gefunden hatten. Das Geheimniß lag in ihrem vollkommen verſchie⸗ denen Naturell. Herr von Marſeeven hatte nicht eine 103 Spur von Genialitaͤt und keine Art von Leidenſchaftlich⸗ keit beherrſchte ihn. Seine Anſichten, ſeine Handlun⸗ gen waren das vollkommenſte Bild konſequenter Be⸗ rechnung. Er war ein ſcharfer Denker, die Erfahrung, wie ſeine wichtige Stellung hatten ihn zu einem feinen und erprobten Diplomaten gemacht; aber nur was auf dieſem ruhigen Wege der Beobachtung ſich ergab, exi⸗ ſtirte als wirklich fuͤr ihn. Er war vollkommen Meiſter auf dieſem Gebiet, von den gluͤcklichen Erfolgen belohnt, uͤber die Richtigkeit ſeiner Prinzipien vollkommen ſicher geworden, und erlaubte ſich einen ruhigen, aber ſehr fuͤhl— baren Haß gegen all die kuͤhnen Geburten der augen⸗ blicklichen Inſpiration. Montroſe war hiervon der vollkommenſte Gegenſatz, denn er war ein Genie und trug die Wahrheit ſeiner Eingebungen in der Inſpiration ſeines feurigen Herzens. Er uͤberzeugte nicht, er riß hin— man glaubte ihm, ehe ſeine Gruͤnde den Verſtand erreichten, er ſiegte und hatte faſt eben ſo große Erfolge als Herr von Marſee— ven erlebt; aber ſeine Berechnungen waren dabei gering geweſen gegen die Glut des Willens, gegen die Einge— bung des Augenblicks, worauf allein das Genie ſich verlaſſen darf. Seine Entwuͤrfe hatten ihn ſtets ſelbſt. zur Ausfuͤhrung noͤthig, denn ſie beſtimmten wenig mehr als das, was erreicht werden ſollte. Wer kam ihm aber gleich an Kuͤhnheit, Ausdauer, unerſchöͤpflicher Erfindungskraft, an Ueberblick, Benutzung der Zeit und Einfluß auf die Begeiſterung der Menge. Wenn zwei ſo verſchiedene Männer im Moment der Ruhe und Berathung ſich gegenuͤber ſtehen, muͤſſen ſich Beide, mit dem beſten Willen ſich gerecht zu werden, den⸗ noch entſchieden Unrecht geben. Die Mittel, die dem Genie die Sicherheit geben, koͤnnen fuͤr den Andern kein Gewicht haben, denn jener kann ſie nur im Moment der That beweiſen, und die Glut der Ueberzeugung, daß dieſer Goͤtterfunke des Genies die Berechnungen des Verſtan⸗ des uͤberholt, iſt demnach ein uͤberſinnlicher Beweis, der uͤberdies kaum als Vertheidigung uͤber die Lippen will, weil er der geheime Cultus des Herzens iſt, der profa⸗ nirt ſcheint, wenn er nicht verſtanden wird, ſondern be⸗ wieſen werden ſoll. Beide muͤſſen ſo nothwendig gleiches Vertrauen auf ihre Weiſe haben, aber vor der That wird der Verſtändige ſich im Vortheil befinden, wogegen ſich der Andere ver— geblich ſträͤuben wird, und wovon er ſich gegen ſeinen Willen beſchwert fuͤhlen wird, waͤhrend erſt nach dem Erfolge jenen eine unheimliche Ahnung beſchleichen wird, die ihn erinnert, es muͤſſe noch etwas Anderes geben, was uͤber ſeinen Berechnungen ſteht. Vielleicht hatte Herr von Marſeeven hiervon in ſei⸗ 105 nem Verhältniß eine klarere Vorſtellung, als Montroſe, der, abgezogen von ſeinen Plänen, uͤberhaupt nur ergriff, was damit zuſammen laufen wollte, und fuͤr alles Andere eine mehr ablehnende, zerſtreute Art hatte, die Herr von Marſeeven zuweilen reizte, zuweilen mit ironiſcher Sta⸗ chelrede begleitete, die ziemlich unbeachtet blieb, das Verhältniß beider Männer aber ohne Sympathien ließ. Jetzt fuͤhlte aber Herr von Marſeeven, er muͤſſe Montroſe die Augen öffnen uͤber die Lage, in die er Urica verſetzte; denn er war gerecht genug, um uͤberzeugt zu ſein, Montroſe uͤberſehe in dem Drange ſeiner ſchwierigen Lage, die in einer abſchweifenden Thätigkeit all ſeine Gedanken erforderte nicht, was er fuͤr ſeine Gemahlin bereitete. Er wollte nun ſein Vertrauen zu gewinnen ſuchen, er wollte ſich ihm als Geſchaͤfts-Gehuͤlfen mehr im Scherz als im Ernſt anbieten, und ihn ſo auf die Ge⸗ fahren hinleiten, die unausbleiblich mit ſeinem und Urica's Verfahren verknuͤpft waren. Aber das wollte ſich lange nicht machen und Mont⸗ roſe, beſtaͤndig von andern Empfindungen bewegt, fand bald die Annaͤherungen des guten Oberſchulzen etwas belaͤſtigend. Ein vertrauliches Geſpräch uͤber den jungen König, welcher in Frankreich eine ſchlechte Aufnahme gefunden 106 und, wie man behauptete, ſich nach Jerſey begeben habe, wo man noch immer ſeine Macht anerkannte, fuͤhrte endlich die gewuͤnſchte Erklärung herbei. Es war ein Moment der Ermuͤdung bei Montroſe eingetreten, der, wie voruͤbergehend er auch war, ihn doch mißbilligend, wenn nicht entmuthigt auf die Schritte des uͤbelberathenen jungen Konigs blicken ließ. Man wußte, daß ſich der Lord von Liberton, ein harter, feindlich geſinnter Mann, den die Staaten von Schott⸗ land abgeordnet hatten, um ihn zur Annahme der Be⸗ dingungen zu bewegen, daſelbſt bei ihm war und Mar⸗ ſeeven deutete auf Breda hin und hielt es wahrſcheinlich, daß der junge König ſich dorthin begeben werde, um den Weg der Unterhandlung dem der Waffen vorzuziehen. So weit waren Montroſe's Befuͤrchtungen noch nicht gegangen. Er ſprang auf und Todtenbläſſe uͤber⸗ raſchte einen Augenblick ſein bluͤhendes Geſicht— er ſtand in einer der heftigen Gemuͤthsbewegungen vor Marſeeven, die vielleicht nur ſo ſanguiniſche Menſchen empfinden koͤnnen, in einer Gemuͤthsbewegung, welche das Herz ſeines kuͤhleren Gefährten ergriff und ihn viel⸗ leicht gegen ſeinen Willen mit einer waͤrmeren Freund— ſchaft fuͤr Montroſe erfuͤllte, als ihr fruͤheres Beiſam⸗ menleben zu bewirken vermocht hatte. „Sagt mir,“ ſprach dieſer endlich mit einer vor ———— —,—— ⸗ —,———— — 107 Aufregung bebenden Stimme—„ob das mehr iſt als Geruͤcht? Täuſcht mich nicht— es iſt hochwichtig!“ „Montroſe,“ ſagte Marſeeven—„faßt euch— ich darf euch die Abſicht verbuͤrgen und ſelbſt die Aus⸗ fuͤhrung iſt als ſicher anzunehmen.“ Montroſe ſchlug in tiefer Erſchuͤtterung beide Haͤnde vor die Stirn und blieb ſo unbeweglich ſtehen— dann zog er ſie weg, aber Marſeeven erſchrak uͤber die tiefe Furche des Grams, die auf dieſer mächtigen Stirn zuruͤckgeblieben war. „Marſeeven! er iſt verrathen von den Feiglingen, die ihn umgeben,“ rief er—„ und die nichts wollen als Beſitz nehmen von dem Heerde, von dem man ſie wie Buben vertrieben, und den ſie nicht Muth fuͤhlen mit der Schärfe des Schwertes ſich wieder zu gewinnen, und jetzt als Preis fuͤr den Verrath ihres Königs ſich ausliefern laſſen! O Farl!“ rief er, die Haͤnde zum Pimmel ſtreckend—„haſt du Montroſe vergeſſen— haſt du vergeſſen, daß du gelobt, dich auf ſeine Waffen zu verlaſſen und durch dieſe in dein Königreich einzu⸗ ziehen?“ „Täuſcht euch nicht länger, mein edler Freund!“ ſagte Marſeeven zu ihm tretend—„ihr duͤrft auf keine Zuſicherung des Königs bauen— er wird ſie alle ver⸗ geſſen, ſo wie ſeine Umgebungen ihn uͤberreden, daß er 108 ſie nicht halten darf wegen des Wohls ſeiner königlichen Perſon. Eigne Beurtheilung wuͤrde ihm nicht fehlen, erhielt ihn ſein Leichtſinn und ſeine Sinnlichkeit nicht in dauerndem Rauſch, der jedes Nachdenken zu einer Laſt macht!“ „Und dennoch,“ ſagte Montroſe mit weichem, zärt⸗ lichen Schmerz—„dennoch iſt ſo viel Gutes, Edles in ihm, was angeregt, beſchuͤtzt und behuͤtet den wahren König machen wuͤrde. Ol ich kann ihn nie— nie aufgeben! O Marſeeven! lernt ihn kennen! Hier,“ rief er und riß ein Käſtchen hervor, worin mehrere Briefe des Koͤnigs lagen—„leſt'— leſt' dieſe Briefe— und fragt, ob er das Herz eines Ehrenmannes nicht begeiſtern darf?“ Als Marſeeven mit der Schnelligkeit eines Geſchafts⸗ mannes mehrere Briefe durchleſen hatte, ſchlug er mit einem verdrießlichen Geſicht die Augen zu Montroſe auf, welcher indeſſen in ſeine Gedanken vertieft, mit großen Schritten das Zimmer durchmaß.—„Ja,“ ſagte er dann, die Briefe ihm darreichend—„die Stuarts haben den Zauber des rechten Wortes! Immer trifft es den, an den es ſich richtet, als erriethen ſie ſeine ganze Seele— aber damit erreichen ſie ihre Zwecke und opfern das Indivi⸗ duum! Erlaubt mir aber, euch auf eure gewagte Stellung als Freund und Verwandter aufmerkſam zu machen.“ — — 109 „Hoͤrt erſt meinen Entſchluß,“ rief Montroſe— „ehe ihr eure liebevollen Worte an meinen unbeugſamen Sinn verſchwendet. Eure Nachrichten beſchleunigen mein Unternehmen; ich werde handeln, waͤhrend Jene ſprechen; ich werde zuſammenraffen, was ich fertig vor⸗ finde und lieber mit einer kleinen Macht ſogleich den erſten Streich fuͤhren, als daß ich die größere Organi⸗ ſation meiner Streitkraͤfte abwarte und dann vielleicht einen dem Koͤnige abgedrungenen Befehl erhalte, dies einzig wirkſame und ehrenvolle Mittel zu unterlaſſen. O, glaubt mir,“ fuhr er feurig fort, als Marſeeven einreden wollte—„dies iſt das einzige Mittel, eines wahren Patrioten wuͤrdig— das wird das Herz meines Koͤnigs mit der Macht der Wahrheit treffen und wenn die Nachricht ihn erreicht, umgeben von ſeinen falſchen Freunden, hoͤre ich ihn aufjauchzen und rufen: Mein Montroſe hat mich verſtanden— er weiß, was mir geziemt.“ Dieſe Anſicht ſtimmte mit Marſeevens Ueberzeu⸗ gung uͤberein; er war gewiß, daß es kein elenderes Mittel gab, als eine neue Unterhandlung mit den fa⸗ natiſchſten, böswilligſten Sektirern, und das Mittel einer ſiegenden Armee jedenfalls das ruͤhmlichſte und vielleicht einzige Mittel zur Rettung der Krone ſei; aber er hielt Montroſe's Kräfte dazu völlig unzureichend und den Aufſtand und Anſchluß der Irlaͤnder, den dieſer er⸗ wartete, fuͤr mehr als zweifelhaft. Hier trat nun der Fall ein, wo Beide ihre Ueber⸗ zeugung weder in Uebereinſtimmung bringen konnten, noch nachgeben wollten; wo Montroſe ſich auf ſein Ge⸗ nie, Marſeeven auf ſeine richtigen Verſtandesberechnun⸗ gen ſtutzte. Ploͤtzlich änderte Marſeeven den Angriff und ſagte: „Und habt ihr auch an eure Gemahlin gedacht?“ „Ach!“ rief Montroſe begeiſtert—„ſie wird meine beſte Stuͤtze ſein! Nie hat ein Weib hochherzigere Ge⸗ ſinnungen gehabt, als Urica— ſie grade theilt alle meine Anſichten und Plaͤne— ſie iſt meine Hoffnung, meine Zuverſicht— wenn ich wanken könnte, ſie wuͤrde mich halten, mich zuruͤckfuͤhren!“ „Und wißt ihr auch, was ihr dieſe Staͤrke giebt?“ ſagte Herr von Marſeeven.—„Die Liebe zu euch,— eure Nähe, die alle Glut ihres Innern belebt hält! Habt ihr auch daran gedacht, was aus Urica werden muß, wenn ihr unterliegt? Wenn Alles umſonſt iſt und ihr— denn das werdet ihr— mit dem Unterneh⸗ men untergeht?“ „Das werde ich,“ ſagte Montroſe ernſt und feier⸗ lich—„ich werde mit dieſem Unternehmen ſiegen oder mit ihm untergehen! Und Urica,“ er ſchwieg—„Urica — — Urica“ rief er mit einem Ausbruch von Schmerz, der Marſeeven die Thränen in die Augen trieb— „Urica, du wirſt um mich trauern wie keine— aber du wirſt nicht die göttliche Stirn erröthend vor meinem Andenken zu ſenken brauchen!“ Herr von Marſeeven fuͤhlte gegen ſeinen Willen den Einfluß Montroſe's. Er uͤberzeugte ihn nicht, und er tadelte ihn daher; aber er konnte der Liebe nicht widerſtehen, die der ſchoͤne Schwärmer ihm einfloßte. Die Hand auf ſeinen Arm legend, ſagte er mit einem milden Lächeln:„Montroſe, wir koͤnnen nicht erwarten, uͤber gewiſſe Punkte, die unſere Verſchieden⸗ heit grade ausmachen, uns zu vereinigen; aber wir konnten uns ergänzen, und da ich grade nicht in dem Fall bin, euch gebrauchen zu können, ſo gebraucht mich — ich ſehe die Lucke, wo ich einſchreiten könnte. Aus den Briefen des Königs ſehe ich, daß er um Urica's aufgelöſtes Vermogen weiß und Verſprechungen der Dankbarkeit macht, die darauf hinweiſen, daß er fuhlt, dies ihm preisgegebene Vermögen iſt ein Opfer, das ſeiner Sache gebracht wird— und er iſt dafuͤr verant⸗ wortlich, mit einem Wort: euer Schuldner!“ „Verzeiht,“ ſagte Montroſe unbefangen und na⸗ turlich,„ich vergaß, daß ihr auch dies aus den Briefen 112 des Koͤnigs heraus leſen mußtet; Urica wuͤnſchte nicht, daß davon etwas zu eurer Kenntniß käme.“ „Ich glaube es,“ ſagte Marſeeven ohne Empfind⸗ üichkeit—„Sie ſcheute den kalten nuͤchternen Freund, den allzu ſtrengen Rechenmeiſter! Weiſet ihn nicht auch zuruͤck, Montroſe! euch muß daran liegen, daß im Augenblick, wo ihr euch in das gewagteſte kriegeriſche Unternehmen ſtuͤrzt— Urica's aͤußere Lage auf alle Fälle nicht preisgegeben iſt. Vertraut mir; es iſt, wie mir ſcheint, bereits Alles geſchehen, was ich gern gehindert haͤtte— ich werde euch alſo nicht mehr laͤſtig werden durch Herzaͤhlung deſſen, was ihr damit gethan; aber laßt mich wiſſen, was ihr fuͤr Sicherheit uͤber die unge⸗ heure Schuldforderung Urica's zu beſitzen glaubt; laßt ſie mich pruͤfen und euch dann ſagen, ob ich ſie bei mei⸗ ner Geſchaͤftskenntniß ausreichend finde. Das mag Urica nicht beunruhigen, und ſie braucht es nicht zu er— fahren. Seht es als ein laſtiges Geſchaͤft an, was ich euch in einem Augenblick abnehme, wo euch die groͤßte Thätigkeit von dieſer muͤhſamen Arbeit abziehen koͤnnte.“ Wie ſchuldlos ſich Montroſe fuͤhlte, ſah Marſeeven an dem offnen Vertrauen, womit er ſeine Worte auf⸗ nahm. Er offnete ſogleich noch einmal das Käſtchen, worin die Briefe des Koͤnigs lagen, und breitete alle 113 Papiere vor Marſeeven aus. Es zeigte ſich nun in der That, daß Urica's Vermogen bis auf ihr Schloß im Haag und ihren Juwelenſchmuck in Geld verwandelt, theils bereits verausgabt war, theils die Militairkaſſe Montroſe's fuͤllte. Die Rechnungen und Papiere daruͤber bewieſen mehr Ordnung, als Marſeeven er⸗ wartet hatte, und er konnte, nachdem ihn Montroſe auf ſeinen Wunſch mit der Durchſicht allein gelaſſen hatte, wohl erkennen, worauf ſich Montroſe's Sicher⸗ heit ſtuͤtzte, denn die Briefe des Koͤnigs autoriſirten ihn unter Garantie der Krone und der Perſon des könig⸗ lichen Schuldners zu allen Bedingungen, die Gelder zu erheben, welche er zu ſeiner Erpedition noͤthig haben werde, und dies mußte fuͤr Montroſe bei ſeinem Ver⸗ trauen zum Könige und zu deſſen Sache ausreichen. Er hatte ſich aber damit nicht einmal begnuͤgt, ſondern er hatte Urica in vollguͤltigen Dokumenten die Sicher⸗ heit auf ſein eben zwar confiscirtes Vermoͤgen gegeben, welches er aber nicht aufhören konnte, als das Seinige anzuſehen; ja, ſelbſt fuͤr den Fall ſeines Todes fand Perr von Marſeeven ein improviſirtes Teſtament, wel⸗ ches dieſe Ruͤckzahlungen an Urica und ihre Erben zum Hauptgegenſtand hatte. Wie rechtlich und edel nun die Geſinnungen Mont⸗ roſe's ſeien, daruͤber blieb in ihm kein Zweifel, und er Jakob v. d. Nees. III. 8 114 faßte die Sache nun um ſo lieber thätig an, da er von Montroſe jetzt nur Zuſtimmung zu erwarten hatte. Daß Urica's furſtliches Vermoͤgen fuͤr den Augenblick frei⸗ lich zu einem Phantom verſchwunden war, was unſicher in der Luft des Zufalls ſchwebte, mußte er uͤberwinden; er mußte an nichts denken, als was aus der Sache, wie ſie einmal war, ſich jetzt noch machen ließ. Nun zeigte ſich dem erfahrenen Geſchaͤftsmann, daß alle In⸗ tentionen gut waren, aber keine bis zu dem Punkt vol⸗ lendet, um den kleinſten Rechtsſchutz zu gewähren. Bereits hatten die Staaten den Herrn von Mar— ſeeven ernannt, ſich als ihr Bevollmachtigter nach Breda zum Koͤnige zu begeben, wenn dieſer dort eintreffen werde; und Marſeeven entwarf, dieſe Gelegenheit rich⸗ tig wuͤrdigend, ſogleich eine Urkunde, worin dem Kö⸗ nige die Schuldforderungen der Marquiſe von Mont⸗ roſe, als Darlehen fuͤr die Bedurfniſſe der Kriegsruͤſtun⸗ gen der koniglichen Armee, als von demſelben geboten und garantirt zugewieſen wuͤrden— und er gelobte ſich, den jungen, leichtſinnigen Mann, von Fn er bedeu⸗ tend geringer dachte, als Montroſe, nicht eher in Ruhe zu laſſen, bis er dies Dokument mit Unterſchrift, Sie⸗ gel und Zeugen⸗Namen zu einem wirklichen Schutzbrief erhoben haͤtte. Außerdem bat er den wiederkehrenden Montroſe ſein Teſtament ſowohl, wie die Akte der An⸗ 115 weiſungen auf ſein Vermoͤgen in die gerichtliche Form bringen zu duͤrfen. Obwohl nun Montroſe mit der Akte an den König nicht ganz zufrieden war, weil es ge⸗ gen ſein großmuͤthiges Vertrauen zu dem koͤniglichen Worte ſtritt, fühlte er doch durch die klare Faſſung, wo⸗ mit ſich Marſeeven der anderen von ihm uͤberſehenen Dinge bemaͤchtigt hatte, ſo viel Vertrauen und Erleich⸗ terung, daß er endlich auch in den erſten Schritt wil⸗ ligte, beſonders da er nicht leugnen konnte, daß der junge König ſich in ublen Haͤnden befände, von deren Einfluß auf den noch nicht befeſtigten Charakter deſſel⸗ ben immer zu fuͤrchten blieb. Beide kamen jedoch darin uͤberein, daß Urica von ihrem Entſchluß keine Kenntniß bekommen ſollte, da dies ſie an die Moglichkeiten für die Zukunft erinnern mußte, die man ihr um ſo mehr erſparen wollte, da man bei dem ſchnellen Entſchluſſe Montroſe's auf eine ſehr ſchmerzliche Auftegung ihrerſeits rechnen konnte. Montroſe theilte nämlich, mit erwecktem Vertrauen zu Marſeeven, demſelben mit, daß es fruͤher Urica's Wille geweſen ſei, dem er nicht entgegen getreten, ihn mit der Armee zuruͤck zu begleiten und wie fruher jede Zufälligkeit des Krieges mit ihm zu theilen; daß er aber jett entſchloſſen ſei, bei der Dringlichkeit einer ſchnellen Ausfuͤhrung, wodurch ſich Vieles gewagt und unſicher 8* 116 ſtelle, Urica von dieſem Vorſatz abzuhalten, da er ſich durch ihre Nähe nicht, wie fruͤher, im Schutz eines ihm wohlbekannten Armeecorps gehoben und erleichtert fuͤh⸗ len werde, ſondern die Beſorgniſſe um ſie, den Anfor⸗ derungen, welche ſeine Pflicht vielleicht an ihn machen werde, hinderlich werden und ſeine Kraft läͤhmen könnten. Marſeeven billigte Montroſe's Entſchluß, Urica vorläufig zum Zuruͤckbleiben zu bewegen, höchlichſt; aber er konnte nicht ohne Theilnahme daraus erſehen, wie gewagt der kuͤhne Mann ſelbſt ſein Unternehmen hielt— und er ſtand nur mit Ueberwindung von dem erneuten Verſuch ab, Montroſe aufzuhalten, da ihm ſein Verſtand ſagte, dies werde dennoch ganz vergeb⸗ lich ſein. Er begnugte ſich daher mit dem, was zu erringen war, und Montroſe kam endlich dahin, ihm das wich⸗ tige Kaͤſtchen mit dem ganzen Inhalt zu uͤbergeben, mit der dringenden Bitte, die noch auszufertigenden Papiere gleichfalls darin zu verwahren und erſt im Fall ſeines Todes all dieſe Dokumente in Urica's Hände zuruͤck⸗ zugeben. Wie?“ rief plötzlich Marſeeven—„waren wir nicht allein?“ Gleichguͤltig blickte Montroſe nach dem Punct zu⸗ ruͤck, der Marſeevens Aufmerkſamkeit gefeſſelt hatte. 117 Es waren die Vorhaͤnge der Thuͤr, welche, einen Mo⸗ ment ſich theilend, ein maͤnnliches Geſicht gezeigt, das mit einem einzigen Blick das Kaͤſtchen uͤberlaufen und ſogleich wieder verſchwunden war. „Ach,“ ſagte Montroſe—„Oneale muß eben ein⸗ getreten ſein! Er war im folgenden Zimmer mit einer Arbeit beauftragt— er wird fertig ſein und gekommen, mich aufzuſuchen!“ Beide Männer trennten ſich ſchnell, und Beide hat⸗ ten groͤßeres Intereſſe fuͤr einander faſſen lernen, ob⸗ wohl Marſeeven kaum begreifen konnte, wie er ſo liebe⸗ voll und milde ſich gegen einen Mann fuͤhlte, der noch viel groͤßere Verſchuldungen gegen Urica's zeitlichen Be⸗ ſitz auf ſich geladen hatte, als er fuͤr möglich gehalten. Montroſe dagegen fuhlte eine Laſt von ſeiner Bruſt ge⸗ waͤlzt und erkannte ſehr wohl, welche zuverläſſige Stutze Marſeeven ihm geworden war. In den ſchonen, warmen Sommertagen war es eine herrſchende Sitte der reichen Stadt Amſterdam gewor⸗ den, während der Abendſtunden auf ſchn geſchmuͤckten Gondeln in dem klaren Baſſin des Amſtel⸗Kanals ſpa⸗ zieren zu fahren. 118 Dieſer von den ſuͤdlichen Handelsnachbaren heruͤber⸗ gekommene Gebrauch war eine gar anmuthige Sitte, und man konnte an einem warmen Juliabend nichts reizenderes ſehen, als dieſen belebten Strom, an deſſen Ufern ſich unter reichen Baumgruppen und Gebuͤſchen die ſchoͤnſten Blumengaͤrten und die reizendſten Land⸗ haͤuſer hinzogen. Ihre Balcons mit Angelhaͤuschen und Gallerien zu Tanz und Spiel oder gemuͤthlicher Ruhe einladend, verſammelten die fleißigen Bewohner der Vorderhaͤuſer, die ihre Fronten nach der Straße zu hatten, am Abend, und dieſe belebten als Zuſchauer die Ufer— wenn ſie nicht vorzogen, ihre Gondeln zu beſteigen. Dieſe Gondeln waren nach ihren Beſitzern und deren Anſpruͤchen verſchieden. Man ſah das breite, buntange⸗ ſtrichene, offene Boot mit kleinen bunten Tuchflaggen und eben ſo bunt angeſtrichenen hoͤlzernen Baͤnken, an der Spitze irgend eine grobe, lächerliche Fratze von Holz ge⸗ ſchnitten, die den Namen des Eigenthuͤmers ausdruͤcken ſollte, und welches dem geringeren Handwerksſtande an⸗ gehoͤrte, aber nicht ſelten eine luſtigere Geſellſchaft von Maͤnnern und Frauen trug, deren Geſang und fröh⸗ liches Gelaͤchter weit hinſchallte— als das anſpruchs⸗ vollere Boot des reichen Kaufherrn, welches ſchon ſeidene Wimpel, weiche Polſter, ein ſteiles Verdeck, Vergol⸗ dungen und ausgewaͤhlte Muſik an Bord fuͤhrte, und 119 die ſteifen, wohlhabigen Geſtalten in ihrem wahren Nationalcharakter, der bei den Mittelklaſſen erſt recht hervortrat, zeigte, wie ſie in ihren feinen Kleidern in tie⸗ fer, mienenloſer Ruhe ſich in ihren Sitzen blaͤhten und dieſe Luſtfahrt wie eine ſtill erduldete Schuldigkeit ertrugen. Dagegen waren auch hier die Gondeln der Ariſto⸗ kraten der Culminationspunkt des Ganzen. Mit Wap⸗ pen an den Schnaͤbeln der Schiffe, mit Sammt und goldenen Baldachinen, mit koſtbaren perſiſchen Teppichen belegt, mit Gallerien, welche, mit Blumen bedeckt, einen kleinen Garten uͤber die Wellen zu fuͤhren ſchienen— erſchoͤpften ſich Reichthum, Phantaſie und Prunkſucht an der Ausſtattung dieſer Gondeln, und man ſah ſie haͤufig in ganzen Geſellſchaften kommen, und wenn die Damen der hochmoͤgenden Herrn dabei waren, fehlte ſel⸗ ten ein voran eilender Nachen in den Farben der Stadt, welcher zum großen Ergoͤtzen der ganzen Waſſergeſell⸗ ſchaft die Stadt⸗Muſikbande enthielt. Frau von Marſeeven entzog ſich ſchon um ihrer her⸗ anwachſenden Jugend willen dieſem Vergnugen nicht, und ſie gab ſich gern hier mit ihren Standesgenoſſen Rendezvous, und oft endete ein Feſt in ihrem an der Amſtel gelegenen Gartenhauſe in Mitte ſchöner Baͤume und Blumen dieſe Gondelfahrten. Urica hatte ebenfalls ihre mit blauem Sammt und 120 Silber verzierte Gondel, und wenn die ſchoͤne, allbewun⸗ derte Frau an der Seite der ſtillen, unſcheinbaren An⸗ gela, von Floripes begleitet, und von einigen ausgezeich⸗ neten Maͤnnern der Stadt, oder von den Fremden, welche ſich um Montroſe verſammelten, umgeben, den Fluß daher kam, fluſterte Alles ihren Namen, die Gon⸗ deln draͤngten ſich näher, und wenigſtens ihr Gefolge ſah ſie jedes Mal zum Gegenſtande allgemeiner Auf⸗ merkſamkeit werden. Montroſe's wachſende Geſchäfte verhinderten ihn, ſo oft er es gewuͤnſcht, an dieſen Vergnuͤgungen Theil zu nehmen. Urica pflegte zwar an ſolchen Tagen die Stunde der Hinfahrt gewiſſenhaft zu halten und ſich auch der Geſellſchaft der lieben Muhme Marſeeven zu zeigen, aber ſie brach dann fruͤher als die uͤbrige Ge⸗ ſellſchaft von dem Landhauſe auf; ihr ganzes Gefolge zuruͤcklaſſend, kehrte ſie nur mit Angela und Floripes nach ihrer harrenden Gondel zuruͤck, und hier erlebte ſie dann oft die gluͤcklichſten Ueberraſchungen— denn wenn ſie auf dem jetzt einſamen, in ſeiner ſchönen Ruhe ſo viel erquickendern Strom den Ruͤckweg antrat, kam oft ein kleines Fiſcherboot mit zweien Ruderern daher und umſchiffte immer näher treibend die ſchoͤne Gondel, bis ein paar Ruderſchläge es anſtoßen ließen und Montroſe hinausſpringend zu Urica's Füßen lag. 121 Welch' eine bezaubernde Fahrt ward dieſe Heimkehr dann, die oft bis tief in die Nacht ſich ausdehnte und den gluͤcklich Liebenden die wahre Atmoſphäre ihrer hohen Gedanken und Träume ward. Blieb aber Montroſe auch einmal aus, trat Urica doch dieſe Heimfahrt nie ohne die hoffnungsvolle Er⸗ regtheit an, ihn zu finden, und oft ſagte ſie, wenn ſie ihn nur erſt in ihren gaſtlich erleuchteten Zimmern wie⸗ derfand:„Ich danke dir ſelbſt dieſe Taͤuſchung; dich immer erwarten, iſt ein ſo ſuͤßes Gefuͤhl, daß nur dich zu finden ſuͤßer iſt.“ An dem Abend des Tages, der Montroſe mit Mar⸗ ſeeven ſo ernſt vereinigt hatte, kehrte Urica in ſelber Weiſe und ohne Montroſe von einem Feſte der Frau von Marſeeven fruͤh uͤber den jetzt einſamen Strom zuruͤck. Sie ſah in jedem dunklen Punkte auf der Waſſerflaͤche das erwartete Boot, und Floris, deren Schlafſtunde von dem Vergnuͤgen zuruͤckgehalten war, lauſchte mit ihr nach dem von ihr ſo geliebten Montroſe. Je näher dem Hauſe Urica's, je ſchmaler ward der Kanal; die Gondel trieb ſchon zunäͤchſt den Weiden des Ufers, und die Stille des Abends ward nur noch unter⸗ brochen durch das ſäuſelnde Singen des durchſchnittenen Waſſers, als Urica und Floripes zu gleicher Zeit riefen: „Da iſt ein Boot!“ 122 Sie waren demſelben ſchon ſo nah, daß es ſie be den naͤchſten Ruderſchlaͤgen erreichen mußte; die Gondel⸗ fuͤhrer von Urica's Boot machten aber ſchnell ein ab⸗ lenkende Bewegung, als wollten ſie daſſelbe vermeiden. „Was macht ihr,“ rief Urica faſt ungeduldig—„es wird euer Herr ſein.“ „Ein leeres angebundenes Boot euer Gnaden,“ entgegnete der Bootsfuͤhrer—„wir haͤtten es faſt unterſeegelt.“ Eben glitt die Gondel dicht daran voruͤber. Man konnte bequem hinein ſehen und ein Blick Urica's da⸗ rauf— und ſie befahl die Gondel zum ſtehen zu bringen, denn der Anblick, der ſich ihr darbot, ſchien Anſpruch an ihre Theilnahme zu machen. Es war ein ganz kleines, ſchmales Fiſcherboot ohne Sitze und Verdeck. Es hatte weder Seegel, Stricke noch Ruder, es ſchwebte an einem langen Taue, welches unterhalb der Weidengebuͤſche befeſtigt ſchien. Auf ei⸗ nem Haufen Matten, welche etwas geebnet in den Nittelpunkt des Bootes gelegt waren— lag, lang aus⸗ geſtreckt wie eine Leiche, ein Kind ven etwa fuͤnf bis ſechs Jahren. Ein langes weißes Gewand, was unter dem Halſe befeſtigt üͤber die Fuͤße weg hing, hatte das Anſehn eines Leichenhembes— die dichten braunen Lok⸗ ken, die vom Geſicht getheilt, es doch umgaben, ließen 123 dieſes todtenbleich erſcheinen— auf einem Holzkloben, dicht neben dem Kopf, ſtand eine Laterne, deren Licht auf das Geſicht des Kindes fiel— es war ein Mittel, wie es ſchien, die Aufmerkſamkeit zu feſſeln. „Um Gotteswillen,“ rief Urica—„was iſt das— ich fuͤrchte eine Leiche!“— Schon verließ ihr Kammer—⸗ diener und einer der Lakaien die Gondel und beſtiegen das Boot. Als ſie den Koͤrper beruͤhrt, wendete ſich der Kammerdiener zu Urica und ſagte:„Vielleicht iſt noch Rettung moͤglich— Tod iſt das nicht— aber auch kein Schlaf!“ „Bringt das Kind hierher,“ rief Floripes, ſich faſt uͤber die Gondel ſtuͤrzend, indem ſchon Thraͤnen aus ihren Augen floſſen.—„Tante! liebe Tante! das Kind! das Kind! das arme Kind! es iſt ertrunken— o! bringt es hierher— hierher— wir wollen es aufwecken!“ „Wenn du ruhig biſt, ſoll dies Alles geſchehn,“ rief Urica ihr zu—„aber nur dann— denn wenn du ſo heftig biſt, werde ich es nicht erlauben.“ „Gleich! gleich, liebe Tante!“ rief Floripes und verbarg ihre zuckenden Augen an dem Buſen ihrer Mutter.—„Jetzt— jetzt, liebe Tante! ſieh doch nur, wie ſtill ich bin— bitte! bitte, liebe Tante! o! das arme, arme Kind!“ Urica hatte ſchon Befehl gegeben, es nach der — Gondel zu tragen. Die Leute legten den bewußtloſen Koͤrper auf einen der Polſter der Gondel. Das arme kleine Weſen war entweder ſchon todt, oder doch gänzlich bewußtlos— es blieb liegen, wie es gelegt ward, und nur daß der Köͤrper biegſam war und nicht ſo kalt, unterſchied es von einer Leiche und ließ Hoffnung, daß es erſt ſeit kurzem in dieſem Zuſtande ſei. In einigen Minuten erreichte man den Garten vor Urica's Hauſe und da beim Landen immer eine Glocke in Bewegung geſetzt wurde, welche die Ankunft der Herrſchaft andeutete, ſo war der Weg vom Hauſe bis zum Strande bald mit Windlichtern erhellt, und als Urica, welche noch immer uͤber den kleinen Findling ge⸗ beugt da ſaß, ſich erhob und an's Ufer ſtieg, eilte ihr Montroſe ſchon entgegen. „O,“ rief ſie, an ſeiner Bruſt erſt ihre Erſchuͤtterung inne werdend—„was iſt uns geſchehen, mein Ge⸗ liebter! Was werden wir erleben!“ Erſchrocken richtete Montroſe Urica's blaſſes, be⸗ truͤbtes Geſicht empor; aber ſie zeigte auf die kleine Prozeſſion, die eben von der Gondel herkam. Zwei Leute trugen die anſcheinende Leiche und Floripes war nicht zuruͤckzuhalten— ſie ging lautweinend als kleine Leidtragende dicht hinterher und entzog ſelbſt ihrer Mutter das Haͤndchen, um nicht gehindert zu werden. 125 „Ein ertrunkenes Kind?“ rief Montroſe und eilte den Leuten entgegen.— „Nein, Euer Gnaden,“ ſagte der Kammerdiener— „vom Waſſer hat es nichts weg gekriegt— die Kleider und das Haar ſind trocken.“ Noch ehe man das Schloß erreichte, ſandte Montroſe nach dem Hausarzt und Urica befahl, daß man das Kind nach den Zimmern ihrer Kammerfrauen, welche an die ihrigen grenzten, trage. Nach dieſen Anordnungen war ihr vereintes Bemuͤhen darauf gerichtet, Floripes zu entfernen, welches endlich nach dem ausdruͤcklichen Verſprechen gelang, daß ſie morgen das liebe Kind ſelbſt pflegen ſolle. Montroſe und Urica begaben ſich nun nach den Zimmern Ulla's und fanden bereits den eben hinzu ge⸗ kommenen Arzt. Er pruͤfte und betaſtete den Körper und ſagte dann:„das Kind iſt nicht todt, aber es liegt in einem kuͤnſtlichen Schlaf— es darf, glaube ich, nicht durch die gewöhnlichen Belebungsmittel geweckt werden. Erlaubt, Milord! daß ich es noch einige Zeit beobachte!“ Er ſchob, während er ſo ſprach, das Hemd von der Bruſt, um den Herzſchlag zu ſuchen; da zeigte ſich an einem blauen Bande, mit einer brillantnen Schleife, ein Brief mit großem Wappen, der daran befeſtigt war. Jetzt wurde die Sache immer bezuͤglicher. Montroſe 126 löſte ſogleich ſelbſt das Band und nach einem fluchtigen Blick auf die Adreſſe, verbarg er den Brief in ſeinem Wamſe und nothigte Urica, da der Arzt Ruhe und Zeit zu haben wuͤnſchte, ihm in ihr Schlafzimmer zu folgen. „Dieſer kleine Findling,“ ſagte Montroſe, nachdem er neben ſeiner holden, zitternden Gattin auf ihrem Ruhebett Platz genommen—„ſcheint uns allerdings näher anzugehen, indem ganz beſtimmt die Abſicht her⸗ vortritt, ihn an uns gelangen zu laſſen!“ „Das ahnte mir!“ rief Urica—„So wie ich das Kind ſah, wußte ich, daß es Beziehung zu mir gewinnen wuͤrde!“ „Du haſt dich nicht geirrt!“ ſagte Montroſe— „Die Adreſſe dieſes Briefes weiſt ihn dir zu— er iſt an dich gerichtet!“ Die Adreſſe war von einer feſten, ihnen unbekann⸗ ten Hand, in engliſcher Sprache geſchrieben— als Montroſe das Wappen eine Zeitlang betrachtet, ſenkte er nachdenkend den Kopf.„Kennſt du es?“ rief Urica, eine Gemuͤthsbewegung auf ſeinem Geſicht leſend. „Ich glaube bekannte heraldiſche Zeichen darin zu ſehen; aber ſie ſind mit andern Feldern ſo durchſchnitten, daß ich faſt glaube, es iſt ein abſichtlich verworrenes Schild!“ „Erbrich den Brief,“ ſagte Urica—„mir iſt das Herz und das Auge ſchwer!“ 127 Montroſe entfaltete den Brief— auch er war in engliſcher Sprache geſchrieben und lautete ſo: „Ich habe kein anderes Mittel, dies Kind zu retten, „als daß ich es Dir ſende! Urica— Du biſt ein feſtes, „edles, muthiges Weib— ich liebe nichts mehr auf der „Welt als dieſen Knaben, ſonſt hätte ich Dich vielleicht „geliebt!— Rette mir den Knaben und halte von ihm um „jeden Preis das katholiſche Weſen ab— lieber drucke „eine Nadel in ſein Herz, als daß Du ihn in die Meſſe „gehen läͤßt. Laß' ihn ein Mann werden— Du ver⸗ „ſtehſt, was das heißt; Montroſe iſt ein ſolcher, wie ich „meine. Jetzt iſt es Dir beſſer, Du weißt nicht, wen ich „Dir ſende— aber ich habe dafuͤr geſorgt, daß Du „es dereinſt erfährſt, und Du wirſt dann wiſſen, daß er „zu hohen Anſpruͤchen berechtigt iſt, die man ihm aber, „wenn man ſein Daſein erfuͤhre, entziehen wuͤrde, und „die jemals zuruͤckfordern zu können, man ihn alsdann „untuͤchtig machen wuͤrde.“ „Nenne ihn William Bedfort— und gieb ihm „adligen Rang und Erziehung. Aber bewache ihn— „bewache ihn mit Deinem rechtſchaffenen Herzen! Wenn „Du Mutter waͤreſt, wuͤrde ich Dich anflehen bei dem „Herzen einer Mutter— denn das iſt das ſtarkſte Gefuͤhl „der Menſchenbruſt— ſo mag auch das gelten, denn ein „rechtſchaffenes Herz iſt mächtig, und Du haſt es!— 128 „Urica, ich habe ſelten die Gnade der Menſchen ange⸗ „fleht, und das heilloſe Unrecht, was ſie mir gethan, „ſtets vergolten, ſo viel ich konnte. Es iſt wenig Gutes „in mir; aber ich liebe mit einer, an Wahnſinn gren⸗ „zenden Mutterliebe dieſen Knaben, und dies Gefuͤhl „iſt ſo ſtark, daß ich ihn aus meinen Armen reiße, und „mit unendlichen Gefahren Dir uͤbergebe!“ „Wenn es wahr iſt, daß Oneale bei Dir iſt, ſo ſchutze „dieſen Knaben vorzuglich vor ſeinem giftigen Athem „— ich habe ihn nicht retten können, und er wuͤrde „ohne Gewiſſensbiſſe, wenn er dies Kind entdeckte, es „zerſtoren.“ „Urica, ich habe nicht oft zu Menſchen gefleht, Dich „— Dich flehe ich an— Urica, ſchutze, rette mir meinen „göttlichen Knaben— Montroſe wird Dich nicht hin⸗ „dern— er darf nicht!“ „Heute lege ich dies Kind, durch einen Schuftrunt „an meinem Buſen eingewiegt, in Deinen Weg; wenn „du wie ein glaͤnzender Schwan auf den Wogen dahin „gleiten wirſt, ſo wird ſein kleines Boot deinen Weg „hindern— und Du wirſt ihn aufnehmen. Ich werde „wie die Mutter Moſes in dem Gebuͤſch der Weiden „knien und du wirſt die Tochter Pharaonis ſein, die „das Kind aus dem ihm drohenden Verderben rettet. „— Aber wenn Du ihn forttragen läßt— dies Goͤtter⸗ 129 „kind— dieſe Wonne meines blutenden Herzens— „dann wird mich der Wahnſinn des Schmerzes erfaſſen „— ich werde Dich haſſen, Dir fluchen— und wie die „Wölfin, der man ihr Junges geraubt, in die Walder „ſtuͤrzen, und mein Schmerzensgebruͤll wird die ankla⸗ „gen und die Strafe Gottes auf die herabflehen, die „mich dazu zwingen!“ „Urica, ich habe nicht oft zu Menſchen gefleht— „Urica, ich flehe Dich an, ſei meinem Knaben eine „Mutter!“ Montroſe ließ den Brief erſchuttert ſinken.—„Das iſt entſetzlich!“ rief Urica—„wer kann das ſein?“ Montroſe druckte ſanft ihre Hand— er war ſehr blaß geworden— ſeine Augen wurzelten am Boden und ſichtlich rang eine große Erſchuͤtterung mit ſeiner Faſſung. „Sei ſeine Mutter,“ ſagte er endlich wehmuͤthig und mit einem tiefen Seufzer—„ich glaube zu ahnen, daß dies Kind uns nahe angeht.— Verzeihe meine un⸗ begreifliche Schwäche, die mich verhindert, dir jetzt mehr zu ſagen.“ „Genug, Montroſe,“ ſagte Urica plötzlich wieder kräftig und belebt—„was habe ich nöthig, als daß du mich autoriſirſt, dem Kinde eine Mutter zu ſein— dazu fordert mich dieſer verzweiflungsvolle Brief auf und Jakob v. d. Nees. MI. 9 mein Herz zog mich dazu hin bei ſeinem erſten Anblick. Doch laß uns jetzt zu ihm gehen, wir wiſſen, daß er nicht geſtoͤrt werden darf, daß ein Schlaftrunk ſeinen Scheintod bewirkte. Nachdem der Arzt dieſe Nachricht empfangen, zeigte er ihnen, wie ſich ſeitdem ſeine Vermuthungen beſtaͤtigt fanden. Von der Ruhe und der Waͤrme des Bettes war ſchon die Todtenfarbe verſchwunden, die Glieder er⸗ waͤrmten ſich und der Puls gab leiſe an. Beide Gatten betrachteten lange den wunderſchoͤnen Knaben. Der Arzt ſchätzte ihn ſechs Jahr— er hatte die regelmäßigſten Zuͤge, reiche braune Locken, und Ge⸗ ſundheit und Kraft athmete der ganze kleine Koͤrper. „Wie leicht wird es ſein, dies Kind zu lieben,“ ſagte Urica— „Gewiß, gewiß!“ rief Montroſe— er bog ſch ſchnell nieder und kuͤßte die marmorbleiche Stirn des Knaben, als er ſich aufrichtete, hatte er einen Thautro⸗ pfen darauf zuruͤckgelaſſen und eilte ſchnell aus dem Zimmer. Die Diener meldeten die Abendtafel, an der Mont⸗ roſe heute einige Gaͤſte empfing. Als Urica an ſeinem Arme ſich dem Saale naͤherte, blieb ſie plötzlich ſtehen —„Und Oneale?“ rief ſie fragend— „Er wird dir keine Beſorgniſſe machen, theure 131 Urica,“ ſagte lächelnd Montroſe—„er iſt dieſen Mit⸗ tag mit wichtigen Auftraägen von mir zur See gegangen, ich werde ihn erſt in England wiederſehen. Doch glaube mir, dieſem Theile des Briefes iſt zu mißtrauen— Oneale iſt noch ſo jung, ſo ganz mit ſeinem Ehrgeiz be⸗ ſchaͤftigt, ein großer Mann zu werden.“ „Und dennoch, Montroſe,“ ſagte Urica—„gelobe mir, ein Auge auf ihn zu haben, ihm nicht unbedingt zu vertrauen. Er floͤßte mir vom erſten Augenblick Mißtrauen ein— ich kann ihn nicht ohne Unbehagen an deiner Seite ſehen und nun noch uͤberdies dieſe War⸗ nung.“ Montroſe druckte zerſtreut Urica's Hand. Er hatte an dem ganzen Tage ſo viel zu uberwinden gehabt, er hatte gegen Urica die Entdeckung ſeiner ſchnell ins Leben tretenden Expedition auf dem Herzen— nicht wie ſonſt athmete Alles an ihm Ueberzeugung, Leben und Sicher⸗ heit. Den Entſchluß, ſeinen Abgang zu beeilen, hielt er feſt; aber es laſtete eine tiefe Schwermuth auf ſei⸗ nem Geiſte, und er rang mit einer Erweichung, die ihn augenblicklich bei Urica's Anblick zu uͤberwältigen drohte. Es that ihm unendlich wohl, daß Urica, die nichts halb ergriff, von ihren neuen Pflichten zu dem ihr anvertrauten Knaben abgezogen ward, und er benutzte dieſe Zeit, um 9* 3 8 ₰ die noͤthigen letzten Maaßregeln zu ſeiner Einſchiffung ſo geheim als moͤglich zu treffen. Als Urica am andern Morgen von dem Arzte unter⸗ richtet wurde, daß der Knabe bald erwachen werde, und vielleicht ein Nervenzufall dabei eintreten koͤnnte, der ſie jedoch nicht erſchrecken duͤrfe, nahm ſie Platz an ſeinem Bette, entſchloſſen, daß ſein erſter Blick ſie fände. Der Nervenzufall trat aber fruͤher ein, ehe er die Augen aufſchlug; krampfhaft wurde der ganze Koͤrper, beſonders die Bruſt, gehoben, und endlich ſturzte ein Strom von Thränen und ein krampfhaftes Geſtöhn hervor. Der Arzt floͤßte ihm einige Tropfen ein, der Zufall ließ nach, die Athemzuͤge ſetzten gleichmäßig und kräftig ein, und ein geſundes Kind ſchlug nun zwei tief dunkelblaue Augen auf, und nachdem es die dicht vor ihm ſitzende Urica lange angeſehen, dehnte es ſich, als wolle es in ſeinen Koͤrper Bewußtſein bringen, und ein wahres Engelslaͤcheln trat plötzlich auf ſeinen Wan⸗ gen hervor. Urica fuͤhlte ſich entzuͤckt—„William,“ ſagte ſie leiſe und zärtlich— „Biſt du meine neue Mutter?“ ſagte er ſanft und lieblich fortlaͤchelnd, aber in engliſcher Sprache— Jetzt wußte Urica, daß der holde Knabe auf ſein 133 neues Schickſal vorbereitet worden war, daß er ſie er⸗ wartete, und das ermuthigte ſie ſehr. „Ja,“ ſagte ſie, ſich zu ihm beugend—„ich bin deine neue Mutter— ſag', willſt du mich dazu an⸗ nehmen?“ „Die Mama ſagt, du wuͤrdeſt mich ſo lieb haben, als ſie ſelbſt— du waͤreſt ſehr, ſehr gut— und hätteſt Kinder ſehr lieb— ich werde dir auch gehorſam ſein, und bei dir bleiben.“ Er konnte dies Alles nur fluͤſtern— aber mit einer reizenden Engelsſtimme, die von der Ermattung, die noch auf ihm lag, wie eine Geiſterſtimme zu ihr drang. „Die Mama hat dir die Wahrheit geſagt— ich werde dich ſehr lieben— aber du wirſt vielleicht nicht gern bei mir bleiben?“ „Das will ich— denn ich habe es Mama ver⸗ ſprochen,“ ſprach das Kind mit gehobener Stimme— „ich habe der Mama viel verſprechen muͤſſen— ich darf dir nichts von Mama erzählen, wegen der böſen Menſchen— nichts, woher ich komme— ich ſoll dich bitten, daß du nach nichts fragſt!“ Es fing aber dabei an zu weinen. Der Arzt erinnerte Urica, daß ſie das Kind nicht aufregen duͤrfe. Urica folgte dem Winke und ging zu materielleren Dingen uber— der Arzt wuͤnſchte dem Knaben ein Bad zu geben, und Urica uͤberließ ihn ihrer treuen Ulla, welche den fruͤhen Morgen zum Einkaufen von Kleidungsſtuͤcken benutzt hatte, und es ſich ausbat, ihn nach dem Bade, bei dem der Arzt gegenwärtig bleiben wollte, ihrer Herrin zum Fruͤhſtuͤck zufuͤhren zu duͤrfen. Unterdeſſen ſtellte ſich Floris ein, mit einem Koͤrb⸗ chen voll Obſt, kleinen Broten und einem Flacon, welches Alles ſie zur Pflege des kleinen Findlings nöthig hielt. Sie wollte durchaus an ſein Bett gebracht ſein, und man hielt ſie nur mit Muͤhe zuruͤck. Es war aber ſonderbar genug, daß Niemand daran dachte, ihr zu ſa⸗ gen, daß dieſer Findling ein Knabe war— und ſo ſtand Floripes in ſprachloſem Erſtaunen, als ſich endlich die Thuͤren oͤffneten, und Ulla den ſchoͤnen, blaſſen Knaben in einem Pagenkleide von violettem Sammt herein fuͤhrte.— Floris erlebte zwei Täuſchungen, erſtlich, daß das Kind, welches ſie immer nur ſo gedacht hatte, ein Knabe war und— daß ſie nichts zu pflegen behielt, da er auf zwei Beinen ihr entgegen kam. Angela und Urica riefen den kleinen William zu ſich, und nachdem ſie ihn begrußt, und ſich ſeiner Schoͤn⸗ heit und milden Traurigkeit durch Blicke erfreut— ſuchten ihre Augen Floripes, welche in Mitte des Zim⸗ 135 mers ſtehend, ſo troſtlos der Scene vor ſich zuſah, daß beide Frauen unwillkuͤrlich lachen mußten. „Komm' doch her, Floris, und begrüße deinen neuen Spielkameraden!“ rief Urica— Aber jetzt brach Floripes in ein lautes Weinen aus, und vor einem fernen Seſſel hinſturzend, in deſſen Kiſſen ſie ihren Kopf verbarg, rief ſie verzweifelnd:„Ach! Mutter, Mutter! Es iſt ja ein abſcheulicher Junge— und ich kann nichts an ihm pflegen!“ Deſſenungeachtet ſchien ſich die Freundſchaft zwi⸗ ſchen beiden Kindern, die faſt in gleichem Alter waren, bald zu machen, und ſelbſt, daß Beide eine andere Sprache redeten, hob das gute Vernehmen nicht auf, ſondern gehörte mit zu ihren unendlichen Ergoͤtlich⸗ keiten, da Eins das Andere auslachte, belehrte und ſo Beide unwillkuͤrlich die Sprache des Andern verſtehen, und weil ihre Umgebungen ebenfalls engliſch und hol⸗ ländiſch ſprachen, ſie ſprechen lernten, ſo daß ſie ſelbſt nicht mehr wußten, in welcher Sprache ſie ſich bei ihren Spielen mittheilten. Bald war das fremde Kind in alle Verhältniſſe ubertragen, und da keine Art fernerer Auskunft uber daſſelbe eintraf, und Montroſe ein wehmuͤthiges Schwei⸗ gen uͤber ſeine weiter gehenden Ahnungen beobachtete, ſo benutzte Urica die ihr damit zufallende Freiheit, uber 136 ihn nach eigenem Ermeſſen zu beſtimmen, und es ward mit Angela beſchloſſen, daß beide Kinder ihren Unterricht zuſammen nehmen ſollten. Montroſe betrieb indeſſen die Eppedition der Ein⸗ ſchiffung mit allem ihm moͤglichen Eifer. Die Abreiſe des Königs nach Breda ſollte das Signal ſein, Holland zu verlaſſen. Um den guͤnſtigſten Landungsplatz zu finden, und die Geſinnungen ſeiner Landleute noch einmal zu pruͤfen, hatte Montroſe, Oneale abgeſendet, da er ihm durchaus vertraute, dieſer ihm ſelbſt den Vorſchlag zu dieſem ge⸗ wagten Unternehmen gemacht, dabei Kenntniß und Umſicht auf's Neue gezeigt, und eine Lucke in Mont⸗ roſes Umgebungen damit ausgefullt hatte, fur die er keinen Andern und Beſſern zu finden gewußt hätte.— Schon hatte Montroſe Nachrichten von ihm erhal⸗ ten, die zur Eile trieben, und es weniger wichtig zu machen ſuchten, was er an Truppen mit brächte, da er ihm uͤberall Anhaͤnger zum Aufſtande bereit verſprach, und namentlich Montroſes groͤßtes Bedenken, ſich ohne Cavalerie zu befinden— ihm auszureden ſuchte, da er ſie fur den Anfang als fur ihn unbrauchbar ſchilderte, indem er in den Gebirgen ſich ſammeln muͤſſe, und von dort aus bald das Fehlende organiſirt ſein könne. Montroſe war weit davon entfernt, ſich durch den Rath eines Juͤnglings, ſelbſt eines ſo fähigen, leiten zu laſſen und nicht von dieſem brauchbaren Bericht zu trennen, was er eben der Jugend des Berichterſtatters zurechnen mußte; aber es mußte dennoch ſeine gute Meinung uͤber deſſen Fähigkeiten beſtätigen, daß er ihm zur erſten Landung die Orkney-Inſeln vorſchlug, die auch Montroſe in der Stille fuͤr den geeignerſten Anfang erkannt und von wo aus er beſchloſſen hatte, ſich nach Cnithnes zu begeben, wo er ſeinem Einfluß ver⸗ trauend, den Aufſtand der Gebirgsbewohner erwarten durfte. Die Jahreszeit naͤherte ſich ſchon bedeutend dem Winter, als Herr von Marſeeven, Montroſe die Mit⸗ theilung machte, daß der Koͤnig den Staaten ſeine Ab⸗ reiſe und die Abſicht ſich nach Breda zu begeben, habe anzeigen laſſen und Marſeeven demnach ſeine Abreiſe dahin habe feſtſetzen muͤſſen. Eine finſtere Ahnung beſchlich Montroſe uͤber den Einfluß, der ſchon auf den König einzuwirken begann, da er ſeit lange ohne alle Nachrichten von demſelben ge⸗ blieben und dieſer Schritt des Koͤnigs ſo wichtig war, daß es nur die gewöhnlichſte Ruckſicht erfordert hätte, einen ſeiner treuſten Anhaͤnger und Rathgeber daruͤber zu befragen, oder ihm doch von dem gethanen Schritt Nachricht zu geben. Aber keine zu erfahrende Undankbarkeit dieſer Art, konnte Montroſe auch nur einen Augenblick unſicher machen in ſeiner aufopfernden Hingebung— und er belaſtete foͤrmlich Marſeeven, den er bald in des Koͤnigs Naͤhe zu ſehen hoffte, mit den wahrhaft patriotiſchen, väterlich liebevollen und zaͤrtlich bittenden Rathſchlaͤgen fur ſeinen jungen Herrn, welche dieſer nicht ohne Achtung fuͤr Montroſe's erfahrungsreicher Einſicht, und hin⸗ gebender Aufopferung alles eignen Intereſſes, anhoͤren konnte. Marſeeven fuͤhlte ſich wahrhaft erſchuͤttert, als er Montroſe zum letzten Male umarmie; aber er verſuchte nicht mehr ihm von ſeinem gewagten Unternehmen ab— zurathen, denn in dem Maaße, wie er daſſelbe thoͤricht und erfolglos halten mußte, in demſelben Maaße mußte Montroſe, ſich ſeiner genialen Kraͤfte bewußt, es feſt⸗ halten— und Marſeeven ſagte ihm in dieſer letzten Umarmung:„Montroſe! Ihr habt mich gelehrt, daß ſelbſt der Irrthum verehrungswuͤrdig ſein kann und das Individuum auf ſeiner rein menſchlichen Hoöͤhe befeſtigen, anſtatt es herabzuziehen!“ Nun blieb Montroſe nur noch noͤthig, Urica auf ſeine Abreiſe vorzubereiten, und ihre Einwilligung zu ihrem diesmal durchaus noͤthig werdenden Zuruͤckbleiben zu erlangen. Er konnte nicht zweifeln, daß Urica bereits ahne, was in ihm vorging; denn ſie hatte einen ruͤhrenden Ernſt, eine Weichheit, die ſie bei oft unbedeutenden Veranlaſſungen nicht verbergen konnte, eine gewiſſe Feierlichkeit und Wuͤrde, die ihr ſelbſt bei ihren innigſten Mittheilungen verblieb, und ihren Aeußerungen einen Charakter der Ergebung unter die Gebote hoher Pflichten gab, welches Alles Montroſe die Vorahnung des Opfers ſchien, was er genöthigt war, von ihr zu fordern. Endlich trat der Augenblick unabweislich nah; in wenigen Tagen mußte ſich Montroſe einſchiffen und die ungeſtörteſte Einſamkeit mit der Geliebten ſeines Herzens ſuchend, entwarf er ihr ein Bild ſeiner ganzen Lage, ließ ſie mit ihrem männlichen Geiſt ſeine Maßregeln prufen, entwickelte ihr ſeine Hoffnungen fuͤr die Zukunft und verhehlte ihr die Opfer nicht, die ihm bevorſtanden, wenn nur einiger Erfolg die erſten Schritte lohnen und dem Unternehmen Anſehn und Vertrauen gewinnen ſollte. Er hatte mit der Klarheit des Geiſtes, mit der ruhigen Energie geſprochen, die ihm eigen war und noch hatte er nichts geſagt, was ſich auf den Wunſch bezog, Urita diesmal von ſich zu trennen. Aber dieſe beiden edlen Menſchen verſtanden ſich ſtets ſo vollkommen, daß eine gleiche Ueberzeugung faſt das Reſultat aller ihrer Berathungen werden mußte. Urica's Auge ſenkte ſich und ihre Wange ward, je länger Montroſe ſprach, je bleicher— zuweilen ſchauderte ſie zuſammen und verlor den Athem, der dann uͤberfullt einſetzte und einen fernen leiſen Schmerzenslaut uͤber die Lippen draͤngte.— Dieſe traurigen Verräther ihrer Gefuͤhle machten Montroſe erbeben— ſeine Stimme ſank immer mehr— endlich ſtutzte er ſie in ſeinen Armen und alle Kraft dieſes ſonoren Tones ging in ein leiſes Gelispel uͤber. Dann trat eine feierliche Stille ein.— Beide ſaßen in der Fenſterniſche der Bibliothek und vor ihnen lag, uͤber dem erſtorbenen Garten, die See ausgebreitet. Zuweilen erhoben ſie die Augen auf dies große, maͤchtige Element, was ſie bald trennen ſollte— und als ob es ihre Beklemmung vermehrte, blickten ſie dann wieder zur Erde. Es ſchien nach dieſer Pauſe, die immer ſchwerer laſtete, daß Beide ihre Stimme fuͤrchteten— die erſten Worte, die das entſcheidende Weh ausſprechen mußten, vor welchen ihnen Beiden graute. Urica fuͤhlte in dieſer Stunde einen ſo toͤdtenden Schmerz, ſich ſo unter der Gewalt deſſelben gefeſſelt, daß ſie von da an ſich eingeweiht hielt fuͤr die ſchwere Bahn großer Leiden und zuerſt die Gewalt unabweis⸗ lichen Kummers heran nahen fuͤhlte! Plötzlich lag Montroſe zu ihren Fuͤßen, und ſie ſah die Thränen, die ſein maͤnnliches Gefuͤhl nicht ver⸗ ſchmaͤhte, ihr zu zeigen.„Sprich, Urica,“ rief er mit allen Lauten der Liebe—„erſtarre nicht ſo!— Er⸗ barme dich und ſprich!“ Da brach ein Schrei des tiefſten Schmerzes Urica's Lippen.—„Montroſe,“ rief ſie—„wir ſind ge⸗ trennt!“ Beide ergriffen ſich in dem Augenblick krampfhaft und klammerten ihre Arme um einander, als wollten ſie der entſetzlichen Entſcheidung ihres Schickſals wider⸗ ſprechen, und es ſchien eine Herausforderung an die ganze Macht der Erde, dieſe feſtverſchränkten Arme zu trennen. Dennoch erforderten Urica's Leiden dies nach einigen Augenblicken— er trug ſie auf den Altan, denn ſie rang mit den körperlichen Schmerzen eines brechenden Herzens. Der Herbſtwind zerriß ihren Schleier und ſträubte Montroſe's Haar in die Höhe. Sie fuhlten es nicht— der bleiche Schein des Abends machte ihre blaſſen Ge⸗ ſichter noch bleicher— als ſie ſich anblickten, erſchraken ſie vor einander und verhuͤllten ſich an einander— end⸗ lich weinten Beide heiße bittre Thraͤnen eines Schmer⸗ zes, fuͤr den es keinen Troſt wie keine Rettung gab. „Iſt es denn nothig?“ fragten ſich dann Beide— aber ſelbſt dieſe höchſte Aufregung, die ſie noch erfah⸗ ren, machte ſie nicht unklar und verworren in ihren Beſchluͤſſen und Handlungen, und ploͤtzlich ſchien Urica, von einem neuen Gedankenſtrom beruͤhrt, in ihren Thraͤnen unterbrochen zu werden. Sie zog Montroſe von dem ſtuͤrmiſchen Platz auf den Altan zuruck, und als ſie Beide wieder neben einander ſa⸗ ßen, ſank Urica vor ihm nieder und rief:„Vergieb mir meinen ſinnbetaͤubenden Schmerz— vergieb mir, daß ich dich nicht ſtutze, wo ſo große Leiden dein Herz zerreißen, vergieb mir, daß ich dir ein Geſtändniß bis jetzt vorent⸗ hielt, was ſchon, ſeitdem ich mir deſſen bewußt geworden, das Opfer in mir vorbereitet hat, dich allein in die Gefah⸗ ren dieſes ſchrecklichen Krieges ziehen zu laſſen!— Mont⸗ roſe“— rief ſie mit einer Stimme, in der Schmerz und Entzuͤcken zuſammen bebten—„ich fuhle mich Mutter!“ Welch ein Augenblick fuͤr Montroſe, zu erfahren, daß die höchſte Sehnſucht ſeines Herzens erfuͤllt ſei— Freude— Entzuͤcken— Schmerz— ja ein Anflug von Verzweiflung, wie ihn dies ſtarke Herz noch nicht kannte, zerriſſen ihn. Von allem Dieſen trugen die erſten Augenblicke nach dieſer Entdeckung noch den Stempel. Aber Urica war nach dieſem Geſtandniß zu dem Punct zuruck⸗ gekehrt, auf welchem ſie Montroſe in der letzten Zeit in feierlicher Sammlung gefunden. Zu neu war dieſe Hoffnung, und der Schmerz der eben erlebten Stunde zu ſehr Alles uͤberwältigend, um ſie nicht wie alles An⸗ dere ausgeloͤſcht zu haben. Mit der Erinnerung daran kehrte ein heiligender Ernſt in Urica zuruͤck und die Kraft, Montroſe zu ſtützen. Es gab von da an Momente, wo Beide mit dem Lächeln des Gluͤcks auf dem bleichen, erſchuͤtterten Ge⸗ ſicht einen Sonnenblick in die Zukunft thaten, wo ein großartiges Gottvertrauen ihnen Glauben an die Wie⸗ dervereinigung ihres Lebens einflößte— eines Lebens— unter deſſen Schutz ein zartes Weſen erbluͤhen ſollte, von dem ſie ſich mit unſäglichem Entzuͤcken wiederhol⸗ ten, daß es ihnen Beiden gehöͤren werde. Montroſe ſegnete es ſchon heute mit der feurigen Schwaͤrmerei ſeines beſeelten Herzens. Er bat Gott, auf ſeinen Knien vor Urica, um Schutz fur dies Kind — er bat Gott zuerſt um Schutz fur ſein eignes Leben, um dieſem Kinde ein Vater ſein zu können— er er⸗ flehte ſeinen Beiſtand, ſeinen Segen fuͤr Urica mit dem heil'gen Ungeſtuͤm eines glaubensvollen Herzens— und vielleicht hatte er keinen größeren Moment, als indem er ſich ein ohnmaͤchtiges Weſen fuͤhlte, was mit der Angſt ſeiner Unzulaͤnglichkeit das gluͤhendſte Vertrauen zu der Huͤlfe gewann, die er anrief und uͤber Alles zu verbreiten trachtete, was er bedroht ſah und allein auf ſeinen unzulaͤnglichen Schutz angewieſen. Es konnte nicht fehlen, daß dieſe Wendung des Schmerzes ſie Beide aus ſeiner Vernichtung erheben mußte. Ein Frieden kam uͤber ſie— als ob ſie das Leben ſchon hinter ſich gelaſſen und, allein vor Gott ru⸗ hend, ſeine Ausgleichung bereits erfahren haͤtten. Aber es war nicht leicht, aus dieſer Stimmung zum Leben zuruͤckzukehren. Solche Momente gehen freilich dem Herzen, welches ſie erlebt, nie wieder ver— loren— aber das Leben mit denſelben Verſuchungen, die unſer Gleichgewicht aufhob, verfluͤchtigt die Samm⸗ lung, die ihren uͤberſinnlichen Einfluß nicht immer ſie⸗ gend gegen die alten materiellen Stoͤrungen behaupten kann— der Menſch bricht unter dem Kreuze zuſammen und der Weg nach Golgotha wird ihm zu lang. Die Zeit, bis Montroſe endlich das Boot beſtieg, welches ihn nach ſeiner kleinen Flotte trug— und die Tage, die ihm in Urica's Naͤhe noch bis dahin vergönnt waren, löſten immer wieder den Verband von ihren tie⸗ fen Wunden— und es war dieſen kraͤftigen Naturen nicht vergoͤnnt, die Stärke ihrer Empfindungen zu er⸗ ſchoͤpfen. Sie ſchienen ſich in jeder Stunde durch eine neue Erfahrung zu vervielfaͤltigen und, indem ſie keine Verſuche machten, dieſen Schmerz von ſich abzuſtreifen, da ſeine Nothwendigkeit eiſern und unverruͤckt vor ihnen ſtehen blieb— verloren ſie immer mehr den Muth, ſich dagegen zu vertheidigen, und lagen nackt und blos wie das geſchorene Schaaf vor dem Throne ihres Vaters, mit letzter Kraft Eins fuͤr das Andere um milden Son⸗ nenſchein flehend. Wir verlaſſen Urica und die jetzt veroͤdeten Raͤume ihres Hauſes, in welchem nur noch Angela, die beiden Kinder und die theilnehmende Frau von Marſeeven Zu⸗ tritt fanden, und wollen in einer uͤberſichtlichen Skizze Montroſe's bald entſchiedenes Schickſal verfolgen. An der Spitze eines kleinen Corps von 500 Mann, meiſtens Deutſche, ſegelte er nach den Orkney⸗Inſeln ab. Aber er uͤberzeugte ſich bald, daß ſein Unterneh⸗ men verrathen war und daß er ein Land fand, welches ein innerer Friede nach namenloſen Drangſalen zur Ruhe gebracht hatte, welches von einer wohl abgerichte⸗ ten Armee unterſtützt und gerkſtet war, ſich gegen ſeine Unternehmungen aufzulehnen. Verſchiedene von den Einwohnern der gedachten Inſeln, ob ſie gleich unkriegeriſcher Natur waren, be⸗ Jakob v. d. Nees. III. 10 14146 waffnete er und nahm ſie mit ſich nach Caithnes, in der Hoffnung, daß die Liebe zum König und der Ruf ſeiner fruͤheren Thaten die Bewohner der Gebirge zu ſeinen Fahnen ziehen wuͤrde. Aber jetzt fand er all' ſeine Anhaͤnger, auf die man ihn durch Oneale's falſche Berichte hatte zahlen laſſen, durch den Buͤrgerkrieg ermuͤdet und ohne Mittel— Viele waren von den Covenantern fuͤr ihre fruͤheren Handlungen hart beſtraft worden— und Niemand konnte Hoffnung faſſen daß man einer ſo großen Macht, wie ſie gegen Montroſe zuſammengezogen ward, gluͤcklich wuͤrde widerſtehen konnen. So ſchwach indeß auch ſeine Armee ſein mpche ſein alter Ruf und die Kenntniß ſeines militairiſchen Genies ſetzte die Comités der Staaten dennoch in gro⸗ ßen Schrecken. Sie beorderten augenblicklich den Lord Lesley und Holborne, mit einer Armee von 4000 Mann gegen ihn auszuruͤcken, und Lord Strahan ward mit einem Corps Cavallerie vorangeſchickt, um ſeinen Fort⸗ gang zu hemmen. Er uͤberfiel Montroſe, der du Mangel an Reiterei ohne alle Nachricht geblieben unerwartet— ſein ganzes Corps wurde in die Flu geſchlagen oder getödtet und Montroſe ſelbſt, in Bauer⸗ kleider verſteckt, ward verrathen und den Haͤnden ſeiner Feinde uͤbergeben. 147 Aller Trotz, wozu das Gluͤck unedle Seelen verleitet, wurde von den Covenantern gegen Montroſe ausgeuͤbt, den ſie ſo ſehr haßten und furchteten— und ihr theo⸗ logiſcher Fanatismus vermehrte noch ihr ſchmaͤhliches Verfahren gegen einen Mann, den ſie in Bann gethan und fur verflucht hielten. Lesley fuͤhrte ihn mehrere Tage in ſchlechter Klei⸗ dung umher und reizte den Pobel ihn zu ſchmahen und zu ſchimpfen. Dies Verfahren ſteigerte ſich noch in Edinburg, wo das Parlament ſinnreich war, ihn zu be⸗ ſchimpfen. Es wurde ein empoͤrender Triumphzug an⸗ geordnet, in deſſen Mitte Montroſe auf einem Stuhl angebunden ward, der in einem hohen Wagen ſtand, um ihn Allen ſichtbar zu machen. Der Henker ritt vor ihm her und trug ſeinen Mantel und Hut. Da das Volk, welches großmuͤthiger und menſch⸗ licher war, den großen Mann, den ſie vor Kurzem noch ſo gefurchtet, deſſen Händen ſie wenige Jahre vorher die Schluͤſſel der Stadt auf ihren Knien uͤbergeben hatten, ſo gemißhandelt ſahen, erfaßte ſie ein tiefes Mitleiden und ſie begleiteten ihn mit Thränen und Aeußerungen der Bewunderung. Aber dieſe Regungen wurden von den Predigern auf den Fanzeln ſogleich mit ſchmaͤhlichen Drohungen, als Verſuchung des Teufels angegriffen, und das Volk wurde zur Buße aufgerufen wider ſeine 10* rebelliſche Natur, wie ſie es nannten, welche es in falſches Mitleid gegen ſeinen Erbfeind verſtrickt habe. Montroſe täuſchte ſich vom erſten Augenblick des Mißlingens ſeiner kriegeriſchen Unternehmung nicht über ſein perſönliches Schickſal! Er ſchloß mit dem Leben ab und behauptete unerſchuͤtterlich die erhabene Ruhe und Wuͤrde, die ſein edler Charakter im Verein mit ſei⸗ nem reinen Gewiſſen ihm einfloßte. So ſah er mit einer Verachtung, die an Gleichgul⸗ tigkeit grenzte, den elenden Bemuͤhungen zu, ihn zu be⸗ leidigen und brachte ſie, faſt gegen ſeinen Willen, um den einzig ihnen genügenden Triumph, ſeinen Gleich⸗ muth erſchuͤttern zu können. Vor dem Parlament aber war er derſelbe kuͤhne, un⸗ erſchrockene Vertreter ſeiner heil'gen Vaterlandsſache, der ſtolze imponirende Redner, der ohne alle Ruckſicht fuͤr ſein eignes Schickſal, allein die Sache des Koͤnigs anerkennend, ihr Anſehn und ihre Macht leugnete, und ſelbſt mit der Gewalt angethan ihn zu vernichten, ihr ganzes Daſein ſo klein und gering, ſo ohne Wahrheit und Recht darſtellte, daß ihre Beſchamung faſt ſo groß als ihr Zorn ward. Das Einzige, was er fur ſeine Perſon zu bereuen habe, ſei, daß er zu Anfang ſeiner Laufbahn, auf eine kurze Zeit mit ihnen vereinigt geweſen waͤre— aber er hoffe zu Gott, daß er dieſe Schmach durch die Dienſte, die er ſpaͤter ſeinem Könige geleiſtet, ausgeloſcht habe. Er forderte ſie mit drohendem Ernſt, mit einer prophe⸗ tiſchen Gewalt der Vorausſagung auf, ihre laſterhafte Bahn zu verlaſſen und ſich in Reue und Ehrfurcht ihrem angeſtammten Herrn zu unterwerfen und gelobte ihnen, daß dieſe Handlung das alleinige Mittel ſein werde, daß er, der von ſeinem Könige uͤber Schottland geſetzte Feld⸗ herr, ſie fuͤr etwas Anderes, als eine unbefugte Rotte mordluſtiger Rebellen anſehen werde. Damit erreichte die Wuth ſeiner Gegner den hoͤchſten Grad und ſie verſuchten jede Schmahung, ihn aus ſeiner Wuͤrde zu bringen und durch Anſchuldigungen zur Ver⸗ theidigung zu reizen. Aber er erklärte immer mit derſelben Wuͤrde, daß er auch Anklagen weniger ſchimpflicher Art gegen ihre un⸗ geſetzliche Corporation nicht vertheidigen werde— er ſagte ihnen, ſie moͤchten abſtehen von dem Verſuch, ihn durch ihre Schmähungen erniedrigen zu wollen— die Gerechtigkeit ſeiner Sache muͤſſe jedwedes Schickſal ruͤhmlich machen— auch wäre ſein eignes Gefühl dar⸗ uͤber ruhig, aber er fuhle ſich beleidigt in der Seele ſeines Koͤnigs, daß ſie es wagten, an ſeinen Bevollmaͤch⸗ tigten die verrätheriſchen Hände zu legen. Als man ihm ſein Todesurtheil ankuͤndigte, er⸗ 15⁰ ſchuͤtterte ihn dies eben ſo wenig. Er ſagte ihnen, daß er, indem er durch daſſelbe ungerechte Urtheil, wie ſein von ihnen gemordeter Monarch den Tod erleide, er der Hoffnung lebe, in jener Welt mit ihm vereinigt und der Gnade theilhaftig zu werden, welcher jenem erhabenen Maͤrtyrer dort fur ſein tugendhaftes Leben wuͤrde zuer⸗ kannt worden ſein. Das Todesurtheil lautete:„daß Jacob Graham,“ dies war der einzige Name, den man ihm ließ,„am „andern Tage nach dem Gericht zu Edinburg gefuͤhrt „werden— dort an einem dreißig Fuß hohen Galgen „gehangen, dann abgenommen, auf einem Blutgeruͤſt „enthauptet und der Kopf vor dem Gefängniß ange⸗ „heftet werden ſolle. Seine Haͤnde und Fuͤße ſollten an „den Thoren der vier Hauptſtädte des Koͤnigreichs aufge⸗ „hangen werden und ſein Koͤrper unter dem Galgen bei „gemeinen Miſſethätern begraben werden, wenn er nicht „durch Reue und Buße die Kirche bewege, den uͤber ihn „ausgeſprochenen Bann aufzuheben.“ Aber die Geiſtlichkeit, welche hoffte, ſeinen Muth brechen zu ſehen und einen letzten Triumph uͤber ihn feiern zu koͤnnen, hoͤrte von ihm nur erhabene Prophe⸗ zeiungen fuͤr die Knechtſchaft, welche ſie ſich ſelbſt durch ihre Handlungen bereiteten, und indem er ſich ermahnend und warnend zu ihnen wendete, ſchien er ſeinem eignen 151 Schickſal nur inſofern Theilnahme zu ſchenken, als es ihm ein Beweis ihrer tiefen Verderbniß war. Als er nach ſeinem Gefaͤngniß zuruckgefuͤhrt wurde, bemerkte er im Hintergrunde des Zimmers eine weib⸗ liche Geſtalt, welche ſich in lange ſchwarze Trauer⸗ ſchleier gehuͤllt, der Aufmerkſamkeit zu entziehen ſuchte, bis Montroſe allein gelaſſen wurde. Dann horte er ihr krampfhaft hervorbrechendes Schluchzen, und als ſich Montroſe ihr näherte, ſturzte ſie ſich vor ihm nieder, und ihr Kopf beruͤhrte ſeinen Fuß. „O, nicht das! nicht das!“ ſagte Montroſe, und verſuchte ſie aufzuheben—„Wer ſeid ihr, Milady— was fuͤhrt euch zu mir her in ſo wichtigen Augen⸗ blicken? Ich bitte euch, ſteht auf— nehmt ihr bloß Antheil an mir, oder kann ich euch noch mit irgend etwas dienen, ſo erklaͤrt euch bald, denn mir iſt nur noch wenig Zeit gelaſſen!“ „Ja!— ja!“— ſtammelte ſie—„viel, ſehr viel konnt ihr fur mich thun— ihr könnt mir vergeben und euch mit mir verſoͤhnen!“ Als die Dame ſich uͤberzeugt hatte, daß ſie mit Montroſe allein ſei, ſchlug ſie den Schleier zuruͤck, und zeigte ein bejahrtes, von Gram zerſtoͤrtes, aber noch immer ſchoͤnes Geſicht, und indem ſie an ſeine Bruſt ſank, rief Montroſe uberraſcht den Namen— Juliane! 152 „Erbebe nicht, mein Bruder, wie vor einem Unge⸗ heuer!“ rief die Ungluͤckliche, faſt erſtickt von ihrem Gefuͤhl—„Laß' die letzte Handlung— die einzige, die dir aus meinem ganzen Leben ohne Kummer zu⸗ fällt— laß' ſie Gnade fuͤr mich in deinem Herzen erflehen!“ „Juliane,“ ſagte Montroſe—„dich wiederzuſehen iſt darum weniger erſchutternd fur mich, weil ich nie an deinen Tod geglaubt! Ich danke dir, daß du die trau⸗ rige Trennung unſeres Lebens in den letzten Stunden vor meinem Tode aufheben willſt— ich danke dir, daß du mir einen ſo großen Beweis deiner nicht zu zerſtoͤ⸗ renden Liebe giebſt!— Dein Richter war ich nie! In Dunkel und Geheimniß war dein Leben gehuͤllt— ent⸗ riſſen warſt du mir, ehe ich dir eine Stuͤtze werden konnte— grauſam hat man ſich von Jugend auf an dir verſuͤndigt— das mußte ich uͤberall erkennen, und habe Leid um dich getragen, aber dich nicht gerichtet— ich habe mich mit heißen Schmerzen oft nach dir ge⸗ ſehnt, und nie die Hoffnung ganz aufgegeben, du ſeheſt mit Liebe, wenn auch aus weiter Ferne, zu mir hin, und immer habe ich einen Augenblick, wie den jetzigen erwartet, obwohl an dieſem Tage nicht mehr, wo die Sorgen der Welt durch Gottes Gnade von mir genom⸗ men werden.“ ——— —— 153 „O, ſo vergieb, daß ich dieſe Ruhe ſtore!“ rief Juliane unter Thräͤnen—„mein Schickſal ſteht dir bis zum letzten Augenblick feindlich gegenuͤber; denn auch dieſe letzte Handlung meines Lebens iſt noch voll Selbſtſucht, und ich ſuche die Qual eines langen Daſeins los zu werden, indem ich dich auf meinen Knieen an— flehe, meine Bekenntniſſe zu hoören und mir dann zu vergeben!“ „Muß das ſein?“ fragte Montroſe—„Können wir nicht verſoͤhnt von einander gehen, ohne daß ich noch einmal in alle Zuſtände des Lebens untertauchen muß?“ „O, mein Bruder!“ rief Juliane, ſich ihm noch einmal zu Fuͤßen werfend—„erbarme dich! Nicht wie du, triumphire ich in reiner, göttlicher Hingebung uͤber das Leben— ich habe das Bekenntniß vor Menſchen noͤthig, um mich zu entlaſten; aber vor meinen Prieſtern graut mir— ſie haben mir den Weg zum Himmel verſchloſſen— ſie ſtellen ſich in den Weg, den die rin⸗ gende Seele in der Vereinigung mit Gott ſucht, und verſchließen die Thuͤr, um uns in dem Kerker ihrer Herrſchaft zu erhalten! Du!— du, mein Bruder! den ich mit ihrer Huͤlfe, ihrem Rath gekraͤnkt, verfolgt, be⸗ leidigt habe, ſo lange ich lebe— Du! der du vor mir in der Glorie einer reinen Gottverehrung ſtehſt— du, 154 höre mein Bekenntniß, und öffne mir durch deine Fuͤr⸗ bitte die Pforten des Himmels!“ „Juliane,“ ſagte Montroſe ruhig, indem er ſie zu einem Stuhl fuͤhrte, und ſich neben ſie ſetzte—„Gott will unfehlbar, daß ich dich hore— ich ſtreite nicht über die Anſchauung, welche du in deiner Aufregung von mir gefaßt— auch das kann Gottes Wille ſein, und eins iſt doch gewiß, worauf du rechnen kannſt— mein bruͤderlich Herz, was ganz gegen dich erwacht iſt!“ „Jetzt hoͤre mich!“ ſagte Juliane mit leidenſchaft⸗ licher Aufregung— „Nachdem man mich zu einem Uebertritt zur katho⸗ liſchen Kirche gezwungen hatte— haßte— hohnte und verfolgte ich die Prieſter und Mitgenoſſen derſelben mit allen Mitteln meines brutalen Verſtandes. Niemand glaubte, daß ich der Kirche, die man mir aufgedrungen, treu bleiben wuͤrde— ich beſtätigte dies auch Allen und drohte, mich mit einem proteſtantiſchen Lord, deſſen Antrage mir vorlagen, zu vermählen, und mein Ver⸗ moͤgen unter den Schutz der Geſetze zu ſtellen. Du weißt, daß meine erſte Liebe der Mann war, der ſich damals als Lord Convay, der dritte Bruder des Herzogs von Hamilton, bei uns einfuͤhrte!“ „Als man mir ihn zufuͤhrte— ſiegten ſie. Convay hatte die Religion in Rom gewechſelt und war ein fin⸗ ſterer, fanatiſcher Anhaͤnger derſelben— ſeine duͤſteren Leidenſchaften waren gebrochen in dem ſclaviſchen Ge⸗ horſam gegen die Befehle ſeiner Oberen. Er hatte die erſten Weihen bekommen— er war Prieſter— aber es ward fuͤr mich ein ſchöner, fähiger und vornehmer Mann gefordert, der meinen Willen durch die Unterjo⸗ chung der Liebe bewältigen koͤnnte— und Convay ward erwählt— ihm ward das Werk meiner Bekehrung als Gehorſams⸗Pruͤfung aufgegeben— Dispens von allen ſeinen Eiden, bis zur Vermaͤhlung mit mir, ward in ſeine Willkur geſtellt— aber ihm wurde zur Bedingung gemacht, mein Vermoͤgen der Kirche zu ſichern und ſein Verhältniß zu mir ſo lange geſetzlich zu erhalten, bis die Sicherheit verloren ſei, dir in deinen Rechten zu folgen. Sobald du eigne Soͤhne haben werbeſt, war ihm aufge⸗ geben, in den Prieſterſtand zuruͤckzukehren und mich zu ſeiner Freigebung durch die Entdeckung zu bewegen, daß er Prieſter ſei— und unſere Ehe unguͤltig.“ „Es gelang ihnen viel, aber nicht Alles— ich wurde das Weib eines katholiſchen Prieſters, nachdem ich mich jetzt freiwillig zu ſeiner Kirche bekannt. Aber ſie ahnten nicht, daß Convay eine eben ſo heftige Liebe zu mir gefaßt, mir Alles entdeckte und nach Rom eilte, ſich wirklich frei zu machen.“ „Ich gebar unter unſäglichen Leiden mein erſtes 156 Kind— als ich zum Leben zuruͤckkehrte, ſagte man mir, daß es todt ſei— Convay war abgereiſt und ich war in meinem bittern Grame allein gelaſſen, denn— man ließ ihn nicht zu mir zuruͤck.“ „Ich eile uͤber die Qualen meines Lebens hinweg, die ich erduldet, und erlaſſe mir, dir zu ſchildern, wie haſſenswerth mein Charakter ſich entwickelte, als ich nach und nach die Bosheit meiner Feinde erfuhr. Mein Kind lebte— aber es ward mir und Convay ſein Auf⸗ enthalt verheimlicht, um kein ſo feſtes Band unter uns zu laſſen— erſt ſpater erfuhr ich, daß es in dem Je⸗ ſuiterſtift zu Dublin unter dem Namen Oneale erzogen ward.“ Eine Bewegung Montroſe's unterbrach ſeine ſtille Aufmerkſamkeit— „Ich weiß, was du ſagen wilſſt,“ ſagte Lady Ju⸗ liane—„hoͤre mich weiter. Man machte unabläßig Verſuche, meine Freiheit zu beſchraͤnken, und oft ſchmach⸗ tete ich lange in einem Kloſter; aber immer fand ich Mittel, wieder frei zu werden, und lebte dann in dem alten Jagdhauſe, von deſſen Kaſtellan verborgen, wel⸗ cher mir treuer als den Andern war, wenn auch nicht beſſer.“ „Nach dem Tode des Grafen von Laneric, des zwei⸗ ten Bruders des Herzogs von Hamilton, hatte man „——— 157 Convay's Bande als Prieſter geloͤſt, weil er jetzt der nächſte Nachfolger ſeines kinderloſen Bruders war, und deſſen Stellung zu bedroht, um dies Erbe ihm nicht ſchon ſicher zu wiſſen. Der ſtreng bewachte Prieſter kehrte alſo zuruͤck und man fuͤrchtete mich nicht mehr, da ich durch viele boshafte Raͤnke zuweilen ſelbſt die Naochricht von meinem Tode verbreitet hatte. Aber da⸗ mals trieb ihn die Reue, mich aufzuſuchen— auch er wußte, daß uns ein Sohn lebte— doch auch ihm war ſein Aufenthalt unbekannt. Jetzt war es ihm wichtig, unſere Ehe rechtmaͤßig zu machen, denn ſeine Religion verbot ihm, eine andere Ehe zu ſchließen, und ein Sohn war ihm wichtig, da ſeine Hoffnung, an die Spitze des großen Hauſes Hamilton zu treten, ſich immer mehr verwahrſcheinlichte. Wir wurden nun noch einmal ge⸗ traut— aber er mußte nach der Hinrichtung ſeines Bruders gleichfalls fliehen, und er iſt ſeitdem um den jungen Koͤnig geblieben— ohne zu wiſſen, daß ich ihm einen zweiten Sohn geboren habe.“ „Du haſt Alles errathen, Montroſez o, vergieb mir, Montroſe— ich war bald enttäuſcht. Liebe hatte meinen Gemahl nicht zu mir zuruͤckgefuͤhrt, denn er war ein wuͤthender, fanatiſcher Anhänger ſeiner Kirche geworden und dachte nur daran, ſeinem Sohne ſeine Rechte zu ſichern, und als er die Moͤglichkeit annahm, 158 wir könnten noch Kinder haben, ſagte er mir, daß dies Weſen fuͤr die Suͤnden ſeiner Eltern beten ſolle— Knabe oder Madchen— ihr Schickſfal war von dem harten Vater entſchieden.“ „Da genas ich eines Sohnes in dem Jagdhauſe unter dem Schutze des alten Kaſtellans, und ich be⸗ ſchloß, dieſen Knaben ſeinem unnatuͤrlichen Vater zu verheimlichen— ihn in der proteſtantiſchen Kirche auf⸗ ziehen zu laſſen, und darin erſtarkt zum Manne, ihn erſt ſeinen Rechten zuruͤckzugeben. „Meine Ahnung,“ ſagte Montroſe— „Urica wird ihn erziehen,“ ſagte Juliane—„ich habe dieſe Frau unſichtbar beobachtet— zu ihr— zu dir hatte ich allein Vertrauen.“ „Und Oneale?“ fragte Montroſe— „Oneale ward von Lady Southhesk erzogen. Er ward dein Spion— deine Feinde ſchickten den tief verdorbenen, aber befaͤhigten Juͤngling an dich ab, um deine Handlungen zu erforſchen. Laß mich ſchweigen — er iſt mein Sohn nicht— keine Mutterregung er— kennt ihn an— aber ſein Vater iſt entſchloſſen, ihn in ſeine Rechte einzuſetzen, denn der Schuͤler der Jeſui⸗ ten iſt ſeines Ranges wuͤrdig, und es war nun kein Grund mehr, dem Vater den Sohn zu entziehen.“ „Ungluckliche Frau,“ ſagte Montroſe bewegt, als 159 Juliane erſchoͤpft von ihrer leidenſchaftlichen Mitthei⸗ lung ſchwieg—„du biſt das Opfer entſetzlicher Intri⸗ guen geweſen, und ich zittere fuͤr deine Zukunft!“ „Füͤrchte nichts mehr fuͤr mich— die Abſichten mit mir haben ſich geaͤndert. Man wuͤnſcht, die Mutter des kuͤnftigen Herzogs von Hamilton anzuerkennen, und ich gehe von hier nach einem Schloſſe meines Ge⸗ mahls, an der Grenze von England und Schottland, und werde dort als ſeine anerkannte Gemahlin ein un⸗ angefochtenes Leben fuͤhren. Ich werde mich dort mei⸗ nem Gram und der Buße fuͤr mein Leben weihen— ich werde an mein geliebtes Kind denken, das Urica in der reinen Lehre des Chriſtenthums erzieht, und welches die Pläne ſeiner fanatiſchen Feinde zerſtoͤren wird. Ich werde leben, um aus der Ferne das Schickſal meines Sohnes zu überwachen, und wenn es Zeit iſt, werde ich mit allen Beweiſen fur ſeine Geburt auftreten, und er wird dann erſtarkt ſein, ſich ſelbſt zu ſchutzen.“ „Das gebe Gott!“ ſagte Montroſe— der unab⸗ weislich, der leidenſchaftlichen Frau gegenuͤber, welche die Mitte des Lebens überſchritten hatte und mit Un⸗ geſtuͤm noch alle Zuſtaͤnde erfaßte, zwiſchen ihr und ſich eine druckende Verſchiedenheit fuhlte. Selbſt ihre Reue, ihre erwachte Liebe zu ihm, hatte etwas Verletzendes fuͤr ſein reiner geſtimmtes Gefühl. Als er dieſe ſchoͤnen, 160 lebhaften Zuge betrachtete, ſagte er ſich: Welche Schmer⸗ zen wirſt du noch erleben muͤſſen, ehe dein Sinn zu wah⸗ rer Buße gelangt und von Allem gereinigt wird, was dir jetzt noch erlaubt ſcheint! Vorerſt ſicherte er ihr Urica's und ſeines Sohnes Schutz fuͤr ihren Sohn zu, und verſprach ihr auch in ſeinem Nachlaß gegen Beide das Geheimniß zu be⸗ wahren. Dann trennten ſich dieſe ſo ungleichen Geſchwiſter, um ſich nie wiederzuſehen— und obwohl Montroſe bis zuletzt den Geiſt der hoͤchſten Milde gegen Juliane hatte vorwalten laſſen, war doch ihr Abſchied unge⸗ wöhnlich gefaßt, wenn nicht von der Kälte beſchlichen, die eine große Ungleichheit der Geſinnungen unwill⸗ kurlich mittheilt. Montroſe benutzte die letzte Nacht vor ſeinem Tode, um die Beſtimmungen fuͤr ſeine Familie aufzuzeichnen, und endlich, um in einem langen Briefe Abſchied von Urica zu nehmen! Auch dieſer letzte und ſchwerſte Kampf mit dem Leben, trug die großartige und gottergebene Stimmung, die ihn nicht wieder verließ. Er tröſtete Urica nicht— und er klagte nicht uber dieſe irdiſche Trennung— er ergoß ſich nur in feurigem Dank gegen Gott und gegen ſie, uͤber das maaßloſe Glück, was er an ihrer Seite 161 hatte kennen lernen. Er ſetzte voraus, daß auch ſie mehr damit empfangen habe, als tauſend Menſchen neben ihnen— und er pries ſie ohne Schmerz in erha⸗ benem Entzuͤcken gluͤcklich, daß ſie ſein Kind und das ihrige ſehen werde.— Er hatte die Schranke der Welt ſinken laſſen, und indem er der andern ſchon an⸗ zugehoren ſchien, heiligte er alle irdiſchen Bande durch die verklärte Liebe, mit der er ſie in jene mit hinuͤber zog — es gab fur ihn keine Trennung, keinen Tod! Man hatte ihm den Wunſch, ſeine Kinder noch ein⸗ mal zu ſehen, von denen er wußte, daß ſie mit Lady Southhesk nach Edinburg gekommen waren, mit roher Haͤrte verweigert. Seit ſechs Jahren hatte er dieſe Kinder nicht ge⸗ ſehen, und als er die abſchlägige Antwort empfing, drang ein Seufzer der Sehnſucht nach ſeinem Sohn, den er nun zum Juͤngling erwachſen wußte, aus ſeiner Bruſt! Als die letzte Nacht hereinbrach, fuͤhlte Montroſe Verlangen, ſie wachend und mit Gott beſchaͤftigt hinzu⸗ bringen. Die erquickendſten Gebete ſtiegen aus ſeinem Herzen, das je länger, je mehr ſich des Segens, der ungeſtörteſten Andacht erfreute. Sein ſchoͤnes Geſicht trug das Lächeln der Verklärung— er verſtand die Noth der Erde nicht mehr. Jakob v. d. Nees. UI. 11 Aus dieſem Frieben ſchwebte, ihm unbewußt, ein leichter Schlaf auf ihn nieder. Sanft war ſein lockiges Haupt an die Lehne des Stuhls zuruͤck geſunken— ein Laͤcheln ſchwebte um den ſchönen Mund— auf der Stirn lag eine himmliſche Verklaͤrung— ſeine gefal⸗ teten Haͤnde lagen uͤber einem kleinen Evangelium, was in ſeinen Schooß herabgeſunken war.— Seit einigen Minuten kniete ein Juͤngling vor ihm, der mit heiligem Entzuͤcken ihn betrachtete, waͤhrend Bäche von Thraͤnen aus ſeinen troſtloſen Augen floſſen— zuweilen kuͤßte er leiſe die gefalteten Haͤnde des Schlafenden, und druͤckte mit heftigerer Bewegung den niedergeſunkenen Mantel an ſeine Bruſt. Er war in tiefe Trauer gekleidet— ſein Wuchs war hoch und ſchlank, und hatte die Feinheit des Juͤng⸗ lingsalters. Sein todtenbleiches Geſicht trug die Spu⸗ ren tiefen Grams, aber es war regelmaͤßig und ſchön, und von den herrlichſten braunen Locken umſchloſſen. Wer, der ihn ſah, hätte zweifeln koͤnnen, dieſe Zuͤge mit Montroſes ſchönem Geſicht vergleichend, daß es ſein Sohn ſei? An der Thuͤr ſtand der alte Schließer des Gefaͤng⸗ niſſes mit entblößtem Haupte, und zitternd vor Ruͤh⸗ rung und Schmerz; denn die Stimme des Volkes hatte laͤngſt fuͤr den edlen Verurtheilten entſchieden. „——— Von den Thraͤnen auf ſeinen Haͤnden und von einem neuen längeren Kuß, erwachte jetzt Montroſe— leicht wie ſein Schlummer, war ſein Erwachen. Als er den Juͤngling ſah, bog er ſich ſanft uͤber ihn, zog ihn an ſeine Bruſt und rief mit einem unbeſchreiblichen Ton der Befriedigung:„Mein Sohn— mein Harry!“ Ein Schrei des Schmerzes befreite die lang bezwun⸗ gene Qual dieſes jungen Herzens. Einige Augenblicke ſchien es, der Juͤngling muͤſſe an dem Buſen des Va⸗ ters in dem Jammer verſcheiden, der ſo junge Kraͤfte zu uͤberbieten ſchien. Aber Montroſe, der die Unzulaͤnglichkeit der Worte fuͤhlte, hob das entſtellte Geſicht ſeines Sohnes von ſeiner Bruſt auf und ſenkte ſein ruhiges, verklärtes Auge, welches von heiliger Liebe uͤberfloß, in das ſei⸗ nige. Montroſe mußte mit dieſen Augen, die ihn auf der Bahn ſeines einflußreichen Lebens ſo oft zum Sie⸗ ger uͤber die Gemuͤther der Menſchen gemacht, ſein Kind beſiegen; denn in dieſen Augen wohnte jetzt uͤberdies der Glanz der uͤberirdiſchen Welt, womit er ſich ſelbſt uͤberwunden. „Mein Harry,“ ſagte Montroſe mit ruhiger Stimme—„das iſt noch eine große Freude!— So haben dich meine Träume geſehen! Du biſt ſo groß geworden, ſo edel gebildet! Sei auch mein tapferer 11* 164 Sohn— trage den Namen Montroſe, der nun dein wird, ſo daß alle die, welche deinen Vater kannten, gern den Namen auf dich uͤbertragen ſehen.“ „Harry,“ fuhr er fort, da er ſah, wie kräftig der Juͤngling rang, damit der Schmerz ihn nicht die letzten Worte des Vaters uͤberhoͤren ließe—„Harry! dein ar⸗ mes Vaterland liegt in harter Noth dahin, und die Stunde ſeiner Reue und die Erkenntniß ſeiner Verſchul⸗ dung iſt noch nicht gekommen. Mächtig wird die Zucht⸗ ruthe uͤber ihnen geſchwungen bleiben, und ihre Strafe wird ſein, daß ſie ſich vergeblich nach dem koͤniglichen Juͤngling zuruͤckſehnen, den ſie jetzt verrathen.“ „Harry, verſprich mir, daß du der heiligen Sache, fuͤr die morgen dein Vater den Maͤrtyrer-Tod leiden wird, getreu bleiben wirſt bis an's Ende deines Lebens. Daß du nie waͤhnen willſt, die Sache deines Vaterlan⸗ des ſei von der deines Koöͤnigs zu trennen— daß nie ein Eid gegen eine andere Autorität, als die deines an⸗ geſtammten Herrn, deine Lippen beflecken ſoll! Schwöre es mir, Harry— hier, auf dem Evangelium, ſchwore es mir!“ „Ich ſchwoͤre,“ rief der Juͤngling, in welchem der Vater die Begeiſterung fur die Pflichten des Lebens zu wecken wußte. Als Montroſe ſah, daß er den Geiſt ſeines Sohnes 165 aus dem uͤberwältigenden Wahnſinn des Schmerzes ge⸗ rettet hatte, fuhr er fort:„Harry, ſchwöre mir weiter, daß du keine Hand irdiſcher Vergeltung gegen die aus⸗ ſtrecken willſt, die mich jetzt unter das Beil des Henkers liefern! Harry— beuge dich vor dem Rathſchluſſe des Herrn, erkenne mit Erhebung, daß Gott mich erſehen hat fur die heiligſte Treue, welche die Bruſt des Man⸗ nes zu umfaſſen vermag, den Märtyrer-Tod zu erlei⸗ den. Gegen dieſen Willen, den ich anbete mit der voll⸗ ſten Freudigkeit der Liebe zu Gott— gegen dieſen Wil⸗ len, deſſen Abſicht vielleicht erſt eine ſpätere Generation empfinden wird— gegen dieſen Willen, ſage ich noch einmal, ſind die Menſchen, die ihn verrichten, ein leeres Werkzeug, uber deſſen Verrichtungen der Geiſt ſich er⸗ hebt, dem Gott ſich offenbart— und nur, indem ſie dir zu einer weſenloſen Maſſe verſchwinden, deren Gaͤh⸗ rung dein Blut nicht vermengen darf, kannſt du die Wuͤrde deines Vaters auch irdiſch vertreten, der davon nicht gefahrdet werden konnte— und nur ſo kannſt du dem Willen deines Gottes gehorſam werden. Willſt du mir auch dies beſchwören, damit dieſer Schwur dein Engel werde in der Stunde der Verſuchung?“ „Ha!“ rief der Jungling, und ſein Kopf ſank einen Augenblick vor dem glaͤnzend forſchenden Blick des Vaters in ſeinen Schooß. Eine Bewegung deſſelben 166 ſchreckte ihn auf.„Heil'ger Gott!“ rief er, inbruͤnſtig zu ihm aufblickend—„wie kann ich zaudern? Ich ſchwoͤre— ich ſchwoͤre!“ und ſeine Lippen beruͤhrten das Evangelium und die Hand des Vaters. Voll Ruͤhrung blickte Montroſe auf den beſchwore⸗ nen Sturm in der Bruſt des Juͤnglings. Ihm war, als ob er von einem fernen friedlichen Ufer mitleidig dem Leben zuſaͤhe, wie es in ſeiner gaͤhrenden Kraft die arme Bruſt der Menſchen beben läßt— und der vor ihm rang, war ſein Sohn. „Die Jahre, die zunächſt fuͤr England kommen,“ fuhr Montroſe fort—„werden alle Patrioten zur Un⸗ thatigkeit verdammen. Dennoch wuͤnſche ich nicht, daß du dein Vaterland verlaͤßt und dich dem jungen Koͤnige am muͤßigen Hoflager im fremden Lande anſchließeſt. Laß dich nicht mit dieſem falſchen Schein des Patriotismus taͤuſchen, den Viele annehmen werden— ſie werden weder ihrem Könige noch ihren Pflichten treu bleiben, in ihren Sitten dem alten England fremd werden und verweichlicht und veraͤndert weder Kraft behalten, ihrem Koͤnige ſein gutes Recht wieder zu erringen, noch Sehnſucht nach den ernſten Pflichten des eignen Heer⸗* des.— Verfolge ruhig deine Studien und kräftige Arm und Herz fuͤr den Kampf, der nicht ausbleiben wird; denn in dem Maaße, als du ein wahrhafter 6 Mann wirſt, in dem Maaße wirſt du deinem Vaterlande und damit deinem Könige nutzen können.“ „Ueber deinen zeitlichen Gutern ſteht das Verhaͤng⸗ niß der Zeit. Du wirſt damit zu thun haben— aber ich kann in dieſer Stunde keinen Antheil darauf ver⸗ wenden. Lady Southhesk wird die Kinder ihrer Toch⸗ ter nicht verlaſſen— vergiß nie gegen ſie die Pflichten, die du einer Großmutter ſchuldig biſt— und wache uͤber Jane, deine arme, von Lidenſchaften verlockte Schwe⸗ ſter— bringe ihr meinen Segen, und moge er laͤuternd auf ihrem Herzen ruhen! Verſtoße ſie nicht von dei⸗ nem bruderlichen Herzen— bewache ihre Handlungen!“ „Harry,“ fuhr er beſonders freundlich und beſeelt fort—„erinnerſt du dich der Mutter, die ich euch gab— meiner zweiten Gemahlin?“ „O meine gute Mutter Urica!“ rief Harry, innig ſich ſeinem Vater anſchmiegend.— „Sie wird mich mit großen Schmerzen beweinen, mein Sohn— und ſie war das hoͤchſte Gluͤck meines Lebens! Vergiß ſie nicht und bleibe ihr ein treuer Sohn! Ihre irdiſche Exiſtenz iſt auf bedrohliche Weiſe in meinen Fall verflochten. Wenn ſie leben bleibt, um dich einſt zu ſegnen, ſo ſage ihr von dieſer letzten Stunde— aber noch einmal, verlaß dein Vaterland nicht, bevor du ein Mann biſt!“ „Sollte Urica ſterben, ehe du ſie wiederſiehſt, ſo kann es ſein, ſie hinterlaͤßt ein Weſen, das Geſchwiſterrechte an dich hat— dieſem wirſt du Vater und Bruder zu⸗ gleich ſein!— Aber noch ein Knabe lebt in dem Hauſe meiner Gemahlin, der Rechte an deine Fürſorge hat. Ueber ſeinem Haupte ſchwebt ein Geheimniß und wir wollen es dabei laſſen, obwohl meine Ahnungen mich der Wahrheit nahe genug gebracht haben. William Bedfort wird der Knabe genannt— er iſt auf geheim⸗ nißvolle Weiſe meiner edlen Gemahlin zur Obhut an⸗ vertraut; aber wenn ihr Schutz dereinſt aufhört, oder nicht ausreichend waͤre, dann mein Sohn laß' den Willen deines Vaters als eine dir auferlegte Verpflichtung gelten, dann— ſein dunkles Schickſal moͤge ſich aufklaren oder nicht— dann biſt du ſein Schutz!“ „Ich gelobe es dir, mein Vater!“ ſtammelte der Juͤngling zitternd und ſich immer feſter an ſeine Bruſt ſchmiegend. „Mein Sohn,“ ſagte Montroſe nach einer Pauſe — wir muͤſſen uns jetzt trennen! Empfange den Segen deines Vaters und gedenke dieſer Stunde dein ganzes Leben lang.“ „Nein! nein!“ rief der Juͤngling mit einer ver⸗ wirrten Angſt—„nein, noch nicht, mein Vater! Du lebſt ja noch— ich kann dich ja noch ſehen— hoͤren.“— 169 „Ja,“ ſagte Montroſe mit Guͤte—„aber ich darf von meinem Sohn erwarten, daß er gekommen iſt, mir den ernſten Uebergang von dieſem zu jenem Leben zu erleichtern! Dein Anblick war die Freude, die ich noch erleben konnte— der Abſchied von dir muß mir die Sicherheit laſſen, daß ich einen muthigen, gefaßten Mann entlaſſe, der einer ſchweren Pruͤfung ſich ge⸗ wachſen zeigt! Verlaſſe in dieſer Nacht noch Edinburg — und verſprich mir, daß du es einige Zeit meiden willſt. Morgen— werde ich keinen Blick mehr fuͤr dich haben— ich kann weder geruͤhrt noch erſchuͤttert werden.“ Ueberwaltigt ſank der Kopf des Juͤnglings an die ſtarke Bruſt des Vaters.— Beide ſchwiegen lange.— Montroſe hatte uͤber dem jungen, lockigen Haupte, das an ſeinem Herzen einen ſo ſchweren Kampf zu uͤber⸗ ſtehen hatte, die Haͤnde gefaltet. Sein zur Decke er⸗ hobenes Geſicht zeigte, welch' ein feuriges Gebet aus ſeiner Bruſt fuͤr ihn aufſtieg—„Amen!“ ſagte er dann mit lauter gefaßter Stimme— und als ob dieſer in ſeinem Schmerz gebrochene Juͤngling ein Kind ſei, hob er ihn ſtark und heftig empor, bedeckte ihn mit Kuͤſſen und trug ihn faſt gegen die Thuͤr, welche der Pförtner öffnete. Hier ſtieß Harry einen ſo entſetzlichen Schrei aus, daß Montroſe mit ihm ſtehen blieb— er 170 riß ſich aus ſeines Vaters Armen— er murmelte angſt⸗ volle, unverſtaͤndliche Laute— er umklammerte ſeine Knie.— Wehmuͤthig blickte Montroſe auf dieſen ver⸗ heerenden Schmerz— er mufßte ihn enden. Sanft hob er ihn vom Boden— er trug ihn auf einen Stuhl des Vorzimmers— noch einmal zog er ihn an ſich— zuletzt im Leben lag an Montroſe's heißem liebegluͤhenden Herzen eine warme Menſchenbruſt— dann ſenkte er den halb ohnmachtigen Knaben in den Sitz zuruͤck und dem Pförtner einen Wink gebend, eilte er in ſein Gefängniß zuruͤck, deſſen Thuͤren ſogleich in ihre ſchweren Schloͤſſer fielen. „Jetzt— jetzt mein Vater,“ rief Montroſe be⸗ geiſtert, ſeine Arme zum Himmel erhebend—„jetzt ge⸗ hoͤre ich dir ganz an— alle menſchlichen Bande liegen hinter mir und ich fuhle die Freiheit, die in dir wohnt!“ Er ſiegelte alle Schriften, die er verfaßt, und ordnete ſie zur Uebergabe an die unzuverlaͤſſigen Perſonen, die ihm uͤbrig geblieben waren. Dann ſetzte er ſich in die Niſche des Fenſters, die in der langſam ſchwindenden Daͤmmerung einen groß⸗ artigen Ueberblick uͤber die Gegend geſtattete. Aber ſein Geiſt haftete nicht mehr an Beziehungen des Lebens— all ſeine Gefuͤhle waren aufgeloͤſt in einer großartigen Sehnſucht nach ſeiner Vereinigung mit Gott. 171 Das rohe Gerauſch ſeiner Henker, welche mit Trom⸗ meln und Pfeifen den Vorſaal fullten, unterbrach aͤußer⸗ lich dieſe Entzuͤckungen. Aber vergeblich ſpaͤhten die, welche in ihren langen Talaren voran, als ſeine Richter eintraten, in ſeinem Geſicht nach den Spuren von Todesfurcht und Bekuͤm⸗ merniß. Montroſe war ſchöner, glaͤnzender, kraͤftiger in Farbe, Blick und Haltung, als ſie ihn je geſehen, und ſie ſahen ſich untereinander etwas verlegen an, weil ſie nun anfingen, den Eindruck dieſes Helden auf das Volk zu fuͤrchten. Aber die Erbitterung der nachruͤckenden fanatiſchen Prieſter, die in dem blindeſten Haſſe fur die Vereitlung ihrer Hoffnungen gegen ihn entbrannt waren, ſteigerte eine an ſich ſchon rohe Wuth zu allen erdenkbaren Mit⸗ teln, Montroſe's Erſcheinen vor dem Volke um den Eindruck zu bringen, der ihm Antheil erwecken konnte. Aber das Volk begleitete ihn dennoch weinend und weh⸗ klagend zu ſeiner Richtſtätte und ſeine Henker wurden verwuͤnſcht und konnten kaum der Mißhandlung entge⸗ hen. Doch dieſe Theilnahme ruͤhrte ihn eben ſo wenig, als die Bosheit ſeiner Feinde, und wir fuͤhlen, daß Montroſe's Schickſal fuͤr uns hiermit beſchloſſen iſt. Seine erhabene Stimmung konnte durch nichts erſchuͤt⸗ 172 tert werden— die menſchliche Gewalt hoͤrte auf bei die⸗ ſem feſt in Gott ruhenden Weſen. So ſtarb in ſeinem achtunddreißigſten Jahre der ruhmwuͤrdigſte Mann ſeiner Nation— aus dem edel⸗ ſten Geſchlecht des Landes— von der Natur mit den ſeltenſten Gaben des Geiſtes und Gemuͤthes ausgeſtat⸗ tet— deſſen Ruhm die Grenzen ſeines Geburtslandes weit uͤberſchritten hatte, und deſſen Tod im Auslande eine ſolche Trauer erregte und ſeine Henker mit ſolchem Abſcheu ſtempelte, daß ihre Namen lange Zeit aus jedem öffentlichen oder auswärtigen Geſchäfte verſchwinden mußten, wenn ſie nicht ſchmäͤhlige Zuruͤckweiſungen erfahren wollten. Zehn Jahr ſpäter, um das Jahr 1660, erreichte Georg Monk das große Ziel, um deſſentwillen Mont⸗ roſe's Kopf dem Henkerbeile verfiel. Unter dem Jubel des Volkes— mit bereitwilliger Zuſtimmung der Parlamente in den vereinigten Koͤnig⸗ reichen— beſtäkigt von dem Willen der Armee— proklamirte Monk vor den Schranken beider Haͤuſer die Berufung Karls des Zweiten auf den Thron ſeiner Väter.“ Dieſer ploͤtzliche Wendepunkt in dem Schickſale des Koͤnigs trat zu einer Zeit ein, von der ſich ſagen ließe, ſie hätte alle aͤußeren Huͤlfsquellen, auf welche er bis dahin noch geneigt geweſen wäre zu rechnen, als voͤllig abgelaufen fuͤr ihn gezeigt. Es blieb keine Zuruͤckwei⸗ ſung uͤbrig, die er noch erleben konnte— nicht allein, daß alle Maͤchte fuͤr ſich zu thun hatten, war auch Eng⸗ land unter der Regierung des Protektorats eine Macht geworden, welche, zum vollen Genuſſe ihrer Kraͤfte zu⸗ ruͤckgekehrt, eine impoſante Stellung einnahm, der von außen ſchwer etwas aufzunoͤthigen war, was nicht mit ihrem eignen Willen zuſammenfiel, und daher die Scho⸗ nung erfuhr, welche die Kraft gebietet. Der pyrenaiſche Frieden hatte die natuͤrlichſten Al⸗ liirten des Koͤnigs: Frankreich und Spanien, in ein Buͤndniß verflochten, welches ſein Intereſſe völlig aus⸗ ſchloß, und als er den letzten Schritt that, ihren Antheil fur ſich zu wecken, erfuhr er nichts, als die hoͤfliche Theil⸗ nahme der Worte und ein zweideutiges Beſtreben, ihn feſtzuhalten. Monk hatte ſeine Operationen mit ſo großer Ueber⸗ legung geleitet, uͤber ſeine Abſichten ein ſo unverbruͤch⸗ liches Schweigen verhaͤngt, daß er dem Ziele ſchon nahe war, und weder das Land ſelbſt, noch die fremden Mächte, noch der Koͤnig ſeine Abſichten verſtanden. 174 Karl entſchloß ſich jedoch, ſeinen Vertrauten, den Ritter John Granville, einen verſchwiegenen, faͤhigen Mann, an Monk abzuſenden. Ohne ſich voͤllig gegen dieſen auszuſprechen, ließ er dem Koͤnige doch rathen, ohne Aufenthalt das ſpaniſche Gebiet zu verlaſſen und ſich nach Holland zu begeben. Dieſen Rath befolgte der ungluͤckliche Monarch ſogleich und er gab ihm den erſten Lichtſtrahl uͤber Monks Plaͤne. Ebenſo öffnete dieſer Schritt zuerſt Spanien die Augen, und nur we⸗ nige Stunden ſpäter wuͤrde man den König mit aller Höflichkeit als Geißel fuͤr Duͤnkirchen und Jamaika feſt⸗ gehalten haben. Granville kehrte nach England zuruͤck, und Monk, der jetzt ausreichendes Vertrauen zu ihm gefaßt hatte, hielt ihn bereit, bis zu dem Tage des merkwuͤrdigen Parlaments, wo die Erklaͤrung Monks, daß ein Bote des Königs harre, mit dem wahnſinnigſten Jubel der Freude aufgenommen wurde, und die Anerkennung des Königs durch nichts mehr aufzuhalten geweſen waͤre. Die Kataſtrophe der engliſchen Geſchichte, die hier⸗ mit in ihrem wichtigſten Theile beendigt war, iſt ein Beitrag zur Geſchichte der Menſchheit, wie er bis dahin ſich nicht vorgefunden, der aber eine unerſchöpfliche Quelle des Studiums und des Nachdenkens fuͤr Alle 175 werden ſollte, die Gott auf das große Feld der Volks⸗ regierung berufen. Frankreich erlebte hundert Jahre ſpaͤter eine Revo⸗ lution, die mit einer fuͤrchterlichen Aehnlichkeit die von England ihr vorgemachten Zuſtaͤnde nachahmte. Es giebt alſo keine Warnung, welche die Geſchichte aufzu⸗ ſtellen vermoͤchte. Langſam heranſchleichende Uebel, worin die Gemuͤther mitleidend verflochten werden, neh⸗ men ihnen Bewußtſein und Ueberblick— die Aehnlich⸗ keit, vor der die Nachwelt mit dem Schrei des Schrek⸗ kens und Erſtaunens inne hält, muͤßte den Mitlebenden Gleichheit werden, wenn ſie ſich auf demſelben Pfade erkennen ſollten, den ſie jetzt bloß als geſchichtliche Ueber⸗ lieferung, als zu ihren Kenntniſſen gehoͤrend, ruhig ab⸗ ſolviren. Und dennoch ließe ſich in ihnen, wenn die Wellen der Gaͤhrung ſie ſchaͤumend heben und ſenken, nachweiſen, wie ſie, von epidemiſchen Geluͤſten ergriffen, in dem Fieber, was ihr Gehirn verbrennt, die Zuckungen ihres kranken Körpers den Vorkämpfern nachbilden, die ihnen dann gegenwaͤrtig werden, aber die Krankheit nicht mehr aufhalten, ſondern ihre Erſcheinungen nur gefährlicher machen. Die Ehrerbietung auswärtiger Maͤchte folgte bald der Unterwerfung der Unterthanen des Königs. Spa⸗ nien bat ihn, wieder nach den Niederlanden zuruͤckzukeh⸗ 176 ren und ſich in einer von ihren Seeſtädten einzuſchiffen. Frankreich bezeigte ihm ſeine Liebe und Hochachtung und bot ihm Calais zu dieſer Abſicht an. Die General⸗ ſtaaten ſandten Deputirte mit einem gleich freundſchaft⸗ lichen Anerbieten an ihn ab, und der Konig entſchloß ſich, das Letztere anzunehmen. Das Volk dieſer Republik trug eine herzliche Liebe zum Koͤnig, und die Staatsklugheit ihrer Oberen hatte nicht mehr noͤthig, dieſe Geſinnungen zuruͤckzudrängen. Als er von Breda nach dem Haag reiſete, begleiteten ihn zahlreiche Haufen der Einwohner mit ihrem laute⸗ ſten Freudengeſchrei, und es ſchien, als ob ſie ſelbſt Frieden und Sicherheit zuruͤckerhalten hätten, und nichts konnte daran erinnern, daß ſie den Koͤnig einer Nation aufnahmen, die ihre Nebenbuhlerin blieb in ihren theuer⸗ ſten Intereſſen. Die Generalſtaaten insgeſammt, und nachmals die Staaten von Holland insbeſondere, ſendeten Bevoll⸗ mächtigte, den König zu begruͤßen und ihm Feſte anzu⸗ bieten— alle Perſonen von Stande ſuchten die Ehre, dem Könige aufzuwarten— alle Geſandte und oͤffentliche Miniſter der Koͤnige, Prinzen oder Staaten erſchienen bei ihm und druͤckten die Freude ihrer Herrn uͤber ſeine gluͤckliche Wiederherſtellung aus, und man hätte glauben können, daß dieſe Veraͤnderung, welche ſo allgemeine Freude und Theilnahme erregte, durch die Bemuͤhungen aller europaͤiſchen Maͤchte erreicht worden wäre. Und doch war dies Alles das Werk eines einzigen Mannes, der Klugheit und Mäßigung mit wahrhaft uneigennuͤtzigen Geſinnungen vereinigte. Niemals hat ſich vielleicht ein Unterthan um ſeinen König und ſein Vaterland verdienter gemacht, als Georg Monk— denn er hatte ohne Blutvergießen in Zeit weniger Monate dreien Koͤnigreichen, welche nach dem Tode Eromwells und der Abdankung ſeines Sohnes Richard auf den ge⸗ faͤhrlichen Punct wieder ſich geſtaltender Parteiungen gekommen waren, die Ruhe zuruͤckgegeben und ſeinen verfolgten Koͤnig freiwillig in ſeine alten Rechte einge⸗ ſetzt. Monk konnte ſich in keiner geiſtigen Eigenſchaft mit Montroſe vergleichen, der ihm in Begabung vor⸗ aus war und nur in der Wuͤrde des Charakters mit ihm uͤbereinſtimmte; aber das Geheimniß des rechten Augenblicks fiel dem Letzteren zu und erhob geringere Faͤhigkeiten zu ausreichenden Wirkungen, während frü⸗ her die groͤßten Eigenſchaften unwirkſam untergingen und mit dem Vorwurf des Mißlingens belaſtet blieben, weil der Wille des Menſchen die Zuſtände nicht zu einer Reife zwingen kann, die nothwendig aus ſich ſelbſt ſich ent⸗ wickeln muß und durch keine Macht ergänzt werden kann. Jakob v. d. Nees. 11l. 12 178 In Mitte dieſer freudigen Aufregung im Mai 1660 finden wir Amſterdam wieder. Es lag nicht in dem Charakter Karls des Zweiten, ſich nach Thaten, oder der Uebernahme ernſter Pflichten zu ſehnen. Zu ſpät trat die eigentliche Gelegenheit ein, die Fähigkeiten zu zeigen, die ihm nicht fehlten. Immer wieder zu einem muͤßigen Leben verdammt, wenn ſeine Anſtrengungen ihn zuruͤckwarfen, hatte ſich endlich ganz außer ſeiner Wirkſamkeit das Reſultat er⸗ geben, welches ihm mehr gab, als er gewollt— und die Jronie ſeines Weſens, die Spottſucht, womit er ſich fuͤr die tiefen, ihm fruher ſchonungslos auferleg⸗ ten Kränkungen räͤchte, hatten ſein ganzes Weſen ſo eingenommen, daß er ſelbſt uͤber dieſen ſchnellen Wech⸗ ſel in den Geſinnungen ſeiner Landsleute ſich des Spot⸗ tes nicht enthalten und eine Art hochmuͤthiger Gleich⸗ gultigkeit, zu ihnen zuruͤckzukehren, nicht ganz verber⸗ gen konnte. Obgleich daher Lord Montague mit einer Flotte bei Scheveningen vor Anker lag und der Koͤnig den Herzog von York zum Admiral der Flotte ernannte, beeilte er ſich doch nicht, dieſelbe ſogleich zu ſeiner Ueberfahrt nach ſeinem jauchzenden Vaterlande zu benutzen, ſondern er hielt im Haag wie in Amſterdam mit aller Gemachlich⸗ keit und guter Laune einen ihm lang nicht zugeſtande⸗ nen Hof, als wollte er eine kleine Voruͤbung machen, und nahm als eine ganz unerläͤßliche Hoflichkeit ſeiner⸗ ſeits die Feſte an, die man bereitwillig an beiden Orten fuͤr ihn veranſtaltete. In dem alten Purmurandſchen Hauſe waren indeſ⸗ ſen große Veraͤnderungen vorgegangen. Angela hatte ſchon lange an einer Hinfälligkeit gelitten, die endlich in entſchiedene Abzehrung uberging, und ſeit einem Jahre ruhte ſie bei ihrer Mutter, und Floripes war allein zu⸗ ruͤckgeblieben, und huͤtete die geiſtesſchwache Suſa und Nees, ihren Vater, der, grauſam von der Gicht verzo⸗ gen, ein troſtloſes Leben weiter fuhrte. Es hatte ſich nach dem Tode ſeiner Frau noch ein⸗ mal herausgeſtellt, wie ſehr er, ſo viel dies ſeine böſen Leidenſchaften zugelaſſen hatten, an dieſer erſten Liebe ſeines Herzens gehangen, denn Floripes mußte ſelbſt ihren großen Schmerz uͤberwinden lernen, um den wahn⸗ ſinnigen Zuſtand ihres Vaters, der ſein Leben bedrohte, durch ihre Liebe und kindlichen Ermahnungen aufzuhalten. Seitdem nun war Nees ſo ziemlich wieder der Fruͤhere geworden, und da das Alter und die Gicht ſolch' Gemuͤth nicht zu verbeſſern pflegt, werden wir ihn nicht liebenswerther wiederfinden. 42 An dem Abend, wo wir bei ihm bei eintreffen, ſcheint er guter Laune— er ſitzt im alten Saal in Decken eingehuͤllt— aber die Gichtſchmerzen, die dieſe Vorſicht veranlaßten, haben nachgelaſſen. Er hat es gern, wenn an kuͤhlen Abenden, gegen die er empfind⸗ lich wird, der Heerd im Hausflur unbenutzt bleibt, und die Abendſuppe im Kamin des Saals gekocht wird. Dies geſchieht ſo eben von der Magd; denn zu den Widerſpruͤchen die ihn peinigen, gehört, daß er dieſe gern abſchaffte, aber fur Floripes weiße, feine Finger und ihre zarte Geſichtsfarbe, einen ſo anbetenden Re⸗ ſpekt hat, daß er ſich die Haare ausrauft vor Verzweif⸗ lung, daß ſich dieſe Maaßregel der Sparſamkeit nicht anders durchfuͤhren laͤßt, als indem Floripes dann die Arbeit der Magd thaäͤte, da Suſa blödſinnig und krank, zu nichts mehr zu gebrauchen iſt. An dem großen eichenen Tiſch in Mitte dieſes Zimmers ſitzt nun Floripes, welche eben ſechszehn Jahr geworden iſt. Ob Urica in ihrem ſechszehnten Jahre ſo ſchoͤn war, wiſſen wir nicht, da wir ſie erſt in ihrem zweiundzwan⸗ zigſten Jahre kennen lernten; einen Vorzug aber hatte Floripes gewiß, den Urica erſt als die Gattin Mont⸗ roſes bekam— den Ausdruck der Milde, den Hauch der Liebe und der harmloſen Guͤte. Floripes hatte bis zum Verluſt ihrer Mutter in einer ſolchen reinen Atmo⸗ ſphaͤre gelebt, da dieſe ihr nah und fern das Boͤſe abge⸗ halten hatte, daß der launenhafte, leidenſchaftliche Trotz, der einſt Uricas Lippe kräͤuſelte, nie in dieſem holden Antlitz Raum gefunden hatte. Dennoch kannte ſie den Schmerz; denn außer dem Krankenlager der Mutter und deren Tode, war ſie neben dem Kummer der von ihr angebeteten Tante Urica groß geworden, und ihre fruͤhe Befaͤhigung hatte ſie zu einer verſtehenden Theilnehmerin dieſer Zuſtände gemacht. Sie war ſo groß wie ihre Tante, ſchlank und ge⸗ rundet wie eine Hebe. Ihr goldblondes Haar bildete das ſuͤßeſte Labyrinth von Flechten; nur ihre Farbe hatte noch nicht dies ſtehende Licht kraͤftiger Geſundheit, obwohl Kenner ihre zarte Bläſſe grade bewunderten, und die tiefen dunkelblauen Augen mit den ſchwarzen Wimpern und Augenbraunen, vielleicht dazu beitrugen, dieſe Hautfarbe hervorzuheben. Sie war ſchoͤn und vornehm gekleidet. Nees konnte zwar nicht mehr hopſen, da ſeine Beine geſchwollen und gekruͤmmt waren; aber dies ſo oft zweifelhafte Symp⸗ tom zwiſchen Entzuͤcken und Wuth, erſetzte er jetzt durch ein unſaͤglich widriges Singen und Trommeln mit den Fingern, und wenn er ſein Kind in dem Putze ſah, den ſie harmlos von dem Gelde, welches Herr von Mar⸗ 182 * ſeeven ihr zukommen ließ, anſchaffte, trompetete er mit dem Munde oft ſo wunderlich, zerklopfte oft die gichti⸗ ſchen Finger ſo jämmerlich auf Stuhl oder Tiſch, daß, wer ihn kannte, das alte Geluͤſt ihm anfuͤhlen mußte, zu raſen und zu toben. Auch bei Floripes zeigte ſich die göttliche Gabe der Natur, welche die Gefuͤhle ſchont, die dazu beſtimmt ſind, die heiligſten Bande unter den Menſchen feſtzu⸗ halten. Floripes kannte jetzt ſchon alle Suͤnden ihres Vaters; aber ſie hatte keinen Namen dafuͤr, oder nicht den rechten. Ohne Ueberlegung und Ruͤckſicht hatte ſie gelernt, ihn zu ertragen, zu ſchonen, und ſich gegen ihn in Vortheil zu ſetzen, halb ſcherzend, halb von kindlicher Liebe und ſanftem Erbarmen geleitet, dem ſie noch häu⸗ fig das ſtrenge Pathos der Jugend hinzufuͤgte, das ſo ruͤhrend ſein kann, wenn es die Erſtlingsblute eines frommen Herzens iſt. Wie ein armer Suͤnder konnte Nees heulen, wenn dieſer leuchtende Engel vor ihm ſtand und ihn er⸗ mahnte, von dem Einen oder Andern abzuſtehen. Er verſprach dann gar klaͤglich Alles, was ſie forderte, und Gott ſegnete, gegen die gewoͤhnliche Folge, dies umge⸗ kehrte Verhaͤltniß der Autorität, denn Floripes liebte ihren Vater nach ſolchen Scenen inniger faſt, als vor⸗ her, that ſich dann nur durch die ſinnigſten Beweiſe der Liche gegen ihn genug, und hielt nur inne, wenn ſie ſehen mußte, daß er ganz toll vor Freude wurde, da ſie dieſe Art von Luſtigkeit, die gemeine Naturen ſo ſchreck⸗ lich zu Tage fordert, nicht wohl ohne ein Gefuͤhl von Beſchaͤmung ertragen konnte, die ihm in ihrer Empfin⸗ dung faſt nachtheiliger zu werden drohte, als die oft ernſtere Veranlaſſung ſolcher Aufregung. Neben Floripes ſaß Herr Cornelius Hooft, welcher eine zaͤrtliche Liebe fuͤr dies ſchoͤne Kind gefaßt hatte, und gern kam, um ſich ihr als Geſellſchafter oder ehr⸗ barer Begleiter anzubieten, wenn ſie ausgehen wollte, da Floripes nicht die Straße betreten konnte, ohne eine läͤſtige Bewunderung zu erregen, die ihr einen maͤnn⸗ lichen Schutz nothig machte. Peute Abend erzählte Herr Hooft von den Feierlich⸗ keiten, welche zu Ehren des engliſchen Königs im Haag bereits ſtattgefunden hatten, und wie der Prinz von Oranien zugleich die Vermählung ſeiner Muhme mit dem Fuͤrſten Georg von Anhalt gefeiert habe. Floripes hörte mit dem freundlichſten Engelslächeln zu, und hatte immer wieder eine neue Frage uͤber die ſchöne Braut, ob ſie gelaͤchelt oder geweint, wie viel edle Damen im Geleit geweſen waͤren, und ob Fraͤulein von Marſeeven ihr die Geſchenke der holläͤndiſchen Frauen uͤberreicht habe, und ob man ihre Rede wohl habe verſtehen können. 184 Dagegen erzaͤhlte Hooft, wie der Koͤnig von Eng⸗ land die Braut gefuͤhrt, zuerſt mit ihr getanzt und mehr denn einmal den Braͤutigam ſo verdraͤngt habe, daß es haͤtte ſcheinen koͤnnen, er waͤre es— und wie die Braut oft gar aͤngſtlich gethan, dann aber auch wieder habe lachen muͤſſen, um all der luſtigen Einfaͤlle Willen, die der König in ſeiner guten Laune verſchwendet habe, ob⸗ wohl der Braͤutigam oft ſehr finſter drein geſchaut. „Ich haͤtte nicht gelacht,“ ſagte Floripes kurz— „wenn es meinen Bräutigam gekrankt hätte. Ueber⸗ haupt— ich habe fuͤr euren Koͤnig Karl nichts uͤbrig in meinem Herzen! Gut, daß ich nicht die Prinzeſſin war,— er haͤtte es ſchon merken ſollen, daß er nicht Recht thut, hier zu ſchmauſen und zu tanzen und ſein Volk da druͤben am Ufer vergeblich ſtehen zu laſſen, daß es ſich die Augen nach ihm blind ſieht!“ Nees kicherte vor ſich hin— es gefiel ihm ſehr, was Floripes ſagte, denn er haßte alle Verſchwender, und vorerſt wußte man nicht viel Anderes uͤber den Konig zu ſagen.„Ja! ja!“ rief er—„meine kleine Floris verſteht's ſchon.— Na, na! die Taſche wird bald wie⸗ der leer ſein— 50,000 Pfund Sterling haben ſie ihm geſchickt! Iſt es etwa kein Suͤmmchen fuͤr ſo einen Herrn Habenichts, der jeden ehrlichen Mäkler ausſchälen wollte, um neue Maͤntel ſticken zu laſſen, ſpaniſchen Wein zu trinken, oder der Lucie Walters die Schuh⸗ ſchnaͤbel vergolden zu laſſen, und ihrem kleinen Mon⸗ mouth ein Gefolge zu geben, wie einem rechtmäßigen Koͤnigsſohn!— 50,000 Pfund— wenn's nach den Rechten ginge, ſo fuͤhre kein Schilling uͤber die See— denn hier ſind genug, die mehr Recht darauf haben, als der Herr ſelbſt! 50,000 Pfund! Frage doch Tante Urica, ob er ihre Schloͤſſer und Guͤter, ihre großen Kapitalien eingelöſt hat?“ „Vater,“ ſagte Floripes—„du weißt, die Tante will nicht, daß es in den Mund genommen wird— laß' das doch!“ „Warum denn?“ rief Nees eifrig—„Ja! dieſe Dame Hochmuth will nie in ihrem Leben dumme Streiche gemacht haben— darum— darum ſoll man ſchweigen, damit die Leute nicht auf ſie und ihren ver⸗ ſtorbenen großmaͤchtigen Herrn Marquis Montroſe mit Fingern zeigen und ſagen können: Hochmuth kommt vor dem Fall!“ „O, Vater!“ ſagte Floripes, noch viel blaſſer wer⸗ dend und den Kopf mit der Hand ſtutzend—„kränke mich doch nicht wieder ſo ſehr!— du weißt ja, von der Tante und meinem armen, lieben Montroſe kann ich dich nicht böſe reden horen, ohne daß ich weinen moͤchte.“ 186 „Nun, nun!“ ſagte Nees unruhig—„du biſt's doch nicht, die ich meine! du Närrchen du! wer meint es denn boͤſe mit dir! ich doch nicht? Aber die— die“ — rief er plotzlich mit einem Anfall von Wuth, da er ſah, wie Floripes ſchnell ihre Augen trocknete—„die bringt immer Unheil uͤber uns! Was weinſt du, mein Kind? Laß' das! laß' das!— das verdienen die Bei⸗ den nicht— die mir dein Herz ſtehlen— die Frau Tante alle Tage— und der Herr Marquis, der— der ſchon zehn Jahr todt iſt, wo du noch ein Kind, ein klei⸗ nes Kind warſt, und weinſt noch um ihn! Heil'ger Gott!— dein armer Vater— ich will ſehn, ob du weinſt, wenn er zehn Jahr todt iſt?“ „Seid ihr denn wieder ganz toll?“ rief Hooft ſtark dazwiſchen—„Das arme Kind hatte ſchon die Augen getrocknet; aber ihr ruht nicht, bis ſie wieder anfängt, ihr unverſtändiger Mann, der nicht alt werden kann mit ſeinem hitzigen Blut!“ Nees ſchwieg und blickte aͤngſtlich zu Floripes hinuͤber. Hooft ſagte, er wolle ihnen nun noch er⸗ zahlen, was fuͤr Feſte die Stadt Amſterdam geben werde, und Floripes nickte ihm freundlich zu. Dabei ſtand ſie auf und legte die Decken um Nees zurecht, die ſein unruhiges Rutſchen und Haben verſchoben hatte.—„Vater!“ ſagte ſie mit ihrer klaren Stimme, —— 3 „—— 187 indem ſie ihn mitleidig anſah—„du biſt gewiß kalt geworden.“ „Nein, nein! mein Engelchen! Nein— nein,“ ſagte Nees klaͤglich und mit weinerlichem Geſicht— „wenn du mir nur dein kleines, ſeidenweiches, liebes Patſchchen ein wenig nur reichen willſt.“ Floripes aber ſprang auf ihn zu— ſchlang beide Arme um ſeinen Hals, und druͤckte ihn kindlich zärtlich an ſich, indem ſie ihr wieder erheitertes Geſicht zu ihm uͤberbog. Hooft raͤusperte ſich ein wenig, oft um ſeine Ruͤhrung zu bezwingen, und fing dann ſeinen Be⸗ richt an.— Da wurden ſchon Tempel und Haͤuſer auf der Land⸗ ſtraße gebaut— bei jedem war eine neue Feierlichkeit. Der goldene Wagen, der die junge Maria von England, die Mutter des jetzigen Prinzen, 1642 eingeholt, war neu ausgeſchlagen und vergoldet— und diesmal ge⸗ horte es zu den ſehr neuen Ideen, auf deren Erfindung ſich Hooft viel zu gut that, da ſie ganz in ſeinem Cha⸗ rakter als großer Weiberfreund war, und er ſie vor⸗ geſchlagen hatte, nämlich: die ſchoͤnſten und jungſten Jungfrauen der Stadt paarweis zu ruͤſten, mit weißen Gewaͤndern und Blumen und Bändern, um ſie der jungen Prinzeſſin und dem Könige entgegen zu ſenden — und die Schoönſte ſollte dem Koͤnige einen Strauß, eine Zweite der Prinzeſſin einen Kranz bringen. Das fand nun auch Floripes wunderhuͤbſch erſon⸗ nen, ohne zu ahnen, daß der liſtige Hooft, der wohl die Schoͤnſte kannte, ſie zu dieſer Jungfrau erſehen hatte — ſie ſagte ſogar ſchuͤchtern: ſie moͤge wohl zuſehen konnen, irgend wo— doch ſchwieg ſie ſchnell— denn Nees trommelte gleich ſtark auf dem Tiſche. Dann beſchrieb er die koſtbaren Geſchenke, welche die Stadt zu machen gedachte, und was man fuͤr unge⸗ heure Kuͤchen- und Weinvorräthe angeſchafft habe; wie viel alle Handwerker zu thun hatten, was an Tuch, Sammt und Seide zu Beſchlägen, Polſtern und Tape⸗ ten verwendet werde und wie viel Dukaten ſchon an den Vergoldungen verbraucht waren. Das hoͤrte Nees gern, denn obwohl er ſie ale für toll hielt, freute ihn doch der ungeheure Aufwand— er täuſchte ſich fuͤr kurze Zeit dabei mit der Hoffnung, ſie wuͤrden alle Bettler daran werden, er allein, der keinen Heller dazu hergab, werde der Reiche bleiben und ſie nachher Alle ablaufen laſſen. Indeſſen fingen Nees und Floripes an ihre Suppe zu eſſen und Hooft blieb noch immer und fuͤhrte offen⸗ bar eine kleine Liſt im Schilde, denn er ruͤhmte den ſchoͤnen, warmen Maiabend, fragte, ob Floripes ſchon in der Luft geweſen waͤre, und als ſie nein ſagte, tadelte er dies ſehr und meinte, ſie ſei ihm auch recht blaß heut vorgekommen. Nees ſchluckte immer eifriger ſeine Suppe und guckte immer ſcheuer nach Floripes auf— er war mindeſtens ſo pfiffig als Hooft und merkte gleich, er wolle ſie noch hinaus fuͤhren— etwa zur Tante oder zur Frau von Marſeeven— das litt er nun ſehr ungern— und nur die Furcht fuͤr die Geſundheit der blaſſen Floripes lag damit in Streit und uͤberwand ihn zur Nachgiebigkeit gegen ſolche Zerſtreuungen, von denen ſie immer kraͤf⸗ tiger und nicht ſelten mit gerotheten Wangen zuruͤckkam. So wie die Suppe verzehrt war, trat ein großer, kräf⸗ tiger Burſche herein, das war Caas, der, obwohl er einen bedeutenden Gluͤckswechſel erlebt hatte, dennoch lieber eine elende Bodenkammer bewohnte und Nees be⸗ diente, als von Floripes ſich trennte, die ihn noch immer zu tauſend kleinen Huͤlfsleiſtungen nothig hatte, und die er hegte, ſchuͤtzte, anbetete ohne alle Nachgedanken, wie ein junges, reines, männliches Herz es nur vermag. „Die Sonne meinte es heute ſcharf,“ ſagte er zu Floripes im Vorbeigehen—„aber jetzt habe ich ſie alle tuͤchtig begoſſen— nun ſind ſie friſch und man kann's wachſen ſehen.“ „Ja!“ rief Floripes vergnuͤgt— denn ſie verſtand 190 die Rede Caaſens, die ſo viel Vorausſetzungen machte, ſehr gut.„Dann will ich gehen und will ſie anſehen,“ fuhr ſie fort—„ich danke dir auch.“ Solch' ein freundliches Wort war wie ein Hebe⸗ baum fuͤr Caas— denn es fuhr dem ehrlichen Burſchen wie ein Jubel durch die Glieder, und er hätte in ſolchen Augenblicken Kraft gehabt, den ſchweren Nees wie ein Kind in ſein Bett zu tragen. Das litt aber Nees nie; denn obwohl es ihm zur Zeit der Gichtanfalle unmoͤg⸗ lich war allein zu gehen, ſagte er doch jeden Tag zu Caas, wenn er ihn von einer Stelle zur andern halb trug— er ſolle nur gehen, er könne es ohne ihn— was das heißen ſolle, daß er ihn ſo anpacke und thaͤte, als ginge Alles nach ſeinem Kopfe. Caas ſchleppte unterdeſſen, ohne inne zu halten, fort. Er hatte fur alle Beleidigungen, die von Nees kamen, gar keine Ohren— ja, ein gelegentlicher Puff von ihm ſchien auf Stahl und Eiſen zu fallen. „Geht ihr zu Bette, Nees?“ brach nun Herr Hooft heraus—„Nun, das iſt fruh— die Sonne iſt noch nicht unter, da muͤßt ihr mir Floris mitgeben zur Tante, damit ſie ein wenig Bewegung hat und die blaſſen Wangen verliert.“ „Floris noch ausgehen?“ ſchrie Nees und drängte Cnas ungeſtuͤm zur Seite, um ſeine mißtrauiſchen Au⸗ — 191¹ gen auf Beiden wurzeln zu laſſen—„das ſind ſchlechte Angewohnungen und Thorheiten, bei denen nichts her⸗ auskommt— hat ſie nicht ihre Blumen— ihre Voͤgel — ihre Laute?“ „Alles wahr,“ ſagte Hooft—„aber im kleinen Hofe kann ſie ſich nicht muͤde gehen, da ſtockt das Blut — und da entſteht die bleiche Farbe und die Abmage⸗ rung. Sie iſt in den Jahren, wo das kein Mädchen aushaͤlt.“ Nees ſchwieg; die Kraft des Widerſtandes legte ſich ſchon— auch muſſen wir bekennen, daß das Stuck oft ſpielte, daß Nees zuletzt immer nachgab, aber auch immer vorher an Hooft noch in ſtärkeren Aeußerungen ſeine Galle kuͤhlte, wogegen dieſer ſich dieſelben Ohren wie Caas angeſchafft zu haben ſchien— und dies ihm dann ſo holdſelig beguͤtigende Blicke von Floripes eintrug, daß er immer ein froͤhliches Lächeln behielt. Auch heute vollendete Floripes wie immer den letzten Akt, indem ſie ſich ihrem Vater nahte, ihm die zottige Hand kuͤßte, ihm gute Nacht wuͤnſchte und ſchon, der Erlaubniß gewiß, mit einem wahren Engelslacheln ſagte: „Nicht wahr, ich darf doch gehen?“ Dann zwickte Nees die Augen zuſammen und that, als bekame er Schmerzen oder habe ihn Caas unſanft beruͤhrt— er zankte und ſeufzte, aber er widerſprach ihr nicht mehr und ſagte nur, wenn ihn Caas endlich hin⸗ auf geſchleppt und in ſein Bett gelegt:„er ſolle nicht ſo lange unnuͤtz herum trodeln und ſich um Dinge be⸗ kuͤmmern, die ihn nichts angingen, ſondern mit dem Fraulein gehen und vor der Thuͤr warten, damit ſie ſicher zu Hauſe käme.“ Mit einem Satz war Caas dann um die Thuͤr, und wie ſauber er ſich auch hielt, fur ſolche gluckſelige Auf⸗ träge hatte er ſtets ein paar blanke Schuhe, einen beſſe⸗ ren Mantel und eine Mutze mit einer kleinen Hahnen⸗ feder und einem Schauſtuͤck. Es war keine kleine Abendbewegung zur Tante Urica zu gehen, denn dieſe wohnte hinter der Stadt, wo die Sommerhauſer der Vornehmen zwiſchen den Huͤtten der Fiſcher lagen und nicht ſelten zu romantiſchen Pro⸗ ſpekten der Erſteren dienten. Die Marquiſe von Montroſe bewohnte weder eins der prachtvollen Sommerhäuſer, die hier im Gebuͤſch, umge⸗ ben von köſtlichen Gartenanlagen mit dem Blick auf die See, zerſtreut waren, noch eine der romantiſchen Huͤtten, welche näher zum Strande die wohlhabigen Fiſcher⸗ Familien inne hatten. Nachdem ſie ihr Haus im Haag verkauft hatte, der Gräfin Comenes ein bedeutendes Geſchenk gemacht und ſie zu der Stelle der Oberhof⸗ meiſterin bei der jungen Prinzeſſin von Hranien empfoh⸗ „ 193 len— nachdem auch ihre Juwelen verkauft waren, be⸗ hielt ſie ein kleines Kapital, womit ſie am Ende eines ſtädtiſchen Wildgartens ein kleines Jagdhaus mit Gar⸗ tengehege kaufte und hier von den geringen Intereſſen des bleibenden Kapitals mit einigen ihr treu gebliebenen Dienern und der kleinen Orla, ihrer zehnjährigen Toch⸗ ter wohnte. Von hier aus leitete ſie die Erziehung ihres Pflegeſohns William Bedfort, welcher jetzt auf der Marine⸗Schule in Amſterdam ſeine Studien als der⸗ einſtiger Seemann machte und jede Stunde der Muße, die ſeine Studien ihm frei gaben, bei ſeiner angebeteten Pflegemutter zubrachte. Man konnte in Floripes noch immer die kleine, tanzende Gefährtin des Mondes erkennen. Wenn ſie dahin ging, ſchien ihre ganze Geſtalt rhythmiſch getragen — man hätte darnach ſingen können und ihr Fuß grub ſich dem feuchten Sande kaum ein. So wie ſie nur die Stadt hinter ſich hatte, ſchlug ſie den langen ſchwarzen Schleier, der uͤber dem gold⸗ geſtickten Sammtkäppchen hing, zuruͤck und nun hob er ſich von dem ſanften Fruͤhlingswinde, der die ſcheidende Sonne begleitete, getragen— und die feine Huͤlle ſchien eine Niſche um ſie her zu bilden. Sie trug ein Sammtleibchen von derſelben azur⸗ blauen Farbe wie das Käppchen und dazu das Kleid Jakob v. d. Nees. I. 13 194 vom feinſten Tuche und gleicher Farbe. Nie fehlte der geſtickte Rand von Gold, Perlen oder Seide und eine koſtbare Spange fuͤr das feine Battiſthemdchen des Halſes, oder eine Kette, oder eine Perlenſchnur. Die Frauen von Amſterdam machten tauſend Er⸗ findungen, um ſelbſt an ihren täglichen Trachten den ungeheuren Reichthum los zu werden, der ſich ihnen zu jeder Phantaſie darbot. Das ſogenannte Wildgehege hatte breite, aber duͤſtere Wege und am liebſten ging Floripes, wenn ſie mit Herrn Hooft des Abends den Weg machte, am Strande, wo ſie dieſe gar nicht beruͤhrte und kurz vor dem Jagd⸗ hauſe wieder an den Duͤnen einen kleinen Stieg hinauf klimmen mußte, der in die Allee alter Linden einlenkte, die vor das Gitter fuͤhrte, hinter welchem der Garten des Hauſes abgezweigt lag. In den Fiſcherhuͤtten, die da unten lagen, hatte ſie in jeder Freunde und Bekannte— ſie gruͤßte und ward gegruͤßt— die Kinder liefen ihr nach— die jungen Leute begleiteten ſie und wollten ſie ein wenig auf dem Waſſer fahren— oder ſie hatten ihr eine Muſchel, ein polirtes Steinchen, eine ſeltene Waſſerpflanze verwahrt. Das hatte nun Floripes gar zu gern— da lachte ſie und ſcherzte, und nahm, und verſprach, und verweigerte, Alles ohne den leichten Schritt aufzuhalten, denn keine 195 Minute wollte ſie verſäumen, wenn ſie zur Tante gehen durfte. Und das wußten Alle und liefen hinterher bis zum Stieg, der in die Hoöͤhe fuͤhrte; aber ſie gaben es doch nicht auf, ihr Antraͤge zu machen, denn ſie ließen ſich ſelbſt ihre abſchlägigen Antworten lieber gefallen, als daß ſie gar nicht mit ihnen verkehrt hätte. In einem Gange von beſchnittenen Buchen, deren zarte Zweige uber ein leichtes Holzgeflecht gezogen waren, was in Bogen hinlief, und bei der fruͤhen Jahreszeit erſt einen florartigen Schatten zu geben vermochte— ging eine Dame in Trauerkleidern, in der wir ſchwerlich Urica wiedererkennen wuͤrden. Sie geht langſam und der Ausdruck der Schwäche iſt ihrem Gange ſelbſt in einiger Entfernung anzuſehen. Doch iſt ihre Haltung noch grade und der Kopf aufge⸗ richtet; ihren linken Arm ſtutzt ein ſchoͤner Juͤngling von etwa ſiebzehn Jahren— es iſt William Bedfort— er trägt die enganſchließende Kleidung der jungen See⸗ kadetten, die ſeine ſchone jugendliche Geſtalt vortheilhaft zeigt.— Er ſpricht lebhaft und heiter mit ſeiner geliebten Pflegemutter und ſo feurig und unruhig all' ſeine Be⸗ wegungen ſind, ſo ſieht man doch, wie er die zärtlichſte Aufmerkſamkeit für dieſe Mutter hat; er küͤßt zuweilen die kleine bleiche Hand, die aus der ſchwarzen Umhuͤllung 13* 196 hervorſieht; wenn ſie ſtehen bleibt, um ein wenig zu ruhen, ſchlingt er ſeinen Arm um ſie, um auch ihren andern Ellenbogen zu ſtuͤtzen und dann biegt er ſich vor, um ihr in's Geſicht zu ſehen— er laͤchelt— oder er ſtemmt ſich mit gehobener Bruſt, um recht feſt zu ſtehen, und uͤberragt dann mit faſt ſchon maͤnnlichem Maaß die Geſtalt Uricas um Vieles. Dieſe hat das milde Lächeln auf dem bleichen Ge⸗ ſicht, was den Antheil verräth und das Vertrauen der Jugend hervorruft.— Zuweilen oͤffnet ſie zu kleinen Erwiederungen die feinen blaſſen Lippen, die kaum noch die aͤngſtlich weißen Perlenzaͤhne decken— ſie ſcheint zu fragen, oder doch zu verrathen, daß ſie der Mittheilung gefolgt iſt und lockt damit einen neuen Strom von Er⸗ zählungen aus ſeinem Munde; denn was ſie hoͤrt, ſind Vorfälle aus der Marine-Schule, und da nicht aus⸗ reicht, was er Alles erlebt, erfaͤhrt ſie auch die Erlebniſſe ſeiner Lieblings-Kameraden. Am Ende des Berceau's, nach dem Hauſe zu, ſitzt Orla auf einem Heuhaufen, und ihr kleiner Wachtel⸗ hund wird eben von ihr geſattelt, denn neben ihm harrt ſchon ihre Lieblingspuppe, die Prinzeſſin von Oranien, welche ſogleich Black beſteigen ſoll, um nach Deutſch⸗ land zu reiten. Hier zeigt ſich ein Raſenplatz vor dem kleinen bequemen, aber altfränkiſchen Hauſe ausgebreitet, ————— 197 und unter den Lindenbäumen, die das Vorhaus beſchat⸗ ten, ſtehen Sitze, und Kiſſen und Decken verrathen den Ruhepunct einer Kraͤnkelnden. So wie ſich Urica dem kleinen Maädchen naht, bleibt ſie ſtehen, und der Hauch von Liebe und Befriedigung, der dann aus den großen ſtahlgrauen Augen dringt, iſt unendlich ruhrend, wenn man ihr Schickſal kennt.— Orla hört das leiſeſte Rauſchen von dem Kleide ihrer Mutter, und ſo groß ihr Eifer iſt, die beabſichtigte Ca⸗ valcade ins Werk zu richten, immer hat ſie Zeit, das friſche, roſige Geſichtchen umzuwenden, die dicken brau⸗ nen Locken zuruckzuſchutteln und mit dem ganzen Zau⸗ ber der kindlichen Zärtlichkeit„Mama“ zu rufen. Dann fährt ſie ſogleich mit dem großten Eifer fort, den klei⸗ nen Sattel auf Black's runden Ruͤcken feſtzubinden und verſchwendet dabei Bitten, Liebkoſungen, Drohungen und kleine gelegentliche Puffe, um ihn zu dem beab⸗ ſichtigten Dienſt bereit zu machen, wogegen er viel Ein⸗ wendungen zu haben ſcheint; denn, wenn er auch mit einer kläglichen Miene, die faſt Falten auf ſeiner glat⸗ ten Stirn zieht, alle Anordnungen ertragt, die ſeinen ſchoͤnen, glaͤnzend ſchwarzen Ruͤcken belaſten, ſo lange die kleinen dicken Hände ſeines Lieblings noch uͤber ihm geſchaͤftig ſind, kann er doch nicht widerſtehen, im Augen⸗ blick, wo ſie ihn nun fertig hält und los laßt, um ſich 198 an ihm zu weiden, ſich ſo gewaltig zu ſchuͤtteln, daß faſt im ſelben Augenblick der Sattel wieder unter dem Bauch ſitzt und die arme Prinzeſſin mit der Krone und dem Florkleide wieder nicht den Ritt nach Deutſchland an⸗ treten kann. Wenn wir hätten beobachten können, wie oft Orla von vorn angefangen, um zum Zweck zu kommen, wuͤr⸗ den wir auf ihre Sanftmuth und Geduld ſchließen kön⸗ nen, ohne uns zu wundern oder es ihr anzurechnen, daß ſie plötzlich aufſprang und mit dem weinerlichſten Geſicht, die Häͤnde ringend, Black nachſah, welcher eben mitſammt dem verſchobenen Sattelzeuge mit freudigem Bellen nach dem Berceau jagte und ſo die letzte Hoffnung des armen kleinen Stallmeiſters ver⸗ eitelte. Aber ihr, wie dem armen Black, ſollte aus derſel⸗ ben Quelle Troſt und Zerſtreuung kommen, die ſie Beide ſo noͤthig hatten; denn Floripes flog weit vor Herrn Cornelius Hooft den Gang hinauf, und neben ihr ſetzte Black mit dem Sattelzeug und allen Sympto⸗ men unſinniger Freude daher. Nun hatten aber Orla und Black hierin wenigſtens ganz denſelben Geſchmack, denn Orla liebte Floripes eben ſo ſehr, und ihr Beſuch war daher das glucklichſte Ereigniß, was ſich fuͤr Beide zutragen konnte. Nicht —— —— v— 199 minder ungeſtuͤm ſprang ſie daher von ihrem Heuhau⸗ fen der lieben kleinen Tante entgegen und hing ſich ſchnell, allen Kummer vergeſſend, in ihre Arme. Aber nur kurze Zeit ließ ſich Floripes dieſen Rauſch von ihren beiden Lieblingen gefallen, denn ihr glaͤnzen⸗ des Geſicht hob ſich ſchon uͤber Orla's Kopf nach der Tante Urica, die mit dem matten Lächeln, was ſo un⸗ ausſprechlich ruͤhrend und guͤtig war, auf William ge⸗ ſtuͤtzt, ihr entgegen ſchwankte. Sie ließ ſich von Floripes die Hände kuͤſſen und druͤckte leiſe ihre Lippen auf die ſchoͤne, jugendliche Stirn; dann ſetzte ſie langſam ihren Weg nach dem Vorhauſe fort, und die ſchnell hinzutretende Ulla hatte doch ein Flacon noͤthig, um die Lebensgeiſter ihrer Her⸗ rin beiſammen zu erhalten. Herr Cornelius fand ſich nun auch ein— es ſchien, es habe hier Jeder ſeinen Platz, denn nachdem nur Urica erſt wieder in ihrem Lehnſtuhl ſaß und die Decken uber ſie geſchlagen waren, ſaß Floripes in einem eiche⸗ nen Holzſtuͤhlchen neben ihr— Orla auf einem Kiſſen zu ihren Fuͤßen— Herr Hooft auf der andern Seite von Urica und William auf der Stufe des Vorhauſes ſo nah neben Orla, daß ſie ihre Händchen auf ſeiner Schulter ruhen ließ. Der Mai war ſtets der Monat, der Urica um einige 200 Jahre ihrem Grabe naher brachte. Die Erinnerung an Montroſe's Hinrichtung, welche in dieſen Monat fiel, ſchnitt jedesmal neue Lebensfäden durch, und nur der edle, große Charakter Urica's vermochte ſie ſo lange ihren Pflichten zu erhalten. Zwar hatte ſie gehofft, weder ein lebendes Kind zur Welt zu bringen, noch ihr eignes Leben dabei zu erhalten— da aber Beides ge⸗ gen ihre Erwartung ſich geſtaltete und die Natur mit der Mutterliebe ihr Herz faſt mit Gewalt erſturmte, fuhlte ſie ſich auch von dem Willen des Allmächtigen wie von einem Blit getroffen, und ſie widerſtrebte nicht zu leben und ergab ſich geduldig ihren Pflichten. Nach einer kleinen bewegten Pauſe, welche Urica's Schwaͤche an dieſem Abend hervorgerufen, war ſie es ſelbſt, die, aus ihrer Betäubung ſich empor ringend, das wehmuͤthige Schweigen um ſich her zu unterbrechen ſuchte. Sie fragte William, ob er Herrn Hooft ſchon erzählt, daß die Marine⸗Schule dem Könige entgegen ziehen wolle, und wenn er Abends zu Waſſer fahren werde, eine Art Manovre in großen Ruderbooten auf⸗ zufuͤhren beabſichtige. Nun erzaͤhlte William, und dann folgten wie von ſelbſt die Erzählungen des Herrn Hooft uͤber die Feier⸗ lichkeiten, welche die Stadt außerdem beſchloſſen, und er kam wieder zu den weißgekleideten Jungfrauen. Alle fanden den Gedanken wunderſchoͤn und Flori⸗ pes zählte ihre Bekanntinnen her, unter denen ihre Couſinen, die lieben Fraulein von Marſeeven, natuͤrlich die erſten ſeien mußten— aber an ſich dachte ſie mit keinem Gedanken. „Ja,“ ſagte Herr Cornelius—„allerdings werden die Fraͤulein von Marſeeven dabei ſein, wenn der Zu⸗ ſtand ihrer Mutter nicht etwa bedenklicher wird—“ „Fuͤrchtet ihr das?“ fragte Urica antheilvoll— „mein Gott! ſoll ſie noch vor mir dahin gehen?“ „Die Aerzte denken wohl, daß ihre Tage gezählt ſind und freuen ſich nur, daß ſie ſo wenig jetzt leidet, meiſt außer dem Bette liegen kann und die ganze Klar⸗ heit ihres Geiſtes hat; aber freilich mögen die Toͤchter keine Freuden theilen und ſind eiferſuͤchtig auf die Stun⸗ den, die ſie ihnen noch ſchenken kann. Nun wird Herr von Marſeeven gepeinigt, ſeine Töchter nicht zuruͤckzuhal⸗ ten, und ihr könnt denken, wie das ſeinem Herzen wider⸗ ſtrebt, da er ſchon durch dieſe Unruhen in der Stadt von ſeiner Gemahlin ſo oft getrennt iſt und von lauter Luſt und Freude horen muß, waͤhrend die nahe Trennung von dieſer wuͤrdigen Gattin ſein Herz mit Kummer erfullt. Ich ſage euch, Frau Marquiſe, ihr wurdet euren Vetter kaum wieder erkennen, wenn ihr ihn in den letzten Wo⸗ chen nicht ſaht. Er geht ordentlich gebeugt, und wir * . Alle bei der Stadt ſchonen ihn und kommen ihm zu Huͤlfe, denn er iſt oft ſo ſehr zerſtreut, daß er nicht hoͤrt, was vor ihm verhandelt wird, und zu Dingen ſeine Zuſtimmung giebt, die er ſonſt nicht hätte durchgehen laſſen. Gebt Acht, er dankt unwiderruflich ab. Dieſe Feierlichkeiten ſind ihm zu ſchnell uͤber den Hals gekommen, er konnte ſich vorher nicht mehr zuruͤckziehn; aber immer ſpricht er von unwiderruflichem Abdanken und bittet alle ſeine Mitbuͤrger, ſie ſollen ihm Ruhe gönnen; denn er weiß wohl, wenn ſeine Zeit auch um iſt, ſie werden ihn doch immer wieder waͤhlen.“ „Der arme Vetter,“ ſagte Urica milde—„aber meine Muhme wird ihre Kinder faſt alle verſorgt, oder erwachſen und wohl erzogen zuruͤcklaſſen— das koͤnnen nicht Alle ſagen, die ſich dem Tode nahe fuͤhlen, und es iſt eine ſchwere Verſuchung, ſich den Tod wuͤnſchen und ihn fuͤrchten muͤſſen, um des ſchwachen Schutzes willen, den wir noch denen gewaͤhren, die wir lieben.“ Hert Cornelius verſtand ſie wohl und wuͤnſchte ſie abzulenken, indem er Gruͤße von Frau von Marſeeven beſtellte und erzählte, wie ſie von ihrem Ruhebette aus noch immer die Feſtlichkeiten mit Rath und That unter⸗ ſtuͤtzte, und wie ihr Geſchmack und ihr richtiger Takt erſt die Anordnungen der Maͤnner läͤuterte.„Sie laͤßt nun euch, Frau Marquiſe, erſuchen, es doch zu erlauben und 203 bei Nees zu betreiben, daß Floris dabei ſei, ja, daß ſie dem Koͤnige den Strauß reiche; oder noch ſchoͤner, glaubt Frau von Marſeeven, wuͤrde es ſein, wenn Floris die liebe, kleine Orla vorfuͤhrte und dieſe dem Könige den Kranz gabe, als ihrem Koͤnig; vielleicht die Einzige, die Englaͤnderin und Hollaͤnderin zugleich iſt.“ So wenige Worte das waren, ſollten ſie doch Alle, die ſo friedlich und ohne Beziehung zu dem Trei⸗ ben der Außenwelt waren, und bisher ſich in nichts bei ihren Beſchluſſen betheiligt gehalten, in die vollſtändigſte Aufregung verſetzen. „Ich dabei— Herr Hooft?“ rief Floripes, getheilt in Schrecken und Freude— „Auch Kinder ſind dabei?“ rief Orla, ſich blitzſchnell auf ihrem Kiſſen zu Hooft umwendend—„Ach Mama! Mama!“ Aber ihr letztes Mama war ſchon voll Schrecken, denn nachdem Hooft die raſche Rede uͤber Orla ruͤck⸗ ſichtslos herausgeſtoßen hatte, war ein Grauen und Er⸗ beben uͤber Urica's Koͤrper geſchlichen, und als er ſchwieg — ſtuͤrzten heiße Thraͤnen aus ihren Augen und ſie rief mit einem herzzerreißenden Tone des Schmerzes:„Orla — Montroſe's Tochter— den König empfangen, der ihn verrathen und ſeinem Maͤrtyrertode keine Thraͤne geweint!“ 204 Die ſchwere Anklage dieſer Worte hemmte Allen den Herzſchlag und ſelbſt das Kind, welches das Gewicht derſelben noch nicht verſtand, fuͤhlte doch, die Mutter habe etwas Wichtiges geſagt, wodurch Alle in ehrerbie⸗ tiges Schweigen verwieſen waren. „Mißkennt mich nicht, Cornelius Hooft,“ fuhr Urica fort, wahrend bittere Thranen die gewohnte Spur auf ihren Wangen fanden—„und denkt, ich fuhle fuͤr die Sache, welche das Opfer meines ganzen Lebensgluͤckes koſtete, darum kaͤlter. Gott iſt mein Zeuge, wie ich dieſen Sieg an jedem Tage meines verodeten Lebens erfleht— und zöge Monk in dieſe Stadt ein— Orla ſollte ihm den Kranz bringen, den dieſe ſterbenden Haͤnde ſelbſt geflochten; denn Monk hat vollendet, was Mont⸗ roſe begonnen— ſie waren Bruͤder, wenn er lebte— und ſein Geiſt ſegnet ihn von dort, wo er niederſchaut. Dieſem Helden durfte die Tochter des großen Märtyrers derſelben Sache den Siegerſchmuck bringen— ſie durfte es mit dem Stolze, durch ihren edlen Vater dem Lande anzugehoren, dem Monk mit glucklicheren Waffen den Frieden zuruͤckgegeben und ſeinem Könige den rechtmä⸗ ßigen Thron.“ „Aber ſagt mir nichts von dieſem König; ich habe genug gethan, wenn ich ſeine Sache von ſeiner Perſon getrennt habe— weiter kann ich nicht— und Orla darf 205 nicht den Schein auf ihr unſchuldiges Haupt laden, als habe ihre Mutter die Schmach verſchmerzt, welche die elende Feigheit des Konigs uͤber ihren Gatten brachte, der mit entehrenden Unterhandlungen den Nerv der Kraft durchſchnitt, wonach Montroſe's Unternehmen den Stempel der Verwerfung tragen mußte und er mit ihm unterliegen.“ Sie war bei dieſen Worten die fruͤhere Urica ge⸗ worden. Die truben ſtahlgrauen Augen bekamen Glanz und den veilchenblauen Schein zuruͤck— die Todten⸗ farbe wich einem ſanften Roth— und die eingeſun⸗ kenen Lippen hoben ſich von dem Feuer der Worte ge⸗ ſchwellt. Doch dieſe truͤgeriſchen Zeichen, die des armen Cor⸗ nelius unbeſonnene Worte mehr ſtraften, als Urica ahnte, verſanken eben ſo ſchnell wie ſie entſtanden! Bleich ſank ſie zuruͤck— traͤumend ſchaute ihr erblin⸗ dendes Auge uͤber den weiten Abendhimmel— Seufzer auf Seufzer brachen ihre Kraft—„Montroſe! Mont⸗ roſe!“ ſtammelte ſie abgebrochen—„ſie feiern deinen Sieg! Du warſt bei deinen Tapfern! Solch' ein Geiſt ſtirbt nicht— Pooft— in dieſem Monk, der unter Montroſe's Reitern als ein tapferer Juͤngling diente, war kein Heldengeiſt! Aber Montroſe hatte ihn lieb— er war mit ihm— er hat ihm den abgeſchiedenen Geiſt geliehen— Monk konnte das nur thun, da Montroſe ihm voran gegangen war.“ Als ob ſie ploötzlich fuͤhlte, ſie habe ſich lautdenkend ihren Träumen hingegeben, richtete ſie ſich auf, blickte auf Alle hin, und da Alle weinten, gewann ſie Gewalt uͤber ſich.—„Laſſen wir das, meine Freunde— und du, meine Floris— du wirſt gewiß die erbetene Er⸗ laubniß von deinem Vater erhalten, beſonders wenn Herr von Marſeeven es ihm andeuten läßt!“ „Ich,“— rief Floripes—„die Nichte Mont⸗ roſe's? Ich werde ihm gewiß keinen Strauß geben!“ rief ſie, hochroth im zuͤrnenden Schmerz vor ſich nieder⸗ blickend.— Urica's Auge ruhte wohlgefällig auf ihrem Lieb⸗ ling.—„Mein muthiges Maͤdchen!“ ſagte ſie und kußte zärtlich ihre Stirn.—„Haſt du den Freund— deine erſte kindliche Liebe noch nicht vergeſſen?“ Herr Cornelius ſagte aber erſchrocken, als er ſein ganzes An⸗ liegen in Gefahr ſah:„Aber die junge Prinzeſſin— ihr ſollt ihr ja den Kranz bringen— eurem Liebling— der jungen Gemahlin des Prinzen von Anhalt!“ „Hoͤr'!“ ſagte Urica—„deinem Liebling, der ſanften, edlen, jungen Fuͤrſtin! Hoͤrſt du nicht, mein Liebchen?“ fuhr ſie fort, da Floripes weinend ihr Ge⸗ ſicht in Urica's Schleier verborgen hatte—„das koͤnnteſt 207 du gewiß thun, meine Floris! Da ſchauteſt du dem bun⸗ ten Leben einmal recht nah' in die Augen— und wirſt auch kaum„nein“ ſagen können, wenn dir die Stadt die Ehre zugeſteht!“ „Aber warum denn mir?“ rief Floripes—„ich bin ja kein vornehmes Mädchen! Nees, mein armer Vater, iſt ja kein großer Handelsherr, wie die Großmo⸗ genden der Stadt.“ „Ei!“ ſagte Herr Cornelius bedeutſam lachelnd— „danach geht es diesmal nicht ganz genau! Es ſind andere Bedingungen noͤthig— und was bedenken wir uns lange, da Frau von Marſeeven es ſo ausgedacht hat und ihre Vorſchlage ſo gutes Anſehn haben, daß Alles danach horchte und nirgends Widerſpruch zu hören war, als der Herr von Marſeeven euch nannte.“ „Aber,“ entgegnete Floripes mit getrockneten Thrä⸗ nen ſich gegen Herrn Cornelius wendend—„meine juͤngſte Muhme von Marſeeven iſt doch ſo vornehm, und ſo ſchoͤn, und nicht viel älter als ich— und die jungen Mädchen aus den alten Geſchlechtern der Stadt.“ „Nun, das Fräulein von Marſeeven wird auch mit euch gehen, wenn ihr es wuͤnſcht— ſie wird nun wohl dem Koͤnige den Strauß geben,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu, indem ſein Auge Orla ſtreifte, mit der ſein herrlicher Plan mißgluͤckt war. 208 „Ihr ſollt ſehn,“ ſagte Floripes nachdenklich und altklug—„das wird ſich noch aͤndern— die Geſchlech⸗ ter werden Einſpruch thun, daß ein Maͤdchen wie ich, von geringer Geburt und ohne Namen— wovon die vornehmen Maͤdchen, die bei Marſeevens Beſuch machten, wenn's die Muhme nicht hoͤrte, ſo viel ſchwatzten— den Vortritt haben ſoll bei der Prinzeß!“ „Was ſagſt du Tante?“ fragte ſie Urica anblickend. —„Nun,“ ſagte dieſe läͤchelnd—„wenn von ſo ge⸗ ringen Dingen die Rede wäre als Geburt und Familie — moͤchte es dir zu Statten kommen, daß du mit den vornehmſten Familien nah verwandt biſt. Deine Groß⸗ mutter war meine Schweſter, wie du weißt— eine Ca⸗ ſambort— Frau von Marſeeven iſt uns auch ganz nah verwandt— ſo hat man dich wohl bisher zu den Familien gerechnet.“ „Mein armer Vater!“ ſagte Floripes plotzlich traurig „wenn ich das ſo auseinander ſetzen höre, und es iſt ihr das erſte Mal, denn ſo lange Suſa noch ihren Verſtand hatte, drehte er ſich immer um den einen Punkt dieſer Verwandtſchaft! Aber du glaubſt nicht, wie mir danach immer traurig wurde, wenn ich den armen Vater dann anſah— als wenn ſie mich von ihm los⸗ reißen wollten— dann kam er mir ſo verlaſſen vor— ſo einſam— und ich liebte ihn dann aus Angſt ſchon noch mehr, denn ich blieb ja doch ſein rechtmäßiges Kind mit ſeinem Namen und es war doch immer, als ſollte ich mich vornehmer halten als er— er, der mich liebte — ſo gut gegen mich iſt— wie das gottlos geweſen wäre— ich kann's faſt nicht denken! Und du und die Mutter— ihr Beide habt das auch nie geſagt oder ge⸗ wollt.“ „Deine edle Mutter war mir darin bei weitem zu⸗ vor?“ ſagte Urica mit ſchoͤner Offenheit.—„Ich mußte erſt von ihr lernen, wie dein Verhaͤltniß allein richtig anzuſehen war— glaube nur— ich war einmal auf dem Wege einen großen Fehler darin zu machen; aber ihr heiliger, reiner Sinn hat mich davor be⸗ wahrt und ich fuͤhle nun, ſie hat auch in deine Seele die richtige Erkenntniß niedergelegt— die Natur, die dich zu deinem Vater hintreibt, iſt in dir nicht verkuͤmmert durch die eitle Sucht der Menſchen.“ „Ich konnte es wohl denken, daß du das Einſehen haben wuͤrdeſt,“ ſagte Floripes—„aber nun ſtehe mir auch bei, denn ich will nicht um meiner vornehmen Verwandten willen den Ehrenplatz haben. Wenn die Tochter von meinem armen Vater Nees nicht dazu paſ⸗ ſend iſt, dann laſſ' die Nichte der Marquiſe Montroſe zu deinen Fuͤßen ſitzen bleiben.“ „Was meint ihr dazu, Hooft?“ ſagte Urica, nicht Jakob v. d Nees. Mm. 14 210 ohne einen kleinen Anflug von Stolz und Freude auf ihre Nichte blickend—„iſt ſie nicht ein ſtolzes Mäd⸗ chen, das man nicht anders haben moͤchte?“ Hooft war ſchon wieder in der groͤßten Entzuͤckung, die ihn immer zu ſeinem wahren Verdruß mit einer un⸗ maͤnnlichen Weichheit überwaltigte.“ „Ach was,“ ſagte er aufſtehend, ſich räuspernd und ſein Wamms unſanft zurecht ruͤckend, indem er, ſich wegwendend, den Fernblick zu genießen ſchien—„das Maͤdchen weiß nicht, wie ſehr ſie mit ſolchen Geſinnun⸗ gen ihre hohe Abkunft verräͤth. Mein Goldmädchen!“ rief er plotzlich, von ſeiner Zartlichkeit überwältigt, ſich zu ihr wendend—„mein braves, wackeres Mädchen! Was haſt du denn fuͤr Angſt? Als wenn wir's Alle nicht wuͤßten, daß wir dich nicht anders nennen duͤrfen, als Floripes van der Nees. Alſo mein kleiner Hoch⸗ muth:„Der Schoͤffe Cornelius Hooft iſt beauftragt, das Fräulein Floripes van der Nees, Tochter des Kauf⸗ herrn Jacob van der Nees, von Seiten der guten Stadt Amſterdam einzuladen, an den Einholungsfeierlichkeiten der Prinzeſſin von Anhalt gnädigſt Theil zu nehmen und dabei einen Kranz mit geziemenden Worten zu uͤberreichen.“ Weil nun Hooft zu dieſer Rede mit vielem Humor allerlei Geſten und Diener machte, geriethen die jungen 211 Leute in gute Laune; Orla lachte Thränen— William fand den Scherz allerliebſt und Floripes wurde jung und luſtig und machte auch ihrerſeits die niedlichſten Knirchen und hielt eine Gegenrede, die zwar Scherz be⸗ deutete, aber ihren Verſtand und ihre Einſicht ſehr ent⸗ wickelt zeigte, denn ſie hätte den großmoͤgenden Herrn ſogleich als beſcheidene und zweckmaͤßige Antwort uͤber⸗ geben werden koͤnnen. *„Das heißt,“ ſchloß ſie ihre Rede,„wenn der gute alte Handelsherr Jakob van der Nees ſeiner Tochter dazu ſeine Erlaubniß geben will.“ „Nun, die ſoll er ſchon geben,“ ſagte Hooft—„da laßt mich nur machen, liebe Floris— und dann geht ihr morgen gleich zur Frau von Marſeeven und laßt euch das weiße Seidenzeug anmeſſen, und die Schleier, und die weiße Perlenhaube, und an den Ohren werden die Flechten um Zweige von OHrangenbluͤthen gewunden. Ihr kleinen Schelminnen werdet ausſehen, daß den Alten das Herz hupfen wird, wie viel mehr den Jungen.“ Urica's Aufregung war voruͤber— deſto ſichtlicher war aber ihre eintretende Erſchöpfung. Orla's Wär⸗ terin fuͤhrte dieſe fort, um zu Bett zu gehn; Ulla trat ein paar Mal aus dem Hauſe und machte endlich hinter dem Stuhl ihrer Gebieterin verſtaͤndliche Zeichen, daß man ſich entfernen moͤge. 14* 212 Auch ſchien in Urica kaum noch Theilnahme zu ſein, und die Hand, die Alle zum Abſchied kußten, erwiderte auch nicht durch den leiſeſten Druck den Abſchiedsgruß ihrer Lieben. Doch mochte dies fuͤr Alle eine wiederholte Erfah⸗ rung ſein, die durch die Macht der Gewohnheit nicht mehr ihre Stimmung auf lange truͤbte; denn Hooft, der beinah noch juͤnger war als dieſe jungen Leute, gab allerlei Anſchläge, wie man den ſchoͤnen Abend noch genießen konne, und endlich beſtiegen ſie ein Boot und beſchloſſen, Floripes von der Waſſerſeite nach dem Pur⸗ murand'ſchen Hauſe zu bringen, denn Caas hatte den Schluſſel zum Gitter der kleinen Gaſſe, von wo aus die Thuͤr in den Luſthof fuͤhrte. Indeſſen fand ſich bei Hoofts Vorſchlagen in Nees der gewoͤhnliche Widerſtand, der mehr denn eine rohe Scene veranlaßte, in denen ſein argwoͤhniſcher Sinn, ſeine Furcht vor Ausgaben, oder vor einem Aufſehn, was Anſpruͤche auf ihn lenken koͤnnte, ſich wahrhaft ſchlugen und zankten mit ſeiner Liebe fuͤr Floripes, ſei⸗ nem Stolz auf dieſe Auszeichnung, und dem lacherlich⸗ W 213 ſten Jubel, ſie ſo geputzt ſehen zu können und ſie nun wirklich damit als die ſchoͤnſte anerkannt zu wiſſen. Endlich ſiegte Hooft, als die elenden Zuckungen des Geizigen nicht aufhoͤren wollten, durch ein paar energiſche Drohungen, wie der Oberſchulze dieſen Wi⸗ derſpruch vermerken werde— und demnach ging Flori⸗ pes in das Haus der Muhme Marſeeven, um ſich die vorgeſchriebene Kleidung der Jungfrauen anmeſſen zu laſſen. Man konnte nichts Reizenderes ſehen, als Floripes am Morgen des Feſtes, wie ſie zu ihrem Vater in den alten duͤſtern Saal der Purmurand trat und dieſer wie von ihr erleuchtet wurde. Wir haben ſchon erwähnt, wie gut die Wahl des Anzugs ausgefallen warz aber nicht Jeder ſtand er ſo geſchickt, bei Keiner hatte er ſo viel Schoͤnheit zu er⸗ hoͤhen. Die dunklen Orangenzweige mit den weißen Bluͤ⸗ then, wie reizend ruhten ſie in dem goldenen Neſt der Flechten, die Ohr und Wange zart umſchloſſen: das Perlenmuͤtzſchen umgab dabei ſo eng die reizende Form des Kopfes und bildete mit einer ſtärkeren Perlenſchnur, die den äußeren Rand umſchloß, einen kleinen Reifen uͤber den Kopf; durch einen Ring war der feine weiße Flor gezogen, der uͤber dem Ruͤcken niederfloß. 214 Nees hatte von ſelbſt die Perlen Angelas heraus⸗ geholt; er heulte nun vor Wonne, als er ſeinen Engel damit geſchmuͤckt ſah; aber immer wieder mußte ſie ſich niederbuͤcken, damit er die koſtbaren Schloͤſſer an dem Halsband und den Armbaͤndern pruͤfen konnte. Er ſagte:„er ſei gewiß, ſie werde ſie nicht wieder mitbrin⸗ gen, und wenn ſie drum kame, ſolle ſie nicht ſagen, daß ſie ihr gehoͤrten, ſondern der Tante Urica.“— Er hatte ſo viel Angſt deshalb, daß, als Floripes bei der Frau von Marſeeven aus dem Wagen ſtieg, Caas auch ſchon ganz außer Athem dort eintraf, um ihr von Nees zu ſagen—„ſie moͤchte recht oft an die Schlöſſer der Per⸗ len faſſen; denn er dächte gewiß, er ſaͤhe ſie nie wieder.“ An dem Weichbilde der Stadt ſollten die jungen Maädchen aufgeſtellt werden, weil man in der Stadt den Andrang zu groß fuͤrchtete, da die Neugier der Menge grade darauf gerichtet war, und ſeit dem Em⸗ pfang der engliſchen Prinzeſſin und deren Mutter nichts Aehnliches vorgekommen war. Nun war üͤberhaupt die Stimmung aufgeregt. Das Volk errieth gern aus ſolchen oͤffentlichen Schrit⸗ ten ſeiner machthabenden Vertreter, was ihm von ihrer bevormundenden Weisheit entzogen wurde, und freute ſich, wenn etwas Auffallendes geſchah, woraus es mit der ſchlauen Beobachtung, die dieſem handeltreibenden * Volke ſo eigen war, Ruͤckſchluͤſſe machen konnte, welche die verſteckten Abſichten ihrer regierenden Herrn ver⸗ riethen. Nun war ſeit dem Tode des jungen bluͤhenden Statthalters, Wilhelms des Zweiten von Oranien, eine große Lauigkeit gegen die Anſpruͤche des Hauſes Ora⸗ nien erkennbar geweſen— der republikaniſche Kitzel hatte den Verſuch lockend gemacht, auch dieſen Einfluß der Herrſchaft von ſich abzuhalten. Wilhelm der Zweite hatte, obwohl ihn der Tod ſchon im fuͤnfundzwanzigſten Jahre dahin raffte, dennoch ein Andenken zuruͤckgelaſſen, was ein kuͤhner, unternehmen⸗ der Geiſt auf dieſem Standpunkt, aus den beſchränkten Rechten machen koͤnnte, welche die Staaten ihrem Statt⸗ halter gelaſſen. Sie hatten zwar ſeinen Tod beklagt, denn ſein großer kriegeriſcher Geiſt hatte ſie dem Auslande gefurchteter gemacht; aber, da er durch den Tod von ihnen genommen war, ruͤttelten ſie doch Alle wohlge⸗ fällig an dem Joche, was er ihnen auch ohne große Ruͤckſichten aufzulegen geſtrebt hatte, und was ihnen unluſtige Erinnerungen an ſeinen Oheim Moritz gege⸗ ben, den er ſich, wie ſie fuͤrchteten, zum Vorbilde ge⸗ nommen hatte. Nun fehlte nach ſeinem Tode wirklich die Nachfolge, denn Maria, die Tochter Karl's des Erſten, ſah ihrer 216 Entbindung erſt entgegen, und was war nicht Alles zu fuͤrchten bei dem Schmerze der Mutter! Obwohl nun bald darauf die Geburt eines ſtarken und geſunden Knaben dieſe anſcheinenden Befuͤrchtun⸗ gen beſeitigen mußte, zeigte man bei dieſer Gelegenheit doch keineswegs die Freude, welche ein erſehntes Er⸗ eigniß hervorruft, und die ungluͤckliche Mutter, welche ihren Schmerzensſohn Wilhelm den Dritten nannte, wartete vergeblich auf die öffentliche Anerkennung ſeiner Nachfolge. Die Staaten hatten indeſſen den Rathspenſionaͤr de Witt an die Spitze der öffentlichen Angelegenheiten berufen, welcher ohne Zweifel das größte Genie ſeiner Zeit war, und das Vertrauen rechtfertigte, da in ſeinem univerſellen Geiſte, Huͤlfsmittel fuͤr das Intereſſe des Vaterlandes lagen, die ſeine idealen Plaͤne fuͤr ihre Entwickelung dem Ziele nahe brachten. Er konnte nicht geneigt ſein, bei dem Bewußtſein, daß er allein dieſe großartige Ueberſicht aller Verhältniſſe an der rechten Stelle geltend machen konne, ſeine Gewalt ſo bald aus den Haͤnden zu geben, und indem er das Ideal einer Republik darzuſtellen trachtete, wurde er unwillkuͤrlich gegen jeden, ihm in dieſen Weg tretenden Widerſtand der unbeſiegbarſte Despot. In wie fern ſich nun de Witt zu der Zeit, die wir eben —, —, erwähnen, mit ſeinem ſich vorgeſetzten Ziel dem Ende nahte und ſeiner Erfolge geſichert, die Zuͤgel in der eig⸗ nen Hand loſer zu halten begann, wagen wir in dieſen oberflächlichen Andeutungen nicht zu bezeichnen; gewiß war es, daß nach Cromwell's Tode eine mildere Stim⸗ mung gegen den jungen Prinzen von Oranien einzu⸗ treten ſchien. De Witt nahm die ihm von der Großmutter und der Mutter uͤbertragene Vormundſchaft fuͤr den jungen Prinzen an, und die Staaten erklärten plötzlich aus eigener Wahl, daß ſie die Erziehung des Prinzen uͤber⸗ nähmen, um ihn ſeinen großen Vorfahren wuͤrdig ent⸗ wickelt zu ſehen. Dadurch ſchien der letzte Schritt vorbereitet, näͤmlich die Aufhebung der Ausſchließungsakte, welche noch als großte Schmach fuͤr das Haus Oranien uͤber dem jungen Haupte ihres rechtmaͤßigen Repraͤſentanten ſchwebte. Einen neuen Beweis der Theilnahme fuͤr das Haus Oranien gaben die Staaten bei der Vermaͤhlung der Tochter Friedrich Heinrich's. Sie ſchienen in das alte Verhältniß dabei zuruͤckkehren zu wollen, und die Feſte, die man nach altem Herkommen gab, die Geſchenke und Ehrenbezeigungen erinnerten durchaus an die Zeiten, wo das Haus Oranien in ſeiner vollen ſtatthalterlichen Wuͤrde geehrt und anerkannt worden war. Deſſenungeachtet ſchwebte die Meinung der regie⸗ renden Oberhaͤupter der Staaten vor dem Volke noch in dem myſtiſchen Bereich eines diplomatiſchen Geheimniſ⸗ ſes, und man hatte ſich in Amſterdam bemuͤht, dieſe Feier⸗ lichkeiten dadurch, daß man ſie zu halben Theilen dem Koͤnige Karl anbot, zu neutraliſiren; doch ließen ſich die Kluͤgeren dadurch nicht taͤuſchen, oder ihre Aufmerkſam⸗ keit abwenden, und es erregte deshalb grade ihre Beob⸗ achtungsgabe, ihre neckende Spionerie, ihre nicht ſelten boshaften Beurtheilungen deſſen, was ihnen durch dieſe Andeutungen kund gegeben wurde. So waren die fuͤr die Prinzeſſin von Oranien ange⸗ ordneten Feſte gewiß eine willkommene Veranlaſſung, den Scharfſinn der Zuſchauer aufzuregen, um ihren po⸗ litiſchen Hintergrund zu erſpahen; denn ſie zeigten, dem Geſchmack der Zeit gemäß, in allegoriſchen Darſtellun⸗ gen, die nicht immer leicht zu enträthſeln waren, doch alle auf die ruhmvollen Thaten der großen Vorfahren der Prinzeſſin hin, und das Volk, buͤndig und richtig in ſeinen Schluͤſſen, nahm ſogleich an, daß man nicht ge⸗ neigt ſein koͤnne, ſich eines Geſchlechts zu entledigen, deſſen Mitgliedern man vom erſten Augenblick der Ent⸗ ſtehung der Republik hiermit öffentlich den groͤßten und dankenswertheſten Einfluß auf das Wohl des Staates zuerkannte. 219 Was man nun damit gegen die noch zuruͤckgehal⸗ tene Meinung der hochmogenden Herren ausbeutete, erregte eine ungeſtuͤme Neugier, allen Feſtlichkeiten des Empfangs beizuwohnen, geſteigert durch die höchſt guͤn⸗ ſtige Stimmung fuͤr das alte Fuͤrſtenhaus, welches gerade unter den geringeren Klaſſen, denen die Ueberſicht ihrer zu fuͤrchtenden Fehler entging, und die ihren fuͤrſt⸗ lichen Glanz und den Stolz ihrer Aufzuͤge gleich ſchau— luſtigen Kindern gern hatten, große Liebe beſaß. So zeigte ſich eine unverkennbare Abſicht, ihre guͤn⸗ ſtige Stimmung fuͤr das Haus Oranien mit in die Wagſchaale zu legen und die Entſcheidungen fuͤr daſ⸗ ſelbe durch ihren Beifall, ja durch ihren Willen, zu Gun⸗ ſten deſſelben zu beſchleunigen. Die Dirigenten der Stadt erkannten dieſe harmloſe Verſchwoͤrung zu Gunſten deſſen, was ſie ſelbſt wollten, nicht. Es war ihnen ganz Recht, daß ſie auf dieſe Weiſe getrieben erſchienen, und ſie thaten keine Schritte, ſolche Ausbruͤche zu hindern; aber die Folgen, die bei dieſer milden Herrſchaft zu erwarten ſtanden, machten doch allerlei Vorſichtsmaaßregeln nothig, wie ſie die Politik einer guten Polizei einzuſchieben weiß, ohne Mißfallen zu erregen. So hatte man den Jungfrauen ſcheinbar einen Tempel in den Ringmauern der Stadt angewieſen, und 220 nachdem auf dieſem Punkte Zuſchauergeruſte erbaut worden und mit der Menge der Neugierigſten bedeckt waren, einen andern ganz unterhaltenden Mummen⸗ ſchanz hinein verlegt, und indeſſen dieſe Juwele der Stadt hinter den Ringmauern herum vor dem Thore nach einer Ehrenpforte von Laub und Blumen, welche ein Orangenwald zu ſein ſchien, gefuͤhrt, um hier die junge Prinzeſſin wie unter den Nymphen des Hains willkommen zu heißen. Dies war in mehr als einer Beziehung eine hochſt gluckliche Idee; denn indem man beſchloſſen hatte, die hohen Herrſchaften hier zum Ausſteigen zu bewegen, ſollten ſie auf ihren Sitzen kleine Erfriſchungen von den jungen Maͤdchen empfangen— und ihre kleinen Verſe, ihre Geſchenke, die lieblichen Verkettungen ihrer pantomimiſchen Tanzbewegungen in dem kuͤhlen Schatten dieſes improviſirten Boskets recht genießen können. Der Erfolg war der klugen Einrichtung entſpre⸗ chend. Als die Prinzeſſin zwiſchen ihrem jungen Ge⸗ mahl und dem Koͤnige in das Bosket eintrat, rief ſie entzuͤckt.„O mein Gott! welch' ein Zauber— ſind das Engel oder Menſchen?“ „Nein!“ rief der Koͤnig—„das ſind die Wunder, die allein Holland hervorbringen kann, mit ſeinen ihm ———— 221 allein zugehoͤrenden ſeltenen Schoͤnheiten. Empfangt die Huldigungen eurer Landsmaͤnninnen.“ „Nein, nein!“ rief die Prinzeſſin—„das gilt nicht mir— das gilt unſerm verehrten Gaſt, der die Huldigungen der Frauen ſo ganz verdient und ſie ſo wohl zu ſchaͤtzen weiß.“ „O ſeht!“ rief der Koͤnig ganz zerſtreut durch den Anblick, der ſich ihm darbot—„ſeht, ſeht, welche Schon⸗ heiten! O, ich bitte euch, tretet vor— folgt dem lieb⸗ lichen Kinde, welches euch die Hand reicht— ich hoffe, ihr nehmt mich mit. Altengland fuͤr das Lacheln dieſes Mundes!“ Die Prinzeſſin reichte dem Koͤnige verbindlich die Hand und folgte dann dem Reigen der jungen Maͤd⸗ chen, welchen Floripes anfuͤhrte, und der die Herrſchaften umſchlang, draͤngte, aufhielt und endlich ihre Sitze um⸗ gab, nachdem ſie ſich niedergeſetzt hatten. Der König war damals in ſeinem dreißigſten Jahre. Er war ziemlich ſtark, von maͤßiger Größe, und ſein An⸗ ſtand, wie ſeine Manieren waren weniger koͤniglich, als ſie den Charakter eines galanten, heitern Cavaliers trugen. Sein Geſicht war fein gebildet; aber wenn er ſich nicht der Heiterkeit ſeines Gemuͤths im Geſpräch uber⸗ ließ, hatten die erfahrenen Kraͤnkungen und das harte Mißgeſchick, was ſeine Jugend traf, einen äußerſt bitte⸗ ren Ausdruck darauf zuruͤckgelaſſen; wie ſein Geiſt, der einer erhabneren Richtung nicht faͤhig war, davon den Charakter der Spottſucht und der hoͤhniſchen Mißach⸗ tung behielt, der ſo viele ſeiner Handlungen bezeichnete. Er hatte auffallend ſchöne ſchwarze Locken, und nach ihm wurde die Sitte, ſie lang uͤber die Schultern haͤngend zu tragen, als Vorrecht der Cavaliere bekannt. Heute trug er ein Wamms von ſcharlachrothem Sammt mit Goldſtoff gepufft, einen Mantel von Goldbrokat mit Hermelin beſetzt, einen Spitzenkragen mit einer Agraffe von Juwelen unter dem freien Halſe, und den Stern des Georgen⸗Ordens mit der Kette. Seine ſchoͤne, hohe Stirn war von dem diamantenen Bande ſeines Hutes ohne Krempe umfaßt, und ein Reiherbuſch wogte aus einer Agraffe von Smaragden. Sein Geſicht hatte ſich in dieſer letzten Zeit unter dem Sonnenſchein des Glucks geglättet und druͤckte das Gefuͤhl aus, was man ihm nicht abſprechen konnte, und was ihn erregbar fur jede das Herz erfaſſende Beziehung machte. Dieſe ſo wenig Verlaß gebende Eigenſchaft ſicherte ihm doch immer den Sieg des Augenblicks, und ließ bei der ihm inne wohnenden Gabe der Rede oft an allem Nachtheiligen zweifeln, was der Ruf ihm nur mit zu viel Recht vorwarf. —,——— ——,— 223 Floripes ging es mit ihm, wie dem Kinde mit den wilden Thieren der Bilderbibel— ſie hatte ſich in ein ſo großes Grauen hinein geredet, ehe ſie ihn ſah, daß ſie ihn jetzt nicht erkannte und ihn ſuchte, aber indeſſen dem ſchoͤnen Mann an der Seite der jungen Fuͤrſtin ihren Beifall gab. Sie fuͤhlte mit Vergnuͤgen den Eindruck, den auch ſie auf ihn machte und nahte ſich der Prinzeſſin viel zu⸗ verſichtlicher mit ihrem Kranz, da dieſer guͤtig ſchauende Mann ſtatt des Koͤnigs an ihrer Seite war. Wie ſchön aber dies Vertrauen ihr ſtand, dies Lächeln der Liebe, womit ſie ihre Rede an die Prin⸗ zeſſin einleitete, wurde von Allen mit Enthuſiasmus empfunden. Als ſie ihre einfachen und kurzen Worte geſprochen, kniete ſie nieder und legte der Prinzeſſin den Kranz auf den Schooß; dieſe aber beugte ſich zu ihr, kuͤßte ſie zartlich und ſagte dann:„Darf ich dein ſchönes Geſchenk nicht dem geben, der es gewiß gern aus deinen Händen empfangen hätte?“ Floripes erröthete und wußte nicht, was ihr zu ant⸗ worten geziemte; doch als der Koͤnig ſich dem Geſchenk entgegen bog und mit dem gewinnendſten Lächeln Flori⸗ ves in die ſchönen auf ihn gerichteten Augen ſah, ſagte ſie ſchuͤchtern:„Ich habe keinen Zweiten!“ „Nun, um ſo mehr!“ ſagte die junge Prinzeſſin.— „Wollen Euer Majeſtät dann von mir dieſen Einzigen annehmen?“ Eben wollte Karl die Hand danach ausſtrecken, da ließ er erſtaunt dieſelbe wieder ſinken, denn das Geſicht von Floripes verwandelte ſich bei der Anrede der Prin⸗ zeſſin ſo auffallend, daß der König die veraͤnderte Ge⸗ ſinnung kaum darin uͤberſehen konnte. „Der König?“ rief ſie, indem dunkle Glut die zarte gefaͤrbten Wangen uͤberlief und dann der auffallendſten Blaͤſſe Patz machte.—„Iſt das der Koͤnig von Eng⸗ land?“ „Ja, mein Mädchen!“ ſagte die Prinzeſſin ahnungs⸗ los.—„Kannteſt du ihn nicht— willſt du ihn lieber ſelbſt bekraͤnzen?“ Doch ſchnell legte Floris ihre Hand auf den Kranz, ihn auf dem Schooß der Prinzeſſin feſt haltend und immer noch ihr ſtrahlendes Auge auf den Koͤnig ge⸗ richtet, ſagte ſie mit tief bewegter Stimme:„O nein! nein! behalten ihn Euer Hoheit— ich— ich kann dem Könige von England keinen Kranz geben!“ Mit Entſetzen hatte Cornelius Hooft, an der Seite des Herrn von Marſeeven, hinter den hohen Gaͤſten ſtehend, dieſer Scene zugeſehen und nachdem er dem Oberſchulzen ſchnell einige Worte zugefluͤſtert, machte —,— — Herr von Marſeeven eine aufmunternde Bewegung gegen ſeine Tochter und während er ſich zum Koͤnige niederbog, ſuchte er ihn von dem ſonderbaren Vorfall abzuziehn, indem er ihm ſagte:„Wir mußten das Gluck, unſere hohen Gäſte zu begrußen, unter die Jung⸗ frauen der Stadt vertheilen— eine allein mit dieſer Ehre beauftragt, wuͤrde den Neid ihrer Geſpielinnen erregt haben!“ Der Koͤnig ließ ſich die Ableitung von dieſer ihm räthſelhaft duͤnkenden Scene gefallen, ohne Floripes aus den Augen zu verlieren und eine kleine Zerſtreuung bei der Rede der Fraulein von Marſeeven ganz uͤberwinden zu können; doch war er zu galant, zu vollſtändig Ca⸗ valier den Damen gegenuͤber, als daß er nicht am Ende derſelben und bei Uebernahme ſeines Straußes, ſo viel Zuvorkommenheit in Wort und Miene hätte darzu⸗ legen gewußt, daß Niemand, der ihn nicht ſcharfer be⸗ obachtete, die Beimiſchung erkannt hatte, die halb Un⸗ geduld, halb Erſtaunen ſeine wahre Theilnahme in Be⸗ ſchlag nahm. Aber was dem Konige gelang zu uͤberwinden, erhielt doch bei allen Anweſenden eine auffallende Erregung. Die jungen Maͤdchen, die Gefaͤhrtinnen Floripes, die ſchon die Tochter des Jakob van der Nees mit Erſtau⸗ nen und Neid zu ſo großer Ehre hatten gelangen ſehen, Jakob v. d. Nees. IIM. 15 . ⸗ 226 tadelten jetzt beinah zu laut fluͤſternd ihr Betragen und ſagten ziemlich vernehmlich:„das komme davon, daß man dieſe Ehre einem Maͤdchen zugewendet, welches nicht die Gewohnheit guter Sitten habe!“— Auch die Herrn der Stadt tadelten das junge Maͤdchen; die Prin⸗ zeſſin ſelbſt fand ihre Art nicht fein und wendete ſich lieber von ihr, weil ſie fuͤrchten mußte, der König ſei beleidigt und nur der junge Furſt Georg von Anhalt heftete theilnehmende Blicke auf das zitternde, junge Madchen, welches von Allen verlaſſen, wie bewußtlos uͤber die eigne Lage nur wenige Schritte zuruͤck ge⸗ treten war und ſo ein Gegenſtand der ruckſichtsloſeſten Beobachtung wurde, worin vorzuglich die engliſchen Herrn aus dem Gefolge des Konigs ihm zu weit zu gehen ſchienen; er gab deshalb einem alten ehrwuͤrdigen Herrn ſeines Gefolges mit ein paar Worten einen Auf⸗ trag und dieſer ſtellte plötzlich ſeine breite Perſon ſo ent⸗ ſchieden vor die zarte Geſtalt Floripes, daß der Schatten wie eine Erquickung ihre geſenkten Augenlieder traf und ſie den Muth faßte, ſie zu erheben. Dieſer Augenblick war nicht ermuthigend. Die, welche ihr wohl wollten, hatten mit den Pflichten der Höͤflichkeit gegen die hohen Perſonen ihrer Gäſte zu thun, und konnten ihr keine Aufmerkſamkeit ſchenken; die jungen Mädchen aber waren theils auf einem an⸗ 227 dern Platz gruppirt, wohin ſie verſaͤumt, ſich zu begeben, theils im Geſpraͤch mit den Herrn und Damen, die zum Gefolge gehoͤrten, und wenig geneigt, ſich um eine Ge⸗ fährtin zu bekuͤmmern, die, wie es ſchien, ſich allgemeines Mißfallen zugezogen. Floripes feines Ehrgefuͤhl war auf's tiefſte gekränkt durch dieſe ihr plötzlich zu Theil gewordene falſche Stel⸗ lung, und ſie dachte an Mittel, ſich ihr zu entziehen; aber das einzige war, uͤber den Weg zu gehen und an den Herrſchaften, die ſie beleidigt zu haben ſchien, voruͤber, denn nur ſo konnte ſie die Gruppe ihrer Gefährtinnen erreichen, und ſelbſt ſich unter dieſe zu miſchen, ſchien zweifelhaft, da Fräulein von Marſeeven, ihre einzige Freundinn in dieſem Kreiſe, von der Prinzeſſin gefeſſelt, an deren Seite geblieben war, und es Floripes klar wurde, daß auch ſie dorthin gehoͤrt haben wuͤrde, wenn man ihr nicht zuͤrnte, denn die Prinzeſſin hatte ſelbſt ihren Kranz auf dem Seſſel liegen laſſen, von dem ſie ſich erhoben, und nur der Koͤnig ſpielte ſehr anmuthig mit dem Strauß der Fraͤulein von Marſeeven und redete dieſe immer wieder verbindlich an. Ihre Lage wurde aber unterträglich, als zwei Herrn von dem Gefolge des Koönigs ſich hinter den Herrſchaf⸗ ten herum ſchlichen und auf gut Gluͤck begannen, ſie an⸗ zureden, und zwar mit einer Vertraulichkeit und Nach⸗ 15 läſſigkeit, die Floripes trotz ihrer Unerfahrenheit, als eine neue Beleidigung ihrer unbeſchutzten Stellung empfand. „Mein ſchoͤnes Kind,“ ſagte der Eine—„ihr habt gut gethan, euch hier zuruͤck zu ziehen; denn ſo lange ihr dort unter der Flucht Tauben ſtandet, ſah man nur euch, und dieſe armen Kinder kamen ganz um den Triumph, ſich ſo ſchön geputzt zu haben.“ „Aber mein holdes Mädchen,“ hob der Andere an —„durfen wir nicht, als loyale Unterthanen Seiner engliſchen Majeſtät fragen, womit es unſer allergnädig⸗ ſter Herr verdient hat, eure Abneigung veranlaßt zu haben?“ Noch immer ſchwieg Floripes; aber ſie trat zum zweiten Male einen Schritt zuruͤck, und als ſie ihre Augen mit einem ſtolzen Ernſt zu dem letzten Sprecher erhob, kam ihr der Eindruck, ſie ſähe ihn nicht zum erſten Male; aber es war wie eine unwillkommene Er⸗ innerung— als liefe ein kleiner Schauer uͤber ihre Glieder. „O, Laneric!“ rief der Erſte—„ſiehſt du nicht, daß du zu weit gehſt? So wirſt du das Vertrauen des ſchoͤnen Kindes nicht gewinnen! Geh, geh!— Aber ſeht nur ein einziges Mal auf, holde Blume von Saron — ihr werdet gewiß zu mir Vertrauen faſſen. Ich will mich zu eurem Ritter aufwerfen, wenn ihr mir ver⸗ ——— —— 229 ſprecht, heute Abend beim Banket die erſte Sarabande mit mir zu tanzen— da entſteht Vertrauen und dann werdet ihr gewiß ſo allerliebſt plaudern koͤnnen, als alle eure Gefährtinnen.“ „Nun, das kann ſie ja auch mit mir!“ rief der An⸗ dere—„Bei meiner Ehre, wenn dieſe Schonheit nur beim Tanz zu gewinnen iſt— ich mache den tollen Streich und tanze den ganzen Abend mit ihr.“ Der Erſte lachte.„Seht ihn an, meine liebe Kleine! er iſt wenigſtens zehn Jahr älter als ich, und hat, glaube ich, nie getanzt— nun hoffe ich, werdet ihr mir den Preis zugeſtehen. Geht, Laneric!— Seht! ſeht— ich glaube, ſie lächelt mir zu!“ Dies war zu viel fuͤr Floripes, und ihre tiefe Muth⸗ loſigkeit und Schuͤchternheit ging in dem gerechten Un⸗ willen unter, der ſie erfaßte.„Wenn ich lächeln konnte!“ rief ſie plotzlich, indem alle Farbe von ihrem Antlitz entſchwand—„wäͤhrend ich das Ziel ſo roher Spöttereien bin, ſo verdiente ich euer beleidigendes Ver⸗ fahren. So aber hoffe ich mit Nichts dieſe Behandlung verdient zu haben, und fordere, daß ihr mich verlaßt!“ „Da haſt du's!“ rief Laneric—„das gilt dir, Montague! Du warſt der Anfaͤnger! Nun wird ſie ſich gegen ganz England verſchwören, und wir werden durch den ſchoͤnſten Mund in Holland die ſchmaͤhligſte Nach⸗ 230 rede bekommen. Doch nicht gegen mich ſeid ihr erzurnt, ſchoͤnes Fraͤulein. Seht mich nur einmal an— ich flöße ſo viel Zutrauen ein— gebt mir den Arm!“ fugte er zudringlich ihr nahend hinzu—„ich fuͤhre euch aus der Naͤhe dieſes Cavaliers, den eure Reize zum Thoren gemacht haben.“ Als Floripes dieſen widrigen Mann, der Lanerie ge⸗ nannt wurde, ſich vertraulich naͤhern ſah, erfaßte ſie eine Art Verzweiflung; ſie druͤckte angſtvoll die Haͤnde in einander, und indem ſie wie nach Rettung umher ſchaute, rief ſie unwillkuͤrlich laut:„O, mein Gott! mein Gott! will mich denn Niemand ſchuͤtzen gegen dieſe Beleidigungen?“ Bei dieſen Worten traf ihr Auge auf einen Cava⸗ lier des Königs, der ſich langſam zu naͤhern ſuchte, und ſeine Augen feſt auf ſie gerichtet hielt. Nie erlebte Floripes ſo ſchnell die Ueberzeugung von ausreichendem Vertrauen, als bei ſeinem Anblick. Es war eine hohe ſchlanke Geſtalt mit ernſter, edler Haltung. Der Kopf war von den vollſten braunen Locken umgeben, und die hohe Stirn mit den ſchwermuͤthigen, ſchwarzen Augen⸗ brauen trug den ruͤhrenden Stempel eines erhabenen Kummers. Die regelmäßige Schoͤnheit ſeiner Geſichts⸗ formen wurde nicht beeinträchtigt durch eine vorherr⸗ ſchend blaſſe Geſichtsfarbe, und obwohl er noch nicht das „— 231 dreißigſte Jahr erreicht zu haben ſchien, war dennoch die Grenze der Jugend überſchritten.— Als Floripes mit ihren Augen uͤberraſcht auf ſeinem Geſicht haften blieb, drang aus ſeinen ſchoͤnen, weitgeſchnittenen, rothbraunen Augen ein ſolcher Blitz von Theilnahme und Guͤte, daß Floripes ihren Retter nahen fuͤhlte— ſie öffnete die Lippen und ohne zu ſprechen, uͤbte ihr Auge auf ihn die Kraft der Worte aus, denn plotzlich ſtand er zwiſchen den beiden Cavalieren— und auf Laneric's Arm, den dieſer zudringlich Floripes naher zu bringen ſuchte, die Hand legend ſagte er:„Verzeiht, Milord von Laneric — macht dem Fraͤulein nicht glauben, daß dies engliſche Sitten ſind— wir ſollten nicht bedacht ſein, unſern ſchlechten Ruf uͤberall zu beſtätigen.“ Dieſe feſte ſchöne Stimme traf den Angeredeten wie ein Wespenſtich. Er fuhr auf, und jetzt bekam dies Geſicht den vollen Ausdruck, den Floripes ſchon vorher unter ſeinen glatten Mienen verdeckt gefuͤhlt hatte. Bosheit und Stolz bläͤhten ihn auf; ſein hoͤh⸗ niſches Auge uͤberlief den jungen Mann und er rief mit der herausforderndſten Unverſchämtheit:„Es iſt möglich, Milord, daß eure Sitten andere ſind, als die unſrigen; denn waährend wir Noth und Tod mit unſerm Könige in fremden Ländern getheilt haben, zoget ihr es vor, in der Heimath am Spinnrocken die Stunde zu 232 erwarten, die euch dann nichts koſtete, als uͤber den Kanal zu fahren und den von uns beſchuͤtzten Koͤnig in Empfang zu nehmen.“ „Graf von Laneric,“ ſagte der Andere feſt und ru⸗ hig—„ihr richtet euch ſelbſt, und es wäre ein Leichtes, euch zu beweiſen, daß die allein den Koͤnig zuruͤckzuru⸗ fen vermochten, die mit Blut und Leben daheim ſeine Rechte vertraten; aber dazu iſt hier nicht der Platz, und ich habe keine Neigung, daruͤber mit denen zu ſtreiten, denen wir es erſt jetzt möglich gemacht haben, an den eignen Heerd zuruͤckzukehren. Erlaubt mir aber zu be⸗ weiſen, daß die engliſchen Sitten, die ich deshalb weni⸗ ger vergeſſen haben kann, als ihr, es gebieten, jede ſchuldloſe Jungfrau gegen Beleidigung zu ſchuͤtzen.“ „Ha! mein Lord— das iſt in Wahrheit die Sprache eines eitlen Pedanten“— rief Laneric—„und ich werde euch wie ein Cavalier darauf antworten.“ Dieſe Worte waren zu lebhaft geſprochen worden, um nicht die Aufmerkſamkeit zu erregen. Der Koͤnig hatte ſeit der kurzen Zeit, daß die Edelleute, die ſeine Verbannung getheilt, mit denen zuſammen getroffen, die den Koͤnig mit der Flotte des Lord Montague zu⸗ ruͤckzuholen gekommen waren— St.reitigkeiten genug unter ihnen erlebt und war immer wieder aufs Neue Vermittler zwiſchen den Anſpruͤchen des Vorzugs gewe⸗ — 233 ſen, welche jede Partei vor der andern ziemlich deutlich fuͤr ſich geltend zu machen trachtete. Der König wendete den Kopf, obwohl die Unter⸗ haltung lebhaft um ihn kreiſete, und zwei ältere Lords, der Herzog von Hamilton und der Admiral Montague, die den auffordernden Blick des Koͤnigs verſtanden und ſich der Gruppe nahten, ſahen zu ihrem Unwillen ihre beiden Soͤhne, den Grafen von Laneric und den jungen Marquis Montague in dieſen Streit verwickelt. „Ich dächte, meine Herrn,“ ſagte der Herzog ſtreng—„daß die Naͤhe des Koͤnigs und die ehren⸗ vollen Feſtlichkeiten, in deren Mitte wir uns befinden, jeden brutalen Ausbruch der Leidenſchaften hindern ſollten.“ „Gewiß, Milord“— ſagte Laneric hoͤhniſch— „und Eure Herrlichkeit ſollten nicht ſolche Annahmen machen, wo Sie Ihren Sohn betheiligt finden.“ „Ich werde mich freuen,“ ſagte der Herzog gemä⸗ ßigt—„wenn mein Sohn ſich bemuͤht, mir dieſe Ueberzeugung zu verſchaffen; der gegenwaͤrtige Augen⸗ blick ſcheint dem aber nicht guͤnſtig, denn deine erhobene Stimme hat die Aufmerkſamkeit des Koͤnigs erregt.“ Der Koͤnig, der ſeinen Antheil dem Streite zuge⸗ wendet gelaſſen hatte, ſchien zu glauben, daß er ſich nicht ſo ſchnell beendigte, als es die Umſtände nothig — machten. Auch mochte es ihn anziehen, daß das junge Madchen, welches durch ſeine Schoͤnheit wie durch die auffallende Aeußerung ſeine Neugier gereizt hatte, in dieſen Streit verwickelt ſchien, genug, er benutzte einen eben guͤnſtigen Augenblick und näherte ſich mit der ge⸗ winnenden Anmuth, die ihm ſo eigen war, und mit der harmloſen Heiterkeit, die jede Leidenſchaftlichkeit zum Verſtummen bringen konnte, der Gruppe, die bei ſei⸗ nem Anblick ehrerbietig zuruͤckwich. „Aha!“ ſagte der Koͤnig lächelnd, indem er aufs Neue wie bezaubert die Schoͤnheit der armen erſchuͤt⸗ terten Floripes anſtaunte—„meine Lords! Ich wette, ihr bemuͤhtet euch eben, dieſe meine ſchoͤne Feindin mir zu verſoͤhnen. Aber, nicht wahr? ſie iſt unverſoͤhnlich— und ich werde mich ſelbſt ihr zum Trotz zu ihrem Cava⸗ lier bekennen muͤſſen und will ſehen, ob ihr Haß gegen den Koͤnig oder gegen den armen Karl gerichtet iſt. Sagt, ſchoͤne Maid— wollt ihr eurem Ritter nicht ſagen, weshalb ihr dem Koͤnig von England den Kranz aus eurer Hand nicht gönntet?“ Dies nun war das Einzige, was die arme Floripes in ihrer großen Verwirrung gegenwärtig behalten hatte, als die Frage danach ſie uͤberraſchte, blickte ſie lebhaft auf und ehe ſie bedachte, ob die Antwort paſſend ſei, ſagte ſie mit beſonderem Ernſt:„Ich glaubte nicht, daß xacle——— 235 die Nichte der Marquiſe von Montroſe dem Könige einen Kranz geben koͤnnte.“ Die Wirkung dieſer Worte auf alle Anweſende war hochſt auffallend; der Koͤnig aber wich faſt zuruͤck, und lebhaft erroͤthend, rief er, beinah mit Empfindlichkeit um ſich blickend:„Das iſt ſeltſam!— Iſt es eine Attrappe, die man mir hier aufgeſpart hat?“ Es war ein gluͤcklicher Zufall vielleicht, daß in dieſem Augenblick, wie es ſo haͤufig bei ſolchen Feierlichkeiten zu gehen pflegt, ſich ein Moment der Verwirrung ein⸗ gefunden, der alle Feſtordner zerſtreut hatte und die hohen Gäſte ſich ſelbſt uͤberlaſſen waren. Der König hatte Zeit ſich zu ſammeln, das Uebereilte ſeiner Aeußerung einzuſehen, und ſeine Gutmuͤthigkeit oder ſein Leichtſinn halfen ihm ſchnell uͤber unangenehme Eindruͤcke hinweg. Aber er ließ ſein Auge auf Floripes haften und ſagte ſpottiſch:„Willſt du uns deinen Namen ſagen, ſchoͤne Kranztraͤgerin!“ „Floripes van der Nees,“ ſtammelte dieſe, und ſie fuͤrchtete nun wirklich ſie ſei, verlaſſen von aller Welt, in die huͤlfloſeſte Lage gekommen, und allerlei unbe⸗ ſtimmte Gefahren ſchwebten ihr unter dieſen Männern „Nun,“ ſagte der Koͤnig—„das klingt nicht ſehr hoch hinaus! Aber ihr, mein junger Lord,“ fuhr er fort, — ſich an den jungen Mann wendend, der Floripes ſo ſchnell Vertrauen eingeflößt hatte—„ihr ſeid ja dabei betheiligt— erkennt ihr dies junge Maͤdchen als eine Verwandte an— wißt ihr um ihre näheren Verhält⸗ niſſe?“ „Beides muͤßte ich noch von der Zukunft erwarten,“ entgegnete der junge Mann nicht ohne Verwirrung— „ich ſah das Fraͤulein vor wenigen Augenblicken zuerſt; doch werde ich es als beſondere Ehre zu ſchaͤtzen wiſſen, wenn ſie dem Marquis von Montroſe einige verwandt⸗ ſchaftliche Rechte zugeſtehen will.“ „Das glaube ich ſelbſt,“ ſagte der Koͤnig frivol la⸗ chend. Aber er ward unterbrochen mehr zu ſagen, denn Floripes ſtieß in demſelben Augenblick, als der junge Mann ſich ihr mit einer verbindlichen Bewegung als Marquis von Montroſe vorgeſtellt hatte, einen Freudenſchrei aus— ein Blitz des Lebens machte ihr Auge gluͤhen, ihre Wangen ſich roͤthen—„Ihr— ihr ſeid Lord Harry! meiner Tante Urica Stiefſohn— ihr meines lieben Montroſe Sohn?“ „Ja, ja!“ rief der junge Mann—„und welche Rechte habe ich an euch?— O, ſagt mir, wie nah ſteht ihr mir und den Meinigen?“ „Laßt das,“ ſagte Floripes—„ja, ich bin euch verwandt— nah verwandt— aber laßt das— das ſagt euch ein Anderer— aber wißt ihr denn, daß die Witwe eures edlen Vaters hier lebt?“ „Ich hoffte ſie hier zu finden,“ erwiderte Lord Harry — aber er fuͤhlte auch, der Augenblick war nicht der rechte, um ſich ſeinen Empfindungen zu uͤberlaſſen, denn er ſah, wie ſeine Gefäͤhrten mit ſpoͤttiſchen Mienen und Lachen und gefluͤſterten Worten dieſe Scene begleiteten, und ſchon fuhlte er, wie heilig ihm das Weſen gewor⸗ den, das ſich ſeine Verwandte nannte. Der Konig hatte jetzt einen ſeiner wurdigen Ent⸗ ſchluß gefaßt. Mit Ernſt und Achtung ſagte er:„Ich freue mich, daß der Zufall mich in Kenntniß ſetzt, daß die Witwe meines edelſten und aufopferndſten Freundes hier lebt. Ich habe die heilige Pflicht der Dankbarkeit, die ich leider dieſem wahren Märtyrer unſerer koniglichen Sache ſchuldig bleiben muß, gegen ſie abzutragen, und ſie wird mir es vielleicht erlauben, meine Thraͤnen mit den ihrigen zu vermiſchen und ihr zu ſagen, daß Karl den Boden ſeines Reiches nicht betreten wird, ohne ſeinem Andenken jede Gerechtigkeit zu gewähren.“ Das war die Sprache, mit der man das Herz des jungen Madchens gewinnen konnte. Zu unerfahren, um zu wiſſen, wie wenig ſolche Worte dem leichtſinni⸗ gen Karl koſteten, glaubte ſie, er faͤnde blos jetzt erſt Gelegenheit, ſeine wahre Geſinnung auszuſprechen, und — uͤberzeugt, daß dieſe Gerechtigkeit gegen Montroſe der Tante ein Balſam ſein werde, druͤckte ſich dies Gefuͤhl der erlangten Befriedigung ſo ſchnell auf Floripes Geſicht aus, daß der König mit ſeinem gewöhnlichen ſpottiſchen Lächeln fuͤhlte, er habe den heroiſchen Unwillen dieſes jungen Maͤdchens beſiegt, und aufs Neue ganz bezau⸗ bert von ihrer Schoͤnheit, ging er ſogleich zu der frivolen Weiſe uͤber, die ihm bequemer war und fragte, ob ſie nun Frieden mit ihm ſchließen wolle. „O jetzt,“ ſagte Floripes warm—„jetzt ſeid ihr ja erſt der Koͤnig, fuͤr den Montroſe ſein Leben hingab. Denkt doch ſelbſt— und vergebt mir deshalb; wer euch wohl haͤtte lieben konnen, wenn ihr nicht ſeinem Anden⸗ ken gerecht geworden waͤret.“ Die Cavaliere des Koͤnigs verzogen ſpoͤttiſch den Mund, denn ſie wußten, wie wenig ihr Herr dieſe Hul⸗ digung verdiente, und der König, der ihre Geſichter vorher wußte, ſagte, ſie lächelnd anblickend:„Ha, meine Herren, ihr neidet mir den Sieg uͤber meine ſchoͤne Feindin; aber das ſoll mein Vergnuͤgen nicht ſtören. Ich hoffe,“ ſetzte er verbindlich hinzu—„ich ſehe euch heute Abend beim Banket und ihr werdet mir einen Tanz aufheben.“ Die Herren der Stadt hatten ſich indeſſen wieder um den König geſammelt, um ihn zur Fortſetzung des Einzugs einzuladen und horten die letzten Worte, welche die Ausgleichung des fruͤheren Mißlautes verriethen, und ihre Blicke ermuthigten Floripes zu einer ehrerbietigen Annahme der Aufforderung. Als ſie aber den König einluden, mit der Prinzeſſin den Wagen zu beſteigen, reichte er Floripes die Hand, indem er ihr ſagte, er muͤſſe ſelbſt ihren Frieden mit der Fuͤrſtin von Anhalt ſtiften und ſie ſolle neben dem Fraͤulein von Marſeeven in dem königlichen Wagen Platz nehmen. Die Fuͤrſtin war ſehr froh, als ſie den König mit dem ſonderbar trotzigen Madchen daher kommen ſah, denn ſie fuͤrchtete fuͤr ihre Landsleute jedes Mißgluͤcken ihrer großartigen Feſtlichkeiten.„Hoheit,“ ſagte der Koͤnig—„ihr muͤßt dies ſchone Kind nur noch höher in eure Gunſt ſtellen, da ſie bereit war, dem armen Karl eine ſo derbe Lektion zu geben. Wir haben uns nun wie alte Freunde gegen einander erklärt, und ſie hat dem gerechten Sinne des Koͤnigs jetzt verziehen, was ſie ihm zur Feindin machte.— Wir wollen uns bei gelegentli⸗ cher Muße vorbehalten, euch das Mißverſtändniß zu er⸗ klären und mit eurer Erlaubniß ihr den Platz in unſerer Karoſſe neben Fraͤulein von Marſeeven anweiſen.“ „Ich bedarf keiner Erkläͤrung, wo Euer Majeſtät entſchieden haben,“ ſagte die Fuͤrſtin ſichtlich erfreut— „und bin ſeht erheitert durch den Gedanken, daß meine 24⁰ Landsmaͤnnin ſich zu rechtfertigen gewußt hat; denn Euer Majeſtäͤt darf in Holland kein Herz zurucklaſſen, was in weniger ehrfurchtsvoller Liebe ſchlägt, als die Eurer eigenen Unterthanen.“ „Aber,“ ſagte der König, ſie gegen den Wagen fuhrend—„wenn es ſein kann, bei dem ſchoͤnen Ge⸗ ſchlecht etwas weniger Ehrfurcht— und etwas mehr Liebe.“ Als Floripes in dem Wagen neben Fräulein von Marſeeven Platz genommen, ſtreifte ihr Auge die Ver⸗ ſammlung, welche bis zum Wagen gefolgt war, und da der Zug noch einen Augenblick hielt, damit die Herren ihre Pferde beſteigen konnten und ſich an den vorge⸗ ſchriebenen Platzen ordnen, ſah ſie Lord Harry im Hin⸗ tergrunde unter den Cavalieren, wie es ſchien, mit Nichts als mit ihrem Anblick beſchäftigt. Im vollen Lichte des Sonnenſcheins ſchien er Flo⸗ ripes noch ſchoner und noch viel blaſſer und ſchwermuͤ⸗ thiger als fruher; aber eine innere Stimme ſagte ihr, daß die Träume, die ſie aus ihrer Kindheit heruͤber ge⸗ bracht, ſie nicht täuſchten, und daß dieſer Juͤngling, obwohl ihm das gluhende Leben und die Friſche ſeines Vaters fehlte, doch demſelben auffallend gliche. Sie glaubte den truben Blick zu verſtehen, mit dem er zu ihr heruͤber ſah— wie viel mußte er nicht eben bei dem 241 gelitten haben, was zwiſchen ihr und dem Könige zur Sprache gekommen war. Sie wurde von einem unbe⸗ ſchreiblichen Gefuͤhl der Theilnahme erfaßt; ſie hätte ſogleich den Wagen verlaſſen und zu ihm eilen mogen, ſie konnte ihre Augen nicht von ihm wenden— ſie full⸗ ten ſich mit Thraͤnen, und als der Wagen anzog, fuhlte ſie ihre Bruſt zum Springen beklemmt, und indem er ſich tief vor ihr neigte, mußte ſie die rinnenden Thränen trocknen, und wußte ihm nicht zu danken, als indem ſie die Hand aufs Herz legte. So ſehr hatte ſie ſich zu dem Feſte gefreut und nun war die eben erlebte Noth ſo ehrenvoll beſeitigt; Fraͤulein von Marſeeven druckte ihr ſo entzuͤckt die Hand, ſie war ſo froh, ihre geliebte Floris neben ſich zu haben und machte ihr erſt recht die Ehre klar, die Beide durch dieſen Platz im Wagen erfuhren. Aber Floris fand ſich plötz⸗ lich zu der ganzen Feierlichkeit veraͤndert— ihr Gefuͤhl war ſo aufgeregt, ſo uͤberſpannt, daß ſie nur ſeufzen konnte. Sie haͤtte Stroͤme von Thranen weinen moͤgen und ſie wußte nicht, ob ſie namenlos gluͤcklich oder boden⸗ los ungluͤcklich ſei. Sie ſah nicht mehr die Dinge um ihrer ſelbſt willen; das harmloſe Zuſchauen des kind⸗ lichen Geiſtes, worin Alles ſeine eigne Geltung behält, ſeine geſonderte Wichtigkeit, war wie mit einem Zauber⸗ ſchlage verſchwunden. Träumeriſch blickte ſie auf das Jakob v. d. Nees. 1ll. 16 bunt wogende Feſtgepraͤnge und es ſchien ſich zu einer geſtaltloſen farbigen Maſſe veraͤndert zu habenz ſie hatte kein Erkennungsvermögen mehr, keinen Antheil fuͤr den naiven Anſpruch an die gute Laune der Zuſchauer; nur als die engliſchen Herrn ploͤtzlich neben dem Wagen ſichtbar wurden, entfuhr ein Ausruf ihrem Mund, und eine dunkle Röthe, die ihr Geſicht faͤrbte, verrieth ihre ueberraſchung, denn der violette Sammtmantel des Marquis von Montroſe ſtreifte faſt den Wagenſchlag und ſein Geſicht war zu ihr gewendet, waͤhrend er doch dem Koͤnige etwas zu ſagen hatte. Von da an ritt er in ihrem Augenpunkt und nun ſchien es ihr, ſie muͤſſe immer beobachten, ob ihn denn nichts erheitere und ſie blickte erſt nach der Veranlaſſung ſuchend umher, wenn dies ernſte melancholiſche Geſicht ſich zu einem Lächeln verzog. Aber der junge Mann ſchien eine ähnliche Verpflich⸗ tung zu fuͤhlen, denn er ſuchte auch immer das An⸗ geſicht von Floripes, und wenn ſie ubereinſtimmend lachelten, haͤtten ſie wohl ſchwerlich angeben konnen, ob der Grund in ihnen oder in den äußeren Veranlaſſungen lag— gewiß aber war es, daß Lord Harry das Ziel dieſer endloſen Fahrt herbeiſehnte und feſt entſchloſſen war, ſeine Stiefmutter, ſobald er ſich nur losmachen koͤnne, aufzuſuchen, obwohl es noch nicht lange war, 243 daß man das Verſprechen des Gegentheils von ihm ge⸗ fordert, und er faſt ſeine Einwilligung dazu gegeben hatte. Das erſte Banket, welchem Floripes in ihrem Leben beiwohnte, verfehlte nicht einen zerſtreuenden Ein⸗ fluß auf ſie auszuuͤben, beſonders da ihre Schoͤnheit ſo großes Aufſehen machte, wie die Hoöflichkeit des Königs, der mit den beiden Anfuͤhrerinnen der Jungfrauen, welche die Stadt zur Begrußung ihrer hohen Gäſte ihnen entgegen geſchickt, tanzte— und nach ihm der Furſt von Anhalt, der eine ernſte anziehende Unter⸗ haltung mit Floripes fuhrte, worin ſie ſich beſſer zu⸗ recht finden konnte, als in dem ironiſch neckenden Ge⸗ ſpräch des Königs, der am liebſten an der Unſchuld der Frauen, mit denen er verkehrte, zweifelte, um nicht in ſeiner ftivolen Redeweiſe ſich gehindert zu fuͤhlen. Doch immer ſah ſie, wie ihren Beſchutzer, den Mar⸗ quis von Montroſe in ihrer Naähe und da er nicht tanzte, konnte er jede Zwiſchenpauſe gut wahrnehmen und be⸗ nutte ſie eifrig, um mit ihr zu ſprechen. Beide fuͤhlten aber bald, daß ihre Unterhaltung ſtets Gegenſtaͤnde betraf, welche ſie in eine zu weh⸗ muͤthige Gemuͤthsſtimmung verſetzten, um in Mitte eines Feſtes beruhrt werden zu koͤnnen, welches lachende Geſichter und heitere Scherzreden forderte, und ſie ſagten 16* — —— 244 ſich das endlich Beide, nachdem Floripes ein paar Mal mit bethraͤnten Augen einen Tanz hatte antreten muͤſſen. Sie verſuchten nun von andern Dingen zu ſprechen und ſie vertrauten ſich mit nicht minder großer Gemuths⸗ bewegung, wie bekannt ſie ſich mit einander fuͤhlten, und Lord Harry ſagte ihr, wie er ſie ſchon lange mit großem Erſtaunen und ganz unſagbaren Ahnungen be⸗ trachtet habe, und wie er erſt jetzt anfange zu begreifen, daß es die Erinnerung an ſeine nie vergeſſene Stief⸗ mutter ſei, deren Bild er als das theuerſte Andenken immer in ſeinem Herzen getragen habe, und der Floripes trotz ihrer zarten Jugend unbezweifelt außerordentlich ähnlich ſehe. „Ja,“ rief Floripes mit einer wahrhaft naiven Freude die Hände zuſammenſchlagend—„da habt ihr Recht und nun macht es mir auf's Neue inniges Ver⸗ gnuͤgen. Die Aehnlichkeit muß groß ſein und ich habe Zeit meines Lebens davon gehoͤrt; denn als ich zuerſt auf dem Schooß eurer Stiefmutter ſaß und euer Vater mich ſo ſah, war er davon ſo uͤberraſcht, daß er ihr ſagte: er könne denken, ich ſei ihre Tochter.“ „Dazu will ich euch eine zweite Geſchichte geben,“ ſagte plotzlich eine andere Stimme, die Beide unange⸗ nehm ſtörte, denn es war der Graf von Laneric, der in der gedrängten Menſchenmaſſe, welche uͤberall bei ein⸗ 245 ander ſtand, ihnen ſo nah gekommen war, daß er Flori⸗ pes Antwort gehoͤrt hatte. „Nun! nun!“ ſagte er faſt lachend, als Lord Harry ihn etwas finſter anblickte.„Ihr koͤnnt mir nicht den Vorwurf des Horchens machen, wozu mir dieſe Stirn⸗ runzel die Luſt verräth, denn hier wird Jeder unfrei⸗ willig zum Porcher, weil er nicht die Macht hat, ſich in dieſem Menſchenknaͤule zu entfernen, wann er will.“ Darauf ließ ſich nichts entgegnen, denn die Wahr⸗ heit lag am Tage. Lord Harry neigte daher mit kalter Miene den Kopf.—„Nur zweifle ich, Milord, daß euch meine Unterredung mit dem Fräulein zu einer Fort⸗ ſetzung verhilft, denn ich denke, dieſe Beziehungen muͤſſen euch fremd ſein.“ „Nicht ſo ſehr als ihr denkt, mein Lord!“ ſagte der Graf von Laneric.—„Ich war kurze Zeit in dem Armeecorps eures Vaters dienſtthuender Officier, und habe mich einige Wochen in dem Hauſe des Marquis befunden, ehe er ſeine Einſchiffung antrat. Nun ward ich damals eurer Stiefmutter vorgeſtellt, und wie das wohl Allen ſo ging, die ſie zuerſt ſahen, ich war von ihrer Schoͤnheit ganz verſteinert, und ſpielte eine kläg⸗ liche Rolle dieſer vollkommenen Frau gegenuͤber. Da ging die Thuͤr auf und es trat eine alte Dame herein, aus deren Haͤnden ſich ein wahres Götterkind losriß 6 —— 246 und ſich mit dem Ausruf: Mama! Mama! in die Arme der Frau Marquiſe ſtuͤrzte, die zwar etwas ver⸗ legen, aber doch ſehr zaͤrtlich mit dem holden Kinde war.“ „Nun hatte ich meinen ungluͤcklichen Tag; denn in der Hoffnung, meine etwas dummen Manieren zu ver⸗ beſſern, ſagte ich demuͤthig: Ich haͤtte nicht gewußt, daß die Frau Marquiſe eine ſo ſchoͤne kleine Tochter habe, die ihr ſo vollkommen aͤhnlich ſehe!“ „Doch das nun vollends erregte, aus mir unbe⸗ kannten Gruͤnden, den Unwillen der ſchoͤnen Dame und ſie leugnete ſtandhaft die Mutter zu ſein, und zeigte mir die alte, finſtere Dame, die wie ihre Großmutter ausſah und nannte ſie mir als die Mutter des Götter⸗ kindes— und nun werdet ihr wohl errathen, mein Fraͤulein, daß ihr das waret und daß ihr von Kindes⸗ beinen an der Dame glichet, die ihr auch damals Mama nanntet.“ „Ja,“ ſagte Floripes unbefangen—„die es aber doch deshalb nicht war, ſondern meine Tante, oder die Tante meiner Mutter vielmehr, denn Urica's Schweſter war meine Großmutter.“ „So alſo iſt unſere Verwandtſchaft— ihr ſeid nicht meine Stiefſchweſter?“ rief der junge Mar⸗ quis ſichtlich erfreut—„Ich wußte, meine Stief⸗ 247 mutter war ſchon einmal vermaͤhlt!“ ſetzte er ver⸗ legen hinzu.— „Nein! nein!“ ſagte Floripes unſchuldig lachend —„wäret ihr mein Bruder, das hätte ich euch gleich geſagt!“ „Aber,“ ſagte Graf Laneric lauernd—„ich kann euch ſagen, daß ich in der Stimme des Publikums meine Rechtfertigung bekam; denn alle Menſchen hielten das ſchöne kleine Mädchen fur die Tochter der Marquiſe— bis natuͤrlich— jeder ſich die Aufklaͤrung gefallen ließ, es ſei die Tochter dieſer alten Muhme.“ „Ach, meine Mutter!“ rief Floris, welche endlich fuͤhlte, daß von dieſer die Rede war—„ach, ſie war ſo gut, daß ſie mir die Aehnlichkeit mit der lieben Tante goͤnnte!“ „Ich glaube es,“ ſagte Laneric— und im ſelben Augenblick trennte ſie eine neue Woge der lebhaften Geſellſchaft. Lord Harry ſah einen Augenblick nachdenkend zur Erde und ein mißmuͤthiges Gefuͤhl erkaͤltete ſeine ſchoͤnen Zuͤge. Floripes ahnte nicht, wie viel der junge Mar⸗ quis von dieſer Aehnlichkeit bereits gehoͤrt und wie ſie ausgebeutet worden war, ihm ein entehrendes Miß⸗ trauen, ſowohl gegen ſeinen Vater, wie gegen die von ihm immer noch geliebte Stiefmutter einzuflößen.— Dies Geruͤcht, woran er zuweilen geglaubt, doch immer mit heimlichem Widerſpruch, behielt noch weniger Kraft in Floripes Naͤhe. Unbefangen erzaͤhlte ſie ihm nun, wie ſeines Vaters Zuͤge, je länger ſie ihn ſehe, je deut⸗ licher wieder in ihr auflebten, und wie ſie ihn an etwas Unerklaͤrlichem erkannt habe, was ſie erſt verſtanden, als ſie ihn bei Namen habe nennen hoͤren. Sie war in dieſer Mittheilung unausſprechlich rei⸗ zend— und der junge Marquis vergaß ſchnell ſeinen Unmuth und ſeine Zweifel, und hielt nur noch ſicher und wahr, was aus ihrem Munde kam, und horchte, wie ſie ihm von ihrer Erziehung erzahlte, von ihrem Gefährten William Bedfort, von der kleinen Orla, ſeiner Schweſter— aber von Urica konnte ſie nicht ſprechen, ohne ihre reizbare Wehmuth anzuregen, und der junge Marquis bat ſie davon zu ſchweigen, da er den Schmerz auf dieſem holden Antlitz nicht ertragen konnte. Ehe Floripes das Banket verließ, verabredete ſie, ſich bei der Tante wiederzuſehen; denn Floripes lehnte es mit einiger ſie ſelbſt uͤberraſchenden Beſtuͤrzung ab, ihn bei ihrem Vater zu empfangen. —— Der Koͤnig konnte ſeine Abreiſe nicht gut laͤnger verzögern. Lord Montague wich nicht von ſeiner Seite und konnte geziemend bezeugen, daß ſich kein Hinderniß, keine Verpflichtung, keine Höflichkeit mehr in den Weg ſtellte, und daß die guten Republikaner, die ihn ſo ver⸗ ſchwenderiſch uberall aufnahmen, doch zu gewiſſenhafte Geſchaͤftsleute waren, um nicht zu wuͤnſchen, er moge ſich jetzt ſeinen Pflichten widmen, und nicht länger ſie in den ihrigen ſtoren. Der Morgen war ſchon vorgeruͤckt, aber die Schwel⸗ gerei des vorangegangenen Tages hatte ſo große Ermuͤ⸗ dung nach ſich gezogen, daß alle dabei betheiligt gewe⸗ ſenen der längeren Ruhe bedurften. Der König liebte von jeher den Morgen, den er die langweiligſte Tageszeit nannte, zu verſchlafen; er ſchrie daher faſt auf, als ſein Kammerdiener endlich leiſe die Vorhaͤnge ſeines Bettes zuruͤckzog, und dem vollen Licht des Tages geſtattete, ſeinen träumeriſchen Herrn zu wecken. „Willſt du mich blind machen, Verräther?“ ſchrie Karl, und hielt ſich beide Hände vor die Augen—„Willſt du etwa ſagen, das ſei Tageslicht— etwa eine Erinne⸗ 250 rung, daß ich in die Langeweile eines fruͤhen Morgens hinein muß?“ „Euer Majeſtaͤt haben den fruͤhen Morgen nicht zu furchten. Er iſt lange voruͤber, und wenn Euer Gnaden geruhen wollen, ſich anzukleiden, ſo wird nur grade zum Fruͤhſtuck Zeit bleiben, um dann nicht die Mittagstafel zu verſaͤumen.“ „Mapwell, du biſt mein langjähriger Vertrauter!“ rief der Koͤnig ſich lachend dehnend—„ich kann nicht denken, daß du an mir zum Verräther werden wirſt. Gieb mir aber dennoch dein Ehrenwort, daß du nicht luͤgſt, um mich aus dem Bette zu locken. Sieh', mein alter Knabe, das iſt jetzt, nachdem dein armer Koͤnig nun wieder eins der mächtigen Häupter Europa's ge⸗ worden, der einzige Freihafen der Ruhe und Gluͤckſelig⸗ keit, der ihm geblieben. Denke dir daher, daß wenn du dich an dieſem ſuͤßeſten Beſitzthum deines Koͤnigs ver⸗ greifſt, es ihm durch Luͤgen und andere Beaͤngſtigungen zu entreißen wagſt, du zu den groͤßten Hochverräthern gehoͤrſt, zu denen wenigſtens, die mir jetzt am gefaͤhr⸗ lichſten werden können, da mein ganzes uͤbriges, zärt⸗ liches Volk jetzt in Liebe fuͤr ſeinen angebeteten, hoch⸗ begabten, frommen, tugendhaften— wie heißt es weiter — ich glaube rechtglaͤubigen, geſetzesgetreuen Koͤnig ſo in Liebe uͤberfließt, daß ich in Verlegenheit ſein werde, 251 wenn ich die lang geuͤbte Sitte des Kopfabſchlagens in meinem getreuen Vaterlande nicht will abkommen laſſen, wen ich dazu ergreifen ſoll, als dich, der du in Wahr⸗ heit jeden Morgen Verſuche gegen mein Gluͤck und Leben machſt.“ Der alte Mann lächelte wohlgefällig, ließ aber un⸗ terdeſſen nicht ab, die Fuͤße, und nach und nach den ganzen Körper des Koͤnigs mit den erwaͤrmten, wohl⸗ riechenden Spezereien zu reiben, welche in einigen ſilber⸗ nen Kannen und Schuͤſſeln neben dem Bette dampften. „So wie ich zuruͤckkomme in mein loyales Vaterland, und einige hundert meiner getreuen Lords, die noch vor Kurzem ihrem König ein paar neue Schuh verſagten, an die Bruſt gedruͤckt habe, will ich mir das einzige Vergnugen machen, wonach mich eigentlich verlangt— ich will mir meine alte Kinderfrau nach dem königlichen Whitehall kommen laſſen, und bis man mir eine Köni⸗ gin aufgenöthigt, ſollen durch ſie alle Gnaden gehen— aber vor allen Dingen ſoll ſie die Einzige ſein, die mich wecken darf; denn ſie hat ein viel menſchlicheres Herz, als du Maxwell— durch ihre Vermittlung habe ich die Freuden des Bett's ſo ausprufen lernen, daß ich nun weiß, alles Andere reicht nicht daran; denn ſieh, Max⸗ well— halte doch einen Augenblick mit deinem Frottiren inne— du kannſt ja nicht hoͤren—“ 252 „Nichts, nichts!“ ſagte Maxwell lachend—„Eue Majeſtaͤt muͤſſen herhalten. Seit zwei Stunden iſt der Vorſaal mit Menſchen vollgepfropft, und die Stunde, wo ſie geſtern von ihnen herbeſtellt wurden, mehr wie doppelt verſtrichen.“ „Nun, ſieh Maxwell,“ fuhr der Koͤnig gemaͤchlich fort—„wenn ſie an mein Bett kam, um mich zu wecken, ſo war das eine Art abgeredeter Karte unter uns, denn ich erwachte nur halb, erkannte die Wonne im Bett zu liegen, und ſchon fuͤhlte ich, wie ſie die Decken um mich ſteckte, und als haͤtte ich ſchon geſpro⸗ chen, immer ſagte:„Na— na— noch ein Viertel⸗ ſtuͤndchen! Du lieber Gott! wenn's ſo Einer nicht haben ſollte!“ Nun kam ſie drei— vier Mal, und immer hatte ſie eine neue Entſchuldigung— da war's den Tag vorher bunt hergegangen— oder die dummen Studien, die mußten dem armen Karl wohl noch den Kopf an⸗ greifen— genug, ſie war die einzige denkende Kreatur, die den armen Karl fur einen fuͤhlenden Menſchen hielt, und nicht den ungluͤcklichen Prinzen von Wales immer an ſeine Ohren donnern ließ, als ob dieſe ſich ſpäter ſo ſchlecht konſervirende Perſon, das ſuͤße Vorrecht aller Kreatur abgethan haͤtte.“ Jetzt hatte Maxwell den Koͤnig zum Sitzen gebracht und ſeidene Struͤmpfe und ſammtene Schuhe mit bril⸗ lantnen Roſen aufgezogen.„Ja, ja!“ ſagte er dann —„da wird der arme Maxwell wohl abgeſetzt werden und, Gott weiß! ſchon wegen der Qual dieſes Morgens verdiente er den beſten Platz bei Eurer Majeſtät! Denn der Herr Herzog von Hamilton runzelten die Stirn und packten mich am Aermel, als ich nicht herein gehen wollte, und der ſteife Herr Buͤrgermeiſter von Marſee⸗ ven ſagten ſo fein wie Meſſerſpitzen: die Herren der Stadt koͤnnten ſich lieber wieder entfernen, da zwei Stunden zu warten, etwas zu viel ware, wo die Herren Beſorgungen hätten, die ſich auf die Ehrenbezeigungen Seiner Majeſtät bezoͤgen.“ Jetzt ſtund der König, und Maxwell knöpfte das leichte Unterwamms von ſcharlachrothem Sammt zu. —„Nein, Maxwell, es geht auch dies nicht ganz nach unſerm Wunſch— du wirſt immer die Schlafſtelle bei mir behalten, denn ich furchte, Lucie wird eiferſuchtig, wenn ich meiner lieben alten Kinderfrau die Stelle gebe — oder du konnteſt vielleicht als Ehrenwächter mit der lieben alten Freundin in einem Zimmer ſchlafen?“ „Peil'ger Gott!“ ſchrie Mapxwell, die letzte Schnalle an dem ſammtnen Ueberkleide feſtziehend—„ich ſoll doch nicht mit einem alten Weibe in einem Zimmer ſchlafen?“ „Still! Mann des Fleiſches und der Suͤnde!“ rief 254 der König, die puritaniſche Sprache ſeiner fanatiſchen Unterthanen perſiflirend.—„Sieh dies als Verſuchun⸗ gen des Baals, des Erzfeindes der Menſchen an und erwarte unter dem Geheul der Suͤnde in dir den Schlag der Zerknirſchung, der da heißt das Feuer der Reue!“ „Ja,“ ſagte Maxwell—„von dieſer Gattung iſt auch ein Pröbchen im Vorzimmer! Sie ſtehen mit ge⸗ ſenkten Koͤpfen Alle in einem Knäuel, wie man auf der Weide ſieht, wenn es blitzt.“ „O,“ rief der Koͤnig mit verſtelltem Entzucken, waͤhrend Maxwell den goldbrokatenen Hermelinmantel um ſeine Schultern hing—„warum kann ich nicht eilen, dieſe zuerſt an meine Bruſt zu druͤcken— dieſe Stuͤtzen der Monarchie, die, wenn der Geiſt ſie treibt, die Throne auf ihre breiten Schultern nehmen und einen Armenſfuͤnderſeſſel daraus machen, worauf ſie ihre Koͤ⸗ nige einladen, und ſie pruͤfen, ob der Geiſt, der in ihnen die Wahrheit gebiert, es ihnen befiehlt, daß der Boͤſe Macht gewonnen uͤber das gekroͤnte Haupt, und ob ihre unerſchrockene Tugend ihnen gebietet, dies Haupt, das ihnen ſchon die ewige Verweſung zeigt, auch der zeitli⸗ chen zu uͤbergeben.“ „Ha, Mann der Rache und Vergeltung!“ ſchrie der König, waͤhrend Scherz und Wuth um die Herr⸗ ſchaft rangen—„warum reichſt du mir eben als Ver⸗ ſucher mein gutes, altes Schwert?“ Er hob es mit einer Kraft in die Hoͤhe, daß es in der Luft zitterte— aber lachend ließ er es zur Erde ſinken, und Maxwell ſteckte es, ohne Widerſtand zu erfahren, in das brillantne Degengehaͤnge. „Sieh,“ ſagte der Koͤnig, waͤhrend er ſich noch ein⸗ mal niederſetzte und zum dritten oder vierten Male Haupt⸗ und Barthaar mit wohlriechendem Oel kämmen ließ—„du biſt eine giftige Spinne, Maxwell, welche die Schwäche deines in der Suͤnde keuchenden Herrn benutzt, um das fleiſchliche Geluͤſt der Rache zu wek⸗ ken!“ „Aber ſchon iſt die Erweckung und die bittere Sal⸗ bung des Selbſtekels in meine verweſ'ten Gebeine ge⸗ krochen— ich ſehe dieſe erhabenen Knechte der Einge⸗ bung, die ihrem Geſchrei um Hilfe gefolgt, die da iſt die rechte Erkenntniß, nicht als die Moͤrder meines Va⸗ ters, nicht als die Raͤuber meiner Monarchie, nicht als die Zerſtorer meines halben Lebens an— heil ger Georg, ſtehe mir bei!“ unterbrach er ſich, denn er hatte dies faſt herausgebruͤllt—„o, Maxwell— das Fleiſch! das Fleiſch!— o, ich werde dieſe unter der Macht des Geiſtes vorwurfsfrei dahin Wandelnden ja bald als meine Bruͤder voll Dank fuͤr die Wohlthaten, die mir 256 ihre heil'gen Ueberzeugungen bereitet haben, um mich geſchaart ſehen— da werde ich lernen koönnen das toͤd⸗ ten, was unter der Gewalt der Ruchloſigkeit ſteht!— Wenn es nur nicht noch ſehr viel iſt,“ ſagte er langſam und druͤckte das dunkle Sammtbarett mit dem Reiher⸗ buſch auf die dämoniſch gefurchte Stirn. „Jetzt, Marwell, gieb mir die Handſchuh mit dem Hrangenduft— ich muß dieſe Kraͤmer immerfort an meinen lieben Neffen von Oranien erinnern, und ſie muͤſſen ſogleich, wenn ich ihnen die Hand ſchuttele, an dem Duft, der zu ihnen aufſteigt, bemerken, was ich von ihnen will. Und du ſollſt ſehen, daß ſelbſt dieſe feine, duftende Anſpielung ihnen ſchon zum Geſetz wird, weil ſie grade ſo weit ſind, ſelbſt nichts ſehnlicher zu wuͤnſchen, als meinen kleinen zehnjährigen Neffen Wil⸗ helm von Oranien zu der lang erledigten Stelle ihres Statthalters zu erheben. Ja, mein Freund! es giebt unterſchiedliche Epidemien— wuͤrge mich aber nicht mit der Georgenkette, wenn du ſo gut ſein willſt— Repu⸗ bliken⸗Epidemien— Entthronungs-Epidemien— und jetzt Thronerhebungs⸗Epidemien— Alles kommt aus der Luft— und der kleine Wilhelm theilt mit ſeinem Oheim die Erhebungs⸗Epidemie!“ „Jetzt laß das Zupfen und Putzen und rufe in unſer Audienzzimmer die Großmoͤgenden Herren der Stadt 257 Amſterdam, unterdeſſen will ich dies köſtliche Weißbrot und dieſen funkelnden Becher Gewuͤrzwein zu mir neh⸗ men; laß auch das Fruͤhſtuͤck anrichten— ich werde alle Elemente des Vorzimmers in dieſen mächtigen Erdkreis einſchließen und ihre Forſchungen in die Geheimniſſe einer Wildpaſtete verſenken.“ „Aber ich bitte, ſchließ' die Tapetenthuͤr— ich höre an der kleinen Treppe pochen— das iſt Lucie und der kleine Monmouth. Wenn du willſt, daß ich vor Abend Audienz geben ſoll, ſo halte ſie Beide ab— denn Lucie iſt ſelbſt auf den alten Herzog von Hamilton eiferfuch⸗ tig— und die Roſe, die geſtern der Prinzeſſin an die Stirn flog, war auch kein Liebesbeweis, obwohl ſie aus ihrer Hand kam und die Prinzeſſin ſich noch bedanken mußte. Der Herzog von Hamilton fand es nicht gut, den Oberſchulzen und die Herren der Stadt allein zum Koͤ⸗ nig zu laſſen; denn es hatte ſich haͤufig gezeigt, daß er der Unterredung mit ſeinen hollaͤndiſchen Gaſtfreunden eine Ausdehnung gegeben, die ſeine Einſchiffung noch um vierundzwanzig Stunden oder um eines Feſtes Wil⸗ len wieder hinaus ſchob. Nun hielten aber alle ſeine Cavaliere dieſe Abreiſe fuͤr etwas unumgänglich Nöthiges und zwar ihre bal⸗ digſte Anſetzung, wenn der enthuſiaſtiſche Eifer des eng⸗ Jakob v. d. Nees. II. 17 258 liſchen Volkes ſich nicht unter dieſer Vernachlaͤßigung in eine unluſtige Stimmung verwandeln ſollte, die des Ko⸗ nigs Stellung gleich zu Anfang verderben konnte. Der Rang des Herzogs, als Oberhofmeiſter des Königs, gab hierzu einen paſſenden Vorwand, und er hinderte es nicht, daß Laneric ſich bequem nachdraͤngte, da er wußte, daß er mit dem Koͤnige auf dem vertrau⸗ teſten Fuße ſtand und ſich unglaubliche Freiheiten gegen ihn erlaubte. „O, meine Freunde!“ rief der Koͤnig, ſogleich Ha⸗ miltons Vorſicht erkennend, Herrn von Marſeeven zu 3—„Warum bringt ihr meine engliſchen Wächter mit, da mir noch ein Stuͤndchen ungeſtörter Freiheit mit euch gegoͤnnt ſein konnte? Wißt ihr denn, daß dieſe da bloß auf unſere Worte lauern werden, um mir nachher zu 3 beweiſen, ich hätte gar keinen Grund, noch länger auf dem Boden meines gellebten Hollands wie ein freier, glucklicher Gentleman zu athmen— nicht einmal eure furſtliche Gaſtfreiheit anzunehmen, die bis jetzt alle Wünſche meiner Bruſt uberſtieg.“ „In dieſem Falle wollen wir wenigſtens mit Erlaub⸗ niß Eurer Mäjeſtät die Berechnungen unſerer Gegner 4. zu vernichten ſuchen,“ ſagte Herr von Marſeeven— „denn wir kommen ſo eben, um Eurer Majeſtät die Herren der Admiralität anzumelden, welche ein kleines 2⁵9 See⸗Manoͤver anzubieten wagen, welches in Ruderboten von den Eleven der Marine ausgefuͤhrt werden ſoll.“ „Perrlich, herrlich!“ rief der König—„das duͤrfen wir nicht verſäumen! Ich hoffe, unſer Bruder York und Gloceſter werden dazu ihre Flotten verlaſſen und dies Vergnuͤgen theilen.“ „Euer Majeſtät werden den Herzog von York dazu nicht vermoͤgen,“ entgegnete Hamilton ernſt—„denn er wird heute Euer Majeſtat ſchon in Scheveningen erwarten, und der Admiral Montague iſt geſtern Abend ſchon dahin abgegangen, um die Einſchiffung Euer Majeſtat fur morgen fruͤh zu bewirken.“ „Und glaubt ihr, mein theurer Herr von Marſee— ven,“ fuhr der Koͤnig wieder fort—„daß wir heute Nachmittag zu unſerm See-Manöver gutes Wetter haben werden? Und ſagt mir doch— werden wir Da⸗ men dabei haben— wird unſere ſchone Muhme von Anhalt die Königin des Feſtes ſein?“ „Wenn Euer Majeſtät die Gnade haben, der König deſſelben ſein zu wollen?“ ſagte Marſeeven.— Aber es war ein Ton, den Karls ſcharfes Ohr wohl verſtand. Er kannte dieſen pflichtgetreuen Marſeeven ſehr gut und hatte oft ſeine ſtrengen Anſichten zu fuhlen gehabtz er wußte ſogleich, daß er zwar ſeiner Höflichkeit als Gaſt von Amſterdam gewiß war, aber daß er es ihm dennoch 17* 260 als Mann und König hoher angerechnet haben wuͤrde, wenn er alle Luſtbarkeiten abgelehnt und geeilt, ſich nach ſeinem Reiche zu begeben. Was konnte aber die aus Eigenſinn, Laune und Traͤgheit zuſammengeſetzten Ent⸗ ſchluſſe des Koͤnigs erſchuͤttern. Er hoͤrte zwar den lei⸗ ſeſten Ton des Tadels, aber er hatte nicht das reizbare Ehrgefuhl, welches von ſelbſt alle Veranlaſſungen abzu⸗ halten ſucht. Seine Reizbarkeit war Unluſt, ſich in dem ſinnlichen Taumel aufgehalten zu ſehen, der ihn ſeit lange gewoͤhnt hatte, ſeine Handlungen nicht mehr bei Namen zu nennen. Sein Geiſt diente ihm bis jetzt nur dazu, ſich alle Bedenklichkeiten auszureden und mit ſpoöttiſcher Jronie ſie von ſich und ſeinen Genoſſen abzu⸗ halten, oder ihnen einen andern Charakter zu geben. „Ah, meine Herren,“ ſagte er daher wie in gerecht⸗ fertigtſter Sorgloſigkeit—„ihr ſeid wahrlich arge— arge Verfuͤhrer. Was habt ihr geſtern nicht gethan, meinen armen Verſtand zu umnebeln— dieſe göttlichen Mädchen!— Ha, dachte ich in ihrer Mitte, du läßt dich von deinen zärtlichen Unterthanen penſioniren und haͤltſt dieſen himmliſchen Madchen den Spinnrocken. Solch' eine Verſuchung einem armen Junggeſellen in den Weg zu ſchicken, wenn er ſchon mit einem Fuße auf dem Rande des Nachens ſteht, der ihn weit von dieſen Freuden wegtragen ſoll. He, iſt das Recht?“ 261 „Ich hoffe, ſie ſind heute Alle beim Feſt! Denn— ich bitte euch, Marſeeven, blickt nicht ſo finſter wie meine engliſchen Lords— ich geſtehe euch aufrichtig, ich laſſe mich ſehr gern verfuhren.“ „Die jungen Mädchen der Stadt ſind alle bei der Frau Fuͤrſtin von Anhalt verſammelt,“ entgegnete Mar⸗ ſeeven kalt—„wenn Ihre Hoheit einige erwaͤhlt zu ihrer Begleitung beim Feſt, werden ſie natuͤrlich er⸗ ſcheinen.“ „Ah!“ rief der König—„dann, hoffe ich, wird eure ſchöne Tochter nicht fehlen, und ihre Gefäͤhrtin, die ſtolze Kranztraägerin, wird ſie begleiten. Sagt mir doch, was iſt das mit dieſem goldenen Engel? Sie wollte uns in ihrem Zorn mit gewaltig hohen Ver⸗ wandten in den Grund bohren— in der That Namen, die wie ein Piſtol auf uns wirkten.“ „Sie iſt eine Verwandte meiner Frau und eine Nichte der Marquiſe von Montroſe,“ ſagte Marſeeven kalt und ernſt— die ſcherzhafte Laune des Konigs noch immer uͤberſehend. „Allen Reſpekt!“ entgegnete der Koͤnig.—„Aber ihr eigner Name ſchien nicht auf hohe Anſpruͤche hinzu⸗ deuten.“ „Ihr Vater gehört zwar nicht zu den alten Fami⸗ lien der Stadt; aber er nimmt an unſerer Boͤrſe keinen 262 unbedeutenden Platz ein, weil er zu den reichen Wechs⸗ lern gehoͤrt— doch war nur die Mutter des Fräuleins von Adel.“ „Nun,“ ſagte der König—„Laneric, du ſcheinſt dieſen Nachrichten deinen vollſten Antheil zu ſchenken. Wie wäre es— du ſuchteſt dieſe holländiſche Millionä⸗ rin zu entfuͤhren— wir wollen ihr einen unbeſtrittenen Platz an unſerm Hofe geben.“ „Ich danke Euer Majeſtät,“ ſagte Laneric, ſehr zwei⸗ deutig lachend.—„Wenn mir eine ſchöne Gemahlin zu Theil wird, ſo wird ſie ſich den Segen Eurer Majeſtäͤt aus der Ferne erbitten und wird auf meinen Gütern leben.“ Der Koͤnig lachte ſeinem Kameraden wuͤſt nach und wollte die leichtfertige Rede fortſetzen; da trat ihm der Herzog von Hamilton faſt unter die Augen und ſagte unſanft:„Euer Majeſtät werden die Gnade haben, ſo⸗ gleich zu beſtimmen, wann wir die Allerhöchſte Abreiſe anzuſetzen haben; die edlen Herrn dieſer Stadt eben ſo⸗ wohl als wir, muͤſſen, wenn wir dieſe Zimmer verlaſſen, dazu unſere letzten, hoffentlich unwiderrufbaren Befehle geben.“ „Heil ger Gott!“ rief der König—„das iſt ein räuberiſcher Anfall, dem wir nicht zu entgehen wiſſen. Halt— wir wollen uns ſammeln— doch vielleicht fruhſtuͤckten wir erſt.“ ————— 263 „Ich muß vorher noch um eine Unterredung mit Euer Majeſtät ganz allein bitten,“ ſagte Herr von Marſeeven gemeſſen und unabweislich, und dieſe weni⸗ gen Worte ſchienen dem Koͤnig etwas ſeine gute oder angenommene Laune zu truͤben— er ſetzte ſich, betrach⸗ tete die Stickerei ſeiner Handſchuh und ſagte:„Nun alſo— da muͤſſen wir wahrlich an den Fingern unſere Minuten berechnen, alſo erſtlich haben wir eine geheime Unterredung an den Herrn Oberſchulzen zu bewilligen“ — war es ſo, mein Herr von Marſeeven?“ „So war es, Euer Majeſtät,“ ſagte dieſer ſtreng. —„Gut— eine geheime Unterredung an den Herrn Oberſchulzen— dann— ich hoffe doch ein ganz öffent⸗ liches Fruͤhſtuͤck— iſt es ſo, Herr Oberſchulze?“ „So iſt es, Euer Majeſtät,“ ſagte dieſer ganz un⸗ erſchuͤttert.— „Dann muͤſſen wir doch der lieben Muhme von Anhalt den Morgenbeſuch machen und finden, hoffe ich, dort die Damen der Stadt, denen wir unſere Huldigun⸗ gen darzubringen haben— ihr erlaubt doch, Herr Oberſchulze?“ „Wie Euer Majeſtät befehlen!“ „Da ich bald abreiſe“— fuͤgte der König ſpottiſch hinzu.„Und dann— dann eſſen wir zu Mittag im Rathhauſe— und dann wäre die Waſſerpartie— dann 264 wird man die jungen Leute der Marine tanzen ſehen— genug, Hamilton— das wird Alles unſere Krafte ſehr mitnehmen— ihr werdet uns ſchonen muͤſſen, wenn wir in die Abreiſe willigen ſollen— nicht zu fruͤh alſo morgen, wenn ich bitten darf.“ „Alſo wieder vier und zwanzig Stunden ſpäter,“ ſagte Hamilton mit kaum zu bezwingendem Zorn. „Ah! aber welch Wetter!“ rief der König lachend— „welche Nächte muß das auf der See geben!— Herr Oberhofmeiſter jetzt die Herrn der Admiralität— ſie warten, denke ich, ſchon zu lange!“ Es war eine ſchwere Aufgabe fuͤr ſeine Umgebun⸗ gen, daß es Karl in ſeiner Gewalt hatte, im ſelben Augenblick, wo er ſich um ihre Achtung gebracht und ſie mit ſeinen Laſtern und Thorheiten bis zum Vergeſſen ihrer Stellung gepeinigt hatte, eben ſo ſchnell wieder die vollkommen königliche Autorität annehmen zu koͤn⸗ nen, daß die ihn umgaben, ihre Stellung auch ſchnell wieder aufnehmen mußten, um nicht ganz ihre Oblie⸗ genheiten zu uͤbertreten, oder ſeinen Zorn zu erfahren. Wer hätte nicht Karl zum König berufen halten ſollen, der Zeuge von dieſer Audienz war. Dieſe Wuͤrde, dieſer Ernſt, der von der leutſeligſten Guͤte gemildert wurde, mußte die bezaubern, die ihn von keiner andern Seite kannten und verſöhnte ſelbſt ſolche, die davon 265 zu leiden gehabt, und erhielt den Beſſeren die Hoffnung, daß dieſe Fähigkeiten in geeigneten Verhaͤltniſſen die Oberhand gewinnen wuͤrden, uͤber die vom Auslande genährten Verfuͤhrungen, denen der Muͤßiggang bis zu ſeinem dreißigſten Jahre Thuͤr und Thore geoͤffnet hatte. Als der König ſie entlaſſen, blieb Marſeeven mit ſo ernſter Feſtigkeit allein zuruͤck, daß der König fuͤhlte, er werde ihn auf keine andere Art los, als indem er ihm Gehoͤr ſchenkte. Er trank daher den Reſt ſeines Gluͤhweins aus und wendete ſich dann mit faſt komiſcher Gutmuͤthigkeit zu 3 ihm um, indem er ſagte:„Macht es gnädig, Marſee⸗ F ven— nicht zu viel von Geſchäften!“ „Nein, Euer Majeſtät,“ ſagte dieſer ernſt—„und gewiß gar nichts davon, da Ihr noch in ſo weniger Ge⸗ wohnheit damit ſeid, wenn es mir nicht als Vormund der jungen Tochter der Marquiſe von Montroſe eine heilige Pflicht wäre, Euer Majeſtät daran zu erinnern, daß das ganze, einſt ſo große, Vermoͤgen derſelben nur in den ſchriftlichen Verſprechungen Eurer Majeſtät, dies 4 Darlehn der edlen Dame fuͤr die befohlenen Anleihen ihres Gemahls wieder zu erſtatten, beſteht, und daß nun meine Pflicht, als Vormund des auf dieſes Vermögen 1 ihrer Mutter angewieſenen Kindes mich zwingt, Euer Majeſtät zu fragen, auf welche Weiſe und in welcher 5 Zeit Euer Majeſtät dieſe Zahlungen abzutragen beſchloſ⸗ ſen haben?“ „Heil ger Gott! Marſeeven,“ rief der Koͤnig ernſter als zuvor—„kann ein ſo erfahrener und verſtaͤndiger Mann, als ihr, eine ſolche Angelegenheit von mir erle⸗ digt haben wollen, waͤhrend ich uber nichts zu verfuͤgen habe, als uͤber Schulden, die ich überall zurucklaſſe, uͤber ein knappes Reiſegeld, was mir meine zärtlichen Unterthanen zuwerfen, damit ich nicht mit zerriſſenen Schuhen ans Land ſteige— und uͤber Hoffnungen und Verſprechungen, von deren Wahrheit ich erſt nach der erſten Parlamentsſitzung werde ſchließen können. Was in aller Welt koͤnnte ich euch heute Anderes und Beſſe⸗ res geben, als was ihr bereits habt; mein koͤnigliches Wort, die Anerkennung der Forderung, die ich ja auch zu Anfang nicht geleugnet, obwohl uns die Phantaſie des guten Montroſe mehr geſchadet als geholfen, und es eine harte Pruͤfung iſt, ſie ſo theuer bezahlen zu muͤſſen.“ Wir konnen wirklich nicht annehmen, daß Marſee⸗ ven dieſe Antwort nicht voraus hätte, und ſeine Antwort beſtätigte es. „Eurer Majeſtaͤt gegenwaͤrtige Lage iſt allerdings nicht viel anders,“ ſagte er ruhig—„und eine eigne Forderung wuͤrde ich nie in dieſem Augenblick angeregt 267 haben! Ich durfte aber euer königliches Intereſſe nicht höher halten, als das meines Muͤndels und muß euch darum bitten, jetzt in dem Augenblick, wo ihr von eu⸗ rem Volke berufener und anerkannter König von Eng⸗ land ſeid, dieſe eure fruͤhere Erklärung noch einmal als vollſtaͤndig guͤltig anzuerkennen; denn es iſt allerdings ein bedeutender Unterſchied, was ihr damals verſprachet und jetzt zu halten gelobt.“ „Ihr ſeid wunderbar ſcharfſinnig, unſere jetzige und damalige Perſon zu trennen, Herr von Marſeeven,“ ſagte der König, nicht ohne Empfindlichkeit—„da⸗ mals, wie jetzt, war ich ein Edelmann, der ſein Wort gab und ſeine Unterſchrift.“ „O! Euer Majeſtät! erlaßt es mir, dem Edelmanne, zu antworten— aber zwiſchen der Majeſtat auf dem Throne und der Majeſtät als Fluchtling und von einem treuloſen Lande verleugnet, wird der Unterſchied nicht weiter von mir aufzuklaͤren noͤthig ſein.“ Der König lachte ſpoͤttiſch auf und warf ſich unge⸗ duldig in ſeinen Stuhl zuruͤck— offenbar machte ihn die Erinnerung an dieſe Schuld ſehr nachdenkend. „Wißt ihr auch,“ ſagte er ärgerlich—„daß die Wie⸗ derbezahlung dieſer von dem Herrn Marquis von Mont⸗ roſe ſo freigebig auf meinen Namen gemachten Schul⸗ den mein Privatvergnuͤgen bleiben wird?“ Oder wollt ihr mich trotz eures politiſchen Seherblicks uberreden, es wuͤrde einen guten Eindruck auf meine ſparſamen Unterthanen machen, wenn ich ſie auffordern wollte, die Kriegskoſten fur ein Armeecorps zu bezahlen, was feind⸗ lich gegen ſie zu Felde zog und beſtimmt war, den Buͤr⸗ gerkrieg, den ſie eben beendigt, wieder anzufachen?“ „Das iſt mit„Nein“ zu beantworten ohne politi⸗ ſchen Seherblick,“ ſagte Marſeeven ruhig.—„Aber Euer Majeſtaͤt werden große Zugeſtändniſſe erlangen und wenigſtens in der erſten Zeit in England ſelbſt gro⸗ ßen Kredit— und Beides wird der König gewiß zuerſt dazu benutzen, das Wort und die Unterſchrift des Edel⸗ mannes einzuloͤſen.“ Der Koͤnig blickte ungeduldig nach Marſeeven— er wollte etwas erwidern— aber er bezwang ſich.— „Es ſcheint mir,“ ſagte er dann ironiſch—„der König auf dem Thron ſtreitet noch mit eben ſo wenig Gluͤck mit euch, als der entthronte.“ „Iſt das eine Sache zum Streit?“ hob nun Mar⸗ ſeeven etwas waͤrmer an.—„Ich glaube, Euer Ma⸗ ieſtät wählen aus Zerſtreuung das unrichtige Wort. Daß dieſe Urkunde das Vermoͤgen einer edlen Familie ſichere, die im heiligen Vertrauen auf das Wort Eurer Majeſtät und deren gerechte Sache ihr ganzes Vermoͤ⸗ gen hingab, dieſelbe zu unterſtuͤtzen, davon iſt hier allein 7 269 die Rede. Und Eurer Majeſtät hochſtes, wichtigſtes Intereſſe muß in dem Augenblicke, wo ihr dieſes gaſt⸗ liche Land verlaſſet, darauf gerichtet ſein, dieſe Urkunde ſo ſicher und guͤltig zu machen, als es die Umſtaͤnde er⸗ lauben.“ „Darum handelt es ſich allerdings,“ mein lieber, eifriger Marſteven, und nicht die Sache beſtreite ich,“ ſagte der Koͤnig etwas beſchämt—„ſondern daß nicht ſchon Alles geſchehen iſt, was dieſe Sicherheit giebt, und daß es mich verletzt und in Wahrheit kränken muß, wenn ein ſo alter Freund, als ihr, mich mit Zweifeln peinigt, die mich beleidigen.“ „Draͤngen Euer Majeſtät die Frage nicht in das Gebiet einer Beleidigung hinein,“ rief Marſeeven faſt heftig—„dies wäre ſo ungroßmuͤthig, daß es Euer Majeſtät nicht wollen können, denn es wuͤrde dem recht⸗ ſchaffenen Manne, der hier fur ſeine Pflicht kaͤmpft, den Mund ſchließen.“ Der Koͤnig fuͤhlte dies augenblicklich und es lag unter dieſem Wuſt träger Sinnlichkeit, die ihn den Ernſt und die Anſtrengung von ſich abwehren ließ, ſo viel Edles und wahrhaft Gutes, daß wer den Muth behielt, durch alle Hinderniſſe bis dahin durchzudringen, ſelten ohne Lohn blieb. „Nein! nein, Marſeeven!“ rief er, und alle ſteife Kaͤlte verſchwand von ſeinem Antlitz—„Gebt mir die Hand— ihr ſeid mir nur gerecht! Einem ſolchen Ehrenmanne, wie ihr ſeid, will ich nicht mit meiner königlichen Autorität den Mund ſtopfen— ich will nie annehmen, daß ihr an meiner Ehrenhaftigkeit zweifelt — ihr ruͤttelt nur etwas unſanft an meinen kleinen 3 Angewohnheiten, die euch nicht gefallen, und vielleicht mir ſelbſt nicht. Aber“— ſetzte er zwiſchen Scherz und Ernſt hinzu—„es haben nur wenige Menſchen ſo viel Entſchuldigungen fur ihre Suͤnden, als ich! Marſeeven— die Menſchen ſind ſchlecht, hart, boshaft, treulos mit mir umgegangen, und ich habe keine Ret⸗ tung finden können, als meine Thorheiten, die mein— junges blutendes Herz mit ſeinem Wehruf erſtickten. Es ſind mir die Helfershelfer hierbei nur eine neue Er⸗ fahrung uͤber die Veraͤchtlichkeit der Menſchen geworden — ach! Marſeeven, und doch iſt das ein ſchreckliches Gift in den Adern— und meine Natur, furchte ich, hat keine Kraft mehr es auszuſtoßen; denn ſelbſt das, was ihr Alle mein Gluck nennt, dieſe Umwandlung meines Volkes aus einer duͤſter lauernden, blutduͤrſtigen Hyäne, zu einem leichtſinnig berauſchten, jubelnden Trunken⸗. bold, erfuͤllt mich mit tiefer erkaͤltender Verachtung— und ich werde an die„Gottes Gnade“ glauben muͤſſen, von der alle Könige der Erde ihre Einſetzung herſchrei⸗ ben, um nicht vor der Thronbeſteigung abzudanken, weil ich dem Lande, das ſie mir jetzt zuwerfen, kein Herz mit⸗ bringe, keine Teilnahme an ſeinen Zuſtänden, die nicht die meinigen ſein können, da ſie mich unter Fremden haben alt werden laſſen. Ha! Marſeeven— ſie brau⸗ chen jetzt ein Ding, was ſie König nennen körinen— brutal ſtrecken ſie da die Henkershaͤnde, die meinen Vater auf's Blutgeruͤſt füͤhrten, nach mir aus— und ſtatt, daß ich von Gottes und Rechts wegen, ihnen mit meinem guten Schwert die Verbrecherhande abhauen muͤßte, und ihnen ſagen:„unter uns kann keine Gemeinſchaft mehr ſein“— ſchreit ganz Europa— alle ehrenhaften Ritter— alle Ehrenmaͤnner, wie ihr und eure Genoſſen: Glücklicher Karl! den ſein Volk freiwillig auf den Thron beruft! Nun ſchuͤtte deinen Dank aus gegen dies edle, treue Volk— ſchuͤtt'le die Haͤnde, die noch von dem Blut deines Vaters rauchen— und nachdem ſie dich haben verkummern laſſen an Geiſt und Herz am frem⸗ den Heerde— ſo bringe nun dieſem Volke einen König zu, der an nichts denkt, als an deſſen Wohl, und durch ſeinen Geiſt und ſeine Kraft ihm eine neue Aera her⸗ auf beſchwoͤrt.“ „Doch genug! genug, Marſeeven!“ unterbrach er ſich plötzlich.„Glaubt mir, es iſt ſo uͤbel nicht, daß mich das Leben ſchon ausgehöhlt hat— das macht we⸗ nigſtens gleichgultig— und gleichgultig muß ich ſein und bleiben, wenn ich nicht ein Wuͤtherich, ein Tyrann, ein Nero— ober, was nur je von dieſer Gattung exi⸗ ſtirte, werden ſoll.“ „Ich habe euch oft errathen,“ ſagte Marſeeven traurig und nicht ohne Antheil—„aber ihr werdet mich nicht uͤberreden, daß euer Zuſtand ſo bleibt, wie er euch jetzt erſcheint. Ihr habt mehr in euch gerettet, als ihr euch zugeſteht, und hätte ich keinen Beweis dafuͤr, als dieſen Augenblick.“ „Nun,“ ſagte der Koͤnig weich—„wenn ihr denn das Gute eben in Fluß gebracht habt, ſo ſollen dieſe Ur⸗ kunden davon ein Andenken bleiben. Was wollt ihr, daß ich hinzufuͤge— legt mir Alles vor, und diktirt, was ihr wollt.“ „Euer Majeſtät erinnern ſich, daß hier der Nach⸗ weis uͤber den Verbrauch des Vermoͤgens der Margquiſe von Montroſe, gebornen Graͤfin von Caſambort, vor⸗ liegt— ihr habt durch dieſe Briefe, aus verſchiedenen Zeiten, den Marquis zur Erhebung der benoͤthigten Summe, und den Verbrauch des eben erwaͤhnten Ver⸗ moͤgens autoriſirt— und mit Dank— anerkannt. Daraus hat ſich ſpäter dies Dokument geſtaltet. Es umſchließt die ganze Veranlaſſung und Entſtehung die⸗ ſer Schuld, und iſt durch das Tribunal der Stadt Am⸗ —.————+ ——— ſterdam, mit meiner und des Herrn Cornelius Hooft Zuziehung, zu einem rechtsguͤltigen Dokument gewor⸗ den. Euer Majeſtät haben ſich alsdann, als alleinigen, rechtmäßigen Schuldner darin anerkannt, und vor dem erwaͤhnten Rechtsbeiſtand zur Wiederbezahlung dieſer Summe verpflichtet erklärt. Dieſes Alles nun iſt mit der Unterſchrift Eurer Majeſtät, deren Siegel und den beiden Namen der vorerwaͤhnten Zeugen und deren Siegel bekraͤftigt worden.“ „Euer Majeſtät werden nun bemerken, daß es bei Abfaſſung dieſer Schrift keiner der betheiligten Perſonen einfiel, in der damaligen Lage Euer Majeſtät etwas hin⸗ zuzufuͤgen, was fur die Zeit der Wiederbezahlung einen Termin zu ſetzen ſuchte. Dies fehlt in dem Dokument; es mußte fehlen, ſo lange ſich die Ausſichten nicht ge⸗ beſſert hatten.— Jetzt, Euer Majeſtät, iſt es eine Pflicht der Männer, die damals jene ſchuldige Schonung be⸗ wieſen, dieſen fehlenden Punkt in Erinnerung zu brin⸗ gen, und von dem hohen Schuldner eine Zeit beſtimmen zu laſſen, wo die Ruͤckzahlungen anfangen koͤnnen.“ „Heil'ger Gott! Marſeeven!“ rief der Koͤnig— „willſt du mich denn mit Gewalt zum Lugner machen — weiß ich denn in dieſem Augenblick, wovon ich wieder vezahlen ſoll— was fur ein Almoſen ſie mir zuwerfen werden? Denkſt du nicht an die erſte ſchwierige Zeit, Jakob v. d. Nees. 1ll. 18 — 274 die mich treffen muß— der erſte Koͤnig wieder auf einem verwuͤſteten Koͤnigsthrone, wo ich— um nicht als der erſte Bettler meines Landes zu erſcheinen— das Geld werde hingehen ſehen, um den Prunk auszuflicken, den ſie zu ihrer Ergotzlichkeit von mir fordern werden, und zu dem ſie doch keine Luſt haben werden, beizu⸗ ſteuern. Mann! ſiehſt du nicht ein, daß, wenn du mich zwingſt, hier einen Termin zu ſetzen, das eine Thorheit waͤre, da ich und du und Alle, die ein Einſehn haben wollen, wiſſen muͤſſen, ich kann noch an Tilgung meiner Schulden nicht denken.“ „Sprich,“ fuhr er fort, als Marſeeven die Augen zu Boden ſchlagend nichts erwiederte.—„Ich ſehe es,“ ſagte der Koͤnig ruhiger und zuverſichtlicher—„Ihr fuͤhlt meine Lage und Ihr werdet mir die Schonung, die Ihr bei Abfaſſung dieſer Schrift noͤthig hieltet, nicht in einem Augenblick entziehn, wo ich nur ſcheinbar in einer beſſeren Lage bin.“ „Dies wäre ein unverzeihliches Mißkennen Eurer wirklichen Lage!“ ſagte Marſeeven plotzlich mit der alten Feſtigkeit.—„Schwierigkeiten ſind etwas anderes als Unmoglichkeiten! Wir haben gegen das Erſtere unſere eigne ſchwierige Lage zu halten— und— ver⸗ zeihen Euer Majeſtät die offne Erklärung— wir haben damit nichts weiter zu thun und muͤſſen dem hohen 275 Ermeſſen und den Huͤlfsquellen eines bluͤhenden Koͤnig⸗ reichs die Erledigung derſelben uͤberlaſſen. Wir tragen darauf an, daß Euer Majeſtät hier einige Worte unter⸗ zeichnen, welche uns— den jetzigen Buͤrgermeiſter Cor⸗ nelius Hooft und mich den Oberſchulzen von Amſterdam — autoriſiren, in Zeit von ſechs Monaten nach dieſem Tage die erſte Zahlung der Geſammtſumme, das erſte Viertel des Ganzen in Empfang zu nehmen.“ Der Konig hatte ſich wie ermattet von der Anſtren⸗ gung in ſeinem Stuhl zuruͤckgelegt und blickte Mar⸗ ſeeven mit einem vollig gleichguͤltig entſchloſſenen Blick an, der dieſen aber gar nicht aus der Faſſung brachte. „Außerdem, Euer Majeſtät, befindet ſich hier noch das Teſtament des verſtorbenen Marquis von Mont⸗ roſe,“ fuhr der Oberſchulze fort—„und ich bitte, auch dieſem durch Eure konigliche Anerkennung in England die Rechtskraft zu geben, wie auch der Naturaliſations⸗ akte fur Orla, der nachgeborenen Tochter des Marquis von Montroſe, wodurch ſie als Eure Unterthanin an⸗ erkannt und ihr das Recht des Erbens und Vererbens, wie des Beſitzes Kraft und Recht in dem Lande ihres Vaters zuerkannt wird.“ Der König nickte auf den fragenden Blick Mar⸗ ſeevens mit dem Kopfe. „Dies iſt zwar eine euch bis jetzt zuſtehende Präro⸗ 18* 276 gative der Krone und es wird nicht der Zeitpunkt ſein, es Euer Majeſtät zu nehmenz aber indem Ihr geſonnen ſeid, dem Marquis von Montroſe in ſeinen Nachkommen gerecht zu werden, wird es dennoch beſſer ſein, dieſe Akte alsdann oͤffentlich vor beiden Häuſern proklamiren zu laſſen, um jeden ſpateren Einfluß davon abzuhalten. Wollen Euer Majeſtät dies Teſtament mit dem Worte: „beſtätigt“ unterzeichnen— eben ſo dieſe beiden im Du⸗ plicat angefertigten Naturaliſationsakten? Der Koͤnig unterzeichnete, ohne ein Wort zu ſprechen. „Jetzt,“ ſagte Marſeeven von der Nachgiebigkeit des Königs etwas verlegen gemacht—„geben Sie dem Vormunde der jungen Marquiſe von Montroſe den einzig moͤglichen Troſt— unterzeichnen Euer Majeſtät auch dieſes Blatt.“ „Nimmermehr!“ rief der König plötzlich wuͤthend auf den Tiſch ſchlagend—„nimmermehr!“ Er wollte mehr ſagen und Marſeeven richtete ſich eben zu einem furchtbaren Gegner auf, als ein kurzer Streit vor der Thuͤr damit endete, daß der Graf von Laneric und Herr Cornelius Hooft, Beide ſich faſſend, ohne Weiteres in das Gemach ſtuͤrzten— und einen Augenblick die Ab⸗ ſicht Beider ganz unklar blieb. Der Koͤnig ſowohl wie der Oberſchulze waren der Thuͤr zugeeilt; beide Eingetretene ließen ſich jetzt los — ů˖——— und der Koͤnig, froh an irgend etwas ſeinen Zorn aus⸗ laſſen zu können, rief:„Welch' eine unverſchaͤmte Dreiſtigkeit fuͤhrt zwei gleich unerzogene Maͤnner zu uns, ehe wir ſie befohlen haben, und mit den Manieren von Trunkenen und Raufbolden?“ „Um Gotteswillen, Euer Majeſtät,“ rief Cornelius Hooft, welcher jetzt, bleich wie der Tod, ſich zu faſſen ſtrebte—„Euer großmuͤthiges Herz wird mir Ver⸗ zeihung gewähren, wenn Ihr hoͤrt, was den armen Herrn von Marſeeven betroffen.— Eilt! eilt verehrter Freund! wenn ihr eurer Gattin noch die Augen zudruͤcken wollt — ein Nervenſchlag hat ihre letzte Stunde herbei ge⸗ fuhrt,“— doch er konnte dieſe Worte nicht vollenden— Marſeeven war ſchon ſeit lange von Gram uͤber dieſe nicht mehr zu leugnende Befuͤrchtung in ſeiner Geſund⸗ heit und geiſtigen Kraft erſchuͤttert; die widerſtrebenden Anforderungen der vorangegangenen Tage hatten ihn todtlich gereizt und zu gleicher Zeit erſchoͤpft; die eben durchgekaͤmpfte Scene ihn noch einmal aufgeregt und ihm doch mehr gekoſtet, als er dem König durfte merken laſſen, da er die Schwierigkeiten deſſelben mindeſtens ſo gut wie er ſelbſt uͤberſah und ein tiefes Mitleiden oft ſeine alte Kraft lähmen wollte. Dies Alles mußte dem letzten ſchwerſten Schlag des Lebens vorangehen, um den ſtarken Mann voͤllig zu 278 brechen.— Hooft und der König fingen ihn zu gleicher Zeit in ihren Armen auf. Wie ruͤhrend war der König in der Sorgfalt und Theilnahme fuͤr den toͤdtlich ge⸗ troffenen, lang bewährten Freund— wie war alles eben unter ihnen Vorgefallene rein vergeſſen! Wie ein Sohn ſeinen Vater, ſo ſtutzte er ihn, ſo liebevolle Troſtes⸗ worte, ſo flehende gefuhlvolle Bitten ſich zu ermuthigen, rief er ihm zu! Marſeeven hatte fuͤr einige Augenblicke alle Be⸗ ſinnung verloren; als ſie ihm zuruͤckkehrte, trat zuerſt eine bedenkliche Geiſtesverwirrung hervor, als er ſie uͤberwand, eine Erinnerung deſſen, was Hooft ihm ge⸗ ſagt— er ſchlug beide Haͤnde vor die Stirn und be⸗ gann heftig zu weinen. Dies war fur den Koͤnig wie fuͤr Hooft erſchutternd, denn wer kann den ſtarken Geiſt vom Ungluͤck gebrochen ſehen ohne tiefes Mitgefuͤhl. „O, Marſeeven,“ ſagte der König, faſt mit ihm weinend—„faßt euch— faßt euch!— euch— euch in ſolcher Schwaͤche zu ſehen, das loͤſcht mein letztes Vertrauen auf menſchliche Kraft aus!“ „O, Freund,“ ſtammelte Hooft—„ermannt euch — die Luft wird euch eure Kraft zuruͤckgeben! Eure Karoſſe wartet im Hof— denkt, daß ihr ſie jetzt viel⸗ leicht noch lebend findet— daß ſie nach eurem letzten 4 ————— — * 279 Abſchied ſich ſehnen mag— denkt an eure troſtloſen Kinder, die verzweifelnd ihren Vater rufen, und ermannt euch— und werdet auch in dieſen ſchweren ken allen eine Stuͤtze.“ Marſeeven ſchreckte zuſammen— er erhob ſich mit anſcheinender Kraft— er zog die Häͤnde von ſeinem blaſſen entſtellten Geſicht— er rang nach Kraft, aber ſeine Fuͤße trugen ihn noch nicht. Auch ſchien er den Koͤnig kaum zu erkennen, denn er lehnte wieder ſchwin⸗ delnd einen Augenblick ſeinen Kopf an die Bruſt des Monarchen. O,“ ſagte Hooft—„haͤtten wir ihn nur erſt im Wagen.“ Der Konig ſchien, in Theilnahme verloren, ihn um⸗ faſſen und nach dem Wagen tragen zu wollen— Hooft hielt ihn zuruͤck— der Koͤnig verſtand ihn, aber unge⸗ duldig wandte er ſich nach Laneric um, deſſen Beiſtand ihnen bis jetzt gefehlt hatte. Laneric ſtand vor dem Tiſche, wo die Papiere lagen; eins derſelben war eben unter dem Mantel des Grafen verſchwunden, eine Sekunde fruͤher, als der Koͤnig ſich umwandte. Auf den Ruf des Koͤnigs, der ihm ſeine Theilnahmloſigkeit vorwarf, eilte er herbei; er war ſo⸗ gleich bereit, Marſeeven mit Hooft zu unterſtutzen, und ſo fuͤhrten ihn Beide aus dem Zimmer, ohne daß Mar⸗ 280 ſeeven vom Koͤnige Abſchied genommen, oder der wichti⸗ gen Unterhandlungen ſich bewußt geworden wäre, welche ſein ſchnell auf ihn einſtuͤrmendes Ungluͤck unterbrochen hatte. Als er mit ſeinem edlen Freunde Cornelius Hooft durch die Straßen fuhr, ſammelte ſich ſein Bewußtſein und gab ihm das ganze Gefuͤhl ſeines nahen Verluſtes. Dieſer Mann hatte geliebt, wie Wenige vermögen, und die jugendliche Leidenſchaft war in eine ehrfurchtsvolle Freundſchaft uͤbergegangen— das Leben ohne ſeine Gattin ſchien ihm ein Problem, welches zu loͤſen er 5 Kraft fuͤhlte. Der Koͤnig kehrte fuͤr einen Augenblick in ſeine Zimmer zuruͤck, von Laneric gefolgt, der ſogleich in un⸗ feine Spoͤttereien uͤber den Zuſtand des Oberſchulzen ausbrach— und es war derſelbe Karl, der ihn eben faſt mit Thränen in den Augen bis an die Treppe ge⸗ leitet, der von der Macht ſeiner ſchlechten Geſellſchaft be— herrſcht, jetzt zu den Rohheiten ſeines Guͤnſtlings ſchwieg und endlich in ein gleichguͤltiges, abgeſpanntes Lachen ausbrach. So herabgeſunken nun auch ſeine Stimmung da⸗ durch geworden war, dachte er doch an die wichtigen Papiere, die Marſeeven zuruͤckgelaſſen; aber freilich zu gedankenlos, um den Verluſt des Teſtaments zu bemer⸗ 281 ken, trennte er gleichguͤltig die Duplicate, die er unter⸗ zeichnet hatte, befahl Laneric, eines davon in ſein könig⸗ liches Portefeuille zu legen, ſchob das andere in die Brieftaſche des Oberſchulzen und fuͤgte nicht ohne be⸗ ſondere Befriedigung das Dokument uͤber die Schuldan⸗ erkennung gegen die Marquiſe von Montroſe hinzu, welches ohne Angabe eines Zahlungstermines geblieben war; auch ſpater fand ſich keine Zeit mehr dazu, da das Sterbelager und die nahe Abreiſe die Unterhandlungen daruͤber trennen mußte. Er glaubte, viel gethan zu haben, als er das Porte⸗ feuille dann eigenhaͤndig verſchloß, den Schluͤſſel mit der Adreſſe an den Oberſchulzen einſiegelte und beides ſeinem Kammerdiener zur Beſorgung uͤbertrug; aber er ſah nicht das hoͤhniſche Lächeln, womit Laneric dieſe ſeltene Anſtrengung des Koͤnigs verfolgte, weil er am beſten wußte, welche Sicherheit derſelbe dadurch uͤber ſeinen Raub verbreitete, den der leichtſinnige Monarch nicht bemerkt, und der vielleicht grade darum zu den ſehr ſpaͤten Entdeckungen des Oberſchulzen gehoͤren konnte, weil der Koͤnig dieſen Schein der eigenen Vorſorge uͤber die Sicherheit der Papiere verbreitet hatte. Nachdem das Ungluͤck des Herrn von Marſeeven be⸗ kannt geworden war, beſchloſſen die Herren der Stadt, der Admiralität, welche ohnedies heute das Hauptver⸗ 282 gnugen der Stadt leitete, auch die Honneurs fuͤr die hohen Perſonen zu uͤbertragen, und ſo kamen die Herren der Admiralität, um den König zum Fruhſtuͤck einzula⸗ den, und ihn zur Prinzeſſin von Oranien, der jungen Fuͤrſtin von Anhalt, zu begleiten. Das Vergnuͤgen, welches den hohen Gäſten nach der Mittagstafel angeboten wurde, war nun das Ma⸗ noͤver in Ruderböten, welches wir bereits erwähnt ha⸗ ben. Wir muͤſſen es aber ablehnen, daſſelbe beſchreiben zu ſollen. Es iſt allerdings mit vielen Details zur Ueberlieferung gekommen, wir zweifeln aber, daß dieſe Relation aus einer nautiſchen Feder gefloſſen und einer der gelehrten Schuͤler der Marineſchule ſie anerkennen wuͤrde, und ſuchen alſo gerade dieſe gefaͤhrlichen Details zu vermeiben. Wir konnen aber dennoch das Feſt nicht ganz uͤber⸗ gehen; wir muͤſſen erzaͤhlen, wie der glänzendſte Him⸗ mel uͤber der See lag, wie ein balſamiſcher Lufthauch die Strahlen der Sonne milderte, wie impoſant der Anblick war, als der Koͤnig mit der Fuͤrſtin und ihrem Gefolge in die prachtvoll verzierte Gondel ſtieg und die⸗ ſer Moment von einem ſolchen Donner der Geſchutze gefeiert wurde, daß ſelbſt die Waſſerflaͤche davon zu erbe⸗ ben ſchien. Die Gondel ruderte nun in Mitte des beſtimmten ea 283 Kreiſes, welcher durch einen Zirkel von Ruderboͤten ge⸗ bildet war, den die Marine⸗Kadetten mit ihren Offizie⸗ ren ſchloſſen. Dieſer Kreis war, als der Koͤnig einfuhr, ſo feſt ge⸗ ſchloſſen, ſo unbeweglich und regelrecht aufgeſtellt, daß es nicht glaublich ſchien, er habe ſich auf den bewegten Wogen des Meeres gebildet, und die Bildſaͤulen ähn⸗ liche Ruhe der jungen Männer, die in ihren geſchmack⸗ vollen Koſtuͤmen auf den bunten, mit dem reichſten Auf⸗ wand geſchmuͤckten Booten ſtanden, und das Signal von dem Admiralitätsſchiffe erwarteten, welches der königlichen Gondel entgegen kam, war in Wahrheit ein impoſanter Anblick vollendeter Disciplin. Nachdem die Erlaubniß zum Anfang des Manoͤvers eingeholt war, ruderte das Admiralitätsſchiff wieder zuruͤck, und nun begann das erſte Signal, was dieſen Zauber, worunter bis jetzt alle Boͤte geſtanden zu haben ſchienen, loͤſte— und das Leben und die Schnelligkeit der Bewegungen, die nun eintrat, war eben ſo uͤber⸗ raſchend und erſtaunenswuͤrdig. Jetzt begann das Manöver, und trotz der gleichen Thaͤtigkeit, welche dazu erforderlich war, mußten dennoch Einzelne ſich dabei auszeichnen können; denn man hoͤrte von der koͤniglichen Gondel, welche der Mittelpunkt des Manövers war und in den gewagteſten, kuͤhnſten und gewandteſten Windungen umkreiſt wurde, das Beifall⸗ rufen, welches die Einzelnen noch auszeichnete, unter dem verſchwenderiſchen Lobe, welches dem Ganzen gezollt wurde. Mit dem Sinken der Sonne löſte ſich dieſer Tumult endlich in die feſte und unbewegliche Stellung wieder auf, welche die hohen Gäſte zu Anfang empfangen, und der König lud nun die Herren der Admiralität ein, in ſeine Gondel zu ſteigen, befahl, an den Böͤten her⸗ umzufahren und forderte, daß ihm die Einzelnen der jungen Leute, die ſich bei dem Manover ausgezeichnet, mit Namen vorgeſtellt werden ſollten. Die Prinzeſſin wuͤnſchte aber vorzugsweiſe einem jungen Manne unter den Kadetten zu danken, welcher mit beſonderer Gewandheit und nicht ohne Gefahr ihren Pandſchuh, den ſie in der Lebhaftigkeit ihres Applaus uber eine ſehr kunſtreiche Bewegung, die gerade er unter dem nabel der Gondel ausgefuͤhrt, in die Wellen mit einer unglaublichen Kuhnheit auf der Spitze des Ruders balancirend wieder herausgezogen und ihr mit einem Sprunge auf den Rand der konigli⸗ chen Gondel zu Fuͤßen gelegt, um im ſelben Augenblicke ſchon wieder ſein Kommandoboot erreicht zu haben. „Das iſt Hexerei!“ riefen Alle, und die Prinzeſſin zog den andern Handſchuh aus, welcher mit einer koſt⸗ 6 285 baren Perlenſchnur eingefaßt war— und rief:„In Wahrheit, er ſoll den andern zum Andenken an dieſe kuͤhne That von mir bekommen.“ Sie bat den Grafen von Laneric, der ihr zunächſt ſtand, ſich doch auch den Juͤngling zu merken, und dieſer erkannte ihn auch zuerſt wieder, als man ſich dem einen Boote naͤherte, obwohl faſt zur ſelben Zeit auch der König und die Prinzeſſin ihn bezeichneten, da ſeine Schoͤnheit, ſeine edle Haltung und das Feuer ſei⸗ ner blitzenden Augen ihn unter der Maſſe bemerklich machte. Auf Befehl des Admirals verließ der Juͤngling ſei⸗ nen Poſten und ſtand, mit der Leichtigkeit einer Feder ſich uͤber den Bord des koͤniglichen Schiffes ſchwingend, vor der Prinzeſſin, nicht mehr mit der ſtrengen Haltung der Disciplin, ſondern mit der ehrerbietigen und feinen Grazie eines vollkommenen Edelmannes. Das Lächeln der Freude, welches ſein geiſtreiches Geſicht verſchoͤnte, als er es von ſeinem tufen Gut zur Prinzeſſin aufhob, uͤberraſchte Alle, und ehe noch einer der Anweſenden ſprach, hoͤrte man den Herzog von Hamilton rufen:„Admiral, wer iſt dieſer Juͤngling?“ „Eben wollte ich ihn Sr. Majeſtaͤt als einen Unter⸗ than vorſtellen,“ ſagte der Admiral— „Wie?“ rief der König—„das macht uns Freude, 286 daß ein Engländer die Ehre unſeres Namens unter dieſen Kindern des Neptuns rettet. Heil'ger Gott, Admiral! Was fuͤr Rivalen erzieht ihr in eurer Marine meinem armen Vaterlande!“ „Mein junger, muthiger Seeheld,“ ſagte die Prin⸗ zeſſin lächelnd, indem ſie ihm winkte näher zu treten— „wir wollen euch danken fuͤr eure faſt zu kuͤhne That, und wollen euch und Allen, denen euer Leben lieb iſt, wuͤnſchen, daß es der letzte Handſchuh iſt, den ihr retten wollt.“ „Das wird er ſein!“ rief der Juͤngling, indem alles Blut ſein ſchoͤnes Geſicht uͤberſtuͤrzte—„denn es kann keine zweite Veranlaſſung, wie dieſe, geben.“ „Nicht uͤbel!“ rief der Koͤnig, und alle Anweſenden ſchienen mit der Antwort zufrieden, nur Laneric und ſein Vater, der Herzog von Hamilton, welcher ſichtlich ergrif⸗ fen war, hoͤrten nicht zu; er hatte mit dem duͤſter blik⸗ kenden Sohne die gewöhnliche ſtolze, ubellaunige Art ſich mitzutheilen, welcher dieſer ſo ruckſichtslos wie mog⸗ lich zu entgegnen pflegte. „Wollen wir einen Tauſch machen, junger Mann?“ rief die Furſtin heiter—„ich gebe euch meinen andern Handſchuh, und ihr ſagt mir euren Namen— ſo haben wir Beide ein Andenken, was wir nicht vergeſſen wollen.“ 287 Sie nahm den koſtbaren Handſchuh und reichte ihn dem Juͤngling; dieſer aber kniete nieder und empfing das Geſchenk, indem er bewegt ſagte:„Moͤchte der Name William Bedfort beruͤhmt werden, um dieſe Ehre einſt zu verdienen.“ Dann ſtand er auf und von dem Rauſch gluͤcklicher Jugend erfaßt, hob er den Hand⸗ ſchuh in die Höhe und rief:„Wenn ich Admiral werde, ſoll er uͤber meiner Flagge wehen!“ Der Koͤnig und die Prinzeſſin lachten.„Wie kommt es, daß ein Englaͤnder unter der hollaͤndiſchen Flagge dient?“ fragte der Koͤnig wohlwollend.— „Ich ward uͤberhaupt in Holland erzogen!“ ent⸗ gegnete William.— „Sind eure Eltern hier anſaͤßig?“— fragte die Fuͤrſtin.—„Meine Eltern,“ ſagte der Juͤngling— „meine Eltern ſind Verwandte der Marquiſe von Mont⸗ roſe. Nach ihrem Tode ward ich von ihr an Kindes Statt angenommen und hier erzogen, wo ſie ſeitdem lebte.“ „Wieder die Marquiſe von Montroſe!“ ſagte der König naiv lachend, indem er ſich nach Laneric umſah. Doch dieſer hatte kein einladendes Geſicht zum Scherz; ſeine duͤſteren, tuͤckiſchen Augen ſchienen den Juͤngling zu durchforſchen; ein boshafter, grauſamer Zug um den Mund entſtellte ihn und die vorgebogene Hal⸗ 288 tung des Kopfes war wie zum Anlauf auf den Hals geſteift. Man könnte ſagen, der König habe ſich gefurchtet, wenn er in einzelnen Faͤllen dieſem Ausdruck ſeines Guͤnſtlings begegnete, denn er machte eine halb ver⸗ legene und abweiſende Bewegung und wagte es nicht, ihn aus ſeiner Stellung zu ziehen; er wandte ſich, um den Herzog von Hamilton zu ſuchen und ſah mit Zu⸗ friedenheit, daß er ſich ſchon dem Jungling genaht hatte und ihn in großer Leutſeligkeit anzureden begann. Den rauſchenden Tönen der kriegeriſchen Muſik, der Signalſchuͤſſe und Attacken-Salven folgten nun die Boͤte mit den Stadt⸗Muſikbanden, welche heitere oder ſanftere Weiſen auffuͤhrten und in einiger Entfernung der königlichen Gondel nachzogen. Dieſe beſchrieb einen Palbkreis um die ſchoͤne Stadt Amſterdam, von den Marinebooten in ſo guter Ordnung gefolgt, daß ſie der königlichen Gondel, wie lang nachflatternde bunte Baͤn⸗ der angeheftet ſchienen und auf dem ruhigen, glaͤnzenden Waſſerſpiegel ein ſchönes und hochſt originelles Schau⸗ ſpiel darſtellten, dem die ſich neigende Sonne den vollen Glanz ihrer gluͤhenden Strahlen zur Verſchönerung nachſandte. „Der junge Mann hat eine ſehr gute Erziehung genoſſen,“ ſagte die Fuͤrſtin von Anhalt zu ihrem Ge⸗ ——— m—,, 289 mahl, der vom Koͤnige uͤber den neuen Anbeter ſeiner jungen Gattin geneckt wurde—„ſeine Antworten ſind voll Geiſt und Leben und ſein jugendliches Feuer wird durch etwas Sittiges gemäßigt, was nur fruͤhe, gute Eindruͤcke möglich machen.“ „Der alte Hamilton iſt ja ganz bezaubert von dem Burſchen!“ rief der Koͤnig lachend.—„Seht nur, Hoheit! er iſt verbindlich gegen ihn, und dem jungen Manne ſteht die Schuͤchternheit gut, mit der er ihm zuhoͤrt und antwortet. He! Laneric!“ rief er dieſem zu, der naͤher geſchlichen war und den Ausdruck ver⸗ ändert hatte—„was horchſt du? Mußt du durchaus eiferſuͤchtig werden, wenn dein Vater ſein Wohlwollen auf fuͤnf Minuten von dir abzieht?“ Laneric lachte höhniſch auf—„Dies Cartel gilt zwiſchen mir und Seiner Herrlichkeit nicht,“ ſagte er ſchneidend—„wir ſind immer in unſerm Geſchmack verſchieden und beeintraͤchtigen uns daher nicht.“ „Wie,“ ſagte die Fuͤrſtin—„ihr theilt unſer Aller Geſchmack nicht? Ihr findet meinen liebenswuͤr⸗ digen Ritter vom Handſchuh nicht ſo ſchoͤn und artig wie wir Alle?“ „Nein,“ ſagte Laneric mit einer Schroffheit, die auffallend wurde—„Euer Hoheit muͤſſen mir vergeben, ich finde den Burſchen von unangenehmem Ausdruck, Jakob v. d. Nees. M. 19 —— 290 viel zu anmaßend bei ſo viel Jugend, genug, Alles in ihm vereinigt, was die Jugend läſtig und zuruͤckſtoßend macht.“ Der König brach in ein lautes Gelächter aus und rief:„Laneric! Laneric!— dir thut es der Neid; du biſt außer dir, daß es einen Engländer giebt, dem es gluͤckte, der Koͤnigin dieſes Feſtes einen Dienſt zu leiſten, da du ihn nicht ſelbſt thun konnteſt?“ Alles lachte. Laneric war unverſchämt genug, der ſchoͤnen Furſtin einen wenig beſcheidenen Blick der Be⸗ wunderung zuzuwerfen und ſich tief vor ihr zu vernei⸗ gen. Hamilton zog ſich aber, von den auf ihn gerich⸗ teten Augen belaͤſtigt, zuruͤck und naͤherte ſich dem Könige, wahrend die Prinzeſſin etwas empfindlich ſich mit ihrem Gemahl unter die Herrn und Damen miſchte, welche theils den vornehmen Familien der Stadt, theils den fremden Geſandten und Miniſtern angehörten, welche gekommen waren, dem Konige zu huldigen. Neben Floripes aber, welche zum erſten Male einen großen Schmerz in Prunkkleidern und dem Geräuſch eines Feſtes durchmachen mußte und von einigen alteren Damen mitleidig geſchuͤtzt, im Hintertheil der Gondel ſich verborgen hatte, vermißte jetzt die Furſtin, die auch hierhin promenirte, das Fraulein von Marſeeven, und als ſie die arme blaſſe Floripes nach ihrer Freundin 291 fragte, brach dieſe uͤberwaͤltigt von dem bezwungenen Schmerz in Thränen aus und die junge Fuͤrſtin erfuhr nun, was ihr bis jetzt verborgen gehalten war— das ſchnell eingebrochene Ungluͤck des edlen Hauſes Mar⸗ ſeeven! Noch hatte man zwar keine Nachricht, daß die edle Frau verſchieden; aber daß dies eintreffen muͤſſe, daran war ſchon kein Zweifel mehr— und ſie war Allen ſchon entriſſen, und Jeder der ſie liebte, und das waren Viele, wuͤnſchte, daß ihre Qualen geendet ſein mochten. Da die Bewegung in der Gondel ohne den Zwang der Etikette blieb, hatte ſich William leiſe der Fuͤrſtin nachgedraͤngt, denn er hatte Floripes ſchon während des Manövers am Rande der Gondel mit dem tief trauri⸗ gen Ausdruck ihres lieblichen Geſichts erkannt, und als er ſich bruderlich zartlich zu ihr bog, erfuhr die Fuͤrſtin den Zuſammenhang, den Beide zu einander hatten und der ſie geſchwiſterlich an einander feſſelte. Auch war die Fuͤrſtin nicht unbekannt mit dem Schickſal der Mar⸗ quiſe von Montroſe, da die Graͤfin Comenes bis zu ih⸗ rem vor wenigen Jahren erfolgten Tod ihre Oberhof⸗ meiſterin geweſen war, und Urica ihr Lieblingsthema fur alle Lobeserhebungen, aus denen ſie wuͤnſchte, daß die Prinzeſſin ſich ſelbſt ein Beiſpiel nehmen möchte. Die junge Fuͤrſtin erfullte indeſſen der armen Flo⸗ ripes gern die ſchuchtern vorgetragene Bitte, den Abend 19* 292 vor dem großen Feſte, welches in der Admiralität gege⸗ ben wurde, und welches auf alle junge Schoͤnheiten der Stadt ganz beſonders berechnet zu ſein ſchien, wegblei⸗ ben zu duͤrfen. Da die Gondel jetzt landete und bis zum Balle eine Pauſe eintrat, die der Ruhe und der Toilette beſtimmt war, ſuchte Floripes unter dem Schutz von William und Caas das Trauerhaus zu erreichen und in ihren Schleier tief verhuͤllt durch die laͤrmende und jauchzende Menge zu dringen, welche die am Ufer harrenden Ka⸗ roſſen unter dem Donner der Geſchuͤtze, den laͤrmenden Muſikchören und dem Vivatgeſchrei Aller bis zu den Wohnungen der hohen Gäſte begleiteten. Wenn ſich in dieſem Stadttheile die ganze Bevol⸗ kerung Amſterdams zuſammen gedrängt hatte, waren dagegen die entlegenen Gegenden, welche kein ſolches Schauſpiel zu bieten hatten, deſto einſamer geworden. Das kleine einfache Jagdhaus, worin jetzt die einſt ſo gläͤnzende Gräfin von Caſambort lebte, theilte keinen Vorzug des Feſtes, als die warmen Strahlen der Sonne, die ſeine alterthuͤmlichen Giebel vergoldeten und den kleinen Vorbau, in deſſen Schutz Urica ihren 293 Tag verlebte, erwaͤrmten. Ihre kranke, immer be⸗ klommene Bruſt machte ihr den Aufenthalt im Freien zu einem Lebensbeduͤrfniß, und ſelbſt in der Nacht, wenn ihre Leiden zunahmen, konnte ihr nur der Genuß der reinen Seeluft Erleichterung gewaͤhren. Sie war in den letzten Tagen von ihrer einzigen Geſellſchaft getrennt geweſen; die Kinder— Floris und William— waren, wie ihr bekannt, in die Feſt⸗ lichkeiten verwickelt worden; Hooft konnte natuͤrlich noch weniger erſcheinen, und ſo blieben ihr, da ihre bei⸗ den alten Domeſtiken ſie nie verließen, alle Nachrichten uͤber den Verlauf des Tages aus. Doch nur Orla empfand dies; denn ſie ging den erſten Abend faſt weinend zu Bett, weil ihre Floris und ihr William nicht erſchienen, und Ulla dachte daran, an dem zweiten Nachmittage dem Kinde eine Zerſtreuung zu gewahren und ſchickte ſie mit Urica's Erlaubniß nach einer befreundeten Fiſcherfamilie, mit deren geſitteten Kindern ſie unter Aufſicht der Waͤrterin am Ufer Mu⸗ ſcheln und Steinchen aufſuchen konnte, was Orla's groͤßte Luſt war. Waährend Orla von ihren juͤngeren Geſpielinnen mit Jubel begruͤßt wurde, hörten ſie den Kanonen⸗ donner bei der Abfahrt des Koͤnigs, und der ältere Bru⸗ der kam bald aus der Stadt zuruͤckgelaufen und erzählte 294 den horchenden Kindern von dem Feſte, und wie der König und die Prinzeſſin in die Gondel geſtiegen und Fräulein Floripes mit dabei geweſen ſei— und die Kinder lachten und jubelten vor Luſt, und der junge Erzähler, der vor ihnen auf dem Schnabel des leeren Bootes ſtand, was auf dem Trocknen lag, und worin die kleinen Kinder des Fiſchers mit Orla hockten, ward dadurch ſo belebt, daß er zum hohen Ergoͤtzen ſeiner Zuhorer mit Haͤnden und Beinen geſtikulirte, um ihnen Alles recht klar zu machen. Da er jedoch mit dem Geſicht gegen das Waſſer zugekehrt ſtand, ſah er fruher als die Kinder, daß ein kleines Boot heran kam, welches anlegte und woraus ein junger Mann ſtieg, welcher die feſtliche Kleidung der jungen engliſchen Cavaliere trug. „Ach!“ rief der Knabe lebhaft den Kindern zu— „ſeht! ſeht! da iſt einer von den Vornehmen! Scht, ſo ſehen ſie aus.“ Die Kinder fuhren wie ein Bienenſchwarm in die Höhe und polterten uber den Nachen hinweg und liefen dem fremden Cavalier entgegen. Dieſer fragte den Knaben, ob er ihm nicht den Weg zeigen könne nach dem Jagdhauſe, und dazu waren gleich eben ſo viel Fuͤhrer als Kinder bereit. Auch Orla, deren Waͤrterin in den Huͤtten Beſuche 295 machte, trat mit den andern Kindern ihm näher, und es konnte natuͤrlich nicht fehlen, daß ſie in ihrer feinen Kleidung und bei ihrer Schönheit vor den uͤbrigen Kin⸗ dern auffallen mußte. Er trat daher noch naͤher und ſagte:„Wer iſt dies liebe kleine Maͤdchen?“ Die Kinder lachten und ſchaͤmten ſich, wie blöde Kinder pflegen, und Eins verkroch ſich hinter dem An⸗ dern, denn ſie konnten wohl neben dem fremden Herrn herlaufen, aber die geringſte Frage zu beantworten ſchien ihnen viel ſchwerer. Orla lachte auch; aber uͤber das neckiſche Weſen ihrer Geſpielinnen, und als der junge Mann ihr naͤher trat und ihr die Hand bot, gab ſie ihm das kleine Haͤnd⸗ chen und ſagte:„Ich heiße Orla und wohne im Jagd⸗ hauſe.“ Die Bewegung des jungen Mannes bei dieſen Wor⸗ ten fiel ſelbſt dem Kinde auf.„Mein Gott! rief er dann, ſich zu ihr niederbeugend—„wer biſt du?— wer— wer iſt deine Mutter?“ „Ich bitte Euer Gnaden,“ ſagte die herzu geeilte Wärterin—„die Mutter des Fraͤuleins iſt die Frau Marquiſe von Montroſe.“ „O mein Gott, alſo doch,“ ſagte der junge Mann — und er hob Orla vom Boden auf, druͤckte ſie an ſeine Bruſt und kuͤßte ihre Stirn, ihre Locken mit einem 296 Ausdruck von Schmerz und Liebe und einer Berechti⸗ gung, die ihren Einfluß auf Orla nicht verfehlte; denn ſie ließ es ohne Widerſtand geſchehen und ſah ihm freundlich und klug in die Augen, und die Sympathie der Natur webte in dieſem erſten Blicke die kleinen Fä⸗ den eines Zuſammenhanges, der mit nichts Anderem verwechſelt werden kann. „Laß uns zu ihr gehen,“ ſagte er dann, und da Orla ihn nun fuͤhren wollte, ſetzte er ſie nieder, und Beide traten mit. gleichem Eifer den Weg nach dem Jagdhauſe an. Urica ſaß wie gewöhnlich in der Vorhalle, und ihr muͤder Kopf war in die blaſſe Hand geſtutzt. Auch ſie hatte nicht ohne Erſchuͤtterung den Kano⸗ nendonner gehoͤrt, der ihr ſchon am vergangenen Tage die Ankunft und jetzt die Vergnuͤgungen des Königs bezeichnet hatte. Das waren ihre Träume geweſen, wenn ſie damals an die gluͤcklichen Erfolge Montroſe's gedacht— und jetzt— ach! mit welchen Schmerzen hatte ſie nach dieſen Hoffnungen die Täuſchungen durch⸗ gemacht, die endlich mit einer ſo entſetzlichen Kataſtrophe ſchloſſen und mit einem tiefen Seufzer ſagte ſie unwill⸗ kuͤrlich laut:„Warum lebe ich, um dies Alles ohne ihn erfullt zu ſehen?“ Wie eine Antwort des Himmels auf dieſe kuhne 297 Frage, die ſo oft aus dem beladenen Herzen zu dem nachſichtigſten Richter aufſteigt, tönte ihr die Stimme des geliebten Kindes aus dem ſie noch verhuͤllenden gange entgegen. Ein matter, erheiternder Glanz uͤberhauchte das blaſſe, leidenvolle Geſicht der armen Mutter, und ihr Auge haftete ſich hoffend auf das Blättergeflecht, was bald das luftige, weiße Gewand des Kindes zeigte. Aber von ihr gefuͤhrt trat zugleich der Juͤngling hervor und— uUrica betrachtete ihn mit dem jaͤhen Schreck des Erkennens. Dann ſtand ſie ohne Huͤlfe auf— ſie ging langſam vor, wie ein Geiſt von der Macht ihres Gefuͤhls getragen— ſie ſtreckte die Hände ihm entgegen, und als er—„Urica, meine Mutter!“ rief und ihr im ſelben Augenblicke zu Fuͤßen lag und ſie umſchlang— ſagte Urica mit einer feierlichen Begei⸗ ſterung, indem ſie ſeinen Kopf mit beiden Armen an ihre Bruſt druckte:„Ich danke dir, mein Gott, daß du mich haſt leben laſſen, um Montroſe's Sohn zu ſegnen.“ Dieſer Moment raͤumte alles in Harry's Seele auf⸗ gehaͤufte Uebel weg. Er fuͤhlte an dem Buſen dieſer ſterbenden Urica daſſelbe ſiegende Vertrauen wie damals, als ſein Vater ihn aus den Zimmern der Lady South⸗ hesk zu der bluͤhenden ſchoͤnen Urica hinunter fuͤhrte und ihn aufforderte, ſie zu lieben und zu ehren. 298 Der Geiſt ſeines Vaters ſchien hier zuerſt ſegnend ſein Herz zu beruͤhren; er athmete tief auf, als ob eine Laſt ſich von ihm wälzte, und als ſein uͤberſtro⸗ mendes Auge zu den feinen Geiſterzuͤgen Urica's auf⸗ ſah, verſchoͤnte ein Lächeln dies junge, ſo fruͤh von Kummer gezeichnete Geſicht, und er fuͤhlte ſich zuerſt gluͤcklich. Wie mußte aber auch die geiſtige Belebung und die erhabene Stimmung, welche Urica beſeeligte und die er als Montroſe's Sohn in ihr erweckte, den jungen Mann ruhren, der ihrer hinfälligen Geſtalt die nahe Aufloͤſung anſehen konnte. Er fuͤhrte ſie in ihren Seſſel zuruͤck, dann kniete er vor ihr nieder und hielt ihre Haͤnde, und Beide ſchienen die große Veraͤnderung, die ſie erfahren, nicht genug ergruͤnden zu können, ſo zaͤrtlich prufend ruhten Beider Augen auf einander. Hinter Lord Harry ſtand Orla, die von ihnen vergeſſen ſchien, und ihre gro⸗ ßen, denkenden Augen waren auf dieſe auffallende Scene gerichtet; ihre Haͤndchen ruhten zuſammen⸗ gelegt unter dem runden Kinne, und ſie hatte die fin⸗ ſtere, altkluge Miene, die Kinder in ihrem Erſtaunen annehmen.* Noch hatten weder Harry noch Urica außer einzelnen Worten etwas zuſammenhaͤngendes geſprochen. Ach, Urica erkannte jetzt die Zuͤge Montroſe's in ſeinem — ———,— ———— ,— 299 Sohn, und mit zerſtörender Haſt forſchte ſie in ſeinem Geſicht umher und ließ die Wunden bluten, die in dieſer Anſchauung friſche Kraft gewonnen. Plötzlich richtete ſich Harry auf, und als er ſich um⸗ wendend Orla ſah, rief er lebhaft:„O, meine Mutter, iſt das meine Schweſter?“ Urica ſtreckte ihr nun die Arme entgegen, und Orla flog hinein und druͤckte ihren Kopf mit eiferſuchtiger Liebe an ihre Mutter. „Orla,“ ſagte Urica mit einem Lächeln der Hoff⸗ nung—„das iſt dein Bruder— du wirſt nun nicht verlaſſen ſein.“ Der junge Marquis zog erſchuͤttert das ihm ſchon ergebene Kind an ſeine Bruſt. Ach, mit welcher Ge⸗ nugthuung ſah Urica dies theure Weſen, das ſie bald zu verlaſſen furchten mußte, in den ſchuͤtzenden Armen eines Bruders.„Ich ſage dir nichts, mein Harry, mein Sohn,“ ſagte ſie dann—„du wirſt es fuͤhlen, was dies Kind dir iſt— wie es bald nichts haben wird, als deinen Schutz. O, Harry! welche Verpflichtung fur dich— welch' ein Troſt fuͤr mich!“ „Laß ihn dein Herz beruhigen,“ ſagte Harry zart⸗ lich—„dies Kind wird mir ein heiliges Vermachtniß ſein— mein Vater empfahl es mir in ſeiner letzten Stunde— du uͤbergiebſt es mir mit demſelben Ver⸗ 300 trauen— o! ſei gewiß, ihr Beide werdet euch in eurem Sohn nicht irren!“ „In meinem Herzen iſt kein Zweifel!“ ſagte Urica. —„Wenn du hoͤrſt, daß Gott meine Augen zugedruͤckt, dann komm heruͤber und hole deine Schweſter— ſie muß dann ganz Englaͤnderin werden, dem Lande ihres Vaters angehoͤren! Orla verſprich mir jetzt, daß du dann deinem Bruder folgen willſt und ihm gehorſam ſein, als deinem Vormund und beſten Freund!“ „Dieſem?“ fragte das Kind ihn freundlich an⸗ blickend—„o! gern Mama— wenn er uͤberdies gewiß mein Bruder iſt. Beide lächelten und Urica ſchickte ſie zu ihrer Waͤrterin; denn wie ſchwer es ihr uͤberhaupt wurde, von Vergangenheit und Zukunft zu ſprechen, dem Sohne Montroſe's gegenuͤber, der ihr mit den Zuͤgen ſeines Vaters, ein volles kindliches Herz entgegen zu bringen ſchien, fuͤhlte ſie ſich gekräftigt, die im Stillen ge⸗ tragenen Laſten abzuwerfen, und mit muthigem Geiſt dem Weh ihres Lebens in die Augen zu ſehen! „Harry,“ ſagte ſie daher, nachdem er von ihr ge⸗ noͤthigt, ſich zu ihr geſetzt—„Harry,— vielleicht wird dies Kind deiner Großmuth anheim fallen, denn mein Vermoͤgen ſank mit deinem Vater! Man ſagt mir von Papieren, die es ſicher ſtellen ſollen; aber ſie haͤngen von der Ehrlichkeit eines thoͤrichten Mannes ab, —— 301 den du deinen Koͤnig nennſt, und wenn du meine Bitten ehrſt, ſo wirſt du zu ſtolz ſein, ihn an die Wiedergabe dieſes Vermoͤgens zu erinnern— er koͤnnte waͤhnen, er habe damit den Tod deines edlen Vaters geſuͤhnt. Ich wenigſtens habe es vorgezogen, hier mit geringem Ver⸗ moͤgen in der Abgeſchiedenheit zu leben, um der Welt den Vorwurf zu erſparen, den ſie geneigt geweſen waͤre deinem Vater zu machen, wenn die Aufloͤſung meines Vermoͤgens hervor getreten wäre. Eben ſo habe ich denen, die mit mir darum wußten, ſtreng verboten, das leichtſinnige Gedächtniß dieſes Mannes, der das Wich⸗ tigſte— den Tod deines edlen Vaters vergeſſen konnte — fuͤr dieſe ſeine Verpflichtung aufzufriſchen— und ich hoffe, man hat mir gehorcht!“ „Aber nicht allein dies junge Madchen, deine Schweſter, wird deiner Sorgfalt nach meinem Tode zu⸗ fallen. Ich bitte dich um deinen Schutz für einen Juͤng⸗ ling, der als Knabe auf geheimnißvolle Weiſe meiner Ob⸗ hut anvertraut ward. Ich glaube, mein Sohn, daß dein Vater ſeinen Urſprung kannte; aber mir iſt er ein Ge⸗ heimniß geblieben, denn ſein Eintritt in dies Haus fiel mit der ſchmerzlichen Kataſtrophe unſerer Trennung zu⸗ ſammen und dieſe ließ mich gleichgultig gegen eine nahere Beſtimmung uͤber dies Kind von deſſen Mutter, welche ihn mir mit einem leidenſchaftlichen Briefe an's 302 Herz gelegt hatte, zumal da ich auch erwarten durfte, ſpä⸗ ter groͤßeres Vertrauen zu erreichen, als ſie zu Anfang geglaubt hatte, mir ſchenken zu duͤrfen. Dieſe Hoffnung iſt aber getaͤuſcht worden und ich habe nie wieder ein Lebenszeichen von dieſer geheimnißvollen Mutter er⸗ halten und bin der Meinung, daß ein ſchneller Tod ſie dem armen Juͤngling entzogen hat. Ob ihm ein Vater lebt, iſt mir noch weniger je wahrſcheinlich geworden, denn dies Kind ſcheint Niemand anzugehoͤren und blieb mir gaͤnzlich uͤberlaſſen!“ „Meine Mutter,“ ſagte Harry—„mein Vater ſprach mir in der Nacht vor ſeinem Tode von euren Poffnungen und von dieſem Knaben; allerdings muß er ſeine Geburt gekannt haben, aber ein Verſprechen, oder andere Gruͤnde, hielten ihn ab, ſich daruͤber zu er⸗ klären. Er ſagte mir nur, daß dieſer Knabe ein Recht an meine Fuͤrſorge habe und gebot mir, ihm dieſelbe nie zu entziehen, ſeine Geburt moͤge ein Geheimniß bleiben, oder mir aufgeklaͤrt werden. Ich habe ihm verſprochen, dies Gebot zu erfuͤllen und wiederhole es euch!“ „Sonderbar!“ ſagte Urica nachdenkend—„es bleibt das einzige Geheimniß zwiſchen mir und meinem Gemahl!— doch das iſt unwichtig— ich bin nun auch um ſeinetwillen beruhigt. Seine Neigung hat ihn fruͤh fur den Seedienſt beſtimmt; er iſt Kadett der Marine 303 und alſo hier wie in ſeinem Vaterlande am rechten Platz. Du wirſt ſeine Stellung kunftig pruͤfen und ihm deinen Rath geben, denn du wirſt Ehre an ihm erleben, wie ich bis jetzt. Dies ſind meine Vermaͤchtniſſe, mein theurer Sohn— laß' mich jetzt einen Ueberblick uber deine Lage thun— vertraue mir an, wie du bisher gelebt— ſage mir vor Allem, ob du bereits vermaͤhlt biſt, oder ob dein Herz doch eine Wahl getroffen, denn du mußt acht⸗ undzwanzig Jahr ſein und ich hoffe, deine äußeren Ver⸗ haͤltniſſe ſind durch die Umwaͤlzungen in deinem Vater⸗ lande in ihre alten Rechte zurückgetreten.“ „So iſt es,“ ſagte Lord Harry, indem ein auf⸗ fallender Ausdruck von Unſicherheit und Unruhe ſeine Stirn bewölkte und ſeine Augen den Boden ſuchten. „Meine Beſitzungen ſind mir ſchon in der letzen Periode des Protektorats zuruͤckgegeben worden.“ „Nun?“ ſagte Urica fragend—„ſoll ich keine andere Antwort bekommen?“ denn Harry war in ein duͤſteres Schweigen verſunken.— „Meine Mutter,“ fing Harry an—„es wäre mir unmöglich, dir den Eindruck zu beſchreiben, den deine Nähe auf mich ausubt! Ich finde mich nicht mehr in den gewohnten Gedankenkreis zuruͤck und was ich bis⸗ her mich gewoͤhnt habe, als unausweichlich, als das mir beſtimmte Schickſal anzuſehen, das ſcheint ſeine 304 Wurzeln verloren zu haben— es kommt mir nicht mehr ſo eiſern feſt vor— ich fuͤhle mich freier, aber— auch unſicherer. Indem ich neben dem gewohnten Gleiſe noch eine Bahn ſehe, fuͤhle ich doch noch nicht, daß es die rechte, die beſſere oder die mir beſtimmte iſt.“ „Was heißt das Alles, mein theurer Sohn?“— ſagte Urica—„faſſe Vertrauen und erklaͤre dich deutlich.“ „Ach,“ ſagte Harry mit einem Ausbruch duͤſterer Melancholie—„ich bin nicht zum Gluͤck geboren. Mein Gemuͤth, mein Charakter hat große Fehler. Viel⸗ leicht haben die, welche mich mit ihrer bevormundenden Liebe von Jugend auf umgaben, große Schuld an mei⸗ ner mangelhaften Entwicklung; aber wie konnte ich ih⸗ nen deshalb Vorwuͤrfe machen, da ihre Schuld gegen mich die der Liebe iſt und meine ſchwache Natur von Jugend auf der Bevormundung bedurfte.“ „Dazu kam das entſetzliche Schickſal meines ange⸗ beteten Vaters— es zerſtoͤrte den jugendlichen Wachs⸗ thum meiner geiſtigen Kräfte vollends. Ach, Mutter! wir Beide haben unſere Jugend, unſere Lebenskraft un⸗ widerruflich daran verloren.“ „Du erſchreckſt mich, Harry!“ unterbrach ihn Urica—„welche duͤſtere unnatuͤrliche Richtung hat bei deiner Jugend und deiner Stellung zum Leben dein ————— Schmerz genommen! Das iſt weder recht noch natuͤr⸗ lich— ich fuͤrchte, es iſt aufgenoͤthigt von einer äuße⸗ ren Einwirkung. „Meine Mutter!“ rief der junge Mann erſchuͤttert, „laß mich dir Alles ſagen; ſo unklar und verworren es ſich jetzt in meinem Kopf geſtaltet, vielleicht bin ich doch im Stande, dir auszuſprechen, wie ich nach und nach ſo weit kam.“ „Lady Southhesk nahm uns mit ſich nach Irland, und hier entwickelte ſich eine großere Kraft und Geſund⸗ heit in mir, und bis zum Tode des Maſter Weſton wurden meine Studien nicht mit ſo großem Eifer ge⸗ trieben, um meinen Körper anzugreifen. Nach ſeinem Tode berief die Lady aus einem Jeſuiterſtift in Dublin einen gelehrten Prieſter in ihr Haus, der zugleich Arzt war. Meine Mutter! ich ward hier faſt ein Gelehrter — aber man mufßte zuletzt dieſe Studien unterbrechen, da ich körperlich faſt zu Grunde ging. Oft ſprach ich der Lady Southhesk meinen Wunſch aus, den geiſt⸗ lichen Stand zu ergreifen und mich ins Kloſter zuruͤck⸗ zuziehen, weil meine hinfällige Geſundheit mir keine Ausſichten von Glück in den Verhaltniſſen des Lebens verſprach; aber ich fand hier jedesmal den entſchieden⸗ ſten Widerſtand, denn ſie hoffte immer auf die Wieder⸗ herſtellung der alten Ordnung, auf die Herausgabe Jakob v. d. Nees. m. 20 306 meiner Guͤter und wollte dieſe nicht in Lady Jane's Haͤnden ſehen, da das Verhaältniß Beider ſich immer ſchlechter ſtellte, und Lady Jane, welche bei meinen Wuͤnſchen lange die Vertraute war, von dieſen ihr dann zuſtehenden Rechten mit lebhafter Neckerei ſprach, bei der ſie ſich nie etwas Boſes dachte, die aber immer von Lady Southhesk uͤbel empfunden wurde. Ich ergab mich in die Wuͤnſche meiner Großmutter, und auf das Verlangen derſelben wurde ich nun auch körperlich durch alle ritterlichen Uebungen entwickelt. Dies äußerte bald einen ſo guͤnſtigen Einfluß auf meine Geſundheit, daß ich ſelbſt einige Hoffnung fuͤr das Leben faßte und gern meiner Großmutter das Verſprechen gab, nie an den geiſtlichen Stand fuͤr mich denken zu wollen. Wenn Gott mich damals nicht durch das ſchreckliche Schickſal meines Vaters getroffen haͤtte, waͤre mir vielleicht ein kraͤftiges Heranreifen zu Theil geworden; aber nach der Nacht, die mich auf ewig von ihm trennte, verfiel ich in eine ſchwere Krankheit, die ſogar meinen Verſtand bedrohte, und als ich genas, erfuhr ich den Tod der Lady Southhesk— und meine treue Schweſter Jane war mein Schutzgeiſt, mein guter Engel, meine treue Pflegerin geworden. Sie that Alles, meine unheilbare Schwermuth zu zerſtreuen; ich mußte die Klugheit, die Energie anſtaunen, mit der ſie alle öffentlichen Bezie⸗ 307 hungen unſerer Verhaͤltniſſe leitete und Alles von mir nahm, was meinen muͤden Geiſt beläſtigen konnte— und ſo fuͤgte ich mich auch, da ſie eine Reiſe nach Ita⸗ lien zu meiner Herſtellung vorſchlug.“ „Hier bekam ich meine Geſundheit ganz wieder— die Liebe meiner Schweſter ſicherte mir den Genuß der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, während ſie nach wie vor die materiellen Laſten unſerer uͤbrigen Verhältniſſe trug, und da auch ſie ihren Entſchluß ausſprach, ſich nicht zu vermaͤhlen, beſchloſſen wir, uns nie zu trennen und im⸗ mer auf die vorerwähnte Weiſe unſere Beſchaͤftigungen einzutheilen. Ihre unermuͤdliche Thätigkeit fuͤr unſere Angelegenheiten ließ ſie durch geeignete Agenten in Eng⸗ land die Herausgabe unſerer Guͤter betreiben, und als ſich Hoffnung dazu zeigte, beſtimmte ſie mich durch un⸗ ſer perſoͤnliches Eintreffen, die Sache zu fördern.“ „Wir kehrten daher nach England zuruͤck. Ich wurde bald darauf in den Stand geſetzt, meine Beſitzun⸗ gen zuruͤckzunehmen, und wir haben ſeitdem dort ge⸗ lebt, bis die große Kataſtrophe meines Vaterlandes mich an die Pflichten des Unterthanen erinnerte, an das Verſprechen, was ich meinem Vater gegeben, Alles fuͤr die Wiederherſtellung des Königs zu thun, wozu mir der Einfluß eben ſo wenig, als der Wille fehlte. Dies fuͤhrte mich in die öffentliche Laufbahn ein, und ich 20* wurde zu dem Gefolge gewaͤhlt, welches den König ab⸗ zuholen beſtimmt war— und das iſt die erſte Tren⸗ nung von Jane, und ich kann ſagen, ſie nahm ſie un⸗ guͤnſtig auf. Ihre raſchen Schritte ſeitdem moͤge Gott leiten; aber ſie beunruhigen mich ſchwer, denn ich furchte, daß— weil ich ihrem Wunſche nicht nachgab, da es gegen meine Ehre war, von dieſer Sendung zum Koͤnig zuruͤckzubleiben— ſie uͤber ihr Leben ſo ſchnell, und ich fuͤrchte ungluͤcklich, entſchieden hat.“ „Was meinſt du, mein Sohn?“ ſagte Urica, be⸗ kuͤmmerter, als ſie es zu äußern wagte, uber dieſe trube Geſchichte des armen Harry. „Meine Mutter! ſie hat ſich mit einem Manne aus einer Familie verlobt, welche, trotz der Annaͤherung ihrer jetzigen Haͤupter, doch zu unſern Feinden gehoͤrte; mit einem Manne, deſſen Charakter mir kein Vertrauen einflößt, den Jane nur kurze Zeit kennt, da er bisher an der Seite des Koͤnigs im Auslande lebte und nur kurz vor der Zuruͤckberufung unſeres Koͤnigs mit dem Ritter Granville dahin zuruͤckkehrte und ihr dort eine Aufmerkſamkeit bewies, die viel Verdächtiges hatte, da Jane nicht ſchoͤn geworden iſt und ſeine fuͤr ſie gezeigte Leidenſchaft ſo wenig Wahrſcheinlichkeit hat. Aber Jane hat ihm geglaubt, ſelbſt fur ihn eine ſpäte hef⸗ tige Neigung gefaßt, und wenn wir zuruͤckkehren, wird 309 ſie die Gemahlin des Grafen von Laneric werden, deſſen Dheim, der mächtige Herzog von Hamilton, einſt der bitterſte Feind meines Vaters war.“ „Und der jetzige Herzog ſein Vater?“ ſagte Urica raſch von einer Erinnerung erfaßt, der ſie doch bisher wenig Raum gegeben und welche gegen ihren Gram wenig Intereſſe behalten hatte. „Er ſchon hat ſich auf eine geheimnißvolle Weiſe in unſere Familie gedräͤngt. Sein fruheres Leben iſt den meiſten Menſchen undurchdringlich, und ich habe ihm wenig Antheil geſchenkt. Lady Jane aber ſcheint mehr davon zu wiſſen und iſt geneigt, ihn hoch zu ach⸗ ten. Unſere erſte Beruͤhrung war die Nachricht, daß die längſt von uns als verſtorben betrachtete Schweſter meines Vaters, Lady Juliane Graham, noch lebe und mit dieſem Manne ehelich verbunden geweſen ſei. Der Herzog von Hamilton erließ vor dem Parlament eine formliche Rechtfertigungsakte, worin er viele Gründe anfuͤhrte, welche den ſonderbaren Entſchluß beider Ehe⸗ gatten, ihre rechtguͤltige Vermaͤhlung ſo lange verheim⸗ licht zu haben, darlegen ſollten. Er konnte aber die Stimmung nicht fuͤr ſich gewinnen, denn Alle waren uͤberzeugt, daß er grade das nicht ſagte, was der allei⸗ nige Grund ſei. Er wußte aber die Vermählung durch alle nothigen Beweiſe außer Zweifel zu ſtellen und er⸗ klärte damit die Geburt eines Sohnes, der unter an⸗ derem Namen erzogen worden war, als vollſtändig legitim.“ „Lady Juliane, unſere Tante, unterließ nicht, nach unſerer Ruͤckkehr aus Italien, wo wir dieſe Umſtaͤnde erfuhren, in verwandtſchaftliche Beziehungen zu uns zu treten, und da unſere Beſitzungen grenzen und ſie auf dem Stammgute in großer Zuruͤckgezogenheit lebte, ſahen wir ſie oft, und wir hatten auch das traurige Schickſal, daß ſie auf unſerm Grenzſchloß, wo wir da⸗ mals wohnten, in unſern Armen verſchied, da ſie, vom Schlage getroffen, auch kein Zeichen des Lebens mehr von ſich gab und doch einen Augenblick fruͤher uns ihren Entſchluß kund gegeben hatte, ihrem Gemahl und ih⸗ rem Sohn— welche Beide damals in Breda beim Kö⸗ nig waren— einen Beſuch zu machen, bevor ſie nach Spanien abgingen, welches damals ſchon als letzter verzweifelter Verſuch des Königs beſchloſſen war.“ Urica war in das truͤbſte Nachdenken verfallen, und das Lebensbild ihres armen Harry, was vor ihr da lag, hatte ſie mit den muthloſeſten Vorſtellungen fuͤr ihn erfuͤllt. Sie zweifelte keinen Augenblick, daß er das Opfer von Lady Jane's Herrſchſucht, wenn nicht noch eines ſchlimmeren geworden war; daß dieſe zuruͤckgehaltene w——— Selbſtſtändigkeit, dieſe aufgenoͤthigte Kränklichkeit, die⸗ ſes Beſchuͤtzen ſeiner Lieblingsneigungen, die ihn bei dem Betrieb gelehrter Studien und den Schwelgereien der Kunſt immer mehr dem thaͤtigen Leben entfremden mußten, ein wohl uͤberlegter Plan der Lady Jane war, wodurch er genothigt blieb, ihr die Verwaltung ſeiner großen Berufsthätigkeit, die ihn zum Bewufßtſein der in ihm ſchlummernden Kraft gefuͤhrt haben wuͤrde, ganzlich zu uberlaſſen. Seufzend dachte ſie, wie dieſem herrlichen jungen Manne, der von der Natur ſo reich ausgeſtattet ſchien, der Vater gefehlt hatte; ja in dieſem Augenblick noch, wo er, ſich aufgebend, die Knechtſchaft nicht bemerkte, an die er ſich langſam gewöhnt, fuͤhlte Urica— ein Vater wie Montroſe wuͤrde noch die Kraft beſeſſen ha⸗ ben, ihm die Binde von den Augen zu reißen und ihn dem Leben wiederzugeben. Traurig ſinnend blickte ſie vor ſich hin. Von Al⸗ lem, was ſie gehört, blieb ihrem Herzen nur Harry's bedrohtes Lebensgluͤck im Gedanken.—„Ach,“ dachte ſie—„hätteſt du ihn fruͤher um dich gehabt, ſo waͤre es dahin nicht gekommen.“ Natuͤrlich entſtand daraus die liebreiche, aber doch vorwurfsvolle Frage: Ob er nie an ſie gedacht, ob er nie gewuͤnſcht habe, zu wiſſen, ob und wie ſie 312 lebe, und ob hier ein Weſen mit Geſchwiſterrechten an ihn exiſtire. Doch wurde Urica von dem Grade der Beſtuͤrzung und vorwurfsvollen Aufregung, welche dieſe milde Frage dem jungen Manne verurſachte, faſt erſchreckt, denn er warf ſich ihr zu Fuͤßen, bedeckte ihre Hände mit Kuͤſſen und brach in Vorwuͤrfe uber ſich aus, die Urica fuͤr die Veranlaſſung zu ſtark ſchienen. „Mein Sohn,“ ſagte ſie ſanft—„ſo war es nicht gemeint. Was mich zu dieſer Frage hinlenkte, war das Gefuͤhl— wenn ich dich fruͤher gekannt und du mir einigen Einfluß gegönnt hätteſt, du nicht zu dieſer truͤben Unthätigkeit, einem großen und wichtigen Beruf gegenuͤber, gekommen wäreſt. Daß ich dich gebeten haben wuͤrde, nicht auf Koſten deiner ubrigen Pflichten, die du jetzt Lady Jane uͤberließeſt, das Leben bloß ge⸗ nießen zu wollen, wie es deine noch genaͤhrte traͤume⸗ riſche Sinnesart dir leicht machte— daß du dann das Leben nicht ſo muthlos anſehen wurdeſt, als jetzt, nicht den unpaſſenden Entſchluß gefaßt haben wuͤrdeſt, un⸗ vermählt zu bleiben, ſondern vielleicht, wie es dein Alter fordert, ſchon eine Familie begrundet hätteſt. Harry,“ fuhr ſie milde fort, da ſie fühlte, daß er ſein Geſicht in ihre Kleider verborgen habe, um zu weinen—„Harry, täuſche ich mich— oder iſt dieſe kurze Trennung von 313 deiner herrſchſuͤchtigen Schweſter ſchon hinreichend ge⸗ weſen, dich zu uͤberzeugen, daß du bisher in einer fal⸗ ſchen Stellung warſt?“ „O du!“ rief Harry in heftigſter Bewegung— „du, die Tugend, die Wahrheit ſelbſt— du, an deren Worten ſich die ſchnellſte, klarſte Erkenntniß des Rechten aufhellt, als fielen in die tiefſte Nacht Sonnenſtrahlen hinein!— dich— dich habe ich ſo grauſam verkannt, habe dich verleumden hoͤren, ohne zu widerſprechen, habe mein Wort mir faſt entreißen laſſen, dich nicht hier auf⸗ zuſuchen, um dich zu kraͤnken und zu ſtrafen fur ein vermeintlich des Namens Montroſe unwuͤrdiges Leben.“ „Armer Harry,“ ſagte Urica mit dem Erbarmen einer Heiligen—„welchen Zwieſpalt, welchen Schmerz muß dir das gemacht haben, und welch' ein trauriger Beweis iſt es mir, wie man bedacht war, jeden Einfluß von dir abzuhalten, der dich frei dir ſelbſt zuruͤckgeben konnte.“ „Verſtoße mich nicht, meine Mutter! Laß mich das Bekenntniß meiner Vergehen vor dir vollenden und ver⸗ gieb mir dann, und nur dir will ich von da an gehorſam ſein, nur dir folgen, dir angehoͤren mit meiner ganzen Ueberzeugung!“ „Nein, nein Harry,“ ſagte die Marquiſe ſanft aber beſtimmt—„du mußt mich ſchonen— ich will deine Bekenntniſſe nicht hören; die Welt liegt weit ab von mir— ſie kann mich nicht mehr erreichen— nur meine Liebe zu Montroſe's Sohn richtet heute meine Blicke mit der alten Kraft auf die Verwickelungen der Leiden⸗ ſchaften, und dieſe Liebe ſchaͤrft mein muͤdes Urtheil noch einmal, und was es vermag, ſoll dir nuͤtzlich werden. Dein Bekenntniß, daß man uns getrennt erhalten wollte, beſtaͤtigt meine Befurchtungen, und dieſe Verleumdun⸗ gen, denke ich, wurden nur erdacht, um dieſe Tren⸗ nung zu bewirken. Du wirſt nicht wollen, daß ich ſie wi⸗ derlege, und ich brauche ſie daher auch nicht zu kennen.“ „O nein, o nein! wie könnte ich ein Wort der Ver⸗ theidigung aus deinem Munde hoͤren, ohne vor Schaam zu deinen Fuͤßen zu verzweifeln. Aber Mutter, es reißt die Binde von meinen Augen; wie unmaͤnnlich und ent⸗ nervt muß ich ſein, daß ich mich nicht fruͤher mit Abſcheu von Allem gewendet habe, was mich ſo elend feige bleiben ließ, daß, indem ich es ertrug, wie man dich verleumdete, ich auch das Andenken meines Vaters beleidigen ließ.“ „Ich will dich nicht hindern, deine Lage ſcharf auf⸗ zufaſſen und deine bisherigen Handlungen ernſt zu pruͤ⸗ fen,“ ſagte Urica—„denn ich glaube ſelbſt, daß deine jetzige ſtarke Aufregung, die deine Ausdrucke entſchul⸗ digt, aus dem Grunde entſpringt, daß du lange ver⸗ ſäumt haſt, Wahrheit mit dir zu reden. Aber Lady Jane's Vermaͤhlung ſprengt das Schloß von deinem ————————————————————— 3is Gefängniß, und Gott hat dir in dieſer Kriſis deines Le⸗ bens die Kraft gegeben, ihr zu widerſtehen— er hat dich hierher gefuͤhrt, wo du eine treue Freundin findeſt, die Wahrheit mit dir reden will.“ „Ja, ich will mich dieſes Winkes vom Himmel wuͤrdig zeigen! Ich fuͤhle ſeit geſtern eine große Um⸗ wandlung in meinem Innern, und obwohl ſie mir zuerſt durch ein junges Mädchen kam, die ich beim Feſte traf, war es doch ihre Aehnlichkeit mit dir, die ſie bewirkte— und ihre unſchuldigen Erzählungen von dir— die mich zu dir herfuͤhrten, um mich nun ſo wohlthuend zu erſchuͤttern.“ „Gott kennt die Wege,“ ſagte Urica—„er giebt keinen Irrenden auf— und ſeine Mittel liegen uͤber unſerm Urtheil.— Du haſt Floripes geſehen— meine Nichte.“ „Ja,“ ſagte Harry verwirrt—„eine Nichte, die dir gleicht, wie eine Tochter ihrer Mutter.“ Es lag in dem Tone des jungen Mannes etwas Auffallendes. Urica hob die Augen zu ihm auf— er zog die Seinigen, die aͤngſtlich forſchend auf Urica ruhten, erroͤthend zuruͤck. Urica verſtand ihn nicht ganz; ſie wußte nicht, daß dies Kind der Gegenſtand der Ver⸗ leumdungen war und glaubte eine entſtehende Neigung des jungen Mannes zu entdecken. 316 So unſicher aber, wie ihr in dieſem Augenblicke Harry's Charakter erſcheinen mußte, ſo ungewiß wie es blieb, ob er im Stande ſein werde, ſich den Einfluß Lady Jane's ſelbſt nach ihrer Vermaͤhlung abzuhalten, ſchauderte ſie innerlich, wenn ſie an das Schickſal einer jungen Frau dachte, die unbeſchutzt vielleicht von Harry's noch ſchwankender Feſtigkeit in ein ſolches Verhältniß eintreten muͤſſe— und ihre Liebe zu Floripes war ſo groß, daß ſie dies ihr vielleicht näher ruͤckende Verhaͤlt⸗ niß von ihr abzuhalten beſchloß, ſo lange als moͤglich. Um aber nicht voreilig, ehe ſie ſelbſt gepruͤft hatte, ein⸗ zuſchreiten, ließ ſie, ohne Floripes weiter zu erwaͤhnen, den Gegenſtand fallen und fragte ihn nach ſeinem Ver⸗ hältniß zum Koͤnig. Dies war anſcheinend gut; aber Harry war durch den frivolen, ausſchweifenden Ton, der unter ſeinen leichtfertigen Umgebungen herrſchte, und in welchen der Koͤnig mit dem wuͤrdeloſeſten Uebermuth nur zu oft ein⸗ ſtimmte, tief verletzt, und ertrug dieſe Geſellſchaft wie eine Laſt, und Urica ſah bald ein, er werde ſich nach der Ruͤckkehr nur zu ſchnell davon losmachen, damit eine oͤffentliche Thaͤtigkeit aufgeben und in ſeine alten Ge⸗ wohnheiten zuruͤckfallen— ſogar mit einem Scheine der Berechtigung, wenn er die Verhältniſſe, die er mit Abneigung verließ, damit verglich. Aber dieſe Betrachtungen entmuthigten Urica, wenn ſie dachte, daß er höchſt wahrſcheinlich in ſeine alten Ver⸗ haͤltniſſe zuruͤckgekehrt, den kurzen Eindruck einer wah⸗ ren Erkenntniß bald würde in ſich verſchwinden fuͤhlen und ſinnend draͤngten ſich eben die Worte uber ihre Lip⸗ pen:„Du muͤßteſt von London aus ſogleich und allein eine Reiſe nach Frankreich machen, nicht nach dem wei⸗ chen Italien, ſondern nach dem anregenden, thaͤtigen Frankreich“— als Harry's Antwort abgeſchnitten wurde durch ein lautes Geſpräch, welches aus dem Laub⸗ gange, der die Nahenden noch verbarg, zu ihnen heruͤber drang und einiges Erſtaunen bei Urica erregte, da man dieſem Trauerhauſe niemals geräuſchvoll nahte. Lord Harry verſtand den Blick ſeiner Mutter und ſtand ſchnell auf, um ſich nach dem Laubgange zu be⸗ geben— da trat ſchon eine Gruppe von Herrn daraus hervor, denen— Herrn Cornelius Hooft und all ſeine Begleiter zuruͤckwinkend— der Koͤnig voran eilte und ehe ein Wort, eine Bewegung Uricas moͤglich war, ſtand er dicht vor ihr, zog das Baret vom Haupte und neigte ſich vor der bleichen Witwe ſeines großen Anhaͤngers mit einer Ehrfurcht, wie vor einem gekroͤnten Haupte. Urica unterbrach durch nichts dieſe feierliche Hul⸗ digung des Königs. Ihre Schwaͤche, welche die Er⸗ ſchuͤtterung vermehrte, hätte ſie ohnedies am Aufſtehen verhindert; aber ſie gehoͤrte auch außerdem bis zum letzten Hauche ihres Lebens zu den Menſchen, fuͤr die große, ungewöhnliche Vorfälle vollkommen zu paſſen ſcheinen und ſie nicht uͤberwaͤltigen, ſondern in volle Ruhe und in den Beſitz ihrer Kraͤfte verſetzen. Dieſer Beſuch des Koͤnigs ging klar und beſonnen in Urica's Vorſtellung uber, aber auch ſogleich mit dem Schluſſe— er gehore dem Andenken Montroſe's, das auszudruͤcken ihm jetzt Beduͤrfniß werde. „Euer Majeſtät,“ ſagte Urica mit ernſter, feier⸗ licher Stimme—„ſind gekommen, um die Witwe Montroſe's zu ehren!“ „Madame,“ ſagte der Koͤnig und zog ein Tabouret vor ſie hin, um ſich zu ſetzen—„ich kann den endlichen Sieg meiner guten Sache nicht feiern, ohne mit allen Gefuͤhlen der Dankbarkeit des großen Mannes zu ge⸗ denken, der ſein edles Leben auf's Spiel ſetzte, um mir dieſe Gerechtigkeit ſchon zehn Jahr fruͤher zu verſchaffen — noch heute glaube ich, iſt es nur die Vollendung derſelben Sache, die er mit ſo großem Muth einleitete, die mich auf meinen Thron zuruͤckfuͤhrt!“ „Euer Majeſtät ſind Ihrem großen Anhaͤnger nur gerecht!“ ſagte Urica—„und ich die Vertraute ſeiner kühnen Pläne, die nächſte Zuſchauerin der erhabenen Fähigkeiten, mit denen er zu den gewagteſten Unter⸗ * „———— nehmungen geruͤſtet war, kann die ganze Wahrheit dieſer Ueberzeugung nur theilen! Ich fuͤhle, wenn zu dieſem einſamen Sitze der Donner der Geſchuͤtze und der Jubelruf eines theilnehmenden Volkes heruͤber dringt, es iſt der Triumph Montroſe's— aus ſeinem Maͤrtyrer⸗ blut ſproßte die Saat auf, die Euer Majeſtat jetzt erndten!“ Erſchuttert blickte der Konig auf die wurdige Witwe dieſes Helden— und er, deſſen Herz und Geiſt die ſeltenſte Fähigkeit— zu verſtehen— hatte, welcher nie in den frivolſten Augenblicken ſeines Lebens ohne Ge⸗ fuͤhl fur die erhabenen Fähigkeiten eines edlen Charak⸗ ters blieb, ward unter Urica's Worten das wirklich, was er leichtſinnig und klug bloß hatte ſcheinen wollen: ein dankbarer König, der um einen großen Unterthanen trauern will. „Ihr ſeid eine Erquickung des Schmerzes fur die, welche Herzleid tragen um euren Gemahl! Das ſind die Geſinnungen, die den Stachel des Todes brechen und ein unzerreißbares Band fortwirkenden Einfluſſes zwiſchen hier und jenſeits weben. O glaubt mir! meine Thränen ſind im Geheim innig und heiß um ihn ge⸗ floſſen— aber von einem Könige, der ſo uͤber alle Grenzen der Erfahrung hinaus von eignen Unterthanen gedraͤngt wird, wie ich, wird auch noch das trockene Auge, das verleugnete Gefuͤhl gefordert!“ „Gefordert!“ ſagte Urica—„aber ein Konig hat vor allen Menſchen zuerſt das Recht zu verwerfen, was mit ſeiner menſchlichen Wuͤrde nicht verträglich iſt!“ „Ihr zuͤrnt mir und erſpart mir nicht euren Vor⸗ wurf,“ ſagte der Koͤnig faſt traurig—„aber ich habe keinen Zeugen fuͤr mein wahrſtes und innerſtes Gefuͤhl fuͤr Montroſe, als mein Wort und dieſen Augenblick! Laßt ihn gelten! denkt mit Nachſicht des jungen, ſchlecht berathenen Mannes, der eines Montroſe entbehrte, als er gedraͤngt von allen Seiten den erfolgloſen oft bereuten Entſchluß faßte zu unterhandeln.“ „Ha!“ unterbrach ihn Urica mit der alten Leiden⸗ ſchaftlichkeit und verhuͤllte einen Augenblick mit beiden Händen ihr Geſicht. Dann faßte ſie mit Kraft ſeinen Arm und mit einem Ton, der das jahrelange Todesweh dieſes Herzens zu umſchließen ſchien, rief ſie:„Unter⸗ handeln hieß Montroſe's Todesurtheil unter⸗ ſchreiben!“ „Heil ger Gott!“ rief der Konig in Wahrheit ent⸗ ſetzt—„ſagt das nicht— wer nähme ſolche Schuld von meiner Seele?“ Urica ſchwieg— die Aufregung war voruͤber— langſam ſank ihre Hand von des Königs Arm— ihr Auge blickte mild vor ſich nieder. Ihr Schmerz hatte ſeine irdiſche Ausgleichung und Verſöhnung gefunden, die Schuld war geſuͤhnt an dem Schuldner, ſie hatte Montroſe's Andenken genug gethan und ihre Seele kam wie aus einem Tempel, worin ſie das ſuͤhnende Opfer niedergelegt. Als ihr Auge den Konig erreichte, ſah ſie ihn in der Wahrheit eines tiefen Gefuhls leiden— ſie war ver⸗ ſohnt und ſie wußte, Montroſe war es fruͤher. Wenn Urica auf dem Gipfelpunkt ihrer Jugend und Schönheit einſt mächtig war, ſo ſtand ſie vielleicht eben auf dem Gipfelpunkt ihrer geiſtigen Vollendung. Montroſe ſchwebte verſoͤhnt an ihr voruͤber, der Friede der Verge⸗ bung erfullte erwärmend wie mit balſamiſcher Erquickung ihr Inneres. Als der Konig ſie anblickte, traf ihn die Macht dieſer geiſtigen Verklärung und er rief entzuͤckt: „O ſagt! darf ich euren Augen vertrauen— wollt ihr mich frei ſprechen— ſoll durch euch dieſe Schuld von mir genommen ſein?“ „Das ſoll ſie,“ ſagte Urica und bog ſich mit einem Engelslächeln zu ihm vor, indem der Koͤnig mit der groͤßten Innigkeit ihre beiden Hände an ſeine Bruſt druͤckte—„ich— ich darf euch vergeben, denn ihr habt eure Schuld empfunden, und wenn ich euch vergebe— dann hat die Welt keinen andern Richter mehr.“ Der König kuͤßte ihre Haͤnde, und ſie ließ es zu, daß er ihre Stirn kuͤßte. Dann ſagte er leiſe und be⸗ Jakob v. d. Nees. II 21 wegt:„Ich danke euch! ich danke euch!— Nehmt noch das Geſtaͤndniß, daß der Moment mir wichtiger und theurer geworden, als ich es fuͤr moͤglich hielt. Laßt mich nun noch erwaͤhnen, daß ich euch mit meinem kö⸗ niglichen Worte verantwortlich bin fuͤr die äußeren Opfer, welche ihr mit eurem Vermoͤgen meiner Sache gebracht habt.“ „Ihr werdet meine Tochter, eure Unterthanin, nicht vergeſſen,“ ſagte Urica ruhig.—„Nach meinem Tode wird ſie zu ihrem Bruder nach England gehen, und ihr werdet dann fuͤr ihre Unabhaͤngigkeit Sorge tragen. Ich empfehle ſie eurem Schutz— die Liebe ihres Bru⸗ ders wird ihr nicht fehlen. Und nun will ich Eurer Majeſtät aus der Fuͤlle meines Herzens ſagen, mit wel⸗ cher Befriedigung mich die Gerechtigkeit des Himmels gegen euer gekroͤntes Haupt erfuͤllt, und wie ich jetzt den ſegensvollen Zeitraum fuͤr England heraufſteigen ſehe, von dem Montroſe traͤumte.“ „Das gebe Gott,“ ſagte der Koͤnig, in welchem der Ernſt geweckt war.—„Aber die Menſchen haben mir ſo wenig Vertrauen gelaſſen— ich ſehe auf Alles, als waͤren es hohle leere Komoͤdien— und daher fehlt mir auch die rechte Theilnahme.“ „Sie wird ſich aber finden, wenn ihr das Vater⸗ land wiederſeht,“ ſagte Urica.—„Auch kommt euch — 323 ſo viel guter Wille entgegen— ihr werdet viel ausrich⸗ ten koͤnnen— und die hohen Maͤchte des uͤbrigen Eu⸗ ropa ſind euch ja alle verſohnt, und ich hoͤre von ihren Freudenbezeigungen durch ihre Geſandten.“ „Ja,“ ſagte der Konig bitter—„und kurz vorher hatte keiner mehr Raum, ein Feldbett fur mich zu ſtellen, und Frankreich hätte am liebſten die Tochter ſeines gro⸗ ßen koͤniglichen Helden, meine edle Mutter, aus ihrem Vaterlande verſtoßen.“ „O,“ ſagte Urica,„aber jetzt! Welch ein Strahl des Glucks iſt in ihr von Kummer verduͤſtertes Herz ge⸗ fallen. Ich habe ihr ſeit eurer Thronberufung geſchrie⸗ ben und ihre Antwort empfangen— wir ſind nie ohne Briefe geblieben— unſer ähnliches Schickſal hat uns nur feſter geknuͤpft. Habt ihr ſie ſchon zu euch eingeladen?“ „Ah!“ ſagte der Koͤnig—„man widerräth mir damit zu eilen, da die Stimmung wegen ihrer Religion ſo unguͤnſtig gegen ſie iſt. O! das iſt noch einer von den geheimen Schmerzen, die ich mir bei meiner ju⸗ belnden Umgebung nicht darf merken laſſen. Wann ſchreibt ihr wieder?“ fragte er eifrig—„wollt ihr der theuren Mutter ſagen, wie Alles ſteht, damit ſie mich nicht verkennt?“ „Und,“ ſagte Urica—„muͤßt ihr nicht Gegen⸗ geſandtſchaften ſchicken an alle dieſe gratulirenden Hoͤfe?“ 324 „Ja,“ ſagte der Koͤnig gleichgultig—„ich hoͤre, man beſchäftigt ſich ſchon damit.“ „Waͤhlen Euer Majeſtät den Geſandten fuͤr Frank⸗ reich auf dieſem Tabouret,“ ſagte Urica faſt mit ihrer alten bezaubernden Anmuth. „Er iſt gewählt, wenn ihr mir den Namen ſagt,“ rief der König, angenehm uͤberraſcht von dem Gedan⸗ ken, dieſer edlen Verſoͤhnten durch etwas gefaͤllig wer⸗ den zu konnen. „Mein Sohn, der Marquis von Montroſe!“ ſagte Urica ſchnell. „Das iſt entſchieden,“— ſagte der Koͤnig und wandte ſich auf ſeinem Sitze um, denn auch Lord Harry hatte ſich zum Herzog von Hamilton, Herrn Hooft und William Bedfort begeben, welche in ehr⸗ erbietiger Entfernung ſich ſo weit zuruͤckgezogen hatten, um das Geſpraͤch des Königs nicht mehr hören zu koͤnnen. „Der König ruft euch, Milord,“ ſagte der Herzog, der deſſenungeachtet jede Bewegung der Sprechenden verfolgt hatte. Lord Harry eilte den Huͤgel hinan, der Koͤnig ſtreckte ihm die Hand entgegen und ſagte lebhaft: „Marquis von Montroſe, eure Mutter, dieſe unſere edle Freundin verſichert uns eben, daß ihr uns den Dienſt leiſten werdet, unſerm getreuen Bruder von —,— Frankreich unſern Dank zu uͤberbringen fuͤr ſeine Freu⸗ denbezeigungen bei unſerer Thronerlangung und der Königin, unſerer vielgeliebten Mutter, unſere Privat⸗ auftraͤge. Was ſagt ihr dazu.“ Ein lebhaftes Roth ſtieg auf den Wangen des er⸗ griffenen jungen Mannes empor— ein leuchtender Blick der Liebe und Freude traf ſeine Mutter— er beugte das Knie einen Augenblick, um die Hand des Koͤnigs zu kuͤſſen, und ſagte dann lebhaft:„O meine Mutter, wie fuͤhle ich mich gehoben durch eure großmuͤ⸗ thige Fuͤrſorge— wie regt ſich die Kraft in mir, dieſem Vertrauen zu entſprechen, und wie gelobe ich es feier⸗ lich, daß ihr euch keines Unwuͤrdigen angenommen ha⸗ ben ſollt.“ „Das iſt ein geſegneter Tag,“ ſagte Urica mit einem Lächeln, was dieſen hinſterbenden Zuͤgen ſeit lange fremd geblieben war, und der Koͤnig, der bei ih⸗ ren erſten Anblick von der Verwandlung dieſer glaͤnzen⸗ den Schoͤnheit entſetzt geweſen war, fuͤhlte ſich von dem geiſtigen Zauber, der jetzt auf dieſem zarten fleiſchloſen Geſicht hervorgetreten, ſo ergriffen, daß es ihm ſchien, ſie waͤre noch ſchon.“ „Milord von Hamilton,“ rief der König nach einer Pauſe— die noch der gegenſeitigen Dankbarkeit ge⸗ hoͤrte.—„Wir haben unſern Geſandten nach Frank⸗ reich ernannt— ihr werdet dem Marquis von Mont⸗ roſe ſeine Depeſchen ausfertigen.“ „Euer Majeſtäͤt haben bereits den Grafen von La⸗ neric dazu ernannt,“ ſagte der Herzog kalt. „Wir werden ihn alsdann nach Spanien ſchicken,“ entgegnete der Koͤnig beſtimmt—„wir haben Urſache zu glauben, daß unſerer Mutter der Sohn ihres beſten Freundes willkommen ſein wird.“ Hamilton verbeugte ſich und trat zuruͤck— aber der König rief ihm zu:„Nicht doch, Milord— wir wollen euch nicht der Ehre entziehen, der Gemahlin eures Schwagers eure Ehrerbietung zu bezeigen. Ihr wißt doch, Frau Marquiſe, daß eure launiſche Frau Schwaͤ⸗ gerin lange im Geheimen die rechtmaͤßige Gemahlin des damaligen Grafen von Laneric war, und dieſe Ver⸗ bindung erſt erklaͤrt wurde, als der Tod des aͤlteſten Bruders ihren Gemahl zum Herzog von Hamilton machte?“ „Ich hoͤrte davon,“ ſagte Urica und richtete ihre Augen nicht ohne einige Neugier auf einen Mann, von dem ſie ſchon ſo viel gehoͤrt hatte, und deſſen äußere Er⸗ ſcheinung einen ungewoͤhnlichen Eindruck machte; denn der Herzog war ein ſchoner alter Mann mit einer kraͤf⸗ tigen, ungeſchwächten Geſtalt, die ihn ſogar junger erſcheinen ließ. Sein Geſicht war edel und regelmäßig 327 gebildet, aber ein duͤſterer, entſchloſſener Geiſt lag dro⸗ hend auf der hohen, ſtolzen Stirn, und der Mund hatte etwas grauſames und unerbittliches. Einen Gegenſatz bildeten die ſchonſten Augen, welche, vielfach geſenkt, den fruheren geiſtlichen Stand verriethen, und wenn ſie, ohne von Leidenſchaften bewegt zu ſein, ſich hoben, einen ſanften, ſchwaͤrmeriſchen Ausdruck haben konnten. Als er ſich Urica jetzt nahte mit dieſem Blick, miſchte ſich noch ein beſonderes bewegtes Gefuͤhl in ihren Aus⸗ druck. Er ſchien froh, daß der König ihm erlaubte, ihr ſeine Ehrfurcht zu bezeigen. „Milady,“ ſagte er mit einem ganz anderen Tone der Sprache, als mit dem er dem Koͤnige fruͤher entgegnet hatte—„ich fuͤrchte, ihr werdet mir das Gefuͤhl von Bewunderung und Verehrung, mit welchem ich euch nahe, kaum geſtatten; ihr werdet mich um Rechenſchaft fragen uͤber ein Gefuͤhl, welches eine groͤßere Beimi⸗ ſchung der Verwandtenliebe hat, als ihr dem Gemahl der Lady Juliane werdet zugeſtehen wollen.“ „Ich wuͤrde freilich keinen Anſpruch darauf zu ma⸗ chen gehabt haben,“ ſagte Urica mit Anmuth—„aber was koͤnntet ihr mir außer eurem beruͤhmten Namen nennen, was mich näher anginge, als die nahe Bezie⸗ hung zu meinem Gemahl.— Aber ich hore, ihr ſeid Witwer.“ 328 „Ja,“ ſagte Hamilton, und es lag Wahrheit in ſeinem Ausdruck—„in dem Augenblicke, als ich eines beſſeren Gluͤcks an ihrer Seite mich zu erfreuen hoffte, als unſer vergangenes Leben uns Beiden gewährt hatte, beendete der Tod dies ſo vielfach bedroht geweſene Ver⸗ haltniß, was nicht ohne gegenſeitige Schuld den ſonder⸗ barſten Anſchein nach Außen trug— und von zwei Menſchen, die vielleicht zum vollkommenſten Gluͤck durch einander beſtimmt waren, dieſes doch bis zum letzten Augenblick fern hielt.“ „Ich weiß, Milord,“ ſagte Urica theilnehmend— „daß Lady Julianens Schickſal eine ſo ſchmerzliche Wunde in dem Herzen meines Gemahls war, daß ich nur ſelten wagte, ſie zu beruͤhren. Da der König, während dieſer Antwort ſich auf Lord Harry lehnend, dem Herrn Cornelius Hooft genaht hatte, um mit ihm ein Geſpräch anzufangen, uͤberzeugte ſich der Herzog mit einem raſchen Blicke von ſeiner Ent⸗ fernung, und plotzlich naͤher tretend, ſagte er mit wan⸗ kender Stimme:„Kanntet ihr Lady Juliane nicht per⸗ ſoͤnlich— ſtandet ihr in keiner Verbindung mit ihr?“ Obwohl ein wenig uͤberraſcht, antwortete Urica doch mit Ruhe in ſeine forſchenden Augen blickend—„Nein, Milord, ihr muͤßt das auch wiſſen. Als ich in England war, galt Lady Juliane ſogar fuͤr todt— und ſpaͤter — 329 erfuhr ſie vielleicht kaum die zweite Vermählung ihres Bruders, oder dachte vielleicht ſo unguͤnſtig daruͤber, als ihre Tante Lady Southhesk.“ „Nein, nein, Milady,“ ſagte Hamilton mit derſel⸗ ben bewegten Stimme—„ſie theilte nicht dieſe Mei⸗ nung uͤber euch; ſie verehrte euch. Ihr großer, feuriger Geiſt faßte euch auf, wie ihr es verdientet— ſie ſprach dieſe Meinung bei jeder Gelegenheit aus, und ich hoffte heimlich dieſe Geſinnung hätte ſich euch durch irgend etwas kund gegeben.“ „Vielleicht, Milord,“ entgegnete Urica mit voller Unbefangenheit—„hatte ſie ſich vorgenommen, mir dieſe verwandtſchaftlichen Geſinnungen bei ihrer Anwe⸗ ſenheit in Holland, welches ſie vor ihrem Tode zu beſu⸗ chen beabſichtigte, perſoͤnlich auszuſprechen. So aber bin ich um dieſen wohlwollenden Beweis des Antheils gekommen, den ich von Montroſe's Schweſter gern erfahren haͤtte. Vor einer Stunde erfuhr ich zuerſt durch meinen Sohn, daß Lady Juliane gelebt habe und in welchen Verhältniſſen ſie ſich zu euch erklärt hatte.“ Bei dieſen Worten ſenkte Hamilton, wie von einer getäuſchten Hoffnung bekuͤmmert, das Haupt—„Ich habe mich alſo geirrt,“ ſagte er—„verzeiht mir meine dringenden Fragen. Ich bin gewiß, ihr habt keinen Grund zu verſchweigen, wenn es anders waͤre.“ „Gewiß nicht, Milord,“ ſagte Urica mit Ernſt und Aufrichtigkeit—„gern wuͤrde ich euch noch Mitthei⸗ lungen uͤber die Entfchlafene machen, wenn ich dazu im Stande ware.“ Der Koͤnig fuͤhrte gerade jetzt William Bedfort zu Urica, und dieſe ſah uͤberraſcht an ſeinem Barett, was er ihr mit komiſcher Koketterie und dem feurigſten Lä⸗ cheln der Freude zukehrte, einen koſtbaren, mit Perlen geſtickten Handſchuh wie eine Agraffe befeſtigt, und der Koͤnig nannte ihn den Ritter vom Handſchuh und er⸗ zahlte mit gutmuͤthiger Heiterkeit, auf welche muthige und geſchickte Weiſe er ihn ſich verdient hatte und fuͤgte zum Schluſſe hinzu:„Er hoͤre, daß Milord von Hamil⸗ ton ihm ſchon Vorſchlaͤge gemacht habe, in die engliſche Marine uͤber zu treten, und er frage, was ſeine Pflege⸗ mutter dazu ſage, da er hoͤre, der junge Mann habe keine Eltern mehr und ſie ſei zugleich ſeine Vormuͤn⸗ derin.“ Urica ſchwieg; der Antrag kam ihr unerwartet— indeſſen naͤherte ſich ihr Hamilton und ſagte:„Wenn ihr, Frau Marquiſe, mir den Knaben anvertrauen wollt, ſo will ich in England Vaterſtelle bei ihm vertreten und ſeine Laufbahn auf dem Wege, den er einmal eingeſchla⸗ gen, nach allen Kräften zu foͤrdern ſuchen.“ Wieder ruhte dabei ſein Auge beobachtend, ja mit 331 einem unheimlichen Lauern auf Urica; als ſie aus ihrem Nachdenken erwachend, die Augen aufſchlug, be⸗ gegnete ſie dieſem Blicke, und er traf ihre Erinnerung wie ein Blitz. Dem fanatiſchen Katholiken, von dem die unheimlichſten Handlungen aus dem Berichte der Miſtreß Crafton ihr eben gegenwaͤrtig wurden— dem ſollte ſie den Juͤngling anvertrauen, der ihr mit der Zuverſicht uͤbergeben war, ſie werde ihn gegen den von ſeiner Mutter ſo gefuͤrchteten Katholicismus ſchuͤtzen. Plotzlich ſtand eine ganze Reihenfolge von Schluͤſſen vor ihrer Seele; konnte dieſer verſchlagene Mann nicht den Urſprung Willioms kennen— konnte ſein Antheil nicht gerade daher enſpringen, daß er es bewirken wollte, was dieſe, wie es ſchien, von Feinden zur Verzweiflung gebrachte Mutter von ihm abzuhalten getrachtet hatte. Urica erinnerte ſich jetzt, daß Oneale der Graf von Laneric ſei, der Lady Jane zu heirathen dachte, und der in dem Briefe von Williams Mutter als ſein groößter Feind be⸗ zeichnet war. Dieſe Betrachtungen traten faſt zu gleicher Zeit vor Uricas Geiſt, und die Veraͤnderung, die ſie auf ihrem Geſichte hervorriefen, konnten dem Beobachter nicht entgehen. Ploͤtzlich wendete ſie ſich gegen den Koͤnig, der harm⸗ los die kurze Zeit verplaudert hatte und ſagte:„So 332 lange ich lebe, darf ich dies Kind nicht aus meiner Obhut laſſen; ich bitte es mir als eine Gnade von Euer Maje⸗ ſtät aus, daß es ihm dermaleinſt, wenn er in ſein Vater⸗ land zuruͤckkehrt, nicht zur Laſt gelegt wird, daß er es erſt ſpaͤt betritt; fuͤr den Beruf, den er erwählt, werden die Studien in der hollaͤndiſchen Marine gewiß ſo aus⸗ reichend ſein, daß man ihm kein Verſaͤumniß wird nach⸗ rechnen können, wenn er ſpäter ſeine Dienſte dem Vater⸗ lande anbietet.“ „Das iſt außer Zweifel,“ ſagte der König wohl⸗ wollend—„wir haben heute ein Proͤbchen von ſeinen Kuͤnſten bekommen, das nicht uͤbel war, und wir freuen uns, Milady, euch in irgend etwas durch unſer königli⸗ ches Wort dienen zu koͤnnen und euch uͤber die Zukunft dieſes jungen Mannes, der euch ſo nah am Herzen liegt, beruhigen zu können. Wahrſcheinlich ſind euch ſeine naͤheren Verhaͤltniſſe oder ſeine Eltern bekannt?“ „Ich habe alle muͤtterlichen Rechte uͤber ihn,“ ant⸗ wortete Urica ausweichend, indem ihr Auge mit einem gewiſſen Stolze auf dem herrlich gerathenen Juͤngling haftete.—„Er hat ſich auch dieſer Autorität bis jetzt durch nichts entziehen wollen, und ich bin uͤberzeugt, daß er noch immer ſich meinem Willen ohne Bedenken unterwirft.“ „O meine Mutter,“ ſagte William, indem er —,———.— 333 einen Augenblick knieend, die Hand Urica's kußte— „wie koͤnnte ich euch und Orla verlaſſen wollen! Auch haben wir ja Frieden. Was ich hier lerne, wird mei⸗ nem Vaterlande kein Schaden werden.“ „Bravo! bravo!“ rief der Koͤnig—„du haſt das Herz auf der rechten Stelle.“ „Und doch iſt es das nicht, was ich wuͤnſche,“ fuhr Urica fort.—„Er iſt zu einem Punkt in ſeinen Stu⸗ dien gekommen, die waͤhrend des Sommers eine Un⸗ terbrechung unſchädlich machen. Ich wuͤnſche von ihm die einſeitige Beſchränkung abzuhalten, welche durch ſtrenge wiſſenſchaftliche Studien erzeugt wird und in dem Umgang mit einer kranken lebensmuͤden Frau we⸗ nig Unterbrechung erfahren konnte. Geben Euer Ma⸗ jeſtät ihm Erlaubniß, den Marquis von Montroſe nach Frankreich zu begleiten; ſein Rang als Edelmann, der ihm zuſteht, berechtigt ihn zu dieſer Ehre, wenn ſonſt kein Hinderniß obwaltet— die Erlaubniß der Admira⸗ litͤt will ich erwirken.“ „Und meine Einwilligung hat er gewiß,“ ſagte der Koͤnig heiter und ſich verbindlich zu Urica wendend, fugte er hinzu:„Milady! welche wunderbare Frau ſeid ihr! wie weiſe leitet ihr die Erziehung eines Juͤnglings, welch ein hoͤheres, freieres Einſehn habt ihr in das, was fuͤr eine ſolche Entwicklung nöthig wird! Warum, meine Freundin, ſeid ihr nicht in England— ich wuͤrde euren Rath einholen wie einſt den meines edlen Mont⸗ roſe.“ „Meine Gebeine werden bald in der vaterländiſchen Erde ruhen,“ ſagte Urica ernſt und gefaßt.—„Ihr irrt euch, Sire, uͤber das Weſen, welches durch die un⸗ gewohnlichen Erlebniſſe dieſes Abends aus dem truͤben Kreis der Krankheit und des Geiſtes herausgetreten iſt, in welchem es allein noch exiſtirt. Das Leben iſt mir durch die Liebe zu dieſen jungen, mir zugehoͤrenden Maͤnnern vielleicht zum letzten Male nahgetreten; wenn mich dieſe Aufregung verlaͤßt, wird der Koͤrper wieder in ſeine Rechte treten— und dieſe werden mit jedem Tage despotiſcher.“ Hamilton war ein ſtummer, aber aufmerkſamer Zu⸗ hörer dieſer Scene, und ſeine Lippen preßten ſich immer feſter auf einander— er verſchmerzte nur mit Muͤhe eine Zuruͤckweiſung, die ihn mehr verletzte, als er ſelbſt begriff, denn ſeine Augen richteten ſich immer wieder wie mit Zauber auf den Juͤngling— eine Leidenſchaft⸗ lichkeit— eine Wuth regte ſich in ihm bei dem Gedan⸗ ken, daß er ihm entzogen war— er hätte ihn packen mögen und entfuͤhren— und er hatte das geſenkte Auge nöthig, um die Glut zu verbergen, die darin aufloderte. Urica fühlte, ſie ſei ihm eine Antwort auf den ge⸗ 335 machten Vorſchlag ſchuldig geblieben.„Wenn dieſer Jungling dann ein Mann geworden iſt,“ ſagte ſie und wandte ſich zu ihm—„dann ſoll er den Herzog von Hamilton an ſein Anerbieten erinnern, und er wird an die Auszeichnung, die er ihm eben zudachte, ſo Gott will, dann einen Anſpruch mitbringen, der ſie weniger gewagt macht, als in dieſem Augenblick.“ Hamilton hatte nicht den Muth, zu ſprechen— er verneigte ſich tief und fragte den König, ob er voran⸗ gehen ſolle, um zu ſehen, ob das Boot, was ihn herge⸗ bracht und ihn jetzt nach der Admiralität zum Feſte tra⸗ gen ſollte, bereit ſei und eilte, vom Koͤnige entlaſſen und von Hooft begleitet, ſo haſtig als moͤglich aus dem Garten zu kommen. Als der Koͤnig nach einigen Augenblicken Abſchied nehmen wollte, gingen die beiden jungen Maͤnner, die ſeit der Ausſicht, Reiſegefährten zu werden, ſich mit wahrer Liebe anſahen, auf einen Wink Urica's den Huͤ⸗ gel hinunter zum Laubgang.— Urica aber nahm die Hand des Königs und ſagte:„Euer Majeſtaͤt haben heute viel mit meinen Bitten zu thun— aber es ſind die erſten und zugleich die lebten, denn dieſer Mund wird bald fuͤr immer verſtummt ſein.“ „So bitte ich denn Euer Majeſtät um die Gnade, den Milord von Montroſe von hier aus zu beurlauben und daß es die Nachricht eurer gluͤcklichen Einſchiffung ſei, die er der Koͤnigin Mutter zu bringen habe.“ „Aber,“ ſagte der Koͤnig unſicher—„ich hoͤre, alle Geſandten ſollen erſt nach meiner Ankunft in London abgeſendet werden.“ „Das konnte ich erwarten,“ entgegnete ica „und nur mit dem Geſandten, der nach Frankreich geht, kann dieſe Ausnahme Statt finden, denn der Sohn kann der Mutter nicht fruͤh genug Boten ſenden— und die officiellen Sendungen der andern Geſandten ha⸗ ben kein derartiges Intereſſe zu vertreten.“ „Das hat viel fur ſich,“ ſagte der Koͤnig.—„Er brauchte erſt als Geſandter an den Koͤnig aufzutreten, wenn ihm die Depeſchen uͤber meine Thronbeſteigung von London aus zugegangen ſind.“ „So wird mir alſo der Sohn noch einen Tag er⸗ halten bleiben,“ ſagte Urica ſichtlich erfreut. „Es kann kein Grund vorhanden ſein,“ unterbrach ſie der Koͤnig,„daß ihr ihn nicht noch einige Tage hier behaltet, denn es moͤchte nicht gut ſein, wenn ſeine Sendung an meine Mutter mit der an den Koͤnig zu weit auseinanderfiele.“ „Jeder Tag wird ein theures Geſchenk fuͤr mich ſein,“ ſagte Urica—„und jetzt nahm der Koͤnig Ab⸗ ſchied von ihr, und Beide trennten ſich mit der Ueber⸗ 337 zeugung, ſich nie wiederzuſehen— aber Beide mit dem troͤſtenden Gefuhl der Verſoͤhnung. Die Aufregung, die Urica durch die Erlebniſſe des erwaͤhnten Tages erfahren, ſchien wunderbarer Weiſe einen glimmenden Lebensfunken in ihr angefacht zu ha⸗ ben; denn ſie hatte an Kraͤften anſcheinend zugenom⸗ men, ihre Theilnahme hatte wieder die Feinheit und Schaͤrfe der Beobachtung gewonnen, welche ihren Um⸗ gang fuͤr Alle, die ihn genießen durften, ſo belohnend, ſo nuͤtzlich und wohlthuend machte. Nach der Abreiſe des Koͤnigs nach Scheveningen, welcher Lord Montroſe noch beigewohnt, und nachdem ihm die Briefe deſſelben von ihm ſelbſt eingehaͤndigt worden waren— eilte er nach dem kleinen Jagdhauſe zu ſeiner geliebten Pflegemutter zuruͤck. Er fand ſie zwar auf ihrem alten Platz, aber nicht mehr allein, denn zu ihren Fuͤßen ſaß Floripes wie eine geknickte weiße Roſe, und beide Frauen weinten uͤber den Tod der edlen Frau von Marſeeven. Als Lord Harry zu ihnen trat, blickten ſich die jun⸗ gen Leute wie alte Bekannte an, und Floris reichte ihm die Hand und lächelte ihn durch ihre Thraͤnen an. Jakob v. d. Nees. 1II. 22 338 So blaß, wie Floripes heute war, und ſo belebt, wie Urica erſchien, waren Beide ſich naͤher geruͤckt, und trotz der Veraͤnderungen, denen Urica s Schoͤnheit unterworfen geweſen, war die Aehnlichkeit ſo auffal⸗ lend, daß Lord Harry ſich aufs Neue darin vertiefte. Urica forderte Floris auf, dem jungen Lord von dem Beſuch des Koͤnigs bei Marſeeven zu erzahlen. Der Koͤnig hatte naͤmlich auf dem Balle die Nachricht von dem Tode der edlen Frau erhalten, und plotzlich war er unter der trauernden Gruppe der Kinder, die weinend vor ihrem Vater auf den Knieen lagen, er⸗ ſchienen und hatte eine ſo wahre und ruͤhrende Theil⸗ nahme gezeigt, daß ihm Aller Herzen ergeben wurden. Er war dann zu dem Sterbebette getreten, neben dem Alle verſammelt waren, hatte die ſchoͤne Leiche lange betrachtet und dann von dem betaͤubten, troſtloſen Gat⸗ ten den Segen eines Vaters gefordert und ſich von ihm getrennt wie ein Sohn. Es war in dieſer weichen, ſchwermuͤthigen Stim⸗ mung der armen Floripes ſo viel Anſprechendes fuͤr Lord Harry, deſſen eigne Neigung immer dieſer Rich⸗ tung folgte, daß kein Zuſtand der Dinge vermocht hätte, die beiden jungen Leute in ihrer Sympathie fuͤr einander mehr zu befeſtigen. Dazu kam, daß Nees von Floripes Schmerz uͤber den Tod der guten Frau von Marſeeven ſo erſchreckt worden war, daß er leich⸗ ter, wie gewoͤhnlich, in Hoofts Vorſchlag willigte, das arme Maͤdchen aus ihrer Haft zn entlaſſen, und da Herr von Marſeeven mit dem duͤſterſten Egoismus des Schmerzes ſeine beiden verlobten Tochter, die einzigen unverſorgten Kinder, die ihm noch geblieben, unerbitt⸗ lich von ſich entfernt und zu ihren verheiratheten Ge⸗ ſchwiſtern verwieſen hatte, um an dem Sarge ſeiner Gattin, fuͤr Jeden unzugaͤnglich, die Todtenwache ſelbſt zu halten, mußte auch die arme Floripes mit ihren Thraͤnen an dieſer Schwelle umwenden. Sie kannte dann freilich keine troͤſtlichere Stelle, als das kleine Jagdhaus, worin ſie mehr fand, als ſie erwartete— neben William den Sohn Montroſe's. Mit großer Gemuͤthsbewegung hoͤrte ſie hier von der Abreiſe Beider, welche ihnen nur wenige Tage des Beiſammenſeins goͤnnen ſollte, und es lag vielleicht in der draͤngenden Naͤhe dieſer Trennung, daß die Annaͤ⸗ herung ſich leichter machte, Lord Harry, von dem neuen Zuſtand ſeines Innern belebt, Muth dazu faßte, Flo⸗ ripes durch das geſchwiſterliche Verhaͤltniß zu William immer zu Lord Harry mit hingezogen wurde. Obwohl Urica durch einen Brief an die Koͤnigin von England, den Harry ihr geben ſollte, am erſten Tage des ruhigen Beiſammenſeins Aller zuweilen von 22 340 ihren Lieben abgezogen wurde, behielt ſie doch ein durch Liebe geſchaͤrftes und beobachtendes Auge fuͤr Lord Harry, deſſen Charakter ſo viel als moͤglich zu ergruͤn⸗ den, ihr eine Pflicht ſchien, um den boͤſen Einfluß, un⸗ ter welchem dieſer junge, biegſame Baum ſich ſchon ge⸗ beugt hatte, ſo weit es ſich thun ließ, noch von ihm zu nehmen. Sie wurde faſt bezaubert von den ſchoͤnen Eigen⸗ ſchaften des Geiſtes, die ſich ihr unuͤberſehbar entgegen draͤngten, und fuhlte ſich doch entſetzt von der Befuͤrch⸗ tung, die ihr ſein Charakter einfloͤßte— dieſer Charak⸗ ter, in welchem neben den edelſten, liebenswertheſten Eigenſchaften die gefaͤhrlichſten Elemente der Schwaͤche, des Mißtrauens gegen ſich und Andere, einer ſelten hervortretenden, aber dennoch vorhandenen grauſamen Heftigkeit und einer traͤumeriſchen, zur Einſamkeit und zum Menſchenhaſſe fuͤhrenden Indolenz lagen. Sie mufßte ſich ſagen, daß all' dieſe Eigenſchaften ihn in Gefahr brachten, ein Spielwerk zu werden in der Hand derer, welche dieſen Fehler erkannten und Scharfſinn genug anwendeten, dieſelben ſich untereinan⸗ der beherrſchen zu laſſen. Seine Kenntniſſe waren ungewoͤhnlich und ſein Geſchmack durch Kunſtbildung verfeinert und veredelt. Wenn er ſeine vorherrſchende Schweigſamkeit uͤber⸗ 341 wand, war ſeine Unterhaltung gewaͤhlt, voll Geiſt und Urtheil; aber es war leicht zu fuͤhlen, wie er ſich dieſen Anforderungen lieber entzog und in ein traumeriſches und muͤßiges Zuhoͤren verſank. Kam er aber dahin, ſein Herz vor Urica allein auszuſchuͤtten, ſo war es ihr, als muͤſſe ſie bittere Thraͤnen weinen uͤber die unwider⸗ ruflich begrabene Jugend dieſes Herzens, das keine Kraft hatte und keine erwecken wollte, um dem Leben eine andere als truͤbe Seite abzugewinnen. Der zweite Tag und der letzte vor der Abreiſe bei⸗ der jungen Leute ſollte ihr aber eine noch viel nachhal⸗ tigere Sorge geben, denn ſie ſah plotzlich Harry und Floripes voͤllig veraͤndert, und waͤhrend Harry das Feuer, das Leben und die Heiterkeit bekommen hatte, die auf dem Boden ſeiner Gemuͤthsanlagen nicht ent⸗ ſproſſen ſein konnten, war Floripes aus ihrer gleichmaͤ⸗ ßigen Haltung, ihrer natuͤrlichen Unbefangenheit vollig verdraͤngt und zu einer traͤumeriſchen ſchuͤchternen Jungfrau geworden, die unter den Strahlen von Har⸗ ry's Blicken nur noch ein geſenktes Auge und ein po⸗ chendes Herz behalten hatte. Nun liebte Urica dieſe Nichte wie ihre Tochter, und Lord Harry's Liebe, wenn ſie ſich bis zu dem Wunſche einer Verbindung mit Floripes ſteigerte, ſchien ihr kein Schutz gegen die Gefahren, von denen, wie ſie uͤberzeugt 342 war, jede Gattin des jungen Mannes betroffen ſein wuͤrde. Wenn ſie ſich dabei die Schutzloſigkeit in einem fremden Lande dachte, den Einfluß der Lady Jane, die, gewiß uber eine ſolche Verbindung erzuͤrnt, ſie anzugreifen trachten werde, und vor Allem die Ge⸗ fahr, daß Floripes mit einer ganz feſten und bewußten Ueberzeugung Proteſtantin war, ſo lag der Angriffs⸗ punkt fuͤr Lady Jane bequem zurecht, da Urica ſich bald hatte uͤberzeugen koͤnnen, daß ihr Sohn ſich mit einer aͤngſtlichen Gewiſſenhaftigkeit ſeinem Religionsbekennt⸗ niſſe angeſchloſſen hatte, und ſeinen Verſtand wie ſein Urtheil von jeder Pruͤfung abhielt, als von einer Verſu⸗ chung, die dieſe ihm ſo geſichert ſcheinende Ueberlieferung nicht erlaube. Die Ueberzeugung ven dieſer Gefahr hatte ſich ihr erſt ganz dargeſtellt, als Floripes den Bitten Harry's nachgegeben und in Williams Begleitung dem jungen Lord in dem Hauſe ihres Vaters einen Beſuch zu ma⸗ chen geſtattet hatte. Harry hatte dies Zugeſtändniß mit einem ſo auffallenden Ausbruch von Freude aufge⸗ nommen, daß die ruͤckwirkende Gemuͤthsbewegung bei Floris nicht zu uͤberſehen war, und als man die Gondel, in welcher der Weg gemacht werden ſollte, gemeldet hatte und die jungen Leute von Urica Abſchied nahmen, kniete Harry mit einem ſtrahlenden Geſicht vor ihr nie⸗ ——————,————— der und rief:„Mutter, Mutter! ich werde dir die Wie⸗ dergeburt meines ganzen Lebens zu danken haben!“ Sie fuͤhlte im ſelben Moment, was er damit ſagen wollte, und ihr draͤngten ſich die Betrachtungen auf, die wir erwaͤhnt und die ſich mit der feſten Ueberzeugung abſchloſſen: es ſei ihre Pflicht, dies Verhaͤltniß nicht zuzulaſſen— oder doch aufzuhalten und der reiflichſten Ueberlegung durch Zeitgewinnung Raum zu geben. Dieſe anfaͤnglich ihren Antheil wenig weckende Fahrt nach dem Hauſe ihrer Floris ſchien ihr nun nicht mehr unwichtig, oder nur eine neckende Laune des jungen Mannes, welche Floris bei der bekannten Perſoͤnlichkeit ihres Vaters ein wenig verlegen machen ſollte, ſondern es ſchien ihr ein wichtiger Wendepunkt; denn es konnte ſich daraus fuͤr ihre Abſichten eine Hilfe entwickeln, wenn ſie an den Eindruck dachte, den Nees unbezwei⸗ felt auf den feinfuͤhlenden, vornehm gewoͤhnten jungen Mann hervorbringen mußte. Aber Urica vergaß, daß die friſch erwachte Liebe im Herzen eines Mannes, wenn er des Gegenſtandes ſei⸗ ner Gefuͤhle noch nicht gewiß iſt, auf kein aͤußeres Hin⸗ derniß ſtoßen kann, welches er nicht in irgend einer Weiſe als einen Grund mehr anſehen wuͤrde, in der Richtung, zu der ihn ſein Herz treibt, vorzudringen— und ſo mußte auch gerade der volle Eindruck von Nees, 344 den ihm dieſer nicht erſparte, ſeiner Liebe zu Floripes noch die Ueberzeugung ihrer troſtloſen unwuͤrdigen Lage zugeben, und was konnte er erleben, was ſeinem maͤnnlichen Gefuͤhl wohlthuender und erhebender wer⸗ den konnte, als ſich zugleich als ihren Retter zu denken, da er ihr glaͤnzende Verhaͤltniſſe ſtatt dieſer ihm ſchmach⸗ voll erſcheinenden anzubieten hatte. Nees war halb boͤſe, halb aͤngſtlich, daß ein Mont⸗ roſe, den er ſich arm und zuruͤckgekommen dachte, es auf ſeine Kaſſe wuͤrde abgeſehen haben— halb und zu⸗ letzt ausſchließlich war er kriechend. Wer dieſen Ideengang nicht kannte— konnte gar nicht den Sinn ſeiner zu Anfang groben Reden erra⸗ then— und das Erſtaunen, ja das Erſchrecken des jungen Lords, als er Nees vor ſich ſah, der Streit in ſeiner Ueberzeugung, daß dies der Vater dieſer ſchoͤnen Floripes ſein ſollte, machte ihn auch uͤberhören, was dieſer widrige, gemein ausſehende Menſch vor ihm ſprach. Es entſetzte ihn aber, als er ſehen mußte, daß Floripes ſich kindlich liebevoll um ihn beſchaͤftigte und durch ihre holde Freundlichkeit bemuͤht war, ihn aus ſeiner boͤſen argwoͤhniſchen Stimmung heraus zu locken. Wenn ſie von ihm zuruͤcktrat, ſchien es ihm, ſie koͤnne nicht mehr dieſelbe ſein, ihr muͤſſe etwas von dieſer eklen Beruͤhrung haften geblieben ſein, und wenn ſie ſich zu ihm wendete, fuhlte er zu Anfang eine Art von Er⸗ kätung, eine Verlegenheit, als wuͤrde er von ihr gencckt und in einen unfeinen Scherz werde ſich die Taͤuſchung aufloͤſen, daß dieſer Mann bis dahin fuͤr ihren Vater gegolten habe. Davon hatte aber Nees natuͤrlich keine Ahnung und es war nicht leicht, ihn auf das wahre Verhältniß zu dem jungen Lord hinzulenken, da Floripes ihre ſonſtige unbefangene Beherrſchung des Vaters beinah aufgege⸗ ben hatte, von ihrer Befangenheit bloͤde gemacht, und mehr wie je, ja vielleicht zuerſt von ſeiner Perſoͤnlichkeit ſich beſchaͤmt fuͤhlend. Es kam auch nicht dazu, daß die jungen Leute ihre Verſtimmung uͤberwunden haͤtten; denn obwohl Nees durch ein paar ruhige Antworten des jungen Lords uͤberzeugt wurde, dieſer ſei in den Beſitz ſeiner Guͤter zuruͤckgekehrt, und danach ſeine uͤble Laune gegen ihn in empoͤrende Hoͤflichkeiten umaͤnderte, war dies faſt noch widerwaͤrtiger und unter dem Vorwand, den Luſt⸗ hof zu ſehen, enteilten die jungen Leute dieſer ſtoͤrenden Gemeinſchaft. Urica konnte die zuruckgebliebene Verſtimmung nach der Ruͤckkehr von dieſem gewagten Beſuch Allen an⸗ fuͤhlen, und es war ihr nicht unlieb, wenn die beiden jungen Leute, welche ſich in ihre Annaͤherung verſenkt 346 hatten, dadurch eine aͤußere Stoͤrung erfuhren, die ihnen vielleicht ein Hinderniß werden konnte. Auch unterließ Harry nicht, ſeiner Mutter ein masßloſes Erſtaunen uͤber den Vater ſolcher Tochter auszuſprechen, und Urica fuhlte mit heimlichen Lächeln, wie der junge Mann ſich von dieſer nahen Verwandſchaft ſo ungern uͤberzeugte, daß er lieber auf Geheimniſſe uͤber Floripes ſtoßen, und ihr ein Vertrauen uͤber vermeintliche andere Umſtaͤnde ihrer Geburt abnoͤthigen wollte, die aber Urica als un⸗ paſſende Aeußerungen gar nicht zu beantworten vorzog. Urica benutzte die letzten Stunden des Abends, um ihre beiden Soͤhne fuͤr ihre wichtige Reiſe nach Ver⸗ haͤltniß, wie Beide durch Alter und Erfahrung verſchie⸗ den waren, vorzubereiten; aber indem der junge Wil⸗ liam einer ganz neuen Lebensepoche entgegen ging, lauſchten doch die Beiden ihm zur Seite bleibenden auf jedes weiſe, liebevolle Wort aus Uricas Munde, was ihm zur Leitung dienen ſollte, und indem ſie es nur ihm ſagen konnte, war es ihr doch nicht unlieb, es in Harrys Gegenwart thun zu koͤnnen, weil Vieles auch fur ihn paſſend und doch ihm nicht zu ſagen war! Lord Harry, der wohl die Wichtigkeit einer Sen⸗ dung fuͤhlte, welche ihn zuerſt ſich ſelbſt uberlaſſen, auf einen fremden Boden ſtellte, konnte trotz des Intereſſes, welches ſeine Gedanken mit Floripes immer mehr erfuͤllte, 347 die geheime Bangigkeit nicht unterdruͤcken, wie ſeine ungepruͤften Kraͤfte ſich bewaͤhren wuͤrden, und ſuchte durch Fragen an Urica ſich auf dem Boden dieſes welt⸗ beruͤhmten Verſailler Hofes ſchon aus der Ferne ſo be⸗ kannt als moͤglich zu machen. Hierzu war Urica ganz befaͤhigt, da ſie nur ihre Erinnerungen aufrufen, und die Briefe der Koͤnigin fur die ſpäteren Zeiten erwaͤgen durfte, um ein Bild dieſer Zuſtaͤnde entwerfen zu koͤnnen, welches fuͤr den jungen Geſandten von aͤußerſt wichtiger Belehrung ſein mußte. Sie gab ſich dieſer Anſtrengung aber mit um ſo mehr Willigkeit hin, da es ihr wichtig ſchien, die Zeit mit ernſten Geſpraͤchen auszufuͤllen, welche die Gefuͤhls⸗ aufregung Harrys von Floripes abhalten konnte, da ſie nichts ſo wuͤnſchte, als eine Erklaͤrung von dem er⸗ weichten Herzen des jungen Maͤdchens abzuhalten. Aber wenn ihr auch dies gelingen ſollte, war ſie nicht ſo glucklich, von ſich ſelbſt dieſe Erklaͤrung abhalten zu koͤnnen. Harry folgte ihr in ihr Kabinet, als ſie den Brief an die Koͤnigin ſiegelte, kniete vor ihr nieder und rief:„Meine Mutter! in den wenigen Tagen, die ich jetzt bei dir bin, haſt du mein ganzes Leben umge⸗ ſtaltet, und wenn ich dereinſt noch des Namens Mont⸗ roſe wurdig werde, haſt du es begruͤndet, indem du mich aus meiner ſelbſtiſchen Ruhe geweckt, und mir gezeigt, welche Thaͤtigkeit einem Manne obliegt, wenn er einen ſolchen Namen hat! Deine Sorgfalt, und was du fuͤr mich in dieſen Tagen angeregt, wird fuͤr meine geiſtige Wirkſamkeit unverloren ſein— aber— gehe noch weiter— mache mich auch gluͤcklich— erlaube mir, daß ich mich um Floripes bewerben darf, und ſichere mir bei meiner Ruͤckkehr ihren Beſitz!“ Nun geſchah es, daß Urica— als ſie ausſprechen hoͤrte, was ſie aus ſo vielen Gruͤnden fuͤrchtete— das Ganze noch viel lebhafter und ſtoͤrender empfand, und von ihrer alten heftigen Weiſe uͤberraſcht, ihre beiden Haͤnde mit einem jaͤhen Ausruf vor ihr Geſicht druckte, dann ſeinen Kopf zu ſich aufzog, und indem ſie ihn mit feſten Blicken anſchaute, lebhaft ausrief:„Nie— nie, Harry! Gieb das auf— verſprich mir, daß du es ver⸗ geſſen willſt; denn es ſoll, denke ich, nie geſchehen! Nein, Harry! ſieh nicht ſo traurig— nie! nie!— ich bitte dich, denke nicht mehr daran!“ Urica fuͤhlte, daß ſie bei dieſem Widerſpruch in keiner leichten Verlegenheit war; daß es eine Haͤrte ſein wuͤrde, die ſeinen kaum erweckten Muth zuruͤckgedraͤngt haͤtte, wenn ſie ihm aufrichtig den Grund ihrer Weige⸗ rung, der allein in ſeinem Charakter lag, aufgedeckt haͤtte, und daß doch ihr Widerſpruch ohne Gruͤnde et⸗ was raͤthſelhaftes haben muͤſſe, von dem ſie wenigſtens ———— —————————— 349 nicht hoffen koͤnne, daß er die lebhaft erregten Wuͤnſche des liebenden Mannes entmuthigen wuͤrde. Ein Blick auf Harry uͤberzeugte ſie auch hiervon. Aber es ſchien nicht allein Traurigkeit, es war der An⸗ flug von Heftigkeit, deren Daſein ſie ſchon oft in Harry geahnt hatte; es war als ob ſich etwas gegen ſie in ihm aufrichtete, ſeine Augen druckten, wäͤhrend er ſich ihren Haͤnden entzog, einen Tumult von heftigen Ge⸗ fuͤhlen aus. Er wufßte il hnen zu Anfang keine Worte zu geben; aber er hob und ſenkte ſein Auge vor Urica, und wie aus einem tief aufgewuͤhlten Brunnen, floß es immer mehr uͤber von der bitterſten Aufregung, ja ein Zug von Stolz und Verachtung bildete ſich endlich um ſeinen Mund, vor dem Urica wahrhaft erſchrak. „Ha, Milady!“ rief er, indem er lebhaft aufſprang —„und ihr wollt mir fuͤr dieſe toͤdtlich beleidigende Zuruckweiſung keine Gruͤnde angeben? Wer iſt dies Maͤdchen, muß ich dann fragen? Denn iſt ſie das, wofuͤr ihr wollt, daß ich ſie halten ſoll, was fuͤr Hinder⸗ niſſe findet ihr dann, wenn ich ſie nicht gefunden habe, nachdem ich den jammervollen Aufenthalt, wo man ſie erzog, und den gemeinen Mann habe kennen lernen, den man ihren Vater nennt?“ Urica ſah, daß der junge Mann zitterte, daß in dem Maaße, als ſein Geſicht erblaßte, ſeine Augen flamm⸗ 35⁰ ten und in ſeinem ganzen Weſen eine vollkommene Ruͤckſichtsloſigkeit ausgedruͤckt lag, die ihr den Grad ſeiner Heftigkeit verrieth. Ach! dachte ſie, wie viel Grund mehr, indem du ſo zornig forſcheſt, giebſt du mir grade in dieſem Augenblick.— Sie blieb in ihre traurigen Gedanken vertieft und erwog, wie viel von der Wahrheit ſie ihm ſagen duͤrfe, ohne damit die kaum aufgeſproßten Lebenskeime zu bedrohen. Aber ihr ſinnendes Schweigen, der tief betruͤbte Ausdruck ihres Geſichts beſaͤnftigte den heftig angereg⸗ ten Zuſtand des jungen Mannes nicht, und je laͤnger dies unabſichtliche Schweigen dauerte, je heftiger ſchien es Harry zu erregen; eine Verzweiflung, die ihn iſolirte, ergriff ihn; er rang die Haͤnde und ſtieß einzelne Worte aus, die endlich Urica's Aufmerkſamkeit erweckten und ihren muthloſen Zuſtand uͤberwanden. „Alſo doch, doch,— alſo doch wahr!“ rief Lord Harry—„o, mein Gott, wie ſoll ich nun jemals wieder Vertrauen faſſen— das ganze Leben erſchuͤttert— mein letztes Bauen auf Menſchenwerth, auf Treu und Glauben zerſtoͤrt— o, das iſt entſetzlich— entſetzlich!“ „Was geht in dir vor, mein Sohn?“ fragte jett„ Urica ſich aufrichtend—„und welcher maaßloſen Hef⸗ tigkeit uͤberlaͤßt du dich ohne alle Haltung und Wuͤrde mir— deiner Mutter gegenuͤber?“ — ———— 351 Harry hielt ein— es lag ein Ernſt, ein Vorwurf in Urica's Ton, der ihn verſtummen ließ und ihm eine Art von Beſinnung zuruͤckgab. Als er ſeine leiden⸗ ſchaftlichen Augen auf dieſe edle, hingewelkte Geſtalt richtete, brach ſeine Heftigkeit— faſt mit einem Schrei ſturzte er ihr zu Fuͤßen, verbarg ſein Geſicht in ihren Schooß und Urica hoͤrte ihn krampfhaft ſchluchzen. „O, meine Mutter!“ rief er außer ſich—„rette mich vor mir ſelbſt— ich bin maaßlos ungluͤcklich in dieſem Augenblick!“ „Das fuͤhle ich,“ ſagte Urica traurig—„und dies Gefuͤhl ſoll allein dir zur Entſchuldigung gereichen— aber es berechtigt mich auch mehr als fruͤher, meine Weigerung fuͤr deine Wuͤnſche feſtzuhalten. Harry,“ ſagte ſie ploͤtzlich ſtreng—„welche Sicherheit kannſt du mit deiner jetzigen Charakterrichtung einem Maͤd⸗ chen fuͤr das Gluͤck ihres Lebens geben?“ Harry richtete einen fragenden Blick auf Urica— es lag darin eine Entſcheidung uͤber Leben und Tod, und er preßte ihre Haͤnde in den ſeinigen und rief mit einem Tone, der die Qual ſeines Herzens verrieth: „Sprich— ſprich um Gotteswillen— ſprich die Wahr⸗ heit! War es das? War das der Grund deiner Wei⸗ gerung? Floͤßt dir mein Charakter ſo großes Mißtrauen ein?“ 352 „Harry,“ ſagte Urica mild, aber feſt—„werde erſt ſelbſt und durch dich ſelbſt glucklich, ehe du einem andern Weſen, was du in dein Schickſal verflechten willſt, Gluͤck verheißeſt. Frage dich, ob die Aufwallungen uͤber dich ſelbſt, die dir, wie es mir ſchien, zuerſt einen klaren Ueberblick uͤber deinen innern Zuſtand verſchaff⸗ ten, dir nicht entdeckt haben, daß du jetzt erſt zum Leben in ein Verhaͤltniß trittſt, was dich belehren wird, wie weit du dir vertrauen darfſt, wo die Maͤngel deiner Entwickelung eintreten, und was dir obliegt, in dir zu beſiegen und was aufzubauen. Du wuͤrdeſt mir Un⸗ recht thun, wenn du mir ſagteſt: ich haͤtte alſo kein Vertrauen zu dir. Ich habe es, mein Sohn— ich habe das Vertrauen der Erfahrung, was jungen Leuten bei ihren aͤlteren Freunden ſo oft zum Segen wird. Ich habe das Vertrauen, das nicht dem Augenblick gehoͤrt, nicht deinem Charakter, deinen Faͤhigkeiten, wie ſie jetzt ſind— ich habe das Vertrauen, das in die Zukunft dringt, das zu den Fehlern hinblickt, wie zu dem miß⸗ geſtalteten Leib der Raupe und ſagt: er wird aber ab⸗ fallen mit der Zeit und dann werden ſich Flugel zeigen. — Aber dies Vertrauen der Erfahrung wird uns auch hindernd einſchreiten laſſen, wo es uns geſtattet iſt; wenn in dem Augenblicke der Kriſis, wo wir alle That⸗ kraft bei dem Ringenden verbunden wuͤnſchen, um eine Ausſcheidung des Alten, eine Begruͤndung des Neuen geſund ins Leben zu foͤrdern, wir dieſe Kraͤfte bedroht und geſtoͤrt ſehen durch ein zu fruhzeitiges Ergreifen von Le⸗ bensverhaͤltniſſen, die bindend, trennend und entkraͤftend vorzeitig die erſt zu erwartende Entwickelung uͤberholen. Laß das Leben, wie es jetzt mit deinen Anforderungen vor dir liegt, erſt zu deinem Bewufßtſein werden und zu dem Bewußtſein, was dich zu ſeinem freien Gebrauch uber daſſelbe ſtellt. Nur dann haſt du den Grund „maͤnnlicher Feſtigkeit erreicht, durch den du ein wuͤrdiger Begruͤnder haͤuslichen Gluckes werden kannſt— nur dann werden die, die dich lieben, und die, welche das Maͤdchen deiner Wahl lieben, deinen Wuͤnſchen nicht mehr hindernd in den Weg treten duͤrfen.“ „Ha!“ rief Harry geſpannt—„und wirſt du mir dann Floripes geben— wird dann jedes Hinderniß verſchwunden ſein, was dich jetzt ſo entſchieden macht?“ „Das weiß ich nicht,“ ſagte Urica ſinnend—„aber ich glaube es nicht!“ „Mutter!“ rief der ungluͤckliche Juͤngling faſt drohend—„Mutter! welch' ein Hinderniß waltet ob, daß du mir Floripes verweigerſt? Sag' mir, um der Gnade Gottes willen die Wahrheit!“ „Du biſt Katholik— und deine Kirche wird eine beherrſchende Macht in deinem Leben bleiben,“ ſagte Jakob v. d. Nees. II1. 23 * Urica ruhig—„deine kuͤnftige Gemahlin darf dich nicht in den Zwieſpalt der Wahl bringen zwiſchen bei⸗ den Konfeſſionen— du biſt ſolchen Kaͤmpfen nimmer gewachſen, und das Weſen, welches hinein geraͤth, wird ſchutzlos unterliegen!“ „Nein, nein, Mutter!— das wird nicht ſein,“ ſtammelte Harry—„und es iſt nicht der Grund dei⸗ ner Weigerung.“ „Denke dabei,“ fuhr Urica fort—„daß man Flo⸗ ripes ihre Abkunft von dieſem gemeinen Manne, die⸗ ſem Jakob van der Nees, zum Vorwurf machen kann.“. „Nein, nein!“ ſagte Harry—„das nicht! Wenn ihre Geburt keinen andern Vorwurf traͤgt, als dieſen— den werde ich von ihr abzuhalten wiſſen!“ „Genug!“ ſagte Urica, indem ſie mit einiger Erre⸗ gung aufſtand—„Gruͤnde habe ich dir genug geſagt, um deinen Sinn zu beugen— mein Wille aber bleibt, daß keine Art der Erklaͤrung deine oder Floripes Frei⸗ heit bindet! Du ſollſt als freier Mann das große be⸗ wegte Leben, dem du entgegen gehſt, auffaſſen koͤnnen und allen ſich dir zeigenden Anerbietungen eine durch 5 keine Ruͤckſicht gebundene Stellung entgegen bringen. Jetzt uͤber den einen Punkt, der deine Beurtheilung bindet und deine Leidenſchaften feſſelt, mehr mit dir 6 ſprechen zu wollen, ſcheint mir vergeblich und für dich erfolglos; aber meine Entſchiedenheit wirſt du ſpater ſegnen und mir danken.“ Auch Lord Harry war aufgeſtanden. Er hatte einen ſchwereren Kampf zu beſtehen, als Urica ahnte, denn die Daͤmonen des fruͤh erweckten Mißtrauens ran⸗ gen mit der Liebe und dem ſiegenden Vertrauen zu Urica. Wenn das letztere ſiegte, ſiegte damit auch die Hoffnung auf den dereinſtigen Beſitz der Geliebten— und er hatte fuͤr ſeine erſte Liebe die Hoffnung ſo noͤ⸗ chig, daß das Vertrauen hinzutrat, nicht als Ueberzeu⸗ gung, nicht als ein kraͤftiger Entſchluß, ſondern als ein Nachgeben gegen das Verlangen, den Kampf zu been⸗ digen. „Du ſollſt nicht ſagen duͤrfen, daß ich dir den erſten chaͤtigen Beweis meines Gehorſams ſchuldig bleibe,“ ſagte er, Urica in ſeinen Armen ſtutzend—„und wie ſehr ich dich liebe und ehre, das moͤge dir meine Nach⸗ giebigkeit— bei der ſchwerſten Verſuchung, dir unge⸗ horſam zu werden— beweiſen.“ Floripes hatte mit dem erhoͤhten Ahnungsvermoͤgen der erwachten Liebe gefuͤhlt, daß ſie der Gegenſtand die⸗ ſer langen Unterredung geweſen, und vergeblich ſich be⸗ muͤht, ihre Zerſtreuung und das Beben ihres ganzen Koͤrpers zu verbergen. Orla und William ſaßen vor 23 356 ihr, und das Geſchwaͤtz Beider, worin ſo viel lag, was ſie noch nicht verſtanden, traf nur in einzelnen Worten ihr Ohrz es ſchien ihr, als ob Kinderſtimmen daſſelbe ernſte Lied von Abſchied und Trennung ſangen, was mit ſeiner feierlichen Melodie durch ihr Inneres toͤnte und den Athem ihrer Bruſt verſetzte und ihre Beſin⸗ nung betaͤubte. William kramte viele kleine Geſchenke vor Orla aus — Gegenſtaͤnde, die er bis jetzt ausſchließlich beſeſſen, und zu denen ſie mit der Begierde, ſie zu beſitzen, auf⸗ geblickt hatte. Bei jedem neuen Gegenſtande fiel ihm Orla um den Hals und kuͤßte ihn und dankte ihm, um jedes Mal hinterher in einen Strom von Thraͤnen aus⸗ zubrechen und zu ſagen:„Ich wollte Alles, Alles nicht haben, wenn du nur bei mir bliebeſt!“ Dann hielt William ſie ſtumm an ſeine Bruſt gedruckt und ſtrich ihre Locken und kußte ihr Haͤndchen, und zog es vor, lieber gar nicht zu ſprechen, da ſeine männliche Feſtig⸗ keit, von der er gern dieſe Probe abgelegt haͤtte, bedeu⸗ tend erſchuͤttert war durch den Gedanken, dieſen Liebling ſeines Herzens verlaſſen zu ſollen. Zu dieſer bewegten Gruppe vor der Thuͤr traten nun Urica und Harry, und Beide wuͤnſchten ihre Stim⸗ mung, die noch aufgeregt und leidend war, zu verber⸗ gen; aber Beiden war dies nicht vergoͤnnt, und als Floripes Urica anblickte, rief ſie bekuͤmmert:„Urica— meine Tante, du leideſt!“ Dieſe aber druͤckte ſie mit Lebhaftigkeit an ihre Bruſt, kußte die ſchone reine Stirn des geliebten Maͤd⸗ chens und ſagte ſanft:„Ich hoffe, es iſt voruͤber!“ Die Dazwiſchenkunft des Herrn Cornelius Hooft war Allen eine Erleichterung, obwohl ſeine Mittheilun⸗ gen nicht erheiternd ſein konnten, denn er kam von dem Leichenbegaͤngniß der edlen Frau von Marſeeven. Der junge Lord Montroſe uͤbergab dem Herrn Cornelius Hooft die Briefe nach England, welche dieſer uͤbernom⸗ men zu beſorgen. Sie waren an Lady Jane gerichtet, enthielten die Anzeige ſeiner Reiſe nach Frankreich, und waren der erſte, nicht leicht uͤber ſich ſelbſt errungene Vortheil ſeiner Unabhaͤngigkeit. Auf Lady Jane's Vermaͤhlung hinzielend, welche ihr bald, wie er anzu⸗ deuten wagte, neue Pflichten geben wuͤrde, ſagte er ihr, daß er dem Sir Crafton, welcher noch immer an der Spitze der Verwaltung ſtand, ausreichende Vollmachten geſandt habe— und dieſe waren in einem anderen Briefpaket enthalten, das ebenfalls Hooft zur Beſor⸗ gung uͤbergeben wurde. Je mehr nun das Noͤthige Eins nach dem Andern beſeitigt ward, je entſchiedener ſtellte ſich heraus, daß ihnen Allen nichts Anderes mehr uͤbrig bleibe— als 358 Abſchied von einander zu nehmen. Aber wie verſchie⸗ den auch der Grund des gegenſeitigen Intereſſes ſein mochte, bei dieſem Punkte vereinigten ſich Alle in dem einen Gefuͤhle, dies hinauszuſchieben ſo lange als moͤglich. Floripes hatte augenblicklich in Lord Harry die Ver— aͤnderung erkannt, die nothwendig zwiſchen ſeinem fruͤ⸗ heren Betragen— wo er dem Ziel nah' zu ſein hoffte, und nur Uricds ihm gewiß ſcheinende Genehmigung er⸗ wartete, um ſein ganzes Herz der Geliebten zu Fuͤßen zu legen— und ſeinem jetzigen Zuſtande liegen mußte; und die Spannung und Bekuͤmmerniß des jungen Mannes, ſchien ihr Kaͤlte, und die arme Floripes, die heute zuerſt mit großer Beſchaͤmung die niedrige Natur ihres Vaters erkannt hatte, ſuchte die ſo bald darauf ſich zeigende Veraͤnderung in der erlebten Erfahrung des jungen Mannes uͤber ihre niedrige Geburt. Ihr Herz zog ſich in einem Schmerz zuſammen, deſſen Herbigkeit kein ſie bis jetzt betroffenes Leid ihr zu geben vermochte, und ſie beſchloß mit dem, zu ſchnellen Entſcheidungen ſtets bereiten jungfraͤulichem Stolz, ihm ihre Hoffnungen und Gefuͤhle fuͤr immerdar zu verbergen. Mit dieſem Entſchluß blieb ſie vor dem Sitze Uricas unbeweglich— und ihr geſenktes Auge begegnete nicht 359 mehr den Augen Harrys— die, je naͤher die Stunde der Trennung heran nahte, je mehr die Selbſtbeherr⸗ ſchung verloren, und ihr troͤſtlicheres geſagt haben wuͤr⸗ den, als ſie jetzt noch moglich halten wollte. Endlich empfingen Harry und William den letzten Seegen Uricas, und waͤhrend Orla ganz außer ſich den jetzt weinenden William umklammert hielt, und ihn nicht von ſich laſſen wollte, kniete Lord Harry noch einen Augenblick vor die zitternde Floripes hin, und als er ohne Worte, aber ſeufzend und in der heftigſten Aufregung, ihre Hand gekußt, hullte er einen Augenblick ſein Geſicht in ihren Schleier und— wie oft betrachtete Floripes ſpaͤter dieſen Schleier, an deſſen Zipfel blaue Bandroſen hafteten, wovon eine doch jetzt unwiederbringlich fehlte und ſich nirgends wiederfand. Als die jungen Leute den Huͤgel hinab geeilt waren — der Laubgang ſie verhuͤllte— und die Waͤrterin mit Orla, bemuͤht ſie zu troͤſten, nach einer kleinen Mauer⸗ erhoͤhung lief, von wo ſie das Boot konnte abfahren ſehen— fuͤhlte Urica, wie Floripes, welche unbeweglich dicht vor ihr und zu ihren Fußen ſaß, ſich ſchwerer wer⸗ dend gegen ihre Kniee ſenkte. Theilnehmend weckte ſie ſich aus ihrem eignen Schmerz— ſie bog ſich vor und ſuchte das Antlitz ihres Lieblings— es war erblaßt— das verglaſete Auge ſuchte die Ferne zu durchdringen— 360 aber es ſank gebrochen zuruͤck— Floripes erlag dem großen Weh ihres Herzens. Urica verſtand Alles. Sie ſelbſt rieb den duftenden Inhalt ihres huͤlfreichen Flacon's in die kalten Schlaͤfen des armen Kindes, und als Floripes erſchrocken die Augen offnete und das geliebte Antlitz der Tante uber ſich ſah, erleichterte ein tiefer Seufzer und ein Strom von Thraͤnen das kranke Herz.„Weine! weine, mein Kind!“ ſagte Urica—„Ich verſtehe dich ganz, und ſpäter ſollſt du meine Achtung dadurch erfahren, daß ich dir nicht verbergen will, was zwiſchen mir und Harry ſo eben geſchehen iſt.“ Floripes hoffte nichts Troͤſtliches mehr zu erfahren, und als Urica ihr den Inhalt der eben gehabten Unter⸗ redung, mit der weiſen Vorſicht mittheilte, welche, ohne die Wahrheit zu verletzen, doch uͤberging, was das Ge⸗ fuͤhl aufregen konnte— hoͤrte Floripes nichts: als daß Lord Harry ſie dennoch liebe, und nur der Wille der Tante ihr das Geſtandniß geraubt, nach welchem ihr unſchuldiges Herz ſich unbewußt geſehnt hatte. Dies konnte aber keinen Vorwurf gegen die geliebte Beſchuͤtzerin in ihr aufkommen laſſen. Ja— ſie bat ſie ſogar nach einiger Zeit ihr die Gruͤnde zu wieder⸗ holen, welche ſie zu dieſer Entſcheidung beſtimmt, und fuhlte nicht das naive Geſtaͤndniß, was ſie damit ablegte 361 — was ſie zu Anfang nur aus dieſen Mittheilungen heraus gehoͤrt habe. Urica unterzog ſich dieſer Forde⸗ rung, in der ſie das arme Weſen wohl verſtand, mit aufopfernder Gewiſſenhaftigkeit, da in Floripes Klarheit und Kraft zuruckgekehrt war, und auf ihre Knie geſtutzt, hoͤrte ſie jetzt zuerſt, daß es nicht genug war, ſich gegen⸗ ſeitig zu lieben, um ſich auch vermaͤhlen zu konnen. „Ach!“ rief ſie auf jeden Grund geſpannt aufhor⸗ chend—„auch Montroſe war mit ſeiner erſten Ge⸗ mahlin ungleicher Religion— und dies hat doch ihr Lebensgluͤck nicht geſtoͤrt, wie du mir oft geſagt.“ „Aber es hat ihm ſeine Kinder geraubt!“ ſagte Urica—„Dieſe Kinder, die vor ihrem eignen Vater, wie vor dem Feind ihres ewigen Heils bewahrt wurden, die mit Mißtrauen und Widerſtand gegen Alles erfuͤllt wurden, was ſie die Rechte des Vaters haͤtte koͤnnen wuͤrdigen lehren. Montroſes Herz hat unter dieſem Zwieſpalt, den er nicht zu beſiegen vermochte, weil end⸗ loſe Intriguen ihm jeden Verſuch der Ausgleichung vereitelten, unſäglich gelitten, und ich, die Vertraute ſeiner Schmerzen, muß daher jedes aͤhnliche Verhaͤltniß fuͤrchten.“ „Und dennoch liebt Harry dieſen Vater ſo ſchwaͤr⸗ meriſch, wie wir Alle!“ rief Floripes— „Man hat es nicht hindern koͤnnen. Die vortreff⸗ 362 liche Natur Harrys, der Einfluß Weſton's und Craf⸗ ton's beſiegte die Verſuche, die man in entgegengeſetzter Abſicht machte— und als er todt war, uͤberließ man ihm den unſchaͤdlichen Schmerz, der ſogar eine Waffe mehr ward, da er den armen Juͤngling an Geiſt und Leib zu einem willenloſen gebrochenen Weſen zu machen verſprach.“ „Ach! aber jetzt— jetzt iſt dein Harry nicht mehr ſchwach— nicht mehr unfaͤhig, die zu ſchutzen, die er liebt!“ „Floris,“ ſagte Urica—„die Macht der Jugend⸗ eindruͤcke uͤberſteigt alle Autoritäten unſerer ſpaͤteren Erkenntniß. Wir lieben und haſſen am laͤngſten, gegen jeden Einwand ſiegend, den die Erkenntniß mit der Zeit uns aufnoͤthigt, was wir in der Jugend geliebt und ge⸗ haßt haben; wir vertheidigen Beides am laͤngſten in unſerm Herzen, ja wir koͤnnen ſogar durch die Schluͤſſe unſerer Vernunft, Zeitenweis beide Empfindungen ſchwaͤchen oder aufgeben— aber wir werden fur ſie doch ſtets eine Schwaͤche behalten, eine Milde des Ur⸗ theils gegen das, was wir liebten, eine Schonung, die vielleicht mit keiner Eigenſchaft unſeres Charakters ſonſt zuſammenhaͤngt, und nichts wird einer kleineren Ver⸗ anlaſſung in uns beduͤrfen, als dieſe Gefuͤhle, wie lange auch entfernt und unterdruͤckt, wieder in uns zu erwecken und ſie ihre alte Gewalt uͤber uns ausuͤben zu laſſen. Lady Jane wird ihre herrſchſuchtigen, vielleicht habſuͤch⸗ tigen Plaͤne nie aufgeben. Sie wird jede Frau haſſen, die ſeine Liebe beſitzt und in ſeinem Herzen den erſten Platz erhaͤlt, und Harry wird nicht Kraft und Ausdauer haben, ihrem Einfluß zu widerſtehen, und die fruͤh ihm angewohnte Traͤgheit im Selbſtpruͤfen und Denken wird mit ihr zuruͤckkehren. Er wird das Uebel uber ſich herein ſchleichen laſſen, bis es ihn uͤbermannt hat, und er wird leiden, aber er wird auch Alle leiden laſſen, die auf ſeine Thatkraft angewieſen ſind, ohne dieſe mehr zu ihrem Schutz hervortreten zu laſſen.“ In der Wahrheit liegt an ſich eine Macht, ſelbſt wenn das, was ſie vor uns aufſtellt, noch unſere Er⸗ kenntniß uberbietet. Wir werden uberwältigt und muͤſ⸗ ſen daran glauben, wie oft auch die geheime Sehnſucht unſeres Herzens uns davon abzuziehen ſtrebt. Dies erfahren wenigſtens unverdorbene Menſchen. Floripes fuhlte ſich um ſo entſchiedener beſiegt, als ſie die Muthloſigkeit neben dem Gluͤcke empfand, was ihr zu Anfang die Gewißheit gab, von Harry geliebt zu ſein. Beide Frauen ſaßen lange in einander gebeugt, in ernſtes Schweigen verſenkt. Floris erlebte einen neuen Lebensabſchnitt.—— 364 Als Caas ſein gutmuͤthig freundliches Geſicht um den Laubgang herum ſteckte, erwachten Beide. Sie ſahen, wie der Mond uͤber dem Duft des Meeres ſtand, und die kleine Halle erleuchtete— Floripes erhob ſich ernſt und ruhig— als ſie vor der Tante nieder kniete, ſchien der Mond grade auf ihr Geſicht— ſie war ſehr blaß, und blickte die Tante lange mit einem tiefen forſchenden Blick an, als wollte ſie fragen:„iſt dies das Leben?“ Aber es war in dieſem edlen Antlitz kein Vorwurf, keine Bitterkeit, kein Mißtrauen gegen die ernſte Verkuͤnderin dieſer neuen Lebensfrage— es war eine ruhige, feſte, freudloſe Ergebung, die ſich bewußt iſt, unter einer ſchweren Erfahrung zu ſtehen. Beide wußten, daß ſie ſich auf mehrere Tage trenn⸗ ten, denn Nees konnte ſich in der letzten Zeit nicht ohne Grund vernachlaͤſſigt halten, und verſaͤumte dies nie geltend zu machen, um Floripes dadurch um ſo recht⸗ maͤßiger an das Haus feſſeln zu koͤnnen— und ſo war ihr Abſchied zaͤrtlich, wenn auch wortkarg, denn das un⸗ ter ihnen Angeregte war zu wichtig, um gleichguͤltigen Mittheilungen Raum zu geben. „Orla ſoll dich beſuchen,“ ſagte Urica— Floripes läͤchelte und nickte— ſie kuͤßten ſich noch einmal und Floripes glitt dann langſam den Huͤgel hinab in den dunklen Blaͤttergang hinein. Schuͤchtern machte ſie dort noch einmal die kleine Hand auf, worin ſie das eine Ende ihres Schleiers gedruͤckt hielt— ſie betrachtete es mit der groͤßten Aufmerkſamkeit— es blieb gewiß, die blaue Roſe war abgeriſſen— es fehlte ſogar der Zipfel des blauen Florſchleiers, der einer heim⸗ lichen Gewaltthat nachgegeben hatte. Wer haͤtte ohne Ruͤhrung das liebliche Maͤdchen betrachten koͤnnen, auf deſſen Geſicht ein kleiner Sonnenblick des Glucks fiel, und das nach einem jungfraͤulichen Kampfe, der das blaſſe Geſicht wieder faͤrbte, raſch den kleinen zerriſſenen Zipfel des Schleiers an die Lippen druͤckte und plotzlich erſchreckt von der kuͤhnen Handlung die leichten Fuͤße in Bewegung ſetzte und ſo ſchnell den Gang hinab rannte, daß Caas etwas verwundert gleichfalls einen kleinen Trab machen mußte. Der ſchoͤne Abend war auf der See noch ſchoͤner, als auf dem Lande— der Kanal war breit, und die Nebel deckten ſeine Grenze. Der Mond ſaͤumte jeden Ruderſchlag der tiefdunklen Flut mit einem ſchaͤumen⸗ den Glanze, deſſen weiße Lichter zu funkeln ſchienen. Die Ufer, an denen der Nachen hinglitt, lagen mit ihren romantiſchen Fiſcherhuͤtten in traͤumeriſcher Ruhe die Kinder waren zu Bett— die Alten ſaßen ſtill vor der Huͤtte, oder ein leichtes Geſchaͤft feſſelte noch eine oder die andere einſame Geſtalt guf einem Kahne oder 366 an den Fiſchkaſten, uber denen die großen Netze zwiſchen den Weiden, deren Wurzeln die Wellen beſpuͤlten, auf⸗ gehangen waren. Ein tiefer Friede athmete aus jedem Lufthauch, und Floripes ſaß einſam in demſelben Boote, in welchem noch wenige Stunden fruͤher eine theure Geſtalt unter dem Scheine einer jetzt entſchwundenen Hoffnung ihr nahe geweſen war. Wie ſchwer waͤre es zu entſcheiden geweſen, ob dieſe Hoffnungen ganz entſchwunden waren; aber ſie waren nicht mehr ſtark genug, um Floris zu begluͤcken— vielleicht nur noch ſo ſtark, ſie nicht ganz ungluͤcklich werden zu laſſen. Mit einem langen, weißen Bluthen⸗ zweige in der Hand trennte ſie traͤumeriſch ſpielend das Gekraͤuſel des perlenden Waſſers, welches mit ſanften Gemurmel ſich unter dem Kiele des Bootes theilte. Ihr alter Freund, der Mond, zog wie ihr Begleiter auf dem Spiegel des Waſſers neben ihr hin, und zuweilen ließ ſie den langen Bluͤthenzweig zu ihm hinſchwimmen und verhuͤllte fein Angeſicht damit— da fuhr ein Blitz durch den Mondſcheinnebel, und ein maͤchtiger Kano⸗ nendonner glitt uber dem Waſſer heruber. „Großer Gott!“ rief Floripes— der Zweig ſchwamm losgelaſſen mit dem Strom— beide Haͤnde verhuͤllten ihr Geſicht. „Das ſind die Signalſchuͤſſe,“ ſagte Caas—„der engliſche Geſandte verlaͤßt eben den Hafen— er geht noch heute Abend mit einem Boote nach dem franzoͤſi⸗ ſchen Schiffe, welches morgen in See geht.“ Da weinte Floripes, und die beiden folgenden Schuͤſſe ſchienen ihr Herz zu treffen. Der engliſche Geſandte, Lord Montroſe, der eben dem Schiffe zu⸗ ſteuerte, was ihn als den Bevollmaͤchtigten des engli⸗ ſchen Koͤnigs dem ſtolzen Frankreich zufuͤhrte— wie war er ſo ganz ein Anderer, als Harry zu den Fuͤßen Urica's. Ein unausſprechlich tiefes Weh der Trennung ergriff ihr Herz— als der letzte Kanonenſchlag durch die Luft zitterte, legte der kleine Nachen an dem Pack⸗ hof des alten Purmurandſchen Hauſes an. Den Schleier uͤber ihr weinendes Geſicht gezogen, ging ſie hinter Caas her, der die kleine Thuͤr zum Luſt⸗ hof aufſchloß und ſogleich beſcheiden verſchwand. Floris ging der Linde zu, welche ihre duftenden, weit ausgeſtreckten Zweige uͤber den Sitz breitete, auf dem jetzt die dritte Tochter aus dem Hauſe der Caſambort ihre Thraͤnen fließen ließ. Der Mond blickte wieder uͤber die Mauer des Hofes und beſchien die Marmor⸗ flieſen, auf denen einſt die kleine, gluckliche Floris ihre koſenden Taͤnze mit dem Monde aufgefuͤhrt hatte— behuͤtet von den Augen der Liebe, die ſich ſeitdem auf ewig geſchloſſen hatten.„ 368 Floripes weinte ſich muͤde, als waͤre ihr die Ver— gleichung jener Zuſtaͤnde mit ihrem gegenwaͤrtigen moͤg⸗ lich geweſen— und fern auf dem Waſſer, in dem an⸗ gebundenen Boote ſpielte Caas, der jetzt zu den beſten Geigern gehoͤrte, eine ruͤhrende, ſchmermuͤthige Weiſe. Durch zwei Mauern von dem Abgotte ſeines Herzens getrennt, wollte er ihr mit dieſen Toͤnen ſagen, daß er ſie verſtanden habe und ihre Schmerzen theilte und ihr den einzigen Troſt in der einzigen verſtaͤndlichen Sprache, die er zu reden verſtand, zuſenden wollte. Ach, Floris verſtand ihren alten, treuen Kameraden wohl— ihre Dankbarkeit milderte ihren Schmerz— und als ſie daran dachte, wie ſie ihm morgen danken wollte, zer⸗ ſtreute das leiſe ihren Kummer, und ihr Engel wiegte ſie auf ihrem Lager ein. Nees war, wie uns bekannt, ein vorſichtiger, ver⸗ ſchlagener Wechsler, und wußte die Perſonen, mit de⸗ nen er ſich einließ, gut zu beurtheilen, und hatte auch fur ganz Holland und Niederland ein gutes Gedaͤcht⸗ niß, wenn es galt, die Handelshaͤuſer mit ihren Unter⸗ nehmungen zu beurtheilen, die er immer geneigt war, auszuhorchen— aber Nees war ein elender Politiker und hatte nur ein paar Anſichten erhaſcht, die er mit kurzſichtigem Eigenſinn feſthielt und an die er als ganz untruͤgliche glaubte. Nun hatte er grade jetzt ein be⸗ deutendes Kapital zu einer portugieſiſchen Anleihe her⸗ gegeben, welche ihm große Zinſen einbrachte und ihm als eine aͤußerſt weiſe Maaßregel erſchien, beſonders da ſie nur unter der Hand und ganz im Geheim betrieben wurde. 6 Der Friede mit Portugal ſtellte dies Geſchaͤft ploͤtz⸗ lich in das zweideutigſte Licht. Die Zinſen hoͤrten ganz auf— des Kapitals ward gar nicht erwaͤhnt und ſchien bei der Finanzkriſis des Landes ſehr bedroht— ja, in der Art, wie er zuruͤckgewieſen wurde, erkannte Nees mit einem Male zu ſeinem nicht geringen Schrecken, daß er ſogar in ein Unternehmen verwickelt geweſen, das er vielleicht nicht einmal eingeſtehen durfte, ange⸗ fangen zu haben, noch weniger den Schutz der Staaten dafuͤr fordern konnte, da ihm ſeine Schuldner ſchon die Frage entgegen warfen, wie er als Buͤrger Hollands dazu gekommen ſei, den Feind deſſelben mit Geldmitteln zu unterſtuͤtzen. So lange das Geſchaͤft einen ungeſtoͤrten Fortgang gehabt, hatte Nees ſich heimlich mit ſeiner Klugheit ge⸗ ſpreizt, denn an die moraliſche Zulaͤſſigkeit deſſelben waren ihm keine Zweifel gekommen, da er bei den ſchon Jakob v. d. Nees. IIl. 24 3 vorhandenen, nicht ſehr weit getriebenen Bedenklichkei⸗ ten, ſeine Anſichten uͤber Handelspolitik ſo erweitert hatte, daß eigentlich nur noch die Fragen: Vortheil, Gelingen und Sicherheit uͤber die Zulaͤſſigkeit entſchei⸗ den durften. Nun war es ihm nicht unbekannt geblieben, daß dies Geſchaͤft, welches durch verkappte Agenten und un⸗ ter andern Vorwaͤnden eingeleitet ward, von den beſten und ehrenhafteſten Kapitaliſten mit der Miene ſtolzer Verachtung abgewieſen worden war. Nees, der aber ihre hoͤheren Bedenken nicht verſtand, hielt ſich blos fuͤr kluͤger und ging mit wahrer Schadenfreude in dies un⸗ ſichere und unrechtliche Geſchaͤft ein, hielt ſich durch ſehr pomphaft ausgeſtellte Papiere unter Garantie des Miniſters mehr wie geſichert und genoß kurze Zeit den hohen Zins⸗Zuſchuß mit ungemeiner Befriedigung. Jetzt alſo hatten die Zahlungen aufgehoͤrt, und Nees verſaͤumte nicht, ſich an die vermittelnden Agenten zu wenden, und damit ſtellte ſich die Sache ſogleich in ihrem ganzen wahren Lichte heraus. um den Frieden zu bewirken, waren die Miniſter, welche jene Anleihe garantirt hatten, in Ungnade ent⸗ laſſen und alle ihre Schritte, ſo weit dies irgend zu treiben war, ihrer eigenen Verantwortlichkeit zugeſcho⸗ ben worden. 371 Die dadurch ganz rein gewordene Regierung konnte nun ohne Ruͤckſicht fuͤr die Vergangenheit thun und laſſen, was ſie wollte, und der Frieden war in einer Weiſe abgeſchloſſen, welche alle fruͤheren Hemmungen aufhob und die ganze bisher befolgte Politik umwan⸗ delte. Die Antwort, die Nees auf ſeine Forderungen erhielt, war, daß man ihm die Papiere, auf welche er ſich dabei ſtutzte, ohne weitere Beachtung zuruckſendete, und ihm bemerkte, daß die Verantwortlichkeit des fruhe⸗ ren Miniſteriums zu einer Privatſache geworden waͤre, uber die ſich die gegenwaͤrtige Regierung jeder Ent⸗ ſcheidung enthalten muͤßte. Nun ſtellte ſich dabei auch vollſtaͤndig heraus, daß Neeſens Papiere keine hoͤhere Autoritaͤt als eben die der abgeſetzten Miniſter beſaßen, von deren Handlungen die nachfolgenden keine Notiz zu zu nehmen hatten und ſich uͤberdies der Nachweis einer ſolchen Anleihe in den miniſteriellen Akten nicht ſollte auffinden laſſen, der Herr Jakob van der Nees alſo mit ſeiner ganzen Forderung, als mit einem Privatge⸗ ſchaͤft, an die nunmehr in Privatleute verwandelten Mi⸗ niſter verwieſen war. Dieſe Zuruͤckweiſung geſcah um ſo ruckſichtsloſer, da ihnen ihre vortheilhafte Stellung gegen einen Buͤr⸗ ger, welcher die Feinde des Vaterlandes bei der Ver⸗ wicklung eines Krieges mit demſelben mit Geld zu un⸗ 24* 372 terſtuͤtzen im Stande war, einleuchtete, da ſeine Hand⸗ lung, wenn ſie durch fortgeſetzte Beſchwerden zu eini⸗ ger Oeffentlichkeit kam, ihn wenig beſſer, als in die Kategorie der Landesverraͤther ſtellen mußte. Ihre Antwort enthielt, wie ſchon erwaͤhnt, dieſe Meinung auch ziemlich ruͤckſichtslos; ja, es war eine großmuͤthige Warnung hinzugefugt, ein mitleidiges Verſprechen, von dieſer Handlungsweiſe keine Anzeige an die Staaten von Holland machen zu wollen und die Warnung ſetzte hinzu: daß er ſich ruhig verhalten moͤge, damit nicht durch ſeine eigene Unbeſonnenheit ſein unredliches Ver⸗ fahren gegen das Vaterland an den Tag gebracht werde. Man denke ſich Nees nach dieſen Auseinander⸗ ſetzungen. Die Gicht war wie verſchwunden— er brullte und hoppſte wie unſinnig umher, ehe er zu einem Entſchluß kommen konnte, ohne die Schmerzen der Gicht dabei zu fuͤhlen und vielleicht hoͤrten ſie grade deshalb auf— es ward eine Kur fuͤr die geſteiften Glieder— der gewoͤhnliche Prozeß der Natur bei allen Gemuͤthsexaltationen. Voll Erſtaunen fand Caas das Bett leer, als er kam, den Herrn wie gewoͤhnlich zu kleiden und herun⸗ ter zu fuͤhren. Die Magd erzaͤhlte aͤngſtlich von dem fuͤrchterlichen Gebruͤll, was Nees den Tag vorher und 373 die Nacht getrieben, wie er umher gelaufen ohne alle Huͤlfe von einem Koffer mit Papieren zum andern, und ſie nicht gewagt habe, ihm in den Weg zu kommen, da er oft an ſich ſelbſt die Hand gelegt und ſich Kleider und Haar zerriſſen habe, und— ſie wolle beſchwoͤren — auf die Tiſche geſprungen und wieder dort herumge⸗ ſetzt, daß Alles gekracht habe. Jetzt war er mit Tagesanbruch ausgerannt, ohne Suppe, und hatte die Kleider nicht gewechſelt und ſeit geſtern fruͤh nichts genoſſen. Nees hatte zu ſpät das rechte Licht uber ſeine Hand⸗ lung bekommen, und er ſah ſich in einer Falle gefan⸗ gen, welcher entſchluͤpfen zu wollen eben ſo gefaͤhrlich war, als drinnen ſitzen zu bleiben. Seine elenden Kenntniſſe politiſcher Konſequenzen hatten ihn in dies ungluͤck gebracht, und da es ihm unmoͤglich war, ſeiner eigenſinnigen Beſchraͤnktheit und ſeiner wuͤthenden Habſucht dies zuzurechnen, ſo ergoß ſich ſeine Seele in den rachſuchtigſten Fluͤchen gegen Miniſter, Koͤnig, Land, Agenten— gegen Alles, was er nicht ſelbſt war, und ſein naͤchſter Entſchluß war, nach Antwerpen zu reiſen, wo der damals vermittelnde Agent der portugie⸗ ſiſchen Miniſter lebte und ihn fuͤr ſeine Forderungen verantwortlich zu machen. Es kam aber nicht zuerſt ein Fall vor, welcher ihn 374 wittern ließ, daß noch uͤber der kaufmaͤnniſchen Berech⸗ nung eine Staatenpolitik geheime Schlußfolgen habe, die zwar, wie er hochmuͤthig zu ſeiner Beruhigung an⸗ nahm, ein dummer, unnuͤtzer Wortkram ſei, aber doch gelegentlich nicht unwichtig war, zu kennen, und daß dies aberwitzige Zeug, wie er es nannte, der Herr Cor⸗ nelius Hooft ſehr gut inne hatte, und er ſich dieſen da⸗ her, wie er ſich ruͤhmte, dazu hielt, ihm ſeine eigne ge⸗ ſunde Politik mit dem konfuſen Firlefanz nachzuflicken. Zu Herrn Cornelius Hooft ſturzte daher Nees in der wahnſinnigen Aufregung, welche ihm ſeine Be⸗ fuͤrchtungen gaben— und es war die erſte Hand, die den blanken Klopfer der Thuͤr ruͤhrte, denn die Sonne fing erſt an, die Spitzen der Kirchthuͤrme und die Daͤ⸗ cher der hoͤchſten Haͤuſer zu vergolden. Herr Cornelius war durch und durch ein Lebemann. Er hatte von drei Frauen, die er alle verloren, nur eine Tochter, welche vortheilhaft verheirathet war und im Haag wohnte. Seitdem fuͤhrte Herr Cornelius das Leben eines feinen Junggeſellen, mit allen Comforts des Reichthums und Geſchmacks umgebenz von einer wohlgeſchulten Dienerſchaft gehegt und gepflegt, war das ganze Haus ein Muſter ſtiller und geregelter Ordnung. Der Pfoͤrtner war daher ſogleich bereit, ſehr unge⸗ halten uber das fruͤhzeitige Klopfen Neeſens zu werden, und da er ihn in ſeiner Verwilderung zuerſt gar nicht erkannte, wollte er ihn nicht einmal einlaſſen, da Herr Cornelius eben zu ſeiner erſten Toilette ſchritt. Nun hielt aber Neeſens Grobheit immer am laͤng⸗ ſten gegen Domeſtiken vor, wenn er brutale Entgeg⸗ nungen von ihnen erfuhr, und ſo ließ ſich Nees nicht abweiſen, ſondern wurde ſelbſt ſo wuͤthend, daß der Portier nicht noch ſtarker dagegen ſein konnte. Der fruh⸗ zeitige Laͤrm, der bei der Ruhe der Straßen zu dieſer fruͤhen Stunde das ganze Haus durchdrang, erreichte endlich auch das behagliche Schlafgemach des Herrn Cornelius, welches, von gruͤnſeidenen Behaͤngen einge⸗ hegt und uͤber dem bluͤhenden Garten liegend, ſo leicht nicht beunruhigt werden konnte. Da nun Nees außer⸗ dem in ſeiner Wuth ein paarmal ſeinen Namen gegen den Portier genannt, ſo war es mehr der natuͤrliche Eigenſinn grob behandelter Domeſtiken, welcher ſich die kleine Genugthuung verſchaffte, Nees toben zu laſſen, als die Sorgfalt fur den Herrn, die er hinreichend beitrug, zu ſtoͤren, die ihn immer wieder vermochte, Nees ab⸗ zuhalten, weil ein ſolcher Menſch, wie er ihn nannte, nicht berechtigt ſei, den Herrn Buͤrgermeiſter zu ſprechen. Als Herr Cornelius Hooft erfuhr, was vorging, 376 wurde der Streit natuͤrlich bald beendigt, und Nees rannte dem Leibdiener, der ihn zu holen kam, die po⸗ lirte, mit koſtlichen Teppichen belegte Treppe grunzend und wie ein wildes Thier ſich ſchuttelnd nach, bis zu dem kleinen Empfangsſaal, welcher an das Schlafzim⸗ mer des Herrn Cornelius ſtieß, und in deſſen marmor⸗ nen Kamin ein Feuer brannte, vor welchem ein Fruͤh⸗ ſtuͤckstiſch mit dem reichſten Silbergeſchirr und einigen ſeidenen Fauteuil's ſtand, in deren einem Herr Cor⸗ nelius Hooft in einem bequemen, mit Pelz verbraͤmten Sammtrock ſaß, um ſich an den feinen Leckereien eines erſten holländiſchen Fruͤhſtuͤcks zu erquicken. Nun gab es keinen groͤßeren Gegenſatz, als beide Maͤnner, wie Nees losgelaſſen, den Saal durchrannte, um vor dem Herrn Cornelius ſtill zu halten. An dem Einen war Alles ſauber, fein, elegant und mit der Sorgfalt gewaͤhlt, die der Lurus allmälig an⸗ gewoͤhnt; er ſah geſund, heiter und fuͤr ſein Alter hubſch aus, und der Ausdruck ſeiner Gutmuͤthigkeit war angenehm belebt durch ſeine feurigen, geiſtreichen Augen und ein kleines ſarkaſtiſches Laͤcheln um den fei⸗ nen Mund. Dagegen kennen wir Neeſens Bildung und ſeine Art, ſich zu kleidenz aber wie war dies Alles jetzt herab⸗ gekommen! Er hatte noch nie einen großen Verluſt erlebt— und dieſer ſollte ſogar ohne Murren und Kla⸗ gen ertragen werden— Leidenſchaften hatten ihn ſeit dem vergangenen Tage unterwuͤhlt— er hatte weder geſchlafen noch gegeſſen noch an ſeinen Anzug gedacht, offenbar gewaltſam durch ſeine aufgeregten Leidenſchaf⸗ ten die ſchwere Krankheit der Gichtlaͤhmung uͤberwun⸗ den, und war ſich deſſen nicht einmal bewußt geworden in der Vertiefung ſeiner Gedanken— genug Nees ſah entſetzlich aus, und es waͤre eben ſo wahrſcheinlich ge⸗ weſen, ihn fuͤr ein in menſchliche Kleidung gehuͤlltes Thier zu halten, als unwahrſcheinlich, eine Menſchen⸗ bildung in dieſer Verwilderung zu ſuchen. Herr Cornelius uͤberlief die Erſcheinung Neeſens mit um ſo groͤßerem Erſtaunen, da er ihn zwei Tage fruͤher, noch von der Gicht gelaͤhmt, in ſeinem Stuhl geſehen, und obwohl das Voruͤbergehen dieſes Zuſtan⸗ des nicht zum erſten Male eintrat, war doch das Un⸗ gewoͤhnliche und Wilde in ſeinem ganzen Weſen nicht zu uberſehen. „Wahrlich, Nees!“ rief er ihm entgegen—„fur einen Gichtkranken ſeid ihr raſch auf den Fuͤßen. Dies⸗ mal hat ſich das Uebel ſchneller, als ſonſt verzogen, doch immer ſeid ihr dann auch gleich wieder oben auf.“ „Laßt das!— das iſt Alles gleich,“ ſagte Nees— „Ungluͤck macht Beine. Ich glaube, ich war noch ge⸗ 378 ſtern fruͤh ſo ſteif wie Einerz aber es laͤßt nach, wenn's ſein muß— und an meine Beine habe ich nicht ge⸗ dacht— die ſind von ſelbſt hinterdrein gelaufen.“ „Was? Nees!“ rief Herr Cornelius—„habt ihr wirklich Ungluͤck erlebt, was Ungluͤck zu nennen iſt? Mein Gott! Floris iſt doch geſund?“ „Floris— Floris—“ rief Nees ingrimmig, daß dies das groͤßte Ungluͤck ſein ſollte—„Floris wird nun bald all' ihre Thorheiten einſtellen muͤſſen und nicht mehr das Fraͤulein ſpielen koͤnnen.— Floris wird den Tand der vornehmen Sippſchaft ablegen muͤſſen und an die Arbeit gehn ohne Guͤrtelmagd und Laufburſchen!“— Nees weidete ſich ein wenig daran, den Herrn Cornelius mit den Drohungen fuͤr deſſen Liebling zu plagen, da er wußte, ſeine Beſchwerden wuͤrden ihn nicht allzuſehr betruben. „Nees,“ ſagte auch Herr Cornelius ziemlich ru⸗ hig—„kommt erſt zu Sinnen. Euch hat wieder ir⸗ gend eine Jaͤmmerlichkeit unwirſch gemacht. Wenn Floris geſund iſt, werdet ihr das Andere wohl aushalten. Setzt euch in einen dieſer Stuͤhle und nehmt ſtatt eu⸗ rer Suppe, die ſo fruͤh gewiß noch nicht fertig war, dieſe gute Taſſe aͤchten Mocca.“ „So?“ ſchrie Nees und ſchlug mit der Fauſt auf den fein polirten Tiſch, daß Alles bebte—„was Nees erlebt, iſt Alles nichts— wenns nur der Zierlieſe, der Jungfer Floris, nichts an hat. Aber diesmal— dies⸗ mal geht es ihr mit an den Kragen— diesmal wird ſie ſo gut wie ihr armer, verachteter Vater leiden— dies⸗ mal wird ſie betteln gehn wie Nees— diesmal wird ſie das Joch mittragen ſo gut wie ihr armer, ungluͤck⸗ licher ruinirter Vater.“ Herr Cornelius wurde nun etwas aufmerkſamer. „Nees,“ ſagte er ernſt—„legt eure thieriſche Wild⸗ heit ab und redet dann wie ein geſetzter Mann. Habt ihr Verluſte gemacht? Faßt euch doch— ihr macht ja Alles aufmerkſam auf euch— ihr ſeid ja nicht zu ret⸗ ten, wenn ihr gleich durch eure Verzweiflung euren Kredit aufs Spiel ſetzt.“ Darin lag etwas, was fuͤr Nees verſtaͤndlich war.— Er hielt ein wenig an, dann ſagte er, indem er die un⸗ gluͤcklichen Papiere hervorzog:„Ja, ja, Herr Buͤrger⸗ meiſter— wenn ihr auch ſagt, das taugt nichts— dann iſt Nees ſo gut wie ein Bettler und kann anfan⸗ gen, wo er vor 40 Jahren ſtand: Packknecht fuͤr An⸗ dere ſein und Gewoͤlbe haben mit fremden Guͤtern.“ „Ihr uͤbertreibt wieder, Nees!“ ſagte Herr Corne⸗ lius.—„Zeigt doch her— was habt ihr denn? Solch' ſchlauer Fuchs, wie ihr, wird ſich nicht verrechnen.“ „Ja, wenn's die gewoͤhnliche Rechnung waͤr',“ ſchrie Nees, aufs Neue ſeiner Verzweiflung anheim⸗ fallend—„aber ſo— ſo! Da iſt was bei von eurem Fach— das hat der T.... erdacht— da hoͤrt mein Rechenexempel auf! Da— da leſtt! leſ't und ſagt, ob da noch Rath und Hilfe iſt, wo ſolche Hoͤllenbrut einem ehrlichen Mann mit ihrer Schandthat den Beu⸗ tel ausraͤumt wie Straßenraͤuber und Taſchendiebe.“ Herr Cornelius ſchob aber bei dem erſten Blick, den er darauf warf, den einladenden Fruͤhſtuckstiſch mit einigem Ungeſtuͤm zuruͤck, und indem er alle Papiere auf einen Buͤchertiſch warf, der im Fenſter ſtand, ver⸗ aͤnderte ſich ſein Geſicht jeden Augenblick mehr, und das Schwellen der ſehr verrätheriſchen Stirnader, die das geheime Gefuͤhl dieſes ſanguiniſchen Mannes ſo oft verrieth, trat diesmal, mit drohenden Falten der Stirn verbunden, hervor. Ohne bis zu Ende zu leſen, warf er plotzlich mit einer Art Abſcheu die Papiere von ſich, und mit einer auffallend heftigen Bewegung auf Nees zurennend, rief er:„In dieſe ſchmutzige entehrende Geſchichte ſeid ihr verwickelt? Solch' ein elender, verratheriſcher Wucherer ſeid ihr, daß ihr, um dieſen erbaͤrmlichen Zins zu gewinnen, den der gemeinſte Wechsler unſe⸗ res Geldmarktes mit dem Fuße von ſich ſtieß, weil er ihn verunehrte— daß ihr dieſes ehrloſe Geſchaͤft auf⸗ nahmt und euch damit den Strick verdientet? Wißt ihr“ fuhr er in ſteigender Heftigkeit fort—„daß ihr nicht allein ehrlos, niedertraͤchtig, wie ein ganzer Schurke gehandelt habt— ſondern auch dumm— elend dumm— daß ihr wie ein Schulbube uͤbervor⸗ cheilt ſeid und ein Gelaͤchter fuͤr eure Gegner.“ „Uebervortheilt!“ ſchrie Nees, die Haͤnde rin⸗ gend—„uͤbervortheilt, ſagt ihr? Und dieſe Papiere— dieſe großen Namen— dieſe Miniſter— dieſe Si⸗ cherheit!“ „Elender, einfaͤltiger Wucherer!“ ſchrie Herr Cor⸗ nelius, außer ſich vor Wuth.—„Mit dem Fuß muͤßte ich dich zur Thuͤr hinaus ſtoßen!“ Wuͤthend warf er die Papiere auf den Fußboden und rief:„Sie be⸗ ſchmutzen die Stelle, wo ſie liegen! Weißt du, daß, wenn ich dich verrathen wollte, du aus der Kaufmanns⸗ gilde geſtoßen wuͤrdeſt und dann den Geſetzen an⸗ heim fieleſt, um als gemeiner Verraͤther des Vater⸗ landes gebrandmarkt und mit dem Stricke belohnt zu werden?“ Nees wich zuruͤck— ihm ſchlotterten die Kniee.— „Aus der Gilde— Herr Buͤrgermeiſter— und ein Bettler— und das Alles nichts werth?“ ſchrie er ploͤtzlich, in wahrer Todesangſt neben den Papieren hin⸗ ſtuͤrzend. 382 „So viel werth, daß ihr eurem Gott danken konnt,“ rief Herr Cornelius—„wenn ich ſie mit der Zange in dieſen Kamin werfe, damit jedes Zeugniß ge⸗ tilgt wird, das eure unausloͤſchliche Schande verrathen kann! Ha— Menſch! warum kamt ihr hierher, um mich zum Vertrauten eurer Buͤberei zu machen! Wißt ihr nicht, daß es meine Pflicht und Schuldigkeit waͤre, dieſe Papiere aufzugreifen und ſie dem hohen Handels⸗ gericht zuzuſenden?“ Mit einem wilden Schrei ſturzte ſich Nees uͤber die zerſtreuten Bogen und griff ſie haſtig zuſammen. Furcht und Schrecken vor Herrn Cornelius, dem ſonſt ſo milden und guͤtigen Manne, ließen ſein Herz beben, ohne ihm doch ſein Unrecht klar zu machen.„O, ge⸗ ſtrenger Herr!“ rief er kriechend—„iſt es denn wohl ſo, wie ihr ſagt? Ihr habt nicht Alles geleſen— mein Gott! mein Gott! im Handel und Wandel iſt doch Alles erlaubt, was ſicher iſt! Warum ſoll ich denn ge⸗ ſuͤndigt haben mit ſolcher Anleihe, wie die großen Staa⸗ ten— ſie oft— unter einander machen!“ Cornelius ſah ihn ploͤtzlich an, und ihm kam der Gedanke, daß dieſer Menſch wirklich die Groͤße ſeines Unrechts nicht moͤchte beurtheilen können— der Ver⸗ gleich, den er aufſtellte, war die kurzſichtige Ueberre⸗ dungsformel des gemeinen Wucherers, der von Vater⸗ 383 landspflichten, von Buͤrgertugenden und Ehrlichkeit wie von leeren, taͤppiſchen Redensarten denkt, die Niemand im Ernſt meint. „Nees,“ ſagte der edle milde Mann ploͤtzlich etwas gefaßter—„man weiß nicht, ob ihr ein groͤßerer Schurke oder Dummkopf ſeid. Was ihr ſagt, iſt reiner Unſinn, und ich will zu eurer Ehre glauben, ihr ſeid blos dumm geweſen.“ „Aber— eure elende Habſucht hat euch ſo dumm gemacht— und jetzt ſtraft ſie euch! Hab' ich euch nicht immer geſagt: miſcht euch nicht in politiſche Geſchaͤfte? Der kleine Kraͤmer- und Wucherhandel iſt euer Feld— da erbeutet ihr allmaͤlig euren Vortheil, aber fur grö⸗ ßere Geſchaͤfte fehlt euch aller Ueberblick, und in der Politik wart ihr immer ein Narr! Habt ihr je gehoͤrt, wenn die Staaten Anleihen genehmigten, daß ſie dem Lande zu gut kamen, mit welchem die Staaten in Krieg verwickelt waren? Haͤtte das nicht die Kugeln gießen heißen, mit denen wir beſchoſſen werden ſollten? Koͤnnt ihr das nicht begreifen?“ „Ja, ja, ich begreife!“ ſchrie Nees—„ich be⸗ greife! Aber davon ſteht hier nichts— nein, nein! Das iſt hier anders!“ „So wie ihr dem Lande, das mit Holland im Kriege war, Geld liehet, um den Krieg fortſetzen zu 384 können, beginget ihr daſſelbe, und ſeid ein Landesverrä⸗ ther und muͤßt an den Galgen, wenn Recht und Gerech⸗ tigkeit geuͤbt werden ſoll!“ „Heil'ger Gott— ihr werdet doch nicht?“ ſchrie Nees, vor Herrn Cornelius auf den Knien hinrutſchend —„habt doch Erbarmen! Mein Gott— mein Gott! Bettler bin ich ſchon— Bettler— und noch Strafe — noch an den Galgen— und Alles verloren— das lang beſeſſene Eigenthum! Angela's Vermoͤgen— heil'ger Gott! Liebſter Herr Buͤrgermeiſter, denkt an Floris— an euern Liebling— an das arme Goldkind! Ihren Vater an den Galgen— und das Kind— denkt! das Kind alsdann! Ach, Gott! ich weiß nicht wohin!“ Mit Abſcheu wandte ſich der arme Cornelius von ihm. Sein Herz wollte vor Unwillen zerſpringen— und jetzt hatte der liſtige Nees die Saite in ihm be⸗ ruhrt, die ihn weich und nachſichtig machen konnte. Wenn er an Floris dachte, ſank ſein muthiger Zorn zuſammen, und Gedanken, wie er ihn wenigſtens vor oͤffentlicher Schande ſchuͤtzen koͤnnte, ſtiegen in ihm auf. n Nees erkannte ſogleich ſeinen Vortheil. Herr Cor⸗ nelius war gegen ein Fenſter getreten, um ſich zu ſam⸗ meln. Als er die bluͤhenden Baͤume des Gartens, den 385 friſchen Raſen, die Schoͤnheit und ungeſtoͤrte Betrieb⸗ ſamkeit der heiligen Natur ſah— ſchauderte ſein edles Herz vor der monſtroͤſen Verwilderung, in welche allein der Menſch mit ſeinem freien Willen zu verſinken ver⸗ vermag, wenm er ſich losreißt aus den Armen des hoͤ⸗ heren Lenkers. Ein tiefes Erbarmen mit der Schuld und dem Laſter drang aus dem unſchuldig vollkomme⸗ nen Leben der Natur zu ihm auf, und er faltete mit feuchten Augen einen Augenblick die Haͤnde und bat Gott um den rechten Ausweg. Als er ſich umwendete, ſtand Nees wie ein armer Suͤnder und hielt die geſammelten Papiere in den Haͤnden. „Gott mag wiſſen, ob ich Recht thue,“ ſagte Herr Cornelius—„wenn ich die Hand biete, euren Frevel zu unterdruͤcken. Doch ich ſage euch— nur unter der einen Bedingung, daß ihr dieſe Schwelle nicht uͤber⸗ ſchreitet, bis das letzte Blatt dieſer Papiere, die eure Schande bezeugen, hier in dieſem Kamin in Feuer auf⸗ gegangen iſt!“ Nees wich mit einem Sprunge zuruͤck.„Heil'ger Gott!“ ſchrie er—„verbrennen— all' dieſe Doku⸗ mente, Sicherheiten, Quittungen— Alles ſo gut wie baar Geld— von einem Koͤnigreiche ausgeſtellt— Alles— Alles ſoll in dem Kamin verbrannt werden Jakob v. d. Nees. 1Ml. 25 386 — verloren ſein?— Ihr— ihr wollt ſagen, es ſei nur ſo viel werth? Ihr koͤnnt nicht helfen zum Gelde— zu meinem und meiner Floris Vermoͤgen?“ „Davon kann nicht die Rede ſein!“ rief Herr Cor⸗ nelius.—„Dieſe Kontrakte ſind abſichtlich oder aus Leichtſinn ſo abgefaßt worden, daß fur die nachfolgenden Miniſter keine bindende Verpflichtung darin enthalten iſt. Aus der Antwort, die ihr bereits erhalten, muß euch das ja uͤberzeugend klar werden. Ihr hoͤrt, daß man euch ſagt, dies muͤſſe der Miniſter als ein Privat⸗ geſchaͤft mit ſeinem Vorgaͤnger anſehen, da ſich nirgends in den Finanzprotokollen des Miniſteriums auch nur die Erwaͤhnung einer ſolchen Anleihe faͤnde— beſonders aber auch, da die Papiere, welche ihr zur Beſtätigung eurer Forderung eingeſendet haͤttet, jedes officiellen Charakters entbehrten. Merkt es euch alſo! Der Staat verleugnet eure Forderung und hat alles Recht dazu, aber eben ſo der Miniſter, der mit euch kontrahirte. Er natuͤrlich erklaͤrt dieſe Schuld fuͤr Verpflichtungen des Staats, die ihn nichts angehen, und merkt es euch — er hat dazu auch Recht! Beide Parteien aber gehen ungeſcheut ſo hart mit euch um, weil beide recht gut wiſſen, ihr duͤrft ſie nicht verklagen und die Autoritaͤt der Staaten anrufen, die euch bei jeder anderen Gele⸗ genheit ſchuͤtzen wuͤrde, weil ihr mit der ganzen Sache 387 grade an den Staaten ein Verbrechen beginget. Fuͤhlt ihr nicht, wie veraͤchtlich man euch behandelt? Wie gleichguͤltig und froſtig man die ganze Sache betreibt? Der Feind liebt wohl den Verrath, aber er verabſcheut jedesmal den Verraͤther, und das iſt jetzt aus Dumm⸗ heit und Habſucht euer Fall geworden. „Und doch, und doch!“ bruͤllte Nees dumpf und ſchob die Papiere in ſeine Bruſttaſche—„und doch werde ich ſie nicht verbrennen— ich werde nicht ruhen, bis ich mein Geld habe! Wollt ihr nicht helfen, ſo fahrt wohl! Ihr habt mich genug beleidigt— geht, gehtz ihr ſeid ein falſcher Freund, der hochmuͤthige Gedanken hat, und den ſeine feinen Gruͤbeleien dahin bringen, den geringeren Mann zu beſchimpfen. Ich aber— ich werde Mittel und Wege finden, mein Recht zu verfol⸗ gen, und hier in der Stadt bin ich nicht der Einzige, der ſo was getrieben— und Einer muß jetzt dem Andern beiſtehen— und die Staaten, die lache ich aus. Man kennt ihre krummen Wege auch; geht— geht! Nees iſt kein Neuling; macht euren Kamin mit was Anderem warm— ich werde aus dieſem Brennmaterial hier noch Gold muͤnzen.“ Wuͤthend ſturzte er gegen die Thuͤr. Noch einmal hielt ihn Herr Cornelius am Arm feſt.„Ihr ſeid zu unvernuͤnftig, um euch helfen zu koͤnnen; aber eins 25 388 ſage ich euch: verlautet etwas von dieſer Geſchichte oͤf⸗ fentlich, auf den Maͤrkten, an der Boͤrſe, im Senat der Stadt— es ſei, wo es ſei— ſo zeige ich euch an und fordere eure Beſtrafung. Floripes wird dann von euch genommen, tritt unter die Vormundſchaft des Ober⸗ ſchulzen und legt euren Namen ab. Ihr wißt, uns ſteht dazu das Recht zu, und ich werde es ausuben, ſo wie von dieſer entehrenden Geſchichte das geringſte laut wird.“ „Und ich!“ ſchrie Nees—„ich verbiete euch mein Haus— und kommt nur— und fordert Floris— da werdet ihr an Nees denken! Will man mich zum wil⸗ den Thiere ſtempeln, ſo ſoll man ſehen, was es fuͤr Kraͤfte hat, wenn man ihm ſein Junges rauben will! Jetzt, jetzt ſie ſuͤßer Herr Vormund, ſoll ihr Puppchen, was in Seide und Flor gehen mußte, erfahren, was es heißt, einen Bettler zum Vater haben. Sie— ſie ſoll es jetzt buͤßen, und wenn's bloß wäre, damit ihr die Angſt davon haͤttet!“ Mit einem wilden Stoß ſchob er den Herrn Corne⸗ lius zuruͤck und ſetzte mit einem wahnſinnigen Schrei der Wuth um die Thuͤr. Erſchrocken oͤffnete der Leibdiener des Herrn Corne⸗ lius nach einer kleinen Weile die Thuͤr des Salons und entſchuldigte ſich, als er mit ſichtlicher Freude ſeinen 389 Herrn unverletzt vor ſich ſah, mit der Furcht, die ihnen Allen Herr Nees eingefloͤßt, der wie ein Wahnſinniger in großen Spruͤngen davon gejagt ſei. Nees aber ſammelte in ſeinem gemarterten Geiſte alle Mittel, die ihm noch moͤglich ſchienen, um ſich zu retten. Er nahm ſeinen Weg nach den verachtetſten Theilen der Stadt; er kehrte in Spelunken des zwei⸗ deutigſten Rufes ein, er ſah und ſprach Menſchen, die ſich nicht an der Boͤrſe zeigen durften und nur durch die dritte, vierte Hand Geſchaͤfte bekamen, die ſtets das Licht zu ſcheuen hatten. Er ſuchte durch ſie wieder die Agenten in Antwerpen, die zu derſelben verſtoßenen Klaſſe der Handelswelt gehoͤrten, anzuwerben; er be⸗ ſchloß ſogar, in ſeiner Verzweiflung immer weiter ge⸗ trieben, im Falle dies zu nichts fuͤhre, ſelbſt die Reiſe nach Portugal zu machen, und hoffte dort dreiſter als hier hervortreten zu koͤnnen. Von den Troſtgruͤnden und Verſprechungen dieſer niedrigen Helfershelfer etwas beruhigt, rannte nun Nees gegen Mittag zu Hauſe. Aber es konnte nicht fehlen, daß es ihn aufs Neue zur aͤußerſten Verzweiflung reizen mußte, als ihm hier ein ruhig begruͤndeter Wohl⸗ ſtand, ſogar mit kleinen Verſuchen des verbreiteten Luxus, entgegentrat— und es erfaßte ihn die wildeſte Erbitterung, ein wuͤthender Groll, daß er in dieſem 390 Augenblicke noch der allein Leidende war, und in ſei⸗ nem Hauſe noch Niemand gekraͤnkt und in Verzweif⸗ lung geſtuͤrzt. Er unterließ daher nicht, mit einer Art ſataniſcher Luſt die Staͤtte, wo ſein ahnungsloſes Kind noch in unge⸗ ſtoͤrter Ruhe behuͤtet war, ſo ſchnell als moͤglich zu ver⸗ heeren. Er haßte ſelbſt Floris, die mit ihrem blaſſen, bekuͤmmerten Geſicht im Hofe unter ihren Blumen ſaß, beſtrebt, ihr Herz und ihren Geiſt an ihre Reize zu feſ⸗ ſeln und unter ihren zarten Wurzeln die kuͤhnen Hoff⸗ nungen zu begraben, die ſie zwei Tage lang ſo weit von ihnen weggelockt hatten. Er lugte erſt durch die Thur und ſtieß einen Fluch des Haſſes ſelbſt uͤber ſie aus, als er ſie noch ſo ah⸗ nungslos ſah, und ſtuͤrzte dann mit ſo wilder Gewalt in den kleinen Luſthof, daß er hoffen konnte, ſie mit einem Male um ihre friedliche Ruhe zu bringen. „Heiliger Gott! Vater, was iſt dir?“ ſchrie Floris, als ſie ihn ſah und ſturzte ſich ihm entſetzt entgegen— „ich wußte nicht, daß dir ein Unfall begegnet ſei“ „Ein Unfall!“ ſchrie Nees wild—„einen Unfall nennſt du das? Naͤrrin! hochmuͤthige Naͤrrin!“ ſchrie er und ſtieß ſie unſanfter, als ſie es je erfahren, zuruͤck —„Unfall alſo iſt es, wenn dein Vater ein Bettler iſt— Unfall alſo iſt das in deinen Augen, wenn dein 391 armer Vater auf ſeine alten Tage wieder Packknecht werden muß, und Herr Caas gegen ihn ein großer Mann ſein wird? Unfall! Unfall! O, der Unfall ſoll dich zuerſt treffen! Fort— fort— mit dem Staat von deinem Leibe— fort! fort mit dem Aufwande in Haus und Hof! Deine Kleider ſollen an den Schaumarkt— deine Blumen aus der Erde— fuͤr Brot, fuͤr Brot ſollen ſie verhandelt werden. Das Haus ſoll leer wer⸗ den, noch heute ſoll Silber, Teppiche, Betten, Geraͤthe, Schmuck und alle deine Thorheiten, womit du deinen Va⸗ ter ruinirt haſt, auf einen Haufen geworfen werden, und die Troͤdler ſollen kommen und ſollen es forttragen fuͤr Brod— Brod ſage ich dir, Dirne! Fuͤr Brod, das dein Vater nicht mehr kaufen kann!— Und du— mit den Sammthaͤndchen und dem glatten Geſicht— du ſollſt den Schauer- und Kuͤchendienſt thun, denn hier darf es keine unnuͤtzen Maͤuler mehr geben, die Brod eſſen wollen— und Herr Caas, der vornehme Herr, der ſoll die Mauer zu hoch und die Thuͤren zu dick fin⸗ den— mein Fraͤulein braucht keinen Leibdiener mehr! Das trockne Brod, was wir noch zu eſſen haben werden, kann ſie allein einholen!“ Er haͤtte noch viel laͤnger ſprechen koͤnnen— Floris haͤtte ihn nicht unterbrochen. Ein namenloſes Ent⸗ ſetzen hatte ſie erſtarrt— aus ihrer weichen Schwaͤr⸗ 392 merei wurde ſie zu einer Wirklichkeit geweckt, die alle Grenzen des bisher mit ihrem Vater Erlebten uber⸗ ſtieg. Sie verſtand es, was wieklich eingetreten war — daß er ſie haßte. Er ſprang vor ihr herum, und ieden Augenblick glaubte ſie, er werde ſie erwuͤrgen, denn ſeine Blicke ſchoſſen Pfeile des bitterſten Haſſes. Sie wußte nicht, daß grade ihre Unbeweglichkeit ihn ſo toll machte, da es ihm ſchien, er koͤnne ſie nicht dahin bringen, ſo ſehr zu verzweifeln, als er ſelbſt, und dies hatte ihm die einzige Ausgleichung verſchafft. Viel⸗ leicht ſchutzte ſie vor thaͤtlicher Mißhandlung nur die Dazwiſchenkunft der Magd und des armen Caas; denn gegen dieſe nun brach die bis jetzt verhaltene Wuth aus und Beide waren mit Puͤffen und Schlaͤgen, ſo viel ſie es ſich gefallen ließen, und nicht ohne daß er ſelbſt ei⸗ nige zuruͤckbekommen hatte, in kurzeſter Zeit zum Hauſe hinaus gejagt— und ſo fuͤrchterlich war die Angſt der armen Floris, als ſie ſich mit ihrem Vater allein ſah, daß ſie auf ihre Kniee ſturzte, die Haͤnde zu ihm aufhob und mit irrer Stimme rief:„Toͤdte mich nicht! Laß mich nicht durch deine Hand ſterben!“ Aber das war grade, was ihn befriedigte. Er ſah jetzt, ſie war hinreichend in Verzweiflung— nun un⸗ terließ er nicht, ihr auf's Neue das Leben, zu ſchildern, was anheben ſollte, und worin er mit roher Fauſt alle 393 Freuden des armen zitternden Kindes zerſtoͤrte— und endlich, als das Bild bis in die kleinſten Berechnungen fertig war, hatte er das Leben geſchildert, was er Groͤ⸗ neveldts Witwe und ihrer Tochter aufgezwungen hatte, und er kehrte mit der thieriſchen Luſt und Befriedigung zu dieſem niedrigen Zuſtand der Dinge zuruͤck, und be⸗ fand ſich jetzt wieder vollkommen auf dem Standpunkt, aus welchem laͤngere als zwanzigjaͤhrige Bemuͤhungen ihn nur langſam heraus gelockt hatten, und den er ſtets gegen Willen und Neigung, bloß als eine Laſt ertragen hatte. Es war, als ob ſeine bis dahin in Zwang ge⸗ weſene Natur, ſich nun in ihrer ganzen Wildheit raͤchen wollte, fuͤr das, was ihr ſo lange ſtreitig gemacht war, und als ob ſie hoͤhniſch zeigen wolle, ſie ſei zu ſtark ge⸗ weſen, um jemals in ſich veraͤndert worden zu ſein, und wolle nun in den alten Schwelgereien die Luſt nach⸗ holen, die ihr nach und nach verſagt worden.— Nees war jetzt der niedrige Geizhals ohne alle Scheu— der Menſchenhaſſer und Neider aller Welt— der mitleids⸗ loſe Tyrann— der ſeiner Heftigkeit ſich mit Wonne hingebende Wuͤtherich. Und dabei wurde ihm kanniba⸗ liſch wohl, und als ob er ſeit jahrelanger Beaͤngſtigung zuerſt frei wieder aufathme. Floris war ſo voͤllig an Leib und Seele gebrochen, ſo betaͤubt, ſtand vor einem ſo raͤthſelhaften Greuel, daß 394 ihr Geiſt ihn nicht faſſen konnte, und Nees ihrerſeits durch nichts abgezogen wurde, ſein ganzes neu erwecktes ſcheußliches Innere mit Behagen an's Licht treten zu laſſen. Dann ſprang er mit dem Beſcheid fort, daß er das ganze Haus jetzt ausbeuten wolle, um Alles zum Verkauf zu bringen— und gebot ihr ſich ruhig zu ver⸗ halten, Keinem die Thuͤr zu oͤffnen, ſchloß aber dennoch die Thuͤr, die zum alten Purmurand'ſchen Banketſaal fuͤhrte, da er dieſen zuerſt vornehmen wollte, von innen hinter ſich zu. Als Floripes das Schloß vorſchlagen hoͤrte, ſtohnte ſie auf und ſank ohnmaͤchtig vor ihrem Sitz, auf dieſelben marmornen Flieſen, auf denen ſie einſt, von der Liebe einer Mutter geſchutzt, ihre unſchul⸗ digen Taͤnze aufgefuhrt hatte. Caas war indeſſen, nachdem er die ſchreiende Magd zur Ruhe verwieſen, uͤberzeugt, Nees habe den Verſtand verloren und werde Floris umbringen, zu Herrn Cor— nelius Hooft geſtuͤrzt, um ſeine Huͤlfe fuͤr das arme verlaſſene Kind in Anſpruch zu nehmen. Herr Cornelius war nun keineswegs unthaͤtig ge⸗ blieben. Er hatte unter der Hand zu erfahren geſucht, was fuͤr Geruchte uber Nees zirkulirten und wenigſtens den Troſt bekommen, daß noch nichts der Art uͤber ihn verlautete, alſo ſeine Helfershelfer, wahrſcheinlich kluger als er, die Gefahr der Sache eingeſehen hatten. Ueber ——— . 2 395 Floris war er dabei ziemlich beſorgt, und uͤberlegte mehrere Male, welchen Werth er noͤthig habe auf Nee⸗ ſen's Hausverbot zu legen, da er ſich ſehnte dem armen Kinde ſeinen perſoͤnlichen Schutz zu gewaͤhren, als ihm Caas gemeldet wurde und er auf dem Geſicht dieſes ehrlichen Burſchen ſogleich eine Hiobspoſt ſtehen ſah, welche ihn in heftiger Unruhe aufſpringen ließ, um Caas zum Reden zu bringen, ehe der arme Burſche, der ſeine Beine nicht geſchont hatte, nur Athem dazu fand. Nachdem er den treuen Bericht angehoͤrt, zweifelte auch er nicht, daß Nees koͤnne den Verſtand verloren haben, und der Gedanke, daß Floris ohne alle Hilfe mit dieſem Wuͤtherich allein ſei, entſetzte den armen Herrn Cornelius dergeſtalt, daß er faſt ſchneller als Caas, ſein Barett und ſeinen Mantel kaum uͤberneh⸗ mend, durch die Straßen fortrannte. Caas und ein Leibdiener folgten, und alle Drei verſuchten vergeblich, vor dem alten Hauſe angelangt, Einlaß zu bekommen, ſelbſt kleine Steine gegen die Fenſter blieben ohne Entgegnung— das Gitter, die Thuͤr zum Luſthof, zum Packhof— Alles war feſt ver⸗ ſchloſſen, und kein Zeichen des Lebens ließ ſich bei der ſchaͤrfſten Beobachtung wahrnehmen. Endlich riß dem armen Caas die Geduld, und ſo hoch die Mauer des Luſthofes war, mit Hilfe des Herrn 396 Cornelius, der ſeine kraͤftigen Schultern ohne Beden⸗ ken fuͤr Caaſens Fuͤße hergab, erkletterte dieſer die Mauer, um in den Luſthof hinein ſehen zu koͤnnen. Der ehrliche Burſche ſtieß einen lauten Schrei aus, denn ſeine, in der einen Befuͤrchtung aufgeregte Phan⸗ taſie, glaubte die Beſtaͤtigung vor ſich zu haben, da Floris, von der Bank herunter gefallen, durch eine kleine Contuſion mit Blut gefaͤrbt, noch auf derſelben Stelle am Boden lag, wo wir ſie verlaſſen haben. „Er hat ſie umgebracht!“ ſchrie er verzweifelnd— „da liegt ſie in ihrem Blute!“ und im ſelben Augen⸗ blick ſchwang er ſich mit der groͤßten Anſtrengung uͤber die Mauer und ſprang halb fallend in Floris weiche Blumenbeete. Das fuͤrchterliche Geſchrei, was Herr Cornelius vor der Mauer erhob, uͤberwaͤltigte Caas, der zuerſt zu Floris hinſtuͤrzen wollte— von innen ſteckte der Schluͤſſel— er offnete die Thuͤr und Beide waren im ſelben Augenblick zu Floripes Fuͤßen. „Nein! nein! ſie iſt nicht todt,“ ſchrie Herr Corne⸗ lius unter Freudenthraͤnen—„ſie iſt nicht ſtark ver⸗ wundet— ſie iſt nur ohnmaͤchtig! O Gott! o Gott! was mag ſie erlebt haben! Aber ich ſchwoͤre es zu Gott im Himmel— es iſt das Letzte, was ſie in die⸗ ſem Hauſe erduldet hat— ſie ſoll nicht laͤnger in der D. D. 397 Gewalt dieſes Nees bleiben, den man mit Unrecht un⸗ ter die Menſchen zaͤhlt.“ Die vertriebene Magd fand ſich zur rechten Zeit bei der hilfloſen Lage der Maͤnner ein. Caas trug Floripes wie ein Kind auf ſeinen Armen nach ihrem Schlafzimmer, und hier zeigte ſich, wie ſie von der Magd entkleidet und in ihr Bett gebracht war, das leiſe Wiederkehren des Athems; als Herr Cornelius an ihr Bett gerufen wurde, ſchlug ſie, von ſeiner liebevol⸗ len Stimme geweckt, die Augen auf, und wenn ihr auch nur eine unbeſtimmte Wahrnehmung ihres Zuſtan⸗ des gekommen war, erkannte ſie doch Herrn Cornelius und ein ſanftes Laͤcheln lohnte ſeine zaͤrtlichen Fragen. „Ruhe! Ruhe wird ihr das Beſte ſein!“ rief er, ſich losreißend— und die Magd mit Befehlen fuͤr ihr Verhalten bei der Kranken zuruͤcklaſſend, eilte er in das untere Haus hinab, um Caas zu beruhigen und ſich mit allem Ernſt jetzt uber den Zuſtand von Nees Ge⸗ wißheit zu verſchaffen. Da alle ubrigen Raͤume leer waren, kamen ſie im⸗ mer wieder darauf zuruͤck, er muͤſſe ſich in dem alten Purmurandſchen Saale eingeſchloſſen haben, und Caas und der Diener, von Herrn Cornelius ermuthigt, ſchlu⸗ gen mit einer Axt das Schloß an der Thuͤr auf. Das Erſte, was Herr Cornelius ſah— war das geoͤffnete, in der Wand befindliche Geldſpind des Gei⸗ zigen— er war nun ſicher, auch Nees zu finden. Als er vortrat, lag Nees zwiſchen dem großen Tiſch und dem Geldſpinde auf der Erde— aber er lag nicht allein— auf ſeinem Ruͤcken— halb zur Seite gefal⸗ len— lag die alte Suſa.— Cornelius ſchauderte und blieb ſtehen. Was ſich beſtaͤtigte, als Alle naͤher traten, ahnte er gleich: Beide waren todt! Ueber die Art ihres Endes blieb ein undurchdring⸗ liches Dunkel verbreitet. Suſa verließ faſt nie den an⸗ gewoͤhnten Winkel hinter dem Kamin in dieſem Zim⸗ mer. Seit lange voͤllig geiſtesſchwach, verſchlief ſie hier in einem bequemen Stuhl ihre Tage; nur zwei Wahrnehmungen behielt ſie: fuͤr Floripes— deren kleine Hand ſie zuweilen ſtrich— und fuͤr Nees einen inſtinktartig gewordenen Haß; denn ſie erkannte ihn unter Allen— dann ſchimpfte ſie leiſe mit dem ihr ge⸗ bliebenen Wort: Raͤuber!— und hatte ſie etwas in der Hand, was ſie zu heben vermochte, warf ſie es nach ihm— ja, als er es einmal noch verſucht hatte, ſie zu necken und ihr dabei ein wenig zu nah gekommen war, hatte ſie ihn mit Wuth bei den Haaren gepackt und das Geſicht zerkratzt, und er hatte ihr nur muͤhſam und ubel gezeichnet entkommen koͤnnen. ℳ 399 Nun war anzunehmen, daß Nees in ſeiner Wuth die Anweſenheit der alten Suſa vergeſſen hatte und ſie mit ſich in den Saal eingeſchloſſen. Er mochte wohl ſelbſt durch neue Ausbruͤche von Wuth, deren er ſich immer durch die wildeſten Bewegungen zu entledigen ſuchte, ihre Aufmerkſamkeit erregt haben, denn die Stuͤhle waren noch verſchoben und ließen auf Unruh im Zimmer ſchließen. Offenbar hatte Beide der Schlag geruͤhrt— wie ſie dabei wahrſcheinlich vorher in feindliche Beruͤhrung gekommen, blieb unergruͤndlich. Nees hatte einen Sack mit Goldſtuͤcken aus dem Geldſpinde geriſſen— ſein Inhalt lag halb verſchuͤttet unter ihm— auch Suſa hielt ein Goldſtuck in der durch den Tod feſtgeſchloſſe⸗ nen Hand. Aber vorzuglich auffallend war es, daß die ungluͤcklichen Papiere, aus denen Nees Gold muͤnzen wollte, zerriſſen und zerknittert halb in Suſa's, halb in Neeſens Haͤnden ſteckten und ein Theil in Fetzen um Beide her lag. Welch ein Zufall den Kampf grade deshalb unter ihnen erregt, konnte Niemand ahnen. Achtungsvoll ließ Herr Cornelius die Leiche der al⸗ ten Suſa auf einen Stuhl tragen.„Ehrliches Weib,“ ſagte er bewegt—„ſo iſt noch dein letzter Kampf un⸗ bewußt fuͤr die Ehre der armen Familie geweſen, der du dein ganzes Leben geweiht; als habeſt du geahnt, 40⁰ welche Schande dieſe Papiere enthielten, haſt du ſie zerſtoͤrt und vielleicht um den Preis deines Lebens!“ Nees trug noch als Leiche einen abſcheulichen Aus⸗ druck— und noch war ſein Geſicht roth und blau— und daß ein Schlagfluß ſo unnatuͤrliche Aufregungen, als die vorangegangenen, ſo ſtrafen wuͤrde, war nicht auffallend und ſchon fruͤher zu erwarten geweſen. Nachdem Herr Cornelius unter den Leichen die Reſte der Papierſchnitzeln weggezogen und die am Boden zer⸗ ſtreuten Fetzen hatte ſammeln laſſen, verſchloß er dieſe und das wieder eingeſackte Gold und nahm die Schluſ⸗ ſel zu ſich. Sein Beſtreben ging nun dahin, dieſe letzte entſetz⸗ liche Kataſtrophe, welche die Tragoͤdie dieſes ungluckli⸗ chen Hauſes beendigte, ſo milde als moͤglich an Floris voruͤber zu fuͤhren. Ihre vorherrſchende Schwaͤche uͤberzeugte ihn bei ſeinem zweiten Beſuche, daß die Nacht voruͤber gehen wuͤrde, ohne daß ſie den wahren Zuſtand des Hauſes ahnen werde. Er ließ ſich von ihr verſprechen, daß ſie das Bett nicht verlaſſen wolle, bis er anderen Tages bei ihr eingeſprochen, und antwortete ihr auf ihre aͤngſtli⸗ chen Fragen nach dem Vater, daß dieſer wieder an der Gicht erkrankt ſei, jetzt von Caas gepflegt im Bett laͤge und ſchliefe— und dies erleichterte das arme Kind ſo 401 fichtlich, daß er ſie mit großer Beruhigung verlaſſen konnte. Da Herr Cornelius ein paar Waibel der Stadt hatte herbeirufen laſſen, und dem Todtenbeſchauer wie dem Vorſtand des Trauerdienſtes die Beerdigung bei⸗ der Leichen mit Anempfehlung der groͤßten Stille uͤber⸗ tragen, hatte er die Beruhigung, daß ſchon bei Einbruch der Nacht von maͤnnlichen und weiblichen Dienern die noͤthigen Einrichtungen beſorgt waren, und beide Lei⸗ chen in ihren Sterbekleidern, in ihren Saͤrgen ausge⸗ ſtreckt, dicht neben einander in dem alten Saal der Pur— murand lagen. Herr Cornelius ſtand lange in tiefen Gedanken vor dieſen beiden Geſtalten, die der Tod vereinigt hatte nach einer Feindſchaft, die mit dem erſten Tage ihres Zuſam⸗ mentreffens begonnen, bis zum letzten Hauch ihres Da⸗ ſeins unverſoͤhnlich fortgedauert hatte, und uber deren Ende mit einander, vielleicht durch einander, ein un⸗ durchdringliches Dunkel ſchwebte. Aber jetzt mußte Nees ſchweigend die Naͤhe ſeiner Feindin dulden— und in dieſem Saal, wo Nees ſo grobe Suͤnden gegen Andere begangen, auf dieſem Kampfplatz der tiefſten menſchli⸗ chen Erniedrigung, des haͤrteſten Elendes, was er mit Befriedigung um ſich verbreitete— und in dem Augen⸗ blicke, wo er mit einem Tigerſprunge in den alten La⸗ Jakob v. d. Nees. 1I. 26 ſtern, die er heimlich liebte und erhielt, wieder Fuß faſ⸗ ſen wollte, ward dies ſchrecklich verhaͤngnißvolle Leben auf derſelben Stelle beendigt, und uͤber der Quelle aller ſeiner Laſter— dem Golde— hatte er ſeine entwuͤr⸗ digte Seele ausgehaucht. „O,“ ſagte Herr Cornelius tief bewegt—„iſt das etwa nicht gerecht? Iſt dieſe Gerechtigkeit nicht uͤberall nachzuweiſen, wenn wir von unſerm Herzen die kurzſichtige Leidenſchaftlichkeit trennen, die unſern Blick truͤbt und uns die goͤttlichen Wege verhuͤllt? Nein, nein, mein ewiger Vater! Du biſt ſchon auf dieſer Erde der gerechteſte Richter— und wer dich nicht verſteht, keucht in ſeiner ſich ſelbſt geſchaffenen Gerechtigkeit hin und verfaͤllt zu ſeiner Strafe in Hader mit der Vorſe⸗ hung, in Haß gegen das Leben, in Feindſchaft mit ſei⸗ nen Bruͤdern und ſteift ſich in ſeinem Eigenduͤnkel bis an's Ende einer traurigen Laufbahn.“ Mit dieſer kurzen Leichenrede, die Herr Cornelius unwillkurlich dem Andenken des Jakob van der Nees hielt— wollen auch wir ſein Leben abgethan halten und uns von ihm zu ſeiner einzigen Erbin zuruͤck⸗ wenden. Herr Cornelius ſaͤumte nicht, andern Tages ſo fruͤh als moͤglich die arme Waiſe zu beſuchen, und da er ſie blaß und traurig, aber von der Nachtruhe geſtarkt, ohne 403 alle Krankheits⸗Symptome fand, erlaubte er ihr aufzu⸗ ſtehen und mit ihm im Luſthofe zu fruͤhſtuͤcken. Er wartete ihrer an der Treppe, und es ruͤhrte ihn mehr, als er ſich durfte merken laſſen, wir er ſie ſchuch⸗ tern und von einer Bangigkeit ergriffen, die ſie ah⸗ nungslos doch faſt niederzubeugen ſchien, die Treppe leiſe hinabſteigen ſah, und, ſich ihm mit Thraͤnen in die Arme werfend, zitternd nach ihrem Vater fragen hoͤrte.— „Er ſchlaͤft,“ ſagte Cornelius mit geſenkter Stimme und fuͤhrte ſie an der verſchloſſenen Thuͤre des alten Saals voruͤber, worin Nees wirklich ſeinen letzten Schlaf hielt. Sein Wunſch war nur, ihr erſt in der Morgenluft durch etwas Nahrung Kraft zu den Erſchuͤtterungen einzufloͤßen, die ihr nicht erſpart werden konnten. Aber obwohl der Morgen ſo ſchoͤn war, daß er je⸗ des unbefangene Herz entzuͤcken mußte, hatte Floris doch keinen Blick dafuͤr. Sie hatte ein ſchwarzes Kleid angezogen— ſie ſetzte ſich gehorſam neben ihren guͤti⸗ gen alten Freund unter die ſuͤß duftende Linde und ver⸗ ſuchte, eine kleine Staͤrkung zu nehmen, die ihr ſo drin⸗ gend anempfohlen wurde. Aber ihr Athem wurde kuͤr⸗ zer— ſie ſchreckte zuſammen bei der kleinſten Bewe⸗ gung im Hauſe, und als Caas endlich ſchuͤchtern mit 26* 404 ſeinem bekuͤmmerten Geſicht, worauf er ein Lächeln er⸗ zwingen wollte, in dem Luſthof erſchien— ſchrie Flo⸗ ripes laut auf— ihr Gefuͤhl brach ſich Bahn, und ganz außer ſich rief ſie:„Was iſt hier geſchehen— o, ich bitte euch, habt Erbarmen und ſagt es mir!“ In dieſem Augenblicke ſah ſie den aſten Freund ihrer Mutter, ihren theuren Lehrer und Seelſorger, den guten Herrn Harſens, aus dem Hausflur treten, und indem ſie auf ihn zueilte, rief ſie zitternd:„O, ſagt mir— ſagt mir, was iſt hier geſchehen— wo— wo iſt mein Vater?“ „Er ſchlaͤft den ewigen Schlaf,“ ſagte Herr Harſens mit feſter und ruhiger Stimme—„die Laſt der irdi⸗ ſchen Verſuchung, die ihn ſo elend und ungluͤcklich machte, iſt von ihm genommen. Komm, meine Toch⸗ ter, wir wollen an ſeiner Leiche beten.“ Wir muͤſſen nun ſagen, daß Nees in dem Herzen ſeiner Tochter den vollen Tribut kindlicher Liebe davon trug; daß ſie kein Gedaͤchtniß hatte fuͤr irgend etwas, was dieſen Gefuͤhlen haͤtte Eintrag thun koͤnnen; daß ſie troſtlos war, daß er ſich im Zorn von ihr getrennt, und das ganze Vertrauen, was ſie zu Herrn Harſens hatte, dazu gehoͤrte, um ihm glauben zu koͤnnen, daß ihr dadurch nicht ein bleibender Vorwurf, ein nicht wieder gut zu machendes Unrecht zuruͤckbliebe. 405 Dies Gefuͤhl war ſtark genug, um ihr den Tod Suſa's, als ſie ihn nun auch erfahren mußte, leichter voruͤber zu fuͤhren, obwohl es den Schmerz der Hei⸗ mathloſigkeit, der ſie uͤberfallen, nur noch verſtaͤrkte. Von der hoͤchſten Sehnſucht getrieben— wie ſie es war— fuͤhlten ihre beiden Freunde bald, ſie muͤßten dieſem reinen, kindlichen Gefuͤhle vollen Lauf laſſen— und erſt als ſie an ſeinem Sarge knieen konnte und unter heißen Thraͤnen beten, ward ihr ganzes Weſen aus der Heftigkeit des erſten Schmerzes erloͤſt. Es war nicht moͤglich, wie es Herr Cornelius vorge⸗ habt hatte, Floris ſogleich aus dem Hauſe zu entfernen. — Standhaft blieb das treue Kind als Wache an dem Sarge ihres Vaters und ihrer alten Pflegerin— und wer die flehenden Bitten hoͤrte, die ſie an ſeinen Geiſt richtete, ihr zu vergeben und ſie zu ſegnen— der konnte nicht ohne Gemuͤthsbewegung ſehen, wie ſich die zu An⸗ fang ſo finſter grollenden Zuͤge des Todten nach und nach lichteten und endlich faſt ein Lächeln um ſeinen Mund entſtand, welches ſelbſt die Falten von ſeiner Stirn zu nehmen ſchien.„Weiß Gott,“ ſagte Herr Cornelius zu Herrn Harſens—„ſie betet ihn aus der Hoͤlle heraus. Man koͤnnte denken, er habe um die⸗ ſer Bitten willen Gnade vor Gott gefunden— ſo verklaͤrt ſich dieſe verwilderte Menſchenbildung.“ 406 „Zweifeln wir nicht,“ ſagte Herr Harſens mit mil⸗ der Freundlichkeit—„daß, was wir von der Gnade Gottes in unſerer beſchränkten Sphaͤre annehmen koͤn⸗ nen, immer von ſeiner unerſchoͤpflichen Fuͤlle uͤberboten werden wird.“ Nachdem endlich die irdiſchen Ueberreſte dieſer bei⸗ den letzten Bewohner des alten Purmurandſchen Hauſes zu ihrer ewigen Ruheſtaͤtte getragen waren, verließ auch Floris zwiſchen Herrn Harſens und Cornelius Hooft das Haus ihrer Eltern, um in Urica's Armen die neue Wohnſtaͤtte zu finden, die ihr mit muͤtterlicher Zaͤrtlich⸗ keit geboten wurde. Indeſſen ordnete Herr Hooft den Nachlaß des Jakob van der Nees, unterſtuͤtzt von der thaͤtigen Huͤlfe des Herrn Harſens, welcher jetzt ein angeſehener Prediger bei der Altkirche, der reichſten und angeſehenſten der Stadt, geworden war und mit einer ſegensreichen Wirkſamkeit ein anſehnliches Einkommen vereinigt fand, wodurch ſein haͤusliches Gluͤck kaum, aber ſeine Wohl⸗ thaͤtigkeit bedeutend vermehrt wurde. Es zeigte ſich, daß wirklich, nachdem auch die zwei⸗ felhaften Papiere uͤber die portugieſiſche Anleihe durch den letzten, geheimnißvollen Kampf der beiden Feinde zerſtört waren, nichts Anderes ſich daruͤber vorfand, und nachdem beide Maͤnner dieſe ſchauererregenden Fetzen ver⸗ brannt hatten, mußten ſie ſich eingeſtehen, daß damit auch zugleich der groͤßte Theil von dem ſo lange zuſam⸗ men gewucherten Vermoͤgen des Geizigen verſchwunden war— und wie dieſe Ueberzeugung, die er wohl nicht von ſich abzuhalten vermocht haben werde, ganz dazu gemacht geweſen ſein mußte, ſeine letzten Stunden mit allen Qualen, die er zu leiden vermochte, auszufullen und ihm endlich den Tod zu geben in der maaßloſen Aufre⸗ gung ſeines Gehirns. Alles, warum er geſuͤndigt und ſich und Andere zu Kummer und Elend verdammt hatte, ſchwand in den letzten Stunden ſeines Lebens dahin— und der Fluch Groͤneveldts, den er ſo oft gehoͤrt zu ha⸗ ben glaubte, hatte ihn auf derſelben Stelle todt zur Erde geſtreckt, wo er einſt den feierlichen Eid geſchwo⸗ ren, ſeinen Verlaſſenen ein Schutz zu ſein und ihrem Eigenthume ein treuer Verwalter, und woran er zum Meineidigen geworden war. Der baare Beſtand, die Juwelen, endlich der beab⸗ ſichtigte Verkauf des Hauſes mit ſeinem Inventarium gab eine Summe, deren Zinſen Herr Cornelius mit eiferſuͤchtiger Liebe zu verwalten beſchloß, und da Floris vorerſt an der Seite ihrer Tante geborgen war, konnte dieſe kleine Revenue, gut benutzt, ſich noch mit der Zeit vermehren. Da Herr von Marſeeven Obervormund war, aber 408 nach dem Tode ſeiner Gemahlin ſich den Geſchaͤften entzogen und ſeine erſchuͤtterte Geſundheit auf einer Reiſe mit ſeinen Toͤchtern herzuſtellen ſuchte— fielen all' dieſe Pflichten den beiden andern Vormuͤndern, den eben genannten Ehrenmaͤnnern zu, und wurden von ihnen bis auf die kleinſten Umſtaͤnde hin erledigt. Ein Verſuch des Herrn Cornelius aber, die Summen der portugieſiſchen Anleihen zu retten, indem er ſelbſt das Gewiſſen der zur Zeit kontrahirenden Herrn zu ruͤhren ſich bemuͤhte, ihnen den Tod Jacob van der Nees als Folge anfuͤhrte, und die Rechte der Waiſe geltend zu machen ſuchte, blieben bei aller ſchuldigen Achtung gegen den wohlangeſehenen Buͤrgermeiſter von Amſterdam, doch mit den fruheren Suſhudge ohne allen Erfolg. Floripes blieb in dem Hauſe ihrer Tante, und ſie verlebten mit einander, in einer durch Liebe und geiſtige Gemeinſchaft erhoͤhten Exiſtenz, ſchoͤne Tage, in denen Floris— ungeſtoͤrt durch den Einfluß haͤuslicher Lei⸗ den— in ihrer Vervollkommnung vorſchritt, und zu der Weichheit, welche ihr die Natur gegeben, mehr Kraft und Bewufßtſein bekam, begruͤndete Anſichten, Unterſcheidungen, die feſtzuhalten waren, und wodurch ihr Verſtand in ein richtigeres Wiuniß zu ihren Ge⸗ fuͤhlen trat. S 409 Unuͤberſehbar war es jedoch, wie Urica im Lauf des Winters in ihrer Lebenskraft herab kam, und wie dro⸗ hend ihre Aufloͤſung heran nahte. Auch konnten die erfahrenen Freunde, zu denen vor Allen Hooft und Harſen's gehoͤrten, ſehr wohl fuͤhlen, wie Urica ihre Aufloͤſung nunmehr erwartete, und wie all' ihre Anord⸗ nungen ſich auf dieſe ihr immer naͤher ruͤckende Periode bezogen. Sie wuͤnſchte nicht, daß Floris und Orla nach ihrem Tode in das große Haus der Marſeevens uͤbergehen ſollten. Floris Vermoͤgen war jedenfalls zu ſo vorneh⸗ men Angewoͤhnungen zu geringz und Orlas Vermoͤgen ſchien ihr ſo ganz in Frage geſtellt, daß ſie auch von ihr die Beduͤrfniſſe des Luxus abzuhalten wuͤnſchte. Ueber dieſe Beſtimmungen ſprach ſie auch mit Floris, und ſagte ihr, daß ſie wuͤnſche, Orla und ſie in das Haus des guten Herrn Harſens uͤbergehen zu ſehen. Herr Harſens hatte beide Toͤchter verheirathet; er und ſeine muſterhafte Gattin bewohnten ein ſchoͤnes geraͤumiges Haus, worin die gebildete Sitte Beider eine edle Ele⸗ ganz geſchaffen hatte, wie ſie aber nicht die Grenzen uberſchritt und nur mit der angeſehenen Stellung eines Pfarrherrn bei der erſten Kirche der Stadt uͤberein⸗ ſtimmend war. Hier konnten die jungen Maͤdchen in dem ehrenhafteſten Schutz, in aͤhnlichen Gewohn⸗ 41⁰ heiten ungefaͤhrdet leben, bis ihre anderweitigen Ver⸗ haͤltniſſe ſich Vertrauen einfloͤßend geſtaltet haben wuͤrden. Urica fuͤrchtete gegen Ende des Winters, ſie werde Harrys Ruͤckkehr nicht mehr erleben, und ſie vertraute ihren Freunden den Wunſch an, daß Orla ſo lange bei Herrn Harſens bleiben moͤge, bis ihr Bruder vermaͤhlt und den beſtimmten Verhaͤltniſſen deſſelben zu ver⸗ trauen ſei. Ihr Herz blieb hier ſtets in Bezug zu Floris von großen Zweifeln bewegt. Herr Cornelius Hooft war ein ſchlechter Rathgeber dabei.— Er war immer fuͤr heirathen, gluͤcklich machen — und wenn Floripes ein wenig blaß oder ſchwer⸗ muͤthig ausſah, haͤtte er ihr die Wuͤnſche, an denen er fuͤrchtete, daß ihr Herz hing, vom Himmel herunter holen moͤgen. Auch hatte er immer einen Grund, der ſich laͤngſt bei Urica geltend gemacht und den ſie eben nicht hoͤren wollte, naͤmlich: wie ſicher dann Or⸗ la's Schickſal war, wenn ſie eine ſolche Schwaͤgerin fand, und daß dann dieſe Kinder ſich nicht zu trennen brauchten. Herr Harſens, als zweiter Rathgeber, kannte die Verhaͤltniſſe zu wenig, um ſich eine Anſicht zu erlaubenz er ſagte nur: wenn man von der Ehe etwas fordern wolle, muͤſſe man zuerſt beruckſichtigen, ob die Herzen ſich 411 gefunden— und da koͤnne— Trennen— auch eine Suͤnde werden. Herr von Marſeeven blieb aber den Winter aus, da er bei einer ſeiner Toͤchter in Venedig kurze Zeit lebte. Sein Rath war der ausreichendſte, der, welcher den meiſten Ueberblick mit der groͤßten Sn vereinigte— aber er fehlte Urica. Dazu kam, daß ſich ſchon in dem erſten Jahre Miß⸗ helligkeiten zwiſchen England und den Staaten einſtell⸗ ten, die es wahrſcheinlich machten, daß dieſe eiferſuch⸗ tigen Rivalen des Meeres, ſich uͤber kurz oder lang die Stirn bieten wuͤrden; und Urica, die trotz ihrer ſtolzen Zuruͤckgezogenheit in jeder ihr beliebigen Verbindung mit den hohen Autoritaten des Hofes und Staates blieb, ſchoͤpfte daruͤber aus den ſicherſten Quellen Nachrich⸗ ten, welche ihr auch uͤber Williams ferneres Verbleiben in hollaͤndiſchen Dienſten große Bedenken gaben— da es ihn zuletzt ganz außer Dienſt, oder in feindliche Ver⸗ haͤltniſſe zu ſeinem Vaterlande bringen konnte. Zwiſchen dieſen Sorgen machten die Briefe aus Frankreich von Harry und William die wohlthuendſte Unterbrechung. Nicht allein wirkten die Anregungen des fremden Landes mit ſeinen großartigen Verhaͤlt⸗ niſſen, die ſich alle durch den Koͤnig an ſeinem glaͤnzen⸗ den Hofe vereinigten, ſo belebend und kraͤftigend auf 412 Beide— es lag auch in dem Zuſammenſein der jungen Leute, die wuͤnſchenswertheſte Wechſelwirkung. William's offenes vertrauensvolles Gemuͤth, das feurige Leben, was ihn durchſtroͤmte, die Glut der Phan⸗ taſie, die unerſchutterliche Heiterkeit, die in der eiſernen Feſtigkeit ſeiner Geſundheit ruhte— dies Alles riß Lord Harry mit fort; es gab ihm einen Theil ſeiner verlorenen Jugend zuruͤck— und immerfort von den heiteren Vorausſetzungen William's aus ſich heraus getrieben, lernte er die Faͤhigkeit der Heiterkeit erſt in ſich verſtehen, und ſie war zu natuͤrlich, um ihn nicht mit einem Gefuͤhl von Geſundheit und Lebensmuth zu erfullen, in welchem ſich ſchnell die edelſten Kraͤfte dieſes jungen begabten Mannes zeitigten. Wenn Urica dieſe ſchoͤnen Briefe empfing und aus ihnen Alles herauslas, was wir eben mitgetheilt, dann ſagte ſie oft ſinnend zu ſich:„Warum ſollte ich ihm nicht vertrauen? Warum das Gluck dieſer Herzen ſtöͤ⸗ ren, da ich in ſo kurzer Zeit die Fehler, die mich beunz ruhigten, von einer ganz neuen maͤnnlichen Entwicklung“ uͤberragt ſehe?“ Wenn dann dieſe Briefe zu Floris ubergingen und immer und immer wieder von ihr geleſen wurden— dann begegneten ſich oft die Augen dieſer ſchoͤnen auf⸗ richtigen Seelen, und die entzuͤckte Frage in Floris Augen fand eine tröſtliche Antwort in Urica's ſanftem Blick. Gegen Anfang des Fruͤhjahrs erhielt Urica von der Koͤnigin von England durch Harry mehrere Briefe, worin ſich eine Einlage befand an ihre Tochter, die Prinzeſſin von OHranien, die Mutter Wilhelms des Dritten. Da aber die Bedingung einer ſicheren Ein⸗ haͤndigung dabei war, ſchrieb Urica der Prinzeſſin, mit der ſie in freundſchaftlicher Verbindung ſtand, und be⸗ fragte ſie um die Art, wie ſie dieſelbe zu empfangen wuͤnſchte. Sie bekam die Antwort, daß die Prinzeſſin ſelbſt mit ihrem Sohne nach Amſterdam kommen werde, da ſie beſchloſſen, die Staaten zu bereiſen, um ihren Sohn — den die Stimme des Volks immer entſchiedener in ſeine alten Rechte zuruͤck berief, und dem de Witt eben ſo wie die hochmögenden Herrn der Staͤdte ſchon den Rang eines General-Kapitains von Holland uͤbertra⸗ gen und einſtimmig die Ausſchließungsakte aufgehoben — durch ſeine perſonliche Gegenwart der endlichen Ent⸗ ſcheidung naͤher zu bringen. Dies unterbrach auf eine fur die jungen Maͤdchen hochſt beſchaͤftigende Weiſe die Einſamkeit des ſtillen Jagdhauſes; denn die Prinzeſſin beſuchte Urica ſelbſt und ſtellte ihr den ſchoͤnen zwoͤlffaͤhrigen Prinzen vor, 414 der, beſtimmt, eine ſo große Rolle in zwei gleich bedeu⸗ tenden Laͤndern zu ſpielen, ſchon jetzt den Stempel eines erhabenen Sinnes, einer ungewoͤhnlichen Charakter⸗ anlage und eines Scharfblicks zeigte, der von der leb⸗ hafteſten Wißbegierde unterſtuͤtzt wurde. Waͤhrend die Prinzeſſin und Urica ſich die Mitthei⸗ lungen machten, welche keine Zeugen duldeten, durch⸗ ſtrich der Prinz mit den beiden jungen Maͤdchen den Garten und ward nicht muͤde, ſich die verwandtſchaft⸗ lichen Verhaͤltniſſe derſelben erklaͤren zu laſſen, und wußte ſie zuletzt auswendig, und erzaͤhlte ſie ſeiner Mut⸗ ter, als die jungen Leute zuruͤckberufen wurden, mit einer Klarheit, daß die Prinzeſſin lachend zu Urica ſagte:„So iſt er mit Allem, liebe Marquiſe! Sie bekommen ein Proͤbchen ſeiner Gruͤndlichkeit— aber auf dieſe Weiſe behaͤlt er auch Alles, und wir koͤnnen, denke ich, die Zeit Beide nicht erleben, wo er es ver⸗ gißt.“ Der Prinz laͤchelte, was ſeinem ruhigen Geſicht ſehr ſchoͤn ſtandz dann aͤußerte er den fruͤhreifen Ge⸗ danken, daß Alles, was man nur halb und unvollſtaͤn⸗ dig wiſſe, den Geiſt beſchwere und nur der vollſtändige Beſitz eines Begriffs ihn klar erhielte. Darauf ſagte die Prinzeſſin, ploͤtzlich in officiellen Ton zu dem wahrſcheinlichen Statthalter der Nieder⸗ 415 lande uͤbergehend:„Hoheit! wir haben der Marquiſe von Montroſe, unſerer und unſerer Mutter Freundin verſprochen, nach ihrem Tode, von dem wir hoffen, daß er fern ſei— uͤber das Schickſal dieſer jungen Mäd⸗ chen wachen zu helfen und ſie der Macht und dem Schutz Eurer Hoheit empfehlen zu wollen.“ „Wenn,“ ſagte der Prinz ſich verbeugend—„ich je zu Macht und Anſehn gelange, ſo werde ich dieſes Beſuchs und dieſer beiden Fraͤulein nicht vergeſſen, und wenn ihnen Schutz noͤthig wird, ſoll ihnen der meinige, wenn er weit genug reicht, hilfreich werden zu koͤnnen, niemals fehlen— und als Cavalier darf ich ihn ja je⸗ denfalls geloben.“ Dies war der letzte Vorfall, der Urica mit dem aͤu⸗ ßeren Leben in perſoͤnliche Beruͤhrung brachte. Nach dieſem Beſuch bekam ſie ein ſehr hoͤfliches Schreiben des Herzogs von Hamilton, worin er ihr die Vermäh⸗ lung des Grafen von Laneric mit der Lady Jane Gra⸗ ham anzeigte und zugleich meldete, daß die jungen Ehe⸗ leute vorerſt nach Spanien auf den Geſandtſchaftspoſten des Grafen von Laneric abgegangen waren und wahr⸗ ſcheinlich bis zu ſeinem Tode, der den Grafen dann als Haupt der Familie nach England rufe— dort verblei⸗ ben wuͤrden. „Wieder ein Hinderniß weniger!“ ſagte Urica— und ihr Blick fiel mit der Waͤrme der Hoffnung auf Floris, welche dem Fruͤhling, der auch Harry aus Frankreich zuruͤck bringen ſollte, mit einer ſo uͤber⸗ ſchwenglichen Beſeeligung entgegen ging, daß Urica nicht ohne Beruͤhrung davon blieb und mit ihr zu wuͤn⸗ ſchen begann, daß die Befurchtungen, die ſie genaͤhrt, alle ſich aufloͤſen moͤchten. Weiter enthielt der Brief des Herzogs von Hamil⸗ ton eine feine Andeutung, es koͤnne beſſer ſein, daß der junge Englaͤnder, der Pflegeſohn der Lady Urica, lieber jetzt in vaterlaͤndiſche Dienſte uͤberginge, da die Ver⸗ haͤltniſſe beider Laͤnder noch freundſchaftlich zu nennen waͤren; und Urica ſah darin die Nachrichten ihrer Lands⸗ leute beſtaͤtigt, die einen langen Frieden beider Länder nicht mehr moglich hielten. Der Herzog. wiederholte! dabei ſeine Anerbietungen fuͤr William und konnte die Aeußerungen der Theilnahme nicht ganz unterdruͤcken, die ihm die Perſon des Juͤnglings eingefloͤßt. „Alſo deſſen Schickſal draͤngt ſich auch nach Eng⸗ land hin!“ ſagte ſich Urica—„und mir kommen noch in den letzten Tagen meines Lebens all dieſe Umſtaͤnde naͤher, als forderten ſie meine letzte Entſcheidung.“ Sehr erleichterte ſie die Ankunft des Herrn von Marſeeven, da ſie ſchon nicht mehr das Bett zu ver⸗ laſſen vermochte, und in ſeine Bruſt legte ſie all ihre 417 Beſorgniſſe, all' ihre Wuͤnſche, alle Beſchluſſe nieder, welche ſich auf die Lieblinge ihres Herzens bezogen. Die ruhige, wuͤrdige Haltung ihres Verwandten buͤrgte ihr fuͤr eine gewiſſenhafte Pruͤfung aller Umſtaͤnde, ſein großer Geſchaͤftsuͤberblick, ſeine politiſchen Einſichten ließen die ausreichendſte Feſtſtellung der aͤußeren Ver⸗ haͤltniſſe annehmen, und ſie durfte von ihm in allen Dingen das Maaß erwarten. Gegen ihren Willen betrieb Herr von Marſeeven die Ruͤckkehr von Harry und William, da Urica's Auf⸗ loͤſung jeden Tag Fortſchritte machte, die ihr Ende faſt auf Stunden berechnen ließ. Aber ſie erlebte ihre Ankunft nicht mehr. Mit dem Frieden und der Freudigkeit einer Heiligen ging ihr reiner Geiſt von hinnen, und ihre letzten Stunden hatten einen ſolchen Abglanz ihres Zuſtandes um ſich verbreitet, daß Alle, wie ſie den letzten Athem entflo⸗ hen wußten, in ein ſtummes, heiligendes Nachdenken verfielen, und der Tod an dieſen, von Urica's Geiſt ge⸗ ſegneten Herzen ſeinen Pfeil gebrochen hatte. Als am naͤchſten Tage Ulla, die alte Kammerfrau Urica's, die Trauernden in das Sterbezimmer einlud, welches auszuſchmuͤcken ſie ſich allein vorbehalten hatte, feierte Urica's irdiſche Huͤlle den letzten Triumph der Schoͤnheit. Schon vor ihrem Hinſcheiden hatten Alle, Jakob v. d. Nees. II. 27 418 die ſie umgaben, das Gefuͤhl gehabt, daß ihre Schoͤn⸗ heit wiederzukehren ſchien. Jetzt hatte der Stolz ihrer Dienerin die Wahrnehmung geſteigert. Das Zimmer war mit Orangenbaͤumen umſtellt, deren Bluͤthen die Luft mit ihrem Wohlgeruch erfuͤllten. In Mitte die⸗ ſes Hains ſtand in Moos und Blumen der offene Sarg, auf dem die wunderbare Schoͤnheit lag. Seit langen Jahren hatte Niemand mehr die Pracht ihres reichen blonden Haares geahndet— jetzt lag es von der Stirn geſcheitelt, vom Haupt bis uͤber die Knie nieder⸗ fließend, wie ein goldner Mantel von beiden Seiten die zarte Geſtalt umſchließend. Ein weißes ſeidnes fal⸗ tenreiches Gewand deckte den Koͤrper, und unter der Bruſt lagen die wunderſchoͤnen Haͤnde gefaltet, die nicht mehr die kleinen Gruͤbchen zeigten, die Frau von Mar⸗ ſeeven einſt bewundert, und an deren kleinem Finger der geheimnißvolle Ring der Frauen des Hauſes Caſambort fehlte, der bereits feierlich durch Herrn von Marſeeven an den, auch ihr wie Orla dazu verliehenen, Finger der armen Floripes uͤbergegangen war. Ein kleiner Reif von Rubinen, den Urica als Braut bei ihrer erſten Vermaͤhlung getragen, ruhte uͤber der glaͤnzend weißen Stirn, die von einer Heiterkeit und Verklaͤrung leuchtete, daß nur das lebensvolle und doch ſo uberirdiſche Laͤcheln des Mundes noch bezaubernder war. Die Abzehrung des Koͤrpers war bei der Fein⸗ heit der Knochen kaum auffallend und gab der ganzen Erſcheinung jetzt eine Jugendlichkeit, daß es ſchien, es ſei eine Jungfrau hier in den erſten Stadien des Alters hinuͤber gegangen. Alle blieben in lautloſem Entzuͤcken vor dieſem herrlichen Bilde des Todes ſtehen— und Alle knieten in feierlicher Sammlung nieder und der Schmerz ward Andacht. Da drang der Ton eilender Schritte naͤher— Flo⸗ ripes erbebte— Orla erkannte mit einem Schrei die fragende Stimme des Bruders, und William und Harry ſtanden unter den Trauernden, und Beide riefen mit allen Toͤnen des Schmerzes:„Alſo doch zu ſpaͤt?“ „Nicht zu ſpaͤt, um mit uns zu beten,“ ſagte Herr Harſens—„nicht zu ſpaͤt, um mit uns in dieſem ver⸗ klärten Angeſicht die Seligkeit zu ahnen, die ihr zu Theil geworden!— Auch ließ ſie euch, meine jungen Freunde, ihren Segen zuruͤck— ihre Liebe kannte keine irdiſchen Grenzen mehr— ſie war mit euch vereint, als ob ſie Raum und Zeit beſiegt, und vielleicht habt ihr in eurem Geiſte die Anklaͤnge des ihrigen em⸗ pfunden.“ William warf ſich jetzt laut weinend in die Arme 2 420 ſeines alten Lehrers, waͤhrend er Orla feſt an ſich zog. Als der erſte Sturm der Gefuͤhle uͤberwunden war, ſeg⸗ nete Harſens die Leiche feierlich ein, und Marſeeven und Hooft noͤthigten endlich ihre jungen, im Schmerz ſchwelgenden Freunde das theure Sterbezimmer zu ver⸗ laſſen. Nach der Beiſetzung der Leiche folgten Orla und Floripes der Anordnung Urica's gemaͤß, ihrem theuren Lehrer Herrn Harſens in ſein wohnliches Haus, wo ihnen von der trefflichen Gattin eine Stelle bereitet war, die allen Reiz haͤuslicher Ruhe und feiner geiſtiger Bildung trug. William kehrte nicht nach der Marineſchule zuruͤck — Lord Harry machte, nachdem jene Verhaͤltniſſe durch Urica's und ſeiner Vormuͤnder Willen aufgeloſt waren, ſeine Rechte auf ihn geltend, und ſie waren ihm bereits durch den Willen ſeiner Stiefmutter zuer⸗ kannt.— Nachdem die erſte Zeit der Trauer voruͤber war, und dieſe ſtillen Wochen das Beiſammenſein der jun⸗ gen Leute nicht geſtoͤrt hatten— trat Lord Harry gegen den Obervormund der trauernden Floripes mit ſeinen Wuͤnſchen fut ſie hervor. Herr von Marſeeveß nahm dieſen beſtimmten An⸗ trag nicht mit Erſtaunen und ueterraſch keuf ſon⸗ 421 dern ſagte ihm, daß er ihn vorausgeſehen habe, und ſo⸗ bald er des Herzens ſeiner Muͤndel gewiß ſei, nichts ge⸗ gen dieſe Verbindung einzuwenden habe. Doch ließ er den jungen Mann nach dieſer Willfaͤhrigkeit nicht ſo ſchnell aus den Haͤnden, wie dieſer es ſich wuͤnſchen mochte, denn jetzt wollte der Vormund von Floris und Orla, der ſtrenge Geſchaͤftsmann, ſein Recht haben, und Harry fuͤhlte bald— Widerſtreben werde ſeine Freiheit nur noch laͤnger beſchraͤnken. Er theilte ihm nun die Verluſte mit, die Nees in ſeiner letzten Lebensperiode erlitten und einen genauen Nachweis des uͤbrig gebliebenen kleinen Vermoͤgens der armen Floripes. Dies erleichterte Harry foͤrmlich. Von ihm ſollte dies geliebte Weſen nun Alles anneh⸗ men muͤſſen— und der ſchmutzige Gewinn des Geizi⸗ gen haftete nicht mehr an ihrer Perſon. Als dies abgeſprochen war, ging Herr von Marſee⸗ ven zu Orla's Verhaͤltniſſen uͤber und ſagte ihm, wie ihr Vermoͤgen von der Redlichkeit des Koͤnigs abhinge, und wie außerdem das Teſtament ſeines Vaters ihr eine Entſchaͤdigung anweiſe, die ihr die Rechte der Erbſchaft, im Fall ihr eignes Vermoͤgen ihr vorenthalten wuͤrde, zugeſtehe. Er nahm zu dem Ende das Portefeuille, welches alle dieſe Papiere enthielt, um ſie gegen gehoͤ⸗ rige Abſchriften und Quittungen in ſeine Haͤnde zu 422 uͤbertragen. Wir wiſſen nun, daß Herr von Marſee⸗ ven das Teſtament des Marquis von Montroſe nicht mehr darunter fand; aber nach der erſten unangeneh⸗ men Empfindung, die ihm dies machte, war er geneigt, den Grund dieſer Verſaͤumniß in der ſehr ge⸗ woͤhnlichen Zerſtreuung des Koͤnigs zu ſuchen, und uͤber⸗ zeugt, da der Koͤnig ſich dieſem Geſchaͤfte ſelbſt unter⸗ zogen hatte, wie das eben erſt gebrochene Siegel deſſel⸗ ben beſtaͤtigte, daß er das Teſtament unter ſeine Papiere gelegt haben werde, ſtatt es denen des Herrn von Mar⸗ ſeeven hinzuzufuͤgen. Er verſprach dem jungen Lord, ihm deshalb einen Brief an den Koͤnig mitzugeben, der ihm die Sache in Erinnerung bringen ſollte, deren bal⸗ dige Erledigung er nicht bezweifelte, da er kein Intereſſe beim Koͤnige vorausſetzen konnte, dieſe Sache von ſich abzulehnen. Da Harry unter der Autoritaͤt des Herrn von Mar⸗ ſeeven bei Floripes erſchien und die nur geſtiegene Nei⸗ gung Beider ihnen die Schwierigkeiten verſchwinden ließ, womit Urica einſt ihr Herz beunruhigt hatte, zwei⸗ felte Floris nicht laͤnger, Herr von Marſeeven habe von ihrer Tante die Einwilligung gehabt, die ſie ſich ſehnte, dem Geliebten ihres Herzens zu geben. In Wahrheit ſchien nun eine Ausgleichung aller Verhältniſſe einzutreten, die ihnen wie der Segen des Himmels erſcheinen mußte, da Orla und William nun eine Heimath fanden, die ihnen keine Trennung von den Perſonen auferlegte, zu denen ſie ſich mit allen Banden der Liebe und der Verwandtſchaft gehoͤrend fuͤhlten. ula und der alte Diener gingen zu ehrenhafter Ver⸗ ſorgung in das Haus des Herrn von Marſeeven uͤber; Caas aber, der nicht ohne Schulkenntniſſe war und be⸗ ſonders eine ſchoͤne Hand ſchrieb, ſollte als Sekretair der jungen Marquiſe in ihre Dienſte treten und ihm damit die kuhnſte Hoffnung, die er zu nähren gewagt, erfullt werden. Da die Trauer keine oͤffentliche Ceremonie zuließ, ward Floripes in einer fruͤhen Morgenſtunde in der al⸗ ten Stadtkirche, von allen ihr noch gebliebenen Lieben umgeben, von ihrem alten Lehrer, Herrn Harſens, mit dem jungen Lord Harry getraut, und nachdem ſie den ſchmerzlichen Abſchied uͤberſtanden, begaben ſich alle nach dem Haag, um ſich den Segen der edlen Prinzeſſin von Hranien zu holen und ſich dann in Scheveningen auf einem fuͤr Lord Harry bereit gehaltenen Schiffe nach ihrem neuen Vaterlande einzuſchiffen. Als die Anker ſich lichteten und die Kuͤſte Hollands vor ihren Blicken verſchwand, warf Lord Harry, mit Floripes im Arm, einen ſtolzen Blick auf die drei theu⸗ 424 . ren Menſchen, die ihr Gluck ihm anvertrauten, und die Verantwortlichkeit, die er dafur fuhlte, hob ſeinen maͤnn lichen Muth— er dachte an Urica, und ſein Geiſt erhob ſich zu ihr mit dem Verſprechen, ihre Liebe in dem Gluͤcke der Ihrigen verdienen zu wollen. ſſſſſſſſſſſiſſſſſſiſſſiſ 3 14 18 16 17 6 7 8 8 10 11 12 — *—